——— 2—=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter — —-— wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ewhnee auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 9 3„„—„„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Buͤcher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— — ——-- 9 X Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von Robert Waldmüller. Dritter Band. Leipzig, Nem-YVork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. In Gluth bis an's Ende. Wiederholte Rückſprachen mit der Gräfin, zu wel⸗ chen die letztere dem früheren Mentor der jungen Grafen nach deſſen Amtsaustritt Gelegenheit geboten hatte, waren ohne Erfolg geblieben. Boleslaw hatte zwar manchen ihm werthen Einblick gewonnen, denn Theo⸗ phila und ihre Angehörigen beſchäftigten ſein Nach⸗ denken zu unabläſſig, als daß ihm nicht jede dahin⸗ zielende Mittheilung, ſelbſt wenn unerfreulich, von hohem Intereſſe geweſen wäre, aber immer klarer trat die Unwöglichkeit zu Tage, hier auf irgend welche Weiſe helfend einzugreifen. Er geſtand ſich erſt jetzt, wie tief das über Theophila hereingebrochene Verhängniß auch ſeine Seele umſchatte, wie echt das Gefühl, das ſein R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 1 2 Herz für ſie erfüllte, wie wild und ungeſtüm unter der ſcheinbaren äußeren Ruhe und Gefaßtheit der Schmerz über ſie in ſeinen Eingeweiden wühls. Um ſich zu betäuben, überhäufte er ſich mit politi— ſchen Arbeiten. Doch die angeſtrengteſte Thätigkeit däuchte ihm jetzt ein läſtiges Feiern. Endlich, um ein Aeußerſtes zu verſuchen und was für Theophila nicht mehr zu thun war, zum wenigſten den Uebrigen zugute kommen zu laſſen, ward er ſeiner Gewiſſensſcrupel in Betreff der Staroſtin ſo weit Herr, daß er ſich bei ihr als Vorbereitung auf eine gründ⸗ lichere Beſprechung des Bielski'ſchen Nothſtandes zu Gunſten„einer bedrängten polniſchen Familie“ ver⸗ wendete. Wie immer war die Alte ſofort zu jeder Leiſtung bereit. Da ihr Zuſtand ihr das Reden ſehr ſchwer machte, begnügte ſie ſich mit der einzigen Frage: „Patriot?“ und legte ihren Kaſſenſchlüſſel gleichzeitig in ſeine Hand. Aber kaum war ſeitens Boleslaw's der Wunſch ausgeſprochen worden, die Staroſtin möge in dem von ihm zu befürwortenden Falle politiſche Unbeſcholtenheit für Patriotismus gelten laſſen und kaum kam es zur Nennung des Namens Bielski, ſo zog die Alte ihren Kaſſenſchlüſſel mit finſterem Murren zurück. Der Majordomus hatte ſeine Herrin von Allem un⸗ — 3 terrichtet, was über die Londoner Unfälle des Grafen Bielski in der Preſſe zu leſen geweſen war. Mit pein⸗ licher Ueberraſchung erſah Boleslaw aus den ihm vor⸗ gelegten Blättern, daß der Graf in Betreff ſeiner Be⸗ ziehungen zu Algernon ein Verhör beſtanden habe; mit noch peinlicherer, daß in demſelben nicht nur Jad⸗ wiga, ſondern„nach einer andern Verſion“ auch Theo⸗ phila als präſumtive Verlobte des jungen Taugenichts Erwähnung fanden. Um ſo nöthiger ſchien es, der gräflichen Familie die Mittel zur endlichen Heimreiſe zu verſchaffen. Als daher die Staroſtin ſich von nun an auch Joſepha's nicht weiter annehmen zu wollen erklärte, meinte Bo⸗ leslaw, ſie und die Kinder ſollten wenigſtens von der Mitverantwortung für die Mängel des Grafen freige⸗ ſprochen werden. Aber die Staroſtin war unverſöhnlich. Es blieb dabei. Der Mann im Monde war ihr nicht fremder und gleichgiltiger als der Graf Bielski und ſein ganzer Haushalt. „Und freilich hat ſie tauſendmal Recht,“ ſagte Bo⸗ leslaw beim Fortgehen zu ſich ſelbſt;„noch auf viele Generationen hinaus wird es Polen geben, die für's Vaterland leiden und darben. Was iſt gegen die Gründe dieſer Frau einzuwenden, da ihr Gelübde ſie bindet und 1* ——— — — 4 ihre Zwecke die lauterſten ſind? Ich war im Begriffe, den Altar zu beſtehlen“. Bald darauf erfuhr Boleslaw zu ſeinem Verdruß, kein Anderer als Aaron habe dem Majordomus jene unerquicklichen Zeitungsnotizen in die Hände geſpielt. Zur Rede geſtellt, betheuerte der Jude, er habe lediglich das Mitleid der Staroſtin zu Gunſten des Grafen rege machen wollen, meinte aber dann, als Boleslaw ihm ſeine Beſtechlichkeit und Verlogenheit mit harten Worten vorhielt;„Nun gut! bin ich etwa Dank ſchuldig dem Herrn Grafen? Gott der Barm⸗ herzige! getreten hat er mich und gepeitſcht mit Scor⸗ pionen! gerad' ſo wie Euch, Boleslaw Oſinski! O, der Aaron hat auch Augen. Und iſt denn der Major⸗ domus etwa kein Menſch, Boleslaw Oſinski, daß ich für gutes Geld ihn ſollte ſchlecht bedienen“? Der Tod ſeines Töchterleins hatte Aaron, wie ſich's bei dieſer Gelegenheit wahrnehmen ließ, in ſchlimmſter Weiſe verändert. Er war noch immer krie⸗ chend und demüthig, aber dazwiſchen warf er Blicke um ſich und ſtieß Worte aus, die ein vergälltes Herz und eine gequälte Seele verriethen. Die wirkliche Quelle ſeines Elends lag freilich noch tiefer, als Bo⸗ leslaw ſie vermuthete. Die Zeit ſollte kommen, wo ſie zu Tage trat. Eines Abends hatte Boleslaw, mit einem ihm be⸗ kannten Journaliſten in politiſche Controverſen ver⸗ wickelt, eine Menge Londoner Straßen durchwandert, als er, faſt ohne daran zu denken, endlich ſeinen Weg allein fortſetzend, ſich von den kühlen Schatten des botaniſchen Gartens umfangen ſah. Eine Reihe von Regentagen war vorausgegangen. Zum erſtenmale ſeit dem Mittag hatte heute die Sonne wieder ihre ſtrah⸗ lende Oberherrlichkeit geübt. Alle Blätter, alle Gräſer, alle Blumen ſtrömten Düfte aus. Die Luft war ein einziger Wohlgeruch. Als Boleslaw inmitten der aus⸗ und einwogenden Luſtwandler tiefaufathmend ſtille ſtand, ſah er ſich von einem barhaupten, trödelartig buntgekleideten Mädchen angeſprochen, auf deſſen einer Schulter zwei ſchneeweiße Täubchen ſaßen; ein junges roſtbraunes Eichkätzchen kletterte um ihren Nacken; in der Hand hielt ſie ein paar halb offene Centifolienknoſpen. Es gibt in London zahlreiche Kleinhändlerinnen dieſer Art und ihre Zudringlichkeit ſorgt dafür, daß man ſich raſchmöglichſt von ihnen freizukaufen ſucht. „Hier,“ ſagte Boleslaw, die Roſen der Verkäuferin ab⸗ nehmend und ihr im Weitergehen ein Geldſtück reichend. Aber ſtatt es anzunehmen, verbarg ſie ihre Hände hinter dem Rücken, und jetzt erſt erkannte er Zipora. 6 „Freilich bin ich's,“ ſagte die Jüdin zwiſchen freu⸗ digem Lachen und ſcheuem Umblicken, indem ſie rück⸗ wärts gehend ſich dem Gedränge zu entziehen ſuchte; „ſeit einer Stunde bin ich Euch nachgegangen, Boles⸗ law Oſinski; iſt nicht heute Euer Geburtstag? Ich denke, Ihr nanntet mir neulich das heutige Datum“. Boleslaw dankte ihr für die freundliche Spende, die erſte, welche ihn an den Tag ſeiner Geburt mahnte. „Ich habe Euch Allerlei zu klagen,“ ſagte ſie, „Schlimmes, ſehr Schlimmes! Aber zuerſt: bleibt Ihr denn jetzt wieder in London? Es war nicht ſchön von Euch, Boleslaw Oſinski, ſo ohne Abſchied wegzureiſen.“ „Wegzureiſen?“ „Ihr wart doch in St. Petersburg“. „Ich?“ „Seit zwei Wochen“. „Ich war keine Stunde von London abweſend. Wenn Ihr mit Eurem Orakel⸗Dreifuß nicht auf Wan⸗ derſchaft geweſen wäret, ſo hättet Ihr mich ſchon öfter geſehen“. „Ich auf Wanderſchaft?“ „In Bath, Dover u. ſ. w.“. Zipora wurde hochroth.„Der Lügner“! rief ſie, „ſperrt er mich in Pepper Street zu einer alten Hexe ——,—— 7 ein, und Euch ſagt er, ich treibe mich im Lande herum. Aber wie kommt er denn auf St. Petersburg?“ „Du wirſt deinen Mann wohl nur mißverſtanden haben,“ ſagte Boleslaw einlenkend und raſch ein ihm unlängſt gemachtes Anerbieten zu Aaron's Entſchuldi⸗ gung verwerthend;„mein alter Gönner, Lord Seymour, hat endlich den Petersburger Geſandtſchaftspoſten er⸗ halten, und da iſt mir der Antrag geſtellt worden, den Lord als Secretär zu begleiten. Aber für jetzt wenig⸗ ſtens kann ich noch nicht von London fort“. „ und wenn Ihr geht“, ſagte ſie ſtotternden Tons, „wollt Ihr mich mitnehmen“? Ihre Wangen glühten; „ich bin anſtellig, Boleslaw Oſinski; kein Lakai wird Euch beſſer bedienen“. „Träumſt Du, Zipora?“ „Durchaus nicht“. „Gewiß“. „Ich bin hell wach“. „Und Aaron“? Sie faßte Boleslaw am Aermel und ihrem unruhi⸗ gen Eichkätzchen einen Schlag gebend, daß es kreiſchte, zog ſie den zögernd Folgenden ſeitab in eine menſchen⸗ leere Akazienallee.„Ich muß Euch nur Alles haar⸗ klein erzählen,“ ſagte ſie, zu dem großgewachſenen Manne halb trotzig, halb furchtſam hinaufblickend, einem 8 Schulkinde nicht unähnlich, das ſeinem Lehrer ent⸗ laufen iſt. Und nun bekam Boleslaw die traurige Geſchichte eines, wie ſie behauptete, unheilbaren Zerwürfniſſes zu hören. Natürlich war Aaron der Alleinſchuldige. Er habe, hieß es, in Vauxhall halbe Nächte ihretwegen auf der Lauer geſeſſen und hinterdrein jedes von ihr geſprochene Wort durchgehechelt. Er habe nicht mehr leiden wollen, daß ihr Nachbar, der alte blinde Feuer⸗ werker Mr. Smart, ſie Nachts heim begleite. Zuletzt habe er ihr das Wahrſagen ganz gelegt und ſie nach Pepper⸗Street zu einer halb kindiſchen Blumenmacherin in die Lehre gegeben. Da ſehe ſie nun weder Sonne noch Mond und verſchrumpfe ſchier wie eine im Schranke vergeſſene Citrone. Dazu wolle er ihr das Knoblauch⸗ eſſen wieder angewöhnen, das ihre Mutter ſelig ihr doch ſtrenge verboten habe, und als ſie neulich der Alten ihren ſchönen Gürtel gezeigt habe, ſei Aaron faſt unſinnig geworden und habe gerufen, er wünſchte, ſie ſei häßlich wie eine räudige Katze. Sie kramte noch hundert andere kleine Beſchwerden aus, und Boleslaw mußte ihr Recht geben, daß viele der angeführten Dinge nicht erfreulicher Art ſeien. „Wie alt biſt du?“ fragte er endlich. *⁴ 9 „Um Lauberhütten,“ ſagte Zipora,„war ich ſechszehn Jahre alt“. „uun wann haſt du geheirathet?“ „Fünf Tage nach der langen Nacht“. „Vor zwei Jahren?“ „Nein, vor drei Jahren“. „Und haſt du Aaron damals gern gehabt?“ Zipora ſah Boleslaw groß an; ſie war, wie die meiſten Jüdinnen ihres Standes, viel früher verheirathet worden als ſie wußte, was Neigung ſei.„Ich war doch erſt dreizehn Jahre,“ ſagte ſie faſt verlegen. Boleslaw ſchwieg einen Augenblick. Sie that ihm leid und er ſah dennoch in dem Auseinanderlaufen dieſer beiden heimathverſchlagenen Kinder Iſraels weder für Aaron noch für Zipora einen Segen.„Vielleicht thuſt du ihm doch in einzelnen Dingen Unrecht,“ begann er von neuem;„denk' einmal nach; wie kannſt du zum Beiſpiele über Einſperrung klagen, während Aaron dir geſtattet auf offener Straße Tauben und Eichkätzchen feilzuhaben?“ Die habe ſie nicht feil, lautete die Antwort. „Und was ſollen ſie denn hier?“ fragte Boleslaw, „wem gehören dieſe Tauben?“ „Mir“. „Seit wann?“ * 10 „Seit ich nicht mehr nach Vauxrhall darf; er wußte, daß ich ſie dort um mich hatte und hat ſie von dem Eremiten gegen eine alte Sammtweſte erhandelt; aber ich mache mir nichts aus Tauben“. „Und das Eichkätzchen?“ „Das tauſchte er, glaube ich, von einem Matroſen gegen ein Taſchenmeſſer ein, es iſt ein ſpaniſches, aber ich mache mir nichts aus Eichkätzchen!“ Sie fügte hinzu, als ihr heute Boleslaw's Geburtstag eingefallen ſei, habe ſie die alte Blumenmacherin im Stiche gelaſſen und ſei ſtracks auf die Straße hinausgelaufen, um bei den Gräfinnen nach ſeiner Adreſſe zu fragen,„denn wißt Ihr, Boleslaw Oſinski, ich wollt' Euch nach St. Pe⸗ tersburg einen Brief ſchreiben; Ihr ſolltet erfahren, wie ſchlecht mir's geht. Unterwegs aber iſt mir ein⸗ gefallen, daß man mich vielleicht abweiſen könnte; denn wenn unſereins nichts zu verkaufen hat, da iſt gar ſchwer, die Herrſchaften ſelber zu Geſicht zu bekommen. Alſo bin ich umgekehrt, hab' meine Thiere geholt und will eben nach Cavendiſh Square hinüberbiegen— da⸗ denkt Euch meinen Schreckl ſehe ich Euch plötzlich mitten in der Straße gehen...“ Ihre Rede ſtockte und das Blut ſchoß ihr von neuem in die Wangen.„Am Ende,“ ſagte ſie beklommenen Tones,„hat Aaron mir auch damit Flauſen vorgemacht. Oder habt Ihr Eure Stelle wirk⸗ 11 lich aufgegeben und wohnt nicht mehr bei den ſchönen Gräfinnen?“ „Aaron hat dir die reine Wahrheit geſagt,“ ver⸗ ſicherte Boleslaw, froh, irgend etwas beſtätigen zu können, das zu Aaron's Gunſten diente.„Und nun ſei verſtändig und laß dich nach Hauſe begleiten. Auf dem Heimwege ſollſt du Alles hören, was ich auf deine Klagen zu ſagen habe“. Er reichte ihr nach engliſcher Sitte ſeinen Arm und ſie gingen. Ein gar wunderlich ungleiches Paar! ſie klein, rundlich und trotz ihres Ehekummers in dieſem Augenblicke durch die ihr wider⸗ fahrende Ehre faſt zu einem lachenden Bilde des Glückes geworden, dazu bunt in ihrer Ausſtaffirung und durch die Menagerie auf ihren Schultern geradezu auffallend; er groß, blaß von Farbe, fein, aber ſchlicht gekleidet und in der Art, wie er im Gehen mit ihr redete, eben dieſelbe einfache Höflichkeit beobachtend, wie er ſie jedem andern Frauenzimmer erwieſen hätte. Der Inhalt deſſen, was er ihr ſagte, konnte ihr freilich um ſo viel weniger Befriedigung bieten. Zipora hatte um ihn ſein zu dürfen gehofft, und jetzt bekannte er mit ehrlicher Offenheit, in eine hoffnungsloſe Leiden⸗ ſchaft verſtrickt zu ſein und nur allein in der vollſtän⸗ digſten Einſamkeit einigermaßen ſeiner Schmerzen Herr werden zu können. 12 In eine hoffnungsloſe Leidenſchaft! Dem armen Kinde wollten faſt die Kniee brechen. Er ſuchte dann zu Gunſten Aaron's geltend zu machen, was nur irgend für eine Beſchönigung taugte, erinnerte Zipora an die Zärtlichkeit, mit der Aaron ſein Töchterchen geliebt habe, führte Aaron's eiferſüchtige Ausfälle auf ſeine Liebe zu ihr und auf die Unter⸗ ſchätzung ſeiner eigenen vielen guten Eigenſchaften zurück und erbot ſich zuletzt, den unverſtändigen Eiferer durch ernſte Vorſtellungen zur Vernunft zurückzuführen. Zipora hatte nichts zu antworten gewußt. Sie hielt ſich ruhig und nickte nur hin und wieder zum Zeichen ihres guten Willens, eine nochmalige Ausſöhnung zu verſuchen. Als aber das ſchmutzige Gäßchen erreicht war, in welchem Aaron's Quartier lag, brach ſie doch in Thränen aus. Boleslaw blieb ſtehen.„Wie gerne möchte ich dir beſſeren Beiſtand leiſten!“ ſagte er theilnehmenden Tones. „Weißt du nicht irgend wen, bei dem du für's Erſte verweilen möchteſt, wär's auch nur ſo lange, bis ich mit Aaron redete?“ Sie verneinte, wahrſcheinlich ohne zugehört zu haben, jedenfalls noch vollauf mit dem Ausdeuten ſeiner „hoffnungsloſen Leidenſchaft“ beſchäftigt. Ob das Mädchen, von dem er geredet habe, fragte te ſie kleinlaut, denn etwa auch ſchon anderweitig ge⸗ bunden ſei? „Ich bitte Dich, dieſer Sache nicht weiter zu geden⸗ ken,“ ſagte Boleslaw, ausweichend;„das Dringendſte und einzig Wichtige, ſcheint mir, iſt jetzt deine eigene Ange⸗ legenheit. Wo bringe ich dich hin? Wir haben uur noch wenige Schritte bis zu Aaron's Wohnung. Ich möchte dich nicht hier auf der Straße warten laſſen“. Zipora ſchwieg.„Damit aber dein Vertrauen,“ fuhr Boleslaw einlenkend fört,„nicht mit bloßer Verſchloſſenheit erwidert werde— hier in zwei Worten Alles, Zipora, was ich in Betreff jener Leidenſchaft über die Lippen zu bringen vermag: Ich habe derjenigen, nach welcher du fragteſt, nie ein Wort über meine Empfindungen geſagt und werde auch nie in die Lage kommen, es zu thun“. Zipora unterdrückte einen ſchweren Seufzer.„O,“ ſagte ſie,„und frag' ich denn auch noch erſt? Ich habe ſie und Euch ja gleich damals darauf angeſehen; jetzt weiß ich, warum mir bei den Antworten, die ſie mir abverlangte, der Athem ſo kurz wurde“. Sie fuhr zuſammen, denn ein in dieſem Augen⸗ blicke am Fenſter ihres Quartiers erſcheinendes Licht verrieth ihr, daß Aaron zu Hauſe ſei. Die Worte Zipora's hatten Boleslaw auf's pein⸗ lichſte verletzt. Was ſelbſt für Theophila ein verſiegeltes 14 Geheimniß war und bleiben ſollte, hatte Zipora's raſches Auge alſo in jenem einzigen Beiſammenſein erſpäht und errathen? Er wollte antworten, aber jedes Wort ſchien ihm eine Entweihung.„Komm mit,“ ſagte er kurz,„ich ſtehe dir dafür, Aaron bereut ſchon jetzt, dich zur Flucht getrieben zu haben“. Doch ſie wollte nicht; es ſei ihr ſchier noch nicht möglich.„Jetzt fällt mir aber etwas ein,“ ſagte ſie, ſich zur Feſtigkeit zwingend und trocknete ihre Augen, nich kann ja bei dem alten Feuerwerker eintreten, der mich allnächtlich von Vauxhall heimbegleitete; dort in dem gelbgemalten Bretterſchuppen hat er ſein Stübchen. Es iſt doch wohl beſſer, daß ich bei ihm eintrete. Die Gaſſenbuben, müßt Ihr wiſſen, ſind hier gar unfläthiges Geſindel“.— Boleslaw ſtimmte zu und Zipora begab ſich nach dem Schuppen. Auf der Schwelle desſelben wendete ſie ſich um. Boleslaw war ſchon fort. In Aaron's Fenſter brannte noch das Licht. Ihr Geſichtchen verzog ſich kummervoll. Sie ſtarrte nach der Kerze hinauf und nickte gedanken⸗ voll.„In Gluth bis ans Ende,“ ſagte ſie vor ſich hin, aus ihrem Räthſelſchatze eines Sinnſpruches gedenkend, der eine brennende Kerze ſymboliſch ausdeuten ſollte; „ja,“ ſeufzte ſie,„ſo möcht' ich leben und ſterben— in 15 Gluth bis ans Ende“. Sie preßte ihre Stirne an die Wand des Schuppens, brach von Neuem in heftiges Weinen aus und ließ erſt ab, als die Vorübergehenden neugierig ſtehen blieben. „J da iſt ja Aaron Seine,“ rief eine junge Mutter, die eben mit ihrem Kinde auf dem Arm aus einem benachbarten Kramladen trat,„ſagt's doch Einer dem Juden, dem Aaron, ſein Weib ſei wieder da. Eine ſaubere Trolle das! Erſt läßt ſie ihr Kind verkommen und nun läuft ſie dem Manne davon“. Andere ſchalten auf die ganze Sippſchaft— noch habe man nicht bemerkt, daß für die Nachbarn Segen dabei herauskomme. Zipora war ſchon bei den erſten Worten mäuschen⸗ ſtill geworden. Es wohnte weiter kein Jude in dem Gäßchen. Man konnte ſich leicht, wie man's ſchon gethan hatte, an ihr und Aaron vergreifen. Sie hauchte raſch in die Hände, um die Röthe ihrer Augen ver⸗ ſchwinden zu machen, und ſchlüpfte über die Schwelle des Schuppens. Als Boleslaw nach einer Viertelſtunde, durch das zunehmende Gedränge ihretwegen beunruhigt, ſie ab⸗ holte, war Zipora's Angſt vor den draußen ihr drohenden Fährlichkeiten größer faſt als ihre Scheu vor Aaron. Boleslaw gewahrte dieſe erwünſchte Umſtimmung nicht 16 ſobald, als er auch ſchon bei Aaron die ſofortige Ueber⸗ ſiedlung in ein minder bedrohtes und mehr zwiſchen anderen Judenwohnungen gelegenes Quartier in Vor⸗ ſchlag brachte. Und windelweich, wie Boleslaw's Strafpredigt den Juden gemacht hatte, willigte derſelbe ohne weiteres in Alles, was Boleslaw empfahl. Die Folge der gleich darauf getroffenen Veranſtal⸗ tungen war, daß ſich die ganze Jugend des Gäßchens nun wirklich zur Vertreibung des unliebſamen Trödler⸗ paares zuſammenſchaarte, und ſo fügte ſich's, daß den beiden entfremdet Geweſenen gleich bei ihrer erſten Wieder⸗ vereinigung durch das Gefühl gemeinſamer Bedrängniß eine Art feſteren Zuſammenhanges zurückgegeben wurde. Zweites Kapitel. Betſy Smithfield. Der Petroleum⸗Cröſus hatte wohl noch hin und wieder zwiſchen ſeinen mannichfaltigen wichtigeren Un⸗ ternehmungen an die Möglichkeit gedacht, den polniſchen Grafen auf irgend welche Weiſe als Ausfuhrartikel zu verwerthen, aber da ihm Zeit ſo viel als Geld bedeu⸗ dete und hier augenſcheinlich nichts ohne viel Zureden und Disputiren auszurichten war, ſo erinnerte er ſich des Grafen höchſtens noch ab und zu bei den fleißig von Mr. Craiggs beſuchten Circusproben. Er hatte inzwiſchen einen heruntergekommenen ſpa⸗ niſchen Granden ſammt Kindern, Enkeln und Urenkeln für ſein Rieſenhotel in Titusville engagirt, und da er dem national⸗ökonomiſchen Satze von dem Segen der R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 2 18 Concurrenz huldigte, ſchiffte er auch noch einen uralten Marquis aus dem Faubourg St. Germain ſammt decorirtem Sohne und desgleichen Schwiegerſohn mit Gattin und Tochter nach Oil City ein, woſelbſt zur Bekämpfung des Rieſenhotels ein ähnliches Unternehmen von ihm ins Werk geſetzt wurde. Daneben beſchäftigte ſich Mr. Craiggs mit dem An⸗ kauf einer Anzahl billig ausgebotener kaiſerlich braſi⸗ lianiſcher Staatsquittungen über Neger, welche die engliſchen Kreuzer vor manchem Jahre braſilianiſchen Sklaven⸗Capitänen abgenommen und dann unter dem Schutze des Kaiſers als freie Menſchen in Rio gelandet hatten— Unglückliche, welche ſeitd em ſpurlos verſchwun⸗ den waren und deren Ausfindigmachung oder vielmehr abermalige Befreiung ein in jeder Hinſicht ſehr anſtän⸗ diges Geſchäft zu werden verſprach. Wie bekannt, hat die engliſche Regierung ſich ſeitdem denn auch in der That bei der braſilianiſchen Regierung mit bedeu⸗ tenden Nachdruck zu Gunſten jener Verſchwundenen verwendet. Endlich begegnete Mr. Craiggs dem Grafen einmal wieder auf der Straße. Das bleiche, gedrückte Aus⸗ ſehen des ſonſt ſo ſtattlichen Mannes bewog Mr. Craiggs, ihn anzuſprechen.„Sie ſehen angegriffen aus,“ ſagte er,„ſind Sie nicht wohl?“ ang ſiſchen dem andet ſwun⸗ Umehr nſtän⸗ , hat der edeu⸗ denen 19 „Mir iſt ſehr ſchlecht,“ erwiderte der Graf, den ihm angebotenen Arm nehmend. „Und was fehlt Ihnen?“ „Es wird gleich vorüber ſein“. Er ſah hinter ſich und Mr. Craiggs gewahrte erſt jetzt in einiger Ent⸗ fernung einen Menſchenzuſammenlauf. „Iſt Jemand zu Schaden gekommen?“ fragte er. Aber im ſelben Augenblicke wurde ein ärmlich ge⸗ kleideter alter Mann von zwei Conſtablern in die nächſtgelegene Apotheke getragen. Er ſchien regungslos und mochte vom Schlage gerührt worden ſein. Ein paar kleine Straßenfeger ſchafften ein Pappgehäuſe auf die Seite, aus dem man ihn, wahrſcheinlich zu ſpät für ſeine Rettung, auf Koſten des bunten Kunſtwerkes erlöſt hatte. Mr. Craiggs ſchüttelte mitleidig den Kopf.„Treten wir irgendwo ein,“ ſagte er,„und nehmen wir eine Erfriſchung“. Der Graf ließ ſich mechaniſch in einen der ſtrahlenden Läden führen, in welchen Weiber und Männer ihr Erbet⸗ teltes oder Erarbeitetes dem Moloch Gin hinopfern, und nachdem der Graf ein wenig Brandy and water genippt hatte, brachte Mr. Craiggs ihn auf den Heim⸗ weg. Der Pennſylvanier ſuchte während des Gehens das Geſpräch auf Jadwiga und ihr ungewöhnliches 2* 1 1s 1¹ t 6 * 65 4 — 20 Reitertalent zu lenken, denn er intereſſirte ſich für ſie wie für Alfred Blackman und brütete in Betreff des Pärchens ſeit Längerem über einem Plan. Aber Graf Bielski war nach dieſer Seite wie taub und ſtumm. „Haben Sie geſehen,“ fragte er endlich ſtatt aller Antwort,„in welch ſcheußlichem Futteral jener arme Teufel ſeinen letzten Athem aushauchte?“ Mr. Craiggs nickte. „Es war eine Pyramide,“ ſagte der Graf,„o, ich träume Tag und Nacht von Ihrer damaligen Prophe⸗ zeiung“. „Mein beſter Herr,“ verſetzte Mr. Craiggs aufge⸗ räumt,„das höre ich mit Freuden“. „Es iſt entſetzlich“. „Es iſt im Gegentheil ergötzlich,“ lachte Mr. Craiggs, „ergötzlich, wie Alles, was einer Dummheit eine ge⸗ ſchickte Wendung gibt. Kein Geld haben und doch eine Rolle ſpielen wollen— erlauben Sie mir die offene Bemerkung, beſter Herr— iſt eine Dummheit. Sich vor Thorſchluß eines Beſſeren beſinnen, heißt der Dumm⸗ heit eine geſchickte Wendung geben. Träumen Sie recht oft von der wandelnden Pyramide und vielleicht entſchließt ſich Eure Herrlichkeit zum guten Ende doch noch, ihr beizeiten aus dem Wege zu gehen“. Der Graf griff krampfhaft in ſeine Bruſt. ür ſie ff des Graf mm. t aller arme o, ich aufge⸗ raiggs, ne ge⸗ heine offene Sich Dumm⸗ n Sie elleicht e doch 21 „Titusville und Oil City,“ fuhr Mr. Craiggs fort und blätterte in ſeinem Notizbuche,„ſind freilich ver⸗ ſorgt. Ich expedire morgen den Marquis v. Stainville⸗ Soubiſe ſammt Kind und Kegel; Don Olivarez di Trafalgar und ſein Hofgefolge ſchwimmen in dieſem Augenblicke, hoff' ich, bereits unter dem— ich weiß nicht wie vielten Breitengrade. Dieſe beiden Gelegen⸗ heiten haben Sie verpaßt. Ohnehin iſt Ihre Familie nicht mehr complet und mein damaliges Gebot alſo hinfällig. Dagegen will ich Ihretwegen— denn ich bin kein herzloſer Rechner, Mr. Bielski— ein anderes Unternehmen wagen. Die Demokraten brauchen in Baltimore ein brillantes Clubhaus. Die nächſte Prä⸗ ſidentenwahl wird harte Kämpfe koſten, und jede große Partei muß daher beizeiten Anſtrengungen machen. Ich ſtelle Sie an die Spitze eines ſolchen Clubhauſes, ganz wie Ich's Ihnen bei dem Titusville⸗Projecte offerirte, honorire Sie anſtändig und ſichere Ihnen und den Ihrigen eine ſorgenfreie Zukunft. Eingeſchlagen?“ Graf Bielski hatte mit einem bitteren Lächeln zu⸗ gehört.„Ich bin ſo tief heruntergekommen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„daß ich kaum noch Stolz und Selbſt⸗ achtung genug beſitze, um empört zu ſein. Hier aber ein⸗ für allemal mein Beſcheid auf dieſe und jede Ihrer künftigen mit mir und meiner Familie beabſichtigten 99 2 b Entrepriſen: Auch ein verarmter Edelmann iſt noch ein Edelmann. Ich kann zu Grunde gehen, aber wenn es ſein muß, ſo ſei's mit Ehren. Die Geliebte des Königsmörders Fieschi ließ ſich, ſagt man, für 40,000 Francs als Dame du comptoir in einem Pariſer Kaffeehauſe zur Schau ſtellen. Das war vom bürger⸗ lichen Standpunkte aus, wie ich nicht zweifle, ein ſehr verſtändiges Geſchäft. Der bürgerliche Standpunkt iſt aber nicht der meinige. Graf Bielski bedauert, zu ſolchen Speculationen nicht zu taugen“. Er lüftete den Hut und empfahl ſich. 1 Mr. Craiggs blieb noch eine Weile in Gedanken ſtehen. Erſt wollte er ſich ärgern, darauf lachte er. Aber der Schweiß perlte ihm doch von der Stirn und er mußte ſein Toupet abnehmen. „Der gute Herr fürchtet, er ſolle arbeiten,“ redete eer dann pfiffig vor ſich hin,„ich wette Tauſend gegen Eins: das iſt's, was ihn abhält und nichts Anderes“. Es waren vielleicht nicht zwei Leute auf Erden, welche einander weniger verſtanden, als der bürgerliche Cröſus und der adelige Bettelmann. Uebrigens wurde Graf Bielski zu ſeiner Entrüſtung bei ſeiner Heimkehr mit einer womöglich noch ver⸗ letzenderen Zumuthung ſeitens des alten Lord Cockſpur empfangen, verletzender wenigſtens inſoferne, als ſie von Un Ga⸗ mei Geſ hab 02 29 einem Edelmanne kam. Signora Pancini,„ſein ſchöner lombardiſcher Protégé,“ klagte der alte Herr unter hef⸗ tigen Grimaſſen und Podagra⸗Zuckungen, habe geſtern wieder die Ehre gehabt, dem Grafen Bielski auf der Straße zu begegnen, und dießmal ſei des bdzene Aehnlichkeit mit ihrem verſtorbenen Gemahl ihr ſo ſchreckend frappant erſchienen, daß Signora Vunem⸗ um ihre Nerven einigermaßen zu beruhigen, die ganze Nacht Laudanum habe nehmen müſſen.„Ich geſtehe,“ fuhr der alte Adonis ſchalkhaft fort,„daß ich heute Morgen, um Sie, lieber Graf, aus London zu entfernen, mich ſchon einer kleinen Kriegsliſt ſchuldig gemacht habe. Ich bin ſo frei geweſen, den ruſſiſchen Geſandten vor Umtrieben zu warnen, die ich Ihnen andichtete Unglücklicherweiſe ſtellte ſich heraus, daß Sie aus Galizien, alſo kein ruſſiſcher Unterthan ſind, und ſo iſt mein Vorhaben trotz des guten Willens des ruſſiſchen Geſandten, meines Freundes, leider geſcheitert. Seitdem habe ich zu meiner Freude in Erfahrung gebracht, was Sie hier feſthält..“ Lord Cockſpur machte eine diploma⸗ tiſche Pauſe; dem Grafen ſtieg das Blut in die Stirn— „ein verwickelter Proceß,“ ſpann der Alte zuckend und ächzend weiter,„ſo wenigſtens verſichert man mir“— er wartete von neuem—„oder eine Erbſchafts⸗Ange⸗ legenheit, genug, irgend ein nicht angenehmes Geſchäft, 24 das ſich, wie man mir zu verſtehen gab, vielleicht be⸗ reinigen ließe. Ich komme daher“, wendete er ſich mit einer galanten Verneigung zu der eben eintretenden Gräfin,„Ihrer liebenswürdigen Gemahlin meine Ge⸗ neigtheit auszudrücken, in Betreff jenes Proceß⸗ oder Erbſchaftsobjects eine Vereinbarung mit Ihnen zu treffen und den Gatten dieſer verehrungswürdigen Dame dadurch den Blicken jener ſchönen Circe zu entziehen. Ach, mein beſter Graf, wie ſagt doch Virgil? Pendent opera interrupta, oder, wie ich frei überſetze: Alles iſt unterbrochen, Alles ruht, wenn ſich zwiſchen zwei Liebende ein geliebter Schatten drängt!“ Joſepha's abgehärmte Wangen hatten ſich geröthet. „Ich bedaure,“ ſagte ſie, zu dem Grafen gewendet,„in ein Geſpräch gezogen worden zu ſein, das ſo wenig auf weibliche Ohren berechnet ſcheint. Geſtatten Sie mir, daß ich mich entferne.“ „Nein,“ ſagte der Graf,„Sie ſollen im Gegentheile Zeuge ſein, wie man unverſchämten Menſchen die Wege weiſt.“ Er ſchellte.„Mylord,“ fuhr er dann fort, in⸗ dem er dem ſich mühſam von ſeinem Sitze Erhebenden Hut und Stock in die Hand gab,„einem Gatten in Gegenwart ſeiner Gattin von Beziehungen zweideutiger Art reden, iſt eine Ungezogenheit; ſich in die Privat⸗ verhältniſſe eines Edelmannes eindrängen, eine Heraus⸗ ct be⸗ ch mit tenden ne Ge⸗ ⸗ Oder en zu Dame ziehen. ndent lles iſt zwei röthet. et,„in wenig n Sie ntheile Wege er;, in⸗ benden tten in eutiger rivat⸗ eraus⸗ forderung. Ihre Gebrechlichkeit ſchützt Sie vor der Zumuthung eines Ehrenganges. Dagegen wird dieſer brave Mann“— er zeigte auf den eintretenden Rus⸗ niaken—„Sie auf gut polniſch ins Freie ſchaffen. Am Rockkragen!“ wendete er ſich gelaſſenen Tones zu dem Rusniaken, welcher ſofort feſt zugriff,„mit aller Vorſicht, aber mit allem Nachdruck, und zwar bis ganz in die Mitte der Straße immer am Rockkragen. Fort!“ Lord Cockſpur ſchlug mit Händen und Füßen ſprudelnd um ſich, aber gegen die Rieſenfauſt des Rusniaken war nicht das Mindeſte auszurichten.„Ich lebte zehn Jahre in Venedig,“ ſchrie er, indem er im vergeblichen Gegenſtämmen Stühle und Tiſche umriß,„zehn Jahre, Herr; ich werde Ihnen einen Bravo über den Hals ſchicken; ja, das werde ich, zwei, drei Bravi“. Die letzten Worte hörte nur noch der Rusniake, denn er und ſein unfreiwilliger Begleiter waren ſchon an die Treppe gelangt. Wie es dem armen Liebhaber der ſchönen Lombar⸗ din weiter erging, hatte der Graf keine Neigung zu controliren. Joſepha war ſchon bei den erſten Worten des Grafen aus dem Zimmer gegangen. Uebrigens ließ der Rusniake unter Umſtänden auch mit ſich handeln. Als Lord Cockſpur auf der unterſten Treppenſtufe 0 b0 6 ſich für eine halbe Krone ſeines Drängers entledigt hatte, zog der arg verknitterte alte Herr Spiegel, Haar⸗ nadeln und Schminke aus der Taſche und ſtellte ſeine Jugend und Friſche nach Möglichkeit wieder her. Ver⸗ liebte ſind an Rückzuge aller Art gewöhnt. Lord Cock⸗ ſpur erinnerte ſich während ſeiner Toilette, daß Mazarin einmal in einem Torfkorbe aus dem Fenſter der Her⸗ zogin von Guiche hinabgelaſſen worden war. Und er kam ſich doch eigentlich verteufelt durchtrieben vor. „Uebrigens,“ ſagte er dann,„führt mich der verwünſchte Schnürenrock dort oben nach dieſem Auftritte am wenig⸗ ſten hinters Licht. Ich wette Tauſend gegen Eins, der Hallunke iſt bis über die Ohren in Signora Pancini verliebt. O,“ ächzte er, indem er, Auf die Straße hinaustretend, ſich von ſeinen pausbackenen Lakaien in den Wagen helfen ließ,„wenn ich ihn nur in Venedig hätte!“ „Mylord befehlen?“ fragte der Diener, den Po⸗ dagriſten rüſtig hineinſchiebend.—„Daß du ein Eſel biſt!“ polterte der alte Don Juan,„mich mit einem zeriſſenen Rockkragen ausfahren zu laſſen! Biſt wohl wieder einmal Nachts in meinen Kleidern auf Liebes⸗ abenteuer ausgegangen? He? Nur keine Ausreden! Ich ſeh' dir's an, Galgendieb! Ein Kerl in deinen Jahren und immer noch den Weibern nachlaufen folg Tag gott jun 27 Uedigt Pfui! Aber warte! Das nächſtemal kommſt du in die Vu Tretmühle“. Mie In Lombard Street hatte es inzwiſchen heftige il⸗ Kämpfe gegeben. Phiniki's für den Grafen beſtimmter VVal Abſagebrief war durch Vater Cerigotto ſo lange ver⸗ Izarin ändert und verbeſſert worden und hatte, während Phiniki Der⸗ ihn ins Reine ſchrieb und darauf eigenhändig abklatſchte, nd er im ganzen Comptoir ſo vielſeitige Vermuthungen er⸗ vur. regt, daß auch Dimitri endlich argwöhniſch wurde. Es nicte folgte eine Exploſion der ſchlimmſten Art, und acht wenig⸗ Tage lang hatte, wie der jüngſte Lehrburſche von Ceri⸗ 5, der gotto and Son ſich ſpäter gerührt ausdrückte,„unſer anein junger Herr keinen Vater und unſer alter Herr keinen Straße Sohn“. 2 ſien in Die Bande des Blutes ſind aber, ob Cheſterfield enedig ſie auch in Abrede ſtellt, zumal im Judenthume von großer Zähigkeit, und nach Verlauf jener ſtürmiſchen Po⸗ acht Tage ſtrich der alte Cerigotto die Segel. Der Gfel immer noch drohend auf Phiniki's Pult liegende Brief einem wurde vernichtet, der Eheconſens wieder zugeſichert und wohl ſelbſt wegen des Uebertrittes Dimitri's zum Chriſten⸗ iebes⸗ thume endlich väterliche Verzeihung gewährt. eedden! So viel Milch und Honig glaubte Dimitri nun einen verſtändiger Weiſe nicht ungenützt laſſen zu dürfen. aufen Auch jetzt freilich hütete er ſich, die von Theophila ge⸗ 28 wünſchte Ueberſiedlung nach Griechenland gegen den Vater zu erwähnen. Dagegen wußte er eine Hoch⸗ zeitsreiſe dahin, nicht nur in Rückſicht auf den ſterbenden Oheim, ſondern auch in geſchäftlicher Beziehung als ſo durchaus zweckmäßig darzuſtellen, und Phiniki unter⸗ ſtützte die Wünſche des nur allzu leicht entbehrlichen Chefs mit ſo überzeugenden Gründen, daß der Alte ſchließlich ſich auch in Betreff dieſes Schrittes beiſtimmend er⸗ klärte. Die Hochzeit dann aber ſofort zu veranſtalten, war in Anſehung der ſchlechten Nachrichten über den Oheim Germanos ein Gebot ſelbſtredender Dringlich⸗ keit. Theophila's dießfällige Bedenken wußte der Pope zu widerlegen. Der Graf lehnte, wie ſchon früher, jede Einmiſchung in dieſe ganze Angelegenheit ab. Und ſo rückte in der That zu Dimitri's Herzenslabſal der er⸗ ſehnte Tag heran. An einem wolkenfreien September⸗Morgen flaggten auf der ehrwürdigen Themſe denn nicht weniger als ſiebenundfünfzig große und kleine Seeſchiffe, das heißt ſie waren vom Maſtwipfel bis aufs Deck nach feſtlichem Seemannsbrauch mit den Flaggen aller nur irgend denkbaren Nationen behängt. Die griechiſchen Kauf⸗ leute nehmen, wie ſchon Mr. Mongredien in ſeiner Schrift über den engliſchen Kornhandel nachgewieſen hat, eine ſehr angeſehene Stellung ein. Sie haben durch flügel dem Korr griet Filic land einan Unte meh Eig Reie meh grie Dal Ene Cer ſich den Hoch⸗ denden als ſo unter⸗ Cheßs ießlich d er⸗ talten, er den inglich⸗ Pope r jede Und ſo der er⸗ aggten er als heißt tlichem irgend Kauf⸗ ſeiner wieſen haben 29 durch ihre Gewandtheit ſogar die Engländer zu über⸗ flügeln verſtanden, und beiſpielsweiſe gehen alle aus dem Schwarzen Meere nach Großbritannien kommenden Kornladungen ausſchließlich durch die Mittlerſchaft griechiſcher Zwiſchenhändler. Dabei reichen griechiſche Filialgeſchäfte in Nord⸗ und Südamerika, Indien, Ruß⸗ land und auf vielen anderen Punkten unſeres Erdballes einander die Hände. Fleiß, kaufmänniſche Begabung, Unternehmungsluſt verbinden ſich in ihnen mit anderen, mehr das Zuſammenhalten des Erworbenen fördernden Eigenſchaften. Sie verfügen ſchon jetzt über große Reichthümer, und jedes Jahrzehnt ſteigert dieſelben in mehr als ſonſt gewöhnlicher Weiſe. Der Hochzeit eines griechiſchen Kaufmannes gebührte daher mit Fug und Recht ein munterer Wimpelſchmuck. Eines jener luſtig flaggenden Schiffe war das kleine Dampfſchiff„Minotaur“. Cerigotto and Son hatten dasſelbe im Auftrage dern griechiſchen Regierung in England bauen laſſen. Es ſollte den Poſtdienſt zwiſchen dem Pyräus und Syra verſehen und mit nächſtem an den Ort ſeiner Beſtimmung abgehen. Wie alle Schiffsrheder, ſetzte aber auch der alte Cerigotto ſeinen Stolz darein, ſo ſelten wie möglich ſich fremder Schiffe zu bedienen. Nun Dimitri jene größere Hochzeitsreiſe zu machen gedachte, erhielt der 30 „Minotaur“ alſo einſtweilen die Beſtimmung, das junge Paar nach dem Feſtlande hinüberzuſchiffen. Natürlich hatte Dimitri ſofort ſeine ganze Phantaſie aufgeboten, um das Schiff in einen Feenpalaſt zu verwandeln. Als Marynia in Begleitung Jana's am Hochzeitsmorgen, ſorgſam wie immer, mit Theophila's Ausſtattung an Bord fuhr, fand ſie eine Anzahl Kunſtgärtner mit den letzten Anordnungen beſchäftigt. Die ganze Cajüte glich einem Blumenwalde. Aber auch der Tapezierer hatte mit Geſchmack vorgearbeitet; überall waren Teppiche und farbenbunte Stickereien in harmoniſcher Weiſe ver⸗ wendet, reichvergoldete Spiegel blitzten von den Wänden herab, Tiſche mit Moſaik⸗ und Perlmutterplatten, Seſſel von Paliſſander, Wiegeſtühle von Roſenholz, Toilettekaſten von Schildpatt wetteiferten mit einander an Koſtbarkeit und Pracht— das berühmte Schiff der Kleopatra, meinte Marynia, konnte kaum königlicheren Prunk enthalten haben. Ans Ufer zurückgekehrt, gewahrte ſie ganz nahebei einen über der niedrigen Hafenmauer lehnenden Mann, welcher den„Minotaur“ durch ein Fernglas in allen ſeinen Theilen aufmerkſam muſterte.„Iſt das nicht Boleslaw Oſinski?“ wollte ſie ihr Brüderchen fragen, aber dieſer war ſchon zu dem früheren Mentor hin⸗ übergeſprungen.„Seid Ihr's, Boleslaw Oſinski?“ hatte hebei kann, allen nicht ggen, hin⸗ hatte 31 der Knabe gerufen,„und was habt Ihr hier für ein Glas?“ „Ich werde Dir's zeigen“. „Gebt!“ „Hier haſt Du's“. Während Marynia die ſich zum Lächeln zwingende Miene des ehemaligen Hausgenoſſen noch mit unheim⸗ licher Beſorgniß beobachtete, kam Jana bereits mit ihm zurück. Das Kind hatte nie früher ein Fernrohr in der Hand gehabt und behauptete jetzt, indem er das Schiff durch dasſelbe aufs Korn nahm, er habe auch noch niemals eine Dampfmaſchine in ſo großer Nähe geſehen. Boleslaw mußte ihm daher die Einrichtung derſelben ausführlich erklären, und er that es mit großer Geduld. Als die Wißbegier des Knaben befriedigt war, ließ ſich Marynia ihrerſeits über die innere Luxusausſtattung der Schiffsräume vernehmen, bekannte, daß dergleichen ſie allemal beklommen mache, und meinte zuletzt, bei ſeiner Erklärung der Maſchinenconſtruction habe der Gedanke, daß wenigſtens etwas in dieſem Zauberbau dem Dienſt der reinen Nützlichkeit gewidmet ſei, ihr ordentlich das Herz erleichtert. „Und ich,“ erwiderte Boleslaw ſinnend, indem er ihr das Geleit gab,„war gerade auf dem Punkte, an 32 all jenen bunten Flitter eine Betrachtung ganz ent⸗ gegengeſetzter Art zu knüpfen. Was iſt er nütze? Nichts! Und doch erfreut er das Auge! Sehen Sie jene ſchwarzen Kohlenſchiffe dort, wie ehrenwerth, wie praktiſch, aber wie nüchtern! Der bloße Anblick ſchon verſtimmt. Die ganze Noth des Lebens trauert uns aus ihnen ent⸗ gegen. Nun ſagte ich mir: geht es etwa mit den Menſchen nicht ganz ebenſo? Aus wie vielen ver⸗ grämten Geſichtern trauert uns die Noth des Lebens entgegen! Geſchieht es ſolchen Menſchen nicht nach Gebühr, wenn wir uns von ihnen abwenden? Was geht es uns denn an, daß ſie, wie jene Kohlenſchiffe, vielleicht einen reſpectablen Tiefgang haben, während andere, die uns beſſer gefallen, möglicherweiſe gleich jenem„Minotaur“ nur flach gebaut ſind? Das Leben iſt kurz, der Freuden ſind nicht viele, warum ſich nicht am bunten Scheine vergnügen?“ Marynia ſah ihn mit einer ihrer mißbilligendſten Mienen an.„Ich ſage Ihnen da große Trivialitäten,“ fuhr Boleslaw fort, indem er nach den ſchlanken Maſten des zierlichen Schiffes hinüberblickte,„aber es gibt ver⸗ bitterte Stunden, deren weder die Philoſophie noch die Mathematik Herr wird. Da lob' ich mir denn den Anblick eines ſolchen ſchaukelnden, nagelneuen Schiffes und läg's auch bloß vor Anker; treibt es aber gar erſt ihm läßt Maſ ſtänd 33 zwiſchen blauem Himmel und leidlich blauem Waſſer dahin mit luſtig aufſchäumendem Wellengiſcht vor dem Kiel, leichtſinnig in den Tag hineinflatternden Wimpeln am hohen Maſt und fröhlichem Wind in den vollen Segeln— ja fröhlichem Wind, Gott weiß woher und wohin— o da lacht ſelbſt mir Verdüſtertem das Herz in der Bruſt. Ja wohl, der leichte Sinn nicht allein iſt eine holde Gabe Gottes, auch der Leichtſinn, ſelbſt der Leichtſinn des Mannes hat ſeine Berechtigung; denn wie Gott das Herz des Weibes einmal ſchuf, kann es zur Noth den Wein des Lebens entbehren, aber wer ihm auch den Schaum desſelben vorenthalten will, der läßt es verſchmachten“. Marynia ſchüttelte den Kopf.„Ihre Erklärung der Maſchinen“ ſagte ſie,„war mir ein gut Theil ver⸗ ſtändlicher“. „Um ſo beſſer für Sie,“ gab Boleslaw zurück. „Und warum?“ „Laſſen wir das, Sie ſind unter einem guten Stern geboren und werden beim Roſenpflücken nie blindlings in die Dornen greifen“. Der Wagen, welcher auf Marynia und Jana war⸗ tete, war erreicht. In der Nähe desſelben, ihrer Rück⸗ kehr wartend, hielt ein Reiter, Graf Bielski ſelbſt. Er las einen ſchwarz beränderten Brief und blickte, als er R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 3 * 34 Marynia's Kommen gewahrte, verſtört auf.„Ich wollte dich nur fragen,“ ſagte er, indem er den Gruß Boles⸗ law's, wie ihn nicht erkennend, mechaniſch erwiderte, „wann und wo die Trauung ſtattfindet?“ „In zwei Stunden,“ lautete die Antwort,„und zwar in Sutton Street. Wird dem Vater die Zeit paſſen?“ „Vielleicht,“ ſagte der Graf.„Man ſoll aber meinet⸗ wegen nicht warten“. Er ſteckte den Brief raſch in die Taſche, hörte nur mit halbem Ohr, was Jana von der Maſchine des„Minotaur“ erzählte und was Marynia vorbrachte, um den Vater zum rechtzeitigen Eintreffen in Sutton Street zu veranlaſſen, und ritt dann in der Richtung des Matroſenviertels fort. Marynia war eingeſtiegen.„Kommen Sie mit,“ bat ſie;„der Vater ſah ſo eigenthümlich aus; er hat gewiß wieder Nachrichten von dem garſtigen polniſchen Verwalter; kommen Sie mit, Boleslaw Oſinski! Sie haben früher einmal von Schriftzügen geſprochen, bei deren bloßem Anblicke man dem Schreiber ſchon gut werde. Ich möchte Ihnen wohl etwas von Briefen zeigen“. „So fahren wir am Hafen entlang,“ ſagte Boles⸗ law, der Einladung Marynia's folgend,„ich überſiedle morgen oder übermorgen nach St. Petersburg und muß noch mit dem Capitän des„Wladimir“ die letzte Abrede treffen“. wollte Zoles⸗ derte, dzwar ſeen?“ ꝛeinet⸗ in die mn der wynia treffen in der mit, er hat riſchen Sie , bei n gut eigen. Boles⸗ rſiedle z und letzte 35 Marynia war ſchon vollauf mit dem Hervorholen von Mosbach's Briefſchaften beſchäftigt.„Nach St. Petersburg“! rief ſie, ohne ſich doch bei dieſer uner⸗ warteten Mittheilung weiter aufzuhalten,„alſo Sie überſiedeln nach St. Petersburg— aber was ſagen Sie zu dieſer Handſchrift? Flößt ſie Ihnen Vertrauen ein? Es handelt ſich zwar lediglich um geſchäftliche Beziehungen,“ fügte ſie erröthend hinzu,„aber man geht doch gerne mit einiger Umſicht zu Werke..“ Die Miene des Grafen hatte allerdings befremdlich genug ausgeſehen, und in der That war nicht Alles ſo glückverheißend, wie es die 57 flaggenden Schiffe und der bunt tapezirte„Minotaur“ den Londoner Neu⸗ gierigen einreden wollten. Dimitri hatte ſeit Wochen Beklemmungen über Beklemmungen zu beſtehen gehabt. Gutherzigkeit und Leichtſinn ſitzen bekanntlich zumeiſt ſo eng und verträglich beiſammen, wie die Viel⸗ liebchenkerne in einer Mandelſchale. Dimitri war die Gutherzigkeit ſelbſt. Er wäre um eines ertrinkenden Pudels willen bis ans Kinn ins Waſſer gegangen und hätte, falls das Waſſer tiefer war, für Geld und gute Worte dem armen Geſchöpfe auf andere Weiſe Hülfe ver⸗ ſchafft. Aber er gehörte auch nicht einmal zu denen, welche nur gegen Thiere gutmüthig ſind. Nie hatte der alte Cerigotto einen ſeiner Commis in Geldbußen verurtheilt, 3* 36 ohne daß der Verurtheilte von dem Sohne des ſtrengen Chefs unterderhand entſchädigt wurde. Als einer der Kornmeſſer des Hauſes Cerigotto wegen namhafter Be⸗ trügereien eingeſteckt werden ſollte, ließ ihn Dimitri zum Schaden der Firma entſchlüpfen und ſendete auf eigene Koſten dem nach Amerika Entkommenen Frau und Kinder nach. Eine Ballet⸗Tänzerin, welcher beide Beine verbrannt waren, ließ er, nachdem ſeine Neigung für ſie längſt erloſchen war, noch monatelang in dem Vollgenuß eines faſt prinzlichen Nadelgeldes und hätte wahrſcheinlich, wenn in ſeiner eigenen Vergnügungs⸗ kaſſe nicht Ebbe eingetreten wäre, zeitlebens nichts daran geändert. Die Entzündlichkeit ſeines Herzens war indeſſen ſo groß, daß ſeine Gutmüthigkeit nicht ſelten darüber ins Gedränge gerieth. Ohne zwei bis drei gleichzeitige Neigungen wußte er nicht wohl auszukommen, oder beſſer: ſein gutes Herz war ſo unfähig, einem Weſen, vor Allem einem weiblichen, wehe zu thun, daß es nie ein Ver⸗ hältniß durch ein anderes rein ablöſen ließ. Natürlich verwirrten und verfitzten ſich ſolcherart die Dinge zu Zeiten bis zu einem Grade, daß ihm darüber ſchier der Verſtand ſtillſtehen wollte. Da half ihm dann aber wieder jene andere Seite ſeiner Natur, jener Leichtſinn, den Boleslaw inſtinctmäßig— denn ſein Urtheil über 34 Dimitri beruhte auf bloßen Empfindungen— mit dem geringen Tiefgang des farbenbunten„Minotaur“ ver⸗ glichen hatte. Nun wird in London bekanntlich weiblicherſeits viel auf CEheverſprechungen ſpeculirt. Entſchädigungsklagen für nicht eingehaltene Ehegelöbniſſe ſind jahraus jahr⸗ ein an der Tagesordnung, und Mütter wie Tanten, wenn nicht gar die jungen Damen ſelbſt— natürlich aus Häuſern zweifelhafter Reſpectabilität— wiſſen zahlungsfähigen Herren mit vielem Fleiße zu jenem einträglichen Zwecke nachzuſtellen. Auch die dem jungen Cerigotto gelegten Blumenſchlingen waren daher zu⸗ weilen feſt genug gezwirnt geweſen, um den eingefangenen leichten Vogel— und das war er nicht einmal, denn eigentlich wollte er immer heirathen— mit ihrer Hilfe bis vor die Richterbank zu ſchleppen, woſelbſt ihn mehr als ein dutzendmal Phiniki für Rechnung von Cerigotto and Son mit guten Banknoten auslöſte. Auch das harmloſeſte Gemüth wird indeſſen durch vielen Schaden zuletzt gewitzigt, und ſo hatte der junge Cerigotto allmälig die Unmöglichkeit, in Dingen dieſer Art aller Welt Wort zu halten, eingeſehen. Seitdem war ſein Kopf zwar nicht berechnender, noch ſein Herz argliſtig geworden, wohl aber huldigten ſeine Lippen mit größerer Behutſamkeit; und da dem wohlgemuthen 38 Dandy dennoch manch ſchönes Auge lachte, ſo begann ſich ihm das Leben zu einem ſorgenloſen Spaziergange durch anmuthige Blumengefilde zu geſtalten. Doch welche Freuden ſind von Dauer? Während Porri ſich eben in dieſer neuen Lebensweiſe einzurichten begann, ſtürzte jener Morgenbeſuch in der Familie des Grafen Bielski alle ſeine guten Vorſätze über den Haufen; Theophila's nachtſchwarze Augen, ihr Cypreſſenwuchs, ihr fernhaltender Ton, ihre blaublütige Herkunft— nein, hier Sklave zu ſein, war tauſendmal größere Se⸗ ligkeit als dort, und wo ſonſt immer, gebietender Herr. Nach unzähligen Seufzern und vielſagenden Blicken endlich von der Minniglichen erhört, ſchwamm er in Wonne, wie nur Cerigotto in Wonne zu ſchwimmen vermochte, fand ſich mit Entzücken in jede ihrer Eigenthümlichkeiten und hätte, wenn das Glück ihrer Nähe nicht anders zu erkaufen geweſen wäre, ſelbſt Tag und Nacht Allah il Allah! mit ihr gebetet. So weit konnte er während dieſer ganzen Zeit jedenfalls für den glücklichſten Banquiersſohn in ganz Lombard Street gelten. Aber den ſüßen Beklemmungen ſollten bittre folgen. Eine arme Bogenfalzerin aus der Times⸗Druckerei, auf höchſt beiläufige Weiſe vor Zeiten einmal durch ein paar huldvolle Artigkeiten des jungen Cerigotto egann gange Doch ri ſich egann, rafen zufen; Guchs, ſt— e Se⸗ Herr. glicken er in mmen ihrer ihrer ſelbſt 8”o enfalls mbard ſollten ſcerei, durch igotto 39 berückt, während eines Maimonds dann zum Gegen⸗ ſtande auch ſeiner ernſtlichen Neigung erhoben, im Beſitze eines Goldringes mit ihrem und ſeinem Namen, im Beſitze von Briefen, deren jeder vor Gericht ihm Schwierigkeiten machen würde, im Beſitze einer Buſen⸗ nadel mit ſeinem Bilde und ſeinem Haare, ach, im Beſitze eines Herzens endlich, das nicht vergeſſen konnte... Betſy Smithfield hatte wieder von ſich hören laſſen. „Einziger Troſt meines Herzens!“ ſchrieb ſie,„man ſagt mir, dießmal ſeieſt du wirklich im Begriffe zu heirathen. Noch hab' ich widerſprochen. Sie kennen dich alle nicht, wie ich dich kenne. Aber komm und beruhige mich. Du weißt, ich würde den Tag deines Treubruches nicht überleben“. Er fürchtete das in der That. Es hatten ſich früher ſchon andere Schönen ähnlicher Entſchlüſſe gegen ihn gerühmt und ſich dennoch vor Gericht durch Phi⸗ nik''s goldene Troſtſprüche beſchwichtigen laſſen. Aber die arme kleine Betſy war eine aparte Natur. Ihr traute er zu, daß ſie Wort halten würde. Er befand ſich in der peinlichſten Verlegenheit. Da ſie früher ſchon immer von Ertränken geredet hatte, verfiel er endlich auf den Einfall, ihr für den Tag ſeiner Hochzeit ein Rendezvous in dem waſſer⸗ ärmſten Theile von Wales zu geben und ſolcherart ſich 40 und ihr über das verhängnißvolle Datum wegzuhelfen, ſelbſtverſtändlich indem er, ſtatt ſich ſelber zu dem Stelldichein zu begeben, einen Boten und zwar mit einer fürſtlichen Spende entſendete. Das Unglück wollte indeſſen, daß Betſy Smithfield, durch ein heftiges Unwohlſein ans Haus gebannt, während ſie eben das Rendezvous mit Rührung und Wehklagen abſchreiben wollte, von ihrem Dachkämmerchen in Paradiſe Row über die Schornſteine der Nachbar⸗ häuſer weg die bunten Freudenwimpel und Feſtflaggen einer Anzahl Maſte gewahrte. Von böſer Ahnung ergriffen, rannte ſie auf die Straße und erkundigte ſich nach der Bedeutung dieſer Zeichen. Als ſie das wahre Sachverhältniß ſowie Stand und Namen der Braut er⸗ mittelt hatte, wollten ihr die Sinne vergehen, und kaum fähig, ſich zu tragen, begann ſie ſich nach den ſämmt⸗ lichen Synagogen Londons umzuthun. Sie lief von Paradiſe Row nach Duke's Place, von Duke's Place nach Great St. Helens, von Great St. Helens nach Mar⸗ garete Street, immer wie im Traume ihren Weg da⸗ hinſchwankend, zu Zeiten lachend, zu Zeiten in. Thränen zerſchmelzend, mehr todt als lebendig. Aber keine Synagoge war offen. Als ſie auch die letzte verſchloſſen fand, beſann ſie ſich, daß ſie ja brief⸗ lich von ihrem treuloſen Geliebten Abſchied nehmen helfen, dem er mit hfield, bannt, g und erchen cbar⸗ aggen hnung te ſich wahre ut er⸗ kaum immt⸗ von Place Mar⸗ eg da⸗ ränen h die brief⸗ ehmen 41 könne, und daß, was inzwiſchen in ihr zum feſten Ent⸗ ſchluſſe gereift war, auf ſolche Weiſe ſogar weit beſſer ihr eigenſtes Geheimniß bleibe. Sie ging alſo in einen Papierladen, ließ ſich zwei ſchöne Briefbogen geben, den einen mit rothem und den andern mit ſchwarzem Rand, und beſchrieb beide mit zitternder Hand. In den erſten, den ſie an Porri Cerigotto adreſſirte, legte ſie den ihr von ihm geſchenkten Goldring, entband den Geber aller ſeiner Verſprechungen und flehte Heil und Segen auf diejenige herab, der er heute die Hand reichen werde. Der zweite Brief war an den Vater Theophila's gerichtet. Sie bat ihn zu verzeihen, wenn ſie ſeine Feſtfreude ſtöre. Sie habe keine Angehörigen, und da ein trauriges Verhängniß ſie nöthige, ihrem Leben heute ein Ende zu machen, ſo bitte ſie ihn, für ihre Beerdi⸗ gung zu ſorgen. Stunde und Ort ihres Todes waren genau ange⸗ geben. Wenn ſie ſich gerade an ihn wende, und zwar mit Hinzufügung der flehenden Bitte, er möge nie eine Sylbe dieſes Briefes gegen ſeinen Schwiegerſohn erwähnen, ſo hoffe ſie, weitere Erklärungen ſparen zu können. Sie warf beide Briefe in den nächſten Poſtkaſten 42 und eilte dann, ſo raſch ihre müden Füße ſie tragen wollten, in der Richtung der Themſe von dannen. Als Boleslaw den Grafen mit dem ſchwarzberän⸗ derten Briefe geſehen hatte, war der Graf eben im Ueberlegen geweſen, ob er die Polizei benachrichtigen ſolle, oder Porri Cerigotto, oder Theophila; zuletzt hatte er ſich dafür entſchieden, ſich ſelbſt dahin zu be⸗ geben, wo die Briefſchreiberin ſich in die Themſe ſtürzen zu wollen erklärt hatte. Doch kam er zu ſpät, um ihren Vorſatz zu verhindern. ragen erän⸗ en im htigen zͤletzt u be⸗ ürzen um Drittes Kapitel. Vor dem Altare. Der läſterliche Mutianus Rufus nennt die Meſſe eine Comödie, die Reliquien Knochen vom Rabenſtein, den Horageſang in der Kirche Hundegeheul und den Geſang im Hauſe der Chorherren gar ein Drohnen⸗ ſummen. Nicht viel glimpflicher ließ ſich, als Boleslaw allein war, der Zorn in ſeiner Bruſt über die heiligen Ge⸗ bräuche vernehmen, die im Verlaufe der nächſten Stunde dem ihm frevelhaft dünkenden Bunde zwiſchen Theophila und Dimitri die kirchliche Weihe geben ſollten. Aber mehr noch trauerte er über Alles, was er an Säumniß und Zurückhaltung ſich ſelber vorzuwerfen hatte. O daß doch meine Leidenſchaft, wehklagte es in ihm, ſüßſchmeichelnde Worte gefunden hätte, als es —— 44 noch Zeit war! O daß ich ihrer Sprödheit, ihrem Stolze die jetzige Demuth meines zertretenen Herzens entgegengeſetzt, daß ich zu ihr gefleht hätte: bleibe, wenn es ſein muß, die Unerreichbare, die ewig Ferne, aber liebe mich! Die griechiſche Kapelle, in welcher die Trauung ſtattfinden ſollte, glich einem Walde von blühendem Oleander. Aber Neugierige aus Lombard Street, und unter ihnen vor Allem frühere Glaubensgenoſſen des Bräutigams, gaben der Kapelle allmälig das Anſehen einer Fonds⸗Börſe, kaum daß die buntbemalte Ikonaſtis mit ihren byzantiniſchen Malereien und halbflachen Silber-Reliefs noch einigermaßen an die eigentliche Beſtimmung des Raumes mahnte. Dagegen befanden ſich auf der Frauengalerie eine große Anzahl in den munterſten Farben gekleideter Damen, und als Phiniki ſich beim Eintreten nach dieſem geräuſchvollen Auditorium umſah, wurden ihm von mehreren Seiten lächelnde Grüße zu Theil. Er glaubte ſich in der That einzelner Geſichter von früheren Entſchädigungs⸗Unterhandlungen her zu er⸗ innern. Bald darauf traf der Brautzug ein. Ganz vorn mit hellen Tropfen an der Wimper die blonde Simo⸗ nene, ihr blaues Perlenkrönchen auf dem Kopfe und die, ſie n ſtreu ſchön Gen⸗ tend und erſt geſche ſephe geſch faſt Schle Oran Ada feixe den nicht Tal haa wür geho viel, Da hrem tzens leibe, Ferne, uung ndem und des ſehen naſtis achen tliche 45 die geſtickte weiße Schürze voll von grüner Raute, die ſie nach littauiſcher Sitte glückverheißend auf den Weg ſtreute; gar zu ſchön fand ſie's, ach gar zu wunderbar ſchön! Ihr folgte, zwiſchen zwei vergnügten Herren— Genoſſen ſeiner früheren luſtigen Tage— einherſchrei⸗ tend, Dimitri mit ſehr geſchmackvoll gelocktem Haar und vortrefflich anliegendem Bräutigamsfrack, einen erſt Tags zuvor aus Deutſchland glücklich herbei⸗ geſchafften Orden im Knopfloche. Hinter ihm, in Jo⸗ ſepha's und Marynig's Mitte ging mit zu Boden 3 geſchlagenen Wimpern Theophila, auf den erſten Blick faſt nur ein einziger weißer Spitzenſchleier, um die Schläfen einen üppig reichen Kranz von Myrthen und Orangenblüthen. Jana ſammt dem wiederhergeſtellten Adam, dann der greiſe Nusniake und endlich die feixenden Huzzulen⸗Zwillinge, Alle mit weithin duften⸗ den Blumenkörben in den Händen, beendeten den Zug. Der griechiſche Cultus läßt bekanntlich nur Geſang, nicht Orgelklang zu. Die Popen tragen einen blauen Talar, dazu Vollbart und lang herabfließendes Haupt⸗ haar. Ohne das eigenthümlich gemiſchte Publikum würde die Feier eine gewiſſe fremdartige Feſtlichkeit gehabt haben. Es wurde viel und gut geſungen, und viel, wenn auch den Meiſten Unverſtändliches, geleſen. Darauf folgte eine längere Pauſe, während welcher 46 man den noch nicht eingetroffenen Vater der Braut er⸗ wartete, ſich flüſternd über dieß und das unterhielt und dann einer unbemerkt hereingeſchlüpften dicht ver⸗ ſchleierten jungen Dame— es war Jadwiga— zu⸗ ſah, wie ſie ſich lautlos bis zu der Braut durchwand und nach einer heftigen Umhalſung derſelben ebenſo lautlos wieder zu verſchwinden wußte. Aber der Graf kam nicht und die Ceremonie nahm ihren Fortgang. . Irnzwiſchen hatte die weibliche Zuſchauerſchaft, durch das Beiſpiel jener fremden jungen Dame ermuthigt, zum überwiegenden Theile die Galerie geräumt und ſchaarte ſich um die Begleiter des Brautpaares. Da auch Dimitri nunmehr bekannte Geſichter zu ſehen glaubte, begann er unruhig zu werden. Wenn Theophila etwa aufblickte, konnte ſie wohl gar dem thränenden Blicke Betſy's begegnen. Ihr wunderlicher Gratulationsbrief knitterte ihm noch in der Taſche. Während der Verleſung der Trauformeln wendete er denn auch kein Auge von ſeiner Braut. Daß dieſe, ſeit dem Betreten der Kapelle nur mit ihrem Gebet⸗ buche und ihrem Roſenkranz beſchäftigt, der Erde wie entrückt ſchien und ſelbſt Jadwiga kaum erkannt hatte, bot ihm nur geringe Beruhigung, und je länger der Pope las, deſto kürzer wurde Dimitri's Athem. nahm durch thigt, und ter zu Wenn rdem rlicher he. endete dieſe, Gebet⸗ de wie hatte, er der 47 Endlich, als man an das Abſtreifen der Ringe kam, dem das Jawort folgen ſollte, benahm er ſich ſo haſtig ungeſchickt, daß er ſeinen Ring auf die Marmorflieſen fallen ließ. Derſelbe rollte nach einigen Sprüngen unter die weiten Damenkleider und kam trotz alles Bedauerns, Schüttelns und Aus⸗dem⸗Wege⸗tretens nicht wieder zum Vorſchein. Geziſchel und verſtohlenes Gekicher machten dieſen verdrießlichen Zwiſchenfall nur noch ſtörender. Phiniki ſuchte, der Pope ſuchte, Jana und Adam ſuchten, eine Menge gefälliger Damen ſuchte— fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang— aber der Ring wurde nicht gefunden. „Ich habe glücklicherweiſe einen zweiten zur Hand“, ſagte Dimitri endlich, indem er, beherzt vor Angſt und Beklommenheit, in die Weſtentaſche griff und Betſy Smithfield's Ring auf den Silberteller des Popen legte;„wenn der andere hernach zu Tage kommen ſollte, kann ich dieſen hier ja noch immer wieder zu⸗ rücknehmen.“ Der Pope wollte in dieſem Betreff nichts vorſchrei⸗ ben, erinnerte aber doch daran, daß einzig der mit dem Paare eingeſegnete Ring für alle Folgezeit der wirkliche Ehering verbleibe.„Ohnehin“, ſagte er, die Inſchrift des Ringes an dem Scheine der brennenden 48 Kerzen prüfend,„ohnehin leſe ich in dieſem Ringe außer dem Namen des ehrenwerthen Bräutigams——— einen anderen Namen——— als den der ehren⸗ werthen Jungfrau Braut.“ Dimitri ſchüttelte den Kopf, als halte er das für rein unmöglich. „Leſen Sie ſelbſt“, ſagte der Pope, noch immer buchſtabirend. „Es wäre mir wenigſtens völlig unbegreiflich“, ſtotterte Dimitri, indem er, bei dieſen Worten wie ein Schmiede⸗ feuer aufglühend, den ihm vorgehaltenen Ring bald von links, bald von rechts mittelſt ſeiner Lorgnette mit der Miene eines Mannes prüfte, den man über dem Ausgeben falſchen Geldes ertappte. Das Gekicher eines Theils der weiblichen Zuhörer⸗ ſchaft wurde immer lauter. Hier kicherte ein Dämchen: „das wird Mary Walker's Ring ſein“, dort eine an⸗ deres:„wenn nicht vielmehr meiner“, und ein drittes: „oder gar meiner“, ſo daß Phiniki es für zweckmäßig hielt, ſich mit der Frage an den Popen zu wenden, ob er etwa die Abſicht habe, den Ring wirklich zu beanſtanden?„Für dieſen Fall“, ſetzte er hinzu,„ſchaffe ich aus dem nächſten Goldſchmiedsladen in fünf Mi⸗ nuten einen neuen herbei; ich bitte nur um einen kla⸗ ren Beſcheid, ob dieß nöthig oder nicht?“ mmer tterte niede⸗ bald e mit dem hörer⸗ nchen: ean⸗ ittes: mäßig enden, ih zu ſchffe ‚Mi⸗ kla⸗ 49 Aber der Pope glaubte vor Allem eine Erläuterung über die Doppelnamen des Ringes, welchen er in Händen hielt, verlangen zu müſſen, und während Phiniki dieſe nun, an Dimitri's Stelle, durch Bezug⸗ nahme auf die mancherlei weiblichen Nachſtellungen zu geben verſuchte, von denen jeder reiche junge Mann in London verfolgt zu werden pflege, wurde es am Eingange der Kapelle laut und lauter. „Ich könnte“, ſagte der Pope achſelzuckend,„mit der Einſegnung doch nur dann fortfahren, wenn mir mit Bezug eben auf dieſen einen Ring genügende Nachweiſe gegeben würden und da dieß nicht möglich zu ſein ſcheint—“ Phiniki knöpfte mit reſignirter Geſchäftsmiene ſeinen Frack zu, denn die näher kommenden Stimmen ließen kaum mehr bezweifeln, daß hier noch von anderer Seite eine Weiterung bevorſtehe. Alles wendete die Blicke nach dem Eingange. „Es iſt Boleslaw“, ſagte Joſepha zu der über ihr Gebetbuch gebeugten Braut,„was kann er wollen?“ Aber Theophila ſchien nichts zu ſehen noch zu hören. „Irgend Jemand wird Einſpruch erheben“, ziſchelte es in den Reihen der weiblichen Zuſchauer. Dimitri ſtarrte wie die friſchgeſchminkte Wachsfigur eines Friſeurfenſters. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 4 50 Nan drängte durch einander, fragte, vermuthete, ſpottete und kicherte, und endlich erklärte der Pope, welcher durch einen Kirchendiener vom Altare fort⸗ geholt worden war und darauf in einem Seitengange mit dem Feſtſtörer— es war allerdings Boleslaw— Rückſprache gepflogen hatte, die Trauung könne heute keinen Fortgang nehmen. Erſt jetzt ſchien Theophila aus ihrem halbabweſen⸗ den Geiſteszuſtande zu einer Ahnung des um ſie her Vorgehenden zu erwachen.„Was iſt hier geſchehen?“ fragte ſie tonlos, zu dem Popen gewendet. Er empfahl ihr, ſich mit ihren Angehörigen auf einige Augenblicke zurückzuziehen. Einer Ohnmacht nahe, wurde ſie von Joſepha und Marynia in einen anſto⸗ ßenden Kreuzgang geführt. Dann ließ der Pope die Kapelle von den fremden Zuſchauern räumen. Phiniki hatte, ſobald die Feier unterbrochen worden war, ſeinen jungen Chef auf die Seite genommen. Ein abgeſagter Feind aller Anſtoß erregenden Vorgänge, wünſchte er die ganze polniſche Nation in den finſter⸗ ſten Winkel der Hölle hinab.„Herr Cerigotto“, ſagte er, vor Verdruß ſeine gewöhnliche Mäßigung ver⸗ geſſend,„Sie bringen unſere Firma noch um allen Credit! Konnten Sie mir denn nicht wenigſtens einen zeitigen Wink geben? Ich habe doch ſchon mancher mache zu th Un ausge fühlig etwas N derſetz dem Kürze Vl „Wla thete, ope, fort⸗ zange 9— heute eſen⸗ her en?“ auf nahe, mſto⸗ e die rden Ein änge, uſter⸗ ſagte ver⸗ allen inen ncher ————————— — 51 Ihrer Angebeteten das Maul geſtopft; ich hätte Ihnen auch wohl hier aus der Klemme geholfen.“ „Mein Gott, Phiniki“, ſeufzte Dimitri kleinlaut, „ich weiß ja, wie gern Sie mir gefällig ſind, aber ich verſichere Ihnen, die ganze Geſchichte iſt mir ſelber noch ein Räthſel; es kann ſich einzig um Betſy Smith⸗ field handeln; Betſy Smithfield hat mir heute aber ausdrücklich mein Wort zurückgegeben. Da ſteht's. Dieſer unſelige Hauslehrer muß ſie wieder anderen Sinnes gemacht haben. O, wenn ich denke, daß ich jetzt eben glücklicher Gatte ſein könnte und mit jenem Engel wol gar ſchon auf dem Wege nach Athen!“ „Laſſen Sie mir den Brief“, bat Phiniki,„der Scandal ſelbſt iſt zwar nicht mehr ungeſchehen zu machen; ich werde aber thun, was in der Sache noch zu thun iſt.“ Und in der That ließ ſich in der Sache— vor⸗ ausgeſetzt, daß bei der Gegenpartei nicht allzu fein⸗ fühlige Saiten angeſchlagen wurden— noch recht wohl etwas thun. Was ſich nun in den hierauf folgenden Auseinan⸗ derſetzungen zwiſchen Boleslaw, Phiniki, Dimitri und dem Popen als Thatſächliches herausſtellte, war in Kürze Folgendes: Als Boleslaw ſich an Bord des „Wladimir“ begeben wollte, hatte ſich ein junges 4* 52 Frauenzimmer eben vorher ins Waſſer geſtürzt und eine Menge Kähne waren zu ihrer Rettung bereits in Bewegung. Auch Boleslaw hatte ihr Hilfe zu brin⸗ gen verſucht. Seinen und den Bemühungen eines Schiffers war die Rettung in der That gelungen. Man hatte die Arme bewußtlos, aber lebend in das nahe St. Patricks⸗Hoſpital geſchafft und dort, nachdem ſie wieder zu ſich gekommen war, hatte ſie als Grund für ihr ſelbſtmörderiſches Beginnen„die Untreue ihres Gatten“ angegeben. Den Namen deſſelben zu nennen, weigerte ſie ſich indeſſen hartnäckig. Der an den Vater Theophila's gerichtete Brief hatte mittlerweile den Grafen dahin getcieben, wohin das Schreiben als die Stelle ihres Todes deutete. Von dem Fehlſchlagen ihres Selbſtmordverſuchs dort benachrichtigt, hatte er ſich durch einen Conſtabler nach dem Hoſpital, wo ſie Aufnahme gefunden haben ſollte, führen laſſen. So war man denn noch um ſie bemüht geweſen, als das Eintreffen des Grafen Bielski ihr Geheimniß plötzlich enthüllt hatte. Ihre Schmerzen, ihre Unruhe darüber waren nun grenzenlos geweſen. Sie wollte aus dem Bette, aus dem Zimmer, ins Waſſer. Mit Mühe beſchwichtigte man ſie. Aber eingehendere Er⸗ kundigungen konnten für den Augenblick nicht vor⸗ ——⸗—xxx— — — — — und its in brin⸗ eines ungen. n das ichdem Grund ihres tennen, Brief wohin deutete. s dort er nach ſollte, eweſen, eimniß Unruhe wollte .Mit re Er⸗ ſt vor⸗ 53 genommen werden. Und ſo, nachdem Boleslaw ſich vergebens mit dem apathiſch ſäumenden Grafen ins Einvernehmen zu ſetzen geſucht hatte, war er fortge⸗ ſtürzt, um Theophila womöglich noch vor der Verbin⸗ dung mit Dimitri zu behüten. Dimitri's Augen floſſen über. Die Worte„ihr Gatte“ ſeien zwar ein bloßer Fieberausruf der armen Betſy geweſen, ſagte er; vor dem Altare hätte ſie nie mit ihm geſtanden. Aber er bekannte willig, ihr immer von Herzen gut geweſen zu ſein. Ueber ihren jetzigen entſetzlichen Zuſtand wollte er ſchier verzagen. Phiniki, bei dieſer Wendung ſeine Aufgabe klar vor ſich ſehend, meinte, Betſy möge immerhin ein vor⸗ treffliches Mädchen ſein, zu hoffen ſei indeſſen, daß der Sprung in die Themſe ſie doch für vernünftigere Ge⸗ danken zugänglich gemacht habe; die ganze Sache la⸗ borire an Sentimentalität. Wenn er rathen ſolle, ſo überlaſſe Mr. Cerigotto ihm die Sorge wegen Betſy's Zukunft, und man nehme die heutige Handlung dort wieder auf, wo ſie unterbrochen worden. Der Pope erachtete das für nicht wohl thunlich; Phiniki glaubte jedoch ſeine geſchäftliche Suade den Bedenken des geiſtlichen Herrn nur mit verdoppelter Energie entgegenſetzen zu müſſen. Was geſchehen ſolle, ſagte er, geſchehe jedenfalls beſſer heute als morgen. 54 Ganz Lombard⸗Street habe nun einmal von Mr. Ceri⸗ gotto's Uebertritt und Heirathsreiſe Kenntniß genommen. In Trieſt und Athen ſeien Credite eröffnet. Der „Minotaur“ ſei ſeeklar, die See⸗Aſſecuranz abgeſchloſſen, Mr. Cerigotto ohnehin gerade in dieſer Zeit dem Ge⸗ ſchäfte am entbehrlichſten. Er hoffe, Herr Oſinski werde ſeinen Einſpruch, zu welchem ihm ja ohnehin wohl jeder Auftrag fehle, auf ein Mißverſtändniß zu⸗ rückzuführen wiſſen, die Beendigung der unterbrochenen Ceremonie dadurch ermöglichen und ſich ſolcherart dem Hauſe Cerigotto und ihm, Phiniki, wie auch zweifels⸗ ohne der gräflichen Familie aufs dankbarſte verflichten. „Wenn ein Mißverſtändniß vorliegt“, erwiderte Bo⸗ leslaw, welcher des Popen Haltung nachgiebiger wer⸗ den ſah,„ſo möchte daſſelbe denn doch wohl nur ein uneigentliches ſein. Es gibt auch ohne kirchliche Ein⸗ ſegnung Bündniſſe dieſer Art, welche für's Leben mo⸗ raliſche Verpflichtungen auferlegen. Daß ich ohne Auf⸗ trag hierhergekommen ſei, muß ich beſtreiten. Mein Gewiſſen war mein Auftraggeber. Was endlich den mir in Ausſicht geſtellten Dank betrifft, ſo weiſe ich denſelben, wenn er ehrlich zu verdienen iſt, nicht von der Hand; aber zur Noth laſſe ich mir auch an dem dereinſtigen Danke dieſes geiſtlichen Herrn genügen. An einer höheren Stelle als dieſe hier wird er, wenn weifels⸗ llichen. tte Vo⸗ er wer⸗ nur ein he Ein⸗ en mo⸗ ne Auf⸗ Mein ich den eiſe ich cht von an dem enügen. e wenn 5 ◻ ſeine Stunde geſchlagen hat, verantworten müſſen, was er hienieden gethan oder unterlaſſen hat. Möge er für das Eine wie für das Andere heute das richtige Maß finden.“ Joſepha war bei den letzten Worten in die Kapelle zurückgekehrt. Der Pope beſann ſich einige Augenblicke, dann wendete er ſich zu ihr:„Ich ſtand im Begriffe, mich zu Ihnen zu begeben“, ſagte er, indem er ſich von den drei Männern mit einer ſtummen Verneigung ver⸗ abſchiedete. „Wollen Sie uns begleiten, Boleslaw Oſinski?“ fragte Joſepha. „Nur wenn Comteſſe Theophila“, erwiderte Boles⸗ law,„ausdrücklich mir ſelber Rechenſchaft abverlangt. Wo nicht, ſo iſt meinerſeits geſchehen, was geſchehen mußte. Dieſer würdige Herr kennt die Sachlage.“ „Und wo ſind Sie zu finden?“ fragte Joſepha wieder. „An Bord des„Wladimir“.“ „Ich werde Sie noch heute dort ſprechen“, ſchloß Joſepha. „Kommen Sie“, ſagte Phiniki ärgerlich zu Dimitri, indem er ſah, wie ſich Theophila von dem Popen mit mechaniſch⸗kurzer Verneigung verabſchiedete,„hier ver⸗ lieren wir nur unſere Zeit.“ Viertes Kapitel. Im zweiunddreißigſten Grade. Das Gerücht von dem Mißgeſchicke des Adonis aus Lombard⸗Street hatten, kaum daß die Kapelle geräumt worden war, hundert ſchöne Lippen ſchadenfroh ins Weite getragen. Noch ehe der Graf die Straße, in welcher das griechiſche Gotteshaus lag, erreichte, wußte daher auch Sir John ſchon alle Einzelheiten des ganzen Vorganges. Er hielt den Zeitpunkt für geeignet, dem Grafen einmal wieder in den Weg zu treten, ſtieg ſo⸗ fort zu Pferde und ſo gelang es ihm in der That, des verſtört dreinſchauenden Mannes habhaft zu werden, als derſelbe nach manchem Fehlritt eben von einem Conſtabler die richtige Straße erfragte. „Sie kommen zu ſpät, lieber Graf“, ſprach Sir ns aus geräumt oh ins aße, in wußte ganzen et, dem ſtieg ſo⸗ hat, des werden, einem ch Sir 57 John den Weiterreitenden an;„es iſt Einſpruch erfolgt, man hat die Kapelle bereits geräumt.“ Graf Bielski erkannte erſt jetzt den lange von ihm Gemiedenen.„Geſtatten Sie mir“, fuhr dieſer im alten Gönnertone fort,„Ihnen mein Geleit anzubieten. Sie ſind in dieſem Stadttheile fremd. Es iſt mir eine Freude, Ihnen einmal wieder dienen zu können.“ Da⸗ mit war er an des Grafen Seite. Er ließ ſich ſofort über Cerigotto's allerdings doch wohl ſehr buntſcheckige Vergangenheit vernehmen, gra⸗ tulirte zu dem unter ſolchen Umſtänden immer noch günſtig zu nennenden Ausgang der mißlichen Angele⸗ genheit und bedauerte nur, nicht zeitiger von dem Grafen zu Rathe gezogen worden zu ſein. Die ſtumpfe Miene des Grafen hatte ſich während der letzten Worte in Unwillen verwandelt.„Ich kann Ihnen nicht verbieten, daß Sie ſpazieren reiten“, ſagte er mit einem verächtlichen Achſelblicke,„aber da die Straße zwei Seiten hat, würde ich doch bitten, mir weitere Behelligungen zu erſparen.“ Sir John hielt ſein Pferd an.„Aber beſter Graf“, rief er zwiſchen Hoheit und Staunen,„ich glaube gar, Sie reden im Ernſt?“ Graf Bielski blickte gleichgültig in eine andere Richtung und ſetzte ſeinen Weg fort. 58 „Sie wiſſen“, ſchloß ſich Sir John ihm von neuem an,„wir Engländer ſind ein zähes Volk. Ein Fran⸗ zoſe oder ein.Spanier würde Ihre Unhöflichkeit viel⸗ leicht auf chevalereske Weiſe zu züchtigen ſuchen. Das ſtreitet gegen unſere Sitten, ſeit einigen Jahren auch ſpeciell gegen die meinen, nachdem mich ſchmerzliches Unheil gewitzigt hat.“ Ich werde Ihnen daher als Strafe für Ihre beleidigenden Manieren nur die Ueber⸗ zeugung aufzwingen, daß Sie im Unrecht ſind. Ge⸗ lingt mir das nicht, ſo verſpreche ich Ihnen mit Ver⸗ gnügen, Sie ihrem mir völlig neuen Vorurtheile gegen mich zu überlaſſen. Darf ich fragen, worauf ſich das⸗ ſelbe ſtützt?“ Der Graf that, als höre er nicht. „Gut“, hob Sir John von neuem an und ritt dabei im dichteſten Straßentreiben immer unverdroſſen neben dem Grafen her,„ich muß Ihnen zu Hilfe kom⸗ men. Punkt 1: Sir John iſt ein Schwindler.“ „Das ſind Sie in der That“, ſagte der Graf. „Ohne alle Frage.“ „Unverſchämter!“ „Da muß ich widerſprechen. Ich bin im Gegen⸗ theil ein verſchämter Schwindler, und das iſt mein Unglück. Ich nehme natürlich an, daß Sie das Wort Schwindler in ſeiner eigentlichen Bedeutung verſtehen. neuem Fran⸗ viel⸗ Das auch liches als jeber⸗ Ge⸗ Ver⸗ gegen das⸗ ritt roſſen kom⸗ 59 Was in der Niederung vegetirt, hat mit dem Schwin⸗ del nichts zu thun; zum Begriff des Schwindels gehört der Begriff der Höhe, gehört ein innerer Zug, der über den Janhagel hinausſtrebt. Unter dieſen Schwind⸗ lern unterſcheide ich aber, ganz wie Sie es ſelbſt be⸗ zeichneten, unverſchämte und verſchämte. Man iſt ein verſchämter Schwindler, ſolange man mit einer Hand⸗ voll Narren gegen eine Armee ins Feld marſchirt oder mit zwei Dutzend Spaßmachern eine Feſtung zu ſtür⸗ men unternimmt. Aber weiß man den Stier bei den Hörnern zu faſſen, verblüfft man die Welt durch einen grandioſen Erfolg, hängt man ſeinen Bettelſack in einem Thronſaale an den Nagel und ſetzt man ſich endlich, ohne viel zu fragen, auf die Thronpolſter ſelbſt, nun, da iſt man ein unverſchämter Schwindler, — die einzige Sorte, beiläufig geſagt, vor der ich wirklichen Reſpect habe.“ „Hier iſt ein Kreuzweg“, ſagte der Graf, als habe er nichts vernommen. „Mir durchaus gleichgültig“, gab Sir John zurück, „Sie werden ſich zuvor von Ihrem Unrechte überzeugen laſſen und mir dann noch erſt Ihre Unart höflichſt abbitten.“ „Das werde ich nicht!“ ſagte der Graf und blickte ſich nach einem Conſtabler um. 60 „Es iſt Niemand zur Hand“, beſchwichtigte Sir John, „ein Gentleman muß ſich übrigens ſelber helfen können. Wollen Sie mir erlauben fortzufahren?“ „Wollen Sie mir geſtatten, daß ich mir auf meine Art ſelber helfe?“ „In Gottes Namen.“. „Nun denn“, ſagte der Graf,„hier ſtatt aller Antwort ein bündiger Rath. Sie möchten, wie Sie andeuten, auf einen grünen Zweig hinauf und finden nicht die rechte Leiter?“ „So ungefähr.“ „Da ſage ich Ihnen einfach, nach Allem, was ich von Ihrem Treiben halte: Sehen Sie ſich vor, Mr. Ma⸗ cready! es gibt Leitern und Zweige, für die der Seiler arbeitet.“ Sir John wurde weiß wie der Schaum an dem Gebiß ſeines Pferdes. Seine Rechte hatte ſich krampf⸗ haft zuſammengeballt. Der Graf erwartete einen Aus⸗ bruch und wünſchte ihn faſt herbei. Aber die ganze lange Oxrfordſtraße durchritt man von einem Ende bis zum andern, ohne daß der Aus⸗ bruch erfolgte. Es war, als ſchleiche an einem feucht gewordenen Faden langſam, langſam der zündende Funke an eine vollgeladene Pulvermine heran. Obſchon ſich der Graf ſeit Wochen mit den quälend⸗ John, nnen. neine wort uten, die s ich Ma⸗ veiler dem myj⸗ Aus⸗ man Aus⸗ feucht zunke lend⸗ 61 ſten Gedanken herumgeſchlagen hatte und er ſein Leben niedrig genug taxirte, wurde ihm doch je länger, deſto unheimlicher zu Muthe. Endlich ertrug er dieſe beäng⸗ ſtigende Spannung nicht länger:„Mr. Macready,“ wen⸗ dete er ſich zu ſeinem düſter brütenden Geleitsmann, „ich bitte Sie nochmals, mich jetzt allein zu laſſen. Ich habe Ihnen nicht das Mindeſte mehr zu ſagen, und Alles, was Sie mir etwa entgegnen können, bleibt eben⸗ ſogut ungeſprochen. Sir John warf dem Sprecher einen durchdringenden Blick zu. „Ich habe,“ fügte der Graf müde hinzu,„völlig anderen Gedanken nachzuhängen.“ „Gedanken,“ verſetzte Sir John mit einem aberma⸗ ligen Seitenblicke,„denen ſich kein vernünftiger Mann überlaſſen ſollte!“ Der Graf ſchwieg. „Sie ſind noch in der Kraft Ihrer Jahre,“ hob Sir John von neuem an,„ſehen Sie mich an; man muß nicht zu früh capituliren.“ Der Graf wollte nicht antworten, aber ſeine innere Zerfallenheit machte ihn geſchwätzig.„Ich bin eine ge⸗ borſtene Säule,“ ſagte er;„über Nacht kann's ein Ende haben. Wozu noch über Mond und Sterne ſtreiten?“ „Graf Bielski,“ antwortete der Angeſprochene, von 62 der entmuthigten Stimmung des Anderen endlich ſelber angeſteckt,„wir ſtreiten nicht über Mond und Sterne. Wir reden über Ihr und mein Ende. Glauben Sie wirklich, daß ich am Galgen ſterben werde? Man hat unlängſt erſt einen meiner Freunde, den geſchickten Dr. Woburn, gehenkt. Sie ſind ein aufrichtiger Mann. Ich möchte Ihre wirkliche Meinung hören.“ „Wozu?“ Sir John zögerte einige Augenblicke. Er hatte ganz vergeſſen gehabt, daß man mitten zwiſchen Leuten war, vielleicht zwiſchen Bekannten.„Weil ich Sie widerlegen möchte,“ ſagte er feſteren Tones,„Sie halten mich doch vielleicht für ſchlimmer, als ich bin.“ „Und wenn ich denn nun ſelbſt, um Sie nur los⸗ zuwerden, Ihnen alle Titel eines Ehrenmannes zuerken⸗ nen wollte, wird Mrs. Boodle darum wieder lebendig?“ „St!“ dämpfte Sir John. „Erhält der unglückliche Algernon,“ fuhr der Graf fort,„dadurch ſeine Freiheit zurück? Sind Sie, Mr. Ma⸗ eready, darum weniger der zweimal deportirte Wechſel⸗ fälſcher?“ „Ich kann keine Todten lebendig machen“, ſagte Sir John, ſein ſeegrünes Halstuch unbehaglich lockernd und ſich gleichzeitig umblickend, als könne irgend wer die Worte des Grafen gehört haben.„Uebrigens ſind beſſere Leut geſte nes deſſ H mein rne. & 5 at * έ¶— ganz var, egen doch Leute als Mrs. Boodle an falſcher ärztlicher Behandlung geſtorben; die Sache iſt verwickelt; ich denke nicht daran, Ihnen über Mrs. Boodle Rede zu ſtehen. Nachdem die Verſicherungs⸗Geſellſchaft ihren Proceß in beiden In⸗ ſtanzen verlor, mögen die Geſcheiten ſich den Reim zu dieſer abſurden Klage ſelber ſuchen. Narren klug zu machen iſt nicht meine Sache.“ Er griff feſter in den Zügel und ſtreckte ſeine langen Beine, ſo weit ſie irgend reichen wollten.„Was den jungen Earl betrifft“, fuhr er im Gönnertone fort,„ſo iſt derſelbe längſt wieder in Freiheit. Sein Vater hat ihn nach der Schwiez entboten. Ich hätte gewünſcht, daß Algernon dem braven, aber eigenſinnigen alten Herrn eine junge, fröhliche Frau aus gutem Hauſe vorſtellen könnte. Der Alte wäre glücklich geweſen und der Sohn nicht minder. Doch das ſind abgethane Sachen. Sie haben vorgezogen, Ihre Tochter einem Kunſtreiter zu geben. Gehen wir weiter.“ Der Graf biß ſich auf die Lippen. „Wechſel habe ich nie gefälſcht;“ fuhr Sir John fort, „es handelte ſich um ein wichtiges Geſchlechtsregiſter, deſſen verwitterte Stellen ich nach unbeſtritten echten Quellen ergänzte. Um Alles zu ſagen, das Regiſter betraf meine Vorfahren. Ich weiß nicht, ob irgend wer in mei⸗ ner Lage anders gehandelt hätte. Sie ſelber, Herr Graf, deß bin ich gewiß, am wenigſten. Oder ſetzen wir den Fall, 64 die Bielski ſtammten in gerader Linie, ſagen wir, von den Piaſten oder von den Jagellonen ab, würden Sie da vor irgend einem Mittel, dieß darzuthun, zurückſchrecken?“ „Alſo gut, meinetwegen“, ſagte der Graf ermüdet, „Sie ſind ein Ehrenmann, Mr. Macready. Die grie⸗ chiſche Kapelle iſt übrigens, wie ich ſehe, wirklich nicht mehr offen. Mithin kehre ich um. Adieu!“ „Ich heiße nicht Macready“, erwiderte der Andere, ſein Pferd von neuem mit hartnäckiger Unerbittlichkeit an des Grafen Seite bringend;„während meiner un⸗ freiwilligen Abweſenheit von dieſem Lande“, ſpann er den Faden ſeiner Rechtfertigung gemächlich weiter,„habe ich auf die Ehre, meinen Namen und mein ſtammväter⸗ liches Wappen zu führen, aus begreiflichen Gefühlen verzichtet. Daher jener Name Macready. In Wirk⸗ lichkeit heiße ich Sir John Pottinger.“ Der Graf zuckte mit den Achſeln.„Immerhin!“ ſagte er, gleichgiltig in eine andere Richtung blickend. „Wenn Sie,“ fuhr der Andere fort,„im Hauſe der Lords Nachfrage halten wollen, ob Sir Frederick William Pottinger ohne das Gewicht ſeiner Millionen nicht längſt einem berechtigten Pottinger die Stelle hätte räumen müſſen, da wird man Ihnen ſchon Beſcheid geben. Frei⸗ lich kennen Sie vielleicht ebenſowenig die Bedeutung des Lordtitels als den Namen Pottingex.“ von die da fken?“ nüdet, grie⸗ nicht ndere, ichkeit t un⸗ nn er „habe väter⸗ fühlen Wirk⸗ ſagte ſe der zillam längſt äumen Frei⸗ i des 65 „Doch!“ gab der Graf beiläufig zurück,„ich glaube dieſen Namen gehört zu haben.“ „So hat man Ihnen wahrſ cheinlich auch geſagt, daß die Pottinger das einzige Geſchlecht Alt⸗Englands ſind, welches zweiunddreißig Ahnenreihen nachweiſen kann.“ „Das wären ja mehr“ ſagte der Graf ironiſch und doch wider Willen ſtaunend,„als ſelbſt die Dundonalds und Montroſes zuſammenzuzählen vorgeben.“ „Nicht vorgeben. Die Nachweiſe Beider ſind nie beſtritten worden. Uebrigens weiſen die Einen nur ſiebenundzwanzig, die Anderen gar nur zweiundzwanzig nach; wie wollen Sie Roturiers, wie die Montroſes, mit den Pottingers vergleichen?“ „Nun, nun,“ meinte der Graf, verdrießlich, daß er ſich überhaupt auf einen Einwurf eingelaſſen hatte,„wenn man dem Lande Fürſten geliefert hat...“ „Und war der König Egbert etwa kein Fürſt?“ „Wenn er König war, ohne Zweifel.“ Der Graf wartete auf eine ausführlichere Berichtigung ſeiner Zweifel, aber er wartete vergebens.„Die Pottinger“, fragte er endlich,„führen ihre Geſchlechtsregiſter alſo bis auf einen König Egbert zurück?“ Sir John nickte, als beſtätige er eine allbekannte Sache und hüllte ſich von nun an in Schweigen Man war in die geräuſchvolle Oxford Street zurück⸗ R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 5 66 gelangt. Omnibuſſe, Cabs und Fußgänger umwogten die beiden Reiter; dazwiſchen wandelten Mr. Nelſon Lamb's lebendige Proſpecte. Aber der Graf bemerkte ſie nicht. Die plötzliche Vornehmheit Sir John's wurmte ihn.„Prahlt dieſer Gauner“, redete er vor ſich hin, „mit zweiunddreißig Ahnen!“ Er begriff nicht, wie ihn inmitten ſeiner Sorgen und Bedrängniß dieß weitent⸗ legene, unſinnige Thema nur intereſſiren könne, und doch that es das. Zum wenigſten ärgerte es ihn. Als man wiederum an eine Querſtraße gelangte und Sir John nun wirklich abſchwenken wollte, hätte der Graf ſeinen Zweifeln über alles Vernommene gern noch einen deutlicheren Ausdruck gegeben. Aber Sir John kam ihm zuvor.„Ich habe Ihnen da von Dingen geredet“, ſagte er, faſt ſchon wieder vollkommen im Beſitze ſeiner heiter⸗gefälligen Hoheit,„von Dingen, die Ihnen wahr⸗ ſcheinlich ſehr unglaublich klingen werden, über welche aber dennoch viele hundert Actenſtöße vollgeſchrieben worden ſind, und die Ihnen zur Noth jeder unſerer Kronjuriſten bereitwilligſt beſtätigen würde. Ein großer Theil der wichtigſten Beweisſtücke liegt zu Jedermanns Einſicht in meinem Hauſe. Sir Frederick William hat ſie mir vor Jahren einmal gegen eine anſehnliche Rente abkaufen wollen. Ich werde ſie aber mit ins Grab nehmen. Sie wiſſen nun, Herr Graf, daß die Schwin⸗ deleien Att ſin aufdrän Er ſeinen Kerl iſ vor ſich nach S auf de maß, endlich unmögl wogten Nelſon emerkte wurmte ich hin, wie ihn veitent⸗ e, und hn. gte und itte dey in noch hn kam eredet“, e ſeiner wahr⸗ welche hrieben unſerer großer rmanns kam hat Rente Grab Schwin⸗ 67 deleien Sir John's wenigſtens nicht ſämmtlich plebeiſcher Art ſind. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen mein Geleite aufdrängte.“ Er grüßte heiter⸗hoheitsvoll und Graf Bielski ſetzte ſeinen Weg in höchſter Verſtimmung allein fort.„Der Kerl iſt ein Hallunke der abgefeimteſten Art“, redete er vor ſich hin.„Zweiunddreißig Ahnen!“ Aber indem er ſich nach Sir John umſah und die reckenhafte Reiter⸗Geſtalt auf dem kleinen Roſſe noch einmal mit den Blicken maß, mußte er doch an König Egbert denken und ſich endlich fragen, ob denn die ganze Sache ſo durchaus unmöglich ſei.— Fünftes Kapitel. Auf dem Wege nach Giltſpur Street. 1 freili laute „Haſt denn eigentlich was verſtanden?“ flüſterte Kuba zu Simonene gewendet, welche, mitten unter den laut kichernden übrigen Ausgeſperrten zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Bruder gehend, in feierlichſter Stimmung und mit erbauteſter Miene von der Trauung heimkehrte;„ich für meinen Theil habe keine Sylbe verſtanden, und was zum Schluſſe das Hinausjagen und Thürſperren be⸗ deuten ſollte, das iſt mir erſt recht nicht klar geworden; da lob' jch mir doch unſere ehrliche lateiniſche Meſſe. Räuchern ſie, da weiß ich, es bedeutet dieß; klingeln ſie, da weiß ich, es bedeutet das. Jedes neugeborne Kind kann ſich in unſerm Latein zurechtfinden. Aber dieſer griechiſche Hocuspocus macht Einen ja ſchier einfältig.“ „Laß doch!“ ſagte Simonene und holte mühſam Athem. 1 Sor in und ſei⸗ ig und mit te;„ich für und was perren be⸗ geworden; iſche Meſſe. klingeln ſie, borne Kind Aber dieſer einfältig“ 69 Der ſchöne Geſang, die vielen Blumen und die blen⸗ denden Kerzen hatten ihr allzu mächtig zugeſetzt. Kuba kniff ihren Arm.„Hm', lachte er,„ich glaube gar, auf einmal iſt der kecken Simonene das Herz in die Schuhe gefallen.“ Und da ſie auch jetzt nicht antwor⸗ tete, ſtimmte er eine ihrer herausfordernden Weiſen an: 8 1 b „Ich hab' ein Herz gar wacker Und einen feſten Muth; Wie der Kieſelſtein im Acker, Ja, ſo ſtark iſt mein Herz und ſo wacker, Mich keines beſchämen thut.“ Ach“, ſeufzte!Simonene,„geh nur; jetzt verſteh' ich's 7 freilich erſt, warum der zweite Vers ſo ganz anders — — lautet.“ „Gott ſei Dank“, ſpottete Kuba,„ich hatte ſchon Sorgen, ich würde gegen dich gar nicht aufkommen. Ein Biſſel Zagheit kann den Weibchen nimmer ſchaden.“ Und mit neckendem Tone ſang er ihr von neuem nach: „Ich hab' ein Herz gar zage Und einen bangen Muth;— Wie das Mäuschen am hellen Tage, Ja, ſo ſcheu iſt mein Herz und ſo zage, 1 Mich jedes beſchämen thut.“. „Ich kann noch kaum wieder recht Luft ſchnappen“, ſtöhnte Simonene,„alſo nun iſt die Comteſſe auf einmal verheirathet! mußt wiſſen, ich habe noch nie ein Paar 3 zuſammengeben geſehen.“ — —“ 70 „Ja, aber“, fragte Kuba,„ſind ſie denn wirklich zuſammengegeben?“ „Und warum wären ſie's nicht?“ „Weil der Eine da⸗ und der Andere dorthin lief; das iſt doch ſonſt nicht Sitte.“ „Bei euch zu Hauſe wohl nicht?“ „Nein, daß ich nicht wüßte.“ „Da ſieh dich nur nach einer Anderen als mir um“, ſagte Simonene beleidigt und plötzlich wieder wacker; „bei uns muß der Wagen mit dem neuen Hausgeräthe noch volle acht Tage nach der Trauung auf dem Hofe der Braut ſtehen, und auf die Frauenſeite ſtellen wir uns des Sonntags in der Kirche erſt nach der vierten Woche. Wenn's bei euch haſtiger zugeht, da verlangt mich nicht danach dein Weib zu werden.“ „Iſt das ein ſonderbarer Brauch!“ ſchüttelte Kuba den Kopf. „Nicht ſonderbarer als das Heirathen überhaupt.“ „Nun, nun“, beſchwichtigte Kuba ſchmunzelnd; er hatte ſie doch am liebſten, wenn ſie Trümpfe ausſpielte. Als Joſepha die bei den Eröffnungen des Popen regungslos und ſtarr gebliebene Theophila heimgeleitet hatte, überlegte ſie, was nun weiter zu thun ſei. Sie war noch unſchlüſſig, als der Graf nach Hauſe kam und durch den ſchwarzberänderten Brief ihr die Begebenheit mit Aug 9 Mi oft mir um“ wacker: lsgeräthe dem Hofe ellen wir rvierten verlangt te Kuba -haupt.“ elnd; er Fſpielte. Popen nngeleitet ri. Sie m und benheit 71 * mit Betſy Smithfield in größter Unmittelbarkeit vor die Augen rückte. Sein eigener Widerwille gegen dieſe „Mißheirath“, ſchon vor dem tragiſchen Zwiſchenfalle oft und laut genug ausgeſprochen, hatte übrigens weder zu⸗ noch abgenommen. Mit dem Leben in großen Städten hinlänglich bekannt, war er, obſchon durch ſeine muſterhafte Führung wohl dazu berechtigt, gegen Andere dennoch nie ſehr anſpruchsvoll geweſen. Nach Boleslaw's Forteilen aus dem Hoſpital hatte er daher durch die um Betſy bemühten Perſonen nur vor Allem die Frag⸗ klären laſſen, ob hier wirklich von einer legalen Ver⸗ bindung die Rede geweſen ſei, und da ſich ſehr bald das Gegentheil herausſtellte, ſo hielt es der Graf für das Beſte, den Dingen ihren Lauf zu laſſen. Joſepha hatte ſeit Wochen viel Groll in ſich geſam⸗ melt. Dieſe kühl diplomatiſchen Erläuterungen brachten ſie endlich völlig aus der Faſſung. Sie nannte ihre lange ſchweigende Fügſamkeit eine unverzeihliche Schwäche. Sie vermiſſe, ſagte ſie, in ihm Alles was ſie in ihm geſucht habe: ſittliche Größe, männliche Kraft, Klarheit; des Geiſtes. Und als er über dieſe plötzlich ſo herbe Sprache in Worte verwunderten Befremdens ausbrach, fügte Joſepha hinzu, ſie beneide Theophila, die, als ſie unlängſt zu gleicher trauriger Erkenntniß gelangt ſei, ſich wenigſtens in eine religiöſe Ueberſpannung hinüber 72 * zu flüchten verſtanden habe. Dann aber, durch des Grafen ironiſche Bemerkung, die Auswahl weiblicher Auskunftsmittel dieſer oder anderer Art ſei ja glück⸗ licherweiſe eine ſehr reiche, ſich in ihren beſten Empfin⸗ dungen verſpottet glaubend, erklärte ſie, von heute an werde ſie Rath erbitten und nehmen, wo es ihr recht dünke, und nannte ſchließlich die Art, wie auf des Grafen Verlangen hier auf Borg und immer wieder auf Borg fortgewirthſchaftet werde, einen Diebſtahl— „ja, Graf Bielski, einen Diebſtahl.“ Der Graf war nun auf dem Punkte, vor Zorn und Empörung ſich ſelbſt nicht mehr zu kennen.„Das wagen Sie mir zu bieten?“ ſchäumte er, indem er drohend auf ſie zutrat. „Und ich verlange“, ſagte Joſepha, blaß vor Erre⸗ gung,„daß Sie binnen vierundzwanzig Stunden Hilfe oder Wandel ſchaffen.“ „Madame“, gab der Graf, ſich mühſam zuſammen⸗ nehmend, zurück,„Sie haben Ihren Verſtand verloren. Kommen Sie erſt wieder zu ſich. Man gebietet ſeinem Manne nicht, man gehorcht.“ „So zeigen Sie, daß Sie Mann ſind. Boleslaw Oſinski beſchämt Sie hundertfach!“ „O, o! Ich glaube zu verſtehen.“ —.— — urch des veiblicher ja glück Empfi⸗ heute an ihr recht auf des wieder ſtahl— or Zorn n. Das ndem er or Erre⸗ en Hilfe ſammen⸗ verloren. t ſeinem Boleslaw 73 5 „Ohne ſeine Dazwiſchenkunft wäre Ihre Tochter jetzt das Weib eines Buben.“ „So holen Sie ſich Rath bei Boleslaw Oſinski. Es iſt mir lieb, daß Sie bereits über die Verlegenheit des Wählens hinaus ſind.“ Joſepha's Augen ſtrömten über.„Gott iſt mein Zeuge—“ wollte ſie rufen, aber der Graf unterbrach ſie kühl.„Genug der großen Worte, Frau Gräfin!“ ſagte er;„dieſer häusliche Auftritt hat auch mir über eine ſchwere Wahl hinausgeholfen.“ Joſepha ſank in heftigem Weinkrampf auf ihr Ca⸗ napee. Graf Bielski griff nach ſeinem Hute und knöpfte ſeinen Rock bis an das Kinn hinauf zu. Er knöpfte lange, ſo lange, daß Joſepha Zeit hatte, ihren Anfall zu überwinden. Sie erhob ſich und wankte an ihren Schreibtiſch. „Ich komme nicht“, ſchrieb ſie an Boleslaw,„reiſen Sie glücklich.“ Sie klingelte dem Rusniaken, befahl ihm, den Brief auf die nächſte Poſtſtelle zu tragen und verließ das Zimmer. Als ſie gegangen war, blickte der Graf ihr noch eine Weile, in Zweifel über den Inhalt dieſer brüsk abgefertigten Botſchaft, nach; dann ging auch er. Wohin? 9 74 Er war in der Nachmittagsſchwüle mit ſchmerzen⸗ dem Kopfe drei lange geräuſchvolle Straßen auf und nieder gegangen und wußte noch immer nicht, wohin? Erſt ſeit dieſem Auftritte ſah er ſich am hoffnungs⸗ loſen Ende allen Witzes. Hilfe oder Wandel! Konnte er aus einem leeren Brunnen Waſſer ſchöpfen? Konnte er von einem verdorrten Baume Früchte pflücken? Nein, Hilfe vermochte er nicht zu bringen, nur Wan— del! Seine Piſtolen hingen daheim über ſeinem Bette. Aber er konnte nach jenem Auftritt ihretwegen nicht umkehren; er hatte ſich gelobt, nicht wieder mit leeren Händen heimzukommen. Es mußte auch ohne Piſtolen gehen. Er beſann ſich. Sollte er wie Betſy Smithfield in die ſchmuzige Themſe ſpringen? Sollte er ſich Gift verſchaffen? Aber würde man den ertrunkenen oder vergifteten Grafen Bielski nicht auffinden, nicht ausſtellen, nicht wieder erkennen? Würden ſeine Kinder nicht——— Sein Herz wollte brechen. Ach, ſeine Kinder! ſeine übermüthig waghalſige Jadwiga, ſeine hausmütterliche Marynia, ſeine prächtigen Knaben, das Neſthäckchen Aniela — und gar ſein Ebenbild, ſeine Theophila— er liebte ſie ja doch! alle, alle! War's denn möglich, daß er ſie, die holden, theuren Geſichter, nie wiederſehen wollte? merzen⸗ uf und wohin? fnungs⸗ Konnte Konnte ücken? Wan⸗ Vette. nicht leeren iſtolen ithſield c Gift ifteten nicht ſeine terliche Aniela ebte ſie ſie, die 29 27 — 75 Nach ſtundenlangem traumartigen Umherirren weckte ihn endlich der unterthänige Gruß eines Vorübergehen⸗ den. Er ſah ſich mechaniſch nach dem Manne um und erkannte den alten zimmtfarbenen Aufſeher des Club⸗ hauſes. Vielleicht konnte dieſer ihm eine Piſtole verſchaffen. „Gewiß!“ verſicherte der Alte,„aber Eine nur?“ Es ſollten, meinte er, doch wohl zwei ſein? Es hänge ein hübſches Paar im Boſtonzimmer des Clubs. Man kam ins Geſpräch und der Graf mußte den Alten, welcher über das Kapitel der Ehrenhändel ſo⸗ fort mancherlei verſtändige Bemerkungen auskramte, nach dem Clubhauſe begleiten. Unterwegs erzählte der Alte von dem letzten Duell, das im Club vorgefallen ſei, vor fünf oder ſechs Jahren etwa, das letzte Ren⸗ contre— beiläufig geſagt— das Sir John beſtanden habe, während er ſonſt alljährlich zwei⸗, dreimal in ſolchen Angelegenheiten über den Canal geſchlüpft ſei. Der Graf war ſchon wieder wach genug, um dieſe Angaben wenig glaubhaft zu finden, und ſagte, auf ihn habe Sir John den Eindruck beſonderer Friedfer⸗ tigkeit gemacht. Der Alte betheuerte aber mit treuherziger Ver⸗ droſſenheit, einen größern Raufbold als Sir John habe es damals im ganzen Königreiche nicht gegeben; 76 ſo viel man höre, ſei der abſcheuliche Verlauf jenes Duells die Urſache, daß er nie wieder eines unter⸗ nommen habe; denn Colonel Berwick, ſein damaliger Gegner, habe wochenlang nicht leben und nicht ſterben können, ſo daß weder Arzt noch Krankenpfleger in ſeiner Nähe ausgehalten hätten, und Sir John ihm endlich ſelber die Augen habe zudrücken müſſen. „Hiernach“, ſagte der Graf, von dem ärgerlich er⸗ ſtatteten Berichte des knorrigen Alten wider Willen ergriffen,„hiernach wäre Sir John alſo in gewiſſem Sinne ein ehrenhafter Charakter?“ Der Alte that, als höre er nichts. „Und wie heißt er denn eigentlich?“ fragte der Graf, ſchon halb verſichert, daß es nicht Jedermanns Sache ſei, das rechte Maß für Leute ſolchen Schlages zu finden,„hat er wirkliche Anſprüche auf den Namen Sir John Pottinger?“ „O“, ſagte der Alte,„das iſt ein verfitzter Knäuel; die Enden halten die Advocaten in Händen; Anſprüche? — nun ja, verſteht ſich. Aber wer will einen Wallfiſch mit einem Regenwurm fangen?“ Man hatte die um dieſe Stunde leeren Clubzimmer erreicht. Als der alte Aufſeher, um die Piſtolen zu holen, den Grafen allein ließ, war die Gemüthsver⸗ faſſung des Letzteren ſchon eine ſo veränderte gewor⸗ b den, wie Vel ſch vu b al aliger terben ſeiner ndlich 9 er⸗ Willen wiſſem e der manns hlages Namen näuel; rüche? allfiſch zimmer len zu thsver⸗ gewor⸗ 61 den, daß er am liebſten ohne die Piſtolen unbeachtet wieder von dannen gegangen wäre. Die nüchterne Verſtändigkeit des alten Mannes hatte wie ein nieder⸗ ſchlagendes Pulver gewirkt. Einige Herren, welche bald darauf, mit Zahnſtochern in den Zähnen, in ruhmrediger Nachtiſchlaune an ihm vorbeikamen, erin⸗ nerten ihn erſt wieder an die Kluft, die ihn von Allem, was ſich Leben nannte, ſchon jetzt trennte. Wohin? fragte er ſich noch einmal, und die Antwort lautete abermals: Dorthin, von wo man nicht wiederkehrt. Sir John hatte mit jenen muntern Lebemännern im Clubhauſe zu Mittag geſpeiſt. Als ihm der Alte, im Begriffe, die Clubpiſtolen zu verabfolgen, von dem Chrenhandel des polniſchen Grafen redete und dann der Meinung war, Sir John könne die Sache vielleicht noch ins Gleiche bringen, war Sir John eben mit einer Anzahl Verfügungen für den Fall einer etwa nöthig werdenden plötzlichen Abreiſe beſchäftigt. Er beendete dieſes Geſchäft mit der heiter⸗hoheitsvollen Miene, die ihm vor Allem im Augenblicke der Gefahr geläufig war und ließ ſich dann das Anliegen des Al⸗ ten wiederholen. Sofort errieth er, zu welchem Zwecke die Piſtolen entliehen werden ſollten. Er überlegte einige Augenblicke. Dann winkte er dem Alten, nahm ihm die Piſtolen ab und begab ſich ſelber zu dem Grafen. ſſ — 78 Er fand denſelben in einem dunklen Winkel des Vorzimmers auf einem Stuhle ſitzen, den Kopf in beide Hände geſtützt, den Blick ſtarr auf den Boden gerichtet, wie es ſchien, in völliger Geiſtesabweſenheit; wenigſtens erfolgte auf Sir John's Begrüßung keinerlei Beſcheid, und ſo blieb der Letztere eine Weile vor dem Regungs⸗ loſen ſtehen. Er hatte viel mit Menſchen, welche an die Grenze des Aeußerſten gekommen waren, verkehrt und war ſchon während des langen heutigen Rittes auf Mittel bedacht geweſen, den ſelbſtquäleriſchen Gedanken des Unglücklichen eine andere Richtung zu geben. Welche Thorheit! dachte er jetzt, ein Mann von ſolchem Gre⸗ nadierwuchſe, ein Mann mit ſolcher Cavaliermiene! Ich wette, wenn er nur wollte, Mr. Craiggs ließe ihn auf irgend einer Südſee⸗Inſel als König ausrufen. Hm! Und Sir John überlegte, wie dem fatalen Er⸗ eigniſſe vorzubeugen ſei. Denn zuletzt, dachte er wei⸗ ter, ſoll natürlich wieder eine Spielbank Schuld gewe⸗ ſen ſein. Er trat einen Schritt zurück. Es war ihm ein Mittel eingefallen, wie der Graf wenigſtens einſt⸗ weilen vielleicht von ſeinem Vorhaben abzubringen ſei. „Hm— man wird ihn freilich einſperren“, ſagte er vor ſich hin,„aber das bringt ihn vielleicht auf andere Gedanken.“ Gre Anblick der Le in wel aus bl ſei, dro dann 31 komme geſchie recrut busle bahn. ihm: langen denen 79 Graf Bielski hatte ſich inzwiſchen aufgerichtet. Der Anblick Sir John's verſtimmte ihn ſichtlich, und als der Letztere von den vielen Fällen zu reden begann, in welchen das Anklopfen des wiederkehrenden Glückes aus bloßer Muth- und Rathloſigkeit überhört worden ſei, drang der Graf kurzweg auf Ueberlaſſung der von ihm erbetenen Piſtolen. Dieſelben wurden indeſſen nicht ſo raſch verabfolgt. Auch, dieſes Auflehnen gegen alle Vernunftgründe war Sir John nicht neu; nicht minder ſagte ihm ſeine Er⸗ fahrung, daß in ſolchen Momenten beſonnene Zuſprache dennoch ihren Zweck nie ganz verfehlt. Er rückte zwei Seſſel an das offene Fenſter des Zimmers, nöthigte den Grafen neben ihm Platz zu nehmen, ſo daß das Treiben in der Straße ihn zerſtreuen mußte und ſann dann eine Weile nach. Zur Zeit der Stage⸗Coaches pflegten herunterge⸗ kommene Gentlemen ihre Pferdekenntniß und Fahr⸗ geſchicklichkeit als Stagekutſcher zu verwerthen; heute recrutiren ſich, wie Eingeweihte behaupten, die Omni⸗ buslenker Londons aus ehemaligen Opfern der Renn⸗ bahn. Sir John kannte ſeinen Mann zu gut, um ihm von ſolchen Entſetzlichkeiten zu reden. Aber nach langem Hin⸗ und Her⸗Erwägen aller Berufsweiſen, in denen allein wirkliche Gentlemen Verdienſtvolles zu — — 80 leiſten pflegten, deutete er, von den allmälig verſtändi⸗ ger werdenden Gegenreden des Grafen dazu aufgemun⸗ tert, etwas Anderes an. Der junge Marquis de Saint Leon, wegen einer Zwiſtigkeit mit ſeinem Onkel, Mr. de Marcy, etwas derangirt, war geſtern von Paris nach London gekommen und hatte Sir John um eine Beiſttzerſtelle bei deſſen geheimer Bank erſucht. Die Vacanz war da, die Zuſage aber noch nicht gegeben. Hatte der Graf im Bankhalten etwa hinreichende Uebung, um ſtatt des Marquis Saint Leon einzutreten 2 Graf Bielski ſeufzte; er dachte wieder an ſeine Kinder.„O“, rief er, ohne Sir John's Frage zu beantworten,„ich habe nie früher geahnt, was es heißt, von allen Lieben und Theuren auf ewig Abſchied nehmen!“ Sir John ließ ſich nicht beirren.„Alſo, wie geſagt“, fuhr er ſchon etwas gönnerhafter fort,„der Marquis Saint Leon iſt da und wartet auf mein Ja oder Nein. Nun gilt der Marquis, wie Sie wiſſen, für einen der befähigteſten Bankhalter der alten Gräfin Gradiſta; wenn ich einen ſo erwünſchten Succurs abweiſe, ſo müßte ich allerdings bei Ihnen wenigſtens auf eine ähnliche Gewandtheit rechnen können. Getrauen Sie ſich einen ſolchen Poſten auszufüllen?“ Die nöthige Gewandtheit ging dem Grafen in der verſtehe nach ſe verſtän „˙ meinen der N noch fl l gegeben. eichende atreten? an ſeine jgeſagt“, Marquis er Nein. inen der Gradiſta; weiſe, ſo auf eine auen Sie ei in der 81 That nicht ab. Noch kurz vor ſeiner Abreiſe aus Mi⸗ kolajew hatte er ſeinen neuen polniſchen Bekanntſchaf⸗ ten zuliebe ein paarmal Bank gehalten und es war ganz ſo gut gegangen wie in ſeiner Junggeſellenzeit. „Aber reden Sie denn eigentlich von einer Art An⸗ ſtellung?“ fragte er, den Vorſchlag noch nicht recht verſtehend, und doch— ſo ſehr war die Sehnſucht nach ſeinen Kindern über ſeinen Stolz Herr geworden — ſich auf dieſe Demüthigung ſchon gefaßt machend. „Wenn Sie's nicht beſſer ein Compagniegeſchäft nennen“, ſagte Sir John obenhin;„in Paris pflegt man ſich bei ſolcher Antheilſchaft über Tantièmen zu verſtändigen.“ „So daß der Beiſitzer die Chancen des Spieles theilt? Sie begreifen, daß ich Mühe habe, mich über⸗ haupt ſo raſch in die Sache zu finden.“ „Auch kann ich in dieſem Augenblicke“, ſagte Sir John und erhob ſich von ſeinem Sitze,„mich nicht länger bei dem Gegenſtande aufhalten. Sie kennen unſere gewöhnliche Spielzeit. Die Parole iſt heute Duke of Cambridge, der Eingang durch die gelbe Ta⸗ petenthür mit dem Schnappſchloſſe. Ueberlegen Sie meinen Vorſchlag in Ruhe. Der Marquis wohnt in der Nähe. Wenn Sie ausbleiben, kann ich ihn immer noch für Sie eintreten laſſen.“ N. Waldmüller, Das Vermächiniß der Millionärin. III. 6 82 wei mehr ein Ritter vom Hoſenband⸗Orden als ein „verſchämter Schwindler“. Mit ihm verſchwanden die Piſtolen. Wie ein Almoſen⸗Empfänger, der das ihm Verab⸗ reichte erſt auf der Straße zu beſehen wagt, ging der Graf ihm nach.„O welch ein Sturz, welch ein ent⸗ ſetzlicher Sturz!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Und dennoch— mit ſolch unzerreißbaren Fäden hängt das Menſchenherz am Leben— beim Ins⸗reie⸗ treten däuchte ihm die Abendluft balſamiſcher als je. Er gedachte vergangener Zeiten, er gedachte grüner polniſcher Wälder, blauer polniſcher Flüſſe und allen Glückes, deſſen er einſt genoſſen hatte— und ſeine Wim⸗ pern zitterten. So durfte er ſich ſeinen Kindern nun doch erhalten? Aber Joſepha hatte ihm ja die Ehrentitel Ernährer und Verſorger abgeſprochen, und ſie hatte ja Recht gehabt! Sich ihnen erhalten, war ein viel zu ſtolzes Wort. Genug, wenn er leben durfte, um ihres holden Anblickes noch eine Weile froh zu werden. Er verſuchte, die möglichen Erträgniſſe ſeiner neuen Thätigkeit ſich in ungefähren Summen vorzuſtellen. Würden ſie ausreichen, um— wie Joſepha es ver⸗ langt hatte— Hilfe oder Wandel zu ſchaffen? Da 9. John empfahl ſich, dießmal in ſeiner Haltungs⸗ altungs⸗ als ein n Verah⸗ ging der ein ent⸗ ähnen. n Fäden ns⸗reie⸗ er als je. e grüner und allen eine Wim⸗ dern nun Ernährer ja Recht zu ſtolzes res holden iner neuen etzuſtellen. g es ver⸗ fen? Da 83 der beſte Rechner nicht im Stande geweſen wäre, hier ein Facit herauszubringen, ſo blieb dieſe Frage einſt⸗ weilen ungelöſt. Ihre Beantwortung würden ja ohne⸗ hin die nächſten Stunden übernehmen. Aber wenn der Verzweiflung die Hoffnung folgt, da hat dieſe faſt allemal die blinde Zuverſicht zur Ge⸗ noſſin, und auch die Rechnung des Grafen nahm ſich im Nebel ſeiner Erwartungen trotz aller Undeutlichkeit ſtattlich genug aus. Indem er noch die Straße durchwanderte, ſah er fich von einem der jüngeren Freunde Sir John's vom Omnibus herab begrüßt, und als der Letztere einen Augenblick halten mußte, auf Franzöſiſch mit der Frage angeſprochen, ob denn heute nicht geſpielt werde?— er meine ſo eben Sir John und zwei ſeiner Croupiers mit Reiſekoffern unterwegs geſehen zu haben. Der Omnibus rollte weiter, aber der gräuliche Titel Crou⸗ pier blieb im Ohr des Grafen ſummend hängen. Selbſt Spieler von Profeſſion ſprechen dieſes Wort nicht gern ohne die Andeutung aus, daß es etwas wie die Hefe der Geſellſchaft bezeichne. In der That, welcher Umwege braucht's, um den Stand eines Crou⸗ pier mit dem, was ſonſt einem menſchlichen Weſen eigen iſt, im Zuſammenhange zu denken! Sind jene ſchweigſamen Männer, wie ſie in untadelhafter Toilette 6* , 84 mit den Mahagoni⸗Goldrechen an den grünen Tiſchen unſerer Curſäle ihren automatiſchen Verrichtungen ob⸗ liegen, ſind ſie Menſchen wie die anderen? Wer geht mit ihnen um? Wer gehört ihnen an? Sind ſie Gatten, Fami⸗ lienväter, Brüder, Freunde? Niemand redet mit ihnen. Ohne daß man ſie kommen ſah, haben ſie ihre Plätze einge⸗ nommen, und da ſitzen ſie den gleißenden Goldhaufen ge⸗ genüber mit unentzifferbarer Miene, oft ſtundenlang unbeſchäftigt, ſtumm, regungslos, weder ſchläfrig noch wach, weder düſter noch heiter, wie unter dem verdor⸗ renden Fluche ihres verachteten Standes zu bloßen Schatten geworden; theilnahmslos für die bunte Welt, welche die Säle durchſchwirrt und ſich munter und aufgeräumt von hundert Nichtigkeiten unterhält.„Pfui, eine Spinne, die auf Beute lauert!“ heißt's bei den Einen;„eine Galgen⸗Phyſiognomie in Goldrahmen!“ entſetzen ſich die Anderen. Die Einen fürchten ſich, die Anderen vermeiden wenigſtens anſtandshalber jede Be⸗ rührung mit den Vervehmten. So unter dem Banne einer doppelten Achterklärung ſitzt der Croupier wie ein Peſtverdächtiger da, zu einem Amte gedungen, das weder Feinheit des Geiſtes, noch Kraft der Arme, noch ſeltene Fertigkeit beanſprucht, einzig und allein die Fähigkeit, dem Drucke der allgemeinen Mißachtung ohne Keckheit wie ohne Empfindlichkeit die Stirn zu bieten. nach einge⸗ en ge⸗ enlang noch erdor⸗ ldor⸗ bloßen Welt, r und „MPfui, dei den hmen!“ c, die de Be⸗ Banne er wie en, das e, noch in die gohne bieten. 85 Mit Gedanken ähnlicher Art verbrachte Graf Bielski die Stunden bis zur Mitternacht. Ein paarmal meinte er um den Preis einer ſo tiefen Erniedrigung nicht das Leben behalten zu dürfen. Aber Sir John's Bank war ja eine geheime. Die ſonſt allgemeine Sitte, ſich ſelber unbefangen genug dem Spiele hinzugeben und die Veranſtalter deſſel⸗ ben dennoch als verwerfliche Geſchöpfe zu betrach⸗ ten, hatte hier ja keine Geltung. Die Gemeinſchaft des Wagniſſes, die Gemeinſamkeit der Gefahr verban⸗ den die geheimen Spieler ja mit den geheimen Spiel⸗ helfern. Und ſo wurde der Rubikon denn überſchritten. Zu kläglichſtem Ende! In dieſer ſelben Nacht revi⸗ dirte die Polizei bei Sir John und hob das ganze Spielneſt aus. Durch Zufall— war Sir John ſelber kurz zuvor nach Paris gereiſt. Sechstes Kapitel. Nach dem Sturme. In der indiſchen Odyſſee des Wjaſa verſpielt Nala Ehre, Krone und Land. Damajanti, ſein liebes Weib, trennt ſich von ihren Kindern und folgt ihm in die Wildniß. Hier läßt er ſie Nachts im Stich und raubt ihr zur Bedeckung ſeiner Blößen noch gar die Hälfte ihres Mantels. Erſt nach endloſen Fährlichkeiten erntet die Verlaſſene den Lohn ihrer Treue und Hingebung. Aber Alles hat Kali, der böſe Geiſt, verſchuldet. Auf Nala ſelbſt kommt kein Flecken. Auf Graf Bielski ſaßen deren deſto unauslöſchlichere. Macht doch zumeiſt das Mißlingen das Tadelnswerthe erſt zum augenfälligen Frevel. Der Graf war in Haft, ſeine Familie preisgegeben, die gräuliche Zerrüttung des gräflichen Haushaltes eine Thatſache, ſo offenkundig, ſo in Schmuz getreten wie ein aufs Pflaſter und unter die Füße der Vorübergehenden gerathener Brief. 4 * 87 Schon in den erſten Stunden, welche der Aufhebung 1 der Spielbank folgten, hatte dieſer Haushalt den auch ein ſehr verändertes Ausſehen angenommen. Es V war, als ſei die trügeriſche Tünche eines morſchen Ge⸗ bäudes durch eine heftige Regentraufe plötzlich fort⸗ gewaſchen worden, und mit einem Male liege nun das 1 V moderfaule Holzwerk bloß und offen zu Tage. Als die Verwandlung ihre ſämmtlichen Grade durch⸗ laufen hatte, waren alle Beziehungen bis zur Unkennt⸗ t Aala lichkeit verändert, die eleganten Räume mit einem weit 5 Wei. entlegenen, verſteckten Quartier vertauſcht, die Diener in die bis auf den alten Rusniaken in alle Winde zerſtreut; draubt Marnynia als Erzieherin in einer Privatanſtalt für Hälfte verwaiſte Seemannskinder untergebracht, Theophila im 1 merntet Begriffe ſich in ein Kloſter zu begeben, Adam und Jana gebung. die Schüler Joſepha's.. t Auf Wenn die Umgeſtaltung und ihr chaotiſ ſcher Verlauf alle davon Betroffenen bis in die Wurzeln ihres We⸗ ſens erſchüttert hatte, ſo gab ein gräßliches Verbrechen bihe. oder ein entſetzlicher Zufall dieſen Tagen der Angſt doch in Haft erſt die grellſte Beleuchtung. Die kleine Aniela war rittung verſchwunden! nkundig, Hatte Simonene ſie über dhrain Bündelſchnüren 4 d unter verabſäumt? Es wäre kein Wunder geweſen, denn f auch ihr Erſpartes— Joſepha erfuhr es nicht ein⸗ 88 mal— war in dem allgemeinen Wirrſal mit drauf⸗ gegangen, und wann Simonene eine Kuh kaufen oder gar Kuba heirathen werde, ſtand nun bei den Göttern. Oder hatte ſich das Kind während der Ueberſiedlung verlaufen? Möglich, daß es gar geraubt worden war. Hatte man doch auch die Brüſſeler Spitzen Joſepha's und das diamantenbeſetzte Crucifix Theophila's inmitten des Drängens und Treibens entwendet. Die Polizei verſicherte, ihr Möglichſtes thun zu 6 wollen. Aber in einem Menſchenknäuel von zwei Mil⸗ lionen ein verlorenes, vielleicht verſteckt gehaltenes Kind wieder ausfindig machen, welche Aufgabe! Die Polizei fragte, ob irgend eine Belohnung aus⸗ geboten werden ſolle? Joſepha zeigte ihre leeren Hände und man fand den Fall wenig hoffnungverheißend. Inzwiſchen hatte eine leichte Erkrankung Lord Sey⸗ mour's den Abgang des„Wladimir“ verzögert, und Boleslaw ſah ſich noch einmal genöthigt, ans Land zurückzukehren. Er that es mit Widerwillen. Ehe er die vieldeutige Aeußerung Betſy Smithſield's dem Popen überbracht hatte, war er über die ſchwer⸗ wiegenden Folgen dieſes Schrittes mit ſich zu Rathe gegangen. Die Rolle des Angebers übernehmen, welch ein verächtliches Geſchäft! Aber gar einem Nebenbuhler gegenüber ſich ſolchem Dienſte erniedrigen, welch 2 9 ein fl ſagte war, er m. Nachd blieb, ziger Wozu dieſes nun noch Denn mit! ſchen t drauf⸗ fen oder Göttern. ſſiedl ng den war. oſephas inmitten hun zu dei Mil⸗ nes Kind ng aus⸗ n Hände zend. ed Sey⸗ rt, und s Land ithſields ſchwer⸗ u Rathe n, welch enbuhler , welch 89 ein für alle Zeiten ſchändendes Gebahren! Und doch, ſagte er ſich, durfte er nicht ſchweigen, bis es zu ſpät war, doch mußte er dieſe That vollbringen, oder er machte ſich einer ſchweren Verſäumniß ſchuldig. Nachdem er aber jenen Schritt gethan haben würde, blieb, um ſeine Selbſtachtung zu retten, nur ein ein⸗ ziger Ausweg: entſagen. Entſagen? Furchtbares Wort! Wozu dann noch athmen? Und wenn er nun, um ſich dieſes Schwerſte nicht auferlegen zu müſſen, wenn er nun ſchwieg? Aber nein, hier war weder Sohwanken noch Zaudern ſtatthaft. Er mußte ſich zur Rolle des Denuntianten auch hier wieder erniedrigen. Und ſo mit dem ſtummen Gelöbniß, nie wieder mit Liebe hei⸗ ſchenden Wünſchen Theophila's zu gedenken, erfüllte er, was er für ſeine Pflicht hielt. Bald darauf war die Bitte Joſepha's an ihn ergangen, er möge ſich ihr und dem Popen geſellen, um Theophila von allem Nähern ſelbſt zu unterrichten. Nicht ohne innern Kampf hatte er dieſer neuen Verſuchung widerſtanden, der er doch nicht nachgeben zu dürfen meinte; und dann als Joſepha ihn an Bord des„Wladimir“ aufzuſuchen ver⸗ hieß, hatte er mit pochendem Herzen viele Stunden lang in den überſpannteſten Erwartungen verbracht. Aber ſtatt allem Dankeswort, ſtatt aller Nachricht, war ihm endlich nur der kurz abfertigende Beſcheid geworden:„Ich 90 komme nicht; reiſen Sie glücklich“', und nun wußte Bo⸗ leslaw, daß nicht allein der Graf den unbequemen Diener entlaſſen habe. Von dieſem Augenblicke an ſtand der Entſchluß bei ihm feſt, noch über das Ent⸗ ſagen hinauszugehen und auch dem Schmerze und der Wehmuth in ſeiner Bruſt die Stätte zu verſagen. Mochte jener unheimliche Bund ſich vollzogen haben oder nicht— dieſe Blätter ſeines Lebensbuches waren im Feuer ſeiner qualvollſten innern Kämpfe zur Aſche verbranßß.„Nichts mehr davon!“ Er bezog ein Quartier, das dem„Wladimir“ un⸗ mittelbar gegenüberlag— ſtundenweit von Cavendiſh Square und Allem, was damit zuſammenhing, entfernt, und vergrub ſich in politiſche Lectüre. Aber er hatte ohne ſein Menſchlichkeitsgefühl ge⸗ rechnet. Mitten in der Lectüre über die erſte polniſche Revolution, deren irrige Auffaſſung ſeitens eines be⸗ rühmten engliſchen Geſchichtſchreibers ihm eine Reihe von Berichtigungen abnöthigte, erinnerte er ſich Betſy Smithfield's und des kläglichen Zuſtandes, in welchem er ſie im Hoſpital verlaſſen hatte. Sie war durch ſeine Hülfe dieſem traurigen Daſein zurückgegeben worden. Durfte er ſich dabei beruhigen, daß ſie lebe, während dieſes Leben vielleicht tauſendmal qualvoller als der Tod? Das St. Patricks⸗Hoſpital lag im nahen Matroſen⸗ viertel. digung mung. Jrland kurzen werde N bindun war e Frager gekau Al beſuch gerin, gebra umgel D ſteht ganze die! dende nicht L den⸗ Bole⸗ ußte Bo⸗ equemen glicke an das Ent⸗ und der verſagen. haben 3 waren ur Aſche nir“ un⸗ avendiſh entfernt, fühl ge⸗ 1 polniſche ines be⸗ ie Reihe ich Betſy welchem urch ſeine worden. während der Tod? Ratroſen⸗ 91 viertel. Er ſuchte ſie daſelbſt auf. Zu ſeiner Befrie⸗ digung fand er ſie klaren Geiſtes und gehobener Stim⸗ mung. Sie ſprach von ihrem heimiſchen Dorfe in Irland und wie ſie nach ihrer Geneſung ſich auf einen kurzen Beſuch dahin zu begeben gedenke, dann aber werde ſie nach Belgien in ein Kloſter gehen. „Nach Belgien?“ Boleslaw begriff nicht, welche Ver⸗ bindungen ſich ihr plötzlich erſchloſſen hatten. Doch war es ihm gleichgültig, er verſchonte die Leidende mit Fragen. Vielleicht hatte Dimitri ſie in ein Klätter ein⸗ gekauft. Als Boleslaw ſie nach einigen Tagen abermals beſuchte, ſprach ſie von einer täglich vorfragenden Pfle⸗ gerin, durch die ſie eigentlich erſt auf den Kloſterplan gebracht worden ſei und die mit demſelben Vorhaben umgehe. Das St. Patricks⸗Hoſpital iſt eine irländiſche Stiftung, ſteht unter katholiſcher Leitung und hat in ſeinem ganzen Zuſchnitt ſo viel Klöſterliches, daß im Grunde die von Betſy ausgeſprochene Abſicht nichts Befrem⸗ dendes haben konnte. Auch dießmal forſchte er daher naicht weiter nach. Bei einer ſpätern Veranlaſſung nannte Betſy jedoch den Namen jener ihrer Pflegerin, und nun brachen in Boleslaw noch einmal alle Wunden auf. 92 So war Theophila alſo wirklich nicht das Weib Cerigotto's geworden und ſtand ſelbſt auf dem Punkte, den Schleier zu nehmen! Die nahe liegende Möglichkeit eines Wiederſehens brachte ihn faſt um ſeine Beſinnung. Er hatte Mühe, ſeine Empfindungen, bis er im Freien war, zu unter⸗ drücken. Hier aber machten ſie ſich in lauten Aus⸗ rufen Luft. Nur zu bald ſollte er um deſto kleinlauter werden. Währand er noch vor der langen, gleichfenſtrigen Stirn⸗ ſeite des Hoſpitals in unruhiger Gemüthsbewegung auf und ab ſchritt, fuhr ein grüner St. Patricks⸗Kranken⸗ wagen an ihm vorüber, und wenige Augenblicke darauf ſah Boleslaw eine in die hechtgraue Tracht der St. Patricks⸗Pflegerinnen gekleidete vollwangige Matrone vor der Hoſpitalpforte ausſteigen; eine zweite Pflegerin, ſtattlich von Wuchs und würdevoll in jeder ihrer Be⸗ wegungen, folgte mit einem jammernden fünf⸗ bis ſechs⸗ jährigen Mädchen in den Armen. Die Hoſpitalspforte ſchloß ſich hinter ihnen, und das erſte Wiederſehen war zu Ende. So Wenige hienieden wiſſen mit ihren Kräften und ihren Fähigkeiten wohin? Theophila mit dem jam⸗ mernden Kinde auf dem Arme— es war nach der Ausſage des Hoſpitalpförtners irgendwo unter einer Carroſſe ſchönen nungsle ſo erſch war ih dem Ge nie wie ſcheinun wußter ohne d tigen heit ü umſong Selbſt achtene durch würde, Empfir Ab das Weih en Punkte, ederſehens atte Mühe, zu unter⸗ lten Aus⸗ er werden. gen Stirn⸗ degung auf ⸗Kranken⸗ ike darauf t der St. atrone vor Pfegerin, ihrer Be⸗ bis ſechs⸗ talspforte ſehen war räften und dem jam⸗ nach der tter einer 93 Carroſſe zu Schaden gekommen— ſtand, wie in einem ſchönen Berufe eingefriedet, unnahbar vor Boleslaw's Seele. Wenn die Wünſche ſeines Herzens ihm je hoff⸗ nungslos, je der Erfüllung unwürdig erſchienen waren, ſo erſchienen ſie ihm jetzt in ſolchem Lichte. Und doch war ihm Theophila nie ſchöner vorgekommen. Von dem Gedanken erfüllt, daß ihm das Schickſal vielleicht nie wieder einen Blick auf dieſe ihm ſo theure Er⸗ ſcheinung gönnen werde, hatten ſeine Augen mit be⸗ wußterer Geſchäftigkeit ſich ihrer Geſtalt bemächtigt und ohne daß ſeine Leidenſchaft den ſinnlichen Eindruck über den ſeeliſchen hätte Herr werden laſſen, empfand er erſt jetzt mit Beſtimmtheit den Zauber, welchen auch die vollendet ſchönen Formen der Geliebten auf ihn übten. Seiner Geliebten? Er hatte ſich ja hoch und theuer gelobt, ihr zu entſagen.— Lange verſuchte er, in hef⸗ tigen Schritten am Ufer auf und ab gehend, zur Klar⸗ heit über das ihm Obliegende zu kommen. Immer umſonſt. Endlich, zu der Scheu vor dem Verluſt ſeiner Selbſtachtung noch die Vorſtellung derjenigen miß⸗ achtenden Gefühle geſellend, welche er in Theophila durch den Verſuch einer neuen Annäherung hervorrufen würde, nahm er ſich vor, mit keiner Sylbe ihr ſeine Empfindungen zu verrathen. Aber in die Ferne ziehen, ohne nach ſo viel unklaren — — —— — — 94 Berührungen ſich gegenſeitig wenigſtens ein beherztes Abſchiedswort zugerufen zu haben, das ſchien ihm eine Feigheit. Er ſtellte ſich die Ehrenaufgabe, da der Wla⸗ dimir plötzlich auf und davon gehen konnte, ſchon am nächſten Tage ſeiner innern Bewegung bis zu dieſem Punkte Herr geworden zu ſein. Die Stunde kam und fand ihn vorbereitet. Betſy hatte es übernommen, ihrer Pflegerin einen Zettel mit zwei Zeilen, welche jenen Gedanken kurzweg ausdrückten, zuzuſtellen. Nach einigem Zögern und Ueberlegen war Theophila's Antwort zuſtimmend ausgefallen, und jetzt ſaßen ſich Beide in dem kahlen, weißgetünchten, ein⸗ fenſtrigen Sprechzimmer des Hoſpitals gegenüber, ſie wie er entſchloſſen, einander in Beſonnenheit und Ruhe zu übertreffen, ſie wie er aber dennoch in Blick und Haltung nur zu deutliche Spuren ſchwerer innerer Erſchütterung verrathend. „So viel über mich, Boleslaw Oſinski“, ſagte Theo⸗ phila, nachdem ſie die Vergangenheit nur als ein Abge⸗ thanes berührend, freundlich, ausführlich und ſachgemäß von ihren Kloſterplanen geſprochen hatte; Ihre frühere Warnung““ ſetzte ſie hinzu,„hat, wie Sie ſehen, Früchte getragen; das Kloſter, in welches ich eintreten we be⸗ ſchäftigt ſich wenig mit theologiſchen Fragen, Kranken⸗ pflege bildet ſeine weſentliche Aufgabe.“ Be liher nach! Sama leben, Kräft man! Haup Bewu herii ſein Schn Thec Stit ihre Bolz gleic beherztes ihm eine der Wla⸗ ſchon am zu dieſem et. Betſy Zettel mit usdrückten, legen war „ und jetzt chten, ein⸗ nüber, ſie und Kuhe Blick und er innerer agte Theo⸗ ein Abge⸗ ſachgemäß hre frühere en, Früchte ten we be⸗ „Kranken⸗ 95 7 Boleslaw, im Herzen voll Unruhe und leidenſchaft⸗ licher Beklommenheit, in ſeiner Haltung aber ernſt und nach Möglichkeit verſtändig, beglückwünſchte die junge Samariterin mit ermunternden Worten.„Für eine Idee leben, für einen Zweck, der wir nicht ſelbſt ſind, alle Kräfte einſetzen“, ſagte er,„iſt etwas ſo Erhebendes, daß man Angeſichts ſolcher Thätigkeit nur ſchweigen und das Haupt neigen kann. Wohl Jedem, der täglich mit dem Bewußtſein erwacht: du ſtehſt im Dienſte der Barm⸗ herzigkeit. Wohl Jedem, der täglich mit dem Bewußt⸗ ſein ſchlafen geht: du haſt Thränen geſtillt und Schmerzen gelindert.“ Aber als Boleslaw dann nach Theophila's Angehörigen fragte, umwölkte ſich ihre Stirn und ein ſtolz abweiſender Zug lagerte ſich um ihre fein geſchnittenen Lippen.„Es geht ihnen gut, Boleslaw Oſinski“, ſagte ſie kurz und ſetzte nach wenigen gleichgültigen Ergänzungen hinzu:„Wann reiſen Sie?“ „Sobald mein Chef hergeſtellt ſein wird.“ „Und er iſt hoffentlich auf dem Wege der Geneſung?“ „Er iſt faſt ſchon wieder wohl.“ Theophila ſchien noch eine Frage thun zu wollen, aber ſie nickte nur wie theilnehmend erfreut, und Boleslaw, das kurz abweiſende„Reiſen Sie glücklich!“ Joſepha's wider Willen auch auf Theophila's geſchloſſenen Lippen leſend, konnte nicht umhin, indem er ſich mit 96 einem unterdrückten Seufzer zum Abſchied rüſtete, jenes 1 letzten ihm gewordenen Lebenszeichens der Gräfin zu 1 begri gedenken.„Die Faſſung deſſelben“, ſagte er aufſtehend, 8 allen „war nicht wohl mißzuverſtehen. Ich hoffe, Zeit und W Ueberlegung werden, was ich etwa verbrach, in milderem 1 ched Eichte erſcheinen laſſen.“ bosli „Wir haben Ihnen nur zu danken“, erwiderte Theo⸗ nich phila, mehr höflich als herzlich, indem ſie ſich ebenfalls and erhob. noch Sie hatte immer noch eine Frage auf der Zunge. em Boleslaw fühlte es deutlich, aber das Eis zwiſchen 4 Red ihnen ſchien nicht ſchmelzen zu ſollen. täuſ „Begleitet Sie Jemand?“ fragte ſie endlich, als ſie miſe ihn faſt ſchon bis an die Schwelle geleitet hatte. bem „Außer dem Geſandten?“ lesl „Und Ihrem Diener, verſteht ſich.“ Fre „Ich theile die Cajüte mit dem Arzte Lord Sey⸗ als mour's.“. Theophila ſtreifte ihn mit einem mißtrauiſchen rede Blicke; dann reichte ſie ihm die Spitze ihrer Hand und thö er ging. nich Ohne Lebewohl? mit Draußen auf den rothen Backſteinplatten des Vor⸗ das platzes ſtand er wie erſtarrt. Ohne Lebewohl? arn ete, jenes ufſtehend, Zeit und. milderem te Theo⸗ ebenfalls r Junge. zwiſchen als ſie tte. nd Sey⸗ rauiſchen and und des Vor⸗ 97 Soviel herzliche Worte hatten beim erſten Wieder⸗ begrüßen auf ſeinen Lippen geſchwebt und keines von allen war flügge geworden! Aber auch Theophila brauchte eine geraume Zeit, ehe die froſtige Nachwirkung dieſes Abſchieds ſie wieder losließ. Sie hatte nach Boleslaw's Reiſebegleitung nicht aus Neugier gefragt. Es war ein tieferes Gefühl an dieſer Frage betheiligt geweſen, obſchon ihr immer noch hochmüthiges Herz ihr einredete, ſie wolle ihn nur empfinden laſſen, daß der Wohlklang ſeiner humanen Reden ſie nicht über einzelne ſeiner Inconſequenzen täuſche. Und aus dieſer Gedankenreihe hervorgehend, miſchte ſich jetzt in das dumpfe Gefühl, das ſich ihrer bemächtigt hatte, die peinliche Befürchtung, daß Bo⸗ leslaw ihre allerdings verſtändlich genug auf ſeine Freundin, die Wahrſagerin, abzielende Frage wohl gar als einen Anflug von Eiferſucht auslegen werde. Ihre Wangen begannen zu glühen.„Und warum“, redete ſie vor ſich hin,„entließ ich ihn in einem ſo thöricht ſeiner Eitelkeit ſchmeichelnden Wahn? War es nicht vielmehr jetzt an mir, ihm all' ſeine Demüthigungen mit Wucher zurückzuzahlen? Er geht und jenes Mädchen, das ihn liebte, läßt er hier. Konnte ich ihm nicht als ſeine unabweisbare Pflicht vorhalten, daß er ſich des armen Geſchöpfes in irgend welcher Weiſe erbarme? r⸗ R. Waldmüller Das Vermächtniß der Millionärin. III. 7 98 Konnte ich ihm nicht ſagen: du haſt aller Standes⸗ unterſchiede geſpottet, du haſt mit unübertrefflicher Salbung von der heiligen Kraft echter Liebe geſprochen und wie eine ſolche Liebe ſelbſt ein Kunſtreiterpaar über ſeinen frivolen Lebensberuf hinaushebe; du haſt dich über Alles und über Jeden zum Sittenrichter auf⸗ geworfen; ruhmrediger Moralprediger, verantworte dich jetzt, wie du die lange Prüfungszeit, die du jenes Mädchen beſtehen ließeſt, damit krönen willſt, daß du nach deinem Avancement zum Secretär des Lord Sey⸗ mour ihr ſchnöde den Rücken kehrſt.“ Mit großen Schritten maß die Erregte das Sprech⸗ zimmer, ihre Lippen bebten, ſie redete mit lebhaften Geberden und wenn ſie mit Blicken um ſich ſchoß, kamen ſie wie von der Höhe eines Thrones herab. Sie war kaum jemals majeſtätiſcher anzuſehen geweſen. Dazwiſchen hielt ſie auf einmal inne. Und was ging er ſie denn an? Wozu von dem lichten Wege, welcher vor ihr lag, ſich nach ihm und ſeiner ſchönen Gauklerin umblicken? Sie verfiel in dumpfes Grübeln und ein bitterer Ausdruck entſtellte ihre ſtolzen Züge. Dann beſänftigten ſich ihre Mienen. Sie trat auf den Gang hinaus und wandte ſich nach der Seite der Krankenſäle. Aber ſie vermochte ihrem barmherzigen Berufe noch nicht wieder nachzugehen. Auf der Schwelle des erſten Standes⸗ ttreflicher geſprochen treiterpaar z du ha ſchter auf⸗ worte dich du jenes daß du Lold Seh⸗ 8 Sprech⸗ lebhaften ſch ſchoß, erab. Sie weſen. was ging e, welcher Gauklerin und ein e. Dann den Gang rankenſäle. rufe noch des erſten 99 derſelben kehrte ſie um. Sie rang die Hände und ein paar Male griff ſie nach dem Roſenkranze. In dem Gange, in dem ſie auf und ab ſchritt, hing das St. Patricks⸗Wappen, ein länglicher weißer Schild, in deſſen Mitte ein rothes, von drei Kleeblättern und drei Kronen umgebenes Kreuz. Das Blätter⸗dreimal⸗ drei, hatten ihr die St. Patricks⸗Schweſtern geſagt, ſollte gegenüber den einmaligen drei Kronen daran mahnen, daß dreimal mehr an Liebesopfern zu leiſten als an Himmelslohn zu beanſpruchen ſei. Theophila ſah gleich⸗ giltig darüber hin. Sie beanſpruchte keinen Lohn; es gab ja keinen mehr, der ſie reizte. Aber während ſie ihre Gedanken zwiſchen dem Schein⸗ glücke ihres Berufes und dem ſo leichten Sinnes von dannen ziehenden Lobredner desſelben hin⸗ und her⸗ ſchweifen ließ, fiel ihr die Unwahrheit aufs Herz, mit welcher ſie ſeine Frage nach ihren Angehörigen beant⸗ wortet hatte. Erſchrocken ſtand ſie ſtill. Ihre Wangen überzog von Neuem eine glühende Röthe; ſie legte die Hand an die Stirn und blieb einige Augenblicke wie rathlos. Dann, als ein kleines Mädchen mit allerlei Schreib⸗ geräth für die St. Patricks⸗Kanzlei die Treppe herauf⸗ kam, winkte ſie das Kind heran, beſchrieb in Eile ein Blatt Papier und ließ dasſelbe auf der Stelle fort⸗ 7* 100 tragen. Während ſie ſchrieb, war es wie ein Hauch der Weihe über ihre Mienen gekommen. Nun ging ſie geſenkten Blicks, aber mit einem verſöhnten Ausdruck um die Lippen, an ihr Pflegergeſchäft. Mißmuthig war Boleslaw in ſein einſames Strand⸗ quartier zurückgekehrt. Da lag noch die kritiſche Ana⸗ lyſe des engliſchen Werkes über die erſte polniſche Revolution. Im Hafen johlten, wie ſie's täglich thaten, die ruſſiſchen Matroſen in den Maſten des„Wladimir.“ Welch ein ödes Einerlei! Wohin mit Augen und Ohren, um der Unluſt zu entfliehen, die wie ein Miasma Allem ringsum entſtrömte? Dennoch durfte er ſich nicht mit Nachdenken auf⸗ halten. Stand doch ohnehin ſein Gelöbniß zwiſchen ihr und ihm. Und er zwang ſich zum Arbeiten. Da klopfte es.—„Herein!“— Das Pförtner⸗ töchterchen des Hoſpitals trat ein. Sie hatte ſich glücklich bis zu ihm durchgefunden und brachte einen Brief. Einen Brief von Theophila! „Ich habe Ihnen eine Unwahrheit geſagt“, ſo lau⸗ teten die flüchtig hingeworfenen polniſchen Bleiſtift⸗ zeilen,„und mag es nicht dabei belaſſen. Mein Vater iſt im Gefängniſſe. Die Meinen ſind zerſtreut. Wenn ich Ihnen heute vielleicht mehr Stein als Menſch zu ſein ſchien, ſo wiſſen Sie nun wenigſtens einige in glaube i uns das erſparen Bole ſchalt ſi was ihn leicht re für ihn! drücken. in ihm Nod befand Er ſche einer T noch die kritzelte abzuwem cher D zurück. noch ve Abe Hiffsbe dem ver Hauch ing ſie sdruck Strand⸗ e Ana⸗ niſche thaten, dimir.“ Ohren, Niasma n auf⸗ wiſchen 1 fürtner⸗ lücklich ief. ſo lau⸗ Zleiſtift⸗ Mein erſtreut. in als nigſtens ——⸗—⅓—Z-: u 101 einige meiner Gründe. Leben Sie wohl. Sie haben, glaube ich, Empfindung. Bethätigen Sie's, indem Sie uns das demüthigende Almoſen Ihrer Theilnahme erſparen. Theophila.“ Boleslaw bebte vor Wonne. Er ſchämte ſich, er ſchalt ſich laut. Und doch— es war eitel Wonne, was ihn erfüllte. O, die Freude: rathen, helfen, viel⸗ leicht retten zu können! Er mußte das Blatt, das ſie für ihn beſchrieben hatte, wieder und wieder an die Lippen drücken. So hatte es ſeit ſeinen Jünglingsjahren nicht in ihm gegährt. Noch keines zuſammenhängenden Gedankens fähig, befand er ſich ſchon wieder in der St. Patricksſtraße. Er ſchellte, er verlangte Theophila zu ſprechen. Nach einer Weile ward ihm der Beſcheid, ſie ſei weder heute noch die folgenden Tage für ihn zu ſprechen. Er be⸗ kritzelte einen Zettel mit der flehenden Bitte, ihn nicht abzuweiſen, ihm wenigſtens die Möglichkeit irgend wel⸗ cher Dienſtleiſtung zu gewähren.— Der Zettel kam zurück. Der Beſcheid blieb derſelbe. Alles, was er noch verſuchte, hatte denſelben Mißerfolg. Aber brauchte er denn gerade Theophila mit ſeiner Hilfsbefliſſenheit zu quälen? Würde man ihm nicht in dem verödeten gräflichen Quartiere Auskunft geben kön⸗ 102 nen? Mußte nicht Aaron um den Verlauf dieſer düſtern Begebenheit wiſſen? Er fragte ſich bald nach der Straße durch, wohin er unlängſt Aaron und Zipora escortirt hatte, und fand nach manchem Irrgehen die rechte Thür. Als ihm auf ſein Pochen und Rufen Niemand öffnete, geſellte ſich ihm ein triefäugiges altes Hauſir⸗ weib, das eben Kaninchenfelle ausſtäubte.„Den Aaron“, ſchnurrte ſie,„hat geſetzt man in Verwahrſam geſtern Abend, und die Zipora hat geholt man heute hinterdrein.“ Boleslaw ſuchte die Urſache der plötzlichen Maß⸗ regeln zu erfragen, aber der Vermuthungen des alten Weibes und der hinzukommenden Neugierigen waren ſo viele, daß er Aaron und Zipora für jetzt ihrem Schickſale überlaſſen mußte. In dem alten gräflichen Quartiere erfuhr er denn endlich wenigſtens die äußerlichen Umriſſe des über Graf Bielski und die Seinen hereingebrochenen Un⸗ gemachs. Am ſelben Abend noch machte er Joſepha und die Knaben ausfindig. Eben vorher war die verſchwunden geweſene kleine Aniela wieder eingerückt; ein Conſtabler hatte ſie zurückgebracht, weitere Auskünfte und Vor⸗ ladungen wegen der des Raubes verdächtigen Perſonen auf den nächſten Tag verſchiebend. Boleslaw fand die Gräfin d thigen 6. daß ſie verwerth Zukunft von Ale nehmen gelobte thunlich Die verſucht Man tre rathen Als Glocken man ih wieder finden d ſelbe ſe zweien gefragt trachtun Sir Jo Beſuch ſchieben 103 —yÿy—— ſtern Gräfin daher in gehobener Stimmung. Sie war mu⸗ . thigen Geiſtes, und Boleslaw gewahrte mit Befriedigung, whin daß ſie ihre vielſeitigen Kenntniſſe bereits aufs beſte fand verwerthete. Nur die Sorge um den Grafen und deſſen Zukunft marterte ſie ſichtlich. Boleslaw verſprach ſofort, mand von Allem, was in dieſer Angelegenheit etwa vorzu⸗ aüſir⸗ nehmen möglich ſei, Erkundigungen einzuziehen. Sie ton, gelobte ihm dagegen, ihre Angſt ſo viel wie irgend ſtern thunlich zu bekämpfen, damit ihre Kraft nicht verſage. 1 rein.“ Die von ihr ſelbſt bereits zu Gunſten des Grafen Maß⸗ verſuchten Schritte waren ſämmtlich erfolglos geblieben. alten Man trennte ſich, nachdem nur das Allernöthigſte be⸗ varen rathen worden war. 1 ihrem Als Boleslaw bald darauf an dem häßlich gellenden Glockenzuge von Giltſpur Priſon klingelte, bedeutete denn man ihm, für heute ſei es zu ſpät; er möge morgen über wieder vorſprechen. Auf ſeine Frage nach dem Be⸗ ſelbe ſei bereits vor einigen Tagen gleichzeitig mit d die zweien ſeiner Collegen in Freiheit geſetzt worden; un⸗ unden gefragt fügte der geſprächige Schließer noch allerlei Be⸗ rabler trachtungen über die Gewandtheit hinzu, mit welcher Un⸗ finden des Grafen Bielski erhielt er den Beſcheid, der⸗ 8 Sir John, ſo oft die Polizei ihm unter der Hand einen Beſuch anſage, unerfahrene Neulinge in ſeine Stelle zu ſchieben wiſſe;„der da, nach welchem Sie fragen“, ſagte Vor⸗ ſonen d die 104 er,„muß wenigſtens noch nicht lange beim Geſchäfte geweſen ſein. Meiner Treu, er benahm ſich ſo ſcheu und aufſäſſig wie ein Pferd, das man zum erſten Mal an die Deichſel bindet.“—„Und lecker“, ergänzte der hinzukommende, wohlgenährte Verköſtiger des Gefäng⸗ niſſes,„lecker war der Herr Graf wie eine Ziege. Weder Speiſe noch Trank hat er anrühren wollen, und doch hatte Sir John Pottinger für ſeine ſämmlichen Gentlemen ein ſehr anſtändiges Koſtgeld geſendet, und daß die Giltſpurverpflegung ihre Pflichten gewiſſenhaft erfüllt, iſt ja männiglich bekannt. Zuletzt iſt der Herr Graf auch nicht einmal zur Annahme der Doppelguinee zu bewegen geweſen, welche Sir John für jeden der Gentlemen beigefügt hatte. Nicht daß ich ihm Böſes nachreden will“, ſchloß der verſöhnliche Mann mit einem Blicke auf ſeinen Bauch, deſſen Fülle die Güte der Gefängnißkoſt zu illuſtriren beſtimmt ſchien,„zuletzt: Gefängnißleben iſt Gefängnißleben. Die Kreuzotter rührt in der Gefangenſchaft auch keine Nahrung an. Es iſt nicht Jedermann gegeben, beim Regen trocken zu bleiben.“ Mit gepreßtem Herzen ging Boleslaw weiter. Wo⸗ hin konnte ſich der Graf gewendet haben? Boleslaw hatte den Grafen nie geliebt. Dennoch hätte er jetzt viele Jahre des Glückes für die Gewißheit hingegeben, ihn gebo philas athmen, was er geſündig 3 dunkelnd durchſchl Vuchſtal vor ſein ermittel ſchirend große? gaben, Namen Viſiten Pappri morgige Comtef Es leichthi Graf 1 Hantie fühlte für die cäfte ſcheu Nal e der fäng⸗ Ziege. „und lichen und enhaft Herr zuinee n der Böſes 1 mit Güte uletzt: zotter g an. rocken Wo⸗ eslaw jetzt 105 ihn geborgen zu ſehen. Er litt in Joſepha's und Theo⸗ phila's Seele. Wie wollte man je wieder frei auf⸗ athmen, wenn dieſer Unglückliche wirklich abbüßen ſollte, was er in ſeinem Unverſtande an ſich und den Seinen geſündigt hatte? Während Boleslaw noch in ſolchen Gedanken die dunkelnden, aber immer geſchäftig belebten Straßen durchſchlenderte, fielen ihm ſechs bis ſieben rieſige Buchſtaben auf, die in einiger Entfernung irrlichterartig vor ſeinen Augen tanzten. Sie wurden, wie er bald ermittelte, von einer Anzahl in Reihe und Glied mar⸗ ſchirender Reclamenmänner Mr. Nelſon Lamb's als große Transparente auf dem Kopfe getragen und er⸗ gaben, wenn einmal im Zuſammenhange lesbar, den Namen JADWIGA. Als Boleslaw der ambulanten Viſitenkarte näher kam, entdeckte er auf dem gelben Papprücken der ſieben Männer das Programm des morgigen erſten Auftretens der„berühmten polniſchen Comteß.“ Es gab ihm doch einen Stich durchs Herz. Wie leichthin hatte er dieſe Sache genommen, ſo lange der Graf noch aus ſeiner Wolkenhöhe auf die mannichfachen Hantierungen der tieferen Stände hinabblickte! Jetzt fühlte er, was dieſe öffentliche Schauſtellung der Einen für die ganze Familie bedeute. 4 106 Der Circus war nicht ſehr fern und Boleslaw machte ſich ſofort dahin auf den Weg. Als er die Weſtminſterbrücke erreichte, vernahm er bereits den dum⸗ pfen Tact der großen Orcheſter⸗Trommel. Es werde Generalprobe gehalten, bedeutete ihm ein hinkender Zettel⸗ träger, welcher das Aufhorchen Boleslaw's bemerkt hatte und raſch mit ſeiner bunten Druckwaare bei der Hand war; der Zudrang werde morgen lebensgefährlich werden. An der geſperrten Circusthür ſtand es denn auch ſchon jetzt voll von neugierigen Lauſchern. Nach manchem vergeblichen Verſuch, ſich Einlaß zu verſchaffen, gewahrte Boleslaw einen von der Reitbahn ihm bekannten Roßknecht und gelangte durch deſſen Vermittlung glücklich ins Innere. Das rieſige, von Stallduft erfüllte Gebäude war faſt dunkel. Nur den Raum, wo Probe gehalten wurde, erhellte hie und da ein Gaslicht. Man hörte die Stentor⸗ ſtimme Mr. Prescott's, dazwiſchen das Trampeln der Pferdehufe an den Barrieren, die Peitſchenknalle Mr. Blanqui's, die kreiſchenden Antworten derjenigen Damen, denen der Oberſtallmeiſter Verweiſe gab, Lachen endlich und Händeklatſchen, Schnauben und Wiehern, Bellen, Pruſten und Brummen— denn auch Hunde, Bären und Elephanten waren dabei— und dann, ſobald M.. Pr Dutzend zu Ende maſch wieder Noh worden ein End Orüeeſte trieb ſe Auch ſi haſct Volesla herſpät R Augenl noch ei⸗ Männe rathun es iſt überſti Al Jadwi Valletk nöthigt Naw die dum⸗ verde ettel⸗ nerkt der llich auch ß zu dahn eſſen war unde, tor⸗ der Mr. men, dlich len, ären ,—„— 107 Mr. Prescott Muſik commandirt hatte, ein halbes Dutzend rauſchender Tacte, die nie eine Melodie ganz zu Ende brachten, und wenn man den Stimmenmiſch⸗ maſch eben glücklich überwunden meinte, ihm ſchon wieder von neuem das Wort überließen. Noch ehe Boleslaw aber Jadwiga's anſichtig ge⸗ worden war, hatten auch dieſe harmoniſchen Bruchſtücke ein Ende; die Muſikanten blieſen ihre Lichter aus, das Orcheſter wurde leer, und wenige Augenblicke ſpäter trieb ſelbſt in der Arena nur noch Zephyrine ihr Weſen. Auch ſie verſchwand indeſſen— gehaſcht oder nicht ge⸗ haſcht— die Dunkelheit verbarg das Weitere, und Boleslaw wendete ſich nach manchem vergeblichen Um⸗ herſpähen dem Ausgange wieder zu. „Kommen Sie herauf“, hörte er ſich in dieſem Augenblicke aus einer hohen Seitenloge, in welcher noch eine letzte Gasflamme brannte, von einer jungen Männerſtimme angerufen;„wir ſitzen hier oben in Be⸗ rathung, Jadwiga, Mr. Craiggs und ich; kommen Sie! es iſt kein Augenblick zu verlieren; ich bin ſchon halb überſtimmt. Sind Sie für runde oder ovale Arenen?“ Als Boleslaw die Loge erreicht hatte, kam ihm Jadwiga blühend und glückſtrahlend im kurzen Roſa⸗ Balletkleide entgegengeſprungen, faßte ihn bei der Hand, nöthigte ihn, ſich zwiſchen Mr. Craiggs und Alfred 108 Blackman niederzulaſſen, und zog ihn ſofort in die De⸗ batte hinein.„Ohne dieſen Bundesgenoſſen“, warf ſie dazwiſchen, wie um die verſäumte Höflichkeit des Vor⸗ ſtellens nachzuholen,„müßte ich vielleicht heute noch im langen Schleppkleide einherſchleifen— Mr. Craiggs, Mr. Boleslaw— Mr. Boleslaw, Mr. Craiggs“, und im ſelben Athem wies ſie nach, was Alles in der Kunſtreiterei anders werden müſſe und was ſie Alles durchſetzen werde, koſte es auch Kopf und Kragen. Das ungleiche Kleeblatt war, wie Boleslaw endlich zu verſtehen glaubte, in voller Verſchwörung gegen die geſammte Reiterbudenkunſt der Gegenwart, und nur die Anſichten über das Maß der Neuerungen ſchienen ver⸗ ſchieden. Der Sohn Jane Kennington's— vielleicht in Erinnerung an die unglücklich abgelaufenen Kunſt⸗ wagniſſe ſeiner frühverſtorbenen Mutter— vertrat in dieſem Concile die alte Schule, ſo viele Verbeſſerungen er auch für zuläſſig erklärte. Jadwiga verfocht die Sache der oblongen Bahnen, der improviſirten„Fan⸗ taſias“ im freien Felde, der Bravourſprünge über Hecken, Zäune und Gräben und der Ideal⸗Vorführung aller irgend als beritten denkbaren Nationen oder Fabel⸗ weſen. Der Millionär endlich, als Stimmführer des fortſchreitenden Geſchmackes und des go-a-head- Yankeet Flamme heiße w Maßha ſchick fi kühnſte er dan über, n maſſen, Welt! Grund Plane ſagte geball Himm mochte zu gut ich we das w ja, da ich ſe Arith. Ideen Glücks Blackn D De⸗ rj ſie Vor⸗ noch iggs, 998 Alles was und nhlich n die r die ver⸗ leicht dunſt⸗ at in ngen t die Fan⸗ ecken, aller abel⸗ ührer lead- — 109 Yankeethums bei allen dieſen Projecten Feuer und Flamme, bewies das Zeitgemäße jeder Neuerung, ſie heiße wie ſie wolle, belobte aber Blackman's vorſichtiges Maßhalten und freute ſich auch, durch ſein eigenes Ge⸗ ſchick für ſichere Berechnungen ſelbſt das ſcheinbar Toll⸗ kühnſte zweckmäßig abdämpfen zu können. Sofort ging er dann auf das Gebiet der ſachlichen Bedingungen über, machte Koſtenanſchläge, berechnete die Zuſchauer⸗ maſſen, bezeichnete die paſſendſten Metropolen der neuen Welt und ſtellte ſolcherart in gigantiſchen Umriſſen die Grundzüge einer Verwirklichung aller dieſer luftigen Plane feſt.„Denn Sie müſſen wiſſen, lieber Herr“, ſagte er zu Boleslaw, indem er, ſein Toupet in der geballten Fauſt haltend, energiſch damit nach derjenigen Himmelsgegend deutete, wo er Amerika vermuthen mochte,„ſie iſt ein Weltwunder und hunderttauſendmal zu gut für euer ſchläfrig conſervatives altes Europa; ich werde ſie an Kindesſtatt adoptiren; ja by Jove! das werde ich; und die beſten Pferde ſoll ſie haben— ja, das ſoll ſie, ich bin ein einſamer Mann; und wenn ich ſelber den Stallmeiſter ſpielen müßte, meine ganze Arithmetik ſetze ich daran, um alle ihre grandioſen Ideen Fleiſch und Blut werden zu ſehen. Du aber, Glückspilz“, wendete er ſich ſchmunzelnd zu Alfred Blackman, indem er ihn beim Ohr zupfte—„nun 110 davon ein andermal! Nur Geduld, liebe Kinder, old Mr. Craiggs iſt kein übler Verbündeter.“ Boleslaw hatte den pennſylvaniſchen Sonderling längſt dem Namen nach gekannt. Man ſagte demſelben unzählige abenteuerlich klingende Unternehmungen nach, aber Jeder rühmte gleichzeitig Eigenſchaften an ihm, die einem jungen unerfahrenen Paare, wie dieſe Beiden hier, im hohen Grade zu ſtatten kommen mußten. Bo⸗ leslaw hielt mit der letzteren Meinung denn auch nicht zurück. „Wie die Dinge ſich einmal geſtaltet haben“, ſagte er nach einigen Bemerkungen über jene löblichen Eigen⸗ ſchaften,„wünſche ich allen Betheiligten von Herzen Glück. Meine Beſorgniſſe ſind durch dieſe unverhoffte Wendung zum großen Theile zerſtreut worden. Aber wie ſteht es mit der Zuſtimmung des Grafen? Die Comteß wird unmöglich von dannen ziehen, ohne ihren Vater verſöhnt zu haben. Sind Verſuche dieſer Art gemacht worden? Ich kam hierher, um zu erfragen, was man über das Verbleiben des Grafen weiß.“ Mr. Craiggs machte eine unbehagliches Geſicht und rüſtete ſich zum Gehen.„O!“ jubelte Jadwiga,„der Papa hat ja für morgen ſchon Billete holen laſſen; Gott ſei Dank, es wird ja Alles in Frieden und Freu⸗ den enden.“ Sie durch L erſten dieſem Stimme vernehn digkeit in den Afred? 7Hc indem geſellte. Der kann d die das Beſtell „Un leslaw, Majord leider 8 Craigg Wagen „D. und un „ old etling ſelben nach, ihm, geiden Bo⸗ nicht ſagte Ligen⸗ derzen whoffte Aber Die ihren r Art ragen, ſt und „„der aſſen; Freu⸗ ——— 4111 Sie ließ ſich von Boleslaw, welcher erſtaunt ſchwieg, durch Handſchlag verſprechen, daß auch er bei ihrem erſten Auftreten nicht fehlen werde, und da ſich in dieſem Augenblicke unten im Dunkel der Arena die Stimme der Madame Blanqui, zur Nachtruhe mahnend, vernehmen ließ, ſchwang ſich Jadwiga mit der Behen⸗ digkeit eines Eichkätzchens über die Barriere der Loge in den Sand der Arena hinab und war verſchwunden. Alfred Blackman folgte ihr mit einem Trambolinſprunge. „Habe ich recht verſtanden?“ fragte Boleslaw, indem er ſich dem ebenfalls aufbrechenden Mr. Craiggs geſellte. Der Letztere zog einen Zettel aus der Taſche.„Ich kann die Schrift nicht leſen“, ſagte er;„aber Jadwiga, die das Blatt dem Caſſier abnahm, will eine polniſche Beſtellung daraus entziffern.“ „Und eine ſolche iſt es in der That“, verſetzte Bo⸗ leslaw, die Handſchrift Marcin Laski's erkennend, des Majordomus der Staroſtin;„nur hat dieſe Beſtellung leider mit dem Grafen nichts zu ſchaffen.“ „O, faſt hätte ich mir's denken können“, ſagte Mr. Craiggs, indem er auf die Straße hinaustrat und einen Wagen herbeiwinkte. „Da wiſſen Sie ohne Zweifel um die Verhaftung und um den jetzigen Aufenthalt des Grafen? „ 112 „Beſtimmtes weiß ich nicht und will ich auch nicht wiſſen“, verſetzte Mr. Craiggs und ſtieg ein;„aber, mein beſter Herr“, redete er behaglich aus dem Wagen⸗ fenſter weiter,„und wenn Graf Bielski nun ſelbſt als wandelnde Pyramide umherliefe, könnten Sie oder ich oder Jadwiga etwas dafür? Ich glaube nicht. Oder würde er ſich daraus erlöſen laſſen? Ich glaube eben⸗ ſowenig. Und ſomit wollen wir unſerer lieben Aus⸗ reißerin, dächte ich, die Freude gönnen, ihren werthen Papa unter den Zuſchauern zu vermuthen. Ein erſtes Kunſtreiterauftreten iſt kein Kinderſpiel. Ich möchte das Genick des kleinen Kobolds nicht noch mehr in Gefahr bringen.“ Der Wagen pollte fort und, verſtimmt über die Unmöglichkeit, hier helfend einzugreifen, begab ſich Bo⸗ leslaw auf den Heimweg. Als Beide ſich entfernt hatten, trat ein junger ſchwarzäugiger, ſporenklirrender Mann mit gewichstem Schnurrbart und zierlich gedrehter Locke aus dem Schatten einer der Säulen des Circusportals hervor, von wo aus er den Worten des Amerikaners gelauſcht hatte, und ſchellte um Einlaß.„Cignaroli“, meldete er, als von Innen gefragt wurde, wer draußen ſei, und dann, wäh⸗ rend die Thür ſich aufthat, redete er im Genueſer Dialekt ſchadenfeoh vor ſich hin:„Alſo der Herr Vater der kleinen per Ba werden. einen a rief er warum Gehäuſe Herrn und bla reifen? Morte ſporen da bin nicht naber, Lagen⸗ bſt als der ich Oder eeben⸗ Aus⸗ erthen erſtes möchte tehr in ber die ſich Bo⸗ junger ichstem Schatten wo aus te, und als von n, wäh⸗ Dialekt ater der 113 kleinen Prinzeß läuft als wandelnde Pyramide umher? Per Bacco! Das ſoll dem ſpröden Aeffchen eingetränkt werden.“ Er biß ſich auf den Finger, wie plötzlich auf einen anderen Gedanken verfallend,„Morte di Dio!“ rief er auf einmal wie verzückt und durchleuchtet;„und warum ſteck' ich mich nicht ſelber in ſolch ein wanderndes Gehäuſe und locke ſie ſolcher Art, immer dem vermeinten Herrn Vater nach, wohin ich will?“ Er wurde roth und blaß.„Sie hat mich lange genug um jenes un⸗ reifen Milchbarts willen mit dem Rücken angeſehen— Morte di Dio!“ Er ſtampfte die Erde, daß ſeine Silber⸗ ſporen luſtig klangen,„wenn's mir dießmal mißlingt, da bin ich nicht werth, die Pferde zu ſtriegeln.“ R. Wald müller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 8 —ÿᷓ —— — Siebentes Kapitel. Der ereignißreiche Tag. Bei hellem Sonnenſcheine oder blendend weißem Himmel wird im Freien faſt nie anders als mit halb offenem Munde gearbeitet, beiläufig geſagt, eine Beob⸗ achtung, die in der Malerei nicht gar häufig ver⸗ werthet wird. Dr. Duffy, der blutdürſtige Arzt der Staroſtin, hatte die nämliche Beobachtung gemacht, aber er be⸗ hauptete, wenn die Sonne nicht ſcheine oder der Him⸗ mel nicht blende, müſſe die Staroſtin ihren Mund ſchließen können oder ſie ſei krank, und dann beſuche man keinen Circus. Sie war in der That ſo krank, daß Marcin Laski helle Thränen vergoß. Welche an⸗ dere Herrin als die Staroſtin freilich würde ihn bis elf Uhr Vormittags im Bette liegen laſſen?—„O, die arme G Marein Er hatt als ſiebe näht, a Summe jammert Mutter du mei Bettelle einmal ſchaffen. Wä Weiſe Patient ſchröpfe näckige abzubrit Aufreg Organi Am fallen, pflichtve Vater n Allem ſ eißem t halb Veoh⸗ g ver⸗ rwoſtin, er be⸗ r Him⸗ Mund beſuche krank, che an⸗ hn bis 8) dir ‿/ 115 arme Gnädige!“ ſchluchzte er,„ſie wird ſterben und Marcin Laski wird ſich die Augen ausweinen!“— Er hatte im Laufe einer langen Dienſtzeit etwas mehr als ſiebentauſend polniſche Gulden in ſein Kopfkiſſen ver⸗ näht, aber bei etwas früherem Aufſtehen hätte die Summe längſt verdreifacht werden können.„Und jetzt“, jammerte er der Kranken vor,„jetzt wird die gute Mutter auch noch ohne Teſtament aus der Welt gehen, du mein Erlöſer! wir ſind ja ſammt und ſonders Bettelleute, wenn das geſchieht; man wird uns nicht einmal in einem gehobelten Kaſten in die Erde ſchaffen.“ Während Dr. Duffy und Marcin Laski in dieſer Weiſe der alten Rieſin zuſetzten, der Eine um ſeine Patientin, der Andere um ſeine Herrin noch eine Weile ſchröpfen zu können— Beide übrigens, ohne die hart⸗ näckige Alte von ihrem Vorhaben des Circusbeſuchs abzubringen, während deſſen hatte Jadwiga Nöthe und Aufregungen zu beſtehen, die eine minder elaſtiſche Organiſation nahezu zerrüttet haben würden. Am Morgen ihres Debut war ihr aufs Herz ge⸗ fallen, daß ſie doch eigentlich ein recht leichtſinniges, pflichtvergeſſenes Kind ſei und daß ſie unmöglich ihrem Vater wieder unter die Augen treten könne, ohne vor Allem ſeine Verzeihung zu erflehen. Noch in der näm⸗ 8* 116 lichen Stunde machte ſie ſich nach Cavendiſh Square auf den Weg. Hier erfuhr ſie die Verhaftung des Grafen, das Zuſammenbrechen des ganzen ſtolzen Haushaltes. Betäubt und in Thränen gebadet, fragte ſie ſich bis zu Joſephen durch. Alles Vernommene wurde ihr von dieſer, wenn auch mit beruhigender Einſchränkung beſtätigt; aber eine kurz zuvor bei Joſepha eingetrof⸗ fene Mittheilung Boleslaw's, er bemühe ſich bis jetzt vergebens, die Spur des bereits aus der Haft Ent⸗ laſſenen aufzufinden, ſtürzte Jadwiga nur noch in größere Aengſte. Sie ſtürmte auf die nächſte Polizei⸗ ſtation und verlangte ſofortige Nachforſchungen. Dann, als man dießfällige Verfügungen zu treffen zwar bereit war, vorderhand jedoch ihr keinerlei Nachweiſe geben konnte, durchſtöberte ſie ſelbſt einen Theil der unge⸗ heuren Stadt und kehrte erſt ſpät Nachmittags erſchöpft nach Madame Blanqui'’s Wohnung zurück. Niemand als Zephyrine war zu Hauſe. Sie hatte mit ihrem Collegen Cignaroli eben vorher einen Strauß in Betreff Jadwiga's ausgefochten, denn im Grunde ihres Herzens war ſie nicht bösartig, und ſo gern ſie der Concurrentin auch einen Schabernack geſpielt hätte,— zu Cignaroli's geheimem Anſchlag mit zu helfen, war ſie doch nicht zu bewegen geweſen. Im Gegentheil hatte ſie nicht übel Luſt, Jadwiga zu warnen. „D Zephyr wie eit eingebl Geh a Ja meinte, ſie wiſ ul fragte davon lunger 7 ſchalt un, Straß 8 17 rief g quare rafen, tes. e ſich de ihr nkung getrof⸗ S jetzt Ent⸗ ch in olizei⸗ Dann, bereit geben unge⸗ ſcchöpft hatte Strauß Hrunde ern ſie itte— var ſie hatte —— 117 „Du wirſt in der ganzen Stadt geſucht“, zwitſcherte Zephyrine,„wer läuft denn am Tage ſeines Debut wie eine Wachtel umher? Ei, da liegt man hübſch eingeölt im Bette und faullenzt ſich Kraft in die Glieder. Geh auf Dein Zimmer und leg Dich ſchlafen.“ Jadwiga fragte nach Alfred Blackman. Zephyrine meinte, der ſchieße jenſeits der Themſe Piſtolen ein; ſie wiſſe nicht genau wo. „Und hat ſich Mr. Craiggs nicht ſehen laſſen?“ fragte Jadwiga, indem ſie Miene machte, von neuem davon zu laufen. Zephyrine verneinte die Frage.„Auch weiß ich nicht“, ſagte ſie ſchon wieder ſpottluſtigen Tons,„was Mr. Craiggs hier ſchon wieder zu ſuchen gehabt hätte. Im Grunde könnteſt Du Dir vor der Hand doch wohl an dem kleinen Blackman genug ſein laſſen. Oder wollteſt Du mir nicht zu verſtehen geben, Mr. Craiggs ſolle Deinetwegen von früh bis ſpät um den Circus herum⸗ lungern?“ „Du willſt Dir wohl wieder Schläge zuziehen 2 ſchalt Jadwiga;„ſieh Dich vor!“ Und ſie ſchickte ſich an, eine abermalige Rundwanderung durch London's Straßen zu unternehmen. „Du thäteſt gut, etwas manierlicher zu werden“, rief Zephyrine, gereizten Tons,„oder ſteifſt Du Dich 118 etwa noch immer auf Deine vornehme Herkunft? Je nun, mein Vater war freilich nur ein ſimpler Stall⸗ knecht, aber als wandelnde Pyramide iſt er denn doch nicht umher gelaufen.“. Jadwiga wurde feuerroth vor Scham und Zorn. „Lügenbalg“, rief ſie und faßte Zephyrine ſo unſanft am Arme, daß die kleine Schlange laut aufſchrie.„Auf der Stelle ſagſt Du mir, was Du von meinem Papa weißt, oder ich breche Dir den Arm mitten entzwei.“ Zephyrine ſchrie, als ſtecke ſie am Spieße. Jadwiga mußte ſie loslaſſen. „Ich werde Dein Pferd ſcheu machen“, weinte Ze⸗ phyrine. 8 „Immerhin!“ „Kann denn ich dafür, daß Dein Vater mit An⸗ noncen handelt?“ „Aber es iſt eine abſcheuliche Unwahrheit.“ „Gib nur Acht, wie ich Dir Deine Plumpheit zu⸗ rückzahlen werde. Blau und braun haſt Du mich gekniffen.“ 8 Darin hatte ſie Recht, und Jadwiga ſuchte die rboſte denn auch wieder zu verſöhnen. „Ach, geh nur', ſchluchzte Zephyrine,„immer meinſt Du, Dir ſei Alles erlaubt.“ Es dauerte lange, ehe Jadwiga's begütigende Worte ihren Zweck erreichten, und erſt als Jadwiga eine ihrer goldene gephyr ttand nochma mal in ſie ſic wann eingetre ausmar welche Ueberf hier e⸗ trotz Pyran A wie zu entfern war b W robuſt nach Gewa den 2 entdech Allei 119 4 3e goldenen Haarnadeln als Schmerzensgeld opferte, wurde Einl. Zephyrine wieder mittheilſamer. Nach und nach ver⸗ dcj ſtand ſie ſich dazu, was ſie erfahren haben wollte— 4 nochmals deutlich zu wiederholen, und nun ſie ein⸗ Jon mal in's Flauſenmachen hineingekommen war, zeigte danſt ſie ſich aufs allergenaueſte unterrichtet. Sie wußte, „Auf wann der Graf bei dem Annoncen⸗Pächter Nelſon Lamb Lupa eingetreten ſei, nannte die Stunde, wann er Abends u ausmarſchire, rühmte die rieſige Transparent⸗Tulpe, wiga 1 welche er auf dem Kopfe trage, und erzählte zum Ueberfluß auch noch in ihrer leichtfertigen Weiſe— te e⸗ hier erfand ſie nichts hinzu— wie ſie ſelber einmal trotz Madame Blanqui's Aufpaſſerei als wandelnde Pyramide ein allerliebſtes Rendezvous beſtanden habe. t An⸗ Als ſie gleich darauf mit Cignaroli anband, welcher wie zufällig unter dem Fenſter vorüberklirrte und pfiff, entfernte ſich Jadwiga ſo geräuſchlos wie möglich und ——— t war bald auf dem Wege nach Cheapſide. fffen.“ Wie ſie dort den kleinen Fiſchhändler durch ihre e de robuſte Schönheit außer Faſſung brachte, und wie’ 4 nach langem Spähen und Weinen, endlich durch das 2 — meinſt Gewahrwerden einer großen Transparent⸗Tulpe in 4 den Wahn verſetzt, ſie habe die Spur ihres Vaters 48 Worte entdeckt, auf die dunkelnde Straße hinauseilte, das 3 Alles iſt bereits an einer andern Stelle berichtet worden. 120 „Papa!“ rief ſie halblaut, indem ſie, durch das Ge⸗ ſde ſcho wühl der verkehrsreichen Straße nach Möglichkeit ſich landen L ihren Weg bahnend, jene unheimliche Papp⸗ und Lein⸗ konnte h wand⸗Maske einzuholen ſuchte,„Papa! Papal ich bin's, hohen Ge Deine Jadwiga!“ ſam auft Die Tulpe machte eine Bewegung, welche wie Kopf⸗ verloren ſchütteln ausſah, und bog gleich darauf mitten in das Jad dichteſte Wagengedränge hinein, als wolle ſie auf dieſe aller Hi Weiſe der ſie Verfolgenden entgehen. neuen K Aber die Angſt, der Vater werde überfahren wer⸗ ſtens ſic den, trieb Jadwiga nur noch ungeſtümer hinterdrein. zuarbeit Weder die ihr entgegenwogende Menge vermochte ſie„Pa⸗ aufzuhalten, noch die brutale Geſchäftshaſt Einzelner athemſch derſelben, welche mit abweiſenden Stößen dem jungen„um all Mädchen unſanft bedeuteten, daß auch andere Leute Eile mehr al haben. Und ſo, bald der Tulpe ganz nah, bald durch In Wagen, Reiter und Fußgänger von ihrer Fährte ab⸗ rother; gedrängt, mit überſtrömenden Augen, glühenden Wangen, ſchien er verwirrten Locken, verſchobenem Barett, zerzauſtem Plaid, noch ein zerriſſenem Kleide und arg zertretenen Füßen, ſo erſchöpfte Abe Jadwiga wohl eine Viertelſtunde lang ihre jungen Kräfte, weiter bis ſich ſeitwärts ein Gäßchen öffnete, nach welchem wie Jat die Tulpe nun ihre Richtung zu nehmen ſchien. auge w Der neblige Spätnachmittag hatte ſich inzwiſchen dunpfig faſt in nächtiges Dunkel verkehrt, und wenn in Cheap⸗ endlih: Kopf⸗ n das dieſe wer⸗ ndrein. ſte ſie zelner jungen te Eile durch te ab⸗ angen, Plaid, höpfte Kräfte, elchem niſchen ceap⸗ 121 ſide ſchon die vielen Straßenlaternen und lichterſtrah⸗ lenden Läden daſſelbe kaum zu lichten vermochten, ſo konnte hier in dem engen düſtern, faſt nur zwiſchen hohen Gartenmauern ſich hinziehenden Gäßchen die müh⸗ ſam aufgefundene Spur im nächſten Augenblicke wieder verloren gehen. Jadwiga verdoppelte daher ihre Anſtrengungen, und aller Hinderniſſe ſpottend, von ihrer Angſt mit immer neuen Kräften verſehen, gelang es ihr endlich wenig⸗ ſtens ſich bis nach dem Eingang des Gäßchens durch⸗ zuarbeiten. „Papa!“ rief ſie hier von Neuem, indem ſie ſich athemſchöpfend gegen ein vorſpringendes Gemäuer lehnte, „um aller Heiligen willen, Papa, ich kann mich ja nicht mehr auf den Füßen halten!“ In der Ferne glühte unſtet hin und her ein rother Punkt, die transparente Tulpe. Der Punkt ſchien endlich ſtill zu ſtehen und Jadwiga raffte ſich noch einmal auf, um ihn zu erreichen. Aber wie ein Irrlicht von dem ihm Nahekommenden weiter und weiter getrieben wird, ſo in dem Maße wie Jadwiga ihm folgte, entwich das unheimliche Glut⸗ auge weiter und immer weiter in das Dunkel des dumpfigen, menſchenleeren Gäßchens und verſchwand endlich völlig. 122 „O, wenn ich nur nicht meinen Namen genannt hätte!“ weinte Jadwiga;„der Papa wäre ſicherlich auf Theophila's Anrufen längſt ſtill geſtanden; jetzt weiß ich erſt, wie verhaßt ich ihm bin; er will von mir weder Zuſpruch noch Hülfe.“ Sie war wieder erſchöpft ſtehen geblieben. Aber jetzt zeigte ſich der rothe Punkt noch einmal, wie es ſchien, eben dort, wo er kurz zuvor verſchwunden war, und Jadwiga's Muth belebte ſich von Neuem. „Es iſt ihm doch am Ende leid geworden, mich ſo abgewieſen zu haben“, frohlockte ſie und lenkte haſtig ihre Schritte in der Richtung des ſchon wieder ſich ihren Blicken entziehenden Hoffnungsfunkens;„oder wollte er mich vielleicht nur ohne Zeugen ſprechen? Gewiß, das iſt's; wie konnte ich nur daran denken, ihn mitten im Straßentreiben von Cheapſide anzureden!“ Und im beflügelten Gehen zwiſchen Lachen und Weinen überlegte ſie, wie viel ihr Mr. Prescott wohl für ihre Reiterkünſte zahlen werde und wie ſie es anfangen ſolle, den Vater zur Annahme ihrer Revenuen zu überreden. Und wieder zeigte ſich der rothe Punkt. Jetzt konnte ſie die Umriſſe der Tulpe erkennen, jetzt auch die Stelle, wo dieſelbe abermals verſchwunden und wohin Jad⸗ wiga nun ſtürmiſch⸗freudigen Herzens folgte. Aber wenn ſie nun in ihrer Angſt und Aufregung inen Fr Die verd dem Gäj bange. Anſehen zu dem Athem. niedrige, Tulpe ve dunkeln hangene klopfend das hint Dutzend rief ſie, Sie aber no einſtarrt oder Go gang bi rothen Mit ſchluß. rine wir Und we⸗ enannt lich auf t weiß on mir Aber wie es n war, nich ſo haſtig eer ſich noder rechen? ten, ihn creden!” Weinen ür ihre en ſolle, reden. konnte Stell, in Jad⸗ fregung 123 einen Fremden für ihren Vater angeſprochen hatte? Die verdächtigen, ärmlichen Menſchen, welche ihr in dem Gäßchen begegnet waren, machten ihr nachträglich bange. Die ſchlechte, dumpfige Luft, das ſchmutzige Anſehen der wenigen Häuſer, die Stille im Gegenſatz zu dem lärmenden Cheapſide, Alles verſetzte ihr den Athem.„Papa!“ rief ſie von Neuem, als ſie, an das niedrige, offenſtehende Haus gelangt, in welches die Tulpe verſchwunden war, vor dem Betreten des völlig dunkeln Hausflurs ſeitwärts nach den hellen, aber ver⸗ hangenen Parterrefenſtern des Hauſes ausſpähte und klopfenden Herzens dem wüſten Harfen⸗Geklimper horchte, das hinter jenen buntfarbigen Fenſtervorhängen einem Dutzend heiſerer Stimmen als Begleitung diente;„Papa!“ rief ſie,„ich fürchte mich!“ Sie ſchwankte, ob ſie umkehren ſolle. Indem ſie aber noch zähneklappernd ins Dunkel des Flurs hin⸗ einſtarrte, gewahrte ſie, wie ganz am Ende eines Hofs oder Gartens, zu welchem der Flur nur den Durch⸗ gang bildete, wiederum das jetzt nebelmatte Licht der rothen Tulpe. Mit klopfendem Herzen rang ſie nach einem Ent⸗ ſchluß. War keine Verwechſlung möglich? Hatte Zephy⸗ rine wirklich von einer Transparent⸗Tulpe geſprochen? Und wenn dieß der Fall war, konnte Zephyrine ſich 124 nicht geirrt haben? Sie ſtutzte. Gewiß konnte ſie ſich geirrt haben. Und Jadwiga wandte ſich zum Gehen. Aber die Angſt um den Vater ließ ihr ſchon im nächſten Augenblicke jede Vorſicht als unverzeihliche Feigheit erſcheinen, und plötzlich entſchloſſen, ſelbſt das Leben für ihren Vater willig dahinzugeben, tappte ſie mit vorgeſtreckten Händen in den ſtinkend dumpfigen Gang hinein. Sie durchſchritt ihn mit taſtenden Füßen und athmete dann wieder frei. In der That lag jenſeits des Ganges ein langer ſchmaler Garten, und Jadwiga fühlte bald unter ihren Füßen, ſtatt der Steinflieſen des Flurs, knirſchenden Gartenſand. Als ſie dann aber, von neuen Beängſti⸗ gungen heimgeſucht, langſam etwa hundert Schritte zwiſchen einer lebendigen Hecke von Dorn oder Stachel⸗ beer im Dunkeln ſich weiter getaſtet hatte, ſtieß ihr Fuß gegen etwas wie eine Thürſchwelle und ſie ſtol⸗ perte in ein finſtres, ſchwammig riechendes Gartenhäus⸗ chen hinein. Im ſelben Augenblick klirrten leiſen Tons die wohl⸗ bekannten Silberſporen Cignaroli's aus dem Dunkel hervor und ihr Blut ſtockte, denn nun wußte ſie, daß ſie in einen abſcheulichen Hinterhalt gefallen war. Zwei Sekunden lang glaubte ſie einer Ohnmacht erliegen zu müſſen. Der gräßliche Gedanke ſeiner tückiſch lauernde bewußt daß ſie Dan ein aber und Ek alle ihre nach we wie ein und es entſprar Mit ihr drei⸗ des Pan des Go hatte, r. Die Fl. hörte a dem er ſuchte, Gartene Jußſpit vogel d Ohnmac ſie in d 125 lauernden Nähe war Alles, deſſen ſie ſich deutlich bewußt war, untermiſcht mit dem brennenden Schmerz, daß ſie ein ſchwaches Mädchen ſei und keine Tigerkatze. Dann, als ſein ſchleichendes Näherkommen ſich durch ein abermaliges leiſes Klirren verrieth, wurden Zorn und Ekel plötzlich ihrer Schwäche Herr. Sie nahm alle ihre Kräfte zuſammen und ihr weites Wollentuch, nach welchem der Italiener bereits taſtend ausgriff, wie ein ungeheures Spinnennetz vor ihm ausbreitend und es dann plöͤtzlich in ſeinen Händen zurücklaſſend, entſprang ſie mit einem einzigen Satz ins Freie. Mit wilden Fluchworten ſchoß der Ueberliſtete hinter ihr drein. Seine Sporen klirrten jetzt wild, aber Theile des Pappgehäuſes, deſſen er ſich bei Jadwiga's Betreten des Gartenhauſes noch nicht ganz entledigt gehabt hatte, raſſelten dazwiſchen und hinderten ihn im Laufen. Die Fliehende hörte ſeine Verwünſchungen, doch ſie hörte auch das Zerren, Knirſchen und Treten, in⸗ dem er ſich aus ſeiner läſtigen Hülle völlig zu befreien ſuchte, und ihr Muth wuchs. So durchflog ſie den Gartengang und den finſtern Flur, kaum mit ihren Fußſpitzen den Boden berührend, mehr einem Lauf⸗ vogel der Wüſte ähnlich, als einem eben erſt von einer Ohnmacht bedroht geweſenen Menſchenkinde. So ſtürzte ſie in das Gäßchen hinaus, das nur Zufluchtsorte bot, 126 vor deren dunkeln Geheimniſſen ihr graute. So ſah ſie an den ſpärlich beleuchteten Mauern ihren Schatten mit ihr den verzweifelten Wettlauf halten, jetzt vor, jetzt hinter ihr, je nachdem die ſeltenen Laternen ihn als geſpenſtiſches Zerrbild ihr neckiſch beängſtigend ge⸗ ſellten. So keuchte ſie, nunmehr von dem klirrenden Schritte und den tollen Flüchen des Genueſen verfolgt, vorüber an halbhellen Fenſtern und halboffenen Thüren, an tröpfelnden Brunnentrögen und qualmenden Keh⸗ richthaufen, an ausgeſpannten Laſtwagen und leeren Fäſſern, zuletzt auch an trunkenen Männern und Wei⸗ bern und lungernden Kindern und Hunden, bis das enge, übelriechende Gäßchen wieder in die luftige, lichtblen⸗ dende Hauptſtraße mündete. Hier aber verſagten ihr die Kräfte. Angeſichts des Gewühls, das Cheapſide noch ganz ſo laut und betäu⸗ bend wie zuvor durchwogte, ſank Jadwiga zuſammen, und Cignaroli, der bis dahin in blinder Wuth ihr nachgeſtürzt war, wich, bei der plötzlich entſtehenden Verkehrsſtockung zur Beſinnung kommend, vorſichtig auf die Seite, ſo daß die hülfreich an Jadwiga herbeitre⸗ tenden Conſtabler ihren Bedränger nicht bemerkten und zur Rechenſchaft ziehen konnten. Im Schutz des Menſchengewühles gelang es ihm dann ſich bis zu einem leer vorüberfahrenden Wagen durchzuar nach dem Jadn ihre Sch die raſch ſtablers von wo gewinner Auf wortet, gegen J daß man Er in die und St phirend, ihr heut polniſche Hetman Spektak des Het zone ker üppigen und To Maſſals ehenden tig auf erbeitre⸗ 127 durchzuarbeiten und ſolcher Art unbeachtet den Heimweg nach dem Circus einzuſchlagen. Jadwiga trug man in die nächſte Apotheke, benetzte ihre Schläfen mit belebenden Eſſenzen und ließ darauf die raſch ſich Erholende in Begleitung eines Con⸗ ſtablers ſich nach der nächſten Cab⸗Station begeben, von wo aus auch ſie den Circus Prescott wieder zu gewinnen ſuchte. Auf alle an ſie gerichtete Fragen hatte ſie geant⸗ wortet, ſie habe Niemanden anzuklagen, ſie fordere gegen Niemanden Schutz; was ſie wünſche, ſei einzig, daß man ſich nicht weiter um ſie bekümmere. „Er ſoll mich kennen lernen“, knirſchte ſie, als ſie, in die Ecke ihres Wagens gedrückt, zwiſchen Dank⸗ und Stoßgebeten aller Art, halb zitternd, halb trium⸗ phirend, ſich das Spektakelſtück ausmalte, mit welchem ihr heutiges Auftreten im Circus ſchließen ſollte.„Die polniſche Amazone im Kampfe mit dem Koſacken⸗ Hetman“, ſo kündeten die Plakate Mr. Prescott's dieſes Spektakelſtück an und Signor Cignaroli hatte die Rolle des Hetman auszuführen.„Er ſoll die Polen⸗Ama⸗ zone kennen lernen“, wiederholte ſie und ſchüttelte die üppigen Locken Sie war ſchon wieder ganz Muth und Tollkühnheit und ſo heftig tobte das Blut der Maſſalski's in ihren Adern, daß— zum Glück für 128 ihre Circus⸗Aufgaben— der Gedanke an ihren Vater ihr darüber völlig entſchwand. Inzwiſchen hatte Boleslaw alle Hebel in Bewegung geſetzt, um den Vermißten ausfindig zu machen. Da Graf Bielski, ſeit er um der Staroſtin willen in pol⸗ niſchem Schnürenrocke ging, nicht leicht unbeachtet blei⸗ ben konnte, ſo fanden ſich im Laufe des Tages aller⸗ hand Notizen über Orte, wo er geſehen worden war, zuſammen, und endlich kam ein Conſtabler mit der Nachricht, in einer Matroſenherberge unweit des Themſe⸗ Tunnels habe ſich ein Fremder, auf welchen das Sig⸗ nalement des Grafen völlig paſſe, unter dem Namen Major Smith eingemiethet. Boleslaw ließ ſich ſofort dahin führen und entdeckte in der That, an die ſteinerne Umfriedung des auf die Themſe hinaus liegenden Herbergegartens gelehnt, den unglücklichen Vater Theophila's. Die Erſcheinung des Grafen, obſchon ihn eine gewiſſe Aufgedunſenheit ent⸗ ſtellte, war noch immer ſtattlich genug. Selbſt die Furchen auf ſeiner Stirne, die Spuren heftiger Seelenſtürme, vermochten die bequeme Vornehmheit ſeiner Mienen nicht völlig zu verwiſchen. Er lächelte bei Boleslaw's Anblick ebenſo kühl und herablaſſend gütig wie immer und antwortete auf deſſen beklom⸗ mene Begrüßung, indem er ihn höflich zum Sitzen einlud Bitte z letzten ausdrüc zieme es noch üb milie zu law's legenhe müthig plätzen liegt m jedes2 ſie zeit Tücke d Er rathlos durch weg g. ſcheine, wie der Bol handelte R. Wald 129 einlud, wenn er Boleslaw's Adreſſe gekannt hätte, ſo würde er ihn mit einer Bitte heimgeſucht haben. Im Laufe des Geſpräches ergab ſich, worauf dieſe Bitte zielen ſollte. Der Graf fühlte ſich durch die letzten Schläge, die ihn betroffen hatten— wie er ſich ausdrückte— um ſeine Standesehre gebracht. Weder zieme es ihm für jetzt, den Namen Bielski fortzuführen, noch überhaupt ſich als das Haupt der gräflichen Fa⸗ milie zu betrachten.„Ich ſage das“, lehnte er Boles⸗ law's beſchönigende Einwendungen mit ſtolzer Ueber⸗ legenheit ab,„ich ſage das nicht etwa als ein klein⸗ müthig gewordener Mann, der ſich mit den Gemein⸗ plätzen der großen Menge zu befreunden beginnt. Nichts liegt mir ferner. Es gibt gewiſſe Dinge, welche über jedes Mißgeſchick erhaben ſind; aber das Unglück kann ſie zeitweilig dennoch verdunkeln, und da heißt es die Tücke des Schickſals mit Würde ertragen.“ Er ließ nun errathen, daß er eine geraume Zeit rathlos umhergewandert ſei. Dann aber fügte er hinzu, durch einen Zufall ſei er heute endlich auf einen Aus⸗ weg gekommen, der in hohem Grade reſpektabel er⸗ ſcheine, und mit dem Betreten deſſelben komme er ſich wie dem Leben von neuem zurückgegeben vor. Boleslaw hatte bereits errathen, um was es ſich handelte. Man brauchte nur die an den Tiſchen des R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 9 130 Wirthsgartens Umherſitzenden flüchtig zu durchmuſtern. Die ſogenannte Matroſenherberge war ein Werbebureau für die engliſche Armee in Indien. Der Graf zog nun ein ſchmutziges Buch aus der Taſche, das ihm der Freiwerber geborgt haben mochte, und in welchem die verſchiedenen Chargen der engliſch⸗ indiſchen Armee mit näherer Angabe der ihnen zufal⸗ lenden Obliegenheiten verzeichnet waren. Er geſtand, zwar nur ein paar Jahre in einer Militärſchule zu⸗ gebracht und ſeitdem Vieles vergeſſen zu haben, gab indeſſen zu verſtehen, daß die Engländer ſchlechte Heer⸗ führer ſeien und daß ein Pole daher ohne Unbeſchei⸗ denheit ſich eine höhere Anſtellung gefallen laſſen dürfe, zumal die lange Seereiſe noch Muße biete, manches Vergeſſene wieder aufzufriſchen. Da Boleslaw mit dem engliſchen Heerweſen hin⸗ reichend bekannt war, um zu wiſſen, daß höhere Chargen nur verkauft und zwar für anſehnliche Summen ver⸗ kauft, nicht aber vergeben werden, ſo war es ihm klar, daß der Graf ſich hier, vielleicht mit Hülfe ſeines Wer⸗ bers, in eine ſeinem Dünkel ſchmeichelnde Selbſttäu⸗ ſchung hineingeredet hatte. Zum Schluſſe äußerte der Graf die Hoffnung, nun es keinen Grafen Bielski mehr gebe, werde Boleslaw die Staroſtin mit der Gräfin, ihrer früheren Schwiegertochter, ausſöhnen können und das Loo fügte hi heiße, Zweckes Wen Bretter, ander ſch ſtamm u iſt, wen mehr al Maj Verwan Mitleid. gung ge im Sin ſich zu werthen auf irg den Sei ringloſe ſolchen gang in tere wo kurz ab. uſtern. dureau us der mochte, agliſch⸗ zufal⸗ eſtand, lle zu⸗ n, gab e Heer⸗ beſchei⸗ mdürfe, nanches en hin⸗ bargen en ver⸗ m klar, s Wer⸗ erte der ki mehr Gräfin, en und lbſttäu⸗ 131 das Loos der gräflichen Kinder dadurch ſicherſtellen; er fügte hinzu, daß er im voraus jedes Zugeſtändniß gut⸗ heiße, welches ſeiner Gattin etwa zur Erreichung des Zweckes von der Staroſtin abverlangt werden könne. Wenn man die aus einem Baumſtamme geſägten Bretter, wie das in Sägemühlen geſchieht, über ein⸗ ander ſchichtet, ſo hat man der Form nach den Baum⸗ ſtamm wieder, ſogar noch umfangreicher, als er geweſen iſt, wenn auch ohne inneren Zuſammenhang und nicht mehr als feſtes, kerniges Naturgefüge. Major Bielski⸗Smith gemahnte an eine derartige Verwandlung, und Boleslaw empfand das aufrichtigſte Mitleid. Er verſprach denn auch trotz ſeiner Abnei⸗ gung gegen einen ſolchen Schritt, ſich bei der Staroſtin im Sinne des Grafen verwenden zu wollen, und erbot ſich zu jedem ſonſt dem Grafen etwa noch wünſchens⸗ werthen Dienſte. Der Graf ſchien einige Augenblicke auf irgend ein Abſchiedsangebinde zu denken, das er den Seinen überſchicken könnte; aber ein Blick auf ſeine ringloſen Finger mochte ihn an die Unausführbarkeit ſolchen Vorhabens erinnern und er fiel ohne Ueber⸗ gang in ſeine fernhaltende Weiſe zurück.„Das Wei⸗ tere wollen wir der Zukunft überlaſſen“, lautete die kurz ablehnende Antwort, worauf er ganz im alten 9⸗ 132 Style eine entlaſſende Handbewegung machte und jede weitere Aeußerung Boleslaw's abſchnitt. Dennoch ſäumte der Letztere noch einmal.„Sie haben mir keine Grüße aufgetragen, Herr Graf“, ſagte er,„darf ich nicht wenigſtens der Ueberbringer väter⸗ licher Segenswünſche ſein?“ Graf Bielski wollte ſich wie nicht mehr hörend abwenden, aber im ſelben Augenblicke verſagte ſein Stolz; Thränen rollten über ſeine Wangen und er rief mit zitternder Stimme:„Nun gut, Boleslaw Oſinski, wenn Sie's denn ſo wollen: ja, ich ſegne Alle, Alle. O möchte der beklagenswerthe Vater dereinſt ſeinen Kindern wieder unter die Augen treten dürfen!“ Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und entfernte ſich, ehe Boleslaw ihm mit Worten der Ermuthigung ant⸗ worten konnte. Um die nämliche Zeit ſaß der wohlbeleibte Tyrann des Circus, Mr. John Prescott ſelbſt, auf einem Stuhle mitten in der Arena und überwachte die letzten Anordnungen zu der heutigen Feſtlichkeit. Er war eigens um der letzteren willen an dieſem Tage nach London zurückgekehrt und mit ihm die Disciplin, welche unter der Regierung des kleinen Stallmeiſters Blanqui allemal auf Reiſen zu gehen pflegte. Jadwiga's heutiges ermüdendes Umherrennen, eine Folge d auch, ſ verſchwi Mr. B. buden⸗ eben he weder r Prescot gungen weil er gehalte der biſ worden Alfred gehüllt mit F ſtürmt. wiga kömmli Weiſun Seils fügte Nie großer auf ſe und jede 4„Sie f“ ſagte er väter⸗ hörend gte ſein er rief Dinski, le, Alle. ſt ſeinen E ernte ſich, zung ant⸗ Tyrann f einem die letzten Er war 133 Folge dieſer laxen Disciplin, hatte den Tyrannen denn auch, ſobald er davon hörte— das Abenteuer ſelbſt verſchwieg Jadwiga— Feuer und Flamme ſpeien machen. Mr. Blanqui war mit allen Schmähtiteln des Reiter⸗ buden⸗Lexikons belegt worden; Jadwiga hatte, als ſie, eben heimgekommen— zur Parade befohlen wurde, weder reden, noch ſich räuſpern, ſondern nur nach Mr. Prescott's barſchem Commando Arm⸗ und Beinbewe⸗ gungen machen dürfen; und Alfred Blackman war, weil er Mr. Blanqui nicht beſſer zur Strenge an⸗ gehalten habe, zu zehnmaligem An- und Abſchirren der biſſigen beiden Ponies des Directors verurtheilt worden; zu ſeinem großen Verdruß; denn auch gegen Alfred Blackman hatte Jadwiga ſich in Schweigen gehüllt und er hätte die Zurückgekehrte gar zu gern mit Fragen über die Urſache ihres Ausbleibens be⸗ ſtürmt. Cignaroli ſelbſt, welcher erſt kurz vor Jad⸗ wiga ſich geſtellt und ſolcher Art ebenfalls die her⸗ kömmliche Urlaubszeit überſchritten hatte, erhielt die Weiſung, an dieſem Abend beim Aufſpannen des Tanz⸗ Seils mitzuhelfen, welches Zephyrine brauchte, und er fügte ſich der Strafe mit verbiſſenem Grimme. Niemand wagte ſich aufzulehnen. Es war ein gar roßer Regent, der Dictator Prescott, und wer ihn auf ſeinem Stuhle in der Arena die Arbeiten der 134 Circusdiener mit dem zornigen Blick eines Stiers über⸗ wachen ſah, begriff vollkommen, warum es ringsum nur fleißige Hände und gar keine lauten Sprecher gab. Der Circus hatte heute ſein bunteſtes Kleid ange⸗ zogen. Die amphitheatraliſch aufſteigenden Sitzreihen waren, ſoweit die theuerſten Preiſe reichten, mit fein⸗ wollenen Scharlachdecken behängt; die nächſte Rang⸗ folge ſchmückten halbwolkene Decken von himmelblauer Farbe; die dann ſich anreihenden waren mit goldgelben Calicots benagelt, und oben, wo die Londoner Straßen⸗ jugend ſonſt auf ungehobelten Bänken ſich Splitter ins Fleiſch ſaß, hatte Mr. Prescott heute aus der Garde⸗ robe⸗Rumpelkammer allerlei verſchoſſene ſchottiſche Baum⸗ wollſtoffe hergegeben, die ſich aus der Ferne gar prächtig ausnahmen. Nicht minder that die Beleuchtung mehr als jemals ihre Schuldigkeit. Der rieſige fünfhundert⸗ flammige Kronleuchter, gerade über des Directors Schei⸗ tel, war heute, als ob die Königin ſelbſt erwartet würde, vollzählig angezündet; dazu funkelte an jeder der vierundſechzig weißen Holzſäulen, welche die Arena umgaben, ein mächtiges Strahlenbüſchel, das ſeine nächſte Umgebung mit blendender Lichtfülle übergoß. Wenn je, ſo war der Circus Prescott heute ein Feuerwerk in Permanenz. Dennoch erhielt das Ganze erſt wirklich lebendige pracht, freſſeriſ ſchwand ſtaunen gewalti No anderen welche zimmer cheſter Es w ſtärkt, Tönen VWaveès terte: U. und blonde Timb lauter nie a wiga wollen ſeiner than ang mehr hundert⸗ rwarte erwartet lan jeder e Arena 3 ſeine ebendige 135 Pracht, als die Stunde des Einlaſſes ſchlug, der eiſen⸗ freſſeriſch dreinſchauende Director und ſein Stuhl ver⸗ ſchwanden und die bunte Zuſchauermenge ſich nun mit ſtaunend bewundernden Mienen über alle Theile des gewaltigen Raumes ausbreitete. Noch fluthete es geſchwätzig von einer Bank zur anderen, als oberhalb der flaſchengrünen Gardine, welche den Eingang zu den Ställen und den Ankleide⸗ zimmern des Kunſtreiter⸗Perſonals verbarg, das Or⸗ cheſter bereits ſeine Inſtrumente zu ſtimmen begann. Es war durch die Trompeter der Horſe Guards ver⸗ ſtärkt, und bald ertönte das Haus von den ſchmetternden Tönen der beliebten Volksweiſe:„Britannia rule the waves«. Ein ſichtlicher Erwartungs⸗Wonneſchauer zit⸗ terte über die ganze Verſammlung. Und freilich verhieß das Programm des Schönen und Neuen eine reiche Fülle. Nicht nur hatten die blonde Sylphe Miß Will, die brünette Athletin Miß Timbow, die röthlich⸗goldene, zierlich⸗kokette Zephyrine, lauter Lieblinge des Circus⸗Publicums, die ſonſt faſt nie am ſelben Abende auftraten, dem Neulinge Jad⸗ wiga heute die Ehre des Abends nicht allein gönnen wollen. Auch Tai⸗tſu, der Opium⸗Chineſe, ſollte mittelſt ſeiner Meſſerwürfe Tſen⸗kwo⸗fan, einen anderen Unter⸗ than des Himmliſchen Reiches, Haar bei Haar raſiren. 136 Demnächſt ſollte die junge Neuſeeländerin Loo⸗moo einmal wieder ihre Kautſchukgliedmaßen wie den bieg⸗ ſamen Schlauch einer Nargileh durch und in einander verknoten und ſolcherart, nach Mr. Blanqui's pomp⸗ haftem Ausdruck, der ewigen Feindſchaft zwiſchen Weib und Schlange zum Trotz, Weib und Schlange als in Eins verſchmolzen darſtellen. Ferner ſollte Alibaba mit ſeinen plumpen Elephantenbeinen auf dem Seile tanzen, und endlich Mr. Hyacinthe, der zweite Grotesk⸗ reiter des Circus, auf zwölf Pferden carrierend, einen Fuchs mit der Peitſche erlegen. Dazwiſchen waren nicht weniger als drei rothgedruckte Nummern einge⸗ ſtreut: Amor und Pſyche, Meleager und Atalawi, Per⸗ ſeus und Andromache— lauter Nummern, in welchen die polniſche Comteſſe und ihr ſchmucker Lehrer Alfred Blackman aufzutreten hatten. Jene ſchon erwähnte polniſch⸗ruſſiſche Kampfſcene ſollte das Ganze beſchließen. Das Wiehern der Pferde, das Mäckern der Clowns, das Peitſchenknallen der Stallmeiſter, das He! und Hop! der weiblichen Centaure erfüllten denn auch bald in gewohnter Weiſe die Arena. Der Staub wirbelte in die Höhe, die Hufe donnerten gegen die Barrieren, der weiße Schaum flockte umher. Dazwiſchen Pauken, Becken, Triangeln und Trompeten. Man klatſchte Bei⸗ fall, warf Blumen und Apfelſinen, und mehr als Ein Bewunde noch Sch Mit der zwei polniſche Ardit gegen de Circus⸗ mag— wegter ließ Mr und die loſeſte S als hal vernahn alle Hä Wunder zum Sch melblau an den Hand ei völlig f Eini Schauen der ciren o⸗moo bieg⸗ nander pomy⸗ Weib als in libaba Seile kotesk⸗ einen waren einge⸗ i Per⸗ welchen Affred wähnte ließen. lowns, wund ch bald birbelte trieren, Pauken, Bei⸗ 3 Ein 137 Bewunderer Zephyrine'’s fragte ſich, ob denn wirklich noch Schöneres kommen könne? Mit um ſo größerer Spannung wurde dem Beginne der zweiten Abtheilung entgegenſehen, in welcher die polniſche Comteſſe auftreten ſollte. Arditi's„Baccio“— vielleicht diejenige Melodie, gegen deren verliebt ſchelmiſche Töne ein Londoner Circus⸗Publicum am wenigſten Stand zu halten ver⸗ mag— eröffnete den Reigen. Als alle Herzen be⸗ wegter pochten und alle Füße den Tact begleiteten, ließ Mr. Prescott die Inſtrumente plötzlich ſchweigen und die grüne Gardine langſam zurückfalten. Die laut⸗ loſeſte Stille folgte. Faſt eine Minute lang war es, als halte das ganze Haus den Athem an. Endlich vernahm man gemeſſenen Hufſchritt, und nun, während alle Hälſe ſich erwartungsvoll dem lange beredeten Wunder entgegenreckten: auf milchweißem, ſchäumend zum Schritt ſich zwingendem Roſſe aufrechtſtehend, in him⸗ melblaue Schleier gehüllt, ein Schmetterlingsflügelpaar an den Schultern und außer der zügelnd vorgeſtreckten Hand einzig das träumend geſenkte, ungeſchminkte Antlitz völlig frei— ſo ritt die Erharrte in die Schranken. Einige Augenblicke war Alles ſtummes Staunen und Schauen. Die Schönheit der fremdartigen Erſcheinung, der circuswidrige Ernſt in ihren Zügen, ihr ſcheinbar 138 vollſtändiges Vergeſſen der ſie umgebenden Menge— Alles wirkte zuſammen, um der allgemeinen Ueber⸗ raſchung den Zaum des Schweigens aufzulegen. Dann auf einmal löſte ſich der Bann, und das ganze weite Rund war ein einziger Beifallsſturm. Sofort ſchmetterten die Trompeten ihre Fanfaren drein. Taſchentücher wehten, Bouquete ſchwirrten, laute Willkommenrufe, bald von hüben, bald von drü⸗ ben, bekundeten die ſteigende Ungeduld nach einem Blicke ihrer Augen, nach einem Lächeln ihres Mundes, nach einem freundlichen Nicken ihres Hauptes. Aber nur die glühende Röthe auf den Wangen der ſo Begrüßten bekundete, daß ſie wußte, was um ſie her vorging. Unveränderter Haltung, die Stirn ge⸗ ſenkt, den Zügel in der feſtgeſchloſſenen Hand, ſo das vor feuriger Unbändigkeit unter ihr zitternde Pferd im gemeſſenen Schritte haltend, umkreiſte ſie langſam zu dreienmalen die Arena. Und jetzt erſt verbreitete ſich, was Einzelne als den eigentlichen Grund des anziehend Fremdartigen herausfanden, wie eine Entdeckung aus⸗ erleſenſter Art über die geſammte Zuſchauerſchaft. Hatte man Anfangs nur Augen für die Schönheit der jungen Amazone gehabt, ſo bemerkte man jetzt, daß ihr Pferd ein kaum noch dreſſirtes Thier war, welchem Lichter⸗ glanz und Janitſcharen⸗Muſik völlig ungewohnte Dinge ſchienen. bedeutſa Mitte d ſie aufs ein föt worden Circus; handelte tungen Vor geſpann nehmba herausg faltenre Leiſtun einem In; ganz w „Köcher Hand, Bahn durchge der Vo ſcch nac mit to wirrten, von drü⸗ h einem W Mundes, 9 139 ſchienen. Aber an dieſe Wahrnehmung reihten ſich noch bedeutſamere. Wo waren die ſonſt knallend in der Mitte des Kreiſes ſtehenden Stallmeiſter? Wie war ſie aufs Pferd gekommen? Es mußte um ihretwillen ein förmlicher Umbau des Eingangs vorgenommen worden ſein, denn nie früher war eine Reiterin dieſes Circus ſtehend in die Arena geritten. Augenſcheinlich handelte ſich's hier um Verſuche, die nach allen Rich⸗ tungen hin etwas ganz Neues anſtrebten. Von nun an ging die laute Theilnahme in ein geſpannt an ſich haltendes Beachten aller irgend wahr⸗ nehmbaren Einzelneuerungen über, und bald hatte man herausgebracht, daß dieß Schritthalten, noch dazu in faltenreicher Schleierumhüllung, eine weit ſchwierigere Leiſtung ſei, als ſelbſt der ſcheinbar tollſte Galopp auf einem circusgewohnten Pferde. Inzwiſchen war Alfred Blackman,— heute einmal ganz wieder der kleine Blackman,— den ſilbernen „Köcher um die Schultern, den goldenen Bogen in der Hand, auf einem munter wiehernden Fuchſe in die Bahn geſprengt. Und nun begann eine bis ins Kleinſte durchgeführte Pantomime, in welcher man dem Sohn der Venus, des grauſamen Auftrages ſeiner Mutter ſich nach und nach entſchlagend, aus einem Verfolger mit todbringendem Geſchoſſe allmälig ſich in einen „ 140 Liebe⸗Umſtrickten verwandeln ſah, der, endlich die ſchwarzen Pfeile weit von ſich ſchleudernd, zu den weiß⸗ befiederten griff und ſo die vor ihm Fliehende in ſein roſiges Joch zwang. Donnernder Beifall lohnte die mit anmuthigſter Natürlichkeit zu Ende geführte Scene. Amor hielt Pſyche im Arm; ihr Pferd war verſchwunden— die Wenigſten wußten wie und wohin— und, ſein präch⸗ tiges Thier mit vollendeter Sicherheit zügelnd, gönnte der glückliche Ueberwinder freudeſtrahlend der jauchzenden Menge den holden Anblick der Ueberwundenen und ihm nun Geſellten. Wenige Augenblicke darauf rollte die Gardine aber⸗ mals auseinander, und ehe noch die immer von neuem in Beifallsrufe ausbrechenden Zuſchauer ſich an dem reiz⸗ vollen Bilde ſatt geſehen hatten, war die Arena wieder leer. Jenſeits der grünen Gardine ſtand Mr. Craiggs in ſtummer Bewunderung. Er hielt ein diamantenes Halsband in der Hand und nöthigte Alfred Blackman, da Jadwiga ablehnend den Kopf ſchüttelte, es einſt⸗ weilen für ſie als„erſtes Hausſtandsgeräth“ in Ver⸗ wahrung zu nehmen. Uebrigens war kein Gedanke daran, daß in ähn⸗ licher Weiſe noch die weiter angekündigten Nummern vorgeführt werden konnten. Jadwiga war ſchon vor — dem Au die ihr inmitten ganz lo ohnehin fort für daß nun blieb. Anſprac in der getrage Da faden Gewich Ei Muſik Die G rechten ließen der B hündch Reihe durch Naugie über, — die n präch⸗ „gönnte ichzenden und ihm ne aber⸗ neuem in dem reiz⸗ eder leer. Craiggs nantenes Zaackman, es einſt⸗ in Ver⸗ in ähn⸗ lummern chon vor 141 dem Auftreten erſchöpft geweſen, und der Gedanke an die ihr heute angethane Beſchimpfung hatte ſie, ſelbſt inmitten der berauſchenden Bängniſſe des Circus, nicht ganz losgelaſſen. Mr. Prescott, der das Publicum ohnehin nicht verwöhnen wollte, ſtimmte denn auch ſo⸗ fort für das Streichen der nächſten zwei Nummern, ſo daß nur die kriegeriſche Schlußſcene noch vorzuführen blieb. Einſtweilen mußte Mr. Blanqui zu einer jener Anſprachen an ein hochverehrliches Publicum, die ihm in der Preſſe längſt den Beinamen Demoſthenes ein⸗ getragen hatten, ſich bequemen. Dann aber wickelte ſich der bunte Vergnügungs⸗ faden des Abends mechaniſch wie die Schnur einer Gewichtuhr ab. Eine längere Pauſe, während welcher ſogar die Muſik feierte, bereitete endlich auf die letzte Scene vor. Die Gasflammen wurden höher geſchraubt; Stallknechte rechten den Sand; Mr. Prescott's galonnirte Lakaien ließen Alles, was an Hüten, Shawls und Zetteln auf der Barriere lag, zurückziehen. Ein argloſes Schooß⸗ hündchen, das eine ältliche Jungfrau auf der erſten Reihe als Contrebande mit eingeſchmuggelt hatte, wurde durch Mr. Prescott ſelbſt unbarmherzig confiscirt. Die Neugier ging immer mehr in feierliche Erwartung über, und als inmitten des allgemeinen Schweigens 142 ſich plötzlich im Sand der Arena ein Maulwurfshügel aufzuthürmen begann und gleich darauf Old Dan, der Clown, den man am Schluſſe der vorigen Abthei⸗ lung begraben hatte, ſich in ſeinem Kartoffelſacke wieder an die Luft wälzte, mußte er ohne alle Auferſtehungs⸗ Gratulation von dannen trollen. Man hatte ihn ſchier vergeſſen gehabt. Noch war ſein Sandbett nicht wieder geebnet, als das Orcheſter die polniſche Hymne anſtimmte. Dann rollte die grüne Gardine auseinander und Jadwiga in mäßig langem, ſcharlachrothem, pelzverbrämten Schnüren⸗ Reitkleide ſprengte auf einem langmähnigen, ſtörriſchen Falben in die Bahn. Ihre krausgelockten Haare be⸗ deckte die graue vierzipfelige Confederatka, aufgeputzt mit wehender Pfauenfeder und ſchaukelnder Goldklunker. Im blitzenden Gürtel ſteckten ſilberbeſchlagene Piſtolen. Die Weichen ihres Pferdes klatſchte ein Säbel in ſtahl⸗ blauer Scheide. Eine zuſammengerollte Fahne an knor⸗ rigem Stock war in wagrechter Richtung an der freien Sattelſeite befeſtigt. So, mit ſuchendem Auge nach dem Feinde ausſpähend, galoppirte ſie dahin, eine Amazone, wie die polniſche Begeiſterung deren in Wirk⸗ lichkeit von Zeit zu Zeit gegen die ruſſiſchen Unter⸗ drücker ins Feld geführt hatte. Nicht lange darauf war der Feind wirkich zur Stelle. wehrt, ſo hohen mageren Thurme Jad. mit Cig! zugewieſ dächtniß Gefechts hatte, 1 der Sce Angriff nommer lung hi meſſen nun ſie ten unr zu koch Schon Cignar machen kleine K die grof Nackenn ufshügel dan, der Abthei⸗ ke wieder ſtehungs⸗ n ſchier net, als . Dann dwiga in Schnüren⸗ törriſchen aare be⸗ nfgeputzt dklunker. Piſtolen. in ſtahl⸗ an knor⸗ der freien uge nach jin, eine in Virk⸗ e Unter⸗ rlich zur 143 d Stelle. Mit langer Pike und knotiger Peitſche be⸗ wehrt, ſaß er, ein gebückter, graubärtiger Alter, auf ſo hohem Sattel, daß trotz der mäßigen Größe ſeines mageren, aber feurigen Schecken er wie von einem Thurme herabſchaute. Jadwiga hatte die Scene in zehn peinlichen Proben mit Cignaroli eingeübt, einüben gemußt. Jede der ihr zugewieſenen Evolutionen ſtand deutlich vor ihrem Ge⸗ dächtniß. Sie wußte, daß ein Abweichen von der Gefechtsweiſe, wie Mr. Prescott ſelbſt ſie feſtgeſtellt hatte, nicht geſtattet war und daß erſt gegen das Ende der Scene den Darſtellern derſelben einige Freiheit der Angriffsweiſe geſtattet war. Auch hatte ſie ſich vorge⸗ nommen, ſich bis dahin zu keiner ungeſtümen Hand⸗ lung hinreißen zu laſſen. Alles ſollte für das letzte Kraft⸗ meſſen der beiden Gegner aufgeſpart werden. Dennoch, nun ſie hinter dem grauen Hetmansbarte den Verhaß⸗ ten unverſchämt lächeln ſah, begann ihr Blut von neuem zu kochen. Sie bezwang ſich, ſo gut es gehen wollte. Schon im nächſten Augenblicke jedoch gewahrte ſie, wie Cignaroli mit der in des Directors Loge ſich breit⸗ machenden Zephyrine Blicke wechſelte, und als die kleine Kokette nun gar boshaft genug war, ihre Beute, die große goldene Haarnadel, mit vielen Hals⸗ und Nackenwendungen in die röthlichen Locken zu ſtecken, 144 da brach Jadwiga's zurückgedrängter Zorn in hellen Flammen aus. Verſchwunden war ihr künſtleriſcher Chrgeiz, ihre Angſt vor dem Tyrannen Prescott; jede Ader in ihr pochte nur noch nach Rache. Von dieſem Augenblicke an verließ ſie die Reihen⸗ folge der verabredeten Angriffs⸗ und Abwehrbewegungen. Wenn der Hetman ſie bedrohte, wich ſie nicht mehr fliehend aus, ſondern ſchlug mit dem Säbel nach ſeiner Pike; wenn er, die Rollen wechſelnd, ſich zur Flucht wendete, verfolgte ſie ihn nicht wie in den Proben, ſondern ſie ſchwenkte um, zog ihre Piſtole, ſprengte ihm entgegen und feuerte gerade auf ihn zu, daß ſein Pferd bäumend ſtieg und er es kaum zu bändigen ver⸗ mochte. Aus dem Scheingefechte ward ein Kampf, der zwar mit blindgeladenen und ſtumpfen Waffen geführt wurde, aber bald genug— denn auch der Genueſe ſchonte ſeine Gegnerin nicht länger— einen immer größer und lauter werdenden Theil der Zuſchauer in Angſt und Sorgen verſetzte. Als Mr. Prescott und Alfred Blackman endlich in die Arena eilten und die Streitenden trennten, hatte ein Pulverblitz den falſchen Bart des fliehenden Het⸗ man eben in helle Flammen geſetzt, und von Jadwiga's linker Schulter rann das Blut in dunklen Tropfen an dem ſcharlachrothen Schnürenrock herab, zum Glück Granat Fürſpre ausbra⸗ Nie dargeſte ſelbſt g und M um ſich nicht zu Es Scene; verſeng langte ſtocke, nationa polniſch Hand ; N mittelb und al magiſch nicht w J. W R. Wa dott, jede e Reihen⸗ vegungen. cht mehr ach ſeiner ur Flucht Proben, ſprengte daß ſein digen ver⸗ ampf, der en geführt rGenueſe en immer chauer in endlich in ten, hatte ropfen an um Glück hätte ſich unfehlbar ſonſt in das Gefecht gemiſcht. Mr. Prescott hatte wie eine im Platzen begriffene Granate dreingeſchaut. Aber der Erfolg iſt ein großer Fürſprecher. Jetzt, da Alles in ſtürmiſche Beifallsrufe ausbrach, lächelte der furchtbare Mann. Nie war in der That ein Kampf wahrheitsgetreuer dargeſtellt worden. Die Einmiſchung des Directors ſelbſt galt den Meiſten noch für eine Verabredung, und Mr. Prescott war ein viel zu erfahrener Gaukler, um ſich die augenſcheinliche Unklarheit des Publicums nicht zunutze zu machen. Es galt jetzt raſch auch noch das Schlußtableau der Scene zu retten. Während daher der entwaffnete und verſengte Sohn des Don ſich aus dem Staube machte, langte Mr. Prescott gravitätiſch nach dem Fahnen⸗ ſtocke, entrollte den weißen Adler und drückte das nationale Emblem Jadwiga's unter den Klängen der polniſchen Hymne in die vor Aufregung noch zitternde Hand der Gefeierten. Die Wirkung dieſer Improviſation war eine un⸗ mittelbare. Ringsum ſtimmte man in die Hymne ein, und als jetzt auch noch bengaliſche Beleuchtung mit magiſcher Pracht hinzukam, wollte der Jubel ſich faſt nicht wieder beruhigen laſſen. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 10 von dem Publicum nicht wahrgenommen, denn dasſel 146 9 ⸗ endete die Vorſtellung. Noch eine Stunde ſpäter wogte es wie am hellen Tage vor dem Circus auf und ab. Von den Wundern, die man geſchaut hatte, wurde bis in den Morgen hinein in allen Gin⸗Läden, Thee⸗ ſtuben und Clubhäuſern Londons erzählt. — Am bette d Vorſtel len tri Di keit hi gen. mit fu verſtä enden botene ſtrume hatte. Ab am he Achtes Kapitel. Das Vermächtniß. Am folgenden Tage ſtand Boleslaw an dem Sterbe⸗ bette der greiſen Staroſcina. Sie war wirklich bei der „Vorſtellung im Circus zugegen geweſen und hatte Po⸗ len triumphiren, Rußland die Flucht ergreifen ſehen. Dieſem Eindrucke, dem letzten, den ſie in die Ewig⸗ keit hinübernehmen ſollte, war ihre Rieſennatur erle⸗ gen. In das Manſardenhaus zurückgebracht, hatte ſie mit furchtbarer Anſtrengung ſich Einmal noch deutlich verſtändlich gemacht, und als endlich ihre düſter glüh⸗ enden Augen brachen, beendete der an ihr Lager ent⸗ botene Notar eben das raſch zuſammengeſchriebene In⸗ ſtrument, auf welches Marcin Laski ſo lange ſpeculirt hatte. Aber weder der Majordomus, noch die Emigration, 10- 148 noch die frühere Schwiegertochter waren mit einer Sylbe darin erwähnt. Univerſal⸗Erbin der Staroſcina war— die Kunſtreiterin Jadwiga. Boleslaw ſäumte nicht, der ſo plötzlich mit fürſt⸗ lichem Reichthum Beſchenkten die wunderlich unglaub⸗ liche Botſchaft zu überbringen. Er fand Jadwiga noch voll von den theils glorreichen, theils wüſten Erinne⸗ rungen des geſtrigen Abends, aber feſt entſchloſſen, nachdem ſie den argliſtigen Genoſſen ſo ſchlimm gede⸗ müthigt habe, ſeiner Rachſucht baldmöglichſt aus dem Wege zu gehen. Sie beſchwor Boleslaw, als er ihr die Segenswünſche ihres Vaters ausrichtete, ihr den Aufenthalt deſſelben zu verrathen;„denn, wenn ich wirklich die Erbin der Staroſcina bin“, ſagte ſie, dieſem großen, ihr völlig unverſtändlichen Ereigniſſe erſt jetzt eine wünſchenswerthe Seite abgewinnend,„da iſt ja dem Papa und der Mama mit Einem Male geholfen! Was meinen Sie, Boleslaw Oſinski? Ich denke, Sie ſagten früher, die Staroſcina könne halb Polen kaufen? Ob aber dann der Papa mir immer noch böſe ſein möchte? Ach“, ſetzte ſie unmuthig hinzu, als Boleslaw mit der Antwort zögerte,„ich weiß ja recht gut, was ich Alles eingebrockt habe! Aber kann denn ein Pferd dafür, daß es lieber Hafer als Grütze frißt? Oder ein Eſel, daß ihm Diſteln beſſer ſchmecken als Roſen? — nen im Mir g weiß Urgro kann mutter An daß T vermoe nur e felſenfe umgeſt an di Lauf Al und ih benach und r. wie v iſt m aufget preisg haupt 149* Mir gefällt nun einmal die Welt nur vom Sattel aus; weiß Gott, wer daran ſchuld iſt! Ich glaube, meine Urgroßmutter Maſſalska, ſagte der Papa. Aber was kann denn ich für die Vertracktheiten meiner Urgroß⸗ mutter Maſſalska?“ Anders als die lebenskecke Erbin ſelbſt wurde Jo⸗ ſepha von dem unverhofften Glücksſtrahle geblendet. Sie brauchte eine lange Zeit, ehe ſie die Möglichkeit, daß Boleslaw kein Märchen berichte, nur zu faſſen vermochte. Dann war es ihr auf einmal, als könne nur eine fürbittende Stimme aus dem Jenſeits das felſenfeſte Herz der Schwiegermutter ſo übernatürlich umgeſtimmt haben, und ſie mußte bei dem Gedanken an dieſen theuren Verſtorbenen ihren Thränen freien Lauf laſſen. Als Boleslaw endlich auch den Grafen aufſuchte und ihn von dem über Nacht eingetretenen Umſchwunge benachrichtigte, blieb der Graf eine ganze Weile ſtarr und regungslos.„Alſo meine Tochter“, ſagte er dann, wie von allem Vernommenen nur das Eine feſthaltend, „iſt nun dennoch vor ganz London als Jadwiga Bielska aufgetreten.“ Boleslaw verneinte, daß ihr Familienname preisgegeben worden ſei, und fügte hinzu, es würde über⸗ haupt nicht richtig ſein, ſie nach dem für Kunſtreiterin⸗ nen im Allgemeinen gangbaren Maßſtabe zu beurtheilen. „ 150 „O“, verſetzte der Graf,„ich verſtehe, worauf Sie hinauswollen. Und freilich“, fügte er bitter hinzu,„wie ſollte ein Mann in meiner Lage noch gegen Mesallian⸗ cen proteſtiren!“ Boleslaw ſuchte anzudeuten, in welcher Weiſe ſich Jadwiga über die Verwendung der Erbſchaft ausge⸗ ſprochen habe, und wie ſie nur der Einwilligung ihres Vaters warte, um Europa zu verlaſſen. Der Graf blieb eine zeitlang ſtumm.„Alſo nach Amerika!“ ſagte er dann in ſchmerzlichem Tone, und doch wie erleichtert,„ſie nach Amerika, ich nach Indien! Aber, was läßt ſich dagegen einwenden? Sie gehörte längſt der neuen Welt an. Gott behüte ſie auf allen ihren Wegen!“ „Ich freue mich, ihr ſo gute Wünſche überbringen zu können“, entgegnete Boleslaw,„es wird ihr neuen Halt geben. Gegen die von Ihnen neulich ausge⸗ ſprochenen indiſchen Plane laſſen Sie mich jedoch Ein⸗ ſpruch erheben. Jetzt muß ein Weg gefunden werden, welcher Sie Ihrer Familie erhält. Findet Jadwiga's Verzicht Ihre Billigung?“ Der Graf richtete ſich zu ſeiner ganzen Höhe auf und maß Boleslaw mit einem ſtolzen Blicke.„Bin ich der Papſt“, fragte er,„daß man Eheconſenſe von mir mit Schenkungen erkauft?“ Haupt Verzic desehr Ehre men; hat. will r ich au das J durch wäre den welch ein halte 9 2 unter rung einma drauf Sie nzu,„wie . r. Resallian⸗ Weiſe ſich ft ausge⸗ ung ihres Alſo nach Tone, und h Indien! ie gehörte auf allen berbringen ihr neuen ch ausge⸗ dooch Ein⸗ en werden, Jadwigas Höhe auf „Bin ich von mir 151* „Sie haben Ihre Einwilligung“, wendete Boleslaw ein,„früher gegeben, als ich jenes Verzichtes erwähnte.“ „Das ändert nicht das Mindeſte“, ſagte der Graf, einen Augenblick in ſeiner Logik dennoch ſichtlich ver⸗ wirrt. Dann ſchüttelte er aber mit Entſchiedenheit das Haupt.„Nein“, ſagte er,„ich nehme nicht den kleinſten Verzicht zu meinen Gunſten an. Seit ich meine Stan⸗ desehre einbüßte, habe ich ziemlich viel über das, was Ehre heißt, nachgeſonnen. Ich glaube dahintergekom⸗ men zu ſein, daß jeder Stand ſeine eigenen Ehrbegriffe hat. Jetzt bin ich Militär. Die Ehre des Militärs will mit dem Degen in der Fauſt erſtritten ſein. Wenn ich aus Indien zurückgekehrt ſein werde, wollen wir das Thema weiter durchſprechen.“ Man trennte ſich, ohne daß des Grafen Entſchluß durch Boleslaw's Gegengründe zu erſchüttern geweſen wäre, und als das herkömmliche Entlaſſungszeichen den Letzteren verabſchiedete, war der Händedruck, mit welchem ſie einander auf lange Zeit Lebewohl ſagten, ein wärmerer, als es Beide je früher für möglich ge⸗ halten haben mochten. Am ſonnig lachenden Hafen entlang gehend und unter den nach Indien beſtimmten Dreimaſtern Muſte⸗ rung haltend, ſollte Boleslaw den Grafen dann noch einmal in einem fern vorüberfahrenden Nachen erkennen. Boleslaw verfolgte den ſich augenſcheinlich bereits an Bord Begebenden, bis er ihn das Deck eines Schiffes erklettern ſah, das eben unter fröhlichem Matroſen⸗ geſang die Anker lichtete. Ehe die ſtattliche Geſtalt des Grafen unter den auf dem Vorderdeck Umher⸗ ſtehenden verſchwand, war es Boleslaw, als winke der Scheidende noch einmal in der Richtung des Landes. Boleslaw ſchwenkte den Hut einmal, zweimal— es war etwas wie die Liebe eines Sohnes, was er für den ihm einſt ſo fremd Geweſenen zu empfinden be⸗ gann;— aber ſeine Grüße wurden nicht erwidert, und beklommenen Herzens, wie nach einer nicht mehr gutzumachenden Verſäumniß, begab er ſich auf den Heimweg. Beim Einbiegen in die nächſte Straße ſah er ſich nochmals nach der Hafenſeite um. Aber andere, kleinere Schiffe verſperrten die Ausſicht nach dem Indien— fahrer. Er wollte weiter gehen, als er eine in Grau ge⸗ kleidete Frauengeſtalt eine der ſteinernen Hafentreppen heraufkommen ſah und in ihr Theophila erkannte, die⸗ jenige Perſon, wie er ſich jetzt ſagen durfte, welcher die letzten Grüße des Scheidenden gegolten hatten. Er wendete ſich raſch um und ging ihr entgegen.„Sie kommen von einem Abſchied?“ ſagte er, ihre Thränen ken, ſelbſt, fort, Betra ſonne auch in i ſchwe in no und ihre mach en.„Sie Thränen 153 gewahrend und bei dieſem Anblick die eigenen Augen feucht fühlend;„darf ich Sie heimbegleiten?“ Sie nickte ſtumm und legte, als ſei ſie über Nacht eine Andere geworden, ohne Scheu und Anſtandsbeden⸗ ken, wenn auch zitternd vor innerer Bewegung, wie er ſelbſt, ihren Arm in den ſeinen. Dabei weinte ſie ſtill fort, durch ſeine Nähe nicht geſtört, noch ſeine lauten Betrachtungen über die räthſelhaften Wege des Schick⸗ als ablehnend, wennſchon unfähig, ſich ſelber in Wor⸗ en zu erleichtern. Nach und nach, während Beide im klaren Herbſt⸗ ſonnenſchein ſo dahingingen, wurde Theophila aber auch das möglich. Zuerſt in kurzen Andeutungen, dann in überſichtlichem Zuſammenhange und mit einer ſchweſterlichen Rückhaltloſigkeit, die ihr ganzes Weſen in neuem Lichte erſcheinen ließ, erzählte ſie, um Wochen und Monde zurückgreifend, wie grenzenlos elend doch ihre Entfremdung von dem Vater ſie ſeit Langem ge⸗ macht habe; wie ihr Zuſtand von Tag zu Tag uner⸗ träglicher geworden ſei; wie ſie endlich, faſt dem Drucke dieſer inneren Vereiſung erliegend, ſich zu dem Ent⸗ ſchluſſe aufgerafft habe, Alles, was ſie von ihrem Va⸗ ter entfernt halte, zu beſtatten und zu vergeſſen und ihn noch einmal von ganzer Seele zu lieben. Erſt von da an, geſtand ſie weiter, habe ſie ernſtliche ſ t . 154 Schritte gethan, den Ort ſeiner Haft ausfindig zu machen. Sie habe dann durch Veräußerung ihrer letz⸗ ten Schmuckſtücke die Mittel aufgebracht, um ihm die Freiheit wieder zu verſchaffen, und da ſein während der Haft in ihm entſtandener Plan, ſich für Indien anwerben zu laſſen, nicht umzuwerfen geweſen ſei, habe ſie bis zu ſeiner heutigen Abreiſe ihrem Vater wenig⸗ ſtens ſo oft wie möglich Geſellſchaft geleiſtet.„Als Sie, Boleslaw Oſinski“, fuhr ſie fort,„vor einer halben Stunde die wunderbare Nachricht von Jadwiga's plötz⸗ lichem Reichwerden brachten, waͤr ich Ihnen eben aus dem Wege gegangen, und wir hatten gerade von Ihnen geſprochen.“ „Von mir?“ fragte Boleslaw, von dem beſcheiden⸗ natürlichen Tone und der ganzen Haltung Theophila's bewegt wie nie zuvor. „Sie ſollen auch davon hören“, antwortete Theo⸗ phila ſanft;„für jetzt iſt mein Herz nur noch zu wund und weh, um von anderen Dingen zu reden, als von dem Schickſale meines armen Vaters.“ Aber ſie irrte ſich. An dem Arme desjenigen da⸗ hinwandelnd, der ihr— in dieſem Augenblicke wenig⸗ ſtens— den Vater erſetzte, und den die Pflicht viel⸗ leicht ſchon am nächſten Tage gleich dem Vater in die Ferne rufen konnte— wie ſollte nicht über ihre Lip⸗ findig zu er let⸗ ihm die während r Indien ſei, habe F rwenig⸗ Als Sie, r halben c's plötz⸗ eben aus in Ihnen eſcheiden⸗ ſeophila's te Theo⸗ zu wund als von nigen da⸗ ke wenig⸗ icht viel⸗ er in die ihre Lip⸗ 155 pen kommen, was für ſie und ihn an Wichtigkeit alles Uebrige ſo weit übertraf? So fragte ſie denn, auf das Hinausgeſchobene ſchon nach wenigen Augenblicken zurücklenkend, ob Boleslaw vom Verſchwinden und Wiederfinden Aniela's ein⸗ gehende Kunde habe? Er verneinte, und nun erzählte ſie, wie die Vermißte nach vielem Suchen endlich bei— Aaron Süß ausfindig gemacht worden ſei. Als Boleslaw den Juden eines ſolchen Schelmen⸗ ſtückes nicht für fähig halten wollte und eher an ein Mißverſtändniß zu glauben erklärte, widerſprach Theo⸗ phila und fügte hinzu, ſie ſelbſt ſei bei Aaron's Ver⸗ hör zugegen geweſen, die Sache unterliege keinerlei Zweifel, wennſchon Aaron allerdings die Kleine nur in Verwahrſam genommen zu haben behaupte, vorgeb⸗ lich bis zur Wieder⸗Ermittelung der verſchwundenen gräflichen Familie, bei deren Umzug ſich das Kind verlaufen haben werde.„Zu meiner Ueberraſchung“, fuhr Theophila nicht ohne einige Verlegenheit fort, „erkannte ich übrigens in Aaron's ebenfalls verhafte⸗ tem jungen Weibe die ſchöne, fremdartige Wahrſagerin von Vauxhall—“ Boleslaw ſchlug ſich vor die Stirn;„aber hatte ich denn nicht von ihrer Verhaftung ſchon gehört?“ rief er;„o, ich muß mich der ſchnödeſten Vergeßlichkeit an⸗ 156 klagen! ſie wenigſtens iſt keinesfalls ſchuldig; welch ein Schurke der tückiſche Aaron auch immer ſein mag, ſie iſt keiner ſolchen Schlechtigkeit fähig. Mein erſtes Ge⸗ ſchäft ſoll eine Fürbitte bei ihren Richtern ſein.“ „Beruhigen Sie ſich“, ſagte Theophila mit einem leiſen, raſch verſchwindenden Anflug von Empfindlich⸗ keit,„was Sie verſäumten, habe ich gethan. Zipora iſt in Freiheit.“. Sie hielt inne und Boleslaw meinte ihr Herz klopfen zu hören.„Ich danke Ihnen von ganzer Seele“, verſetzte Boleslaw,„ſie iſt ein armes, armes Geſchöpf! Ich danke Ihnen für die Erleichterung, die ſie ihrem Looſe zu Theil werden ließen.“ Der Weg, auf welchen Beide, um dem Lärm der Straße zu ent⸗ gehen, abgelenkt waren, zog ſich längs der ruhig dahinfluthenden Themſe hin. Er war von herbſtlich gelbgrünen Linden beſchattet und auf den Steinbänken an der einen Seite deſſelben ſaßen alte Seeleute und allerlei müßiges harmloſes Volk aus dem angrenzen⸗ den Viertel, wie ſich's hier der friſchen Luft zu freuen pflegte. Theophila holte ein paarmal mühſam Athem. Dann begann ſie von neuem:„Was Zipora mir ſeitdem un⸗ ter vier Augen bekannt hat, wird Ihnen kaum etwas Neues ſein———“— ſie zögerte—„ich meine den V mühun Verluſ jener lich al die A welche Sie ve weiter. „U fragte Wort, letzten dig vo holte ganzes fähig, löſen. 79 dem ſ „o ne ſamer Boles ſie mi die H 157 „g. den Verluſt ihres kleinen Mädchens; ferner die Be⸗ uu0 n mühungen Aaron's, ihr auf alle Weiſe über dieſen d ſi Verluſt fortzuhelfen, Bemühungen, welche ihn bis zu „ be jener Entwendung meines Schweſterleins führten; end⸗ lich aber———“— Theophila ſtockte und ſchlug anam die Augen nieder—„die unglückliche Neigung, mit adüi. welcher ſich die Arme eine lange Zeit getragen hat.“ Sipora Sie verſtummte und Beide gingen eine Weile ſprachlos weiter. r Derz„Und iſt das Alles, was ſie Ihnen vertraute?“ ganzer fragte Boleslaw endlich beklommenen Tones. Jedes 3, armes Wort, das er über ſeine Liebe zu Theophila in ſeinem ung die letzten Geſpräche mit Zipora geäußert hatte, ſtand leben⸗ er Vog, dig vor ſeiner Erinnerung.„Iſt das Alles?“ wieder⸗ zu ent⸗ holte er, wider Willen in Blick und Ton allmälig ſein t rlhig ganzes Herz verrathend und doch auch jetzt noch un⸗ herbſtli fähig, das Siegel ſeines Innern in Worten zu löſen. „Nein“, verſetzte Theophila ſchüchternen Tones, in⸗ dem ſie ihm dennoch gerade ins Auge zu blicken ſuchte, „o nein, Zipora hat mir etwas für mich weit Bedeut⸗ ſameres geſagt———, aber es war eine Täuſchung, n. Dann Boleslaw Oſinski, ich glaube nicht daran; nein“, ſetzte dem un⸗ ſie mit abgewendetem Geſicht hinzu und wollte ihm netwas die Hand entziehen, die er mit Heftigkeit ergriffen h meine 158 hatte,„nein, Boleslaw, ſo lange hätten Sie mein Herz nicht in der Irre ſchweifen laſſen.“ Aber er ließ ihre Hand nicht wieder frei; es jauchzte in ihm, es drängte zu Worte, was er ſo lange in ſich verſchloſſen gehalten hatte.„Gott im Himmel!“ rief er zwiſchen Beſeligung und Zagheit,„und ſoll ich denn alſo doch noch auf einen Sonnenaufgang hoffen?“ Sie wendete ihr Geſicht ihm zu; in ſeinen Augen las ſie Alles, was ihr Buſen zu ſüßer Luſt und holdem Frieden brauchte, und als ſie erröthend die Stirne neigte, zog er ſie mächtig an ſein Herz und drückte ihr den erſten Kuß auf die tropfenden Wimpern. G morg Dove der Roth ſei e und über den 1 tärp ſtatt behe hatt ein Herz jꝛuchte in ſich hel! rief 25 ich denn en?“ 1 Nuaa. rAugen Neuntes Kapitel. holdem Stirne rückte ihr Zehn Jahre ſpäter. Es war ein wiederum milder, blauer Spätherbſt⸗ morgen. Um die Keeidefelſen der engliſchen Küſte bei Dover ſtrichen die Möven mit fröhlich wildem Geſchrei; der Sang der Haidelerche, die ſchnalzenden Laute des Rothſchwanzes, das Zirpen des Zeiſigs ließen ſich, als ſei es wieder Frühling, bald hier, bald dort vernehmen, und nur der Nebel, welcher als dickes weißes Gewölk über dem Meere lag, verrieth, daß die Kraft der ſteigen⸗ den Sonne nicht mehr von lenzartiger Jugendlichkeit ſei. In einem Privatzimmer des vorzugsweiſe von Mili⸗ V tärperſonen beſuchten Hotels„zum Royal George“ ſaß ein ſtattlicher Mann beim Frühſtück und ließ ſich von einem behenden Eingebornen Indiens bedienen. Der Mann hatte ein ſonnverbranntes, edel geformtes Geſicht, einen 160 gepflegten ſchwarzen Schnurrbart, graues, kurzes und dünnes Haupthaar, eine vornehme Haltung und einen gebieteriſchen Blick; er trug die Uniform eines hochge⸗ ſtellten Officiers der indiſchen Armee; ſein rechtes Bein ſchien gelähmt; eine neben dem Frühſtücktiſch lehnende Krücke mochte ſelbſt im Zimmer nicht entbehrt werden können. Am anderen Ende des Zimmers, an der äußerſten Ecke eines Stuhles unmittelbar neben der Thür, hockte ein polniſcher Jude in blankem Kaftan, langen Schlaf⸗ Locken und noch längerem Trauerbartez; er nippte hin und wieder zwiſchen Genirtheit und unwillkürlich leckerem Lippenſpitzen aus einer auf dem Fußboden ſtehenden Zinnpinte goldgelben Ales, ſah übrigens gedrückt und verhärmt aus. Nachdem das Frühſtück zu Ende und der indiſche Diener gegangen war, winkte der Invalide den Juden mittelſt der Krücke herbei.„Aaron“ ſagte er auf Polniſch, indem er den früh Gealterten erſt jetzt näher ins Auge faßte, „mir ſcheint, wir ſind Beide nicht mehr die jungen Leute von ehemals; die Treppe von Mivart's Hotel hat dir vor Zeiten manchen Kummer bereitet; aber ich verſichere dich, wenn ich ſie heute hinunterſteigen ſollte, ich würde auch meine liebe Noth haben. Nun, es hat mich den⸗ noch erſt bei meiner elften Feuerprobe erwiſcht— ein⸗ mal mu brennen Er und Cig einen ho das erſt reigns h und hier deinen S von den Aarc ſteckte, er Grafen unterfan „In die Luft immerhin Was milie be Abgang Bielski d gedachte, wieder i diehung Gang R. Wald 161 mal mußte auch Old Major Smith ſich die Finger ver⸗ brennen.“ Er holte ein Etui hervor, das zugleich Geldbörſe und Cigarrentaſche enthielt.„Hier“, ſagte er,„haſt du einen halben Sovereign für den guten Zufall, daß du mir das erſte Willkommen in Europa boteſt— ganze Sove⸗ reigns hat ein invalider Kriegsmann nicht zu verſchenken— und hier“, fuhr er fort,„hier haſt du eine Cigarre, hole deinen Stuhl herbei und erzähle. Die letzten Nachrichten von den Meinen ſind gerade ſechs Monate alt.“ Aaron betheuerte, indem er das Geld freudlos ein⸗ ſteckte, er ſtehe weit lieber, und in der Gegenwart des Grafen Bielski zu rauchen, werde er ſich vollends nie unterfangen. „In Indien behauptet man, das Rauchen reinige die Luft“, lautete die ironiſch lächelnde Antwort,„alſo immerhin geraucht.“ Und Aaron rauchte. Was er etwa über das Befinden der gräflichen Fa⸗ milie berichten konnte, ſollte nur die Stunde bis zum Abgang des Londoner Bahnzuges verkürzen, da Graf Bielski die Seinigen mit ſeiner Ankunft zu überraſchen gedachte, zuvor aber die Begegnung des von Joſepha wieder in Gnaden angenommenen Factotums zur Ein⸗ ziehung von Erkundigungen zu verwerthen wünſchte. Ganz ſo zufällig, wie der Graf glaubte, war die R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. III. 11 162 Begegnung übrigens nicht. Aaron ſaß ſchon ſeit acht Tagen auf Veranlaſſung Boleslaw's in Dover auf dem Lug⸗aus. Er hatte die Weiſung, ſobald die Brigg, mit welcher der Graf zurückerwartet wurde, auf der Höhe von Dover in Sicht komme, nach London zu telegra⸗ phiren und dadurch das rechtzeitige Entgegenkommen Joſepha's und der ſonſt noch in London anweſenden Familiengenoſſen zu ermöglichen. Dieß war denn auch geſchehen, und während Aaron mit grämlicher Miene dem Grafen mit guten Neuigkeiten die Zeit verkürzte, näherten Jene ſich mit der Geſchwindigkeit eines engli⸗ ſchen Expreßzuges ihrem Ziele. Bis ſie eintreffen, mag hier ein kurzer Bericht über die weitere Entwicklung der auf den vorausgegangenen Blättern geſchilderten Beziehungen und Einfädelungen das Wort haben. Das ungeheure Vermögen der Staroſtin konnte, wie ſich bald auswies, nicht füglich ſeiner bisherigen Ver⸗ wendung völlig entfremdet werden, ohne die polniſche Emigration in die äußerſte Verlegenheit zu ſtürzen. Schon wenige Wochen, nachdem Jadwiga ihren Vater damit zu verſöhnen gedacht hatte, war die Unmöglichkeit zu Tage getreten, das Vermächtniß der Staroſtin anzu⸗ nehmen, ohne wenigſtens gleichzeitig für jene Bedräng⸗ niſſe Abhülfe zu ſchaffen. Ma Anhalt gabe g händig komme lichen reifer wünſch noch ku Joſeph Sniatr aus d law's bedürff zu laſſ 8. Di Jadwi weſen ſo leic wie o ſich g. heirat Alfred ſo erb Vorſch t acht f dem gg mit 1 Höhe llegra⸗ ommen eſenden n auch Miene erkürzte, engli⸗ ht über angenen elungen nte, wie en Ver⸗ polniſche ſtürzen. en Vater öglicheit in anzu⸗ Bedräng⸗ 163 Man hatte nun in den Papieren der Verſtorbenen Anhaltpunkte für die zweckmäßigſte Löſung dieſer Auf⸗ gabe geſucht, und bei dieſer Gelegenheit waren eigen⸗ händige Verfügungen der Staroſtin zum Vorſcheine ge⸗ kommen, denen ihr letztwilliges Decret zwar jeden geſetz⸗ lichen Werth nahm, die aber doch als urſprüngliche und reifer überlegte Teſtirungs⸗Abſichten der Erb⸗Laſſerin wünſchenswerthe Fingerzeige boten. Danach war ſie noch kurz vor ihrem Tode willens geweſen, einerſeits Joſepha wieder in den Beſitz der neu zurückgekauften Sniatyner Güter zu ſetzen, andererſeits ihre ſämmtlichen aus der Bukowina fließenden Einkünfte durch Boles⸗ law's Vermittlung auch nach ihrem Ableben den Hülfs⸗ bedürftigen unter der polniſchen Emigration zukommen zu laſſen. G Dieſe Aufzeichnungen beſeitigten alle Schwierigkeiten. Jadwiga war herzlich froh, dem verwickelten Rechnungs⸗ weſen und allen ihr aufgebürdeten Verantwortlichkeiten ſo leichten Kaufes überhoben zu werden. Sie athmete, wie von einer Laſt befreit, auf. Da aber, ſeit der Graf ſich gegen Boleslaw jedes Einſpruches gegen eine Miß⸗ heirath ſeiner Kinder begeben hatte, Jadwiga's und Alfred Blackman's Wünſchen nichts mehr im Wege ſtand, ſo erboten ſich Joſepha und Theophila auf Boleslaw's Vorſchlag nunmehr zur Trauzeugenſchaft, und nach der 11* 164 bald darauf vollzogenen Feier ſchiffte ſich das junge Paar, glücklich wie Schulkinder am erſten Ferientage, mit dem ſeelenvergnügten Petroleum⸗Cröſus nach der neuen Welt ein. Wie es ihnen im Laufe der Jahre weiter erging, berichteten von Zeit zu Zeit Briefe Jadwiga's. Bei der allen echten Maſſalska's eigenen Schreibeſcheu mußte man freilich den munteren Inhalt dieſer Epiſteln ſelbſt zu ergänzen verſtehen. Mochte ſich jedoch in den langen Schreibepauſen auch der Himmel dieſer Ehe einmal um⸗ wölkt haben, das Genick gebrochen hatten weder Amor noch Pſyche, und auch ein flinkes Töchterchen, von wel⸗ chem die Briefe bald Wunderdinge zu erzählen wußten, artete nach Jadwiga's Ausdruck den luftigen Eltern aufs poſſirlichſte nach. Was Marynia betrifft, ſo hatte ſie ſchon bald nach des Vaters Abreiſe ihr Lehramt in der Seemannsſchule quittirt. Gerade um dieſe Zeit war nämlich Wolfgang Mosbach auf einem goldberänderten Briefe mit einem förmlichen Heirathsantrage herausgerückt, und da Ma⸗ rynia ihren Poſten in der Seemannsſchule für weit leichter beſetzbar hielt als den ihr in Mikolajew zuge⸗ dachten, ſo hatte ſie den Antrag angenommen. Einem brieflich geäußerten Wunſche ihres Vaters zu Gefallen, war ſie dann ſpäter befliſſen geweſen, ihren ſchlicht bür⸗ —— gerli reich Mos Seit was heili gedo Pfar 4 Gatt chen imme Hunß eigne Einem fallen, t bür⸗ 165 gerlichen Gemahl wenigſtens zur Erwerbung des öſter⸗ reichiſchen Freiherrnranges zu bewegen, was ihr bei Mosbach's Gemüthlichkeit in der That endlich gelang. Seitdem unterzeichnete ſie als Marie v. Mosbach⸗Bielska, was ſie indeſſen nicht hinderte, alljährlich zum Feſte des heiligen Michael einen ſelbſtgenähten Sack voll ſelbſt⸗ gedörrter Zwetſchen aus dem Mosbach-Bielska'ſchen Pfarrgarten von Stry nach London zu ſchicken. Die blonde Simonene, jetzt Kuba's etwas herriſche Gattin und Marynia's rechte Hand, verſäumte bei ſol⸗ chen Gelegenheiten nie, ein Honiggebäck für den ihr noch immer gewogenen, aber in London verbliebenen Zwilling⸗ Huzzulen beizufügen, und der feſt zugreifende Rusniake eignete ſich allemal die Hälfte von dieſer heimathlichen Spende an. Sowohl dieſes alte Familienſtück, wie auch der le⸗ dige, einſame Huzzule ſorgten übrigens durch ihre na⸗ tionalen Eigenartigkeiten dafür, daß Joſepha's jetziger Aufenthalt, das grüne Manſardenhaus der Staroſtin, trotz aller mit demſelben vorgenommenen Verſchöne⸗ rungen nach wie vor der Londoner Bevölkerung ein Gegenſtand neugierigen Gaffens blieb. Joſepha glaubte, indem ſie die ehemalige Reſidenz ihrer Schwiegermutter ſolcher Art nicht ganz ihres eigenthümlichen Charakters entkleidete, dem Andenken der alten Patriotin auch äußer⸗ 166 lich einen Pietätszoll abtragen zu ſollen; ſelbſt Marcin Laski, der langſchlafende Majordomus, ſowie Etzbieta und ihr Gemahl, der Ofenheizer und Zahnbrecher, hatten daher in dem Pförtnerhäuschen dieſſeits des Blutegel⸗ moores ein unbehelligtes Aſyl gefunden. Die ihr zu⸗ gewieſenen Einkünfte widmete Joſepha theils der Er⸗ ziehung Aniela's und derjenigen der beiden vielverſpre⸗ chend heranwachſenden Knaben,— jetzt waren ſie faſt ſchon Jünglinge— theils gelang es ihr durch die davon beſtrittenen Abzahlungen an Hirſch Flatow, dieſem treuen Handelsmanne allmälig wieder zu ſeinem vollſtändigen Vermögen zu verhelfen. Daneben hatte ſie, auf Bo⸗ leslaw's Veranlaſſung, beim Schatzmeiſter der Armee Geld deponirt, aus denen unter der Hand die Koſten jedes dem Grafen etwa zugänglichen Avancements be⸗ ſtritten werden konnten, ſo daß demſelben gleich bei ſeiner Ankunft in Indien ein ſeiner Bildung angemeſſener Poſten übertragen worden war. Was Sir John anbetrifft, ſo behaupteten ſeine Kun⸗ den von Rotten⸗Row und Cavendiſh Square, er werde von Jahr zu Jahr jünger. In der That verſicherte er es täglich Jedem, der es hören wollte. Bis auf das Eine, daß ſein Proceß mit Sir Frederik nicht aus der Stelle rücke, wiſſe er kaum, wie es Jemanden beſſer gehen könne. Die Gewohnheit, ſeine immer noch möglichſt mun. freil Leut zu h Vate ſeine 9 Dimi jung hatte Thec ihm? 167 munterfarbigen Halstücher endlos zu lockern, nahm dabei freilich von Tag zu Tag bedenklich zu, und übelwollende Leute meinten, er fürchte einmal unverſehens am Galgen zu hängen. Er ſelbſt betheuerte indeſſen, gleich ſeinem Vater und Großvater als würdiger Hundertjähriger in ſeinem Bette ſterben zu wollen. 6 Vielleicht hätten ſeine fröhlichen Mienen höchſtens Dimitri Cerigotto beſchämt, denn ſeit dieſer weichherzige junge Mann Betſy Smithfeld in ein Kloſter eingekauft hatte und ſeitdem er auch über die Sorge hinaus war, daß Theophila's Herz um ſeinetwillen brechen werde, erſchien ihm die Welt wieder wie ein ewig blühender Roſengarten. Ihn ſelbſt hätte die Gleichnißjägerin Jadwiga wahrſchein⸗ lich ſeinem Umfange nach einem Kürbis verglichen, ſeiner Betriebſamkeit nach mit einer Lilie auf dem Felde. Aber Phiniki war nie mit ihm zufriedener geweſen, und der alte Cerigotto hatte ſich wieder vollſtändig in das Bewundern ſeines ſeltenen Sohnes hineingelebt. Geſtorben von allen denen, welche vor zehn Jahren zu der gräflichen Familie noch in irgend einer engeren oder weiteren Beziehung ſtanden, war nur Algernon, deſſen ſchwache Bruſt ſchon zu Mrs. Boodle's Zeiten Beſorgniſſe erregt hatte, und ebenſo die junge Wahr⸗ ſagerin von Vauxhall, die, obſchon von Theophila mit der ganzen Hingebung einer ehemaligen Patrick⸗Schweſter 168 gepflegt, in den erſten Monaten nach Theophila's Ver⸗ heirathung den Folgen eines Nervenfiebers erlag. Ihre letzten Worte hatten ſich für Aaron verwendet, der da⸗ mals noch immer im Gefängniſſe büßte, und bald dar⸗ auf war es den Bemühungen Boleslaw's denn auch gelungen, den jetzt doppelt ſchwer Heimgeſuchten wieder in Freiheit zu ſetzen. Was den Major Smith betrifft, der in dieſem Augen⸗ blicke beim Anhören der Aaron'ſchen Auskünfte die traurigen Tage von Cavendiſh Square und Giltſpur Street wieder lebendig vor Augen zu haben meinte, ſo hatte er ſchon vor Jahren in einem Briefe an Boles⸗ law Oſinski ſich zu dem Vorſchlage herbeigelaſſen:„Wie wäre es, wenn wir unſeren Streit über die im alten Europa herkömmlichen Standesabgrenzungen durch fol⸗ gendes Compromiß beendigten? Dieſelben ſollen von Uebel ſein, meinetwegen, wenn ſie als Quelle von Rechten und Privilegien ausgebeutet werden; ſie ſollen uns da⸗ gegen nach wie vor ehrwürdig bleiben, wenn ſie als Pflichten auferlegend und einzig als Pflichten auferlegend verſtanden werden. Iſt man einverſtanden?“ Und Boles⸗ law hatte bereitwillig zugeſtimmt. „Was ſind das für Stimmen?“ fragte der Graf, indem er, Aaron's Bericht unterbrechend, nach dem Fenſter und dann nach ſeiner Krücke blickte. — egend 0 95⸗ oles⸗ Graf, nſter 169 Aaron reichte ſie ihm. „Hoho!“ lachte der Graf aufhorchend und erhob ſich von ſeinem Sitze, um dem Fenſter zuzuhinken,„ich glaubte Wunder ein großer Stratege zu ſein, und nun laſſ' ich mich von dieſen durchtriebenen Wegelagerern überrum⸗ peln!“ Auf einmalſtürzten ihm die Thränen aus den Augen. Drei blühend herangewachſene Kinder— Aniela und ihre Brüder— grüßten von der Straße herauf; hinter ihnen Theophila an dem Arme Boleslaws, einen ernſt drein⸗ ſchauenden Knaben an der Hand. Etwas abſeits ſtand Joſepha. Der Graf wollte ſprechen, aber ſein Herz war zu voll; er konnte nur mit den Händen winken, man möge heraufkommen.„Auch mein gutes Weib!“ ſtotterte er, wie von Joſepha's beſcheidener Zurückhaltung in dieſem Augenblicke vor Allem ergriffen,„auch mein armes, gutes Weib!“ Er wollte an Aaron vorbei und, ſo raſch es ſeine Krücke geſtattete, der Treppe zueilen; doch die freudloſe Niene und der lange Trauerbart des Juden erinnerten ihn an die ſchlecht verharſchte Wunde in der Bruſt des armen Schächers und mäßigten ſeine Ungeduld.„Nein, Aaron“, ſagte er, wir wollen hier warten, wir wollen hier ſelbander warten. Apropos, die Gräfin fragte mich in einem früheren Briefe, ob ſie den Aaron, weil er gar 170 ſo allein ſei, nicht ins Haus nehmen dürfe? Nun, der Handel ſoll mir recht ſein. Hört Er? Wir wollen beiſammen bleiben!“ „Mary'“, ſagte der kleine Fiſchhändler von Cheapſide, nachdem er, mit ſeiner Frau und einem ganzen Gefolge winziger Töchter vom Sonntagskirchgange in ſeinen Laden zurückgekehrt, die Kinder treppab geſchickt und Mrs. Hooper feierlich an ſein Pult geführt hatte, über welchem ein großer gelber Circusholzſchnitt unter Glas in goldenem Rahme prangte;„kommen Sie auf einen Augenblick hieher, meine Beſte.“ Mrs. Hooper, welche ſchon den ganzen Tag wie unter einen goldenen Baldachin gegangen war, trat feierlich bewegt näher. Und Hugh Hooper fuhr jetzt wie folgt fort: „Mary! Wir haben ſoeben unſer fünfundzwanzigjähriges Beiſammenſein gefeiert. Im Laufe dieſer Zeit ſchenkten Sie mir zwölf kleine Mädchen, und Dank dem Himmel erleben unſere Kinder und wir den heutigen Tag in Geſundheit. Aber Sie ſchenkten mir noch etwas An⸗ deres. Sie ſchenkten mir Geduld und Nachſicht. Waren nun jene erſteren Spenden Ihrer Liebe dem Maße nach klein— Sie wiſſen, ich kann keine Unwahrheit aus⸗ ſprechen— ſo laſſen Sie mich hinzufügen, Ihre Geduld und Ihre Nachſicht waren um ſo viel größer.“ —⁰ 171 Er erhob ſeinen grünen Baumwollenſchirm und deu⸗ tete damit über ſein Pult hinauf. „Heute vor zehn Jahren“, fuhr er fort,„überraſchten Sie mich mit dieſem Gedenkbilde; Sie hatten es an die Stelle Ihres eigenen Bildes gehängt, und Hugh Hooper war ſchwach genug, dieſes beſchämende Opfer Ihrer Beſcheidenheit anzunehmen. Heute....“ bei dieſen Worten ſchwang ſich Mr. Hooper auf ſeine Härings⸗ tonne und hängte Mrs. Hooper's Bild wieder an ſeinen Platz—„heute bitte ich Ihnen das begangene Unrecht aus tiefſter Seele ab; mögen Sie nach abermals fünfund⸗ zwanzig Jahren mit derſelben Befriedigung auf Ihren Gatten blicken können, wie er mit dankbarer Bewun⸗ derung heute auf Sie blickt.“ „On, ſchluchzte Mary, indem ſie die Hand ihres kleinen Gatten ergriff und küßte—„o, Mr. Hooper!“ ſie konnte kaum vor Rührung ſprechen;„aber ſagte ich's denn nicht immer?“ ſetzte ſie ſtrahlenden Blickes hinzu, „ſind Sie denn nicht ein Engel?“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Neue Romane aus dem Verlag von Irnſt Julius Günther in Leipzig. die Ehefabrikanten Komiſch⸗ſocialer Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die Reiſen von Bambus& Comp. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thkr. Modelle. 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