4 —— X— 1————— 8 . 8 . 4G*— ——2* Le ipbibliothet deutſcher engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnah me und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr dhr Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Lacl 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Vinterlege⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 te Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für aihentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ai 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mr. 50 Ff. 2 Mtr. Pf. Auswärtige Abonnenten, haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre ei lenen Koſten und Seiner ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher nnemenilich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ —.lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———8 —— — —ÿ Vivian oder der Mann ohne Charakter. oLSceceee Aus dem Engliſchen der Miß Edgeworth. 3922eNoSSECSLcCeccccesececeesteeeceee Peſth 1814, bei K. A. Hartleben. —2 ———— Erſter Theil. . Szenen b aus dem 9 Leben der großen Welt. Aus dem Engliſchen. der Miß Edgeworth. 8 Erſtes Gemälde Vivian. Er ſter hei J. d ———— P e ſt h, 18 14. Bei Conrad Adolph Hartleben. Vivian. — Erſtes Kapfktel. „Ich ſehe das Gute, ich liebe es, und thue das Gegen⸗ theil oft.“ „Ja es moͤglich!— rief Vivian aus— daß Sie Ruſſel, mein Freund, mein beſter Freund, Sie mir ſagen, dieß bezeichne meinen Charakter? So bin ich denn, Ihrer Meinung nach, ein ſchlechter Menſch oder ein Narr?— „Keines von beiden,— antwortete Ruſ⸗ ſel in gelaſſenem Tone— ich halte Sie nur fuͤr ſchwach.“. „Schwach! das heißt, ich gelte Ihnen ganz und gar fuͤr einen Schwachkopf.“ „Nein, nicht Schwachkopf: die Schwaͤche welche ich Ihnen vorwerfe, ſitzt Ihnen nicht im Kopfe; in der Logik, Mathematik ſteht Alles 8 — 6— richtig. Schluͤſſe zu ziehen und die Dinge nach ihrem relativen Werthe zu ſchaͤtzen, in dieſen zwei Hauptpunkten, worin nach Baco die mei⸗ ſten Koͤpfe ſuͤndigen, ſind ſie vollkommen feſt.“ „Ganz gut,— rief Vivian mit Ungeduld aus— aber es kuͤmmert mich in dieſem Augen⸗ blick nicht zu wiſſen, was Baco ſagt. Was Sie denken, daran iſt mir gelegen.— Sagen Sie mir alle Fehler meines Charakters.“ „Alle! wo denken Sie hin? ſo muͤde wie wir von der Reiſe ſind!“ erwiederte Ruſſel und brach in Lachen aus. Die beiden Freunde waren auf dem Wege von Hpford nach Vivian⸗Hall(in der Graf⸗ ſchaft X***). Letzteres war der ſchoͤne Wohn⸗ ſitz der Familie Vivian und das Erbe deſſen von den beiden jungen Leuten, der dieſen Na⸗ men fuͤhrte. Ruſſel, obgleich nur um einige Jahre aͤlter als Vivian, war auf der Univer⸗ ſitaͤt deſſen Fuͤhrer geweſen, und, was nicht ſehr gewoͤhnlich iſt, aus dem Fuͤhrer ſein Freund ge⸗ worden. Nach einem kurzen Stillſchweigen fuhr Vioian fort: „Es faͤllt mir ein, Ruſſel, wenn ich Feh⸗ ler habe, ſo trifft die Schuld Sie. Sagen Sie ——,——, —— 2 2=2ͤ„„ 7 nicht, daß ſich durch die Erziehung Alles rich⸗ ten laͤßt? und ſind Sie nicht, obgleich viel zu jung und zu artig fuͤr einen Philoſophen, mein Fuͤhrer, mein Philoſoph, mein Freund?— „Aber ich habe die Ehre Ihr Fuͤhrer, Ihr Philoſoph, Ihr Freund zu ſeyn, nur erſt ſeit drei Jahren,— entgegnete Ruſſel. Ich ge⸗ ſtehe der Erziehung eine gebuͤhrende Gewalt zu, aber zaubern kann ſie nicht. Was konnte ich in drei Jahren mit einem Werke von ſiebenzehn vor⸗ hergegangenen Jahren richten?“ —„In dieſem Falle, und wenn ich Sie nicht anklagen kann, ſo muß ich meiner Mutter die Schuld geben.“ —„Ihrer Mutter! Ich habe immer gehoͤrt, daß ſie ſich Ihrer erſten Erziehung mit der groͤß⸗ ten Sorgfalt angenommen habe, und Lady Mary Vivian, obſchon eine Dame von Stande, die in der großen Welt lebt, hat nach Jedermanns Verſicherung Verſtand, Kenntniſſe und haͤusliche Tugenden, und nach ihren Be⸗ griffen, die Sie mir mitgetheilt haben, zu ſchlie⸗ ßen, muß ich glauben, daß dießmal wahr iſt, was die ganze Welt ſpricht.“ —„Wohl iſt es wahr, was die ganze Welt ſpricht, und dennoch habe ich nicht Unrecht. — 8— Meine Mutter iſt eine Frau von vielen Ver⸗ dienſten, voller Zaͤrtlichkeit fuͤr mich; und ſie hat ſich ohne Widerſpruch, meine erſte Erzie⸗ hung ſehr angelegen ſeyn laſſen: aber in der zu großen Sorgfalt hat der Fehler gelegen. Ich war, wie Sie wiſſen, der einzige Sohn, und ich habe meinen Vater noch als Kind verloren; und die verſtaͤndigſte, geiſtreichſte Frau kann ohne Beihuͤlfe eines Mannes einen einzigen Sohn nicht gut erziehen; je mehr ſie dieſen Sohn liebt, um deſto ſchlechter geht es, ohne daß ihre Zaͤrt⸗ lichkeit thoͤricht oder laͤcherlich waͤre. Zu eifrig, zu aͤngſtlich thut ſie immer mehr, als ſie ſollte. Meine Mutter hat viel zu viel Sorgfalt auf mich verwendet; ſte hat mir zu viel vorgeſagt, mir zu viel gelehrt, mir zu unablaͤſſig die vorzeitigen Klugheitsregeln wiederhohlt: ſte war ſo in Furcht, mich etwas Einfaͤltiges ſagen oder thun zu ſehen, daß ſie mir jedes Wort einbließ, mir in Allem die Hand fuͤhrte. Ich wuchs heran indem ich nur mit ihren Augen ſah, mit ihren Ohren hoͤrte⸗ mit ihrem Geiſte urtheilte, ſo daß man zuletzt Augen, Ohren, Urtheil an mir vermißte. Als ich mein dreizehntes Jahr erreicht hatte, fing meine Mutter an zu glauben, ich waͤre fuͤr mein Alter nicht Mann genug, ich haͤtte in meinem — 9— Charakter etwas zu geſchmeidiges, zu ſchwan⸗ kendes. War es ein Wunder? von der Wiege an hatte ich immer mich fuͤgen muͤſſen, war ge⸗ wohnt geweſen, nie mich ſelbſt zu entſcheiden. Plöoͤtzlich von Schrecken ergriffen, ſchickte mich meine Mutter auf das Gymnaſium von Harrow, um recht ſchnell einen Mann aus mir zu ma⸗ chen, Dort fing ich bald an, mich deſſen, was ich bei meiner Mutter gelernt hatte, zu ſchaͤmen; und in Kurzem, wußte ich Alles, was man Schlechtes in der Schule lernen kann, und Nichts von dem, was Gutes darin gelehrt wird. Ich war im Lateiniſchen und Griechi⸗ ſchen ſehr zuruͤck, und ich konnte die verlorne Zeit nicht erſetzen, als durch einen Fleiß und eine Anſtrengung, die uͤber meinen Muth gin⸗ gen. In dem Geſammtumfange der Wiſſen⸗ ſchaften war ich im Gegentheil meinen Kamera⸗ den weit uͤberlegen; aber ich verachtete das, worauf ſie ſo wenig Werth ſetzten, bald ſelbſt. Betäubt von der Menge, und dem Gelaͤchter bloß geſtellt, beging ich alle Arten von Thor⸗ heiten, einzig aus falcher Schaam. Waͤre ich gewoͤhnt geweſen, von meinem eigenen Ur⸗ theile Gebrauch zu machen, haͤtte man mich ſtu fenweiſe in eigenen Entſchluͤſſen beſtaͤrkt, mit — 10— einem Worte, wäre ich beſſer fuͤr die Schule vorbereitet worden, ſo haͤtte ich durch die oͤf⸗ fentliche Erziehung einen feſten, unabhäͤngigen Geiſt erlangen koͤnnen; waͤre ich ſelbſt ganz in der Schule erzogen worden, ſo haͤtte ich, wie ſo viele andere, durch Wett⸗ und Nacheifer genoͤ⸗ thigt werden koͤnnen, bei guter Zeit meine eige⸗ nen Faͤhigkeiten zu uͤben, und aus dem Kreiſe meiner Erfahrungen in dieſer kleinen Welt, haͤtte ich mir einige Verhaltungsregeln und einen be⸗ ſtimmten Charakter gebildet: ich haͤtte zum we⸗ nigſten ein guter Schuͤler ſeyn koͤnnen. Aufer⸗ zogen aber zum Theil unter den Fittigen mei⸗ uer Mutter, zum Theil in der Schule, und fuͤr letztere ſchlecht vorbereitet, mußte ich die eine Haͤlfte meiner Erziehung durch die andere ver⸗ lieren. Von der Schule ſchickte man mich, dem Gebrauche gemäß, auf die Univerſität. Hier waͤre ich wahrſcheinlich ein Taugenichts gewor⸗ den, gut genug hoͤchſtens um in der ſchoͤnen Welt unter den jungen Verſchwendern Figur zu machen, um ein Mitglied eines achtbaren Studentenklubs zu werden, wenn ich nicht durch das groͤßte Gluͤck von der Welt einen Freund wie Sie getroffen, und— was noch gluͤcklicher iſt— wenn ich mir nicht dieſen Freund ſelbſt —————/· ͤ——2—— — 11— gewaͤhlt haͤtte. Denn waͤren Sie mir von mei⸗ ner Mutter angewieſen worden, ſo haͤtte ich in Ihnen nur einen Mentor erblickt; nie haͤtte ich in Ihnen nur die Haͤlfte Ihrer Verdienſte er⸗ kannt; vielleicht haͤtte ich ſelbſt nicht wahrge⸗ nommen, daß Sie ein junger ſchoͤner Mann waͤ⸗ ren; meine Vorurtheile gegen einen Gouverneur waͤren wahrſcheinlich hinreichend geweſen, mich ſelbſt daruͤber zu verblenden, daß Sie von eben ſo guter Geburt und Erziehung als ich waͤren. Was ganz gewiß iſt, ich haͤtte Sie nie zu mei⸗ nem Geſellſchafter, meinem Freund gemacht; ich haͤtte Ihnen nie mein Herz gaͤnzlich aufgeſchloſ⸗ ſen, wie ich es gethan habe, und dieſe wunder⸗ bare Gewalt uͤber meinen Geiſt, welche Sie be⸗ haupten, waͤre Ihnen nie gelungen zu erhalten, wenn Sie meine Mutter mir empfohlen haͤtte.“ „Es thut mir leid— ſagte Ruſſel mit Laͤcheln— daß Sie nach ſo weiſen Betrachtun⸗ gen und ſo ſchoͤnen Komplimenten, mir zuletzt beweiſen, daß ich meine wunderbare Gewalt uͤber Sie nur der außerordentlichen Schwaͤche Ihres Charakters verdanke. Mit innigem Schmerz erfahre ich, daß ſich Ihre Achtung und Freund⸗ ſchaft fuͤr mich hauptſaͤchlich darauf gruͤndet, daß ich fruͤher nicht die Ehre gehabt hatte, die Ach⸗ 3 —— — ͦ— — 12— lung Ihrer Frau Mama zu erhalten, und nun, da ich der Lady Mary Vivian bekannt werden ſoll und ſie mich vielleicht wuͤrdig finden duͤrfte, der Begleiter und Freund ihres Sohnes zu ſeyn, muß ich nicht fuͤrchten, das Zutrauen des Letztern zu verlieren, weil ich die unverzeih⸗ liche Schuld auf mich lade, von ſeiner ihn lie⸗ benden Mutter gern geſehen zu ſeyn?“ „Nein, nein— ſprach Vivian— ſo ein gaͤnzlicher Fantaſt bin ich nicht; laͤßt man mir nur die freie Wahl meiner Freunde, ſo wer⸗ de ich mich immer geſchmeichelt finden, wenn ich ſehe, daß meine Mutter meine Wahl billigt.“ Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen ſuhr Vivian fort:„Sie haben mich durchaus nicht verſtanden, wenn ſie glauben, daß ich mei⸗ ner Mutter nicht zaͤrtlich zugethan ſey. Ich ach⸗ te, ich liebe ſie von ganzer Seele. Wenn ich dieſe Empfindungen nicht fuͤr ſie hegte, waͤre ich ein undankbares Ungeheuer. Ich habe großes Unrecht gehabt, mich ſo auszudruͤcken, wie es geſchehen, indem ich von ihren kleinen Mißgrif⸗ fen ruͤckſichtlich meiner Erziehung ſprach; aber glauben Sie mir, gegen Niemand Andern als ge⸗ gen Sie, haͤtte ich mich ſo weit ausgelaſſen, ſelbſt nur gegen Sie in groͤßter Vertraulichkeit; und — 1 3— zuletzt weiß ich nicht, ob ich nicht uͤber meine Fehler bei weitem mehr meine Lehrer als meine arme Mutter anklagen ſoll.“ „Klagen Sie daruͤber an wen Sie wollen — erwiederte Ruſſel— aber vergeſſen Sie nie, daß in ſolchem Falle immer die Strafe auf uns ſelbſt zuruͤck faͤllt. Wir koͤnnen mit allem moͤglichen philoſophiſchen Recht die Schuld unſe⸗ rer Fehler auf unſere Eltern, unſere Erzieher zu⸗ ruͤck waͤlzen, ihnen Mangel an Geſchicklichkeit unſern Geiſt bei guter Zeit zu leiten, zu bilden, vorwerfen: aber wenn wir in abſtraften Ver⸗ nunftſchluͤſſen unſere Sache auf das Klaͤrſte und zur Zufriedenheit eines ganzen Geſchwornenge⸗ richts von Metaphyſikern auseinander geſetzt ha⸗ ben, und man kommt auf unſere Handlungen, ſo werden die alten Beiſpiele, die langen Gebraͤu⸗ che der Geſellſchaft, und die veralteten Geſe⸗ ſetze des gemeinen Menſchenverſtandes alle unſere Richter, verſtaͤndige und unverſtaͤndige, mit ſol⸗ chem Nachdruck beſtechen, daß ſie die barbariſche Sentenz gegen uns ausſprechen: Jeder Menſch muß die Strafen ſeiner Sünden tragen.“ —„Und ich hoffe, ich werde ihr gewach⸗ ſen ſeyn, Mylord, wie jener engliſche Matroſe zu ſeinem Richter ſprach, als.... Aber ſehen — —— — 14— Sie dort unten, laſſen Sie Ihr Fenſter nieder,— rief Vivian aus, und beugte ſich vorwaͤrts.— Sehen Sie Vivian⸗Hall!“ „Das ſchoͤne antike Schloß?“ ſt ſprach Ruſ⸗ ſel, indem er zur Schlagoͤffnung hinaus ſah. —„Nein, das iſt das Schloß Gliſtonbury; aber ein wenig mehr links; ſehen Sie nicht zwi⸗ ſchen den Baͤumen durch, die Fronte mit den Seitenfluͤgeln?“ —„Aber das iſt ein Haus, im neuen Swols ich hatte mir eingebildet, Vivian⸗Hall ſey ein maſſives altes Gebaͤude.“ —„und Sie hatten bis auf einen gewiſſen Punkt Recht, aber mein Vater hat das alte Schloß abtragen laſſen, und dafuͤr dieß neue Gebaͤude aufgebaut.,, —„Das wirklich ſehr ſchoͤn iſt.— Ent⸗ ſpricht das Innere dem Aeußeren?“ —„Durchaus, wenigſtens wie mir ſcheint; doch Sie werden ſelbſt urtheilen. Dieſe alten Bäume des Parks, ſind ſie nicht ſehr ſchoͤn?“ Bis ſie in Vivian⸗Hall ankamen, unterhielten ſich un⸗ ſere Reiſenden nunmehr von nichts als von Baͤu⸗ men und Alleen, gewundenen Gaͤngen und Veraͤn⸗ derungen, welche ſich Vivian zu machen vor⸗ nahm, ſobald er muͤndig ſeyn werde, und dahin — 15— ſollte er in einem Jahre kommen. Bei ihrer Alt⸗ kunft im Schloſſe, bezeugte Lady Mary Vi⸗ vian ſo viel Freude ihren Sohn wieder zu ſe⸗ hen und empfing Hrn. Ruſſel ſo artig und ge⸗ faͤllig, daß Letzterer ſogleich fuͤr ſie eingenommen wurde. Mit ihrem einnehmenden Betragen ver⸗ band ſie anſprechende Herzlichkeit und Waͤrme des Gefuͤhls. In ihrer Unterhaltung fand ſich eine Mi⸗ ſchung von Verſtand, Bekanntſchaft mit der Litera⸗ tur im Allgemeinen, Scherzen und Anekdoten der großen Welt; aber man ſah, daß ſie von dieſen Scherzen vielmehr aus Gewohnheit als aus Vor⸗ liebe ſprach, und daß die Gelegenheit allein die Anekdoten herbeifuͤhrte. Aber ihr Sohn— ihr Sohn war der Hauptgegenſtand aller ihrer Ge⸗ danken, ſie mogte ernſthaft ſprechen oder ſcher⸗ zen. Sie war erfreut uͤber alles das, was er an Urtheilskraft und Kenntniſſen gewonnen hatte, und uͤber die gluͤcklichen Veraͤnderungen, die in ſei⸗ nem Charakter ſich zeigten. Was ſie von Talen⸗ ten und Geſchmack, ſo wohl in Betreff ernſter und nuͤtzlicher Kenntniſſe, als in Bezug auf ſchoͤ⸗ ne Literatur, in ihm wahrnahm, ſchmeichelte ſie mit der Hoffnung, daß ſie ihn in der Welt als einen gebildeten Mann, und in den öoͤffentli⸗ chen Angelegenheiten mit ſeinen Faͤhigkeiten eine — 16— Rolle werde ſpielen ſehen. Sie ertheilte uüber die Fortſchritte ihres Sohnes Herrn Ruſſel Lo⸗ beserhebungen, und ob ſie ihn ſchon nicht zum Gouverneur gewaͤhlt hatte, ſo ließ ſie doch ihren Stolz und ihre Eigenliebe der Erkenntlichkeit weichen, und erklärte auf die gefaͤlligſte Art von der Welt, daß Sie wegen der Gewalt, welche er uͤber ihren Sohn gewonnen, nicht eiferſuͤchtig ſeyn koͤnne, da ſie den guten Gebrauch ſehe, wel⸗ chen er von dieſer Gewalt gemacht habe. Vi⸗ vian, nach Art edler unverdorbener Gemuͤther, nahm ſolche Eigenſchaften bei Fromden mit Wohl⸗ gefallen wahr, und von ſeiner Mutter konnte dieſes Betragen nicht anders als ſeine Liebe zu ihr vermehren. Um der Gunſt willen, welche letztere ſeinem Freunde zugeſtand, blieb er nicht um das geringſte weniger fuͤr ihn eingenommen, ſelbſt bei der nur zu haͤufigen und vielleicht un⸗ klugen Wiederholung der Worte oder aͤhnlicher Aeußerungen:„Ich hoffe, mein Sohn wird ſich immer eines ſolchen Freundes wuͤrdig zu zeigen und ihn ſich zu erhalten wiſſen.“ Vivian verband darauf ſeine Bitten mit denen ſeiner Mutter, daß Ruſſel ſeinen Beſuch verlaͤungern moͤchte, und auf die Erklaͤrung der Mylady, daß es fuͤr den Vortheil und das — 17— kuͤnftige Gluͤck ihres Sohnes weſentlich nothwen⸗ dig ſey, in dieſer wichtigen Epoche ſeines Lebens einen wuͤrdigen Mann um ſich zu haben, ſtimmte Ruſſel ein, ihn noch nicht zu verlaſſen. Alle drei waren dann mit einander vergnuͤgt und zu⸗ frieden: verbunden durch ein gemeinſchaftliches Jutereſſe brachten ſie mehrere Wochen eines herr⸗ lichen Sommers auf die angenehmſte Weiſe mit einander zu. Aber leider! war dieſe Familien⸗ eintracht von keiner langen Dauer. Jeder Theil, wie es gewoͤhnlich der Fall iſt, trug Schuld daran. Lady Mary Vivian, die ſeit der Ruͤck⸗ kehr ihres Sohnes von Oxſord, groͤßere Hoffnung als je gefaßt hatte, daß er ſich durch ſeine her⸗ vorſtechenden Talente auszeichnen werde, faßte mit Wohlgefallen die Ausſicht ſeines Eintritts in die große Welt und in die politiſche Laufbahn ins Auge. Sie ſreuete ſich im Voraus der Ach⸗ tung, die ſie ſich durch ihn zu erhalten verſprach. Sie ſah ſich im Geiſte ſchon von Min ſtern ge⸗ ſucht, die einen jungen Redner von unfehlbarem Einfluß im Senat auf ihre Seite zu ziehen wünſch⸗ ten; von Muͤttern, die eine bedeutende Heirath fuͤr ein Tochter ſuchten, und von Muͤttern nicht allein, die Toͤchter zu verheirathen hatten, ſon⸗ Vivian 1. Theif 2 — 18— dern von Fraͤuleins ebenfalls, die uͤber ihr Herz und ihre Hand zu beſtimmen hatten. Man muß ſelbſt geſtehen, daß ſie in ihren Anſpruͤchen und Erwartungen von ihrem Sohn moͤglichſt beſchei⸗ den war. Sie rechnete ihn auf eine Weiſe zu verheirathen, die ſein haͤusliches Gluͤck ſichere; und uͤberdem ſollte er in ſeiner Gattin Schoͤn⸗ heit, Rang, Talente, große Verbindungen und alle liebenswuͤrdigen Eigenſchaften finden. Das Bild einer ſchoͤnen mit allen Vorzugen ausge⸗ ſtatteten Schwiegertochter beſchaͤftigte unabläſſig die Einbildungskraft der Milady. Schon warf ſie ſich im Geiſte mit ihrem ganzen muͤtterlichen Stolze in die Bruſt, und-wieß die Anträͤge von Aeltern einer gewaltig reichen aber zu buͤrgerli⸗ chen Erbin, oder die Verbindung eines neuen Adels zuruͤck. Schon hatte ſie Wort fuͤr Wort ihre Antwort auf ſolche Antraͤge vorbereitet, und ſich uͤber den Grad und die Abſtufungen ihrer Vertraulichkeit mit ſolchen Bewerbern ent⸗ ſchieden; ſchon war ſie mit ſich eins, Wen ſie eines Blicks, eines Platzes in ihrem Wagen, der Ehre ihres Armswuͤrdigen wollte: als ſie eines Morgens bei ihrer Arbeit ſitzend und in Gedanken vertieft, ſo innig ſich an der Zufunft weidete, daß ſie, ohne zu bemerken, daß ſie nicht allein war, ganz lant bei ſich ſprach: — 19— „Als ob es moͤglich waͤre, daß mein Sohn einen Gedanken an ſie haͤtte!“ Ihr Sohn lag ihr gegenuͤber auf einem Sofa und las, oder ſchien zu leſen. Er hob ſich ha⸗ ſtig, legte ſein Buch bei Seite und ſagte mit einem Tone, der bewies, daß er nicht nur wußte er denke an jemanden, ſondern daß er ſelbſt ent⸗ ſchloſſen war, immer an dieſen Gegenſtand zu denken: „Als ob Ihr Sohn einen Gedanken an ſie haben koͤnnte! An wen denn, Gnaͤdige?“ —„Was ſoll das heißen, mein Kind? biſt du naͤrriſch?“ —„Keineswegs, Gnaͤdige; aber Sie ſag⸗ ten.... —„Was?“ fiel Lady Mary ein, und warf ihren Blick im Zimmer umher,—„was habe ich geſagt, daß dieſe Bewegung verurſachen koͤnnte? Ich bin mir nicht bewußt, geſprochen zu haben.“„Meine liebe Selina,— wandte ſich Milady an eine junge Perſon, die ganz ver⸗ lieft vor einer Stickerei ſaß,—„Sie muͤſſen gehoͤrt haben, liebe Selina; was habe ich ge⸗ ſagt?“ Die junge Perſon ſchien verlegen; ihre Noͤthe erweckte ploͤtzlich Verdacht in der Seele 2 — 20— der Lady Mary: ſie warf einen Blick auf ihren Sohn, und der Verdacht war beſtaͤtigt, Sie erblaßte, und ſprachlos, kaum zu athmen vermoͤgend, blieb ſie unbeweglich und von pani⸗ ſchem Schrecken getroffen. Bei Vivian brach⸗ te das Erroͤthen, die Verlegenheit der jungen Perſon eine ganz entgegengeſetzte Wirkung her⸗ vor; die Freude leuchtete in ſeinen Angen; ſein Geſicht verklaͤrte ſich: denn zum erſten Male faßte er Hoffnung, Selinas Herz geruhrt zu haben. In ſeinem Entzuͤcken vergaß er, was die Klugheit und die Gegenwart ſeiner Mutter von ihm erheiſchten; und als er wieder zu ſich kam, hatte er zu wenig Verſtellungskunſt, um ſeine Unvorſichtigfeit gut zu machen. Er verſuch⸗ te etwas zu ſagen, ſtockte, verwirrte ſich in ſei⸗ nen Reden, und brach zuletzt in Lachen aus uͤber das, was er geſagt hatte; hierauf, da ſeine Mutter ihn ernſt und ohne ein Wort zu ſprechen, anſah, bat er ſie ſeiner Albernheit wegen um Verzeihung, erklaͤrte ſich ſelbſt fuͤr einen Nar⸗ ren, wunderte ſich, Ruſſel ſo lange allein ge⸗ laſſen zu haben, und verließ unter dem Vor⸗ wande: zu ſehen, was aus letzterm geworden, das Zimmer. Lady Mary und Selina, mit einander allein geblieben, beobachteten ein lan⸗ — 21— ges Stillſchweigen; jene brach es endlich; nahm ein Zeitungsblatt zur Hand und that ſich Gewalt an zu fragen, ob Miß Sydney etwas Neues darin gefunden habe?— „Ich weiß nicht, Gnaͤdige“ erwiederte Miß Sidney mit ſchwankender Stimme. —„Ich haͤtte geglaubt, es ſollte Neuig⸗ keiten vom feſten Lande geben; aber Sie haben keine darin gefunden. So haben Sie, duͤnkt mir, geſagt, Miß Sidney?“ fuhr Milady wit Kaͤlte und ohne ſie anzuſehen fort. Nach⸗ dem ſie das Blatt, ohne die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit auf den Inhalt, durchlaufen hat, legte ſie es nieder und ſtand auf, um aus dem Zim⸗ mer zu gehen. Miß Sidney erhob ſich zu gleicher Zeit: „Lady Mary, einen Augenblick, ich bit⸗ te Sie! meine theure Lady Mary!“ Lady Mary wandte ſich um und ſah Selinens bittende Augen voll Thraͤuen; ohne aber ihre ſtrenge Miene zu veraͤndern, ſprach ſie trocken:„Miß Sidney wuünſcht, daß ich bleibe? will Miß Sidney mit mir ſprechen?“ „Ja, ſobald es mir moͤglich ſeyn wird“ ſagte Selina mit ſchwacher Stimme; als ſie — 22— aber ihre Augen hob, ward ſie von dem weg⸗ werfenden Ausdrucke der Phyſiognomie der La⸗ dy Mary betroffen, und verlor mit einem Ma⸗ le ihre Faſſung. Das Gefuͤhl ihrer Unſchuld gab ihr ihren ganzen Muth wieder, und in feſterem Tone fuhr ſie fort:„ich wuͤnſche mit Ihnen zu ſprechen, Milady, wenn Sie mich mit Ihrer gewoͤhnlichen Unpartheilichkeit und Herzensguͤte anhoͤren wollen; ich verſpreche mir nicht, ich verlange ſelbſt nicht, ihre gewohnte Nachſicht.“ „Miß Sidney— erwiederte Lady Mary— ehe Sie weiter ſorechen, muß ich Ihnen ſagen, daß die Zeit unſeres gegenſeitigen Vertrauens voruͤber iſt, und daß ich zu keiner Stunde weniger geſtimmt bin, von irgend Je⸗ manden und zumal von Ihnen, die ich als mei⸗ ne Freundin betrachtete, Geſtaͤndniſſe, welche die Umſtaͤnde herbeifuͤhren, erniedrigende und unnutze Geſtaͤndniſſe zu vernehmen.“ „Milady hat keineswegs von meiner Sei⸗ te erniedrigende Geſtaͤndniſſe zu befuͤrchten,“ ſag⸗ te Miß Sidney,„ich habe deren keine zu thun; und weil Sie ohne irgend eine gerechte Urſache, ohne irgend einen Grund zum Verdacht, als den eine augenblickliche Verlegenheit, ein Erroͤthen gegeben haben mag, ſich veranlaßt — 23— finden, mir zu bemerken, daß die Zeit unſeres gegenſeitigen Vertrauens voruͤber ſey, ſo kann ich nur meinen Irrthum beklagen, wenn ich glaubte, dieſes Vertrauen beſtaͤnde.“ Das Benehmen der Lady Mary anderte ſich, der Nangſtolz beugte ſich vor dem Stolze der Tugend, und vielleicht die Hoffnung, einen ungegründeten Argwohn gehegt zu haben, bewog ſie, ihrer jungen Freundin ihre ganze Zunei⸗ gung wieder zu ſchenken.„Verſtehen wir uns, meine liebe Selina— ſprach ſie zu ihr— und wenn mir ein unuͤberlegtes, beleidigendes Wort eutſchluͤpft iſt, verzeihen Sie es mir. Sie kennen meine Zaͤrtlichkeit fuͤr Sie und mein wahr⸗ haftes Zutranen. Ich habe Ihnen das letztere in der That und nicht bloß durch Worte bewie⸗ ſen. Dieſes Zutrauen iſt unbedingt geweſen; denn auf mein Wort— und Sie wiſſen, ich betheure nicht leicht auf mein Wort— bis auf dieſen unſeligen Augenblick iſt mir nicht der ge⸗ ringſte Argwohn gegen Sie in Sinn gekommen. Der Beweis davon(wenn meine Betheurung ei⸗ nes Beweiſes bedarf) iſt das Vergnuͤgen, das ich an Ihrer Gefellſchaft finde, und meine lebhaften Bitten bri Ihrer Mutter noch ganz neuerdings, daß ſie Sie recht oft bei mir laſſe. Sie fuͤh⸗ len, daß es nicht nur die hoͤchſte Falſchheit und auch der hochſte Grad der Thorheit geweſen wä⸗ re, wenn ich nicht auf Sie gerechnet und wenn ich es nicht fuͤr unmoͤglich angeſehen hätte, daß Sie meine Freundſchaft je mißbrauchen koͤnuten.“ „Ich danke Ihnen Milady,— entgegnete Selina, durch den liebreichen Ton der Lady Mary beſaͤnftigt, aber doch noch in ihrem Benehmen zuräckhaltend— ich danke Ih⸗ nen fuͤr alle Ihre Guͤte. Ich habe mich dadurch geſchmeichelt, geruͤhrt, zur Erkeuntlichkeit ver⸗ pflichtet geſunden, und ſie niemals in meinem Betragen aus den Augen verloren. Ich kann verzeihen, und verzeihe recht gern ein augen⸗ blickliches Unrecht, und nun meine theure La⸗ dy Mary, ſage ich Ihnen Lebewohl mit der Ueberzeugung, daß, wenn wir uns ſelbſt nie wieder ſehen, ich in Ihrer Achtung und Zunei⸗ gung den Platz behaupte, deſſen Sie mich ge⸗ wuͤrdigt hatten, und den ich— wenn es nicht zu viel Anmaßung iſt, daß ich den Ausdruck gebrau⸗ che,— den ich verdient zu haben glaube. Wer⸗ den Sie mir kein Lebewohl ſagen?“ Den Augen der Lady Mary entſchluͤpf⸗ ten Thraͤnen.„Selina, Sie entzuͤcken mich⸗ — 2 5— Sie ſind die Klugheit ſelbſt.— Ich verſtehe Sie vollkommen und bin Ihnen dankbar.— Es iſt ein großer Schmerz fuͤr mich, mich von Ihnen zu trennen;— aber ich glaube, Sie haben Recht, dieß iſt das einzige Sichere, der einzige Ausweg. Wie konnte ich in der That glauben, daß mein Sohn Sie ſehen, Sie hoͤren, mit Ih⸗ nen unter demſelben Dache wohnen, in der Lage ſeyn koͤnnte, eine Perſon wie Sie ſo gut kennen zu lernen, ohne daß ſein Herz Gefahr liefe? Es war ſehr unvorſichtig von mir, ihn einer ſolchen Verſuchung auszuſetzen.— Aber ich hoffe, ich rechne, daß Ihre Klugheit die Folgen meiner Unbeſonnenheit mit der Zeit wieder gut machen wird, und ich kann meiner jungen Freundin nicht genug danken; vielleicht aber waͤre es beſſer, Sie verließen uns nicht ſo ploͤtzlich. Was noch beſſere Wirkung als Ihre Abweſenheit thun wuͤrde, waͤre, glaube ich, wenn Sie ihn von der Nichtigkeit ſeiner Hoffnungen uͤberzeugen koͤnn⸗ ten: wenn Sie noch einen oder zwei Tage bei uns blieben, und ihm durch Ihre Gleich⸗ guͤltigkeit zeigten..„Ich bitte um Verzei⸗ hung, aber dazu kann ich mich nicht verſtehen“ ſagte Selina unter Erroͤthen und fuͤblte, daß ſie erroͤthete. Lady Mary war zu artig, um — 26— zu verrathen, daß ſie ihre Verwirrung bemerk⸗ te; ſie umarmte Selina und ſagte zu ihr: W enn wir uns denn trennen müſſen, ſo neh⸗ men Sie meine hoͤchſte Achtung, meine Zaͤrt⸗ lichkeit, meine Dankbarkeit mit ſich, und erlau⸗ ben Sie mir hinzuzuſetzen, daß meine ſeurig⸗ ſten Wuͤnſche fuͤr das Gluͤck meines Sohns zu⸗ frieden geſtellt ſeyn wuͤrden, wenn er unter den Perſonen Ihres Geſchlechts, auf die er ſeine Wahl aus Familien⸗Ruͤckſichten beſchraͤnken muß,⸗ eine finden koͤnnte, die nur die Haͤlfte Ihrer Verdienſte nud Ihrer Reize beſaͤße.“ „Unter denen meines Geſchlechts anf die er aus Familien⸗Ruͤckſichten feine Wahl beſchraͤnken muß,“— wie⸗ derholte ſich Selina mehrere Male, waͤhrend ihrer Reiſe nach der Heimath; und ſie dachte äber den Sinn dieſer Worte vielfaͤltig nach. Vivian war einziger Erbe eines großen ſchul⸗ denfreien Vermoͤgens; welche war die Nothwen⸗ digkeit, die ſeine Wahl beſchraͤnkte? die einge⸗ bildete Nothwendigkeit des Ehrgeizes, die ihn einen gewiſſen Zirkel von Leuten der großen Welt enwieß oder ſich an Perſonen vom hohen Nang hielt. Selina Sidney, obgleich nicht reich, war von guter Familie; ihr Vater war Ober⸗ ſter i ſeitten in de junge fe ſta gen C zuͤge Lady zeugt wüͤrd te, Kraͤn gemij Voru teten ausge zu ih ne do ſchte ihrer ihr hatte — 2— ſter in engliſchen Dienſten geweſen. Waͤhrend ſeinem Leben, hatte Miß Sidney ihre Tage in der großen Welt und in der beſten Geſell⸗ ſchaft zugebracht; und ob ſie ſchon ſeit ſeinem Tode eine zurückgezogenere Lebensart gefuͤhrt hat⸗ te, ſo war ihre Erziehung doch von der Art, daß ſie in dieſer Ruͤckſicht mit den beſterzogenſten jungen Damen des Koͤnigreichs auf gleicher Stu⸗ fe ſtand. Mit allen ernſten und liebenswuͤrdi⸗ gen Eigenſchaften verband ſie die aͤußeren Vor⸗ zuge und jenes empfehlende Betragen, worauf Lady Mary ſo großen Werth ſetzte. Ueber⸗ zeugt, daß Lady Mary ihren Charakter wuͤrdigte, ihren Umgang, ihre Geſellſchaft lieb⸗ te, konnte Selina nicht anders als ein mit Kraͤnkung und vielleicht auch ein wenig Unwillen gemiſchtes Erſtaunen empfinden, da ſie ſah, daß die Vorurtheile der Milady und ihr Ehrgeiz ſie verlei⸗ teten, ihrem geſunden Urtheile, ihrer gewoͤhnlich ausgedruͤckten Denkungsart, und ihrer Zuneigung zu ihr ſo geradenwegs entgegen zu handeln. Oh⸗ ne das Reſultat ihrer Betrachtungen zu beruͤck⸗ ſichtigen, beſchlos Miß Sidney in Betreff ihrer Freundin ein Benehmen fortzuſetzen, das ihr die vollkommenſte Ehre mache. Bis daher hatte ſie keinen Gedanken gehabt, daß Vivian ſie liebe; allein das Vergnuͤgen, das ſie einen Augenblick lang uͤber die Entdeckung, oder viel⸗ mehr unr uͤber die Muthmaßung ſeiner Liebe em⸗ pfunden hatte, uͤberzeugte ſte, daß es die Klug⸗ heit erfordere, ſich ohne Verzug zuruͤck zu zie⸗ hen; und kein uͤbel berechneter Stolz, ſelbſt da als ſie durch den wegwerſenden Argwohn der La⸗ dy Mary am neiſten gereizt war, keine Schwaͤ⸗ che, keine Taͤuſchung konnte ſie irre machen, die Parthie zu ergreifen, welche ſie fuͤr die verſtaͤn⸗ digſte, und zugleich ihrem eigenen Gluͤcke ange⸗ meſſenſte erkannte. Selina war der lebhafte⸗ ſten Empfindungen faͤhig, hatte aber eben ſo ſtrenge Begriffe von ihrer Pflicht, und ſo bald ſie ſich die Neigung, welche ihr Herz verſchloß, ein⸗ geſtehen mußte, urtheilte ſie, daß eine mehr als gewoͤhnliche Klugheit dazu gehoͤre, ſich gegen die Gefahren einer unglüͤcklichen Leidenſchaft zu ver⸗ wahren. Sie ſah es fuͤr ſehr moͤglich an, daß Vivians Liebe zu ihr, nichts als eine jener fluͤchtigen Leidenſchaften waͤre, welche junge Maͤn⸗ ner oft fuͤr das erſte artige Maͤdchen, das ihnen in die Augen faͤllt, empfinden; deren Gegenſtand ſie aber leicht wieder veraͤndern. Vivlan war noch nicht muͤndig; ſein Vermoͤgen war viel be⸗ traͤchtlicher, als das, welches ſie zu erwarten hatte Nutt tauſen Grüu zu de verm ſie la zu ko nach ſeinen erbiet als reiſe der gede erkla und bis o niſſen men, Auft er ſo ihren daß die? — 29— hatte; ſeine Mutter mißbilligte dieſe Liebe; dieße Mutter war Selina's Freundin, und hatte tauſend Gefaͤlligkeiten fuͤr ſie gehabt. Alle dieſe Gruͤnde zuſammen beſtimmten Miß Sidney zu dem Entſchluſſe, Vivians Wiederſehen zu vermeiden. Trefflicher Entſchluß, bei dem wir ſie laſſen wollen, um auf ihren Geliebten zuruͤck zu kommen. Er war von einem Spaziergange mit Ruſſel nach Hauſe gekommen und hatte ſich vorgeſetzt, ſeiner Mutter ganz aufrichtig, jedoch in den ehr⸗ erbietigſten Ausdruͤcken ſeine Liebe zu geſtehen; als er aber erfuhr, daß Miß Sidney abge⸗ reiſet war, ließen ihm ſein Verdruß, ſein Zorn der klugen ehrerbietigen Vorſaͤtze nicht mehr ein⸗ gedenk ſeyn; in den leidenſchaftlichſten Ausdruͤcken erklaͤrte er ſeine Liebe zu Selina Sidney und ſeinen feſten unabaͤnderlichen Entſchluß, ihr bis ans Ende der Welt zu folgen, allen Hinder⸗ niſſen und Widerſpruͤchen, von wem ſie auch kaͤ⸗ men, zum Trotz. Seine Mutter, eines ſolchen Auftritts gewaͤrtig, ohne jedoch zu glanben, daß er ſo heftig ausfallen werde, war Meiſker genng ihrer ſeibſt, um ſich zu maͤßigen. Es iſt wahr, daß ſie ſich durch die Hoffnnng aufrecht erhielt, die Leidenſchaft werde von um ſo geringerer Daner — 3— ſeyn, als ſie heftig war; das Ehrgefuͤhl der Miß Sidney und ihre Abweſenheit war es auch, worauf ſie viel rechnete. Deshalb vertheidigte ſie ſich mit vieler Gelaſſenheit, den geringſten Antheil an Miß Sidneys Entſchluß zu haben, der dieſe ganze wuͤthende Szene veranlaßte; waͤ⸗ re ſie aber gleich uͤberhoben geweſen, der Miß Sidney die Parthie, welche ſie aus ei⸗ genem Antriebe ergriffen, zu empfehlen, ſo haͤtte dieſelbe, geſtand ſie, doch ihren ganzen Beifall⸗ und ſie bewundere immermehr und mehr die Klug⸗ heit und das edle Benehmen dieſer jungen Perſon. Beſaͤnftigt durch das einzige, was ihm in die⸗ ſem Augenblicke Faſſung geben konnte, durch das Lob ſeiner Geliebten, bedeutete Bivian ſeiner Mutter in den gefuͤhlvollſten Ausdruͤcken, daß gerade die Lobeserhebungen, mit denen ſie unauf⸗ hoͤrlich von Selina ſpraͤche, das waͤren, was ihm die Augen uͤber ihre Verdienſte geoͤffnet haͤt⸗ te; und er wuüͤnſchte von ihr zu wiſſen, welchen Einwurf ſie ſeiner Wahl machen koͤnnte. Mit aler Begeiſterung einer edeldenkenden Seele, mit aller Beredſamkeit der Liebe, ſtellte er ihr vor, daß ſein Vermögen hinreichend genug ſey, ihn in der Wahl einer Gattin gewinnſuͤchtiger Ruͤck⸗ ſichten zu üͤberheben, und daß in jedem andern — 3— Betracht nach ihrem eigenen Geſtaͤndniß Selina Sidney vor jeder andern Perſon, die ſie zur Schwiegertochter beſtimmen oder wuͤnſchen koͤnn⸗ te, den Vorzug verdiene. „Mein Geſchmack— ſagte Lady Mary— darf mich indeß nicht uber deinen Vortheil ver⸗ blenden. Du haſt das Recht, auf Rang und große Verbindungen Anſpruch zu machen; du biſt der Repräͤſentant einer alten Familie: da haſt die erforderlichen Talente, um mit Glauz in der Welt aufzutreten; mit einem Worte: Vor⸗ urtheil oder nicht, ich geſtehe, daß es einer mei⸗ ner heißeſten Wuͤnſche iſt, dich in eine große Fa⸗ milie zu verheirathen, um neben der Verſicherung deines häͤuslichen Gluͤcks, deinen politiſchen Ein⸗ fluß zu gleicher Zeit vermehrt zu ſehen.“ Vivian unterließ nicht den Ehrgeiz zu verwünſchen, wie alle verliebten Mäͤnner zu thun pflegen. Seine Beweisgruͤnde, ſeine ſchoͤ⸗ nen Lobreden auf das Privatleben und auf die Annehmlichkeiten des ſorgenfreien Mit⸗ telſtandes, einer ſich ſelbſt angehs⸗ renden Thaͤtigkeit, des haͤuslichen Gluͤcks, waren der beruͤhmteſten Philoſophen des Alterthums und der neuern Zeit wuͤrdig. Wäh rend dieſes Streits verwieſen ſich Mutter und — 32— Sohn oͤftere Male an Ruſſels Urtheil. Die⸗ ſer erklaͤrte offen und frei der Lady Mary, daß ihr Sohn, ſeinen Gedanken nach, in allem, was er ſagte, und insbeſondere in ſeiner Meinung von Miß Sidney, Recht hahe.„Doch zu glei⸗ cher Zeit— fuhr Ruſſel fort— fuͤrchte ich, daß die Leidenſchaft mehr als die Vernunft aus ihm ſpreche, und daß er in wenig Monaten ganz anders denke. Daher glaube ich, daß Milady ſehr kluͤglich handelt, ihre Einwilligung zu einer uͤbereilten Verbindung, die ihm gereuen und ſo ſein Ungluͤck und das Ungluͤck einer liebenswuͤr⸗ digen Frau machen koͤnnte, waͤhrend der Min⸗ derjaͤhrigkeit ihres Sohnes zu verweigern.“ Dieſem freimuͤthigen Geſtaͤndniß ſeiner Mei⸗ nung gegen Lady Mary, die es ihm abgefor⸗ dert hatte, fuͤgte Ruſſel die Erklärung bei, daß er ſich fernerhin weiter nicht in dieſe Ange⸗ legenheit miſchen werde, und er glaube, daß ſeine gegenwaͤrtige Offenherzigkeit ihm fuͤr die Zukunft als ſicheres Unterpfand ſeiner beſcheidenen und lauteren Denkungsart gelteu ſolle. Anfangs miß⸗ fiel jenes billige Urtheil Ruſſels einem wie dem andern; mit der Zeit aber brachte er Sohn und Mutter wieder zur Vernunft, jedoch nicht ohne vorher noch große Streite und viele unge⸗ — 4 4— 32 reimte Aeußerungen mit angehoͤrt zu haben. Leute von vielen Geiſtesfaͤhigkeiten ſind immer diejeni⸗ gen, die am meiſten in die Welt hineinſchwatzen, wenn ihre Leidenſchaften im Spiel ſind, denn dann werden alle ihre Huͤlfsmittel aufgeboten, um Beweisgruͤnde fuͤr ihre thoͤrichten Behaup⸗ tungen aufzufinden. Sie begnuͤgen ſich nicht, wie die albernen Menſchen, zu ſagen:„ich will es ſo,“ ſie beſtreben ſich Gruͤnde von dem, was ſie wollen, anzugeben, und ihre Vernunftſchluͤſſe ſind die eines Narren, trefflich anf dem Probir⸗ ſtein falſcher Grundſaͤtze. Es geſchah hier, was ſich beinahe in allen Familienzwiſten ereignet, keine der ſtreitenden Partheien wollte diejenigen Irrthuͤmer, diejenigen Vorurtheile der andern, welche von der Verſchiedenheit des Alters herka⸗ men, beruͤckſichtigen. Die Mutter wollte dem Sohne keine ſeiner romanhaften Ideen hingehen laſſen, noch dieſer die eigennuͤtzigen Anſichten ſeiner Mutter dulden. Noch ohne alle Erfahrung von der Unbeſtaͤndigkeit jener Leidenſchaft, die man Liebe nennt, klagte Vivian ſeine Mut⸗ ter der Unempfindlichkeit, der Hartherzigkeit an, wenn ſie ſich dem, was das Gluͤck ſeines Lebens ausmachen ſollte, widerſetzte; die Mutter, die ſo viele ewige Lieben hatte zu Ende gehen Viyian 1. Theil. 3 — 34— ſehen, betrachtete ihren Sohn als einen Men⸗ ſchen im Liebeswahn, und meinte ihn mit ihrer kaͤlteren Ueberlegung von einer Handlung zuruͤck zu halten, die er, wenn er wieder zu Verſtande kaͤme, bereuen moͤchte. Die ausfuͤhrliche Erzaͤh⸗ lung dieſer taͤglichen Wortſtreite waͤre ermuͤdend; es genuͤgt, das Reſultat davon kennen zu lernen. Vivians Liebe war ſchweigſam, ſtill und wenig beaͤngſtigend geweſen, ſo lange als ſi kei⸗ nen Widerſtand gefunden hatte; bei dem erſten Hinderniß, das ſich gezeigt, aber hatte ſie Stärke gewonnen und wuchs jetzt wie ein Strom, der unter Toſen jeden Damm zu durchbrechen, al⸗ les was ſich ſeinem Laufe entgegenſtellt, zu uͤber⸗ waͤltigen droht. Lady Mary entſchloß ſich endlich zu verſuchen, was ſich darch Verminderung des Widerſtandes bewirken ließe; und um gerecht gegen ſie zu ſeyn, muß man ſagen, daß ſie ed⸗ lere Beweggruͤnde als die Furcht hatte, oder daß wenigſtens ihre Beſorgniſſe nicht von der Selbſt⸗ ſucht eingegeben waren. Die Heftigkeit jener Leidenſchaft ließ ſie fuͤr die Geſundheit ihres Sohnes, fuͤr ſein dauerndes Gluͤck fuͤrchten; ſie beſorgte, der Gegenſtand ſeiner Abneigung zu werden, ſein gaͤnzliches Zutrauen und alle Macht uͤber ſeinen Geiſt zu verlieren; was aber einen weit ſtaͤrkeren Eindruck auf ihr vortreffliches Ge⸗ muͤth machte, war das bewunderungswuͤrdige Benehmen von Selina. Vivian hatte un⸗ ablaͤſſig alles aufgeboten, ſie zu ſehen, ihr zu ſchreiben, und ſie von ſeiner lebhaften Zunei⸗ gung zu uͤberzeugen; trotz dem aber, daß er alle Verwandte und Freunde dieſes jungen Frau⸗ enzimmers fuͤr ſich gewonnen hatte, trotz dem, daß ſie von Leuten umgeben war, die zu ſeinen Gunſten ſprachen, und bei allen dem, daß ihr eigenes Herz noch weit beredtſamer Vivians Sache verfocht, ſo hatte ſie ſich doch keinen Au— genblick erlaubt, ihm die geringſte Aufmunterung zu geben. Dieſe Beweiſe von Freundſchaft und Ehrgefuͤhl erhöhten die Achtung und Zuneigung der Lady Mary in dem Grade, daß ihre Vor⸗ urtheile ſchwanden, und ſie erklaͤrte, wenn ihr Sohn bis zu ſeiner Volljaͤhrigkeit dieſelbe Liebe fuͤr dieſes liebenswuͤrdige Maͤdchen behielte, wolle ſie in ihre Verbindung einwilligen, jedoch mit dem Zuſatz: ſie gaͤbe dieſes Verſprechen nur un⸗ ter der einzigen Bedingung, daß ihr Sohn bis zu jenem Zeitpunkte nicht den geringſten Ver⸗ ſuch mache, Miß Sidney zu ſehen, oder mit ihr Briefe zu wechſeln, und daß er ungeſaͤumt ſeine Reiſen mit Herrn Ruſſel antraͤte. Au⸗ 2* ßer ſich vor Entzuͤcken der Liebe und Freude, im Triumphe uͤber dieſen Sieg, verſprach Vivian alles, was man von ihm verlangte, umarmte ſeine Mutter und ſetzte ſich in Marſch. „Geſtehen Sie— ſagte Vivian zu Ruſ⸗ ſel mit der Miene eines mit ſich ſelbſt zufriede⸗ nen Menſchen, als der Wagen fortfuhr— ge⸗ ſtehen Sie, mein Freund, daß Sie ſich betro⸗ gen haben, und daß Ihre Beſorgniſſe von der Schwaͤche meines Charakters und meinem zu gro⸗ ßen Leichtſinn ungegruͤndet waren. Sie ſehen, wie ich feſt geweſen bin; Sie ſind Zenge gewe⸗ ſen der Stuͤrme, die ich beſtanden, und wie ich mich dabei gezeigt habe.“—„Ich habe“ ſagte Ruſſel,„Ihren Wunſch, freien Willen zu ha⸗ ben, und Ihre Scheu, ſich beherrſchen, und zu⸗ mal von Ihrer Mutter beherrſchen zu laſſen, nie in Zweifel gezogen, aber Sie werden, bilde ich mir ein, nicht hoffen, daß ich dieß fuͤr einen Beweis von Charakter anſehe.“ „Wie alſo? Glauben Sie, daß mich nur Liebe zu meinem freien Willen leitet? Nennen Sie meine Liebe zu Selina Sidney eine Schwachheit? Nehmen Sie ſich in Acht, Ruſ⸗ ſel, denn ertappe ich Sie ein einziges Mal, daß — 37— Sie die Sache meiner Mutter gegen Ihre Ueber⸗ berzeugung verfechten....“ „Gegen meine Ueberzeugung werden Sie mich nie eine Sache verfechten ſehen. Ich habe Ihrer Mutter wie Ihnen meine Meinung uͤber Miß Sidney, meine unveraͤnderliche Meinung geſagt, daß ſie ganz beſonders geeignet iſt, das Gluͤck Ihres Lebens zu machen, wenn nur Ihre Liebe zu ihr nie aufhoͤrt.“ „Wenn nur! Ah ha!— brach Vivian in Lachen aus— erſparen Sie ſich dieſe ernſten Betrachtungen, mein theurer Philoſoph. Sollte man nicht glauben, Sie zaͤhlten achtzig Jahre? Wenn dieß Alles iſt, was Sie fuͤrchten, ſo bin ich gluͤcklich, unbezweifelt.“ „In dieſem Augenblick,“ ſagte Ruſſel. „Wie ich mich ſogleich gegen Ihre Mutter er⸗ klaͤrt habe: meine einzige Furcht iſt, daß Sie vor Ihrer Volljaͤhrigkeit Ihre Art zu denken aͤndern.“ Vivian ward uͤber dieſe Zumuthung un⸗ willig.„Sie erzuͤrnen ſich gegen mich“ fuhr Ruſ⸗ ſel gelaſſen fort;„Ihre Mutter zuͤrnte auch. Was dieſe aͤrgerte war, daß ich ſagte iſch fuͤrchte ſtatt zu ſagen ich hoffe. Von allen beiden aͤrnte ich fuͤr meine Offenherzigkeit ſchlechten Dank.“ „Offenherzigkeit! Nein; aber ihr alberner Argwohn gegen meine Beſtaͤndigkeit macht mich auf Sie boͤſe.“ „Wenn er albern iſt, ſo iſt es unnoͤthig, daß Sie ſich daruͤber erzuͤrnen. Mich ſoll es freuen, ihn als albern beſtaͤtigt zu ſehen.“ —„Das kann in dieſem Augenblick ge⸗ ſchehen.“ —„Verzeihung! dazu gehoͤrt Zeit. Ich zweifle nicht, daß in dieſem Augenblick Sie ſehr verliebt in Miß Sidney ſind; aber was be⸗ wieſen werden muß, iſt, daß ihre Leidenſchaft ſich nicht nach Maßgabe des wenigeren Wider⸗ ſtandes, den ſie findet, vermindere. Geſchieht dieß aber, vermindert ſie ſich, ſo werden Sie geſtehen, daß Sie mehr durch Liebe zum freien Willen als durch Liebe zu Ihrer Erwaͤhlten ge⸗ trieben wurden, und dieß war zu beweiſen.“ „Verdammt ſey Ihr Spruch: quod erat demonstrandum,— rief Vivian aus; Sie werden das Gegentheil ſehen, und wenigſtens die⸗ ſen Triumph uͤber Sie werde ich erhalten.“ Haͤtte ſich Ruſſel je eines Kunſtgriffs be⸗ dient, Vivians Geiſt zu lenken, ſo haͤtte man ihn deſſen zu Gunſten der Miß Sidney in dieſem Augenblick in Verdacht haben muͤſſen: denn kelme beug Sta ſtellt an Gut habe Rüͤch vor ihres aͤber Hel mer mal ſo: thun gef auch ihre Ver ſein Pe faͤn Zu maͤ — 39— denn ſeine Prophezeihung von Vivians Wan⸗ kelmuth war das beſte Mittel, demſelben vorzu⸗ beugen. Oft auf ihren Reiſen, wenn ſeine Standhaftigkeit auf eine gefaͤhrliche Probe ge⸗ ſtellt wurde, erinnerte Vivian ſeinen Begleiter an ſeine Vorausſagung und that ſich etwas zu Gute ihm zu zeigen, wie ſehr er ſich betrogen habe. Endlich kam die feſtgeſetzte Zeit ihrer Ruͤckreiſe nach England heran. Vivian trat vor ſeine Mutter und verlangte die Erfuͤllung ihres Verſprechens. Die Lady ſchien ein wenig uͤberraſcht und mit der Standhaftigkeit unſeres Helden nicht ganz zufrieden. Indeß zuruͤckneh⸗ men konnte ſte ihr Wort nicht; und weil ſie ein⸗ mal ſo weit ging, ihre Einwilligung zu geben, ſo nahm ſie ſich vor, es mit allem Anſtande zu thun. Sie ſchrieb dann an Selina einen ſehr gefaͤlligen Brief und ſagte ihr, daß, welcher Art auch ihre erſten Ideen uͤber die Vermaͤhlung ihres Sohnes geweſen ſeyn moͤchten, ſie darauf Verzicht leiſte, weil ſie durch die Beſtaͤndigkeit ſeiner Neigung und durch das Verdienſt der Perſon, die er liebte, ſich vollkommen uͤberzeugt faͤnde, daß dieſe Wahl zu ſeinem Gluͤck und zur Zufriedenheit aller ſeiner Freunde ausfallen müßte. Sie fuͤgte dieſer Erklaͤrung die kraͤftig⸗ 1 — 40— ſten Verſicherungen ihrer Achtung und ihrer Zaͤrtlichkeit bei, und wuͤnſchte ſich Gluͤck, in ihrer Schwiegertochter eine Freundin, eine Ge⸗ ſellſchafterin zu finden, deren Umgang ihrem Geſchmacke ſo angenehm und ihrem Charakter ſo anpaſſend waͤre. Dieſer Brief zerſtreute alle Zweifel bei Selina. Vivians Liebe, ſein Verdienſt, ſeine guten und gefaͤlligen Eigenſchaf⸗ ten wirkten nunmehr in ihrer ganzen Staͤrke auf ihr von Natur zaͤrtliches Herz. Die Großmuth dieſes jungen Mannes, ſeine Offenheit, biedere Denkungsart, warme Anhaͤnglichkeit an ſeine Freunde, ſein gebildeter Geiſt, ſeine glänzenden Talente, ſein gefaͤlliges einnehmendes Betragen, alles dieß, ſich noch mit dem Zauber der Liebe ſchmuͤckend, rechtfertigte in den Augen der Wei⸗ ſeſten und Kluͤgſten die Leidenſchaft, welche er einfleßte. Selina ward innigſt zu ihm hinge⸗ zogen. Sie liebte ihn in der ſuͤßen Ueberredung, daß in der Seele ihres Geliebten kein Stoff zu einem einzigen Fehler vorhanden, der ihre Tu⸗ genden in Gefahr ſetzen, oder ihr gegenſeitiges Gluͤck gefaͤhrden koͤnnte. Vivian hatte ſie in ſeiner gewoͤhnlichen Offenherzigkeit mit ſeinem Charakter bekannt gemacht, in ſo weit wenig⸗ ſtens, als er ihn ſelbſt kannte; mit ihr von jener — 4 1— Wankelmuͤthigkeit, von dem Mangel an Selbſt⸗ ſtändigkeit geſprochen, den Ruſſel ihm als eine gefaͤhrliche beachtenswerthe Seite ſeines Cha⸗ rakters angedeutet hatte. Jedoch Selina hatte keine Spur dieſer Schwaͤche wahrgenommen; im Gegentheil, die Beharrlichkeit ihres Welieb⸗ ten in ſeiner Neigung zu ihr, die einzige Probe, auf welche ſie ihn geſtellt hatte, bewog ſie, die uͤberredende Stimme der Liebe und Hoffnung zu hoͤren, und zu glauben, daß Ruſſels Freund⸗ ſchaft in dieſer Ruͤckſicht zu ſtreng oder zu ängſt⸗ lich geweſen ſeyn moͤchte. Nichts verzoͤgerte mehr die Vermaͤhlung Vivians und Selinas, als einige geſetzmäͤ⸗ ßige Formalitaͤten, die noch zu beobachten wa⸗ ren. Bevor der Ehekontrakt zu Stande gebracht werden konnte, waren noch einige Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, gab es noch Pachtungen zu erneuern oder aufzuheben; und die jungen Leute mußten ſich gefallen laſſen, die Zuruͤck⸗ kunft eines Kurators abzuwanten, der bei ſeinem Regimente, gerade außerhalb dem Koͤnigreiche abweſend war. Vioian verwuͤnſchte, wie na⸗ tuͤrlich, alle dieſe Verzoͤgerungen, um ſie zu üͤbertragen, nahm er indeß eine heldenmuͤthige —xxʒ — 42— Geduld zu Huͤlfe; und Selina, mit der Zu⸗ verſicht der Liebe und in der Zufriedenheit mit der Gegenwart, ſah ziemlich gelaſſen der Zu⸗ kunft entgegen. Zweites Kapitel. „Mein beſter Ruſſel,— ſagte Vi⸗ oian— uͤber der Liebe ſoll die Freundſchaft von mir nicht vergeſſen werden. Ehe ich mich verheirathe, will ich fuͤr Sie geſorgt ſehen: dieß iſt worauf ich mich beim Antritte meines Ver⸗ moͤgens mit am meiſten gefreut habe. Andere Gedanken, ich geſtehe, haben dieſen ſeit einiger Zeit verdraͤngt; aber jetzt will ich Ihnen mit ei⸗ nem Male ſagen, wovon es ſich handelt, denn ich haſſe die Ueberraſchungen, die man ſeinen Freunden vorbehaͤlt. Ich habe, wie Sie wiſſen, oder wahrſcheinlich wiſſen Sie es nicht, denn Sie ſind der uneigennutzigſte Menſch von der Welt, alſo— ich habe eine treffliche Pfruͤnde zu vergeben; ich behalte ſie Ihnen vor, und von dieſem Augenblick an, duͤrfen Sie ſich als Be⸗ ſitzer derſelben anſehen. Wuͤßte ich Jemanden, der ſie mehr verdiente, auf meine Ehre, er be⸗ käͤme ſie; auf dieſe Weiſe koͤnnen Sie mir ſie nicht ausſchlagen. Der zeitliche Beſitzer kann nicht lange mehr leben, er iſt außerordentlich alt und ſehr kraͤnklich: Sie werden die Pfruͤnde alſo in einem oder hoͤchſtens zwei Jahren an⸗ treten; und bis dahin bleiben Sie bei mir. Ich ſehe es als eine Gunſt an, die ich von einem Freunde verlange, und Sie wiſſen, ich habe einen Freund von feſtem Charakter noͤthig; auch hoffe ich, Sie uͤberzeugen ſich, daß ich Eigen⸗ ſchaften, die mir fehlen, in Andern zu ſchäͤtzen weiß.“ Ruſſel war von der Großmuth nnd Er⸗ kenntlichkeit Vivians geruͤhrt, und freute ſich uͤber die feine Art, mit der er ihm jenes Aner⸗ bieten machte; nach ſeinen Gefuͤhlen und Grund⸗ ſaͤtzen war es ihm aber nicht moͤglich, ſich einer geſchaͤftsloſen und abhängigen Lage zu widmen in der Ausſicht auf eine betraͤchtliche Pfruͤnde, die erſt durch den Tod des zeitlichen Beſitzers frei werden ſollte. Er aͤußerte gegen Vivian, daß er zu viele Freundſchaft fuͤr ihn und zu viele Achtung vor ſich ſelbſt habe, um Gefahr zu lau⸗ fen, den Rang eines unabhäaͤngigen Freundes aufgeben zu muͤſſen. Umſonſt zog ihn Vivian mit ſeiner Hoffahrt auf, zuletzt geſtand er ihm — 435— doch ein, daß er ihm deßhalb nur um ſo mehr ſchaͤtzte. Lady Mary, welche die Selbſtſtaͤndig⸗ keit des Charakters ſehr ehrte, lobte Hrn. Ruſſel und empfahl ihn nachdruͤcklichſt einer benachbar⸗ ten anſehnlichen Herrſchaft, die fuͤr ihren Sohn einen Gouverneur brauchte. Lord Gliſton⸗ bury ließ es ſich aͤußerſt angelegen ſeyn, ſich des Hrn. Ruſſel zu verſichern, da derſelbe als ein Mann von Talenten bekannt war; und die ganze Sache war unverzuͤglich abgemacht. La⸗ dy Mary und ihr Sohn ſtatteten eines Morgens einen Beſuch im Schloſſe Gliſtonbury ab, um Ruſſel zu ſeinem Eintritte in dieſer Fa⸗ milie zu begleiten. Als ſie ſich dem Schloſſe nä⸗ herten, erſtaunte Vivian uͤber deſſen ſchoͤne go⸗ thiſche Bauart; er hatte es ſeit mehreren Jahren nicht in der Naͤhe geſehen, und ſah es jetzt mit neuen Augen. Bis dahin hatte er es nur als eine mahleriſche Zierde der Gegeud angeſehen, jetzt aber, da er ſelbſt Gutsbeſitzer in der Nach⸗ barſchaft war, betrachtete er es als einen Ge⸗ genſtand der Vergleichung, die ihn mit ſeiner eigenen Wohnung unzufrieden machte. Als ſie das Schloß gerade ins Geſicht bekamen, ver⸗ mehrte ſeine Mutter, die eine Dame von Ge⸗ ſchmack war, durch einige Verwunderungen uber — 46— die Schoͤnheit und das ehrwuͤrdige Anſehen die⸗ ſes Gebaͤudes, ſein ſchon regbares Verlangen, ſein modernes Haus in ein altes Schloß zu ver⸗ wandeln. Lady Vivian konnte einen Seufzer nicht unterdruͤcken, indem ſie dachte, daß ihr Sohn, waͤre ſein Herz noch nicht vergeben, das Herz und die Hand einer von den beiden Toͤchtern aus dieſem Schloſſe wuͤrde haben erhalten koͤnnen; V dabei ließ ſie es jedoch, ſelbſt in dem Innerſten ih⸗ rer Gedanken, bewenden, denn ſie war nichts weniger als raͤnkeſuͤchrig. Bei der erſten Entdeckung der Reigung ihres Sohnes zu Miß Sidney, hatte ſte mit ganzer Waͤrme ihr Mißfallen ausgedruͤckt; nachdem aber das Be⸗ tragen des jungen Fraͤuleins ſie zur Einwilligung in dieſe Verbindung bewogen hatte, war ihr es ſo unmoͤglich, doppelherzig zu handeln, daß ſie ſich feſt entſchloſſen hatte, nie ihrem Sohne das Geringſte von ihrem Wunſche, eine Allianz mit der Familie Gliſtonbury zu ſtiften, merken zu laſſen; das behutſame Schweigen der My⸗ lady uͤber dieſen Punkt, eine Behutſamkeit, die mit der gewoͤhnlichen Lebhaftigkeit ihrer Empfin⸗ b dungen und Aeußerungen wenig uͤbereinſtimmte, haͤtte indeß einem aufmerkſamen ſcharfſichtigen Beobachter ihre Gedanken verrathen koͤnnen. Vi⸗ vian war aber in dieſem Augenblicke zu ſehr mit der Erbauung eines Schloſſes beſchaͤftigt, als daß irgend eine andere Idee ihm haͤtte in den Kopf koammen koͤnnen. Als der Wagen unter dem großen Portal ſtill hielt, rief Vivian aus: O uͤber das ſchoͤne antike Schloß! Wie wuͤrde Selina Sidney uͤberraſcht und entzuͤckt ſeyn, wenn ſie mein Haus in ein ſolches Gebaͤude umgeformt ſaͤhe! „Das Schloß iſt in der That praͤchtig,“ ſagte Lady Mary indem ein Seufzer ihr ent⸗ ſchluͤpfte.„Ich glaube, da ſehe ich die jungen Lady's Lidhurſt auf der Terraſſe, und der Lord Gliſtonbury kommt uns mit ſeinem Sohne entgegen.“ „Meinem Zoͤgling?“ ſagte Ruſſel,„ich glaube der junge Menſch wird von der Art ſeyn, daß ich ihm meine Zuneigung ſchenken kann. Ohne Neigung einer oder anderer Art waͤre das Leben wohl traurig. Aber ich darf mir nicht verſprechen— fuhr er ſort— zum zwei⸗ ten Male in meinem Zoͤglinge einen Freund zu fin⸗ den, und zumal einen Freund, wie dieſen hier.“ Dieſe woͤrtliche Aeußerung ſeiner Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr ſeine Freunde war von Seiten Ruſ⸗ ſels etwas ſo ſeltenes, daß Vivian davon — 4— überraſcht und geruͤhrt ward, und ſich kaum ſchnell genug faſſen konnte, um dem Lord Gli⸗ ſtonbury, der in Begleitung von drei ſeiner Schmarotzer, einem Kaplan, einem Hauptmann und einem jungen Advokaten ſeine Gaͤſte em⸗ pfing, das Kompliment zu machen. Milord war ein Mann von mittleren Jah⸗ ren, ſchien aber trotz ſeiner heiteren Miene und Beweglichkeit alt, und war, zur Buße ſeiner Iugendſuͤnden haͤtte man ſagen moͤgen, vor der Zeit Greis geworden. Sein Aeußeres kuͤndigte Anſpruͤche auf Verſtand an: auf den erſten An⸗ blick ward man durch ſeine Lebensart, ſeine Freundlichkeit, ſeinen ſchnelleu Vortrag verſucht, ihm im Allgemeinen mehr Geiſt zuzutrauen, als er wirklich hatte. Alles was er ſagte, hatte einen ge⸗ wiſſen Schein, wenn man es aber genauer un⸗ terſuchte, ſtand es ſinnleer da. Einige ſeiner Ausdruͤcke erſchienen glaͤnzend, gewiſſe ſeiner Ideen treffend; aber alles dieß hatte ſo wenig Zuſammenhang, es war ſo viel Verworrenes in ſeinem Geſpraͤch, daß gute Urtheiler bald er⸗ kannten, daß er ſeine Meinungen nicht aus ſich ſelbſt ſchoͤpfte, ſondern von andern annahm, daß ſeine Maximen nichts als Gemeinplaͤtze, ſein Witz nichts als Wiederholungen, und das, was — 49— man fuͤr Verſtand bei ihm nahm, nichts als Takt war. Nach Komplimenten und Dankſa⸗ gungen, die er der Lady Mary und Hrn. Vi⸗ vian abſtattete, ihm in der Perſon des Herrn Ruſſel einen Schatz zugewieſen zu haben, ſtellte er ſeinem nenen Gouverneur den Lord Lidhurſt vor, einen jungen Menſchen von vierzehn Jah⸗ ren, kraͤnklich und bloͤde, obgleich in der Mie⸗ ne eine gewiſſe Dreiſtigkeit verrathend. Dieſe Vor⸗ ſtellung begleitete der Vater unter den ſchmeichel⸗ hafteſten Ausdruͤcken mit Verſicherungen ſeines unbegraͤnzten Zutrauens und mit einer ſchnellen Aufzaͤhlung von alle dem, was er ſich von dem jun⸗ gen Menſchen verſpraͤche, worunter denn die ſich widerſprechendſten Dinge zum Vorſchein kamen. „Herr Ruſſel wird, ich bin uͤberzeugt, Alles aus Li dhurſt machen, was ſich wuͤnſchen laͤßt, daß er werde: ſeines Vaterlandes Stolz, und die Zierde ſeiner Familie. Ich habe die ent⸗ ſchiedene Meinung, der Menſch iſt nichts als ein aus Gewohnheiten zuſammengeſetztes Ganzes⸗ und meiner Maxime nach iſt die Erziehung eine zweite Natur, ja in vielen Faͤllen ſelbſt eine er⸗ ſte Natur, denn bis auf einige Zweifel, die mir uͤber das geborne Genie uͤbrig bleiben, geſtehe ich, ich ſehe wie Hartley ein, daß die Eindruͤcke und Vivign 1. Theil. 4 — 3530— Ideenverbindungen aus den Kinder⸗ und Jugend⸗ jahren alles in Allen machen; ſein Syſtem von den Schwingungen erklaͤrt mir alles. Was ich aber insbeſondere fuͤr Lidhurſt wunſche, mein Herr, iſt, daß er ſich ſo fruͤh als moͤglich zum Staatsmann bilde. Ich muthmaße, Herr Vi⸗ vian, Sie haben die Abſicht, ſich in die Kar⸗ riere der oͤffentlichen Angelegenheiten zu wer⸗ fen; und ich bin ſicher, Sie werden ſich darin auszeichnen: nehmen Sie meine Prophezei, hung an, ich bin in den Dingen ſehr bewandert. Aus derſelben Schule kann ich mir Wunder von Lidhurſt verſprechen: in wenigen Jahren, hof⸗ fe ich ihn im Hauſe der Gemeinen donnern zu hoͤ⸗ ren; es liegt mir, ich geſtehe, nicht ſo viel dar⸗ an, ihn im Spital der Unheilbaren zu ſehen. Fuͤr das kaͤme es auf mich, ihm Platz zu machen! und dazu habe ich noch keine Luſt. Ha, ha, ha, Jeder, wenn ihm die Reihe trifft, mein Kind Unterdeſſen, Lady Mary, mache ich Ihnen den Vorſchlag, uns zu den Damen auf die Terraſſe zu verfuͤgen. Lady Gliſtonbury bewegt ſich ſo langſam, daß ſie ſteben Jahre brauchte, bis zu uns zu kommen; es iſt denn beſſer, daß wir zu ihr gehen. Will der Berg nicht zum Ma⸗ homet kommen.. Sie wiſſen, wie es wei⸗ — 3531— ter heißt.“ Im Gehen nach der Terraſſe theilte Lord Gliſtonbury, der ſich immer mit vie⸗ lem Wohlgefallen ſprechen hoͤrte, ſeine weiteren Ideen uͤber Erziehung mit; bald wandte er ſich damit an Herrn Ruſſel, bald forſchte er nach einem Blicke der Lady Mary. „Sehen Sie ganz einfach meine Ideen in Betreff Lidhurſt's: ich moͤchte, daß er alles wuͤßte, was in den beſten Buͤchern meiner Bi⸗ bliothek ſich befindet; jedoch, außer bei einer Prunkrede im Parlament, nie in ſeinem Leben die Miene haͤtte, jemahls ein Buch aufgeſchlagen zu haben. Geiſt! Geiſt! das iſt es, um was es ſich faſt immer handelt, und der originelle leich⸗ te Styl, der einen Mann vom Stande charak⸗ terifirt. In Betreff der Moral— Lidhurſt, mein Kind, geh' nur immer zu— was die Mo⸗ ral betrifft, geſtehe ich, ſoll er meinem Wunſche nach, nichts von dem Joſeph Suͤrface*) haben, Ein junger Menſch, der Geiſt und Feu⸗ er hat, Sie wiſſen, Herr Vivian. Ver⸗ zeihen Sie, Lady Mary, das gehoͤrt unter uns — muß, um bei der Mode und dem guten Tone zu bleiben, ſich ein wenig gehen laſſen. Ich werde dieß nicht gerade meinem Sohne ſagen.. *) Aus dem engliſchen Luſtſpiele: Shool for Scandal 4* 52— Nein, nein! im Gegentheil Herr Ruſſel, un⸗ fere Rolle, wie die Sr. Hochwuͤrden— mit einem Blicke auf den Kaplan, der um einige Schritte zuruͤckgeblieben war, und ohne zu wiſſen, wo⸗ von die Rede war, ſich bejahend verbeugte— un⸗ ſere und Sr. Hochwuͤrden Rolle iſt, Klugheit, Maͤßigkeit und alle Haupttugenden zu predigen.“ Haupttugenden, Maͤßigkeit, Klug⸗ heit, wiederholten der junge Advokat, der Kaplan und der Kapitain einer nach dem andern, und warfen ſich dabei ſpitzfindige Blicke zu. Ehe Milord Zeit hatte, eine laͤngere Pre⸗ digt uͤber die Klugheit zu halten, hatte man ſich den Damen genaͤhert, und mußte ſie bekom⸗ plimentiren. Sie waren wahrhaft langſam geſchlichen. Vivian kannte keine davon, denn bis zu dieſem Sommer hatten ſie auf einem an⸗ deren Landgute in einer entfernten Grafſchaft ſich aufgehalten. Seine Mutter hatte ſie in den Ge⸗ ſellſchaften zu London oft getroffen. Lady Gliſtonbury war eine Dame, trocken und ſteif in ihrem Aeußern. Zwei andere ihres Geſchlechts begleiteten ſie, die eben ſo we⸗ nig zu den Grazien zu rechnen waren; alle gleich eckigt, hatten ein froſtiges hoffaͤrtiges Anſehe r. NRachdem ſie die Gruppe mit ihren Lorgneteen ☛2¶— —— 53 beäugelt hatten, beſchleunigten die Damen ihre Schritte; und mit einer ſo grazioͤſen Miene als ihr Naturel es erlaubte, rief Lady Gli⸗ ſtonbury aus: Meine lirbe Lady Mary Vivianl! ha⸗ be ich denn das Vergnuͤgen, Sie zu ſehen? Man hatte mir nur einen Beſuch von Maͤnnern fuͤr Milord angemeldet. Herr Vivian hatte hierauf die Ehre der Milady, ihrer aͤlteſten Tochter, Lady Sarah Lidhurſt, und der Gouvernante Miß Strikt⸗ land vorgeſtellt zu werden. Alle empfingen ihn mit Artigkeit; aber der arme Ruſſel war nicht ſo gluͤcklich: nichts kaͤlteres, als die Aufnahme die ſie ihm ſchenkten. Dieß diente der Lady Sa⸗ rah in Vivdians Augen zu keiner beſondern Empfehlung, und er fand bei dieſem erſten Anblick, daß ſie eine von den abſtoßendſten jun⸗ gen Perſonen war, die ihm in ſeinem Leben zu Geſicht gekommen waren. „Wo iſt denn meine Julie?“ fragte der Lord,„da dort unten ſehe ich ſie, luſtig und ſpringend, wie gewohnlich.“ Vivian wendete ſeine Blicke nach der Sei⸗ te, wo Milord hinſchauete, und ſah am an⸗ dern Ende der Terraſſe ein junges Frauen⸗ — 354— zimmer von ungefaͤhr funfzehn Jahren, die einen Kreiſel vor ſich hertrieb, und damit einen kleinen Kuaben, der ihr nachlief, beluſtigte. Die Gou⸗ vernante hatte dieß kaum wahrgenommen, als ſie auf die junge Lady zu eilte, ihr in verſchie⸗ denen Toͤnen auf franzoͤſiſch italieniſch, engliſch zurief, ſie ausſcholt und zu wiſſen verlangte, ob dieß eine anſtaͤndige Unterhaltung fuͤr eine Perſon ihres Alters und Standes waͤre. Ohne auf dieſe Verweiſe im geringſten aufzumerken, lief Lady Julie ihrer Gouvernante immer weiter davon, und huͤpfte den Abhang der Terraſſe hinab, dem Kreiſel nach. Miß Striktland gab es auf, ſie abwaͤrts zu verfolgen, blieb am Nande der Terraſſe ſtehen, und ſetzte ihre Straſpredigt fort. Endlich ſiel der Kreiſel, und die junge Lady kehrte um, doch nicht auf ihre Gouvernan⸗ te zu; ſie huͤpfte auf einer andern Seite den Ab⸗ hang herauf und befand ſich mit einem Male auf der Terraſſe bei der Geſellſchaft, ohne Gaͤſte dabei zu vermuthen. Ihr Strohhut war ihr vom Kopfe zuruͤckgefallen, Lady Gliſtonbury ſetz⸗ te ihr denſelben zurecht, und warf dabei ei⸗ nen zuͤrnenden Blick auf ihre Tochter.„Ach! der herrliche Teint! und das allerliebſte Geſicht!“ ſagte Lady Mary halblaut zu Lord Gliſton⸗ bury, und konnte ſich nicht verſagen, einen Blick dabei auf ihren Sohn zu werfen, um zu ſe⸗ hen, welchen Eindruck dieß Geſicht auf ihn mach⸗ te. Vivians Auge begegnete ſich mit dem ih⸗ rigen, und dieſer einzige Blick entdeckte ihm al⸗ les, was ſie mit ſo viel Klugheit ihm zu ver⸗ bergen beſchloſſen hatte. Vivian zeigte ihr ein Laͤcheln und blickte darauf Ruſſel an, als ob er ſagen wollte:„Zuverlaͤſſig koͤnnte man keine Vergleichung zwiſchen dieſem Kinde und Seli⸗ na Sidney anſtellen.“ Auf einen Wink der Lady Gliſton⸗ bury verſchwand wenige Minuten darauf Ju⸗ lie mit ihrer Gouvernante. Vivian, in Be⸗ trachtung eines von den Thuͤrmen des Schloſſes vertieft, bemerkte es nicht, und dieſe Zerſtreuung ward von ſeiner Mutter beobachtet. Die Bewohner dieſes Schloſſes hatten fuͤr Vivian in dieſem Angenblick kein anderes Intereſſe, als in Bezug auf ſeinen Freund Ruſſel; er war ganz und gar mit dem Schloſſe ſelbſt beſchäftigt. Lord Gliſtonbury, den dieſer Eindruck des Schloſ⸗ ſes auf Vivian freute, erbot ſich, ihm das⸗ ſelbe im Einzelnen zu zeigen. Dieſes Anerbie⸗ ten wurde von Vivian und Lady Mary mit Dank angenommen. Lady Gliſtonbury — 56— entſchuldigte ſich, Ihnen nicht Geſellſchaft lei⸗ ſten zu koͤnnen, da es ihre Kraͤfte nicht erlaub⸗ ten, ſich dieſer Anſtrengung zu unterziehen, und trug ihrer aͤlteſten Tochter auf, ihre Stelle bei Lady Mary zu vertreten. Dieß war der ein⸗ zige Umſtand, der Vivians Freude ſtoͤrte, deun er mußte oft gegen das ſprachloſe geſpreitzte Fraͤulein den artigen Kavalier ſpielen, wenn er ganz beſchaͤftigt war, die Architektur des Schloſ⸗ ſes und die Ausſicht auf die Umgebungen zu be⸗ trachten. Lady Sarah zeigte ihm alles dieß mit einer kalten zeremontoͤſen Hoͤflichkeit, und ging darin mit einer Genauigkeit und Foͤrmlich⸗ keit zu Werke, die den von Natur enthuſiaſti⸗ ſchen Vivian raſend machten. Der Beſuch ward geendigt und auf der Haͤlfte des Ruͤckwegs machte ſich Vivian uͤber Lady Sarah, die er eine Verſteinerung nannte, luſtig. Hierauf ganz erfuͤllt von der gothiſchen Schoͤnheit Gli⸗ ſtonbury's, faßte er den Entſchluß, ſobald als moͤglich ſein Haus in ein Schloß umzuwandeln. Des andern Tages ließ er ſogleich einen Bau⸗ meiſter holen, um ſein Haus zu unterſuchen und zu ſehen, was ſich thun ließe. Eben damals hatten mehrere Herrſchaften dieſer Grafſchaft die Wuth bekommen, ihre recht — 57— artigen Haͤuſer in unbewohnbare Schloͤſſer zu verwandeln, und ſo uͤbelverſtanden und unthun⸗ lich ſich dieſe ruͤckgaͤngige Bewegung in der Bau⸗ kunſt auch zeigte, fanden ſich doch immer Leute vom Handwerk, Planmacher, die bereit waren⸗ ſolche Narren von Eigenthuͤmern zu bereden, daß nichts in der Welt leichter waͤre. Wurden nun einmal ihre Bauanſchlaͤge, ihre Plaue gebilligt, ſo nahmen ſie es uͤber ſich, mit einem Streich ein Gebaͤude um zwei, drei, ja ſechs Jahrhun⸗ derte und mehr zu veralten, wie man es wuͤnſch⸗ te, und ihm ein gothiſches oder mauriſches Anſe⸗ hen,„ihm jenen Reiz zu geben, welchen die Zeit allein verleihen kann.“ Einige Tage ſpaͤter ſtat⸗ tete Lord Gliſtonbury ſeinen Gegenbeſuch ab, und Ruſſel, der ihn begleitete, fand ſei⸗ nen Freund in Bauplanen und Zeichnungen ver⸗ graben. Ruſſel ergriff den erſten Augenblick, wo er mit Vivian ſprechen konnte, um ihm zu ſa⸗ gen:„Sie werden, lieber Freund, es ſich wahr⸗ lich nicht einfallen laſſen, das ſchoͤne gute Haus zu verunſtalten? Es ſteht vollkommen fertig da⸗ in einem zierlichen„modernen Styl; hat Luft und hinreichenden aum; die Zimmer heitzen ſich gut, ſind gut abgesgilt, und haben leichte Ver⸗ — 58— bindungen; alles iſt darin bequem; und wollen Sie es in ein Schloß umformen, ſo muͤſſen, ich ſehe es aus Ihrem Plane, die gegenſeitigen Ver⸗ haͤltn ſſe aller Theile geaͤndert und verdorben wer⸗ den; was rund iſt, muß viereckigt, das Vier⸗ eckigte rund werden, und was noch ſchlimmer iſt, die lichten Zimmer in dunkele Gemaͤcher um⸗ geſtaltet, und dieß einzig und allein, um ein ſo⸗ genauntes Schloß zu haben, was aber in der Wirklichkeit weder die Groͤße, die Feſtigkeit, noch die erhabene Pracht eines alten Gebaͤudes hat. Dieſe modernen Miniaturbilder von Schloͤſſern, dieſe Spielereien, deren Bau die Unternehmer zu Grunde richtet, ſind am Ende das Elende⸗ ſte, Abgeſchmackteſte, was man ſich einbilden kann.“ Vivian, nach kurzem Widerſpruch, muß⸗ te es ſelbſt bekennen; aber er ſetzte hinzu, daß ſein Schloß keine Spielerei ſeyn wuͤrde, und daß er alles anwenden werde, um es praͤchtig zu machen. —„So praͤchtig, ſetze ich voraus, wie das Schloß Gliſtonbury?“. —„Wenn ich kann; und dieß iſt, ich ge⸗ ſtehe es, der Gegenſtand meines Wetteifers.“ „Ach!— fuhr Ruſſel fort und ſchuͤttel⸗ — 59— te den Kopf— dieß ſind die Gegenſtaͤnde des Wetteifers, fuͤr welche die großen Guͤterbeſitzer ſich ſehr oft zu Grunde richten, ihre Unabhaͤn⸗ gigkeit verhandeln, ihr wirkliches Anſehen in die Schanze ſchlagen, und ſich in Noth und Schmach ſtuͤrzen. Dieß ſind die Gegenſtände, fuͤr die ſie ihre Guͤter und ihr Land verkeufen, um Ver⸗ ſorgungen oder gar um Brot betteln muͤſſen, und zuletzt ſich in der ſuͤßen Freiheit der koͤniglichen Bank oder in der Sklaverei des Hofes troͤſten.“ —„Unmoöͤglich der Fall mit mir! Sie ken⸗ nen mich, wie ich in Ruͤckſicht oͤffentlicher Angele⸗ genheiten denke,— ſagte Vivian— und ſie wiſſen, daß das unabhaͤngige Leben eines Guͤter⸗ beſitzers mir als das achtbarſte von allen er⸗ ſcheint. Meine Grundſaͤtze ſind Ihnen bekannt.“ „Ich kenne Ihren Mangel an Feſtigkeit,— erwiederte Ruſſel— wenn Sie anfangen ih⸗ rem Geſchmacke zu opfern, glauben Sie, daß Sie nicht zuletzt Ihrem Intereſſe opfern werden? „Nie, niemals!„rief Vivian aus. „So bilden Sie ſich ein, daß da, wo eine ſchwache Verſuchung keinen Widerſtand finden konnte, eine ſtarke wirkungslos ſeyn werde?“ „Nur Eines halten Sie fuͤr gewiß“ ſagte Vivian,„daß naͤmlich nichts mich wird bewe⸗ 60— gen köonnen, mein Vaterland zu verkaufen oder Verraͤther an meiner Ehre zu werden.“ „Das vielleicht nicht— entgegnete Ruſ⸗ ſel;— aber im aͤußerſten Nothfall koͤnnten Sie an eine andere Klippe ſtoßen und Verraͤther an Ihrer Liebe werden; Sie koͤnnten Selina Sidney aufgeben und eine Heirath nach Geld eingehen— und alles dieß eines Schloſſes halben.“ Von dieſem Ausſpruch betroffen, betheuer⸗ te Vivian:„auf rauſend Schloͤſſer wuͤrde ich Verzicht leiſten, ehe ich mich dieſer Gefahr aus⸗ ſetzte.“— „Machen wir denn mit kaltem Blute— ſag⸗ te Ruſſel— einen Ueberſchlag: was wuͤrde Sie das Schloß koſten?“ Die im Bauanſchlag berechneten Koſten, von denen bei der Ausfuͤhrung immer das Dop⸗ pelte angenommen werden muß, fanden ſich unge⸗ heuer und ſo, daß Vivian dieſelben, im Verhaͤlt⸗ niß zu ſeinem Vermoͤgen, als uͤbermaͤßig zuge⸗ ſtand. Dieſes Vermoͤgen war betraͤchtlich, aber ſo angelegt, daß, wenn er uͤber ſeine Einkuͤnfte aufgehen ließ, er ſich bald in Verlegenheit be⸗ finden mußte, baares Geld aufzutreiben. Zwar hatte ſeine Mutter einige tauſend Pfund Ster⸗ — 61— ling in den oͤffentlichen Fonds, und dieſe, erbot ſie ſich, ihm zum Bau ſeines Schloſſes vorzuſtrecken: es war ein Plan, der ihrem Geſchmacke und ihren ariſtokratiſchen Begriffen ſchmeichelte. Als er ſich von ſeinem Freunde trennte, gab er ihm die Verſicherung uͤberzeugt zu ſeyn, daß er ſeine Grille aufgeben und am kluͤgſten handeln wuͤrde, auf dieſe Narrheit Verzicht zu leiſten. Dazu hatte er ſich entſchloſſen: und er blieb bei dieſem Entſchluß, bis er wieder von einer Menge anderer Leute zu Gunſten des Ge⸗ gentheils hatte ſprechen hoͤren. Es begegnete Vi⸗ vian ſehr oft, zu finden, daß die, welche zu⸗ letzt ſprachen, am beſten ſpraͤchen; und im All⸗ gemeinen trug die Zahl der Stimmen bei ihm immer uͤber das Gewicht der Beweisgruͤnde den Sieg davon. Durch das Zureden ſeiner Mut⸗ ter, durch das Beiſpiel ſeiner Nachbarn, durch die Aureizungen der Baumeiſter und anderee Leute von Geſchmack, die hinter ihm darein wa⸗ ren, ward er uͤberzeugt, daß es ſich nicht mehr ohne ein Schloß thun ließe, und daß die Ko⸗ ſten, um eines zu haben, ſo viel als nichts waͤ⸗ ren. Ueberzeugt iſt nicht das Wort, das wir brauchen ſollten, denn er gab gegen ſeine Ueberzeugung nach, weil er dem immerwaͤhren⸗ — —— — — — V————⅓—ꝛ—.4.-ͤ— —— — — 6 2— den Zureden nicht zu widerſtehen vermochte. Ei⸗ nen andern Beweggrund hatte er nicht; denn jener Enthuſtasmus, welchen der Anblick des Schloſſes von Gliſtonbury geweckt hatte, war vor⸗ uͤber: er ſah deutlich ein, daß das, was Nuſ⸗ ſel geſagt hatte, wahr war, daß er das Inne⸗ re ſeines Hauſes gaͤnzlich dem Aeußeren auf⸗ opfern wuͤrde, und ſo ſchoͤn das Letztere auch ausfallen koͤnnte, ſo zog er ihm doch, fuͤr ſeine Perſon, die Bequemlichkeit weit vor. So war es denn nicht aus freier Wahl, daß er ſich un⸗ kluger Weiſe in dieſe Unkoſten ſtuͤrzte, ſondern es geſchah, um ſich in den Geſchmack anderer zu fuͤgen. Da haben wir ihn denn in dem Laͤrme der Bauerei und umgeben von Handwerkern und Ar⸗ beitsleuten. Man graͤbt Grund, es werden Geruͤſte aufgerichtet; und oft ſeuſzet Vivian und laͤßt es ſich reuen, wenn er ſieht, was al⸗ les eingeriſſen werden muß, ehe etwas gebaut wird, wenn er ſein abgetragenes Haus betrach⸗ tet: die ſchönen Plafonds zerſchlagen, die zier⸗ lichen Karnieße in Stuͤcken gehauen; mit einem Worte: alles zerſtoͤrt, um dafuͤr eine erbärmliche Nachahmung des Gothiſchen hinzuſtellen. Wie oft ſeufzte und berechnete er, wenn er die Arbeits⸗ leute auf den Ruf der Glocke zum Mittagsmahl bei ſich voruͤber ziehen, wenn er ſeinen Hof mit ungeheuren Holzſtaͤmmen und Steinbloͤcken, die mit großen Koſten aus einem entlegenen Stein⸗ bruche geholt wurden, angefuͤllt ſah! Vivian ſah ein, daß die Ausgaben ſich aufs Dreifache des Schaͤtzungsanſchlags belaufen wuͤrden, und ſagte, wenn die Sache noch nicht angefangen waͤre, daß er ſich auf keine Weiſe damit befaſ⸗ ſen wuͤrde; aber jetzt kam, wie Lady Mary ſag⸗ te, die Neue zu ſpaͤt, und es war beſſer, fort⸗ zufuͤhren und zu endigen, weil es(Gott weiß war⸗ um) unmoͤglich war, aufzuhoͤren, Er trieb dann ſeine Arbeitsleute mit Ungeduld an; denn ſein ſehnlichſter Wunſch war, das Dach gerichtet und einen Theil der Zimmer vor ſeiner Hochzeit fer⸗ tig zu ſehen, weil er ſich verſprach, ſeiner Gat⸗ tin eine angenehme Ueberraſchung zu machen. Ueber die Langſamkeit des Gerichtes und die nothwendige Gegenwart des Kurators, der noch nicht nach England zuruͤckgekommen war, wur⸗ de jetzt nicht mehr ſo bitter geklagt. Ruſſel, der Vivian eines Tages mitten unter ſeinen Arbeitsleuten, die er zum Fleiß aneiferte, an⸗ traf, laͤchelte, und fragte, ob er mehr als Ban⸗ luſtiger oder als Geliedter ſich ſo ungeduldig be⸗ — ———:—-’—— ——— — — — zeige. Durch dieſe Frage ein wenig beleidigt⸗ gab Vivian zur Antwort, daß ſeine Unge⸗ duld, dieſen Theil des Schloſſes vollendet zu ſe⸗ hen, aus dem Wunſche eutſpringe, ſeine Frau angenehm damit zu uͤberraſchen; und erklaͤrte, daß ſeine Leidenſchaft fuͤr Selina ſo feurig waͤre, als ſie je geweſen, daß es aber unmoͤglich bliebe, den gewohnten Gang des Gerichtes zu aͤndern, und daß Selina ſeiner Reigung, gleich⸗ falls wie er der ihrigen, zu ſicher wäre, als daß ſie die Art von Unrnhe, wie andere mit we⸗ niger gegenſeitigem Zutrauen in aͤhnlicher Gele⸗ genheit, empfinden ſollten. Alles dieſes war ganz wahr und ganz vernuͤnftig; Ruſſel konnte aber nicht umhin, zu bemerken, daß ſich Vi⸗ vians Sprache und Ton gegen damals ein we⸗ nig veraͤndert hatten, wo er Himmel und Erde Trotz bot um ſeine Geliebte zu heirathen, oh⸗ ne Erlaubniß und Einwilligung der Verwandt⸗ ſchaft und Freundſchaft, und wo ein Verzug von einigen Monaten bis zu ſeiner Volljährigkeit, ihm unertraͤglich vorkam. Wirklich, ſo wenig Vivian es auch eingeſtehen wollte, jene Ein⸗ willigung, die Beſeitigung aller Hinderniſſe, die Gewißheit ſeines Gluͤcks hatten wenigſtens dem Aeußeren nach ſeine Liebe veraͤndert. Lady Ma⸗ — 63— ry, die es bemerkte, beſchloß nichts zu ſagen, abzuwarten, und zu ſehen, wie es endigen wuͤrde. Selina nahm einige Zeit lang nichts davon wahr, denn ſie war keineswegs argwoͤhniſch, und das Vertrauen, welches ſie in Vivian ſetzte, war nicht minder groß als ihre Liebe zu ihm. Doch fing ſie an zu finden, daß man beinahe die Geduld uͤber die Langſamkeit des Gerichtsganges verlieren muͤßte; wenn ſich aber Vivian nicht mehr ſo bitter, wie er gewoͤhnlich gethan hatte, daruͤber beklagte, ſo ſagte ſie bloß, er verſtehe die Sachen beſſer als ſte;— und uͤbrigens war der Kurator, den man unumgaͤnglich noͤthig hatte, noch nicht angekommen; kurz, das Letzte was ihr in Sinn kommen konnte, war Vivian eine Schuld beizumeſſen. Der Kurator traf endlich ein, und das Schloß war ungefähr ſo weit fertig, wie es Vi⸗ vian wuͤnſchte, als ein neuer Beweggrund des Aufſchubs eintrat, die Wahl eines Repraͤſen⸗ tanten der Grafſchaft fuͤr das Parlament. Je⸗ doch es muß geſagt werden, wie die Wahl Statt hatte, und wie ſie eingeleitet wurde. Es traf ſich, daß einer von Vioians Verwandten zum Kommandanten eines neuerbauten Schiffes von 74 Kanonen ernannt wurde, und zu Plymouth, Vivian 1. Theil. 5 — 66— das nur einige Meilen von Vivian⸗Hall ent⸗ fernt war, davon Beſitz nahm. Vivian er⸗ innerte ſich, daß fein Freund Ruſſel oftmals den Wunſch geaͤußert hatte, an Bord eines Kriegsſchiffs zu kommen, folglich begab er ſich, als ein Tag fuͤr dieſe Luſtparthie feſtgeſetzt war, nach Gliſtonburh, um Ruſſel dazu einzula⸗ den. Ruſſels Joͤgling, der junge Lord Lid⸗ hurſt bat um Erlaubniß, ihn zu begleiten, und Lady Julie, ſo bald als ſie des Schiffs von 74 Kanonen hatte erwaͤhnen horen, wollte auch dabei ſeyn:„der Kopf ſchwindelte ihr davon“ wie ihre Gonvernante ſich ausdruͤckte. Wirklich Alles, was den Namen einer Unterhaltung hatte, alles was ihr die Einfoͤrmigkeit ihres alltaͤglichen Lebens einen Angenblick zu unterbrechen ver⸗ ſprach; alles was ihr Gelegenheit gab, der Sklaverei zwiſchen einer ohne gleichen ſtrengen Gouvernante und herrſchſuͤchtigen Mutter, wenn auch nur auf einige Stunden zu entſchluͤpfen, ſchien dieſem jungen, aͤußerſt lebhaften noch kindiſchen Maͤdchen koͤſtlich. Sie ſetzte ihrer Gouvernante ſo lange und ſo dringend zu, bis Miß Striktland endlich ihre Bitte der Lady Gliſtonbury oortrug; zu gleicher Zeit erhielt Julie durch ihre Schmeicheleien die Einwilli⸗ ———— — 6 7— gung ihres Vaters, der nach vielen Schwierig⸗ keiten jene der Lady Gliſtonhury heraus⸗ brachte. Sie erlaubte den beiden jungen Ladys dieſe kleine Spazierfahrt mit ihrer Gouvernante, ihrem Bruder, ihrem Vater und der Lady Ma⸗ ry Vivian zu machen. Die ganze Geſell⸗ ſchaft, welche im Schloſſe anweſend war, wurde nunmehr in die Einladung begriffen, und dar⸗ unter befand ſich auch der Parlamentsrepraͤſen⸗ tant der Grafſchaft. Es bedrohte ihn ein Gicht⸗ anfall, weil er bei der letzten Parlamentswahl zur Wette getrunken hatte, und es war ihm nicht ganz gelegen, die Waſſerfahrt mit zu machen. Er machte aber damals den Anbeter der Lady Sarah Lidhurſt, und alle, die die Verhaͤlt⸗ niſſe Fannten, ſtellten ihm vor, daß er moͤrder⸗ lich verſtoßen wuͤrde, wenn er ſich losſagte, ſie zu begleiten. So wurde denn entſchieden, daß er ſich mit oder ohne Gicht, bei warmer oder kalter Witterung im Gefolge der Lady Sarah zeigen muͤſſe. Er unterwarf ſich Hoͤflichkeits⸗ halber dieſer gefaͤhrlichen Nothwendigkeit. Der Tag war ziemlich ſchoͤn. Vivian hatte am Geſtade unter einem Zelte ein artiges Mahl veranſtaltet. Man ſetzte ſich darauf in eine Barke, wie dergleichen zu ſolchen Unterhaltun⸗ 5* — 68— gen beſtimmt ſind. Lady Sarah befand ſich ſehr unbehaglich, und ihr Ritter fuͤhlte große Kaͤlte. Lady Julie aber war außer ſich vor Freu⸗ de uͤber alles, was ſie ſah; ſie fuͤrchtete nichts und ließ ſich durch nichts in ihrem Vergnuͤgen ſtoͤren. Sie war entzuͤckt, uͤber die Art wie man ſie an Bord aufzog; entzuͤckt, ſich anf dem Verdeck zu befinden; entzuͤckt, beim Anblick der Segel, der Taue, der Wogen, des Meers, der Sonne, der Wolken, der Matroſen, des Kochs, welcher ſich mit dem Mittagsmahl beſchaͤftigte; mit einem Worte: alles entzuͤckte ſie; und wie ein Pen⸗ ſionsfraͤulein, die der Schule entſchluͤpft iſt, lief ſie bald da, bald dort bin, that tanſend Fragen⸗ vernünftige und ſinnloſe untereinander, und lachte ſelbſt uͤber ihre Ausgelaſſenheit. Sie ſprang von einer Seite auf die andere im Schiff, bald nach vorn, bald nach ruͤckwaͤrts, bald oben, bald unten, ſo daß Herr Ruſſel, der auf ſie Acht geben ſollte, Muͤhe hatte, ihr zu folgen. Lord Gliſtonbury verfolgte ſie mit den Augen und hielt ſich den Bauch vor Lachen. Miß Striktland lag von dem Geruch und der Bewegung des Schiffes voͤllig krank, in der Schiffskammer; und Lady Sarab ſaß unter ei⸗ nem Sonnenſchirm, den ihr vor Kaͤlte ſchnat⸗ ternder Anbeter uͤber ſie hielt, ganz ſteif in ei⸗ nem Armſeſſel auf dem Verdeck, mit Wegwer⸗ fung auf die Kindereien ihrer Schweſter bli⸗ ckend, und bewieß, ſo weit es die Schicklichkeit erlaubte, daß ſie ſich durch keinen Gegenſtand, weder auf dem Lande noch auf dem Meer, in Erſtaunen oder Bewunderung koͤnne ſetzen laſſen. Mit ſcharfem Blick beobachtete Lady Mary Vivian alles, was vorging, las in der Seele ihres Sohnes und uͤberzeugte ſich, daß keine von den beiden Ladys Lidhurſt ſeine Eroberung machen wuͤrde, ſelbſt wenn ſein Herz noch frei waͤre: die eine war noch zu ſehr Kind, die an⸗ dere zu ernſt.„Dem unerachtet— ſagte ſie bei ſich ſelbſt,— waͤre um ihrer Geburt, ihrer Verwandtſchaft, ihres Anſehens in der Graf⸗ ſchaft willen, dieſe Verbindung ſehr zu wuͤnſchen geweſen.“ Gegen das Ende der Unterhaltung war alle Welt muͤde, bis auf Lady Jnlie, die aushielt, immer luſtig, und nicht glauben konnte, daß es Zeit zur Rückkehr waͤre, als gemeldet wurde, die Barke ſtaͤnde bereit, die ganze Ge⸗ ſellſchaft wieder ans feſte Land zu bringen. Im⸗ mer muthwillig und von ihrem eigenen Geſchwaͤtz und Gelächter betaͤubt, entſchluͤpfte ſie denen, die ihr beim Einſteigen in die Barke huͤlfreiche Hand 70— leiſten wollten, machte einen Fehltritt und fiel ins Waſſer; ſie war daran unterzuſinken, wenn Ruſſel ſie nicht gefaßt und erhalten haͤtte. Der Schreck brachte ſie zur Vernunft. Sie ward folgſam und hielt ſich, waͤhrend der ganzen Fahrt zum Ufer, in einen großen Mantel eingehuͤllt, Maͤuschen ſtill. Das Geſchrei, das Schelten der Miß Striktland, ſo wie im Uebrigen die Fragen, die Beobachtungen, welche dieſes Ereigniß veranlaßte, laſſen ſich denken; ſie auf⸗ zuzaͤhlen wuͤrde aber viel zu langweilig ſeyn. So ſehr man anfangs beſorgt war, hatte der Vorfall doch fuͤr Lady Julie keine uͤblen Folgen; ſie bekam weder Schnupfen noch Fieber, obgleich Miß Striktland verſicherte, daß ſie beides bekommen wuͤrde und verdient haͤtte. Aber der unſelige Ritter der Lady Sarah kam nicht ſo gluͤcklich davon: er war genoͤthigt dieſe Ueberfahrt in einer feuchten Abendluft und ohne Mantel zu machen, weil er letzteren der Lady Julie hatte anbieten muͤſſen, wo er, wohl ein⸗ gewickelt in Flanel, im Bette haͤtte ſeyn ſollen. Er hatte daher alle Veranlaſſung dieſe Luſtparthie zu verwuͤnſchen. Die Gicht, ſeine gewoͤhnliche Retterin, blieb aus, und ein Seitenſtechen brachte ihn ums Leben. Lady Sarah nahm es ſich — 71— gerade ſo viel als es der Anſtand erforderte zu Her⸗ zen; aber der Laͤrm einer neuen Wahl brachte den Repraͤſentanten der Grafſchaft bald aus dem Ge⸗⸗ dächtniß ſeiner zahlreichen Freunde. Lord Gli⸗ ſtonbuoy und mehrere andere Leute von An⸗ ſehen in der Grafſchaft, redeten Vivian zu, ſich in Vorſchlag bringen zu laſſen. Im ſelben Augenblick, als man Vivian einlud, ſich um dieſe Wuͤrde zu bewerben, erklärte ſich ein Mit⸗ bewerber vom Gouvernement, folglich kam die Wahl in Streit, und ward dadurch ſo koſtſpie⸗ lig, daß ſich Vivian ſchrecken ließ. So ſehr jener ehrenvolle Antrag auch ſeine Mutter ſchmei⸗ chelte, ſo beſaß ſie doch Klugheit genug, ihren Sohne zu rathen, er moͤge vielmehr als Depu⸗ tirter einer Stadt ins Parlament eintreten, als ſich der Gefahr und den Koſten einer ſtreitigen Wahl ausſetzen. Miß Sidney, die bei die⸗ ſer Gelegenheit zu Nathe gezogen wurde, unter⸗ ſtätzte auf das kraͤftigſte die weiſe Meinung der Lady Mary, und Vivian trat derſelben bei, als ihn eines Morgens Lord Gliſtonbury beſuchte, und das Gegentheil behauptete. Er ſagte zu Vivian, daß ſo viel er die Geſellſchaft kenne und ſeiner großen Erfahrung nach, ſie es zuverlaͤſſig ohne Schwierigkeit durchſetzen und die — 7 2— Unkoſten eine ſolche Kleinigkeit ſeyn wuͤrden, daß es nicht der Muühe werth waͤre darauf Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen. Alles dieß waren ſicherlich nichts als leere Worte, oberflaͤchliche Behauptungen und keineswegs ſichere Beweggruͤnde; Lady Mary aber in ihrem Ehrgeize, ihren Sohn als Repraͤ⸗ ſentanten der Grafſchaft zu ſehen, ließ ſich da⸗ durch verfuͤhren. Sie trat mit ihrem Zureden auf die Seite des Lords Gliſtonbury und vieler großſprechenden Wahlherren, die mit al⸗ len erſinnlichen Beweggruͤnden, eine genaue Be⸗ rechnung ausgenommen, Vivian bewieſen, daß er ernannnt werden wuͤrde, wenn er ſich nur melden wolle. Ruſſel und ſeine eigene Klug⸗ heit riethen Vivian, dieſen laͤrmenden Zu⸗ dringlichkeiten zu widerſtehen; die beiden vor⸗ heogehenden Kandidaten, die eben ſo reich wie er geweſen waren, hatten ſich bei dieſem Spiel zu Grunde gerichtet. Vivian war ſehr jung, kaum mündig, und Ruſſel bemerkte, daß er lieber porher ein wenig beſſer die Welt kennen leruen ſollte, ehe er ſich in die Politik und in Fuͤh⸗ rung öͤffentlicher Angelegenheiten einließe.„Dieß iſt wahr,— ſagte Vivian; aber Herr Pitt war mit drei und zwanzig Jahren Miniſter. Ich din nicht ehrſuͤchtig, aber ich moͤchte mich aus⸗ zeichnen, wenn ich dazu Gelegenheit finde; und da ich, ſo jung ich bin, ſchon das Feuer des Pa⸗ triotismus in mir fuͤhle, warum ſoll ich meinem Vaterlande nicht Dienſte leiſten? „Leiſten Sie ihm Dienſte, das wird ſehr loͤblich ſeyn,“ erwiederte Ruſſel— aber rich⸗ ten Sie ſich nicht gleich Anfangs durch eine ſtreitige Wahl zu Grunde; denn dann mag das Feuer Ihres Patriotismus ſeyn, welches es will, es wird nicht mehr in Ihrer Macht ſtehen, ein rechtliches, unbeſcholtenes Mitglied des Parla⸗ ments zu ſeyn. Wenn ſie zum Wohl Ihres Va⸗ terlandes glauben, ins Parlament eintreten zu müͤſſen, nun ſo thun Sie es als Deputirter ir⸗ gend einer Stadt, das wird Sie nicht zu Grun⸗ de richten.“— „Aber der ganze Ausſchuß unſerer Freunde wird unzufrieden und in Verlegenheit ſeyn, wenn ich es ausſchlage; und meine Mutter, die jetzt die Sache zu Herzen genommen hat, und Herr 2—, und Herr B—, und Herr D—, die ſo warme Freunde ſind und ſo ſehr in mich drin⸗ gen..... „Seyen Sie in einer ſo wichtigen Frage Ihr eigener Richter, und laſſen Sie ſich nicht von ih⸗ gen Umgehungen überreden, mit Anderer Ausen — —-———— — 74— zu ſehen und ſich nach Anderer Wuͤnſchen zu ent⸗ ſcheiden. Warme Freunde in der That, weil ſie ſich mit Treiben und Klaͤffen bei einer Wahl wol⸗ len wichtig machen! und durch dieſe Leute ließen Sie ſich in Ihr Verderben ziehen!“ „Daß ihnen dieß nicht gelingen ſoll, will ich Ihnen beweiſen,“ rief Vivian aus, nahm ein Blatt Papier, ſetzte ſich und entwarf ein Cireu⸗ lar an ſeine Freunde, wo er ihnen nach vielen Dankſagungen erklaͤrte, daß er ſich nicht fuͤr die Grafſchaft melden werde. Ruſſel machte ei⸗ ligſt davon Abſchriften, und Vioian verſprach, ſie den andern Morgen auszuſenden. Aber kaum war ihm Ruſſel aus dem Geſicht, ſo kam Lady Mary uruͤck und drang von neuem in ihren Sohn, ohne Verzug und ehe ſeine Freunde er⸗ kalteten, die Bewerbung zu beginnen. Als ſie die geſchriebenen Briefe erblickte, gerieth ſie dar⸗ uber in Zorn und uͤberſchuͤttete ihn mit einem Strome mütterlicher Beredſamkeit. Die Hilfs⸗ truppen kamen der Lady in Menge zu Huͤlfe; die Ritter folgten ſich einander auf dem Tritte, und die freien Guterbeſitzer eilten herbei auf das Geruͤcht, daß Vivian vorhabe, ſich zur Re⸗ praͤſentantenſtelle zu melden. Einſtimmig verbuͤrg⸗ ten ſie den Erfolg. Man brachte alte und neue Stimmenliſten, zaͤhlte zehn Mal die Stim⸗ men, berechnete ihr wechſelſeitiges Gewicht in der Graſſchaft. Jeder, der eben da war, ging bei dieſer Berechnung nach ſeiner Art zu Werke; und man bewies Vivian, ſo gewiß zwei Mal zwei Vier iſt, daß er das Feld gewonnen habe, und daß, ſobald er ſich nur melden wolle, der an⸗ dere Kandidat mit dem naͤchſten Tage zuruͤcktre⸗ ten und ihm den Sieg uͤberlaſſen werde. Vivian hatte eine ſehr richtige Faſſungskraft und ver⸗ ſtand ſehr gut die Rechenkunſt; er ſah alle Rech⸗ nungsfehler ein. Beim Durchſehen der Buͤcher, erkannte er, daß ruͤckſichlich des verſchiedeuen Einfluſſes, die Sachen ſich anders verhielten, als man ſie ihm vorſtellte, und beurtheilte, daß der andere Kandidat ſich nicht zuruͤckziehen wuͤr⸗ de; aber wenn er ſeine Gruͤnde zehn Mal gel⸗ tend gemacht hatte und zwanzig Mal ſeine Mut⸗ ter und ihre Partheigaͤnger ihre Behauptungen wiederholt hatten, gab er nach, einzig, weil ſie noch ein Mal ſo viel als er geſprochen hatten, und weil er mit ſeiner Charakterſchwaͤ⸗ che dringenden Zureden nicht widerſtehen konnte. Er trat dann als Mitbewerber auf, und ſah ſich in den ganzen Wirrwar, in alle Kabalen und Unkoſten einer ſtreitigen Wahl verwickelt. — 76— Seine Heirath wurde in Folge deſſen bis auf den Ausgang dieſer Wahl verſchoben. Die Liebe und die Politik einer ſolchen Angelegenheit haben we⸗ nig Beruͤhrungspunkte mit einander. Das Uebel,⸗ welches aus einer ſtreitigen Wahl entſpringen kann, mögen nur die ganz wiſſen, die perſoͤn⸗ lich die Erfahrung gemacht haben. Es kam zu Erbitterungen. Der Einfluß der Gliſtonbury war unter denen, die Vivian unterſtuͤtzten, der ſtaͤrkſte. Lord Gliſtonbury und ſaein Anhang zeigten viele Waͤrme, nicht als ob ſie eine be⸗ ſondere Hochſchaͤtzung fuͤr Vivian gehabt haͤt⸗ ten, ſondern weil der vom Hofe vorgeſchlagene Kandidat nach Milords Wunſche verdraͤngt wer⸗ den ſollte. Lord Gliſtonbury wear einſt einer der feſteſten Anhaͤnger der Regierung geweſen, und galt ganz und gar fuͤr einen Hoͤfling, um ſo mehr, da er in ariſtokratiſchen Begriffen er⸗ zogen worden war; aber ſein groͤßter Ehrgeiz ging dahin, ſeine Grafſchaft in ein Marqniſat zu verwandeln. Da die Regierung gezaudert oder ſich geweigert hatte, ihm in dieſem Punkte zu willfahren, war er zur Oppoſition uͤbergetreten. Er beeiferte ſich, die Regierung bei jeder Gele⸗ genheit zu necken, wie er ſich ausdruͤckte; und einzig, weil er nicht Marquis hatte werden koͤnnen, ward er Patriot. Patriot! dieſer ſo oft gemißbrauchte Name, hervrlich in ſeiner urſpruͤnglichen Bedeutung, veraͤchtlich aber, wenn ihm ein falſcher Sinn unterlegt wird! Lord Gliſtonbury wur unermuͤdet in dem, was er zu Gunſten ſeines Kandidaten that. Fuͤr eine ſolche uneigennuͤtzige Freundſchaft konnte Vivian nicht genug dankbar ſeyn; und in dem Zeitraume von einigen Wochen, wo dieſe Angelegenheit verhandelt wurde, kam er in der Familie Gliſtonbury zu einem Grade der Vertraulichkeit, den er unter anderen lUmſtaͤnden nicht in mehreren Jahren erlangt haͤtte. Eine Wahl in England ſcheint fuͤr eine gewiſſe Zeit nicht nur alle Rangſtufen, ſondern auch alle An⸗ ſpruͤche des Ranges gegen einander auszugleichen; und Lady Gliſtonbury hielt es in dieſer Epoche fuͤr nothwendig, ihre gewohnte Strenge etwas zu beſeitigen. Man ging mit großer Frei⸗ heit bei ihr aus und ein, und zog die Etiquet⸗ Geſetze des Schloſſes Gliſtonbury nicht mehr zu Rathe. Vivian war der Mitirlpunft der allgemeinen Theilnahme, und ſobald er er⸗ ſchien, beeilte ſich jedes Familienglied ihn zu fragen: was bringen Sie Neues? wie ſind die Sachen heute gegangen? was nimmt es fuͤr einen Gang? haben Sie an den und den geſchrieben? ſind Sie bei dem und dem geweſen? ich werde ein Billet fuͤr ſie ſchreiben; ich will Ihren Briefab⸗ ſchreiben.„Es wurde zu einer gemeinſchaftlichen Angelegenheit, und ſelbſt Miß Striktland wuͤrdigte die Bewerbung ihrer Theilnahme, und verwendete ſich mit ihrer linkiſchen Art dafuͤr; denn es ſtand der Kredit der Gliſtonbury auf dem Spiele, und folglich war ihre Theil⸗ nahme nichts Unſchickliches. Ruſſels außer⸗ ordentliche Unruhe bewog Vivian, öfter ſelbſt als es noͤthig war, ins Schloß zu kommen, um jenen zu beruhigen und ihm zu verſichern, daß Alles trefflich ginge. Der junge Lord Lidhurſt von aͤußerſt guter Gemuͤthsart, der ſeinem Er⸗ zieher anhaͤnglich zu werden anfing, ſtand Wache und paßte Vivians Ankunft ab; erſchien letz⸗ terer, ſo ſprang er ſo ſchnell als moͤglich eine kleine Seitentreppe hinauf zu Ruſſel, um es ihm zu melden, und beeilte ſich der Erſte zu ſeyn, der die Neuigkeit ihm mittheilte. Lady Sarab⸗ jene Statne von Eis, ſchien ſich ein wenig zu beleben, und alle Tage bequemte ſie ſich, in denſelben Ausdruͤcken zu Vivian zu ſagen: „ſie hoffe, daß die Wahl ſo gut von ſtatten gin⸗ ge, als man Grund haͤtte, zu erwarten.“ In Folge deſſen verbreitete ſich das Geruͤcht, Vi⸗ vian werde der Nachfolger des letzten Reprä⸗ ſentanten der Grafſchaft in allen ſeinen Ehren und Wuͤrden werden. Kaum waren acht Tage ver⸗ gangen, ſo ſprach ihm das freigebige Publikum die Hand der Lady Sarah zu, und man ſetzte ſchon den Hochzeittag feſt. Da das Fraͤulein nach dem Geſtaͤndniß ihrer Aeltern um zwei oder drei, ihrem Geſicht nach wenigſtens um vier Jah⸗ re alter war als Vivian, vernahm er dieß Geruͤcht, ohne ſich wegen ſeiner Treue gegen Selina im geringſten beunruhigt zu fuͤhlen. Er lachte daruͤber, wie uͤber einen artigen Spaß, als Ruſſel das erſte Mal ihm etwas davon fag⸗ te. Dennoch beſtaͤtigte das Betragen des Lord Gliſtonbury ſeine offenherzige Vertraulich⸗ keit mit Vivian, alle Tage mehr jene Mei⸗ nung im Publikum. „Wenn Herr Vivian ſein Soyn waͤre koͤnnte Milord ſich nicht lebhafter fuͤr ihn in tereſſiren“ aͤußerte in Gegenwart der Lady Sa⸗ rah Lidhurſt ein Gutsbeſitzer, der alles das, was er dachte, ohne Umſchweif zu ſagen pfleg⸗ te. Lady Sarah verzog ein wenig das Ge⸗ ſicht und warf den Kopf zuruck; Lady Julie aber laͤchelte mit einem boshaften Blick auf ihre — 80— Schweſter. Die Lebhaftigkeit der Lady Julie hatte waͤhrend der Dauer dieſer Wahl, wo alle Welt naͤrriſch zu ſeyn ſchien, gar nichts auffal⸗ lendes; im Gegentheil, wenn ſie ſich noch ſo viel Freiheiten heraus nahm, wenn ſie ſich noch ſo ſehr uͤber andere luſtig machte, verlaͤugnete ſie nie jenen Anſtrich von guter Erziehung und feiner Sitte, der immer bei der gemeinen Luſt⸗ barkeit vermißt wird. Vivian kam es vor⸗ als ob Julie weniger kindiſch geworden wäre⸗ und er bemerkte in ihrem Muthwillen und in ih⸗ ren Scherzen eine Miſchung von weiblicherSchuͤch⸗ ternheit, die ſie ſehr anziehend machte. Eines Abends unter andern, wo ihr Vater zu ſehen verlangte, was ſie in den Morgenſtunden gearbeitet habe, brachte ſie ein Koͤrbchen voll Vivian⸗Cocarden, mit eigenen zarten Haͤn⸗ den verfertigt. Vioian fand Julien ſehr huͤbſch. Sie ſolle, ſagte ihr Vater, die Cocar⸗ den der Perſon uͤbergebeu, fuͤr welche ſie be⸗ ſtimmt waͤren, und ſie aing damit auf Ruſſel zu, und ſagte:„ſie geboͤren fuͤr ihren Freund⸗ mein Herr.“ Vivian fand Julien rei⸗ zend. Lady Mary unterdruͤckte einen Seuf⸗ zer, und glaubte wohl fuͤr ſich zu behalten, was ſie denke. Jene gluͤcklichen Tage der geſpannten — — — 81— Erwartung und der geſellſchaftlichen Gleichheit gingen mit der Entſcheidung der Wahl bald zu Ende. Nachdem die Stimmen der Grafſchaft aller Orten geſammelt waren, wurde endlich der Kampf entſchieden und— Vivian foͤrmlich gewaͤhlt. Es ward ihm der Ehrenſeſſel angewie⸗ ſen; von dem laͤrmenden Poͤbel im Triumphe em⸗ porgetragen, warf er mit vollen Haͤnden Geld aus. Er genoß alle Ehrenbezeigungen einer Wahl: die Pferde wurden von ſeinem Wagen ausgeſpannt, und Menſchen ſpannten ſich ein die im kurzen ſo betrunken waren, daß man in ihnen keine Spur von dem, was man ein ver⸗ nuͤnftiges Thier nennt, mehr wahr nahm. Nicht die Waͤhler aus den niedern Klaſſen allein, ſon⸗ dern auch jene von hoͤherem Range wollten, wie es bei ſolchen Gelegenheiten gebraͤuchlich, ihre Wahl und ihr treffliches Urtheil ehren, und tran⸗ ken auf die Geſundheit ihres Repraͤſentanten, ih⸗ rer eigenen zum Nachtheil, bis ſie nicht mehr ſahen, hoͤrten und faſſen konnten. Unſer Held war weit entfernt ein Trinker aus Hang zu ſeyn, aber er war genoͤthigt zu thun, was die Andern thaten; und Lord Gliſtonbury ſchwur, auf die Ent deckung, welch ein guter Geſellſchafter bei der Tafel Vivian ſeyn könne wenn er woll⸗ Vivian 1. Theil 0 — 82— te, fernerhin ſeine Entſchuldigungen nicht mehr gelten laſſen. Wenige Tage nach dieſer Wahl verſammelte ſich das Parlament; und da eine wichtige An⸗ gelegenheit eroͤrtert werden ſollte, wurden alle Mitglieder insbeſondere eingeladen zu erſcheinen. Vivian mußte ſich daher unverzuͤglich nach London verfagen, und ſeine Vermählung noch⸗ mals aufſchieben. Es ſchmerzte ihn, ſich ſo ploͤtz⸗ lich von Selina zu trennen, und er betheuer⸗ te, in den zaͤrtlichſten und leidenſchaftilchſten Ausdrüuͤcken, ſobald ihm ſeine Amtspflichten einen freien Augenblick ließen, eiligſt an ihre Seite zu⸗ ruͤckzukehren, um ſeine Anſpruͤche auf das Gluͤck, das ſie ihm zugeſagt, gelten zu machen. Gegen das Ende der Parlamentsſitzungen ſollte das Schloß vollendet und vom Gerichte aus alles in Ordnung gebracht ſeyn; und Vivian ſetzte hin⸗ zu, daß er ſeinen Aufenthalt in der Stadt benutzen werde, alle noͤthigen Vorbereitungen zu treffen: in Folge deſſen bat er Selina, den Tag ihrer Vermaͤhlung zu beſtimmen, und ihn nicht ſpaͤter hinaus feſtzuſetzen, als auf die Woche nach dem Schluſſe dieſer Parlamentsſitzungen. Miß Sid⸗ ney aber, ein Frauenzimmer von vielem feinen Gefuͤhl und Wuͤrde in ihrem Charakter, bedach⸗ — 83— te, daß Viviau ſeit Kurzem in ſeiner Zunei⸗ gung zu ihr einige Lauigkeit verrathen und in ſei⸗ nen Entſchluͤſſen Mangel an Feſtigkeit gezeigt hatte. In der Angelegenheit von dem Baue des Schloſſes und in jener der Wahl, war er augen⸗ ſcheinlich von andern geleitet worden, anſtatt nach ſeiner eigenen Ueberzeugung zu handeln. Sie dachte ſehr kluͤglich, daß er auch in wichti⸗ geren Dingen ſein Urtheil dem Urtheile anderer aufopfern koͤnne; und dieſen Falls was blieb ihr für eine Sicherheit in ſeinen Grundſaͤtzen? Er konnte in die Zerſtreuungen und in die Laſter der Mode hineingeriſſen werden. Unabhaͤngig von dieſen Beſorgniſſen, uͤberlegte ſie, daß Vivian Beſitzer eines großen Vermoͤgens war; daß ſeine Mutter ungern in ihre Verbindung eingewilligt habe; daß er noch ſehr jung war und ſich wenig in der Welt umgeſehen hatte, und daß er ſich vielleicht eines Tages eine Heirath aus Lie⸗ be koͤnnte gereuen laſſen, Sie wollte daher nicht gerade zu, daß er ſich durch neue Verſprechen binden ſollte. Sie hieß ihn ſich als frei aller Verbindlichkeiten gegen ſie zu betrachten. Bei alle dem, daß ſie ſich ſo aͤußerte, war es aus allen ihren Gebehrden zu erkennen, daß ſie ihm ſeine Freiheit nur um ſeiner Selbſtwillen wie⸗ 6* —— — 84— derzugeben wuͤnſchte; in ihren eigenen Ge⸗ ſinnungen aber, ſo ſehr ſie dieſelben im Zaume hielt, keineswegs ſich peraͤndert hatte. Vivian war von dieſem Zartgefuͤhl und dieſer Großmuth geruͤhrt: im Feuer ſeiner Empfindungen ſchwur er ihr, ſich niemals zu aͤndern, und als er es ſchwur, war es ſein feſter Glaube. Lady Ma⸗ ry erſtaunte ebenfalls uüber das Benehmen der Miß Sidney im Augenblicke ihrer Trennung, und geſtand, daß man unmoͤglich zu gleicher Zeit mehr Zaͤrtlichkeit und mehr Wuͤrde an Tag legen koͤnne. Niemand indeß, ſelbſt Vivian nicht, machte ſich von dem Schmerze, den Selina bei dieſer Trennung empfand, einen Begriff. Ihre Vernunft und ihre Klugheit ſagten ihr wohl, es eigne ſich zu ihrem Gluͤck und dem Gluͤcke Vi⸗ vians, daß er ein wenig beſſer die Welt ken⸗ nen lerne, und daß ſie einige neue Beweiſe von der Beſtaͤndigkeit ſeiner Liebe erhielte, ehe ſie ſich unwiderruflich mit ihm verbaͤnde: allein in⸗ dem ſie durch ihre Ueberlegungen ihrem Geiſte Staͤrke zu gewinnen ſuchte, fluͤſterte ihr die Liebe ſchmerzliche Beſorgniſſe ein; und ob es ſie gleich nicht gereuete, Vivi an ſeiner Verſpre⸗ chungen entlaſſen zu haben, zitterte ſie doch vor den Folgen dieſer ihm zugeſtandenen Freiheit in der w — 85— der Mitte der Verſuchungen, denen ihn ſein Leben in London ausſetzen wuͤrde. —„Meine Liebe,“ ſagte Miſtriß Sid⸗ ney zu ihrer Tochter—„dieß Parlament wird bald geendigt ſeyn; ich bin gewiß, es kann nicht lange dauern; und es iſt nicht die geringſte Ge⸗ fahr, zumal nach einem ſo ſchoͤnen Benehmen deiner Seits nicht die geringſte Gefahr, daß Vi⸗ vians Herz ſich aͤndere. Nein, ſelbſt ſeine Auffuͤhrung nicht, in keinem Betracht; denn bei alle dem, daß er durch ſein Vermoͤgen und ſeine Verhaͤltniſſe ausgeſetzt iſt, mit ausgelaſſenen Leu⸗ ten zu leben, hat er doch ſo gute Grundſätze und ſo ein gluͤckliches Naturel, daß ich gaͤnzlich ſei⸗ ner gewiß bin.“ —„Aber er laͤßt ſich ſo leicht leiten,“ er⸗ wiederte Selina. —„Dieß iſt wahr, meine Liebe, aber du wirſt ſehen, daß er ſich nie zu einem Unrecht wird verleiten laſſen.“ „Ich wuͤnſchte,“ fuhr ſie fort,„wie Herr Ruſſel ſagt, daß er ſich nicht haͤtte uͤberreden laſſen, den koſtſpieligen Bau des Schloſſes zu unternehmen und die Ausgaben dieſer ſtreitigen Wahl zu machen; indeß in dieſem Allen iſt nichts Unrechtes. Jeder junge Mann, der bei guter — 36— Zeit in Beſitz eines großen Vermoͤgens tritt, gibt unbeſonnen Geld aus, auf eine oder die andere Weiſe, und da er ſich zu dieſen Dingen, die von Geſchmack und der Meinung abhaͤngen, hat ver⸗ leiten laſſen, muß man deßhalb nicht fuͤrchten, daß er in Faͤllen, die mit den Grundſaͤtzen ſtreiten, auch fremden Zureden nachgeben, oder ſich Anderer Beiſpiel zum Muſter waͤhlen werde; ſey verſichert, meine Liebe, er wird, deiner wuͤr⸗ dig, zu uns zuruͤckkehren. Es gibt kein beſſeres Ver⸗ wahrungsmittel fuͤr einen jungen Mann, als ei⸗ ne Reigung zu einem tugendhaften und liebens⸗ wuͤrdigen Frauenzimmer.“ „Ich vermuthe, daß auch Lord Gliſton⸗ bury zum Parlament nach London geladen wird,“ ſagte Selina,„wiſſen moͤchte ich, ob ſeine ganze Familie ihn dahin begleitet.,, Orittes Kapitel. Aës unſer Held nach ſeiner Ankunft zu London in die Geſellſchaften von feinem Tone eingefuͤhrt wurde, war er mit Selina Sid⸗ neys Bilde noch ſo ſehr beſchaͤftigt, daß keine Zerſtreuung ihm gefaͤhrlich werden konnte. Er erſtaunte uͤber den Feuereifer, mit welchem ſo viele junge Leute laͤppiſchen Vergnuͤgungen nach⸗ hingen, und noch mehr uͤber die Stumpfheit an⸗ derer ſeines Alters, die ein traͤges und unbedeu⸗ tendes Daſeyn verlebten. Lord Gliſtonbury, der mit Vivian zu gleicher Zeit nach London berufen war, hatte in dem Hauſe der Pairs ſeinen Platz eingenom⸗ men. Viovian beſuchte Ruſſeln, der die Familie des Lords in die Stadt begleitet hatte. Dieſer vernahm mit großem Vergnugen, wie er ſich mit Feuer und edlem Unwillen uͤber die Modelaſter verbreitete; nur wuͤnſchte er, daß — — — — 88— dieſe Geſinnungen danernd ſeyn moͤchten, und daß ſein Freund ſich niemals verleiten laſſe die Albernheiten nachzuahmen oder zu dulden, welche er gegenwaͤrtig ſo ſehr verachtete. —„Indeß,“ nahm Vivian das Wort, „ſagen Sie mir, wie ihre Angelegenheiten ſte⸗ hen, wie Sie ſich hier in ihre Lage finden, wie ihre Verhaͤltniſſe zu ihrem Zoͤgling und zu der ganzen Familie von Gliſtonbury beſchaffen ſeyen? Laſſen Sie mich ein bischen in die Cou⸗ liſſen treten, denn ich ſehe dieſe Leute nur in der Scene auf dem Theater.“ Ruſſel antwortete in allgemeinen Aus⸗ druͤcken; er hoffe, daß Lord Lidhurſt ſich wohl ausbilden werde, und daß er dem zu Folge mit ſeiner Lage zufrieden ſey; allein er vermied es, ſich auf irgend einen einzelnen Umſtand ein⸗ zulaſſen, weil er in der Familie eine der ver⸗ trauten Perſonen war. Er dachte, daß ein Lehrer und ein Arzt in gewiſſer Hinſicht bei ihrer Ehre verpflichtet ſeyen, mit großer Be⸗ hutſamkeit von den Gebrechen ihrer Kranken und den Fehlern ihrer Zoͤglinge zu reden. Ein⸗ geweiht in die Geheimniſſe der Familien, ſollten ſie niemals, ſagte er, von dem ihnen geſchenkten Zutrauen Mißbrauch machen. Die ehrenvolle Zuruͤckhaltung, welche Ruſſel bei dieſer Ge⸗ legenheit beobachtete, machte Vivian unge⸗ duldig, der auf alle ſeine Fragen bloß die Ant⸗ wort erhielt:„Ueberzeugen ſte ſich ſelbſt.“ Die Lebensweiſe, welche man in einer großen Stadt beobachtet, und die Art, auf welche man zu⸗ ſammen koͤmmt, machte dieß fuͤr Vivian ſehr ſchwer. Die Verbindlichkeiten, welche er ge⸗ gen Lord Gliſtonbury in Hinſicht auf ſeine Wahl hatte, machten ihn geneigt, ihm bei jeder Ge⸗ legenheit viele Ehrfurcht und Hochachtung zu be⸗ weiſen, und jene enge Vertraulichkeit, die zwi⸗ ſchen ihnen entſtanden war, wurde bis zu einem gewiſſen Grade in London fortgeſetzt. Lady Mary war fortwaͤhrend die Gefaͤhrtin der La⸗ dy Gliſtonbury, und Vivian ſpeiste oft bei Milord. Was die Kaͤlte und Foͤrmlichkeit der Lady Gliſtonbury belangt, ſo benahm ſie ſich gegen Lady Mary ſehr zuvorkommend, und Vivian begleitete dieſe Damen immer nach den oͤffentlichen Orten. Dieß war ihm keinerdings mißfaͤllig, in der Hinſicht, weil ſie Perſo⸗ nen von ſehr bedeutendem Anſehen waren, die immer von Leuten aus den erſten Ge⸗ ſellſchaften umgeben waren. Ladp Mary dach⸗ te, es ſey ein großer Vortheil fuͤr ihren Sohn, — — ———————:n— ——— — —— — — — — — — 90— freien Zutritt in ein Haus, wie jenes des Lord Gliſtonbury, zu haben. Außerdem, daß dieſes zur ſichern Buͤrgſchaft fuͤr ſeine Mora⸗ litaͤt diente, fand Milady darin eine Be⸗ friedigung fuͤr ihre Eigenliebe, die ſich nem⸗ lich ſehr geſchmeichelt fand, ihren Sohn bei Perſonen von vorzuͤglichem Range ſo wohl auf⸗ genommen zu ſehen. Das Geruͤcht, welches ſich auf dem Lande verbreitet hatte, daß Vivian ſich mit Lady Sarah Lidhur ſt vermaͤblen werde, ſetzte ſich auch gar bald in der Stadt in Umlauf. Doch darin lag nichts Befremdendes, denn in London kann ein junger Mann nicht drei bis vier Mal in der Aufeinanderfolge mit dem⸗ ſelben Frauenzimmer tanzen, oder fuͤnf bis ſechs Mal oͤffentlich an ihrer Seire Platz nehmen und eine Unterredung pflegen, ohne daß nicht ſchon auf allen Seiten von Heirathen geſprochen wird. Vivian war, wahrend ſeiner Reulingsepoche in der Stadt, hievon vielleicht nicht binlaͤnglich unterrichtet: bald aber ſah er mit Befremden ſich von allen Leuten befragt, wann ſeine Heirath mit Lady Sarab Lidburſt vor ſich gehen werde. Anfangs beſchraͤnkte er ſich darauf, uͤber dieſe Fragen zu lächeln und dieſes Geruͤcht fuͤr unge⸗ gruͤndet zu erklaͤren, allein er mochte betheuern, — 91— wie er wollte, man glaubte ihm nicht, und rech⸗ nete ihm ſeine beſcheidene Zuruͤckhaltung zum Verdienſte an; ſeine guten Freunde ſagten ihm, er verſtehe ſich ſehr wohl darauf, ein Geheimniß zu be⸗ wahren; ſie ſeyen jedoch verſichert, daß die Sa⸗ che Statt haben werde. Man wuͤnſchte ihm Gluͤck zu der herrlichen Zukunft, welche eine ſo große Heirath ihm bereiten werde; denn, ſagte man⸗ wenn auch Lady Sarah Ihnen kein großes Vermoͤgen zubringt, ſo iſt dieſe Verbindung doch in andern Hinſichten ſo vortheilhaft, daß man geſtehen muß, Sie haben allerdings ein beſonde⸗ res Gluͤck. Die Wichtigkeit, welche dieſes Ge⸗ ruͤcht ihm unter den jungen Leuten von ſeiner Bekanntſchaft verſchaffte, und der Neid, wel⸗ chen er erregte, war fuͤr ſeine Laune eben ſo unterhaltend als fuͤr ſeine Eitelkeit. Die Art der Unterhaltung, welche er in allen Geſellſchaf⸗ ten vorherrſchend fand; die Bemerkungen der Jungen wie der Alten, wenn von Heirathen in der großen Welt die Rede war, Bemerkungen, die vor Allem ſich um Gluͤck, Rang und Verbindung herum drehten, gewannen allmaͤhlich, wenn nicht auf die Art, wie Vivian dieſe Dinge betrach⸗ tete, doch auf jene Art, mit der er davon ſprach, einen ſichtbaren Einfluß. Noch fruͤher als er — 92— in dieſen Geſellſchaften ſich bewegte, wußte er, daß dieſes die Grundſaͤtze ſeyen, nach welchen der Weltmann handle; da er aber dieſe Begriffe nur vom Hoͤrenſagen hatte, ſo ſchienen ſie ihm auch weder ſo wahr noch ſo wichtig zu ſeyn, als jetzt, da er ſie in Geſtalt und Leben uͤbertragen fand. Der Einfluß, welchen dieſe Anſichten auf ihn hatten, entging ihm nicht, doch hatte er Feſtigkeit genug, um auf jenem Urtheile zu be⸗ harren, welches er ſonſt nach gehoͤriger Erwaͤgung und Prufung gefällt hatte. Die Begriffe, welche er von ſeiner Geliebten hegte, erlitten keine weſentli⸗ che Abaͤnderung, er hielt ſie jederzeit fur all' dem⸗ jenigen uͤberlegen, was er an bewunderten Weibern in der eleganten Welt zu Geſicht bekam; doch zu⸗ gleich verſiel er auf den Wunſch ſeiner Mutter, daß doch Selin a den wirklichen Werth, welchen ſie beſitze, mit den Vortheilen einer hohen Geburt oder doch wenigſtens mit dem Tone einer gewiſ⸗ ſen Klaſſe von Leuten verbaͤnde. Er beſchloß, ſobald ſie ſeine Fran ſey, ſie in die erſten Geſellſchaften der Hauptſtadt einzufuͤhren, und mit Selbſtgefaͤlligkeit dachte er an die Ver⸗ anderungen, welche das Hinzukommen der zau⸗ beriſchen Anmuth des Geſchmacks und der Mode in ihrem Aeußeren hervorbringen werde; er ver⸗ 2 gnuͤgte ſich an dem Gedanken des Eindrucks, den ſie erregen, ſo wie der Huldigungen, die man ihr darbringen werde, wenn ſie als Mada⸗ me Vivian erſchiene, denn er verſprach ſich allerdings ſte mit jenem Glanze bedecken zu koͤn⸗ nen, welchen das Gluͤck und ein gewiſſer Ton verſchafft, und der bei Großen, wie bei Kleinen ſeine Wirkung nicht verfehlt. Als Vivian einſt ſo eben in ſolch' ange⸗ nehme Traͤume ſich verlor, ſchreckte ſie Ruſſel mit dieſer Frage auf: Wann werdeu ſie Lady Sarah Lidhurſt heirathen?“ „Und Sie richten dieſe Frage an mich,“ ſagte Vivian. —„Warum nicht ich? Dieß iſt eine Fra⸗ ge, welche die ganze Welt an mich ſtellt, weil ich Ihr Freund bin, und ich waͤre Ihnen in Wahrheit verbunden, wenn ſie mir eine Aulwort ertheilten, die mir eine gewiſſe Bedeutenheit gä⸗ be, zu der ich mich unmoͤglich erheben kann, wenn ich immer gezwungen bin, die Antwort zu geben: Ich weiß nichts.“ —„Sie wiſſen nichts? Warum antworten Sie nicht geradezu: Niemals? So antworte ich,“ ſagte Vivian,„allen Rarren, welche die naͤm⸗ liche Frage an mich ſtellen.“ — 94— —„Weil ſie behanpten, dieß ſey zwar Ihre Antwort, doch känne man ſie fuͤr nichts an⸗ deres als fuͤr eine Ausflucht nehmen.“ —„Hier kann ich nichts thun. Iſt's meine Schuld, wenn ſie die Wahrheit nicht glauben wollen?“ —„In ahnlichen Fällen halten ſich die Leu⸗ te an den Schein, und wenn dieſer Schein mit ihren Verſicherungen im Widerſpruche ſteht, ſo duͤrfen Sie ſich nicht wundern, daß man Ihnen nicht glaubt.“ —„Nun ſo ſey es; die Zeit wird ſie leh⸗ ren, daß ſie ſich irren,“ ſagte Vivian.„In⸗ deß begreife ich nicht, von welchem Schein Sie ſprechen.— Welcher Schein iſt es denn, der ge⸗ gen mich zeugt? In meinem ganzen Leben habe ich kein Weib geſehen, welches zu lieben ich we⸗ niger geſtimmt waͤre, als Lady Sarab Lid⸗ hurſt, und niemals habe ich weder ihr noch Je⸗ manden von ihrer Familie die mindeſte Veran⸗ laſſung zu dem Wahne gegeben, daß ich in irgend einer naͤheren Beziehung an ſie daͤchte.“ —„Dieß iſt ſehr wahrſcheinlich; allein Sie ſind unablaͤſſig bei Lord Gliſtonbury, und Sie begleiten Milady an alle oͤffentliche Orte: glauben Sie vielleicht, daß man auf ſol⸗ che Art die Geruͤchte zum Schweigen bringt, die in Umlauf gekommen ſind?“ —„Moͤgen ſie denn ſchweigen oder ſich vermehren dieſe Geruͤchte; mich kuͤmmert's nicht,“ ſagte Vivian.„Weiß ich nicht, daß ſie falſch ſind, und kann ich mich nicht damit begnuͤgen?“ —„Es kann Ihnen indeß doch einige Ver⸗ legenheit zuziehen,“ ſagte Ruſſel. —„Guter Gott, koͤnnen Sie, der Sie mich ſo genau kennen, mich fuͤr ſo ſchwach hal⸗ ten, daß ich deßhalb ia Verlegenheit geriethe? Wiſſen Sie denn: lieber will ich dieſe Hand ins Feuer halten und ſie verbrennen ſehen, als ſie der Lady Sarah Lidhurſt anbieten.“ —„Ich zweifle nicht daran, daß Sie ſo denken,“ ſagte Ruſſel. „Ich werde auch alſo handeln,“ entgegne⸗ te Vivian. —„Es iſt moͤglich, und doch duͤrften Sie in eine unangenehme Stimmung gerathen, ſo⸗ bald ſie entdecken wuͤrden, daß Sie Hoffnungen auffeimen und ſelbſt eine Erwartung entſtehen machten, der Sie nicht zu entſprechen vermo⸗ gen. Wenn man Sie beſchuldigte, dieſe junge Lady verfuͤhrt zu haben, wenn alle ihre Ver wandten erklaͤrten, daß Sie ihre Herzeusguͤte mißbraucht haͤtten, Vivian, ich kenne Ihr Gemüuͤth, dann wuͤrden Sie Ihre eigne Ruhe geſtoͤrt und ſich dem herbſten Unmuthe Preis gegeben ſehen. Waͤre es nicht beſſer, dieſem Al⸗ len zuvorzukommen?“ —„Indeß, weder Lady S arah noch ih⸗ re Freunde legen mir etwas zur Laſt; ich bemer⸗ ke in der Familie nicht die mindeſte Spur von Anſichten oder Geſinnungen, welche Sie ihnen zumuthen.“ —„Die Frauen, und inſonderheit die jun⸗ gen Perſonen vom Stande, laſſen nicht immer ſichtbar werden, was ſie eigentlich denken, uͤber⸗ dieß wiſſen ſie ihre Gefuͤhle ſehr wohl zu verber⸗ gen,“ ſagte Ruſſel. „Lady Sarah Lidhurſt hat weder Ge⸗ danken noch Gefuͤhle“ entgegnete Vivian, ſie iſt nicht mehr als ein Automat. In dieſer Hin⸗ ſicht will ich fuͤr ſie gut ſasen, und ich kann ihr die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu er⸗ klären, daß ſie vom erſten Augenblick bis zum letzten, an dem ich ſie geſehen, ſich in Bezug auf mich mit einem eben ſo verſteinernden als verſteinerten Anſtand benommen habe.“ „Ich begreife nicht ſehr wohl, was dieſer verſteinerte Anſtand eigentlich bedeuten moͤge,“ erwiederte Ruſſel,„indeß, worin auch ſeine Bedeutung beſtehe, ſo handelt es ſich nicht darum; denn es wird nicht gefragt, ob das Benehmen der Lady Sarah angemeſſen und ſchicklich war, ſondern vielmehr, ob es das Ih⸗ rige war. Und obgleich ich Sie nicht daran hindern will, Milady eine Verſteinerung, einen Automat oder wie es ſonſt gefaͤllig waͤre, zu be⸗ nennen, ſo bilde ich mir dennoch ein, daß ſie ein menſchliches Geſchoͤpf und zwar ein Frauen⸗ zimmer iſt, und ich denke, die Pflicht eines Mannes von Ehre und Rechtſchaffenheit beſtehe darin: ſie nicht zu betruͤgen.“ „Um keinen Preis in der Welt“ nahm Vi⸗ vian das Wort,„moͤchte ich weder ſie noch ein anderes Frauenzimmer hintergehen. Doch, wie ſollte ich dieſes gethan haben, da ich Sie verſich're, daß ich niemals ein Wort der Liebe oder der Galanterie und was ſonſt dieſem aͤhn⸗ lich ſieht, gegen ſie ausgeſprochen habe?“ „Sie wiſſen aber doch, daß die Sprache conventionel iſt, beſonders im Fache der Galan⸗ terie“ bemerkte Ruſſel. „Dieß iſt allerdings gegruͤndet; allein ich ſchwoͤre Ihnen, daß auch die Sprache meiner Vivian 1. Theil. 7 Augen, wenn Sie auf dieſe abzielen, nie eiwas Zweidentiges hatte.“ „Das iſt nicht ſo ganz dasjenige, was ich ſagen will, ich meine vielmehr die gewiſſen Zei⸗ chen, wonach die Welt in ſolchen Faͤllen ur⸗ theilt. Zum Beiſpiel, wenn man einen Mann zu wiederholten Malen mit demſelben Frauen⸗ zimmer oͤffentlich erſcheinen ſieht.“ „Das iſt aber abgeſchmackt, unertraͤglich, laͤcherlich: Dieſes hieße allen geſellſchaftlichen Umgang unterſagen, und einen Mann zwingen weder öffentlich noch im engeren Kreiſe mit ei⸗ nem Frauenzimmer zu ſprechen, dieß hieße dem einen Geſchlechte alle Mittel benehmen, ſich ei⸗ ne genaue Kenntniß des Charakters und der Rei⸗ gungen des andern zu verſchaffen.“ „Ich räume Alles ein, was Sie da ſa⸗ gen, ich fuͤhle die Wahrheit ihrer Bemerkungen; ich wuͤnſchte,“ erinnerte Ruſſel,„daß man den geſellſchaftlichen Verkehr in dieſer Hinſicht umſtaltete, allein es iſt nicht der einzelne Menſch, welcher die allgemein uͤbliche Sitte verdraͤn⸗ gen koͤnnte, und da Sie fuͤr Ihre Perſon kein Intereſſe daran finden, den Charakter und die Neigungen der Lady Sarah Lidhurſt genauer kennen zu lernen, ſo werden Sie ſehr wohl dar⸗ — 392— an thun, ſich nicht ihrentwegen jenen widrigen Verhaͤltniſſen auszuſetzen, welche aus Ihrer Ver⸗ nachlaͤſſigung angenommener Gebraͤuche und feſt⸗ begruͤndeter Meinungen entſtuͤnden.“ „Sehr wohl, ſehr wohl; ſagen Sie mir nichts Weiteres hieruͤber“ antwortete Vivian, „verſchonen Sie mich mit Ihrer Logik und mit Ihrer Moral. Ich werde alles thun, was Sie wollen, Sie haben mich nur anzuweiſen, wo⸗ mit ich den Anfang machen ſoll.“ „Ziehen Sie ſich allmaͤhlig aus dieſem Hau⸗ ſe auf einige Zeit zuruͤck, und das Geruͤcht wird von ſelbſt verfliegen.“ „Mich zuruͤckziehen! Aber ich werde dieß ſehr ſchwer finden,“ rief Vivian aus,„denn dieſes Haus iſt fuͤr mich das angenehmſte in London; erſtens, weil Sie darin ſich aufhalten, dann weil, obgleich die Weiber darin ſo geſpreitzt wie Feuerzangen ſind, man verſichert ſeyn kann“ an der Tafel des Lord Gliſtonbury, die ſehr herrlich iſt, auch beſonders liebenswuͤrdige, durch Talente und Faͤhigkeiten in hohem Grade aus⸗ gezeichnete Perſonen zu finden. Erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß gute Tafel, gute Ge⸗ ſellſchaft, gute Unterhaltung und gute Muſik ein Haus ſehr angenehm machen, und daß es mir * — 100— ſehr mißfaͤllig waͤre, gerade dieſem entſagen zu muͤſſen.“ „Ich zweifle daran nicht,“ ſagte Ruſſel, „um ehrenvoll zu handeln, muß man oft weit Beſſerem und Wichtigerem entſagen. Dem groͤ⸗ ſth ßeren muß das kleinere Gut geopfert werden. al Bei ſolchem Anlaß iſt's, wo ſich die Staͤrke oder lie die Schwaͤche der Seele offenbart.“ be Vivian fuhlte die Richtigkeit der Be⸗ nt merkungen Ruſſels; er beſchloß ſeine Rath⸗ ſt ſchlaͤge zu befolgen und ſich allgemach aus der bf Geſellſchaft der Gliſtonbury's zuruͤczuzie⸗ ti hen. Doch es fehlte ihm an Feſtigkeit um auf V un ſeinem Entſchluſſe zu beharren, und wahrſchein⸗ D lich wuͤrde er nach wie vor an allen ihren Un⸗ t terhaltungen Theil genommen haben, waͤre nicht ein Umſtand eingetreten, der ihn in die Arme einer anderen, ihm noch anzichender erſcheinen⸗! den Geſellſchaft ſchleuderte. V 4 Unter den Maͤnnern von hoͤhern Geiſtesga⸗ ben und politiſcher Bedeutendheit, die man bei ü Lord Gliſtonbury traf, befand ſich ein ge⸗ ſe wiſſer Wharton, deſſen Umgang Vivian u ungemeines Vergnuͤgen machte, und der ſeine 3 Bekanntſchaft mit einem angelegentlichen Eifer n ſuchte, welcher dem letzteren nicht anders als — 101— ſehr ſchmeichelhaft war. Vivian kannte ihn nur als einen vorzuͤglich geſchickten Mann, ſein eigent⸗ licher Charakter war ihm unbekaunt. Wharton beſaß ein einladendes Benehmen und Geiſt ge⸗ nug, wenn es ihm gefaͤllig war, ſeine Sophi⸗ ſtereien geltend zu machen. In beſondern und oͤffentlichen Debatten bediente er ſich mit Leich— tigkeit aller Gattungen von Geiſtsswaffen und unbedenklich bediente er ſich derſelben; von dem Donnergeſchuͤtze einer Beredſamkeit bis zum taͤndelndem Scherze ſtand ihm Alles zu Gebot, wie die Gelegenheit es erheiſchte. In der Wahl ſeiner Geſellſchaft war er eben ſo wenig bedenk⸗ lich als in Bezng auf den Gegenſtand und den Ton ſeiner Unterhaltung. Oft unterhielt er ſich mit Thoren, und er wurde nicht boͤfe dar⸗ uͤber, ebenfalls fuͤr einen ſolchen zu gelten. In ſolchem Falle mußten ihm die Ausſchweifungen und die Schwaͤchen des menſchlichen Verſtandes zum Spiele oder zum nützlichen Werkzeuge die⸗ nen. Bei all ſeinem philoſophiſchen Glanze, mit dem er ſich zu umgeben wußte, bei aller Feinheit des Mannes von Erziehung und Welt, war doch Wharton zu gleicher Zeit ein aus⸗ gearteter, verdorbener Menſch. Nachdem er ſein Vermoͤgen durch unbegraͤnzte Ausſchweifun⸗ — 1 0 2— gen vergeudet hatte, lebte er, ohne daß Jemand eine Quelle erkannte, im ſorgloſeſten Ueberfluſſe. Im öffentlichen Leben ſpielte er eine große Rolle, und ſchien, dieſem gemaͤß, ſich befreit zu hal⸗ ten von der Ausuͤbung jener untergeordneten Tu⸗ genden der Sparſamkeit, Vorſicht und Gerech⸗ tigkeit, welche gewoͤhnliche Leute fuͤr ſo weſentli⸗ che Bedingungen ihres Gluͤckes halten. In der Geſellſchaft, weit entfernt ſeine Fehler zu ver⸗ bergen, ruͤhmte er ſich derſelben; denn er wuß⸗ te ſehr wohl, daß er, ſo lange die Stimmen⸗ mehrheit fuͤr ihn ſpraͤche, getroſt die geſunde Vernunft und die Strenge der Grundſaͤtze mit den Waffen der Kuͤhnheit und des Laͤcherlichen niederkaͤmpfen koͤnne. Seine große Kunſt beſtand darin, den Mann von richtigem und geradem Sinne als einen Duͤmmling, und den Tugend⸗ haften als einen Heuchler darzuſtellen; die Heu⸗ chelei war nach ihm das einzige Laſter, welches verdiente mit dem Stempel der Entehrung ge⸗ brandmarkt zu werden, und er trug Sorge zu beweiſen oder doch wenigſtens laut zu erklaͤren, daß er von demſelben ganz frei ſey. Selbſt wenn er den Wohlſtand beleidigte, wußte er einen gewiſſen Freiſtnn und eine Anmuth in ſei⸗ ne Aeußerungen zu legen. Er wußte das Ge⸗ gel — 103— praͤge von Ueberlegenheit des Geiſtes und Adel des Charakters anzunehmen, wenn er eingeſtand, daß er ſich von jener Selbſtſucht lei⸗ ten laſſe, welche andere Menſchen mit Sorgfalt verbergen, und die ſie vor ſich ſelbſt verheimlichen. Jene, die ihn kannten, leitete er mit Geſchick⸗ lichkeit dahin zu glauben, daß er in vorkommen⸗ den Faͤllen mehr Werth zu beweiſen wiſſe, als ſeine Grundſaͤtze ihn hierzu verpflichteten, wäh⸗ rend andere Menſchen gewoͤhnlich weniger taug⸗ ten als die Grundſaͤtze, zu welchen ſie ſich be⸗ kaͤnnten. Wollte er gefallen, dann war es bei⸗ nah unmoͤglich dem verfuͤhreriſchen Reize ſeines Benehmens zu widerſtehen, und er vernachlaͤſſigte Fein Mittel, ſich die allgemeine Gunſt anzueignen. Ihm war es wohl bekannt, daß ein guter Tiſch nothwendig ſey um ſelbſt Maͤnner von Geiſt um ſich zu verſammeln, und er trug angelegentlich dafuͤr Sorge, einen geſchickten Koch und treffli⸗ che Weine zu haben. Sein Koch war aber auch die einzige Perſon, die von ihm Geld erhielt; ſeinen Weinhaͤndler bezahlte er mit Worten, ei⸗ ne Muͤnze, die er mit großer Kunſt gangbar zu erhalten wußte, wie hundert Perſonen es bezeu⸗ gen konnten. Indeß ſo ſehr Wharton ſich auf die Kunſt verſtand, ſich gefaͤllig zu machen⸗ — 104— ſo feſſelte er doch nie Jemanden ganz an ſich. Er hatte wohl eine Partei, aber keine Freunde. Dieß kuͤmmerte ihn auch wenig; der Menſchen bediente er ſich als bloßer Werkzeuge; wurden ſte ihm nur dienſtbar, mit ihrem Herzen konn⸗ ten ſie anfangen, was ſie wollten. Es gehöorte zu ſeinem politiſchen Syſteme, die jungen Leute von Talent und Geld unter ſein Banner zu ſlel⸗ len; Vivian war ihm daher ein allerdings wuͤrdiger Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit. Die Angelegenheiten Whartons befanden ſich in ſolcher Verworrenheit, daß baares Geld oder politiſcher Einfluß ſeinem Daſeyn unentbehrlich waren. Unſer Held konnte zu gleicher Zeit die Koſten ſeines Aufwands decken und ſeine Bedeu⸗ tenheit vermehren. Wharton dachte, er koͤnn⸗ te von Vivian Geld borgen und uͤber ſeine Stimme im Parlamente ſchalten; allein der Aus⸗ führung dieſes doppelten Vorhabens ſtellten ſich zwei Hinderniſſe entgegen: Vivian hing ei⸗ nem liebenswuͤrdigen Weibe und einem achtungs⸗ werthen Freunde an. Wharton hatte R u ſ⸗ ſels Bekanniſchaft bei Lord Gliſtonbury gemacht, und bei verſchiedenen Eroͤrterungen uͤber politiſche Gegenſtaͤnde hatte er die Be⸗ merfung gemacht, daß Ruſſel nicht der Mann — 105— ſey, welcher das, was erſprießlich iſt, dem⸗ jenigen vorzoͤge, was gerecht waͤre; dann daß er ſich von ſeinen Grundſaͤtzen nicht dadurch ab⸗ bringen laſſe, indem man ihn furchtſam zu ma⸗ chen ſuche oder ſich uͤber ihn luſtig mache; uͤber⸗ dieß konnte es ihm nicht entgehen, daß Ruſ⸗ ſel bei ſeinem uͤberlegenen Einfluſſe auf Vi⸗ vian dasjenige zu erſetzen wiſſe, was dem letz⸗ teren an Feſtigkeit mangelte, und ſollte unſer Held ein Frauenzimmer wie Miß Sidney zur Gattin bekommen, ſo ſah Wharton voraus, es wuͤrde ihm unmoͤglich ſcyn, ſeine Abſichten durchzuſetzen. Er trug ſich daher mit dem Pla⸗ ne, Vivian von ſeinem Freunde Ruſſel und von Selina abzureißen. Einſt, des Morgens, kam er mit einigen Freunden zu Vivian und fand ihn mit ſchriftlichen Aufſätzen beſchaͤftigt. „Poeſie“ rief Wharton aus, nachdem er einen fluͤchtigen Blick auf das Papier ge⸗ worfen hatte,„in Wahrheit, Poeſie! Wirklich; ich weiß es wohl, dieſer arme junge Menſch iſt verliebt, und jeder Verliebte iſt ein Dichter und erlaͤßt ein Paar klaͤgliche Strophen an die ſchoͤ— nen Augen der Gebieterin ſeines Herzeus: Sa⸗ gen Sie mir doch, ich bitte Sie, von welcher Farbe ſind die Augen der Miß Sid ney? Sie — 106— iſt in der That ſehr anziehend; ich denke ſie ge⸗ ſehen zu haben; ich weiß nicht, bei welchem Pferderennen: warum koͤmmt ſie doch niemals nach der Stadt? Doch deßhalb, glaube ich, darf man ſie nicht tadeln, das karge Gluͤck iſt's, welches man beſchuldigen muß. Ja wohl, ein Maͤdchen ohne guͤnſtige Gluͤcksumſtände heira⸗ then, ſo etwas iſt eine mißliche Sache heutzu⸗ tag, wo doch die Ausgaben ſo hoch getrieben werden. Was Sie indeß betrifft, Sie haben genug fuͤr ſich und Ihre Frau, folglich koͤnnen Sie auch bei dem Einfalle bleiben, ſie zu hei⸗ rathen. Ich hingegen bin Gott Lob! nicht reich, und waͤre ich es von Geburt, ſo wuͤrde ich der ungluͤcklichſte aller Menſchen geworden ſeyn. Jederzeit muͤßte ich dann gedacht haben, daß die Frauenzimmer mich nur meines Geldes wegen liebten; dann haͤtte ſelbſt das Laͤcheln eines En⸗ gels mich nicht bezaubern koͤnnen.— Dieſe eng⸗ liſchen Maͤdchen oder ihre Muͤtter wiſſen in den jetzigen Zeiten allzuwohl nachzurechnen, und allzuſehr lieben ſie den Prunk und die Eitelkeit jener verkehrten Welt, die uns umgibt.“ „Ich hoffe doch,“ erwiederte ihm Vivian lächelnd,„Sie werden nicht das ganze ſchoͤne Geſchlecht mit Ihrer Satyre umfaſſen wollen?“ — 107— „Nein, hier ſind Ausnahmen zu machen. Jedes Weib gehorcht ihrem Leitſtern. Des Gluͤcks genug fuͤr die ſchwachen Weiber, wenn dieſer Stern ſie nicht irre fuͤhrt, ſo wie auch Gluͤck fuͤr Maͤnner ohne Feſtigkeit, wenn nicht der Engel vor der Heirath nachher ein wirkliches Weib, ein Kakodaͤmon wird. Doch wie koͤmmts⸗ daß ich auf dieß alles verfalle, die Urſache liegt darin, weil ich eine ſehr verdachtvolle Seele bin, und nicht gern unterdruͤcke, was ich ſo lebhaft empfinde Wollten andere an meiner Stelle auf dieſem Planeten der Verkehrtheit Alles ſagen, was ſie denken, ſo wuͤrde man finden, daß ſie nicht weniger verdachtvoll ſeyen als ich. So wenig ich auch tauge, ſo laſſe ich doch meinen Charak⸗ ter auf Einen Blick erfaſſen, und Niemand kann behaupten, Wharton ſey ein Heuchler; dieß iſt wenigſtens ein Troſt fuͤr mich. Aber im Ern⸗ ſte, Vivian, meine Abſicht iſt nicht uͤber die Liebe und uͤber die Schoͤnen mich luſtig zu ma⸗ chen; ich erinnere mich noch der Zeit, wo ich gleich ihnen meine Nomane hatte; doch dieß gehoͤrt zur laͤngſtvergangenen Zeit, das kann ich verſichern. Der Ehrgeiz iſt ein ſehr gutes Heil⸗ mittel gegen die Liebe;„der Ehrgeiz,“ ſang ich, „heile meine Liebe“ u. ſ. w. und die Cur gelaug —————— ————————— 8 — ——— — 108— vollſtaͤndig. Gegenwaͤrtig habe ich den Kopf von der neuen Bill, mit der wir uns im Parlamente tragen, ſo voll, daß Cupido vergebens ſeinen ganzen Koͤcher auf mich ausleeren wuͤrde. Hier iſt ein undurchdringlicher Schild,„ſagte Whar⸗ ton, indem er einen dicken Pack Parlaments⸗ acten auf ſeine Bruſt legte.„Kommen Sie Vi⸗ vian, gehen Sie mit uns zur Sitzung, und zeigen Sie ſich als Mann unter Maͤnnern.“ Vivian war ganz beſchaͤmt daruͤber, daß er in Abfaſſung eines Sonets ſich betreten ließ, und dadurch Wharton ein ſo ſchoͤnes Feld zu Neckereien eroͤffnete. Er begab ſim mit den Herren nach dem Hauſe der Gemeinen, wo Wharton eine ſehr glaͤnzende Rede hielt, die auch großen Beifall erndtete. Vioian theilte die Begeiſterung, welche Whartons Talente allgemein erregten, nahm ſeine Einladung au mit ihm Abends zu ſpeiſen, und erkannte in ihm ei⸗ nen eben ſo angenehmen Tafelgeſellſchafter, als einen maͤchtigen Volksredner. Von dieſem Tage an begruͤndete ſich ihre innige Vertraulichkeit und vermehrte ſich fortwaͤhrend. „Ich kann“ ſagte Vivian,„das Anzie⸗ hende ſeiner Geſellſchaft genießen, ohne durch — — 109— ſeine Grundſaͤtze und ſein Beiſpiel umgemodelt zu werden.“ Nicht ohne Beunruhigung ſah Lady Ma⸗ ry, wie dieſe Verbindung ſich bildete; doch ge⸗ ſchmeichelt fand ſie ſich dadurch, daß ihr Sohn von einem Manne geſucht war, der eine große Nolle in der Politik ſpielte, und ſie beſchwichtig⸗ te ihr Bewußtſeyn, indem ſie zu ſich ſelbſt ſagte „Er wird meinen Sohn auf der politiſchen Bahn vorwärts bringen, und was alles andere betrifft, ſo hat Karl Grundſaͤtze eingeſogen, welche ihn fuͤr immer hindern werden, im Privatleben ſei, nem Beiſpiele zu folgen.“ Wharton beſaß zu viele Gewandtheit, um gleich anfangs die Moral und die Vorurtheile Vivians abznſchrecken; er vegnägte ſich die Uebertreibung von Tugend lächerlich zu machen, indem er ſich dabei jederzeit anſtellte als glaube er an Tugend, und als liebe er ſte da, wo ſie unverſtellt erſchiene. Aus dem Erfolge ſeiner er⸗ ſten Gefechte mit den Waffen des Witzes erkann te er die Macht des Laͤcherlichen uͤber unſern Helden, und er unterließ nicht ſie anzuwenden. Nachdem es ihm gelungen war, Vivian einige Scham wegen ſeines Sonets auf Selina ein zufloͤßen; als er ſah, daß es ihn verdroß fuͤr er — 110— nen romanhaften Liebhaber zu gelten, ſo zweifel⸗ te er nicht, es werde ihm mit der Zeit gelingen, wahre Liebe ſelbſt in ſeinen Augen laͤcherlich zu machen, und er fand es an der Zeit einen an⸗ dern Verſuch anzuſtellen, und ſeinen Augriff auf die Freundſchaft zu beginnen. „Vivian, mein theurer Freund, Sie ſind der wackerſte junge Mann, den es geben kann, allein warum laſſen Sie ſich von jenem modernen Stoiker, dem Wegweiſer des Lord Lidhurſt leiten? Nie iſt mir einer dieſer kalten Sittenleh⸗ rer vorgekommen, der ein warmer, ein aufrich⸗ tiger Freund geweſen waͤre. Ich glaube klarer, als Ruſſel es ſich einbilden mag, in das Kunſtgewebe zu blicken, welches er in dem Hau⸗ ſe geſponnen hat, wo er ſich befindet, und ich meine es wohl errathen zu haben, woher der Ei⸗ fer ruͤhre, mit dem er Sie von dem Geruͤchte be⸗ nachrichtigte, welches auf Ihre und Lady Sa⸗ rah's Rechnung im Umlaufe iſt.— Er hatte ſeine guten Gruͤnde um Sie zu beſeitigen. Sie duͤrfen nur zu mir kommen, um das perſoͤnliche Intereſſe dieſer liſtigen Sittenprediger aus ihren labyriuthiſchen Kruͤmmungen herauszufinden.“— Vor Unwillen erroͤthend, entgegnete Vivian, daß Herr Wharton wohl daran thun werde, — 111— die beiſſenden Ausfaͤlle ſeines Witzes zu un⸗ terdruͤcken, wenn es ſich um die Gefuhle der Freundſchaft handle, und um den guten Ruf ei⸗ nes Mannes von Ehre; daß er von dieſen halb ausgeſprochenen Anſchuldigungen nichts begreifen koͤnne, daß er aber auf die Zuneigung und Recht⸗ ſchaffenheit ſeines Freundes hinlaͤnglich vertraue, um bei jedem Anlaſſe ſeine Ehre fuͤr jene Ruſ⸗ ſels zu verpfaͤnden und fuͤr ſie mit ſeinem Le⸗ ben zu haften.* „Erſparen ſie ſich all' dieſen Heroismus, mein lieber Vivian“ rief Wharton lachend aus,„denn wir ſind nicht mehr in den Zeiten des Oreſtes und Pylades; indeß, ich ver⸗ ſichere, weit entfernt uͤber Sie ſo ungehalten zu ſeyn, als Sie es in dieſem Augenblicke uͤber mith ſind, liebe ich Sie um dieſes Enthuſtasmus willen tauſendmal mehr. Was mich belangt, ſo habe ich, ſeit ich in der Welt lebe, dieſe Kindlichkei⸗ ten auf die Seite geſetzt, allein nicht ohne ſeither lebhaft zu bedauern, daß ich jenem allerliebſlen Inſtinet der Leichtglaͤubigkeit entſagen mußte dem die Erfahrung auf eine ſo eigenſinnige Wei⸗ ſe widerſpricht. Sie machen, daß ich Sie, lie⸗ bes Kind, wirklich beneiden muß. lleberdieß ver⸗ ſtehen Sie ſich auf Heren Ru ſſels Verdienſtr beſſer als ich, weßhalb ich denn auch kuͤnftig in Bezug auf ihn mich bloß an Sie halten will.“ Auf ſolche Weiſe trat Wharton, als er wahrnahm, daß das Terrain nicht ſicher ſey, gluͤcklich ſeinen Ruͤckzug an. Sein heiteres We⸗ ſen, ſein offenes Betragen, die Leichtigkeit, mit der er auf andere Unterhaltungsgegenſtände uͤber⸗ ging, hinderte Vivian den Verdacht zu ſchoͤ⸗ pfen, daß man ihn von ſeinem Freunde losrei⸗ ßen wolle. Von dieſem Zeitpunkte an verſagte ſich Wharton ſeine ſcherzhaften Ausfaͤlle auf Liebe und Freundſchaft, und weit entfernt von dem Anſcheine ſich in Vivi ans beſondere An⸗ gelegenheiten mengen zu wollen, ſo ſchien er in Politik ganz verſenkt zu ſeyn, und, indem er je⸗ derzeit bei der Behauptung ſtehen blieb: daß er ſich im oͤffentlichen Leben bloß von ſeinem per⸗ ſoͤnlichen Vortheile leiten laſſe, machte er ſich uͤber Vivian luſtig, der edler gearteten Grund⸗ ſaͤtzen beipflichtete. „Ich verſtehe mich darauf,“ ſagte Whar⸗ ton,„von jenen pomphaften Worten Gebrauch zu machen, und eine Phraſe zu drechſeln trotz dem Beſten unter Euch. Wer aber iſt hirnlos genug, ſich von ſeinen eigenen Kluͤgeleien am Gaͤngelhand fuͤhren zu laſſen? Ein hoch begei⸗ — 1213— ſterter Kuͤnſtler, ein Kuͤnſtler, der drei Theile des Jahres hindurch ein Halbnarr iſt, kann in die Bildſaͤule verliebt werden, die er ſelbſt gemei⸗ ßelt hat; aber ich denke, Sie werden niemals gehoͤrt haben, daß ein Falſchmuͤnzer einen Schil⸗ ling von ſeiner Mache fuͤr gutes Geld angeſehen habe. Patriotismus, Rechtlichkeit, all' das iſt falſche Muͤnze, durch die man in meinen Jahren ſich nicht taͤuſchen laͤßt.“ Vivian konnte nicht umhin uͤber die herz⸗ hafte und geiſtvolle Art zu lachen, auf welche dieſer Mann ohne Sitten und ohne Scham, ſich wegen ſeines Mangels an Rechtſchaffenheit ſeiner eigenen Grundſaͤtze vertheidigte. Dann betaͤubte ihn Wharton mit einem Schwall ſchoͤner Worte, oder er hoͤrte ihn mit einem ſehr ſchmei⸗ chelhaften Ausdruck der Bewunderung an, und brachte ihn durch Lobreden uͤber ſeine Beredſam⸗ keit zum Schweigen. Vioian hielt ſich ſeiner unwandelbaren Rechtlichkeit gewiß: allein die Anſteckung des uͤhlen Beiſpiels ergreift manch⸗ mal unmerklich das Gemuͤth, ſo wie jene ſchaͤd⸗ lichen Atmosphäͤren, welche die angenehmſten Empfindungen erregen, waͤhrend ſie allgemach das Leben in ſeinen Hauptſitzen ergreifen und zerſtören. Schon war der Tag zur Entſcheidung Vivign 1. Thei! 8 — 114— einer wichtigen Frage im Parlamente, gekommen. Es lag Wharton ſehr am Herzen, ſich der Stimme Vivians zu verſichern, dieſer aber hatte ſich noch nicht zu ſeinem Ganſten entſchie⸗ den. Eine Menge Brochuͤren bedeckten ſeinen Tiſch, und an keiner waren die Blaͤtter aufge⸗ ſchnitten. Alle Morgen nahm er ſich vor, ſie zu leſen um ohne Vorurtheil eine Meinnng zu be⸗ gruͤnden, und dieſer gemaß abzuſtemmen. Allein jeden Morgen wurde er durch einen Muͤſſiggaͤn⸗ ger vom guten Tone geſtoͤrt, den die Gefaͤlligkeit ſeines Weſens zur Gewohnheit verleitete taͤglich zu ihm zu kommen.„Vivian, wir gehen da oder dorthin, Sie muͤſſen mit uns gehen, dann eine Aufforderung, der er nicht widerſtand. „Wenn ich nicht ſo handle wie ſte,“ ſag⸗ te Vivian zu ſich,„ſo werde ich auf keinen Fall von gutem Tone ſeyn. Ruſſel mag ſa⸗ gen was er will; man muß in dieſen Kleinigkei⸗ ten Gefaͤlligkeit fuͤr ſeine Kameraden haben.“ Ein Conplet, das dieſen Gedanken ausdruͤckte, und welches W harton ihm vorgeſungen hatte, kam ihm beſtaͤndig in den Sinn, ſo, daß Whar⸗ ton ohne perſoͤnliches Intereſſe, oder ohne irgend eine Abſicht, wie es ſchien, Vivian brarbeitete ſeinen Abſichten zu dienen, indem er war — 115— nach und nach ſeine Willfaͤhrigkeit benuͤtzte. Er ſagte ihm fortwaͤhrend, er koͤnne ohne Anſtand eini⸗ ge Stunden des Tages fuͤr ſich verwenden, und zuletzt ließ Vivian ſich ſeine Zeit in dem Gra⸗ de rauben, daß nicht eine einzige Stunde des Tages zu ſeinem Gebrauche blieb, und unter eben dieſen Umſtaͤnden, wo er einiger Muße benoͤthigt haͤtte, um eine wichtige Frage zu prü⸗ fen, jetzt da ſein Ruf als Parlamentsglied bei ſeinem Eintritte ins öffentliche Leben von dieſer Entſcheidung abhing, hatte er im buchſtaͤblichen Sinne nicht einmal Zeit die unumgaͤnglich noͤ⸗ thigen Documente zu durchſehen. Seine Mor⸗ genſtunden verfloſſen, unter ganz unnuͤtzen und gleichguͤltigen Dingen, unter läͤppiſchen Beſchaͤf⸗ tigungen und Luſtpartien dahin, wobei er keine Unterhaltung fand. Seine Kameraden bemaͤchtig⸗ ten ſich ſeiner, und es war ihm unmoͤglich, ſich in ſeine Gemaͤcher zu verſchließen, um daſeldſt dem Nachdenken einigermaßen nachzuhaͤngen, ſo zwar, daß der beſtimmte Tag eintrat, ehe Vi⸗ vian eine Meinung gefaßt hatte, und er ſich ge⸗ zwungen ſah in Whartons Sinne abzuſtimmen. Es folgten andere Gegenſtaͤnde der Berathung⸗ dieſelben Urſachen traten ein, dieſelben Folgen fanden ſtatt. Wharton benahn ſich zu behut⸗ — 116— ſam, um ihm dieſe Verzichtleiſtung auf ſeinen eignen Willen bemerklich zu machen, und unge⸗ ſehen von Vivian, fuͤgte er mit jedem Tage ei⸗ nen neuen Ring,„an dieſe unfuͤhlbare Kette welche doch die ſchwerſte von allen iſt, die Kette der Gewohnheit*).“ Vivian gewahrte indeß nichts, er hielt ſich fuͤr ganz unabhaͤngig von allen Parteien, waͤhrend die oͤffentliche Meinung ihn bereits zu jener Whartons zaͤhlte. Ruſ⸗ ſel war der Erſte, der ihn davon benachrich⸗ tigte. Er ſelbſt hatte es von den Häͤuptern in der Politik erfahren, welche ſich an Lord Gliſton⸗ burys Taſel verſammelten, und, bekannt mit der ganzen Gefahr in der ſein Freund ſchwebte, ſchrieb er ſogleich an denſelben: „Mein theurer Vioian! Ich gehe in dieſem Augenblick mit Lord Lidhurſt auf das Land ab, und werde viel⸗ leicht vor einiger Zeit nicht zuruͤckkommen. Ich kann Sie nicht verlaſſen ohne Sie noch einmal vor Wharton zu warnen. Man verſichert mich, daß Sie zu ſeiner Partei gehoͤren, und daß er dieſes Geruͤcht beſtaͤtigt. Nehmen Sie *) Johnſons. —— — 117— ſich in Acht ſich an Händen und Fuͤßen gebunden zu ſehen, eh' Sie noch wiſſen, woran Sie ſind. Ihr aufrichtiger Freund H. Ruſſel.“ Vivian erklaͤrte ſich gegen Wharton hieruͤber mit gewohnter Freimuͤthigkeit. „Wie: man verſichert, Sie ſeyen von mei⸗ ner Partei?“ ſagte Wharton,„ich habe noch nichts davon gehoͤrt, aber es erfreut mich, dieß nun zu vernehmen. Nun denn, mein lieber Vi⸗ vian, Sie ſind einer von den Unſern; es kann nicht anders kommen, als daß Sie mit uns triumphiren oder fallen.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ rief Vivian aus;„ich gehoͤre zu keiner Partei und bin ent⸗ ſchloſſen mich in vollkommner Selbſtſtaͤndigkeit zu behaupten.“ „Erinnern Sie ſich“ fragte Wharton, „der Antwort, die ein ehrlicher Quaͤker einem Manne gab, der von keiner Partei war?“ —„Nein.“ —„Ich glaube, es war im Jahre 40, als die Whigs und die Tory's ſich ſtark in die Haare geriethen; jedoch es koͤmmt auf das Jahr nicht an, die Antwort iſt jederzeit gut! Ein — 118— Mann von vollfommener Rechtſchaffenheit, ein ſelbſtſtaͤndiger Mann, ganz ſo wie Herr Vi⸗ vian, trat als Kandidat in einer Stadt von Oſten, Weſten, Norden oder Suͤden auf; gleich⸗ viel wo, die Antwort iſt aller Orte gut! Die erſte Perſon, die er um ihre Stimme anging, war ein Quaͤker, der ihn befragte, ob er Whig oder Tory ſey.— Weder Eines noch das An⸗ dere. Ich bin ein ſelbſtſtändiger Mann von ge⸗ maͤßigten Grundſätzen; wenn die Glieder der Staatsverwaltung Recht haben, ſo ſtimme ich fuͤr, wenn Sie Unrecht haben, gegen ſie.— Und ſind dieß in Wahrheit deine Grundſaͤtze? ſagte der Quäker; im Bejahungsfall wirſt du niemals meine Stimme haben. Sieh meine Thuͤ⸗ re wohl an, ſie fuͤhrt nach der Straße; die rech⸗ te Seite dieſer Straße iſt fuͤr die Tory's, die linke fuͤr die Whigs, und fuͤr einen Mann, kaltbluͤtig und gemaͤßigt wie du, fließt in der Mitte der Bach, in den man dich hineinwerfen wird; denn du biſt nicht entſchloſſen genug, um einen andern Platz zu verdienen.“ „Warum aber wuͤrde man einen Gemaͤßigten zum Bache verurtheilen?“ ſagte Vivian,„gibt es keinen andern Mittelweg auf der Straße Ih⸗ 5 2 res Quaͤkers? Ueberdieß wirft man nicht leicht — 119— einen Mann in den Bach, der feſt auf ſeinen Beinen ſteht.“ „Pah,“ ſagte Wharton,„ein Mann iſt im öͤffentlichen Leben nichts, er iſt noch ſchlech⸗ ter als nichts, wenn er zwiſchen zwei Waͤſſern ſchwimmt, wenn er ſich nicht an eine Seite haͤlt und daran feſt ſitzen hleibt.“ „So lange dieſe Partei Recht hat, wollen Sie ſagen, wie ich glaube,“ entgegnete Vivian. „Recht oder Unrecht, ein Mann haͤlt ſich an ſeine Partei,“ ſchrie Wharton,„ohne dieß, gegen Sie verſichert, gib.'s keine Macht, keine Volksgunſt. Es iſt beſſer die Fuͤße um die ſchlecht gekammten Koͤpfe des Poͤbels zu ſchlin⸗ gen, als von ſeinen kothigen Fuͤßen getreten zu werden. Eine bewaffnete Neutralitaͤt mag eine ganz gute Sache ſeyn, aber eine unbewaſſnete Neutralität gehoͤrt nur fuͤr Duͤmmlinge. Uebri⸗ gens kann ich Sie im hohen Style Ruſſels mit dem Gewicht der Alten erdrücken, und Ih⸗ nen ſagen, daß, wenn die Republik in Gefahr iſt, derjenige kein guter Buͤrger ſey, der nicht zu einer Partei hintritt.“ „Wenn es ſo nothwendig iſt, ſich von einer Partei anwerben zu laſſen, und bei ihr ſein gan⸗ zes Leben hindurch auszuharren, ſie moͤge Recht — 120— oder Unrecht haben,“ ſagte Vivia n,„ſo ge⸗ ziemt ſich's mir, reif vorher zu erwägen, als ich mich anheiſchig mache, und eh ich noch in die Reihen eintrete, will ich meine guten Gruͤn⸗ de haben, um Zutrauen zu faſſen, nicht bloß auf die Geſchicklichkeit meines Hauptes, ſondern auch auf ſeinen tadelloſen Wandel, auf ſeine zffentlichen Tugenden.“ „Oeffentliche Tugenden!“ Das ſchmeckt noch nach der Schule,„ſagte Wharton:“ Eben ſo gerne wuͤrde ich einen Schuͤler ſeine Aufgaben vorleſen, als einen Mann und uͤberdieß ein Par⸗ lamentsglied von öffentlichen Tugenden reden hö⸗ ren. Heben Sie, mein lieber Vivian, ſich dieſe Phraſe auf, bis einmal einer der Herren von der Schatzkammerbank ſich an Sie wendet. Dann nehmen Sie die ſtolze Miene eines tra⸗ giſchen Schauſpielers an, blähen Sie die Bruſt auf, werfen Sie den Kopf zuruͤck und laſſen Sie dann laut ertoͤnen die Worte buͤrgerliche Tugend, Kunſtgriffe, Verfuͤhrung! Denn wenn Sie die⸗ ſe Rolle gut ſpielen, ſo koͤnnen Sie ſich lauten Beifallsruf erwerben, oder was noch beſſer iſt, einen paſſenden Platz oder eine gute Penſtion. Aber warten Sie, daß man zu ihnen koͤmmt, warten Sie ab, daß man Sie auffordert, dieß — 1 2 1— erheiſcht der Anſtand, bis dahin aber laſſen Sie mich aus Ihrem Munde niemals die Worte „öffentliche Tugenden“ hoͤren, widrigenfalls wer⸗ den Sie Ihre Tugend in Verdacht und Ihren Preis herab bringen. Was wüͤrden Sie von einer artigen Schauſpielerin ſagen, die damit den Anfang machte von ihrem guten Rufe zu re⸗ den, ehe Sie noch denſelben in Gefahr brach⸗ ten? O Vivian, mein rechtſchaffener Ge⸗ faͤhrte, verſuchen Sie wenigſtens nicht mich glauben zu machen, daß Sie nicht mehr werth ſeyen als tauſend Ihres Gleichen, die Ihnen vorausgegangen ſind, und daß ich nie aus Ih⸗ rem Munde, ehe es an der Zeit iſt, dieſe Aus⸗ drucke des gleißneriſchen Geſchwaͤtzes jener Leu⸗ te hoͤre, welche mit uns die gleiche politiſche Laufbahn bewandeln.“ „Ich hatte bisher geglaubt“ ſagte Vivian „daß es moͤglich wäre Patriot ohne Heuchler zu ſeyn.— Ich hatte erfahren, daß Herr Whar⸗ ton ein Patriot ſey.“ „Sieh da, ein trefflicher Sarcasmus“ ſag⸗ te Wharton lachend,„aber Sie wiſſen wohl, daß ich ein ſchlechtes Subject bin.— Ich ſtel⸗ le mich niemals zum Muſter auf. Kommen Sie mit mir zu Tiſche und nun genug von Sitten⸗ — 122— lehre und Staatsklugheit. Ich ſehe, mein lie⸗ ber Vioiau, daß Sie ein junger Menſch voll Thatkraft ſind, und daß man Sie machen laſſen muß, wie es nach Ihrem Sinne iſt; es gibt kein Mittel Sie dahin zu bringen, ſich leiten zu laſſen. Sehr ſchon! Man iſt ſehr wohl daran, wenn man ſo große Seelenſtaͤrfe beſitzt.— Ich wünſchte eben ſo viel davon zu haben, als Sie.“ Zum Lobe unſers Helden muß man anfuͤh⸗ ren, daß er aller Reckereien Whartouns un⸗ geachtet, von buͤrgerlicher Tugend ſprach, und was noch mehr iſt, er hielt ſich dieſe herrliche Eigenſchaft ungefäͤhr die Haͤlfte der Zeit ſeiner erſten Parlamentsſitzung gegenwaͤrtig. Aber ach, waͤhrend ſeine politiſchen Grundſaͤtze der Macht des Laͤcherlichen widerſtanden, ſo bot ſich ihm die Verſuchung unter ſo verfuͤhreriſcher Form an, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit von den Ge⸗ ſchaͤften ablenkte, und ſeine Ehre in Bezug auf das Privatleben in die groͤßte Gefahr verſetzte. Biertes Kapiktel. Herr Wharton und Vivian waren eines Morgens in Bondſtreet zuſammen. Hier fanden ſie eine Truppe Muͤſſiggaͤnger von gutem Ton, und einer von ihnen fragte, ob Miſtriß Wharton noch nicht nach der Stadt zuruͤck⸗ gekommen ſey. „Miſtriß Wharton!“ ſagte Vivian nicht ohne Ueberraſchung. „Ja, ſie iſt dieſen Morgen angekommen“ erwiederte Wharton ganz gleichgiltig, dann aber, Vioian anblickend, brach er in ein Ge⸗ lächter aus.„Vivian, Sie ſind vor Erſtau⸗ nen ganz außer ſich; wußten Sie denn nicht⸗ daß ich verheirathet bin 2 „Ich muß es ohne Zweifel bereits gehoͤrt haben, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich es ſchon gänzlich vergeſſen hatte,“ ſagte Vivian. — 124— .„Da ſind Sie beſſer daran als ich“ ſagte Wharton, noch immer lachend,„wenn Sie aber noch nicht von Miſtriß Wharton reden hoͤrten, ſo ruͤhmen Sie ſich deſſen nicht. Denn wenn auch ich Ihnen das verzeihe, ſo koͤnnen Sie doch verſichert ſeyn, daß ſie es Ihnen nicht verzeihen wuͤrde. Drehen und wenden Sie das ein bischen. Schwoͤren Sie ihr, Sie haͤtten ſo oft von ihr reden gehört, daß Sie beinahe um⸗ gekommen waͤren vor Sehnſucht, ſie zu ſehen. Einer dieſer Herren, die nichts Beſſeres zu thun haben, wird Sie ihr vorſtellen, wann es Ihnen immer gefaͤllig ſeyn wird.“ „Koͤnnte ich denn nicht die Ehre haben durch Sie vorgeſtellt zu werden,“ ſagte Vivian. —„Durch mich? Das waͤre das Schlimm⸗ ſte, was Ihnen widerfahren koͤnnte. Dieſe Ehre, wie Sie es zu nennen belieben, waͤre kein Gluͤck; ich kann Sie deſſen verſichern. Die Ehre,— die Ehre durch einen Ehemann ſeiner Frau vor⸗ geſtellt zu werden! Wie ſind Sie doch noch ſo unſchuldig, oder wie angelegentlich ſtreben Sie danach mir alſo zu erſcheinen? Aber im Ernſt, ich bin heute bei Lord Gliſtonbury enga⸗ girt und ich wuͤnſche Ihnen hiermit guten Tag.“ Gewohnt, Wharton uͤber Weiber und — 125— Eheſtand uͤberhaupt ſehr frei ſich ausdruͤcken zu hoͤren, und da er von ſeiner Frau kaum eine Erwaͤhnung gemacht hatte, ſo war es auch bei Vivian gaͤnzlich in Vergeſſenheit gerathen, daß Wharton voerehligt ſey. Als er der Miſtriß Wharton vorgeſtellt wurde, ſtaunte er noch mehr uͤber die Gleichgiltigkeit ihres Gemahls, denn er ſah ein weidliches Weſen im vollen Glanze der Schoͤnheit vor ſich, ausgeſtattet mit jedem gefaͤlligen Reize der Mode. Die Anmuth ihrer Erſcheinung behauptete eine ſolche Gewalt uͤber ihn, daß er unvermoͤgend war zu unterſu⸗ chen, was ihr in Hinſicht anf Geiſt und Cha⸗ rakter fuͤr eine Stelle gebuͤhre, und er ſagte zu ſich: wie iſt's doch moͤglich, daß Wharton mit ſo großer Gleichgiltigkeit ein ſo herrliches Weſen anblickt? Unfaͤhig, etwas von demjenigen zu empfin⸗ den, was man den Roman der Liebe nennt, lernte Wharton dieſe Leidenſchaft nur im Voruͤbergehen kennen. Muͤde ſeiner Frau, legte er ſeine Gleichgiltigkeit gegen ſie an Tag, ohnr alles weitere Bedenken, ſo wie ohne viele Um ſtaͤnde. Beruͤhmt wegen ſeiner Galanterien und ſtolz darauf, erklaͤrte er nicht ſelten, daß dir Schoͤnheit nie anders zu theuer erkauft werden — 126— koͤnne, als durch die Hingebung der Freiheit, und daß dieſe Freiheit ein Opfer ſey, welches er niemals einem Weibe, am wenigſten dem ſeini⸗ gen darbringen werde. Die ehelichen Geluͤbde gehoͤrten nach ihm in dieſelbe Klaſſe, in welche die Eidſchwuͤre geſetzt werden, die man an den Mauten ablegt; beide waren nach ihm techni⸗ ſche Foͤrmlichkeiten, die auf das Gewiſſen keinen Bezug nahmen, und nur Schwachloͤpfen ver⸗ bindlich ſcheinen koͤnnen. Waͤhrend der Mann nach ſeiner Weiſe ſeinen Weg ging, befriedigte die Frau zwei ihrer ſtaͤrkſten Leidenſchaften, die Puzſucht und die Gierde nach allgemeiner Be⸗ wunderung. Mit dem angelegentlichſten Eifer ei⸗ nes Kindes beſchaͤftigte ſie ſich fortwaͤhrend da⸗ mit, die Mode in allen Kleinigkeiten zu beobach⸗ ten und ſelbſt zu veredeln; ſie opferte ihre Ta⸗ ge oder vielmehr ihre Naͤchte den oͤffentlichen Unterhaltungen auf. Sie geizte in dem Maße nach Bewunderung, daß ſie keinen vergnuͤgten Augenblick hatte, wenn ſie nicht allenthalben, wo ſie erſchien, die Zlicke aller Welt auf ſich zog. Den erſien Winter hindurch, der auf ihre Verheirathung folgte, genoß ſie alle Vorrechte einer Schoͤnheit an der Tagesordnung, allein die Herrſchaft der Mode iſt noch voruͤbergehen⸗ X — 127— der als die friſche Jugendbluüͤthe der Schoͤnheit. Man wurde der Reize der Miſtriß Wharton gewoͤhnt, das Publicum hoͤrte auf ſie mit ſeiner Anfmerkſamkeit zu beehren, und fuͤr dieß Jahr war ein neues Geſicht in der Mode. Miſtriß Wharton erſchien zweimal in der Oper in den allerzierlichſten Anzuͤgen, aber ſie konnte kein Aufſehen erregen. Herb gekraͤnkt ſah ſie mit lebhaftem Schmerz dieſe erſten Spuren der Abnahme der allgemeinen Gunſt. Es war gerade in dieſem Zeitpunkte, wo ſie der Troͤſtung ſo ſehr benoͤthigte, da ſie Vivians Bekannt⸗ ſchaft machte. Seine Ueberraſchung und die Art von Entzuͤcken, welche er bei ſeinem erſten Be⸗ ſuche blicken ließ, bezauberten ſie, und da ſie fand, daß er ein ſehr gefälliges Aeußere beſaß, da ſie wußte, daß er ein Mann von guter Ge⸗ burt und von Vermoͤgen ſey, ſo ſetzte ſte, um ihm zu gefallen, alle kleinen Kunſtgriffe der Ko⸗ ketterie in Bewegung. Doch Vivians Eitel⸗ keit hielt dieſe Probe aus. Die beſchraͤnkten Geiſteseigenſchaften der zungen Frau wirkten ei⸗ nige Wochen hindurch als Gegengift gegen die Macht ihrer Reize, und ſelbſt dann ſtellte er ſie in Vergleichung oder vielmehr in den Gegenſatz mit Selina, und wuͤn hie ſich zu ſeiner ſchoͤ⸗ — 128— nen Beſtimmung Gluͤck. Er ſchrieb an ſeinen Freund Ruſſel, und zog eine Parallele zwi⸗ ſchen dieſen beiden Frauenzimmern. Er been⸗ dete ſeinen Brief auf folgende Weiſe: „Ungeachtet Ihrer wohlbegruͤndeten Beſorg⸗ niſſe wegen der Lenkſamkeit meines Charakters, hoffe ich doch, mein lieber Ruſſel, Sie wer⸗ den mir die Beleidigung nicht zufuͤgen, von den NReizen der Miſtriß Wharton fuͤr mich etwas zu fuͤrchten.“ Vivian war aufrichtig, indem er dieß ſchrieb; er hielt es fuͤr unmoͤglich, daß man ſich jemals an ein Weib anſchlieſſen koͤnne, wie Mi⸗ ſtriß Wharton, ſelbſt waͤre ſie auch nicht ver⸗ heirathet und nicht die Gattin ſeines Freundes. Er ging demnach mit aller Sicherheit, welche die Geringſchaͤzung einfloͤßt, taͤglich hin ſie zu beſuchen, oder vielmehr in ihrem Hauſe ange⸗ nehme Geſellſchaft zu ſehen. Dieſes Haus wur⸗ de von allen beſucht, was an verſchwenderiſchen und feinen Leuten in London wohnte; Schoͤn⸗ heit, Talente und Rang fanden ſich daſelbſt ge⸗ miſcht, und die Verhaͤltniſſe des Hauſes waren von ſolcher Art, daß Herr oder Frau noch ſo lockere Perſonen nicht wohl ausſchlieſſen konn⸗ ten. Lady Mary Vioian ging niemals zu 3— 129— Miſtriß Wharton, aber ſie geſtand zu, daß Frauen von ihrer Bekanntſchaft und von makel⸗ loſem Rufe unbedenklich dahin gingen.„Miſtriß Wharton iſt ein kaltes und ſehr ſelbſtſuͤchti⸗ ges Weib,“ ſagte ſie,„die Gefahr einer zaͤrtli⸗ chen Leidenſchaft iſt nicht groß fuͤr ſte, und nie⸗ mals wird ſie durch ihre Einbildungskraft fort⸗ geriſſen werden.“ Vivian dachte wie ſeine Mutter, und taͤglich ging er hin der Dame den Hof zu ma⸗ chen. Damals und inſonderheit in dieſem Hau⸗ ſe herrſchte der Gebrauch, daß die Maͤnner nur verheiratheten Frauen ihre Aufmerkſamkeit be⸗ wieſen; wenige junge Leute ließen ſich herab an noch ledige Frauenzimmer die Rede zu richten, und die geringe Zahl ſolcher, die hierzu in eine Verſuchung geriethen, enthielt ſich aus Furcht vor Gefahr: denn die jungen Perſoͤnchen oder ihre Muͤtter konnten geneigt werden ſie mit den Banden der Ehe zu umſchlingen, der Ehe, die⸗ ſes großen Gegenſtandes weiblicher Wuͤnſche, und dieſes Schreckens der Maͤnner. Es waͤre nicht moͤglich, ſagten dieſe jungen Leute, auch nur el⸗ nen Augenblick lang mit einem Maͤdchen zu re⸗ den, oder dreimal mit ihr zu tanzen, ohne daß ſich ein ganzer Laͤrm von einer Heirath erhoͤbe, Vivtan I. Theil. 9 — 1 30— und wenn auf dieſen Laͤrm nichts erſolgte, ſo hielten ſich die ſäͤmmtlichen Verwandten des Maͤd⸗ chens fuͤr beleidigt, und ſtimmten ein lautes Ge⸗ ſchrei an. Unſer Held hatte in ſeinen Verhaͤlt⸗ niſſen zur Lady Sarah Lidhurſt Gelegen⸗ heit gefunden zu beobachten, daß dieſe Klagen nicht ganz ungegruͤndet ſeyen, alles Uebrige gab er auf's Wort zu; er maß den Uebertreibungen ſeiner Gefaͤhrten Glauben bei, und hielt es fuͤr eben ſo klug als nothwendig ihrem Beiſpiele zu folgen, indem er bloß verheiratheten Frauen Beweiſe ſeiner Aufmerkſamkeit gaͤbe. Mehrere Beſtimmungsgruͤnde vereinten ſich, ihm Miſtriß Wharton als jene Perſon zu bezeichnen, an welche er ſeine Art von Huldigung richten muͤſſe, und es ſchien ihm als muͤſſe ſie ihm nothwendig zum Antheil zufallen, da bei Wharton alle Welr, Maͤnner und Frauen, mit Spiel, Galan⸗ terie oder Politik beſchaͤftigt war, ſo daß Mi⸗ ſtriß Wharton ganz vernachlaͤſſigt geblieben waͤre, haͤtte nicht Vivian ſich mit ihr be⸗ ſchaͤftigt. Die bloße Hoͤflichkeit machte ihm die⸗ ſes zur Pflicht. Die Sorge, welche er nun fuͤr Miſtriß Wharton trug, wurde zur Gewohn⸗ heitsſache, worauf ſie jeden Abend rechnete. In⸗ deſſen hegte er nicht den mindeſten Gedanken die⸗ ſe v zu men mar getl Mi dl in — 131— ſe von der modernen Hoͤflichkeit gezogene Linie zu uͤberſchreiten, allein oft iſt man auf der ſchlim⸗ men Straße ſchon ſehr weit vorgegangen, ehe. man den erſten Schritt gewahr wird, den man gethan hat. Mehrere von den Vertrauten der Miſtriß Wharton liſpelten Vivian ins Ohr, jedoch als ſtrenges Geheimniß, daß ſie in ihn voͤllig vernarrt ſey; er lachte, ſtellte ſich, als ob er das nicht glaubte, allein es machte Eindruck, und ſchmeichelte ihn in Geheim, von der ſchoͤnen Miſtriß Wharton ſo gerne geſe⸗ hen zu werden. Manchmal blickte er mit Mit⸗ leid auf ſie, und beklagte, daß ſie von ihrem Manne ſo ſehr vernachlaͤſſigt werde. Manchmal ſchrieb er ihr etwas laͤppiſches Weſen und einen großen Theil ihrer Fehler mehr dem Umſtande zu, daß ſie eines Fuͤhrers und Freundes beraubt ſey, als ihrem Mangel an Geiſt und Charak⸗ ter. Was den Geiſt betrifft, ſo beſaß ſie gera⸗ de ſo viel als noͤthig iſt um auf liſtige Art zu Werke zu gehen, was indeß im Grunde nicht viel ſagen will. Sie ſah die Wirkungen der Eitel⸗ keit und des Mitleids Vivians und erkann⸗ te, welchen Vortheil ſie aus beiden ziehen koͤn⸗ ne. Demnach ſette ſie ihre Unternehmungen fort, ohne ſich angelegentlich um den Erfolg zu 8 — 132— kümmern, denn Alles, was ſte anfangs wuͤnſch⸗ te, war, ſeine Aufmerkſamkeit feſt zu halten, weil er ein junger Mann nach der Mode war. Eines Morgens ging Vivian zu Whar⸗ ton, um ihn nach dem Hauſe der Gemeinen abzuholen. Er fand Miſtriß Wharton in Thränen, waͤhrend ihr Gemahl das Zimmer mit großen Schritten maß und ſehr uͤbler Laune ſchien. Indeß als Vivian eintrat, ſchwieg Wharton, und ſeine Frau bemühte ſich oder ſchien doch bemuͤht ihre Bewegung zu bergen. Sie fing an Harfe zu ſpielen, und Wharton ſich an Vivian wendend, unterhielt ihn von der Politik des Tages. Das Geſpraͤch war nicht ſehr zuſammenhaͤngend, denn Vivian wurde wegen der Arie zerſtreut, welche Miſtriß Whar⸗ ton ſpielte, eine Arie, die unter ſeine Lieb⸗ lingsſtuͤcke gehoͤrte. „Es iſt nicht moͤglich, etwas bei dieſem un⸗ ertraͤglichen Geraͤuſche zu machen!“ ſchrie Whar⸗ ton,„ich habe die Artikel dieſer Bill zu redi⸗ giren, ich kann's nicht leiden, daß ich uͤberall Muſik hoͤren muß, wo ich nur hingehe.“ Er packte ſeine Papiere zuſammen und ging in ein Seitenzimmer, nachdem er Vivian ge⸗ ſagt hatte, er moͤchte auf ihn ein Viertelſtuͤnd⸗ chen warten. 4 Dem dasn mand ſer l begri de in war nann Sie Her lad gen W erhe kenn ſchö te d Ihn thei ſich — 133— „Sie ſehen, Herr Vivian, zu meiner Demuͤthigung, wie man mich behandelt. Ich bin das ungluͤcklichſte Geſchoͤpf in der Welt; und Nie⸗ mand hat mit mir Mitleid.“ Vivians Miene widerſprach beſtimmt die⸗ ſer letzteren Behauptung. Miſtriß Wharton begriff ihn, und ihre Verzweiflungsattitude wur⸗ de in hoͤchſtem Grade grazienhaft. „Meine theure Miſtriß Wharton(es war das erſte Mal, daß er ſie meine Theure nannte, doch das geſchah nur aus Freundſchaft), Sie nehmen ſich dieſe Kleinigkeiten zu ſehr zu Herzen. Wharton war zu gedraͤngt, zu uͤber⸗ laden mit Geſchaͤften. Man muß ihm einen Au⸗ genblick der Ungeduld zu Gutem halten.“ „Einen Augenblick!“ wiederholte Miſtriß Wharton, die ſchoͤnen Augen gegen Himmel erhebend.„Ach, Herr Vivian, wie wenig kennen Sie ihn doch! Ich bin das mindeſte Ge⸗ ſchoͤpf, das es jemals gegeben, aber ich moͤch⸗ te dieß keinem andern Menſchen anvertrauen als Ihnen.“ Vivian konnte nicht umhin fuͤr dieſe vor⸗ theilhafte Unterſcheidung erkenntlich zu ſeyn, und ſich uͤber die Harfe, mit offenvarſter Theilnahme — 134— neigend, fagte er, daß er hoffe, ſich dieſer Ach⸗ tung und dieſes Zutrauens wuͤrdig zu beweifen. In dieſem Augenblick unterbrach Whar⸗ ton die Unterhaltung, indem er wild ins Zim⸗ mer trat.„Gehen wir Vivian“ ſagte er,„ſonſt werden wir zu ſpaͤt im Parlament anfkommen.“ „Ich hoffe, daß wir uns Mittags ſehen werden“ ſagte Miſtriß Wharton ganz leiſe. Unſer Held erwiederte mit einer Reverenz, die ſeine Zuſtimmung ausdruͤckte. Fuͤnf Minuten nachher bereuete er es, dieſe Einladung angenommen zu haben, weil er vor⸗ aus ſah, daß er eine Unterhaltung werde er⸗ neuern muͤſſen, die zwar intereſſiren, aber auch in Verlegenheit ſetzen koͤnne. Er fuͤhlte, daß es nicht gut ſey, der Bewahrer der Beſchwerden dieſer Frau gegen ihren Mann zu werden, indeß ihre Thraͤnen hatten ihn erſchuͤttert, und der Ge⸗ danke: daß er der einzige Menſch in der Welt ſey, dem ſie ihr Herz öffnen wolle, nahm ihn wider Willen zu ihren Gunſten ein. Er ging denn wirklich wieder zuruͤck, und fand ſich ge⸗ ſchmeichelt, da ſie, umgeben von einer zahlrei⸗ chen Geſellſchaft, ihn ſogleich unterſchied. Von der Unſchuld der Abſichten, welche Miſtriß Wharton hegte, war er ganz uͤberzeugt und überre res F ohne ſon ſich druͤck welch ſchon ſtriß ungen ſie ih fernt in ſe zim mich beſtt zens heire Miſ entſ und einit nen — 135— überredete ſich, da er ſich bereits fuͤr ein ande⸗ res Frauenzimmer entſchieden habe, ſo koͤnne er ohne Gefahr der Buſenfreund dieſer ſchoͤnen Per⸗ ſon werden. Bei der erſten Gelegenheit, die ſich ergab, mit ihr ungeſtoͤrt reden zu koͤnnen, druͤckte er dieſen Gedanken auf eine Art aus, welcher nach ſeiner Meinung fuͤr ſie am meiſten ſchonend und ſchmeichelhaft ſeyn konnte. Mi⸗ ſtriß Wharton ſchien mit ſeinem Benehmen ungemein zufrieden, und ſagte ihm, daß, wenn ſie ihn nicht fuͤr einen von Galanterien weit ent⸗ fernten Mann hielte, ſte auch niemals Zutrauen in ſeine Freundſchaft geſetzt haben wuͤrde. „Ich betrachte Sie“ ſagte ſie,„als einen verheiratheten Mann. Doch wann werden Sie ſich verehlichen, und was fuͤr eine Art von Frauen⸗ zimmer iſt dieſe Miß Sidney? Man verſichert mich, ſie ſey ſehr artig, ſehr liebenswuͤrdig, und beſitze ſehr viele Vorzuͤge des Geiſtes und Her⸗ zens. O gluͤckliches Weſen, das den Mann heirathen kann, den ſie liebt!“ Hier ließ Miſtriß Wharton ſich einen tiefen Seufzer entſchluͤpfen, indeß ſie die Augen niederſenkte, und Vivian hatte Muſſe genug, bei ſich daruͤber einig zu werden, daß ſtie die laͤngſten Augenbrau⸗ nen habe, die man ſehen koͤnne. — 136— „Ich wurde vermaͤhlt,“ fuhr ſie fort,„eh⸗ ich noch wußte, was ich that. Es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß Herr Wharton ſehr an⸗ zichend zu ſeyn weiß, wenn er nur will; und damals liebte er mich ſo ſehr, daß er ſchwor ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn ich ihn nicht heirathen wolle, und ſo ſagte er mir tauſend andere Sachen dieſer Art vor. Ich ver⸗ ſichere, daß ich mich wirklich fuͤrchtete; Sie wiſſen, daß ich noch ein Kind war. Erſt ſeit ſechs Wochen war ich in die Welt getreten und ich bildete mir ein Herrn Wharton zu lieben. Ach; weil ich damals noch nicht wußte, was Liebe ſey! Außerdem draͤngte und verfolgte er mich ſo ſehr. Bei dieſem Allen bin ich uͤberzeugt, daß ich ihn mehr aus Mitleid als aus einem an⸗ dern Beweggrunde geheirathet habe, und Sie ſehen jetzt, wie er mich behandelt, mit einer Barbarei, mit einer Tirannei, die— Aber ich moͤchte nicht, daß jemand Anderer als Sie dieß vermuthe. Ich beſchwoͤre Sie, mein Geheimniß zu bewahren und mein Schickſal zu beklagen. Dieß iſt alles, was ich von Ihnen perlange.— Erinnern Sie ſich manchmal meiner mit Theil⸗ nahme, wenn Ihre Gedanken gerade nicht an⸗ genehmer beſchäftigt ſind.“ — 137— Vivian ſchrieb ſich keinen geringen Grad von Großmuth zu; er konnte nicht in ſolchem Maße ſelbſtſuͤchtig ſeyn, um ſich nur mit ſeinem Gluͤcke zu beſchaͤftigen. Er glaubte auch, das Zartge⸗ fuͤhl unterſage ihm allzuoft von den Tugenden und Reizen Selina's zu reden, oder von der Zaͤrt⸗ lichkeit, mit der er an ihr hing. Dieſes Zart⸗ gefuͤhl beobachtete er in dem Grade, daß er oft vierzehn Tage bis drei Wochen nicht einmal ihren Namen ausſprach. Er konnte nicht umhin zu bemerken, daß Miſtriß Wharton ihm fuͤr die⸗ ſes Opfer Dank wußte. Oft fand er bei ihr Leu⸗ te, die von Selina, wie von einer Ueberklu⸗ gen ſprachen, oder, was für ihn noch quälender war, wie von Jemanden, den Niemand kennt. Sein Rothwerden that bei ſolchen Anlaͤſſen der Miſtriß Wharton kund, was in ihm vorging, und ſie war vorſichtig genug, ihren Haß gegen die Nebenbuhlerin zu bergen, und die Achtung unſeres Helden fuͤr ſie durch ein edelmuͤthiges Schweigen ſtets zu mehren. Man wird vielleicht finden, daß Miſtriß Wharton ihren Angriff mit mehr Kunſt unternahm, als man von einem kopfloſen Weibe erwarten ſollte, allein man muß bedenken, daß alle ihre Faͤhigkeiten auf dieſen einen Punkt gerichtet waren, ſo wie bei ihr ein Inſtinkt der Coquetterie die Stelle begeiſterter Waͤrme vertrat. Die unfaͤhigſten Thiere vom In⸗ ſekt bis zum Quadrupeden zeigen bei ihren wichtig⸗ ſten Gelegenheiten eine Klugheit, die, verglichen mit ihrem gewoͤhnlichen Mangel an Einſicht, wun⸗ derbar erſcheint. Die wenig guͤnſtige Meinung, welche Vivian gleich anfangs vom Geiſte die⸗ ſer Frau hatte, hinderte ihn gegen ihre Kunſtgriffe unter Gewehr zu treten. Er konnte ſich nicht ein⸗ bilden das Spielzeug einer Perſon werden zu ſol⸗ len, die ihm in dieſer Hinſicht ſo ſehr untergeord⸗ net war. Einer Frau von Geiſt und Kenntniſſen gegenuͤber, waͤre er behurſam geweſen; allein in Miſtriß Wharton lag nichts von demjenigen, was ſeine Selbſtliebe haͤtte beunruhigen oder ihm Beſorgniſſe haͤtte einfloͤßen koͤnnen. In einem einzi⸗ gen Angenblick und mit einem ſehr geringen Kraft⸗ aufwande, dachte er ſich losmachen zu koͤnnen, wenn ſte ihm Netze ſpannen wollte. In dieſer Ueberzeu⸗ gung vernachlaͤſſigte er ſelbſt jenen geringen Kraft⸗ aufwand aufzubiethen, und freiwillig verlaͤngerte er von Stunde zu Stunde ſeine Gefangenſchaft. Unmerklich intereſſirte ſich Vivian für Miſtriß Wharton mehr und mehr, und immer tiefer neigte er ſich unter dem Uebergewicht ihres Gatten. Er benoͤthigte eine Entſchuldigung vor — 139— den Augen der Welt und mehr noch vor dem G⸗ richtshof ſeines Bewußtſeyns, daß er ſo fortwäh⸗ rend in Whartons Hauſe war. Das Ver⸗ gnuͤgen, welches er aus dem Umgange mit dem Gemahle ſchoͤpfte, diente zum Deckmantel der engen Vertraulichkeit mit ſeiner Frau.„Es iſt weit mehr Whartons Geiſt als die Schön⸗ heit der Miſtriß Wharton, was mich hieher zieht“ ſagte er zu ſich,„ich mache die Vergnuͤ⸗ gungen des einen Theils eben ſo gern als des andern mit, und das gilt mir fuͤr einen ſichern Beweis, daß die Sachen in der Ordnung ſind.“ Whartons Partieen waren nicht immer nach Vivians Geſchmack, aber man drang in ihm; er konnte es nicht ablehnen. So begab ſich, zum Beiſpiel, eines Abends Wharton mit Lord Pontipool und andern lockern jungen Herren zu einer Frau, welche dadurch die gute Geſellſchaft an ſich zog, daß ſie eine Pharobank hielt. „Vivian, Sie werden mit uns kommen,“ ſagte Wharton,„gehen Sie, wir haben Ih⸗ rer noͤthig, vorausgeſetzt, daß ſie nicht ein an⸗ genehmeres Engagement haben.“ Und er warf auf ſeine Frau einen Blick, indem ſich zur Haͤlfte Verachtung, zur Haͤlfte Eiferſucht ausdruͤckte. 140 Der Miſtriß Wharton unruhige, flehende Miene ſchien zugleich zu ſagen:„Ich bitte Sie⸗ mit ihm zu gehen, oder ich bin verloren!“ Bei ſo bewandten Umſtaͤnden konnte Vivian un⸗ möglich nein ſagen. Ohne Anſtand zu nehmen, folgte er Wharton, und glaubte aus einem Grundſatze der Ehre und Großmuth zu handeln. Wharton war der Mann nicht, der ſeinen Vortheil vernachläſſigte. Mit jedem Tage wurde er eigenſinniger und eiferſuͤchtiger auf ſeine Frau, während er doch ganz erfuͤllt von Zutrauen auf ſeinen Freund ſchien. Vivian glaubte ihn nicht ſergfaͤltig genug beweiſen zu muͤſſen, daß dieſes Zutrauen wohl angebracht ſey, und um Niſtriß Wharton gegen Verdacht ſicher zu ſtellen, that er Alles, was ihr Mann wollte. Oft erroͤthete er uͤber ſein Betragen, aber jederzeit war er ſtolz auf ſeine Bewegungsgruͤnde hierzu, und ſinnrei⸗ cher Sophismen ſich bebienend, rechtfertigte er ſeine haͤßlichſten Handlungen mit der Reinheit ſei⸗ ner Abſichten. — 141— Funftes Kapitel. Ennige Umſtaͤnde leiteten Lady Mary Vi oian auf den Verdacht der Neigung ihres Soh⸗ nes fuͤr Miſtriß Whartonz ſie gerieth hieruͤber in die groͤßte Beſtuͤrzung, und bereute, ſelbſt ih⸗ ren Sohn zu einem naͤheren Verhaͤltniß mit Wharton verleitet zu haben. Plötzlich auf⸗ geſchreckt durch den Anblick der Gefahr, behielt ſte nicht hinlaͤnglich kaltes Blut bei ihren bangen Gefuͤhlen. Bei der groͤßten mutterlichen Zaͤrt⸗ lichkeit und den beſten Grundſaͤtzen beſaß ſie doch nicht die Kunſt den Geiſt ihres Sohns gehoͤrig zu lenken, ja nicht einmal die ihren eignen im rechten Geleiſe zu erhalten. Ihre unruhige Sorg⸗ ſamkeit für ihren Sohn war ſeit ſeiner Kindheit im⸗ mer ausſchweifend geweſen; ihre Sorgfalt fun ſeine Erziehung war eine Art von Fieber, das in dem Verhaͤltniſſe zunahm, als er heranwuchs und das ihm läſtig, verdrießlich wurde, als er — 142— bereits in die Welt eingetreten war. Dieſe Sorg⸗ ſamkeit brachte eine den angelegentlichen Wuͤn⸗ ſchen der Lady Mary ganz entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervor. Die Zuneigung ihres Sohnes, ſein Zutrauen auf ſie wurde, ſtatt ſich zu mehren, nur geſchwaͤcht; denn eben dieſe Sorgſamkeit war in den Augen der Gefaͤhrten Vivians nur laͤcher⸗ lich, und er beſaß nicht Geiſtesſtaͤrke genug, um ihre neckenden Scherze zu ertragen. Er ſchaͤmte ſich, auf ſolche Art von der lieben Ma⸗ ma am Gaͤngelbande gefuͤhrt zu werden, und er glaubte beweiſen zu ſollen, daß er nicht mehr in den Haͤnden der Weiber ſey. Aus fal⸗ ſcher Scham unterdruͤckte er oft die Zaͤrtlichkeit, welche er fuͤr ſeine Mutter fuͤhlte, und verſagte ſich jene kleinen Aufmerkſamkeiten, an die er ſie gewoͤhnt hatte. Lady Marys allzu lebhafte Ge⸗ fuͤhle aͤußerten ſich auf eine ſehr unkluge Weiſe, und mit der bitteren Beredſamkeit des Tadels; ſie wuͤrde mehr Erkenntlichkeit auf Seite ih⸗ res Sohnes gefunden haben, wenn ſie nicht all⸗ zu viele gefordert haͤtte. Er fuͤhlte, daß er Un⸗ recht hatte, doch wußte er auch, daß er nicht je⸗ ues Ungeheuer von Undankbarkeit ſey, das Lady Mary's Einbildungskraft ſich erſchuf, und als welches ſie ihn oft in ihbrem Zorne malte. Um —— 143— ſo empfindliche Eroͤrterungen zu vermeiden, hat⸗ te er ſeit einiger Zeit gelernt die Geſellſchaft ſei⸗ ner Mutter zu vermeiden. Dieſe Jrrthuͤmer, be⸗ gangen von der einen Seite ſo wie von der an⸗ dern, machten der Mutter wie den Sohn der Vortheile verluſtig, welche aus den Verhaͤltniſ⸗ ſen hervorgehen konnten, welche die Natur und Gewohnheit zwiſchen ihnen begruͤndet hatten. Vielleicht waͤre es nicht ſchwer geweſen, den Ge⸗ fahren der Verbindung zwiſchen Vivian und Wharton vorzubeugen, wenn Erſterer minder zuruͤckhaltend gegen ſeine Mutter, und ſie weniger nachſichtig gegen ihn geweſen Als aber die Sa⸗ chen ſo weit gediehen, daß Lady Mary es fuͤr ihre Pflicht hielt das Stillſchweigen zu brechen, ſo drückte ſie ſich mit ſo viel Hitze und Entruͤ⸗ ſtung aus, daß ihre Nathſchlaͤge nicht wohl Nu⸗ tzen ſchaffen konnten. „Allein, liebe Mutter, es iſt ja nichts als eine platoniſche Zuneigung“ ſagte Vivi⸗ an, als ſeine Mutter ihm vorſtellte, daß man allenthalben von ſeiner Vertraulichkeit mit Mi⸗ ſtriß Wharton rede. „Eine platoniſche Zuneigung? Modeausdruck gefährlicher Sophism“ erwiederte Lady Mary. „Und in welcher Hinſicht gefaͤhrlich?“ ent — 144— gegnete ihr Sohn mit Hitze.„Warum ſoll uns das in Verlegenheit ſetzen, was die Welt ſpricht? Die Welt liebt Verleumdung und Laͤſterung in ſolchem Grade, daß ein Mann und eine Frau ſchlechterdings nicht fuͤr einander Freundſchaft fuͤhlen koͤnnen, ohne daß man von allen Seiten lautes Geſchrei vernimmt; die Ueberklugen, die Buhleriſchen machen zur Stelle gemeinſchaftliche Sache, und glauben oder ſtellen ſich an zu glan⸗ ben, daß die Dinge nicht in der Ordnung ſeyen. Es iſt auf keinen Fall befremdend, daß eine ſo artige Frau als Miſtriß Wharton iſt, den Neid und folglich den Tadel rege macht; doch ihre Handlungsweiſe kann der Bosheit ihrer Fein⸗ de Trotz bieten.““ „Ich hoffe es,“ ſagte Lady Mary,„in⸗ deß, ich gehoͤre in keinem Falle zu ihren Fein⸗ den. Ich kenne Miſtriß Wharton ſehr wohl,⸗ und bin ihrentwegen um ſo weniger unruhig, da ich ſie jederzeit als ein ſehr läppiſches und gans geiſtarmes Weib betrachtet habe; was ich Dir aber ſagen wollte, obgleich meine Rathſchlaͤge nicht... „Laͤppiſch, geiſtesarm?“ unterbrach ſie Vi⸗ vian„glauben Sie mir, meine liebe Mutter, Sie und viele Andere täͤuſchen ſich ſehr in Be⸗ — 1 45— zug auf den Geiſt und Charakter der Miſtriß Wharton.“ „Eine platoniſche Verbindung mit ei⸗ nem jungen Manne iſt von ihrer Seite keine be⸗ ſondere Gewaͤhrleiſtung fuͤr ihren Verſtand ſo⸗ wohl als fuͤr ihre Tugend,“ ſagte Lady Mary „ich glaubte, daß man uͤber dieſe platoniſchen Verhaͤltniſſe einig ſey. Ich bitte dich, mein lie⸗ ber Karl, rede mir nichts mehr vom platoni⸗ ſchen Umgange mit verheiratheten Weibern.“ „Ich werde mich dieſes Ausdrucks nicht mehr bedienen, weil er Ihnen mißfaͤllig iſt,“ ſagte Vivian.„Aber meine Mutter, Sie wollen, daß ich mit Leuten von gutem Tone umgehe, und Sie wollen nicht, daß ich lebe wie dieſe leben, daß ich rede wie ſie reden, und doch iſt dieß bei⸗ nahe unmoͤglich. Ich bitte Sie deßhalb um Ver⸗ gebung,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu,„indeß haͤtte ich niemals gedacht, daß Sie, die Sie alles ſo ſehr lieben, was zur Mode und zum guten Tone gehoͤrt, uͤber das Wort Platonismnus Aus⸗ ſtellungen zu machen finden wuͤrden.“ „— Ich Ausſtellungen daruͤber machen? Ich verachte, ich haſſe, ich verabſcheue dieſes Wort. Euer Platonismus hat mehr Frau⸗ en in den Abgrund geſtuͤrzt, und die Ruhe Vivian I. Theil 15 — 146— von mehrern Familien geſtoͤrt, als es der zü⸗ gelloſeſte Muthwille zu thun vermoͤchte. Wie viele Frauen, die vor dem bloßen Gedanken eine Intrigue anzuknuͤpfen geſchaudert haͤtten, wur⸗ den ſie nicht verleitet, ſich zu einer platoni⸗ ſchen Anhaͤnglichkeit zu entſchließen. Und wie viele Maͤnner, eben ſo weit entfernt von der Ab⸗ ſicht die Gattin ihres Freundes zu verfuͤhren als einen Meuchelmord zu begehen, haben ſie ſich nicht erlaubt eine Freundſchaft dieſer Art anzuknuͤpfen? Und alle Welt weiß, was dieſes fuͤr einen Aus⸗ gang hat.“ Getroffen durch dieſe Worte, verließ Vi⸗ vi an plöͤtzlich den Ton des Scherzes und nahm wieder ſein ernſthaftes Weſen an. Haͤtte ſeine Mutter jetzt inne gehalten, und der geſunden Vernunft ihres Sohnes das Uebrige zu thun uͤber⸗ laſſen, ſo wie auch ſeiner bereits geſchoͤpften Keuutniß der Gefahr, ſo waͤre alles zum Ver⸗ wundern gut gegangen; aber ſie mußte immer zu viel ſagen, und in ihrem Eifer zu beweiſen, daß ſie Recht habe, vergaß ſie, daß man die Leu⸗ te ſehr unwillig macht, wenn man ihnen allzu⸗ klar begreiflich macht, daß ſie ganz Unrecht haben. „In der That,“ ſetzte ſie hinzu,„dieſes Wort wird von allen, welche einige Erfahrung in der — 147— Welt haben, als das Loſungswort der Schur⸗ ken oder der Einfaltspinſel betrachtet; jener, wel⸗ che betruͤgen, oder jener, welche betrogen ſeyn wollen.“ „Seyen Sie uͤberzeugt“ ſagte Vivian, „daß Sie Miſtriß Wharton weder in die Klaſſe Jener ſetzen duͤrfen, die betruͤgen, noch in die Derjenigen, die betrogen ſeyn wollen, und was mich anbelangt, ſo hoffe ich ebenfalls weit genug von beiden Klaſſen entfernt zu ſeyn. Mein Verhaͤltniß zur Miſtriß Wharton iſt ein vollkommen unſchuldiges; es rechtfertigt ſich täglich durch das Beiſpiel tauſend anderer Ver⸗ haͤltniſſe, die in der guten Geſellſchaft beſtehen, ich muͤßte daher ihr eben ſowohl als mir großes Unrecht thun, wenn ich ploͤtzlich dieſe Vertrau⸗ lichkeit abbrechen wollte: das wuͤrde nur heißen eingeſtehen, daß ſie nicht ſchicklich iſt.“ „Und kann es etwas Unſchicklicheres geben, weil man mich denn zwingt deutlich mit der Spra⸗ che herauszuruͤcken,“ ſchrie Lady Mary⸗„et⸗ was Unſchicklicheres ſage ich Dir, als dieſe Ver⸗ traulichkeit, beſonders unter den Umſtaͤnden, wel⸗ che bei dir obwalten?“ —„Von welchen Umſtaͤnden ſprechen Sie hier?“ 10 — 148— „Haſt du Miß Sidney vergeſſen?“ —„Nein, in der That nicht,“ ſagte Vi⸗ vian erroͤthend,„Miſtriß Wharton wurde mit dem erſten Tage unſerer Freundſchaft voll⸗ ſtaͤndig unterrichtet von meinen— von meinen Verbindungen mit Miß Sidney.“ „Und wie vertragen ſich dieſe mit deiner Zuneigung fuͤr Miſtriß Wharton?“ —„Vollkommen wohl.— Miſtriß Whar⸗ ton nimmt hierauf vortrefflich Ruckſicht.“ —„Und Miß Sidney? Glaubſt du, daß ſie ſich hierein eben ſo leicht finden werde? Und iſt es nicht ganz außerordentlich, daß ich mich mit deinen Leidenſchaften mehr befaſſen muß als du ſelbſt? Bei dieſen Fragen entflamnite ſich Vivi⸗ ans Unmuth ſo ſehr, daß er nicht im Stande war, weder auf die Stimme ſeiner eignen Ver⸗ nunft, noch auf jene ſeiner Mutter zu hoͤren, fuͤr welche er indeß doch von Ehrfurcht durchdrungen war. Mutter und Sohn trennten ſich mit wech⸗ ſelſeitigem großen Mißvergnugen. Getrieben von jenem Geiſte des Widerſpruchs, den man ſo oft an ſchwachen Charakteren bemerkt, lief Wivian, als er aus der Strafpredigt ſeiner Mutter entlaſſen war, zu Miſtriß Wharton — 1 49— Lady Mary auf ihrer Seite, ſetzte ſich nie⸗ der, um an Miß Sidney zu ſchreiben. So groß auch urſpruͤnglich ihr Widerwillen gegen ei⸗ ne Heirath zwiſchen ihrem Sohne und Selina war, ſo muͤſſen wir hier zu ihrem Lobe wieder⸗ holen, daß das edle und uneigennuützige Beneh⸗ men dieſes liebenswuͤrdigen Maͤdchens ſie dahin vermochte, nachher aus ganzem Herzen dieſe Ver⸗ bindung gutzuheißen, und ſelbſt herbeizuwuͤnſchen. Sie ſchrieb denn an Selina in den ſtaͤrkſten Ausdruͤcken, um ſie zu veranlaſſen, dieſe Heirath nicht länger zu verſchieben; denn nun ſah ſie dieſelbe fuͤr das einzige Mittel an, die Sittlich⸗ keit ihres Sohnes zu retten, nnd ſein Gluͤck zu begruͤnden. Der Brief ſchloß alſo: „Ich erwarte Sie in der Stadt; Ihre An⸗ kunft ſey die Antwort auf meinen Brief. Kein leerer Anſtand moͤge Sie, meine theure Freun⸗ din, hindern, bei mir Ihre Wohnung zu nehmen. Erwaͤgen Sie, daß mein Gluͤck, das Ihrige, je⸗ nes meines Sohns davon abhaͤngt. Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß er von dem Augenblicke an, indem er ſie erblickt, wo ſodann die Macht Ihres Ein⸗ wirkens uͤber ihn waltet, auch wieder zu ſich ſelbſt zuruͤckkehren werde. Allein glauben Sie mir, ich kenne die jungen Leute heutiges Tages, ihre Stand, — 1 50— haftigkeit beſteht die Probe der Abweſenheit nicht. Wenn er der Gewohnheit, Sie zu ſehen, ſich mit Ihnen zu unterhalten beraubt iſt, ſo hafte ich fuͤr nichts. Leben Sie wohl; ich fuͤhle mich durch meine eigenen Gedanken und durch Alles, was ich ſagen hoͤre, ſo gequaͤlt, daß ich kaum weiß, was ich Ihnen ſchreibe. Ich bitte Sie, meine theure Selina, kommen Sie an der Stel⸗ le, es iſt fuͤr mich ein Beduͤrfniß mit Ih⸗ nen uͤber mehrere Gegenſtaͤnde zu verkehren, die ich nicht ſchriftlich behandeln will. Allzu lange habe ich ſchon meine Empfindungen unterdruͤckt. Mein Herz bedarf des Troſtes; nur Ihnen kann ich es oͤffnen, nur Sie vermoͤgen mich zu troͤſten und mir Huͤlfe zu leiſten. Unabhaͤngig von jeder anderen Ruͤckſicht ſind Sie es meiner Freundſchaft fuͤr Sie ſchuldig, mir dieſe Bitte nicht abzuſchla⸗ gen, die erſte, die ich jemals an Sie gerichtet habe. Leben Sie wohl; ich erwarte Sie, kom⸗ men Sie ſobald aks moͤglich. Ihre u. ſ. w.“ Maria Vivian. „St. Jamesſtraße. In dieſem Briefe hatte ſich Lady Mary Vivian weder uͤber die Art der Gefahr erklaͤrt, — 151— welcher ihr Sohn ausgeſetzt war, noch uͤber die Natur ihrer Beſorguiſſe fuͤr ihn. Aus Zartge⸗ fuͤhl enthielt ſie ſich dee Miß Sidney zu ſa⸗ gen, daß ſie den Verdacht hege, ihr Sohn habe ſich an ein verheirathetes Weib geſchloſſen.„Se⸗ lina“ ſagte ſie zu ſich,„hat es ohne Zweifel von Herrn G. erfahren, der ſehr oft zu ihrer Mutter koͤmmt. Es iſt alſo nicht noͤthig, daß ich mehr ſage, ſie wird mich uͤbrigens begreifen.“ Ungluͤcklicher Weiſe, begriff Miß Sidney nicht, ahnte nicht einmal den wichtigſten Theil der Wahrheit. Alles, was ſie ſich bei Durchleſung der Zuſchrift dachte, beſtand darin, daß Vivi⸗ ans Anhaͤnglichkeit an ihre Perſon ſchwankend, und er vielleicht auf dem Punkte ſey irgend einer jungen Perſon aus der großen Welt Antraͤge zu machen, wahrſcheinlich einer der beiden jungen Lady's Lidhurſt; aber der Gedanke, daß er ſich an eine verheirathete Frau halte, kam ihr nicht in den Sinn. Aus uͤbel verſtandener Zaͤrt⸗ lichkeit hatte Miſtriß Sidney alle moͤglichen Vorſichtsmaßregeln ergriffen, damit dieſes Ge⸗ ruͤcht nicht zu den Ohren Selina's dringe. Hr. G. hatte allerdings hiervon mit Miſtriß Sid⸗ ney geredet, allein aus Furcht, daß ihre Toch⸗ ter daruͤber allzu beſtuͤrzt wuͤrde, hatte ſie Hrn. G. — 132— beſchworen ihr hiervon nicht ein Wort zu ſagen; denn ſie hielt ſich uͤbrigens uͤberzeugt, daß die Wahrheit der Sache ſich nicht beſtaͤtigen könne. Selina hingegen, um den nachſichtigen Rath⸗ ſchlaͤgen ihrer Mutter keinen Einfluß auf ſich zu geſtatten, theilte ihr den Brief Lady Mary's nicht mit; ſie beſchloß denſelben zu beantworten, ohne ke deßhalb zu Rathe zu ziehen, und nur Dasjenige zu beruͤckſeitigen, was ſie ihrer eignen Einſicht nach thun muͤßte. Mehrere Beweg⸗ gruͤnde vereinten ſich Selina'n zur Annahme der Einladung zu beſtimmen. Die Gewißheit, Lady Mary weerde ſich fuͤr beleidiget halten, wenn eine Weigerung erfolgte, der Gedanke, wolcher ihr eingefloͤßt wurde, daß ihre Macht über Vivian die vorige Staͤrke wieder be⸗ kommen wuͤrde, wenn er ſte ſehen, ſich mit ihr unterhalten koͤnne, und daß er im entgegengeſetz⸗ ten Falle ſie vielleicht gaͤnzlich vergeſſen wuͤrde; ferner die Neugierde, zu erfahren, worin die Geruͤchte beſtuͤnden, welche Lady Mary'n uͤber die Standhaftigkeit ihres Sohnes und ſei⸗ nen Wandel beunruhigten, mehr aber noch als dieß alles die Begierde ſich dem Manne zu naͤ⸗ hern, den ſie liebte, und in der Lage zu ſeyn, ihn täͤglich ſchen zu koͤnnen; dieß war es, was — 1533— Selina geneigt machte, ſich in die Wuͤnſche der Lady Mary zu ergeben. Auf der andern Seite ſagte ihr das Feingefuͤhl und ihre richtige Urtheilskraft, daß ſie Vivian ſeines Ver⸗ ſprechens entbunden; daß ſie bei ihrer Trennung von ihm erklaͤrt habe, ſie gebe ihm gänzlich ſei⸗ ne Freiheit zuruͤck; daß es demnach wenig fei⸗ nes Gefuͤhl und wenig Klugheit verrathen wuͤr⸗ de, wenn ſie einen Verſuch dieſer Art unternaͤh⸗ me, um wieder ſein Herz zu gewinnen, wofern es unbeſtaͤndig ſeyn ſollte. Sie hatte ihm geſagt, daß ſie vor ihrer Verheirathung Beweiſe der Standhaftigkeit ſeines Charakters und ſeiner Zu⸗ neigung erhalten wolle. Von dieſem Entſchluſſe abzugehen war ſie nicht geſonnen, und ſie hatte den Muth hierbei zu beharren. Sie ſchrieb dem⸗ nach an Lady Mary in einem ſehr zaͤrtlichen, aber zugleich auch entſchiedenem Tone, und ſchlug eine ſo ſehr in Verſuchung fuͤhrende Ein⸗ ladung aus. Als ſie heldenmuͤthig unterſchrieben, geſiegelt und den Brief fortgeſchickt hatte, zeigte ſie ihrer Mutter jenen der Lady Mary, und ſagte ihr, auf welche Art und aus was fuͤr ei⸗ nem Grunde ſie die Antwort gegeben habe, ohne die erſtere zu Rathe zu ziehen. „Ich trug Scheu vor Ihrer Guͤte, Ihrer — 154— Nachſicht fuͤr mich“ ſagte Selina,„ich wuß⸗ te, daß Ihr Urtheil in dieſer Hinſicht wie das meinige ausfallen wuͤrde, daß es Ihnen aber ſchmerzlich geweſen waͤre, mir Kummer zu ver⸗ urſachen; ich beſaß denn Muth genug, meine Sache ſelbſt zu fuͤhren.“ Selina war uberraſcht und erſchrekt, als ſich augenblicklich Mißbilligung auf dem Geſich⸗ te der Mutter malte. „In der That, meine liebe Mutter,“ ſetzte fie hinzu,„Sie werden doch nicht denken, daß ich nicht Recht gethan habe.“ „Die jungen Leute thun jederzeit Unrecht, wenn ſte ihre Aeltern nicht zu Rathe ziehen,“ ſagte Miſtriß Sidney mit ſichtbarem Ver⸗ druſſe. Dieß waren, ſo zu ſagen, die erſten ſtrengen Worte, welche Selina jemals aus dem Munde ihrer Mutter hervorgehen hoͤrte, und da ſie Lobſpruͤche, nicht aber Verweiſe erwarte⸗ te, ſo blieb ſie niedergeſchlagen ſtehen. „Mein Kind,“ ſagte Miſtriß Sidney, „ſey deßwegen nicht ſo traurig; das Ganze iſt mehr ein Fehler von meiner Seite als von der deinigen, aber ich wollte um viele Dinge in der Welt, daß du dieſe Einladung nicht ausgeſchla⸗ gen haͤtteſt. Iſt der Brief abgelaufen?“ —„Ja, ſeit zwei Stunden.“ „Ach, meine Theure, ich haͤtte dir ſagen ſollen— doch nein, ich konnte nicht; ich ſoll⸗ te es dir nicht ſagen!“ —„Was, meine liebe Mutter; ich bitte Sie, ſagen Sie mir die ganze Wahrheit.“ Miſtriß Sidney konnte es nicht auf ſich nehmen dieſen Kummer ihrer Tochter zu verur⸗ ſachen, beſonders da ſie ſah, bis auf welchen Punkt ihre Empfindlichkeit bereits aufgeregt war, und die Bewegung ihres Gemuthes malte ſich auf dem Geſichte. „Beruhige dich, mein liebes Kind,“ ſagte ſie zu ihr,„Alles wird zu unſerer Zufriedenheit in Droͤnung kommen. Die jungen Leute im All⸗ gemeinen und inſonderheit jene der großen Welt, ſind der Unbeſtaͤndigkeit ein bischen nnterwor⸗ fen, und man muß bei Viovian uͤber Einiges hinausgehen, da er gegenwaͤrtig den Zerſtreuun⸗ gen ganz Preis gegeben iſt; es iſt nothwendig und billig, daß wir den moraliſchen Zeitgeiſt ei⸗ nigermaßen berückſichtigen. Doch du wirſt ſehen, daß die Sache gut endet, und im Ganzen ge⸗ nommen, haſt du, meine Theure, wie gewoͤhn⸗ lich, das iſt, zum Verwundern richtig geurtheilt Aus mehreren Gruͤnden iſt es mir ſehr angenehm — 136— daß du die Einladung der Lady Mary nicht angenommen. Verzeihe mir alſo einen Augen⸗ blick der uͤblen Stimmung; faſſe Muth mein Kind, und alles wird gut gehen.“ Dieſe unbeſtimmten Ausdruͤcke, dieſe troͤ⸗ ſtenden Verſicherungen vermochten allerdings den Unmuth Selinas zu mindern, aber ſie zu be⸗ ruhigen, reichten ſie nicht hin; was ſie am mei⸗ ſten aufrecht erhielt, dieß war die innige Ueber⸗ zeugung, daß, ſo hoch auch es ihr zu ſtehen kommen duͤrfte, ſie ſich jederzeit auf eine ehren⸗ volle Weiſe betragen habe. Es geſchah, daß Vivian ſich gerade bei ſeiner Mutter befand, als ſie Selina's Ant⸗ wort erhielt. Ju der gewiſſen Erwartung, das Maͤdchen werde unter den obwaltenden Umſtaͤn⸗ den eine ſo dringende Einladung nicht ausſchla⸗ gen, veranſtaltete Lady Mary Vivian, daß ihr Sohn gerade an dieſem Tage mit ihr ſpeiſen koͤnne, und mit eben ſo vieler Waͤrme und Wahr⸗ haftigkeit auf der einen als mit Unvorſichtigkeit auf der andern Seite ließ ſie in einer Unterre⸗ dung mit ihm die Charaktere Miſtriß Whar⸗ ton und Selinas im Gegenſatze auftreten. Vivian verſicherte, ſeine Achtung und Liebe fur Miß Sidney ſeyen keineswegs geſchwaͤcht, — 157— als aber ſeine Mutter ihm andeutete, daß er vielleicht binnen wenigen Angenblicken ſeine Se⸗ lina ſehen wuͤrde, ſo veraͤnderte er die Farbe, und durch eine ſichtbare Verwirrung und Trau⸗ rigkeit legte er ſelbſt an Tag, daß dasjenige, was er ſo eben verſichert hatte, falſch ſey. Das An⸗ langen des Briefes von Selina zog ihn aus ſeinen Traͤumereien. Seine Mutter druͤckte ihr Mißvergnuͤgen und ſelbſt ihren Zorn ohne mindeſte Zuruͤckhaltung aus, als ſie entnahm, daß Miß Selina ihre Einladung ablehne; al⸗ lein, es gehoͤrt zu den Seltſamkeiten des menſch⸗ lichen Herzens, daß Vivian mit Waͤrme Se⸗ lin a's Vertheidigung uͤbernahm, als er ſeine Mutter ſo gegen ſie entruͤſtet ſah. Als er ihren Brief durchlas, empfand er die zaͤrtlichſten Re⸗ gungen, denn er entdeckte darin die ganze Fuͤlle ihrer Zartheit und ihrer Neigung fuͤr ihn. Was alle Lobſpruͤche ſeiner Mutter nicht vermochten bewirfte der Brief im Augenblick. Vorher hat⸗ te er Selina's Ankunft gefuͤrchtet, jetzt, da ſie ſich weigerte zu kommen, brannte er vor Be⸗ gierde ſie zu ſehen; ſeine Ungeduld war ſo leb⸗ haft, daß er an der Stelle abgehen wollte ſie zu ſehen. Leute von Vivians Charakter ſind ſehr eiferſuͤchtig auf ihren eigenen Willen, und dieß — 158— ganz beſtimmt aus der Urſache, weil ſie wiſſen, wie leicht ſie ſich leiten laſſen, ſie werden daher, beſonders in Angelegenheiten des Herzens, bei dem mindeſten Anſchein von Zwang erbittert. Lady Mary war hoch erfreut, als ſie ver⸗ nahm, daß ihr Sohn den nächſten Tag London verlaſſen und Miß Sidney ſobald als moͤglich ſehen wolle, doch konnte ſie nicht umhin ihm zu verweiſen, daß er ſich nicht genau nach ihrem Plane benehme. „Ich ſehe, mein lieber Karl,“ ſagte ſie zu ihm,„daß ſelbſt wenn du dich gehoͤrig benimmſt, ich mir nicht ſchmeicheln darf dazu beigetragen zu haben. Melde der Miß Sidney meine Empfehlung, und verſichere ſie, daß ich in Zukunft mich in Acht nehmen werde ihr durch das Gute, das ich ihr nachſage, in Deinen Augen ſo ſehr Uurecht zu thun. Offenbar hat mein Zorn ihr mehr genuͤtzt als mein Wohlwollen, folglich darf ſie ſich nicht betruͤben, daß ihr letztliches Betra⸗ gen meine Neigung fuͤr ſie vermindert hat, und ich gebe zu, daß gerade dieſes Betragen das paſſendſte war.“ Den naͤchſten Morgen begab ſich Vivian zu Wharton, oollkommen bhereit abzureiſen um die nothigen Einleitungen wegen der in ſei⸗ 39— ner Abweſenheit vorkommenden Geſchaͤfte zu treffen. Wharton war bereits ausgegangen. Nun fuͤhlte Vivian, daß es das Klügſte waͤ⸗ re Miſtriß Wharton zu vermeiden, allein er fuͤrchtete, ſie koͤnnte ſich beleidigt ſinden, und er glaubte, daß er einige Augenblicke dem Wohlanſtande opfern muͤſſe. Miſtriß Wharton war allein; ihr Weſen war ſanft hinſchmachtend und die Melancholie, welche ih⸗ re Züge umdaͤmmerte, war voll Reiz und Anmuth. Ehe noch Vioian ſich erklaͤren konnte, machte ſie ihm in ziemlich ungeſchickten Ausdru⸗ cken, aber mit einem Tone der Stimme, welcher dem ſinnloſeſten Wortkram Geiſt und Leben ver⸗ leihen koͤnnte, tauſend Vorwuͤrfe, daß er ſo lang entfernt geblieben ſey. „Jetzt, da ſie ihn beſitze“ ſagte ſie,„wer⸗ de ſie ihn als einen Gefangenen in Verwahrung nehmen.“ Von einem ſo ſchoͤnen Weibchen ge⸗ fangen gehalten zu werden, dieß war denn wirk⸗ lich ſo ſchmeichelhaft, daß eine Stunde verfloß⸗ ehe Vivian im Stande war um ſeine Freiheit anzuſprechen. Die Furcht, der Miſtriß Whar⸗ ton Kummer zu verurſachen, hatte indeß in Wahrheit mehr Einfluß auf ihn als die Eitelkeit. — 160— Als endlich Miſtriß Wharton von ihren An⸗ ſtalten fuͤr den Abend ſprach, und auf ihn ſicher zu zaͤhlen ſchien, ſo rief er all' ſeine Entſchloſ⸗ ſenheit zu Huͤlfe, und, wunderbare Kraftaͤußerung des Muthes! er ſagte ihr, daß er gezwungen ſey, London noch in dieſer Stunde zu verlaſſen.“ „Sie gehen, ich kann es mir denken, zu 77 „Auf das Land,“ ſagte Vivian mit Fe⸗ ſtigkeit des Tons. —„Auf das Land! Nein, nein; ſagen Sie es nur mit einem Male heraus, zu Selina; aus einem Worte laſſen Sie mich das Ganze er⸗ fahren!“ Aeußerſt uͤberraſcht blieb Vivian unbe⸗ weglich ſtehen. Miſtriß Wharton ſank auf ihr Canapee und erlitt einen Nervenanfall. Un⸗ ſer Held zitterte, daß nicht etwa die Bedienten herzuliefen, oder gar der Ehemann nach Hauſe kaͤme, ſie in dieſem Zuſtande ſaͤhe und die Ver⸗ anlaſſung erriethe. Er wandte vergebliche Ver⸗ ſuche an, die ſchoͤne Betruͤbte zu beruhigen, denn er war nicht der Barbar, welcher ſie in dieſem Zuſtande gelaſſen haͤtte. Allmaͤhlig bekam ſie das Bewußtſeyn wieder und ſchien in der liebenswuͤr⸗ digſten Verwirrung zu ſeyn; ſie fragte, wo ſie — 161— wäre und was vorginge. Vivian beging nicht die Unbeſonnenheit, einen zweiten Nervenfall zu veranlaſſen; er leiſtete fuͤr dieſen Tag gaͤnzlich auf ſeine Reiſe Verzicht, und Miſtriß Whar⸗ ton wurde auf die allerſchoͤnſte Art wieder zu ſich gebracht. Vivian hatte ſich vorgenommen ſeine Ab⸗ reiſe nur um einen Tag zu verſchieben; allein da er hierin einmal nachgegeben hatte, ſo ſah er kein Mittel vor ſich, von ihr los zu kommen. Er uͤberredete ſich, daß Miſtriß Wharton ganz ungluͤcklich ſey, und ſich niemals verzeihen koͤnn⸗ te ihm den Zuſtand ihres Herzens aufgedeckt zu haben: ſeine Eigenliebe vertheidigte ihre Sache; er erwog, daß ihr Gemahl ſie auf die ſchmerz⸗ lichſte Weiſe vernachlaͤſſige, und ſte durch ſeine Treuloſigkeiten herausfordere, ſich der Repreſſa⸗ lien zu bedienen. Vivian glaubte, die Nei⸗ gung der Miſtriß Wharton fuͤr ihn koͤnne ſie vielleicht ungluͤcklich machen, er ſelbſt aber wuͤr⸗ de es zu verhuͤten wiſſen, daß ſie jemals ſchul⸗ dig werde. Durch gewandte Sophismen verheim⸗ lichte er ſich ſeine eigenen Beweggruͤnde, und ſtatt die klaren und einfachen Rathſchlaͤge der Ver⸗ nunft zu befolgen, verſenkte er ſeinen Geiſt in jene Caſuiſtik der Gefuͤhle, welche alle Grund⸗ Vivian 1. Theil ſaͤtze des Guten und Boͤſen vermengt. Aber die Furcht, die er empfand, daß Wharton ent⸗ decken koͤnne, was vorging, haͤtte hinreichen ſol⸗ len, ihn zu uͤberzeugen, daß er ſich nicht ehren⸗ voll benehme. Der Verdacht, in welchem Whar⸗ ton ſichtbar ſeine Frau zu haben ſchien, hatte allem Anſehen nach ſich gelegt, und alle Tage gab er Vioian Zeichen von Zutranen, welche fuͤr dieſen eben ſo viele Dolchſtiche waren. Aus einem abgeſchmackten, jedoch ſehr gewoͤhnlichen Fehler der Eigenliebe bildete ſich Vivian ein: der Mann, welcher ſich bruͤſtete, die ganze Menſch⸗ heit zu hintergehen, betrage ſich gegen ihn auf eine den ſtrengſten Begriffen von Ehre gemaͤße Art, und uͤberdieß noch mit dem hoͤchſten Gra⸗ de von Großmuth. Die Rechtlichkeit war fuͤr Wharton eine zu gewoͤhnliche Tugend, was aber die Ehre, dieſe edle und ausſchließlich fuͤr Leute von einer gewiſſen Geburt beſtimmte Tu⸗ gend betrifft, ſo eignete er dieſe ſich an, und er⸗ klaͤrte ſich hieruͤber in einem ſehr hohen Tone. Die Freimuͤthigkeit, mit der Wharton ſesne leicht⸗ ſinnigen Grundſaͤtze in Hinſicht auf die Weiber eingeſtand, vermochte Bivian zu glauben, daß er nicht im Geringſten ſich's beigehen ließe, man koͤnnte es ſich geluͤſten laſſen, ſie auch in Hin⸗ ſicht auf die Verfuͤhrung der ſeinigen anzuwenden. ——— — 163— „Wie koͤnnen Sie doch ſo ſprechen, mein theurer Wharton?“ ſagte einſt Vivian in einem Augenblicke zu ihm, als er ſich ſo eben üͤber dieſe Gegenſtaͤnde mit groͤßter Freiheit er⸗ klaͤrt hatte,„aber es iſt beſſer,“ ſetzte er einen Seufzer ausſtoßend hinzu,„zu reden als zu han⸗ deln wie ein Laſterhafter.“ „Ein Laſterhafter!“ wiederholte Whar⸗ ton mit einem ironiſchen Laͤcheln,„Sie ſind ganz laͤcherlich geworden Vivianz ich verſt⸗ chere, daß ich Sie nicht begreife. Die Weiber heutzutag, wenn ſie nicht ſtreng ſeyn wollen, ſind ſelbſt ſehr geneigt, ſich zu verirren, und je⸗ ne Laſterhaften von der Zeit der Miß Clariſ⸗ ſe Harlowe und aller dieſer andern Tragoͤ⸗ dienheldinnen aus dem vergangenen Jahrhun⸗ dert, werden heutzutag nirgend ſichtbar. Die ſeltſamen Maͤhrchen, mit denen man uns einlullt, von dieſen Ungeheuern, genannt Verfuͤhrer, konn⸗ ten ihr Gläͤck machen waͤhrend des Zeitalters der Unwiſſenheit und Leichtglaͤubigkeit; aber der⸗ mal glaubt die allzuſehr aufgeklaͤrte Welt nicht mehr an dieſe Wunderdinge, und ein Mann, ja ſelbſt eine Frau kann ſich dem Hange zur Ga⸗ lanterie uͤberlaſſen, ohne aus der Geſellſchaft als Ungehener verjagt zu werden. In jedem Falle * 4 1 — 164— iſt die Schmach, wie billig, zwiſchen beiden in⸗ tereſſirten Theilen gleich getheilt, und wenn moderue Liebende ſich zanken, ſo ſterben ſie deß⸗ halb nicht vor Verdruß, ſondern ſie legen ihren Zwiſt einen Gerichtshofe zur Schoͤpfung eines Urtheils vor, wo ein mißbrauchtes Maͤdchen ei⸗ ne Entſchädigung fuͤr das nicht erfuͤllte Heiraths⸗ verſprechen erlangen fann. Hierauf verſteht man ſich trefflich, und der Schrecken des Geſetzes iſt ſo hinlaͤnglich, daß es auf jenen vor dem eignen Bewußtſeyn gar nicht ankoͤmmt. Wenn ein Mann ſich ſelbſt beſtraft, oder ſich zwei Mal beſtrafen laͤßt wegen der naͤmlichen Beleidigung, einmal naͤmlich durch ſein Gewiſſen und das zweitemal durch ſeinen Koͤnig und ſein Land, ſo iſt er ein Thor, und noch mehr, er handelt auf eine dem Geiſte der engliſchen Geſetze zuwider⸗ laufende Art, die(man ſehe Blakſtone und die Uebrigen) da ſagen, daß ein Menſch wegen ei⸗ nes Vergehens nicht zweifach koͤnne beſtraft wer⸗ den. Unterdruͤcken Sie alſo Ihre Begierde zu lachen nicht laͤnger, ich bitte Sie darum, und affectiren Sie nicht einen presbyterianiſchen Ri⸗ gorismus, der weder fuͤr Ihre Geſtalt, noch fuͤr Ihr Alter paßt.“ „Ich affeetire nichts,“ ſagte Vivian la⸗ — 165— chend,„und bin weit entfernt von presbyteriani⸗ ſchem Rigorismus, aber nach allem dieſen, was wuͤrden Sie von einem Manne, von Ihrem Freunde zum Beiſpiel denken, der den Verſuch machte——? „Um Ihre Frage kurz abzuſchneiden,“ un⸗ terbrach ihn Wharton,„ſo wuͤrde ich gar nichts denken und nichts beruͤckſichtigen; ich wuͤr⸗ de ihm ohne Anſtand eine Kugel durch den Kopf jagen, und wahrſcheinlich wuͤrde ich mich darauf ebenfalls erſchießen. Aber Treuloſigkeit von Sei⸗ te eines Freundes, eines Mannes von Ehre— dieß iſt eine Sache, von der ich mir gar keinen Begriff machen kann. Wo ich mein Zutrauen hinſchenke, da gebe ich es vollſtaͤndig und oh⸗ ne Ruͤckhalt: einen Freund in Verdacht zu zie⸗ hen, vermag ich nicht.“ Vivian erlitt in dieſem Augenblicke alle Qualen eines edlen Gemuͤthes, das ſich Vorwuͤr⸗ fe zu machen hat. Er dachte, ſeine innere Be⸗ ſtürzung muͤſſe auch auf ſeinem Geſichte kund werden, und dieß trieb ſeine Verlegenheit ſo hoch, daß er nicht ein Wort zum Vorſchein brin⸗ gen konnte. Wharton ſah nicht darnach aus, als ob er ſeine heftige Bewegung bemerke, und ging nachlaͤſſig auf andere Unterhaltungsgegen⸗ — — — 166— ſtaͤnde uͤber. Zuletzt benahm er Vivian alle Furcht vor einer Entdeckung, indem er von ihm einen Dienſt, eine Gefaͤlligkeit in Geldſachen verlangte. „Alles iſt geborgen, wenigſtens iſt Miſtriß Wharton außer Gefahr, dem Himmel ſey gedankt!“ ſagte Vivian zu ſich.„Wenn ihr Mann den mindeſten Verdacht naͤhrte, ſo wuͤrde er ſich nicht darein fuͤgen, von mir eine Gefaͤl⸗ ligkeit zu begehren.“ Mit tollſtem Eifer und unter Vergießung von Thraͤnen der Erkenntlichkeit behaͤndigte Vi⸗ vian Whartonen das Geld, welches dieſer von ihm zu borgen ſich herbeiließ, und die Sum⸗ me war betraͤchtlich. „Wharton,“ ſagte er zu ihm,„Sie er⸗ klaͤren ſich zuweilen frei, allzufrei; aber Sie ſind, ich bin uͤberzeugt davon, ein Mann, der die Offenherzigkeit, die Großmuth ſelbſt und unter allen Menſchen am wenigſten geneigt iſt, verdachtvolle Blicke um ſich zu werfen, in Wahr⸗ heit, Sie verdienen einen beſſeren Freund zu befitzen, als ich bin.“ Unfaͤhig ſeine Bewegung und den Wider⸗ ſtreit zu bergen, die ſich in ſeinem Junern be⸗ kaͤmpften, beendete er gaͤhlings die Unterhaltung, — 167— eilte nach Hauſe, und verſchloß ſich, um an Mi⸗ ſtriß Wharton zu ſchreiben. Der Gedanke, daß dieſe Frau ihm den Vorzug vor allen Mo⸗ dethoren gebe, ja ſelbſt vor allen Leuten von Geiſt, die um ſie ihre Zirkel bildeten, dieſer Ge⸗ danke hatte ihren Werth in den Augen unſeres Helden um kein Geringes erhoͤht, und er ſtellte fich vor, daß man, im Allgemeinen genommen, ſehr unrecht daran ſey, wenn man von ihrer Ur⸗ theilskraft und ihren uͤbrigen Geiſteseigenſchaf⸗ ten keine ſonderliche Meinung habe. Er war ſehr zufrieden mit ſeinem Entdeckungsgeiſte, der ihn zur Erkenntniß gefuͤhrt hatte, daß dieſe Schö⸗ ne nichts weniger, als eine Thoͤrin ſey, und er richtete ſeinen Brief an ſie alſo ein, als ob er mit einer Frau von ausgezeichneten Geiſtes⸗ gaben zu thun haͤtte. Mit einer Beredſamkeit, die auf ein geiſtvolles Weib haͤtte wirken, mit einem Zartgefuͤhle, das ein gefuͤhlvolles Weib haͤtte ruͤhren muͤſſen, beſchwor er ſie, ſeine edlen Entſchluſſe zu befeſtigen, und auf ſolche Weiſe, „ſolang es noch an der Zeit waͤre, ſein und ihr Gluͤck zu ſichern.“„Statt dieſen Brief zu ſchrei⸗ ben“, fuͤgte er in einer Nachſchrift hinzu,„haͤtte ich Sie vielleicht fuͤr immer fliehen ſollen; allein dieß wuͤrde einen Mangel an Zutrauen auf Sie 168 und mich beweiſen, und ich habe es für vernuͤnf⸗ tiger gehalten, zu bleiben und Sie morgen, wie gewoͤhnlich, zu beſuchen, damit ich nicht durch ein uͤbereiltes Benehmen in Wharton irgend einen Verdacht erregen mochte.“ Die abgeſchmackte Furcht, daß nicht Mi⸗ ſtriß Wharton ſich durch einen anderen Ner⸗ venfall verrathe, wenn er London verließe, und wenn ſeine Abreiſe ihr allzu gaͤh durch ihren Gatten oder durch eine der Perſonen ihrer Be⸗ kanntſchaft angekuͤndigt wuͤrde, dieſe Furcht be⸗ ſtimmte ihn noch einige Tage hindurch in der Stadt zu verweilen, um ſie ſtufenweiſe vorzube⸗ reiten und von der Nothwendigkeit ihrer Tren⸗ nung zu uͤberzeugen. Als er ſeinen Brief an Mi⸗ ſtriß Wharton beendet hatte, war er mit ſich hinlaͤnglich zufrieden, um es zu wagen an Miß Sidney zu ſchreiben. Die Briefe, welche er ſeit einiger Zeit an ſie gerichtet hatte, waren kurz, und verriethen Zwang, in dem Schreiben, wel⸗ ches er jetzt entwarf, uͤberließ er ſich hingegen ganz ſeinen Empfindungen. Nun hoffte er ehren⸗ voll aus ſeiner Verlegenheit ſich zu ziehen und von Selina den Lohn fuͤr ſein Benehmen zu cr⸗ halten. „ n SechstesKapitel. Nachdem die beiden Briefe abgelaufen wa⸗ ren, erwartete er mit vieler Ungeduld die Ant⸗ wort der Miſtriß Wharton. Kleinere, un⸗ vorgeſehene Hinderniſſe verzoͤgerten dieſe Ant⸗ wort ein wenig; endlich langte ſie an. Vivian beeilte ſich den Brief zu eroͤffnen, und mit Ueber⸗ raſchung fand er folgenden Inhalt: „Ihr Brief ſagt Alles, was ich wuͤnſche, und er macht mich zum gluͤcklichſten Weibe, vor⸗ ausgeſetzt, daß Sie aufrichtig ſind; allein, nach Allem, was Sie ſagen, kann ich hieran nicht zweifeln. Ich bin mit Beſuchen uͤberhaͤuft und ſo wenig frei, daß ich Ihnen nicht mehr ſchrei⸗ ben kann, aber ich werde alle Muße haben, Sie heute Abends in der Oper zu ſprechen.“ Miſtriß Wharton erſchien in der Oper im vollen Strahlenglanze ihrer Schoͤnheit und in einer zierlichern Toilette als gewoͤhnlich. Man — 170— bemerkte, daß ſie noch niemals ſo hezaubernd war. Es lag in ihrem Weſen ein Etwas, wel⸗ ches Vivian ganz außer Faſſung brachte; und er begriſf von dieſem Raͤthſel nichts. Er hatte in der That nicht Urſache auf eine ſo ungemeine Heiterkeit gefaßt zu ſeyn, als ſie jetzt zeigte. „Wäre es moglich,“ ſagte er zu ſich,„daß die⸗ ſes Weib nichts als eine leichtſtnnige Coqnette fey, die ſich bisher auf meine Unfoſten unter⸗ halten hat, und die jetzt alle Verbindung mit mir ohne mindeſten Gram abbricht?“ Vivi⸗ ans Eigenliebe war verwundet: obgleich er es wuͤnſchte, ſich von dieſem Weibe zu entfernen, ſo konnte er doch nicht ertragen, daß ſie die Sache ſo gelaſſen nehme. Aeußerſt peinlich war ihm der Gedanke, vielleicht bloß zum Spielzeu⸗ ge gedient zu haben. Nach der Oper, waͤhrend ſte auf ihren Wagen wartete, fand er Gelegen⸗ heit, ſie ungehoͤrt von andern Menſchen zu ſprechen. „Es iſt mir ſehr angenehm,“ ſagte er mit erzwungenem Weſen zu ihr,„ich bin ungemein erfreut, meine Gnaͤdige, Sie dieſen Abend in ſo heiterer Stimmung zu ſehen.“ „Aber Sie,“ antwortete Miſtriß Whar⸗ ton,„ſind Sie nicht der ſonderbarſte Menſch — 171— in der Welt; daß Sie ein ſo feierliches Anſehen zeigen. In Wahrheit, ich glaube Sie werden doch nicht wollen, daß wir uns zanken, um nachher wieder das Vergnuͤgen einer Verſöhnung zu genie⸗ ßen; allein bis zum Zwiſte wird es nicht kom⸗ men. Doch in der That habe ich Ihnen einen Vorwurf zu machen; wie konnten Sie Ihren Na⸗ men unter all das uͤberſpannte Zeug ſetzen, das Sie geſtern an mich geſchrieben haben? Nehmen Sie ſich fuͤr die Zukunft in Acht; ich warue Sie aus Furcht, daß etwas geſchehen koͤnne. Doch was iſt Ihnen jetzt geſchehen? Sie ſind doch ein ſehr ſehr ſonderbarer Menſch! Wollen Sie an der Stelle des blaſſen Todes werden? Was be⸗ deutet denn dieß Alles?“ —„Der Brief, welchen ich an Sie ſchrieb,⸗ war, wie ich glaube, nicht unterzeichnet,“ ſagte Vivian mit ſinkender Stimme. „Doch,“ ſagte Miſtriß Wharton,„er war mit Karl Vioian ganz oollſtaͤndig un⸗ terzeichnet, doch warum erſchrecken Sie daruͤber ſo ſehr? Ich ſagte es Ihnen bloß, damit Sie fuͤr die Zukunft behutſamer ſeyen. Ich habe den Brief verbrannt; man ſtellt ſich verdrießlichen Ereigniſſen bloß, wenn man ſie nicht verbrennt⸗ dieſe Liebesbriefe. Das habe ich wenigſtens Hru. — 172— Wharton öfter ſagen gehoͤrt,“ faͤgte ſie laͤ⸗ chelnd hinzu. Zu ſeiner großen Beſtuͤrzung erkannte Vi⸗ vian, daß er an Miſtriß Wharton den fuͤr Selina beſtimmten Brief, und umgekehrt, ge⸗ ſchickt habe. Er verlor ſich ſo ganz in Gedanken, daß der Wagen der Miſtriß Wharton zu meh⸗ reren Malen angekuͤndigt wurde, ehe er Geiſtes⸗ gegenwart genng bekam, ihr die Hand zu rei⸗ chen, und ſie zu demſelben zu fuͤhren. Er ſelbſt begab ſich ganz geſchwind nach Hauſe, um daruͤ⸗ ber nachzudenken, was er zu thun habe. Sein Bedieuter ſtellte ihm einen Brief zu, den ein Bothe vom Lande gebracht hatte. Das Paket war von Selina. „Ich ſende Ihnen einen Brief zuruͤck, den ich dieſen Morgen von Ihnen erhalten habe. Ich las drei Zeilen davon, eh' ich wahrnahm, daß er nicht fuͤr mich beſtimmt ſeyn koͤnne; weiter habe ich aber auch nicht geleſen. Ich habe es nicht hindern koͤnnen, daß ich nun weiß, an wen er beſtimmt war, halten Sie ſich indeß verſichert, daß ihr Geheimniß unoerletzlich bewahrt werden wird. Fuͤrchten Sie keinen Tadel von meiner Seite. Dieſe Zuſchrift iſt die letzte, die Sie von mir erhalten. Ueberlaſſen Sie mir dieſe Sorge⸗ — 173— mich uͤber mein Betragen gegen meine und gegen Ihre Mutter zu erklaͤren. Ich werde ihnen ſa⸗ gen, daß meine Gefuͤhle eine gänzliche Veraͤn⸗ derung erfahren haben, und ich bin uͤberzeugt, daß ich es mit Wahrheit werde ſagen koͤnnen. O! Vivian, Sie ſind zu beklagen! Alles kann man erdulden, ausgenommen, die Qualen des Bewußtſeyns. Moͤge es dem Himmel gefallen, daß ich Ihnen die Vorwuͤrfe Ihres Herzens erſpare. Leben Sie wohl! Selina Sidney“ Es waͤre unmoͤglich, die Gefuͤhle zu ſchil⸗ dern, welche Vivian bei Leſung dieſes Briefes durchtobten. Bewunderung, Liebe, Zaͤrtlichkeit⸗ Selbſtvorwuͤrfe bemaͤchtigten ſich in der Aufein⸗ anderfolge ſeines Herzens. Unfaͤhig einer zuſam⸗ menhaͤngenden Erwaͤgung, unfaͤhig irgend eines deutlichen Gedankens warf er ſich auf ſein Bett, ſchloß die Augen, und ſuchte den Schlaf um ſei⸗ nes Daſeyns zu vergeſſen. Doch vergebens reg⸗ te er ſich nicht, der Tumult ſeiner Gedanken wollte ſich nicht legen; ſein Puls ſchlug heftig, und vor Tagesanbruch war das Fieber entzuͤndet. Die Furcht, daß ſeine Mutter herbeikaͤme, und ich um die Urſache ſeines Uebels erkundigte, ver⸗ — 174— mehrte noch ſeine Bewegung: Sie kam, ihre Zaͤrtlichkeit, ihre Unruhe waren neue Qualen fuͤr ihren ungluͤcklichen Sohn. Streng verwies er ſich, daß er diejenigen ſo bitter quaͤle, die er am meiſten ſchaͤtzte und liebte. Bald begann er irre zu reden, und in dieſem Zuſtande ſprach er oft den Namen des Miſtriß Wharton aus, bald mit dem Tone der Zaͤrtlichkeit, bald mit Ver⸗ wüͤnſchungen. Der Verdacht ſeiner Mutter be⸗ feſtigte ſich durch mehrere Ausdruͤcke, die ihm ent⸗ wiſchten, und daß die Leute, die bei ihm waren⸗ ſie baten, dieſe Ausdruͤcke fuͤr die ausſchweifenden Einfaͤlle eines Menſchen zu halten, den das Fie⸗ ber wachend traͤumend mache. Waͤhrend der Dauerzeit der Kriſis war die Mutter vorſichtig genug ihren Verdacht zu bergen, und ſo lang als moͤglich alle Fremden von den Gemaͤchern ihres Sohnes entfernt zu halten. Nach Verlauf einiger Tage legte ſich das Fieber, und Vivi⸗ an erinnerte ſich wieder klar alles deſſen, was vor ſeiner Krankheit vorgegangen war. Er wuͤnſch⸗ te beinahe wieder in ſeine Bewußtloſigkeit zu⸗ ruͤckzufallen. Das erſte Mal, als man ihn al⸗ lein ließ, ſtand er auf, oöͤffnete ſeinen Schreib⸗ tiſch, nahm Selina's Brief, durchlas ihn, und las ihn wieder, jegliche Zeile uͤberdenkend und ſich ſchmeichelnd, er werde darin jedesmal einen neuen Sinn finden. „Sie hat nur drei Zeilen von meinem Brit⸗ fe durchleſen,“ ſagte er zu ſich,„ſo hat ſie alſo nur errathen, daß ich eine Intrigue mit Miſtriß Wharton hatte, ohne zu wiſſen, daß ich in eben dieſem Briefe alles aufboth, um ſie zu ih⸗ rer Pflicht zuruͤckzufuͤhren.“ Der Gedanke, daß Selina eine nach⸗ theiligere Meinung von ihm habe, als er verdie⸗ ne, beruhigte ihn ein bischen. Er beſchloß ihre Achtung wieder zu gewinnen, mit Miſtriß Wharton gaͤzzlich zu brechen, und beharrend auf dieſem Entſchluſſe, wartete er nur, daß die Aerzte ihm erlaubten auszugehen. Als er end⸗ lich ihrer Tirannei ledig wurde, entſchluͤpfte er aus ſeinem Zimmer, und ſchon war er auf der Treppe, als ſeine Mutter ihn anhielt. „Karl“ ſagte ſie zu ihm,„eh du mich ver⸗ laͤſſeſt, zwingt mich meine Pflicht mit dir einige Angenblicke lang von einem Gegenſtande, der eini⸗ ge Wichtigkeit hat, zu reden.“ Lady Mary fuͤhrte ihn mit wuͤrdevollem Weſen in ihre Zimmer. Vivians Benehmen druͤckte Stolz und Unrnhe aus; der bloße Ge⸗ danke einer Strafpredigt von Seite ſeiner Mut⸗ 176 ter empoͤrte ihn. Er dachte, ſie werde ihre neu⸗ lich gemachten Vorſtellungen, wegen ſeines ver⸗ trauten Umgangs mit Miſtriß Wharton wie⸗ derholen und ſich uͤber die platoniſchen Ver⸗ haͤltniſſe im allgemeinen verbreiten, jedoch keines⸗ wegs ließ er ſich in den Sinn kommen, daß ſie die Wahrheit nach ihrem ganzen Umfange ent⸗ deckt habe. Er war denn eben ſo ſehr uͤber⸗ raſcht als verdrießlich, da ſie zu ihm ſagte: „Die Verdorbenheit des Jahrhunderts, in dem wir leben, hat alle Bande der Geſellſchaft und ſelbſt jene der Natur in dem Grade aufge⸗ loͤst, daß ich nicht zweifeln darf, die Sorgfalt einer Mutter fuͤr den ſittlichen Charakter ihres Sohnes, ihres einzigen Sohnes, uͤber deſſen Er⸗ ziehung ſie ſeit ſeiner Kindheit wachte, werden in den Augen eben dieſes Sohnes nur ſehr läͤ⸗ cherlich erſcheinen. Sehr wohl weiß ich, daß meine Nathſchläge ihm ſeit laͤngerer Zeit mißfaͤllig find. Ich habe ſeine Zuneigung verloren, indem ich genau meiner Pflicht nachlebte; allein, ich werde dabei ſtehen bleiben, ohne mir Gewalt an⸗ zuthun, und zwar um ſo mehr, da die Furcht mir zu mißfallen, oder die Hoffnung meinen Bei⸗ fall zu erhalten, dermal auf ihn keinen Einfluß hat. Waͤhrend deiner Krankbeit haſt du ein Ge⸗ — 177— heimniß entſchleiert..... Du ſchauderſt? Du haſt auch Urſache hierzu. Iſt es moͤglich, daß mein Sohn bei den Grundſätzen, die ich ihm ein⸗ zupraͤgen bemuͤht war, ſo ſehr entarten konnte? Habe ich deun lange genug gelebt um aus ſeinem eigenem Munde zu erfahren, daß er der Verfuͤh⸗ rer einer verheiratheten Frau, der Gattin ſeines Freundes iſt?“ Veivian ging in heftigſter Beklemmung umher. Seine Mutter fuhr fort, den Ton ihrer Strenge verdoppelud: „Ich werde dir nichts ſagen von deiner Verſtellung gegen mich, noch von allen deinen Ausfluͤchten. Ich weiß, daß einem Manne von Intriguen die Falſchheit fuͤr eine Tugend gilt. Ich werde mich nicht herablaſſen, durch neue Fra⸗ gen in deine verbrecheriſchen Geheimniſſe einzu⸗ deingen; ich wuͤnſche mir Gluͤck, keinen Antheil an deinem Zutrauen zu haben, aber ich erklaͤre dir hier feierlich, daß ich dich nicht wiederſehen werde, bis dein Verhaͤltniß mit Herrn Whar⸗ ton gaͤnzlich gebrochen iſt: dieß ſind nicht mehr Nathſchläge, die ich dir ertheile, ich befehle und es muß mir gehorcht werden, oder ich verſtoße dich fuͤr immer aus meiner RNaͤhe.“ Lady Mary eutfernte ſich mit dieſen Wor⸗ Vivian 1. Theil — 178— ten. Vivian war durch dieſe Aeußerungen ſei⸗ ner Mutter erſchuͤttert. Er ſah ein, daß ſie recht habe. Allein ſein Stolz fand ſich durch dieß ſtren⸗ ge und gebieteriſche Weſen beleidigt. Seine Selbſt⸗ vorwuͤrfe und guten Entſchluͤſſe machten dem Zor⸗ ne Platz. Je mehr er empfand, daß er Unrecht habe, um ſo weniger konnte er ertragen, ſich in die⸗ ſem machthaberiſchen Tone Verweiſe ſagen zu laſ⸗ ſen. Er ging fort, Miſtriß Wharton zu ſe⸗ hen, und zwar in einer Stimmung, die ſehr ver⸗ ſchieden von jener war, in der er ſich eine halbe Stunde vor der Unterredung mit ſeiner Mutter befunden hatte. Miſtriß Wharton wußte aus der Schwaͤche ſeines Charakters und ſeinen edel⸗ muͤthigen Neigungen Vortheil zu ziehen. Sie brach in die lauteſten Aeußerungen des Schmer⸗ zes aus, als ſie erfuhr, daß Lady Mary und Miß Sidney ihr Geheimniß in ihre Gewalt bekommen hatten. Vergebens verſicherte Vivi⸗ an, dieſes Geheimniß werde unverletzlich be⸗ wahrt ſeyn: ſie wiederholte ſtets, daß ſie ihren guten Ruf verloren, daß ſie alles einem Manne hingeopfert habe, der ſie gegenwaͤrtig auf die treuloſeſte, barbariſchſte Weiſe verließe, und der Willkuͤr ihres Ehemannes Preis gebe, der ein ehen ſo unbarmherzigar Tirann als ein zuͤgelloſer — 179— Menſch ſey. Sich mit dieſem Gatten ausſoͤhnen, war eine unmoͤgliche Sache, an welche nicht ein⸗ mal zu denken ſey. Das Betragen Hrn. Whar⸗ tons gegen ſie waͤre ſo ſchaͤndlich, daß ſie nicht mehr im Stande ſey mit ihm zu leben, ſelbſt wenn auch nicht eine verhaͤngnißvolle Liebe ihr Herz an einen andern Gegenſtand feſſelte. Ihre Leidenſchaft ſchien auf den hoͤchſten Grad geſtie⸗ gen zu ſeyn. Mit aller Beredſamkeit der unglüͤck⸗ lichen Schoͤnheit rief ſie Vivian als ihren einzigen Freund an, und begab ſich gaͤnzlich un⸗ ter ſeinen Schutz. Sie ſchwur, daß ſie nicht blei⸗ ben, nicht einen Tag in demſelben Hauſe blei⸗ ben koͤnne, welches Wharton bewohne, und daß ihr Schickſal, ihr Daſeyn ſelbſt von Vivi⸗ ans Mitleid abhange. Dieſer hatte nicht die Kraft eine ſolche Scene zu ertragen; er blieb un⸗ entſchloſſen. Die Verſuchung des Angenblicks trug endlich uͤber die beſten Entſchluͤſſe den Sieg da⸗ von. Er ließ ſich uͤberreden durch dieſe Frau, die er nicht liebte, die er nicht achten konnte, ſie zu entfuͤhren, ſie nach dem feſtem Lande zu brin⸗ gen, und dieß in einem Zeitpunkte, wo er eine andere liebte, eine andere hochachtete. Der Plan zu dieſer Entfuͤhrung wurde in einer Viertelſtunde entworfen und beſchloſſen; von Seite der Mi⸗ 2* — 180— ſtriß Wharton mit aller Uebereilung der Leiden⸗ ſchaft, von Vivians Seite in der Verwirrung der Verzweiflung. Eben der Wagen, dieſe Pfer⸗ de, welche unſeren Helden zu ſeiner theuern Se⸗ lina bringen ſollten, ſchleppten ihn, ſo wie Mi⸗ ſtriß Wharton, bis zur erſten Poftſtation auf der zu ihrer Flucht nach dem Continent gewählten Straße. Den naͤchſten Morgen las man in den oͤffentlichen Papieren folgenden Paragraph: „Geſtern iſt die ſchoͤne und elegante Miſtriß W*r, deren Vermaͤhlung mit dem beruͤhmten Herrn W“** wir im verfloſſenen Jahre anzeigten, aus dem Hauſe ihres Gemals, in der Straße St. James mit Herrn K* V***, Parlamentsglied fuͤr die Grafſchaft— entflohen. Dieſes Ereig⸗ niß har beſonders in den höheren Claſſen von Lon⸗ don große Ueberraſchung veranlaßt, denn die Da⸗ me behauptete bis zu dem Augenblick dieſes un⸗ gluͤcklichen Schrittes einen makelloſen Ruf, ſo zwar, daß man Herrn und Madame W** als Muſter des ehelichen Gluͤches betrachtete. Der be⸗ ſchimpfte Gatte befand ſich auf ſeinem Poſten im Unterhauſe, und wir haben ſogar von guter Hand in Erfahrung gebracht, daß er mit patriotiſchem Eifer die Sache ſeines Landes vertheidigte, als das unſelige Ereigniß ſtatt fand, welches ſein haͤus⸗ Mi⸗ der lten den ſtriß nten gten, — 181— liches Gluͤck zerſtoͤrte. Was aber unter ſo trau⸗ rigen Umſtaͤnden ihm am empfindlichſten fiel, bleibt uns noch uͤbrig anzuzeigen. Der Verfuͤhrer war ſein vertrauter Freund, ein junger Mann, den er mit Erfolg in den oͤffentlichen Angelegenheiten erſcheinen machte, den er in ſein Haus einfuͤhrte, dem er eine geliebte Gattin mit jener Herzlichkeit und jenem Edelmuthe anvertraute, die ſeine cha⸗ rakteriſtiſchen Eigenſchaften ſind. Wir erfahren, daß Herr W““ in Verfolgung der Fluͤchtlinge begriffen iſt.“ Siebentes Kapitel. — Nach dem modernen Geſetzbuche der Ehre be⸗ ſteht in der guten Geſellſchaft die Einrichtung, daß, wenn ein Mann die Gattin ſeines Freundes ver⸗ fuͤhrt oder entfuͤhrt hat, ſein erſtes Geſchaͤft, das er nachher vorzunehmen hat, darin beſtehe, ſich mit dem Manne zu ſchlagen, den er beſchimpft hat. Wenn er dieſe Probe des Duells ablegt, ſo kann er nicht bloß ſeine Unſchuld darthun, ſon⸗ dern ſogar, wofern er die Sache mit Glanz und Anſtand durchzufuͤhren weiß, uͤberdieß in den Jahr⸗ buͤchern der Galanterie mit ruhmvoller Erwaͤh⸗ nung verzeichnet werden, und in den Augen der unſchuldigen Schoͤnheit ſich Bewunderung erwer⸗ ben. An der Stelle unſers Helden wurden ſich viele Leute vom guten Tone zur Oeffentlichkeit dieſer Beleidigung Gluͤck gewuͤnſcht und ſich hoch der Gelegenheit erfreut haben, welche ſich anbot, einem Ehemanne die Genugthuung eines Mannes von Ehre zu gebenz allein zum Ungluͤck fuͤr Vi⸗ vian wußte er noch nicht ſeine Grundſaͤtze ſei⸗ nem Betragen anzupaſſen; er hatte als Mann von gutem Tone gehandelt, aber ach, er dachte, er empfand noch als tugendhafter Mann: aus folgendem Briefe an Ruſſel wird man dieß erſehen. „An den hochwuͤrdigen Heinrich Ruſſel.“ „So erfuͤllt von Unwillen Sie uͤber all das⸗ jenige ſeyn koͤnnen, was Sie von mir verneh⸗ men, ſo koͤnnen Sie dieſes doch in keinem hoͤhe⸗ ren Grade ſeyn, als ich es ſelbſt bin. Ich ſchrei⸗ be Ihnen nicht um mich zu entſchuldigen oder wohl gar zu rechtfertigen; mein Betragen iſt keiner Vertheidigung fähig, ich werde daher weder bei meinen Freunden noch bei dem Pub⸗ likum eine ſolche verſuchen, und ich ſchreibe an meinen Advokaten auch keine zu unternehmen, wenn die Sache, wie es hoffentlich bald geſche⸗ hen wird, bei den Gerichtshoͤfen anhaͤngig ge⸗ macht wird; denn ich bin bereits unterrichtet, daß der arme Wharton ſeine Verfolgungen begonnen habe. Was die Entſchaͤdigung betrifft, ſo hat er nur die Summe zu beſtimmen, ich werde Alles unterzeichnen, was nicht die Grenzen mei⸗ — 184— nes Vermögens aͤberſteigt. Wollte der Himmel, daß ich ihm mit Geld Gerechtigkeit verſchaffen koͤnnte; aber Wharton iſt zu großmuͤthig, zu hochgeſinnt, als daß dieſes moöͤglich waͤre. So groß auch das Verderbniß ſeiner Sitten in gewiſſen Hinſichten ſeyn kann, ſo iſt er doch keiner ſolchen Selbſtentwuͤrdigung faͤhig, als ich mich derſelben ſchuldig gemacht habe. Vielleicht hat Niemand in der Welt einen ſo hohen Begriff von dem Man⸗ ne, den ich beſchimpft habe, als ich. Er liebte ſeine Gattin nicht, allein dieß iſt fuͤr mich kein Entſchuldigungsgrund; ſeine Ehre iſt durch dieſe Entfuͤhrung eben ſo gekränkt, als haͤtte ſie zu einer Zeit ſtatt gefunden, in der er ſie noch lieb⸗ te. Es gab eine Zeit, in der er ſie anbetete, und er waͤre zu ihr zuruͤckgekehrt, wenn er ſeine Ga⸗ lanterien ſatt bekommen haͤtte; ſie wuͤrden haben zuſammenleben und eben ſo gluͤcklich ſeyn koͤnnen als ſonſt, haͤtte ich nicht gehandelt wie ein— Was bin ich geweſen? Was bin ich jetzt? nicht ein Verbrecher, denn dann wuͤrde ich mich meines Betragens ruͤhmen, wohl aber der ſchwaͤchſte un⸗ ter den Menſchen, und nur allzuwahr iſt's, Ruſſel, daß alle Bosheit im Grunde Schwaͤ⸗ che ſey!“. „Man ſagt mir, daß Wharton michal⸗ — 185— lenthalben eben ſo ſehr fuͤr feig als fuͤr verwor⸗ fen erklaͤrt, und daß er behauptet, ich habe mich entfernt um zu vermeiden, daß ich mich mit ihm ſchlagen muͤſſe. Er irrt. In Wahrheit waͤre es mir ein furchtbarer Gedanke, auch noch an ſeinem Tode Urſache ſeyn zu ſollen; aber ich batte einen Entſchluß gefaßt, und waͤre auf dem Kampfplatze nur erſchienen, um ſeinen Schuß auszuhalten. Ich waͤre dermal nicht verdrießlich daruͤber, wenn man mich aus der Welt ſchickte, und lieber möch⸗ te ich durch ſeine Hand als durch jene eines an⸗ dern Menſchen fallen. Da aber hiervon nicht mehr die Rede iſt, und die Angelegenheiten eine ande⸗ re Wendung genommen haben, ſo bleibt mir nichts Anderes uͤbrig, als in den Qualen des Bewußt⸗ ſeyns ſo lange zu leben als es dem Himmel ge⸗ fallen wird, und wenigſtens bemuͤht zu ſeyn, die Aermſte, die ſich unter meinen Schutz begeben hat, ſo gluͤcklich zu machen, als es mir moͤglich ſeyn wird.“ „Wenn Sie noch einigen Antheil an einem Zoͤglinge nehmen, der Ihnen ſo wenig Ehre macht, ſo geſtehen Sie mir eine Gunſt zu; begeben ſie ſich zur Miß Sidney, und wenden Sie alle Mittel des Troſtes an, die in Ihrer Gewalt ſte⸗ hen. Sagen Sie weder etwas zu meinen Gunſlen — 186— noch uͤberhaupt etwas von mir, als daß ich wuͤn⸗ ſche, ſie moͤge mich bald gaͤnzlich vergeſſen haben. Sie hat mich aus ihrem Herzen verbannt, als ſie dieſe Intrigue erfuhr, und ehe ich dieſen letz⸗ ten unſeligen Schritt that; indeß hoffte ich noch ihre Achtung und ihre Zuneigung zu erwerben; denn ich hatte beſchloſſen...„Doch was ver⸗ faͤngt das, was ich beſchloſſen habe; alle meine Entſchtuͤſſe ſind ohne Erfolg geblieben, und ge⸗ genwaͤrtig bin ich ihrer Zaͤrtlichkeit ganz unwuͤr⸗ dig. Ich muß ihr entſagen, und allem Jenen, was gut und geeignet iſt gluͤcklich zu machen, den Hoffnungen, den tugendhaften Erwartungen mei⸗ ner Jugend. Kaum am Horizont erſchienen, iſt meine Sonne ſchon untergegangen. Ich wunſche aufrichtig, daß ſie mich vergeſſe; denn Sie wiſſen, daß die Ehre mich verpflichtet... Die Ehre? doch wie mag ich mich dieſes Ausdrucks bedie⸗ neu! Ich bin verpflichtet nach geſchehener Ehe⸗ ſcheidung die Frau zu heirathen, welche ich ver⸗ fuͤhrt habe. Ach, Ruſſel, welche Frau fuͤr Ih⸗ ren Freund, welche Schwiegertochter fuͤr meine arme Mutter, nach all der Sorge, welche ſie auf meine Erziehung gewendet! Welcher Preis ſuͤr ihre Zaͤrtlichkeit, und ſie war doch einſt ſo ſtolz auf mich! Ach, ſie wird den Tod davon haben. — 187— Ich werde nicht ſterben; ich werde mein elen⸗ des Daſeyn fortſchleppen und dieſes vielleicht bis in mein vorgeruͤcktes Alter; ich bin allzu ſchwach, um dieſe Schlaͤge zu fuͤhlen, wie ſtarke Seelen, gleich der Ihrigen, ihr Gewicht ſtatt Meiner empfinden werden. Doch legen Sie nicht meine Fehler Ihnen zur Laſt, alles, was ein Menſch ihun konnte, haben Sie fuͤr mich geleiſtet; dieß iſt wenigſtens ein Troſt fuͤr Sie, mein theurer und guter Freund d kann ich Sie noch meinen Freund nennen, oder gibt es fuͤr mich keine Freunde mehr auf Erden? Karl Vivian.“ Man kann aus dieſem Briefe auf die be⸗ klommene Lage des unglücklichen jungen Man⸗ nes ſchließen: in dieſem Alter iſt man noch nicht gegen den Tadel des Innern verhaͤrtet. Die Aus⸗ ſicht in die Zukunft war fuͤr ihn eben ſo ſchreck⸗ lich als die Erinnerung an die Vergangenheit, Ohne Unterlaß dachte er an dieſen oͤffentlichen Gerichtsſpruch, der bald erfolgen mußte, und überſah all die demuͤthigenden Umſtaͤnde, die mit ihm eintreten, zuletzt dachte er mit Schrecken daran, daß er ein ſolches Weib heirathen und mit demſelben ſein Leben zubringen ſolle, mit — 188— einem Weibe, das weder Achtung noch Zutrauen ihm einzufloͤßen vermochte. Von all ſeinen Qua⸗ len war dieſe vielleicht die empfindlichſte, denn er konnte ſie Niemanden anvertrauen. Miſtriß Wharton ſollte, ſo wie ſie war, ſeine Gat⸗ tin werden, und er ſah ſich berufen, ſie gegen Tadel, gegen Beleidigung und wenn er es im Stande waͤre, gegen Verachtung zu ſchuͤtzen. Waͤhrend der ſechs Wochen, die er mit ihr im Exil zu Bruͤſſel zubrachte, litt Vivian ſo ſichtbar, daß ſeine beſten Freunde ihn nicht wuͤr⸗ den erkannt, und ſeine ergrimmteſten Feinde, wenn er deren gehabt haͤtte, nicht vermoͤgend geweſen waͤren, eine Verlaͤngerung ſeiner Lei⸗ den zu wuͤnſchen. Eines Abends ſaß er allein, den herbſten Betrachtungen Preis gegeben; da uͤbergab man ihm einen Brief Ruſſels, den erſten, welchen er ſeit ſeiner Abreiſe aus England erhalten hatte. Wer in einem fremden Lande, entfernt von ſei⸗ nen Freunden ſich aufhielt, muß jene innere Be⸗ wegung kennen, welche der bloße Anblick eines Briefes aus ſeiner Heimath verurſacht; allein in Vivians Umſtaͤnden, verlaſſen von ſeinen beſten Freunden, wie er es glaubte zu ſeyn und wie er es auch verdient haͤtte, machte der Au⸗ — 189— blick eines Briefes von Ruſſel einen ſo ſtar⸗ ken Eindruck auf ihn, daß ſeine Augen lange Zeit auf der Ueberſchrift haften blieben, er es nicht wagte ihn zu öffnen und kaum die Kraft dazu hatte: endlich erbrach er das Siegel und las: „Kehren Sie in Ihr Vaterland zuruͤck; kommen Sie zu Ihren Freunden und zu ſich ſelbſt zuruͤck, Vivian! Rufen Sie Ihre Thatkraft hervor, gewinnen Sie wieder Zutrauen auf ſich, fuͤhren Sie Ihre guten Entſchluͤſſe aus, und Sie koͤnnen noch die Ehre Ihrer Familie, die Won⸗ ne einer zärtlichen Mutter und der Stolz Ihres Freundes Ruſſel ſeyn. Ihre Reue iſt tief⸗ empfunden; moͤgen die Folgen davon heilſam und dauerhaft ſeyn: ſo will es auch die Reli⸗ gion, daß unſere Reue Fruͤchte trage. Der ver⸗ nuͤnftige, der tugendhafte Mann muß ſeine ver⸗ gangenen Irrthuͤmer fuͤr ſein kuͤnftiges Bench⸗ men benuͤtzen. So lange ich Ihnen nichts Beru⸗ higendes zu ſagen hatte, habe ich mich enthalten, Ihren Brief zu beantworten: ich habe es mir verſagt, ein Gemuͤth danieder zu druͤcken, das ohnehin unter der Laſt der Selbſtvorwuͤrfe erlag; meine geheiligte Pflicht beſteht darin, den Suͤn⸗ der zur Reue zu rufen, nicht aber die Pforte der Varmherzigkeit einem zerknirſchten Weſen zu 190— verſchließen. Gegenwaͤrtig kann ich Ihr Gemuͤth eines Theils der Sorge entladen, die es mit 7F Recht zu Boden deuͤckte. Sie wiſſen, daß nichts Ihre Intrigue mit einem verheiratheten Frauen⸗ zimmer zu entſchuldigen vermag, und ich glaub⸗ te, Ihre moraliſche und religioſe Erziehung wird Sie dagegen bewahren. Niemals aber hatte ich Sie im Verdachie einer mit Bedacht entworfe⸗ nen Abſicht, den Gatten dieſes Weibes zu taͤu⸗ ſchen und ſie ſelbſt zu verfuͤhren, und wirklich bin ich gegenwaͤrtig im Stande zu erklaͤren, daß nicht Sie es ſind, der Herrn Wharton be⸗ trogen hat, ſondern daß er an Ihnen zum Ver⸗ raͤther geworden iſt. Nicht Sie haben Miſtriß Wharton verfuͤhrt, Sie ſind durch ſie ver⸗ fuͤhrt worden. Sie ſind nicht verpflichtet ſie zu ehelichen; Wharton kann die Ehnſcheidung nicht erlangen; er wird es nicht wagen, die Sa⸗ che vor die Gerichtshoͤfe zu bringen; thut er es, ſo iſt er verloren. Es hat ein Einverſtaͤndniß zwiſchen Mann und Frau Statt; Sie werden den Beweis davon in dem beigefuͤgten Thatbe⸗ ſtande finden, der noͤthigenfalls in den geſetz⸗ maͤßigen Formen wird eidlich beſtaͤtigt werden. Sie werden kaum an dieſe entſetzlichen Beweiſe der Niedertraͤchtigkeit Whartons glauben, —„— — 191— wenn Sie ſolche auch wirklich vor Augen ſehen. o⸗ ich wußte es wohl, und jederzeit habe ich Ihnen es geſagt, daß alle ſeine Anſpruͤche auf Ehre, Offenheit und Freundſchaft unvertraͤglich mit ſeiner eingeſtandenen Verachtung aller Grund⸗ ſatze und aller Tugend waͤren, daß man ſich hier⸗ auf nicht verlaſſen koͤnne, und daß er, ein Mal auf die Probe geſtellt, ſie nicht beſtehen wuͤrde. Nein, nichts war vermoͤgend, mich an die Ehre des Privatlebens eines Mannes glauben zu ma⸗ chen, der ſich im oͤffentlichen Leben ſo verdorben zeigte, als Herr Wharton. Ein Menſch, der ſeine Gewiſſenhaftigkeit wegen ſeines Intereſſes veraͤußert, wird ſie auch wegen ſeiner Vergnuͤ⸗ gungen feil bieten; ein Mann, der ſein Vater⸗ land verraͤth, wird auch nicht beſſer an ſeinem Freunde handeln; umſonſt wird man verſuchen, hier Unterſchiede in ſeiner Gewiſſenhaftigkeit zu machen, es gibt nicht zweierlei Ehre, zweierlei Tugend. Wie ſehr bin ich nicht erfreut, daß Ihr guter Ruf als Staatsmann noch makellos iſt; dieſer große Vortheil bleibt Ihnen, ſuchen Sie den ganzen Werth deſſelben zu empfinden, kehren Sie in die Mitte ihrer Vaterlandsgenoſ⸗ ſen zuruck, erwerben Sie ſich noch mehr Auf⸗ merkſamkeit durch Ihre Redlichkeit als durch 192— Ihre Talente. Nichts iſt heutzutag in England gewoͤhnlicher, als ein gewiſſes Maß von zuf ten; was aber uns fehlt, dieß iſt Tadelloſigkeil, wahrhafte Vaterlandsliebe, reiner Gemeinſinn, edle Ehrliebe, nicht aber dieſe veraͤchtliche Gier⸗ de nach hohen Dienſtplaͤtzen und Gehalten, wel⸗ che einige Leute mit dem Namen des Wetteifers ſchmuͤcken; nicht dieſes Geklaͤffe unſerer Therſiten, das man Gemeingriſt nennt, und mittelſt deſ⸗ ſen Wharton und Seinesgleichen gute Men⸗ ſchen betruͤgen und ſich auf einige Zeit die Volks⸗ gunſt erwerben; ſondern vielmehr jene Tugend, die zu kaͤmpfen, zu dulden und unerſchuͤttert zu ſtehen weiß, die auf oder außer einem Dienſtpo⸗ ſten dieſelbe iſt, die im guͤnſtigen wie im un⸗ guͤnſtigen Erfolge denjenigen ehret, der mit ihr begabt iſt, und ſeinen guten Ruf in der Mitte aller Revolutionen der Parteiungen aufrecht erhält, die, waͤhrend ſeiner Lebensdauer ihm die Ach⸗ tung der Verdorbenſten unter ſeinen Zeitgenoſ⸗ ſen erwirbt, die auf dem Sterbebette ihm Ruhe und Zufriedenheit einfloͤßt, und welche, auch wenn er nicht mehr iſt, den Troſt ſeiner Freun⸗ de und den Ruhm ſeines Landes ausmacht. All⸗“ dieſes ſteht noch in Ihrer Gewalt, Vivian! Kommen Sie denn und halten Sie das Alles, Pe⸗ ſeit Ihrer erſten Jugend verſprachen; 1 kinmen Sie, und geben Sie Ihrer Mutter einen Sohn zuruͤck, der ihrer wuͤrdig ſey, kommen Sie, und übertreffen die Hoffnungen Ihres ge⸗ treuen Freundes S. Ruſſel.“ Nur ſchwer wuͤrde man ſich den gähen Wechſel der Gefuͤhle malen koͤnnen, welche Vi⸗ vian bei Durchleſung dieſes Briefes ergriffen. Die Beilage, welche er enthielt, rührte von ei⸗ ner Kammerfrau der Miſtriß Wharton her, von einem Weibe, das gerade der weſentlichſte Zeuge zu Herrn Whartons Gunſten haͤtte ſeyn ſollen. Sie war einſt ſeine Maͤtreſſe, oder doch eine jener zahlreichen Maͤtreſſen, welchen er nach einander ewige Standhaftigkeit zuſchwor; auch ſte hatte ſeinen Betheuerungen, trotz ſo vie⸗ ler Beiſpiele vom Gegentheile und gegen alle Wahrſcheinlichkeit, Glauben beigemeſſen, und ob⸗ ſchon ſie ihm verzieh, daß er gegen ſeine Gat⸗ tin und ſo viele Andere ungetreu war, da dieß an einem Menſchen, wie er, ſehr natuͤrlich ſchien, ſo war ſie dennoch uͤberraſcht und entruͤſtet, als ſie ihn auch ihren Reizen ungetreu werden ſah. In einem Anfalle von Wuth der Eiferſucht, rann⸗ Vivian I. Theil 13 — 194— te ſie zu Herrn Ruſſel, den fie als§ ans Freund kannte, entſchleierte ihm das heimniß, welches ſie beſaß, legte in ſeine Haͤn⸗ de die Beweiſe des falſchen Spieles von Whar⸗ ton und ſeiner Frau nieder, und fand ein bos⸗ haftes Vergnuͤgen daran, ihre Ausſage zur vol⸗ len Zufriedenheit eines Rechtsfreundes abzufaſ⸗ ſen. Sie wußte, daß ſie ſolchergeſtalt der Ehe⸗ ſcheidung zuvorkommen und ihren treuloſen Freund auf die empfindlichſte Art beſtrafen koͤnne, in⸗ dem ſie ihn einer Summe von zwanzigtauſend Pfund Sterling beraubte, und an ein Weib feſ⸗ ſelte, das er verabſcheute. Eben derſelbe Eilbothe, welcher Vivian die Ausſage dieſer Frau und Ruſſels Brief uͤberbrachte, behaͤndigte auch der Miſtriß Whar⸗ ton die Nachricht, daß der Plan ihres Ge⸗ mals bekannt geworden ſey. Sie war demnach auf Vivians Jorn bereits gefaßt, und hielt das erſte Feuer ſeiner Entrüuͤſtung mit dem erkuͤn⸗ ſtelten Weſen einer reuigen Magdalene aus. So⸗ dann aber unternahm ſie ihre Veriheidigung auf eine ſehr ungeſchickte Art, indem ſie die ganze Schuld auf ihren Mann warf, und ſchwur, daß ſie bloß durch Furcht gezwungen worden ſey, al⸗ ſo zu handeln, und daß ihr Leben nicht mehr in — 195— 6ι fene geweſen waͤre, wenn ſie ſich nicht zur Allsfuͤhrung dieſes ſchrecklichen Complots herge⸗ liehen haͤtte. Vergebens weinte und warf ſie ſich auf die Knie. Als ſie Vivian unerſchuͤt⸗ terlich fand in ſeinem Vorſatze, ſogleich nach England zuruͤckzukehren, ſo gab ſie an der Stel⸗ le die angenommene Demuth auf, und ſo ſchoͤn ſie auch war, erſchien ſie doch in Vivians Augen wie ein Geiſt der Hoͤlle, als ſie mit ge⸗ zwungenem Laͤcheln zu ihm ſagte: „Sie ſehen, daß, obgleich man mich fuͤr ſchwachkoͤpfig haͤlt, ich dennoch Gewandheit ge⸗ nug beſitze, um gewiſſe Leute zu uͤberli⸗ ſten, und ich darf auch Herrn Wharton ſa⸗ gen, daß ich klug genug bin, um ihn nur zum Beſten zu haben. Eine Eheſcheidung liegt ihm am Herzen; er wird aber keine ſolche erwirken, niemals wird er weder die Miß B., noch ihr Vermoͤgen belommen. Ich werde zu Bruͤſſel blei⸗ ben; ich habe hier Freunde, und zwar Freunde, die es fruͤher waren, als ich mich gezwungen fah, Herrn Wharton meine Hand zu reichen, oder Ihnen ein Laͤcheln zu ſchenken, mein Herr. Leute, die mich nicht langeweilen werden, indem ſie in ei⸗ nem fort von Gewiſſensbiſſen, von Reue reden, oder mich mit anderem moraliſchen Geſchwaͤtze unter⸗ „* 3 — 196— * halten, das für den Mund eines Mannes † Lebensart ganz unſchicklich iſt. Freunde, Re nicht in einem Winkel ſtecken bleiben, um Kla⸗ gelieder anzuſtimmen, ſtatt mich in die ſchoͤne Welt einzufuͤhren, wie es ſich fuͤr Leute von gu⸗ tem Ton geziemt, wie es jeder andere Mann wuͤrde gethan haben, in dem nur etwas von Ge⸗ müuͤthlichkeit liegt; aber Sie, Sie taugen zu gar nichts, denn Sie ſind weder gut noch ſchlimm, und niemals wird irgend ein Weib Sie lieben,⸗ nie hat eines Sie geliebt. Nun wiſſen Sie al⸗ les, was ich denke.“ —„Wollie Gott, daß ich es fruͤher ge⸗ wußt haͤtte,“ ſagte Vivian,„aber nein, ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, erſt heute dieß erfahren zu haben, denn niemals hätte ich an ſolche Ent⸗ artung glauben und noch weniger unter ſo ſchoͤ⸗ ner Form ſie vermuthen koͤnnen.“ Madame Wharton beſah ſich in einem Spiegel, der ihr gegenuͤber angebracht war. Vi⸗ vian verließ ſie mit einem Gemiſche von Ver⸗ achtung und Abſcheu.„Vorwaͤrts!“ ſchrie er dem Poſtillion zu, als er ſich in ſeine Poſtchaiſe ge⸗ worfen hatte,„geſchwind, nur geſchwind!“ Die Worte:„Nie wird ein Weib Sie lie⸗ ben, nie hat eines Sie geliebt,“ klangen unauf⸗ — 197— 2 härlich Vivians Ohr an.„Sie irret ſich, H. ſey Dank!“ ſagte er zu ſich, indeß dachte er doch unablaͤſſig an dieſe Worte, deren Sinn ihm ſo quaͤlend war. Als er Ruſſels Brief wieder durchlas, machte er die Bemerkung, daß darin nicht ein einziges Mal der Miß Sidney erwaͤhnt werde, weder geradezu noch auch nur beziehungsweiſe; er wußte nicht, wie er das zu nehmen habe. Er las noch einmal, was Ruſ⸗ ſel von ſeiner politiſchen Laufbahn ſagte; der Nath, den er ihm gab, zuruͤckzukommen, ſich auf derſelben auszuzeichnen, und ſeine hierauf ſich beziehenden Ermahnuugen erſchuͤtterten ihn, und waren fuͤr ihn ein Lichtſtrahl. Er dachte, Ru ſ⸗ ſel hege fuͤr ihn nicht die mindeſte Hoffnung, daß er Selinas Gatte werden koͤnne, und ſuche folglich all' ſeine Gedanken auf die Ange⸗ legenheiten der Ehre zu lenken, um ihn von der Liebe zu heilen. Zwanzigmal las er dieſen Brief, ehe er ſich in England ausſchiffte, aber er fand nichts, was in dieſer ihm wichtigſten Hinſicht ſeine Zweifel aufklaͤren, ſeine Begriffe beſtim⸗ men konnte. In dieſer Verworrenheit der Ideen langte er zu London an. „Ziehen Sie mich aus meiner Unruhe, mein lieber Freund,“ rief er aus, als er Ruſſel'n — 198— antraf,„ſagen Sie mir, lebt Selina noch 2 —„Ja, ſie befand ſich ſehr ſchlecht, aber nunmehr ganz hergeſtellt, und befindet ſich bei Ihrer Mutter, die ihr noch weit mehr zu⸗ gethan iſt, als ſonſt.“ —„Selina lebt; ſie befindet ſich wohl und bei meiner Mutter! Kann ich doch— ich will nicht ſagen dermal— aber kann ich hoffen, daß ſie einſt.... Ach! Glauben Sie mir, es gibt keine Anſtrengung, keine Entſagung, deren ich mich nicht faͤhig fuͤhlte, um ihre Verzeihung zu verdienen. Reden Sie; kann ich hierauf hoffen?“ Ruſſel verſicherte ihn, daß er keine all⸗ zu ſcharfe Ahndung von Seite Miß Sidney's zu fuͤrchten habe, daß ſie mehr Mitleid als Zorn geaͤußert habe, und alles aufbiete, um ſeine Mutter zu troͤſten, daß ſie uͤber dieß die auf⸗ richtigſte Freude geaͤußert habe, als ſie erſuhr, daß er ſich ſeiner unwuͤrdigen Knechtſchaft ent⸗ zogen und ſeinem Vaterlande, ſo wie ſeinen Freunden ſich wiedergegeben habe., Ruſſels Ton, als er ſich dergeſtalt er⸗ klaͤrte, der tiefe Ernſt und einige Verlegenheit ſeines Weſens beunruhigten Vivian außeror⸗ dentlich. Einige Minuten hindurch beobachtete — 199— p ein Stillſchweigen, er wagte es nicht, Ruſ⸗ In eine deutlichere Erklaͤrung abzufordern; endlich brach er dieſes Schweigen und beſchwor ſeinen Freund, an der Stelle Miß Sidney und ſeine Mutter aufzuſuchen und fuͤr ihn die Erlaubniß zu erwirken, ſie beide zugleich zu ſe⸗ hen. Ruſſel antwortete, daß, wenn er hier⸗ auf beharre, der Auftrag vollzogen werden ſolle, daß er aber ihm rathe, gegenwaͤrtig nicht dar⸗ auf zu dringen, die Miß Sidney zu ſehen, ſondern dießfalls einige Zeit verfließen zu laſſen, bis er Beweiſe ſeines Ausharrens in einem gu⸗ ten Betragen gegeben und ſich mit einigem Glan⸗ ze in der oͤffentlichen Laufbahn gezeigt haben werde. „Alles dieß wird ihre Achtung fuͤr Sie wie⸗ der aufrichten koͤnnen,“ fuͤgte Ruſſel hinzu, „Sie wiſſen, daß von ihrer Achtung ihre Liebe abhaͤngt, wenigſtens kann die letzte ohne erſtere nicht beſtehen.“ „Wollen Sie ihr einen Brief von mir uͤber⸗ geben?“ ſagte Vivian.„Wenn Sie denken, daß ich nicht wohl daran thun wuͤrde, ſie jetzt zu ſehen, ſo verweigern Sie mir wenigſtens nicht, ihr einen Brief von mir zu behaͤndigen.“ Nachdem er ein bischen angeſtanden, oder — — — — — — 200— vielmehr nachgeſonnen hatte, ſagte Ruſſel mit gezwungenem Weſen: „Ich werde Ihren Brief ihr einhaͤndigen, wenn Sie es ſchlechterdings wollen.“ Vivian ſchrieb, und Ruſſel belud ſich mit dem Brie⸗ fe, doch ließ er ſeinen Widerwillen bemerken. Indeß begab ſich Vivian zu ſeiner Mutter, welche zu ſehen er zugleich wuͤnſchte und fuͤrch⸗ tete. Das Benehmen Lady Mary's hatte nichts von jenem ſtrengen und ſtolzen Weſen, das ſie bei der letzten Zuſammenkunft gezeigt hatte, vielmehr war es voll Sanftheit und Guͤte. Lady Mary reichte ihm die Hand hin und ſagte: „Cott ſey gedankt! Mein Sohn iſt mir, er iſt ſich ſelbſt zuruͤckgegeben.“ Mehr konnte ſie nicht ſagen, aber zaͤrtlich umarmte ſie ihn. Ruſſel hatte es dahin ge⸗ bracht, Lady Mary darzuthun, daß ihr Sohn das Spiel eines verabredeten plans geworden ſey, der dahin gerichtet war, ſeine Leidenſchaf⸗ ten zu entflammen und daraus Vortheil zu zie⸗ hen. Sie beweinte ſeine Schnäche, aber ſie ward geruͤhrt durch ſeine Leiden, und ſie uͤberre⸗ dete ſich, ſeine Gewiſſensbiſſe wuͤrden ihn gegen neue Verirrungen ſchuͤtzen. Demnach gab ſie ihm keine Verweiſe. Als er von Selina redete, 8 — 201— hielt Lady Mary ihr mit vieler Wärme eine Kobrede, und erklaͤrte, daß ſie nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als ihren Sohn mit einem Frauen⸗ zimmer von ſolch edlem Charakter und ſo engel⸗ gleicher Sanftheit verehlicht zu ſehen; allein, fuͤgte Milady hinzu und veränderte ploͤtzlich ihre Mienen, indem ſie das Wort allein aus⸗ ſprach. Ehe ſie noch Zeit hatte, dieſes Allein zu erklaͤren, trat Ruſſel ein und ſagte Vi⸗ vian, daß Miß Sidney ihn zu ſprechen wuͤnſche. Vivian empfing dieſe Bothſchaft mit Freude, eine Freude, die jedoch durch das ernſthafte und verlegene Weſen ſeines Freundes und durch einen Seufzer von uͤbler Vorbedeu⸗ tung geſtoͤrt wurde, der ſeiner Mutter entſchluͤpf⸗ te. Voll Ungeduld ſich dieſer Ungewißheit zu entziehen, beeilte er ſich, Selina zu ſehen, welche, wie Ruſſel ihm ſagte, ſich im An⸗ kleidezimmer der Lady Mary befand, gerade in dem Gemache, wo er ihr das erſte Mal ſeine Liebe erklaͤrt hatte. Hoffnung und Furcht ſetz⸗ ten ihn wechſelsweiſe in Bewegung: die letztere trug aber den Sieg davon, als er Selina'n ſah. Nicht als ob Zorn, Mißvergnuͤgen ſich auf ihrem Geſichte gemalt haͤtte.— Nein, ihr Weſen war ſanft und ruhig, aber es war dieſelbe — 202— Miene nicht mehr, welche ſie ſonſt annahm, wenn ſie mit ihm zuſammen war, und dieſe Hei⸗ terkeit ſelbſt war beunruhigend. Waͤhrend ſie ihm zu ſeiner Ruͤckkehr ins Vaterland und zu ſeinen Freunden Glück wuͤnſchte, waͤhrend ſie ihm ih⸗ re Hoffnung ausdruͤckte, ihn fuͤr die Zukunft gluͤcklich zu ſehen, ſo verließ alle Hoffnung Vi⸗ vian; und er ſtammelte in abgebrochenen Wor⸗ ten eine Antwort; endlich ſich auf einen Seſſel fallen laſſend, rief er aus:„Ich ſehe, daß al⸗ les Gluͤck fuͤr mich verloren iſt— und ich habe es verdient!“ „Machen Sie ſich nicht ſelbſt Vorwuͤrfe,“ ſagte Selina mit ſanfter Stimme. Doch un⸗ geachtet dieſer Sanftheit, hatte ſich der Ton ih⸗ rer Stimme ſo veraͤndert, daß er immer mehr und mehr in Verzweiflung gerieth.„Meine Ab⸗ ſicht iſt nicht, Ihnen Kummer zu machen, ſon⸗ dern Ihnen welchen zu erſparen. Ich habe dem⸗ nach gewuͤnſcht, Sie ſobald als möglich zu fe⸗ hen, und zwar aus Furcht, Sie in einer ver⸗ geblichen Erwartung zu laſſen.“ —„Alſo lieben Sie mich nicht mehr, Se⸗ lina? Und gegenwaͤrtig, nach all' dem, was. ich gelitten, haben Sie die Grauſamkeit mir dieſes zu ſagen? Sie, die Sie auf meinen Cha⸗ — 203— rakter den vortheilhafteſten Einfluß nehmen, die Sie ihn zu Allem hinleiten koͤnnten, was gut und ehrenvoll iſt; Sie, die Sie allein vermoch⸗ ten, mich mir ſelbſt wieder zu geben, Sie wer⸗ fen mich weit von ſich und fuͤr immer hinweg?“ —„Ich habe Vieles gelitten, ſeit wir uns trennten,“ ſagte Selina mit bebender Stimme. Schnell uͤberflogen Vivians Augen alle Zuͤge Selina's und ihre ganze Perſon, als ſie dieſe Worte ausgeſprochen hatte, und in der That ſah er die Spuren der Krankheit und der Seelenleiden; der Gedanke ſeiner Macht uͤber ſie und ſeine Hoffnungen belebten ihn wieder; er ergriff die ſchwache und unbewegliche Hand Selina's; aber dieſe Hand zog ſich zuruͤck, und feine Hoffnungen ſchwanden neuerdings, als Se⸗ lina, das Haupt erhebend, alſo fortfuhr: „Ich habe viel gelitten, Herr Vivian, ſeit unſerer Trennung, und ich hoffe, Sie werden mir in dieſer Zuſammenkunft nicht ohne Noth neue Qnalen verurſachen, die doch nur ganz unnütz waͤren. Ohne Zweifel muß dieſe Zuſammenknunft uns beiden in einem gewiſſen Grade qualvoll er⸗ ſcheinen; denn, obwohl die Leidenſchaft gegenwaͤr⸗ tig in mir gaͤnzlich erloſchen, und keine Moͤg⸗ lichkeit vorhanden iſt, daß ich jemals mit Ihnen — 204— vereinigt werde, ſo kann ich Ihnen doch dieſes nicht mit ſo vieler Ruhe ſagen, als ich mir ge⸗ ſchmeichelt habe, vielleicht fehlt es ſelbſt dem To⸗ ne meiner Stimme an der noͤthigen Feſtigkeit, um Sie davon zu uͤberzeugen, und Ihre Ideen in die⸗ ſer Hinſicht feſtzuſtellen.“ „Es iſt nicht möglich, daß ich jemals mit Ihnen vereinigt ſey!“ ſagte Vivian, ſie un⸗ terbrechend, und war unfaͤhig etwas Weiteres zu hoͤren. —„Zwingen Sie mich nicht, Ihnen Dinge auseinander zu ſetzen, die Ihnen nur als grauſame Vorwuͤrfe erſcheinen wuͤrden; es mag genuͤgen zu vernehmen, daß meine Gefuͤhle ſich durch eine einjaͤhrige Erfahrung ſo ſehr veraͤndert haben, daß es mir unmoͤglich iſt, Ihre Gattin zu werden. Meine Liebe war auf Achtung gegruͤndet. Jeder⸗ zeit, ich geſtehe es, habe ich den Wankelmuth Ihres Charakters gefuͤrchtet, und dieß war die Urſache, weßhalb ich ihre Entſchluͤſſe auf die Probe ſtellen wollte; der Ausgang hat gezeigt, daß meine bangen Beſorgniſſe nur zu gegruͤndet waren. Es faͤllt mir ſchwer, mich hieruͤber zu erklaͤren, denn es koſtet mich viel, Ihnen Kum⸗ mer zu verurſachen, und ich weiß doch, daß ich in Ihnen in dieſem Augenblicke widrige Empfin⸗ — 205— dungen errege. Aber,“ fuhr ſie in einem fe⸗ ſteren Tone fort,„es iſt ſchlechterdings nothwen⸗ dig, fuͤr Ihre kuͤnftige Ruhe wie fuͤr die meini⸗ ge, daß ich Sie von meiner vollkommenen Anf⸗ richtigkeit uͤberzeuge, und daß Sie wohl wiſſen, daß ich mein Herz kenne, daß mein Entſchluß nicht unuͤberlegter Weiſe ergriffen ſey, und daß er unveraͤndert beſtehen werde. Die Feſtigkeit, mit der ich mich jetzt erklaͤre, wird Sie von der Wahrheit deſſelben uͤberzeugen, und wenn ich Anfangs in einiges Stocken gerieth, wenn Sie bei dieſer Unterredung in mir eine heftigere Be⸗ wegung bemerkten, ſo ſchreiben Sie dieſes dem wirklichen Beweggrunde, meiner ſchwankenden Geſundheit zu, der Schwaͤche des Koͤrpers, nicht jener des Geiſtes.“ Sie ſtand auf, um fortzugehen, aber Vi⸗ vian hielt ſie zuruͤck und beſchwor ſie, mit aller Beredſamkeit der zur Verzweiflung gebrachten Leidenſchaft, ihn auf einen Augenblick anzuhoͤren; er ſtellte ihr vor, wie unmoͤglich es ſey, daß er jemals wieder in Verirrungen verfalle, die ihm ſo tiefe Leiden verurſacht hatten; ſein Charakter ſey dermal durch das widrige Schickſal gebil⸗ det, bei ihrer Macht uͤber ihn koͤnne ſie durch eine innige Verbindung mit ihm uͤber ſein Schick⸗ — — 206— ſal entſcheiden; es wuͤrde die Feſtigkeit, womit ſie begabt ſey, ſeinem Charakter das Bleibende verleihen; uͤberdieß muͤßte auch die Erkenntlich⸗ keit die Staͤrke ſeiner Anhaͤnglichkeit an ſie ver⸗ mehren, ſo wie ſich uͤberhaupt alle Umſtaͤnde da⸗ hin vereinten, ihn zu verpflichten, ein guter Gat⸗ te zu ſeyn, dem haͤusliches Gluͤck die ganze That⸗ kraft ſeiner Seele wieder verſchaffen wuͤrde. Die⸗ ſe Bemerkung ſchloß er mit der Veeſicherung, daß er die groͤßten Anſtrengungen aufbieten wuͤrde, um ſich auszuzeichnen und die Wahl eines Frau⸗ enzimmers, das er anbete, dadurch zu rechtfer⸗ tigen, daß er ſich ihres Beſitzes wuͤrdig mache.“ Trotz des Woͤrtchens anbeten, dem ſo viele Zaubermacht inwohnt, um das Urtheil der Frauen irre zu leiten, begriff Selina doch, daß alles, was Vivian ſagte, bloß eine Wie⸗ derholung ſeiner alten Beweisgruͤnde ſey, deren Unzulaͤnglichkeit die Erfahrung ihr bereits ge⸗ zeigt hatte. Sie fuͤhlte, daß, wenn bereits die Entſchluͤſſe, die Standhaftigkeit Vivians vor der Heirath die Probe nicht beſtanden haͤtten, es nun thoͤricht ſeyn wuͤrde, auf leere Verſprechun⸗ gen einer kuͤnftigen Beſſerung ſeines Charakters zu vertrauen. Feſt blieb ſie demnach bei ihrem Entſchluſſe ſtehen, und da ſie erkannt hatte, daß — 207— Vivians Gram weit lebhafter waͤre, als ſie es erwartet hatte, ſo entfernte ſie ſich augenblick⸗ lich. Als Vivian den naͤchſten Morgen zum Fruͤhſtuͤcke kam, nachdem er die Nacht hindurch neue Gruͤnde und Ueberredungsmittel erſonnen hatte, ſo erfuhr er, ſeine Geliebte ſey abgerei⸗ ſet. Seine Mutter und ſein Freund Ruſſel vereinten ſich ihm vorzuſtellen, es ſey unnuͤtz ihr zu folgen, indem dieß Selina'n nur neuen, fruchtloſen Harm verurſachen wuͤrde. Nach ei⸗ ner heftigen Bewegung ſeines Innern verſank er ganz in jene Apathie, welche die natuͤrliche Fol⸗ ge ſo uͤbertriebener Steigerungen der Leidenſchaft iſt. Aus dieſer ſuchte nun Ruſſel ihn zu zie⸗ hen, indem er in ihm einen edeln Ehrgeiz rege machte. Vivian fand ſich lebhaft von dem Gedanken ergriffen, daß, wofern er auf der politiſchen Bahne ſich auszeichnete, er auch die Achtung und Liebe Selina's gewinnen werde. Entflammt durch dieſe Hoffnung, richtete er alle ſeine Gedanken nach dieſer Seite hin, und mit unermüͤdetem Eifer verwendete er Tag und Nacht, um ſich zum Meiſter uͤber die Gegenſtaͤnde zu machen, welche wahrſcheinlich in der naͤchſten Parlamentsverſammlung vorkaͤmen. Seine Ver⸗ wendung, ſeine Energie wurde endlich mit Er⸗ — 203— folg gekroͤnt. Er hielt uͤber eine Frage von gro⸗ ßer Wichtigkeit, die er wohl ergründet hatte, eine treffliche Rede, die ihn zu einem bedeuten⸗ den Manne im Unterhauſe machte, eine Rede, die, um mich der Sprache oͤffentlicher Blaͤtter zu bedienen,„mit großen Beifallsbezeigungen aufgenommen wurde, und die ſich durch die Staͤr⸗ ke der Beweisgruͤnde, ſo wie durch Ordnung und Klarheit in der Gedankenfolge, und durch ei⸗ ne gluͤckliche Wahl der Ausdruͤcke auszeichnete.“ Was jedoch unſeren Helden weit mehr ermuthig⸗ te, als die pomphaften Lobſpruͤche der oͤffentli⸗ chen Blaͤtter, oder die vom Parteigeiſte ausge⸗ druͤckten Beifallszeichen, dieß war die Guthei⸗ ßung ſeines Freundes Ruſſel. Niemals lob⸗ te dieſer in begeiſtertem Tone, aber einige Wor⸗ te aus ſeinem Munde oder ſelbſt nur ein zufrie⸗ dener Blick galt Vivian mehr als alle Ueber⸗ treibungen der andern. Er fuhr dann einige Zeit hindurch fort, ſeine Laufbahn mit Ehre zu ver⸗ folgen, und ſah ſeinen vortheilhaften Ruf mit jedem Tage mehr erhoͤht und erweitert. Doch gab es einen Mann, der nicht gleich dem Publi⸗ kum, dem jungen Redner zuklaſchte, ein Mann, der von ihm jederzeit mit Geringſchaͤtzung ſprach und vorausſetzte, daß Vivian niemals — 2⁰9— weit im Gebiete der Politik vordringen wuͤrde; daß ferner in ihm nichts von jenem liege, was hierzu erfordet werde; daß er ohne eigentliche Kraft ſey, und daß auf ihn zaͤhlen, auf Koth bauen heiße. Dieſer Verkleinerer, dieſer Feind Vivians war derſelbe Mann, der einige Monate fruͤher ſein Lobredner, ſein ſchamloſer Schmeichler war; naͤmlich Herr Wharton. Erbittert, daß ſeine Niedertraͤch⸗ tigkeit entdeckt ſey; noch mehr durch den Ge⸗ danken gequaͤlt, daß ſeine ſaͤmmtlichen Entwuͤrfe fehlgeſchlagen hatten, bediente ſich nun Whar⸗ ton all jener Mittel, die ein ſchlauer Mann voll Bosheit und ohne Grundſaͤtze in Bewegnng ſetzen konnte, um Vivians Talente herabzu⸗ wuͤrdigen und zu verhindern, daß er Macht oder Beruͤhmtheit erlange. Dieß Beuehmen war nur ein neuer Antrieb zur Auszeichnung fuͤr Vi⸗ vian. In dieſer Hinſicht war die Feindſelig⸗ keit Whartons vortheilhaft fuͤr ihn, aber daxin wurde ſie ihm ſchädlich, daß ſie die Rein⸗ heit ſeiner Beweggruͤnde zum Theil aufhob. Haß⸗ Rachſucht, Eitelkeit, eigennüͤtzige Plaue miſch⸗ ten ſich mit Liebe und edlem Ehrgeize. Er war mehr bemuͤht Whartons Vorausſagungen Lu⸗ gen zu ſtrafen, als ſeine Gedanken des Schoͤnen Vivign 1. Theil 14 — 2 10— und Guten zu verfolgen. Er beſtrebte ſich, zu be⸗ weiſen:„daß er im Fache der Politik weit vordrin⸗ gen koͤnne, daß in ihm all daszenige liege, was hierzu erfordert werde, daß es ihm an Kraft nicht gebreche, und daß es nicht heiße auf Koth bauen, wenn man auf ihn zaͤhle.“ Dieſe allge⸗ meinen Ausdruͤcke wirkten maͤchtig auf ſeine Ein⸗ bildungskraft und aͤußerten einen gefaͤhrlichen Einfluß auf dieſelbe. Um darzuthun, daß Whar⸗ won irre, mußte unſer Held den Preis, das Siegel des Talents erhalten; es war weſentlich, daß er politiſche Macht gewaͤnne, und dieß konn⸗ te nur dann geſchehen, wenn er ſich an eine Par⸗ tei ſchloß. Vivian trat zur Oppoſitionspar⸗ tei. Obgleich Wharton ſo wie Vivian nun zu dieſer gleichen Partei gehorten, ſo konnten ſie doch nach dem, was vorgegangen war, ſich in keiner beſonderen Geſellſchaft ſehen, und ſelbſt, wenn ſie oͤffentlich dieſelbe Seite eines Gegen⸗ ſtandes unterſtuͤtzten, ſo fand keine Art von Mit⸗ theilung oder Zuſ mmenwirkung zwiſchen ihnen Statt; ihre Feindſchaft war ſo groß, daß nicht bloß die Angelegenheiten der Nation, ſondern auch die Intereſſen ihrer Partei oftmals hierun⸗ ter litten. Unter dieſen Debatten nahm Vivi an unmerklich Einiges von der Sprache und den — 211— Grundſaͤtzen der Leute an, mit welchen er taͤg— lich oerkehrte, er gewoͤhnte ſich daran, alle Maß⸗ regeln nach ihrer Nothwendigfeit zur Unterſtuͤ⸗ tzung der Partei zu betrachten, ſie mußten we⸗ nigſtens(in dieſer Hinſicht) zweckm aͤßig⸗ wenn auch nicht gerade vollkommen uͤbereinſtim⸗ mend mit demjenigen ſeyn, was recht iſt. Das Baterland war nicht zu retten, wofern nicht er oder ſeine Freunde die Leitung, der Geſchaͤfte be⸗ kamen, und es gaͤbe keinen Menſchen, der einen parlamentariſchen Einfluß, oder einige politiſche Macht erhalten koͤnnte, ohne im Koͤrper zu handeln. Es mußten demnach alle un⸗ tergeordneten Ruͤckſichten des Rechts auch bei den am wenigſten bedeutenden Dingen dem Vortheile aufgeopfert werden, die großen Abſichten der Partei zu befördern. Dieſer Beweisgrund, be⸗ ruhend auf der Nothwendigkeit ubereinſtim⸗ mend zu wirken, fand fortwaͤhrend ſeine Anwendung, und Vivian bemerkte, daß ſei⸗ ne Gewiſſenhaftigkeit alltaͤglich nachlaſſe. Indeß erhielt ſich, im Ganzen genommen, ſein Patrio⸗ lismus noch in vollkommener Reinheit; er hatte keine Abſicht zur Befriedigung ſeines perſoͤnlichen Jutereſſe, noch ſelbſt den Wunſch einen Platz einzunehmen, auf welchen er nicht fuͤr das all⸗ 14* — 2 1 2— gemeine Beſte wirken koͤnnte. In dieſem Zeit⸗ punkte ließ die Regierung ihm in Geheim An⸗ traͤge thun; man unterrichtete ſich, ob es nichts gaͤbe, das ihm angenehm ſeyn, oder ihn beſtim, men konnte, die Oppoſition zu verlaſſen und die Staatsverwaltung zu unterſtuͤtzen. Man vergaß nicht, ihm wegen ſeiner Talente und ſeiner Be⸗ redſamkeit Hoͤflichkeiten zu ſagen, auch wurde keiner der bekannten Gemeinplaͤtze vergeſſen, die der Nothwendigkeit erwaͤhnen, die Freiheit und Selbſtſtaͤndigkeit ſeiner Meinung aufzugeben, um die Abſichten der Regierung zu unterſtuͤtzen. End⸗ lich ließ man ihm zu verſtehen geben, daß, da er von einer alten Familie ſtamme, es ihm viel⸗ leicht nicht unlieb ſeyn duͤrfte, wenn man aus eignem Antriebe ſeine Mutter zur Baroneſſe machte. Er lehnte dieß Anerbieten ab, und wi⸗ derſtand mit Feſtigkeit der lockenden Verſuchung; dieß erhob das Zutrauen, welches er unter den Seinigen genoß, auf den hoͤchſten Gipfel. Lady Mary ſagte dieß, als ein Staatsgeheimniß allen ihren Bekannten ins Ohr, und Ruſſel trug Sorge, daß Miß Sidney ebenfalls da⸗ von Kenntniß erhielt. Von dieſem Zeitpunkte an, ſprach man von Vivian als von einem unbeſtechlichen Patrio⸗ Arßn ten. Die Bosheit, ſo wie der ſonſt uͤberlegene Geiſt Whartons wurde nun allmaͤhlig zum Schweigen gebracht, doch hoͤrte man ihn noch unter lauten Beifallsbezeigungen ſagen: „Dieß iſt der erſte Antrag; er hatte Recht, Widerſtand zu zeigen. Er wird es noch einige Zeit hoch geben, bis er etwas Paſſendes fuͤr ſich findet, dann wird er uns fahren laſſen; Ihr werdet es ſchon ſehen.“ Dieſe Aeußerungen kamen durch die ge⸗ ſchaͤftigte Sorge ſeiner Freunde zu Vivians Ohren, aber Wharton richtete ſeine Ausfaͤl⸗ le niemals ſo geradezu gegen ihn, daß er ſie her⸗ ausheben konnte, und Ruſſel predigte ſtaͤts ſeinem Freunde vor, allen Streit mit einem Manne zu vermeiden, der bemuͤht ſey, ſeinen eigenen guten Ruf herzuſtellen, indem er ihn dahin braͤch⸗ te, einen fehlerhaften Schritt zu thun und ihn in ein unvorſichtiges Duell zu verwickeln. „Moͤgen Ihre Handlungen,“ ſagte] Ru ſ⸗ ſel,„ſtaͤts ſeinen Worten widerſprechen, ſo wer⸗ den dieſe Sie niemals beeintraͤchtigen koͤnnen.“ Einige Zeit hindurch befolgte Vivian den Rath ſeines Freundes, und mit Stolz fuͤhlte er, welche Ueberlegenheit ſeine Grundſaͤtze und ſein Charakter ihm verſchafften. Aber ach, es fehl⸗ — 214— te ſeinem Patriotismus eine Schutzwehre, jene der Oekonomie. Waͤhrend er ſich einem thaͤti⸗ gen Eifer fuͤr die oͤffentlichen Angelegenheiten er⸗ gab und ſich zur Behauptung ſeiner Uneigennuͤ⸗ tzigkeit Gluͤck wuͤnſchte, ſo wuchs die Unordnung in ſeinen eigenen Angelegenheiten. Die Ausla⸗ gen fuͤr die Erbauung ſeines Schloſſes hatte ſei⸗ nen Koſtenentwurf bei weitem uͤberſchritten, die Ausgaben fuͤr ſeine Wahl, die Wharton dar⸗ geliehenen Summen, die auf ſeiner Reiſe ver⸗ wendeten Gelder, alles dieſes hatte ſich verei⸗ nigt, ihn in die groͤßte Verlegenheit zu ſtuͤrzen, denn obgleich ſein Grundeigenthum betraͤchtlich war, ſo fand es ſich ſchon ſo belaſtet, daß er es weder verkauſen noch verhypotheciren konnte. Seine Glaͤubiger wurden dringend; er hatte kein Mittel in Haͤnden, ſie zu befriedigen oder zum Stillſchweigen zu bringen, und ſein kaum voll⸗ endetes Schloß warde in Beſchlag genommen. Lady Vivian war in der lebhafteſten Beſtuͤr⸗ zung und Kiedergeſchlagenheit; ſte konnte ihrem Sohne nicht wirkſam zu Huͤlfe kommen. Was ſeine Freunde von gutem Ton belangt, ſo war von Leuten, die groͤßtentheils in Unordnung des Vermoͤgens und voll Selbſtſucht waren, eben⸗ falls nichts zu hoffen. Was war zu thun? In — 215— dieſem Augenblick wurden die vorigen Antraͤge von einer andern Seite und unter noch mehr verfuͤhreriſchen Formen an ihn gemacht. Man ſprach von einer Penſion ſtatt von einem Titel, und man gab die Zuſicherung, die Sache ſo ein⸗ zuleiten, daß die Penſion unter einem andern Namen erfolgen wuͤrde, ſo, daß von dieſer Ver, handlung nichts verlautbaren ſolle. Indem er, ſag⸗ te man, ſich von der Oppoſition trennte, ſo wuͤr⸗ de es den Anſchein haben, als wären ſeine Ge⸗ ſinnungen durch Ueberzeugung veraͤndert, ohne daß ein perſoͤnliches Intereſſe hierbei einen Ein⸗ fluß habe. Die Grundſaͤtze der Ehre, das Zart⸗ gefühl Vivians ſtraͤubten ſich gegen dieſe An⸗ erbietungen und verſchmähten ſolche Ausfluͤchte, allein der Verfall'ſeiner Gluͤcksumſtaͤnde,— er hatte noch nie einen aͤhulichen erlitten; er wuß⸗ te nicht, mit welcher Macht er auf die edelmüͤ⸗ thigſten, auf die ſtolzeſten Seelen wirke.— Waͤhrend Vivian ſolchergeſtalt durch Unfälle niedergedruͤckt war, die er durch Unklugheit ſich zugezogen hatte, waͤhrend ſein Geiſt durch ent⸗ gegengeſetzte Beweggruͤnde bekaͤmpft war, ſo wur⸗ de er zum beſondern Gluͤck fuͤr ſeine politiſche Integritaͤt durch Mitwirkung eines beſonderen Umſtandes und der Freundſchaft Ruſſels aus 2 16 dieſer druͤckenden Lage heraus gezogen. Jener, welcher die betraͤchtliche Pfruͤnde genoß, zu wel⸗ cher Vivian das Ernennungsrecht hatte, ſtarb in dieſem Zeitpunkte, und Ruſſel, ſtatt die Er⸗ fuͤllung von Vivians Verſprechen zu fordern, verlangte, daß er mit der Pfruͤnde dasjenige vor⸗ nehme, was ihm ſelbſt am vortheilhafteſten ſeyn koͤnne. Die Summe, welche nun dadurch ein⸗ ging, war hinreichend, ſich von dem gelegten Beſchlage zu befreien; und ſeine uͤbrigen Glaͤu— biger ließen ſich durch jaͤhrliche Abzuͤge von ſei⸗ nen Einkuͤnften beruhigen. Auf dieſe Art wur⸗ de er fuͤr die Gegenwart gerettet und er ergriff die kluͤgſten Entſchluͤſſe fuͤr die Zukunft. Die Un⸗ eigennuͤtzigkeit ſeines Freundes ruͤhrte ihn un⸗ gemein, und er bewies ihm ſeine vollſte Erkennt⸗ lichkeit. Indeß erſt einige Jahre nachher lernte man in ſeiner ganzen Ausdehnung das Opfer fennen, welches Ruſſel dargebracht hatte. Ohne jedoch den Begebenheiten vorzugreifen, wollen wir unſere Erzaͤhlung verfolgen. Unter den Leuten von der großen Welt und den Theil⸗ nehmern der Oppoſition, mit welchen unſer Held ſeit ſeiner Ruͤckkehr nach England ſeine Verbin⸗ dungen erneuert hatte, befand ſich Lord Gli⸗ ſtonbury. Dieſer, weit entfernt gegen Vi⸗ — 217— vian weniger Achtung zu hegen, weil er mit Mi⸗ ſtriß Whartton jenes verdrießliche Abenteuer gehabt hatte, redete davon im modernen Begriff⸗ gemengſel,„wie von einer ſchoͤnen Feder auf ſeinem Hute.“ Er wuͤnſchte Vivian Gluͤck, „die Beute davon getragen zu haben, ohne einen Preis dafuͤr zu bezahlen.“ Die Auszeichnung Vivians als Redner machte ihn Lord Gli⸗ ſtonbury'n um ſo theurer, und er vergaß nicht daran zu erinnern, er habe jederzeit vorausge⸗ ſagt, daß Vivian mit Glanz in den Staats⸗ geſchäften auftreten werde, daß er ein Parla⸗ mentsglied von ſeiner Schoͤpfung ſey u. ſ. w. Nach der Aufhebung des Parlaments wollte Mi⸗ lord Vivian ſchlechterdings mit ſich nehmen, und die Zeit der Muſe zu Gliſtonbury zu⸗ bringen. „Sie muͤſſen mit mir kommen, Vivian, ſagen Sie alſo Ihrem Kammerdiener, daß er Ih⸗ re Coffre's in Ordnung bringe, und ſie auf mein Barutſch ſchaffe, das vor dem Thore ſteht. Wir werden zu Gliſtonbury große Welt bei uns haben, ein Geſellſchaftstheater und ich weiß nicht wie viele Dinge noch,“ ſagte Milord.„Sie muͤſſen meine kleine Julie Komoͤdie ſpielen ſe⸗ hen, und ich werde ſie mit Roſamu n da be⸗ — 2 18— kannt machen. Kommen Sie, kommen Sie, dieß duͤrfen Sie mir nicht abſchlagen. Ihr Schloß iſt nur ein trauriger Aufenthalt gegen das, was ich fuͤr Sie im petto habe, wo geiſtige Vergnuͤgun⸗ gen Ihrer harren. Sie muͤſſen wiſſen, daß ich ſeit den Thorheiten meiner Jugend jederzeit Ge⸗ ſchmack an den ſchoͤnen Wiſſenſchaften, der Phi⸗ loſophie, den Muſen, den Kuͤnſten u. ſ. w. fand.... Ich war jederzeit ein kleines Stück⸗ chen von Maͤcenat, und jetzt, da mein Sohn be⸗ reits heranwaͤchſt, iſt es ganz paſſend, ihn mit dieſen Leuten zu umgeben, denn Sie wiſſen, daß Literaten und Kuͤnſtler einen jungen Mann bilden koͤnnen, der ſeinen Eintritt in die Welt unter⸗ nimmt. Was halten Sie davon? Glauben Sie, daß dieſes weislich gehandelt ſey?... Meiner Seele! Es iſt gut einen Vater zu haben, der ein bischen die Welt kennt, und die Buͤcher ebenfalls; was meine Joͤchter betrifft— meine Tochter will ich ſagen; denn Lady Sarah iſt das Kind der Lady Gliſtonbury. Milady und Miß Striktland haben ſie nach ihrer Art gebildet; in das menge ich mich nicht, aber meine kleine Julie... Ha, ich habe ihr eine andere Art von Gouvernante gegeben, und zwar ſeit einigen Monaten, und dieß geſchah nicht ohne einige haͤus⸗ — 219— liche Streitigkeiten, wie Sie ſich wohl vorſtellen können. Aber wenn Jupiter die Augenbraunen verzieht, ſo iſt, ſie wiſſen wohl, die majeſtaͤtiſche Juno ſelbſt gezwungen nachzugeben. Ich habe meine Noſamunda fuͤr meine kleine Julie gewaͤhlt, die im Vorbeigehen geſagt, nicht mehr meine kleine Julie iſt, ſondern ein großes und ſchoͤnes Frauenzimmer wie Sie ſehen werden. Aber waͤhrend wir da plaudern, iſt ihr Kammerdiener nicht mit Ihrem Reiſegeraͤthe in Ordnung? Wie denn? Noch gar nichts in Ordnung; was bedeu⸗ tet das, und woher koͤmmt dieß Stottern? Ach ich begreife Sie, Sie haben dieſe Damen ſeit der whartoniſchen Geſchichte nicht geſehen, und Sie wiſſen nicht, was ſie daruͤber fuͤr eine Mie⸗ ne ziehen werden. Fuͤrchten Sie ſich nicht, Lady Gliſtonbury wird alles thun, was mir be⸗ liebt, und Sie empfangen, wie ichs werde ver— langen. Uebrigens unter uns; ich weiß, daß ſie die Whartons haßt, und ſo wird ihre Mora⸗ lität bald eine Ausflucht finden; man wird Sie zum Verwundern gut behandeln, und alle Schmach wird auf jene Leute zurückfallen. Ueberlaſſen Sie es mir, dieſe Angelegenheiten in Ordnung zu brin⸗ gen, denn ich ſchmeichle mir das menſchliche Herz zu kennen. Kommen Sie, wir haben keine Zeit 220— zu verlieren; kommen Sie geſchwind; ſie werden überdieß Ihren Freund Ruſſel haben.“ Lord Gliſtonbury bemaͤchtigte ſich des Arms Vivians, und ſchleppte ihn fort, ohne daß er die Häͤlfte von jenem verſtanden hatte, was Milord ſo eben mit gefluͤgelter Zunge da⸗ her ſagte, und ehe er noch ſelbſt wußte, ob er dieſe Einladung annehmen wolle oder nicht. 8 — 32 1— Achles Kapitel. — Auf dem Wege nach dem Schloſſe Gli⸗ ſtonbury hatte Vivian alle erforderliche Zeit, um zu bereuen, daß er dieſe Einladung ange⸗ nommen hatte, beſonders als er ſich der Geruͤch⸗ te entſann, die wegen ſeiner bevorſtehenden Ver⸗ ehlichung mit Lady Lidhurſt im Umlaufe wa⸗ ren. Er gab ſich demnach das Verſprechen, ſei⸗ nen Beſuch abzukuͤrzen, und mit der Unmoͤglich⸗ keit, ihn gaͤnzlich zu unterlaſſen, konnte er ſich nicht anders ausſoͤhnen, als wenn er dachte, dieſe ganze Zeit mit ſeinem Freunde Nuſſel zuzu⸗ bringen. Bei ſeiner Ankunft im Schloſſe ſagte man ihm, Ruſſel ſey ausgeritten, welchem man beifuͤgte, daß alle Welt, mit Ausnahme Lady Glyſtonbury's, Lady Sarahs nnd der Miß Striktland, ſich fuͤr eine wiederholte Vor⸗ ſtellung im Schauſpielſaale vereinigt haͤtte. Er 222— fand dieſe drei Damen in Ceremonie zuſammen⸗ fitzend, und zwar in einem großen verlaſſenen Saale; jede von ihnen ſchien die Copie der an⸗ dern zu ſeyn, und alle drei ſahen gerade ſo aus, als ob ſie ſo eben die Entartung des Zeitalters betrauerten. Vivian trat mit einem ehrfurchts⸗ vollen und furchtſamen Weſen vorwaͤrts, doch faßte er Muth, als dieſe Damen bei ſeiner An⸗ naͤherung ſich zu beleben ſchienen. Lord Gly⸗ ſtonbury ſtellte ihn ſeierlich vor, als ſo eben zuruͤckgekommen aus fremden Laͤndern. Der ſtren⸗ ge Blick der Lady Glyſtonbury nilderte ſich bis zum Läͤcheln, aber beinahe in dem naͤmlichen Augenblicke ſah ſie wieder ſo aus, als ob ſie ihre Huld bereue, und wieder fuͤr noͤthig hielt, die vorige Strenge in ihrem Weſen anzunehmen. Waͤhrend ſie, Lady Sarab und Miß Strikt⸗ land, im Schwanken begriffen waren zwiſchen der Nothwendigkeit die Suͤnde zu verdammen und zwiſchen dem Verlangen gegen den Suͤnder ſich gnädig zu bezeigen, folgte Lord Gliſtonbu⸗ ry ſeinem gewoͤhnlichen Zuge, und begann eine jener Reden abzuhalten, die ſo voll des erborg⸗ ten Geiſtes und des aus Eignem geſchoͤpften Ga⸗ limathias waren; worauf er Vivian wieder abfuͤhren wollte; allein Lady Gliſtonbury — 2 23— rief unſeten Helden zuruͤck und ſagte ihrem Ge⸗ mahl mit großer Foͤrmlichkeit, er moͤge die Ge⸗ faͤlligkeit hoben, Herrn Vivian einige Augen⸗ blicke bei ihr zu laſſen, da ſie ſchon ſeit ſehr langer Zeit nicht das Vergnuͤgen gehabt habe, ihn auf Gliſtonbury zu ſehen. Vivian kam mit ſo viel heiterem Anſtande, als er in der Ei⸗ le auftreiben konnte, zuruͤck, und um ein Mit⸗ tel zu finden, das verlegen machende Schweigen, welches nun eintrat zu beenden, ſo griff er nach einem Buche, das auf dem Tiſche lag. Dieß war ein Buch voll Kanzelreden, aus dem nichts herauszuziehen war. Er legte es weg und griff nach einem zweiten, dann nach einem dritten: es waren ſaͤmmtlich Erbauungsbuͤcher. Einen vierten Verſuch wagte er nicht mehr, aber als er die Augen vom Tiſch erhob, bemerkte er, daß Lady Sarah auf einen Wink ihrer erhabenen Mutter aufſtand, und das Appartement verließ. Viovian nahm noch ein Mal ſeine Zuflucht zum Predigibuche. „Dieſe Buͤcher ſind eben nicht in der Mo⸗ de,“ ſagte Miß Striktland, den Buſen herausdraͤngend und mit einem geringſchaͤtzigen Laͤcheln. „Sehr wenig in der Mode,“ ließ ſich Lady — 224— Gliſtonbnry mit aͤhnlichen Zeichen des Hoch⸗ 1 muthes verlauten,“ und ohne Zweifel haben ſte wenig Aehnlichkeit mit jenen, welche Sie, Herr Vivian, auf den Tiſchchen gewiſſer Damen zu ſehen gewohnt ſind? Allein ohne Jemanden zu nennen und ohne auf Dinge zuruͤckzukommen, die in ewiger Vergeſſenheit begraben ſeyn ſollen, und die fuͤr Ihre hieſigen Freunde ſo niederſchlagend ſind, erlauben Sie mir, mein Herr, Sie zu fra⸗ gen, ob es wahr iſt, was ich vernommen habe, daß die gerichtliche Verfolgung gänzlich eingeſtellt, und daß keine Rede mehr von dieſer Angelegen⸗ heit ſey.“ „Gänzlich eingeſtellt, Milady.“ „In dieſem Fall,“ ſagt Lady Gliſton⸗ bury, Miß Striktland anblickend,„kön⸗ nen wir Herrn Vivian hier empfangen und mit reinem, gutem Gewiſſen wohl aufnehmen; und weil die Geſchichte nicht oͤffentlich be⸗ Fkannt wird, weil uͤberdieß, nach der Erziehung, die ſie erhalten, Lady Sarah das Ganze zu den Unmoͤglichkeiten und falſchen Geruͤchten zaͤh⸗ len wird, ſo wie ſie auch mit allen Dingen die⸗ ſer Art verfaͤhrt, welche Perſonen unſers Rangs mehr als andere alle Tage zu hoͤren veranlaßt find; ſo halte ich mich uͤberzeugt, Miß Strikt⸗ ᷣ——— — 225— land, daß Sie hieruͤber ſo gerade denken wer⸗ den, als ich; daß nichts Unſchickliches darin lie⸗ ge, wenn ich und Lady Sarah nunmehr Herrn Vioian auf den naͤmlichen Fuß wie ehemals empfangen.“ Miß Striktland aab durch eine Nei⸗ gung ihres Oberleibs ihre Beiſtimm ug zu er⸗ kenaen, auch Vivian neigte ſich, weil er ſah, daß man von ſeiner Seite ebenfalls eine Vernei⸗ gung erwartete. Hierauf dachte er uͤber den Sinn der Worte nach, auf den naͤmlichen Fuß wie ehemals, und ſchon hatte er in ſeinem Kopfe eine explicative und reſtrictive Clauſel ausgeheckt, als er durch ſchallendes Gelaͤchter und durch das verworrene Getoͤſe einer Menge Stim⸗ men geſtoͤrt wurde, das ſich aus der an den Sa⸗ lon ſtoßenden Gallerie naͤherte. Lady Gli⸗ ſtonbury erhob ſich, als ob dieß das Beichen zu ihrer Entfernung waͤre, oder als ob ſie fuͤrch⸗ tete, ſich durch ihre Anweſenheit unter dieſer froͤhlichen Schaar herabzuwuͤrdigen; ſie ſah nach der Uhr, aͤußerte, daß es Zeit waͤre, ihre Toi⸗ lette zu machen und ging durch ein kleines Thuͤr⸗ chen aus dem Salon. Miß Steiktland trug die Arbeit der Milady mit ſich fort, und folgte ihr, indem ſie wiederholte, es waͤre nun die Vivian 1. Theil. 15 226— Stunde gekommen, ſich anzukleiden, und in dem Augenblicke, als die entgegengeſetzte Thuͤre ſich oͤffnete, machte ſie Herrn Vivian eine Reve⸗ renz und ſagte ihm Entſchuldigungen, die nicht noͤthig waren; dann uͤberließ ſie ihn ſich ſelbſt. Vivian ſah nun den laͤrmenden Zugeintre⸗ ten, die einen in fomiſchem, die andern in tra⸗ giſchem Koſtuͤme, aber alle ſehr luſtig und zu gleicher Zeit durcheinander plandernd. Es hatte eine Wiederholung der ſchoͤnen Reumuͤtbi⸗ gen und des.... Statt gefunden. Zuſchauer und Schauſpieler machten und empfingen Kom⸗ plimente ohne Maß und Ziel. Vivian kannte mehrere dieſer Leute; die einen waren Schoͤn⸗ geiſter, die andern Liebhaber des guten Tons, alle aber voll Anſpruͤche, ſey es als Kenner oder als darſtellende Kuͤnſtler. In der Mitte dieſer Truppe ſah er eine Perſon, die als eine bloße Gebuͤhr die Huldigungen annahm, welche Jeder⸗ mann ihr darbrachte, ſie war als die ſchoͤne Reu⸗ muͤthige gekleidet, aber die Lebhaftigkeit ihres Benehmens ſtand in einem ſtarken Gegenſatze mit ihrem tragiſchen Anzuge. Vivian konnte ſich kaum enthalten uͤber die Zierereien aufzu⸗ lachen, welche ſie annahm, wenn ſie mit den ſie umgebenden Maͤnnern redete oder ſie anhoͤrte⸗ — 2 27— Bald ließ ſie mit ſchmachtendem, bald mit leb⸗ hafterem Weſen der Koquetterie ihre Blicke links oder rechts hinwandern, wobei ſie alle Arten eingelernter Attituden annahm; mit einem Wor⸗ te, ſie ſtellte, ſo gut ſie konnte, ihre Perſon und ihren Geiſt zur Prunkſchau aus⸗ „Kennen Sie ſie nicht? Sollten Sie nie⸗ mals ſie geſehen haben? Doch nein, Sie waren gerade nicht in England, indeß werden Sie doch ganz gewiß von ihr haben reden hoͤren. Das iſt die Roſamunda“ ſagte Lord Gliſtonbury Vivian in's Ohr. „Und wer iſt dieſe NRoſamunda?“ ſagte Vivian,„eine Schauſpielerin?“—„Eine Schauſpielerin? Stille! Nehmen Sie ſich doch in Acht! Nein, ſie iſt eine Schriftſtellerin. Iſt es moͤglich, daß Sie Roſamunda's Gedich⸗ te nicht geleſen haͤtten? Vor einigen Monaten waren ſie in den Haͤnden aller Welt; allein ſie waren abweſend und mehr augenehm beſchaͤftigt, oder vielleicht eben ſowohl weniger angenehm; iſt's nicht ſo? Was ich Ihnen aber ſagen woll⸗ te; wiſſen Sie, weßhalb man ſie die Roſa⸗ munda nennt? Ich habe ihr dieſen Namen gegeben; denn ich war der Erſten einer, die ſie in Schutz nahmen. Ihr eigentlicher Namen iſt * 15 — 228— Bateman, und Lady Gliſtonbury nennt ſte noch immer ſo; doch das thut niemand als ſie und ihre Clique. Das iſt ein Weib zum Staunen; ich kann Sie deſſen verſi hern; ſie hat mehr Genie als ſie alle, die maͤnnlichen Schriftſteller, ſo viele ihrer ſind, von Jean Jacques Roußeau angefangen. Man muß⸗ te ihr auch ein ungeheures Einkommen beſtim⸗ men, und deßhalb mit einigen Gliedern der Fa⸗ milie wie eine Legion Teufel Krieg fuͤhren, ehe man es dahin brachte, daß ſie hier ihren blei⸗ benden Aufenthalt nahm; allein ich war ein Mal entſchloſſen, nach meiner Phantaſie fuͤr die Er⸗ ziehung Lady Julia's zu ſorgen. Lady Gli⸗ ſtonbury ging nach ihrer Weiſe zu Werke und verfolgte in Bezug auf Lady Sarah ihren Er⸗ ziehungsbrauch, und jetzt geht's gut uͤber alles in der Welt! „Zu ſchwierig iſt's für ſie zum Hohen ſich zu ſchwingen; Und es genüget ihr des ſteifen Anſtands Zwang.“ Sie kennen dieſe Art Leute; ich dagegen konnte mich nicht damit befriedigen, meine, Ju⸗ lia unter den Mittelmaͤßigen zu ſehen, wie ich ſie nenne; und ſo habe ich ſte den Hän⸗ — 229— den der Miß Striktlandentzogen und Ro⸗ ſamunda zu ihrer Gouvernante beſtellt.“ „Ihre Gouvernante!“ wiederholte Vivi⸗ an mit groͤßtem Erſtannen,„die Gouvernente der Lady Lidhurſt!“ „Ja, Sie haben Urſache, dadurch uͤber⸗ raſcht zu ſeyn,“ fuhr Lord Gli ſt onbury fort, der ſich aber in der Urſache dieſes Staunens gaͤnzlich irrte,„kein Menſch in England, aus⸗ genommen ich, haͤtte es dahin gebracht; ſie hat zahlloſe und glaͤnzende Anerbietungen ansge⸗ ſchlagen, und außerdem müuͤſſen Sie wiſſen, daß ſie hier nicht unter dem Titel einer Gouver⸗ nante iſt, ſondern vielmehr als eine Freun din der Familie, welche uͤber Lady Julia Lid⸗ hurſt's Studien wacht und ihre wiſſenſchaftli⸗ chen Taleute ermuntert. Sie begreifen ſehr wohl, daß ein Weltmann ſich darauf verſteht, eine An⸗ gelegenheit dieſer Art zu behandeln, er bringt im⸗ mer der Eitelkeit des weiblichen Geſchlechts oder ſeinem Stolze ein Opfer, wie es nun die Ge⸗ legenheit erfordert; auf Namen nehm' ich keine Ruͤckſicht; ich halte mich an die Sache, und wie die Metaphyſiker ſagen: ich unterſcheide das We⸗ ſentliche vom Zufaͤlligen, das iſt geſunde Philo⸗ ſophie, das. Was ſagen Sie dazu? Und, Gott — 230— ſey gedankt, ein Mann, wie er ſeyn ſoll, ein Mann von Stande kann in Gegenwart von Frauenzimmern ganz keck von Philoſophie re⸗ den: alſo wenn Jemand uns zuhöorte, doch ich glaube, daß Niemand uns zuahoͤrt.— Aber jetzt: Wie trefflich kennen Sie nicht ihr Paris, laſſen Sie mich Roſamunden Sie vorſtellen, Herr Vivian die Roſamun⸗ da, die Roſamunda, Herr Vivian.“ Nachdem Vivian einige Minuten lang die ſchoͤnen Saͤchelchen vernommen hatte, wel⸗ che Roſamunda auskramte, ſo fand er ſich endlich durch eine Ausrufung Lord Gliſton⸗ bury's getroͤſtet, welcher ſagte: „Aber Julia, wo iſt ſie denn, daß ich ſie noch nicht geſehen habe, ſeit ich hier bin?“ Roſamunda zog ſich mit dem Weſen einer Perſon zuruͤck, die es ſehr uͤbel angebracht findet, daß man ſie unterbricht, und dieß durch eine Frage, worauf zu antworten es ſich gar nicht der Muͤhe lohne; doch eine der auf die gewoͤhnlichen Formen der Hoflichkeit aufmerk⸗ ſamſten Perſonen ſagte dem Milord, daß Lady Julia in der Gallerie mit ihrem Bruder ſpazie⸗ ren gehe. Unſer Held ward betroffen, als er Lady Julia erblickte, denn ihre Geſtalt hatte — 231— ſich zu ihrem Vortheil wunderſam veraͤndert. Statt jenes kleinen lebhaften, tollen Maͤdchens ſah er ein ganz ausgebildetes Frauenzimmer voll An⸗ muth vor ſich, deren Phyſiognomie viel Geiſt und zarte Empfindſamkeit ausdruͤckte. Sie ſprach zu ihrem Bruder mit ſolchem Feuer, daß ſie Vivian gar nicht in die Gallerie eintreten ſah, und er Muße genng hatte, ſie zu bewundern, bis er endlich ihr naͤher kam. „Es iſt ein ſchoͤnes Maͤdchen, meiner See⸗ le! und ich kann mich nicht zuruͤckhalten, es zu ſagen, ob ſie gleich meine Tochter iſt,“ ſagte Lord Gliſtonbury ganz leiſe zu Vivian, „ſollten Sie glauben, daß ſie nicht aͤlter iſt als ſechszehn Jahre? „Als ſechszehn Jahre?“] „NRicht aͤlter; aber warten Sie nur, bis Sie werden mit ihr geſprochen und ſie reden ge⸗ hoͤrt haben, dann werden Sie wohl noch mehr uͤberraſcht ſeyn Ein Genie; eine Bereſam⸗ keit! Aber ſie iſt mein eigenes Kind, dieſe. Nun denn, Julia, mein liebes Kind,“ ſagte er die Stimme erhebend,„immer in den Wolken?“ Lady Julia fuhr uͤberraſcht zuſammen; aber es lag nichts Theatraliſches in dieſer Bewegung; ſie war vielmehr ganz naturvoll und die Lady — 2922— erroͤthete, daß ſie ſo zerſtreut war: nun trat ſie hervor mit einer Grazie in Haltung und Be⸗ wegung, welche ſie weit mehr entſchuldigte, als alles, was ſie haͤtte fagen koͤnnen; dann empfing ſie Vivian mit ſo vieler Artigkeit und mit der Miene ſo ungeheuchelter Zufriedenheit, daß er aufhoͤrte zu berenen, Lord Gliſtonbury's Ernladung gogeuommen zu haben; er erinnerte ſich des Blickes ſeiner Mutter, als er zum er⸗ ſten Male Julia auf der Terraſſe des Schloſ⸗ ſes geſehen hatte. „Was ſagte ſie dir denn Lidhurſt? Er⸗ zaͤhle mir das ein bischen, mein Sohn!“ „Wir waren in Eroͤrterung einer Streitfra⸗ ge begriffen, mein Vater.“ —„Eine Eroͤrterung! Ach, das iſt ein klei⸗ nes Teufelchen, wenn es auf ſo etwas ankoͤmmt; ihr ſtehen die Ausdruͤcke zu Gebot, und die mehr uͤberredenden Seufzer uͤberdieß. Ach, Weib, du bleibſt immer Weib, und deine Vernunftgruͤnde machen, daß wir die Vernunft verlieren! Aber wer unter uns iſt ſo vollkommen, daß er nicht zufrieden waͤre, weil es ſo iſt? Ach, man be⸗ truͤge mich immerhin, man halte mich hin durch gefällige Taͤuſchung! Darin beſteht die Bluͤthe, die Quinteſſenz der epikuraͤiſchen oder der ſtoi⸗ — 2— 33 ſchen Philoſophie, was, im Grunde beſehen, das Raͤmliche iſt. Doch kommen wir auf unſe⸗ ren Gegenſtand zuruͤck! Was war's denn, das ſie mit ſolcher Waͤrme vertheidigte, um was han⸗ delte ſich's, um ein Buch, oder um einen Lieb⸗ haber? Um ein Buch; ich wette darauf! Das iſt mir doch eine kleine romanhafte Naͤrrin, die ſo wenig Aehnlichkeit mit andern ihres Geſchlech⸗ tes hat! Sie laͤßt ihre Bewunderer alle im Sa⸗ lon und unterhaͤlt ſich hier mit ihrem Bruder von einem Buche. Aber laßt doch ſehen, wovon die Rede war? Ich will dieſe Eroͤrterung anhoͤ⸗ ren. Zeigt uns doch das Buch?“ Lord Lidhurſt öͤffnete es, und wies auf eine Stelle aus der ſchönen Reumüthi⸗ gen, wobei er ſagte, daß ſie ſich uͤber die Art ſtritten, wie dieſe Stelle muͤndlich vorzutragen ſey. Lord Gliſtonbury forderte ſeine Toch⸗ ter auf, ſie nach ihrer Anſicht zu wiederholen. Sie zeigte Anfangs einige Furcht, die nicht er⸗ kuͤnſtelt war. Ihr Vater wurde unwillig, ſtampf⸗ te mit dem Fuße, ſagte, daß er au ihr dieſe Furchtſamkeit nicht leiden wolle, dieſes bloß laͤ⸗ cherliche und gänzlich gemeine Straͤuben. Nun gehorchte ſie, und trug die Tirade auf eine ganz bezaubernde Weiſe vor, dann durch einige Wi⸗ — 234— derſpruͤche von Seite ihres Bruders in hoͤhere Waͤrme gebracht, behauptete ſie ihre Meinung mit einer Richtigkeit des Urtheils, mit einer Leichtigkeit des Vortrages, ſo wie mit einem Gebärdenſpiele, welches ſo ganz Anmuth und KNatur war, daß Vivian ganz in Bewunde⸗ rung verſetzt wurde. Sehr uͤberraſcht fand er ſich durch eine ſo fruͤhe Reife der Empſindſamkeit und des Verſtandes, und wenn er, ungeachtet des Vergnuͤgens, das er empfand, in Geheim ein bischen ungehalten uͤber ſo vieles Auskramen von Talenten von Seite einer ganz jungen Per⸗ ſon war, ſo rechtfertigte er ſie bei ſich unge⸗ ſäumt durch die Ruͤckſicht, daß er fuͤr ſie kein Fremder ſey, ſondern vielmehr ein Maun, der ſeit langer Zeit, in das Innere ihrer Familie zugelaſſen war. Ueberdieß bemerkte er zu ihren Gunſten, daß weder in ihren Aeußerungen, noch in ihrem Betragen irgend ein Anſchein von Ko⸗ quetterie liege; daß ſie mit Feuer ſpreche, nicht um Bewunderung auf ſich zu ziehen, ſondern, weil ſie ſelbſt von ihrer Begeiſterung fortgeriſ⸗ ſen, und von dem edlen Eifer erfüͤllt waͤre, zu überreden und ihre Meinung geltend zu machen. Ihre Schoͤnheit, ihre Beredſamkeit bezauberten unſeren Helden in ſolchem Grade, daß er, nach⸗ — — 2 3 5— dem er ſich eine Viertelſtunde mit ihr unterhal⸗ ten hatte, nicht wußte, ob er ihr etwas mehr Ruhe und Zurückhaltung wünſchen, oder! ſich freuen ſolle, ſie ſo innig beſeelt, ſo naturvoll zu finden. Ehe er bei ſich dieſe Frage in Ordnung gebracht hatte, kam Ruſſel von ſeinem Spa⸗ ziergange zuruͤck. Nach den erſten Beweiſen wech⸗ ſelſeitiger Freude ſich zu ſehen, trat Ruſſel mit ihm etwas ſeitwaͤrts und ſagte: „Ich bitte Sie, mein thenrer Vivian, erzaͤhlen Sie mir doch, was Sie hierher fuͤhrt?“ —„Lord Gliſtonbury, der mir nicht Zeit ließ auch nur nein zu ſagen, ſo geſchwind redete er. Indeß, wenn ich's auch haͤtte koͤnnen, warum haͤtte ich nein ſagen ſollen? Ich bin ge⸗ genwaͤrtig ein vollkommen freier Mann, ein ver⸗ abſchiedeter Liebhaber. Ich bin gänzlich uͤber⸗ zeugt, daß Selina Sidney von ihrer Weige⸗ rung nicht abſtehen werde, und ich weiß, daß dieß auch die Meinung meiner Mutter iſt. Sie haben mir zu verſtehen gegeben, daß, wenn ich auf meiner politiſchen Laufbahn mich auszeich⸗ nete und uͤberhaupt Ausdauer zeigte, ich noch immer ihre Achtung und Liebe erwerben koͤnne⸗ allein, ich habe nicht die mindeſte Hoffnung hier⸗ zu. Meine Mutter hat mir Selina's letzten — 236— Brief gezeigt, der drun vollends mir alle Hoff⸗ nung benimmt; ich denke demnach, daß es Thor⸗ heit und Verirrung der Einbildungskraſt waͤ⸗ re, wenn ich meine Zeit verſchwendete, und meine Gefuͤhle im vergeblichen Streben nach dem Beſitz eines Frauenzimmers aufzehrte, das, ſo liebenswuͤrdig es auch ſeyn mag, fuͤr mich ver⸗ loren iſt.“ „Sie koͤnnen hieruͤber viel beſſer urtheilen als ich,“ ſagte Ruſfſel mit gewichtvollem Ernſte zu ihm,„ich bin weit entfernt zu wuͤnſchen, daß Sie Ihre Zeit verlieren, und werde mich wohl huͤten, Sie dazu zu ermuntern. Lady Mary Vivian muß Miß Sidney weit beſſer ken⸗ nen, als ich, und ſie iſt im Stande uͤber den Zuſtand ihres Herzens um vieles ſicherer zu ent⸗ ſcheiden, als ich es zu thun vermoͤchte. Ich wuͤr⸗ de nicht die Rolle eines Freundes ſpielen, wenn ich Sie zu einer Ausdauer ermunterte, die nur zum Gram fuͤhrte; ehe ich aber dieſen Gegen⸗ ſtand verlaſſe, um nie wieder darauf zuruͤckzu⸗ kommen, ſo ſehe ich es fuͤr meine Pflicht, an Ih⸗ nen zu ſagen, daß Miß Sidney, meiner Mei⸗ nung nach, unter allen Frauenzimmern dasjeni⸗ ge iſt, welches Ihrem Charakter am meiſten zu⸗ ſagt, das am meiſten Ihre Liebe verdient, und das ein — 23,— das auch am meiſten dazu geeignet iſt, Ihnen ein dauerhaftes Gluͤck zu gewaͤhren.“ „Dieß Alles iſt ſehr wahr,“ ſagte Vivi⸗ an mit Ungeduld,„wenn ſte aber nicht mein ſeyn kann, warum ſollte ich mich ihrentwegen ungluͤcklich machen?“ „Muß ich aus dieſem allen ſchließen,“ ſag⸗ te Ruſſel nach einem langen Stillſchweigen, „daß Sie gegenwaͤrtig, da Sie frei ſind, hier⸗ her in der wohlerwogenen Abſicht gekommen ſeyen, Lady Sarah Lidhurſt zu heirathen.“ —„Gott bewahre mich!“ ſchrie Vivi an aus, vor Schrecken zuruͤckfahrend. —„Iſt es denn nothwendig, daß ich auf dieſen Gegenſtand zuruͤckkomme, und daß ich mit unermuͤdlicher Geduld Ihnen alle Gruͤnde nach den Geſetzen der Logik, der Moral und den Ge⸗ braͤuchen der geſellſchaftlichen Uebereinkunft wie⸗ derhole, die ich Ihnen vor einem Jahre vorge⸗ tragen habe?“ —„Erſparen Sie ſich dieſe Muͤhe, mein theurer Freund,“ ſagte Vivian,„ich will in dieſer Hinſicht alles in Ordnung bringen, indem ich mich uͤber dieſe Geruͤchte gegen Jemanden von der Familie erklaͤre. Als ich dieſen Morgen bei Lady Gliſtonbury war, ſtand ich im — 238— Begriff auf eine ſolche Erklärung zu kommen, als eine gewiſſe Delicateſſe mich zuruͤckhielt; der Au⸗ genblick war nicht guͤnſtig, und es trat eben Je⸗ mand in das Gemach ein.“ „Sie ſind doch gerade ſo,“ ſagte Ruſſel „wie jene Romanhelden, die niemals dasjenige ſagen, was ſie ſagen ſollten, weil Jemand ins Zimmer tritt. Der Augenblick war nicht guͤnſtig! Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie dieſen Ar⸗ ten von feiner Beruͤckſichtigung, dieſem angebli⸗ chen Mangel an Gelegenheit nicht am Ende noch ſich ſelbſt hinopfern. Ich fuͤrchte immer, Sie werden ſich wegen dieſer Lady Sarah in die groͤßten Verlegenbeiten ſtuͤrzen.“ Vivian konnte ſich nicht enthalten uͤber dieſe Dinge zu lachen, welche er die abgeſchmack⸗ ten Beſorgniſſe ſeines Freundes nannte. „Wenn Sie, mein lieber Ruſſel, in ei⸗ ner oder in der andern Hinſicht ſchon etwas fuͤr mich befuͤrchten wollen, ſo kann ich Ihnen einen vernünftigeren Beweggrund zu Beſorgniſſen an die Hand geben. Nehmen wir an, daß ich ſterb⸗ lich in Lady Julia verliebt wäre! ich verſiche⸗ re Sie, dieſe Gefahr iſt nicht gerade eine einge⸗ bildete. Das Maͤdchen iſt in Wahrheit ſehr ar⸗ tig und ſehr liebenswuͤrdig, voll Talente und — 239— wahrhaftem Geiſte; ſie druͤckt ſich bewunderun gs⸗ wuͤrdig aus: Sie, der ſie naͤher kennt, ſagen Sie, waͤre ſie anders? —„Alles, was Sie ſagten und auch noch mehr. An Genie, Verſtand und Gefuͤhl das fie beſitzt, habe ich kein anderes Maͤdchen ihrer Art gefunden. Sie vermoͤchte alles zu ſeyn, waͤre ſie in den Haͤnden von Leuten, die ſo große Anlagen und einen ſo edlen Charakter zu lenken veoſtehen; allein ich kann nicht vorherſagen, was bei ihrer gegenwaͤrtigen Anleitung aus ihr werden mag⸗ Ich ſehe nicht ab, wie aus einer ſolchen Erzie⸗ hung, wie ihre vorige und ſelbſt ihre dermalige, viel Gutes hervorgehen koͤnne. Waͤhrend der Dauer ihrer erſten Erziehungsweiſe, ſah ich ſie in allen Faͤllen zur Rechenſchaft geſtellt, ſelbſt uͤber die unſchuldigſten Dinge, die ſie gethan, oder auch nur geſagt hatte, und dermal dagegen von jeder, auch der vernuͤnftigſten Einſchraͤnkung frei, die doch bei dem geſellſchaftlichen Leben, in das ſie treten muß, und inſonderheit bei ihrem Geſchlech⸗ te ſo offenbar nothwendig waͤre. Sie muͤßte ge⸗ radezu uͤber die Menſchheit erhaben ſeyn, um un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden ihren innern Werth zu ret⸗ ten. Und kein Menſch von einiger Klugheit wiyd ſich’s beifallen laſſen, fur ein Weib gutzuſagen, — 24⁰— daß ſo vielen Wagniſſen Preis gegeben wird. Ihre Gefahr ſteht mit ihrer Faͤhigkeit in gleichem Ver⸗ haͤltniß, denn die letztere iſt auch das Maß ihres Zutrauens auf ſich ſelbſt. Die Talente und die uͤbrigen Eigenſchaften Lady Julia's bewundere ich, weil ich ſie beſſer kenne, als Sie mein Freund. Ihr liebenswuͤrdiger Charakter, ihre zweifelhafte Lage, ihre Jugend und Unerfahrenheit, alles an ihr intereſſirt mich, indeß bin ich zu ſehr Ihr Freund, Vivian, um Ihnen zu rathen, daß Sie aus ihr Ihre Gattin machen ſollten.“ „Ich denke nicht daran,“ ſagte Vivian, „ſie zu meiner Frau zu waͤhlen. Ich habe ſogar noch nicht Zeit gehabt an ſo etwas zu denken. Sie aber ſagten mir ſo eben, daß ſie unter guten Häanden zu allem ſich erheben koͤnne, was gut oder ſchoͤn ſey. Warum ſollten ſich hierzu die Häͤnde eines Ehemanns nicht beſſer eignen als je⸗ ne einer Gouvernante? Oder glauben Sie, daß ſie bei mir nicht in guten Haͤnden waͤre?“— „Gut allerdings, aber nicht feſt genug! Sie ſind gar nicht gemacht als Ehemann eine Frau zu leiten wie dieſe hier. Dazu wird nicht bloß ein Mann von üuͤberlegenen Geiſteseigenſchaften, ſondern auch von großer Seelenſtaͤrke erfordert.“ Vivian wurde betroffen uͤber dieſe Bemer⸗ — 24 1— kung, und fing an zu pruͤfen, in wie weit ſein Charakter fuͤr jenen Lady Julia's paſſe. Seine Nengierde die Stimmung und die Reigungen die⸗ ſer jungen Perſon kennen zu lernen, wuchs mit jedem Augenblicke; er wuͤnſchte auch alle erdenk⸗ lichen Auskuͤnfte uͤber den Charakter ihrer Gou⸗ vernante und ihrer beiden Aeltern zu erhalten. Allein Ruſſel verweigerte es, ſich weiter zu er⸗ klären, er ſagte ihm alles dasjenige, was er als ein wahrhafter Freund zu ſagen ſich verbunden glaubte, das Weitere uͤberließ er ſeinem Beob⸗ achtungsgeiſte und ſeiner Urtheilskraft. Vivian verlegte ſich nun mit aller Macht darauf, zu beob⸗ achten und zu urtheilen. Bald erkannte er, daß Alles, was Ruſ⸗ ſel ihm von Julia's ſchlechter Erziehung ge⸗ ſagt hatte, ſehr gegruͤndet ſey. In dieſem Hanſe befanden ſich zwei einander ſehr entgegenſetzte Parteien, deren jede in der Praxis wie in der Theorie ihr Syſtem aufs Aeußerſte trieb. Die An⸗ haͤnger der alten Schule und der neuen ſtanden ſtets mit gezogenen Schwertern gegen einander. Lady Gliſtonbury verabſcheuete das, was ſie die moderne Philoſophie nannte, und ſie packte, ſo zu ſagen, in den Globus dieſer Benennung alle Wiſſenſchaft, alle Literatur und inſonderheit Vivian I Theil 16 — 242— jeden Verſuch zur weiblichen Geiſtesbildung zu⸗ ſammen. Mit Miß Striktlands Huͤlfe hatte ſie Lady Sarah in aller Unwiſſenheit aufgezo⸗ gen, und in all' jener ungewoͤhnlichen Strenge der alten Erziehungsweiſe, Sie hatte Lady Sa⸗ rah genau zu dem geformt, was ſie ſelbſt war, in Hinſicht auf die Tugend hochgeſchraubt, dog⸗ matiſch zuruͤckſtoßend, in Bezug auf Religion fin⸗ ſter und ſtreng, und was das Benehmen belangt, ſo hatte ſie das Maͤdchen zu einem kalten, untheil⸗ nehmenden Automat gemodelt. Achtzehn Jahre hindurch hatte Lady Gliſtonbury an der Ver⸗ anderung ihres Hausweſens wie an einem Uhrwerke gearbeitet. Getreu dem Buchſtaben ihrer Pflich⸗ ten ohne ſich um den Geiſt derſelben zu kuͤmmern⸗ hatte ſie es durch die Einfoͤrmigkeit ihrer Erzie⸗ hungs⸗Methode und durch die aͤngſtliche Pankt⸗ lichkeit ihrer taͤglichen Beſchaͤftigungen dahin ge⸗ bracht, ihrem Manne ſein Haus verhaßt zu ma⸗ chen. Er ging denn fort, um außer dem Hauſe Zer⸗ ſtreuung und Erheiterung zu ſuchen. So brachte es ſeine Gemahlin durch ihre wenig fuͤgſame Lau⸗ ne und durch die Haͤrtnaͤckigkeit ihrer zahlrei⸗ chen Tugenden dahin die Zuneigung ihres Gatten gaͤnzlich zu verlieren. Einſt rief er in ſeiner Verzweiflung aus: — — 243— „Ach wie viel Tugenden ſind mir durch Sie verhaßt.“ Und, zuruͤckgeſtoßen durch die Tugend, die ſich in einer ſo wenig anziehenden Geſtalt zeigte, ſuchte er bei dem Laſter ſeine Zuflucht, das in mehrerem Reize prangte. Weil er in der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Frau nichts von Annehmlichkeit fand, ſo ging er hin, und troͤſtete ſich bei einer Maͤtreſ⸗ ſe. Lady Gliſtonbury fand ihre Beruhigung darin ſich als das Vorbild der Frauen angefuͤhrt zu ſehen, und zu vernehmen, daß man an allen Spieltiſchen von Lord Gliſtonbury als von dem ſchlechteſten unter den Ehemaͤnnern, von ihr hingegen als von einer ſehr beklagenswerthen Frau redete. Mit der Zeit ſah ſich Lord Gli⸗ ſtonbury gezwungen, aus einer zweifachen Ur⸗ ſache wieder in ſeinem Hauſe zu bleiben, naͤm⸗ lich wegen des Podagra und wegen einer Mai⸗ treſſe, die ihn des Tages zwanzigmal zum. wuͤnſchte. In dieſem Zeitpunkte derſiel er dar⸗ auf einen großen Politiker und einen Maͤcenaf ten zu ſpielen; damals fing er erſt an, die Bekanntſchaft ſeiner Toͤchter zu machen, und ausdrücklich beſchloß er, daß ſeine Julia mit Lady Sarah keine Aehnlichkeit haben ſollte. Er erkannte in Julien ſeinen eignen Geiſt wieder, 6* — 244— und nahm ſich vor, ſie zu einem Wunder des Jahr⸗ hunderts zu machen. Nach mehemonatlichem Zwi⸗ ſte bediente ſich Lord Gliſtonbury ſeines vä⸗ terlichen Anſehens, nahm ſeine Tochter aus der Vormundſchaft der Miß Striktland und ver⸗ traute allen Vorſtellungen und Prophezeihungen ihrer Mutter zum Trotze Julien der Sorgfalt einer Gouvernaute nach ſeinem Herzen, der Miß Bateman, oder wie er ſie nannte, der Roſa⸗ munda an. In dem Augenblicke, als dieſes Weib ins Haus kam, war Mann und Frau ſo entzweit, daß zwiſchen ihnen keine Ausſoͤhnung moͤglich war. Lady Gliſtonbury alle Urſache fuͤr ihre Tochter zu fuͤrchten, Linn ſe von einer Gouvernante geleitet würdn,g due Miß Bateman; ſie ergriff aber nicht die paſſenden Mittel, um dieſen Uebel zuvorzukommen; ihre Vorſtellungen waren voll Bitterkeit, ihre Einwuͤr⸗ fe in allzu entſcheiendem Tone ausgeſprochen, und ſie wußte zwiſchen dem Gebrauche oder Mißbrauche der Vernunft und der Literatur keinen Unterſchied zu machen. Milady hatte bei dieſer Gelegen⸗ heit ſelbſt nur theilweiſe und zufaͤllig Recht, in Hinſicht auf das Factum war ihr Urtheil richtig, in Hinſicht auf Allgemeinheit des Gruudſatzes aber irrig, denn ihr Einwurf gegen Miß Vate⸗ — 245— man beſtand darin, daß ſie zur Claſſe der weib⸗ lichen Schriftſteller gehoͤre, ihre wirklichen Feh⸗ ler, ihren unerſaͤttlichen Durſt nach Bewunderung, ihre Unklugheit kamen nicht gleich anfangs zur Sprache, weil ſie dieſe Fehler nicht kannte, als ſir aber ſolche kennen lernte, ſo betrachtete ſie die⸗ ſelben als nothwendige Folgen der Ausbil⸗ dung des Geiſtes und der Erweite⸗ rung der Anſichten.„Das wundert mich nicht,“ ſagte Milady,„das muß ſo ſeyn, und ich war auch darauf gefaßt; alle Weiber von Geſchicklichkeit und Talent, wie man ſie nennt, ſind fiedähnlich. Da ſieht man, was die Schrift⸗ ſtelloxemſind!“ ezhrend Lady Gliſtonbury auf dieſe Art mit Miß Striktland und ihrer kleinen Partei moraliſirte, verhielt ſie ſich gegen ihren Mann und ſeinen Anhang bloß ſtumm und lei⸗ dend. Nachdem ſie prophezeit hatte, dieß alles wuͤrde mit dem Verderben ihrer Tochter Julia enden, erklärte ſie, daß ſie uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand nicht weiter ein Wort verlieren werde, und mit einer muüͤtterlichen Reſignation bereitete ſie ſich vor unter hartnaͤckigem Stillſchweigen ein Zeuge der Hinopferung ihres Kindes zu ſeyn. Lord Gliſtonbury war hoch erfreut, die — 246— Gegenparthei zum Schweigen gebracht zu haben; ſeine neue Gouvernante begann ihre Amtshandlung mit unbeſchraͤnkten Vollmachten, und trium⸗ phirend verfolgte ſie ihren Weg, ſehr wenig um ihren Zoͤgling ſich kuͤmmernd, und einzig damit beſchaͤftigt ihre eignen Talente in großer Geſell⸗ ſchaft glaͤnzen zu laſſen. Das Schloß wurde dem⸗ nach gar bald von einer Menge Kunſtliebhaber an⸗ gefuͤllt; Romane, Poeſien, Theaterſtuͤcke waren an der Tagesordnung, man brachte einen Schau⸗ ſpielſaal in Ordnung, und verhoͤhnte oͤffentlich die arme Lady Gliſtonbury. Lady Julia begann ihren neuen Erziehungscurs damit, daß ſte uͤber die Vorurtheile ihrer Mutter lachen lern⸗ te. So ſtanden die Dinge, als Vivian anfing ſeine Beobachtungen zu machen, und dieſe ganze Geſchichte wurde ihm durch Freunde der beiden Parteien kund, welche in dieſer Hinſicht kein ſo gewiſſenhaftes Schweigen beobachten wollten, als Ruſſel es gethan hatte. Vivians ganze Aufmerkſamkeit war auf Lady Julia gerichtet; mit Vergnuͤgen nahm er wahr, daß ungeachtet des Beiſpiels und der An⸗ eiferung ihrer Gouvernante dieſe junge Perſon doch nicht ſehr nach allgemeiner Bewunderung geizte, daß ſie ſelbſt die Schmeichelei zu ver⸗ — 247— achten ſchien und die Huldigungen ſo wie die Ge⸗ ſellſchaft von Leuten, die ihr in geiſtiger Hinſicht untergeordnet waren. Sie ſuchte vornaͤmlich Vi⸗ vians und Ruſſels Unterhaltung, ſie ließ ſich mit ihnen in Eroͤrterungen ein, wobei ſie viel Feuer und Enthuſiasmus zeigte, ihre Meinung unverholen ausſprach, und bei mehrfachen Gele⸗ genheiten mehr Einbildungskraft als Urtheilsga⸗ be, mehr Empfindung als Vernunft an den Tag leg⸗ te. Vivian gewahrte bald, daß mehrere der Perſonen, die ſie beobachteten, inſonderheit Lady Gliſtonbury, ihr Abſichten auf ſein Herz zuſchrieben, allein klar ſah er ein, daß ſie ſich nichts weniger als mit einem Plane trug, ihn zu ſeſſeln, daß, obgleich ſie ihm das Vorrecht ein⸗ räumte, ſich oft mit ihr zu unterhalten, ſie ihn dennoch keineswegs als einen Liebhaber betrach⸗ te; er erkannte vielmehr, daß ſie mit ihm und Herrn Ruſſel bloß deßhalb gerne ihre Mei⸗ nungen vergleiche, weil ſie die fuͤr ſie am meiſten anziebenden Stoffe zur Unterhaltung auswaͤhlten, und weil ſie bei dieſen Anlaͤſſen ihren Bruder bei⸗ zoͤgen, den ſie zaͤrtlich liebte. Als Vivian ſich uͤberzeugte, daß ſie, ihrer Jugend ungeachtet, den Charakter und die Vorzuͤge Ruſſels ſo gut zu wuͤrdigen wußte, daß ſie die Richtigkeit ſeiner — 248— Urtheile, ſeine Einfachheit und Offenheit all dem Glaͤnzenden der Leute vom guten Tone und ſelbſt der Galanterie jener Agreablen vorzog, welche ihr Vater um ſie verſammelt hatte, ſo faßte er eine ſehr guͤnſtige Meinung von ihr. Bei wieder⸗ holten Gelegenheiten entzuͤckte ihn die Beſcheiden⸗ heit, mit der ſie ihre Meinungen jenen ſeines Freundes unterordnete, und die Bereitwilligkeit, ſich in Vernunftgruͤnde zu ergeben, ſobald er es war, der ſie vortrug, und dieß, obgleich im All⸗ gemeinen das Gebiet der Vernunft nicht ſehr nach ihrem Geſchmacke war, obgleich ſie das Wider⸗ ſprechen ſehr ungerne hoͤrte, und große Zuverſicht auf ihre Talente und auf einen moraliſchen In⸗ ſtinkt hatte, einen Inſtinkt, woruͤber ſte, im Vor⸗ beigehen zu erwaͤhnen, ſich ſehr beredt, wenn gleich theilweiſe ohne geſunden Menſchenverſtand, zu verbreiten gewohnt war. Ein Wort, ein Blick Ruſſels machte ſie ploͤtzlich in ihrem raſche⸗ ſten Auffluge innehalten. Vivian uͤberzeugte ſich immer mehr von der Wahrheit der Behaup⸗ tung Ruſſels, daß Julia einſt durch einen Mann von Geiſt und Starkmuth ohne Muͤhe zu leiten ſeyn werde. Das Trauerſpiel, betitelt die ſchoͤne Reumuͤthige, war von einer gläͤnzenden Ge⸗ — 249— fellſchaft auf dem Schloßtheater von Gliſton⸗ bury aufgefuͤhrt worden, und Miß Bateman hatte in ihrer Rolle der Kaliſta den allge⸗ meinſten Beifall geaͤrntet. Acht Tage nachher ſollte daſſelbe Stuͤck vor einem neuen Auditorium wiederholt werden, und man trug darauf an, daß Vivian die Rolle des Lothario und Julia aber jene der Kaliſta ſpielen ſollte Miß Ba⸗ teman machte gegen dieſen Antrag keine Ein⸗ wendung. Vielleicht haͤtte es die vaͤterliche Klug⸗ heit dem Lord Gliſtonbury wirklich geſagt, daß fuͤr ſeine noch ſo junge Tochter, vor einem ſo gemiſchten Anditorium eine ſolche Rolle un⸗ paſſend ſey, allein unglüͤcklicher Weiſe brach Lady Gliſtonbury unter dieſen kritiſchen Um⸗ ſtaͤnden das Stillſchweigen, und ergoß ſich in ih⸗ rem gewoͤhnlichen Style und mit ihrem puritani⸗ ſchen Weſen über das Auftreten ihrer Tochter in dieſer Rolle, uͤber alle Theaterſtuͤcke, uͤber die dramatiſchen Schriftſteller, uͤber Schauſpieler, dann Schauſpielerinnen, und ſprach uͤber ſie ohne Unterſchied und ohne Erbarmen ein ſo furchtba⸗ res Anathema aus, daß Lord Gliſtonbury ſich des lauten Lachens nicht enthalten konnte⸗ Miß Bateman aber fing Feuer, und es kam nun zu einem Gewaltkampfe zwiſchen beiden Par⸗ — 250— teien. Lady Julia, die erſt ſeit ſehr kurzer Zeit dem beſchwerlichen Joche der kleinlichen, uͤbel⸗ verſtandenen Leitung ihrer Mutter entzogen war, fuͤrchtete nichts mehr, als unter dieſelbe zurück⸗ zukehren, und der Miß Striktland gehorchen zu muͤſſen; ohne daher uͤber die Schicklichkeit oder Unſchicklichkeit deſſen zu urtheilen, um was es ſich jetzt handelte, ohne zu pruͤfen, ob Miß Bateman Recht oder Unrecht hatte, ihr dieſe Erlaubniß zu ertheilen, unterſtuͤtzte Lady Julia ihre Meinung mit Waͤrme, und vertheidigte ihre Freiheit, ſo wie die Sache des Theaters im All⸗ gemeinen. Sie hatte einſt Herrn Ruſſel von der Nuͤtzlichkeit eines wohleingerichteten oͤffentli⸗ chen Theaters reden hoͤren, und von den Vorthei⸗ len, welche dramatiſche Darſtellungen in Hinſicht auf Bildung des Geſchmackes und auf Liebe zur Tugend geaͤhren koͤnnen. Herr Ruſſel hatte ihr ſogar jenen beruͤhmten Brief d'Alemberts an Rouſſeau gezeigt, der ſich hierauf bezieht, und folglich glaubte ſie der Richtigkeit ihrer Mei⸗ nung in Bezug auf dieſen Gegenſtand gewiß zu ſeyn, ein Umſtand, der ſie veranlaßte mit noch mehr Selbſtvertrauen und enthuſtaſtiſcher Waͤrme zu reden als gewoͤhnlich. Ihre Gruͤnde, ihre Be⸗ redſamkeit ſetzten ihren Vater in Erſtaunen, und — 251— bezauberten die meiſten der Zuhoͤrenden, beſon⸗ ders aber Vivian; ſie hatte in dieſem Augen⸗ blick das, was die Franzoſen un grand succès (einen großen Erfolo) nennen. Aber in Mitte der Beifallsbezeugungen bemerkte Vivi⸗ an, daß ihr Auge unruhig auf Ruſſeln haf⸗ ten blieb, der ein Stillſchweigen beobachtete, das ihre Aeußerungen zu mißbilligen ſchien. „Ich bin gewiß,“ ſagte ſie zu ihm,„daß Ihr Freund, Herr Ruſſel, in dieſem Augen⸗ blicke mißvergnuͤgt iſt, und zwar uͤber mich. Ich muß die Urſache wiſſen, befragen wir ihn. Ich bitte Sie, ihn mir hierher zu bringen.“ Allmählig machte ſie ſich von ihren Bewun⸗ derern los, und an ihrer Seite Herrn Ruſſel Platz machend, wartete ſie, wie ſte ſelbſt ſagte, von ihm ſeine Wahrheiten zu vernehmen. Ruſſel hatte ſich's erſparen wollen, ſich zu erklären, aber Lady Ju lia drang lebhaft in ihn, ſeine Meinung zu aͤußern.„Wer wird mir die Wabhrheit ſagen, wenn nicht Sie es thun; auf weſſen Urtheil kann ich mich ſtuͤtzen, als auf das Ihrige? Sie leiten den Geiſt meines Bruders auf alles hin, was groß und lobenswuͤrdig iſt, leiten Sie auch den meinigen; ich habe eben ſo viele Begierde als er, das Rechte zu thun, und — 252— obgleich ich weiß, daß Sie mich fuͤr eigenwillig und fluͤchtig halten, ſo werden Sie in mir doch eine gelehrige Schülerin finden. Erkläͤren Sic ſich alſo freimuͤthig, und ſagen Sie mir jetzt, ob ich zu viel und mit zu großer Hitze geredet habe. Ich bildete mir ein ihre eigenen Gefuͤhle auszuſprechen, und folglich nicht anders, als Recht zu haben. Doch vielleicht iſt es nicht gut fuͤr ein Frauenzimmer und beſonders fuͤr ein ſo zunges, als ich bin, ſelbſt eine vernuͤnftige und gerechte Sache mit ſolcher Entſchloſſenheit zu vertheidigen. Iſt es indeß ein Verbrechen jung zu ſeyn, und kann die Ehre, die Wahrheit zu ver⸗ theidigen, nur dem Alter augehoͤren? Nein, ge⸗ wiß nicht; denn Herr Ruſſel, der oft ſeine Sache mit Muth vertheidigt, koͤnnte dieß Pri⸗ vilegium doch auch nicht in Anſpruch nehmen, und kann nicht ein Weib ohne Unſchicklichkeit ebenfalls etwas gutes und ehrenvolles leiſten? Doch jan ich ſehe Ihre Antwort voraus, ſie zie⸗ hen bei einem Frauenzimmer eine Vernunft vor, die bloß vertheidigungsweiſe zu Werke geht, die ſich zuruͤckzieht, ſtatt mit Unerſchrockenheit vor⸗ zudringen, und ich erinnere mich des Verſes, den Sie mir einſt anfuͤhrten: „Die nichts von Rückhalt kennt, iſt auch kein Frauen⸗ zimmer.“ Ach, ich wuͤnſchte jenes vorſichtig zuruͤck⸗ haltende Weſen zu beſitzen, das Sie ſo ſehr bil⸗ ligen! Denken Sie, daß ich die Rolle der Ka⸗ liſta nicht ſpielen, denken Sie, daß ich gar nicht auf dem Theater erſcheinen ſolle, ſo ſagen Sie es mir. Ihre Meinung iſt's, was ich von Ihnen verlange, daß Sie mich durch Ihr Ur⸗ theil unter ſtuͤtzen ſollen. Sie ſehen Herr Vivi⸗ an, wie ſchwer es iſt, ſolches zu erfahren, Ih⸗ nen, ſeinem Freunde, werden indeß wahrſchein⸗ lich wohl nie ſolche Schwierigkeiten vorkommen.“ Herr Ruſſel beantwortete ſo lebhafte Äu⸗ ßerungen mit einem kalten Blut, einer Ruhe, welche Vivian beinahe boͤſe gemacht haͤtten, und mit einer Aufrichtigkeit, die, obgleich mit Feinheit des Tones verbunden, dennoch unſerem Helden ſtreng und ſogar grauſam zu ſeyn ſchien. Er kam uͤberein, daß Lady Julia einen Theil ſeiner Einwuͤrfe, wenn gleich nicht die ſaͤmmtli⸗ chen, vorausgeſehen habe. Er ſtellte ihr vor, daß ſie die ihrer Mutter ſchuldige Ehrfurcht be⸗ ſeitiget habe, indem ſie ſo oͤffentlich ihre Mei⸗ nungen, gegruͤndet oder nicht, beſtritt. Ueber⸗ dieß erklaͤrte er, das Urtheil der Ladpy Gliſton⸗ — 254— bury ſcheine ihm ſehr wohl begruͤndet und er theile daſſelbe. Daß es fuͤr ein junges Frauen⸗ zimmer unſchicklich ſey, ſich oͤffentlich, ſelbſt auch nur auf einem Geſellſchaftstheater in der Nolle zu zeigen, die man ihr zuwenden wolle. Mit aller moͤglicher Zartheit ſtellte er die Art von uͤbler Nachrede und die Gefahr dieſer Ge⸗ ſellſchaftstheater vor, welche dann fuͤr ein Frau⸗ enzimmer eintritt, wenn die Geſellſchaft ſo we⸗ nig gewaͤhlt waͤre, als es dermal auf dem Schloſ⸗ ſe Gliſtonbury der Fall ſey. Vivian beobachtete Lady Julie, waͤh⸗ rend Ruſſel ſprach, und die Art, mit der ſie ihn anhoͤrte, war fuͤr ihn ganz bezaubernd. Ihre Geſichtszuͤge waren in dieſem Augenblicke von einem ganz eigenen Reiz erfuͤllt, aufrichtige De⸗ muth, Wahrheit und Erkenntlichkeit ſtrahlten ihm von ihrem Geſichte. Lady Julia erwie⸗ derte nichts; ſogleich aber naͤherte ſie ſich ihrer Mutter und geſtand auf das ruͤhrendſte ein, daß ſie Unrecht habe; ſie erklärte ſich fuͤr ganz uͤber⸗ zeugt; es ſey fuͤr ſie nicht ſchicklich, in der Rol⸗ le der Kaliſta aufzutreten, welche ſie gewaͤhlt habe. Mit jenem kalten Weſen, das fuͤr ein feuriges und edles Gemuͤth ſo zuruͤckſtoßend iſt, wandte ſich die Mutter gegen ihre Tochter, und — 255— ſagte ihr, daß ſte auf ſo ploͤtzliche Bekehrungen kein Vertrauen ſetze, und daß dieſe fluͤchtigen Aufwallungen von gutem Benehmen auf ſie kei⸗ nen Eindruck machten, daß ſie fuͤr ihre Perſou, wie es das Mitleid ſordere, ihr das aufruͤhreri⸗ ſche und verwegene Benehmen verzeihe, welches ſie beobachtet habe, daß ſie uͤbrigens um Lady Juli a's Willen ſehr zufrieden ſey, ſie von ih⸗ rem ſonderbaren und ſeandaloͤſen Entwurf abſtehen zu ſehen.„Auf alle Faͤlle,“ fuͤgte Lady Gliſtonbury hinzu,„ſchmeichle ich mir nicht ſo ſehr zu glauben, daß dieß etwas anderes, als ein Aufſchub deines gaͤnzlichen Unterganges ſey, ich bin nicht leichtglaͤnbig genug, um auf ſo gaͤh⸗ lings eintretende Veraͤnderungen im mindeſten zu vertrauen, und obgleich du und Milord mir die Ehre erweiſen, fuͤr meine Urtheile nur eine hoͤchliche Geringſchaͤtzung zu hegen, ſo verſiche⸗ re ich, daß ich nicht hirnlos genug bin, um mich durch die Schmeichelreden eines liſtigen Maͤd⸗ chens taͤuſchen zu laſſen.“ Julia zog die Arme zuruͤck, mit denen ſie ihre Mutter umſchluugen hatte, und Miß Striktland, nachdem ſie in einer Aufwal⸗ lung des Unwillens einen Seidenfaden von ih⸗ ter Arbeit zerriſſen hatte, ſagte ihr,„es kaͤme — 256— ihr ſehr befremdend vor, daß junge Frauenzim⸗ mer von dem Lehrer ihres Bruders Rathſchlaͤge verlangten, ſtatt Perſonen zu befragen, die mehr dazu paßten, ihnen weiche zu ertheilen, und die vielleicht eben ſo wohl im Stande waͤren, ſie gehoͤrig zu leiten.“ Nicht ohne Unwillen ent⸗ fernte ſich Lady Julia von beiden Damen, als Lady Sarah, die bisher noch geſchraubter als ſonſt ſitzen geblieben war, ploͤtzlich ihr verſtei⸗ nertes Weſen fahren ließ, und mit dem Ausruf aufſprang:„Bleibe Julia, warte meine liebe Schweſter, o Miß Striktland laſſen Sie ihr Gerechtigkeit wiederfahren, und wenn Ju⸗ lia ſo viele Aufrichtigkeit, ſo vielen Willen zeigt, Necht zu thun, ſo nehmen Sie ſich ihrer bei unſerer Mutter an.“ „Soll ich Sie vor allem fragen,“ ſagte Miß Striktland mit Bosheit,„ob Herr Vivian ſich geweigert hat, die Rolle des Lo⸗ thario zu uͤbernehmen?”“ „Miß Striktland, Sie laſſen meiner Schweſter nicht Gerechtigkeit wiederfahren,“ ſchrie Lady Sarah.„Miß Striktland, Sie thuen Julien Unrecht, großes Un⸗ recht!“ Stumm vor Erſtaunen, machte die letztere —— — 257— große Angen, und hielt ſie auf Lady Sarah hingeheftet. Endlich belferte ſie:„Lady Sarah! Ich verſichere Sie, daß ich noch nie eine ſo un⸗ angenehme Ueberraſchung erlebt habe. Unrecht, großes Unrecht? Ich— ich hoffe, Milady Gliſtonbury— Eine unwillkührliche Kopfbewegung deutete die innerliche Verlegenheit der Lady an. Sa⸗ rah kniete vor ſie hin und ſagte, ihre Haͤnde, wie beim Gebete faltend: „Ognaͤdige Frau, o meine Mutter, verzei⸗ hen Sie, wenn ich es habe an Ehrfurcht gegen Miß Striktland mangeln laſſen. Aber meine Schweſter, meine Schweſter!“ „Stehe auf, Sarah, ſtehe nur auf,“ ſag⸗ te Lady Gliſtonbury, trennend die bitten⸗ den Hände der Tochter.„Dieſe Stellung iſt nicht ſchicklich. Sehr gefehlt war es, gegen Miß Striktland ſo wenig Hochachtung zu zei⸗ gen, die doch mein zweites Ich iſt. Lady Ju⸗ lia Lidhurſt iſt Urſache an dieſem Allen, und daß ihre Schweſter die mir ſchuldigen Pflich⸗ ten außer Acht ſetzte. Sie entferne ſich und laſ⸗ ſe mir meine Tochter Sarah.“ „Zum wenigſten doch habe ich eine Schwe⸗ ſter gefunden und zwar in einem Angenblicke, wo Vivian 1. Theil 17 — 258— ich ihrer am meiſten bedurfte,“ ſagte Lady J u⸗ lia.„Ich habe jederzeit vermuthet, daß du mich liebteſt, aber erſt ſeit dieſem Augenblicke weiß ich bis auf welchen Grad,“ fuͤgte ſie hin⸗ zu, ſich gegen ihre Schweſter wendend, um ſie zu umarmen. Doch Lady Sarah war wieder zu Marmor geworden, und ruhig ſtehend, unbe⸗ weglich empfing ſie die Umarmung ihrer Schwe⸗ ſter, ohne ein Zeichen von Leben oder Gefuͤhl zu geben. „Lady Julia Lidhurſt,“ ſagte Miß Striktland,„Sie laſſen ſich unnoͤthiger Wei⸗ ſe herab. Es daͤucht mich, Ihre Mutter Milady Gliſtonbury hat ſie gebeten, Lady Sarah uns und ihrer Pflicht zu uüͤberlaſſen.“ „Pflicht!“ wiederholte Lady Julia mit einem Blick voll Unwillen.“ Iſt es das, was Sie Pflicht nennen? Niemals werde ich mich ge⸗ gen Sie herablaſſen. Vielmehr werde ich Sie überhaupt gänzlich, fuͤr jetzt und fuͤr die Zu⸗ kunft, laſſen!“ Sie entfernte ſich. So verlor man die ſchoͤnſte Gelegenheit, dieſe junge offenherzige See⸗ le in den klugen Entſchluͤſſen und gluͤcklichen Stimmungen zu befeſtigen. Rachdem ſie ſich ver⸗ gebens vor ihrer Mutter gedemuͤthiget hatte, muß⸗ — ze das arme Maͤdchen noch Verweiſe von Seite ihres Baters erfahren, und von der unerbitili⸗ chen Miß Striktland ſich an die erditterte Bateman wenden. War der Gorgonenkopf der erſteren dieſer Gouvernanten, oder die Lei⸗ denſchaftlichkeit der zweiten am meiſten furcht⸗ bar, dieß iſt ſchwer zu entſcheiden. Miß Ba⸗ teman hatte einen Epilog abgefaßt, den Lady Julia als Kaliſta vortragen ſollte, nun aber vereinte ſich in ihr die Entzuͤndbarkeit eines Autors mit der Zornmuͤthigkeit einer Goupernan⸗ te dahin, ſie vor Wuth knirſchend zu machen als ſie erfuhr, daß ihr Zoͤgling ſich weigere, die⸗ ſe Verſe vorzutragen, die ihr ein vollendetes Stuck Arbeit zu ſeyn ſchienen. Lord Gliſton⸗ bury küͤmmerte ſich um die Verſe ſehr wenig, aber er fand durch den Widerſtand ſeiner Toch⸗ ter ſein Anſehen beleidigt. Deßhalb behandelte er Julia als Verräͤtherin ſeiner Sache, als Aufruͤhrerin ſeiner Partei. Vergebens muͤhte ſich Ruſſel ihn fuͤr Vernunftgruͤnde empfaͤnglich zu machen. Denn Milord verſtand nichts we⸗ niger und vrrabſcheute nichts mehr als Vernunft⸗ gruͤnde. Zu ihm von Vernunft reden, galt ihm für eine Beſchimpfung ſeiner eigenen Urtheils⸗ kraft, denn in allen vorkommenden Faͤllen hielt 17* — 260— er ſeinen Taet fuͤr unfehlbar. In dieſem Geiſte ſagte er auch Herrn Ruſſel: „Mein Beſter, wenn ein Mann wie er ſeyn ſoll, ein Mann von Stande, ſich eine Meinung gebildet hat: wozu, ich bitte Sie, wozu mit ihm einen Meinungskrieg fuͤhren? Heißt dieß nicht ihm mit andern Worten ſagen, daß Ihre Vernunft recht habe, waͤhrend die ſeinige ſich irre. Dieß iſt aber eine große Beleidigung des Einſichtsvermoͤgens eines vernuͤnftigen Weſens, eine Beleidigung, die ein Mann, auch nur von einigem Verdienſte, nicht geſtimmt ſeyn kann von Jemanden zu dulden, und die hinwieder ein Mann von einigermaßen feinem Betragen auch Niemanden, wer es immer ſey, zufuͤgen will. Doch abgeſehen hiervon, einem Parlamentsglied, einem Gliede des Ober⸗ oder des Unterhauſes,“ fuͤgte Milord mit halb geringſchätzigem, halb ſcherzhaftem Weſen hinzu, liegen ſo viele Staats⸗ ſtreitigkeiren bleiſchwer im Magen, daß er, bei meiner Ehre, waͤhrend des Zwiſchenrau⸗ mes von einer Sitzung zur andern von Be⸗ weisgruͤnden und Eroͤrterungen aller Art ver⸗ ſchont ſeyn ſollte. Ein ſolcher Mann iſt doch als ein miles emeritus zu betrachten. Sie, mein Herr, muͤſſen als wiſſenſchaftlicher Mann die tein die — 261— ganze Stärke dieſer Apologie fühlen, und fuͤr jeden Fall will ich, daß meine Tochter Julia mir gehorche, und die Rolle der Kaliſta ſpie⸗ le, meo periculo.“ Ruſſel war nicht berechtiget, ſich weitar in dieſe Angelegenheit zu mengen, aber Lady Ju lia blieb beharrlich in ihrem Entſchluſſe, die Rolle der Kaliſta abzulehnen, und Vivi⸗ an bewunderte die Standhaftigkeit, mit der ſie den Anforderungen und den Schmeicheleien zahl⸗ reicher Paraſiten ihrer Familie und der auf Gli⸗ ſtonbury vereinten Kunſtverehrer Widerſtand zu leiſten wußte. Ruſſel, bekannt mit ihrem hef⸗ vigen Charakter, fuͤrchtete, ſie moͤchte in ihrem Streite mit Vater und Gouvernante die Gren⸗ zen uberſchreiten und beinah bereuete er, uͤber die. ſen Gegenſtand ſeine Meinung geſagt zu haben⸗ Gluͤcklicher Weiſe machte indeß ein Anfall vom Podagra, welchen Milord erfuhr, dem Strei⸗ te, ſo wie den theatraliſchen Darſtellungen auf Gliſtonbury fuͤr dieß Jahr ein Ende. So lange dieſer Anfall waͤhrte, wendete Lady Julia bei ihrem Vater eine ſo geduldige und zaͤrtliche Pflege an, daß er ihr den Eigen⸗ ſinn verzieh, nicht Kaliſta ſeyn zu wollen, und als er hergeſtellt wurde, kündigte er der Miß 4 ———— — 262— Batemannan, ſein Wille ſey, daß ſeine Toch⸗ ter in dieſer Hinſicht thue, was ſie wolle, doch wuͤnſche er, es moͤge bekannt werden, daß dieß keineswegs aus Nachgibigkeit gegen die Vorur⸗ theile der Lady Gliſtonbuyy geſchehen, ſon⸗ dern daß es bloß ein Act der Gnade von ſeiner Seite waͤre. Um ſeine Wiederherſtellung zu feiern, be⸗ [chloß Milord einen Ball und zwar, nach Miß Batemans Vorſchlag, einen Charakter⸗ ball zu geben. Ungluͤcklicherweiſe wurde in dieſer Familie jeder Vorfall, und ſeldſt ein Unterhal⸗ tungsentwurf zum Gegeuſtande eines Streites und zu einer Quelle von Verdrießlichkeiten. Als Lady Gliſtonbury erfuhr, die Abſicht ihres Ge⸗ mahls ſey dahin gerichtet, einen Charakter⸗ ball zu geben, ſo weigerte ſie ſich, die Vor⸗ bereitungen zu dieſem Feſte auf ſich zu nehmen⸗ oder ſich auch nur mit denſelben zu befaſſen, da es allzuſehr einer Maskerade gliche, um ſich mit ih⸗ ren Begriffen von Wohlanſtand vereinigen zu laſſen. Lord Gliſtonbury nahm die Sache von der laͤcherlichen Seite, und wollte ſich an⸗ fangs der Waffen des Scherzes und Witzes be⸗ dienen. „Allein es prallt der Pfeil vom harten Stahl zurück.“ — 263— Lord Gliſtonbury nahm nun zur Ver⸗ nunft ſeine Zuflucht und vergeſſend, daß er neu⸗ erlich ſein Anſehen in Verfall hatte gerathen laſſen, beklagte er ſich als uͤber eine ſehr ſeltſa⸗ me Sache daruͤber, daß es unmoͤglich wäͤre, die Lady Gliſtonbury fuͤr Vernunftgruͤnde zu⸗ Zaͤngig zu machen, es betreffe nun was immer fuͤr einen Gegenſtand, und ſelbſt auch Sa⸗ chen des Geſchmacks. Die kalte A iderſpen⸗ ſtigkeit der Frau rang muthig mit dem heftig an⸗ dringenden Manne, und, was er auch ſagen mochte, ſo blieb ſie dabei ſtehen, daß dieſe Art von Unterhaltungen ihre Begriffe vom Schicklichen ver⸗ letze. Milady, Lady Sarah und Miß Strikt⸗ land erklarten demnach, ſie ſeyen entſchloſſen, keinen Charakter anzunehmen, ſondern in einem, dem ihrigen entſprechenden Koſtume zu erſcheinen. Dieſe drei ſtrengen Diſſidenten ausgenom⸗ men, beſchaͤftigte ſich auf dem Schloſſe Gli— ſtonbury und in der Sphaͤre, auf welche dieſes ſeine Anziehungskraft äußerte, alles mit Vor⸗ bereitungen zum Ball. Miß Bateman ba⸗ fand ſich in ihrem Element, geſchmeichelt und wieder ſchmeichelnd, zu Rathe ziehend und zu Rath gezogen, umgeben von Romanen, Theater⸗ ſtücken, Gedichten, Portraiten, Kupſerſtichen, — 264— ſuchte ſie nach Charakteren und Koſtumen. Dieſe Lehrmeiſterin ſchien zu glauben, daß ihr Amt ei⸗ uer Gouvernante den mindeſten Theil ihrer auf dem Schloſſe zu ſpielenden Rolle ausmache, und ſie wollte auch, daß alle Welt eben ſo denke. Als ſie die Obſorge uͤber Julias Erziehung auf ſich genommen, glaubte ſie ſich ſehr herabgelaſ⸗ ſen und ihrem Range, ihren Anſpruͤchen in der literariſchen und in der ſchoͤnen Welt nicht wenig vergeben zu haben. Bloß aus beſonderer Gunſt und zum Zeichen ihrer Zuneigung hatte ſie dem Lord Gliſtonbury hierinfalls nachgegeben, und es war nun an ihm, zu zeigen, wie ſehr er dieſe Gunſt zu ſchaͤtzen wiſſe, indem er gegen ſie als eine Perſon von ſeiner Familie nicht bloß ei⸗ ne ausnehmende Hoͤflichkeit, ſondern auch eine gaͤnzliche Ergebung in alle ihre Meinungen an den Tag lege, ſo zwar, daß er dadurch den Beweis liefere, er betrachte ſie einzig als ſeine Freun⸗ din und keineswegs als eine Gouvernante. Auf ſolche Art hatte ſie ſich in dieſem Hauſe uͤber die Lage erhoben, in der ſie haͤtte nuͤtzlich ſeyn koͤn⸗ nen, waͤhrend hinwieder ſo viele Gouvernanten in andern Haͤuſern unter dem Range behandelt werden, den ſie einnehmen ſollten. In dieſem wie in jedem andern Verhaͤltniß war Miß Bateman — 265— die erſte Perſon, mit der man ſich beſchaͤftigen ſollte.— Der Charakter, welchen ſie darſtellen wuͤrde, deſſen Koſtum, waren die Punkte, die vor allen entſchieden werden ſollten, und dieß war keine leichte Sache, denn ſie hatte ſich nicht we⸗ niger als fuͤnf Charakter ausgewaͤhlt, die ſchoͤne Roſamunda, Jeanne d'Arc, Eleopa⸗ tra, Sigismunde und Cicce. Nach reifli⸗ cher Ueberlegung der fuͤr jede dieſer Perſonen paſſenden Koſtume wurde die ſchoͤne Roſamun⸗ da verworfen, weil die altengliſche Tracht gaͤnz⸗ lich verunſtalte, der Waffenſchmuck Jeann e's d'Avc waͤre ihr zu unbequem fuͤr den Tanz gewe⸗ ſen, das Diadem und der Purpurmantel Cleo⸗ patras wuͤrde ihr zwar vortrefflich laſſen, aber dieſe lange Schleppe mußte fuͤr den Tanz eben ſo unbequem ſeyn, als Jeanne's volle Ruͤſtung. Miß Bateman ſchwankte lange zwiſchen Si⸗ gismunde und Circe. Das ſpaniſche Koſtum ſo wie das griechiſche bot ſeine beſonderen Vor⸗ theile dar, denn ſie war ganz gewiß, daß beides ſie vollkommen wohl kleiden werde. Vivian wurde zu dieſer Berathung zugelaſſen; man mach⸗ te ihm bekannt, daß es eine Circe und eine Sigismunde geben ſolle. Er wußte auch⸗ daß Lady Julia beſtimmt ſey, jene von beiden — 266— Perſonen darzuſtellen, welche Miß Bateman verwerfen wuͤrde. Waͤhrend der Berathſchlagung ſagte Julia ganz leiſe zu Vidian:„Haben Sie Mitleid mit mir, und machen Sie, daß ich nicht zur Circe verurtheilt werde, denn Cir⸗ ee iſt nicht mehr werth, als Kaliſta.“ Vi vian mar hocherfreut uͤber ihr Feingefuͤhl un) ihre Klugheit, und an der Stelle machte er der Unſchluͤſſigkeit der Gouvernante ein Ende, indem er ſte auf den allerliebſten Kopfputz der flaxs⸗ mannſchen Circe anfmerkſam machte, und hinzu⸗ fuͤgte, das Haar der Miß Bateman(es war eine Peruͤcke) könne leicht alſo geordnet werden, um dieſelbe Wirkung hervorzubringen. Juli a belohnte Vivian fuͤr dieſes geſchickte und gluͤcklich Manover durch ein ungemein ſuͤßzes Lä⸗ cheln. Die Macht eines Laͤchelns von Lady Ju⸗ lia war mittlerweile uͤber Vivians Herz ſehr groß geworden. Unſer Held empoͤrte ſich ge⸗ gen Ruſſels Rathſchlaͤge, der ihm ſagte, er ſollte ſich ein bischen mehr Zeit nehmen, um ſich zu verſichern, ob der Charakter dieſer jungen Perſon mit dem ſeinigen uͤbereinſtimme; indeß fuͤhlte er ſelbſt, daß es klug ſey, die Erklärung ſeiner Leidenſchaft zu verſchieben, da Lady Ju⸗ lia ſehr jung, ſehr romantiſch geſtimmit ſey und — 267— eine ſehr uͤbel verſtandene Erziehung genoſſen ha⸗ be, doch je ſchlechter dieſe Erziehungsweiſe gewe⸗ ſen ſey, je unkluger die Menſchen ſich benommen haͤtten, welche ſie umgaben, um ſo groͤßer, ſagte er ſich, ſey Julias Verdienſt, daß ſie ſich mit Klugheit benehme, und ſich von ſelbſt beſtrebe⸗ die ihr angeborne enthuſtiaſtiſche Waͤrme zu un⸗ terdrücken. Ruſſel kam hiermit uͤberein, und geſtand Lady Julien die verdienten Lobſpruͤche zu, aber er ſtellte Vivian vor, daß er ſie nur ſeit Kurzem kenne, und keineswegs lange ge⸗ nug, um uͤber ihre Stimmung ſo wie uͤber ihre Reigungen richtig zu urtheilen, ſelbſt wenn er bei kaltem Blute wäre, welches doch nicht der Fall ſey, da aus ihm offenbar die Leidenſchaft zu Gunſten des Maͤdchens rede. Alles was Nuſſel üͤber die Nothwendigkeit anfuͤhrte nichts zu uͤber⸗ eilen, machte auf Vivian hinlaͤnglichen Ein⸗ druck. Er entſchloß ſich denn den Verſuch zu ma⸗ chen, der jungen Perſon Zuneigung einzufloͤßen, ehe er ſeine Liebe erklären oder ſich an ihren Va⸗ rer wenden wuͤrde. Bald bot ſich eine ſchoͤne Ge⸗ legenheit dar. An dem zum Ball beſtimmten Ta⸗ ge wurde der junge Lord Lidhurſt, der den Tancred vorſtellen ſollte, von einem ſtarken Fieber befallen; er war von ſchwachen Geſund⸗ — 268— heitsumſtänden und ſein haͤufiges Uebelbefinden beunruhigte ſeine Aeltern. Die Aerzte ordneten Nuhe an, er wurde in ſeine Gemaͤcher verwieſen, und man mußte ſich einen andern Tancred ſuchen. Vivian wagte es, dieſe Rolle auf ſich zu nehmen, und erbot ſich hierzu gegen die ſchoͤ⸗ ne Sigismunde. DObgleich er hierbei nur die Abſicht hatte, ſich artig und gefaͤllig zu beweiſen, ſo zeigte er ſtih doch ſo heftig bewegt, daß ſie den Zuſtand ſeines Herzens wahrzunehmen ſchien. Hoch erroͤthend autwortete ſie mit einem ihr ungewöhn⸗ lichen Stottern,„ſie glaube, ſie daͤchte, ſie ha⸗ be von ihrem Bruder vernommen, daß er Herrn Ruſſel beauftragt habe, ſeinen Platz einzu⸗ nehmen,“ Dieſe Antwort mißfiel Vivian nicht, das Erroͤthen, die Verlegenheiten ſchienen ihm von guter Vorbedeutung zu ſeyn. Nach ſeinen Ge⸗ danken konnte dieſe Verlegenheit von der Abnei⸗ gung herruͤhren, jemand andern als den Erzieher ihres Bruders, einen zur Familie gehoͤrigen Mann, als ihren Tancred erſcheinen zu laſſen; ſie konn⸗ te auch daher ruͤhren, daß Julia ſich fuͤrchtete, Herrn Ruſſel zu beleidigen, wenn ſie in den von ihrem Bruder getroffenen Vorkehrungen eine Abaͤnderung vornehme. Hieran fand er nichts —,—— — 269— zu tadeln. Und, obgleich verliebt, war er doch geſtimmt ihre Beweggruͤnde zu billigen. Ueber⸗ dieß hielt er ſich uͤberzeugt, daß Ruſſel es ablehnen wuͤrde in dieſer Charaktermaske zu er⸗ ſcheinen. Wirklich kam auch der letztere herbei, und ſagte, er wuͤrde wahrſcheinlich anf dem Bal⸗ le gar nicht erſcheinen, da er ſo lange als moͤg⸗ lich bei Lord Lidhurſt zu bleiben wuͤnſche, deſ⸗ ſen Krankheit ſichtlich zunehme. Bald nach die⸗ ſer Erklärung eilte Lord Gliſtonbury voll Freude herzu, und ſagte: er habe mit Vergnuͤgen vernommen, daß Sigismunde Herrn Vi⸗ vian zu ihrem Tancred haben werde. Bis da⸗ hin ordnete ſich Alles auf eine fuͤr die Hoffnun⸗ gen unſeres Helden guͤnſtige Weiſe. Als er aber Lady Julia wieder ſah, wel⸗ ches erſt Mittags Statt fand, bemerkte er in ihrem Benehmen eine Veraͤnderung, die ſehr we⸗ nig Muth einfloͤßte. Es war nicht die Schuͤch⸗ ternheit, die Verlegenheit eines Maͤdchens, das noch nicht weiß, ob es zufrieden oder verdrieß⸗ lich ſeyn ſoll, wenn ein Liebhaber ſich zeigt, oder welches unſchluͤſſig iſt, ob es die eine oder die andere dieſer Stimmungen aͤußern muß; in ih⸗ rem Benehmen lag vielmehr etwas Hochfahren⸗ des und Zuruͤckhaltendes, welches an ihr ganz — 270— uen war. Obgleich er an ihrer Seite Platz be⸗ kam, und obgleich ſie ſonſt ihre vergnuͤgteſten Aeußerungen an ihn oder Herrn Ruſſel rich⸗ tete, ſo ſahen ſich nun Beide dieſer Ehre be⸗ raubt, nichts von allem, was ſie ſagte, trug das Gepraͤge ihres Geiſtes, und ſie wendete ſich immer an die Perſonen von der andern Seite der Tafel, an den Capitän, an den Rechtsgelehr ten oder an einen anderen der Paraſiten ihrer Fa⸗ milie, deren Daſeyn ſie ſonſt gewoͤhnlich zu ver⸗ geſſen ſchien. Sie aß und rehete haſtig, unge⸗ faͤhr ſo, als ob ſie ihren Gefuͤhlen trotzen woll⸗ te. Während man das zweite Gericht auftrug, wendete ſie ſich gegen Herrn Vivian und ſag⸗ te, nachdem ſie einen Blick auf den Ausdruck ſeiner Mienen geworfen, leiſe zu ihm:„Sie werden, Herr Vivian, mich ſehr unvernuͤnftig und ſehr eigenſinnig finden, aber ich habe mich feſt entſchieden, nicht Sigismunde zu ſeyn, waͤren Sie wohl geſtimmt, mich dadurch zu ver⸗ binden, daß Sie dieſen Abend auch nicht in Tancreds Koſtum erſcheinen? Sie wuͤrden mich auf dieſe Weiſe neuen Unannehnlichkeiten ent⸗ ziehen. Es iſt Ihnen bewußt, daß meine Mut⸗ ter und meine Schweſter erklaͤrt haben, nicht in Charaktermasken auftreten zu wollen, und ob⸗ — 271— gleich mein Vater darauf dringt, daß ich eine ſolche nehme, ſo glaube ich doch fuͤr dießmal beſſer zu thun, wenn ich meinem eigenen Urtheil folge. Darf ich auf Ihre Gefaͤlligkeit rechnen?“ Vivian erklaͤrte, daß er ſich ganz ihrem Ausſpruche unterwerfe, und er war beſonders erfreut, einen ſo guten Grund gefunden zu ha⸗ ben, um ihr das beobachtete Betragen zu ver⸗ zeihen.„Ihr Beweggrund iſt lobenswerth,“ ſag⸗ te er zu ſich,„ſie will weder ihrer Mutter miß⸗ fallen, noch die Eiferſucht ihrer Schweſter rege machen.“2 Die Ballſtunde ſchlug; es fuͤllte ſich der Saal, und Vivian, der ſich ſchmeichelte, das Vergnügen zu haben, die ganze Nacht hindurch mit Julien zu tanzen und auf ſolche Art fuͤr ſeinen ſchnellen Gehorſam belohnt zu werden, ſuchte ſie allenthalben mit den Blicken, jedoch vergeblich. So oft die Thuͤre ſich oͤffnete, ſah er hin, aber es trat keine Julia ein. Man ſah, man hoͤrte hingegen Circe'n allenthalben, und niemals hat ſich eine ſo haͤßliche Circe auf Erden gezeigt, die dem ungeachtet ſichtbar voll Ver trauen auf die Macht ihrer Reize war. Waͤh⸗ rend ſie ſich ganz damit beſchäftigte, Vivian zu bezaubern, verwünſchte dieſer die gefluͤgelte — 272— Beweglichkeit ihrer Zunge, und harrte auf den Augenblick, in dem die Zanberin Athem holen wuͤrde, um ſie zu fragen, wo Lady Julia hin⸗ gekommen ſey. „Lady Julia? Sie muß hier irgendwo im Saale ſeyn. Doch nein, ich erinnere mich jetzt, ſie ſagte mir, daß ſie bei ihrem Bruder ein Viertelſtuͤndchen zubringen wolle. Ich den⸗ ke indeß, daß ſie bald erſcheinen werde, doch bin ich wuͤthend über ſie erboſt, ſie hat uns al⸗ len einen ſehr haͤßlichen Streich geſpielt, und beſonders Ihnen, da ſie in Bezug auf Sigis⸗ munda ihren Entſchluß geändert hat. Sie wuͤrden ſich als Tancred vollkommen wohl aus⸗ genommen haben; jetzt haben Sie aber gar kei⸗ nen Charakter. Sie halten mit gewiſſen Damen gleichen Schritt. Troͤſten Sie ſich mit der Be⸗ merkung des großen Pope, die wie ich fuͤrchte, nur allzuwahr iſt: „Ja; der Charakter iſt's, was den Weibern meiſtens fehlt.“ Miß Bateman muſterte bei dieſen Wor⸗ ten mit unverſchämten Blicken das Trio der La⸗ dy Gliſtonbury, welches ſo eben in gewoͤhn⸗ lichem Koſtum voruͤberzog. Aergerlich uͤber eine ſo auffallende Unhoͤflichkeit gegen die Frau vom — — — 273— Hauſe, bot Vivian derſelben ſogleich ſeinen Arm, und fuͤhrte ſie nebſt ihren Gefaͤhrtinnen nach ihren Sitzen, wo ſie ſich alle drei in voll⸗ kommen gleichen Attituden niederließen; ſie ſa⸗ hen bei dieſer Gelegenheit Maͤrtirern, die ſich zur Todesqual bereiten, viel aͤhnlicher als Da⸗ men, die ſich auf einem Balle unterhalten. Vi⸗ vian blieb einige Augenblicke bei ihnen, um der Lady Gliſtonbury etwas zu ſagen, und ſo eben wollte er ſich entfernen, als Milady mit verdoppelter Foͤrmlichkeit das Wort an ihn richtend, ſagte: „Ich ſehe, daß Herr Vivian die Mode des Tages nicht angenommen hat, und daer der einzige Mann iſt, deſſen Koſtum anzeigt, daß er an keine andere ebenfalls eingebildete Perſon verſagt ſey, ſo kann ich nicht unterlaſ⸗ ſen, den Wunſch auszudruͤcken, daß meine Toch⸗ ter, fuͤr den Fall, als ſie tanzt, einen Kava⸗ lier habe, der ſeinen eigenen Charakter beibe⸗ hielt.“ Dergeſtalt herausgefordert, ſah ſich Vi⸗ vian gezwungen, ſich die Ehre zu erbitten, mit Lady Sarah zu tanzen, indeß ſchmeichelte er ſich, nach dem erſten Tanze dieſer Verpflichtung ledig und in dem Augenblicke, indem Lady In⸗ Vivian 1. Theil. 18 — 274— lia erſcheinen wuͤrde, frei zu ſeyn. Aber zu ſeinem großen Verdruſſe, ſagte ihm Herr Ruſ⸗ ſel, der gerade eintrat, als er den zweiten Tanz beendet hatte, daß Lady Julia gar nicht auf den Ball kommen werde, weil ſie ihrem Bruder Geſellſchaft leiſte, der ſie hierum gebe⸗ ten hatte. Der arme Vivian war gezwun⸗ gen, die ganze Nacht hindurch Lady Sarahs Taͤnz er zu bleiben. Als er ihr die Hand reich⸗ te, um zur Abendtafel zu gehen, geſchah es, daß ſie durch das Gedraͤnge in einem Vorzimmer aufgehalten wurden, wo man Leuten von min⸗ derer Klaſſe erlaubt hatte, Zuſchauer des Feſtes zu ſeyn. Hier hoͤrte Vivian eine Pachters⸗ frau ihre Nachbarin fragen:„Wer iſt Jener, der dort der Lady Sarah die Hand gibt? 4— „Wie,“ ſagte die andere,„Sie wiſſen das nicht? Das iſt Herr Vivian vom neuen Schloſ⸗ fe, der ſie naͤchſtens heirathen wird. Deßwegen iſt er hier, denn ſie ſind ſchon ſeit der Zeit der Wahlen an einander verſprochen.“ Dieſe Aenßerungen brachten im Geiſt un⸗ ſeres Helden große Verwirrung hervor; ſie er⸗ weckten darin eine Menge Beobachtungen, die er gerne haͤtte ſchlummern laſſen. Sollte man glauben, daß ungeachtet der Ermahnungen ſei⸗ — 275— nes Freundes Ruſſel und der Klugheit ſeiner eigenen Entſchließungen er noch entſchloſſen war, ſich zu erklaͤren, wie er ſich's vorgenommen hatte? „Was dieſen Streich belangt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo werde ich dieß Geruͤcht binnen vier und zwanzig Stunden zum Schweigen brin⸗ gen. Ehe ich noch ſchlafen gehe, will ich um Lady Julia Lidhurſt anhalten. Ruſſel, es iſt wahr, rieth mir, mich nicht zu uͤbereilen, mir mehr Zeit zu nehmen, um ihren Charakter ken⸗ nen zu lernen, aber ich kenne ihn ſeit heute hin⸗ laͤnglich,(er haͤtte ſagen ſollen, ich bin hin⸗ laͤnglich verliebt in ſie); die Ehre fordert's mich an der Stelle zu erklaͤren: dieß iſt das wahre Mittel, all dieſen Geruͤchten ein Ende zu ma⸗ chen, welche fuͤr Lady Sarah Lid hurſt nur herabſetzend werden koͤnnten.“ So fand Vivian in ſeiner vorhergehen⸗ den Unſchluſſigkeit die Entſchuldigung ſeiner der⸗ maligen Uebereilung, und er that wie ſo viele andere, welche ſich uͤberreden der Vernunft zu gehorchen, waͤhrend es nur der Antrieb ihrer Leidenſchaften iſt, dem ſie folgen. Um ſechs Uhr Morgens ging die ganze Geſellſchaft auseinan⸗ der; Lord Gliſtonbury und Vivian blie⸗ ben die letzten auf dem Saale. Mi lord hatte 18* — 2 76— Anfangs unſern Helden ein wenig zum Beſten, daß er auf die Perſon Tancreds Verzicht ge⸗ than hahe, um ſich ganz der Lady Sarah zu weihen. Vivian benüutzte dieſe Gelegenheit, ſeine wahrhaften Geſinnungen zu erklären, und hielt um Lady Julia an. Sein Antrag wur⸗ de mit Beeiferung aufgenommen; der Vater leg⸗ te in ſeine Antwort viele Wärme und außerte ſich, er habe immer vorausgeſagt, daß Vioi⸗ an Julien oorziehen werde. Seine Zufrieden⸗ heit hiermit ſey um ſo groͤßer, da er wuͤßte, daß Lady Gliſtonbury ſich dadurch hoͤchſt un⸗ angenehm üͤberraſcht finden werde. Das Inter⸗ eſſe des Haſſes ſchien in der That Milord weit mehr, als jenes der Liebe Viovians zu beſchaͤftigen, aber der gute Anſtand warf einen Schleier uͤber dieſe Gefuͤhle, und nachdem er ſich ſo gnaͤdig ausgedruͤckt hatte, als Vivian nur immer wuͤnſchen konnte, nachdem er ſich uͤber das Vergnügen verbreitet hatte, welches er dar⸗ an faͤnde, ſeine Tochter mit einem Manne ver⸗ bunden zu ſehen, der ſo empfehlenswerth waͤre, durch ſeine Geburt, ſeine aͤußere Lage, ſeine Talente und durch die Achtung, in der er ſtehe; nachdem er in Einſchiebſeln und ganzen Reiben von Parentheſen ſeine Meinung nicht bloß uͤher die Heirath ſeiner Tochter, ſondern uͤber alle An⸗ gelegenheiten des Lebens erklaͤrt hatte, ſo wuͤnſch⸗ te Milord ſeinem Tochtermanne gute Nacht, und ließ ihm die Freiheit, ſich zur Ruhe zu be⸗ geben. Vivian konnte aber ſolche nicht fin⸗ den; mit ſehnlichſter Ungeduld harrte er auf den Augenblick, in dem er Julien wieder ſehen wuͤr⸗ de. Dieß geſchah beim Fruͤhſtuͤck, aber er ſchloß aus ihrem Weſen, daß ſie noch nichts von ſei⸗ nem Antrage wiſſe. Nach dem Fruͤhſtuͤck ſagte Lord Gliſtonbury.„Komm mit mir, meine kleine Julia! Es iſt ſchon lange, daß ich mit dir keinen Spaziergang gemacht und daß wir mit⸗ einander geſcherzt haben.“— Milord ging ziemlich lange mit ſeiuer Tochter auf der Terraſſe ſpaziren, hin und hergehend und in ein ſehr ernſtes Geſpräch verwickelt ſcheinend.— Zuletzt ging er den Arbeitern zu, welche mit Fallung eines Baumes beſchaͤftigt waͤren. Vivian beeil⸗ te ſich Julien einzuholen, die, nachdem ſie ei⸗ nen Augenblick nachdenklich auf dem Platze ge⸗ blieben war, wo ihr Vater ſie verlaſſen hatte, ſo eben den Ruͤckweg nach dem Schloſſe einſchlug. Ende des erfien Theils. n, gedruckt bei Carl Gerold. 1 — 4 ————öö 1 olour& Grey Control Chart Cyan Green vellow HRed Magenta Grey 4