Leibbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe (hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—————————ã—— auf 1 Monat: 1 Met.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3„ 3„= ⸗„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleibezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——yn Vermächtniß der Millionärin. Roman von Robert Waldmüller. Zweiter Band. Leipzig, Uew-Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1870. Erſtes Kapitel. Mr. Craiggs aus Titusville. Mit dem Frühzuge des dritten Tages kam der Graf mit Jadwiga und Adam zurück. Er war in ſehr gehobener Stimmung, hatte drei Preiſe gewonnen und verſicherte, Mohamed ſei ihm in dieſem Augenblicke lieber als die halbe Bukowina. Der Marquis von H., der Grand-Ecuyer des Kaiſers, und Lord J., der be⸗ währteſte Sportsman Englands, waren über das Pferd dermaßen entzückt geweſen, daß ſie erklärt hatten, es ſei geradezu unbezahlbar. Wenn Adam ſich erſt noch beſſer mit dem Pferde eingeritten haben werde, meinte der Graf, ſo könne er auf fabelhafte Erfolge An⸗ ſpruch machen. Der Knabe hatte ſich in der That bei dem Reiten mit Hinderniſſen als ein geborner Sports⸗ man gezeigt; Jemmy Grimshaw, der berühmte feder⸗ leichte Jockey des Lord S., war durch Adam über⸗ R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 1 8 2 troffen worden, obwohl jener ein Jockey, welcher tau⸗ ſend Pfund Sterling Jahresgehalt bezieht. Der Graf blieb nur kurze Zeit zu Hauſe. Er hatte im Club zu thun und wegen der Wetten für die näch⸗ ſten Derbyrennen in den betreffenden Wettbureaux die nöthigen Vormerkungen zu veranlaſſen. Dann waren noch die Ställe des Sir Cloudesley zu beſichtigen, denn Sir Cloudesley hatte ſich erboten, den Mohamed dort einſtellen zu laſſen, und der Graf redete faſt nur noch von Sir Cloudesley. Genug, es gab alle Hände voll zu thun, und ehe Joſepha den kleinen Adam noch be⸗ loben und ihm Vorſicht empfehlen konnte, waren Vater und Sohn ſchon wieder verſchwunden. Jadwiga zeigte nicht minder gute Laune. Ihr erſtes Geſchäft war freilich geweſen, den kleinen Jana heim⸗ lich über Alfred Blackman auszufragen. Dann aber hörte ſie bis zum Schlafengehen nicht mit Erzählen auf, beſchrieb mit der ihr eigenen Poſſiirlichkeit eine Menge Perſönlichkeiten, die ſich mit ihr zu ſchaffen gemacht hatten, prahlte mit den verwegenen Sprüngen, die ſie, nachdem die Rennen vorüber, ihrem Pferde zugemuthet hatte, beſchwor die Mama, beim nächſten Rennen mit zuzuſehen, wie ſie's treibe, und peitſchte mit ihrer Reitgerte die damaſtüberzogenen Seſſel und Cauſeuſen des Salon ſo oft und ſo nachdrücklich, daß 3 ſie ſich endlich über deren geſtreiftes Zebra⸗Ausſehen todtlachen wollte. Joſepha und Marynia kamen ſich, Jede in ihrer Weiſe, wie faſt aus einer veralteten Zeit vor. Theo⸗ phila war wegen heftigen Kopfſchmerzes auf ihrem Zimmer verblieben. Sehr lange nach Mitternacht ſaß Joſepha mit allerlei trüben Ahnungen allein. Als ſie nach end⸗ lichem Schlafengehen durch des Grafen Heimkommen aus beängſtigenden Träumen geweckt wurde, ſchlug die Pendeluhr über ihrem Kamine die vierte Morgenſtunde. Es war das erſtemal, ſeit man London bewohnte, daß der Graf ſich ſo ſpät außerhalb des Hauſes aufgehalten hatte. Die nächſten Tage verdunkelten die Beziehungen nur noch mehr. Joſepha hatte den Verſuch gemacht, ſich gegen den Grafen über das den Töchtern in ſeiner Abweſenheit Mitgetheilte auszuſprechen. Aber die neuen Bekanntſchaften von La Marche waren das Einzige, über das ſich mit ihm reden ließ. Theophila hüllte ſich in vollſtändiges Schweigen. Sie war in der Angſt um ihren Vater in jenem Zwiegeſpräche mit Cerigotto einen großen Schritt weiter gegangen, als nöthig zu ſein ſchien. Sie hatte Cerigotto's Antrag unter dem Vorbehalte angenommen, daß ſeine Beſuche bis auf 1* 4 Weiteres eingeſtellt würden, daß der Graf überhaupt ſeine Zuſtimmung gebe. Seit ſie den Vater von dieſer ihrer Zuſage in Kenntniß geſetzt und nur eine zerſtreut ausweichende Antwort von ihm erhalten hatte, waren ihre Lippen wie verſiegelt. Freilich mochte ſie einen anderen Dank für das von ihr beabſichtigte Opfer erwartet haben. Es hatte ſich in dem Grafen ſeit einigen Tagen in der That eine nicht oberflächliche Verwandlung vollzogen. Bekanntlich iſt das Hazardſpiel unter dem polniſchen Adel ſehr ver⸗ breitet. Die ritterlichen Eigenſchaften dieſes Standes vertragen ſich in Polen wie auch ſonſt hie und da nicht eben ſonderlich mit dem Handwerkszeuge bürger⸗ lichen Erwerbfleißes, dagegen ganz vortrefflich mit Würfel, Becher und Karte. Nun hatte auch in der Seele des Grafen die Spielneigung während ſeiner erſten Ehe mehr im Schlummer gelegen, als völlig gefehlt. Bevormundet von einer ihm nach mancher Seite überlegenen Perſönlichkeit, war er zuvor ohne ſonderliche Selbſtüberwindung in dem ſtreng abge⸗ meſſenen Geleiſe eines bedächtigen Familienvaters ver⸗ blieben. Sobald jedoch jener ihn beſtimmende Einfluß aufhörte, mußte die Gefahr eintreten, daß neben den nur halb entwickelten männlichen Eigenſchaften ſeiner Natur auch ſolche wieder zum Durchbruche kamen, ohne 9 welche der Mann recht wohl beſtehen kann. Weil aber 4 eine Leidenſchaft die andere in den Hintergrund drängt, 4 ſo verblaßte über der in ihm geweckten Neigung zu Wetten und Wagen wieder die Bedeutung des Alt⸗Ade⸗ ligen, des in der langen Ahnenreihe der Maſſalski's Ebenbürtigen— Bedingungen, welche ihm bei den Planen für ſeine Töchter bisher als unerläßlich er⸗ ſchienen waren. Er hatte in wenigen Tagen und auf eine für nobel geltende Art große Summen gewonnen. Dadurch war das Gold ihm zu etwas geworden, das ſeinen Reflex auf alle Lebensbeziehungen warf. Aber auch, daß der Verkehr unter den Wettenden der Renn⸗ bahn, wie nicht minder bald darauf derjenige an Sir John's geheimer Bank ſich um keine Ahnenreihe küm⸗ merte, hatte die Feinfühligkeit des Grafen nach dieſer Seite hin entſchieden um einige Empfindungsgrade— ſtumpfer gemacht. Seine Antipathieen gegen jeden Nichtadeligen waren dieſelben geblieben, aber er fragte nicht mehr nach den Jahrgängen des Stammbaumes. Ein klein wenig ſchielten auch des Grafen Plane mit Jadwiga in der nämlichen Richtung; kaum daß ihre Kunſtreitergrille ihm noch ernſte Sorgen machte. Er wollte Jadwiga überall mit hinnehmen, ſie an das lebendige Treiben dieſer glänzenden und ihrem reit⸗ luſtigen Weſen ſo völlig entſprechenden Welt gewöhnen — 6 und durch den bunten Wechſel ſie vor einer wirklichen Neigung bis zu der Stunde behüten, wo eine wün⸗ ſchenswerthe Partie ſich von ſelbſt darbieten würde. Von allen Perſonen übrigens, mit denen ſich der Graf in den La Marche⸗Tagen berührt hatte, war keine an ſeiner Umſtimmung ſtärker betheiligt geweſen als Mr. Craiggs, der amerikaniſche Petroleum⸗Speculant. Und zwar vielleicht vornehmlich um der auf die Spitze getriebenen Gegenſätze willen, welche ſich hier Aug' in Aug' maßen. Wenn der Graf den Adeligen par ex- cellence darſtellte, ſo perſonificirte ſich nach des Grafen Anſicht in Mr. Craiggs nicht der Roturier, nicht der Parvenu, nein, das Non plus ultra der Verleugnung allen Kaſtenreſpectes und aller ſchuldigen Rückſichten der Rowdy. So ſteinreich zu ſein und dabei ſo ganz ohne irgendwelchen Firniß, und was mehr iſt, ohne alle Scham über deſſen Mangel— nie war dem Grafen der Amerikanismus ſo überlegen in den Weg getreten. Schon in der Art, wie Mr. Craiggs wettete, war etwas Großartiges. Niedrigere Angebote als ſolche mit drei Nullen beachtete er gar nicht. Dabei übertraf ſein guter Stern bei Wetten Alles, was der Graf in dieſer Art je geſehen hatte. Mr. Dicky Craiggs verlor faſt nie, und ſo unbegreiflich eine ſo ſtetige Gunſt Fortuna's auch erſcheinen mochte, ſo erklärte ſie ſich doch, ſobald 2 4 der Mann die Urſachen zuſammenzählte, warum er ſo und nicht anders gewettet habe. Eine Menge kleiner Züge, die jedem Andern entgingen, hatte er, wie ſich's dann zeigte, beachtet und ſeiner Rechnung zu Grunde gelegt. Die Folge ſolcher Enthüllungen war in der Regel das Herantreten neuer Wettluſtiger. Statt um ſeines Glückes willen gemieden zu ſein, wurde er im Gegen⸗ theile geſucht; Jeder glaubte ihm ſeine Kunſt abſehen zu können. Aber ſo oft man es ihm nachzuthun ver⸗ ſuchte, überzeugte man ſich, daß jeder einzelne Fall eine neue Combinationsart erfordere und daß Mr. Craiggs mit ſeiner Aufrichtigkeit im Grunde gar nichts verrathen habe. Er war ein rüſtiger, ſonnengebräunter, breitſchul⸗ teriger, mittelgroßer Fünfziger mit klugen blau⸗grauen Augen, gutmüthig lachendem Munde, feſtem Doppelkinn, kräftiger Stumpfnaſe, und einem lichtbraunen Toupet, das er, als wäre es ein Hauskäppchen, bald auf dem Kopfe, bald in der Hand trug. Immer beide Hoſen⸗ taſchen voll neuer Sovereigns, Alles im Kopfe rechnend, keinerlei Höflichkeit erwidernd, und in jedem Augenblicke von irgend einem ſpeculativen Plane erfüllt, wirkte er doch vielleicht durch keine Eigenſchaft unwiderſtehlich feſſelnder als durch die Offenheit und Rückſichtsloſigkeit ſeiner ganzen Art und Weiſe. Wie er ſeine Wettmotive und ſeine Glatze nicht verbarg, ſo auch weder ſeine Meinung 8 über Jemanden noch ſeine Erlebniſſe, mochten Eines wie das Andere auch noch ſo ſehr zum Verſchweigen taugen. Er hatte zwölfmal in ſeinem Leben Millionen beſeſſen und wieder verloren. Er verſicherte, daß er nie nach einmal erklärtem Bankerotte nachbezahlt habe, und dieſem Grundſatze auch bis ans Ende ſeines Lebens treu bleiben werde.„Denn“, ſagte er,„wie man das Wetter nur bis zu einem gewiſſen Punkte vorauszube⸗ ſtimmen vermag, ſo gibt es auch für die genialſten kauf⸗ männiſchen Speculationen eine Grenze, jenſeits welcher die Macht unberechenbarer Ereigniſſe regiert und folglich die menſchliche Verantwortlichkeit aufhört. Bis zu dieſer Grenze ſtelle ich meinen Mann. Ohne Prahlerei darf ich ſagen: Dicky Craiggs hat durch Anlegung von Eiſen⸗ bahnen, durch Erſchließung von Bergwerken, durch Ueber⸗ brückung von Strömen, Herrichtung von Telegraphen, Trockenlegung von Sümpfen, Gründung von Banken, von Verſicherungs⸗Geſellſchaften, von Dampfbootlinien und durch den Ankauf und die Ausbeutung von etlichen tauſend Erfindungspatenten mehr und Größeres für den Fortſchritt der menſchlichen Geſellſchaft gethan als irgend ein Potentat dies⸗ oder jenſeits des großen Salzwaſſers. Das klingt in Europa vielleicht wie Aufſchneiderei. Mag es ſo klingen. Wahrſcheinlich würde die Entwicklung von Phänomenen, wie ich eines bin, in der alten Welt nicht 9 einmal geduldet werden. Es gibt, glaube ich, ſogar Geſetze, welche dem Kaufmanne verbieten, nach dem dritten oder vierten Bankerott ſich ferner mit Handelsgeſchäften abzu⸗ geben. Als ob ein ehrlicher Bankerott etwas Anderes wäre als eine verlorene Schlacht? So hätte man ebenſo⸗ gut einer Menge bedeutender Feldherren mitten in ihrer Carriere das Waffenhandwerk legen müſſen. Wellington, Lafayette, ſelbſt Waſhington wären als abgeſetzte Tauge⸗ nichtſe geſtorben. Narrheiten und kein Ende! Bei uns ſteht das anders. Wenn ein Mann wie Dicky Craiggs ſich aus Furcht vor Verluſten auf eine gefahrloſe Krämer⸗ thätigkeit zurückziehen wollte, da beginge er nach ameri⸗ kaniſchen Begriffen einfach einen Naub an ſeinem Jahr⸗ hundert. Möglich, daß mich einmal plötzlich die Grille anwandelt, allem Calculiren Valet zu ſagen und anderen Phänomenen freies Spiel zu laſſen. Das hab' ich dann mit mir ſelbſt auszumachen; dafür bin ich dann mein eigener Herr. Aber, by Jove! aus Haſenherzigkeit oder Bankerott⸗Vorurtheilen ſoll es wenigſtens nicht ge⸗ ſchehen.“ Bei alledem wagte Mr. Craiggs in einem Hazard⸗ ſpiel nie auch nur den allerkleinſten Einſatz. Und ſo ſtimmte es ganz mit ſeiner Methode, daß er den Grafen einmal, als dieſer eben einen ſehr großen Pharao⸗Gewinn einſtrich, lachend ans Fenſter des Spielzimmers führte — ——-——————— 10 und ihm beim Hinabdeuten auf die Straße prophezeite, er, der Graf Bielski, werde— Tauſend gegen Eins!— über Jahr und Tag als echter Pharaone ſein Unterkom⸗ men in einer wandelnden Pyramide finden. Tauſend gegen Eins! Eine Wette mit dem ewig ge⸗ winnenden Pennſylvanier! Und zwar eine Wette auf Graf Bielski's eigenen Untergang! Die Goldſtücke brannten dem Grafen in der Hand, als ſeien ſie eben erſt geprägt.„Unverſchämte Creatur!“ ſtammelte er, blaß vor Schrecken und Entrüſtung, und ſeine Augen ſprühten Funken. Wenn der ſoeben eingeſtrichene Gewinn nicht ſeine beiden Hände vollauf in Anſpruch genommen hätte, er wäre dem frechen Läſterer an die Gurgel ge⸗ ſprungen. Aber ein Mann, welcher an ſolcher Stelle gerade mit dem Füllen ſeiner Taſchen beſchäftigt iſt, hat vor ſich ſelbſt nicht Achtung genug, um diejenige Anderer ernſtlich zu beanſpruchen. Graf Bielski's Zorn dämpfte ſich ſchon, während er noch die goldgefüllten Hände ballte; er ver⸗ biß ſeinen Verdruß, um an einem andern Ort und zu einer andern Stunde ſich Genugthuung zu verſchaffen. Zugleich trat er, indem er den durchaus nicht belei⸗ digten Amerikaner am Fenſter ſtehen ließ, an die Spiel⸗ bank zurück und ſetzte den ganzen Gewinn des Abends auf eine einzige Karte. 11 Sonderbar! Als er nach zwei Minuten krampfhafter Spannung von neuem gewonnen hatte— dießmal genug, um die Bank für die folgenden Nachtſtunden außer Thãä⸗ tigkeit zu ſetzen— und als er das ihm zugeſchobene Gold wieder haufenweiſe zuſammenſtrich, ohne es dennoch in allen Taſchen unterbringen zu können, da war ſein Zorn bis auf das letzte Wölkchen verraucht. Was ihm noch eben zuvor wie einzig mit Blut gutzumachen erſchienen war, das hatte die Gunſt Fortuna's jetzt völlig aus⸗ getilgt. „Sie haben alſo wirklich geſpielt?“ rief Joſepha, aus ihren Träumen auffahrend, den mit klingender Ernte Heimkehrenden an. „Und mit Glück!“ gab der Graf zur Antwort. „Ja, mit Glück!“ ſagte Joſepha bitter,„mit Ihrem Glücke haben Sie geſpielt, mit unſer Aller Glück! O meine Ahnung! Jetzt werden wir zu Grunde gehen.“ Und ſie weinte in ihr Kiſſen. Zweites Kapitel. Stahl und Stein. Wer in dieſer Nacht, gleich dem hinkenden Teufel des Le Sage, die Kunſt verſtanden hätte, bis unters Dach oder beſſer gleich bis in die Träume der Schla⸗ fenden hineinzublicken, der würde, vorausgeſetzt, daß der Traum ſich einigermaßen als Spiegel der Seele bewährte, ünter anderen Wahrnehmungen etwa fol⸗ gende gemacht haben: Jadwiga im Begriffe, mit Alfred Blackman auf einer roſenrothen Wolke durch die Luft zu reiſen; unſägliches Vergnügen, ringsum Peitſchen⸗ knallen und luſtiges Hallali. Simonene, die littaui⸗ ſche Kindermagd, mit ihrem kleinen ledernen Geldtäſch⸗ chen in den Händen, auf der Wanderſchaft nach ihrem Heimatsdorf; nnung uid Unruhe, da noch immer der heimiſche Kirchthurm 8 auftauchen will. Kuba, ₰ 1 einer der langlockigen Huzzulen⸗Zwillinge, überglück⸗ lich, daß ſich Simonene geſtern von ihm ein buntes Seidentüchlein ſchenken ließ, aber in Sorge, wie es mit ſeinem Bruder werden ſolle, da auch dieſer ſich in die blonde Littauerin verguckt habe. Zipora noch immer voll von den Troſtworten, mit denen Boleslaw ſie und Aaron vor einigen Tagen bei dem Tode ihres Töch⸗ terchens aufgerichtet hatte; dennoch ſehr kurzathmig und beklommen, ſie weiß ſelber nicht warum. Theophila wie in einem Nebel verirrt, todmüde, dem Zuſammen⸗ brechen nahe, von dem Gedanken verfolgt, es ſei Jemand nahebei, der ſie auf den rechten Weg zurück⸗ führen könne, und doch von keiner Hülfe etwas wiſſen wollend. Und Graf Bielski?—— Nachdem Joſepha noch in derſelben Nacht wegen ihrer aufgeregt vorwurfs⸗ vollen Worte Abbitte gethan hat, iſt auch er neben ſeinen goldenen Schätzen eingeſchlummert, und nun baut der Traumgott ſpielend aus lauter glühendheißen, friſchgeprägten Goldſtücken auf der Bruſt des Schla⸗ fenden eine Pyramide, immer höher, immer laſtender, immer erdrückender, bis der Graf zu erſticken meint und ſich zur Wehre ſetzt und ſie fortzuſchieben ſucht und nun ſtatt an glühendes Gold an naßkalte gelbe Wachsleinwand greift, ganggſo gelb Sad ie wandelnde Pyramide von geſtern Abend, und aus ihren Augen⸗ 14 löchern zwei braune Augen blicken ſieht, ſeine eigenen, und auf ihrer Fläche einen Namen lieſt, ſeinen Namen, und darunter in roher Placaten⸗Malerei auf galoppi⸗ rendem Pferde eine hochgeſchürzte Kunſtreiterin gewahrt, ſeine Tochter, die„berühmte polniſche Comteſſe Jad⸗ wiga— Am nächſten Morgen lag es wie Gewitterſchwüle über dem gräflichen Quartier. Der Graf, von den Eindrücken der Nacht und den Beängſtigungen ſeines Traumes aufs peinlichſte verfolgt, nahm das Frühſtück nicht wie ſonſt im Kreiſe der Seinen. Die Rieſenſtadt und die abenteuerlichen Verhältniſſe, in welche ſie auf Schritt und Tritt verwickelte, beläſtigten ihn heute ſchon in dem wirren Straßengeräuſch, das durch die geöffneten Fenſter zu ihm heraufdrang. Wenn er nur fortkönnte, wenn er nur noch heute fortkönnte— o, das ſtill eingefriedete Mikolajew! Wie er ſich nach Ruhe ſehnte und nach dem alten wohlgeordneten Da⸗ ſein, in welchem er ſo manches glückliche Jahr ver⸗ lebt hatte! Der Rusniake meldete und wenige Augenblicke darauf trat Phiniki ein. Wie immer war der ſchwarz befrackte, tadellos raſirte Mann die Kürze und Klarheit ſelbſt. Der junge Cerkgotto, ſagte er nach Erledigung der unerläßlichſten einleitenden Höflichkeiten, habe geſtern ——— — 15 gegen ſeinen Vater Plane und Hoffnungen geäußert, welche ſo hochfliegender Art ſeien, daß der Vater wegen ſeines Sohnes in einiger Sorge ſei. Periodiſche Verdunkelungen verwandter Richtung habe man leider ſchon unzähligemale an dem Begriffsvermögen Porri Cerigotto’s beobachtet. Seine leicht erregte Phantaſie täuſche ihn bald über den großen Abſtand, der ihn von hochgeſtellten Damen trenne, bald über die nicht weniger breite Kluft, welche zwiſchen dem Sohne des alten Cerigotto und Perſonen aus der tiefſten Geſell⸗ ſchaftsſphäre beſtehe. Auf manchfache, höchſt verdrieß⸗ liche Erfahrungen, ſowohl nach dieſer wie nach jener Seite, geſtützt, glaube der Vater daher die erſten An⸗ fänge einer abermaligen Liebesanknüpfung nicht gleich⸗ giltig betrachten zu dürfen. Auch Porri Cerigotto werde ohne Zweifel einmal zu Verſtand kommen und dann mit Beſonnenheit ſeine Wahl treffen. Bis dahin ſei es eſſen rathſam, ſeine Zurechnungsfähigkeit in Anwandlungen ſolcher Ekſtaſe nicht allzu buchſtäblich zu nehmen, und ſomit hoffe Mr. Cerigotto senior durch dieſe Andeutungen ſowohl den Sohn vor einer ſchmerzlichen Enttäuſchung zu behüten, wie auch der Unerfahrenheit eines hingebenden jungen Herzens einen Dienſt zu erweiſen. Der Graf biß ſich auf die Lippen; aber die Ueber⸗ 16 legenheit dieſes diplomatiſchen Ziffermenſchen war ihm an ſich ſchon ſo unerträglich, daß, wenn er je an eine verwandtſchaftliche Verbindung mit dem Hauſe Ceri⸗ gotto ernſtlich gedacht hatte, ihm der Plan jetzt für alle Zeit verleidet war. Er lächelte daher ſo vornehm wie möglich und gab zu verſtehen, daß die Comteſſe, wie immer ſie ſich ausgedrückt haben möge, mit ihrer Antwort ſchwerlich Andefes als eine höflich umſchrei⸗ bende Ablehnung habe ausſprechen wollen. Phiniki griff dieſe Wendung ſofort auf und ſprang im ſelben Augenblicke mit großer Behendigkeit auf das Credit⸗ thema über. Von untergegangenen Kornladungen kam er ſtracks auf Fehl⸗Ernten in der Corinthen⸗Cultur zu ſprechen; von dieſen auf neugriechiſche Staatsklemmen, patriotiſche Aushilfepflichten und ſteigenden Discont, und endlich bewies er dem Grafen, der in das feſte Gefüge dieſer Kettenrechnung auch nicht das kleinſte Aber einzuſchieben Zeit fand, daß Cerigottg and Son die geleiſteten Vorſchüſſe, wenn die Firma nicht ſelbſt in Verlegenheit gerathen ſolle, noch vor Wochenſchluß zurückfordern müßten. Der Graf hatte keine Ahnung von dem ungefähren Umfange ſeiner Schuld, wie er ebenſo wenig die in den letzten Tagen gewonnenen Summen anzugeben gewußt hätte. Phiniki dagegen war mit dem Regiſter ſämmt⸗ 17 licher Anweiſungen verſehen, und ſobald der Graf nur die Goldrollen zuſammenzutragen begann, kam der Dis⸗ ponent ihm mit ſo großer Zählfertigkeit zu Hülfe, daß in weniger als zwanzig Pendelſchlägen das ganze Ge⸗ ſchäft beglichen war. Beim Einſäckeln der letzten Rollen äußerte Phiniki, deſſen Miene nur Ernſt und Dienſt⸗ befliſſenheit ausgedrückt hatte, Cerigotto and Son hofften bei Vorkommniſſen irgendwelcher geſchäftlichen Art auch künftig die Aufträge des Grafen entgegennehmen zu dürfen, und ſo mußte der Graf abermals die läſtige Heimſuchung mit einem Dantke ſchließen. Während der Disponent mit ſeiner Beute von dannen rollte, ereignete ſich in dem Schulzimmer der Knaben ein Auftritt, welcher für Theophila wie für Boleslaw gleich beſchämend ablaufen ſollte. Wenn Joſepha verhindert war, pflegte Theophila, als Aelteſte, den Unterricht der Brüder in ſolcher Weiſe zu überwachen, daß, während einiger Stunden wenigſtens, die Thür zwiſchen ihnen und dem Schulzimmer offen blieb. Wurden Landkarten durchgenommen oder phyſi⸗ kaliſche Experimente gemacht, ſo begab ſie ſich auch wohl mit ihrer Handarbeit an den Schultiſch und nahm ſolcher Art, wenn auch ohne gerade Aufmerkſamkeit zu zeigen, an dem Unterrichte Theil. Nicht minder pflegte ſie den Knaben Gedichte zum Auswendiglernen zu dictiren. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 2 18 Dießmal war die Veranlaſſung ihres Hereinkom⸗ kommens eine noch andere geweſen. Adam hatte die wenige Zucht und Haltung, welche Boleslaw beanſpruchte, in La Marche wieder völlig verlernt. Die maßvollſten Zurechtweiſungen machten den ſonſt ſo gutherzigen Bur⸗ ſchen nur noch aufſäſſiger. Zuletzt warf er ſeinen Stuhl mit trotziger Miene um; und da Boleslaw ihn denſelben wieder aufheben hieß, ſtieß der kleine Rebell auch ſeine Bücher ſammt Tintenfaß und Schiefertafel vom Tiſche hinab. Boleslaw wies ihn in die Ecke, aber auch dieſe Ver⸗ fügung fand den La Marche⸗Jockey widerſetzlich, und end⸗ lich ſah ſich der Lehrer genöthigt, ſeinen Zögling in eine anſtoßende dunkle Kammer zu ſperren. Es gelang nicht ohne Mühe. Der heftige Widerſtand Adam's rief Theophila aber herbei und, die Veranlaſſung, um ihrer gereizten Stimmung Luft zu machen, ſcheinbar begierig ergreifend, nahm ſie ſofort für den Bruder Partei. Es war das erſtemal ſeit jener barſchen Ausfrage wegen Jadwiga's Anbinden mit dem Kunſtreiter, daß Theophila dem Mentor ein Wort gönnte. Ob die Wundheit ihres ganzen Empfindens ſchuld daran ſein mochte— wie oft ſchlägt nicht die Hand, welche ſtreicheln möchte!— was ſie ſagte klang überhebend, anmaßand, verletzend. Boleslaw's Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Da der kleine Jana die Augen ſchon groß genug aufſperrte, ſuchte — G —½ — — kom⸗ die ichte lſten Bur⸗ mit ieder ücher fab. Ver⸗ end⸗ eine vicht phila eizten ffend, frage „ daß ndheit te— te!— etzend. da der ſuchte 19 Boleslaw mit Ruhe zu antworten, aber das Zittern ſeiner Stimme gab ſeinen Worten eine heftige Färbung, und Theophila, welche mit der Gemeſſenheit eines Tribunals geſprochen hatte, blickte ihm mit kühlem Befremden ins Geſicht. Boleslaw ſuchte das von ihm Erwiderte zu ver⸗ deutlichen und verſchärfte dadurch nur die Art, wie er ihr widerſprach. Ihre Augen maßen ihn denn auch vom Scheitel bis zur Sohle und dann erklärte ſie mit der Ho⸗ heit einer Ceremonienmeiſterin ſeine Antwort für über⸗ flüſſig, ſeine Gründe für gleichgiltig, ſeinen Ton für un⸗ paſſend. Als Boleslaw, ſeiner Mäßigung nicht mehr ſicher, den kleinen Jana fortſchickte und nun ſeinerſeits aus voller Höhe auf ſie hinabblickend ihre Einmiſchung unziemlich nannte, ihre Vorwürfe unüberlegt, ihre For⸗ men unartig, da antwortete Theophila, blaß vor Zorn, mit der Drohung, die weitere Erledigung der gegen ſie ge⸗ thanen Aeußerungen dem Rusniaken überlaſſen zu wollen. Zugleich wendete ſie ſich nach ihrem Zimmer zurück. Aber Boleslaw, durch die letzte Drohung wie von einem giftigen Pfeile getroffen, hatte ihr ſchon den Weg vertreten. Seine Lippen bebten, ſeine Stirnader pochte ſichtbar. Ueber ſeine Geſtalt war etwas beängſtigend Wildes gekommen. Theophila, an ihrem Rückzuge ver⸗ hindert, hatte ſich gegen einen Stuhl geſtützt. Von Furcht gelähmt, meinte ſie, ihm dennoch mit dem Blicke Trotz 2* —— 8 — 20 bieten zu können, aber ihre Augen ſtarrten nur. Es folgte eine minutenlange Pauſe, während welcher das kurze Athmen ſeiner Bruſt die Heftigkeit des in ihm tobenden Kampfes verrieth.„Comteſſe“, begann er dann und ſeine Stimme hatte einen ſo fremdartigen Klang, daß Theophi⸗ la's letzter Muth zuſammenbrach,„Comteſſe, wenn Män⸗ ner einander beleidigen, ſo haben ſie mit ihrem Leben dafür einzuſtehen. Sie ſind ein ſchwaches Weib, und das Vorrecht der Schwäche iſt die Unverantwortlichkeit. Aber wer in dieſem Sinne dem Manne nicht ebenbürtig iſt, hat um ſo größeren Anſpruch auf Belehrung. Weil das Leben Ihnen ſolche verſagte, weil Sie in beengenden Vorurtheilen aufwuchſen, weil Sie im Abſchätzen des Menſchenwerthes ein Kind ſind, und zwar, wie ich fürchte, ein ſchon bösgeartetes Kind, ſo ſollen Sie nicht von hinnen gehen, ohne wenigſtens einen Theil des verſäumten Pen⸗ ſums nachgeholt zu haben.“ Er wies, als ſei Theophila ſeine Schülerin, auf den Seſſel hin, gegen welchen ſie kraftlos lehnte, und, einer Ohnmacht nahe, ließ die Ge⸗ bannte ſich wider Willen in deſſen Kiſſen ſinken. Nun aber entwarf Boleslaw in ſcharfen, ſchonungsloſen Um⸗ riſſen ein Bild deſſen, was ein vernunftbegabtes Weſen hienieden ſolle: ſeine Kräfte zum Beſten der Geſammt⸗ heit entwickeln und verwerthen, und, was es des Namens Menſch erſt würdig werden laſſe: das lebendige Bewußt⸗ olgte kurze enden ſeine ophi⸗ Män⸗ Leben ddas Aber ig iſ l das enden n des ürchte, ßinnen Pen⸗ phila en ſie ie Ge⸗ Nun n Um⸗ Weſen ammt⸗ amens ewußt⸗ 21 ſein in ſich tragen, ein Mitarbeiter Gottes zu ſein.„Viel⸗ leicht, Comteſſe“, ſagte er, ſich ſelber unterbrechend,„klingt Ihnen das alt und abgegriffen, wie ein hundertmal aus⸗ wendig gelernter Fibelreim, und Sie meinen wohl gar längſt ein Mitarbeiter Gottes zu ſein, da Sie die Meſſe regelmäßig beſuchen und nebenher weder Menſchen er⸗ ſchlagen, noch Länder verwüſten. Aber ſehen Sie ſich vor, Comteſſe. Wir leben in einer Zeit, deren Athem⸗ holen die Menſchlichkeit ſelbſt iſt. Wenn unſere hoch⸗ gebornen polniſchen Vorfahren ihre armen Landesbrüder vor den Pflug ſpannten, wenn ſie ihnen den heimlich veredelten Obſtbaum umſchlugen, wenn ſie den ſauer verdienten Arbeitslohn in falſch gemeſſenem Korn und in dem aufgedrungenen Gift gebrannten Waſſers zahlten, ja wenn ſie nach Willkür und Laune den Lebenden das Holz zu Tiſch und Bett und den Geſtorbenen die Nägel zum Sarge verweigerten— und zu der Erbſchaft aller dieſer Miſſethaten müſſen wir uns ja doch einmal be⸗ kennen— da entſchuldigte jene unſere Vorfahren wenig⸗ ſtens ein finſteres Zeitalter. Wenn aber wir, Comteſſe, nicht wiſſen, daß zur Mitarbeiterſchaft Gottes vor Allem thätige Menſchenliebe gehört, was entſchuldigt Sie und mich? Schlagen Sie ein beliebiges Buch, ein beliebiges Tagesblatt auf, blicken Sie um ſich, wohin Sie wollen. Selbſt unter den großſtädtiſchen Frivolitäten rufen noch 22 tauſend Stimmen es Ihnen zu. Und ſind Sie für dieſe Stimmen taub, ſo fragen Sie die Entwicklungsgeſchichte der ſtaatlichen Einrichtungen, unter deren Schutze Sie leben; forſchen Sie nach den Gründen für das Milder⸗ und Gerechterwerden der Geſetze, für die ſtetige Abnahme der Sterblichkeit, für das wachſende Wohlbefinden der unteren Claſſen, für die täglich geachteter werdende Stellung eines redlichen Arbeiters. Sie können nicht anders, Sie müſſen die Erkenntniß gewinnen, daß die Hoffart— vor Zeiten vielleicht ein Mittel zu irdiſchem Anſehen— heute durch die Lehre von der menſchlichen Gleichberechtigung überwunden und verurtheilt iſt. Und ſo ſage ich Ihnen: die Thränen, welche der ſchmutzige Aaron über der Leiche ſeines Kindes geweint hat, ſind dem Auge des Weltenſchöpfers wohlgefälliger geweſen als alle Gebete, die aus einem eitlen Herzen und aus einem liebloſen Gemüthe zum Himmel ſteigen. Und ſo ſage ich Ihnen: die Wahrſagerin von Vauxhall, ob ſie ſchon allnächtlich das Gift unlauterer Reden in ſich ſaugen muß und keiner Hand wehren darf, die ſich begehrlich nach ihr ausſtreckt, ſteht vor Gottes Thron reiner, ja bewährter da als hundert und aber hundert dünkel⸗ erfüllte Weiber und Jungfrauen, die ohne Liebe ihr Herz verkauften oder verkaufen ließen. Und ſo ſage ich Ihnen endlich: die harte Fauſt des Heizers auf der Loco⸗ in der dende nicht ß die ſchen lichen Und nubige t ſind weſen d aus nd ſo ob ſie augen ehrlich er, ja ünkel⸗ ſe ihr ge ich Loco⸗ motive, des Straßenkehrers zwiſchen den Carroſſen, ja des Lumpenſammlers in der Cloake, wenn ſie ehrlichem Erwerbe dient, iſt dem Höchſten ein freundlicherer Anblick als die gepflegten roſigen Nägel und das zierliche Hand⸗ gelenk von Geſchöpfen, die in dem Tagewerke eines Die⸗ nenden etwas Entehrendes erblicken. Nun aber, Com⸗ teſſe“, ſchloß Boleslaw dieſen immer unaufhaltſamer ſei⸗ nem Innern entſtrömten Erguß,„nun gehen Sie und, wenn es Ihnen möglich iſt, verſchmerzen Sie, um des warmen menſ chlichen Antheils willen, den ein Fremder— auch in dieſem Augenblicke, glauben Sie es ihm— Ihrem Schickſale ſchenkt, die Herbheit der Ihnen ge⸗ wordenen Lection.“ — Drittes Kapitel. Phaeton. Es wird von plötzlichen Bekehrungen berichtet, und wenn man, wie billig, den Aufzeichnungen der Kirchen⸗ väter und den Legenden heiliger Männer glauben darf, ſo iſt über gar Manchen ſein Tag von Damaskus ohne andere Himmelszeichen gekommen als der Blitz und Donner geiſtlicher Suada. Freilich waren einige ſolche Bekehrer gar wunderbar wohlredneriſch begabt. Als der heilige Antonio von Padua zu Arimini predigte, ſteckten die Fiſche ihre Köpfe aus dem Waſſer; als der heilige Franciscus ſich in Alviano hören ließ, unterbrachen die Schwalben ihr Zwitſchern und lauſch⸗ ten, wie glaubhafte Augenzeugen verſichern, mit ge⸗ ſpitzten Ohren; dem gottſeligen Beda antworteten bei ar 25 einer Rede über unnützes Geplapper die ſchweigſamen Felſen mit einem vernehmlichen Amen. Aber ſei es, daß ſolche Wirkungen, wo ſie die Men⸗ ſchennatur verwandeln ſollen, eine empfänglichere Stim⸗ mung vorausſetzen, als dieſelbe in der ſtolzen Tochter des Grafen Bielski vorhanden geweſen war, oder ſei es, daß Boleslaw ſich doch noch zu kurz gefaßt hatte— Erbitterung und glühender Haß waren die einzigen Empfindungen, welche nach jenem beſchämenden Auf⸗ tritt in Theophila's Bruſt zu Worte kamen. Als der Graf ihr Phiniki's Aeußerungen und die ihm gewor⸗ dene Abfertigung mittheilte, vertheidigte ſie ſogar den jungen Cerigotto und meinte in einem Tone, welcher von der ihr ſonſt natürlichen Weiſe kindlicher Unter⸗ ordnung auffallend abwich: ſo gelte in dieſer ihrer eigenſten Angelegenheit ihre Anſicht alſo für nichts? Bis tief in die Nacht hinein hörte Boleslaw mit blu⸗ tendem Herzen, wie ſie, in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, ruhelos auf und ab ſchritt und dazwiſchen mit wilder Heftigkeit ein Crucifix vom Tiſche raffte, bald ein Fenſter aufriß, bald Marynia, die ſich von Zeit zu Zeit ihrer annehmen wollte, mit kurzen Worten ab⸗ fertigte. Marynia hatte übrigens genug mit ſich ſelbſt zu ſchaffen. Vormittags war ein neuer Brief von Wolf⸗ —*— 26 gang Mosbach eingelaufen und die blonde Comteſſe hatte die Pachtvorſchläge des anhänglich⸗ehrlichen Bur⸗ ſchen mit der ihr durch Joſepha in die Feder dictirten Nachricht beantworten dürfen, man rüſte ſich eben zur Heimreiſe und hoffe binnen wenigen Wochen wieder in Mikolajew zu ſein. Dabei war Marynia aber eine große Unſchicklichkeit paſſirt. In ihrer Freude nämlich hatte ſie zu dieſer geſchäftlichen Mittheilung einen roſa Briefbogen mit zwei ſchnäbelnden Tauben genommen. Joſepha war nun freilich der Meinung geweſen, die Sache habe nichts zu bedeuten. Ihr ſelber ſchien jedoch die Vignette ſo höchſt ungeeignet, daß ſie ſich, nachdem ſelbſt Theophila endlich zur Ruhe gegangen war, in ihrem Tagebuche noch in den aufrichtigſten Vorwürfen den Text las. Die beſchloſſenen Reiſevorbereitungen wurden in⸗ deſſen ſchon am nächſten Tage durch den Grafen wieder rückgängig gemacht. Die vormalige Mrs. Boodle— ſo hatte der alte Aufſeher im Clubhauſe vernommen— ſollte geſtorben ſein. Nicht minder berichtete Aaron von bedenklichen Schwindel⸗Anfällen, welche die greiſe Staroſtin betroffen hätten; die eine wie die andere Nachricht konnte wichtige Folgen haben. Graf Bielski hielt daher ein kurzes Verſchieben der Rückreiſe für verſtändig. — — — 27 Darüber ging die Saiſon ihrem Ende immer mehr entgegen. Das Parlament tagte nicht mehr. Rotten⸗ Row wurde leerer und leerer. Es galt kaum noch für guten Ton, ſich dort ſehen zu laſſen. Die tonangebenden Familien waren auf ihre Landſitze gezogen oder in die Bäder verreiſt oder kutſchirten auf dem Feſtland; der Circus Prescott hatte ſeine Vorſtellungen ſchon zu be⸗ ſchränken angefangen. Alles gab ſich den Anſtrich, als ändere es der Mode zuliebe irgend etwas an ſeiner Tagesordnung, und nur wo die erſtere vor ernſteren Lebensforderungen nicht zur Geltung zu kommen ver⸗ mochte, verblieb man im alten Geleiſe. Alfred Blackman war im Leſen, wie ſchon ange⸗ deutet, nicht ſonderlich ſattelfeſt. Es hatte ihn daher wenig erbaut, daß Jadwiga, ſtatt ſich wieder in der Reitbahn jenſeits des Serpentin ſehen zu laſſen, ihm durch Jana nur von Zeit zu Zeit bekritzelte Zettel zu⸗ ſchickte. Was ſie auf dieſen Blättern an polniſchen Liebesſeufzern aushauchte, wäre ihm ohnehin, auch bei beſſerer Alphabet⸗Kenntniß, kaum ganz verſtändlich ge⸗ weſen; Hieroglyphen aber, wie ihm dieſe Zleiſtiftzüge blieben, ſteigerten ſie nur ſeine Ungeduld und das ſehn⸗ ſüchtige Verlangen, die holde Königin ſeines jungen Herzens einmal wieder nahe zu ſehen. Nun hatte er nicht umſonſt während der zu Ende 28 gehenden Saiſon bald als Napoleon, Nelſon, Wel⸗ lington, Robert Peel und O'Connel auf dem Pferde getanzt, bald als betrunkener Fenier, als buckeliger Punch, als pausbäckiger John Bull, als verbiſſener Bruder Jonathan, als grimmer Guy Fawkes den Sand des Circus aufgewühlt. Seine Maskengarderobe war reich. Sich in den Talar eines Juden, in den Reif⸗ rock einer Putzmacherin, in die Seidenmantille einer Haarkräuslerin zu ſtecken, war ihm bloßes Kinderſpiel; es hätte ihm wenig Aufwand von Witz und Behendig⸗ keit gekoſtet, um jetzt als rother Fuchsjäger auf dem Reitwege von Cavendiſh Square ſeine Peitſche knallen zu laſſen und fünf Minuten ſpäter als Ananas⸗ oder Apfelſinen⸗Verkäufer in der Etage des Grafen Bielski Geſchäfte zu machen. Und in der That nahm Alfred Blackman nach langen — er meinte jahrelangen— Wochen der Sehnſucht zu einem ſtandesgemäßen Maskenmittel dieſer Art endlich ſeine Zuflucht. Da ihn aber bei dieſem Wagniß ein Widerwille gegen alle entſtellenden Vermummungen be⸗ ſchlich und er ſich, ohne Aufſehen zu erregen, doch weder als ſpaniſcher Hidalgo noch in dem Tricot ſeines Lieb⸗ lingscoſtüms über die Straße wagen konnte— die Times hatte einmal geſagt, die Rolle des Phaeton ſichere dem jungen Künſtler die Unſterblichkeit— ſo un ve —ͤ; 1 29 verfiel er darauf, das Schöne mit dem Zweckmäßigen zu verbinden und den gold⸗ und ſilberblitzenden Sohn des Sonnengottes unter einem rußigen Schlotfegerkleide zu verbergen. So verhüllt, aber jeden Augenblick im Stande, ſich der häßlichen Puppe als bunter Schmetterling zu ent⸗ winden, machte er ſich denn eines Nachmittags wohl⸗ gemuth nach der gräflichen Reſidenz auf den Weg. Jadwiga war durch Jana benachrichtigt worden, es ſtehe ihr heute eine Ueberraſchung bevor, ſie möge ſich auf ihrem Zimmer halten. Sie hatte ſich daher gleich Theophila und dem ebenfalls durch Privatcorreſpondenz in Anſpruch genommenen Boleslaw von einem heute durch den Grafen veranſtalteten allſeitigen Ausfluge nach dem Muſtergute des alten Earl of D. freizumachen gewußt und ſpähte voll froher Ungeduld ſeit einer Stunde, bald vor dem Spiegel ſich ſchmückend, bald an der Thüre lauſchend, nach dem kecken Wage⸗ halſe aus. Jadwiga hatte nie die geringſte Toiletten⸗Uebung be⸗ ſeſſen. Ihr Aufputz war daher nicht ſonderlich gelungen, und ſo oft ſie wieder nach dem Spiegel hinüberlief, verwarf ſie das eben vorher mühſam Fertiggebrachte und verſuchte ihr Ungeſchick an einem neuen Orden deſſelben. Während ſie dieſem ungewohnten Geſchäfte eben wieder 30 mit mancher halblauten Verwünſchung oblag, öffnete ſich plötzlich leiſe hinter ihr die Thür und der ſchwarze Unhold ſchlüpfte ins Zimmer. Im Nu hatte er die unſchöne Hülle abgeſtreift und ſtand glitzernd und blitzend wie aus purem Glas geblaſen da. Jadwiga, im Spiegel das Wunder ungläubig gewahrend, ſchnellte mit einem Schrei freudigen Staunens herum, ſchlug die Hände vor ſprachloſem Entzücken in einander, ſchwankte einen Augenblick, was zu thun, und ſtürzte ihm dann kurz entſchloſſen in die Arme. Er war in der That ſchön wie der junge Tag. Der goldene Reif um ſeine Stirn hielt die lichtbraune Lockenfülle kaum zurück. Der leichte ſilbergeſponnene, eng ſich anſchmiegende Anzug ließ jede ſeiner Bewe⸗ gungen frei durchſchimmern. Es war etwas unſäglich Friſches, Sauberes, Luftgeiſterartiges in ſeiner Erſchei⸗ nung; dazu in ſeinen Augen dieſelbe Glückſeligkeit,— Jadwiga ſchwur, er ſei ein Paradiesvogel an Schön⸗ heit und ſie im Vergleich mit ihm eine wahre Nachteule. Und allerdings war ſie in argem Nachtheil gegen ihn. Sie hatte ihr längſtes Schleppkleid angelegt und merkte erſt jetzt, daß ſie mehr einer Pfauenhenne als einer menſchlichen Geſtalt ähnlich ſah. Ihre Arme ſteckten in Spitzen, aus denen ſich nur mit Gewalt herauskommen ließ; ihr Hals war mit goldenen Schar⸗ teken behängt, die ihr— meinte ſie— kaum das Athmen geſtatteten. Falten und Garnituren ringsum— ſie kam ſich wie eine Gefangene vor.„Aber warte nur“, rief ſie und ſchüttelte die ſchweren Armbänder von den Händen,„wenn ich nur erſt mit dir auf dem Pferde ſtehe; ſollſt ſchon ſehen, ich bin nicht halb ſo ungelenk, wie du wohl meinſt; im Springen nehme ich's mit jedem Gummiballe auf; willſt mir's glauben? Das thue ich, Alfred Blackman, weiß Gott— ich mag nur nicht ſchwören— aber das thue ich. Meiner Treu, wenn's darauf ankäme, ich glaube, ich ſpränge hier eins, zwei, drei aus dem Fenſter.“ 4 Aber während Jadwiga's Entzücken ſich in ſolchen Ausbrüchen ſorglos Luft machte und Alfred Blackman in fröhlichſter Laune Beſcheid gab, öffnete ſich die Thür, und Theophila, kaum ihren Sinnen trauend, erſchien auf der Schwelle. Obſchon durch allerlei Andeutungen Jana's auf eine neue Thorheit Jadwiga's vorbereitet, fehlten ihr jetzt doch die Worte. Das übertraf ſchier das Maß des Glaublichen. Sie konnte nur die Hände in einander legen und ſprachlos dreinſchauen. Aber je länger ſie das Unfaßliche anſtaunte, deſto mehr empörte ſich ihr Stolz.„Jadwiga!“ rief ſie end— lich, da Niemand ſie gewahrte, außer ſich vor Unmuth 2 32 und Verdruß,„iſt es denn möglich? Nein, meine Augen betrügen mich!“ „Nicht doch, er iſt es!“ jubelte Jadwiga und ſtürmte mit leidenſchaftlichen Liebkoſungen auf die Schweſter ein;„er iſt es, er iſt es ſelber. Jetzt halten mich aber auch weder Gitter noch Schlöſſer mehr hier im Hauſe! Nicht wahr, Alfred Blackman“, fuhr ſie ſtrahlend fort, „ich darf gleich auf der Stelle mit und darf mir das wildeſte Pferd im ganzen Circus ausſuchen? O ich bin ſo glücklich! Aber ſieh ihn doch nur, Schweſter. Die Augen thun Einem ja weh!“ Theophila konnte kaum zu Worte kommen. Wie ihr das Blut auch in den Wangen brannte, wie ihr das Heerrz auch vor Entrüſtung pochte— Jadwiga war ſo übervoll von ihrem Glücke, wehrte ſo leidenſchaftlich ab, herzte die Schweſter mit ſolchem Ungeſtüm, und er, der unſinnige Knabe ſelbſt, redete ſo harmlos pro⸗ tectionswillig von der Güte ſeines Pflegevaters, Mr. Prescott, prahlte ſo naiv von der Art, wie Miß Will und Miß Kimbow auch erſt durch ihn, Blackman, den Sprung durch den Papierreifen gelernt hätten, demonſtrirte mit ſo kindiſcher Wichtigkeit den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem leeren und einem vollen Hauſe und wollte die Vorzüge des letzteren der Comteſſe Theophila ſo inſtructiv an ſeinen Fingern herzählen, — daß Theophila ſchier nicht wußte, ob ſie träume oder wache. Daneben ließ Jadwiga ihre dilettantiſchen Vor⸗ ſtudien auf dem nämlichen Gebiet in den hellſten Farben glänzen, und da ſich Beide über dieß Thema mit einer Wichtigkeit ausließen, als habe der liebe Gott, da er den erſten Kunſtreiter werden ließ, ſeinem Werke erſt die Krone aufgeſetzt, ſo erkannte Theophila endlich die Unmöglichkeit, ſich hier Gehör zu verſchaffen. In dieſem Augenblicke durchzuckte ſie ein Gedanke. Wie nun, wenn ſie Boleslaw herbefahl? Er hatte den Schaden mit anrichten helfen. Wohin ſeine Theorieen führten, mochte er hier mit eigenen Augen ſehen. Würde er die Stirne haben, dieſen Einbruch gutz uheißen Das ſollte ſich gleich zeigen. Sie entfernte ſich, ließ Boleslaw kurzweg durch den Nusniaken auf Jadwiga's Zimmer entbieten und trat dann ſchweigend wieder ein. Wenige Secunden ſpäter war Boleslaw zur Stelle. Nicht ohne Zeichen peinlicher Betroffenheit erkannte er die Veranlaſſung ſeiner Herbeſcheidung. Aber Jadwiga war ſeiner kaum anſichtig geworden, als ihr Glücks⸗ 8 auch ſchon von neuem in Ausrufen und bewun⸗ erndem Schau iena ihres Lieblings ſich Luft machte. Ja, ja, das ſ Alfred Blackman ſelber, lachte ſie; ob R. Waldmüller, 18 ermächtniß der Millionärin. II. 3 4 34 Boleslaw Oſinski denn je etwas Schöneres geſehen dern habe? Und die glitzernden Stoffe erſt! Er ſolle ſie noch nur betaſten. Pfui! wie garſtig dagegen der ſchwarze 5 Rock Boleslaw's! Aber die ganze Welt ſei über die vie Maßen häßlich!— Und in ihrem Abſcheu gegen allen wir herkömmlichen Toiletten⸗Firlefanz riß ſie mit einem be⸗ Gu herzten Griff ihre Spitzenärmel von den Armen und mit warf ſie weit von ſich. W Boleslaw hatte die ihm hier zugefallene Aufgabe V Lach trotz Theophila's ſchweigendem Dreinſchauen ſofort er⸗ len kannt. Er wartete in Ruhe eine Pauſe ab; dann bat brec er Theophila, ihre Schweſter eine kurze Weile zu beſchäf⸗ We tigen, und führte ohne weiteres den kleinen Götterſohn Bl auf die Seite. mü⸗ „Mr. Blackman“, ſagte er,„Sie ſind den Jahren bei, nach faſt noch ein Knabe, aber ich halte dafür, daß dun Sie Recht und Unrecht zu unterſcheiden wiſſen. Wir Ver Alle“, fuhr er fort, ohne die erſtaunte Miene ſeines rußß Hörers zu beachten,„wir Alle ſtehen unter dem Geſetze end der Sitte und dieſe billigt keine Heimlichkeiten, wie die rido heute hier von Ihnen in Scene geſetzten. In Ab⸗ La weſenheit des Grafen zu ſeiner Vertretung herbeigerufen, ijm bitte ich Sie daher, nicht nur ſich jetzt zurückzuziehen, über ſondern auch einen Verſuch dieſer Art nie zu wieder⸗ jau holen. Ob die Ihnen Beiden entgegenſtehenden Hin⸗ ſ 25 35 derniſſe auf Achtung Anſpruch haben, kann Ihnen ſelbſt noch kaum klar ſein; jedenfalls haben auch Andere ein berechtigtes Wort darüber mitzureden. Sei dem aber wie ihm wolle, eine alte, bewährte Lebensregel ſagt: wir ſollen nichts mit Böſem nehmen, was wir mit Gutem zu erlangen noch Hoffnung haben. Laſſen Sie mich Ihnen dieſe Regel mit allem Nachdruck empfehlen.“ Während Boleslaw ſprach, hatte Jadwiga ihn erſt durch Lachen und ſcherzhafte Zwiſchenreden, dann durch Schmol⸗ len und endlich durch herausfordernde Worte zu unter⸗ brechen geſucht. Aber ihre Seele war zu voll des jungen Weines. Als Boleslaw nicht nachließ und auch Alfred Blackman ihm endlich Recht gab, trug ſie ſelbſt in gut⸗ müthiger Fügſamkeit das ſchwarze Schlotfegerkleid her⸗ bei, half den ſchimmernd⸗fröhlichen Kern wieder in die dunkle Hülſe hineinzwängen, lachte, tanzte, küßte dem Vermummten die weißen Hände, ſchob ihm dann die rußigen Handſchuhe über die Finger und freute ſich endlich wie ein Kind, als er draußen auf dem Cor⸗ ridor mit ſeinem Beſen den gräflichen Koch noch im Vorbeigehen ſchwärzte und gleich darauf— ſie jubelte ihm am offenen Fenſter nach— mit neckiſchen Sprüngen über das Pflaſter von Cavendiſh Square von dannen jauchzte. Was ſollte ſie ſich nicht freuen? Sie liebte. Keine 3* 36 Creatur Gottes war in dieſer Stunde glücklicher ge⸗ weſen als ſie. Und ſo viel Inniges, ſo viel rührend Einfältiges, die ganze Welt und alle ihre Feſſeln Vergeſſendes hatte dieſe überſchwengliche Tollheit ſelbſt in Theophila's Augen, daß, als Jadwiga's letztes Lachen plötzlich in lautes Schluchzen umſchlug, die aufs tiefſte empört geweſene Schweſter Alles, was ihr an entrüſteten Worten auf der Zunge ſchwebte, zurückhielt und ſchweigend, wie ſie dageſtanden hatte, das Zimmer verließ. Boleslaw verſuchte, der ſo plötzlich in Thränen Auf⸗ gelöſten mit einigen Worten der Beſonnenheit zuzu⸗ reden. Da ungeſtörtes Ausweinen ihr jetzt aber augen⸗ ſcheinlich dringendes Bedürfniß war, ſo folgte er dem Beiſpiele Theophila's. Draußen ſtand ſie noch. Ihre Trauer über den ganzen Vorfall war doch gewaltiger geweſen als das Gefühl des Uebelwollens gegen Boleslaw. Sie kämpfte ihren Stolz zu Boden, und von der Ueberlegenheit, mit welcher Boleslaw den Eindringling beſeitigt hatte, noch vollſtändig erfüllt, ließ ſie ſich bis zu der Frage herab: „Was werden wir thun?“ Boleslaw ſah die Fragende einen Augenblick an, als wolle er nicht ohne Noth gegen ihre Erwartungen 37 verſtoßen.„Helfen!“ gab er dann im gemäßigteſten Tone zur Antwort. Theophila blickte betroffen in ſeine Augen.„Helfen?“ lachte ſie bitter, und ihr Buſen hob ſich wie im plötz⸗ lichen Wiederaufleben aller eben erſt niedergekämpften Empfindungen;„alſo Jadwiga aufs Pferd helfen und uns Anderen unter die Hufe deſſelben?“ Sie wartete Boleslaw's Antwort nicht ab und entfernte ſich mit einem ſtolz⸗verächtlichen Blicke. Auf der Rennbahn. Am ſelben Abende bat Boleslaw den Grafen um eine kurze Audienz. Graf Bielski hatte aber kurz zu⸗ vor ein Gebot auf Muhamed empfangen, war in Zwie⸗ ſpalt mit ſich ſelbſt, ob er ihn verkaufen oder ihn noch für die nächſten Rennen verwerthen ſolle, und bedauerte daher, heute keine Zeit zu haben. Theophila hatte, ehe ſie dem Vater das Geheimniß Jadwiga's verrathen wollte, auf Mittel geſonnen, um die Gehäſſigkeit dieſes Schrittes zu mildern. Nun Bo⸗ leslaw ſeine Parteinahme für den Kunſtreiter augen⸗ ſcheinlich nicht bis zum völligen Verſchweigen des Vorganges auszudehnen beabſichtigte, wurde ſie zweifel⸗ haft, ob ſeine Klugheit nicht doch noch eher als ihr —— 39 Zorn eine rettende Wendung finden werde. Sie zögerte daher mit ihren Anklagen gegen die Schweſter und zögerte auch am nächſten Tage noch, als der Graf wieder keine Zeit hatte, Boleslaw zu empfangen. Graf Bielski war nämlich über Nacht zu dem Ent⸗ ſchluſſe gekommen, ſein Pferd vor der Reiſe noch ein⸗ mal rennen zu laſſen und, da ſein eigenes Körpergewicht für den Zweck zu ſchwer war, wie bei den Rennen von La Marche ſeinen ſattelgewandten älteſten Knaben dabei als Reiter zu benützen. Joſepha zitterte. Zum erſtenmale wieder, ſeit ihren neulichen übereilten Worten, wagte ſie ernſte, abmahnende Einwendungen. Sie wünſchte vor Allem die Rückreiſe durch nichts mehr verzögert zu ſehen. Als der Graf dann auch bei Jadwiga, welche ihn ebenfalls begleiten ſollte, auf Widerſpruch ſtieß, wurde er nachdenkend. Sie war fiebernd aufgeſtanden, wollte zwar nicht zu⸗ geben, daß ſie um ihres Unwohlſeins willen auf Scho⸗ nung Anſpruch mache, äußerte dafür aber einen ſo unüberwindlichen Widerwillen gegen Sir John und Alle, welche zu dem Kreiſe Sir John's gehörten, daß allmälig die wandelnde Pyramide vor den Augen des Grafen wieder lebendig zu werden begann. Zuletzt entſchloß er ſich wirklich kurz und gut, ſein Pferd, auf welches ihm Tags zuvor eine ſehr annehmbare Summe 40 geboten worden war, zu verkaufen und Joſepha's Rath zu befolgen. Inzwiſchen hatte Aaron aber von dieſem Handel Wind bekommen. Eben wollte der Graf den Araber weggeben, als der Jude ſich mit einem Gegengebot einſtellte. Es war ſo hoch, daß der Graf, obſchon dem Juden mißtrauend, doch auf Aaron's Bedingung ein⸗ ging, den Abſchluß mit dem anderen Reflectanten um eine Stunde zu verſchieben. Während Aaron dann aber ſeinen Auftraggeber in ganz London ſuchte und bei jedesmaligem Wiedereinſprechen noch nicht finden zu können behauptete, zerſchlug ſich der Handel mit dem erſten Käufer vollſtändig, und nun blieb dem Grafen nur noch die Wahl, das Pferd unter dem Werthe weg⸗ zugeben oder in Ruhe eine abermalige günſtige Ge⸗ legenheit abzuwarten. Er entſchied ſich für das Letztere und rüſtete ſich alſo einſtweilen für die Rennbahn. Als Boleslaw hievon Kunde erhielt, ließ er ſich nochmals, und zwar mit dem Zuſatze melden, ob der Graf— ſſeinen früheren Anordnungen entgegen— nicht ſchlimmſtenfalls geſtatten wolle, daß die Gräfin die von Boleslaw zu machenden Mittheilungen ent⸗ gegennehme? Etiquettevorſchriften pflegte Graf Bielski aber nie zu ändern, und ſo entſchloß ſich derſelbe denn nach langem Zögern, den ſeit der neulichen Erörterung ——— — — — ——— 41 wegen Algernon's ihm faſt ſchon läſtigen Mann zu empfangen. „Sie wollen nur die Güte haben, ſich kurz zu faſſen,“ ſagte er in ſeinem höflich fernhaltenden Tone, indem er Boleslaw zum Sitzen nöthigte und nach der Uhr ſah;„meine Zeit iſt heute beſonders koſtbar“. Boleslaw erwiderte, er müſſe vor Allem die Frage ſtellen, ob der Graf von anderer Seite bereits Kunde erhalten habe, daß Alfred Blackman hier geweſen ſei. Der Graf verneinte mit einigermaßen verwunderter Miene. Boleslaw wünſchte dann zu vernehmen, ob eine Beſprechung dieſes Vorfalles, obſchon nicht die Knaben betreffend, dem Grafen überhaupt genehm ſei. „Mein Gott, ja!“ rief der Graf ungeduldig. Und Boleslaw berichtete nun in gedrängter Kürze, daß die drittälteſte Comteſſe die Bekanntſchaft mit Alfred Blackman außerhalb der Reitbahn fortzuſpinnen gewußt habe; daß der Letztere, obſchon ein Kunſtreiter, ein junger Menſch von gutem Rufe und liebenswürdigen Eigenſchaften ſei; daß ſie ihn geſtern Nachmittags eine kurze Weile bei ſich geſehen und auf Boleslaw's Da⸗ zwiſchenkunft erklärt habe, ſie wolle ebenfalls Kunſt⸗ reiterin werden. Der Graf war ſtarr vor Erſtaunen. Dennoch 42 miſchte ſich in dieſes Gefühl eine ſo lebhafte Empfind⸗ lichkeit über Boleslaw's unberufene Einmiſchung, daß er einige Augenblicke, faſt ohne es zu wollen, erſt nach einer Rechtfertigung dieſer letzteren aufhorchte. Boles⸗ law fügte aber nur hinzu, daß die Comteſſe Jadwiga, ſeiner Meinung nach, allerdings eine geborne Reiterin ſei und ſomit bei der gerühmten Bravheit des jungen Blackman in der That nichts als der große Standes⸗ unterſchied ihren Wünſchen im Wege zu ſtehen ſcheine. Der Graf hatte dieſe letzten Worte, welche ohne Weiteres auf eine Verbindung hindeuteten, mit ironiſch dreingeworfenen Wie? und Wass? unterbrochen. Aber er war vor Allem durch den Gedanken an eine wirk⸗ liche Verbindung ſeiner Tochter mit dem dreiſten Sattel⸗ helden ſo außer Faſſung gebracht, daß Boleslaw noch zu der Verſicherung Zeit fand, er wenigſtens habe in allen Ständen vortreffliche Menſchen gekannt und glaube, daß ein glückliches Paar auch unter den ſcheinbar leichtfertigſten Beſchäftigungen ſich auf dem rechten Wege zu erhalten vermöge.„Denn,“ fügte er hinzu, „wenn ohne Zweifel ein vereinzeltes junges Mädchen in ſolcher Stellung vielſeitig bedroht und gefährdet erſcheinen würde, ſo ſollte man dem läuternden und zügelnden Einfluſſe einer echten Neigung doch wohl die Fähigkeit zutrauen, zweien durch ein ſolches Gefühl . V ſem a Schrit mit u lichen danke vor T ſah;, von! daß frühe hielt bin, Weit C damit mit ſ aber dieſe die B ſtürzt rückg —-— Verbundenen über alle Verſuchungen ſiegreich fortzu⸗ helfen.“ Der Graf war aufgeſtanden, ehe Boleslaw zu die⸗ ſem abermaligen Ruhepunkte gelangte. Mit großen Schritten im Zimmer auf und abgehend, hörte er kaum, mit welchen Gründen der Befürworter dieſes abenteuer⸗ lichen Bündniſſes demſelben das Wort redete.—„Ich danke Ihnen“, ſagte Graf Bielski endlich, indem er vor Boleslaw ſtehen blieb und wiederum nach der Uhr ſah;„ich habe Ihren Rath nicht erbeten und bedaure, von demſelben keinerlei Gebrauch machen zu können; daß Sie eine Benachrichtigung meinerſeits— trotz früherer diesfälliger Abweiſungen— für Ihre Pflicht hielten, erkenne ich dagegen als einen Dienſt an und bin Ihnen für Ihre Mittheilungen verpflichtet. Das Weitere iſt meine Sorge.“ Er nickte mit dem Kopfe und wollte die Audienz damit ſchließen. Boleslaw war indeſſen nicht willens, mit ſo ſchlechtem Erfolge von dannen zu gehen. „Ihr Dank, Herr Graf“, erwiderte er reſpectvoll, aber feſten Tones,„wird mich nur dann nicht über dieſe meine Denuntiation erröthen machen, wenn ich die Beruhigung mitnehme, daß die ohne Zweifel über⸗ ſtürzte Leidenſchaft der Comteſſe nicht durch Härte zu⸗ rückgedrängt werden ſoll. Der beſtdisciplinirte Soldat 44 muß unter Umſtänden eine Vorſchrift zu übertreten wiſſen. In dieſem Falle habe ich mich befunden. Die Comteſſen ſtehen nicht unter meiner Aufſicht. Dennoch iſt mein Einfluß zur Abkürzung jenes Beſuches aufge⸗ boten worden. Das Weitere— geſtatten Sie mir die⸗ ſen Widerſpruch— iſt von nun an aber keineswegs Ihre alleinige Sorge. Icy ſelbſt bin in die Verant⸗ wortung Ihrer Schritte mit verflochten. Sollten mir daher dieſelben nicht die richtigen ſcheinen, ſo behalte ich mir die Freiheit vor, nach beſtem Gewiſſen dahin zu wirken, daß dieſer mein Geheimnißbruch mich nicht durch üble Folgen zum Mitſchuldigen mache“. Der Graf blickte den Redenden einige Augen⸗ blicke unſchlüſſig an. Heftige Worte wollten über ſeine Lippen. Die Haltung und der Ton mehr noch als die Worte des Mentors, reizten ſeinen Stolz, denn die eigent⸗ liche Bedeutung der letzteren ging ihm nur unvollſtändig auf. Aber zur rechten Zeit beſann ſich der Graf eines Beſſern. Mit Untergebenen— dieſe Regel ſtand bei ihm feſt— discutirt man nicht. Man belehrt ſie auch nicht. Das verwirrt ihre Begriffe.„Ich glaube, Sie zu ver⸗ ſtehen,“ ſagte er mit einer verabſchiedenden Handbewe⸗ gung,„und werde meine Einrichtungen danach bemeſſen.“ Wenige Minuten ſpäter wurde die ſchmucke Uebel⸗ thäterin einem ſtrengen Verhör unterworfen. Der — — treten die unoch ufge⸗ die⸗ Wegs erant⸗ mir jhalte dahin nicht ugen⸗ ſeine ls die igent⸗ ändig eines d bei nicht. ver⸗ bewe⸗ eſſen.“ Uebel⸗ Der 45 Graf führte den Vorſitz und Joſepha unterſtützte ihn als begütigender Beirath. Es war plötzlich ein anderer Ton in das Verhält⸗ niß Jadwiga's zu ihren Eltern gekommen, und vor Allem hatte der Graf die ſinnige Art abgeſtreift, mit der er bisher ſeinen Kindern gegenüber das ruhige Ebenmaß ſeiner verſtorbenen Gattin glücklich nachzu⸗ ahmen wußte. Er ſprach von Verworfenheit, von Ver⸗ führungskünſten und anderen Dingen, die das Ohr Jadwiga's zum erſtenmale vernahm; er drohte mit dem Kloſter, verſicherte, die ganze Dienerſchaft habe Auf⸗ trag, die übelberathene Comteſſe auf Schritt und Tritt zu bewachen, und brachte es in wenigen Minu⸗ ten dahin, daß Jadwiga trotz Joſepha's beſchwichtigender Zwiſchenreden ſich bald in verſtocktes Schweigen hüllte, bald wieder Boleslaw laut verwünſchte und endlich ſich auf der Stelle aus dem Fenſter zu ſtürzen drohte, wenn man ihr irgend einen Zwang anthun wolle. Von ſehr böſen Ahnungen beläſtigt, begab ſich der Graf mit Adam auf den Weg nach Stockbridge, wo die ſogenannten drei„glorioſen Hampſhire⸗Tage“ bereits vor 24 Stunden begonnen hatten. Die Rennen waren aus Rückſicht auf Lord Portmouth's Abweſenheit von England ſeit dem Juni von Woche zu Woche hinaus⸗ geſchoben worden, verſprachen nun aber die Ver⸗ 46 ſpätung durch beſonders reiche Rennpreisſpenden gut⸗ zumachen. Zu allen dieſen Vergnügungen ſtrömen die Eng⸗ länder bekanntlich in ungeheuren Maſſen zuſammen. Pferdeliebhaber, Pferdehändler, Wettluſtige, Wett⸗ ſchürer, Wettvermittler, Müßiggänger und Taſchendiebe ſind nur ein kleiner Theil der bei ſolchen Rennen in Bewegung Gerathenden; das weibliche Geſchlecht pflegt in allen Berufsarten vertreten zu ſein, und dadurch ſchon geſellt ſich dem eigentlichen Zwecke der Renn⸗ tage noch eine unzählbare Menge von Beziehungen und Intereſſen anderer Art, die wiederum wie die Räder einer Maſchine in das wirre Getriebe der Hauptſtadt mit zahlreichen Verzahnungen hinübergrei⸗ fen und mannichfachen Neigungen und Leidenſchaften einen erwünſchten Wechſel ihres Tummelplatzes bieten. So gleicht denn das Durcheinander der Wagen, Pferde und Fußgänger, welche bei ſolcher Gelegenheit unter⸗ wegs ſind, einer Art von Völkerwanderung, und die Eindrücke ſind ſo buntſcheckig und des Zerſtreuenden iſt ſo viel, daß ſelbſt ein von Sorgen umdüſtertes Ge⸗ müth den eigenen Gedanken kaum lange nachzuhängen vermag. Graf Bielski empfand dieſe Wirkung, ſobald er mit dem kleinen Adam unterwegs war. Schon daß er dießn brau teuer die Liebe duro ein ter⸗ der Umt der fren das biet er ſ Jetz eine daß in gen mit 47 dießmal den Kreis Sir John's nicht zu berühren brauchte, ſtimmte ihn freier. Er ſuchte ſich das Aben⸗ teuer Jadwiga's aus dem Kopfe zu ſchlagen, bedauerte die Härte ſeiner Anordnungen, nahm ſich vor, ihre Liebe auf der bevorſtehenden Heimreiſe nach Polen durch Nachſicht wieder zu gewinnen, und erbaute ſich einſtweilen an dem kecken Weſen ſeines kleinen Beglei⸗ ters, deſſen Kinderauge unabläſſig beſchäftigt war und der den Vater vor lauter Fragen kaum zu eigenem Umherſchauen kommen ließ. Noch ehe das Ziel der Reiſe erreicht war, ſollte der Graf ſich aber überzeugen, daß die Menge der fremden Geſichter an ſolchen Tagen nicht immer gegen das Begegnen bekannter Perſönlichleiten Bürgſchaft bietet. Es hatten ihn mancherlei Herren gegrüßt, deren er ſich nur von La Marche her zu erinnern glaubte. Jetzt ſchloß ſich ihm unverhofft Algernon an, der, mit einem Flor um den Hut, ſchon ſeit einer Stunde, ohne daß er den Grafen oder der Graf ihn bemerkt hätte, in Geſellſchaft eines Jockey in Sicht geweſen war. Dergleichen Genoſſenſchaften hatten nichts Auffallen⸗ des. Die berühmteren Jockeys ſind an Renntagen nicht minder ausgezeichnete Perſönlichkeiten als etwa kurz vor dem Sturm einer Feſtung die durch das Loos zum Sturme beſtimmten Soldaten, und dann— wer in 48 ſolcher Stellung einen Jahresgehalt von tauſend Guineen werth iſt, kann ja füglich in ſeiner Art auch für einen Gentleman gelten. Aber auffallend war dm Grafen die Art, wie der junge Mann ſich ihm ſelbſt geſellte, denn es ſchien, Algernon empfinde größere Befriedigung dar⸗ über, als der Graf ihn deren je zuvor hatte äußern ſehen. Es dauerte auch nicht lange, ſo machte Algernon unaufgefordert ſeinem Herzen in eben dieſem Sinne Luft. Er habe zwar außer Adam noch ſonſt Jemanden in des Grafen Geleite zu finden gehofft, begann er, aber vielleicht ſei es beſſer ſo. Ziemlich unbeholfen, aber in offenbar innerlich bewegter Weiſe bat er den Grafen dann, ihm eine aufrichtige Beichte zu geſtatten, und erzählte, ehe der Graf noch das ihm ſo plötzlich ent⸗ gegengebrachte Vertrauen irgendwie aufgemuntert hatte, den ganzen Verlauf ſeiner Bekanntſchaft mit Sir John. Er verſchwieg nicht, durch welche leichtſinnigen Streiche er die Liebe ſeines Vaters verſcherzt und ſich zuletzt dermaßen von Sir John abhängig gemacht habe, daß dieſer ihn völlig bevormunde. Er geſtand, daß der Reitpeitſchen⸗Ridley kein ganz zuverläſſiger Mann ſei und daß er, Algernon ſelbſt, ſich der Rolle ſchäme, welche er zum Behufe ſeiner Anknüpfung zwiſchen dem Kreiſe Sir John's und der gräflichen Familie bei der Rotten⸗Row⸗Affaire geſpielt habe. 49 In der That erfuhr der Graf bei dieſer Gelegen⸗ heit, daß der von Jadwiga Gezüchtigte ein iriſcher Midſhipman geweſen ſei, welchen Sir John durch Zah⸗ lung einer geringfügigen Summe bewogen habe, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Vor einem Monate noch hätte Graf Bielski ein Bekenntniß dieſer Art für etwas beide Parteien ſo Erniedrigendes gehalten, daß er dem ſich dadurch Preisgebenden den Rücken gewen⸗ det und ihn nie wieder eines Blickes gewürdigt hätte. Aber wohin entwichen waren die ihm einſt ſo natürlich geweſene Unnahbarkeit, die fernhaltende Hoheit ſeines Weſens, die, wenn auch enge, doch untadelhafte Eigen⸗ artigkeit ſeines Geſichtskreiſes? Auch jetzt zwar nannte er den ihm und ſeiner Tochter geſpielten Streich einen Betrug, ja ein Bubenſtück; doch längſt durch Boleslaw's Warnungen auf etwas Derartiges vorbereitet, wies er den geſtändigen Hehler und Helfershelfer weder von ſich, noch verhinderte er, daß Algernon in Selbſtanklagen und Verunglimpfungen Sir John's, faſt bis die Renn⸗ bahn erreicht war, ſeinem zerknirſchten Herzen Luft machte. Dieſe Nachſicht hatte freilich noch einen anderen Grund als bloß die innere Umwandlung des Grafen. Algernon trug einen Flor um den Hut, und im Laufe ſeiner Bekenntniſſe beſtätigte ſich, daß die unglückliche N R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 4 50 Hanf⸗ und Theerhändlerswittwe in der That das Zeit⸗ liche geſegnet habe. Die unſelige Ehe mit derſelben war aber, wie Algernon der Wahrheit gemäß verſicherte, der ſchwerwiegendſte Grund geweſen, warum ſein Vater den Verkehr mit ihm abgebrochen hatte. Der junge Wittwer war denn auch geſtern ſofort befliſſen geweſen, eine dießfällige telegraphiſche Meldung an den Vater abzufertigen, und die vor wenigen Stunden aus der Schweiz eingegangene Rückäußerung ließ auf eine bal⸗ dige Verſöhnung hoffen. Der Graf mußte dieſe Ant⸗ wort ſelbſt leſen, und als ſeine Augen die blauen Schriftzüge überliefen, ward es ihm klar, daß ſeine heutige Entdeckung des Blackman'ſchen Pagenſtreiches, mit dieſer günſtigen Wendung und der hinzugefügten Werbung Algernon's zuſammengehalten, gar ſehr nach einer Schickſalsfügung ausſehe. „Nun denn,“ ſagte er, indem er die Depeſche wieder zurückgab,„und Sie bitten mich alſo allen Ernſtes um die Hand meiner Tochter?“ Algernon verſicherte, er wiſſe ſich noch keiner einzigen wirklich glücklichen Stunde in ſeinem Leben zu erinnern. Aber wenn der Graf ihm Hoffnung auf Erhörung machen könne, da beginne für ihn ſchon mit dieſem Augenblicke ein neues Daſein, und er denke, ein würdigeres. Graf Bielski hielt es für ſchicklich, ehe er ſolchen Wünſchen ein —— — — wiliig Ungu gut,! Sache Art! jedoch mit endli meine die k nicht Gtaf So! Ihne Man dantt ¹ nur Entte el,„ Vater 7- Bielski en ein 51 williges Ohr leihe, Alles zuſammenzuzählen, was zu Ungunſten Algernon's ſpreche. Er ſprach lange und gut, und der verlorne Sohn war nahe daran, ſeine Sache für völlig unrettbar zu halten. Die unverſtellte Art und Weiſe des jungen Mannes ging dem Grafen jedoch allmälig zu Herzen.„Sie haben Ihre Umkehr mit einer lobenswerthen Offenheit begonnen,“ ſagte er endlich,„aber ſind Sie auch auf etwas Aehnliches auf meiner Seite gefaßt?“—„Ganz wie Sie wollen,“ war die keinerlei Anſpruch erhebende Antwort.—„Ich mag nicht mit leichter wiegender Münze zahlen,“ fuhr der Graf fort,„als diejenige iſt, in der man mir zahlte. So hören Sie denn mit Einem Worte Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe: Graf Bielski iſt ein ruinirter Mann, und was ihm hier in der Taſche klimpert, ver⸗ dankt er dem grünen Tiſche Sir John's.“ Algernon ſah den Grafen fragend an, aber es lag nur Theilnahme in ſeiner wenig ſagenden Miene, nicht Enttäuſchung.„Das hatte ich nicht gedacht,“ verſetzte er,„hm, ſchade! Das wird uns wieder mit meinem Vater in Schwierigkeiten verwickeln“. „Sie treten alſo zurück?“ „Nicht doch.“. „Aber zweifeln an Ihres Vaters Einwilligung 24 Algernon öffnete die Depeſche von neuem.„Da . 4* 5² ſteht:„Mein lieber Sohn,“ ſagte er unſicheren Tones; „ich denke, wir buingen ihn ſchon herum“. Man ſchüt⸗ telte ſich vielbedeutſam die Hände, und Jeder überließ ſich, bis die erſten Rennpfähle in Sicht kamen, ſchwei⸗ gend ſeinen Gedanken. Beiden war ein gut Theil leichter zu Muthe, als da ſie ausgeritten waren. Aber wie im April jedwedem Sonnenblicke ein Wolkenſchatten zu folgen pflegt, ſo geſellte ſich auch hier, wie um der Laune des Wettens und Wagens den ortspflichtigen Tribut zu entrichten, eine derbe Verdrießlichkeit den lichter werdenden Aſpecten. Ein gewandter Taſchendieb ſtahl dem Grafen buchſtäblich unter deſſen Naſe ſowol Uhr wie Geldbörſe und ent⸗ kam damit im Gedränge, obſchon der Graf, auf der Stelle die Beraubung gewahrend, den frechen Dieb ungeſäumt verfolgen ließ. Algernon erbot ſich ſofort zur Aushilfe. Als er indeſſen ſeine Brieftaſche hervorholen wollte, war auch ſie bereits in anderweitiger Verwahrung. Die beiden Beraubten blickten einander verdutzt an und hielten es zuletzt für das Beſte nach des kleinen Adam's Beiſpiel über ihr Unglück zu lachen. Die Ver⸗ legenheit wurde dadurch aber um nichts minder läſtig. Die einzige Guinee, welche Algernon noch in einem Winkel ſeiner Weſtentaſche ausgrub, konnte kaum zu einem utzt an kleinen ie Ver⸗ ig. Die Winkel einem 53 Gabelfrühſtück des Kleeblattes ausreichen. Sie dieſem nöthigen Geſchäfte zu opfern, wurde ſofort beſchloſſen, und man ſuchte in dem nächſtbeſten Zelte ein Unter⸗ kommen. Wer an ſolchem Tage, des bunten Wagen⸗ und Rei⸗ tergetümmels und des unabläſſigen Treibens und Drän⸗ gens müde, beim endlichen Erreichen der Rennbahn und ihres weit abgeſteckten friedlich leeren NRaumes aufathmen zu können meint, der ſieht ſich nicht ſelten plötzlich in ein bienenartig ſummendes Geſchwärme verwickelt, das ihn in Gedanken in das dichteſte Gewimmel einer groß⸗ ſtädtiſchen Fondsbörſe verſetzt. Die Rechnungsſtellen einer engliſchen Rennbahn ſind in der That eine Art Börſe, und zwar eine recht belangreiche. Nur der Ein⸗ gewöhnte vermag ſich hier zurechtzufinden. Geſellſchaft⸗ liche Regeln haben hier wenig oder keine Geltung. Die Ziffer beherrſcht die Stunde, und alles Uebrige tritt gegen ſie als gleichgültig zurück. Seit Wochen ſchon hat„Bell's Life in London“ vorgearbeitet. Dieß große Preßorgan für Cricket, Whiſt, Schach, Wettrennen, Ruderregatten, Boxereien, Rattenjagden, Kaninchen⸗ wettlauf, Hahnenkämpfe und für die hundert anderen faſhionablen Sportwichtigkeiten, iſt nicht nur unermüd⸗ lich beſchäftigt geweſen, die Rennpreiſe und die Renn⸗ bedingungen auszukunden und zu veröffentlichen, es hat 54 auch die Namen der ſchon angemeldeten Renner, das zuläſſige Alter und Gewicht der noch anzumeldenden und nicht minder die den Jockeys auferlegte Schwere genau verzeichnet; es hat ferner die Vergünſtigungen zuſammengeſtellt, welche ſolche Pferde genießen, deren Eigenthümer dieſelben bis nach Beendigung des Ren⸗ nens zu einem feſten Preiſe als verkäuflich anbieten; es hat Buch geführt über den Stand der angeſagten Wetten: auf Furioſo 10 gegen 1, auf Jane Shore 100 gegen 6, auf Aſtrologus 4000 gegen 100 u. ſ. f.; es hat eine Menge brieflich eingegangener Fragen be⸗ antwortet, Auskunft über fragliche Einzelheiten aus dem Verlaufe früherer Rennen gegeben, ſtreitige Wett⸗ angelegenheiten entſchieden und unzählige andere Vor⸗ arbeiten beſorgt, welche geeignet ſind, dem großen Lottoſpiele des Tages eine allgemeine Betheiligung zu ſichern. Jetzt endlich, am Renntage, ſoll Allen münd⸗ lich über die neueſten Anmeldungen Rede geſtanden, ſollen neue angenommen und gebucht werden. Da will denn hier Einer ſein Angebot zurückziehen, dort Einer es, wenn nöthig, erhöhen. Sie ſchieben, ſie drängen und ſtoßen ſich, ſie ſchwitzen vor Angſt, ſie glänzen vor zuverſichtlicher Hoffnung;— es iſt die Spielhölle eines deutſchen Bades, nur in den Staub zertretener Wieſen und Felder hinausgetragen und in den grotesken Rah⸗ —— Ilen ſt die tages Himm A ſttärkt Geld in e John ſem litt! aus Paüh leun Noti im! au ſ den Wel Aus gekle bli Röe das nden were gen eren Ren⸗ eten, gten hore ſef. be⸗ aus Jett⸗ Vor⸗ oßen 3u ind⸗ den, will iner gen vor nes eſen iah⸗ 1 55 — men eines Allerweltsfeſtes eingefaßt, oder beſſer: es iſt die Tombola irgend eines italieniſchen Muttergottes⸗ tages, nur ohne das lachende Blau des ſüdlichen Himmels. Als man ſich in dem Frühſtückszelte leidlich ge⸗ ſtärkt hatte, fragte ſich's, was weiter beginnen? Ohne Geld ließ ſich hier zu nichts gelangen. Algernon meinte, in einem Theezelte unweit der Tribüne pflege Sir John Poſto zu faſſen. Aber der Graf wollte von die⸗ ſem gefährlichen Menſchen kein Geld entleihen, ja er litt nicht einmal— ſchon ſprach der Schwiegervater aus ihm— daß Algernon wieder mit Sir John an⸗ knüpfte. Man überlegte noch, als Mr. Craiggs, der Petro⸗ leumcröſus, augenſcheinlich von einer Stallreviſion mit Notizen über die heutigen Rennpferde zurückkehrend, im lauten Rechnen, ohne die beiden Ausgeplünderten zu ſehen, dicht an ihnen vorüberſchlenderte.„Soll ich den hereinholen?“ fragte Algernon.—„Nicht um die Welt!“ rief der Graf und ihn überlief ein leiſer Schauer. Aber wer nur Geduld hat, dem kommt ſchon Hilfe. Aus einem wahren Tulpenflor von bunt und luftig gekleideten jüngen Damen, die ſich zu beſſerem Ueber⸗ blicken der Rennbahn mit unglaublich bauſchenden Röcken über das ganze Dach eines Miethonnibus ver⸗ 56 theilt hatten, tauchte zu des Grafen Befriedigung das gutmüthig⸗gedankenloſe Geſicht Cerigotto's hervor. Er hatte ſich beim Entkorken einer Portweinflaſche ſehr angeſtrengt, und die Damen ſchienen ihrem feiſten Kel⸗ lermeiſter auch jetzt, da er Gläſer herumreichte, aus neckiſcher Laune das Leben noch nach Möglichkeit ſauer zu machen. Graf Bielski überlegte im Fluge, wie er ſich gegen Cerigotto zu verhalten habe. Das Jawort Theophila's war zwar in dem Geſpräche mit Phiniki in Frage ge⸗ ſtellt worden, aber nach wie vor hatte der Anbeter aus Lombard⸗Street die ſchönſten Blumen⸗Angebinde geſchickt und keinerlei Befürchtungen laut werden laſſen. Der alte Cerigotto mochte alſo wohl durch die reichlichen Goldrollen des Grafen umgeſtimmt worden ſein und den Sohn in ſeinen Hoffnungen einſtweilen gar nicht geſtört haben. In der That zeigte Porri bei des Grafen Anblick herzliche Freude, und der Beraubte ſignaliſirte denn auch ſofort ſein Anliegen nach dem Omnibusdache hin⸗ auf.—„Nur zu glücklich, Ihnen dienen zu können“, lautete Porri's lachende Antwort;„warten Sie, lieber Graf, ich muß Ihnen ja überhaupt endlich einmal wieder die Hand drücken.“ Und nicht ohne Mühe wickelte er ſich aus den bauſchenden und knitternden Stoffen heraus. ſehr Kel⸗ aus ſauer gegen hilo's e ge⸗ aus ſchickt Der lichen und nicht nblick denn hin⸗ nen“, jeber mmal ceelte raus. 57 2 Als er ſich endlich auf den grünen Boden herab⸗ gearbeitet hatte, öffnete er zu allererſt ſein wohlver⸗ wahrtes Taſchenbuch und theilte deſſen Inhalt mit dem Grafen.„Ich würde Ihnen gern Alles anbieten“, ſagte er,„aber wiſſen Sie, ich muß doch noch auf allerhand koſtſpielige Einfälle meiner bunten Faſanerie gefaßt ſein“,— er zeigte mit dem Korkzieher auf die wohl⸗ gemuthen Dachbewohnerinnen, und da eine der jungen Damen keck genug war, dem Grafen aus der Ferne zuzutrinken, verſicherte Cerigotto, er habe heute den ganzen Reſt der noch in ihm ſteckenden Jugend⸗Thor⸗ heiten mit einem einzigen Male abthun wollen und hoffe, der Graf werde dieſen heroiſchen Abſchluß durch baldige Erhörung der ihm wohlbekannten Wünſche zu lohnen wiſſen. Der Graf, von dem beſchämenden Gefühle des Borgens erfüllt, hatte inmitten des drängenden Durch⸗ einanders die lebensluſtige Umgebung Cerigotto's kaum bemerkt. Er ſchob die Banknoten in ſeine Bruſttaſche, hoffte Mr. Cerigotto noch bei dem Rennen wiederzu⸗ ſehen, und eilte mit Adam und Algernon von dannen. Mit Hülfe des Letzteren wurde dann der Stall⸗ meiſter Sir Cloudesley's ausfindig gemacht. Muhamed, deſſen Transport der Stallmeiſter übernommen hatte, ſtand, in Decken gehüllt, bereit. Sobald er ſeines Herrn 58 Stimme vernahm, ſpitzte er die Ohren. Der Graf ſtreichelte ihn, und bei des edlen Thieres fröhlichem Gewieher kehrte noch einmal Muth und Selbſtvertrauen in des Grafen Bruſt zurück. Es zeigte ſich aber bald, daß Algernon's Local⸗ kenntniſſe den noch wenig in die engliſchen Renn⸗ gebräuche Eingeweihten doch nur unvollkommen unter⸗ ſtützten. Durch ſein Fernhalten vom Clubhauſe hatte Graf Bielski die feine Fühlung für die ihm wichtigſten unter den heutigen Programm⸗Nummern verloren. Es fehlte ihm unter Anderem jede Angabe über die ein⸗ geſchriebenen Pferde. Auch die einzelnen Rennbedin⸗ gungen, über welche ihm bei dem Rennen von La Marche der Wett⸗Secretär Sir John'’s die genaueſten Auskünfte gegeben hatte, konnte er heute nur in unvollſtändiger Weiſe von zufällig neben ihm ſtehenden Perſonen er⸗ fragen. Als er, durch die Zeit gedrängt, den Muha⸗ med dennoch für das Rennen mit Hinderniſſen angemeldet hatte, blieb ihm kaum noch Muße, um mit Adam die ſchlimmſten Gräben und Verhaue flüchtig zu beſichtigen. Zuletzt, als der Muhamed nun mit dem kleinen Adam im Sattel, unter allgemeinem Beifallsjauchzen davon⸗ jagte, erfuhr Graf Bielski erſt durch Leute, die ſich über die Pracht des Thieres in bewundernden Aus⸗ rufen ergingen, daß jedes bei dieſem Rennen betheiligte —— gferd fünft 4 ſend und gebe jieh geg b zu klei Adc — 59 Pferd bis zum Sonnenuntergange zu— hundertund⸗ fünfzig Sovereigns feil ſei! Der Graf hielt ſich faſt nicht auf den Füßen. Tau⸗ ſend Sovereigns hatte er in La Marche ausgeſchlagen, und ſeitdem war ihm durch Aaron faſt das Doppelte geboten worden. Algernon empfahl, man ſolle Sir John zu Rathe ziehen, und in der That waren jetzt keine Bedenken gegen dieſen Mann mehr von Gewicht. Auf dem Wege zu ihm vernahm der Graf indeſſen ſchon Rufe, der kleine Jockey ſei geſtürzt, und jetzt pochte ſein Herz um Adamss willen noch erſt recht zum Zerſpringen. „Poor boy!“ hörte er hoch über ſich die am wei⸗ teſten Ausblickenden rufen, und als er in ſeiner Angſt die hölzerne Tribünentreppe hinanſtürmte, ſah er in der Ferne einen rothen Punkt auf dem Raſen liegen; das, ſagte man ihm, ſei der kleine Jockey;„poor boy!“— das ihm durchgegangene Pferd war kaum mehr zu erkennen. Der Graf taumelte die Stufen hinab. Er rang die Hände und wollte ſich mit Gewalt einen Weg durch die Menge bahnen; aber dieſe, noch mitten im beſten Zuſchauervergnügen, ſtand wie eine Mauer. „Folgen Sie mir“, ſagte Algernon,„da drüben ſehe ich die Verbandſtellen; dort werden wir den Kleinen wiederfinden.“ 60 Er zog den Grafen mit halbzerriſſenen Kleidern aus dem Gedränge heraus. Augenglas und Bruſt⸗ nadel waren zerbrochen.„Nur zu meinem Kinde!“ rief der Graf;„o, es wird todt ſein; nur geſchwind zu meinem Kinde!“ Nach einer Zeit, die ihm ewig dünkte, war die von Algernon als Verbandſtelle nachgewieſene Bretter⸗ bude unweit der Preisrichter⸗Baluſtrade endlich erreicht. Mit dem Grafen zugleich langte ſein Söhnlein auf dem Arme eines hülfreich zur Hand geweſenen Con⸗ ſtablers an. Es lachte, obſchon ihm die Thränen über die mit Erde und Sand beſtäubten Wangen perlten und ſein rechter Arm am Körper bewegungslos herunter⸗ hing. Es wollte, man ſolle das Pferd nur erſt raſch wieder einfangen, denn hinüber müſſe es— das habe er ſich geſchworen. Der Graf küßte ſein Kind, ſprach mit entblößtem Haupte ein polniſches Gebet über ihn und trennte, als der Arzt mit rauher Handwerksmäßigkeit zugreifen wollte, ſelber den Aermel des rothen Röckchens von dem verletzten Arm herunter. Dann wurde— nicht ohne einige unfreiwillige Aufſchreie des kleinen Lei⸗ denden— das verſchobene Gelenk wieder eingerichtet, eine Binde herbeigeſchafft und ein Schluck Branntwein und Waſſer verabreicht.—„Ihr Sohn?“ fragte der ——— dern ruſt del d zu 61 Arzt beiläufig zum Grafen gewendet, behielt aber, auf den Zehen ſtehend, das eben ſich entſcheidende Rennen dabei fleißig im Auge. Der Graf bejahte mit ſtum⸗ mem Nicken. „Vollblut!“ lachte der Arzt, indem er, immer das Rennen behaglich verfolgend, mit einem Schnalzer hin⸗ zuſetzte:„Blue Gown gewinnt, by Jove! Blue Gown gewinnt.“ Und er wendete ſich mit derſelben Nachricht zu einem ſchwerer Beſchädigten, der, auf einem Neben⸗ tiſche liegend, ſich durch herzhaftes Fluchen und Grüß trinken Erleichterung verſchaffte. Algernon hatte ſich durch kleine Handreichungen nützlich zu machen geſucht. Als man mit dem Knaben wieder ins Freie trat, war eben ein Wagen vorgerollt und ein Herr, der ſein Toupet in der Hand hielt und ſich die Schweißperlen von der Stirn wiſchte, fragte den vor der Verbandbude ſchon wieder auf ſeinen Dienſt paſſenden Conſtabler, ob der kleine Fuchsjäger hier oder auf der anderen Seite untergebracht worden ſei? Im ſelben Augenblicke erkannte er aber Adam in der Mitte der Heraustretenden und ſetzte ſofort, zu dem Grafen gewendet, mit einem energiſchen„Ich gratulire!“ hinzu: „und zwar gratulire ich auch mir ſelber, denn ich habe hundert Pfund gewettet, der Zwerg werde mit dem Leben davonkommen.“ Zugleich erbot er ſich, da Graf 62 Bielski nach der Eiſenbahn fragte, ihn und Adam auf den nächſten Bahnhof zu ſchaffen. „Ich muß Ihnen leider dieſe Mühe zumuthen“, ſagte Graf Bielski, und ſtieg mit dem kleinen Patienten ein. Was lag ihm, nach der eben erſt ausgeſtandenen Angſt, an allen Antipathieen der Welt! Nur heim, nur fort, und nie auf Meilendiſtanz einer Rennbahn wieder nahekommen! Algernon übernahm die Heimſendung der Dienerſchaft und fort ging es. Als Mr. Craiggs ſeine Notizen über die letztgewon⸗ nene Wette in ſeinem Taſchenbuche eingetragen und dem kleinen Adam aus dem Proviantkorbe ſeines Wagens einen ſehr ſchmackhaft duftenden Imbiß verabreicht hatte, begann er ohne Weiteres auf den Muhamed zu bieten. Der Graf überhörte anfangs, was der Amerikaner ſagte. Er hatte früher kaum geahnt, wie ſehr er dieſes muthige Bürſchchen liebe. Daß es lebendig ihm noch gegenüber ſaß und Mr. Craiggs' Sandwiches mit beſtem Appetit verzehrte, erfüllte ihm Kopf und Herz. Aber Mr. Craiggs wiederholte ſeinen Vorſchlag, bis ihn Graf Bielski verſtand, freilich mit einem Seufzer. „Der Muhamed iſt ja nicht mehr mein“, ſagte er,„aber lebt er denn überhaupt noch? Wie kann ich einen Vogel in der Luft verkaufen? Wer weiß, ob und wie ich das Pferd wiederſehe?“ —— „Bei Wetten oder Wettverkäufen“, erwiderte Mr. Craiggs,„iſt gegenſeitige Ungewißheit gerade das nöthigſte Requiſit. Ich nehme an“, ſetzte er hinzu,„daß der Ausreißer heil und ganz eingefangen wird, Sie hingegen, daß er jetzt ſchon das Genick brach. Nun, in der Mitte zwiſchen beiden Vorausſetzungen liegt der Preis, um den wir uns zu verſtändigen haben.“ „Aber die Feilbietungs⸗Clauſel“, wendete der Graf ein. Mr. Craiggs ließ ſie ſich näher bezeichnen und dachte dann eine Weile nach, wie auch ihr aus dem Wege zu kommen ſei. Endlich fiel ihm ein Auskunftsmittel ein und nach ziemlich langem Rechnen und Ueberlegen erklärte er nun endgiltig, was ihm in dieſem Augenblicke der Muhamed in runder Summe werth ſei. Es war immer bedeutend mehr als der Preis, den jene Clauſel feſt⸗ ſtellte. Der Graf zögerte daher nicht lange, einzu⸗ ſchlagen. Die Art, wie der Petroleum⸗Cröſus ſich bei dem Handel benommen hatte, war wiederum ganz geeignet geweſen, ſeinen ſonſtigen Unarten Nachſicht zu erwerben. Mr. Craiggs hatte inzwiſchen anhalten laſſen, und zwei Minuten ſpäter fertigte er ſeinen Diener mit einem halben Dutzend Bleiſtift⸗Depeſchen ab. Nach dieſer Verrichtung war die Sache für Mr. Craiggs 64 abgethan und er holte ohne weiteres den Kaufpreis in Banknoten aus der Taſche. Aber beim Einſtecken derſelben gewahrte der Graf zu ſeinem Verdruſſe, daß auch Cerigotto's Darlehen den Diebsweg gegangen war. Eine einzige Note hatte man zurückgelaſſen. Mr. Craiggs ließ ſie ſich zeigen und betrachtete ſie mit Aufmerkſamkeit.„Es iſt keine falſche“, ſagte er,„wie die Humoriſten unter den Herren Spitzbuben deren ſonſt wohl ſcherzweiſe auszuſchießen pflegen. Die Note iſt ganz gut. Hm! Stecken Sie lieber kein weiteres Geld zu ſich. Es wird ein ſoge⸗ nannter Heckthaler ſein ſollen— Diebe ſind abergläu⸗ biſche Käuze; mir ſcheint, man iſt heute noch nicht mit Ihnen fertig.“ In der That hatte eine jener Spitzbuben⸗Aſſocia⸗ tionen, welche an Renntagen nach beſtimmten ſtrategi⸗ ſchen Angriffsplanen operiren, den Grafen zum Gegen⸗ ſtande ihrer fortgeſetzten Thätigkeit erleſen und lauerte bereits auf neue Beute. Es wurde daher das Geſchäft nur in Mr. Craigg's Taſchenbuch durch beiderſeitige Namensunterſchrift beſtätigt, die Zahlung aber auf morgen nach Cavendiſh Square verwieſen.„Vielleicht ſchlage ich Ihnen dort noch einen weiteren Handel vor“, ſagte Mr. Craiggs, ſchon wieder mitten im Rechnen, indem er beim Bahnhofe angelangt, für den Grafen ‿ 65 zwei Billets erſter Claſſe löſte und den Zugführer für die Sicherheit beider Paſſagiere verantwortlich machte, da dieſelben von Gaunern verfolgt würden;„ich muß immer“, ſetzte er hinzu,„irgend eine kleine Entrepriſe unter Segel haben, ſonſt kommen die Wolken über mich.“ Er ſtreichelte dem Knaben die Wangen, kehrte dann gemächlich nach ſeinem Wagen zurück, und, inzwiſchen wieder der formloſe NYankee geworden, fuhr er ohne Gruß von dannen. Mit ſchwerem Herzen ließ ſich der Graf neben ſei⸗ nem Knaben in die Kiſſen des Waggon ſinken. Ihm graute vor der ſchwülen Hauptſtadt. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 5 Fünftes Kapitel. Ueberfahrt gratis. „Das klingt ja kaum mehr nach Heimweh“, hatte Boleslaw zu Simonene geſagt, als dieſe, mit Aniela auf dem Arme im Corridor auf und ab gehend, ein littauiſches Volkslied vergnüglich vor ſich hin ſang. Die Angeſprochene war mit bäueriſch verſchämtem Lachen verſtummt.„Sing's noch einmal“, hatte Boleslaw ge⸗ beten,„mit demſelben Liede bin ich oft genug als Kind in den Schlaf geſungen worden.“ Aber Simonene war verlegen fortgegangen. Eine Stunde ſpäter— es war am Nachmittage des unheilvollen Rennens— kam Jana mit einem be⸗ ſchriebenen Blatte aus Theophila's Zimmer. Er habe wieder ein Gedicht zum Auswendiglernen aufſchreiben müſſen, ſagte er einigermaßen verſtimmt zu Boleslaw; uw; 1 ob denn auch Adam, wenn er zurückgekommen ſei, das Gedicht mitlernen werde? Boleslaw bejahte und ließ ſich's zeigen. Zu ſeiner Verwunderung erkannte er in gewandter polniſcher Ueber⸗ tragung Simonene'’s Lied. Unwillkürlich ſtieg ihm das Blut in die Wangen. Trieb hier der Zufall ſein Spiel, oder hatte Theophila ihm durch die Freundlichkeit, mit welcher ſie Simonene's blöde Ungefälligkeit gutmachte, die Beruhigung geben wollen, daß nicht allein ſein neu⸗ liches Zuchtmeiſtern, daß ihm auch ſein Partei⸗Ergreifen für Jadwiga und Alfred Blackman verziehen ſei? Als der Knabe fort war, las er ſich das Lied mit Empfindungen der bewegteſten Art zu zweienmalen laut vor. Es dünkte ihm nichtsſagender, als irgend ein ihm ſonſt bekanntes Volkslied, und doch feſſelte es ihn: Flogen an den Bach zwei Tauben, Bei dem Fliegen alſo denkend: Ob wir trinken? ob wir baden? Ob wir mit den Flügeln platſchen? Ritten durch den Wald zwei Burſchen, Bei dem Reiten alſo denkend: Ob wir uns im Schatten lagern, Und die Rößlein graſen laſſen? Nähten im Gemach zwei Schweſtern— Hier hatte die Schreiberin das Lied unvollendet gelaſſen. 5* 68 „Nähten im Gemach zwei Schweſtern—“ wiederholte Boleslaw ſuchend, als er, abermals an den Schluß des Liedes gelangt, ſich zu erinnern glaubte, daß in der urſprünglichen Faſſung auch die Gedanken der zwei Schweſtern noch zu Worte gekommen waren: „Nähten im Gemach zwei Schweſtern Bei dem Nähen alſo denkend:—?“ Er wollte den Knaben zurückrufen, damit ſich derſelbe das Lied vervollſtändigen laſſe, aber im ſelben Augen⸗ blicke tauchten auch die letzten Zeilen aus ſeiner Erin⸗ nerung auf, und nun wußte er auf einmal, warum ihn dieß Lied in der Uebertragung Theophila's ſo eigen angemuthet hatte: Nähten im Gemach zwei Schweſtern, Bei dem Nähen alſo denkend: Alles— nur kein Mädchen werden, Alles— nur kein Mädchen bleiben!— Durch mancherlei Zwiſchenfälle aufgehalten, erreichte der Graf mit ſeinem Sohne erſt ſpät Abends das Haus. Joſepha erfuhr nur einen Theil der Ereigniſſe des vielbewegten Tages. Sie hatte aber auch kaum Ohren dafür, da Adam's Zuſtand ſie ſehr beängſtigte. Ohne des Grafen Erlaubniß zog ſie Boleslaw zu Rathe, und dieſer erklärte eine am Oberarme des Knaben während 69 der Fahrt erſt zum Vorſchein gekommene Geſchwulſt für bedenklich genug, um ſofortige ärztliche Hülfe nöthig zu machen. Es zeigte ſich in der That, daß eine wirk⸗ liche Verletzung vorlag, und nun blieb der kleine Lei⸗ dende, obſchon in keiner Gefahr und bei dem beſten Humor, bis über die Mitternachtsſtunde hinaus der ausſchließliche Gegenſtand alles Intereſſes. Der Graf verbrachte eine ſchlafloſe Nacht. Je öfter er die Summe der geſtrigen Unfälle zog, deſto rettungs⸗ loſer verwirrt erſchien ihm ſeine Lage. Porri Ceri⸗ gotto abermals ſein Gläubiger; Muhamed, das letzte Nothboot, dahin! Er überlegte, ob nicht noch einmal das Spielglück verſuchte werden ſolle. Aber die ab⸗ ſcheuliche Prophezeiung des Petroleum⸗Cröſus! Von ſolchen Gedanken heimgeſucht, ſchritt Graf Bielski am nächſten Vormittage neben dem mit Blumen geſchmückten und von einem hellen Sonnenſtrahl freund⸗ lich beleuchteten Bette Adam's auf und ab, als— faſt eine Stunde vor der herkömmlichen Beſuchszeit— Mr. Craiggs angemeldet wurde. Gleichzeitig dröhnte der gewichtige Schritt des Amerikaners im Nebenzimmer. „Er ſoll warten“, bedeutete der Graf den anmel⸗ denden Rusniaken und ließ, wie von einem geheimen Zuge feſtgehalten, ſich auf einen Seſſel neben Adam's Lager nieder. 70 Der Graf war nicht allein geweſen. Eins nach dem andern, flüſternd zuerſt, jetzt ſchon munter ſchwatzend, wie zur Erneuerung früherer vertraulicher Innig⸗ keit, hatten ſich nach und nach die ſämmtlichen Geſchwiſter um das Krankenlager ihres Bruders zu⸗ ſammengefunden. Und wohl übte dieſe Fülle von Jugend⸗ friſche und lieblichem Augenreize, nun der Graf vom Seſſel aus ſie überblickte, auch auf ihn etwas unwill⸗ kürlich Bezauberndes. Ob ein Uneingeweihter, fragte er ſich, wohl an das unabwendbare Verhängniß glauben könnte, das über dieſen Häuptern ſchwebt? Sie lachen ſchon wieder, ſie gehen auf Adam's gute Laune ein, ſie ergötzen ſich, wenn auch zwiſchen Seufzern nachträg⸗ licher Beklemmung, an den tollen Schilderungen, mit denen das arme Bürſchchen ſeinen geſtrigen Unfall ins Drollige traveſtirt. Großer Gott, iſt denn keine Rettung? In der That ſchallte gerade in dieſem Augenblicke das ganze Gemach von hellem Lachen. Jungen Ge⸗ müthern genügt ja das kleinſte Stückchen blauen Him⸗ mels, um jedes Unwetter zu vergeſſen. Der Graf reichte Joſepha, welche ſorgenvoll dreinſchaute, die Hand hinüber, und ſein Auge forderte ſie auf, gleich ihm der Minute ihr Recht zu gönnen. Es war noch einmal ein Kreis, wie er den Grafen in Mikolajew zu umgeben und mit dem ruhigen Glücksgefühle zu 71 erfüllen pflegte, das uns der Anblick eines geſchützten, blüthengeſegneten Thales in die Seele ſenkt. Und als geſchähe es, damit Alles noch lebendigere Anklänge an die alten, lieben Tage von Mikolajew haben ſolle, wagte ſich, ſobald Joſepha ſich dem Vater geſellt hatte, jetzt auch Jadwiga in lange ungewohnt gewordener Zutraulichkeit näher an ihn heran, und nun Adam, auf das ihn umgebende Grün deutend, trällernd die beliebte galiziſche Volksweiſe anſtimmte: „Bei der lieben Mutter mein Stehet ein Maßholderlein, Stehet ein, ja ſtehet ein Maßholderlein, und Joſepha fortzufahren gezwungen wurde: „Drunter eine Lagerſtatt, D'rauf mein Liebſter krank und matt—“ und der Graf ſelbſt dann einſtimmte: „Wanda, komm, ich bitte dich, Bring ein Kräutchen, heile mich“, und Marynia, Jana und Jadwiga ſich endlich an⸗ ſchloſſen: „Hurtig, Tochter mein, es eilt, Schaff ein Kräutchen, das ihn heilt“, da mußte auch Theophila mit dem Schlußvers heraus⸗ rücken: „Gib mich, Mutter, ihm zur Braut, Liebe iſt das beſte Kraut!“ 72 „Bravo! Braviſſimo!“ klang es in dieſem Augen⸗ blicke aus dem leiſe geöffneten Nebenzimmer herüber, und Mr. Craiggs, dem die Zeit lang geworden war, ſteckte ſeinen vergnüglich dreinſchauenden Kahlkopf zur Thür herein.„Potz Tauſend!“ rief er, beim Anblicke des reizvollen Familienbildes auf der Schwelle ſtehen bleibend,„das nennt ſich ja eine ganze blühende Zucker⸗ plantage! Gratulire, gratulire! Dergleichen macht die alten Augen einmal wieder hell und klar.“ Der Graf verfügte ſich nicht ohne Widerwillen mit dem unceremoniellen Manne ins nahe Cabinet, und dieſer, der nur langſam und unter wiederholten Glück⸗ wünſchen über den Segen ſo lebensfriſcher Kinder ge⸗ folgt war, gab, auf einmal ernſter werdend, nach ein paar ſchweren Athemzügen mit bewegter Stimme zu verſtehen, er habe nicht weniger als ſechs faſt erwach⸗ ſene Kinder zu Grabe geleitet, ſtarke, baumſtarke Knaben und Mädchen, und jetzt habe er nur noch ſich ſelbſt. Es ſtanden ihm Thränen in den Augen. Die Erwähnung eines ſo ſchweren Mißgeſchickes konnte auch den Grafen nicht wohl anders als milder ſtimmen. Anſichten und Erfahrungen mannichfacher Art wurden ausgetauſcht, eine trübſinnige Betrachtung reihte ſich an die andere, und bald hatte Graf Bielski ſo viel Bedenkliches von ſeiner Lage verrathen, daß der hickes iilder Art reihte ki ſo 6 der 73 Amerikaner trotz des bitteren Naß in ſeinen eigenen Augen, wie er ſich ſpäter einmal ausdrückte,„bis auf den Boden des leck gewordenen Gefäßes blickte.“ Nun gibt es für einen Rathloſen kaum etwas Be⸗ ſtrickenderes als die Nähe eines Mannes von beherzter Hand, ſicherem Blicke und energiſchem Willen, und wenn ein ſolcher eben am Ufer ſteht, während der Andere zu ertrinken im Begriffe iſt, ſo wird es, Zehn gegen Eins, zu einem Hilferufe kommen. In der That ließ der Graf es wenigſtens geſchehen, daß Mr. Craiggs ſeine eigenen Erinnerungen— und es waren nur zu aufrichtige geweſen— über den ihm verrathenen Be⸗ drängniſſen des Grafen niederkämpfte und raſch ent⸗ ſchloſſen die nervige Hand nach dem Verſinkenden aus⸗ ſtreckte. Eine ſolche Hülfeleiſtung hatte aber begreiflicher⸗ weiſe bei dem ganzen Zuſchnitte dieſes Mannes und der nebenbei laufenden Abrechnung über den Araber eine ſtarke Beimiſchung von der Kunſt Adam Rieſe's, und zwar um ſo mehr, als Mr. Craiggs gewohnt war, mit großen Nennern zu rechnen. Dabei glich ſeine Phan⸗ taſie derjenigen großer Feldherren, ſie gehorchte auf Commando und befähigte ihn, mit einem einzigen Blicke, wie Cäſar im voraus den ganzen Detailverlauf der Schlacht von Pharſalus, ſo eine Unmaſſe von 74 ſtreitigen Geſichtspunkten im engſten Zuſammenhange zu überſehen und zu einer regelrechten Perſpective zu ordnen. Dieſe Gabe machte es ihm möglich, ehe der Graf noch Hundert zählen konnte, demſelben eine faſt ebenſo große Anzahl von Rettungsplanen vorzuſchlagen, welche ſämmtlich ſo ungeheuerlich klangen und dabei ſo durchſichtig wohlberechnet erſchienen, daß der Graf, ſelbſt wenn er das fremdartige Engliſch des Pennſyl⸗ vaniers beſſer verſtanden hätte, zwiſchen Widerwillen, verletztem Stolze und grenzenloſem Staunen wohl kaum einer Antwort fähig geweſen wäre. „Drei Factoren“, führte Mr. Craiggs, ohne eine Unterbrechung zuzulaſſen, in geſchäftsmäßigſter Nüch⸗ ternheit aus,„liegen allen dieſen Berechnungen zu Grunde. Der eine iſt Ihre Uebung im Repräſentiren; Sie bringen die vornehmen Seiten menſchlicher Erſchei⸗ nung aufs vortheilhafteſte zur Geltung; Sie verſtehen ſich allerliebſt auf eine große Menge äußerer Geſell⸗ ſchafts⸗Bedingungen, lauter Fertigkeiten, lieber Graf, welche unter Umſtänden den Werth baren Geldes haben. Der zweite Factor iſt die Geſchloſſenheit, der noch un⸗ geſtörte Organismus Ihrer Familie. Als ein Ganzes, als ein ſelten in ſolcher Vollkommenheit Vorkommendes, als ein in ſich Gefeſtigtes, an ſich Imponirendes und Achtunggebietendes unter Umſtänden und bei richtiger hange ve zu de der e faſt lagen, dei ſo Graf nnſyl⸗ villen kaum eine Nüch⸗ en zu tiren; rſchei⸗ ſtehen eſell⸗ Graf, haben. h un⸗ anzes, endes, s und ctiger 75 Verwerthung ebenfalls ein vollgiltiges Aequivalent für gemünzte Erdengüter.“— Den dritten Factor näher zu bezeichnen, behielt Mr. Craiggs ſich für eine ſpätere Gelegenheit vor. Der Graf, ſo wenig er glücklicherweiſe auch ver⸗ ſtand, begriff doch, daß fortwährend von ſeiner Familie die Rede geweſen war. Er drückte daher den Wunſch aus, Mr. Craiggs möge von der gräflichen Familie vollſtändig abſehen. Es gelang ihm indeſſen nicht, gegen den Ameri⸗ kaner aufzukommen, und dieſer, unbeirrt mit der Ver⸗ arbeitung ſeines Themas fortfahrend, ließ nun ein lachendes Nebelbild nach dem andern dem Nichts ent⸗ ſteigen. Millionen⸗Werthe drängten einander bei dieſen ſchematiſchen Entwürfen, als ſei die kleine Münze des Daſeins völlig aus dem Verkehre verſchwunden. Die rieſigen Verhältniſſe der neuen Welt mit ihrer Freiheit von Ueberlieferungen, von herkömmlichen Vorurtheilen, von beengenden Formen waren der locale Hintergrund für dieſe glänzenden Luftgebilde. Mr. Craiggs berichtete von Perſonen, welche in den Erdöl⸗Diſtricten binnen Jahresfriſt aus Scheerenſchleifern und Sackträgern zu goldſtrotzenden Nabobs geworden ſeien. Bullcreek, Corry, Titusville, die Hauptſtädte jener Naphta⸗Fabelwelt, wetteiferten, ſo verſicherte er, heute im Luxus mit Paris 76 und London, während ſie vor einem Luſtrum noch kaum den Werth des Oelkrügleins der Wittwe gehabt hätten. „Der einzige glückliche Gedanke“, ſagte er,„die Schätze dieſes Diſtrictes durch unterirdiſche Röhren ihre Wan⸗ derung ſelber machen zu laſſen, ſtatt ſie, in koſtſpielige Gebinde verpackt, wie verwöhnte Paſſagiere in Wag⸗ gons zu befördern, hat einen armen Schlucker von Faß⸗ binder zum reichſten Manne in Pennſylvanien gemacht, und ſeine Töchter kutſchiren heute mit Vieren.“ Unter all dieſen glänzenden Glückslooſen ließ Mr. Craiggs, wie das Monogramm eines großen Meiſters unter einem Bilde von ſonſt fraglicher Echtheit, das Wappen eines Adeligen ſehen; der Name des größten Naphtaliten der Neuzeit, wie Mr. Craiggs ihn nannte, des be⸗ kannten Marquis v. Salamanca, miſchte ſeinen Wohl⸗ klang in jeden dieſer verheißungsvollen Poſaunenſtöße, und ſo überquellend entſtrömte unter der Zauberruthe Mr. Craiggs' die goldene Fluth dem kaum erſt erſchloſſe⸗ nen Boden, daß, wie wenig der Graf auch verſtand, er ſich endlich doch beinahe in Gold gefaßt vorkam. „Wie die Fliege im Bernſtein!“ lachte Mr. Craiggs; „mir hüpft das Herz im Leibe, wenn ich Sie mir ſammt und ſonders inmitten unſerer protzigen Oel⸗ pumper auf Ihrem goldenen Throne denke.“ „Aber wo in aller Welt wollen Sie mit Ihren riggs, einem eines htaliten es be⸗ N. Wohl⸗ enſtöße, erruthe cloſſe⸗ erſtand, vorkam. raiggs; ie mir n Oel⸗ Ihren 77 Ungeheuerlichkeiten hinaus?“ rief endlich der Graf, aufgeregt, verletzt und doch unfähig, ſich eines mächtig beſtrickenden Eindruckes zu erwehren. „Mit meinen Ungeheuerlichkeiten?“, wiederholte der Amerikaner, Franzöſiſch redend, denn er merkte, daß ihn der Graf kaum noch verſtanden haben mochte,„mon cher Monsieur, es iſt in dem Allem auch nicht ein Jota Uebertreibung. Freilich zähle ich nur die Treffer auf, und da ich die Nieten unerwähnt laſſe, ſo können Sie das von mir entworfene Bild in gewiſſem Sinne ge⸗ fälſcht nennen. Aber meine Plane mit Ihnen und Ihrer Familie ſtehen zu den Nieten in gar keiner Beziehung. Weder Sie, noch Ihre Töchter werden drüben neue Quellen zu entdecken oder neue Transport⸗ mittel zu erfinden haben; es geht Sie nichts an, wie viele Erdölbrunnen verſiegen, wie viele Dampfpumpen nicht die Heizungskoſten eintragen, wie viele Bohr⸗ löcher nie Anderes zu Tage fördern als übelriechendes Waſſer. Wenn Sie und die Ihrigen trotz mangelnder Erwerbstalente in Pennſylvanien zu Millionären wer⸗ den wollen— und dafür kann ich zur Noth einſtehen — ſo iſt Ihre ganze Aufgabe in der einfachen Formel enthalten: Sie müſſen nehmen, was man im Ueber⸗ fluſſe hat, und dafür geben, was man um keinen Preis daſelbſt haben kann. Im Ueberfluſſe hat man dort 78 Geld, raſch gewonnenes, leicht wieder zu gewinnendes. Was ſich aber um keinen Preis dort gewinnen läßt, das iſt— nun, tranchons le mot: ein Biſſen aus den wirklich privilegirten Kreiſen der alten Welt.“ Dießmal hatte Graf Bielski Wort für Wort ver⸗ ſtanden. Er ſah ſich nach ſeinem Spiegeltiſche um; es lag ein Stock darauf, ein Paar Reiſepiſtolen dicht daneben. Während er noch ſchwankte, auf welche Weiſe die Inſolenz des Amerikaners zu beantworten ſei, verbreitete dieſer ſich ſchon wieder über die ſittliche Seite ſeiner Rettungsvorſchläge. Handle ſich's, ſo fragte er jetzt— denn ein religiöſer Mann, und das ſei er, erwäge Alles— handle ſich's um Menſchenhandel, um Seelenverkäuferei? Nein, Mr. Craiggs' Art zu ſpeculiren wende ſich nie an die ſchlechten Leidenſchaften der Menſchen. Wenn er den Grafen unter der unſichtbaren Leitung eines gewandten Hoteliers von Broadway—„Eines gewandten Was?“ fragte der Graf, ſeinen Ohren nicht trauend— an die Spitze des Rieſen⸗Hotels ſtelle, das Mr. Craiggs ſoeben in Titusville aufführen ließ— dreitauſend Zimmer, Park, Theater, Kirche, Bäder, Reitbahn, Concertſaal, Börſe, ein unabſehbares, nie dageweſenes Unternehmen— ſo ſeien weder der Graf, noch die Gräfin, noch eine der drei Comteſſen Anderes zu bieten beſtimmt, als was ſie jedem Beſucher ihres Hauſes, heiße er Mr. Craiggs oder ers Perſou Geſel nur einzie welch dendes. läßt, u8 den t ver⸗ un, es nneben. iſe die reitete ſeiner etzt— les— dferei? nie an er den andten Las?“ an die ſoeben immer, ertſaal, nen— ne der das ſie zs oder 79 Sir John, zu bieten pflegten— den Umgangsgenuß von Perſonen aus einer in Titusville nicht zu habenden Geſellſchafts⸗Sphäre. Der Graf war aufgeſprungen. „Die Gräfin“, fuhr Mr. Craiggs fort,„würde in beſter Form Levers halten und nur die auserleſenſten Gäſte des Rieſenhotels empfangen. Die Comteſſen brauchten nur ausnahmsweiſe— je ſeltener deſto beſſer— und einzig bei ſolchen Veranlaſſungen ſichtbar zu werden, welche mit der Wirthsrechnung in keinem directen Zu⸗ ſammenhange ſtänden; ſagen wir: bei den Einladungs⸗ Thees, welche der Herr Vater geben, bei den Jagden, welche er veranſtalten, bei den Concerten, welche er— immer bloß für den Kreis der Intimen des Rieſen⸗ hotels— arrangiren wird. Die Blüthe vornehmer Sitte“— hier verfiel Mr. Craiggs unwillkürlich in den Styl ſeiner Lieblingszeitung—„das Muſter reſervirter Haltung, das Noli me tangere unzugänglichen Betra⸗ gens, gemildert und ins günſtigſte Licht geſtellt durch die freundliche Auszeichnung einiger Wenigen— das iſt“, ſchloß Mr. Craiggs, indem er mit beiden Händen zugleich einen klimpernden Griff in ſeine Taſchen that, „das iſt, my dear Sir, was ich als die wunderwir⸗ kende Kaaba meines coloſſalen Intereſſen⸗Tempels be⸗ nöthige und zwar raſch benöthige, denn die Eröffnung 80 des Hotels ſteht nahe bevor und ein rechter Hinter⸗ wäldler gibt gleich mit dem erſten Schlage, was er irgend zu geben gedenkt.“ Der Graf war empört geweſen und nahe daran, ſeine Beſonnenheit zu verlieren. Dieſes moraliſche Poſtſcript aber und der ernſte Ton, in welchem es herauskam, gab ſeinem Unmuth eine paſſendere Wen⸗ dung. Er lachte laut auf. Mr. Craiggs ſah, mit beiden Händen in den Taſchen, nach dem finſter blickenden Lacher hinüber, kniff ein Auge vielbedeutſam zu, ſpitzte die Lippen, pfiff den Anfang eines Nigger Song's und verſetzte dann ohne weiteres:„Ich ſtreifte da wohl einige ehrwürdige Spin⸗ nengewebe? Hm— verſtehe— dergleichen iſt wie der Schimmel auf einer uralten Lager⸗Weinflaſche, will geſchont ſein, hat oft mehr Werth als die Flaſche ſelbſt. Für dieſen Fall, mein beſter Herr, nur noch eine ganz kleine Bemerkung. Zwiſchen dem, was ich für ein anſtändiges Mittel zum Schuldentilgen und demnächſt zum Reichwer⸗ den halte, und dem, was Sie über entehrende und nicht ent⸗ ehrende Glückstreffer denken, iſt möglicherweiſe ein Unter⸗ ſchied. Kein Unterſchied, fürchte ich, iſt aber in der Art, wie man Sie oder mich, ſollten wir dereinſt einmal nicht zahlen können, in Whitecroß⸗Street hinter Schloß und Riegel bringen wird, und alſo— auf morgen Nachmittag!“ Hinter⸗ vas er daran, daliſche hhem es 3 Wen⸗ Laſchen niff ein fiff den in ohne R Spin⸗ wie der he, will he ſelbſt. nz kleine tändiges geichwer⸗ nicht ent⸗ in Unter⸗ der Art, nal nicht hloß und hmittag!“ 81 Der Graf, bei der rückſichtsloſen Erwähnung Nothſtandes plötzlich ſeines raſch auflodernden Zornes nicht mehr mächtig, ſprang mit einem polniſchen „Hinaus, hinaus mit ihm!“ auf den Stehengeblie⸗ benen zu, packte ihn beim Rockkragen und ſuchte ihn nach der Thür zu drängen. Aber eine einzige Bewe⸗ gung des breitſchulterigen Mannes genügte, um den Grafen abzuſchütteln und denſelben von jedem wei⸗ teren Verſuche dieſer Art abſtehen zu laſſen.„Nur keine Kinderpoſſen“, ſagte Mr. Craiggs gelaſſen.— „So gehen Sie zum wenigſten!“ knirſchte der Graf, „ich mag keine Worte an Sie verſchwenden“.— „Immer ein Anfang zur Sparſamkeit“, lachte Mr. Craiggs, wenn auch kein erheblicher.“ Und er holte, während der Graf ſich ſchäumend entfernte, eine Viſit⸗ karte aus der Taſche. Der Rusniake trat mit unheilverkündender Miene ein.„Nimm auf!“ befahl ihm der Amerikaner und wies auf ſein vom Stuhle herabgefallenes Toupet. Der Rusniake, über barſchen Weiſungen allemal ſeine bärbeißige Natur vergeſſend, gehorchte. Mr. Craiggs knöpfte ſeinen Antipickpocket langſam zu, kritzelte mit ſeinem Silberſtift einige Zeilen auf die Biſitkarte, empfahl dem Alten, ſie ſeinem Herrn hin⸗ R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 6 — — — — einzutragen, und trollte ſich endlich, behaglich pfeifend, von dannen. Die Zeilen enthielten nichts als die Worte: Koſt und Wohnung gratis, zwanzigtauſend Dollars per Jahr, ſo lange die Familie complet. Werthgeſchenke ſeitens der bevorzugten Gäſte bis zur doppelten Höhe garan⸗ tirt; Gewinnantheil näher feſtzuſtellen; Antwort ſpä⸗ teſtens bis Ende der Woche an: John Dicky Craiggs, Esq., Crockford's Club Houſe. Ueberfahrt gratis. rings war Joſe Sach ware phila Cerig tung⸗ non' Anfd feifend, Koſt Jahr, ſeiengz Darcn. tt ſpä⸗ raiggs Sechs tes Kapitel. Vor dem Dreifuß. Ein Heer, dem in der Stunde der Noth die Leitung fehlt, geht zu Grunde. Das Hausweſen des Grafen Bielski glich einem rings von Feinden umzingelten Heere, und Niemand war da, der es leitete. Im Anfange der Kriſis hatte Joſepha einige Verſuche gemacht, ſich zur Herrin der Sachlage emporzuarbeiten. Aber ihre Anſtrengungen waren geſcheitert. Das Spielglück des Grafen, Theo⸗ phila's plötzliches, unbegreifliches Unterhandeln mit Porri Cerigotto, endlich die von Sir John Joſephen bedeu⸗ tungsvoll mitgetheilte Aufhebung der Verlobung Alger⸗ non’'s mit der Tochter Lord W.’s— Alles ſchienen Anfänge einer Beſſerung. Joſepha hatte dieſelben nicht 6* 84 durch eigenes Zuthun vorbereiten helfen und ſie er⸗ kannte ſich daher auch nicht das Recht zu, ohne klares Verſtändniß ſämmtlicher Beziehungen ſelbſtſtändiger als bisher in irgend einer Richtung ihren Einfluß geltend zu machen. Mit Sorge und banger Theilnahme beob⸗ achtete ſie und ſann dazwiſchen auf Mittel, die Staroſtin noch auf irgend welche Weiſe zu verſöhnen. In kaum viel beſſerer Lage befand ſich Theophila. Stolz und Verehrung für ihren Vater, dieſe Leitſterne ihrer ganzen Jugend, hatten ſich umwölkt. Ein neues, erſt im Aufgange begriffenes Geſtirn ſchimmerte aus dem Dunſte der Niederungen röthlich zu ihr hinüber. Der geheimnißvolle Einfluß, welchen das Ebenbild Poniatowski'’s auf ſie übte, ließ nicht nach ſie zu ver⸗ folgen, zu beunruhigen, zu martern. Ja faſt war Porri Cerigotto's Werbung ihr als ein willkommenes Beſchwörungsmittel gegen dieſen Einfluß erſchienen, und ob ſie auch ohne die bedrängte Lage des Vaters ein ſo entwürdigendes Mittel weit von ſich gewieſen hätte,— von ihrem Pflichtgefühle zu einem Opfer ihrer ſelbſt hingedrängt, hatte ſie das ſchwere Wort um jenes un⸗ heimlichen Zuges willen nur um ſo entſchloſſener aus⸗ geſprochen. In ihrem Haſſe gegen den geiſtigen Hoch⸗ muth, mit welchem Boleslaw, ſo wähnte ſie, auf ihren Vater und alle ihre Standesgenoſſen hinabſah, ließ ſie d ſie er⸗ ne klares diger als s geltend rheophila Leitſterne in neues, derte aus hinüber. Ebenbild te zu ver⸗ faſt war kommenes enen, und aters ein rhätte,— hrer ſelbſt jenes un⸗ ener aus⸗ gen Hoch⸗ auf ihren h ließ ſie 85 es denn auch geſchehen, daß unter Boleslaw's Augen täglich Porri Cerigotto's Blumenſpenden abgegeben wurden, und während ſie an die Möglichkeit, ihr Ja⸗ wort einlöſen zu müſſen, nur mit Grauſen dachte, zog ſie das Jawort dennoch nicht zurück. Der Graf ſeinerſeits kämpfte, nach ſeiner Meinung, wie ein Held, aber freilich wie ein Held mit zu kurzen Waffen. Das Schickſal beſchoß ihn mit ferntreffenden Pfeilen und er hatte nur ſein Schwert, um dieſe tückiſchen Geſchoſſe zu pariren. Der Zuſtand ſeines Innern war in der That furchtbar genug. So lange hatte er immer gebahnte Wege wandeln können, und jetzt ſtemmte ſich ihm bei jedem Schritte ſtörriſches Dornengeſtrüppe entgegen. Dazu die ungewohnte Laſt des Allein-ſich⸗Berathens, des Allein⸗eingeweiht⸗Seins. Niemand von den Seinen wußte, daß Sir John in der That eine anrüchige Per⸗ ſönlichkeit war, daß Algernon's Verlobung mit der Tochter Lord W.s nur den Werth einer Fabel hatte, daß es noch vor wenigen Tagen eine Mrs. Boodle gab und daß ein Antrag des jungen Lord weit eher für eine Beleidigung als für eine Ehre gelten konnte. Der Graf allein wußte es und fühlte, wie das ſchlei⸗ chende Gift in ſeinem Innern nagte. Ach, was nagte nicht an ihm! Seine edle, ſeine ſtolze Tochter nun 86 doch vielleicht noch die Gattin dieſes griechiſchen Juden! Er hatte ſich längſt geſagt, daß ſie, einzig um des Vaters Ehre zu retten, auf den Gedanken jener Ver⸗ bindung verfallen ſei und an ihm feſthalte. Er hatte ſich wieder und wieder geſchworen, dieß Opfer nie voll⸗ ziehen zu laſſen. Aber während deſſen war er von neuem Porri Cerigotto's Schuldner geworden, und zwar unter Umſtänden, die weniger als je eine Abzahlung wahrſcheinlich machten. Und neben dieſen demüthigen⸗ den Gedanken der ſchmachvolle Handel, mit welchem der Amerikaner ihn zu beſchimpfen gewagt hatte! Und als drohendes Phantom von weitem die ſchnöde Prophe⸗ zeiung— die wandelnde Pyramide! Es lag ganz in der Natur des Grafen, daß er— di ſolcher Art abermals bis an den Rand der Verzweif⸗ ij lung gedrängt— eines Abends ſich einzureden ver⸗ d ſuchte, er beginne Alles durch allzu trübe Gläſer zu ſehen, und als echter Edelmann müſſe man mitten im ärgſten Sturme den Kopf oben behalten. „Ich werde wahrlich ein Höhlenbrüter,“ ſagte er d mit erzwungenem Lachen zu Theophila;„du hätteſt mich längſt erinnern ſollen, daß nichts langweiliger und ſpießbürgerlicher iſt, als in einer Stadt voll luſtiger Leute und glänzender Sehenswürdigkeiten wie ein Maul⸗ 2* n Juden! um deg ner Ver⸗ Er hatte die voll⸗ er von und zwar bjahlung nüthigen⸗ welchem tte. Und Prophe⸗ aß er— Verzweif⸗ den ver⸗ läſer zu ütten im ſagte er tteſt mich gger und luſtiger in Maul⸗ 87 wurf zu Hauſe zu hocken! Wir wollen uns wieder einmal zerſtreuen“. Theophila's Miene hellte ſich auf. Sie war in un⸗ zähligen Dingen das treue Widerſpiel ihres Vaters. Wie er, liebte ſie wohl ſchwarze Kleider, aber ohne Trauerbedeutung; gemeſſene Haltung, aber womöglich in Blick und Miene das Lebensfreudige des prioilegir⸗ ten Daſeins. Marynia und Jadwiga mußten ſich rüſten. Jana und der Mentor wurden in die Neu⸗ titſchenka verwieſen. „Wohin können wir fahren“? fragte der Graf beim Einſteigen zu Boleslaw gewendet. Der Angeſprochene bezeichnete einige früher durch die Gräfin wegen Zeitmangels verſäumte Orte, unter ihnen eine großartige Eiſengießerei, demnächſt die ihm als Mitarbeiter zugängliche Timesdruckerei, die trefflich naturwahren Panoramen des Nil und Miſſiſippi in Piccadilly und ähnliche Zielpunkte belehrender Art. „Sie werden uns dieſe intereſſanten Dinge ein an⸗ dermal zeigen,“ ſagte der Graf,„für heute wünſche ich etwas Erheiterndes“. Boleslaw zählte nun die ihm bekannten Vergnü⸗ gungsorte Londons der Reihe nach her. Als er Vauxhall nannte, ſah Theophila ihn plötzlich an.„Gibt es nicht in Vauxhall eine Wahrſagerin?“ fragte ſie. 88 „Allerdings,“ verſetzte Boleslaw..... Es entſtand eine Pauſe. „Was geht uns die Wahrſagerin an?“ fragte der Graf. „Nichts,“ antwortete Theophila,„aber ich wünſche ſie dennoch einmal zu ſehen“. Der Graf erhob noch einige Einwendungen. Theo⸗ phila blieb indeſſen dabei, daß ſie die Wahrſagerin gern einmal ſehen würde, und endlich fügte er ſich. So hat ſie mir doch nicht verziehen, redete Boles⸗ law vor ſich hin und begab ſich auf ſeinen Poſten. Theophila aber wiederholte, während die Wagen von dannen rollten, in Gedanken, was Boleslaw in jener herben Zurechtweiſung, zul welcher er ſich einſt gegen ſie hatte hinreißen laſſen, von der jugendlichen Wahr⸗ ſagerin geſagt hatte: allnächtlich dem Schmutze unlau⸗ terer Reden ausgeſetzt, ſei ſie dennoch reiner geblieben und ſtehe bewährter da als hundert und aber hundert dünkelerfüllte Jungfrauen,„die ohne Liebe ihr Herz verkauften“. Sie ahnte weder, daß Zipora Gattin und Mutter war, noch daß damals ihre Erwähnung einfach der Nachſatz zu derjenigen des„ſchmuzigen Aaron“ ge⸗ weſen war, deſſen bittere Vaterthränen dem Welten⸗ ſchöpfer wohlgefälliger ſeien, als„alle Gebete, die aus einem eitlen Herzen und aus einem liebloſen Gemüthe ——— ntſtand gte der winſche Theo⸗ ſagerin ſich. Boles⸗ Poſten. den von in jener t gegen Vahr⸗ unlau⸗ blieben hundert hr Herz ttin und einfach on“ ge⸗ Welten⸗ die aus Gemüthe 89 zum Himmel ſteigen.“ Und auch dieſe Nacht ſollte ſie nicht darüber belehren. Vauxhall's Vergnügungen ſind vorwiegend nächt⸗ licher Art. Man brauchte ſich alſo nicht zu beeilen und konnte auf dem Wege dahin zuvörderſt ein wenig die Kreuz und Quere fahren. Die beiden Wagen folg⸗ ten einander unmittelbar. Ueber den Grafen und Theophila hinweg, welche die Rückſitze des Hauptwagens einnahmen, konnte Boleslaw, von der Neutitſchenka aus, Marynia's und Jadwiga's ihm zugewendete Ge⸗ ſichter im Auge behalten. Beſonders ſich der Letzteren einmal wieder anders als flüchtig gegenüber zu befin⸗ den, war ihm hoch willkommen. Seit er dem Grafen erklärt hatte, die Folgen geiner nothgedrungenen An⸗ geberei nicht einzig dem väterlichen Ermeſſen überlaſſen zu können, war Boleslaw's Blick für dieſe neue Seite ſeiner Aufgabe unabläſſig weit offen geweſen. Aber Jadwiga grollte ihm und entzog, was ſie etwa vor⸗ hatte, mißtrauiſch ſeiner Kenntniß. Alles, was er wußte, war, daß die Gutmüthigkeit des Grafen die angedrohte Strenge faſt ſchon wieder in das Gegen⸗ theil verkehrte und daß Niemand Boleslaw ſeine Sorge dankte. Jadwiga gewahrte denn auch nicht ſobald, daß der pedantiſche Verräther ihres Stelldicheins auf ihre —yõ—— —m 90 Mienen achte, als ſie ſich mit zürnend aufgeworfener Lippe in andere Richtung wendete und in ihren Zügen alle Unart hervorkehrte, über welche ſie nur irgend ver⸗ fügen konnte. Uebrigens hinderte dieſe einſeitig feindſelige Stim⸗ mung ſie nicht, ſich zwiſchendurch, wie immer, dem Ver⸗ gnügen des Augenblickes mit aller Ausgelaſſenheit hin⸗ zugeben, und da Theophila heute um des erheiterungs⸗ bedürftigen Vaters willen nachſichtiger als gewöhnlich war, ſo wurde, je lauter das bunte Treiben in den Straßen die Zerſtreuung Suchenden umwogte, auch unter ihnen immer mehr Leben und muntere Geſchwätzikeit. In der That, ſelbſt minder leichtes Blut als ſarma⸗ tiſches wäre inmitten dieſes Londoner Menſchen⸗ und Wagengewühles unwillkürlich in raſcheren Fluß gekom⸗ men. Die ſtrahlenden Candelaber, die blendend licht⸗ erfüllten Gin⸗Paläſte, die blitzblanken Apotheken mit ſchönfarbigen Elixiren in funkelnden Kryſtallflaſchen, die durch unzählige Gasflammen illuminirten Garderobe⸗ Paläſte von Moſes and Son und anderen Sterling⸗ Rittern der Nähmaſchine— wohin man blickte, gab es zu ſehen und zu ſtaunen. Dazwiſchen, neben dem Om⸗ nibus⸗, Cab⸗, Tilbury⸗ und ſonſtigen Wagenverkehr das Durcheinander aller Arten von transparenten Annoncen⸗ fuhrwerken— hier rieſige Thürme von Pappe, dort 4 dügen d ver⸗ Stim⸗ n Ver⸗ it hin⸗ rungs⸗ jhnlich in den unter digkeit. ſarma⸗ ⸗ und gekom⸗ licht⸗ n mit aſchen, derobe⸗ 91 Tempel und Pagoden von buntbemalter Leinwand— auf den Zugpferden barock ausſtaffirte Trompeter oder polichinellartige heiſere Ausrufer, den Kopf mit luſtig flackernden Reclamen⸗Laternen oder majeſtätiſch pur⸗ purglühenden Papiertulpen bedeckt, Alles ſo auffallend und ungewöhnlich wie irgend möglich,— wem dieſe Dinge neu waren, der konnte ſich kaum eines Schwin⸗ dels erwehren. Daß zwiſchen dieſem Gratisſchauſpiele verwirrendſter Art noch irgend etwas ſich anmaßte, die Schauluſt für Geld abſeits zu lenken und zu befriedigen, ſchien faſt unglaublich. Dennoch funkelten und lockten bald zur Rechten, bald zur Linken noch die vielfarbigen Trans⸗ parentnamen der großen und kleinen Theater: Adelphi⸗, Surrey⸗,Haymarket⸗, Princeß⸗, Sadler's Well's Theater verſchmähten es nicht, an ihr Daſein und an die Wun⸗ der ihrer Leiſtungen in ſtrahlender Fracturſchrift zu er⸗ innern; ſelbſt Drury Lane, Coventgarden und Her Majeſty's Opera warben um die Aufmerkſamkeit des Straßenpub⸗ likums, und obſchon das Haus der italieniſchen Oper wegen des nahen Schluſſes der Saiſon und alſo der Vorſtellungen heute bis auf das letzte Paradieseckchen ausverkauft war, glaubte der Impreſſario doch noch durch eine tauſendflammige Gaspyramide zu Ehren ſeiner Trup⸗ pen immer neue Kaſſenbelagerer anlocken zu müſſen. — 8 1 O[O.ͤaè— 92 Jadwiga hatte ihr übelangeſchriebenes Vis-à-vis längſt vergeſſen und war unermüdlich in bewundernden Ausrufen. Vor Allem die vielen Lichter ergötzten ſie immer von neuem und„O, die ſchönen Gaspyramiden!“ und wieder„O, ſie doch, Papa, die prächtig leuchten⸗ den Pyramiden!“ klang es bei jedem Anlaß in des Grafen Ohr. Der Graf begann die ganze Fahrt höchſt monoton zu finden.„Du nennſt jeden Kegel, ſcheint mir's, Pyramide,“ ſagte er faſt ungeduldig,„das da iſt z. B. die Form eines Zuckerhutes und nichts weiter. Man ſoll in deinem Alter nicht mehr ſo in den Tag hinein reden“. Sofort bemächtigte ſich Marynia des Thema als Gegenſtand ihres Schulgedächtniſſes. Boleslaw mußte beſtätigen daß man zwiſchen drei⸗, vier⸗ und fünſſeiti⸗ gen Pyramiden unterſcheide, und da gerade einige der unglücklichen wandelnden Annoncen Mr. Nelſon Lamb's in Sicht kamen, claſſificirte Marynia dieſelben je nach der Vielſeitigkeit ihrer Pappbehälter als Grabmäler des Cheops, des Pharao und des Oſiris. Bei dem Namen Pharao verfinſterten ſich plötzlich des Grafen Züge, und Theophila, ohne zu begreifen, was ihn ſo arg verſtimmt habe, ſuchte erſchreckt mit raſcher Wendung abzulenken. — —— 93 Aber was ſie auch vorbrachte, ſie vermochte den Vater nicht wieder ins Geſpräch zu ziehen. Und mit peinlicher Bangigkeit beobachtete ſie, während ſie Jad⸗ wiga und Marynia von allerlei ſeitabliegenden Dingen unterhielt, wie die Augen des Vaters mehr und mehr verglaſten. Zuletzt wurde ihr ſo beklommen zu Muth, daß ſie, wie um ihn aus ſeinem Grübeln aufzurütteln, des Vaters Hand ergriff:„Was gehen uns dieſe Leute an?“ fragte ſie ängſtlich gedämpften Tones. „Nichts gehen ſie uns an,“ ſagte der Graf und fuhr mit der Hand über das Geſicht,„dieſe Pappmenſchen! dieſe wandelnden Armenhäuſer! dieſe Tretmühlen auf ebenem Boden!“ „So denken wir doch an Anderes,“ bat Theophila. Aber ohne es zu wollen, haftete des Grafen Blick immer von neuem an den inmitten des luſtigen Gedränges unheimlich geberdenlos Dahinſ chleichenden.„Einige dieſer Schemen,“ ſagte er und ſchauderte,„haben, ſcheint mir's, noch eine Art von ariſtokratiſchen Gewöhnungen. Ich wette, der da war vor Zeiten einmal Miniſter..!“ Theophila ſah mit ſprachloſem Grauen dem ihr Bezeich⸗ neten nach—„wenn nicht gar ein Nachkomme der entthronten Stuarts,“ fuhr der Graf fort;„o, dieß London! o, dieß lebendige Beinhaus! welch ein Miſch⸗ 94 maſch von Fürſt und Bettler, von Pracht und Fetzen, von Schönheit und Fratze!“ „Endlich!“ rief Theophila und zog die Hand des Vaters krampfhaft an die Lippen. Man rpollte eben über Vauxhall Bridge und gleich darauf war dMRüͤthalt ſelbſt erreicht. Theophila hängte ſich an den Arm ihres Vaters, Marynia und Jadwiga folgten und Boleslaw mit dem kleinen ſtaunenden Jana ſchloß den Zug. Bald erging man ſich in den blendend erleuchteten buſchigen Garten⸗ gängen, denen trotz der nahenden Mitternachtsſtunde Schauluſtige allen Alters und faſt aller Standesclaſſen zahlreich zuſtrömten; man ſah und hörte eine Sängerin vom hohen Gartenorcheſter herab in gewählteſter Con⸗ certtoilette ein Reiterlied vortragen und bei der Wieder⸗ holung ihren kecken„Wer da?“⸗Refrain durch einen Piſtolenſchuß noch überbieten; dann producirte ein ſchwarzbärtig und martialiſch dreinſchauender Sänger in ſchwarzem Fracke und weißer Halsbinde in der höchſten Fiſtellage ein unendlich zartes Wiegenlied, bei deſſen Schluß er das Schreien eines erwachenden Kindes ſo täuſchend nachahmte, daß ſich das Publikum vor Entzücken ſchier nicht zu helfen wußte. Darauf ſah man Wettläufer in Tricot und ſpaniſcher Weſte vorüberjagen, Schlangenbändiger und Feuerſchlucker 8 95 ihre haarſträubenden Kunſtſtücke verrichten, junge, wun⸗ derbar gelenkige Frauenzimmer auf einem Teppich mit einander ringen, einen blaugefärbten allerliebſten Sei⸗ denpintſch in funfzehn Secunden drei Dutzend lang⸗ ſchwänzige Ratten erwürgen, einen alten Herrn mit den Füßen die Glasharmonika ſpielen und ſich zum Schluſſe auf den Kopf oder eigentlich kopfüber in ſeinen Hut ſtellen und nach und nach auf unerklärbare Weiſe völlig in demſelben verſchwinden, und endlich erbaute man ſich noch an den Pulverblitzen eines Feuerwerkes, deſſen beſte Seite nach Theophila’'s Meinung, ſeine un⸗ überwindliche Trägheit war, indem es— noch feucht von einem ſtarken Abendregen— mit Hartnäckigkeit ſich gegen alles Feuerfangen auflehnte. Boleslaw hatte den Führer gemacht und der Graf allmälig ſeine gute Laune einigermaßen wieder ge⸗ funden. „Und die Wahrſagerin?“ fragte jetzt Theophila. „Drüben in jener Strohhütte,“ antwortete Boleslaw und ſchlug auf Jadwiga's neugieriges Drängen ſofort den Weg dahin ein. Als man die Thür der in eine künſtliche Felspartie eingekeilten eremitenartigen Clauſe erreicht hatte und wegen des Zuvoreintretens einer Anzahl junger Herren einige Augenblicke warten mußte, meinte der Graf, ein 96 Blick durch's Fenſter werde wohl mehr als genug ſein; zum wenigſten wünſche er keinerlei Prophezeiungen zu hören. Jadwiga ſetzte ſich mit Bitten zur Wehre. Sie hatte ein ganzes Regiſter von Fragen im Kopfe und verſicherte, der Graf möge ſie getroſt fragen laſſen, ſie denke nicht daran, der Wahrſagerin Allwiſſenheit zu⸗ zutrauen. Aber der Graf verbot jedes ſolche Katechiſiren, es ſei denn, man beſchränke ſich auf Erkundigungen, welche die Wahrſagerin ſelbſt beträfen. „Sie wird zumeiſt mit Räthſeln heimgeſucht,“ ſagte Boleslaw;„vielleicht fällt den Comteſſen etwas Der⸗ artiges aus der Heimath ein“? „Das iſt, ſo viel ich weiß,“ verſetzte der Graf ab⸗ lehnend,„eine mehr im Littauiſchen, und zwar unter den Bauern verbreitete Mode. Wir werden wohl an einem flüchtigen Blicke in dieſen Heuſchober mehr als genug haben“. Die jungen Herren hatten ſich inzwiſchen mit lachen⸗ der Befriedigung empfohlen, und man begab ſich an die ſchon wieder geſchloſſene Thür der Hütte. Auf Boles⸗ law's Anpochen öffnete ſich ein Schubfenſter und ein ſilberbärtiger Theatergreis fragte nach dem Begehr. Gleich darauf kam er mit langem Stabe und im genug dungen en, es welche ſagte 3 Der⸗ raf ah⸗ r unter ohl an hr als lachen⸗ an die Boles⸗ nd ein Begehr. id im 97 grauen härenen Eremitenkittel in der Thür zum Vor⸗ ſchein. Man trat, von ihm geführt, durch einen blen⸗ dend erhellten Gang in eine matt bläulich erleuchtete, in den künſtlichen Felſen hineingebaute Tropfſteingrotte. Mit Bernſtein⸗ und Wachholderduft durchräuchert und von herabtropfendem Waſſer, das in unſichtbare Glas⸗ glocken fallen mochte, mit einem orgelartigen Getön melodiſch erfüllt, gemahnte der halbdunkle, hochgewölbte Raum wie das Innere einer Krypta aus der Zeit der erſten Chriſten. Zwei ſchneeweiße Täubchen flogen hin und her. Man hatte draußen über die feierliche Miene des Alten gewitzelt. Hier wurde man unwillkürlich ſtumm, und eine geraume Weile verſtrich, ehe auch nur das erſte flüſternde Wort ſich hervorwagte. Nach und nach gewöhnten ſich die Augen an den verhältnißmäßig un⸗ klaren Zuſtand der ganzen Umgebung. Die bläulichen Dünſte wurden durchſichtig, und hinter ihren zerfließen⸗ den Nebelſchleiern erkannte man eine ſitzende, ſinnend über ein mächtiges Buch gelehnte Frauengeſtalt. Ihr ſchwarzes welliges Haar hing ungeſcheitelt auf die von einem weißen goldverbrämten Wollengewande bedeckten Schultern herab. Um ihre Hüften funkelte ein mit myſtiſchen Zeichen überſäeter Gürtel. Der eine von dem langen Gewande nicht verhüllte Fuß war durch R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin II. 7 98 eine goldene Spange geſchmückt und trug eine rehfar⸗ bene Lederſandale. Als die Seherin das aufgeſtützte Haupt den Ein⸗ getretenen langſam zuwendete, ſah man in ein ſehr jugendliches, aber etwas müdes Geſicht, deſſen ſtark orientaliſcher Schnitt zu der Fremdartigkeit der ganzen Umgebung aufs beſte ſtimmte. Mit nicht unſchön ge⸗ formter Hand ihr glänzend ſchwarzes Haar aus der niederen Stirn ſtreichend, machte ſie eine gefällig her⸗ anwinkende Kopfbewegung und fragte in ſehr wohl⸗ klingendem, träumeriſch gedehntem Tone, was man von ihr begehre. Theophila blickte den Vater an und richtete dann, durch das zurückhaltende Schweigen Aller wider ihren Willen auf Boleslaw's Räthſelvorſchlag zurückgeführt, an die mit geneigtem Kopfe Lauſchende die zögernde Frage:„Was iſt der größte Widerſpruch?“ Die Befragte nickte mechaniſch, hob ihre langbewim⸗ perten Augen ſinnend gegen das Dach der Grotte und erwiderte endlich nach längerem Suchen:„Der größte Widerſpruch iſt das todte Schneckenhaus mit ſeinem lebendigen Sauſen“. Der Graf zuckte die Achſeln, Theophila that unwill⸗ kürlich dasſelbe, doch war ihr Intereſſe erregt, und ſo —— — re h fa k⸗ den Ein⸗ ein ſehr en tark e ganzen hön ge⸗ aus der lig her⸗ r wohl⸗ nan von te dann, er ihren kgeführt, ögernde gbewim⸗ otte und größte ſeinem unwill⸗ und ſo 99 fragte ſie nach einer Weile von neuem:„Und was iſt denn wohl das Leichteſte?“ „Das Leichteſte,“ antwortete die Sybille, dießmal faſt unmittelbar und mit Wärme, indem ſie vor ſich niederblickte,„das Leichteſte iſt: glücklich ſein, wenn man glücklich macht...“ Sie ſchüttelte den Kopf, wie ſich beſinnend, daß ihre Antwort im Grunde nur halb richtig ſei. Theophila wartete, ob eine andere Antwort folgen werde. Da die Sybille aber ſchwieg, fragte ſie weiter:„Und was iſt das Schwerſte?“ „Das Schwerſte?“ wiederholte die Befragte immer mit dem ſinnenden und dennoch müden Ausdruck und blickte ſich dabei gleichgültigen Auges im Kreiſe um; „das Schwerſte iſt: verzichten, ſo lange man noch...“ Das letzte Wort erſtarb ihr auf der Lippe; ihre Wan⸗ gen überflog ein lebhaftes Roth, ſie lächelte verwirrt, ſchlug die langen Wimpern nieder und hob ſie nur wieder, um, ſo ſchien es, Boleslaw mit einem verſtohlen vorwurfsvollen Blicke zur Rede zu ſtellen, wie er in die Geſellſchaft ſo ſchöner Fremder komme? Theophila folgte dem Blicke der Sybille.„Die Wahr⸗ ſagerin kennt alſo auch Sie“? fragte Theophila, zu Bo⸗ leslaw gewendet. „Seit Langem, Comteſſe,“ gab er zur Antwort. 7* 100 „So werden wir Anderen uns wohl beſſer zurück⸗ ziehen,“ ſagte Theophila, nicht ohne Schärfe,„vielleicht vertraut ſie einem Freunde eher als mir, was ihr das Schwerſte dünkt“. „Sie hat es ja ſchon ausgeſprochen,“ berichtigte der Graf in mißbilligendem Tone,„genug für heute! Verzichten, ſo lange man hofft, mag allerdings das Schwerſte ſein. Ich möchte wiſſen,“ ſetzte er grübelnd hinzu, indem er ſich zum Gehen wendete und Theophila an ſeine Seite winkte,„ich möchte wiſſen, ob einer jener unſeligen Nachtwandler mit einem recht⸗ zeitigen Verzicht auf Glanz und Stellung und An⸗ ſehen... Theophila legte beſorgten Blickes ihre Hand auf des Vaters Arm. Aber ſie war nur mit den Augen um den Vater. In ihrem Ohre klang das Wort der Sybille.—„Das Schwerſte iſt: verzichten, ſo lange man hofft“. Was hoffte dieſes junge Weſen, welches den herzloſen Schönredner„ſeit Langem“ kannte?— Gegenliebe?— So ſpielte er auch mit ihr? Auf der ganzen Heimfahrt ſprach nur Jadwiga⸗ Und was die lachluſtige Schweſter in den Vater hin⸗ einredete und warum er die dann auf einmal wieder ſeinen Anordnungen ſich nicht Fügende, zu Hauſe ange beſſh hero des ten, r zurück⸗ vielleiht ihr das erichigte ir heute! lerdings ſeßte er dete und iſſen, oh Hauf des ugen um vort der ſo lange welches ante?— Jadwiga ater hin⸗ 3 wieder u Hauſe 101 angekommen, mit zornigen Worten zu ſich ins Cabinet beſchied, vernahm Theophila wie aus einem Traume heraus und ohne es beſſer zu verſtehen als das Raſſeln des Wagens und das Knallen der Peitſche.„Verzich⸗ ten, ſo lange man hofft.“ Siebentes Kapitel. Gebunden. Am nächſten Morgen erwachte Theophila mit ſchwe⸗ rem Kopfe und ſchwerem Herzen. Sie hatte die ganze Nacht von der Sybille ge⸗ träumt. Boleslaw kam ihr heute verabſcheuungswürdig vor. Wenn er das Mädchen wirklich liebte, wie durfte er es da einem ſolchen Erwerbe nachgehen laſſen? Liebte er es aber nicht, was hätſchelte er dann ihre thörichten Hoffnungen? Etwa um aus der Höhe ſeiner geiſtigen Vornehmheit herab mitleidig kühl auf ihre glühen⸗ dere Natur hinabzublicken? Das arme, beklagenswerthe Geſchöpf! Sie nahm ſich vor, dem fühlloſen, ſelbſtſüchti⸗ gen Menſchen von nun an in Blick und Haltung unabläſſige Mißachtung zu zeigen, nie im Leben aber ſich wieder zu einem Worte an ihn zu erniedrigen. tſchwe⸗ dille ge⸗ zwürdig e durfte laſſen? an ihre he ſeiner glühen⸗ swerthe ſſſüchti⸗ Haltung en aber igen. 103 Die nächtliche Beluſtigungsfahrt ſelbſt dünkte ihr heute ein Frevel. In ſolcher Zeit und unter ſo düſter drohenden Wolken! Die wunderlichen Aeußerungen des Vaters erfüllten ſie mit Beſorgniß und ſchlimmen Ahnungen. Das Tapetenmuſter ihrer Schlafzimmers gemahnte ſie an die Hieroglyphen auf dem Gürtel der Wahrſagerin. Sie war ſehr unglücklich, grenzenlos unzufrieden. Noch wogte es in dieſer Weiſe, während ſie ſich ankleidete, in ihrem Innern, als ihr durch den alten Rusniaken Boleslaw angemeldet wurde. „Wer?“ fragte Theophila. „Boleslaw Oſinski.“ „Du irrſt dich; zu mir will er?“ Der Alte bejahte. Theophila ſtand ſprachlos. Nie bisher hatte der Mentor die vorgeſchriebene Etiquette ſoweit beiſeite geſetzt. „Gut, er mag kommen,“ ſagte ſie dann, und der Alte ging.„Er wird ſich rechtfertigen wollen,“ redete ſie vor ſich hin;„als ob mich ſeine Herzensangelegen⸗ heiten etwas angingen!“ Sie huſchte vor den Spiegel, ſtrich ihr ſchwarzes Haar glatt, ſteckte eine farbige Band⸗ ſchleife an, verließ ihr Schlafzimmer, machte in ihrem Empfangzimmer einen Stuhl frei, warf die Bouquete 104 Cerigotto's in den Kamin und hielt endlich beide Hände auf die wogende Bruſt. Ihr war doch zu Sinn, als höre ſie zwiſchen Schneeſturm und Eisberſten den erſten Lerchentriller. Aber während der Rusniake langſam, langſam ſich ihrer Antwort entledigte und Boleslaw's Schritte näher kamen, ſchlug Theophila's erregte Stimmung um; er hätte, wenn es ihm nicht dringender war, ſie füglich gar nicht beläſtigen ſollen— ſie war, als er endlich eintrat, ſchon ganz wieder zur Staatsdame geworden. Mit der Miene kühlen Befremdens empfangen, ſtand Boleslaw vor der Sitzenden. „Comteſſe,“ begann er im Tone höflicher Ergeben⸗ heit,„die ungewöhnliche Veranlaſſung mag die unge⸗ wöhnliche Gunſt, die ich zu erbitten wagte, rechtfertigen. Der geſtrige Abend...“ „Ich glaubte,“ unterbrach ihn Theophila,„es handle ſich um etwas Wichtiges“. „Es handelt ſich um die Entwicklung eines Dramas, das der geſtrige Abend...“ „Wenn Sie und die Dame in der Grotte etwa die Helden dieſes Dramas ſind,“ fiel Theophila von neuem ihm ins Wort,„ſo wünſche ich Ihnen Beiden alles Gute, hoffe aber mit dieſem Wunſche mich von weiteren Antheilspflichten freigekauft zu haben“. 105 Boleslaw ſah einige Augenblicke vor ſich nieder. Als er wieder aufblickte, waren Theophila's Wangen ſo hoch geröthet, daß die dadurch in ihm erregte Theil⸗ nahme ſeinen Verdruß zurückdrängte.„Die Heldin des Dramas,“ ſagte er ohne Empfindlichkeit,„iſt Ihre Schweſter, Comteſſe“. Er ſah ſich nach einem Stuhle um. Theophila biß ſich auf die Lippen;„ſetzen Sie ſich,“ ſagte ſie ohne Güte. 3 „So bitte ich um ein kurzes Gehör!“ Er zog einen Seſſel heran und begann ohne Weiteres die ſchwierige Stellung zu ſchildern, welche ſein Intereſſe für die gräfliche Familie und die Unmöglichkeit, derſelben wirk⸗ lich von Nutzen zu ſein, ihm bereite. Er habe nicht die Fähigkeit, ſagte er, ſeine Gedanken, wo ihnen ein⸗ mal Denkſtoff gegeben ſei, feiern zu laſſen. Was um ihn her vorgehe, geſtalte ſich in ſeinem Geiſte unwill⸗ kürlich zu Ausgangspunkten theilnehmender Erwägun⸗ gen, und wenn er Gefahren heraufſteigen ſehe, ohne ein warnendes Wort reden zu dürfen, ſo bedrücke ihn das Gefühl der Unthätigkeit bis zum Bewußtſein eige⸗ ner Mitſchuld. Er ſchicke dieß vorous, da er recht wohl wiſſe, daß die ihm gezogenen Grenzen weit enger verſtanden ſein wollten und er in dieſem Augenblicke alſo ſowohl über das Maß ſeiner Pflichten wie auch ſeiner Rechte hinausgreife. 106 „Ich habe,“ ſagte Theophila,„indem ich Sie neulich zur Beſeitigung des Kunſtreiters herbeirief, Sie wahr⸗ ſcheinlich ſelber in dieſer Richtung beſtärkt. Iſt es etwa dieſe Angelegenheit, die der geſtrige Abend in ein neues Stadium brachte? Sie ſprachen damals die Ab⸗ ſicht aus, zu helfen. Daß Sie trotzdem den Vorfall zu des Grafen Kenntniß brachten, nahm ich für ein Zeichen veränderter Auffaſſung und glaubte meiner⸗ ſeits ſchweigen zu dürfen. Ich hoffe ſehr, Sie ſind nicht abermals auf jene erſte Abſicht zurückgekommen.“ „Comteſſe,“ erwiderte Boleslaw,„ich wäre in die⸗ ſem Augenblicke nicht bei Ihnen, ſondern bei Ihrem Vater, wenn ich meiner Mitverantwortung durch ein bloßes fortgeſetztes Rapportiren genügen zu können glaubte. Dergleichen bequeme Scheinerfüllungen einmal überkommener Pflichten beruhigen mein Gewiſſen aber nicht. Ich wünſche allerdings heute noch, wie damals, helfen zu können. Und eben Sie, Comteſſe, für meine Vorſchläge zu gewinnen, das iſt die nächſte Hilfeleiſtung, auf welche ich's heute abgeſehen habe.“ „Sie kennen mich ſchlecht,“ ſagte Theophila. „Das iſt der Fluch meiner Stellung“. Beide ſchwiegen. Theophila's Bruſt hob ſich in un⸗ ruhiger Bewegung. Ueber ihr Verhalten mit ſich ſelbſt in Hader, wendete Theophila ſich ab.„Was alſo haben Sie Ather 7 heute verſu 107 Sie mir mitzutheilen?“ verſetzte ſie mit ſtockendem Athem. „Ohne mein Zuthun“, begann Boleslaw,„habe ich heute früh durch den kleinen Jana von einem Flucht⸗ verſuche Kenntniß erhalten...“ „Jadwiga iſt fort“? rief Theophila beſtürzt. „Noch nicht,“ fuhr Boleslaw fort,„der Verſuch iſt durch Zufall für dießmal vereitelt worden; wollen Sie mir geſtatten, im Zuſammenhange zu erzählen?“ Bleich wie die Wand war Theophila auf dem Sofa zurückgeſunken. Sie nickte zuſtimmend. Ihre Lippen bebten. Am Schluſſe der geſtrigen Nachtfahrt, berichtete Boleslaw weiter, habe Jana, wie Theophila vielleicht wiſſe, als Mr. Prescott's Circus in Sicht gekommen ſei, auch in dieſen noch einzukehren verlangt und auf des Grafen Weiſung ſei ihm in der That gewillfahrt worden. Als Jadwiga dieß erfahren habe, ſei dieſelbe, wie die Comteſſe ohne Zweifel ſelbſt mit angehört habe, mit Bitten in den Grafen gedrungen, er möge auch ihr das nämliche Vergnügen gönnen. Da der Graf dieß aber hartnäckig verweigert habe, ſo ſei es nach der Heimkehr im Cabinete des Grafen zu einem heftigen Auftritte zwiſchen Jadwiga und ihrem Vater gekommen. Heute früh nun habe ſie in Folge dieſer 108 Scene und einer von dem Vater dabei ausgeſtoßenen Drohung beim erſten Morgengrauen auf die Straße zu entſpringen geſucht. „Weiter, weiter“! drängte Theophila. „Glücklicherweiſe iſt ſie aber,“ fuhr Boleslaw fort, „um von ihrem Lieblingsbruder nicht ohne Abſchied zu ſcheiden, zuvor noch an das Bett des kleinen Jana ge⸗ ſchlichen, und hier habe ich Zeit gefunden, mich ins Mittel zu ſchlagen“. „Dem Himmel ſei Lob und Dank!“ ſagte Theophila mit erleichtertem Aufathmen. Die väterliche Drohung vom Abend vorher, erläu— terte Boleslaw weiter, ſei bei den nun ſeitens Jadwi⸗ ga's mit Heftigkeit gegen Boleslaw gerichteten Vorwürfen wörtlich zur Sprache gekommen; ſeine Geduld ſei zu Ende, habe der Graf geſagt gehabt, gut⸗ oder böswil⸗ lig, morgen werde Jadwiga mit dem jungen Lord Spencer verheirathet. Boleslaw fügte hinzu, er halte jeden derartigen Zwang für ein Unrecht; im vorliegen⸗ den Falle müſſe er denſelben geradezu für ein Ver⸗ brechen erklären. Nach allem Dieſem wünſche er von Theophila zu vernehmen, ob ſie den Grafen vermögen wolle und könne, vorerſt wenigſtens ſeinem Vorhaben zu entſagen? Es war das erſtemal, daß ein Fremder ſich in die innel miſch ihren geden leslo keit faſt dig 109 inneren Augelegenheiten der gräflichen Familie zu miſchen wagte, und Theophila's Stolz war durch die ihrem Hauſe angethane Schande noch nicht tief genug gedemüthigt, als daß ſie nicht vor Allem die von Bo⸗ leslaw nach dieſer Seite hin begangene Unzukömmlich⸗ keit herausgefühlt hätte.„Jadwiga,“ ſagte ſie, noch faſt ohne Stimme,„hat ſich einer großen Unart ſchul⸗ dig gemacht. Aber ſie iſt ein Kind und ihr gutes Herz bringt ſie allemal zu ihrer Pflicht wieder zurück. Ich danke Ihnen, daß Sie ihr dabei behilflich waren.“ Sie ſchwieg und ſchien damit dem Beſuche Boleslaw's ein Ende machen zu wollen. „Comteſſe,“ erwiderte Boleslaw,„ich hatte eine Frage an Sie gerichtet“. „Welche?“ Er wiederholte ſie im vollen Zuſammenhange. „Sie werden mir nicht zumuthen wollen,“ ſagte Theophila,„daß ich mich mit Ihnen gegen meinen Va⸗ ter verſchwöre?“ „Auch nicht, um ihm eine große Reue zu erſparen?“ „Zu gar keinem Zwecke“. Sie erhob ſich mit großer Entſchiedenheit, aber dennoch ſichtlich ſchwankend.„Alles was mir jetzt obliegt, iſt, ihm ſofort von Ihren Mit⸗ theilungen Kenntniß zu geben. Wollen Sie mich be⸗ gleiten?“ 110 „Comteſſe,“ bat Boleslaw, indem er ebenfalls auf⸗ ſtand,„laſſen Sie eine frühere unvorſichtig harte Aeuße⸗ rung in dieſer wichtigen Stunde nicht etwa ſtörend zwiſchen uns ſtehen. Weiſen Sie den Wahn von ſich, als ſei mein Haß gegen Standesvorurtheile die trübe Quelle meiner allgemeinen Urtheile. Bedenken Sie, daß ich in dieſem Augenblicke zum zweitenmale ver⸗ trauensbrüchig geworden bin. Gelingt es mir nicht, die eine Schweſter zur Beſchützerin der anderen zu machen, ſo weiß ich, welche Pflicht mir obliegt. Wollen Sie's darauf ankommen laſſen?“ „Das heißt, ſcheint mir,“ ſagte Theophila bitter, „Drohung für Drohung“. „Das heißt,“ erwiderte Boleslaw,„mit ſchwerem Herzen einen ſchweren Entſchluß faſſen“. „Und wenn Ihre Auffaſſung der beiden Werber nun auf irrigen Ermittlungen beruhte, wenn ich Ihnen in Ihrer Stellung ſogar die Fähigkeit abſprechen müßte, alle dieſe Vorgänge überhaupt in ihrem rechten Lichte zu würdigen— wie dann?“ „So würden Sie mir im letztern Falle nämlich— Wahrheiten abnöthigen, Comteſſe,“ entgegnete Boleslaw verwundet,„zu deren Kenntniß ich Ihretwegen am liebſten nie gelangt wäre.“ „O, laſſen Sie doch hören, laſſen Sie doch hören!“ wec ſtin den Mitt gegen wahr theil hafte ſcher über, über verd X 111 Sie hielt ſich mühſam aufrecht, aber ihr Blick ſprach ſtolz herausfordernde Verachtung. „Nun denn,“ ſagte Boleslaw, immer weniger ſich ſelbſt beherrſchend,„hier nenne ich Ihnen in wenigen Worten Alles, deſſen Mitgemeinſchaft eine wahrhaft adelige Seele— und umflorte ſelbſt ein noch ſo acht⸗ bares Gefühl kindlicher Ergebenheit ihren Blick— weit von ſich weiſen ſollte“. Und jede Rückſicht jetzt beiſeite werfend, beleuchtete Boleslaw, von ſeiner Leidenſchaft hingeriſſen, Schritt für Schritt mit ſchonungsloſer Strenge den Weg, auf welchem der Graf ſich und die Seinigen dem jähen Abſturze nah und näher gebracht habe. Den heiligen Zwecken gegenüber, welchen das Vermögen der Staro⸗ ſtin offenkundigerweiſe gewidmet ſei, brandmarkte er den Mißbrauch jener vaterländiſchen Abzeichen als ein Mittel unwürdiger Erbſchleicherei; den Warnungen gegenüber, welche ſo Algernon wie Sir John doch wahrlich erſchreckend genug entlarvt hätten, verur⸗ theilte er das Engerknüpfen einer dermaßen unehren⸗ haften Verbindung als ein redendes Zeugniß morali⸗ ſcher Verſunkenheit; der göttlichen Langmuth gegen⸗ über, die ſo lange ſchon ſtatt des dazu beſtellten Hirten über die verwahrloſte Heerde gnädig gewacht habe, verdammte er den begonnenen Herzensſchacher als eine 112 Gottloſigkeit, welche den ſtrafenden Blitz des Ewigen geradezu herausfordere. Theophila war ſtumm und aufrecht ſtehen geblieben. Bis zum letzten Augenblicke hatte kein äußeres Zeichen den Sturm, der in ihr tobte, verrathen. Als Boleslaw's Lippen ſich endlich mit dem Aus⸗ drucke tiefer ſittlicher Empörung geſchloſſen hatten, be⸗ wegte ſie die Hand mechaniſch in die Richtung der Thür. Boleslaw folgte ihr mit dem Blicke. Er begriff nicht ſogleich den Sinn dieſer ihm fremden Geberde. Hatte ſie auf Alles das kein Wort der Entgegnung? Er blickte ſie nochmals fragend an. Erſt jetzt verſtand er, daß er ohne Antwort entlaſſen ſei. „Comteſſe,“ ſagte Boleslaw, über die Wirkung ſei⸗ ner Worte erſchreckt,„können Sie mich nach ſo frei⸗ müthigen, ſchonungsloſen Anklagen ohne ein berichti⸗ gendes Wort von dannen ſchicken? Mein Herz blutet; ich ſchwöre Ihnen, es blutet“. Sie regte ſich nicht und wies nur nach der Thür. „Comteſſe, ich flehe um eine Widerlegung, wie ſtrafend ſie auch laute“.— Sie antwortete mit keiner Wimper. „So gehe ich denn,“ ſagte Boleslaw mit bewegter Stimme und machte einige Schritte; aber auf der Schwe er,„ic muthet verord Kann auf d U- Er ordnet. Ue Tochte den T gebun Es Züge unwid aufwoe vorbro im B. wenn ſchaft Plicht nie in gab 9 3 f.; Schwelle blieb er noch einmal ſtehen.„Comteſſe,“ ſagte er,„ich weiß, ich habe Ihnen eine bittere Arznei zuge⸗ muthet; ich bin, fürchte ich, ein ſchlechter Arzt, denn ich verordne mit dem Herzen und nicht mit dem Kopfe. Kann irgend ein Wort Sie verſöhnen?“ Sie ſtand wie eine Bildſäule, die abweiſende Hand auf die Thür gerichtet. Und ſo ging er. Er hatte in der That nicht die richtige Arznei ver⸗ ordnet. Ueber die Mutter und ihre Schwächen weiß eine Tochter ſich, wenn es ſein muß, zu tröſten. Wer ihr den Vater raubt oder nur verkleinert, muß, um Ver⸗ gebung zu finden, an ſeine Stelle treten. Es gab einen Augenblick, wo die männlich ernſten Züge Boleslaw's, wo ſein aufrichtiger Blick, wo die unwiderſtehliche Geradheit ſeiner ſchroffen Natur Alles aufwogen, was ſein Mund an verletzenden Wahrheiten vorbrachte. Die Kluft, welche ihn und ſie trennte, war im Begriffe geweſen, ſich zu überbrücken. Vielleicht, wenn Theophila vermocht hätte an eine andere Leiden⸗ ſchaft in ihm als die des logiſchen Zergliederns von Pflichten und Rechten zu glauben, vielleicht wenn ſie nie in der Grotte von Vauxhall geweſen wäre— es gab einen Augenblick, wo Theophila zwiſchen ihm und R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin II. 8 114 ihrem Vater ſchwankte. Aber das Bild der Sybille hatte abgemahnt, und der Augenblick war vorüberge⸗ gangen. Verhängnißvoller noch machte dieſen verfeindenden Auftritt ein in der Zwiſchenzeit eingetretenes Ereigniß: Jadwiga war entflohen. Während Boleslaw ſich mit Theophila beſprach, hatte ſie zu wiederholtenmalen ſein Zimmer aufgeſucht; ihr bangte, er werde ſie abermals dem Vater ver⸗ rathen; es reuete ſie, ſeinem Zureden Gehör gegeben zu haben. Da hörte ſie einem Reiter heranſprengen und vor der Thür halten, und aus dem Fenſter blickend erkannte ſie Algernon. Sein ihr längſt verhaßter An⸗ blick machte allem Schwanken ein Ende. Sie wartete nur noch, ob er vom Pferde ſteigen werde. Als es geſchehen war und er ſich langſam, ſchlaff wie immer, ins Haus begab, eilte ſie aus dem Zimmer. Wenige Augenblicke ſpäter war ſie über eine Seitentreppe des Hauſes entſprungen. Als Boleslaw in ſein Zimmer zurückkehrte, ſtanden an der Thür desſelben mit noch in langen Tropfen herabrinnender Tinte die haſtig hingeworfenen Worte: „Ich kann Ihre Rückkehr nicht abwarten. Vergebe Ihnen Gott, wenn Sie es mit mir armen Mädchen nicht ehrlich meinten. Jadwiga“. 115 Die Beſtürzung des Grafen, dem wenige Minuten darauf durch Boleslaw die Kunde überbracht wurde, war grenzenlos. Er fertigte Algernon's Beſuch ohne jede Erklärung ab. Dann traten der Graf und ſeine Gemahlin mit Theophila und Marynia zu einem Fa⸗ milienrathe zuſammen, welcher nach einer halben Stunde fruchtloſer Erwägungen vor Allem das Geheimniß die⸗ ſes entſetzlichen Vorfalles unverbrüchlich zu bewahren hel⸗ beſchloß. Demnächſt ließ der Graf anſpannen und fuhr nach gen 3 dem Circus. Als er fort war, begann zwiſchen Joſepha und den beiden Töchtern die Berathung von neuem. Marynia wollte die Polizei zur Wiedererlangung Jadwiga's in Be⸗ 5 8s wegung geſetzt wiſſen. Sie fürchtete, der Schweſter mner, 6 möge ein Leides geſchehen, und jedes Mittel, dieß zu nige verhindern, dünkte ihr erlaubt. Wer indeſſen zum erſtenmale von der Gefahr heimgeſucht wird, ein Er⸗ gebniß häuslichen Unfriedens in die Offfentlichkeit nden dringen zu ſehen, ſträubt ſich gegen jeden dahinzielenden pfen Schritt. Hier kam der den Polen eingeborene Wider⸗ orte: wille gegen jede Berührung mit der Polizei bei Joſepha gebe wie bei Theophila noch mitbeſtimmend hinzu. Marynia dhen wurde alſo überſtimmt, und man beſchloß, fürs Erſte die Wiederauffindung Jadwiga's ſelbſt zu verſuchen. Jo⸗ 8* 116 ſepha begab ſich demnach auf eine längere Rundfahrt diesſeits der Themſe, während ſich Marynia zu gleichem Zwecke jenſeits der Themſe umherfahren laſſen ſollte. Theophila, ohnehin angegriffen und weniger in Angſt um die Entflohene, als erbittert über den Vorfall ſelbſt, erbot ſich, als Mittelpunkt für etwa eingehende Nach⸗ richten bei Adam daheim zu bleiben. Erſt als Alle fort waren, fühlte Theophila, daß ſelbſt ihre Erbitterung über Jadwiga's Leichtſinn matt und kraftlos ſei und daß ſie im Grunde des Herzens nichts empfinde als tiefſten Lebensüberdruß. Ein un⸗ überwindlicher Ekel gegen Alles und Jedes erfüllte ſie. Bei dem Gedanken an die Verworfenheit ihres Vaters wollte ihr ſchaudern. Gegen ſeinen Ankläger regte ſich Abſcheu in ihr. Aber jedes dieſer Gefühle glich einer ſchalen, ſumpfigträgen Quelle. Das Recht zur Liebe wie zum Haſſe war ihr abhanden ge⸗ kommen. Der kleine Adam, an deſſen Lager Theophila ſaß, fieberte und phantaſirte. Mit ihm um die Wette trieb unter den glühenden Schläfen der ſiechen Kranken⸗ pflegerin eine Art wachen Träumens ihr wüſtes Spiel, und bald hörte ſie drinnen im kochenden Hirn das ferdegewieher und die lärmende Muſik der Reiter⸗ bude, bald prahlten neben ihr die Lippen des Bruders vol ſchaul 6 Zuſta blicke Thür tuſche gegen dem denn u6 nin d nicht Schla Antw dürfti S gleich bewu C ten J einen die m len, noch 117 von Jockey⸗Abenteuern und ermunternden Zurufen der ſchauluſtigen Menge. Sie hatte eine Weile in dieſem halb lethargiſchen Zuſtande dageſeſſen, als ein Geräuſch ſie weckte. Auf⸗ blickend, ſah ſie Cerigotto mit dem Rusniaken in der Thür ſtehen. Der Alte hatte Alles, was man ver⸗ tuſchen wollte, errathen und ſeinen Befürchtungen auch gegen Cerigotto ſchon Luft gemacht. So war dieſer dem Rusniaken und ſeiner Botſchaft, dem Bouquet denn gefolgt. „Schicken Sie mich nicht fort, Comteſſe,“ bat er; „in der Stunde der Noth ſoll man der Theilnahme nicht die Thür verſchließen. Auch mich hat ein arger Schlag getroffen,“ fuhr er fort, da Theophila mit der Antwort zögerte,„und ich komme mit einem troſtbe⸗ dürftigen Herzen“. „So ſetzen Sie ſich,“ ſagte Theophila abgeſpannt, gleichgiltig und kaum ſeiner Gegenwart recht klar bewußt. Cerigotto ließ ſich, mit der Miene eines tiefbetrüb⸗ ten Freundes— und das war er in der That,— auf einen Seſſel nieder und begann ſofort im Tröſtertone die mancherlei günſtigen Auslegungen zuſammenzuzäh⸗ len, welche das Verſchwinden Jadwiga's denn doch noch zuließ. Immer geneigt, Menſchen und Dinge von 418 der wenigſt peinlichen Seite aufzufaſſen, wußte er eine baldige freiwillige Wiederkehr der Entflohenen als noch durchaus nicht unwahrſcheinlich hinzuſtellen, und obwohl Theophila ſeinen Gründen keine ſonderliche Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte,— die Alles entſchuldigende und be⸗ ſchwichtigende Art ſeines augenfällig herzlichen Antheils that ihr doch nahezu wohl. Als dieſer Gegenſtand endlich erſchöpft war, kam Cerigotto auf ſich ſelbſt und dasjenige zu ſprechen, was auch ihn heute mehr als je eines herzlichen Wortes bedürftig mache. Er zog einen Brief aus der Taſche und bat um die Erlaubniß, denſelben ſeinem ungefähren Inhalte nach überſetzen zu dürfen. Theophila wollte ablehnen, aber aus Unluſt vor dem Reden nickte ſie zuſtimmend; es war ihr ohnehin, während ſie ihm zerſtreut und mit ihren Gedanken weit abſchweifend zuhörte, faſt ſchon leichter ums Herz geworden. „Der Brief iſt aus Athen,“ begann Cerigotto, und nun erfuhr Theophila theils aus der Ueberſetzung, theils aus eingeſtreuten Erläuterungen, daß der alte Ceri⸗ gotto einen Bruder, Namens Germanos, habe, welcher zur Zeit des griechiſchen Freiheitskampfes zum Chriſten⸗ thume übergetreten, ſeit ſeiner Bekehrung als Mönch inken Herz und heils Ceri⸗ llcher eiſten⸗ Nönch „, — —=—— 119 im Kloſter Megaſpileon lebe; daß dieſer vortreffliche Mann ſeinen Procentantheil an den Erträgniſſen des von ihm mitbegründeten Hauſes Cerigotto unverkürzt alljährlich für die chriſtlichen Armen in Athen und Konſtantinopel verwendet habe; daß ſein Bild in Lombard Street über dem Schreibpulte Porri Ceri⸗ gott's hänge; daß er derjenige Menſch ſei, zu welchem von jeher Porri das unbegrenzteſte Ver⸗ trauen gehabt habe und daß dieſer theure Oheim unlängſt von einer ſchweren Krankheit unerwartet befallen worden ſei, ja dieſen Augenblick vielleicht ſchon nicht mehr unter den Lebenden weile.— Die vollen roſigen Wangen Porri's wurden bei Erwähnung dieſer traurigen Möglichkeit feucht von Thränen, und Theo⸗ phila mußte unwillkürlich des ſtrengen, ſchonungsloſen Blickes gedenken, mit welchem Boleslaw über die Feh⸗ ler ihres Vaters zu Gericht geſeſſen hatte. „So iſt Ihr Oheim ein Chriſt!“ ſagte ſie, um einem ſo aufrichtigen Schmerze gegenüber nicht ganz wortlos dazuſitzen. Aber Porri war ans Fenſter getreten; er konnte in Wahrheit vor Thränen nicht antworten. Als er ſeine Faſſung endlich wieder gewonnen hatte, erzählte er von der frommen Thätigkeit ſeines Oheims 120 und von der wunderbaren Gewalt, welche derſelbe früher über ihn ſelbſt gehabt habe. Theophila ver⸗ nahm bei dieſer Gelegenheit, daß Porri, in Griechen⸗ land geboren und erzogen, erſt als erwachſener Knabe nach England gekommen ſei. Den anſchaulichen, obſchon unbeholfenen Schilde⸗ rungen, welche er von jenen geſegneten Himmelsſtrichen entwarf, wohnte ein guter Theil jenes unveräußerlichen Reizes inne, gegen den ein nordiſches Ohr niemals völlig taub iſt. Zuweilen vermiſchten ſich in Theophi⸗ la's Vorſtellung die von ihm beſchriebenen ſonnigen Gefilde Attika's mit dem localen Hintergrunde deſſen, was ihr als bibliſche Geſchichte im Gedächtniſſe geblie— ben war, und wie ſchon oft, erinnerte Theophila ſich dann mit einem Gefühle der Verwunderung und der Demuth, daß der Sohn Gottes, zu welchem ſie bete, auch ein Jude geweſen ſei. Faſt eine Stunde lang hatte in dieſer Weiſe bald der Eine ſeinen verwandtſchaftlichen Empfindungen freien Lauf gelaſſen, bald die Andere vor Allem dem daraus hervorklingenden Heimweh freundlich beſchwichtigenden Antheil geſchenkt, auch wohl ſelbſtſtändige Fragen hin⸗ geworfen und ſich dadurch Gelegenheit verſchafft, den vorher ſchon zum Nachtheile Boleslaw's angeſtellten Vergleich nach mehr als Einer Seite hin zu wieder⸗ holen wo noch mußt dieſe worc kurze meid Necht Wort hat ſ geſche Wen Dien habe die, nich hlich ein Luft ſchö und 121 holen. Endlich ſah Theophila den Augenblick kommen, wo dieſer erſten von ihr bewilligten Zuſammenkunft noch ein bedeutungsvollerer Inhalt abverlangt werden mußte. Als einige Worte Cerigotto's in der That dieſe Wendung nahmen, ſtand ſie auf.„Ich weiß, woran Sie mich erinnern wollen“, ſagte ſie, nach kurzem Ueberlegen ſich ſelbſt entſchloſſen des unver⸗ meidlichen Themas bemächtigend,„und Sie ſind im Rechte, endlich Gewißheit zu fordern. Hier in wenigen Worten, was ich Ihnen zu ſagen habe. Mein Vater hat ſeine Einwilligung nicht ausgeſprochen, aber er hat geſchehen laſſen, daß ich mein Wort nicht zurückzog. Wenn ich recht verſtand, wies er ſeitdem ſogar eine Dienſtleiſtung Ihrerſeits nicht von der Hand. Nun habe ich heute eine moraliſche Erſchütterung beſtanden, die, ich fühle es, wenn ſie ſich je wiederholen könnte, mich vernichten müßte. Wollen Sie nie mit rückwärts⸗ blickenden Fragen in mich dringen, wollen Sie mir ein neues Leben bieten— nicht hier— ſchon die Luft hier verſetzt mir den Athem— nein, in Ihrer ſchönen, weit entlegenen Heimath oder wo ſonſt immer, und wollen Sie endlich“— ſie griff nach dem Crucifix —„ſich zu dem Gotte bekehren, der mir bis dahin Tröſter und Helfer geweſen iſt, ſo nehmen Sie mich hin, ich bin arm und vaterlos“. 122 Cerigotto griff nach ihrer Hand, um ſeine ſtottern⸗ den Lippen darauf zu drücken; aber ſie hielt ihm das Crucifix hin und nun küßte er dieß. Nie im Leben hatte er einem weiblichen Weſen ſo ſchüchtern unbe⸗ rathen gegenüber geſtanden. Wenn ſeine majeſtätiſche Braut ihn in dieſem Augenblicke mit einem Kuſſe zum Mönchsthum verpflichtet hätte, er wäre unfähig geweſen zu widerſprechen. „Comteſſe,“ wendete er ſich mit hochrothen Wangen von dem Kreuze zu ihr zurück,„wenn dieſe feierliche Stunde...“—„möge ſie Ihnen wie mir,“ unterbrach ihn Theophila abſchließend,„Segen und Heil bringen.“ Sie ließ ſich erſchöpft in die Kiſſen ihrer Ottomane ſinken. „Das walte Gott!“ ſagte Cerigotto, noch eben zur rechten Zeit des feierlichſten Wortes habhaft werdend, das er in ſeinem Gedächtniſſe vorfand. Er ſah ſich nach ſeinem Hute um und überlegte raſch, ob er noch um die Erlaubniß bitten ſollte, die Hand ſeiner Braut zu küſſen.— Aber nein, das würde ihr heute ſicherlich ſehr unpaſſend erſcheinen. Und ſo nahm er denn, zwiſchen Zagheit und Wonne linkiſch genug kaum ihre Hand nur zu faſſen wagend und dann mit Mühe die rechte Thür findend, verlege⸗ nen Abſchied. 123 Draußen ſaß, wie immer, der Rusniake platt auf dem Boden. Cerigotto holte einen blanken Sovereign aus der Taſche und ſteckte ihn dem überraſcht ſchmun⸗ zelnden Alten in die ſchwielige Hand. Es kam ihm vor, als habe er ſeinen erſten katholiſchen Kirchgang gemacht, und faſt wunderte er ſich, daß der Opferſtock dankte. Achtes Kapitel. An die große Glocke. Ein Saatfeld, das der Regen niederdrückte, reift un⸗ gleich; meiſt richten ſich nicht alle Halme zur ſelben Zeit wieder in die Höhe, einige bleiben wohl gar ganz am Boden kleben und gehen zu Grunde. Es war ſchwer zu ſagen, wer von allen Mitgliedern der gräf⸗ lichen Familie von dem über ſie hereingebrochenen Schlagwetter am hoffnungsloſeſten getroffen worden war. Vielleicht hatte der ſcheinbar Unbetheiligteſte, wielleicht hatte Boleslaw am wenigſten Ausſicht, das Haupt je wieder ganz aufzurichten. Was Marynia in ihrem Tagebuche über die ent⸗ flatterte Schweſter zu Papier brachte, klang nach der nüchternen Art ihrer bisherigen Aufzeichnungen faſt wie ein Märchen. 125 „Der Vater iſt aus dem Circus zurück“, ſo lau⸗ tete die erſte Notiz,„er hat Mr. Prescott nicht ge⸗ ſprochen; derſelbe iſt verreiſt; dagegen ſah er Alfred Blackman, welcher eben ein junges Pferd im Circus probirte. Wird der arge Menſch dem Vater die Wahr⸗ heit geſagt haben? Er wollte von Jadwiga's Flucht nichts wiſſen und meinte ſtatt deſſen: wenn der Herr Graf nur erlauben wolle, daß Jadwiga vierzehn Tage lang das Kunſtreiten verſuche, ſo würde der Herr Graf über ihre Leiſtungen ſtaunen(als ob ſie nicht vor Allem erſt wieder lebend zur Stelle geſchafft werden müßte)!“ Die Notizen des nächſten Tages begannen mit einem inbrünſtigen Danke„an die liebe Mutter im Himmel“; ihre Fürbitte habe wenigſtens das Entſetzlichſte abgewendet, Jadwiga lebe.„Noch am geſtrigen Abend hat ſie ſich“, ſo fuhr die Chroniſtin fort,„bis zum Circus durchgefragt. Früh Morgens brachte Alfred Blackman ſelbſt dem Vater die Freudenbotſchaft. Aber der Vater war ſehr zornig und beſtand darauf, man ſolle Jadwiga ſofort zurückſenden. Als das nach einer Stunde noch nicht geſchehen war, iſt der Vater nach dem Circus hinübergefahren und hat den oberſten Stall⸗ meiſter Mr. Prescott's, einen zwergartigen Creolen Na⸗ mens Blanqui, zur Rede geſtellt. Derſelbe iſt auch zur Herausgabe Jadwiga's bereit geweſen. Da hat Alfred 126 Blackman aber gedroht, wenn man Jadwiga wider ihren Willen fortführe, ſo erſchieße er auf der Stelle das Lieblingspferd Mr. Prescott's. Wirklich iſt er, ehe der Vater es verhindern gekonnt hat, mit zwei gelade⸗ nen Piſtolen in den Stall gelaufen, und der kleine Stall⸗ meiſter hat in ſeiner Herzensangſt den Vater gezwungen von jedem gewaltſamen Schritte abzuſtehen.“ Es wurde demnächſt eines vermittelnden Schrittes Erwähnung gethan, welchen Joſepha verſucht hatte. Sie habe, hieß es, bei einer im Circus veranſtalteten Zu⸗ ſammenkunft zwiſchen ihr und Jadwiga die Letztere an⸗ fangs zwar kleinlaut und beklommen, dann aber nach einigen verſöhnenden Worten Joſepha's raſch beruhigt, ja bald ſogar ſtrahlend vor Glück und Befriedigung ge⸗ funden; in den Schoß der gräflichen Familie zurückzu⸗ kehren ſei Jadwiga nun zwar, aller Vorſtellungen un⸗ geachtet, nicht zu bewegen geweſen; die Frau des Ober⸗ Stallmeiſters, eine unförmlich corpulente ehemalige Gen⸗ fer Bonne, von übrigens ſehr ordentlichen Manieren, habe Joſephen aber verſichert, es geſchehe der Comteſſe kein Leides; mit dem kleinen Blackman zumal ſtehe ſie wie eine Schweſter zu ihrem Bruder, und wenn Ma⸗ dame Blanqui nach ihren Erfahrungen rathen dürfe, da ſolle man der Sache durch Glimpf und Nachſicht die beſte Seite abzugewinnen ſuchen.— Die weiteren No⸗ — tizen gedru ein früh Beide Jad. 127 45 tizen Marynia's ließen erkennen, daß dieſer Rath durch⸗ 6h gedrungen war.„Alfred Blackman, ſchrieb ſie,„ſcheint de ein ganzer Kerl zu ſein. Sein Unterricht währt von 4 früh bis ſpät, und wie Madame Blanqui erfährt, ſcheint 4 Beiden nichts dringender am Herzen zu liegen, als daß den Jadwiga, bis Mr. Prescott von ſeinen Pferdeeinkäufen in Spanien zurückkommt, ſchon ohne Zügel und Gurt⸗ ä ſtock auf dem galoppirenden Pferde ſtehen könne. Ach Ob welche Aengſte unſerer guten Mutter erſpart ſind! Gebe öu⸗ Gott,“ ſo ſchloß die letzte dieſer Notizen,„daß Jadwiga 5 nur nicht gar noch in die Zeitungen kommt. Ich glaube, ach die Schande würde der Vater nicht überleben.“ Uebrigens hatte Bell's Life den Vorfall bereits ver⸗ werthet. Dergleichen ereignet ſich ſelbſt in London nicht alle Tage. Mit einigen ſtyliſtiſchen Schmuckfedern aufge⸗ ſtutzt, machte daher das galante Abenteuer des beliebten Reitermimen die Runde durch alle Blätter und ver⸗ ſchaffte trotz des Saiſonſchluſſes dem Circus ein paar Abende ungewöhnlichen Zulaufes. Natürlich ſtand Jad⸗ wiga noch nicht auf dem Zettel, da an ihr Auftreten ſie in der That noch nicht zu denken war. Das Publicum N. ließ ſich aber dadurch keineswegs abſchrecken und ſuchte erfe, 1 die ihren gräflichen Eltern entſprungene Schöne un⸗ ſich 4 verdroſſen in jeder neuen Erſcheinung des zahlreichen N. Prescott'ſchen Damencorps. 128 Und ſo genoß Jadwiga, welche, unſcheinbar geklei⸗ det, Abends im Dunkel der Loge des Directors den Vorſtellungen unbemerkt beiwohnte, bald als vermeinte Seiltänzerin, bald wieder als Grotesk-Springerin be⸗ klatſcht, die Vorfreuden ihrer einſtigen Triumphe. Aber vor noch größerer Entzückung hüpfte ihr Herz, wenn ſie ihren jungen Meiſter und Beſchützer im vollen Glanze ſeiner Schönheit und Gewandtheit Dinge ver⸗ richten ſah, bei deren ABC ſie ſelbſt ſich den ganzen Tag über vergebens abgemüht hatte. Zu Zeiten be⸗ griff ſie nicht, wie ſie nur ohne Pein und ohne Ent⸗ muthigung etwas ſo vollendet Unerreichbares mit be⸗ wundern könne. Wie ſehr ſie im Grunde dem all⸗ gemeinen Intereſſe, das ſie erweckt hatte, ſchon zu Dank verpflichtet war, davon hatte ſie in ihrem Verſtecke ſchwerlich eine Ahnung. Es iſt mit der Oeffentlichkeit ein gar eigen Ding. Berufen oder nicht— wo ſie ſich einmal eingemiſcht hat, da hört das freie Schalten des Einzelwillens auf. Der Graf hatte Joſephen zu Gefallen von einem Tage zum andern mit nachdrücklicheren Maßnahmen zur Wiedererlangung Jadwiga's gezögert. Jetzt, nachdem die allſeitige Theilnahme ſich ſeiner Tochter bemächtigt hatte, wäre es ſchier unmöglich geweſen, noch etwas gegen ſie zu unternehmen. Da ſie überdieß Tag für Tag? Guthe Eltern heftig ſeiner gen b ſes C ſicht Antw daran einem Folge mögl aufen gewt bald Geda gtigt was für 129 Tag einen Bittbrief um Verzeihung und nachträgliche Gutheißung ihres neuen Lebensberufes an„die lieben Eltern“ abfertigte, ſo beſchwichtigte ſich allmälig der heftigſte Unmuth des Grafen, und die zwiſchen ihm und ſeiner Frau in Jadwiga's Betreff gepflogenen Berathun⸗ gen beſchränkten ſich auf die rein äußerliche Seite die⸗ ſes Ereigniſſes. Es wurde ihr denn Verzeihung in Aus⸗ ſicht geſtellt, und wie der Graf ſich in ſeinem friedlichen Antwortſchreiben ausdrückte,„nur die einzige Bedingung daran geknüpft“, daß ſie nicht durch Verheirathung mit einem Manne aus ihrer jetzigen Umgebung für alle Folgezeit die Rückkehr unter das väterliche Dach un⸗ möglich mache; es wurde ihr ferner die Verpflichtung auferlegt, durch die Annahme eines beliebigen, möglichſt gewöhnlichen engliſchen Namens das Ihrige zu thun, um baldigſt dem Publicum als polniſche Comteſſe aus dem Gedächtniſſe zu kommen. Auf dieſen Brief erfolgte keinerlei Antwort. „Wie habe ich das aufzufaſſen?“ fragte der Graf, als mehrere Tage verſtrichen waren. „Ich glaube, die Deutung iſt nicht ſchwer,“ ſagte Joſepha mit einem Seufzer. „Und zwar?“ „Jadwiga war häufig ungezogen,“ verſetzte Joſepha,„aber niemals unnatürlich. Jene Zumu⸗ R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 9 130 thung wird ihr geradezu unverſtändlich ſein; ſehr möglich ſogar...“ „Daß ſie bisher noch gar nicht einmal ans Heirathen gedacht hat?“ fiel der Graf ein.„Ich glaube, Sie woll⸗ ten das ſagen?“ „Allerdings,“ antwortete Joſepha,„denn ſoweit ich mein Geſchlecht kenne, denkt ein junges Mädchen in der That bei weitem nicht ſo oft ans Heirathen, als ſein äußerliches Gebahren und der herkömmliche Lauf der Dinge wohl darauf ſchließen laſſen. Das ſind Na⸗ turen von geringem Inhalte, die aus ihren Berührungen mit dem andern Geſchlechte nicht vor Allem Anſprüche geſteigerter Art an ſich ſelbſt ſchöpfen. Wird dieſen aber in ſolchem Zuſammenhange Förderung, erweitert ſich der Geſichtskreis, entwickeln ſich die Kräfte, da haben Gefühle und Wünſche anderer Art zumeiſt auf lange Zeit Ruhe. Aus einem ſolchen Zuſtande, fürchte ich, haben Sie Jadwiga aufgeſtört.“ „Sie theoretiſiren wieder!“ brach der Graf verſtimmt ab. Die Penny-a-liner hatten übrigens einen ſo dank⸗ baren Stoff nicht geſtreift, ohne ſeine Spuren auch in anderen Richtungen weiter zu verfolgen. Während ſich der Graf zu beruhigen und die übrigen Seiten ſeiner verwickelten Angelegenheiten wieder ins Auge zu faſſen begann, ermittelte ein Anekdoten⸗Lieferant des Herald, Aelt daß die Schweſt der Han dispate nehmen eine S. nur n Dieſe munter jähle, Reitpei in der Polen, auch Geſchi Gleich in der peitſch auf d fälſche des R hinter reiter daß die berühmte Groteskſpringerin Mr. Prescott's eine Schweſter des kleinen Jockey, welcher am zweiten Tage der Hampſhire⸗Rennen„ums Leben gekommen ſei“. Weekly Dispatch berichtigte dieſe Angabe dahin, dem Ver⸗ nehmen nach ſei der kleine Jockey kein Bruder, ſondern eine Schweſter der Groteskſpringerin geweſen und habe⸗ nur nach neupolniſcher Sitte Knabenkleider getragen Dieſe Halbſchweſter ſei übrigens unlängſt wohl und munter in Rotten⸗Row geſehen worden, und man er⸗ zähle, ein Petroleum⸗Speculant habe daſelbſt mit ihrer Reitpeitſche unliebſame Bekanntſchaft gemacht. Darauf in der Times am nächſten Tage Reclamationen eines Polen, es gebe kein neupolniſches Coſtüm und folglich auch keine neupolniſchen weiblichen Jockeys; die ganze Geſchichte müſſe auf böswilliger Erfindung beruhen. Gleichzeitig unterzeichneten mehrere Petroleum⸗Actionäre in der Morning Poſt eine derbe Abfertigung des Reit⸗ peitſchen⸗Inſerats und verſicherten, daſſelbe dürfte wohl auf die erregte Galle irgend eines bankerotten Rüböl⸗ fälſchers zurückzuführen ſein, werde aber ſchwerlich die Welt wieder zum, Gott ſei Dank, überwundenen Cultus des Rüböls bekehren. Dieſer Wirrwarr von öffentlichen Kundgebungen, hinter denen erfahrene Leute nichts weiter als Kunſt⸗ reiter⸗Reclamen wittern wollten, hatte den Grafen eine 9⸗ 132 gute Weile gepeinigt, als ihm plötzlich dadurch eine noch größere Verdrießlichkeit auf den Hals gezogen wurde und zwar um Algernon's willen. Die„Providence“ hatte ſich geweigert, wie der tech⸗ niſche Ausdruck lautet,„Mrs. Boodle auszuzahlen“. Da Algernon auf Sir John's Antrieb klagbar wurde, war es der vortrefflich unterrichteten Compagnie ſehr bald gelungen, den auf Tod aus Altersſchwäche lautenden Bericht der Todtenſchau umzuſtoßen. Dr. Pool, Mr. Boodle's Arzt, hatte ſich demnächſt zu rechtfertigen; es wurde ihm von dem Advocaten der„Providence“ vor⸗ geworfen, er habe die alte Dame mittelſt ſtarker Por⸗ tionen Brechweinſtein getödtet. Der Beſchuldigte wies nun nach, ſeine ſämmtliche Patienten erhielten nur Waſſer, nichts als Waſſer. Da die aus Allopathen und Homöopathen zuſammengeſetzte Experten⸗Commiſſion nur auf dieß Geſtändniß gewartet hatte, um ihrerſeits aus Hippokrates und Hahnemann nachzuweiſen, daß Waſſer⸗ ſüchtige durch den übertriebenen Genuß von Waſſer zu Tode gedoctort würden, und da es der Compagnie ferner gelang, die ganze Ehe zwiſchen Mrs. Boodle und dem jungen Lord als eine Attrape hinzuſtellen und die Zwecke, um deren willen Mrs. Boodle zu einer ungewöhnlich hohen Summe verſichert wurde, als ſehr verwerflich darzuthun, ſo legte das Gericht ſeine unhöfliche Hand ) eine wurde dtech⸗ d. Da Vaſſer⸗ ſer zu ferner ddem wecke nlich erflich Hand — I errekerc r ene r e her nn 133 ſowohl auf Dr. Pool wie auch auf den trauernden Witwer ſelbſt. Dieſe häßliche Geſchichte beſchäftigte die öffentliche Meinung der Hauptſtadt wieder mehrere Tage. Sie hätte aber an der gräflichen Familie dennoch nach der Flucht Jadwiga's vielleicht ohne tiefere Einwirkungen vorübergehen können, wenn die neuerlichen Wiederver⸗ heirathungsplane des jungen Witwers nicht bei der gerichtlichen Unterſuchung als Belaſtungsmoment mit zur Sprache gekommen wären. Das erſtaunte London erfuhr denn bald genug, daß auch hier die myſteriöſe Polin im Spiele geweſen ſei, und da ſofort eine Menge abenteuerliche Anekdoten hin⸗ zugedichtet wurden, gerieth Jadwiga noch einmal in den Vordergrund des allgemeinen Intereſſes. Die Schau⸗ käſten der Photographen durften nun natürlich nicht län⸗ ger hinter der Preſſe zurückbleiben. Jeder Lichtkünſtler ſtellte irgend eine hübſche, phantaſtiſch gekleidete weib⸗ liche Geſtalt mit entſprechender Unterſchrift aus, und bald waren am Strand, in Fleet Street, Holborn und Oxrford Street mehr polniſche Comteſſen unter Glas und Rahmen ausgehängt, als, wie es heißt, General Berg deren je für ſeine Warſchauer Galabälle auftreiben konnte. Da wollte es der Zufall, daß einer dieſer Zauberer — denn photographirt war Jadwiga nie wirklich ge⸗ 134 worden— die ehrbare Lombard Street, welche von allen dieſen Dingen bisher noch keinerlei Notiz genommen hatte, durch einen Kaſten ſolch anziehenden Inhalts heimſuchte, und daß demzufolge Cerigotto der Vater eines Morgens beim Federſchneiden ſeinem Bureaufenſter gegen⸗ über ein höchſt ungewöhnliches Gedränge wahrnahm. In der Beſorgniß vor einer Zuſammenrottung von Langfingern ließ der alte Grieche ſofort den größten auſtraliſchen Goldklumpen aus dem Schaufenſter ſeiner Wechſelſtube zurückziehen, und da er ſeit Porri's Ueber⸗ tritt zum Chriſtenthume ſich noch nicht wieder vollſtän⸗ dig mit ſeinem übrigens neben ihm ſitzenden Sohne verſöhnt hatte, ſo wurde Phiniki zur näheren Beobach⸗ tung der bedenklich angewachſenen Menge herbeigerufen. Der umſichtige Disponent ermittelte ohne große Mühe, was der Vorgang bedeute, und ſo erfuhr der erſchrockene Alte durch den nicht minder erſchrockenen Phiniki, daß ſein Sohn der Schwager einer Kunſtreiterin werde. Porri hielt ſich mäuschenſtill. Der Alte kochte vor Verdruß, bis endlich ein paar vortheilhafte Getreide⸗ Abſchlüſſe ihn auf andere Gedanken brachten. Aber im Laufe des Morgens kamen unter den Kunden der Wechſelſtube ſo viele auf den Schaukaſten und die ſchöne Polin zu ſprechen, daß nach und nach auch der Aſſecu⸗ ranz⸗Proceß aufs Tapet gebracht wurde. 135 Phiniki, der zwiſchen ſeinen vielen Geſchäften für n das Hören oder Leſen von Scandalgeſchichten ſelten Zeit fand und auch dieſe nicht gekannt hatte, war dießmal 2 außer ſich; die Ohren des alten Wechslers glühten wie 4 zwei rothe Signallampen. Unmöglich konnte das Haus h Cerigotto and Son ſich mit dieſer Familie verbinden. ddn Man ſagte dieß nicht laut, denn Porri— oder ſeit ſei⸗ dßten ner Taufe vielmehr Dimitri— ſaß, mit ſeiner Nagel⸗ Feiner bürſte beſchäftigt, noch immer nahebei. Aber man winkte ſeüer ſich mit den Brauen zu. Und endlich entwarf Phiniki lſän⸗ einen förmlichen Abſagebrief. Nachdem des Grafen Be⸗ köhne ziehungen— ſo ungefähr lautete die vorbedächtig ſcharfe ddad⸗ Epiſtel— wie ſich jetzt zeige, ſo vielſeitiger Art ſeien, daß tüfen. die verwandtſchaftliche Mitgift der Comteſſe über den Nühe Kreis der in Lombard⸗Street herkömmlichen Stände weit dcene hinauszugreifen drohe, ſo bedauere Cerigotto der Vater, daß auf die ſeinem Sohne zugedachte Ehre im Namen deſſel⸗ 8 ben verzichten und ihn lieber beſcheidentlich an ein e dor Mädchen von minder hervorragender Stellung verhei⸗ ride⸗ rathen zu müſſen. Aber Dieſer Brief ſollte übrigens, ſo wollte es das Schick⸗ der ſal, nie an ſeine Adreſſe gelangen. Dagegen hatte er höne den durchaus nicht beabſichtigten Erfolg, Theophila's Hochzeit noch um ein Erkleckliches zu beſchleunigen. Neuntes Kapitel. Aus dem Joche. Ein häufig mißverſtandener Ausſpruch Hegel's er⸗ klärt es für„die Ehre großer Charaktere, ſchuldig zu ſein.“ Geld ſchuldig zu ſein und nicht zahlen zu kön⸗ nen, hatte der Graf zu Anfang ſeines Londoner Auf⸗ enthaltes jedenfalls für keine Unehre gehalten. Noch als Flatow die dem Grafen eröffneten Credite zurück⸗ zog, war der Letztere über dieſen Mangel an Ehr⸗ erbietung geradezu empört geweſen. Aber die Zeiten waren andere geworden. Eine Ahnung nicht nur ſchlim⸗ mer Tage, nein auch unwiederbringlicher Einbußen an Ehre und ſonſtigem ungemünzten Werthe umflorte mehr und mehr das Auge des Grafen Bielski. Dennoch blieb ſeine Haltung auch jetzt noch voll ſtolzer Vor⸗ nehmheit und, ſelbſt Joſepha fand kein Mittel, ihren Sorgen und Beängſtigungen Gehör zu verſchaffen. liche durd bewe auf —— 137 Als Boleslaw ſeine Lehrerſtellung in der gräf⸗ lichen Familie angenommen hatte, war er vor Allem durch einen heimatlichen Zug zu dieſem Entſchluſſe bewogen worden. In allen Erwerbsfächern als früh auf ſich ſelbſt angewieſener Flüchtling zu Hauſe, fehlte es ihm nicht an Mitteln, ſeine Kenntniſſe und Kräfte in anderer minder abhängig machender Weiſe zu ver⸗ werthen, und durch lange, ſtrenge Schulung ſeiner ſelbſt an eine verhältnißmäßig bedürfnißloſe Lebensart gewöhnt, hatten die liberal geſtellten Bedingungen des Grafen nichts Lockendes oder Beſtimmendes für ihn gehabt. Als dann der Graf ihn bald darauf fühlen ließ, wie wenig er den Lehrer ſeiner Söhne von den untergeordneten Genoſſen des gräflichen Haushaltes unterſcheide, war Boleslaw mit ſich zu Rathe gegangen, ob er den vorausſichtlichen Verwicklungen und Reibun⸗ gen nicht lieber beizeiten aus dem Wege gehen ſolle. Das unerquickliche Gefühl, müßiger Genoſſe eines rück⸗ gängigen Hausweſens zu ſein, kam hinzu, um dieſe Frage bejahend zu entſcheiden. Aber ſein Intereſſe für die Knaben war bereits lebhaft erregt, und was ſich bei einem aufmerkſamen Beobachten der übrigen Fami⸗ lienglieder theils an pſychologiſcher Spannung, theils an keimender Herzensneigung hinzugeſellte, hatte bald ſtärkere Gewalt über ihn als die Gründe ſeines Ver⸗ 138 ſtandes. Erſt nach dem letzten Auftritte mit Theophila erkannte er die Unmöglichkeit, ſeine Stellung länger fortzuführen. Sobald daher Jadwiga wieder aufgefun⸗ den worden war und ſobald ſich die beſchloſſene Kündigung ohne Unziemlichkeiten vorbringen ließ, hatte Boleslaw um ſeine Entlaſſung nachgeſucht. Sie war ohne An⸗ ſtand bewilligt worden, und da man, der früheren Abrede gemäß, eine nur halbmonatliche Kündigungs⸗ friſt feſtgeſtellt hatte, ſo kam während jener Zeitungs⸗ verdrießlichkeiten der Tag des Scheidens bald genug heran. Für Boleslaw nicht ohne Beklemmung, denn, ſeit Adam's Bettlägerigkeit ausſchließlich auf den kleinen Jana beſchränkt, hatte er die ihn zunächſt intereſſi⸗ renden Perſonen faſt aus den Augen verloren. „Wir haben einander nicht ſonderlich verſtanden“, ſagte mit der ihm noch immer zu Zeiten geläufigen Liebenswürdigkeit der auffallend gealterte Graf, als Boleslaw ſich von ihm verabſchiedete,„und vielleicht iſt es beſſer, daß wir uns trennen. Aber nehmen Sie immerhin meine Anerkennung für diejenigen Ihrer Dienſte, um derentwillen Sie vornehmlich bei uns ein⸗ traten.“ Der ſpitzige Widerhaken dieſer letzten Worte ließ Boleslaw die Unzweckmäßigkeit einer Antwort tiefer⸗ greifender Art erkennen. Er begnügte ſich mit einigen Wo⸗ will offe 139 Worten höflicher Erkenntlichkeit, wobei er im Herzen willig jedes Makelwort abbat, das er dem Grafen nicht offen ins Geſicht geſprochen hatte. ng Joſepha fand er krankhaft empfindlich und gereizt. 4„Sie verlaſſen ein leckes Schiff“, ſagte ſie,„möge der l Himmel in der Stunde der Noth Ihnen treuer aus⸗ 4 harrende Freunde beſcheeren.“ s⸗„Pani Joſepha“, verſetzte Boleslaw, befremdet von F dem ungewohnten Tone der ſonſt ſo maßvollen Frau, Ug„Sie ehren mich mit einem Namen, auf den ich keinen n, Anſpruch habe. Ich bin Diener, nicht Freund. Daß ſen ich die Grenze zwiſchen Beiden nicht ſtreng genug ein⸗ ſſe zuhalten vermochte, das iſt's ja, was mich forttreibt.“ „Wir gehen unter“, ſagte die Gräfin mit um⸗ n', flortem Auge,„leben Sie wohl. Es hat nicht ſein en ſollen.“ ls Boleslaw ſtutzte.„Pani Joſepha“, bat er,„wenn ht irgend ein Wort ungeſprochen geblieben iſt, das mir jie ein Recht zum Rathertheilen verleihen könnte, ſo halten er Sie nicht damit zurück. Was ich ſelbſt in dieſer Rich⸗ n⸗ tung verſuchte, hat mir nur Reue und Beſchämung eingetragen.“ 5„Ich weiß nicht, worauf Sie hindeuten“, ſagte r⸗ Joſepha mit einem mühſam unterdrückten Seufzer; en„auch iſt, wie ich unſere Lage anſehe, weder Rath noch 140 Hülfe mehr möglich. Wir ſind zum Untergange be⸗ ſtimmt und unſer Geſchick muß ſich erfüllen.“ „Und die Verbindung—“ „— Theophila's mit Dimitri Cerigotto?“ fiel Jo⸗ ſepha ein, da Boleslaw ſtockte;„ja freilich, dieſe ſon⸗ derbare Verbindung wird ſich vollziehen; aber als reli⸗ giöſe Bekehrungs⸗Caprice, wenn nicht als Frucht des Trotzes—“ „Als religiöſe Caprice?“ fragte Boleslaw ver⸗ wundert. „Sie werden die Comteſſe ſehr verändert finden“, entgegnete Joſepha mit einem vielſagenden Blicke; „vielleicht auch“, ſetzte ſie hinzu—„die Jugend geräth ja auf erſtaunliche Irrwege— vielleicht auch vollzieht ſich dieß bedenkliche Bündniß als Ergebniß einer edleren Regung, die ſich nur in ihrem Ziele vergriff— keines⸗ falls, und das allein hält mich aufrecht, als ſchnöde Finanz⸗Operation des Grafen—“ Und da Boleslaw, wie aus Rückſicht, ſchwieg, fuhr die Gräfin fort: „Denn was auch immer Sie über den Grafen denken mögen, und wie ſehr Ihre Lebensanſchauungen— gewiß zu Ihrem Glücke, Boleslaw Oſinski— ſich von den ſeinen unterſcheiden— dem Himmel ſei Dank, jeden Vortheil aus derſelben weiſt der Graf weit von ſich.“ Während der letzten Worte waren aus einem der⸗ 141 jenigen Zimmer, welche Theophila jetzt bewohnte, abge⸗ riſſene Töne eines Geſ ſanges herübergeklungen, in denen Boleslaw, nun Joſepha ſchwieg, die immer zum Feierlichen neigende Stimme Theophila's zu erken⸗ nen glaubte. „Pani Joſepha“, ſagte Boleslaw, durch die dazwi⸗ ſchen klingende, ferne Stimme aufs mächtigſte bewegt, „ich kam mit ſchwerem Herzen, aber mit einem weit ſchwereren gehe ich von hinnen. Sie reden von unab⸗ weislichem Untergange, Sie würdigen mich des ſchönen Namens Freund, und das Facit bleibt dennoch daſſelbe: wenn ich ausharre, fehlt nach wie vor jede Handhabe zum Helfen; wenn ich ſcheide, ſind in dieſem Hauſe nur zwei überflüſſig, vielleicht läſtig dreinſchauende Augen weniger. Was mich umgibt, ſind zum großen Theile Räthſel, ich glaube Räthſel, deren Löſung keines von den Betheiligten zu geben im Stande wäre. An dem Wagniß, eine Löſung als Unberufener zu ver⸗ ſuchen, bin ich geſcheitert, und Alles, was mir zu thun übrig bleibt, iſt, mich zurückzuziehen. Und nun— ja, Pani Joſepha, laſſen Sie uns dieſe flüchtigen Minuten eines halben gegenſeitigen Erſchließens denn immerhin als den hoffnungsvollen Anfang deſſen auffaſſen, was im Menſchenleben Freundſchaft heißt. Ich werde auf dem Poſten ſein, wann immer Sie meiner bedürfen. 142 Bis dahin blicken Sie dem, was Sie Untergang nen⸗ nen, beherzt ins Auge. Der Untergang des äußeren Ranges fällt ja oft genug mit dem Aufgange des rein Menſchlichen in uns zuſammen. Sie haben noch Pflichten. Für ſeine Pflichten aber eintreten, ja ſelbſt das Leben für ſie laſſen, heißt nicht untergehen, heißt die Sieges⸗ palme gewinnen.“ Joſepha drückte die dargereichte Hand.„Ich danke Ihnen“, ſagte ſie bewegt,„es gab eine Zeit, wo ich ſolchen Zuſpruches nicht bedurfte. Jetzt, ich fühle es, ſind meine beſten Kräfte längſt dahin und ich bin keiner Aufgabe ganz wie ſonſt gewachſen.“ Auch hier ſchied Boleslaw mit einer ſtillen inneren Abbitte. Joſepha hatte einen Gatten und zwei geliebte Kinder begraben. Wie mochte er bei ihrer Beurtheilung nur je den Maßſtab ungebrochener Kraft angelegt haben? Die Gräfin hatte angedeutet, Theophila werde Boleslaw noch für die mancherlei Belehrungen danken wollen, durch welche die Londoner Ausflüge zu einer ſo angenehmen Erholung geworden ſeien; als er ſich aber jetzt durch den Rusniaken anmelden laſſen wollte, meinte dieſer, die Comteſſe habe ſchon heute Vormittag über Kopfweh geklagt und werde den Pan Boleslaw wohl nicht empfangen. Sie hatte ihm ſogar, wie ſich 143 bald herausſtellte, dießfällige Anweiſung gegeben, und glaubte infolge einer irrigen Mittheilung des Alten, daß Boleslaw bereits ſeit einer Stunde nicht mehr im Hauſe weile. So indeſſen von dannen zu gehen, dünkte Boleslaw nach den beunruhigenden Aeußerungen Joſepha's eine Unmöglichkeit. Dennoch mochte es vielleicht ſchicklich ſein, nicht gerade heute auf einem Beſuche zu beſtehen. Während er noch überlegend ſchwankte, begannen in der Ferne die vorhin verklungenen Accorde von neuem, und nun erinnerte ſich Boleslaw, ihr den Text und die Melodie zu dem Liede ſelbſt gegeben zu haben. Es war während einer jener Unterrichtsſtunden geſchehen, denen ſie, wie zu Boleslaw's Beaufſichtigung, beizu⸗ wohnen pflegte, und zwar war es geſchehen, nachdem ſie ſich gegen die von Boleslaw den Knaben mit⸗ getheilten Proben aus den religiöſen Liedern aller Völker mißfällig ausgeſprochen hatte, von dem Satze ausgehend, was in ſolchen Dingen nicht römiſch⸗katho⸗ liſchen Urſprungs, verdiene keine Beachtung. Damals hatte Boleslaw vor Allem den proteſtantiſchen Cho⸗ rälen der Deutſchen Schwung und Erhebung nach⸗ gerühmt, und jetzt verſuchte ſich Theophila ſelbſt in ihrer, wie Boleslaw vorausſetzte, religiöſen Ueber⸗ ſchwenglichkeit an einem dieſer Choräle. Aber die 144 Stimme Theophila's klang trübe und matt und gerade dieſem Liede mit ſeinem Jauchzen gläubiger Begeiſte⸗ rung in keiner Weiſe gewachſen; vielleicht ein Grund mehr, um Boleslaw's Mitgefühl aufs lebendigſte zu erregen. Und ſo lauſchte er denn: O, daß ich tauſend Zungen hätte Und einen tauſendfachen Mund, So ſtimmt' ich damit in die Wette Aus allertiefſtem Herzensgrund Ein Loblied nach dem andern an Von dem, was Gott an mir gethan. O, daß doch meine Stimme ſchallte Bis dahin, wo die Sonne ſteht! O, daß mein Blut mit Jauchzen wallte, So lang in ſeinem Lauf es geht! Ach, wäre jeder Puls ein Dank Und jeder Odem ein Geſang! Die Gewalt des ſchönen Liedes hatte die Sängerin gegen den Schluß über ihre Apathie ſelbſt hinaus⸗ gehoben. Boleslaw ſtand lange ſprachlos. Nein, er mußte ſie ſehen und ſprechen. Er entſendete den Rus⸗ niaken mit dem Anmeldungsauftrage und nach einer Zeit, die Boleslaw ungemeſſen ſchien, kam der Erſtere mit günſtigem Beſcheide zurück. Mit klopfendem Herzen begab Boleslaw ſich nach dem Zimmer Theophila's. Seit dem Fluchttage Jad⸗ wiga's— am Morgen nach dem Beſuche in Vauxhall— — . 8. 145 hatte er ſie nicht wieder geſehen, auch infolge einer Verlegung ihrer Wohnung ihre Stimme kaum noch vernommen. Alles, was er wußte, war, daß ihr Bräutigam ſie täglich in Geſellſchaft eines griechiſchen Popen beſuchte, daß der Graf nicht mehr mit ihr aus⸗ ritt und daß ſie ſtatt ihrer früheren polniſchen und littauiſchen Nationalweiſen jetzt höchſtens einmal fremd⸗ artig klingende Kirchenlieder anſtimmte. Theophila ſtand dunkel gekleidet auf der Schwelle ihrer Thür und empfing Boleslaw mit einem milden Kopfneigen.„Treten Sie ein“, ſagte ſie mit einer ſo eigenartigen Einfachheit in Ton und Haltung, daß Boleslaw über die mit dieſem majeſtätiſchen Weſen vorgegangene Veränderung faſt erſchrak.„Setzen Sie ſich“, bat ſie wieder, als er ihr gefolgt war, und rückte einen Seſſel zurecht. Sie ſtrich, indem auch ſie ſich niederließ, ihr ſchwarzes Haar nach hinten. Um wenig⸗ ſtens eine Elle gekürzt, war es beiweitem nicht mehr lang genug, um geflochten zu werden und mehr der Tracht einer Braut Jeſu als der einer irdiſchen Braut entſprechend. Ein ſchwarzlackirter Gürtel, der ihr weites dunkles Wollenkleid um die Hüften zuſammen⸗ hielt, fiel als das einzige Blanke und der ſchönen Geſtalt vortheilhaft Stehende faſt weltlich unharmoniſch auf. Durchſichtig⸗klarer als je erſchienen die ſchmalen, R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. II. 10 146 feingeformten Hände, die ſich nach griechiſcher Sitte unabläſſig mit dem Roſenkranz zu ſchaffen machten. Boleslaw's Herz wendete ſich ihm in der Bruſt. Während Theophila ihm in dem von der Gräfin ſchon angedeuteten Sinne dankte, tauchte die Erinnerung an eine religiöſe Schwärmerin in ihm auf, die einſt in einer ſeiner vielartigen früheren Stellungen durch einen ihm befreundeten Arzt in Boleslaw's Hut gegeben und erſt ſehr ſpät geheilt worden war. Er bebte vor den Eröffnungen, die ſeiner noch warten mochten. Dennoch war es ihm, als täuſche ſie ſich ſelbſt. Ihr Blick zeigte den alten ungebrochenen Stolz. „Ich habe Ihnen auch noch für Anderes zu danken“, fuhr Theophila fort, nachdem Boleslaw ihre anerken⸗ nenden Worte auf die ihm allſeitig entgegengebrachte Wißbegier und Empfängnißfriſche zurückgeführt hatte, „und dieſen Dank möchte ich in einer Weiſe aus⸗ drücken, daß Sie mich nicht für eine überſpannte Phan⸗ taſtin halten. Sie haben mich nämlich auf einen Weg gebracht, der, ich ſage nicht der Weg zum Himmel, aber wenigſtens der Weg zum Frieden mit der Welt war.“ Zugleich langte ſie nach einem großen ſchwarzgebun⸗ denen Buche, das offen auf dem Tiſche lag. „Ich habe eine ſchwere Zeit durchgemacht“, begann. ſie von neuem;„meine Verlobung ändert, wie ſich heraus⸗ mögl demüm mit d belt h redete gegen deſſen Phan⸗ Weg⸗ Iahar l, aber war.“ gebun⸗ egann eraus⸗ 5 — . Pelig Evangelium gewonnen.“ 147 geſtellt hat, die Lage meines Vaters in keiner Weiſe, und ſeit dieſe meine Hoffnung in Nichts zerrann, bin ich viele Tage und Nächte lang ein Opfer der furcht⸗ barſten inneren Kämpfe geweſen. Brauche ich zu ſagen, was Alles in mir ausraſen mußte, ehe ich einigermaßen mein Gleichgewicht wiederfand? Sie haben mich früher einmal hochmüthig genannt. Ich war es und bin es möglicherweiſe noch. Daß ich mich aber auch zu demüthigen vermag, das beweiſe Ihnen der Ernſt, mit dem ich über Ihre herbe Strafpredigt nachgegrü⸗ belt habe. Was Sie von menſchlicher Gleichberechtigung redeten, ſcheint mir auch heute noch ein Irrthum. Da⸗ gegen iſt mir ein Wort in der Erinnerung geblieben, deſſen edle Würde mir wohlgethan hat: Mitarbeiter Gottes zu werden, ſagten Sie, das ſei unſere Aufgabe hienieden. Ich habe mir aus dem Worte einen Stecken und Stab zu ſchnitzen geſucht und es iſt mir gelungen.“ Sie griff wieder nach dem Buche.„Hier“, ſagte ſie, „liegt das Neue Teſtament. Mein Verlobter war, wie Sie wiſſen, Jude. Ich hätte mir an der bloßen Form ſeines Uebertritts zum Chriſtenthum genügen laſſen kön⸗ nen. Aber ich gedachte jenes Wortes und bin minder oberflächlich zu Werke gegangen. Ich habe nicht nur ſeine Lippe, ich habe auch ſeine Ueberzeugung für das 10* 148 Sie ſchob das Buch auf die Seite und fuhr in der⸗ ſelben gehaltenen Weiſe fort:„Seitdem iſt mir wohler. Das Bewußtſein, eine Mitarbeiterin Gottes geworden zu ſein, hat mich mit dem Leben ausgeſöhnt. Was ich ſonſt wohl an dem Verhalten Anderer zu tadeln fand, über⸗ laſſe ich jetzt demjenigen, welcher geſagt hat: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Zugleich hat jenes Bekehrungswerk mir einen Schatz erhabener Ge⸗ danken erſchloſſen, deren ich bisher bei meinen flüchtigen Berührungen mit der Bibel kaum je gewahr geworden war, denn die griechiſch⸗katholiſche Lehre geſtattet, wie Sie wiſſen, auch den Laien, an der heiligen Quelle ſelbſt zu ſchöpfen. Verwandtſchaftliche Rückſichten aber haben meinen Bräutigam bei ſeinem Uebertritt ins Chriſtenthum zur Annahme des griechiſch⸗katholiſchen Glaubens beſtimmt. Auf dieſe Weiſe dringe ich von Tag zu Tag immer tiefer in die erhabenen Geheimniſſe der chriſtlichen Religion ein; ich lerne unter Anderm auch be⸗ greifen, daß die Einfalt eines gläubigen Herzens mehr werth iſt, als alles Verſtandeswiſſen.“ Sie machte eine Pauſe als wollte ſie ganz verſtanden ſein.„Und das iſt“, ſchloß ſie mit einem froſtigen Blicke,„was ich Ihnen ſagen und wofür ich Ihnen danken wollte.“ Boleslaw hatte mit Empfindungen der gemiſchteſten Art zugehört. Es war klar, daß hier das Dankſagen nur = — — 2 in der⸗ wohler. dden zu c ſonſt d, über⸗ ichtet eich hat der Ge⸗ üchtigen worden et, wie Quelle en aber ritt ins holiſchen von Tag iſſe der auch be⸗ ℳ mehr hte eine das iſt“ Ihnen ſchteſten gen nur 4 1 3 149 ein Vorwand ſein konnte. Theophila wollte nicht be⸗ mitleidet ſein. Man ſollte ſie für glücklich halten, für glücklich im Bunde mit einem, wie ſie ſelbſt zugeſtand, geiſtig Armen. Boleslaw fühlte eine ſtarke Verſuchung, mit Rück⸗ ſichtsloſigkeit dieſe neue Verirrung ihres Stolzes ge⸗ radezu beim Namen zu nennen, aber die Bläſſe Theo⸗ phila's jammerte ihn.„Comteſſe“, ſagte er, indem er ſchonend nach den wenigſt abſprechenden Worten ſuchte, „von allen Gebieten, auf denen der menſchliche Geiſt ſich ergehen kann, habe ich das der Religion immer als das erhabenſte, aber auch als das gefährlichſte betrachtet. Es iſt die Aufgabe gelehrter Forſcher, die täglich ſich ver⸗ rückenden Grenzen der verſchiedenen Glaubensgebiete zu überwachen; es iſt die Pflicht jedes Einzelnen, dem acht⸗ baren Bedürfniſſe der Gottesverehrung, das ihn rings umgibt, auch ſeinerſeits im Lebenswandel ſeinen Tribut darzubringen; aber in dieſes oder jenes heilige Schrift⸗ ſtück— heiße es nun Veda, Talmud, Koran oder Neues Teſtament— ſich ganz hineinleben wollen, das iſt für den Laien ein Beginnen bedenklichſter Art. Je gläubiger das Gemüth jene alten Weisheitsſprüche und Satzungen in ſich aufnimmt, deſto mehr müſſen die Dinge und Zuſtände ringsum ihre Berechtigung einbüßen. Mit ihnen aber in tiefgreifenden Widerſpruch zu gerathen, iſt auch 150 dann noch mißlich, wenn wir aus dieſem Widerſpruche ſelbſt eine geläuterte Weltanſchauung zu ſchöpfen wähnen. Denn jede Zeit darf und ſoll ihr eigenes Geſicht haben, und nie wird der Witz des Einzelnen im Stande ſein, ihr die veralteten Züge längſtvergangener Jahrhunderte wie⸗ der aufzunöthigen. Wer dennoch ſeine Thätigkeit hienieden einer ſolchen Aufgabe widmen will, der mag ſich viel⸗ leicht eine Weile damit über die Verſäumniß wichtiger Pflichten wegtäuſchen; mit wirklicher Befriedigung aber am Ende ſeines Lebens auf ſolch vergebliches Tagewerk zurückzublicken, das kann bei klaren Sinnen ihm ſchwerlich beſcheert ſein. Und deßhalb laſſen Sie mich in Betreff der von Ihnen erwähnten Geheimniſſe unſerer chriſtlichen Religion als eine Betrachtung allgemeinſter Art hinzu⸗ fügen, welches Maß ich in religiöſen Dingen für das rechte halte. Wir ſollen, denke ich, aus dem, was uns für ehr⸗ würdige Ueberlieferung gilt, uns oft Sammlung und Seelenſtärke holen; ſoweit, aber nicht weiter, nahe ich mich dem heiligen Brunnen und möchte glauben, daß auch Andere ſich daran genügen laſſen ſollten; wollen wir uns auf ſeinem Rande zur Raſt hinſtrecken oder gar Tag und Nacht in ſeine Tiefen hinunterſpähen, ſo ſtürzen wir hinab.“ Die Braut des Neophyten hatte, während Boleslaw redete, zuerſt nachdenkend, dann ſichtlich verſtimmt und —— ſagte ſäum auch — Bol gewerk verli verlich 151 2 ungeduldig auf den Boden niedergeblickt. Bei den letzten Worten zuckte ſie mit den Achſeln, als wolle ſie ſagen: was läge denn am Hinabſtürzen? Und damit ſtand ſie auf. Boleslaw folgt ihrem Beiſpiel. Als er ſich mit Wünſchen für ihr Wohlergehen ver⸗ abſchieden wollte, fragte ſie abſpringend mit möglichſt gleichgiltigem Tone:„Bleiben Sie in London?“ „Fürs Erſte, ja—“ lautete die Antwort. „So hoffe ich Sie an meinem Hochzeitstage zu ſehen“, ſagte Theophila, wie um Boleslaw's Glückwunſch⸗Ver⸗ ſäumniß noch auf einem Umwege zu rügen,„möge es auch Ihnen gut gehen.“ Mit wehem Kopfe und gepreßtem Herzen zog ſich Boleslaw zurück. Zehntes Kapitel. Paul und Virginie. Mittlerweile hatte Marynia, von den zunehmenden Wirrniſſen beängſtigt, um wo möglich auf eigene Hand Mikolajew zu retten, die Correſpondenz mit Wolfgang Mosbach wieder aufgenommen. Da er ſeit dem Briefe mit den ſchnäbelnden Tauben wiederholt die Bitte aus⸗ geſprochen hatte, Marynia möge ihn des Vertrauens eingehender Mittheilungen würdigen, ſo copirte ſie end⸗ lich ſechs Seiten ihres Tagebuches und überſendete dieſen Auszug mit der Gegenbitte, denſelben nach Leſung ſofort zu verbrennen. Sie wolle ihm dadurch nur be⸗ weiſen, wie arg es in London zugehe und wie wenig ſelbſt die beſte Erziehung, wenn man, wie Jad⸗ wiga, einmal unregierbar ſei, vor großem Unheil ſchütze. —QƷᷓäöäöᷓÿᷓᷓ— enden Hand Ifgang Briefe eaus⸗ auens eend⸗ endete leſung ir be⸗ wenig Jad⸗ unheil 1* 153 Mosbach antwortete ſogleich, ohne übrigens auf den Vorfall mit Jadwiga anders als flüchtig einzu⸗ gehen. Sein ganzes Dichten und Trachten drehte ſich offenbar um Mikolajew. Auch er hatte ein Tagebuch zu führen begonnen und hielt die theilweiſe Ueberſen⸗ dung deſſelben für die beſte Art, ſich Marynien er⸗ kenntlich zu bezeigen. Die meiſten Aufzeichnungen betrafen den bevorſtehenden Zwangsverkauf Mikola⸗ jew's. „Ich arbeite Tag und Nacht“, hieß es,„um Mittel zur Abwendung dieſes Aeußerſten ausfindig zu machen, aber Alles erweiſt ſich als vergeblich. Der polniſche Verwalter hat die Wirthſchaft ſchon zu arg verfahren.“ Zwiſchendurch verſtreut fanden ſich unverſtändliche Be⸗ rechnungen über das Minimum der Ausgaben, auf welche ein beſcheiden angelegter Haushalt gefaßt ſein müſſe. Warum Mosbach bei jedem folgenden Jahre eine Steigerung als unvermeidlich annahm, machte Marynia viel Kopfzerbrechen, bis ſie herauszubringen glaubte, daß Mosbach jene Berechnungen für den Fall ſeiner eigenen Verheirathung anſtellte. Ueber ſeine Braut war aber nichts zu finden, und Marynia, obſchon in einiger Unruhe über die von ihm getroffene Wahl, be⸗ lobte ihn doch im Herzen für jene zartſinnige Ver⸗ ſchwiegenheit. 154 Als ſie den langen Brief wieder zuſammenfaltete, gewahrte ſie, daß ein ſchwarzer Schattenriß auf den Boden gefallen war. Der ſeiner Braut? dachte Ma⸗ rynia, ein ganz wenig piquirt. Sie wurde ſehr roth beim Bücken, aber noch weit röther, als ſie unter der kräftigen Naſe des Schattenriſſes einen kecken Schnurr⸗ bart gewahrte, und an dem viereckigen Kinn jetzt Mos⸗ bach's eigenes Profil deutlich erkannte.„Das iſt gar nicht hübſch von ihm“, ſagte ſie verletzt und erbaute ſich doch an dem ordentlichen weißaufgepinſelten Hals⸗ kragen und an der regelrechten Halstuchſchleife, die wie der Sonntag ſelber ausſah. „Ich werde es ihm ohne Antwort zurückſchicken“, beſchloß ſie weiter, und lächelte doch über den rebel⸗ liſchen Schopf im Nacken, den der Ausſchneider getreu⸗ lich mit verewigt hatte, und den ſie dennoch für ſehr leicht zu bändigen hielt. Endlich nach vielem Hin⸗ und Herſinnen ſiegte ihre Gutherzigkeit.„Es iſt eine un⸗ paſſende Vertraulichkeit“, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„aber böſe gemeint war's ſchwerlich. Am beſten iſt's, ich frage höflich an, ob Herr Mosbach nicht etwas aus Ver⸗ ſehen in den Brief Hineingekommenes vermißt?“ Und das that ſie denn auch ſchon am nächſten Tage. Natürlich ver⸗ mißte Herr Mosbach nichts, äußerte dagegen die ſchüch⸗ terne Hoffnung, daß es auch in London Silhouetteurs gebe. 155 In minder gleichmäßiger Taktart entwickelte ſich das Verhältniß Jadwiga's zu Alfred Blackman. Die geiſtigen Fähigkeiten eines Mädchens ſind denen eines Knaben meiſtentheils inſofern überlegen, als der Knabe noch lange ohne Witz, drollige Keckheit und anmuthige Formengewandtheit iſt, wenn dem Mädchen dieſe ge⸗ fälligen Dinge ſchon lange geläufig ſind. Das Näm⸗ liche gilt aber auch noch häufig für Jungfrau und Jüngling. Und die Natur, welche dieß Verhältniß in ſpäteren Zeiten zuweilen umzukehren liebt, ſorgt dafür, daß nicht nur Schönheit, nicht nur Zartheit, nicht nur Innigkeit, nein, daß auch geiſtige Vorzüge den Lieben⸗ den in den ſüßen Wahn verſetzen, in der Geliebten erſchließe ſich ihm der Zauber einer höher organiſirten Gattung. Man ſagt, Amor ſei blind. Vermuthlich iſt er aber viel weniger blind, als von Pſyche's ihm vor⸗ ausgeeilter Entwicklung geblendet. Mit dieſer Art Blindheit begann Alfred Blackman ſchon nach der dritten oder vierten Reiterlection be⸗ haftet zu werden. Sein Kopf dünkte ihm ſchwer. Die Federſchnellkraft ſeiner Gliedmaßen verſagte und die natürliche Leichtigkeit ſeiner Bewegungen verwandelte ſich in ein ungleiches Maß von Ueberkraft und Ab⸗ ſpannung. Kind, wie er im Herzen geblieben war, begriff er 156 anfangs wenig, was mit ihm vorgegangen ſei. Bald kam er jedoch dahinter, daß Jadwiga in der That wohl an ſeiner Veränderung ſchuld ſei.„Die Sache iſt ſehr einfach“, ſagte er zu ihr,„früher ſprang und ritt ich, ohne an die Menſchen ringsum zu denken. Jetzt ſinn' ich in Einem fort: wird der Jadwiga Das, wird ihr Jenes gefallen— und darüber komme ich ſelbſt zu Fall.“. „So bleibe ich Abends lieber aus der Vorſtellung fort“, gab Jadwiga kurz angebunden zurück. „Das wird nichts helfen“, meinte er;„ich denke doch einmal an Dich. Das iſt's. Ein Kunſtreiter, glaube ich, muß eigentlich gar nichts denken.“ Jad⸗ wiga ſtimmte ihm bei. Der ſonderbare Brief ihres Vaters machte, ob ſie es auch nicht verrieth, ihr den Kopf gerade ſo ſchwer, wie ihrem Liebling das ungewohnte Geſchäft des Den⸗ kens den ſeinen belaſtete.. „Warum der Papa nur überhaupt immer vom Hei⸗ rathen redet?“ grübelte in einſamen Augenblicken Jad⸗ wiga.„Heirathen? Um Alles in der Welt möchte ich nicht jetzt ſchon heirathen. Um nicht zu heirathen, bin ich dem Papa ja gerade davongelaufen. Was redet er doch nur!“ In ihrer Verſtimmung über das unleidliche Thema 157 benahm ſie ſich gegen Alfred Blackman wie ein lau⸗ nenhafter Apriltag, und ihr unerfahrenes, nichtsbegrei⸗ fendes Idol machte demzufolge allabendlich Fiasco. Zuletzt kam es ſo weit, daß ihm dreimal nach einander ſein gewöhnliches Schlußſtück, der Carriere⸗Sprung über Alibaba, den kunſtſinnigen Elephanten Mr. Prescott's, mißglückte. Mr. Blanqui wurde höchſt ärgerlich. Er entzog Alfred Blackman zur Strafe einige ſeiner dankbarſten Rollen und beſchäftigte ihn faſt nur noch in Vermum⸗ mungsſcenen. Aber gerade hier fehlte dem armen Jungen das Beſte, die gute Laune. Die Altweiber⸗ rolle, in der er ſonſt das Haus zu ſchallendem Gelächter hinzureißen pflegte, gab er jetzt ohne allen Humor; ſeit Jadwiga ſie einmal abgeſchmackt genannt hatte, waren eben dieſe Farcen ihm innerlich zuwider gewor⸗ den und er wußte ſchier nichts mehr aus ihnen zu machen. Er ſank zuſehends in der Gunſt des Publi⸗ cums, und namentlich die Zuſchauerinnen fanden ihn „erſtaunlich in ſeiner Kunſt zurückgegangen.“ Freilich hatte er in ſeiner Zerſtreutheit die ihm geſpendeten Apfelſinen und Zuckerdüten— man nannte ihn ja noch immer den kleinen Blackman— in letzter Zeit nicht ſelten im Sande liegen laſſen, und ſogar wenn Damen auf den Guinee⸗Plätzen dem ſchmucken Burſchen 158 wie ſonſt wohl ihren Beifall durch das Zuwerfen ihrer koſtbaren Bouquete zu erkennen gaben, war er ohne Reverenz von dannen geſprungen. So wurde denn an mehr als Einem Abende zwiſchen dem krausköpfigen Ober⸗Stallmeiſter und ſeiner runden Gattin ſehr ernſt⸗ lich über die Comteſſe und ihren üblen Einfluß auf Alfred Blackman's Leiſtungen conferirt und Mr. Blanqui verſicherte, wenn ſich Jadwiga's Eintritt in die Truppe nicht jetzt ſchon als ein ſo ausgezeichnetes Zugmittel bewährt hätte, er würde ihr längſt den Laufpaß ge⸗ geben haben. „Mein Gott, Blanqui“, lächelte die Ober⸗Stallmei⸗ ſterin dann aber wohl,„als ob Du nicht auch Deine Flegeljahre durchgemacht hätteſt und ich meine Mauſer⸗ zeit!“ Doch nicht immer wollten ſolche Beſchwichti⸗ gungen verſchlagen. Es kam ſogar zu ſehr handgreif⸗ lichen Auftritten. „Der alte Beſſerwiſſer, der Blanqui“, zürnte Alfred Blackman eines Tages,„hat mich heute bei den Haaren gezauſt.“ „Und Du?“ fragte Jadwiga, indem ſie den Gurt ihres Pferdes ſtrammer anzog. „Wieſo ich?“ „Du fragſt noch?“ ſagte Jadwiga mit einem ſprühen⸗ den Blicke,„gut, nun darfſt Du mich die ganze Woche lang nicht aufs Pferd heben.“ Und ſie ſchwang ohne ſich ohne ſeine Hülfe hinauf. nan Am nächſten Tage klagte der Ober⸗Stallmeiſter ſgen ſeiner Frau, das Wickelkind habe über Nacht plötzlich anj Krallen und Zähne bekommen. Wenn man es nur auf ſchief anſehe, wolle es Einen ſchon zerreißen. Dabei aui rede es davon, künftig mit ſechs Pferden ſtatt mit uppe vieren reiten zu wollen, das Hauptſtück des Grotesk⸗ ittel Reiters Cignaroli! Als ob man aus einem Soldaten, ge⸗ dem die Patronenzähne ausfielen, zur Belohnung einen General mache! mai⸗ Freilich hatte Jadwiga auch bereits gegen das täg⸗ deine liche Einerlei der Vorſtellungen ihre Pfeile loszulaſſen 1ſ begonnen. Seit ſie Abends aus der Loge des Directors zuſchaute, war Alfred Blackman immer wieder durch denſelben Papierreif geſprungen, und je öfter ſie am Tage beim Neubekleben deſſelben geholfen hatte, deſto fred erbärmlicher kamen ihr dieſe ſteten Wiederholungen aren vor.„Wir müſſen lauter neue Dinge erfinden“, ſagte ſie,„wüßt' ich nur erſt welche!“ und die beiden Kunſt⸗ Jurt genoſſen kletterten in allen Winkeln des Circus herum, indem ſie bald dieſen, bald jenen tollen Einfall Jad⸗ wiga's ins Werk zu ſetzen verſuchten, ohne freilich mit hen⸗ irgend etwas zu Stande zu kommen. Einmal bei einer Probe ziſchte ſie geradezu.„Was —————O¶:ʃ:2.p·— 160 fällt Ihnen ein, Mademoiſelle?“ ſprudelte Mr. Blanqui und faßte ſeine Reitpeitſche feſter. „Fiele Ihnen nur erſt einmal etwas ein“, lachte Jadwiga. Es war eine der Proben, welchen unter anderen Circusfreunden auch Mr. Craiggs beiwohnte. „Sie hat mehr Genie in ihrer kleinen Zehe“, ſpottete Mr. Craiggs,„als Ihr, mein lieéber Mr. Blanqui, in Euren beiden Beinen.“ „Dem Himmel ſei Dank!“, ſtimmte der Ober⸗Stall⸗ meiſter ironiſch bei,„geht mir mit allem Genie, Mr. Craiggs! Ich habe mehr als Ein Genie das Genick brechen ſehen.“ In den Abendſtunden derjenigen Tage, wo ſeit dem Schluſſe der Saiſon nicht mehr geſpielt wurde, erwies ſich Madame Blanqui ſowohl als eifrige Lehrmeiſterin, wie auch als gelehrige Schülerin, indem ſie einerſeits ihr ſehr ſauberes Genfer Franzöſiſch den beiden von ihr Beaufſichtigten als geſetzliche Converſationsſprache auferlegte, andererſeits aber von Jadwiga ſich alle polniſchen Worte ſagen ließ, welche näher mit der Kunſtreiterei zuſammenhingen. Durch dieſe Doppelbeſchäftigung, mehr vielleicht noch durch manche unbewußte Abſonderlichkeit ihrer Erſchei⸗ nung, gelang es ihr, die beim Leſen und beim Coſtüme⸗ lachte nderen pottete ſui, in Stall⸗ Nr. Genick eit dem erwies iſterin, terſeits n von ſprache ch alle nit der ht noch Erſchei⸗ oſtüme⸗ — 161 Schneidern ſonſt raſch ermüdende Jadwiga bei guter Laune zu erhalten, und da Alfred Blackman ſich un⸗ geſchickt wie ein junges Fohlen benahm, ſo war, eine Weile wenigſtens, des Lachens kein Ende. Die gute Frau vertrat, wie ſie zu ſagen liebte, das ſittliche comme il faut der Geſellſchaft Prescott und ſchmähte, ſo oft ſich Gelegenheit bot, die freier in den Tag hineinlebenden Colleginnen Jadwiga's, unter denen allerdings keine einzige an Madame Blanqui's contes moraux Geſchmack fand. Es dauerte nicht lange und auch Jadwiga's Luſt am Sprachenlernen war zu Ende. „Weißt Du, daß wir rechte Scheerenſchleifer ſind?“ ſagte ſie eines Tages zu Alfred Blackman;„ſo Vieles habe ich daran geſetzt, um nicht heirathen zu müſſen und mit Dir meiner Ta⸗ ge froh zu werden, und nun verlieren wir unſere Zeit hier mit franzöſiſchen Vo⸗ cabeln!“ Es pflegten ein paar wenig beſchäftigte Schecken⸗ ponies im Stall zu ſtehen und ein offenes Wäglein dazu. Wer von der Truppe noch nicht auf den ele⸗ ganten Wagen Mr. Prescott's Anſpruch hatte, ließ wohl einmal dieſe Ponies einſchirren. „Kutſchiren wir lieber mit den Ponies und ſehen luſtige Leute!“ ſagte Jadwiga. 162 Die Trampolin⸗Springerin Zephyrine, Alfred Black⸗ man's windige kleine Halbſchweſter, wurde mit aufge⸗ laden und das Kleeblatt kutſchirte. Aber obwohl noch ein halbes Kind und rothaarig wie eine Begonia, war Zephyrine ſo unverbeſſerlich gefallſüchtig, daß ſie aus jeder ſolchen Fahrt einen Triumphzug zu machen ſuchte, und bereits bei der dritten Wiederholungsfahrt geriethen die Halbſchwäge⸗ rinnen in spe bis zur Verfeindung an einander. Bei der Rückkehr in den Stall erleichterte Jadwiga ſich denn auch durch einen wohlgezielten Backenſtreich, Ze⸗ phyrine durch energiſches Kratzen, und Alfred Black⸗ man mußte als Friedensſtifter auftreten. Man ver⸗ ſöhnte ſich darauf und beſiegelte die Verſöhnung durch Einkehr in die Lieblings⸗Co Vanne der kleinen Springe⸗ Tii rin, aber die Vergnügungs damit ein Ende. Hierauf verſuchte Au Blackman es mit Waſſer⸗ fahrten. Tai-tsu, ein chineſiſcher Jongleur Mr. Pres⸗ cott's, hatte irgendwo ein chineſiſches Korkboot aufge⸗ trieben und pflegte jeden freien Abend mit einigen Damen und Herren des Circus auf dem Waſſer zu verbringen. Da Jadwiga früher einmal bei einer ſeiner Meſſerwurf⸗Proben ſich muthig ſtatt ſeines dazu abge⸗ richteten Landsmannes zum Zielpunkt hergegeben hatte, tieen mit Zephyrine hatten ſo war Tai-Tsu ihr in hohem Grade gewogen und erbot ſich endlich, ſie und ihren Lehrmeiſter an ſeinen Waſſervergnügungen theilnehmen zu laſſen. Alfred Blackman ging darauf ein. Jadwiga verbat ſich aber alle weitere Geſellſchaft, denn mit Ausnahme Mr. Blanqui's und Old Danu's, des blatternarbigen Clowns, eines dienſtwilligen und beſcheidenen Menſchen, Vaters von elf Kindern, war ihr das ganze Männerper⸗ ſonal Mr. Prescott's längſt unleidlich, und auch unter den Damen, wie ſehr das männliche Publicum daran zu loben finden mochte, ließ ſie, und zwar aus Rück⸗ ſicht auf Alfred Blackman, höchſtens die kokette Zephy⸗ rine gelten. Dieſe Waſſerfahrt verlief indeſſen noch weniger be⸗ friedigend als die Unternehmung mit den Ponies. Der Jongleur, ſonſt ein Opium-⸗Eſſer von mäßigen Gewöh⸗ nungen, that dießmal des Guten zuviel, und man kam unter Verhältniſſen heim, die Jadwiga geradezu außer Rand und Band brachten. Ein letzter Verſuch dieſer Art ſollte ſie aber von der Mißlichkeit ſolcher Beluſtigungsfahrten vollends überzeugen. Der Haupt⸗Haferlieferant Mr. Prescott’s, ein Schotte Namens Macpherſon, beſaß eine Maierei jenſeits Rich⸗ monds. Da in letzter Zeit mehrere Circuspferde er⸗ 11* 164 krankt waren und der Circusdoctor dem jetzigen Hafer Macpherſon's die Schuld zuſchrieb, ſo machte ſich Mr. Blanqui nach jener Maierei auf den Weg und erlaubte Jadwiga und Blackman, ihn zu begleiten. Der Schotte erwies ſich indeſſen als ein ſehr empfindlicher und dabei ungewöhnlich raſch handgreiflicher Mann. Nach kurzem Wortwechſel boxte er Mr. Blanqui aus der Scheuer und endlich auch vom Hofe herunter, rächte ſich für Alfred Blackman's kecke und erfolgreiche Einmiſchung, indem er Mrs. Macpherſon, ſeine handfeſte Gattin, gegen Jadwiga ausrücken ließ, und ſchüttete zu guter⸗ letzt, nachdem die drei Kunſtreiter fechtend ihren Rückzug angetreten hatten, vor den zuſammengelaufenen Leuten eine ſolche Fluth von Schmähungen über das ganze Kunſtreitergewerbe aus, daß Jadwiga vor Beſchä⸗ mung und Verdruß am liebſten in die Erde geſunken wäre. Am nächſten Tage hatte ſie das Eine wie das An⸗ dere freilich ſcon verwunden. Dagegen verſchwor ſie ſich, je wieder mit irgend wem aus Mr. Prescott's Truppe Luſtpartieen zu unternehmen.„Als ob wir Zwei überhaupt noch Geſellſchaft brauchten!“ ſagte ſie zu Alfred Blackman;„Du haſt Dich geſtern ſo brav be⸗ nommen, daß ich jetzt bis ans Ende der Welt mit Dir ziehen wollte, ohne mich im mindeſten zu fürchten. — ‿ 165 Darauf wird's zuletzt auch wohl hinauslaufen. Aber freilich muß ich dazu erſt ohne Gurtſtange auf dem Pferde ſtehen können.“ Es wurde die Verdoppelung der bisherigen Unter⸗ richtsſtunden beſchloſſen, und bald nahmen Jadwiga's Fortſchritte ſichtlich zu. Mit großer Befriedigung ſah Madame Blanqui ihren Schützling wieder häuslicher werden. „Sie iſt glatt wie ein Aal“, ſagte Madame Blan⸗ qui,„weiß der Himmel, wie ſie's anfängt; allenthalben ſchlüpft ſie unbeſchädigt durch.“ „Den glatteſten Aal“, meinte Mr. Blanqui,„will ich mit einer Hand voll Circusſand regieren.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß der Circusſand auch ihr ſchon mit der Zeit die Glattheit benehmen wird.“ „Blanqui!“ zürnte die Ober⸗Stallmeiſterin,„Sie ſind ein vaurien. Ich möchte mich dafür verbür⸗ gen, daß ſelbſt der kleine Blackman zuletzt leer aus⸗ geht.“ „Ou“, ſtimmte Mr. Blanqui bei,„dafür ſetz' auch ich zur Noth meinen Kopf zum Pfand. Nach ihrem erſten großen Triumphe wird ſeine naive Sternguckerrolle zu Ende ſein und irgend ein Prinz oder Goldprotze ſchießt den ſeltenen Vogel herunter. Da iſt uns dann auf 166 doppelte Weiſe geholfen. Freunde dieſer Art erhöhen immer den Glanz der ganzen Geſellſchaft.“ „Blanqui“, verſetzte die Ober⸗Stallmeiſterin im Tone aufrichtigſter Entrüſtung,„Sie ſind und bleiben ein mauvais sujet.“ Und ſie zog ſich beleidigt in ihre Bibliothek zurück. Beide Gatten waren übrigens im Irrthum. Jad⸗ wiga hatte weder Gefallſucht und Leichtſinn genug, um jemals Zephyrine nachzuarten, noch wäre ſie, wie in den erſten Wochen, zufrieden geweſen, gleich Letz⸗ terer bloß Alfred Blackman's Schweſter zu ſein. Er war ſo viel, viel beſſer als alle die anderen Männer; er hatte bei der Vertheidigung des kleinen Creolen ſo tüchtige Manneskraft gezeigt und dabei die neuliche Unbill Mr. Blanqui's denſelben ſo wenig entgelten laſſen; es lebte ſich ſo gut mit ihm; es war eine ſo unvergleichliche Freude, ihn anzuſehen, mit ihm zu plaudern, ihn zu necken, Plane mit ihm zu ſchmieden, neue Kunſtſtücke mit ihm auszuſinnen; ach, er war ſo ein lieber, herziger Junge— wenn der fatale Brief des Papa nur nicht exiſtirte, was das für ein herr⸗ liches Wanderleben werden könnte! „Weißt Du was?“, ſagte Jadwiga eines Tages zu ihrem Freunde, als ſie müde wie ein ſturmverſchlagener Vogel aus dem Sattel glitt,„mit all dieſen abgenützten 167 b Alfanzereien mich zu plagen, iſt denn doch wahrhaftig pure Zeitvergeudung. Miß Will dreht ſich mit Leich⸗ tigkeit dreimal im Wirbel und ich bringe es, gib Acht, noch in Jahr und Tag nicht auf ein einziges Umdrehen. Miß Kimbow ſteht im ſchärfſten Galopp unermüdlich auf Einem Beine, und ich brauche ſicherlich noch für lange Zeit beide Beine, um mich überhaupt nur oben zu halten. Was ſoll ich mich da mühen und abarbeiten, um ſchlecht zu machen, was Andere im Schlafe fertig bringen? Dafür haben ſie Alle ſammt und ſonders kein Hirn im Kopfe. Nun iſt mir über Nacht etwas eingefallen, was ich früher einmal geleſen habe, eine langweilige Geſchichte, aber wenigſtens kommen immer zwei Kinder darin vor, die einander gern haben, und aus denen ſich was zurechtdrechſeln ließe. Sie hießen Paul und Virginie, führten etwa ein Leben wie wir und wurden, glaub' ich, zuguterletzt Mann und Frau. Die wollen wir Zwei zu Pferde darſtellen. Iſt der Papa bei meinem erſten Auftreten zugegen— und das hoffe ich— da ſieht er uns gleich Beide zuſammen und merkt, daß wir nicht gewöhnliche Luftſpringer wie die Anderen ſind.“ Paul und Virginie wurden alſo heimlich aus dem Bücherſchranke der Madame Blanqui auf die Seite ge⸗ bracht und während der nächſten Nachmittage in einem 168 entlegenen Winkel des Heubodens mit aller Emſigkeit ſtudirt. Jadwiga hatte auf eine Ausgabe mit Bildern gleich der von Mikolajew gerechnet gehabt. Die Bilder aber fehlten dem Buche. Man mußte daher den ganzen Text durchzunehmen beginnen und fand gar bald, daß die Geduldprobe groß ſei.. Am Ende des erſten Abſchnitts meinte Alfred Black⸗ man,„wenn die Geſchichte wahr iſt, ſo laſſe ich mir die Mühe nicht verdrießen; nach den Lügen der Zeitungen zu urtheilen, iſt aber die Hälfte aller Druckwaaren bloße Erfindung, und ſo was leſen, heißt doch dem lieben Herrgott die Zeit ſtehlen.“ Jadwiga begütigte, ſie habe bei demſelben Buche vor Jahren ſo viel vom Gähnen zu leiden gehabt, daß ihr's förmlich unbegreiflich ſei, wie ſie heute ſich ſchon nahezu für die Einfältigkeiten Virginiens intereſſire. Wenigſtens ob dieß Kind nie zu Verſtand komme, das möchte ſie doch erfahren. Aber je länger dieſe beiden Bücherverächter laſen, deſto weniger blickten ſie von den enggedruckten Seiten auf, deſto wichtiger wurde ihnen jedes dieſer erdichteten Abenteuer, deſto mehr vergaßen ſie, daß ſie eigenlich nur nach darſtellbaren Auftritten ſuchen wollten. Unver⸗ merkt dämpfte ſich während der Wochen, die ſie ſo bei⸗ ſammenhockten, Jadwiga's herriſcher Ton, gewann Alfred — ——— — — 169 Blackman das Bewußtſein ſeiner ſchutzpflichtigen Stel⸗ lung, ging Beiden die Ahnung auf, daß ihrer knaben⸗ haften Freundſchaft etwas Anderes, etwas weit Anderes folgen werde. Als die letzte Seite zu Ende war, ſaßen ſie in ihrem Heuwinkel eine gute Weile ſtumm neben einander; Jadwiga's Kopf hatte ſich an Blackman's Schulter gelehnt; er hielt ihre beiden Hände und ſtarrte gerade vor ſich hin, als wolle er das hoch— geſtapelte Heu durch⸗ und durchblicken. Allmälig tropfte etwas auf ſeine Hand herab, denn Jadwiga dachte an des Vaters Brief und begann erſt jetzt die ſchlim⸗ men Vorbehalte deſſelben ganz zu faſſen. Aber Black⸗ man merkte nichts von den fallenden Tropfen. Er athmete ſchwer, wie von einem großen Gedanken er⸗ füllt und nur noch nicht im Stande, ihn in Worte zu faſſen. Endlich litt es ihn nicht mehr auf dem engen Platze. Er ſprang auf, ließ auch Jadwiga aufſtehen, wollte fort, kam wieder, zerzauſte das Heu, zupfte ſich an dem faſt noch unſichtbaren Barte, trat vor ſie hin, gab ihr einen derben Kuß und brach ganz zuletzt in die Worte aus:„Heute reite ich auf Achten.“ Jadwiga blickte ihn durch ihre Thränen mit plötzlich wieder zum Lachen umgeſtimmter Miene an. 170 us „Das läßt er hübſch bleiben“, ſagte ſie und ſchob 1 ihren Arm beſorglich in den ſeinen;„von nun an bewache ich jeden ſeiner Schritte, und wehe meinem Schatz, wenn er mir höhere Sprünge macht als ein wochenalter Heuhüpfer!“ Ende des zweiten Bandes. —————— Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Neue Romane aus dem Verlag von Arnſt Zulius Günther in Leipzig. Hirell, die Tochter des Culoiniſten. Roman John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife““. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein muthiges Tleib Shn der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. Bei Ernſt Julins Günther in Leipzig erſchienen ſoeben folgende neue Romane: Mütze und Kroue. Roman in fünf Bänden von Hermann Schmid. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. Die Erbgrafen. Hiſtoriſcher Roman von J. D. g. Cemumr. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr 20 Ngr. 8 Runderliche Jeute. Humoriſtiſcher Roman Hermann Oelſchläger. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 5 . * 1 enen *„ 3 * Neue Romane aus dem Verlag von Sinſſ Bulin⸗ Günther in Leipzig. Die Eheſabrikanten Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die Reiſen von Bambus& Gomp. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 3 Bände. 8. Elegant geheſter, Preis 2 Thkr. MNodelle. Humoriſtiſcher Roman. von A. von Minterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. b Der Elephaut. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Druck von Bär& Hermann in Leipzig.