N —— —— GOpfer von Amalfi oder: Die Todesgeſellſchaft in Neapel. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung von Zulius Conard. zweiter Band. ½ 14— Berlin. O. Seehagen's Verlag. Das Recht der Ueberſetzung iſt vorbehalten nach fährt empf und Die Exploſion. Von dem Augenblicke an, als Maſaniello am Morgen nach jener Nacht, in welcher ihn ſeine Gattin vor ſeinen Ge⸗ fährten gewarnt und er ſpäter Salvator's und Giulio's Beſuch empfangen, die Hütte verlaſſen hatte, ging in ſeinem Charakter und Benehmen eine unbegreifliche Veränderung vor. Er hatte die Nacht, wo die zügelloſen Schaaren, freilich ohne ſeinen Befehl dazu empfangen zu haben, plündernd und ſengend die Stadt durchzogen, zum Theil mit ſinnloſem Zeit⸗ vertreibe verbracht.. Als er nun am Morgen ſeine Wohnung verließ, war er eigentlich mit der Lage der Stadt ganz unbekannt. Zunächſt begab er ſich zu dem alten Celeſto, dieſen fand er von einer gänzlichen Niedergeſchlagenheit ergtiffen. Der alte Mann hatte ſeine Kräfte auf's Aeußerſte ange⸗ ſtrengt, und der ſtarre Blick ſeines hohlen Auges, ſowie die Gluth ſeiner Wangen verriethen, daß ſeine körperlichen und geiſtigen Kräfte nicht ausreichend waren, den Anforderungen zu entſprechen.. Als der junge Fiſcher eintrat, ſaß er in ſich gekehrt auf einem Holzſtuhl, ſeine Züge waren abgeſpannt und mürriſch. Maſaniello betrachtete ihn mit Ueberraſchung, zugleich aber mit einem Ausdruck von Entſchloſſenheit. — Nun, Fiſcher von Amalfi, begann der Alte, Ihr ſeid ohne Zweifel von dem Fiebertraum der vergangenen Nacht befreit und habt die Poſſen ſatt, wollt Ihr Euch nun Bas pfer von Amalfi.(Bd. II. 14 21 — 322 der unbedeutenden Beſchäftigung überlaſſen, die Ordnung in der Stadt herzuſtellen? ſetzte er mit einem Anflug von Spott hinzu. Maſaniello betrachtete ihn ſchweigend. — Ich bin ein rechter Thor geweſen, fuhr Celeſto fort, daß ich mich mit Euch und Leuten Eures Schlages auf ſolche Dinge eingelaſſen habe; doch warum ſeid Ihr hieher gekommen? Der Fiſcher ſah jetzt in die aufgeregten Züge des alten Mannes mit einem gewiſſen Mitleid. — Ich komme Euch zu bitten, verſetzte er mit äußerſt ſanfter Stimme, daß Ihr ausruhet und das heutige Tagewerk mir überlaſſen mögt; wir werden in der nächſten Nacht Eures Verſtandes bedürfen— ich wünſche, daß ſich bis dahin Niemand in die Angelegenheiten miſche, deren Leitung ich für mich aus⸗ erſehen habe; dies wollte ich Euch ſagen, und da es nun ge⸗ ſchehen iſt, gehe ich in Gottes Namen an meine Aufgabe. Die Schnelligkeit und Planloſigkeit, welche den Ereigniſſen dieſes Tages, der den Aufſtand entſchied, eigen waren, haben das Staunen der Geſchichtsſchreiber erregt. Maſaniello erkannte bald die Nothwendigkeit, ſich von allen Vorgängen mit eigenen Augen zu überzeugen, Alles ſelber zu leiten, und überall gegenwärtig zu ſein. Es ſtanden ihm ſonſt nicht die Mittel zur Verfügung, mit den Vorfällen, die ſich zu gleicher Zeit an verſchiedenen Punkten der Stadt ereigneten, bekannt zu werden. Kaum war er, nachdem er mit den widerſprechendſten Be⸗ richten beſtürmt wurde, unter den dichteſten Volkshaufen auf dem Platze del Carmine erſchienen, als ein lautes Freudenge⸗ ſchrei ertönte. — Es lebe Maſaniello, unſer Hauptmann, ſchrie man be⸗ täubend, und Maſaniello's Ohr ward davon berauſcht. Dieſer Ruf ward am äußerſten Punkte, den er exreichte, wieder aufgenommen und hallte dann längs des Geſtadest des Meerbuſens tauſendfach wieder. Maſaniello fühlte jetzt einen neuen Schwung in ſeiner Seele. Seine phyſiſchen Kräfte waren durch Aufregung noch nicht o angegriffen, wie bald nachher, und die ihm widerfahrene Ehre weckte neue Thatkraft⸗ 2„ hatte, J des un g dahin gegen J maſſen überſch 3 dieſe. 3ug g dracchi ſeren, einen Tagb ten in 8 der 9 fehle, 1 Feuer. unter Volksh O Stann E votrat 5 fräftig E und al 323 Die erſte Arbeit dieſes Tages war, da das eigentliche Volk ſich noch immer in unbewaffnetem Zuſtande befand, Waffen, Pulver und Blei herbeizuſchaffen. Man nannte zunächſt einen Lieferanten, der es übernommen 8 hatte, die Feſtungen mit Pulver zu verſorgen. Maſaniello zog an der Spitze des Haufens nach dem Hauſe des unglücklichen Mannes. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr er, daß der Herzog von Arcos dahin gebracht war, der rohen Gewalt des Pöbels mit Liſt ent⸗ gegen zu treten. Man hatte nämlich das ganze Haus durchſucht und auch maſſenhafte Pulvervorräthe vorgefunden, die aber mit Waſſer überſchwemmt und ſomit unſchädlich gemacht waren. In der erſten Erwartung nun getäuſcht, voller Zuth über dieſe Heimtücke und mit lautem Racheſchreien, wollte ſich der Zug gegen den Laden eines Kaufmannes in der Straße Man⸗ dracchio fortbewegen.. — Noch nicht, Freunde, gebot Maſaniello, wir müſſen un⸗ ſeren Feinden zeigen, daß wir ſchnell handeln, mögen ſie zugleich einen Vorgeſchmack der Ereigniſſe erhalten, welche den heutigen Tag bezeichnen ſollen, ſteckt das Haus dieſes elenden Hoflieferan⸗ ten in Brand. Dieſer Vorſchlag wurde mit Jubelgeſchrei begrüßt. — Laßt Alles umkommen, ſetzte Maſaniello hinzu, aber wehe der Hand, die zu plündern wagt, die Schaaren, welche ich be⸗ fehle, ſollen vom Raube fern bleiben. 3 Das Haus ſtand nach Ablauf einer Viertelſtunde in hellem Feuer. 4 — Und nun nach der Straße Mandracchio! ſchrie man unter dem Gepraſſel der Flam men, und der aufgeregte, wilde Volkshaufe zog laut heulend von dannen. Der Eigenthümer des in Vorſchlag gebrachten Ladens hieß Stanni.— Es war Maſaniello bekannt, daß dieſer einen reichen Pulver⸗ vorrath beſitze. Dieſer Kaufmann war ein kleiner alter Mann, aber noch kräftig, rüſtig und wohl genährt. Er hatte kleine, graue, blitzende Augen, ſtruppiges Haar, und aus allen Zügen ſeines Antlitzes ſprach— Geiz. 21* 324 Die Natur des Handelsgeſchäfts hatte ihn vorſichtig, ſeine Habgier ihn unhöflich und argwöhniſch gemacht. Es war ihm von dem Vicekönig eine Warnung und der dringende Befehl zugegangen, ſo viel Pulver als möglich nach Caſtel Nuovo zu ſchaffen. Von einer Entſchädigung war freilich nicht die Rede ge⸗ weſen, und Stanni meinte jetzt, daß ſeine Hoheit auf dieſe Weiſe es ihm unmöglich anſinnen könne, ein ſo bedeutendes Opfer zu bringen. Trotzdem er den Verluſt der herzoglichen Gnade zu beſorgen hatte, beachtete er weder den Befehl noch die Warnung und ging an ſein Tagewerk. Er hatte nicht das Geringſte in den Geſchäftsangelegenheiten geändert, obgleich der Aufruhr durch die Stadt tobte, ja ſogar nicht einmal dann, als die Volkshaufen bereits ſein Haus um⸗ ringten. — Pulver, Pulver! brüllte ihm die Maſſe entgegen. — Mit Geld, meine lieben Mitbürger, ſteht Euch ſo viel davon zu Dienſten, als Ihr nur begehrt, antwortete er ruhig. — Der Kerl iſt wahnſinnig, ſchrie das Volk, Pulver, Pul⸗ ver, oder wir machen ſein Haus dem Staube gleich. — So ſprechen meine Freunde und Mitbürger? rief er einige Schritte zurücktretend. Der Lärm nahm immer zu, Signor Stanni ſprach immer mehr, bis er durch drohendes Geſchrei ganz betäubt wurde. Endlich drang der Volkshaufen, der nicht lange mit ſich ſpaßen ließ, in das Haus und begann zu plündern. — Eine Fackel, eine Fackel, um das Haus anzuzünden, rief eine gellende Stimme, die ſich abſichtlich dem Ohre des alten Mannes zu nähern ſchien. — Ei, zündet es nur an, Ihr klugen Diebe— murmelte der Kaufmann. 8 Natürlich dachte er nun nicht mehr daran, ſein Eigenthum zu beſchützen, das er bisher mit echt kaufmänniſcher Ritterlichkeit vertheidigt hatte. Schnell ſprang er zur Hausthür hinaus und ſtieß Maſaniello heftig zurück. Trotz des wilden Gedränges, das nach dem Hauſe ſtürmte, gelang es dem alten Manne, den Anführer des Haufens „ 325 in die Straße zurückzutreiben, als eine Fackel über ſeinem Kopfe geſchwungen wurde, deren Funken auf ihn herabfielen. Er faßte Maſaniello's Kleider, und ſich anklammernd, als ob ſein Leben davon abgehangen hätte, zog er ihn durch das Gedränge. — Macht ihn nieder, den Nichtswürdigen, brüllten tauſend b. Stimmen; macht ihn nieder. 1 Der alte Kaufmann aber ließ ſich durch dieſe Drohung 6 nicht einſchüchtern und fuhr beharrlich in ſeinem Angriffe fort. Lange bemühte ſich Maſaniello von ihm los zu kommen, erſt d nach entſchiedener Gegenwehr gelang es ihm, den Raſenden von „ ſich zu ſtoßen. n. Plötzlich ertönte ein furchtbares Krachen— ein Knall, der 3 die ganze Stadt erſchütterte. Eine ſchreckliche Scene— das Haus erplodirte und flog donnernd in die Luft. Alle, die ſich im Innern zuſammengedrängt hatten, wurden l mmit den Trümmern hoch emporgeſchleudert. Gegen funfzig Leichen flogen in die Luft, während hundert⸗ ⸗— vierzig Perſonen in der Nähe des Gebäudes ihren Tod fanden. 1 Der Boden war mit Trümmern, Balkenſplittern, verbrann⸗ er. ten, entſetzlich verſtümmelten Todten und einzelnen zerſtückelten Gliedern bedeckt. 3 er Ein grauſiges Geſchrei ließ ſich vernehmen, dann folgte tiefes Schweigen. h Man hatte keine Zeit zu verſäumen, um für diejenigen Sorge zu tragen, die nur verwundet waren. ij Die Stunde, wo der Anblick eines getödteten oder blutenden en Bürgers das Mitleid ſeiner Gefährten erwecken konnte, war 4 vorüber. te ⸗ Das Blut kochte gleichſam in allen Adern und ein ſolches Ereigniß konnte nicht mehr Schrecken oder Theilnahme erregen, m 1 die Unglücklichen, welche verwundet am Boden lagen, endeten t unter den Tritten der über ſie Dahinſchreitenden elend und qualvoll ihr Leben. 1 Noch einmal in ſeinen Erwartungen betrogen, ſchlug der Haufe eine neue Richtung ein. 326 Während der Anführer des Aufſtandes ſich ſo thätig zeigte, verlor auch der Vicekönig keine Zeit, die Hülfomitte el zu benutzen, die ihm noch übrig blieben. Er hatte ſorgfältig erwogen, ob er Alles im offenen Kampfe auf das Spiel ſetzen, oder auf die Gefahr die halbe Stadt zer⸗ ſtört zu ſehen, dahin ſtreben ſollte, die Gewalt ſeines Königs durch Nachgeben und durch ſchlaue Unterhandlungen wieder her⸗ zuſtellen. Für ſich ſelbſt und ſeine Familie war er unbeſorgt, denn ſchon gegen Tagesanbruch war ihm die Nachricht zugegangen, daß Donna Leonore im Palaſt ſeines Schwagers, Don Tortoſa eine rettende Zuflucht gefunden hatte, ohne daß er bisher eine Ahnung von der ſchrecklichen und zugleich entwürdigenden Ge⸗ fahr hatte, in welcher die Prinzeß geſchwebt hatte. An der Zerſtörung der Paläſte reicher Edelleute war ihm wenig oder gar nichts gelegen. Von größerer Wichtigkeit war es für ihn, wie ſein Charakter von dem Herzoge von Olivarez, dem allmächtigen Miniſter des. Königs von Spanien, beurtheilt werden möchte. 5 Auf dieſe Erwägung beſchränkten ſich alle ſeine Betrachtund gen, wenngleich die Verheerung der Stadt währenddeſſen vor ſich ging. Nach reiflichem Nachdenken entſchloß er ſich jedoch, die drei Veſten der Stadt um jeden Preis zu vertheidigen, ſein perſön⸗ liches Anſehen ſo gut als möglich zu behaupten und die Heftig⸗ keit des aufgeregten Pöbels durch beſtändige Unterhandlungen hinzuhalten. Die Edelleute und deren Eigenthum wollte er ihren Hülfs⸗ quellen oder ihrem Schickſal überlaſſen. So war ſein Vorſatz, aber die ſchärfſte Beobachtung ver⸗ mochte in ſeinem Benehmen nicht das geringſte Zeichen von Gleichgültigkeit gegen das Schickſal der Ariſtokraten zu entdecken. Er zeigte ſich im Gegentheil geneigt, die verſchiedenen, ihm angerathenen Verſuche zur Hemmung des Unheils anzuwenden. Er beklagte die Angriffe auf die Häuſer der unbedeutendſten Staatsdiener und hörte mit bewunderungswürdiger Geduld auf die endloſen Reden derjenigen Räthe, die ſich in ſeiner Umgebung befanden, und in ſeinen Zügen zeigte ſich die regſte Theilnahme gegen Alle, welche in ſeiner Nähe waren. Während der erſten Stunden des Tages eilten Boten mit friedlichen Anträgen zwiſchen dem Caſtel Nuovo und dem Platze del Carmine hin und her. Dieſe verkündigten die Ankunft bald eines, bald des anderen Edelmannes, deſſen Namen für beliebt gehalten werden konnte. Jeder der Boten betheuerte zügleich die Bereitwilligkeit ſeiner Hoheit, die Wünſche des Volkes im naazſen Sinne des Wortes zu erfüllen. So erſchien zuerſt der Prinz von Süriano, dem der Prinz von Monteſarchio folgte/ beide ausgezeichnete Männer, die ſpääter in der Geſchichte ihres Baterlandes eine Rolle ſpielten. Jetzt ließen ſie ſich ungern, herab, in einen Bürgerzwiſt ſich einzumiſchen, bei dem ihr! Dazwiſchentreten auch noch unwill⸗ kommen war. Im Uebrigen war ihte Herablaſſung erfolglos.— Maſaniello brachte den Inhalt ihrer Botſchaft zu Celeſto, und der Pöbel ward angewieſen, nur auf die Borzeigung des volksfreundlichen Freibriefs Karl V. zu beſtehen. Dieſer ſollte mit alterthümlichen, goldenen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben und die einzige echte Abſchrift der alten Vorrechte ſein. Die Edelleute erboten ſich, auf das Evangelium zu ſchwören, daß nach ihrem beſten Willen die von ihnen vorgezeigten Ur⸗ kunden die verlangten Vorrechte wären, aber man bezweifelte dies, indem ſtürmiſch die echte Abſchrift beanſprucht wurde. Vergebens ließ der Herzog von Arcos ſein Ehrenwort ver⸗ pfänden, daß er redlich gegen das Volk handelte und ihm von dem Vorhandenſein der verlangten Urkunde nichts bekannt ſei. Man antwortete, Celeſto, der ehemalige Sachwalter des Volkes hätte die Abſchrift unter der Regierung des Herzogs von Oſſuna mit eigenen Augen geſehen— ſie befände ſich in dem königlichen Archive, im Thurme von San Lorenzo aufbewahrt, falls der Herzog von Arcos ſie nicht zu entdecken wüßte, würde man ſchon Anſtalten treffen, ſie zu finden. Dieſe Antwort war natürlich keine angenehme, die beiden Edelleute wurden unglimpflich zurückgewieſen. — Vorwärts, vorwärts! ſchrieen mehrere verwegene Kerle, welche ſich dicht an die Roſſe der Prinzen drängten; ſagt ſeiner Hoheit, daß wir nicht die Leute ſind, jetzt noch etwas auf dero Ehrenwort zu geben, dies haben wir ſchon öfter gehört, ihm 2 328 ſogar vertraut und ſind immer getäuſcht worden— zurück, zurück in das Neſt, in welches Ihr Euch verkrochen habt. Lautes Geſchrei, Gelächter und allerhand höhnende Reden ließen ſich von allen Seiten her vernehmen, und die beiden Edelleute ſprengten davon und waren froh, als ſie wieder mit heiler Haut das Caſtel Nuovo erreicht hatten. — Don Herandez ſchickt man nicht zu uns, riefen ver⸗ ſchiedene Stimmen. — Sehr richtig, fielen Andere ein, denn man weiß, wir würden ihm mit Steinen antworten— aber wir werden ſeine Ankunft nicht abwarten, ſondern ihm einen Beſuch in ſeinem Palaſt abſtatten, nur Geduld. Die Belagerung von San Lorenzo⸗ Das Tagewerk wurde mittlerweile nicht einen Augenblick unterbrochen. Der Angriff auf den Thurm San Lorenzo war ſchon, wie uns bereits bekannt, am Abend zuvor beſchloſſen worden. Der Räuber Paolo hatte ſich, wie wir gleichfalls gehört haben, mit ſeinem Leben für das Gelingen des Unternehmens verbürgt. Man wußte, daß außer vielen wichtigen Urkunden, um welche ſich der Pöbel wenig kümmerte, in jenem Thurme Ge⸗ ſchütze und Kriegsgeräthe aller Art aufbewahrt wurden. Der unangenehmſte Umſtand war, daß ein hartnäckiger, alter Commandant, Biaggio di Fusco mit einigen ſpaniſchen Soldaten den Thurm bewachte. Von dieſen Leuten ließ ſich nicht erwarten, daß ſie ſich durch 3 329 das Geſchrei des Pöbels ſchrecken laſſen, oder in dem Gebrauche der ihnen anvertrauten Waffen bedenklich ſein würden. Maſaniello hatte den Angriff geboten, und der eigenthüm⸗ liche Ausdruck ſeiner Züge, als er den Räuber an die über⸗ nommene Verpflichtung erinnerte, mußte dieſem die unangenehme Ueberzeugung gewähren, daß man die Prahlerei, die er im Rauſche des Sieges ausgeſprochen hatte, für Ernſt nehme und ſie als einen Vertrag zwiſchen ihm und dem Volke betrachte. Das Geſchrei war einmal von Maſaniello erhoben worden und lief durch die Stadt, welche dadurch zum Angriffe auf den Thurm aufgefordert wurde. Nach dieſem Thurme alſo ſtrömte die Menge, gleichgültig gegen die Art oder die Gefahr des Angriffs. Als der Räuber am Fuße des furchtbaren Thurmes ſtand, wurde er einen Augenblick ſchwankend. n Aus den Schießſcharten deſſelben ragten nämlich Geſchütze aller Art hervor, während ſich an allen Fenſtern ſpaniſche Sol⸗ daten zeigten. Paolo hatte bald einen Entſchluß gefaßt. Er ließ den Commandanten Fusco zur Uebergabe auffordern und ihm dagegen freien Rückzug zuſichern. Die einfache und raſche Antwort dieſes alten Kriegers war eine volle Ladung ſeines Geſchützes. 4 Auf ſolches Einſchreiten war alſo jede weitere Unterhandlung unnöthig, und der Angriff begann. Die wenigen Geſchütze, die das Volk hier und da gefunden hatte, wurden gegen den Thurm geführt. Aber, wie man wohl hätte vorausſehen können, fand man ſie ganz zwecklos, da man die Behandlung derſelben nicht geſchickt genug handhabte. — Fort damit, rief Paolo mit grimmigem Fluche— laßt uns die Flammen wählen! Man ſah unter dem Gedränge vor dem Thurme Schaaren von Weibern, die Hakenbüchſen und Waffen aller Art trugen. Alles ſchien zum Kampfe ausgezogen zu ſein und bereit, ſein Leben der gerechten Sache zu weihen. Ganze Familien ſtrömten herbei— und gewährten einen eigenthümlichen Anblick. Die Männer führten Lanzen, Hellebarden und Keulen, *. 34 * 330 während die Weiber, namentlich als man nach Feuer gerufen hatte von allen Seiten mit den verſchiedenartigſten Brennſtoffen herbeieilten. So trugen ſie Reisbündel, Strauchholz, Tonnen mit Oel und Theer herbei, ſelbſt das Stroh oder Laubwerk ihres eigenes Lagers ließen ſie nicht zurück. Fünfjährige Kinder brachten Bindfadenbündel, welche in Schwefel getaucht waren. Dieſe kleinen Weſen hielten ſich an den Kleidern ihrer Mütter und liefen mit lautem Freudengeſchrei dem Schwarme nach, als ginge es zu einem Feſte. Alle Häuſer am Fuße des Thurmes, welche den Angriff zu hindern drohten, wurden ſchnell mit dem Getöſe der Hölle zer⸗ ſtört, und der ganze Platz war mit großen Haufen von Brenn⸗ materialien angefüllt. Als Maſaniello bemerkte, daß Paolo's Unternehmen den gewünſchten Fortgang hatte, eilte er hinweg, um ſein Augen⸗ merk auf andere Angelegenheiten zu richten. Er hatte ſeinem getreuen Volke nur die Leiſtungen anzu⸗ weiſen, die er in den Stunden der Dunkelheit von ihm erwar⸗ tete, und hätte dann, wie am vorigen Abend, ſich an den Witzen Salvators ergötzen können. Als er zu dem Volkshaufen kam, welche ſich auf dem Platze del Carmine verſammelt hatten, zog er ein Blatt Papier hervor, welches ihm von Celeſto übergeben worden war. Dieſes enthielt ein Namensverzeichniß derjenigen Edelleute, die man für Volksfeinde hielt, wie auch die Paläſte, welche ein Raub der Flammen werden ſollte. Er gab das Blatt einem ſeiner Begleiter, welcher auf einen umgeſtürzten Wagen ſtieg, und mit lauter Stimme den Inhalt. deſſelben vorlas. an da Verth J aus d werde 9 der L körpel haben je re höch lichen Uebe einan 331* n Faſt alle Namen der Edelleute ſpauiſcher Abkunft wurden n genannt, und ein Freudengeſchrei ließ ſich vernehmen. Dieſes verhängnißvolle Blatt ſchloß mit einer Vermahnung el an das getreue Volk, keinen Gegenſtand von irgend welchem 3 Werthe anzutaſten. Man ſollte weder Hausgeräthe, noch Gold und Juwelen n aus den Flammen retten, und Jeder ſollte mit dem Tode beſtraft . werden, der dieſes Gebot übertreten würde. r Noch aber war kein Wort von der Herabſetzung der Preiſe der Lebensmittel geſprochen worden, und Niemand ſchien an die körperlichen Bedürfniſſe des hart arbeitenden Volkes gedacht zu 1. haben. . Maſaniello's Beliebtheit, die mit jedem Angenblicke wuchs, r ie reicher er ſich an unerwarteten Hülfsmitteln zeigte, hatte den höchſten Gipfel erreicht, als er endlich ſeinen Leuten die könig⸗ lichen Vorrathshäuſer anwies, von wo ſie Mehl und à Ueberfluß holen ſollten, um Alles redlich und ſorgfältig unter⸗ einander zu theilen. Die Haufen zerſtreuten ſich, um an ihr Werk zu gehen. Sechsundzwanzig Paläſte, die prächtigſten der Stadt, waren deem Verderben geweiht, und das verſprach bis zum Aubruche 1 der Nacht Zeitvertreib genug. * Maſaniello erholte ſich während deſſen von der heftigen Aufregung, welche die ſtattgehabten Auftritte in ihm hervorge⸗ rufen hatten. Er beſchäftigte ſich jetzt mit der wichtigſten aller Aufgaben, eine Stadtwehr einzurichten, um das ganze Volk in Zucht zu halten und als Maſſe benutzen zu können. Die Ausführung dieſes Planes wurde ihm durch die alte 1 Eintheilung der Stadt in neunundzwanzig Diſtrikte, Ottine ge⸗ 1 nannt, ſehr erleichert. Er theilte das ganze Volk in eben ſo viele Haufen und gab 7 jedem einen ihm bekannten Anführer. Man bemerkte, daß der Räuber bei dieſer Einrichtung ganz n — von allem Antheile ausgeſchloſſen ward, an der Spitze ſeiner kleinen Räuberſchaar blieb. Es wurden auf die Weiſe gegen hundertfunfzigtauſend Bür⸗ ger bewaffnet. 332 Als dieſe Angelegenheit erledigt war, lenkte Maſaniello ſeine Aufmerkſamkeit auf einen nicht minder wichtigen Gegenſtand. Dieſer war von der Art, daß man ſich höchlichſt wundern mußte, wie ein unwiſſender Fiſcher von kaum fünfundzwanzig Jahren auf ſolche Anſichten kommen konnte. Er befahl nämlich, daß die gewöhnlichen Gerichtshöfe ihre Sitzungen fortführen, aber er ernannte ein beſonderes Gericht, in welchem er ſelber den Vorſitz führen wollte, um jede gegen Privatperſonen oder gegen die Geſammtheit begangenen Unbill zu richten, die ſchnellere Erledigung verlangte. Wie wir bereits wiſſen, hatte er Pietro zu ſeinem Geheim⸗ ſchreiber ernannt, da er ſelber weder leſen noch ſchreiben konnte. Er umgab ſich ferner mit Sachwaltern, Lieferanten, Buch⸗ druckern, kurz mit dem ganzen Zubehör der vollziehenden Gewalt. Alle dieſe Angelegenheiten ordnete er auf die ihm eigen⸗ raſche und beſtimmte Weiſe. Auf dem Wege zu Celeſto, den er in Regierungsangelegen heiten ſprechen wollte, trat raſch ein Mann zu ihm. — Eine Abtheilung von fünfhundert deutſchen Soldaten beſinder ſich auf dem Wege nach Neapel, meldete dieſer. — Von welcher Richtung her? — Aus der Richtung von Pozzuola! antwortete der Fremde. — Ich ſage Dir im Namen der Volksregierung Dank, Neapolitaner, verſetzte er, reichte jenem die Hand uud ging weiter. Maſaniello handelte ſogleich. Seine Boten flogen durch das Gedränge in den Straßen, während er ſelber vorwärts eilte, ohne zu bedenken, wer ihm folgte, um dem Kriegsvolk entgegen zu gehen. In jeder Straße, durch welche er kam, ſchallten ihm laute Grüße entgegen. — Brüder, Neapolitaner! rief er mit lauter Stimme, es nahen feindliche deutſche Schaaren unſerer Stadt, wir haben Waffen in Händen, auf, laßt uns ihnen entgegeneilen, um ſte, falls ſie ſich nicht ergeben, zu vernichten, ohne Erbarmen nieder⸗ zumetzeln. — Nieder mit den Feinden, mit den Kriegsknechten des Königs, ertönte es von allen Seiten, der freie Neapolitaner dul⸗ det keine Zuchtruthe mehr. —ꝛV——— —— 333 Tauſende ſchloſſen ſich Maſaniello an und mit Wuthgeheul zog man den anrückenden Schaaren entgegen. In der That begegnete man den Truppen ſchon, bevor man noch die Thore der Stadt verlaſſen hatte. Dieſe wurden, ehe ſie noch einen Angriff auf das Volk machten mit einem Hagel von Steinen empfangen, während Tauſende von Lanzen ſich ihnen entgegenſtreckten. — Vernichtet ſie, vertilgt ſie, reißt ſie in Stücke. Mit diefem Rufe drang man auf die Soldaten ein, welche vor der großen Anzahl ihrer Gegner erſchraken, und einſahen, daß ſie zu ohnmächtig waren, dieſer Maſſe gegenüber Widerſtand zu leiſten. Sie warfen ihre Waffen von ſich und machten Miene, ſich zu ergeben. 8 Als dies Maſaniello bemerkte, ließ er durch ſeine Reihen ſchnell die Befehle gehen, die Feindſeligkeiten gegen die Truppen einzuſtellen.— Dieſen Augenblick hatten die Krieger benutzt, um in einer nahen Kirche Schutz zu ſuchen. Auch Maſaniello begab ſich dahin, er trat ohne Begleitung in ihre Mitte, wo ſie ihn um Schonung baten und ſich er⸗ gaben. Jetzt ertheilte er den Befehl, ihnen Brod und Wein zur Erfriſchung zu reichen. Es war ein rührender Anblick, ſagt ein Augenzenge, wie die dem Verderben entronnenen armen Menſchen, mit einem Brode in der Hand und der Flaſche am Munde umhertanzten, das Volk ihre Brüder und Maſaniello ihren Retter nannten. Vier Punkte. Kaum hatte ſich Herandez, nachdem ſich der Räuber Frede⸗ rigo auf ſein Zimmer zurückgezogen, zur Ruhe begeben, als er durch ſeinen Diener wieder geweckt wurde. Erſchreckt ſprang er vom Lager auf. — Was giebt's? rief er blaß und verſtört; ſind die Un⸗ holde wieder da? — Ercellenza, ein Diener des Duca de Tortoſa iſt draußen, um Ihnen perſönlich ein Schreiben ſeines Herrn zu überreichen. Wenige Augenblicke ſpäter empfing Herandez den Boten des Herzogs und erbrach ſogleich den Brief, in welchem ſich eine Einlage befand, welche an ſeine Excellenz, den Miniſter Olivarez zu Madrid adreſſirt war. Dieſe warf Don Herandez nachläſſig auf den Tiſch und las folgenden an ihn gerichteten Inhalt: Mein lieber Don Herandez! Nur ein Augenblick war noch erforderlich, und ich hätte nicht mehr geathmet— eine raubende Rotte drang in meinen Palaſt und demolirte hier Alles, nach⸗ dem es mir kurz zuvor gelungen war, die Prinzeß aus ihrer Gewalt zu befreien, welche jetzt noch in meinem Hauſe weilt und vielleicht mit mir Neapel verlaſſen wird. Die Schurken wollten mich dem Feuertode über⸗ geben, aber ich wurde durch Menſchen aus dem Volke gerettet, die ſich den grauſigen Namen„Todesgeſell⸗ ſchaft“ beigelegt hat.— Ach ja, Excellenz, Mord und Tod athmet jetzt, ſo möchte man ſagen, jeder Stein in Neapel. . Doch zur Sache,— ein Zufall führte den Prinzen Caraffa in mein Haus— daß er Verräther iſt, wiſſen Sie ſo gut wie ich, und man kann es meinem herzog⸗ lichen Schwager kaum Dank wiſſen, daß er, trotz der aus geil lter verri der Nach ten, Jror noch nütz ſagt 335—— Opferfreudigkeit, die er bei der Rettung der Prinzeß bewies, ihn nicht hat hinrichten laſſen,— ich hörte vor etwa einer Stunde aus ſeinem eigenen Munde, daß er Neapel verlaſſen wird, um ſich nach Madrid zu begeben um dort bei Hofe wohl Beſchwerde gegen das Regiment meines Schwagers, mithin auch gegen Sie zu erheben.— Er hat Worte geſprochen, die mir durch Mark und Bein gingen, ich habe deshalb an den Miniſter Oli⸗ varez, meinen vertrauten Freund, geſchrieben, dem ich den Prinzen Caraffa in ſeiner wahren Geſtalt geſchil⸗ dert habe. Dieſer wird nun hoffentlich dafür Sorge tragen, daß dieſer Rebell Madrid— nie wieder ver⸗ laſſe. Wollen Sie auch Ihrerſeits einige Zeilen in dieſer Angelegenheit an den Miniſter richten, ſo bleibt Ihnen dies unbenommen, jedenfalls bitte ich Sie, meinen Brief, ſobald als möglich, auf diplomatiſchem Wege an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen, damit er früher in Madrid eintreffe als— der Prinz. Neapel, in den Schreckenstagen des Juli 1647. Tortoſa. Bleich wie der Tod legte Herandez das Schreiben wieder aus den Händen und richtete jetzt jene uns bereits bekannten Zeilen an den Schwager des Statthalters, welche er deſſen Die⸗ ner übergab, der ſich ſogleich damit entfernte.— Unruhig ging der Miniſter auf und nieder; ſein Antlitz verrieth alle Schrecken eines böſen Gewiſſens, wie alle Spuren der in ſeiner Bruſt tobenden Dämonen des Haſſes und der Rache. Er lachte plötzlich hell auf— das Lächeln in dem ſonſt kal⸗ ten, teufliſchen Antlitz dieſes Verworfenen, erſchien wie eine Ironie auf die Heiterkeit überhaupt und ließ ſeine Häßlichkeit noch mehr hervorſtechen. 6 — Ich habe einen Gaſt im Hauſe, der mir jetzt mehr nützen kann als ſeine Hoheit der Vicekönig und alle ſeine Räthe, ſagte er. — 336 Er läutete nach dem Diener und dieſer trat ein. — Der Fremde ſoll ſogleich geweckt werden, gebot er. Aber bald kam der Diener, der den Befehl des Herrn ſo⸗ gleich vollzogen hatte, zurück. — Ich ſoll Excellenz melden, ſagte er, daß der Herr, bevor er Ihr Haus verläßt, alſo in der Frühſtunde zu Ihnen kommen wird, da er nicht beſorgt, daß die Angelegenheit, in welcher Sie ihn zu ſprechen begehren, ſo wichtig ſei, um jetzt ſeinen Schlaf zu ſtören, deſſen er ſo wichtig bedarf. Herandez' Stirn verfinſterte ſich, er ſchwieg indeſſen und gab dem Diener einen Wink, ſich zu entfernen. Er warf ſich auf das Lager, allein Aufregung ließ ihn nicht raſten— raſch ſprang er wieder auf und ging mit haſtigen Schritten durch das Zimmer. Der Tag begann zu grauen, als ſich plötzlich die Thür öff⸗ nete, und ein Mann erſchien, welcher zu jeder Zeit ungemeldet bei ſeiner Excellenz erſcheinen durfte— es war— der Get⸗ tatore. — Eine wichtige Botſchaft, Excellenza! begann dieſer. — Was geht vor?. — Der Prinz Caraffa verläßt Neapel, um nach Madrid zu gehen. — Dieſe Nachricht iſt mir bereits geworden. — Excellenz, die Reiſe muß Ihnen meiner Meinung nach unangenehm ſein. — Sehr richtig, aber es ſind bereits Schritte getroffen, daß er gleich nach ſeiner Ankunft in Madrid den Henkern über⸗ geben wird. — Exrcellenz, wozu dieſe Weitläufigkeit, wenn die Angele⸗ genheit bequemer und einfacher geordnet werden kann. — Wie, auf welche Weiſe? fragte Herandez haſtig. — Nun, das richtigſte iſt doch, ihn gar nicht nach Madrid gelangen zu laſſen— vielmehr dafür Sorge zu tragen, daß ihn auf dem Wege, möglichſt eine kurze Strecke von Neapel irgend ein Unfall— ereilte, ſagte der Gettatore mit heimtückiſchem Lächeln. 5 — Ich verſtehe ſchon— verſetzte Herandes— die Abruzzen, nicht wahr? ratore Ihm ſ ichen noch! Getta Olive wart tellen Adrei fahre durch lich ſage Lehr mit noch witd Mitt ten, dann vech dem rich Frede Da 337 — Sie haben es errathen, Excellenza, entgegnete der Get⸗ tatore mit ſpöttiſchem Lächeln; ich glaube, in jener Gegend kann ihm ſchon etwas Menſchliches begegnen. — Ich will Ihnen nur ſagen, daß ich auf einen ganz ähn⸗ ichen Gedanken gekommen bin, ich habe nur über einen Punkt noch nachgedacht. — Wollen Sie mir dieſen nennen— Excellenz? fragte der Gettatore, wie es ſchien, äußerſt geſpannt. — Es handelt ſich um einen Brief, welcher dem Miniſter Olivarez in Madrid die Ankunft des Prinzen anzeigt— — So— ſo— nun, es kann Jemand an einem Orte er⸗ wartet und doch verhindert werden, daſelbſt einzutreffen, Er⸗ cellenza. — Ganz recht, aber— — Ich ſtimme dafür, daß der Brief jedenfalls an ſeine Adreſſe gelange und dem Prinzen jene Unannehnlichkeit wider⸗ fahre, ſagte der Gettatore, es iſt nicht unmöglich, daß er dieſer durch einen Zufall entgeht; geſchieht dies, dann gelangt er glück⸗ lich nach Spanien, um dort unglücklich zu werden, doch was ſage ich, unglücklich, wenn man ſelig iſt, kann man nach der Lehre unſerer göttlichen Religion nicht unglücklich ſein, ſetzte er mit widerlichem Lächeln hinzu. — Gut— ſprechen wir nicht mehr davon— es bleibt nur noch übrig, zu erfahren, welchen Weg der edle Prinz einſchlagen wird, den zu Waſſer, oder zu Lande. 2 — Ohne Zweifel den Letzteren, aber ich werde bis gegen Mittag über allem Zweifel erhaben ſein, und wenn Sie geſtat⸗ ten, regulire ich die ganze Angelegenheit.— — Thun Sie es, Sie wiſſen, ich lohne Ihre Dienſte gut, dann bedarf ich der Hülfe eines Anderen— nicht. — Ein Anderer?— wiederholte der Gettatore ſtaunend, beſchäftigen Sie außer mir noch Andere?— — Ich habe mit einem Menſchen ein Bündniß gemacht, das dem mit der Hölle wenig nachgiebt. ——— Sie werden räthſelhaft, Don Herandez— wiſſen Sie nicht, daß Sie mir blindlings vertrauen können? — Es iſt wahr— und ich nenne Ihnen daher den Namen Frederigo— flüſterte Herandez etwas furchtſam. — Der Räuber? Das Opfer von Amalfi.(Bv. 1I. 2.) 22 — 338 — Leider! — Wie kommen Sie zu der Chre dieſer Bekanntſchaft, Excellenza? rief der Gettatore mit eigenthümlichem Lächeln. — Auch ich verwünſche den Augenblick, in dem ich ihn ken⸗ nen lernte, verſetzte der Gefragte zähneknirſchend. — Bitte um nähere Mittheilung, Ercellenz. Herandez kam dieſer Aufforderung nach und erſtattete einen Bericht über ſeine Gefangenſchaft bei den Räubern, wie über die Bedingungen ſeiner Rettung. — Allerdings eine unangenehme Aufgabe, der Sie ſich nicht werden entziehen können, der Räuber Frederigo hält ſeine Opfer feſt. Ich weiß es und haſſe ihn wie den Tod— ach, wenn Sie mich von dieſem Scheuſal befreien könnten. — Es iſt ſchwer, ich will indeſſen darüber nachdenken. — Was mich am bitterſten berührt, iſt der Punkt der Ent⸗ ſagung, klagte Herandez. — Und nicht ohne Urſache, Don Herandez, lächelte der Gettatore, wer ſo glücklich iſt, der Erwählte einer der ſchönſten Prinzeſſinnen Europas zu ſein, kann ſich wohl unglücklich fühlen, eines Räubers wegen zurücktreten zu müſſen. — Er muß ſterben— flüſterte Herandez, indem er ſich ſcheu umblickte; und Sie müſſen ihm zur Hölle verhelfen. — Er ſoll dahin fahren, ſein Sie ohne Sorge, Sie wiſſen, daß ich ein Mann bin, auf den man ſich verlaſſen kann, ich muß nur über die Art und Weiſe nachdenken, ihn zu beſeitigen. — Ich dächte, die wäre einfach genug, durch eine Kugel oder den Dolch— — Ich meine nicht die Wahl der Waffen, Seanor, es han⸗ delt ſich dabei um die Beſeitigung anderer Schwierigkeiten; ſo wüßte ich zum Beiſpiel nicht, wie ihm anzukommen ſei. — Es wird dies meiner Meinung nach in Neapel, wo genug geſchoſſen und geſtochen wird, gleichfalls eine leichte Auf⸗ gabe, doch niche ſo laut— — Ich hoffe, es kann uns Niemand in Ihrem Zimmer be⸗ lauſchen, Sennor. — Frederigo befindet ſich in meinem Hauſe, ich fürchte, er wird mit jedem Augenblick eintreten, es wäre mir daher lieb, wenn Sie ſich entfernen, aber zuvor müſſen Sie mir das Ver⸗ prech ſtehen wari weilt. unmöe könig wird ſötder mag, Hülfẽ verge Fami Auge unzn nach wenn gema gleich mit i aber ſen m — 3 4 9 339 czeft ſprechen geben, mir noch in einer anderen Angelegenheit beizu⸗ e ſtehen. fen.— Sprechen Sie, ich will es thun, wenn ich dienen kann. — Die Prinzeß iſt gewillt, Neapel zu verlaſſen— und zwar in Begleitung des Duca di Tortoſa, in deſſen Palaſt ſie einen weilt. su. über— Wie ſollte ich das verhindern können? — Einem Manne von Ihrem Talent und Geiſt darf nichts i unmöglich erſcheinen, mein Rath iſt, daß Sie ſogleich zum Vice⸗ ſeine könig gehen und ihm den Aufenthalt der Prinzeß entdecken, er wird dann wohl Anſtalt treffen, ſie nach Caſtel Nuovo zu be⸗ enn fördern— — Wenn der Vickkönig dies aber nicht zu vollbringen ver⸗ mag, was dann? Ent.— Wie ſollte er nicht Mittel finden— — In Zeiten, wie die jetzigen, iſt der Vicekönig ärmer an dr Hülfsmitteln der Art als der gemeinſte Ruffiani von Neapel; iten vergeſſen Sie nicht, daß ſich weder er, noch irgend eines ſeiner len Familienmitglieder auf offener Straße zeigen kann, ohne jeden 8 Augenblick die äußerſte Schmach zu befürchten und ſogar der ſc unzweifelhafteſten Lebensgefahr ausgeſetzt zu ſein. — Dann denken Sie nach, wie die Beförderuung der Prinzeß — nach Caſtel Nuovo oder nach irgend einem anderen ſicheren Orte, ſen wenn es nicht anders ſein kann, ſogar fern von Neapel, möglich 10] gemacht werden kann— ich muß ſie in der Nähe haben, da 3— gleich nach Unterdrückung des Aufſtandes meine Vermählung 9 mit ihr gefeiert wird. Der Gettatore lächelte höhniſch. ſan⸗— Warun dieſes Lächeln? rief Herandez wüthend. b— Weil das Ende des Aufſtandes nicht abzuſehen iſt. — Ich werde ſchriftlich die Mittel angeben, wie dies her⸗ — beizuführen iſt, und Sie ſollen dieſe dem Vicekönig einhändigen. Auf— Schreiben Sie!. — Nachdem Herandez dieſer Aufforderung gefolgt war, be⸗ übergab er dem Gettatore ein verſiegeltes Blatt. — Es ſind nur wenige Zeilen darin enthalten, ſagte er, , 3 aber genug, um ſeiner Hoheit Alles zu melden, was er wiſ⸗ 83 ſen muß.— e* 222 340. Der Gettatore nickte bejahend mit dem Kopfe und machte— Mieno, ſich zu entfernen. — Alſo es ſind vier Punkte zu erledigen, Sie wiſſen wohl. — Ganz richtig, die Ueberraſchung für den Prinzen— die Beſeitigung Frederigo's— die Sorge für den Aufenthalt der Prinzeß und endlich die Beförderung dieſes Schreibens— Alles wird nach beſten Kräften erledigt,— aber, Don Herandez— Sie wiſſen, daß ich eines Tages meinen Lohn fordern werde. Der Angeredete ſchien verwirrt. — Und er ſoll Ihnen nicht entgehen, ſagte er halblaut. — Gut, Ercellenz, ich hoffe nicht nöthig zu haben, Sie zur Zeit an die Erfüllung Ihrer Pflicht mahnen zu dürfen. Er verneigte ſich tief und wollte gehen, blieb indeſſen noch in der Thür ſtehen. — Alſo in Bezug auf die Prinzeß blaibt mir freier Spiel⸗ raum? flüſterte er. — Inſofern Ihr Aufenthalt nicht gefährdet iſt und Ihrem Stande entſpricht, allerdings, ganz nach Belieben, nur bitte ich, reic mir ſchleunige Mittheilung davon zu machen. übe — Soll geſchehen! Wenige Augenblicke, nachdem ſich der Gettatore entfernt all hatte, trat Frederigo ein— ein kurzes Geſpräch fand zwiſchen 1 Beiden ſtatt und auch der Räuber ging. geſ Herandez war jetzt wieder in ſo zufriedener Stimmung, als un es die Situation überhaupt geſtattete. — Nun zu— ihr— ſagte er mit leiſer Stimme und ver⸗ lic ließ das Gemach. ſei vo ol 7 thi 4— ihr bli L. 3 der * zur e zur noch Spiel⸗ hrem te ich, tfermt iſchen , als ver⸗ 341 Ein ſchwarzer Plan. Nicht minder bewegt als die Straßen der Stadt war das Innere der Veſte Caſtel Nuovo, wo der Statthalter mit einigen ſeiner Räthe Zuflucht genommen hatte. Kaum war es bekannt geworden, daß man dem Anführer keinen Widerſtand entgegenſetzen wollte, als die Edelleute, die wohl wußten, wie verhaßt ſie und ihre Genoſſen durch die vie— len begangenen Ungerechtigkeiten dem Volke geworden waren, zu erwägen begannen, welches Benehmen ihren Intereſſen am förderlichſten ſein möchte. Bei der bevorzugten Stellung der Ariſtokratie und bei dem faſt vollſtändigen Mangel einer verbindenden Mittelſtufe zwiſchen ihnen und der empörten Volksmaſſe, fehlte es ihnen an einfluß⸗ reichen Fürſprechern bei dieſer Klaſſe, und ſie waren einer un⸗ überwindlichen Feindſeligkeit ausgeſetzt. Sie ſahen indeß doch eine Wirkung, die tröſtlich war, da alle Standesgenoſſen durch Eintracht verbunden waren. Der perſönliche Zwiſt, jede Familieneiferſucht wurde ver⸗ geſſen, denn Alle fühlten die Nothwendigkeit, zuſammenzuhalten und ſich zu vereinigen, um allgemeine Drangſale abzuwenden. Sie ahnten natürlich nicht, daß alle dieſe Mittel, dem gräß⸗ lichen Blutvergießen einen Damm entgegenzuſetzen, fruchtlos ſein würden. Als es offenbar wurde, daß der Aufſtand ſcheinbar allein von dem Pöbel ausgegangen war und der Abſchaum des Markt⸗ platzes die höchſte Gewalt an ſich geriſſen hatte, daß die korin⸗ thiſche Säule umgekehrt war, ihr Knauf im Boden ſteckte und ihr Fuß ſich über alle Köpfe erhob, da verbreitete ſich augen⸗ blicklich ein Einverſtändniß unter dem Adel, das keiner beſonderen Vorkehrung bedurfte, ihre gemeinſamen Anſtrengungen auf einen Punkt zu richten. Als man erfahren hatte, daß der Statthalter dem Sturm der Volkswuth ausgewichen war und ſich nach Caſtel Nuovo zurückgezogen hatte, wo ihm die Verbindung mit dem Palaſt und dem Meere offen blieb, eilten die Edelleute unter dem — 342 Schutze der Nacht und in verſchiedenen Verkleidungen, denſelben Schutz zu ſuchen und ihre Treue gegen den König zu bethä⸗ tigen. Der Herzog von Arcos war über dieſe Beſuche ſehr erfreut, da es unter den Mitgliedern des mächtigen Adels Viele gab, die er gern um ſich verſammelte. Dies that er nicht ſowohl weil ihre Rathſchläge ihm wirk⸗ lichen Beiſtand hätten geben können, als weil ihre Unterſtützung einen guten Einfluß auf den ſpaniſchen Hof machen konnte. In ſo fern zeigte ſich ihm auch eine Ausſicht, einen Theil der Verantwortlichkeit auf ſie zu wälzen. Die meiſten alten Barone des Reiches und Mitglieder des Rathes bis auf zwei waren unter ſeinem Dache verſammelt. Dieſe waren— der Herzog von Mattalone und— He⸗ randez. Eben ſo wäre es dem Herzog von Arcos erwünſcht gewe⸗ ſen, Giulio Caraffa, deſſen Fall in der Gunſt des Volkes ihm noch unbekannt war, bei ſich zu ſehen, hätte er dann doch einen der einflußreichſten Vermittler zur Verfügung gehabt. Wiewohl er ihn haßte und in ſeinem Innern den Entſchluß gefaßt hatte, ihn nach Unterdrückung des Aufſtandes auf die eine oder andere Weiſe zu beſeitigen, ſchon um ihn als Hinder⸗ niß der Verbindung ſeiner Tochter mit Herandez, wozu ihn eine unerbittliche Convenienz, ein Verſprechen, das er dem Könige gegeben hatte, zwang, aus dem Wege zu räumen. — Er muß fallen, ſagte er oft, wenn er aus düſterem Nach⸗ denken emporfuhr, der Retter meiner Tochter muß den ſchwärzeſten Lohn erhalten. Giulio blieb fern vom Palaſte. 4 Jetzt hatte der Herzog die Sendungen der beiden bereits genannten Prinzen angeordnet. Die Nachricht von dem Mißlingen ihrer Verſuche hatte ihn indeſſen nicht im Geringſten aufgeregt, ſie ſchien ihm im Gegen⸗ theil völlig gleichgültig zu ſein. Etwa gegen vier Uhr am Morgen, der den Schreckensſcenen in den Katakomben folgte, wurde dem Herzog die Ankunft eines — Don Silva gemeldet. Er konnte ſich anfangs dieſes Namens kaum erinnern, bald Schrei Vicelo ihm toß Duca 1 telte gben, hinder nlor, 7 unbeg ten Mi 6* ¹ . der des telt He⸗ geipe⸗ s ihm einen uiſchluß uf die inder⸗ n eint Könige Nach⸗ rzeſten bereits tte ihn Hegen⸗ sſcenen t eines 7, bald aber fiel es ihm bei, wer der Ankommende ſei und er gab den Befehl, ihn vorzulaſſen. Einige Minuten ſpäter ſtand— der Gettatore vor ihm. Er verneigte ſich tief und überreichte dem Vicekönig ein Schreiben. — Von Seiner Ercellenz, Don Herandez, ſagte er, und der Vicekönig äußerte die höchſte Freude, als er erfuhr, daß der von ihm todtgeglaubte Miniſter am Leben ſei. — Ich bin begierig, was er mir mittheilt, verſetzte der Duca und erbrach haſtig das Schreiben, es lautete wie folgt: Hoheit!— Ich habe große Gefahren überſtanden und darf es auch jetzt nicht wagen, mich in den Straßen Neapels, ſelbſt verkappt blicken zu laſſen, was nur ein Beweis für meine Treue, für meinen Eifer iſt, denn das Volk haßt ſtets Diejenigen, welche Anhänger der Regie⸗ rung ſind. 3 Der Zweck dieſes Schreibens iſt vor allen Dingen Euer Hoheit mitzutheilen, daß ich vorläufig von Staats⸗ dienſten dispenſirt werden möchte, nichtsdeſtoweniger aber werde ich im Stillen wirken, zugleich melde ich Ihnen, daß der Prinz Caraffa— ſich nach Madrid begeben wird, während die Prinzeß, meine innigſtgeliebte Braut, im Palaſte Tortoſa weilt und mit ihrem Oheim Neapel zu verlaſſen gedenkt. 41 Endlich erlaube ich mir Eurer Hoheit folgende Rathſchläge, behufs einer baldigen Unterdrückung des Aufſtandes, mitzutheilen. Hier folgten die näheren Angaben und noch andere Mittheilungen.— Der Herzog las das Schreiben aufmerkſam durch und ſchüt⸗ telte ſein Haupt. Schon wollte er dem Gettatore einen Wink geben, ſich zu entfernen, als ihm ein Gedanke kam, der ihn daran hinderte. — Don Herandez hat Ihnen einen Auftrag gegeben, Sen⸗ nor, mit dem ich nicht einverſtanden bin. Der Angeredete gerieth in Verlegenheit, denn es war ihm unbegreiflich, wie Herandez den Vicekönig von den ihm ertheil⸗ ten Miſſionen benachrichtigen konnte. Er vermuthete jedoch, daß 344 der Herzog nur von dem Verfahren in Kenntniß geſetzt war, welches gegen Giulio eingeleitet werden ſollte. — Seine Eccellenz ſagte mir, daß der Prinz Caraffa— nicht nach Madrid gelangen ſoll. — Ich will dergleichen Maßregeln nicht dulden, verſetzte der Herzog; nicht auf dieſe Weiſe möchte ich den Verrath ſtrafen, es muß eine andere Rüge ſtattfinden— der Prinz ſoll Neapel nicht verlaſſen, ſondern in den Mauern dieſes oder eines andern Caſtels ſein Vergehen büßen. 1 — Hoheit, darf ich mir in höchſt Dero Gegenwart geſtat⸗ ten, eine Meinung auszuſprechen. — Ich will hören. — Die Stimmung des Volkes von Neapel, wenigſtens eines Theils deſſelben iſt dem Prinzen jetzt ungünſtig, kann aber und wird ſich unzweifelhaft bald wieder in den alten Enthuſiasmus umgeſtalten— es wäre dann gewagt, einen ſo mächtigen Volks⸗ freund einzukerkern— — Das ſehe ich wohl ein, aber was ſoll geſchehen, um den Verräther, der ſich nach Madrid begeben will, um die hieſigen Beamten anzuklagen und deren Einrichtungen zu tadeln, zu ſtrafen. — Er muß durch das Volk ſelber fallen. — Sie ergehen ſich in einen Widerſpruch, Sie ſagen, der Prinz werde in der Gunſt des Volkes wieder ſteigen und doch — ſoll er fallen— — Ich meine, Hoheit, man muß die augenblickliche Stim⸗ mung benutzen, um denen unter dem Volke, welche noch eine gute Meinung von ihm hegen, zu beweiſen, daß er ein Ver⸗ räther ſei. — Aber auf welche Weiſe ſoll dies geſchehen? — Indem Sie den Prinzen nach dieſem Caſtel kommen laſſen, Hoheit— dem Volke wird aber erzählt, daß er ſich hier befindet, um den Untergang der Nation herbeizuführen, ſie zu verrathen und dann findet ſich das Uebrige von ſelbſt. Der Herzog von Arcos ſah mit einem Blick des Staunens auf den Gettatore, während er in ſeinem Innern ſchauderte. — Das wäre allerdings ein Plan, ſagte er leiſe, aber das Volk wird Beweiſe fordern.. heraubth — wie dan varez da kunft als nehmen es Nie nicht ge ſetzte der fragt ſi wird, der Nu richt ha Neapel übrig, eine Tu licher eine ein Cdelma er mei erlaub welchen 345 — Allerdings, es muß den Prinzen hineingehen, oder ihn herauskommen ſehen, um ſogleich Juſtiz an ihm zu vollziehen. — Und Sie ſtehen für den günſtigen Erfolg. — Mit meinem Leben. — Wenn nun aber der Prinz Neapel ſchon verlaſſen hätte, wie dann? — So iſt bereits durch einen Brief an den Miniſter Oli⸗ varez dafür Sorge getragen, daß er dort, gleich nach ſeiner An⸗ kunft als Hochverräther verhaftet und hingerichtet wird. — Nein, nein, es bleibt immerhin ein gewagtes Unter⸗ nehmen den Prinzen nach Madrid gelangen zu laſſen, er darf es nie— erreichen. — Sie haben den von mir in Vorſchlag gebrachten Plan nicht gebilligt, Hoheit. — Ich haſſe den Meuchelmord. — Ich erlaubte mir einen anderen Weg vorzuſchlagen, ver⸗ ſetzte der Gettatore mit einer tiefen Verbeugung. — Den ich auch billige, rief der Gouverneur haſtig, es fragt ſich nur, ob er noch in Neapel weilt. — Es iſt nicht anzunehmen, daß er bei Tage ſich entfernen wird, außerdem bedarf er nach den Erlebniſſen der letzten Nacht der Ruhe— jedoch ſoll Eure Hoheit binnen einer Stunde Nach⸗ richt haben, hat der Prinz, was unmöglich anzunehmen iſt, Neapel verlaſſen, dann, Hoheit, bleibt kein anderer Ausweg übrig, als die Begegnung in den Abruzzen.— — Allerdings müßte ich, wiewohl ungern, aus der Noth eine Tugend machen, und Sie, Don Silva, ſollen nach glück— licher Beendigung des Aufſtandes durch meine Vermittelung eine einträgliche Stellung in Madrid erhalten— Sie ſind doch Edelmann? Der Gettatore verneigte ſich. — Von altem Geſchlecht, Hoheit. — Und nun noch eine Frage— ſagte der Herzog; auf welche Weiſe ſoll es gelingen, den Prinzen, wenn er noch hier weilt, zu einem Beſuch nach dem Caſtel Nuovo zu bewegen, das er meidet, wie er meinen Palaſt ſtets gemieden hat. — Zur Beantwortung dieſer Frage, Hoheit, muß ich mir erlauben, Sie über ein gewiſſes Gerücht um Aufſchluß zu bitten, welches ſchon ſeit längerer Zeit bei Hofe verbreitet war. * — — 1 4 1 1 4 346 — Ich bin bereit, ihn zu geben, entgegnete der Herzog etwas betroffen; um was handelt es ſich?— — Man ſagte, daß ihre Hoheit, die Prinzeß den Prinzen Caraffa mit ihrer beſonderen Zuneigung beehre. — Man ſpricht immer mehr als wahr iſt, indeſſen iſt auch mir ein gewiſſes Intereſſe von meiner Tochter für den Prinzen bekannt. — Ich danke für dieſe Auskunft, Hoheit; Sie wiſſen be⸗ reits um den Aufenthalt der Prinzeß? — Schon ſeit drei Stunden. — Dann liegt es im Intereſſe der Sache, wenn die Prinzeß ſobald als möglich hieher befördert wird. — Dies wäre auch ohne Ihren Rath noch im Laufe des Vormittags geſchehen— und dann?— — Muß ſogleich von der Prinzeß ein Schreiben an den Prinzen geſandt werden, welches ſein augenblickliches Erſcheinen in den Palaſt dringend wünſcht. — Dies wird möglich ſein, ſagte der Statthalter nach kurzer Ueberlegung. — Der Prinz wird dieſer Einladung ohne Zweifel folgen, und das Volk ſoll dann die erforderlichen Beweiſe erhalten. — Ach wie lange werden dieſe Tiger noch wüthen? ſagte der Herzog ſeufzend. — So lange ſie Führer haben, man muß dahin ſtreben, dieſe zu entfernen, dann iſt dem Ungeheuer mit einem Schlage das Haupt abgehauen. Der Herzog ſah den Gettatore verwundert an. — Sehr richtig, Don Silva, ſagte er, aber das iſt eben ſchwer— wie ſoll man ſich namentlich des Oberhauptes, dieſes Fiſchers von Amalfi bemächtigen. — Durch Liſt, Hoheit. — Unmöglich, man kann dieſem Menſchen, deſſen Namen ſie in jedem Augenblick laut durch die Straßen brüllen, nicht ſo leicht beikommen. — Iſt vielleicht einmal ein Vertrag mit dem Volke ge⸗ ſchloſſen, dann dürfte es nicht ſchwer ſein, ein Feſt— zu ver⸗ anſtalten, und bei dieſem Feſte— — Nun, Don Silva? fragte der Herzog geſpannt. — Nun, Hoheit, bei dieſem Feſte müſſen gute Speiſen ge⸗ / reicht und mit einem Mit gfähriiche zimmers. Prinz noc meſſen un Der denken un Dienern ſollte.— Die zu wähle ECs! Herzog v ihr geſchi Gerf ſie jetzt e ſie glüch danken San Lot und dieſe We Gefahre Zät mit unte Rähan, ſte werd In dem Her ge⸗ 347 reicht und vorzügliche Getränke kredenzt werden— verſetzte er mit einem grauenvollen Lächeln und unheimlichem Nachdruck. Mit unüberwindlichem Abſcheu, den der Herzog gegen dieſen gefährlichen Menſchen empfand, trat er in den Hintergrund des Zimmers. — Ich wünſche binnen einer Stunde Nachricht, ob der Prinz noch in Neapel weilt, oder nicht— ſagte er etwas ge⸗ meſſen und gab dem Gettatore einen Wink, ſich zu entfernen. Der Statthalter überließ ſich auf kurze Zeit dem Nach⸗ denken und ſandte dann eine Sänfte ab, welche von zahlreichen Dienern eskortirt, Leonore nach dem Caſtel Nuovo befördern ſollte.— Die Begleitung hatte den Auftrag, die entlegenſten Gaſſen zu wählen. Es war etwa zehn Uhr Vormittags, als Leonore von dem Herzog von Tortoſa die Nachricht erhielt, daß ihr Vater nach ihr geſchickt hatte.— Gern verließ ſie den Palaſt ihres Oheims, in deſſen Seele ſie jetzt einen ſo tiefen Blick geworfen hatte. Wirklich erreichte ſie glücklich das Caſtel, welches namentlich dem Umſtande zu danken war, daß die Bevölkerung ſich theils vor dem Thurm San Lorenzo, theils auf dem Mercato del Carmine angeſammelt und dieſen Transport nicht bemerkt hatte. Weinend umſchlang die Mutter ihre Tochter, als dieſe der Gefahren erwähnte, welchen ſie ausgeſetzt geweſen war. Zähneknirſchend aber ballte der Herzog die Fauſt. — Dir ſoll Genugthuung werden, meine Tochter, ſagte er mit unterdrückter Stimme; für jeden Schimpf, den ſie Dir an⸗ gethan, will ich hundert Köpfe von ihnen fordern und wahrlich, ſie werden ſie geben müſſen— nur Geduld. In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und überreichte dem Herzog folgendes Schreiben: Eurer Hoheit. werde hierdurch die Nachricht, daß der betreffende Ca⸗ valier Neapel noch nicht verlaſſen hat und in dem Hauſe ſeines Vaters verweilt. Ich werde die verab⸗ redeten Schritte thun, ſobald der bewußte Brief zu ſeiner Adreſſe gelangt iſt, wovon mir augenblicklich Kunde werden muß. — —— 1 — — —- — — 348 Der Herzog ſteckte das Blatt zu ſich und nahte ſich dann ſeiner Tochter. — Und der edle Prinz Caraffa, nahm er das Wort, hat ſo viele Gefahren getheilt, nur Deinetwillen? — Er wollte mich retten und war dafür der Gefahr aus⸗ geſetzt, verbrannt zu werden; heilige Jungfrau, ihm ſtehen neue Schrecken bevor. — Sprich, erkläre Dich, Leonore, es iſt meine Pflicht, gegen Deinen Retter dankbar zu ſein. Leonore theilte ihre Beſorgniſſe mit. — Sei ohne Furcht, meine Tochter, der Prinz ſoll Madrid nicht erreichen, ſagte er in theilnahmsvollem Tone, denn er wird Neapel nicht verlaſſen— ſetzte er bedeutungsvoll hinzu. — Er wird es, ich habe es vergebens verſucht, ihn von ſeinem Entſchluß abzuhalten. — So will ich ihn mit Gewalt daran hindern. — Mit Gewalt?— — Aber nicht mit feindlicher— lächelte der Herzog; lade ihn ein, ſich augenblicklich hierher zu begeben, mein Kind, er wird Deinem Rufe folgen, und iſt er hier eingetroffen, dann will ich ſchon dafür ſorgen, daß der Trotzkopf dieſe Mauern nicht wieder verlaſſe, bis er den Gedanken an die Reiſe auf⸗ gegeben hat— übrigens iſt er hier zugleich vor jedem Angriff des rohen Pöbels geſchützt, haben doch die meiſten Edelleute mit Ausnahme ſeines Vaters hier Zuflucht gefunden. Nach kurzer Ueberlegung ging Leonore auf den Vorſchlag ihres Vaters ein und war ſomit das Hauptwerkzeug eines gräß⸗ lichen Verrathes*) gegen den Mann geworden, der ihrem Herzen ſo theuer war, ſo nahe ſtand. Mit ungemeiner Gleichgültigkeit ſah der argliſtige Herzog der Schreiberin zu, er entblödete ſich nicht, die eigene Tochter auf ſo himmelſchreiende Weiſe zu hintergehen. Es war um die vierte Stunde Nachmittags, als der Brief Leonore's aus dem Caſtel getragen wurde. *) Prinz Caraffa wurde von dem Statthalter von Neapel behufs ſeiner Verhaftung nach dem Caſtel Nuovo gelockt. Der? un ſu ber wo man ſch Alle b aber nichts herbeiführ Spät und unfru ließ die Er be rühigen 3 Vorgänge Revolution gen haben Er eine groß Bai darb. Wie Seite der Sie dung übe Viell den Prin, erwartete. Odg Ankomme nicht den ſcch nahte Juale welches il Sie Vaters n merkt hat Der lade d, er daun dauern auf⸗ ngriff e mit ſchlag graͤß⸗ ihrem derzog ochter Brief behufs 349 Ein ſeltenes Schauſpiel. Der Vicekönig hatte ſich mit ſeinen Räthen zurückgezogen, um zu berathen, welche Schritte jetzt getroffen werden ſollen, wo man ſogar den Thurm San Lorenzo angegriffen hatte. Alle blickten ſich fragend an, es wurde vieles geſprochen, aber nichts geſagt, welches irgend einen günſtigen Erfolg hätte herbeiführen können. Spät am Tage, als der Herzog es müde war, auf endloſe und unfruchtbare Erörterungen zu hören, erhob er ſich und ver⸗ ließ die Verſammlung. Er begab ſich nicht in die jetzt, ſeit der Rückkehr Leonore's ruhigen Zimmer ſeiner Gemahlin, wo es trotz aller bisherigen Vorgänge für eine Verrätherei galt, den Aufſtand für eigentliche Revolution zu halten und wo ihn nur heitere Geſichter empfan⸗ gen haben würden. Er ſtieg vielmehr auf die höchſte Zinne des Caſtels, wo eine große Terraſſe die Ausſicht auf die ganze Stadt und die Bai darbot. Wie überraſcht war er, als er an der entgegengeſetzten Seite der Bruſtwehr die hohe Geſtalt ſeiner Tochter bemerkte. Sie lehnte ſich an eines der Geſchütze, deſſen dunkle Mün⸗ dung über die Mauer hinausragte. Vielleicht ſchaute ſte in die Ferne, um zu erſpähen, ob ſie den Prinzen bemerkte, den ſie ſo ſehnlichſt ſchon ſeit vier Stunden erwartete. Obgleich ſie wußte, daß ſie von dieſer Höhe herab den Ankommenden nicht zu erkennen vermochte, ſo wollte ſie doch nicht den Gedanken aufgeben, daß ſie ihn ſehen würde, wenn er ſich nahte. Zugleich aber betrachtete ſie das Schauſpiel aufmerkſam, welches ihr die aufgeregte Stadt bot. Sie war ſo in ſich verſunken, daß ſie die Schritte ihres Vaters nicht hörte, und er ſtand an ihrer Seite, ehe ſie ihn be⸗ merkt hatte. 4 Der Anblick war ein überraſchender, und ohne ein Wort — —— —— ——— 350 zu ſagen, ohne auf des Herzogs Geflüſter zu hören, deutete ſie mit der Hand auf den hohen Thurm des Kloſters zu San Lorenzo. Auch der Herzog lenkte ſeine Blicke dahin und gewahrte eine zahlloſe Maſſe, welche denſelben umſchwärmte. Die Häuſer ſtürzten eines nach dem anderen unter dumpfem Getöſe und furchtbarem Staubgewölk nieder. Der dadurch geöffnete Raum war augenblicklich von den dunkeln Haufen der Stürmenden bedeckt, bis endlich außer der Stelle, wo der hohe Thurm mit dem angrenzenden Kloſter ſtand, kein Punkt des Bodens mehr ſichtbar war. — Stürzt jener Thurm, Leonore, begann der Herzog, ſo fällt mit ihm das Glück unſeres Hauſes. Leonore, die nicht gewohnt war von ihrem ſonſt ſo zornigen Vater ein kleinmüthiges Wort zu hören und über den nieder⸗ ſchlagenden Ton, in welchem er ſprach, erſchrack, blickte ihm in's Antlitz. Er war äußerſt bleich— und jede Hoffnung ſchien ihn verlaſſen zu wollen. — Und was enthält denn jener Thurm, Vater, daß Du ſeinen Fall ſo beklagen müßteſt? fragte Leonore, und warum glaubſt Du, daß er fallen werde. Der Mann, der ihn ver⸗ theidigt, iſt ſeit heute Mittag von den Stürmenden umringt und hat noch nicht gezeigt, daß er ſich zu ergeben gedenkt. — Der Thurm enthält Geſchütz; und ſo viele Vorräthe von Pulver und Kugeln, daß, wenn ſie von dem Volke gut be⸗ nutzt würden, es bald Herr dieſer Veſte ſein dürfte. — Alſo nur Waffen? — Es werden dort auch alte und wichtige Urkunden aufbe⸗ wahrt, deren Verluſt mich in Madrid unwiederbringlich in Un⸗ gnade ſtürzen müßte. — Wichtige Urkunden?— wiederholte Leonore. — Wie ich Dir ſage. — Ich kann dies kaum begreifen. — Und was fällt Dir dabei auf, meine Tochter? fragte der Herzog aufmerkſam. — Wären dieſe Urkunden von ſo hoher Wichtigkeit, ſo würden die ſpaniſchen Miniſter ſie wohl ſchon lange fortge⸗ ſchafft haben. — ki frenden F Hetſo ſlei Hetſog von wolle und ainen Voki von hächſte wenn dieſer aufſtehen, G We er nicht fa groni ihn dem Matk Der 4 vor ſich hit — Ei ihn ſanft r Ein he nes gefahr ſchüſſen. Die ihnen gebe Eine! und als no dönte ein Loond wieder au — E fommen iſe dant will und kämpfe — Er Rathgeber ein Mann Ermo, Ca ſein, als Nach er an die 351 — Sie ſind wichtig für den beſtrittenen Anſpruch eines fremden Fürſtenhauſes auf dieſes Königreich— erwiderte der Herzog kleinlaut. Mazarin ſpricht ſchon davon, daß er den Herzog von Guiſe bei einer Landung in Neapel unterſtützen wolle und jede Urkunde, die für einen Einfall in das Königreich einen Vorwand abgeben könnte, würde für die Feinde Spaniens von höchſter Wichtigkeit ſein. Glaube mir nur, meine Tochter, wenn dieſer Thurm fällt, werden gefährlichere Feinde gegen uns aufſtehen, als dieſes Geſindel mit ſeinem Fiſcherhauptmann. — Wenn den Thurm nicht ein Feigling beſetzt hat, wird er nicht fallen, verſetzte Leonore; können dieſe halbnackten Laz⸗ zaroni ihn erſteigen, oder ihn von ſeinen Grundmauern auf dem Marktplatze abtragen? doch ſieh';, ſetzte ſie plötzlich hinzu. Der Herzog war in Gedanken verſunken und ſtierte düſter vor ſich hin. — Sieh' nur, mein Vater, dorthin, rief Leonore, indem ſie ihn ſanft rüttelte. Ein heller Blitz war aus mehren Schießſcharten des Thur⸗ mes gefahren, und alsbald erdröhnte die Luft von Kanonen⸗ ſchüſſen. Die verſammelten Schaaren wankten, als ob die Erde unter ihnen gebebt hätte. Eine dunkle Lücke war in dem dichten Schwarm entſtanden, und als noch der Geſchützdonner an den Küſten widerhallte, er⸗ tönte ein grauſiges Geſchrei. Leonore's Züge verriethen die äußerſte Erregung, als ſie wieder auf den Herzog blickte. 3- — Er hat Blut vergoſſen, rief ſie, da es aber ſo weit ge⸗ kommen iſt, konnte er nicht anders handeln; der alte Komman⸗ dant will den ihm anvertrauten Schatz nicht freiwillig ausliefern und kämpfen bis auf den letzten Mann.. — Er hat jedenfalls etwas gethan, wovor meine weiſeſten Rathgeber mit Ausnahme Don Herandez's zurückbebten; er iſt ein Mann— möchten doch die Veſten Pizzo Falcone, Sant Ermo, Caſtel dell Uovo und ſelbſt dieſe, unſere Zuflucht ſo ſicher ſein, als der Thurm von San Lorenzo.⸗ 4 Nach längerer Ueberlegung erſchrack zwar der Herzog, wenn er an die möglichen Folgen ſolcher Handlung des Kommandanten —— — — — — — 352 dachte, er konnte aber ſeine Aufregung nicht unterdrücken und beugte ſich weit über die Bruſtwehr hinaus, um den Erfolg zu beobachten. Aber ein Blick genügte ihm, und er wendete ſein Auge ab. Ein zweites, ein drittes donnerndes Krachen erſchütterte die Luft, die Schaaren der Stürmenden wurden gelichtet, und dann trat wieder tiefes Schweigen ein. — Gott, die unglücklichen Menſchen! ſeufzte Leonore. — Du beklagſt noch dieſes Geſindel? rief der Herzog in faſt zürnendem Tone, aber was bedeutet dieſe Pauſe? Himmel, wenn ſie nur nicht den Thurm übergeben werden!— doch was giebt es dort? Leonore antwortete nicht, ihre Blicke waren auf das Schau⸗ ſpiel gerichtet, welches ſich jetzt bot. Zahlloſe Fackeln, die in einer ununterbrochenen Linie von der Kirche del Carmine kamen, wurden jetzt ſichtbar. — Es naht eine Prozeſſion, verſetzte Leonore. — Und die Soldaten ſtellen das Feuer deshalb ein! rief der Herzog haſtig. 4 — Nur deshalb und nicht der Opfer wegen, die bereits gefallen ſind? entgegnete Leonore. — Dieſe tollen Mönche! rief der Herzog bitter, ſie ſtören nur durch ihre andächtige Thorheit. — Andächtige Thorheit?— wiederholte Leonore im vor⸗ wurfsvollem Tone; o mein Vater!— — Es iſt wahr, unterbrach ſie heftig der Herzog, ich nehme meine Aeußerung zurück; die Prieſter ſind vom Erzbiſchof feier⸗ lich ermahnt worden, ihre Feierlichkeiten auf ihre Klöſter zu be⸗ ſchränken, und ſie ſind auch übrigens zu klug, um ſich zu ſolchen Scenen zu drängen. Doch ſieh, der Pöbel will den Thurm in Brand ſtecken. — Horch, wie furchtbar! — Gott, ſie entreißen den Prieſtern die Fackeln! rief der Herzog und bedeckte ſein Antlitz. Ein wüſtes Geſchrei drang jetzt von jener Gegend her, Leonore konnte deutlich bemerken, wie ſich die Maſſe auf die Mönche warf. — O dieſe Fackeln— rief Leonore wehmüthig aus, wehe, welch' Unheil haben ſie ſchon angerichtet! — Glaube mir, dieſe Fackeln werden nicht eher verlöſchen, 1 dis eder Stadi mn ſe iine 1 gackeln ſh Veſuvo ſei grauſente Vater, w fale rech oder entko 2 handelt ie wedet A wird der für ſeine mit der 9 Der entfuhr einer in vorhin ſ in Trün mit Dit nicht au vorbeuge wahnſin Der allein er du De daß ſe und m die nic derpg das 3⁵³ bis jeder Ueberreſt von Adel, Pracht und Glanz aus dieſer 1 Stadt mit ihnen verblichen iſt. — Es iſt leider nur zu wahr, entgegnete Leonore, indem ſie eine Thräne trocknete— doch ſieh nur, wie wild ſie die Fackeln ſchwingen, o ärger können nicht die Feuerdämonen des Veſuvs ſein, aber man ſcheint noch zu zögern, eine ſo wilde Grauſamkeit zu begehen. Hat die Beſatzung Befehle, mein Vater, welche die Uebergabe des Thurmes im äußerſten Noth⸗ falle rechtfertigten, oder ſoll ſie ſich halten— dem Tode trotzen, oder entkommen?— — In ſolchen Zeiten, entgegnete der Herzog kummervoll, handelt jeder nur nach ſeiner eigenen Meinung, er überläßt ent⸗ weder Alles dem Schutze Gottes, oder auch ſeiner Liſt; übrigens wird der alte Kommandant des Thurmes handeln, wie er es für ſeine Sicherheit am nützlichſten findet. — Aller Zweifel iſt gelöſt, Vater? rief Leonore und deutete mit der Hand nach dem Thurme. Der Herzog ſah hin und ein dumpfer Ton des Schreckens entfuhr ſeinem Munde. — Eine weiße Fahne weht von den Zinnen, ſagte er nach einer kurzen Pauſe. — Man wird alſo den Thurm übergeben. — AHch und mit ihm die wichtigen Urkunden, wovon ich vorhin ſprach, meine Tochter, und die Kanonen, welche Neapel in Trümmer ſchießen ſollen. — Mein Vater, fiel Leonore traurig ein, auch ich beklage mit Dir dieſes Unheil, allein Du mußt Dich erinnern, daß Du nicht auf den Rath hören wollteſt, der dieſen Vorgängen hätte vorbeugen können und der vielleicht noch jetzt Einfluß auf das wahnſinnige Volk haben könnte. Der Herzog ſah die Tochter mit forſchenden Blicken an, allein er antwortete nicht. — Ja, mein Vater, fuhr dieſe fort, diejenigen, mit welchen Du Deinen Rath gehalten, werden jetzt mindeſtens anerkennen, daß ſie nicht mehr vermögen, Dir einen Rettungsweg zu zeigen, und nun ſollteſt Du wenigſtens den Rath einer Tochter anhören, die nicht wünſcht, Deine Schmach zu überleben. — Und was würdeſt Du mir rathen, Leonore? fragte der Herzog. Das Hpfer von Amalfi.(Bd. II. 3) 23 . —— ———— —— — — 1½ 354 Nothwendigkeit wird Dir der König verzeihen, und zeige dem Volke an, daß er in Deiner Gunſt gefallen iſt. — Und thäte ich dies ſelbſt, was hoffteſt Du dann? glaubſt Du, ſie würden von dem einmal begonnenen Werke der Zer⸗ ſtörung, in welchem ſie ſich ſo ſehr gefallen, ablaſſen? — Sie werden jedenfalls erkennen, daß Du nachgeben kannſt. Es giebt aber auch Edelleute, die das Volk mit Wohlwollen und Achtung behandelt, Männer, deren Zuſagen Vertrauen finden könnten, nicht den Leuten gleich, mit denen Du Dich um⸗ gabſt, und deren heiligſte Betheuerungen der Pöbel, wie Du heute ſchon erfahren haſt, verlacht. — Aber wer ſtände mir ſonſt zur Verfügung? — Der Cardinal Filamarino und— — Der Prinz von Caraffa, wollteſt Du ſagen, fiel ihr der Herzog in's Wort; Tochter, haſt Du noch nicht Beweiſe, daß auch er mißliebig geworden? — Nur bei dem Auswurf, dem böſen Auswuchs des Volkes, ich hege die feſteſte Ueberzeugung, die Beſſeren würden ſeinen. Vorſchlägen ein williges Ohr leihen. — Niemals, denn es hat ſich nur zu ſehr das Gerücht ver⸗ breitet, daß der Prinz Dein Verlobter ſei, und einem ſolchen traut man nicht. — Mein Vater, rief Leonore, indem ſie einen durchdringen⸗ den Blick auf den Herzog richtete, dieſem Gerücht würde ich ſofort durch meine Handlungsweiſe widerſprechen. — Und was wollteſt Du thun? fragte der Herzog geſpannt. — Ich würde noch am heutigen Tage vor ganz Neapel Don Herandez meine Hand reichen.. — Leonore, das thäteſt Du? — Mein Herz würde brechen, ſagte ſie; Donna Leonora di Arcos haßt den heimtückiſchen, argliſtigen Herandez, ſie würde ſchmerzlich beklagen, ein Opfer werden zu müſſen, aber ſie hat auch den Muth, das Land zu retten! ſetzte ſie hinzu. Sie richtete ſich bei dieſen Worten hoch empor und blickte ſtolz umher, als ſuche ſie denjenigen, der ihre Ausſage be⸗ zweifeln möchte. — Du haſt ein großes, edles Herz, ſagte der Herzog ge⸗ rührt; faſt größer als man es einem Weibe zumuthen könnte. — Zunächſt entſetze Don Herandez von ſeinem Poſten, dieſe Er u A 7 nahi fern ſhon verla ögert nur ſonderem 3 3 heit und d mir, um beſſet füt für eine ein Köni Steuern will, wel derer rän Vater, gemeinſo Zeit, u Füßen! Hülfe be zw erbitt werſicher laſſen ſ ſte bald wurde⸗ noch im Au welche f Later v do des zwiſche mir me finnige 1 dieſe e dem laubſt Zer⸗ annſt. vollen rauen hum⸗ 2 Du dr der daß alkes, einen er⸗ olchen igen⸗ e ich annt. eapel nora rürde hat lickte be⸗ g ge⸗ tte. Er umarmte ſie, ein längeres Schweigen trat ein. — AOch, wie der Prinz zögert— warum bleibt er ſo lange fern? nahm Leonore wieder das Wort; ich fürchte, er hat Neapel ſchon verlaſſen. — Nein, meine Tochter, ich bin nicht Deiner Meinung, er zögert nur, weil er eben nicht kommen wi il— ſetzte er mit be⸗ ſonderem Nachdruck hinzu. — Du ſprichſt räthſelhaft. — Ich will annehmen, meine Tochter, Du ſagteſt die Wahr⸗ heit und der Prinz ſei beliebt, dann eben kommt er nicht zu mir, um ohne Zweifel zu warten, bis ſich die Dinge etwas beſſer für ſeine Abſichten geſtaltet haben, damit er ſich dann für einen Abhelfer aller Unbill ausgeben und ſich endlich als ein König anbieten kann, der ein ſo großherziges Volk ohne Steuern regieren und ſich nur mit dem Gehorſam begnügen will, welchen man ihm zu leiſten beliebt. — Dies ſind die Verläumdungen eines Herandez und an⸗ derer ränkevollen Höflinge, verſetzte Leonore lebhaft; nein, mein Vater, der Prinz kann mit dieſem wahnſinnigen Pöbel keinen gemeinſamen Vortheil haben. Er erſchien als Beſchützer zur Zeit, wo Regierung und habgierige Edelleute das Volk mit Füßen traten, und wenn Du in dieſer Stunde der Gefahr der Hülfe bedarfſt, mußt Du Dich ſchon herablaſſen, ſie von ihm zu erbitten, ſchicke ihn getroſt nach dem Platze del Carmine, ich verſichere Dich, die Sendung wird nicht ohne Erfolg ſein, und laſſen ſich ſelbſt einige Stimmen gegen ihn vernehmen, ſo werden ſie bald von anderen übertönt werden. — Er zögert— Du ſiehſt es, ſchon vor vielen Stunden wurde Dein Brief an ihn geſandt, es iſt Abend geworden, und noch immer bleibt er aus. Auch Leonore wurde von einer heftigen Unruhe befallen, welche freilich ganz anderer Natur als diejenige war, die ihr Vater verrieth, ſie wollte den Triumph, er die Schmach, den Tod des Prinzen. — Glaube mir, meine Tochter, ſagte der Herzog, nach den zwiſchen mir und den Prinzen ſtattgehabten Auftritten, koſtet es mir mehr Ueberwindung mich vor ihm als vor dieſem wahn⸗ ſinnigen Geſindel zu demüthigen. — Willſt Du meine Vermittelung annehmen? 23* 356 — Gern, meine Tochter. — Gut, dann will ich mit dem Prinzen ſprechen— ſagte Leonore. Es ſteht uns freilich nicht gut an, fuhr ſte mit etwas ſchwankender Stimme fort, um eine Gunſt zu bitten, ehe ge⸗ leiſtete Dienſte anerkannt ſind, würde es nicht gut ſein, dem⸗ jenigen, der einer Tochter das Leben gerettet hat, ein dankbares Wort zu ſagen? — Ja, meine Tochter, gern will ich ihm mein ganzes Herz aufſchließen, gern hätte ich noch mehr gethan, denn ich weiß, Du liebſt ihn, ſagte der Herzog mit unverkennbarer Theilnahme. Leonore lehnte ſich wieder über die Bruſtwehr. Nach dieſen Worten ihres Vaters hatte ſich der Ausdruck ihrer Züge gänzlich geändert. Ihr Auge, das Feuer ſeines Blickes war glänzender und ſtrahlender geworden als ſonſt. Aber bald zeigte ſich wieder in ihrem gewöhnlich ſtolzen, ruhigen Antlitz ein Ausdruck von Zweifel und Unruhe, immer aber verrieth es dennoch innere Entſchloſſenheit. — Es kann nicht ſein, dachte ſie, nie, nie wird der Prinz— Sie blickte wieder auf das Schauſpiel des Aufſtandes vor ſich; der Volkshaufen vor dem Lorenzothurm ſchien ruhiger geworden. Die ſchwarze Fahne, das Banner des Volkes, wehte von dem Thurme. Der Herzog ſtieß einen tiefen Seufzer aus. — Sie haben ſich ergeben, ſagte er mit leiſer Stimme; ſieh nur— ach, jetzt iſt Alles verloren. Aus dem geöffneten Thore des Thurmes zogen die wenigen Soldaten, die Zehntauſenden getrotzt hatten. Es empfing ſie ein betäubendes Geſchrei, aber es öffnete ſich ihnen ein Weg durch die dichten Schaaren, und man ließ ſte gehen, wohin ihr Offizier ſie führte. Sie richteten ihre Blicke nach Caſtel Nuovo und ſchlugen die Richtung nach demſelben ein. Der Herzog hatte ſich traurig entfernt, während Leonore zurückgeblieben war. Seelenſ Stimm Vorw. ſchon a mir g als ich A trautig in der A er häu weſen di Ar Creat Ander Umget ſagte etwas je ge⸗ dem⸗ bares Her, weiß, ahme. druch t und alzen, nmer z— ſich; orden. e von ſieh rigen fnete ließ ugen nore 357 Eine ſchreckliche Erklärung. Das Schauſpiel, auf welches Leonore's Blicke gerichtet waren, hätte das hochherzige Mädchen lebhaft ergreifen können, denn es beherrſchte ſie ein Gedanke, der ihr dieſen Anblick beſonders anziehend machte. Die Thür, durch welche ihr Vater gegangen war, öffnete ſich wieder— ſie lauſchte aufmerkſam. Auf der Terraſſe ließen ſich Schritte vernehmen, ihre Wange erblaßte plötzlich— ihr Herz pochte heftig. Giulio hatte ſich ihr genähert— er zog ihre Hand an ſeine Lippen und drückte einen heißen Kuß darauf. Sie las auf ſeinen edeln Zügen einen Ausdruck männlichen Seelenſchmerzes und tiefer Bekümmerniß. — Sie haben befohlen, Prinzeß, nahm er mit ſanfter Stimme das Wort, und ich bin erſchienen. — Sie kommen ſpät— entgegnete Leonore mit ſanftem Vorwurf. — Ich erhielt Ihren Brief erſt vor einer Stunde. — Vor einer Stunde? wiederholte Leonore überraſcht, und ſchon am Mittag iſt er abgeſandt worden. — Es iſt dem Boten ſchwer genug geworden, den Weg zu mir zurückzulegen, nicht minder ſtieß ich ſelbſt auf Hinderniſſe, als ich jetzt Ihrem Wunſche nachkam. Auf einen Wink Leonore's nahm er neben ihr Platz, blickte traurig auf die Stadt, die unter ihm lag, wie auf das Meer in der Ferne. Während dieſe Blicke lange dieſer Richtung folgten, legte er häufig die Hand vor die Augen, als ob er in Zweifel ge⸗ weſen wäre, endlich aber ſchien er ſich überzeugt zu haben. — Ich bedaure innig die Lage Ihres Vaters, Donna di Arcos, ich kann es nicht leugnen, begann er, aber wer mit Creaturen jenes Gelichters umgeben iſt, hat wohl kaum etwas Anderes zu erwarten; ja er hat Verräther in ſeiner nächſten Umgebung, ich will es nicht verſchweigen. — — = ——— 358 Leonore warf einen forſchenden und zugleich ſtaunenden Blick auf den Sprecher dieſer Worte. — Sie begreifen mich nicht, Donna, und ich will deutlicher ſein; ſehen Sie jene kleinen Schiffe dort, die ungewiß zu ſein ſcheinen, ob ſie ſich dem Lande nähern, oder wieder in's Meer ſegeln ſollen? Leonore ſah auf die bezeichnete Richtung und gewahrte drei Schiffe, die allerdings unſchlüſſig ſchienen, welche Richtung ſie einſchlagen ſollten. — Nun Prinz, was bedeutet das? fragte ſie geſpannt. — Ich kenne ſie ſehr gut, entgegnete der Gefragte, es ſind Schiffe aus Genua— man wird Bewaffnete am Bord finden, die in Verrath verſtrickt ſind, und wenn ſie in Neapel landen, werden gewiſſe Edelleute— deren Namen ich nicht bezeichnen will, nach, höheren Dingen ſtreben als nach der Ruhe dieſer Stadt, merken Sie auf, Prinzeß, dieſe Schiffe haben auch an⸗ dere Blicke auf ſich gezogen— das Volk ſtrömt unabläſſig vom Platze del Carmine nach der Küſte, es wäre gut für die armen Neapolitaner und für Alle, wenn ſie Thatkraft genug beſäßen, einige der ſo eben eroberten Kanonen an das Ufer zu ſchaffen— doch, Prinzeß, kommen wir auf den Zweck meines Beſuchs, Sie haben mich rufen laſſen. — Zunächſt, um Sie von der Reiſe nach Mahrid zurückzu⸗ halten, bleiben Sie in Neapel, Prinz.*¾ — Donna Leonore, hier habe ich keinen Wirkungskreis mehr, und ich kann nicht müßig bleiben, wenn es das Wohl Neapels gilt— noch vor Kurzem wähnte ich ein Vermittler ſein zu können zwiſchen dem Volke und Ihrem Vater, alle Un⸗ gerechtigkeiten und Uebel abzuſchaffen und das geſunkene Vater⸗ land, wenn auch unter einer fremden Herrſchaft, mindeſtens zum Theil wieder aufzurichten, aber ach, es war nur ein ſchöner Traum. — Und weſſen Schuld iſt es, Prinz, daß dieſer Traum ſich nicht verwirklicht? fragte Leonore wehmuthsvoll. — Nicht die meine, Prinzeß, doch bleiben wir bei der Sache, ich habe in Neapel keinen Einfluß mehr, ich will es in Madrid verſuchen. — Ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, was Ihrer in Madrid harrt, Prinz, wozu dies wiederholen. —6 ichfürht⸗ palhien nich jezt ih weiß Gdelleute Vnter H ſucht laue dieſet ele mir und ſt in N. Heil u wäre ich Er geſproch Leo mit Thr Antlitz Schwei nieder Sie di Vorurt eilen S die Ver und N ſich we ſolche blickich einem glauber hat ſte ſee will durch Steue durch die R machen 359 — Sie ſprechen von Heimtücke und Kerker, o glauben S Sie, ich fürchis weniger von Madrid als von Neapel, wo ich keine Sym⸗ pathieen mehr beſitze, das Volk, das mich früher verehrte, haßt mich jetzt, nicht nur das Geſindel, ſondern auch die Beſſeren, ich weiß es— nicht weniger Feinde aber habe ich unter den Edelleuten, laſſen Sie es mich geſtehen, die Luft an Ihres Vaters Hofe iſt vergiftet— Verrath, Argwohn, Neid und Rach⸗ ſucht lauern überall; niemals aber werde ich mich zu der Partei dieſer elenden Höflinge bekennen, niemals auch wird Ihr Vater mir und meinen Grundſätzen befreundet ſein, und meine Miſſion iſt in Neapel zu Ende— ich gehe nach Madrid, um dort mein Heil zu verſuchen— Sie ſind in Sicherheit— dieſer Sorge wäre ich ſomit überhoben— leben Sie wohl. Er ſtreckte ſeine Hand gegen ſie aus, als er dieſe Worte geſprochen hatte. Leonore's Blicke hatten ſich geſenkt, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, ein Zug von tiefer Trauer hatte ſich über ihr Antlitz verbreitet. — Alſo unwiderruflich ſcheiden, nahm ſie nach längerem Schweigen das Wort; Sie ſind befangen Prinz, Ihr Geiſt iſt niedergeſchlagen, er ſteht durch düſtere Nebel, kein Wunder, wenn Sie die Ereigniſſe mit Vorurtheilen aller Art erfüllten, ja mit Vorurtheilen— das Volk haßt Sie nicht, kann Sie nicht haſſen, eilen Sie nach dem Platze del Carmine, geben Sie dem Volke die Verſprechungen, welche Andere gaben, es wird Ihnen glauben und Neapel wird die Ruhe wiedergegeben ſein. — Verſprechungen, Donna, ſagte Giulio, nein, damit ließe ſich weder das Volk abſpeiſen, noch würde ich mich erniedrigen, ſolche zu machen, das Volk will Bürgſchaften, will eine augen⸗ blickliche That— nur nach Vollbringung einer ſolchen, nach einem Entgegenkommen der Regierung wäre an Frieden zu glauben; mit welchem Rechte verlangt die Regierung Vertrauen, hat ſie auch nux das Geringſte gethan, um dies zu beanſpruchen? ſie will alles haben und nichts gewähren— ſie hat das Volk durch ihre Maßregeln, durch den Druck, die Knechtung, die Steuererpreſſung und Grauſamkeit demoraliſirt, es iſt jetzt da⸗ durch im Zuſtande der Raſerei und nicht mehr zu bändigen— die Regierung hat Alles gethan, um Neapel unglücklich zu machen, einer ſolchen Regierung Bote kann ich— nicht ſein. 9 1 2 E 4 4 8 1 1 4 3 1 1 A 5 3 360 Er ſchwieg und ſtierte mit düſteren Blicken vor ſich hin, ohne daß der edle Menſchenfreund ahnte, wie das Volk, deſſen Rechte er ſo ſehr wahrnahm, von boshaften Einflüſterungen⸗ gereizt, in demſelben Augenblick an ſein Verderben dachte. Leonore hatte ihm traurig zugehört. — Prinz, ſagte ſie nach längerer Pauſe, ich habe verſucht Sie zu überzeugen, allein vergebens. — Sie würden ſich umſonſt bemühen, Prinzeß, wollten Sie auch nur ein Wort deshalb verſuchen, ſagte Giulio mit halblauter Stimme. — Thun Sie alles, was Sie wollen, Prinz, verſetzte Leonore mit ſchmerzlicher Reſignation, nur zeigen Sie nicht dieſe Kälte, mit der Sie Ihre Verſicherungen geben. Ich war lange in Ihrem Hauſe, ſo daß wir faſt Kinder eines Vaters ſchienen— warum alſo dieſe ſchneidende Förmlichkeit zwiſchen uns, die wir ewige Freundſchaft gelobten. — Verzeihung, Donna Leonore, rief Giulio, indem er ihre Hand ungeſtüm an ſeine Lippen zog, Gott iſt mein Zeuge, ich wollte Sie durch jene Worte nicht kränken— Sie, die einzige an Ihres Vaters Hofe, die erhaben und edel daſtehen unter Weſen, die in einem niedrigen Berufe wirken, die bezahlt wer⸗ den, um zu lügen, und es für nothwendig halten, ihren Lohn zu verdienen. Zweifeln Sie nicht, Leonore, daß ich trotz der Prüfungen und Verfolgungen, die mir am Hofe faſt von jeher auflauerten, nur blieb, um ſtets in Ihrer Nähe zu ſein, ſeien Sie überzeugt, daß ich nie Ihr Bild mit den niedrigen Creaturen in Verbindung brachte, welche den Palaſt des Herzogs von Arcos belagert hielten, ich habe Sie ſtets als hochherzig, ja als heilig verehrt, Sie, deren Freundſchaft zu gewinnen, mein ſtolzes Streben war; Sie zu beſitzen muß mich ſelig, glücklich, ſie verloren zu ſehen, mich unglücklich machen. — Ich glaube Ihnen, Prinz, es bedarf dieſer Verſicherung nicht, ich bin, davon überzeugt, denn Sie häbenamir wiederholt das Leben gerettet, Sie haben freilich meiner Bitte kein Gehör gegeben, Sie ſagen, das Volk von Neapel traue Ihnen nicht, es mag wahr ſein, aber wenn die Urſache dieſes Mißtrauens gehoben iſt, kann Ihnen dieſer Umſtand nicht mehr Veranlaſſung geben, ſich zu weigern, Vermittler zu ſein. Ginlio richtete einen durchdringenden Blick auf Leonore. * Leonore Sie als allgemein reichen, nicht, da Don He Gi Schritt mit ſch entſage Ziel, Sehner Je aus ihr Wott, Volkes wenn ds Vi Angeſi Miniſ Stime h hin, deſſen ingen ſucht ollten mit onore Kälte, Ihrem darum ewige ihre ich nzige unter wer⸗ Lohn 3 der jeher ſeien turen von , ja mein klich, rrung. rholt zehör nicht, auens iſſung re. — 8 361 — Prinzeß, ich weiß in der Llhat nicht, was Sie ſagen wollen, ſprach er. — Sie wiſſen es nicht?— denten Sie nach. — Die Urſache des Volksmißtrauens kann nur auf Ver⸗ läumdung gegen mich beruhen. — Auch dieſe, aber Sie ſind zu zart, die Richtigen zu nennen. — Prinzeß, ſagte Giulio, ich— — Laſſen Sie mich ſprechen, Prinz Caraffa, unterbrach ihn Leonore mit feſter Stimme; es giebt nur einen Grund weshalb Sie als Volksfeind erſcheinen, welcher einzig und allein in der allgemeinen Vermuthung, als würde ich Ihnen einſt meine Hand reichen, zu ſuchen iſt. — Prinzeß— — Geduld— dieſe Meinung ſoll ſich ändern, man weiß nicht, daß mein Vater, ſo zu ſagen gezwungen ſcheint, mich mit Don Herandez zu vermählen. Giunlio erbleichte. — Mit Don Herandez?— rief er aus, indem er einige Schritte zurücktrat. — Mit ihm— erfahren Sie es denn endlich. — Gott, und ich hoffte— — Was iſt Hoffnung? ein eitler Traum— verſetzte Leonore mit ſchmerzlichem Ausdruck; wir Menſchen ſind beſtimmt, zu entſagen, wir hoffen, wirken, ahnen, ſtreben und finden kein Ziel, unſere Thränen rinnen vergebens und mit ungeſtilltem Sehnen und unbefriedigten Wünſchen ſchließt ſich unſer Lebenslauf. Jetzt trat eine tiefe Stille ein, Leonore trocknete eine Thräne aus ihrem Auge, Giulio ſtand in düſtere Gedanken verloren. — Neapels Wohl, nahm die Prinzeß endlich wieder das Wort, erfordert raſches Handeln, Sie müſſen die Gunſt des Volkes erlangen, und dieſe können Sie dann nur gewinnen, wenn es Sie nicht mehr als den zukünftigen Gemahl der Tochter des Vicekönigs betrachtet, und darum will ich ſchon morgen, im Angeſichte von ganz Neapel, meine Hand in die des ſpaniſchen Miniſters, Don Herandez legen. — Leonore, welch ein Entſchluß! rief Giulio mit bebender Stimme. — Es muß ſein. —— —õ—y— — —— 5 —— — —— 362 — Aber dieſer Elende— — Auch mein Herz blutet und wird— brechen, aber es giebt keine andere Wahl, haben wir Fürſtentöchter doch ſtets das traurige Loos, ein Opfer der Convenienz und der volitiſchen Nothwendigkeit zu ſein. Giulio blieb einige Augenblicke ſprachlos. — Welche edle, hohe Seele, rief er endlich aus, ja Leonore, Ihr Herz gleicht dem tobenden, wogenden Meere, auf deſſen ſtillem, von Stürmen nie getrübtem Grunde aber köſtliche Perlen ruhen— und jetzt erſt, da ich Sie verliere, verliere auf ewig, kann ich den Schatz ermeſſen, der mir gehörte, doch was ſpreche ich von Angehören— ich habe dieſes edle, große Herz niemals beſeſſen, es könnte ja ſonſt nicht einen Herandez wählen. — Nicht das Herz wählt ihn, Giulio, die Nothwendigkeit fordert es. Sie ſind der einzige Mann in ganz Neapel, der das aufgeregte Volk beruhigen kann, der Fiſcher von Amalſi, ſein Hauptanführer, will Ihnen wohl, und es muß Ihnen ge⸗ lingen, die verlorene Gunſt wieder zu gewinnen, nachdem Neapel die Ueberzeugung erlangt, daß der von ihm verehrte Edelmann keine verrätheriſche Rolle ſpielt, dieſer Verdacht wird ſo lange beſtehen, ſo lange man Sie für den künftigen Schwiegerſohn meines Vaters hält; mit dem Augenblicke aber, in welchem ich Don Herandez die Hand reiche, iſt dieſes Vorurtheil, mit ihm der Verdacht geſchwunden, Sie haben die Liebe des Volkes wie⸗ der und Neapel iſt vor dem Untergang gerettet. — O es giebt einen anderen Weg! .— Keinen— denn mein Vater hat keine Armee, und bevor dieſe naht, kann Neapel ſich in einem Schutt⸗ und Trümmer⸗ haufen verwandelt haben— und wenn ſelbſt die geringen Mann⸗ ſchaften, welche hier weilen, gegen das Volk geſchickt würden, wären Sie ihr Führer? — Ich werde niemals gegen das Volk kämpfen, verſetzte Giulio, um dieſen Preis würde ich der Hand der Prinzeß ent⸗ ſagen, ſelbſt wenn dieſe mir werden könnte und mein Herz dar⸗ über im Schmerz verbluten müßte. — Alſo— wir ſcheiden, Giulio, rief Leonore, indem ſte ihm die Hand reichte. — Leonore. 2 — Wir ſcheiden auf ewig! — Und Korper iin Sie Ne preßte Gin uss nein — Leb und wankte Giulio — Re Henter vof Sie von unterhand und gern an der S — J mit leiſer eines He nicht gei würden von der ſchmerzli Füchſelig Sie wi Käufer ſo will ſie mit Leo gegeben blieb.— aber 6s ſtets tiſchen eonore, deſſen Perlen ewig, preche temals digkeit I, der malfi, en ge⸗ keapel mann lange erſohn em ich t ihm wie⸗ bevor nmer⸗ Nann⸗ ürden, 7 rſetzte ent⸗ dar⸗ m ſie 363 — Und Sie wollten ſich opfern? fragte Giulio, an deſſen Körper ein leiſes Zittern bemerkbar wurde. — Sie gehören dem Volke— ich— dem Miniſter. — Mein Herz, behalte Kraft, das Schreckliche zu tragen, preßte Giulio mit unterdrückter Stimme hervor; verwirrt Euch nicht, meine Sinne, während Ihr den Gedanken faßt. „— Leben Sie wohl! ſagte Leonore mit bebender Stimme und wankte der Thür entgegen. Giunlio aber hielt ſie zurück. — Nein, nein, Leonore, Sie dürfen nicht dem Tiger, dem Henker von Neapel angehören; lieber wollte ich Alles thun, was Sie von mir verlangen, ich will verſuchen, mit dem Volke zu unterhandeln, was habe ich mehr zu erwarten als den Tod, und gern will ich ihn erleiden, ehe Sie verdammt ſein ſollten, an der Seite dieſes ſpaniſchen Scheuſals zu leben. — Ich würde nicht lange dulden, Giulio, klagte Leonore mit leiſer Stimme.— 3 — Ja, ja, dieſes Herz, nicht geeignet, die Grauſamkeiten eines Herandez zu dulden, würde brechen, dieſe Strahlenaugen, nicht geſchaffen, den Anblick dieſes Elenden lange zu ertragen, würden ſich ſchließen, ſich abwenden, wie der leuchtende Tag von der finſtern Nacht.. — Ich will Sie nicht täuſchen, Giulio, ſagte Leonore ſchmerzlich bewegt, ſelbſt wenn Sie Alles thäten, von dem un⸗ glückſeligen Schickſal, Herandez vermählt zu werden, können Sie mich nicht retten— ich bin ihm zugeſchlagen wie dem Käufer die Waare,; ich bin ſeiner Macht verfallen auf ewig— ſo will es— die bei Hofe ſo ſehr gefeierte Convenienz— ſetzte ſie mit Bitterkeit hinzu, und nun, leben Sie wohl. Leonore nahte ſich, nachdem ſie dieſe ſchreckliche Erlärung gegeben, der Thür, während Giulio regungslos an der Stelle blieb.— Plötzlich ertönte ein lang anhaltender Schrei von der Stadt her. Leonore und Giulio blickten beſtürzt auf die Stelle hinab, wo das Gedränge am dichteſten war. Die Dämmerung war angebrochen und die Bewegung der Volkshaufen verwirrt geworden. 3 1 zi *⁵ 5 4 1 3 1* 5 1 6 — 364 Aber in jenem Augenblicke ſchien der ganze Raum in Flam⸗ men zu ſtehen. Unzählige Fackeln leuchteten gegen jedes Gebäude und ho⸗ ben die wilden Gruppen der bewegten Maſſe und Trümmer zerſtörter Paläſte grell hervor. Die lange Toledoſtraße war in dichten Dampf gehüllt, aus welchem ihre in hellen Flammen lodernden Gebäude hervor⸗ leuchteten. Das königliche Schloß ſtand majeſtätiſch und düſter, unfern von dieſen Flammen. 5 Weiter hinaus in der Straße Chiaja mit ihren adligen Paläſten aber hatte die Feuersbrunſt ſchon begonnen. Viele der in Maſaniello's verhängnißvollem Verzeichniſſe enthaltenen Gebäude lagen in jener Straße, und auf dieſe ſchien die Wuth der Zerſtörer ihr Hauptaugenmerk zu haben. — Gott, wie gräßlich, wie ſchrecklich! rief Leonore. — Schrecklich! wiederholte Giulio mit dumpfer Stimme. — Und all' dieſem Unheil hätte durch zeitige Nachgiebigkeit vorgebeugt werden können. — O hätte man meiner Stimme früher Gehör gegeben. — Und auch der meinigen.— — Jetzt iſt es zu ſpät. — Heilige Jungfrau, ſie werden die ganze Stadt ein⸗ äſchern. Giulio blickte unverwandt auf die von Flammen umfaßte Straße hin und— ſchauderte. Plötzlich ſchien ein ſchmerzlicher Gedanke in ſeiner Seele aufzuſteigen. Seines Vaters Palaſt gehörte zu jener ſtattlichen Häuſer⸗ reihe in der Straße Chiaja. Er gab ſich keinen Augenblick der Meinung hin, daß ſein Vater, wie es ſich ſeit jenem Tage, an welchem dieſer die un⸗ freiwillige Wanderung nach dem Schloſſe antreten mußte, all⸗ gemein verbreitet hatte, die Gunſt des Volkes beſaß. Und wäre dem ſelbſt ſo geweſen, wäre das Haus ſelbſt ge⸗ gen einen Angriff geſichert, vielleicht durch Maſaniello's Einfluß, ſo drängte ſich ihm doch der Gedanke auf, daß das Haus, wenn es auch einer abſichtlichen Brandſtiftung entgehen mochte, doch „ düude thei durch del Wähte eirdunyf Leono — E* In de ferner Dri Giulik Straße 6 ſie alle eit Faſt dieſe fure dicke Ra Eine des Gebch lich aus hervorbr Ein ſäulen u Zufalls Gir Ausdruqh allen G. I nahe ge Zinne d Leon er wird hender man dre in Nlam⸗ und ho⸗ rümmer gehüll, hervor⸗ unfern adligen eichniſſe ſe ſchien mme. ebigkeit eben. dt ein⸗ mfaßte Seele aäuſer⸗ iß ſein ie un⸗ , all⸗ bſt ge⸗ influß, wenn e, doch 365⁵5 durch den geringſten Zufall das Schickſal der benochbarten Ge⸗ bäude theilen konnte. Während er ſich dieſem Gedanken überließ, ertönte plötzlich ein dumpfes Geſchrei. Leonore fuhr erſchreckt empor— — Sie kommen, ſie kommen, ſagte ſie. In der That brauſte es näher und immer näher wie ein ferner Orkan. Ginlio achtete nicht darauf, er blickte unverwandt nach der Straße Chiaja und dachte an das Schickſal der Seinen, daß ſte alle ein Raub des Feuers werden könnten. Faſt in demſelben Augenblick, in welchem der Gedanke an dieſe furchtbare Möglichkeit in ihm aufſtieg, wälzte ſich eine dicke Rauchwolke empor. Eine lodernde Flamme erhob ſich über die höchſten Zinnen des Gebäudes, ſenkte ſich aber wieder eben ſo ſchnell, bis end⸗ lich aus den Fenſtern und von den Terraſſen Flammenſtröme hervorbrachen. Ein Geſchrei begrüßte jenen Ausbruch der wüthenden Feuer⸗ ſäulen und verrieth, daß dieſer neue Brand nicht die Folge eines Zufalls war. Giulio's Züge hatten in dieſem Augenblick einen ſeltſamen Ausdruck angenommen, er ward plötzlich bleich und zitterte an allen Gliedern. Jetzt war das Geſchrei, deſſen wir vorhin erwähnten, ſo nahe gekommen, daß man es deutlich ſelbſt hier auf der höchſten Zinne der Veſte vernehmen konnte. Leonore lauſchte. — Was iſt das? rief ſie, der Pöbel iſt vor dem Caſtel— er wird ſtürmen. — Es ſollte dieſem armem Geſindel ſchwer werden, dieſe Veſte zu nehmen, doch horch— — Giulio Caraffa! ertönte es jetzt deutlich. — Man nennt Ihren Namen, wenn ich nicht irre, ertönt ein„Evviva!“ ſagte Leonore mit freudiger Haſt. — Das klingt nicht wie ein Lebehoch, ſondern wie ein dro⸗ hender Orkan! verſetzte Giulio— ich muß fort, fort. — Nein, Giulio, bleiben Sie, ich glaube jetzt faſt ſelbſt, man droht, ja, ja, man ſpricht von Verrath— hören Sie! 366. — Mögen Sie mich ergreifen, was liegt mir daran, wenn Alles verloren iſt— ich muß fort, Leonore, der Palaſt meines Vaters ſcheint in Flammen zu ſtehen. — Bleiben Sie, Giulio, Ihre Familie iſt dem Schutze Ihres Vaters anheimgegeben; hier ſind Sie ſicher, der Pöbel muß erſt über die Zugbrücke, ehe er zum Caſtel gelangt, und dieſe iſt aufgezogen. — Giulio Caraffa! tönte es furchtbarer und drohender von unten herauf. Vertrauliche Fragen. Als der Gettatore ſich von dem Herzog von Arcos entfernt hatte, begab er ſich zunächſt zu Herandez. Dieſem theilte er den Inhalt des mit dem Statthalter geführten Geſpräches mit und bereitete ihm dadurch die höchſte Freude. — Alſo ſie wird ihren Oheim Tortoſa nicht begleiten, ſagte Herandez, und bleibt in meiner Nähe, und der Prinz — Wird heute Abend ein Opfer der Volksjuſtiz werden, unterbrach ihn Jener raſch. — Wie vermögen Sie dies, trotz der getroffenen Anſtalten, ihn zu überliefern, zu beſtimmen; bis dahin kann ihm die Stimme des Volkes wieder günſtig geworden ſein und anſtatt daß man ihn bei ſeinem Erſcheinen aus dem Caſtel ſteinigt, kann man ihn wieder mit Jubel begrüßen. — Sein Sie deshalb unbeſorgt. — Ich bin es nicht ſo ganz— — Ich werde dafür Rath und die Flamme zu ſchüren wiſ⸗ ſen; i9 ha u umeiſt al- legenheile relt ni ds Herdo nlie berti — Bt Freulde un und E bei ſeiner U Ihnen erd und mor — 6 nen, ich Feinden jedes gen in politiſ Sie wiſſ pels zur Nadelgel ſüchtig ſe Herande die ſich den ſtolz — gerechtfe habe ſie ſcharf wenn 367 — Sie ſollen einſt Gelegenheit haben, meine Verdienſte bei ſeiner Excellenz dem Miniſter Olivarez hervorzuheben. — Wird geſchehen— — Und nun muß ich fort, ich habe durch dieſe ſoeben von Ihnen erhaltene Verſicherung mehr Muth gewonnen und brenne und morde ganz Neapel aus, wenn Sie es verlangen. — Sie irren, Don Silva, ſagte Herandez, wenn Sie wäh⸗ nen, ich wünſche den Mord, ich will mich nur von meinen Feinden befreit ſehen, im Uebrigen haſſe und verabſcheue ich jedes gemeine Verbrechen— der Prinz Caraffa iſt nicht nur in politiſcher, ſondern auch in anderer Beziehung mein Gegner, Sie wiſſen es ja. — Ich begreife, daß wenn man das ſchönſte Mädchen Nea⸗ pels zur Braut hat, die noch außerdem Prinzeß mit einem wenn ſen; i ih habe viele Anhänger unter dem Volke, wenn dieſe auch 46 meines zumeiſt aus Geſindel beſtehen, Geſindel aber it bei ſolchen Ge⸗ legenheiten die Hauptſache— ich werde es wirken laſſen und 4 Ihres wette mit Ihnen, daß morgen außer vielen andern der Palaſt 3 uß erſt des Herzogs niedergebrannt und er ſowohl wie ſeine ganze Fa⸗ ieſe iſt milie vertilgt ſein werden. — Braver, braver Mann! ſagte Herandez mit ſichtlicher 1 er von Freude und reichte ihm die Hand. 3 4——— ä — — 4 4 tfernt Nadelgelde von fünf Millionen iſt, man wohl mit Recht eifer⸗ ſüchtig ſein kann.— halter— Nicht nur Schönheit und Vermögen werden mein, verſetzte höchſte Herandez lächelnd, es eröffnen ſich mir durch dieſe Heirath, für die ſich ſeine Majeſtät ſelber verwendet hat, Ausſichten, die zu ſagte den ſtolzeſten, kühnſten Hoffnungen berechtigen. — Und demnach finde ich Ihre Eiferſucht, Ihre Furcht un⸗ erden, gerechtfertigt, ſagte der Gettatore. — Der Prinz iſt mein Nebenbuhler. — Haben Sie Beweiſe? 2 lte— 8—=²⁵cSehr ſprechende. t daß— Und dieſe ſind? ean— Die Blicke, welche die Prinzeß mit ihm wechſelte; ich habe ſie genau beobachtet, und die Augen eines Liebenden ſehen ſcharf, Don Silva, das werden Sie wohl nicht leugnen. i— Allerdings nicht, aber was nützt denn alles Liebäugeln, woenn der König Ihr Protektor und der Vermittler dieſer 0 4 —— — ——— — — — 368 Heirath iſt, alſo die Jungfrau auf alle Fälle die Jhre wer⸗ den muß. — Ich weiß es, aber ein Nebenbuhler iſt immer unange⸗ nehm und muß, wenn irgend möglich, beſeitigt werden— darum, Don Silva, thun Sie das Ihre, eben ſo auch gegen Fre⸗. derigo— — Ich werde nicht ermangeln, und Sie ſollen mit mir zu⸗ frieden ſein— aber noch eins— Don Herandez— Sie wer⸗ den mir eine Frage verzeihen, die allerdings ſehr discreter Natur iſt. Der Spanier ſah den Gettatore ſehr verlegen an und ſchlug dann die Blicke zu Boden. — Ich wäre neugierig, was Sie zu wiſſen wünſchten, ſagte er mit etwas unſicherer Stimme. — Ich weiß, es, athmet in dieſem Hauſe noch ein Weſen das eigentlich nicht hierhergehört. — Um Gottes Willen, ſchweigen Sie darüber, Don Silva, verſetzte Herandez mit allen Zeichen von Angſt, aber woher wiſſen Sie?— — Es iſt mir bekannt, ſagte der Gettatore kurz und be⸗ ſtimmt, woher iſt gleichgiltig— doch Sie werden begreifen, daß dieſes Geheimniß früher oder ſpäter verrathen werden wird, wenn Sie auch die vortrefflichſten Verſtecke in Ihrem Hauſe haben— — Es ſoll niemals an das Tageslicht kommen; ich werde dafür Sorge tragen, entgegnete Herandez faſt traurig, und werde ich wohl zu dieſem Zwecke auch Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen. — Es iſt Eile nöthig— — Gleich nach Unterdrückung des Aufſtandes. — Es wäre dies wenigſtens im Intereſſe einer gewiſſen Angelegenheit nothwendig— Sie verſtehen mich wohl und jetzt zu anderen Dingen, ich muß ſchnell handeln und habe keine Zeit zu verlieren. Der Gettatore entfernte ſich und begab ſich zunächſt nach der Straße Chiaja, wo er vor einem der ſich dort erhebenden prächtigen Paläſte Halt machte. Die Straße war leer, denn Alles hatte ſich theils auf dem Mercato, theils vor dem Thurme San Lorenzo verſammelt. Ale? einen rdi Det( welche et i * Grdli Jacke das Er lie tru dann Kauf ſehen, als Jeichen ve zeichen d —4 heimliche bohrend d — C kann ihn — man wi verliert Jungfrat offen und an der 7 von Care 0 — — rendem2 Vei ſetzte der des Pri Dag; — — 369 Alle Paläſte waren feſt verſchloſſen, und nur ſelten ſah man einen Diener ſich hinein⸗ oder herausſtehlen. Deer Gettatore war ziemlich unruhig, denn die Pforte, welche er im Augenmerk hielt, hatte ſich noch nicht geöffnet. Endlich trat ein Diener heraus, auf deſſen reich betreßter Jacke das Wappen der Mattalone geſtickt war. Er ließ den Ankommenden ſich einige Schritte entfernen und trat dann ſchnell an ihn heran. Kaum hatte der Diener dem ihm Nahenden ins Auge ge⸗ ſehen, als er am ganzen Körper zu zittern begann und alle Zeichen von Furcht verrieth. — II gettatore— murmelte er erbleichend und ſchlug das Zeichen des Kreuzes. — Du haſt mich erkannt, redete ihn Don Silva mit un⸗ heimlichen Lächeln an, während er ſeine Blicke feſt und durch⸗ bohrend auf den Zitternden richtete. — ECxcellenza— ſtotterte dieſer, nur nicht dieſen Blick, ich. kann ihn nicht ertragen, ach er ſoll— — Unheil bringen, fiel ihm Jener ins Wort, aber nur, wenn man mir irgend eine Lüge ſagt, iſt man offen gegen mich, dann verliert der Zauber, mit deſſen Macht, Dank ſei es der heiligen Jungfrau, ich ausgeſtattet bin, ſeine Kraft, antworte nur alſo offen und unumwunden, wenn Dir nicht von dieſem Augenblick an der Fluch auf den Ferſen folgen ſoll. — Ich bin bereit. — Du biſt ein Diener des Herzogs von Mattalone, Fürſten von Caraffa? — Ja, Excellenza. — Der Prinz Giulio weilt zu Neapel? — In dieſem Palaſt. — Sprichſt Du wahr? fragte der Gettatore mit durchboh⸗ rendem Blicke. Bei der Madonna del Carmine— es iſt wie ich ſage, ver⸗ ſetzte der furchtſame Diener. — Ich bin zufrieden— iſt Dir nichts von einer Abreiſe des Prinzen bekannt? — Ich weiß nichts davon, Excellenza. — Womit beſchäftigt ſich der Prinz in dieſem Augenblid? Bas Bpfer von Amalſi.(Bd. II. 4) 24 370 — Er kehrte erſt ſpät zur Nachtzeit heim und pflegt nun der Ruhe. — Jetzt gehe Deines Weges und verſchweige meine Fragen vor Jedermann; wenn Du nicht willſt, daß Dich Unheil ver⸗ folge, ſo darfſt Du überhaupt niemals einem Sterblichen ent⸗ decken, wen Du geſehen haſt, nur der heiligen Jungfrau magſt Du es anvertrauen und zu ihr beten, daß ſie Dich vor Unglück behüte. Er gab dem Diener einen gebieteriſchen Wink, und dieſer entfernte ſich in ſo eiligem Laufe, daß er wirklich zu fürchten ſchien, die ganze Hölle verfolge ihn. Der Gettatore blickte ihm lächelnd nach, ſo lange ſein Auge ihn zu erreichen vermochte. — Dieſer Aberglaube iſt ein wahrhaftes Glück für Unſer⸗ einen, ſagte er, es würde ſonſt kein Wirkungskreis für uns vor⸗ handen ſein— doch nun weiter. Sogleich kehrte er nach dem Caſtel Nuovo zurück, deſſen Zugbrücke ſich vor ihm niederließ, als wäre er der Vicekönig ſelbſt.— Dort ſchrieb er in einem Bedientenzimmer die Nachricht nieder, welche dann, wie uns bereits bekannt iſt, dem Herzog von Arcos in dem Augenblick wurde, als Leonore eben heimge⸗ kehrt war.— Die Auslieferung. Einige Stunden ſpäter ſehen wir ihn unter den Maſſen, welche vor dem Thurme von San Lorenzo den Sturm begon⸗ nen hatten.. Es war ein gräßliches Schauſpiel— ſchon mehrere Kano⸗ nenſchüſſe hatten die Reihen der Haufen gelichtet. Blut furchthare das ſchauer Jlätz nähern, un — V Stimme, Solde hat ſch mit D dieſe beide wollt Ihr mir nach um ſeine iſt und u taner, di Trümmern Erh rieſigen, wurde A Ein viele An Ein Geſchrei Eini allmäͤhlic Feuerrach Qualm g Den und das ſein Dhr Er lich bei konnte. Wie lenkt we eine zu tern jen hatte, al Ein egt nun Iragen eil ver⸗ hen ent U magſt Unglück dieſer fürchten in Auge r Unſer⸗ ns vor⸗ deſſen icekönig dachricht Herzog heimge⸗ Maſſen, begon⸗ e Kano⸗ Blut und Leichen, einzelne Glieder lagen am Boden— furchtbares Geſchrei übertönte oft das Gewinſel der Sterbenden, das ſchauervoll umherklang. Plötzlich langte die Nachricht an, daß Schiffe ſich dem Lande nähern, und dieſer Umſtand ſchien dem Gettatore günſtig. — Verrath— Verrath! ſchrie er mit lauter, weithallender Stimme, es ſind Schiffe mit Bewaffneten, die der Adel im Solde hat und nun gegen uns führt, ja Brüder, der Adel hat ſich mit Doria verbunden, der Prinz Caraffa und ſein Vater, dieſe beiden Heuchler ſind die Hauptverbündeten gegen uns, und wollt Ihr Euch überzeugen, daß ich die Wahrheit ſage, ſo folgt mir nach Caſtel Nuovo, wo ſich der edle Prinz jetzt befindet, um ſeiner Hoheit die Nachricht mitzutheilen, daß die Hilfe nahe iſt und um zugleich ſeine holde Braut zu tröſten, ja, Neapoli⸗ taner, dieſer verrätheriſche Wicht will ſeine Hochzeit auf den Trümmern Neapels und den Leichen des Volkes feiern. Er hatte ſich während dieſer Worte auf die Schultern eines rieſigen, herkuliſchen Kerls geſtellt, der ihn bequem trug und wurde Allen ſichtbar. Ein furchtbares Wuthgeſchrei folgte ſeiner Rede, während viele Andere ihren Weg nach der Küſte nahmen. Ein abermaliges Krachen erfolgte— wiederum gräßliches Geſchrei— Zurückweichen— Blut und Leichen. Einige Minuten verhüllte der Kanonendampf die Scene; allmählich verzog ſich wieder die Wolke der Verderben ſpeienden Feuerrachen, und man ſah die von Wuth verzerrten und von Qualm geſchwärzten Geſichter der heulenden Menge. Den Gettatore kümmerte wenig der Anblick der Leichen und das Aechzen der Verwundeten, das eturmeiorderhh an ſein Ohr drang. r dachte nur an ſeine teufliſche Abſicht, die er augenblick⸗ lich bei der tobenden und verwilderten Maſſe nicht erreichen konnte. 4 Wüthend, daß das Volk durch den Schuß ſo von ihm abge⸗ lenkt war, wollte er das augenblickliche Grabesſchweigen durch eine zweite Rede unterbrechen, und abermals zu den Schul⸗ tern jenes Rieſen hinan klettern, der ihn wieder herabgeſtoßen hatte, als ein neues Ereigniß ſeinen Plan vereitelte. Ein ſchauervoller Grabesgeſang ertönte plötzlich, während 24* — — —— — — —— — — — 4 37² von der linken Seite ein heller Schein die bereits vorherrſchende Dämmerung unterbrach, Die Mönche des San Lorenzo⸗Kloſters nahten in einer feierlichen Prozeſſion, je zwei zu zwei nebeneinander. Ein jeder von ihnen trug eine Fackel, und die Menge wich anfangs ehrfurchtsvoll zurück, um ſie vorüber zu laſſen. Einige, ja bald ſogar die Meiſten knieeten nieder und mur⸗ melten Gebete und das„Confiteor.“ Nur zu bald aber wurde die heilige Handlung geſtört. — Keine Prozeſſion jetzt, ſchrie eine furchtbare Stimme— nehmt den Mönchen die Fackeln ab, laßt uns den Thurm in Brand ſtecken. Dieſe Aufforderung ſollte nicht ohne Erfolg bleiben, und wie auf ein Commando erhob ſich Alles und ſtürmte auf die Geiſt⸗ lichen ein. Schon ſchwangen einige, gleich Furien der Hölle, die bren⸗ nenden Fackeln über ihre Häupter und heulten dazu, wie der Sturm, wenn er die Wogen peitſcht. — Haltet ein, Ihr Wahnſinnigen, nicht weiter, rief plötzlich eine gebieteriſche Stimme. Alles blickte nach dem Sprecher dieſer Worte hin, und man erkannte den greiſen Commandanten Fusco, welcher an der Pforte des Thurmes erſchienen war. Er hatte die Abſicht des Pöbels errathen und war daher zur Uebergabe des Thurmes bereit. Wenngleich er mit ſeinen Leuten bis auf den letzten Mann den Thurm vertheidigt hatte, ſo wollte er doch nicht weiter gehen, da die Brandlegung des Volkes bei der noch ſtark vorhandenen Munition eine Erploſion verurſacht hätte, in deren Folge nicht nur der Thurm, ſondern auch das ganze Kloſter, wie viele an⸗ dere Gebäude in der Nähe zerſtört und außerdem noch zahlloſe Menſchenleben geopfert worden wären. Dieſe Erwägung beſtimmie den alten Krieger zur Uebergabe des Thurmes. Noch während er ſprach wehte bereits die weiße Fahne von den Zinnen. Der Commandant zog mit ſeiner Mannſchaft her⸗ aus, und der Räuber Paolo beſetzte mit einem ſtegesſtolzen Lächeln und herausfordernder Anmaßung mit ſeinen Leuten das erorberte Gebäude. Dieſ Freudenge einer Pl Jetzt Küſte zur Schife b zehmen ſe Nels her einige üb talone ul kommt n. über die Schwieg Er Mißtrau tend zu ſchloß ur All ſotdette W blick au Sch Chiaja ihn dar Sie Plö Ning t Gehär feſter S der Wa den nah ſetzte G rſchende n einer ge wich d mur⸗ r. nme— urm in und wie e Geiſt⸗ te bren⸗ wie der plötzlich und man Pfeorte daher Mann gehen, ndenen ge nicht ele an⸗ zahlloſe dergabe ne von aft her⸗ Lächeln rorberte 373 Dieſen Augenblick, in welchem das Volk ein donnerndes Freudengeſchrei erhob, hielt der Gettatore für die Ausführung ſeiner Pläne am günſtigſten.— Jetzt kam der Umſtand ihm zu Hülfe, daß Viele von der Küſte zurückkehrten und brüllend verkündeten, daß ſie in der Ferne Schiffe bemerkt hätten, welche ihre Richtung nach der Stadt zu nehmen ſchienen. — Es ſind diejenigen, welche auf den geheimen Befehl des Adels herbeikommen, rief der Gettatore erregt, indem er auf einige übereinander gethürmte Balken ſtieg, der Herzog von Mat⸗ talone und ſein Sohn ſind die Hauptanſtifter dieſer Maßregel; kommt nach dem Caſtel Nuovo, dort erſtattet Giulio Caraffa über die Ankunft der feindlichen Fahrzeuge ſeinem erlauchten Schwiegervater Bericht. Er ſprach noch mehr und wußte dem ohnehin ſchon von Mißtrauen gegen den Prinzen erfüllten Volke Alles ſo einleuch⸗ tend zu machen, daß es mit einem Wuthgeſchrei ſich ihm an⸗ ſchloß und ſich nach dem Caſtel Nuovo begab.— Allein man konnte nur bis zur Zugbrücke gelangen und forderte laut die Auslieferung des Prinzen. Wir haben bereits erfahren, daß Giulio ſich in dieſem Augen⸗ blick auf der höchſten Zinne des Caſtels befand. Schon mehrmals wollte er ſich entfernen, um nach der Straße Chiaja ſeiner Familie zu Hülfe zu eilen, allein Leonore hinderte ihn daran. Sie flehte, ſie beſchwor ihn, ſie weinte— Plötzlich ſtürzte ein Offizier herbei. — Der Volkshaufe begehrt ſtürmiſch Ihre Auslieferung, Prinz, rief er, wir können nur, wenn Sie ſeiner Stimme nicht Gehör geben, mit Kanonen antworten. — Um meinetwillen ſoll kein Blut fließen, rief Giulio mit feſter Stimme. — Wir haben auch die gemeſſenſten Befehle, nur dann von der Waffe Gebrauch zu machen, wenn der Pöbel mit Feuerbrän⸗ den nahen ſollte— und dies iſt nicht der Fall. — Wird auch nicht geſchehen, wenn ich mich übergebe, ver⸗ ſetzte Giulio mit einem gewiſſen Lächeln. 3 — Wo iſt der Herzog? rief Leonore dringend. — Seine Hoheit iſt nirgend anzutreffen, auch ich ſuchte ihn e 9 1 5 ꝗ—————— ——— — — 6 9 n — 374 Ein Ausdruck der Verzweiflung gab ſich in Leonore's Antlitz kund, ſie winkte dem Offizier, ſich zu entfernen. — Prinz, ſagte ſte, wenn Sie ſich ausliefern, ſo gebe auch ich mich der Wuth des Volkes preis. — Leonore, welcher fürchterliche Gedanke, haben Sie ganz Ihren Vorſatz vergeſſen?— ſagten Sie nicht vorhin ſelbſt, es müſſe Alles vermieden werden, was das Volk auf den Verdacht bringen könnte, daß ich der Chre gewürdigt ſein möchte, der Schwie⸗ gerſohn des Statthalters zu werden. — Ich habe nichts vergeſſen, entgegnete Leonore mit Be⸗ ſtimmtheit; ſo lange ich die Hoffnung hegte, daß Ihnen die Gunſt des Volkes werden könnte, wollte ich Alles dazu beitragen, jetzt, wo dieſe Ausſicht nicht mehr vorhanden ſcheint, giebt es keine Rückſicht mehr— ich gehe mit Ihnen. — Leonore, Sie ſind die Tochter des Vicekönigs, welchem Unheil wollen Sie ſich ausſetzen, ſchonen Sie Ihr theures Leben, Engel des Himmels, laſſen Sie mich meinem Schickſal entgegen gehen, dem ich doch nicht entfliehen könnte, und wappnete ich mich mit Legionen von Heiligen. Immer lauter wurde der Lärm. — Horchen Sie, wie ſie meinen Namen brüllen, laſſen Sie mich, Leonore, ich beſchwöre Sie. Das Toben der Volksmaſſen war ſchrecklicher als das Ge⸗ heul unzähliger Orkane, welche durch Wälder wütheten, ärger als hundertfache Gewitter, die über Berge und durch Thäler krachten. Ein heller Schein hatte ſich verbreitet. — Schleudert die Brände in die Nähe der Pulverkammern, ertönte es ganz deutlich. Giunlio wurde von der heftigſten Aufregung ergriffen. — Die Unglücklichen werden ſich auf's Neue einer Kaudnade ausſetzen, rief er, es ſoll nicht Blut um meinetwillen fließen. Leben Sie wohl, Leonore, ewig wohl— wir ſehen uns nicht wieder. Er ſtürmte hinaus und ſtieß Leonore mit unſanfter Gewalt zurück; ſie ſank, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, ohnmächtig zu Boden. Nachdem Giulio drei Treppen hinunter geſtürzt war und mehrete nahe gettl Heftig und dlehute werdet Ihf zerſcmelte nach mir nuten noch kin Eures Eine hinab. In man nie ſich aber Er ſ kunft ein ich will ſol et ich will und ſcht Blick hi hatte. So lautem Largo d Da batet) Flamm dunkelte di ſchie ducchb Leiden - 375 mehrere, lange Gänge durchwandert hatte, glaubte er dem Volke nahe genug zu ſein, um verſtanden zu werden. be auch Heftig riß er ein in der Nähe ſich beſindliche Fenſter auf und lehnte ſich hinaus. — Das Feuer fort, rief er mit donnernder Stimme, j ſonſt Autlit ie gang bſt, es werdet Ihr Euch einem Feuer ausſetzen, das Euch zu Atomen erdach zerſchmettern wird, zurück alſo, Ihr Wahnſinnigen, Ihr brüllt Schwie⸗ nach mir, wie der Löwe der Wüſte nach Beute, nur wenige Mi⸗ nuten noch, und Ihr ſollt mich haben, um mich ſoll kein Tröpf⸗ it Be⸗ zein Eures Blutes vergoſſen werden, eher mag das meine fließen. Gunſt Eine augenblickliche Stille trat ein, und Giulio ſtürzte n,jett, hinab. In wenigen Augenblicken war er über die Zugbrücke, die man niedergelaſſen hatte, ihm den Ausgang zu bahnen, welche velchen ſich aber mit ungeheurer Schnelligkeit wieder emporhob. Er ſtand vor der brüllenden Maſſe, welche bei ſeiner An⸗ 8 keine Leben däsee kunft ein lautes Geſchrei erhob. ete ich— Hier bin ich, Ihr Wahnſinnigen, rief er, macht ein Ende, ich will ſterben. — Sterben ſoll er, riefen die Haupträdelsführer, zuvor aber 3 en Sir ſoll er den Palaſt ſeines Vaters in Flammen aufſteigen ſehen. 3— Ihr Tiger, macht was Ihr wollt, aber ſeid ſchnell— 3 Ge⸗ ich will ſterben— Leonore lebe wohl auf ewig! ſetzte er leiſe ärge und ſchmerzlich hinzu, indem er einen letzten verzweiflungsvollen Thäler an hinauf nach der Zinne gleiten ließ, die er ſoeben verlaſſen 1 atte. Schreiend umringte ihn der Haufen und zog mit ihm in mner. lautem Triumph durch eine der ſchmalen Gaſſen, welche vom Mils Largo die Caſtello nach der Toledoſtraße führte. Das Schauſpiel, dem Giulio entgegen eilte, war von furcht⸗ barer Art, furchtbar ſelbſt dem wilden Haufen, der ihn umringte. Wnde Flammen umgaben ihn von allen Seiten. Dicker Qualm ver⸗ ließen dunkelte den in ſeiner Azurpracht ſtrahlenden Himmel und ließ nich die ſchimmernden Sterne, die friedlich ihre Bahnen wallten, nicht zevalt durchblicken auf die grauſigen Werke menſchlicher Entjeſſeter zedt Leidenſchaften. tig zu r und 376 Vor dem väterlichen Hauſe. Wenden wir uns nun zu dem Palaſte des Herzogs von Mattalone. Blanka weilte in dem Gemache ihres Vaters, als das erſte donnernde Pochen an der Pforte des Gebäudes den Herzog be⸗ wogen hatte, ſie plötzlich zu verlaſſen. Die Herzogin war ſchon ſeit mehreren Stunden abweſend, die Angſt um ihren Sohn Giulio, den ſie über Alles liebte, hatte ſie hinaus getrieben. Blanka befand ſich jetzt alſo allein, eine Höllenangſt hatte ſie beſchlichen— wo war Giulio, wo ihre Mutter, wohin hatte ſich ihr Vater begeben? Dieſe Fragen waren es, welche ſie ſich vorlegte und ſie faſt die eigene Gefahr vergeſſen ließen. 1 Auch der Herzog kehrte nicht zurück und der Lärm wurde ſtärker innerhalb und außerhalb des Palaſtes.. Ein Schrei folgte dem andern immer ſchneller und wü⸗ thender. Das Gebände erzitterte von dem heftigen Anſtürmen gegen die Thore, und Blanka wünſchte ihre Einſamkeit zu verlaſſen, um ſich zu zerſtreuen. Sie eilte auf die Terraſſe, die ſich über der Straße erhob und hörte nun jeden Schrei des wüthenden Pöbels und jede Antwort der Vertheidiger im Schloßhofe. Die Stimme ihres Vaters erhob ſich zornig über den Lärm und fragte, warum ein friedliches Haus angegriffen würde. Die einzige Antwort der Raſenden, die Blanka hörte, war: „Nieder mit den Großen, mit den Unterdrückern und Verräthern des Landes.“ — Laßt Euch warnen, Ihr nichtswürdiges Geſindel, don⸗ nerte der Herzog von Mattalone; wenn Ihr Euch nicht zurück⸗ zieht, werde ich Feuer auf Euch geben laſſen. — Das Thor zittert ſchon, rief eine Stimme, die alle an⸗ deren übertönte; noch einen ſolchen Anfall und es muß zer⸗ ſplittern. Dieſ Das vereeſch Der mehrere Dieſ ſchnell du ſchwachen Nach ward, he urücges Der die ihn Jh geſchrei⸗ De rief:„9 Es eilten! A G ſcharte beſaß, ihres? Ei Widerf vorbrat Schickſe M Palaſte Gebäu die Fo B dauert wäichen T die T als o hätten Dieſe Worte ſollten ſich bald beſtätigen. Das mächtige Th or wurde bald zerſchmettert und man wun⸗ derte ſich, daß es ſo lange widerſtanden hatte. Der Angriff wurde mit einem ſchweren Balken gemacht, den mehrere rieſige Kerle trugen. ds vun 3 Dieſe entfernten ſich nach jedem Stoße und kehrten dann ss erfe ſchnell zurück, um das Ende dieſer Erſtürmungswaffe gegen die . ſchwachen Fü llungen des Thores zu richten. zog be⸗ Nach der letzten Drohung und der Antwort, die darauf ward, hatten ſich die Anführer zur Erneuerung des Angriffes wrian Aurücgezogen, als plötzlich Flintenſchüſſe fielen. hate Der Balken fuhr gegen das Thor, aber von den Männern, i ht die ihn trugen, ſtürzten mehr als zehn augenblicklich zu Boden. i den Ihr Todesſtöhnen verlor ſich unter dem allgemeinen Wuth⸗ 3 geſchrei, was darauf folgte. 5o Der Balken wurde nicht wieder aufgehoben, aber eine Stimme i faſt rief:„Herbei mit Fackeln!“ Es öffnete ſich durch das Gedränge ein Weg und die Fackeln wurde eilten luſtig lodernd an ihr Werk. . Aber der ſtolze Geiſt des Herzogs blieb ungebeugt. id wi⸗ Eine tödtliche Ladung folgte der anderen aus den Schieß⸗ ſcharten, die zu jener Zeit faſt ein jeder Palaſt der Ariſtokratie gegen beſaß, und Blanka hörte die feſte und unerſchrockene Stimme rlaſſen, ihres Vaters immer. Ein ſtarker Brandgeruch, eine dichte Dampfwolke und der erhob Widerſchein von Flammen, die aus dem unteren Stockwerke her⸗ nd jede vorbrachen, verriethen dem unglücklichen Mädchen das drohende . Schickſal, welches ihrer harrte. Lärm Man machte keinen Verſuch mehr gegen die Pforten des de. Palaſtes, der Volkshaufe zog ſich vielmehr von dem brennenden wat: Gebäunde zurück und erwartete mit zunehmendem Siegesgeſchrei dthern die Fortſchritte des Brandes. Bei der feuerfeſten Bauart der unteren Theile des Palaſtes don-⸗ dauerte es lange, ehe die Flammen die oberen Stockwerke er⸗ zurücda reichen konnten. 1 Ungeheure Feuerſäulen erhoben ſich von Zeit zu Zeit über lle an⸗ ddie Terraſſe und Flammenzungen fuhren über die Bruſtwehr, ß xer. als ob ſie das zitternde Mädchen, welches dort Zuflucht ſuchte, hätten erreichen wollen. 378 Blanka war von dieſer Stelle mehr als einmal in das In⸗ nere des Hauſes zurückgekehrt und durch die leeren Zimmer ge⸗ laufen. 4 Sie ſchrie, aber ihre Stimme verlor ſich in dem allgemeinen Lärm. Die Hitze und der Rauch im Hauſe wurde erſtickend und unerträglich, und da ſie es nicht wagte, in die unteren Zimmer des Palaſtes hinabzuſteigen, ſo eilte ſie wieder auf die Terraſſe. Aber kaum war ſie hier angekommen, als ein donnerndes Geräuſch und eine den ganzen Palaſt ergreifende Erſchütterung ankündigte, daß die mächtige Schloßpforte gefallen war. Blanka wußte nicht, wie weit die Flammen ſich ſchon ver⸗ breitet hatten und erwartete, daß nun der Pöbel in den Palaſt ſtürmen werde, aber im Gegentheil, es ward im Gebäude ru⸗ higer. Nach dem Falle des Thores zeigte ſich durch die Oeffnung ein ſo furchtbarer Anblick des Gebäudes, daß es Niemand wagte, ſich zu nähern. Die beiden Flügel an den Enden der Terraſſe ſtanden ſchon in Flammen, und Denjenigen, die noch im Schloſſe verweilen mochten, ſchien jeder Ausgang abgeſchnitten zu ſein. Das Feuer ziſchte gierig unten und oben ringsumher, und verwirrt und hülflos blieb Blanka in hoffnungsloſer Unthätigkeit ſtehen. Mehr als einmal ſchien es ihr, als würde ihr Name von ihrem Vater gerufen, allein ſie war zu jeder Anſtrengung un⸗ fähig geworden und ſank auf's Knie.— Vor dem Palaſte ſtand ein Haufe und erfreute ſich des An⸗ blicks der Flammen, als eine zweite Rotte erſchien. In der Mitte derſelben befand ſich Giulio. — Jetzt ſind wir am Ziele, hochgnädigſter Prinz, rief der Eine, betrachten Sie dieſes Schauſpiel. — Es iſt der Palaſt des Herzogs von Mattalone, rief ein Anderer, den Sie einſt hätten erben müſſen. — Nun bedürfen Sie des Erbes nicht mehr, denn nachdem der Palaſt eingeäſchert iſt, wird Ihr Haupt auf dem Platze del Carmine fallen. — Noch iſt keiner aus dem verrätheriſchen Hauſe gekommen, rief ein Anderer, alle müſſen von den Flammen verzehrt werden. Ales wiewohl der Seine Aber Frauen 1 in Sicht Dieſ fii= ſei Ken — aus d gegen. Ein Ein Sündet erwarte Er überall z hoffe vielleich Flamn Ihr Palaſt wieder rief ein Vicekör R. Giulio J ihn ge⸗ einem brenn ( ertön⸗ ( 18 In⸗ ner ge⸗ neinen d und immer rraſſe. erndes terung n ver⸗ Palaſt de ru ffnung wagte, ſchon weilen r, und tigkeit le von 8 un⸗ s An⸗ ef der ef ein chdem ze del mmen, erden. gegen. 379 Alles bisher Geſagte hatte Giulio mit Verachtung angehört, wiewohl er mit wüthendem Schmerz im Innern an die Rettung der Seinen dachte. Aber zugleich hoffte er auch, daß ſein Vater ſich der beiden Frauen angenommen und dieſe in irgend einem Keller des Hauſes in Sicherheit gebracht haben würde. Dieſe Worte aber belehrten ihn, daß noch nichts geſchehen ſei— ſein Kopf glühte— Wahnſinn erfaßte ſein Hirn. Keine rettende Ausſicht war vorhanden— er war gefeſſelt — aus dem Thore des Palaſtes grinſten ihm die Flammen ent⸗ Ein Entſchluß mußte indeſſen gefaßt werden.— Eine Hoffnung erfüllte ihn noch; es war die des armen Sünders, welcher, ſchon auf dem Schaffot, noch die Begnadigung erwartet. Er blickte wild um ſich— höhnende Geſichter grinſen ihm überall entgegen— kein Erbarmen— kein Mitleid war hier zu hoffen, aber Giulio wollte nichts unverſucht laſſen. — Laßt mich los, Ihr Elenden, rief er mit lauter Stimme, vielleicht vermag ich meine Schweſter oder meine Mutter den Flammen zu entreißen, die Ihr angezündet habt, wehe Euch, Ihr Mordbrenner, Gott wird Euch richten— laßt mich in den Palaſt gehen, und ich gebe Euch mein Wort, Ihr ſollt mich wieder haben, wenn ich zurückkehre. — Der Prinz hat eine Vorliebe für dergleichen Abenteuer, rief einer aus der Menge; hatte er doch auch die Tochter des Vicekönigs gerettet. — Dieſe iſt auch ſeine Braut! lachte ein Anderer. — Laßt mich, Ihr Nichtswürdigen. Nur ein raſendes Lachen des Pöbels war die Antwort, welche Ginlio erhielt. Mit verzweifelter Anſtrengung riß er an den Stricken, die ihn gefeſſelt hatten, bald war die Bande geſprengt, und mit einem triumphirenden Blick auf die Menge ſtürzte er in das brennende Gebäude. Ein Schrei des Entſetzens und der Verwunderung zugleich ertönte. Dann trat tiefes Schweigen ein; ſelbſt dieſer rohe Abſchaum 380 der Menſchheit hatte den Heldenmuth ihres Feindas betroffen gemacht. Nur einige der Verwegenſten eilten, in ihrer Wuth blind, dem edeln, großherigen Manne nach. Ein lautes Gelächter erfolgte. — Wohin wollt Ihr Wahnſinnigen? riefen viele Stimmen den Verfolgern Giulio's zu; laßt den Prinzen ruhig da drinnen, von wo er nimmermehr zurückkehren wird— eines Todes kann er doch nur ſterben. — Und uns iſt es gleich, ob er im Feuer mit den Seinen umkommt, oder ob wir ſein Blut auf dem Mercato fließen ſehen, bleibt zurück, wenn Ihr nicht ſelber ein Opfer der Flam⸗ men werden wollt. Dieſe Mahnung war ganz überflüſſig, denn kaum hatten ſich die Verfolgenden der Pforte genaht, als ſie mik einem lauten Angſtſchrei wieder zurückwichen. 2 Plötzlich ertönte im Innern des Palaſtes ein furchtbares Krachen, das ſelbſt die grauſige Rotte mit Schauder und Schrecken erfüllte. Langes Schweigen trat ein. — Gott und die heilige Jungfrau haben die Verräther gerichtet, brach man endlich das Schweigen— ſie ſind ver⸗ brannt alleſammt und unter dem Gebälke ihres eigenen Hauſes begraben. 1 Cs w Düſte eeinem zi Der ruhe ſpra Und des Gta Sei ſturr erſ Sei ſchämen ihn ertö Er des Ge⸗ Ir von u dort d baren Pl D. ſchweig De den Ge⸗ De das An was gi Alles todt. ini Es war etwa um die zehnte Stunde an demſelben Abend. nnen, Düſter und in ſich gekehrt ſtand der Herzog von Arcos in iamn ſeinem Zimmer.— d . 4 Der Schein der Kerze fiel auf ſein Antlitz, Angſt und Un⸗ einen ruhe ſprachen aus jedem Zuge deſſelben. ieben Und doch ſtand er regungslos, als verharrte er in der Ruhe ſam des Grabes.. — Sein Antlitz glich dem einer Mumie, ſo gelblich grün, ſo atten ſtarr erſchien es, ſo glanzlos waren ſeine Blicke. Sein Gewiſſen war von einer That belaſtet, deren er ſich ſchämen— von einer That, die eines Ehrenmannes unwürdig, bares ihn erröthen machen mußte. und Er dachte an den ſchnöden Verrath, den er auf den Antrieb 4 des Gettatore an dem unglücklichen Prinzen verübt. Inſtinktmäßig fuhr er von Zeit zu Zeit nach ſeiner Stirn, räther von welcher kalte Schweißtropfen herabrieſelten, als ſuchte er ver⸗ dort das Brandmal, welches er darauf in Folge der ſchand⸗ aufes baren Handlungsweiſe wähnte. Plötzlich trat ein Diener ein und meldete Don Silva. Der Herzog erwachte aus ſeiner Vergeſſenheit und gab ſchweigend ein Zeichen, daß der Gemeldete eintreten könne. Der Diener entfernte ſich, um wenige Augenblicke ſpäter den Gettatore eintreten zu laſſen. Der Herzog beachtete ihn anfangs nicht und hielt lange 4 das Antlitz über die Bruſt herabgeſenkt. — Don Silva, redete er den nächtlichen Gaſt endlich an, 4 was giebt es in der Stadt? — Viel Böſes, verſetzte der Gefragte ſtotternd. — Man brennt. — Die halbe Toledoſtraße iſt eingeäſchert, ebenſo Chiaja. — Schrecklich— ſchrecklich— wie wird das enden? — Mit der Ruhe, Hoheit. — Und der Palaſt des Don Herandez? — Stand bis jetzt unverſehrt, jetzt aber, als ich mich au — ——= —“,Z— ———.,. —— — 382 dem Wege hieher befand, begab ſich der Pöbel dahin; man nannte ſeinen Namen mit Verwünſchungen und hatte geſchworen, nicht eher zu raſten, bis er getödtet iſt. — Die heilige Jungfrau möge ihm beiſtehen; ich vermag es nicht— und was hört man von dem Herzog Mattalone? — Sein Haus ſteht in Brand. — Und er, ſeine Gemahlin, Tochter? — Es ſind Alle dabei umgekommen, ſagte der Gettatore in gedehntem Tone. — Barmherziger Himmel, welch' ein Unglück! — Die heilige Jungfrau wird ihnen gnädig ſein und zur Seligkeit helfen, ſagte der Gettatore in einem Tone, von dem ſich nicht unterſcheiden ließ, ob er theilnehmend oder ſpöttiſch war. — Und was— fragte der Herzog zögernd, indem er die Blicke zu Boden ſchlug, was hat man mit dem Prinzen begon⸗ nen, der ſich in den Händen des Volkes befindet? — Er gehört nicht mehr den Menſchen an, Hoheit— ent⸗ gegnete Don Silva mit leiſer Stimme. — Himmel, haben ſie ſchon ſo ſchnelle Juſtiz geübt? rief der Statthalter haſtig. — Sie thaten es nicht, der Prinz verſchuldet ſelber ſeinen Tod.— — Erzählen Sie ſchnell, Don Silva, ich muß den Zuſammen⸗ hang der Sache kennen. Der Gettatore kam dieſer Aufforderung nach, und der Her⸗ zog ward ſehr erſchüttert. — Alſo ein Opfer ſeines Heldenmuthes geworden, ſagte er, leichter aufathm end; er hätte die Rettung der Seinen verſucht, auch ohne daß er dem Volke ausgeliefert wurde. Mit dieſer elenden Selbſtbeſchwichtigung wollte der Herzog die Stimme des Geywiſſens erſticken, welche ſich trotz Allem mächtig in ſeinem Innern regte. — Er iſt todt, Hoheit, ſagte der Gettatore, gleichviel in welcher Weiſe er geendet hat, aber Sie haben eine Befürchtung weniger. — Jetzt, Don Silva, möchte ich Nachricht von dem Schick⸗ ſal meines Miniſters, Don Herandez haben, es wäre mir lieb, wenn dies noch in der heutigen Nacht geſchehen könnte. — der 6 nge allin Sie w zuj einem ſeder Eie — Ee lungen vo — E letten Er Aufregun ſchwinden mich und Stadt? 9 darnach was aus Mißder durch ſe Die gültigkei Stehend Leo bebender — 4 unabläſſ dürfniß langen bleibt ſ ſagte d und ſte — — — 4,.f:ͤ— 383 Der Gettatore entfernte ſich, doch der Vicekönig blieb nicht lange allein, denn bald darauf trat— Leonore ein.. 3 Sie war ſehr bleich, ihr Vater führte ſie theilnahmsvoll zu einem Seſſel. — MNir wird bange in meinen Gemächern, ſagte ſte, in jeder Ecke derſelben wähne ich Schreckensgeſtalten zu erblicken. — Seit wann iſt meine ſtarke Tochter für ſolche Anwand⸗ lungen von Schwäche empfänglich. — Es iſt wahr, meine Nerven haben gelitten, aber die letzten Ereigniſſe haben ſie zu ſehr erſchüttert; ewige Angſt und Aufregung, ach, wenn es ſo fortgeht, wird mein Leben bald hin⸗ ſchwinden in ewige Todesnacht— böſe Ahnungen beſchleichen mich unausgeſetzt— doch haſt Du vielleicht Nachricht aus der Stadt? — Meine Tochter, ich höre nur böſe Kunde— forſche nicht darnach— man mordet, ſengt und brennt. — Der Prinz hat ſich dem Pöbel ausgeliefert; Gott weiß, was aus ihm geworden iſt. — Sei außer Sorge, meine Tochter, der Prinz wird die Mißverſtändniſſe, die zwiſchen ihm und dem Volke noch obwalten durch ſeinen Muth und ſeine Anhänglichkeit ausgleichen. Dieſe Worte ſagte der Mann mit wunderbarer Gleich⸗ gültigkeit, der bereits die Nachricht von dem Tode des in Rede Stehenden erhalten hatte. Leonore ſchwieg; was ſollte ſie auch erwidern?— — Heilige Jungfrau ſei uns Allen gnädig, ſeufzte ſie mit bebender Stimme nach längerem Schweigen. — Amenl! fiel der Herzog ein. — Ich vermag die Schreckensbilder nicht zu verbannen, die unabläſſig an meiner Seele vorüberſchweben. — Begieb Dich zur Ruhe, meine Tochter, ſie iſt Dir Be⸗ dürfniß und wird Dein bewegtes Gemüth beſchwichtigen. — Ich würde ſie vergebens ſuchen, trage auch wenig Ver⸗ langen danach; ehe Neapel der Friede nicht wiedergegeben iſt, bleibt ſie auch meiner Seele fern. — Sei nicht ſo traurig, meine Tochter, Du betrübſt mich, ſagte der Statthalter, indem er theilnehmend ihre Hand faßte und ſie ſanft in die ſeine legte. — Ein Herz, das keine Hoffnung nur eine Erinnerung, 384 keine Zukunft nur eine Vergangenheit hat, das dem Veſuv gleicht, außen oft voll Schnee und Eis, innen aber voll Gluth und Lava, ſollte ein ſo armes, gebrochenes Herz nicht in Trauer vergehen?— Sie trocknete eine Zähre der Wehmuth aus ihrem Auge und ſ ſchwieg. In dieſem Augenblick ließen ſich draußen haſtige Schritte vernehmen— ein Diener trat ein. — Mehre Erdelleute mit ihren Familien, meldete er, haben ſoeben Zuflucht im Caſtel genommen und bitten dringend und ehrerbietigſt um eine Audienz— auch die Herzogin von Mat⸗ talone, Fürſtin von Caraffa iſt draußen, ſie bittet gleichfalls, vorgelaſſen zu werden. Als Leonore dieſen letzten Namen hörte, erwachte ſie aus ihrer Lethargie und gab dem Diener den Befehl, die genannte Dame nach ihren Gemächern zu führen, während ſie ſelbſt ſich entfernte, ſie zu empfangen. Mögen die GEdelleute ſich dem Herzog vorſtellen, wir wollen indeſſen Leonore folgen: Sie befand ſich erſt wenige Augenblicke in ihrem Zimmer, als die Herzogin eintrat. Die Dame verrieth die äußerſte Exraltation— ſie war bleich und verfallen, ihre ſonſt ſo imponirende Haltung gebückt. Ihr Haar war aufgelöſt, ihre Augen waren ſtarr und deuteten oft auf Verwirrtheit der Sinne. Leonore, ſelbſt ſehr erſchöpft, eilte ihr theilnehmend entgegen und führte ſie zu einem Divan. Erſt nach einigen Augenblicken der Sammlung war die un⸗ glückliche Frau der Mittheilung fähig. — Sie ſehen hier eine Verzweifelte, eine dem Wahnſinn Verfallene, eine Frau vor ſich, die jede Minute ihres ferneren Daſeins verwünſcht und nicht mehr die nächſte Stunde erleben möchte— ach, ich habe alle Thränen, die mir zu Gebote ſtanden, vergoſſen, jetzt habe ich keine mehr übrig, dies Auge hat aus⸗ geweint— dies Herz iſt verkohlt.— — Gott, Sie tödten mich, Herzogin, rief Leonore, mein Herz iſt ſelbſt von wilder Angſt verzehrt, ach, was iſt aus Neapel geworden, welchen unſeligen Dämonen iſt dieſe ſchöne Stadt preisgegeben; aber ſagen Sie mir etwas mehr, arme Frau, wie . 7 kommt e Nachriche 3 — G — A 5 l — ſee ſtarbe Todtenm Leo hundert Glieder gepreßt. barer h Herzog erſchüt derten Blitze nach de nicht e Prinzel ſten Be ſobald Döpfle ſich, tre väterlic bereiten wußte von n und9 nach i Das Veſur „Gluth Trauer Auge chritte haben lnd und Mat⸗ ſichfalls, ſte aus nannte öſt ſich „wir ſimmer, ie war gebückt. r und atgegen le un⸗ nſinn rneren rleben inden, aus⸗ mein Leapel Stadt wie 1 385 7 kommt es, daß Sie ohne alles Geleite hier eintreffen— welche Nachrichten bringen Sie von Ihrer Familie? — Ich bin Wittwe.— — Gott— Ihr Gemahl— ermordet? — Aerger als das— — Was könnte ſchrecklicher ſein?— — Er iſt verbrannt!— — Und Ihre Kinder? — Alles todt— ſagte die Herzogin mit dumpfer Stimme; ſie ſtarben in den Flammen und der Pöbel heulte ihnen die Todtenmeſſe. Leonore fühlte in ihrem Herzen einen Schmerz, als ob es hundert Dolchſtiche durchbohrten— eine Kälte durchrieſelte ihre Glieder, als wäre ſie plötzlich von den Eisblöcken des Nordpols gepreßt.— — Heilige Jungfrau— brachte ſie mühevoll mit kaum hör⸗ barer heiſerer Stimme hervor. — Alles todt— wie ich Ihnen ſagte, Prinzeß, nahm die Herzogin das Wort, in einem Tone, welcher Leonore's Mark erſchütterte.. — Der Prinz hatte ſich dem Volke ausgeliefert— ſie for⸗ derten ihn mit Donnergebrüll, während ſie gleich Zeus die Blitze in der Hand ſchwangen, das heißt, ſie wollten Fackeln nach dem Caſtel ſchleudern, wenn die Auslieferung des Prinzen nicht erfolgt wäre; der kommandirende Offizier meldete dies dem Prinzen, indem er ihn zugleich verſicherte, daß er die gemeſſen⸗ ſten Befehle hätte, auf den Pöbel mit Kartätſchen zu ſchießen, ſobald dieſer mit Feuer drohe.„Um meinetwillen ſoll kein Tröpflein des Volksblutes fließen“, ſagte der Prinz und lieferte ſich, trotz meiner Bitten den nach ihm heulenden Teufeln aus. — Und die Schrecklichen führten ihn zunächſt nach dem väterlichen Hauſe, um ihm die Augenweide ſeines Brandes zu bereiten— ich hörte Alles. — Sie hörten. — Beſorgniß um meinen Giulio trieb mich hinaus, ich wußte ihn im Caſtel wohl ſicher, allein er verſprach, als er ſich von mir trennte, ſchleunige Rückkehr, dieſe erfolgte jedoch nicht, und Angſt, daß ihn irgend ein Unheil ereilt hätte, bewog mich, nach ihm zu forſchen. Ich ſchlug die Richtung nach dem Caſtel Das Bpfer von Amalſi.(Bd. II. 5.) 25 386 ein, und, o Himmel, was ſah dieſes Auge! Mein Sohn wurde gebunden hin- und hergezerrt; häufig fiel er zu Boden, ward aber von den Dämonen, die ihn umgaben, wieder empor gehoben und mit den Worten: Sehen Sie zuvor das Haus Ihres Vaters brennen und die Ihrigen von den Flammen verzehren, dann ſollen Sie ſelbſt von dem Volkstribunal gerichtet werden, un⸗ barmherzig fortgezerrt. Ich blickte nach der Richtung unſeres Palaſtes— ein dicker Rauchball hielt ihn umfangen, ich ſchaute noch einmal auf meinen Sohn— es war das letzte Mal— meine Blicke umnachteten ſich, ich ſank betäubt zuſammen. Als ich wieder zum Bewußtſein erwachte, erfuhr ich von einem ver⸗ mummten Edelmann, der vorübereilte und den ich nach meinem Sohne fragte, daß Alles verloren ſei. — Gnädigſte Frau, rief er mit Haſt; retten Sie ſich, fliehen Sie in das Caſtel— Ihr Palaſt ſteht in Flammen; um die Seinen zu retten, hat Ihr Sohn die Feſſeln geſprengt, welche ihm die Hyänen angelegt haben, ſtürzte ſich in das brennende Gebäude und— Niemand kehrte wieder— Faſſung, Faſſung— kommen Sie. — Kaum höͤrte ich dieſe Schreckenskunde, fuhr die Herzogin ſchluchzend fort, als Wahnſinn mein Hirn befiel, ein Schwindel ergriff mich, wie ein Wirbel drehte ich mich im Kreiſe umher— ich weiß, daß nur ein Gedanke in mir lebte— es war der— an den Tod, ich wollte zurück und mit den Meinen ſterben. Doch der Cavalier zog mich mit ſich fort, und ſo gelangte ich denn hierher, ich weiß kaum ſelber wie. Meine Miſſion aber iſt in dieſem Hauſe vollbracht, ſetzte die verzweifelte Frau mit hohler, Unheil verkündender Stimme hinzu. Leonore glich einer Marmorſtatue— dieſe furchtbare Er⸗ zählung hatte ihr Herz bis in die kleinſte Faſer getroffen— ſeine Pulſe bebten krampfhaft. Es hatte ſich ihrer jene eiſige Ruhe bemächtigt, welche ent⸗ weder keine Gemüthsbewegungen mehr zuläßt, oder auch zu den wüthendſten Ausbrüchen der Raſerei des Wahnſinns führt. — Zucke nicht ſo krampfhaft, armes Herz, flüſterte ſie, hemme deine fieberhaften Schläge; du armes verlaſſenes Herz, das nur ſelten eine Freuden⸗, nur zu oft aber eine Schmerzens⸗ welt in ſich barg, das unter den Hämmern des Schickſals, in gelitten, ſe haben, balh Jetzt erzogin. 5 Dieſe zun Gehen e wohl— d denn ich n — 2 ( 0 — — ¹ Herzogin es mir keit hing zu gewa — danken Troſtes Herzogin ſprach. bedarf ſe müht ha dott ſter Erde de ſchnelle Di ſie dura mochte wurde ward Pehoben Vaterz „ dann en, un⸗ unſeres ſchaute Mal— ſt. Als im ver⸗ meinem ie ſich, en; um brengt, in das aſſung, etzogin hwindel her— der— ſterben. ate ich dn aber zu mit te Er⸗ fen— e ent⸗ u den te ſie, Herz, rzens⸗ 3, in 387 der Gluthitze der Leidenſchaft und dem Eiſe des Hoflebens gleich gelitten, ſei ſtill, nur kurze Friſt— bald wirſt du ausgelitten haben, bald— gebrochen ſein.. Jetzt hatte ſie einige Faſſung errungen und blickte auf die Herzogin.— 5 Dieſe hatte ſich von ihrem Platze erhoben und machte ſich zum Gehen bereit. — Leben Sie wohl, Prinzeß, ſagte ſie leiſe, leben Sie ewig wohl— die heilige Jungfrau von Carmel möge Sie tröſten, denn ich weiß es, Sie leiden gleich mir. — Was wollen Sie thun, Herzogin? — Was mir allein noch übrig bleibt, ſagte ſie bedeutungvoll. — Sie ſprechen ſeltſam— welche Gedanken hegen Sie? — Ich denke einzig und allein an— den Tod und muß fort. — Sie wollten in ein Kloſter? — Wozu die Einſamkeit noch einſamer machen? nahm die Herzogin traurig das Wort, was ſoll mir das Kloſter, vermag. es mir die Meinen wiederzugeben?— ſetzte ſie mit Bitter⸗ keit hinzu. — Aber was wollen Sie thun? — Sterben! Prinzeß, der Tod allein vermag mir Ruhe zu gewähren. — Sie ſind krank, arme Frau, ſonſt würden Sie ſolche Ge⸗ danken nicht aufkommen laſſen, tröſtete Leonore, welche ſelbſt des Troſtes in eben ſo hohem Grade bedurfte. — Laſſen Sie mich, Prinzeß, ich muß fort, ſagte die Herzogin mit Blicken, aus denen plötzlich eine wilde Aufregung ſprach. — Gott, ich kann die Unglückliche nicht ſtützen, denn ich bedarf ſelbſt der Krafft, rief Leonore, als ſie ſich vergebens be⸗ müht hatte, die Herzogin zurückzuhalten. — Ich will zum Grabe der Meinen, rief die Herzogin und dort ſterben— es iſt kein Unterſchied in dieſem Tode— die Erde verwandelt uns zu Aſche, das Feuer thut es auch, nur ſchneller als jene— gute Nacht auf ewig! Die Unglückliche eilte hinaus, Leonore wollte ihr nach, um ſie durch die Dienerſchaft zurückhalten zu laſſen, aber ſie ver⸗ mochte keinen Schritt zu thun. b 25* 8 388 Auch ihre Kräfte waren erſchüttert, der Schmerz, den ſie ſo gewaltig empfand, warf ſie nieder, und ohnmächtig ſank ſie in einen Seſſel.. Wir wollen uns zu einem der prächtigen Häuſer wenden, welche die Straße Chiaja bilden. Dem Aeußeren nach erſcheint dieſes als die Wohnung eines mächtigen Mitgliedes der üppigſten Ariſtokratie. Wie die meiſten Häuſer der herrlichen Straße, hatte das Gebäude viele Einrichtungen, die es einer Veſte ähnlich machten. Die Pforten waren hoch und feſt und die Fenſter des Erdgeſchoſſes mit ſtarken Eiſengittern verwahrt. Ueberall ſah man Schießſcharten, die jeden Zugang ver⸗ theidigten.. Nichtsdeſtoweniger waren mit dieſen Andeutungen ſtrenger Wachſamkeit, oder auch einer gewiſſen Furcht viele geſchmackvolle Verzierungen in äußerſt gefälligen Contraſten vereinigt. Die oberen Stockwerke traten hinter die breite Grundlage des Erdgeſchoſſes zurück, über welche, wie die vornehme Welt Neapels es liebte, lange Terraſſen liefen, mit den zierlichſten Blumen und Geſträuchen beſetzt, die hier und da in maleriſcher Pracht über die Zinnen der Bruſtwehren herabhingen. Dieſe Terraſſen, auf welche ſich die Fenſter der Vorzimmer öffneten, gewährten dem Bewohner des Palaſtes einen langen Spaziergang und die Ausſicht auf den Meerbuſen und ſeine reizenden Geſtade. Erfahren wir endlich, daß dieſer Palaſt das Eigenthum des ſpaniſchen Miniſters, Don Herandez war. Als am erſten Tage des Aufſtandes die Sonne oben über dem Meere aufgegangen war, als Trommeln wirbelten und Trom⸗ peten ertönten, als Fahnen wehten und Soldaten ſich bewegten, als Schwerter, Gewehre und Lanzen in allen Richtungen blitzten und das Auge überall Haufen von Landleuten mit Spaten, theidiger Ein Geſtalt lauſcht, haben nn genießen. Es verkünde Da etwas! Vo prechen Si einer ſe und ſue der T 6 und ul ſcharf 8 Straß⸗ haltere Volksh I! auf der und uu O Jweck ungewe vorgin 1 Seite ihr el Eindr Schich venden ig eines tte das achten. ter des g ver⸗ ſtrenger ackvolle undlage ne Welt rlichſten leriſcher zimmer langen d ſeine um des en über d Trom⸗ wegten, blitzten Spaten, 389 Aerten und Pflugſchaaren ſah, behielt der Palaſt noch ſein 4 ruhiges und furchtloſes Anſehen. 1 Keine Waffe glänzte durch die Schießſcharten, kein Ver⸗ theidiger ward ſichtbar. „Ein Fenſter wurde geöffnet, eine weibliche, hochgewachſene Geſtalt, die ſich überall verſtohlen umblickte, als würde ſie be⸗ lauſcht, ſtahl ſich endlich, als ſie nichts Verdächtiges bemerkt haben mochte, auf die Terraſſe hinaus, um den Morgen zu genießen. Es war am achten Juli, die Luft war warm, und Alles verkündete einen heißen Tag. Das Antlitz der Jungfrau war ſchön zu nennen, obgleich es etwas Unheimliches hatte. Vor Allem ſchien ein tiefer Seelenſchmerz aus demſelben zu prechen; das dunkle Auge glühte. Sie machte übrigens den Eindruck, als habe ſie ſich nach einer ſchlafloſen kummervollen Nacht von ihrem Lager erhoben und ſuchte in der balſamiſchen Morgenluft Erfriſchung. — Gefangen, ewig gefangen— ſeufzte ſie, aber bald naht der Tag der Freiheit, der Tag der Rache. Ein dünner Nebel ſchwebte noch über der blauen Fluth und um den Fuß der Berge auf den Inſeln, deren Gipfel ſchon ſcharf und klar ſich am Himmel abzeichnete. Schon in dieſer frühen Stunde ſtiegen aus der breiten Straße, die zwiſchen dem Palaſte und dem Garten des Statt⸗ halters lag, das Geräuſch der Tritte und das Geſchrei bewegter Volkshaufen herauf. In den langen Stunden der Nacht, wo das Mädchen ſich auf dem Lager umhergeworfen hatte, war das Geräuſch unruhiger und unmuthiger Schaaren zu ihr gedrungen. Obgleich ſie weder den Umfang noch den Beweggrund und Zweck dieſer Störung begreifen konnte, ſo fühlte ſie doch, daß ungewöhnliche Ereigniſſe in dieſer ohnehin ſchon bewegten Stadt vorgingen. 1 1 Das Geſchrei, das in einzelnen Pauſen ſelbſt zu ihrem im Seitenflügel des Palaſtes verſteckten Zimmer empordrang, ſchien ihr eher Jubel als Beſorgniß anzukündigen und machte weniger Eindruck auf ihr Gemüth als das Schreckliche ihres eigenen Schickſals. 390 Sie dachte wenig an die Bekümmerniſſe der äußeren Welt, wenn nicht etwa das Toſen der Volkshaufen die Mauern des Palaſtes erſchütterten, und blieb tief in Gedanken verſunken. Während ſie langſam unter dem Schatten der duftenden Geſträuche, vor den Fenſtern des Palaſtes auf und nieder ging, war plötzlich ein Diener herbeigeſtürzt. — Signora, welche Unvorſichtigkeit! rief er; wer gab Ihnen die Erlaubniß hinauszugehen? Gott, wenn es ſeine Excellenz erfährt. — Ich gehe in mein Gefängniß zurück, verſetzte die Ange⸗ redete, ach, ich wollte einmal wieder Gottes freie Luft einathmen, ſetzte ſie traurig hinzu. — Und wie gern würde ich Ihnen dies geſtatten, dies und noch mehr, aber— — Dein Herr hat Dir ſtrenge Wachſamkeit über mich an⸗ empfohlen, ſagte ſie, während ihre Blicke ſich mit einer Unheil verheißenden Gluth erfüllten. — Ich muß ihm leider gehorchen und daher grauſam ſein gegen Sie, Signora, doch kommen Sie. Beide traten in das Zimmer zurück. — Sage mir, was geht in Neapel vor. — Ach, Signora, es ſcheinen ſich ſchreckliche Dinge zu er⸗ eignen, heute Nacht hat man die königliche Flotte in Brand geſteckt und jetzt wird ſich allem Anſcheine nach noch mehr er⸗ eignen; ſeine Excellenz, Don Herandez, wurde geſtern in das Waſſer geworfen, aber glücklicherweiſe wieder gerettet. Ein Gemiſch von Hohn und düſterer Freude ward in dem Antlitz der Signora ſichtbar.— — Alſo gerettet? ſagen Sie. — Ja, Signora. — Und wird man ihm nicht an das Leben gehen, wenn ſich das Volk von Neapel erhebt? fragte die Dame mit unheim⸗ lich leuchtenden Blicken. — Vielleicht hat man es ſchon gethan, wenigſtens mußte dies ſeine Excellenz geſtern befürchtet haben, als er einen Diener beauftragt hatte, ihm die Kleidung eines Lazzarone zu verſchaffen und nach dem königlichen Palaſt zu befördern, wo er dieſe an⸗ legen wollte; übrigens iſt er während der ganzen Nacht aus⸗ geblieben, die heilige Jungfrau ſei ihm gnädig. 4 9 — Dine 6 — Sie niem — 1 — dieſe Gel unterhalt Sie zu erſch ſtolz en wenigſt bereit? rückgel bitte S Menſch wiſſen, wiſſer Mauer ich wä ich haf mals Auge Glan 6 lich n Wel, ern des en. tenden ging, Ihnen ſcelleng Ange⸗ thmen, es und ich an⸗ Unheil ſein zu er⸗ Brand hr er⸗ n das dem wenn eim⸗ nußte jener affen an⸗ aus⸗ 391 — Die Hölle ſtürze ihn in's Verderben, murmelte die Dame.— — Signora, ſagte der Diener, geſtatten Sie mir eine Frage? — Was begehrſt Du zu wiſſen? S — Warum werden Sie ſorgſam bewacht, warum dürfen Sie niemals das Tageslicht erblicken? — Es wird Dir einſt offenbar werden. — Niemandem im Hauſe iſt Ihr Name bekannt. — Um ſo beſſer, verſetzte ſie kurz— aber höre, ich will dieſe Gelegenheit, wo wir uns einmal länger als gewöhnlich unterhalten, benutzen, um von Dir ein Verſprechen zu erhalten. — Wenn ich es geben kann, werde ich es auch erfüllen. Sie raunte dem Diener einige Worte zu, und dieſer ſchien zu erſchrecken. — Verrath, Signora?— rief er erbleichend. — Thor, Du haſt keinen Muth, ſagte ſie, indem ſie ſich ſtolz emporrichtete; doch Leute Deines Schlages pflegen ſich wenigſtens durch Gold erkaufen zu laſſen— wärſt Du dann bereit?— — Ich werde es überlegen. — Gut, bringe mir ſogleich Kunde, wenn Dein Herr zu⸗ rückgekehrt iſt. — Es ſoll geſchehen, Signora, ſagte der Diener, doch ich bitte Sie dringend, kehren Sie in Ihr Zimmer zurück; kein Menſch in Neapel darf um Ihren Aufenthalt in dieſem Hauſe . wiſſen, und Sie haben ſich heute hinaus gewagt. — Es hat mich Niemand geſehen— wäre dies von ge⸗ wiſſer Seite her geſchehen, dann würde dieſer Palaſt in ſeinen Mauern ſchreckliche Ereigniſſe ſehen. — Aber Excellenz könnte in jedem Augenblick zurückkehren, ich wäre des Todes, wenn er Sie hier ſähe; Sie müſſen wiſſen, ich hafte mit meinem Kopfe dafür, daß Sie Ihr Zimmer nie⸗ mals verlaſſen. — Ich gehe ſchon, ſagte die Dame, während ſich in ihrem Auge wieder jener ihm eigenthümliche, auf Unheil deutende Glanz zeigte. Sie hatte ſich ſchon dem Ausgang genähert, war aber plötz⸗ lich wieder umgekehrt, als hätte ſie noch etwas vergeſſen. 392 — Alſo wie heißt die Donna? fragte ſie haſtig. r — Donna Leonora di Arcos, Tochter des Vicekönigs von als r her Neapel. und dn — Ich danke Dir, ſagte ſie dann und verſchwand mit eili⸗ ſame S 1 gen Schritten. dn fürzen, ſ wenn. wir Er f wollten! bis zu d. Als der enge haufen Sch Die Flucht. uuße Zu dem oben geſchilderten Palaſte begaben ſich die brüllen⸗ nühere den Haufen ſogleich, nachdem ſie das herrliche Gebäude des Her⸗. Selln zogs von Mattalone in Brand geſteckt hatten. Haus Herandez war eigentlich nur feig, wenn ihm kein Verthei⸗ S digungsmittel übrig blieb, konnte er über ein ſolches noch ver⸗ und lie fügen, dann wagte er das Aeußerſte. i Schon vernahm er das Wuthgeheul vor der Pforte, die man zu ſtürmen verſuchte. 5 Aber auch er ließ auf die Stürmenden feuern und verthei⸗ lichem digte ſein Haus ſo lange als möglich. I Wir wollen uns nicht bei dem Sturm ſeines Palaſtes auf⸗ hen we halten, der ganz ähnlich dem war, wie wir ihn kurz zuvor bei dem Herzog von Mattalone erlebt haben.— 9 Man ſtürmte, erbrach ſchließlich die Pforte, ſteckte den Palaſt blieb e in Brand und wollte den Henker von Neapel, den Volksblut⸗ und we ſauger lebendig fangen. d Eine furchtbare Wuth bemächtigte ſich der in das Haus 5 eindringenden Aufrührer, als ſie vergebens nach ihrem Opfer udͤ ſuchten. 4 Als die Pforte des Palaſtes durch die Gewalt des Feuers liche geſprengt war, hatte Herandez befohlen, noch einmal auf den und Volkshaufen zu feuern. erreich rüllen⸗ 5 Her⸗ gerthei⸗ ch ver⸗ e, die erthei⸗ auf⸗ or bei Palaſt blut⸗ Haus Opfer euers fden 393 Er blickte ſelber hinaus, um den Erfolg zu beobachten, und als er bemerkte, daß viele Stürmenden mitten in den wildeſten und drohendſten Ausbrüchen gefallen waren, zeigte ſich eine grau⸗ ſame Schadenfreude in ſeinem Antlitz. Er befahl ſeinen Leuten, ihm zu folgen. — Das Thor wird in wenigen Augenblicken zuſammen⸗ ſtürzen, ſprach er, und es würde nicht rathſam ſein, zu bleiben, wenn wir nicht unſere Gebeine darunter begraben wollen. Er flüſterte nur einem ſeiner Leute zu, wo ſte ſich treffen wollten und befahl den Uebrigen, daß jeder für ſeine Sicherheit bis zu ruhigern Zeiten ſorgen ſollte. Als er ſie aus der Hinterthür geführt hatte und alle in der engen Straße ſicher waren, weil man hier keine Volks⸗ haufen ſah, eilte er in den Hof des brennenden Palaſtes zurück. Schnell ging er zu einer Seitentreppe nach dem Flügel des Hauſes, welchen der Brand nicht erreicht hatte. Er öffnete raſch eine Thür— hier ſtand die Dame, deren nähere Bekanntſchaft wir ſo eben gemacht haben. — Kommen Sie, kommen Sie, um Gottes Willen, das Haus ſteht in Flammen. Sie erſchien bleich, faſt geſpenſterhaft, finſter und Nohend, und ließ ein gräßliches Lachen hören. — Fort, fort! verſetzte ſie dumpf. — Ich beſchwöre Sie, mir zu folgen. — Man könnte mich entdecken, rief die Dame mit gräß⸗ lichem Hohne. — Nein, ich führe Sie durch Straßen, wo Sie nicht geſe⸗ hen werden können.. — Dann bin ich am ſicherſten in dieſem Hauſe! Herandez ſchien der Verzweiflung nahe; einige Minuten blieb er unentſchloſſen, dann eilte er haſtig auf die Jungfrau zu und wollte ſie umfaſſen, um ſie fortzutragen. Dieſe aber ſchleuderte ihn verächtlich zurück. — Ich ſollte dieſes Zimmer niemals verlaſſen, ſagte ſie, und trage auch jetzt kein Verlangen danach.— Herandez wollte nicht länger weilen, er beſchloß die Unglück⸗ liche ihrem Schickſal zu überlaſſen, flog bald die Treppe hinab, und hatte nach wenigen Augenblicken wieder die enge Gaſſe erreicht. 19* 394 Er wiſchte ſich den Angſtſchweiß von der Stirn und floh mit ſchnellen Schritten, aber wie es ſchien, ohne ein Ziel im Auge zu haben, denn er blieb plötzlich ſtehen und blickte umher, als hätte er ausforſchen wollen, in welchem Stadttheile er ſich befände und ging dann in entgegengeſetzter Richtung weiter. Man kann ſich nicht wundern, daß der Flüchtling in ſeiner Verwirrung die gewöhnliche Vorſicht vergaß und nicht daran dachte, wie gefährlich es war, zu einer ſolchen Stunde durch die Stadt zu gehen. Er war durch die Vorgänge jetzt ſo betäubt, ſo befangen, daß er keines Gedankens fähig war. Er nahm ſeinen Weg in der Richtung von Caſtel Nuovo, ohne auf das Volksgedränge und das wilde Geheul zu achten, welches ihm folgte, bis er in der Toledoſtraße mit einem wüthenden, kleinen Trupp in Berührung kam, der ihm entge⸗ genkam. Man ſtieß ihn, ohne daß man ihn noch erkannt hatte, wüthend auf die Seite, und die Unverſchämtheit des ſiegreichen Pöbels äußerte ſich durch ein ſo drohendes, grauſig tönendes Geſchrei, daß er bald genug an das Gefahrvolle ſeiner Lage er⸗ innert wurde. Er ward umringt und mit gewaltthätiger Hand umfaßt. — Es iſt der Volksblutſauger, tönte es— Herandez! He⸗ randez! der Spanier! Aber ſein guter Genius wollte ihn aus dieſer furchtbaren Lage retten. Ein verzweifelte, ſchnelle Handbewegung befreite ihn aus der Mitte ſeiner heulenden Umgebung. Er arbeitete ſich durch das Gedränge, und unter dem Schutze der Dunkelheit gelangte er in die Mitte der Toledoſtraße, wäh⸗ rend ſeine Verfolger wüthend und verblüfft ſeinen Namen ver⸗ wünſchten. — Seid unbekümmert, er kann nicht entkommen— alle Thore ſind mit Wachen beſetzt, die den Steuererpreſſer, den gel⸗ ben Spanier kennen. In der Toledoſtraße ſtürzte er ſich in das Gedränge, das auf und niederwogte, und in welchem nicht alle zu den Aufrüh⸗ rern gehörten, die Herandez kannten. Auch waren zu dieſer Stunde die Gemüther mehr dazu ge⸗ neigt/ ſch erfreuen, inth du achten, frühe er ide der; das Gedrä Das Vetfolgun über eine Füchtln Das Gaſſen verfallen Es einem tie Die andere nende D. ſtill.— 9 ſich dic § Schritt gültigke Ab er Cde und ihr Al ohere, N Lichtſt Herar auf ſi G beinah lend ſch Hiel im umher, er ſich ſiter. 1 ſeiner daran e durch fangen, Nuovo, achten, einem entge⸗ hatte, ſreichen nendes age er⸗ faßt. 1 He⸗ tbaren n aus chutze wäh⸗ ver⸗ alle gel⸗ das früͤh⸗ ge⸗ . X 395 neigt, ſich an aufregenden Schauſpielen von Feuersbrünſten zu erfreuen, öffentliche Gebäude anzugreifen und mit Fluchen und Verwünſchung der Regierung zu beſchäftigen, als auf Edelleute zu achten, von denen man im Allgemeinen doch hoffte, daß ſie früher oder ſpäter als Opfer fallen würden. Der Zufall wollte alſo, daß er ohne Schwierigkeiten durch das Gedränge kam und ſich eine Zuflucht ſichern ſollte. Das Geſchrei, welches ſchon einen Tag ſpäter Tauſende zur Verfolgung gereizt haben würde, verlor ſich bald in dem Jubel über einen brennenden Palaſt, und Niemand achtete auf den Flüchtling. Das Haus, wohin Herandez durch krumme und finſtere Gaſſen ſeinen Weg nahm, war ein niedriges, ſchmutziges und verfallenes Gebäude. Es beſtand nur aus einem Stockwerke, welches ſich über einem tiefen Keller erhob.. Dieſer ſchien von den Bewohnern des oberen Gemache ge⸗ wöhnlich nicht benutzt zu werden. Dies ging hauptſächlich aus dem Umſtande herver daß ein anderer Eingang hinabführte, den eine nach der Straße ſich öff⸗ nende Fallthür bildete. Dieſe Thür war verſchloſſen und die Straße einſam und ſtill.— Herandez wendete ſich um die Ecke einer Seitengaſſe, die ſich dicht am Hauſe öffnete. Hier ſah er in einer Entfernung von vierzig bis funfzig Schritten Männer ſchleichen, die er trotz ihrer ſcheinbaren Gleich⸗ gültigkeit für Verfolger hielt. Aber er irrte ſich, denn in ſeine Nähe gekommen, erkannte er Cdelleute, welche gleichfalls auf der Flucht begriffen ſchienen und ihn nicht beachteten. Als er ſich dem verfallenen Hauſe näherte, war der ganze obere Theil deſſelben finſter. Nur durch die Spalten der Fallthür ſchimmerten einige Lichtſtrahlen, aber nur ſo ſchwach, daß ſie die Aufmerkſamkeit Herandez', der nun vor die Thür des Gebäudes ſelbſt trat, nicht auf ſich lenken konnten. Er warf ſich mit ſolcher Heftigkeit gegen die Thür, daß er beinahe die Riegel geſprengt hätte. —-—— — 16 396 4 Dem laut in der Straße wiederhallenden Geräuſch folgten Gemurmel, Flüche und Waffengeklirr. Bald aber befahl eine grimmige und barſche Stimme, die Thür zu öffnen.— Herandez erbebte vor dieſer Stimme, allein es war zu ſpät zurückzukehren. Die Fallthür ward aufgehoben, und ein Lichtſtrom drang hervor; ein rüſtiger Mann, der hinlänglich fähig geweſen wäre, den Eingang zu vertheidigen, ſprang ſchnell auf die Straße. Herandez ſtand in genügender Beleuchtung, um ſogleich er⸗ kannt zu werden, während er die Züge des Fremden nicht zu unterſcheiden vermochte. Dieſer gab, nachdem er auf Herandez einen forſchenden Blick geworfen hatte, ein Zeichen in den Keller hinab und dem Miniſter einen Wink, ihm zu folgen.. — Hierher, Excellenz, ſagte er, Sie ſind immer willkom⸗ men, gehen Sie hinein, ich will draußen Wache ſtehen. Ohne ein Wort zu erwidern, ſprang Herandez die Treppe hinab und ſchloß die Fallthür. Das Verzeichniß des Todes. Der Keller, in welchen er trat, war von Rauch geſchwärzt und von Schmutz beſudelt, der ſich hier ſeit undenklichen Zeiten angeſammelt hatte. Die Weinflecke, welche man an den Wänden gewahrte, ver⸗ riethen, daß es im Leben derer, welche ihren Aufenthalt ge⸗ wöhnlich im Keller hatten, auch luſtige Augenblicke gegeben hatte. 6* 8 Heral Ellbogen, brannte. Dieſe kannte— Die ſchieden der ſtolie ſcher bett mürriſch Er ſtand un Er ſein Leb Da ſonſt au mattet. d Körper und e gen ſic 3 Nacht V war ſe es die des St A geſtand z hervor 6 einige 3 ſichſ auf d zu ſpät drang n wäre, aße. leich er⸗ knicht zu ſchenden lind dem billkom⸗ Treppe wärzt Zeiten ver⸗ t ge⸗ aatte. 4 * 397 Herandez ſah Niemand als einen Mann, der ſich mit dem Ellbogen auf den Tiſch ſtützte, auf welchem eine kleine Lampe brannte. Dieſe warf ihren Schein auf ſeine Züge, und Herandez er⸗ kannte— den Räuber Paolo. Die finſteren Abhänge der Abruzzen waren nicht ſo ver⸗ ſchieden von der grabesähnlichen Düſterheit dieſer Höhle, als der ſtolze und verwegene Räuber, der einſt jene Berge als Herr⸗ ſcher betrat, im Widerſpruch mit demjenigen ſtand, welcher nun mürriſch und einſam an dieſem Orte weilte. Er trug noch immer die Gebirgsräubertracht. Sein Gewehr ſtand unweit von ihm an der Wand. Er war jetzt wie ſtets auf Ereigniſſe vorbereitet, in welchen ſein Leben von der Kraft ſeines Armes abhing. Das Selbſtgefühl, die Anmaßung, das kühne Feuer, welches ſonſt aus ſeinem Auge leuchtete, erſchien jetzt geſchwächt und er⸗ mattet. 2134 Die ſchnellen Regungen, welchen ſonſt jede Muskel ſeines Körpers augenblicklich gehorchte, ſchienen in ihm zu ſchlummern, und er war mürriſch, kleinmüthig und trübſinnig. — Wie, Ercellenz, nahm er ſtaunend das Wort; Sie wa⸗ gen ſich in ſolcher Nacht auf die Straße? Die Wuth über das Ereigniß, welches Herandez in dieſer Nacht betroffen, ſollte ſich jetzt erſt Luft machen. e Vor dem Räuber Paolo hegte er keine Furcht, denn dieſer war ſein Verbündeter ſchon in früheren Zeiten geweſen, wenn es die Beſeitigung irgend eines ihm unbegnemen Mitgliedes des Staatsrathes galt. Anders hätte es ſich verhalten, wenn er Frederigo gegenüber⸗ geſtanden hätte. Jetzt alſo brach ſeine Wuth mit unbezwingbarer Gewalt hervor. Seine Augen flammten, ſeine Lippen zitterten, und auf einige Augenblicke war er unfähig, ein Wort hervorzubringen. Als des Räubers Staunen ſich zu ſteigern ſchien, erhöhte ſich ſein Zorn.: Er ſtampfte mit dem Fuße und ſchlug mit geballter Fauſt auf den Tiſch, der unter Paolo's Ellbogen zitterte. 398* Dieſer war nicht der Mann, der bei ſolchen Gelegenheiten kaltblütig blieb. Durch dieſes Betragen gleichfalls in Wuth verſetzt, erhob er ſich und näherte ſich dem Gewehr. — Vergeſſen Sie nicht, Ercellenz, daß ihr Leben in meiner Hand ſteht, ſagte er, und daß ich nicht zu jeder Zeit meinen Vortheilw berückſichtige. — Elender, eidbrüchiger Verräther! rief Herandez immer wüthender. — Mäßigen Sie ſich, Excellenz, ich verſtehe Sie nicht. — Nun, dann will ich deutlicher ſein; habt Ihr mir nicht zugeſagt, mich und mein Eigenthum auf alle Fälle zu beſchützen, ob Ihr der Regierung treu bleibt oder nicht, und jetzt habt Ihr Euer Wort, das Ihr durch einen Eid bekräftigtet, gebrochen. Ihr kamt auf meine Veranlaſſung nach Neapel, um der Regie⸗ rung zu dienen, Ihr ſeid abgefallen— macht das mit Euch ſel— ber aus, aber was hat Euch veranlaßt, meinen Palaſt dem Ge⸗ ſindel Preis zu geben? Bedenkt, daß ſich die Zeiten ändern, wir werden den Aufſtand dämpfen, dieſe Rotten müſſen vertilgt werden und die Regierung wird bald in ihrer alten Macht und Glorie daſtehen, dann Paalo ſind wir die Herren von Neapel, die nicht nur die Dienſte des Räuberthums verabſcheuen, ſondern auch unterdrücken werden.— , Paolo blickte ſtarr in das erregte Antlitz des Miniſters. Einen Augenblick erglühte ſeine Wange, während ein wil⸗ des Feuer aus ſeinem Auge leuchtete. Beides aber wich bald, um einem tieferen Anflug von Kleinmüthigkeit auf ſeinem Antlitz Platz zu machen. Herandez ſchien ganz gegen ſeine Gewohnheit nicht zu er⸗ wägen, ob ſeine wüthenden Ausbrüche von dem Räuber lange geduldig angehört werden würden. — Falſcher, verfluchter Verräther, nahm er wieder das Wort, aber mit gedämpfter Stimme, welche etwas Unheimliches hatte, warum ſchweigt Ihr?— habt Ihr keine Lüge bereit— keine Silbe zu Eurer Entſchuldigung? ſagt, hat man meinen Palaſt ohne Euer Mitwiſſen niedergebrannt? hat Euer heulen⸗ der Pöbel mich ohne Eure Ordre hierher gehetzt?— Glaubt Ihr, ſeine Exrcellenz, der Miniſter Don Herandez, Graf von Monteja, Ritter des goldenen Vließes und Grand von Spanien ſei ei n bet ichere Beu aſhnin Paol 2 hungen. 3 — Ri des golden oder es we Et zw Lauf auf Dieſe und wurt als Schy Dief des Piſte — ſie find: ſolche nie ſei Min art a- harte) Drohun Fragen verbrau gegen n tollen F ſprechen dem Ro daß Jf die ga mit R bei Ih Nein, 399 rheiten ſei ein bettelhafter Makler, ein winſelnder Kaufmann, eine ſichere Beute für Euch und Eure armſeligen, winzigen Gurgel⸗ erhob abſchneider?— ſprecht Menſch! Paolo's Lippen zitterten während dieſer heftigen Schmä⸗ ineiner hungen.— meinen— Nicht zu weit, Don Herandez, Graf von Monteja, Ritter des goldenen Vließes und Grand von Spanien, nicht zu weit, immer oder es waren die letzten Worte, die Sie geſprochen haben. Er zog hierbei ein Piſtol aus dem Gürtel und richtete den 6. Lauf auf Herandez. t nicht Dieſer ſah nun, daß Paolo's Energie wieder erwacht war ützen, und wurde furchtſam, wiewohl er dies durch kein anderes Zeichen bt I;r als Schweigen zu erkennen gab. rochen. Dieſes aber ſchien dem Räuber zu genügen, denn er ſteckte iegi⸗ des Piſtol ruhig wieder ein. ch ſel— Sie haben harte Worte geſagt, Excellenz, ſagte er; und Ge ſite ſind an Jemand gerichtet, der, wie Sie wohl wiſſen müſſen, „ wir ſolche nicht beachtet. Es gab Zeiten, in denen Jedermann, er berden ſei Miniſter oder Bauer, es bereut haben würde, in dieſer Ton⸗ Glorie art zu Paolo Peruzzi geſprochen zu haben, aber weil Sie eine e nicht 3 harte Prüfung erlitten, will ich aus Mitleid thun, wozu mich auch Drohung nimmermehr veranlaßt hätte— Sie ſollen auf ihre Fragen die wahre Antwort erhalten. rs.— Laßt mich alſo hören. 3 n wil⸗— Vor allen Dingen vernehmen Sie, daß Paolo Peruz verbraucht und auf die Seite geſchoben iſt; Freunde haben ſich g von gegen mich verſchworen, man hat ein beſſeres Werkzeug in dem tollen Fiſcher von Amalfi gefunden. zu er⸗— Redet Ihr die Wahrheit, Paolo. lange— Ich ſchwöre es bei der heiligen Madonna del Carmine. — Dann können wir ein anderes Wörtchen mit einander das ſprechen, verſetzte Herandez in vertraulicherem Tone, indem er liches dem Räuber auf die Schulter klopfte, zuvor aber beweiſt mir, it- daß Ihr nicht das Geſchrei des Geſindels fürchtet, deſſen Fackeln neinn die ganze Stadt in Aſche zu legen drohen. elec- Wollte ich das ſagen, Excellenz, antwortete der Räuber Jlaubt A g mit Ruhe, ſo würde ich lügen bis zur Lächerlichkeit—, wie es f von bei Ihnen der Fall iſt, wenn Sie mir dergleichen zutrauen könnten. annien Nein, Eccellenz, beſchuldigen Sie mich einer ſolchen Infamie 81 400 nicht,— ſind Sie etwa hierher gekommmen, um Ihr Leben gegen das meine einzuſetzen, fuhr er mit höhniſchem Lächeln fort, ſo würden Sie ſehr bald den Beweis haben, daß ich mich weder vor Excellenzen noch vor Geſindel fürchte; wollen Sie indeſſen erfahren, wodurch Pläne vereitelt wurden, die mit hinlänglicher Geſchicklichkeit angelegt und kräftigen Händen anvertraut wurden, ſo haben Sie wohl daran gethan, bei mir anzufragen. — Nun ſo laßt mich hören.* — Der Name Ihres Palaſtes, wie Sie auch wohl nicht bezweifeln können, ſtand auf dem Verzeichniß der allgemeinen Vernichtung, welches von dem vornehmen Geheimſchreiber Pietro herrührt. — Vornehm? höhnte Herandez. — Nun ja, kann er doch gut ſchreiben und leſen und war Jahre hindurch im Hauſe des Herzogs von Mattalone. — Sehr richtig, er war der Sekretair des Herzogs. — Man ſpricht das Verſchiedenartigſte es ſoll ein ganz eigenthümliches Verhältniß— doch das gehört nicht zur Sache— — Was iſt' mit ihnen, ſprecht, unterbrach ihn Herandez neugierig. — Man ſagt, ſie ſind miteinander verwandt— lächelte der Räuber bedeutungsvoll; aber hören Sie weiter, Erxcellenz. — Alſo zur Sache! — Das betreffende Verzeichniß alſo ward öffentlich auf dem Mercato vorgeleſen. Ich wagte es, in Pietro und in Maſaniello zu dringen, Ihren Namen zu ſtreichen, indem ich mich erbot, Bürgſchaft zu leiſten, daß Sie fortan als Freund des Volkes alle Zugeſtändniſſe geben würden, die man verlangte. Pietro hörte mich gleichgültig an; Maſaniello verhöhnte mich, ſo lange er es für Scherz hielt, als er aber merkte, daß ich es mit der Protection Eurer Ercellenz Ernſt meinte, befahl er mir mit kna⸗ benhafter Unverſchämtheit zu ſchweigen und auf meiner Hut zu ſein.— Es waren hunderttauſend Zuhörer verſammelt und vor allen Dingen war des alten Celeſto verderbenbringendes Schlan⸗ genauge auf mich gerichtet— meine Hand war an meinem Dolche— aber mögen Sie es mir glauben oder nicht— in derſelben Minute waren meine Sehnen erſchlafft, ja meine Sinne ſchienen gelähmt, eine Empfindung, die mich ſchon zweimal heima⸗ geſucht hatte, als dieſes Auge auf mich geblickt. — 3t ein böſes hat es e Zauber, Kuxf ch richet w Körpers beſten T zu dem ohne H Schaud Stadt hat das er über nun et ich ſag Werke ſterben Leute müſſen glaube⸗ ſehe, a belebte todt, be es vero den. 2 tüdten mals abet nehme ſchen, Leben Das en gegen— fort, ſo ch weder indeſſen anglicher wurden, 21 ohl nicht gemeinen eer Pietro und war ein ganz Sache— Perandez ſhelte der nz. auf dem taſaniello ch erbot, 5 Volkes Pietro ſo lange mit der. mit kna⸗ Hut zu und vor Schlan⸗ meinem ht— in e Sinne al heim⸗ 401 — Don Silva hat alſo Concurrenz, flüſterte Herandez eilſe — Ihr habt noch einen Gettatore— auch der alte Celeſto hat ein böſes Auge, ſetzte er laut hinzu. — Ja wohl, das böſe Auge, antwortete der Räuber traurig; hat es etwa keine Gewalt über Sie, ſo geben Sie mir von dem Zauber, der Sie ſchützt, und ich bringe Ihnen des alten Mannes Kopf, ehe die Sonne aufgeht— ſo oft dieſer Blick auf mich ge⸗ richtet wird, iſt mir der Fluch gefolgt— er hat die Kraft meines Körpers und meiner Seele gelähmt— meine geheimſten und beſten Pläne vereitelt— Unglück über mich gebracht und mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin— alſo zu einem Menſchen ohne Hoffnung— ohne Muth.— — Und dieſer Celeſto, fiel Herandez ein, der ſich jetzt mit Schauder jener Nacht erinnerte, als er durch die Straßen der Stadt eilte und dann das einſame Boot beſtieg; dieſer Celeſto hat das Herz eines einfältigen Menſchen ſo ſehr erhoben, daß er über dem Anführer von ſtebenhundert Banditen ſteht. Mag nun etwas an dem Zauber eines ſolchen Auges haften oder nicht, ich ſage Euch, ich werde dieſen alten Manm und ſein elendes Werkzeug, den Fiſcher, in den Staub treten. Sie ſollen ſterben, ſterben noch ehe morgen die Sonne untergeht, und es giebt noch Leute von ganz anderem Range und Stande, die mit ihnen ſterben müſſen.„ — Sie ſprechen von dem Prinzen Caraffa— Ercellenz; ich glaube, er iſt bereits todt.. — Ich glaube nicht eher daran, bis ich ſeinen⸗Leichnam ſehe, aber Ihr kennt meine Feinde? — Alle, Excellenz— rief der Räuber lebhaft und ſein Auge belebte ſich wieder; aber glauben Sie mir, wäre der alte Celeſto todt, bei meiner Seele, ich würde die Sache ausführen, wie wir es verabredet haben, alſo Alles zu Gunſten der Regierung wen⸗ den. Wenn Sie aber darauf rechnen, daß ich den alten Celeſto tödten ſoll, ſo ſage ich Ihnen beſtimmt, daß ich meine Hand nie⸗ mals gegen dieſen Zauberer und Herenmeiſter erheben werde, aber mit Maſaniello und allen Uebrigen will ich es dreiſt auf⸗ nehmen. Sagen Sie mir alſo, Excellenz, weſſen Tod Sie wün⸗ ſchen, auch ich habe ſchon viele Opfer auserſehen, die noch am Leben ſind, aber ich vermuthe, Ihr Todesverzeichniß wird wenig Das Opfer von Amalfi.(Bd. I.. 6) 26 402 von dem meinigen abweichen— weſſen Blut alſo verlangen Sie?— Don Herandez nahm eine ſcheinbar nachdenkende Stel⸗ lung an. — Ihr ſagtet vorhin, Ihr kennt alle meine Feinde. .— Ich weiß nicht, ob ich auch den Herzog von Mattalone zu dieſen zählen ſoll. — Wer hat den Pöbel gegen meinen Palaſt geführt? fragte Herandez nach kurzem Schweigen. — Pietro. — Schreibt ſeinen Namen auf. — Er iſt in meinem Gedächtniß bereits tief eingegraben; dieſe That kann alſo Ihr Gewiſſen nicht belaſten, und weſſen Name folgt?— — Mein Todfeind bleibt zu Anfang und zuletzt immer nur — der eine— — Wohl der Prinz Giulio Caraffa. — Immer er und wieder er.— — Aber wenn er nun ſchon todt wäre? — Dann falle der Kopf ſeines Vaters, damit dieſer nicht Rache für den Tod des Sohnes nehme an demjenigen, dem er ihn zuſchreibt. — Alſo auch der Hezhad⸗ — Wiederholung iſt unnöthig; ſolche Worte einmal geſagt, werden nicht mehr vergeſſen. — Hören Sie, Excellenz, ich glaube, Vater und Sohn ſind be⸗ reits durch das Geſindel gefallen, es iſt aber eben ſo gut möglich, daß wenigſtens der Prinz durch den Einfluß Maſaniello's am Leben geblieben— dann kann ich durch Meuchelmord wirken, ich muß mir freilich eine paſſende Gelegenheit wählen. — Sollte der tolle Fiſcher ihn befreien, dann werde ich Euch die Gelegenheit mittheilen, die Ihr benutzen ſollt; hoffentlich wird ſie ſich bald in der Kirche del Carmine finden. — Was wird dort geſchehen? fragte der Räuber geſpannt. — Ein Poſſenſpiel ſoll aufgeführt werden, verſetzte Herandez lächelnd; was nun den alten Celeſto betrifft, ſo überlaßt ihn mir, wenn ſein Blick ſo. viel Gewalt über Euch hat, dann müßt Ihr freilich aus ſeinem Bereiche bleiben; ich kenne einen Getta⸗ tore, der es wohl mit ihm aufnehmen wird— zwei Standes⸗ 1 genoſſen Fiſcher norgen — Jede ring ſei mann,! dies wü nur, w Chreh Pöbels umher. Tage u Rath mir in das G. Je D ſunken durchri als er wenn g blaß. zutüchſ Kühng werden Dinge ungen Stel⸗ alone ragte aben; weſſen t nur nicht ſem er eſagt, ind be⸗ üͤglich, s am dirken, Euch wird vannt. rande tt ihn müßt Getta⸗ mndes⸗ 403 genoſſen pflegen am beſten mit einander fertig zu werden; der Fiſcher von Amalfi muß auf eine andere Weiſe beſeitigt werden; morgen werde ich auf alle Fälle Gelegenheit ſuchen, dem Herzog von Arcos meine Pläne mündlich oder ſchriftlich mitzutheilen. — Jedenfalls denkt an Eure Aufgabe, Euer Lohn ſoll nicht ge⸗ ring ſein. — Der Weg zum Caſtel Nuovo iſt abgeſchnitten für Jeder⸗ mann, bei deſſen Ankunft die Zugbrücke nicht niedergelaſſen wird, dies würde bei Ihnen allerdings nicht der Fall ſein. — Ich glaube wohl— lächelte Herandez bedeutſam, nicht nur, weil ich der erſte Mann im Staate bin, ſondern auch die Ehre habe, der künftige Schwiegerſohn Seiner Hoheit zu ſein. — Wie aber wollen Sie, auf den die Blicke des ganzen Pöbels gerichtet ſind, nach dem Caſtel gelangen? — Als Vermummter, treiben ſich doch ſolche genug im Volke umher. — Sie dürfen auch dies nicht wagen, man möchte ſie bei. Tage wenigſtens in jeder Geſtalt erkennen. — Nun dann allerdings muß ich durch Schreiben meinen Rath an Seine Hoheit gelangen laſſen.— Vielleicht gelingt es mir in dieſer Nacht noch, mich perſönlich zu ihm zu begeben, das Geräuſch auf den Straßen ſcheint bereits verſtummt. Jetzt machte er ihm noch eine geheime Mittheilung. Der Räuber war während dieſer Worte in Nachdenken ver⸗ ſunken; plötzlich fuhr er leichenblaß und von einem Schauder durchrieſelt empor, während ſeine Glieder zitterten. — Habt Ihr denn verſtanden? fragte Herandez erſtaunt, als er Paolo's Zuſtand bemerkte. — Ich dächte, Sie könnten dies nicht bezweifeln, Excellenz, wenn Sie mich näher betrachteten. — Ihr ſcheint wenig Muth zu haben, denn Ihr ſeid ſehr blaß. — Es giebt Unternehmungen, vor denen der Teufel ſelbſt zurückſchauderte, wenn man ſie ihm zumuthete. — Aber ein Räuber der Abruzzen muß einen Teufel an Kühnheit übertreffen. — Sie ſollen auch mit mir zufrieden ſein, Excellenz, Sie werden gut bedient werden; verlaſſen Sie ſich darauf; es werden Dinge geſchehen, über welche man ein wenig Blutvergießen— 26* 404 in einer Kirche— bald vergeſſen wird. Haben Sie mir indeſſen nichts mehr zu ſagen, ſo bitte ich Sie, mich zu verlaſſen, denn die Werke der Finſterniß bedürfen, ſollen Sie gut ausgeführt werden, einiger Vorbereitungen. Herandez lächelte über die Kaltblütigkeit, womit dieſer, jetzt wieder ſein, alſo auch der Regierung Verbündeter und Helfers⸗ helfer, ihn verabſchiedete. — Alſo Ihr habt Euch das Verzeichniß des Todes genau gemerkt?— — Seien Sie außer Sorge, Excellenz; es ſoll ein Würgen ſein, das Ihnen Freude bereiten wird. — Gut— ich rechne auf Euch! Herandez ging die Treppe hinauf, lauſchte an der Thür — es ſchien Stille zu herrſchen— und er ſchritt hinaus. Als der Räuber ſich wieder allein befand, verſank er in tiefe Gedanken, bedeckte ſein Antlitz mit beiden Händen und verharrte lange in Schweigen.— Seine ſchweren Athemzüge und das Zittern ſeiner Glieder verriethen ſeine Aufregung. Er ſtöhnte und ſchien in einem heftigen Kampf mit ſich be⸗ griffen. — Ich habe den Jungen geliebt, ſo lange er lebt, begann er plötzlich; in der Kindheit, als ich noch nicht ahnte, was einſt aus mir werden würde, ſpielte ich mit ihm, theilte Arbeit und ergnügen mit ihm, ſelbſt noch in ſpäteren Jahren, bis mich das Schickſal in die Abruzzen führte— und jetzt muß ich ihn tödten— ach, Maſo, es war unklug von Dir, daß Du einen alten Freund ſo von Dir geſtoßen haſt; aber auch er iſt unter dem Zauber des Verfluchten gefallen— unſere Schickſale haben ſich durchkreuzt, er hegt Mißtrauen gegen mich— und es iſt offenbar— ſein Blut muß fließen, oder das meinige.— D erſten? war die All Di blic zu Fieberr W Gruppe mel nie Cbe Sie erh an ihne N herabſ Erſchö 9 auf den verneh Di währen einzufül N. höchſten zur Ge N hatten theilt Geſeze 9 ſchäfti armſel leicht lideſſen denn eführt r, jetzt elfers⸗ genau Pürgen Thür in tiefe rharrte Glieder ſich be⸗ begann as einſt eit und is mich ich ihn einen t unter haben es iſt 4' 40⁵ Es lebe die Blutbühne. Der dritte Tag des Aufſtandes hatte ſich geneigt. Von dem erſten Augenblick, wo das Anſehen der Geſetze erſchüttert wurde, war die ganze Stadt in beſtändigem Aufruhr.“ Alle Einwohner ſtrömten hin und her durch die Straßen. Die ſchreckliche Stimmung der Volkshaufen war keinen Augen⸗ blick zu verkennen, und niemals verrieth eine Pauſe, daß der Fieberwahn des Volkes zu Ende wäre. Wollten die Menſchen Ruhe ſuchen, ſoz legten ſie ſich in Gruppen von zehn und zwanzig Individuen unter offenem Him⸗ mel nieder. Ebenſo belagerten ſie die Treppen der Paläſte und der Kirchen. Sie erhoben ſich indeſſen gleich, wenn neue ſchreiende Volkshaufen an ihnen vorüber eilten, um ſich dieſen anzuſchließen. Nur wenn die glühende Juliſonne um Mittag ihre Strahlen herabſandte, trat ein Schweigen ein, welches auf eine gewiſſe Erſchöpfung ſchließen ließ. Aber ſelbſt dieſe Stille war nur zum Theil verbreitet, denn auf den höchſten Punkten der Stadt ward ein dumpfes Geräuſch vernehmbar. Die Lenker dieſes ſcheinbaren Wirrwarrs bemühten ſich während deſſen, eine Art von Verwaltung der Angelegenheiten einzuführen. 8 Man fand bald, daß auf denjenigen, die ſeither nach der höchſten Gewalt trachteten, Geſchäfte und Verantwortlichkeiten zur Genüge laſteten. Noch ehe die Sonne des zweiten Tages untergegangen war, hatten die neuen Herrſcher die Staatsämter untereinander ver⸗ theilt, und es wurde dem Volke angedeutet, daß noch immer Geſetze walteten, Ungehorſam zu ſtrafen. Gegen Anbruch der Dämmerung ſah man noch Arbeiter be⸗ ſchäftigt, welche auf dem Platze del Carmine vor Maſaniello's armſeliger Wohnung ein Gerüſt errichteten, deſſen Zweck ſich leicht errathen ließ.— † 406 Es wurde nämlich ein Raum von etwa funfzig Fuß Länge hin und und Breite mit einer Einfriedigung umſchloſſen. ſe haben Dieſe beſtand aus zehn Fuß hohen Pfählen, welche oben uder 1 zugeſpitzt und durch Bretter ſo verbunden waren, daß das Ein⸗„ Die dringen in das Innere verhindert wurde. richt mie In dem Mittelpunkte dieſes Raumes ſah man eine Erhöhung, Tod die ungefähr dreißig Fuß vom Boden, mit dem oberen Stockwerke Sausger von Maſaniello's Hauſe in gleicher Höhe war. men geoh Um dieſe Erhöhung lief ein Gang, der Platz für ungefähr Ein zwanzig Sitze hatte, und von jener durch ein Geländer getrennt machung war, das zu beiden Seiten an den Stufen hinabreichte, die zum di Marktplatze führten. ebung Noch ehe die Nacht herabzog, war das Gerüſt vollendet, die 3 gan Blutbühne— die gleich der Guillotine etwa hundertundvierzig 4 Dhu ſpäter in Paris, in Neapel ſo viele gräßliche Opfer ge⸗ Freude ordert. 5 Es wurde ſogleich dazu benutzt, an drei Seiten der äußeren Parun Einfaſſungen die erſten Verordnungen der neuen Volksherrſcher durch Anſchläge bekannt zu machen. ni di Man bemerkte ſogleich, daß dieſe Verordnungen nur drei Unterſchriften hatten, oben war mit großer Schrift zu leſen: 24 „An unſer geliebtes Volk von Neapel!“ 8 In der erſten Bekanntmachung wurde angezeigt, daß Maſa⸗ niello das Amt eines Oberanführers des Volkes angenommen werden hätte, dem er bis in den Tod treu bleiben wollte, und daß zu— ſeinem Rathgeber der Volksfreund Pater Anſelmo Celeſto er⸗ großer nannt worden wäre. 85 Dieſe Urkunde war mit einem plumpen Kreuze unterzeichnet, 135 unter welchem zu leſen war: Nmnſtet „Pietro Ritardi, Geheimſchreiber. 1 Maſaniello von Amalfi, Oberanführer des Volkes.“ währen Die zweite Verordnung, welche wie die übrigen auch von In Celeſto unterzeichnet war, verkündete die Abſchaffung aller Ab- ſcen d gaben und beſtimmte den Preis des Brodes. 8 Die dritte enthielt ein langes Namensverzeichniß der Volks⸗ 1 geweſe feinde, deren Häuſer den Flammen preisgegeben ſein ſollten und l licen ſchloß mit einer Ermahnung an das Volk, ſie zu vernichten mit allem, was ſie haben und ihrer nicht zu ſchonen. dem h Hier waren die Worte Samuelis angeführt:„So zeuch nun 5 e 1 ben Fin⸗ dung, perke fähr ſennt zum die erzig ge Feren ſcher deei eeſen: taſa⸗ umen ß zu olks⸗ und mit nun 407 hin und ſchlage die Amalekiter und verbanne ſie mit Allem, was ſie haben, ſchone ſeiner nicht, ſondern tödte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge.“(1. Sam. 15. 3.) Die Strafe für die Uebertretung dieſer Verordnung war nicht minder furchtbar. Tod war Jedem beſtimmt, der Hand an Gold, Edelſteine, Hausgeräth, oder an irgend etwas legen würde, das den Flam⸗ men geopfert werden ſollte. Eine zahlloſe Menge hatte ſich bereits um die Bekannt⸗ machungen geſammelt. Diejenigen, die des Leſens kundig waren, machten ihre Um⸗ gebung mit dem Inhalte der Anſchläge bekannt. Lauter Jubel begrüßte dieſe Anordnungen. — Alles verbrannt und getödtet, riefen Viele in fanatiſcher Freude, nieder mit den Tigern, die uns beraubt und unſer Blut getrunken, jetzt iſt die Reihe an uns— — Ja, jetzt ſoll ihr Blut unſern Durſt ſtillen, fielen Andere mit dämoniſchem Triumph ein. — Hier der Palaſt Caraffa, rief Einer. — Dort der des Henkers von Neapel, des gelben Spaniers — fiel ein Zweiter ein. — Merkt Euch, Brüder, nicht Weib noch Kind ſoll geſchont werden, ſo ſpricht der Prophet Samuel. — Auch dieſes Gerüſt wird das Seine thun, nahm ein großer, breitſchulteriger Kerl das Wort. — Es iſt die Blutbühne, rief ein Dritter. — Und auf dieſe Pfähle wird man die Köpfe der Elenden aufſtecken, lachte ein Vierter— es lebe die Blutbühne. — Es lebe die Blutbühne! fielen zahlloſe Stimmen ein, während viele Hände lange und anhaltend Beifall klatſchten. In dieſer Weiſe überließ ſich die Menge ihrer fanatiſch⸗ſatani⸗ ſchen Freude.— Celeſto war während des ganzen Tages eifrig beſchäftigt geweſen, die Maſchine zu vereinfachen, durch welche die öffent⸗ lichen Angelegenheiten geleitet werden ſollte. Er hatte auf Maſaniello's Verlangen ſeine Wohnung nach dem höhlenartigen Keller unter dem Hauſe verlegt, welches jener bewohnte. Der ſchlaue Rathgeber ſah, mit welcher erſtaunlichen Schnellig⸗ 408 keit ſeine Abſichten überall durch den jungen Fiſcher ausgeführt wurden. Noch am Tage zuvor hatte ihn die anſcheinende Gleichgül⸗ tigkeit Maſaniello's für das Gelingen des großen Unternehmens beſorgt gemacht. Jetzt aber, wo er zufrieden war, zeigte ſich in ſeinem Ant⸗ litz eine gänzliche Veränderung, und ſeine Thatkraft nahm einen neuen Schwung. Sein ſcharfes Auge leuchtete— auf ſeiner hohen Stirn ver⸗ rieth ſich eine ungemeine Herrſchſucht. Seine Worte waren klar und entſcheidend, und ſein Beneh⸗ men erweckte Scheu bei Allen, die mit ihm in Berührung kamen. Er ſchickte aus ſeiner elenden Wohnung, wo ihn Menſchen umgaben, die ihm blind Gehorſam leiſteten, ſeine Befehle in die entlegenſten Theile der Stadt. Dieſe bezweckten hauptſächlich, diejenigen Paläſte zu zerſtören, welche er mit Maſaniello bezeichnet hatte. Er unterhielt überall Kundſchafter, ſelbſt im Vorzimmer des Herzogs von Arcos. So war er zwar dem Anſcheine nach der leitende Geiſt in dieſem allgemeinen Sturme, aber der alte und erfahrene Ränke⸗ macher fühlte, daß ein Anderer durch perſönliche Thatkraft und Volksgunſt über ihm ſtand, zu deſſen Erhebung er ſich ſelbſt ab⸗ gemüht hatte. Auch wußte er, daß der Drang dér Umſtände in dem Geiſte des jungen Fiſchers Gaben entwickelt hatte, wie ſie Zeit und Ereigniſſe erforderten. Die Mittheilungen, die er an dieſem Tage von Maſaniello erhielt, ſetzten ihn in Erſtaunen und machten ihn behutſam. Her laſen, Schweige Das der Ruh brenaen⸗ Di vorwär⸗ nach der De raſchung — Doß Al wurde begrüß ſehen, gleiche wohl a nicht ſo gungen Ihnen jett in des V. Donna D Antwo Herand 409 Finſtere Pläne. Herandez hatte, nachdem er die Wohnung des Räubers ver⸗ laſſen, ſich forſchend umgeblickt, allein es herrſchte überall Schweigen. Das Ungeheuer der Revolution ſchien auf einige Stunden der Ruhe zu genießen, wenngleich noch ringsumher Flammen brengender Paläſte leuchteten und Rauchſäulen empor wallten. Die Straßen waren leer und Herandez ſchritt jetzt muthig vorwärts. Er nahm ſeinen Weg trotz der ſpäten Nachtſtunde nach dem Caſtel Nuovo. Der Herzog von Arcos war noch wach, und ſeine Ueber⸗ raſchung war in der That unbeſchreiblich, als ihm der Diener — Don Herandez meldete. Als dieſer eintrat, eilte er ſtürmiſch auf den Herzog zu und wurde ckuch von dieſem mit allen Zeichen beſonderer Theilnahme begrüßt. — Ich freue mich, Don Herandez, Sie lebend wieder zu ſehen, wenngleich mich die krankhafte Bläſſe Ihres Antlitzes zu⸗ gleich erſchreckt.— e 1b — Ich bin allerdings ein wenig echauffirt, Hoheit, wie es wohl auch kaum anders zu erwarten iſt. — Der Pöbel hat auch Ihren Palaſt in Brand geſteckt, nicht ſo? 1 — Leider— aber glücklicher Weiſe bin ich ſeinen Verfol⸗ gungen entgangen. — Sie ſollen entſchädigt werden, Don Herandez, ich werde Ihnen ſtatt des zerſtörten einen Palaſt erbauen laſſen, wie bis jetzt in Neapel keiner beſteht— 1 — Und wie es ſich für den Schwiegerfohn Seiner Hoheit des Vicekönigs geziemt, entgegnete Herandez bedeutungsvoll; Donna Leonore, hoffe ich, befindet ſich bei guter Geſundheit. Der Herzog ſtieß einen tiefen Seufzer aus und gab keine Antwort. 8 — Ich fragte nach dem Wohlbefinden meiner Braut, nahm Herandez vernehmlicher und doch unſicher das Wort. 410 Der Herzog ſenkte die Blicke zu Boden und verharrte in Schweigen, er ſchien tief erſchüttert.. — Sie erſchrecken mich durch dieſe düſtere Ruhe, Hoheit— rief Herandez dringender. — Die Prinzeß iſt ſehr krank— ſagte er in dumpfem Tone. — Doch nicht lebensgefährlich? — Die heilige Jungfrau ſtehe ihr bei, aber ich hege keine beſondere Hoffnung; der Arzt behauptet, daß in Folge der un⸗ ausgeſetzt aufeinander folgenden Gemüthserſchütterungen, die Ohnmacht, von der ſie jetzt befallen iſt, zum Tode führen kann. — Mein Gott, welch ein Schlag für mich, rief Herandez traurig— ach, daß ſie doch geneſen möchte, bald, bald! — So wiünſche auch ich ſehnlichſt. — Wäre das der Fall, Hoheit, dann dürfte ich auf eine ſchleunige Vermählung mit der Prinzeß rechnen? — Ich ſagte Ihnen ſchon einmal, fiel der Herzog ein, daß dieſe gleich nach der Unterdrückung des Aufſtandes ſtattfinden ſollte, bis jetzt aber ſchwebt meine arme Tochter noch am Rande des Grabes und der Aufſtand— — Soll ſchnell unterdrückt ſein— unterbrach ihn Herandez heftig.⸗ — Wie wäre dies möglich? fragte der Vicekönig überraſcht; wodurch?— — Durch ein— Poſſenſpiel! fiel ihm Herandez mit unan⸗ genehmem Lächeln in's Wort.* — Und wo ſollte dies aufgeführt werden? — In der Kirche del Carmine. — Ich muß Sie bitten, Don Herandez, ſich deutlicher über das zu erklären, was geſchehen ſoll. — Hoheit— ich habe einen Plan, der, wenn Sie ihn aus⸗ führen laſſen, jedenfalls zur Ruhe führt. — Ich wäre ſehr begierig. — Das Volk verlangt ſtürmiſch nach dem echten Freibrief Karls des Fünften. — Von deſſen Vorhandenſein Niemand etwas weiß, ver⸗ ſetzte der Herzog. — Die Eriſtenz dieſes wahren Briefes iſt auch völlig Ne⸗ benſache, ſyricht das Ta Männer in Geg⸗ So ſo konnt ſagte er fendamn machen ſein— — im trogen tigung felg ein ſetzte de zu erw eugt, Geſinde hen, H an den und do Fürſt; über nus⸗ 411 benſache, ſobald nur die Beſchaffenheit deſſelben derjenigen ent⸗ ſpricht, welche ſich das Volk denkt.. — Iſt Ihnen dieſe bekannt? — Sehr genau, verſetzte Herandez, indem er dem Herzog etwas Näheres über die Form und den Inhalt jenes Freibriefes mittheilte— es wäre alſo ein Geringes, fuhr er fort, das Volk⸗ durch die Nachahmung deſſelben zu täuſchen. — Ihr Plan gefällt mir, ich werde ihn in Erwägung ziehen.— — Hören Sie mich weiter an, Hoheit. Dieſer plötzlich an das Tageslicht gekommene Freibrief muß durch ehrenwerthe Männer überbracht und öffentlich in der Kirche del Carmine in Gegenwart des Erzbiſchofs von Neapel vorgeleſen werden. So traurig auch die Gemüthsſtimmung des Herzogs war, ſo konnte er doch nicht umhin, ein Lächeln zu unterdrücken. — Die Täuſchung wäre zwar für die Kirche nicht geeignet, ſagte er— — Allerdings nicht, ein Poſſenſpiel iſt beſſer auf dem Ha⸗ fendamm angebracht, allein man muß aus der Noth eine Tugend machen. — Und Sie glauben, es wird dieſe Komödie ausreichend ſein— — Den Aufſtand zu beſeitigen, fiel ihm Herandez in's Wort; — im Allgemeinen iſt das Volk immer dumm und verdient be⸗ trogen zu werden— ſorgen wir alſo für die ſchleunige Anfer⸗ tigung des ſogenannten Freibriefes, und ich ſtehe für den Er⸗ olg ein. äg— Das Volk verdient allerdings getäuſcht zu werden, ver⸗ ſetzte der Herzog finſter, und wäre von dieſer Maßregel etwas zu erwarten, ſo geſchehe es. — Ich erwarte, was ich Ihnen ſagte, Hoheit; ich bin über⸗ zeugt, der Aufſtand hat ein Ende, und dann werden wir das Geſindel maßregeln, knechten und hinrichten, Sie werden einſe⸗ hen, Hoheit, daß eine in ihrer Würde gekränkte Regierung, Rache an dem entarteten Geſindel nehmen muß, welches ſich Volk nennt und doch eigentlich nur Pöbel iſt, der zum Gehorchen, wie der Fürſt zum Befehlen geboren. — Ihre Anſicht hat Vieles für und auch Manches gegen 412 ſich, Don Herandez, ſagte der Herzog nach kurzer Ueberlegung, ich werde übrigens von Ihrem Rath Gebrauch machen— — Und das Poſſenſpiel mag aufgeführt und Neapel gerettet werden, fiel Herandez lächelnd ein— dann, Hoheit, werden die, welche jetzt brennen, verbrannt und welche jetzt herrſchen, zu Sklaven gemacht werden. — Aber wir vergeſſen ganz das Oberhaupt. — Der Fiſcher von Amalfi— muß ſterben, aber nicht durch eine Hinrichtung. — Aber auf welche Weiſe? flüſterte der Herzog. — Wenn das Volk freudetrunken iſt, nachdem es ſich im Beſitz ſeiner vermeintlichen Privilegien wähnt, geben wir— ein Feſt— und bei dieſer Gelegenheit— — Schon gut, Don Herandez, ich verſtehe, rief der Herzog heftig und verwirrt— — Dieſer Tag, Hoheit, ſoll der glücklichſte meines Lebens ſein, denn er wird zugleich zu meinem Vermählungstage gewählt werden— wir wollen hoffen, daß die Jugendkraft der Prinzeß über das Leiden, das ſie jetzt angewandelt, den Sieg davontra⸗ gen wird. Die finſteren Pläne waren geſchmiedet, und Herzog und Miniſter trennten ſich. Zwei Freunde. Schon am Abend des nächſten Tages trat eine vermummte Geſtalt bei Celeſto ein. — Wer ſeid Ihr? fragte der Alte. — Ein Bote des Friedens. — — Al funden oberhe Verm wiſſen hatte, Euch 4 einen in Ke keine ſehr war ſtand G gen Tauſ heim böſer Fiſch nich war 3⁵ 413 — So laßt mich Gusr Antlitz ſehen. — Wozu bedarf es deſſen; hört, was ich Euch im Namen ſeiner Hoheit, des Vicekönigs zu berichten habe und laßt mich Eure Antwort erfahren, das iſt die Hauptſache, alles Uebrige Kleinigkeit. — So ſprecht. — Der echte Freibrief Kaiſer Karls des Fünften iſt ge⸗ funden.— — Sprecht Ihr die Wahrheit, oder wagt Ihr es, ein Volks⸗ oberhaupt täuſchen zu wollen? — Ein Abgeordneter des Herzogs lügt nicht, verſetzte der Vermummte und machte Celeſto mit allem bekannt, was dieſer wiſſen mußte. — Gut, ſagte der Alte, nachdem er aufmerkſam zugehört hatte, ich werde mit meinen Gefährten zu Rathe gehen und Euch unſeren Beſchluß mittheilen laſſen. Der Abgeordnete entfernte ſich, und Celeſto ſandte ſogleich einen Boten zu Maſaniello, der ihn von der erhaltenen Kunde in Kenntniß ſetzen ſollte. Der Fiſcher ließ ihm durch den bald zurückgekehrten Diener keine Antwort ſagen, ſondern erſchien nach kurzer Zeit perſönlich. Celeſto ſtand auf und umarmte ihn. Seit ihrer letzten Unterredung hatte ſich Maſaniello 8 Weſen ſehr weſentlich geändert. Er war zurückhaltend, hochfahrend, und wenn er ſprach, war ſeine Stimme ſo laut, daß alle, die außerhalb des Kellers ſtanden, ihn hören konnten. Celeſto verſtand ſich ſehr gut darauf, die Gedanken Derjeni⸗ gen zu erforſchen, mit denen er umging. Sein ſcharfes Auge, deſſen Glanz ſo auffallend war, daß Tauſende, wie der Räuber Paolo, glaubten, er übe einen ge⸗ heimnißvollen und unheilbringenden Einfluß auf Alle, die ſein böſer Strahl treffe, war nun forſchend auf die Züge des jungen Fiſchers geheftet. Dieſes offene und furchtloſe Geſicht indeſſen ſagte dem Alten nichts, woraus er irgend welchen Argwohn ſchöpfen konnte. Maſaniello's Antlitz erglühte nicht vor Aufregung— noch war die helle Olivenfarbe deſſelben von einer Wolke getrübt.„ 414 Das dunkle feurige Auge war noch im Stande, das Ge⸗ heimniß tief in ſeinem Innern zu verbergen. Nur ein nicht von Argwohn, ſondern von Theilnahme er⸗ füllter Blick hätte die traurige Wahrheit ſeiner Stimmung leſen können, die ſchon auf ſeiner Stirn geſchrieben ſtand, und die das Auge ſeiner Livia ſogleich erkannt hatte. Er ſchien ein wenig bewegt, und zuweilen äußerte er mit einer gewiſſen Liſt Worte, die ſich auf die Veränderungen bezo⸗ gen, welche Celeſto verborgen bleiben ſollten. Sein Redefluß war ſehr ſtürmiſch, und es ſtrömten feu⸗ rige Ergießungen von Haß und Rachgier gegen den Adel Nea⸗ pels von ſeinen Lippen, ja er wurde wüthend, daß ihm der Schaum vor den Mund trat. Jedes ſeiner Worte ging unter den Tauſenden, die ſich auf dem Marktplatze drängten, von Mund zu Munde, und als er ſchwieg, ſtieg donnernd der Ruf in die Luft: — Lange, lange lebe Maſaniello von Amalfi! Der Klang ſeines Namens, der von den umliegenden Ge⸗ bäuden widerhallte, ſchien ihm, dem Erſchöpften, neue Kraft neue Würde zu geben. Sein Mienen⸗ und Geberdenſpiel war heftig, obgleich bis⸗ weilen ſeine Worte nicht mehr über die trockenen Lippen kom⸗ men konnten. Maſaniello's ſichtliche Erſchöpfung veranlaßte jetzt einen neben ihm ſtehenden Mann, ihm ein Glas Eislimonade zu reichen. Der Fiſcher ſtieß dieſen unſanft zurück und maß ihn mit ſeltſamen Blicken. — Gebt mir Weinl! rief er mit lauter Stimme. Hierauf nahte Jemand und reichte ihm der Sitte gemäß den Wein aus einer gemeinſamen Flaſche. Maſaniello trank in langen Zügen daraus und reichte ſie dann mit einem gewiſſen Widerwillen dem alten Celeſto. Der alte Mann blickte ihm in das Antlitz, und der darin herrſchende Ausdruck hielt ihn ab, das Anerbieten abzulehnen. In dieſem Augenblick entſtand eine Bewegung am Eingang des Kellers, und Paolo ließ um Einlaß bitten. — Kommt nur herab, Paolo, rief Maſaniello mit lauter Stimme; es ſind kalte Freunde zwiſchen uns getreten. De ſeine F Ma von der derte ſei lange be derholte diferſüch ſellen, wählt Dir ge Du ver ſgen Freunde darf ich mehw Platz will d des Vo man u uns ſo N hätte g Blick f endlich eines gehand hat, ve beſſer zu beg G Antli ſtum 5 ſemäß te ſie darin en. gang tauter 415 Der Gerufene ſtieg die Treppe hinab und ſtand vor ihnen; ſeine Farbe veränderte ſich, als er Celeſto's Blicken begegnete. Maſaniello bemerkte indeſſen in Paolo's Begrüßung nichts von der Gewöhnlichkeit Abweichendes. — Er ſchloß den Räuber in ſeine Arme, und dieſer erwi⸗ derte ſeine Zärtlichkeit. — Es iſt unmöglich, ſagte der Fiſcher, nachdem er Paolo lange betrachtet hatte. — Was haſt Du denn? fragte der Räuber ſtaunend. — Kalte Freunde ſind zwiſchen uns getreten, Paolo, wie⸗ derholte Maſaniello traurig; ſie haben mir zugeflüſtert, Du wäreſt eiferſüchtig auf Deinen Jugendfreund, Deinen alten Spielge⸗ ſellen, weil das Volk ihn und nicht Dich zu ſeinem Führer ge⸗ wählt hat. Gott möge es mir vergeben, wenn ich dies von Dir geglaubt habe; unſere Bahnen gingen zwar auseinander, Du verließeſt unſere Heimath, um einen ſündenvollen, abſchüſ⸗ ſigen Pfad einzuſchlagen, aber wir ſind doch alte und treue Freunde. Trübſale haben uns geprüft.— Ach gerade jetzt be⸗ darf ich Deines kalten Verſtandes und Deines kühnen Herzens mehn als je zu meinem Beiſtande.— Es iſt in dieſer Stadt Platz für mich und für Dich.— Höre, Paolo, morgen zur Nacht will der Statthalter ſeine Edelleute zu den Bevollmächtigten des Volkes ſchicken— willſt Du an meiner Seite ſein, während man uns den Freibrief Karls des Fünften übergiebt, den man uns ſo lange vorenthalten hat? Paolo konnte kaum ſeine Verlegenheit verbergen, und er hätte gern ſeine Augen niedergeſchlagen, aber Celeſto's forſchender Blick feſſelte die ſeinigen. — Du haſt gegen mich Mißtrauen gehegt, Maſo, nahm er endlich das Wort; Du haſt Freunde von geſtern dem Freunde eines ganzes Lebens vorgezogen, ſprich, war dies klug oder edel gehandelt? ein Herz, das man gering geſchätzt oder verwundet hat, vermag nur einen ſchwachen Beiſtand zu geben— es wird beſſer ſein, wenn ich den Platz bewache, als Dich in die Kirche zu begleiten. Celeſto's Auge war wieder unheimlich leuchtend auf das Antlitz des Räubers gerichtet, der erſchreckt zurückfuhr und ver⸗ ſtummte. Maſaniello trat zu ihm und reichte ihm die Hand. 8 416 — Wer übel von Deiner Treue und Freundſchaft gegen mich geſprochen hat, rief er nach längerem Nachdenken, und wer behauptet hat, daß ich ihm geglaubt habe, dem ſage ich, er iſt ein Lügner— wird Dich dieſe Verſicherung beſänftigen, Paolo, und ſind wir wieder gute Freunde? Der Räuber ging plötzlich mit der Leidenſchaft und nach der Natur des Südländers von der finſterſten Schwermuth bis zur äußerſten Freudigkeit über. — Ja, ich will Dir treu ſein, Maſaniello; ich will die Gefahr, die Dir nahen könnte, abwenden, mit meiner eigenen Bruſt die Deine ſchützen, in dem Augenblick, in welchem der Giftpfeil auf dieſelbe ſchwirren ſoll; und wer ſich gegen Dein Leben verſchwört, wird von meiner Hand ſterben. Wenn ich dieſen meinen Eid breche, ſo ſoll das Volk meinen Körper zer⸗ reißen und jedes Glied deſſelben zerſtückeln und meine Seele möge zum Teufel fahren, wie es dem Verräther und Bruder⸗ mörder gebührt.— Ein längeres feierliches Schweigen trat ein; Beide hatten ſich umarmt. Maſaniello warf einen langen, vielſagenden Blick auf den alten Jugendfreund. — Ich glaube Dir, ſprach er im Tone der Ueberzeugung und gelobte einen gleichen Eid. — Und nun erzählt mir die Geſchichte vom Statthalter, ſagte der Räuber nach einer Weile; will er uns in der That den Freibrief ausliefern. — Er will es, verſetzte Celeſto. — Und wer bürgt uns für die Echtheit deſſelben? — Ich kenne ihn, und außerdem ſoll er von ehrenwerthen Männern oder gar vom Biſchof ſelber öffentlich in der Kirche del Carmine verleſen werden. — Ich bin jetzt erſt fähig, über die Angelegenheit zu be⸗ rathen, ſagte Maſaniello und beſtimme ſomit, daß wir nicht ſogleich auf jenes Anerbieten eingehen. — Und was ſoll vorher geſchehen? fragten Celeſto und Paolo zu gleicher Zeit. — Der Statthalter ſelbſt ſoll uns dieſe Botſchaft verkünden, und zwar öffentlich muß er uns durch einen Eid verſichern, daß es der Freibrief iſt, welcher von Carl dem Fünften herrührt, aber vich Nanpel, Famili und der heinen J 6 indem er — 1 langen u ( Kunde feſter S In verworre Die Pac Thür u eines N zum ſch gegen er iſt Paolo, d nach -uth bis will die eigenen eem der —n Dein enn ich per zer⸗ e Seele Pruder⸗ hatten auf den zeugung thalter, er That werthen Kirche zu be⸗ r nicht ſto und rkünden, ern, daß errührt, — nd wer 3 aber nicht in ſeinem Caſtel, ſondern vor den Augen von ganz Neapel, auf der Freitreppe ſeines Palaſtes, in Gegenwart ſeiner Familie und ſeines Hofes; im Angeſichte eines ganzen Volkes und der Perſonen, die ihm am nächſten ſtehen, wagt er ſo leicht keinen Meineid. — Der Herzog wird ſich weigern— fiel Celeſto ein. — Gleichviel— ich will es ſo— rief Maſaniello gebieteriſch, indem er auf den Boden ſtampfte. — Maſo hat recht, ſagte der Räuber; jetzt können wir ver⸗ langen und wir müſſen den Augenblick benutzen. — So bin ich zufrieden, und wer wird dem Vicekönig die Kunde von unſerem Beſchluſſe mittheilen? — Dafür werde ich Sorge tragen, verſetzte Maſaniello mit feſter Stimme. Das erſte Zeichen der Gewalt. In dieſem Augenblick ertönte auf der Straße ein lautes verworrenes Geſchrei. Die Lenker des Aufſtandes wurden darauf aufmerkſam. — Die Räuber— die Räuber— rief man wüthend. Paolo bemüthe ſich ſchärfer zu hören, indem er ſich der Thür näherte und erkannte zu ſeinem Schrecken die Stimme eines Mitgliedes ſeiner Bande, welche bald flehend, bald heftig zum ſchreienden Pöbel ſprach. — Schleppt ihn hinweg, riefen Hunderte von Stimmen, Maſaniello hat es befohlen, ſeht nach der Verordnung. — Schont meiner, fagte der Räuber; ich bin einer der ſiel nhundert treuen Volksfreunde, mein Hauptmann Paolo iſt Das Bpfer von Amalfi.(Bd. II. 7.) 27 418 Maſaniello's Bruder— außerdem wurde ich von einem Ban⸗ diten Frederigo's veranlaßt.. — Das iſt es eben, ſtotterte Paolo wüthend, als er dieſen Namen nennen hörte; der ſchurkiſche Frederigo mit ſeiner Bande kam unter dem Vorwande, die Rechte des Volkes zu ſchützen, nach Neapel, und ſie ſtehlen nach Herzensluſt. Maſaniello achtete genau auf Alles, und während ſich der Volkshaufe dem Keller näherte, las man ſehr bald den Eindruck dieſes Vorfalls in ſeinen Zügen. Die Milde und Freundlichkeit, die er noch vor wenigen Minuten Paolo gegenüber bewieſen, war verſchwunden. Sein Blick wurde wild und glühend; in ſeinem Antlitz zeigte ſich der Ausdruck einer Entſchloſſenheit, vor welcher ſelbſt Celeſto zu zittern begann. Er flog raſch die Treppe hinauf und ſtand an der Oeffnung des Kellers. Als er ſeine Hand erhob, verſtummte die Menge augen⸗ blicklich, als wäre ſie plötzlich der Sprache beraubt. Man führte ihm jetzt einen Gefangenen in Räubertracht vor. Seine Kleider waren im Kampfe mit dem Volkshaufen zer⸗ riſſen worden; ſein Geſicht war bleich vor Schrecken, aber es verrieth dennoch einen finſteren Trotz.. — Was hat dieſer Mann gethan? fragte Maſaniello würde⸗ voll und ruhig. — Er hat in dem Palaſt des Prinzen Samiano geſtohlen, gab man zur Antwort. — Hinweg mit ihm— rief Maſaniello— er ſterbe! Es iſt zeitig genug gewarnt worden, fuhr er fort; Maſaniello hat zu Gott und der heiligen Jungfrau geſchworen, Gerechtigkeit zu üben, und er wiederholt dieſen Schwur vor Euch Allen. Ein tiefes Schweigen trat ein, Niemand wagte auch nur einen Laut hervorzubringen. — Gnade, Mitleid, begann endlich der Verurtheilte. Maſaniello ſtampfte wild mit dem Fuße auf den Boden. — Hinweg, Räuber, rief er laut und grimmig— ſolche Leute bedecken des Volkes Sache mit Schmach— die Fackeln herbei— zu dem Blocke mit ihm! Der Gefangene riß ſich mit Gewalt los und warf ſich vor Maſaniello nieder. entdecke Dich zu werden gen er J Gerüſt 2 Zerſtr dahin Ban⸗ dieſen Bande ſchützen, ſich der Pindruck ſwenigen Antlit et ſelbſt Heffnung augen⸗ lcht vor. fen zer⸗ aber es würde⸗ eſtohlen, he! Es ello hat gkeit zu uch nur den. ſolche Fackeln ich vor — 419 — Schone meiner, Maſaniello, ich will Dir einen Verrath entdecken, rief er angſtvoll. — Einen Verrath? — Paolo hat ſich mit dem Miniſter Herandez verbunden, Dich zu ermorden, rief er ſo laut, daß es im Keller gehört werden konnte. — Lügner— rief Maſaniello aufgeregt und mit donnern⸗ der Stimme; hinweg mit Dir. Er erhob den Zeigefinger ſeiner Hand, zog ihn quer durch die Luft, und ein lautes Geſchrei folgte. Der Räuber ward trotz ſeines Jammers, ſeiner Betheuerun⸗ gen ergriffen und geknebelt. Man ſchleppte ihn in die Mitte des Marktplatzes zu dem Gerüſte, und die Fackeln beleuchteten ſein verzweifeltes Antlitz. Die Erecution ward ſchnell vollſtreckt. Man hieb ihm den Kopf ab, ſteckte ihn an einen der ſpitzigen Pfähle, die das Gerüſt umſchloſſen, während der noch zuckende Rumpf vor den Volkshaufen geworfen ward. Dieſes war das erſte blutige Zeichen der Macht Maſaniello's und ein Beweis, wie er von der ihm verliehenen Gewalt Ge⸗ brauch machen wollte. Als er wieder in den Keller zurückgekehrt war, fand er ſeine Genoſſen leichenblaß. 3 Celeſto's Blick, ſonſt ſo furchtbar, war ſchüchtern und faſt zaghaft zu Boden geſchlagen. Maſaniello's Züge verriethen ein Gemiſch von Ruhe und Zerſtreutheit. — In einer Stunde treffe ich Dich, Paolo, ſagte er, bis dahin ruhe aus, hier oder wo es Dir beliebt; und Ihr, fuhr er zu Celeſto gewendet fort, werdet Euch meinem Beſchluſſe fügen, damit uns der Vicekönig von Neapel nicht überliſte. Mit dieſen Worten verließ er den Keller und begab ſich in das obere Stockwerk des Hauſes. Als ſeine Schritte nicht mehr gehört werden konnten, athmete Celeſto erleichtert auf. 27*° Das Blutbündniß. — Das ſind ſtrenge Maßregeln, Paolo, ſagte er ſo leiſe, daß der Angeredete ihn kaum hören konnte; und in Wahrheit, wir haben einen kühnen, entſchloſſenen jungen Mann zu unſerem Anführer gewählt. Es wird gut ſein, wenn Ihr dieſe Lehre benutzt, die er Euch eben gegeben hat und demjenigen Eurer Leute die Zunge ausreißt, die Euch belügen wie jener Schurke; es könnte ſonſt Unheil geben. — Er hat gelogen, ſprach Paolo finſter, und hat dafür gebüßt. — Ohne Zweifel hat er gelogen, rief Celeſto lebhaft, aber wenn Herandez, was wohl keinem Zweifel unterliegt, in die Hände des Volkes fallen ſollte, würden dann nicht die Worte jenes Elenden dem gnädigſten Herrn von Nachtheil ſein? ſetzte er mit unverkennbarem Hohn hinzu. — Paolo's Antlitz bedeckte ſich auf's Neue mit Todesbläſſe, während ſeine Lippen zitterten— und ſeine Blicke zu Boden geſenkt waren. Celeſto ſah forſchend auf den Räuber, bis er über ſeinen Argwohn außer Zweifel war. — Paolo, nahm er nach kurzer Pauſe das Wort; wir ſind mit einander befreundet und arbeiten gemeinſam, ich möchte daher nicht gern, daß Euch ſo plötzlich ein trauriges Schickſal ereilte.—: — Ich verſtehe Euch nicht, Celeſto. — Ich bin ein alter, erfahrener Mann und habe eine ſcharfe Beobachtungsgabe. — Nun— was wollt Ihr alſo ſagen? — Euer Geheimniß iſt offenbar— jener Verräther hat die Wahrhett geſagt. Er betrachtete den Räuber mit ſeinem furchtbaren Blick, und dieſer wurde immer verwirrter. — Ihr wollt es nicht eingeſtehen, mir aber könnt Ihr es unmöglich verbergen, ich ſchaue zu tief in Eure Seele. — Mann— was wollt Ihr? — Euer ſ Ihr hfal gender; Fnger Kopf neunzi⸗ Pöbel Zeit zu Vorſch auffaſſ Ihr ſe vermög haber v um die Mumn neue G Hand alſo Zeuge funden leiſe, heit, ſerem ehre Purer urke; dafür aber in die Worte ſetzte läſſe, Boden einen t ſind nochte jickſal 1 421 — Wenn Ihr zögert, Euren Vorſatz auszuführen, ſo wird Euer Kopf der zweite ſein, welcher Maſaniello's Blutbühne ziert; Ihr habt alſo nur die Wahl, ihn zu tödten, oder zu fliehen. — Welch' ein Dämon— dachte Paolo. — Hörtet Ihr nicht, was ich ſagte? mahnte Celeſto drin⸗ gender; Ihr müßt fliehen, oder— ihn tödten. — Nun wohl denn, ich werde nicht fliehen. — Dann alſo wolltet Ihr— — Ihn tödten! rief der Räuber grimmig. — So muß es ſein, verſetzte Celeſto— wer wird ſeinem Finger wehren, wenn er ihn zu dem Befehle erhebt, Euren Kopf abzuſchlagen; meint Ihr, daß Eure ſechshundert neunund⸗ neunzig Mann es mit den zweihunderttauſend von dieſem tollen Pöbel aufnehmen können? Uebrigens bleibt Euch nicht lange Zeit zum Beſinnen. Der Statthalter wird ohne Zweifel ſeinen Vorſchlag annehmen, die Edelleute werden, was ich ihm noch nicht geſagt habe, nicht nur den Freibrief überreichen, ſondern ihm ſogar ihre heuchleriſchen Huldigungen darbringen— ge⸗ ſchieht dies, dann wird er ſeinen Fuß ſo feſt auf ihren Nacken ſetzen, als auf den unſrigen und mit unbeſchränktem Despotis⸗ mus, nicht beſſer als der Herzog von Arcos uns beherrſchen. Paolo ballte drohend die Fauſt. — Ihr müßt ein wenig genauer den Sinn ſeiner Worte auffaſſen, die wahrlich keinen Sweifal laſſen; alſo flieht, oder Ihr ſeid des Todes! — Ich will nicht fliehen, rief der Räuber, aber ſagt Celeſto, vermögt Ihr im Ernſt zu glauben, daß man ihn zum Be efehls⸗ haber von Neapel ernennen will? — Ich vermuthe es, denn es bleibt ihnen keine andere Wahl, um die Ruhe und Ordnung wieder herzuſtellen. — Ich habe Gründe, dieſe Geſchichte für einen albernen Mummenſchanz zu halten. — Wir haben vor allen Dingen dafür zu forgen, daß der neue Gouverneur niemals zur Regierung gelange, einer weiſeren Hand muß das Stenerruder des Staates überwieſen werden, alſo— — Aber ihn tödten— wird mir ſchwer fallen— Ihr ward Zeuge der Scene, welche vorhin zwiſchen mir und ihm ſtattge⸗ funden hat. 422 — Sie ſtand nur mit einer augenblicklichen Aufwallung ſeiner Gefühle in Verbindung, welche jetzt wohl ſchon wieder gedämpft ſein wird; ich wiederhole, Ihr müßt ihn tödten oder fliehen? 4 — Und ich wiederhole, daß ich nicht fliehe; ſoll ich denn der ganzen Welt zum Gelächter werden? — Ich dränge Euch nicht zur Flucht, erwiderte Celeſto; Ihr habt eine tapfere und zahlreiche Bande, wenn auch nicht ganz zuverläſſig; Ihr beſitzt ferner einen mächtigen Freund, Don Herandez, ich weiß nicht, ob dieſe Mittel geeignet wären, Euer Leben und das Schickſal Neapels zu ſichern. Der Räuber war in Gedanken verſunken und ſchien auf die Worte Celeſto nicht zu achten. — Er hat uns zu ſchnell von ſich geſtoßen, begann er nach längerem Schweigen; die Thorheit fällt auf ſein Haupt zurück, und ſo mögen ihn auch die Folgen treffen; wo iſt Pietro? — Ich weiß es nicht, verſetzte Celeſto; aber auch auf ihn muß man ein wachſames Auge richten. Hört Paolo, ſollte in der morgenden Nacht die Scene in der Kirche del Carmine ſtattfinden, ſo ſeid auf Eurer Hut, und wenn einer von Beiden das Gotteshaus verläßt, wird keine Macht auf Erden Euch retten können, und Ihr dürft Euch dann nicht wundern, wenn auch meine Stimme ſich dann mit dem allgemeinen Geſchrei vereinigt, das Euren Kopf fordern wird. — Wenn ſie es thun, ſprach der Räuber wüthend, ſo möge mein Kopf auf den Block kommen— aber ich werde— handeln! Ohne ſich von ſeinem Platze zu erheben, ohne eine ſichtbare Regung von Freude, ſtreckte Celeſto jenem ſeine runzlige Hand entgegen, um ſchweigend ein Blutbündniß zu bekräftigen. Paolo bebte vor der dargebotenen Hand zurück. Aber als wäre ihm von einer geheimen Macht ein Befehl zugegangen, erhob er langſam ſeinen Arm und faßte die kalte, verdorrte Hand. Beide ſprachen kein Wort, aber ſie hatten ſich— vollkom⸗ men verſtanden. 5 Der Räuber verließ den Keller und begab ſich zu Maſaniello, wie dieſer es verlangt hatte. Al dicker Ei hin er A Wahn G dennoc E blick- doch n 3 mitte bran Thrä wo ſi aber e komm, ſchon, Tod u donne fallen ballung wieder in oder ch denn eleſto, nicht Jreund, ſwären, en auf er nach zurück, 2 auf ihn lite in rmine Beiden r Cuch wenn eſchtei möge indeln/ htbare Hand Befehl kalte, llkom⸗ niello, 423 Die Heldenthat. Als Giulio in den brennenden Palaſt ſtürzte, umgab ihn dicker Qualm. Einige Augenblicke ſann er nach, welchen Weg er wählen, wo⸗ hin er ſich zuerſt wenden— wen zuerſt er ſuchen ſollte. Allein es war zum Beſinnen keine Zeit übrig— wie ein Wahnſinniger ſtürzte er die Treppe hinauf. — Ueberall Flammen— überall Qualm.— Er vermochte kaum noch zu athmen, noch um ſich zu blicken, dennoch ſtürmte er vorwärts. Er riß die Thür auf, und— großer Gott, welch ein An⸗ blick— am Boden lag die Schweſter, bewußtlos— todt— doch nein, ſie lebt. In der That ſchlug Blanka die Augen auf, als ſie plötzlich mitten durch die Flammen, über den ſchon weichenden, halb ver⸗ brannten Fußboden eine männliche Geſtalt herbeieilen ſah. Sie ſprang auf, erkannte ihren Bruder und brach in Thränen aus. — Mein Giulio, mein Bruder, mein Retter! rief ſie, ach wo ſind unſere Eltern? — Gott möge ihnen gnädig ſein, entgegnete der Gefragte, aber es iſt keine Zeit für Fragen und Antworten übrig; komm, komm, unglückliches, verwaiſtes Mädchen, die Treppe wankte ſchon, als ich hineinflog, und wenn ſie zuſammenſtürzt, iſt unſer Tod unxvermeidlich. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, da ſtürzte mit einem donnernden Getöſe, als ob das ganze Gebäude in Trümmer ge⸗ fallen wäre, die mächtige Treppe zuſammen. 4 Der Palaſt erzitterte vom Dache bis in die Grundmauern — die Terraſſe ſpaltete ſich von einem Ende zum anderen. Die Bruſtwehr zerfiel in Stücke, welche mit lautem Krachen auf die Straße hinabſtürzten. Jetzt erſt ſah Blanka den grimmigen bis zum Wahnfinn aufgeregten Volkshaufen. 424 Ginlio dachte nicht mehr an das Schickſal, das er einen Augenblick zuvor als unvermeidlich bezeichnet hatte. Ebenſowenig erwog er, daß ihn die Wuth, die Grauſam⸗ keit des Pöbels erwarte. Er ſchwankte zurück, gewann ſchnell wieder ſeine Geiſtes⸗ gegenwart, ſprang an das Ende der Terraſſe und winkte mit der Hand dem Volkshaufen. Der Lärm ſchwieg einen Augenblick, und ſelbſt ſeine empör⸗ ten, rohen Feinde ſahen mit Verwunderung empor. Ginlio hatte den ziemlich langen Strick, mit dem er gefeſ⸗ ſelt war, inſtinktmäßig in den Händen behalten. — Wir haben keinen Augenblick zu verlieren Blanka, eile, eile! rief er im Tone äußerſter Angſt. 1 Er befeſtigte das Ende ſeines nicht gar zu ſtarken Strickes an ihrem Gewande, ſchloß ſie in ſeine Arme, küßte ihre Stirne — und ließ ſie dann über den Rand der Mauer hinabgleiten. Durch Rauch und Flammen kam ſie hinunter, und war noch acht Fuß vom Boden entfernt, als der Strick, der ſie hielt, nicht mehr ausreichte. Giunlio blieb einen Augenblick unſchlüſſig, denn ließ er den Strick los, ſo war für ihn die Hoffnung, auf gleiche Weiſe hinabzugelangen, verloren. Aber was lag ihm daran— war es nicht im Grunde ge⸗ nommen beſſer, hier unter den Trümmern ſeines Ahnenhauſes begraben, als die Beute des Pöbels zu werden. Er harte ſchnell einen Entſchluß gefaßt, während zugleich ein neuer Flammenausbrnch ſtattfand. Er ließ den Strick gehen und Blanka fiel unbeſchädigt auf das Straßenpflaſter. Giulio dachte an den Tod in den Flammen, aber bald er⸗ innerte er ſich wieder mit Verzweiflung des Schickſals, das ſei⸗ ner Schweſter da unten harrte.— Hinab, hinab, ſo tönte es in ſeinem Innern, um wenig⸗ ſtens den Verſuch zu wagen, ſie zu beſchützen. Noch ehe Blanka ſich wieder erhoben hatte, ſtürzte neben ihr eine ſchwarze Maſſe nieder. Die Flammen wütheten verheerend— ein Theil des Ge⸗ bäudes nach dem andern brach zuſammen. Die Terraſſe, von welcher Giulio eben herabgeſprungen wr ſt verwand Die zwat be Verderb Ebe die Unn einande Di unglüch von ei gehe z licher wußtlo baren, ind ein2 herzig bedeck betra⸗ niers Ihr n zu we I und hatte. Entk dem und brenn lſam⸗ eiſtes⸗ it der npör⸗ gefeſ⸗ heile, trickes tirne iten. noch nicht dn Weiſe de ge⸗ hauſes ich ein tt auf ld er⸗ s ſei⸗ venig⸗ neben 3 Ge⸗ ungen einen 4 425 war, ſtürzte nieder, und der Palaſt war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die muthige That wurde von dem tobenden Volkshaufen zwar bewundert, allein ſie ſollte Giulio von dem ihm drohenden Verderben nicht retten. Eben wollte der Bruder die Schweſter davontragen, als ſich die Unmenſchen um ihn drängten. — Ergreift ihn, ergreift ihn, riefen viele Stimmen durch⸗ einander; jetzt gehört er wieder uns. Dieſe ſchrecklichen Worte ſollten ſich bald verwirklichen, der unglückliche Giulio wurde ergriffen und mit lautem Geſchrei von einem Theile der Umſtehenden davongeführt. — Leb wohl auf ewig, meine arme, arme Schweſter, ich gehe zum Tode; wir ſehen uns nicht wieder! rief er mit ſchmerz⸗ licher Stimme, während er einen letzten Blick auf die jetzt be⸗ wußtloſe Blanka warf. — Laßt uns auch ſie mit uns nehmen! riefen die Furcht⸗ baren, welche zurückgeblieben waren, wir wollen nicht Weib noch Kind ſchonen!. Schon wollten ſie die Ohnmächtige ergreifen, als plötzlich ein Mann herbeiſtürzte, welcher das ſchwarze Gewand der barm⸗ herzigen Brüder trug, während ſein Antlitz von einer Maske bedeckt war. Raſch theilte er die Menge, kniete neben Blanka nieder und betrachtete ſie einige Augenblicke. — Der Palaſt des Henkers von Neapel, des gelben Spa⸗ niers iſt der nächſte, rief der Mönch, dorthin Brüder, wenn Ihr nicht wollt, daß dem Elenden Zeit zur Flucht übrig bleibe, zu welcher er bereits alle Anſtalten trifft. Mit dieſen Worten bahnte der Vermummte ſich einen Weg und verſchwand, nachdem er Blanka auf ſeine Arme gehoben hatte.— Es entſtand ein augenblickliches Murren, man wollte dem Entkommenen nacheilen, allein es ſchien doch wichtiger, ſich nach dem Palaſte des Don Herandez zu begeben, um auch dort Tod und Verderben zu verbreiten. Der Volkshaufe ſtürmte davon und der Platz vor dem brennenden Palaſt war verödet. —— 426 Die wahnſinnige Wittwe. Es mochte etwa eine halbe Stunde nach dieſem Vorfall ver⸗ floſſen ſein, als eine hohe weibliche Geſtalt erſchien. Sie mußte heftig gelaufen ſein, denn ſie war ſo erſchöpft, daß ſie ſich nicht aufrecht zu erhalten vermochte. Auf den Boden hingeſunken, ſtarrte ſie unausgeſetzt auf das rauchende Gebälk. Es ſchien ſie nicht zu kümmern, daß ein Balken nach dem anderen unmittelbar vor ihr niederſtürzte. Unbeweglich verharrte ſie in der angenommenen Stellung, während heiße Zähren von ihren Wangen herabrieſelten. — Ihr ſchwarzgebrannten Mauern des Ahnenſchloſſes der Mattalone, begann ſie mit dumpfer Stimme, ſagt mir, wo ſind die Meinen?— haben ſie die Furien der Flammen vernichtet— ſie Alle den ſtolzen Vater, die gute Tochter, den kühnen hoff⸗ nungsvollen Sohn?— Ihr ſchweigt, fuhr ſie fort, Ihr u tet nicht, Ihr unbeugſamen, ſtarren Mauern, rühren Euch ni die Thränen der wahnſinnigen Wittwe?— Gott, wie konnteſt Du ſolche grauſige Brandopfer verlangen?— Ach, hier liegt mein Stolz, meine Hoffnung, mein Glück begraben— hier will auch ich ruhen. In dieſem Augenblick fühlte ſie ſich ſanft auf die Schulter geklopft,— ſie blickte ſich um, ein braunes Mädchen ſtand vor ihr.— hn — Grnädigſte Frau, warum jammern Sie? fragte die Fremde.— — Ich bin die gnädigſte Frau nicht mehr, ſondern die wahnſinnige Wittwe, welche hier die Aſche der verbrannten Ge⸗ beine des Gatten und der Kinder ſucht. — Sangue di dio— rief das Mädchen; die arme Frau iſt in der That von Sinnen.— — Ich freue mich, daß ich es bin, doch komme, mein Kind, es ſoll da drinnen Hochzeit ſein— die Feuergeiſter ſind die Gäſte, ſie wollen uns Alle mit den Flammen vermählen— der Veſuv macht den Prieſter, das Meer und der Sturm werden die Muſik dazu heulen. — Müche ſchon, wibd ſi ſellſchaf Si ich füh des G S Mund ſanft; mit A doch t N * Herzo herab doch rufen warte S ſich de ¹ Krach liche⸗ 3 letzten 1 die H dem ſellung, les der do ſind tet— hoff⸗ dwor⸗ 1 onnteſt liegt r will chulter ſtand e die en die n Ge⸗ au iſt Kind, d die — der verden —— 427 — Gnädigſte Frau, nicht ſolche Worte, unterbrach ſie das Maädchen. — Laß mich, ich habe keine Zeit, horch, die Muſik beginnt ſchon, und die Flammen wollen danach tanzen, ſieh' nur, wie wild ſie ſpringen und lodern, hurrah— das iſt eine luſtige Ge⸗ ſellſchaft— komm— laß uns eilen! Sie wollte das Mädchen mit ſich fortziehen. — Kommen Sie, gnädigſte Frau, ſagte ſie, Sie ſind krank, ich führe Sie nach einem Kloſter— nur fort von dieſer Stätte des Grauens. — Wer biſt Du denn, mein Kind? — Ich bin die Tochter eines armen Lazzarone. Kaum hatte die Wahnſinnige dieſe Worte gehört, als ihrem Munde ein gellender Schrei entfuhr und ſie das Mädchen un⸗ ſanft zur Seite ſtieß. — Geh, geh, Du biſt eine Tochter des Geſindels, rief ſie mit Abſcheu, ach, das Geſindel hat dieſes Unheil angerichtet— doch nun bleibe, Du ſollſt dafür büßen, die Verbrechen der Vä⸗ r werden an Kindern, Enkeln und Urenkeln, bis in das dritte — gerächt. Sie zerrte ſie mit ſich fort und ließ ſie dann wieder fahren. — Nein, ſagte ſie, indem ſie ſich ſtolz emporrichtete, die Herzogin von Mattalone würdigt ſich nicht zum Würgengel herab, das kann nur ein Weſen Eures Gelichters werden— doch horch, wie es ſpielt und jauchzt und ſchreit, meine Kinder rufen mich zum Feſte, gleich, gleich, ich bin noch nicht friſirt— wartet einen Augenblick. Sie fuhr mit den Händen nach ihrem Kopfe und zerraufte ſich das Haar und eilte dem Hauſe noch näher.. Allein ſte hatte es noch nicht erreicht, als mit donnerndem Krachen wiederum ein Balken herabſtürzte und— die unglück⸗ liche Herzogin— lag zerſchmettert unter ihm. Mit lautem Geſchrei eilte die Tochter des Lazzarone davon. Der Herzog von Mattalone hatte ſein Haus bis auf den letzten Augenblick vertheidigt. Als indeſſen das Thor erſtürmt war, wollte er ſich durch die Hinterpforte retten. 428 1— ſinet Toe Aber plötzlich fiel es ihm ein, daß Blanka, ſeine Tochter, dr und noch im Hauſe ſei, während die Abweſenheit ſeiner Gattin und Dem ſeines Sohnes ihm bekannt war.* glucht w Schon befand er ſich an der Hinterpforte, als er eilig nach gfüht eir dem Hofe des brennenden Palaſtes zurückkehrte. Kaur Schnell und furchtlos ging er durch die Flammen zu der den Weg noch nicht eingeſtürzten Haupttreppe, welche zu dem Zimmer wuthheul ſeiner Tochter führte. 4* Er überlegte, ob er es wagen ſollte, hinaufzuſteigen, allein bald ſah er ein, daß die Treppe unter ſeinem Gewicht unvex⸗ meidlich zuſammenſtürzen mußte, die ſchlanke Geſtalt ſeiner Toch⸗ ter indeſſen wohl tragen konnte. — Blanka, Blanka, meine Tochter, komm herab zu Deinem geängſtigten Vater! rief er mit lauter Stimme. Es erfolgte keine Antwort, aber die Flammen brauſten, und es blendete ihn der Dampf, der umhergewirbelt wurde. Dieſer wurde bald durch den von den Schloßhöfen eindrin⸗ genden Luftzug getrieben und ſtieg bald zu den oberen einſtür⸗ zenden Gemächern. Der Herzog war von den Flammen verſengt und dem 9 ſticken nahe. Nichtsdeſtoweniger verließ er die Stelle nicht, an der er ſtand und immer noch nach ſeiner Tochter rief. Er hatte nicht bemerkt, daß ſchon längſt an ihm eine Ge⸗ ſtalt vorübereilte, aber auch jene hatte in ihrer verzweifelten Eile ihn nicht gewahrt, und ſo waren denn Vater und Sohn 9 wohl zum letzten Mal in ihrem Hauſe ſo nahe aneinander, ohne ſich— geſehen zu haben. Die Situation des Herzogs drohte mit jedem Augenblick gefahrvoller zu werden. Er hatte den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe geſetzt und überlegte, ob er tollkühn es unternehmen ſollte, hinaufzu⸗ ander ſter riefen A bleiben für ein ſteigen. ubei Plötzlich ſpaltete ſich die ganze Maſſe und ſtürzte donnernd zuſammen.. etic 4 Auch er ſank nieder, umringt von den Trümmern, und noch ehe er ſich aufraffen konnte, ſtürzte auch die Terraſſe, welche die za beiden Enden des Gebäudes verband. 8 Unverletzt, aber mit tödtlichem Schmerz um das Schickſal gris gräßlie chter, und nach du der mmer allein nvex⸗ Koch⸗ ſeinem ruſten, e. drin⸗ iſtr⸗ m 4½ ht, an Ge⸗ felten Sohn ander, enblick geſetzt außzu⸗ nernd dnoch he die hichjal 429 ſeiner Tochter, erhob er ſich, eilte über die Schutthaufen in den Hof und befand ſich nach wenigen Minuten auf offener Straße. Dem unglücklichen Herzog war das Schickſal bei ſeiner Flucht weniger günſtig, als Don Herandez, deſſen Palaſt un⸗ gefähr eine Stunde ſpäter ein gleiches Loos zu Theil ward. Kaum hatte er ſich, ohne es eigentlich zu wiſſen, wohin er den Weg nehmen ſollte, einige Schritte entfernt, als ihn ein wuthheulender Haufe umringte. — Zum Sohne, zum Sohne mit ihm— ſie ſollen mit ein⸗ ander ſterben! ſchrieen viele Stimmen. — Er hat auf uns geſchoſſen, wir wollen Rache nehmen! riefen Andere. Der Henker ſeines Vaters. Giulio wurde nach einem Keller geſchleppt, wo er gefangen bleiben ſollte, bis ſein Vater gefunden war, mit dem er dann für einen ſchmählichen Tod beſtimmt war. Er hatte ſich auf einen Stein niedergelaſſen, welcher in einem Winkel lag und ſtierte düſter auf die Flamme der Fackel, welche den Raum erleuchtete. Er war ſehr bleich— ein wunder Schmerz um das ihm unbekannte Loos der Seinen zerriß ihm die Bruſt. Blanka war zwar dem Flammentode entriſſen, aber iwelches Schickſal harrte ihrer jetzt? Was war aus ſeinem Vater, ſeiner Mutter geworden— hatten ſie den Tod unter den brennenden Trümmern des Palaſtes gefunden, oder lebten auch ſte, um die Beute eines anderen, gräßlichen Verderbens zu werden? 430 Dieſen Gedanken hatte er ſich überlaſſen, während zwei Kerle ihm gegenüber zu ſeiner Bewachung beſtimmt waren, welche ihn häufig verhöhnten. Es mochte etwa eine Stunde verfloſſen ſein, als ein lautes Geſchrei von außen hereindrang, welches immer näher kam und zuletzt unmittelbar vor der Thür ertönte. — Sie bringen ihn, ſie bringen ihn, rief einer der beiden Kerle. — Jetzt, gnädigſter Prinz, ſagte der Andere, wird Ihr Herr Vater, der Herzog von Mattalone, erſcheinen— dieſes Quartier iſt zwar nicht ſtandesgemäß, aber es wird Ihnen nicht ſchaden, ſich, wenn Sie aus der Welt gehen, ſagen zu können, ich habe es auch einmal in den Kellern verſucht, welche der Pöbel bewohnt. Ein verächtliches Achſelzucken war die ganze Antwort, welche Giulio für dieſen Elenden hatte. In dieſem Augenblick ward die Thür heftig aufgeriſſen, ein drohender Haufe ſtürzte herein. Dieſer führte den Herzog von Mattalone in ſeiner Mitte, es war ein Anblick zum Erbarmen. Sein Antlitz war ſehr bleich und verrieth alle Spuren Schmerzes und der Entrüſtung. Seine Kleider waren zerfetzt und beſudelt— ſeine Hände bluteten. Immer aber trug dieſer eingefleiſchte Ariſtokrat noch einen gewiſſen Stolz zur Schau. Giulio erhob ſich bei dem Erſcheinen ſeines Vaters und eilte ihm entgegen. — Mein Sohn, mein einziger Sohn! rief der Herzog und ſchloß ihn innig in ſeine Arme. Einige Augenblicke herrſchte Schweigen, ſelbſt die rohe Um- gebung wagte die Heiligkeit dieſer Familienſcene durch keinen infamirenden Laut zu ſtören. — Alſo dahin mußte es kommen, mein Vater, ſagte Giulio mit ſanftem Vorwurf, ich hatte Dir prophezeit, daß einſt die Stunde der Rache ſchlagen müßte. — Wohl, mein Sohn, verſetzte der Herzog, ich bin mit meinem Schickſal zufrieden, ich habe es nach der Meinung dieſes Geſindels nicht beſſer verdient; was aber haſt Du gethan, daß ſie auch Dich zum Tode führen— Du, der Du ſtets nach der Frähheit reicht- wie ſte — haltet 3 genomm eeiner G talone, kühne S ich haſ keit hin der He hat fern in Gem welche Pn ſahr, Porte den K blende ichtlich mit ein ſahen, zittern Augen dem gegebe erfahr voll arme liche, d wei waren, lautes am und t beiden ird Ihr ⁵ dieſes en nicht können, lche der ntwort, ſſen, ein Mitte, 97 Haͤnde tat noch ers und zog und he Um⸗ keinen Giulio einſt die bin mit g dieſes an, daß ach der ————— — — 431.* Freiheit des Volkes ſtrebteſt? Nun, was Du gewünſcht, iſt er⸗ reicht— dieſe Kannibalen haben die Freiheit erlangt, Du ſiehſt, wie ſie dieſe anwenden, Gott, ſchütze Neapel! — Vor den Cdelleuten! riefen die Wüthenden. — Schweigt, Geſindel, rief der Herzog, ſagt mir, warum hau Ihr meinen Sohn gefangen, der ſtets Eure Rechte wahr⸗ genommen und ſich dadurch die Mißgunſt des Hofes und aller ſeiner Genoſſen zugezogen hat. — Der Prinz iſt ein Verräther wie Sie, Herzog von Mat⸗ talone, nahm ein Menſch das Wort; verzeihen Sie mir dieſe kühne Sprache, die ſo ganz gegen die feine Sitte verſtößt, aber ich haſſe alle Ceremonie, ſetzte er mit unangenehmer Höflich⸗ keit hinzu. — Was hätte mein Sohn, ein Caraffa verbrochen? fragte der Herzog. — Er wird der Schwiegerſohn des Herzogs von Arcos, er hat ferner die Abſicht gehabt, nach Madrid zu gehen, und endlich in Gemeinſchaft mit Ihnen, genueſiſche Truppen hierher berufen, welche ſich an der Küſte ſehen ließen— ich ſollte glauben, dieſe erbrechen genügen, um Sie mit dem Tode zu beſtrafen, nicht ahr, mein Prinz? ſetzte er höhnend zu Giulio gewendet hinzu. Giulio warf einen flüchtigen Blick auf den Sprecher dieſer Worte und erkannte in ihm jenen Menſchen, welcher ſich in den Katakomben als Richter aufgewarfen und ſpäter Leonore blenden wollte. — Ha, Du hier, Mordbrenner und Räuber? rief er ver⸗ ächtlich. — Sie erkennen mich alſo, mein Prinz? antwortete Jener mit einer tiefen Verbeugung; als wir uns zum letzten Male ſahen, ſagte ich Ihnen, ich werde Rache nehmen, und Sie mögen zittern, wenn wir uns wiederſehen; nun, mein Prinz, dieſer Augenblick iſt gekommen— es giebt bis jetzt Niemand auf dem weiten Erdenrunde, welcher behaupten könnte, ich hätte ein gegebenes Verſprechen unerfüllt gelaſſen, und auch Sie ſollen erfahren, daß ich mein Wort halten werde. — O welche Schlange! rief der Herzog, der einen Blich voll Abſcheu auf den Sprecher dieſer Worte richtete; mein armer Sohn, Du ſiehſt nun, wie man für Deine volksfreund⸗ liche Geſinnung dankbar iſt. 4 4* 1432 „ — Herzog von Mattalone, ſagte der Mordbrenner, es bedarf des Dankes nicht für die Erfüllung der Pflicht. — Ich verachte es zwar, mich zu Fragen an Dich herab⸗ zulaſſen, verſetzte der Herzog, allein ich möchte doch wiſſen, welche Begriffe ein ſo gemeiner Menſch wie Du von Pflicht haben kann und von welcher Du überhaupt ſprichſt. — Das ſoll Ihnen mit wenigen Worten klar gemacht wer⸗ den, Herzog von Mattalone; es iſt die Pflicht eines jeden Ariſto⸗ kraten, dankbar zu ſein gegen ſein Volk? — Inwiefern? rief der Herzog wüthend. — Die Ahnen der Ariſtokraten bekannten ſich zumeiſt zum edeln Raubritterthum— ſie waren Wegelagerer und hielten auf der Landſtraße jeden vorüberwandernden Kaufmann oder ſonſtigen wohlhabenden Mann aus dem Volke an und zwangen ihn mit dem Degen in der Fauſt ſeine Habe herzugeben— weigerte ſich nun ein von ihnen erſehenes Opfer, ſo warfen ſie ihn in Ketten und ließen ihn im tiefſten Burgverließ zu Tode hungern. — Nicht weiter, nichtswürdiger Verläumder! rief der Herzog. — Es ſcheint Ihnen ein Collegium über die Lritaicee des Adels unangenehm— allerdings mag es auch einem Ede manne nicht ſehr ſchmeichelhaft ſein, ſie hören zu müſſen, aber ich will meine Hypotheſe durchführen— die Raubritter haben alſo geſtohlen, und Art läßt nicht von Art; auch Sie, die Ab⸗ kömmlinge derſelben thaten ſtets ein Gleiches— Sie haben das Volk unterdrückt, ausgeſogen und beraubt— für ſolche Verbrechen muß es Rache nehmen, macht es von dieſem ſeinem Rechte keinen Gebrauch, ſo iſt es die Pflicht des Edelmannes— dankbar zu ſein. 1 Der Herzog konnte ſeiner Wuth nicht Herr bleiben und wollte ſich auf den frechen Menſchen werfen. — Zum Teufel mit Deiner ſchänderiſchen PolemikV! rief er, indem er ihn am Arme ergriff und ihn ſtark rüttelte. Bald aber wurde er von Fauſtſchlägen und derben Stößen zurückgedrängt. — Wie kann Dich jenes Geſchöpf, das nur in dem Styr der Verbrecherwelt athmet, jener Elende, deſſen Daſein nur Blut, Schande und Bosheit kennzeichnen, beleidigen, Vater? rief Giulio; was weiß dieſer Elende vom Adel oder von dem Volke, er, den am Pla⸗ vermag ihn glei geſchicht leiſen bellt abe rief derſ aber ver vorhin, dahin Volkes — nich Wott, ¾ — ſtolz. wendete für Ih der He iſt, Eind Meinun di einem und Gi Häupt Giulio eebleich Jas bedarf herab⸗ iſſen, Wliicht t wer⸗ Ariſto⸗ ſt zum cielten h oder angen ben— fen ſte Tode herzog. au Edel⸗ „aber haben ie Ab⸗ haben ſolche ſeinem nes— m und ief er, Stöͤßen Styr Blut, ) rief Volke, aer 433. er, den die Welt ausgeſtoßen, der nur unter der Elite der Galeere am Platze iſt und Alles nur von ſeinem Standpunkt beurtheilt, vermag weder den Edelmann, noch das Volk zu ſchmähen, das ihn gleichfalls als Abſchaum von ſich warf— laß ihn eine Geſchichte des Bagno's erzählen, und er wird Unübertreffliches leiſten— kümmere Dich weiter nicht um ihn— der Hund bellt aber nur, weil er nicht ſprechen kann. — Ruhe, meine Herren, wir wollen zur Sache kommen! rief derſelbe Menſch. — Mache es kurz, Schurke, rief Mattalone— tödte uns, aber verſchone uns mit Deinen Reden. — Es muß Alles ſeine Ordnung haben— Sie meinten vorhin, Ihr Sohn, der junge Prinz da, ſei— ein Volksfreund. — Ich bin davon überzeugt— ſagte der Herzog. — Ja, ich bin es, Verworfener, mein Streben war ſtets dahin gerichtet, die Laſten des unterdrückten neapolitaniſchen Volkes zu beſeitigen, unter Laſt aber verſtehe ich, wohl zu merken, — nicht die Galeere. — Sie ſind alſo Volksfreund, nahm der Hauptanführer das Wort, und Sie Volksfeind, Herzog von Mattalone?— — Ich habe den Pöbel ſtets verachtet, ſagte der Herzog ſtolz. — Gut, dieſe Antwort hat entſchieden— nun, mein Prinz, wendete ſich der ſchreckliche Menſch zu Giulio, Sie ſollen Beweiſe für Ihre Volksfreundlichkeit liefern. — That er dies nicht ſchon bis zur Herabwürdigung? rief der Herzog entrüſtet dazwiſchen. — Er ſoll uns einen Beweis geben, der wirklich im Stande iſt, Eindruck zu machen und dem Volke von Neapel diejenige Meinung gewähren kann, die es bis jetzt noch nicht hat. Dieſe Worte begleitete er mit einem ſo dämoniſchen Lächeln, einem ſo grauſamen Ausdruck in ſeinem Auge, daß der Herzog und Giulio ſchauderten. — Welchen Beweis verlangt Ihr? fragte der Herzog. — Der Volksfreund ſoll den Volksfeind richten— ſagte der Häuptling mit ſchrecklicher Bedeutung. — Der Sohn alſo den Vater?— rief der Herzog, während Giulio bei der Ahnung der gräßlichen Aufgabe, die er löſen ſollte, erbleichte. Das Apfer von Amalfi.(Bd. I.. 8) 28 434 — Der Sohn, der Freund der Nation, ſoll den Vater, den Feind derſelben, richten— mit dem Beile.“ Giulio fuhr mit einer Bewegung des Abſcheus zurück, jedes Glied ſeines Körpers zitterte. Seine Blicke waren ſtier auf den Nichtswürdigen gerichtet, der dieſen furchtbaren Beweis von ihm verlangte, ſeine Arme hin⸗ gen ſchlaff herab. Selbſt der rohe Haufe, welcher den Elenden umgab, ſchien von dieſem unnatürlichen Richterſpruch betroffen. Es war ein ſchreckliches, erwartungsvolles Schweigen ein⸗ getreten, welches der Herzog endlich brach.— Dieſer nahte ſich Giulio und ergriff deſſen Hand. — Was bebſt Du, mein Sohn? fragte er mit leiſer Stimmez biſt Du nicht ein Sproſſe des Hauſes Caraffa? — War je ein ſolcher dazu beſtimmt, der Henker ſeines Vaters zu werden? verſetzte Giulio ſchaudernd. — Mein Sohn, gehorche der Noth, laß mich ſterben, um Dein eigenes Leben zu retten. Ein heimtückiſches Lächeln, welches bei dieſen Worten um den Mund des Anführers ſpielte, verrieth nur zu ſehr ſeine treu⸗ loſen, verrätheriſchen Abſichten. 1 — Erfüllen Sie die Bitte Ihres Vaters, mein Prinz, und Sie ſind gerettet, ſagte er kurz. — Verſtumme, Ungeheuer. — Zürnen Sie nicht, mein Prinz. — Mein Sohn, rette Dein Leben! flehte der Herzog.— Deine Mutter, Deine Schweſter, ſie alle mögen ein Raub der Flammen geworden ſein, welche dieſe Ungeheuer angezündet ha⸗ ben, ich bin gleichfalls dem Tode verfallen, nur Du allein kannſt leben, gehe alſo an's Werk, damit der letzte der Caraffa nicht ſterbe und das ſchmachvolle Ende der Seinen rächen kann— ſetzte er mit unterdrückter Stimme hinzu. — Wähnſt Du, Vater, daß wenn ich ſelbſt unmenſchlich genug wäre, dieſe Gräuelthat zu begehen, dieſes Ungeheuer meiner ſchonen würde— kannſt Du dieſer Schlange, dieſem grauſamen Tiger zumuthen, daß er ſein Wort hielte und mich nicht augen⸗ blicklich Dir folgen ließe?— Vermagſt Du ferner zu glauben, daß der Sohn, der ſeines Vaters Blut vergoſſen, leben und auch nur eine Stunde glücklich ſein könnte?— nein, mein Vater, ſinne dieſem bu,laß zwar A Gewalt erwarten Der — dumpfer — der Gefa laſſen. Schmach Heldenn beklagen geahnt, getödtet, ſterbe— als von ſehen, an Ihr haben lächelnd worfenſt ich bin Heiligt überſtei verlang bleibſt und D. laſſen; tr, den jedes ichtet, ehin⸗ ſchien ein⸗ te ſich imme; ſeines -i, um og.— ub der et ha⸗ kannſt nicht imn— nſchich meiner uſamen augen⸗ lauben, d auch ſinne — 435 4 dieſem Karaiben keine Großmuth und mir keine Entmenſchtheit zu, laß uns Beide ſterben, um den Unſeren zu folgen— ich habe zwar Blanka aus den Flammen geholt, aber ſie gerieth in die Gewalt der Räuber, und ohne Zweifel wird ſie daſſelbe Loos erwarten— wenn ihr nicht noch Schmach bevorſteht, Der Herzog blickte düſter auf ſeinen Sohn. — Giulio, warum haſt Du das gethan?— ſagte er mit dumpfer Stimme. — Ach wie konnte ich, als ich das unglückliche Mädchen in der Gefahr im Feuer umzukommen wußte, es demſelben über⸗ laſſen. — Mein Sohn, beſſer der Tod in den Flammen, als der der Schmach— verſetzte der Herzog finſter; ſo ſehr einerſeits Dein Heldenmuth bewundernswerth iſt, muß ich ihn andererſeits doch beklagen, hätte ich das Schickſal meiner unglücklichen Tochter geahnt, als ich von ihr ſchied, ich hätte ſie mit eigener Hand getödtet, beſſer, daß ſie durch den Vater, als durch dieſe Beſtien ſterbe— und auch ich wünſche lieber den Tod von Deiner Hand, als von irgend einer dieſer Schrecklichen. — Entſcheiden Sie ſich, Prinz! mahnte der Anführer. — Macht ein Ende mit uns beiden! rief Giulio kurz. — Ueberlegen Sie, Prinz, das Leben iſt ſchön, und Sie ſollen ſehen, daß ich Wort halte; Sie gehen frei aus, nachdem Sie an Ihrem Vater den bezeichneten Act der Gerechtigkeit vollzogen haben— verlangen Sie einen Eid— mein Prinze ſetzte er lächelnd hinzu. — Einen Eid von Dir? rief Giulio mit Verachtung. — Mein Sohn, der Eid iſt ſelbſt dem Banditen, dem ver⸗ worfenſten Geſchöpf ſonſt heilig— ſagte der Herzog. — Und ich werde wahrlich keine Ausnahme machen, denn ich bin ein guter Katholik, alſo ein frommer Chriſt, dem die Heiligkeit des Eides über Alles geht. — Ich weiſe die barbariſche, alles menſchliche Erwarten überſteigende Zumuthung mit Abſcheu und Entſchiedenheit zurück, verlange alſo auch keinen Eid! rief Giulio. — Mein Sohn, wenn er ſchwört, ſo bin ich überzeugt, Du bleibſt am Leben, wenn Du thuſt, was man von Dir verlangt, und Du wirſt die letzte Bitte Deines Vaters nicht ungewährt laſſen; lebe alſo, damit unſer Geſchlecht nicht ausſterbe und Du 28* ————— ———— —— — —õyõ——õ y— ———:—— 436 Rache nehmen kannſt— flüſterte er leiſe, und Du, ſchwöre— gebot er dem Anführer. Der zuletzt Angeredete folgte dieſer Aufforderung, indem er ein kleines ſilbernes mit Edelſteinen reich beſetztes Krucifir hervorzog, das er gewiß irgendwo geſtohlen hatte. Nach wenigen Augenblicken hatte er einen Eid geleiſtet, der in Bezug auf ſeine fürchterliche Formel wohl zu der Erwartung berechtigte, ihn für unverbrüchlich zu halten. Ein langes Schweigen folgte. — Nun, mein Prinz, ſagte endlich der Anführer mit ſüßem Lächeln— wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre? — Wäre ich im Beſitz eines Schwertes, ich würde Dir da⸗ mit antworten, Beſtie.. — Man binde den Herzog! gebot Jener. Sechs Männer drängten ſich danach, dieſen Befehl zu voll⸗ ziehen. — Wozu bedarf es deſſen? rief der Herzog; ich ſterbe gern von der Hand meines Sohnes und werde mich nicht ſträuben, hinweg mit den Stricken. — Gut, man thue ihm den Willen, nun mein Prinz. — Ich werde nie die Hände in das Blut meines Vaters tauchen, rief Giulio mit Abſcheu und Verzweiflung; gemeiner Galeerenſflave, tödte auch mich. — Aber das Leben iſt ſchön, mein Prinz, und Sie ſind jung, lächelte der Elende. — Himme,, rief Giulio verzweifelt, warum kann ich dieſer Schlange nicht die Zunge ausreißen?— heilige Jungfrau, eine Waffe! — Sie ſoll Ihnen ſogleich werden— rief der Anführer mit ſcharfer, unheimlicher Betonung. — Mein Sohn, füge Dich der Nothwendigkeit. — Man bringe ein Beil herbei! gebot der Häuptling. — Herzog von Mattalone, nahm Ginlio finſter das Wort, ich verleugne Sie in dieſer Stunde. — Mein Giulio, was ſollen dieſe Worte bedeuten!— rief der Herzog beſtürzt.. — Du biſt mein Vater nicht. — Mein Sohn, mein Sohn! rief der Herzog mit ſchmerz⸗ lichem Staunen aus. Ungey langt⸗ 8 5 alls d. zurick ling un wenn. würdi und u meine heftig fort, ſchle dum daß i zu tr zitter den u knieen ſagte plötz zweij ihn böre— indem trucifir et, der hartung tſüßem dir da⸗ zu voll⸗ de gern räuben, 4 Vaters gemeiner id jung, h dieſer au, eine er mit ng. Wort, — rief ſchmerz⸗ * 437 — Nimmer kann der mein Vater ſein, der von mir das Ungeheure, das Unmenſchliche, das Unſaßbare, Unnatürliche ver⸗ langt. Der Herzog ſah traurig vor ſich hin. — Heilige Jungfrau, er verkennt mich— murmelte er. In dieſem Augenblick kehrte ein Menſch, welcher ſich vorhin aus dem Keller entfernt hatte, mit einem glänzenden Beile zurück. — Die Waffe iſt angekommen, mein Prinz, rief der Häupt⸗ ling und deutete auf das furchtbare Werkzeug des Todes. — Ich würde damit Dein Haupt zerſchmettern, Ungeheuer, wenn es mir nicht eekelte, mich zu Deinem Henker herabzu⸗ würdigen. — Sie ſollen ja der Henker Ihres Vaters ſein, mein Prinz, und nicht der meine; thun Sie Ihre Schuldigkeit, ſonſt könnte meine Langmuth zu Ende gehen. — Gebt mir das Beil! rief der Herzog, indem er daſſelbe heftig dem Banditen entriß; hier iſt es, mein Sohn, fuhr er⸗ fort, als er es ſeinem Sohne aufdrang— ich bin bereit. Giulio ſtierte einige Augenblicke ſeinen Vater an, dann ſchleuderte er den unheimlichen Gegenſtand von ſich, daß er mit dumpfem Geräuſch zu Boden fiel. — Mache mich nicht wahnſinnig, Vater, rief er, Du ſiehſt, daß ich nicht mehr die Kraft habe, dieſen furchtbaren Augenblick zu tragen, mein Herz zuckt, meine Pulſe beben, meine Nerven zittern— mein innerſtes Mark iſt erſchüttert. — Führt den Herzog zum Block! gebot der Häuptling. Einige der Anweſenden vollzogen dieſen Befehl, indem ſie den unglücklichen Herzog veranlaßten, vor dem Stein nieder zu knieen, auf welchem Giulio vorhin geſeſſen hatte. — Ihr ſollt nur meinen Leib und nicht meine Seele tödten, ſagte der Herzog, indem er ſeine Hände faltete. — Sangue di dio— er hat recht, laßt ihn beten. — Ich habe vollendet, ſagte der Herzog nach einer Weile. Giulio, bisher in ſtarres Hinbrüten verſunken, ſchien plötzlich Leben gewonnen zu haben, er warf ſich mit einer ver⸗ zweifelten Bewegung neben den Herzog nieder und umarmte ihn wild und heftig. 438 77 Adio, mein Vater, rief er mit ſchmerzlich bewegter Stimme, adio! — Willſt Du nicht den Todesſtreich führen? — Nein und ewig nein! — Dann bedarf es dieſes Abſchiedes nicht, unſere Trennung wird kurz ſein. 3 — Es iſt ein dunkler Pfad, den wir betreten, verſetzte Giu⸗ lio düſter— Niemand weiß, wohin er führt, ob zum Wiederſehen oder zur Trennung, der Gedanke an die Todesnacht hat etwas Schreckliches, und immerhin muß man einen feierlichen Abſchied nehmen— auf ewig, ſobald die ſchauervolle Dämmerung der⸗ ſelben am Himmel des Schickſals herabzieht. Der Herzog wurde immer bleicher und ein leiſes Zittern der Arme bemerkte man, als er das Haupt Giulio's feſt um⸗ ſchlang. Jetzt trat der Anführer zu den beiden Opfern. — Die Scene hat etwas Peinliches, meine Herren,— ſagte er, machen Sie ein Ende. Giulio riß ſich mit Gewalt von ſeinem Vater los und ſtieß den Verworfenen von ſich, daß er zu Boden fiel. Ein drohendes Geſchrei ließ ſich vernehmen und der Häupt⸗ ling erhob ſich. — Geduld— gebot er— haben Sie noch einen Wunſch, Herzog Mattalone? fragte er dann. Ein verächtliches Lächeln war die Antwort. — Sprechen Sie Herzog. — Welchen Wunſch, den ich vielleicht noch hätte, könnteſt Du wohl gewähren? antwortete er. — In meiner Hand ſteht das Leben Ihres Sohnes. — Du wieſt es ihm nicht laſſen, und weder wird er, noch will ich mich herabwürdigen, bei Dir darum zu betteln. — Dieſer Stolz macht Ihnen alle Ehre— Sie hätten alſo keinen Wunſch mehr übrig? — Keinen. — So ſind Sie in der That der erſte Menſch, welcher ohne Wunſch aus dieſer Welt ſcheidet, ſagte der Anführer lächelnd, und es freut mich, den Philoſophen, die ſtets das Gegentheil behaupten, einmal ſagen zu können, ich ſah einen Sterblichen, einen Ariſtokraten ſogar, der ohne Wunſch aus dem Leben ging. rennung zte Giu⸗ derſehen at etwas Abſchied fjung der⸗ Stinme, Zittern feſt um⸗ — ſagte nd ſtieß 1 Häupt⸗ Wunſch, könnteſt er, noch tten alſo her ohne lächelnd, gentheil rblichen, en ging. 439 — Es iſt wahr, ſagte der Herzog, wie von einem Einfall erfüllt; man ſcheidet nicht ohne Wunſch, und ſo beſeelt auch mich noch ein ſolcher. — Und dieſer wäre? — Ich wünſche meinem Vaterlande baldigen Frieden, alſo Fluch und Tod den Empörern. Der Anführer gab jetzt einen Wink, die ſchreckliche Erecution zu vollziehen. — Ich will, daß der Prinz lebe, ſagte er mit heimtückiſchem Lächeln— man reiche ihm das Beil! Eid iſt Eid. Der Herzog von Arcos erwartete, nachdem er auf den Rath ſeines Miniſters in den ſchändlichen Betrug gewilligt hatte, daß ſein Anerbieten mit Freuden aufgenommen werden würde. Wie war er daher erſtaunt, als er faſt ſchon vor Tagesan⸗ bruch folgendes Schreiben erhielt. Hoheit! Das zeitige Oberhaupt von Neapel hat mit ſeinen Räthen Ihren Wunſch in Erwägung gezogen und fol⸗ genden Beſchluß gefaßt: Sobald es Seiner Hoheit, dem Vicekönig von Neapel, Herzog von Arcos um ſein Anerbieten Ernſt iſt, ſo möge er dieſes nicht durch Boten den Lenkern des Aufſtandes, ſondern in eigener Perſon dem ganzen Volke von Neapel bekannt machen, damit es Alle hören. Dieſer Akt ſoll jedoch nicht in den Mauern eines Kaſtels geſchehen, wo der Anblick der Geſchütze ſchon geeignet iſt, dem Volke Mißtrauen einzuflößen, ſondern auf der Freitreppe des königlichen Palaſtes ausgeführt werden, in Gegenwart der herzoglichen Familie und des ganzen Hofes. —— ——;—x—x—xxjjy 440 Die Erfüllung des Verſprechens, welches Seine Hoheit dem Volke von Neapel giebt, ſoll durch einen von ihm zu leiſtenden Eid bekräftigt werden. Was die ehrenwerthen Männer betrifft, welche den Freibrief Kaiſer Karls des Fünften in der Kirche del Carmine verleſen und die anderen Punkte veröffentlichen ſollen, ſo ſind den Unterzeichneten gegenwärtig keine ſolchen in ganz Neapel bekannt— der Einzige, welchem das Volk zum großen Theile vertraut, wäre der Erz⸗ biſchof Filamarino. Eurer Hoheit ſchleuniger Entſcheidung ſehen ent⸗ gegen Pietro Rikardi, Der Oberhauptmann Geheimſchreiber.(gez.) Maſaniello. Neapel, im Juli 1647. Der Herzog von Arcos warf das Blatt unmuthig und ver⸗ legen auf den vor ihm ſtehenden Marmortiſch. — Das Geſindel verlangt einen Eid— murmelte er leiſe — dieſen Punkt hat Don Herandez allerdings nicht bedacht. Er nahm das Schreiben wieder zur Hand und betrachtete es mit verächtlichem Lächeln. — Der tolle Fiſcher von Amalfi nennt ſich einen Oberhaupt⸗ mann von Neapel— ein ehemaliger Kanzliſt des Herzogs von Mattalone einen Geheimſchreiber, rief er,— wie weit iſt es in dieſer Stadt gekommen— wer giebt mir Rath— o daß Herandez in meiner Nähe wäre. In dieſem Augenblick meldete ein Diener— einen Ka⸗ puziner. Ein freudiger Ausdruck in den Zügen des Herzogs bewies, daß der Gaſt, den er in dem Mönch erwartete, willkommen ſei. Nach wenigen Augenblicken trat ein dicht vermummter Ka⸗ puziner ein und verneigte ſich tief. Als er die Kapuze zurückgeſchlagen hatte, érkannte der Herzog, wie er erwartet— Herandez.. — Sie haben die beſte Verkappung gewählt, Don Herandez, redete ihn der Herzog anz aber dennoch würde ich ſtaunen, wenn Sie unerkannt bleiben ſollten. — Ich wähle die einſamen Straßen, Hoheit, der Pöbel be⸗ völkert nur den Mercato und weidet ſeine Blicke an der Blut⸗ bühne, benacht Bedeut ſenden alſo ſch randez hoffe, 7 tes, w halter. Ihner von E halter tiggkeit, ſeht, ü — we den H ſten ie er m Hard ren leiſtet für ei ind ver⸗ r leiſe t. achtete chaupt⸗ ls von es in randez n Ka⸗ ewies, en ſei. r Ka⸗ derzog, aandez, wenn hel be⸗ Blut⸗ 5 8* 8 441 bühne, die dort errichtet und den Köpfen, welche man bereits auf die Pfähle geſteckt. Der Herzog erbleichte. — Ich ward ſchon geſtern von der Erbauung dieſes Gerüſtes benachrichtigt, ſagte er leiſe, aber ich kannte die furchtbare Bedeutung nicht, wenn ich ſie auch ahnte. 85— Der Pöbel amüſirt ſich an dem Anblick der ihn angrin⸗ ſenden Köpfe.— — Hölle und Teufel, rief der Herzog zornig, man wagt es alſo ſchon, Blutvergießen durch Urtheile zu heiligen? — Man wird noch mehr wagen, fürchte ich, verſetzte He⸗ randez kleinlaut, eben darum muß man ſchnell handeln, und ich hoffe, Eure Hoheit werden meinen Plan— — Leſen Sie dieſes Schreiben, Don Herandez. Der Angeredete überflog den Inhalt des überreichten Blat⸗ tes, während ein höhniſches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte. — Solche Frechheit habe ich kaum erwartet, ſagte der Statt⸗ halter. — Sie kennen den Pöbel nicht, Hoheit, aber wie ſollte Ihnen auch dieſe Menſchenklaſſe bekannt ſein. — Sie verlangen einen Eid— — Und Sie werden ihn leiſten, Hoheit. — Don Herandez!— rief der Herzog mit einem Gemiſch von Staunen und Unwillen aus. — Darf ich fragen, woran Sie Anſtand nehmen, Hoheit? — Weil das ein Meineid wäre— antwortete der Statt⸗ halter kurz. — Ein Eid, welchen Sie dem Pöbel geben, hat keine Gül⸗ tigkeit, Hoheit. Die Herrſcher ſind von Gottes Gnaden einge⸗ ſetzt, über die Völker zu regieren, ſie zu zügeln und zu bändigen — wenn dieſe nun widerſpenſtig werden, ſo freveln ſie gegen den Himmel, der ſtets auf Seiten des von ihm eingeſetzten Für⸗ ſten iſt. Der widerſpenſtige Haufe verdient natürlich Strafe, er muß auch zur Ordnung geführt werden, und es liegt auf der Hand, daß jedes Mittel, dies auszuführen, erlaubt iſt— ſchwö⸗ ren Sie alſo; ich wiederhole, ein Eid dem Pöbel gegenüber ge⸗ leiſtet, wird im Himmel nicht gehört und kann am allerwenigſten für einen Meineid gehalten werden, wenn man ihn bricht— 442 wohl mancher Herrſcher müßte dann in dieſer Beziehung ſchon gefehlt haben. — Das iſt Sophiſtik, Don Herandez. — Bedenken Sie doch, Hoheit, daß die Fürſten von Gottes Gnaden im Himmel eine ganz andere, eximirte Stellung ein⸗ nehmen, mithin alſo berechtigt ſind, einen Schwur zu leiſten, wenn ſie ſpäter auch ein Geringes daran ändern. — Eid iſt Eid.— — Aber nicht dem Pöbel gegenüber. — Wenn ich ſchwöre, ſo muß ich mein Wort halten, ob ich es einem Fürſten oder Bettler gelobte. — Nun Hoheit, wenn Sie wirklich ſo difficil ſind, dann dürften Sie ja nur einen etwas zweideutigen Sinn in Ihre Worte legen— eine Hinterthür— eine Lücke, irgend etwas, das entweder geſtattet, einen Satz zu ſtreichen, oder hinzuzufügen. — Nein, Don Herandez, ich wage dergleichen nicht. — Dann giebt es nur noch einen Rath. — Und welchen? — Sie ſchwören und laſſen ſich ſpäter Abſolution geben, Hoheit, verſetzte der Miniſter lächelnd. — Nein, Don Herandez, rief der Herzog von Arcos mit Entſchiedenheit, ich ſchwöre nicht, was ich nicht zu erfüllen ge⸗ denke— aber ich werde ein feierliches Verſprechen geben— im Uebrigen muß dafür Sorge getragen werden, daß bei dieſer Scene ein ungewöhnlicher Prachtaufwand ſtattfinde, welcher den Pöbel ſo leicht blendet, denn es iſt doch nicht zu leugnen, daß das Volk bei dem Anblick der Großen und Mächtigen auf Erden von einer gewiſſen heiligen Scheu ergriffen wird, namentlich wenn ſie ſich mitten in einem glänzenden Hofſtaat zeigen. Die⸗ ſer Glanz hat zugleich den Vortheil, die Aufmerkſamkeit des Geſindels von den Worten des Herrſchers auf deſſen prunkvolle Umgebung zu lenken.— — Ich kann das Alles nur zugeben, Hoheit, bemerkte He⸗ randez, indeſſen wenn Sie gnädigſt geſtatten, ſo möchte ich mir doch erlauben, den Wortlaut Ihrer Anrede abzufaſſen. — Das bleibe Ihnen überlaſſen, ſagte der Herzog. — Sie ſind alſo entſchloſſen, den Wunſch dieſer Pöbel⸗ aaanführer zu erfüllen? ⸗ f ſie ſpr ſtand Poſſe Gottes fung 1 in⸗ leiſten, ſalten, ob d, dann hre Worte was, das f„ufügen. hht. hn geben, Arcos mit füllen g⸗⸗ geben— bei dieſer ng ſchon elcher den gnen, daß auf Erden amentlich en. Die⸗ mkeit des prunkvolle nerkte He⸗ te ich mir g. er Pöbel⸗ — — 443 — Ich bin bereit und will ſchon morgen nach dem Schloſſe überſiedeln, um am nächſten Tage das Verſprechen zu geben— — Daß am Abend deſſelben Tages das Poſſenſpiel in der Kirche del Carmine aufgeführt werde— fiel Herandez ein; i kann mir übrigens keinen ergötzlicheren Anblick denken, als den albernen Fiſcher in der Würde eines Herrſchers von Neapel zu ſehen— doch wie geht es mit der Prinzeß? — Sie ſchleicht umher wie ein Schatten. — Alſo doch nicht zum Tode krank? — Doch— doch, wenn ſie auch nicht das Lager hütet— ſie ſpricht kein Wort, iſt ſtets allein und weint ohne Unterlaß. — Wird Alles wieder beſſer, ſobald dieſer grauenvolle Auf⸗ ſtand ein Ende hat, und dieſes hoffe ich, iſt nahe, durch das Poſſenſpiel in der Kirche del Carmine. Mögen Dich die Engel Gottes ſchützen. Livia hatte an dem Tage, deſſen Ereigniſſe wir berichtet haben, Maſaniello's Heimkehr lange und ſtillweinend erwartet. Sie wagte es kaum, ſelbſt ihrem eigenen Herzen die Urſache ihrer Bangigkeit zuzuflüſtern. Die Dämmerung war bereits angebrochen, und immer be⸗ fand ſie ſich noch allein. Sie hatte während des ganzen Tages auf das Geräuſch der Sägen und Hämmer gehorcht und die Errichtung des Ge⸗ rüſtes beobachtet, welches in gleicher Höhe mit dem Gemache war, in welchem ſie ſich aufhielt. Sie hatte die wechſelnden Auftritte auf dem geräuſchvollen Platze geſehen. Ihr Herz pochte bange und drohte ihren unheilvollen Ahnun⸗ gen zu erliegen. 444 Das plötzliche und furchtbare Geſchrei, welches die Hinrich⸗ tung des Räubers begleitete, hatte ſie wieder an das Fenſter gelockt, von wo ſie ſchaudernd den Schluß dieſer furchtbaren Ge⸗ rechtigkeit ſah. Es ward ihr wehe um's Herz, wenngleich dieſe Schreckniſſe im Vergleich zu der Beforgniß, welche wie eine ſchlummernde Natter in ihrem Buſen ruhte, nur ein Geringes war. Sie entfernte ſich vom Fenſter und kauerte ſich in einen Winkel des Zimmers nieder, um hier die Rückkehr ihres Gatten abzuwarten. Endlich, ſpät in der Nacht, pochte ihr Herz ſchneller, denn — ſie vernahm ſeine Tritte auf der Treppe— bald ſtand er vor ihr. Sie trocknete ihre Thränen; ein gezwungenes Lächeln er⸗ hellte ihre Züge, als ſie ſich an die Bruſt des geliebten Gat— ten warf, welchen ſie im Tone einer ſeltſamen Fröhlichkeit be⸗ grüßte. Maſaniello erwiderte ihre Umarmung heftig und leiden⸗ ſchaftlich; bald aber zog er ſich zurück, als hätte ihn plötzlich ein ſchmerzlicher Gedanke ergriffen. Livia ſah ihn mit einer gewiſſen Scheu, aber auch mit Theilnahme an und bemerkte nur zu ſehr, wie er von unaus⸗ geſetzten Aufregungen und Anſtrengungen erſchöpft war. Ein dunkler Kreis hatte ſich um ſeine Augen geſpannt, und aus dieſen war der heitere Glanz verſchwunden, der hisher darin trotz der vielſeitigſten Prüfungen vorhanden geweſen. Ein Unheil weiſſagendes Feuer war an deſſen Stelle getre⸗ ten, während aus allen ſeinen Zügen ein Ausdruck von Zweifel und Unbeſtimmtheit ſprach. Seine Wangen waren eingefallen, alle ſeine Glieder beweg⸗ ten ſich unſicher. Er ſah ſich forſchend im Gemache um, und als ſein Blick wieder auf Livia fiel, die ihrer erheuchelten heiteren Laune nicht länger gebieten konnte und heiße Zähren über ihre Wangen rinnen ließ, ſchlug er die Augen nieder, wie von einem inneren Vorwurf getroffen. — Was ſuchſt Du, lieber Maſo? ſagte ſie in dem ihr eigen⸗ thümlichen, ſanften Tone, der ſtets den Weg zu ſeinem Herzen fand;. Weibe ſehr hl übergel ein liet drücken als Na armes Niema Mann L Stirn. andere der H ſenheit 9 Händ wühl I verſu⸗ men dieſe und Hinrich⸗ Fenſter iren Ge⸗ hreckniſſ mmernde n einen Gatten er, denn ſtand er heln er⸗ ten Gat⸗ hkeit be⸗ leiden⸗ plötzlich auch mit n unaus⸗ mt, und zer darin lle getre⸗ Zweifel beweg⸗ ein Blick une nicht Wangen ninneren ht eigen⸗ n Herzen 445 fand; Du biſt doch gewiß gekommen, um nach Deinem armen Weibe zu ſehen und Ruhe zu ſuchen? — Ich ſuchte nach irgend einem Biſſen, beſte Livia, ich bin ſehr hungrig, entgegnete er; doch es thut nichts, er wird vor⸗ übergehen— haſt Du ein wenig Wein? — Ich habe nichts, Maſo, verſetzte ſie traurig; nichts als ein liebendes Herz und zwei Arme, bereit, Dich an daſſelbe zu drücken; hat Dich doch meine Zärtlichkeit ſonſt oft mehr erquickt als Nahrung. 1 — Hat man Dich ſeit Tagesanbruch hier allein gelaſſen, armes Weib?— Hat Dir Niemand eine Brodrinde gebracht, Niemand? Ach ſie kümmern ſich nicht um Dich, während Dein Mann ſich doch für Alle abmüht—, ſetzte er ſeufzend hinzu. Livia umarmte ihn und preßte ihre welken Lippen auf ſeine Stirn. — Wärſt Du ſtets bei mir, Maſo; ſo bedürfte ich keiner anderen Nahrung; ich bin an Entbehrungen gewöhnt, daher hat der Hunger ſeine Schrecken für mich verloren.— Deine Abwe⸗ ſenheit quält mich mehr als er, ach, ſie tödtet mich! Maſaniello ſank auf einen Stuhl nieder und drückte ſeine Hände an die Stirn. Er ſchluchzte laut, ein gewaltiger verzehrender Schmerz wühlte in ſeinem Inneren, alle Glieder zitterten. Bleich und unbeweglich ſtand Livia an ſeiner Seite und verſuchte es nicht, dieſen Ausbruch überreizter Gefühle zu hem⸗ men— denn das zärtliche Ahnen weiblicher Liebe ſagte ihr, daß dieſe Thränen ſeinem Herzen Erleichterung geben würden. — Livia, ſei nicht traurig, begann er endlich. — Ich bin es nicht, wenn Du lächelſt. — Und Du hungerſt? — Sprich nicht davon. — Verzage nicht, noch wenige Tage, und das Leid hat ein Ende. — Werden wir wieder Brod und Früchte haben? — Dieſe ganze Stadt wird Dir gehören,— bald wirſt Du dieſe elende Wohnung mit dem königlichen Palaſt vertauſchen, und Edelleute, Pagen und Zofen werden Dich bedienen. — Ach, was ſprichſt Du da, Maſo? — Von der beſſeren Zukunft, meine Theure. 3 4* 8 3 ——— — ——— 446 Livia ließ traurig die Blicke ſinken, denn die Aeußerungen ihres Gatten erſchienen ihr fürchterlich, ſie ward betrübt an⸗ ſtatt daß ſie dadurch getröſtet ſein ſollte. Maſaniello warf einen langen forſchenden Blick auf ſie und umfaßte ihre Hand. — Deine Wangen ſind eingefallen und hager, meine Liebe, ſagte er. Aber wie geſagt, nur noch ein wenig Geduld, und die Prüfung wird für uns vorüber ſein.— Hat Dir Jemand ge⸗ ſagt, daß meinem Leben Gefahr drohe, ſo glaube ihm nicht— mein Volk liebt mich— — Dein Volk? — Mein Volk— wiederholte er mit Nachdruck; Jederman liebt Maſaniello und die Hand würde abgehauen und verbrannt werden, welche ſich gegen den Kämpfer Gottes erheben ſollte. — Ich fürchte nicht, daß ſich ein Arm gegen Dich erheben wird, lieber Maſo; aber vergieb mir, wenn meine Worte Dich beunruhigen, ich muß glauben, daß Deine Geſundheit zerrüttet wird, wenn mehrere ſolche Tage kommen, wie dieſe letzten— laß mich wenigſtens in dieſer Nacht nicht allein— ich will alle Leiden ertragen, nicht murren, aber ſolche Einſamkeit macht mich erbeben, ſie wirkt erſchreckend auf meine Einbildungskraft, denn dieſe belebt den leeren Raum um mich mit gräßlichen Geſtalten — eine Angſt ſteigt oft in meiner Seele auf, die mich zu zer— malmen droht— kein Wunder alſo, wenn mich die ſeltſamſten Gedanken beſchleichen— nicht wahr, mein lieber Maſo, Du läſſeſt Deine arme Livia nicht mehr allein?— — Ich werde Dich nur auf kurze Zeit verlaſſen, denn Paolo muß erſcheinen, den ich hierher beſchieden habe— und nun will ich Dir etwas von den Neuigkeiten erzählen, die ſich in der nächſten Zeit ereignen werden: Der Vicekönig hat erkannt, daß ſein Regiment bedroht, er will dem Volke daher geben, was des Volkes und, wie Celeſto angedeutet hat, wohl auch Maſa⸗ niello geben, was Maſaniello's iſt. Man wird dies vielleicht ſchon morgen feierlich in der Kirche del Carmine von Gottes Altar, in Gegenwart des Erzbiſchofs von Neapel verkünden— Celeſto, Paolo und ichswerden der Feier beiwohnen— ja man will mich ehren, und auch Dir ſoll ſo geſchehen, beſte Livia. — Ozſei auf Deiner Hut— Maſo— höre auf Deines Weibes Rath; es giebt noch gute Menſchen in dieſer Stadt, velche⸗ ſtützn kü die beide wählen inem E Deiner ſhmähen Ma du ſpri Du ken⸗ wenn e Knieen die Feie Gefahr Neayel dem S welcher E entfern traurig meinen nicht L noch d ich kei rungen übt an⸗ ſie und Liebe, und die ind ge— icht— derman dranmt llte. erheben te Dich errüttet gten— ill alle t mich i, denn eſtalten zu zer⸗ amſten 0, Du Paolo n will in der t, daß „ was Maſa⸗ t ſchon Altar, Celeſto, il mich Deines Stadt, 447 welche Deine Unerfahrenheit durch ihre Gelehrſamkeit unter⸗ ſtützen können, welche Dir ſo mangelt. Aber warum willſt Du die beiden, die Du jetzt genannt haſt, zu Deinen Begleitern wählen— lieber ſollteſt Du Rath bei dem Erzbiſchof oder bei einem Edelmann holen, ſo ſtolz, ſo wenig einverſtanden ſie mit Deiner Sache auch ſein mögen, den Verrath— werden ſie ver⸗ ſchmähen. Maſaniellos Stirn verfinſterte ſich. — Nichts von einem Edelmann, meine Gute, ſagte er, Du ſprichſt da von Angelegenheiten, die Du nicht verſtehſt. — Ja, ja, beſter Maſo, ich rede thöricht— es iſt wahr, Du kennſt alle dieſe Dinge beſſer als ich— gehe in die Kirche, wenn es Dein Willee iſt, und ich will währenddeſſen auf meinen Knieen für Deine glückliche Rückkehr bitten— doch wann iſt die Feier? — Es ſoll erſt beſtimmt werden, und fürchteſt Du wirklich Gefahr für mich? — Ja, Maſo— die beiden Männer— — Ich muß gehen, denn ich bin der Oberbefehlshaber von Neapel. — Mögen Dich die Engel Gottes ſchützen, Maſo. — Jetzt will ich mich entfernen, um nachzudenken, wie ich dem Statthalter am beſten meinen Willen kund thun und in welcher Weiſe Alles geſchehen ſoll. Er war nachdenkend geworden und machte Miene, ſich zu entfernen. e. — Und darum mußt Du gehen, Maſo? fragte Livia 4 . traurig. — Die Luft dieſes Zimmers drückt mich nieder, ſie macht meinen Körper krank, ſie trübt auch meinen Geiſt, ich kann es nicht mehr ertragen— ha, dieſe Armuth! Livia öffnete ihrem Gemahl die Weſte, um zu ſehen, ob V noch das Bildniß der heiligen Jungfrau an ſeiner Bruſt hinge. Sie gewahrte es und war getröſtet. — Wenn Paolo erſcheint, ſage ihm, er möge warten— . 3. X ich kehre vor Mitternacht zurück. Er umarmte ſie noch einmal und entfernte ſich. 9 5 — — — ——— ———ÿ .. ———õm—————-— — ööͤͤͤſh Hüte Dich vor Blut. Livia ſtand einige Augenblicke unbeweglich an der Stelle, an welcher er von ihr geſchieden war. Sie blickte ſtarr vor ſich hin, und die Thränen, welche ſie bisher gewaltſam zurückgedrängt hatte, ſtürzten jetzt unaufhalt⸗ hervor— ſie ſchluchzte laut. Die Ahnungen, welche ihre Seele in den erſten Momenten erſchreckten, waren unbeſchreiblich. Sie wähnte ihren Gemahl noch immer an der Thürſchwelle zu erblicken, aber o Entſetzen— ſein Antlitz ſchien ihr zu dem einer Leiche verwandelt. Es war eine Erleichterung für ſie, als ſie ſich überzeugt hatte, daß es nur ein Phantom ihrer Einbildungskraft und der Raum leer ſei. Aber immer noch hatte ſie die Blicke zu Boden geſenkt, als ſuchte ſie gleichſam ſeine Tritte. Ein Schauder durchrieſelte ſie, als einige noch ſchwärzere Bilder denjenigen folgten, welche ſie eben aus ihrer Seele ver⸗ ſcheucht hatte. Sie warf ſich auf die Knie, um für die Sicherheit ühres Mannes gegen die Gefahren zu bitten, welche ihm drohen möch⸗ ten und welche ſie in ihrer aufgeregten Phantaſte ſchon zu ihm heranſchweben ſah. — Ich ſehe es klar, ſagte ſie, ſeine Geſtalt iſt hinfällig ge⸗ worden, ſeine Wange verblichen, ſein Mund verwelkt— ſeine Jugend ſcheint dahin und alle Kraft von ihm gewichen— doch das Gräßlichſte von Allem, nein, ich vermag den Gedanken nicht zu faſſen— will das Wort nicht ausſprechen, und doch, es iſt mir, als ob ſein klarer Verſtand gelitten hätte. Barmherzige Jungfrau, wenn er mich ſchon nach wenigen Tagen nicht kennen, mich für eine Fremde halten und den Klang meiner Stimme vergeſſen haben ſollte.— O, heilige Mutter Gottes, wie würde ich das ertragen! Schone ihn, gnadenreiche, gebenedeite, heilige Jungfrau von Carmel, wende alle Trübſale von ihm und von mir. Golf u Frieden gebürd Wie di ein att Verſch für ihn haben regiere Volkes daß bleich von! zu el furch Dich ſeinen Schr Stele elche ſie aufhalt⸗ omenten⸗ rſchwelle zu dem iberzeugt und der Iſenkt, hwärzere jele ver⸗ eit ihres en möch⸗ dzu ihm ällig ge⸗ — ſeine — doch ken nicht h, es iſt mherzige t kennen, Stimme ie würde e, heilige und von 449 mir. Er lebte bisher einſam und harmlos, kannte nur den Golf und den blauen Himmel, aber böſe Menſchen haben den Frieden aus ſeiner Bruſt herausgeriſſen und ihm eine Laſt auf⸗ gebürdet, welche weder ſein Körper noch ſein Geiſt tragen kann. Wie die geliebteſten Jünger Deines Sohnes waren, iſt auch er ein armer harmloſer Fiſcher und unerfahren in der Liſt und der Verſchmitztheit der Menſchen. Sie hahen die Liebe, die Jeder für ihn hegte, zu einer Schlinge für ſeinen Fuß gemacht— ſie haben ihn überredet, daß er weiſe genug ſei, ein Königreich zu regieren und die Kenntniß beſitze, die Wunden eines leidenden Volkes zu heilen, und er geht in die Falle, ohne zu erkennen, daß er zu Grunde gerichtet, daß ſeine Wange abgezehrt und bleich iſt, ſeine Glieder zittern— ach zu ſehr iſt ſein Gemüth von dem Wahne getrübt, er ſei geboren, das Volk von Neapel zu erlöſen und ſein Herrſcher zu ſein.— O Gott, der Du furchtbar prüfen kannſt, aber auch gerecht biſt, ſchütze ihn, der Dich ſein Lebelang mit Freudigkeit verehrt hat— erhalte ihm ſeinen Verſtand und laſſe Diejenigen, die ihn verleitet haben, die Schwere Deines Zornes treffen. Ein dumpfer Ton ſchreckte ſie auf. Schnell erhob ſie ſich und ſah den Räuber Paolo mit ver⸗ ſchränkten Armen vor ſich ſtehen. Er hatte ſeinen Kopf über die Bruſt herabgebeugt und ſie lange und ſchwermuthsvoll betrachtet. Ein furchtbarer Argwohn fuhr durch Livias Seele— welche Abſicht hatte ihn hierher geführt? Sie vergaß, daß Maſaniello ſie auf ſeine Ankunft auf⸗ merkſam gemacht hatte und begrüßte ihn zwar verlegen, aber furchtlos. Der Räuber blieb bewegungslos ſtehen wie eine Statue. Sie betrachtete eine Weile die Waffen in ſeinem Gürtel, dann ſeine düſteren Züge.. Seine Wange war bleich, ſeine Lippe zitternd, ſeine Stirn zuſammengezogen, als wäre er von einem plötzlichen Schmerz ergriffen worden. — Wen ſucht Ihr, Paolo? fragte ſie mit ihrer ſanften Stimme, ein Beſuch zu dieſer Stunde iſt unziemlich, auch brauch⸗ tet Ihr nicht ſo verſtohlen einzutreten. Das Bpfer von Amalfi.(Bd. II. 9) 29 450 Der Räuber ſah einige Augenblicke auf und richtete dann on he ſeine Blicke feſt auf Livia. mn, Ein leichtes Erröthen flog über ihr Antlitz, aber ihr Blick Gefahl ſenkte ſich nicht, und keine Spur irgend welcher Furcht ward an 5 ihr bemerkbar. it har — Wen ſucht Ihr? fragte ſie wiederholt.. 5 — Euren Mann, Livia, erwiderte er. 5 — Und was wollt Ihr von ihm? Dir N — Mit ihm ſprechen— antwortete Paolo kurz. D — Zu dieſer Zeit?— — Die Stellung, die er jetzt als Volksherrſcher bekleidet, meint, muß ſeine Wohnung zu jeder Stunde für uns offen halten. ſeiner — Jetzt fällt es mir ein, er hat von Euch geſproche— 3 er hat mich ſoeben verlaſſen, ich weiß nicht, wohin er gegangen geliet iſt— doch wollte er bald zurückkehren, oder kann ich Euch mich dienen? das! Der Räuber ſchwieg und ſchien verlegen— während alle feſeet ſeine Glieder bebten. einzig — Paolo, was iſt Euch widerfahren? nahm Livia wieder ſiets das Wort. unte — Ich denke— ich erinnere mich an Zeiten, die nicht mehr eine ſind— verſetzte der Räuber düſter. war. Livia erbleichte— ſie begann zu fürchten, daß er mehr von mich dieſer Erinnerung ſprechen werde. — Ihr ſeid ſeltſam, Paolo, ſagte ſie mit leiſer Stimme. — Ich denke an den Thurm von— Lacava, gab der Räu⸗ ber mit einem dumpfen Seufzer zur Antwort, und tiefer erbleichte Livia's Wange. Ein langes, düſteres Schweigen trat ein und herrſchte ge⸗ raume Zeit. — Paolo, nahm Livia endlich mit leiſer und unſicherer Stimme das Wort— laßt uns von der Gegenwart ſprechen— nen ander tön ande ſo m Ihr habt mich auf den Knieen gefundenz; ich bat Gott, ſich mei⸗ 1i nes Mannes während dieſer furchtbaren Ereigniſſe anzunehmen und und ihm den Verſtand zu erhalten. Er hat Euch ſtets geliebt, ir er war Euer Freund, trotzdem andere Menſchen ihn vor Euch ihn gewarnt haben. Ich ſelbſt hörte, wie man zu ihm ſagte: Hüte 9 Dich vor Paolo, er iſt ein Verräther! Maſo antwortete dann immer, daß man Euch nicht verdächtigen ſollte, Ihr wäret zwar a ete dann r Blic dard an ekleidet, ten. ochen— gegangen ich Euch rend alle à wieder icht mehr nehr von imme. der Räu⸗ erbleichte ſſchte ge⸗ unſicherer rechen— ſich mei⸗ zunehmen s geliebt, vot Euch te: Hüte tete dann äret zwat 451 von heftiger Gemüthsart, hättet indeſſen ein redliches Herz— nun, Paolo, wollt Ihr ihm nicht zur Seite ſtehen, wenn ihn Gefahren von allen Seiten umgeben?— — Livia, ſagte der Räuber nach längerem Schweigen— es iſt hart.— — Ich verſtehe Euch nicht. — Livia, hob der Räuber in mildem Tone wieder an, hat Dir Maſo niemals etwas vertraut? Die Angeredete erſchien verlegen. — Ich erinnere mich nicht— ich weiß nicht, was Ihr meint, ſagte ſie leiſe, es giebt aber wohl kaum etwas, das Maſo ſeiner Frau verſchweigen konnte. — Dein Mann wird Dir wohl geſagt haben, daß ich Dich geliebt habe, ehe er Dich kannte, er trat zwiſchen uns und trieb mich hinaus in die Welt; er kann ſeitdem viel gethan haben, das Band zu lockern, das mich für das ganze Leben an ihn ge⸗ feſſelt hat.— Ach, er hat mich tief verwundet, er hat mir das einzige Glück zerſtört, das mich hätte retten können— er hegte ſtets mehr Mitleid als Zuneigung für mich, und war der Eine unter allen meinen Mitgeſchöpfen, der mir wenigſtens einmal einen Platz in ſeiner Hütte gönnte, als ich krank und hülflos war. Ja, er war edel und großmüthig. Glaubſt Du, daß er mich noch liebt, Livia? — Ja, Paolo, ich glaube es, verſetzte Livia, während Thrä⸗ nen über ihre Wangen rieſelten. — Warum weinſt Du?— — AOch, Paolo, Maſo hat ſich ſeit einigen Tagen ſehr ver⸗ ändert, er zeigt ſich nicht mehr wie ſonſt gegen mich, und Ihr könnt Euch ſomit auch nicht wundern, wenn Ihr ihn gegen Euch anders als früher findet. Wäre ſeine Seele die alte geblieben, ſo wäre ſein Freundſchaftsgefühl gegen Euch auch daſſelbe. Aber ich fürchte, ſein heller Verſtand iſt angegriffen, und wenn dieſe Unruhen noch länger währen, muß ſein Geiſt zerrüttet werden und ſein Herz brechen. Liſtige Menſchen ſtacheln ihn auf, um ihre finſteren Abſichten zu erreichen, ohne zu erwägen, daß ſie ihn an den Rand des Wahnſinns bringen.— Menſchen wie Celeſto und Pietro ſuchen Blutz — Auch ſein Herz dürſtet nach Blut, Livia, entgegnete der Räuber. 29* 4⁵² — Nimmermehr!, — Du wirſt Dich überzeugen. — Maſo war ſtets ein ſanftes Lamm. — Nun wirſt Du ſehen, wie dieſes ſanfte Lamm zum grimmigen Tiger geworden iſt, und ehe einige Tage verfloſſen ſind, wird der Mercato von Menſchenblut überſchwemmt ſein wie eine Schlachtbank. Maſo hat heute den Anfang damit ge⸗ macht und ſein Opfer unter den eigenen Freunden geſucht— mein Kopf kann zunächſt fallen, und wenn ſein Fanatismus fort⸗ dauert, auch der Deinige, Livia. Die junge Frau erbebte vor dieſer grauenvollen Prophe⸗ zeihung. 1 — Mein Leben, ſagte ſie, liegt in ſeiner Hand; wenn es ihm gefällt, mich zu tödten, ſo will ich gern ſterben— Gott weiß, wie gern ich es thäte, könnte ich ihn dadurch den finſte⸗ ren Schickſalen entreißen, die ihm drohen— doch nein, der arme Maſo kann ſeine Geſundheit, ja ſeinen Verſtand verlieren, aber er wird nie ſeine Hand wider mich erheben. Glaubt Ihr, Wahnſinn ſei blutdürſtiger als Verzweiflung? Der Räuber warf einen fragenden Blick auf ſie. — Was meinſt Du mit dieſer Frage, Livia? fragte er. — Nun ſeht, wir haben oft mit einander gehungert, Hun⸗ ger treibt zur Verzweiflung, mithin zum Morde; haben nicht unzählige Männer Weib und Kind getödtet, um ſie nicht hun⸗ gern zu ſehen und haben ſie ſich ſelbſt nicht dann auch den Tod gegeben. Mein Maſo that dies nicht— ja, ich wiederhole es, fuhr ſie mit einem gewiſſen Stolz fort; wir haben oft mit ein⸗ ander gehungert, und unſere Liebe hat ſich gekräftigt. Maſo liebt mich mehr, als menſchliche Gedanken ermeſſen. Das macht mich glücklich— meine Stimme würde ihn von dem ärgſten Fieberwahne befreien, ſie würde ihn leichter zügeln, als ſein leiſeſter Wink die Tauſende unter dieſem wüthenden Pöbel be⸗ herrſcht. — Hat Dein Mann Dir von dem Willen des Vicekönigs Mittheilung gemacht? fragte der Räuber wie aus einem ſchwe⸗ ren Traume erwachend. — Er that es. — Höre, Livia, man wird ihn vielleicht zum Befehlshaber von Neapel machen. — wird un in ganz zeierlich gieb T rohen Anſpru I zittert ſchne erwar noch ſich in Pietro wort und dem im zum erſloſſen mt ſein mit ge⸗ ſucht— luns fort⸗ wenn es — Gott en finſte⸗ ein, der ell, te er. rt. Hun⸗ en nicht cht hun⸗ den Tod rhole es, mit ein⸗ Maſo s macht ärgſten als ſein öbel be⸗ cekönige n ſchwe⸗ 2 hlähaber ——— 453 — Gott bewahre ihn vor dieſer Zumuthung!. — Und doch wird esugeſchehen, und in den nächſten Tagen wird man es laut in der Kirche del Carmine verkünden, daß es in ganz Neapel wiederhallt. — Ach, ich fürchte— mir bangt vor dieſem Augenblick. — Gott ſchütze Dich vor Prüfungen, ſagte der Räuber feierlich. — Paolo— Ihr habt etwas auf dem Herzen. — Ja, Livia, ich möchte Dir etwas ſagen. — Und dies wäre? — Wenn die Glocken zur Kirche del Carmine rufen, ſo be⸗ gieb Dich nicht dahin, ſo iſt mein Rath. — Und warum nicht? fragte Livia beſtürzt. — Es könnte Dir irgend etwas Ungeziemendes von dem rohen Haufen wiederfahren. — Maſo wird mich ſchützen. — Auf ihn kannſt Du nicht rechnen, er wird zu ſehr in Anſpruch genommen ſein. Der Räuber hatte ſeinen Blick geſenkt und ſeine Stimme zitterte, als er dieſe Worte ſprach. Um jede weitere Frage zu vermeiden, entfernte er ſich ſchnell und begab ſich in das untere Gemach, um Maſaniello zu erwarten. Schon nach wenigen Augenblicken trat dieſer in Begleitung Pietro's ein. Der Räuber theilte Maſaniello nun mit, was Celeſto ihm noch verſchwiegen hatte und ein Zug finſteren Stolzes zeigte ſich in den Zügen des Fiſchers. — Ich will gerecht ſein gegen mein Volk, murmelte errleiſe. Pietro, ſagte er dann laut, es iſt Zeit, dem Statthalter Ant⸗ wort zu ertheilen— ſchreibt. Ein plumpes, großes Holzdintenfaß wurde herbeigebracht und Maſaniello diktirte den Brief, deſſen Inhalt wir bereits bei dem Herzog von Arcos kennen gelernt haben. Bald hatte der Geheimſchreiber ſeine Arbeit beendet. — Noch vor Tagesanbruch zu befördern! gebot Maſaniello. Die beiden Männer verließen das Gemach, Maſaniello blieb noch zurück. Er war in tiefes Nachdenken verſunken und entfernte ſich. — 1 E— 3 —————— —-—— —ÿmmÿÿm· ——— — — —⸗—;—;——ℳñjÿ — — 454 — Sie ruft mich, ſagte er, in er aufſchreckte; ſie ruft mich, und ich kann ihr nicht gehorchen— mein Geiſt iſt unru— hig, er läßt mich noch nicht raſten. — Maſo— Maſo! rief es wieder. — Ich komme, ich komme, meine Livia! „Raſch ſprang er die Treppe hinauf; die junge Frau er⸗ wartete ihn an der Thür und ſank ihm an die Bruſt. — Du ſchläfſt noch nicht, Livia? fragte er zärtlich. — Kann ich es denn, wenn Du fern weilſt, die Ermattung wirft mich nieder, aber die Sehnſucht nach Dir iſt ſtärker, ſie beſiegt jene— bleibe— bleibe. 1 — Ich kann nicht Livia, ich muß hinaus. — Was ſuchſt Du draußen in der duſteren Nacht? — Die Sterne ſchimmern— der Mond ſcheint hell. — Ja, aber ſein Strahl leuchtet auch auf das Gerüſt, auf welchem Du Blut vergoſſen haſt, ſagte Livia ſchaudernd. — Das Blut eines Räubers und Mörders. — Aber das eines Menſchen. — Ein Herrſcher darf vor Blut nicht beben, davon ver⸗ ſtehſt Du nichts, meine ſanfte Livia. — Hüte Dich vor Blut— vor dem Morde— verſetzte Livia, in Thränen ausbrechend; es heißt, wer Blut vergießt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden— hüte Dich vor der Höhe, die Du zu erklimmen gedenkſt, ſie iſt ſteil und führt um ſo eher zum Abgrund. — Livia, ich bin berufen, Gerechtigkeit zu üben, und bei der heiligen Jungfrau, ſie ſoll überall da ſein, wo ſie fehlt— aber ſchlafe wohl, meine gute, theure Gattin, es zieht mich ge⸗ waltſam hinaus, wohin, ich weiß es ſelber nicht. — Maſo— Maſol ertönte es uas — — Haſt g Erſchö Nacht noch die I tes G dieſer Schr ſtehe Soh Frau er⸗ rmattung ärker, ſie avon ver⸗ verſetzte vergießt, h vor der führt um Und bei efehlt— mich ge⸗ — . » Der Netter. Er ſtürmte eilig aus dem Hauſe und rannte in fliegender Haſt über den Mercato. Plötzlich vermochten ihn die Füße nicht mehr zu tragen, die Erſchöpfung des Hungers, der vielfältigen Aufregungen und das Nachtwachen machte ſich geltend. Eine ungemeine Kraftloſigkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt und zwang ihn, ſtill zu ſtehen. Er lehnte, ohne zu prüfen wo, die Stirn an einen Gegen⸗ ſtand; als er aufblickte, fuhr er ſchaudernd zurück. Er ſtand— vor dem Pfahl, auf welchem das blutige. Haupt des Räubers ſteckte, den er zu tödten befahl und das ihn jetzt im bleichen Strahl des Mondes vorwurfsvoll anzugrinſen ſchien. — Maſo, Maſo— wimmerte es aus kurzer Ferne; hüte Dich— vor Blut! Weder vermochte der Fiſcher von Amalfi dieſen Anblick, noch jene Stimme zu ertragen. Wie von Höllengeiſtern getrieben, eilte er davon— er hatte die Toledoſtraße erreicht, als wiederum ganz in der Nähe lau⸗ tes Geſchrei, Drohungen und Flüche vernommen wurden. Er blickte nach der Richtung hin und erkannte bald, daß, dieſer Tumult in einem Keller war, welchem er ſich mit eiligen Schritten nahte. 5 — Was geht hier vor? fragte er zwei vor dem Keller ſtehenden Schildwachen. 7 — Man richtet den Herzog von Mattalone und ſeinen Sohn! war die Antwort. Einige Minuten ſtand Maſaniello wie angewurzelt, dann riß er mit Heftigkeit die Thür auf und ſtürzte in den Keller hinab. Er kam noch zur rechten Zeit, um ſich ſogleich auf den 456 Elenden zu ſtürzen, der Giulio das Beil aufdrängen wollte, um damit ſeinen Vater zu richten. Mit einer gewaltigen Bewegung ſchleuderte er dieſen zu Boden und warf das ihm entriſſene Mordwerkzeug weit von ſich. Allgemeines Schweigen trat ein— Beſtürzung zeigte ſich auf allen Geſichtern. — Was ſoll das, Geſindel? fragte er, drohende, Verderben kündende Blicke um ſich werfend. — Wir richten zwei Verräther und Mörder! nahm der Häuptling endlich das Wort. 4— — Wer gab Euch das Recht, in mein Amt zu greifen, Ihr Elenden?— fragte Maſaniello mit donnernder Stimme. — Deine Verordnung that es. — Meine Verordnung ſagt, daß jeder Miſſethäter mit dem Tode beſtraft wird. — Es heißt darin, wir ſollen weder Weib noch Kind ver⸗ ſchonen, und Alles vertilgen, wie Israel es mit den Amaleki⸗ tern that. — War der Palaſt des Herzogs von Mattalone in dem Verzeichniß enthalten, Ihr Schurken? 3 — Er war es. — Dann iſt er von dem Geheimſchreiber auf den Rath Ce⸗ leſto's oder Paolo's ohne mein Wiſſen aufgeſchrieben worden, flüſterte Maſaniello leiſe.— Gut, fuhr er jetzt laut zu dem Haufen gewendet fort, dann habt Ihr allerdings Eure Schul⸗ digkeit gethan— ich aber ſage Euch, daß der Palaſt des Her⸗ zogs von Mattalone ſeines Sohnes halber beſchützt bleiben ſollte und wohl nur irrthümlich auf die Liſte gekommen. — Sein Sohn iſt ein Verräther gleich ihm— ſagte eine Stimme. — Wer wagt mir zu widerſprechen?— rief Maſaniello und blickte drohend im Kreiſe umher— hütet Euch vor meinem Zorn, und jetzt hinaus mit Euch, nur mir allein ſteht die Ge⸗ walt zu, Rechenſchaft von dieſen beiden Männern zu fordern— nur einer befiehlt jetzt in Neapel, und dieſer iſt— Maſaniello von Amalfi! Ohne das geringſte Zeichen von Unzufriedenheit wollten ſich die Leute entfernen. 1 — Zwei von Euch werden draußen Wache halten! nahm Maſan Vink N allein. 8 Hand dete et in Zau mir, haben gerett dem Wink bin lon⸗ Pal ollte um dieſen zu von ſich. ſeeigie ſich Ner erderben ahm der ifen, Ihr e. mit dem Kind ver⸗ Amaleki⸗ in dem Nath Ce⸗ worden, zu dem re Schul⸗ des Her⸗ t bleiben 1. agte eine Kcaſaniello r meinem tdie Ge⸗ ordern— Kaſaniello ollten ſich n’ nahm ——— 457 Maſaniello wieder das Wort und gab dann einen gebieteriſchen Wink.— Nach wenigen Augenblicken war er mit Vater und Sohn allein. Der Herzog nahte ſich Maſaniello und hielt ihm ſeine Hand entgegen. — Du biſt ein ehrenhafter Mann, Fiſcher von Amalfi, re⸗ dete er ihn an, Du verſtehſt es zum mindeſten, dieſes Geſindel in Zaum zu halten, wären ſie Alle gleich Dir, dann, glaube mir, würde ich ſie weniger verachten.— Doch nun ſage mir, haben wir Dir unſere Rettung zu danken, oder ſind wir nur gerettet, um von Dir verurtheilt zu werden? — Sie werden über dieſe Fragen Auskunft erhalten, nach⸗ dem Sie zuvor mir geantwortet haben. Auch Giulio wollte jetzt ſprechen, ſchwieg aber auf einen Wink Maſaniello's. — Was begehrſt Du zu wiſſen, Fiſcher von Amalfi?— ich bin zu antworten bereit. — Wie kommen Sie in dieſe Lage, Herzog von Matta⸗ lone?— — Ich ward von den Aufrührern ergriffen, als ſie meinen Palaſt angezündet haben. j — Sie haben auf das Volk geſchoſſen, gnädigſter Herr. — Ich that es mit dem Rechte des Angegriffenen, der ſich vertheidigt. 8 — Ich kenne Sie vollkommen, Herzog von Mattalone, ich weiß, daß Sie ein Feind des Volkes ſind, aber ich will Sie ret⸗ ten Ihres Sohnes willen, der edel und brav— — Und doch wollte ihn dieſes Geſindel tödten. — Es kennt ihn nicht, und ich werde dafür ſorgen, daß des Prinzen Name in Neapel von den Verläumdungen, mit denen er beſudelt iſt, gereinigt werde— erzählen Sie mir nun vor allen Dingen, was vorgefallen iſt, wie kam es, daß man dem Prinzen das Beil aufgedrungen hatte. — Um den eigenen Vater damit zu tödten! rief der Herzog. — Der Sohn den Vater?— rief Maſaniello. — Dies begehrte die entmenſchte Rotte, damit ich den Be⸗ weis gebe, ein Volksfreund zu ſein, indem ich den Ariſtokraten . tödte.— 458 werden.— ſeines Vaters. — Der echte Freibrief, ſagſt Du? fragte Erſterer. — So wurde uns geſagt, Prinz. überzeugt? zog von Mattalone, ſein Wort genügt. Ein verächtliches Lächeln ſpielte um Maſaniello's Lippen. ſchworen, dann wird ſie auch geglaubt.— Giulio lächelte in eigenthümlicher Weiſe. — Und wenn ſie beſchworen iſt, was dann? fragte er. Biſchof von Neapel zu übernehmen? wäre. wird, an Ihrer Ehrenhaftigkeit zu zweifeln. — Ich ſtehe dennoch zurück, ſagte Giulio beſtimmt. — Sie ſollen die Genugthuung haben, Prinz, die Köpfe derienigen an den Pfählen des Blutgerüſtes zu ſehen, welche ihnen dieſe Greuelthat zugemuthet haben— morgen werden Sie frei ſein und nun noch eine Frage: Der echte Freibrief Carls des 1 des Fünften hat ſich gefunden, dieſer und noch mehr ſoll in der Kirche del Carmine durch ehrenwerthe Edelleute bekannt gemacht Ein höhniſches Lächeln ſchwebte um die Lippen Giulios und — Biſt Du von der Echtheit dieſes ſogenannten Freibriefes — Der Herzog von Arcos ſoll dem Volke noch vor der Veröffentlichung die Echtheit deſſelben durch einen Eid beſchwören. — Es bedarf keines Eides des Statthalters, ſagte der Her⸗ — Worte haben wir genug gehört, ſagte er achſelzuckend, das Volk läßt ſich damit nicht mehr locken— es iſt mißtrauiſch geworden— die Heiligkeit des Eides aber hat noch Bedeutung für die Bürger und wird eine Thatſache von einem Fürſten be⸗ vor — Ich ſagte vorhin, Prinz, daß Ihr Name morgen vor ganz Neagpel gerechtfertigt daſtehen und Niemand s wagen — Warum laſſen Sie eine Gelegenheit unbenutzt vorüber⸗ 1 lluſter Maſe Mei mit der Inh — Dann ſoll der Freibrief durch ehrenwerthe Männer ver⸗ öffentlicht werden, und nun meine Frage, Prinz; würden Sie geneigt ſein, dieſe Veröffentlichung vor Gottes Altar neben dem — Man würde mir nicht trauen, ſelbſt wenn die Sache, welche ich in dieſem Falle vertreten würde, kein Narrenſchwank eibriefes vor der ſchwören. der Her⸗ ippen. tzuckend, trauiſch edeutung rſten be⸗ er. ner ver⸗ den Sie en dem Sache, ſchwank gen vor wagen orüber⸗ ———ᷓ 459 gehen, welche Ihnen die Liebe des Volkes in um ſo größerem Maße ſichert? — Ich kann mich nicht dazu verſtehen, die Zugeſtändniſſe des Herzogs von Arcos öffentlich zu verkünden. — Und warum nicht? Giulio warf erſt einen ſcheuen Blick auf ſeinen Vater und trat dann nahe an Maſaniello. — Weil ich dieſen Zugeſtändniſſen keinen Glauben beimeſſe, flüſterte er ihm leiſe zu. — Auch nicht, wenn der Vicekönig geſchworen hat? fragte Maſaniello, der mit ſeiner kindlich frommen Sele an keinen Meineid eines Herrſchers zu glauben vermochte. — Ich will nicht zum Lügner werden— verſetzte Giulio mit feſter Stimme. Maſaniello's Züge verfinſterten ſich, ſeine Blicke hatten wie⸗ der jenen unheimlichen Ausdruck angenommen, aber er ſchwieg. — Du ſagteſt, man wollte noch mehr proklamiren, als den Inhalt des Freibriefes, bemerkte Giulio. — Man wird mich zum Oberhaupt von Neapel einſetzen — verſetzte Maſaniello mit einem gewiſſen Stolz.— — Dich?— fragte Giulio überraſcht, während der Herzog vor Staunen keines Wortes mächtig war. — So will es das Volk von Neapel. — Und auch der Herzog? — Er wird ſich der Stimme des Volkes fügen müſſen. Ein Ausdruck von Wehmuth und Mitleid war in Giulio's Zügen ſichtbar. — Armer Fiſcher von Amalfi— ſei auf Deiner Hut— ſagte er. — Bei der gebenedeiten Jungfrau, ich will es ſein, auch mein Volk wird für mich wachen— ſagte Maſaniello zuverſicht⸗ lich. Doch ich fühle meine Erſchöpfung wieder ſtärker und da⸗ her das Bedürfniß der Ruhe— ich will gehen— Sie, Prinz Caraffa, und Ihr Vater, werden hier vorläufig als Gefangene übernachten— morgen früh ſollen Sie frei ſein— ſo will es Maſaniello von Amalfi. Mit ſtolzen Schritten verließ er den Keller. — Ihr haftet mit Euren Köpfen für die Sicherheit der —— 460 er, ſoweit es ſeine Kräfte geſtatteten, dem Mercato zu. Der künftige Herrſcher von Neapel gelangte jetzt zwar noch mit nackten Füßen, aber mit kühnen Hoffnungen und nur ge⸗ ringem Bangen nach ſeiner armſeligen Wohnung. Frei. Schon früh am nächſten Tage hatte ſich Maſaniello von ſeinem Lager erhoben— ſein ununterbrochen bewegter Geiſt ließ ihn nicht ruhen. Seine erſte Sorge war, zu erfahren, ob das Schreiben an den Statthalter befördert ſei. Er begab ſich zu Pietro und erfuhr von dieſem, ſchon vor Tagesanbruch geſchehen ſei. Zufrieden kehrte Maſaniello in Begleitung des ſchreibers nach ſeiner Wohnung zurück. Es war hier kaum eine Stunde vergangen, als zwei herzog⸗ liche Diener erſchienen, welche ihm ein Schreiben vom Vicekönig überreichten und ſich dann auf Maſaniello's Wink wieder ent⸗ fernten. Pietro las den Inhalt des Briefes mit lauter Stimme, wie folgt, vor: Den Führern des Volkes, insbeſondere dem Ober⸗ anführer Maſaniello von Amalfi, Gruß und Heil! Wir haben den Wunſch der Lenker des gegenwärtigen Schickſals unſerer Stadt vernommen und beſchloſſen, demſelben zu willfahren, indem wir heute nach unſerem Schloſſe überſiedeln, und morgen, Vormittags um die neunte Stunde, von dem Balkon des Palaſtes herab daß dies Geheim⸗ Gefangenen, gebot er den beiden Schildwachen, und dann eilte — dem 2 ben d vervi erſchi ar noch nur ge⸗ lllo von Geiſt eiben an aß dies Geheim⸗ herzog⸗ cekönig er ent⸗ Stimme, Ober⸗ Heill ärtigen hloſſen, unſerem um die herab 461 unſerem Volke das Verſprechen zu wiederholen, welches wir ſeinen Anführern bereits gegeben haben, und zwar im Beiſein unſerer Familie, unſeres Hofſtaates und ſämmtlicher Räthe. Gegeben zu Neapel, Caſtel Nuovo, im Juli des Jahres unſeres Herrn 1647. Der Herzog von Arcos, Vicekönig von Neapel. Eine Stunde ſpäter hatte ſich das ganze Volk um ein an dem Blutgerüſt befeſtigtes Plakat gedrängt, welches dieſes Schrei⸗ ben des Statthalters zur öffentllichen Kenntniß brachte. Ein donnerndes Hurrah erfüllte die Luft, welches ſich noch vervielfältigte, als einige Augenblicke darauf Maſaniello ſelber erſchien.. Sein Name wurde mit einem rraſenden Enthuſiasmus ge⸗ nannt, und betäubende Evviva's erfüllten die Luft. Der junge Fiſcher hielt eine kurze Anſprache und lenkte dann den Sinn ſeiner Rede auf den Prinzen Caraffa. Meine Freunde, ſagte er, wähnt nicht, daß der Herzog von Arcos ſich ſo leicht bereit erklärt haben würde, unſere Wünſche zu erfüllen, wenn er nicht durch den Prinzen Giulio Caraffa beſtimmt worden wäre. Ein Gemurmel des Unwillens durchlief bei Nennung dieſes Namens die Menge. Maſaniello blickte finſter umher und erhob die Hand, wor⸗ auf augenblickliches Schweigen eintrat. — Wagt es Jemand gegen den Prinzen Giulio Caraffa öffentlich zu klagen— ſo trete er vor! rief er gebieteriſch; bei der gebenedeiten Madonna del Carmine— ich will ihn hören und— antworten. Hierauf nahte ſich ein Menſch mit zerlumpten Kleidern, welcher ſo eben mit zwei Kapuzinermönchen in eifrigem Geſpräch begriffen war. — Du biſt ein Ruffiani? redete ihn Maſaniello an. — Ich bin Lazzarone. — Was haſt Du alſo gegen den Prinzen? fragte Maſa⸗ niello mit einem Anflug von Spott. — Der Prinz hat im Vereine mit ſeinem Vater aus Genua Hülfe herbeigeſchafft, welche ſich geſtern auf genueſiſchen Schiffen 462 4 in der Nähe der Küſte blicken ließ.— Geſtern in der Abend⸗ ſtunde hat er ſich deshalb nach dem Caſtel Nuovo begeben, um dem Herzog von Arcos Kunde zu geben.— — Sprich deutlich— welche Kunde? — Von der Ankunft der Schiffe. — Und wer hat Dir dies geſagt? — Es iſt dem ganzen Volke kein Geheimniß. — Wenn dem ſo wäre, ſo würde das ganze Volk, welches hier in unabſehbarer Maſſe ſich auf dem Mercato verſammelt hat, den Prinzen angeklagt haben. Meine Stimme dringt weit genug, um gehört zu werden— ich forderte laut die Ankläger heraus, aber nur Du trateſt, vor— alle Uebrigen blieben am Platze, alſo nur Du mußt auch über Deine Kunde Auskunft geben können. Der Ruffiani wurde verlegen, er blickte ſich nach den Mön— chen um, welche dicht hinter ihm ſtanden, allein dieſe blieben unbeweglich und ſchweigſam, als ob ſie ſich gefürchtet hätten, laut zu ſprechen. — Iſt kein weiterer Ankläger gegen den Prinzen Giulio Caraffa vorhanden? fragte Maſaniello mit weit tönender Stimme. Niemand meldete ſich. — Du ſiehſt alſo, wie Du vereinzelt ſtehſt und wie wenig Du Deine Anklage zu beweiſen vermagſt. Hört, Männer von Neapel, dieſer Ruffiani iſt ein Verläumder— er hat geſagt, der Prinz Caraffa ſei geſtern bei dem Statthalter geweſen, das iſt wahr, aber er hat ihm ſicher nichts von den Schiffen geſagt, deren Anweſenheit ihm bis zu dieſem Augenblick nicht bekannt ſein mag, ſondern ihm vielmehr den Weg gewieſen, den er ein⸗ zuſchlagen hat, wenn er Friede machen will— der Prinz Giulio Caraffa war immer ein eifriger Vertheidiger der Volksrechte und der wahren Freiheit. Als einſt bei einer Feierlichkeit ein Tu⸗ mult in der Toledoſtraße entſtand, der bis zur Nacht währte, gab einer der Hofcavaliere den Rath, auf das Volk feuern zu laſſen— ein anderer widerrieth es und nahm es auf ſich, die Ruhe wieder herzuſtellen.— Er ſprengte in den Haufen und rieth in der herzlichſten Weiſe, ſich zurückzuziehen— man ſchrie Hurrah und zog ſich zurück.— Männer von Neapel, dieſer Auf⸗ lauf fand erſt vor zwei Jahren bei dem Feſte des heiligen Ja⸗ Ama uariu Giulio nore, t mit der N lauten. werden zu ſcha⸗ geneig Verme viel m Don Name niello bar er zo bei ei unwi den 4 Giuli ganzen Punkt wort fäng Ma gefa Sün welches rſammelt ngt weit Ankläger ieben am Auskunft en Mön⸗ ſe blieben t hätten, n Giulio Stimme. vwie wenig met von geſagt, der , das iſt en geſagt, tbekannt er ein⸗ 3 Giulio jechte und ein Tu⸗ währte, feuern zu ſich, die ufen und nan ſchrie teſer Auf⸗ ligen Ja⸗ 463 nuarius ſtatt— Ihr müßt es wiſſen, daß dieſer Andere— Giulio Caraffa war. — Der Prinz iſt der Bräutigam der Prinzeß Donna Leo⸗ nore, rief der Ruffiani ärgerlich— unmöglich kann er es alſo mit dem Volke gut meinen. Maſaniello ſchoß einen durchbohrenden Blick auf den Vor⸗ lauten. — Ruffiani, ſagte er laut genug, um von Allen gehört zu werden; was hat das Herz eines Menſchen mit der Geſinnung zu ſchaffen? warum ſollte der Prinz nicht auch dem Volke wohl geneigt ſein können, wenn er die Prinzeß liebt.— Von einer Vermählung aber iſt keine Rede— denn Donna Leonora iſt, ſo viel mir aus ſicherer Quelle bekannt iſt, die erklärte Braut des 34 Don Herandez, Grafen Monteja. Ein Wuthſchrei ließ ſich vernehmen, als Maſaniello dieſen Namen nannte. — Tod Herandez— Tod Herandez! rief Alles. — Tod dem Unterdrücker des Volkes— bekräftigte Maſa⸗ niello. Würde das Antlitz des einen Kapuzinermönchs jetzt ſicht⸗ bar geweſen ſein, ſo hätte es ſich als ein todtbleiches gezeigt, und er zog die Kapuze noch mehr herab. — Männer von Neapel, fuhr Maſaniello fort, es hat ſich bei einem Theil unſeres Volkes, glücklicherweiſe nur bei dem unwiſſenden und rohen Haufen unſerer Stadt Mißtrauen gegen den Prinzen gezeigt, das keinerlei Begründung hat, und ich ſage, Giulio Caraffa iſt ein edler Menſch— iſt keiner hier unter der ganzen Verſammlung, der wie in jedem anderen auch in dieſem Punkte denkt wie Maſaniello von Amalfi?— — Wir alle denken wie er— lange lebe Maſaniello von Amalfi! war die allgemeine mit lautem Geſchrei gegebene Ant⸗ wort.. — Dann eilt, ihn zu befreien, er wurde geſtern in's Ge⸗ fängniß gebracht, es ſtand in meiner Macht, ihn zu retten, aber Maſaniello handelt nicht ohne die Zuſtimmung ſeines Volkes. Ein abermaliges Hurrah und Evviva erſchallte. — Mit dem Prinzen iſt auch der Herzog von Mattalone gefangen, rief Maſaniello.— Männer, Gott verzeiht oft die Sünden der Kinder um die Tugenden der Väter— hier iſt es 5 464— im umgekehrten Sinne zu verſtehen, doch laßt uns dem Allvater der Menſchen gleich handeln und den Vater ſchonen um des Sohnes willen; ſeht, der Herzog iſt hart beſtraft, ſein Palaſt liegt eingeäſchert, ſein Weib hat man heute früh zerquetſcht vor dem Hauſe gefunden, ſeine Tochter iſt ohne Zweifel in den Flam⸗ men umgekommen, und der Herzog muß für ſeine volksfeindlichen Geſinnungen herber büßen als durch den Tod, denn dieſer macht ihn ſelig und vereint ihn mit den Seinen.— Im Uebrigen wähnt nicht, daß ich als rettender Vermittler für die uns feind⸗ lichen Edelleute auftrete. von Amalfi ein unbeſtechlicher Richter iſt, und dieſes Blutgerüſt wird nach wenigen Tagen davon Zeugniß ablegen. Der Ausdruck ſeiner ſonſt ſo finſtern Züge hatte plöͤtzlich etwas Wildes, Grauſames angenommen, ſeine Stimme zitterte vor Wuth und Aufregung. — Alſo Freiheit für den Sohn, Freiheit für den Vater! rief er nach einer längeren Pauſe. — Freiheit für den Sohn— Freiheit für den Vater! wie⸗ derholte Alles. — Sollte einmal einer auftreten, der mir eine Anklage als Verräther gegen den Prinzen Caraffa beweiſt, dann werdet Ihr ſehen, daß auch ſein Kopf eben ſo auf einen jener Pfähle befeſtigt wird, wie der des Räubers.— Und nun, Volk von Neapel, erſcheint morgen Alle vor dem Schloſſe, vernehmt den Eid des Statthalters und findet Euch Alle in der Kirche del Carmine ein, wenn die Glocken zu der Feier rufen, namentlich ſollen die Hervorragenden Neapels geſehen werden, widrigenfalls man ſie für Verräther erklären wird. Dieſe letzten Worte waren mit ſtarkem Nachdruck betont und ließen die Blutdürſtigen hoffen, die Zaghaften fürchten. Maſaniello verließ jetzt den umgeſtürzten Wagen, welcher allen Volksrednern zur Tribüne gedient hatte und wurde mit lautem, anhaltendem Beifallsgeſchrei nach der Toledoſtraße be⸗ gleitet. Die beiden Gefangenen hatten während der ganzen Nacht hindurch an dieſem elenden Aufenthaltsorte verweilt. Kein Schlaf kam in ihre Augen.— Das Bewußtſein khrer Befreiung am nächſten Tage hatte den Schmerz um die Ihren in ihrer Bruſt nicht gedämpft. Ihr werdet erfahren, daß Maſaniello kam eint SOtt Sie iel nicht Herg Meam weg die m Alvater l um des ein Palef letſcht vor den Flam⸗ feindlichen ſeſer macht Uebrigen uns feind⸗ Maſaniello Bluigeriſt ie plößlich me zitterte. den Vater! ater! wie⸗ Anilage als werdet Ihr hle befeſtigt in Neapel, en Eid des el Carmine ſollen die Us man ſie uck betont rchten. n, welchet wurde mit oſtraße be⸗ nzen Nacht Bewußtſein um die Herzog von Mattalone, mögen von hier gehen, das Volk von 465 3 8 Plötzlich hörten ſie ein lautes Geſchrei, welches immer näher 8 8 kam, bis endlich die Thür aufgeriſſen wurde und Maſaniello eintrat. Er nahte ſich zuerſt Giulio. — Sie ſind frei, Prinz, ſagte er ernſt, verlaſſen Sie dieſen Ort und begeben Sie ſich, wohin es Ihnen beliebt, nur zeigen Sie ſich nie anders als verhüllt auf der Straße; Sie haben viele Feinde, und Maſaniello kann wohl vor der Volkswuth, nicht aber vor dem— Meuchelmord ſchützen; und auch Sie, Neapel iſt großmüthig und hat dem Vater verziehen des Sohnes wegen.— 8 Glückliche Reiſe! Der Herzog von Arcos ging an demſelben Tage, an welchem die Befreiung Giulio's ſtattgefunden hatte, in ſeinem Zimmer auf und nieder. Seine Stirn hatte ſich in finſtere Falten gezogen, die De⸗ müthigung, ſich dem Geſindel, wie er das Volk im Allgemeinen nannte, fügen zu müſſen, kränkte ſein ſtolzes Gemüth. 0 Er knirſchte mit den Zähnen und hob oft drohend die Hand, wenn er an das Fenſter trat und ſeine Blicke nach der lärm⸗ vollen Stadt richtete. Um zwölf Uhr ſollte der ganze Hof wieder nach dem könig⸗ lichen Palaſte überſiedeln, um daſelbſt bis zum nächſten Tage zu verweilen. Was aber den Herzog zumeiſt beunruhigte, war der Gedanke, vor dem Volke das verlangte Verſprechen zu geben. Das Bpfer von Amalfi.(Bv. 1II. 10) 30 . * 466 3 Eine Beruhigung aber hatte er, wenn dieſe auch auf Koſten berech ſeines Gewiſſens erkauft war. ſagte Giulio Caraffa, der nach Madrid gehen wollte und als ſein Hert Feind ohne Zweifel dort gegen ihn agitirt hätte, war todt.— untern In demſelben Augenblick, in welchem er an den Prinzen welches dachte, trat ein Diener ein und meldete— dieſen. · — Prinz Caraffa iſt draußen? fragte er erbleichend. genann — Und bittet dringend, vorgelaſſen zu werden, gab dieſer dieſen zur Antwort. oll m Der Herzog verbarg ſo gut als moöglich ſeine Verlegenheit 6 und gab nach kurzer Pauſe einen Wink, den Prinzen eintreten Ernſt zu laſſen. 35 Als dieſer erſchien, eilte ihm der Herzog mit allen Zeichen Carmi ungeheuchelter Freude entgegen. rief de — Man glaubte Sie todt, Prinz Caraffa, nahm er das Wort; 5 wie freue ich mich, das Gerücht Lügen ſtrafen zu können. Sie waren hart bedrängt, doch war es Ihre Schuld.— Die Prinzeß kaiſerli warnte Sie, das Caſtel nicht zu verlaſſen, allein Sie achteten— deſſen nicht und lieferten ſich willig den Hyänen aus. beſchei — Aber der Löwe hat mich befreit, Hoheit. Chte⸗ — Erzählen Sie Ihre Erlebniſſe. 5 — Wozu Sie mit den martervollen Stunden bekannt machen, die mir verronnen, Hoheit, die Schilderung derſelben kann Sie Hohei nur unangenehm berühren, geſtatten Sie mir, von der wichtigen dies al Sache zu ſprechen, die mich zu Ihnen führt. Ueberb — Leider führen den Prinzen immer nur Angelegenheiten arme und niemals perſönliches Intereſſe zu mir, ſagte der Herzog Hohei mit einem gewiſſen Vorwurf, doch laſſen Sie mich hören. Auftra — Ein Gerücht verſetzt die ganze Stadt in Aufregung, ſein, in Hoheit, Sie werden wiſſen, welches— d 4— Es iſt wohl die Kunde, die ich an das Volk ergehen ſchluge ließ? erheuch — Ja, Hoheit, Sie wollen dem Volke ein Verſprechen geben.— — Ich will es, denn es iſt meine Pflicht, Neapel vor dem gewiſſen Untergang zu retten. ſtimm — Aber auch Ihre Pflicht, Hoheit, das Wort, welches Sie geben, zu halten— eine Verſicherung, welche ein Fürſt dem ſagte Volke betheuert, hört auch Gott— einer! „— Ich weiß nicht, in wie fern ſich der Prinz von Caraffa weifel „ ieſer nheit reten eichen Wortz Sie rinzeß teten lachen, i Sie htigen heiten erzog egung, rgehen geben. or dem ſes Sie ſt dem garaffa 4 467 berechtigt wähnt, mich auf meine Pflicht aufmerkſam zu machen, ſagte der Herzog mit Verlegenheit und finſterer Stirn; ich bin Herr meiner Handlungsweiſe und prüfe zuvor Alles, was ich unternehme— im Uebrigen werde ich das Verſprechen erfüllen, welches ich dem Volke gebe. — Das arme Volk glaubt an die wirkliche Exiſtenz des ſo⸗ genannten Freibriefes Karls des Fünften, ich ſelbſt hegte lange dieſen Glauben, allein ich bin eines Anderen belehrt— und doch ſoll nun das wirkliche Document zum Vorſchein gekommen ſein. Giulio hatte dieſe Worte mit einem Gemiſch von Hohn und Ernſt geſprochen. — Dieſer Freibrief ſoll morgen Abend in der Kirche del Carmine vorgeleſen, und von Ihnen überbracht werden, Prinz, rief der Herzog kurz. — Von mir? — Ich ſagte dem Volke, ehrenwerthe Männer würden das kaiſerliche Schreiben überbringen. — So wählen Sie einen Anderen, Hoheit, entgegnete Giulio beſcheiden, aber auch ſehr zurückweiſend— ich möchte auf dieſe Ehre verzichten. — Prinz, wenn ich es aber wünſche?! — Ueberzeugen Sie mich von der Echtheit des Documents, Hoheit, und ich werde Ihnen mit Freuden gehorchen, ſo lange dies aber nicht geſchieht, ſtehe ich zurück, ich kann mich nicht zum Ueberbringer eines gefälſchten Schreibens herabwürdigen— das arme Volk iſt unglücklich genug, wozu es noch betrügen— nein, Hoheit, geruhen Sie allergnädigſt, einen Anderen mit Ihrem Auftrage zu beehren, etwa Don Herandez, er wird gern bereit ſein, in dieſem Narrenſchwang eine Rolle zu übernehmen. Der Herzog unterdrückte die Aufwallung— ſeine Pulſe ſchlugen fieberhaft, das Blut kochte in den Adern, aber dennoch erheuchelte er, wenn auch mit Anſtrengung, Ruhe. — Alſo Sie weigern ſich, Prinz? ſagte er kurz. — Ich habe Ihnen die Bedingung genannt, die mich be⸗ ſtimmen würde. — Ich ſoll Ihnen die Echtheit jenes Freibriefes nachweiſen, ſagte der Herzog lächelnd— er iſt da, und dieſes Vorhandenſein einer Urkunde muß Jedem genügen; wem es beliebt, daran zu zweifeln, möge es thun. 30 468 — Nun wohl denn, Hoheit, ich brauche von dieſer Erlaub⸗ niß nicht Gebrauch zu machen, da ich ſchon zweifelte, bevor Sie dieſe gaben.. Der Herzog behauptete, obwohl empört uͤber Giulio's Wei⸗ gerung, meiſterhaft die erkünſtelte Ruhe. — Stellen Sie dem Biſchof von Neapel die Aufgabe, die Echtheit der Bibel zu beweiſen, alſo daß das alte Teſtament wirklich von Moſes und das neue von den Evangeliſten herrühre, ich bin überzeugt, er vermag es nicht— was da iſt, iſt einmal da, man muß glauben.— — Wohl an das Wort Gottes, doch nicht an das eines Herrſchers, Hoheit, ſagte Giulio mit Entſchiedenheit. Jetzt endlich vermochte der Herzog ſich nicht mehr zu be⸗ herrſchen, er trat wüthend zurück. — Prinz, Sie werden immer mehr beleidigend, ſtellen Sie nicht meine Lungmuth auf eine zu ſtarke Probe, ſie möchte dieſe nicht aushalten— ein Herrſcher— — Iſt nur ein Menſch, unterbrach ihn Ginlio. — Aber nicht ein gewöhnlicher. — Ein Menſch mit allen Schwächen eines jeden anderen, nur mit mehr Anſprüchen und Rückſichten, weil er wähnt, Gott habe ihn auf die Erde geſetzt, alle übrigen als Spielball ſeiner Laune zu betrachten, Hoheit, die Völker wollen nicht mehr Bälle ſein, England beweiſt es Ihnen, dort iſt ein Oliver Cromwell er⸗ ſtanden und treibt König Karl I. gewaltig in die Enge, und wird der König nicht nachgeben, ſo werden die Puritaner ihn vertreiben; gerade in dieſem Augenblick führt dieſe Partei in England einen mächtigen Krieg gegen die Gewaltherrſchaft, und wer kann wiſſen, ob nicht der König— als Opfer fallen wird.*) Auch Neapel hat einen Cromwell geboren, Hoheit, dieſer Fiſcher von Amalfi ſteht jenem wohl an Bildung, aber nicht an Herr⸗ ſchergaben und Kühnheit nach, er ſäubert wie jener die Neapo⸗ litaniſchen Puritaner von dem Geſindel und wird den Sieg in dem Kriege gegen Sie erringen, wenn Sie nicht nachgeben. Der Herzog war in Gedanken verſunken, ſo ſehr er auch ——— *) Dieſe Prophezeiung Giulio's hat ſich erfüllt, denn zwei Jahre ſpäter, alſo 1649, fiel König Carl J. auf dem Blutgerüſt. den P heit ſa ritanet Sie ſic Zufluch ſchweig Ihren zu täu vor der Degen werde l den die nicht g zu wide nahme daß er behaup⸗ gefunden haber v Geſinde tragiſch man ſi d von Ih deren, „Gott ſeiner Bälle ell er⸗ 2 und eer ihn tei in t, und dird.*) Fiſcher Herr⸗ Neapo⸗ Sieg in en. er auch ei Jahre — —— 469 den Prinzen haßte, mußte er ſich doch geſtehen, daß er die Wahr⸗ heit ſagte. — Ich werde den neapolitaniſchen Cromwell und ſeine Pu⸗ ritaner zu bändigen wiſſen, ſagte er mit dumpfer Stimme. — Noch haben Sie dies nicht bewieſen, Hoheit— blicken Sie ſich in Neapel um, wer führt das Regiment?— — Ich werde beweiſen, daß ich die Rebellen bändige. — Wohl nur durch Liſt, Hoheit, die Gewalt fehlt Ihnen. — Was wagen Sie zu behaupten? rief der Herzog wüthend. — Daß Sie, da es Ihnen an Macht gebricht, zur Liſt Ihre Zuflucht nehmen, dieſe Behauptung kann ich Ihnen nicht ver⸗ ſchweigen, mögen Ihre Herandez und Saniamo Ihnen in Ihren Unternehmungen, die nur darauf berechnet ſind, das Volk zu täuſchen, beiſtehen, Giulio Caraffa verachtet dies, er ſchreckt vor dem höfiſchen Knechtsſinn, wie vor der Lüge zurück.— — Lüge?— wiederholte der Herzog, indem er nach ſeinem Degen griff; nehmen Sie dieſes Wort zurück, Prinz, oder ich werde blutige Genugthuung fordern. — Ich ſprach nur von der Lüge Ihrer Räthe, Hoheit. — Wer meine Räthe beleidigt, verletzt auch mich, jene bil⸗ den die Regiexung und dieſe kann von der Perſon des Monarchen nicht geſchieden werden, alſo widerrufen Sie. — Giulio Caraffa hatte noch niemals Veranlaſſung, etwas zu widerrufen, gern aber wollte er in dieſem Falle eine Aus⸗ nahme machen, könnte der Vicekönig von Neapel ihm beweiſen, daß er ſich nicht der Liſt bediene, daß es nicht Lüge ſei, wenn behauptet wird, man habe den echten Freibrief Carls des Fünften gefunden, und wolle den armen Fiſcher Maſaniello zum Befehls⸗ haber von Neapel machen. — Man wird es! — Er iſt es ſchon. — Noch iſt er ein erbärmlicher Fiſcher, ein Häuptling des Geſindels. — Hüten Sie ſich, Hoheit, daß dieſes Poſſenſpiel nicht eine tragiſche Wendung nehme, rief Giulio, dieſes Poſſenſpiel, das man ſich nicht entblödet, in einer Kirche zum Beſten zu geben. Der Herzog ſchaute düſter vor ſich htn. — Prinz Caraffa, ſagte er mit leiſer Stimme; ich werde von Ihnen Rechenſchaft fordern. 470 — Und ich ſie vor den Augen von ganz Neapel geben, laſſen Sie mich foltern, Hoheit, ich kann nur die Wahrheit ſagen. — Er möge ſich hüten, daß ich ihn nicht beim Worte halte, ſagte der Herzog leiſe, und morgen, fuhr er dann mit gebiete⸗ riſcher Stimme fort, werden Sie im königlichen Schloſſe ſein, der Feier beizuwohnen. — Ich bitte dringend um Urlaub, Hoheit, verſetzte Giulio ſich verbeugend.. — Wollen Sie morgen vielleicht ſchon die von Ihnen pro⸗ jectirte Reiſe nach Madrid machen? — Auch Ihnen, Hoheit, iſt dieſe, meine Abſicht bereits be⸗ kannt geworden? fragte Giulio überraſcht. — Wer den geraden Weg wandelt, braucht kein Geheimniß davon zu machen, ſagte der Herzog mit durchdringenden Blicken. — Cben ſo wenig zur Liſt ſeine Zuflucht zu nehmen, ent⸗ gegnete Giulio in ſchneidendem Tone. — Man hat mich alſo recht berichtet? fragte der Herzog mit wunderbarer Faſſung. — Ganz recht, Hoheit, ich werde nach Madrid gehen und dort dem Hofe eine Geſchichte erzählen, wie leichtfertig man die Eriſtenz eines Königreichs auf das Spiel ſetzt. Ein Zug von Hohn und Wuth verzerrte das Antlitz des Herzogs.— — Glückliche Reiſe, ſagte er;z nur morgen, bitte ich Sie, noch zu bleiben, um der Feier beizuwohnen, von welcher ſich kein Edelmann fern halten wird. Gulio entfernte ſich mit einer förmlichen Verbeugung und verließ das Zimmer. 4 — Glückliche Reiſe! wiederholte der Herzog mit Ironie und trat dann an das Fenſter. habe, muß gezwu Furch iſt, H. darum blick, ringſt Neap man Damg ben, cheit alte, iete⸗ ſein, julio pro⸗ 8 be⸗ imniß licken. „ent⸗ derzog n und an die itz des Sie, ch kein g und Ironie — — — 471 Er blieb nicht lange allein, denn wenige Augenblicke ſpäter trat Herandez in Geſtalt eines Kapuzinermönchs ein. — Sie wiſſen ohne Zweifel ſchon die große Neuigkeit, Don Herandez? redete der Statthalter ſeinen Gaſt an. — Daß die Todten auferſtanden ſind— es iſt mir be⸗ kannt. — Auch daß dieſer Todte ſich nach Madrid begeben werde? Ein dämoniſches Lächeln ſchwebte um die Lippen des Miniſters. — Mag er gehen, wohin er wolle, der Tod folgt ihm— ereilt er ihn nicht ſchon in Neapel, ſo wird es in den Abruzzen geſchehen. — Wie ſchrecklich iſt es, ſo ſehr den Tod eines Menſchen erſehnen zu müſſen, ſagte der Herzog ſeufzend, eines Men⸗ ſchen wie Caraffa, der im Grunde genommen doch ein edles Herz hat. — Ein edles Herz? — Können Sie dies in Abrede ſtellen? — Ich möchte eher behaupten, daß er ein pöbelhaftes Herz habe, da er mit dem Pöbel ſo ſehr ſympathiſirt. — Er iſt uneigennützig, und obgleich ſein erklärter Feind, muß ich ihn achten, trotzdem ich ihn zu haſſen und zu fürchten gezwungen bin. — Sie ihn fürchten, Hoheit? — Ich kann es nicht leugnen. — Ich gebe Ihnen noch einmal die Verſicherung, daß jede Furcht vor dieſem eigentlich unbedeutenden Menſchen überflüſſig iſt, Hoheit; ſagte ich Ihnen doch, der Tod folgt ihm überall. — Unbedeutend nennen Sie ihn?— O, was gäbe ich darum, wenn auch nur einer unter meinen Räthen dieſen Scharf⸗ blick, dieſe Wahrheitsliebe und dieſe Unerſchrockenheit beſäße. Herandez erbleichte vor Mißgunſt und Aerger. — Es hat ſie keiner, Hoheit? fragte er halblaut. — Keiner, Don Herandez, von Ihnen an bis auf den Ge⸗ ringſten, Niemand— er hat ſchon vor Jahren das Schickſal Neapels vorhergeſagt und Partei für das Volk genommen, dem man bei Hofe keinen Muth zugetraut, das man nur verhöhnte. Damals ſagte der Prinz:„Hoheit, dieſes Volk wird einſt den ————— — — 472 Fuß, der ſeinen Nacken tritt, zermalmen!“— Alle Räthe lach⸗ ten, und Sie mit Ihnen, Don Herandez. — Upnrd ich lache noch heute, Hoheit— gelingt unſere Liſt, wie es keinem Zweifel unterliegt, dann ſind wir die Herren und der Fuß tritt ruhig weiter, Hoheit. — Der Prinz wies auf England, Don Herandez. — Wo der elende Cromwell ſein Weſen treibt, wahrſchein⸗ lich bedauert es der Prinz aufrichtig, nicht der Schildknappe dieſes edlen Ritters zu ſein, verſetzte Herandez verächtlich— wie kann er einen Vergleich zwiſchen Cromwell und unſerem armſeligen Fiſcher, zwiſchen ſeinen Puritanern und unſerem Ge⸗ ſindel anſtellen— doch gleichviel, mag König Carl dieſen Schurken erliegen, wir werden ſiegen— das Poſſenſpiel in der Kirche wird aufgeführt— der tolle Fiſcher Oberbefehlshaber, und— der Fuß tritt ruhig weiter, der Nacken des Volkes iſt hart und breit genug— der Prinz mag nach Madrid, oder wenn es ihm beliebt, nach London gehen und als Cavalleriſt bei Herrn Crom⸗ well dienen— der Tod folgt ihm— — Laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen, ſagte der Vicekönig, ich werde verwirrt, wenn ich an den Prinzen denke, er hat mir Dinge geſagt, die ich ihm nicht widerlegen konnte— und nun zum Zweck Ihrer Gegenwart. — Zwei Fragen, Hoheit— — Die erſte? — Nach dem Wohlſein der Prinzeß. — Ihr Befinden hat ſeit geſtern keine Veränderung er⸗ litten. — Wann begiebt ſich der Hof nach dem Palaſt? — Mittags zwölf Uhr. ₰ℳ 8 2 hatte, führte. 7 breiter gang 6 bleiche eben geben. G den Ar D daß ſt Sie zi milden G unbeſch mel fü Schwe Ende Schwe gekomn mich ich mü len, Füßen liche ger⸗ 473 3 Nach dem Schloſſe. Als Giulio ſich aus dem Zimmer des Herzogs entfernt hatte, ſchritt er haſtig durch die lange Galerie, welche zur Treppe führte. Dieſe hatte er noch nicht erreicht, als ſich plötzlich eine der breiten Flügelthüren öffnete, die an der rechten Seite den Ein⸗ gang zu mehreren Gemächern bildete. Giulio ſah auf, und ſein Herz pochte ſchneller, als er die bleiche, aber immer noch ſchöne Prinzeß erblickte, welche ſo eben in der Abſicht heraustrat, ſich zu ihrem Vater zu be⸗ geben. 3 Ginlio trat näher, er ſah die Prinzeß wanken, reichte ihr den Arm und führte ſie in das Zimmer zurück. Das unerwartete Erſcheinen Giulio's bewegte ſie ſo heftig, daß ſie zurückfuhr und kein Wort hervorzubringen vermochte. Sie zittertegan allen Gliedern und doch zeigte ſich ein plötzlicher, milder Glanz in ihren Augen. Giulio's Züge verriethen einen tiefen Seelenſchmerz, eine unbeſchreibliche Bewegung. — Alſo nicht den Feuertod geſtorben? nahm Leonora end⸗ lich das Wort; o Prinz, ich könnte auf's Knie ſinken, dem Him⸗ mel für Ihre Rettung zu danken— aber Ihre Mutter, Ihre Schweſter, Ihr Vater, wiſſen Sie von ihnen nichts? — Mein Vater lebt, meine Mutter hat ein gräßliches Ende gefunden, verſetzte Giulio mit tiefer Trauer, über meine Schweſter vermag ich keine Auskunft zu geben. — O Gott, wie ſchrecklich— aber Sie, Giulio, ſind Sie gekommen, in dieſem Caſtel Schutz zu ſuchen? — Donna Leonora, entgegnete der Prinz ſtolz, ich habe mich bisher ſtets ſelbſt geſchützt, ich werde es auch ferner thun, ich möchte auch nicht mit Ihrem Vater unter einem Dache wei⸗ len, einem Manne, der nicht nur das Recht des Volkes mit Füßen tritt, ſondern auch danach trachtet, es auf eine unglaub⸗ liche Weiſe zu hintergehen. ———;— 474 — Zu hintergehen— ſagen Sie? — Iſt Ihnen die ſchöne Mähr noch nicht bekannt, Prinzeß? — Ich ließ Niemand zu mir— ſprach mit meinem Vater nicht, was alſo könnte mir bekannt geworden ſein? Giulio machte ihr von dem Poſſenſpiel, das man aufzufüh⸗ ren beabſichtigte, Mittheilung, und ein Ausdruck bitterer Ent⸗ rüſtung zeigte ſich in ihrem Antlitz. — O, nicht mein Vater iſt Schuld an dieſem unerhörten Trug— rief ſie traurig— dieſen Rath, dieſe Heimtücke, fkann nur ein Herandez erſonnen haben. — Ihr Vater iſt Herrſcher, Herandez nur ein Unter⸗ geordneter. — Leider iſt mein Vater dieſem Manne gegenüber nicht der Herrſcher, ſondern der Beherrſchte, ſeufzte Leonore tief fund ſchmerzlich— Sie wiſſen dies beſſer als ich. — O möchte der Herzog dieſe Schwäche nicht zu ſpät bereuen. — Giulio, Sie waren bei meinem Vater!— — Um ihn vor dieſem verächtlichen Faſchingsſcherz zu warnen. — Und er? Blieb bei ſeinem Vorſatze und wollte nicht zugeben, daß er mit dem Volke ſein Spiel treibe; er ſprach mit Ekel und Verachtung von dem Volke— würdigte den Fiſcher von Amalfi⸗ herab— ſprach ihm allen Muth, jede Umſicht ab.— O wann werden dieſe hochgeborenen Herren begreifen lernen, daß ein Mann aus niedrigem Stande, der in ihren Augen nur als Sklave betrachtet wird, von gleichem Fleiſch und Blut mit ihnen iſt, daß er eben ſo lebhaft fühlen und denken, eben ſo kühn han⸗ deln kann.— — Wohl dann erſt, wenn der Himmel der Welt durch ein Wunder kund thut, daß ſie nicht nur den Despoten gehört, eher werden ſie es nicht begreifen, und offen geſagt, verdient ein Sklave keine Nachſicht, denn er vermag die Ketten zu ſprengen und thut es nicht. — Neapel hat ſie geſprengt. — Ach, Prinz, die Sklaven ſind furchtbar, wenn ſie ent⸗ feſſelt ſind, wehe aber, wenn ſie uns an die Kette legen, die ſie geſprengt. viel ſe wird, Stätte dazu kelſpiel Intere tismue nen n Prieſt Doch Raum ſeine voller Ihne Ihr Stim die T Mißg Vater Weſer ſind d Herze faßt ſonne an di dezza getre , daß lund ſmalfi wann ß ein r als ihnen han⸗ ch ein eher Sklave n und ee ent⸗ die ſie 475 — Es kanm nicht anders ſein, als es eben iſt, und noch viel ſchrecklichere Tage werden kommen, wenn das Volk erfahren wird, wie himmelſchreiend es durch jene Komödie an heiliger Stätte ſogar hintergangen iſt. — Und der Erzbiſchof von Neapel entwürdigt ſich ſo ſehr, dazu ſeine Hand zu reichen, er will ſein Amt zu ſolchem Gau⸗ kelſpiel mißbrauchen? — Es iſt eine alte Wahrheit, daß die Geiſtlichen ſtets den Intereſſen der Fürſten hold und Hierarchie immer mit Despo⸗ tismus Hand in Hand gegangen, weil ſie es müſſen— ſie kön⸗ nen nur beſtehen, wenn ſie ſich gegenſeitig ſtützen, ein guter Prieſter nützt oft einem Fürſten mehr, als der beſte General.— Doch wozu Sie beläſtigen, Leonore, leben Sie wohl. — Sie wollen gehen, Giulio? — Ich habe in dieſem Caſtel nichts mehr zu vollbringen. — Und wo bleiben Sie, Ihr Palaſt iſt niedergebrannt? — Neapel iſt groß, und ich bedarf nur eines geringen Raumes. — Giulio bleiben Sie im— Caſtel, flehte Leonore, ſanft ſeine Hand ergreifend. Der Prinz warf einen langen innigen Blick auf die Donna. — Hören Sie mich an, Leonore, ſagte er mit wehwuths⸗ voller Stimme. Es würde mich ſelig, glücklich machen, mit Ihnen unter einem Dache wohnen zu können, Ihre zarte Geſtalt, Ihr ſchönes Antlitz ſtündlich zu ſehen, Ihre liebliche und ſanfte Stimme zu hören, welche die Kerker dieſer eiſernen Veſte erheitert, die Thränen auf Ihren Wangen glänzen zu ſehen, die Sie dem Mißgeſchick Neapels weinen, oder wenn der zornige Blick Ihres Vaters eine finſtere Wolke auf das Antlitz eines ſchuldlos gekränkten Weſens in ihrer Umgebung hervorriefen. Ja, Leonore, Sie ſind die einzige Leutſelige unter Vielen in dieſem Hauſe, deren Herzen von den Krallen der Anmaßung und des Dünkels um⸗ faßt ſind, Sie allein würden mir dieſes düſtere Gebäude zum ſonnenhellen Paradieſe machen— dennoch aber fühle ich mich an dieſem Hofe, in der Umgebung dieſer kalten ſpaniſchen Gran⸗ dezza zu Eis verwandelt— leben Sie wohl, Leonore, wir müſſen getrennt ſein. ½ Er eilte ſtürmiſch hinaus, ohne die Thür zu ſchließen— 476 Leonore trat heraus und warf ihm einen Blick unausſprechlichen Schmerzes nach. In demſelben Augenblick ging auch Don Herandez vorüber, welcher, als er Donna Leonore erblickte, ſich tief verneigte und bald dem ſich entfernenden Giulio nachſchaute, bald auf Leonore hinſah. Dieſe verneigte ſich kalt und trat in das Zimmer zurück, Don Herandez wollte ſich nachdrängen. — Will man wagen, bis in die Gemächer der Prinzeß zu dringen, ohne daß ſie es geſtattet?— nahm ſie mit größter Ent⸗ rüſtung das Wort. Don Herandez trat betroffen zurück, er erkannte ſein unziem⸗ liches Betragen und ſtotterte eine Entſchuldigung. — Donna, ich bitte um einen Augenblick, ſagte er. — Er iſt ſchlecht gewählt, doch treten Sie näher. Als ſich der Miniſter in dem Gemache befand, nahm ſein Weſen eine gänzliche Veränderung vor, und an Stelle der zu⸗ letzt geäußerten Schüchternheit trat eine gewiſſe Unverſchämt⸗ heit— ein Zug von Hohn ſchwebte um ſeine Lippen. — Ich begreife ſehr wohl, ſagte er, warum dieſer Augen⸗ blick ſchlecht gewählt iſt, ſich Ihnen zu nahen, nachdem ich geſe⸗ hen habe, wer ſich von Ihnen entfernt hat. — Ich bin nicht gewillt, Ihre Vorwürfe mit anzuhören, Don Herandez— — Und ich habe ein Recht— ein ſüßes Recht dazu— — Sie, Don Herandez, wollten ein Recht— — Sie ſind meine Braut, Donna Leonora, es dürfte alſo dem Bräutigem wohl die Ehre wie das Recht geſtattet ſein, Sie auf das Ungeziemende aufmerkſam zu machen, indem Sie Gäſte empfangen, von denen Sie die Ueberzeugung haben müſſen, daß Sie Ihrem Bräutigam mißliebig ſind. — Ich werde immer Perſonen empfangen, die mir lieb und werth, wie diejenigen fern zu halten wiſſen, die ich verachte und haſſe, verſetzte Leonore mit ſchneidender Kälte. — Immer? fragte Herandez mit Nachdruck. „— Wozu wiederholen, was ich bereits geſagt habe. — Vergeſſen Sie nicht, daß, wenn ich die Ehre habe, Ihr Gemahl zu ſein, mir wiederum das ſüße Recht zuſteht, über die Gäſte zu beſtimmen, welche Sie empfangen. ſtande heran ihn n von ſind w der d. Schla verſetz ten w ter ei Ihnen über d der T ſo gli Herze den n trium dez, o wöhnt liebe, liche zen a Rehör len in dräng der L ———— 477 — Noch ſind wir nicht vermählt. — Aber wir werden es gleich nach Unterdrückung des Auf⸗ ſtandes ſein, welcher glückliche Augenblick nach wenigen Tagen herangenaht ſein wird. — Noch iſt der Aufſtand in der Blüthe, und Sie werden ihn nicht ſo leicht bewältigen, mithin bleibt mir ein Schimmer von Hoffnung übrig. — Aber nur ein ſehr ſchwacher, denn übermorgen ſchon ſind wir Herren von Neapel. — Trifft Ihr Wort zu, Don Herandez, ſo ſind Sie es we⸗ der durch moraliſche noch phyſiſche Macht, ſodern höchſtens durch Schlangenliſt, die ein boshaftes Hirn erſonnen. — So oder ſo, ſchöne Prinzeß, genug wir werden es ſein, verſetzte Herandez mit unangenehmem Lächeln, und dann— tre⸗ ten wir zum Alter. — Hören Sie, Don Herandez, ich weiß, daß meinen Va⸗ ter eine unglückſelige Verbindlichkeit gegen den König zwingt, Ihnen meine Hand zu geben— der Vater hat wohl das Recht über die Hand zu verfügen, das Herz aber iſt das Eigenthum der Tochter, dies hat nur ſie zu vergeben. — Man empfängt mit der Hand das Herz, dies werde ich ſo glücklich ſein zu beweiſen, daß man hingegen nicht mit dem Herzen die Hand empfängt, wird der Prinz Caraffa ſchon in den nächſten Tagen erfahren. 1 1 Dieſe letzten Worte betonte Herandez mit dem Ausdruck triumphirender Bosheit. — Nun wohl denn, ich werde Ihre Gattin, Don Heran⸗ dez, an dieſen fürchterlichen Gedanken habe ich mich längſt ge⸗ wöhnt, ſagte Leonore mit Reſignation, aber nicht, weil ich Sie liebe, ſondern weil eine unerbittliche Convenienz dieſes ſchreck⸗ liche Opfer von mir verlangt und mir das Wohl des Prin⸗ zen am Herzen liegt, dem ich mit meiner ganzen Seele an⸗ gehöre. Herandez Pulſe erbebten, die Nattern der Eiferſucht ſchwol⸗ len in ſeiner Bruſt, ſein Geſicht färbte ſich aſchgrau. Er bemühte ſich mit ungeheurer Kraft die Worte zurückzu⸗ drängen, die auf ſeinen Lippen ſchwebten. — Uebermorgen gehört Neapel— uns, Sie— mir und der Prinz Caraffa— dem Tode! 478 Die Giulio betreffende Andeutung machte er ſo leiſe, daß ſie von Leonore nicht gehört werden konnte. Er verneigte ſich tief und verließ, während aus ſeinen Zügen Unheil, Hohn und Trotz zugleich ſprachen, das Zimmer. Eine Stunde ſpäter erhielt Leonore den Befehl, ſich bereit zu halten, ihren Vater nach dem königlichen Palaſt zu begleiten. Dieſen überbrachte ihre Mutter. Die ſtolze Spanierin war nur gedemüthigt, ſo lange ihre Tochter fern war. Als ſie dieſe wieder um ſich und außer Ge⸗ fahr wußte, trat der Stolz ihrer Nation und der Dünkel ihres Standes wieder in den Vordergrund. — Wir werden dieſes Caſtel nun auf einen Tag verlaſſen, Leonora, ſagte dieſe, um morgen der Feierlichkeit beizuwohnen, welche im Schloſſe ſtattfinden wird. — Man wird dem Volke ein Verſprechen geben, ſagte Leo⸗ nora mit kaltem Lächeln. — In Folge deſſen ſich Alles zum Beſten lenken wird, ver⸗ ſetzte die Herzogin mit eigenthümlicher Betonung. — Mutter, flüſterte Donna Leonora, indem ſie näher trat, der Vicekönig von Neapel wagt ein gefährliches Spiel. — Nicht doch, meine Tochter— dieſes Spiel hat für ihn nicht die geringſte Gefahr, denn er muß es gewinnen. — Ein Spiel gewinnt man oft durch— Betrug. — Welche Sprache, Leonore, Du erſchrickſt mich, rief die Herzogin, einige Schritte zurücktretend. — Ich behaupte nur, daß zwei Spieler, von denen der eine eine falſche Karte ausſpielt, den Anderen betrügt und überliſtet, Mutter, Du wirſt dieſe unumſtößliche Wahrheit nicht leugnen können.. 1 .— die He Karte gen, ri das Ve — was nicht ei lichen? armer, iſt, dae hüten, loren, es gehl Nation Dich ni Unglüch ſtehen ſagte er kom lebhaff ſteiner hörte, mir, d als wä zu unſ den— Lehre wie al und von G gleiche wolle bohren aß ſie ſich t und bereit leiten. ihre t Ge⸗ ihres laſſen, ohnen, te Leo⸗ d ver⸗ r trat, ür ihn rief die der eine erliſtet, leugnen — 2 479 — Wenn man ſich falſcher Karten bedient— wohl ſagte. die Herzogin ſehr verlegen, aber einem Volke gegenüber iſt die Karte des Fürſten immer richtig. — Alſo mit dem Volke kann man ſpielen— willſt Du ſa⸗ gen, rief Leonore unwillig, es wäre demnächſt gleichgültig, ob das Volk ſein Vertrauen und der Vicekönig ſeine Ehre einſetzen — was liegt daran, einem Volke gegenüber kann man die Ehre nicht einbüßen.—. O Mutter, Mutter, fuhr ſie mit ſchmerz⸗ lichem Ausdruck fort, wehe, wehe über ſolche Grundſätze— mein armer, armer Vater, der von ſeinen Räthen ſo ſehr umgarnt iſt, daß er ſeine Selbſtſtändigkeit verloren hat— möge er ſich hüten, daß das Volk, nachdem es das eingeſetzte Vertrauen ver⸗ loren, nicht ſein Blut als Erſatz dafür verlangt,— ja, Mutter, es gehört ein ſehr böſes Herz dazu, das Vertrauen einer ganzen Nation auf ſo herbe Weiſe ſo unerhört zu mißbrauchen. — Leonore, rief die Herzogin, welche Worte, ich erkenne Dich nicht wieder, iſt das die Sprache einer Prinzeß? — Es iſt die Sprache meines Herzens, aber es iſt eben ein Unglück, daß man die Sprache des Herzens bei Hofe nicht ver⸗ ſtehen will, dort kennt man nur die Glattzüngigkeit der Heuchelei. — O welch' ein verderblicher Einfluß iſt auf Dich geübt, ſagte die Herzogin vorwurfsvoll, aber ich kenne ſeinen Urſprung, er kommt von dem Prinzen Caraffa. — Wage es nicht, den Edeln zu beleidigen, rief Leonore lebhaft— ja, laß mich geſtehen, er hat mein Herz vor der Ver⸗ ſteinerung behütet. Oft, wenn ich den Hohn, die Verachtung hörte, mit welcher man von dem Volke ſprach, dann mußte ſich mir, die ich noch faſt ein Kind war, der Gedanke aufdrängen, als wären wir die Götter auf Erden und Alles außer uns nur zu unſerem Zeitvertreib da, oder um von uns geknechtet zu wer⸗ den— Giulio Caraffa hat mich eines anderen belehrt, ſeiner Lehre verdanke ich die Anſicht, daß wir nur armſelige Geſchöpfe wie alle Uebrigen mit denſelben Schwächen und Gebrechen ſind und daß es außer uns noch Menſchen giebt, welche gleichfalls von Gottes Gnaden in die Welt geſetzt ſind und gleiche Rechte, gleiche Anſprüche haben, die wir ihnen allerdings ſtreitig machen wollen. 4 Die Herzogin warf auf ihre Lhter einen kalten, durch⸗ bohrenden Blick.. 480 — Es iſt Zeit, ſagte ſie in ſchneidendem Tone, daß dem Un⸗ weſen ein Ende gemacht werde,— und bald wird die Prinzeß wieder Anſichten erlangt haben, die ihrer würdig ſind. — Niemals ſolche, welche mit meinen jetzigen im Wider⸗ ſpruch ſtehen. — Du wirſt die Gattin des ſpaniſchen Granden, Don He⸗ randez, Grafen von Monteja. — Ich verachte und haſſe ihn. — Kann nicht in Betracht gezogen werden, ſeine Majeſtät hat ſelbſt für den Miniſter, der eigentlich ein ſehr verdienſtvoller Mann jſt, geworben, und dieſer Werbung darf man nicht ent⸗ gegentreten. — Verdienſtvoll nennſt Du ihn? — Gewiß, denn er iſt Ritter des Ordens vom goldnen Vließ, und dieſe Würde wird nur Wenigen zu Theil. Ein verächtliches Lächeln ſchwebte um Leonorens Lippen. — Wenn er Neapel verrathen hat, wird ihm wohl noch ein anderer Orden zu Theil werden, ſagte ſie mit beißendem Spott. — Er wird Neapel vom Untergange, vom Verderben ret⸗ ten, fiel'die Herzogin entrüſtet ein. — Indem er dem Vicekönig jenen verderblichen Rath gege⸗ ben, aber ſei überzeugt, das Volk wird blutige Rache nehmen, ſchon hat man ſeinen Palaſt niedergebrannt, mit krampfhafter Gier vigilirt man auf ſeine Perſon, darum eben hat der ver⸗ dienſtvolle Miniſter, der kühne Ritter ſich jetzt in eine Mönchs⸗ kutte gehüllt und ſein Geſicht unter der Kapuze verborgen.— — Nicht weiter, unterbrach ſie die Herzogin, folge mir nach dem Schloſſe. Es wurde nun im Hofe des Caſtels lebhaft— Waffen⸗ geklirr, ſchwere Tritte und Pferdehufe ließen ſich hören. Um zwölf Uhr Mittags, genau nach Befehl, hatte der Hof die Veſte verlaſſen. Eine ungeheure Volksmaſſe hatte ſich angeſammelt, als die Zugbrücke niedergelaſſen war. Aber kein Zeichen irgend welcher Freude zeigte ſich, Alle ſchauten mit ihren bleichen, von Hunger abgezehrten Geſichtern düſter auf den Zug. Als man die kriegeriſche Begleitung gewahrte, ließ ſich ſo⸗ gar Gemurmel des Unwillens vernehmen. ene L das G 2 rie, all Räthen Alee ſa 9 neben hinter trupp eeinem A Anblick R tgſten g noch i 8 geſamn 6 Brand opfer. D den, w U tungen ausſpr oldnen pen. och ein Spott. en ret⸗ h gege⸗ ehmen, fhafter als die h, All eſichtern ſich ſo⸗ 481 Dem Zuge voran ritt eine anſehnliche Abtheilung Cavalle⸗ rie, alle mit gezogenen Säbeln und geladenen Karabinern. Dieſen folgte der Herzog von Arcos, umgeben von einigen Räthen, unter welchen man jedoch Don Herandez nicht erblickte. Alle ſaßen zu Pferde. Dieſen ſchloß ſich der Wagen an, in welchem die Herzogin neben Leonore ſaß; zahlreiche Diener umgaben die Equipage, hinter welcher eine Abtheilung deutſcher Soldaten und ein Reiter⸗ trupp den Schluß bildeten. Wehmuthsvoll blickte Leonore um ſich.. — Sieh nur Mutter, wie bleich ihre Geſichter, wie abge⸗ zehrt ihre Geſtalten ſind— das Volk hungert. — Es ſoll geſättigt werden, verſetzte die Herzogin dumpf. — Gott gebe, daß dies nicht durch Blut geſchehe. Die Herzogin wurde bei dieſen Worten ihrer Tochter von einem kalten Schauder ergriffen. Als der Zug die Stadt paſſirte, bot ſich Allen ein gräßlicher Anblick. Rauchwolken ſtiegen über die brennenden Dächer der präch⸗ tigſten Paläſte empor und verfinſterten den Himmel. Koſtbare Zimmergeräthe lagen theils zertrümmert, theils noch in Flammen auflodernd am Boden. Schätze, welche die Ahnen der edelſten Geſchlechter des Reichs geſammmelt hatten, waren nach wenigen Stunden vernichtet. Der Pöbel drängte ſich zerlumpt und barfuß um dieſe Brandhaufen und blickte mit Triumph auf die gräßlichen Sühn⸗ opfer.— Doch man muß es zum Ruhme Maſaniellos geſtehen, daß ſeine Befehle pünktlich und ſtreng vollzogen wurden, denn nicht das Geringſte ward von den mancherlei werthvollen Gegenſtän⸗ den, welche noch unverſehrt auf der Straße lagen, entwendet. Ueberall gewahrte man Volkshaufen, welche nach allen Rich⸗ tungen ſtrömten und oft Blicke, in denen ſich Haß und Wuth ausſprachen, auf den langſam vorüberwallenden Zug richteten. Plötzlich fielen einige halbverbrannte, menſchliche Gebeine dicht zu den Füßen des Pferdes nieder, welches der Herzog ritt. Todesbläſſe bedeckte ſein Antlitz, und ſchon wollte der Offi⸗ cier, der die Soldaten führte, das Zeichen zum Angriff geben, als der Statthalter ihm winkte, dies zu unterlaſſen. Das Bpfer von Amalſi.(Pn. II. 11.) 31 2 — Keinen Schuß, ſonſt ſind wir des Todes! rief er— heute ſind wir noch die Schwächeren.. Lcoeonore ſank bei dieſem Gebahren des Volkes zur Seite, ſie war einer Ohnmacht nahe. — O, was iſt aus Neapel gewordenl! ſeufzte ſie. — Eine Stätte der Verzweiflung, lautete die Antwort ihrer Mutter, und Alles dieſes ſollte nicht gerächt werden, die u Schmach, die ſie in dieſem Augenblick dem Vicekönig anthun, la werden ſie bitter büßen. A- — O Mutter, höre ihr Murren, ihre Drohungen, es zer⸗: Botſcho reißt mir das Ohr— ſieh nur die forſchenden, finſtern Blicke, welche man auf den Zug richtet. — Sie ſcheinen Jemand zu ſuchen. — Sie ſuchen Don Herandez, der dieſes Unheil heraufbe⸗ ſchworen hat, und ſie werden ihn finden. — Er wird geſchützt werden, ſei ohne Sorge. — Dieſes jetzt ungeſtüme, blutdürſtige und durch den Druck entartete Volk hätte, wäre man nicht in zu herzbrechender Weiſe verfahren, eben ſo leidenſchaftlich verehrt und geliebt, wie es jetzt verachtet und haßt. Länder D welcher Stattt Man hatte endlich den königlichen Palaſt erreicht, der gleich⸗ 3 falls keinen ergötzlichen Anblick bot. Eine gewiſſe Rückſicht vor dem Alter dieſes Gebäudes mußte können wohl das Volk von der Brandlegung zurückgehalten habe—— nur viele Fenſterrahmen waren zerſtört und Scheiben zertrüm⸗ fen, ve mert, ſonſt hatte man nichts weiter beſchädigt. 8 weſent Lächeln fuhr e iſt vor 5 und b. dieſe2 4 dem B erober! wort die thun, 5 zer⸗ Blicke 1 aufbe⸗ Druck Weiſe wie es gleich⸗ mußte ben— rtrüm⸗ 483 Der Aufſtand. Um die neunte Stunde des nächſten Tages war der Schloß⸗ platz von einer unabſehbaren Menſchenmenge bedeckt. Alle harrten der durch Anſchläge verkündeten herzoglichen Botſchaft mit geſpannter Erwartung entgegen. In dem Balkonzimmer war die herzogliche Familie verſam⸗ melt— die Räthe, die Spitzen der Behörden und der Erzbiſchof von Neapel befanden ſich in den Nebengemächern. Plötzlich öffnete ſich die Thür des Balkonzimmers und Don Herandez, in prachtvoller Uniform, mit den Orden von aller Länder Herren decorirt, trat lächelnd ein. Der Herzog ging ihm entgegen und begrüßte den Miniſter, welcher an ihm eine gewiſſe Unruhe bemerkte. — Ich fühle mich ein wenig beklommen— ſagte der Statthalter— o dieſe Demüthigung. — Bald werden wir triumphiren. — Aber wie haben Sie ungehindert den Palaſt erreichen können? — Ich hatte das Mönchsgewand über die Uniform gewor⸗ fen, vetſetzte der Miniſter lächelnd, ſonſt wäre ich allerdings auf weſentliche Hinderniſſe geſtoßen. Ein lautes Geſchrei ertönte jetzt auf dem Platze. — Evviva! Evviva Maſaniello von Amalſfi! ertönte es. — Hören Sie wohl, ſchon wieder der tolle Fiſcher. — Er iſt die Hauptperſon, ſagte Herandez mit boshaftem Lächeln und trat an das Fenſter. Der Fiſcher ſitzt hoch zu Roß, fuhr er verächtlich fort, er trägt die Fahne der Revolution und iſt von ſeinem Stabe umgeben, ſetzte er ſpöttiſch hinzu. Donna Leonora ſaß neben ihrer Mutter auf einem Divan und blickte mit Verachtung und wohl auch mit Schmerz auf alle dieſe Vorgänge. Herandez näherte ſich ihr mit echt höfiſcher Vornehmheit und dem Bewußtſein, daß er in dieſer Uniform alle Frauenherzen erobern müſſe. 31* 484 Als er herangetreten war, begann Donna Leonora ein Ge⸗ ſpräch mit einer der Hofdamen, welche ſie zahlreich umgaben, um ſo der läſtigen Anrede des ihr verhaßten Mannes zu ent⸗ gehen. Herandez bemerkte dies mit Unwillen und ſprach mit der Herzogin, welche in ihrem Innern die Taktloſigkeit ihrer Tochter rügte. — Gleich nach Unterdrückung des Aufſtandes ſoll die Ver⸗ mählung ſein, bemerkte ſie auf eine Frage des Miniſters. Sie betonte dieſe Worte ſehr ſcharf und blickte dabei bedeu⸗ tungsvoll auf Leonore, welche that, als ob ſie ihr entgangen wären, wiewohl ſie in ihrer Bruſt ſchmerzlich wiederhallten. Im Nebenzimmer, wo ſich das bunte Gewühl des Hofſtaa⸗ tes bewegte, herrſchte eine ziemlich lebhafte Unterhaltung. Die Edelleute ſchienen muthiger als bisher und überließen ſich ihren höhniſchen Betrachtungen über den Aufſtand und deſſen Führer. Nur Einer von ihnen ſtand in einem fernen Winkel des Zimmers und warf düſtere, verachtende Blicke auf ſeine Umge⸗ bung, welche, trotz der ſchauervollen Denkmäler der Volkswuth, der doch ſelbſt viele ihrer theuerſten Familienmitglieder als Opfer gefallen waren, ſich noch beluſtigen konnten. Endlich trat Don Herandez ein. — Meine Herren, nahm er das Wort, der Augenblick iſt herangenaht, in welchem ſeine Hoheit die Anſprache an das Volk hält, treten Sie in dieſes Zimmer. Alle gehorchten. Kaum aber hatte ſich der Herzog an das große Fenſter begeben, welches ſich nach dem Balkon öffnete, als ein lautes, furchtbares Geſchrei erſchallte. Drohende Stimmen wurden vernommen, Flüche und Ver⸗ wünſchungen geäußert, begleitet vom Klirren und Raſſeln der von tauſend braunen Armen geſchwungenen Waffen. — Herunter, herunter, näher zum Volke! Ihm in's Ange⸗ ſicht blicken! ertönte es jetzt von allen Seiten. Der Herzog erbleichte vor Zorn und blickte ſich im Kreiſe ſeiner Umgebung um. — Folgen Sie, Hoheit, ſagte der Erzbiſchof Filamarino; Siie haben nichts zu fürchten, wenn das Oberhaupt, Maſaniello, unter dem Volke iſt.. A- dem H von der Freitre⸗ und die folgten⸗ ſeiner Se der Em königlic D ihm ſt lange M unmitt Antlitz Haupt Giulio ſchien, dieſes! D gezogen D Geiſtlie — anze edeu⸗ ungen 1. ſſtaa⸗ ließen deſſen el des Umge⸗ zwuth, er als lick iſt n das n das te, als Ver⸗ eln der Ange⸗ Kreiſe grino; aniello, 485⁵ Auch Don Herandez trat dieſem Rathe bei und es blieb dem Herzoge keine Wahl, er mußte ſich, da die Aufforderung von dem Platze noch dringender und drohender wurde, auf die Freitreppe hinabbegeben, wohin ihm die Schaaren der Höflinge und die Hellebardiere, welche die Vorzimmer gefüllt hatten, folgten. Werfen wir nun einen Blick auf das Schauſpiel, welches ſich wenige Augenblicke ſpäter darbot. Der Platz war gedrängt voll, Körper an Körper, Kopf an Kopf ward ſichtbar. Jeder Arm hatte einen Speer umſchlungen, oder einen Dolch geſchwungen, während auf vielen Schultern Gewehre, Keulen, Aerte und andere Mordwerkzeuge ruhten. An der Spitze dieſer zahlloſen Volksmenge ſaß Maſaniello, hoch zu Roß— ein einfacher Fiſchermantel fiel nachläſſig von ſeiner Schulter herab. Sein Haupt war entblößt, während ſeine Hand die Fahne der Empörung umſchlungen hatte; er hielt unmittelbar vor dem königlichen Palaſt. Die übrigen Anführer bildeten ſeine Umgebung, dicht neben ihm ſtand der Räuber Paolo, deſſen rechte Hand krampfhaft die lange Hakenbüchſe feſthielt. Mitten auf der Freitreppe ſtand der Herzog von Arcos— unmittelbar neben ihm befand ſich Leonora.— Ihr bleiches Antlitz erſchien durch die Fülle rabenſchwarzer Locken, welche ihr Haupt umwallten, faſt leichenhaft, ohne jedoch ihre außerordent⸗ liche Schönheit zu beeinträchtigen. Eine Hofdame neigte den Kopf neugierig über die Schulter der Prinzeß, welche dem ganzen Schauſpiel mit unverkennbarer Wehmuth in den Zügen beiwohnte. Zwiſchen dem Herzog und ſeiner Tochter ſtand der Prinz— Giulio Caraffa, wohl mehr um Leonora, von der es ihm oft ſchien, als ob ſie umſinken wollte, eine Stütze, als Zuſchauer dieſes läſtigen Schauſpiels zu ſein. Die Herzogin hielt ſich mit ihren Damen ſo weit zurück⸗ gezogen, daß ſie vom Volke nicht ſichtbar war. Der Herzog von Mattalone, mehrere andere Prinzen, die Geiſtlichkeit und die Stadtbehörden, Don Herandez und der ganze Hofſtaat bildeten die Umgebung des Vicekönigs. Längs der Stufen ſtanden Soldaten, Hellebardiere und andere Bewaffnete, deren Offiziere ſich im Vordergrunde be⸗ fanden und häufig eine drohende, ja herausferdernde Stel⸗ lung annahmen, ſobald ſich unruhige Bewegungen im Volke kundgaben. Der Herzog gab mit lauter Stimme das Verſprechen, dem Volke den echten unverfälſchten Freibrief Karls des Fünften in der Kirche laut vorleſen zu laſſen und an dieſem Privilegium auch ferner feſtzuhalten. — Eid, Eid, daß der Freibrief echt ſei, ſchrieen viele Stimmen.. In dieſem Augenblick machte Celeſto den Maſaniello aufmerk⸗ ſam, daß er dem Volke Schweigen gebieten ſollte, da er ſprechen wollte. Maſaniello folgte dieſer Aufforderung, er winkte mit der Hand, und eine Grabesſtille trat ein. — Volk von Neapel, rief der alte Celeſto, es bedarf nicht des Eides ſeiner Hoheit, ich habe dieſen Freibrief unter der Re⸗ gierung des Herzogs von Oſſuna mit eigenen Augen geſehen und werde ihn wieder erkennen.. Ein Gemurmel erfolgte, deſſen Bedeutung ſich nicht erra⸗ then ließ; Maſaniello winkte, und wiederum trat Schweigen ein. Die Worte Celeſto's hatten auf den Herzog von Arcos einen ſehr wohlthuenden Eindruck gemacht.. Er wendete ſich zu Herandez, welcher jetzt zu ihm getreten war und flüſterte heimlich mit ihm.— — Der Alte kann uns in dieſer Angelegenheit doch ſehr ſtörend ſein, ſagte er leiſe— es ſcheint mir indeſſen, wie auch aus ſeinem Aeußeren zu ſchließen iſt, daß er für die Beſtechung nicht unzugänglich ſei, man muß mit ihm unterhandeln. — Ich werde ihn im Laufe des Tages aufſuchen und mit ihm auf geſchickte Weiſe Rückſprache nehmen, ſagte Herandez. Dann wendete er ſich zu der Prinzeß, um mit ihr zu ſpre⸗ chen, allein dieſe beachtete ihn nicht. Ihre Blicke ſuchten den Prinzen Giulio, welcher ſich gleich 7 nach der Verkündigung des herzoglichen Verſprechens zurückge⸗ zogen hatte. 1 Nachdem der Herzog dem Volke noch die Verſicherung gege⸗ ben, daß er die Hoffnung hege, nach wenigen Tagen ſeine treuen 33 hende Mini der F und be⸗ tel⸗ Volke dem in in lium ſwiele erk⸗ echen t der nicht Re⸗ ſehen erra⸗ mein. einen ttreten jſehr auch ſchung d mit dez. ſpte⸗ gleich rückge⸗ gege⸗ treuen — 3 Menpoſttaner zufriedengeſtellt zu haben, zog er ſich mit ſeiner Umgebung in den Palaſt zurück. Maſaniello wendete ſein Roß und wurde im Triumph nach dem Mercato begleitet. Eine Stunde ſpäter befand ſich der Herzog von Arcos mit ſeiner Familie wieder im Caſtel Nuovo, woſelbſt auch bald dar⸗ auf, nach ſpäterer Berathung auf dem Mercato, ein Abgeord⸗ neter des Volkes erſchien. Dieſer war der Geheimſchreiber Pietro, welcher die Auf⸗ gabe hatte, alle Vorgänge in der Nähe des herzoglichen Gemaches zu beobachten, bis zu dem Augenblick, wo die Uebergabe des Freibriefs erfolgte, welcher am Abend deſſelben Tages in der Kirche del Carmine verleſen werden ſollte. Das Entſagungsſchreiben. Herandez hatte ſich wieder in das Mönchsgewand gehüllt und ſtahl ſich heimlich aus dem Schloſſe. Er wollte ſich zunächſt zum Räuber Paolo begeben und dann mit Celeſto unterhandeln. Er befand ſich in der Toledoſtraße, als er plötzlich von hin⸗ ten ſich ergriffen fühlte. Er blickte ſich um und ſah den Räuber Frederigo mit dro⸗ hender Geberde vor ſich ſtehen. — Es wäre mir ein leichtes, redete ihn dieſer an, den Miniſter der Volkswuth preiszugeben, indem ich ihn nur von der Kapuzinerkutte befreie. — Um Gotteswillen, welche Drohung! — Sie haben mich belogen! 488 — Welche Beſchuldigung! — Sie haben Ihre Verſprechungen nicht erfüllt. — Ich hatte noch keine Gelegenheit, da es mir bisher noch nicht möglich wurde, nach Caſtel Nuovo zu gelangen. — Feiger, erbärmlicher Menſch, das wagen Sie mir zu ſagen, Sie wiſſen, ich habe meine Späher— man hat Sie be⸗ reits dreimal im Caſtel geſehen. — Eure Späher täuſchen ſich. — Lügen Sie nicht, Miniſter, es iſt mir Alles bekannt, nicht nur, daß Sie bei dem Herzog meiner auch nicht mit einer Silbe erwähnt, ſondern auch, daß Sie heute— gegen elf Uhr Vormittags mit der Prinzeß geſprochen haben. Sie ſehen alſo, jede lügenhafte Ausrede wäre bei mir vergebens. — Verleumdung— ich verſichere Euch. — Soll ich den Mönch in den geſuchten ſogenannten gelben Spanier verwandeln, drohte der Räuber, nur wenige Augenblicke, und Ihr Kopf würde an einem der bekannten Pfähle des Mer⸗ cato prangen Herandez begann zu zittern, ſeine Geiſtesgegenwart war dahin, er ſah ſich verrathen, verloren und daher gezwungen, nicht mehr zu leugnen. — Ich habe mit der Prinzeß geſprochen, ſagte er, aber nicht aus eigenem Antriebe, ich ging an ihrer Thür vorüber, ſie rief mich zu ſich und ich gehorchte. — Nein, elender Lügner, die Prinzeß, welche Sie verab⸗ ſcheut, iſt vor Ihnen geflohen, Sie aber drängten ſich ihr unver⸗ ſchämterweiſe nach— Sie ſollten ihr entſagen. — Ja, ja— ſtotterte Herandez. — Haben Sie dies gethan? Nein, Sie wiederholten ſogar Ihre läſtigen Bewerbungen. — Ich will— ich werde. — Auch ich werde! rief der Räuber, iſt bis morgen nicht das Entſagungsſchreiben in den Händen der Prinzeß, ſo befin⸗ den Sie ſich in der Gewalt des Volkes. Der Räuber hatte ſich ſchnell entfernt, und der Miniſter blieb wie betäubt zurück. Als er ſich indeſſen aus der ihm drohenden Gefahr befreit ſah, faßte er, wie alle Schwächlinge, wieder Muth. ddget Bo Beide i Ein er wüth ( Er wieder G welche un iſ, voch Jet lichſte E den Rä brauch händerin ſagungsſ folgen, br furchtſa deutet i Her lich nach elben blick, Mer⸗ war nicht nicht rief derab⸗ nnver⸗ ſogat nicht befin⸗ iniſter befreit ö= Ein höhniſches Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen, während er wüthend die Zähne ineinandergebiſſen hatte. — Du ſollſt morgen nicht mehr am Leben ſein, nichtswur⸗ diger Bandit. Er wollte ſich mit dieſen Worten entfernen, als Frederigo wieder vor ihm ſtand. — Ich habe vergeſſen, zu bemerken, daß Ihre Entſagung, welche unter den drei Ihnen geſtellten Bedingungen ſchon enthalten iſt, noch heute dem Herzog von Arcos eingehändigt werden ſoll. Jetzt ſah ſich Herandez auf eine neue Art in die pein⸗ lichſte Enge getrieben— er flehte in der jämmerlichſten Weiſe den Räuber an, von dem ihm erpreßten Papier keinen Ge⸗ brauch zu machen. 8 — Ich will ja Alles thun, was Ihr verlangt, ſagte er händeringend. — Ich glaube Ihnen nicht mehr. — O, Ihr werdet Euch überzeugen, daß morgen das Ent⸗ ſagungsſchreiben zu der Prinzeß gelangt iſt. — Was morgen geſchehen ſoll, mag ſchon heute geſchehen; folgen Sie mir. Frederigo zog Herandez in ein Haus, bald befanden ſich Beide in einem Gemache. — Was ſoll nun geſchehen? fragte Herandez, indem er furchtſame Blicke um ſich warf. — Schreiben Siel gebot Frederigo. — Heilige Jungfrau, was ſoll— — Es iſt beſſer, daß dieſe Entſagung, die dort nur ange⸗ deutet iſt, in einem beſonderen Schreiben ausgeſprochen wird. Herandez ſah ſich gezwungen, zu gehorchen und mußte wirk⸗ lich nach dem Dictate Frederigo's niederſchreiben: Hoheit! So glücklich mich die ehrenvolle und ſchmeichelhafte Hoffnung machte, der Gemahl ihrer Hoheit, der Prin⸗ zeß Donna Leonora zu werden, ſo haben mich doch un⸗ erwartete, grauſame Umſtände plötzlich beſtimmt, dieſem Glücke zu entſagen. Forſchen Sie nicht nach Gründen, Hoheit, die ich nie, nie offenbaren werde. Mit zitternden Händen hatte Herandez dieſe Zeilen und ſei⸗ nen Namen darunter geſchrieben. 490 Frederigo verbarg lächelnd den Brief in ſein Gewand und reichte dem Miniſter die Hand. — Nun ſind wir mindeſtens zum Theil mit einander quitt, auch der Reſt wird ſich zwiſchen uns ausgleichen, ſagte er und entfernte ſich. Zerſchmettert blieb Herandez einige Augenblicke an der Stelle, wo er geſchrieben hatte, dann erhob er ſich, wie von einem neuen Gedanken beſeelt und ſtürmte mit einem Lächeln der Befriedigung hinaus. Auf die Straße gelangt, eilte er haſtig davon, blieb indeſſen bald vor einem Manne ſtehen, es war— der Gettatore. Eine Unterredung begann, in welcher häufig der Name Ce⸗ leſto genannt wurde. Der Alte iſt unbeſtechlich, ſagte der Gettatore, ich werde mit ihm ſprechen, aber in geeigneter Weiſe, ſobald wir Gold anbieten, ſind wir verloren. — Es iſt vielleicht Alles unnöthig, ſagte Herandez, denn das Ding iſt ſo gut gemacht, daß zer es— erkennen muß— aber mich drückt noch eine gewichtigere Laſt. — Nun? — Frederigo lebt noch. — Er wird ſterben. — AHch, bis dahin ſtürzt er mich in unendliche Verlegenheit — nein, Don Silva, ich bedarf zur Beſeitigung dieſes Menſchen eines Armes, der ſchnell handelt. Mit haſtigen Schritten eilte er davon und befand ſich bald in dem Keller, in welchem wir ihn an jenem Abend ſahen, als er aus ſeinem Palaſte vertrieben war. Der Räuber Paolo empfing ihn in ziemlich unſanfter Weiſe. — Es iſt doch bei unſerer Verabredung geblieben?— nahm der Miniſter das Wort. Der Angeredete wurde zerſtreut und richtete durchbohrende Blicke auf Herandez. — Nach wenigen Stunden wird die Feier in der Kirche del Carmine ſtattfinden, ſagte dieſer; jetzt werdet Ihr mich ver⸗ ſtehen. — Vollkommen, aber ich bin betrübt. — Habi Ihr allen Muth verloren? — Ich habe nur den Muth eines Menſchen und nicht den ohne 3 verlang A ausbrech unnatü aber Schurk d und guitt, er und Stell, neuen digung ndeſſen ne Ce⸗ werde r Gold „denn nuß— genheit tenſchen ich bald en, als Weiſe. — nahm ohrende 1 Kirche ich ver⸗ +—— des Teufels— es wird mir heute eine ſchwere Stunde ſchlagen, die herbeſte Prüfung meines Lebens ſteht mir bevor. — Liegt Euch der Prinz Giulio Caraffa plötzlich ſo ſehr am Herzen? fragte Herandez überraſcht. Der Räuber lächelte höhniſch und verächtlich. — Was gilt mir ſein Leben, was tauſende gegen ein ein⸗ ziges?— rief Paolo unmuthig; ich werde ihn kalt und ohne irgend welche Gefühlsregung nieder machen, aber— Hier hielt er inne, blickte voll Angſt und Unentſchloſſ ſenheit umher und ließ dann das Haupt auf die Bruſt ſinken. — Paolo, was iſt aus Euch geworden? — Verlaſſen Sie mich, Excellenza, rief der Räuber unmuthig, hich möchte allein ſein; Ihre Wünſche ſollen erfüllt werden, was verlangen Sie 2 Außer Giulio o Caraffa ſollen noch Andere ſterben. — Das weiß ich ſehr wohl, lachte Paolo, wie in Wahnſinn ausbrechend. — Wen meint Ihr? — Das bleibt das Geheimniß der Hölle ſo lange, bis die unnatürliche That vollbracht iſt, dann wird ſie ganz Neapel ſehen, aber wen meinen Sie denn?— — Frederigo!—— — Alle Teufel ja, er muß daran glauben, der niederträchtige Schurke, der mir einen unverantwortlichen Streich geſpielt hat. — Aber handelt ſchnell, Paolo, noch heute, auch er wird ohne Zweifel in der Kirche ſein. Gehe nicht in die Kirche. Livia betete knieend. Es war Dämmerung, und ſie hatte bisher ihren Gemahl vergebens erwartet. Die ſchrecklichſten Ahnungen hatten ſie beſchlichen, ſie be⸗ mühte ſich umſonſt, dieſe zu verbannen und verſuchte jetzt, durch Gebet ihre Seele von den quälenden Phantaſieen abzulenken. Sie hatte ſich wieder erhoben, als Paolo leiſe eintrat. — Livia, redete er ſie an, bevor ſie noch Zeit hatte, ſich zu ſammeln— heut iſt der Abend, wo ganz Neapel nach der Kirche ſtrömen wird, Du erinnerſt Dich, was ich Dir neulich ſagte, als ich von Dir ſchied. — Ihr ſagtet mir, ich ſollte mich nicht nach der Kirche be⸗ geben— warunm ſoll ich fern bleiben? — Bleibe zurück, ich ſagte Dir ſchon, Du dürfteſt den An⸗ griffen des rohen Pöbels ausgeſetzt ſein. — Mich wird Niemand beleidigen, auch iſt die Kirche nicht der Ort, um Gewaltthätigkeiten zu üben, denn ſie iſt die Wohnung Gottes und der heiligen Jungfrau. Bei dieſen Worten ließ der Räuber ſein Haupt auf die Bruſt ſinken, ſtierte düſter vor ſich hin und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. — Paolo, Ihr habt böſe Gedanken! rief Livia, indem ſie ſeinen Arm ergriff und ihn feſthielt. — Livia, Du biſt unruhig, aufgeregt, laß mich, ſtotterte der Räuber, der am ganzen Körper bebte und hinaus eilen wollte. — Paolo, Paolo, was wollt Ihr thun, rief Livia, indem ſie ihn zurückhielt, Gott— wo iſt mein Mann!? — Warum fragſt Du mich nach ihm? ſagte der Räuber mit dumpfer Stimme. — Paolo, Paolo, verſchont meinen Mann! rief Livia und warf ſich ihm zu Füßen. — Ich begreife Dich nicht, Livia, ſagte der Räuber, deſſen ganzes Worte — heil kre — wiieder, aus. Liy bis ende Alo mit ein enicht huung Bruſt Seufzer em ſie rte der wollte. indem Räuber ia und deſſen ganzes Weſen ſehr verſtört erſchien; warum rufſt Du mir dieſe Worte zu? — Ach, Ihr wollt meinen Maſo ermorden— Gott ſteh ihm beil kreiſchte die geängſtigte Frau. — Livia, lebe wohl— vielleicht ſehen wir uns niemals wieder, ſagte der Räuber bedeutungsvoll und eilte ſtürmiſch hin⸗ aus. Livia weinte und blieb in finſterem Hinbrüten verſunken, bis endlich ihr Mann eintrat. Als ſie dieſen erblickte, ſprang ſie auf und umſchlang ihn mit einer ſeltſamen Gluth. — Maſo, mein Maſol ſeußzte ſie. — Meine Livia, Du weinſt ſchon wieder?— — Maſo, eine fürchterliche Angſt überfällt mich um Deinet⸗ willen, ſage mir, begiebſt Du Dich nach der Kirche del Carmine? — Gewiß, meine Livia, mein Volk erwartet mich. — Maſo, Maſo, gehe nicht in die Kirche, flehte Livia. — Ich muß— mein Amt, meine Stellung ruft mich dahin. — Dich erwarten Mörder!—— — Livia, wir Alle ſtehen in Gottes Hand, will aber mein Volk meinen Kopf, ſo ſoll er ihm werden. — Dein Volk will Dich nicht tödten, Deine Freunde fnd Deine Mörder. 1 — Livia, laß den furchtbaren Argwohn fahren, ſagte Ma⸗ ſaniello, indem er ihr liebkoſend das Haar ſtreichelte, gehe zur Ruhe, Du biſt ſehr aufgeregt. — Ich laſſe Dich nicht von mir, ich weiß es, ſie wollen Dich morden, ich habe Dich ſchon wiederholt gewarnt. — Ich darf nicht länger weilen, mein Volk wartet, horch, wie die Glocken ſchon läuten. — Sie läuten Dir zum Tode, Maſo! verſetzte Livia. — O nicht doch, ich kehre nach der Feier zu Dir zurück, liebe Frau. — Wico, ich ſollte zurückbleiben? rief Livia athemlos, nein, ich will mit dir. — Du vermagſt mich nicht zu ſchützen, wenn mir Unheil droht, bleibe znrir der Aufenthalt in der angefüllten Kirche wird Dir ſchädlich ſein. — Ach, ach, er ſtößt mich zurück, Bleibe bei mir, Maſo, rief Livia, kaum ihrer Sinne mächtig, gehe nicht in die Kirche, der 3u ich bitte Dich. — Wenn mir der Tod von Gott und der heiligen Jungfrau beſtimmt ſein ſollte, dann muß er mich auch hier ereilen, ich könnte ihm nicht entgehen. Er wollte ſich entfernen, aber Livia hing ſich an ihn und umſchlang ihn ſo heftig, daß er ſich nur mit Gewalt aus ihren Armen zu reißen vermochte. Als er das Zimmer verlaſſen hatte, warf ſie ſich aufs Knie und faltete die Hände. — Heilige Jungfran beſchütze ihn, flehte ſie andachtsvoll; ja, Du gebenedeite Mutter von Carmel wirſt ihm beiſtehen. Die Glocken begannen zu läuten, dieſer Klang hob Livia's Gemüth— er rief ſie ja auch an der Seite des Bräutigams einſt zum Altar, er träufelte auch jetzt einen ſanften Troſt in ihre wunde Bruſt. Die Glocken läuteten— Livia weinte— betete und— hoffte. Vor dem Poſſenſpiel. Wollten wir die Orte aufſuchen, welche für die Nachwelt merkwürdig geworden ſind, wie die Schauplätze jener plötzlichen Ausbrüche der Begeiſterung, auf welche die Geſchichte von Zeit zu Zeit die Strahlen eines großen Ruhmes geworfen hat, ſo müſſen wir je nach dem Charakter eines Volkes an ſehr ver⸗ ſchiedenen Stätten ſuchen. An einſamen Felſenklippen, rauh wie ihre Bewohner, an den feuchten Wänden natürlicher Hühien, finſter wie die Ent⸗ Schlach würfe/ So Geiſter We und une ſo findet Bruſte ſondern eines g auffucht hatte u Nauer Aufſtan dieſes H — Kirche, ungfrau len, ich ihn und us ihren fs Knie chtsvoll; ehen. Livig's dutigams Troſt in und— Nachwelt llötzlichen von Zeit hat, ſo ſehr ver⸗ hner, an die Enk⸗ 495⁵ würfe, die darin geflüſtert wurden, ſollten wir die Denkmäler der Zuſammenkünfte der Vaterlandsbefreier finden. Solche Stellen waren es, welche vorzugsweiſe die kräftigen Geiſter nordiſcher Völker auswählten, um ſich zu verſchwören, Schlachten vorzubereiten und Siege zu feiern. Wenden wir uns aber zu der Geſchichte ſüdlicher Länder und ungeſtümerer Schwärmer, zu den feurigen Söhnen Italiens, ſo finden wir, daß große Volksbewegungen nicht nur in der Bruſt einzelner nachdenkender und finſterer Männer keimten, ſondern auch aus den plötzlichen und gleichzeitigen Antrieben eines ganzen Volkes hervorgingen, das nicht nur die Einſamkeit aufſuchte, ſondern furchtlos zu Gott und ſeinen Heiligen eilte ſte zu Zeugen der erlittenen Bedrückung und der Wuth ihrer Empörung zu machen. Es würde daher hier unmöglich ſein, irgend eines großen volksthümlichen Ereigniſſes zu gedenken, das nicht mit der Kirche in Verbindung ſtände. Die ehrwürdige Kirche der heiligen Jungfrau del Carmine hatte mehr Schauſpiele von hiſtoriſcher Bedeutung in ihren Mauern geſehen. Auch heute ſollte dort ein ſolches ſtattfinden, und die alte Kathedrale war wie zu einem Feſte ihrer Schutzheiligen auf das prächtigſte geſchmückt. Die Mönche des reichen Carmeliter⸗Kloſters, zu welchem ſie gehörte, hatten es an keinem Prunk fehlen laſſen, um der Feſt⸗ lichkeit einen erhöhten Glanz zu geben. Das erſte Geld, das geſpendet wurde, um die Führer des Aufſtandes zu unterſtützen, wurde übrigens von einem Mönche dieſes Kloſters dargebracht.. Die Gabe war zwar nur unbedeutend, aber aus dieſem Umſtand ging hervor, daß die Mönche günſtig für das Volk geſtimmt waren. Es war an dem dritten Tage des Aufſtandes nicht mehr aufgefallen, daß ſich vermummte Mönche unter das Volk miſchten, welcher Umſtand die Abſichten der Empörer begünſtigte. Der Glanz, den alſo die Kloſterbrüder bei einer Feſtlichkeit zu zeigen beſchloſſen, die den Sieg des Volkes feiern ſollte, konnte die politiſche Aufregung nur unterſtützen, welche ihren Weg ſelbſt zu den Mönchen gefunden hatte. 496 großen brennenden Kerzen ſtanden. Tauſend Wachsfackeln waren angezündet, bunte Fahnen wehten, wohin das Auge ſah. 3 Ein noch nie dageweſenes Ereigniß war es, daß um den erhöhten Sitz des Erzbiſchofes Seſſel und ein Tiſch mit Schreib⸗ materialien ſtanden. Die Glocken der Kloſterkirche hallten feierlich durch die Stadt und riefen das Volk herbei, Zeuge eines vor dem Altar geſchloſſe⸗ nen neuen Vertrages zwiſchen ihm und dem Adel zu ſein. Die Thüren der Kirche waren noch geſchloſſen, und Hun⸗ derttauſende warteten ungeduldig des Augenblickes, wo ſie ſich öffnen würden. Die Namen Maſaniello, Mattalone, Filamarino und Arcos wurden überall und unausgeſetzt genannt. Das ganze Volk ſchien zu fühlen, daß ſein Sieg vollſtändig und die bevorſtehende Feierlichkeit der erſte Schritt zur Rückkehr der Ordnung war. Niemand ahnte den Betrug, der erſonnen war, mit dem feierlichen Blendwerk eine ganze Nation zu täuſchen. Im Rathe des Statthalters herrſchte während deſſen die größte Aufregung, und im Caſtel Nuovo zeigte ſich keine geringere Bewegung, als auf dem Platze del Carmine. Der argliſtige Vicekönig hatte Muth gewonnen, während ein großer Theil ſeiner Räthe kleinmüthig geworden war. Er hatte ſein Benehmen ſeit dem erſten Augenblick des Auf⸗ ſtandes nach den Umſtänden eingerichtet, die Niemand beſſer be⸗ griff und ſchärfer beobachtete, als er. Er hatte daher, wie wir bereits erfahren, in Gemeinſchaft mit einem ſeiner erſten Räthe beſchloſſen, einen neuen, kühnen Verſuch mit der Leichtgläubigkeit des Pöbels zu wagen. Als er ſah, daß das Geſchrei nach dem Freibriefe Carls des Fünften, deſſen Inhalt die Abgaben und andere wichtige Ange⸗ legenheiten behandelte, ſtündlich ſich vergrößerte und ſeine wider⸗ holt erhobenen Zweifel gegen das Vorhandenſein einer ſolchen Urkunde als eine gefliſſentliche Unwahrheit betrachtet wurde, gab er endlich Befehl, daß geſchichtskundige Männer über die Mög⸗ lichkeit der Entdeckung eines ſolchen Freibriefes und über die Koſtbare Teppiche bedeckten die Wände der alten ehrwürdigen Kathedrale, während um den Altar ſchwere ſilberne Leuchter mit Celeſto Zutritt der eing darüber Au überzeu beruhe die ein mit ih A ein, da zu vere das V. geſtehen gekomr 5 keine biſchof ſondern Das vürdigen b hter it Fahnen um den Schreib⸗ de Stadt eſchloſſ⸗ in. nd Hun⸗ ſe ſch nd Arcos olſſtndig Rückkehr mit dem eſſen die geringere während ar. des Auf⸗ beſſer be⸗ einſcaft kühnen gari des ige Ange⸗ ne wider t ſolchen urde, gab die Mög⸗ über die — 497 Quelle des unter dem Volke verbreiteten Glaubens Unterſuchun⸗ gen anſtellen ſollten. Es war ihm ſchon früher bekannt geworden, daß der alte Celeſto unter der Statthalterſchaft des Herzogs von Oſſuna Zutritt zu den Staatsarchiven gehabt hätte und wahrſcheinlich der einzige Mann im Königreiche geweſen wäre, der Auskunft darüber zu geben vermochte. Außerdem hatte der Herzog aus den Aeußerungen der Volks⸗ führer den Inhalt der eingebildeten Urkunde ſogleich errathen. Er hatte Anfangs ſelbſt an die Möglichkeit des Vorhanden⸗ ſeins eines ſolchen Documents geglaubt und ließ in der That danach ſuchen. Als aber alle Nachforſchungen vergebens blieben, war er überzeugt, daß die ganze Sache nur auf einer Erdichtung Celeſto's beruhe und erwartete ungeduldig, wie der Alte dieſe Täuſchung des Volkes ausbeuten würde.— Die erſten Folgen des ausgeſchrieenen Geruͤchts waren der Angriff und die Einnahme des Thurmes von San Lorenzo. Das Verlangen nach dem Freibriefe blieb übrigens immer die einzige Antwort, welche die Anführer bei ſpäteren Verſuchen, mit ihnen zu unterhandeln, äußerten. Als der Herzog ſeine Vermuthung beſtätigt fand, ſah er ein, daß ihm nichts übrig blieb, als ſich mit dem alten Celeſto zu vergleichen und ihn zu gewinnen, ehe ein neuer Verſuch gegen das Volk gewagt würde. Nachdem dies gelungen, war es nothwendig, das Geſchrei nach dem Freibriefe zu ſtillen, was mit einem geringen Aufwande von Scharfſinn und der nothwendigen Unverſchämtheit, die wir ja auch an Don Herandez ſo oft bemerkt haben, geſchehen konnte. Wir haben erfahren, daß der Herzog, nachdem ſeine Boten wohl etwas bei Celeſto, doch nichts bei Maſaniello ausgerichtet hatten, auf Veranlaſſung des letzteren dem Volke öffentlich zu⸗ geſtehen mußte, daß der Freibrief endlich an das Tageslicht gekommen ſei. Der Statthalter mußte ferner erklären, daß das Dokument keine veränderte Abſchrift, wie die ſchon früher durch den Erz⸗ biſchof von Neapel auf dem Mercato proclamirte Kundgebung, ſondern der rechte wahre Freibrief ſei, welcher, in goldenen, ſchön Das Bpfer von Amalfi.(Bv. II. 13.) 32 498 verzierten, gothiſchen Buchſtaben von Carls des Fünften eigener Hand geſchrieben und unterzeichnet wäre. Noch kurz vor der kirchlichen Feier, als der Herzog von Arcos doch ein wenig erregt über die mögliche Entdeckung des Betruges nachdachte, beſchloß er dem alten Celeſto die aufgefun⸗ dene Urkunde unter vier Augen vorzulegen, um aus deſſen Be⸗ nehmen zu erkennen, ob das Gaukelſpiel zu unternehmen ſei oder nicht. Der ſchlaue Mann hatte die Stunde der Dämmerung ge⸗ wählt, um dem Alten, bei ſeinen ohnehin ſchon geſchwächten Augen jede genauere Prüfung unmöglich zu machen. Gegen acht Uhr wurde ein Bote zu dem alten Celeſto ge⸗ ſandt und bald darauf erſchien dieſer in dem Caſtel Nuovo. — Ich habe Euch zu mir rufen laſſen, Siguor, nahm der Statthalter das Wort, um jede Spur von Mißtrauen zu tilgen. Er führte den Alten in äußerſt zuvorkommender Weiſe zu einem Divan und ſetzte ſich dann neben ihn. Durch dieſe Herablaſſung war Cel 0 geſchmeichelt und ſchon von vorn herein für den Herzog günſtig geſtimmt. 4— Wir hegen kein Mißtrauen mehr, ſagte er, nachdem Eure Hoheit heute die öffentliche Erklärung abgegeben haben; aber wäre dies ſelbſt der Fall, in welcher Weiſe wollten Sie es ſchwinden machen?— — Indem ich Euch noch einmal die Schrift des hochſeligen Kaiſers Karls des Fünften vorlege, die Ihr mit eigenen Augen geſehen haben wollt und daher leicht wieder erkennen werdet. Ich halte dies um ſo mehr für meine Pflicht, da Ihr bei dem unſicheren Schein des Kerzenlichtes in der Kirche leichter zu täuſchen wäret als hier, wo uns noch der Tag leuchtet. — Es leuchtet uns nur noch die Dämmerung, Hoheit, ſagte Celeſto lächelnd, aber gleichviel, ich würde dieſe Urkunde ihrer Eigenthümlichkeit halber ſelbſt bei Mondenſchein wieder erkennen. — Um ſo beſſer!. Der Herzog erhob ſich, und ſein Herz pochte bewegter, als er zu dem Alten zurückkehrte. Betrachtet dies, ſagte er mit etwas leiſer Stimme. Mit dieſen Worten überreichte er Celeſto ein Pergament von alterthümlichem Farbenton mit dem ſpaniſchen Wappen. 6o anſah! gleich d Herz hi dem 9 edeln( gehen, an heil bereits, D verſtoh trachte erkenne dens die Ech ſagte d etgriff hande verleſ welche Vorg⸗ eher gener von g des gefun⸗ n Be⸗ en ſei ng ge⸗ ächten ſto ge⸗ o. hm der tilgen. Zeiſe zu lt und achdem haben; Sie es ſchſeligen Augen werdet. bei dem chter zu it, ſagte de ihrer erkennen. gter, als ergament ppen. ʒV — 499 Celeſto prüfte es ſorgfältig, indem er es von allen Seiten anſah und es bald links, bald rechts drehte. Er näherte es dem Auge und hielt es dann wieder in kur⸗ zer Entfernung. Hier ſtanden ſich zwei der ränkevollſten Männer Neapels gegenüber, der Herzog von Arcos ſollte Sieger werden. Er hatte aus des Alten Benehmen bei dieſer Prüfung ſo⸗ gleich die Unſicherheit ſeines Gedächtniſſes erkannt, und ſein Herz hüpfte vor Freude. — Nun, Signor,— Ihr forſcht lange? ſagte er. — Es ſcheint das rechte zu ſein.— — Es ſcheint? es iſt, wollt Ihr ſagen, Ihr müßt nicht von dem Herzog von Arcos denken, daß er im Stande wäre, einen ſo edeln Greis und ein ganzes Volk mit kaltem Blute zu hinter⸗ gehen, um ſo weniger, da die Vorzeigung dieſer Urkunde ja bald an heiliger Stätte geſchieht— hören Sie? die Glocken läuten bereits,— laſſen Sie uns ein Paternoſter beten. Der Heuchler kniete nieder, ſtatt aber zu beten, blickte er verſtohlen auf den Alter, der immer noch das Pergament be⸗ trachtete. Er erhob ſich wieder und trat dann zu Celeſto. — Es iſt das Rechte, ſagte er mit Entſchiedenheit; Ihr erkennt es wieder, nicht ſo? — Ich halte es ebenfalls dafür. — Es hatte viele Mühe gekoſtet, es aufzuſuchen, ſagte der Herzog haſtig, und nun, da es gefunden iſt, werdet Ihr wohl die Echtheit deſſelben beweiſen können. — Ich werde ſie nicht leugnen. — Das erwartete ich von Eurer Redlichkeit, würdiger Greis, ſagte der Statthalter frohlockend, indem er die Hand Celeſto's ergriff. Dieſer wollte ſich entfernen. — Noch einen Augenblick, ich bedarf Eures Rathes— es handelt ſich nämlich um einen Edelmann, welcher dieſe Urkunde verleſen ſoll; meine Wahl ſiel auf den Herzog von Mattalone, welcher, wenn auch nicht beliebt, ſo doch, wie ich nach neueren Vorgängen erwarten darf, ſchon aus Rückſicht gegen ſeinen Sohn eher angehört würde als jeder andere Nobile von Neapel. 1 32* 500 — Er wäre jetzt auch nach meiner Anſicht der Einzige, der es wagen dürfte, ſtimmte der Alte bei. — So wartet einige Augenblicke, Ihr ſollt der Unterzeich⸗ nung in Gegenwart meiner Räthe beiwohnen, welche ſchon ver⸗ ſammelt ſind. Der Augenblick war alſo nahe, wo der noch immer gefähr⸗ liche Verſuch gemacht werden ſollte, das heimliche Blendwerk auf dem Altar einer Kirche und im Beiſein eines Biſchofs vorzu⸗ führen. Der Herzog von Arcos begab ſich in Begleitung Celeſto's in einen großen Saal, in welchem die Räthe warteten, in deren Gegenwart er die Urkunde unterzeichnen und die unverletzte Erhaltung der darin aufgezählten Volksrechte beſchwören ſollte. In der Abſicht, dieſem Betruge noch mehr Bedeutung zu geben, waren die höchſten Staatsbeamten anweſend, und nach⸗ dem der Cardinal Trivulzio die Urkunde geſegnet hatte, wurde ſie dem Herzog von Mattalone übergeben, der ſie nicht nur laut verleſen, ſondern auch im Namen der Unterzeichneten die ſtrenge Beobachtung des Inhalts oder der daraus in einen neuen Frei⸗ brief aufzunehmenden Punkte beſchwören ſollte. Als dieſe Maßregeln in Gegenwart Celeſto's getroffen wa⸗ ren, trat der Vicekönig zu dem Herzog von Mattalone. — Herr Herzog, redete er ihn an; ich bitte Sie, zu erklä⸗ ren, daß wir unſeren aufrichtigen Glauben an die Verſicherun⸗ gen, welche uns das Volk von ſeiner Pflichttreue geben wird, ſeiner Majeſtät melden wollen, daß wir bereit ſind, die Laſten zu erleichtern, welche nur die dringenden Bedürfniſſe des Staa⸗ tes dem Volke aufgelegt haben, und daß Alles, was an dieſem Abend beſchworen wird, treulich gehalten werde ſo wahr dieſe Ritter und Barone ihre Eide und ihre Ehre achten und wir Alle auf unſere Seligkeit hoffen. Wir übergeben Ihnen dieſe Angelegenheit, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, mit vollem Vertrauen auf Ihre Treue und die Zukunft wird dann beweiſen, wie der Staat ſeine treueſten Diener zu ehren weiß. Jetzt hatte ſich Celeſto mit Zufriedenheit aus dem Saale entfernt, und der Statthalter mußte ſich die erdenklichſte Mühe geben, das Lachen zu unterdrücken. Der Herzog von Mattalone nahm, ohne zu antworten, die Urkunde zu gehe Git dem Ca ſpiels ne Sei niſſ, in Nut ſeinen 3 drücklich Er ſer endl ihn ind gehen. hörteſt Verſpr ge, der erzeich⸗ on ver⸗ gefähr⸗ erk auf vorzu⸗ Leleſtos n deren verletzte ſollte, tung zu d nach⸗ wurde nur laut ſtrenge en Ftei⸗ ffen wa⸗ u erklaͤ⸗ ſicherun⸗ en wird, ie Laſten 3 Staa⸗ dieſem ir dieſe und wir een dieſe it vollem beweiſen, m Saale te Mühe ten, die 501 Urkunde aus der Hand des Statthalters und machte ſich bereit, zu gehen. Giulio Caraffa, der auf Zureden ſeines Vaters dieſen nach dem Caſtel begleitete, hatte während dieſes prunkhaften Poſſen⸗ ſpiels neben ihm geſtanden. Seine Züge verriethen keine Spur der furchtbaren Ereig⸗ niſſe, in welche er in den letzten Tagen verwickelt geweſen. Nur Spott, den ein flüchtiges Lächeln milderte, war in ſeinen Zügen zu leſen, als die Stimme des Vicekönigs nach⸗ drücklicher geworden war. Er wartete ſehnlichſt den Schluß der Rede ab, und als die⸗ ſer endlich erfolgt war, wollte er ſich entfernen, ſein Vater hielt ihn indeſſen zurück. — Giulio, ſagte dieſer, Du wollteſt mit mir nach der Kirche gehen. — Es wird mir ſchwer. — Mein Sohn, glaube nicht an ein Poſſenſpiel— Du hörteſt den Eid des Herzogs. — Man ſollte nun allerdings von der Wahrheit dieſer Verſprechungen und der Echtheit jener Urkunde überzeugt ſein, denn ein Ehrenmann ſchwört keinen Meineid, er hält es ſchon für ein Verbrechen, eine Lüge zu ſagen, aber ich— — Nun, mein Sohn, Du hältſt inne. — Ich werde Dich nach der Kirche begleiten, Bater, ſagte Ginlio kurz. Der Herzog war überzeugt, daß ſein Sohn den Vicekönig eines Meineides verdächtigte, aber er ſchwieg. Es wurde nicht viel Zeit zu Vorbereitungen verwendet. Einige Freunde des Herzogs hatten ſich erboten, ihm in die Kirche zu folgen, und wohl noch niemals gingen Ritter und Edle auf ein gefährlicheres Abenteuer aus. Als Giulio ſeinem Vater auf die Zugbrücke der Veſte fol⸗ gen wollte, drückte ihm ein ſpaniſcher Soldat ein Papier in die Hand. Er ſtaunte, indem er es empfing, ſah den Mann einige Augenblicke an, ſparf ihm das Papier in's Geſicht und ging weiter. 8 Auf der Zinne. Als die Edelleute durch die Stadt gingen, erblickten ſie überall Volkshaufen, welche nach allen Richtungen ſtrömten. Sie ſtellten ſich den ſpaniſchen Soldaten, welche im Gefolge des Herzogs waren und ſich in den berühmteſten Schlachten aus⸗ gezeichnet hatten, kühn entgegen und leiſteten nicht nur erfolg⸗ reichen Widerſtand, ſondern überwanden ſie auch und führten ſie gefangen davon. Selbſt die Weiber waren bewaffnet und zogen in Trupps mit Fahnen und Trommeln durch die Stadt. Die Schreckniſſe dieſes Schauſpiels wurden durch ein unbe⸗ ſchreibliches Geſchrei vermehrt. Man ſah mit Blicken des Haſſes auf die vorüberziehenden Edelleute, namentlich auf den Herzog von Mattalone, aber Ma⸗ ſaniello hatte ihn heute früh auf dem Mercato durch ſeine Worte in Schutz genommen, und dieſe waren den Empörern heilig. Unaufhörlich wurde gefeuert, Trommeln wirbelten— Waf⸗ fen raſſelten, die Glocken läuteten und tönten wild durcheinan⸗ der, während Tauſende von Meuterern ein widerwärtiges Geſchrei brüllten. Ein damals lebender Geſchichtsſchreiber, der Zeuge dieſer Auftritte war, ſagt:„Die Stadt ſchien von Teufeln, nicht von Menſchen bewohnt zu ſein.“ Dieſer Anblick war es, der ſich den Edelleuten auf den Straßen bot, als ſie ſich nach der Kirche del Carmine be⸗ gaben. 3 Ganz anders aber und weit großartiger bot ſich das Schau⸗ ſpiel den Beobachtern auf den Zinnen des Caſtels Nuovo, wo⸗ hin ſich der Statthalter mit ſeiner Tochter begeben hatte, um den Zug zu betrachten. Die Rauchwolken, welche durch die Straße und über die Freiplätze getrieben wurden, zertheilten ſich, als ſie in die Luft emporſtiegen. Der Lärm erſchien in der Ferne weniger betäubend. 1 loderte Hohe Ferne ſedet Fackeln Scene kten ſie ten. Gefolge en aus⸗ erfolg⸗ rien ſie Trupps n unbe⸗ ehenden eer Ma⸗ eWorte ilig. 8 Waf⸗ heinan⸗ Geſchrei ge dieſer icht von auf den nine be⸗ Schau⸗ vo, wo⸗ tte, um über die die Luft 503 Die zahlloſen hellen Flammen aber, die noch immer auf⸗ loderten, wie die aus den Brandhaufen auffliegenden und in der Höhe umhergewirbelten Gegenſtände, gewährten auch in der Ferne einen ſchrecklich großartigen Anblick. Die Feuer, die außer den brennenden Paläſten heute an jeder Straßenecke loderten, waren ſo zahlreich, ſo vielfältig, wie Fackeln, die gleich Meteoren in der Stadt leuchteten, ſo daß jede Scene des ſeltſamen Schauſpiels ſichtbar war, wie am hellen Tage. Dieſe Straßenfeuer hatte man angezündet, damit nicht, wie in den vergangenen Nächten, die Feinde des Volkes unter dem Schutze der Dunkelheit und verkappt, entkommen ſollten. In Leonore's Zügen war eine merkliche Veränderung vor⸗ gegangen, ſeit wir ſie zuletzt an derſelben Stelle neben ihrem Vater geſehen. Jeder Zug ihres ſchönen Angeſichts verrieth, daß ihr ſtolzer Geiſt niedergebeugt, und ihr Herz, das man für erhaben über die gewöhnlichen Schwächen ihres Geſchlechts hielt, tief verwun⸗ det war. Sie blickte düſter und ſchweigend auf den Schauplatz, der ſich in der Entfernung vor ihr ausbreitete. So lange der Zug des Herzogs von Mattalone und ſeiner Begleiter ſichtbar war, beugte ſie ſich weit über die Bruſtwehr hinaus. Als endlich die letzte der Fackeln, die den Zug umgaben, bei deſſen Wendung verſchwunden war, zog ſie ſich zurück. Eine Thräne rieſelte über ihre Wange, und ſeitdem ſprach ſich in ihrem Antlitz nur wenig Theilnahme an allem aus, was ſich ihren Blicken zeigte. Der Herzog von Arcos war zu ſehr mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, als daß er den Eindruck beobachtet hätte, der Leonore beherrſchte. — Mißlingt dieſer wichtige Plan, Leonore, nahm er das Wort, ohne ſeine Blicke von dem Zuge des Herzogs von Matta⸗ lone abzulenken, dann weiß ich nicht, was menſchlicher Scharf⸗ ſinn noch erdenken könnte. Leonore warf auf ihren Vater einen durchdringenden, vor⸗ wurfsvollen Blick, ohne auch nur ein Wort hervorzubringen. — Du ſchweigſt, meine Tochter! 504 — Vater, ich hätte geſchwiegen, da Du mich aber auffor⸗ derſt, ſo will ich ſprechen— ich meine, dieſer Plan muß und wird ſcheitern. — Warum?— rief der Herzog überraſcht. — Weil ihn ein Abgeordneter der Hölle erſonnen hat und er von einem Meineid begleitet wird— einem ſolchen Treiben iſt der Himmel nicht hold. — Leonore! 3 — Es iſt doch nun einmal ſo; ach, mein Vater, wenn alle Herrſcher thun gleich Dir, dann muß die Gnade des Himmels von ihnen weichen und nur ſein Fluch ſie treffen. Der Herzog wurde von einem Todesſchauer durchrieſelt, dieſe Worte ſeiner Tochter hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. .— Leonore, welches Verbrechens beſchuldigſt Du mich? ſtotterte er. — Eines Meineides, Vater. — So gottlos alſo wähnſt Du Deinen Vater? — Die Noth und Don Herandez treiben Dich zu dieſem Frevel, ja, Dein Miniſter gab Dir den hölliſchen Rath, er ſchuf Dir die Revolution, er wird Dir das Blutgerüſt bereiten. — Leonore, der Freibrief iſt unverfälſcht, der alte Celeſto, ein ehemaliger Sachwalter des Volkes unter meinem Vorgänger Oſſuna, hat ihn geſehen und für den echten erkannt. — Der Alte iſt leicht zu täuſchen, ſein Auge wie ſein Ge⸗ dächtniß kann irren— ich glaube an dieſe kaiſerliche Urkunde nicht. — Weil Giulio Caraffa, der Alles bezweifelt, vielleicht ſelbſt, daß eine Gottheit walte, Dir den Glauben daran ge⸗ nommen hat. — Du glaubſt an die Gottheit— Vater? rief Leonore mit einem Blick voll Hohn. 3 — Welche Frage, meine Tochter? — Nun dann rufe ich Dir die Worte des zweiten Gebotes in das Gedächtniß zurück:„Du ſollſt den Namen Deines Gottes nicht unnützlich führen, denn der Herr wird den nicht ungeſtraft laſſen, der ſeinen Namen mißbraucht.“ 16 Dieſe Worte waren ſo feierlich, zugleich ſo drohend, ſo un⸗ heilverheißend geſprochen, daß der Herzog unwillkürlich erbebte. endlich nen ei mir d nicht Dich, das be uffor⸗ und t und reiben m alle mmels wieſelt, auf ihn mich? dieſem et ſchuf n. Celeſto, gänger ein Ge⸗ rkunde ielleicht an ge⸗ ore mit Gebotes Gottes ngeſtraft ſo un⸗ erbebte. 50⁵ Einige Augenblicke trat ein düſteres Schweigen ein; endlich hatte ſich der Herzog einigermaßen geſammelt. Er richtete den bis dahin über die Bruſt herabgebeugten Kopf ſtolz empor und blickte düſter und vorwurfsvoll auf ſeine Tochter. — Ich habe keinen Meineid geſchworen, ſagte er mit feſter Stimmez nur wer eines ſolchen Verbrechens ſelber fähig iſt, ver⸗ mag es einem Andern anzuſinnen. Dieſe vorwurfsvollen Worte hatten dennoch etwas Ueber⸗ zeugendes, und Leonore ward einigermaßen beruhigt. Eine lange Pauſe war eingetreten und der Herzog hatte ſeine Blicke wieder der Stadt zugewendet, die Prinzeß war in Gedanken verſunken. — Leonore, rief der Statthalter plötzlich. — Mein Vater! — Ich glaube Dich nun überzeugt zu haben, daß Dein Argwohn ſich nicht begründet und möchte jetzt Deine Anſicht hören; wird die Miſſion des Herzogs eine glückliche ſein? — Es iſt unnütz, meine Gedanken hierüber zu erforſchen, erwiderte Leonore traurig; immer muß ich Dir wieder ſagen, Du haſt den Rath von Höflingen geſucht, deren Gedanken ſo heimtückiſch, ſo furchtbar ſind, daß edlere und nachdenkende Men⸗ ſchen ſie nicht begreifen können; ſie werden Dich überliſten, und gebe die heilige Jungfrau, daß ſie ſich in ihrer eigenen Schlinge fangen mögen— ich will mich ferner nicht mehr um dieſe An⸗ gelegenheiten kümmern, ich habe Dich gewarnt, als ich es an der Zeit hielt— laß es jetzt alſo genug ſein— ich bin mit mir ſelber nur zu ſehr und leider zu ſchmerzlich beſchäftigt, als daß ich Muße finden könnte, von ſo unglücklichen Dingen Act zu nehmen. Der Herzog warf einen forſchenden, aber mitleidigen Blick auf ſeine Tochter, und ein kurzes Schweigen trat ein. — Es geht Dir, mein Kind, wie uns allen, begann er endlich; Du ſiehſt klarer in fremden Angelegenheiten als in Dei⸗ nen eigenen— ich weiß, Du liebſt den Prinzen, zwar haſt Du mir dies noch mit keinem Worte eingeſtanden, auch will ich Dich nicht zu einer vertraulichen Mittheilung drängen, aber erinnere Dich, daß ein Vater in Bezug auf das Glück ſeines Kindes wohl das beſte Urtheil hat. — — — — 506 Leonore ſenkte das Haupt und ihre Thränen floſſen freier. Die Stunde war noch nicht gekommen, in der ihr ſtolzer Geiſt ſeine Schwäche offenbaren konnte.— Wie ſollte Sie auch bei einem Vater Theilnahme ſuchen, der ein kaltes, berechnendes Herz hat, und ihm eine Geſchichte zerriſſener Gefühle erzählen? Außerdem gehörte ihre Seele nicht zu denjenigen, die ſich leicht unter Prüfungen beugen, oder ſich ſo leicht vertrauend hin⸗ geben. Die Worte ihres Vaters, obgleich ſie tief zu der Quelle ihrer Bekümmerniß drangen und wie eine Einladung lauteten, bei ihm Troſt zu ſuchen und ihm zu vertrauen, ſchob Leonore mehr einer Liſt unter, vielleicht um ihr ein den Prinzen betreffen⸗ des Geheimniß zu entlocken, als daß ſie dieſe für einen Beweis ſeiner Theilnahme hielt. — Ich weiß, Du liebſt den Prinzen Giulio— nahm ihr Vater wieder das Wort. — Wer behauptet dies? wer kann ſagen, daß zwiſchen mir und dem Prinzen ein Wort von Liebe gewechſelt wurde? rief ſie mit Entſchiedenheit. — Um ſo beſſer— dann wird Dir ein großer Schmerz der Entſagung erſpart. — Mein Vater, ſagte Leonore mit Stolz, ich habe Kraft, das Aergſte zu erdulden, ſelbſt wenn der Prinz meinem Herzen theuer wäre, ich würde ſeinen Verluſt ertragen. — So muß die Tochter des Herzogs von Arcos ſprechen, die Prinzeß; was aber ſagt das Mädchen?— fragte der Statt⸗ halter mit durchdringenden Blicken. — Dieſe Frage könnte ich nur dem Vater beantworten, aber nicht dem Statthalter, der, um die Laune ſeines Königs zu be⸗ friedigen, nicht nur barfuß nach dem gelobten Lande ginge, ſondern mit kalter Ruhe auch das Herz der Tochter einem Dämon, einem Herandez opfern könnte, ohne zu ſorgen, ob es brechen würde oder nicht. Sie ſah auf den Herzog und bemerkte ohne Ueberraſchung, daß er ihre Worte nicht beachtet, ſondern auf die Stadt hinab⸗ geblickt hre. Sie wollte ſich auf ihr Zimmer zurückziehen, allein ihr Vater hielt ſie zurück. ſchüt er mit nicht b bitter- inne, a M. D ſchien, Königs anvert er geſa D jetzt uo den moö D auch ſe dieſen 6 mußte führer eitel d Abkun freier ſtolher e auch nendes äͤhlen? ie ſich d hin⸗ Quelle uteten, eonore treffen⸗ Beweis hm ihr wiſchen vurde? nerz der Kraft, Herzen prechen, Statt⸗ en, aber zu be⸗ ſondern heinem würde aſchung, t hinab⸗ lein ihr 507 — Leonore, Du zürnſt mir— Du ſcheideſt mit Groll, ſagte er mit einem Anflug von Zärtlichkeit. — Ich zürne Dir nicht. — Ich kann mein Wort in Bezug auf Deine Vermählung nicht brechen, meine Tochter. — Weil Du es einem König gabſt,— verſetzte Leonore bitter— einem ſolchen hält man Verſprechungen gewiſſenhafter inne, als einem Volke.— Mit dieſen Worten hatte ſie ſich entfernt. Nach der Kirche. Das Geleite des Herzogs von Mattalone paßte, wie es ſchien, weit mehr für ſeinen hohen Stand und die Würde des Königs, deſſen Angelegenheiten ihm unter ſo wichtigen Umſtänden anvertraut waren, als für die ſelſame Verſammlung, an welche er geſandt wurde. Der Herzog von Arcos hatte in der Hoffnung, daß auch jetzt noch das Auge des armen Fiſchers geblendet und ſein Muth erſchüttert werden möchte, Alles aufgeboten, um ſeiner Sendung den möglichſten Glanz zu verleihen. Der Erzbiſchof von Neapel hatte die Weiſung erhalten, auch ſeinerſeits durch alle nur erdenkliche kirchliche Pracht auf dieſen Zweck hinzuwirken. Es fügte ſich indeſſen ſeltſam, daß ein Zufall eintreten mußte, der die Macht des Volkes und die Thätigkeit ſeines An⸗ führers offenbarte und dem Herzog die Ueberzeugung gab, wie eitel die Hoffnungen waren, die man auf die Wichtigkeit hoher Abkunft und glänzender Ausrüſtungen gebaut hatte. 4 508 Der Zug war noch weit von dem Platze del Carmine ent⸗ fernt, als die voranziehenden Herolde aufgehalten wurden. — Platz, Platz für den Herrn Herzog von Mattalone, der einen wichtigen Auftrag von ſeiner Hoheit dem Vicekönig hat! riefen dieſe. Dieſe Worte waren vergebens, man kümmerte ſich weder um den Herzog noch um die Hoheit. Eben ſo fruchtlos war es, als ſie ihre Worte herablaſſen⸗ der, höflicher wiederholten, indem ſie das gute Volk von Neapel baten, dem goldenen Freibriefe Carl's des Fünften Platz zu machen, damit die Botſchaft ſeiner Hoheit bekannt gemacht wer⸗ den könnte. Man hörte ſie an, ohne ein Zeichen von Ungeduld zu geben, mit welcher man die Kunde erwarte. Obgleich diejenigen, die ihm zunächſt ſtanden und wohl durch den Einfluß Herandez's und manches anderen Edelmannes erkauft waren, dem Zuge ein„Evviva!“ riefen, ſo wollte dies Beiſpiel doch keine Nachahmung finden. Die Edelleute bemerkten zu ihrer großen Ueberraſchung, daß ſtatt des ſonſt üblichen Geſchreies, welches jede Volksbewegung begleitete, völliges Schweigen herrſchte. Nur das Straßenpflaſter dröhnte von dem dumpfen und ſchweren Tritt barfüßiger Schaaren, und es näherte ſich ein un⸗ abſehbarer Strom der Volksmaſſe. Es fehlte noch eine Stunde zur Mitternacht, und man hatte Eile. Die Zeit aber war für die Schauſpieler in dieſem großen Volksdrama nun nicht mehr von Wichtigkeit, und man hatte in Neapel ſchon aufgehört, die Stunde des Tages und der Nacht in Arbeit und Ruhe einzutheilen. Es lag in dem Verfahren der Volkshaufen ein gewiſſes Syſtem— und vor allen Dingen war unter ihnen Einmüthig⸗ keit vorherrſchend. Der Auftritt, der nun am Schluſſe eines ſiegreichen Tages folgte, wurde durch die Muſterung ſämmtlicher Streitkräfte her⸗ beigeführt, die vor ihrem jungen Anführer gleichſam eine Pärade hatten. Sie waren, um wirkſamer benutzt werden zu können, von Maſaniello in mehrere Haufen getheilt und zogen nun an ihm vorüber, während er mit der Würde und dem Selbſtbewußtſein —ℳ⸗⸗⸗ꝛYꝛꝛꝛ— eines F Pllicht Die und der Bürgera führer, ögerun Giulio d du ſieh lent nich Anderen ſeinen T verjagen Mattalo und B nützen oder Bo wiſſen und ſich achten, wurde. M im An⸗ 8 einen f Jh ne ent⸗ n. ne, der ig hat! weder blaſſen⸗ Neapel at ſu ht wer⸗ ugeben, d wohl emannes ſte dies ng, daß wegung fen und ein un⸗ nd man dieſem ind man und der gewiſſes müthig⸗ n Tages äfte her⸗ Parade nen, von an ihm wußtſein 509 eines Feldherrn daſtand, der ſich ſagen konnte, er habe ſeine Pflicht gethan. Dieſe Eintheilung war nun ohne Schwierigkeit ausgeführt, und der Herzog von Mattalone ſah, daß die alten Fahnen jeder Bürgerabtheilung, die dazu gehörigen Mannſchaften und die An⸗ führer, die bei Feſtlichkeiten die Ordnung erhalten mußten, ohne Zögerung und Verwirrung die Plätze eingenommen hatten. — Welch ein wunderbarer Menſch iſt dieſer Fiſcher, nahm Giulio das Wort; wer hat ihn gelehrt, ein Herrſcher zu ſein— Du ſiehſt hieraus zur Genüge, mein Vater, daß ein ſolches Ta- lent nicht nur in der Fürſtenwiege zu ſuchen ſein, ſondern auch Anderen angeboren wird. — Nennſt Du dies herrſchen? — Man verehrt ihn, man gehorcht ihm, man würde auf ſeinen Wink es ſelbſt wagen, den heiligen Vater aus Rom zu verjagen.* — Nicht er herrſcht, mein Sohn, ſagte der Herzog von Mattalone.. — Wer denn ſonſt? — Die Leidenſchaft, mein Sohn, namentlich Raub⸗, Mord⸗ und Brandſtiftungsſucht; wer dieſes würdige Trifolium zu nützen weiß, würde heute Herrſcher von Neapel, gleichviel Fiſcher, oder Bandit. — Oder Prinz, mein Vater, ſetzte Giulio mit einem ge⸗ wiſſen ſpöttiſchen Nachdruck hinzu. Der Herzog warf einen Blick des Unwillens auf ſeinen Sohn und wußte nicht, was er erwidern ſollte. Das Schauſpiel dieſer Muſterung ſollte zufällig ſeine volle Wirkung auf das Gemüth des Abgeordneten der Regierung üben. Kaum hatte er ſich in die unvermeidliche Störung gefügt und ſich umgewendet, um das heranziehende Gewoge zu beob⸗ achten, als die Suite deſſelben beim hellen Fackelſcheine ſichtbar wurde. Man hatte noch keinen Verſuch gemacht, Gleichförmigkeit im Anzuge oder in der Bewaffnung einzuführen. Die erſten Tauſende waren Fiſcher und boten in der That einen furchtbaren Anblick dar. Ihre Beine und Arme waren nackt, um ihre Glieder hing 510 ein Gewand aus Lammsfellen, und unter den rothen Mützen fielen lange, wilde Locken bis auf die Schultern herab. Ihre Haut war von Rauch geſchwärzt, während langes Wachen, Unmäßigkeit und Aufregung ihren Zügen einen ſchreck⸗ lichen Ausdruck gegeben hatten. Ihr Benehmen erſchien etwas anmaßend, man merkte ihnen an, daß ſie den Vorzug ſehr hoch ſchätzten, den Maſaniello ihnen, ſeinen Standesgenoſſen, gegeben hatte. Ihnen voran ſchritt barfuß. und wie der geringſte ſeiner Gefährten gekleidet, der junge Anführer dieſer verwegenen Schaar. Als er ſich der Stelle näherte, wo der Herzog von Matta⸗ lone hielt, trat Jemand zu ihm und flüſterte ihm einige Worte zu. — Wir wollen glauben, daß der Herzog jetzt, nachdem er ſeine Großmuth kennen gelernt hat, ein Freund des Volkes ſei, rief Maſaniello laut, bittet den gnädigſten Herrn, ſich an die Spitze zu ſtellen. 4 Wenn wohl auch kaum der geringſte Theil mit dieſer Anſicht einverſtanden war, ſo ließ ſich doch nicht das kleinſte Zeichen von Unzufriedenheit erkennen. 4 Es öffnete ſich ein Weg durch die gedrängten Haufen, und der Herzog kam nun an die Seite des jungen Fiſchers. — Unſer getreues Volk, nahm Maſaniello das Wort, iſt auf dem Wege zur Kirche del Carmine, um ſelbſt Richter ſeiner Angelegenheiten zu ſein, den heiligen Freibrief Karls des Fünf⸗ ten mit eigenen Augen zu ſehen und ſeine Rechte vor der gan⸗ zen Welt zu erklären. — Und auch wir wollen uns dahin begeben, mein junger Freund, antwortete der Herzog, um vor Gottes Altar die Auf⸗ rechterhaltung derjenigen Rechte zu beſchwören, über welche in dieſer, im Namen des Königs von Spanien, zwiſchen Euch, als dem Anführer des Volkes und dem Erzbiſchof von Neapel eine Uebereinkunft geſchloſſen werden ſoll. Möge durch die Gnade Gottes und der heiligen Jungfrau dieſes Ereigniß, welches alle getreue Neapolitaner verſammelt, den Anfang eines neuen und glücklichen Zeitabſchnittes bilden. 1'5 .— Das wolle Gott und die heilige Jungfrau,— lautete die Antwort des Fiſchers; ich werde dann glücklich zu meinem Handwe Herr, Der ein, die während Marktpl auf dere Mo einmal Es zu dieſe furchtha Hauſe Es und be⸗ und der getrauer fahrdrol Strafe herrſche Do ſaniello bereits gleicher erſt ei ſchloſſe Jgeſichte D Mitzen langet n ſchrec fte ihnen 1 aſanielo ie ſeiner twegenen Matta⸗ Worte zu⸗ ſchdem er 4 olkes ſei, ch an die it dieſer kleinſte ufen, und Wort, iſt ter ſeiner des Fünf⸗ der gan⸗ in junger die Auf⸗ welche in Eüch, als eapel eine die Gnade elches alle neuen und — lautete u meinem 511 Handwerk zurückkehren— ziehen Sie mit uns weiter, gnädigſter Herr, Sie werden den Weg geöffnet finden Der Herzog und ſeine Begleiter ſchlugen nun die Straße ein, die ſich ihnen öffnete, und der ganze Volkshaufe, welcher währenddeſſen Halt gemacht hatte, ſetzte ſich wieder nach dem Marktplatze in Bewegung und man gelangte endlich zur Kirche, auf deren Stufen ſich die Edelleute aufſtellten. 19 Maſaniello hingegen ging über den Platz, um ſich noch einmal nach ſeiner Wohnung zu begeben. Es war eine verzeihliche Eitelkeit des jungen Manss der zu dieſer gefährlichen Höhe geſtiegen war, daß er wünſchte, die furchtbare Schaar, die er um ſich verſammelt hatte, vor ſeinem Hauſe zu muſtern. Es war auch eine kleine Genugthuung für die zärtliche und beſorgte Livia, welche über die Aufopferung der Geſundheit und der Ruhe ihres Mannes, deſſen Schickſal ſie voraus ſah, getrauert hatte, wenn ſie zuſah, daß ein ganzes Volk dieſe ge⸗ fahrdrohende Begeiſterung theilte und daß Maſaniello, welche Strafe ihm auch bevorſtände, doch in dieſem Augenblick der Be⸗ herrſcher Neapels war. Das Fenſter des oberen Stockwerks öffnete ſich, und Ma⸗ ſaniello erſchien mit ſeiner Frau auf dem Gerüſte, das, wie wir bereits erwähnt haben, unmittelbar vor dem Hauſe und in gleicher Höhe mit dem Gemache Livia's ſich befand. Es war erſt ein blutiger Kopf auf den Pfählen, die das Gerüſt ein⸗ ſchloſſen, dieſer aber war da, wo er ſeine zitternde Gattin im An⸗ geſichte des ganzen Volkes plaeirt hatte, nicht ſichtbar. Die aufgeregte Volksmaſſe wogte wie ein Meer um ſie her. 512 Ein plötzlicher Schwindel wandelte die arme Frau an, und ſte würde niedergeſunken ſein, hätte ſie nicht Celeſto, der hinter ihr ſtand, in ſeinen Armen aufgefangen. Er führte ſte theilnahmsvoll in ihre Wohnung zurück und bettete ſie ſanft auf ihr Lager. Maſaniello beugte ſich mittlerweile über das Gerüſt herab und ſchwang ſein entblößtes Schwert über ſein Haupt. Er ſprach, aber Niemand hörte ſeine Worte, denn der ganze Haufe ſtieß einen betäubenden Beifallsruf aus. Endlich gab er einen Wink— augenblickliches Schweigen herrſchte.. — Freunde, ſagte er, ich wollte nur durch das Schwingen des Schwertes andeuten, daß die Gerechtigkeit auch über mein Haupt ſchwebe, wie früher über das auf dieſem Pfahle und überhaupt jedes Anderen— auch ich will fallen, wenn das ge⸗ treue Volk mein Urtheil ſpricht.. Wieder erfolgte ein betäubendes„Evviva Maſaniello von Amalfi.“” 4. Der Raum, dem Gerüſte zunächſt, war von einer zahlreichen Schaar beſetzt, deren Anzug den Zweck andeutete, der ſie ver⸗ bunden hatte. Sie waren ſchwarz gekleidet und verlarvt, während ihre Gewänder mit den Symbolen des Todes bedeckt waren, wir ha⸗ ben in ihnen die furchtbare Todesgeſellſchaft erkannt, zu welcher Salvator Roſa gehörte, und auf welche wir jetzt einen näheren Blick werfen wollen. Sie beſtand, wie uns ſchon bekannt, ſeltſamerweiſe nur aus Künſtlern, ausgezeichneten Dichtern, Muſikern, Bildhauern, Baumeiſtern, beſonders aber Malern. Man muß mit der unrühmlichen Geſchichte der Hofränke und Parteityrannei, worin die Künſtler jener Zeit verwickelt waren, genau bekannt ſein, um dieſes Räthſel löſen zu können. Dieſe Männer wurden durch die reichen Gaben, die ſie aus dem königlichen Schatze erhielten und durch die Freigiebigkeit der Großen, in deren Schlöſſer ſie wohnten, in den Stand ge⸗ ſetzt, ſich ganz anders auszurüſten als die übrigen Anfü rer. Sie waren gut, ja Viele prächtig bewaffnet, und wenn ihre Vaterlandsliebe ſie von jeder Parteilichkeit gegen die Paläſte wo ihre eigenen Kunſtwerke aufbewahrt waren, fern hielt, ſo 1 an, und er hinter 1 trück und üſt herab der ganze Schweigen chwingen tber mein fahle und n das ge⸗ iello von ahlreichen t ſie ver⸗ rend ihre „wir ha⸗ zu welcher näheren nur aus ldhauern, Hofränke verwickelt können. je ſie qus igiebigkeit Stand ge⸗ ührer. — wenn ihre ie Palife mhielt, ſo ſ 513³ wird man nicht argwöhnen, daß ſie die Edelleute, welchen ſie ihren Reichthum verdankten, begünſtigt hätten. Außer dieſer Geſellſchaft gab es unter dem drohenden Volks⸗ haufen noch eine andere Schaar, die jede noch ſo auffallende Ver⸗ mummung verſchmähte, aber deshalb nicht minder furchtbar er⸗ ſchien. Es war dies die Räuberbande aus den Abruzzen, welche ſiebenhundert Mann zählte. An ihrer Spitze ſtand Paolo, der durch viele kühne und grauſame Thaten berüchtigt, aber den Neapolitanern vorzüglich darum merkwürdig war, weil er ſeit vielen Jahren allen Ver⸗ ſuchen der Regierung, ihn zu fangen oder zu vernichten, mit Erfolg getrotzt hatte. Doch eben ſo oft wurden ihm auch Dienſte von der Regie⸗ rung angeboten, wenn ſie ſeiner auch nur im Geringſten be⸗ durfte. Niemand als Maſaniello kannte beſſer die wichtige Rolle, welche er in dem bevorſtehenden Schauſpiel durchführen ſollte. Was die Menge nur als eine Muſterung ihrer Anzahl be⸗ trachtete, ſah er als eine ſiegreiche Vollendung eines Unterneh⸗ mens an. Es bleibt zweifelhaft, ob er nicht, ohne die verrätheriſche und blutige Störung der Ereigniſſe jener denkwürdigen Nacht, ſein noch nicht mit Blut gefärbtes Schwert niedergelegt hätte, zu ſeinem Boote und ſeinen Netzen zurückgekehrt ſein würde, um wie bisher ſeinem täglichen Erwerbe nachzugehen. Als er erfahren hatte, daß Celeſto an der Echtheit der ſo plötzlich ans Licht gekommenen Urkunde nicht zweifelte, ward er einige Augenblicke nachdenkend, während ſeine Stirn ſich ver⸗ finſterte. Wir wiſſen, daß Celeſto, als man den Eid vom Herzog ver⸗ langt hatte, das Volk ſehr eifrig auf ſeine Kenntniß der echten Urkunde verwies. Schon in jenem Augenblick ſtieg in Maſaniellos Seele ein dunkler Argwohn auf. Jetzt aber war es ihm hinterbracht worden, daß der Alte ſich gegen Abend nach dem Caſtel Nuovo begeben und ſich dort längere Zeit hindurch bei dem Vicekönig aufgehalten hatte. Das pfer von Amalſi.(Ed. II. 12.) 3³ .. 8 4 8 514 8* Als man deshalb näher bei ihm forſchte, war ſeine Ant⸗ wort für einen Mann, der ſo arm an Kenntniſſen und ſo ſchlicht war, merkwürdig genug. — Möge das Volk darüber urtheilen, ſagte er, es iſt eine Sache von zu großer Wichtigkeit, als daß ein Mann wie ich darüber entſcheiden könnte. Enthält die Schrift einen Schutz gegen die Ungerechtigkeiten der Herrſcher und ſichert ſie dem Volke diejenigen Rechte, die es mit den Waffen in der Hand gewinnen will, ſo verlange ich nichts mehr und wir wollen ſchwören, feſt daran zu halten. Er ernannte dann Diejenigen, die mit ihm nach der Kirche gehen ſollten, wo ihm die Urkunde eingehändigt werden mußte. Unter ihnen waren— Paolo und Celeſto, ſeine nächſten Verwandten, ſeine vertrauteſten Freunde und die Anführer der Todesgeſellſchaft, Salvator Roſa mit eingeſchloſſen. Als nun die ungeheure Volksmenge, die man auf hundert⸗ funfzigtauſend Menſchen veranſchlagte, an ſeiner Wohnung vor⸗ übergezogen war, ſchied er von ſeiner Frau, zu der er ſich wie⸗ derholt begeben hatte. — Ich gehe jetzt in die Kirche, Livia, ſagte er— die Pflicht ruft mich dort hin. — Und ich werde Dich begleiten. — Gehe im Namen der heiligen Jungfrau dahin, ich will mich nicht länger widerſetzen. Er führte ſie an der Hand hinab. 3 Als ſie jedoch auf den Marktplatz gelangt waren, winkte er einige ſeiner Gefährten herbei. — Gebt meiner Frau das Geleit, weicht nicht von ihrer Seite und ſchützt ſie vor Unbill, gebot er ihnen. — Laßt mich dahin, wo mein Mann ſtehen wird, ſagte ſie; ich habe ſchon früher vor dem Altar der heiligen Jungfrau von Carmel neben ihm geſtanden, und er wird ſeine Pflicht nicht minder erfüllen, wenn ſich die Augen auf ihn richten, in welche er am liebſten ſchaut. Als ſie die Kirchenſtufen hinaufging, wurde ſie einige Augen⸗ blicke von dem Gedränge zurückgehalten. Paolo's Bande hielt alle Zugänge zu der Kirche beſetzt und ſtieß Alle zurück, die ſich ungeſtüm vordrängten. einflöß einer! ne Ant⸗ ſchlich it eine wie ich Schut ſte dem t Hand wollen r Kirche mußte. nächſten hrer der hundert⸗ ing vor⸗ ich wie⸗ e Pllicht ich will vinkte et on ihrer agte ſie; frau von icht nicht in welche ge Augen⸗ eſezt und 515 Livia's Begleiter wurden nicht beſſer behandelt wie die Uebrigen. Als man aber ſelbſt ihr den Flintenkolben auf die Bruſt ſetzte, brach ſich die Wuth Bahn. — Sie iſt Maſaniello's Frau, rief ein alter Fiſcher aus Amalfi mit einer Donnerſtimme; zurück, niederträchtiger Räuber, oder Dein Kopf könnte der Nachbar des einen Deiner Spieß⸗ geſellen auf dem Pfahl werden! Als dieſe Worte geſprochen waren, ſtieß eine Hand den Räuber unſanft zurück, und Paolo ſelbſt trat vor, um Livia Platz zu machen. Auch in dieſer Minute entdeckte dieſe, der Alles Beſorgniß einflößte, was um ſie her geſchah, mit ſchnellem Blick Spuren einer ungewöhnlichen Bewegung in des Räubers Zügen. Sie ſah ihn feſt an, während ſein Antlitz bleich wurde und außerordentliche Unruhe verrieth. Sein kühner und grimmiger Blick ſenkte ſich beſ ſchämt, als er dem der jungen Frau begegnete. Livia blieb plötzlich ſtehen— ihr erſter Gedanke war, wie⸗ der umzukehren, um nach ihrem Manne zu forſchen. Aber die Meuge hatte ſich dicht hinter ihr zuſammenge⸗ drängt, und es war der Weg nur vor ihr geöffnet. — Gott, die heilige Jungfrau und die Engel mögen um ihn ſein, ſprach ſie leiſe für ſich und ließ ſich dann geduldig in die Kirche führen. Der Kerzenglanz blendete ſie auf einen Augenblick, und ungemeine Wehmuth, namenloſes Zagen hatten ſich ihrer bemäch⸗ tigt, als ſie die ergreifende Scene vor ſich ſah. Ein Attentat. Auf der einen Seite des Hochaltars ſtand der Thron für den Erzbiſchof Filamarino, dieſer aber war noch leer. Der alte Mann, dem die Verantwortlichkeit oblag für die Beruhigung des Volkes zu ſorgen, ſobald ſich irgend eine ver⸗ dächtige Bewegung zeigen ſollte, knieete noch vor dem Altar. Fackeln umgaben ihn und über ihm auf dem Tiſch des Herrn war das Sacrament aufgeſtellt. Rechts neben ihm knieete betend der Herzog von Mattalone, an deſſen Seite die übrigen Edelleute ſtanden, in deren Zügen der gewöhnliche Ausdruck von Anmaßung zwar vorherrſchend, aber doch durch die Feierlichkeit des Schauſpiels ein wenig gemil⸗ dert war. In dem Angeſicht des Prinzen Giulio las man Bekümmer⸗ niß und Ernſt. Als er auf die hohe Geſtalt ſeines Vaters blickte, der ſich vom Gebet bereits erhoben hatte, erfüllten ihn die ſeltfamſten Gefühle. Es waren bisher nicht mehr als ſechshundert Menſchen in der Kirche und alle dieſe gehörten größtentheils zu der Bande des Räubers Paolo. Plötzlich erhob ſich auf dem Marktplatz ein Geſchrei, in welchem Maſaniello's Name hervortönte, und augenblicklich ent⸗ ſtand eine allgemeine lebhafte Bewegung in der Kirche. Der Erzbiſchof erhob ſich und wurde von dem Herzog von Mattalone zu dem Throne geführt. In dieſem Augenblick wurden die Thüren geöffnet, und es entſtand unter dem Volke ein heftiges Gedränge, um den Einlaß zu erzwingen. Einige hundert drangen ein, aber nach wenigen Minuten wurden auf Maſaniello's Befehl die Thüren wieder geſchloſſen, um den Andacht ſtörenden Lärm von der heiligen Stätte fern zu halten. Von Celeſto und Paolo begleitet ging Maſaniello, der noch imme in de Schif 6 der I 6 Geſtal G bemer 6 ſtand Himn ( durch Antli⸗ Schich ron füt füt die ine ver⸗ lltar. 5 Herrn attalone, i Jügen rrſchend, gemil⸗ ummer⸗ der ſich tſamſten ſchen in r Bande hrei, in lich ent⸗ zog von und es Einlaß Minuten ſchloſſen, efern zu der noch 517 immer ſeine zerlumpte Fiſcherkleidung trug, das entblößte Schwert in der Hand, mit leichten und ſchnellen Schritten durch das Schiff der Kirche zum Throne des Erzbiſchofs. Sein Antlitz war bleich, man merkte deutlich alle Spuren der Aufregung an ihm, welche dieſe Feierlichkeit veranlaßt hatte. Seine Kleider ſtreiften, während er ging, an einer bleichen Geſtalt, welche am Boden knieete. Es war Livia, aber der gedankenvolle Fiſcher von Amalfi bemerkte ſie nicht. Sie erflehte inbrünſtig die heilige Jungfrau um ihren Bei⸗ ſtand für ihren armen Gatten. Niemals war in der That einem Sterblichen der Schutz des Himmels ſo nöthig. Es war ein ſeltſames Schauſpiel, als man ſah, wie Alle durcheinander, Edelleute, Geiſtliche, Bürger und Pöbel auf das Antlitz des jungen Anführers blickten, des einzigen Herrn des Schickſals ſo vieler Tauſende. An den Altar gekommen, warf ſich Maſaniello vor die Monſtranz nieder. Es herrſchte eine Todtenſtille, und in der That wagte die Menge kaum zu athmen, ſo lange er betend auf ſeinen Knieen lag.— Endlich erhob er ſich, aus ſeinen Zügen ſtrahlte die Begei⸗ ſterung, hervorgerufen durch die Weihe des Augenblicks und das Bewußtſein, zu leben und zu ſterben für die Freiheit ſeines Volkes. Es waren Plätze für ihn und Celeſto bereitet, und ein Tiſch mit Schreibmaterialien ſtand in der Nähe. In dieſem Augenblick gab ſich eine Bewegung in der Kirche kund, und Pietro drängte ſich leichenblaß mit unſicheren Schritten und zitternden Gliedern zu dem Platze, der für ihn bereitet war. Es folgte tiefe Stille, und der Erzbiſchof empfing aus der Hand des Herzogs von Mattalone die Urkunde, deren geheim⸗ nißvolle Schriftzüge das Wunder bewirken ſollten, von welchem der Friede des Reichs abhing. Das Pergament mit ſeinen goldenen Buchſtaben ward auf⸗ gerollt, und Maſaniello gab nun einen Beweis ſeiner Aufrich⸗ tigkeit. Er erhob ſein Schwert und indem er ſich zu dem Volke wendete, begann er mit lauter und heller Stimme: — Schaut her, Neapolitaner, der Freibrief, nach dem wir verlangt, iſt aufgefunden— unſer guter Seelenhirt hat ihn ge⸗ bracht und bietet ihn uns dar. Ein dumpfes Gemurmel folgte dieſen Worten. — Das iſt nicht der echte Freibrief Karls des Fünften, nur ſeein Schatten, rief plötzlich eine Stimme, aber man entdeckte nicht, woher ſie kam. In den Zügen Giulio's zeigte ſich ein Ausdruck von Zu⸗ friedenheit, während der Erzbiſchof erbleichte. Dieſen hatte ein furchtbarer Schrecken ergriffen, und er flüſterte dem neben ihm ſtehenden Maſaniello lebhaft einige Worte zu. — Ich weiß nichts von einer Fälſchung, ſagte er, macht dies dem irre geleiteten Volke ſogleich bekannt, damit es nicht aufgereizt werde. Im nächſten Augenblick erhob Maſaniello ſeine Stimme ſo laut, daß ſie durch die ganze Kirche ſchallte. — Fürchten Sie nichts, hochwürdigſter Vater, rief er; dieſes irre geleitete Volk weiß die Güte und Redlichkeit Eurer Eminenz und die Liſt und Verſtellung des Herzogs von Arcos ſehr gut zu unterſcheiden. Ich bin bereit, hier mit meinem Blut Zeugniß von Ihrer Aufrichtigkeit und Unſchuld zu geben und wenn es nöthig wäre, dieſes Schwert zur Vertheidigung Ihrer geheiligten Perſon gegen mein eigenes Volk zu richten, wahrlich, ich thue es aus Liebe zu Ihnen gern. Während dieſer Worte ſtieß Celeſto den Räuber an. — Hört Ihr's wohl? flüſterte er, er wird das ganze Volk ermorden laſſen— — Wo es ſich nur um den Schutz eines Prieſters handelt — verſetzte Paolo finſter. — Mein Sohn, ſprach der Erzbiſchof, in deſſen Augen Thränen glänzten, glaube mir, dies iſt in der That der echte Freibrief des Kaiſers Karl; damit ſich aber das Volk überzeuge, daß ich dieſe Meinung nicht erheuchle, ſo mögen diejenigen, welche es mit dieſer Miſſion beauftragt hat, die Urkunde genau prüfen, und ich will mich nicht eher von hier entfernen, bis ſie ſich von der Echtheit des Briefes überzeugt haben werden. Ich em Volke dem wir ihn ge⸗ ften, nur entdeckte von Zu⸗ und er ft einige r, macht es nicht timme ſo erz dieſes Eminenz ſehr gut Zeugniß wenn es eheiligten ich thue n 3 handelt en Augen der echte überzeuge, diejenigen, nde genau n, bis ſie den. Ich mze Volk 519 bin der Sache dieſer Edelleute nicht mehr ergeben als der Euri⸗ gen, aber als Euer Seelenhirt und gemeinſamer Vater bin ich bereit, mein Blut und mein Leben aufzuopfern, um mein Vater⸗ land von dem Verderben zu retten, an deſſen Rande es ſich be⸗ reits befindet. Dieſe mit Thränen geſprochenen Worte erregten eine leb⸗ hafte Theilnahme, und die Edelleute drängten ſich näher an den Erzbiſchof. Nur Giulio blieb an ſeinem Platze regungslos und nicht ahnend, was über ihn beſchloſſen ward. Maſaniello trat einen Schritt vor ſeine Gefährten, wodurch er unmittelbar neben dem Prinzen ſtand. Unbemerkt von Allen hatte ſich Livia unter dieſe Gruppe geſtellt und ſchien ſehr aufmerkſam auf Alles zu achten, was um ſie her geſchah. So feierlich das Schauſpiel, ſo heilig der Ort war, ſo hatte ſich doch die Ahnung eines Unglücks in ihr Herz geſchlichen. Sie war faſt unbewußt ihrem Manne ſo nahe gekommen, daß nur Giulio Caraffa zwiſchen dieſem und ihr ſtand. Als die Stimme des Erzbiſchofs verhallt war, bemerkte ſte, daß Paolo und Celeſto verſtohlen einen Unheil drohenden Blick wechſelten. Sie ſah zugleich deutlich, daß des Räubers Antlitz mit Leichen⸗ bläſſe bedeckt war und alle Spuren einer ungezügelten Wuth verrieth. Was auch jene verſtohlenen Blicke zu bedeuten hatten, jeden⸗ falls ſchien es der jungen Frau klar, daß Paolo verlegen war und ſchwankte. Niemand hatte dem ganzen Auftritt mit mehr Theilnahme beigewohnt als Giulio.. Er erinnerte ſich der kummervollen Züge der jungen Frau, als man ſie gefangen nehmen wollte und ſah jetzt mit unaus⸗ ſprechlicher Rührung die Spuren des Hungers und Grames auf der ſchönen Wange und an der ganzen Geſtalt— ſie hatte ſeit damals noch mehr gelitten.— Bisweilen glaubte er an dieſem Madonnenbilde eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Leonore zu bemerken und dies ſteigerte ſein In⸗ tereſſe für ſie. Ihr Blick war mehre Male auf ihn gerichtet geweſen, und es drängte ſich ihm die Ueberzeugung auf, daß ſte ergend ein Argwohn beunruhige. Aus ihren Augen ſprach Vertrauen und Flehen, ihre Lippen bewegten ſich, doch ſie brachten kein Wort hervor. — Was geht in Dir vor, junge Frau? fragte Giulio leiſe. — Grädiger Herr— — Sprich, ſprich— Du kennſt mich wohl. — Eben darum hege ich Vertrauen zu Ihnen, aber ich muß ſchweigen. — Haſt Du irgend welche Furcht? — Ja, gnädigſter Herr— ach mein Mann! — Und was fürchteſt Du? fragte Giulio aufmerkſamer. — Der— hier— flüſterte ſie kaum verſtändlich, indem ſte auf den Räuber deutete. — Du meinſt, er trachtet ihm nach dem Leben? — Ich fürchte es. — Sei ohne Angſt, erwiderte Giulio leiſe, indem er auf ſeinen Degen deutete; ich hafte mit meinem Leben für das Deines Gatten. Auch Giulio, der den Räuber jetzt ſchärfer beobachtete, war es nicht entgangen, daß dieſer mit Celeſto ein ſtummes Einver⸗ ſtändniß unterhielt und er hatte die Ueberzen ung gewonnen, daß gegen den armen Fiſcher ein Verrath im Plane war. Maſaniello hatte dem Räuber den Rücken gewendet, um Celeſto herbeizuwinken, der jetzt die Urkunde in Empfang neh⸗ men ſollte. In demſelben Augenblick legte Paolo ſein Gewehr an und zielte blitzſchnell auf Maſaniello. Der Schuß krachte und hallte furchtbar durch das weite Schiff der Kirche. Livia ſtieß einen durchdringenden Angſtſchrei aus, dann folgte tiefe Stille. Maſaniello war bleich und erſchreckt, aber unverſehrt an ſeinem Platze— Livia lag an ſeiner Bruſt. — Die heilige Jungfrau hat mein Gebet erhört— brachte ſte mit zitternder Stimme hervor. drohte ſtück, Räube beſtim C nen, wurd 6 für 2 jetzt Kirch bemãc D ſollte Seiten Geſch tönte 8 feuert regne durch woe dend eni te Lippen ulio leiſe ich muß ſamet. indem ſte m er auf s Deines tete, war Einver⸗ nnen, daß ndet, um fang neh⸗ an und as weite ¹s, dann erſehrt an — brachte Die Todesloſung. Mit namenloſer Entrüſtung aber hielt Giulio Caraffa den Räuber— er war der Lebensretter des armen Fiſchers. Er hatte nämlich das Gewehr in dem Augenblick, in wel⸗ chem es abgefeuert wurde, mit der Hand emporgeworfen. Mit kräftigem Arme ergriff er den Räuber am Halſe und drohte ihn zu erdroſſeln. — Verfluchter Meuchelmörder— das alſo iſt Dein Helden⸗ ſtück, ſagte er, ſtirb Verräther! — Stirb Du, nichtswürdiger Edelmenſch— ſtöhnte der Räuber— der Tod von meiner Hand iſt Dir heute ohnehin beſtimmt. Ein fürchterlicher Kampf hatte ſich zwiſchen ihnen entſpon⸗ nen, der mit gleicher Erbitterung von beiden Seiten geführt wurde. Aber nicht nur für dieſe Beiden— die Todesloſung war für Tauſende gegeben.— Eine Bande von ſtebenhundert verwegenen Räubern ſah jetzt ihr Leben auf das Spiel geſetzt. Sie war im Beſitz der Kirche, und die Entſchloſſenheit der Verzweiflung hatte ſich ihrer bemächtigt. Bisher hatte das Grabesſchweigen geherrſcht, aber bald ſollte es auf ſchreckliche Weiſe unterbrochen werden. Von allen Seeiten der Kirche ſtürzte man gegen den Altar, ein gräßliches Geſchrei ertönte. 3. — Verrath— Verrath— Mord— welches Trugſpiel! tönte es wild und grauſig durcheinander. Alle Gewehre wurden ſchnell und ohne zu zielen— abge⸗ feuert— die Kugeln ſauſten über die Köpfe der Edelleute und regneten auf den Altar hernieder. — Verrätherei, Verrätherei— erſcholl es unaufhaltſam durch das weite Gebäude. Maſaniello flog nach dem Eingang, wo ein fürchterliches Gebrüll vernommen wurde. Der Schuß hatte die draußen ſich drängenden Volkshaufen erſchrectt und aufgeregt, die nnn wie Furien auf die Pforten ſtürzten, ſie mit lautem Gekrach ſprengten und in die Kirche drangen. Es folgte jetzt ein gräßliches Schauſpiel.— Alles ſchien von Raſerei erfaßt— Celeſto allein ſtand ruhig mitten in dem wilden Aufruhr. — Tod den Räubern! war jetzt der allgemeine Schrei.— — Tod den Cdelleuten! riefen Andere. Dieſe Unglücklichen, die allen Widerſtand leiſteten, inſoweit ihn überhaupt jeder Einzelne Hunderten entgegenſetzen konnte, wurden niedergeworfen, zertreten— erdolcht— zerriſſen. 5 Nach wenigen Minuten ſah man den Boden der Kirche und die Stufen des Altars mit Blut und Leichen bedeckt. Einer der Räuber kletterte auf den Altar und umklammerte das Crucifix, als Einer aus der wüthenden Menge mit einem langen Meſſer ihm das Herz durchbohrte, daß ſein Blut ſelbſt die Monſtranz beſudelte. Als Paolo ſich von der augenblicklichen Betäubung erholt hatte, in die ihn ſein Fehlſchuß verſetzt hatte, kämpfte er, wie wir wiſſen, mit Giulio Caraffa.— Der Prinz ſah, daß ſeine Anſtrengung, ihn feſtzuhaten, ver⸗ gebens war. Er wollte ſeinen Degen ziehen, raſch aber ließ er den Gedanken fahren. Man kannte ja noch nicht die Quelle des Verrathes, und wie leicht wäre er, mit der Waffe in der Hand, als der Urheber der ganzen Meuterei betrachtet worden. Er trat an ſeines Vaters Seite und nahm nicht mehr An⸗ theil an dem Kampfe. Gern hätte Paolo den Prinzen ermordet, aber er war ihm als Gegner zu gefährlich, außerdem mußte er auf ſeine eigene Rettung bedacht ſein. Der Räuber, der mit allen Räumen der Kirche und des angrenzenden Kloſters hinlänglich bekannt war, ſprang ſchnell hinter den Altar und war verſchwunven. Wüthend über die Verrätherei und durch Maſaniello ange⸗ trieben, ſtürzte der Pöbel, laut nach Blut und Rache ſchreiend, gegen die Edelleute, die um den Erzbiſchof verſammelt waren. Niemand von ihnen hatte es der Mühe für werth gehalten, ſeinem n 2 Werten ie Kirche ein ſtand hrei.— 1 inſoweit en konnte, ſen. dirche und klammerte mit einem Zlut ſelbſt ng erholt te er, wie jfaten, ver⸗ eer ließ er thes, und et Urheber mehr An⸗ war ihm ine eigene e und des ang ſchnell iello ange⸗ eſchreiend, t waren. h gehalten, 523 den Degen zu ziehen, es wäre jede Vertheidigung vergebens ge⸗ weſen— das wußten ſie. Ebenſo hatten ſie es verſchmäht, um Schonung zu bitten, was nur mit Hohngelächter beantwortet worden wäre. — Zurück, Ihr Wahnſinnigen, rief der Biſchof, indem er ein Crucifix hoch empor hielt; vergießt nicht noch mehr Blut an der heiligen Stätte, ſchon genug iſt auf ihr gefloſſen, im Namen des Erlöſers, den ich in meiner Hand halte, befehle ich Euch, weicht zurück vom Tiſche des Herrn. Einen Augenblick ſtutzten die Anſtürmenden, aber nur— einen Augenblick. — Das Heiligthum iſt ſchon durch Verrath entweiht, Emi⸗ nenz, entgegnete Maſaniello— wohlan, nun fließe Blut! — Blut— Blut! wiederholten ſeine ſchrecklichen Genoſſen. Die Blicke Maſaniello's flammten vor Wuth— ſein Schwert war blutig bis an den Griff. Noch wußte auch er nicht, daß das Attentat auf ihn von ſeinem treueſten Freunde ausgegangen war. — Nieder mit den Eeelleuten ſchrie er, ſie ſind Verräther, ſchont keinen, weder alt noch jung. Zunächſt ſchwang er die Waffe über das Haupt des Herzogs von Mattalone, der weder zitterte noch erblaßte. Aber es war nicht der Augenblick, wo würdevolle Haltung oder Faſſung imponiren konnten. Die Wüthenden wollten einmal Blut und dieſes mußte fließen. Schon wäre der Herzog unter dem wüthenden Streich, den Maſaniello nach ihm führte, geſunken, wenn ſich Giulio Caraffa nicht plötzlich dazwiſchen geworfen hätte. — Halt ein, Wahnſinniger, er iſt nicht Schuld daran! rief er. — Er, wie Ihr Alle— nieder mit Euch! rief Maſaniello, der wild und immer wilder ſein Schwert ſchwang. — Da haſt Du nun den Dank, ſagte einer, heute früh haſt Du Dich für dieſen alten Verräther und ſeinen Sohn verwendet und nun ſiehſt Du, wie ſie es Dir vergelten. — Erſt triff mich, Wahnſinniger, bevor Du meinen Vater mordeſt, der ſchuldlos iſt wie die Sonne! rief Giulio— Du nennſt mich einen Verräther, und mein Arm war es, der Dir das Leben gerettet hat, wahrlich, Du weißt, ich zittere nicht vor dem Tode, aber ich will leben für mein unglückliches Vater⸗ land— willſt Du mich aber morden, wohlan, ſo ſtoße zu, und vergiß nicht, daß mein Tod eine That wäre, ganz würdig für Menſchen, die Gottes Heiligthum entweihen. Aus dem armen, harmloſen Fiſcher von Amalfi ſchien eine Hyäne geworden zu ſein.— Er hatte wohl in ſeinem Mordparoxismus die Worte Giu⸗ lio's kaum verſtanden— ſeine Augen blitzten von dem Feuer einer fanatiſchen Wuth. Deer Biſchof trat jetzt mit der Monſtranz zu ihm heran, in der Hoffnung, ihr Anblick würde den ſonſt frommen Menſchen beſänftigen. — Maſaniello von Amalft, nahm der Biſchof das Wort, richte nicht, auf daß Du nicht gerichtet werdeſt. — Schone den Prinzen, Maſo, ſchone ihn, ertönte plötzlich eine Stimme. Nicht Giulio Caraffa, nicht der Biſchof hatte vermocht, den Fiſcher von ſeinem Taumel zu befreien— dieſe Stimme aber war ſelbſt in dieſem furchtbaren Augenblick mächtig genug, ſeine Wuth zu zähmen. Er ſah zornig hinter ſich— und ſein Antlitz verlor augen⸗ blicklich den Ausdruck wilder Grauſamkeit. — Livia, ſagte er. — Maſo, flüſterte ſie leiſe und ergriff ſeine Hand; der Prinz ſagt die Wahrheit, ſein Arm war es, der Dir das Leben gerettet. Maſaniello ſenkte ſein Schwert. er leiſe. — Du weißt es nicht? — Nichts weiß ich, als daß ich verrathen bin. — Paolo wollte Dein Mörder ſein, mein theurer Maſo, ich warnte Dich vor ihm. — Paolo— ſeufzte er, während man rings um ihn her nach Rache, furchtbarer Rache brüllte. Caraffa hat mich ge⸗ rettet— ſetzte er, auf Giulio deutend, hinzu. — Wie der Prinz mich einſt den Schergen entriß, ſo be⸗ freite er Dich von dem gewiſſen Tode, der Dir drohte, Maſo. — Und wer hat die Hand gegen mich erhoben? fragte jehrende druck vo tiner A habe ah ein Wer Amalſi! aus denn lich, daß Jdet.— mortha Erzvate daß er Gerecht übrigel Fiſcher J ttere nich hes Vattt⸗ e zu, und vürdig füt ſchien eie dorte Giu⸗ dem Feuer heran, in Menſchen das Wort, tte plötzlich mocht, den mme aber enug, ſeine lor augen⸗ Hand; der das Leben en? fragte urer Maſo, um ihn her at mich ge— riß, ſo be⸗ ſte, Maſo. 525⁵ Maſaniello reichte dem Prinzen die Hand, die wilde, ver⸗ zehrende Gluth ſeiner Blicke hatte ſich gelegt und der alte Aus⸗ druck von Milde ſtrahlte wieder aus ſeinem Auge. — Prinz Caraffa, ſagte er nach einer kurzen Pauſe mit einer Art von Feierlichkeit, ich ſollte von Freundeshand ſterben, habe aber nicht die Ueberzeugung erlangt, daß der Räuber nicht ein Werkzeug höher Stehender iſt, welchen der arme Fiſcher von Amalfi unbequem oder gar gefährlich iſt und welche ihn deshalb aus dem Wege ſchaffen wollten durch— Meuchelmord— mög⸗ lich, daß der Verräther ſich ſogar unter dieſen Edelleuten befin⸗ det.— Ehe der Herr die ſündigen Städte Sodom und Go⸗ morrha vernichtete, fuhr er nach einer Pauſe fort, flehte der Erzvater Abraham bei ihm um Schonung, da erwiderte er ihm, daß er die Städte nicht zerſtören wollte, auch nur um eines Gerechten willen.— Wohlan denn, auch ich will dieſe Alle, die es doch nimmermehr mit dem Volke gut meinen, wenn ſie es auch betheuern, ſchonen um— Ihretwillen— es ſei Friede zwiſchen uns.— Er ſchwieg einige Augenblicke und der Erzbiſchof wie die übrigen Edelleute waren über die Sprache dieſes einfachen Fiſchers nicht wenig überraſcht. 1 In der Umgebung Maſaniello's aber zeigte ſich Unzufrie⸗ denheit, man murrte, die Wüthenden wollten noch mehr Blut haben und es gaben ſich laute Verwünſchungen gegen die Edel⸗ leute kund. Ein Wink von Maſaniello's Hand aber beruhigte den Sturm, der um ihn her tobte— er ward wieder ſtille. — Eminenz— nahm er jetzt das Wort, auch gegen Sie habe ich gefehlt, indem ich mich in ungeziemender Weiſe aus⸗ drückte; es iſt wahr, ſeitdem ich für die Sache des Vaterlandes kämpfe, bin ich ein ganz Anderer geworden— Wuth übermannt mich ſo leicht, und wenn ſie kommt, iſt es, als wäre ich dem Wahnſinn nahe, als gehörte mein Hirn nicht mir ſelber, ſon⸗ dern dem Teufel an;— aber Sie werden begreifen, daß Vor⸗ fälle wie der letzte, nicht geeignet ſind, mich zu beſſern, ich fühle nur zu ſehr, daß ich ärger daran bin als zuvor— bis jetzt ſah ich Alle mit Harmloſigkeit und Vertrauen an,— von dieſem Augenblick an hat ein furchtbarer Argwohn, Haß und Rache meine Seele erfüllt, es iſt alſo kein Wunder, wenn ſich hierzu noch Blutdurſt geſellt— ich weiß nicht, ob ich Kraft genug ha⸗ ben werde, ihn zu unterdrücken, beten Sie für mich, Eminenz— beten Sie, daß Gott und die heilige Jungfrau mir in den ſchwe⸗ ren Prüfungsſtunden beiſtehen mögen. — Faſſe Muth, mein Sohn, vertraue auf den Himmel, und er wird Dir gnädig ſein— ſagte der Biſchof mit Feierlichkeit und bekreuzigte ihn. — Man ſtelle die Edelleute unter Aufſicht! rief er dann ſeinen Leuten zu, und dieſer Befehl ward augenblicklich vollzo⸗ gen, indem ſich Wachen um ſie ſtellten. Maſaniello hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als alle Milde wieder von ihm gewichen war. — Paolo, Paolo! rief er mit lauter Stimme, daß es wie ein Orkan durch die Kirche hallte— wo iſt der Verräther— herbei, Du Schlange, daß ich Dir den Kopf zertrete. Er blickte furchtbar um ſich— der Räuber war verſchwun⸗ den, aber ſein Auge fiel auf— Celeſto— und er wollte davon⸗ eilen. — Bleibt hier, Maſaniello, ſagte der alte Mann, ſonſt wird man dieſe Edelleute tödten zur Schmach unſerer Nation— ich will den Mörder ſuchen. Cel das Blu Der hinter d führen. 8 geflüchte Gabe de wie wi dem Sc Der Räuber ic hierzu henug ha⸗ minen, 6 den ſchwe⸗ 0 Der Fluch des Sterbenden. imel, und ierlichkit Celeſto ging ſchnell vorwärts und Viele eilten ihm nach— das Blut Paolo's mußte fließen. fet dann Der treuloſe, heimtückiſche Alte war mit ſeinen Begleitern ich vollz⸗ hüne dem Altar verſchwunden, um ſie nach dem Kloſter zu 1 ren. als alle Paolo hatte ſich unterdeſſen nach der Zelle eines Mönchs geflüchtet, der bei dem Beginne des Aufſtandes eine geringe aß es wie Gabe dargebracht hatte, um die Kinderſchaar auszurüſten, welche, 1 rräther— wie wir uns erinnern werden, jenes komiſche Schauſpiel auf dem Schloßplatze aufführte. erſchwun⸗ Der Mönch war in ein tiefes Gebet verſunken, als der Räuber eintrat. te davon⸗ — Rettet mich, ehrwürdiger Vater, rief er angſtvoll, rettet unn, ſonſ mich, man will mein Blut! Nuon So edel der Mönch auch verſchrieen war, er gehörte doch nicht zu Denjenigen, welche ihre eigene Sicherheit auf das Spiel ſetzen, um Andere zu retten. Er ſaß mit dem Brevier in der Hand vor dem kleinen Fenſter der Zelle, während auf dem Tiſche eine Lampe düſter brannte. Er hatte ſeine ſchwere Kutte abgelegt und vertrieb ſich die Zeit theils durch das mechaniſche Herſagen ſeiner Gebete, theils durch Horchen auf das wilde Geſchrei, welches verworren das Schwei⸗ gen der Nacht unterbrach. Der plötzliche Eintritt des Räubers, den ſelbſt diejenigen, welche der Sache des Volkes günſtig waren, mehr haßten als liebten, ſtörte ihn aus ſeiner Beſchäftigung auf. Er blickte ſich um und wollte den ſtets bereiten Segen aus⸗ ſprechen, allein die Worte wollten nicht über die Lippen, als er das von Entſetzen und Angſt erfüllte bleiche Antlitz des Räu⸗ s ſah. — Was ſucht Ihr bei mir? fragte er haſtig. — Schutz, frommer Vater, man verfolgt mich! 1 4 A „ Dieſe wenigen Worte waren hinreichend, um dem Mönch klar zu machen, daß der Flüchtling ihn jett ſchon in eine ge⸗ fährliche Lage gebracht hatte. — Ich kann Dich nicht beſchützen, Freund, ſprach er erregt; fliehe in Gottes und der heiligen Jungfrau Namen weiter. — Ihr könnt nicht?— ſtöhnte der Räuber. .— Ihr ſeht, dieſe Zelle hat keinen Verſteck, bedürft Ihr einer Freiſtätte, ſo ſucht dieſe am Hochaltar. Ein lautes Geſchrei, eilige Tritte und wilde Verwünſchun⸗ gen ließen ſich hören, während der Name des Räubers unaus⸗ geſetzt genannt wurde. — Ach, ſie kommen die Unholde— ſie kommen, Erbarmen, Erbarmen! ächzte Paolo zitternd. — Gott ſteh uns bei— rief der Mönch, Eure Feinde ſind Euch auf den Ferſen. Verzweifelnd blickte er ſich um— die Zelle hatte allerdings keinen Verſteck, aber an der weißen Wand war die Kreuzigung abgemalt. Der Mönch ſchien im Gebet allein Rettung zu ſuchen, dann wie von einem plötzlichen Gedanken bewegt, warf er ſich nieder und breitete ſeine Arme andächtig über das Heiligenbild, als hoffe er Schutz von ihm. Auch Paolo blickte ſich ſchnell in der Zelle um, nur mit dem Unterſchied, daß er nach einer Waffe ſuchte, um ſich wehren zu können. Als er nichts entdecken konnte, kreuzte er mit einer ge⸗ wiſſen Reſignation ſeine Arme übereinander und blickte nach der Thür. Der Lärm ward drohender und drang näher; dieſe ſchwache Schranke mußte bald geſprengt ſein. In der That ward nach wenigen Augenblicken die Thür aufgeriſſen und die Verfolger ſtürmten herein. Wie tollkühn der Verſuch auch war, Paolo ſprang durch die Eindringenden, um ſich mit Gewalt einen Weg zu bahnen. Die verdutzten Gegner wurden auf einen Augenblick zurück⸗ gedrängt und es gelang dem Räuber, in den Gang zu kommen, 4 der zur Zelle führte.. Der Anblick der zahlreich ſich hereindrängenden Ungethüm. und los eilte ihm ſteher mit e ( blich ( m Mänch eine ge⸗ er erregt; eiter. ürft Ihr wünſchun⸗ ts unaus⸗ Erbarmen, heinde ſind allerdings dreuzigung chen, dann ſich nieder enbild, als mnur mit ich wehren t einer ge⸗ blickte nach ſe ſchwache n die Thüt 1g durch die aahnen. blic zurüc⸗ zu kommen, Ungethüne 529 und ihr Wuthgeſchrei ſagten ihm bald, daß ſein Verſuch frucht⸗ los ſein würde. Er kehrte um und ſtürzte wieder in die Zelle, aber ſchnell eilten ihm die Verfolger nach. Ihre Meſſer blitzten um ihn— ihr heißer Athem wehte ihm in's Geſicht, und zum höchſten Staunen der ihm zunächſt ſtehenden Gegner ſchwang er ſich, ehe man es hindern konnte, mit einem kühnen und wilden Sprunge zum Fenſter hinaus. Er ſtürzte in den Kloſterhof hinab, der in dieſem Augen⸗ blick ganz leer war. Der Räuber aber war mit dem Kopfe auf einen Vorſprung gefallen und lag beſinnungslos am Boden. Als ſein Bewußtſein zurückkehrte, fühlte er ſich erſchöpft und von Schmerzen gepeinigt. Er hatte beide Beine gebrochen und das Blut ſtrömte aus einer tiefen Kopfwunde. Während er wild um ſich blickte, zeigten ſich auf dem Dache des Säulenganges, der den viereckigen Hofraum umſchloß, ſeine Verfolger. Paolo, deſſen Sinne vor Schreck und Schmerz verſtört wa⸗ ren, hatte den Kopf aufgerichtet. Er ſtützte ſich mühſam auf den Ellbogen und ſchaute zum Dache hinauf— wilde Drohungen und Flüche tönten ihm ent⸗ gegen, aber er blieb ſchweigſam. Man hatte indeſſen einen heißen Durſt nach ſeinem Blute, wollte dieſen löſchen und vergönnte ihm keine lange Friſt. Seine Verfolger drangen in den Hof und eine mit Blut beſudelte Schaar, von Celeſto geführt, umringte ſchreiend den Räuber. Zum letzten Male begegneten ſich die Blicke der beiden Mit⸗ ſchuldigen, Celeſto's böſes Auge übte ſeine Zaubermacht ſelbſt noch auf den Sterbenden. Der Räuber ſtarrte ihn an, und obgleich ſeine Blicke von dem herabſtrömenden Blute gehindert und von dem Fackellicht, das ihn umgab, geblendet waren, erkannte er ihn doch. Er erhob die Hand und winkte dem Alten näher zu treten, vielleicht um ihm einen letzten fürchterlichen Fluch entgegen zu ſtottern, allein dieſer blieb zurück. Paolo machte jetzt eine gewaltige Anſtrengung, um zu ZBas Apfer von Amalfi.(Sd. II. 14) 34 ſprechen, welcher Umſtand dem Celeſto nicht entgangen war, und eine Anklage fürchtend, beſchloß er dieſem vorzubeugen. — Hinweg mit ihm, rief er mit erheucheltem Entſetzen; möge ſein Kopf allen Verräthern als ſchreckliche Warnung dienen. Blick.— — Dieſer böſe Dämon hat mir zugeraunt, die That zu vollbringen, brachte er gewaltſam hervor. — Der Elende will mit einer Lüge zur Hölle fahren, ver⸗ ſetzte der böſe Alte, der am ganzen Körper bebte. — Stirb, gleich mir, ſagte der Räuber mit unſicherer Stimme, zittere vor dieſem Fluche eines Sterbenden, er wird ſich erfüllen. Aber dieſe Worte verfehlten die Wirkung, welche der Räu⸗ ber wohl davon gehofft hatte.. Wenn auch Alle daran glauben mochten, ſo fürchteten ſie den Alten zu ſehr, der ſie mit ſeinem Blick ſtrafen konnte, und achteten nicht auf die Verdammung. Der Räuber wurde von zahlloſen Dolchſtichen durchbohrt, bis endlich das lange Meſſer eines Schlächters ihm den Todes⸗ ſtoß gab. — Nun fort mit ihm aus dem Heiligthum, das ſein Leich⸗ nam ſchändet, rief Celeſto, fort mit ihm. Die Mörder ergriffen den Todten nnd trugen ihn unter lautem Geſchrei zu einer Seitenpforte des Kloſters hinaus. Auf den Marktplatz gelangt, hieben ſie ihm mit einem Beile den Kopf ab und ſteckten ihn zu derſelben Stunde auf einen der Pfähle. 4 Celeſto blickte zwar ruhig dem gräßlichen Schauſpiel zu, aber er mußte doch denken an— den Fluch des Sterbenden. Paolo ſchleuderte auf ihn einen unbeſchreiblich gräßlichen mild ſen, d ſichern T ſinnun Verän J und b ¹ ſchreck gen war, igen. Entſeten, atnung Btäßlichen Dhat zu hren, ver⸗ unſicherer er wird der Räu⸗ ichteten ſie ante, und durchbohrt, den Todes⸗ ſein Leich⸗ ihn unter inaus. mit eigen Stunde auf auſpiel zu, erbenden. In der Kirche hatte ſich während deſſen ein nicht minder furchtbarer Vorfall ereignet. 1 G Unaufhörlich ertönte dort das Geſchrei:„Tod den Räubern und den Edelleuten, die uns betrogen haben— Tod den frem⸗ den Soldaten. Die Anordnungen, die Maſaniello getroffen hatte, waren derartig, daß ſich eine furchtbare Verwirklichung dieſer Drohun⸗ gen erwarten ließ. Die Stadtthore waren geſchloſſen, und zum erſten Mal wurde der Befehl gegeben, daß Niemand bei Strafe, und Ma⸗ ſaniello's einzige Strafe war— der Tod, hereinkommen, oder hinausgehen ſollte, ohne einen Erlaubnißſchein von Celeſto er⸗ langt zu haben. Jeder, der die Tracht eines Räubers trug, die bis dahin ſtets als ein Zeichen treuer Theilnahme an der Sache des Vol⸗ kes gegolten hatte, wurde ohne Schonung niedergemetzelt. Sie flohen nach allen Richtungen und ſuchten ihre gewöhn⸗ lichen Freiſtätten auf, wurden aber ſelbſt an den Altären ermor⸗ det, wo ſonſt die ärgſten Verbrecher Zuflucht fanden. Der Anfang des Aufſtandes war außer jenen eigentlich für eine Revolution nur unbedeutenden Exrceſſen, unblutig geweſen, weil das Gemüth Maſaniello's von Natur barmherzig und mild war. Er hatte wohl in einigen Fällen mit dem Leben büßen laſ⸗ ſen, doch nur um Verbrechen zu beſtrafen und die Ordnung zu ſichern. Von jener Nacht an aber zeigte ſich in Maſaniello's Ge⸗ ſinnungen und in der Weiſe ſeiner Regierung eine furchtbare Veränderung. Man erblickte ſehr bald auf den Straßen entſtellte Leichen und breite Blutpfützen. Alle Haufen der zahlreichen Bewaffneten trugen, als ihr ſchreckliches Siegeszeichen, blutige Köpfe auf Stangen umher. Der Anführer, der von ſo ſanftem Gemüthe und ſo ſchlicht in ſeinem Streben war, daß er beim Beginn des Aufſtandes ſich zu Kindern geſellte und ſeine Anhänger mit Rohrſtäben be⸗ waffnet hatte, ward jetzt ein finſterer argwöhniſcher und blut⸗ dürſtiger Tyrann. 1 Man muß indeſſen bedenken, daß nur jener Verrätherei . 34* freien dieſe gänzliche Umwandlung ſeines Charakters zu danken war 1 nun und er rächte jetzt blutig, wo er früher vergab. bru b Kehren wir indeſſen zu den unglücklichen Edelleuten in die Kirche zurück.) usd an. Niemand konnte in einer ſchrecklicheren Lage ſein als Giulio Caraffa und ſeine Genoſſen. 1 Sie ſtanden auf derſelben Erhöhung, wo Paolo ſeinen Mordverſuch gewagt hatte. Trotzdem Maſaniello ihnen Ausſichten auf Rettung eröffnet und namentlich Giulio den Frieden angeboten hatte, ſo konnte oder mochte er ſein Verſprechen nicht erfüllen. in Theils wurde er von Anderen überredet, daß der Verrath nur von den Edelleuten ausgegangen ſei, theils auch von wweifel einer gewiſſen fanatiſchen Rachſucht getrieben, wollte er keine ſein w Schonung kennen. 190 8 Man hatte die Edelleute alſo für die Häupter der Ver⸗ fiherh rätherei gehalten und ſie der Waffen beraubt. Arm b Sie waren der Volkswuth ausgeſetzt und es ließ ſich nicht erwarten, daß in der wilden Verwirrung, welche durch Paolols Flucht und die Ankunft neuer Rächer herbeigeführt war, der Dienſt, den Giulio Maſaniello geleiſtet hatte, ihm oder ſeinen Genoſſen Rettung bringen würde, trotzdem die Aeußerung des Anführers eine ſolche vorausſetzen ließ. Der erſte Andrang der Volkshaufen war gegen die Edel⸗ leute gevichtet geweſen, und hundert Schwerter umblitzten ſie. Der Erzbiſchof wurde verſchont— man achtete indeſſen nicht auf ſeine Ermahnung, dem Gemetzel Einhalt zu thun. Man entblödete ſich ſelbſt nicht, Diejenigen, welche in der Todesangſt ſeine Kleider gefaßt hatten, zu ſeinen Füßen zu er⸗ morden.— Der Herzog von Mattalone, der in dem Schauſpiele, das man nun allgemein als eine verabredete Verrätherei betrachtete, die Hauptrolle geſpielt, ſchien das nächſte Ziel aller Waffen zu ſein. 1 Viele der Anſtürmenden umſchlangen Giulio mit ihren Ar⸗ men, indem ſie die Abſicht hatten, ihn auf das Chor zu tragen, um ihn von dort hinabzuwerfen. u Andere ſuchten ihn wieder von ſeinen Verfolgern zu be⸗ nken war ten in die als Giulio llo feinen ag eröffnet ſo konnte er Verrath auch von te et keine r der Ver⸗ 8 ſich nicht rch Paolos t war, der oder ſeinen ßerung des en die Cdel⸗ litten ſie. ete indeſſen u thun. elche in der üßen zu er⸗. zſpiele, das jbetrachtete, aler Waffen it ihren Ar⸗ er zu tragen, lgern iu be⸗ 533 freien, um ſelbſt den Genuß ſeiner Ermordung zu haben und ſchwangen ihre Dolche.— Plötzlich aber trat Livia, welche bisher unter den Schreck⸗ niſſen ſolcher Scenen wie betäubt dageſtanden und den Retter ihres Mannes vergeſſen hatte, auf die Erhöhung. — Wer wagt es, den Retter Eures Oberanführers anzu⸗ taſten— rief ſte mit lauter Stimme— ehe ſolche unerhörte Grauſamkeit geſchähe, müßte mein Blut fließen. Dieſe Aeußerung blieb vorläufig nicht ohne Erfolg— die meiſten der Angreifenden traten zurück und murrten, daß ihnen ein Opfer entgehen ſollte. An der Seite Giulio's und des Herzogs waren faſt ſchon alle Gefährten niedergemetzelt, und auch die Genaunten mußten zweifeln, ob das Dazwiſchentreten der jungen Frau von Erfolg ſein würde. Die arme Livia war ſehr erſchöpft, ihre Wangen glühten fieberhaft— ihre Glieder zitterten, während Giulio ihr ſeinen Arm bot, deſſen ſie ſich als Stütze bediente. In dieſem Augenblick aber lenkte ein Umſtand die Aufmerk⸗ ſamkeit der Tobenden von ihren Opfern ab. Der alte Celeſto mit ſeiner Rotte war nämlich am Ein⸗ gange der Kirche erſchienen. — Der Verräther iſt gerichtet, Freunde, kreiſchte er laut durch das Schiff der Kirche; ich habe für ſeinen ſchnellen Tod geſorgt, und wem es von Euch beliebt, mag herauskommen, um ſein blutiges Haupt am Pfahle prangen zu ſehen.. Ein lautes Freudengeſchrei ließ ſich vernehmen, und die Meiſten folgten dieſer Aufforderung. So traurig endete eine friedliche Berſammlung.— Einige Geſchichtsſchreiber wollen behaupten, daß der Herzog von Arcos um den Mordplan gegen Maſaniello bereits gewußt habe, es wird natürlich nicht überraſchen, wenn wir hinzu ſetzen, daß er dieſe Beſchuldigung laut und feierlich zurückgewieſen hat. Ebenſo grauſig, wie in der Kirche, war es auch in den Straßen hergegangen, wo die Todesgeſellſchaft wüthete. Die ſpaniſchen und deutſchen Soldaten wurden überall nieder⸗ gemetzelt— ein fürchterliches Geheul erfüllte mit Grauſen die Luft. Giovanni Aniello, als Kuͤnſtler und verwegener Mörder geſellſchaft und leitete das Schlachten mit vieler Geſchicklichkeit. Aber wo die Leidenſchaften raſten, wie hier, da war an keinen geregelten Angriff zu denken. Anfangs rückten die Spanier und Deutſchen in Colonnen vor, während eine geringe Abtheilung ſich des Thurmes von San Lorenzo bemächtigt hatte, der in dieſer Nacht ohne Beſatzung geblieben war. Giovanni ließ alle Eingänge der Straßen beſetzen und er⸗ richtete Barrikaden, hinter welche Scharfſchützen, deren die To⸗ desgeſellſchaft Viele zählte, geſtellt wurden. Aber vom Thurme San Lorenzo donnerten die Kanonen und ſchleuderten die ſchrecklichen Eiſenbälle zwiſchen die gedrängten⸗ Maſſen der tobenden Mäuterer. Durch dieſen Umſtand aber wurden ſelbſt die bis jetzt fried⸗ lichen Einwohner zur furchtbarſten Erbitterung getrieben. Dieſe ſammelten ſich auf den platten Dächern der Häuſer, ſchleuderten Steine und ſchwere Geräthe oder ſiedendes Oel auf die kämpfenden Truppen. Dieſe dagegen ſuchten, von Rache erglüht, ſolche Häuſer in Brand zu ſtecken, aber ſie konnten ihren Vorſatz nicht zur Aus⸗ führung bringen. Die ganze unermeßliche Stadt erſchien nur wie ein unge⸗ heurer Schauplatz, auf welchem böſe Geiſter ihr Weſen trieben. Die Brandfackeln, die der Pöbel unausgeſetzt in die Paläſte ſchleuderte, und das Gewehrfeuer wetteiferten in der Zerſtörung mit einander. Dazu kam noch der Kanonendonner, dazwiſchen das Geſchrei der Kämpfenden, das Geheul der Verwundéten, Blut und Leichen, Noth und Jammer aller Art. Gegen vier Uhr Morgens war die Ruhe der Erſchöpfung eingetreten— die königlichen Soldaten waren vernichtet, ihre Körper waren zerſtückelt und wurden dem Feuer übergeben. —— der Nachwelt bekannt geworden, war der Anführer der Todes⸗ ganzen ſtand! abläſſte Fackeln 5 zu ihn er noe 6 ruhe, gezwu J werf⸗ De 1 1 Todes⸗ iclichkeit wat an olonnen Gerechtigkeit für die Ew mes von Beſatzung In derſelben Nacht, in welcher das B ck in der Kirche del Carmine ſtattgefunden, etwa gegen zu ſtand der Statt⸗ n und er⸗ halter erwartungsvoll in ſeinem Zimm n die To⸗ Noch waren die Edelleute nicht uuekhort, und ein Ge⸗ fühl von Bangen hatte ſich ſeiner be Kanonen Es ließ ihn in ſeinem Gemach aſten, es trieb ihn gerrängten hiinnaus nach— der Zinne. In düſterer Nacht, von bar en Wonmagen erfüllt, von einem jett frid ganzen Volke gehaßt, von ſein enen Tochter wenig geliebt, ben. ſtand nun der Mann ohne W in Glauben, die Blicke un⸗ r Häuſer, abläſſig nach dem Platze del aine gerichtet, wo die zahlloſen Oel auf Fackeln eine Tageshelle v atten. Dumpfes Geſchrei rne Toſen des Meeres drang Häuſer in zu ihm— ein Gefühl de is beſchlich ihn, und doch ahnte zur Aus⸗ er noch nicht die ſa cklichkeit. Er zitter— liche beſtimmte Urſache— eine Un⸗ ein ung⸗ ruhe, die renzte, hatte ihn erfaßt— er fühlte ſich en triebn. gezwunge ginge zu verlaſſen. die Paläſt Irn uch zurückgekehrt, wollte er ſich auf das Lager zerſtörung werfe er der Mann, der ſo oft ruhig auf ſeinen weichen D⸗ chlummert, während Neapel in Verzweiflung wachte ns Geſchrei* heute nicht das Auge zu ſchließen.— nd Leichen, lich trat ein Diener ein und meldete ihm die Rück . r Boten, die er abgeſandt hatte, um Nachricht vr Srſöpng del Carmine zu bringen.. chte, ihr Der Eingetretene war bleich, ſein Antlitz verſtört ben veiß bedeckt, er keuchte und vermochte noch kein eden ubringen. Bei dem Anblick dieſes Menſchen erbebte 8 zenn ſein Weſen prophezeite Unheil. — Ich habe ſechs Boten ausgeſandt, ſagte tehrt zurück? — Meine Gefährten ſind rmnotdet, Hoh welche Nachriichten bringſt Du aus der Kirche? — Es geyt dort fürchterlich her— Hoheit— dein Gemetzel — ein gräßliches Würgen. — Ermordet?— wiederholte der Statthalter mit ſchreck⸗ licher Stimtae, den Boten heftig am Arme erfaſſend— und Nooch ehe ſich Der Statthalter von dem Creten dieſer Nach⸗ richt erholen konnte, ward ihm der Erzbiſchof Filamarino ge⸗ meldet. G Ueberraſcht, dieſetn Beſuch jetzt bei ſich empfangen zu müſſen, gab er den Befehl, il)n vorzulaſſen, und dem Boten einen Wink, ſich zu entfernen. Der Biſchof erſchien, er war leichenblaß, ſein Gang war ſchwankend, und bebend arn ganzen Körper näherte er ſich dem Seſſel, welchen ihm der Herzog angewieſen. Ein ſchreckliches Schweigen herrſchte— der Statthalter, der ſo zu ſagen mit zitternder Spannung des Erfolges ſeiner in der Kirche aufgeführten Komödie harrte, vermochte nicht, den ein⸗ zigen Mann, der allein ihm jetzt darüber Auskunft geben, konnte, danach zu fragen. — Eminenz, nahm er endlich das Wort, Sie kommn au der Kirche? — Ach, wollte der Himmel, mein Fuß wär⸗ gebrochen, bevor er heute die heilige Stätte betrat, dann wäre dieſem Auge ein gräuliches Schauſpiel, dieſem Herzen ein tödtlicher Jammer er⸗ ſpart worden.. Er hielt inne, um die Thränen zu trocknen, welche uber ſeine Wangen floſſen, während das Herz des Statthalters ſo heftig pochte, als drohte es ſeine Bruſt zu ſprengen. — Eminenz, ſagte Letzterer, ich ahne Unheil, ich bin zum Theil davon unterrichtet— es ward gewürgt, aber noch kenne ich nicht den furchtbaren Zuſammenhang. Alles iſt verloren, Hoheit, ſagte der Biſchof mit ſchmerzlich 1 Stimme, die heilige Stätte, in der bisher nur Gott, Pungfrau und die Engel des Himmels gethront, iſt preisgegeben— dort herrſchen Grauen und Mord entweiht und mit Blut beſudelt, ſchrecklich ver⸗ liegen ringsumher, und um ſie herum jauchzt balen, deren Blutgier ich nur mit Mühe ent⸗ Mordgeſchrei, ihr Siegesgeheul hallt noch fütchte ſo erre⸗ witkli witklich Blut g mich ſe als die Altären 0 Gott, Statthe welchen ben wir nur ſch was me erfinder ich nar tigte ſt bei ihn ausbrü Kirche fragte i ſchrec⸗ d— um Gemetzel eſer Nach⸗ arino ge⸗ zu wüſſen, nen Wink, Bang war r ſich dem thalter, der ner in der den ein⸗ en konnte, mmen aus hen, bevor Auge ein dammer er⸗ eelche uͤber thalters ſo h bin zum noch kenne ſchmerzlich nur Gott, ehront, iſt und Mord recklich vet⸗ rum jauchät Mühe ent⸗ hallt noch 537 fürchterlich in meinem Innern nach, Gott, meine hantaſie iſt ſo erregt— ich bin ſo vetwirrt, daß ich kaum eiß, ob ich wirklich ſchon der Nähe jener Karaibenſeelen entrückt bin, ob ich wirklich nicht mehr die entmenſchten Horden mit ihren von Blut gerötheten und von Pulver geſchwärzten Geſichtern um mich ſehe.— Ach, Hoheit, ärger kann es nicht hergegangen ſein, als die Schaaren jenes Heiden Antiochus Epiphanes auf Israels Altären ihre Bachanalien feierten, und die armen Edelleute— o Gott, welch ein Jammer! — Hat das gräßliche Schickſal auch ſie ereilt? fragte der Statthalter athemlos. — Sie könnten glauben, Hoheit, daß man ſie verſchont, ſie, welchen der Hauptantheil an dem gräßlichen Verrathe zugeſchrie⸗ ben wird? Verrath? wiederholte der Herzog, der ſeine Verlegenheit nur ſchwer verbergen konnte— noch weiß ich nichts von dem, was man Verrath nennt— o dieſer nichtswürdige Pöbel, wie erfinderiſch iſt er, wie ſchnell mit Verläumdungen bei der Hand. — Hoheit, ſagte Filamarino nach kurzem Schweigen, auch ich nannte die Meuterer Kannibalen und Karaiben, aber beſtä⸗ tigte ſich ver Argwohn dieſer Menſchen, dann könnte man ihnen bei ihrer Rohheit und Entartung die Furchtbarkeit ihrer Wuth⸗ ausbrüche kanm verargen— man hat den feierlichen Act in der Kirche durch ein ſchreckliches Verbrechen geſtört. — Welches von Seiten der Edelleute ausgegangen war? fragte der Herzog mit Haſt. Das habe ich wenigſtens wohl nicht erwartet, in ſolchem Falle müßte ich auch ſo weit gehen, ſelbſt Eure Hoheit in jenen Anſchlag zu verwickeln, und das ſei fern von einem Diener der Kirche, ſolch gräßlichen Verdacht zu hegen gegen das von einem König eingeſetzte Oberhaupt eines Landes. Während dieſer Worte hatte er den Herzog ſo ſehr firirt, daß jener die Blicke zu Boden ſchlagen mußte. — Man wagt es, mich des Verrathes anzuklagen? rief er mit erheuchelter Entrüſtung. — Nicht ich, ich wiederhole es, davor bewahre mich der Himmel, aber das Volk— ſchon als ich den Freibrief zur Pruͤ⸗ fung vorgelegt, erhoben ſich laute Zweifel— gegen die Echtheit deſſelben. — Himmel und Hölle, das iſt ſchrecklich!— bei der Ma⸗ donna— es iſt unerhört! tobte der Statthalter. — Die That, welche unmittelbar darauf folgte, iſt noch ſchrecklicher, Hoheit, hören Sie weiter: Kaum waren jene ver⸗ hängnißvollen Worte, die mich erbeben machten, geſprochen, als ein Gewehr auf Maſaniello abgefeuert wurde. — Und iſt er gefallen? fragte der Herzog, aus deſſen Augen ein unheimliches Feuer glänzte, das nur zu ſehr die Freude über das Ereigniß verrieth und zugleich die Ungeduld, mit welcher er die Beantwortung ſeiner Frage erwartete. — Nein Hoheit, der Himmel hat den Meuchelmord vom Haupte des armen Fiſchers fern gehalten. — Sie ſprechen mit einer ſeltenen Theilnahme von dieſem Rebellen, Eminenz, ſagte der Herzog mit gerunzelter Stirn und in gereiztem Tone. — Wir alle ſind Gottes Kinder, Hoheit, verſetzte der Biſchof mit Beſtimmtheit, ich bin ſein Seelſorger, wie ich die Ehre habe der Ihre zu ſein, ſetzte er mit ſcharfem Nachdruck hinzu— der arme Fiſcher von Amalfi hatte bis jetzt nichts gethan, als gegen den Steuerdruck geeifert— Gewaltthätigkeiten kommen bei jedem Aufſtand vor, und er kann unmöglich für jeden Uebergriff zur Rechenſchaft gezogen werden, ebenſo wie Sie nicht für jede ein⸗ zelne Ungerechtigkeit Ihrer Beamten einſtehen können. Bis jetzt blieb Maſaniello fern von Grauſamkeit, aber das Attentat hat entſchieden, und der harmloſe Fiſcher wird morgen die Hyäne von Amalfi genannt werden. — Von wem ging das Attentat aus? — Von einem Räuber Paolo. — Und dann bezüchtigte man meine Edelleute? — Hoheit— es war im erſten Augenblick nicht zu unter⸗ ſcheiden, denn Edelleute, der Räuber und die Lenker des Auf⸗ ſtandes ſtanden dicht aneinander, erſt ſpäter ergab ſich das Nä⸗ here— nichtsdeſtoweniger aber lag es nahe, an die Betheiligung der Edelleute zu glauben, namentlich wenn man erwägt, daß Don Herandez, wie däs Volk behauptet, in engerem Verkehr mit dieſem Paolo ſtand.— Der Gedanke iſt furchtbar Hoheit, der Miniſter einer Majeſtät ſollte mit einem Räuberhauptmann aus den Abruzzen im Einverſtändniß ſein, ſetzte er ſeufzend hinzu.— — Herzog, Sohn, d Frau de daß ihr ich verli noch lebe 8 — ſetzte der Verglei gräßlich athemlo jeder ſitzen den un Aniello 3 hinbrü der Ma⸗ iſt noch ene ver⸗ hen, als n Augen ude über welcher ord vom n dieſem tirn und er Biſchof hre habe 1— der lo gegen bei jedem tgrif zur ſede ein⸗ Bis jetzt ntat hat ie Hyäne zu unter⸗ des Auf⸗ das Nä⸗ heiligung vägt, daß rkehr mit heit, der auptmann wſeufßend 539 — Gott, ſomit wären alle Edelleute ermordet? rief der Herzog, ohne auf die letzten Worte des Biſchofs einzugehen. — Alle bis auf den Herzog von Mattalone und ſeinen Sohn, den Prinzen Caraffa, welches Letzteren namentlich ſich die Frau des Fiſchers annahm— aber ich hege keine Hoffnung, daß ihr Einfluß genügend ſein wird, man iſt zu ſehr empört; ich verließ die beiden Herren unter ihrem Schutz, ob ſie jetzt noch leben mögen— iſt zweifelhaft. — Aber was ſoll ich thun— was beginnen? — Hoheit— der Aufſtand iſt jetzt zu weit gediehen, ver⸗ ſetzte der Biſchof traurig, man wird ſich ſo leicht auf keinen Vergleich mehr einlaſſen und Neapel wird der Schauplatz des gräßlichſten Blutvergießens ſein. — Aber das Ende, das Ende— rief der Statthalter athemlos. — Kann für Spanien leicht den Verluſt der Krone von Neapel herbeiführen, welche man unzweifelhaft dem Fiſcher Ma⸗ ſaniello aufſetzen würde. Dceer Herzog von Arcos trat einige Schritte zurück, indem er den Biſchof mit ſeltſamen Blicken maß. — Und dieſe Prophezeihung ſprechen Sie— aus, Eminenz? rief er. — Ich halte es für meine Pflicht, Hoheit, wenn nicht bald Hülfe naht, dann muß ich leider ſagen, wird Ihr Reich in Neapel in den nächſten Tagen zu Ende ſein. — Und Sie könnten glauben, daß der dumme Pöbel es wagen würde, von Spanien abzufallen. — Der Pöbel iſt allerdings beſchränkt, Hoheit, aber es ſind auch Leute von Intelligenz bei dem Aufſtande betheiligt. — Das iſt mir bis jetzt unbekannt geblieben, verſetzte der Herzog mit ſpöttiſchem Lächeln. — Die Todesgeſellſchaft, Hoheit, zählt Mitglieder, deren jeder Einzelne mit klarem Bewußtſein handelt, dieſe Leute be⸗ ſitzen Bildung genug, um Rechtes vom Unrechten zu unterſchei⸗ den und ſtehen dem Volke zur Seite— ihr Führer iſt Giovanni Aniello— ich glaube, er wird Ihnen bekannt ſein. Der Herzog ging nachdenkend mit finſteren Blicken vor ſich hinbrütend auf und nieder und trat endlich zu dem Biſchof. — Vermögen Sie mir keinen Rath zu geben, Eminenz? — Suchen Sie mit dem Volke ſich Kuspülghmen, mehr ver⸗ mag ich ſetzt nicht zu ſagen, es iſt näch dem Geſchehenen ſchwer machte zu rathen. 5 2. Ich erwarte ſehr bald Truppen, ich habe bereits eine ter gei Stafette nach Spanien geſändt— wozu mich ſetzt alſo noch niger⸗ mehr demuͤthigen? 1 tigen, — Sie werden mit den Truppen nichts ſchaffen, Hoheit, bſtn ſagte der Biſchof in verweiſendem Tone, wenn Sie dem Volke d nicht ſein Recht gewähren, die Gewalt ſchützt nur auf Augen.Giulio blicke, die Gerechtigkeit für die Ewigkeit— dies Hoheit, und wenigſt nichts mehr kann ich Ihnen jetzt ſagen. klar un Er entfernte ſich, nachdem er über des Herzogs Stirn das Zeichen des Kreuzes gemacht hatte. Zum Block. 1 11 n12 1 Werfen wir nun einen Blick auf das Schickſal Giulio's. Wir wiſſen, daß ſeine rückhaltloſen Erklärungen bei Hofe, daß das von Abgaben bedrückte Volk einſt Widerſtand leiſten würde, dort zu dinen e ahihen ausgedeutet worden, ja ſogar zu ſeiner Verfolgung anlaſſung gegeben hatten. Die Gunſt, die er ſich dadurch bei dem Volke erworben, war während ſeines ganzen Lebens, wie uns gleichfalls bekannt, eine Quelle unſäglicher Beläſtigungen Keeeſth. da die Hof⸗ partei fürchtete, daß er nur eine paſſende Gel⸗ genheit erwarke, 17 l um unter dem Beiſtande des Volkes ſich nicht nur offen gegen die Regierung zu erklären, ſondern daß er ſogar nach der Krone von Neapel ſtrebe. lehr der⸗ in ſthwa eits ein allp nach Hoheit em Volke f Augen⸗ ſeit, und Stirn das Hiulio'. bei Hofe, and leiſten do ſogat u I erworben, s bekannt, die Hoſ⸗ eit erwatte, offen gegen det Krunt 1 Die offene Volksgunſt, die ſeinen Namen zu einer Loſung machte, gab allerdings eine gerechtfertigte Veranlaſſung dazu. So war es, bevor der Aufſtand zum Ausbruch kam.— Spä⸗ ter gewann Maſaniello’s Name das Uebergewicht; nichtdeſtowe⸗ niger fuhr man bei Hofe fort, den Prinzen Caraffa zu verdäch⸗ tigen, namentlich fürchtete der Herzog von Arcos, Caraffa möchte böſen Einfluß in Madrid ausüben. Dieſem Umſtande allein läßt ſich die heimliche Verfolgung Giulio's von Seiten des Statthalters zuſchreiben, denn daß er wenigſtens vorläuſig die Volksgunſt eingebüßt hatte, war ihm klar und konnte mithin nicht mehr die Veranlaſſung zum Haſſe geben. Giulio Caraffa und ſein Vater waren bis zu Ende der Metzelei in der Kirche del Carmine geblieben. Livia hatte während des erſten Wüthens ihre Stellung zwi⸗ ſchen Giulio, ſeinem Vater und dem Pöbel behalten, Plötzlich aber ſtürzte der Geheimſchreiber Pietro herbei und⸗ flüſterte ihr einige Worte zu, worauf ſie augenblicklich verſchwand und die beiden Edelleute ſeinem Schutze überließ. Pietro, wie wir wohl ſchon Gelegenheit hatten zu erfahren, befand ſich längere Zeit hindurch als Secretair im Hauſe des Herzogs von Mattalone. Aus ſeinem Weſen ſprach nicht mehr die frühere Unterwür⸗ figkeit, ſein Benehmen war im Gegentheil kalt, faſt perachtend, als er ſich zum Herzog von Mattalone wendete. — Ich will Sie retten, Herr Herzog, nahm er das Wort, Sie und Ihren Sohn; Sie müſſen ſich zunächſt nach dem Klo⸗ ſter begeben, dort eine Verkleidung wählen und dann mir fol⸗ gen; giebt es in der Stadt irgend eine Sicherheit für Sie, ſo finden Sie dieſe an dem Ort, wohin ich Sie zu führen gedenke. — Wir wollen Ihr gutes Anerbieten annehmen, Pietro, verſetzte der Herzog, und uns ſo lange unter Ihren Schutz be⸗ geben, bis veränderte Zuſtände es uns geſtatten, Neapel gänzlich zu verlaſſen, oder eine Zuflucht im Caſtel Nuovo zu finden. — Vertraue ihm nicht, Vater, ich weiß ſehr wohl, was ihn bewegt, ſich in dieſem Augenblick einzumiſchen und den Retter zu ſpielen— ſeine Motive ſind mir weniger ein Geheimniß als Dir, ich bitte Dich dringend, laß dieſe Warnung nicht ſo frucht⸗ los ſein, als alle Uebrigen. 54² f — Ich habe wenig Urſache, Herr Herzog, mein Leben für Sie zu wagen, erwiderte Pietro ernſt; Sie werden ſich erinnern, mit welcher Verachtung man mir in Ihrem Hauſe begegnete, dooch jetzt iſt nicht der Augenblick, um Vorwürfe zu machen, auch habe ich keine Veranlaſſung, an die Sicherheit Ihres Sohnes zu denken, der, wie es hinlänglich erwieſen, die Volksfreundlich⸗ keit nur erheuchelt— wollen Sie es indeſſen lieber ſeiner Weis⸗ heit überlaſſen, ſich und ihn aus dieſer drohenden Gefahr zu be⸗ freien, ſo bleibe es Ihnen überlaſſen, und mir wird eine Sorge weniger auf der Seele laſten, aber wenn Sie noch Ihr Leben lieben, und der geſunde Menſchenverſtand, wie ich hoffe, Sie nicht ganz verlaſſen hat, ſo eilen Sie ſchnell in das Kloſter, da⸗ mit wir Mittel finden, Ihren Rückzug zu ſichern. — Ich will Ihnen vertrauen, Pietro, antwortete der Her⸗ zog, aber ich kann leider nicht glauben, daß Sie irgend eine Theilnahme zu dieſem Schritte treibe. Pietro flüſterte etwas vor ſich hin, während ein Zug von Traurigkeit ſein Antlitz beherrſchte. — Geh mit mir, Giulio, flehte der Herzog. — Ich bleibe, mein Vater— beſſer den beſtimmten, raſchen Tod erdulden, als dem unbeſtimmten, qualvollen, endelenſchen. Pietro blickte jetzt mit einem Gemiſch von Hohn und achtung auf Giulio. — Alſo Sie bleiben, Prinz; gut denn, Sie haben zu Ihrem eigenen Verderben entſchieden. — Komm, komm, Giulio, verlaſſe dieſen Ort des Grauens, rette Dein Leben. — Wer bürgt Dir für das Deine, Vater? Kannſt Du er⸗ wirklich auf Rettung von dem Geheimſchreiber Maſaniello's hoffen, von ihm, der nur Rache an Dir nehmen wlll, weil Du— ihn früher oft beleidigteſt, und ſeiner Rache die Krone auf⸗ ſetzen will, indem er mich opfert, um Dich noch mehr zu ſtra⸗ fen, denn er weiß, Du liebſt mich, ebenſo iſt ihm bekannt, daß ich das Wohl des Volkes will, wenn er dies auch leugnet. Der Herzog zog ſeinen Sohn mit ſich fort. — Es ſei denn, mein Vater, ſagte Giulio, wir folgen ihm, aber zum— Block. Kloſter, mit ſich er, von Kirche⸗ Die Blut— bertracht her es n konnten. Mi niedrigen Schritte Ale entfernt Leden für erinnern, begegnet, chen, auch s Sohnes freundlich⸗ ner Weis⸗ ahr zu be— ine Sorge Ihr Leben hoffe, Sie loſter, da⸗ e der Her⸗ rgend eine Zug von ten, raſchen hegenſehen. t und Ver⸗ n zu Ihrem 5 Grauens, Kannſt Du Naſaniello's zwil,, weil Krone auf⸗ thr zu ſtra⸗ im bekannt, ih leugnet. falgen ihn Der Geheimſchreiber führte ſie durch die Kirche in das Kloſter, und als er den Vater ohne Widerſtand, den Sohn aber mit ſichtlichem Widerſtreben in Mönchskleider gehüllt hatte, ging er, von ihnen gefolgt, ohne Zögern auf den Freiplatz vor der Kirche. Die Verwirrung war auf's Höchſte geſtiegen, man ſuchte Blut— aber die gierigen Maſſen ſpähten mehr nach der Räu⸗ bertracht, als nach den Kutten freundlich geſinnter Mönche, wo⸗ her es möglich war, daß Giulio und ſein Vater ruhig paſſiren konnten. Mit Erſtaunen bemerkten Beide, daß Pietro ſie nach einem niedrigen und armſeligen Hauſe führte, welches kaum hundert Schritte von Maſaniello's Wohnung entfernt war. Als ſie hineingegangen waren, verſchloß er die Thür und entfernte ſich. Das Innere des elenden Hauſes war nicht beſſer, als das Aeußere.. Das obere Stockwerk, welches der Geheimſchreiber Giulio und ſeinem Vater angewieſen hatte, beſtand aus zwei Ge⸗ mächern. Das eine hatte die Ausſicht auf die furchtbare Richterbühne und ihre gräßlichen Siegestrophäen, während das andere, zwar ſchmutziger und dunkler, doch von dieſem ſchauervollen Anblick befreit war. Vater und Sohn hatten ſich auf Binſenſtühle niedergelaſſen, die einzigen Möbel, welche außer einem plumpen Tiſche hier vorhanden waren. Beide ſaßen in ſich gekehrt, ohne ein Wort mit einander zu wechſeln. Eine geraume Zeit war verfloſſen, als der Herzog ſich er⸗ hob und einen Blick durch das Fenſter warf. Er machte eine Bewegung des Abſcheues, ein Schauder durchrieſelte ihn. — Gott, welch ein Anblick! rief er, wie ie ſchrecklich, ſteh nur dorthin, mein Sohn. Giulio folgte der Aufforderung ſeines Vaters und ſtarrte auf das von Fackeln hell erleuchtete Blutgerüſt. — Siehſt Du jene Köpfe dort, mein Sohn? fragte der Herzog. — Morgen wird der meine und der Deine dicht nehen die⸗ Arcos ſen prangen, verſetzte Giulio mit Bitterkeit, und wenn die Ra⸗ den ſpe ben das Fleiſch davon verzehrt haben, ſo wird man ſie über der hohen; Pforte unſerer Burg am Meerbuſen von Salerno befeſtigen, wo 77 fortan ſtatt unſeres Wappen unſere Schädel glänzen werdenr einen g — Mein Sohn, welch ein Zerrbild! kommt — Es wird ſein, wie ich prophezeihe, morgen ſind wir bei 2 den Todten, ſagte Giulio, es wird wohl unnöthig ſein, Dein er übe zaßmen zu machen, ſetzte er mit einem Anflug von Spott Spott. inzu 1 — Dieſe Maßregel, wäre allerdings überflüſſig, denn ich 8 hinterlaſſe keine Erben, verſetzte der Herzog mit düſterer Reſig⸗ Lohn, nation, aber jetzt endlich wirſt Du erkennen, wie gräßlich der der Pr Pöbel iſt.— — Nein, mein Vater, der Pöbel iſt in ſeinem Recht. dumpfe — Mein Sohn! abgeſch — Ich wiederhole es, mein Vater, der Pöbel iſt in ſeinem Recht, er nimmt Rache für das Poſſenſpiel, das man ihm zum. Beſten gab und für das an ſeinem Oberanführer verübte des V Attentat. Unger — Was kann die Regierung für den von einem Räuber verſuchten Meuchelmord? laſſun Giulio warf auf ſeinen Vater einen langen durchdringen⸗ ich a den Blick. gab, Haſt Du die Ueberzeugung, Vater, daß die Regierung Amal nicht an dem Verbrechen betheiligt ſei? fragte er. Ddich — Ja, mein Sohn, ich möchte ſchwören. — Wäre es das erſte Mal, daß ſie ein Bündniß mit dem Räuberhauptmann gemacht? — Leider haben das die ſpaniſchen Vicekönige oft gethan. — Dieſe Ueberzeugung haſt Du, ein Mann der vornehmen Ariſtokratie, und Du willſt es dem niederen Volke verargen, dem dieſer Umſtand nicht minder bekannt iſt, wie Dir, daß es die Regierung des Einverſtändniſſes mit dem Attentat ver⸗ dächtigt? Der Herzog ſchwieg, — Wer mit Räubern in Verbindung tritt, das iſt wohl eine unleugbare Wahrheit, nahm Giulio wieder das Wort, der billigt auch Raub und Mord, aber ich will den Herzog von neden die in die R ie über de ſeſtigen, wo werden. nd wir bei ſein, Dein von Spott 1 b , denn ich terer Neſig⸗ gräßlich der Recht. t in ſeinem n ihm zum ter derübte nem Räuber urchdringen⸗ e Regierung niß mit dem oft gethan. r vornehmen lke verargen, dir, doß es Attentat ver⸗ 1 das iſt wohl as Wort, det 3 n Herzog von 1 Arcos nicht allein anklagen, die Hauptſchuld trifft ohne Zweifel den ſpaniſchen Miniſter, den verdienſtvollen Ritter mehrerer hohen Orden.. — Auch ich liebe dieſen Herandez nicht, er hat allerdings einen großen Theil des Elends heraufbeſchworen, denn von ihm kommt der Gedanke der Fruchtſteuer. — Dafür wird ihm auch der höchſte Lohn zu Theil, welchen er überhaupt beanſpruchen konnte, rief Giulio mit bitterm Spott. — Die Gunſt Seiner Majeſtät. — Nun, das würde bei mir nicht viel ſagen wollen, der Lohn, den ich meine, beſteht in nichts Geringerem, als der Hand der Prinzeß— o die Unglücſſelige! — Ach, höre nur dieſes entſetzliche Geſchrei, jetzt den dumpfen Fall des Beils— ſie haben ſchon wieder einen Kopf abgeſchlagen. — Und morgen werden die Unſeren fallen. — Ach, daß auch Du ſterben mußt, Du, der für das Wohl des Volkes lebte und webte, o welche himmelſchreiende, unerhörte Ungerechtigkeit— welche Undankbarkeit! — Undankbarkeit?— wiederholte Giulio, welche Veran⸗ laſſung gab ich dem Volke von Neapel zur Dankbarkeit? habe ich auch nur irgend eine That vollbracht, die ihm den Beweis gab, daß ich es mit ſeiner Sache meine, wie der Fiſcher von Amalfi? Und wäre dies ſelbſt geſchehen, der Umſtand, daß ich Dich nach der Kirche begleitet und dem verächtlichen, lächerlichen Narrenſchwank beigewohnt, würde Alles aufheben, denn das Volk ſagt ſich, daß, wer ſeine Rechte wahrt, nicht einem ſolchen Höllenbubenſtück beiwohnen könne. Lautes Geſchrei unterbrach plötzlich ihr Geſpräch. Die beiden Gefangenen eilten wieder an das Fenſter, welches ſie kurz zuvor verlaſſen hatten.— — Die Soldaten haben ſich des Thurmes von San Lorenzo bemächtigt, ſagte der Herzog. — Welche vergebene Mühe, was will dieſe geringe Anzahl voon Truppen, die in Neapel überhaupt ſtehn, gegen das ganze Volk beginnen, in deſſen Mitte ſich eine Genoſſenſchaft befindet, wie die der Todesgeſellſchaft. Das Hpfer von Amalſi.(Bd. rI. ¹5.) 35 reits geſchildert haben.— Wuthgeheul und Sterbeächzen, Kanonendonner und Gewehr⸗ feuer tönten ſchauervoll durcheinander, bis endlich wieder tiefes Schweigen eintrat. Der Herzog und ſein Sohn hatten ſchon nach wenigen Stun⸗ den die Ueberzeugung, daß die köntglichen Truppen vollſtändig aufgerieben wären. Mattalone hatte immer noch der Hoffnung Raum gegeben, daß eine Rettung nicht unmöglich ſei— aber es waren Tage verfloſſen, ohne daß ſich Pietro blicken ließ. Die Thüren ihres Gefängniſſes wurden ſorgfältig bewacht und der Herzog baute die Hoffnung auf ſeine Befreiung haupt⸗ ſächlich auf den Umſtand, daß er und ſein Sohn ſo lange unge⸗ ſtört geblieben war. Nach Anbruch der Dunkelheit ward ihnen ihre Nahrung gereſcht, aber außer dieſer Zeit nie ein Tritt auf der Treppe vernommen, welche zu ihrem Gefängniß führte. Von Tagesanbruch bis Mitternacht drangen ſchreckliche Töne aller Art zu ihnen. Das Rollen der Karren mit Geſchützen wetteiferte mit un⸗ unterbrochenem Trommelgeraſſel. Noch viel gräßlicher berührte ſie das Jammergeſchrei der vielfach Verurtheilten— das wilde Geheul, welches dieſes Ge⸗ ſchrei übertönte, und die Verwünſchungen, die den Sterbenden olgten In dieſer furchtbaren Lage ſank der Muth des Herzogs von Stunde zu Stunde tiefer. Oft verſuchte Giulio, die Aufmerkſamkeit ſeines Vaters von den gräßlichen Ereigniſſen auf dem Mercato abzulenken, allein es gelang ihm nicht, denn obgleich der Herzog den Blutthaten nicht zuſah, ſo wurde er doch immer wieder durch das furchtbare Geſchrei, welches ſie begleiteten, daran erinnert. Einen ganz anderen Eindruck machten alle dieſe Vorgänge auf das Gemüth Giulio's. Von Muth beſeelt, die Unthätigkeit, die Ohnmacht und ſein Verkanntſein verwünſchend, blickte er auf den Schauplatz. Er dachte an das Schickſal Neapels, an den Herzog von Arcos und an die unglückliche Leonore. Es folgte nun die Scene, welche wir an anderer Stelle be⸗ 3 weiſen, d gemein hc Ach, ihn dadur folgen laſſ Sein davon wan ſie von den meintliche ſchige Geda hätte er! theilen m ſein bis; zu der Bl Er b günſtigten enthüllte federn de Er eigentlich den Händ Er b. den Führ Von an die Lo Der ger ertra Schickhſal zu erwech Giul dauken ſe Stelle be. Gewehr⸗ eder t tiefes gen Stun⸗ ollſtändig Jegeben, aren Tage g bewacht ing haupt⸗ inge unge⸗ Nahtung er Treppe lliche Vone ſte mit un⸗ ſeſchrei der dieſes Ge⸗ Sterbenden lerzogs von Paters von ſken, allein Blutthaten furchtbare Vorgänge t und ſein latz. derzog von Hatte ſie ihm doch geſagt, ſie wollte, um dem Volke zu be— weiſen, daß er ſein Freund ſei und nichts mit ihrer Vermählung gemein habe, dem elenden Herandez ihre Hand reichen. Ach, mit jeder Stunde konnte ſie ſchon in der Vorausſetzung, ihn dadurch zu retten, dieſem unglückſeligen Worte die That folgen laſſen. Sein Schickſal konnte ihr nicht lange verborgen bleiben, davon war er überzeugt— ach, wie gern wollte er ſterben, um ſie von dem fürchterlichen Opfer zu befreien, das ſie ſeiner ver⸗ meintlichen Rettung und dem Frieden Neapels zu bringer beab⸗ ſichtigte. Gedankenvoll blickte er auf das Blutgerüſt, und zuweilen hätte er lieber das Schickſal der Unglücklichen, die dort fielen, theilen mögen, als dieſem qualvollen Daſein preisgegeben zu ſein bis zu dem Augenblick, in welchem man auch ihn endlich zu der Blutbühne ſchleppen würde. 3 Er beobachtete aufmerkſam das Benehmen der wenigen Be⸗ günſtigten, die einen Sitz auf der Blutbühne hatten, und es enthüllte ſich vor ſeinen Blicken das ganze Geheimniß der Trieb⸗ federn der Empörung. Er ſah, daß Maſaniello's Macht wohl alles überragte, die eigentliche Herrſchaft über die Geſchicke des Pöbels aber ſich in den Händen Celeſto’s und des Geheimſchreibers befand. Er bemerkte ſogar, daß Eiferſucht und Haß zwiſchen den bei⸗ den Führern obwaltete. Von ſolchen Betrachtungen aber lenkte ihn bald der Gedanke an die Lage ſeines Vaters ab. Der Herzog konnte das Troſtloſe ſeiner Lage nicht län⸗ ger ertragen, er vermied jedes Geſpräch über ihr gemeinſames Schickſal und verſank in eine Traurigkeit, aus welcher ihn nichts zu erwecken vermochte. Giulio hatte ſich indeſſen mit männlicher Kraft an den Ge⸗ danken ſeines ihm ſtündlich bevorſtehenden Todes gewöhnt. In Madrid. In einem Gemache des königlichen Schloſſes zu Madrid be⸗ fanden ſich zwei Cavaliere.— 1 Der eine von ihnen zeichnete ſich durch ſeine prächtige Kleidung aus, die mit Gold⸗ und Silberſtickerei reichlich ver⸗ ſehen war. 1 Er mochte etwa zweiundvierzig Jahre zählen. Sein Antlitz hatte etwas Düſteres und verrieth, namentlich in den Mundpar⸗ thieen, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Philipp dem Zweiten. Dieſer Mann war Philipp der Vierte, König von Spanien. Er hatte an einem Tiſche Platz genommen, über welchen eine ſcharlachrothe Sammetdecke gebreitet war, und ſeine Blicke waren forſchend auf einen bedeutend älteren Herren ge⸗ richtet, der ihm gegenüber ſaß und verſchiedene Schriftſtücke vor ſich ausgebreitet hatte. Dieſer war der bekannte und berühmte Graf Olivarez, der allmächtige Miniſter, welcher eben dem König Vortrag hielt. — Es ſind beunruhigende Nachrichten aus Neapel einge⸗ gangen, Majeſtät, nahm letzterer mit einer gewiſſen Unſicherheit der Stimme das Wort, als fürchte er, die Botſchaft auszu⸗ ſprechen. — Vom Herzog von Arcos? fragte der König überraſcht. — Es liegen drei Briefe vor, Majeſtät, deren Inhalt ſich zum Theil widerſprechen. — Und um was handelt es ſich? — Um Empörung— Majeſtät. — Was ſagten Sie da, Graf Olivarez? rief der König, deſſen Stirn ſich in finſtere Falten zog— Sie ſprechen von Em⸗ pörung. — Ich muß leider ſagen, was dieſe Briefe melden. — So wäre das ſeit ſieben Jahren die dritte Empörung in meinen Landen— rief der König, während alle Glieder ſeines —— Körpers zu beben ſchienen; Catalonien ging mit traurigem Bei⸗ ſpiel voran, drei Jahre ſpäter ahmte Andaluſien dieſes würdige — Shnen b nn ſett Erempel 1 Gründe g 0 Auſſtand- — A einer Pau Geberde fo denn die d zügelloſen für ſie Be⸗ be ſtehen;“ ſindel ſoll ſie mir m klagt man l —* veranlaßt theil geſich gen Lazza niſter für Ein zu breche Dief das unru fige Hüſt — J er würde auch ich er ſollte Großprio von ſeine bellen zu Miniſter *) D. und der Madrid be⸗ prächtige ichlich ver⸗ denn Antlit Mundpar⸗ m Zweiten. n Spanien.. eer welchen ſund ſeine derren ge⸗ ftſtücke vor Olivaren, g Vortrag apel einge⸗ Unſichetheit gaft auszu⸗ berraſcht. Inhalt ſich der König, in von Em⸗ en. pörung in ieder ſeines rigem Bei⸗ es würdige 4 549 Erempel nach, und jetzt folgt auch Neapel— und welche Gründe giebt man an? — Dieſelben, welche auch Catalonien und Andaluſien zum Aufſtand reizten. — Alſo gleichfalls Steuerdruck— ſagte der König nach einer Pauſe— ja die elenden Völker, fuhr er mit wüthender Geberde fort, die nur leben und nicht leben laſſen wollen; ſind denn die Fürſten nur da, um ſich für Nichts mit dem Regieren ſo zügelloſen Geſindels zu plagen, ſoll ich umſonſt für ſie Soldaten, für ſie Beamten halten?— Ohne Steuern kann keine Regierung beſtehen; aber, rief er mit fürchterlicher Stimme aus, das Ge⸗ ſindel ſoll es hart büßen jeden ausgefallenen Poſten werden ſie mir mit Wucherzinſen zahlen müſſen— über welche Steuer klagt man in Neapel? — Ueber die Fruchtſteuer, Majeſtät. — Don Herandez, Graf von Monteja, hat dieſe Steuer veranlaßt und dem Staate dadurch einen unberechenbaren Vor⸗ theil geſichert, verſetzte der König, und wie wagen es die niedri⸗ gen Lazzaroni Neapels ſtreitig machen zu wollen, was ein Mi⸗ niſter für gut befand. Ein langes Schweigen trat ein, welches der Miniſter nicht zu brechen wagte. Dieſer blickte unverwandt auf eines der Schreiben, während das unruhige Bewegen ſeines rechten Daumens und das häu⸗ fige Hüſteln Aufregung und Zaghaftigkeit verriethen. — Regierte mein hochſeliger, ruhmgekrönter Großvater noch, er würde die Rebellen zu bändigen wiſſen, fuhr der König fort, auch ich würde es wiſſen, wenn ich nur ſeinen— Alba hätte, er ſollte wie einſt die Niederlande auch Neapel mit Feuer und Schwert zügeln, aber warum ſuche ich ſo weit, was ſo nahe liegt, ſetzte er lebhafter hinzu, Don Juan d'Auſtria*), der jetzige Großprior von Caſtilien ſoll dieſer Alba ſein— ich werde ihn von ſeinem Poſten abberufen und nach Neapel ſenden, die Re⸗ bellen zu züchtigen mit Feuer und Schwert. — Feuer und Schwert wüthen bereits, Majeſtät, ſagte der Miniſter kleinlaut. *) Don Juan d'Auſtria, natürlicher Sohn des Königs Philipps IV. und der Schauſpielerin Maria Calderona. — Was melden die drei Briefe. — Dieſer hier, vom Herzog von Arcos, nahm Olisare das Wort, meldet das Aergſte— er enthält etwas, wovon die andern Beiden nichts melden. — Nennen Sie mir dieſen Punkt. — Er theilt noch außer dem Bericht über die offene Empö⸗ rung den Umſtand mit, daß man die Flotte in Brand geſteckt habe, welche den Betrag der Fruchtſteuer nach Spanien befür⸗ dern ſollte.— Der König ward leichenblaß. — Nun, nun, Miniſter, rief er athemlos, Sie ſchweigen, und das Geld— die drei Millionen— — Sind ein Raub der Flammen geworden, verſetzte Dliva⸗ rez mit dumpfer Stimme. — Heilige Jungfrau— und nichts davon gerettet? — Nicht einen Ducaten, Majeſtät. — Das Verhängniß iſt unendlich— aber ich werde das Geld nicht verlieren, rief der König, der Herzog von Arcos ſoll es mir bis auf den letzten Heller zahlen; und wie verhält ſich der Adel zu dieſen Ereigniſſen? — Darüber berichten die beiden andern Schreiben, antwor⸗ tete der Miniſter und nahm Beide zur Hand. — Die Abſender? — Der eine iſt Don Herandez— — Dieſer treue Beamte wird mich ohne Zweifel der Wahr⸗ heit gemäß unterrichten, unterbrach der König den Grafen Oli⸗ varez haſtig, und der Abſender des dritten Briefes— — Iſt— der Herzog von Tortoſa. — Was meldet Don Herandez? fragte der König mit be⸗ ſonderer Theilnahme, leſen Sie namentlich die Stelle vor, welche 2 eine Mittheilung über den Adel enthält. Der Miniſter las nun folgende Stelle: Einer der eifrigſten Anhänger der Revolution iſt der Prinz Giulio Caraffa, der Sohn des Fürſten von Caraffa, Herzogs von Mattalone, man vermuthet all⸗ gemein, daß er nach der Krone von Neapel ſtrebe, und um nun dieſen eigennützigen, verrätheriſchen Zweck zu erreichen, erſcheint er als Vertreter der Sache des Pö⸗ bels.— Der Herzog von Arcos, etwas ängſtlicher Na⸗ zen Carc theile ich ſprüchen Prinz( habe ihr behaupte der Kör tur, fürchtet, den Hochverräther zum zweiten Mal auf das Blutgerüſt zu führen, nachdem ihm die Hinrich⸗ tung nicht gelungen, da der Prinz durch den Einfluß des Pöbels aus dem Caſtel Nuovo entkommen war. Es wäre wünſchenswerth, daß Eure Excellenz bei d ſeiner Majeſtät beantragten, möglichſt umgehend dem en Herzog ſtreng anzubefehlen, das Haupt des Verräthers u deför. Caraffa ſogleich nach Unterdrückung des Aufſtandes auf 1 dem alten Platze del Carmine abſchlagen zu laſſen, ſo⸗ 1 mit würde ihm noch die Ehre zu Theil, an derſelben ſchweigen 1 Stätte zu fallen, wo vor vierhundert Jahren das Haupt Conradins von Hohenſtaufen ſank. te Dlpn Der gute Herzog von Tortoſa, deſſen Schreiben dem Meinigen beigeſchloſſen iſt, ſpricht ſich gleichfalls in ſehr erbitterter Weiſe gegen dieſen Prinzen aus, er behauptet zugleich, daß Jener ſich nach Madrid bege⸗ verde ds ben werde, um unſere Verwaltung anzuklagen, welche on Arrs für Neapel eine ausgezeichnete genannt werden kann, evethält ich hoffe, Eure Exrcellenz werden dieſe Ueberzeugung theilen.. antwor⸗ Die Reiſe nach Madrid wird der Prinz— nicht machen.— Eure Excellenz werden geſtatten, daß ich den amt⸗ lichen Nachrichten noch eine Privatmittheilung, mich er Wahr⸗ ſelber betreffend hinzufüge, da ich weiß, welchen An⸗ afen Oli⸗ theil Sie ſo gütig ſind, an meiner Perſon zu nehmen. Gleich nach Unterdrückung des Aufſtandes wird meine Vermählung mit der. Prinzeß Leonore ſtattfin⸗ den, wozu ich Sie freundſchaftlichſt einlade. — Was den gewünſchten Befehl zur Hinrichtung des Prin⸗ zen Caraffa betrifft, ſagte der König nach einer Weile, ſoner⸗ tekeile ich ihn hiermit, aber Sie bemerkten etwas von Wider⸗ lution iſt ſprüchen. 1i rrſten von— Der Herzog von Tortoſa meint in ſeinem Schreiben, uthet al Prinz Giulio Caraffa werde nach Madrid kommen, er ſelbſt rebe, und habe ihm dies geſagt, während Don Herandez das Gegentheil zweck u bbehauptet. 1nse 1 31 9. 8 des P⸗ CEs wär eine ſeltſame Reiſe in den Tod T bemerkte icet Na⸗ der König düſter, denn Madrid würde das Grab des Prinzen. Dlirar, dovon die ne Enpi⸗ t? — Und mit Recht— ein Verräther, und das iſt er ohne Zweifel— — Gewiß, wenn es Don Herandez behauptet, unterbrach ihn der König, dieſer brave Mann hütet ſich, ſo leicht irgend Jemand zu verdächtigen— der Verräther ſoll ſterben. So lautete das Urtheil des Königs. Der Blutrichter. In Neapel hatte die Empörung ihren Fortgang. Das trüge⸗ riſche Spiell in der Kirche del Carmine überzeugte Maſaniello, daß noch viel geſchehen müßte, den Statthalter und ſeine Partei zur Anerkennung ſeiner Macht zu bringen. Er war überzeugt, daß jetzt nur Grauſamkeit zum Ziele führen könnte und daß Schrecken verbreitet werden müßte, bis ihm von Seiten des Statthalters diejenigen Bedingungen ver⸗ brieft würden, die er ihm zu ſtellen hätte. Zu dem Haſſe gegen die alte Tyrannei geſellte ſich auch das Verlangen nach blutiger Rache. Man ſchwatzte jetzt nicht mehr von Freibriefen und Ver⸗ ſöhnung, und die Stimme des Volkes wiederholte im wilden Chore das Blutgeſchrei ſeines Anführers. — Mordet— mordet! ertönte es in der ganzen Stadt, und dieſer Ruf hallte in den Gemächern des Vicekönigs im Caſtel Nuovo ſchauervoll wieder.— Hätte er nicht durch den Biſchof die Nachricht von dem Mißlingen des Attentats und dem Schickſal ſeines mühſam aus⸗ gearbeiteten Freibriefs erfahren, dann würde dieſes Mordgeſchrei es ihm gekündet haben. nach Vate . fühlte er, Volkswut nen eigen im Verei Anwendu Die wacht als ſal überl genug. Es pel, wo waren. Ma Schein Sei dieſe gin Werk. In die nack Koth ſcht folgten, And ten ihre welche i Die ten ſich tödtet!“ Cs men füß as trüge⸗ raſaniello, e Partei um Ziele lißte, bis gen ver⸗ ſich auch nd Ver⸗ im wilden an Stadt, im Caſtel von dem ſam aus⸗ rdgeſchrei 5⁵³ Nur zwei Mitglieder ſeiner glänzenden Geſandtſchaft, welche dem Tode durch ein Wunder entgingen, kehrten gegen Morgen in die Veſte zurück. Die Nachrichten, die ſie brachten, mußten ihn erſchrecken, wie gleichgiltig er auch gegen das Schickſal der Einzelnen ſein mochte. Der Herzog von Mattalone und Giunlio kehrten nicht zu⸗ rück— ſie mußten alſo todt ſein. Einige ſpaniſche Soldaten, die der Herzog abſchickte, um nach Vater und Sohn zu forſchen, wurden ermordet, und jetzt fühlte er, daß keine Macht vorhanden ſei, den Andrang der Volkswuth zu hemmen und daß ihm nichts übrig blieb, als ſei⸗ nen eigenen Zufluchtsort zu ſchützen und ſo abzuwarten, bis er im Vereine mit Don Herandez eine neue Liſt erſonnen, und die Anwendung derſelben verſucht haben würde. Die Zugänge zu dem Caſtel wurden jetzt ſorgfältiger be⸗ wacht als zuvor, die Welt außerhalb deſſelben blieb ihrem Schick⸗ ſal überlaſſen— und in der That— dieſes war gräßlich genug. 6 Es gab keine Straße, keine Kirche, ninen Verſteck in Nea⸗ pel, wo nicht Leichen aufgehäuft und Ehe Blutlachen ſichtbar waren. Maſaniello's kurze Befehle wurden auch nur ohne einen Schein von geſetzlichen Formen vollzogen. Seinen Anhängern wurde geſagt, daß ſie tödten ſollten, und dieſe gingen auf ihre eigene, ſchnelle und grauſame Weiſe an's Werk. In den offenen Stadttheilen ſah man Bewaffnete, welche die nackten Leichen der niedergemetzelten Soldaten durch den Koth ſchleppten, oder mit wilder Haſt einen Unglücklichen ver⸗ folgten, der in der Flucht Rettung ſuchte. Andere Haufen zogen bedächtig durch die Straßen und heul⸗ ten ihre wüſten, zügelloſen Siegeslieder über blutige Köpfe, welche ihnen auf Stangen entgegengetragen wurden. Dieſe Schaaren begegneten ſich unaufhorlich und begrüß⸗ ten ſich ſtets mit Maſaniello's gemeſſenem Befehle:„Tödtet, tödtet!“ Es gab keine Hoffnung für die Flüchtlinge— kein Erbar⸗ men für die Gefangenen— kein Mitleid für die Ermordeten. 554 Den gräßlichſten Anblick bot der Platz vor der Kirche del Carmine, wohin ſich die Diener der Rache mit ihren furchtba⸗ ren Siegeszeichen aus allen Straßen drängten. Die wilde Laune, die Bühne des Volksanführers paſſend zu verzieren, gab der Blutgier einen neuen Antrieb. Jeder Pfahl der Einfaſſung trug einen blutigen Kopf und gewöhnlich einen angehefteten Zettel, der mit dem Namen des Opfers zugleich meldete, daß dieſes Haupt einem Volksver⸗ räther angehörte. Als ob der Pöbel auch eines Antriebes zum Morden be⸗ durft hätte, wurden Bekanntmachungen angeheftet, die Beloh⸗ nung für die Verhaftung eines Bürgers oder Edelmannes, der ſich verhaßt gemacht hatte, verhießen und in allen Fällen für einen Lebenden einen höheren Preis ausſetzten, als für Einen, der todt überliefert wurde. Merkwürdig war eine jener Bekanntmachungen, ſowohl we⸗ gen ihrer großen Schrift, als auch wegen der Höhe des Lohnes; ſie lautete wörtlich: s „O, bringt mir Don Herandez, wer ihn mir lebendig bringt, erhält achttauſend Dukaten— todt— viertauſend.“ Unter dieſem Blutmeere floß tiefer noch ein anderer Strom, den Celeſto, die finſtere Gottheit dieſes hölliſchen Gebiets, mit einer Ordnung und Regelmäßigkeit leitete, welche drohte, dieſe Schreckensherrſchaft dauernd zu machen. Es wurde allen Einwohnern, Bürgern und Edelleuten der Befehl zugeſandt, bei Todesſtrafe alle Waffen und Rüſtungen in ihrem Gewahrſam, zum Dienſte des Volkes, den Anführern aus⸗ zuliefern.— Dieſer Befehl wurde ſtrenge vollzogen, obgleich nur zu oft die Eigenthümer der brennenden Paläſte die Antwort gaben, daß ihnen nichts übrig geblieben wäre, als ihr Degen und ihr Leben. Es wurden neue und wirkſamere Abtheilungen der Stadt⸗ wehr eingeführt. Alle Pferde und Laſtthiere mußten abgeliefert werden, und in unglaublich kurzer Zeit ſah man auf allen Freiplätzen und in den Straßen Karren, die man zum Fortſchaffen der Geſchütze benutzte. Es wurden Anſtalten zur Bildung einer Reiterei getroffen, hundertun ein Anſch n zeigen. In Dunkelhei In k Gräben 1 Allen ts ihre ihre Bedi Dieſe Stunde rätherei, Erfüllung forderte. Iu vorgegant Erh redſamkei ausgezeie Es und nac Gerechti Ebe keiten zw Er vorgeleg. Dur ten Witz ſcheidung Alle Sei deckt, wa welche v Sei blaß, un dauernd tern bef Of Kirche dl furchtba, d paſſend Kopf— m Namen Volksver⸗ orden be⸗ ie Beloh⸗ nes, der Füllen füt r Einen, wohl we⸗ Lohnes; lebendig ſend.” er Strom, biets, mit hte, dieſe leuten der ungen in atern aus⸗ nur zu art gaben, und ihr r Stadt⸗ den, und ſitzen und Geſchühe getroffen, hundertundfunfzig neue Compagnieen gebildet, und es begann ſich ein Anſchein von Mannszucht unter den bewaffneten Schaaren zu zeigen. In jedem Hauſe mußten die Fenſter vom Anbruche der Dunkelheit bis zur Merrdendinmerung erleuchtet werden. In der Mitte der Stadt ward ein gewiſſer Raum dltrch Gräben und Verrauumelungen geſchützt. Alle dieſe Maßregeln verriethen, daß die Anführer des Vol⸗ kes ihre Lage begriffen hatten und Thatkraft genug beſaßen, ihre Bedürfniſſe zu hefriedigen. Dieſe Sorgen aber konnten Mafaniello s Gemüth nicht eine Stunde von der Erinnerung an die gegen ihn verſuchte Ver⸗ rätherei, oder von dem Gedanken an die Pflichten ablenken, deren Erfüllung ſein getreues Volk ſeiner Meinung nach von ihm forderte. In ſeiner Gemüthsart war eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Er hatte ſich früher durch eine leichte und einnehmende Be⸗ redſamkeit, wie durch ein mildes und zugleich heiteres Anſehen ausgezeichnet. Es machte ihm Vergnügen, auf ſeiner Markthalle zu ſtehen und nach ſeiner eigenen, raſchen und entſchloſſenen Weiſe die Gerechtigkeit zu verwalten. Ebenſo war es ihm Bedürfniß geweſen, die kleineren Zwiſtig⸗ keiten zwiſchen Nachbarn ſchlichten zu können. Er entſchied mit wunberbarer Schnelligteit über alle ihm vorgelegten Rechtsfälle. Durch muntere Ausfälle eines auf dem Markte ſtets geüb⸗ ten Witzes, beruhigte er oft die unangenehmen, die ſolche Ent⸗ ſcheidungen bisweilen zur Folge hatten. Alles dieſes war nun ganz anders geworden. Seine offene Stirn hatte ſich mit einer finſteren Wolke be⸗ deckt, während aus ſeinen Augen ein Feuer flammte, daß Allen, welche vor ihm erſchienen, Furcht bindühe Seine Wange war eingefallen, ſeine Geſichtsfarbe leichen⸗, blaß, und ſeine Glieder waren durch die heftige und langan⸗ dauernde Aufregung und Anſtrengung von einem ſteten Zit⸗ tern befallen. Oft ward an ſeinen vertrockneten Lippen ein bläulicher ſeine Livia gereicht hatte. Er ſprach wenig, und wenn dies geſchah, verrieth ſeine Stimme entweder Kummer oder Wuth. Was im Innern ſeiner armſeligen Hütte vorging, ver⸗ mochte Niemand zu ſagen, aber man bemerkte oft, daß er, wenn er von Hauſe kam, friedlicher geſtimmt und ſeine Stirn noch heiter war, niewoht er keineswegs weniger Entſchloſſenheit zeigte. So war es eines Morgens, als eine ungeheuere Pöbelmaſſe ſich vor den Pfählen des Blutgerüſtes verſammelt hatte. — Seht dieſe drei Pfähle an! ſchrie einer der Umſtehen⸗ den, ich kenne die Namen derjenigen⸗ deren Köpfe noch heute hier aufgeſteckt werden! — Es ſind die des Herzogs von Mattalone, Giulio Ca-⸗ raffa und Don Herandez, meinte ein Zweiter. — Gebt uns die Köpfe dieſer Verräther! ſchrieen viele Stimmen zugleich. — Sie ſollen Euch werden! rief Maſaniello, welcher in kur⸗ zer Entfernung dieſem Treiben beiwohnte. — Man gebe ſie uns gleich, augenblicklich— wozu die Zögerung? rief eine Stimme. — Wer wagt, mir Vorſchriften machen zu wollen? ſchrie Maſaniello wüthend; wo iſt der Widerſpenſtige, man führe ihn vor. — Hier iſt er, hier iſt er! ertönte es, und zwei Kerle ſchleppten wohl den eigenen Freund herbei. — Du kennſt die Geſetze?— redete ihn Maſaniello an. — Ja, Herr — Wie ſtraft man den Widerſpenſtigen? — Durch den— Tod! — Wohlan, Du haſt Dir ſelber Dein Urtheil geſprochen, ſagte Maſaniello finſter, Du bezeichneteſt eben drei Pfähle für die Köpfe der Verräther, wähle unter dieſen einen für den 4† Deinen. Es war merkwürdig, daß der arme Schelm wirklich auf den mittelſten deutete. Schaum ſichtbar, und niemnals legte er ſich zum Schlafen nieder, 1 ja, das Gerücht behauptete ſogar, er habe aus Furcht vor Ver⸗ giftung jede Speiſe, jedes Getränk verſchmäht, was ihm nicht —V—V—ʒ—ꝛ,———· 4— murmer wenn d Pl ineinan als ob binab L in der Tager d gelbli ſtäblie — Du ſollſt vornehme Nachbaren haben— ſagte Maſaniello mit ſarcaſtiſchem Lächeln und gab den Befehl, die ſchreckliche Juſtiz zu vollziehen, was auch augenblicklich, aber mit weniger Geſchrei als ſolche Executionen ſonſt begleitet waren, geſchah— es war ſogar eine unheimliche Stille eingetreten. ing, ver⸗ Am ZAbend betrachthte er die Reſultate der ſchrecklichen Hen⸗ er, wen. kerarbeit. Btitn noch Maſaniello's Blicke flogen gleichgültig über die blutigen hloſſenheit Köpfe, die reihenweiſe um das Gerüſt hingen, und über die . nackten Leichen, die ringsumher lagen. 4 Böbelmaſſe Als er aber Paolo's Kopf vor ſich ſah, betrachtete er den⸗ ſelben einige Zeit, und ſein Auge füllte ſich mit Thränen. Umſtehen⸗— So ward ich von denjenigen verkannt, die ich liebte, noch heute. murmelte er für ſich ſelbſt; wes alſo werden meine Feinde thun, wenn die Stunde des Sieges für ſie kommt?— 1 1 iulio Ca- Plötzlich verſchwand dieſe milde Stimmung, er biß die Zähne ineinander, ſchwang das Schwert, das er in der Hand hielt, den viele als ob er einen Angriff abwehrte, ſprang er die Stufen der Bühne hinab und begab ſich nach ſeiner Wohnung. jer in kur⸗ wozu die en? ſchrie nan führe vei Kerle Uo an. Mein Volk braucht mich. eſprochen, fühle fir für den Livia, der ſanfte liebevolle Schutzengel ſeines Lebens, weilte in der einſamen Hütte— ach, auch ſie hatte ſich in wenigen Tagen ſehr verändert. Sie war erſchöpft und ihr Antlitz von jener krankhaften, haufdn elblichen Bläſſe bedeckt; die Blüthe ihres Lebens ſchien buch⸗ ſtäblich zu verwelken. Quelle dieſer Himmelsgabe ſchien verſtegt zu ſein. Wäre Maſaniello nicht zu zerſtreut geweſen, ſo hätte er be⸗ merken müſſen, wie ſehr ihr edles Gemüth kämpfte und litt, ihm zu verbergen, daß ihre Geſundheit dahin ſei und ihr Herz zu brechen drohe. 3— Als er eintrat, ging ſie ihm langſam entgegen, ſte fühlte, daß ihre Kraft geſchwunden war, und mit dem Heldenmuth einer Liebe, die ihr Leben verzehrt, ſuchte ſie ihre Schwäche zu ver⸗ bergen. Sie betrachtete die Züge ihres Mannes zwar ſcharf, aber verſtohlen. Sie wußte bereits, daß die zu heftige Anſpannung ſeiner geiſtigen und phyſiſchen Kräfte ihn mit jeder Stunde dem Wahn⸗ ſinne nahe bringen mußte, und ein einziger Blick überzeugte ſie, daß dieſe furchtbare Erwartung ſich durch ein ſchnelleres Heran⸗ rücken des Uebels beſtätigte. Ihre Züge aber verriethen dieſe ſchreckliche Ueberzeugung nicht, und weder deutete ſie ihre Beſorgniß durch ein Wort, noch durch eine Handlung an. Sie umſchlang ihn und drückte ihr Haupt an ſeine Bruſt, während ihr langes Haar ihr Antlitz verhüllte. Maſaniello erwiderte ihre Umarmung mit Wärme, als ſie aber fühlte, daß er an ihrer Bruſt zitterte, erhob ſie ſich, und ihr Antlitz bedeckte ſich mit Leichenbläſſe, ſie war dem Sinken nahe und Maſaniello mußte ſie unterſtützen. — Ich habe Deine Rückkehr erwartet, Maſo, redete ſie ihn an, um das Abendbrod gemeinſam zu verzehren, wie wir es früher gethan haben— jetzt, hoffe ich, biſt Du nicht mehr von Gefahren umgeben, mein Maſaniello wird von ſeines Volkes Liebe bewacht, er wird von allen Menſchen geehrt, aber dabei iſt ſein Herz doch der Braut ſeiner Jugend treu geblieben.— — Ja, liebe Livia, wir wollen miteinander eſſen, bringe mir Wein, von Deiner Hand kredenzt, wird er mir am beſten munden— meine Lippen glühen, aber ein eiſiger Hauch ſcheint mein Herz erſtarren zu machen, es wird mit jedem Augenblick kälter und immer kälter.. Maſaniello fuhr bei dieſen Worten ſchaudernd zuſammen und ließ ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. Es rieſelten keine Thränen mehr über ihre Wangen, die — nahm er! zum letzte ich auf de eivig, un Wohnung Livia Vorte find dieſem Au A ſeinem M auf Capt La Cava des ſchön Boot in Mondenſe ſo herrlich denkſt Du ſch zum ſchlugen⸗ Liehe un Maſanie Gegend dieſe St und meit Er! gen trat — indem ſie erfüllt. Schmer, geſſen, ſollt th Freude! 8 ingen, de tte er be⸗ litt, ihm t Herz zu ihlte, daß uth einer e zu ver⸗ arf, aber Ing ſeiner m Wahn⸗ zeugte ſie, s Heran⸗ tzeugung dort, noch ne Bruſ, e, als ſie ſich, und m Sinken te ſie ihn e wir es mehr von es Volkes aber dabei ben.— n, bringe am beſten ich ſcheint Augenblick zuſammen 559 — Seit fünf Tagen habe ich nur eine Brotrinde verzehrt, nahm er wieder das Wort, und geſtern benetzte ich meine Lippen zum letzten Mal mit einem Trunk Waſſer— die Brotrinde fand ich auf der Straße— aber dieſen Abend ſpeiſen wir miteinander, Livia, und Niemand ſoll uns ſtören— ich werde in meiner Wohnung bis zum Sonnenaufgang bleiben. Livia bewegte ihre Lippen, aber es wollten ſich nicht ſo leicht Worte finden, die Wonne auszuſprechen, welche ihre Bruſt in dieſem Augenblick erfüllte. — Ach ja, laß uns von Amalfi reden, lieber Maſo, von ſeinem Meere, begann ſie endlich, von den purpurnen Bergen auf Capri; von unſeren Spaziergängen in den Weingärten von La Cava— o unſere Herzen werden ſich freuen, wenn wir uns des ſchönen Juniabends erinnern, an welchem mich Dein leichtes Boot in die Bai von Salerno gebracht hatte und wir dann beim Mondenſchein neben einander wandelten. Der Himmel glänzte da ſo herrlich über uns wie nie zuvor und nie ſeitdem wieder— denkſt Du noch an jenen Abend, Maſo, an welchem unſere Lippen ſich zum erſten Mal fanden und unſere Herzen an einander ſchlugen?— Wir gaben uns das Gelübde ewiger, unwandelbarer Liehe und Treue— Gott weiß, wir haben es gehalten. — Ich habe jenen Abend nicht vergeſſen, Livia, erwiderte Maſaniello; ach, es war eine unglückliche Stunde, als wir jene Gegend verließen, als ich meine zärtliche und ſüße Gemahlin in dieſe Stadt brachte. Ich habe ihre Lieblichkeit, ihre Schönheit und mein eigenes Glück geopfert, und wofür?— Er verſank in trauriges Nachdenken und ein längeres Schwei⸗ gen trat ein. — Ach Maſo, betrübe Dich nicht, ſagte ſchmeichelnd Livia, indem ſie ihm die Wange ſtreichelte. — AHch Livia, Du weißt nicht, was mich drückt.— — Vertraue Dich Deiner Livia.— — Warum auch ſie mit dem Leide quälen, das meine Bruſt erfüllt. — Was Dich quält, möchte auch ich erdulden, auch iſt Dein Schmerz nur halb, wenn Du ihn mit mir theilſt; haſt Du ver⸗ geſſen, wie uns der Pfarrer, als er uns traute, ſagte:„Ihr ſollt theilen mit einander Ueberfluß und Noth— Leid und Freude!“ — Ich habe es nicht vergeſſen, Livia, aber ich will unn muß ſchweigen, dringe nicht in mich. — Es werden beſſere Zeiten kommen, tröſtete ihn die junge Frau. 4 — Nein, Livia, ſo wird es nicht mehr— verſetzte Maſa⸗ niello traurig— nie wird mein leichter Nachen wieder über jene glänzenden, blauen Wogen gleiten— nie werden wir die ſtillen Höhlen wieder ſehen, wie das ſchöne Waſſer an den Küſten unſerer Heimath— jene Tage, jene Nächte ſind entflohen, Livia, und ſie haben den Frieden unſerer Seele mit ſich genommen. — Die Felſen ſtehen noch da, ſie wanken nicht, lieber Maſo, noch ſind die Höhlen nicht zerſtört, verſetzte Livia lächelnd und in einem Tone, ſanft und fröhlich, wie in ihren Kinderjahren, und die Sterne des Himmels werden immer ihren ſanften Glanz darüber verbreiten. Wir wollen uns aus dieſer unruhigen Stadt entfernen und wieder dahin zurückkehren. Die Erinnerung an unſere Liebe ſoll uns helfen, die Tage zurück zu rufen, nach welchen unſere Herzen ſo heiße Sehnſucht verzehrt— laß uns jetzt dieſen Becher leeren auf die Tage, die noch kommen ſollen, die wir in einer glücklichen Zukunft ſehen werden. Ihre Lippen berührten zwar kaum das Weinglas, aber ſie hatte genug genommen, um dadurch eine plötzliche Gluth auf ihre bleichen Wangen hervorzurufen. Sie reichte dann das Glas ihrem Manne, der ſich erhob und es in die Hand nahm. Aber ſeine Sinne waren zerſtreut, ſeine Blicke nicht auf den Wein, ſondern auf Livia's Antlitz gerichtet, und nach weni⸗ 1 gen Minuten wendete er ſich ſchaudernd ab. Livia wurde von einem Schrecken ergriffen, der ihr faſt alle Beſinnung nahm, endlich faßte ſie ſich.. — Mein Maſo, was iſt Dir? rief ſte. — Schrecklich, ſchrecklich! — Gott— warun trinkſt Du nicht? — Es iſt Blut in dem Glaſe, Livia, gemiſcht aus meinem und Deinem— ſie wollen uns tödten. — O welche Gedanken! — Ach, Livia, ſie verfolgen mich. — Trinke, mein Maſo, der Wein wird Dich ſtärken, Deine Seele beleben. 31 Sta es in S und brac Livi an die ſt Sie dieſem A Ein Glieder; Wed Hülfe he Sie und bene Es Lippen nigen Ue „ſo ſehr b Jetzt ſpät.— Ma nicht üb die Stal Ob Tropfen Anhänge ſtand un Doc noch und Mannen Aufr einer gli gewirkt, Livie Auszeicht Wol und unbe — 5 Augen Das 4 Statt der Antwort warf Maſaniello das Glas von ſich, daß h wil und 4 5 4 lees in Stücke zerſprang, bedeckte ſein Antlitz mit beiden Händen 11 n die ſune und brach in Thränen und Schluchzen aus.. 1 Livia umſchlang ihn heiß und innig und legte ihr Haupt ſette Maſi an die ſtürmiſch bewegte Bruſt des Gatten. vieder üͤhe Sie wußte, welche gräßlichen Bilder an Maſo's Seele in den wir di dieſem Augenblick vorüber ſchwebten. den Küſten Ein kalter Schweiß brach auf ſeiner Stirn hervor, ſeine oöhen, Livin Glieder zitterten heftig und plötzlich ſtürzte er zu Boden. enommen. Weder vergoß Livia eine Thräne, noch dachte ſie daran, lieber Niſo Hülfe herbei zu rufen. 5 lächelnd um Sie kniete neben ihm, ſtrich die Locken von ſeiner Stirn tindetjahren und benetzte ſeine Lippen und ſeine Schläfe mit Wein. anften Glan Es hatte eine Zeit gegeben, wo der Hunger Maſaniello's ihigen Stad Lippen vertrocknet, wo ſie ihn liebreich bewogen hatte, die we⸗ innerung a nigen Ueberreſte der Nahrung zu ſich zu nehmen, deren ſie ſelber rifen, nah ſo ſehr bedurfte. 4 — laß ums Jetzt war Ueberfluß in ihrer Hütte, aber ach, vielleicht zu ſpät.— mmen ſollen,, 3. 4. Maſaniello's Wille gebot über Leben und Tod, wieviel mehr las, aber ſi nicht über Geld und Gut, und über alle Hülfsquellen, welche e Gluth auj die Stadt aufzuweiſen hatte.. Obgleich Maſaniello nicht eine Brodrinde, nicht einen r ſi ehet Tropfen Wein für ſich gefordert hatte, ſo war doch durch ſeine Anhänger hinlänglich für Alles geſorgt worden, was ſein Haus⸗ ſtand und ſeine Bedürfniſſe überhaupt erforderten. Doch alle Mundvorräthe, die herbeigebracht worden, waren noch unberührt, und der Wein, von welchem Livia ihrem Manne reichte, war der erſte, den ſie an ihre Lippen brachte. Aufregung, Mangel an Ruhe und die Anſtrengungen unter einer glühenden Sonne hatten auf Maſo ſchneller verderblich gewirkt, als auf ſie. Livia ſah nur zu ſehr die bitteren Früchte der gefährlichen Auszeichnung, welche ihrem Manne zu Theil geworden waren. aus meinem Wohl über eine halbe Stunde hatte Maſaniello bewußtlos und unbeweglich auf dem Fußboden gelegen. — Bringe Licht herbei, ſagte er, als er endlich die Augen aufſchlug; es iſt dunkel, und mich friert, als Das Bpfer von Amalfi.(Bd. II. 16) 36 ſcee nicht auf d nach weni⸗ ihr faſt alle tärken, Deine 562 ſtände der Todesengel vor mir; ach ich bin des Lebens müde. Livia zündete eine kleine Lampe an, war ihm beim Auf⸗ ſtehen behülflich und führte ihn zu ſeinem Lager. — Du biſt krank, mein armer Maſo, ach, Gott prüft Dich, weil er Dich liebt, aber darum mußt Du dieſe Prüfungen in Ergebung tragen und ſie für eine Aufforderung halten, beſſer zu werden. — Bin ich denn ſchlecht. — So gut und doch ſo ſtreng— Du haſt viel Blut ver⸗ goſſen, Maſo. 3 4 — Mein Kind, es muß ſo ſein, der Lenker einer Revolution darf vor dem Anblick des Blutes nicht zurückbeben wie ein Weib — er muß oft aus Grundſatz tödten laſſen, ſonſt kommt er nicht 1 zum Ziele— nur wenn er Angſt und Schrecken verbreitet, kann 1 er ſeine Herrſchaft ſichern, die ſonſt wieder leicht die Beute ſei⸗ ner Feinde wird. — Du haſt ihnen getrotzt bis zum Entſetzen— laß es genug ſein. — Es giebt noch zu viel zu thun. 1 — Alles ſchwimmt im Blute, überall Leichen. 3 .— War dies der Fall, bevor man das Poſſenſpiel in der 1 Kirche aufgeführt und den Mordverſuch an mir gemacht hatte? — O, wir waren Lämmer und ſie die Wölfe, die unſer Blut und Leben genommen, jetzt müſſen wir die Wölfe ſein,— hatten die Steuereinnehmer Mitleid, wenn wir nicht zahlten, pfände⸗ ten ſie ſich nicht an den letzten erbärmlichen Geräthen, nahmen ſie uns nicht ſelbſt die nothwendigſten Kleidungsſtücke, weil es ihnen gleichgültig war, wenn wir nackt gingen, haben ſie nicht die⸗ jenigen, welche die, Steuereinnehmer nur mit Steinen geworfen und verwundet, öffentlich auf dem Mercato hinrichten laſſen; und dieſer Platz, der ſo viel Volksblut getrunken, ſoll er nicht auch das Blut der ſogenannten Edeln und Großen des Reichs trinken?. 3 Ein furchtbarer Ausdruck hatte ſein ſchon wildes Antlitz erſchreckend gemacht, und Livia ſelbſt ſenkte ihre Blicke ſcheu zu Boden. Du haſt Recht, Maſo, ſie haben uns zur Verzweiflung 4 V getrieben ſchuld. in mein Paolo, Herande achttauſe Freibrief mir eine ſein jetz mir, ni zu, Die M iſt ein, Dich ge Böſes, geword Maſan ten?— ben zu als ſole nicht,d anhebt ich wei aber— es Lebenz beim Auf⸗ prift dic, üfungenji in ten, beſſer Blut ver⸗ Revolution ie ein Weib umt er nicht vreitet, kann e Beute ſei⸗ — laß es ſpiel in der aht hatte! unſer Blut an,— hatten lten, pfände⸗ hen, nahmen licke weil es ſie nicht die⸗ en raff chten laſſen⸗ ſoll et nich un des Reich! vildes Antlit Blick ſcheu n Verzweiflung getrieben, aber an dem verſuchten Meuchelmorde ſind ſie nicht 1 ſchuld. — Kindliche Livia, der Gedanke dieſer That keimte nicht in meines Freundes Hirn— er kam vom Statthalter und wurde Paolo, der ſtets mit der Regierung in Verbindung ſtand, durch Herandez zugeflüſtert— aber er wird dafür büßen, ich habe achttauſend Ducaten auf ſeinen Kopf ausgeſetzt— was den Freibrief betrifft, den ſie uns vorlaſen, ſo iſt er unecht.— — Aber Celeſto hat die Echtheit beſtätigt. — Ich traue ihm ſeit jener Stunde nicht mehr, obgleich er mir eingeräumt hat, daß er ſich durch ſein ſchwaches Auge und ſein jetzt etwas geſchwächtes Gedächtniß täuſchen ließ. — Du haſt Recht, Maſo, daß Du ihm nicht traueſt, glaube mir, nicht der Statthalter, ſondern Celeſto raunte dem Räuber zu, Dich zu ermorden.— Maſaniello blickte finſter vor ſich hin. — Ich war beſſer, als ich es jetzt bin, ſagte er, der Alte iſt ein Dämon, ſein ſtarrer, teufliſcher Blick hat mich, ſelbſt auch Dich getroffen, aber ich behaupte dennoch, er wünſcht mir nichts Böſes, nur ſeine Nähe bringt Verderben. — Was iſt aus dem Prinzen Caraffa und ſeinem Vater geworden? fragte Livia nach längerem Schweigen. — Sie befinden ſich noch im Kerker. — Und was iſt über ſie beſchloſſen? — Man hat noch kein Gericht über ſie gehalten— verſetzte Maſaniello mit dumpfer Stimme. — Und welches Urtheil harrt ihrer? — Der Tod.— — Gott, Maſo, Du willſt den Retter Deines Lebens töd⸗ ten?— kreiſchte Livia. — Ach, dieſe Edelleute verdienen keine Rückſicht, mein Le⸗ ben zu retten war ſeine Pflicht als Menſch, und wenn ich ihn als ſolcher auch begnadigen möchte, ſo kann ich es als Richter nicht, die Stimme der Menſchlichkeit hört auf, wo die der Pflicht anhebt— ja ſein Schickſal jammert mich, er iſt edel und brav, ich weiß es und möchte ſelbſt eine Ausnahme mit ihm mächen, aber— die Andern.— — Wer denn könnte ſeinen Tod in Neapel wünſchen, vder 36* 564 giebt es noch einen in dieſer großen Stadt, der außer Dir das 8 Recht hat, über Leben und Tod zu gebieten? nahm 2 — Der Alte— der Alte— murmelte Maſaniello leiſe— ur n laß uns nicht mehr von Geſchäftsangelegenheiten ſprechen, ſetzte erwache er zu ſeiner Frau gewendet hinzu— im Uebrigen, Livia, bin die ich nicht krank, meiſt Geiſt iſt geſund, mein Körper nur geſchwächt, 9 und alle Widerſacher mögen zittern vor dem Löwen von Amalfi! richtele Er ſprang mit dieſen Worten von ſeinem Lager auf, ſank aber ſogleich wieder auf daſſelbe zurück. Navyolit — Wir müſſen ausruhen und Nahrung zu uns nehmen, hülflich meine theure Livia, nahm er nach einer kleinen Weile wieder danken n das Wort— es iſt wahr, ich bedarf der Stärkung. Du wirf — Der Erzbiſchof hat Speiſen hergeſchickt, die von ſeinen Er heiligen Händen geſegnet ſind. l einen A — Glaubſt Du, er könnte uns betrügen, Livia?— fragte I bald das Maſaniello ſinnend. Er — Gott— welche Läſterung! 1 dem Sch — Du haſt Recht, er kann nicht betrügen, verwechſele da⸗ erwacht. her nicht ſeine Brode mit den übrigen, die ſeinigen ſind mit ſ Mit dem heiligen Kreuze bezeichnet— und die anderen— nein, ich Lvia w möchte nicht gern an Gift ſterben.—. Seit dem achten Juli nahm Maſaniello zum erſten Mal wieder reichliche Nahrung zu ſich. Er fühlte ſich geſtärkt und verſank bald in einen tiefen und ruhigen Schlaf, der bis zum Anbruch des Tages dauerte. Livia wachte an ſeinem Lager— bei der traurigen Ueberzeugung, die ihr inne wohnte, konnte ſie den Schlaf nicht finden, und ihre Thränen floſſen während der langen Stunden der Nacht unauf⸗ hörlich. Der Schein der Lampe, der auf Maſaniello fiel, gab ſeinen Wangen eine blendende Weiße, und bisweilen ſchlugen ſein Herz und ſeine Pulſe ſo ſchwach, daß Livia glaubte, ſein Kampf wäre vorüber. Mit dem erſten Schimmer des Tages, der die Kammer er⸗. Me leuchtete, wurde auch das Gemurmel der wachenden Volksmenge ſtille in hörbar. 8 Ma Maſaniello ſchlief noch, aber er bewegte ſich unruhig auf genen G dem Lager— ſeine Hände glühten fieberheiß— der Löwe von u noch venn di Amalfi ſchien von ſchrecklichen Träumen gequält zu ſein. Dir das bleiſe— hen, ſezte Livia, bin zeſchwächt, i Amalft! auf, ſank à nehmen, eile wieder von ſeinen ?— fragte eehſele da⸗ n ſind mit — nein, ich erſten Mal tiefen und erte. Livia eugung, die n, und ihre cht unauf⸗ fiel, gab ttugen ſein ſein Kampf Rammer er⸗ Volksmenge unruhig auf —c Löwe von ein. 1 11 1 1 1 56⁵5 1 Das Geräuſch der Menge unter den Fenſtern des Hauſes 4 nahm überhand, und die Ungeduld, Maſaniello zu ſehen, gab ſich durch lautes Gemurmel kund. Endlich brach das Geſchrei aus:„Maſaniello! Maſaniello! erwache! erwache!“ Die Fenſter erzitterten von dem Geſchrei, und Maſaniello richtete ſich empor. —— Mein Volk braucht mich, rief er heftig— ich bin da, Neapolitaner, ich komme— ſchnell, ſchnell, Livia, ſei mir be⸗ hülflich— möge es mir Gott verzeihen, daß meine erſten Ge⸗ danken nicht ihm zugewendet waren— Du ſüßes, ſanftes Weib, Du wirſt für mich beten.— Er ſprang vom Lager auf, und wiewohl ſeine Glieder auf einen Augenblick zitterten, ſo leuchtete doch aus ſeinem Auge bald das gewöhnliche Feuer. Er ſchied haſtiger von Livia als je vorher. Er war nach dem Schlummer geſtärkt und ſein Geiſt wieder zur Thatkraft erwacht. Mit raſender Haſt ſtürzte er aus dem Zimmer, ohne auf Livia weiter zu achten. Der Mönch. Mehrere Tage waren verfloſſen und es herrſchte eine Todten⸗ ſtille in der Wohnung des Statthalters. Man ſah zwar noch die mißvergnügten oder niedergeſchla⸗ genen Geſichter einiger vornehmer Edelleute— man hörte zuwei⸗ len noch Waffengeklirr und die gemeſſenen Schritte der Soldaten, wenn die Schildwachen auf den Terraſſen oder den Zinnen des 566 Schloſſes ſich ablöſten, aber im Uebrigen ſchien jedes lebende We⸗ ſen im Caſtell von Erſtarrung gefeſſelt. Nur in den Zimmern der Herzogin von Arcos und ihren Hofdamen hatten, trotz aller Schreckensereigniſſe in Neapel, noch immer keine Beſorgniſſe Zugang gefunden. In den erſten Tagen des Aufſtandes hatte die Herzogin die Frauen und Töchter der meiſten vornehmſten Edelleute um ſich b verſammelt, und in dieſem Kreiſe war allerdings von den furcht⸗ baren Auftritten nie die Rede geweſen, da ſie die Geſelligkeit— hätten ſtören können. Nur ſo lange Leonore vermißt ward, fühlte die Herzogin, daß auch ihre Bruſt menſchlicher Regungen fähig wäre; als dieſe aber ſchon am zweiten Tage des Aufſtandes zurückkehrte, war auch wieder jede Spur von Traurigkeit oder nur Verſtimmung aus dem Gemüthe dieſes kalten, ceremoniellen Hofweibes ver⸗ ſchwunden. Zuweilen erſchien der Herzog von Arcos bei den ſchönen Einſiedlerinnen, und Niemand konnte eine Veränderung in ſei⸗ nen ernſten Zügen oder in ſeinem feinen Benehmen bemerken. Viele der jüngeren Edelleute zwangen ſich in höfiſcher Eti⸗ kette, die quälende Langeweile dieſer Einſamkeit nicht zu zeigen, was ihnen namentlich ſchwer genug wurde, wenn ſichtliche Er⸗ ſchlaffung die ſonſt glänzenden Blicke der ſchönen Einſiedlerinnen trübte und ihre heiteren, weitſchallenden Stimmen zum Schwei⸗ gen brachte. Leonore erſchien nur zuweilen in dieſer ihr läſtigen Geſell⸗ ſchaft, und auch ihre Ankunft ſchien alle Herzen erkalten zu machen. Vielleicht fürchtete man, da man wußte, daß ſie ſich an den Tagesereigniſſen mehr betheiligte und häufig mit ihrem Vater beiſammen war, irgend eine Schreckenskunde. Wenngleich ſich nun die Prinzeß niemals über den gefürch⸗ teten und zugleich verhaßten Gegenſtand ausſprach, ſo hielt man doch die täglich immer ſichtbarer werdende Veränderung in ihren Zügen für eine böſe Vorbedeutung. Ihre Wange wurde bleicher, ihr durchdringender Blick mat⸗ ter, ſelbſt ihr Gang hatte etwas Schwankendes. Sie nahm weniger Antheil an allen Angelegenheiten, für. die ſie ſich früher intereſſirte, und wer ſie genau beobachtete, ——— mußte b abſchwei Sie ſchmerzli rück, wel ſem Krei finden ko Ihre einem ge hen Ber⸗ Sol Meiſten, Tod bri Es takomben und es welche b mit dem wurden. 8 ſchaft D alle en rung p M bleiben Herz v Si zum let ſchwind E gekehrt dem S E ſie eilt endlich wo ſich ende We⸗ und ihren apel, noch rzogin die te um ſich een furcht⸗ èlligfeit— Herzogin, Jals dieſe ehrte, war tſtimmung beibes ver⸗ en ſchönen ng in ſei⸗ emetken. fiſcher Eti⸗ zu zeigen, ſchtliche Er⸗ ſiedlerinnen im Schwei⸗ igen Geſel⸗ erkalten zu ſich an den rem Vater den gefürch⸗ ohielt man ng in ihren r Blickmat⸗ nheiten, für beobachtete 567 mußte bemerken, daß ihre Gedanken weit von dem Gegenſtande abſchweiften, welcher die Unterhaltung bildete. Sie ſchien bisweilen Geſellſchaft zu ſuchen, jedoch nur, um ſchmerzlichen Gedanken zu entrinnen, aber bald zog ſie ſich zu⸗ rück, wenn ſie die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ſie in die⸗ ſem Kreiſe weder für ihren Geiſt, noch für ihr Herz Nahrung finden konnte. Ihre Umgebung ſchrieb die Veränderung der Entrüſtung, einem gewiſſen Grame zu, welcher die Prinzeß wegen ihrer na⸗ hen Berührung mit dem Pöbelhaufen beſchlichen haben mochte. Solche Demüthigung, ſolche Entwürdigung, meinten die Meiſten, müßten einer Prinzeſſin in der Erinnerung noch den Tod bringen. Es waren natürlich die Begegnungen Leonore's in den Ka⸗ takomben und dem Palaſte Tortoſa nicht verſchwiegen geblieben und es gab wohl viele, vielleicht die Meiſten in jenem Kreiſe, welche bei der Ankunft der Prinzeß nur wegen ihrer Rencontres mit dem Pöbel von einem Schauder des Abſcheus durchrieſelt wurden.— Schon der bloße Gedanke an den Pöbel konnte dieſe Geſell⸗ ſchaft mit Entſetzen erfüllen. Das Wort alſo, wenn es genannt wurde, hätte wohl ſie alle entweder in eine Ohnmacht, oder in den Schlaf der Erſtar⸗ rung verſetzen müſſen. Mögen die kalten Höflinge ihren Betrachtungen überlaſſen bleiben, wir aber kennen den wahren Schmerz, welcher Leonore's Herz verwundete und werden ihn zu würdigen wiſſen. Sie hatte ſich, als ſie an jenem Abend, an welchem wir ſie zum letzten Mal von der Seite ihres Vaters auf der Zinne ver⸗ ſchwinden ſahen, mit ſtürmiſcher Haſt in ihr Zimmer zurückge⸗ zogen. Ihre Gedanken weilten in der Kirche del Carmine. Es war bald Mitternacht und noch war kein Bote zurück⸗ gekehrt, der Nachricht von der Aufnahme des Poſſenſpiels und dem Schickſal der Edelleute gebracht hätte. Endlich ließ ſie die peinigende Seelenqual nicht mehr raſten, ſie eilte in die Nähe der Gemächer ihres Vaters und gelangte endlich in das Zimmer, welches nur eine Thür von dem trennte, wo ſich der Statthalter befand. 4 Hier ließ ſie ſich auf einen Seſſel nieder und verſank in auf das Gedanken.— Bald aber fuhr ſie wieder empor— ihre Angſt ſeine unn hatte ſich geſteigert, als ſie bemerkte, daß ſie vergebens hier auf zu huie eine Kunde warte, welche im Nebenzimmer überbracht werden En könnte. 1 des Ala Der geheime Inſtinkt der Liebe nicht nur, ſondern auch die gen, den ganze Lage der Dinge ließ ſie Gefahr für Giulio fürchten.— erftrecan Sie hatte einen Gedanken gefaßt, ganz ihrer hohen, edelen Ni Seele würdig und verließ mit raſchen Schritten das Zimmer. dſen St In ihr Gemach gelangt, legte ſie ſich das Gewand eines net war. e. Carmelitermönchs an, denn für eine Verkleidung hatte ſie in Püt ihrer Garderobe jetzt Sorge getragen, ſchlug die Kapuze nieder und nun und eilte zu derſelben Stunde aus dem Caſtel. lurzem T Sie gelangte auf den Platz der Kirche del Carmine, als Sie der Tumult am ärgſten war. Minuten Doch keine Furcht wandelte ſie an, die Prinzeß hatte es den Plaſ gelernt Gefahren zu beſtehen. Sie Aus der Kirche drangen Haufen, welche jenes ſchreckliche lleideten Geſchrei ausſtießen:„Tödtet, tödtet— nieder mit den Edel⸗ Bis leuten!“ dränge Ein jähes Entſetzen feſſelte für einige Augenblicke ihre und wu Schritte— aber eben nur Momente. Sc Bald wurde das heldenmuthige Mädchen, das vor keinem ihren L Schrecken mehr erbebte, Herrin ihrer ſelbſt. ſie und Plötzlich war ſie gezwungen, ſich auf die Seite zu ziehen, Gi denn ein unglücklicher Flüchtling drängte ſich dicht an ihr vor⸗ ſie gedre über, er wurde von hundert Wüthenden und Tobenden, welche Plc mit Blut befleckt waren, verfolgt. jetzt in Viele wurdon in der Nähe Leonore's erdolcht— ſie ſah blu⸗ Di tige Köpfe auf Lanzen, aber ſie bebte kaum, am allerwenigſten nooch vot aber ließ ſie ſich dadurch abhalten, ihren Vorſatz auszuführen. ſie aus Sie eilte vorwärts, und als das Gedränge an der Thür, Si die ſie jetzt erreicht hatte, wieder heftig geworden war, trat ſie einzuſch in die Kirche. verlaſſen Ohne auf das Stoßen der wüthenden Haufen, oder auf das wohl be fortwährende Gemetzel zu achten, bahnte ſie ſich, wie wohl mit Caſtello furchtbar pochendem Herzen, einen Weg zum Altar.— Au Sie trat mit Todesverachtung vor, um Giulio vor der begebe Wuth des mordenden Pöbels zu ſchützen, während er traurig W —„ erſent in hee Anſt hier auf t werden auch die ſten.— n, edelen immer. nd eines tte ſie in uze nieder nine, als hatte es chreckliche den Cdel⸗ gllice ihre or keinem zu ziehen, ihr vor⸗ n, welche e ſah blu⸗ rwenigſten aführen. der Thür, r, trat ſi er auf das wohl mit o vor der er traurig auf das gräßliche Blutbad blickte, ohne zu ahnen, wer ſich in ſeine unmittelbare Nähe gedrängt hatte, den Tod von ihm fern zu halten. 3 Er hatte ſich vor die Uebrigen geſtellt, die auf den Stufen des Altars ſtanden. Zuweilen ſah ſie ſich unwillkürlich gezwun⸗ gen, den Schutz, der Giulio zugedacht war, auch auf Andere zu erſtrecken. Männer, die ſie genau kannte, zitterten um Giulio her, deſſen Stirne zwar traurig, aber ſtolz und furchtlos wie im⸗ mer war. Plötzlich erſchien ein Mann, es war der Geheimſchreiber— und nun bemerkte ſie, daß der Herzog und auch Giulio nach kurzem Widerſtreben mit demſelben in das Kloſter gingen. Sie verließ augenblicklich die Kirche, und kaum waren einige Minuten verfloſſen, als ſie ſah, daß Beide in Mönchskutten über den Platz geführt wurden. Sie folgte ihnen in kurzer Entfernung und behielt die ver⸗ kleideten Geſtalten ſtets im Auge. Bisweilen wurde ſie auf einige Augenblicke durch das Ge⸗ dränge von ihnen getrennt, aber ſie beſchleunigte ihre Schritte und wurde unerwarteter Weiſe an Giulio's Seite gedrängt. Schon wollte ſie ihn anſprechen, aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen, als ſie bedachte, welche ſchrecklichen Folgen dies für ſie und ihn haben könnte. Giulio wurde vorwärts getrieben und dadurch ſo nahe an ſie gedrängt, daß ſein heißer Athem ihre Wangen anhauchte.— Plötzlich aber verſchwand er und ſein Vater— beide wurden jetzt in das Haus geführt, welches Pietro ihnen geöffnet hatte. Die Thür war ſchon lange wieder geſchloſſen, als ſie immer noch vor der Hütte verweilte, bis endlich ein tobender Haufe ſie aus ihren Gedanken aufſchreckte. Sie eilte davon, um wieder den Weg nach Caſtel Nuovo einzuſchlagen. In der Erregung, in welcher ſie vorhin die Veſte verlaſſen, hatte ſie nicht bemerkt, daß ihr ein Menſch, der ſie wohl beobachtet haben mußte, als ſie heraustrat, vom Largo di Caſtello bis zu der Kirche verfolgte. Auch hier ſchlich er ihr nach, und als ſie ſich wieder hinaus⸗ begeben, kam auch er auf den Platz an. Wie ſie, hatte auch er genau auf das zwiſchen dem Geheim⸗ ſchreiber und den beiden Bedrängten ſtattgehabte Ge ohne jedoch bei dem vorwaltenden Tumult etwas da den zu haben. Er ſah, wie ſie ſich entfernten, beobachtete Leonore bei dem hellen Kerzenglanz in der Kirche, maß ihre Geſtalt vom Haupte bis zur Sohle und hatte ſeine Entſchlüſſe daraus gezogen. — Ich glaube dieſen Kapuziner zu kennen, ſagte er und ſchlich mit dieſen Worten Leonore aus der Kirche nach. Als die Prinzeß den Platz wieder verlaſſen hatte und ſchon auf dem Heimweg begriffen war, fühlte ſie ſich plötzlich auf die Schulter geklopft. — Wartet, Padre, ſagte ein Mann zu ihr, der ſo dicht in einen Mantel verhüllt war, daß ſte ſein Antlitz nicht ſehen konnte. Die Begebenheiten in der Kirche, die grauenvollen Scenen auf dem Platze hatten ihr weniger Schrecken verurſacht, als dieſe Begegnung. Sie überlegte, ob ſie antworten ſollte oder nicht— ſprach ſie, ſo mußte ihre Stimme ihren Stand verrathen, ſchwieg ſie, ſo verdächtigte ſie ſich gleichfalls. — Padro, wiederholte der Fremde, wohin eilt Ihr? Leonore antwortete nicht. — Ihr ſollt mich zu einem Sterbenden begleiten, ſagte der Menſch, eilt, eilt, damit ihm die letzte Oelung werde. Leonora's Herz pochte gewaltig, ſie entfernte ſich haſtig, aber der Menſch eilte ihr nach und hielt ſie am Gewande feſt. — Ein Mönch flieht, wenn er ſeiner Pflicht gehorchen ſoll? rief er in zürnendem Tone; Sangue di dio— das iſt ver⸗ dächtig! — Was wollt Ihr von mir? rief Leonore mit verſtellter Stimme. — Bei San Giovanni, rief der Menſch, indem er Leonore ergriff und laut auflachte, das iſt kein Mönch— ich wette, dieſe Kutte verhüllt das ſchönſte Mädchen Neapels. — Laßt mich, laßt mich— flehte Leonore mit wachſender Angſt. — Nein, bei der heiligen Jungfrau, es wäre ein Verrath gegen das Vaterland— es iſt verdächtig, wenn Weiber ſich in 8 Mönchsgewänder hüllen— ich habe Dich beobachtet, Du kamſt ten Caſt hetjogs: heutigen: — 4 und wolt Leono indem ſie fiel.= Dolche in 0 Unglückli Da lungen, zu beru Es ſchickt, ſchrieb, dieſen 1 Da dereröff M geforde bereit du gebe ſachlet verſtan⸗ di den Haupte . er und dſchon auf die dich in t ſehen Stenen als dieſe ſprach ieg ſie, agte der ig aber en ſoll? iſt ver⸗ rſtelter Leonore te, dieſe ichſender Verrath rſich in du kamſt. vom Caſtel Nuovo, biſt alſo zuverläſſig ein Abgeſandter des Herzogs von Arcos, ein Edelmann, und ein ſolcher darf in der heutigen Nacht der Volksgerechtigkeit nicht entkommen. — Ich bin kein Edelmann, ich ſchwöre es Euch. — Das wird ſich herausſtellen, vorwärts! rief der Fremde und wollte ſie gewaltſam mit ſich fortzerren. Leonore aber ſträubte ſich, es gelang ihr, ſich zu befreien, indem ſie den Menſchen von ſich ſchleuderte, daß er zu Boden fiel.— — Ragazzo, ſchrie der Kerl, erhob ſich und ſtürzte mit dem Dolche in der Hand der Donna eilend nach. — Jetzt will ich Blut, brüllte das Scheuſal und hatte die Unglückliche mit wenigen Schritten ereilt. 3 Eine zweite Komödie. 8 2 Den Bemühungen des Erzbiſchofs Filamarino war es ge⸗ lungen, die Gemüther des Volkes und der Anführer ein wenig zu beruhigen. Es wurden Boten von dem Statthalter an Maſaniello ge⸗ ſchickt, ſo wie allen, welchen man Einfluß auf den Fiſcher zu⸗ ſchrieb, Betheurungen und Verſprechungen gemacht, welche man dieſen auf den verſchiedenartigſten Wegen zugehen ließ. Das Ergebniß aller dieſer Kunſtgriffe war endlich die Wie⸗ dereröffnung von Friedensunterhandlungen. Maſaniello oder vielmehr Celeſto ward eingeladen und auf⸗ gefordert die Bedingungen aufzuſtellen, da der Herzog von Arcos bereit wäre, dem getreuen Volke— um jeden Preis den Frieden zu geben. 572 Der Entwurf des Vertrages wurde dem Statthalter über⸗ ſandt, und der Ueberbringer, ein Mann von niederem Stande, wurde mit aller Höflichkeit empfangen, worin übrigens, beiläufig geſagt, der Herzog ein Meiſter war. Seine Räthe waren verſammelt, und der Bevollmächtigte des Volkes las die Fordexungen ſeiner Partei vor. So lange dieſe nur die Abſchaffung der Steuern betrafen, hörte man ihn ruhig und ohne Einwendungen an. Doch das getreue Volk verlangte mehr, und als der Bevoll⸗ mächtigte von der gleichen Stimmberechtigung ſeiner Partei mit dem Adel ſprach, unterbrach einer der adligen Räthe die Vor⸗ leſung, indem er erklärte, daß eine ſolche Forderung nicht nur unbillig, ſondern auch unverſchämt ſei. Der Bevollmächtigte ward verlegen und überraſcht, er fand nicht ſogleich Worte. Erſt nach längerer Sammlung nahte er ſich mit großer Ruhe dem Herzog von Arcos. — Hoheit, ſagte er, ſo hat es Maſaniello gewollt, und ſo muß es geſchehen. Dieſe Entſchiedenheit hatte ſowohl dem Herzog, als ſeinen Räthen imponirt. — Gut ſo, ſagte erſterer ſogleich in höflichem Tone; Ma⸗ ſaniello's Wünſche ſollen buchſtäblich erfüllt werden. Die Verhandlung wurde nun nicht mehr durch Unterbre⸗ chungen geſtört, die Urkunde bis zum Schluſſe verleſen, unter⸗ zeichnet und dem Volke zurückgebracht. Ein mitleidiges Lächeln aber und ſchlaue Blicke des Ein⸗ verſtändniſſes wurden im Caſtel Nuovo bemerkbar, als ſich der Abgeordnete entfernt hatte. Das ganze Volk wurde nun durch Trommelſchlag aufge⸗ fordert, in der Kirche del Carmine ſich einzufinden, um den Frei⸗ brief zu empfangen, der für alle Zeiten heilig gehalten werden ſollte. 4 Maſaniello erſchien wieder in der Kirche, aus welcher man in überraſchend kurzer Zeit die Leichen entfernt hatte, obgleich am Fußboden noch überall Blutſpuren ſichtbar waren. Wieder hatten die Mönche die Kirche zu der neuen Feſtlich⸗ keit glänzend geſchmückt, zur Seite des Hochaltars einen Sitz für den Erzbiſchof errichtet, und als die letzte der tauſend Wachs⸗ welche vo ſollte und natürlich je es war— ber hatte ferzen ange wurden di laſſen. Wiede des Erzbiſe Er tru in welchen Volkes erſe pfangen ha Celeſto neben Maſ dieſes Tage Der vollſtändig Wort. — D der Regier Tag, man — endlich del Carmi⸗ deſſen Ech aber ich k ſichte Got Fünften ſtimmig d Er ſt Dieſe einem Ma Nur e Er w kerzen angezündet war und alle Glocken feierlich zuſammen klangen, wurden die Kirchenthüren geöffnet, um das Volk herein zu laſſen. 3 Wiederum nahm Maſaniello ſeinen Plat jur rechten Seite des Erzbiſchofs.. Er trug immer noch ſeinen alten Anzug, dieſelben Kleider, in welchen er bei dem Beginn des Aufſtandes an der Spitze des Volkes erſchienen war und die Botſchaſt des Statthalters em⸗ pfangen hatte. Celeſto befand ſich gleichfalls wieder an ſeiner alten Stelle neben Maſaniello, und der Hauptantheil an den Verhandlungen dieſes Tages fiel ihm zu. Der von dem Statthalter unterzeichnete Vertrag wurde vollſtändig verleſen. Als dies geſchehen war, nahm Celeſto das Wort. 8 1 — Dieſer Freibrief war das Verlangen des Volkes von der Regierung des Herzogs von Oſſuna bis auf den heutigen Tag, man hat ihn uns vorenthalten bis auf den heutigen Tag — endlich aber iſt er uns von Gott und der heiligen Jungfrau del Carmine gewährt worden. Zwar haben ſich Stimmen gegen deſſen Echtheit laut werden laſſen— ich ſelbſt war zweifelhaft, aber ich kann mit gutem Gewiſſen hier auf dem Altar im Ange⸗ ſichte Gottes betheuern, daß dieſe Urkunde die unverfälſchte ſei, welche von ſeiner kaiſerlichen, königlichen Majeſtät, Carl dem Fünften eigenhändig unterzeichnet iſt.— Laßt uns daher ein⸗ ſtimmig dem Herrn Lob und Preis ſingen. Er ſtellte ſich dann wieder an die Seite Maſaniello's. Dieſe Worte, hier und fo feierlich, ſo zuverſichtlich von einem Manne geſprochen, dem der erſte Freibrief bekannt ſein ſollte und der an der Spitze der Volksregierung ſtand, mußte natürlich jeden Zweifel löſen. Nur einen gab es noch, der nicht an ihre Wahrheit glaubte, es war— Maſaniello. Er warf einen durchdringenden Blick auf Celeſto, dieſer aber hatte ihn ertragen und verſtanden. — Bei der heiligen Jungfrau, ſagte er, ich habe mich von der Echtheit dieſer Urkunde überzeugt— ich beſchwöre Euch, Maſaniello, mir nicht zu mißtrauen. Der Fiſcher von Amalſi erwiderte nichts— die Orgel be⸗ Gemeinde ſtimmte mit Begeiſterung und Vertrauen auf das Geſagte ein. Niemals wurde wohl ein Siegesgeſang von ſo jubelnden Stimmen geſungen.— Der Erzbiſchof knieete vor dem Altar nieder und erhob ſich erſt wieder, als die letzten Töne der Orgel verhallt waren. Er breitete dann ſeine Hände über die Menge aus und ſprach feierlich den Segen. Endlich wendete er ſich zu dem jungen, kühnen Verjechter der großen Sache, der den Sieg errungen hatte, und während er die bleichen, eingefallenen Züge des armen Fiſchers betrach⸗ tete, füllten ſich ſeine Augen mit Thränen. — Gehe jetzt nach Hauſe, mein Sohn, ſagte er gerührt, Deine Miſſion hat Früchte getragen, iſt alſo erfüllt.— Du kannſt getroſt auf die Redlichkeit des Herzogs von Arcos hoffen, — wie Deine Freunde mir jüngſt ſagten, ſollteſt Du über fünf Tage hinaus ohne Nahrung und Ruhe geweſen ſein— ich habe Dir daher Speiſen und Getränke von meinem Tiſche geſandt, aber, wenn ich Deine bleichen, abgezehrten Wangen betrachte, ſo kann ich nicht glauben, daß Du ſchon davon genoſſen haſt. Mein junger Freund, die Macht, welche Du beſttzeſt, iſt theuer erkauft, alſo mußt Du Dich auch dafür erhalten, ſie nützt Dir nichts; doch ich fürchte, Du argwöhnſt, daß man Dir nach dem Leben trachte.— Denke nicht ſo ſchlecht von chriſtlichen Edel⸗ leuten, mein Sohn— es iſt ſündlich. Schicke aber, wenn Du Mißtrauen hegſt, Deine Speiſen hierher, meine Aerzte ſollen ſie koſten, und ich will ſie ſegnen, aber es iſt die höchſte Zeit, Du mußt Dich ſtärken, damit Du der Aufregung und Entkräftung nicht erliegeſt— ein ſolches Gift iſt tödtlicher als irgend eines, das aus Kräutern gewonnen werden kann. Maſaniello ſchwieg einige Augenblicke und begann dann kummervoll. — Hochwürdigſter, ich wollte nicht eher Speiſe zu mir nehmen, ſo lange mein Volk nicht geſättigt war, daß heißt, ſo lange ſeine Sache nicht geſiegt hat, aber geſtern vermochte ich den Hunger nicht mehr zu ertragen, ich wäre ſonſt geſtorben, ich aß daher von dem heiligen Brode, das Sie mir ſchickten. Jetzt aber, wo unſere Sache ihr Ziel erreicht hat, gann in rauſchenden, ſchwellenden Tönen das Tedeum, und die will ich in meine arme will Ihnen Grund genn — ob aber ben beabſic geſagt, i Vertrauen ſondern um geſprochen — Cs verſetzte de Volk durch Willen G. l über die W bringen, ſi zu unterw Verkzeug chtigt ha mit Verw werden. len, komn mich mit l Deine S Nahrung 2 Maſaniell mehr find Glieder; Herz poch den letzten ja, fuhr er verhöhnen beſten Fre ——— blicke tief Einbildun aus dem die Du jg ddn das enden vi 1 4 3 und hrend etrach⸗ erührt, — Du hoffen er fünf habe ſandt, trachie, en haſt. theuer bt Dir ich dem Cdel⸗ un Du llen ſie it, Du räftung eines, n dann au mir heißt,o chte ch eſtorben, ſchicten. lich in mmaeeine arme Hütte gehen, mich zu erholen und zu pflegen. Ich b will Ihnen zugleich nicht verſchweigen, Hochwürdigſter, daß ich Grund genug habe, den von Ihnen erwähnten Argwohn zu hegen — ob aber die Liſt des Herzogs von Arcos etwas gegen mein Le⸗ ben beabſichtigt oder nicht, hat jetzt weniger zu bedeuten— und wie geſagt, ich will Nahrung zu mir nehmen, nicht, weil ich mehr Vertrauen auf die Edelleute ſetze, denn ich kenne ſte ſehr gut— ſondern um der lieben Worte willen, die Ihr Mund zu mir geſprochen hat. — Es liegt mir noch eine ſchwere Pflicht feb, mein Sohn, verſetzte der Biſchof in eindringlichem Tone— Du haſt dieſes Volk durch eine Schreckensprüfungszeit geführt und mit dem Willen Gottes die Macht Derjenigen geſtürzt, die der Herr über die Völker geſetzt hat— jetzt mußt Du es wieder dahin bringen, ſich friedlichen Geſetzen und der rechtmäßigen Obrigkeit zu unterwerfen. Mißlingt Dir dies Werk, ſo biſt Du nur ein Werkzeug der Rache des Himmels geweſen, der dieſes Volk ge⸗ züchtigt hat, und Dein Name wird von allen guten Menſchen mit Verwünſchungen genannt und ſo der Nachwelt übergeben werden. An meinem Beiſtande ſoll es Dir übrigens nicht feh⸗ len, komm morgen nach Sonnenuntergang zu mir, ich verbürge mich mit meinem Namen, meinem Amte und meiner Ehre für Deine Sicherheit— aber vor allen Dingen bedarfſt Du der Nahrung und der Ruhe. — Wohl bedarf ich der Ruhe, Hochwürdigſter, entgegnete Maſaniello, aber ach, ich werde ſie wohl in dieſer Welt nicht mehr finden, Sie ſehen, mein Geſicht iſt abgemagert und meine Glieder zittern, mein Kopf brennt wie Feuersgluth— mein Herz pocht bald übermäßig, bald iſt es ermattet, als ſollte es den letzten Schlag thun. Alle Menſchen gaffen mich an— ach ja, fuhr er zitternd fort, mich verfolgen böſe Geiſter, welche mich verhöhnen und durch die Blicke derer anſtieren, die ſich meine beſten Freunde nennen. — Ich ſehe nichts von alldem, ſagte der Erzbiſchof, aber ich blicke tief in Dein leidendes Gemüth, wo alle dieſe finſteren Einbildungen erzeugt werden. Erinnere Dich, daß Du kaum aus dem Jünglingsalter getreten biſt und daß die Beſtrebungen, die Du jetzt verfolgſt, geiſtige und leibliche Kraft erfordern, die 576 man nicht bei einzelnen Menſchen ſucht, ſondern in, den Ver⸗ Vater ſammlungen weiſer Rathgeber— Du haſt Dir allein eine Laſt geſchwiege aufgebürdet, die entweder unter den Aelteſten eines ganzen Volkes, geraume⸗ oder unter dem Regenten und ſeinen Miniſtern vertheilt iſt, es— G iſt daher kein Wunder, daß dieſe Laſt Deinen Körper wie Deine- N Seele erdrückt— doch wie dem auch ſei, Du mußt es ertragen,— W bis Dein Geſchäft erledigt iſt.— 39 — Mit dem Beiſtande der heiligen Jungfrau del Carmine,= Ad hochwürdigſter Vater, will ich die Bürde tragen, entgegnete Ma⸗ Vahl, wir ſaniello, ich will mich nicht ſchlafend oder zechend finden laſſen, man wird, wenn mein Volk mich braucht, geben Sie mir noch einmal Ihren— H Segen, hochwürdigſter Vater, und ich gehe nach Hauſe. Vater? S Der Erzbiſchof war ſehr erſchüttert— das Geheimniß dieſes l ber der T Gemüths, das wenige Worte ihm enthüllt hatten, deutete eine andeten? finſtere Ausſicht für die Geſchicke eines ganzen Volkes an. ¹ A Er blickte dem jungen Fiſcher, der die Kirche verließ, lange Sprüchwo nach und beſchloß dann, einen Boten zum Statthalter zu ſenden.— 4 nenſhlich legt, ja n 1 der geſche thun, da 1 Horch, man kommt! Giulio und ſein Vater befanden ſich bereits ſeit zwei Tagen in ihrem Gefängniß. Noch wüthete das Morden fort, denn der Statthalter hatte noch keine Verſuche gemacht, an eine Unterhandlung mit dem Volke zu denken— oder er hatte vielmehr noch keine Liſt erſon⸗ nen, um aufs Neue zu täuſchen— dies ſollte erſt den nächſten Tagen überlaſſen bleiben. Es war Abend— von dem Thurme del Carmine war die zehnte Stunde längſt verhallt, aber auf dem Platze dauerte das b Geſchrei ununterbrochen fort. —j——xqxqiZA glüclich Das f. Tagen —r hatte it dem erſon⸗ ächſten war die rte das Vater und Sohn ſaßen ſich gegenüber, Sie mußten lange geſchwiegen haben, denn beider Züge verriethen, daß ihnen eine geraume Zeit im Nachdenken verfloſſen war. — Giulio, begann der Herzog endlich. — Mein Vater. — Was wird aus uns werden?— — Zwei Leichen, entgegnete der Gefragte düſter. — Ach, alles hat uns vergeſſen— ja, es bleibt uns keine Wahl, wir werden in dieſem Gefängniſſe bleiben, bis man kom⸗ men wird, uns zum Blocke zu führen. — Hatteſt Du denn irgend welche Hoffnung auf Befreiung, Vater? Konnteſt Du in der That denken, daß der Geheimſchrei⸗ ber der Volksregierung den Herzog von Mattalone zu einer anderen Freiheit führen werde als der, die der Tod gewährt. — Ach ich hoffte wenig und hoffte doch, Du kennſt das Sprüchwort von dem Strohhalm— ja es liegt einmal in der menſchlichen Natur, zu hoffen, bis er ſein Haupt auf den Block legt, ja noch in dieſem Augenblick hofft er, es werde ein Wun⸗ der geſchehen— der Henker wird ſich weigern, den Streich zu thun, das Todesurtheil werde plötzlich aufgehoben und ſo weiter, bis endlich das Mordeiſen, indem es das Haupt vom Rumpfe trennt, jedem Denken und Empfinden ein Ende macht. — Es hofft, wer an das Leben hängt, ſagte Giulio traurig, wer aber gern ſtirbt, will nicht mehr hoffen. — Mein Sohn, ſollteſt Du gern ſterben wollen? fragte der Herzog mit wehmüthiger Neugier. — Mich feſſelt nichts an das Leben. — Wie— Deine Jugend— — Vermag mir nichts zu bieten. 6 — Und Dein Herz? — Müßte brechen im Leben, daher beſſer der Tod. — Du denkſt an die Prinzeß— ja, das iſt allerdings ein trauriger Gedanke. 3 — Mein Vater, nenne ihn nicht traurig; dieſer Gedanke hat meine Seele oft gehoben, ach ja, ſetzte Giulio ſeufzend hinzu, der Wahn war kurz, aber ſchön. 3 — Hätte ſich ſelbſt Deine Hoffnung erfüllt, Du wärſt niemals glücklich geworden, denn Du lebteſt mit dem Herzog in beſtän⸗ Das Opfer von Amalſi.(Pv. II. 17.) 37 diger Oppoſttion, und dieſer Umſtand würde auch Leonore un⸗ glücklich gemacht haben.— Wie konnteſt Du überhaupt hoffen, daß der Herzog von Arcos einem ſeiner eifrigſten Gegner die Tochter vermählen mürde. — Er hätte es gethan, Vater, um, wäre mir die Volks⸗ gunſt geblieben, Neapel zu zeigen, daß er ſeinem Günſtling und mithin auch Neapel wohl will— freilich wäre es ein Schritt der Verzweiflung von ihm geweſen, ich weiß es ſehr wohl— aber die Gunſt ſeiner Majeſtät nicht einzubüßen, und dies ge⸗ ſchieht, wenn Neapel abfällt, würde er noch mehr gethan haben, als dem Gegner die Tochter zu vermählen und ihre Hand dem ſpaniſchen Miniſter zu entziehen, deſſen Verbindung mit Donna Leonore, wie ich hörte, ein Lieblingswunſch des Monarchen iſt. — Du weißt alſo, daß der Herzog von Arcos mit Wider⸗ ſtreben in die Vermählung ſeiner Tochter mit Dir gewilligt hätte?„ — Ich bin davon überzeugt. — Und Du, ein Caraffa, wäreſt nicht zu ſtolz geweſen, in eine ſolche Verbindung einzugehen? — Nein, mein Vater, ich hätte dieſe Demüthigung gern ertragen, denn ich liebe die Prinzeß; aber abgeſehen davon, würde dieſe Verbindung nicht zu einer Verſöhnung zwiſchen Fürſt und Volk geführt haben, wenn es mir gelungen wäre, ohne Miß⸗ trauen und Anfeindung meine Pläne für die Sache des Volkes durchzuſetzen? — Das kann ich nicht einſehen. — Ich hätte dem Herzog die Bedingungen des Friedens vorgeſchlagen, er hätte ſie mir nach der Annahme verbriefen müſſen, ich wäre dann als Verfechter einer großen Sache von ganz Neapel verehrt geweſen, und der Herzog hätte ſich nicht weigern können, mir die Hand Leonorens zu bewilligen. Wäre ich endlich ſein Schwiegerſohn geworden, dann hätte ich einen ganz anderen Einfluß auf ihn zu üben gewußt, ich würde gern die Regierungsgeſchäfte übernommen haben, dann wäre der Her⸗ zog geliebt, das Volk zufriedengeſtellt und ich glücklich geweſen — das, mein Vater, waren meine Träume. — Es waren allerdings nur Träume, mein Sohn. — Die ſich wohl verwirklichen konnten. Lollsführe . worden. 4— 4 — Au — d nete Zeit, — Ur — S — U einem Anf — YT Pläne um Rotte des Schwerte — Dieſer mich wer heitshime ſogleich ——— ſeitigen verehrt w einen gern 579 — Niemals. — Möchteſt Du mir dieſes Niemals beweiſen? — Vor allen Dingen biſt Du, dem Himmel ſei Dank, kein Volksführer, dieſe Ehre iſt dem Fiſcher von Amalfi übertragen worden. — Man hatte mir dieſes Amt übertragen, ich lehnte es ab. — Aus welchen Gründen?— — Damals war für einen Edelmann noch nicht die geeig⸗ nete Zeit, ſich an die Spitze einer Volksbewegung zu ſtellen. — Und Du hätteſt dies überhaupt gethan? — Schon einige Tage ſpäter. — Und warum unterließeſt Du es? fragte der Herzog mit einem Anflug von Ironie. — Weil der unglückſelige Vorfall im Schloſſe alle meine Pläne umgeſtürzt hat— ich und die Prinzeß wurden von einer Rotte des ausgelaſſenſten Pöbels angegriffen, ich mußte mit dem Schwerte Wiederſtand leiſten und tödtete Einen von der Rotte. — Dieſer Umſtand mußte natürlich ein nachtheiliges Licht auf mich werfen, und mein Stern, der ſchon am Horizonte des Frei⸗ heitshimmels ſichtbar wurde, zu dem das Volk aufſchaute, wurde ſogleich wieder in ewige Nacht gedrängt. — Ohne dieſe Nothwehr, die Du tödten nennſt, hätte man Dich zum Fenſter hinausgeworfen., — Man hiüätte es nicht gethan, und nicht die Furcht, daß dieſe Drohung verwirklicht würde, trieb mich, von der Waffe Gebrauch zu machen, denn ich hätte die ganze Rotte beſchwich⸗ tigt, vielmehr nur der freche Angriff eines Ruffiani auf die Prinzeß veranlaßte mich, ihn niederzuſtechen. — Und wäre Dir das hohe Glück zu Theil, ein Volksfüh⸗ rer geworden zu ſein, ſagte der Herzog ſpöttiſch, hätte dies der Fiſcher und ſeine Partei nicht hintertrieben. — Ich hätte den Fiſcher nicht verdrängt, wäre ihm vielmehr nur das geweſen, was ihm jetzt der alte Celeſto und der Ge⸗ heimſchreiber ſind.— ich hätte beide Poſten in meiner Perſon vereint, und der arme Fiſcher wäre treuer bedient geweſen, als von dieſen ränkeſüchtigen Buben, die ihn betrügen und gern be⸗ ſeitigen möchten, um ſelbſt zu regieren. — Du ſagteſt, Du wäreſt als Volksführer in ganz Neapel verehrt worden. 37* — Wollteſt Du dies beſtreiten? — Mit Recht, mein Sohn, nur das Volk hätte Dich ge⸗ liebt, der Adel würde Dich gehaßt haben. Ein verächtliches Lächeln ſchwebte um Giulio's Lippen. — Das Volk bildet die Nation, der Adel iſt nur ein kleiner, excluſiver Bruchtheil derſelben und kann nicht in Betracht gezo⸗ gen werden. Die Liebe des Adels wäre mir ſtets gleichgültig, ja widerwärtig geweſen, die des Volkes hätte mich glücklich gemacht. — Mein Sohn, dieſer kleine Bruchtheil wird immer eine große Macht im Staate bilden, ſo lange es tenierende Fürſten giebt, ſagte der Herzog nachdenkend. — Nein, mein Vater, daß dies nicht der Fall iſt, wird Dir jetzt am eheſten klar— Neapel hat einen regierendeg Fürſten, und wo iſt die Macht des Adels? vermag ſie ſich zu ſchützen? — Dich aus dieſem Gefängniß zu befreien— Maſaniello heißt die Parole, die Loſung aber:„Nieder mit dem Adel!“ Der Herzog blickte düſter vor ſich hin, die Worte des Sohnes hatten vielleicht eine gewiſſe Wirkung ausgeübt, wir ſagen, viel⸗ leicht, denn der Herzog ſprach ſich jetzt über ſeine Anſicht nicht mehr aus. Mein Vater, fuhr Giulio fort, die Zeit wird kommen, wo die elende Schranke, welche ſich ein kleiner Theil der menſch⸗ lichen Geſellſchaft anmaßenderweiſe gebaut hat, wird gebrochen werden, heute oder morgen, früher oder ſpäter, Edelmann wird Jeder ſein, den Thaten, Verdienſte und vor allen Dingen Seelen⸗ adel dazu berechtigen— und das wäre eine Gerechtigkeit, die das Schickſal den Völkern ſchon lange verſchuldet.— Eines Ta⸗ ges wird der Adel büßen müſſen, alle Verbrechen, die er an den Völkern begangen— die Nemeſis geht langſam aber kommt deſto ſicherer zum Ziel. Der Herzog blickte ſeinen Sohn traurig an und drückte ihn an ſeine Bruſt. — Mein Giulio, ich werde bald von Dir gehen, ſagte er, laß keinen Hader zwiſchen uns herrſchen.. Toiefes Schweigen folgte.— Endlich ließen ſich Tritte auf der Treppe vernehmen, während ein fürchterliches Geſchrei auf der Straße ertönte. — Horch, ſagte der Herzog erbleichend— man verlangt unſere Köpfe— man kommt! — 29 riger Reſt Böwußiei ich ſtürbe! daß mein nahe gel Ma einen V Statthal Entſcheid gungen langten. ge iner, gezo⸗ „ ja acht. eine rſten Dir rſten, tzen? heißt hnes viel⸗ nicht umen, enſch⸗ tochen wird geelen⸗ t, die 6 Ta⸗ n den t deſto kte ihn gte er, tte auf rei auf erlangt 581 — Laß uns ruhig zum Tode gehen, ſagte Giulio mit trau⸗ riger Reſignation, es iſt beſſer, ſchuldlos zu ſterben, als mit dem Bewußtſein, ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht zu haben— ich ſtürbe gern und zufriedener, wenn ich die Ueberzeugung hätte, daß mein Tod das Volk von Neapel erlöſen würde. Bei dem Geheimſchreiber. Werfen wir jetzt einen Blick auf das Erdgeſchoß des Hau⸗ ſes, in welchem Giulio und ſein Vater gefangen waren. Hier herrſchte vom Morgen bis zum Abend ein eigenthüm⸗ liches Treiben. 7. Man hatte dieſes Haus, weil es Maſaniello's Wohnung nahe gelegen war, zu Pietro's vorläufigem Aufenthalte beſtimmt. Maſaniello, der weder ſchreiben noch leſen konnte, mußte einen Vertrauten haben, der ihm ſowohl die Mittheilungen des Statthalters überlieferte, als auch die von ihm ausgegangenen Entſcheidungen redlich an das Volk beförderte. Wenn der Fiſcher nicht im Angeſichte des Volkes auf ſeiner Richterbühne ſchnelle Rechtspflege übte, begab er ſich nach der Wohnung ſeines Geheimſchreibers, aus welcher ſeine Verfü⸗ gungen mit Blitzesſchnelle nach allen Gegenden der Stadt ge⸗ langten. 5 Dieſe Zuſammenkünfte fanden gewöhnlich vor Sonnenauf⸗ gang oder kurz nach demſelben ſtatt. Der Geheimſchreiber hatte dann eine Maſſe Schriften vor ſich liegen, er ſuchte, er ſah und las zu gleicher Zeit. Maſaniello, mit einem ſtarken Gedächtniß und einer kräfti⸗ gen und gewandten Beredſamkeit begabt, ging, während er ſeine kommen, ul Verſi ungen oder Beantwortungen durch Pietro niederſchreiben 5 ließ, auf und ab. um ſeun Wenn die Stimme des Geheimſekretairs bei dem Vorleſen I Nreibers ſtotterte, oder unſicher war, blieb Maſaniello plötzlich ſtehen und ſhr i heftete ſein dunkles Auge mit einem fragenden Flammenblick auß er; 6 deſſen Antlitz, und fuhr dann der Leſer fort, ſo verriethen die ſuher geg Züge des Fiſchers, daß ſein Argwohn, ſein Mißtrauen, wie ge⸗ ich D ſind wöhnlich bei Menſchen, die des Schreibens und Leſens unkundig lündd Es ſind, niemals ſchlummern. 5 6 Am zweiten Abend der Gefangenſchaft des Herzogs von. 1 Mattalone und ſeines Sohnes brannte auf dem Tiſche des 4 5 Geheimſchreibers eine Kerze. aandez no Pietro, deſſen Geheimniß uns noch unbekannt iſt, das wir aber im Laufe unſerer Erzählung noch erfahren werden, hatte ſireiber, den Kopf auf ſeine Hand geſtützt.„ Seeiin Herz ſchien von Traurigkeit beſchlichen, welche Ge⸗ laſſen da fühle mochten es wohl beherrſchen? mit dem Oder hatte die Aufregung, die Maſaniello ſo ſehr ange⸗ 1 griffen, ſich auch ſeiner bemächtigt? durch ih In ſeinem gewöhnlich ſonſt ſo ruhigen und wahrhaft unere und dar forſchlichen Antlitz zeigte ſich heute eine gewiſſe Unruhe. feiner) Gedruckte Schriften waren um ihn aufgehäuft, und vor ihm denn dic lag ein beſchriebenes Blatt, deſſen Dinte kaum getrocknet war.“ iſt der a Außer ihm befand ſich Niemand im Gemache als Maſaniello, 55 der ſeine Blicke ſtets auf ihn richtete. mich be Es herrſchte ein düſteres Schweigen, und des Geheim⸗ 8 ſchreibers Gedanken mögen wohl überall geweſen ſein, nur nicht erinnerſt zur Stelle.— — Pietro, nahm Maſaniello endlich in verändertem Tone wird— das Wort.. ihm erfo Der Angeredete ſchreckte jetzt aus ſeinen Betrachtungen auf.— — Woran denkſt Du in dieſem Augeublick? fragte der Fiſcher Sohn, d von Amalfi.— — Immer noch an die Scene in der Kirche.— — Schweige davon, ſagte Maſaniello mit einem Anflug ftagte J von Traurigkeit; wir arbeiten übrigens umſonſt, denn wir wer⸗ 8 den überliſtet.— Was hilft es, unſeren Verſtand durch unnütze einen Schreibereien abzumühen?— Die Edelleute leben noch immer ſo groß und verſchwören ſich zu unſerem Verderben.— Sie müſſen um-:— — = — ½ mer⸗ ihm dar.“ jello, jeina nicht Tone auf. iſcher nflug wer⸗ nütze mmer um⸗ 583 kommen, und da wäre mein Rath, die ganze Stadt anzuzünden, um ſie aus ihren Verſtecken zu treiben. Ein düſteres Lächeln hatte ſich über die Züge des Geheim⸗ ſchreibers verbreitet. 1 — Die Flammen ſind nicht müßig geblieben, lieber Maſo, ſagte er; es ſtanden achtzig Paläſte auf dem Verzeichniß, das ich Dir gegeben habe, und weißt Du, wie viele von dieſen noch übrig ſind? — Es ſtehen noch mehrere, Pietro. — Sie werden morgen nicht mehr ſein. — Auch leben noch mehrere, wie kommt es, daß Don He⸗ randez noch nicht gerichtet iſt. — Das geht Celeſto an, nicht mich, erwiderte der Geheim⸗ ſchreiber mit Bedeutung. 4 — Wie, fragte Maſaniello erſtaunt, könnte es Celeſto zu⸗ laſſen, daß Herandez, der Mörder gedungen hat, mich zu tödten, mit dem Leben davon komme?— — Er wird ihn tödten, ſo hat er mir geſagt, er hofft aber durch ihn noch manches Geheimniß der Regierung zu erforſchen, und darum ſucht er ihn zu ſchützen, inſoweit dies überhaupt in ſeiner Macht ſteht.— Aber lange wird ihm dies nicht gelingen, denn die Rache des Volkes ſucht ihn mit ihren Argusaugen, auch iſt der ausgeſetzte Preis von viertauſend Ducaten eine Lockſpeiſe. — Sobald man ſich des Elenden bemächtigt hat, ſoll man mich benachrichtigen.— 3 — Dies würde auch geſchehen ſein, ohne daß Du mich daran erinnerſt, Maſo! — Ich wünſche, daß man ihn foltere, bevor er gerichtet wird— dieſe Maaßregel iſt aus beſonderen Gründen gerade bei ihm erforderlich. — Auch lebt noch der Herzog von Mattalone und ſein Sohn, die Du in Deinen Schutz genommen haſt. — Ich that es, aber ſie ſitzen über uns gefangen. — Willſt Du ſie noch länger in Deinem Schutze behalten? fragte Maſaniello. — Ich glaube nicht, Maſo, daß Du mir zürnen kannſt, einen Mann zu retten, der Deine Gattin der Verhaftung auf ſo großmüthige Weiſe entriß und Dir ſelbſt das Leben rettete. — Ich zürne Dir nicht, Pietro, ſagte Maſaniello mit tiefer 584 Bewegung, Du machſt mich im Gegentheil glücklich, und ſetzeſt mich dadurch in den Stand, eine Schuld gegen den, im Grunde genommenen edeln Prinzen abzutragen, die lange und ſchwer auf mir laſtet. — Und doch ſcheinſt Du Dich zu wundern, daß ſie noch leben. — Ich fragte nach ihnen, um Deine Anſicht über ſie aus⸗ zuforſchen. — Nun, dieſe ſoll Dir werden, Maſo, verſetzte der Geheim⸗ ſchreiber mit finſterm Lächeln. 1 Maſaniello ſchien über dieſe veränderte Sprache überraſcht und verlegen. — Nun, Pietro, fragte Maſaniello mit leiſer Stimme. — Der Herzog iſt ein anerkannter Volksfeind— und muß ſterben. — Aber ſein Sohn? fragte Maſaniello ängſtlich. — Muß gleichfalls ſterben, denn er iſt ein Ariſtokrat, ob Freund des Volkes oder nicht— er iſt Edelmann, und ſchon dieſer Umſtand allein ſpricht ihm das Todesurtheil. Maſaniello ſchwieg und ging mit langen Schritten durch das Zimmer. — Ich werde über Giulio Caraffa nicht zu Gericht ſitzen, auch nicht über ſeinen Vater, ſagte er endlich— es möge dies alſo Dir überlaſſen werden. — Und ich will mit Wonne über ſie Gericht halten, denn ich haſſe das ganze Geſchlecht. — Und Du warſt längere Zeit in ſeinem Hauſe? — Wo man nich verachtete— mir ward kein Platz an der her⸗ zoglichen Tafel vergönnt, man ſervirte für mich in meinem beſonde⸗ ren Zimmer, man hatte es mir freilich auch geſtattet, in der Geſinde⸗ ſtube zu ſpeiſen— man verargte es mir überhaupt, daß ich es wagte, mich zu den Menſchen zu zählen— man brauchte mich und duldete mich deßhalb im Hauſe— als ich die Copieen der alten vergilbten Documente angefertigt hatte, jagte man mich fort. Dieſe Worte Pietro's waren, mit unſäglicher Bitterkeit ge⸗ ſprochen und verfehlten auf Maſaniello ihre Wirkung nicht. Dieſe Ergüſſe Pietro's hatten auch den Haß gegen die Ariſto⸗ ktatie, we ilumn jedes Str trieben, i und mitle Kreiſen ze geeignet; für Alle! Stellen be an ſich g Menſchen übrig gel Caroſſen Allen. keiner bl wit laut Buchſtab ſchon au für des daß jede Oh efohlen Maſanie Die Fuße hef hänger. — —— und dan Der ging in gegange eheſt unde zwer noch aus⸗ eim⸗ aſcht muß 585 kratie, welcher auf einige Augenblicke in Maſaniello's Seele ein⸗ geſchlummert war, mit erneuter Gewalt wachgerufen. — Ja, ſagte er, ſie haben in uns alles Selbſtgefühl erſtickt, jedes Streben eines aus dem Volke ſtammenden Geiſtes hinter⸗ trieben, ihn mit Hohn zurückgewieſen, oder auch mit Verachtung und mitleidigem Achſelzucken geduldet, wenn er ſich in ihren Kreiſen zeigte.— Sie haben ſich unſer ſchönes Vaterland zu⸗ geeignet; ſie ſagen, ſein Boden gehöre ihnen, während Gott ihn für Alle beſtimmt hat, den ſein Teppich trägt.— Alle höheren Stellen bei den Militair⸗ oder bürgerlichen Behörden haben ſie an ſich geriſſen, ſie zahlen keine Steuern und wir, wir arme Menſchen wurden geplündert.— Dieſe Feudalen haben uns nichts übrig gelaſſen als den Hunger— — Und den Staub der Straßen, den ihre vorüberfahrenden Caroſſen verurſachen, dieſen Hunger zu befriedigen— Tod ihnen Allen.. — Tod ihnen, fiel Maſaniello mit dunpfer Stimme ein; keiner bleibe übrig, vor allem aber ſoll Herandez fallen, fuhr er mit lauter Stimme fort— und nun, Pietro, ſchreibe mit großen Buchſtaben, daß Maſaniello die Belohnung verzehnfacht, die er ſchon auf ſeinen Kopf geſetzt hat, daß er alſo vierzigtauſend Ducaten für des Verbrechers Verhaftung zahlt, ſchreibe zugleich nieder, daß jeder, der den Verurtheilten heimlich verbirgt, ſterben ſoll. Ohne ein Wort zu erwidern, ſchrieb Pietro nieder, wie ihm befohlen war, und als er geendigt hatte, legte er die Schrift in Maſaniello's Hand. Dieſer ſetzte ein großes Kreuz darunter, ſtampfte mit dem Fuße heftig auf und augenblicklich erſchienen mehrere ſeiner An⸗ hänger. — Man ſoll dies auf dem Markte bekannt machen, rief er, und dann anſchlagen, damit es außerdem noch Jedermann leſe. Der Mann brachte das Papier hinaus, und Maſaniello ging in äußerſter Aufregung auf und nieder. — Und der Herzog und ſein Sohn? fragte er nach voran⸗ gegangenem Schweigen. — Du weißt, Maſo, ſie ſind verurtheiltt — Und ſollen ſterben— wann? — Noch heute Nacht. 2 586 — Nun, Pietro, ich habe mit dem Tode dieſer Beiden nichte zu ſchaffen.— Dieſe Unterredung hatte in demſelben Augenblick ſtattge⸗ funden, in welchem die im oberen Stockwerk zwiſchen Vater und Sohn geführt wurde. Ein gefahrvolles Unternehmen. Der alte Celeſto ſchien durch den Erfolg des Aufſtandes phyſiſch um ein halbes Jahrhundert verjüngt zu ſein. Obgleich dieſer ſeltſame Menſch in einem Alter ſtand, in welchem der Ehrgeiz und die Leidenſchaft überhaupt, wie die körperliche Kraft verſtegen, ſo behielt er doch immer noch eine faſt jugendliche Thatkraft und Rührigkeit. Nach vielen Glückswechſeln und ſchweren Prüfungen eines langen mühevollen Lebens, trat er noch in dieſem letzten Kampf mit einer Kraft auf, welche durch die ihm wohl leicht drohende Gefahr die ihm ſtete Wachſamkeit nöthig machte, ſo zu ſagen genährt wurde. Mit ſcharfem Blick beobachtete er ſowohl die Stimmung des Volkes, als auch die Regungen von Mißtrauen und Ehrgeiz in den Gemüthern ſeiner Gefährten und die ſeltſamen Launen Ma⸗ ſaniello's. 4 Er hatte ſich von den grauſamen Auftritten, welche die Richterbühne täglich zeigte, gegen Abend in ſeine Wohnung zu⸗ rückgezogen. 3 Er that dies nicht, um ſich der Zechluſt und den Ausſchwei⸗ fungen, wie ſo viele ſeiner Gefährten, zu überlaſſen, nicht um ſich in der Geſellſchaft von Malern, Dichtern oder Marktſchreiern zu zerſtreuen und zu erholen, gleich Maſaniello, den die heftige — t. Aufregune u überla welchen e fnut un neue Befe Noch Platze vor Die ſuch zugän Er h Anſehen Kleidung Cele eines⸗We Er und vern Ein bald wie gefüllt i eben ſo von M aus der ertheilt, ndes d, in e die ˖Heine eines dampf hende ſagen g des eiz in Ma⸗ e die ig zu⸗ chwei⸗ ht um reiern jeftige * Ar“ Aufregung faſt zum Wahnſinn trieb, ſondern ſich dem Nachdenken ſetzte Pietro finſter. Was indeſſen Don Herandez betrifft, ſo iſt 587 zu überlaſſen und dann die Berichte der Gehülfen zu leſen, welchen er die Ausführung ſeiner Anſchläge anvertraut hatte, ferner um jedes ſeiner Rache verfallene Opfer zu bezeichnen und neue Befehle für den folgenden Tag vorzubereiten. Noch immer wohnte er in dem Keller eines Hauſes auf dem Platze vor der Kirche del Carmine. Die Thür war zwar ſorgfältig bewacht, aber für jeden Be⸗ ſuch zugänglich. Er hatte ſeiner elenden Wohnung ein etwas beſorglicheres Anſehen gegeben, was man, wie auch ſeine reine und anſtändige Kleidung ſeinem Geiſtlichen Stande zuſchrieb. Celeſto war ungefähr eine Stunde beſchäftigt, als das Zeichen eines Wächters einen Beſuch angekündigt hatte. Er richtete ſein ſcharfes Auge auf den Eingang, lauſchte und vernahm einen leichten und eiligen Schritt auf der Treppe. Ein düſterer Schatten flog über ſeine Stirn, welcher aber bald wieder verſchwand, als der Geheimſchreiber eintrat. Beide begrüßten ſich kurz und ohne Umſtände. Pietro rückte einen Stuhl an den Tiſch, an welchem Celeſto ſaß, ſchob einige Papiere auf die Seite, um Platz für ſeinen Ellenbogen zu machen und heftete ſeinen Blick auf das Auge des alten Mannes, als beabſichtigte er, der berüchtigten Gewalt ſeines Blickes Trotz zu bieten. — Die Cdelleute vermindern ſich, nahm er endlich das Wort, ſowie ihre Paläſte und ihre Macht, aber immerhin ſind noch Viele vorhanden, und ſie müſſen vertilgt werden bis auf den letzten. Das Beil wird träge und wie wenig hat es eigent⸗ lich noch geleiſtet, ſo lange Caſtel Nuovo, das wahre Scorpionen⸗ neſt, unangetaſtet bleibt und die Stadt von Mitſchuldigen an⸗ gefüllt iſt— habt Ihr noch nichts von Don Herandez gehört? — Nichts, erwiderte Celeſto, indem er Pietro's feſtem Blicke eben ſo forſchend begegnete— und auch nichts von dem Herzog von Mattalone und ſeinem Sohn, wie man vermuthet, ſind ſie aus der Stadt entflohen und uns entgangen— es ſind Befehle ertheilt, nach ihnen zu forſchen, und ich wundere mich, daß ſie das Volk noch nicht verfolgt hat— es zögert. — Es zögert, wie das Beil am Halſe ſeiner Opfer, ver⸗ 588 er nicht entflohen, man weiß genau, daß er Neapel nicht ver⸗ laſſen, man muß ihn auffinden, aber die Seinigen, die ihn in ſeinem Verſteck beſchützen, ſollen es bereuen. 3 Eine leichte Röthe flog während dieſer letzten Worte über Celeſto's gelbe Wangen. — Wer vermag in alle Höhlen und Verſtecke dieſer uner⸗ meßlichen Stadt zu dringen? nahm er das Wort; es müſſen aber außer ihm noch andere an das Tageslicht kommen, ſetzte er mit einem ſcharfen Blicke hinzu, noch andere, die gleichfalls einen Verſteck gefunden haben— doch laſſen wir die Sache bis morgen ruhen. — Ich weiß, was Ihr ſagen wollt, rief Pietro, Ihr ver⸗ dächtigt mich, daß ich den Herzog und ſeinen Sohn verſteckt habe, nun wohl, wenn Ihr eine Gefangennahme ſo bezeichnet, dann habe ich ſie allerdings verborgen, und zwar nicht ohne Maſaniello's Vorwiſſen— ſie wollten der Metzelei entkommen und ſich in das Kloſter flüchten, um ſie aber nicht dem Beile zu entziehen, habe ich, unter dem Vorwande, ſie zu retten, Vater und Sohn verhaftet, morgen ſollen ſie hingerichtet werden, oder wenn Zeit dazu bleibt, noch in der heutigen Nacht. — Ich bin zufrieden— was aber die Brände der Paläſte petrifft, ſo wäre es beſſer, ſie zu unterſagen, wir vergeuden da⸗ durch Reichthümer, die wir einſt brauchen möchten, und es fragt ſich, ob es nicht klüger wäre, etwas demokratiſches Blut in die Adern dieſer ſtolzen Familien zu träufeln, als ihre Häuſer zu zerſtören und ſie gänzlich auszurotten. Sie haben Töchter und Schweſtern, die ſich mit unſeren jungen Burſchen vermählen könnten, und es wundert mich, daß Ihr Eure Aufmerkſamkeit nicht ſchon auf dieſen Gegenſtand gelenkt habt, Ihr ſeid doch ſonſt ſo ſchlau. Ich möchte vorſchlagen, daß ein Edelmann, der auf ſolche Verſchwägerung einginge, Verzeihung für die Verbrechen der Vergangenheit erhielte und für die Zukunft in unſere Mitte aufgenommen würde, während er jetzt in unſeren Augen ge⸗ brandmarkt nur unſtätt und flüchtig umherirret, daß ihn jeder tödten kann, wer ihn findet.— Wenn die allgemeine Sicherheit es verlangt, ſo könnten die Reichthümer ſolcher Edelleute, ja ſelbſt ihre leeren Adelswürden denjenigen Volksfreunden als Mitgift zufallen, die ein ſolches Wagniß für die gute Sache beſtehen wollten— denkt daran, Pietro. Wie es mich bedünken will, iſt unſer Fre müde, den oder in d verbreiten B Pietro na des Volkes ren Platz die Nacht ſicht, we Freunde, laſſen ſol Er gedruckte er hinzu. Celeſ pier und 5 —2 dann lal nur Eur ich woll nigkeit b Ohn Celeſto d barg und Cele⸗ und rief Thür wi Er gangen, Nac aufgeſtön digte ein von der anderer konnte d i in über uner⸗ üſſen ſetzte falls e bis ver⸗ rſteckt ihnet, ohne men Beile zater oder aläſte n da⸗ fragt n die er zu r und ählen mkeit doch der rechen Mitte n ge⸗ jeder erheit ſelhſt dtgift ſtehen il, iſ unſer Freund Maſaniello des Anblicks blutiger Köpfe etwas müde, denn ſeine letzten Befehle lauten, ſie vor den Stadtthoren oder in den Katakomben zu begraben— damit ſie keine Seuche verbreiten. — Sie ſind todt weniger eine Seuche als lebend, verſetzte Pietro nachdenklich; Maſaniello meint es ehrlich mit der Sache des Volkes, die Köpfe ſollen nur fortgeſchafft werden, um ande⸗ ren Platz zu machen, denn die Ernte hat erſt begonnen— doch die Nacht rückt heran bei dieſem leeren Geſchwätze. Die Ab⸗ ſicht, welche mich zu Euch geführt: ich brauche für einige Freunde, welche in des Volkes Angelegenheiten die Stadt ver⸗ laſſen ſollen, einen Paß. Er wühlte unter den Papieren und ſchob dem Alten einen gedruckten Paß hin. er hinzu. Celeſto blickte erſt forſchend auf Pietro, dann auf das Pi⸗ pier und murmelte leiſe. — Aber welche Namen ſoll ich denn hinſchreiben? fragte er dann laut. — Laßt die Lücken offen, entgegnete der Gefragte, es iſt nur Eure Unterſchrift nothwendig, und ich verlange ſonſt nichts; ich wollte Maſaniello zu dieſer Stunde nicht mit ſolcher Klei⸗ nigkeit behelligen. Ohne eine weitere Einwendung zu machen, unterzeichnete Celeſto das Blatt und übergab es Pietro, der es bei ſich ver⸗ barg und ſich ſodann eilig entfernte. Celeſto horchte aufmerkſam auf die Tritte hes Fortgehenden und rief dann einen Diener herbei, der ſeinen Platz an der Thür wieder einnahm. Er flüſterte ihm einige Worte zu, und als dieſer hinausge⸗ gangen, ſtützte Celeſto den Kopf tief nachdenkend in die Hand. Nach einer Stunde ward er wieder aus ſeinem Nachdenken aufgeſtört, denn das ihm bekannte Zeichen des Thürſtehers kün⸗ digte einen neuen Beſuch an. — Schon wieder? rief er verdrießlich. Er horchte auf die von der Treppe nahenden Tritte, aber dieſe erſchienen ihm ganz anderer Art, als diejenigen ſeiner gewöhnlichen Gäſte— wer konnte der Kommenreiſein? 3 — Seid ſo gut, dies in gehöriger Form auszufüllen, ee 4 1 x 4½ „ Die Thür öffnete ſich und zwei dicht verhüllte Geſtalten traten ein. 4 Da Maſaniello jede Verhüllung ſtreng verboten und aus⸗ drücklich angeordnet hatte, daß jeder Bürger ſein Antlitz zur Schau tragen ſolle, widrigenfalls angenommen werden müſſe, er ſei ein Verräther, der mit den Edelleuten im Bündniß ſtehe, ſo erſchrak der Alte.. Dieſer dachte in ſolchen Fällen ſogleich und vielleicht nicht ohne Urſache, daß ſein Leben bedroht ſei. Die Unruhe, welche ſich in ſeinen Zügen verrieth, mußte, wie es ſchien, richtig gedeutet werden, denn eine der Angekomme⸗ nen gab der andern ein Zeichen, ſich zu entfernen. Jetzt warf dieſe ihren Mantel von ſich und Celeſto ſah zu ſeiner höchſten Ueberraſchung— Donna Leonora, die Tochter des Vicekönigs vor ſich. Bevor wir in dieſer Scene weitergehen, ſo wird es noth⸗ wendig ſein, einige Worte über Leonore's letzte Begegnung vor⸗ auszuſchicken. Der elende Menſch hatte ſie mit dem Dolch in der Hand verfolgt und eingeholt. Leonore hatte den Muth der Verzweif⸗ lung gefaßt. Sie wollte unerkannt bleiben und war entſchloſſen, dieſen Vorſatz bis auf das Aeußerſte durchzuführen. Schon zückte der Verfolger den Dolch auf ihre Bruſt, da ergriff ſie ſeinen Arm und hielt ihn ſo feſt, daß er ihn nicht zu bewegen vermochte. Mit außerordentlicher Gewandtheit hatte ſie ihn, noch ehe jener ſich von ſeinem Aerger und Staunen geſammelt, entwaff⸗ net und war dann ſchnell wie der Blitz in einer engen Seiten⸗ gaſſe verſchwunden, während ihr Angreifer zunächſt nach dem Dolche ſuchte, welchen die Prinzeß weit von ſich geſchleudert hatte. Sie war glücklich nach dem Caſtell Nuovo gelangt, allein es ließ ſie dort nicht raſten.— Schon in der nächſten Nacht verließ ſie wieder ihre Wohnung, und begab ſich, trotz der beſtan⸗ denen und der noch etwa drohenden Gefahren, jetzt aber in Begleitung einer treuen Zofe, aus dem Hauſe, und wir treffen ſte bei— Celeſto. * Trotz der Spuren ihres Herzenskummers, der ſich in ihrer gebeugten Stirn be⸗ Der indem ſie man hätte gewähren, ſetzte Cele beſte Mäͤ ich bitte gen, dam Verhältni innerung Klugheit, nennen. Der ſtalten aus⸗ Schau ſei ein rſchrat nicht mußte, omme⸗ ſah zu ter des noth⸗ vor⸗ Hand tzweif gloſſen, uſt, da icht zu ich ehe ꝛwaff⸗ Seiten⸗ ch dem leudert allein Nacht, beſtan⸗ ber in treffen n ihtet 4 1 gebeugten Geſtalt, auf ihren bleichen Wangen, ihrer düſtern Stirn bemerkbar machte, blieb ſte immer noch ſchön. Der Alte that, als ob er ſie nicht kannte. — Sollte ich Euch unbekannt ſein? nahm ſie das Wort, indem ſie Celeſto mit einem ſo gebieteriſchen Blicke muſterte, daß man hätte glauben mögen, ſie ſei eher gekommen, eine Gunſt zu gewähren, als ſolche zu erbitten. — Wir ſehen in Neapel viele ſchöne Geſichter, Donna, ver⸗ ſetzte Celeſto, und ich bin wohl zu alt, als daß ſich die erſte beſte Mädchenſchönheit meinem Gedächtniſſe einprägen ſollte— ich bitte alſo, nennen Sie mir Ihren Namen und Ihr Verlan⸗ gen, damit wir zur Sache kommen. — Wir haben uns früher oft, wiewohl unter ganz anderen Verhältniſſen geſehen, Celeſto, als daß ich ganz aus Eurer Er⸗ innerung entſchwunden ſein könnte— es würde weder Eure Klugheit, noch meine Vorſicht geſtatten, hier meinen Namen zu nennen.— Der Alte murmelte etwas leiſe vor ſich hin. — Kennt Ihr mich alſo, Celeſto? Der Angeredete neigte bejahend ſein Haupt und gab ihr ein Zeichen, näher zu treten. Leonore ließ ſich auf den Stuhl nieder, auf dem Pietro vor⸗ her Platz genommen hatte, und ſchirmte mit der Hand ihre Augen gegen den Schein der Lampe, die ein zu grelles Licht auf ihr Antlitz warf. — Ich nahe mich Euch ohne Furcht, Celeſto, nahm ſie das Wortz; ſetzt Euch dies in Staunen? — Zum Theil Donna— Sie kennen meine Macht. — Und doch vertraue ich Euch— Ihr werdet nicht wagen, die Prinzeß verhaften zu laſſen; Ihr wißt auch zu gut, daß die Zeit nicht mehr fern iſt, wo ich Euch dienen kann. — Wie ſoll ich dieſe Aeußerung deuten? fragte der Alte etwas überraſcht— wie ſollten Sie mir dienen können? — Indem ich bei meinem Vater für Euch bitte, wenn er die Macht wiedererlangt hat, die Lenker dieſes Aufſtandes zu ſtrafen, verſetzte Leonore beſtimmt; und Ihr wißt ſehr gut, daß dieſer Fall bald eintreten wird und Ihr Eure Sache auf ſehr wandelbarem Grunde gebaut habt. Ich habe aller Lebensgefahr ge⸗ trotzt und mich auf den Weg zu Euch gemacht, um Euern Bei⸗ ſam in einer Angelegenheit zu ſuchen, die Euch ſo ſehr als znich angehen möchte. Celeſto blickte die Prinzeß neugierig an. — Noch gehört Neapel dem Volke, Donna! ſagte er etwas ſcharf. — Sehr wahr, es werden auch noch genug der Schrecken ſich ereignen, aber dennoch— — Nun? — Ihr wißt, daß ſchon in den nächſten Tagen zwiſchen Euch und dem Herzog von Arcos ein Vergleich abgeſchloſſen wer⸗ den wird, welcher dieſer Stadt den Frieden wiedergeben ſoll— mag dieſer Umſtand den übrigen Anführern noch ein Geheimniß ſein, Euch iſt er bekannt, Ihr ſeid nur verpflichtet, darüber zu ſchweigen. — Sie ſind ſehr offen, Donna— aber ich möchte Ihnen Ihrer ſelbſt halber rathen, Neapel zu verlaſſen, bis dieſer Ver⸗ trag geſchloſſen iſt, denn wie Sie ſelbſt ſchon ſagten, wird es ſchrecklich hergehen, Maſaniello wird noch Köpfe genug haben wollen und die Henker werden ſie ihm geben. — Habt Ihr noch nicht Blut genug gezecht? rief Leonore entrüſtet. — Maſaniello hat noch Durſt— und will ihn löſchen, ver⸗ ſetzte der Alte mit heimtückiſchem Lächeln; alſo Sennora, verlaſ⸗ ſen Sie Neapel. — Acc, wohin ſoll ich denn gehen? entgegnete ſie ſeufzend. — Sie beſitzen Güter und Schlöſſer in Calabrien, Donna. — Ihr habt Recht, dorthin will ich mich während dieſer Schreckenstage zurückziehen— doch kommen wir zur Sache. — Nun, Prinzeß, Sie ſagen die Wahrheit, ich werde eines Vermittlers bei ſeiner Hoheit dem Herzog, Ihrem Vater, bedür⸗ fen, ja, ich bedarf deſſen eigentlich ſchon jetzt, und Niemand eig⸗ net ſich zu einem Fürſprecher wohl beſſer, als Sie, gnädigſte Prinzeß; da aber vorläufig die Macht noch mir gehört, ſo ſprechen Sie, womit kann ich Ihnen dienen? Leonore ſchwieg einige Augenblicke und war nachdenkend geworden. — Nun, Prinzeß? mahnte der Alte dringend. Sie entfernte die Hand von ihrem Auge— das Licht fiel auf ihr nen aus mein 9 und meit ſichtigen, noch imn ich ſebe? ſich ſcheu — den Miß Leol und rang — N — dringlich eigenen 8 mich etwas hrecken wiſchen n wer⸗ ſoll— eimniß über zu Ihnen r Ver⸗ ird es haben Leonore en, ver⸗ verlaſ⸗ ufzend. Donna. ddieſer he. de eines bedür⸗ and eig⸗ nädigſte zört, ſo hdenkend eicht fel auf ihr Antlitz, und dieſes erſchien leichenblaß, während Thrä⸗ nen aus ihren Augen ſtrömten und ihre Lippen bebten. — Ich bin tief gebeugt, nahm ſie endlich das Wort, und mein Herz bricht, ſonſt würde ich mein Geſchlecht, meinen Ruf und meinen Stand, ja wohl auch die Gefahren mehr berück⸗ ſichtigen, welche mir des Nachts in dem wilden Gewühle der noch immer ſengenden und mordenden Menge drohen— aber ich ſetze Alles auf das Spiel wegen einer Bitte, die mein Mund ſich ſcheut, auszuſprechen. — Sie wünſchen Nachricht von einem Freunde, Prinzeß, den Mißgeſchick getroffen hat, verſetzte Celeſto. Leonore winkte bejahend. — Ihr verſteht mich alſo? — Sie wünſchen zu erfahren, ob der Prinz Giulio Ca⸗ raffa— — Noch am Leben iſt, unterbrach Leonore den Alten heftig und rang in tödtlicher Ungewißheit die Hände.— — Noch— lebt er. — Ich muß mich überzeugen, gab Leonore leiſe, aber ein⸗ dringlich zur Antwort, ich will ſeine Stimme hören, ihn mit eigenen Augen ſehen, es ſind mir Nachrichten zugegangen, daß ich nur mir ſelber trauen und keinem anderen Menſchen Glau⸗ ben ſchenken kann... Celeſto war bei dem Gehörten ſehr überraſcht— er ſchien ſeinen Sinnen kaum zu trauen.. — Prinzeß, ſagte er, Sie haben viel gewagt.— — Ich weiß es. — Ihr Unternehmen iſt faſt unausführbar. — Ich komme zu Euch, um Eure Hülfe zu erbitten. — Es iſt unmöglich, den von Ihnen gefaßten Vorſatz durch⸗ zuführen. Daß die Caraffa, Vater und Sohn, noch unverletzt ſind, habe ich Ihnen bereits geſagt, aber ſie befinden ſich in einem Gewahrſam, in welchem man ebenſo wenig leicht eindringen, als ihm entfliehen kann— denn es iſt nicht ohne Gefahr— — Sprecht nicht von Gefahr, unterbrach ihn Leonore— wenn ich den Tod fürchtete, ſo hätte ich nicht nöthig gehabt, Caſtel Nuovo zu verlaſſen, aber ich muß und will ihn in ſeinem Gefäng⸗ niſſe beſuchen, und ſollte ich auch mein Leben dem Pöbel hingeben, der draußen ſein Weſen treibt— ich bitte Euch, Celeſto, ſeid Das pfer von Amalfi.(Bd. II. 18.) 38 594 mir behülflich, denkt an Euch ſelber, die Stunden, welche Ihr 2 für Eure Sicherheit verwenden wollt, ſind gezählt. Die Toll⸗ Ohfer heit des Volkes wird abnehmen, je mehr der Wahnſinn ſeines 56 1 unglücklichen Führers zunimmt— und vielleicht ſchon nach we⸗ 6 nigen Tagen wird man die Köpfe anderer Opfer auf den Stan⸗ willtür gen ſehen, welche durch alle Straßen unter dem Geheul des Pöbels zur Schau getragen worden. Seid auf Eurer Hut, Ce⸗ xrgleich leſto— der Dienſt, den ich von Euch verlange, wird mit Eurer boſten, r Sicherheit gut bezahlt ſein. 5 Der Alte war einige Augenblicke in tiefes Nachdenken ver⸗ 15 ſunken. 5 — Dann, ſagte er, die Gefahren, auf welche Sie hindeuten, könnten leicht eintreten, durch den Dienſt aber, den Sie fordern, Jh droht uns Beiden der Tod. bühne — Ich habe geſagt, ich trotze jeder Gefahr, verſetzte Leonore Nir ſtolz und gebieteriſch. der aufg 4— Aber es iſt meine Pflicht, Sie zu warnen. 1 Der — Ihr habt es nun gethan, und ich bebe ebenſo wenig ſchüttern als zuvor. nd behj — Es ſei denn, ſagte Celeſto nach kurzer Ueberlegung; ich Ih will Ihnen dienen, rufen Sie Ihren Begleiter herbei, er möge von ihr hier warten, bis wir zürückkehren— wir müſſen ſchnell handeln, Er denn darin liegt die einzige Bürgſchaft für einen ſicheren Erfolg Fenſter — zunächſt aber bedürfen Sie einer beſſeren Verkleidung. deutete Es Celeſto ſ Hinterth platzes b Eini vor einen einem S Er Einige Minuten ſpäter kamen Celeſto und ſeine Begleiterin, in groben Fiſcherkitteln aus dem Kellergewölbe. Sie wagten ſich mitten in das Gedränge auf den Markt⸗ platz, und welche Scene zeigte ſich hier.— Zwanzig bis dreißig braune Geſtalten tanzten einen ſchauer⸗ vollen Reigen um einen Galgen, der ſich in kurzer Entfernung von den beiden Wanderern zeigte. Fuße ſie he Ihr Tol⸗ ſeines h we⸗ Stan⸗ ul des t, Ce⸗ Curer en ver⸗ deuten, ordern, Leonore wenig ng; ich er möge jandeln, Erfolg 1 gleiterin, 1 Markt⸗ ſchauet⸗ fernung 595 Die Geſtalten ſchwangen Fackeln und beleuchteten damit ein Opfer, deſſen verzerrtes Antlitz ſeine Henker mit gräßlichem Vor⸗ wurf anzublicken ſchien. Leonore wendete mit Entſetzen ihr Antlitz ab und ſtieß un⸗ willkürlich einen Schrei des Abſcheus aus. — Um Gotteswillen, Donna, verrathen Sie ſich nicht durch dergleichen Beileidsbezeugungen; es könnte leicht unſer Leben koſten, rief Celeſto. — O die Unholde! — Sie ſehen, welche Macht ſie noch haben. — Höchſtens für wenige Tage noch. — Wer vermag es zu beſtimmen. Ihr Weg führte ſie dann längs der ſchrecklichen Richter⸗ bühne mit ihren grauenvollen, blutigen Siegeszeichen. Rings um dieſelbe waren Feuer angezündet, da der Geruch der aufgehäuften Leichen dieſes Schutzmittel nöthig machte. Der Anblick war genügend, die ſtärkſten Gemüther zu er⸗ ſchüttern, aber Leonore beherrſchte ſich mit wunderbarer Kraft und behielt einen feſten Schritt. Ihr Begleiter, der ihre Hand hielt, um nicht im Gedränge von ihr getrennt zu werden, merkte nicht, daß ſie zitterte. Er bahnte ſich glücklich den Weg, und als er unter die Feunſter eines niedrigen und elenden Hauſes angekommen war, deutete er auf ein Gemach im oberen Stockwerk. Es war zwar keine Bewachung ſichtbar, dennoch aber führte Celeſto ſeine Begleiterin in eine enge Nebengaſſe, die längs der Hinterthüren der Gebäude lief, welche eine Fronte des Markt⸗ platzes bildeten. Einige Minuten tappte er in der Dunkelheit und blieb dann vor einer niedrigen Hütte ſtehen, deren Thür er behutſam mit einem Schlüſſel öffnete. Er flüſterte Leonore zu, die Treppe hinaufzuſteigen, an deren Fuße ſie ſtanden, und deutete ihr an, daß er bis zu ihrer Rück⸗ kehr Wache halten wollte. — Eilen Sie, Prinzeß, nahm er in eindringlichem Tone das Wort; ſein und ihr Leben iſt in Gefahr, wenn man Sie überraſcht. Bis zu dieſem Augenblick hatte, trotz aller Gefahren und Schreckniſſe auf ihrem Wege, der Muth des hochherzigen Mäd⸗ . 38*. chens noch nicht gewankt— warum wurde ſie gerade jetzt un⸗ entſchloſſen?— Eine Todesſtille herrſchte in der Hütte— Leonore's Herz pochte heftig, ſie ſchwankte.— Mit leiſen Schritten ging ſie die Treppe hinauf und war unſchlüſſig, ob ſie es wagen ſollte, weiter vorzudringen. Aber nachdem ſie ſo vielen Gefahren getrotzt hatte, um zu dem lieben Gefangenen zu kommen, ſollte ſie jetzt zaudern?— Sie war Mädchen und ſtand im Begriff, ihren jungfräu⸗ lichen Stolz ſo ſehr zu demüthigen— was ſollten die beiden Männer von ihr denken?— Bald aber drängten ſich ihr Betrachtungen auf, welche ſie belehrten, daß alle ihre Bedenklichkeiten in Anbetracht des Zweckes, der zu erreichen war, nichtig ſeien. Schon hatte ſie die Thürklinke gefaßt, um hineinzugehen, als ſie drinnen Stimmen vernahm, welche ſie hinderten. Der Herzog war mit ſeinem Sohne in dem uns ſchon be⸗ kannten Geſpräch begriffen, und Leonore gelangte in dem Augen⸗ blick an die Thür, als auch ſie Tritte vernommen zu haben wähnten.. Leonore faßte leiſe an die Thür, daß nur ein an langes Schweigen gewöhntes Ohr es vernehmen konnte. Der Herzog und ſein Sohn hatten den Henker erwartet— dieſes zögernde Stehen machte ſie in ihrem Vorſatz wieder irre. Giulio öffnete die Thür, während der Herzog ſich in das hintere Gemach, welches ihm eigentlich angewieſen war, zurück⸗ gezogen hatte. Der Mond leuchtete hell in das Gemach, und Giulio war, als er Leonore's hohe Geſtalt eintreten ſah, ſo überraſcht, daß er kaum Faſſung behielt. Sie hatte ſich abſichtlich von dem Mondlichte abgewandt, denn ſie fühlte, wie wenig ſie es vermocht hätte, Giulio's for⸗ ſchenden Blicken zu begegnen. Giulio war von Staunen überwältigt und wußte in den erſten Augenblicken keine Worte zu finden. Er erkannte, wie heldenmüthig dieſes Wagniß Leonore's ſei und wie ſie viele Ge⸗ fahren überwunden haben mußte, ehe ſie, obwohl ſte in einen groben Fiſcherkittel gehüllt war, ſo weit gelangen konnte. Er vermocht End ſie das ſehen, w rer frühe Sie ein aber es i Feinde it nen das gegeben, mögen,! fertigen, gen, wo finden ſic ich noch Sie zu ſe Giul für ih über ſein Er Lippen. Tone da glücklich nur erlei ſam gege Sie Ihr Spiel ſe t un⸗ Herz d war um zu Fräu⸗ beiden che ſie ht des gehen, on he⸗ lugen⸗ haben langes artet— er irre. in das zurück⸗ io war, tt, daß gewandt, los for⸗ ein den nte, wie iele Ge⸗ in einen e. Er ahnte den Beweggrund, der ſie hierhergeführt hatte und vermochte kein Wort des Dankes hervorzubringen. Endlich näherte ſich ihm Leonore und reichte ihm die Hand. — Beurtheilen Sie mich nicht unfreundlich, Giulio, nahm ſie das Wort. Schelten Sie mich nicht unweiblich, da Sie ſehen, was ich unternehme; wir waren theure Freunde in unſe⸗ rer frühen Jugend, theure Freunde— in jenen Zeiten würde Sie ein ſolches Beginnen meinerſeits nicht überraſcht haben, aber es iſt jetzt freilich anders geworden— die Prinzeß ſoll dem Feinde ihres Vaters nicht mehr Freundin ſein— aber Sie ken⸗ nen das Gelübde, welches wir uns in den Tagen der Kindheit gegeben, welche Verhältniſſe auch zwiſchen uns eingetreten ſein mögen, niemals könnten und dürften Sie einen Meineid recht⸗ fertigen, wir haben geſchworen, uns gegenſeitig Rettung zu brin⸗ gen, wo Gefahr droht, oder mit einander zu ſterben. Sie be⸗ finden ſich in der Gewalt grauſamer Menſchen, Prinz, und hätte ich noch länger gezögert, ſo wäre es vielleicht zu ſpät geweſen, Sie zu ſehen. Ginlio war tief bewegt. Seine Blicke fielen auf das geſenkte Haupt des ſchönen Mädchens, er dachte an ihre Großmuth, an ihre Theilnahme für ihn und vermochte die Thräne nicht zurückzudrängen, die über ſeine Wange rieſelte. Er ergriff die Hand der Prinzeß und drückte ſie an ſeine Lippen. — Theure Leonore, nahm er in ernſtem und vorwurfsvollem Tone das Wort, dieſer Beweis Ihrer Theilnahme macht mich glücklich und ſtolz, er wird mir den Weg zum Blutgerüſt nicht nur erleichtern, ſondern ſogar erheitern; aber Sie haben grau⸗ ſam gegen ſich ſelbſt und gegen Ihren Vater gehandelt, indem Sie Ihre Pflichten gegen ihn vergaßen und Ihr Leben auf das Spiel ſetzen. — Ich mußte Sie ſprechen, Giulio. — Dieſer Augenblick, dieſes Haus, ach, Alles, Alles iſt nicht zu einer Zuſammenkunft zwiſchen uns geeignet. — Giulio, ich muß dieſen Augenblick wählen. — Prinzeß— eilen Sie, verlaſſen Sie dieſes Haus, ver⸗ ſetzte Giulio mit flehender Stimme. — Noch nicht, Prinz. 598 — Fliehen Sie, fliehen Sie, ich möchte ſagen, der Todes⸗ ſchatten verdunkelt ſchon dieſes Gemach. — Giulio, ich trotze der Gefahr, die meiner hier wartet. — Prinzeß, eilen Sie, eilen Sie! rief Giulio, indem er ſich ihr zu Füßen warf, Leonore, bei unſerer Freundſchaft, ach, bei unſerer Liebe beſchwöre ich Sie, mich zu verlaſſen— ich bitte Sie im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau, laſſen Sie mich nicht Urſache ſein, daß Sie von demſelben furchtbaren Schickſal ereilt werden, das mich treffen wird. — Ginlio, denken Sie an unſern Eid, ſagte Leonore ſtolz und ernſt. — Gott im Himmel, dieſer Eid kann auf dieſen Fall nicht angewendet werden. — Sie ſind in Gefahr, es iſt meine Pflicht, Sie aus der⸗ ſelben zu befreien, oder ſie zu theilen, ſo habe ich geſchworen. — Prinzeß— ſtotterte Giulio. — Und ich will meinen Eid halten, unterbrach ihn Leonore faſt mit Kälte; es berührt mich indeſſen ſchmerzlich, daß Prinz Caraffa Leonore von Arcos für oberflächlich genug hält, nicht ihrer Schwüre zu gedenken. — Ihre Stellung, Ihre Pflicht gegen Ihren Vater und gegen Neapel entbindet Sie von Ihrem Eide. — Nichts auf der Welt kann einen Meineid gutheißen; doch hören Sie, Prinz, es iſt nicht nöthig, daß ich Ihr Schick⸗ ſal theile. — Wenn Sie nur noch einen Augenblick zögern, Prinzeß, dann iſt es um Sie geſchehen— man kann in jeder Minute kommen, und mich zum Tode führen wollen, dann— müßten auch Sie— Gott, nein, erſparen Sie mir, das Gräßliche aus⸗ zuſprechen. — Giulio, ich bin nicht ohne Hoffnung gekommen, Sie retten zu können, ſagte Leonore mit leiſer Stimme., — Mich retten Prinzeß— rief Giulio überraſcht; wie ge⸗ langten Sie in dieſes Haus? — Es begleitet mich Jemand, der klug genug iſt, um ein⸗ zuſehen, daß die Gewalt, die er beſitzt, um einen Preis verkauft werden kann, der ihren Werth aufwiegt, und daß dieſe Ge⸗ walt, ſo groß ſie auch jetzt ſein mag, nur von kurzer Dauer ſein wird. der Herz ſtandes Macht Macht z — len ſagen wo ſie d bates L unterzei man di Aufſtang ten, vie Sie den dieſes H man mi rathes g dem Tor meiner nicht, retten, gen Ihn gekomm Hnicht 8 der⸗ ren. eonore Prinz wicht r und eißen; Schick⸗ rinzeß, Minute nüßten e aus⸗ n, Sie wie ge⸗ im ein⸗ verkauft eſe Ge⸗ Dauer — Wer iſt dieſer Mann? — Celeſto. Ginlio's Stirn zog ſich in finſtere Falten— er gerieth einige Augenblicke in Nachdenken. — O, dieſer alte Mönch— trauen Sie dieſem Celeſto nicht, Prinzeß. — Ich ſagte Ihnen, Giulio, er wird ſich fügen, denn die Zeit kommt, wo der Herzog von Arcos wieder die Macht haben wird. — Dieſe iſt noch fern und dürfte nur dann eintreten, wenn der Herzog alle Anſprüche des Volkes befriedigt. — Mein Vater ſteht im Begriff, mit den Lenkern des Auf⸗ ſtandes zu unterhandeln, und wird Alles thun, was in ſeiner Macht ſteht, man wird mit ihm zufrieden ſein und ihm die Macht zurückgeben. — Und dann, meinen Sie, wird Ihr Vater, oder wir wol⸗ len ſagen, die Regierung, Rache nehmen, zum Theil tödten und wo ſie dies verſchmäht, doch mindeſtens maßregeln. — Man wird gewiß dieſenigen beſtrafen, welche ſo furcht⸗ bares Blutvergießen veranlaßt haben. — Und dieſe werden wohl keinen Vertrag mit dem Herzog unterzeichnen, wenn ihnen nicht Amneſtie gewährt wird; giebt man dieſe und erfüllt das Verſprechen nicht, dann bricht der Aufſtand blutiger als zuvor aus, noch iſt die Macht dieſes Al⸗ ten, vielmehr die des Volkes nicht von ſo kurzer Dauer, als Sie denken— aber die Zeit verrinnt, Prinzeß, verlaſſen Sie dieſes Haus. Ich fliehe nicht— würde ich dies thun, dann müßte man mich nicht nur für feig, ſondern auch für ſchuldig des Ver⸗ rathes gegen das Volk handeln; Giulio Caraffa bebt nicht vor dem Tode zurück. — Das Volk hält Sie ohnehin für ſchuldig, Giulio. — Noch bin ich nicht gerichtet, es könnte die Ueberzeugung meiner Unſchuld gewinnen. — Giulio, das Volk mordet, es ſtraft nicht, es verurtheilt nicht, ſondern— verdammt; aber Sie wollten Ihr Vaterland retten, indem Sie nach Madrid gehen— ich war Anfangs ge⸗ gen Ihren Plan, Giulio, aber ich bin jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß Ihre Reiſe nicht ganz zwecklos ſein und minde⸗ ſtens einen Wechſel in der Statthalterſchaft terbenüühren wird, den ich für nothwendig halte. — Prinzeß, noch vor Kurzem ſagten Sie mir, daß mich in Spanien der Tod erwarte. — So dachte ich, ſo lange Sie der Liebling des Volkes waren, als ſolcher konnte man Sie in Madrid für verdächtig halten, jetzt, wo Ihnen die Verwünſchungen des Volkes folgen, wie uns Allen, kann man Sie ſchwerlich für einen Verbündeten des Pöbels halten. — Ich werde ſelbſt auf die Gefahr, in dieſem Verdachte zu ſtehen, nach Madrid gehen, und um dieſe Reiſe zu bewerkſtelli⸗ gen, ſelbſt mit Ihnen gehen; die Ueberzeugung, dort für mein Vaterland das Beſte zu wirken, lebt mächtig in mir und wird mich leicht über alle Gefahren hinwegtragen, die mir drohen möchten. 1 — Alſo eilen Sie, Prinz. — Aber nicht ohne meinen Vater, der ſich ſtündlich mehr und mehr abhärmt, und muß er noch einige Tage länger dieſe Gefangenſchaft ertragen, welche durch das Echo der vom Mer⸗ cato dringenden herzzerreißenden Töne noch unerträglicher wird, ſo wird er, fürchte ich, den Verſtand verlieren— aber ſelbſt, um dieſes ſchreckliche Schickſal abzuwenden, möchte ich Ihre Sicher⸗ heit nicht länger in Gefahr ſehen und dieſe wächſt, je länger Sie zögern, fliehen Sie alſo, Prinzeß, fliehen Sie, ſo lange Sie hoffen können, unter dem Schutze der Nacht und dieſer Verklei⸗ dung nach dem Caſtell zu gelangen. — Gehe ich von hier, Giulio, ſo wiederhole ich, daß es nur in Ihrer Begleitung geſchieht. Der ſchwache alte Mann hütet Ihr Gefängniß, und um ſeiner ſelbſt willen wird er es nicht wagen, Lärm zu machen. Sie können ihm Ihre Flucht mit Gold bezahlen, er wird Sie nicht hindern— werden wir überraſcht, dann iſt mein Entſchluß gefaßt. wurde Leon wurden, Wäl Spannul Schritte, Unn ſteckt, un bar wur innen ve ſtürzung Die ehe der⸗ Der Schein: Di geringſt Ba Gefange — dien ſagt, iſ verwun wird, ich in Volkes ächtig olgen, addeten hte zu lſtelli⸗ mein wird drohen mehr dieſe Ner⸗ wird, ſt, um Sicher⸗ länger ge Sie zerklei⸗ daß es Mann er es Fucht en wir Hochmuth kommt vor dem Fall. Leonore vergaß, daß jedes der Worte, die hier gewechſelt wurden, das Ohr Celeſto's erreichen mußte. Während Celeſto noch auf der Treppe ſaß und mit äußerſter Spannung dem Geſpräche lauſchte, vernahm er wohlbekannte Schritte, die ſich dem Hauſe näherten. Unmittelbar darauf ward ein Schlüſſel in das Schloß ge⸗ ſteckt, und ein Ausruf der Ueberraſchung, welcher draußen hör⸗ bar wurde, ſagte ihm, wie ſehr der Umſtand, daß die Thür von innen verriegelt war, den Ankommenden in Staunen und Be⸗ ſtürzung verſetzte. Die Thür ward gewaltſam aufgeſtoßen und Pietro erſchien, ehe der Alte Zeit gewann, ſich zu erheben.— Der Geheimſchreiber hielt eine Laterne in der Hand, deren Schein ihm Celeſto's Antlitz zeigte. Die liſtigen Züge des alten Mannes verriethen nicht die geringſte Verlegenheit. Bald aber legte er den Finger auf den Mund und jetzt wurde ſein Geſicht außerordentlich ausdrucksvoll. — Der Köder hat gewirkt, Pietro, flüſterte er leiſe. — Ich weiß nicht, wovon Ihr ſprecht. — Nun mein Gott, Eure Gefangenen, vielmehr— Euer Gefangener da oben, ich denke, er ſollte wohl auch zum Köder — dienen. — Ihr ſeid räthſelhaft. — Und Ihr von ſehr ſchwerem Begriffsvermögen; aber ſagt, iſt Euer Herz noch nicht von dem Giftſtachel der Liebe verwundet? — Wozu dieſe ſeltſame Frage? — Beantwortet ſie, raſch. 1 — Noch nicht, ſagte Pietro mit verächtlichem Lächeln. — Nun dann habe ich doch einen ſehr annehmbaren Vor⸗ ſchlag zu machen. — Ihr ſeid heute ein ganz Anderer als gewöhnlich, lächelte Pietro; in der That, in ſo blutigen Zeiten an eine Hochzeit zu denken, erinnert an die berühmte Bartholomäusnacht zu Paris, aber welchen Vorſchlag wollt Ihr mir machen? ich bin begierig. — Die Tochter des Herzogs von Arcos iſt oben. — Nun? — Und wenn Ihr, wie Ihr verſichert, an eine Heirath noch nicht gedacht habt, ſo mag das Mädchen wählen zwiſchen Euch und— — Warum fahrt Ihr nicht fort— alſo zwiſchen mir und? — Dem Block— war die gräßliche Antwort des düſter lächelnden unheimlichen Alten. Der Geheimſchreiber ſchien durchaus über dieſes ſchmeichel⸗ hafte Anerbieten wenig erfreut— im Gegentheil, er war ſehr beſtürzt über dieſes unerwartete Eindringen in ſeine finſtere Liſt. Einen Augenblick war er unſchlüſſig, ob er ſeinen Degen in die Bruſt des Alten ſtoßen ſollte— und es war nicht eine Re⸗ gung von Menſchlichkeit, was ihn davon abhielt. Er winkte Celeſto hinaus, und nach einem lebhaften Ge⸗ flüſter auf der Gaſſe, kehrte er allein zurück, verſchloß die Thür und ging leiſe die Treppe hinauf. 8 Er lehnte ſein Ohr an die Thür des Gemachs, in welchem ſich Leonore und Giulio befanden und hörte aufmerkſam, was drinnen geſprochen wurde. 1t — Sprechen Sie nicht ſo, Giulio, hörte er Leonore ſagen; ich kann furchtlos den Gefahren begegnen, die Sie ſchildern, aber ich vermag nicht ſolche Worte zu ertragen.— Wähnen Sie nicht, daß mein Muth wie ehemals iſt. Niemals war meine Seele ſo tief gebeugt und gedemüthigt, als in dieſem Augenblick, wo ich Schmach und Tod trotze. Der Ausgang dieſer Sache liegt in Gottes und der heiligen Jungfrau Hand, aber die Worte, die Sie jetzt ausgeſprochen haben, werden mir unvergeßlich bleiben. Sie haben mich zu deutlich verſtehen laſſen, daß ich unweiblich gehandelt, indem ich dieſen Schritt wagte und ihn ausführen will. — Verzeihung, Verzeihung, theure Leonore, ach die Verzweiflung erpreßte mir Worte, die mich ſelber ſo ſchmerz⸗ lich berühren, rief Giulio wehmuthsvoll, wären Sie unter Ihres Vaters Dache, ſo würde ich Ihnen zu Füßen ſin⸗ ken und Ihnen geſtehen, daß Sie die edelſte, großherzigſte Dame von ganz Neapel, daß Sie ein Engel des Him⸗ mels, n dieſem( Milde hier zu Strenge, Verkennn ſamkeit, zurückhie hen Sie, jedem W ſehen, de hier Uel rig, nur In Geheimſe Er! ſeinen Zu — ſem Hau vor Erke De ſtimmt. während ſtanden man ſta und and nicch der — und Alle digung h Gin blieb reg Lippen. nicht me wiſſen G aris, ierig. eirath iſchen und? düſter eichel⸗ tſehr e Liſt gen in e Re⸗ t Ge⸗ Thür elchem „was ſagen; ildern, Sähnen 5 war dieſem sgang Hand, en mir eſtehen Schrit ch die chmerz⸗ untet en ſin eriigſe Him⸗ 603 mels, warmfühlend und opferfreudig ſind, aber hier, hier, in dieſem Gemache hielt ich es für meine traurige Pflicht, da es Milde nicht vermocht hatte, Härte anzuwenden um Sie von hier zu weiſen— ich könnte mir fluchen über dieſe unnatürliche Strenge, aber andererſeits halte ich es wieder für eine gänzliche Verkennung der ernſten Sachlage, ja für eine empörende Grau⸗ ſamkeit, ein Wort der Zärtlichkeit zu äußern, das Sie länger zurückhielt, hier wo Leben und Ruf auf dem Spiele ſtehen; flie⸗ hen Sie, fliehen Sie aus dieſem Hauſe, wo zehnfacher Tod aus jedem Winkel grinſt,— ſollten wir uns noch einmal wieder⸗ ſehen, dann will ich Alles tauſendfach widerrufen, was ich Ihnen hier Uebles geſagt und Sie knieend um Verzeihung bitten. — Ich habe es einmal geſagt, Giulio, verſetzte Leonore trau⸗ rig, nur wir Beide verlaſſen— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und— der Geheimſchreiber ſtand vor ihnen. Er hatte einen feſten Vorſatz gefaßt, von dem ſich aber in ſeinen Zügen nichts verrieth.— — Alſo eine Dame, ſagte er, eine Dame zur Nacht in die⸗ ſem Hauſe?— Prinzeß, die grobe Fiſchertracht ſchützt Sie nicht vor Erkennung, aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Der Ton ſeiner Stimme war traurig, aber klar und be⸗ ſtimmt. — Giulio Caraffa, ſagte er nach längerem Schweigen, während welches er einen heftigen Kampf in ſeinem Innern be⸗ ſtanden zu haben ſchien; Sie haben mir einſt Böſes gethan— man ſtahl Ihnen einen Degen, deſſen Gefäß mit Brillanten und anderen koſtbaren Edelſteinen beſetzt war, Sie verdächtigten mich der That. — Ich that es, weil ich die Ueberzeugung zu haben wähnte und Alles gegen Sie ſprach, aber ich habe längſt dieſe Beſchul⸗ digung bereut— und bitte Sie um Verzeihung. Giulio reichte ihm die Hand, aber der Geheimſchreiber blieb regungslos— ein verächtliches Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen. — Die Zeiten haben ſich geändert, begann er, ich bin nicht mehr in Ihrem, ſondern Sie befinden ſich in meinem Hauſe; wiſſen Sie, was das bedeutet?— — Ich weiß es, ich bin in Ihrer Gewalt. — Und könnten auf einen Wink von mir ſterben. — Auf Ihren Wink? fragte Giulio und maß den Schrei⸗ ber mit kühnen Blicken; iſt denn Maſaniello von ſeinem Richter⸗ amte entbunden? — Das nicht, aber er hat mir in Betreff Ihrer ſeine Macht übertragen, er mag mit Ihrer Verurtheilung nichts zu ſchaffen haben, verſetzte Pietro kurz. — Nun dann, ſo führet mich zum Block. — Das iſt nicht meine, ſondern Sache der Henker, antwor⸗ tete der Geheimſchreiber ſtolz, aber es ſoll nicht geſchehen, ich will nicht, daß Sie ſterben, ich will vielmehr Böſes mit Gutem vergelten; was ich thun will, geſchieht übrigens nicht um Ihret⸗ willen, auch nicht aus alberner Dankbarkeit für den Lohn, wo⸗ mit Ihr Vater lange und mühſame Dienſte bezahlt hat, eben ſo wenig werde ich verſucht, fuhr er zu Leonore gewendet fort, mich durch ihre honigſüßen Worte beſtimmen zu laſſen, die einen alten Heuchler gewonnen haben, deſſen Liſt faſt ſo fein iſt, daß ſie ſich ſelbſt übertrifft, auch veranlaßt mich zu meiner Hand⸗ lungsweiſe nicht der hohe Preis, den der Herzog von Arcos für Meineid und Verrath bezahlen möchte. Sie ſprachen von Flucht, ohne Zweifel in der Meinung, daß unſere Feinde freien Ausgang durch die Stadtthore haben— wohin wollten Sie fliehen? — Die Tochter des Herzogs würde in ihres Vaters Haus gehen, verſetzte Giulio, wüthend über den Ton, welchen Pietro Leonoren gegenüber angenommen hatte— ſie würde zurückkeh⸗ ren, nachdem ſie heldenmüthig ihr Leben gewagt hat aus Theil⸗ nahme an dem Schickſal alter, treuer Freunde. — Gut, verſetzte der Geheimſchreiber, aber es wäre beſſer für den guten Ruf dieſer Dame geweſen, wenn ſie das Haus lhu Vaters nicht verlaſſen hätte, und ohne Zweifel, edler Herr, ten auch Sie dieſelbe Zuflucht ſuchen, fuhr er mit einem Angug von Spott fort und wohl gar einen hilfloſen alten Mann ermorden, um ihre Flucht zu ſichern? Giulios Blicke glühten vor Entrüſtung. — Wer wagt es, Giulio Caraffa eines ſo nichtswürdigen, feigen Verbrechens zu zeihen? rief er. — Verzeihen Sie, wenn ich ein wenig zu voreilig urtheilte, doch wir verlieren die Zeit mit unnützem Geſchwätz— meine dürftige, Sie ſoll ſchlagen, das The geben, ten, bis men it. Giulio- bleiben, nicht vo Leo⸗ zog ihn — nicht ehe hergeſtell — 2 —” noch ein theilung Pauſili der Geh Prinzeß ſprechen chrei⸗ ſchter⸗ Racht zaffen wor⸗ 1, ich Gutem Jhret⸗ „wo⸗ eben fort, einen „ daß dand⸗ Atcod en von freien n Sie Haus Pietro ückkeh⸗ Theil⸗ beſſer Haus 4 Herr, einem Mann jrdigen, riheilte, meine 605 dürftige, elende Wohnung mag Sie nicht länger beherbergen.— Sie ſollen fort aus dieſem Hauſe, müſſen aber den Weg ein⸗ ſchlagen, der Ihnen angewieſen wird. Ich ſelber will Sie vor das Thor begleiten, wenn Sie mir das feierliche Verſprechen geben, den Weg nach Benevento zu nehmen und nicht zu war⸗ ten, bis Ihr Vater, der Herzog von Mattalone, nachgekom⸗ men iſt. — Warum mich an Verſprechungen binden? entgegnete Giulio— ich will frei ſein— ganz frei, oder Euer Gefangener bleiben, laßt mich gehen, wohin es mir beliebt,„'der ich gehe nicht von der Stelle.— Leonore warf einen Blick der Dankbarkeit auf Giulio und zog ihn auf die Seite. — Auch ich werde Neapel verlaſſen, flüſterte ſie leiſe, und nicht eher zurückkehren, bis in dieſer Stadt die Ordnung wieder hergeſtellt ſein wird. — Wohin werden Sie ſich wenden? — Nach unſerem Beſitze in Calabrien, aber ich möchte Sie noch einmal ſprechen, Prinz, um Ihnen eine letzte wichtige Mit⸗ theilung zu machen. — Wo dürfte ich ſo glücklich ſein, Ihnen Lebewohl zu ſagen? — An einem ſtillen Ort— in der heiligen Höhle des Pauſilippo— am nächſten Abend um die achte Stunde. — Alſo Sie wollen nicht nach Benevento, Prinz?— fragte der Geheimſchreiber bedeutungsvoll. — Ich will frei ſein, erwiderte Giulio, und vor Allem die Prinzeß in Sicherheit ſehen, denn noch traue ich Ihrem Ver⸗ ſprechen nicht. Der Geheimſchreiber lächelte höhniſch. — Die Dame ſoll ein angemeſſenes Geleite nach Caſtel Nuovo haben, und auch Sie mögen gehen, wohin es Ihnen be⸗ liebt, ſagte Pietro mit unverkennbarer Traurigkeit— ich will und muß Sie aber zu Ihrer Sicherheit zur Stadt hinausführen. — Ich will Ihnen vertrauen, verſetzte Giulio, die Prinzeß aber will ich zuvor in Sicherheit ſehen, ich ſelbſt will ſie nach Caſtel Nuovo begleiten, damit ſie außer Gefahr ſei, die ihr Le⸗ ben für mich und meinen Vater auf das Spiel geſetzt hat, und eher möchte ich jene Blutbühne betreten, als ſie von einem Ge⸗ 606 leite umgeben zu ſehen, welches Sie mir ſtellen— ich verlaſſe nicht eher dieſen Ort, bevor mir dies nicht bewilligt iſt. Es folgte noch einmal ein heftiges Geſpräch, während welches Pietro mehr als einmal im Begriff war, Giulio und ſeinen Vater ihrem Schickſal zu überlaſſen. Endlich ſiegte Giulio's Hartnäckigkeit, und Pietro willigte ein, mit ihm und Leonore nach Caſtel Nuovo zu gehen. Noch ehe eine halbe Stunde verfloſſen war, bahnten ſich alle Drei den Weg durch das Volksgedränge, und zu ſeiner Ge⸗ nugthuung ſah Giulio, daß die Prinzeß über die Zugbrücke nach dem Caſtel Nuovo ging, die hinter ihr wieder aufgezogen war. Als er ſich von ihr trennte, beugte er ſich zu ihr hinab, und nur ihr Ohr vernahm ſeine Abſchiedsworte. — Auf Wiederſehen, flüſterte Leonore leiſe. — Auf Wiederſehen— wiederholte Giulio. Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen und wendete ſich mit leichterem Herzen zu ſeinem Führer. — Und nun zu meinem Vater, ſagte er, indem er die Hand des Geheimſchreibers warm drückte. Ein Hinderniß. Ohne ein Wort zu erwidern, trat Giulio an der Seite des Geheimſchreibers den Rückweg an. Von Zeit zu Zeit warf dieſer einen forſchenden, eigenthüm⸗ lichen Blick auf den Prinzen und murmelte etwas vor ſich hin. Sie hatten bald wieder das Haus erreicht, und der Herzog von Mattalone war— frei. — Schweigen Sie, ſein Sie auf der Hut, ſagte Pietro leiſ, ſpie ſt auf St Dieſe Giulio's“ neben ſein Seine und er ha gefängniß Er l in ſeine! glaubte r zu führer Die — ſein Dem mußten d Giul ters und nahe ſei. Erſt der Her werden, Giulio. waren, — ergriffen ſind gere um den und dor denn ni in die; ihnen n Eit Giulio * ſägliche verlaſſe velches ſeinen villigte en ſich er Ge⸗ ke nach n war. ab, und ich mit Hand eite des enthüm⸗ ſich hin. Her og Pietro 607 leiſe, ſpielt nicht mit Eurem Leben, denn Aller Aufmerkſamkeit i*ſt auf Sie gerichtet, ein Wort und Sie ſind des Todes. Dieſe Warnung, vielleicht gut gemeint, war mindeſtens für Giulio's Vater überflüſſig, denn dieſer ging düſter ſchweigend neben ſeinem Sohn durch das Gedränge. Seine Seele ſchien von einer Art von Erſtarrung befallen, und er hatte noch nicht errathen, in welcher Abſicht er aus dem Gefängniß geführt wurde. Er hatte, während Leonore mit ſeinem Sohne ſprach, ſich in ſeine Kammer zurückgezogen und ihre Stimme nicht erkannt, glaubte vielmehr, daß man gekommen ſei, ihn zur Richtſtätte zu führen. Dieſer Mann, den wir ſo kühn geſehen, war völlig geknickt — ſein Muth ſchien dahin, ſeine Kraft gebrochen. Demüthigung, der Schmerz um ſeine Gattin, ſeine Tochter, mußten dieſe ſchreckliche Veränderung hervorgerufen haben. Giulio ſah mit Beſorgniß auf den ſtarren Blick ſeines Va⸗ ters und fürchtete, daß der Unglückliche dem Wahnſinn— nahe ſei. Erſt als ſie ſich dem Stadtthore genaht hatten, erwachte der Herzog aus ſeiner Lethargie, und es ſchien ihm klar zu werden, daß dieſer Weg nicht zum Tode führe. — Was geht denn vor, mein Sohn, wendete er ſich an Giulio. — Wir ſind gettet, mein Vater. — Gerettet von dem Feuer, dem wir bereits übergeben waren, ſagte der Herzog lächelnd. — Vater— rief Giulio, von einem tödtlichen Schrecken ergriffen; was ſprichſt Du? wir waren bisher nur gefangen und ſind gerettet durch— die Prinzeß. — Nicht doch, mein Sohn, ſieh nur, dort tanzt der Pöbel um den Rabenſtein, verſetzte der Herzog mit heiſerer Stimme, und vort ſteht der brennende Palaſt unſerer Väter, ſiehſt Du denn nicht, wie die Ungeheuer Deine Mutter, Deine Schweſter in die Flammen werfen? komm, komm, ſonſt ſchleudern ſie uns ihnen nach. Ein plötzlicher Huſtenanfall hinderte ihn weiter zu ſprechen, Ginlio ſtützte den wankenden Mann, während eine Thräne un⸗ ſäglicher Wehmuth über ſeine Wange rollte — Mein armer Vater kann nicht mit uns gehen, wendete er ſich an den Schreiber— er iſt krank— Sie ſehen es wohl, wir müſſen ihn in ein Kloſter unterbringen. — Hochmuth kommt vor dem Falll flüſterte Pietro, indem er wiederum den Rückweg antrat und mit Unheil verkündenden Blicken auf Giulio ſah.. — Dieſe häufige Rückkehr, nahm er das Wort, weiſſagt uns nichts Gutes, es iſt eine alte Erfahrung, daß man in ſol⸗ chen Fällen ſtets vom Unglück bedroht wird— hüten Sie ſich — Prinz! Giulio antwortete nicht, welches größere Unglück konnte ihn noch treffen— war er nicht ſchon genug vom Schickſal ge⸗ ſchlagen? Mußte er nicht, geächtet vom Volke, das er liebte und er⸗ löſen wollte, trauernd um die Seinen, die alle ein Opfer dieſer Schreckenstage waren, das Vaterland verlaſſen?— Hatte er nicht Leonore's Beſitz auf ewig entſagen müſſen?— und nun ſah er noch ein Ereigniß an ſich vorübergehen, den Wahnſinn ſeines Vaters, ein Ereigniß, das chet uljcher war, als Tod und Verbannung. Auch dine⸗ Seele war niedergedrückt, auch ſein Muth ſchien gebrochen wie ſein Herz. Er blickte auf ſeinen Vater, und ein unendliches Wehe erfaßte ihn— dann ſchaute er zum Himmel empor, als ſuchte er über den Sternen, was er auf Erden nicht mehr finden konnte— den Frieden und die Hoffnung. Als ſie das Kloſter del Carmine wieder erreicht hatten, fand eine herzzerreißende Scene ſtatt. Vater und Sohn hielten ſich lange umſchlungen, als fühl⸗ ten Beide, daß ſie ſich nicht mehr wiederſehen ſollten.— Endlich trennten ſie ſich, und Giulio ſchritt mit ſeinem Be⸗ gleiter ſchnell vorwärts.— An den Stadtthoren ſah man nicht mehr die Abgabenein⸗ nehmer, die eifrig ihre Gebühren berechneten, für das Lächeln eines Landmädchens mit roſtgen Wangen, freien Einlaß gewähr⸗ ten, oder ſich an den Aerger geplagter Bauern ergötzten und mit dieſen Unglücklichen noch höhnende Scherze trieben. Alle dieſe Leute hatten ſich mit kläglicher Eile von ihren ledernen Stühlen, worauf ſie ſonſt ſaßen und ſich ſo oft dem Weine und dem Uebermuthe überließen, entfernt. N Die gehört t ſah auf trunkene anvertre Der ſeinen tracht ſie Sie thor ere De klärt, a porranc benden. Leute 0 Al beſudelte in den De wurde, wie die der Ge wild ſe mit du nernde J aber k vendete wohl, indem denden veiſagt in ſol⸗ Sie ſich nte ihn ſal ge⸗ und er⸗ r dieſer en?— 4, den t war, h ſchien und ein Himmel en nicht en, fand füöt⸗ em Be⸗ abenein⸗ Lächeln gewähr⸗ und mit n ihren oft dem Die Gebäude, wo man ſonſt den Klang der Abgabengelder gehört hatte, waren ein Raub der Flammen geworden, und man ſah auf den leer gewordenen Brandſtätten zerlumpte und ſchlaf⸗ trunkene Lazzaroni, welche die Bewachung der Thore, die ihnen anvertraut war, einträglich genug fanden. Der Geheimſchreiber hatte zwar einen Paß für ſich und ſeinen Begleiter, trotzdeß die Vorſicht, Giulio in ſeiner Mönchs⸗ tracht ſich gänzlich verhüllen zu laſſen, nicht außer Acht geſtellt. Sie wurden von Niemand beläſtigt, bis ſie eben das Stadt⸗ thor ereicht hatten. Der von Celeſto unterzeichnete Paß wurde für gültig er⸗ klärt, aber ein tiefer Seufzer, der ſich aus der Bruſt Giulio's em⸗ porrang, erregte bei Einigen unter dem ſich zahlreich umhertrei⸗ benden Geſindel Argwohn, und man rief nach Licht, um die Leute genauer zu betrachten. Alsbald leuchteten Fackeln, und mehrere zerlumpte, mit Blut beſudelte und mit langen Meſſern bewaffnete Kerle ſtellten ſich in den Weg. Der hohe Preis, der für aufgefangene Edelleute bezahlt wurde, machte die Augen dieſer habgierigen Geſellen ſcharfſichtig wie die des Luchſes, und ſelbſt der Geheimſchreiber zitterte vor der Gefahr der Entdeckung.. In dieſem Augenblick drängte ſich ein langer Mann, wie die Uebrigen gekleidet, mit einem grimmen Schrei durch die Volkshaufen. Er glich einem entſprungenen Wahnſinnigen und ſchwang wild ſein Meſſer. — Wer will aus dem Stadtthore? rief er. — Ein frommer Diener des Herrn— antwortete Giulio mit dumpfer Stimme. — Tod dem vermummten Verräther! rief der Kerl in don⸗ nerndem Tone. Jedermann erwartete die Ermordung des hülfloſen Mönchs, aber keine Hand regte ſich, ihn zu ſchützen. — Enthülle Dich und zeige dem Volke von Neapel Dein Antlitz, ſchrie der Angreifer immer lauter. Ein gräßliches Gelächter erfolgte, als er dem unglücklichen Giulio die Kapuze zurückſchlug. Das Bpfer von Amalfi.(Bd. II. 19) 39 610 Die Fackeln beleuchteten ſein bleiches Antlitz und die Züge ſeines aufgeregten Gegners. Eine erwartungsvolle Stille trat ein— ein Schweigen, welches Giulio wie ein Tod verkündendes erſchien. Es war faſt Mitternacht, als der Herzog von Arcos mit haſtigen Schritten und wie es ſchien, in ungemeiner Aufre⸗ gung ſich auf der Terraſſe bewegte. Er hielt in der einen Hand ein Blättchen Papier und in der Anderen mehrere Briefe, die noch nicht entſiegelt waren. Plötzlich ertönten bekannte Schritte, und wenige Augen⸗ blicke ſpäter ſah er— Leonore vor ſich. Er blieb ſogleich vor ihr ſtehen und umarmte ſie mit freude⸗ ſtrahlenden Blicken. Leonore war außerordentlich überraſcht, in ſolch' heiterer Aufwallung hatte ſie ihren Vater lange nicht geſehen. — GCGott wird uns bald in unſerer Noth Beiſtand geben, meine Tochter, rief er lebhaft.. — Von wo hätten wir auf ſolchen zu hoffen?— fragte Leonore. — Siehe dieſes Blatt, meine Tochter, es ſagt Dir Alles. Er überreichte ihr das Papier und Leonore durchflog den kurzen Inhalt deſſelben. Es waren einige Zeilen von Andreas Doria, der das Spa⸗ niſche Geſchwader von Mola di Ganta befehligte. 4 Er hatte Nachricht von der Empörung erhalten und wollte ſeine Schiffe in den nächſten Tagen in Bewegung ſetzen, um nach Neapel zu ſteuern. In Leonore's Zügen zeigte ſich nicht die geringſte Spur von Freude, als ſie das Blatt geleſen hatte. — Nun, meine Tochter, ſagte der Statthalter ſtaunend, Du verräthſt keine Theilnahme an dieſem glücklichen Ereigniß? — Es iſt zu ſpät, mein Vater, ſagte ſie. 8 1 — 22 ſetzen kön man geſte es wütde fehl erth hindern. Der und ſeir heit an. mein Ve gend beo ( Du heu daß ich gen wi Tochter 4 te Erfühe Volk ü alten( ſagte e ſchwieg machen drückun 6 mit Aufre⸗ und in en. du gen⸗ reude⸗ eiterer geben, fragte llles. g den 3Spa⸗ wollte en, um — Zu ſpät?— 8 — Der Anblick dieſer Schiffe möchte viele Menſchenleben koſten. — Ich möchte Deine Anſicht deutlicher erklärt haben. — Die wenigen hundert Soldaten, die ſie an das Land ſetzen könnten, würden das Schickſal der Deutſchen haben, die man geſtern in der Nacht nach der Kirchenfeier niedermetzelte; es würde daher klug ſein, wenn Du dem Geſchwader den Be⸗ fehl ertheilſt, zurückzubleiben, um neues Blutvergießen zu ver⸗ hindern. Der Herzog dachte über die Meinung ſeiner Tochter nach und ſein Antlitz nahm einen Ausdruck von Niedergeſchlagen⸗ heit an. — Ich bin gekommen, um von Dir Abſchied zu nehmen, mein Vater, ſagte Leonore, nachdem ſie ihn einige Zeit ſchwei⸗ gend beobachtet hatte.— — Du willſt mich verlaſſen, Leonore? — Bis die beſſeren Tage gekommen ſein werden, von denen Du heute früh geſprochen.— — Dieſe ſind nicht fern, meine Tochter, ich wiederhole, daß ich die Forderungen des Volkes nach Kräften berückſichti⸗ gen will. — Nach Kräften heißt ſoviel, als mit möglichſter Beſchrän⸗ kung; nicht ſo, mein Vater? verſetzte Leonora lächelnd. Der Herzog ſchien in Verlegenheit gerathen und maß ſeine Tochter mit durchdringenden Blicken. — Ich werde den Lenkern des Aufſtandes in den nächſten „einen Vergleich anbieten, ſagte er kurz. Es müßte jetzt nach dem Vorfall in der Kirche von Sei⸗ ter.» Regierung ein ſehr unzweifelhafter Beweis von der Erfühen tes Verſprechens gegeben werden, wenn ſich das Volk über auf Vergleiche noch einläßt. — Ma."dd dies thun, ſagte der Herzog lächelnd, den alten Celeſto ich zum Theil günſtig für mich geſtimmt, ich ſagte es Dir its. Er wird, wie ich Dir ebenfalls nicht ver⸗ ſchwiegen hei ſeinen Einfluß auf die anderen Führer geltend machen, ſchon aas Furcht vor ſeiner Sicherheit nach der Unter⸗ drückung d Aufſtandes. — Y Anerbietungen wollteſt Du dem Volke machen? 39* 612² * — Zunächſt wieder die Erfüllung der in dem ſogenannten Freibriefe enthaltenen Privilegien. — Schon wieder dieſer unglückſelige Freibrief? rief Leonore, der Himmel gebe, daß er nicht die Stufen des Altars unſerer lieben Frauen von Carmine zum zweiten Mal durch Blut ent⸗ heilige— meine Augen werden es nicht ſehen, denn, wie ich Dir ſagte, ich will Neapel verlaſſen. — Iſt Dein Entſchluß unabänderlich? — Ja, mein Vater, morgen Abend reiſe ich, der Tag wird von mir zu den Vorbereitungen verwendet werden, ich werde nicht mehr Gelegenheit haben, Dich zu ſprechen, darum will ich Dir heute noch Lebewohl ſagen. — Du willſt Dich nach unſerem Schloſſe in Calabrien be⸗ geben? — Ja, mein Vater, der Aufenthalt in der ſtillen Einſam⸗ keit wird mir wohlthun und meine erregte Seele wieder be⸗ ſchwichtigen. — O, gerade jetzt willſt Du Dich nach jener Räubergegend begeben, jetzt, wo ich Dir kaum eine ſtandesgemäße und aus⸗ reichende Begleitung zur Verfügung ſtellen kann; bleibe in Nea⸗ pel, meine Tochter, im Caſtel Nuovo biſt Du geſicherter, als in den calabriſchen Gebirgen. 4 — Ich kann dort in keine größere Gefahr gerathen, als es hier ſchon vielfach der Fall geweſen war. — Ich werde für Deine Begleitung nach Kräften Sorge tragen, Leonore, und nun gehe, Gott und die heilige Jungfrau mögen mit Dir ſein, ſagte der Herzog und umarmte ſein⸗ Tochter. Leonore verließ ihren Vater und ſank bald dare mit dem ſeligen Bewußtſein unf ihr Lager, daß der Prin⸗— ge⸗ rettet iſt. Der Herzog aber vermochte keine Ruhe zu finden, ehe er Herandez geſprochen hatte, und noch in derſelben Stunde ſandte er einen Boten nach dem Miniſter ab. Auch Er watf in ſehr m richt erei Es Räuberbe ſch in oder todt Von kam ihm Was das Gert len ohne theilt he Se nem Sc ich kann lebt, rie Es Thür p3 Her dumpfe Di verkünd W treten. der Alt perſonif folgt ſt nannten — Konore, unſerer lut ent⸗ ich Dir ird von de nicht ich Dir rien be⸗ Einſam⸗ der be⸗ cgegend nd aus⸗ in Nea⸗ als in „als es Sorge ungfrau te ſein⸗ mit — ge⸗ hehe er eſprochen ten nach 613³ Die beiden Verbündeten. Auch Don Herandez hatte ſich noch nicht zur Ruhe begeben. Er warf ſich unruhig auf einem Seſſel hin und her und ſchien in ſehr mißlauniger Stimmung, obgleich ihn eine freudige Nach⸗ richt ereilt hatte. Es war dies die Kunde von der gänzlichen Aufreibung der Räuberbanden und dem eiligen Verſchwinden Frederigo's, der ſich in ſeine Schlupfwinkel in den Abruzzen zurückgezogen hatte, oder todt war. Von dieſem Feinde war er alſo befreit— weniger erwünſcht kam ihm der Tod Paolo's, ſeines langjährigen Verbündeten. Was ihn aber in die mißmuthige Stimmung verſetzte, war das Gerücht von der Rettung Giulio's, welche ihm einige Zei⸗ len ohne Namensunterſchrift, doch von bekannter Hand, mitge⸗ theilt hatten. Sein Todfeind alſo war wieder gerettet. — Iſt es doch, als ob ſich die Heiligen im Himmel zu ſei⸗ nem Schutze verſchworen hätten, murmelte er leiſe; nein, nein, ich kann nicht wieder leichter athmen, ſo lange dieſer Erzfeind lebt, rief er mit drohend geballter Fauſt. Es mochte etwa eilf Uhr vorüber ſein, als es leiſe an die Thür pochte.. Herandez ſprang auf, eilte zur Thür und lauſchte. — Ich bin es, gnädigſter Herr, ließ ſich draußen eine dumpfe Stimme vernehmen. Dieſe mußte Herandez wohl bekannt ſein, denn mit Freude verkündenden Zügen öffnete er die verſchloſſene Thür. Wenige Minuten ſpäter ſehen wir— Celeſto bei ihm ein⸗ treten. — Ich bringe eine wichtige Kunde, gnädigſter Herr, nahm der Alte das Wort, indem er ſich ſcheu umblickte, gleich dem perſonificirten Verbrechen, das ſich von der Vergeltung ver⸗ folgt ſieht. — Was habt Ihr mir mitzutheilen, Pater Celeſto? fragte “ — 2———,—— 2* 8 Herandez, den die Nähe des Alten in ungemeine Aufregung ver⸗ ſetzt hatte. — Nicht ſo laut, gnädigſter Herr, man koͤnnte uns auf der Straße hören; wüßte man übrigens, daß ich zu Ihnen gehe, man würde mich ſteinigen. — Zur Sache, Celeſto. Der Alte warf auf ihn einen jener unheimlichen, von dem niederen Volke ſo ſehr gefürchteten Blicke, deren wir ſchon oft Erwähnung gethan haben. Auch Herandez ſchien dieſer Blick bis in das Innerſte ſeiner Seele gedrungen— und wohl erſchreckt zu haben, denn er— erbleichte. — Seht mich nicht mit dem Auge eines Gettatore an, Celeſto, ſagte er, ich erinnere mich dann ſtets jenes Ungethüms, jener Geſtalt, die mir in der erſten Nacht des Aufſtandes er⸗ ſchien, als ich von Neapel floh und welche Euch auf das Täu⸗ ſchendſte ähnlich ſah— ein Schauder erfat mich, wenn ich daran denke. Ein dämoniſches Lächeln ſpielte um dem Mund des Alten. — Vielleicht war ich ſelber die Erſcheinung, welche Sie in der betreffenden Nacht erſchreckte, gnädigſter Herr, ſagte er in beinahe ſcherzendem Tone, vielleicht war es auch nur mein Doppelgänger, den ſie ſchon Alle geſehen haben wollen; wenn er ſich zeigt, ſteht ein baldiges Ende bevor. Ein Gefühl des Grauſens ergriff Herandez unwillkürlich, als er dieſe Worte hörte, und bei aller Bildung, die er beſaß, vermochte er, der Böſewicht, den abergläubiſchen Schrecken nicht zu unterdrücken. — Ihr ſprecht furchtbar, ſagte er mit leiſer Stimme. — Gnädigſter Herr, verſetzte Celeſto ernſt, es iſt nichts an Allem, was man von mir fabelt, ich verſichere Sie, aber wenn man in Zeiten wie die jetzigen zu einem Manne Ihrer Stellung von deſſen Ende ſpricht, ſo erzählt man wahrlich keine Wunder⸗ mähr und Sie ſollten es ſich zu Herzen nehmen, Don Herandez, iett er mit Nachdruck hinzu. — Ihr ſprecht ſo bedeutungsvoll, als ob Ihr wüßtet, daß meine letzte Stunde geſchlagen hat, ſagte er leiſe. — Sie hat nicht geſchlagen, aber ſchon iſt der Klöpfel der Glocke in Bewegung, welche ſchlagen ſoll. 28 1 Führer de de nächſten⸗ 4 erhöhen, Sie ſich Sie ſich! Der des Todes — 0 großen drücktem —( — — übrigen liche fü auch fer wählen, Mi weiten? Herand ſtände und bef Sie ſich wäre a Nuovo liche C i ver⸗ nuf der gehe, on dem on oft ſeiner -er— re an, thüms, odes er⸗ 5 Täu⸗ un ich Alten. Sie in te er in r mein wenn er lkürlich, r beſaß, en nicht 6. ichts an er wenn Stellung Punder⸗ erandez, tet, daß pfel der 615 — Das war ſchon ſeit dem Beginn des Aufſtandes der Fall. — Aber jetzt mehr als je— Maſaniello und die übrigen Führer des Aufſtandes wollen Ihren Tod, und man wird in den nächſten Tagen, wohl ſchon morgen in aller Frühe den Preis erhöhen, der auf Ihre Ergreifung geſetzt iſt, ja, Excellenz, wenn Sie ſich morgen auf den Platz del Carmine begeben, werden Sie ſich von der Beſtätigung dieſer Mittheilung überzeugen. Der Miniſter erbleichte, ſein Geſicht verrieth alle Schrecken des Todes. — Und wer wird dieſe Bekanntmachung erlaſſen? — Der Mann, der ſtets nur ſeine Verfügungen mit dem großen Kreuze unterzeichnet, verſetzte Celeſto mit ſchlecht unter⸗ drücktem Spotte. — Alſo Maſaniello? — Er, der Oberanführer des Volks. — Und welchen Preis ſetzt man aus. — Er wird um das Zehnfache des jetzigen erhöht ſein. — Aber, woher will man denn das Geld auftreiben? — Vergeſſen Eure Excellenz, daß man die Steuer⸗ und die übrigen Kaſſen der Regierung geplündert hat? — Gut, ſagte Herandez, ich muß mich in das Unvermeid⸗ liche fügen, man hat mich bisher nicht entlarvt, man wird es auch ferner nicht. — Sie müſſen fliehen, Excellenz. — Ich will und darf Neapel aus Gründen nicht verlaſſen. — Dann müſſen Sie wenigſtens eine andere Verkleidung wählen, für welche ich Sorge getragen habe. Mit dieſen Worten ließ der Alte ein Bündel aus ſeinem weiten Mönchsgewande gleiten. — Soll dies meine künftige Garderobe enthalten? fragte Herandez halb lächelnd, halb ärgerlich, als er die groben Gegen⸗ ſtände näher betrachtete. — Es iſt die beſte, die ich herbeiſchaffen konnte, Excellenz, und beſſer ein verkappter als ein todter Miniſter— aber hüten Sie ſich vor Erkennung, man würde Sie in Stücke reißen; es wäre allerdings für Sie am räthlichſten geweſen, in dem Caſtel Nuovo ein Unterkommen zu ſuchen. — Dort iſt keine Wohnung mehr zu haben, denn ſämmt⸗ liche Gemächer des Caſtels ſind von den Edelleuten mit Beſchlag 7 belegt, ſonſt würde der Herzog von Arcos mir, ſeinem Liebling und zukünftigem Schwiegerſohne, gern dieſelbe Veſte zur Verfü⸗ gung geſtellt haben. Celeſto war außerordentlich überraſcht, als er dieſe Worte hörte. — Excellenz haben Ausſicht auf die Hand der Prinzeß? fragte er überraſcht. — Nicht Ausſicht, ſondern Zuverſicht, verſetzte Herandez mit Stolz. 1 — Iſt dem in der That ſo, Excellenz. — Glaubt Ihr, daß ich lüge? — Ich frage nicht ohne Urſache dringender, verſetzte Celeſto haſtig. — Ich begreife nicht, wie Ihr wagen könnt, meine Ver⸗ ſicherung in Zweifel zu ziehen. — Eines etwas auffallenden Umſtandes halber. — Ich muß um nähere Erklärung bitten, alter Mann, Ihr erſcheint mir zu geheimnißvoll. — So erfahren Sie denn, daß ſich die Prinzeß in höchſt eigener Perſon zu dem Geheimſchreiber, der die beiden gefange⸗ nen Caraffa's in ſeinem Hauſe bewacht, begeben und bei dieſem die Freilaſſung derſelben aus der Haft erwirkt hat. — Corpo di dio— das wäre furchtbar! rief Herandez wüthend. — Es verhält ſich genau wie ich Ihnen ſage, Excellenz. — Und Giulio iſt frei? — Vater und Sohn. — Dieſes Unglück könnte ſich alſo erſt heute zugetragen haben. — Ganz recht, Excellenz, vor etwa einer Stunde, verſetzte Celeſto mit Schadenfreude, als er die Beſtürzung des Miniſters gewahrte. — O welche Schmach, welche Schmach, der Bube muß mir dafür büßen, rief Herandez, am ganzen Körper bebend. — Das wird ſchwer ſein, Excellenz, denn er verläßt Neapel. — Alſo doch, rief Herandez, Paolo, Paolo, ſtehe auf aus dem Grabe, jetzt hätteſt Du endlich Deine Aufgabe löſen kön⸗ nen! ſetzte er mit ſchmerzlichem Ausdruck hinzu. — Wenn es ſich nur um einen Räuber handelt, Excellenz, etwas, Vaterlau Handwe bedarf, ein Fre randez 1 trotzdem aus Gt den for lung, Papier mit ſpö ebling Verfü⸗ Worte tinzeß? randez Celeſto e Ver⸗ n, Ihr höchſt efange⸗ dieſem erandez lenz. etragen verſetzte einiſters nuß mir Neapel. auf aus ſen kön⸗ reellenz 617 ſo kann ich damit dienen, und zwar iſt dieſer ein zuverläſſiger und entſchloſſener Menſch. 3 — Nennt mir ſeinen Namen. — Er iſt zugleich Mönch! — Mönch und Räuber? — Beides in einer Perſon— oder wundern Sie ſich über etwas, das durchaus, wenigſtens hier in Italien und in Ihrem Vaterlande Spanien, nichts ungewöhnliches iſt? — Den Namen— den Namen? — Fra Lorenzo. — Alſo Bruder Lorenzo, rief der Miniſter, und treibt ſein Handwerk in den Abruzzen? e — Ganz recht, Excellenz, und wenn es einer Empfehlung bedarf, ſo bin ich bereit; einige Zeilen von meiner Hand ſind ein Freipaß, der Sie bei Lorenzo und ſeiner Bande ſchützt. — Ja, ja, Celeſto, gebt mir ſolche Empfehlung! rief He⸗ randez mit Haſt; ſie ſoll Euch gut belohnt werden. — Dann wollten Sie ſich ſelbſt nach Calabrien begeben, trotzdem Ihre Abweſenheit von Neapel, wie Sie vorhin ſagten, aus Gründen unmöglich iſt? — Dieſe Gründe fallen unter den obwaltenden Umſtän⸗ den fort, ich gehe zu Fra Lorenzo und bedarf Eurer Empfeh⸗ lung, guter Celeſto. — Sie ſollen dieſe haben— aber außerdem iſt noch ein Papier erforderlich. — Noch eines? — Sie bedürfen eines Paſſes, um aus Neapel zu kommen, welcher gleichfalls von mir unterzeichnet wird. — Habt Ihr dieſen Paß bei der Hand? fragte Herandez mit ſpöttiſchem Nachdruck. — Nein, Excellenz, morgen fruh können Sie ihn erhalten, die Druckerei hat noch nicht alle Erxemplare abgeliefert. — Morgen? fragte Herandez nicht ohne eine gewiſſe Be⸗ ſorgniß, aber wo? 5 — Auf dem Platze del Carmine, Excellenz, ich werde gegen neun Uhr unter dem Gedränge ſein und Ihnen den Paß ein⸗- händigen, ich kenne Sie an der Verkleidung— aber wir müſſen behutſam ſein, denn man beginnt ſchon Verdacht zu ſchöpfen; der Geheimſchreiber ſcheint bereits eine Ahnung von unſerm Ein⸗ verſtändniß zu haben. — Seid außer Sorge, der Geheimſchreiber wird ſeinen Kopf verlieren und Ihr werdet ihn behalten, das iſt allerdings der Unterſchied. Ihr dient, indem Ihr der Regierung gefällig ſeid, zugleich dem Volke, Celeſto, und wir werden Eure Dienſte zu loh⸗ naeen wiſſen, wir verlangen ja nur von Euch, daß Ihr Eure Gefährten gefügig macht, der Regierung einigermaaßen entgegen zu kommen und es auf alle Fälle übernehmt, vom Altare herab noch einmal, aber perſönlich die Echtheit des Freibriefs zu ver⸗ ſichern— Ihr ſeid ein Prieſter, und das Volk wird Euch Ich gebe mir die allererdenklichſte Mühe, die Lenker des Aufſtandes milder zu ſtimmen. — Und will dies nicht gelingen? — Nein, Maſaniello dürſtet ſeit dem Vorfall in der Kirche del Carmine nach Blut, verſetzte Celeſto. — Man wird das ſeine trinken, ſagte Herandez zähneknir⸗ ſchend und mit gedämpfter Stimme— dieſer tolle Fiſcher von Amalfi ſoll und muß ſterben.. 1 In Celeſto's Zügen ſpiegelte ſich eine hölliſche Schadenfreude ab, als er dieſe Worte vernahm, und Herandez, der ſchlaue Staatsmann ahnte nicht, daß dieſer Alte noch ränkevoller, noch raffinirter als er, danach ſtrebte, ihn zu überliſten und das Ru⸗ der des Staates ſelber zu führen. In dieſem Augenblick traf der Bote des Statthalters ein und beſchied den Miniſter ſogleich zu ſeiner Hoheit, und die bei⸗ den Verbündeten trennten ſich. Mit cher endl Sog die Anku Mit halt und ſehe? ft freut, d geringen waren a Bewegun es ſind etwas! andern geſſen; pen nu Ordnu⸗ werden len, we dez der Freibre werden ten, x Seite Weiſe der al⸗ die St er des Kirche eknir⸗ er von nfreude ſchlaue e, noch as Ru⸗ rs ein die bei⸗ Unter dem Pöbel. Mit Ungeduld erwartete der Herzog Don Herandez, wel⸗ cher endlich eintrat. Sogleich wurde ihm das Blatt eingehändigt, welches ihm die Ankunft des Andreas Doria verkündete. Mit augenſcheinlicher Freude durchlas der Miniſter den In⸗ halt und legte es dann befriedigt auf den Tiſch. — Sie halten dieſe Botſchaft für eine glückliche, wie ich ſehe? fragte der Statthalter. 4 — Wie ſollte ich nicht, verſetzte Herandez— ich bin ſ ſo er⸗ freut, daß ich keine Worte finde. — Alſo Sie hoffen auf einen günſtigen Erfolg— trotz der geringen Mannſchaft? fragte der Statthalter und ſeine Blicke waren auf Herandez's Lippen gerichtet, als ob jetzt von einer Bewegung derſelben Tod und Leben abhinge. — Allerdings iſt die Anzahl der Truppen nur gering, aber es ſind gute disciplinirte Soldaten und ſolche vermögen immer etwas gegen den Pöbel auszurichten, der unfähig iſt, von einer andern Waffe als Dolch oder Meſſer Gebrauch zu machen. — Sie ſcheinen die Scharfſchützen der Todesgeſellſchaft ver⸗ geſſen zu haben, Don Herandez; hätte ich unter meinen Trup⸗ pen nur tauſend von dieſem Schlage gehabt, wir würden die Ordnung in einem Tage hergeſtellt haben. — Das mag wohl ſein— unter allen Umſtänden aber werden die ankommenden Soldaten gleichfalls die Ruhe herſtel⸗ len, wenn es geht, wie ich erwarte. — Sie meinen, wenn wir das Volk— — In einen ſüßen Rauſch gelullt, unterbrach Don Heran⸗ dez den Herzog, das heißt, wenn es ſich im Beſitze des echten Freibriefes wähnt— dann wird Ruhe eingetreten ſein, wir werden natürlich auch die verbrieften Verſprechungen inne hal⸗ ten, währenddeſſen aber einen Anführer nach dem Anderen bei Seite ſchaffen laſſen, und zwar auf eine unmerkliche bequeme Weiſe,— der tolle Fiſcher muß den Anfang machen, ihm mag der alte Celeſto folgen, dann der Geheimſchreiber, dieſe drei ſind die Stützen des Aufſtandes, Alles übrige iſt nur Geſindel, wel⸗ . kommenden Soldaten genügen völlig. — Es können noch acht Tage vergehen, ehe ſie eintreffen, währenddeſſen kann vieles Gräßliche noch geſchehen. — Um ſo mehr müſſen wir bemüht ſein, das Volk ſobald als möglich mit dem Freibrief zu erfreuen,— ich habe mit dem alten Celeſto ſchon unterhandelt, und ich hoffe, wir werden über⸗ morgen am Ziele ſein— es thut mir nur leid, daß ich die Hauptſtadt auf einige Tage verlaſſen muß. — Sie wollen verreiſen, Don Herandez? rief der Statt⸗ halter überraſcht. — Es iſt nothwendig, Excellenz, man hat den Preis auf meine Ergreifung erhöht. Der Herzog von Arcos ſtampfte mit dem Fuße wild den . Boden. — O welche Ohnmacht, ſagte er, ſolchen Treiben müſſig zuſchauen zu müſſen,— o ich fürchte, die ankommenden Soldaten werden Neapel als Schutthaufen be⸗ grüßen, auf welchem die Teufel, die das Fegfeuer angezündet, ihren Siegesreigen halten. — Fürchten Sie nichts, Hoheit, ich werde dafür Sorge tra⸗ rend meiner Abweſenheit handeln. — Wohin wollen Sie ſich begeben? — Nach Calabrien. — Dahin geht auch meine Tochter! — Die Prinzeß verläßt Neapel? — Morgen Abend. — Nun werde ich ſicher abreiſen, murmelte Herandez leiſe und dafür Sorge tragen, daß ich meiner Braut begegne— das Uebrige wird erledigt werden. Am andern Tage drängte ſich eine ungeheure Menſchenmaſſe die Preiserhöhung für die Ergreifung des Miniſters betreffend, laſen.— Unter den erſten dieſer Leſer befand ſich ein dicker Mann von ſchwärzlichem Geſicht, der die gewöhnliche Fiſ cherkleidung trug. 1 ches ohne Führer ſehr bald gebändigt werden wird, und die an⸗ es iſt entſetzlich, einem gen, daß das Volk eingelullt iſt, es ſind Stellrerrerer die wäh⸗ am Fuße der Richterbühne, welche Maſaniello's Bekanntmachung, Hemde Bein — bar we ſchärfen dieſer? R. unbeme ches ei ohne l und zu es thu Sie ve D. und He hochklop wickeln Weg Platz von de ſchien, A Pöbel zu ih 1— 621 ie an⸗ Seine braune Wollmütze war weit herabgezogen, ſeine reffen, Hemdärmel waren über die Ellbogen hinaufgerollt, Bruſt und Bein nackt und von der Sonne gebräunt. ſobald Seine Züge, ſo weit ein ſchwarzer, ſtruppiger Bart ſie ſicht⸗ t dem bar werden ließ, verriethen eine ungemeine Verwegenheit; dem 65 über⸗ ſchärferen Blicker hätte es indeſſen nicht entgehen können, daß h die dieſer Ausdruck nur ein angenommener war. Nachdem er von einem hochgewachſenen, verhüllten Mönch Statt⸗ unbemerkt von allen Uebrigen ein Blatt Papier empfangen, wel⸗ ches er verſtohlen in ſein Gewand gleiten ließ, bahnte er ſich is auf ohne Umſtände den Weg durch das Gedränge. 3 — Wenn Sie ſich ſo vorwärts drängen, ohne zu ſcherzen 4 d den und zu lachen und Maſaniello leben zu laſſen, wie die Uebrigen es thun, wird man ſehr bald auf Sie aufmerkſam werden und einem Sie verdächtig finden. 1 t, die Dieſe Worte hatte der ihm folgende alte Mönch geflüſtert, n be⸗ und Herandez, den wir wohl erkannt haben, vernahm ſie mit ſnde hochklopfendem Herzen. Jetzt natürlich mußte er ſich in die Nothwendigkeit fügen, de tnn⸗ denn in der That begann man auf ihn aufmerkſam zu werden. wih⸗ Er ſcherzte, ſchob die ſchmächtigeren Geſellen bei Seite und drang immer weiter vor. — Lange lebe Maſaniello von Amalſi und dieſe luſtige Zeit, rief er,— vierzigtauſend Ducaten für Don Herandez's 3 Kopf.— Er brach in ein lautes, ſchallendes Gelächter aus. Das Geſchrei, welches er angeſtimmt hatte, wurde von Tauſenden wiederholt und hallte weit hinaus über den Meer⸗ ds leiſ buſen. 1 M Es ward ihm nicht ſchwer, ſich aus dem Gedränge zu 1 wickeln. Allmälig mäßigte er ſeine Schritte und nahm den Weg nach einer der dunkeln und engen Gaſſen, die auf den* Platz vor der Kirche del Carmine mündeten und wo ein Mann 1 enmaſſt von dem Stande, den er ſeiner Kleidung nach zu repräſentiren. nchung, ſchien, wohl wohnen konnte. 3 3 treffend, Als er ſich endlich in einer öden Gaſſe ſah, welche vom Pöbel verſchont war, trat ein anderer, ebenſo ſchmutziger Fiſcher Mann z ihm.— ng trug.— Biſt Du da, Ottavio. / 4 1 8 — Ja, Excellenz. — Halte das Pferd um neun Uhr Abends bereit. — Und wann kehren Sie zurück, Excellenz. — Ich hoffe, nach zwei Tagen, begieb Dich täglich in das Caſtel Nuovo, um etwaige Depeſchen für mich in Empfang zu nehmen und lege dieſe auf meinen Arbeitstiſch, vergiß auch nicht, das Reiſebündel mit einer anſtändigeren Tacht zu verſe⸗ hen, aber mit einer bürgerlichen— nur keine Uniform— um der heiligen Jungfrau willen, ſie könnte jetzt gefährlich werden. Beide trennten ſich nun, ohne jedoch verſchiedene Richtun⸗ gen einzuſchlagen, Am Abend deſſelben Tages, etwa um die ſechste Stunde bewegte ſich ein Reiſezug vom Caſtel Nuovo langſam vor⸗ wärts.— In kurzer Entfernung folgte ein Mann zu Fuß, der etwa eine Viertelſtunde hinter der Stadt ein Pferd beſtieg und dann in ungeheurer Eile davonſprengte, ſo daß der Zug der Reiſenden weit hinter ihm zurückgeblieben war. 2 Die Vermählung der Seelen. Die Alten richteten ihre Blicke ſtets auf ihr eigenes See⸗ lenleben, um die Gefühle ergründen und ſich der Eindrücke be⸗ wußt zu werden, welche die Außenwelt in ihnen hervorbringt. Gequält von dem Bedürfniß, ſich die Verwandtſchaft zwiſchen den Gedanken und den Dingen ſelbſt zu erklären, empfanden ſie bald jenen unerklärlichen Schauder, jenes Erbeben der Seele, das man fühlt, wenn map in einen dichten Wald, oder in die Eingeweide der Erde dringt. Pshe 14 4 Sie und ſein rung käm Winke un So ſchenwerk gen fähig Da ſich treffe es viellei Sie und geht ranzen,? bare Lan Kau Chriſtod und das vinzen be ſeime ehr Reinlicht verbreite zwiſchen Verbind ſchaffen. Sei theon an Neapel Hände r Hier Pauſiliy Sie hauen nebenein Vo die Luft Ey Gewäch ihre gri⸗ ſeltſame in das fang zu 5 auch verſe⸗ — um werden. Nichtun⸗ Stunde im vor⸗ er etwa dd dann eiſenden nes See⸗ drücke be⸗ vrinie t zwi ſchen uun ſie der Seele, der in die 8 — Sie ſchloſſen daraus, daß an ſolchen Orten der Schöpfer und ſein Geſchöpf in leine unmittelbarere und genauere Berüh⸗ rung kämen, daß der Menſch alſo hier Offenbarungen, geheime Winke und Orakelſprüche ſuchen müſſe. So iſt die Grotte des Pauſilippo, mag ſie auch Men⸗ ſchenwerk ſein, niemals für einen Wanderer, der edlerer Regun⸗ gen fähig, inm geblieben. Da unſere Helden in dieſer berühmten Höhle eines Berges ſich treffen werden, welche das Grab Virgils enthält, ſo dürfte es vielleicht von Intereſſe ſein, Einiges darüber zu erfahren. Sie liegt weſtlich von Neapel, auf dem Wege nach Baja und geht gerade durch einen Berg, deſſen Gipfel von Pomme⸗ ranzen, Weinſtöcken und Pappeln bedeckt, eine liebliche, frucht⸗ bare Landſchaft bildet. Kaum hatte der ſpätere Conſul Agrippa im Jahre 31 vor Chriſto die Schlacht bei Actium gewonnen, kaum durch die Kraft und das Uebergewicht ſeines Charakters mehrere unruhige Pro⸗ vinzen beſchwichtigt, als er groß im Frieden wie im Kriege, ſeine ehrenvolle Ruhe dazu verwandte, im Schoße der Städte Reinlichkeit und friſche Luft durch koſtbare Waſſerleitungen zu verbreiten, die ſchönſten Denkmäler Italiens zu bauen und zwiſchen den verſchiedenen Theilen des Reiches eine leichte Verbindung auf Straßen ober⸗ und unterhalb der Erde zu ſchaffen. Sein Genie führte, ſo zu ſagen, mit einer Hand das Pan⸗ theon auf, und mit der andern durchbohrte er den Berg zwiſchen Neapel und Puzzuola, daß beide Städte ſich einander die Hände reichengfonnten. Hier haben wir alſo den Urſprung von der Höhle des Pauſilippo. Sie iſt in einen Felſen von fünfhundert Ellen Länge ge⸗ hauen und hat verhältnißmäßige Breite, um Raum für zwei nebeneinander fahrende Wagen zu gewähren. Von einem Orte zum andern ſind Höhlungen angebracht, die Luft und Licht oben von der Spitze des Berges erhalten. Epheu, Zweige des wilden Feigenbaumes, tauſend kriechende Gewächſe ſchleichen mitten durch dieſe Oeffnungen hinein und ihre grünenden Kränze ſtehen mit dem grauen Felſengewölbe in ſeltſamem Widerſpruch. Es mochte etwa Abends um die achte Stunde ſein, als eine hohe, weibliche Geſtalt den Weg zur Grotte des Pauſtlippo nahm. Sie trat mit einem frommen Schauder unter das tiefe Ge⸗ wölbe, und es mußte hier Alles den Eindruck auf ſie machen, als ſei ſie im Vorhofe vom Palaſte der Proſerpina. Dichte Finſterniß, welche ihr Auge vergebens zu durchdrin⸗ gen ſuchte, umhüllte ſie bereits. Plötzlich blieb ſie ſtehen und blickte rückwärts, wo alſobald ein Diener erſchien, welcher eine Fackel trug und der nun wie⸗ der fortſchreitenden Gebieterin folgte.— Nach wenigen Augenblicken gelangte ſie nach einer kleinen unterirdiſchen Capelle, welche hier im Felſen gehauen und der heiligen Anna errichtet war; ſie gab dem Diener einen Wink, dieſer ſteckte die Fackel in den Boden und entfernte ſih dann ſchweigend. Sie kniete vor dem Altar nieder, verſank in ein tiefes Gebet und flehte mit heller Stimme zu Gott und der heiligen Anna um Erfüllung ihrer Wünſche, oder um— baldigen Tod. Eine Viertelſtunde ſpäter erſchien in kurzer Entfernung ein Mann. Er erblickte die knieende Geſtalt, welche mit ihrem bleichen Antlitz einer frommen Büßerin glich, und ein ſüßes Weh zog in ſeine Bruſt. Ihr Ton, ihre Geberden übten eine unbeſchreibliche Gewalt auf ihn— er höͤrte von ihren zitternden Lippen ſeinen Namen hauchen, und eine Thräne quoll aus ſeinem Auge hervor. O Macht des Mitgefühls, wie unendlich, wie namenlos, wie gewaltig iſt Dein Zauber! Sein Auge war unverwandt auf ſie gerichtet— ihre ganze Seele ſchien in die ſeinige einzudringen. Auch er vermochte ſich jetzt der Andacht nicht zu erwehren, ſeine Welt war die— Betende, ſeine Gottheit— die heilige Anna, zu der ſie flehte. Er gab ſich einer Inbrunſt des Gebetes hin, wie er ſie noch nie empfunden hatte, und doch war es ein ganz anderes Gebet, wie es ſonſt von Sterblichen emporgeſandt wird. Dieſes Gebet äußerte ſich nicht in Worten, nicht in from⸗ men Andachtsphraſen, und war doch voller Gefühl— ſein Mund als eine auſilippo tiefe Ge⸗ machen, urchdrin⸗ alſobald nun wie⸗ r kleinen t und der en Wink, ſich dann in tiefes heiligen en Tod. rnung ein in bleichen Weh zog he Gewalt en Namen vor. namenlos, hre ganze erwehren, die heilige wie er ſie nz anderes n. t in from⸗ ſein Mund ein Gebet voll Liebe— Schmerz und Wonne zugleich. Endlich erhob er ſich und trat leiſe zu der Jungfrau. Dieſe, obgleich noch immer der Welt fern, in Andacht ver⸗ ſunken, nur das Bild der Heiligen betrachtend, deren kaltes Mar⸗ morantlitz in gleicher Weiſe auf ſie blickte, wie auf alle Vorüber⸗ gehenden und alle Andächtigen, die ſich mit gepreßtem Herzen ihrem Altar nahen, nahm plötzlich die Nähe des Geliebten wahr, ohne ihn noch geſehen oder vernommen zu haben. Sie erhob ſich raſch— der Mann trat näher, und— Leo⸗ nore und Giulio ſtanden einander gegenüber. — Giulio! — Leonore! — Habe ich lange gebetet? — Ich habe die Minuten, die hier dahinfloſſen, nach des Herzens Schlägen gemeſſen, ſie verſchwanden ſchnell, ſchnell auch müſſen wir ſein, Prinzeß, wiewohl ich die Augenblicke Ihnen gegenüber feſſeln möchte für die Ewigkeit, denn ach, es wer⸗ den die letzten ſein, die mir vergönnt ſind, in Ihrer Nähe zu weilen. — Die letzten? — Ja, Prinzeß, ich verlaſſe mein Vaterland und werde es nicht wiederſehen, verſetzte Giulio mit unſäglicher Wehmuth. — Das fürchte auch ich, denn Sie gehen nach Madrid. — Leonore, rief Giulio überraſcht, riethen Sie nicht geſtern noch zu dieſer Reiſe? — Ich that es, Prinz, um Sie durch dieſen Vorwand zur ſchnelleren Flucht aus der Gewalt der gräßlichen Schlächter Neapels zu befreien. — Und nun ſind Sie wieder anderer, Meinung geworden? — Ich ſagte, Giulio, meine Mahnung an Sie, nach Ma⸗ drid zu gehen, war nur ein Vorwand, jetzt ſind ſie frei, ich wie⸗ derhole daher die Warnung, die ich Ihnen gegenüber ſchon im Palaſte Tortoſa ausgeſprochen habe.— Sie ſelbſt ſcheinen Ihr Schickſal in Madrid zu ahnen. — Nicht das Loos, welches meiner in Madrid harren könnte, beſtimmt mich zu der Behauptung, daß ich mein Vaterland nicht wiederſehen werde. Das Opfer von Amalfi.(Bd. II. 20.) 40 5 ſchwieg, und doch waren ſeine Gefühle ſo beredſam, denn es war — Was könnte Sie ſonſt veranlaſſen? — Ich kehre nicht dahin zurück, wo mir kein freudiger Sonnenſtrahl mehr lächeln kann. Ein Ausdruck unbeſchreiblichen Schmerzes malte ſich in den Zügen Leonore's. — Sind Sie davon überzeugt flüſterte ſie leiſe. — Prinzeß— meine Mutter fand unter den Trümmern unſeres Palaſtes ihren Tod— meine Schweſter iſt eine Beute des Geſindels geworden, ſie iſt todt, oder lebt in Elend, Ernie⸗ drigung und Schmach, und ach, mein armer Vater iſt das Opfer des Wahnſinns— der Aufenthalt in Neapel alſo kann nur die troſtloſeſten Erinnerungen in meiner Seele wach rufen; nein, nein, ich will gehen, als ein ruheloſer Pilger ziehen über Land und Meer— der Friede iſt aus meiner Bruſt geſchwunden, ich werde ihn nimmer, nimmer finden. — Giulio, giebt es nichts, was noch in Ihrem Innern lebt? Sollten die Intereſſen des Vaterlandes dem Manne nicht mehr am Herzen liegen, nicht näher berühren, als dieſes die heiligſten Gefühle thuen können? — Für mein Vaterland werde ich auch in der Ferne wir⸗ ken, in wie weit dies gelingen wird, vermag ich nicht zu ſagen, ja, ich werde Neapel im Herzen tragen, wie das Bild einer Braut, aber ich will es nicht wiederſehen. — So zieht Sie alſo keine Sehnſucht nach irgend einem Weſen dahin zurück? ſeufzte Leonore. 4 — Ja, Prinzeß, es athmet ein Weſen, das mich mächtig anzieht; ſoll ich es leugnen, daß noch etwas in meiner Seele lebt, das mir eben ſo theuer, eben ſo hoch ſteht, als die Meinen und das Vaterland?— Soll ich leugnen, daß Sie meinen Geiſt und mein Herz unausgeſetzt beherrſchen?— Aber muß ich Ihnen nicht entſagen auf ewig? 8 Ein düſteres Schweigen trat ein; Giulio hatte die Hand der Prinzeſſin ergriffen, die heiß und glühend in der ſeinen zitterte. — Leonore, nahm er endlich wieder das Wort, gelänge es mir ſelbſt, mein Vaterland zu retten, würde ich es dann in einer glücklicheren Lage wiederſehen, müßten nicht die Erinnerungen an die Meinen, der Anblick der Ruinen meines Ahnenſchloſſes, wie der Gedanke, Sie an der Seite eines Anderen, Imes He⸗ eudiger in den immern Beute Ernie⸗ à Opfer nur die i nein, er Land den, ich Innern ne nicht jeſes die ene wir⸗ zu ſagen, ild einer nd einem mächtig ner Seele Meinen nen Geiſt ich Ihnen die Hand der ſeinen elänge es n in einer nerungen enſchloſſes, eines He⸗ 4½ 8 randez zu wiſſen, jeden Augenblick meines Daſeins trüben, müßte nicht mein ſchönes Neapel mit ſeinen ſonnigen Höhen, ſeinen Weinranken, ſeinen Blüthenfluren und Pommeranzenhainen ſich mir wie ein düſteres Todtengewölbe darſtellen, in dem mich nur Schädel angrinſen, die mich zu verhöhnen ſcheinen? Nein, Leo⸗ nore, für mich giebt es kein Glück, keine Freude mehr auf Er⸗ den, und raſtlos ohne Heimath, ohne Freund, ohne Troſt will ich wandern über Meere und Berge, ja, alle Höhen will ich überſteigen, bis ich endlich an einen Hügel gelangt bin, den ich nicht mehr überſteigen werde, und iſt er noch ſo klein, dort werde ich müde liegen bleiben— da drunter wird man mich betten— die Glocken des Todesdomes haben dann dumpf gehallt, ſie riefen den müden Pilger heim zum langerſehnten Frieden, und er konnte— dem Grabeshügel nicht mehr ausweichen. Wiederum war Schweigen eingetreten, Giulio hatte ſich auf ein Knie niedergelaſſen. Die Hand Leonore's aber, die jetzt heftiger in der ſeinen zitterte, hielt er feſt umſchlungen, als wollte er ſie nie mehr von ſich laſſen. 3 Aus Leonore's Augen rannen heiße Zähren, ihr Herz zuckte, ihre Pulſe ſchlugen fieberhaft. — O dieſe Hand, nahm Giulio wieder das Wort, ich preſſe ſie ſo heiß in der meinen, und doch wird ſie einem Anderen ge⸗ hören. — Nur— die Hand— verſetzte Leonore mit dumpfer Stimme. — Und das Herz? — Bleibt dem Freunde, dem auch die Seele gehört. Giulio zog ihre Hand leidenſchaftlich an ſeine Lippen. — O welch ein Troſt, welche himmliſche Verheißung, rief er begeiſtert aus, dieſe herrliche, dieſe ſchöne, große Seele ſollte mir gehören, o welch ein Troſt wird mir durch dieſe heilige Spende, ſchön iſt es, an der Seite der Geliebten durch das Le⸗ ben zu wandeln, wohl ihm, dem dieſe Wonne beſchieden, ſchöner aber iſt das Bewußtſeiu, ihre Seele ſein nennen zu können— für die Ewigkeit, ja Leonore, laß mich geſtehen, Deine Hand 4 hätte mich beglückt, der Beſitz Deiner Seele aber eröffnet mir ein überirdiſches Daſein ſchon hienieden— alſo ſie bleibt mein auf ewig?— 40* — Dein auf ewig— Giulio. — Giebt es alſo eine Ewigkeit, erfüllt ſich, was die Re⸗ ligion dem Sterblichen als Troſt, als Entſchädigung für ein Daſein von Mühen verheißt, giebt es ein Jenſeits, dann wer⸗ den wir uns dort gehören, laß alſo unſere Seele dieſſeits ver⸗ mählen in der Stunde der Trennung. Schweigend und mit tiefer Rührung zog Leonore den Prin⸗ zen näher zum Altar. Sie hob ihre Hand zum Schwure empor und begann mit lauter und bewegter Stimme: — Ich vermähle Dir hier Angeſichts dieſer Heiligen meine Seele, ſie gehört Dir, Dir allein für die Ewigkeit!— Ginlio wiederholte feierlich dieſen Schwur und eilte dann mit dem in ſchmerzlichem Tone geſprochenen„Lebewohl“ auf den Lippen, zur Grotte hinaus. Leonore wollte ihn zurückhalten, ſte hätte ihm noch ſo Vieles ſagen müſſen, da über die Hauptſache ſelbſt ſo wenig geſprochen worden, allein er war in den dunkeln Hintergrund verſchwunden — und auch von ihren zitternden Lippen tönte es wie ein trau⸗ riges Echo„Lebewohl!“ 8 Ein raſcher Entſchluß. 4 A In Neapel hatte, wie wir bereits wiſſen, der Herzog von Arcos die Unterhandlungen mit den Lenkern des Aufſtandes be⸗ gonnen, und wir kennen das Reſultat derſelben. Man hatte wiederum eine Feier in der Kirche del Carmine veranſtaltet, nach welcher der Biſchof ein längeres Geſpräch mit Maſaniello geführt, deſſen Inhalt uns wohl noch erinnerlich ſein wird. ür ein in wer⸗ ts ver⸗ 1 Prin⸗ an mit mmeine te dann auf den Vieles prochen wunden n trau⸗ kog von ndes be⸗ Carmine räch mit innerlich ie Re⸗ V 629 Die zweite Feier in der Kirche hatte während der Abwe⸗ ſenheit des Miniſters Don Herandez ſtattgefunden, und alle die von uns in früheren Kapiteln beſchriebenen Schreckensſcenen fie⸗ len in die Zeit zwiſchen der erſten und zweiten Kirchenfeier, alſo in den Tagen, in welchen Giulio's Befreiung durch Leonore und deren Abreiſe erfolgte. In dieſe Periode fielen überhaupt die gräßlichſten Blutſcenen des Aufſtandes— wie alle die terroriſtiſchen Maßregeln gegen jeden Einzelnen, der ſich verdächtig zeigte. Zu gleicher Zeit fanden auch die geheimen Zuſammenkünfte Celeſto's mit Don Herandez ſtatt und die Einführung der Päſſe für Diejenigen, welche die Stadt verlaſſen wollten. Nach der zweiten Feier war eine kleine Pauſe im Blutver⸗ gießen eingetreten, das aber noch keineswegs aufgehoben war, und wir werden erfahren, welche Ereigniſſe des Grauſens noch vorkamen. Wir erinnern uns, daß der Erzbiſchof Filamarino nach dem Geſpräche mit Maſaniello den Entſchluß gefaßt hatte, einen Bo⸗ ten zum Herzog von Arcos zu ſenden. In der That erſchien ein Carmelitermönch bei dem Statt⸗ halter, unmittelbar nach der Feier. Der Herzog empfing ihn mit einer ungemeinen Unruhe. — Nun, Padro, redete er ihn an, welche Kunde bringt Ihr? — Die beſte, Hoheit. — Haben ſich die Anführer und das Volk endlich überzeu⸗ gen laſſen? — Der alte Celeſto hat in einer feierlichen Verſicherung die Echtheit des Freibriefes beſtätigt wie alle übrigen Punkte des Vertrages Eurer Hoheit mit dem Volke bekannt gemacht, und ſeine Verſprechungen wurden mit einem wahrhaften Enthuſtas⸗ mus begrüßt. — Alſo man iſt in Neapel zufrieden? — Vorläufig wird gewiß einige Ruhe eintreten. Um des Herzogs Mund ſchwebte ein eigenthümliches Lächeln. — Wir hätten alſo keinen Mord ferner zu erwarten, und das Blutvergießen wäre zu Ende? fragte er. — Ihr ſchweigt, Padre? nahm der Statthalter wieder etwas unruhiger das Wort. 630 1 u de — Hoheit, ich glaube nicht, daß das Mordbeil ganz müßig 35 bleiben wird, verſetzte der Mönch.. Brud — Wenn ich meine Verſprechungen erfülle, verlange ich mine, auch, daß die Führer des Aufſtandes die ihrerſeits eingegangenen dern, Verpflichtungen innehalten. Stad — Dieſe werden gewiß bethätigen, was ſte zugeſagt haben, Gott ſie werden Bekanntmachungen erlaſſen, daß dem Blutvergießen und Einhalt geſchehe, unter keinen Umſtänden aber diejenigen ver⸗ ſchonen, welche noch verfolgt werden. Stat — Dahin gehören?— fragte der Statthalter. — Der Herzog von Mattalone und ſein Sohn— welcher bege entkommen iſt, gab der Mönch zur Antwort. daß — Und der Vater?— 3 ter — Hat ein höchſt trauriges Schickſal— der unglückliche bis Herzog iſt ein Opfer des Wahnſinns geworden. 4 — Der Arme— ich beklage ihn in der That, ſagte der nii Statthalter, und wo befindet er ſich? Sr — In unſerem Kloſter. 6 — Und gerade der Sohn, der ſowohl verrätheriſch gegen iner die Regierung, als auch gegen das Volk gehandelt hat, iſt ent⸗ 1 kommen— und man hat keine Spur, wohin? — Man weiß nichts von ihm, als daß er auf eine wunder⸗ ſag bare Weiſe verſchwunden iſt— ſoviel iſt der Oeffentlichkeit be⸗ 1 kannt, ich perſönlich habe mehr über dieſe Angelegenheit er⸗ fahren.— — Theilen Sie mir dies mit, denn Alles, was dieſen Ver⸗ räther betrifft, intereſſirt mich, weil ich dadurch vielleicht Ver⸗ anlaſſung finden könnte, ihn zu verfolgen. 4 — Der Prinz war mit einem Reiſepaß verſehen, mußte alſo mit Vorwiſſen eines Mitgliedes der proviſoriſchen Regie⸗ rung entkommen ſein. Als er an das Stadtthor gelangte, trat eein Menſch zu ihm, dem als Mönch Verhüllten, und riß ihh die Kapuze ab.. — Und man hat ihn nicht erkannt? rief der Statthalter in äußerſter Spannung. — In dieſem Augenblick nicht, aber es wäre geſchehen, hätte ihn nicht ein anderer, wirklicher Mönch, ein Genoſſe von mir gerettet. Als er die Gefahr erkannte, in welcher der ihm per⸗ ſönlich bekannte Prinz ſchwebte, drängte er ſich durch die Meng⸗ 4* A 1 müßig nge ich Angenen haben, rgießen en ver⸗ welcher lüclich gte der Jegen iſt ent⸗ vunder⸗ keit be⸗ heit er⸗ en Ver⸗ ht Ver⸗ mußte Regie⸗ te, trat iß ihm alter in n, hätte von mir hm per⸗ Meng, d 631 zu dem Prinzen und flüſterte leiſe:„Gott ſei Ihnen gnädig, mein armer Prinz!“ Dann rief er laut:„Wer wagt es, dem Bruder Antonio, einem Mönch des heiligen Kloſters del Car⸗ mine, den Weg ſtreitig zu machen, wer will die Miſſion hin⸗ dern, in welcher er auf Veranlaſſung unſeres Biſchofs dieſe Stadt verlaſſen muß— laßt ihn friedlich ziehen— gehe mit Gott, mein Bruder!“ Dem Pöbel genügte dieſe Erkennung, und Niemand ſtellte ſich ihm ferner in den Weg. — Und er gelangte unangefochten in's Freie? rief der Statthalter mit Haſt. — Der Mönch verfolgte ihn, um zu ſehen, wohin er ſich begeben wollte, kehrte indeſſen bald wieder zurück, als er geſehen, daß er den Weg nach Puzzuola eingeſchlagen. Zwei Tage ſpä⸗ ter, alſo geſtern früh, erfuhr ich durch denſelben Mönch, daß er bis am Abend des anderen Tages ſich in dem Dorfe aufgehalten und erſt von dort aufgebrochen ſei, nachdem der Reiſezug der Prinzeß durchpaſſirt war. Des Herzogs Antlitz verfinſterte ſich— eine gewiſſe Ver⸗ muthung ließ ſein Blut raſcher durch die Adern ſtrömen. — Ihr wißt dies genau, Padre? rief er heftig. — Ich bürge mit dem Heil meiner Seele für meine Aus⸗ ſage, der Bruder Giuſeppo ſagt die Wahrheit.. Der Herzog von Arcos flüſterte etwas leiſe für ſich und blieb dann lange ſchweigend, während ſein unruhiges Weſen mehr und mehr verrieth, daß er einen unheilvollen Entſchluß gefaßt hatte. — Kommen wir nun wieder zur Hauptſache zurück, brach er endlich das Schweigen; wen verfolgt man noch außer dem Prinzen Caraffa? — Seine Erxcellenz, den Miniſter Don Herandez, welcher ebenfalls ſpurlos verſchwunden iſt. — Er iſt nicht verſchwunden, ſondern mit Bewilligung der einzigen Behörde von Neapel abgereiſt, welche ihm Urlaub ge⸗ währen kann, und dieſe bin ich. Der Herzog hatte dieſe Worte mit ungemeiner Entſchieden⸗ heit und beſonderen Stolz geſprochen. — Wohl wahr, verſetzte der Mönch, aber das Volk ſucht den Miniſter, Hoheit, es„hat einen Preis von vierzigtauſend Ducaten auf ſeine Ergreifung geſetzt. 632 Der Herzog ließ ein ſpöttiſches, gellendes Lachen hören und warf auf den Mönch einen zürnenden Zlick. — Der Pöbel ſetzt Preiſe aus, rief er verächtlich, in der That mehr als belächelnswerth, er ſetzt Preiſe aus, die er mit meinem Gelde beſtreiten will, mit dem Gelde, welches er den Re⸗ gierungskaſſen entwendet hat. — Die Anführer des Volkes haben allerdings alle Kaſſen mit Beſchlag belegt und verfügen nach Willkür darüber. — Vierzigtauſend Ducaten— unerhört— nahm der Herzog wieder das Wort, iſt denn der tolle Fiſcher plötzlich ſo an Ueber⸗ fluß gewöhnt, daß er mit dem Gelde umherwirft, als wären es Fiſchſchuppen— dieſes Geſindel klagt über Armuth und Steuerdruck, einerſeits wollten ſie keine Steuern zahlen, anderer⸗ ſeits ſetzen ſie das Geld als Belohnung für die Ergreifung ver⸗ dienſtvoller Leute aus. Der Herzog ſchwieg und ging mit langen Schritten durch das Zimmer, während er düſter vor ſich hinblickte. — Was will man denn von Don Herandez? fragte er nach einer Weile. — Man verfolgt ihn als den Erfinder der Fruchtſteuer. — Für dieſen dem Staate geleiſteten Dienſt alſo ſoll mein braver Herandez büßen? — Wenn man ſeiner habhaft wird gewiß, Hoheit, denn das Volk hat laut geſchworen, blutige Rache an dem Miniſter zu nehmen, und was ein Neapolitaner ſchwört, hält er. — Vierzigtauſend Ducaten verlocken wohl mehr als die bloße Heilighaltung eines Eides, ſagte der Herzog kalt, ſolche dürfte dabei wohl weniger in Betracht kommen. — Etwas thut auch die Habgier. — Sie thut Alles, ſagte der Statthalter— aber ich hoffe, man wird dem Miniſter kein Haar krümmen, vermag ich ihn nicht zu ſchützen und laſſen die Führer des Volkes noch fernere Gräuel zu, dann bin ich auch meiner Verpflichtungen enthoben, und ſie mögen— zittern— was läßt mir der Erzbiſchof alſo eigentlich ſagen? ſetzte er haſtig und etwas ſpöttiſch hinzu. — Seine Eminenz hat mit Mafſaniello ein langes Geſpräch geführt. — Und welchen Zweck hatte dieſes? 4 N hatt 633 — Er hat ihm das Verſprechen abgenommen, daß er für Ruhe ſorgen werde— übrigens iſt der arme Fiſcher recht krank. — Krank— ſagen Sie? — Es ſcheint, er, iſt von einem böſen Fieber ergriffen. — Sehr wahr, Padre, er leidet am Blutfieber, nun wir wollen hoffen, daß es bald wieder mit ihm beſſer gehen wird — ſagte der Statthalter bedeutungsvoll.— — Er wird die aufgeregten Gemüther des Volkes beſchwichti⸗ gen, verſetzte der Mönch, und wir dürfen deshalb wohl auf Ruhe hoffen. — Nennt Ihr es Ruhe, Padre, wenn man noch auf Rache ſinnt? — Warnen Sie den Miniſter, Hoheit, daß er nicht zu⸗ rückkehre. — Ich will es thun, verſetzte der Herzog, der ſelbſt nicht wußte, wohin ſich Herandez begeben hatte. Er verneigte ſich vor dem Mönch und ließ ihn durch ein Zeichen merken, daß er entlaſſen ſei. Dann begab er ſich zu ſeiner Gemahlin und genachrichtigte dieſe, daß er den Befehl zur augenblicklichen Rückkehr Leonore's und zu deren ſchleunigen Vermählung mit Herandez geben wollte. Die Herzogin erklärte die Maßregel für gut und der Statthalter entfernte ſich, um in Mönchstracht den Weg zu Ginlio's Vater zu nehmen. Der wahnſinnige Prophet. Als der Statthalter in die Zelle Mattalone's getreten war, hatte er den Unglücklichen kaum wieder erkannt. Welche furchtbare Aedadenua war mit ihm in wenigen Tagen vorgegangen. Sein kühnes glühendes Auge war matt und glanzlos ge⸗ worden,— ſeine Haut trocken, ſchuppig und gelb— ſeine Züge ihn; u waren ſchlaff und verriethen einen ſchmerzlichen Ausdruck. iilleic — Wer naht da? fragte er, nachdem er den Eintretenden khat, 3 lange angeſtiert hatte. 4 — Kennt der Herzog von Mattalone ſeine alten Freunde währe nicht mehr? auch; — Der Herzog hat keine Freunde mehr, nur Henker drän⸗ 3 fahren gen ſich um ihn; gehörſt auch Du zu den Henkern von Neapel, Fremdling? hier iſt mein Kopf. Ausku Er hatte ſich von dem ledernen Seſſel, auf welchem er ſaß, 2 erhoben, knieete dann vor demſelben nieder, um ſein Haupt wie ſchmit auf einen Block zu legen, der Statthalter hielt ihn zurück. wahrt — Um Gottes Willen, Herzog, rief er, welch ein Begineen Kiiche — kennen Sie denn den Vicekönig ſo ſchlecht, daß Sie ihn überg für einen der Henker Neapels halten. 3 Der Angeredete blickte ihn lange an und ſchien dann von Blicke einer Erinnerung angewandelt zu werden. zu B. — Ja, ja, ſagte er haſtig, jetzt erkenne ich Sie, Sie ſind 4 der Herzog von Arcos, ach ſehen Sie nur, wie ſchlecht es mir keit, geht, fuhr er fort, während er ſeine hervorbrechenden Thränen Gott trocknete; ſie haben mir Alles genommen, meinen Palaſt nieder⸗ gebrannt, mein Weib unter die Trümmer meines Schloſſes be⸗ Ihne graben, meine Tochter geraubt und mich ſelbſt haben ſie hierher I mein geſchleppt, aber ſie wollen mir den Kopf nicht abſchlagen, trotz⸗ dem ich ihn ſchon ſo oft auf dieſen Block gelegt habe, erbarmen 1 theil Sie ſich meiner, Hoheit— ich kann dieſes Haupt nicht mehr 1 von tragen— es iſt mir ſo ſchwer geworden, es kann ſich auf dem 1 über, Rumpf nicht länger halten— ach, ach! mer Er bedeckte ſein Antlitz mit den Händen und weinte laut. den — Sie haben mir gar nichts von Ihrem Sohne geſagt, 3 haber Herzog von Mattalone, verſetzte der Statthalter ziemlich gleich⸗ „giltig, aber in einem Tone, aus dem hervorging, wie gern er dar⸗ über den Letzteren etwas zu hören wünſchte. 4 ſche — Mein Sohn? ſagte der Angeredete— ſie haben mich 3 auch von meinem Giulio getrennt, ach, er war eigentlich unge⸗ horſam, denn er nahm ſtets Partei für die Henker ſeines wan Vaters.. wir — Ja, ja, die grauſamen Schlächter haben ihm die Ehre beftr ſeiner beſonderen Zuneigung ſchlecht gedankt, denn ſie verfolgen ₰ „ & gezie Voll trüg e Jüge etenden greunde drän⸗ ſeapel, et ſaß, pt wie k. ginnen ie ihn in von je ſind s mir hränen nieder⸗ ſes be⸗ hierher trot⸗ darmen tmehr uf dem laut. geſagt, gleich⸗ ern er mnich unge⸗ ſeines Chre rfolgen 3“ ihn; aber ich will ihn beſchützen und ſeinen Aufenthalt erfahren. vielleicht werden Sie mir ſagen können, wohin er ſich begebe hat, ob er dort auch Schutz gefunden? — Hoheit, verſetzte Mattalone nach längerer Ueberlegung, während er ihn ſcharf firirte, ich weiß es nicht, aber wäre dies auch der Fall, Sie würden es in dieſem Augenblick nicht er⸗ fahren. — Warum wollen Sie dem theilnahmsvollen Freunde dieſe Auskunft verweigern? fragte der Statthalter gereizt. — Weil ich in Ihren Augen Liſt erkenne, es iſt jener ver⸗ ſchmitzte Ausdruck darin unverkennbar, den man ſo oft an Ihnen wahrnimmt, ganz ſo ſahen Sie aus, als Sie mich nach der Kirche del Carmine ſchickten, damit ich dem Volke den Freibrief übergeben ſollte. Des Statthalters Antlitz verfinſterte ſich, er lenkte ſeine Blicke durchdringend auf den Herzog, ſchlug ſie aber bald wieder zu Boden. — Sie beleidigen mich, ſagte er mit erheuchelter Traurig⸗ keit, aber ich verzeihe Ihnen, denn Sie ſind krank— ſehr krank,⸗ Gott möge Ihnen helfen. 4 — Es war ein ſchlechter Streich, Hoheit, ein Streich, den Ihnen die heilige Jungfrau verzeihen möge, ich habe mich und mein ganzes Haus durch meine Betheiligung daran verſündigt. — Herzog von Mattalone, ich bin zu Ihnen gekommen als theilnehmender Freund, um mich zu erkundigen, ob, was man von Ihnen berichtete, Wahrheit oder Dichtung ſei, und nun überzeuge ich mich leider, daß das Erſtere der Fall iſt; ja, ar⸗ mer Mann, Sie ſind Ihres Verſtandes beraubt, Sie wür⸗ den dieſe Sprache mir gegenüber ſonſt wahrlich nicht geführt haben. — Möglich, daß ich wahnſinnig bin, wiewohl ich nicht daran glaube, denn ich ſehe klar genug, Hoheit, daß wir einen ſchlechten, gemeinen Streich begangen haben, einen Streich, un⸗ geziemend für Edelleute, aber wir ſind ſo daran gewöhnt, das Volk in den Staub zu treten, es zu übervortheilen, wie und wann wir es können, daß wir es für ein Laſter hielten, wenn wir offen zu Werke gehen. Mich hat der Himmel ſchon hart beſtraft, aber er wird Sie, den Häupter aller Liſten und Be⸗ trügereien einſt eben ſo büßen laſſen; warten Sie nur, die Zeit 1 wird kommen, wo die Worte des wahnſinnigen Propheten ſich ſchrecklich erfüllen werden. Dieſe Worte klangen furchtbar, den Statthalter wandelte ein Grauen an, wie nie zuvor— ſein Herz pochte hörbar, er war einige Augenblicke von einer förmlichen Betäubung einge⸗ nommen. — Herzog, was ſagen Sie? nahm er nach einer kurzen Pauſe das Wort, Ihre Rede enthält etwas von einem Fluch. — Warum ſoll ich es allein tragen? rief der Angeredete mit Thränen, während ſeine Stimme bebte. Ich war nur der Helfershelfer, Sie der Anführer, Sie und der gelbe Spanier, wie man ihn in ganz Neapel nennt, der Mann, dem Sie die Prinzeß vermählen werden— ha, ha, ein Schwiegerſohn— ganz Ihrer würdig.. — Sie wiſſen nicht, was Ihre Zunge ſpricht, rief der Statthalter unwillig— fort, fort von dem Wahnſinnigen. Er wollte ſich entfernen, aber der Herzog warf ſich auf ihn mit einer plötzlich zum Ausbruch gekommenen grimmigen Wuth. — Wahnſinnig nennen Sie mich, Hoheit? rief er mit ſchrecklichem Lachen— gut, wenn ich es bin, ſo möchte ich der heiligen Jungfrau tauſend geweihte Kerzen aus Dankbarkeit da⸗ für anzünden, denn in dieſer Verrücktheit hatte ich oft lichte Augenblicke— ſeltſam, daß mir dieſer Wahnſinn ſagte, wie ich als Vernünftiger hätte handeln müſſen— ſie zeigt mir den Ab⸗ grund, vor welchem ich ſtehe, ſie führt mir alle die gräßlichen Blutgeſtalten vor die Augen, das brennende Neapel, die heulen⸗ den Henker— die blutigen Köpfe— den Tyrannen auf der Zinne des Caſtel Nuovo, ſein gräßliches Lächeln, während er mir den Freibrief übergab, o, es ſind Bilder, die mein Blut zu Eis gerinnen laſſen, aber jetzt, fuhr er mit einem kalten Schau⸗ der fort, indem er den Statthalter von ſich ſchleuderte, jetzt ſtür⸗ zen Sie von den Zinnen des Caſtells, in dem Sie ſich verſteckt haben, in die Tiefe, hu, wie gräßlich heulen Sie, und ſehen Sie nur, wie das Volk herbeiſtrömt, ein Jeder hat ein Gefäß in der Hand, um Ihr Blut aufzufangen, tobende Männer, kreiſchende Weiber, ſchreiende Kinder— ſie reißen Ihre Glieder auseinan⸗ der und vertheilen ſie untereinander: die Ruffiani's bemühen ſich am eifrigſten danach, aber Maſaniello, der tolle Fiſcher, ſteht auf ſeiner! argen laßt m Tyrann ſtecken! E halter, E er wol es war E fernen, der R ſtirbt T wöhnt derger die ih ſen be ( teſten wicht theile härte büßen Sie auf ich d art Weg ſch welch eeredete aur der panier, Sie die ohn— ief der n. ſich auf nmigen er mit ich der keit da⸗ tt lichte wie ich den Ab⸗ äßlichen heulen⸗ auf der rend er Blut zu Schau⸗ zt ſtür⸗ verſteckt hen Sie zin der eiſchende einan⸗ hen ſich teht auf — —— . 637 ſeiner Blutbühne und ſieht mit ſeinen glühenden Blicken dem argen Schauſpiel zu— hören Sie, wie er ſchreit:„Den Kopf laßt mir— dieſen Kopf, der ſo viel Trug erſonnen, ſo viel Tyrannei erdacht, will ich mit eigener Hand an den Pfahl ſtecken! Er hielt inne und holte heftig Athem, während der Statt⸗ halter, bleich wie der Tod und, regungslos daſtand. Er wollte fliehen, allein er konnte nicht von der Stelle— er wollte ſprechen, doch er vermochte keinen Gedanken zu faſſen, es war, als ob der wahnſinnige Prophet ihn bezaubert hätte. Endlich hatte er ſo viel Kraft gewonnen, um ſich zu ent⸗ fernen, aber wieder hinderte ihn der Herzog. — Bleiben Sie, Sie ſollen noch mehr hören! — Laß mich, Wahnſinniger, Hülfe! Hülfe! — Ja, rufe nur nach Hülfe— es iſt zu ſpät— Du kannſt der Rache des Volkes nicht mehr entgehen— ha, wie ſchrecklich ſtirbt doch ein Tyrann! Der Statthalter hatte ſich jetzt an den Wahnſinnigen ge⸗ wöhnt, ſeine Geiſtesgegenwart, die ihn ſelten verließ, völlig wie⸗ dergewonnen, und mit ihr kehrte auch die Verſchmitztheit zurück, die ihm ſagte, wie er erfahren könnte, was er eigentlich zu wiſ⸗ ſen begehrte. Es war ihm bekannt, daß man den Wahnſinnigen am leich⸗ teſten bändigt, wenn man auf ſeine Ideen eingeht. — Herzog, ſagte er traurig, es iſt wahr, ich bin ein Böſe⸗ wicht, ich habe dem Volke arg zugeſetzt, nicht nur oft Todesur⸗ theile für geringe Vergehen vollſtrecken laſſen, ſondern auch die härteſten Steuerlaſten dem Lande auferlegt— aber ich will büßen— Sie haben Recht— ein Tyrann muß ſterben, doch Sie werden Mitleid mit mir haben und einſehen, daß ich nicht auf ſo ſchreckliche, entmenſchte Weiſe enden kann, warum ſoll ich die Beute des heulenden Pöbels werden, ich will eine Todes⸗ art ſterben, die meiner würdiger iſt, und Sie ſollen mir den Weg dazu bahnen— wollen Sie dies thun? Der Unglückliche ſah ihn mit einem Blicke an, in welchem ſich Zweifel und ein gewiſſer Triumph zugleich ausſprachen. — Ja, ſagte er nach einiger Ueberlegung, ich bin bereit, welches Todes wollen Sie ſterben— ſoll ich Sie erdroſſeln? — Das wäre Ihrer unwürdig, Herzog, Sie werden ſich 638 unter keinen Umſtänden entſchließen, als Edelmann die Rolle eines Henkers zu ſpielen, verſetzte der Statthalter mit ungemei⸗ ner Ruhe. — Wahr, ſagte der Herzog; aber auf welche Weiſe wollen Sie denn enden? — Durch Gift! — Ich würde Ihnen gern dienen, aber ch beſitze es nicht. — Sie kennen einen Apotheker in Averſa, der Gifte berei⸗ tet, welche nicht ſogleich tödten, ſondern allmäligen Wahnſinn herbeiführen, der ſich dann ſteigert, bis das Opfer ſtirbt— Sie ſelbſt ſagten mir dies einſt. — Ja, ich erinnere mich, ſagte der Herzog erbleichend, ich wollte ſie— tödten— o der Geheimſchreiber, ſchrecklich, ſchreck⸗ lich— Sie wollten ſich dieſe Qualen bereiten? wendete er ſich dann laut zu dem Statthalter, der ihn mit lauernden Blicken betrachtet hatte. — Sie werden begreifen, daß ein Tyrann ſolche Strafe verdient. — Ja, Sie verdienen mehr— — Das Gift hat alſo die Eigenſchaft, daß man ſeine Spu⸗ ren an der Leiche nicht entdecken kann und giebt den Anſchein, als wäre das Opfer auf natürliche Weiſe geſtorben. — Und Sie ſollen ja eben unnatürlich ſterben, Hoheit, zum Triumphe des Volkes und als Beiſpiel für alle Tyrannen. — Sie irren, wenn Sie glauben, daß ſolche Beiſpiele die Tyrannen abſchrecken, im Gegentheil, ſie werden dieſe nur mehr erbittern und alle Fürſten der Nachbarſchaft würden für den Tod des Regenten an dem Volke von Neapel furchtbare Rache nehmen. — Das Land würde mithin noch unglücklicher ſein. — Alſo wie heißt der Apotheker? — Leonardo Santonini. — Gut, ſagte der Herzog mit einem Ausdruck der Befrie⸗ digung, und er iſt in Averſa bekannt? — Jedes Kind wird Ihnen den alten Giftmiſcher nennen. — Ich will ſogleich zu ihm und mir das Gift reichen laſ⸗ ſen, ſagte der Statthalter mit argiiſtigem Lächeln, indem er ſich entfernen wollte. — Halt, rief der Wahnſinnige, dem etwas in den Mienen — des Her betrüge belebt Er nicht d mit fur indem reichen Leben, zu ſter nicht e E anſtren dies zu D Augeng herein kunft! D ſeinen Stimn B Stattt Erſtere Stätt erſchei ausſa⸗ 639 uun des Herzogs von Arcos aufgefallen ſein mußte— Du willſt mich 1 K⸗ n- betrügen, ſetzte er hinzu, als ob er von einem neuen Gedanken* ual belebt wurde. en Er ergriff den Angeredeten und rüttelte ihn gewaltig. — Was willſt Du mit dem Gifte beginnen? Du wirſt es . nicht an Dir ſelber anwenden, heuchleriſcher Feigling! rief er uicht. mit furchtbarer Stimme. 3— Laß mich los, Wahnſinniger! verſetzte der Statthalter, nfinn indem er heftigen Widerſtand leiſtete.. ie— Nicht eher bis Du mir ſagteſt, wem Du das Gift reichen willſt? nd) ich— Mir ſelber! 1 ſchrec⸗— Du lügſt, rief der Herzog, Du legſt nicht Hand an Dein er ſich Leben, Du biſt zu genußſüchtig, hätteſt Du im Sinne geführt, Blicen zu ſterben, dann würdeſt Du das Volk nicht betrogen haben, nicht ein Poſſenreißer geworden ſein. Strafe Er rüttelte den Statthalter mit ungewöhnlicher Kraft⸗ anſtrengung und drohte, ihn zu erdroſſeln.. — Hilfe, Hilfe, krächzte Jener, doch lauter, angſtvoller als e Spu⸗ dies zum erſten Male geſchah.. nſchein, Dieſer Hilferuf blieb nicht ohne Erfolg, nach wenigen . Augenblicken ward die Thür aufgeriſſen, einige Mönche ſtürzten it, zum herein, gefolgt von dem Biſchof Filamarino, der von der An⸗ n. kunft des verkappten Statthalters Kunde erhalten hatte. iele die Die Geiſtlichen blickten beſtürzt auf den Herzog, welcher er mehr ſeinen Feind noch nicht aus den Händen ließ. für den— Kein Hader, begann endlich der Biſchof mit feierlicher Nache Stimme; kein Hader in dem Hauſe des Friedens. Bei dieſen Worten des Prälaten hatte der Herzog den Statthalter von ſich geſtoßen und wendete ſich dann zu dem Erſteren. — Hochwürdigſter, ſagte er mit weinender Stimme— die Beftie⸗ Stätte hier iſt heilig, aber ſie wird entweiht, wenn dieſer Mann erſcheint, in ſeiner Nähe kann kein Frieden weilen. ennen.— Du ſollſt Deinen Nächſten lieben, mein Sohn und nicht hen laſ⸗ ausſagen allerlei uebeles wider ihn, ſagte der Biſchof.. er ſich— Er hat das Volk von Neapel raſend, wahnſtnig gemacht, mich und die Meinen ins Verderben geſtürzt, er will noch mehr Mienen 2 ſondern Wahrheit. — Der Unglückliche, wie beklage ich ihn, fiel der Statthalter mit erheuchelter Theilnahme ein. — Gott und die heilige Jungfrau mögen Dich in ihren Schutz nehmen, mein Sohn, nahm der Biſchof mitleidsvoll das Wort; Deine Seele iſt krank, möge ſie bald geneſen und erlöſt werden. Er entfernte ſich, gefolgt von dem Statthalter, während die Mönche, welche niedergekniet waren, bei dem Kranken blieben. Nachdem der Herzog von Arkos noch ein kurzes Geſpräch mit dem hohen Geiſtlichen geführt hatte, entfernte er ſich. — Der Himmel ſchütze auch Sie, Hoheit, rief er, als Jener ging, er möge Ihren Geiſt erleuchten zum Wohle des Landes und zu Ihrem eigenen. — Amen!— ſagte der Herzog von Arcos und ſchritt zur Thür hinaus. Er trat den Rückweg nach dem Caſtel Nuovo gedankenvoll an und gelangte zerſtreut in ſein Gemach. Eine Stunde ſpäter eilte ein Bote nach— Averſa, und der Geheimſekretair hatte den Auftrag erhalten, Einladungen an die benachbarten Regenten zur Vermählungsfeier ſeiner Tochter auszufertigen. Unheil anrichten, irch Gift— das iſt keine Verläumdung, tthalter ihren oll das derlöſt dährend Kranken Heſpräch h. is Jener Landes ritt zur nienvoll und der igen an Tochter ndung 1 4* rey Control Chart 93 Green Vellow Hed Magenta