— 8* 4 . ,, 2.— 2 — —— —— —-: —j —.,* —n 4 — 1e, re — „-———— ) ſ der Bücher auf ihre eigenen K. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2— ¹ N⁸ MM, 50 /⁄ — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo n Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2t.— Pf. „ 3„„„=, ⸗„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 7 * Roman von Robert Waldmüller. Erſter Band. Leipzig, New-HYork, Ernſt Julius Günther. e. W. Schmidt. 1870. — — 2 8 2 1 7— 4 2 X — 4ℳ † e erdet t Barſchheit aufs( Es wat ein in der erſten Häl alte Thurmuhr vo die fünfte Stunde junges Mädchen, dunklen Locken und gehült, ſich ihren en der Hauptſtadt Sie hatte ſcho hende nach dem ohne daß ihr geb war. As ſie endl K. Waldmüller, Das denn dieß hexpft Erſtes Kapitel. Es war ein nebeliger Londoner Herbſtnachmittag in der erſten Hälfte des vorigen Jahrzehnts, und die alte Thurmuhr von St. Mary le Bow ſchnurrte eben die fünfte Stunde zu Ende, als ein auffallend ſchönes junges Mädchen, mit einem ſchwarzen Barett auf den dunklen Locken und in einen grauen, feinwolligen Plaid gehüllt, ſich ihren Weg durch eine der belebteſten Stra⸗ ßen der Hauptſtadt zu bahnen ſuchte. Sie hatte ſchon zu wiederholten Malen Vorüber⸗ gehende nach dem Namen dieſer ſelben Straße gefragt, ohne daß ihr gebrochenes Engliſch verſtanden worden wmar. Als ſie endlich ſtehen blieb und mit ungeduldiger 6 Larſchheit aufs Gerathewohl rief und fragte:„Iſt 4 denn dieß Cheapſide, Sir? Iſt denn dieß nicht Cheap⸗ R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 1 ſide, Madame? Kann mir denn Niemand ſagen, wo Cheapſide iſt?“ da bedeutete ihr ein Porter⸗ und Ale⸗ Fuhrmann, der einzige Mitleidige unter einem Dutzend achtlos an ihr Vorüberdrängender, daß ja Alles richtig ſei und kein ehrlicher Mann ihr je eine andere Auskunft geben könne.. Wenige Augenblicke ſpäter hatte ſie ſich bis zu einer jener Sackgaſſen durchgearbeitet, welche in der Richtung von Watling Street abzweigen und deren eine durch ein goliathartiges Rieſenhaupt, ein coloſſales Blechſchild mit beweglichen Augen und weit offenem Rachen, ſich jedem Vorübergehenden als die Werkſtätte des großen Reclamenfabrikanten Nelſon Lamb zu em⸗ pfehlen ſucht. Das junge Mädchen hatte das fratzenhafte Haupt kaum geſehen, als ſie ihr unſtetes Umherſpähen ein⸗ ſtellte und jetzt einzig die Sackgaſſe ſelbſt ins Auge faßte. Da ſie aber ſehr bald die Unmöglichkeit er⸗ kennen mochte, inmitten des Menſchenſtromes, der von früh bis ſpät Cheapſide durchflutet, ſtehen zu bleiben ſo trat ſie kurz entſchloſſen in ein der Sackgaſſe gerade gegenüberliegendes Gewölbe,— einen winzigen Fiſchladen, hinter deſſen Verkaufstiſch ein noch viel winzigeres, übrigens ziemlich roſiges Männchen auf einer Härings⸗ tonne ſaß,— und bat um die Erlaubniß, von dort aus 3 die unter dem Blechſchilde Aus⸗ und Eingehenden zu beobachten. Natürlich wurde ſie auch dießmal nicht gleich ver⸗ ſtanden, und Hugh Hooper, der kleine Fiſchverkäufer, hätte, verlegen wie er war, vielleicht bis zum andern Morgen ihre wiederholten Fragen immer nur von neuem mit dem gutmüthigen Herſagen derjenigen Fiſch⸗ ſorten, die er leider nicht führe, zu beantworten gewußt. Aber ehe er zum dritten Male ſeine Entſchuldigung anheben konnte, war ihre Geduld ſchon wieder zu Ende, und ohne ſeine Erlaubniß abzuwarten, öffnete ſie die Thür eines anſtoßenden leeren Zimmerchens, nickte ihm die kaum mißzuverſtehende Weiſung zu, er ſolle ſich nicht weiter ſtören laſſen, und richtete ſich ſofort an dem auf die Straße hinaus blickenden einzigen Fenſter des kleinen Raumes wie eine Opernabonnentin in ihrer Loge mit aller Entſchiedenheit ein. Huüugh Hooper war eine viel zu ſchüchterne Natur, um ſich dieſer raſch ins Werk geſetzten Beſitzergreifung gegenüber irgend welche Einrede zu geſtatten, zumal er für die Reize des ſchwächern Geſchlechts im hohen Grade empfänglich war. Er hielt es vielmehr für ſchicklich, in aller Heimlichkeit einen im Wege liegenden Stiefelknecht und ein paar niedergetretene Hausſchuhe ſchleunigſt hinter dem Ofen des Stübchens verſchwinden 1* ——— —,— ——————-—— — zu laſſen. Demnächſt erſetzte er ſeine nicht mehr ganz ſaubere Schürze— aus irgend einem unſichtbaren Geheimfache des Ladentiſches— durch eine friſch ge⸗ waſchene. Während dieſer Verrichtungen glaubte er übrigens zu errathen, daß die Fremde wohl einen Regenguß befürchtet haben möge, und nur um dieſen vorübergehen zu laſſen, eingetreten ſei. Hugh wagte deßhalb einige unmaßgebende Bemerkungen über Reißen im Kopfe und über Fallen des Barometers, von wel⸗ chem letztern er allerdings ſo ziemlich jeden ſeiner Kunden zu unterhalten pflegte, da ſein Hauptvergnügen in dem Beobachten eines auf der gegenüberliegenden Straßenſeite aushängenden Barometers beſtand—„mei⸗ nes“ Wetterglaſes, wie er ſich auch dießmal mit harm⸗ loſer Ungenauigkeit ausdrückte. Die Fremde ſchenkte indeſſen auch ſolchen Aufmerkſamkeiten Hooper's kei⸗ nerlei Beachtung, und ſo machte ſich denn der Letztere im Schutze ſeines Ladentiſches an die verſtohlene Revi⸗ ſion eines erbſengrünen Baumwollenſchirmes, um ihn für einen möglichen Fall in Bereitſchaft zu ſetzen. Da Hooper ſeit dreißig und einigen Jahren nicht weiter über die Straße gekommen war, als allſonntäglich nach St. Mary le Bow, ſo war der Schirm freilich ſehr alt⸗ modiſch, und Hooper ſchüttelte wieder und wieder be⸗ denklich den Kopf. 5 Inzwiſchen hatte die junge Dame die gegenüber⸗ liegende Sackgaſſe fortwährend ſcharf im Auge gehabt. Bald ſitzend, bald mit einem Knie auf dem Stuhle, in unruhigſter Spannung den Oberkörper hin⸗ und her⸗ bewegend, beobachtete ſie, wie der kleine Fiſchhändler endlich ſelbſt nicht länger bezweifeln konnte, durchaus nicht den Himmel, ſondern die Ein⸗ und Ausgehenden der Sackgaſſe. Wer waren dieſe? Was konnte eine ſo ſchöne, fremdartig redende Dame mit ihnen zu thun haben? Das roſige kleine Männchen beugte ſich gedankenvoll über ſeinen Regenſchirm und begann die Frage mit neugieriger Theilnahme zu überdenken, nicht ohne ſich mit fleißigem Seitwärtsſchielen an der ſtattlichen Hal⸗ tung ſeiner räthſelhaften Nachbarin zu erquicken. Hugh Hooper war vor fünfzig und etlichen Jahren in dem⸗ ſelben Erdgeſchoſſe, das er noch immer bewohnte, zur Welt gekommen. Er hatte daher ſein vis-Aà-vis, die Sackgaſſe, ſeit manchem lieben Tage vor Augen gehabt und wußte genau, was unter dem Goliathhaupte aus⸗ und einpaſſirte. Nein, er mußte ſich irren. Was in aller Welt hatte eine Schönheit wie die Lady, eine ſo wunderbar grandioſe Schönheit, mit jener bunten Sippe Mr. Nelſon Lamb's zu ſchaffen? Hooper erröthete bis über die Ohren.„Am Ende———“ nein, um ſeinetwillen ———— ————ͤͤͤͤ— ——;—;— konnte ſie doch unmöglich bei ihm eingetreten ſein.„Es ſei denn“——— Hooper war in der That trotz ſeiner Klein⸗ heit einer der größten Phantaſten.„Sie iſt, weiß Gott, das ſchönſte Frauenzimmer, das ich je geſehen habe“, murmelte er endlich in ſeine Halsbinde hinein;„wenig⸗ ſtens fünf Fuß ſieben Zoll!“ Er glitt leiſe von ſeiner Tonne herab.„Frau Hooper“, redete er vor ſich hin, indem er ſein Auſtermeſſer hervorholte,„meine liebe, gute Frau Hooper haßt unklare Verhältniſſe, Gott ſegne ſie und ihr Jüngſtgeborenes! Ich muß der Sache auf den Grund kommen!“ Er öffnete ein Dutzend Auüſtern, beſtrich ein paar Scheiben feinen Weißbrodes mit echtem Aſtrachancaviar, legte eine durchſchnittene Citrone dazu und trug die duftigen Leckerbiſſen ſammt einem Glaſe Hock, das heißt: Rheinwein, leiſe, leiſe ins Nebenzimmer. Auch dieſer zierliche Verſtändigungsverſuch, bei dem ſich nöthigenfalls ohne Wörterbuch fertig werden ließ, ſollte indeſſen nicht gelingen. Denn als Hooper mit einem einladenden Räuſpern das Speiſebret auf den Fenſtertiſch ſchob, neben welchem die unabläſſig auf die Straße Hinausſpähende ſtand, wendete ſich ihm ein ſo in Thränen gebadetes Geſicht zu, daß dem kleinen Fiſch⸗ händler ſelber das Waſſer in die Augen trat. Er war nur im Stande, ein theilnehmendes O! herauszubringen, 7 ( und zog ſich mit traurig geſenktem Kopf in ſeinen La⸗ den zurück. „Höchſt merkwürdig!“ ſagte er nachdenklich zu ſich ſelbſt, indem er ſchonungsvoll die Thür hinter ſich an⸗ lehnte, das Guckfenſter durch Vorſchieben einer weißen Gardine verhüllte und ſich nun auch ſeinerſeits mit trüber Miene an die Beobachtung der Sackgaſſe machte; denn freilich war die Schöne nicht ſeinetwegen hier; „höchſt wunderbar! Was zum Henker gehen ein ſol⸗ ches Weltwunder von Mädchen die Nachtmützen drü⸗ ben an?“ Dieſe letztere Bezeichnung war nicht wörtlich zu verſtehen; man hätte die Inſaſſen der Sackgaſſe ebenſo wohl Falter, Sphinxe, Eulen oder Fledermäuſe ſchelten können, inſofern ſie allerdings nur Abends und bei Nacht ihr Weſen trieben. Es waren Männer, die ihren Lebensunterhalt dadurch verdienten, daß ſie ſich von dem Reclamenkönig Lamb als wandelnde Annoncen umherſchicken lißen. Mr. Nelſon Lamb, dem die Sack⸗ gaſſe und ihr Annonceninventar ſchon von großmütter⸗ licher Seite her vererbt worden war, hatte dem Ge⸗ ſchäfte eine ſehr große Ausdehnung gegeben. Die Nachtmützen oder die Eulen oder die Laternenkäfer, wie ſie im Verlauf der verrinnenden Jahrzehnte wech⸗ ſelnd benannt wurden, zählten nach vielen Hunderten, — ——— — ————— 8. mit der Hoffnung, bis zu ſeinem Ableben die Zahl dieſer nützlichen Spaziergänger auf tauſend hinaufzu⸗ bringen. 1 ¹ 4„Höchſt merkwürdig!“ flüſterte Hooper in ſich hinein, — indem er bald den in der Sackgaſſe verſchwindenden bettelhaften Geſtalten nachblickte, bald die wandelnden Papp⸗ und Leinwandhäuſer muſterte, als welche die eben in Mr. Lamb's bunte Livree Gekleideten die Sack⸗ gaſſe wieder verließen. Einige dieſer Leute waren ge⸗ panzert wie die Schildkröten. Ihre ganze Vorderſeite, von der Stirn bis zu den Fußſpitzen, gab ſich als eine transparente Schale, auf welcher das bekannte nieder⸗ ländiſche Bild:„der Zahnbrecher“, in grellſten Farben ſchon auf hundert Schritte Entfernung zu erkennen war. Auf der Rückſeite dieſer beängſtigenden Erſchei⸗ nung ſchillerten dagegen in buntflackernden Buchſtaben die Troſtworte: Keine Zahnſchmerzen mehr! und eine darunter gemalte ungeheuerliche Medicinflaſche war von oben bis unten mit den Würden, Titeln und Medaillen des Erfinders dieſes ſeltenen und„für den Spottpreis von 2 sh. 6 d. Stamford Street Nr. 67 käuflichen Elixirs“ beſchrieben. Andere Spazierpflichtige des Mr. Lamb dienten dazu, die neue Backwaare eines Kuchen⸗ und Mr. Lamb's Ehrgeiz, ſagte man, ſchmeichelte ſich. und in möglichſt ſchreckenerregender Geſichtsverzerrung bäcke . ſh von liche lung benü inde von die um ſein . ·.. 4 bäckers von Pall Mall zu verherrlichen. Sie ſtellten ſich in der Form einer Rieſenbretzel dar und wurden a von der Rückſeite mit freier Umdichtuug der näm⸗ lichen ſchlangenartig verknoteten Figur zur Empfeh⸗ n. lung eines unfehlbaren Mittels gegen den Bandwurm ef benützt. 4„Höchſt merkwürdig!“ ziſchelte Hooper vor ſich hin, 1 indem er ſich auf ſeine Häringstonne zurückzog und d. 1 von dieſem ſeinem Sitze aus mittelſt ſeines Regenſchirms ſe⸗ die Gardine am Guckfenſter eben weit genug zurückſchob, 7 um durch die Oeffnung ſich wenigſtens des Anblicks ne ſeines ſchönen Gaſtes erfreuen zu können. 1 Dieſer anſpruchsloſen Freude wurde aber plötzlich en ein jähes Ende bereitet. Als Hooper eben im beſten dg Stlarren begriffen war, ſprang die Schöne von ihrem en h Sitze auf, warf noch einen raſchen Blick auf die Straße i und enteilte mit einem unverſtändlichen Dankwort. n. D raußen vor der Thür ſtand ſie ſtill, tupfte mit dem ne 11 Aermel die gerötheten Augen und blickte ſich dabei, wie n ihr Taſchentuch ſuchend, um; dann nahm ſie ihr langes en Kleid zuſammen und verſchwand. 1s Hooper war, um ſich gefällig zu erweiſen, von ſei⸗ a. ner Tonne herabgerutſcht, hatte dieſelbe aber mit ſei⸗ . naem Schirme umgeworfen und war dabei zu Fall gekommen. Als er endlich wieder auf den Beinen ——— — ————— ſtand und der Enteilten anf der Straße nachſpähte, war ſie ſchon verſchwunden. Im höchſten Grade aufgeregt, kehrte Hooper in ſeinen engen Berufstreis zurück. Die meiſten Menſchen leben der Ueberzeugung, daß ſie nicht ganz an ihrem Platze ſind. Bei dem kleinen Fiſchhändler war dieſe traurige Ueberzeugung ſehr ſtark entwickelt. Die Geſellſchaft der Stockfiſche und Quab⸗ ben dünkte ihm vor Allem heute rein unerträglich. Aber auch ſeiner guten, lieben Frau Hooper konnte er nur mit gepreßter Seele gedenken. Welche ſchönen Geſchöpfe gab es doch, und warum konnte F Frau Hooper nicht eines dieſer Wundergeſchöpfe ſein? Sie war ſo unendlich klein, die gute Mary, und alle ſeine Kinder ſchienen ihr und ihm ſelber ſo ganz und gar nacharten zu wollen. Oft hatten beide Gatten dieſes ſchwere Gegengewicht ihres Eheglücks beſprochen; vor Allem Frau Hooper hatte unzählige Male mit Thränen be⸗ klagt, daß ſie ihrem lieben, einzigen Hugh nicht ganz das ſein könne, was er zu fordern berechtigt ſei. Aber was wurde dadurch geändert? Frau Hooper jammerte Tag für Tag, es fehle ihrem lieben, einzigen Hugh an der rechten Lebensfreudigkeit. Aber konnte es anders ſein? Noch halb wie im Traume, ſchloß er das Eiſen⸗ gedie gitter mit e mecho hob⸗ und! letzte pal⸗ dunke alleme ihr ji blonde Größ gend, Stübe Zwer unend der e nicht und Bette fünf gedient hatte. Mary war, wie immer in den erſten 11 gitter ſeiner Ladenthür, beſchwerte den Fuß deſſelben mit einer Klappervolle, belud dann ſeinen linken Arm mechaniſch mit dem unangerührt gebliebenen Speiſebret, hob etwas vom Boden, was er für eine Serviette hielt, und trabte ſo beladen endlich eine Stiege hinab, deren letzte Stufe die Thürſchwelle von Mary's Wochenſtube war. Da lag die kleine Frau in ihren, ſelbſt im Halb⸗ dunkel ſchneeartig leuchtenden Kiſſen und lächelte wie allemal, wenn ſie Hooper's anſichtig wurde. Sie hielt ihr jüngſtes Töchterchen im Arme, während vier hanf⸗ blonde kleine Mädchen, in allerdings ſehr winzigen Größenverhältniſſen wie die Orgelpfeifen einander fol⸗ gend, durch eine Thür im Hintergrunde des niedrigen Stübchens lautlos entſchlüpften. Es war wie in einem Zwergenmärchen. „Ich danke Dir, Hooper“, lispelte Mary mit einem unendlich feinen Stimmchen,„' iſt freilich noch nicht der einundzwanzigſte Tag, aber ich denke, es wird mir nicht ſchaden.“ Hooper küßte die ihm entgegengeſtreckte kleine Hand und ſchob ſeinen Leckerbiſſen auf ein zu Häupten des Bettes ſtehendes leeres Auſternfaß, das bereits bei fünf frühern Geduldslagern ähnlicher Art als Tiſchchen 12 fünf Minuten von Hooper's Gegenwart, ganz Glück und Befriedigung. Sie lächelte den Spender zwiſchen jeder Auſter freundlich an, und Hooper that in Unter⸗ drücken von Seufzern redlich das Seinige. Dazwiſchen erzählte er aus der Zeitung, nicht gerade Neues, denn Hooper pflegte die Zeitung erſt als ziemlich ſpäter Nachleſer zu erhalten, aber wenigſtens gewann er über dieſen gleichgültigen Dingen Zeit, ſich das Ereigniß des Tages für eine Mittheilung an die Wöchnerin im Geiſte zurechtzulegen.— Plötzlich hob Mary die Serviette mit einem ver⸗ wunderten Blick an die kleine Naſe und ſah dann Hooper fragend an.„Rieche und fühle doch einmal“, ſagte Mary, und Hooper begann das Gewebe zu be⸗ taſten, um es dann auch ſeinerſeits dem Dufte nach zu unterſuchen. Die Serviette war ſo unendlich fein, daß ſie gar keine Serviette ſein konnte; ſie duftete ferner ganz an⸗ ders als irgend ein Stück des Hooper'ſchen Leinen⸗ ſchrankes.„Gewiß bin ich im Irrthum“, ſagte Mary in ihrer beſcheidenen Weiſe,„aber ſollte das wirklich eine Serviette ſein?“ „Es iſt ein Damentaſchentuch der erleſenſten Art“, verſetzte Hooper, jetzt erſt begreifend, wie das Ganze —— — — ₰½ — ſich wahrſcheinlich erkläre;„ich habe Dir den höchſt — — ½ — Eiferſ zugeſt das G gewif Die gewor gelten A bung zühlte auf d ſeien — geweſ unge noch! , 8 Fremd über kleine 13 merkwürdigen Vorfall nicht ſo aufs Geradewohl mit⸗ theilen wollen; aber jetzt wird es am beſten ſein, die Sache ohne Weiteres zu beſprechen.“ Er trug die Auſtern⸗ ſchalen fort und ſchob ſich dann auf das leere Auſtern⸗ faß hinauf. Frrau Hooper hatte das ſeltene Glück, von keiner Eiferſucht zu wiſſen. Sie lauſchte daher dem vorſichtig zugeſtutzten Bericht ihres kleinen Mannes— er verſchwieg das Größenmaß der Fremden— mit großer Munterkeit. Gewiß hatte der Gegenſtand eine ſehr glorreiche Seite. Die Ehre, welche dem Fiſchladen Hooper's zu Theil geworden war, konnte für etwas ganz Ungewöhnliches gelten. Aber die heiterſte Stimmung iſt vor keiner Trü⸗ bung geſichert. Nach und nach, während Hooper er⸗ zählte und dabei immer unruhiger wurde, kam Mary auf den Gedanken, die ihr geſpendeten Delicateſſen ſeien wohl am Ende für die fremde Dame beſtimmt geweſen. Hooper, viel zu ehrlich, um die Wahrheit zu umgehen, räumte es ein, und Mary wußte ſich dießmal noch leidlich zu tröſten. Gleich darauf fiel ihr indeſſen ein, daß Hooper nichts von der äußern Geſtalt der Fremden erwähnt habe, und nun kam der alte Schmerz über ſie, daß Hooper ſich mit einer ſo unanſehnlichen kleinen Frau behelfen müſſe, während draußen Ueber⸗ 14 fluß an ſchönen Mädchen ſei.„War ſie ſehr ſchönd?“ lispelte Mary mit einem ſanften Erröthen auf den Wangen. „Mary!“ ſagte der kleine Fiſchhändler, von ſeiner Tonne ſteigend und vor dem Bette nachdenklich ſtillſtehend, „Du weißt, es iſt mir unmöglich, die Unwahrheit zu. ſagen. Ja, die Dame war ſchön, ſie war ſehr ſchön; aber Du biſt meine gute, brave Mary, und ich preiſe den Himmel, daß es ſo iſt, wie es iſt.“ Frau Hooper warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Du biſt die Engelsgüte ſelbſt, Hooper“, ſagte ſie. Aber ein Seufzer machte ſich dennoch Luft.„War die ſchöne Dame groß?“ fragte ſie faſt unhörbar. „Ich kann auch das nicht leugnen.“ „Sehr groß?“ „Fünf Fuß ſieben Zoll.“ Mary ſchlug ihre Hände über dem Kopfe ihres Töchterchens zuſammen.„Fünf Fuß ſieben Zoll!“ wie⸗ derholte ſie.„Armer Hooper! Und gewiß wird dieſe einfältige kleine Heidin hier auf meinem Schooße auch wieder, wie die andern vier, hinter Deinen Erwar⸗ tungen zurückbleiben!“ Sie wiſchte mit der Hand über die tropfende Wange, denn ſie wußte, Hooper billigte nicht, daß ſie in ihrem Wochenbette weine. „Es liegt nicht der ganze Werth des Menſchen in ſeinen beſch Man So mein das — —— 2 15 ſeiner Körpergröße“, ſagte der kleine Fiſchhändler in beſchwichtigendem Ton,„David war nur ein kleiner Mann, aber er hat den Goliath dennoch erſchlagen. So oft mich beim Anblick des Lamb'ſchen Goliathkopfes meine Kleinheit bedrücken will, ſage ich mir das. Thue das Nämliche.“ „Du biſt nicht klein, Hooper.“ „Ich bin ein Zwerg.“ „Hooper!“ „Heute vor Allem— Du hätteſt mich nur neben ihr ſehen ſollen! Wie ein Stöpſel neben einer Flaſche!“ „Mit einem Kopfe wie der Deine!“ Mary ſeufzte von neuem. Der kleine Mann war ihr Abgott. Sie hätte ſchwören mögen, die fremde Dame habe ihn mit den nämlichen Augen angeſehen, ſei einzig deßhalb in den Laden gekommen, würde in dieſem Augenblick, wenn ſie ſeine armſelige, kleine Frau ſähe, daſſelbe denken, was ihr ſelbſt in dieſem Augenblick die Seele beſchwerte:— ein ſolcher Mann! und ſich fürs Leben an Frau Hooper, an ein ſo unbedeutendes Weſen zu feſſeln! Ueber rührenden Aeußerungen dieſer Art und maß⸗ voll dämpfenden Erwiderungen war es in dem Stüb⸗ chen inzwiſchen völlig dunkel geworden. Hooper ſchickte ſich an, wie allabendlich während der Wochenzeit, eine Wachskerze anzuzünden. Mary erklärte indeſſen, dieſe Auszeichnung heute nicht annehmen zu dürfen, ſie fühle ſich zu winzig und zu häßlich, und erſt als Hooper ſie für dieſe kleinmüthigen Reden durch das Anzünden zweier Kerzen ſtrafte, kehrte ihre ſanft befriedigte Miene wieder vollſtändig zurück. Beim Scheine dieſer Doppelbeleuchtung begann nun eine aufmerkſamere Muſterung des geheimnißvollen Taſchentuchs, und bald enträthſelte man unter einer fein gewirkten Krone in ſehr fremdartig verſchlungenen Buchſtaben den Namen Jadwiga. Frau Hooper verſicherte, nie einen klangvolleren Namen gehört zu haben, und auch der kleine Fiſch⸗ händler mußte zugeben, daß, wenn Mary wohl zwar chriſtlicher klinge, Jadwiga doch von einem ganz eigen⸗ thümlichen Reize ſei. Daß dieſer Name ihnen bereits öfter, ohne daß ſie ſich des Zuſammenhanges genau erinnerten, im Annoncentheile ihrer Zeitung aufge⸗ fallen ſei, galt beiden dabei für ausgemacht. Faſt eine Stunde lang zerbrach man ſich demnächſt den Kopf, welcher Nation die ſchöne Fremde angehören könne. Natürlich gelangte man nicht über Ver⸗ muthungen hinaus. Im beſten Rathen und Irregehen jedoch kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über die beiden kleinen Gatten. Auf der Vignette des blauen Papie als E Lictg wiga“ im C abgeb gekehr B der? Thrä werde blich Hooy Leben nen; Er ſt und; 4 ſeine Erre Geſch dieſe Fiſc die 17 Papiers, welches die Kerzen umgeben hatte, ſtanden als Empfehlung und Lockmittel ſeitens des ſpeculativen Lichtgießers die Worte:„the famous Countess Jad- wiga“, und„die berühmte Gräfin Jadwiga“ ſelber war im Coſtüm einer ſpaniſchen Tänzerin gleich darunter abgebildet. Den einen Fuß hielt ſie gegen die Erdaxe gekehrt, den andern freimüthig ins Leerehinaus geſtreckt. Beim Anblick dieſes Kunſtwunders wollte beiden der Athem ausbleiben. Aber nun konnte Mary ihre Thränen nicht länger zurückhalten; ſie ſchluchzte: Nie werde ſie Hooper wieder mit ihrem gräuelhaften An⸗ blick unter die Augen treten, nein, nie, nie wieder! Hooper ſtarrte wie geblendet. Noch in ſeinem ganzen Leben hatte er keine echte Tänzerin zu ſehen bekom⸗ men; jetzt gar eine berühmte und noch überdieß eine Gräfin. Er ſtarrte, als habe ihn eine Klapperſchlange verzaubert, und Mary weinte wie ein Regentag unter den Tropen. Da es aber weder dem Gatten leicht werden dürfte ſeine Faſſung wiederzufinden, noch der Gattin ihrer Erregung Herr zu werden, ſo wenden wir uns der Geſchichte der Tänzerin ſelbſt zu und vertauſchen zu dieſem Zwecke das dumpfe Kellerſtübchen des kleinen Fiſchhändlers mit dem luftigen Schloſſe, in welchem die Grißin Jadwiga das Licht des Tages erblickte. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 2 Zweites Kapitel.. 5 Beim Grafen Bielsli. Ein anmuthigeres Heimweſen als dasjenige im Bielski'ſchen Schloſſe zu Mikolajew zwiſchen Stry und Lemberg läßt ſich nicht füglich denken. Der Graf war durch eine im Leben eines Polen ſeltene Gunſt des Schickſals von jeder politiſchen Parteiſtellung frei ge⸗ blieben. Sein öfterer Aufenthalt außer Landes hatte ſich faſt allemale in ſolchen Zeitläufen ereignet, wo daheim irgend eine Bewegung im Gange war; da aber nachweislich dieſen Reiſen keine berechnende Vorſicht zu Grunde lag, ſo genoß er die Vortheile des Unbetheiligt⸗ ſeins, ohne dadurch an Achtung zu verlieren. Er galt für einen Edelmann von militäriſcher Schulung und , trefflicher Geſinnung, der, wenn er ſich einer Partei . geſellt hätte, mit Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit für 19 das Wohl ſeines Vaterlandes eingetreten wäre. Un⸗ berührt aber, wie er von den rauheren Anforderungen des Parteilebens geblieben war, wurde ſein Name bald in dieſem, bald in jenem Sinne genannt, gleichſam ein Sparthaler für die Noth, den man ruhig im Kaſten liegen läßt, um im ſchlimmſten Falle immer noch auf etwas zurückgreifen zu können. Die abgeſonderte Lage der Bielski'ſchen Beſitzung unterſtützte dieſe wünſchenswerthe Sonderſtellung. Die nächſten Schlöſſer, die der Zaluski und Niemojowski, waren nur zur Zeit der Schlittenbahn in halben Tage⸗ reiſen zu erreichen. Selbſt dann aber lockte es die Nachbarn ſelten nach dem Bielski'ſchen Gute herüber, da die Gräfin, eine vornehme Deutſche aus Preußiſch⸗ Schleſien, weder Trink⸗ noch Spielgelage begünſtigte und die rechte polniſche Fröhlichkeit, meinten die Nach⸗ barn, zuletzt doch nicht zum vollen Durchbruch kommen durfte. Durch das letzte unheilvoll abgelaufene Wochenbett der Gräfin war das Haus nun freilich nach dieſer Seite hin verwaiſt. Man gewahrte erſt jetzt, daß unter den Flügeln der fernhaltenden Mutter drei Töchter herangeblüht waren, die wie ein neuangelegtes Blu⸗ menbeet von Tag zu Tag das Auge mehr und mehr zu feſſeln berechtigt ſchienen. Man begann daneben 2* 20 zwei Söhne zu beachten, Knaben noch, aber von an⸗ genehmer Geſittung und einnehmender Körperbildung, und fand, daß ſie zu dem ſchon ältern Schweſterklee⸗ blatt in eben ausreichendem Gegenſatz ſtanden, um ein⸗ ander wechſelweiſe als günſtige Folie zu dienen. Man beobachtete mit nicht ungünſtigen Blicken, wie die große Ungebundenheit der geſellſchaftlichen Stellung in den jungen Damen Neigung und Geſchick für die edle Reitkunſt und nicht minder für das preiswürdige Waid⸗ mannsgewerbe in höherm Grade entwickelt hatte, als dieß ſonſt in Polen der Fall zu ſein pflegte. Und man hätte dieſen mannigfachen Wahrnehmungen ohne Zweifel eine intimere Annäherung folgen laſſen, wenn eine gewiſſe ſteife Freundlichkeit, ein Vermächtniß der deut⸗ ſchen Mutter, nicht auch jetzt noch in dem Thun und Treiben des Bielski'ſchen Schloſſes vorwaltend gewe⸗ ſen wäre. Der Graf ſelbſt, beim Tode ſeiner Gattin ein mitt⸗ lerer Vierziger, ſuchte eine zeitlang den Verluſt ſeiner Lebensgefährtin dadurch den Seinen weniger fühlbar zu machen, daß er mit verdoppelter Sorgfalt über jenem Gleichmaß wachte, welches bei Lebzeiten der Gräfin Bielska— er wußte ſelbſt nicht wie— das vornehm⸗ lichſte Kennzeichen ihres geräuſchloſen Einfluſſes gewe⸗ ſen war. Er nahm an Allem, was bis dahin der bh aufm ſeine Mutt häus ſeine wenit 21 Obhut ſeiner Gattin nahe geſtanden hatte, wohlwollend aufmerkſamen Antheil, geſellte ſich den Beſchäftigungen ſeiner Kinder, lernte wohl gar mit ihnen, wie es die Mutter zu thun gepflegt hatte, lebte einzig in dem häuslichen Kreiſe und bot länger als ein Jahr lang ſeine ſämmtlichen Fähigkeiten auf, um das ſcheinbar wenigſtens noch im alten Gange befindliche Uhrwerk vor jeder Stockung zu behüten. Auch während dieſes Trauerjahres konnte denn nicht wohl ein anmuthigeres Familienleben als das im Bielsk''ſchen Schloſſe gedacht werden. Drei Töchter keine vollendet ſchön, aber jede weit über das Durch⸗ ſchnittsmaß deſſen hinaus, was ſelbſt anſpruchsvollen Augen gefällig dünken mußte; die beiden Knaben in jener Uebergangszeit, wo ſich bereits die Ahnung ein⸗ ſtellt, daß ſie nicht Schutz zu empfangen, ſondern zu leiſten berufen ſind; das jüngſtgeborene Kind endlich, ein blondes kleines Mädchen, der Liebling und Pflegegegenſtand Aller, als gälte es ſo früh wie möglich dem unſchul⸗ digen Geſchöpfe fühlbar zu machen, daß es für den Tod der Mutter nun und nimmer verantwortlich ſein ſolle; die Dienerſchaft, gut erhalten, anhänglich, fürs ganze Leben dem Bielski'ſchen Hausweſen gewonnen; dazu der Hausherr, ein Muſter ſowohl in ſeiner äußern Führung, wie auch in dem ganzen Ernſt ſeiner Pflichten⸗ auffaſſung— Alles ſtimmte harmoniſch zuſammen, um das Bild dieſes Familienlebens auch jetzt noch zu einem im höchſten Grade wohlthuenden zu machen. Dennoch wäre einem aufmerkſamen Beobachter wohl ſchon damals die im Schloſſe vorgegangene Verände⸗ rung, ſo ſehr ſie noch unter der Oberfläche verborgen lag, als eine nicht unbedenkliche erſchienen. Gräfin Bielska hatte, trotz der Unſcheinbarkeit ihrer Thätigkeit, doch nach einem ſehr wohldurchdachten Plane gewirth⸗ ſchaftet. Sie war mit Vorſicht und beſonnener Ueber⸗ legung ihren Weg gegangen, und wie Alles unter ihren Händen zu gedeihen pflegte, ſo hätte ſich ohne Zweifel auch die Zukunft, ſoweit menſchliche Kraft reichte, in ruhig wünſchenswerther Weiſe geſtaltet. Aber wenn Alles unter ihren Händen gedieh, ſo war jene geräuſch⸗ loſe Umſicht dafür doch der vorwiegendſte Grund, und um Alles ferner gedeihlich fortzuführen, genügte kei⸗ neswegs ein bloßes gewiſſenhaftes Nachahmen ihrer ordnenden Art und Weiſe. Nun war Gräfin Bielska aber gerade zu einer Zeit von ihrem Werke abberufen worden, als daſſelbe neue Geſichtspunkte, neue Ideen erheiſchte, und der Graf war der einen wie der andern bar. Alle drei Töchter hatten das Kindesalter ſchon überſchritten— die älteſte, Theophila, ſchwarz, ſchlank, vornehm blickend wie der Vater, zählte achtzehn Som⸗ mittlur Welt ſeiner Ander mußte gelt z jetzt herau 23 mer, ſiebzehn die nächſtfolgende, Marynia, die einem Jugendbilde ihrer blonden, etwas grobzügigen, aber vor Zeiten durch Freundlichkeit und ſpäter durch klare Verſtändigkeit ſehr anſprechenden Mutter bis zum Ver⸗ wechſeln glich; Jadwiga, die lachluſtige, waghalſige drittjüngſte, krauslockig, brünett und blitzäugig, hatte, obſchon erſt nach der Mutter Tode fünfzehn Jahre alt geworden, doch ihrem robuſt entwickelten Aeußern nach den zweiten Platz in der Reihenfolge eingenommen und verſprach auch der Aelteſten in Bälde voraufzu⸗ kommen. Der Graf ſtand alſo dem eng abgegrenzten Zuſchnitt eines Familienlebens gegenüber, deſſen Rah⸗ men erweitert ſein wollte, deſſen einzelne Glieder, wie die flüggen Vöglein, die Zeit zum Ausfliegen und zum eignen Neſtbauen nahe und näher kommen fühlten. Er merkte, daß ſein Hausweſen eine neue Faſſung brauche, aber auch, daß ſein Witz nicht für deren Er⸗ mittlung ausreichte. Das Bielski'ſche Gut war eine Welt für ſich geweſen. Nichts hatte er bis zum Tode ſeiner Gattin vermißt, nichts war bis dahin von den Andern vermißt worden. Aber über kurz oder lang mußte dieſe Welt in ihrer Abgeſchiedenheit den Seini⸗ gen zur Wüſte werden. Sollten ſeine Töchter nicht jetzt ſchon empfindliche Mängel an dieſem Paradieſe herausgefunden haben? Durfte ihnen noch länger die 24 Gelegenheit entzogen werden, ihre Kenntniſſe, ihre Fer⸗ tigkeiten geltend zu machen?. Würde, wenn der Vater den Dingen unbekümmert zuſchaute, nicht einmal der Zufall ſein verderbliches Spiel treiben? Der Graf dachte manchen Monat nach, ohne die ſeine Kräfte weit überſteigende Aufgabe auch nur in der Phantaſie zu löſen. Zuletzt faßte er den ſeinem Charakter natürlichen Entſchluß— die ſchwierige Laſt, wenigſtens zur Hälfte, auf andere Schultern zu wäl⸗ zen. Er ſteckte eine Roſe ins Knopfloch und beſchloß, zum zweitenmal zu heirathen. Es iſt nichts Ungewöhnliches, daß ein Schiff durch denjenigen, der es flott machen will, ſich erſt recht feſt in den Sand hineingearbeitet ſieht. Mit dem Haus⸗ weſen des Grafen Bielski ging es nicht viel beſſer. Bisher war Alles Liebe, Vertrauen und offene Hinge⸗ bung geweſen. Sobald der Plan des Vaters errathen wurde, kam ein neuer, bedenklicher Ton in alle Be⸗ ziehungen. Zum erſtenmal war der Graf ſeinen Töch⸗ tern nicht mehr einzig und allein Vater. Bisher hatte das elterliche Thun nie eine Beurtheilung herausge⸗ fordert. Jetzt war ein Vorhaben im Werke, das auf jedes Glied der Familie in einer beſondern Weiſe zu⸗ rückwirken würde, und Jedes fühlte ſich berechtigt, das Wie und Warum dieſer Wirkung zu unterſuchen. Die fanite vorſtehen Gattin: denkens⸗ zuetf h dem Na nur reiſ derung ftiſches brauche⸗ Pater d von der nationc werden gräflih halbdeu Dennoe hatte r ganze verhiel komme de dasjeni ten in hatte 25 ſanfte, blonde Marynia empfand die ihnen Allen be⸗ vorſtehende Unterordnung unter des Vaters zweite Gattin wie eine Verkümmerung des mütterlichen An⸗ denkens. Jadwiga, wie immer die fröhlichſte Seite zuerſt herausfindend, vermuthete, es handle ſich mehr dem Namen nach um eine zweite Mutter; falls man nur reiſen und die Welt ſehen werde, ſei die Verän⸗ derung vielleicht ganz erwünſcht und bringe einmal friſches Leben in Jeden, der nicht daheim zu bleiben brauche. Theophila, der Aelteſten, mit welcher ſich der Vater am offenſten ausgeſprochen hatte, war der Kopf von dem Gedanken beherrſcht, daß vor Allem auf eine nationale Verbindung angeſehener Art hingearbeitet werden müſſe. Sie billigte den Plan, inſofern die gräfliche Familie dadurch einmal aus der mißlichen halbdeutſchen Zwiſchenſtellung herauskommen werde. Dennoch, da ſie ihre Mutter nicht weniger geliebt hatte wie ſie ihren Vater vergötterte, ſchien ihr das ganze Verfahren ein im hohen Grade ſchwieriges. Sie verhielt ſich beſchwichtigend und wartete ab, was da kommen werde. Der Graf ſeinerſeits verſuchte inzwiſchen ſich über dasjenige klar zu werden, was er billigerweiſe zu bie⸗ ten im Stande und zu fordern berechtigt war. Er hatte nie ſonderlich zu rechnen vermocht. Er glaubte 26 jetzt bei eingehenderem Prüfen ſeiner Verhältniſſe her⸗ auszufinden, daß die Abſonderung, in welcher ſeine verſtorbene Gattin ihn und ſein ganzes Hausweſen gehalten hatte, noch auf Anderes zurückzuführen ſei, als auf Lebensanſchauungen und Geſchmack an ge⸗ räuſchloſer Häuslichkeit. Die früher von ihm gemach⸗ ten Reiſen hatten große Summen verſchlungen. Die Bielski'ſchen Güter waren verſchuldet geweſen und konnten erſt ſeit den letzten zehn Jahren für einiger⸗ maßen geborgen gelten. Er hatte, wie er erſt jetzt gewahrte, ſeine Einnahmen zuweilen überſchätzt. Gro⸗ ßer Aufwand ließ ſich keinesfalls machen. Wenn er ſeinen Credit aufrechterhielt und ganz allmälig eine Tochter nach der andern an Edelmänner verheirathete, welche ihr gutes Auskommen hatten und keine große Ausſtattung beanſpruchten, ſo konnte er ſeinen Söhnen dereinſt vielleicht ein mäßiges Erbtheil überantworten und ſich ſelbſt in Ehren zu Grabe tragen laſſen. Der Graf ging wieder lange mit ſich zu Rathe. Er begann den ganzen Weg durchzudenken, welchen ſeine Gattin ihn geführt hatte. Dieſen Weg bis ans⸗Ende Zurückzulegen, wenn die Mutter ſeiner Kinder ihm zur Seite geblieben wäre, das— durfte er ſagen— hätte ſeine Kräfte keineswegs überſtiegen. Es war die Art, wie die nach Polen überſiedelten Deutſchen im Allge⸗ neinen i zu ſehr Methode Nation thode all andere Hand g werthunt ſprach? zeit kam ohne da Ing Mägde tern ab oder jen Mägden es im d iinden! len we fellen! Kunde freien Nu Aufgat hatte 27 meinen ihr Leben einrichteten, und er hatte ſeine Gattin zu ſehr verehrt, als daß ihm die Vortrefflichkeit der Methode nicht einleuchtend geweſen wäre. Aber jeder Nation ihr Eigenthümliches. Polniſch war dieſe Me⸗ thode auf keinen Fall, und konnte er dafür, daß eine andere Weiſe ihm natürlicher, ihm leichter von der Hand ging, ihm größere Sicherheit und beſſere Ver⸗ werthung ſeiner lange gefeſſelt geweſenen Anlagen ver⸗ ſprach? Er ſchwankte lange, ſo lange, daß die Jagd⸗ zeit kam und ging und endlich zum zweitenmale kam, ohne daß er gewählt hatte. Inzwiſchen war die Sache ruchbar geworden. Die Mägde auf Mikolajew hatten dieß und das den Töch⸗ tern abgelauſcht. Juden war beim Anpreiſen dieſes oder jenes wünſchenswerthen Kleidungsſtückes von den Mägdden bedeutet worden, in allernächſter Zeit werde es im Schloſſe hoch hergehen und wer ſich jetzt billig finden laſſe, ſolle der neuen Hausfrau beſtens empfoh⸗ len werden. Ringsum im Lande wanderte mit Haſen⸗ fellen und andern gemeinen Tauſchwaaren die koſtbare Kunde von Hof zu Hof, der Graf Bielski wolle wieder freien und habe noch keine Wahl getroffen. Nun gab es wohl ohne Zweifel keine ſchwierigere Aufgabe als diejenige, welche ſich der Graf geſtellt hatte Eine geliebte Gattin, mehr noch, eine Frau 28 von der ungewöhnlichſten Lebensklugheit ſollte erſetzt werden. Das wäre an ſich ſchon etwas ſelten Glücken⸗ des geweſen. Aber damit war erſt ein keiner Theil deſſen ausgeſprochen, was der Graf von ſeiner künfti⸗ gen Genoſſin beanſpruchte. Die neue Mutter ſeiner Kinder ſollte ſich auch dieſen als ein vollkommener Erſatz der Heimgegangenen erweiſen, ſollte überdieß noch die Fähigkeit beſitzen, die ſämmtlichen Bäumchen in ſolcher Weiſe umzupfropfen, daß ſich der deutſchen Gründlichkeit ein verfeinerter Hauch ſarmatiſcher Ele⸗ ganz geſelle.. Wie es nun zu gehen pflegt, wenn Jemand ſeinem eignen Urtheile nicht traut— erſt macht er ſich für das, was er braucht, eine ungefähre Schablone fertig, dann fürchtet er ſich vor der Einſeitigkeit ſeines Stand⸗ punktes, möchte Rath ſuchen und traut doch auch An⸗ dern keine Unfehlbarkeit zu; endlich verwirren ſich ſeine Anſprüche immer mehr, und der erſte beſte Hinzutre⸗ tende wird ihm nun zum Orakel; ſo verlief es auch mit der gräflichen Brautwahl. Der gute Stern, welcher ſo lange über dem Bielski'ſchen Hausweſen gewacht hatte, ſchien ſich in⸗ deſſen auch bei dieſer Umgeſtaltung deſſelben noch be⸗ währen zu wollen. Wenigſtens fügte ſich's, daß der endlich angeſprochene Rathgeber es mit dem Grafen icht un hatte Gütern von Stt vexſtert hatte, Adel jen des Grqh war. J dne da nittlers die Ver Die ju welche ſcch bein eben alt vorauf; zum gle getragen lebte a prunklof der Wol hoche ihre be ——;ʒÿõ——ʒꝛ———— 29 nicht nur ehrlich meinte, daß er auch offene Augen hatte. Es war— da in Galizien nun einmal nichts ohne jüdiſche Vermittlung geſchieht— ein jüdiſcher Gütermäkler, Namens Hirſch Flatow, aus der Gegend von Stry, ein Mann, welcher ſchon das Vertrauen der— verſtorbenen Gräfin in ſehr hohem Grade genoſſen hatte, in fortwährender Berührung mit dem ganzen Adel jener Gegend ſtand und alſo auch dem Vertrauen des Grafen in dieſer Angelegenheit beſtens empfohlen war. Durch Hirſch Flatow nun wurde der Graf auf eine Fährte gebracht, die dem Verſtändniſſe des Ver⸗ mittlers alle Ehre machte und ſeine Anhänglichkeit an die Verſtorbene wieder aufs unzweifelhafteſte bekundete. Die junge Wittwe eines Edelmanns aus Sniatyn, welche Flatow dem Grafen Bielski empfahl, erwies ſich beim Einziehen näherer Erkundigungen als ſowohl eben alt genug, um den drei Comteſſen in Erfahrung vorauf zu ſein; ihre Anſprüche ans Leben waren auch zum großen Theile mit ihrem erſten Gatten zu Grabe getragen worden; ſie genoß eines vortrefflichen Rufes, lebte auf einem ihrer anſehnlichen beiden Güter in prunkloſer, aber augenſcheinlich nichts vermiſſen laſſen⸗ der Wohlhabenheit, verkehrte mit einem erleſenen Kreiſe hochgeſtellter Perſönlichkeiten, hatte in letzterer Zeit ihre beiden Kinder raſch auf einander verloren und ———ͤͤͤͤͤſͤſͤöͤſͤͤſſͤͤͤͤ—— 30 verlangte, wie ſie es ſelbſt ausgeſprochen hatte, nach einem neuen Berufskreiſe. Ein Aeußeres, dem die Kunſt, ohne Kunſt zu gefallen, zur andern Natur ge⸗ worden ſchien, unterſtützte dieſe wünſchenswerthen Eigen⸗ ſchaften aufs günſtigſte. Wenn ſie ſich entſchließen konnte, die Mutter von Kindern zu werden, deren älteſtes nur zehn Jahre jünger als ſie ſelbſt war, ſo mochte allem Anſchein nach das Hausweſen des Grafen kaum auf eine beſſere Weiſe ergänzt werden. 3 Und in der That ſchlug Joſepha ein. Sie hatte ſich vierzehn Tage Bedenkzeit erbeten gehabt. Aber ſchon vor Ablauf der erſten Woche erklärte ſie dem Grafen, daß ſie beim Ueberlegen und Ueberdenken ſeines Antrages immer nur von neuem zu dem Ergeb⸗ niſſe gelange, daß hier der ganze Erfolg einzig in des Himmels Hand liege. Guten Willen bringe ſie mit, guten Muth hoffe ſie aus ſeinem Beiſtande zu ſchöpfen. Im Uebrigen habe ſie, die Tochter eines in der Ver⸗ bannung geſtorbenen Flüchtlings, das Leben ſeit ihren Kinder⸗Jahren nie anders als wie eine ernſte Arbeit aufgefaßt und werde das Ihrige thun, um ihr Penſum beſtmöglichſt zu löſen. Im Weihnachtsmonat feierte der Graf denn ſeine zweite Hochzeit. Die Nachbarn waren einmal wieder in größerer Menge beiſammen, tranken auf das Wohl der neuel hous am und wie zweiten, weniger nächſſten das Ende der Eſ rend gar dieſe der nicht im den Rap Das hatte 9 Man hü plegte: lichkeit; nachbarl wiedet der W mußte; Kinder erhalte Die ſammt! ſeine jeder Wohl 31 der neuen polniſchen Nachbarin, fanden das Hochzeits⸗ haus am zweiten Tage noch behaglicher als am erſten, und wieder am dritten noch weit feſſelnder als am zweiten, ſo daß am Schluſſe der Feſtwoche auf nicht weniger als zehn Schlitten neue Rationen aus der nächſten Stadt geholt werden mußten und erſt gegen das Ende der zweiten Woche die fröhlichen Tanzweiſen der Skſchibka in der Geſindehalle verſtummten, wäh⸗ rend gar einer der Gäſte ſich feierlich verſchworen hatte, dieſe dem heiligen Vaterlande wiedereroberte Stätte nicht im Stiche zu laſſen, bis der letzte Schnee auf den Rapsfeldern von Mikolajew geſchmolzen ſein werde. Das machte ſich Alles wie von ſelbſt. Niemand hatte geſagt: Bleibt und fühlt euch wie zu Hauſe! Man hätte es augenſcheinlich gern ſchon längſt gethan; pflegte man ſich doch im eigenen Hauſe gleicher Gaſt⸗ lichkeit zu befleißigen, wußte man doch, daß ein gut nachbarliches Verhältniß, nun die Bielski'ſche Familie wieder ganz polniſch geworden war, dem Wirthe wie der Wirthin das Leben weit annehmlicher machen mußte; hatte man doch recht von Herzen die ſchmucken Kinder loben und lieben gelernt—„der heilige Michael erhalte ſie, der heilige Michael behüte ſie!“ Die nächſten Wochen ſahen das neue Ehepaar dann ſammt den drei Töchtern bald auf Erwiderungs«Viſiten, —— —-——— — — 32 bald als geladene Gäſte zu Tauffeſten und Begräbniß⸗ ſchmauſen, ſo daß der herankommende Frühling mit ſeiner Unwegſamkeit faſt wie ein mürriſcher Arzt da⸗ zwiſchentrat, der Spiel und Tanz verbietet und dem es ſchon lange des ausgelaſſenen Treibens zu viel ge⸗ weſen iſt. Im Ganzen war die Veränderung übrigens ihrem innern Weſen nach eine maßvollere geweſen, als es nach dem national geräuſchvollen Drum und Dran vielleicht ſcheinen mochte. Der Graf hatte ſeine vor⸗ nehme Haltung, auch wo ſie kaum ganz am Orte war, beibehalten; er meinte den Dingen ihren natürlichen Gang laſſen zu ſollen, wachte jedoch über die Beobach⸗ tung der Formen. Seiner neuen Gemahlin durch dieſe mannigfachen geſellſchaftlichen Berührungen die ihr zu⸗ nächſt obliegende Aufgabe zu erleichtern— ihr alſo Anknüpfungspunkte zur paſſenden Verheirathung der drei Comteſſen zu bieten, das war ſein Hauptzweck. Mäßigen Gewohnheiten hold, hielt er ſich im Uebrigen von allen Ausſchreitungen fern und urtheilte ganz richtig, daß ſolchen Schwiegerſöhnen, wie er ſie doch einmal wünſchte, ein geſetzter, verſtändiger Schwieger⸗ vwater beſſer zuſagen müſſe, als ein Lebemann. Die Gräfin ihrerſeits glaubte ihre Stelle am beſten auszufüllen, indem ſie ſich vorderhand einer eigenen NMeinung und da nd vo fützuſel fit das bütete ſ alles De Seite hi wurden, in ihre u wet entgegel eine ge Einmiſch deren k ungedul ungen gelaſſen gleichen s der de Erf Vielski jedenfa R. Wal 393 33 Meinung begab, nur ſo viel Einfluß übte, wie es hie und da unabweislich ihre Stellung mit ſich brachte und vorerſt in allen Betheiligten die Ueberzeugung feſtzuſtellen ſuchte, daß ſie von den beſten Abſichten für das Wohlergehen jedes Einzelnen erfüllt ſei. Sie hütete ſich daher, auch gegen Marynia's Vorliebe für alles Deutſche Stellung zu nehmen, ließ es geſchehen, daß die neuen polniſchen Beamten häufig nach dieſer Seite hin an die verſtorbene Gräfin Bielska erinnert wurden, und fügte ſich gern dem Wunſche Marynia's, zum beſſern Gedächtniß an ihre mütterliche Pathe, wie in ihren ganz jungen Jahren wieder Marie genannt zu werden. Nicht minder ließ ſie Theophila in der entgegengeſetzten Richtung gewähren, zumal deren Stolz eine gewiſſe Gemeſſenheit mit ſich brachte, die jede Einmiſchung erſchwert haben würde. Nur Jadwiga, deren knabenhafte Art und Weiſe den Grafen häufig ungeduldig machte, hatte ſich zuweilen bitterer Ermah⸗ nungen zu erwehren; aber die Gutmüthigkeit des aus⸗ gelaſſenen Kindes nahm weder ſchwer, was es an der⸗ gleichen Zuſprüchen abzuſchütteln hatte, noch verleidete es der ſchüchternen Stiefmutter durch Widerſetzlichkeit die Erfüllung ihrer Pflichten. Von allen Gliedern der Bielski'ſchen Familie hatte Jadwiga die neue Zeit jedenfalls am beſten ausgenützt, und als der am längſten R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 3 1 * 1 ——— 1 — 34 gebliebene Gaſt, ein ſonderbarer alter Kauz, mit dem letzten Schnee von dannen zog, weinte ſie vor Verdruß über die nun wieder bevorſtehende Langeweile. In der That aber war es nöthig, daß die Nüchternheit einmal von neuem zu Worte kam. Die landwirth⸗ ſchaftlichen Vorbereitungen waren dießmal während der Vin8terzeit vernachläſſigt worden. Das Geſinde hatte als Feiertag manchen Tag begangen, den es in andern Wintern nach deutſchem Brauche am Spinnrocken oder mit dem Dreſchflegel in der Hand zu verbringen pflegte. Die Pferde waren theils mit Schlittenfahrten überjagt wor⸗ den, theils hatten ſie ſich an fremden Krippen allerlei Gebreſten geholt; zwei Kutſcher, die das vergnügliche Leben am längſten mitgemacht hatten, mußten wegen Aufſäſſigkeit und lüderlicher Gewöhnungen aus dem Dienſte geſchafft werden. Der deutſche Verwalter, Wolfgang Mosbach, ein junger Pfälzer, der ſeit fünf Jahren das ganze Geweſe in neues Aufblühen gebracht hatte, klagte, es fehle an allen Enden, und er habe die größte Mühe, ſich den nöthigen Gehorſam zu erzwingen. Der Graf war nicht wenig ungehalten. Wozu bezahlte er einen Verwalter, noch dazu einen Deutſchen, wenn er ſich auch noch um dergleichen bekümmern ſolle? (Er hatte während ſeines Verweilens auf den Gütern Der neuen Bekannten viele Prügel austheilen ſehen. — — wem da der Ve ſpielen men: ſes Der ſchied, prophe⸗ Jruct .35 dem. (druß Der Verwalter ſolle nur beſſer drauf gehen, ſagte er; wem das zu unbequem ſei, der möge nicht den Verwalter eaheit* ſpielen wollen. Der Pfälzer ließ ſich dagegen verneh⸗ virth). men: Wer ſelber nicht arbeite, für den werde auch dder ſchlecht gearbeitet. als Der Graf gab dem ungefügigen Diener ſeinen Ab⸗ 6 ntern ſchied, und als der Pfälzer ſeinen Poſten räumte, dem prophezeite er, binnen Jahresfriſt werde der Graf die Frucht auf dem Halme verkaufen müſſen. Drittes Kapitel. Auf Reiſen. Mosbachs unhöfliche Prophezeiung und einige nähere Ermittelungen, die ſie zur Folge hatte, brachten die Geldfrage auch zwiſchen dem Grafen und ſeiner Gattin aufs Tapet. Graf Bielski hatte keine Geldheirath zu machen beabſichtigt. Schon ſeiner ganzen Natur nach ohne Anlage zu derartigen Speculationen, war er durch das Beiſpiel ſeiner verſtorbenen Frau in dieſem Punkte . womöglich noch feinfühliger geworden. Selbſt in Bezug auf ſeine Töchter, deren Verheirathung ihn ſo vielſeitig beſchäftigte, hatte er unter ſämmtlichen Anknüpfungen des letzten Winters auch nicht eine einzige mit dem Hintergedanken geſchehen laſſen, ſie könne zu einer glänzenden Partie führen. Natürlich hatte dieſer — ———V—— () hülſche 3 jaſ kind in welche ter jn unter Wenn es den Gro wurde, j wenn ſei werden k achtlos reinigen einer Se gepaakt dem M und jen ſich in Mitgabe Umſ . ſoweit nen be auch h mittlers gerade die vor „hübſche nähere en die Jattin uth zu nach durch Lunkte Bezug lſeitig ungen dem einer dieſer 37 hübſche Zug auch ſeine bedenklichen Seiten, denn die faſt kindliche Unkenntniß von Geld und Geldeswerth, in welcher ſich der Graf zeitlebens befunden hatte, iſt ja unter Umſtänden auch ein ſehr ernſtes Gebrechen. Wenn es dem Grafen Bielski aber nicht gegeben war, den Groſchen umzuwenden, bis ein Gulden daraus wurde, ja ihn nicht einmal in der Hand zu behalten, wenn ſein Beſitz ſchon im nächſten Augenblick wichtig werden konnte, ſo ging er dafür auch an dem Ducaten achtlos vorüber, der die Hand, die ihn aufhob, verun⸗ reinigen konnte. Graf Bielski war in der That von einer Sauberkeit, die, wäre ſie mit männlicherem Ernſte gepaart geweſen, ihn wenigſtens nach dieſer Seite zu dem Muſter eines Edelmanns hätte machen müſſen, und jene Eigenſchaft war vielleicht diejenige, welche ſich in ſeinen Kindern am unverkennbarſten als ſeine Mitgabe nachweiſen ließ. Umſoweniger hatte er die Angaben Hirſch Flatows, ſoweit ſie die Vermögensverhältniſſe ſeiner Empfohle⸗ nen betrafen, bisher mit Genauigkeit geprüft. Aber auch hier bewährte ſich die Zuverläſſigkeit jenes Ver⸗ mittlers. Obſchon die beiden Güter Joſepha's nicht gerade zu den großen gezählt werden konnten, ergab die vorzügliche Bodenbeſchaffenheit derſelben doch eine „hübſche Jahreseinnahme, und wie die Sachen jetzt ſtan⸗ 38 den, mochte der gräflich Bielskrſche Beſitz wohl gar gegen jene beiden Güter zurückſtehen. Ein Punkt freilich bedurfte noch erſt der Klärung. Die Wittwe hatte die äußern Formen ihres Beſitztitels noch nicht feſtſtellen laſſen. Die betagte Mutter ihres erſten Gemahls, ſeit Jahren im Auslande, galt noch immer, dem Buchſtaben nach, für die regierende Herrin auf jenen Gütern, und obſchon ſie, wie verſichert wurde ſich längſt nicht mehr um dieß Beſitzthum gekümmert hatte— denn ihre Haupteinnahmen floſſen aus der Bukowina— ſo empfahl es ſich doch zur Vermeidung ſpäterer Verwicklungen, das Eigenthumsverhältniß jetzt nicht länger in dieſer unfertigen Faſſung zu be⸗ laſſen. Nun wäre ohne Zweifel Flatow auch bei dieſem Geſchäfte der geeignetſte Vermittler geweſen. Er kannte faſt alle großen Handelsplätze Europas, hatte befreun⸗ dete Glaubensgenoſſen in allen Winkeln der Welt, war in jeder Art von Unterhandlungen bewandert und reiſte ohnehin ſo oft und ſo weit, daß er dieſe Beſorgung faſt als etwas Beiläufiges hätte abmachen können. Der Graf hatte indeſſen nicht ſo bald in Erfahrung gebracht, daß Joſepha's Schwiegermutter, die Pani Sta⸗ roſcina, wie ſie genannt zu werden pflegte, ſich ſeit längerer Zeit in London befinde, als die alte Reiſeluſt ſ Vornahi vider i Natü leite ſein nur die Wittwe der Reiſ Joſe globte Kräften Alle geſett, Paar feſtgeſt andere ihre Au dritten reichend überla⸗ möge zugung zu ma V Wiede deutſe ——— — 39 wieder in ihm erwachte und er ſich für die perſönliche Vornahme des Geſchäftes entſchied. Natürlich war ihm dann aber vor Allem das Ge⸗ leite ſeiner Gattin nöthig; die alte Staroſtin kannte nur dieſe, und es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Wittwe ihres Sohnes faſt mehr noch als er ſelbſt mit der Reiſe einem Anſtandsgebot entſprechen würde. Joſepha erklärte ſich denn auch bereit, und Theophila gelobte, die Stelle des Familienhauptes nach beſten Kräften zu vertreten. Alle Vorbereitungen wurden demnach ins Werk geſetzt, und um die Mitte des April war das gräfliche Paar reiſefertig. Am Vorabende des zum Aufbruch feſtgeſtellten Tages bekam die Sache aber plötzlich eine andere Wendung. Theophila hatte den Muth verloren, ihre Aufgabe zu übernehmen; namentlich fürchtete ſie der dritten Schweſter gegenüber ihr Anſehen kaum hin⸗ reichend befeſtigt, um dieſelbe nicht ihrem eigenen Kopfe überlaſſen zu müſſen. Sie rieth daher, Jadwiga möge die Erlaubniß erhaltem mitznreiſen, eine Bevor⸗ zugung, welche nun wieder die beiden Knaben rebelliſch zu machen drohte. Was aber noch ernſtere Bedenken erregte, war ein Wiedereinſprechen Wolfgang Mosbachs, des abgetretenen deutſchen Verwalters, und insbeſondere deſſen ſehr un⸗ 40 günſtige Eröffnungen über ſeinen polniſchen Nachfolger. Der Erſtere, anhänglich wie er war, ſtellte es gleich⸗ zeitig in das Belieben des Grafen Bielski, ein vortheil⸗ haftes Unterkommen, das Mosbach inzwiſchen gefunden hatte, rückgängig zu machen, und erbot ſich für dieſen Fall, unter den alten Bedingungen wieder in ſeine frühere Stellung zurückzukehren. Er geſtand dabei offen ein, daß ſeine neuliche Ungeduld ihn reue, verſicherts, daß er bei einiger Unterſtützung ſeitens des Grafen die ehe⸗ malige Zucht und Ordnung unter dem Geſinde auch ohne Prügel wieder herzuſtellen hoffe, und fügte hinzu, er habe zu viel Intereſſe für den ganzen ſo mannig⸗ fach durch ihn ſelbſt veränderten Wirthſchaftsbetrieb auf Mikolajew, als daß es ihm möglich geweſen ſei, den Grafen, ohne ihm ein ſolches Anerbieten wenigſtens gemacht zu haben, fortreiſen zu laſſen. In Dingen dieſer Art gab es nun freilich für den Grafen keinerlei Kopfzerbrechen. Mosbach hatte ſich gegen ihn vergeſſen, ſeine prophetiſchen Aeußerungen beim Kündigen des Dienſtes waren Beleidigungen ge⸗ weſen; von einer Wiederanſtellung Mosbachs konnte unter gar keinen Umſtänden die Rede ſein. Es war, als wenn Jemand gegen ſeinen Landesherrn geſchrieben hat und nun für ewige Zeiten im ſchwarzen Buche die Ruiſe ſalt 2. höfüchen Aber ſeiner 5t voih in d dines un Veihültn o überle bei den an den diſen i ſie danf fen erre ſchoß d aufzupac zurüchi Er wird die S it. T „Jäit d nöthig heuti guten — — 41 ſteht. Der junge Mann wurde demnach mit einem höflichen Danke abgewieſen. Aber der polniſche Verwalter war denn doch in ſeiner Stellung erſchüttert worden, und da er auch noch in den Jahren ſtand, welche dem ſorglichen Vater eines unbeſchützten Töchter⸗Kleeblatts nicht unter allen. Verhältniſſen übergroßes Vertrauen einflößen dürfen, ſo überlegte man, ob nicht lieber alle drei Comteſſen die Reiſe mitmachen möchten. Als nun gar Marynia bei den väterlichen Gloſſen über Wolfgang Mosbach an den Werth erinnerte, den die ſelige Mutter auf dieſen ihren deutſchen Landsmann gelegt habe, und als ſie dann bei der Verwunderung, die ihr Parteiergrei⸗ fen erregte, bis über die Ohren roth wurde, da ent⸗ ſchloß der Graf ſich kurzweg, den ganzen Haushalt aufzupacken und auch nicht einmal die kleine Aniela zurückzulaſſen. „Erſt hierdurch“, ſagte der Graf zu ſeiner Frau, „wird der Zuſchnitt der Reiſe ganz ſo national, wie die Staroſtin ihn billigerweiſe zu erwarten berechtigt iſt. Was kommt es darauf an, daß man in heutiger Zeit dergleichen Umſtändlichkeiten im Grunde nicht mehr nöthig hat? Ihre Schwiegermutter gehört nicht der heutigen Zeit an und ſie wird, wenn ſie uns ſo den guten altpolniſchen Gewohnheiten huldigen ſieht, um H 42 ſo mehr Freude an Ihnen und Ihrem neuen Kreiſe haben.“ Hirſch Flatow mußte demnach ſtatt dem Einen Wagen, in welchem man ſich für die Reiſe bereits einzurichten begonnen hatte, noch zwei weitere Wiener Caroſſen beſorgen, die aber erſt in vierzehn Tagen, in Matten g eingenäht und noch lackduftig wie der Laden eines Klempners, auf dem Schloßhofe eintrafen und das ehr⸗ furchtsvolle Staunen der ſämmtlichen barfußen Diener⸗ ſchaft erregten. Das lange Ausbleiben dieſer Pracht⸗ ſtücke war inzwiſchen die Veranlaſſung geworden, daß ſich allerlei Fehler au der„Neutitſchenka“ zeigten, die in ihrer Eigenſchaft als offener Strohwagen für die Aufnahme der Reiſedienerſchaft und des Reiſegepäcks beſtimmt geweſen war. Und während dann das an ihrer Stelle von Neutitſchein verſchriebene Erſatzexem⸗ plar abermals auf ſich warten ließ, rückte die Zeit des berühmten Pferdemarktes von Moſchiska heran, allwo arabiſche Hengſte bis zu zwei⸗, ja bis zu dreitauſend Ducaten bezahlt zu werden pflegen, und woſelbſt Graf Bielski denn auch endlich einen Zug von ſechszehn ukrainiſchen Pferden als vierfältiges Reiſe⸗Viergeſpann — die einzige Art Handel, welche er gründlich kannte zu verhältnißmäßig billigen Preiſen einkaufte. Der arabiſche Hengſt, den Graf Bielski gleichzeitig als peitfeld huhumd Als der der ihn übeugefil der Graf erwartet Reiter 1 Ausbund nen ſebe Die wähnen in allen ſollten, hüfe we hintei auf, da beſuchte mit die Londor ten, v Tollett erwies mers Es ·„f v 43 Reitpferd erhandelte, war, obſchon das edle Thier fünf⸗ zehnhundert Ducaten koſtete, nicht minder preiswürdig. Als der wiehernde Rappe an der Hand des Griechen, der ihn, wie herkömmlich, von Aegypten am Zügel her⸗ übergeführt hatte, in den Schloßhof tanzte, fühlte ſich der Graf des Erfolges ſeiner Reiſe erſt ganz ſicher und erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo er die Reiter und Reiterinnen von Rotten⸗Row mit dieſem Ausbund von Feuer und edler Behendigkeit in Stau⸗ nen ſetzen werde. Die bald darauf angetretene Reiſe ging ohne er⸗ wähnenswerthe Zwiſchenfälle von ſtatten. Flatow hatte in allen größern Handelsſtädten, welche berührt werden ſollten, anſehnliche Credite eröffnet. Die erſten Gaſt⸗ höfe waren dem Grafen von frühern Reiſen her noch hinreichend bekannt. Sehenswürdigkeiten hielten nicht— auf, da ſie für die Rückreiſe verſpart wurden. Man beſuchte hie und da nur Oper, Ballet und Circus, da⸗ mit die ſtill gewöhnten Comteſſen bei ihrer Ankunft in London nicht allzu ländlich überraſcht dreinſchauen ſoll⸗ ten, vervollſtändigte in Paris, was ſich in Bezug auf Toilette und äußere Ausſtattung noch als unzureichend erwies, und langte endlich gegen die Mitte des Som⸗ mers in London an. Es war keine ſchlecht gewählte Zeit. Die engliſchen — ——⁰ ——— ———ÿ —— 44 ö .. r— 3:1 4 19 4 eT no Landſitze werden bekanntlich vorzugsweiſe während der Gitter Jagdmonate bewohnt, welchen letztern zu Gefallen auch a laſſe das Parlament ſich dann Ferien gönnt. Die ſogenannte erfteute „‚Seaſon“ der Hauptſtadt währt demnach vom Februar national bis etwa in die Mitte des Auguſtmonats. Weder den 8. guikende Frühling noch die ſchönſten Sommermonate verleben und gr faſhionable engliſche Familien auf dem Lande. Die Stamm alte Staroſtin kümmerte ſich nun zwar um keine Mode durchwi und fragte weder nach Seaſon, noch nach Parlament; Ackers⸗ das gute Glück des Grafen, welcher ſeiner Frau vor Traufen Allem die Hauptſtadt zu zeigen wünſchte, wollte aber Dachrin daß die Pani Staroſcina gegen ihre Gewohnheit, ſtatt polniſc bereits nach dem Meeresufer übergeſiedelt zu ſein, noch deren hinter den flaſchengrünen Sonnenbrechern ihres Hauſes Erſchi in Grosvenor Square hockte.. barſcha —Ddie alte Eremitin hatte ſich dort ganz polniſch der we eingerichtet. Das zweiſtöckige, ſchloßartige Haus, ein dem eit Kunſtwerk aus der Zeit des Manſardenſtyls, zuletzt im Beſitze der Herzogin von Marlborough, lag mitten in einem waldartig verwilderten Garten und war gegen die Straße durch ein mächtiges, ſtark verroſtetes Eiſen⸗ gitter geſchützt. Da die polniſchen Hunde, Pferde und Diener der Staroſtin indeſſen die Vorübergehenden oft zu neugierigem Stehenbleiben veranlaßt hatten, ſo war die alte Dame gezwungen geweſen, hinter dem — geword zur A tung! ihrem 4 — * — 45 Gitter noch einen jetzt wettergrauen Bretterzaun aufführen zu laſſen, und innerhalb dieſer doppelten Schutzwand erfreute man ſich in der That nun einer völlig nationalen Ungeſtörtheit. Es fiſtulirten denn auch quikende Ferkel in dieſem ſicher abgegrenzten Bereich und grunzende, wollige Schweine echt galiziſcher Stammvaterſchaft gaben den kränkelnden Beeten das durchwühlte Anſehen eines von Feldmäuſen bewohnten Ackers. Eine Art von Pfuhl, der ſich unter dem Traufen⸗Zuſammenfluß der ſämmtlichen brüchigen Dachrinnen gebildet hatte, diente einer Heerde von polniſchen Fröſchen zum Aufenthalte— eine Capelle, deren Muſikübungen bei der in England ſpärlichen Erſcheinung von Fröſchen die Straßenjugend der Nach⸗ barſchaft nicht wenig beluſtigten. Durch den Verfall der weiland Marlborough'ſchen Waſſerkunſt war außer⸗ dem ein großer Theil des Gartenwaldes zum Sumpfe geworden— ein Sieg der Natur, den die Staroſtin zur Anlegung einer national⸗polniſchen Blutegelzüch⸗ tung benützt hatte, nicht allerdings ohne zuweilen in ihrem Zimmer davon beläſtigt zu werden. Das Haus ſelbſt, ſeit manchem Jahre weder mit Seife noch mit Scheuerbürſte behelligt, hatte im Laufe der Zeit das energiſch dunkle Colorit eines Zigeuners angenommen; —— —— ——, —— — 46 Rauch und Staub und Sonnenbrand und dazwiſchen die ſanfte Traufe eines Nebelregens konnten ſich um ihren Beitrag zu dem behaglichen Olivengrün ſtreiten, G welches das ganze Gebäude wie ein ehrwürdiges Metalla⸗ Oryd überzog. ———— —— Aber auf den wane g Die nur dur der Alte ihren ei hatt. einherg war, en niſchen mal in ihre D ſie; es diertes Kapitel. Bei Mivart's. Aber dieß grüne Haus ſollte ſich als gar wenig auf den hoffnungsgrünen Ton der Mikolajewer Kara⸗ wane geſtimmt erweiſen. Die alte Staroſcina, ſelbſt der Pani Joſepha bisher nur durch ein paar lakoniſche Briefe des Majordomus der Alten bekannt, hatte, wie ſich jetzt herausſtellte ihren eigenen Kopf, und dieſer Kopf war einigermaßen hart. Wie ihre Leute noch in Kurtka und Kontuſche einhergingen, ſo ihre Weltanſichten. Was nicht polniſch war, exiſtirte nicht für ſie. Was ſich ſeines rein pol⸗ niſchen Blutes begeben hatte, konnte auch nicht ein⸗ mal in der Eigenſchaft eines verlornen Sohnes auf ihre Theilnahme Anſpruch erheben. Es lebte nicht für ſie; es lag wie der Batzen auf dem Grunde des Oceans; 48 ſie wollte weder an Perſonen dieſer Art erinnert ſein, noch nützte es zu etwas, ihr wider ihren Willen Fälle ſolch ſchwerer Vergehung zu milderer Auffaſſung nahe⸗ zurücken. Wer es dennoch verſuchte, überzeugte ſich bald, daß für die alte Staroſtin der Begriff des Per⸗ ſönlichen nur unter der Rubrik„reines Polenblut“ einen Sinn hatte. Alles Uebrige galt ihr für bloß ſächlich.. Als Joſepha und der Graf von ihrem mißlungenen Begrüßungsbeſuch ins Hotel zurückkehrten, hatten ſie freilich noch keine ganz ſo hoffnungsloſe Vorſtellung von der Sache. Der Graf war ühbrigens über die ihm gewordene Abweiſung empört. Nur die Gräfin hatte eintreten dürfen. Nicht einmal zum Anblicke der⸗ jenigen, um derentwillen er ſoweit hergekommen war, hatte er gelangen können.„Ich habe zum wenigſten jetzt“, ſpottete der Graf mit Bitterkeit,„einen unge⸗ fähren Begriff, wie Peſtverdächtigen zu Muthe ſein mag“. Joſepha war ſeit ihrer Geburt allzu vielen Schick⸗ ſalswandlungen ausgeſetzt geweſen, als daß dieſe uner⸗ wartete Wendung— deren ganze Bedeutung ſie übri⸗ gens noch keineswegs überſah— ſie außer Faſſung gebracht hätte. Daß nach dem Tode ihres erſten Ge⸗ mals die beiden Kinder desſelben das einzige Band zwiſchn i war im 6 den Tode das bishe Verwandt ſagen kämn manchem, ſizungen rufgezehr Güter abe handelt 1 gaizen 3 tens der ſei, dieſe wie dem zeigte ſi auf die hatte, wä ſich nicht die Ange der Star nie ein Lettern! Art wen zwingen, R. Wal Band 49 zwiſchen ihr und der alten Staroſtin abgegeben hatten, war im Grunde etwas ganz Selbſtverſtändliches. Mit dem Tode dieſer Kinder endete Joſepha's Anrecht auf das bisher zwiſchen ihr und der Alten fortgeſponnene Verwandtſchaftsverhältniß. Sie hätte ſich das ſelbſt ſagen können, und die Entſchuldigung, daß ja doch ſeit manchem Jahre ſelbſt die Erträge der Bukowinaer Be⸗ ſitzungen nur noch zum Theile von der alten Staroſtin aufgezehrt worden waren, daß jene beiden galiziſchen Güter aber längſt als Sohnesbeſitz betrachtet und be⸗ handelt wurden, und daß bei der Oberflächlichkeit des ganzen Rechnungsweſens an eine Zurückforderung ſei⸗ tens der Alten gewiß nimmer auch nur gedacht worden ſei, dieſe Entſchuldigung erſchien jetzt ſowohl Joſepha wie dem Grafen Bielski kaum noch ſtichhaltig. Es zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit, daß die Gräfin ſich auf die Geſchäftserfahrenheit des Grafen verlaſſen hatte, während dieſer wieder der Meinung geweſen war, ſich nicht in Dinge miſchen zu müſſen, welche zunächſt die Angelegenheit ſeiner Gattin waren. Daß zwiſchen der Staroſtin und dem verſtorbenen Gatten Joſepha's nie ein inniges Verhältniß beſtanden hatte, war der Letztern jetzt nahezu ein Troſt. Sie brauchte ſich ſolcher Art wenigſtens nicht zu einem Gefühl von Pietät zu zwingen, das ihr nicht natürlicher Herzenstrieb war. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 4 50 Aber wenn Joſepha die ihr von der Staroſtin bereitete Enttäuſchung mit einer gewiſſen Seelenruhe hingenom⸗ men hatte, ſo konnte ſie doch nicht ohne Schmerz und Bitterkeit an die Möglichkeit denken, daß der Graf in ihr eine völlig Mittelloſe geheirathet haben ſollte.„Sie haben gerechte Urſache mit Flatow's Empfehlung jetzt ſehr unzufrieden zu ſein“, ſagte Joſepha, und der Graf hatte Mühe, dieſe peinliche Ausdeutung des verdrieß⸗ lichen Vorgangs weg zu ſcherzen.. „Wie muß ich mir denn dieſe höfliche Alte denken?“ fragte der Graf, der ſie am liebſten mit einem ſtörriſchen Pferde verglichen geſehen hätte,„vielleicht käme man mit Sporen und Peitſche raſcher zum Zwecke, als mit Streicheln und Careſſiren“.— Joſepha meinte, ſchon die ganze Erſcheinung der Schwiegermutter habe etwas ſo Gewaltiges, Rieſenhaftes, daß man ſich füglich vor ihr fürchten könnte.—„Auch der Elephant findet ſeinen Meiſter“, lachte der Graf.—„Der Elephant“, ſagte Joſepha,„dünkt mir neben dieſer eigenthümlich finſtern alten Frau geradezu harmlos. Ich ſchäme mich, ihr nicht ehrfurchtsvoller gegenüber zu ſtehen. Aber ſie hat für mich etwas geradezu Vorſündfluthliches.“—„Alſo ein Hippopotamus“, ſchloß der Graf beluſtigt;„rüſten wir uns denn auf einen Gegner, in Betreff deſſen die Na⸗ nurforſcher uns im Stich laſſen.“ Es wandten eines Be allmälig licſt po meiſten Aniela, die beid Jadwige fachſte 1 wenn a Scherzes nimmt hin?” Er erkl ihm ge⸗ Schritt Alten z Alter machen eine B aller I Statoſt an, ih nung 51 Es wurde nun Rath gepflogen, was unter ſo be⸗ wandten Umſtänden zu thun ſei. Das Hippopotamus eines Beſſeren belehren, ausharren und ſeiner Schrulle allmälig eine vortheilhafte Seite abgewinnen, ſich mög⸗ lichſt polniſch zeigen und die der deutſchen Mutter am meiſten ähnelnden Kinder, Marynia ſammt der kleinen Aniela, hinter die mehr polniſchen beiden Knaben und die beiden unverkennbaren Polentöchter Theophila und Jadwiga verſtecken— das empfahl ſich als das Ein⸗ fachſte und Zweckdienlichſte und wurde in der That, wenn auch Seitens des Grafen im Ton übertreibenden Scherzes, von allen Seiten erwogen.„Aber ſeit wann nimmt man einen Backenſtreich mit ſolchem Gleichmuthe hin?“ fragte der Graf am Schluſſe der Berathung. Er erklärte denn doch für rein unmöglich, nach der ihm gewordenen Abweiſung, auch nur den kleinſten Schritt zu einer Ausſöhnung mit der abſonderlichen Alten zu thun. Joſepha ſuchte Rückſichten auf das hohe Alter ihrer vormaligen Schwiegermutter geltend zu machen; nicht minder betonte ſie, wie wünſchenswerth eine Beſeitigung des übelwollenden Einflußes ſei, den aller Wahrſcheinlichkeit nach der Majordomus auf die Staroſtin übe. Es komme doch vor Allem nur darauf an, ihren verletzten nationalen Gefühlen einige Rech⸗ nung zu tragen.„Und Abbitte zu thun“, rief der Graf 4* 52 „Abbitte, daß die treffliche Mutter meiner Kinder keine Polin war?“—„Gewiß nicht“, beſchwichtigte Joſepha. —„Was wäre es anders?“ ſagte der Graf.— Joſepha wollte antworten, aber ſie fand ihre Gründe ſelber nicht ausreichend und ſchwieg. Man beſchloß abzuwarten, ob die Alte nicht aus freien Stucken irgend etwas thun werde, ihre Unhöf⸗ lichkeit gutzumachen; inzwiſchen mochten Londons Sehens⸗ würdigkeiten in Muße in Augenſchein genommen wer⸗ den; des Grafen Unfähigkeit, die. Dinge nach ihrem wirklichen Werthe abzuſchätzen, gönnte ihm nach wie vor ungeſchmälerte Freude an dieſer vergnüglichen Seite der Reiſe. So ging es denn bald Tag für Tag von einem belehrenden oder beluſtigenden Gegenſtande zum andern. Dioramen, Panoramen, Kosmoramen und Wachsfiguren⸗ cabinete wurden aufgeſucht; Concerte in Hannover Square Rooms und Exeter Hall angehört; bei Woolwich vergnügte man ſich, indem man einer Regatta zuſah; Blackheath intereſſirte durch große Cricketwettſpiele. Man beſprach Ausflüge nach der Inſel Wight und dachte ſchon darüber hinaus an die ſchottiſchen Hoch⸗ lande. In dieſer Weiſe hatte der Graf die Seinigen vier⸗ zehn Tage lang zwiſchen dem Luxus von Mivart's Hatel 1 peinzi haltebt Londone ditſes! ſchien wollen⸗ kommen That d hartkör Es ſtilen ſigkeit höher⸗ Sicher Theori Geleit burten die„ treibe trenne Zeit der I der C jetzt! 53 Hotel und den Reizen aller Arten von Vergnügungen prinzlich genug wechſeln laſſen, als Joſepha's wieder⸗ holte Erinnerungen an den eigentlichen Zweck des ganzen Londoner Aufenthaltes endlich zu einer Unterbrechung dieſes leichtlebigen Treibens führten. Die Staroſtin ſchien entſchieden keinen Annäherungsverſuch machen zu wollen. Somit mußte man ihr doch wohl entgegen⸗ kommen. Nach mancherlei Berathungen wurden in der That die erſten Einleitungen zu einer Umſtimmung der hartköpfigen Alten in Angriff genommen. Es herrſchte damals eine jener politiſchen Wind⸗ ſtillen, in welchen die Menſchheit in geräuſchloſer Em⸗ ſigkeit raſch ein paar Stufen ihres Entwicklungsganges höher zu klimmen befliſſen iſt; wo das allgemeine Sicherheitsgefühl nachſichtig gegen ſtaatswirthſchaftliche Theorieen geſtimmt wird, die noch kurz zuvor in dem Geleite mannichfacher Beängſtigungen als die Ausge⸗ burten hirnverbrannter Neuerer abgewehrt wurden, und die Parteien ſich alſo verſtändigen; wo die Handel treibenden Völker ſich einander nähern und die ſie trennenden Schranken einer minder vertrauensvollen Zeit aus dem Wege räumen; wo die alten Zwiſtigkeiten der Nationen als Kinderunarten erſcheinen, in die auch der Erwachſene wohl noch einmal zurückfiel, die aber jetzt hinter die Forderungen einer vorgeſchrittenen Ci⸗ 54 viliſationsreife entſchieden zurückzuſchieben ſeien. Wäh⸗. rend ſolcher Zeitläufe verſchwinden gewöhnlich diejenigen äußeren Auffälligkeiten, durch welche das Individuum ſich als der Bürger einer beſtimmten Oertlichkeit zu kennzeichnen liebt. Der Engländer borgt von ſeinem Nachbar jenſeits des Canals die Sitte des wohlge⸗ pflegten Schnurrbartes. Der Franzoſe verſucht ſich in den Drapirungen eines Plaid. Der Neuhellene ver⸗ zichtet auf die Bekehrung der Menſchheit zum rothen Fez und zur faltigen Fuſtanella. Der Magyar lernt auch diejenigen lieben, die ohne Kalpak durch's Leben gehen, und der Deutſche verſucht— wiewohl vergebens — ſich ſeiner Brille zu entwöhnen. Auch die vierzipfelige polniſche Mütze, die Krakuska, war in jenen Tagen aus der Mode gekommen. Erſt hatte ſie ihren ſilbergrauen Pelzbeſatz verloren, dann ihre weiße Taubenfeder, zuletzt trug man ſie nur noch mit dem Phantaſiezuſatz eines Augenſchirmes, und außer⸗ halb des grauen Bretterverſchlages, hinter welchem die alte Staroſtin über nationalen Erinnerungen brütete, mochte endlich in ganz London keine echte Krakuska mehr in Gebrauch ſein. Um ſo mehr fiel es auf, als eines Nachmittags nicht weniger als zwölf ſolch polniſcher Mützen in Rotten⸗ Row bemerkt wurden, jenem weltberühmten Tummel⸗ plaze d d des ga des GI gangen! Gewitte ringsul meinte halb vor A Ordep chem! erholu Anblic die ſe Rotten der be don Keiter ſchien fernu pagen Nachn munt Alter platze der Londoner eleganten Welt, welcher ſich unweit 55 des Palaſtes der Königin in die ehrwürdigen Schatten des Hydepark hineinzieht. Es war eine mehrtägige drückende Hitze vorausge⸗ gangen. Am Morgen dieſes Tages jedoch hatte ein Gewitter die Luft gereinigt. Der Raſen und die Bäume ringsum erſchienen wie neu aufgefärbt,„wie lackirt“, meinte Marynia. Am Nachmittage war denn auch halb London auf der Reiſe ins Freie begriffen, und vor Allem unter den vielhundertjährigen Linden des Hydepark und längs des blauen Serpentine, auf wel⸗ chem bunte Nachen umherkreuzten, drängte ſich's von erholungsfrohen Spaziergängern. Den glänzendſten Anblick bot aber— wie immer zur Zeit der Seaſon— die ſchöne und langgeſtreckte Reitbahn des Parks. Rotten⸗Row, auch bei weniger einladender Witterung der beſuchteſte Verſammlungspunkt des berittenen Lon⸗ don, wimmelte heute von Reitern und vor Allem von Reiterinnen. Pentheſilea's jungfräuliche Schwadronen ſchienen zur Wirklichkeit geworden. In einiger Ent⸗ fernung von der Reitbahn zieht ſich der Weg für Equi⸗ pagen. In der Reihe dieſer letzteren ſah man an jenem Nachmittage einen offenen Wiener Wagen, deſſen vier muntere, tanzende Ukrainer Pferde ein graubärtiger Alter— der gräflich Bielski'ſche Rusniake— geſchickt 56 genug vom Bocke lenkte, während rücklings hinter dem Wagen aufhockend, ein langlockiger Diener— der eine gräfliche Huzzule— alle Welt mit grinſendem Munde und fletſchenden Zähnen anlachte. Im Grunde des Wagens ſaß Joſepha; neben ihr, auf dem Schoße Si⸗ monene's, der jungen, flachsblonden littauiſchen Kinder⸗ magd, tanzte die kleine Aniela; den gegenüberliegenden Sitz nahmen die beiden Knaben ein. Allé, auch die männliche Dienerſchaft, trugen die pelzverbrämte vier⸗ zipfelige Mütze, und nicht minder ſuchten Kleiderſchnitt, Schnüre und ſonſtige Abzeichen mit möglichſter Auf⸗ fälligkeit an Tracht und Sitten Polens zu erinnern. Joſepha ſah ſehr angegriffen aus; ihre Züge hatten etwas ſorgenvoll Geſpanntes angenommen, das ihr früher nicht eigen geweſen war, und wenn ihre ſtark geſchweiften ſchwarzen Augenbraunen nicht durch den Mützenpelzrand verdeckt worden wären, ſo hätte der Ausdruck ihres Geſichtes wol noch deutlicher von trü⸗ ben Ahnungen geredet. Immerhin erregte ſie und was zu ihr gehörte, allgemeines Aufſehen. Wenn die Sta⸗ roſtin, wie der Graf durch dritte Hand ermittelt hatte, heute Rotten⸗Row beſuchte, konnte ihr die polniſche Familie nicht wohl entgehen. Aber dieß war nur ein Theil des gräflichen Aufzuges, derjenige auf der Wa⸗ genſeite. Noch mehr in die Augen fallend nahm ſich de Gabc gewühni Reitllaid lingsfarl trug ſich Ouaſten gutzuma ſeinen p dem dur aus. A der I ſo verg Joſeph ſah und Liedern mitläche Ueb ſich mi ſchäftig der ſtre Sonnen Aufmmer Man! beſchäf drücke 57 die Cavalcade aus. Denn hier geſellte ſich zu der un⸗ gewöhnlichen Kopfbedeckung noch das Himmelblau der Reitkleider. Alle drei Comteſſen waren in dieſe Lieb⸗ lingsfarbe Sobieski's gekleidet. Schwarz wie Joſepha trug ſich allein der Graf, doch hatte er durch reichliche Quaſten und Schnüre die Schlichtheit ſeiner Kleidung gutzumachen geſucht, und zur Linken der drei Comteſſen ſeinen prächtigen Araber tummelnd, die Krakuska auf dem dunkelbraunen Haupthaar, ſah er günſtig genug aus. Auch hier bildete ein Huzzule den Schluß, Kuba, der Zwillingsbruder jenes andern. Er grinſte gerade ſo vergnüglich wie ſein Ebenbild hinter dem Wagen Joſepha's, und wer ſeine im Winde flatternden Locken ſah und ihn ſeine muntere Ukrainer Stute mit allerlei Liedern unterhalten hörte, mochte wohl unwillkürlich mitlaͤcheln. Uebrigens hatte Rotten⸗Row mehr zu thun, als ſich mit dieſem abſonderlichen Doppelaufzuge zu be⸗ ſchäftigen. Das allgemeine bunte Durcheinander und der ſtrahlende Glanz des ganzen, ringsum im hellen Sonnenſcheine lachenden Landſchaftsbildes nahmen die Aufmerkſamkeit nach allen Richtungen in Anſpruch. Man lorgnettirte, wechſelte allerlei Bemerkungen und beſchäftigte ſich im nächſten Augenblicke mit neuen Ein⸗ drücken und Begegnungen. Erſt als die Königin mit zwei Prinzeſſinnen vorübergefahren kam und mit ſicht⸗ lichem Wohlgefallen die rothbäckige kleine Aniela durch die Lorgnette beäugelte, war die Neugier Aller für heute wenigſtens mit läſtiger Ausdauer auf die gräflich Bielski'ſche Familie hüben und drüben gelenkt. Die Einen muſterten das Kind und fanden, es gleiche der jüngſtgebornen Prinzeſſin, die Anderen behaupteten, die Königin habe die flachsblonde Simonene im Auge ge⸗ habt und dieſe ſähe in der That der Prinzeſſin Alice zum Verwechſeln ähnlich. Am meiſten intereſſixrten aber offenbar der Araber des Grafen und nächſt ihm das robuſte Kind Jadwiga, die ihr widerſpenſtiges Roß mit ſo nerviger Hand zu zügeln wußte und ihm dabei die Peitſche mit ſo ſicherer Ueberlegenheit zu koſten gab, daß auch alte Sachverſtändige mit beifälligem Staunen dreinſchauten. Der Graf als vollendeter Reiter gönnte ſeinem ſchnaubenden Thiere die Freude, ſich nach Belieben in Courbetten und Volten zu ergehen, fand indeſſen an Jadwiga's halsbrecheriſchen Wagniſſen und ebenſo an ihrem knabenhaften Lachen keinerlei Gefallen und ſuchte ihr durch wiederholte Ermahnungen eine maßvollere Haltung aufzuzwingen. Sie fühlte ſich jedoch ſo ſehr in ihrem Elemente, daß es ihr augen⸗ ſcheinlich unmöglich war, ihre unbändige Natur zu zügeln. Als Theophila ihr ſtrenge Vorwürfe machte und Marnynia druß, d helln T ſolle ſi hatte ber Verſtimn Die geweſen. in Scene auf eine und rief fluchten pfuhl h ſeiner H Widerſp Stück i ſchien i wachſen. ganiſat Leben an der maligen Mühe Scheibe Un 59 Marynia mit ſanften Worten bat, kamen ihr vor Ver⸗ druß, daß man von allen Seiten ſie bedränge, die hellen Thränen in die Augen und ſie meinte, der Vater ſolle ſie dann lieber gleich heim ſchicken. Der Graf hatte bereits den Wagen umbiegen laſſen. In großer Verſtimmung kehrte man ins Hotel zurück. Die Staroſtin war übrigens gar nicht in der Nähe geweſen. Während man dieſen abenteuerlichen Aufzug in Scene geſetzt hatte, lag ſie unter Kiſſen begraben auf einem echt polniſchen Wolfsfelle in ihrem Bette und rief alle heimiſchen Heiligen an, um den„gottver⸗ fluchten Dieb“, ihren Ofenheizer, in den tiefſten Höllen⸗ pfuhl hinabzuſchicken. Er hatte das Ungemach gehabt, ſeiner Herrin, deren launenhafteſte Zumuthungen keinen Widerſpruch duldeten, ſtatt einem hohlen Zahn ein Stück ihres Unterkiefers auszubrechen. Zum Glücke ſchien ihre vortreffliche Natur dieſem Attentate ge⸗ wachſen. Der Kinnbackenkrampf, der eine zartere Or⸗ ganiſation unter ähnlicher Mißhandlung unfehlbar vom Leben zum Tode befördert haben würde, verſuchte ſich an der alten Staroſtin nur unter der Form eines zwei⸗ maligen Froſtſchüttelns und gab dann die vergebliche Mühe auf. Die alte Gigantin wetterte aber, daß die Scheiben klirrten. Fünftes Kapitel. Leichtes Gewölk. Bei aller Pracht und allem Glanze Rotten⸗Rows iſt die dort verkehrende Geſellſchaft dennoch eine ziemlich gemiſchte. Das Einzige, was ihr durchgängig gemein⸗ ſam ſein dürfte, iſt— Ueberfluß an Zeit. Dieſer Ueber⸗ fluß vom Koſtbarſten, was es gibt, ſollte man allerdings wohl denken, müßte etwaige andere Unterſchiede reich⸗ lich ausgleichen. Dem iſt aber doch nicht ſo. Der Cröſus und der Bettler können ſich in dem Gefühle dieſes Ueberfluſſes recht wohl begegnen, ohne ſich darum näher zu rücken. Das Müßiggehen unterſcheidet ſich eben in den mannichfachſten Schattirungen. Wenn nun einerſeits die Erfahrung lehrt, daß derjenige, wel⸗ cher der Mußeſtunde ganz entbehren muß, allmälig den freien Aufblick verlernt und endlich ſelbſt den nenſhlih inbüßt, haft fet vir auch Wirkung geſichtern zuweiſen, ſolchen„ weil ſie zu verrich Menge? ſetzten 6 viel nod richten un beiſpiel j ſid ſpielen i mit ſo v in ihrer Kategori daß ſich jenige a dieſer V Gegenth gang iſ Kows mnlich mein⸗ leber⸗ eings reich⸗ Der fühle rrum ſich enn wel⸗ älig den 61 menſchlichen Ausdruck in Haltung, Blick und Miene einbüßt, ſo ſteht auf der andern Seite wohl unzweifel⸗ haft feſt, daß, je öfter und je länger wir müßiggehen, wir auch deſto mehr der reinigenden und erhebenden Wirkung der echten Mußeſtunde verloren gehen. Von Geſichtern der erſtern Art hat Rotten⸗Row nichts auf⸗ zuweiſen, wohl aber von denen der letztern. Neben ſolchen Perſonen, welche nur deßhalb viel Zeit haben, weil ſie die Kunſt erlernten, in wenigen Stunden viel zu verrichten, gibt es in Rotten⸗Row immer eine große Menge Anderer, welche aus dem gerade entgegenge⸗ ſetzten Grunde viel Zeit haben. Sie wiſſen weder in viel noch in wenig Stunden etwas Rechtes zu ver⸗ richten und folgen daher inſtinctmäßig dem Erholungs⸗ beiſpiel jener, ohne allerdings, da ſie eben Müßiggänger ſind, ſich irgendwie zu erholen. Dieſe Unterſchiede ſpielen in Rotten⸗Row ſo fein durch einander, werden mit ſo viel Geſchick maskirt, daß es Mühe koſtet, ſich in ihrer Anwendung auf die einzelnen Vertreter dieſer Kategorieen nicht zu täuſchen. In der That iſt es klar, daß ſich der Müßiggänger aus Gewohnheit und der⸗ jenige aus Erholungsbedürfniß nirgends ſchwerer nach dieſer Verſchiedenheit erkennen laſſen als dort, wo das Gegentheil von Arbeit noch nicht nothwendig Müßig⸗ gang iſt. In der Fabeik, in der Kohlengrube, auf dem — 62 ECgrercierplatze ſpringt der Abſtand zwiſchen dem Flei⸗ ßigen und dem Trägen gar raſch in die Augen, und das iſt eine jener ſegensreichen Seiten der Arbeit, die nicht oft genug beachtet werden. Die Arbeit vermag in der That diejenigen, die ihr obliegen, vor der Be⸗ rührung mit Zeitvergeudern vollkommen zu behüten. Hinwieder iſt es der Fluch aller jener Beſchäftigungen, die keine eigentliche Arbeit ſind, daß ſie die Erholungs⸗ berechtigten mit denen vermiſchen, welche aus dem Nichts⸗ thun ihren Lebensberuf gemacht haben. Dieſer Fluch iſt ein verhängnißvoller, denn, ſind die Tagdiebe an ſich ſchon eine bedenkliche Gattung, ſo verſammeln ſie zumeiſt auch noch einen Schwarm von Scheintagedieben um ſich, Leute, die geradezu als Auswurf der Geſell⸗ ſchaft gelten dürfen und dennoch unter dem allgemeinen Firniß behäbiger Unabhängigkeit ihre wirklichen Züge zu verbergen wiſſen. Wenn jene aus Geldüberfluß, verbunden mit Arbeitsſcheu und geiſtiger Verwahrloſung, dem Nichtsthun fröhnen, ſo ſpielen dieſe die Genoſſen⸗ ſchaftsrolle, um Vortheil daraus zu ziehen. Sie ſind die Gelegenheitsmacher des Laſters. Aus dieſem Grunde iſt es keine ungefährliche Sache, in Rotten⸗Row Aufſehen zu erregen. Je mehr eine Perſon, welcher dieß Unglück begegnet, an Geld oder an gutem Namen oder an Schönheit zu verlieren hat, diio ſche die Specu Wie b lungen vo Es hat B Ständen, r crutiren Rotten⸗R xreiben! gnügen 0 bei den Caſino, Cremone verletzen laſſenes dem all Laute ſir gangs b Scho auch in Wetten Gegenſte mindet Wells cade, u Nei⸗ „ und t, die ermag er Be⸗ hüten. ungen, lungs⸗ lichts⸗ Fluch de an en ſie dieben Geſell neinen Züge erfluß, ſſung, noſſen⸗ e ſind 63 deſto ſicherer wird ſie das erleſene Wild werden, dem die Speculation nachſtellt. Wie bekannt, wiſſen die engliſchen Gerichtsverhand⸗ lungen von dieſem Treiben gar Mancherlei zu erzählen. Es hat Bundesgenoſſen und Spießgeſellen in faſt allen Ständen, in faſt allen Altersklaſſen, und ſeine Reihen recrutiren ſich aus beiden Geſchlechtern. Natürlich iſt Rotten⸗Row nur ein kleiner Theil des von dieſem Treiben heimgeſuchten Gebiets. Wo immer das Ver⸗ gnügen oder die Erholung Menſchen zuſammenführt— bei den Wettrennen, in den Theaterlogen, in Holborn Caſino, in Piccadilly Saloon, in den Vauxrhall⸗ und Cremone⸗Gardens— allüberall, wo der Arbeitslärm verletzen und verſtimmen würde, während ein ausge⸗ laſſenes Lachen oder ein paffender Champagnerſtöpſel dem allgemeinen Beluſtigungsbedürfniſſe willkommene Laute ſind, da findet man die Ausnützer des Müßig⸗ gangs beim Werke. Schon am Abende dieſes ſelben Tags wurden denn auch in einem eleganten Reitklub unweit Apsley Houſe Wetten der leichtfertigſten Art gemacht, Wetten, deren Gegenſtand Niemand Anderer als Jadwiga war. Nicht minder unterhielt man ſich in zwei Logen des Sadler's Well's Theater ſtundenlang von der polniſchen Caval⸗ cade, und während auf der Bühne Mr. Phelps als 64 Gsq, de * lüuinpsgat König Lear in den letzten Zügen lag und Cordelia ſich erhenkte, belachten in einer Proſceniumsloge zwei ſehr hübſche Damen die Leichtgläubigkeit eines alten Herrn, üm welcher die drei Reiterinnen für echte Polinnen und Meitled ihren Aufzug für etwas durchaus Ehrbares gehalten Fn haben wollte. Bei Lady Gordon's Abendpartie glaubtre„ dr griſt ein kleiner Geſandtſchaftsattache, welchen Lady Gordeon Voche l. m mor als Vierten an ihrem Whiſttiſche protegirte, verſichern hhungen zu dürfen, er habe in einer der drei Damen eine ehe⸗ gen d malige Coupletſängerin des Pariſer Café Alcazar pehen. wieder erkannt, was dann Lady Cowper zu der Be⸗ merkung veranlaßte, ſie habe gleich auf der Stelle etwas Aehnliches vermuthet; aber London werde von Tag zu Tag kleinſtädtiſcher, es wiſſe kaum noch an⸗ ſtändige Leute und Kunſtreiter zu unterſcheiden. Daß ſich's in der That einfach um die Vorführung einer neuen Kunſtreiterbande handle, wurde auch in andern Kreiſen geltend gemacht. Ein ehemaliger Fuchsjäger, den das Zipperlein mit dem Sattel verfeindet hatte und der ſeitdem die ganze Welt in eine Reiterbude verwandelt wünſchte, trank im Cigar Divan bis zum Morgen auf die Geſundheit des vielverſprechenden Klee⸗ blattes, vermuthlich nicht gerade zum Vortheil ſeiner eigenen Leibesbeſchaffenheit. Die Miſſes Clark und Hutchinſon endlich, Töchter und Nichten Jonathan Clarks, n 65 Esq., des großen Beerdigungsunternehmers von Bil⸗ lingsgate, ſetzten bei ihrem Vater die Erlaubniß durch, am morgenden Tage Rotten⸗Row in himmelblauen Reitkleidern beſuchen zu dürfen. 3 In ähnlicher Weiſe ging es beim zweiten Ausritt der gräflichen Familie und ging es endlich eine ganze Woche lang: Nachahmungen an allen Enden, Vermu⸗ thungen in den mannichfachſten Richtungen. Was hin⸗ gegen die Staroſtin betraf, ſo war ſie nirgends zu er⸗ ſpähen. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. Sechstes Kapitel. Boleslaw Oſinski. Graf Bielski war nie im Leben auf ſeinen Vortheil bedacht geweſen. Es begreift ſich daher, daß ihm alles Geſchick in ſolchen Angelegenheiten abging. Gewöhnt, ſich als Herr zu fühlen— denn ſeine verſtorbene Gattin hatte ihn ohne irgend ſichtbare Zügel regiert— waren ſeine Verfügungen unwiderrufliche Geſetze; aber weder ſtark im Vorbedenken, noch im raſchhaltigen Achtgeben, ließ er die Dinge, welche ihn eben noch ausſchließlich beſchäftigt hatten, ſchon im nächſten Augenblick wieder unbekümmert ihren eigenen Weg gehen. Er wollte daher von irgend einer Erkundigung nach der Seite der Staroſtin nichts wiſſen.„Wenn man ſie auch nicht geſehen hat“, ſagte er,„ſo kann ſie ja dennoch recht wohl irgendwo in der Nähe ge⸗ irer Jeſ weſen ſen legen, wa vner Bi überſtedel nächlih Fethältni Anknüpfu Joſep reits gem neue Zu Einſt reichich der Stau ein gut vorüberg immer! Menſchen unter ge ſeinem! Zufalle kanntſcha und wief die Jah Tages⸗ ortheil malles wöhnt, Jattin waren weder digung Wenn kann ihe ge⸗ 67 weſen ſein. Mag ſie ſich denn Zeit laſſen, zu über⸗ legen, was ihr jetzt obliegt. Sollte ſie etwa nach Lon⸗ doner Brauch im Auguſt nach Bath oder Brighton überſiedeln, ſo können wir ihr ja immer noch ge⸗ mächlich folgen, und dort, unter vielleicht günſtigern Verhältniſſen, jedenfalls nicht mehr unter den Paliſaden ihrer Feſtung auf Grosvenor Square, von neuem eine Anknüpfung verſuchen.“ Joſepha fühlte die Größe des von dem Grafen be⸗ reits gemachten Zugeſtändniſſes und glaubte ihm nicht neue Zumuthungen ſtellen zu dürfen. Einſtweilen machten ihm übrigens andere Dinge reichlich ſo viel zu ſchaffen, wie das verſteckte Schmollen der Staroſtin. Seine frühern Reiſen hatten ihm wohl ein gut Theil großſtädtiſchen Lebens an den Augen vorübergehen laſſen, aber da die Mutter ſeiner Kinder immer mit dieſen daheim geblieben war, ſo traten ihm Menſchen und Verhältniſſe auf dieſer Familienreiſe unter ganz neuen Geſichtspunkten entgegen. Noch bei ſeinem letzten Aufenthalte in London hatte er ſich dem Zufalle des Reiſelebens ſorglos genug überlaſſen; Be⸗ kanntſchaften waren in oberflächlicher Weiſe geknüpft und wieder gelöſt worden; er hatte mitgemacht, was die Jahreszeit und die Mode eben als die nächſtliegende Tages⸗ und Stundenbeſchäftigung für den flüchtig ver⸗ 5* 68 weilenden Fremden empfahlen, und als das Zuſammen⸗ ſchmelzen ſeiner Barſchaft ihn wieder gegen Mikolajew auf den Heimweg gebracht hatte, war im Grunde ſo wenig Belangreiches als Reiſeausbeute heimgebracht worden, daß er mit derſelben Bemerkuns über eine Neupflaſterung ſeines Stalles wieder ins Haus treten konnte, mit welcher er ſich einen Monat früher von den Seinen verabſchiedet gehabt hatte. Das ſchien dießmal Alles anders werden zu wollen. Wenn ſchon Joſepha mit feinem Verſtändniſſe für das Ziemliche und das dem Augenblick Entſprechende die krauſen Vergnügungsvorſchläge des Grafen bald in dieſer, bald in jener Weiſe zu einer Art Lehrplan für die Beſichtigung der ganzen großen Stadt umzumodeln wußte, ſo bot die Aufrechthaltung des richtigen De⸗ corums, wie er ſelbſt recht wohl bemerkte, dennoch Schwierigkeiten, die bei jedem Anlaß von neuem auf⸗ tauchten, um gleich darauf wieder in veränderter Form ſich als ein Gegenſtand unbequemſter Art einzu⸗ ſchmuggeln.„Wir ſind zu zahlreich“, ſagte der Graf, „ich habe mein Lebtag nicht gewußt, daß wir ſo Viele ſind. Das zieht ſich wie eine Schleppe hinter einem drein. Ueberall macht man Aufſehen.“ Joſepha erbot ſich, mit einigen der Kinder zu Hauſe zu bleiben. wendung Grenzen Reiſe ge daheimbl wöglich Kleidern ihn zun Aauariu Graf, lan für Umodeln en D Do⸗ De⸗ dennoch m auf⸗ nderter einzu⸗ r Graf, Viele einem 69 „So iſt es nicht gemeint“, lehnte der Graf ab; „wenn nur wenigſtens Fliegner zur Hand wäre!“ Freilich wäre Fliegner gar gern zur Hand geweſen. Als deutſcher Hauslehrer ſchon gebrechlich und betagt in das Bielski'ſche Haus gekommen, war ſeit Langem ſein heißeſter Wunſch geweſen, durch irgend eine Glücks⸗ wendung ſich einmal wieder jenſeits der polniſchen Grenzen verſetzt zu ſehen. Aber als ſich Alles zur Reiſe gerüſtet hatte, fand ſich's dennoch, daß er beſſer daheimbleibe. Sein hohes Alter, mehr noch ſeine un⸗ mögliche Erſcheinung— er blieb ſelbſt in den beſten Kleidern ein Bild gedrückter Dürftigkeit— verurtheilten ihn zum Hüter eines gleichfalls daheim verbliebenen Aquariums.„Er wird jetzt Fliegen fangen“, ſagte der Graf,„und vielleicht beſtimmte ihn ſein Name von Haus aus für dieſe friedliche Hantirung. Aber wenn er unſere beiden Rangen hütete, würde er mir in die⸗ ſem Augenblick einen weit größeren Gefallen erweiſen.“ „Lalaika behauptete, es fehle im Wagen an Platz,“ verſetzte Joſepha. „Weil ſie umfangreicher iſt, als eine Köchin zu ſein braucht. Uebrigens war das eine bloße Ausrede. Fliegner hätten wir in jedem Schirmfutteral unter⸗ gebracht.“ Einſtweilen blieb es dabei, daß er eben nicht zur Hand ſei, während ſich die beiden kleinen Grafen 1 2 70 als täglich läſtiger werdende Anhängſel erwieſen. Denn, an große Ungebundenheit gewöhnt, wollten ſie, während Kirchen, Schlöſſer und Muſeen beſichtigt wurden, weder im Hotel zurückbleiben, noch, wenn man ſie mitgenom⸗ men hatte, Ordre pariren. Wie manche Ausgelaſſenheit aber durch Theophila unſchädlich gemacht wurde und wie ſehr ſich Marynia im ruhig überredenden Tone ihrer verſtorbenen Mutter mit der Beſchwichtigung der Brü⸗ der abmühte, Jadwiga brauchte ihrer natürlichen Laune nur einmal den Zügel ſchießen zu laſſen und gleich gab es ein Trio, deſſen fremdartiges Geplapper und Gebahren jeder Schicklichkeitsregel ſpottete. „Wir bringen das Mädchen nicht eher zu einer Art von Haltung“, ſagte Graf Bielski zu Joſepha,„als bis die Knaben wieder unter Aufſicht geſtellt werden. So⸗ bald ſie heute Morgen bei unſerer Beſichtigung der Rüſtung Maria Stuart's—“ „Eliſabeth's“, berichtigte Joſepha im ſchonenden Tone. „Sobald ſie, wollt' ich ſagen, auf das Kapitel zu ſprechen kamen, wie die bewußte Rüſtung angelegt werden müſſe, haben Adam und Jana hinter unſerem Rücken den Verſuch gemacht, Jadwiga in eines der auf dem Boden liegenden Rüſtſtücke hineinzuzwängen, und wenn ich nicht darüber hinzugekommen wäre, hätte Joſephe geberin I welche beginge ſam un Allem mal ei wigas Joſept Derart Vater ſein m bleibt N ngen, hätte 71 ſie vor all den fremden Leuten den unpaſſenden Einfall wohl gar ſelbſt mit ausführen helfen.“ 3 „Ich werde Theophila's Meinung einholen“, verſetzte Joſepha, die ſich ungern dem Grafen als einzige Rath⸗ geberin gegenüber befand. In der That hatte gerade Theophila für alle Verſtöße, welche ſowohl Jadwiga wie ihre Brüder unabläſſiig begingen, das empfindlichſte Organ gezeigt. Wie ſchweig⸗ ſam und zurückhaltend auch ihr ganzes Benehmen vor Allem gegen Joſepha war, ihre Reprimanden hatten alle⸗ mal einen ſehr deutlichen Ton angeſchlagen, und Jad⸗ wiga's Thränen waren mehr als einmal gefloſſen. Auf Joſepha's diesfälliges Befragen wollte ſie übrigens nichts Derartiges gelten laſſen. Sie fand Alles, da es der Vater ja einmal angeordnet habe, gerade ſo wie es ſein müſſe.„Wenn ein König vorüberfährt“, ſagte ſie, „bleibt doch auch Jedermann ſtehen und gafft. Dafür nehmen wir eben eine Sonderſtellung ein.“ Joſepha zog ſich zurück, ohne recht zu verſtehen, wie ſie zwi⸗ ſchen dieſen Widerſprüchen ihren Weg finden werde. „Sie gibt mir täglich neue Charaden auf“, ſagte ſie unmuthig. Dennoch erklärte ſich bei Theophila Alles durch die unbegränzte Verehrung, welche ſie ihrem Vater wid⸗ mete. Gewohnt, die Anordnungen deſſelben als un⸗ 72 tadelhaft anzuſehen, hatte ſie die zweite Mutter ſchwei⸗ gend hingenommen, aber für ihm ebenbürtig galt ihr Joſepha nicht. Selbſt Joſepha's Schlichtheit wollte ihr nicht gefallen. Schon an der eigenen Mutter hatten verwandte Eigenthümlichkeiten ihr nicht wohlgethan. „Wenn der Vater nicht ſchon als Cavalier auf die Welt gekommen wäre“, ſo war ſie einmal gegen die anſpruchs⸗ loſe Marynia mit ihrer Meinung herausgegangen,„wohin hätten wir gelangen wollen!“ Während der ganzen Reiſe hatte ſie mit ſtolzer Befriedigung die Auszeich⸗ nungen beobachtet, welche ſeine ſtattliche Erſcheinung überall hervorrief. So geziemte es Edelleuten von hoher Geburt. So mußte Graf Bielski auftreten, wollte er nicht in Vergeſſenheit gerathen laſſen, daß in den Adern der Bielski's noch immer Maſſalski'ſches Blut fließe. Auch die polniſche Tracht hatte Theophila wie etwas Selbſtverſtändliches angelegt, zumal ihr die Veranlaſſung dieſes Koſtümwechſels unbekannt geblieben war. Alle Ahnenbilder im Schloſſe von Mikolajew hegten und pflegten ja noch das ehrwürdige Andenken dieſer Tracht. Es war Rückſicht gegen die verſtorbene Mutter geweſen, daß der Vater ſich daheim der modernen Anzugsart bequemt hatte. Hier brauchte er ſeine Nationalität nicht zu verbergen. Freilich gehörte zu einer ſo gün⸗ ſtigen Wirkung der edelmänniſche Anſtand ihres Vaters. du nin fſlegte ſtütet angelegt merken? ſchäme n Als Fliegner Gräfin man den ihn für führte man be land ei ſolchen einen j kein p Vertra und w der ſei Londol ſaff noch Reine. erſten 73 „Du nimmſt den Leuten ja den Reſpect vor uns!“ pflegte ſie Jadwiga zu ſchelten;„iſt's nicht gerade, als hätteſt Du zum erſten Male im Leben ſchöne Kleider angelegt und wollteſt nun, die ganze Welt ſolle es be⸗ merken? Sieh doch, wie ſich der Vater trägt! Ich ſchäme mich in Deiner Seele!“ Als der Graf am nächſten Tage abermals auf Fliegner's Unentbehrlichkeit zurückkam, erinnerte ihn die Gräfin an die Staroſtin und die Unmöglichkeit, wenn man den alten Herrn ſelbſt herüberkommen laſſen wolle, ihn für einen Polen auszugeben. Dieſe Bemerkung führte ſofort auf das einzig richtige Auskunftsmittel: man beſchloß für die Dauer des Aufenthalts in Eng⸗ land einen polniſchen Lehrer zu engagiren. Um einen ſolchen zu ermitteln, war man nun aber genöthigt, einen jener polniſchen Juden, denen auch in London kein polniſcher Edelmann auf die Länge entgeht, ins Vertrauen zu ziehen. Aaron Süß, ein ſpindeldürrer und windelweicher Recrutirungsdeſerteur aus Brody, der ſeit Jahren ſeine heimiſche Factorenthätigkeit nach London verpflanzt hatte, wurde demnach mit der Herbei⸗ ſchaffung eines paſſenden Individuums beauftragt, und noch am ſelben Tage brachte er das Geſchäftchen ins Reine. Er ſelbſt zählte ſich begreiflicherweiſe von dieſer erſten Beſorgung an zu den Trabanten des gräflichen — 74 Geſtirnes und verlegte ſeinen Börſenſtand nach der Mivart'ſchen Hoteltreppe. Beide Zuwachſe ſollten von weſentlicherem Einfluſſe auf die Schickſale dieſer Familie werden, als ſelbſt die vorſorgliche Joſepha es ahnen mochte. Einſtweilen fühlte ſich der Graf aber um eine, wie er meinte, höchſt läſtige Sorge leichter. Der neue Haus⸗ lehrer Boleslaw Oſinski, etwa achtundzwanzig bis neun⸗ undzwanzig Jahre alt, von ſchweigſam⸗ernſter, aber un⸗ gewöhnlich einnehmender Haltung, war ein politiſcher Flüchtling aus der Zeit der Plocker Verfolgungen. Er hatte Polen als zehnjähriger Knabe an der Hand ſeines Vaters verlaſſen, und ſeine ganze Erinnerung an die Heimath beſchränkte ſich auf das in der Seele des Kna⸗ ben mit fortgetragene Bild eines in Flammen auf⸗ gehenden Schloſſes, unter deſſen ſtürzendem Giebel wenige Augenblicke früher zwei blühende Schweſtern und eine innig geliebte Mutter ihr Grab gefunden hatten. Ihm ſelbſt war von einem Koſaken der rechte Arpt verſtümmelt worden. Notgeund Lebensdrangſal hatten ſeitdem die Linke zur Rechten gemacht. Mit ihrer Hülfe war er nach ſeines Vaters baldigem Er⸗ liegen nahezu zwanzig lange Flüchtlingsjahre im Kampfe mit den Verſuchungen einer Lebenslage Sieger geblieben, welche zum Anſprechen fremder Hülfe nur zu ſehr be⸗ . — nchtigie Verwaiſt wordent Staroſt aller Art vorgezog die in Kinder auch nn Fehler aller K hatte Berath an den ſelber Un neuen eines; nichts gens leslau bei de Gw hatte wahr 75 W der 1 rechtigte. Trotz der Verſorgungsanerbietungen, die dem Verwaiſten von wohlhabenden Landsleuten gemacht nuſſ worden waren— unter dieſen in erſter Reihe die tde Staroſtin ſelbſt— hatte er Hunger und Entbehrungen 1 aller Art dem drückenden Gefühle des Almoſenempfangens ie vorgezogen. Selbſt heimathlos, war er dahin gelangt, Daus⸗„ die in Polen auf ſo verächtlich tiefer Stufe ſtehenden neunu. Kinder Israels als ſeinem Looſe verwandt und eben er m⸗ 3 auch nur als Unglückliche zu betrachten, welche die ſUiſher Fehler längſtvergangener Geſchlechter abbüßten. Trotz 4 Er aller Käuflichkeit, Gewinnſucht und Schacherluſt Aaron's eines hatte derſelbe den Polen wiederholt als Freund und 9 die— Berather kennen gelernt, und dieſer ſchätzte Eigenſchaften 5 3 Kna an dem ſchmuzigen kleinen Handelsmanne, welche Aaron tauf⸗ ſelber ohne Zweifel ſchwerlich in ſich ahnte. 4 Giebl Und ſo fügte Boleslaw ſich denn auch jetzt in ſeine deſten neuen Pflichten mit dem ganzen geſammelten Ernſte unden eines Mannes, der Alles ſeiner eigenen Tüchtigkeit und rechte nichts dem bloßen Wohlwollen verdanken will. Uebri⸗ angſl gens fand der Graf erſt am dritten Tage nach Bo⸗ Nit leslaw's Dienſtantritt ein flüchtiges Präſentiren deſſelben n Er⸗ bei der Pani Joſepha und den Comteſſen für nöthig. ampfe Es war eine Ceremonie von zwei Minuten, und Boleslaw lieben, hatte ſchwerlich Zeit, Anderes als die Farbe der Kleider r be⸗ wahrzunehmen. Nur Theophila's ſtolze Erſcheinung er⸗ 3 76 regte ſeine Aufmerkſamkeit in höherem Grade, da ſie, bei ſeiner Vorſtellung nicht gleich zugegen, ihm erſt in der Thüre begegnete, und der Graf alſo für ſie allein noch einmal die Vorſtellungsformel wiederholen mußte. „Brr!“ ſchüttelte ſich Jadwiga, als der neue Hauslehrer eben wieder draußen war,„der gleicht ja aufs Haar dem Lämmergeier mit der lahmen Kralle in Regent's Park.“ „Der mit der lahmen Kralle war ein Königsadler“, verbeſſerte Theophila mit einem tadelnden Kopfſchütteln. „Ich ſchätze ihn auf etliche fünfundzwanzig bis dreißig Jahre“, warf Marynia dazwiſchen, denn ſie brauchte für ihr Tagebuch nothwendig das Alter jeder neuverzeichneten Perſönlichkeit. „Bloß auf dreißig Jahre?“ meinte Jadwiga, wel⸗ cher jenſeits des zweiten Jahrzehnts Alles uralt vorkam; „ich hätte ihn mit den Mooskarpfen in Richmond aufs gleiche Alter taxirt.“ „Du würdeſt gut thun, Dich einmal im Spiegel zu ſehen“, ſchloß Theophila, deren halbes Tagewerk aus ſol⸗ chen Toilettenreprimanden beſtand. Jadwiga ſtrich die Locken aus dem Geſicht und lief lachend davon. Aber Marynia brauchte für ihr Tagebuch noch eine Aehn⸗ lichkeit.„Findeſt Du nicht“, fragte ſie,„daß er an Poniatowski erinnert?“—„Vielleicht im Anſtande“, verſetzte Theophila obenhin,„——— und jetzt, dächt' ih hät verdroß Notiz g Del noch ſe Leute wurden welche denn a reichen ſcheid Joſepl Joſepl gegeſſe polniſ das Wir lung orkam; aufs gel zu s ſol⸗ nicht öfter läſtig fällt“, gab der Graf zur Antwort; 77 ich, hätten wir gerade genug von dieſem Thema.“ Es verdroß ſie ſchon von dem Nachfolger Fliegner's ſo viel Notiz genommen zu haben. Dden Grafen intereſſirte weder Boleslaw's Aeußeres noch ſein Anſtand. Er hatte die Gewohnheit, nur Leute ſeines Standes wirklich anzuſehen. Alle Andern wurden höchſtens ſo nebenher geſtreift. Dieſe Unart, welche verletzte, wahrſcheinlich ohne alle Abſicht, mochte denn auch die Urſache ſein, daß er gegen den Schluß einer nachträglichen kurzen Beſprechung mit dem neuen Haushofmeiſter ſich von demſelben eine Antwort zuzog, aus der er durchaus nichts zu machen wußte.„Sind Sie Adeliger?“ hatte er im letzten Augenblick gefragt, vielleicht weil ihm die Haltung Boleslaw's nicht hin⸗ reichend demüthig erſchienen war. Und der kurze Be⸗ ſcheid hatte gelautet:„Herr Graf, ich bin Pole!“— Joſepha, deren Vater ja ebenfalls das Flüchtlingsbrod gegeſſen hatte, und nach deren Auffaſſung die ganze polniſche Nation durch das Unglück geadelt war, ſchien das ſtolze Wort um ſo beſſer verſtanden zu haben. „Wir werden gut thun“, ſagte ſie,„ihm ſeine Stel⸗ lung durch Schonung ſeiner Abſonderlichkeiten zu er⸗ leichtern.“ „Wenn anders er uns mit dieſen Abſonderlichkeiten 78 „ein zweites Mal laſſe ich ihm eine ſo reſpectwidrige Abgeſchmacktheit nicht hingehen.“ Aber nicht nur die Beſeitigung der Knaben, auch die geſchäftige Befliſſenheit jenes jüdiſchen Factors, wie unſauber derſelbe ſein mochte, heiterte die Laune des Grafen wieder bis zu ihrer gewöhnlichen ſorgloſen Gelaſſenheit auf. Er hatte ein dunkles Gefühl gehabt, daß in Betreff der Staroſtin etwas geſchehen müſſe, und ein nicht minder dunkles Gefühl, daß er ſelber nicht der Mann ſei, um dieſe Angelegenheit irgend aus der Stelle zu bringen. Hier gab es nun keinen geeig⸗ netern Erſatz für Alles, was ihm ſelbſt fehlte, als die geſchmeidige Beweglichkeit eines jüdiſchen Vermittlers. Auch hatte Aaron Süß ſchon bei ſeinem dritten Ge⸗ ſpräch mit dem Grafen das ganze Geheimniß ſeines neuen Patrons erlauſcht. Dennoch war dieß dritte Geſpräch, ganz wie die beiden erſten, ſeitens des Grafen kaum etwas Anderes geweſen als ein paar kurz hin⸗ geworfene Fragen. Natürlich war Aaron wie eine Klette an dieſen hängen geblieben; der Graf hatte dann die Zudringlichkeit des Factors für unleidlich er⸗ klärt, der alte Rusniake den Läſtigen aus dem Zimmer gemaßregelt, einer der zähnefletſchenden Huzzulen ihn weiter treppab befördert und der Portier ihm ſchließlich den ſilberbeſchlagenen Hotel⸗Bambus Mr. Mivart's zu koſten ge redet, abe daß er 4 wunderte zu Schad und dem gri ein Hin wenn ih Tagewer einer M würden. Bolesla Kundſch begegne einſprac große 8 oft im Grafen Comteſ ich hät Sie ein zu verz könnte Fingen ſpjnee eines dritte rafen — hin⸗ eine 79 koſten gegeben, Alles wie ſelbſtverſtändlich und verab⸗ redet, aber auch ohne andere Wirkung auf Aaron, als daß er im Treppabrutſchen die trefflichen Teppiche be⸗ wunderte, auf welchen,„wolle es Gott, ſo leicht Keiner zu Schaden kommen könne.“ Und ſo begann denn zwiſchen Mivart’s Hotel und dem grünen Manſardenhauſe in Grosvenor Square ein Hin und Her von verſtohlenen Spionirgängen, die, wenn ihre Spuren ſo ſichtbar geweſen wären wie das Tagewerk einer fleißigen Spinne, beide Orte bald mit einer Menge von Fäden an einander geknüpft haben würden.„Sie könnten ſparen mir manchen Schritt, Boleslaw Oſinski“, ſagte der Jude wohl nach ſolchen Kundſchaftermühen, wenn er ſeinem Empfohlenen einmal! begegnete oder dieſer in einer freien Stunde bei ihm einſprach;„hält die Staroſtin doch auf Sie noch immer große Stücke und fragt nach Ihnen, ich weiß nicht wie oft im Jahr! Sie könnten machen glücklich den Herrn Grafen und die Frau Gräfin ſammt den Fräulein Comteſſen und mich dazu! Gott der Lebendige, wenn ich hätte im Brete einen Stein, Boleslaw Oſinski, wie Sie einen haben bei der alten Million! Sie brauchen zu verziehen nur die Unterlippen, und der Herr Graf könnte wickeln die alte Million um ſeinen kleinen Finger.“ 80 Aber jede ſolche Zumuthung fand ſeitens Boleslaw's die wortkargſte Zurückweiſung; nicht ſelten verbat er ſich ſogar die bloße Erwähnung ſolcher Möglichkeiten. Und allerdings mochte das wunderbare Anſehen, in welchem Boleslaw bei vielen ſeiner begüterten Lands⸗. leute ſtand, vornehmlich auf der Allen bekannten Un⸗ beſtechlichkeit ſeines Charakters beruhen. „Sie werden aufziehen noch ganz andere Saiten“, vertröſtete ſich übrigens Aaron nach ſolchen Abfertigungen; „Gott der Gerechte hat die Comteſſe Theophila eine Ma⸗ jeſtät! Die Königin von Saba kann nicht geweſen ſein ſtolzer.“. Es dauerte indeſſen nicht lange, ſo wußte der Graf auch ohne Boleslaw's Betheiligung— denn natürlich verſchwieg Aaron, daß ſein Empfohlener einen viel ein⸗ flußreichern Vermittler als er ſelbſt abgeben würde— von dem Hausweſen der Staroſtin mehr Einzelheiten, als ihr ſelber vielleicht bekannt ſein mochten. Die ganze Vergangenheit ihres Majordomus wurde ausgekundſchaftet— Marcin Laski hieß er und trug ein ruſſiſches Brandmark auf beiden Achſeln—, der Einfluß, den er auf ſeine greiſe Herrin ausübte, wurde durch die wunderlichſten Anekdoten feſtgeſtellt— ihn im Tarokſpiel rein auszuſäckeln, war zum Beiſpiel täg⸗ lich ein Hauptvergnügen der Alten, und ſie ließ ihn Falunpl ſeiner 3 welchen wina zul grüeiſon rechnung Graf ſei lebendige vom Hal Staroſtin aufgettie daß Elz Hauptqh dieſes v die Sta leidet ſe —· — — 81 zerlumpt einhergehen, um ihn für die Nichtbezahlung ſeiner Spielſchulden zu ſtrafen; die Daten endlich, an welchen die Staroſtin ihre Pachtgelder aus der Buko⸗ wina zu beziehen pflegte, vermochte Aaron mit einer Präciſion nachzuweiſen, als handle ſich's um die Be⸗ rechnung einer Kometenbahn; immer wieder mußte der Graf ſeinen alten Rusniaken herbeirufen, um ſich das lebendige Nachſchlagebuch wenigſtens von Zeit zu Zeit vom Halſe zu ſchaffen. Nur über das Unwohlſein der Staroſtin hatte Aaron Süß keine zutreffende Ermittlung aufgetrieben. Das erklärte ſich aber einfach dadurch, daß Elzbieta, das redſelige Weib des Ofenheizers, die Hauptquelle war, aus welcher Aaron ſchöpfte, und daß dieſes vergnügliche Paar ſich gegenſeitig eingeredet hatte, die Staroſtin ſei geſünder als je und wolle nur bemit⸗ leidet ſein. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 6 Siebentes Kapitel. Die Primadonna. Inzwiſchen hatten auch die Müßiggänger von Rotten⸗Row trotz der neuen Erſcheinungen, welche die Weltſtadt täglich an die Oberfläche treibt, die polniſche Cavalcade nicht gänzlich aus den Augen verloren. Der Graf wurde ſogar zum Gegenſtande der Spekulation, und zwar ſeitens einer frühern Primadonna des Scala⸗ Theaters in Mailand, welche, ſeit die Tonleitern ihr unbequem geworden waren, allerhand andere Leitern zu Reichthum, Stellung und Einfluß ausfindig gemacht hatte. Nicht daß Signora Panvini ihr Herz an ihn 7 verloren hätte; über dergleichen Jugendthorheiten war ſie hinaus, obſchon ihre ſchönen ſchwarzen Augen noch immer von ſolchen Fährlichkeiten redeten. Ihr groß⸗ müthiger Beſchützer aber, der alte Viscount Cockspur, hrmuchte v neinte, um ſiher zun eignorg il ds ken⸗ ſeiter des liebt. Der a das in ſol um Nath, London ſch ſo mußte Wochen! findungen „Was eines Tag an der S raſcheſten zum ſicht un plöt Bielski z ſehen“, ſa heiten der Wege ge überdrüſſ 83 brauchte von Zeit zu Zeit, wie Signora Panvini meinte, um der Erfolge ſeiner Bewerbungen nicht allzu ſicher zu werden, eines Rivalen, und ſo trillerte die Signora ihm denn eines Tages ohne alle Umſchweife das Bekenntniß vor, ſie habe ſich in den ſtattlichen Reiter des ſchönen Arabers per vita e morte ver liebt. Der alte Viscount war außer ſich. Er fragte, wie das in ſolchen Fällen ſeine Gewohnheit war, alle Welt um Rath, und da ſeine Narrheiten das faſhionable 1 London ſchon häufig auf ähnliche Weiſe beluſtigt hatten, ſo mußte Graf Bielski, ohne daß er es ahnte, faſt zwei gſer von elche die u Wochen lang als Stichblatt der abenteuerlichſten Er⸗ in Der fiinndungen herhalten. Urtion„Was mag nur im Gange ſein?“ fragte Joſepha Sanlo eines Tages, als die noch immer bildſchöne Lombardin ern ühr an der Seite des lten Viscount die Polenfamille im Liten raſcheſten Galopp eingeholt hatte und, wie ſchon öfter, — zum ſichtlichen Verdruß des jugendlichen alten Herrn⸗ nnun plötzlich nur noch in dem Anblicke des Grafen Zielski zu leben ſchien.—„Das wollen wir gleich ſehen“, ſagte der Graf, der ſchon bei früheren Gelegen⸗ heiten dem ungleichen Paare nur mit Mühe aus dem Wege gekommen und dieſer Aufmerkſamkeiten herzlich überdrüſſig war. Zugleich zog er ſeine Uhr und, ſich 6 ½ an ihn en war en noch groß⸗ ockspur, 84 ſtellend, als habe die Dame ihn nach der Zeit fragen wollen, gab er mit einer kurz abfertigenden Kopfwen⸗ dung den nöthigen Beſcheid.—„Wir danken“, verſetzte der verdutzte, aber raſch gefaßte Viscount;„wenn Sie Ihre Freundlichkeit, Mylord, von Zeit zu Zeitswieder⸗ holen wollen, ſo wird es uns immer die Mühe ſparen, ſelber nach der Uhr zu ſehen.“— Damit folgte er der bereits vorauf gerittenen Dame; wenig beruhigt zwar, da des Grafen Unart füglich nur Maske ſein konnte, aber wenigſtens zufrieden, daß er die etwaigen Lacher vorläufig auf ſeiner Seite haben werde. „Reiten wir nach Hauſe“, bat Joſepha, die ſich bei dem ganzen Vorgange in hohem Grade unbehaglich gefühlt hatte. Aber der Graf hatte in ſeinem Zorne über die ihm gewordene ironiſche Zurechtweiſung ſo unvorſichtig von Sporn und Peitſche Gebrauch gemacht, daß jetzt kein Gedanke an ein beliebiges Regieren ſeines feurigen Thieres war. Während der nächſten fünf Minuten ging Muhamed nur noch auf zwei Beinen und drängte mit ſeinen tollen Chaſſaden, derweil der Schaum weit umherflockte, bald Theophila, bald Jadwiga mit ihren Pferden in den dichteſten Haufen des im weiten Kreiſe zuſchauenden Reiterpublikums hinein. Bei einem dieſer unfreiwilligen Zuſammenſtöße ſuchte ein junger Fant Jadwiga in unziemlicher Weiſe feſtzuhal⸗ ſat. bh Vaffe ant neinet N wiga muf Dutend f auch von rungen hi wotzugten ließen. Bei d das eigen bildet, g vorüber, einem Pe Lückenbüf beſchäftig ſchon ma Tirkhaka Fürſten, den Aus Beendig ſich ſoe tragen fragen dopfwen⸗ verſette denn Si tewieder⸗ eſparen, te er der igt zwar, konnte, he ſich bei behaglich Zorne ſung ſo gemacht, en ſeines ten fünf Beinen weil der Jadwiga des im dein. Bei ichte ein feſtzuhal⸗ 85⁵ ten. Aber ſchon im ſelben Augenblicke hatte ſie ihm einen ſchallenden Peitſchenhieb quer über's Geſicht ver⸗ ſetzt. Erbost wollte der Gezüchtigte mit der nämlichen Waffe antworten. Man fiel ihm indeſſen mit allge⸗ meinen Mißbilligungszurufen in den Arm, und Jad⸗ wiga mußte ſich's gefallen laſſen, nicht nur von einem Dutzend fremder Herren ſich beſchützt zu ſehen, ſondern auch von dieſen noch Entſchuldigungen und Betheue⸗ rungen hinzunehmen, die ſie auf einmal als den be⸗ vorzugten Gegenſtand des allſeitigſten Intereſſes erkennen ließen. Bei dem bunten Wechſel des Durcheinanders, der das eigentliche Weſen dieſes großen Reitertummelplatzes bildet, ging übrigens natürlich auch dieſer Vorfall raſch vorüber, und außer den Nächſtbetheiligten und vielleicht einem Penny-a-liner, welchem das Ereigniß zu einem Lückenbüßer der Abendtimes verwendbar dünken mochte, beſchäftigte ſich Rotten⸗Row wenige Minuten darauf ſchon mit völlig anderen Dingen. Vor Allem mit Tirkhakara, der Witwe eines jener vielen aſiatiſchen Fürſten, welche die Oſtindiſche Handelscompagnie auf den Ausſterbefond ſetzte. Die alte Dame hatte nach Beendigung ihrer Bittaudienz bei der britiſchen Königin ſich ſoeben in einer goldenen Sänfte nach Rotten⸗Row tragen laſſen, und da das Gerücht ſie ſchon vor Mo⸗ 86 3 21 naten als„die gewichtigſte Frau in den Vereinigeen züchgune Königreichen“ bezeichnet hatte, ſo wollte Jeder, wenn gieenſtd nicht ſie ſelbſt, ſo doch die Rieſen ſehen, welche Ihre ſcmerit ¹ entthronte Majeſtät ſpazieren trugen. Auch ein neu- hid Jan ſeeländiſcher Häuptling, der auf einem ganz ikleinen die ümli Pony vorübertrabte und wegen ſeiner unzureichenden zlür Weſi Toilette mit einem Conſtabler in Zwiſtigkeiten gerieth, Einweihu ſowie ein chineſiſcher Mandarin auf reichgeſchirrtem laufiger Maulthiere mit fünf bis ſechs Zopfträgern als berittenem 6 wirter M Gefolge, ſorgten dafür, daß Graf Bielski und ſeine Riſhipn Familie ſich ohne weitere Beläſtigungen der Neugier Im Par zurückziehen konnten.—„Immer“, ſagte der Graf auf Nordame dem Heimwege,„iſt es Jadwiga, der etwas Unwill⸗ voll preo kommenes begegnet.“—„Sie vergeſſen“, verſetzte Jo⸗ Folgen ſepha ohne Schärfe,„daß Ihnen ſelbſt etwas faſt noch der groß Unwillkommeneres zuſtieß.“—„Sie haben Recht, zuerſt ſolchen C eine Impertinenz und dann eine Malice. Bedarf es Nankees der Verſicherung, daß mir die Dame völlig fremd war?“ geitunge — Joſepha blickte ihn von der Seite an.„Wohl kaum!“ eellärten ſagte ſie dann;„ich halte Sie für zu ſtolz, um Je⸗ für unfe manden zu hintergehen.“ tauchen Die nächſten Tage beſtätigten übrigens den Erfah⸗ Goldque rungsſatz, daß auch auf großen Gewäſſern ein ins gende d Waſſer geworfener Stein ſeine Kreiſe um ſich erzeugt. Fragen Was war unter den hunderttauſend handgreiflichen ſphäre reinigten er, wenn c Phre ein neu⸗ leinen eichenden dKrieth ſchirrtem erittenem und ſeine Neugier Graf auf Unwill⸗ eßte Jo⸗ fſt noch t, zuerſt edarf es d war?⸗ lkaum!“ um ge⸗ Erfah⸗ ein inz erzeugt. reiflichen 87 Züchtigungen, die in dem bunten Durcheinander der Rieſenſtadt täglich ihre Adreſſe wechſeln und ver⸗ ſchmerzt oder zurückgegeben werden, der eine Peitſchen⸗ hieb Jadwiga's? Britannias Kanonen donnerten um die nämliche Zeit an allen Enden der Welt, hier zur Beſitzergreifung einer Vogeldüngerinſel, dort zur Einweihung eines Opiumhandelsvertrages oder zu bei⸗ läufiger Verwüſtung einer kleinen Anſiedelung täto⸗ wirter Menſchenkinder, die einem berauſchten engliſchen Midſhipman den gebührlichen Reſpect verſagt hatten. Im Parlamente wurde ein in den Vereinigten Staaten Nordamerika's heraufziehendes Kriegswetter ahnungs⸗ voll prophezeit. Man redete über die undenkbaren Folgen eines ſolchen Ereigniſſes, und ein alter Gegner der großen Republik hoffte, England werde bei einer ſolchen Gelegenheit die endloſen Querelen der Herren Yankees einmal gründlich zu Boden ſchlagen. Die Zeitungen berichteten über Verwicklungen im Pendſchab, erklärten je nach ihrem Standpunkte das Miniſterium für unfähig oder unerſetzbar, meldeten das Wiederauf⸗ tauchen der Cholera, das Verſiegen der auſtraliſchen Goldquellen und ſuchten durch hundert andere aufre⸗ gende Dinge dem Bedarf ihrer Leſer zu genügen. Lauter Fragen von ungeheurer Tragweite ſchienen die Atmo⸗ ſphäre der Weltſtadt in Spannung zu erhalten. Und 88 doch ſollte Jadwiga ſich wegen des einen unbedeutenden Peitſchenhiebes vor Gericht verantworten. Bereits am Vormittage des nächſtfolgenden Tages hatte nämlich ein Mr. Ridley ſich bei dem Grafen Bielski mit dem Bedauern eingeführt, er ſei geſtern in ſeiner Eigenſchaft als Anwalt beauftragt worden, die junge Dame, welche auf Rotten⸗Row den Sohn des Earl of D. thätlich beleidigt habe, gerichtlich zu be⸗ langen. Auf den Einwand, Jadwiga habe nur das Recht der Wiedervergeltung geübt, beſtritt Mr. Ridley, daß ſein Client, der junge Lord Algernon Spencer, ſich irgend eine Unziemlichkeit habe zu Schulden kommen laſſen, und legte, auf des Grafen und Joſepha's nach⸗ drücklichen Widerſpruch, eine von fünf allgemein be⸗ kannten, hochgeſtellten Perſönlichkeiten unterzeichnete Erklärung vor, in welcher dieſelben als zufällige Zeugen des Vorganges ſich zu dem eidlichen Nachweiſe erboten, der Gezüchtigte ſei nicht derjenige geweſen, welcher ſich gegen das Fräulein vergangen habe. Graf Bielski war nicht wenig beſtürzt. Er hatte vollauf mit ſeinem Araber zu thun gehabt und räumte willig ein, daß er nicht im Stande ſei, jener Erklärung irgend etwas entgegenzuſetzen. Joſepha war in einer ähnlichen Lage. Jadwiga wurde gerufen. Sie habe, ſagte ſie, ihren Peitſchenhieb richtig an den Mann ge⸗ OQ—ꝭ—QCQCQꝑQ—Q/OC—ꝑO·—ZBMQLꝑLOCOC—O—O·ů—- Namen könne, proceſſ An lung a ſuch de erwün Frauei Mr. R Unmug bei de M durch Gleich wurde Gleich weiſe Mißp und mit d jetzt ſ die S G ſeph Einn dutenden n Tages Grafen geſtern worden, Sohn des zu be⸗ nur das Rdley, neer ſich kommen ds nach⸗ nein be⸗ zeichnete Zeugen erboten, lcher ſich Er hatte räumte rklärung in einer Sie habe, Nann ge⸗ „ 5 91 Namen als juriſtiſcher Vertheidiger beſſer empfehlen könne, als hundert im Stillen gewonnene Wechſel⸗ proceſſe. An dieſem Punkte angelangt, ſtand die Verhand⸗ lung abermals mehrere Tage ſtill, bis ein neuer Be⸗ ſuch des Advocaten in des Grafen Abweſenheit Joſephen erwünſchten Anlaß gab, auch ihrerſeits mit ihrem Frauenwitze eine Verſöhnung zu verſuchen und, da Mr. Ridley unzugänglich blieb, von einem Gefühle des Unmuths hingeriſſen, ihm geradezu ſein Erwerbsintereſſe bei dem ganzen Handel vorzuhalten. Mr. Ridley replicirte mit Bitterkeit; Joſepha, bereits durch die übrigen Verdrießlichkeiten um ihren ſonſtigen Gleichmuth gebracht, gerieth in Eifer; der Anwalt wurde nur noch ſpitzer, die Gräfin verlor ihr letztes Gleichgewicht, und da ſchon die unbequeme Ausdrucks⸗ weiſe— er ſprach Engliſch, ſie Franzöſiſch— das Mißverſtehen ſteigerte und die Geſprächsfeinheiten mehr und mehr verdrängte, ſo ſchloß dieſes böſe Intermezzo mit der Verſicherung des Mr. Ridley: wenn man ihm jetzt ſelbſt tauſend Pfund biete, ſo gebe er nicht nach, die Sache müſſe vor das Gericht. Graf Bielski war natürlich wenig erbaut, als Jo⸗ ſepha bei ſeiner Rückkehr ihm über ihre unvorſichtige Einmiſchung getreulichen Bericht erſtattete. Sie hatte 92 zum erſtenmale den Kreis überſchritten, in welchen ſie ſich bisher gebannt hatte. Ihr Unrecht war ihr völlig einleuchtend und je weniger der Graf ſie tadelte, deſto deutlicher empfand ſie, wie ſie noch mehr Oel ins Feuer gegoſſen habe. Um Joſepha zu beruhigen, beſchloß Graf Bielski, den Advocaten ſofort durch ein Geldanerbieten aus dem Spiele zu bringen, was ihm auch noch an demſelben Tage, trotz ſeiner Unbeholfenheit in Geld⸗ unterhandlungen, durch ein verhältnißmäßig kleines Opfer gelang. Es waren nur hundert Pfund, die der Graf zahlte, und zwar quittirte Mr. Ridley darüber im Namen der ſehr achtbaren„Geſellſchaft für die Ueberſeebeförderung armer Nähterinnen;“ denn er ſelbſt wolle bei der Sache nichts profitiren.„Da ich der Secretär dieſer philanthropiſchen Geſellſchaft bin“, ſagte Mr. Ridley,„ſo mache ich gleichzeitig die Veröffentlichung der Geldbuße durch den allernächſten Monatsbericht beſagter Geſellſchaft zur Bedingung, wobei ich mich auch noch zu dem erklärenden Zuſatze ermächtigen laße: Reugeld für die Beleidigung eines juriſtiſchen Ehren⸗ mannes in der Ausübung ſeines Berufes.“ D 4 ihren Feld wäre, bei ſe betrof ſion bitte von wird umn ins frül en ſte däͤllig deſto Feuer Graf ieten h an Geld eines e der rüber r die ſelbſt h der ſagte hung ericht mich laße. Ehren ;ʒ; A△ nᷓnnnen— — Achtes Kapitel. Aaron Süß. Daß alle dieſe Verhandlungen ohne Aaron Süß ihren Weg gingen, obſchon gerade hier ein dankbares Feld für ſeine vermittelnde Thätigkeit offen geweſen wäre, daran war ein kleiner Unfall ſchuld, welcher ihn bei ſeinem letzten Hinauswerfen aus Mivart's Hotel betroffen hatte. Nicht daß die ihm gewordene Exmiſ⸗ ſion ihn gekränkt oder bis zum Nichtwiederkommen er⸗ bittert hätte. Ein Kind, das beim Vogel⸗-flieg⸗aus⸗Spiel von ſeinem raſcheren Kameraden regelmäßig erwiſcht wird und die verwirkte Portion Prügel erhält, kann, um nur überhaupt mitſpielen zu dürfen, ſich nicht ruhiger ins Unvermeidliche fügen, als dieß Aaron ſeit ſeiner frühſten Kindheit in ähnlichen Fällen gethan hatte. Sein 94 etwas fettiger Talar geſtattete ihm ohnehin meiſten⸗ theils nach den erſten Püffen wie ein Aal zu entglei⸗ ten. Wenn ſein Verfolger ihn nicht zufällig bei den Locken oder bei dem geringelten Barte gefaßt hatte, ſo ſetzte es höchſtens ein paar blaue Flecke; die aber kümmerten dieſen viel umhergeſtoßenen armen Schächer gar wenig. Ueberdieß hatte er längſt allerhand Mittel⸗ chen entdeckt, um auch ſchlimmere Heimſuchungen ohne allzu erheblichen Schaden über ſich ergehen zu laſſen, So oft ihn Jemand treppab befördern wollte, knäulte er ſich raſchmöglichſt zuſammen und vermochte in dieſem Igelzuſtande ganze Stiegen hinabzukollern, ohne Aer⸗ geres als leichte Schründungen davonzutragen. Wenn er dießmal dennoch ernſtliche Verletzungen erlitten hatte, ſo war eine Medicinflaſche daran ſchuld, welche Aaron unvorſichtigerweiſe in der Bruſttaſche getragen hatte. Einige Splitter derſelben ſteckten ihm tief im Fleiſche, und er wimmerte und ächzte ſo entſetzlich, daß Zipora, ſein junges Weib, ihm wohl zwanzigmal in einer Stunde zurufen mußte, nun halte ſie es nicht län— ger aus. Bei alledem war ihm im Grunde des Herzens wohler als ſeit Langem. Zipora den ganzen Tag vor Augen zu haben, ſich von ihr pflegen zu laſſen und, unter ſeinen Federdecken und Kiſſen hervorlugend, ungeſtört zuzuſehe auf den Del⸗ un lche T des Pan Roſe v früh ge alt ſein wie Ho führt; zigen, rabenſc penforn zige, 1 werden mäßige und er geweſen Einſpt Kindes ſchmer üglei⸗ ei den hatte, aber hächer Nittel⸗ ohne laſſen, äulte dieſem Aer⸗ Wenn hatte, laron hatte. eiſche, ipora, einer t län⸗ vohler Augen unter geſtört —— 95 zuzuſehen, wie ſie, mit ihrem zweijährigen Töchterchen auf den Knieen, allerlei Kleider vornehmer Damen von Oel⸗ und Sauceflecken reinigte, ihre gewöhnliche häus⸗ liche Thätigkeit, das war für Aaron ein Vorgeſchmack des Paradieſes. In der That blühte Zipora wie die Roſe von Saron. Nach jüdiſchem Brauche hatte ſie früh geheirathet. Jetzt mochte ſie eben ſechszehn Jahre alt ſein. Sie war eine echt morgenländiſche Schönheit, wie Horace Vernet uns deren in ſeinen Bildern vor⸗ führt; ſchmal von Geſicht, mit ſehr ſauber gezeichneten Zügen, dunklen, verſchleierten Augen, langen Wimpern, rabenſchwarzem Haar und angenehm gerundeten Kör⸗ performen; übrigens von nur mäßiger Größe, das Ein⸗ zige, was ſie trotz aller dieſer Reize nicht auffallend werden ließ. Was das Behagen Aaron's, indem er ſie ſo mit der Muße eines Kranken tagelang betrachten durfte, noch erhöhte, war ein Gedanke eiferſüchtiger Natur. Boleslaw Oſinski hatte, ſeit derſelbe beim Grafen Bielski eingetreten war, ſeine ſonſt regel⸗ mäßigen Beſuche faſt ganz eingeſtellt. So väterlich und ernſt ſein Benehmen gegen Zipora aber auch geweſen war— daß Boleslaw kaum noch Zeit zum Einſprechen fand, war dem Eheherrn des ſchönen Kindes dennoch eine wahre Herzenserquickung. Er ver⸗ ſchmerzte über dieſer Gewißheit ſogar, daß Zipora mehr 96 als je die Frage aufwarf, ob Boleslaw heute wohl kommen werde? Dennoch waren die Eiferſuchtsqualen, welche Aaron auch jetzt noch zwiſchendurch zu erdulden hatte, ziemlich auserleſener Art. Allnächtlich nämlich ſaß Zipora, welche, trotz ihres täglichen Verkehres mit allen Arten von Flecken, die Lilien Salomonis in ihrer zarten Weiße beſchämt haben würde, mit ungeflochtenem Haar und in der maleriſchen Gewandung einer Sibylle, in jener Strohhütte des Vauxhallgartens, die allen Beſuchern dieſes Vergnü⸗ gungsortes als Tempel der Pythia bekannt iſt. Man hielt ihr, wenn man Anderes als ſie bloß beäugeln wollte, die Hand hin und Zipora prophezeite, je nach⸗ dem ſie gelaunt war, alle Herrlichkeiten oder auch alle Schreckniſſe, die ihre orientaliſche Einbildungskraft nur gerade aufzutreiben wußte. Es war ein höchſt ein⸗ trägliches, von Zipora's verſtorbener Mutter auf ſie vererbtes Geſchäft, hatte in den Augen Aaron's etwas von dem Charakter einer Staatsanſtellung und ließ ſich daher nicht aufgeben, ohne daß man eine unverant⸗ wortliche Verſchwendung beging. Nun gehen die Ver⸗ gnügungsſüchtigen, wie man weiß, nirgends ſpäter ſchlafen als in London. Zipora war ſomit meiſtens bis zum morgenlichen Lerchentriller an ihren Dreifuß gebannt, und Aaron, welcher ſchon zeitlich Abends da⸗ heimſaf volle— ſines erkranke Staroſt ſchecht gipora dem R ſehen. ungeſtö⸗ chen, n in ſein wicht. überdie beſorgt den Wo Inz Oheim mittelu hatte, ſtaatsſe Feſtlan ſei, wo John R. wohl. Aaron iemlih welche, Jlecken, thaben eriſchen tte des ergnü⸗ Man eäugeln je nach⸗ uch alle aft nur ſſt ein⸗ auf ſie betwas ließ ſich werant⸗ die Ver⸗ ſpäter meiſtens Dreifuß ends da⸗ 5 4 3 97 heimſaß, durchwachte ihretwegen gar manche ſorgen⸗ volle Nacht. Daheimſitzen mußte er aber ſchon wegen ſeines Töchterchens. Jetzt war daſſelbe noch überdieß erkrankt. Allerlei Leckerbiſſen, die er ihm aus der Staroſtenküche mitgebracht hatte, waren dem Kinde ſchlecht bekommen. Es lag recht welk und kläglich auf Zipora's ſchaukelnden Knieen; ein Vögelchen, das aus dem Neſte fiel, konnte nicht erbarmungswürdiger aus⸗ ſehen. Und ſo hatte denn Aaron's Behagen über das ungeſtörte Hinüberſchauen nach ſeinem ſchönen Weib⸗ chen, nach ſeiner kleinen„Herzens⸗Zipora“, nicht nur in ſeinen körperlichen Gebreſten ein ſtarkes Gegenge⸗ wicht. Auch ſeine Sorge um das Kind, für das er überdieß die theuere Medicin nicht zum zweitenmale beſorgt hatte, miſchte ſich wie ein bitterer Tropfen in den Wonnetrank, den er ſchlürfte. Inzwiſchen ſetzte der begütigende, wohlwollende Oheim des jungen Lord Spencer ſeine Friedensver⸗ mittelung weiter fort. Lord W., der Schwiegervater, hatte, wie ſich jetzt auswies, im Auftrage des Unter⸗ ſtaatsſecretärs eine diplomatiſche Miſſion nach dem Feſtlande übernommen. Daß er nach Irland gegangen ſei, war— ſo hieß es— nur eine ſeitens der Re⸗ gierung ausgeſprengte falſche Nachricht geweſen. Sir John ſchlug nun vor, in derjenigen Zeitung, welche R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 7 83 98 ſich am regelmäßigſten mit Sport⸗ und Turfangelegen⸗ heiten beſchäftigte(Bell's Life), eine Notiz einrücken zu laſſen, welche die freundſchaftliche Beilegung des Vor⸗ falles in möglichſt allgemein gehaltener Weiſe erwähnte, demnächſt aber, ſobald die Schmarre des jungen Lord ihn nicht mehr allzuſehr entſtellte, ein öffentliches Zu⸗ ſammentreffen beider Parteien in Rotten⸗Row zu ver⸗ abreden. Alle Welt habe dadurch Gelegenheit, ſich von der wirklich ſtattgehabten Ausſöhnung zu überzeugen. Graf Bielski war mit Allem einverſtanden, und man ſchied mit Verſicherungen gegenſeitiger Hochachtung. Jadwiga wurde dann gerufen. Sie hatte ihre Haartracht verändert; ſie ſtrahlte vor Vergnügen, ſagte, es gelte, den Papa mit etwas zu überraſchen und bat ſo einſchmeichelnd, man möge ſie nicht weiter ausfragen, daß Graf Bielski Joſepha's Examen mit einem nachſichtigen Kopfſchütteln abſchnitt und ſeiner Tochter nur die eben vorher getroffenen Verabredungen mittheilte. Mit vielen Knixen und ohne, bis ſie die Thür erreicht hatte, ihre Rückſeite und die lang herab⸗ hängenden Zöpfe zu zeigen, entſchlüpfte ſie, ſobald es ihr möglich war. „Wenn man ihr nur bös ſein könnte!“ ſagte Jo⸗ ſepha, indem ſie der lachend Davongelaufenen nachblickte. „Sie nehmen mir das Wort von der Zunge“, ſtimmte der Gra nägen ſ ſi wohh ken hätte von⸗ Ahn mir imn einer Li war ein lihe W Alles, n die Ehe Männe macht, Knoche nicht 2 gelegen. dücken zu es Vor⸗ rwähnte een Lord hes Zu d ver⸗ ſich von dzeugen. ind man tung. tte ihre rgnügen, erraſchen, t weiter nen mit d ſeiner edungen ſie die g herab⸗ ohald es agte Jo⸗ achlickte ſtimmte 99 der Graf bei,„man muß ihre Thorheiten belachen, mögen ſie noch ſo gefährlich ausſehen. Jedenfalls wäre ſie wohl die Erſte, auf deren Verheirathung wir zu den⸗ ken hätten. Sie haben ſich neulich gegen den Werth von Ahnungen erklärt. Was mich betrifft, ſo iſt es mir immer, als ob dieſer unangenehme Handel mit einer Liebeserklärung enden werde. Meine Großmutter war eine ganz ähnliche Natur und kam auf ganz ähn⸗ liche Weiſe unter die Haube. Es liegt im Blute. Alles, was den Maſſalskis nachartet, gelangt erſt durch die Ehe zu Verſtand.“ „Und ſo war es auch die Reitpeitſche“, fragte Jo⸗ ſepha lächelnd,„mit welcher Ihre Großmutter ihrem Eheherrn huldigte?“ „Sie ſchlug ihm ein halbes Dutzend Zähne aus“, ſagte der Graf,„aber nicht mit der Peitſche, ſondern mit einem Billardqueue. Uebrigens begrub ſie drei Männer und hat meines Wiſſens alle ſehr glücklich ge⸗ macht, wenngleich keiner von ihnen mit ganz heilen Knochen aus dem Leben ſchied. Freilich— wir können nicht Alle auf Roſen wandeln.“ Neuntes Kapitel. Der junge Algernon. Wenige Tage darauf meldete ſich Sir John mit der Nachricht, ſein Neffe ſei faſt wiederhergeſtellt. Da vor Allem das Kinn und die rechte Wange von der ver⸗ hängnißvollen Gerte getroffen worden ſeien, ſo habe der junge Mann ſich die ganze Zeit über nicht raſiren können und ſtecke jetzt faſt bis zu den Augen hinauf in einem unfertigen und nicht gerade faſhionablen Barte. „Wenn die junge Comteſſe ſich aber vor ſeinem Bären⸗ anblick nicht fürchtet“, ſchloß Sir John,„ſo iſt Alger⸗ non, um ihn bei ſeinem Taufnamen zu nennen, jeden Augenblick zu der Paradebegrüßung bereit; ſein künf⸗ tiger Schwiegervater pflegt Alles gelten zu laſſen, was man in der Politik als fait accompli bezeichnet; es it daher bija Graf nämliche Wetter Es wurd Als mit ihr auf die Staroſti er die b kleine? ihrem) weißen Ale zuſ wäre“ der Gra trippeln nenes ſie hat ahmte Augenb Balcon vor V Simon n mit der Da vor der ver⸗ ſo habe t rafiren en hinauf len Barte. eim Bären⸗ ſt Alger⸗ en, jeden ein künf⸗ ſſen, was ichnet; es 101 iſt daher rathſam, den Gegenſtand aus der Welt zu ſchaffen, ehe Lord W. zurückkehrt.“ Graf Bielski nahm den Vorſchlag ſofort an. Den nämlichen Nachmittag noch— es war das ſchönſte Wetter— wollte man ſich in Rotten⸗Row begegnen. Es wurden Ort und Stunde genau verabredet. Als Sir John fort war, bat Joſepha den Grafen, mit ihr auf den Balcon hinauszutreten und einen Blick auf die Straße hinabzuwerfen.„Schade, daß die Staroſtin nicht in der Nähe iſt“, ſagte der Graf, indem er die buntbebänderte littauiſche Kindermagd unten die kleine Aniela ſpazieren tragen ſah,„Simonene mit ihrem Perlenkrönchen auf dem Kopfe und ihren weiten weißen Aermelſäcken macht mehr Aufſehen als wir Alle zuſammen.“—„Wenn es nur wirklich Simonene wäre“, verſetzte Joſepha.—„Ich mußte neulich“, fuhr der Graf lachend fort,„Jadwiga ſchelten, daß ſie d. trippelnde und dann wieder wedelnde Gangart S mo⸗ nene's mit dem Gebahren einer Bachſtelze verglich. Aber ſie hat wirklich Recht. Da ſehen Sie nur.“ Und er ahmte die Bewegung unwillkürlich nach.— In dieſem Augenblicke aber nickte die Kindermagd luſtig nach dem Balcon herauf.„Was!“ rief der Graf und wurde roth vor Verdruß,„das iſt ja Jadwiga, das iſt ja gar nicht Simonene!“—„Jadwiga iſt es in der That“, ſagte 102 Joſepha,„deßhalb allein habe ich Sie auf den Balcon gerufen. Sie faſſen die wunderlichen Einfälle des Kin⸗ des ſo häufig harmloſer als ich ſelber auf, daß ich nicht wußte, welches Geſicht ich dazu machen ſollte.“ „Das ſtrengſte“, verſetzte der Graf,„das allerſtrengſte.“ Marynia und Theophila kamen hinzu, die eine in größter Unruhe um Jadwiga und Aniela, da der Straßenverkehr gerade beſonders lebhaft ſei, die andere blaß vor Entrüſtung. Jadwiga wurde heraufgerufen, war ſehr beſtürzt, mit ihrer Ueberraſchung dem Papa keine Freude gemacht zu haben, verſprach, künftig ſich verſtändiger zu betra⸗ gen, und verſöhnte endlich ſo ziemlich Alle durch die poſſirliche Erzählung der Leiden, welche ſie unten im Gedränge der vielbelebten Straße ausgeſtanden habe. „Ganz meine Großmutter“, ſagte der Graf zu Jo⸗ ſepha, als die Mädchen hinausgegangen waren, um ſich für den Ausritt fertig zu machen,„nur daß die ſich nicht mit Frauenkleidern begnügte.“ Nach mancher Woche zum erſtenmale ſah Rotten⸗ Row denn heute die faſt ſchon vergeſſene polniſche Ca⸗ valcade wieder ausrücken; in erſter Linie Jadwiga zwiſchen dem Grafen und der Gräfin, in zweiter Ma⸗ rynia und Theophila; Adam und Jana mit Boleslaw in ihrer M färte d Jad beigeleg freuden ſicht Bo pentine heute Thier! zu ſchat den Al Guten ermahl G im Ge die Jä gleiten Handſ ihren ſagte irgend D 52 aber mußt en Valcon des Kin⸗ — daß Wich ſollte. ſtrengſte 3 eine in d der de andete beſtürzt de gemacht zu betra⸗ durch die unten im en habe. f zu Jo⸗ um ſich z die ſich Rotten⸗ niſche Ca⸗ Jadwiga eiter Ma⸗ leslaw in 103 ihrer Mitte folgten, und ganz hinten ſchlenkerte und feirte der langlockige Huzzule. Jadwiga hatte, während der Ehrenhandel noch nicht beigelegt war, die in Rotten⸗Row ihr verſagten Reit⸗ freuden in der Geſellſchaft ihrer Brüder unter der Auf⸗ ſicht Boleslaw's in einer Reitbahn jenſeits des Ser⸗ pentine nachzuholen gewußt, und ihr Pferd war daher heute ſanfter als ſelbſt das von Natur friedfertigere Thier Marynia's. Um ſo weniger machte es ihr heute zu ſchaffen und um ſo ungeſtörter konnten ihre blitzen⸗ den Augen umherſtreifen. Natürlich that ſie bald des Guten wieder zu viel.„Etwas ruhiger, Jadwiga!“ ermahnte Joſepha mit bittender Stimme.„Zalja nogi!“ (Ich küſſe die Füße!) lachte Jadwiga zurück, indem ſie im Gefühle ihrer Sicherheit ihre Reitpeitſche zwiſchen die Zähne nahm, den Zügel auf des Pferdes Hals gleiten ließ, im Weiterreiten an den Knöpfen ihrer Handſchuhe neſtelte und während deſſen beſtändig mit ihren unruhigen Augen umherſpähte;„mein Bär“, ſagte ſie zu dem Vater gewendet,„muß wohl noch irgendwo im Buſche ſtecken?“ Der Graf warf ihr einen mißbilligenden Blick zu, aber da er im ſelben Momente einen Gruß erwidern mußte, ſo ging auch dieſer Dämpfer ſpurlos vorüber. Der den Grafen begrüßt hatte, war einer der als 104 Zeugen bei der leidigen Affaire betheiligt geweſenen Herren. Jadwiga meinte wieder, naſeweiſe genug, wenn der junge Lord nicht beſſer im Sattel ſitze, als der, ſo werde ſie ſich kaum des Lachens erwehren.„Er gleicht ja aufs Haar,“ rief ſie,„einer ſchlecht auf die Leine geſteckten Wäſchklammer.“ Joſepha bat mit Worten und Blicken, der Graf zürnte mit den Augenbrauen, aber Jadwiga's Aufregung machte ſich ſchon im nächſten Augenblicke in neuen lachenden Ausrufen Luft. Aller Augen waren auf ſie gerichtet. Von Theophila's Stirn perlten Schweißtropfen.„Was iſt dir?“ fragte Marynia beſorgt.—„Nichts,“ ſagte Theophila, „wir haben eine Bäuerin zur Schweſter, wenn nicht Schlimmeres.“—„Es wird ja hoffentlich Alles leidlich vorübergehen“, tröſtete Marynia,„wenn die auffallende Tracht nicht wäre, ließe man uns ſchon ungeſchoren.“ —„Und unſere auffallende Sprache, nicht wahr?“ ſagte Theophila bitter;„du verdienſt gar nicht, Polin zu heißen.“ Endlich hatte man wenigſtens das ärgſte Reiter⸗ getümmel im Rücken.„Iſt das nicht Sir John?“ fragte Joſepha und wies mit den Augen in die Ferne. In der That ließ ſich, ſobald der Reiter in den vollen Sonnenſchein kam, das ehrwürdig ſilberweiße Haupt Sir John’s, ſein niedriges weißes Hütchen, ſeine fröh⸗ éir Ie Beinen Kind“, ſtimme aber j was u gemeſſ wirſt ſeine⸗ wollte wieder nur: telbä 0 8 Währ in w neuli Theg eweſe u enen 9, wenn F der, ſo Er gleiht wie Leine rten und en aber näͤchſten t Aller eophilqys fragte heophilg, un nicht z ledlich ffallende ſchoren.“ wahr?“ „Polin Reiter⸗ John?" e Ferne. n vollen e Haupt ine fröh⸗ 105 lich ſeegrüne Halsbinde und ebenſo ſein blendend helles Coſtüme von feinſter Wolle nicht verkennen. Er ritt, von zwei Dienern gefolgt, einen durch die Größe des Reiters beſonders auffallend kleinen Rappen, und neben ihm galoppirte ein blaſſer, ſchmalbrüſtiger junger Mann, auf einem goldſchimmernden Schweißfuchs. Jadwiga konnte die Bemerkung nicht zurückhalten: Sir John gleiche einem Schneemanne, zwiſchen deſſen Beinen ſich eine Ratte gefangen habe.„Meinetwegen, Kind“, ſagte der Graf, indem er ein unwillkürlich zu⸗ ſtimmendes Lächeln nur mit Mühe verbiß.„Das iſt aber jetzt von völlig untergeordneter Bedeutung; Alles, was uns gegenwärtig obliegt, beſchränkt ſich auf eine gemeſſene Haltung und ein paar höfliche Worte. Was wirſt du dem jungen Manne ſagen?“—„Daß er ſeine Pratzen gegen alle Regel ſpitz nach unten hält!“ wollte Jadwiga antworten, aber ſie merkte, daß ſie wieder etwas Unpaſſendes herausbringe, und ſagte nur:„Was weiß ich, Papa? Pfui, iſt das ein Zot⸗ telbär!“ Ihre Reitpeitſche war auf den Boden gefallen. Während Joſepha und der Graf ihr begreiflich machten, in welcher Weiſe etwa eine Entſchuldigung über den neulichen Vorfall zu formuliren ſei, gab Jadwiga über Theophila und Marynia hinaus dem zwiſchen den Knaben 106 folgenden Boleslaw einen Wink, er möge die Peitſche aufheben. Marynia ſah unruhig drein. Theophila blickte gleich⸗ gültig.„Huzzule,“ wendete ſich Boleslaw gelaſſen zu dem hinter ihm kleppernden Diener,„die Comteſſe hat ihre Peitſche fallen laſſen.“ Der bedenkliche Gegenſtand wurde aufgehoben und zurückgegeben. Aber der Ungehorſam des Hauslehrers war damit nicht ungeſchehen gemacht. „Laitak!(Lump) brummte Jadwiga zwiſchen den Zähnen, und ihr ſprühendes Auge ſagte verſtändlich, wen ſie meinte. Ueber Boleslaw's Züge flammte es mit purpurner Gluth, doch nur auf eines Augenblickes Dauer; dann hatte er ſeinen Gleichmuth wieder gewonnen. „Und iſt er denn kein Diener, Mama?“ entſchul⸗ digte ſich Jadwiga, erſchrocken, daß die milde Joſepha mit ſtrengſtem Worte die Partei des Ungehorſamen er⸗ griffen und daß Theophila hinzugefügt hatte, einen Tief⸗ erſtehenden beſchimpfen, heiße ſich ihm gleich ſtellen; „heute, ſcheint mir, fange ich Alles verkehrt an.“ Und ſie machte, halb nach Boleslaw zurückgewendet, eine begütigende Verbeugung. „Neue Tactloſigkeit!“ ſagte Theophila vor ſich hin. Graf Bielski war vollauf mit der Begrüßung der bei⸗ den J zügell „zureit N Spenc vor. er, do der) Dame Biels laſſun weſen des John auch dürf Alger geſte der terli entſ gefäl Mef dür mo Veiſche e gleich aſſen zu iſe hnt ben und Llehrers hen den tändlic, erpurner r; dann entſchul⸗ Joſepha men er⸗ hen Tief⸗ ˖Hſtellen, 6“ Und et, eine ſch hin. der bei⸗ ——:— ——— 107 den Reiter beſchäftigt, welche ihre Roſſe eben kürzer zügelten und dem Grafen Zeit ließen, allein entgegen⸗ zureiten. Nun ſtellte Sir John ſeinen Neffen Lord Algernon Spencer mit der ihm eigenen heiter⸗gefälligen Hoheit vor.„Ein Cambridgemann von reinſtem Waſſer“, ſagte er, das grüne Halstuch lächelnd zurechtrückend;„einer der Preisſchüler von Trinity Hall; im Umgang mit Damen aber bis dato ein wahrer Haſenfuß.“— Graf Bielski lüftete den Hut, bedauerte, daß die Veran⸗ laſſung dieſer Bekanntſchaft nicht erfreulicher Art ge⸗ weſen ſei, und bat im Namen ſeiner Tochter wegen des Vorgefallenen um Entſchuldigung. Indem Sir John darauf im Namen ſeines Neffen erklärt hatte, auch das Unangenehme, wenn es zu gutem Ende führe, dürfe nur willkommen geheißen werden, wünſchte er Algernon der Gräfin und den jungen Comteſſen vor⸗ geſtellt zu ſehen, und unter dieſen vorzüglich derjenigen, der man unlängſt an dieſer ſelben Stelle in ſo unrit⸗ terlicher Weiſe begegnet ſei. Seinem Wunſche wurde entſprochen, und nachdem Sir John, immer mit heiter⸗ gefälliger Hoheit, zu verſtehen gegeben hatte, ſein Neffe werde ſich glücklich ſchätzen, die Hand küſſen zu dürfen, die ihn gezüchtigt habe, fand auch dieſe Cere⸗ monie ihre geziemende Erledigung. Jadwiga warf dabei 108 übrigens die Lippen auf, als habe ein ſo unanſehn⸗ liches Bürſchchen ſich wol füglich, wie daheim die ehe⸗ maligen Leibeigenen, mit dem Küſſen ihres Aermels begnügen können, doch hütete ſie ſich, von neuem An⸗ ſtoß zu geben. Der junge Mann ſeinerſeits ſtotterte einige Worte, die er ſelber ſchwerlich verſtand. „Wenn jetzt ein gemeinſamer Paraderitt gefällig wäre,“ ſagte Sir John, mit geſchickter Wendung ſeines kleinen Nappen ſich dem gräflichen Paare geſellend und ſeinem Neffen Zeit« laſſend, ſich mit Jadwiga an die Spitze des Zuges zu ſtellen. „Mit Vergnügen,“ ſtimmte der Graf zu, war es doch allerdings vor Allem darauf abgeſehen, Rotten⸗ Row über die pollſtändige Ausſöhnung der Parteien zu beruhigen. d Nun begann Sir John ſofort von der Wichtigkeit der von ihm gewählten Stunde zu reden, indem ge⸗ rade diejenigen Kreiſe, auf die es allein ankomme, eine Stunde früher oder eine Stunde ſpäter hier nicht zu treffen ſein würden. Joſepha erfuhr bei dieſer Gelegen⸗ heit, daß der ſcheinbar ganz regel⸗ und zwangloſe Be⸗ ſuch von Rotten⸗Row doch gewiſſen geſellſchaftlichen Geſetzen gehorche, welche Niemand ungeſtraft verletze. Sir John gab die Reihenfolge an, in welcher ſich die verſchiedenen Stände abzulöſen pflegten; früh Morgens zum 3 zunäch olche fügen dichti Malzei und ſi dann, ſpäter dem u jeſtät königl ſagte Reige M mit O bis ti haben Theo die S beſuch M und Lord ſtens anſehn⸗ hie ehe⸗ lermels in An⸗ cotterte gcüllig ſeines d und an die var es Rotten⸗ arteien tigkeit i ge⸗ e eine icht zu elegen⸗ ſe Be⸗ tlichen erletze ich die orgens 109 zum Beiſpiel die Reitknechte und Pferdevermiether; ihnen zunächſt Aerzte, Geiſtliche, Advocaten, Kaufleute und ſolche Perſonen, die den Tag über nicht über ſich ver⸗ fügen könnten; gegen Mittag reich gewordene Brauer, Lichtzieher, Schiffsausrüſter und ſolche Leute, die ihre Malzeit noch nach bürgerlicher Zeit zu halten pflegten und ſich nun Appetit zu holen wünſchten; Nachmittags dann, je nachdem die Parlamentsſitzungen früher oder ſpäter begännen, das„beſſere“ Publikum bis hinauf zu dem untadelhafteſten Blaublut, auch wohl Ihre Ma⸗ jeſtät die Königin, die Prinzeſſinnen, die Gäſte des königlichen Hauſes,„bis endlich in der Abendkühle“, ſagte Sir John,„die Sonderlinge und Philoſophen den Reigen beſchließen.“ Marynia, welche dicht hinter Sir John ritt, hörte mit offenem Munde zu. Sie werde, ſagte ſie, heute bis tief in die Nacht an ihrem Tagebuche zu ſchreiben haben; die Schweſter möge nur gut aufmerken.— Theophila dagegen fand es völlig ausreichend, wenn man die Stunde behalte,„wo Leute von Stande Rotten⸗Row beſuchten.“ Während Sir John ſich in ſolcher Art unterhaltend und belehrend erwies, war er ſowohl wie der junge Lord der Gegenſtand vielſeitiger Begrüßungen. Mei⸗ ſtens waren es elegant gekleidete und gut berittene 110 junge Leute; doch machte Theophila gegen Marynia die Bemerkung, die Art und Weiſe dieſer jungen Lente ſei nicht eben diſtinguirt; auch die Damen, welche man hin und wieder begrüßte, wollten ihr nicht ſonderlich ge⸗ fallen.„Freilich“, ſagte ſie,„was will man im Grunde von einer Ariſtokratie erwarten, die den Begriff der Mißheirathen nicht gelten läßt und ſich aus allen Stän⸗ den ergänzt.“ Jadwiga's anfängliche Sprödigkeit gegen den ſchüch⸗ ternen Lord war inzwiſchen in Uebermuth und tolle Laune umgeſchlagen. Ein ſolches Bäh⸗Lämmchen, meinte ſie, ſei ihr noch niemals vorgekommen. Sie fand für nöthig, da es unverdientermaßen ohne Glöckchen um⸗ herlaufe, ihm die Ohren mit allerlei Einfällen vollzu⸗ läuten. Der unglückliche junge Menſch mußte ihr dem⸗ nächſt den wahrſcheinlichen Namen jedes Pferdes und die Zahl der Prügel angeben, welche der betreffende Reiter in der Schule eingeſtrichen habe. Von Zeit zu Zeit verſicherte Algernon in ſeiner ſchüchternen Weiſe, man prügle in den engliſchen Schulen aber eigentlich höchſt ſelten, worauf Jadwiga ihm dann bedeutete, ſo möge er ihr allemal nur die verdienten und noch nachzu⸗ holenden Prügel angeben; denn alle dieſe jungen Herren ſchienen ihr noch manchen„Merks“ vertragen zu können. Bei ihrer rückhaltloſen Art geſchahen dieſe Andeutungen nit ſo nit Ko wohl Reiteri war, de die ihr valcade Theopl begriffe nerkſan legenhe Che ſolche ſperren volte Schritt Veide hinter geholt lopp ein W terin entfü J Rott hnia die ſente ſei nan hin lich ge⸗ Grunde dif der n Stän⸗ ſchüch⸗ nd tolle meinte fand für hen um⸗ tvollzu⸗ ihr dem⸗ des und treffende Zeit zu n Weiſe, eigentlich utete, ſo nachzu⸗ Herren nkönnen. eutungen 111 mit ſolcher Allgemeinverſtändlichkeit, daß die von ihr mit Kopfnicken oder Ellbogenwinken Bezeichneten nicht wohl im Zweifel ſein konnten, auf wen die ſchöne Reiterin eben ihr Augenmerk gerichtet habe. Die Folge war, daß, wie in einer bekannten Tour des Cotillons, die ihr von Weitem Vorgeführten ſich hinter der Ca⸗ valcade zu einem langen Gefolge ſammelten. So oft Theophila ſich umſchaute, fand ſie daſſelbe im Wachſen begriffen. Sie machte endlich den Vater darauf auf⸗ merkſam und dieſer verſprach ihr, bei der nächſten Ge⸗ legenheit das Zeichen zum Heimreiten zu geben.. Ehe Sir John's fließende Unterhaltung aber eine ſolche Pauſe bot, benützte Jadwiga eine den Weg ver⸗ ſperrende Reitergruppe, um, mit einer raſchen Galopp⸗ volte dieſelbe umgehend, aus dem ihr langweiligen Schrittreiten herauszukommen. Algernon ſecundirte und Beide waren außer Sicht. Der Graf ſprengte ſofort hinterdrein, konnte jedoch, als er ſie faſt ſchon ein⸗ geholt hatte, nicht mehr verhindern, daß aus dem Ga⸗ lopp in wenigen Augenblicken Carriere wurde und ein Wettrennen in beſter Form ſowohl die kühne Rei⸗ terin wie ihren Begleiter ſeinem Geſichtskreiſe abermals entführte. Ringsum hatte ſich Alles in Bewegung geſetzt, halb Rotten⸗Row jagte hinterdrein, Staub und Grasboden 112 wirbelten durch einander. Muhamed raſte wie beſeſſen mit, und der Graf, ungeduldig, ſeine Tochter wieder in Sicht zu bekommen, ließ ihn raſen. Endlich nahe vor dem Ende Rotten⸗Rows gelang es ihm, ſich durch die ihm vorauf geweſene Reiter⸗ menge durchzuarbeiten. Im ſelben Augenblicke ſah er Jadwiga und Algernon wieder. Sie waren im Be⸗ griff ihre Pferde kürzer zu nehmen, und bis Muhamed ſie völlig einholte, gingen Beide faſt ſchon im Schritt. Es ſtellte ſich heraus, daß Algernon ein Rennpferd reite, daß es den Galopp Jadwiga's mißverſtanden und durch plötzliches Ausgreifen ihr daher den Vor⸗ rang habe ſtreitig machen wollen.„Und das durft' ich doch nicht zugeben, Papa?“ rief Jadwiga, noch halb athemlos und glühend von Erhitzung, doch voll kecker Selbſtzufriedenheit ob der glücklich vereitelten Ueberholung;„aber ein anderes Mal wetten wir zuvor“, ſagte ſie zu Algernon gewendet,„und dann muß der Papa beizeiten mit abreiten.“ Inzwiſchen waren auch die übrigen Reiter heran⸗ gekommen. Man bewunderte und belobte, man fragte nach dem Alter der Pferde und nach den früher ſchon gewonnenen Preiſen und ſtaunte immer von neuem bei des Grafen und Jadwiga's Verſicherung, das Pferd der Letztern habe nie auch nur eine Rennbahn geſehen. Von To genug, b eereichte wegs d Sir daß Alc den And Beifalls einem d Mivark' ſchaft a dann d welcher verabſch aus de und üb wie ſie Büſchel gebinde Si ein, Jo Geſchel ſöhnu doſeſen vieder in gelang Reiter⸗ ſah er in Be⸗ Nuhamed Schritt. tennpferd erſtanden den Vor⸗ as durft ga, noch doch voll ereitelten r zuvor“, muß der er heran⸗ m fragte her ſchon n neuem das Pferd geſehen. 113 Von Tadeln und Meiſtern, bemerkte der Graf bald genug, konnte hier nicht füglich die Rede ſein, und ſo erreichte man die Zurückgebliebenen denn in einer keines⸗ wegs verſtimmten Laune. Sir John, deſſen kleines Pferd ſchuld geweſen war, daß Algernon und Jadwiga ſich gleich anfangs vor den Andern weit voraufgehalten hatten, bat nach vielen Beifallsworten um die Erlaubniß, ſeinen Neffen an einem der folgenden Tage bei deſſen Dankbeſuch in Mivart's Hotel begleiten zu dürfen. In ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Cavalier aus guter alter Zeit genügte ihm dann aber auch nicht die etwas ungelenke Art, in welcher das wortkarge Bürſchchen ſich von Jadwiga verabſchiedete. Mit großer Zierlichkeit zog er vielmehr aus dem Knopfloch ſeines Neffen eine dort befeſtigte Roſe und überreichte ſie Jadwiga, welche ihrerſeits, raſch wie ſie zu antworten gewohnt war, ihrem Pferde einen Büſchéel Mähnenhaare ausriß und durch dieß Lockenan⸗ gebinde die ihr gewordene Huldigung parodirend erwiderte. Sir John lachte, der Graf ſtimmte aus Höfklichkeit ein, Joſepha nickte zwiſchen Unbehagen und nachſichtigem Geſchehenlaſſen, und ſo endete der vielgefürchtete Ver⸗ ſöhnungsritt noch in leidlich heiterer Weiſe. R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 8 Zehntes Kapitel. Cerigotto and Son. Joſepha und der Graf fanden London wieder ein gut Theil erträglicher, ſeit das Zerwürfniß mit dem jungen Lord Spencer ſo befriedigend beigelegt worden war. Aber dieſe Stimmung ſollte nicht lange dauern. Eines Abends langten Briefe aus Galizien an. Flatow meldete kurzweg, daß die beiden Sniatyner Güter, aus welchen Joſepha's bisheriges Wittweneinkommen gefloſſen war, plötzlich verkauft worden ſeien. Er fragte an, ob die Staroscina ihr Eigenthumsrecht denn etwa wieder geltend gemacht habe? Für dieſen Fall hätte er ſeitens des Grafen offene Mittheilung erwartet. Die von demſelben auf ſeiner Reiſe benützten Credite entbehrten nunmehr jeder Deckung, denn Mikolajew ſei, wie der Graf doch wiſſe, ſtark verſchuldet und werde in dieſem Jahre 1 nur mo⸗ iber d gelaſſen der Bri u Gun rufen m der Gra nicht de er beſch Flatow den Be⸗ Die llektriſc im Ta ſepha terte v ſchreibe Stirne ich, G ſchoſſen vor U 73ch fürchte durchb vieder ein mit dem t worden e dauern. Flatow üter, aus gefloſſen te an, ob va wieder er ſeitens Die von entbehrten wie der in dieſem 115 Jahre nicht die Koſten eintragen. Er fragte: wie es nur möglich geweſen ſei, daß man ihn, Flatow, ſo lange über den wirklichen Stand der Dinge in Unklarheit gelaſſen habe? Unter allen Umſtänden— ſo ſchloß der Brief— habe er ſelbſtverſtändlich den in London zu Gunſten des Grafen eröffneten Credit ſofort wider⸗ rufen müſſen. Er ſei aber ein verlorener Mann, wenn der Graf die beiden Sniatyner Güter oder deren Werth nicht den Klauen der Staroscina wieder entreiße, und er beſchwöre den Grafen, Rath zu ſchaffen, damit Hirſch Flatow für ſeine langjährigen Dienſte nicht als Lohn den Bettelſtab empfange. Dieſe Hiobsbotſchaft beleuchtete plötzlich, wie ein elektriſches Licht inmitten des Dunkels, Dinge, die man im Tageslicht weit oberflächlicher beachtet hatte. Jo⸗ ſepha war faſt ohnmächtig vor Schrecken, der Graf zit⸗ terte vor Empörung.„Mir einen ſolchen Brief zu ſchreiben!“ rief er.„Wie kann der Mann nur die Stirne haben, von fehlender Deckung zu reden? Stehe ich, Graf Bielski, nicht für jede von Flatow vorge⸗ ſchoſſene Summe ein?“ Er fühlte ſich nahezu krank vor Unwillen über den gegen ihn angeſchlagenen Ton. „SIch habe“, ſagte der Graf zuletzt,„mich immer ge⸗ fürchtet, auch bei Flatow werde der Blutſauger einmal durchbrechen. Jetzt iſt es geſchehen.“ 8* 116 Inzwiſchen mußte man zugeben, daß der Reiſe⸗ apparat etwas zu koſtſpielig eingerichtet geweſen ſei. Der ganze Zuſchnitt der Ausrüſtung habe ein beträcht⸗ licheres Zinseinkommen vorausgeſetzt, als ſolches in Wirklichkeit zur Verfügung ſtehe. Mit peinlichem Ge⸗ fühle erinnerte ſich der Graf, ohne ſich allerdings darüber gegen Joſepha zu äußern, der Worte Mosbach's: wo man denn mit der Wirthſchaft hinaus wolle? Der theure Araber ſei ſchon vom Bewirthſchaftungskapital des Gutes genommen und die ſechzehn Ukrainer wür⸗ den auf den pflugbedürftigen Feldern von Mikolajew bitter vermißt werden. Endlich fragte Joſepha, ob es dem Grafen denn we⸗ nigſtens möglich ſei, eine ungefähre Ueberſicht ſeines Vermögensſtandes aus dem Gedächtniß zuſammenzu⸗ ſtellen, und er verſicherte, dieß laſſe ſich in einer Stunde fertig bringen. Aber er machte keinerlei Anfang.„Die Reiſe ſelbſt“, ſagte er,„hat wohl freilich eine größere Summe verſchlungen, als man vorausſehen konnte. Mivart's Hotel iſt anſtändig, aber theuer. Dennoch——— ⸗ es kam immer wieder zu dem nämlichen Refrain: bin ich nicht Graf Bielski? Welche perrident mir den Credit zu kündigen!„ In der That koſtete jeder Tag in Mivart's Hotel mehr, als bei Lebzeiten der erſten Gattin des Grafen gielsti koſtet unverſ in Kr Grade Di gerath ſtehend doch ſe und ke ihn uu Joſepl verſeh dafür an de weſen ordnet Gatti Quelg war ausg liche Joſe eine mer t Neiſe⸗ ſſen ſe beträch, ihes in hem Ge⸗ llerdings ksbachs. le? Der oskapital ner wür⸗ Mikolajew denn we⸗ ſcht ſeines ſammenzu⸗ r Stunde „Die Reiſe e Summe Mivarks 0 rain: bin „mir den erts Hotel des Grafen 117 Bielski ein ganzer Monatshaushalt auf Mikolajew ge⸗ koſtet hatte. Man war ſchon von der Hochzeit her unverſehens in einen Strudel hineingerathen, und das im Kreiſe ſich drehende Schiff ſchien jetzt in hohem Grade bedroht. Die ganze Nacht ſaßen Joſepha und der Graf in Berathung. Obſchon erſt ſeit kurzer Zeit einander nahe⸗ ſtehend, waren die vielen guten Eigenſchaften Beider doch ſchon als hinreichende Bindemittel thätig geweſen, und kein Vorwurf verbitterte die trübe Stimmung, die ihn wie ſie in dieſer verzweifelten Lage beherrſchte. Joſepha fühlte nur zu wohl, daß auf beiden Seiten viel verſehen worden war. Hatte ſie ſich doch, ohne Gründe dafür zu haben, begütert geglaubt, und nun kam es an den Tag, daß ihre Schlöſſer bloße Luftſchlöſſer ge⸗ weſen waren. Andererſeits hatte der Graf ſein ge⸗ ordnetes Hausweſen, wie es ihm von der verſtorbenen Gattin hinterlaſſen worden war, für die unverſiegbare Quelle eines fürſtlichen Haushaltes gehalten, und nun war dieſe Quelle bereits bis auf den letzten Tropfen ausgeſchöpft. Aber wie auf beiden Seiten nachweis⸗ liche Schuld war, ſo auch auf beiden Seiten Strafe. Joſepha hatte durch ihre Unüberlegtheit eine geſicherte, eine angenehme Exiſtenz verſcherzt und war nun ſchlim⸗ mer daran als ein Wrack auf hoher See. Der Graf, 118 bis dahin in geregelten, eingefriedeten Verhältniſſen, ſtand jetzt vor einem Abgrunde. Der Morgen graute ſchon, als Beide noch rathlos an dem großen Sykomorentiſche ihres Speiſezimmers ſaßen, bald von dieſer, bald von jener Möglichkeit im ſcheuen Flüſtertone redend, ſelbſt für einen unbetheiligten Beobachter ſie wie er in ihrem ſorgenvollen Gegen⸗ ſatze zu dem unberührten reichen Abendeſſen, das noch in ſilbernen Schüſſeln neben ihnen ſtand, ein gar be⸗ klemmender Anblick. Endlich wurden zwei Beſchlüſſe gefaßt. Der erſte galt der alten Staroſtin. Joſepha wollte es durchſetzen, daß ſie von ihrer Schwiegermutter heute wieder einmal empfangen werde; ſie wollte ihr dann die ganze Sachlage vorſtellen und kein erlaubtes Mittel unbenützt laſſen, den harten Sinn der Alten zu beugen. Der zweite Beſchluß betraf den Londoner Banquier. Der Graf wollte ihn bewegen, den von Flatow ge⸗ tilgten Credit vor der Hand noch als nicht widerrufen zu betrachten. Er hoffte, Flatow's Verfügung werde dem Banquier ſelbſt ſchon als eine große Rückſichtsloſig⸗ keit erſchienen ſein. Schlimmſtenfalls war er entſchloſſen, ſeine Ehre für die Tilgung jedes Vorſchuſſes zu ver⸗ pfänden, welchen der Banquier etwa auf eigene Gefahr wagen würde.„Es ſtehen uns zwei ſaure Gänge bevor Jedes 6 vief vermöc dieſer⸗ wieder Da Lo ſchon bereits Street denn a aber f Ei zu den verabſ den A oder! lich geſeh ein Vort ( itnſſen h wtllos ſezimners ichkeit im ſtheiligten n CGegen⸗ das noch gar be⸗ ha wollte tter heute ihr dann es Mittel u beugen. Banquier. atow ge⸗ viderrufen ing werde ſchtzloſig⸗ tſchloſſen, 5 zu ver⸗ ne Gefahr re Gänge 119 bevor“, ſchloß der Graf die lange Berathung,„aber Jedes von uns wird um des Andern willen thun, was es vielleicht nie und nimmer für ſich ſelbſt zu thun vermöchte. Was mich betrifft— Graf Bielski hat in dieſer Nacht abgedankt. Warten wir ab, als was er wieder aus dem Nichts hervortauchen wird.“ Damit begab man ſich endlich zur Ruhe. London iſt die ſpäteſtwache Stadt der Welt. Ob⸗ ſchon die Morgenhelle den Knopf der St. Paulskirche bereits golden glänzen machte, war die Stille in Brook Street doch noch eine vollſtändige. Der Graf ſchlief denn auch feſt ein. Joſepha ſchämte ſich ihrer Schwäche, aber ſie konnte nicht anders als wachen und weinen. Einige Stunden ſpäter begannen die Vorbereitungen zu den Geſchäftsgängen. Als der Graf ſich von Joſepha verabſchiedete, ſtanden ihr die Thränen noch immer in den Augen, ſie wußte ſelbſt nicht, ob um ſeinetwillen oder um ihretwillen. Der Graf war ſchon wieder leid⸗ lich wohlgemuth. Er habe zufällig im Kalender nach⸗ geſehen, ſagte er, und Gott ſei Dank, es ſei wenigſtens ein Dienſtag;„am Dienſtag“, ſo waren ſeine letzten Worte,„habe ich aber noch immer Glück gehabt.“ Glück? Und wenn man uns nun auch noch die Ehre abpfändet! dachte Joſepha, als der Wagen des rafen von dannen rollte. 120 Sein Vertrauen auf den Dienſtag ſollte ſich übri⸗ gens in der That als kein trügeriſches erweiſen. Ceri⸗ gotto and Son, die griechiſchen Glaubensgenoſſen, bei welchen Hirſch Flatow den Grafen accreditirt gehabt hatte, galten zwar für die geriebenſten Wechsler in ganz Lombard Street— und das will etwas ſagen— Graf Bielski hatte aber wegen ſeiner Unkenntniß der Geſchäftsſtunden das Glück, weder Cerigotto den Vater, noch Cerigotto den Sohn, noch auch Phiniki, den Dis⸗ ponenten des Geſchäftes, im Bureau zu treffen. Er hinterließ alſo eine kurze ſchriftliche Notiz, die Bitte enthaltend, Mr. Cerigotto möge ſich im Laufe des Mor⸗ gens nach Mivart's Hotel bemühen. Nun wollte der Zufall, daß Cerigotto der Vater ſammt Phiniki, dem Disponenten, zur Ueberwachung einer großen Weizenlieferung aus dem Schwarzen Meere bis zum Nachmittag in den St. Katharinen⸗Docks feſt⸗ gehalten wurden, ſodaß Porri Cerigotto, der Sohn, ſobald er nach ſeinem Morgenritte ins Bureau kommen würde, die Vorkommniſſe der Morgenſtunden ſelbſtſtändig zu erledigen hatte. Wenn dergleichen ſich aber ereig⸗ neten, war es ausgemachte Sache, daß Porri einen Bock ſchoß, und die ſämmtlichen Commis wußten, als er wirklich bald darauf nun die Notiz des Grafen vorfand und ſofort zum Beſuche deſſelben aufbrach, dß Nächte ärgerl Cerige beäng geſich ceeval Reize Erfah mit I kenlo⸗ ihn ſ Porri und Vorſi berech zwiſ wied⸗ ins dad gotte zuk zige ſaß ſo Wic übri⸗ n. Ceri⸗ ſſen, bei t gehabt hsler in ſagen— atniß der en Vater, den Dis⸗ ffen. Er die Vitte des Mor⸗ er Vater rwachung en Meere ocks feſt⸗ r Sohn, kommen bſtſtündig er ereig⸗ arri einen. wußten, 1s Grafen aufbrach, 121 daß Cerigotto der Vater wieder eine Anzahl ſchlafloſer Nächte und ſie ſelbſt ohne Ausnahme eine Anzahl ärgerlicher Tage durchzumachen haben würden. Porri Cerigotto— ein eben erſt zwanzigjähriger, aber ſchon beängſtigend corpulenter Dandy mit ſtark ſemitiſcher Geſichtsbildung— war nämlich eine von vorwiegend chevaleresken Neigungen beherrſchte Natur. Gegen die Reize des andern Geſchlechtes trotz zahlreicher bitterer Erfahrungen in gar keiner Weiſe gewappnet, galt er mit Recht für ebenſo großmüthig wie leichtſinnig, gedan⸗ kenlos, unvorſichtig und talentlos. Demungeachtet liebte ihn ſein geſchäftskundiger Vater wie ſeinen Augapfel. Porri war des Alten Stolz, ſein Kummer, ſein Alles und deßhalb auch, im Widerſpruche mit aller ſonſtigen Vorſicht des ſteinreichen alten Griechen, ſein gleich⸗ berechtigter Geſchäftstheilhaber. Natürlich hatte Porri zwiſchen andern Anwandlungen der Schwäche hin und wieder auch diejenige, Unternehmungen auf eigene Fauſt ins Werk zu ſetzen. Ein paar Mal war die Firma dadurch in ſo arge Verluſte hineingerathen, daß Ceri⸗ gotto der Vater ihm nie wieder ein Geſchäft überlaſſen zu können geſchworen hatte. Aber Porri war ſein ein⸗ ziger Sohn. Wenn der liebe Junge nicht neben ihm ſaß und gähnte, Cigaretten rauchte oder ſeine Nägel putzte, ſo war dem Alten ganz Lombard Street verleidet. 122 Porri Cerigotto fuhr alſo um die herkömmliche Be⸗ ſuchsſtunde in ſeinem Cab bei Mivart's vor. Er konnte— im Intereſſe des Grafen Bielski— ſeine Zeit nicht beſſer wählen, denn eben wurden die Ratte und der Schweißfuchs vor der Front des Hotels von zwei gelbgeſtulpten Reitknechten auf und ab geführt, und Porri, welcher allen hübſchen Pferden auf die Hinter⸗ ſchenkel zu klatſchen pflegte, erfuhr gar bald von einem der beiden Reitknechte, daß der junge Lord Spencer beim Grafen Bielski ſeinen Beſuch mache. Oben an⸗ geumeldet und in den mit koſtbaren Teppichen belegten Empfangsſalon hineingeführt, fand Porri neben dem ſchweigſamen Lord den ihm unbekannten Sir John in lebhafter Unterhaltung mit drei Damen, die ihm drau⸗ ßen der Rusniake als die Comteſſen Bielski bezeichnet hatte und in denen er jetzt den anziehendſten Theil der auch von ihm ſchon vielfach umſpähten polniſchen Ca⸗ valcade wieder erkannte. Da der Graf auf wenige Augenblicke abweſend war, lud Theophila den fremden Gaſt zum Sitzen ein, und Porri, von ihrer ſtrengen Grazie und ihrer fremdartigen Ausdrucksweiſe ſofort aufs unwiderſtehlichſte angezogen, begann ohne Wei⸗ teres wie ein Kanonenofen zu brennen. Sobald Theo⸗ phila ihn ins Geſpräch zu ziehen ſuchte, erwähnte er, ſie bereits von weitem bewundert zu haben, ohne Ahnung vücher ſeien, laubte laſſen Theo in le polniſ börſe habe gege zählt den und ſchw blich liche Be⸗ dor. Er — ſäne ie Natte tels von ürt und eHinter⸗ on einem Spencer Dben an⸗ belegten eben dem John in in drau⸗ bezeichnet Theil der ichen Ca⸗ wenige fremden ſtrengen ſe ſofort me Wei⸗ Id Theo⸗ ähnte er, n, ohne 123 Ahnung freilich, daß ſie und ihre Schweſtern die Töchter eines Geſchäftsfreundes von Cerigotto and Son ſeien, und da Theophla nichts zu verſtehen ſchien, er⸗ laubte er ſich nachträglich, ſeine Karte zu überreichen, auf welcher die Firma in engliſchen, aber auch in grie⸗ chiſchen und hebräiſchen Lettern zu leſen war. Theophila hatte in der Morgenfrühe Worte zwiſchen Joſepha und ihrem Vater wechſeln hören, deren Sinn ihr jetzt erſt in beängſtigender Weiſe ins Gedächtniß kam. Ohne genau zu wiſſen um was es ſich handle, ſagte ihr ein dunkles Vorgefühl, daß ſie gut thue, heute ihren Abneigungen nicht allzu freien Lauf zu laſſen. Und ſo erging ſich Porri Cerigotto denn, ohne Theophila's Stolz ſeine Stacheln herauskehren zu ſehen, in leidlich unpaſſenden Reiſereminiscenzen aus den polniſchen Karpathen⸗Bädern— die ſicherſte Heiraths⸗ börſe der polniſchen Damen, wie man ihm verrathen habe— ſchäkerte dann mit dem jüngſten Knaben, der, gegen Theophila's Knie gelehnt, von den Kunſtſtücken er⸗ zählte, die ein winzig kleines Pudelchen heute unter den Fenſtern des Hotels zum Beſten gegeben habe, und berauſchte ſich endlich dermaßen in Theophila's ſchwarzen Augen— ſo fernhaltend dieſelben auch blickten—, daß, als der Graf erſchien und den jungen Banquier zu ſich in ſein Cabinet einlud, Porri Cerigotto 124 ihm am liebſten gleich als werbender Jacob um den Hals gefallen wäre. Unter ſolchen Umſtänden mußte der Dienſtag wohl ſeine glückbringende Eigenheit bewähren. Als Porri eine Viertelſtunde ſpäter an der Seite des Grafen wie⸗ der an der Schwelle des Cabinets erſchien, war Hirſch Flatow's Widerruf nicht nur beſeitigt, Cerigotto der Sohn hatte ſich auch noch in die Hand verſprechen laſſen, daß der Graf ſich an die enge Grenze dieſes Credits in keiner Weiſe als gebunden erachten werde. „Noch iſt Polen nicht verloren!“ rief der Graf ſeiner Gemahlin entgegen, als dieſe am Nachmittag von ihrem Beſuche bei der Staroſtin ins Hotel zurückkehrte. Und auch bei Joſepha's Miſſion hatte ſich der Dienſtag, in einer Hinſicht wenigſtens, als ein günſtiger Tag be⸗ währt. Joſepha war in der That dießmal wieder bis zur Staroſtin durchgedrungen. Sie hatte die Alte auf ihrem nationalen Wolfsfell ruhend gefunden, das ganze Geſicht dicht mit Tüchern verbunden, auffallend ver⸗ ändert, der Sprache nicht ganz mächtig, aber glimpf⸗ licher, menſchlicher als bei den früher ihr abgeſtatteten Beſuchen. Die Unterhaltung war mittelſt des Major⸗ domus geführt worden, da die Alte ſich weſentlich auf Zeichenantworten beſchränkt hatte, deren Bedeutung Jo⸗ ſepha nicht immer verſtehen konnte. 1 ſ kon Die E inner aufs uu 36 deutſch wechſe natio wollte verſte polni des auch hieß es f habe müſ Sto Folg Hie Jof ſta nin um den dag wohl ls Porii dfeen wie⸗ K öiß gotto der erſprechen ze dieſes n werde. der Graf ittag von rückkehrte. Dienſtag, 5 Tag be⸗ deder bis Alte auf das ganze lend ver⸗ er glimpf⸗ geſtatteten s Major⸗ ntlich auf ttung Jo⸗ 125 Was die wirklichen Erfolge dieſes Beſuches betraf, ſo konnten dieſelben freilich nicht ſonderlich befriedigen. Die Staroſtin wußte eine Menge Einzelheiten aus dem innern Leben der Familie und mißbilligte zum Beiſpiel aufs bitterſte, daß eine der Comteſſen(Marynia) ſich zu Zeiten Marie nennen laſſe, daß überhaupt die deutſche Sprache noch häufig mit der polniſchen ab⸗ wechſelnd gebraucht werde. Sie hatte von ähnlichen nationalen Proben ein ganzes Regiſter im Kopfe und wollte nicht gelten laſſen, daß Joſepha, wie dieſe zu verſtehen gegeben hatte, auf dem Wege ſei, das nicht⸗ polniſche Element mehr und mehr unter den Kindern des Grafen Bielski auszumerzen. Das Endergebniß der ganzen Beſprechung war daher auch ziemlich dürftig ausgefallen. Die Sniatyner Güter, hieß es, ſeien polniſcher Grund und Boden und ſollten es für ewige Zeiten bleiben. Der Käufer derſelben habe ſich denn auch die Bedingung gefallen laſſen müſſen, bei einem Wiederverkauf ſie nur an einen Stockpolen zu verkaufen und ebenſo den ſämmtlichen Folgebeſitzern die nämliche Verpflichtung aufzuerlegen. Hierüber ſei nun überhaupt nicht mehr zu ſprechen. Joſepha ſei indeſſen einmal die Mutter der verſtorbenen ſtaroſtiſchen Enkel. Als ſolche werde die Staroscina ſie nimmer Noth leiden laſſen. Wolle Joſepha ſich daher 6 126 von der Bielski'ſchen Miſchfamilie trennen und ſich etwa in die Bukowina zurückziehen, ſo ſolle ihr es bei Lebzeiten der Staroscina, wie auch nach deren Ableben nicht zum Schaden gereichen. Wolle ſie nach dem Man⸗ ſardenhauſe überſiedeln— deſto beſſer. Wenn Joſepha wieder vollkommen Polin geworden ſein werde und weiter nichts, ſo könne ſie dereinſt mit Achten fahren und die Armen der Bukowina von goldenen Tellern ſpeiſen. Der Graf hatte ſchweigend zugehört. Als Joſepha zu Ende war, entrang ſich ſeiner Bruſt ein Seufzer. „Warum ſeufzen Sie, mein Freund?“ ſagte Joſepha, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte,„trauen Sie mir denn zu, daß ich übernommene Pflichten ſo leicht abſchüttle?“—„Ich wußte, daß Sie auf Ihrem Poſten ausharren würden“, verſetzte der Graf gedrückten Tones und legte ſeine Hand in die ihre;„aber habe ich das Recht ein ſo großes Opfer von Ihnen anzunehmen?“ „Mit meinen Anſprüchen ans Leben“, erwiderte Joſepha ohne Herbheit,„fand ich mich weit früher ab, als unſere gegenſeitige Bekanntſchaft zurückreicht; denken wir an Ihre Kinder!“ A des. welcht pflegt und eine zu ſt und ſich dr eSh Ableben im Man⸗ Joſepha adweiter und die eiſen. Joſepha eufzer. Joſeph, wen Sie ſo leich n Poſten n Tones ich das men?" Iöſepha § unſere wir an ei Elftes Kapitel. Mr. Alfred Blackman. Am Morgen des folgenden Tages hörten die Commis des Hauſes Cerigotto and Son aus dem Cabinete, in welchem der Millionär mit ſeinem Sproß zu hauſen pflegte, das ihnen wohlbekannte Gepolter des Letzteren, und ſofort rüſtete ſich Phiniki, der Disponent, auf einen etwaigen Nothſchuß des Alten zur Hilfe bereit zu ſtehen. Er war das Muſter eines gewitzten, umſichtigen Kaufmanns, auf jeden Vortheil bedacht und doch den Schein wahrend, als laſſe er ſich wohl zuweilen be⸗ ſchnittene Dukaten für vollwichtig in die Hand ſtecken. Ohne andere Ambition, als den Glanz und den ewigen Beſtand der Firma Cerigotto and Son, hatte er ſich 128 durch den alten Cerigotto ſeit Langem zur rechten Hand deſſelben heranziehen laſſen und war nicht nur bei den pecuniären Leiden und Freuden des Geſchäftes nach verabredeten Procenten betheiligt, er ärgerte ſich auch mit dem Alten um die Wette, ſo oft Porri dem Hauſe einen übeln Handel zugezogen hatte. Nachdem das Poltern eine Weile gedauert hatte, ward die Fiſtelſtimme des Geſchäftsoberhauptes ver⸗ nehmbar. Sie ſtellte Porri zu Rede, und unter hef⸗ tigen Widerſprüchen des Letzteren begann der Krieg endlich mit Hitze zu entbrennen. Phiniki knöpfte— er ging immer in untadelhaftem Schwarz— ſeinen Frack bis an die Binde hinauf feſt zu, bürſtete ſein dünnes ſchwarzes Haar, ſteckte die Stahlfeder hinters Ohr und rückte in die Feuerlinie. Aber nein, die Hauptſache fehlte ihm ja noch.„Tompſon“, rief er, und der jüngſte Lehrling ſchaffte das mangelnde Rüſtzeug herbei. Es war das gewichtige Hauptbuch des Hauſes, ein Gegenſtand, deſſen Inhalt zu jeder Stunde dem Dis⸗ ponenten Vorwand bot, um eine Conferenz mit dem Chef des Hauſes nachzuſuchen, zugleich aber auch ein Opus, deſſen meſſingbeſchlagener Einband in der That ſich majeſtätiſch genug ausnahm und das, wenn nicht als Wurfgeſchoß, ſo doch als Schild ſchon öfter gute Dienſte geleiſtet hatte. Wie die Spinne ihr Ei, ſchob — ſei er ermal bis z heben beſten und überle ſiſche Fuß Ver nach er 1 ſch Fre beſc een dand dei de tes nach ſich rucj n Hauſe tt hatte tes ver⸗ nter hef⸗ er Krieg ſte— er ꝛen Frack dünnes Ohr und auptſache. tjüngſte ſei. uſes, ein een Dis⸗ mit dem auch ein der That en nich fter gute Ei, ſchob 129 der Disponent beim Oeffnen des Cabinets es ſorglich vor ſich her. Als er fort war, rutſchten wie auf Commando alle Commis von ihren juchtenledernen Pultenböcken herab, und im nächſten Augenblicke lauſchten zwei Dutzend neugieriger Ohren an der dünnen Tapetenthür des Ca⸗ binets. Was ſie erlauſchten, war der gewöhnliche Verlauf ſolcher im Innern des Allerheiligſten ausgebrochenen Stürme. Phiniki ſtimmte dem Alten bei, der Credit ſei erloſchen, ſei nicht wieder zu eröffnen geweſen, man ermangle jedweder Deckung, man wiſſe nicht einmal, bis zu welcher Höhe der Graf etwa Summen zu er⸗ heben gedenke; Mr. Porri Cerigotto werde ſich am beſten auf einige Wochen nach dem Feſtlande begeben und die Ausgleichung dieſes Handels dem Disponenten überlaſſen. Hierauf warf Cerigotto Sohn ſein chine⸗ ſiſches Tintenfaß auf den Boden, ſchwor, er ſetze keinen Fuß wieder nach Lombard Street hinein, äußerte die Vermuthung, wenn er zufällig im Hafen ein Schiff nach Auſtralien oder Indien ſegelfertig finde, ſo werde er wohl, wie er. gehe und ſtehe, einen raſchen Ent⸗ ſchluß faſſen; verſicherte Phiniki, er gönne ihm die Freude, dann an die Stelle des Sohnes zu rücken; beſchwor Cerigotto den Vater, wenn ein ſolcher Wandel R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 9 130 eintrete, darüber keinen kummervollen Gedanken nach⸗ zuhängen, und brach endlich in Thränen aus, indem er wiederholt Theophila's Namen ausſtieß und den ärmſten Fabrikarbeiter beneidete, der doch Abends Weib und Kind daheim finde, während der Sohn des reichen Cerigotto ſein Herz an Ingberſäcke und Twiſtballen hängen ſolle. Das Ende vom Liede war, daß Mr. Phiniki wieder in ſeine Reſerveſtellung zurückging, daß Cerigotto der Vater mit zwei purpurrothen Ohren— dahin verzog ſich allemal ſeine Aufregung— aus dem Cabinet her⸗ vor und an den Pulten ſeiner Commis entlang knarrte, wobei er dieſe Unglücklichen der Reihe nach um irgend einer raſch entdeckten Säumniß willen mit Gehalts⸗ abzügen bedrohte; daß Porri Cerigotto endlich, nach⸗ dem der Vater für dießmal ſeinem Sohne nachgegeben hatte, mit ſehr geſchwollenem Geſichte und noch viel geſchwolleneren Augen ſich anſchickte, die Tintenland⸗ karte von dem Boden des Cabinets wegzutilgen— eine Selbſterniedrigung, die den Alten allmälig bis zu dem Grade rührte, daß er ſeinem Sohne eigenhändig eine Cigarette drehte und ſie ihm mit brennendem Lichte aufs verödete Pult ſtellte. Einſtweilen galt der ſtreitig geweſene Credit nun wieder für eröffnet, und Cerigotto junior konnte ſchon mken nucj indem a den ürmſten Weib und es reichen wwiſtballen ni wieder nigotto der jin verzog dinet her⸗ ng knarrte, um irgend t Gehalts⸗ ich, nach⸗ achgegeben noch viel intenland⸗ en— eine is zu dem ändig eine dem Lichte redit nun unte ſchon 131 am nämlichen Nachmittag durch ein Blumenbouquet der erleſenſten Art Theophila ſeine erneute Huldigung darbringen. „Der Menſch iſt mir unleidlich“, ſagte der Graf zu Joſepha, als dieſe bei den immer deutlicher werdenden Aufmerkſamkeiten Porri's an einem der nächſten Tage die Frage wagte, ob Graf Bielski den jungen Ceri⸗ gotto etwa als Schwiegerſohn annehmen würde?— „Sobald Gelder eingehen“, fuhr der Graf fort,„werden wir ihm bedeuten müſſen, daß Artigkeiten dieſer Art auf die Länge läſtig fallen.“ „Sie erwarten alſo Gelder?“ fragte Joſepha. „Ich habe geſtern an den Verwalter geſchrieben“, ſagte der Graf und addirte mit der ihm eigenen Leich⸗ tigkeit im Plusrechnen eine Menge Gutserträge zuſam⸗ men, die er in ſeiner neulichen Beſtürzung völlig außer Anſchlag gelaſſen habe und die denn doch über und über ausreichen müßten, um vorderhand allen Schwierig⸗ keiten die Stirn zu bieten. „Dem Himmel ſei Dank“, athmete Joſepha auf,„und Sie irren ſich nicht?“ „Wir ſprechen uns in acht Tagen wieder.“ Im Grunde hoffte der Graf, es werde binnen acht Tagen ſich auch wohl noch Anderes erfreulich ge⸗ ſtalten. 9* 132 Sir John hatte hin und wieder gegen den Grafen Bielski merken laſſen, die Braut Algernon's, die Tochter des noch immer abweſenden Lords W., beginne eifer⸗ ſüchtig zu werden.„Da bitte ich, Ihre Beſuche in meiner Familie einzuſtellen“, war endlich des Grafen Antwort geweſen.—„Und wenn mein Neffe nun ein⸗ ſähe“, hatte Sir John replicirt,„daß eine eiferſüchtige Frau noch weit ſchwerer zu beglücken ſein würde, als eine eiferſüchtige Braut?“ Man ſchien drum und dran, die ganze Verlobung rückgängig zu machen. Am nächſten Morgen meinte der Graf ſchon wieder: Joſepha ſolle nur vor Allem Jadwiga überwachen. Wenn Jadwiga ſich nur wenigſtens binnen der nächſten Tage einigermaßen zuſammennehme, ſo ſei allerlei möglich. „Sie werden mich verſtehen“, ſagte er;„im Uebrigen— nun, dergleichen will nicht berufen werden.“ Marynia, die am liebſten bei Allen Mutterſtelle vertreten hätte, war längſt in gleicher Weiſe auf dem Poſten geweſen. Sie erſchrak nicht wenig, als der kleine Jana bei einer zufälligen Veranlaſſung von einem Reiter in zinnoberrothem Jagdfrack zu erzählen begann, mit welchem um die Wette Jadwiga bei dem heutigen gemeinſamen Beſuche der bedeckten Reitſchule wohl an die zwanzig Male über eine künſtliche Hecke geſetzt habe. Grafen eTochtet ne difer⸗ eſuche in Grufen nun ein⸗ erſüchtige lide, als erlohung n wieder. en. Wenn ſten Tage möglich. brigen— utterſtelle auf dem als der von einem nbegann, heutigen wohl an ſſetzt habe. V 133 „Und wer war dieſer fremde Herr?“ fragte Ma⸗ rynia, zu Boleslaw gewendet, welcher eben mit Adam hinzukam. „Mr. Alfred Blackman“, gab der Mentor zurück. „Mr. Blackman? Hm, aber iſt das Alles, was Sie von ihm wiſſen? Hoffentlich gehört er zur guten Geſellſchaft. Darf ich um Aufſchluß bitten, was er treibt?“ „Er iſt Kunſtreiter“, ſagte Boleslaw im ruhig⸗ ſten Tone. „O“, rief Marynia erleichtert,„das heißt, er iſt der Reitlehrer?“ „Das gerade nicht.“ „Aber dort angeſtellt?“ „Auch das nicht. Er beſucht die Manege zu ſeinem Vergnügen.“ Marynia wurde wieder unruhiger.„Ich ſcheine Sie nicht zu verſtehen“, ſagte ſie. „Er iſt einfach Kunſtreiter im Circus Prescott“, erläuterte Boleslaw. „Ein wirklicher Circus⸗Kunſtreiter!“ rief Marynia und ſchlug die Hände zuſammen. „Gewiß“, beſtätigte Boleslaw,„und zwar ein ſehr tüchtiger.“ Marynia wußte ſich in ihrer Angſt nicht zu rathen. 134 „Bleiben Sie“, bat ſie und lief zu Theophila hinüber, und dieſe kam ſofort mit hochrothen Wangen an der Hand der Schweſter zurück, indem ſie einen ihrer ſtrafendſten Blicke als Vorreiter vorausſprengen ließ. Längſt hatte ſie's nach einer Gelegenheit verlangt, dem Nachfolger Fliegner's eine Demüthigung zu be⸗ reiten. Seine überlegene Haltung dem Vater gegen⸗ über war ihr eine ſtetig fließende Quelle peinlichſten Verdruſſes. Daß dieſe Haltung auch ihr einen Augen⸗ blick bei der erſten Begegnung imponirt hatte, konnte ſie ihm dabei am wenigſten vergeben, und ſelbſt die Art, wie er Jadwiga's Taktloſigkeiten von ſich abzu⸗ wenden wußte, wurmte ſie, wie wenig ſie letztere auch billigte. Sie traue ihren Ohren nicht, ſagte ſie; ob Boles⸗ law Oſinski nicht wiſſe, zu welchem Zwecke der Graf ihn angeſtellt habe? Der Angeſprochene verſicherte, Graf Bielski habe ihm auf die unzweideutigſte Weiſe zu erkennen gegeben, daß lediglich die beiden Knaben ihm zur Obhut über⸗ wieſen ſeien. „Wo und wann?“ fragte Theophila. „Wo? In dieſem ſelben Zimmer. Wann? Zu dreien Malen. Zuerſt, als die Comteſſe Jadwiga mit der Windbüchſe des kleinen Adam nach den Figuren eines Gyps der„ haftes Paſch Zum 4 82 Mann ſchen beſſer 1 entſch Der jung jede hinüber, an der en ihrer n lief. derlangt, öin be⸗ r gegen⸗ inlicſten Augen⸗ konnte felbſt die ih abzu⸗ tere auch Boles⸗ er Graf dii habe gegeben, uut über⸗ zu dreien mit der een eines 135 Gypshändlers geſchoſſen hatte. Zum andern Male, als der Poſtbote, weil er der Comteſſe Jadwiga mangel⸗ haftes Engliſch nicht gleich verſtand, von ihr mit einem Waſchbecken voll Seifenwaſſers begoſſen worden war. Zum dritten Male als...“ Theophila fiel ihm ins Wort: ſie beklage, daß ein Mann in Boleslaw Oſinski's Stellung zwiſchen kindi⸗ ſchen Unarten und verhängnißvollen Tollheiten nicht beſſer zu unterſcheiden wiſſe. „Unterſcheidungen dieſer Art“, entgegnete der Mentor entſchuldigend,„ſind zumeiſt etwas rein Subjectives. Der noch nicht erwähnte dritte Fall hat übrigens dem jungen Lord gegolten— auch hier hat der Graf ſich jede Bemerkung verbeten.“ Theophila verſtummte. Marynia erinnerte ſich jetzt der allerdings aus⸗ drücklichen Weiſung ihres Vaters: Herr Boleslaw Oſinski habe ſich um Jadwiga nicht zu kümmern. „Auf einen Fall wie den vorliegenden“, meinte Theophila demungeachtet,„trifft Alles das nicht zu.“ Boleslaw zuckte die Achſeln.„Aus langjähriger Erfahrung weiß ich“, ſagte er wie zur Verſtändigung, „daß Grenzen dieſer Art nie ungeſtraft überſchritten werden. Sollte Ihr Herr Vater anderer Meinung ſein und jetzt etwa auch über den angeblichen Sir John von 136 mir Auskunft wünſchen, ſo ſoll ſie ihm nicht vorent⸗ halten werden.“ „Ich glaube kaum“, ſagte Theophila kurz abbrechend, „daß mein Vater bei Ihnen anzufragen hat, wen er empfangen ſoll und wen nicht. Aber ich werde mit ihm ſprechen.“ Sie war ſehr unmuthig. Boleslaw verneigte ſich und zog ſich mit den Knaben zurück. Am Abend dieſes Tages benutzte er wieder einmal eine freie Stunde, um bei Aaron vorzuſprechen, der noch immer unter erbärmlichen Schmerzen daheim hockte. Zipora hatte ſein Anklopfen ſchon erkannt. Sie räumte ihre Fleckwaſſer⸗Phiolen und die halbgereinigten Gala⸗ kleider hurtig aus dem Wege und empfing den Ein⸗ tretenden nach ihrer unterwürfigen Gewohnheit mit einem auf ſeinen Aermel gedrückten Willkommenkuß. Dann zog ſie ſich, nachdem ſich Boleslaw an Aaron's Lager begeben hatte, mit ihrem kranken Kinde in einen Winkel zurück, von wo aus ſie, unter Streicheln und Schaukeln der fiebernden Kleinen, Boleslaw unaus⸗ geſetzt im Auge behielt. Boleslaw hatte den Tag über, wie dieß ſeine Art war, in beſchaulichem Schweigen eine Menge Dinge bei ſich vorüberziehen laſſen und vervollſtändigte jetzt it vorent⸗ übrechnd, wen er werde mit en Knaben der einmal techen, der heim hockt. Sie räunte gten Gala⸗ den Ein⸗ nheit mit ommenkuß. n Aarou's de in einen eicheln und iw unaus⸗ ſeine Art age Dinge ndigte jett 137 durch Erkundigungen über dieß und das den Zuſam⸗ menhang ſolcher Einzelheiten, die ſein Nachdenken mehr als vorübergehend angeregt hatten. Die gräfliche Fa⸗ milie nahm bei dieſen ſeinen Grübeleien nur eine unter⸗ geordnete Rolle ein. In anderem Sinne, als dieß bei der Staroscina der Fall war, ſtand ſein Vaterland, ſo lange er dieß Leben eines Verbannten führte, im Vor⸗ dergrunde ſeines Intereſſes. Während das politiſche Programm der Staroſtin, ſoweit bei ihr von einem ſolchen die Rede ſein konnte, etwa auf dem Privi⸗ legienboden der Reichsverfaſſung von 1505 fußte, alſo den Adel über Alles ſetzte, und Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Wojwoden, Caſtellane und Miniſter aus keiner tiefer rangirenden Kaſte berufen wiſſen wollte, hatte Boles⸗ law nicht umſonſt die Luft der engliſchen Rechtsgleich⸗ heit ſo lange Jahre eingeſogen. Für ihn gab es nur Einen Weg der Wiederbefreiung Polens: die allmälige Heranbildung und Hebung der unteren Claſſen. Für dieſe Seite der Wiedergeburt Polens hatte er durch vielſeitige Lectüre, ſtrenges Nachdenken und eine große Anzahl eigener journalvonher Abhandlungen ſeinen Geiſt in einer Weiſe geſchult, daß er die unſchein⸗ harſten Veränderungen in der allgemeinen politiſchen Atmoſphäre ſofort auf jenen Lieblingsgegenſtand ſeiner einſamen Grübeleien zurückzubeziehen wußte, und er 138 blickte nicht leicht in eine Zeitung, ohne ſeine Sorgen um das Loos ſeines Vaterlandes vermehrt oder auch im andern Falle ſeinen Hoffnungen für Polens end⸗ liche Wiederbefreiung neue Nahrung zugeführt zu ſehen. Parlaments⸗Verhandlungen, Veränderungen im engli⸗ ſchen Miniſterium, Wechſel im Geſandtſchaftsperſonal und ähnliche Dinge hatten für ihn daher immer ledig⸗ lich ein auf Polen bezügliches Intereſſe, und ſein Ge⸗ dächtniß hielt Buch über eine Menge unſcheinbarer Symptome, die, durch Aaron's Spionirkunſt bis auf ihre geheimſten Quellen zurückgeführt und durch Bo⸗ leslaw mit Geſchick combinirt, gar häufig fernliegende Ereigniſſe zu errathen geſtatteten. Auch was ihn in dieſem Augenblicke beſchäftigte, war weder Zipora's ſichtliche Freude bei ſeinem Wiedereinſprechen, noch die Erinnerung an Theophila's böſe Miene, noch endlich der ihm bevorſtehende Auftritt mit Jadwiga's Vater; viel⸗ mehr war, was ihn in Spannung hielt, ein rein poli⸗ tiſcher Gegenſtand: die Wiederbeſetzung des Peters⸗ burger Geſandtſchaftspoſtens and ſo berührte Boleslaw erſt nach alphabetiſcher Vo Khme einer großen Anzahl dahin zielender Lokal⸗Erkunsegungen die dem Juden wichtigere Frage, was aus den Gäſten in Mivart's Hotel werden würde? „Was aus ihnen werden wird?“ ſagte Boleslaw, .5 el⸗ d kriftig einſt Ac Hotel Er wl de S aus de Street ermitte wärtig bringe Perſon Pferd Aaron ſolec in ein hatte ſirt. Gewe Köder aus jung Aaro einen △ Sorgen der auch ens end- du ſehen. m engli⸗ perſonal der ledig⸗ ſein Ge⸗ heinbarer dis uuf unch Bo⸗ aliegende s ihn in Ziporo's noch die ablich der ter, viel⸗ rein poli⸗ Peters⸗ Boleslaw en Anzahl m Juden Mivarks Boleslaw, „der Wind wird ſie ſchütteln. Aber es ſind junge, kräftige Bäumchen unter ihnen, die werden's dem Winde einſt Dank wiſſen.“ Aaron hatte trotz ſeines Siechthums das große Hotel in Brook Street nicht aus den Augen verloren. Er wußte von Sir John's Beſuchen, war auch auf die Spur der ſchwarzen Ratte gekommen und hatte aus der Stall⸗Tabelle des Pferdeverleihers in Swallow Street noch überdieß den goldenen Schweißfuchs zu ermitteln gewußt. Wer dieſe beiden Thiere gegen⸗ wärtig in Miethe habe, war danach leicht herauszu⸗ bringen geweſen. Begreiflicherweiſe konnten es keine Perſonen von Rang ſein. Die hätten ihre eigenen Pferde geritten. Sir John hieß denn auch— wie Aaron's Gewährsleute verſicherten— für gewöhnlich ſchlechthin Macready, hielt ein geheimes Spielhaus in einem Nachbargäßchen des Clarence⸗Clubhauſes und hatte zu zweienmalen als Deportirter den Aequator paſ⸗ ſirt. Die Polizei kenne ihn, ſagte Aaron, und ſtöre ſein Gewerbe nur nicht, weil ſich daſſelbe längſt als brauchbarer Köder für das Einfangen von zweifelhaften Subjecten aus den höheren Ständen bewährt habe. Was den jungen Lord Spencer betraf, ſo hieß er— immer nach Aaron's Gewährsleuten— Tom Wyatt und war ſeit einem Jahre mit der betagten Wittwe eines Theer⸗ 140 und Hanfhändlers, Mrs. Boodle, verheirathet, welche ehrbare Dame er unlängſt bei der Lebensverſicherung „Providence“ für eine namhafte Summe verſichert haben ſollte. Der Dritte im Bunde, Mr. Ridley, war nicht genau zu ermitteln geweſen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ge⸗ hörte er aber in der That zur Advocatenzunft, und zwar zu demjenigen Theile dieſer ehrenwerthen Körperſchaft, welcher nicht vom Proceſſiren, ſondern vom Vergleichen lebt. Der Vorfall in Rotten⸗Row war bei einiger Drei⸗ ſtigkeit leicht auszubeuten geweſen, und es konnte nicht fehlen, daß, wenn nicht gerade Mr. Ridley davon hörte, ein anderer Profeſſioniſt dieſes Schlages die Sache in die Hand genommen und einen Kläger zur Stelle ge⸗ ſchafft haben würde, der dem Vorgange ſelbſt füglich ebenſo fern ſtehen mochte, wie dieß wahrſcheinlich bei dem angeblichen jungen Lord der Fall war. Soweit die Mittheilungen Aaron's. Sie enthielten weſentlich mehr, als was er bei einem früheren Beſuche Boleslaw's zum Beſten gegeben hatte, auch dießmal freilich nur nach dem vorausbedungenen Gelöbniſſe des Schweigens; denn Aaron war ein viel zu guter Han⸗ delsmann, um das Waſſer, das er ſelbſt vermahlen könnte, anderen Mühlen zu gönnen. Nachdem Aaron geendet hatte, ſaß Boleslaw eine ganze Weile in Gedanken. Er hatte nicht nur —— vor d John geſuch worden waren genom dränge ung Grafet daß ie ſpürte jiemli Aber nem auf lichen ſein und! — 6 bring het, velch erſcherung czert haben nicht genau eit nach ge⸗ und zwar ſdärperſchft, Vergleichen niger Drei⸗ konnte richt davon hörte ie Sache in er Stelle ge⸗ ſelbſt füglich ſcheinich bei ie enthielten eren Beſuche nuch dießmal helöbniſſe des guter Han⸗ ſt vermahlen 6 Boleslaw tte nicht nur 141 vor dem jungen Lord Spencer, er hatte auch vor Sir John zu wiederholtenmalen den Grafen zu warnen geſucht; immer war ihm eine verletzende Antwort ge⸗ worden. Was damals bloße Vermuthungen geweſen waren, das hatte jetzt faſt die Züge der Gewißheit an⸗ genommen. Sollte er ſich von neuem als Warner auf⸗ drängen? Theophila's heutige Herbheit war in ihrer Wir⸗ kung doch wohl noch weit verletzender geweſen, als des Grafen unnahbare Erhabenheit.„Sie ſoll nicht ſagen, daß ich aus Rache ſchwieg“, redete er vor ſich hin und ſpürte im Vergleiche zu ihrer ſchneidigen Weiſe die Un⸗ ziemlichkeiten des Grafen kaum noch wie Nadelſtiche. Aber Aaron wollte Boleslaw in keiner Weiſe von ſei⸗ nem Gelöbniß entbinden.„Er mag mich aufſuchen hier auf meinem Marterbette“, ſagte er mit einem ſchmerz⸗ lichen Aechzen und einem noch ſchmerzlicheren Blicke auf ſein Töchterlein;„Gott der Gerechte! ſoll ich führen und leiten den Fuß, der mich trat?“ „Gut“, verſetzte Boleslaw,„ich werde ihn herzu⸗ bringen ſuchen.“ „Wen?“ fragte Zipora aus ihrem Winkel. Die Spelunke der Old Pye Street hatte außer Boleslaw noch kaum jemals einen Chriſten über ihre Schwelle kommen ſehen. „Einen Mann, der Dich und mich und alle Welt 142 verachtet“, ſagte Boleslaw,„den wir aber auf beſſere Gedanken bringen möchten.“ „Dich und mich—“ wiederholte Zipora halblaut. Es lohnte ſich ſchon, verachtet zu werden, wenn Boles⸗ law mit dabei war. Er war aufgeſtanden.„Wie hieß der Secretär noch?“" fragte er abſpringend. „John Somerſet“, ächzte Aaron. Es war ein Secretär Sir William Seymour's gemeint, des wahrſcheinlich dem⸗ nächſt zu ernennenden Petersburger Geſandten. Und in lautem Selbſtgeſpräche über die politiſche Bedeutung dieſer Ernennung ging Boleslaw ſeiner Wege. duf beſſer a halblaut. denn Boles⸗ retär noch du ein Serretär einlich dem⸗ dten. Und eVedeutung eege. Zwölftes Kapitel. Theophila. Vielleicht das unzerreißbarſte Band, das uns ans Leben knüpft, iſt das uns eingeborne Bedürfniß, Alles zu begreifen. Es iſt ein Irrthum, daß uns dieſer Drang aus dem Leben hinaustreiben ſollte. Unſer Geiſt hat hienieden ſo viele Räthſel zu löſen, daß er das eine große Räthſel immer von neuem über den vielen kleinen aus den Augen verliert. Dieſes Bedürf⸗ niß knüpft uns aber deßhalb ſo feſt ans Leben, weil es, indem es uns das Thun und Treiben Anderer beobachten heißt, uns unwillkürlich zur Theilnahme, zur Mitleidenſchaft, zum Selbſtvergeſſen zwingt. In einem einzigen unbewachten Augenblicke vermag es alle abſperrenden Schranken einzureißen, die eine menſchen⸗ feindliche Gemüthsverirrung um uns aufrichtete. 144 Boleslaw hatte die Menſchen nicht lieben gelernt. Es gehört ein klein wenig Sonnenſchein dazu— auch im menſchlichen Gemüth— um den Baum zum Blüthen⸗ treiben zu bringen und zwiſchen das gleichmäßige Blätter⸗ grün ein paar lachende Farben hineinzuſtreuen. Dieſer Sonnenſchein hatte ihm gefehlt, und ein herbes Lächeln, das ſeinem edelgeformten Geſichte faſt noch froſtiger ſtand als die verfrühten Silberhaare an den Schläfen, verrieth, wie bitter ſeine Lebensanſchauung war. So hatte er, nachdem er die Zwecke und Eigen⸗ ſchaften der gräflichen Familie nach allen Richtungen zu durchſchauen glaubte, zwar ohne Freude, aber auch ohne ſonderliches Mitleid die mancherlei Anzeichen eines heraufziehenden Sturmes wie ein Natur⸗Phänomen auf ſich wirken laſſen, das ſeinen vorgeſchriebenen Gang gehen wird, gleichviel, ob man nach ihm ausſchaue oder nicht. Der Graf in ſeiner leidenſchaftsloſen Ideen⸗ Engheit war ihm gleichgültig; wenn dieſen Mann das Schickſal einmal zauſen würde, ſo konnte eine ſolche Heimſuchung wohl gar zu ſeinem Beſten ſein. Die Gräfin, obſchon ſie Jadwiga's herriſche Unarten rügte und Oſinski's dienende Stellung nach Möglichkeit erleichterte, war doch zu nachgiebig und zu gefügig, als daß er ihr mehr als oberflächliches Intereſſe ſchenkte; er meinte ſolchen wachsweichen Weſen ſchon mehr im Leben be⸗ gegnet allemal Maryn willen, ein Cut denkens zu rede Seethie kann un — dab Inneres Er kong und we ihrem u wogen. er fand Moſt ſi der übr füllen die bei ein ih eignen Nange ihnen ſie im R. U lernt. auch then⸗ atter⸗ dieſer ſcheln, ſtiger läfen, igen⸗ bungen rauch eines en auf Gang ſchaue Ideen⸗ in das ſolche . Die gte und chterte, er ihr meinte ben be⸗ 145 gegnet und bei tieferem Hineinblicken in deren Natur allemal um ſeine Mühe betrogen worden zu ſein. Was Marynia betrifft, ſo war ſie ihm, um ihrer Deutſchheit willen, antipathiſch. Jadwiga aber galt ihm mehr für ein Curioſum als für einen würdigen Stoff des Nach⸗ denkens. Sie gemahnte ihn— um in ihrer Bilderſprache zu reden— an eines jener unbeirrbar lebensluſtigen Seethiere, die man wie einen Handſchuh umkehren kann und die ſich— ſo verſichern die Naturkundigen — dabei um nichts ſchlechter befinden. Jadwiga's Inneres ſaß ja eigentlich auch auf der Außenſeite. Er konnte übrigens bei ihren tollen Streichen lachen und war ihr um der Verlegenheiten willen, die ſie ihrem vornehmen Vater unabläſſig bereitete, ſogar ge⸗ wogen. Es ſteckte Ueberfülle von Kraft dahinter, und er fand es in der Ordnung, daß der junge feurige Moſt ſich nicht gleich dem ſchon abgeklärteren Weine der übrigen in die ledernen Schläuche der Convenienz füllen laſſen wollte. Am liebſten freilich waren ihm die beiden Knaben. In ihrer Unbändigkeit hatte er ein ihm längſt abhanden gekommenes Stück ſeines eignen Weſens wiedergefunden. Er liebte die wilden Rangen und ſie liebten ihn. Aber er gönnte auch ihnen etwas Beſſeres als das glatte Getäfel. Mochten ſie immerhin das engliſche Sprichwort an ſich erproben: R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 10 146 Every man must fight his own way*). Und Theophila? Aus ihr allein wußte er nichts zu machen und das Grübeln über ſie allein ließ ihn deßhalb nicht los. Es war übrigens ein ziemlich nutzloſes Grübeln, denn ſeine Menſchenkenntniß entbehrte aller jener mikroskopiſchen Einzelnheiten, die ſich nur im häufigen Verkehr mit dem andern Geſchlecht aneignen laſſen, weil dieſer Verkehr, um ſeiner vielen Subtilitäten willen, das Aufmerken am meiſten herausfordert. Einzig mit ſeinen politiſchen Plänen von früh bis ſpät be⸗ ſchäftigt, befand ſich Boleslaw ſowohl Zipora wie Theophila gegenüber in dem Zuſtande eines Mannes, welcher nie früher die See befuhr und, nun er wirklich ſich einmal einſchifft, vergebens Wind, Wetter und Wellen befragt, was werden wird. Daß Theophila's edle Züge, wohin er ging und blickte, ihm wohlthuend vor der Seele ſtanden, während ſo manches ihrer Worte und ſo manche ihrer Geberden doch wie ebenſo⸗ viele unheilbare Wunden in ſeinem Gedächtniſſe brann⸗ ten, das war ihm bei dieſen Grübeleien das verwir⸗ rendſte Räthſel.„Was hat dieſes verächtlich drein⸗ ſchauende Mädchen mir angethan?“ redete er mit ſich ſelbſt.„Bin ich allen Selbſtgefühls bar, daß ich die *) Jedermann muß ſeinen eigenen Weg erſtreiten. ärgſte wider Wohin tigkeit immer geword Am Joſeph Vater dieſelbe Graf von je ſtehe, unterge irgend Denno und ſic Oſinsti bei de knüpfte merku Reitba ſuchen. B keines phila? d das . rübeln, jener ufigen laſſen, litäten Linzig ät he⸗ ta wie lannes, wirklich er und is edle thuend ihrer ebenſo⸗ brann⸗ verwir⸗ drein⸗ nit ſich ich die 147 ärgſten Schnödheiten ihr hingehen laſſe, als handle ſie wider ihre eigene Natur und könne nur nicht anders? Wohin iſt meine ſpöttiſch geſchehenlaſſende Gleichgül⸗ tigkeit? Ich greife in den Stachel hinein, wieder und immer wieder, und faſt iſt mir's ſchon zur Gewohnheit geworden, mich an ihm blutig zu ritzen.“ Am Abende dieſes Tages ſaßen der Graf und Joſepha wieder in Berathung. Marynia hatte dem Vater die Aeußerungen Oſinski's hinterbracht. Da dieſelben aber auch Algernon betrafen, ſo nahm der Graf die Sache möglichſt leicht. Boleslaw ſprach er von jeder Verſäumniß frei. Wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſtehe, ſagte er, ſei die Stellung Oſinski's eine viel zu untergeordnete, als daß man ihm eine Einmiſchung in irgend etwas die Comteſſe Angehendes geſtatten dürfe. Dennoch„bedauerte“ der Graf, als Boleslaw heimkam und ſich ihm ſofort vorſtellte, daß der Bekanntenkreis Oſinski's, wie es ſcheine, ſich ohne Weiteres auch als bei der gräflichen Familie eingeführt betrachte, und knüpfte dann, ohne eine Antwort zuzulaſſen, die Be⸗ merkung daran: Comteſſe Jadwiga werde künftig die Reitbahn jenſeits des Serpentine nicht mehr be⸗ ſuchen. Boleslaw, zu deſſen Bekannten der Kunſtreiter keineswegs je gezählt hatte, verſchmähte, eine Er⸗ 10* 148 läuterung zu geben, die augenſcheinlich nicht gewünſcht wurde. Der Graf fragte nun, zu welchem Zweck Oſinski immer mit allerlei verblümten Warnungen auf den jungen Lord zurückkomme. Boleslaw verwies auf die durchaus ungünſtigen Mittheilungen, welche Aaron in Betreff Lord Spencers eingezogen habe. Der Graf wurde bei dieſen Worten ſehr gereizt. Niemand habe dem Juden Auftrag gegeben, ſagte er, ob etwa Boleslaw?„So iſt es in der That,, verſetzte Boleslaw,„in meinem Auftrage hat er ſich erkundigt.“ Es erfolgte ein längerer Meinungsaustauſch, den der Graf nicht ohne Schärfe führte. Die Haltung Boles⸗ laws imponirte ihm zuletzt aber doch, und ſo wollte er wenigſtens Näheres hören. Boleslaw erklärte ſich bereit, den Grafen zu dem kranken Juden zu führen, und ſetzte die Gründe auseinander, warum Aaron ihn durch ein Verſprechen zum Schweigen verpflichtet habe. Bei dieſer Wendung jedoch brach Graf Bielski das Geſpräch kurz ab, augenſcheinlich das Ganze für eine abgekartete Speculation auf ſeine Leichtgläubigkeit haltend. Bo⸗ leslaw wartete noch einige Augenblicke. Dann, da kein Beſcheid erfolgte, zog er ſich zurück. Es that ihm wirklich wohl, als er draußen dem gutmü ihr, w Kennt kleiner Sie he weit a bei de Rückre nur ei geganc es alſ Geld aber ſchon und ui Volesl ſie ſel überl komm A' hörte Die braug niß ohne ſtigen ecers ereizt. te er, erſetzte digt.“ n der Boles⸗ lte er bereit, ſetzte ch ein Bei eſpräch kartete Bo⸗ a kein n dem —— 8 5 „ — 149 gutmüthigen Geſicht Simonene's begegnete und von ihr, wie ihm ſchon mehrmal widerfahren war, um ſeiner Kenntniß ihrer Heimathsſprache willen in Betreff allerlei kleiner Nöthe und Anliegen zu Rath gezogen wurde. Sie hatte ſich nicht träumen laſſen, daß England ſo weit aus der Welt liege, und verzweifelte nun ſchier bei dem Gedanken, daß immer noch nicht von der Rückreiſe die Rede war. Eigentlich, klagte ſie, habe ſie nur ein Jahr dienen wollen und ſei lediglich in Dienſt gegangen, weil ihrer Mutter eine Kuh geſtorben ſei, es alſo darauf ankam, für die Anſchaffung einer neuen Geld zu ſchaffen. Jetzt hatte ſie die nöthige Summe aber ſchon ſeit einigen Wochen beiſammen, war auch ſchon ein Vierteljahr über ihre Zeit von Hauſe fort und meinte bald vor Heimweh vergehen zu müſſen. Boleslaw tröſtete ſie nach Möglichkeit und zuletzt gab ſie ſelbſt zu, wenn ſie die kleine Aniela einer Andern überlaſſen ſolle, da würde es ihr freilich noch hart an⸗ kommen. Als Boleslaw bei Theophila's Zimmer vorüberging, hörte er ſie ein polniſches Lied vor ſich hinſummen. Die Weiſe war ihm bekannt. Ohne daß er zu horchen brauchte, kamen die Worte des Liedes ſeinem Gedächt⸗ niß zurück. Sie ſang es ausdruckslos, augenſcheinlich ohne überhaupt an den leidenſchaftlichen Sinn der 150 Worte zu denken. Dennoch mußte Boleslaw ſich Ge— walt anthun, um beim Anklingen dieſes ſo lange nicht vernommenen Heimattones nicht außer Faſſung zu gerathen. Auf ſein Zimmer zurückgekehrt, warf er die Verſe raſch aufs Papier. Hatte auch Theophila Heimweh? Etwa um eines fernen Freundes willen? Aber nein, da hätte ſie mit wärmerer Empfindung geſungen. Und er las mit klopfendem Herzen und mühſam nieder⸗ gehaltener Bewegung: Führt ein Pfad vom Berg hernieder, Trennen müſſen wir uns wieder, Und was iſt uns übrig blieben—2 Thränen hüben, Thränen drüben! 7 Berg, o Berg, du Himmelsleiter, Mond, du ſchweigender Begleiter, O ihr Wolken, o ihr Sterne— Wie erträgt ein Herz die Ferne? allemal er ſich ſagt, d 8 Äfrika und d ſter G und — Dreizehntes Kapitel. Zwei Beſuche. „Schweſter“, ſagte Adam eines Tages zu Jadwiga, „weißt Du, wo das Paradies geweſen iſt?“ „Dummheit!“ gab Jadwiga zurück. „Hat Herr Fliegner“, fragte Adam weiter,„nicht allemal gemeint, es habe in Aſien gelegen? Nun hat er ſich auch damit wieder geirrt. Boleslaw Oſinski ſagt, das Paradies lag in Afrika.“ „Das läßt ſich hören“, verſetzte Jadwiga.„In Afrika gibt es doch zum wenigſten die beſten Pferde und die gewandteſten Reiter. Frage Oſinski bei näch⸗ ſter Gelegenheit, ob Dein afrikaniſcher Namensvetter und Eva, ſeine Frau, ſchon das Reiten verſtanden? Sagt er Ja, dann wollen wir ihm glauben, ſagt er Nein, dann mag er uns mit allen ſeinen Paradies⸗ 152 geſchichten ungeſchoren laſſen. Wo man zu Fuße lau⸗ fen mußte, gab's eben noch kein Paradies.“ Der Graf hatte nicht ohne Befriedigung von Wei⸗ tem zugehört. Als er gleich darauf Joſephen begegnete, und jener ritterlichen Definition des Begriffes Para⸗ dies lachend Erwähnung that, meinte Joſepha mit einem Seufzer:„Jedenfalls war's mit dem Paradieſe zu Ende, als der erſte Gläubiger auf die Welt kam.“ Sie hatte ſich eben vorher die Hotelrechnung aufmachen laſſen und legte dieſelbe dem Grafen vor.„Verlieren Sie nur nicht ſo raſch den Muth“, bat der Graf,„ich werde die Sache durch Cerigotto and Son einſtweilen berich⸗ tigen laſſen.“ Er ſtellte ſofort eine Anweiſung auf dieſelben aus. Der Caſſier von Mivart's wurde citirt, war die Erge⸗ benheit ſelbſt, hoffte, man werde noch nicht mit Lon⸗ dons Sehenswürdigkeiten zu Ende ſein, empfahl, we⸗ nigſtens bis zum Schluſſe der Saiſon zu bleiben, indem das Beſte allemal bis auf die letzten Tage aufgeſpart werde, und verſetzte durch ſeine glückliche Art, alle Dinge von der vergnüglichſten Seite anzuſehen, den Grafen nahezu wieder in gute Laune. Als der Caſſier fort war, kam Joſepha jedoch wieder auf die unerhörte Koſtſpieligkeit des Londoner Hotel⸗ lebens zurück und empfahl die ſchleunigſte Rückreiſe. Wenn Algert ſich de dieß 1 verfole Joſey letzter Woch and, N die hi dieſe ſie al men, haben 76 daß; müſſ um men ſchen Wo vät gen delau⸗ n Wei⸗ egnete, Para⸗ einem Ende, hatte en und e nur werde berich⸗ maus. Erge⸗ Lon⸗ we⸗ indem eſpart alle , den wieder Hotel⸗ ckreiſe. ——— 153 Wenn der Graf, ſagte ſie, den etwaigen Abſichten Algernons geneigt ſei, ſo ſtehe ja nichts im Wege, daß ſich der letztere jetzt ſchon näher erkläre, oder, wenn dieß nicht möglich ſei, die Anknüpfung brieflich weiter verfolge. Man einigte ſich dahin, für den Fall daß Joſephens Abſchiedsbeſuch bei der alten Staroſtin die letztere nicht noch umſtimmen würde, bis zum Ende der Woche aufzubrechen. Freilich, was würden Cerigotto and Son zu des Grafen Abreiſe ſagen? Man wagte die häßlichen Worte nicht auszuſprechen, die hier vielleicht nur zu nahe lagen. Joſepha hatte dieſe Seite der Frage aber kaum ins Auge gefaßt, als ſie auch ſchon für unmöglich erklärte, London zu räu⸗ men, ehe man ſeinen Verpflichtungen vollſtändig genügt haben werde. „Gewiß!“ ſtimmte der Graf bei.„Es verſteht ſich, daß zuvor die Gelder aus Mikolajew eingegangen ſein müſſen. Ich erinnere mich, Mosbach pflegte ſo etwa um dieſe Zeit herum anſehnliche Summen einzuneh⸗ 6 men. Sein Nachfolger wird hoffentlich dem ihm ge⸗ ſchenkten Vertrauen entſprechen.“ Der alte Cerigotto hatte inzwiſchen mit Ach und Weh die Anweiſung des Grafen eingelöſt. Aber die väterliche Liebe glaubte damit nun auch mehr als genug gethan zu haben. Unter der Hand ſollte dem 154⁴ Grafen deutlich zum Verſtändniſſe geführt werden, daß er gut thue, es nicht mit einer zweiten Anweiſung zu verſuchen, und daß Cerigotto jun. nur das fünfte Rad am Wagen vorſtelle. Am ſelben Nachmittage ſchon rollte Phiniki's Brougham in Brook Street vor, und wenige Augen⸗ blicke darauf ſaß der Disponent von Cerigotto and Son dem Grafen Bielski gegenüber. u Phiniki war in Eröffnungen dieſer Ar— z.. endeter Meiſter. Er verſtand die Kunſt, Alles mit wenigen Worten auszudrücken. In dieſe Kürze wußte er aber wieder ſo viel Tact zu legen, ſo viel Achtung vor der werthvollen Zeit des Andern, daß der Graf nie einen unleidlicheren Menſchen geſehen zu haben glaubte. Vornehmheit verſchlug gegen Phiniki in gar keiner Weiſe. Auch Mißverſtehen und ſonſtige zeitgewinnende Mittel, die ſich dem Grafen, obſchon ſeinem Weſen eigentlich fremd, dießmal als Nothbehelfe aufdrängten, wurden durch Phiniki ſofort beſeitigt Ja, zu des Grafen Verdruß fand Phiniki gegen den Schluß des kurzen Beſuches ſogar noch eine Wendung, welche dem Schuldner wider ſeinen Willen noch eine Art von Dank abnöthigte, und ſo verſchluckte Graf Bielski denn die ihm eingegebene goldene Pille mit grimmig lächelndem Geſicht und krampfhaft geballten Fäuſten, A Graf in der „Iſt und un ſunge dieſer nun abſchi auf, ner) ſeien, der G D wurd Graf verw letzt Taſch will derr mit dußte tung Graf haben in ſtige ſchon helfe itigt den ung, Art elski nmig en. 155 Als Phiniki wieder draußen war, klingelte der Graf mit ſolcher Heftigkeit, daß ihm der Glockenzug in der Hand blieb. Der Rusniake kam hereingeſtapft. „Iſt der Menſch noch auf der Treppe?“ rief der Graf und wollte dem handfeſten Alten eben eine jener Wei⸗ ſungen geben, deren raſchen Vollzug Aaron noch in dieſer Stunde büßte. Aber er beſann ſich denn doch. „Es iſt gut“, ſagte der Graf,„geh hinaus!“ Und der br ang. 88. Joſepha war mit den Töchtern ausgefahren. Was nun anfangen? Wie dieſe unerträglichen Gläubiger abſchütteln? Er ließ Boleslaw kommen und trug ihm auf, ſofort Aarons Meinung einzuholen, ob die Ukrai⸗ ner Pferde ohne Verzug zu einem Preiſe zu verkaufen ſeien, bei welchem der ungefähre Einkaufspreis, den der Graf angab, wieder herauskam. Der Mentor war kaum fort, als Porri angemeldet wurde. Er hatte ſehr geſchwollene Augen und der Graf mußte ſich zuſammennehmen, um Porri's kläglich verwickelte Entſchuldigungen bis zu Ende anzuhören. Zu⸗ letzt zog der traurige junge Mann ein Papier aus der Taſche, auf welchem der alte Cerigotto mit zwei wider⸗ willig gekritzelten Zeilen die Erklärungen Phiniki'’s wi⸗ derrufen hatte. Mit feuchten Augen begann Porri dem⸗ 156 nächſt ſeinen Gefühlen in Betreff Theophila's Ausdruck zu geben. Bei dieſer Wendung unterbrach ihn aber der Graf. „Für heute“, ſagte er,„habe ich an dem Einen Thema genug. Die Deckung der von Cerigotto and Son vorgeſtreckten Summe darf trotz jenes Wider⸗ rufes keinen Tag länger anſtehen. Was weiter etwa folgen kann“, ſo ſchloß er,„entzieht ſich bis dahin jeder Beſprechung.“ Als Porri in gedrückter Stimmung fortgegangen war, ſtand der Graf eine lange Zeit in Gedanken und ſuchte ſich darüber klar zu werden, ob jene Geldmah⸗ nung oder dieſe Werbung eine abſcheulichere Demüthi⸗ gung enthalte? Ein Porri Cerigotto wagte es, nach einer Jungfrau aus dem Geſchlecht der Maſſalski ſeine Wünſche zu erheben! Von dem Pferdehandel war dennoch heute nicht mehr die Rede. Boleslaw wurde gar nicht wieder vorgelaſſen.— Als Joſepha heimkam, theilte ihr der Graf den Einfall Porri's mit, aber wie eine Schnurre, über die ſich höchſtens lachen laſſe. Joſepha hatte den jungen Mann noch kaum geſehen. Sie enthielt ſich daher jedes Urtheils und meinte, Alles komme auf Theophila an. „Auf Theophila?“ rief der Graf in hellem Erſtaunen, — „und Bielski haben wenig „Graf rief er ſchleude obendre Vo ſem T Wo des G. vollend dafür keit au ehrer Beſuch Bolesl den G würdi ſuchte. zum e dasd Aber eben, Sdruck Graf. Einen d and Wider etwa jeder zangen en und dmah⸗ müthi⸗ nach ſalski dandel eslaw vſepha Vorri's chſtens ſehen. Alls nunen, 157 „und Sie meinen wirklich, eine Tochter des Grafen Bielski ſollte ſich ins Ghetto verheirathen?— O, Sie haben Recht“, fuhr er fort, als Joſepha nach einem wenig beiſtimmenden ſchonenden Kopfnicken ſchwieg, „Graf Bielski hat ja neulich ſchon abgedankt.— Nein!“ rief er dann plötzlich.„Lieber die ſechzehn Pferde ver⸗ ſchleudern und, wenn es ſein muß, meinen Muhamed obendrein!“ Von dem Pferdehandel war dennoch auch nach die⸗ ſem Trumpfe nicht weiter die Rede. Während der nächſten Tage wurde Cerigotto auf des Grafen Anordnung, als ſei nichts vorgefallen, mit vollendetem Anſtand empfangen, und Joſepha hatte nur dafür zu ſorgen, daß Theophila nicht der Unannehnlich⸗ keit ausgeſetzt war, ſich mit ihrem ſchwärmeriſchen Ver⸗ ehrer allein zu befinden. Einmal fügte ſich's, daß ſein Beſuch einen jener Vorträge unterbrach, durch welche Boleslaw auf Joſepha's Veranlaſſung die vielen von den Comteſſen in Augenſchein genommenen Sehens⸗ würdigkeiten Londons ihrem Verſtändniſſe näherzurücken ſuchte.—„Schade“, ſagte Theophila und verrieth dadurch zum erſten Male, daß ihre bisherige Achtloſigkeit auf das von Boleslaw Docirte nur eine ſcheinbare geweſen war. Aber ſie verbeſſerte ſich raſch mit dem Zuſatze:„Ich hoffte eben, der Stoff werde heute endlich einmal erſchöpft.“ 158 Auch Sir Johns Beſuche fanden wieder eine min⸗ der zurückhaltende Aufnahme. Der alte Lord W., be⸗ richtete Sir John, ſei von ſeiner diplomatiſchen Miſ⸗ ſion heimgekehrt, habe ſich aber mit dem Bräutigam ſeiner Tochter wegen der allzu glimpflichen Beilegung der Rotten⸗Row⸗Affaire völlig entzweit. Sir John ließ errathen, daß die Partie nicht zu Stande kommen werde, äußerte ſein Bedauern darüber, da der junge Lord ſeine Braut innig geliebt habe, und erzählte ſo viele rührend kindliche Züge aus der Vergangenheit des ſchweigſamen jungen Mannes, daß ſelbſt Joſepha ſich für ihn einnehmen ließ. Der Graf ſeinerſeits hörte bald darauf von einigen der jungen Herren, welche mit Algernon in engerem Zuſammenhange ſtanden, ſo viel Günſtiges über Alger⸗ nons Charakter und Lebensweiſe, daß er Joſepha nur beiſtimmen konnte. Aber wie wollte man Jadwiga dieſer ſelben Auffaſſung geneigt machen? Hier zeigte ſich die größte Schwierigkeit. Unter dem Eindrucke der ihr entgegengehaltenen wegwerfenden Aeußerungen über Alfred Blackmann war dieſer junge Centaur, ſtatt in Jadwiga's Achtung zu ſinken, zu ihrem offenkundigen Abgott geworden. Im Grunde hatte ſie wohl ganz Recht, denn er war wie für ſie erſchaffen. Seit zehn Jahren der erklärte konnte zehn 3 Kunſte ihrer dem S die Be Sinne der Le über ſ entpuy loppir zumut rend Pagan zigſte ganzen dreht Beifal vergn leichti ſpäßen ten ſ abent und ommen junge hlte ſo genheit ha ſich einigen ngerem Ager⸗ ha nur adwiga zeigte ick der en über ſtatt in nndigen denn er ren der — — 159 erklärte Liebling aller Beſucher des Aſtley⸗Circus, konnte Alfred Blackmann jetzt etwa ſiebzehn bis acht⸗ zehn Jahre zählen. Er war der Sohn der berühmten Kunſtreiterin Jane Kennington, welche in der Blüthe ihrer Jahre mitten im Circus bei einem Sturze aus dem Sattel ihr Leben verloren hatte, und ſo hatte ſich die Beliebtheit ſeiner unübertroffenen Mutter im beſten Sinne auf ihn vererbt. Wenn er möglicherweiſe we⸗ der Leſen noch Schreiben konnte, ſo ſprang er dafür über ſechs Ponies rücklings hin und her; verkleidete und entpuppte ſich wenige Augenblicke nachher auf dem ga⸗ loppirenden Pferde, ſo oft es ſein Director ihm nur zumuthete; fiedelte Nankee Doodle und Hornpipe, wäh⸗ rend ihn das wilde Roß am Boden hinſchleifte, trotz Paganini und Ole Bull, und war der friſcheſte, her⸗ zigſte, wohlgemuthetſte Geſelle, der nur jemals in dem ganzen großen London einem Mädchen den Kopf ver⸗ dreht hatte. Allabendlich aus tauſend hellen Kehlen Beifallsrufe vernehmend, glücklich in ſeinem beweglich⸗ vergnüglichen Stande, voll Wageluſt und Geſundheits⸗ leichtigkeit, voll Reiterkunſt⸗Projecten und Allerwelts⸗ ſpäßen, die allemal das zuletzt Geleiſtete noch überbie⸗ ten ſollten, hieß er inmitten ſeiner liebelnden und abenteuernden Umgebung noch immer„das Wickelkind“ und war, ſo lange Jadwiga die Reitbahn beſuchte, — — ——·—· 160 ſelbſt zu ihr in kein anderes Verhältniß gerathen, als in das eines Kunſt⸗Enthuſiaſten zu einem vielver⸗ ſprechenden Talent. Seitdem freilich hatte Gott Amor nicht einzig in Jadwiga's Herzen Unheil angeſtiftet. Auch das Wickelkind, wie ungeweckt dieſe Seite ſeiner Natur noch ſein mochte, begann ſeine ſchmucken Sattel⸗ Colleginnen plump und häßlich zu finden und ſpürte ein unruhiges Verlangen, ſtatt mit ihnen, künftig mit der ſchönen Polentochter herumzuturnieren. So hatte Alfred Blackmann denn, als Jadwiga ihm mehrere Male nicht zu Geſicht gekommen war, ohne Weiteres mit den beiden Knaben wegen ihrer ſchönen Schweſter angebunden. Als dadurch aber, ohne daß Boleslaw es hindern konnte oder wollte, zwiſchen dem muntern Reitersmann und der daheim auf allen Stühlen umhervoltigirenden Amazone ein mündlicher Depeſchenwechſel in Gang gekommen war, klopfte Alfred Blackmann gar eines Morgens beim Grafen Bielski ſelber an und ſtellte ihm höflich vor, daß die Comteſſe Jadwiga im Circus unfehlbar ihr Glück machen werde. Natürlich war der Graf in Gefahr, vom Schlage gerührt zu werden. Wenn der kleine Athlet ein paar Jahre jünger geweſen wäre, ſo hätte der Graf ihn zweifelsohne beim Kragen gefaßt und aus der Thür geſett Burſe ſteand, mißlie zu den geneig ners hörte alle2 D D zornig dahin purpu Sinne ſich lo Papa Worte Hier und entla — verſch len i zu fi 9 R. dwiga war, ihrer ohne viſchen allen dlicher Kopfte Jrafen aß die Glück ſchlage paar af ihn Thür 161 geſetzt. Aber das wunderbare Ebenmaß des kecken Burſchen und die ſichere Art, wie er auf den Füßen ſtand, ließen jede körperliche Abfertigung deſſelben als mißlich erſcheinen. Der Graf überwand ſich daher bis zu dem Grade, daß er mit lächelnder Hoheit und vor⸗ geneigtem Ohr den Eröffnungen des jungen Sachken⸗ ners wie einem hergeſagten Geburtstagswunſche zu⸗ hörte und ihn dann mit ironiſchem Achſelzucken ohne alle Antwort entließ. Der kleine Kunſtreiter zog ſich halb verlegen, halb zornig zurück. Was war ihm begegnet, ihm, den bis dahin alle Welt gehätſchelt hatte! Er ſtand noch mit purpurrothen Wangen im Corridor, unfähig, ſeine fünf Sinne wieder zu ſammeln, als plötzlich eine Seitenthür ſich leiſe öffnete und Jadwiga auf ihn zuſtürzte.„Der Papa hat Nein geſagt?“ fragte ſie mit geflügeltem Worte;„nicht wahr, er hat Alles abgeſchlagen? Gut. Hier haſt Du meine Hand. Ich werde Kunſtreiterin und ſollte ich auch in Nacht und Nebel dem Papa entlaufen müſſen.“ Sie drängte den Ueberraſchten an die Treppe und verſchwand, ehe er auch nur auf den Gedanken verfal⸗ len war, ihre Hand feſtzuhalten oder an ſeine Lippen zu führen. An dieſem Abend wurde Alfred Blackmann zum R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. I. 11 162 erſten Male in ſeinem Leben ausgeziſcht. Er machte allerdings ſeine Sachen ſpottſchlecht. Zu ſeiner noch größern Strafe wurde Alibaba, der kunſtſinnige Ele⸗ phant des Circus, ſtatt ſeiner herausgerufen. Zephyrine, Alfreds jugendliches Halbſchweſterchen, die beſte Tram⸗ polin⸗Springerin Mr. Prescotts, wollte ihn über ſeine Fehlſprünge zur Red ſtellen. Aber er ſchwor, alle Damen von London ſeien Pfefferdüten, und er frage den Teufel nach ihrem Beifall. auf die Begebe naachen hem Da Mlllion meif ſamme aber d anſchau lich de Mani den vi Vierzehntes Kapitel. Großſtädtiſcher Nebel. Es iſt hier wohl an der Zeit, einen kurzen Zlick auf die rieſigen Verhältniſſe Londons zu werfen; die Begebenheiten, welche den Stoff dieſer Erzählung aus⸗ machen, möchten ſonſt trotz ihrer Alltäglichkeit in man⸗ chem Sinne unverſtändlich erſcheinen. Daß die Bevölkerung der engliſchen Hauptſtadt nach Millionen zählt, iſt bekannt. Einen ungefähren Be⸗ griff, was der Verkehr einer ſo auf Einen Punkt zu⸗ ſammengedrängten Menſchenmaſſe zu bedeuten hat, wird aber durch eine einzige Ziffer vielleicht am beſten ver⸗ anſchaulicht: die Londoner Omnibuſſe werden wöchent⸗ lich durch mehr als ſechs Millionen Menſchen benützt. Man überlege, was das ſagen will, und bemeſſe danach den vielköpfigen Hintergrund des hier ſkizzirten Bildes. 11* 164 Dieſes Ameiſengewirre iſt begreiflicherweiſe eine große Erſchwerung für die Beurtheilung des Individuums. Was bei einer früheren Gelegenheit von Rotten⸗Row geſagt wurde, gilt daher in mehr als Einer Beziehung auch von den ehrlichen und unehrlichen Leuten ganz Londons. Im engen Zuſammenhange damit ſteht eine nur in ganz großen Städten in ſolchem Grade vorkommende Eigenſchaft: die allgemeine Gedächtnißſchwäche der Be⸗ völkerung für Thatſachen, Ereigniſſe, Perſönlichkeiten, die nach kleinſtädtiſchen Begriffen, gleichviel auf welche Art, der Erinnerung Aller auf unauslöſchliche Weiſe eingeprägt erſcheinen würden. Ein Beiſpiel ſtatt vieler. Noch vor nicht langer Zeit beſchäftigten ſich alle Zei⸗ tungen Londons mit dem erſten Beamten im Patent Office; er hatte ſich der Unterſchlagung von 7500 Pfd. Sterling ſchuldig bekannt, und die ihm dafür von dem Lordkanzler zuerkannte Strafe beſtand in einey durch 800 Pfund Jahresgehalt verſüßten Penſionirung. Beide Herren ſtanden infolge des einen wie des andern Vor⸗ ganges acht Tage hindurch am Pranger der öffent⸗ lichen Mißbilligung. Man ſchrie über Skandal. Ganz London war empört. Nie, hieß es, ſei es ſo klar ge— weſen, daß die höchſten Beamtenkreiſe einer gründlichen Sichtung bedürftig ſeien. Und in der That dauerte es ni gegeh hatte Schul Verw wußte jett ſe Seiten ſeit J waltu ſchleif pertin loſe T erſt neuli Londc That züblig in ei Bien l große iduums. en⸗Row Biehung en ganz e nur in Ammende der Be⸗ ſichkeiten, uf welche de Weiſe tt vieler. alle gei⸗ ꝛPatent 500 Pfd. von dem ney durch ng. Beide dern Vor⸗ r öffent⸗ aI. Ganz klar ge⸗ ründlichen t dauerte 165 es nicht lange, ſo hatte der Lordkanzler ſein Amt ab⸗ gegeben. Aber ſchon acht Tage nach dem Vorfalle hatte man im großen Publikum den Namen der beiden Schuldigen vergeſſen, drei Wochen ſpäter die betreffende Verwaltungs⸗Abtheilung; nach einem Vierteljahre wußten nur noch die Akten davon zu erzählen, und jetzt ſchwören verſtändige Leute, mit einem ſehr ſtrengen Seitenblicke auf Rußland oder die Vereinigten Staaten, ſeit Menſchengedenken erinnere man ſich in der Ver⸗ waltung Alt⸗Englands keiner nachweisbaren Unter⸗ ſchleife. Auf dem Continente findet man ſolche Im⸗ pertinenzen natürlich höchſt unleidlich.„Welcher boden⸗ loſe Dünkel!“ ruft man aus,„als ob ſie uns nicht neulich erſt ſelbſt vom Gegentheile unterhalten hätten!“ Ja neulich! Aber unſer Neulich iſt nicht das Neulich des Londoners. Die Sache iſt: man hat in London in der That keine Zeit, den Dingen und Perſönlichkeiten nach⸗ zublicken, bis ſie ſich dauernd einprägen. Wer kann in einem Bienenſchwarme das Gebahren der einzelnen Biene verfolgen? Wie das Meer die Welle verſchlingt, ſo dieſe Rieſenſtadt die vereinzelte Lebensäußerung. Wir wiſſen Alle, daß die engliſchen Lebensverſicherungen Jahr für Jahr eine große Anzahl Perſonen als Gift⸗ miſcher vor Gericht belangen; aber kaum, daß wir uns die Namen derjenigen merken können, welche ihre Miſſe⸗ 166 that mit dem Strange büßten; die weit größere Zahl der Nichtüberführbaren geht ſpurlos wie ein Schatten⸗ ſpiel an uns vorüber. Und dennoch haben, wenn wir London bewohnen, die öffentlichen Verhandlungen auch über dieſe glücklich Durchgeſchlüpften wochenlang ſich in unſere Tageslektüre gedrängt; wir haben, trotz der Freiſprechung, manche der betreffenden Perſonen für höchſt verdächtige Subjecte angeſehen und würden, wenn uns Londons Rieſentumult nicht entſchuldigte, uns vielleicht ſchon im nächſten Jahre für recht leichtſinnig ſchelten müſſen, nicht mehr zu wiſſen, daß einer dieſer reichgewordenen Giftmiſcher der neue Garkoch in Mar⸗ gate oder Dulwich war, bei welchem wir oder einer unſerer Freunde ſeitdem drei Wochen auf Sommer⸗ friſche wohnten und— ſpeiſten. Und dieſer Fluch oder — wie man will— dieſer Segen der Unbefangenheit begleitet uns auf Weg und Steg, wohin wir uns nur wenden mögen. Der gefällige, quäkerartig gekleidete Herr, welcher geſtern auf dem Omnibus nach Buſhey Park unſere Bekanntſchaft machte, dem wir dann in Hampton Court wieder begegneten und der auf unſere Frage nach dem berühmten Heckenlabyrinth von Hampton Court die Artigkeit hatte, uns hinein- und— was mehr ſagen will— uns wieder herauszuführen,— wenn unſer Gedächtniß nur nicht gar ſo überladen wäre, liche des G vor un ſeiner uns fl unſer redet! erdroſſ zweife weiten zu lau jeder keit g dem Brand D nicht beſon entfer für d D ſowoh beſche Polen te Jahl chatten. enn wir en auch ſich in otz der den für n. wenn 2, uns Ptſinnig r dieſer n Nar⸗ er einer bommer⸗ uch oder genheit ins nur ekleidete Buſhey dann in unſere ampton — was ren,— eerladen 167 wäre, da hätte es uns ſagen müſſen, daß dieſer freund⸗ liche Herr vor drei oder vier Wintern die damalige Mode des Garottirens mitmachte, auch erwiſcht und öffentlich vor unſern Augen ausgepeitſcht wurde, und daß er bei ſeiner gewerbsmäßigen Uebung in ſolchen Handgriffen uns füglich in jenem Labyrinth erwürgen konnte. Aber unſer Gedächtniß blieb mäuschenſtill. Ja, ob es ge⸗ redet hätte, wenn wir ſelbſt damals unter ſeinen halb erdroſſelten Opfern geweſen wären, das iſt noch ſehr zweifelhaft. Dazu ſehen wir eben Tag für Tag bei⸗ weitem zu viel neue Geſichter; dazu erhebt jede Stunde zu lautem Anſpruch an unſer Intereſſe, dazu macht jeder Augenblick zu viel Rechte auf unſere Wachſam⸗ keit geltend. Wir wohnen bei einem hundertmal in dem Blatte, das wir leſen, bei Namen genannten Brandſtifter und ahnen's nicht. Das iſt der gefährlichſte Nebel Londons, wenn auch nicht der am häufigſten beachtete. Bedarf es noch eines beſonderen Nachweiſes, daß Graf Bielski's Umſicht nicht entfernt ausreichte, um die Perſonen und Gegenſtände für das zu erkennen, was ſie wirklich waren? Der verwunderliche Beſuch des Kunſtreiters hatte ſowohl Joſepha wie den Grafen inzwiſchen mannichfach beſchäftigt. Ob man Jadwiga nicht doch lieber nach Polen zurückſchickte? Etwa in Begleitung des Grafen, 168 welcher dann gleichzeitig in Mikolajew Rath ſchaffen würde, wie Joſepha und die Uebrigen aus ihrer Ehren⸗ ſchuldhaft auszulöſen ſeien? Aber Jadwiga hatte mit Beſtimmtheit erklärt, ſie werde England nicht verlaſſen, und es war leicht möglich, daß ſie nicht einmal bis auf die Eiſenbahn zu bringen ſein würde. Man war in großer Verlegenheit. Sollte man den jungen Lord Spencer zu einer Erklärung drängen? Aber würde Jadwiga gegen ihn von ihrer unſinnigen Leidenſchaft ſchweigen und würde er dann nicht ſelber Bedenken tragen, ein ſo wenig wähleriſch ſich in den Tag hinein verliebendes Mädchen zu ſeiner Gattin zu erheben? Und zuletzt „ihrem Herzen Gewalt anthun möchten Sie doch auch nicht“, ſagte Joſepha.—„Nicht indem ich ſie verhei⸗ rathete“, gab der Graf zurück,„aber wohl indem ich ihr jenen Polichinell verſage. Wahrhaftig, der bloße Gedanke an eine ſolche Verbindung iſt eine Ab⸗ geſchmacktheit.“ Einſtweilen wurden Sir John und der junge Lord Spencer wieder mit einer Fülle von Aufmerkſamkeiten empfangen, und während Jadwiga nicht zum Vorſchein kam, ſchrieb Marynia ſeitenlange Tagebuch⸗Abhand⸗ lungen über die Gefahren eines allzuheftigen Ein⸗ druckes. Theophila war umwölkter als je. Nur wenn ein Beſuch Cerigotto's ſie ins Empfangszimmer abrief, kehrte meiſt geſcha mußte Beftie ſchwier Jhri unertr auf d für de ſo wa konnte ſo ſch ſie na Laune Dinge lich w ſchwei 6 tungs führ! wiede alten frage keine ſjaffen Ehren⸗ dte mit elaſſen, bis auf war in Spencer aadwiga hweigen en, ein lebendes zuletzt ch auch verhei⸗ dem ich —bloße ne Ab ge Lord amkeiten zorſchein Abhand⸗ en Ein⸗ ar wenn rabrief, 169 kehrte ſie eine lächelnde Miene heraus, und da dieß meiſt in der Mitte eines jener Vorträge Boleslaw's geſchah, ſo beſtürmten dieſen, während er weiter reden mußte, die peinlichſten Gedanken. War ihre ſcheinbare Befriedigung bloße Verſtellung? Durchſchaute ſie die ſchwierige Lage ihres Vaters und wollte ſich für die Ihrigen opfern? Oder— Er begann das Räthſel immer unerträglicher zu finden. Ein paarmal war er ſogar auf dem Wege zur Staroſtin. Wenn Boleslaw ſich für den erprobten Patriotismus des Grafen verbürgte, ſo war dem Grafen und den Seinigen geholfen. Aber konnte Boleslaw das Vertrauen der alten Patriotin ſo ſchnöde hintergehen? Theophila ahnte ſchwerlich, wenn ſie nach Porri Cerigotto's Fortgang wie aus zufälliger Laune das Zimmer der Brüder inſpicirte und dabei Dinge rügte, für welche die Knaben kaum verantwort⸗ lich waren, von welchen Empfindungen die Bruſt des ſchweigſamen Mentors erfüllt war. Ehe übrigens von den vielen ſich kreuzenden Ret⸗ tungsplänen des Grafen Bielski irgend einer zur Aus⸗ führung gelangte, pochte eines Morgens Aaron Süß wieder an das Cabinet des Grafen und bot in der alten unterthänigen Weiſe ſeine Dienſte an. Die An⸗ frage wegen der Ukrainer Pferde hatte ihm denn doch keine Ruhe gegönnt, und da eben ein Umbau in Vaux⸗ 170 hall ſeinem Weibe eine ganze Woche lang Ferien ver⸗ ſchaffte, ſo wollte er die dadurch gewonnene Ablöſung von der Krankenpflege ſeines Töchterleins zur Beſor⸗ gung der Handels⸗Angelegenheiten des Grafen benützen. Er klagte über Seitenſchmerzen, bat ſchüchtern, dem alten Rusniaken zu bedeuten, daß er ihn, Aaron, ſo lange die Seitenſchmerzen anhielten, die Treppe allemal allein hinuntergehen laſſe, wich den Fragen des Grafen nach dem jungen Lord Spencer mit Geſchmeidigkeit aus und brachte noch an demſelben Vormittag den Verkauf der ſechzehn Ukrainer zu Stande. Als das Geld dafür in blanken Sovereigns auf dem Tiſche lag, gewahrte der Graf allerdings, daß Cerigotto and Sohn fünfmal mehr vorgeſchoſſen hatten, als der Erlös der Pferde betrug. Er hatte ſich wieder einmal in ſeiner Rechnung geirrt. Aber wenigſtens konnte die bei Mivart's inzwiſchen von neuem aufſum⸗ mirte Schuld dadurch beglichen und auf dieſe Weiſe ein Rückzug nach einem minder koſtbaren Quartier er⸗ möglicht werden. Merkwürdigerweiſe traf es ſich, daß die bald darauf durch Aaron ermittelte und empfohlene Wohnung— dem Eingange nach ſehr faſhionabel am Cavendiſh Square gelegen— im Innern mit den Räumen zuſammentraf, in welchen Sir John unlängſt die Er⸗ wider Das das Meng ſchied einer für mn den E B. um b ſelben Aaror Grafe ließ ſ längſt ſchon wieder ſchiele eilte nichts finſte Fami nichts „Auf n ver⸗ läſung Jäſor⸗ nützen. dem dn, ſo allemal Grafen eit aus verkauf ns auf 8, daß hatten, wieder igſtens ufſum⸗ Weiſe darauf ng— dendiſh täumen ie Er⸗ 171 widerungs⸗Viſite des Grafen Bielski empfangen hatte. Das Haus war eines der wenigen Londoner Häuſer, das in palaſtartigen Verhältniſſen gebaut, von einer Menge Partieen bewohnt wurde und von drei ver⸗ ſchiedenen Straßen zugänglich war, ſo daß es trotz einer imponirend großartigen Stirnſeite Schlupfwinkel für mancherlei Erwerbsarten abgab, die des verbergen⸗ den Schattens der ſchmalen Hintergäßchen bedurften. Boleslaw war lange genug in London geweſen, um bei der Ueberſiedlung in das neue Quartier dem⸗ ſelben ſofort ſeine unheimlichen Seiten abzumerken. Daß Aaron, wie dieß ſeine Art war, gleichzeitig in des Grafen Sold und in demjenigen Sir John's ſtand, ließ ſich nun nicht mehr bezweifeln, lag doch ohnehin längſt die Vermuthung nahe, daß der Jude— ob⸗ ſchon unter Umſtänden treu wie Gold— durch die ihm wiederholt gewordenen Mißhandlungen wohl in ein ſolch ſchielendes Verhältniß hineingereizt werden konnte. Sobald Boleslaw einen freien Augenblick erübrigte, eilte er, Aaron's habhaft zu werden.„Du biſt ein nichtswürdiger, rachſüchtiger Menſch“, ſprach er ihn finſter an;„in welchen Sumpf willſt Du die gräfliche Familie hineinführen?“ Aaron ſchwor hoch und heilig, nichts zu verſtehen; aber Boleslaw ließ ihn nicht los. „Auf der Stelle“, ſagte er,„folgſt Du mir zum Grafen 172 1 4 und beantworteſt in ſeiner Gegenwart jede meiner Fragen. Wo nicht, ſo habe ich Dich zum letztenmale wie einen Menſchen behandelt.“ Aaron zitterte wie ein Pferd, das zum erſtenmale Kanonendonner hört. Nie hatte Boleslaw ſo hart mit ihm geſprochen. Er zog ſeinen Kaftan zuſammen und folgte. Dießmal verließ den Grafen ſeine gewöhnliche Sicherheit. Schon die Art, wie Boleslaw ſich und dem Juden Gehör erzwang, hatte die Parteien in ein neues Verhältniß gerückt. Aaron's Schlauheit wußte dann freilich die ihm aufgenöthigten Eröffnungen als freiwillige erſcheinen zu laſſen und Vieles, das ihm ſelbſt vielleicht für unzweifelhaft galt, als bloß auf Hörenſagen beruhend hinzuſtellen. Die ſchlimmſten Dinge über Sir John ſowohl wie über Algernon waren nun⸗ mehr aber doch dem Grafen unmittelbar zur Kenntniß gebracht worden. Man konnte nicht weiter gehen. Mit dem beruhigenden Gefühle rückſichtsloſeſter Pflichterfül⸗ lung zog ſich Boleslaw auf ſein Zimmer zurück. Die Wirkung ſeines etwas gewaltſamen Schrittes war übrigens in erſter Reihe eine ihm ungünſtige. Der Graf beſchloß zwar, auf der Stelle mit Sir John und Algernon zu brechen, aber ein noch weit drin⸗ genderes Geſchäft dünkte ihm ſich des ihn hofmei— ſternden Dieners zu entledigen. dem und tade Hau ſich! ihm Jude ſeine gewe greif weg was dene mut Bole Beſ que dagen. einen Pferd, hatte ſeinen ünliche h und in ein wußte en als 88 ihm oß auf Dinge n nun⸗ untniß . Mit hterfül⸗ chrittes ünſtige. O.I. John drin⸗ hofmei⸗ ———— 173 Als er daher wenige Stunden ſpäter mit Joſepha in dem neuen Quartier die Sorgen des verfloſſenen Tages und die Hoffnungen des bevorſtehenden beſprochen hatte, tadelte er zum Schluſſe den unpaſſenden Ton, welchen der Hauslehrer anzuſchlagen beginne. Nicht nur daß derſelbe ſich heute ſpät Abends in Begleitung Aaron's Zugang zu ihm erzwungen habe, die Art auch, wie Boleslaw den Juden genöthigt habe, allerlei Dinge über Sir John und ſeinen Neffen auszuſagen, ſei in hohem Grade anmaßend geweſen, und da er ſeine Stellung entſchieden nicht zu be⸗ greifen vermöge, ſo werde man ſich ſeiner am beſten kurz⸗ weg entledigen. Joſepha wünſchte vor Allem, zu erfahren, was er über Algernon geſagt habe.„Die ſchlechteſt erfun⸗ denen Märchen“, verſicherte der Graf und ließ die Ver⸗ muthung durchblicken, Jadwiga habe wohl gar auch Boleslaw den Kopf verdreht. Gegen das Ende dieſer Beſprechung beſann ſich der Graf indeſſen auf die Unbe⸗ quemlichkeiten, welche jedes Abrechnen mit ſich bringe, er beſchloß daher, ſich abwartend zu verhalten und bat nur Joſepha, die Neigung Boleslaw's, ſich in fremde Angelegenheiten zu miſchen, durch ein zurückhaltendes Benehmen gegen denſelben möglichſt zurückzudrängen. Die ganze Nacht blieb Graf Bielski in ſeinem Cabi⸗ nete wach. Mit Mühe hatte er vor Joſepha den Zuſtand verborgen, in welchen er durch Aaron's Mittheilungen 174 verſetzt worden war. Er fühlte recht wohl, daß ſeine Un⸗ geübtheit im ſelbſtſtändigen Denken ihm in dem Maße wieder drückender ward, wie er vor Joſepha Geheimniſſe zu ſpinnen begann. Aber gerade dieſe letzten Tage hatten es ihm nur zu deutlich gemacht, in welcher Weiſe Joſepha's Lebensanſchauungen von den ſeinigen abwichen. Er fürch⸗ tete ſich vor ihr.„Das Flüchtlingsleben ihres Vaters“, ſagte er zu ſich ſelbſt,„hat ihr wunderliche Theorieen an geeignet. Wie läßt ſich mit einer Frau raiſonniren, welche von Armuth und Elend wie von Perſonen redet, die nur von weitem Spitzbuben ähnlich ſehen, in der Nähe aber ſich als ganz ehrliche Geſellen ausweiſen! So lange ihr noch eine Nähmaſchine bliebe, meinte ſie neulich, werde ſie den Kopf nicht ſinken laſſen. Ich glaube wahrlich, ſie könnte uns Alle die Straße kehren ſehen und beſtritte uns wohl gar noch das Recht, darüber unglücklich zu ſein.“— Je länger die Nacht dauerte, deſto finſterer wurden die Gedanken des einſamen Wachers. Ein paarmal ſtiegen Selbſtmordgelüſte in ihm auf. Er verbannte ſie.„Pfui, ein Feigling!“ hörte Joſepha, die im Nebenzimmer unruhig träumte, ihn ausrufen. Aber ſie erwachte nur halb, und der Unglückliche marterte ſich ziellos weiter. Gegen Mor⸗ gen fielen ihm die Augen zu. Der Rusniake fand ſeinen Herrn im Lehnſtuhl eingeſchlafen. Di war er den ho ſo wa begüte führte ſeines rücken Sohn im G galt in de ne Un Maße niſſe zu tten es ſepha's rfürch⸗ aters“ ten an welche die nur he aber nge ihr erde ſie ich, ſie tte uns. in— den die ſtiegen „Pfui, mruhig lb, und Mor⸗ ſeinen Fünfzehntes Kapitel. Nach La Marche! Die wirkliche Sachlage, ſoweit ſie Algernon betraf, war etwa folgende: Wenn derſelbe eine zeitlang Schul⸗ den halber unter dem Namen Tom Wyatt gelebt hatte, ſo war er doch nichtsdeſtoweniger der Sohn des reich⸗ begüterten, in der Schweiz lebenden Earl of D. und führte auf Grund hoher Gnadenverleihung einſtweilen den Titel eines Baronet Algernon. Ob er beim Tode ſeines Vaters in deſſen Beſitz⸗ und Rangesrechte ein⸗ rücken werde, ſtand dahin. Verfügungen, welche den Sohn dieſer Anſprüche für verluſtig erklärten, ſollten im Geheimen getroffen ſein; ob ſie ſich anfechten ließen, galt für ungewiß. Der Jüngling befand ſich inzwiſchen in den ſchlechteſten Händen. Ohne Leidenſchaften ſchwer 176 regierbarer Art, aber auch ohne Ehrgeiz, Haltung und eigenen Willen— eine verblaßte Copie ſeiner von dem alten Earl geſchiedenen Mutter— war Algernon in Verhältniſſe hineingerathen, wie ſie glücklicherweiſe in ſo verbrecheriſcher Art faſt nur in ganz großen Städten möglich ſind. Vor einem Jahre hatte ihn Sir John nämlich an eine halb kindiſche Alte verheirathet, und obſchon der junge Menſch lediglich ſeinen Namen zu der Verbin⸗ dung hergab und die eigentlichen Zwecke derſelben kaum recht durchſchaute, ſo konnten Eingeweihte ſich doch nicht darüber täuſchen, daß die Veranſtalter dieſer Ehe auf den Tod der hoch verſicherten Alten ſpeculirten Die Police war denn auch ſofort an Sir John cedirt worden und dieſer hatte dem jungen Baronet dafür einſtweilen eine läſtige Schuldenbürde vom Halſe ge⸗ ſchafft. Wenn derſelbe nun zwar von der eigentlichen Beſchaffenheit des ganzen Abkommens gerade ſo wenig wußte und zu wiſſen verlangte, wie etwa der Actionär einer Kohlen⸗Geſellſchaft, der vergnüglich ſeine Divi⸗ denden einſtreicht, von den minder ſauberen Verrichtun⸗ gen, durch welche dieſe Dividenden verdient werden, ſo hätte er, bei einigem Verſtändniß für das Maß per⸗ ſönlicher Verantwortlichkeit, ſich doch allerdings wohl über die Befliſſenheit zu beunruhigen gehabt, mit wele Mre Wa dete über bera eines woch ſich lich Frü war er e Sir Alg ihn ſa wie Gre ung und mon in weiſe in Städten alich an hon der Verbin⸗ den kaum ich doch eeſer Che eculirten in cedirt tet dafür dalſe ge⸗ entlichen ſo wenig Actionär nne Divi⸗ errichtun⸗ werden, Maß per⸗ ns wohl abt, mit 177 welcher man ihn von dem Krankenbette der ehemaligen Mrs. Boodle fernzuhalten wußte. Sie litt an der Waſſerſucht, und Dr. Preſton, ein ärztlicher Verbün⸗ deter Sir John's, hatte ihre ausſchließliche Behandlung übernommen, ſchwerlich zur Wiederherſtellung der übel berathenen alten Dame. Aber Algernon, der doch um eines kranken Jagdhundes willen ſchon manchmal wochenlang Nacht für Nacht aufgeblieben war, kümmerte ſich gar wenig um die ihm verhaßte, ohne Frage ziem⸗ lich närriſche Alte, deren Titelſucht ihr ſo ſchlimme Früchte eintragen ſollte. Ihrer ſo bald wie möglich wieder ledig zu werden, war ſein einziger ſie betreffender Wunſch, und ſo lebte er einſtweilen, junggeſellenartig genug, aus der Taſche Sir John's. Ohne ſein Zuthun übrigens, wie er zu der Mrs. Boodle gelangt war, hatte ſich auch das Verhältniß Algernon's zu Jadwiga geknüpft. Sir John benützte ihn als Brücke, um mit der gräflichen Familie in Zu⸗ ſammenhang zu kommen. Als Fremde von Rang und, wie es hieß, günſtigſter Stellung, empfahlen ſich der Graf und die Seinen augenſcheinlich für irgend eine der vielen Ausbeutungsweiſen, in welchen Sir John und ſeine ſtillen Geſellſchafter zu Hauſe waren. Ob die Töchter, ob der Graf ſelbſt ſich zum Gegenſtande der R. Waldmüller, Das Vermächtniß der Millionärin. J. 12 178 Speculation als tauglicher erweiſen, das mußte die weitere Bekanntſchaft erſt herausſtellen. Von dieſem Netze, das ſich leiſe, leiſe um die gräf⸗ liche Familie ſpann, wie zu allen Zeiten zahlloſe andere, im bunten Treiben der Weltſtadt noch Unerfahrene von ähnlichen Netzen umſponnen worden, hatte Graf Bielski denn nun allmälig die erſten glaubhaften Fäden zu er kennen gemeint. Sie ſollten ihm aber noch einmal halbwegs in der Hand zerfließen. In dem Clubhauſe, woſelbſt die erſten Verſtändigungsverſuche in Betreff der Peitſchenaffaire angeſtellt worden waren, hatte Graf Bielski einen alten Aufſeher kennen gelernt, der von allen Clubmitgliedern wie ein Nachſchlagebuch benützt zu werden pflegte. Dieſer automatartige alte Mann gab jetzt auf des Grafen Nachfrage den Beſcheid: Ba ronet Algernon ſei ſo gewiß der Sohn des alten Earl of D., wie er ſelber der Sohn ſeines ſeligen Vaters zu ſein hoffe, und wer das Gegentheil behaupte, ſei ein Ehrabſchneider. Da Aaron über dieſes Kapitel in der That falſch unterrichtet geweſen war und der alte Aufſeher ſeine Angabe durch unzweifelhafte Nachweiſe belegte, ſo wurden Boleslaw's geſtrige Angaben in dem, nach der Meinung des Grafen, weſentlichſten Punkte hinfällig. Ueber Sir John wollte der alte Mann nicht mit der Sprache heraus, obſchon ſich auch zu Gunſten dieſe vor habe lie! Adel dießf eigen aller delur lichte blind nebe Geg ſchw um dung erw ja 1 lich ebe ußte die die gräf⸗ (dere im ene von ielski en zu er einmal lubhauſe, Jetreff atte Graf der von h benützt te Mann eid: Ba⸗ ten Carl 1 Vaters upte, ſei Lapitel in der alte Nachweiſe nin dem, n Punkte ann nicht Gunſten 179 dieſes alten Sünders Einiges hätte anführen laſſen; wor Allem— was den Grafen wahrſcheinlich intereſſirt haben würde— Sir John's unzweifelhafte, wenn auch nie geſetzlich anerkannte Abſtammung von dem älteſten Adelsgeſchlechte angelſächſiſchen Urſprungs; dann ſeine dießfälligen unglücklichen Rehabilitirungskämpfe— die eigentliche Quelle ſeiner finanziellen Zerrüttung und aller ſeiner aus dieſer wieder hervorgegangenen Schwin⸗ delunternehmungen; endlich eine faſt rührende Anhäng⸗ lichkeit an ſeine ſchon vor zwei Jahrzehnten völlig er blindete Gattin, bei ſeiner ſonſtigen Lebensluſtigkeit, neben jener Rehabilitirungsangelegenheit, der einzige Gegenſtand, um deſſentwillen er wohl von Stunden ſchweren Kummers wußte. Daß der junge Baronet, um Schulden zu bezahlen, eine unverſtändige Verbin⸗ dung eingegangen ſei, hatte der alte Aufſeher indeſſen erwähnen gehört und meinte nur, dergleichen komme ja wohl einmal vor. Wenn der Vater ihn nicht plötz⸗ lich im Stiche gelaſſen hätte, ſo würde die Narrheit eben unterblieben ſein. Dieſe augenſcheinlich völlig unbeſtochene Auskunft gab der ganzen Sache plötzlich eine völlig veränderte Beleuchtung, vor Allem bei der Gemüthsverfaſſung des Grafen. Wer ſich mit einem Geheimniſſe trägt, verfällt leicht in den Wahn, alle Uebrigen ſeien die Offenheit 12* 180 ſelbſt. Der Graf, von dem Geheimniſſe ſeiner entſetz⸗ lichen Geldverlegenheiten belaſtet, hatte ſchon Mühe gehabt, ſich Algernon und Sir John als verkappte Gauner vorzuſtellen. Jett erſchienen ihm die Gedanken, welche ihn in der letzten Nacht gequält hatten, wie ein geiſtiges Alpdrücken. Er ſchämte ſich, dem Phantaſten oder Verleumder— eines von beiden mußte Boleslaw denn doch ſein— ſo leichtgläubig ſein Ohr geliehen zu haben. Inzwiſchen hatte Jadwiga ſich für ihre Ausſperrung aus der Reitbahn zu entſchädigen gewußt. Die Fenſter der neuen gräflichen Wohnung lagen nach der Nord⸗ ſeite von Cavendiſh Square. Der grüne Garten, wel⸗ cher den Mittelpunkt dieſes Platzes bildet, iſt von einem ungepflaſterten Wege umgeben, der ſich vortrefflich zum Reiten eignet. Hieher aber hatte Alfred Blackmann ſeine täglichen Ausritte verlegt. Natürlich blieb das nicht lange unbemerkt und Joſepha war, auf des Grafen Veiſung, dießmal ſtrenge genug, Jadwiga in eines der nach dem Nebengäßchen hinaus liegenden Zimmer um— zuquartieren. Dieſe Maßregel hatte dann wieder die Folge, daß der ſchwer zu hütende Unband das auf den Square hinaus gelegene Zimmer der Brüder zu fleißigen Ausblicken benützte. Dazwiſchen mußten —————— r um⸗ n wieder hand das r Brüder n mußten 181 Jana oder Adam auskundſchaften, ob Alfred Blackmann ſchon wieder vorbeigeritten ſei. Boleslaw überlegte, was ſich bei dieſer neuen Schwierigkeit thun laſſe. Den Angeber zu ſpielen, das entſprach weder ſeinem Geſchmacke noch ſeiner Aufgabe. Der Comteſſe das Zimmer verbieten, lag nicht in ſeiner Befugniß. Ohnehin ſah er Sir John und Algernon nach wie vor bei der gräflichen Familie freundliche Aufnahme finden. Unter ſolchen Umſtänden hielt er es nicht einmal für ein Unglück, wenn Jadwiga ihrem eigenen Herzenszuge folgte. So ſuchte er denn nichts zu ſehen noch zu hören. Nur wenn Jadwiga den kleinen Jana oder gar den größern Adam förmlich auf den Guckaus poſtiren wollte, legte Boleslaw ſich mit Entſchiedenheit ins Mittel. Sie zeigte dann zwar Neigung, aufzubegehren, und ihre gekräuſelte Oberlippe ließ errathen, welche Abfertigung ſolcher Einſpruch noch vor wenigen Tagen von ihr erfahren haben würde, aber es kam doch zu keinem überhebenden Worte, und je öfter Boleslaw's Nachſicht ihr einen Blick auf den Erſehnten gönnte, deſto rück⸗ ſichtsvoller und beſcheidener war ſie. Einmal riß ihre Lebendigkeit ſie ſogar zu einer Art von Dank hin, wie er nur ihr in den Sinn kommen konnte. Sie hatte eben mit verhaltenem Jauchzen vom 182 Fenſter hinab gegrüßt. Als ſie wieder von dannen eilte, machte ſie einen Umweg bis zu der Stelle, wo Boleslaw mit ſeinen Schülern ſaß und preßte auf gut polniſch, ehe er es verhindern konnte, ihre Lippen auf ſeinen Aermel. „Comteſſe!“ ſagte er abwehrend. „Ja, ja, das kommt davon!“ gab ſie lachend zurück und entſchlüpfte. Dieſe Fenſterpromenaden, gegen welche kein Mittel verſchlug, beſtimmten den Grafen zu einem Verſuche völlig abweichender Art. „Ich werde morgen einen Sprung nach La Marche machen“, ſagte er eines Tages zu Joſepha, als dieſelbe nach wiederholten Beſuchen bei der alten Staroſtin für rein unmöglich erklärt hatte, die hartnäckige Alte um⸗ zuſtimmen.„Adam und Jadwiga“, fuhr er fort,„kön⸗ nen mich begleiten; inzwiſchen werden Sie Mr. Ceri⸗ gotto ſowie den jungen Earl nach wie vor empfangen, tiefgehende Verhandlungen bei Einem oder dem Andern aber vermeiden.“ Da Mosbach, der frühere Verwalter, an eben dieſem Tage geſchrieben und Pachtvorſchläge wegen Mikolajews gemacht hatte, wünſchte der Graf, bei freier Muße möge Joſepha dem jungen Manne höf⸗ lich aber kurz bedeuten, daß Graf Bielski nicht wieder mit ihm anzuknüpfen geſonnen ſei. A* d zurück 1 Mittel Ner Velſuche Narche dieſelbe oſtin für llte um⸗ tt,„ön⸗ tr. Ceri⸗ pfangen, —Andern erwalter, orſchläge er Graf, t wieder 183 La Marche liegt unweit Ville d'Avray zwiſchen St. Cloud und Verſailles. Es werden daſelbſt alljährlich Rennen abgehalten, und vor Allem die engliſchen Pferde⸗ liebhaber ſind dort immer zahlreich vertreten. Aller⸗ dings pflegten bis vor Kurzem ſowohl der tauſendfünf⸗ hundert Francs betragende Prix de Marne, wie auch der Prix du Chateau, welcher ſich auf dreitauſend Francs beläuft, regelmäßig durch engliſche Renner ge⸗ wonnen zu werden. Seitdem haben die franzöſiſchen Racepferde des Grafen Lagrange bekanntlich alle der⸗ artigen Traditionen über den Haufen gerannt. In dem Clubhauſe nun, woſelbſt Sir John's Anhang und auch der Graf ſelbſt verkehrten, waren wie immer beim Herannahen von Renntagen zahlreiche Wetten gemacht worden. Es handelte ſich vor Allem um Miß Cliſh und Habeas Corpus, in jener Zeit die beiden beſten engliſchen Renner, und um deren ebenbürtigſte Gegner Magenta und Trufaldino. Da aber auch dieſe beiden ausgezeichneten franzöſiſchen Pferde bei den Chantilly⸗ rennen unlängſt erſt ſehr anſtändige Triumphe davon⸗ getragen hatten, ſo blieben die Wetten bei ziemlich geringen Summen ſtehen, bis ein Petroleumſpeculant aus Titusville in Amerika eine Wette vorſchlug, deren Gegenſtand kein anderer als der Araber des Grafen war. Wenn Mohamed bei dem Rennen mit Hinder⸗ 184 niſſen noch zugelaſſen werden würde ,— ſo lautete Mr. Craiggs' Angebot— da wolle er Wetten bis zum Belaufe von zweitauſend Pfund Sterling zu Gunſten dieſes Pferdes eingehen. Es werden zuweilen bei ſolchen Veranlaſſungen viel höhere Summen aufs Spiel geſetzt. Der Vor ſchlag rief alſo Gegenangebote hervor, und da der Mohamed bei einem günſtigen Ablaufe der Rennen ſehr im Werthe ſteigen mußte, für den Fall er Schaden nahm, hingegen ein Abſchätzung dieſes Schadens zu⸗ geſichert war, ſo entſchloß ſich der Graf, ſein Pferd anzumelden. Für dieſe Art von Abmachungen beſtehen in Eng⸗ land juriſtiſche Formen, welche ſelbſt unter Contrahenten zweifelhafter Art ſo ziemlich gegen Uebervortheilungen ſicherſtellen. Der Graf konnte ſomit, ohne ſich einer Unvorſichtigkeit ſchuldig zu machen, auf den Handel eingehen, umſomehr als der Proponent der Wette, ſoweit der Graf ihn beobachtet hatte, die Zuverläſſig⸗ keit ſelbſt war. „Wenn ich Sie recht verſtehe“, ſagte Joſepha,„ſo wollen Sie Jadwiga vor Allem aus England fort⸗ bringen? Wo ſehen wir uns wieder?“— Der Graf ſah Joſepha fragend an.„Sie meinen doch nicht in Mikolajew?“ lautete dls zum Gunſten ſſun 3 ungen 8 3 Vor s Dferd n P in Eng⸗ rahenten eilungen verlaſſig⸗ 185 „Das war allerdings mein Gedanke.“ „Nicht doch“, ſagte der Graf, der, von der noblen Paſſion des Wettens und Wagens angeſteckt, bereits über Joſepha's kleinliche Sorgen weit hinaus war; „vorerſt nehme ich Jadwiga ganz einfach in die Cur. In La Marche werde ich ihr Reiter vorführen, die es mit Alfred Blackmann aufnehmen, ohne Kunſtreiter zu ſein. Das wird ihr die Thorheiten aus dem Kopfe treiben.“ Bei dieſer Gelegenheit zeigte ſich's übrigens noch einmal, wie unangetaſtet der eigentliche Kern des Ver⸗ hältniſſes zwiſchen dem Grafen und ſeinen Kindern bisher verblieben war. So gerechtfertigt es geweſen wäre, wenn Jadwiga hinter dieſer Reiſe einen wohl⸗ überlegten Plan, ſie ganz aus England zu entfernen, vermuthet hätte, ſie ließ ſich doch mit der bloßen Ver⸗ ſicherung beſchwichtigen, in ſpäteſtens zweimal vierund⸗ zwanzig Stunden ſei man wieder zurück, und auch der Graf war eines Hintergedankens weit unfähiger ge⸗ weſen, als Joſepha es ihm zugetraut hatte. Schon begannen die erſten Anzeichen, daß ihr Vertrauen zu ihm erſchüttert war. Aber erſt als der Graf ſich mit Jadwiga und Adam wirklich auf die Reiſe begeben hatte, fühlte Joſepha in der äußern Veränderung die innere. 186 Zum erſten Male ſeit ihrer Verheirathung mit dem Grafen ſah ſie ſich auf ſich ſelbſt geſtellt. Das brachte ihr Manches in ganz neuem Lichte zum Bewußtſein. Vor Allem drückte ſie's, daß die Bedrängniſſe der letzten Wochen ihren herzlichen Zuſammenhang mit den Kindern ihrer Vorgängerin offenbar gelockert hatten. Marynia und Jadwiga wenigſtens waren ihr doch ſchon einmal näher geweſen, auch die Knaben. Durfte ſie ſich ihres kaum gewonnenen Einfluſſes ſo leichthin wieder begeben? Die wichtigſten Ereigniſſe der letzten Wochen lagen wie unter einem Siegel. Keines der Mädchen hatte eine Ahnung von den furchtbaren Sorgen, welche Jo⸗ ſepha und den Grafen bedrängten. Wenn der Anker, an dem das halb entmaſtete Schiff ſich noch eben noth⸗ dürftig hielt, nachgab und die Strömung es auf die Klippen trieb, ſo war keines von den Nächſtbedrohten auf die Gefahr und ihren Umfang auch nur vorbereitet. Je länger Joſepha das Bedenkliche dieſes Ver⸗ ſchweigens überlegte, deſto mehr erkannte ſie, wie hoff⸗ nungslos im Grunde die Sachlage geworden war. Die Ueberſiedelung in eine minder koſtſpielige Wohnung hatte ihre Beſorgniſſe zeitweilig gedämpft gehabt. Aber was war im Grunde damit gewonnen? Und ſollte denn nicht vor Allem Mikolajew vor völligem Unter⸗ en lagen en hatte 187 gange geſchützt werden? Flatow hatte eine Zuſammen⸗ ſtellung des Soll und Haben über dieſes Gut einge⸗ ſendet, wonach ein Zwangsverkauf unausbleiblich ſchien. Aber wenn Mosbach, wie er es brieflich erboten hatte, die Bewirthſchaftung pachtweiſe verſuchen und die Zins⸗ rückſtände allmälig tilgen wollte, war dieſes Anerbieten denn wirklich ſo ganz unannehmbar? Joſepha mußte jedenfalls, ehe ſie des Grafen Schreibeauftrag vollzog, mit der wirthſchaftskundigen Marynia, ſowie mit Theo⸗ phila Rückſprache nehmen, umſomehr als der deutſche Brief des Exverwalters Joſephen nicht durchweg ver⸗ ſtändlich war. In ihrem Gewiſſen beunruhigt und doch unfähig, ihrer mittheilungsbedürftigen Natur länger Gewalt anzuthun, begann ſie zu den beiden Mädchen denn nach einigen warmen Worten über den Werth vertrauenden Zuſammenhaltens von der Enttäuſchung zu reden, welche ſie wider ihren Willen dem Grafen bereitet habe. Weil aber das Herz Joſephens bis an den Rand voll war und die beſtürzten Hörerinnen ohne Mühe das ihnen nur halb Geſagte ganz erriethen, ſo miſchten ſich bald in die nun nicht länger zu hemmenden Thränen Joſephens die Thränen Marynia's und als die Gräfin die ſchlafloſen Nächte errathen ließ, welche der Vater ſchon um dieſer Bedrängniß willen beſtanden 188 habe, wurden auch Theophila's Augen feucht. Joſepha fühlte ſich wie von einer erdrückenden Laſt erleichtert. Sobald ſie ihre Faſſung einigermaßen wiederge⸗ funden hatte, trug ſie die beſten Troſtgründe, die ihr zu Gebote ſtanden, zuſammen. Was war's denn zu⸗ letzt, was man ihnen nehmen konnte? Rang und An⸗ ſehen? Als ob eines oder das andere wirklich glück⸗ lich mache! Sprudelte der Quell der Zufriedenheit nicht weit fröhlicher und lauterer dort, wo die Natur ihn frei gewähren laſſen durfte, als wo man ihn in die künſtlichen Rinnen und Marmorbecken ängſtlich um— zirkelter Verhältniſſe einzwängte? Auch Joſepha's eigener Vater hatte Rang und An⸗ ſehen verſchmerzt gehabt, hatte unter fremden Fahnen das Brod verdient, mit welchem Joſepha großgezogen wurde, hatte ihr als ſein beſtes Vermächtniß das Beiſpiel ungebrochenen Muthes inmitten ſchwerer Schick⸗ ſalsſchläge hinterlaſſen. Wollte Theophila, wollte Ma⸗ rynia an dieſem Vermächtniſſe Theil haben? Es kam aus reinen Händen und würde auch ihre Hände rein erhalten helfen! An dieſem Tage wurde Cerigotto nicht vorgelaſſen. Er ſtellte, wie immer in ſolchen Fällen, das koſtbare Bouquet, mit welchem er ſeinen Beſuchen einen duftigen Reiz zu verleihen wußte, dem alten Rusniaken zu und Cave das chen Kopf mit Gede letzte ſeph Man verſt ding xgelaſſen. koſtbare duftigen 1zu und 189 empfahl demſelben, Niemandem aus dem Hauſe Ceri⸗ gotto and Son, wenn etwa nachgefragt werde, von der Reiſe des Grafen zu ſagen. Phiniki, der Disponent, mochte das Verſchwinden des Grafen demungeachtet er⸗ fahren haben; denn als er am ſelben Nachmittage von der Börſe in ſeinem kleinen Brougham heimfahrend Cavendiſh Square paſſirte, ſendete er ſeine Karte in das neue Logis des Grafen Bielski hinauf, ein Zei⸗ chen, daß zwiſchen den Millionengeſchäften, die den Kopf des Disponenten füllten, die kleine Creditgeſchichte mit dem polniſchen Grafen ihm einmal wieder ins Gedächtniß gekommen ſei. Am Tage darauf las Marynia der Mutter die letzten hundert Seiten ihres Tagebuches vor und Jo⸗ ſepha ſchöpfte aus mannichfachen Erläuterungen, welche Marynia einſtreute, eine ſo gute Meinung von dem verſtändigen Sinne der Schreiberin, daß ſie ihr, aller⸗ dings auf Marynia's eigenen Vorſchlag, die Beant⸗ wortung des deutſchen Briefes gern überließ. Marynia wollte, wie ſie ſagte, Wolfgang Mosbach zu eingehen⸗ deren Vorſchlägen in Betreff Mikolajews veranlaſſen und Joſepha verſprach, bei des Grafen Zurückkunft den ehrlichen Abſichten des anhänglichen jungen Mannes das Wort zu reden. Zurückhaltender war heute Theophila. Sie bat um 190 Entſchuldigung, daß ſie geſtern ihre Pflicht als älteſte Tochter nicht beſſer erfüllt habe. Joſepha ſei noch zu kurze Zeit mit dem Grafen bekannt, um beurtheilen zu können, wie er zur rechten Stunde ſchon ſelber die rechten Mittel finden werde. Theophila hatte ſich ſorgfältiger als gewöhnlich gekleidet, nahm nach Tiſche Cerigotto's Beſuch an, lobte die reichlichen Pueblaroſen, mit denen ſein Bouquet garnirt war, und blieb, als Joſepha ab⸗ gerufen wurde und auch Marynia ſich auf Theophila's Wink zurückgezogen hatte, noch eine gute Weile mit ihm allein. Boleslaw gab gerade dem kleinen Jana im Neben⸗ zimmer Fechtunterricht. Wider Willen zum Lauſcher geworden, hörte er, wie das ſonſtige ſtotternde Ahem Cerigotto's heute einer merklich unbeengtern Ausdrucks⸗ weiſe Platz machte. Zwiſchen dem Klirren der Rappiere klangen dem Mentor bald wunderbar beherzte Betheue⸗ rungen ins Ohr. Theophila hatte den Werber augenſchein⸗ lich nicht wie ſonſt mit kühler Zurückhaltung behandelt. Unmuthig über die ihm aufgedrungene Zuhörerrolle, ſchalt Boleslaw den kleinen Jana, rückte laut mit den Stühlen, lies die Drahtmaske geräuſchvoll auf den Boden fallen und begab ſich endlich, da Cerigotto im Nebenzimmer nur um ſo beredter wurde, mit dem Knaben auf den Corridor hinaus. des Glüch kuß. dung gehen Bole⸗ war, rauſe je ſ ihren Janc konn heue Betheue⸗ denſchein⸗ ehandelt. pörerrolle, mit den auf den gotto im n Knaben 191 Im ſelben Augenblicke öffnete ſich aber die Thür des Empfangszimmers und Cerigotto, ſtrahlend vor Glück und Entzücken, verabſchiedete ſich mit einem Hand⸗ kuß. Er war durch die augenſcheinlich günſtige Wen⸗ dung ſeiner Werbung ſo verwirrt, daß er im Vorüber⸗ gehen nicht nur Jana in die Höhe hob, ſondern auch Boleslaw die Hand zu ſchütteln verſuchte. Als er fort war, begab ſich Theophila mit hoheitvollem Schleppen⸗ rauſchen auf ihr Zimmer. Sie war majeſtätiſcher als je, ſah weder rechts noch links und verſteinerte durch ihren bloßen Anblick Boleslaw in ſolchem Grade, daß Jana ihm lachend das Rappier aus der Hand ſchlagen konnte. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. 3 Neue Romane aus dem Verlag von Irnſt Julius Günther in Leipzig. Die Ehefabrikanten Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die NReiſen von Bambus& Comp. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman. von A. von interfeld. r 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Der Elephant. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. —— Druck von Bär& Hermann in Leipzig. rey Controſ Chart Green Vellow Hed Magenta