iot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und LCeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— V für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —xy— —————— auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 7 r„ 7—„ 5. Auswäürtige Abennenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ledanpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1bede oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt aum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Feit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird F eſam gemacht, daß das Weiterverleihen L darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4, N8 y dafür zu ſtehen haben. Die Kircheinweihung von Hammarby. 6 Von Frau Emilie Flygare⸗Carlén. Au s eMShwediſchen. 4tes bis 6tes Bändchen. —--— 4 Stuttgart. 1 Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. 3 n—9 G 28— Erſtes Kapitel. „Ho, ho, mein Junge,“ ſagte er,„habe keine ſolche Eile ich werde die Ehre haben, Dich zu unterrichten; daß Du den Fuchs zum Rival haſt!“ Der Fuchys iſt, wie Sie ſehr wohl wiſſen, ein Thier, das nichts thun kann, ohne zu intriguiren; und da er bisher in allen ſeinen Abenteuern gluͤcklich war, ſo glaubte er ohne Schwierigkeit den Hund ausſtechen zu koͤnnen Bulwer⸗ „Nun, iſt das nicht unſer feiner Baumeiſter, der da aus dem Chaischen ſteigt, mein Herr Schwager ſagte die Baronin von Rawenſtein, indem ſie ihre Brille aufſetzte und ſich von der Beſchauung des Reiſenden wieder zu dem Grafen wandte, der an einem Tiſch in einiger Entfernung damit beſchäftigt war, Planzeich⸗ nungen zu einem neuen Stallgebäude zu entwerfen. Seine Gnaden näherten ſich, und fanden, mit einem gütigen d Lächeln und einem höchſt gnädigen Nicken nach dem! Architekten, daß die Sache ihre volle Richtig⸗ keit hatte. „Ja, meiner Seele, er iſt es,“ ſagte der Graf in gewöhnlichem Tone.„Wäre er jetzt nicht gekommen, ſo hätte er die Kirche in Groß⸗Hammarby nicht bauen dürfen; denn ich war gerade auf dem Wege... doch.. Es iſt ein ſehr artiger und brauchbarer junger Mann, und kommt wie gerufen, um mir bei der Zeichnung mei⸗ nes neuen Stglles zu helfen.“ Die Gräfin ſaß am andern Ende des Saales und folgte mit mütterlicher Beſorgtheit dem Ausdruck in Graf Albano's Zügen. Er ſtand mitten im Zimmer und war mit ſeinem Lieblingsvergnügen beſchäftigt, damit nämlich, den Favorite⸗Mops ſeiner Mutter zu reizen; aber bei dem erſten Wort von der Ankunft des Architekten ſtieß er den unſchuldigen Mops mit einer heftigen, beinahe unbewußten Bewegung des Fußes von ſich, und ſah aus, wie ein gereizter Tiger. ¼ Die Gräfin ſate nichts; aber ſie fühlte, um mit g einer berühmten Schriftſtellerin zu ſprechen, in der Luft, 3 daß die veränderte Stimmung ihres Sohnes von gedan⸗ kenloſer Ruhe zu gereiztem Zorn mit der Ankunft des Architekten in Verbindung ſtand; und dieß war nicht das erſtemal, daß die Gräfin den großen Widerwillen bemerkt hatte, den Albano gegen Leilern hegte. Was die Urſache davon ſein konnte, wußte ſie nicht; aber wo derſelbe auch ſeinen Urſprung haben mochte, ſo hoffte ſie ihm auf die Spur zu kommen. Nach einigen Minuten ging es im Vorſaale und der Graf beliebte ſelbſtadie Thüre zu öffnen, um Herrn Leiler willkommen zu en. Der Architekt vollendete die große Begrüßun 8⸗Ce⸗ remonie, aus tiefen Bücklingen zur Rechten und einkend beſtehend, mit all' der anmuthigen Gewandtheit, die inn ſo einnehmend machte. Nicht das geringſte Zeichen der eben empfundenen heftigen Gemüthserſchütterung erſchien in ſeinen männlich feſten Zügen. Sein Reiſeanzug von blauem Tuch mit zierlich uͤber der Bruſt gekreuzten Schnüren gab ihm ein huſarenähnliches Ausſehen, das beſonders der Baronin gefſiel, die ſtets mit beſonderer Huld dieſer Gattung von Söhnen des Kriegsgottes ge⸗ wogen geweſen war. Dann machte unſer Held eine gehorſame Entſchul⸗ digung, daß er die unverzeihliche Kühnheit begangen. habe, ſo wie er ſei, hereinzutreten; aber— er lächelte. und zuckte die Achſeln. 4 „Aber der Herr wußte nicht, wo er ſeine Toilette machen ſollte,“ fiel der Graf ein, der ihm gerne aus der Klemme half, in welcher er ihn vermuthete.„Es war die Schuld des alten Borgſtedt's, der es außer Acht ließ, Herrn Leiler ſeine Zimmer im nördlichen Flügel zu zeigen. Indeſſen iſt der Herr, wie mir ſcheint, ganz recht, ſo wie er iſt. Kommen Sie und ſetzen Sie ſich, damit wir etwas ſprechen können! War der Herr ſchon im Probſthofe?“ 3 „ Ja, ich hatte die Ehre, dem Probſt Frenkmann i im Vorbeigehen für ſeine freundliche Gaſtfreiheit zu danken; v 5 —— 7 aber da ich hörte, daß der Herr Graf mich mit einer Verän⸗ derung meines Wohnorts zu überraſchen beliebte, ſo wollte ich nicht ausſpannen laſſen, ſondern reiste ſogleich hieher.“ „Ja, das war recht. Der Herr hat meiner Treu ch warten laſſen.“ 8 Herr Graf, aber die Jahreszeit war lange genug auf ſi „Fin wenig, auch nicht günſtig für die Arbeit, indeſſen ſoll es jetzt mit erneuerter Thätigkeit daran gehen.“ „Ja, ich bezweifle nicht, daß der Herr Leben und Bewegung unter die Leute bringen wird, wenn er nur einmal wieder recht im Geſchirre iſt; aber kommen Sie jetzt der Abchechslung willen da her und ſehen Sie mein Baumeiſtertalent. Ich will einen neuen Stall bauen; glaubt der Herr, daß der Plan da taugt?“ Der Architekt machte artig ſeine Einwürfe und Aenderungen, und der Graf war ganz entzückt über das Licht, das dabei ſeinem eigenen artiſtiſchen Kopfe aufging. Während dieſer Zeit beſiegte Graf Albano ſeinen erſten Eindruck in ſo weit, daß er zum Beginne des gefaßten Planes an den Tiſch trat, und ſich dort ſo nachläſſig als möglich hinſtellte, um des Baumeiſters kecke Kreuze und neuen Züge auf dem Plane zu betrachten. „Es freut mich von Herzen, den Herrn Grafen wieder hergeſtellt zu ſehen,“ ſprach Leiler und maß mit einem ſchnellen Blick Albano's eckige Züge. Sie waren ſcheinbar ruhig, wie die des Architekten, aber dazwiſchen gleitete aus Beider Augen, von den Andern und ihnen ſelbſt ungeſehen, ein und der andere vorſichtig ſchleichende Blick, nicht unähnlich dem der Katze, wenn ſie nach einem Raube ſchnüffelt. „Herr Leiler findet Albano friſcher, als wo der Herr Hammarby verließ,“. ſprach der Graf.„Das iſt auch nicht zu verwundern. Der Herr kann ihm jetzt enden Couſine, dem gratuliren, denn er iſt mit ſeiner reiz Fräulein von Rawenſtein, verlobt.“ „Wahrhaftig!“ Die Augen des Architekten blitzten heller, als wenn er ſelbſt der Bräutigam geweſen wäre, und ſein Glückwunſch athmete den gewählteſten Roſenduft, Wer ſich am wenigſten zufrieden fühlte, war die Gräfin, die den vertraulichen Ton ihres Mannes mit dem Baumeiſter ziemlich bedenklich fand; und noch mehr Bedenklichkeit empfand ſie bei ſeiner Einladung, in den Reiſekleidern da zu bleiben, ein Ding, das beſtimmt egen alle Regeln des Auſtandes ſtritt. Leiler half ihr jedoch ſelbſt aus dieſer unangenehmen Lage; denn er fand es höchſt unpaſſend, die Geduld ſeiner Patronin noch länger zu prüfen; und nachdem er den Grafen in Beziehung auf das Stallgebäude vollkommen befriedigt hatte, entfernte er ſich, um die neuen Zimmer in Beſitz zu nehmen.. Die Gräfin, in deren Gunſt er durch dieſen Beweis von gutem Tone wenigſtens für den Augenblick ſtieg, nickte mit dem Kopfe und beliebte ſogar die Ahnung eines Lächelns auf den etwas bleichen Lippen zu zeigen, als ſie den Architekten zum Thee willkommen hieß, der um ſieben Uhr ſervirt werde. Als Leiler über den Burghof nach dem Flügel zu ing, den er bewohnen ſollte, ſah er wieder nach dem Fenſter im öſtlichen Baue hinauf. Daſſelbe Bild zeigte ſich noch dort; aber es verſchwand im Nu, und hinter den ſchnell und gut verſchloſſenen Jalouſien ſtand Thelma von Rawenſtein mit weit höherem Herzklopfen, als da⸗ mals, wo ſie an demſelben Fenſter und hinter denſelben Jalouſien vor einem Jahre ungefähr zum erſtenmal den gefährlichen Architekten betrachtet hatte. Indeſſen war Leiler von dem alten Borgſtedt ein⸗ geholt worden, der ſeine Verſäumniß mit einem Gang nach dem Sägwerke entſchuldigte, aber jetzt mit artiger Dienſtfertigkeit die Thüre zu den kleinen hübſchen Zim⸗ mern öffnete, die für den Herrn„Baumeiſter“ beſtimmt waren, wie der Alte, der das rein Schwediſche liebte, ſich auszudrücken pflegte. Leiber ſprach ſeine vollkommene Zufriedenheit aus, und nahm jene ſogleich in Beſitz, indem er alle ſeine beweglichen Sachen darin herumlegte, die aus dem Ge⸗ fährt hereingetragen wurden. Unter dieſen entdeckte ——— — 89—, ⏑ν—— —— N—̃— NoN — 9 Borgſtedt's ſcharfes Auge zu ſeiner großen Verwun⸗ derung dieſelbe Reiſetaſche, die Graf Albano in jener geheimnißvollen Nacht in der Grotte vor ſich auf dem kiſch gehabt, aber dann auf die Moosbank geworfen hatte. „Aha! ſteht es ſo?“ dachte der Greis, und ein Schimmer brach ſich jetzt durch das Labyrinth der räth⸗ ſelhaften Vermuthungen, in denen er ſo lange herum⸗ getappt hatte.„Die gehört alſo dem Baumeiſter, iſt von ihm zurückgelaſſen, von dem Grafen aber gefunden worden, der ſie geöffnet und Dinge gefunden hat, die ſtark genug waren, um ihm den Kopf zu verdrehen. Nun, ich bin begierig, wohin das jetzt führen ſoll, ver⸗ muthlich in einen hölliſchen Abgrund; denn nur ein Ding konnte ihn in den Zuſtand verſetzen, worin ich ihn fand. Und dieſes Ding— ja, ja! So unglaub⸗ lich es auch ſcheinen mag, ſo war doch in der ſchwarzen Lederhülle dort ein Leitfaden dazu. Hm! hm! wenn ich das begreife! Liebesbriefe können ſie nicht gewechſelt haben; ſo weit war es nicht gekommen, darauf könnte ich ſchwören.“ eiler war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um auf die Forſchungen des alten Borgſtedt Acht zu geben. Und nachdem es der letztere für paſſender gefunden hatte, jene in ſeinem eigenen Zimmer, als in dem des Architekten fortzuſetzen, wünſchte er ſeinem Gaſte wohl zu leben; und nach einigen unbedeutenden Fragen und Antworten trat der Alte ab, um den Faden des verwor⸗ renen Gewebes herauszufinden. Sobald Leiler allein war, ſchob er den Riegel vor und warf ſich auf den Sopha. In demſelben Augen⸗ blicke legte er auch ſeine Maske ab. Man hätte ſehen ſollen, wie dieſe eben noch ſo ſchönen und ruhigen Züge in Aufruhr geriethen. Anfangs ruhte eine finſtere Nacht über ihnen; aber allmählig ſchimmerte in ihr ein graues Morgenlicht. Der Tag beſiegte die Nacht, die Schatten ſanken und es wurde hinlänglich hell, um den Kampf zwiſchen den äußern und innern Kräften, die brauſend 10 Porneinande anſtürmten, bemerken zu können. Die ugen ſprühten Feuer, die Naſenflügel öffneten ſich, die Stirne glühte, die Lippen zitterten von gichtiſchen Zuckungen, und hinter ihnen knirſchten die Zähne, wie bei einem verwundeten Tiger. Habt Ihr nie einen Menſchen in Wuth geſehen? Er gleicht den losgelaſſenen Elementen. In ihm braust es, eben ſo wild und zerſtörend, wie in der Natur; aber die Wirkun⸗ gen haben nicht dieſelben wohlthätigen Folgen. Ein Sturm in der Natur reinigt den Luftkreis; aber der Sturm im Innern des Menſchen zerreißt manchen von den Fäden ſeines feinen Gefühls, um ſie nie mehr wieder zu knüpfen. In der Bruſt des Architekten, die vor einigen Stun⸗ den noch eine ruhige Wohnung der Friedens⸗ und Liebes⸗ genien geweſen war, hatte der Beſuch im Probſthofe eine Menge aufrühreriſcher Kräfte gehäuft, die, während der Aufwartung bei der gräflichen Familie gezügelt, jetzt freien Spielraum bekamen und ſo hausten, daß jede Fiber, jeder Pulsſchlag, jeder Blutstropfe ſeine Kampf⸗ luſt an dem anderu ausließ. Der Architekt fühlte das wahrſcheinlich nicht; denn er wurde dabei weder von einem Vorſatze noch Beſchluſſe, noch irgend einem klaren Bewußtſein geleitet, aber Ge⸗ danken und Gefühle, wenn einmal losgelaſſen, wüthen dann weit umher, und gleichen bisweilen ſpähenden Schmugglern, die einen Aufbewahrungsort für ihre ver⸗ borgenen Güter ſuchen. Stolze Selbſtſucht, jener allgemeine Grundzug des männlichen Charakters, war der Ausgangspunkt aller an⸗ dern Eigenſchaften des Architekten, ſeiner Empfindungen und Handlungen. Man wird deßhalb leicht begreifen, daß er ſich bei der Enttäuſchung in Beziehung auf das unbegrenzte Vertrauen der Geliebten zu ſeinen Worten— etwas, das er für eben ſo natürlich und unentbehrlich hielt, als den Glauben an die Liebe eines höheren We⸗ ſens— auf eine Art verletzt fühlte, die nur von denen verſtanden werden kann, die wie Leiler für den Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe Götter ſein wollen, und deßhalb eine d ———— ——— 11 Abweichung von dem Glauben an ſie ſelbſt beinahe wie das Vergehen der Mutter Eva betrachten, als ſie im Paradieſe das Verbot ihres Herrn und Schöpfers vergaß. Eva wurde zu Mühe und Beſchwerde hinausgetrie⸗ ben; aber Alfhild's Urtheil konnte nicht ſo ſtreng aus⸗ fallen, denn der Engel, der das Paradies der Liebe im Herzen des Architekten bewachte, ſtritt für Alfhild und würde geſiegt haben, wenn nicht die Anſpielungen des Probſtes auf den Gemüthszuſtand ſeiner Tochter, ſowie ſeine anfängliche Weigerung bei Leiler's herzlicher und offener Bitte ihn gereizt und ſein ſtolzes, ſelbſtſüchtiges Ich verletzt hätte. Dieſe Gereiztheit vermochte Leilern zu jenen Hin⸗ deutungen auf ein Ereigniß, von deſſen Kenntniß er kei⸗ nen Gebrauch gemacht haben würde, wenn er ſich hätte beherrſchen können. Er bereute auch ſogleich dieſen Schritt; aber die erkünſtelte Kälte und Gleichgültigkeit des Probſtes ſteigerte Leiler's Bewegung zur gänzlichen Wuth, obwohl er dieß damals unter einer Oberfläche von Eis und Schnee zu bergen vermochte. Wie gewöhnlich erhöhte ſich noch ſeine Erbitterung durch den Aerger und den Zorn, ſich bloßgeſtellt zu haben; und deßhalb fand Probſt Frenkmann's ſpäterer und faſt freundſchaftlicher Vorſchlag keinen Weg mehr zu ſeinem Herzen. Stür⸗ miſche Leidenſchaften und dunkle Vorſtellungen ſtachelten ihn; und ſo weit war es gekommen, daß er bei Alfhild's Anblick zwar einen ſcharfen Dolchſtich durch ſeine Seele zucken fuͤhlte, aber dennoch nur mit einem kalten, flüch⸗ tigen Gruße an ihr vorübereilte. Aber allmälig legte ſich der Sturm in ſeiner Seele, und nur leichte Wellen wölbten ſich noch nach ſeinem wilden Dahinbrauſen. Der Architekt fuhr mit dem großen ſeidenen Tuche über die Stirne und trocknete die Schweißtropfen ab, knöpfte dann das Wamms auf, da⸗ mit ſeine gepreßte Bruſt Athem ſchöpfen konnte. Er warf ſich oft in halb liegender Stellung nach der Sopha⸗ lehne zurück, indem er ſich durch tiefe anhaltende Athem⸗ züge Luft zu ſchaffen ſuchte. Die Uhr, nach der er me⸗ chaniſch griff, zeigte drei Viertel auf Sieben. Die Thee⸗ ſtunde nahte heran. „O Alfhild, Alfhild! du Engel meines entfernten Edens ſchwanke nicht; denn dann müßte ich dich ja hin⸗ ausweiſen, und dann iſt es vorbei, vorbei mit uns Bei⸗ den! Feſt und unerſchütterlich ſei deine Treue, deine Zu⸗ verſicht; noch einmal ſollſt du entſcheiden: aber eine vier⸗ jährige Probe kann mich nicht zufrieden ſtellen. Ich will Gewißheit, ich will nicht in der Luft nach dem Ziele her⸗ umtappen, nach welchem ich ſtrebe.“ Bei dieſen Worten ſtand der Architekt auf und trat vor den großen Spiegel. Ein paar Augenblicke ſtand er unbeweglich und betrach⸗ tete die noch nicht in ihre gewöhnliche Ordnung zurück⸗ gekehrten Züge; aber gehorſam und ſchweigſam unter der Hand des Meiſters legten ſie ſich bald wieder in jene zierliche Form, die dem bürgerlichen Weltmann ſo wohl anſteht, wenn er den Umgang von Adeligen genießt, in deren ſchirmendem Umkreis er lebt. Leiler kleidete ſich mit jener äußerlichen Sorgfalt an, die er ſtets liebte, obwohl er nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit darauf zu verwenden ſchien. Und als er mit der Bürſte in der Hand die krauſen Locken ſeines ſchwarzen Haares hinaufſtrich, ſchwebte ein Etwas um ſeine Lippen, das auch ein minder ſcharfſichtiger Men⸗ ſchenkenner für einen hohen Grad von Selbſtzufrieden⸗ heit hätte halten müſſen. Er ſchob dann die Gardine bei Seite und ſah nach dem linken Flügel hinüber, in wel⸗ chem ein gewiſſes Fenſter gerade dem ſeinigen gegenüber lag. Dort zeigte ſich jedoch nichts Anderes, als die grü⸗ nen verſchloſſenen Jalouſien. „Sie iſt wohl ſchon drinnen,“ dachte der Architekt, nahm ſeinen Hut und ging raſch über den Burghof. Als er in den Saal trat, war ſchon die gewöhn⸗ liche Beleuchtung angezündet, die drei Kerzen im Kron⸗ leuchter und die zwei Wachslichter auf dem Divantiſche. Auf dem Sopha hatte ſich die Baronin und die Gräfin — 13 niedergelaſſen; zwiſchen ihnen lag der Mops auf einem kleinen Kiſſen, und empfing abwechslungsweiſe Schmei⸗ cheleien von den beiden Damen. Dem halbſchlummern⸗ den Favoriten gegenüber an der andern Seite des Ti⸗ ſches, und auf dieſe Art mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt, ſaß Thelma von Rawenſtein, und faßte Perlen, welche Graf Albano, der ihr zur Seite ſtand, mit ſeinen langen Fingern aus einer kleinen Perlen⸗ muſchel herausholte und ſie in langen Reihen auf den Tiſch breitete. Der alte Graf— Seine Gnaden wurden ſo be⸗ nannt, obwohl ſein Alter nur der Mittagshöhe ange⸗ hörte, und er bei ſeinen neunundvierzig Jahren beinahe eben ſo jung erſchien, als der vierundzwanzigjährige Al⸗ bano— der Graf ging mit ſeiner großen Meerſchaum⸗ pfeife in der Hand im Zimmer auf und nieder, wobei er dem alten Borgſtedt— der mit den Händen auf dem Rücken am Kamine ſtand— vordemonſtrirte, wie man den neuen Weg anlegen müſſe, um dabei die Saatfelder zu vermeiden, die dieſen Theil des Gutes durchſchnitten, und damit doch zugleich der Weg bedeutend näher für den Bauholztransport würde. Bei Leiler's Ankunft machte die ganze Geſellſchaft, die ihn ſchon vorher begrüßt hatte, nur eine gemein⸗ ſchaftliche leichte Bewegung. Aber Fräulein von Rawen⸗ ſtein, die ihn natürlich noch gar nicht geſehen hatte, und der die Mutter halblaut zuflüſterte:„Der Architekt, mein Kind!“ erhob und verneigte ſich artig, ohne jedoch ihre Augen auf den Fremden heften zu können. Der Ge⸗ danke, daß Albano's Blicke den ihrigen folgten, ſetzten Thelma in noch größere Verlegenheit. Auch war ihre Antwort auf die höfliche Frage des Architekten, nach dem Befinden des Fräuleins, und ſeinen in den gewöhn⸗ lichen Phraſen dargebrachten Glückwunſch zu ihrer be⸗ vorſtehenden Vermäͤhlung ein wenig linkiſch, und ſie dankte Gott, als ſie ſich wieder ſetzen durfte. Aber dieß geſchah leider mit einer ſolchen Haſtigkeit, daß der Aer⸗ 14 mel ihres Kleides über die Perlen auf dem Tiſche her⸗ gerieth und ſie alle auf den Teppich hinabkehrte, ſo ſchön ſie auch von Graf Albano's eigenen Händen geordnet waren.—„Aber, liebes Thelmchen, wie führſt Du Dich auf?“ ſprach die Baronin mit einem ſtrafenden Blick. „Ach, lieber Albano, verzeih' mir!“ ſprach das arme verwirrte Mädchen, und beugte ſich hinab, um den gro⸗ ßen Fiſchfang zu beginnen. Albano ſchwieg; aber ir⸗ gend eine Bewegung zog ſeine Lippen auf und nieder, und dieß hinderte ihn wahrſcheinlich daran, ſeine Braut zu verſichern, daß die Sache von zu geringer Bedeutung ſei, um einer Entſchuldigung zu bedürfen. Indeſſen lag nun der junge Graf knieend auf dem Teppich neben dem gewandten Architekten, der zu ſolchen Verrichtungen ganz gemacht ſchien; und während ſeines langſamen Suchens merkte Albano, wie Leiler jedesmal, wenn er ſeinen Fang in die von Thelma hingehaltene Schachtel legte, abbittende blitzſchnelle Blicke hinauf⸗ ſchickte, die gerade und kühn unter ihren geſenkten Au⸗ endeckeln hineinſchoſſen. Dieß letzte war jedoch nur eine Vermuthung, die Albano auf den Umſtand gründete, daß ihre Wimpern jedesmal von einem leichten Zittern heim eſucht wurden, ohne daß ſie ſich öffneten. Endlich war die Perlfiſcherei zu Ende, und man ſaß wieder ſtumm und ſteif auf den Tabouretten. Der Thee kam herein, und während Thelma denſelben ſer⸗ virte, bekam ſie Zeit, ſich zu erholen.— „Beſitzt Herr Leiler auch eine Fertigkeit hierin?“ fragte der Graf und zeigte auf den Spieltiſch, der von einem Bedienten geordnet wurde.„Wir unterhalten uns an den Abenden damit, einander bôte zu machen; und wenn der Herr Luſt hat, dabei zu ſein, ſo machen wir eine Parthie Boſton.“ Mit einer artigen Werbeugung erklärte der Archi⸗ tekt, daß er nur eine geringe Kenntniß von dem Karten⸗ ſpiel beſitze, daß er ſich jedoch mit Vergnügen bemühen † 1⁵ wolle, durch Aufmerkſamkeit zu erſetzen, was ihm an Uebung abgehe. Die ältern Damen ſchickten ſich an, um den mit Karten und Marken verſehenen Spieltiſch Platz zu neh⸗ men. Die goldene Tabaksdoſe der Baronin und die Kryſtallflaſche der Gräfin mit dem Augenwaſſer wurden neben die Battiſtſacktücher gelegt, die Brillen hervorge⸗ nommen und aufgeſetzt, die Falten der weiten ſeidenen Kleider zurechtgelegt, und der Mops nebſt ſeinem Kiſſen nachgetragen. Als Alles in gehöriger Ordnung war, nahmen der Graf und der Architekt ihre Plätze ein, die Farben wur⸗ den gezogen, und Leiler gewann das unſchätzbare Glück, der Mitſpieler der Gräfin zu werden. „Wir laſſen uns unſere alte Tour nicht nehmen, Frau Schwägerin,“ ſagte der Graf, und miſchte die Kar⸗ ten mit vieler Gewandtheit. Die Baronin nickte, lächelte und ging in ihrer Herablaſſung ſo weit, daß ſie Leilern eine Priſe aus ihrer goldenen Doſe anbot, um ſich da⸗ mit zu erquicken. Und während nun die ſtillen, aber regelmäßigen Rufe:„Boſton, meine Herrſchaften— Sieben ſpielt— paß— misère— grandmisère“ u. ſ. w. von dem einen Ende des Saales her tönten, hörte man an dem Divan⸗ tiſche halblaut geflüſterte Worte; Worte, die, von der Entfernung aufgefaßt, eine Ahnung von der ſüßeſten Vertraulichkeit gaben, aber in näherer Hörweite den Be⸗ 1 griff einer künſtlichen Unterhaltung erweckten. „Ach, liebe Thelma,“ ſagte Graf Albano,„wie flei⸗ ßig Deine Finger ſind; Du arbeiteſt ja wie eine kleine Sklavin. Aber dieſe ſtarke Anſtrengung ſchadet Deinen Augen, laß mich ſie doch ſehen; Du erhebſt ja den Blick gar nicht von der Blume da.“ „Meine Augen haſt Du ſchon oft geſehen, Albano; ſie ſind Dir durchaus nichts Neues.“— Thelma nähte immer fleißiger fort, und eine kleine Zornröthe über * 4——BAne VNV 8 ⏑———— dAe N G—— 1 16 Albano's Einfall, deſſen Grund ſie wohl verſtand, färbte ihre Wangen. „Nein, das ſind ſie nicht; aber gerade, weil ich nichts Neues in ihnen zu leſen glaubte, möchte ich ſo erne in ihre ſchöne blaue Emaille ſehen. Du biſt heute Abend neidiſcher mit ihnen, als gewöhnlich, woher kommt das?“ 3 Jetzt war es Thelma ganz unmöglich, aufzuſehen. Sie begann laut die Vierecke des Muſters zu zählen. „Eins, zwei, drei, vier!“— Hand und Nadel zitterten ſichtlich.—„Eins, zwei, drei, vier!“—„Ueberhüpfe das Viereck, an Dem Du biſt,“ ſagte Albano in einem Tone, der ſcherzhaft lauten ſollte, aber ſehr ſcharf und eckigt herauskam... „Aber, Albano, Du bringſt mich ganz daraus 4 Thelma ſchob das Muſter mit einem kleinen Ruck des Kopfes bei Seite. „Ich glaube nicht, daß ich ſo glücklich bin,“ erwie⸗ derte er ironiſch, und erbot ſich, das Muſter ſtille zu halten.—„Ach, wie heiß es iſt!“ rief Thelma blaſend, und der leichte Hauch ihres Athems wehte die geringel⸗ ten Schlangen von Albano's rothen Haaren bei Seite, die breite niedere Stirne wurde frei und zeigte der unru- higen Braut eine ſchwere Wolke. „Es iſt ſchon lang, daß Du an dem Adler nähſt,““ ſprach Albano nach einer Weile in ruhigerer Faſſung, „und den Schwan haſt Du noch nicht einmal angefan⸗ M gen. Die Stickerei muß Dir nie recht gefallen haben.. De „Ich mache ſie jedoch, weil ſie Dir gefällt, Albano, den ich arbeite aber auch an der andern, die der Grotte undu W. umliegenden Gegend ſo ähnlich ſieht.“ du „Auch Du liebſt alſo die Grotte, Thelma? Du Ur liebſt das dunkle Gewölbe unter der Felſenmaſſe und hörſt gerne die Wellen an die Klippe ſchlagen? Das iſt doch recht ſchön, und es freut mich, daß unſer Geſchmack hierin übereinſtimmt. Wir werden ſie im Herbſte oft mit ein⸗ 8 17 ander beſuchen, denn gerade im Herbſte hat ſie ihre hauptſächlichſten Reize.“ Graf Albanv's Augen ſchimmerten wunderſam gegen den Lichtſtrahl, dem ſie ſich jetzt näherten, um Thelma anzuſtarren; aber dieſe ſtand auf, um etwas zu holen, und als ſie zurückkehrte, fragte Albano nicht mehr. In Gedanken verſunken, verträumte er den Reſt des Abends in der Sophaecke. Zweites Kapitel. Von einem Traume ſchon, daß der Geliebte leidet, Hebt ſich die Bruſt, ein blaſſes Feld durchſchreitet Die Perle, die aus ihrem Aug' ſich ſtiehlt. 4 Franzén. Im Kampfe mit des Kampfes Wuͤthen, Und mit dem Frieden doch im Frieden. Carlén. Marien's Brief an Blum. Fredsberg, den 30. April 17— „Edler, guter Freund! Noch nicht drei Monate ſind dahin— und drei Monate ſind ſo wenig im Vergleich mit drei Jahren! * Doch wornach ſehne ich mich, was ſchimmert denn hinter dem Vorhange, der dieſe langen drei Jahre verbirgt? Was anders als die beſtimmte unwiderrufliche Entſchei⸗ dung meines Schickſals! Ich ſehne mich nicht nach dem Urtheilsſpruch, der das Siegel eines ewigen Schmerzes auf mein armes, freudenloſes Leben drücken ſoll— nein, das iſt nicht möglich; das wäre eine Unnatürlichkeit, die mein ſchwaches Herz von ſich weist. Und dennoch zähle 13 icch die langſamen Stunden des Tages, die Tage der Wooche und die Wochen des Monats, und ſeufze mit dankbarer Zufriedenheit jedesmal zu Gott empor, wenn die Abendſonne hinter unſern kahlen ſchwarzgrauen Klip⸗ Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 2 18 pen hinabſinkt. Guter Blum! wie iſt es möglich, daß ein Weſen wie ich, ohne Hoffnung, ohne Zukunft noch immer ſich ſehnen kann? Ich verſtehe das in der That nicht. Es ſcheint mir, als ob Alles für mich ſtille ſtehen, Alles mir gleichgültig ſein ſollte. Das Letztere iſt auch gewiſſermaßen der Fall, aber nicht ſo das Er⸗ ſtere; denn ich bin ungeduldiger als je, und kann die Flucht der Minuten nie genug beeilen. Wenn ich doch einmal meine Sehnſucht begreifen könnte! Die Freiheit iſt gewiß nicht ihr Ziel, denn der gelähmte Vogel fliegt nicht hoch— und ich bin ja mit dem Ort zufrieden, wo ich bin, und muß es ſein; denn ich ſelbſt begehrte meine ſtille, ſchöne Heimath, Leiler's Heimath, zu verlaſſen, um einſam unter Fremdlingen mir eine andere zu ſuchen. O was ſollte ich auch an einer Stelle thun, wo jeder Gegenſtand, dem mein Auge begegnete, jedes Ding, das meine Hand berührte, mir von ihm geſprochen hätte, für deſſen geringſtes freundliches Lächeln, für deſſen geringſten liebevollen Blick ich Tag und Nacht wie der treueſte Hund für eine Brodkrume von ſeinem Herrn ihm zu Füßen gelegen wäre, und ihn bedient hätte wie die geringſte Sklavin? Aber, Blum, es war mir nicht beſchieden, dieſes Herz zu gewinnen, das ſich nur ein⸗ mal treu und feſt an das meinige drückte: In dem Au⸗ genblick der Trennung, wo ich ihm das Verſprechen ſeiner Freiheit gab. O es iſt ſchwer zu leben, aber auch ſchwer zu ſterben! Ich bin noch ſo jung, die Zeit vergeht ſo langſam; aber wenn ich nur alt werde— das muß es wohl ſein, Blum, wornach ich mich ſehne — dann wird wohl der letzte Gedanke von Lebensluſt verſchwinden. Dann hab' ich wohl ausgeweint, und 2 2☚ — — 1 genug geſehnt und gelitten, um ſatt zu ſein und Gott zu danken, wenn die Sonne zum letzten Mal hinter den Bergen verſinkt. 3 „Sie werden mich an all' Dieſem nicht wieder er⸗ kennen, Blum; Sie waren nicht gewöhnt, mich hoff⸗ nungslos, ſchwach und klagend zu ſehen, und ich bin es auch nicht in meinem äußern Leben; aber wenn ich allein 4 19 bin mit Gott und mit Ihnen, Blum, den ich unter allen Menſchen am höchſten verehre, dann will ich nicht beſſer und ſtärker ſcheinen, als ich wirklich bin. Ich will Ihr Vertrauen vergelten und Sie in die verbor⸗ genſten Winkel meiner Seele ſchauen laſſen. „Mit meiner Umgebung bin ich vollkommen zufrie⸗ den; ſie paßt ſo gut zu meiner Gemüthsſtimmung. Glauben Sie nicht, daß ich den ganzen Tag hinweg⸗ ſeufze und träume, oder den Muth und die Kraft, mein Leiden zu tragen, ganz und gar verloren habe, welches Vermögen ich ja Ihrer Freundſchaft zu danken hatte. Nein, Blum, ich ſuche meine Zeit ſo nützlich und wirkſam einzutheilen, als ich vermag; und die gute Eliſe ſteht mir hierin treulich bei. Sie iſt ſo einfach, ſo gottesfürchtig und wahr, und hat, ohne eine ſoge⸗ nannte Bildung zu beſitzen, ein ſo feſtes und geſundes Urtheil, daß ich mit Vergnügen und nie ohne Troſt mit ihr über die Gegenſtände ſpreche, die den ſinken⸗ den Muth aufrecht zu erhalten im Stande ſind. Ich theile Eliſens häusliche Beſchäftigungen. Ich habe ihr juüngſtes Kind, das von demſelben Alter iſt, wie mein hingegangener Engel, unter meine Pflege genommen; es ſchläft bei mir, und der Anblick des Kleinen, wie es voll Wohlbehagen mir entgegen lächelt und mit den kleinen quabbligen Händen in meinen jetzt ziemlich ver⸗ wahrlosten Locken herumhaust, iſt meine Luſt, meine Seligkeit. Faſt jeden Tag mache ich einen Beſuch in den einſamen Fiſcherhütten; und wenn ich dieſe zufrie⸗ denen, aber dürftigen Leute ſehe, jetzt wo die Früh⸗ lingsſonne die kalte Mauer zwiſchen ihren Wohnungen und dem Hafen aufgeſchmolzen hat, wie ſie ſich rüſten und herumſtöbern, die Männer um ihre Boote und Netze für den Laugfiſchfang in Ordnung zu bringen und die Weiber um die Speiſeſäcke zu bereiten, dann kommt etwas überaus Belebendes über mich. Dann kleiden ſich die Stubenwände wie die Felsplatten im⸗ mer reicher und reicher mit Fiſchköpfen; da iſt Thä⸗ tigkeit und Frohſinn, Wohlbehagen und, Gengſamteit und ich empfinde oft eine Art Neid, wenn ich an den Abenden dieſe armen Weiber mit einem Kind auf dem Arm und der übrige Schwarm feſt am Rocke hangend zum Strande hinabgehen ſehe, um dem Gatten und Vater entgegen zu eilen, der von der See zurückkommt, und freundlich nickend die Hand ausſtreckt und mit Stolz auf ſeinen reichen Fang zeigt. 1 „Wenn häusliche Wolken den Ehehimmel dieſer Leute beſchatten, ſo tragen ſie ſie mit Geduld und Treue— mit einer Scheidung verbrechen ſie weder ihre Köpfe noch Herzen— und— und ſie fühlen ſich vielleicht weniger reich, aber glücklicher. Deßhalb be⸗ gehren ſie nicht mehr vom Leben, als es ihnen mög⸗ licher Weiſe bieten kann. Sind ſie nicht beneidens⸗ werth? „An den Sonntagen gehen wir nach der Kapelle. Althen, mein redlicher Wirth, iſt zwar kein eigent⸗ licher Redner; aber es iſt ein kraftvoller Dollmetſcher des lebendigen Wortes. Und ſeine Zuhörer verſtehen ihn: er verſteht ſie. Da iſt Friede und Einigkeit zwi⸗ ſchen Heerde und Hirten. „Ein Ziel, wornach ich mich ſehne, kommt mit jedem Tage näher— und Gott ſei Dank! bis dahin brauche ich keine Jahre zu zählen. Ich meine Sct. Johannistag, den wir in unſerem alten lieben Norwe⸗ 4 gen ſo ſchön und prächtig feiern. Man feiert dieſes Feſt zwar auch hier, aber nicht auf eine ſolche Art. Doch das iſt mir gleich. Wie auf einer Sandhaide ſchlagen für mich keine Blumen aus den friſchen Knos⸗ pen. Meine Roſen ſind abgefallen und verdorren nun in meinem Herzen, verdorren wie die Fiſchköpfe dort an der Felswand. Aber etwas, Blum, bleibt mir: Es iſt der Gedanke an Ihre Ankunft, was mir dieſe Freude gewährt. Ich muß ſehr aufrichtig ſein, wenn ich ſage, daß ich Sie unbeſchreiblich vermiſſe, und daß ich es bereue, dieſe ſo weit von Ihnen entfernte Ge⸗ gend gewählt zu haben. Aber ich habe es einmal ſo gewollt und es muß ſo bleiben. 8 8 * ne ein un denr ang der ewi ſal ſche als wei gefe dun ſpruͦ meit dige men Tag men Bild zen geda gebil denke ein S wenn Ihr flieht zwar ihrer füllen verba und n weiter und d der Z den dem end und mt, mit eſer und der ſich be⸗ ög⸗ ens⸗ elle. ent⸗ cher ehen zi⸗ mit ahin Sct. rwe⸗ eſes Art. aide nos⸗ nun dort mir: dieſe venn 21 „Haben Sie etwas von Leilern gehört? das kön⸗ nen Sie wohl ſagen. Fürchten Sie nicht, mich durch eine aufrichtige Antwort zu ſchmerzen; dieſe Furcht iſt unnöthig; eine Wunde kann ja nicht aufgeriſſen wer⸗ den, deren äußerſte Ränder noch nicht einmal zu heilen angefangen haben. O Blum! wie glücklich ſind Sie, der Sie nicht gefühlt haben, was es heißt zu lieben, ewig zu lieben— ohne Hoffnung zu lieben! Das Schick⸗ ſal des Galeerenſklaven, der auf Lebenszeit an ſein ſchweres Ruder gekettet iſt, kann nicht grauſamer ſein, als wenn ein warmes Herz weiß, mit Beſtimmtheit weiß, daß es mit unſichtbaren Banden an ein kaltes gefeſſelt iſt. Das iſt kaum möglich; und dieſe Verbin— dung ruft mir ein entſetzliches Bild unter den Urtheil⸗ ſprüchen der alten Aegyptier zurück, das ſtets tief auf meine Seele eingewirkt hat: Die Strafe, wo ein leben⸗ diges Weſen drei Tage lang eine Leiche in ſeinen Ar⸗ men halten mußte. Wenn man nun anſtatt der drei Tage ein ganzes Leben annimmt, ſo wird dieſe Zuſam⸗ menpreſſung des Lebens und des Todes kein unrichtiges Bild von der Wärme und Kälte in zwei Menſchenher⸗ zen geben. „Vielleicht iſt dieß zu ſchwärmer iſch gefühlt und gedacht, um von Ihrem klaren, aber kalten Verſtande gebilligt zu werden. Verzeihen Sie mir denn, und be⸗ denken Sie, daß ein Weib kein Mann iſt. Sie ſucht ein Seitenſtück zu ihrem Leben, um ſich daran zu halten, wenn ſie nichts Anderes, nichts Beſſeres finden kann. Ihr Herz tappt nach einer Wolke, wenn die Wirklichkeit flieht; denn allein— allein— kann ſie nicht ſein: zwar einſam in ihrem Schmerz, aber nicht einſam in ihrer Seele; dort muß etwas wohnen, das dieſelbe aus⸗ füllen kann. Und wenn die ſchönſten Gefühle daraus verbannt ſind, dann ſucht ſie Erſatz in der Erinnerung, und wenn dieſe nicht hinreicht; ſo irrt der Gedanke noch weiter zurück, weit hinaus in die dunkle Sagenwelt, und dann wieder fort in die tief verborgenen Reihen der Zukunft. Nehmt das dem Weibe nicht übel, ihr ſtarken Männer, die ihr nicht mehr als euch ſelbſt und die Kraft eures eigenen Weſens bedürft, um den Schmerz zu vertreiben und ihm Stille zu gebieten. „Leben Sie wohl, guter, theurer Freund! Nur noch zwei Mal wird der Vollmond über dem einſamen Fredoberg aufgehen, und dann kömmt Sct. Johannitag, und mit ihm ein freundlicher Sonnenſchimmer in meine Nacht, dann kommt Blum! Getreu will ich in die blaue Ferne hinausblicken. Das iſt auch ein Vorzug des Sommers, daß man bei gutem Wind den Weg zwiſchen unſerer Heimath in Norwegen und meiner hieſigen Wohnung in der Hälfte Zeit zurücklegen kann, als man im Winter dazu brauchte. Leben Sie wohl— und ſeien Sie willkommen, Ihrer ergebenen Marie.“ — Blum war eben von einer ſeiner gewöhnlichen Wanderungen auf ſeinen Gütern umher zurückgekom⸗ men, als der Stadtbote unter andern Briefen auch den obigen von Marie brachte. Der redliche Blum war heute mehr als gewöhnlich aufgeregt; er war auf ſei⸗ nem Gang in der Nähe von Leiler's kleinem Hofe ge⸗ weſen, und hatte der Verſuchung hinein zu gehen, nicht widerſtehen können. Dadurch vermehrten ſich noch die Erinnerungen und Unruhen, die ſein krankes Herz quälten. Seit Marien's Abreiſe hatte er nur einen kleinen kurzen Brief von ihr erhalten. Sie hatte je⸗ doch einen längeren verſprochen,— und jetzt ging er mit dem Dokument, das ihm die Erfüllung ihres Ver⸗ ſprechens brachte, die Treppe hinauf nach ſeinem Ar⸗ beitszimmer und verſchloß die Thüre. Der heiße Schmerz, der durch jede Linie dieſes Briefes brannte, fand ein Echo in Blum's treuer, männ⸗ licher Bruſt. Er litt unausſprechlich, ja vielleicht mehr als ſie ſelbſt, als er ſah, daß der Kummer mit ſeinen nagenden Zahne an dem ſchönſten Herzen fraß, das e kannte, an einem Herzen, deſſen geringſten Wunſch zu erfüllen ſeine höchſte Seligkeit war. Aber es lag auch 4 und den Nur men itag, neine die rzug Weg einer kann, en, e.“ ichen kom⸗ ) den war j ſei⸗ ee ge⸗ nicht ch die Herz einen te je⸗ ng ed Ver⸗ n Ar⸗ dieſes nänn⸗ mehr ſeinem das er ſch zu g auch 23 Standhaftigkeit und Kraft in dieſem ſchwachen Weſen, in einem Weibe. Das freute ihn.„Aber drei Jahre,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„drei Jahre und darüber kann ſie es in dieſer ſtillen Einſamkeit nicht aushalten. Ich muß irgend etwas erdenken, um ihr näher zu kommen, irgend einen Ausweg, um ihren Aufenthaltsort zu verändern. Dieſe verödete Abſonderung von der Welt kann ſie nicht zu einer Heiligen umſchaffen; das war ſie ſchon vorher, ſo weit ſich das Bild eines Engels in Weibergeſtalt dem Heiligen nähert. Aber ſchwär⸗ meriſchen Ideen, ſchädlich für ihr künftiges Leben, das dadurch eine immer finſterere Richtung nehmen muß, wird ſie mit dieſer kalten, nebligten Scheerenluft ein⸗ athmen— und das muß anders werden! Und ich muß hin!“ So dachte Blum. Ihr gehörten alle ſeine Gedan⸗ ken; für ſich ſelbſt hatte er keine. Nach einigen Tagen ſchrieb er ſeine Antwort. Es hatte ihn Mühe und Kampf gekoſtet, um das Wärmſte darin auszudrücken, was ein treuer Freund ſagen konnte, ohne daß in dem Inhalte ein Hauch von den brennenden Gefühlen des liebenden Mannes athmete. Allein dieſe lagen dennoch ſtets im Hintergrunde und ergötzten ſich damit, dem ehrlichen Blum Poſſen zu ſpielen, der nicht merkte, daß ſie wie unſichtbare Feen in ſeine Fingerſpitzen, ja in die Feder ſelbſt hinab⸗ ſchlüpften und ihm beim Nachdenken und Niederſchrei⸗ ben halfen. Einen ſolchen Spuck ahnte der ernſte Blum gar nicht.—„Das iſt Freundſchaft,“ ſagte er treuherzig und verſiegelte den Brief. Wir theilen da⸗ von folgende Abſchrift mit: „Mariel!⸗ (Im Vorbeigehen geſagt, hatte Blum der ſeinen Kopf bedeutend mit der Ueberſchrift zerbrochen hatte— eine nicht ſelten kitzlige Sache, wenn man entweder zu viel oder zu wenig zu ſagen fürchtet— ein paar Bogen Poſtpapier mit den trivialen Worten:„Beſte,“„Holde,“ „Liebe,“„Theure“ u. ſ. w. beſchmiert, von denen ihm jedoch keines ſo wohl zu klingen ſchien, als das Eine, ——„— 8 e; A n 1 das er nicht zu gebrauchen wagte, und ſich endlich für verk das Oben ſtehende entſchieden.) hatt Und er fuhr fort:. Fre „Das unbegrenzte Vertrauen, womit Sie mich das beehrten...(Bei dem Worte„beehrten“ ſaß Blum Nia eine lange Zeit mit der Feder hinter dem Ohr und Nich blickte ſtarr nach der Zimmerdecke:„Beehrten lautet ſatz ziemlich ſtolz!“ Aber„erfreuten,“ ‚ein Vergnügen mach⸗ es ten, konnte nicht geſagt werden, da ihr vertrautes hält Schreiben ſelbſt von der Art war, daß es keineswegs ſen für eine Freude angeſehen werden konnte, es zu em⸗ Ich pfangen. Es blieb alſo bei dem Erſtgenannten.)„hat, unv ſo betrübt es auch war, mir doch eine Stunde unver⸗ ein miſchter Seligkeit geſchenkt: Es war ja von Ihnen!“ ſond —(Wie dieſe Worte ſo ſchnell auf's Papier kamen, ich wußte Blum ſelbſt nicht; es war ſein unſichtbarer gege Helfer, welcher ihm die Hand führte.)—„O Marie!“ mer (O iſt ein Ausruf, den jeder Menſch bei allen mög- eine lichen Verhältniſſen in Proſa und Poeſie, in Rede ſtim und Schrift, in Liebe und Freundſchaft zu benützen thig weiß. Er iſt jetzt, Gott ſei Dank, ſo verjährt und entd hat ein ſo großes Anſehen, daß Niemand es wagt, Fre ihn auch nur mit einem halben Athemzug anzutaſten, zu als ob er je am unrechten Platze wäre. Es war deß⸗ Kre halb auch gar keine Frage, ob er in Blum's Brief als paſſe oder nicht.—)„O Marie, was habe ich in ein dieſen drei Monaten nicht in dem Gedanken an Ihr Ihr hinſchwindendes Leben dort hinter den wilden Klippen beſi gelitten, wohin ich von ganzem Herzen bereue, Sie dan je gebracht zu haben! Das können Sie wohl kaum ode begreifen, denn Sie glauben, ich ſei ſo kalt. Nein, mei Marie, kalt bin ich nicht, eher zu warm; aber geſe in meinem ruhigen, ernſten Weſen, das eben einmal dafß meine Natur iſt, herrſcht eine Windſtille, von der geb Sie oft meinten, daß ſie von keinen Stürmen ich unterbrochen werden könnte. Sie haben jedoch Un⸗ keit recht, und Sie ſollten vor Allem wiſſen, daß eine mie ruhige Oberfläche nicht immer ein ruhiges kaltes Herz von 9 für mich Blum und autet nach- autes wegs mem⸗ „hat, nver⸗ nen!“ amen, barer rie!“ mög⸗ Rede rützen t und wagt, aſten, deß⸗ Brief ch in Ihr ippen Sie kaum Nein, aber inmal in der ürmen ) Un⸗ eine Herz 25 verbirgt.“—(Blum durchlas jetzt, was er geſchrieben hatte. Es wäre wohl, dachte er, ſo ſo; aber ein Freund, ein treuer bruͤderlicher Freund mußte wohl das Recht haben, von dem Herzen ſprechen zu dürfen. Nichts war geſagt, was kränken und beleidigen konnte. Nichts, woraus das ſcharfſinnigſte Weib den Schluß⸗ ſatz ziehen konnte, daß ſie geliebt ſei. Nein, bewahre, es war Alles wohl bedacht, und ihrem zarten Ver⸗ hältniſſe zu einander gerade angemeſſen.)— Aber laſ⸗ ſen Sie mich jetzt von Ihnen ſelbſt ſprechen, Marie. Ich fürchte, die Einſamkeit, worin Sie leben, möchte unvortheilhaft auf Ihr geiſtiges und körperliches Leben einwirken. Sie haben mich zwar nicht mit einem be⸗ ſonderen Bericht über Ihre Geſundheit beehrt; aber ich befürchte, daß Sie durch die Lebensart, die Sie gegenwärtig führen, gelitten haben, daß außer dem Kum⸗ mer, der den Himmel Ihres Lebens verdunkelt, es auch eine körperliche Abnahme iſt, die auf Ihre Gemüths⸗ ſtimmung einwirkt, und dadurch das kränklich Wehmü⸗ thige hervorruft, das ich hie und da in Ihrem Briefe entdecke. Marie, erlauben Sie mir als Ihrem beſten Freunde, der weder ſchmeicheln will noch kann, Ihnen zu ſagen, daß ein Weib wie Sie, ein Weib mit dieſer Kraft, dieſer hohen Stärke, die ich weit höher ſchätze, als die oft trotzige Unterwürfigkeit des Mannes unter ein eiſernes Schickſal, in Ihrem Weſen, gerade in dieſer Ihrer Kraft und in Ihrem ergebenen Gefühle eine Stütze beſitzen muß, die Sie vor der Schwachheit ſchirmt, Ge⸗ danken nachzuhängen, die dem Schmerze Nahrung geben, oder welche zu ſchaffen; eine Schwachheit, die im allge⸗ meinen Ihr Geſchlecht auszeichnet. Ich will damit nicht geſagt haben, daß Sie nicht mehr ſtark ſind, Marie, daß Sie ſchwärmen und ſich ganz dieſen Zweifeln hin⸗ geben. Gott bewahre mich, weit entfernt! Aber indem ich Sie auf dem Wege ſehe, von der Höhe der Standhaftig⸗ keit und Selbſtbeherrſchung herabzuſinken, auf der Sie für mich ſtets ſtanden, von einer heiligen Glorie umſtrahlt, von einer Glorie, vor der ich gerne mein Knie gebeugt hätte, ſo beeile ich mich bei der geringſten Furcht in dieſer Hinſicht, Sie mit dem Rechte zu warnen und zu bitten, das mir die Freundſchaft gegeben hat. Sie möchten Ihren Frieden, Ihre Zukunft, Ihr ſchönes, edles Herz wohl bewahren, und nicht dieß Alles einem unmäßigen Grame Preis geben, der Ihr ganzes We⸗ g ſen zerſtören und endlich den hohen Geiſt beugen würde, der darin ſeine Heimath hat.“—(Von Neuem durch⸗ las Blum die Gedanken, die er hier hingeworfen und ausgeführt hatte, und fühlte ſich mit dieſem Theil ſei⸗ nes Briefes ſichtlich zufrieden, denn er war der An⸗ ſicht, daß derſelbe, die Wärme in gewiſſen Ausdrücken ausgenommen, ganz paſſend unter die Rubrik der väter⸗ lichen Räthe gezählt werden dürfte. Jetzt aber ſollte er ſich auf einen Gegenſtand einlaſſen, der etwas kitz⸗ licher war: Marie wollte Nachrichten von Leilern ha⸗ ben, Blum ſelbſt beſaß nur wenige der Art; und übe r⸗ dieß machte jetzt jede perſönliche Berührung mit dem 1 einſt ſo geſchätzten und geliebten Freunde, beſonders, wenn er mit ihr darüber ſprechen ſollte, einen gar zu unangenehmen und widrigen Eindruck auf ihn. Es mußte jedoch geſchehen, und nachdem die Feder dreimal geſchnitten und probirt worden war, und Blum ſich indeſſen gehörig die Stirne gerieben hatte, nahm er den Faden folgendermaßen wieder auf:) 1 „Einen Theil Ihres Briefes, Marie, wäre ich ver⸗ ſucht, eine Schwachheit zu nennen, wenn ich nicht zu gleicher Zeit, wo ich ihn verdammen möchte, auch zu⸗ geben müßte, daß dieß Begehren natürlich, daß es ver⸗ zeihlich iſt: Ich meine Ihre Nachfrage wegen Leilern. Ich habe zwei Briefe von ihm erhalten; den erſten ſchrieb er während ſeiner Reiſe durch Dänemark, den zweiten bei ſeiner Ankunft in Schweden und an dem beſtimmten Orte. Wie ich daraus ſchließen kann, war ſein Gemüth ruhiger und zufriedener, ſo lange er durch Seeland und Fühnen ſtreifte; aber er ſcheint ſeine Tem⸗ paratur bedeutend geändert zu haben, ſeitdem er in Hammarby ankam, und iſt jetzt, wie der Brief ſelbſt, ht in nd zu Sie bönes, einem We⸗ pürde, durch⸗ n und I ſei⸗ r An⸗ rücken wäter⸗ ſollte 3 kitz⸗ n ha⸗ über⸗ t dem nders, ar zu Es eimal n ſich hm er h ver⸗ cht zu ch zu⸗ 3 ver⸗ ilern. erſten , den n dem , war durch Tem⸗ er in ſelbſt, 27 voll Räthſel, die ich weder deuten kann noch will. Was ich jedoch ſagen zu können glaube, iſt, daß uns unbe⸗ kannte Dinge, die ſich ſeit vielen Jahren in ſeinem Kopfe niedergelaſſen hatten, dort umherwälzten, ohne reifen zu können, jetzt in einer Uebergangsperiode be⸗ griffen ſind. Ich weiß nicht, was es iſt; aber ich habe eine gewiſſe Ahnung, die mir ſagt, Leiler ſpiele ein hohes Spiel in Schweden, ein Spiel, das, wie ich fürchte, ſein Glück und ſeine Zukunft einem ſchweren Stoße ausſetzen wird. Möchte nur nicht auch ſeine Ehre darin verwickelt ſein! Aber Naturen, wie die ſeine, können nie berechnen, wie weit ſie gehen, oder wo ſie endlich ſtehen bleiben. In Betreff der Eheſchei⸗ dung äußert er nur im Allgemeinen eine große Vorliebe für die ſchwediſchen Geſetze, die den Abſchluß ſolcher Angelegenheiten ſchneller befördern als die unſern.“— (Hier mußte Blum unwillkührlich aufhören. Er war keineswegs zufrieden mit dem, was er geſchrieben hatte. Theils war er in einen Gegenſtand gerathen, worüber er zwar ſelbſt ſehr viel nachgeſonnen hatte; aber es war deſſen ungeachtet nicht ſeine Abſicht geweſen, irgend eine Ahnung in dieſer Beziehung bei Marien zu er⸗ wecken; und überdieß war ſeine Darſtellung, obwohl ſie den Stempel der Wahrheit trug, ſehr eiſig; das fühlte er. Aber er fühlte zugleich, daß, wenn er es auch fünfzigmal umſchriebe, doch in der Sache ſelbſt etwas ſei, was er mit dem beſten Willen nicht wärmen oder mildern konnte. Daß es gerade das Eis in ſei⸗ nem eigenen Herzen ſei, worin dieſe ganze unangenehme Geſchichte wie eingefroren lag, das kam Blum nicht in den Sinn; vielleicht hat er es auch nicht einmal ſich ſelbſt geſtehen mögen. Denn der Mann iſt immer Mann, und er gibt nicht gerne eine Schwachheit zu, die ſeine Billigkeit und Ünpartheilichkeit in Frage ſetzen kann. Was Blum geſchrieben hatte, blieb alſo geſchrieben. Es mußte ſtehen bleiben; und jetzt ging er zu ſeinem letzten Punkte über, wobei es ganz un⸗ willkührlich hieß:„Theuerſte Marie.“ Weniger als ei⸗ —-———— 28 nen Superlativ konnte er hier nicht nehmen, da doch einmal ein Eigenſchaftswort dabei ſein mußte.) „Theuerſte Marie! wie gut ſind Sie nicht, wie innig danke ich Ihnen nicht für die freundliche Zeile, die mich wiſſen läßt, daß Sie mich vermiſſen, daß Sie mit Sehnſucht dem Johannistage entgegenſehen! Ja, bis zu dieſem Tage bin ich, will's Gott, bei Ihnen. Und wie ich mich nach dieſer Freude ſehne, wie ich zähle— das will, das darf ich Ihnen nicht ſagen; denn Sie würden vielleicht lächeln oder gar nicht glauben, daß der ruhige Blum empfinden könne, was eine ſtarke, innige Sehnſucht heißen will, und welche Gewalt ſie über unſer ganzes Weſen ausübt und deſſen müſſen Sie denn doch überzeugt ſein, wenn Sie ſich erinnern, wie allein und eingezogen ich hier auf mei⸗ nem Lindersberg mit meinen Aeckern, meinen Pferden und Hunden lebe. Wohl habe ich ehedem meine Zeit eben ſo einſam zugebracht, das iſt wahr; aber ſo lange Marie gegenüber auf dem kleinen Thorninge wohnte, fühlte ich dieſe Einſamkeit nicht in dem Grade wie jetzt, wo jene weit weg iſt und ihre freundliche Stimme mich nicht mehr bewillkommt, wenn ich über die Um⸗ zäunung trete, die unſere Felder trennt, und aus al⸗ ter, theurer Gewohnheit, zu dem ſtillen, weißen Häus⸗ chen mit den grünbemalten Fenſterläden hinüberſchreite. Nicht einmal war ich drinnen. Ungeachtet Sie mir den Schlüſſel zu dem Heiligthume anvertraut haben, habe ich doch nicht den Muth, es zu betreten, und ſein einſam, grabähnliches Inneres zu ſehen. Was ich vor Allem aber nie wieder ſehen könnte, das wäre die Wohn⸗ ſtube, wo Sie gewöhnlich auf dem ſchönen Schemel an der Kaminecke ſaßen. Ihr Bild, wie Sie da ſaßen und die häuslichen Geſchäfte angaben nnd verrichteten, ſchwebt mir ſo lebhaft vor, daß ich nicht in das öde Iiminer gehen und ſeinen traurigen Verfall ſehen will.“ „Verzeihen Sie mir, Marie, wenn ich hier, da es ſich um einen Verluſt handelt, weitläufig geweſen bin. Man trifft über mißfe ich J Sie halts eine hinat 7 würd Men wert! zu w iſt g das ſamk eine doch der len, Fren wärn Zuku pen ſame 29 doch Man iſt immer eigennützig, wenn etwas uns ſelbſt be⸗ trifft; und gerne möchte ich noch länger mit Ihnen hier⸗ über ſprechen, wenn ich nicht fürchtete, daß es Ihnen wie uhar. 4 Zeile mißfallen könnte.“ — Sie„Für den Sommer habe ich einen Vorſchlag, den — ich Ihnen mittheilen will, wenn ich das Glück habe, Sie zu ſehen; es betrifft einen Wechſel Ihres Aufent⸗ haltsortes, wenigſtens für einige Zeit— eine Badreiſe, eine Brunnenkur oder etwas dergleichen. Sie müſſen hinaus, Marie, hinaus aus dieſen kalten, grauen Fel⸗ was ſen, die Sie ſonſt ganz und gar in Beſchlag nehmen eelche würden; und das kann Ihr Freund nicht zugeben. Die Menſchen, die Sie um ſich haben, ſind zwar achtungs⸗ werth, aber zu beſchränkt für Ihren Geiſt, dieſer erhält zu wenig Nahrung. Ein buntes, geräuſchvolles Leben iſt gewiß nicht meine Sache, und auch nicht die Ihrige, das weiß ich wohl; aber eine beinahe klöſterliche Ein⸗ ſamkeit, an die uns keine theuren Bande knüpfen, welche eine Veränderung weniger erwünſcht machen, ſchadet doch in die Länge. Dieſen Winter über bedurften Sie der Ruhe; aber drei Jahre auf demſelben Fleck zu wei⸗ len, wird doch zu einförmig, wo man doch nur ein Fremdling iſt und bleibt.“ „Gott ſegne Sie, Marie! Sie ſelbſt können keine reite wärmeren Gebete für das Glück und den Frieden Ihrer mir Zukunft zum Himmel ſenden, als täglich aus den Lip⸗ pen und dem Herzen Ihres treuen Freundes kommen.“ aben, Bl 1 ſein Blum. vor— vohn⸗. 1 eneß Drittes Kapitel. aßen— eten, Wer den geringſten Theil eines Geheimniſſes fort⸗ öde gibt, hat das Uebrige nicht mehr in ſeiner Gewalt. ſehen Jean Paul. deſſen e ſich mei⸗ erden Zeit lange hnte, wie mme Um⸗ 3 al⸗ häus⸗ da es„Bei meiner Ehre! geſtern habe ich etwas Selt⸗ bin. ſames gehört,“ ſagte der Graf, der, eben von einer Reiſe Verwunderung die Augen auf, und nur Thelma be⸗ zurückgekehrt, die obere Stelle am Mittagstiſche einge⸗ nommen hatte.„Setzt eure Gläſer nieder, meine Freunde; ich will Euch meine Neuigkeit mittheilen, und wir werden dann darauf trinken. Es paßt ſich eben nicht, ein Glas guten Madera vorher zu leeren.“ Man ſah Seine Gnaden neugierig an, der mit einem wichtigen Lächeln fortfuhr:„Ja, ja, man hat Jahr⸗ geſche Erſte alſo die f zweit forde ſeine Kundſchafter. Es iſt von einer Ehe die Rede, einer meine Herrſchaften; aber Parole d'honneur, man flü⸗ ſterte ſo heimlich über die Sache, als ob es darauf ankäme, einem Andern die Geliebte zu entführen, anſtatt das beſcheiden zu behalten, was man ſchon hat. Und von wem glaubt Ihr wohl, daß es ſich handelte? Ja, Herr Leiler iſt verheirathet, obwohl er bei uns als Junggeſelle aufgetreten iſt; und er ſoll eine höchſt char⸗ mante Frau haben. Aber bei meinem adeligen Wap⸗ penſchild, er wird ja roth wie eine Jungfrau! Das iſt das artigſte Zeichen von der Liebe eines Ehemanns, das ich je geſehen zu haben mich erinnere.“ 1 „Herr Leiler iſt verheirathet?“ fragte die Frau Baronin und die Gräfin zugleich. Albano riß vor trachtete mit ziemlich natürlicher Gleichgültigkeit die ſchöne Landſchaft auf ihrem noch leeren Deſſertteller, aber in ihrem Herzen dankte ſie Gott für die Schwatz⸗ haftigkeit der kleinen Anna. Ohne die Neuigkeiten jener wäre dieſer Augenblick nicht abgelaufen, ohne daß ſie ihre Beſtürzung in deutlichen Zeichen verra⸗ then hätte. Der Frage:„Herr Leiler iſt verheirathet?“ folgte, ehe er noch antworten konnte, die zweite:„Warum haben Sie die Sache ſo geheim gehalten?“ Mit einem freimüthigen Blicke, dem Blick eines Mannes, der auch in den ſchwierigſten Fällen nichts von einer verlorenen Geiſtesgegenwart weiß, ſah der Architekt umher, und ſprach ſo ruhig, als ob dieſer unvermuthete Aufruf zu einer Erklärung die geringſte Unbedeutendheit wäre?„Ja ich bin ſchon ſeit vier ſtand für i 4 eine Neui zu an Von in ei Anſp halb jetzt: könne aber iſt e⸗ denn den mir Min ſprac Müh Sie wir Getr Mite es n als ſchon als 7 31 inge⸗ Jahren verheirathet, und daß ich deſſen nicht erwähnte, neine geſchah aus zwei, wie ich hoffe, gleich guten Gründen. lilen, Erſtens, weil mich Niemand darum befragte, und ich ſich alſo wohl nicht ſelbſt eine Sache kund machen konnte, ren.“ die ſo wenig Anſpruch auf Theilnahme hatte; und mit zweitens, weil ich der Anſicht war, das Zartgefühl er⸗ hat fordere es, daß ein Mann, der in Unterhandlung wegen Nede, einer Trennung von ſeinem Weibe ſteht, einen Gegen⸗ flü⸗ ſtand nicht zu berühren, welcher eben ſo unangenehm rrauf für ihn ſelbſt zu erzählen, als für Andere zu hören iſt.“ iſtatt Die beſtimmte Erklärung des Architekten brachte Und eine größere Verwunderung hervor, als die ſcherzhafte Ja, Neuigkeit des Grafen, der die Geſellſchaft damit recht als zu amüſiren und Leilern in Verlegenheit zu ſetzen meinte. char⸗ Von einer Trennung hatte der Graf nichts gehört, denn Vap⸗ in einem ſolchen Falle würde ihm ſein Zartgefühl alle s iſt Anſpielungen darauf verboten haben, und mit einem unns, halb ſcherzhaften, halb entſchuldigenden Tone ſprach er jetzt:„Wir werden alſo nicht auf die Sache trinken Frau können. Ich wollte Ihnen zu Ihrer Frau gratuliren; vor aber da ſich der Hekr von ihr zu befreien wünſcht, ſo be⸗ iſt es am beſten, wir laſſen den Gegenſtand ruhen; die denn ſolche Angelegenheiten dürfen nie von einem Frem⸗ eller, den näher beſchaut und bekrittelt werden, und es thut watz⸗ mir leid, Sie darauf gebracht zu haben.“ eiten Der Architekt verbeugte ſich ſtumm. Nach einigen ohne Minuten griff jedoch der Graf wieder zum Glaſe, und erra⸗ ſprach mit der gewöhnlichen Gewandtheit, die ohne Mühe von einem Ding zum andern überging:„Laſſen Igte, Sie uns nicht vergeſſen, daß heute der erſte Mai iſt: grum wir trinken auf das Mark des Lebens, auf ein gutes Getreidejahr.“ eines Mit einer gewiſſen Verlegenheit führte ein jedes ichts Mitglied der Geſellſchaft das Glas an die Lippen; denn der es war jetzt eine ſteifere und erzwungere Stimmung ieſer als jemals eingetreten. Glücklicherweiſe war man ngſte ſchon am Nachtiſch. Die Gräfin aß doppelt ſo ſchnell vier als gewöhnlich, und die Uebrigen ſchnitten mit gleicher Geſchwindigkeit ihre Portionen aus einander. Sobald man vom Tiſche aufgeſtanden war, ging der Architekt mit einer leichten Verbeugung auf ſein Zimmer. „Das war verflucht, wie ich da herausplatzte,“ ſagte der Graf, indem er eine gewaltige Priſe aus der Tabaksdoſe nahm, die ihm die Baronin hinreichte. „Ja, aber wo haſt Du denn das gehört, mein lieber Freund?“ fragte die Gräfin. „Ja, wo, Herr Schwager? ſiel die Baronin ein, die äußerſt neugierig war. „Wo ich es hörte? Nun das geſchah meiner Seele mitten auf der Landſtraße, als ich geſtern nach Ra⸗ bingsbro reiste.“ „Aber von wem?“ fragten die Damen, die die nö⸗ thige Aufklärung in der Sache verlangten. „Ich habe Euch ja ſchon geſagt, daß dieß ein Ge⸗ heimniß iſt; und ihr dürft nicht glauben, meine Da⸗ men, daß ich einen Namen verrathen werde, den ich zu verſchweigen gelobte. Das ſtreitet gegen die Ge⸗ ſetze der Ehre; und ein ſolches Vergehen kann ich mir wahrhaftig nicht zu Schulden kommen laſſen, wenn es mir ſogar die Ausſicht auf ihre höchſte Gnade eröffnete. ¹ Die Sache war ganz einfach, daß der alte Borg⸗ ſtedt dem Grafen einen Wink über das Verhältniß gege⸗ ben hatte, das er ſelbſt längſt durch ſeinen Freund, den Kapitän Oernroos, erfahren hatte; aber Borgſtedt hatte ſich nicht für befugt gehalten, die Sache zu berühren, bis er bei ſeinen abendlichen Wanderungen im Burghofe bemerkte, daß das Fenſter des Architekten für den April doch all' zu lange offen ſtand; was der Alte für um ſo ungeſunder hielt, als die ſchmelzenden Töne von dem weſtlichen Flügel aus recht gut in dem öſtlichen gehört werden konnten. Bei dieſen Wanderungen nahm die Bedenklichkeit Borgſtedt's überhand. Er war der Mei⸗ nung, dem Architekten ſei nicht recht zu trauen, und man müſſe dem Fräulein auf irgend eine Art zu wiſſen bald sitekt 5te,“ 3 der mein ein, ghofe April m ſo dem ehört die Mei⸗ und viſſen 33 thun, der Menſch habe ſchon ein Weib. Die Sache wurde bei dem Grafen auf eine Art angebracht, daß ſie nur das Ausſehen eines Geſchwätzes bekam, womit man den Architekten wegen ſeiner Heimlichkeit necken konnte. Aber daß der Architekt ſchon wieder ein an⸗ deres Weib hatte, oder wenigſtens daran dachte, oder daß er vielleicht gar zwei in Petto hatte, das behielt Borgſtedt weislich bei ſich; aber oft wiederholte er in Gedanken:„Das iſt ein abſcheulicher Menſch, der Ar⸗ chitekt! Gott bewahre das gnädige Fräulein, dieſen Engel, vor ihm! Die Erklärung, die der Graf den Damen gegeben hatte, befriedigte dieſe indeſſen durchaus nicht. Sie z⸗ konnten nicht begreifen, wie ein ſo unbedeutendes Ding, als die Heirath oder Scheidung eines Baumeiſters war, ein Geheimniß zu ſein brauchte. „Aber das hat er ja ganz deutlich auseinander⸗ geſetzt,“ wandte der Graf ein.„Unſer Architekt iſt ein feiner Mann. Er macht ſich keines ſolchen Fehlers gegen den guten Ton ſchuldig, daß er von einem Weibe ſpräche, die ihm entlaufen iſt.“ 44 „Ja, ja, das mag ſein; aber Sie Mffen zugeben, mein Schwager, daß die Sache doch etwas ſchief aus⸗ a ſieht. Ich möchte wiſſen, ob der Probſt Kenntniß da⸗ von hat.“—„O ja, das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ antwortete der Graf, der nicht ahnte, daß er ſich durch dieſe paar Worte in ein ganzes Labyrinth von Fragen verwickeln würde. „Nun, wenn es wahrſcheinlich iſt,“ bemerkte die Gräfin in einem Tone, der den Wunſch verrieth, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben;„warum hat dann der Probſt dieſe Sache verſchwiegen, als ob ſie Kontrebande wäre? Frenkmann unterläßt es ja ſonſt nie, uns die wenigen Neuigkeiten aufzutiſchen, welche die magere Gegend darbietet.“ „Gewiß,“ fiel die Baronin ein, welche wohl be⸗ griff, wohin die Gräfin zielte;„es iſt wahrſcheinlich, daß Die Kircheinweihung von Hammarby. II. —— ———· 34 er von der Heirath des Menſchen wußte, da er es ſich ſo angelegen ſein ließ, ihn hieher zu bringen. Und Alfhild's Kränklichkeit, ſowie Frenkmann's zurückhal⸗ tendes Weſen, als er den Architekten in den erſten acht Tagen hier traf, hat auch ſeine Gründe. Unſer ehr⸗ licher Oernroos wird wohl in der Lotterie ſpekulirt und einen falſchen Zug gethan haben.“ „Einen falſchen Zug,“ rief die Gräfin in ſcharfem Tone;„ich wünſchte, Frenkmann und das Mädchen hätten ſich vorgeſehen.“ „Aber, mein lieber Schwager, Sie wiſſen wohl etwas Beſtimmtes von all dem,“ ſetzte die Baronin ungeduldig hinzu. Der Graf ſtand, um ohne alle Gleichniſſe zu ſprechen, zwiſchen zwei gehenden Mühlen, die Ueber⸗ fluß an Waſſer bekommen hatten. Er hätte ſich gerne, wenn es nur paſſend geweſen wäre, mit beiden Hän⸗ den vor den Ohren auf ſeine Zimmer zurückgezogen; aber um eine ſolche Unhöflichkeit zu begehen, war der Graf zu ſehr Kavalier, und er machte ſich alſo bereit, dem ihm anv uten Theil der Wahrheit ſo nahe als j möglich zu teen, um dadurch eine glückliche Freiheit zu gewinnen. „Nun denn, ich will Euch ſagen, was ich gehört habe,“ ſagte er ernſt;„und dieß iſt, daß die Sache ſich beinahe ſo verhält, wie Ihr vorausſetzt, die Spe⸗ denn Oernroos und ſich konnte, als daß er uns eine Sache ſo unangenehmer Und Art verſchwieg. Familiengeheimniſſe muß man ſtets thal⸗ reſpektiren, und deßhalb iſt es meine Meinung, daß acht dieſe ganze Geſchichte mit allen ihren Nebenumſtänden ehr⸗ künftig unberührt bleibt.“ ulirt Die Gräfin und ihre Schweſter waren gleicher Anſicht, ſeit ſie jetzt alle nothwendige Aufklärungen rfem erhalten hatten, um klar zu ſehen; die Damen gingen dchen noch ſo weit in der Entſchuldigung des Baumeiſters, der im gräflichen Hauſe beſonders gut angeſchrieben war, daß wohl ſie meinten, wenn er einmal glücklich geſchieden ſei, ſo onin nöchte es eine Parthie ſein, die der Probſt nicht abzu⸗ ſchlagen brauche. Dann kam man überein, daß man e zu thun wolle, als ob man nichts gehört, oder vielmehr, eber⸗ als ob man die ganze Sache wieder rein vergeſſen erne, habe. Hän⸗ Und die Baronin von Rawenſtein, der Graf und dgen; die Gräfin vergaßen ſie in der That auch ſehr bald. r der Es war ja nur eine kleine bürgerliche Geſchichte, die ereit, bloß für den Augenblick Intereſſe erwecken und durch eals ihr geheimnißvolles Ausſehen feſſeln zämnte, weiter eiheit nichts. Es war, als ob ſie nie da gew wäre. . Aber ganz anders wirkten die Neuigkeiten, die Fol⸗ ehört gerungen und Nutzanwendungen dieſes Tages auf Albano Sache und Thelma ein. Ihm war alles wie ein Traum, aber Spe⸗ ein Traum, aus dem man eben verwundert und noch und nicht bei ganz klarer Erinnerung erwachen will. Vor ebſche Albano's innern Blick trat wieder die Grotte und der über⸗ Brief. Er ſuchte ſich der beſtimmten Ausdrücke in dem⸗ Lei⸗ ſelben zu erinnern. Es war darin von einem Auftrag und, die Rede, der gewiß in Verbindung mit Leiler's Schei⸗ 3. ob dung ſtand, das war es alſo, was damit gemeint war; tüber und die Liebe, der Sturm in des Architekten Bruſt, der eiheit ihn zu dieſem Entſchluſſe getrieben hatte, war nicht die t er⸗ Liebe zu Thelma, ſondern die zu Alfhild. Nach Allem, eira⸗ was er eben gehört hatte, konnte es wenigſtens eben ſo en ſo gut die Eine als die Andere ſein. Ein Schimmer durch⸗ alten brach die nebligte Nacht, die gewöhnlich Ailandi Seele 36 umdüſterte, ein ſelten empfundenes Gefühl, etwas, das wie Frieden und Verſöhnlichkeit ausſah, tauchte in ihm empor. d Jch habe dem Menſchen Unrecht gethan,“ ſagte Albano halblaut bei ſich ſelbſt.“„Ich habe auch mei⸗ ner Thelma unrecht gethan; was ich zu ſehen meinte, wmaren nur Zufälligkeiten und wahnſinnige Kinder mei⸗ ner eigenen, ſtets geſchäftigen Einbildungskraft. Finde ich meine jetzige Ueberzeugung beſtätigt, ſo werde ich mein früheres Benehmen durch ein Vertrauen wieder gut machen, das ſie, wie ich hoffe, nicht täuſchen wird.“ Zum erſtenmal ſeit langen Jahren begehrten und fanden ſo friedliche, ſanfte und ſtille Gefühle eine Her⸗ berge in der Bruſt des finſtern, argwöhniſchen Grüb⸗ lers. Mit vollen Zügen genoß er auch die ungewohnte Lebensluft; und vielleicht hatte ſein Zuſtand einige Aehnlichkeit mit dem eines Kindes, das ſich von einem böſen Wächter befreit ſieht, und nun auf eigene Fauſt in Gottes freier Natur nach der flüchtigen, bald ver⸗ ſchwindenden Luſt jagt, die ihm der Fang eines Schmet⸗ terlings gewähat. Der Menſch, von ſeinen ſelbſt ge⸗ ſchaffenen In befreit, erhaſcht den Augenblick, und ſein Gewinn iſt vielleicht nicht größer, als der des Kindes, wenn es den Schmetterling, unter ſeinen Be⸗ mühungen ihn zu halten, ſterben ſteht. Aber was für Bilder ſchwebten an Thelma's Seele vorüber, was für Gedanken erhielten die Obergewalt über ihre irrende Phantaſie, als ſie von Leiler's eigenen Lippen jener Scheidung erwähnen hörte? Unter dieſen Verhält⸗ niſſen war er nicht wie ein gewöhnlich verheiratheter Mann anzuſehen, aber deſſen ungeachtet lag immer in ſeiner Handlungsweiſe etwas Unrechtes, etwas Dunkles und Unerklärliches, das ihren Unwillen erweckte, obwohl ihn ein noch ſtärkeres Gefühl hinderte, Wurzel zu ſchlagen. Was aber mehr als je Thelma's Gedanken in An⸗ ſpruch nahm, das war Leiler's Verhältniß zu Alfhild wenn es nämlich ein ſolches zwiſchen ihnen gab. Sie hatte ſelbſt ſo viele Beweiſe einer ſtillen und ſchüchternen 1 pen ilt⸗ eter 37 Neigung erhalten, daß ſie nothwendig bezweifeln mußte, ob Alfhild daſſelbe erfahren hatte. Und doch, wenn es ſo wäre! Thelma ſchauderte vor dieſer Doppelzüngigkeit; ſie hätte ſchon längſt Ge⸗ wißheit hierüber haben können; aber ſie wagte es nicht, ſich dieſelbe zu verſchaffen, ſondern vermied es mit der äußerſten Sorgfalt, jemals Leiler's Namen zu erwäh⸗ nen, wenn ſie mit Alfhild allein war. Einige Tage ſpäter kam der Architekt eines Abends früher als gewöhnlich vom Kirchbau zurück. Als er in den Schloßhof eintrat, ſah er Thelma und Graf Albano unter einer der hohen Linden ſitzen. Leiler wollte mit einem leichten Gruße nach dem Flügel zu⸗ gehen, den er bewohnte; da rief ihm der Graf mit zuvorkommender Artigkeit zu:„Kommen Sie daher, Herr Leiler! Der Abend iſt ſo ſchön, daß meine Braut noch gerne länger hier außen ſitzen möchte. Da ich aber einen Brief zu ſchreiben habe, ſo muß ich Sie bitten, ihr auf eine Weile Geſellſchaft zu leiſten.“ Leiler gab ſeine Bereitwilligkeit mit einer Ver⸗ beugung zu erkennen, und mit einem unzuhig forſchen⸗ den Blick ſah Thelma Graf Albano nach, der die Schloßtreppe hinaufhinkte, und ihr noch einmal, ehe er verſchwand, freundlich zunickte. Es war das erſtemal, daß Fräulein von Rawen⸗ ſtein und der Architekt ſich ſo unter vier Augen ſahen. Nie hatten ſie allein und nur wenig in Geſellſchaft mit einander geſprochen, auch fühlte Thelma in dieſem merkwürdigen Augenblick eine Unruhe, die ſie verge⸗ bens unter einem äußeren Schein von Faſſung zu ver⸗ bergen ſuchte. Sie war jetzt Braut. Die Serenaden bei der Grotte und die feurigen Blicke, die aus den Augen des Sängers blitzten, konnten, durften nicht mehr ihr angehören; und wenn es etwas gab, woran ſie mit innerlicher Befriedigung dachte, ſo war es die Gewißheit, daß ſie, welches auch die Gefühle geweſen ſein mochten, die Leilern belebten, doch niemals ein 38 Wort gewechſelt hatten, deſſen Erinnerung den gegen⸗ wärtigen Augenblick erſchweren konnte. „Ich würde mich glücklich ſchätzen,“ ſprach der Architekt, indem er ungezwungen den Platz neben Thelma einnahm, welchen Albano eben verlaſſen hatte: „wenn ich mich des koſtbaren Vertrauens würdig machen könnte, mit dem der Graf mich zu beehren beliebt, — er mir erlaubt, ſeiner Braut Geſellſchaft zu eiſten.“ Die Worte„ſeiner Braut,“ die mit elnigem Nach⸗ druck ausgeſprochen wurden, klangen in Thelma's Oh⸗ ren höchſt widrig, da ſie von Leiler's Lippen kamen; und ziemlich feſt, obwohl mit leiſer Stimme erwiederte ſie:„Graf Albano's Braut macht ſo geringe Anſprüche, daß ſie leicht zu erfüllen ſind.“ „Wenn Fräulein von Rawenſtein die geringſten Anſprüche an den gehorſamſten ihrer Diener machte, ſo würde ihm dieß das höchſte Glück gewähren,“ fuhr der Architekt mit kühner Freiheit fort, indem er Thel⸗ ma's Worte gegen ſie ſelbſt gebrauchte. „Ich ſprach nur im Allgemeinen,“ ſagte ſie mit entwaffnend enſt, aber hochrothen Wangen. „Iſt es möglich, daß ich ſo unglücklich ſein könnte, Sie zu beleidigen?“— Leiler ſchlug mit geübter Hand eine andere Saite an,—„in dieſem Falle wäre ich untröſtlich, von Ihnen mißverſtanden worden zu ſein; denn konnte es ein Verbrechen ſein, zu wünſchen, daß Sie einen, wenn auch noch ſo geringen Anſpruch an einen Menſchen machten, der um jeden Preis die Macht 1 beſitzen möchte, Ihnen, wenn auch nur auf einigen flüchtige Augenblicke, ein Vergnügen ſchenken zu kön⸗ nen?“ Es war Thelma's böſes Geſchick, das ſie eben jetzt aufblicken ließ; ſie ſah die gefährlichen Augen mit einem innig bittenden Ausdruck, aber mit einem Ausdruck der höchſten Empfindung, auf ihr ruhen. In den ſchmei⸗ chelnden Tönen ſeiner Stimme lag überdieß eine Macht, von der ſich ihre Seele vergebens loszumachen ſtrebte. gen⸗ der eben atte: chen iebt, zu ach⸗ Oh⸗ nen; derte iche, ſten chte, fuhr hel⸗ mit nte, hand ich ein; daß au acht nige kön⸗ jetzt nem der ne i⸗ icht, bte. 39 Sie wollte weder geſehen noch gehört haben. Aber gegen ihren Willen ſah und hörte ſie Alles. „Sie ſind mir nicht mehr böſe?“ Der Architekt beugte ſich ſo tief herab, daß ſeine Locken beinahe den Saum ihres Kleides berührten. Thelma meinte zu vergehen. Sie erinnerte ſich des entſetzlichen Abends, wo ſie, auf Albano's Bett⸗ kante ſitzend, mit einem Todesſchauer ſich von ſeinen Armen umſchloſſen fühlte. Damals ſtrebte ihr Körper aus allen Kräften, dem Netze zu entgehen. Jetzt war es der Geiſt, der kämpfte, um ſich einer Gewalt zu entziehen, die ihr beinahe wie ein Zauber vorkam. Sie wollte aufſtehen, ſie wollte ihn verlaſſen; das zar⸗ teſte Gefühl ihres Weſens litt bei dem Bleiben. Und doch war ſie wie mit unſichtbaren Banden gefeſſelt. Noch nie hatte Thelma Leilern in dieſer Nähe be⸗ trachtet. Der Wind ſpielte durch die feinen Ringeln ſeines ſchwarzen Haares; die Stirne erſchien in der dunklen Dämmerung beinahe marmorweiß; aber auf ihrer Wölbung lag eine ſeltſame Wolke, wie das dunkle Zelt der Nacht, wenn es über den bleichen Sternen ausgeſpannt iſt. Die Augen, als ſie ſich zu ihr hoben, brannten von einem Feuer, das ſie nicht zu ertragen vermochte, und um die Lippen, wenn ſie ſich zu einem ſtillen Seufzer öffneten, ſpielten die feinen Züge des trotzigen Uebermuths, der mit Mühe von dem Mantel ſcheuer Ehrerbietung beſchattet war. Der Eindruck, den Thelma in dieſer Minute em⸗ pfand, war nicht von der ſüßen, angenehmen Gattung, wie ſie bei der Felsgrotte gefühlt hatte. Es lag zwar immer und jetzt mehr als je ein unerklärlicher Zauber in dem ganzen Weſen des Architekten; aber wenn ſie jeden ſeiner Züge beſonders betrachtete, ſo erweckten ſie eine Furcht in ihr, zu der ſie den Schlüſſel nicht fin⸗ den konnte; und nur wenn ſie ſie in ihrer Geſammt⸗ heit ſchaute, waren ſte unwiderſtehlich. Noch war keine Antwort über ihre Lippen gegan⸗ gen. Sie ſchämte ſich ihres Schweigens, das ſprechen⸗ — 40 der war als Worte; aber es war ihr unmöglich, es zu brechen.. „Sie ſind mir nicht böſe?“ wiederholte er noch einmal; und durch das bloße Achtungsvolle, das jetzt in der Stimme des Hexenmeiſters lag, bekam ſie Muth mit einem:„Nein, nicht im Geringſten,“ ſich in eine neue und beſſere Stellung zu ihrem gefährlichen Nach⸗ bar zu ſetzen. Aber ehe ſie ein weiteres Wort wechſeln konnten, trat der alte Graf in den Hof heraus und erklärte mit väterlicher Vorſorge, daß es zu kühl ſei, um länger außen zu weilen. Thelma erhob ſich ſchnell; und ſie fühlte bei dieſer Unterbrechung eher eine Befriedigung, als ein Leid⸗ weſen. Sie eilte ihnen voran die Treppe hinauf, wäh⸗ rend Leiler, der den Grafen in das Kapitel des neuen Stallbau's verwickelte, langſam mit Seiner Gnaden hintendrein kam. Viertes Kapitel. Wenn als Erinnerung auch das Jetzt verklingen Und Schmerzen nur uns uͤbrig laſſen mag, Des Troſtes Engel kommt auf Friedensſchwingen Und waͤrmt des Herzens Wintecag arlén. „Komm heraus, Kind, und ſieh, wie prächtig Deine Blumenzwiebeln aufgeſchoſſen ſind; Du haſt noch nie ſo ſchöne Blumen gehabt,“ ſagte Onkel Sebaſtian, indem er mit Hut und Stock in Alfhild's Zimmer trat, um ſie zu einem Ausflug in den Garten abzuholen. Der Kummer des Greiſen über den Hingang ſeines alten Kameraden hatte ſich wie jeder Kummer dieſer Art gegeben, und Onkel Sebaſtian's warmes Herz es für billig erachtet, ſeine Gedanken und Sorgen wieder ſeinem einzigen Lieblinge zuzuwenden, oder wie er bei ſich ſelbſt dachte: Er müßte ſich des lieben Kindes an⸗ 41 es nehmen; denn ſonſt würde ſie in all' dieſen Satans⸗ dummheiten hier zu Grunde gehen. noch„Ich war geſtern Abend draußen, liebes Onkel⸗ jetzt chen,“ erwiederte Alfhild, und ihr Ton verrieth, daß zuth ſie Luſt habe, da zu bleiben. eine„Geſtern Abend, mein Täubchen? Heißt Du das ach⸗ ausgeweſen ſein? Du kehrteſt ja am Sandweg um, und meinteſt, Alles ſei ſchön, ohne daß Du etwas ten, ſahſt noch ſehen konnteſt; denn es war ja ſchon Däm⸗ mit merung, und überdieß neblig, wie wenn ich Dir meine ger Hand vor die Augen legte und Dich durchſehen ließe. Nein, Kind, das taugt nichts; Du mußt es jetzt ſehen. eſer Wir haben heute ein Wetter, daß die Engel ſich daran lid⸗« freuen könnten. Die Sonne brennt nicht, ſie erwärmt äh⸗ nur ſo mild und wohlthuend.“ ten Alfhild's böſer Huſten, den nicht einmal die laue den Juniluft zu hemmen vermochte, hinderte ſie an der Antwort. Sie ſtützte den Kopf auf die Hand, und als ſie wieder nach dem alten Oernroos aufſah, ſtanden ihre Augen voll Thränen. „Der verdammte Huſten macht Dich ganz hin,“ ſagte er bekümmert. Aber Sebaſtian wußte wohl, daß es nicht allein der Huſten war, der den reinen, him⸗ n melblauen Spiegel im Auge ſeines Lieblings befeuch⸗ tete.—„Trinkſt Du noch jeden Abend Deinen Flieder⸗ thee mit Honig, mein Kind?“ „Ja, jeden Abend und auch Morgens,“ antwor⸗ ne tete Alfhild,„aber es gibt ſich nicht.“ ſo„Nein, nein, leider Gottes, es iſt nicht gut ſo. em Aber höre jetzt, Mädchen: glaube ja nicht, daß es zu im etwas helfe, wenn Du Dich auf dieſe Art einmauerſt; weit entfernt! Meiner Seel' das Beſte, was hier ge⸗ es than werden kann, iſt, wenn man hinausgeht und Gottes er friſche Luft einathmet. Komm jetzt, ſetze Deinen Hut auf, es und nimm Dein Tuch auf den Arm, dann gehen wir er mit einander hinaus; denn Du darfſt nicht glauben, ei daß ich unverrichteter Dinge abziehen werde.“ n⸗ Alfhild machte keine Einwendungen mehr, ſondern —j fügte ſich ſtill und geduldig in den Vorſchlag des Alten, und bald wanderten ſie, auf einander geſtützt, die ſauber geſandeten und zierlichen Wege des Pfarrgartens hinab. Der alte Oernroos machte Alfhild darauf aufmerkſam, wie bald hier ein Stock aufgebunden, bald dort Unkraut ausgeriſſen, und ein Spalier verſetzt oder ausgebeſſert werden müſſe. Sie half mit und ſchien in der That eine Freude an der ſchönen bunten Farbenpracht der mit Blumen aller Art beſäumten Gänge zu haben; aber— in dieſem Genuſſe ſelbſt lag doch etwas Todtes, etwas, was die beſten und ſinnreichſten Bemühungen Onkel Sebaſtian's nicht zum Leben zu erwecken vermochten. „Jetzt können wir uns ein wenig ſetzen,“ ſagte der Alte und führte ſie hinauf nach der Moosbank am Hofe, wo ſie im vorigen Jahre ſo oft, ja beinahe je⸗ den Abend mit Leilern geſeſſen war. Alfhild ſchauderte; dieſen Platz vermied ſie ſtets; und als Sebaſtian ſie gegen ihren Willen dahin zog, war es ihr unmöglich, ihre Bewegung zu unterdrücken. Sie ließ den Kopf gegen die Schulter ihres treueſten Freundes ſinken; und als ob der Greis geahnt hätte, was in ihrem Innern vorging, breitete er ſein großes rothgeblümtes Sacktuch über ihren Kopf aus, damit, wie er ſagte, die Fliegen ſie nicht beläſtigen möchten, aber eigentlich that er es nur, um die Zeichen des Grams nicht ſehen zu müſſen, die er nie bemerken konnte, ohne ſelbſt ein wunderſames Zucken in den Augenwimpern zu fühlen. So ſaßen ſie eine geraume Zeit ohne zu ſprechen. Onkel Sebaſtian wurde immer weicher um's Herz; aber ſeinen Lippen entſchwebte ein barſcher Soldatenfluch nach dem andern über den Baumeiſter, den Erzſchlingel— der Ausdruck war nicht fein; aber Kapitän Oernroos hatte keinen beſſern bei der Hand— der ſo herangezogen ſei, und wie ein Mordbrenner das Herz verheert habe, das arglos den feindlichen Gaſt aufnahm.„Ja, wenn ich ihn nur einmal zu Brei zuſammen drücken dürfte,“ murmelte er; aber gleich darauf ſeufzte er tiefer als je, wenn er an den Mann in ſeinen kraftvollſten Jahren dachte, mit 2 — ——E— ——9—ͤ— 43 einem geſchwächten Greiſe kämpfend, der nur noch die Erinnerung an ſeine frühere Stärke beſaß; dieſer Sueif tauchte nichts und würde nur Anlaß zum Lachen eben. 9 Der Probſt Frenkmann hatte Oernroos von ſeiner Beſprechung mit dem Architekten nur den Punkt mit⸗ getheilt, der die Eheſcheidung betraf, ſo wie ſeine Ant⸗ wort, daß nämlich Leiler am Schluſſe des Prozeſſes den bereits gemachten Antrag erneuern könne. Dieſes Be⸗ nehmen des Probſtes war von Sebaſtian ſehr gebilligt worden; aber wenn er überlegte, was für ein Glück es wohl für Alfhild ſein würde, wenn ſie künftig mit einem geſchiedenen Manne von dem zweideutigen Charakter des Architekten vereinigt wäre, da ſchüttelte er den Kopf, und meinte überdieß, Alfhild würde keine drei oder vier Jahre in dieſer übernatürlichen Spannung aushalten können; und jedesmal, wenn er auf dieſen Schluß kam, jedesmal wenn er Thränen in ihren Augen ſah, oder ihren ſchweren anhaltenden Huſten hörte, ſchickte er den Architekten in ſeinen Gedanken dahin, wo weder Sonne noch Mond leuchtet; und dennoch ſann er unaufhörlich darüber nach, ob er nicht den Gram ſeines Lieblings durch das einzige Mittel lindern ſollte, das denſelben ſeiner Meinung nach aufheben oder wenigſtens weniger fühlbar machen könnte, wenn er nämlich den verhaßten Menſchen noch einmal ſehe und mit ihm ſpreche. Der Greis wußte wohl, daß Alfhild's Schmerz durch die Gewißheit, Leiler habe den Pfarrhof im Zorne ver⸗ laſſen, noch vervielfältigt wurde. Sie hatte ja ſelbſt Onkel Sebaſtian ihr Begegnen und den letzten kalten Gruß geſchildert, der noch beſtändig vor ihren Augen ſchwebte. Leiler hatte nicht einmal die letzte Entſchei⸗ dung von ihr ſelbſt verlangt. Er hielt es damals nicht für nothwendig, und es war dieß gewiß alles gut und ganz wie es ſein ſollte. Aber das Herz, das ſchwache Herz konnte ſich mit dem Gedanken nicht ausſöhnen, daß er ſie im Zorn und nicht im Schmerz verlaſſen hatte. „Kind,“ ſagte Onkel Sebaſtian langſam und zog 44 das rothſeidene Nastuch von Alfhild's Geſicht; aber plötzlich, wie wenn er ſich den Finger verbrannt hätte, warf er es wieder darüber und ſchwieg kurz. Der Greis begann folgende ſtille Berathung mit ſeinen zwei ab⸗ wechſelnden Bundesgenoſſen, der Schwachheit und der Vernunft:„Der Sakermentskerl! Bei meiner Soldaten⸗ ehre, nicht beſſer als der lumpigſte Taſchenſpieler! Ich wollte, er wäre vor zwanzig Jahren hier geweſen. Ja, holen mich ſieben Millionen Teufel, wenn ich das nicht wollte; denn dann hätte ich mit dem Jungen geſpielt, anſtatt daß er wie ein ächter Schurke, wie ein wahrer Dieb mit Weiberherzen ſpielt. Pfui Teufel! Kann ein Mann auf keinen beſſern Zeitvertreib gerathen, zumal ein ſolcher, der ſchon ſeinen Theil hat! Aber das Mäd⸗ chen da— ach, ach, als ich das Sacktuch aufhob, ſah ich wohl, wie ihr Geſicht wie ein gekochter Krebs, und dann gleich wieder wie die Lilien in den Blumenbeeten ausſah. Das iſt Gram, ja meiner Seele ſo iſt's, und ein Gram, der ſie hinmacht. Ich moͤchte doch wiſſen, warum er ihr nicht einen freundlichen Blick ſchenkte, als er am Fenſter vorüberging. Die Weibsleute ſind auch ſo gebrechlich, man darf ſie kaum anhauchen, ſo biegen ſie ſich wie ein Rohr dahin und dorthin. Frenk⸗ mann hatte ihn wohl gereizt; aber auf alle Fälle, da er ihm ja die Erlaubniß gab, wiederzukommen, ſo— meine ich, war es eben ſo gut, wie ein Ja— und das Mädchen ſchwindet ja vor unſern Augen hin.— Hm! wenn— ja, ja, das wäre jetzt gewiß keine Sunde! Nein, das will mir nicht in den Kopf, beſonders da er ja die Erlaubniß erhalten hat.“ Das Gewiſſen des alten Sebaſtian ſchien hier mit ſeinem Wunſche, Alfhild einen Troſt zu verſchaffen, und mit ſeinem Rechtsgefühle in Streit zu gerathen, wel⸗ ches letztere den Schritt nicht billigte, den er nicht nur als richtig, ſondern auch als nothgedrungen anſehen wollte. Doch konnte er nicht umhin, zu geſtehen, da,, wenn der Probſt zu Hauſe geweſen wäre, es ihm ſchwer⸗ lich in den Sinn gekommen ſein möchte, dieſen Schritt — Zͤ —— 2——=—r— ‿— u—— 45 zu thun; aber jetzt— Oernroos ſchien Alles wohl über⸗ legt und begründet zu haben, ſchlimmer als es ſei, könne es nicht werden, meinte er.. „Höre, Kind,“ und jetzt zog er wieder das roth⸗ ſeidene Sacktuch hinweg,„ich meine, wir könnten recht gut zum Kirchbau hinabgehen; es würde recht unter⸗ haltend ſein, zu ſehen, wie es damit ſteht; ich bin ſchon lange nicht mehr drunten geweſen.“ „Zum Kirchbau, Onkelchen! Was denkſt Du?“— Alfhild fuhr auf, ein Strahl der Freude blitzte in ihren Augen, aber er verſchwand ſogleich wieder. Sie lächelte krüb und wehmüthig;„das geht nicht an,“ meinte ſie. „Geht nicht an, wenn wir ſehen wollen, wie unſere neue Kirche emporſteigt? Ja, wohl thut es das. Und überdieß iſt es ja nicht ſo gewiß, ob er drunten iſt, und wenn auch, was iſt es dann, Du wirſt ihn wohl noch hie und da ſehen; und ich meine, Du würdeſt Deinen Schmerz beſſer tragen, wenn Du wüßteſt, was ihn da⸗ mals unfreundlich gemacht hat. Der Menſch hat ein ſonderbares Gemüth; ein gutes Wort von Dir würde vielleicht die Stürme ſeines Innern beruhigen.“ „Ach ja, das hat er oft geſagt! Onkelchen— und wenn es nur nicht unrecht wäre, wenn ich wüßte, daß es nicht ſchlimmer würde... Ach, ich könnte es nicht aushalten, wenn er mir einen ſolchen Blick zuſchickte, wie damals— wo er fortging.“. „O das thut er gewiß nicht! Er war damals auf⸗ gebracht; und wie Du weißt, ſind die Augen eines Mannes in einem ſolchen Falle keine Liebesboten.“ „Das iſt wahr, Onkel; aber warum iſt er nicht wiedergekommen?“ 1 „Wiedergekommen, ſagſt Du! Wie konnte er denn das, da Dein Vater ihm erklärte, daß er erſt am Schluſſe des Prozeſſes ſich wieder erkundigen dürfe. Es gab ja nichts, weßhalb er hieher hätte kommen können, das begreifſt Du doch?““ „Nun aber, Papa Sebaſtian, dann wäre es auch 46 unrecht, wenn ich hinab ginge. Gott weiß, daß ich manchen Tag meines Lebens hingeben wollte, wenn ich noch einmal mein Herz an dem Anblick der geliebten Züge erfreuen dürfte, aber ich will nichts thun, das ich mir als anſtößig, vielleicht ſogar als ſündlich vor⸗ werfen müßte.“* „Grillen, mein Mädchen, meiner Seele Grillen! Wir gehen hinaus, um einen Spaziergang zu machen und den ſchönen Abend zu genießen; ſehen zugleich den Kirchbau und ſprechen ein paar Worte mit dem Bau⸗ meiſter, wenn er da iſt. Wenn das anſtößig oder ſünd⸗ lich iſt, ſo verſtehe ich mich weder auf dieß noch auf das, doch thue, wie Du willſt; ich meinte es gut und dachte, es würde Deinem kranken Herzen wohl thun.“ „Ach ja, das würde es gewiß,“ erwiederte Alfhild lebhaft;„und wenn Du meinſt, daß nichts Böſes an der Sache iſt, Onkel, ſo will ich gerne gehen. Ich will ihn nur ein Bischen tröſten und ſelbſt ein wenig Troſt holen. Da wird es denn uns Beiden beſſer werden.“ Sie gingen durch das roth bemalte Gatterthor Pinin und ſchlugen den Weg nach dem neuen Kirch⸗ au ein. Das friſche, ſchöne Gemälde, das ſich vor ihren Blicken ausbreitete, wirkte mächtig auf ihre Seelen. Alfhild hatte es nicht mehr geſehen, ſeit der Juni ſein feines grünes Sammetgewand über Feld und Wald ausgeworfen hatte. Mit vollen Zügen ſog ſie den rei⸗ nen Genuß ein, der ihr in jedem Säuſeln durch die alten Pappeln entgegenſtrömte. Da lag auf der Landſpitze einer Seite die verfallene graue Kirche, und ſpiegelte ſich wie ein Adler mit zerſchoſſenen Schwingen in der ruhigen, von keinem Hauche bewegten Fläche des Bin⸗ nenſees, auf der anderen erhoben ſich die weißen Mauern des wachſenden Tempels, wie ein Schwan, der nach einem Bade im weißen Schaume wieder auftaucht und ſich jetzt im grünen Mooſe des Ufers trocknet. Im Hintergrunde erſchienen die gewaltigen Ruinen des —8——— u——— O nn — ——-—& u — — u & 88AES — 47 alten Schloſſes— und das neue glänzte dem gold⸗ und purpurgewirkten Sonnenzelte entgegen. Das ganze Gemälde war in einen Rahmen eingeſchloſſen, den über einander gethürmte Waldhügel bildeten, an deren Fuße das grünende Ackerfeld ſich in friedlicher Eintracht neben blühenden Wieſen dahin ſchlängelte. Die ganze Natur ſchien Sabbath zu halten, ſo friedlich, ſo ſchön und ruhig fühlte man ſich in dieſem herrlichen pracht⸗ vollen Reich. Da toͤnte auf einmal der friſche Lärm und das verworrene Getöſe der Arbeiter von dem Kirch⸗ hof herüber. Die Leute hatten eine kleine Ruheſtunde gehalten; aber jetzt ging es mit erneuerter Kraft los, und das Echo wiederholte weit umher die Beſehle des Architekten. Dieſer ſtand hoch oben auf dem Gerüſte, das zu der längſt aufgeführten Mauer führte. Alfhild druͤckte den Arm ihres Onkels feſt an ſich. —„Siehſt Du ihn?“ fragte ſie beinahe athemlos. „Iſt er nicht herrlich? Sieht er nicht, wenn er jetzt ſo hoch ſteht und das Tuch über dem Kopfe ſchwenkt, aus, wie ein.. Das Mädchen erſchrack über den kühnen Flug ihrer Phantaſie, und Onkel Sebaſtian erfuhr nicht, wem der Architekt ihrer Meinung nach in dieſem Augenblicke gleich ſah. Sie traten näher unter das Gerüſt, wo Leiler zu oberſt mit anmuthiger freier Haltung gegen die äußerſte Kante des hoch aufgeführten Brettergelän⸗ ders gelehnt ſtand, das den Arbeitern bei ihren Ar⸗ beiten um die Mauer herum als Fußſtütze diente. „Gottestod! ſchaut auf da unten!“ rief die befeh⸗ lende Stimme des Architekten, als ein Haufen kleiner Steine von der andern Seite der Mauer herabfiel und alles zu zerſchmettern drohte, was ſich unten befand. Aber er wäre beinahe ſelbſt herabgefallen, als er ent⸗ deckte, daß es Alfhild und ihr alter Freund war, die unten ſtanden. Sie waren jedoch ſchon bei Seite ge⸗ treten und ſtanden jedenfalls zu weit entfernt, um von den umherſtiegenden Thonſtücken und Steinen erreicht ö ——* 1 8 48 werden zu können. Der ſcharfe Blick des Architekten entdeckte ſogleich, daß nur die Richtung die Gefahr vergrößert hatte. Mit gedämpfter Stimme, halb kalt, halb höflich ſprach er, indem er die Mütze lüftete, und ſich ſo gut es ſeine gefährliche Stellung erlaubte, vor⸗ wärts beugte:„Der Platz dort iſt ſehr unſicher; wollen ſich die Herrſchaften gefälligſt rechts halten.“ Dann wandte er ſich, wie wenn nichts vorgefallen wäre, wie⸗ der um und fuhr ganz ruhig in den Befehlen fort, die er auszutheilen hatte. Alfhild vermochte ſich kaum auf den Beinen zu hal⸗ ten; ſte zitterte ſo ſehr, daß Sebaſtianis ſchwacher Arm ſte nicht länger zu ſtützen vermochte. Sie ſetzten ſich auf einen der Balken, die in großer Anzahl auf dem weiten Plane umher lagen.—„Sei nicht betrübt, mein Täubchen! Ich meinte es ja von Herzen gut; aber der Menſch iſt ein Unthier, das Dich nur zerriſſen haben würde, wenn er Dich in ſeine Klauen bekommen hätte,“ ſagte der Greis, indem er ſeinem Liebling ſchmeichelnd die Hand ſtrich, welche auf ſeinen Knieen ruhte. Da ging etwas raſch hinter ihnen, und ehe ſie ihre Verwunderung gegen einander ausſprechen konn⸗ ten, ſtand der Architekt mit rothem und erhitztem Ge⸗ ſichte da, die Mütze in der einen, das Nastuch in der andern Hand.—„Ich bitte tauſendmal um Verzei⸗ ung! Ich wäre gerne ſogleich herabgeſtiegen; aber die flicht hielt mich noch einige Minuten oben. Jetzt bin ich frei, und es wird mir ein Vergnügen machen, wenn ich die Geſellſchaft ein Stück weit auf der ſchö⸗ nen Promenade nach dem Pfarrhofe begleiten darf.“ „O du Tauſendkünſtler,“ dachte Onkel Sebaſtian, aber er war doch froh, daß jener kam; denn es kehrten ja die Roſen wieder auf Alfhild's bleiche Wangen zurück, und ein Sonnenſtrahl blickte durch die beſtändigen Nebel, die den Glanz der Augen trübten.—„Ach die Liebe,““ ſagte Sebaſtian bei ſich ſelbſt, und kneipte Alfhild in die Fingerſpitzen, um ſie zum Sprechen zu bringen. Er —* “ 194 / „ 8 —————— EAne—, S==S= 2—— ,—*2—— α———— 49 ſelbſt fühlte einen ſolchen Grimm gegen den Architekten, daß er ſich nicht mit ihm einlaſſen wollte. Aber der Alte hätte die Fingerſpitzen des armen Mädchens preſ⸗ ſen können, bis das Blut herausgeſpritzt wäre, und ſie hätte doch nicht die Lippen geöffnet, wenn nicht der Zufall in Bund mit ihm getreten wäre. Dieſer Zufall kleidete ſich in die Geſtalt eines Ar⸗ beiters, der etwas Nothwendiges mit dem Kapitän zu ſprechen hatte, denn dieſer war der Rathgeber des gan⸗ zen Kirchſpiels in allen weltlichen Dingen, welcher Art ſie auch ſein mochten.„Gott ſegne den gnädigen Herrn Kapitän! dürfte ich nicht ein Wort mit ihm ſpre⸗ chen?“— Er verbeugte ſich demüthig, und drehte den ſchlappen Hut fleißig zwiſchen ſeinen ſchmutzigen Fingern. „Ei warum nicht, Vater Andres,“ erwiederte Se⸗ baſtian freundlich, und entfernte ſich mit dem Manne, welcher, da der Kapitän ſo freigebig mit ſeiner Zeit zu ſein ſchien, ebenfalls die Gelegenheit benützte und ſich alles ſeines geheimen Kummers entledigte, den er nach allen Richtungen wandte, um denſelben dem Zu⸗ hörer klar zu machen, und ſo einigen guten Rath zu erhalten. Als Leiler ſich mit dem theuren Gegenſtande der wärmſten Empfindung, die je ſeine Bruſt klopfend ge⸗ macht hatte, allein ſah, fühlte er ſich ganz und gar entwaffnet. Beleidigter Stolz, Mißtrauen, kleinliche Rache, all dieſe niedern Gefühle verſtummten, und ſein hoher, freier Geiſt ſchwang ſich empor zu dem Tempel der wahren, reinen und treuen Liebe. Seine Hand umſchloß die ihre, ſein Athem berührte ihre Wangen, und neben ihr auf dem Zimmerbalken ſitzend, beugte er ſich herab und flüſterte:„O meine Alfhild, mein lichter, reiner Engel! warum biſt Du ſo lange unſichtbar geweſen? Warum haſt Du mich ſo lange vor Sehnſucht nach einem Blick aus Deinen Augen zerſchmachten laſſen? Sie ſind ja mein Leben; ich habe m SFinſtern getappt, ſeit ich ſie nicht geſehen habe.“ Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 4 —yy—O— —— 4 —— 8. 2— —y— Zeit trennt. Kurz, er verſtand es, die feinſten Gefühle Liebe ſchwoll, von Sehnſucht brannte. Ich wollte die „Und doch, Leiler, wie ſahen Sie mich an, als Sie den Pfarrhof verließen?“ ſprach Alfhild leiſe und ohne aufzublicken. „Ach ſprich nicht davon! Dein Vater, Alfhild, o er iſt ein entſetzlich kalter Menſch, er hatte mich auf⸗ gereizt. Er ſpielte ſogar darauf an, daß Deine Ge⸗ fühle für mich erkaltet ſeien, ſeit Du Kenntniß von dem Bande erhalten habeſt, das uns auf eine gewiſſe ⁸— meiner Seele ſo geſchickt auf die Folterbank zu ſpannen, daß ich gereizt und mehr als kalt ihn verließ; und ſeitdem hat mir mein Stolz verboten, zurückzukehren.“ „Ach, ich dachte mir wohl, daß es mein Vater geweſen ſei; mir konnten Sie nicht zürnen, Leiler.“ „Dir zürnen, Geliebte, nein, das konnte ich nie! Aber lege dieſes kalte Sie ab, das ſo eiſig zwiſchen unſere Herzen haucht. Zürnen? Nie! Aber gekränkt, tief und bitter gekränkt— und verletzt von Deiner Unentſchloſſenheit, Deinem Mangel an Liebe, das konnt' ich allerdings werden; und ich will nicht läug⸗ nen, daß es eher dieſes Gefühl als das Benehmen des Probſtes war, was mein langes Ausbleiben veranlaßte. Bedenke ſelbſt, Alfhild, Du hatteſt heilig gelobt, Dich ſtets bei meinen Worten zu beruhigen? Ich hielt Deine Liebe für ſo ſtark, daß ſie wie die meinige jedem Hin⸗ derniß trotzen könnte, und das nicht durch Kraft und That, denn dieſe kommen nur dem Manne zu, ſondern durch Geduld und Treue, jene Edelſteine in der Braut⸗ krone des Weibes. Da kam ich, auf dieſe Schätze vertrauend, und mit einem Herzen, das von warmer —9———dA 1—ͤ—— ganze Welt in meine Arme ſchließen, im Vertrauen, daß ich Deine Welt ſei; und da— o weh! da hat der Dämon des Argwohns ſich während meiner Ab⸗ weſenheit in mein Paradies geſchlichen, die ſchönſten Blumen verpeſtet und ſeinen vergifteten Saamen † die friſche Erde geworfen. Meine Liebe war A nicht mehr Alles; es gab ein Wort, das ſie bald d ₰ * 8 — 1 51 als viiſſen, bald Urtheil der Welt nannte— dieſes lag und zwiſchen uns— es wurde eine Mauer, durch welche die heißeſte Sprache meines Herzens nicht zu dem ihri⸗ „ 0 gen dringen konnte.— Sieh⸗, Alfhild, in dieſem Aus⸗ auf⸗ genblicke empfand ich einen Schmerz, gegen den Alles, Ge⸗ was ich früher gelitten, nur unbedentende Stiche wa⸗ von ren. Sich verhoͤhnt, in der Hoffnung auf die alles diſe aaufopfernde Liebe des Weibes, das man liebt, getäuſcht thle zu ſehen, das iſt Etwas, was der Mann nicht ertragen nen, lann, ohne daß ihm dieß Mißverhältniß das Gleich⸗* und gewicht ſeiner Seele raubt; und wenn die Stürme en. einmal losgelaſſen ſind, wo iſt dann der Zielpunkt, an 4 ater dem ſie halten.“— 1 121 Der Architekt ſchwieg; ſeine Augen ſuchten die nen Alfhild's mit einem unausſprechlich beredten Ausdrucke. hen Und ſie, konnte ſie ihm wohl einen Blick verſagen? nit, Lange und tief ſchaute Leiler unter die dunklen Wöl⸗ ner bungen, welche die glänzenden Sterne ſeines Lebens 1 das bargen. Darin wohnte Friede und Verſöhnung, Hoff⸗ ug⸗ nung und Treue. des„Alfhild,“ begann er endlich, in weichem Tone, te.„Du kamſt hieher, Du kamſt freiwillig; ſprich, meine dich Geliebte, kamſt Du, um wieder gut zu machen?“ ine„ Ach Leiler,“ erwiederte ſie ſchüchtern, denn ſie din⸗ fürchtete die ſtürmiſchen Leidenſchaften wieder zu er⸗ und wecken, die jetzt zum Schweigen gebracht waren,„was vern kann ich antworten? Onkel Sebaſtian hat mich dazu aut⸗ beredet, ich hielt es für unrecht; aber er wußte wohl, ätze was mein armes Herz bedurfte, um wieder beruhigt mer und geſtärkt zu ſein.“ „Und was bedurſte es, Alfhild?“ fragte Leiler ten, mit leuchtenden Augen. hat„Die Gewißheit,“ entgegnete ſie,„die Gewißheit, Ab⸗ daß Leiler nicht mit Unwillen an mich dachte.“„Und auf Wangen und Stirne.„Brauchte Alfhild nichts weiter zu wiſſen, um ruhig zu ſein, als nur daß ich ihr nicht böſe war? O Weib, Weib! iſt denn Dein 44 4 ſteu nichts weiter?“ rief er und eine dunkle Röthe flammte 1 * — EEE 52 als Deine Lippen, und wie kannſt Du mich ſo höhnen?“ „Höhnen, Leiler? nein, nein, gewiß nicht!“— Alfhild's Thränen fielen heiß auf die Hand herab, welche die ihrige umſchloß. Die Lippen des Architekten ſchlürften die bittenden Thautropfen auf; aber dieſe vermochten doch nicht die Unruhe zu beſänftigen, die von Neuem durch ſein Weſen glühte. Blick eine Lüge? Spricht er nicht eine andere Sprache „Heißt das nicht doppelt verhöhnen, meine Ge⸗ liebte,“ fragte er bitter,„wenn Du mich dieſe Zeichen Deines warmen Gefühles ſehen, in Deinem Blick leſen läſſeſt, und ſie doch mit Deinen Lippen verneinſt?“ „Ich habe ſie nicht verneint, Leiler.“ „Nicht? Nun, Gott gebe denn, daß meine Ohren ſich getäuſcht haben! Aber ſagteſt Du nicht, daß Du von Onkel Sebaſtian überredet, nur deßhalb hieher kamſt, um Dich zu überzeugen, daß ich Dir nicht zürne?“ „Ja, Leiler, das ſagte ich; aber das widerſpricht dem nicht, was ich eben ausſprach, denn den Gefühlen gebietet Niemand. Sie kommen und wurzeln feſt, ohne Frage oder Erlaubniß: ſie gehorchen alſo keinem Rich⸗ terſtuhl. Aber in ihrer Offenbarung ſind ſie dem Ur⸗ theil unſerer Vernunft und unſeres Gewiſſens unter⸗ worfen. Meine Gefühle, Leiler, bleiben ewig dieſel⸗ ben; wenn ich aber nur weiß, daß Du mir nicht zürnſt, ſo bin ich beruhigt, und will geduldig abwarten, was die ferne Zukunft bieten kann.“ Auf Leiler's Lippen zitterte ein bitteres Lächeln. —„Du biſt in der That mit ſehr wenig zufrieden,“ verſetzte er, indem er die wilden Roſen, die zu ſeinen Füßen wuchſen, heftig zerpflückte und umherſtreute; „ja mit ſehr wenig, Alfhild. Du willſt nicht einmal wiſſen, ob ich Dich ewig lieben, Dir ewig treu ſein werde.“ „Nein, Leiler, das will ich nicht wiſſen, das habe ich kein Recht zu wiſſen, bis“— ſie ſenkte die Stimme. —„Was wir in der Tiefe unſerer Herzen fühlen, —. —— 53 das müſſen wir mit Gott und uns ſelbſt abmachen; aber wir dürfen es nicht austauſchen, und deßhalb, Leiler, laß uns jetzt, zwar mit Schmerz, aber ohne Bitterkeit, ſcheiden. Ich bin glüeitich. daß ich Dich geſehen habe; aber zerſtöre die Seligkeit dieſes Ein⸗ drucks nicht, indem Du Dich dieſen wilden, finſtern und leidenſchaftlichen Ausbrüchen hingibſt, die ich nicht begreifen kann, vor denen aber meine Seele ſchaudernd zurückbebt. Verſprich mir, Deine ſtarke, männliche Kraft auf eine Art anwenden zu wollen, die mehr mit dem übereinſtimmt, was uns die ſanfteren Gefühle unſerer Herzen gebieten.“ Alfhild ſtand auf; ſie ſah Onkel Sebaſtian zu⸗ rückkommen. Die dipzen des Architekten waren noch ſtumm; aber ſeine Augen ſprachen ſein bitteres Gefühl aus, ſich wieder in ſeiner Hoffnung getäuſcht zu ſehen. Er wußte zwar jetzt, Alfhild wuͤrde treu ſein, ſie liebe ihn grenzenlos, und er hatte zudem das Verſpre⸗ chen ihres Vaters, ſeinen Antrag ernenern zu dürfen; deſſen ungeachtet ſchmerzte es ſein ſelbſtſüchtiges Ich, daß Alfhild Verſtand beſaß, während ſie doch nur Liebe haben ſollte. Wir wagen keine Betrachtung über den Charakter unſeres Helden, wir wollen ihn weder vertheidigen noch entſchuldigen. Taucht aber hinab auf den Grund jeder menſchlichen Seele, und ſchauet, ob die Perlen, die ihr auffangt, wenn auch mit allem Anſchein der Aechtheit, nicht bisweilen von einer zweideutigen Zu⸗ ſammenſetzung ſind.„Lebe wohl, Leiler!“ Alfhild's Hand drückte die ſeine.„Gib mir einen freundlichen Blick zur Erquickung.“ „Meine Alfhild! Gott ſegne Dich! Ich will Alles thun, um Deine Bitten nicht fruchtlos zu machen.“— Seine Stimme zitterte von tiefer Rührung.„Aber er⸗ innere Dich,“ ſetzte er leiſe hinzu,„daß ich nicht im⸗ mer kann, was ich will, wenn mir mein guter Engel nicht zur Seite ſteht.“ „Aber er umſchwebt Dich beſtündi flüſterte ſie.— — — —— Haufen zuſammengerollten Tauwerks und Holzes, ſtand 3 Und noch lange, nachdem ſchon der letzte Strahl der Sonne ſeinen zitternden Schimmer in der blauen Fläche des See's aufgelöst hatte, ſtand der Architekt an der⸗ ſelben Stelle, die Augen nach der Krümmung des Weges gewendet, wo ſeine Geliebte verſchwunden war. —— 4 Fünftes Kapitel. — Des Himmels Bild ſchau in der See: wie ſie zuſammenfließen; Was zwei Dir ſcheint, wird eins, wenn Du es recht verſtehſt. Ein Strom, der ſchaͤumet, iſt das Ganze, wo der Dampf Ein Haͤutchen zieht und in unendlich Blaſen aufwaͤrts ſteigt, Wohl, jetzt verſteh' ich Dich! Doch ſprich: wenn nur die Blaſee 1 platzt, Was wird aus ihr? — Was ſie im Strome vorher war. Franzén. Auf einer der kahlen Felſenſpitzen in den Bohusläns⸗ ſcheeren, zwiſchen denen das kleine Fredsberg, die ein⸗ fache Wohnung des P. rs, hervorſchimmerte, ſtand am Morgen des Johannitages die hohe Geſtalt eines Weibes, das mit ihrem weißen Schleier eine kleine Schaluppe begrüßte, die mit vollen Segeln friſch und froh auf der ſchäumenden Bahn daher ſchoß. Je näher ſie kam, deſto deutlicher unterſchied die wartende Marie die Gegenſtände. Von dem Gipfel des Maſtes flatterte ſo freundlich die rothe norwegiſche Flagge, und auf einem ein Mann mit dem Glas voͤr dem Auge, und ließ es nach allen Richtungen umherſpähen, bis es endlich an der nackten Scheere haftete, wo Marie ſtand und ihren Schleier ſchwenkte. Wie ein Blitz fuhr das Glas vom Auge, der Hut wurde gezogen, und mit ſeinem Sacktuch erwiederte Blum den freundlichen Gruß. Nie hatte er eine ſolche Ungeduld empfunden, als jetzt während der kurzen Zeit, die man brauchte, um die Schaluppe heran⸗ —᷑-[☛ ⏑☛⏑⏑ ʃ N AU RV* 1 d 5 1 — r . zuſteuern, die Segel zu reffen und das Boot auszuſetzen. Aber kaum war dieſes an den Strand geſtoßen, als Blum mit einem raſchen Sprung auf dem ſchwediſchen Boden ſtand, den er in ſeinem Entzücken hätte küſſen mögen, da er ja Marie trug und bewirthete. Von dem weißen Schleier geführt, der noch zwiſchen den ſchwarzen Klüften hervorſchimmerte, flog Blum der Seite zu, wo der theure Friedensgruß ſeine Ankunft geweiht hatte; und obſchon nicht gewöhnt, ſo ſteile und ſchlüpfrige Wege hinan zu klettern, erreichte er doch bald ſein Ziel. Marie ſtand auf einem kleinen grünenden Raſenfleck zwiſchen zwei geborſtenen Felſenmaſſen, der Platz war geräumig genug, um auch Blum zu faſſen. Er ſprang hinab, ergriff die Hand des angebeteten Weibes, und drückte ſie ſprachlos an ſeine Lippen— denn wer hat im erſten Augenblick des Wiederſehens Worte! Aber Marien's Gefühle, die nur die der dankbaren und ergebenen Freundſchaft waren, vermochten ſich bald Luft zu machen.—„Guter, treuer Blum! Wie viel Dank bin ich Ihnen nicht für den unermüdlichen Eifer ſchuldig, womit Sie die Arme, von der ganzen Welt Verlaſſene, beſchützen! Mein Herz iſt ſo arm, daß es nicht einmal Dankbarkeit genug beſitzt, um Ihnen ver⸗ gelten zu können...“ „Arm an Dankbarkeit,“ fiel Blum mit einem ſo ſonderbar weichen und zitternden Tone ein, daß ihn Marie beinahe krank glaubte.„Ich will, ich begehre ja keine Dankbarkeit dafür, daß ich das erfülle, was — was meine Pflicht als Menſch— als Freund mir gebietet.“— Die letzten Worte kamen etwas verſtüm⸗ melt und verworren hervor. Blum empfand, daß der Sieg über die Gefühle nicht ſo leicht ſei, als er bis⸗ her geglaubt hatte. Sie waren nicht ſtill, obwohl er ihnen Stillſchweigen geboten hatte; ſie wagten es, ſich heimlich und offen gegen ſeine ſtrenge Vorſchrift zu empören. Blum war mit ſcch ſelbſt nicht zufrieden. Marie, dachte er, müſſe blind ſein, um nicht zu be⸗ merken, was jetzt in ihm vorging. Und war ſie wirk⸗ *— —— ——.. ———— 56 lich ſo blind, daß ſie nicht Acht auf die Leidenſchaft gab, die ſo nahe um ſie her ſtürmte? Wir wagen dieß nicht zu entſcheiden; denn die innere Welt des Weibes, wenn ſie ſelbſt auf der äußerſten Kante jener ſchmalen Straße zwiſchen Himmel und Hölle ſteht, zwiſchen der Vergangenheit nämlich, die eine Zukunft beſaß, und eine Zukunft, die ſich nicht mehr an der Vergangen⸗ heit freuen kann, ſoll dem Eindringen jedes fremden Blickes verwehrt ſein. Wenige Lagen in dem Leben eines jungen Weibes können mit der verglichen werden, wenn ſie ſich zur Trennung von dem, den ſie am mei⸗ ſten auf Erden liebte, gezwungen ſieht; wenn ſie ſich gezwungen ſieht, die weichen Gefühle, die ihr Herz belebt hatten, lebendig auf dem Scheiterhaufen zu ver⸗ brennen— ſie zu Aſche zu verbrennen, und mit ihnen alle Hoffnungen auf Glück zu begraben! „Nun ich weiß das wohl!“ ſagte Marie mit einem innig freundlichen Ausdruck in Blick und Weſen.„Ihr Männer wollt keine Dankſagungen, wenigſtens Sie, Blum, thun das Gute um ſeiner ſelbſt willen, nicht wegen des ſchwachen Dankopfers derjenigen, welcher Sie Ihre Vorſorge geweiht haben. Aber kommen Sie jetzt, mein beſter Freund, und laſſen Sie mich Ihnen nochmals in meinem kleinen Zimmer dort unten Will⸗ kommen ſagen. Unſere gute Wirthin, die fleißige Eliſe, hat das Mittageſſen ſchon fertig, und ich bin gewiß, daß es Ihnen vortrefflich auf die Seereiſe ſchmecken wird.“ Blum lächelte Beifall, und jetzt hüpfte Marie mit geübter Behendigkeit voraus, und er folgte in kühnen Sprüngen nach. Sie ſtanden bald auf dem heißen Sandboden, der unter ihren Füßen beinahe brannte. „Ach, wie ſehr haben wir hier Mangel an fri⸗ ſchen Grasfleckchen,“ ſagte Marie und blieb ſtehen, um einige kleine hübſche Muſcheln aufzuleſen, die im Sande glänzten. 1 „Ja, daran wird hier wohl kein Ueberfluß ſein,“ meinte Blum;„aber was die Natur uns dafür anbietet, 8 1 — —— N☛ 8 57 hat meiner Anſicht nach ein eben ſo großes und reiches Intereſſe. Jetzt z. B. liegen zwar die Wellen ruhig und ſonnen ſich im Spiel mit ſich ſelbſt und den bunt⸗ farbigen Schnecken des Strandes. Morgen tummeln ſie ſich vielleicht in wildem, brauſenden Kampfe, und ſpritzen den gähnenden Schaum aus ihrem verſchlin⸗ genden Rachen weit über dieſe unbedeutenden Dinge, mit denen ſie ſich heute in friedlichem Spiele unter⸗ hielten, wie etwa der Löwe mit dem ſchwächſten ſeiner Enkel ſpielt. Und hören Sie dieß ſuͤße Gemurmel, Maxie, womit die lockenden Sirenenſtimmen in der blauen Tiefe drunten unſere Ohren und unſere ganze Seele zu ſich ziehen, es iſt herrlich. Heute bewundere ich ihre ſtille Muſik. Morgen wenn ſie ſich zum Kampfe rüſten, wenn ſie pfeifen und klirren, wenn die Bran⸗ dungen wolkenhoch emporſchlagen und ſich um die kleinen beweglichen Häuſer wälzen, die bald auf ihren ſchwellenden Gipfeln ſchweben, bald in ihre dunkle Tiefe hinabgeſchlungen werden, dann bewundere ich nicht nur, ich verſtumme. „Sie ſind poetiſch geworden, Blum,“ lächelte Marie; „aber Recht haben Sie dennoch. Dieß kann Niemand lebhafter fuͤhlen, als ich, die ich jetzt mit dieſem Elemente ſo vertraut geworden bin, daß es mir oft vorkommt, als ob der Geiſt meines Vaters— Sie wiſſen, er war ein wackerer Seemann— mich daraus grüße und mir Troſt und Muth zuflüſtere. Aber wenden Sie jetzt Ihren Blick von der See ab, und ſehen Sie, wie hübſch und gemüth⸗ lich dieſe kleinen Hütten da liegen. In ihrem Innern iſt Alles ſo rein geſcheuert und blank, daß man ſich in jedem der unbedeutenden Hausgeräthe ſpiegeln kann. Abge⸗ ſchnittene Zweige, die ſie von fernen Holmen geholt haben, hängen wie Guirlanden um die kleinen Vorhänge, die von weißem glänzendem Leinengarn gebunden ſind, und auf dem Tiſche ſtehen die Kuchen, ſo prächtig wie ſie nur ein armes Fiſcherlager darbieten kann, neben ihnen Becher und Flaſche, die den ſtärkenden Lieblingstrank enthält, den die Seeleute gerne von unſern Küſten einſchmuggeln.“ *.— — — 4— *— 5 8— „Und ſehen Sie,“ fiel Blum ein,„dort haben wir eine ganze Reihe jener kleinen olivenfarbenen Weſen, die den Kindern einer heißern Zone ſo gleich ſehen. Sehen Sie, wie ſie auf Händen und Füßen klettern, ſo dicht und dicht neben einander, wie die Fiſchköpfe, die ſie losreißen, um neue anzuſetzen. Ihre Kleidung, das bloße Hemd, ſcheint mir eine Aehnlichkeit mit der zu haben, die bei der Flucht aus dem Paradieſe benutzt wurde.“ „Ja, aber Sie müſſen ſich erinnern,“ entgegnete Marie,„daß dieſe letztere Tracht keineswegs zu beneiden war. Unſere kleinen Fiſcherkinder dagegen haben den Vorzug, daß ſie in dieſem Kleide mit der ganzen Kraft ihrer Lungen hier ſchreien können, wenn der Vater kommt, und ſie herbeiruft, um Rechenſchaft abzulegen— die Fiſchköpfe ſind freilich nicht ſo appetitlich wie die Aepfel auf dem Baume der Erkenntniß.— Doch nun ſind wir an meiner ſtillen Heimath. Dort kommt der Prediger uns entgegen, und Eliſa ſteht auf der Schwelle, und verneigt ſich ſo freundlich in der Abendſonne.“ Sie traten ein. Alles war feſtlich geſchmückt: der Boden mit dem feinſten weißen Sande, und darüber mit den beinahe eben ſo feinen Knoſpen der koſtbaren Tannenzweige beſtreut, die zum Feſte herbeigeſchafft worden waren. Auf den Tiſch kamen nur zwei Ge⸗ richte, aber ſie waren ausgezeichnet zubereitet: Friſcher Langfiſch und Nyponsſuppe— der Saft von der ein⸗ zigen Frucht, die zwiſchen den Klippen wuchs. Wie vortrefflich dieß ſchmeckte, kann ſich nur der vorſtellen, der nach einer Seereiſe in einem Scheerenhofe gaſtirt hat. Als Blum nach dem Eſſen ſeinen Koffer auspackte, übergab er der freundlichen Wirthin ein paar Düten mit jenen kleinen blaugrauen Bohnen des Orients, die noch beſſer als gewöhnlich ſchmecken, wenn ſie zwiſchen unſern Felſenküſten zubereitet werden, wo man ſie zu einem! Rang und zu einer Würde erhebt, den ſie ſich da nicht ver⸗ dienen, wo ſie als der gewöhnlichſte unſerer überflüſſigen —— 4 1 4 4 8. 4 Genüſſe den vornehmſten Beſtandtheil eines Morgen⸗ oder Abendtrunkes ausmachen. 4 Vor Freude ſtrahlend ging Eliſa mit dieſen koſt⸗ haren Schätzen unter dem einen und ein paar Hülfs⸗ truppen in Geſtalt von Zuckerhüten unter dem andern Arm in die kleine Küche hinaus, wo bald ein mun⸗ teres Feuer flackerte; und der für Eliſas Geruchsſinn ſo aromatiſche Dampf des geröſteten Kaffees verbreitete ſich weit umher bis zu den Nachbarhütten. Indeſſen trat Blum nach einer kurzen freundlichen Unterhaltung mit dem Prediger in Mariens Zimmer, und ſetzte ſich vertraulich auf den kleinen hölzernen Sopha mit dem prächtigen Ueberzug von neuem gewür⸗ feltem Wollenzeug. Dieſer Ueberzug war Eliſens Win⸗ terarbeit, und das Schönſte, was ſich im Hauſe vor⸗ fand. Ja es war in der That eine Pracht, darauf zu ſitzen, und die Kinder durften nicht einmal mit den äußerſten Fingerſpitzen Mammas ſchöne ſeltene Decke antaſten, die von dem ganzen Hausgeſinde mit eben ſo viel Ehrerbietung betrachtet wurde, wie ſonſt wo ein Ueberzug von der reichſten Sattlerarbeit. „ Iſt es nicht ganz herrlich hier?“ fragte Marie, indem ſie Eliſens jünſtes Kind auf den Schooß hob, das Ende ihres Halstuchs über das Geſicht deſſelben legte, und es bat, hübſch ordentlich einzuſchlafen. „Herrlich iſt es immer, wo Sie ſind; aber ich glaube doch nicht, daß es gut für Sie wäre, wenn Sie länger hier blieben, verzeihen Sie, aber ich muß aufrichtig ſein: Ihre Wangen ſind bleich, Ihre Hände mager geworden; Sie haben abgenommen.“— „Und das, Blum, meinen Sie, käme von der See⸗ luft und der Einſamkeit zwiſchen den Bohuslänsſcheeren her? Ach, kennen Sie das Menſchenherz nicht beſſer? Laſſen Sie es ſo ſtark ſeyn, als es will, wenn ein Wurm ſich in ſeine Wurzeln einſchleichen konnte, ſo nagt er ſo lange daran, bis er es gänzlich zerſtört hat.“ 8„Nein, Marie, das thut er nicht, wenn man ihm nicht kleinmüthig die Freiheit läßt, nach Belieben zu —õ 60 verheeren. Es iſt jedoch meiner Anſicht nach unſere Pflicht, uns ſelbſt aufrecht zu erhalten zu ſuchen und dadurch die noch geſunden Wurzeln zu bewahren.“ Marie ſchüttelte den Kopf. Sie wußte wohl, was ſie ſelbſt dachte: aber das begriff natuͤrlich Blum nicht, deßhalb ſchwieg ſie. „Haben Sie über meinen Vorſchlag nachgedacht, Marie?“ fragte er, um der Unterhaltung eine beſtimm⸗ tere Richtung zu geben.— „Ueber den Vorſchlag einer Badereiſe?“ wieder⸗ holte Marie, indem ſie die Worte ein wenig zog;„ich habe eben keine große Luſt dazu.“ „Aber bei Gott! Sie bedürfen deſſen, Sie müſſen Ihre Geſundheit pflegen,“ fiel Blum heftig ein. „Hab' ich nicht hier Gelegenheit, das vortrefflichſte Seebad zu gebrauchen,“ wandte Marie ein.„Hier hat man ja Zugang zu dem beſten Schlamme; und aus welchen Gruͤnden ſollte ich denn, falls mir Bäder ſo nützlich ſind, wie Sie meinen, wo anders hinreiſen, um das zu gewinnen, was ich hier ganz in der Nähe habe? Nein, ich muß geſtehen, lieber Blum, dieſer Vorſchlag gefällt mir nicht.“ „Nun, ſo laſſen Sie denn das Baden ſelbſt ſein. Aendern Sie nur den Aufenthaltsort, und ziehen Sie entweder in eine der Städte, die Ihnen zunächſt liegen, oder in ein größeres Haus auf dem Lande. Ich habe es bereut, daß ich Ihnen dieſen Ort vorſchlug: er iſt zu einſam und duͤſter, zu wenig paſſend für Ihren Ge⸗ müthszuſtand.“ „Im Anfang, Blum— ich geſtehe es— kam es mir allerdings vor, als ob ich in ein leeres Grab ver⸗ ſetzt ſei. Aber jetzt iſt es nicht mehr ſo. Wer weiß, ob ich glücklicher ſein und mich beſſer befinden würde, wenn ich an einen Ort käme, wo der Wechſel von Zerſtreuungen der Sinne und des Auges mich vielleicht mehr ermüdete, als dieſe Einförmigkeit, an die ich mich jetzt gewöhnt habe? Es iſt im Allgemeinen ein ge⸗ wagtes Spiel, das was man hat, gegen etwas zu enſere und was nicht, acht, mm⸗ eder⸗ „ich iſſen 61 vertauſchen, von dem man noch nicht weiß, wie es ausfallen wird.“ Blum ſchien mißgelaunt.„Es thut mir leid, es thut mir herzlich leid,“ ſagte er,„daß ich Sie ver⸗ eblich um Etwas gebeten habe, was Ihr eigenes Wohl ezweckt. Doch Sie haben zu befehlen und ich nur zu rathen.“ „Lieber, guter Blum, um keinen Preis möchte ich Sie, meinen einzigen, meinen beſten Freund, beleidigen. Wenn Sie glauben, daß ich mich zerſtreuen, daß es mir nützen kann, ſo laſſen Sie uns, während Sie hier ſindz mit Eliſen und dem Kinde auf einige Tage nach Strömſtadt oder Uddevalla ſegeln. Ich verſichere Sie, Blum, einige Tage ſchon ſind mehr als genug! und kommt dann nachher die Sehnſucht und Unruhe wieder, die ich Anfangs empfand, ſo verſpreche ich heilig, Ihnen darüber zu ſchreiben, und dann können wir ja für den Herbſt auf einen andern Aufenthaltsort denken. Doch wenn ich jetzt hier den Winter über ausgehalten habe, ſo will ich auch den Sommer über hier bleiben, wo es keineswegs todt und einförmig iſt; da ich täglich von der Felsſpitze aus eine unzählige Menge größerer und kleinerer Boote begrüßen kann und auch Fahrzeuge ſehe, die hier vorbei paſſiren.“ Unter der Wärme dieſer Verſicherungen, und in der Furcht, Blum durch eine Weigerung zu beleidigen, hatte Marie, ohne es zu wiſſen, ihre Hand auf die ſeinige gelegt. Er ergriff ſie und drückte ſie leiſe. „Haben Sie Dank, daß Sie es für der Mühe werth halten, das finſtere Gefühl zu beſänftigen, das ſich eben meiner bemächtigen wollte,“ ſagte er freund⸗ lich.„Alles ſoll werden, wie Sie wünſchen; und wir werden mit meiner Schaluppe ein Paar kleine Luſt⸗ fahrten machen, damit Sie wenigſtens aus dieſen Klip⸗ pen herauskommen, die wahrhaftig anfangen, Sie zu verheren.“ Bei dieſer Wendung oder vielmehr dieſem Stand⸗ punkte des Geſprächs öffnete Frau Eliſe die Thüre, — — —— und meldete mit rothem Geſichte, daß der Kaffee fertig und bereit ſtehe. Als ſie in das Zimmer des Ehepaars hinaus kamen, fanden ſie mitten im Zimmer einen kleinen Tiſch, der mit einem weißen Tuche von glän⸗ zendem Drillich gedeckt war, und das ganze Service des Hauſes trug, das aus drei und einem halben Paar gelbblumiger Taſſen, einem braunen Rahmnapfe, einer blauen Zuckerſchaale und einer blank geſcheuerten Kaffee⸗ kanne beſtand, welches Alles in ſchöner Symmetrie auf⸗ geſtellt war. Blum und Marie lächelten einander zu, Eliſe ſchien höchſt glücklich, und der Prediger war mit der Reinigung einer Pfeife beſchäftigt, die er dem geachteten Gaſte anbieten zu dürfen hoffte. Später am Abend gingen ſie alle hinaus, um den Maibaum zu ſehen, der auf dem einzigen Raſenplane aufgerichtet war, den man hier hatte. Und hier ging es ſo lebhaft und luſtig zu, als jemals bei einem Her⸗ renhoffeſte. Die Kinder, deren Anzahl beinahe Legion war, hatten jetzt Jäckchen angezogen, und hüpften in weitem Kreiſe und mit gewaltigem Lärm um die ge⸗ ſchmückte Stange. Die jungen Fiſchweiber in geſtreiften Röcken und weißen Schürzen ſchwenkten ſich tapfer mit ihren Kavalieren in Segeltuchhoſen und blauen Wäm⸗ ſern herum, und ein zerlumpter umherwandernder Spiel⸗ mann kratzte auf den disharmoniſchen Saiten einer zer⸗ brochenen Violine, um die Tanzenden mit Muſik zu erfreuen, die trotz ihrer Dürftigkeit dabei ein weit wah⸗ reres Vergnügen genoſſen, als auf einem eleganten Balle, wo man ſich ſchwitzend hin⸗ und herſtoßk, um einige Stunden hinwegzugähnen und ſich zu amüſtren. Doch dieſe geringen, ſo unendlich geringen Dinge erzeugen vielleicht keine Theilnahme bei dem Leſer. Allein ſie tragen immerhin etwas Eigenes an ſich. Wir unterbrechen alſo die Schilderung derſelben, indem wir berichten, daß die oben erwähnten Luſtfahrten vor ſich gingen, jedoch ohne daß Blum eine beſtimmte wohl⸗ thätige Wirkung derſelben auf Mariens Geſundheit und Gemüthsſtimmung wahrnahm. Die erſtere war nicht —— — 63 ſo ſchwach, wie Blums Unruhe ihn fürchten ließ, und die letztere konnte in Mariens Lage nicht beſſer ſein, als ſie war. Hätte ſie nicht ſo viel Hochſinn und Er⸗ gebung beſeſſen, ſo würde er ſie nicht ſo gefunden haben, wie er ſie fand. Aber welche Qualen Marie in den ſtillen Nächten, oder wenn ſie mit ihren Gedanken allein war, litt, das behielt ſie bei ſich; und nur die beſte und ſchönſte Frucht ihrer Bemühungen war es, was ſie ihrem edlen Freunde zeigte.. Im Laufe des Sommers ſah Marie mehreremale die wohlbekannten Segel und die rothe Flagge nach Fredbergs nackten Felſen ſteuern, und nie ohne ein Gefühl ſtiller Freude dabei zu empfinden; aber auch Blum landete dort nie, oder kehrte daher zurück, ohne noch weitere, überzeugendere Beweiſe mitzunehmen, daß ſeine Befürchtung wahr und ſeine eigene Krankheit unheilbar ſei. —— ʃÿ;——— Sechstes Kapitel. Wohlan! ich will verdoppeln meine Qualen, Von ſelbſt des Schmerzes Waffen alle ſammeln, Und ſie ſo emſig nur in Buſen drucken, Daß Wund' auf Wunde regnen ſoll, und daß Kein Augenblick mir bleibt, um Einer Plagen Zu fuͤhlen, bis ich die Andern ſchnell geſchlagen. Runeberg. „Ich ſehe wirklich keinen Grund, warum ſte nicht reiten ſollte, wenn es ihr Vergnügen macht,“ ſprach Graf Albano eines Tages in trockenem und zurück⸗ weiſendem Tone, als die Gräfin zu bemerken beliebte, daß dieß nicht für Thelma paſſe, weil die Geſundheit ihres Bräutigams ihm nicht erlaube, an dieſer Belu⸗ ſtigung Antheil zu nehmen.„Wie Du ſprichſt, lieber Albano,“ wandte die Gräfin mit all der zarten Behut⸗ ſamkeit ein, die ſie ſtets beobachtete, wenn ſie mit ihrem Sohne ſprach.„Wenn jedes junge Mädchen thun dürſte, was ihr Vergnügen machte, wenn ſie jeder 8 X 64 Laune folgen dürfte, ſo würde dieß gewiß zu keinem glücklichen Ende führen— dieß iſt wenigſtens meine ſie Ueberzeugung...“ „Ich habe alle ſchuldige Achtung davor,“ fiel Graf Albano ein.„Aber wie es mir dünkt, muß ich in dieſem Falle hauptſächlich auf meine eigene Ueberzeugung Rück⸗ ſicht nehmen; und deßhalb ſoll Thelma die Freiheit haben, zu reiten, und wenn ſie dieſem unſchuldigen Ver⸗ gnügen auch vier Stunden des Tages widmen wollte. Was die Folgen ſowohl dieſes als jedes andern ihrer klei⸗ nen Wünſche betrifſt, ſo bin ich der Meinung, daß, wenn ſie je ſolche haben, es auch nicht ſchaden könnte, wenn man zu ſehen bekäme, wie dieſelben ausfallen würden.“ „Du magſt thun, wie Du willſt,“ erwiederte die Gräfin;„ſie kann alſo in den Park reiten, wenn es durchaus ſein ſoll, und ein Bedienter mag ſie begleiten.“ „Was!“ rief Albano mit einem ſeiner eiskalten Lachen,„in den Park reiten! Sie iſt doch kein wildes Thier, das man in einem Käfig feſthalten muß. Sie ſoll vollkommen Freiheit haben, hinzureiten, wo und wie lang ſie immer mag, und da Niemand hier in der Gegend Geſchicklichkeit in der Reitkunſt beſitzt, als der Architekt, ſo habe ich die Abſicht, ihn zu bitten, daß er mir nie die Gefälligkeit erweiſen und ihr Geſellſchaft leiſten möge.“ fäl Jetzt erblaßte die Gräfin. Einen Augenblick ſchien gri ſie ungewiß, ob ſie etwas erwiedern ſollte, um Albano es von dieſem Einfalle abzubringen, aber da ſie einſah, daß ha der geringſte Widerſpruch eine ganz entgegengeſetzte Wir⸗ fas kung haben würde, ſo ſprach ſie gleichgultig;„Ja, das ſasg wäre nicht ſo übel— wenn es nur ſeine Zeit wegen des Kirchbaues erlaubt. Dein Vater hält ſehr darauf, 8 daß er faſt jede Stunde des Tages ſelbſt bei den Leuten g. iſt, die ſtets angetrieben werden müſſen.“ „O, was das betrifft,“ meinte Albano,„ſo kann ich wohl ein eben ſo guter Antreiber ſein, als der Baumei⸗ ſter, und werde es daher über mich nehmen, an der Kirche zu paradiren, während er bei meiner Braut paradirt und 65 ſie manövriren lernt; denn ſie ſitzt nicht ganz gut zu Pferde.“ 5 Die Gräfin fing an zu ſchwitzen. Es fehlte ihr nicht an Scharfſinn, und ſie hatte die feurigen Blicke recht wohl bemerkt, welche Leiler Thelma zuſchickte, wenn er ſich unbemerkt glaubte, und ſie hatte bemerkt, wie bewegt ſie war, wie ihre Farbe von der Lilie zur Roſe überging, wenn die wohlbekannten Tritte des Architekten am Abend im Corridore ertönten. Aber am meiſten war die Gräfin über Albano's Einfall be⸗ kümmert; ihr Mutterherz prophezeite ſich nichts Gutes aus dieſer Ruhe, die ſeinem gewöhnlichen Weſen ſo fremd war. Sie empfand eine quälende Unruhe; wenn dieſe Spazierritte zu Stande kamen, ſo war es ja eben ſo viel, als ob man die Verſuchung ſelbſt herausfor⸗ derte, während es doch nach der Logik der Gräfin ſtets das Beſte war, ſie zu fliehen. „Liegt denn irgend etwas in meinem letztern Vor⸗ ſchlag, was meiner Mutter nicht gefiele?“ fragte Al⸗ bano mit einer gewiſſen Artigkeit. „Und wenn es nun ſo wäre, wenn mir etwas daran nicht gefiele, lieber Albano?“ entgegnete die Gräfin. „Dann würde ich meine Mutter bitten, mir ge⸗ fälligſt zu ſagen, worauf ſich dieſes Mißvergnügen gründet?“—„Aber wenn ich dieß nicht kann, wenn es nur ein Gefühl iſt, das weder Form noch Namen hat, aber dennoch ſtark genug iſt, um mir einen Wi⸗ derwillen gegen Deinen Wunſch einzuflößen— was ſagſt Du dann?“ „Dann ſage ich mit aller ſchuldigen Ehrerbietung vor Ihnen ſelbſt, ſowie vor Ihren Gefühlen, Mutter, daß ein ſolches Phantom, wie Sie eben erwähnten, nicht auf den Entſchluß einwirken ſoll, den ich bereits gefaßt habe. Wenn Sie Fakta für Ihre Mißbilligung gehabt hätten, dann wäre es etwas ganz Anderes ge⸗ weſen; aber ein Gefühl, das, wie Sie ſelbſt ſagen, ohne Form und Namen iſt, kann hier keine Geltung finden.“ Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 5 66 Der Graf verbeugte ſich, und griff nach ſeiner Mütze, um eine Tour durch den Schloßhof zu machen. Um dieſe Zeit pflegte der Architekt heim zu kommen. Die Verlegenheit der Gräfin ſtieg mit jedem Augenblick; und Albano die Gründe zu nennen, die auf ſie ein⸗ wirkten, hätte Oel in ein noch ſchwach brennendes Feuer gießen heißen, das dann in verheerenden Flammen auf⸗ gelodert wäre; ſie ſchwieg alſo, und bereute es, durch einen einzigen Anruf ſeiner Nachgiebigkeit, das Frucht⸗ loſeſte von Allem verſucht zu haben, nämlich Albano von ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe abzubringen. „Beſiehlt meine Mutter ſonſt noch Etwas?“ fragte der Graf.—„Nicht das Geringſte,“ erwiederte die Gräfin mit erkünſtelter Faſſung. Albano verließ das Zimmer. „Ich will mit meinem Manne reden,“ ſagte die Gräfin, und ſchlug zum erſtenmal ſeit ſehr langer Zeit den Weg nach dem Corridor ein, der zu dem Theile des weitläufigen Gebäudes führte, in dem die Zimmer des alten Grafen lagen. Sie ging durch das Vorzimmer und pochte an die Kabinetsthüre. „ Herein!“ erſchallte die Stimme des Grafen; aber der Ton ſprach eher eine beſtimmte Abweiſung aus. Indeſſen öffneten Ihro Gnaden, und der alte Graf ſchien ſo erſtaunt über den unvermutheten Beſuch ſeiner Ge⸗ mahlin, daß er kaum daran dachte, ihr einen Platz auf ſeinem bequemen Sopha anzubieten. Sie nahm ihn jedoch ganz ungenirt ein; und der Graf, der nicht im Stande war, zu errathen, was dieſes téte à téle mit ſeiner Frau zum Gegenſtande haben könnte, ſagte nur:„Nun, mein lieber Schatz, meine ſüße Henriette, was iſt das, was gibt es?“ „Wahrlich etwas ſehr Unangenehmes. Hier kann uns doch Niemand behorchen oder ſtören?“ Der Graf ſchlürfte in Pantoffeln und Schlafrock nach der Thüre, und zog den Schlüſſel mit einer ſo 6 1 — 4 2 4 4 79 vereinigt war und doch eine unerlaubte Flamme zu einer Andern— ja vielleicht zu zweien nährte. Das war vexabſchenungswürdig, und dennoch bezauberte ſie ſeine Stimme, ſein Blick, jede ſeiner Bewegungen. Und wie fein, wie zärtlich, achtungsvoll war er nicht in der letzten Zeit gegen ſie geworden! Auf tauſend, für alle Anderen außer für ſie, unbemerkte Arten beurkun⸗ dete er die Wärme ſeiner Theilnahme, die Bitterkeit ſeines eigenen Schmerzes, daß er ſie ſo leiden ſehe. Der Architekt entwickelte in der Art, wie er Thelma's heißes aber weiches und zartes Herz zu behandeln wußte, eine dämoniſche Geſchicklichkeit. Es war ein elaſtiſcher Stoff, den er nach ſeinem Gutdünken formte; und er zog ihn auf der dunklen Treppe der Ahnung bis zu der Höhe irdiſcher Seligkeit, und dahin brachte die Leichtgläubige ſein bloßer Blick, das gefährliche Bewegen ſeiner Lippen, ein halbgeflüſterter Laut; dann aber ſchlug er den eiſigen Nebelſchleier des Herbſtes wieder immer dichter um ſich, wie ihn ein gefallſüchti⸗ ges Weib zu gelegener Zeit bis zu den ſammtweichen Wangen hinaufſchlingt und dann war ſein Blick froſtig, ſeine Lippen ſtarr wie die Sarkophage in der gräfli⸗ chen Familiengruft, und ſein Aeußeres, ſein Weſen ſo ſteif und kalt, als ob er ſelbſt einen Theil des Stein⸗ reiches ausmachte, mit dem er täglich umging, Wenn ein peinigender Schmerz ſich in allen Zügen Thelma's ausſprach, wenn ihr Blick in dem ſeinigen forſchte— ohne ihn löſen zu können— und wenn dann Graf Albano von ſeinem finſtern Sophaeck einen Blick auf die Unglückliche herüberſchleuderte, die ſich nicht mehr ſelbſt beherrſchen konnte: dann ſpielte, je tiefer Alba⸗ no's Qual erſchien, je ſtärker ſeine Lippe zitterte und ſeine Augen von wildem Schmerze brannten, deſto feiner das Lächeln um Leilers Mund. Er gedachte an Jeames Legangers Qualen und ſein beſſeres Gefühl verſtummte immer mehr. Mit Gierde ſchlürfte er aus dem Becher der Rache. „Wir müſſen jetzt doch einmal darauf denken, Euch — * —— 5— 65 7 80 aufbieten zu laſſen,“ ſagte der Graf eines Tags zu ſeinem Sohne, als ſie allein im Saale waren und der letztere, wie gewöhnlich, an den Nägeln kaute. „Es wird meiner Treue hohe Zeit, mein lieber Albano, wenn Du bis zu dem längſt beſtimmten Tage Hoch⸗ zeit machen willſt, nämlich am Schluſſe des kommenden Monats.“, „Es preſſirt eben nicht,“ erwiederte Albano auswei⸗ chend;“ die Braut wird ſich nicht ſehr darnach ſehnen.“ „Das iſt etwas, was ich nicht weiß,“ verſetzte der Graf; aber was ich weiß,“ fuhr er fort, und legte einen beſondern Nachdruck auf die Warte,„das iſt dieß, daß wir der Welt Anlaß geben würden auf unſere Koſten zu lachen, wenn man ſähe oder ahnte, daß Graf Albano von H., der Erbe von Groß⸗Hammarby, ſich aus Furcht vor einem Nebenbuhler— einem lumpigen Baumeiſter, von ſeiner Braut wegſchrecken ließe.“ „Wegſchrecken?“ wiederholte Albano, der geſchickt auf ſeiner geſchwächten Seite verwundet worden war. „Der kühne, liſtige Baumeiſter ſchreckt mich in keiner Beziehung, und am allerwenigſten wegen meines künfti⸗ gen Weibes. Wie hat ein ſolcher Argwohn meinem Vater nur einfallen können?“ „Dein Benehmen hat in der That Anlaß zu ſolchen Schwätzereien gegeben, und willſt Du meinem Rathe folgen, ſo laſſe Dich nächſten Sonntag aufbieten.“ „Das ſoll auch geſchehen,“ entgegnete Albano heftig; „und wenn man mich für ſchwach genug gehalten hat, daß ich den Einfluß des Baumeiſters fürchten ſollte, ſo muß er zur Hochzeit eingeladen werden.“ „Das iſt gerade nicht nothwendig, ſo viel ich beur⸗ theilen kann,“ bemerkte der Graf. „Ja, aber da ich der Bräutigam ſein ſoll,“ rief Albano mit kränklicher Ungeduld,„ſo muß es auch geſchehen, wie ich will. Die Abreiſe des Architekten kann am Morgen nach der Hochzeit Statt finden; aber er muß ſie zuerſt als mein Weib ſehen.“ Der alte Graf wollte den wilden Sinn ſeines Sohnes 81 nicht bis zu einem Ausbruche reizen, deſſen Folgen ſtets gefährlich waren. Er ſchwieg deßhalb gefügig, und am folgenden Sonntag wurde von der Kanzel in der Hammarby⸗Kirche feierlich verkündigt, daß Graf Albano von H. mit dem hochwohlgeborenen Fräulein, Thelma von Rawenſtein, ſich vermählen würde. An dieſem Tag war eine Sonnen⸗ und Monds⸗ finſterniß im Schloſſe. Graf Albano blieb in ſeinen Zimmern eingeſchloſſen, der Architekt in dem ſeinen, und in den Zimmern der Braut lag das marmor⸗ bleiche Opfer ſo vieler heimlicher Veranſtaltungen ſtille, beinahe in Todesſtille auf dem kleinen Sopha. Die Gräfin ſaß auf der einen Seite; die Baronin, welche ihre Zufriedenheit nur ſchlecht verhehlen konnte, auf der andern— und drinnen war es ſo ſtill, als ob man bei einem Todtenbette Wache hielte. „Wie iſt es mit Deinem Kopfweh, mein Mäd⸗ chen?“ fragte die Gräfin, indem ſie mit zärtlicher, mütterlicher Vorſorge Thelma eine Flaſche Eau de luce unter die Naſe hielt, und dann einige Tropfen auf ihre Hand goß, um die Stirne jener damit zu benetzen. „Mein Kopf ſchwindelt,“ erwiederte Thelma leiſe. „Will die Tante ſo gut ſein und das Licht hinwegſetzen, es thut mir in den Augen wehe. „Deine Augen ſind roth und von Thränen ge⸗ ſchwollen, mein geliebtes Kind,“ flüſterte die Gräfin und beugte ſich zu ihr herab.„Glaube mir, Thelm⸗ chen, ſie brennen auf mein Mutterherz. Mein armer Albano beſitzt die Eigenſchaften nicht, welche ihm das junge Herz ſeiner Braut erwerben können; aber mit Gottes Hilfe wirſt Du ihn durch ein ſanftes, gutes und wahrhaft weibliches Weſen ſo weit umſchaffen, als es ſich bei ſeinem Charakter thun läßt. Ich glaube und hoffe das wenigſtens. „Ach, Tantchen, ich glaube und hoffe nichts, ich— großer Gott! ich bedarf ſelbſt der Nachſicht, ich—“ ſie ſtützte den Kopf gegen die Schulter der Gräfin, ihre Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 6 3 ———————— 82 Bruſt ſchnappte nach Luſt, ſie ſehnte ſich nach einem Weſen, vor dem ſie ihr Herz öffnen konnte. Dieſes einſame Leiden ſchmerzte ſie unſäglich, und ihr Herz zog ſie in dieſem Falle mehr zur Gräfin, als zu ihrer eigenen Mutter. Es war ein inſtinktartiges Gefühl, was Thelma ſagte, daß es bei der erſtern ein mütter⸗ liches Gefühl, bei der letztern hingegen der Eigennutz war, was dieſes ihr Schickſal herbeiführte. Aber die Gräfin, obſchon ein feinfühlendes und warmherziges Weib, wagte es doch nicht, in ihrer Zärtlichkeit ſo weit zu gehen, daß ſie die Vertraute ihrer künftigen Schwiegertochter in Herzensangelegenheiten wurde, die eine Verrätherei gegen ihren eigenen Sohn ſein mußten. Dieß war eine Engherzigkeit der Gräfin, die mehr aus eingewurzelten Gewohnheiten, als aus der wirklichen Ueberzeugung entſprang, daß eine ſolche Annäherung etwas mit ihrer mütterlichen Würde Unvereinbares in ſich ſchließe. Genug, dieſes Zurückziehen in einem Momente, wo ein liebevolles theilnehmendes Herz und eine aufklärende Beſprechung der Dinge, die in einem nebligen Dunkel vor der armen Thelma lagen, von unberechenbarem Werthe werden konnte, war höchſt unglücklich, und führte Folgen herbei, deren mittel⸗ bare Urſache geweſen zu ſein, die Gräfin nie aufhörte, ſich vorzuwerfen. Nur an den gegenwärtigen Augen⸗ blick denkend, ſpielte ſie jetzt mit den Locken der jun⸗ gen Braut, und bat ſie in freundlichen, aber allgemei⸗ nen Ausdrücken, ſich zu beruhigen.—„Meine liebe Thelma, was ſollte wohl Dein unſchuldiges Herz Dir vorzuwerfen haben? Das iſt nur das Gaukelſpiel einer mehr als gewöhnlich aufgeregten Phantaſie, aber Gott ſei Dank, das wird ſich geben.“ Allein es gab ſich nicht. Thelma's Angſt, ihre herzzerreißende Qual wurde mit jeder Minute, die ſich dem entſetzlichen Wendepunkt ihres Lebens näherte, ſtärker, eingreifender und ſeelenzerſtörender. Sie wan⸗ delte in einem Entſeßlichen Traume, der bald zur Wirk⸗ enn ihr Auge Albano's immer lichkeit werden ſollte. nem eſes derz jrer ühl, ter⸗ nutz die ges t ſo gen die ten. aus hen ung in nem und nem von chſt tel⸗ rte, gen⸗ un⸗ nei⸗ iebe Dir ner Hott ihre ſich erte, han⸗ irk⸗ mer düſterer und unheimlicher werdende Geſtalt traf, dann bebte ſie, wie von einer Schlange geſtochen, zurück. Begegnete es dann wieder dem bald eiſigen, bald ſon⸗ nenwarmen Blick des Architekten, ſo zog ſich ihr Herz wie in einem heftigen Krampfanfalle zuſammen. Wenn ſie es ein einzigesmal gewagt hätte, ihren Kopf an die Bruſt des gefährlichen Weſens zu legen, welches ſie bis zur Abgötterei liebte, vor dem ſie jedoch ſchauderte, wie vor dem erſten ſündlichen Gedanken in einer Men⸗ ſchenſeele.— Ach, wenn ſie das gewagt hätte,— wenn ſie nur einmal, ein einzigesmal in ihrem Leben die Seligkeit empfunden hätte, ihr halb gebrochenes Herz an eines drücken zu dürfen, das für ſie klopfte— aber nein, nein, allein, unverſtanden ſollte ſie ſich verzehren. Dieſe Sehnſucht ſelbſt war ja eine Sünde, die ihr eigenes Gefühl verdammte, und die doch nur menſchlich war. Eine Menge Näherinnen aus der nächſten Stadt wurden jetzt berufen, um den Brautſchmuck und die Zimmer im zweiten Stockwerk in Ordnung zu bringen. Dieſe letztern ſollten anders möblirt und für das junge Paar modern hergerichtet werden. Die Gräfin und die Baronin waren in unaufhörlicher Thätigkeit; aber ihre Bemühungen, Thelma bei ihren langen und häufigen Berathungen beizuziehen, waren vergebens. Sie wollte ſich nicht mit dem Geringſten befaſſen, ſondern blieb beinahe den ganzen Tag in ihr Zimmer eingeſchloſſen. Auf dieſe Art waren die vier ſchrecklichen Wochen des Noviziats verfloſſen, das Thelma vor ihrer Ein⸗ weihung zu einem weit fürchterlicheren Schickſal als dem einer Nonne aushalten mußte. Es war am Abend vor ihrem Hochzeittag am 15. November 1791: einem Tage, der mit unauslöſchlichen Buchſtaben in die gräflich H— iſche Familien⸗Chronik eingeſchrieben wurde. Die Baronin von Rawenſtein hatte ſchon früh am Morgen die Bemerkung gemacht, daß heute der Regen in die Brautkrone gefallen wäre, wenn es der Hochzeittag ſelbſt geweſen Güre. Aber 84 nun war es der Bräutigamstag, und er ſah ſo trüb und neblig aus, als ob die Sonne nicht mit einem einzigen Strahle ihre künftige Fahrt auf der Bahn der Ehe beleuchten wollte. Das war jedoch nur ein alter Aberglaube, an den Leute von Aufklärung nicht glaubten. Was den Regen betraf, ſo ſchien die Ba⸗ ronin zwar falſch berechnet zu haben, aber der Sturm nahm nach Tiſche immer mehr zu, und es ſauste und pfiff und knarrte durch die Gänge, daß das hin⸗ und herlaufende Geſinde des Hauſes ſich von einem unheim⸗ lichen Gefühle erfaßt wähnte, und ſie manchmal die Lichter auslöſchten, wenn ſie in der Eile die nächſte Thüre erreichen wollten. Thelma ſaß allein auf ihrem Zimmer, die Hände auf den Knieen über einander ge⸗ legt, ihre Augen ſtarrten nach dem umwölkten Him⸗ mel, wo kein Stern aufgehen wollte, um Licht zu verbreiten. „Nein, nein!“ ſprach Thelma halblaut,„ſte ſind alle erloſchen, wie meine jungen Hoffnungen. Nunmehr bleibt mir keine Hoffnung, kein Wunſch; morgen iſt mein Begräbnißtag, und von da an muß das unruhige Herz ſtille liegen. Es hat ſeine Rechnung abgeſchloſ⸗ ſen, es fängt ſchon an zu ſterben; denn ich fühle keine Unruhe mehr in meiner Seele brennen, keinen Wunſch — keinen Wunſch mehr— o ich bin ſehr arm!“ Da bewegten ſich einige ſchwache Erinnerungen weit im Hintergrunde des Herzens, und vor ihr inne⸗ res Auge traten die ſchwarzen Formen der Felsgrotte. Thelma war in dieſem ganzen Jahre nicht dort ge⸗ weſen; aber jetzt— o wenn ſie nur einige Minuten an dem hohen Geländer ſtehen und auf den See hin⸗ auslauſchen dürfte, nach den wohlbekannten Tönen! Die konnte ſie zwar nicht mehr hören; aber ſie wollte auf das Geheul des Sturmes horchen. — — „Das wäre ſchön, herrlich!“ Eine unwiderſtehliche Begierde erwachte in ihrer Bruſt; ſie wollte noch ein⸗ mal die Grotte ſehen.„Ich hatte doch noch einen Wunſch— den letzten,“ ſagte ſte leiſe und trat zum 1 trüb nem ahn ein icht Ba⸗ urm und und im⸗ die hſte rem ge⸗ im⸗ 8⁵ Fenſter.„Hul es iſt ſo finſter draußen; aber es paßt ſo recht zu meinem Innern, auch doort iſt es Nacht, ich will hin— ich muß hin. Ich fliege bald über den wohlbekannten Weg, und die herabgefallenen welken Blätter, die die Gänge bedecken, ſollen mir leuchten.“ Thelma ſchellte; Annchen trat herein.—„Höre, Anna,“ ſprach Thelma mit herzlicher, beweglicher Stimme,„willſt Du mir einen wahren Dienſt leiſten?“ „Ach, gnädiges Fräulein, Gott gebe, daß ich es könnte; ich will Alles thun, was das gnädige Fräu⸗ lein verlangt.“ „Nun wohl, ich will auf eine kleine Weile aus⸗ gehen, und nehme den Schlüſſel mit mir. Wenn die Gräfin oder meine Mutter mich zu beſuchen kommen, ſo mußt Du dieß auf irgend eine ſchlaue Art zu ver⸗ hindern ſuchen, ohne zu verrathen, daß ich nicht hier bin. Du wirſt ſagen, ich habe ausdrücklich gewünſcht, ein Paar Stunden allein zu ſein. Willſt Du das thun, Anna? Kann ich mich darauf verlaſſen, daß Du nicht merken läßt, daß ich fort bin; denn es würde ihnen eine unnöthige Unruhe machen, wenn ſie erfüh⸗ ren, daß ich bei dieſem ſchlechten Wetter ausgegangen bin?“ „Ja wohl, aber lieber Gott, was will das Fräu⸗ lein jetzt draußen machen? Es windet ja, daß man ſich kaum auf den Füßen erhalten kann; wohin wird denn das gnädige Fräulein ihren Weg nehmen?“ „O, ich gehe nur nach meinem alten Lieblings⸗ platze, nach der Felsgrotte. Es hat ſich meiner eine innige Sehnſucht bemächtigt, ſie noch einmal zu ſehen, ehe— genug, Anna ich will es, und Du thuſt doch aus Liebe zu mir, was ich begehrt habe?“ „Hm, in die ſchauerliche Grotte, und um dieſe Zeit! Ich fürchte mich bei hellem Tage darin; aber jetzt möchte ich nicht hin, und wenn ich das ganze Schloß Hammarby bekäme, wie es da ſteht.“ „Das glaub' ich wohl. Du biſt abergläubiſch; aber ich fürchte nichts, habe nichts zu fürchten, und — 86 vielleicht wird es mir dort beſſer, beſſer als hier. Gib mir meinen Mantel und den ſchwarzen Schleier, und geh' dann hinaus und ſieh nach, ob Jemand im Burg⸗ hofe iſt.“ „Keine Seele,“ meldete Anna, als ſie zurückkam. Thelma ſteckte den Schlüſſel in die Rocktaſche und von Anna bis an die kleine Gartenthüre begleitet, ver⸗ ſchwand ſie bald auf dem wohlbekannten Pfade. „Gott ſchütze ſie,“ ſagte Anna, die noch eine Weile gezögert hatte, und von dem Saalfenſter aus ſah, wie der ſchwarze Schleier im Sturme hin⸗ und herwogte, bis er Thelma's Kopf ganz in einer dunklen Wolke verhüllte, worauf nichts weiter ſichtbar wurde. Anna ging nach ihrem eigenen Stübchen zurück, das gegenüber von dem Zimmer des Fräuleins lag, wo ſte ihre Arbeit, das Bügeln der Spitzenkrägen und Hauben ihrer jungen Gebieterin, wieder aufnahm; aber ſie war ſo unruhig, daß ſie einmal über das andere ihre Finger verglühte, und ſogar ein paar Löcher in einen Kragen brannte, welches Unglück unter andern Umſtänden ihrem Auge Thränen erpreßt hätte, das aber jetzt ihrem, von Aberglauben erfüllten Kopfe als ein ſchlimmer Vorbote erſchien, dem auszuweichen, nicht in ihrer Macht ſtehe. Eine halbe Stunde oder etwas darüber mochte nun Anna an ihrer Arbeit geweſen ſein, als ein dum⸗ pfes Pochen an die Thüre, ihr beinahe einen lauten Schrei entlockte.—„Wer iſt da?“ fragte ſie, zitternd vor Angſt, es möchte die Gräfin oder die Baronin ſein, die das Fräulein ſuchten und den Schlüſſel ab: gezogen gefunden hätten; aber die Stimme, die ihr jetzt antwortete:„Ich bin es, öffne, Anna,“ machte dem armen Mädchen das Blut in den Adern gerinnen; es war Graf Albano! Mit Mühe wankte Anna zur Thüre, und ſchob den Riegel zurück. Die ſparſame Gluth, die zum Wärmen des Stahls im Kamine glimmte, warf einen bleichgelben Schimmer über Al⸗ banv's aſchgraue Züge; er ſchien mehr als gewöhnlich — 19 5 Gib und lrg⸗ am. von ver⸗ Line aus und klen rde. ück, wo und ber dere — in dern aber ein icht chte um⸗ uten ernd onin ab⸗ ihr ichte en; zur ame nine Al⸗ nlich 87 aufgereizt und wild, dieß beſtätigte der Ton, womit er ſprach:„Hat das Fräulein ſich eingeſchloſſen, da kein Schlſſel ſteckt?“ „Ach, ſie iſt nicht wohl,“ ſtammelte Anna in Todesängſten;„als ich vorhin bei ihr drinnen war, äußerte ſie, daß ſie ein paar Stunden allein ſein wolle.“ „Sie kann nachher allein ſein,“ erwiederte Al⸗ bano in tiefem, düſterem Tone.„Jetzt will ich mit ihr ſprechen; geh' hinein und ſag' ihr, daß ich ihre Ein⸗ ſamkeit auf eine kleine Weile ſtören werde.“ „Wie der Herr Graf befiehlt,“ erwiederte Anna, indem ſie ſich bemühte, alle ihre Sinne zuſammen zu nehmen. Sie ging hinaus; aber der Graf blieb zu ihrem Entſetzen auf der Schwelle ſtehen, und mußte alſo ſe⸗ hen, daß ſie die Thüre nicht öffnete, was ſie auch na⸗ türlicher Weiſe nicht thun konnte, da ſie keinen Schlüſ⸗ ſel hatte. Anna's Lage war verzweifelt. Sie klopfte an; da ſich aber keine Antwort hören ließ, ſo äußerte ſie, das Fräulein ſei vielleicht eingeſchlafen. „Sie kann nicht ſo tief ſchlafen, daß ſie nicht hö⸗ ren ſollte; überdieß wird ſie gar nicht ſchlafen.“ Er trat ſelbſt an die Thüre und ließ ſeine magern Knochen dreimal daran ertönen.„Mach' auf, Thelma,“ ſagte er ungeduldig;„ich will mit Dir über Etwas reden, das wir heute Abend abmachen müſſen.“— Alles ſtille.—„Mach auf, mach auf,“ ſchrie er wild;„Du treibſt auf doppelte Art Hohn mit mir! Mach' auf, oder ich ſprenge die Thüre!“ Als auch jetzt keine Antwort erfolgte, lag die Thüre im nächſten Augenblick in Stücken; und mit dem flackernden Lichte, das er Anna aus der Hand geriſſen hatte, ſtand er mitten in dem dunklen leeren Zimmer. Er trat an's Bett und leuchtete hinein. Die Gardine war zugezogen, das Bett aber leer. Einen Augenblick ſtand er da, und ſah ſich mit Blicken um, in denen ſich die ſtumpfe Verwunderung eines Wahnwitzigen ſpie⸗ gelte; aber, als ob plötzlich die Flammen des Ab⸗ 88 grunds Licht um ihn verbreitet hätten, ſchrie er auf, oder vielmehr, er erhob ein anhaltendes Geheul, indem er Anna am Hals faßte und ſie gegen die Wand drückte: „Sprich,“ ſagte er heiſer,„wo iſt das Fräulein! Beſinne Dich, lüge nicht, ſieh' mich an; ich erdroßle Dich, wenn Du mir nicht die Wahrheit ſagſt.“ Vor Angſt halb todt, antwortete die Unglückliche: „Laſſen Sie mich los! laſſen Sie mich um Gotteswil⸗ len los, und ich will Alles ſagen!“ ſte „Gut!“ Seine harten Krallen ließen ihren Hals S fahren, und Anna erzählte dann, das Fräulein habe Al auf eine Weile nach der Grotte gehen wollen; aber zu ſie habe Anna verboten es zu ſagen, weil ihre Abwe⸗ tö ſenheit während des ſtürmiſchen Abends Unruhe er⸗ er wecken könnte. „So, nach der Grotte! Ha! ha! ha!“ lachte Al⸗ f bano.„Dort bin ich auch einmal geweſen; das gibt un einen hübſchen Spaß. Nun, ich kann ſie eben ſo gut w' dort treffen, als hier; aber damit Du Dein Fräulein ſei an Niemand anders als an Euren beiderſeitigen Herrn au verrathen kannſt, ſo bleibſt Du hier ſitzen, bis ich oder ne ſie Dir aufſchließen.“— W Mit dieſen Worten zog er die ſchreiende Anna no nach dem Kabinete vor Thelma's Schlafzimmer, öff⸗ di nete die Thüre, ſtieß ſie hinein, verriegelte wohl und ni ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Nachdem Albano dieß we Geſchäft beendigt hatte, ſchlich er ſich über den Schloß⸗ in hof dem linken Flügel zu, dort war es finſter. Albano W rieb die Hände an einander, daß ihr knarrender Laut R mit dem Brauſen des Sturmes wetteiferte, dann zog er den Rockkragen über die Ohren, drückte die Mütze di tief in die geringelten Schlangenhaare, und eilte mit me geflügelten und ſchleichenden Schritten den gewundenen Pfad dahin, der zur Felsgrotte führte. 3 89 Achtes Kapitel. In der naͤchtlichen Blutwolk' ertrank die Sonne, Mondleere Nacht umarmte die Erde: Am Himmel flimmerten Sterne wie Irrlicht. Kiellman Goͤranson. Der Architekt war an dieſem Nachmittage zum er⸗ ſten Male in den ſieben Monaten, ſeit er auf dem Schloſſe verweilte, nach dem Probſthofe gegangen, um Abſchied von ſeiner Alfhild zu nehmen. Man hätte zwar noch einige Zeit lang mit dem Kirchbau fortfahren können; aber der Graf meinte, da man auf alle Fälle erſt im nächſten Jahre damit fertig werde, ſo ſei es eben ſo gut, wenn man einige Zeit vor dem Herbſte ſchließe. Leiler begriff, wo das Alles hinaus wollte, und war froh, einen Schauplatz verlaſſen zu dürfen, wo er als ein geſchickterer Akteur aufgetreten war, als ſein beſſeres Ich billigen konnte. Das Böſe, das er ausgeſäet hatte, konnte vielleicht auf nicht zu berech⸗ nende Zeit hinaus Früchte tragen. Er wollte die Wirkungen deſſelben nicht ſehen; er wollte nach ſeinen nordiſchen Bergen ziehen, um dort die Ruhe zu ſuchen, die er leider aus guten Gründen fürchtete auch dort nicht zu finden, denn wohin er ſeine Gedanken wandte, war Alles— Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft— in einen finſtern Schleier gehüllt, wie ſein eigenes Weſen, das ihm ſelbſt und Andern als ein dunkles Räthſel dahin ſchritt. Die Familie im Probſthofe ſaß beim Kaffee, als die Kammer⸗Stine keuchend hereingeſprungen kam und meldete, der Architekt ſei angelangt und ſteige eben vom Pferde. Alfhild wurde blaß und roth; ihre zitternde Hand war nahe daran, die Kaffeekanne fallen zu laſſen, die jedoch Onkel Sebaſtian noch zu rechter Zeit ergriff und an ihren gewöhnlichen Platz ſtellte. Der Probſt ſah ein, daß ein Abſchiedsbeſuch weder ſein Haus noch ſeine Perſon in ein übles Gerede bringen konnte, und ———— ——-—— 90 beſchloß daher, ſich wie ein Mann zu benehmen, der zu leben weiß. Und da er weder ſeiner Tochter noch Leilern verweigern wollte, ein paar Abſchiedsworte mit einan⸗ der zu wechſeln, ſo ſagte er zu Alfhild, ſie ſolle da bleiben, und ein wenig mit dem Gaſte ſprechen. Ehe das Gleichgewicht am Kaffeetiſche wieder hergeſtellt war, d. h. während die Geſellſchaft noch zwiſchen Er⸗ ſtaunen und dem Bemühen ſchwebte, ſich eine anſtän⸗ dige Ruhe in Mienen und Geberden anzueignen, trat der Architekt ein, und grüßte mit einem an ihm unge⸗ wöhnlichen Ernſte. „Ich bin erfreut, Herrn Leilern zu ſehen,“ ſagte der Probſt, und ſchob ſelbſt einen Stuhl an den Tiſch. „Schenke eine Taſſe Kaffee ein, Alfhild, es iſt heute meiner Seele kalt, ganz unfreundlich! Wir werden bald Winter bekommen! Iſt es dem Herrn Architekten ge⸗ fällig, eine Pfeife zu ſtopfen?“ Leiler verbeugte ſich ſtumm bei der einen und anderen Artigkeit. Er war ſo wortarm, daß er ſich ſelbſt darüber verwunderte, und die finſtere Gemüths⸗ ſtimmung, die immer mehr zunahm, ſchien ihm noch aus einer anderen Urſache herzurühren, als dem bit⸗ tern Gedanken an die Trennung von Alfhild; aber welches dieſe Urſache war, das konnte er ſich ſelbſt nicht klar machen. Denn ſobald Thelma und ihre Zukunft vor ſeinen Geiſt traten, bemühte er ſich dieſe Bilder mit Gewalt in Hintergrund zu drängen, und dieſer Druck über der Bruſt, dieſes Zuſammenpreſſen ſeiner ganzen Seele hatte ſeit dieſem Morgen halb ſteben Uhr an gedauert, wo er daran erwacht war, daß ſeine Uhr, die neben ihm auf dem Tiſche lag, auf ſeine Stirne herabfiel. Die kalte Berührung fühlte ſich ſo unangenehm, während er ſo warm im Reich der Träume lag. Dieß kam ihm höchſt merkwürdig vor, da er nicht in der Stellung lag, daß er die Uhr mit dem Arm hätte herunter werfen können; er ließ ſie da⸗ her repetiren, um den Zeitpunkt dieſes ſeltſamen Er⸗ weckens zu erfahren; und da ertönten die Schläge, die ihn rich kon ihn ver nen eine mü All und nickh lich Jed füh als zu ihn Pr wil fer 91 ihn mit wunderbarer Klarheit von der Stunde unter⸗ richteten. Er legte die Uhr hinweg; aber die Gedanken konnke er nicht verjagen, welche dieſe Begebenheit in ihm erweckt hatte. Den ganzen Tag über war er tief verſtimmt, welcher Zuſtand ſich noch durch den bren⸗ nenden Schmerz vermehrte, Alfhild verlaſſen, ſie in einem ſo ſchwachen Geſundheits-Zuſtand verlaſſen zu müſſen, und das noch während des böſen Winters. Alles das zuſammen lähmte ſeinen gewöhnlichen Muth; und zum erſten Mal in ſeinem Leben konnte er ſich nicht vollkommen beherrſchen, nicht mit der gewöhn⸗ lichen Geſchmeidigkeit ſeinen Geſichtszügen gebieten. Jedermann ſah, daß ſeine Seele litt; und Alfhild fühlte ſich von der bitterſten Empfindung gepeinigt, als ſie Leilern leiden ſah, ohne ſeinen Schmerz theilen zu dürfen. „Nun wann glaubt der Herr Architekt, daß wir ihn wieder in Hammarby ſehen werden?“ fragte der Probſt. „Nächſten März,“ erwiederte Leiler;„und ſo Gott will, wird die Kirche wohl gegen Mitte des Sommers fertig werden.“ „Das wäre wahrlich zu wünſchen,“ meinte der Probſt;„denn ich trete nie über die Schwelle unſeres alten verfallenen Gotteshauſes, ohne daß ich mir die Möglichkeit vorſtelle, es könne an einem ſchönen Mor⸗ gen einfallen und uns Alle begraben. Das Gewölbe iſt in der That ſo zerſpalten, und die Steine ſind ſo loſe, daß ſie in der Luft zu ſchweben ſcheinen.“ „O damit hat es keine Gefahr,“ verſicherte Leiler. „Die alten Mauern ſtehen vielleicht noch ein halbes Jahrhundert lang feſt.“ Als die Unterhaltung ſo eine Weile fortgegangen war, fing es an, den Architekten zu ziehen, er wollte hinaus, und doch hielt ihn das natürliche Gefühl zu⸗ rück. Er hatte noch kein Wort mit Alfhild ſprechen können. Der Probſt und Kapitän Oernroos, die ſeinen Wunſch merkten, zogen ſich nach dem Kamine zurück. *½ Leiler ſtand auf und trat zum Fenſter, wo Alfhild an ihrem gewöhnlichen Platze ſaß, ſie war eifrig damit beſchäftigt, an den Strumpfbändern für die Braut zu nähen, welche Arbeit ſie noch dieſen Abend zu beendi⸗ gen hoffte. Lceiler bewunderte das kunſtreiche Gewirke von blauen Perlen und Silber.—„Das iſt ausgezeichnet ſchön,“ ſagte er; aber ſein Blick ruhte nicht mehr auf dem Strumpfband der Braut, ſondern auf Alfhild's feinem, bleichem Geſichte. „Ja, ich glaube ſelbſt, daß es gelungen iſt,“ er⸗ wiederte ſie mit einem leichten Zittern der Stimme: „Ich bin jetzt baldigſt mit ihnen fertig; es würde mich freuen, wenn ſie Thelma gefielen.“ „Alfhild übergibt ſie wohl ſelbſt in die Hände ihrer Freundin?“ fragte Leiler. „Das verſteht ſich! Obſchon ich ſeit langer Zeit nicht mehr im Schloſſe geweſen bin, ſo muß ich jetzt hin; denn Thelma hat mich» darum gebeten, und die Baronin mich mit dem Auftrage beehrt, Brautjungfer zu werden.“ „Dann kommt Alfhild gewiß Morgen in's Schloß?“ „Ja, und das ſehr früh. Der alte Borgſtedt wird mich holen, ganz wie in früheren Tagen.“ „In früheren Tagen, o Alfhild!“— Leilers ge⸗ preßte Bruſt holte tief Athem.—„Auch wir hoffen auf kommende Tage,“ flüſterte er ſo leiſe, daß nur ſie es hören konnte.„Iſt es nicht ſo? Sage mir, daß wir wenigſtens eine und dieſelbe Hoffnung haben?“ Alfhilds Blick, von einem hellen Strahle belebt, einem Strahle, der auch in Leilers Auge einen Licht⸗ funken entzündete, floß mit dem ſeinen zuſammen. Sie ſchienen ſich nie trennen zu wollen; und in dieſer be⸗ redten Minute tauſchten ihre Herzen neue Gelübde der Treue aus. „Im Februar, meine Alſhild, iſt ein Jahr vor⸗ über; und wenn nur mein Herz ſeines Zieles ſicher iſt, ſo hat es Kraft, die Zeit zu überwinden. Nur Ein 93 Kummer wird nicht ſo leicht weichen; Deine Geſundheit, meine Geliebte, iſt ſehr geſchwächt. Ich zittere, ich zittere unausſprechlich vor dem Gedanken, daß das Uebel zunehmen möchte.“. „Ich glaube das nicht, Leiler,“ erwiederte Alfhild tröſtend.„Mir ſcheint, es iſt beſſer damit geworden, ſeit wir uns dieſen Sommer am Kirchbau trafen, und die Gewißheit, daß die finſteren Geiſter, die ehedem durch Ihre Bruſt ſtürmten, nun gewichen ſind, und den guten Platz gemacht haben, dieſe Gewißheit machte mich ſo glücklich. Iſt es nicht ſo, beſter Leiler? Da innen haben keine Stürme mehr gerast, ſeitdem Sie mir verſprachen, ſich nicht mehr ihrer Gewalt hin⸗ zugeben.“ „Ach Alfhild, nicht ganz ſo! Ich verſprach nur, zu verſuchen, wie ich ſie beherrſchen wollte; aber ich er⸗ klärte auch, daß ich es vielleicht nicht immer thun könnte, wenn mir mein guter Engel nicht zur Seite ſtehe. Ich habe gekämpft; aber leider ſind ſeit jenem freundlichen Abend am Tempel manche finſtere Stunden durch mein Leben hingegangen.“— Leiler ſprach dieß mit einem Tone, der einen Schmerz, vielleicht einen tiefern Schmerz in ſich ſchloß, als Laute wiederzugeben vermochten, aber was geſchehen war, war geſchehen. Jetzt halfen keine weichlichen Klagen mehr. Und er war nicht der Mann, der niedergedrückt werden konnte, wenn ihn auch die Diſſonanzen verſtimmten, die der zerriſſene Seelen⸗ friede in ihm hervorbrachte. Stille forſchte Alfhilds Aug' in dem ſeinigen; aber ſie wagte keine Frage zu thun.—„Du Engel,“ fuhr er fort; und Stimme und Züge ſpiegelten die Empfindung zurück, die jetzt in ſei⸗ nem Innern vorging,„Du ſuchſt das Echo des Grund⸗ tones Deines eigenen Weſens in mir. Du wirſt, Du kaunſt es nicht finden; denn ich bin nicht rein und hei⸗ lig wie Du. Aber, meine Alfhild, wenn die Zeit kommt, wo Du mich beſtändig umſchwebſt, wenn Dein Athem⸗ zug alle finſtern Bilder verweht, und Deine Lippen die Wolken von meiner Stirne wegküſſen, dann will auch öö — ich fromm und Deiner würdig werden. Bis dahin, Ge⸗ liebte, bete für mich, bete treulich, ich bedarf es.“— Leiler ward von ſeiner Bewegung beinahe überwältigt; er ſtand auf, um Abſchied zu nehmen, indem er Alfhild zuflüſterte:„Morgen treffen wir uns auf dem entſetzli⸗ chen Hochzeitfeſte, und übermorgen, wenn ich abreiſe, beſuche ich Dich noch einmal; darf ich?“ Als Antwort drückte Alfhild leiſe die Hand, die er ihr zum Abſchied hinreichte; und als Leiler vortrat, um dem Probſte einige höfliche Abſchiedsworte zu ſagen, bat ihn dieſer, noch eine Weile dazubleiben. Aber der Architekt ſchlug es ab, und nach einem Beſuche von nicht vollen Dreiviertelſtunden galoppirte er auf der Straße nach Graß⸗Hammarby dahin, daß die Funken um die Hufe flogen. Im äußern Schloßhof hielt er und ſtieg ab; es war halb ſechs.—„Was ſoll ich heute Abend an⸗ fangen? Ich habe nirgends Ruhe,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er in dem Schloßhof auf- und niederging und die flimmernden Lichter im Hauptgebäude betrach⸗ tete.„Ha! ich will Abſchied von der Grotte nehmen. Dieſes Wetter, dieſe Gemüthsſtimmung paſſen vor⸗ trefflich zu den grauſchwarzen, ſtarren Steinmaſſen. Dort will ich den Abend zubringen, und hören, wie der Sturm durch die Spalten heult und die Wogen gegen den Fuß des Felſen ſchlagen. Es iſt finſter im linken Flügel; ſie iſt gewiß da oben, das arme Opfer — die Todesbraut. Der Bräutigam zittert wohl in den wilden Gefühlen der Eiferſucht und einer wahn⸗ ſinnigen Liebe. Armer Albano! ich glaube nicht, daß Jeames Leganger mehr leiden konnte, als Du.“— Der Architekt warf noch einen Blick nach dem Saale hin⸗ — auf, wo er Thelma vermuthete; dann ging er nach dem Garten, ungefähr eine Viertelſtunde, nachdem ſie den⸗ ſelben Weg gegangen war. Leiler ſtand bald an dem Geländer vor der Grotte; und das Feuer, das in ſeinem Innern brannte, ſchien 4 ſich an den ſcharfen Windſtößen zu kühlen, die um ſein Ge⸗ igt; hild tzli⸗ eiſe, ie er um gen, der von der nken es an⸗ ſih ging ach⸗ men. vor⸗ ſſen. wie ogen r im ppfer ol in ahn⸗ daß Der hin⸗ dem den⸗ otte; hien ſein 95 Geſicht ſausten. Die Wellen des See's gingen nicht einmal bei einem Sturme beſonders hoch; aber wenn ſie gegen den kahlen Hang eines in ſeine Tiefe hinab⸗ ſtürzenden Felſen ſchlugen und zerſchellten, dann glich ihr Brauſen dem fernen Todesruf eines in Waſſersnoth befindlichen Menſchen. Dieſe ſchauerlichen wunderſamen Töne waren es, denen der Architekt lauſchte; er blickte dort hinab, bis ſeine Sinne ſich beinahe verwirrten, dann trat er in die Grotte, um die Irrbilder ſeiner Phantaſie zu ſtillen. Er ſetzte ſich an den äußerſten Rand der Moos⸗ bank. Die Laute ließen ſich entfernter hören; aber noch immer kamen ſie ihm vor, wie ſchwache Nothrufe. Sinnend lehnte er ſich gegen die Steinwand zurück und legte die Hand über die Stirne. Da hörte er ganz nahe bei ſich einen erſtickten Seufzer.— Ein ſeltſames Zittern lief durch ſeine Glieder. Er ſaß un⸗ beweglich und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Da ſeufzte es wieder, ſtärker, anhaltender, aber gleich⸗ wohl gedämpft.— Das Blut wallte ſtärker durch Leilers Adern.—„Iſt Jemand hier?“ fragte er, und ſtreckte mechaniſch den Arm, ſo weit er konnte, die Bank entlang. Er faßte etwas Weiches; und ein leiſes: „Ich bins. Um Gotteswillen, Herr Leiler, ſind Sie es? Verlaſſen Sie mich augenblicklich!“ ſchwebte in kurzen Unterbrechungen über die Lippen der armen Thelma. „Allmächtiger Gott, Fräulein von Rawenſtein! Sie hier um dieſe Stunde, in dieſem Wetter?— Eine Ah⸗ nung ſagt mir, daß uns das Schickſal nicht ohne Grund hier zuſammengeführt hat; und da vielleicht nie wieder in unſerem Leben ein ſolcher Augenblick erſcheint, ſo er⸗ lauben Sie mir, ihn zu benützen, um eine Bürde abzu⸗ werfen, die in der Abſchiedsſtunde meine Seele bedrückt, und über die ich Ihnen ein Geſtändniß machen muß, um Ihnen zu zeigen, wie wenig ich der Huld werth war, die Sie mir ſchenkten.— Ich—„ Thelma! werde ich es zu ſagen wagen? In dieſer Minute birgt keine Maske 8 K — 4 .— ———————— 96 meine Seele oder mein Geſicht. Gegen Sie war ich grauſamer als ein Henker; Sie haben geduldig gelitten, wie ein Engel; aber ich ſcheide mit dem entſetzlichen Gefühle, das erſt heute zum vollen Bewußtſein, zur vollen Klarheit in mir erwachte, mit dem Gefühle, daß ich Ihr Leben zerſtört habe. Denn wiſſen Sie, Thelma— aus Rache gegen ihre Familie betrog ich Sie, um durch die Gewinnung Ihres Herzens Albano's Bruſt zu zerreißen. Es war ein teufliſch angelegter Plan; aber damit Sie mich jetzt haſſen und verab⸗ ſcheuen, damit dieſe Gefühle den Brand einer Flamme verlöſchen, deren ich unwürdig bin, verurtheile ich mich zu dem erniedrigenden Schmerze, mir ſelbſt die falſche, ſchimmernde Maske abzureißen, welche Sie täuſchte. O, wenn Sie wüßten, was mein Stolz, meine männ⸗ liche Selbſtſtändigkeit unter dieſem Bekenntniſſe leiden! Doch es bleibt in Ihrem Herzen, in ſeinen undurch⸗ dringlichen Falten verborgen. Kein menſchliches Ohr außer dem Ihrigen hat die ſchwächliche Sprache der Reue von meinen Lippen gehört; nicht einmal Ihre Augen ſehen jetzt, wie die brennende Röthe der Scham und des Selbſtvorwurfs auf meinen Wangen flammt. O Thelma! Thelmal! ſprechen Sie, erwiedern Sie nur ein einziges Wort! Ich habe Sie grauſam beleidigt, den Frieden Ihrer Seele zerſtört! Und doch, wenn Sie faſſen könnten, wie weit ein ſo phantaſtiſcher Charakter wie der meine, getrieben werden kann, wenn das Schick⸗ ſal ſelbſt in Verbindung mit ſeinen wilden unentwirr⸗ ten Kräften zu treten ſcheint!“— Thelma's Lippen zitterten krampfhaft. Sie war ver⸗ nichtet. Von all' dem, was der Architekt geſprochen hatte, hatte ſie nur das Entſetzlichſte begriffen, daß er mit ihrer Liebe, mit ihrem warmen Herzen Hohn getrieben habe. Niemand hatte ſie alſo geliebt, als der wahnfin⸗ nige Albano. Sie ſchien ſelbſt von dem Geiſt des Wahn⸗ ſinns ergriffen zu werden. Thelma, Thelma! Nie tönte die gefährliche Stimme des Entſetzlichen weicher und ſchmelzender als jetzt. Sogar in dieſem Augenblick, wo 97 ich ſte ihn haſſen und verabſcheuen mußte, übte er eine ten, magiſche Gewalt über ihre Seele aus; mit dem gan⸗ chen zen geringen Reſte ihrer Knuft ſtieß ſie ihn zurück. zur„Gehen Sie!“ war das einzige Wort, das ſich mit hle, gewaltſamer Mühe über die zitternden Lippen arbeitete. Sie,„Gehen, ſagen Sie! Nein, Thelma, nicht jetzt, ich nicht eher, als bis ein Funke von Ruhe wieder in Ihr no's Herz zurückgekehrt iſt.“— Er wollte ihre Hand er⸗ gter greifen; aber mit der Kraft der Verzweiflung riß ſie rab⸗ ſich los, und floh hinaus zum Geländer, um das ſie nme den Arm ſchlang und ſich anlehnte, um eine Stütze nich für ihre weichenden Kräfte zu haben. Ihre Bruſt ar⸗ ſche, beitete in heftigen Wellen; Wellen wie die, welche ſich chte. in der Tiefe zu ihren Füßen brachen; und als nun der inn⸗ Mond in ſeinem ſilberbleichen Gewande, die dunklen den! Wolken ſpaltete, um den Jammer der Erde zu ſchauen, rch⸗ da ſah er die zwei marmorblaſſen Geſtalten,— ſie Ohr mit den aufgelösten Haaren, die im Sturme dahin⸗ der wehten und um den ſchwarzen Schleier ſich wirrten, Ihre der wie eine Todesflagge von ihrem Haupte faatterte, ham— ihn mit den eiskalten Tropfen auf ſeiner Stirne, umt. wie er zum erſtenmal ſeine Kniee vor einem Weibe nur beugte. digt, Thelma's Arm ſchloß ſich immer feſter um das Ge⸗ Sie länder; ihre Augen weilten einige Sekunden lang auf kter ihm. War es wirklich Leiler, den ſie vor ſich ſah? der jick⸗ ſtolze Charakter ſeiner Züge, die hohe Haltung ſeines dirr⸗ Weſens lagen in Staub geworfen wie er ſelbſt; und nie, nie ſprach ſeine falſche Liebe eine beredtere Sprache, ver⸗ als ſeine Augen in dieſem Momente thaten, wo ſie atte, ihr Herz zu durchdringen und um ein Wort des Frie⸗ mit dens und der Verſöhnung zu flehen ſchienen. eben Und doch war ſie noch jetzt von dieſen Augen hin⸗ iſin⸗ geriſſen, die ihr gelogen, die ſte mit dem Zauber der ahn⸗ Schlange bethört hatten. Konnte ſie ihn haſſen? Sie önte wollte es, aber ſie vermochte es nicht, denn in der und Liebe gibt es keinen Haß— dort iſt nur eine boden⸗ wo Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 7 1oſ⸗ Tiefe unendlichen Schmerzes und unendlicher Ver⸗ zeihung, ein Gefühl, das nicht nach der Billigung der Vernunft— denn dann dürfte ſie vielleicht ſeltener ihr ſchönſtes Vorrecht ausüben: Das zu verzeihen— ſondern nur nach der mächtigen Alles beſiegenden Gewalt des Herzens fragt. ¹„Haben Sie auch Alfhild ſo bezaubert, bethört und verhöhnt?“ fragte ſie leiſe. „Nein, Thelma, gegen ſie habe ich dieſe abſcheu⸗ lichen Waffen nicht gebraucht. Sie habe ich mit der ganzen Kraft meiner Seele geliebt. Ich ſah ſie vor Ihnen; ſchon im erſten Augenblick entſchied ſie über mein Schickſal.“ „Aber ich war verdammt das Opſer zu werden!“ — dieſe Worte ſtammelte ſie ſo ſchwach hervor, daß ſie Leiler's Ohr kaum erreichten; aber er verſtand ſie den⸗ noch, verſtand den Blick, der von ihm über die ſchwarz⸗ blauen Wellen hinaus irrte. „Dieſer Moment,“ ſprach er in dumpfem, aber feſtem Tone,„legt mein künftiges Leben in Ihre Hände, Thelma. Ihre Verzeihung, wenn ſie möglich wäre, würde jedes Gefühl von Haß und Bitterkeit, das in meinem Herzen gewohnt hat, in Schweigen und Schlaf verſinken, und die beſſeren Gefühle, die der Sturm der Leidenſchaften verjagt hat, würden wieder dahin zurück kehren. Thelma, ich ſtehe an einem ſchlüpfrigen Rande; reichen Sie mir Ihre Hand— und ich bin gerettet.“ Da fiel ihr Blick wieder auf ihn. ie— ſie ſollte durch ihre Verzeihung ſeine Zukunft beſtimmen! Was galt ihr Alles gegen das ſelige Gefühl, Leilern Etwas geweſen zu ſein, ſein rettender Engel geweſen zu ſein! War das nicht genug, bedurfte ſie mehr? Verhöhnt, betrogen, mit brechendem Herzen dazu ver⸗ urtheilt, an eine Kette feſtgeſchmiedet zu werden, die ihr Leben Faden um Faden zernagen würde, bis das Band endlich brach, das es mit dem Geiſte zuſammen hielt, da bedurfte ſie der Gewißheit, einmal einen wirklichen Augenblick gelebt zu haben, wenn ſie nicht verzweifeln und glauben ſollte, daß ihr ganzes Weſen 99 nur ein Irrſchein ohne Zweck und ohne Ziel geweſen ſei. Ihr Körper zitterte immer heftiger, immer bleicher wurden die Wangen, immer wilder flogen die Locken, die ihr der wehende Sturm um Hals und Geſicht jagte.„Leiler,“ flüſterte ſie, indem ſie ſich zu dem noch Knieenden herabbeugte,„mein eigenes Herz bedarf der Verzeihung von Gott, und dem, der mein Gatte werden ſoll! Deßhalb muß es auch Ihnen verzeihen! Möchte Ihnen auch die ewige Liebe Verzeihung ſchen⸗ ken! Ich will für Sie beten— hier und dort oben.“ „Engel, Heilige, die mein Athemzug zu berühren wagte, Du könnteſt nicht verpeſtet werden! Frei und rein ſchwingt ſich Dein Geiſt aus ſeiner Hülle empor; Du kannſt nicht unglücklich werden! Du biſt über die Erde und ihre Schmerzen erhaben; ich kann Dich nur anbeten!“— Der Architekt lehnte ſich mit dem Kopfe gegen ihr Knie. Sie beugte ſich herab bis ſie ſeine Stirne be⸗ rührte; ihre Locken beſchatteten beider Antlitze. Da glimmten ein paar Feuerkugeln durch die hohen Baumſtämme hindurch, und ein wildes Geheul wieder⸗ holte Leiler's letzte Worte.„Ich kann Dich nur an⸗ beten!“— das war ein entſetzliches Echo, das nicht einmal der Sturm zu übertönen vermochte. „Albano!“ ſeufzte Thelma von einem krampfhaften Schauder erfaßt, und ihr Kopf drückte ſich feſt an Leiler's Schulter.„Er wird...“ „Er wird ſeine Ehre, ſeine verſchmähte Liebe rä⸗ chen, Treuloſe!“ und blitzſchnell faßte ſie der Raſende, bis zum äußerſten Wahnſinn Unſinnige mit ſeinen langen klauenähnlichen Fingern um den ſchlanken Leib; die Hand ſelbſt drückte er ihr ſo heftig in die Seite, daß ſie vor Schmerz leiſe wimmerte.„Rache, Rache!“ lachte er, und ergötzte ſich einige Sekunden lang an ihrer Angſt. Da faßte ihn der kraftvolle Arm des Architekten.„Laß ſie los, thörichter Menſch; ſie iſt unſchuldig, wie die Engel Gottes! zufällig trafen wir uns hier und...“ „Und da beteteſt Du ſie an, Elender, beugteſt die 7* 100 Kniee vor meiner Braut!“ ſchrie Albano in wild heu⸗ lenden Tönen. Aber auf einmal, als ob ein Licht der Hölle in ſeiner Seele aufgegangen wäre, ward er ſtille. Sein Blick maß die im Dunkel beinahe rieſenhohe Ge⸗ ſtalt des Architekten. Er mußte ſich von ihm losma⸗ chen.„So, Du biſt unſchuldig, Thelma, kamſt Du wirklich aus Zufall hieher?“ „Bei meiner Seligkeit, Albano, das that ich,“ ſtammelte ſie.„Aber wenn Du mich nicht los läßt, ſo ſterbe ich vor Angſt.“ „Ach Poſſen! So ſagteſt Du ja auch an dem Abend, als Du an meiner Bettſeite ſaßeſt, und mir Wiegen⸗ lieder vorſingen wollteſt; aber— wenn Du unſchuldig biſt, ſo wirſt Du das wohl wieder thun duͤrfen. Ohne Zeugen will ich hier von Deinen Lippen,— eben hier, wo ich Dich jetzt fand, hören, was dieſe Scene verur⸗ ſachte, zu der ich ſo gerade recht kam, um Zeuge da⸗ von zu ſein. Beliebt es daher dem Herrn Architekten vorauszugehen; ich komme mit meiner Braut nach.“ „Nein, bei Gott! ich gehe nicht von der Stelle! glauben Sie, ich werde ſie allein mit Ihnen laſſen? Nein, wir gehen Alle oder Keiner.“ „Thelma, weigerſt Du Dich, mir eine ſo geringe Bitte zu gewähren?“— Albano's Zähne knirſchten fürchterlich, und er zerbiß ſich die Lippen, um mit einem beſonnenen und ruhigen Tone dieſe Frage ſtellen zu können. Sie ſchwieg.—„Thelma, beſinne Dich wohl,“ fuhr er fort.„Soll Dein Liebhaber immer bevorzugt ſein und Dein Gatte daſtehen, zuſehen dürfen und ausge⸗ pfiffen werden wie ein ſchlechter Schauſpieler. Du mußt mich hören und antworten. Verſprich das, ſo verſpreche und ſchwöre ich, niemals unſern Eltern zu verrathen, was ich in dieſer Stunde geſehen habe. Es ſoll dann zwiſchen uns und dem Richter über den Wolken bleiben.“ Dieß wirkte; denn wenn etwas mit dem Entſetzen des gegenwärtigen Momentes verglichen werden konnte, ſo war es die Furcht vor den Auftritten, welche Thelma 101 zu Hauſe bei Mutter und Tante erwarteten. Da er ihr die Hoffnung und das Verſprechen gab, dieß zu verhüten, ſo beſchloß ſie, einige Minuten mit ihrem wilden Bräutigam allein zu bleiben, und bat Leilern in die Grotte zurückzutreten. „Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben,“ war Alles, was er erwiederte.„Sie bedürfen meines Armes.“ „Nein, Leiler, ich kenne ihn beſſer,“ flüſterte Thel⸗ ma, während Albano eine Minute lang mit brennen⸗ dem Blick die Höhe von dem Felſen in die Tiefe hinab⸗ maß.„Ich kenne ihn; er wird es nie vergeſſen, wenn wir ihm dieß abſchlagen. Gehen Sie hinein; ich will es verſuchen, zu ſeinem Herzen zu ſprechen.“ Mit ſchweren Schritten ging Leiler in die Grotte; und ſchneller als ein Windſtoß durch die Räume eilt, hob Albano den leichten Körper über das Geländer und ſtürzte ihn in das ſchwarze Grab hinab, wo die Wellen die Braut umarmten und hoch über ihr zuſam⸗ menſchlugen. „Teufel— Du haſt ſie ertränkt!“— Und aus der Grotte ſtürzen, den wahnſinnigen Albano hinweg⸗ ſtoßen, kühn über das Geländer hinweg, in den ſchäu⸗ menden Wirbel hinabſpringen, der noch von dem hef⸗ tigen Aufwallen Waſſerſtrahlen emporſpritzte, war für Leilern das Werk einiger Sekunden. Albano ſtieg auf den breiten Mauerrand. Dort ſtand er und lachte und lauſchte nach den Tönen aus der Tiefe. Es plätſcherte immer lauter. Endlich ſchien der Koͤpf des Architekten aufzutauchen, und bald darauf ſah man den ſchwarzen Brautſchleier auf dem Waſſer⸗ ſpiegel einer Geſtalt nachſchleppen, deren dunkle For⸗ men von dem Architekten beinahe ganz verdeckt wurden, der ſeine Bürde mit dem einen Arm umfaßt hielt und mit dem andern ſchwamm; aber es gab keinen Lan⸗ dungsplatz, als erſt weit unten im Parke. „Jetzt bete an, jetzt bete an!“ jubelte Albano und beantwortete die Nothrufe, die von Leiler's Lippen immer lauter und gellender ertönten, mit einem wilden Hohn⸗ 102 gelächter. Jener ſchien bald aufzutauchen, bald wieder zu verſchwinden, indem er gegen die Wogen ankämpfte, die hoch über ſeinem Haupte zuſammenſchlugen. Da leuchteten Fackeln von dem Parke her, und das fürch⸗ terliche Geſchrei vieler Stimmen vermiſchte ſich mit dem Orkane, der mit erneuerter Stärke heulte und pfiff.„Sie kommen, ha! ſie kommen jetzt alle mit einander!“— Albano von dem ſchwarzen Dämon des Wahnwitzes erfaßt, fing an auf dem ſchmalen Stege zu tanzen, der ihn über der Tiefe hielt; und immer heftiger wurde das Laufen und Schreien im Parke— immer kleiner und kleiner der Fleck, der noch von dem ſchwarzen Schleier der Braut erſchien. Da ſchlug die Schloßuhr halb Sieben. Die Noth⸗ rufe ſchwiegen und nur Albano's Gelächter, die fürch⸗ terliche Muſik, nach der er tanzte, fand ein ſchauerliches Echo in der Felsgrotte. Neuntes Kapitel. Es war der ſechszehnte November. Der Windzug, der durch die beſtändig geöffneten Thüren ſpielte, be⸗ wegte die Lichker in dem kleinen Saale von Hammarby. Vor einem Tiſche, der mit Spitzen, Flor und Seiden⸗ zeug bedeckt war, ſtand die Baronin von Rawenſtein und die Gräfin, und mit prüfenden Blicken muſterten ſie das Brautgewand, das unter den fleißigen Händen der Nähterinnen immer mehr ſeiner Vollendung ſich näherte. „Das ſind allerliebſte Blonden! An meinem eigenen Hochzeittage trug ich keine ſolche,“ ſagte die Baronin, und hielt die Garnirung des noch loſen Rockes vor die Augen.„Ja ſie ſind ausgezeichnet, ſüperb, wie Luſt, und blinken wie durchſichtiges Silber.“ „Und die Garnirung iſt auch, Gott ſei Dank, ge⸗ rathen, obſchon es ſehr ſchwer war, ſie nach den fran⸗ 103 zöſiſchen Modejournalen zuzuſchneiden,“ bemerkte die vornehmſte der Nähjungfern mit einem gewiſſen An⸗ ſpruch, der ſeinen Antheil an der Bewunderung forderte. „Es iſt vortrefflich gelungen, Mamſell Pihl,“ er⸗ wiederte die Gräfin mit einem herablaſſenden Lächeln: „und ich bin überzeugt, meine künftige Schwiegertoch⸗ ter, die junge Gräfin, wird ſich nie einer andern Näh⸗ terin bedienen.“ „Bis wann kann das Kleid zum Anprobiren fertig werden?“ fragte die Baronin. „In einer halben Stunde, Ihro Gnaden! Ich habe nur noch den Leib anzunähen, und da die Falten bereits gelegt ſind, ſo wird das Uebrige bald in Ordnung ſein.“ „Wir können alſo nach meiner Tochter ſchicken, und hören, ob ſie hieherkommen und es anprobiren will, oder ob ſie wünſcht, daß die Mamſell zu ihr hinabgeht.“ Die Baronin wollte ſchellen; aber in demſelben Augenblicke trat der alte Borgſtedt mit einem Geſicht herein, als ob er von den Todten auferſtanden wäre. „Iſt das Fräulein hier?“ war ſeine kurze abge⸗ brochene Frage, während der Blick ſtarrend im Zimmer umherflog. „Nein, ſie iſt auf ihrem Zimmer,“ antwortete die Baronin und die Gräfin beinahe zu gleicher Zeit;„aber ums Himmelswillen, was will Er, Borgſtedt, Er ſieht ſo verſtört aus?“ Aber Borgſtedt antwortete nichts, ſondern ſprang ſo ſchnell, als es ſeine alten Beine erlaubten, in den Corridor hinaus, und die Treppen hinab. Im Burg⸗ hofe angekommen, befahl er mit zitternder Stimme ein paar Knechten, Laternen anzuzünden und ihm zu folgen. Borgſtedt hatte eben eine Figur, die dem Grafen Albano glich, den Weg nach der Berggrotte nehmen ſehen, und von einem unerklärlichen ſchauerlichen Ge⸗ fühl durchbebt, ſprang er nach dem öſtlichen Flügel hinüber, wo er die Zimmer des Fräuleins ſowohl als der Jungfer leer fand. Thelma's zerſchlagene Kammer⸗ thüre ließ keinen Zweifel, daß hier Gewalt angewendet 104 worden ſei; aber wie oder in welcher Abſicht konnte er nicht enträthſeln, und nahm ſich auch keine Zeit dazu. 3 Als ſich der Alte verſichert hatte, daß das Fräu⸗ lein nicht oben ſei, ſo ſtieg ſein Argwohn zu einer entſetzlichen Höhe; auch die kleine Anna ließ ſich nicht finden, was nicht zu verwundern war, da ſie ohnmäch⸗ tig in dem Kabinette lag, in welches Graf Albano ſie eingeſchloſſen hatte. „Eilt Euch, Jungen,“ rief Borgſtedt, und eilte noch einmal nach dem öſtlichen Flügel hinüber, um einen forſchenden Blick in das leere Schlafzimmer zu werfen. Da kam es ihm vor, als höre er einige Laute in dem verſchloſſenen Kabinette.„Iſt Jemand hier?“ fragte er eifrig, und ſchlug an die Thüre. „Ach Herr Jeſus! ich bin's, die Anna, Herr Buch⸗ halter. Der abſcheuliche Graf Albano hat mich ein⸗ geſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt. Ich ver⸗ gehe hier vor Angſt in dem Dunkel. Macht doch ums Himmelswillen, daß ich herauskomme.“ „Wo iſt das Fräulein?“ fragte Borgſtedt und ſeine Stimme zitterte ſo ſehr, daß Anna die Worte mehr errieth als hörte. „Ach großer Gott!“ klagte das Mädchen,„ſie wollte ja in der Finſterniß nach der Felsgrotte hinaus; und da kam Graf Albano, und wollte hinein und das Fräulein hatte den Schlüſſel, und er erſchreckte mich faſt zu Tode, und ich ſchrie bis ich ohnmächtig wurde! Ach du lieber Gott! macht doch, daß ich heraus komme!’”“ Aber Borgſtedt hatte an andere Dinge zu denken; er eilte mit den Knechten fort.—„Hat Einer den Architekten vom Probſthofe heimkommen ſehen?“ fragte er, indem er beim Vorübereilen einen Blick nach dem dunklen Fenſter ſeines Zimmers hinauſſchickte. „ Ja, vor einer guten halben Stunde,“ antwortete einerüchen den Knechten;„ich nahm ihm das Pferd ab, ich.“ 4 „Großer Gott, und es iſt ſinſter bei ihm und er 105 nicht oben!“— Es ſchwindelte vor Borgſtedts Augen, und ein Licht von furchtbarer Klarheit ging ihm auf, als er die erſten Nothrufe vom See her vernahm, ver⸗ miſcht mit Graf Albano's Gelächter, das in den Klippen ein Echo fand. „Lauft, Burſche, was Ihr könnt! Hier iſt ein Un⸗ glück auf der Bahn; es iſt Jemand in Waſſersnoth. Macht das Boot an der Parkbrücke los! Lauft, ſag⸗ ich, lauft!“— Der faſt ſiebenzigjährige Greis ſank gegen einen Baumſtamm. Seine Beine verweigerten ihm allen weiteren Dienſt. Indeſſen war es im Schloſſe rege geworden. Der Graf kam herab; man flog nach den Zimmern des Fräuleins, deſſen Zuſtand der angſterfüllten Mutter beinahe einen Schlaganfall zuzog.—„Meine Thelma, meine Thelma, wo biſt Du? Antworte!“— Sie ſprang in wilder Verzweiflung umher, und ſtarrte in jede Ecke nach der Verſchwundenen. „Wenn ich nur heraus wäre, ſo könnte ich Alles erzählen,“ rief Anna von ihrem Geſängniß aus.„Wo iſt denn der Schlüſſel?“ fragte der Graf. „Graf Albano ſteckte ihn zu ſich, als er dem gnä⸗ digen Fräulein in die Grotte nacheilte.“ „In die Grotte!“— Eine fürchterliche Ahnung durchflog die bebenden Eltern. Der Graf ſtürzte hinaus, ihm nach die Baronin von Rawenſtein, mit aſchgrauen Wangen und wildfliegenden Haaren. Das ganze Schloß⸗ geſinde folgte ihnen nach. Nur die Gräfin blieb wie leblos auf dem Sopha ſitzen und preßte die Hand gegen das heftig ſchlagende Herz. Sie erinnerte ſich des Tages, wo jene zum erſten Male ausgerufen wurden, wo Thelma ihr Herz vorrihr öffnen wollte, um in der Mittheilung ihres Geheimniſſes Troſt zu finden. Die Gräfin hatte ſich zurückgezogen; und einſam mit ihren Qualen ohne ein theilnehmendes Herz, in das ſie dieſelben hätte ausſchütten können, ohne Worte des Friedens von mütterlichen Lippen, nach denen —Q—— 106 ſie ſich geſehnt, hatte die junge, unglückliche Braut vielleicht eine andere Brautkammer als die ihr zuge⸗ dachte aufgeſucht. Schwarze Bilder zogen an der auf⸗ geſcheuchten Einbildungskraft der Gräfin von H. vor⸗ über. Ihr Körper zitterte vor Froſt; dennoch beſaß ſie nicht ſo viel Stärke, um das Zimmer zu verlaſſen, wo die eingeſchlagene Thüre, das Werk ihres Sohnes, von der fuͤrchterlichen Raſerei zeugte, die ihn be⸗ errſchte⸗ einer Raſerei, die das Schlimmſte befürch⸗ ten ließ. Der Park war jetzt ſo von Laternen und Fackeln erhellt, daß es von der Entfernung ausſah, als ob man ein großes Feuerwerk unter den dunklen Wolkenmaſſen, die der Herbſtabend über die Gegend wälzte, veranſtaltet habe. Aber es war ein Feuerwerk, das einen ſchauer⸗ lichen Eindruck machte: denn die vielfachen verworre⸗ nen Rufe gaben der Scene einen wilden, phantaſtiſchen Anſtrich. Als der Graf zur Brücke hinabkam, kehrten die beiden Burſche, die den Kahn zuerſt losgemacht hatten, mit dieſem zurück, und— ſie kamen nicht mit leeren Händen. Leiler, das bleiche Bild von Thelma von Rawen⸗ ſtein in den Armen haltend, ſaß in dem hintern Theile des Bootes, und ſchaute mit ſcharfen, dunkelblitzenden Augen auf die an dem Landungsplatze ſtehende Schaar. Der Architekt ſelbſt war entſetzlich anzuſchauen. Sein ſonſt männlich friſches Geſicht ſah jetzt weiß aus, wie der Schaum, der um ihn ſpritzte, und das ſchwarze, fein gelockte Haar hing naß und ſchlaff über der ge⸗ witterſchweren Stirne. Als der Kahn den Rand der Brücke berührte, ſtreckten ſich alle Hände hinab, um das Fräulein zu empfangen; aber die Baronin ſtieß die Leute hinweg, denen der Graf befohlen hatte, auf ſie Acht zu geben, und drängte ſich nach der Gruppe am Landungsplatze. „Thelma, Thelma!“ rief ſie mit herzzerreißender Stimme;„antworte, mein Leben, mein Licht, mein Eng zwe der auf wor klag Rat kein ſie trag Abe ich geh das wif der ter Th er hef her flü ger ich hal mu na⸗ bei des zer zu⸗ dri 107 Engel, antworte Deiner Mutter!“— Sie zog ver⸗ zweiflungsvoll an den langen gelösten Haarflechten der Tochter, und preßte ihre fieberglühenden Lippen auf Thelma's eiſigen Mund.—„Gib Antwort, Ant⸗ wort, Antwort!“— Und weit umher wiederholte ein klagendes Echo:„Antwort, Antwort, Antwort!“ Vergebens krümmte ſich die ſtolze Baronin von Rawenſtein im Staube zu den Füßen der Tochter; keine Antwort erfolgte, und mit Gewalt mußte man ſie hinwegreißen, um die eiskalte Braut eiligſt heim⸗ tragen zu können. „Bei dieſer Verwirrung, die das Blut in meinen Adern gerinnen macht,“ ſagte der Graf zu Leiler,„kann ich keine Frage machen, noch eine klare Antwort be⸗ gehren. Sie haben ſich aufgeopfert, um ſie zu retten, das ſehe ich; aber wo iſt mein Sohn? Wo iſt Albano, wiſſen Sie das nicht?“ „Ha! Der wahnſinnige Elende ſteht wohl noch auf der Mauer an der Grotte, und ſchlägt ein Hohngeläch⸗ ter auf! Er iſt es, der das unſchuldige Opfer ſeiner Thorheit gemordet hat,“ antwortete der Architekt, indem er krampfhaft die ſtarren Hände verdrehte, und bei dem heftigen Klappern der Zähne die Worte nur undeutlich herausmurmelte. „Schweigen Sie, mein Herr, bei allen Teufeln!“ flüſterte der Graf, und preßte Leilers Arm.„Schwei⸗ gen Sie, und hüten Sie ſich vor ſolchen Aeußerungen, ich rathe es Ihnen, bis wir den Ausgang geſehen haben, und folgen Sie jetzt dem Unglückszuge. Ich muß meinen Sohn auſſuchen.“ Von ein paar Bedienten begleitet, eilte der Graf nach der Grotte. Schon von weitem rief er Albano bei Namen; aber Niemand antwortete, als das Geheul des Sturms. Je näher der Graf dem Ziele ſeiner kur⸗ zen Bahn kam, deſto heftiger wurde der keuchende Athem⸗ zug, deſto ſchwerer die Bruſt. Mit einem wilden Aus⸗ druck in den ſpähenden Blicken ſah er zur Rechten und 108 Linken; aber er entdeckte nichts, als die grauen nackten Mauern der Felsgrotte.—„Bleibt,“ befahl er den ihm folgenden Bedienten,„ich will ſelbſt hineingehen.“ Er trat über die Schwelle.„Biſt Du hier, Al⸗ bano, mein Sohn?“— In der Grotte war es ſtock⸗. finſter; der Graf konnte nichts ſehen; bei der erneuer⸗ ten Frage, wobei er mit den Händen umhertappte, fühlte er nichts, als die feuchte Moosbank, und die kalte, ſchlüpfrige Steinwand.. Das war eine trübe, ſchwarze Stunde für das innere Leben der gräflich H— ſchen Familie. Der reiche, mächtige Mann ſtand in zitternder Angſt, tief zur Erde gebeugt, da. Sein Sohn, der Erbe ſeines Namens, wo war er in dieſem Augenblick? Vielleicht in der Tiefe dort unten, aus der man ſeine Braut eben heraufgeholt hatte! Und bei dieſem Gedanken ging ein ſcharfes Pfeifen aus den Lippen des Grafen. Die Leute kamen wieder in Bewegung; das Laufen, Schreien, die Unordnung wurde ärger als je; Boote und Haken wurden in Be⸗ wegung geſetzt, und während allem dem fuhren die Ele⸗ mente fort zu wüthen, als ob das jüngſte Gericht her⸗ annahte. Auf demſelben Tiſche im gräflichen Saale, wo noch eben der bewunderte Brautſchmuck ſeinen Platz gehabt hatte, lag jetzt die weiße Braut ſelbſt, wie auf einem Paradebett ausgeſtreckt. Um ſie her ſtand eine Menge Menſchen, die eifrig mit Reiben und Bürſten beſchäftigt waren; aber alle Verſuche waren 3 und blieben vergebens; keine Wärme, kein Leben kehrte — zu dem gebrochenen Herzen zurück; kein Hauch wurde auf dem Spiegelglaſe ſichtbar, das man ihr vor die Lippen hielt. Thelma von Rawenſtein, das lichte Bild einer engel⸗ gleichen Offenbarung auf Erden, war zu ihrem Urſprung zurückgekehrt; aber ob der letzte Lebensſunken in der brauſenden Tiefe oder an der Bruſt des Mannes aus⸗ ging, der die reiche Hingebung ihres jungen Herzens kten den en.“ Al⸗ ock⸗ Uer⸗ pte, die das Der tief nes icht raut ifen der ung Be⸗ Ele⸗ jer⸗ wo latz wie and und ren örte erde die gel⸗ ung der us⸗ ens 109 beſaß, das wußte nur er— und das blieb für ewig in ſeiner Bruſt begraben. Aber man hatte Urſache, zu glauben, ſie ſei in der Umarmung erſtarrt, in der ſie den Himmel ſah, wenn ſie auch dort nur einen Platz zum Sterben finden konnte. Und wenn ſie in einem ſolchen Augenblicke möglicherweiſe einen Gedanken ge⸗ habt haben konnte, ſo war es gewiß ein himmliſcher; ſie glaubte, mit ihm zu ſterben! Aber wo finden wir Worte, um den Zuſtand der Baronin von Rawenſtein und der Gräfin zu malen— den Zuſtand zweier Mütter, in deren Herzen die ſchwarze Verzweiflung ihre blutigen Krallen geſchlagen hatte; die Eine in der Gewißheit, daß der Schlag unabwend⸗ bar geſchehen ſei, die Andere in einer wo möglich noch ſchrecklicheren Lage, gemartert, von einer Ungewißheit, die keine Hoffnung gab und auch keine Beſtimmtheit geſtatten wollte. Der Schmerz der Gräfin war ſtumm. Unbeweglich und beinahe eben ſo kalt wie die marmor⸗ bleiche Thelma ſtand ſie am Haupte derſelben, und wand ſtille das Waſſer aus den langen Flechten. Dann ſtrich ſie wieder mit der naſſen Hand über die Stirne und ſtarrte nach der Thüre; aber die Eilboten, die zwiſchen dem Schloß und Parke hin- und herflogen, erſchienen blaß und geiſterhaft: der Stempel des Schreckens, der Verzweiflung, der Troſtloſigkeit, war in jedem Zuge zu leſen. Der Kummer der Baronin von Rawenſtein war von einer ſtürmiſcheren Art; er näherte ſich dem Wahnſinn. Unter lautem Geſchrei zerraufte ſie ihr Haar und warf ſich in convulſiviſchen Bewegungen über das ſeelenloſe Weſen her, deſſen Glück und Ju⸗ gend ihr Stolz und Eigennutz vergällt hatte. Und was that der Architekt? Von geiſtiger Erſchütterung und körperlicher An⸗ ſtrengung erſchöpft, war er auf ſein Bette niederge⸗ ſunken; und die eben noch kalten und ſtarren Glieder glühten jetzt in einem hitzigen Fieber. Seine Sinne waren verwirrt, und das Feuer, das in ſeinem Hirne 110 brannte, rief die wildeſten und ſchrecklichſten Phanta⸗ ſieen hervor. Bald lachte er laut, indem er Albano's Stimme nachahmte; bald gab er feine, ſchneidende Töne von ſich, während dem er mit einer ſchauerlich auffahrenden Bewegung den Kopf zurückbeugte, lauſchte und beide Hände an die Ohren brachte. „Stille, ſtille!“ flüſterte er leiſe, und begann mit den Armen zu arbeiten, als wollte er ſchwimmen;„ich ſehe das Boot, ſie ſtoßen ab— warte, warte!“— Aber bald begann wieder der feine, zirpende Laut; dann ſprang er empor, wie von böſen Dämonen gejagt „Wo, wo?“ Er tappte in dem finſtern Zimmer umher, und ſtieß endlich die Stirne mit einer ſolchen Heftig— keit gegen die Kaminkante, daß er betäubt zu Boden taumelte. Aber bald griff er nach dem Fleck, wo er den körperlichen Schmerz fühlte, und ſein Hand war von den warmen Strömen ſeines Blutes beſudelt. Ein augenblickliches Gefühl der Beſinnung, der peinlichen, unausſprechlichen Qual ſtellte ſich ein.„Blut,“ mur⸗ melte er,—„doch es iſt mein Blut... aber ich war es nicht, der die Rache eintrieb; ein höherer Wille erlaubte ſie, und ließ ſie durch den Zufall ausfüh⸗ ren!— Ha, ein gräßlicher Zufall!“ Er warf ſich auf das Bett. Das Fieber brannte, das Blut floß ungehemmt. Aber die Schmerzen der Seele wurden endlich durch einen ſchlafähnlichen Zu⸗ ſtand betäubt. Zwei Jahrhunderte lange Stunden waren während 3 der fürchterlichen Spannung in Schloß Hammarby vergangen. Noch brauste das Geheul des Sturms, 4 mit dem krampfhaften Schreien der Baronin von Ra⸗ wenſtein untermiſcht, durch die öden Säle. Die Gräfin ſtand noch immer unbeweglich an demſelben Platze, der Thüre gegenüber. Die geſpannten Blicke ſchienen von jedem Ankommenden und Gehenden Nachrichten über das dem Mutterherzen ſo koſtbare Leben zu erbetteln; aber alle Lippen blieben geſchloſſen. Da ſtürmte auf 5 111 einmal ein Lichtmeer von den Fenſtern herein, die nach dem Burghofe lagen, Fackeln und Laternen ſchimmer⸗ ten durch das Dunkel, aber keine Freudenrufe ließen ſich hören von dem heimkehrenden Zuge. „Was iſt das für ein Schein im Hofe?“ fragte die Gräfin heftig, aber mit kaum hörbarer Stimme. „Ihro Gnaden, es iſt..“ Die angeredete Näh⸗ jungfer, die an einem Fenſter ſtand, vermochte den Satz nicht zu vollenden; mit gewaltſamer Anſtrengung hielt ſie den Schrei zurück, der ihr bei dem Anblick, den ihr Auge traf, entfahren wollte. „Kommen Sie zurück?“ In dem Tone der Gräfin lag ein jammervoller Ausdruck. Die hohe, ſtolze Gräfin von H— zitterte wie Eſpenlaub; aber kein Laut der Klage entſchlüpfte ihren Lippen. Mamſell Pihl antwortete nur mit einem lang⸗ gezogenen:„Ach, Ihro Gnaden!“ Die Gräfin fragte nicht mehr. Mit langſamen Schritten ging ſie aus dem Saale; wie ein Geſpenſt ſchritt ſie durch die Korridore, und kam in den Oehrn hinab. Dort begegnete ſie zuerſt ihrem Gatten, der mit weit aus den Höhlen hervorſtehenden Augen ihr entgegen trat, ſie in ſeine Arme faßte und zurückwen⸗ dete. Aber die Gräfin entzog ſich der ſtillen, wohl⸗ gemeinten Gewalt, und ſtellte ſich vor den Zug, der dem Grafen nachfolgte. Es waren ſechs Bedienten, die auf ihren Armen den letzten Sprößling des edlen Hauſes, den Majoratsherrn, Grafen Albano von H— trugen. Die Gräfin warf nur einen Blick auf die verdreh⸗ ten Züge des einzigen Weſens, dem ſie das Leben ge⸗ geben hatte. Lautlos ſank ſie auf den kalten Stein⸗ boden nieder; und als der Zug vorüberſchritt, fielen große Tropfen aus Albano's ſtraffen rothen Haaren auf das Antlitz der Mutter herab. Der Graf und der alte Borgſtedt hoben die Ohnmächtige auf ihre Arme und führten ſie fort. Tage und Wochen vergingen, ehe ſie 112 wieder zum Gefühl ihres furchtbar öden Lebens er⸗ wachte. Zehntes Kapitel. Etwas zur Linken von dem Schloßhofe lag ein kleines roth gemaltes Gebäude, die Geſindeſtube; mit Erlaubniß des Leſers wollen wir ein Paar Augenblicke dort hineinſchauen. Es war ungefähr neun Uhr Abends, acht Tage nach den oben geſchilderten Begebenheiten. In einem großen dunklen Zimmer mit ſchwarzbraunen Holzwän⸗ den, an denen die gelben Lederhoſen, die grauen und blauen Wämſer, die grün geſtreiften Weſten und ge⸗ putzten Sonntagshüte der Knechte in bunter Miſchung friedlich neben einer und der andern Säge und einigen gewaltigen Aerten hingen, ſaßen am Kamine, deſſen Gluth beinahe erloſchen war, drei dunkle Geſtalten und ſprachen mit einander. Es waren die zwei Stall⸗ knechte, die bei dem unglücklichen Ereigniſſe zuerſt an den Landungsplatz im Parke gekommen waren, und des Probſten Peter. Weiter hinten im Zimmer ſtand ein länglicher eichener Tiſch vor einer Hobelbank von demſelben Holze. Neben der letztern ſah man ein Gerüſte, in dem eine flammende Kienfackel ſtack, die ihren röthlichen Schein über das Gemälde auf einer Kukuksuhr von Holz mit ſchwingendem Pendel warf; und auf dem zerhackten Tiſchlatt am Fenſter ſtand eine hohe Kanne mit Bier neben einem ſchmutzigen Kartenſpiel und ein Paar tabaksfarbenen Würfeln. Auf den Bänken und in den Betten ſaßen oder lagen die übrigen Knechte, und lauſchten aufmerkſam auf ihre wichtigeren Kameraden, die eine Art Conſilium am Kamine hielten. nimmt, wie man es nicht erwartete! Er war aber immer „Hol mich der Henker, wenn das nicht ein Ende 4 ein mit icke age dem än⸗ und ge⸗ ing gen ſen ten all⸗ an des her lze. ine ein mit ten ier aar den und en, nde ner 113 ſtolz, wie ein Prinz,“ ſagte des Probſten Peter, in⸗ dem er bedenklich die blanken Meſſingringe ſeiner Uhr⸗ kette rieb. „O, ſo weit kommt es nicht,“ erwiederte Einer von den Knechten, derſelbe, der dem Architekten bei ſeiner Heimkehr vom Probſthofe das Pferd abgenommen hatte.„Es gibt noch Recht und Geſetz im Lande, ob⸗ wohl Seine Gnaden Graf iſt, und der Andere nur ein Baumeiſter; und der Baumeiſter iſt ein ganzer Kerl, das könnt Ihr glauben! Er ſteckte mir manches Stück Geld zu, damit ich ſein Pferd glänzend erhalten ſollte; und ſo wahr ich Börje heiße, ſie ſollen ihm nichts thun; denn ich will vortreten und die Finger auf das Buch legen und ſchwören, daß es der närriſche Graf war, der lachte, obwohl Seine Gnaden meint, daß es ein Anderer geweſen ſein könnte.“„Aber wenn er frei ausgehen würde, ſo war es ſehr gewagt, ihn feſtzu⸗ nehmen,“ meinte des Probſten Peter. „Ei, feſtnehmen konnte er ihn wohl,“ fuhr Börje fort,„und mag ihn vielleicht Jahr und Tag drinnen verwahren, weil es ſich nicht wohl abſolut beweiſen läßt, daß er unſchuldig iſt, und der Graf zudem gut mit dem Richter ſteht; aber ihm den Kopf nehmen, das laſſen ſie hübſch bleiben, wenn ſie keine Zeugen aufbringen können, daß er das Fräulein und den jun⸗ gen Grafen in den See geworfen hat, und das hat er nicht gethan, darauf will ich meinen Hals wetten.“ „Aber was hat er denn draußen im Dunkeln zu ſchaffen gehabt? Es war, als ob er was im Sinne hätte, als er ſo in Sturmeseile vom Probſthofe fort⸗ ritt,“ antwortete Peter,„und blaß war er im Geſicht wie ein Todter, als er mir den Zügel, den ich ihm hinhielt, aus der Fauſt nahm; und die Augen funkel⸗ ten ihm ſo ſehr, daß ich ganz zurückprallte.“ „Ja, ſo war es gerade auch, als er heim kam,“ ſagte Börje,„aber ſie haben ja davon geſagt, daß es zwiſchen ihm und der Pfarrmamſell nicht richtig ſei, Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 8 114 und daß er um ihretwillen ſich von ſeinem Weibe ſcheiden laſſen wolle, und das war ſchon etwas, was ihm das Blut kochen machen konnte, als er von Euch fortging. Frenkmann iſt ganz der Mann dazu, um ein Wort zu ſprechen, wenn es gilt, und er wird dem Baumeiſter gezeigt haben, däß er ſeine Tochter für zu gut hält, um ſie einem Menſchen zu geben, der ſchon. ein Weib hat.“ „Ja, ja, mein Herr weiß, was er thut! Aber höre, Börje, wie nahm ihn der Graf denn feſt, da er ſo krank war?“ „Das war gewiß keine Kunſt, das. Seine Gna⸗ den meinten, daß der Baumeiſter an dem Unglück Schuld ſei, und daß er nie auf freien Fuß kommen werde, außer um nach dem Richtplatze zu gehen. Und ſo ſetzte man eine Wache vor ſeine Thüre, und ſchickte nach den Gerichtsdienern, und brachte, was weiß ich was Alles, zu Protokoll; aber ſie konnten ihn nicht fortbringen, bis er etwas beſſer geworden war. Geſtern und heute iſt er auf geweſen, und morgen um acht Uhr kommt der Gerichtsdiener wieder, und dann werden ſie ihn in das Bezirksgefängniß bringen.“ „Aber bis dahin,“ ſagte in flüſterndem Tone Sven, der dritte von den Knechten, der bisher ſtill und nachdenklich dageſeſſen war,„könnten wir wohl mit ihm ſprechen, entweder Du oder ich, Börje! Denn ſteh’, geht unſer Zeugniß verloren, ſo gebe ich keine vier Rundſtücke um ſein Leben; und ich meine, er wird uns gerne etwas bezahlen, damit wir von dem ſprechen, was wir gehört haben.“ Du das Maul mit dieſem Geſchwätz, wen ine tüchtige Ohrfeige dafür haben willſt,“ antwortete der große breiſchulter ige Börje mit zorniger Stimme.„Ja, Du biſt mir ein Sauberer, Du! Es wäre wohl beſſer geweſen, wenn Seine Gnaden geſtern Dich anſtatt meiner hätte hinauf rufßn laſſen. Nun⸗ nun, ich ſage nicht, daß er mich gerade zum Zeugen miethen wollte; aber er nahm mich in die geheime — — Stube, und ſagte:„Du, Börje,“ ſagte er,„Du konnteſt doch auf die Entfernung kein Gelächter hören, es iſt Dir gewiß entgangen?“ Aber da ſagte ich ganz freimüthig:„Euer Gnaden,“ ſagte ich,„ich ſetze mei⸗ ner Seele Seligkeit zum Pfand darauf, daß es den leibhaftige junge Graf war, der lachte und heulte und pfiff, als der Baumeiſter draußen lag und mit dem gnädigen Fräulein im Arm im Waſſer ſchwamm, und ich und der Buchhalter und Sven hörten das,“ ſagte ich.—„Ach, Borgſtedt iſt ſo alt,“ ſagte der Graf, „daß man ſich auf ſeine Ohren nicht verlaſſen kann;“ und dann nahmen Seine Gnaden wie zufälligerweiſe— vielleicht war es auch nur ein Zufall— ſein Bank⸗ notenbuch heraus und legten es vor ſich auf den Tiſch. Aber ich blieb bei meinem Wort, ich, und dabei werd' ich bleiben. Man beſticht keinen Börje, daß er ſchweigt, wenn ſein Zeugniß helfen kann: und ſteckſt Du Dich dahinter, Sven, und willſt den Baumeiſter wegen die⸗ ſer Sache um Geld preſſen, ſo kannſt Du Dich darauf verlaſſen, daß, wenn Du vor dem Gericht ſtehſt, und das Blatt nicht vom Munde nimmſt, wenn man Dich zum Zeugen aufruft, ich des Probſten Peter darauf berufen werde, was Du eben geſprochen haſt.“ „O Du dummer Teufel, merkſt Du denn nicht, daß das nur ſo gethan war. Ich halte wohl eben ſo viel auf meine Ehre als Du, und laß Du die meinige in Ruhe,“ erwiederte Sven; aber wie aus der miß⸗ vergnügten, verlegenen Miene hervorging, verdammte er bei ſich die Einfalt, die ihn dazu getrieben hatte, ſeine Pläne zu verrathen und dadurch zu vernichten. „Sie ſchmecken ſauer, ſagte glaube ich der Fuchs von den Weintrauben, als er ſie nicht erreichen konnte,“ ſprach Börje mit einem verächtlichen Verziehen ſeiner groben Lippen.„Aber höre, Peter, wie ging es denn bei Deinen Leuten, als Ihr das Weſen da auf dem Schloſſe hörtet Es ſollte mich wundern, wenn Mamſell Alfhild, die ſo ſchwächlich iſt, nicht anßer ſich gerieth, da Ihr erfuhrt, der Baumeiſter ſei verhaftet und noch dazu wegen Mord?“ „Ja, das kannſt Du glauben, im Anfang ging es arg her. Aber der Kapitän iſt ihr Troſt, und Gott weiß am beſten, was er geſagt haben mag; aber das iſt gewiß, daß die Mamſell hieher und den gnädigen Damen helfen wollte, die ſich jetzt ſelbſt nicht helfen können. Und der Probſt war zwar Anfangs dagegen; aber ſie bettelte und bat ſo arg, bis er hinausging und mich hereinrief. Ich ſtand gerade am Holzſtall und haute der Küchen⸗Liſe Späne.„Du mußt anſpannen, Peter,“ ſagte der Probſt,„die Mamſell will zum Schloß der Betrübniß.“ Nun wahrhaftig, das ging Schlag auf Schlag; ich nahm den großen Rappen und ſpannte ihn vor den gedeckten Schlitten, und die Mamſell kam bald wohl eingepackt und ſetzte ſich hinein, und der Kapitän hüllte den Pelz um ſie. Als wir dann in die Nähe des Schloſſes kamen, ſagte ich wie bei mir ſelbſt, „Ei, ich möchte doch wiſſen,“ ſagte ich,„ob der Bau⸗ meiſter, der doch ein ſo ungemein feiner und galanter Herr war, den Grafen und das Fräulein ertränkt hat, wie ſte ſagen?“„Nein, Peter, darauf kannſt Du Dich verlaſſen,“ ſprach ſie mit einer ſo ſchönen und klaren Stimme, daß mir beinahe die Thränen in die Augen gekommen wären. Ja, unſer Herrgott gab ihr Kraft, einen ſo großen Kummer zu ertragen; ſie war wie ein Engel ſo fromm und geduldig, aber anch Rart und wacker; denn ſie ſollte ja hieher kommen, und ihn vielleicht treffen, ehe ſie ihn fortführen.“ „Das wird hart gehen,“ meinte Börje; es ſtehen Tag und Nacht zwei Männer an der Thüre Wache, und morgen iſt es zu Ende. Arme Kleine, ſie iſt die Treppe hinauf und hinabgeſprungen, und hat das gnä⸗ dige Fräulein angekleidet und zwar ſo, daß es ihr Ehre macht. Es wundert mich nur, daß ſie ſich nicht im Geringſten dabei fürchtet.“ 8 Die Unterhaltung wurde hier durch den alten Borgſtedt unterbrochen, der hineintrat und ihnen an⸗ 117 ſagte, daß es Zeit ſei, die Wache an der Thüre des 2 Baumeiſters abzulöſen. Zwei von den im Bette liegenden Knechten ſchüt⸗ telten und ſtreckten ſich, worauf ſie aufſtanden, einen gewaltigen Schluck aus der Bierkanne nahmen und noch fühlten, ob der Tabak ordentlich in der Wamms⸗ taſche lag. „Es wird meiner Seel' heute Nacht ein kaltes Vergnügen ſein, ſo hin und her zu marſchiren,“ ſagte der Eine:„der Herr Buchhalter iſt wohl ſo gut und läßt uns einen Schnaps oder zwei zukommen!“ „Ich will ſehen, daß Dein Wunſch erfüllt wird, Lars, Aber eilt Euch jetzt, Burſche! Es iſt nur noch ein paar Minuten bis zehn Uhr.“ Die Knechte ergriffen ein paar gewaltige Knoten⸗ ſtöcke, die den Dienſt der Hellebarden verſehen ſollten. Und ſo zogen ſie mit dem alten Borgſtedt an der Spitze nach dem linken Flügel des Schloſſes. Nachdem die Ablöſung geſchehen war, entfernte ſich Borgſtedt; aber bald kehrte er mit einem kleinen . zurück, der das Abendeſſen des Gefangenen ent⸗ hielt. „Da ſeht, Burſche, daß ich auch an Euch denke,“ ſagte er und nahm eine grüne Flaſche heraus, die mit der belebenden Flüſſigkeit gefüllt war, welche auch für Manchen, der nicht gerade in die niederſte Klaſſe ge⸗ hört, ein ſo theures Gut iſt.„Haltet Euch jetzt bei gutem Muthe! Es iſt tüchtig kalt, und man löst Euch nicht vor zwei Uhr ab. Nach dieſen Worten ſteckte der Alte den Schlüſſel in das Loch, drehte herum und trat ein. An einem Tiſche, der mit Papieren bedeckt war, ſaß der Architekt, den Kopf auf die eine Hand geſtützt, während er mit der andern die Feder führte, und einige Zeilen auf ein reines vor ihm liegendes Blatt kritzelte. Der Schein eines Wachslichtes, das hinter einem grünen Schirme ſtand, warf eine magiſche Be⸗ leuchtung über ſein Geſicht, das, obwohl noch bleich, 1 118 doch ſeine frühere Elaſticität und den Ausdruck kühner Entſchloſſenheit wieder gewonnen hatte. „Guten Abend, Herr Leiler,“ ſagte der alte Buch⸗ halter, und ſetzte ſeinen Korb auf einen andern, kleine⸗ ren Tiſch nieder.„Will mir der Herr jetzt nicht zu Willen ſein, und einen Biſſen eſſen?“ „Danke, Vater Borgſtedt! Aber in dem verdamm⸗ ten Haus hier will mir nichts weiter ſchmecken, als was gerade zu den äußerſten Bedürfniſſen des Lebens nothwendig iſt. Die ſchlechteſte Gefangenkoſt wird mir ein Genuß ſein gegen dieſe vergifteten Feinheiten, die mich an mein hier vergiftetes Leben und die ſchänd⸗ liche Gewaltthätigkeit erinnern, die der Graf über mich auszuüben beliebte. Doch er iſt jetzt nach der Unterhaltung unter vier Augen, die wir mit einander hatten, eben ſo überzeugt als ich ſelbſt, daß Albano aus wilder Eiferſucht den wahnſinnigen Mord an ſei⸗ ner Braut verübt hat; und hierin wird er eine rächende Vorſehung ſehen und zugeben müſſen. Dieſe Papiere, Borgſtedt!“— Leiler warf heftig das Bündel hin, das Jeames Legangers Notizen enthielt,—„dieſe ſol⸗ len Sie ihm morgen einhändigen, wenn ich fort bin; ſie werden ihm Licht über einen Gegenſtand geben, wovon er keine Ahnung hat. Doch genug davon! Glauben Sie, daß mein heißeſter Wunſch erfuͤllt werde, daß ich noch einmal den entſchlafenen Engel und neben ihr meine lebende Alfhild ſehen darf; denn ich kann ſie nirgends anders ſicher und ungeſtört treffen, als bei Nacht und im Saale vor dem Leichenzimmer?“ „Ich habe das Alles beſorgt,“ erwiederte Borg⸗ ſtedt,„Mamſell Alfhild iſt heldenmüthig genug, um keine Rückſicht auf den Ort zu nehmen, wenn ſie Sie nur noch einmal ſehen kann, ehe...“ Der Alte zauderte, weiter zu ſprechen. Die Worte waren für das Ohr des ſtolzen Baumeiſtes nicht ge⸗ wählt und fein genug. „Ehe ich wie ein elender Miſſethäter zum Richt⸗ platz geführt werde,“ fiel Leiler in einem kalten, ſpöt. 119 tiſchen Ton ein.„Aber das iſt nicht die erſte Hand⸗ lung von ſchwarzer Farbe, die an dem Wappenſchild der hochadeligen Familie klebt, oder was dünkt Ihnen, Borgſtedt, ſind das nicht eitel Kleinigkeiten gegen Le⸗ gangers Geſchichte 274 Borgſtedt's zitternde und zuſammenfahrende Geſtalt erhob ſich mit einem Ausdruck der höchſten Verwunderung. Die von Schmerz und Sorgen ſtarr gewordenen Züge belebten ſich auf eine wunderbare Art.„Herr! ſteht von dem etwas in dieſen Papieren da?“ fragte er und zeigte auf das Bündel, welches Leiler hinweggeſchoben hatte. „Alles,“ antwortete dieſer;„und findet der Graf in Beziehung auf meine Handlungsweiſe noch irgend etwas dunkel, ſo wird wohl ſein Verſtand und ſein Gewiſſen ein Licht darüber verbreiten. Es wird ihm nicht ſchwer ſein, eine Anwendung zu machen, wenn er dieſes geleſen hat.“ „Haben Sie dieſe Papiere einmal in Ihrer Reiſe⸗ taſche aufbewahrt, und ſie dann irgendwo liegen laſſen?“ „Ja, bei Gott! eines Abends in der Berggrotte! doch das war das Original zu dem Auszuge da, den ich Ihnen jetzt übergebe.“ „Vater, deine Wege ſind unerforſchlich,“ ſeufzte Borgſtedt, und fuhr mit der zitternden Hand über die Stirne.—„Erfahren Sie denn, Herr,— daß an dem⸗ ſelben Abend, wo Sie die Taſche in der Grotte zu⸗ rückließen, Graf Albanv dort war und Licht machte. Als ich ſpät in der Nacht ihn ſuchte und fand, ver⸗ ſchloß er die Taſche wieder, die er vor ſich auf dem Tiſch hatte, und warf ſie dann auf die Moosbank. Aber an ſeinem wilden und verſtörten Weſen merkte ich leicht, daß er gefährliche und verbotene Sachen geleſen hatte. Das koſtete ihm den Verſtand; denn nach dieſer Nacht erkrankte er. Und wenn auch die Zerrüttung ſeines Sinnes durch die Verlobung mit dem Gottesengel, der jetzt allem Elend entriſſen iſt, das ihm beſtimmt war, wieder gemildert wurde, ſo war es doch ſeit jener Nacht in der Grotte nie mehr ganz richtig mit ihm— jene Stunde war der Vorbote zu der letzten ſchauer⸗ — 120 lichen Kataſtrophe, von der ebenfalls die Berggrotte Zeuge war.“ Der Architekt war aufgeſtanden. Mit gekreuzten Armen, flammenden Augen und feſt zuſammengepreß⸗ t ten Lippen blieb er vor Borgſtedt ſtehen, der mit einer d Bewegung des Erſtaunens einen Schritt zurück trat. n „Du haſt recht, Alter— ſeine Wege ſind uner⸗ f forſchlich! Aber mir geht ein anderes Licht auf,“ ſagte Leiler langſam.„Nicht dieſe Papiere waren es, die G er las— ſie lagen unberührt, deſſen erinnere ich mich n beſtimmt,— aber es waren Briefe in der Taſche, die k ohne einen Namen anzugeben, von einer Leidenſchaft 7 zu einem gewiſſen Gegenſtande ſprachen. Dieſe Briefe waren von einem meiner Freunde in Norwegen und r zufällig ſo geheimnißvoller Art, daß er, deſſen Kopf 3 wahrſcheinlich ſchon vorher voller Funken aus der Hölle j der Eiferſucht war, nach dem Leſen derſelben alle Gei⸗ ſ ſter des Abgrunds darin aufnahm. Dieß iſt in ihm b gekeimt und gewachſen. Und doch war es Alfhild, der u die Worte galten; er aber meinte, es ſei Thelma.“ „Aber Herr Baumeiſter,“ antwortete Borgſtedt mit einer gewiſſen Vorſicht im Tone,„Sie können doch, unter uns geſagt, nicht läugnen, daß Sie in das Fräulein ebenfalls verliebt waren! Ich habe Sie mit eigenen Ohren auf dem Waſſer draußen gegenüber von der Felsgrotte ſingen hören; und ich ſah, wie das 4 gnädige Fräulein ſich mehrere Abende in der Woche hinausſchlich, um dem Geſange zu lauſchen, der ihr 4 f Unglück und die Urſache ihres Todes war. So dente* ich— und das dürfen Sie mir nicht übel neh⸗ S men! denn ſehen Sie, hätte das Fräulein Sie nicht 1 d geliebt, ſo würde ſie ſich nicht ſo verzweifelt über ein u Schickſal gezeigt haben, das ſie vordem mit Erge«. d bung anſah. Das heißt, ſie wäre dann Abends hübſch zu Hauſe geblieben, und Graf Albano nicht zu dem Wahnſinne gereizt worden, der ihrer Beider Tod verurſachte und auch Sie in dieſe Lage ge 1 121 ptte bracht hat, aus der Sie ſich vielleicht nur mit Noth herausreißen dürften.“ ten„Sie haben nicht ſo Unrecht, Borgſtedt. Als mit⸗ eß⸗ telbarer Urheber bin ich nicht frei von Vorwurf wegen ner des gräflichen Ereigniſſes. Aber Gott der Allmächtige . weeiß, daß ich damals von allen Racheplänen weit ent⸗ er⸗ fernt war. Die Engelfromme hatte ſchon entſchieden, gte und mir meine große Schuld gegen ſie verziehen,— eine die Schuld, die ich mir ſelbſt nie vergeben kann. Verſöhnt ich wären wir wieder ins Leben hinausgetreten, als Albano die kam und wie ein Geiſt der Finſterniß das Licht des aft Friedens ausblies. Doch erlaſſen Sie mir die Wieder⸗ efe holung jener fürchterlichen Minuten! Ich könnte ſelbſt 1 wahnſinnig werden, wenn ich daran denke... Ver⸗ pf zeihen Sie mir, Vater Borgſtedt; aber laſſen Sie mich lle jetzt eine Weile allein! Wann werden Sie mich zu dem ei⸗ ſchauerlichen Rendezvous abholen?“„Um zwölf Uhr ym bin ich wieder hier!“— Borgſtedt ſchloß die: Thüre, der undd Leiler ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Eilftes Kapitel. Als der letzte, zwölfte Schlag von der Schloßuhr ſchallte, ſchlich der Architekt mit dem alten Borgſtedt eine der ſchmalen Treppen hinauf, die zum untern Stockwerk des Hauptgebändes führten. Borgſtedt blieb vor den Doppelthüren zu einem langen Saale ſtehen, und klopfte leiſe an. Man hörte Schritte und gleich darauf öffnete ein Bedienter. „Höre, Bergmann,“ ſagte der Alte vertraulich.„Du fannſt mit Deinen Kameraden gehen und Dich eine 8 Stunde hinlegen. Der Baumeiſter wünſcht das Leichen⸗ zimmer zu ſehen, und ich habe ihm dieß Begehren nicht abſchlagen mollen. Wie geſagt, ruht eine Weile, ich 122 8 werde Euch ſchon wieder wecken. Unterdeſſen wollen wir die Wache übernehmen.“ Der Bediente empfing zugleich eine kleine, ſtille Aufmunterung, die er feſt in die Hand drückte, ſeinem Kameraden zuwinkte und den Neuangekommenen die Bahn frei ließ. 25 Ihre Schritte tönten durch den leeren Saal, der nur von einer matt glimmenden Lampe erleuchtet war. Sie blieben im Hintergrunde ſtehen. „Das wird einen herzzerreißenden Anblick geben; haben Sie Muth, Herr Leiler?“ fragte Borgſtedt, und hielt die Hand“ des Architekten zurück, als ſie ſchon auf dem Thürſchloſſe ruhte. „Muth?“ wiederholte Leiler mit einem Zucken der Lippen.„Ich habe Muth; laßt uns hineingehen.“ Im nächſten Augenblick ſtanden ſie in einem großen Gewölbe, das mit ſchwarzem Tuche ausgeſchlagen und mit reichen Silberfranzen geziert war. Auf dem Boden hatte man zwei Erhöhungen angebracht, und auf jeder ſtand ein ſchwarzer Sarg, über welchen brennende Wachslichter ihren bleichen, unheimlichen Schimmer warfen. Leiler trat vor die kleinere Bahre, und mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit betrachtete Borgſtedt ſeine Züge, als er ſich herabbeugte und die Stirne gegen den Rand des Silberbeſchläges drückte. Kein Schauder oder ſonſt eine ſichtbare Bewegung erſchütterte ſeinen Körper; aber als er das Geſicht wieder erhob, war es eben ſo weiß, wie das reiche Brautgewand, womit das Opfer des Todes geſchmückt war. 1 Zweimal ſtreckte Leiler die Hand aus, um das feine Mouſſelintuch hinweg zu ziehen, das die einſt ſo edeln und holden Züge bedeckte; endlich überwand er ſich ſelbſt, und zog es langſam hinweg. Der Engel des Todes war ſchonend darüber gegangen, aber er hatte doch ein hin reichend leſerliches Gepräge auf die tiefeingeſunkenen Augendeckel gedrückt, um dem, der ſie betrachtete, ein * 123 tieferes Gefühl einzuflößen, als die Sprache des hoch⸗ ſten Schmerzes auszudrücken im Stande iſt. Leilers Schmerz verachtete die Worte; er winkte nur Borgſtedt, daß er ſich entfernen ſolle. Als der Alte die Thüre zu dem Leichenzimmer hinter ſich zugezogen hatte, legte der Architekt ſeinen Kopf auf die kleine erſtarrte Hand, die in ihrem weißen Handſchuh wie ein marmornes Kunſtwerk aus⸗ ſah. Die feinen aus einander geſtreckten Finger drück⸗ ten fünf kleine eiſige Flecken auf ſeine eine Wange, und an jeder Fingerſpitze des Handſchuhes blieb ein heißer Tropfen hängen. Leilers Gefühle hatten dieß⸗ mal, vielleicht zum erſtenmale, Thränen, die von Reue brannten; aber ſie waren wohlthuend für ſeine Seele; und beruhigter ſah er zu dem ſchlummernden Engel hinauf, um deſſen Stirne ſich der Myrthenkranz ſchlang, der ſich mit den feinen Locken vermiſchte. „Sie iſt glücklich,“ dachte er.„Ich weiß, daß ſie lieber an meinem Herzen erſtarrte, als an dem ſeinigen dahin ſiechte!“ Leiler erhob ſich heftig. Der Gedanke an Albano trat mit wilder Gewalt voͤr ſeine Seele. Er ging um die Erhöhung herum, und kam an die andere Seite, wo er mit einer gewiſſen drohenden und heraus⸗ fordernden Miene auf die ungeſchlachte Maſſe niederſah. welche die irdiſchen Ueberreſte von Graf Albano von H. bildeten. „Sogar nach dem Tode müſſen ſie ſie mit dem Weſen zuſammen bringen, das ihr bei Lebzeiten den größten Schauder einfloͤßte,“ murmelte er, als er das weiße Tuch wieder über das aufgeſchwollene Geſicht und die rothen Haar warf, das über der Stirne in eckiger Zierlichkeit abgetheilt und gekämmt war. Eine Viertelſtunde lang ging Leiler zwiſchen den beiden Ruheſtätten auf und nieder. Die Wachslichter flimmerten immer matter; ein Theil war ſchon herab gebrannt und vermiſchte ſeinen Dampf mit dem betäu⸗ benden Geruch des Rauchwerks. Da ging es im äußern Saale; aber Leilers Seele war mit jenen geheimniß⸗ vollen Räthſeln des inneren Lebens beſchäftigt, deren Löſung uns ſo ſehr in Anſpruch nimmt, daß wir die Sinne nicht mehr auf äußere Gegenſtände zu richten vermögen. Ein leiſer Ton, eine leichte Berührung erweckte ihn; er wandte ſich um, ſtreckte die Arme aus und— Alfhild lag an Leilers Bruſt. 4 Alle Bedenklichkeiten wegen ſeiner ehelichen Ver⸗ hältniſſe, alle Grübeleien über das Paſſende oder Un⸗ paſſende ihrer Verbindung waren aus Alfhilds Seele verſchwunden. Als Leiler frei, geachtet und geſucht war, da konnte ſie ſich freiwillig von ihm trennen; aber jetzt, da er wie ein Verbrecher wegen Mord ver⸗ haftet war, da ſeine Ehre auf dem Punkte ſande für immer durch einen ſchmählichen Argwohn beſu werden, und ſein Herz und ſein Stolz, das erſtere aus Schmerz, Ker letztere an der widerfahrenen Behandlung leiden mußte, da waren alle Bedenklichkeiten dahin, und ſie hätte gehen mögen, bis ſie vor Müdigkeit um⸗ geſunken wäre, nur um zu ihm zu kommen, ihn zu tröſten und durch den warmen Druck ihrer Hand, durch ihren liebevollen Blick zu verſichern, daß, wenn ihn auch die ganze Welt für ſchuldig ausſchrie, ſie ihn dennoch rein und makellos glaube. „Meine Alfhild, angebetetes Weib meiner Seele!“ rief Leiler und ſchlang die Arme immer feſter um das zarte Weſen, das den matten Kopf gegen ſeine Schulter hinſinken ließ.„Meine Alfhild!“— Ein Lichtſchimmer ergoß ſich um die Lippen des Architekten, ſeine Wangen belebten ſich, die Augen erhielten einen höheren Glanz, als ſie je gehabt hatten. „Laß uns in den Saal hinausgehen; es iſt hier immer ſo unheimlich,“ flüſterte ſie und drückte ſich im⸗ mer näher an den ſtarken Mann. „Ja, laß uns von hier fortgehen; aber zuerſt, Alf⸗ hild, begleite mich nach dem Brautbette, worin Thelma belt zu — 125 ſchlummert, und gelobe mir in ihre kalte Hand, daß Du ewig... „Leiler, kein ſolches Gelübde,“ unterbrach ihn Alf⸗ hild,„warum es am Lager des Todes beſiegeln! Und überdieß, wozu bedarfſt Du eines Gelübdes! Du haſt ja mein ganzes Herz, meine Seele, alle meine Gedanken und Gefuͤhle! Ich werde Dich auch für ſie lieben— auch für ſie, Leiler! denn ich habe vernommen, was ich während ihrer Lebzeit nie wußte, daß Du ihr den Schmerz bereitet haſt, der tiefer in ihre junge Bruſt griff, als die entſetzliche Ehe ſelbſt; und deßhalb glaube ich, daß, wenn ſie auf uns herabſchauen kann, es ihr gewiß eine ſelige Freude machen wird, wenn ſie ihre Liebe auf mich übergetragen ſieht, und ſo in einem Ge⸗ fühle zwei Weſen Dich lieben.“ Der Architekt, der von einem ſehr exaltirten Cha⸗ rakter war, wurde von dieſen Gedanken Alfhilds tief ergriffen. Ein ſolches Gefühl paßte für ſein unermeß⸗ lich dürſtendes Herz. Mit ſtürmiſcher Bewegung pochte ſeine Bruſt gegen die ihrige, und die breite Wölbung erweiterte ſich in ſtolzer Zufriedenheit. „Du glaubſt alſo nicht, daß ich Thelma's Gefühle theilte, Du wirſt es nie glauben und bedarſſt nicht einmal meiner Verſicherung?“ fragte Leiler mit prü⸗ fendem Blick. „Nein, ich glaube das nicht, und werde es nie glauben, obwohl ſie hier im Schloſſe das Gegentheil behaupten.“. „Glaubſt Du denn, daß Thelma, dieſe Edle, Feinfühlende, ſich an ein Herz feſtgekettet haben könnte, das ihr nie ein Echo der eigenen Gefühle zeigte?“ „Großer Gott! Leiler, wohin willſt Du meine Gedan⸗ ken führen? Sei barmherzig und quäle mich nicht mit ſolchen Einwürfen! Thelma war fromm und rein wie ein Engel,— und daß ſie Dich liebte, davor konnte ſie wohl nichts.“ „Aber ich, meine Alfhild, bin nicht rein und frei! Wenn ich Dich in dieſem Augenblicke täuſchen könnte, 126 ſo wäre ich der abſcheulichſte und verächtlichſte Bube, den jemals die Erde getragen hat. Beſſer daß der Gram Dein Herz erfaßt, und wenn es auch unter dem bittern Schlage verbluten müßte, als daß ich mich mit der Ueberzeugung von Dir trenne, Deinen Wahn ver⸗ längert zu haben. Ich glaube und weiß jetzt, daß Du mich genug liebſt, um das Schlimmſte aushalten zu können. Wiſſe denn, meine Alfhild, daß ich nicht durch Worte, ſondern durch feine Kunſtgriffe, die mir die Geiſter der Hölle eingaben, ſie zuerſt überzeugte, daß ſie geliebt ſei; und als ſie ohne Argwohn das Gift eingeſogen und es ſchon ſo wirkte, daß ich und ihr Bräutigam die Verheerung des jungen Herzens be⸗ merkte, da zog ich mich kalt zurück, und erhob und beugte abwechslungsweiſe ihre Gefühle je nach der Laune meines Willens, Du ſchauderſt, Alfhild! Ja, Du darfſt wohl ſchaudern! aber lieben mußt Du mich dennoch, denn ohne Dich kann ich nicht leben, konnte es nicht von dem erſten Augenblicke an, als ich Dich ſah; ſonſt würde ich auch Dich betrogen haben. Aber die Liebe legt ihren ſchützenden Panzer um Dich: und auch den Engel, der hier ſchlummert, würde meine Rache verſchont oder ihn wenigſtens von ſeiner unglücklichen Verblendung zurückgeführt haben, wenn ich nicht da⸗ mals, wo ich bei Deinem Vater um Dich warb, auf eine Art abgewieſen worden wäre, die die ſchwarzen Bilder meiner Seele aufs Neue ins Leben und leider auch in die Wirklichkeit rief. Auch Du, theure Alfhild, kränkteſt mein Herz, als Du mir das Verſprechen Deiner⸗Treue verweigerteſt und bei der Frage über das Recht und Unrecht ſchwankteſt, als Du mit einem Wort Etwas, was es nun auch ſein mochte, in gleiche Höhe mit Deiner Liebe ſtellteſt, die Alles hätte beſiegen ſollen Da wurde es kalt um meine Bruſt herum, obſcho immer ein Feuer brannte, das ununterbrochen von der edleren Theilen zehrte. Ich trieb wieder mein Spie aber mehr aus Mangel an einem beſſeren Genuſſe a aus Nachgier.“ =50Aͤ-SS=ͤOS oSG= g' 127 „Endlich jedoch, da ich von dem Schloſſe und dem jungen Opfer meiner grauſamen ſelbſtſüchtigen Be⸗ handlung ſcheiden ſollte, ſtellte ſich die Qual der Reue ein. Als ich am Abend von dem Probſthofe heimkam, wo nicht einmal Dein Blick, meine Alfhild, Licht über das Dunkel verbreiten konnte, das mein Weſen umhüllte, ging ich nach der Berggrotte, um von einem Platze Abſchied zu nehmen, wo ich manchmal während meiner Abendſerenaden das Herz der Argloſen in die ſelige Hoffnung der Ruhe gewiegt hatte. Aber die Grotte war finſter und nur der Sturm ſang der Un⸗ glücklichen, die in dem Schutze der Steinmaſſe weilte, ſeine Abſchiedshymne zu. Und dort, Alfhild, in der Tiefe der Grotte, dort beichtete ich ihr meine Schuld. Sie floh mit zerriſſenem Herzen nach dem Geländer hinaus; ich folgte ihr, und Dein Geliebter, Alfhild, bettelte auf den Knien ein anderes Weib um Verzei⸗ hung an. Doch das werde ich nie als eine Erniedri⸗ gung anſehen; nein, mit Befriedigung denke ich daran; denn ſie— ſie verzieh mir, ſie wußte, daß es in der Liebe weder Haß noch Bitterkeit gibt. Aber als die geheiligten Worte einen Friedenshauch über mein Herz wehten, trat der elende, der wahnſinnige Albano her⸗ vor. Aus Schwäche für ihre Bitten,— ſie wünſchte mit ihm allein zu ſein, um den wilden Sinn zu be⸗ ſchwichtigen, der dieß Opfer von ihr begehrte, wenn er die Sache verſchweigen ſollte— ging ich in die Grotte hinein. Aber kaum hatte mein Fuß die Schwelle betreten, als der ſchauerliche Ton von etwas Fallen⸗ dem mich über die Rache des Unſinnigen aufklärte. In der Tiefe, wo die Wogen von dem Strome getrie⸗ ben über meinem Haupte hinſchäumten, erfaßte ich die theure Laſt. Wäre ein Landungsplatz da geweſen; ſo glaube ich, hätte ſie gerettet werden können; aber ſo...“ der Architekt ſchwieg, ſeine Augen weilten auf der weißen Decke, die Thelma's Geſicht barg. Die lebende, warme Geliebte war im Laufe dieſer Erzählung beinahe eben ſo bleich und unbeweglich ge⸗ worden als die todte. „Warum, warum?“— dieſe Worie arbeiteten ſ ſich zweimal über ihre Lippen; aber es fehlte ihr an Kraft fortzufahren. S „Warum ich ein ſolcher Teufel geweſen bin, meinſt m Du?“ fiel der Architekt ein.„Dahin, Alfhild, hat„ k mich die Rachgier geführt. Ich hatte Urſache, dieſes u Geſchlecht aus eigenen Urſachen und im Intereſſe der 1 Menſchlichkeit zu haſſen, die Albanv's Ahnen ver⸗. 9 läugnet hatten; aber da es zu weitläufig ſein würde, 95 Dir dieß mündlich mitzutheilen, ſo habe ich die That⸗ 36 ſachen aufgezeichnet, welche den Grund meiner Hand⸗ I. lungsweiſe erklären, wenn auch nicht rechtfertigen.“ U Bei dieſen Worten zog Leiler einen großen Brief d hervor und übergab ihn in Alfhild's Hände. Zitternd 9 barg ſie das geheimnißvolle Blatt, das ſie über das 3 dunkle und unerklärliche Benehmen des Geliebten auf⸗ ſ. klären ſollte. u „Und jetzt laß uns dieß Zimmer verlaſſen,“ ſetzte G Leiler hinzu,„meine Seele hat ſich vor der Deinigen ſ eöffnet. So unwürdig ich Dir auch ſcheinen mag, ſo ſoßt doch nicht mein Herz zurück! Thelma verzieh; ich d 3 ſagte ihr, daß ich nur Dich liebe; und hat ſie nicht 1 1 ihre Liebe als das koſtbarſte Vermächtniß auf Dich übergetragen? Sage, meine Geliebte, willſt auch u verzeihen? Wenn alle Schleier gefallen ſind— doch das geſchieht erſt dort oben; denn wer deutet die großen Räthſel des Menſchenherzens hienieden— dann, Alf⸗ hild, wirſt Du einſehen, daß wenigſtens ein feſtes, reines und unvergängliches Gefühl meine Bruſt belebt hat, ein Gefühl, das ich nie verläugnet habe und nie verlängnen werde— meine Liebe zu Dir.“ Alfhild konnte den gewaltſamen Gefühlen, die ihr beinahe den Athem benahmen, nicht durch Worte Luft machen. Sie drückte nur Leiler's Hand und ſchaute ihn mit einem Blick an, der gelobte, daß ihr Herz nicht ==— wanken würde; aber in dieſem Blick lag auch eine tiefe Trauer, die ſtill aber mächtig zu ſeiner Seele ſprach. Leiler führte ſeine Geliebte nach dem äußern Saale, und ſetzte ſich neben ſie auf einen Sopha, wo man nicht nach dem düſtern Leichenzimmer hinſehen konnte. Sie legte den Kopf an ſeine Bruſt, dieſe unruhige, ſtürmiſche Bruſt, die nur ſie beſänftigen konnte. Aber die Gewißheit, daß er gegen Thelma gehandelt habe wie ein Menſch, der entweder keine, oder gefährliche Grundſätze beſitzt, ließ in ihrem Her⸗ zen einen leeren Raum, den nichts auszufüllen ver⸗ mochte. Dennoch gehörte ſie ihm an. Durch ſein Unglück, ſeine Verſchuldung, ſeine Strafe, war er dreifach mit ihr vereinigt; und Hoffnung hieß das große Ziel in Alfhild's frommem Gemüthe, das dunkel zwiſchen den ſchwarzen Wolken der Gegenwart hervor⸗ ſchimmerte: Hoffnung, ihn mit ſich ſelbſt zu verſöhnen, und durch ihre Liebe ihre unermüdliche Bemühung, alle Gedanken und Gefühle zu verjagen, welche das Licht ſcheuten, das ſie um ſich zu ſchauen liebte.... Ein paar Stunden verfloſſen in einem Schweigen, das durch keine andere Laute als Seufzer unterbrochen wurde; dann mußten ſie ſich trennen. „Glaube an mich, und ſei getroſt; Du wirſt von mir hören, Leiler!“— Alfhild ſchluchzte leiſe an ſei⸗ ner Schulter. „Ich danke Dir, Geliebte! Du willſt mein kran⸗ kes Herz zur Ruhe einlullen, und deren bedarf es wohl. Gehe nicht an's Fenſter, meine Alfhild, wenn man mich Morgen wie einen Miſſethäter von einem Orte hinwegführt, wohin mich mein böſer Stern ge⸗ bracht hat. Sollte aber der widrige Laut vom Raſſeln des Karrens Dein Ohr erreichen, ſo erinnere Dich, daß ich, ſo wahr mir Gott helfe, an dem Verbrechen unſchuldig bin, das man mir nur deßhalb aufbürden will, um die Ehre des verſtorbenen Majoratsherrn zu retten. Ich hätte gerne mein eigenes Leben geopfert, Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 9 2 130 um Thelma zu retten; aber der, welcher ſie mordete, iſt vermuthlich bei ſeinem luftigen Sprunge vom Ge⸗ länder in doppelter Hinſicht in den Abgrund gefahren, um dort den Lohn ſeines Wahnſinns zu ernten. Doch, höre jetzt meine Bitte, theure Alfhild. Geh' nicht an's Fenſter. Gib mir Zeit, mich an meine Ernie⸗ drigung zu gewöhnen; denn wenn ich wüßte, daß Du mich in dieſem Augenblick betrachteteſt, ſo wäre ich nicht im Stande...“ Er vollendete den Satz nicht; er hatte Mitleid mit Alfhild's ſchon zum Voraus zer⸗ riſſenem Herzen.— Der Augenblick der Trennung war vorüber. Alf⸗ hild wurde von dem alten Borgſtedt wieder in ihr Zimmer geführt, und der Architekt ging die ganze Nacht in dem ſeinigen auf und nieder. Er war nicht im Stande, auch nur einen Augenblick zu ruhen, und wenn je einmal die Augendeckel niederfielen, ſo fuhr er ſogleich wieder empor; denn auf der einen Seite trat ihm die Erinnerung an Thelma im Leichenzimmer drunten entgegen, deren weiße auseinanderſtehende Fin⸗ ger er an ſeine Wange gedrückt hatte, und auf der andern ſtand ſeine bleiche, trauernde Alfhild, in deren Blick ſich das Bemühen eines halbgebrochenen Herzens ausſprach, ein anderes in den Himmel zurück zu füh⸗ ren, wo er ſelbſt ſeine Heimath hatte. Der Gedanke an Morgen und ſeine Abführung nach dem Gefängniß hatte den geringſten Theil an dem gewaltſam aufgeregten Zuſtand, in dem er ſich be⸗ fand; denn in dieſem Punkte reichte ſeine männliche Standhaftigkeit, ſein feſter Wille vollkommen hin, um ihn über das Unrecht zu tröſten, das man ihm zufügte. Er wußte überdieß, daß man ihn nicht niederwerfen konnte; aber in dunkler, drohender Geſtalt ſchwebte ihm die Vorſtellung vor, daß er ſeine Unſchuld viel⸗ leicht nicht beweiſen könnte, ſondern ſtets ein Argwohn an ſeinem Rufe haften würde. —— Die Nacht verging in Träumen, die keine Meſſt der Zeit erlaubten, und gleich nach a ℳ p—p——p—d—ddddddd····· cht Uhr Morgens 131 65 verkündete das Geräuſch eines einſamen Gefährtes, ren, deſſen grobe Räder über das Steinpflaſter des Burg⸗ och, hofs raſſelten— ſo wie ein kleiner rothnaſiger Herr icht im blauen Oberrock mit weißen Knöpfen, daß der Au⸗ nie⸗ genblick da ſei. Der Gerichtsdiener ſtieg aus, und Du der Karren hielt vor dem linken Flügel. ich Auf den Lippen des Architekten kräuſelte ſich ein cht; wildes Lächeln. Sein Körper zitterte nicht vor Schmerz, zer⸗ ſondern vor Wuth. Der ſtolze, ungebeugte Mann mußte ſich hier unter den Eiſenwillen des Schickſals Alf⸗ beugen. Jeder Kampf war vergebens. Er konnte ſich ihr nur mit Standhaftigkeit in das fügen, was er nicht anze ändern konnte. 1.. richt Auch war ſeine Aufregung bereits wieder gedämpft, und die Geſichtszüge lagen in einer ſtarren, unerſchütter⸗ fuhr lichen Ruhe, als der Gerichtsdiener mit dem alten zeite Borgſtedt eintrat. mer„Wollen ſich die Herren ſetzen, ich bin ſogleich Fin⸗ fertig,“ ſprach der Architekt in dem gleichgültigen Tone der gewöhnlicher Höflichkeit; und ohne das geringſte Zei⸗ eren chen von Unruhe oder Muthloſigkeit, ordnete er die zens von Borgſtedt eingepackten Sachen, ging dann mit züͤh⸗ einer leichten Verbeugung nach der Thure, ergriff ſei⸗ fuh nen Hut und machte ſich bereit zu öffnen. rung Der Gerichtsdiener, der ſtehen geblieben war, ging an zuerſt zur Thüre hinaus; und als ſich Leiler noch ein⸗ be⸗ mal auf der Thürſchwelle zurückwendete, um dem alten liche Borgſtedt die Hand zu ſchütteln, und ihm für die Be⸗ um weiſe von wahrem Wohlwollen zu danken, die er dem ügte Fremdlinge erwieſen, flüſterte er:„dort in der Schub⸗ dcen lade liegt das Paket. Morgen früh, wenn Seine Gna⸗ vebte den nach dem Feſte des Tages zur Leere erwachen, viel⸗ wenn das Brautpaar in der Familiengruft beigeſetzt vohn und hiemit die letzte Hoffnung auf Glück für das Gräflich H-ſche Haus beerdigt iſt, dann übergeben Sie ihm das Paket, und grüßen Sie ihn von mir.“ ſſung. Ein bitteres, beinahe böſes Lächeln flog uber des Ar⸗ gens chitekten Lippen; und mit einem Nichen des grauen 132 Kopfes beantwortete der alte redliche Buchhalter das an ihn geſtellte Begehren. Einige Augenblicke ſpäter raſſelten zwei Fuhrwerke über den äußern Schloßhof. In dem beſten und be⸗ quemſten ſaß der Gerichtsdiener allein, in dem andern der Architekt; aber an ſeiner Seite war ein Mann von herbem, finſterm Ausſehen, deſſen grober ſchmutziger Rock Leiler's feinen Mantel eben ſo ſehr genirte, als die nahe Beruͤhrung des Mannes ſeine ganze Perſön⸗ lichkeit quälte. Es war der Gefängnißaufſeher, den Leiler zum Reiſegefährten bekommen hatte. Kein menſchliches Weſen erſchien an den Schloß⸗ fenſtern, und kein lebendiges Geſchöpf zeigte ſich im Hofe; ſogar die niedere Klaſſe des Schloßgeſindes hatte ſich in angeborenem Zartgefühl aus dem Staube ge⸗ macht, um nicht durch ihren Anblick den ſtolzen aber ſtets freigebigen Baumeiſter bei ſeiner Abfahrt zu peinigen. Aber horchen— das thaten Viele; doch in keine Bruſt drang das Geräuſch ſo tief als in Alfhild's. Sie lag knieend in ihrem Zimmer; und mechaniſch fuhren ihre Hände nach dem Ohr, wie etwa eine in Todespein hinterlaſſene Wittwe thut, wenn der Laut vom Vernageln des Sarges über der Leiche ihres Mannes gellend in ihr Herz ſchneidet, und dort Fiber von Fiber trennt. An demſelben Abend verrichtete Probſt Frenkmann die traurige Begräbniß⸗Ceremonie; die Prozeſſion war nicht groß, aber deſto zahlreicher waren die Zuſchauer, als die große Familiengruft in der alten Kirche von Hammarby geöffnet wurde, um den Majoratsherrn und ſeine Braut aufzunehmen. Am darauf folgenden Morgen trat der alte Borg⸗ ſtedt in das Schlafzimmer des Grafen. Es ſchnitt den treuen Diener in die Seele, als er den tiefen Gram ſah, der aus jedem Zug des ſonſt ſo freundlichen Ge⸗ ſichtes ſeines Herrn ſprach. Aber er mußte ſein Ver⸗ ſprechen erfüllen. 2——–— — das erke be⸗ dern ann ier als fön⸗ zum oß⸗ im atte ge⸗ tets ſen. ine d's. iſch in aut res ber nn ar er, don nd g⸗ em am e⸗ er⸗ 133 Nach einer leiſen Frage, wie ſich Seine Gnaden befinden, und der eben ſo leiſen Antwort:„Schlecht, Alter! Mit mir iſt es vorbei!“ reichte der Alte das Paket hin und ſagte:„Vom Baumeiſter, er läßt grüßen.“ Der Graf betrachtete es mit matter Aufmerkſam⸗ keit, ſchnitt dann mechaniſch die Schnur auf und nahm das Papier heraus. Oben darauf lag ein offenes Billet, das die Worte enthielt:„Gruß aus dem Reich der Todten.“ „Ich will allein ſein,“ ſagte der Graf.„Du kannſt draußen bleiben— Niemand ſoll mich ſtören.“ Aber um nicht den Zuſammenhang durch die Aus⸗ rufe und die nachſinnenden Pauſen zu ſtören, die der Graf dabei machte, übergeben wir die Aktenſtücke, wie ſie ſind, der nähern Beſchauung des Leſers. Zwölftes Kapitel. Auszug aus Jeames Legangers Notizen während ſeiner Reiſen in Schweden in den Jahren 1741 und 1742. Als ein junger fröhlicher Menſch von 23 bis 24 Jahren wanderte ich mit meinem Ranzen auf dem Rücken und ein paar Reichsthalern, meinem ganzen Vermögen, in der Taſche, auf der Straße von Chri⸗ ſtiania nach Tousberg dahin, wo mein Vater, in ſeiner Jugend ein geſchickter Landſchaftsmaler, jetzt aus Ar⸗ muth und geſchwächtem Geſichte zu dem ſimplen, aber betrachtungsreichen Handwerk eines Sarganſtreichers herabgekommen war. „Nun, wenn man nur ſein Auskommen hat, und das auf eine rechtliche Art,“ pflegte meine Mutter zu ſagen,„ſo iſt es daſſelbe, ob man Leinwand oder Särge bemalt.“ Mein Vater und auch ich, von der Zeit an, wo ich zu denken begann, war jedoch hierin 134 anderer Meinung. Aber da der Alts in ſeinem ein⸗ fachen häuslichen Leben ſich ſtets genöthigt geſehen hatte, Fünf gerade ſein zu laſſen, ſo ließ er auch den Satz meiner Mutter unbeſtritten hingehen. Während der langen Winterabende, wo ich— noch ein Knabe— ihm oft das Licht halten mußte, wenn er die Särge anſtrich, erzählte er mir von den früheren ſchönen Tagen, wo er, ein warmer Verehrer der Kunſt, nur für dieſe lebte; und er ſchilderte ſeine Gemälde mit ſo prachtvollen Farben, daß ich nie ihres Gleichen in der Wirklichkeit geſehen habe— und ein Bild war immer reicher und herrlicher als das andere. Ich bekam von ihm ebenfalls Unterweiſung in der Kunſt den Pinſel zu führen; aber dieß geſchah im Geheimen; denn meine Mutter meinte immer, dieß nehme nur die Zeit weg, die mit dem Borſtpinſel verbracht mehr Verdienſt ge⸗ währe. Da meine Eltern mit jedem Jahre mehr ein⸗ ſahen, daß meine Anlagen etwas zu verſprechen ſchie⸗ nen, ſo beſchloſſen ſte, mich nach Chriſtiania zu ſchicken, um ein Talent weiter auszubilden, das— ohne den höhern Genuß zu rechnen— mit der Zeit möglicher Weiſe mehr einbringen konnte, als das Malen von ärgen. Sch war 16 Jahre alt, als ich in Chriſtiania an⸗ kam. Bei dem Fleiß und der Unermüdlichkeit, womit ich arbeitete, galt ich ſchon für einen ziemlich geſchick⸗ ten Künſtler, als ich in einem Alter von 23 Jahren dieſe Stadt verließ, um in fremde Länder hinaus zu wandern. Aber meine Sehnſucht darnach ließ ſich nie auf eine andere Art bewerkſtelligen, als zu Fuß; denn meine höchſt unbedentenden Einkünfte gaben mir kaum ſo viel, als ich zum nothwendigen Lebensunterhalt und einer dürftigen Kleidung bedurfte. Ich hatte beſchloſſen, zuerſt durch Schweden zu ziehen, und mich dann von da nach Dänemark und Deutſchland zu begeben, und Gott weiß, wie weit ich auf den Schwin⸗ † gen der Einbildungskraft flog, es war mindeſtens Dum den halben Erdkreis. Ehe ich die weite Wanderung 3 KE un ——— 13⁵ unternahm, wollte ich jedoch erſt Abſchied von meinem Geburtsort und meinen Eltern nehmen, um das Beſte und Einzige zu erhalten, was ſie zu geben hatten— ihren Segen. Das Wiederſehen der Werkſtatt, wo mein Vater noch wie ehedem unter den ſchwarzen Särgen ſaß, die grauen Locken über die gefurchte Stirne her⸗ abhängend und an einen Sargdeckel gelehnt, machte einen tiefen und unauslöſchlichen Eindruck auf mich⸗ Beim Geräuſch, das meine Schritte verurſachten, fuhr er auf; und als er nun den einzigen, geliebten Sohn gewahrte, da ſchlug die von Liebe noch ſo volle Bruſt um manchen Takt ſchneller als gewohnlich; wir lagen Herz an Herz.—„Komm, laß uns zur Mutter hinein gehen,“ ſagte mein Vater;„ich will meine Freude nicht allein genießen. Sie hat maunches Jahr hindurch treu⸗ lich meinen Kummer getheilt, ſie ſoll auch die Freude theilen.“— Das war ein Abend, ein Feſtabend; die Engel im Himmel konnten ſich daran freuen. Am andern Morgen packte ich meinen Ranzen aus, und alle meine Skizzen und fertigen Stücke wurden nun hervorgenommen. Es waren ihrer jedoch nicht viele, denn die Farben hatten an den meiſten meiner Werke kaum trocknen können, als ſie ſchon wieder um Brod fortgingen. Mein Vater rollte die Gemälde mit der innigen Wonne auf, wie ich in meiner Kindheit beim Anblick der illuminirten Pferde und Huſaren empfunden hatte. Am andern Ende des Tiſches, auf welchem die Schätze vorſichtig ausgebreitet wurden, ſaß meine Mut⸗ ter mit der Brille auf der Naſe und die Hände im Schooß; nur ſo wollte ſie die Heiligthümer genießen, die ihr Jeames heimgebracht hatte. Aber nichts ließ ſich mit der Freudigkeit Beider vergleichen, als ein kleines Elfenbeinblatt hervorkam, und die Alten die ziemlich treu gegebenen Züge ihres jetzt in Gottes weite Welt hinauswandernden Sohnes erkannten. Ich hatte einigen Gefallen an der Portraitmalerei, und es hatte mir in einigen freien Stunden Freude gemacht, mein 136 eigenes Bild abzumalen. Ich wußte, daß es das theuerſte Geſchenk ſein würde, das ich bei meiner Ab⸗ reiſe meinen Eltern geben könnte. Doch ich will mich nicht länger bei dieſen ein⸗ fachen, aber heiteren Erinnerungen aus dem erſten Ab⸗ ſchnitte meines Lebens aufhalten. Mit warmen Segnungen und einer Vermehrung meines Weißzeugs, in drei Hemden beſtehend, ſagte ich den ehrwürdigen, ewig unvergeßlichen Weſen Lebewohl, deren reine und tiefe Liebe mir den einzigen Troſt ge⸗ währte, aus dem ich in den Zeiten der Finſterniß meine Hoffnung ſchöpfte, und mit dem ich auf der feſten Brücke des Glaubens mich zu ihm hinauf ſchwang, von dem alle Güte kommt.— Aber wie viel Kampf erfordert es nicht, um dieſe Brücke zu erreichen, da unſer Lebens⸗ kahn nicht ſelten weit draußen auf dem unermeßlichen rean von wilden Brandungen verſchlungen wird! An all Das dachte ich jedoch damals nicht. Mein Sinn war leicht und elaſtiſch, wie mein Körper; kein Kummer und kein Geld drückten mich, friſch und mu⸗ thig ging es über die Felsrücken dahin; und wo ich hin kam, wurde ich gut aufgenommen. Die Münze, mit der ich mein Nachtlager und Verköſtigung bezahlte, beſtand in kleinen Karikaturen oder grotesken Male⸗ reien, die ich an den Orten ſelbſt verfertigte, wo ich einen ganzen Tag raſtete; und ſo half ich mir ſehr wohl fort. Nur in den Städten war ich genöthigt, die Hauptkaſſe anzufallen, nämlich die zwei Reichstha⸗ ler. Dieſe herumziehende Lebensweiſe bot mir einen unendlichen Reichthum von Abwechslung, und manches kühne Abenteuer wurde dabei ausgeführt. Aber die Erinnerung daran verblich in jener Zeit, welche die kräftigſten Zuüge meines Lebens auslöſchte, mit böſer unge das Blut aus meinem Herzen ſog und dafür ein Gift zurückließ, das jede Nerve verbrannte und vertrocknete. Als ich mich eine längere Zeit in Götheborg auf 1 gehalten hatte, wo mir mein Talent als Portraitmaler — 137 Arbeit und Anſehen verſchaffte, begab ich mich, gegen den Wunſch meiner Freunde, die mich zu bleiben ermahn⸗ ten, von Neuem, von der brennenden Reiſeluſt getrieben auf die Wanderung. Ich zog jetzt durch Holland und Smaland, und war ſchon im Geiſte mit einem Fuß in Schonen, als ich eines Abends körperlich ermattet— der Geiſt war ſtets in friſcher Bewegung— mit Freude die Thurmſpitze einer Kirche und etwas weiter weg die Mauern eines Schloſſes in gothiſchem Style entdeckte. Bei dem Anblick ſo viel verſprechender Ausſichten zog ich ſchnell den Fuß aus Schonen zurück und beſchloß noch eine zeitlang in dieſer Landſchaft zu weilen, die ſich ſchon ſo gaſtfrei gegen mich erwieſen hatte. Ich zog aus, ſo ſtark ich vermochte, um meine künftigen Wirthe nicht ſo ſpät noch zu beunruhigen; und die Sonne war noch nicht ganz untergegangen, als ich ſchon mit dem großen Kettenhund Frieden zu ſchließen ſuchte, der den Probſthof bewachte. Dieß war indeß keine leichte Sache; der Hund bellte entſetzlich, erhob ſich auf den Hinter⸗ füßen, legte beide Vordertatzen gegen die Thürpfeiler, und ſchien feſt entſchloſſen, wenigſtens meinen Rock zum Pfande zu nehmen, wenn ich das Thor zu öffnen wagte. Da meine Garderobe keine ſolche Verminderung geſtat⸗ tete, ſo war ich genöthigt, wohl zu bedenken, wie ich es anfangen ſollte, um ohne dieſes hinein zu kommen. Aber während ich noch daſtand, und darüber nachdachte, ſchaute ein junges Mädchengeſicht aus einem Fenſter, und nachdem ein paar blitzende Augen mich einige Sekunden lang mit einer Art Schadenfreude betrachtet hatten, wurde das Fenſter wieder zugeſchlagen, und das Mädchen kam in den Hof heraus.—„Hektor, Hektor! pfui!— zurück, ſag ich dir,“ rief ſie halb drohend, halb lachend. Hektor legte ſich demüthig zu den Füßen ſeiner Gebieterin; und mit eigener Hand öffnete das Mädchen das Hofthor und bat mich herein zu treten — eine Einladung, die ich mir nicht zwei Mal wieder⸗ holen ließ. Sobald ich in den Mauern des Probſthofes in Sicherheit war, kündigte ich mich als einen reiſenden Künſtler an, und bat um ein paar Tage Gaſtfreund⸗ chaft. Der Probſt, ein ziemlich bejahrter Mann, bewil⸗ ligte gütig mein Anſuchen; und auch die ſchöne Si⸗ grid ſchien nichts dagegen zu haben. Im Lauf des Abends ſprach der Probſt davon, daß die gräfliche Familie im Schloſſe ſchon längſt einen geſchickten Maler gewünſcht hätte, der ſich längere Zeit dort aufhalten könnte, theils um die hohen Mitglieder der Familie zu portraitiren, theils um die Gemälde⸗ gallerie herauszuputzen und in Ordnung zu bringen, die, obſchon längſt vernachläſſigt, dennoch manche Ar⸗ beiten von hohem Werth, namentlich eine endloſe Samm⸗ lung beſtäubter Vorfahren des gräflichen Hauſes, ſo⸗ wohl in Bruſtbildern als in Lebensgröße enthalte. Ich weiß nicht, was es eigentlich war, was mir den Gedanken, zu dieſer Arbeit vielleicht angenommen zu werden, ſo lockend machte. Es war wohl die Hoff⸗ nung, dadurch die Mittel zu einer bequemeren Fort⸗ ſetzung meiner Reiſe zu erlangen, vielleicht auch das Vergnügen, das ich ſchon im Voraus empfand, wenn ich mir dachte, daß ich in den alten, grauen, reizenden Steinmaſſen wohnen dürfte, die mir vorkamen wie Ro⸗ ſen der Vorzeit, an der Grenze zweier Jahrhunderte ſtehend und beiden ihr Lebewohl zunickend. Solche alte, romantiſche Ueberreſte liebte ich mit wahrer Leidenſchaft; und ein halb verfallenes, gothiſches Schloß mußte mei⸗ ner Meinung nach durchaus die intereſſanteſten Dinge einſchließen. Aber ob außer dieſem Grunde— der einer ſo feurigen Einbildungskraft wie der meinigen genug ſein konnte— noch eine andere, geheimere An⸗ ziehungskraft vorhanden war, das weiß ich nicht be⸗ ſtimmt; denn es wäre lächerlich, zu behaupten, ich ſei am erſten Abend ſchon ſo ſehr in Sigrid's ſchönem Netze gefeſſelt geweſen, daß ich mich nicht mehr habe daraus losreißen können. Ich hätte es wahrſcheinlich können, wenn ich mich am folgenden Morgen entfern 139 hätte, und mein Kopf nicht ſo ſehr von den ritterlichen Abenteuern erfüllt geweſen wäre, die ich im Hinter⸗ grunde des Schloſſes verborgen wähnte und die, wie ich glaubte, nur auf die Gelegenheit paßten, hervorzu⸗ treten. Das mir angewieſene Gaſtzimmer lag auf einem Dachboden. Es war öde, und hatte nur ein einfaches eichenes Bett und einige ſchwere Stühle. Dennoch war mir dieß Zimmer jetzt unausſprechlich theurer als ſpä⸗ ter, wo es zur Hochzeitkammer ausgeſchmückt war. Am andern Morgen, als ich in den Saal trat, um zu frühſtücken, fand ich Sigrid ſchon mit dem warmen Biere wartend, das ſie mir mit eigener Hand reichte. Jetzt erſt fand ich Gelegenheit, ſie genau zu betrachten — und der Eindruck, den ſie auf mich machte, war un⸗ auslöſchlich. Nie, nicht einmal in meinen phantaſtiſch⸗ ſten Träumen hatte ich ein ſolches Bild geſehen! Das Feuer ihrer Augen verbrannte mein bischen Vernunft zu Aſche; und das Lächeln der Lippen, bald ſo ſüß und warm wie ein Sonnenblick im Frühling, bald ſo kühl wie der Schnee auf unſern Felsgebirgen, hob mich hen zum Himmel und warf mich morgen wieder zur rde. Nachmittags geleitete mich der Probſt nach dem Schloſſe; und als wir durch die langen, ſinſtern Corri⸗ dore wanderten, meinte ich, ſchon halb in der Sagen⸗ welt zu leben; und ich trat vollends mit Leib und Seele in dieſelbe ein, als ſich ein paar gewaltige Thüren öff⸗ neten und wir in einen achteckigten, mit Tapeten von Goldbrokat bekleideten Saal traten, die jedoch da und dort in ihren Fugen losgegangen waren und einen pfeifenden Luftzug erzeugten, wenn man die Thüren öffnete. Zwiſchen jedem hervorragenden Pfeiler war ein Fenſter, das beinahe bis an den gewölbten Plafond hinaufging. Auf dem gebohnten Boden tönten die Schritte mit einer Deutlichkeit, die mich peinigte, denn ich meinte, ich ſollte über dieſen bezauberten Platz nur hinſchweben. 140 Dooch nur zu bald nahm mein Entzücken ein Ende. Meine Augen hatten all' die Trophäen, die Gemälde und die wunderbaren Dinge aller Art, die hier ihre Heimath hatten, noch nicht zur Hälfte verſchlungen, als ein paar andere Thüren aufgingen und wir uns in einem kleineren Zimmer vor dem hohen Beſitzer dieſer großartigen Ruine befanden. Auf koſtbaren Sopha⸗ kiſſen von dunkelblanem Sammt lag ein langer, mage⸗ rer Herr ausgeſtreckt, und beſah mit ſcharf prüfendem Blicke das blanke Schloß ſeiner Doppelbüchſe, die ein Knabe von ungefähr fünfzehn Jahren gerade polirte. „Das iſt ſchön, Borgſtedt! Du kannſt mit der Zeit die Aufſicht über die Rüſtkammer erhalten,“ ſprachen Seine Hohen Gnaden, ohne mich und den tief ſich verbeugenden Probſt eines Grußes zu würdigen.„Aber geh' jetzt, mein Junge,“ ſetzte er hinzu,„und ſage den Lümmeln, den Tagdieben draußen, ſie ſollen Juſehen, daß Niemand unangemeldet hereinkomme.— Ah!l da iſt ja Probſt Oernroos— nun, willkommen! Aber was für ein Schaf haben Sie da gefunden und hergebracht? Keines von Ihrer eigenen Heerde, wie ich ſehe... War Niemand draußen?“ „Nein, Euer Excellenz, es war Niemand da, der uns anmelden konnte,“ erwiederte der Probſt mit einem neuen, tiefen Bückling.„Ich habe mir die Freiheit genommen, einen reiſenden Künſtler aus Norwegen, Herrn Leganger, Landſchaftsmaler und Portraiteur, hie⸗ her zu fuͤhren. Ich glaubte, Eure Gnaden würden ihm vielleicht erlauben, hier eine Probe ſeiner Geſchicklich⸗ keit abzulegen. „So, Landſchaftsmaler und Portraiteur— nicht ſo übel, daß Er an die Sache dachte!— Meine Gal lerie— ich habe es Ihm ſchon längſt geſagt— bedar der Aufhülfe. Der junge Mann ſoll einige Verſuche machen dürfen, damit ich über ſeine Tüchtigkeit urthei⸗ len kann. Morgen kommt mein Sohn nach Hauſe, und er ſoll dem Herrn zeigen, wie ich es haben will. Alſo kann der Herr ſchon morgen anfangen’! 2* 141 Nach dieſen Worten war ich meinen eigenen Ge⸗ danken überlaſſen. Nachdem Seine Gnaden eine Weile mit dem Probſte geſprochen hatten, endigte die Audienz, und wir kehrten nach dem Probſthofe zurück, wo mein eigentliches Leben von dieſem Tage an emporkeimte und nachher weiter wuchs. Doch es wäre zu weitläufig, all' die geringeren Farbenwechſel meiner neuen Lebensweiſe umſtändlich zu ſchildern. Genug, ich zog nach dem Schloſſe, wo ich bei Tage ununterbrochen arbeitete, um die Abende frei für die reinen Genüſſe zu haben, die mein Herz in der Geſellſchaft der immer heißer geliebten Sigrid empfand. Als ich nach Hammarby kam, ſchimmerte bereits das Laub in's Gelbe und bedeckte da und dort die herbſtliche Erde. Jetzt war es Frühling. Die Syrin⸗ gen ſtanden in voller Blüthe, wie meine Hoffnungen. Ich glaubte nicht, daß die Pforten des Paradieſes mir einmal verſchloſſen werden könnten. Nachdem meine Arbeit im Schloſſe gegen Johanni vollendet war, lud mich der Probſt ein, noch einige Zeit vor meiner Abreiſe im Probſthofe zu verweilen, um den Unterricht fortzuſetzen, den ich ſowohl Sigrid, als ihrem jüngeren Bruder Sebaſtian ertheilte, der oft mit Liebesbriefen zwiſchen mir und Sigrid hin⸗ und hergeſprungen war. Denn es braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden, daß ich bei meinem heißen Her⸗ zen und meiner feurigen Phantaſie nicht leben konnte, ohne der Gegenliebe Sigrids gewiß zu ſein. Und ob⸗ ſchon unſere Hoffnungen— was ſich von ſelbſt verſteht — auf die Zukunft gebaut waren, ſo genoſſen wir doch beide in dem gegenwärtigen Momente Glückſeligkeit genug, um unſere Zeit nicht an dieſe Betrachtungen zu verſchwenden. Indeſſen ſollte es nicht lange ſo bleiben. Ich hatte das Bild meiner Geliebten gemalt, und auf dem Kamin in meinem Zimmer aufgeſtellt. An dieſes Bild konnte ich während der Zeit, wo ich mich 14⁴² nicht im Anſchauen des Originals freuen durfte, Reden halten, die voll der lebendigſten Begeiſterung und jener ſchwärmeriſchen Ausdrucksweiſe waren, worein der Jüng⸗ ling ſein erſtes Gefühl kleidet, wenn es nicht mehr ein⸗ ſam und ſcheu in ſeiner eigenen Bruſt wohnt, ſondern mit einer anderen Flamme zuſammengegoſſen in zwei Herzen brennt. Während eines dieſer unwillkührlichen Ergüſſe trat eines Abends der Probſt herein, und blieb erſtaunt und unwillig an der Thüre ſtehen, von wo aus er mich mit ein paar Augen betrachtete, die meinen Wüunſchen nicht ſonderlich viel verſprachen. „Ich bin blind geweſen, wie ich ſehe,“ ſprach er endlich mit fürchterlicher Kälte;„aber da mir jetzt der Staar geſtochen iſt, ſo will ich nur ſagen, daß der Herr je eher deſto lieber einpacken kann, denn in mei⸗ nem Hauſe darf kein Roman geſpielt werden.“ Ich fühlte mein Blut ſiedheiß kochen und jede Fi⸗ ber zitterte in mir, als ich ihm antwortete:„Ich hätte geglaubt, daß meine Gefühle für Sigrid dem Herrn Probſte genugſam bekannt wären, um mich ſchon längſt abgewieſen zu haben, wenn ich keine Hoffnung hegen durfte.“ „Bei Gott, Herr! Sie ſind unverſchämt,“ rief der Probſt aufgebracht.„Soll ich in meinem eigenen Hauſe wie ein Spion herumgehen und nach Dingen forſchen, die mir nie eingefallen ſind? Ich hätte eher glauben können, daß— ja Gott weiß, was ich nicht eher ge⸗ glaubt hätte— als daß Sie, ein herumſtreichender Ma⸗ ler, auch nur im Traume auf die Idee kommen könnten, 3 der Schwiegerſohn des Probſtes von Groß⸗Hammarby zu werden, packen Sie augenblicklich zuſammen, ſag ich Ihnen, oder ich laſſe Sie von hier fortjagen!“ Vor Wuth über dieſe beleidigenden und unartige Ausdrücke des Probſtes außer mir, vermochte ich nicht zu antworten, aber mein Benehmen, indem ich heſtig die Schubladen des gewaltigen eichenen Schrankes aufriß, und meine Habſeligkeiten auf einen Haufen warf, über⸗ “ ͤ———,—-——-—— 2 143 zeugte ihn hinreichend, daß ich nicht geſonnen ſei, noch weitere ſo gaſtfreundliche Drohungen zu erwarten. Damit zufrieden, ſchloß er die Thüre und ging hinab. Als ich den Gegenſtand meines gerechten Zornes nicht mehr ſah, wurde ich wieder kühler und beſchloß, mir eine Unterredung mit Sigrid zu verſchaffen, ehe ich zur Abfahrt einpackte. Es war um die Tageszeit, wo der Probſt auf ſeine Güter hinauszuwandern pflegte. Ich flog in den Saal hinab, ward aber dort von Neuem durch einen Anblick überraſcht, der ſchon früher oftmals höchſt unangenehm auf mich eingewirkt hatte; es war nämlich der junge Graf vom Schloſſe da, und ſprach freundlich mit Si⸗ grid, wobei er ihr oft ein ſo ſüßes Lächeln entlockte, wie es meines Bedünkens nur mir zukommen ſollte. Aber Sigrid war von lebhaftem Temperamente, und wenn ihr Blick mit der innigſten Liebe auf mich fiel, warf ich mir wieder das Unrecht vor, das ich ihr angethan hatte, indem ich ihr Verhältniß zu dem Grafen mißverſtand, und darin ein Intereſſe finden wollte, das jedoch, wie mich ihre ſchmeichelnden Worte bald wieder überzeugten, nur in meiner eiferſüchtigen Einbildung lag. Indeſſen war mir dieſes Zuſammen⸗ ſein zwiſchen ihr und dem Grafen heute weit widriger als gewöhnlich, nicht nur weil es für den Augenblick eine Unterredung zwiſchen uns verhinderte, ſondern auch weil ich dabei deutliche Spuren von Koketterie in ihrem Weſen entdeckte. Als ich eintrat, bekam ich zwar einen Blick, ſchmelzend und ſüß, wie jene, aus denen ich ſo oft vorher Gift geſogen hatte. Aber als ich mich zur Seite wandte, um meine Bewegung ſo gut als möglich zu verbergen, entdeckte ich in dem Spiegel gegenüber einen Blick anderer Art, der den Grafen traf. Es war ein elektriſcher Funke, der Flam⸗ men in ſeinem Auge entzündete, wobei ich in eifer⸗ ſüchtiger Todeskälte zitterte. „Sigrid,“ rief ich, ohne recht zu wiſſen, was ich 1⁴4 that oder thun wollte,„willſt Du mir einige Minuten unter vier Augen gewähren? Ich reiſe augenblicklich ab.“ Sie erblaßte.—„Du reiſeſt— wohin?“ ſtammelte ſie, und mit einem eiskalten:„Entſchuldigen Sie, Herr Graf,“ das mein Blut wieder in ruhigern Umlauf brachte, eilte ſie nach einem kleinen Gaſtzimmer auf der andern Seite des Saales, und winkte mir zu folgen. „Was iſt geſchehen?— ſind es denn wieder Deine eiferſüchtigen Grillen, die unſer Glück zerſtören?“ flüſterte ſie ſeufzend unt faßte meine Hände.„Kannſt Du denn glauben, daß ich mich im Geringſten um den Grafen bekümmere, obſchon ich ihm um meines Vaters Willen, und auch um mich ſelbſt mit der Einbildung Seiner Gua⸗ den zu beluſtigen, hie und da einen freundlichen Blick zuwerfe? Gott, wie ungerecht Du biſt, daß Du meine Liebe ſo mißkennſt und mich mit ſolchen Einfällen quälſt! Du wirſt doch nicht abreiſen? Nein, das iſt unmöglich!“ „Und dennoch, Sigrid, muß es geſchehen, wenn Du Deinen Vater nicht überreden kannſt, in unſere Verbindung einzuwilligen! Einige Worte über mein Gefühl entfielen mir, als ich eben vor Deinem gelieb⸗ ten Bilde ſtand. Dein Vater hörte ſie. Es kam zu einer Erklärung zwiſchen uns, und das Ende davon war, daß er mir in den beſchimpfendſten Ausdrücken die Thüre wies.“ Sigrid gab alle Zeichen der Verzweiflung von ſich, aber ſie ſprach nichts davon, daß ſie es verſuchen wolle, ihren Vater zu überreden. Als ich ſte fragte, ob ſie nicht ſo viel Muth habe, um etwas für unſere Liebe zu wagen, antwortete ſie mit leiſem Vorwurf;„Das kannſt Du fragen! Ja, ich habe Muth; aber es wäre nicht Muth, ſondern Wahnſinn, wenn wir jetzt dem Strome entgegen⸗ arbeiten wollten, wo er überzufließen droht. Laß uns warten, mein Geliebter! So bitter es auch für mich ſein wird, ſo muß ich Dich doch darin beſtärken, abzu⸗ reiſen. Dieſe Fügſamkeit wird, wie ich hoffe, einen vor⸗ theilhaften Eindruck auf meinen Vater machen; und wenn ſich der Sturm in ſeinem Gemüthe gelegt hat und Ruhe ¹ 145 darauf folgt, dann will ich verſuchen, was meine Liebe und mein Scharfſinn vermögen, um das Ziel zu er⸗ reichen.“ „Und ich muß alſo reiſen, mich von Dir trennen! O Sigrid— haſt Du erwogen, was dieſer Schmerz uns Beiden koſten wird? Mein Leben ohne Dich iſt ein Nichts. Meine Kraft wird brechen, meine Gefühle werden vertrocknen, meine Luſt zur Arbeit unter dem fruchtloſen Nachſinnen über unſer endliches Schickſal dahinſchwinden.“ „Und wird denn mein Loos ein beſſeres ſein?“ verſetzte ſie klagend.„Nein, Jeames, das wird es gewiß nicht! Du reiſeſt, und der Wechſel der Gegen⸗ ſtände wird Dein krankes Gemüth theilweiſe heilen; aber ich muß in der ewigen Einförmigkeit zurückbleiben und mich abhärmen. Du ſchreibſt mir überdieß, wo Du verweilſt; und ſo weit es in menſchlicher Macht ſteht, werde ich verſuchen, auch Dir Nachrichten von mir zu verſchaffen.“ Da ich Sigrid ſo ſtark, ſo aufopfernd ſah, ſchämte ich mich ſelbſt, mich ſchwach zu zeigen. Mit dem Tode im Herzen ſchloß ich ſie zum letzten Mal in meine Arme, und nun weiß ich weiter nichts mehr, als daß ich zum Hauſe hinauskam und einige Wochen ſpäter in Kopenhagen war. Aber länger vermochte es der Geiſt nicht, den Körper zu beſiegen. Ich verſank in ein unthätiges, gemüthleeres Leben, das bald meine Einkünfte gänzlich verſchlang und mich unfähig machte, mir neue Hülfs⸗ mittel zu meinem Auskommen zu verſchaffen. Der ein⸗ zige Punkt, um den ſich alle meine Gedanken drehten, war die Hoffnung, Briefe von Sigrid zu erhalten. Ich hatte mehrmals geſchrieben; endlich kam ein Brief, aber er athmete keinen Troſt. Sie hatte noch keine günſtige Gelegenheit gefunden, um mit ihrem Vater zu ſprechen. Ich wüthete; denn ich fürchtete, oder ich ſah vielmehr klar ein, daß ſie erkaltet war. Und deſto heftiger brannte die Flamme in meiner eigenen Seele; ſie drohte mich zu verzehren,— und noch mehr— ſie Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 0 d 146 machte mich zu einem unnatürlichen Sohne. Ich ſchrieb nicht mehr nach Hauſe an meine Eltern, denn was ſollte ich ſchreiben? War ich denn noch der lebensfrohe, hoffnungsvolle Jüngling, der mit dem Segen ſeiner würdigen Eltern hinausgezogen war, um in fremden Ländern Ehre und Selbſtſtändigkeit zu erringen? Nein, meine Leidenſchaft hatte den guten Samen zerſtört, der erſt zur Hälfte aufgeſchoſſen war. Ich hatte jetzt keine Kraft, keinen Willen mehr, um ihrer Macht zu wider⸗ ſtehen; ich ſank immer tiefer— ohne auf's Neue mich erheben zu können. Acht Monate waren ſeit meiner Ankunft in Kopen⸗ hagen verfloſſen. Ich hatte weder mein Miethgeld für das laufende Quartal, noch die Koſt für die letzten Monate bezahlen können. Und ich ſaß nun verhaftet innerhalb vier Wänden, wohin weder Sonne noch Mond drang, noch auch ein Lebensſtrahl fiel, der aus meiner eigenen Seele entſprungen wäre; dort war es finſter und umdüſtert. Das einzige Gefühl, das mich aus meiner Betäubung ſchüttelte, war die nagende Gewiſ⸗ ſenspein über mein Benehmen gegen meine Eltern, deren Hoffnungen ich vernichtet hatte; eine Pein, die jetzt meine Schmerzen noch vermehrte. So ſaß ich eines Vormittags gegen das Bett zu⸗ rückgelehnt und den Arm auf den Strohſack geſtützt, der mir als Matratze diente, als der Wachtmeiſter, von meinem Hauswirth begleitet, in das Zimmer trat. Der Letztere hatte einen Brief an mich und da das Siegel mit einer Grafenkrone verſehen war, bei deren Anblick der Wirth auf einige Hülfe in meinen Geldangelegen⸗ heiten hoffte, ſo hatte er die Artigkeit, mir den Brief ſelbſt zu üͤberbringen. Beim erſten Blick ſah ich, das es das gräflich H—ſche Wappen war; und der Anblick eines Briefes von Hammarby— er mochte nun ſein, von wem er wollte— erſchütterte mich dergeſtalt, daß mir war, als wolle eine ganze Welt von wilden Ge⸗ fühlen meine Bruſt ſtürmen und ihre geſchwächten Rie⸗ gel ſprengen. Ich erbat mir als die groͤßte Gnade, =ͤŔ G SSSGSBSSN rieb ollte ohe, iner iden tein, der eine der⸗ nich pen⸗ für 147 allein ſein zu dürfen; und mein Wirth entfernte ſich mit dem Wachtmeiſter, nachdem er verſprochen hatte, am nächſten Morgen von ſich hören zu laſſen. Endlich durfte ich ohne Zeugen dieſen merkwürdi⸗ gen, geheimnißvollen Brief erbrechen, deſſen Inhalt meinen Kopf ſchwindeln, mein Herz von unnennbarer Freude ſchwellen machte. Ich glaubte zu träumen, ich glaubte, meine Sinne gaukelten mir wilde Phantaſien vor; ich las und las wieder. Es war Wahrheit— Wirklichkeit. Ich ſank auf meine Kniee nieder. Der Uebergang von der ſchauerlichen Qual der Hölle zu der reinen Luft des Himmels führte mich wieder zu dem Gebete zurück, dem ich lange fremd geweſen war. Hier folgt die Abſchrift des Briefes Wort für Wort. Es war die Hand des alten Grafen. „Mein lieber Leganger! „Durch meinen Sohn hab' ich erfahren, daß es im Probſthofe nicht gut ſteht, und daß die abnehmende Geſundheit der ſchönen Sigrid meinen braven Oern⸗ roos mit einem ſchweren Schlage bedroht. Gewöhnt, die Verhältniſſe des Lebens zu betrachten und ihre Wirkungen näher in's Auge zu faſſen, kam ich auf den Gedanken, die Kränklichkeit des Mädchens müſſe in einer Verbindung mit Ihrer ſchnellen Abreiſe ſtehen. die, wie ich gleich einſah, von etwas Außerordentlichem veranlaßt ſein mußte, da Sie ſonſt nicht vergeſſen hätten, von dem Schloſſe Abſchied zu nehmen. Wenn ich nun noch dazu Ihr eifriges Laufen nach dem Probſt⸗ hofe nahm, während der Zeit, daß Sie hier verweil⸗ ten, um meine Gallerie in Ordnung zu bringen(was, beiläufig geſagt, Ihnen mein Vertrauen gewann und mich überzeugte, daß Etwas aus Ihnen zu machen iſt), ſo begriff ich, daß Sie und die ſchöne Sigrid in einem näheren Verhältniſſe zu einander geſtanden ſein mußten, und beſchloß daher, da die Sache in meinem Umkreis lag, eine kleine Nachforſchung bei dem Probſte zu halten, um über die näheren Umnſfände ine Klare zu * 0 148 kommen. Er erzählte mir die ganze Geſchichte; ſo wie auch den Grund ſeiner Weigerung, welchen letztern ich für höchſt unpaſſend hielt, da ein geſchickter Künſtler mit der Ausſicht auf ein künftiges Auskom⸗ men ſehr wohl als eine ebenbürtige Parthie für eine Pfarrerstochter angeſehen werden kann. Es wäre zu weitläufig, um Alles zu wiederholen, was ich ſagte, um den Probſt von der Ungereimtheit ſeines Be⸗ ſchluſſes zu überzeugen, indem er ja ſo die Veran⸗ laſſung ſei, daß ſeine Tochter vor Kummer ſterbe, und Sie aus einem Mann, in dem die Geſellſchaft ein nützliches und thätiges Mitglied erwarten konnte, zu einem untauglichen und ſchwermüthigen Tropfe würden. Genug, er ließ ſich überzeugen. Und da es für mich ſtets eine Luſt iſt, das Gluͤck von Men⸗ ſchen zu begründen, die mehr oder weniger mit meiner Perſon in Berührung ſtehen, oder es verſtanden haben, ſich mein Wohlwollen durch eine ſchickliche Aufführung zu gewinnen, ſo gebe ich Sigrid, deren Pathe ich bin, eine kleine Mitgift, die für den An⸗ fang hinreichen wird, ihre Angelegenheiten zu ran⸗ iren. Was ich mir aber einmal in den Kopf geſetzt habe, muß, wie Sie ſich erinnern werden, raſch durch⸗ geſetzt werden. Schicken Sie mir deßhalb mit um⸗ gehender Poſt Ihre Papiere, den Taufſchein und die Vollmacht, das Aufgebot ergehen zu laſſen, dann werde ich die Sache ſo betreiben, daß Sie die Hochzeit feiern können, ſobald Sie hieher kommen. Ich will Oernroos keine Bedenkzeit geben; denn ſo groß auch meine Auctorität ſein mag, ſo iſt er dennoch Vater. Deßhalb ſchnell und luſtig darauf los; man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es noch warm und ſein Vatergefühl wach iſt. Laſſen Sie mich auch wiſſen, ob Sie Geld bedürfen, um herüber zu kom⸗ men. Wenn dieß der Fall iſt, ſo ſende ich Ihnen welches, ſobald ich Ihre Antwort nebſt den Doku⸗ menten in der Hand habe. Füllen Sie Ihren Brief nicht mit unnuͤtzen Dankſagungen! Sie ſind ein 149 wackerer Mann und einem ſolchen helfe ich ſtets, wenn ich kann. Wilhelm v. H. Graf von Groß⸗Hammarby.“ P. S.„Mein Sohn läßt Sie grüßen. Er trat dieſer Tage ſeine längſt beſchloſſene Reiſe in's Aus⸗ land an.— Leben Sie wohl!“ Wenige Menſchen haben wohl einen ſolchen Grad von Wonne, ein ſo über alle Beſchreibung ſeliges Ge⸗ fühl empfunden, als ich, wie meine Sinne nun klar den Himmel faſſen konnten, der ſich vor meinen Blicken eröffnete. Die ganze Nacht brachte ich in wachen Träumen zu, und wenn es einen Schatten in dem ſchönen Gemälde gab, ſo war es die Verwunde⸗ rung, warum Sigrid nicht ebenfalls geſchrieben habe. „Aber,“ dachte ich,„ſie war vielleicht ſo ſchwach, daß ſie es nicht vermochte, oder haben ſie ſie noch gar nicht von unſerem Glücke benachrichtigt.“— Endlich wurde es Morgen, und damit kam mein Wirth, dem ich in wenig Worten den Umſchwung meiner Lage durch meine baldige Heirath auseinander⸗ ſetzte. Er verſchaffte mir bereitwillig, was ich be⸗ durfte, und trug ſelbſt einige Stunden darauf den dankbaren Brief auf die Poſt, der die gewünſchten Dokumente enthielt, welche ich meinem Wohlthäter überſandte. Ich hatte, ohne meinen eigentlichen Aufenthaltsort anzugeben, nur im Allgemeinen darauf angedeutet, daß meine unglückliche Liebe meine Thätig⸗ keit und dadurch auch meine Einkünfte vernichtet habe. Ich ſei deßhalb genöthigt, zu warten, bis die verſpro⸗ chene Geldunterſtützung komme, obwohl dieß mit heißer Unruhe geſchehe u. ſ. w. Nunmehr lebte ich in einem Rauſch von Glück, der mir ebenſo wenig einen ordentlichen Gedankengang erlaubte, als meine frühere Verzweiflung. Die Ant⸗ wort kam etwas ſpäter, als ich hoffte. Aber ſie enthielt dafür auch außer der verſprochenen Unterſtützung eine 150 Zeitung, die mich beinahe närriſch vor Freude machte. Wir waren nemlich zum erſtenmal aufgeboten worden und nur um mich mit dieſer frohen Botſchaft zu erfreuen, hatte der Graf ein paar Poſttage lang gezögert. So ſchnell als moͤglich ordnete ich jetzt meine Angelegenheiten in Kopenhagen, und ſchrieb während der Zeit einen langen Brief an meine Eltern, der ein Verzeichniß der Thorheiten ihres verlorenen Sohnes, aber zugleich auch eine Beſchreibung des Lebens voll Glück und nützlicher Thätigkeit enthielt, dem ich jetzt entgegenging— und zur Bekräftigung dieſer meiner heitern Vorſpiegelungen ſchloß ich den Brief des Gra⸗ fen mit ein. Ich ließ meine Garderobe in einen etwas beſſern Stand ſetzen, und ging dann mit der erſten Gelegenheit nach Malmö hinuber, von wo aus ich zu Lande nach dem Ziel meiner Wünſche, dem theuren Hammarby, reiste— und bald ſprang ich mit leichtem Herzen dutch die Allee, die nach dem rothen Gatter⸗ thore führte. Der Kutſcher mit dem Fuhrwerk kam weit hinten nach; ich meinte fliegen zu können, und die Gewißheit, den verhaßten jungen Grafen jetzt nicht bei meiner Braut zu ſehen, gab meinen glän⸗ zenden, nun bald erreichten Hoffnungen einen erhoöͤhten Glanz. Faſt athemlos hatte ich das Thor erreicht. Hektor war jetzt nicht mehr ſo böſe, wie früher; er erkannte ſeinen alten Freund und bellte laut vor Freude. Aber keine Sigrid ſtand am Fenſter, keine leichte Geſtalt ſchwebte auf die Treppe heraus. Dafür kam mir mein junger Freund Sebaſtian entgegen und rief herzlich: „Papa wird gleich hier ſein, aber die arme Sigrid iſt krank!“— Ich fühlte, daß ich erblaßte; kaum ver⸗ mochte ich es, zum Hauſe hinzuwanken, wo mir der Probſt auf der Schwelle entgegentrat, mich in ſeine Arme nahm und ſprach:„Die Zeiten haben ſich ge⸗ ändert, mein lieber Leganger! Ich konnte den Schmerz meines Kindes über Ihren Verluſt nicht ſehen. Und„ da der Graf, der ein großes Wohlwollen für Sie hegt, — 151 ſich ebenfalls der Sache annahm, ſo habe ich nachge⸗ geben, und bitte Sie jetzt, als mein baldiger Schwie⸗ gerſohn willkommen zu ſein.“ „O wie gut Sie ſind, mein verehrter Vater! Ich habe keine Worte, um mein Gefühl auszudrücken. Aber meine theure, unvergeßliche Sigrid iſt ja krank.— Es iſt doch nicht gefährlich? Mein Herz vergeht bei⸗ nahe unter dieſen ſchnellen lehergängen zwiſchen Todes⸗ pein und Glückſeligkeit.“— Beunruhige Dich nicht, mein Sohn! An Deiner Seite ſoll ſie mit Gotteshilfe wieder aufblühen; aber in Betracht ihrer jetzt allzu⸗ ſchwachen Geſundheit haben wir ſie nur allmählich von dem Glücke unterrichten können, das ihrer wartet; und aller Vorſicht ungeachtet hat ſie doch die Freude zu heftig angegriffen. Sie ruht jetzt, aber in einer Weile hoffe ich, Dich zu ihr hineinfuͤhren zu dürfen. Laß uns indeſſen in der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft den Willkommensbecher leeren!“ Nach einer mehrſtündigen, peinlichen Erwartung erklärte mir der Probſt, der unaufhörlich ein⸗ und ausgegangen war, daß Sigrid mich erwarte. Er führte mich nach ihrem Zimmer; und nie wird mir der Ein⸗ druck aus dem Gedächtniſſe ſchwinden, den ich beim Oeffnen der Thüre empfand, die den Eingang zu dem mir ſo theuren Heiligthum ſchloß. Auf dem Sopha lag meine Braut, ſo ſchön! aber blaß, leichenblaß; der Gram hatte die friſchen Roſen auf den Wangen ver⸗ zehrt, und den Glanz des Auges erlöſcht. Dunkel und voll Thränen hob es ſich zu mir, und eine dunkel⸗ rothe, blutfarbene Wolke zog anſtatt des feinen Pur⸗ purs der Wonne über die faſt marmorſtarren Züge. Ich näherte mich, ich bog das Knie und faßte ihre Hand, die ich gegen meine glühend heißen Lippen, an mein treues, vor Angſt hochſchlagendes Herz drückte. Sie ſah mich an; aber das Auge war ohne inneres Leben, und das Lächeln, das um ihre Lippen ſpielte, ſagte nichts— wenn es nicht eine Sprache redete, die ich nicht verſtand. 152 „Meine Sigrid, meine theuerſte Sigrid! gib mir ein Zeichen, ein Wort, daß meine Gegenwart Dir nur einen geringen Theil von der Seligkeit ſchenkt, die ich empfinde.“ „Seligkeit,“— wiederholte ſie langſam; und wie⸗ der floß ihr das Blut nach Wangen und Stirne. „Biſt Du glücklich, Jeames?“ „Gott! ob ich glücklich bin, da ich Dich mein nennen darf? Bedarf wohl dieſe Frage einer Antwort. meine Sigrid? Ich bin ſo glücklich, daß Niemand ſeine Seligkeit mit der meinigen meſſen kann, wenn Du mir geſund wirſt und ſie theilſt.“ „Gewiß,“ erwiederte ſie,„werde ich das, wenn ich mich erſt an die neue Wendung meines Schickſals ge⸗ woͤhnt habe. Bis dahin habe Geduld mit mir! Ich bin ſo nervenſchwach, ſo krank, daß ich keine Unruhe, nicht die geringſte Gemüthsbewegung ertragen kann. Aber das wird ſchon beſſer werden, Jeames! Glaube das und fürchte Nichts; denn Dein Schmerz würde meine körperlichen Leiden vermehren.“ „Ich will ſtark ſein, meine geliebte Sigrid; und Gott wird gewiß meine heißen Gebete erhören. Meine Braut wird bald wieder zu derſelben friſchen Roſe er⸗ blühen, die ſte war, als ich ſie zum Erſtenmal ſah.“ „Du meinſt alſo, ich ſei häßlich und elend gewor⸗ den?“ ſagte ſie ſchnell und in ärgerlichem Tone. „Die weiße Roſe kann ſo ſchön ſein, wie die rothe,“ antwortete ich liebevoll;„aber die erſtere iſt das Bild der Krankheit, die letztere das der Geſundheit.“ ₰ Sie ſchien zufrieden, und der Probſt ſchlug mir vor, ſie zu verlaſſen, da ſie nicht zu lange reden dürfe.“ „Komm jetzt, und ſieh' die für Euch bereitete Brautkammer,“ ſprach mein künftiger Schwiegervater, und führte mich nach dem Zimmer hinauf, wo ich ehedem gewohnt hatte. Ach, dort fand ſich nichts mehr von all' dem, was mir einſt ſo theuer geweſen war, die ſchöne Ausſicht und das Bild meiner geliebten Sigrid über dem Kamine ausgenommen. Nun, das 153 war mir auch das Liebſte. Sonſt war Alles verändert; die dunklen Holzwände waren mit reichen Tapetenreſten aus dem gräflichen Schloſſe geziert, und...(hier folgte in Legangers Notizen die Beſchreibung von jedem ein⸗ zelnen Ding, welche Schilderung Leiler am Morgen nach ſeinem Einzug in daſſelbe Zimmer mit den da⸗ mals noch in gutem Stand erhaltenen Moͤbeln verglich,) und all' dieſe Herrlichkeiten(fuhr der Maler in ſeiner Erzählung fort), dieſe wahre Pracht, hatte, wie der Probſt mit Vaterſtolz erzählte, der Graf hieher bringen laſſen, um der baldigen jungen Frau eine freundliche Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Was mich betrifft, ſo hätte ich eben ſo gut geſchlafen, wenn das alte, eichene Bett und die bekannten Stühle da geblieben wären; aber um meiner Sigrid willen machte es mir ebenfalls Freude. Sobald es die Umſtände erlaubten, eilte ich am folgenden Tage nach dem Schloſſe, um meinem hohen Goͤnner ehrerbietigſt zu danken. Dieſen ganzen Tag bekam ich meine Sigrid nicht zu ſehen; aber am folgenden Sonntag, als man uns verkündigte, hatte ich Nachmittags das Glück, eine Stunde bei ihr ſitzen zu dürfen. Sie war unendlich herzlicher, als das erſtemal, und die natürlichere Röthe auf den Wangen bewies mir, daß ſich ihre Geſundheit bedeutend verbeſſert hatte. Sie ſtand bisweilen auf, und wanderte, auf meinen Arm geſtützt, im Saale auf und nieder. Mit jedem folgenden Tage wurden unſere Herzen näher vereinigt und Sigrids Geſundheit immer beſſer. Das einzige Zeichen von Kränklichkeit, das noch blieb, war ein beſtändiges Fröſteln, weßhalb der zärtliche Vater ſie eindringlich ermahnte, ſich wohl in ihr Tuch zu hüllen, was ſie auch that, ungeachtet ich ſie freundlich verſicherte, ſte verzärtle ſich dadurch. Endlich kam der Hochzeittag, vierzehn Tage nach meiner Ankunft in dem Pfarrhofe. Von meinem Glücke will ich ſchweigen; aber ein Jeder, der ſelbſt geliebt hat, kann ahnen, wie innig ich es in der Tiefe meiner Seele empfand. Die Trauung ſollte am Abend vor ſich gehen, 154 und nach meinem und Sigrids Wunſche keine andern Zeugen dazu gebeten werden, als die Mitglieder des Hauſes, ein paar nahe wohnende Nachbarn und der Graf, der ſich einige Zeit vor den Andern einfand. Er brachte mir dabei ein paar Pokale von hohem Werthe; ſie waren für Braut und Bräutigam beſtimmt. Mit denſelben kam die für Sigrid beſtimmte Mitgift; und um dieſe uner⸗ klärliche Gnade noch zu erhöhen, die ich mir nie hätte träumen laſſen, als ich meinen erſten Beſuch im Schloſſe machte, und mich der ſteifen, hochtrabenden Aufnahme er⸗ innerte, verſprach der Graf, mir durch ſeine Empfehlun⸗ gen auf dem gewählten Wege fortzuhelfen, und hielt es deßhalb für's Beſte, daß ich mich je eher deſto beſſer in einer der größern Städte des Reiches niederlaſſe. Im Verlaufe dieſer Unterredung ſchlug die bedeu⸗ tungsvolle Stunde. Die wenigen Gäſte waren angelangt. Der Probſt führte ſeine Tochter herein; der Graf nahm mich bei der Hand— und in einer halben Stunde ſtand ich an der Schwelle der weit geöffneten Himmelsthore. Gleich nach der Trauung ſetzten wir uns zu Tiſche, und da meine arme Sigrid ſo ſehr fror, daß die weißen Zähne hinter den zitternden Lippen klapperten, hüllte ich ſie ſelbſt immer feſter in den großen koſtbaren Shawl, den ihr der Graf als Brautgeſchenk gegeben hatte; und ein ſanfter, unausſprechlich dankbarer Blicktraf mich aus ihren auf’s Neue mit Thränen befeuchteten Augen.„Warum weint ſie jetzt?“ dachte ich. Vielleicht war es auch nur eine Einbildung! Aber nein— es war wirklich ſo; denn als man auf die Geſundheit des Brautpaares trank, als wir die Kryſtallpokale, in denen der rothe Wein ſo herrlich ſchimmerte, an unſere Lippen führten und ich freundlich mit meiner Braut anklingen wollte, fielen ein paar klare Thränen in ihren Pokal hinab. Das that mir wehe, und ich wünſchte, bald mit ihr allein reden zu können. Die Mahlzeit ſchien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich rückte man die Stühle. Die Nachbarn, mit Aus⸗ nahme des alten Grafen, reisten ſogleich heim; und nach einem ceremoniöſen Abſchied und dem väterlichen 3 — wät bef zu zu Sig Die grit wur da Segen führte ich meine Braut nach der feſtlich ge⸗ ſchmückten Kammer auf der Bühne hinauf. Dieß war jetzt unſer Zimmer, unſer— ach, welche Welten kann nicht die Phantaſie erſchaffen? Ich trug mein Weib mehr nach dem Sopha als ich ſie führte. Ihre Thränen ſtrömten jetzt unaufhalt⸗ ſam, und ein krampfhaftes Schluchzen erſchütterte ihr ganzes Weſen. „Meine Sigrid, meine einzig Geliebte, bat ich innig.„Habe Vertrauen zu Deinem Gatten— was quält Dich ſo unausſprechlich? Biſt Du nicht glück⸗ lich? Bin ich Deinem Herzen nicht mehr, daß Du eben jetzt in dem Augenblick einer Vereinigung, nach der wir Beide uns ſo heiß ſehnten, ſo fürchterliche körperliche und geiſtige Qualen leiden kannſt? Ich beſchwöre Dich— ſei aufrichtig! Ich leide die gräß⸗ lichſte Angſt bei Deinen Thränen, bei dieſer Qual, die ſich ſo deutlich in Deinen Zügen ausſpricht.“ Sie lehnte den Kopf gegen meine Schulter, ihre Arme umſchloſſen krampfhaft meinen Hals; aber ich hörte kein Wort, obſchon die bleichen Lippen ſich zu einem Laute bewegten. So verging eine Weile furchtbar bitter für uns Beide.„Jeames“ ſprach ſie endlich ganz leiſe,„laß mich eine Weile allein! Ich werde mich am beſten faſſen, wenn ich allein bin. Schicke unſere alte Ma⸗ dame herauf! O wenn meine Mutter gelebt hätte, wäre ich nicht ſo unglücklich geworden!“ In dem gereizten Gemüthszuſtande, in dem ſie ſich befand, wagte ich nicht eine Erklärung ihrer Worte zu verlangen, ſondern ging ſogleich, um ihren Wunſch zu erfüllen. Während Madame Arndt oben war und Sigrid entkleidete, ging ich nach dem Saale hinab. Die Alte hatte mir verſprochen zu ſagen, wenn. Si⸗ grid ruhiger geworden wäre. Bei meinem Eintritt wunderte ich mich, den Hut und Stock des Grafen da liegen zu ſehen; aber er ſelbſt zeigte ſich nicht, 156 doch war es ſeine Stimme, die ich in dem Zimmer des Probſtes vernahm. „Worte, mir ganz unerklärlich, nahten meinem Ohre.“„Nun, jetzt ſind Sie wohl zufrieden, Oern⸗ roos?“ ſprach der Graf in einem verächtlichen Tone. „Der Schwiegerſohn iſt ja hübſch, wenn auch kein Graf! He? Sie fiſchten dießmal im Trüben. Und die ſchöne Sigrid ebenfalls! Wie konnten Sie aber auch ſo einfältig ſein und ſich einbilden, daß der Graf, der Majoratserbe meiner Güter, ſich ſo weit herablaſſen würde, um eine Pfarrerstochter zu heirathen?“ „ Aber ſo, tief ließ eer ſich doch herab, daß er die Unſchuldige wer rke und ſie für Zeit und Ewigkeit unglücklich machte! denn glauben Sie wohl, daß ſie ohne heiße Reue in ihren teufliſchen Plan eingegangen iſt, den Narren zu betrügen, der jetzt den Bräutigam vorgeſtellt hat?“— So lautete die Stimme des Prob⸗ ſtes, von unterdrücktem Schmerz oder Zorne zitternd; was es war, weiß ich nicht, denn ich war ſelbſt in einem Zuſtande, der ſich nicht leicht beſchreiben läßt. Ich wußte nicht recht, ob ein dämoniſcher Fiebertraum in meinem Gehirn wüthete oder eine eben ſo dämo⸗ niſche Wirklichkeit. Ich trat näher. Mit eiſerner Kraft gebot ich meinen Nerven, und drückte die Hand „* ſo feſt gegen mein durch das ſchwärzeſte Bubenſtück verrathenes Herz, daß jede Seite deſſelben erſchlafft zuſammen zu ſinken ſchien. Ich ſtand an der Thüre. Die Laute drangen jetzt hölliſch klar in meine Seele und brannten ſich feſt mit feurigen Buchſtaben, die ſeitdem nie mehr er⸗ löſchen konnten. „Wie, undankbarer Menſch,“ fuhr der Graf fort, „geben Sie meinem Edelmuth einen ſolchen Namen. Dem Edelmuth womit ich Ihr Haus und die Ehre Ihrer Tochter durch die größten Opfer meiner Würde und meiner Kaſſe retten wollte! Glauben Sie, daß es meine Schuldigkeit iſt, mich in die Amouren meines Sohnes zu miſchen, und wieder gut zu machen, wo 38 ¹ 157 Sie ſelbſt die Augen nicht offen hatten oder nicht offen haben wollten? Nein, das gehört keineswegs zu den Pflichten eines Vaters. Nur um Sie vor Skandal zu bewahren— einem Skandale, der im Fall der Ent⸗ deckung bloß Sie getroffen hätte— daß ich in Berück⸗ ſichtigung Ihrer geiſtlichen Würde und der früheren Liebe des Mädchens zu dem Maler den herrlichen Plan erdachte, der uns jetzt ſo gut geglückt iſt. Der Tropf, der Sigrid noch liebt, und überdieß auf einen grünen Zweig kommen mußte, wird die Sache nicht ſo genin nehmen. Freilich wird er ein wenig erſtaunen, wenn er erfährt, wie ſich die Sache verhält; aber dann ſtecke ich ihm ein paar Papierfetzen in die Hand, und der Ehrenmann wird wohl Fünfe gerade ſein laſſen.“ „Glauben Sie das, meine Herren?“ rief ich mit einer Feſtigkeit in Ton und Weſen, die ich erſt in die⸗ ſem Augenblicke erhielt.„Glauben Sie das?“,— Ich ſtieß die Thüre auf und ſtand mitten im Zimmer. (Gier und auf den folgenden Blättern waren Le⸗ gangers eigenhändige Notizen beinahe unleſerlich. Aber Leiler hatte Kei nach der undeutlichen Handſchrift und theils nach den mündlichen Nachrichten, die er in Norwegen eingezogen hatte, die Erzählung von Legan⸗ gers Schickſalen in dem Auszuge fortgeſetzt und been⸗ digt, den er durch den alten Borgſtedt dem jetzigen Beſitzer von Groß⸗Hammarby hatte übergeben laſſen. Und dieſer Aufſatz Leilers folgt hier.) 4 Legangers wild rollende Augen ſchleuderten flam⸗ mende Blitze gegen die zwei Mitglieder des ſaubern Bundes. Miit der Faſſung des Probſtes war es vorbei; aber der Graf erhob ſich und ſprach kaltblütig:„Nun, da Sie jetzt die Sache kennen, Herr Leganger, ſo beſtimmen 158 Sie ſelbſt eine paſſende Summe für Ihle Niederlaſ⸗ ſung; denn Sie werden wohl einſehen, daß es nun⸗ mehr bleiben muß, wie es iſt! Es wird daher am beſten ſein, ſo wenig als möglich darüber den Kopf zu zerbrechen. „Elende Schurken, Schänder und Unterdrücker aller menſchlichen Gefühle und Rechte!“ ſchrie Leganger mit Donnerſtimme; und die Worte brachen wie gewaltige Wellen in ſcharfem Sturme über die bebenden Lippen. „Glaubt Ihr, es handle ſich hier um Abkauf und Gut⸗ machung durch Geld, hier wo der Diebſtahl die Ehre eines braven Mannes betrifft, die Ihr ihm genommen und durch Kunſtgriffe gebrandmarkt habt, Ihr würdigen Höllengeiſter! Und nicht genug mit ſeiner Ehre— auch die heiligſten Gefühle ſeines Herzens, ſeinen Frieden habt Ihr ihm ſchändlich geraubt. Aber ſo wahr es einen Gott der Rache dort oben gibt: Ihr ſollt Euch nicht an der Frucht freuen, die Euer Bubenſtück in der Zukunft tragen wird! Es gibt hier Geſetze und Rechte, ihr ſollt gehörig gebrandmarkt werden!—“ Er ſtürzte hinaus. Noch einmal wollte er die Braut ſehen und ihr ſein ſchauerliches Lebewohl bieten. Als er durch den Saal flog, gewahrte er auf dem noch nicht ganz abgedeckten Tiſche die beiden Pokale. „Hal jetzt verſtehe ich dieſe falſchen Thränen! Meine Seele brennt, mein Herz, meine Lippen vertrocknen!“ Er füllte beide Pokale mit Wein, und leerte einen nach dem andern in einem haſtigen Athemzug. „Aus euch war es,“ rief er und füllte ſie noch einmal,„aus euch war es, daß ich vor ein paar Stun⸗ den den herrlichen Toaſt auf mein und meiner Braut Glück trank. Der Fluch ruhte ſchon damals auf euch; ihr wart ja eine Gabe des Elenden, der meinen gan⸗ t zen Reichthum geſtohlen hat. Verflucht ſeid ihr! Und nie ſollt ihr ſtummen Vertrauten meines Eides der Hand, die euch berührt, etwas Anderes als Unheil bringen!“ Err ſtürzte den ſchäumenden Wein hinab, murmelte einige dumpfe, beinahe tonloſe Worte und eilte die „9 ——— 3 4— 159 Treppe hinauf über die matt beleuchtete Bühne nach der Brautkammer. Vorſichtig und mit ſpähendem Blick eröffnete der Probſt die Thüre.„Er iſt fort, der wüthende Menſch! Wenn er nur nicht hinaufging und das unglückliche verführte Opfer zu Tode erſchreckt! Bei Gott! Herr Graf, ich ſag' es noch einmal, dieſer Plan war teufliſch — er mußte Unglück über mein Haus bringen! und meine grauen Haare werden ſich mit Kummer und Schaam vor jedem rechtſchaffenen Menſchen verbergen müſſen, wenn er Ernſt mit ſeiner Drohung macht.“ „Bah, das geht nicht ſo leicht; Wenn die Ge⸗ ſchichte ſchläft, wird er wohl auf beſſere Gedanken kommen. Sie können mich morgen wiſſen laſſen, wie ſich die Sache geſtaltet!“ Der Graf trat in den Saal, hüllte den Mantel um ſich und ſtieg in den ſchon lange wartenden Wagen. Er warf ſich gegen die Kiſſen zuruͤck, befahl dem Kut⸗ ſcher, raſch zu fahren, und ließ den Probſt in bebender Angſt in dem einſamen und dunklen Hochzeithauſe zurück. Indeſſen war Leganger in das Schlafzimmer ein⸗ getreten. Sigrid hatte die ſchwere Pracht des Braut⸗ ſchmucks gegen das weiße Nachtgewand vertauſcht. Sie ſaß auf einem Stuhle am Kamin, und die rothge⸗ weinten Augen waren in dem weißen Sacktuche ver⸗ borgen. Sie hörte die haſtigen Schritte ihres Man⸗ nes, aber ſie hatte nicht den Muth, ihr Haupt gegen ihn zu erheben. Die wilde Heftigkeit jedoch, womit er die Thüre zuſchlug, ließ ſie aufblicken; und von einem Schauer durchbebt, gegen den die Umarmung des Todes warm heißen konnte, hing ſie mit ſtarren Blicken wie feſtge⸗ wachſen an Legangers veränderter Geſtalt. Er ſtand ihr gerade gegenüber. Eine aſchgraue Bläſſe bedeckte die Züge, die noch eben von der innigſten Liebe belebt waren. Schwarzblaue Adern ſchwollen in allen Rich⸗ tungen über ſeine Stirne, und die Augen, die kaum noch ſo ſchönen und klaren Augen, ſchoſſen wie brennende 160 Feuerkugeln aus ihren tiefen Höhlen. Die Zähne knirſchten ſo heftig, daß er bei ſeinen fruchtloſen Be⸗ mühungen, zu ſprechen, die Lippen zerbiß und ein Blutstropfen nach dem andern auf ihr weißes Kleid herabfiel, wo ſie lagen und zitterten, bis die Thränen der Braut in ihre Purpurumarmung hinabrannen, und ſte dann in einander gefloſſen das eheliche Gewand tränkten. Der Augenblick war da.—„Er weiß Alles,“ dachte Sigrid, und ihre Hände falteten ſich, und ſtreck⸗ ten ſich flehend gegen ihn.„Erbarmen, Erbarmen!“ flüſterten die farbloſen Lippen.„Jeames, laß mich nicht in dieſer Stunde der Angſt ſterben!“ „Elende, Du wagſt es, mich anzuflehen— mich, den Du ſo ſchändlich betrogen haſt! Iſt kein Funke von Schaam in Deiner Seele, hat jedes weibliche Ge⸗ fühl Dein Herz verlaſſen, und iſt die Erinnerung da⸗ ran nicht mächtig genug, um jede Bitte um Erbarmen zum Schweigen zu bringen?“— Legangers Lippen verzogen ſich zu einem gräßlichen Hohnlächeln. Ver⸗ achtung und Schmerz ſtritten mit einander. Sigrids Blick ſank zu Boden, die dunklen Mächte der Erde riſſen ſich um das gequälte Herz.—„Jeames, ſie haben mich überredet,“ ſagte ſie leiſe.„Du haſt wohl geſehen, daß Schaam und Reue mich heimſuch⸗ ten. Verachte mich— ich bin ja das elendeſte und verächtlichſte Weſen unter der Sonne; aber dennoch rufe ich Dein Erbarmen an! Ich müßte ſonſt in dem Sturme vergehen, der hier innen rast.— Sie preßte die Hand gegen die Bruſt. „Deine Bitte um Erbarmen iſt eitel! Ein Fels iſt nicht feſter als mein Herz vor Deinen Thränen. Haſt So gehandeit daß Du etwas Anderes erwarten kannſt? ange, die ich in meinem Buſen nährte, das Gift, das Du dort hineinträufelteſt, ſoll Dein eigenes Herz verbrennen. Ich gehe, um nie mehr wieder zu kommen. . Aber das Geſetz ſoll uns trennen! Und Du, Dein Ver⸗ . 4. führer, Dein Vater und der Elende, der das hölliſche 4 1— 161 Gewebe zuſammenſpann, Ihr alle ſollt mit einer Schande gebrandmarkt werden, die keine Zeit wird auslöſchen können.“ Leganger ging der Thüre zu. Er hatte die Un⸗ glückliche unausſprechlich geliebt, und ſein Herz erhob noch heißere Bitten für ſie, als ſie ſelbſt hervorzuſtam⸗ meln vermochte; aber ſeine Liebe, ſeine Ehre, ſein Frieden für das ganze Leben— alle dieſe koſtbaren Schätze lagen für ewig vernichtet. Es blieb dabei— und Rache nur, Nache glühte jetzt durch jede Ader. Sigrid vermochte nicht zu gehen; aber auf ihren Knieen ſchleppte ſie ſich ihm nach.—„Jeames! Jea⸗ mes, nicht um meinetwillen, ich werde es nicht lange überleben, aber um meines Vaters Willen— o bringe nicht Schande auf ihn!“ Ihre Arme umſchlangen feſt ſeine Füße. Kein Wort ging mehr über ihre Lippen, und ihre Thränen ſchienen vertrocknet; aber das matt brennende Auge heftete ſich mit einem Ausdruck unaus⸗ ſprechlichen Schmerzes auf Leganger, deſſen gerechte Härte vor der unerträglichen Qual des einſt ſo ange⸗ beteten Weibes ſchmolz. „Sigrid,“ ſprach er, und die Stimme rief in ihrer Seele die Erinnerung der Vergangenheit zurück, „Sigrid, ich kann nicht hier bleiben, aber ich will verſuchen, Dir zu verzeihen. Und erſt wenn Du wei⸗ tere Erſchütterungen ertragen kannſt, ſoll dieſes unna⸗ türliche Band gelöst werden. Mehr kann ich nicht thun. Doch noch Eines vermag ich— ich will für Dich beten, Unglückliche!“ Bei dieſen letzten Worten machte er ihre Hände los, die ihn krampfhaft feſt⸗ hielten; und ohne hinter ſich zu ſehen, eilte er in die kalte, finſtere Nacht hinaus. Leganger wußte nicht, wohin es ihn trug. Er irrte umher, bis er kraftlos gegen ein Baum hinſank. Ein ſchwerer Stoß gegen den Kopf raubte ihm vollends das geringe Bewußtſein, das ihm noch übrig blieb. Und erſt am Morgen darauf wurde er von einem Bauern, der in den Wald gekommen war, um Holz Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 11 162 heimzufahren, in dieſem betrübten Zuſtande gefunden. ſ Der Bauer führte den Maler, welchen er als den g Schwiegerſohn des Probſtes erkannte, nach ſeinem ei⸗ I genen Hauſe, das näher als der Probſthof lag. Und 6 als er ſelbſt und ſein Weib vergebens verſucht hatten, 9 den Kranken wieder zur Beſinnung und die Ürſache b herauszubringen, warum er den Bräutigam im Walde angetroffen hatte, ſandten ſte einen Boten mit der z Nachricht nach dem Probſthofe. Aber dort herrſchte die entſetzlichſte Verwirrung. 1 Man hatte die ganze Nacht über bei der Braut ge⸗ wacht, die man in heftigen Convulſionen am Boden ſ gefunden hatte, und die jetzt in einem betäubten Zu⸗ ſtande lag, deſſen Ausgang, wie man fürchtete, noch gefährlicher werden dürfte. 5 Sechs Wochen lang lag der Maler in der Stube d des Bauern. Die wildeſten Fieberträume hatten unun⸗ 1 terbrochen in ſeinem Gehirne gerast, und kein einziger lichter Augenblick ihn an die beklagenswerthe Gegen⸗ wart erinnert. Einmal ſollte er jedoch erwachen. Es war an einem hellen Sonntag Vormittag, als er ſich zum erſtenmal mit freien Sinnen im Zimmer umſah. Je⸗ der Gegenſtand war ihm fremd, und nur allmälich wie mit einer gewiſſen Behutſamkeit ſchlichen ſich die Bil⸗ der der Vergangenheit eines nach dem andern an ſeiner Seele vorüber. Ein Theil trat in allzuſchauerlicher Klarheit hervor, andere waren wieder in einen un⸗ durchdringlichen Wolkenſchleier gehüllt; aber was er ſich von dem Ganzen erinnerte, war hinreichend, um ihn beinahe wieder in einen ſolchen Zuſtand zurück⸗ zuwerfen, als der war, aus dem er eben erwachte. Wie er an. den Ort gekommen war, wo er ſich jetzt befand, konnte er nicht erklären; aber ſeine Muth⸗ maßungen kamen der Wahrheit ziemlich nahe, indem er ſich erinnerte, daß er wie ein Wahnſinniger aus der krampfhaften Umarmung ſeiner Braut nach dem Walde hinaus geſtürzt war. Aber wie lange Zeit war „—,—————„ —,———————— n 163 ſeitdem verfloſſen? Und was war aus ihr, der Un⸗ glücklichen, geworden? Er mußte Gewißheit darüber haben! Mit einer Bewegung der Hand winkte er das einzige Weſen zu ſich, das in der Stube war, ein altes Weib. Sie hinkte an das Bett.„Wie lange bin ich krank gelegen?“ fragte er. „Ach, Gott ſei Dank! daß Ihr einmal anfangt zu ſprechen,“ antwortete die Alte.„Es iſt jetzt volle ſechs Wochen, ſeit mein Sohn mit Euch vom Walde heimgefahren kam.“. „Wo iſt Euer Sohn? Ich möchte gerne mit ihm ſprechen.“ „„Er wird bald heimkommen; er ging mit meiner Söhnerin nach der Kirche. Sie wollten die Leiche ſehen.“ „Ein Begräbniß meint Ihr?“ Alles Blut ſtieg dem Maler in das blaßgelbe Geſicht.„Wer ſoll denn begraben werden?“ „Ei das war dumm von mir, daß ich es nicht für mich behalten konnte; aber großer Gott, Ihr würdet es doch erfahren haben. Es iſt Eure Frau, Ihr ar⸗ mer Menſch, die vor einer Woche ſtarb. Sie lebte nur noch eine Stunde, machdem ſie das Kleine bekom⸗ men hatte. Und das Mädchen iſt ſo krank und ſchwach, daß ſie wohl bald nachfolgen wird. Ja, ja, man ſpricht hier entſetzliche Dinge über den Probſthof. Aber Ihr wißt wohl am beſten, wie all das zuſammenhängt.“ Die Alte ſchwieg; denn hier traf ſie ein paar Blicke, die ihr das Blut in den Adern zu Eis mach⸗ ten, und wahre Herzensangſt einflößten, da ſie ſich mit dem Kranken allein befand. Doch dieſer lag ſtille und ruhig; die Hände waren gefaltet, und der auf⸗ wärts gerichtete Blick ſchien mit der Hingegangenen Friede zu ſchließen. Von Zeit zu Zeit fuhr er jedoch nach der Bruſt, wo ein ſtechender Schmerz immer wie⸗ der kam. Aber was ſind körperliche Leiden gegen gei⸗ ſtige? Legangers tief verletzte Gefühle hatten noch eine Stelle für die Unglückliche. Und dieſe Stelle in dem armen Herzen war jetzt von Allem erfülit, was 164 man ſich Grauſames und Herzzerreißendes von menſch⸗ ſ lichen Qualen nur denken kann. Doch des Todes Alles verſöhnender Engel breitete jetzt ſeine weißen Schwin⸗ 1 gen über den Sturm der Leidenſchaften. Leganger be⸗ d tete— betete für die Entſchlafene, wie er gelobt hatte. e Gegen Abend kamen die Hausleute zuruck; und der 1 Maler erhielt nun einen Brief, der ſchon ſeit einem Monat dagelegen und auf ihn gewartet hatte. Er 1 hatte nicht Kraft genug, ihn ſogleich zu erbrechen.( Aber am folgenden Morgen, als er ſich allein ſah, ſ öffnete er ihn und las folgende undeutliche Zeilen von 1 Sigrid's Hand: d „Jeames!. „Blicke nicht mit Haß und Zorn auf dieſe Worte, 3 die von der unglücklichen, ſchuldvollen Sigrid kommen. Du ſagteſt, Du wollteſt für mich beten; und da Du mir dieß verſprochen haſt, ſo weiß ich, daß das Herz, das mir einſt ſo liebevoll entgegenſchlug, nicht jetzt, da ich hingegangen bin, ſein Gelübde brechen wird, wie ich es gethan habe. Jeames, bitte— bitte Gott für meine arme Seele! Schwer habe ich geſündigt— und tief und groß iſt meine Schuld gegen Dich, doch ich habe mit Leiden gebüßt, die keine menſchliche Sprache ausſprechen kann. Es wäre zu kühn, Deine Ver⸗— zeihung anzurufen; nein, ſo ſelig kann ich nicht wer⸗ den, daß ich dieſe mit mir in's Grab nehmen dürfte. Aber wenn ich dahin bin; wirſt Du mein Gedächtniß nicht verfluchen, obſchon meine Schuld größer iſt, als Du ahnen kannſt. Jetzt, da der Tod ſchon vor der Thuüre ſteht, will ich Dich nicht täuſchen. Wiſſe denn, Jeames, ich hatte Graf Hugo's Artigkeiten ſchon an⸗ genommen, ehe ich Dich ſah. Aber Du warſt es, der mich die Liebe kennen lehrte. Ich liebte— liebte Dich unendlichz aber der Eigennutz zerſtörte den beſten und reinſten Theil meiner Gefühle; und gegen das Ende Deines Aufenthalts in Hammarby ſtand ich ſchon i einem geheimen Verhältniß zu dem Grafen. Mein Vater und ich, wir beide glaubten, daß ſeine Leiden⸗ — 5F5 K K ſchaft mich auf den Platz erheben würde, nach dem wir ſtrebten. Und damit mir dieſes gelänge, nahm ich mit Freuden die günſtige Gelegenheit wahr, die mir die Entdeckung meiner Liebe zu Dir und Deine darauf erfolgte Entfernung darbot. O Jeames, ich habe nichts mehr hinzuzuſetzen! „Die Strafe folgte— mein Vater wüthete— mein Liebhaber reiste in's Ausland— und der alte Graf erfand den Plan, den ich aus Furcht vor Schande, ſchwach und elend genug war, anzunehmen. Aber ich ver⸗ mag nicht zu beſchreiben, was ich vom erſten Tage des Aufgebots bis zu der ſchrecklichen Hochzeitnacht litt. Wenn es möglich wäre, daß wir hier in der Zeit durch Qualen der Seele uns eines Theils unſerer Schulden entlaſten könnten, dann, Jeames, laß mich glauben, daß auch ich es gethan habe.—— „Du willſt für mich beten! dieſe Worte treten im⸗ mer wieder vor meine Seele; dieß iſt der einzige Troſt, der über meine Lippen ſchwebt und einen Tropfen Bal⸗ ſam in mein Herz gießt; aber mein Vater— um ihn thut es mir ſchmerzlich leid. Er war in dieſer Ge⸗ ſchichte nur der nachgiebige, obſchon blinde Vater, der der falſchen Ehre ſeines Kindes Alles aufopfern wollte. Laß mich noch hinzuſetzen, daß er mehrmals auf dem Punkte war, Dir das ganze Verhältniß zu entdecken; aber die Ueberredungskunſt des Grafen, und die Furcht vor Schande, die ſein Haus treffen würde, hielten ihn zurück. Du wurdeſt aufgeopfert, o Jeames! aber der Tod verſöhnt viel; das Band iſt gebrochen. Sei ſcho⸗ nend gegen den unglücklichen, leidenden Greis! Er trägt ſchon an den Vorwürfen ſeines eigenen Bewußtſeins eine hinlänglich ſchwere Laſt. Du— edel und über die Rache erhaben— wirſt dieſe nicht nochaſchwerer machen wollen?“ „Ich ſchreibe dieſe Zeilen auf den Kufebſl, und meine letzten Worte ſind: Erbarmen und Verzeihung für die ſchuldige, reuevolle und ſterbende Sigrid.“ — 166 „Ja, der Tod verſöhnt viel,“ ſeufzte der Maler leiſe und drückte den Brief mit tiefer Rührung an ſeine Lippen.„Gottes Liebe hat Erbarmen mit jeder reuevollen Seele; warum ſollte alſo ich den Glauben der Hingegangenen zerſtören? Das Band iſt gebrochen, mein Herz hat der Verführten ſchon verziehen— und die Rache überlaſſe ich der Hand des Herrn.“ Und Leganger hielt Wort. Sobald ſeine Kräfte es erlaubten, beſuchte er Sigrid's Grab, wo er noch einmal ſein Gelübde erneuerte. Dann nahm er mit ein paar Zeilen Abſchied von dem Probſte, worin er ihm ſagte, daß er die Rache einer höhern Vorſehung überkaſſen habe, und wanderte nun eines Abends mit dem Ranzen auf dem Rücken an dem rothbemalten Pfarrhofthore vorüber, wo er vor anderthalb Jahren ſtehen geblieben war, und in Sigrid's holder Geſtalt einen Engel des Himmels zu ſehen geglaubt hatte. Ein ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt. Es war finſter. Er ging am Kirchhofe vorbei. Der Wind ſauste durch die Pappeln; es war als ob ſie ihm zuwinkten. Er ging hinein, nahm ſein letztes Lebewohl von dem grünenden Grabhügel und ſetzte dann die lange Fahrt nach der Heimath fort. Da er keinen Pfennig von dem Sundengeld behalten hatte, das ihm der Graf gegeben, ſo ſah er ſich wie ehedem genöthigt, ſeine Zuflucht zur Malerei zu nehmen; aber die Arbeit ging ſchwer und langſam und er hatte keine Hoffnung, bis zum Herbſt nach Hauſe zu kommen, wenn er ſich nicht beſſere Mittel verſchaffen konnte. Er mußte daher ſeine Uhr und noch einige andere Kleinig⸗ keiten von Werth verkaufen. Deſſen ungeachtet hinderte ihn ſeine Kränklichkeit beſtändig am Fortgang ſeiner Reiſe, und das Laub war ſchon gelb, als er eines Abends ſpät te des väterlichen Hauſes ſtand. Werkſtatt ſchimmerte noch Licht; Leganger öffnete leiſe die Thüre. Und ſiehe da!— Da ſaß ſein Vater unter den ſchwarzen Särgen, ganz wie damals, an ., wo er vor zwei Jahren gekommen war, um Abſchied zu S—— dS S 210— 182——8———— 167 nehmen.—„Aber, großer Gott!“ dachte er,„wie ver⸗ andert iſt nicht der wiederkehrende Sohn, der in die Welt hinaus ſollte, um Ruhm und Vermögen zu er⸗ ringen!“— Die Heftigkeit der Gefühle übermannte ihn. „Bater, bereite mir ein Lager in einem Deiner Ruhebetten,“ rief er, und ſank unter den aufgehäuften Sargdeckeln nieder, die mit entſetzlichem Krachen zur Rechten und Linken ſtürzten. In einem tödtlichen Schauer erzitternd ſah ſich der Alte um.—„War das nicht, Jeames?“ ſagte er, wie vor ſeinen eigenen Worten bebend:„Jeames, mein Sohn, biſt Du es, oder...“ Der Blick des Alten fiel forſchend auf die lebendige Maſſe, die ſich unter den Wohnungen des Todes bewegte. Es war ein ſchauerliches Wiederſehen; und eine lange Weile verging, ehe Vater und Sohn wieder Worte für ihre Gefühle fanden. „Herr Gott— meine Ahnung,“ rief endlich der alte Leganger, und preßte Jeames Hände zwiſchen den ſeinen.„Sie flüſterte mir zu, daß Dein Brief, auf den wir dreiviertel Jahre warteten, ungeachtet all' der goldenen Luftſchlöſſer, Die du darin malteſt, kein Glück verkünde. Ich fühlte, daß es nicht mit rechten Din⸗ gen zugehe; und ich ſehe die Beſtätigung jetzt an Dir, Du armer Junge!“ Dieſe Güte des in ſeinen Hoffnungen betrogenen Vaters, deren er ſich ſo wenig werth fühlte, rührte Jeames in der Seele. Für ſein eigenes Unglück hatte er keine Thränen gehabt; aber bei dem geduldigen Schmerze des Vaters wurden ſeine Augen naß, und zwei helle Thränen fielen auf die welken Hände herab, die jetzt nur noch mit Mühe den Pinſel zu führen ver⸗ mochten, jenen alten getreuen Freund, der ſo manches liebe Jahr hindurch ſeinem Herrn die Mittelauzu den einfachen Bedürfniſſen ſeines Lebens verſcha tte. „O mein Vater,“ ſprach der Sohn mit gebeugtem Haupte,„Du hatteſt Recht. Ich wurde ſchrecklich be⸗ trogen. Kränklich, verarmt, und an Chre, Liebe und 168 Frieden beſtohlen, kehre ich wieder heim— und das ſind die Schätze, die ich Dir nach Hauſe bringe.“ „Bringſt Du ein reines Gewiſſen, Jeames? Ant⸗ worte mir aufrichtig— wenn kein Verbrechen Deine Hände beſudelt, ſo will ich jetzt nicht weiter wiſſen.— Mit prüfendem Blick betrachtete der Vater den tief er⸗ ſchütterten Jüngling. „Kein Verbrechen, mein Vater, ich wollte mich rächen; aber der Tod legte ſeine verſöhnende Hand zwiſchen mich und die Perſonen, die mir dieſe verzeh⸗ rende Qual bereiteten. Ich habe ihr verziehen, und ſie bat für die Andern. Meine Hand bleibt unthätig; aber die Rache überlaſſe ich dem Herrn.“ „Gut, Jeames, ſo ſegne ich Dich jetzt wie damals, wo Du mich verließeſt. Wenn Du ruhiger biſt, ſollſt Du das Uebrige wiſſen. Der Herr iſt mächtig in den ehernchen Du kannſt Dich wohl noch einmal auf⸗ richten.“ Jeames ſchüttelte betrübt den Kopf.—„Laß uns ur Mutter hineingehen! Aber geh’ Du voraus, Vater, ich fürchte ſie zu erſchrecken; mein Ausſehen iſt ſo verändert!“ „Ach nein, Du erſchreckſt ſie nicht,“ antwortete der Greis mit unterdrückter Rührung.„Sie hat ſchon errungen— was uns noch fehlt— den Frieden.“ „Wie, mein Vater!“— Jeames wurde noch blei⸗ cher, als er vorher geweſen war. Der Gedanke an ſeinen unnatürlichen Leichtſinn, als er während ſeines langen Aufenthalts in Dänemark die ſtürmiſche Leiden⸗ ſchaft ſo ſehr Macht über ihn bekommen ließ, daß er darübe unglücklich eewahnt daß ſeine Bürde nicht größer werden konnte— und nun ſtand er da und holte ſchwer —— f— 3 ———“— eer jedes andere Gefühl, jede Pflicht vergaß, die ſer Gedanke trat jetzt vor ſeine Seele und machte ſeinen Schmerz noch bitterer. Hatte nicht ſein langes Still⸗ as Grab gebettet, worin die Mutter jetzt llder Schmerz brannte durch die Fibern Er hatte ſich noch eben ſo gränzenlos 169 Athem, um den fürchterlichen Zuwachs tragen zu kön⸗ nen, den die herzzerreißende Qual des Selbſtvorwurfs noch dazu legte. „Jeames, mein Sohn, beruhige Dich, ſie war ſchon lange kränklich geweſen. Laß uns nicht murren! Sie ſchläft— wir wachen; aber der Herr ſieht unſere Noth! Laß uns auf ihn vertrauen! Nach dem Sturme kommt Ruhe, wenn auch erſt dann, wenn wir neben ihr ſchlummern.“ Stumm ſtand Vater und Sohn, Bruſt an Bruſt. Der kalte Schweiß, der von Jeames Stirne herabfloß, benetzte die grauen Locken des alten Hauptes. Da tönte der Schlag der Mitternachtsſtunde von dem nahen Kirchthurme, und gleich darauf donnerten ein paar dumpfe Schüſſe und ein ſchauerliches, Unheil verkündendes Läuten, dem das furchtbare Geſchrei: „Feuer! Feuer!“ folgte. In einigen Minuten ſchlugen die Flammen faſt um ſie herum empor. Es brannte in dem nächſten Hauſe neben dem Maler. Die furchtbare Unordnung, der Drang der Nothwendigkeit riß Leganger und ſeinen Sohn aus einander. Sie mußten die geringen Geräthſchaften, die ſie beſaßen, in Sicherheit bringen. Am Morgen ſtanden ſie obdachlos vor dem rauchenden Schutthaufen, wo ihre frühere Heimath geweſen war. Jetzt beſaßen ſie nichts mehr; kein Haus, keine Heimath, kein Brod— ihre Blicke ſtarrten Troſt ſuchend einander an.„Gott ſei gelobt, daß die Mutter vorangegangen iſt!“ ſagte endlich der alte Leganger.„Siehſt Du, Jeames, geſtern war Dein Kummer hierüber gränzenlos; heute mußt Du geſtehen, daß, was der Herr thut, am beſten iſt. Laß uns nach dem Kirchhofe gehen zu ihrem Grabe— dort haben wir doch noch eine Heimath!“ Sie gingen dahin. Jeames knieete vor dem Raſen⸗ hügel. Die feuchten Nebel des Herbſtmorgens kühlten ſein brennendes Geſicht, und die noch lebende Liebe der Entſchlafenen wehte Frieden über ſeine ſtürmiſche Seele. Das Herz ſchwoll von unnennbaren Ahnungen, die Erde 170 mit ihrem Kummer und ihren Kämpfen verſchwand, und der Geiſt flog nach der heiligen Heimath über den Sternen, wo die Thräne der Reue aufhört zu brennen, und die reine Flamme der Verſöhnung ihr Licht über den Heimkehrenden ausbreitet. Aber bald zogen ihn die Töne eines leiſen Schluch⸗ zens wieder zu der Welt des Staubes herab, er ſah ſich um; auch ſein Vater war durch daſſelbe Geräuſch in ſeiner ſtillen Andacht geſtört worden; und beide entdeckten nun auf einem Grabe ein Stück weit von dem, worauf ſie ſelbſt ruhten, ein kleines Mädchen, das hingeſtürzt da lag und mit den Händen krampfhaft nach den Erdſchollen hinzuckte, als ob es das Weſen, das da drunten ſchlummerte, herauf beſchwören wollte, um ſie zu tröſten. Jeames ging zu dem Kinde hin. „Du Arme,“ ſagte er weich,„wen willſt Du erwecken?“ „Meinen Vater— aber er kann nicht erwachen. Und die Mamma verbrannte heute Nacht in unſerer kleinen Hütte, ich bin jetzt allein, ganz allein!“— Sie zitterte vor Schmerz und Kälte; die aufgelösten Haare flogen in wilder Unordnung um die halb nackten Schultern und blieben in dem Roſenbuſche hängen, den fe. vor Kurzem auf ihres Vaters Grab gepflanzt atte. Armes Kind, haſt Du keinen Verwandten, keinen 71 Freund?,. 3 „Nein, keinen, keinen einzigen! Meine Eltern waren weit, weit von hier zu Hauſe— ich weiß nicht wo.“ Jeames ſah auf ſeinen Vater.—„Wir haben auch nichts,“ ſagte dieſer;„aber ſo lange wir uns mit unſerer Arbeit einen Biſſen Brod verdienen können, ſo ſoll ſie ihn mit uns theilen. Sie hat dann wenigſtens einigen Schutz, und wir ein Weſen, an das wir uns anſchließen können.“ nahmen das Mädchen mit ſich. Und als das unbedeutende Geräthe, das ſich in dem Hauſe des Mal vorgefunden hatte, verkauft war, traten alle Drei eine Wanderung auf das Land hinaus an, wo ſie ſich den Wi ält mã tru Fr. Di klei Eit dor an den Al⸗ ho ſtã un 171 Winter über in einem kleinen Dorfe niederließen. Der ältere Leganger malte wieder Särge und Jeames Ge⸗ mälde, welche letztere Nikoline, ihr Schützling, umher⸗ trug und verkaufte. So halfen ſie ſich fort, bis der Fruͤhling kam, wo ſie ihre Fahrt von Neuem begannen. Jahre, viele Jahre gingen auf dieſe Art dahin. Die arme Familie von Tönsberg beſaß jetzt wieder ein kleines Haus fern von ihrer Heimath, wo Frieden und Einigkeit wohnte. Jeames und Nikoline führten nun dort allein das Hausweſen; der Alte war ſchon lange an das Bett gefeſſelt und längſt ſtand der letzte Sarg, den er gemalt hatte, da und wartete auf ſeinen Herrn. Als Jeames und Nikoline, die jetzt 19 Jahre war, den hochverdienten Vater in der von ihm erſehnten Ruhe⸗ ſtätte betteten, da fühlten ſie tief, daß das beſte Gelenk in der Kette ihres Lebens gebrochen war. Sie waren nun allein! In Jeames Bruſt war der Schmerz über ſeine verhöhnte Liebe, die Verletzung ſeiner heiligſten Jugendgefühle niemals erſtorben; aber der Gram und der Stachel der Rachgier hatte ſich im Laufe der Zeit abgeſtumpft. Er hatte ſich Nachrichten von Hammarby verſchafft. Der Probſt und der alte Graf waren ge⸗ gangen, um vor dem höchſten Richter Rechenſchaft ab⸗ zulegen; aber der elende Schänder ſeiner Ehre und ſeines Glücks ſchwelgte im Ueberfluß des Reichthums und der Genüſſe. Er war vermählt und hatte ſchon einen Sohn und Erben ſeines glänzenden Namens. Der weibliche Sprößling der Seitenlinie, Sigrid's Kind, wurde im Probſthofe von ſeinem Onkel, dem Probſte Oernroos erzogen und trug deſſen Namen; denn Jeames hatte mit einem ſchimpflichen Prozeſſe gedroht, wenn das Kind den Namen Leganger annehme. Und die ganze entſetzliche Epiſode von Sigrid's Heirath und Tod, wurde endlich zur dunkeln Sage, die ſich immer mehr in der Dämmerung verlor. Denn im Probſthofe wie im gräflichen Schloſſe waren nur wenige Perſo⸗ nen, die den eigentlichen Hergang der Sache kannten. Wenn nun Jeames an der Staffelei ſaß, und die 172 Schöpfungen in Farben ausdrückte, die er der Natur abgeſtohlen oder aus ſeiner eigenen Phantaſie genom⸗ men hatte, dann ruhte hie und da ſein Blick, von der fleißigen Arbeit ermüdet, mit innigem Wohlbehagen auf Nikolinen, die fleißig mit Webſpuhle oder Nadel beſchäftigt war. Die Blume der Liebe war auf ewig in ſeinem Her⸗ zen verwelkt— ſie war bis zur Wurzel niedergetreten worden; aber noch blieb eine ſtille Sehnſucht nach häus⸗ lichem Glück in ihm zurück. Er hatte ſich an die un⸗ ermüdlichen Aufmerkſamkeiten des jungen Mädchens gewöhnt; er hatte ſie überdieß ſelbſt erzogen, er wußte, daß ſie rein und ohne Eitelkeit und ihm mit herzlicher Liebe zugethan war.—„Manche Ehe iſt ſchon auf weniger feſten Grund gebaut worden,“ dachte Jeames und wagte den Verſuch. Nikoline ward ein Muſter der Frauen, und unter ihren ordnenden Händen wuchs der Wohlſtand des Hauſes. Eine Tochter verſchönerte ihr einſames häusliches Leben.. Und Jeames konnte als Gatte und Vater ruhiger an die verfloſſenen unruhigen Zeiten zurückdenken, deren Begebenheiten er getreu aufgezeichnet und ſie am Ende ſeines Lebens ſeinem Enkel Rudolph Leiler als Vermächtniß hinterlaſſen hatte. Hier endigen Leganger's Notizen. Es wird wohl keines Anhanges bedürfen, um Leiler's Auftreten in Ham⸗ marby und die finſtern Pläne zu erklären, die ſich in ſeinem Kopfe wälzten. Der Architekt ſteht in unſerer Erzählung wie ein einſamer Stern in einer nebligten Winternacht. Der dunkle Zuſammenhang dieſes Sterns mit ſeinem Zwillingsbruder, wird nicht mit Augen ge⸗ ſchaut, ſondern geahnt. Und wenn der Mond ſo viel Male ſeine Bahn um die Erde vollendet hat, als es bedarf, um die noch ungeleſenen Blätter in der kurze Geſchichte eines Menſchenlebens zu entwickeln— dann wird man ſehen, ob der Stern höher und freier leuchter als auf dem Papier ließ deutliche Spuren, daß die Hand 173 als früher, oder in eine Wolke begraben hinter dem Vorhange des Nachthimmels hinabgeſunken iſt. Dreizehntes Kapitel. Es ſind nun einige Monate ſeit der Verhaftung des Architekten verfloſſen. Der Gegenſtand war mehr⸗ mals vorgeweſen; aber ungeachtet kein klarer Beweis gegen Leiler vorgebracht werden konnte, und überdieß Borgſtedt's und der beiden Knechte Zeugniß bedeutend u ſeinen Gunſten ſprach, ſo drohte doch die Unter⸗ luchung ſich länger hinausziehen zu wollen. An einem ſehr kalten Februar⸗Nachmittag ſaß der Architekt am Fenſter ſeines Gefängniſſes und beſchäftigte ſich damit, einige Zeilen in die zwei überfrorenen Schei⸗ ben einzuritzen, die das ſparſame Tageslicht hereinließen. Sein Aeußeres war nicht ſehr veraͤndert! er war nur etwas magerer geworden; aber der Wurf des Kopfes und der kuͤhne Blick des Auges waren noch unverän⸗ dert dieſelben, auch verrieth ſeine Kleidung durch ihre Ordnung und Zierlichkeit, daß er noch nicht zu dem Zuſtande nachläſſiger Gleichgültigkeit herabgeſunken war, die nicht ſelten Menſchen begleitet, denen der Glückswürfel auf die ſchlimme Seite gefallen iſt. Nach einer kurzen Weile ſtand Leiler auf und be⸗ gann heftig in dem engen Zimmer auf⸗ und abzugehen, wie es ſchien mehr um ſich warm zu machen, als aus irgend einer beſondern Gemüthsbewegung. Man hatte aber auch dreiunddreißig Grad Kälte, und die Heitzung in dem Gefangenen⸗Zimmer war ſehr ſparſam. Nachdem ſein Blut wieder in einen beſſern Umlauf gekommen war, ſetzte ſich Leiler an einen kleinen Tiſch mit Schreibmaterialien und Zeichenſachen. Er wollte arbeiten, um die Zeit todt zu ſchlagen; aber jeder Zug 174 die ihn gemacht hatte, zu ſteif ſei, um auch nur einen Schatten ihrer früheren Gewandtheit zu Stande zu bringen. Aergerlich griff er zu der meſſingenen Glocke, die auf dem Tiſche ſtand und ſchellte heftig. Nach einer Weile kam der Gefangenenwaͤrter. „Sie müſſen einheitzen,“ ſagte der Architekt.„Es iſt ja hier kälter als in einer offenen Feldhütte!“ „Einheitzen! der Herr meint, er habe nur zu be⸗ fehlen,“ antwortete der Wachtmeiſter barſch.„Es wurde geſtern Abend hier eingeheitzt. „Aber ich habe Ihnen ja Geld zu Holz gegeben, ſo werde ich doch wohl dem Erfrieren entgehen.“ „Ja freilich hat der Herr Geld hergegeben; aber der Herr will ſo vielerlei haben, daß es nicht zu Allem ausreicht und ich habe weder Geld noch Holz. Es wird meiner Seele nicht ſo viel Brennholz für die Gefängniſſe abgegeben. Die Gegend hat ohnedieß Steuern genug zu zahlen.“ Leiler wußte wohl, daß ſolche Aeußerungen nur neue Erpreſſungen waren, und ohne die Unterhandlung weiter fortzuſetzen, gab er ihm einige Reichsthaler; eine Viertelſtunde ſpäter verbreitete eine helle Flamme ihre wohlthuende Wärme im Zimmer umher. Der Architekt ſetzte ſich in einen alten, ledernen Lehnſtuhl und ſtreckte die aus Mangel an Thätigkeit ſteif gewordenen Glieder. Seine Arme waren über der Bruſt gekreuzt, und mit unverwandten Blicken betrach⸗ tete er die ſeltſamen Figuren, die von der herabgefal⸗ lenen Glut gebildet wurden, bis endlich das ganze ma⸗ giſche Blendwerk in der Aſche verging. „So,“ ſprach Leiler halb laut,„ſo vergehen auch die Hoffnungen, die Erinnerung und das Leben der Menſchen unter einer Hand voll Staub. Was iſt dieſer Lebenstrieb, was dieſes Streben nach Ehre und Ruhm, nach dem höchſten Genuſſe des Herzens, der Vereinigung mit dem Weſen, das wir vor Allem lieben! 1 Vielleicht— Inſtinkt? Nein, dieſe Beſtimmung wäre zu thieriſch, um zu befriedigen. Ein Funken der Gött⸗ 175 lichkeit liegt unter den unzähligen Triebfedern im Uhr⸗ werk der Seele verborgen. Aber da die beſondern Ge⸗ fühle gegen einander abgewogen werden wollen und der organiſche Naturſtoff bald unter dieſem, bald unter einem andern Namen auf verſchiedene Werkzeuge ver⸗ theilt werden muß, ſo ſind wir durch dieſe ungleichſei⸗ tigen Kräfte Irrthümern unterworfen, die ſchädlich auf unſer helleres Anſchauungsvermögen einwirken. Das Band zwiſchen dem Geiſt und der Materie iſt ſo fein, aber auch ſo ſtark, daß wir ſie vergebens von einander zu trennen ſuchen. Die eine Hälfte unſeres Weſens gehört der Erde an; und von ihr niedergedrückt ſieht man nicht ſelten die andere, emporſtrebende Hälfte mit der materiellen hinabſinken.“ In ſolche Gedanken vertieft, merkte der Architekt nicht, daß der Wachtmeiſter, jetzt außerordentlich höflich geworden, an der Thüre ſtand, und einmal über das andere die Worte wiederholte;„Herr, es iſt Jemand da, der hereinzukommen wünſcht, um mit dem Herrn zu ſprechen!“— Da Leiler nicht antwortete, ging er zu ihm hin und legte ſeine braune Hand auf die Schul⸗ ter des Baumeiſters;„es iſt Jemand da, der mit dem Herrn ſprechen will.“ 1 „Aber ich will mit Niemand ſprechen,“ erwiederte Leiler abweiſend. „Nach Belieben! Ich will alſo ſagen, daß der Herr ſie nicht annehmen kann.“ „Sie! Iſt es denn ein Frauenzimmer?“— Der Architekt fuhr auf, eine hochrothe Farbe erglühte auf ſeinen Wangen.„Laßt ſie ſogleich herein; um Gottes⸗ willen beeilt Euch!“ „So ſchnell ich kann!“ Der Wachtmeiſter machte die Thüre wieder zu; und mit aufwärts gerichtetem Blicke, mit heftig ſchlagendem Herzen ſtreckte Leiler die Arme aus, um das theure Ziel aller ſeiner Gefühle zu empfangen, das Weſen, nach deſſen Gegenwart er ſeit langen Monaten vergebens ſich geſehnt hatte. „O komm, komm, zögere nicht,“ ſagte er weich; 176 und bei dem Gedanken an ſie, die für ihn Einzige, ver⸗ gaß der ſonſt ſo ſtolze Mann Alles um ſich her. Er ſah nicht mehr das Halbdunkel ſeines Gefängniſſes; denn es war ſonnenhell in ſeinem Innern. Er ward nicht mehr von dem beſchränkten Raume der engen Kammer beläſtigt; denn er war jetzt außer Zeit und aum. Einige Minuten floſſen träg und langſam dahin; da tönten elaſtiſche Schritte in dem langen ſchwarzen Gang zu ſeiner Kammer, und nach dieſen der ſchwere Tritt des Wachtmeiſters.—„Hier, Mamſell,“ er drehte den Schlüſſel im Schloſſe. Leiler's Athem ging hef⸗ tig:„Meine, meine...“ Er eilte gegen die Thüre, fuhr jedoch erblaſſend zurück und ließ die Arme ſinken, denn nicht Alfhild— ſondern Marie, ſein Weib, ſtand vor ihm. Marie ſah, daß die betrogene Erwartung einen Eiſeshauch über ſeine eben noch ſo belebten Züge blies. Nicht einmal jetzt war ſie willkommen! „Rudolph,“ ſagte ſie leiſe,„ich glaubte, Du be⸗ dürfeſt meiner. Ich glaubte, Du würdeſt einſam in dem fremden Lande und freundlos Die nicht verachten, die Dir unter allen Verhältniſſen übrig bleibt.“ „Theure, beſte Marie, Deine Guͤte, Deine Ent⸗ ſagung— wahrlich, kann meine Dankbarkeit nicht ge⸗ nug ausdrücken; aber Du ſiehſt mich in einer Lage, die...“ Er ſchwieg; ſein Stolz erwachte, da der flrahlende Stern der Liebe niederſanl. Wieder war das Gefängniß finſter, der Raum enge, ja ſo eng, daß er kaum Lebensluft genug ſchöpfen konnte. Empfindlich bis zum Aeußerſten litt er bei der Berührung mit jedem fremden Weſen. Welche Gefühle mußte er nun nicht da empfinden, wo er mit tauſend Stichen von den kleinen dämoniſchen Mächten verwundet wurde, die Reue, Bitterkeit, Mißvergnügen heißen! Wur gich, ſieh mich nicht ſo finſter an, Rudolph!“ Marie ſaßte ſeine Hand, und drückte ſie ſanft.„Ich fomme ja nicht mit dem Recht eines Weibes, um die ——,——, d=SS—, . 177 ⸗»Haft des Gatten zu theilen! Nein, Niemand ſoll wiſ⸗ r ſen, daß ich Deine Gattin bin, ſie geweſen bin. Aber, ; Rudolph, ich beſchwöre Dich, verſchmähe nicht meine d Hülfeleiſtungen! Es wird mein höchſtes Glück machen, n wenn Du mir erlaubſt, Dich bedienen, Dir Geſellſchaft d leiſten zu dürfen, ſofern Dein Gemüthszuſtand es ertragen kann..— 1;„Unmöglich, theure Marie! Weißt Du denn nicht, n daß ich peinlich angeklagt, im Verdachte bin, zwei re Menſchen gemordet zu haben, ohne daß ich meine Un⸗ te ſchuld klar beweiſen kann? Vielleicht wird mein Blut f⸗ den gaſtfreundlichen ſchwediſchen Boden färben, und e, mein Name gebrandmarkt werden, als der eines..“ n, Vollende nicht!“ bat Marie mit ernſter, ſtrafender a1d Stimme.„Du weißt, Rudolph, daß es nicht ſo weit kommen kann! Entſetzlich genug, wie es einmal iſt, ja 2n entſetzlich! Aber gerade darum mußt Du ein Weſen um s. Dich haben, ohne daß es Dir deßhalb nahe zu ſein braucht. Und glaube mir, wir werden uns jetzt, da wir 4 wiſſen, daß wir uns ferner nicht als Gatten betrachten in können, beſſer verſtehen, als damals, wo ein Band des n, Zwanges beſtändig zwiſchen unſern Herzen hing.“ „Ach, Marie, Du hochgeſinntes, entſagendes Weib! t⸗ Der Mann, für den Du ſo viel gethan haſt, und noch e⸗ mehr thun willſt,— er— ja er iſt nicht werth, daß ge, Du die Bemühungen Deines reichen Herzens an ihn er verſchwendeſt. Aber glaube Du auch mir, daß ſie ihn auälen und tief in ſeinem Gewiſſen einſchleichen, ge⸗ m rade, weil er ſie nie vergelten kann.“ en„Vergelten?“ wiederholte Marie und Leilers Worte er erzeugten einen höheren Purpur auf ihren Wangen, hle als die ſcharfe Winterkälte gethan hatte.—„Rudolph, nd ich habe Dir ja geſagt, daß hier nicht vom Vergelten die det Rede iſt. Ich will mir ein kleines Zimmer da unten zu verſchaffen ſuchen, und Dich nur allmählig an meine Gegenwart gewöhnen! ch 4„Nein, Marie, nie wirſt Du meine Einwilligung 2 4 Die Kircheinweihung von Hammarby. II. d — 178 dazu erlangen können. Glaubſt Du, daß ich in meinem Unglück, in meiner Erniedrigung Wohlthaten von dem Weibe annehmen könnte, das ich in den Tagen meines Glücks und meiner Freiheit verſtieß— vielleicht in grauſamer Selbſtſucht verſtieß— daß ich ihrem Edel⸗ muth, ihrer Entſagung eine Linderung meines Schmer⸗ zens verdanken möchte? Nein, bei dem allmächtigen Gott, das wäre ein ſchwereres Kreuz, als ich jemals getragen. Verzeihe mir dieſe Worte, Marie! Ich achte, ich würdige und ſchätze Deine edle Handlung deßhalb nicht weniger. Aber in dieſem Zimmer kann nur Ein Weſen etwas anrühren, ohne meinen Schmerz zu erhöhen; denn nur von der, welche der Mann auf Erden am meiſten liebt, und kaum von dieſer mag er ſich in einer Lage ſehen laſſen, wie die meinige iſt.“ Was Marie bei dieſer grauſamen Erklärung em⸗ pfand, das verbarg ſie mit jener ungewöhnlichen Kraft, womit ſie gewöhnlich ihre Gefühle beherrſchte. Mit ſtiller Wehmuth, von jedem Scheine der Bitterkeit ent⸗ fernt, ſagte ſie:„Nun, ſo verzeihe mir, Rudolph, daß ich Erkundigungen über Deine Einſamkeit eingezogen, und zu glauben gewagt habe, Du würdeſt meinen Wunſch, jene zu theilen, nicht verſchmähen, aber da Du es gethan haſt, ſo werde ich Dich nicht länger quälen. Erlaube mir nur noch eine einzige Frage:„Hat ſie Dich beſucht?“ „Nein! Wie ich gehört habe, war ſie krank, ſehr krank. Vielleicht iſt ſie es noch; überdieß hängt ſie von einem Vater ab, der die Forderungen der Welt ſtrenge beobachtet. Er wird ihr nicht erlauben, einen Mann zu beſuchen, deſſen Lage in jeder Hinſicht die zweideutigſte iſt. Aber, theure Marie, ſetze Dich hier auf den einzigen Stuhl, den ich Dir anzubieten habe. Es ſchmerzt mich unausſprechlich, Dein zärtlichſtes Ge⸗ fühl ſo tief, ſo bitter verletzt zu haben. Allein es iſt meine Ueberzeugung, daß es am beſten iſt, bei ſo ſon⸗ derbaren Fällen wie dieſer vollkommen aufrichtig zu ein; denn hier würde die kleinſte Heuchelei eine groͤßere 179 Sünde ſein, als die einfache Wahrheit, auch wenn ſie ganz ungeſchminkt daſteht.“ Marie erwiederte nichts; aber es ſtand zu ver⸗ muthen, daß es mehr ihre abnehmende Körper⸗ und Geiſteskraft, als freier Wille war, was ſie vermochte, den angebotenen Platz einzunehmen. Leiler ſetzte ſich auf das Bett, und wenn er nun das hochgeſinnte Weib ſtille betrachtete, das er nie gekannt zu haben wünſchte, ſo brannte eine Flamme in ſeinem Auge, die, wenn ſie ihren Blick traf, die harten Worte milderte, die ſeine Lippen ausſprachen. „Wie haſt Du das finſtere Schickſal erfahren können, das mich getroffen hat?“ fragte Leiler nach einer langen Pauſe.„Du biſt doch nicht allein gereist? Ich hoffe, Blum hat Dich begleitet!“ „Niemand begleitete mich,“ Verſetzte Marie. Mein Wirth hat auch auf einer Reiſe nach Uddevalla Deine Verhaftung in einem Zeitungsblatte geleſen; und hätte mich nicht eine längere Unpäßlichkeit ver⸗ hindert, ſo wäre ich ſchon längſt hieher gekommen. Blum habe ich nichts über meinen Entſchluß ſchreiben wollen; denn aus der Sorgfalt, mit der er ſelbſt vermieden hat, dieſen Gegenſtand zu berühren, konnte ich Fieulich ſicher abnehmen, daß er mir abgerathen hätte.“. „Guter Gott, ſo biſt Du alſo allein, Dir ſelbſt überlaſſen in einem fremden Lande, wo Du einen Gatten beſuchen wollteſt, der Deines Lebens Freude, Dein Glück und Deinen Frieden zerſtört hat, und jetzt ſo elend iſt, daß er Dir weder Schutz noch Bewirthung bieten kann! Vater im Himmel, es gibt Prüfungen, die auszuhalten es eine übermenſchliche Kraft erfordert!— Leilers tief gerunzelte Stirne, ſeine angeſchwolle⸗ nen Adern bewieſen, was er bei dem Gedanken an die Arme litt, die ohne Schutz und Hülfe ſich bis zu ihm durchgedrängt hatte, und jetzt, allein, wemichtei und 180 verſchmäht zu der öden Heimath zurückkehren mußte, wohin ſeine Grauſamkeit ſie verwieſen hatte. „Sorge nicht für mich,“ ſprach Marie tröſtend. „Ich kenne jetzt den Weg, und bin nicht ohne Mittel, um heimzukommen. Auch für Dich, Rudolph, wenn Du deſſen bedarfſt Und es nicht mit Unwillen ver⸗ ſchmähſt, habe ich. naf, e e* Stille, um Gotteswillen, theuxe Marie!“ Leiler winkte heftig mit der Hand und wendete ſein Geſicht ab, das in dunkler Schamröthe erglühte. Geldhülfe von der, deren geringſtes Gefühl er nicht vergelten konnte— tauſendmal lieber Hungers ſterben. So dachte der Architekt, und deshalb quälte ihn jedes Wort von Marie, als ob ſie ihm die peinigendſte Mar⸗ ter auferlegt hätte. Nie hatte Leiler ſolche Gefühle empfunden, wie in dieſem Moment. Er wäre gerne fünfzehn Klafter tief unter der Erde gelegen, nur um Marie nicht ſehen zu dürfen, um von ihr nicht in einem Zuſtande geſehen zu werden, wo all, ſeine Kraft und männliche Feſtigkeit 8 nicht vor dem Gefühle der eigenen Unbedeutendheit ſchützen konnte, vor dem Gefühle der Abhängigkeit von einer Macht, die er weder tragen noch zerbrechen konnte.. Ehe noch einiges Gleichgewicht in ſeinem heftig bewegten Gemüthe zu Stande gekammen war, öffnete der Wachtmeiſter von Neuem Hdie Thüre und ſagte: „Es iſt Jemand da, der zu dem Herrn will.“ Leiler erhob langſam die Augen; und vielleicht konnte man zum erſtenmal in ſeinem Leben ſagen, daß ſeine Hauptkraft ihn verließ, nämlich die, ſich in verſchiedenen Verhältniſſen zu Hauſe zu füthlen. Sein Kopf ſchwindelte, der kalte feuchte Boden brannte un⸗ ter ſeinen Füßen wie glühendes Eiſen, und. qualvolle Stiche durchbohrten ſein Herz, als er ſich in ſeinem Gefäͤngniſſe allein ſah mit ſeinem Weibe— und ſeiner Geliebten.. Es war Alfhild, oder vielmehr Alfhilds Geiſt, der an der Thüre ſtand, und die Augen wie feſtge⸗ wachſen auf Mariens hohe, gebietende Geſtalt heftete. Was Marie fühlte und litt, das ſah Niemand. Mit erſtaunungswürdiger Stärke und Ruhe erhob ſie ſich, und verſchwand mit einem leichten Nicken des Kopfes und einem zitternden Lebewohl auf den Lippen, durch dieſelbe Thüre, wo Alfhild noch ſtand. Einige Augenblicke darauf verkündigte das Geräuſch von klin⸗ genden Schellen Mariens Abreiſe. Leilers Hand, welche die ganze Zeit über die Au⸗ gen bedeckt gehalten hatte, ſiel jetzt herab, und ein tiefer Athemzug hob die ſchwer arbeitende Bruſt; ſein Blick ſuchte Alfhilds. Sie war ihm ganz nahe. Neben dem Stuhle knieend, wo Marie geſeſſen war, lehnte ſie ihre Stirne dagegen. Alfhild, mein Leben,“ ſprach er langſam,„kannſt Du mich anſehen? Es war Marie, meine ehemalige Frau. Sie wollte mich aus Wohlwollen beſuchen, aber ich ertrage keinen Edelmuth, wo ich ihn nicht von ge⸗ theilter Liebe erwarten kann. Nur von Dir, meine Alfhild, kann ich dieſe theuren Dienſtleiſtungen an⸗ nehmen, die nur die gleiche Vertheilung des Gefühls zwiſchen zwei Herzen erlaubt. Man empfängt da nicht etwas— das iſt nicht das rechte Wort— man fühlt nur, daß es ſüß und friedlich um uns iſt, daß unſer We⸗ ſen ſich verdoppelt hat, daß wir nicht mehr allein ſind.“ Alfhild vermochte ihren Kopf nicht zu erheben. Die Gemüthserſchütterung, die ſie eben erfahren hatte, war zu ſtark für ihre ſchwachen Kräfte. Sie hatte weder Vorwurf noch Troſt, ſondern nur Thränen, und nicht ein einziges Wort für den, den ſte liebte.. Leiler hob ſie in ſeine Arme.„Fürchteſt Du Dich vor mir, Theuerſte, fürchteſt Du Dich vor dem Dunkel hier innen? Wagſt Du es nicht mehr, Deinen Kopf an meine Bruſt zu lehnen? O dann, Alfhild, dann iſt Alles, was ich in dieſen drei Monaten gelitten habe, ein Nichts gegen dieſe Stunde! Auf Deine Liebe vertraute ich ge⸗ troſt, wenn äußere Stürme die innere Kraft zu brechen 182 ſtrebten. Und habe ich dieſe Liebe nicht mehr, oder iſt ſie mit dem Gefühle der Verachtung über meine Er⸗ niedrigung vermiſcht, dann— wenn das beſte und edelſte Gefühl des Weibes unter der Prüfung ſinken oder nur wanken kann— dann habe ich genug gelebt, dann brauche ich nicht zu warten, ob ich verurtheilt oder freigeſprochen werde.“ Alfhild ſank in die Arme ihres Geliebten. Die unruhigen Stürme in der Bruſt des Mannes verſtumm⸗ ten, und lösten ſich in einen ſtilleren, aber beinahe tödtlichen Schmerz auf, als er die Verheerung wahr⸗ nahm, die im Lauf dieſer drei Monate unter den ſchon vorher gebleichten Roſen auf ihren Wangen eingetreten war. „Du hätteſt mir dieſe Seligkeit nicht gewähren ſollen, Geliebte,“ ſprach er zärtlich.„Ich werde jetzt zehnmal mehr leiden, wenn ich bedenke, welch' einen bedeutenden Theil Deiner geringen Kräfte dieſe Reiſe verzehren wird.“ „Nein, Leiler, ich glaube nicht, daß es deßhalb ſchlimmer mit mir werden wird; aber hier— hier Dich zu ſehen, zu ſehen...“ ſie zitterte wie eine erſchreckte Taube. Alfhild beſaß nicht Mariens heldenmüthige Stärke und feſte, entſchloſſene Kraft. Sie war ein weiches Weſen, das der Stütze bedurfte, und es war vielleicht deßhalb, daß ſie von Leilern ſo ſehr geliebt wurde, der den Gedanken nie ertragen konnte, daß der Gegenſtand ſeiner Liebe ſich durch etwas Anderes als das bloße Gefühl zu ihm erhebe. Sein Charakter, ſeine Natur verbot einer andern Stärke, ſich mit der ſeinigen zu meſſen; denn ſie würde die Alleinherrſchaft der Seele ausgeglichen haben. „Es war mein gewöhnlicher Unſtern, der gerade heute Marien hieher führte,“ ſagte er in freundlich ſchmeichelndem Tone.„Aber ſie kommt nie mehr wie⸗ der; ihr Stolz verbietet ihr, ein edles, aber verſchmäh⸗ tes Anerbieten zu erneuern; und die Stärke in Miene 183 8 und Haltung, die ſie bei dieſer Gelegenheit an den Tag legte, bewies, daß ſie eine ſo männliche Seele hat, daß ſie ſich ſelbſt genug ſein kann. Aber weine nicht ſo, meine Alfhild! Jede Thräne, die von Deinem Auge auf meine Bruſt fällt, brennt dort einen Flecken ſo heiß wie...“ Leiler vollendete den Satz nicht; aber er dachte an den Gegenſatz jener fünf eiſigen Flecken, die Thelma's erſtarrte Hand auf ſeine Wange gedrückt hatte. Und dieſe hatten dort eine Kälte zurückgelaſſen, die er ſtets fühlte, wie neu gefallene Schneeflocken, auch wenn die Wange ſiedendheiß brannte. „Onkel Sebaſtian wartet unten und wird vielleicht meinen, daß ich zu lange zögere,“ flüſterte Alfhild und hob den fragenden Blick zu Leilern empor. Sie fürch⸗ tete, ihn zu beleidigen; ſie zitterte, ſeinen unruhigen Geiſt zu reizen. „Biſt Du ſchon des kurzen Wiederſehens müde, meine Alfhild?“ ſprach er leiſe, aber ohne Vorwurf. „Nein, gewiß nicht, Leiler; aber ich bin ſo aufgeregt, mein Blut kocht ſo heiß um das Herz herum, daß es mir iſt, als wollte es verbrennen; wenn ich ſo hier ſterben dürfte, mit dem Kopf an Deiner Schulter, dann wäre ich ſelig; denn ſiehſt Du, auf Erden können wir doch nie ein wahrhaftes Glück hoffen. Nein, ich fühle, daß Thel⸗ ma's Schatten und Mariens hohe Geſtalt nicht von mir weichen werden; und überdieß umgibt uns jetzt eine Fin⸗ ſterniß, die ſich wahrſcheinlich nie erhellen wird.“ „Nein, nicht in dieſem Lande; aber wenn Du, meine Alfhild, geſund biſt und Muth haſt, mich in ein neues Vaterland zu begleiten, dann haben wir keinen Grund, troſtlos zu ſein. Denn zweifle nicht, daß meine Kraft mich aus dem Dunkel der Gegenwart emporarbeiten wird; lichte Tage werden kommen, und meine Alfhild wird ſo glücklich ſein, wie nur die treueſte Liebe es verdient.“ An Muth, Dich zu begleiten, wenn Du von allen Banden frei biſt, ſoll es mir nicht fehlen, wenn nur eine Möglichkeit vorhanden iſt! Ich habe ja ſchon längſt gelobt, Dich auf Leben und Sterben zu lie den, und 184 damit will ich Wort halten. Nur der Tod kann eine Scheidemauer zwiſchen unſern Herzen erheben.“ „Die ich niederreiße,“ fiel Leiler mit jenem be⸗ geiſternden Tone ein, der in feierlichen Momenten ſchwärmeriſchen Menſchen oft auf den Lippen liegt. „Ich werde Dich in dem Reiche des Todes aufſuchen, wenn ich Dich nicht unter den Lebendigen finde.“ Alfhild drückte ſeine Hand. Es klopfte an die Thüre. „Onkel Sebaſtian wird ungeduldig; er fürchtet, ich erkälte mich in der Abendluft— ich— muß...“ „Ja, Du mußt gehen, meine Alfhild; aber mein biſt Du im Leben und Sterben!“ „Im Leben und Sterben, Leiler!...“ Sie ſchwebte hinaus, und der Kopf des Architekten ſank auf das harte Kiſſen des dürftigen Lagers herab. „Auch ihr Leben habe ich zerſtört,“ ſeufzte er. „Wie eine verwelkte Blume werde ich ſie, der ich Alles aufgeopfert habe, vielleicht vom Stengel fallen ſehen. Wehet denn mein Athem überall hin Verderben? Ich ſchandere vor mir ſelbſt; denn ich vermag es nicht, das Weſen hienieden zu halten, dem meine Liebe einen Himmel auf Erden ſchaffen wollte. Und wenn ſie nun hingeht, wenn in der ganzen weiten Welt kein Ton mehr iſt, der den beantwortete, der in meinem Herzen klingt, dann— ja dann...“— „Doch nein, ich verſchmähe es, wie ein feiger Wicht zu ſterben! Es iſt leicht des Lebens Bürde hinzuwer⸗ fen, wenn man ihrer müde iſt; ſchwerer iſt es, ihre Laſt zu tragen, wenn der Tod eine Wohlthat wäre.“ Vierzehntes Kapitel. „Nun, mein Täubchen! Jetzt haſt Du ja Deinen Willen gehabt; aber ich glaube nicht, daß Dir dieſe. Fahrt beſonders gut thut,“ ſagte Onkel Sebaſtian, in⸗ dem er ſich mit ſeinem Liebling wieder in den Schlitten * 1 4 5 —— —— Sͤ—4— 12——— — ſetzte, und es friſch auf dem Wege nach Groß⸗Ham⸗ marby dahinging. „Ach Onkelchen, ich durfte ihn doch ſehen.“ „Ja, er verdient freilich, daß Du ihn ſehen woll⸗ teſt! Die ganze Gegend wird davon ſprechen, daß des Probſten Alfhild hei dem gefangenen Baumeiſter war und ihn tröſtete, und daß Onkel Sebaſtian, der alte Narr, ihr Geſellſchaft leiſtete.“ „Gott gebe, daß man nie etwas Schlimmeres ſage, ſeufzte Alfhild.„Es reisten ja viele Leute hin; denn ſie wiſſen, daß er unſchuldig iſt. Aber Onkel Sebaſtian, ſahſt Du das fremde Frauenzimmer, das hinabging, als ich kam?“ „Freilich ſah ich ſie, und dachte auch allerlei da⸗ rüber. Weißt Du, wer ſie war?“ „Sein Weib,“ flüſterte Alfhild, und ſenkte die Augen, um den prüfenden Blick des Greiſen zu ver⸗ meiden. „Nun, das war einmal ein Begegnen,“ murmelte der Kapitän.„Hol mich der und jener, wenn ich um alle Güter der Welt an der Stelle des Menſchen hätte ſein mögen! Und das ſag' ich Dir, mein Täubchen, daß Du nicht ſo ſchwach biſt, als ich glaubte, da Du nach einem ſolchen Auftritt wohlbehalten die Treppe herab⸗ kamſt. Aber ich thue das heilige Gelöbniß und gedenke es auch zu halten, daß ich, wenn Du auch auf Deinen Knieen um eine ſolche Thorheit bettelteſt, wie ich Dir zu Liebe heute beging, daß ich nein ſagen werde; denn lieber will ich Dich weiß und ſtarr ſehen, wie dort das Schneefeld, als Dich jemals wieder den dummen Erſchütterungen hier ausſetzen.“ „Lieber Onkel, wenn Du mich liebſt, ſo brumme nicht mehr; glaube mir, ich leide ohnedieß genug.“ „Ja, da haſt Du meiner Seele recht, Kind; und im Ganzen genommen kannſt Du wohl nichts dafür, daß das Schickſal, das ſtets vornen dran iſt, gerade heute ſein Weib herführte. Aber widerwärtig bleibt es immer, daß Du und ſie zuſammentrafen. Ich bin jedoch 186 jetzt wie immer der Meinung, daß das ganze Unglücks⸗ K verhältniß hier mit dem verwünſchten Menſchen offen⸗ ſch bar eine Strafe Gottes für die Verrätherei iſt, die in go unſerm Hauſe gegen ſeinen Großvater angezettelt wurde. ir. und gleich damals, als der Baumeiſter in den Probſt⸗ ur hof kam, glaubte ich, daß es ein ſchlimmes Ende neh⸗ men würde. Deßhalb mußteſt Du auch gerade an dem O Tage, wo der Platz für die neue Kirche auserleſen E wurde, und deshalb der Biſchof den norwegiſchen Aben⸗ teurer vorſchlug, den Pokal zerbrechen. Ja, von der wi Stunde an datirte ſich das Unglück; aber wie es enden fre wird, weiß nur Gott.“ au Alfhilds Lippen zitterten in ſichtlicher Bewegung.— „Ich erinnere mich wohl,“ ſprach ſie nach kurzem Schwei⸗ Er gen,„was in den Papieren ſtand, die mir Leiler in nu der Nacht, wo wir uns in Thelma's Leichenzimmer be trennten, übergab. Aus dem Pokale hatte Leganger kel den Rachetrunk gethan. Hu, Papa Sebaſtian! Ich die fürchte mich, wenn ich nur daran denke; und nie habe lig ich meinen Fuß auf die Bühne geſetzt, ſeit ich weiß, au was ſich dort zugetragen hat. Ja denke nur, ich wage zu es kaum dorthin zu ſehen; denn beſtändig gaukelt mir die Einbildungskraft die weiße Geſtalt meiner Groß⸗ per mutter vor, die mir zuwinkt, an Legangers Nachkom⸗ her men das gut zu machen, was ſie gegen den Stamm⸗ Ve vater uhlhnochen hat. Aber, Onkel Sebaſtian, wirf des mir nicht mehr meine Liebe vor! Sage nicht, daß ſie Se ſündlich iſt; denn Gott fordert gewiß ein Opfer für nu den ſchweren Fehltritt, den meine Großmutter beging. Das Opfer bin ich; meine Liebe kann nicht lebendig der werden, denn ſie erwachte und entſprang in Finſterniß Un und Irrthum.“ „Geſchwätz, Kind! Unſer Herr fordert kein ſolches Bi Opfer von ſterblichen Geſchöpfen; er behilft ſich wohl vor ohne ſie, denke ich. Aber Schuld iſt Schuld, und i cheint jetzt vollkommen bezahlt zu ſein, wenigſtens was ſie das gräfliche Haus betrifft, und auch auf unſerer 4 An Seite hat es fühlbare Spuren hinterlaſſen. Du, mein 187 Kind, unſer einziger Stolz, unſere einzige Hoffnung, Du ſchwindeſt ja hin, als wäreſt Du lebendig eingemauert; ganz wie in fruͤheren Tagen eine Nonne, die wegen irgend eines außerordentlichen Verbrechens dazu ver⸗ urtheilt wurde.“ Alfhild's Antwort war nur ein tiefer Seufzer; Onkel Sebaſtian's Gleichniß machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf ſie. Als unſere Reiſenden nach dem Probſthofe kamen, wurden ſie von dem Probſte ſelbſt empfangen, der freundlich auf die Treppe heraustrat und ſeine Tochter aus dem Schlitten hob. „Gottes Frieden, Kind,“ ſprach er mit tiefem Ernſt, als Alfhild die Reiſekleider abgelegt hatte, und nun zu ihm hintrat, um ſeine Hand zu küſſen.„Wie bekommt Dir die Reiſe, mein Mädchen? Möge es On⸗ kel Sebaſtian nicht bereuen, daß er, von Dir überredet, dieſelben Mittel anwendete, um auch mir die Einwil⸗ ligung zu einer Fahrt abzunöthigen, worein ich nur aus Furcht, Deine ſchwache Geſundheit verſchlimmert zu ſehen, einwilligte.“ Mit inniger Dankbarkeit drückte Alfhild ihre Lip⸗ pen auf die väterliche Hand. Worte vermochte ſie keine hervorzubringen; denn die milde Behandluug ihres Vaters rührte ſie ſo tief, daß ſie nur mit Ausdrücken des Gefühls antworten konnte. Sie war mit Onkel Sebaſtian übereingekommen, nichts von ihrer Begeg⸗ nung mit Marie zu erwähnen. „Nun, wie befindet ſich der Gefangene?“ fragte der Probſt.„Hofft er, daß die nicht ſehr ehrenvolle Unterſuchung bald ein Ende nehmen wird?“ Beſtürzt erinnerte ſich Alfhild, daß ſie nicht einen Buchſtaben davon geſprochen hatte. Sie hatten ſich nur von Herzens⸗ und Gefühlsangelegenheiten, nicht aber von der Unterſuchung unterhalten. Etwas verlegen erwiederte ſie daher:„Leiler ſchien bei gutem Muthe zu ſein. Sein Ausſehen wie ſeine nunerſchütterliche Standhaftigkeit 188 bewieſen, daß er vermuthete, die Befreiung von ſeinem unſchuldigen Leiden werde nicht lange mehr zögern!“ „Ja, aber ſie kann meiner Seele noch lange genug zögern,“ wandte der Probſt ein; ſo beredt er auch in ſeiner eigenen Sache advocirt, und trotz den beinahe klaren Thatſachen, die er auf ſeiner Seite hat. Solche Gegenſtände ſind höchſt kitzlig; und vollkommen gerei⸗ nigt wird er meiner Anſicht nach niemals daraus her⸗ vorgehen, obſchon der Graf die Sache weit weniger ſtreng betreibt, als man es hätte bei ſeinem erſten Ei⸗ fer erwarten ſollen.“ „Und weiß der Herr Bruder, woher dieſe Milde in Seiner Gnaden Leben und Weſen herrührt?“ fragte Onkel Sebaſtian, während dem er ſich gemächlich in ein Sophaeck niederließ, die Pfeife anzündete und den Bierkrug zu ſich zog. „Nicht ganz beſtimmt; aber ſo ungefähr kann ich mir wohl denken, daß Leiler, nachdem ſeine Rolle im Schloſſe ausgeſpielt war, dem Grafen die alte Verbin⸗ dung zu entdecken beſchloß, worin dieſes Haus ſowohl als das unſrige mit dem ſeinigen ſtand. Und es iſt ſehr natürlich, daß dieß auf Seine Gnaden eingewirkt hat,„ die in dem ſchauerlichen Tode ſeiner Kinder die Schickung der Vorſehung, wo nicht gar ein Strafurtheil ſah.“ „Ja, ſo iſt es,“ ſagte Sebaſtian.“ Seit der Graf jene Dokumente durchlas, die der Baumeiſter dem alten Borgſtedt anvertraute, hat ſich der Kummer über jenen doppelten Verluſt noch durch einen Schmerz vermehrt, der an ſeiner letzten Lebenskraft zehrt. Wohl hatte der Graf von den alten Hiſtorien flüſtern hören; aber es iſt etwas ganz Anderes, das kann ſich der Herr Bruder wohl denken, wenn man ſie von dem Geſichtspunkte aus be⸗ trachtet, von wo aus Leganger ſie darſtellte, oder von dem, wie es die Liebeschronik einer Familie ſchildert. Bei dieſer näheren Betrachtung trennt ſich das Blend⸗ werk von der Wahrheit; und dieſe, obſchon bitter, iſt doch ein guter und zuverſichtlicher Warner, um ſ gehr, wenn die Welt nichts mehr darbietet, was die inem 5 enug ch in nahe olche eerei⸗ her⸗ niger 1 Ei⸗ Nilde ragte ch in bden n ich e im rbin⸗ wohl alten jenen ehrt, 2 der es iſt wohl 3 be⸗ 189 4 Leidenſchaften anreizen könnte, dem Gewiſſen zu trotzen. Wie mir Borgſtedt verſichert hat, würde der Graf gerne von der Anklage gegen den Baumeiſter abſtehen, wenn es ſich nur thun ließe; aber dieſe muß ihren Gang haben, bis das Geſetz, der langſamſte aller Schiedsrichter, zwiſchen ihnen abgeurtheilt hat.“ „Ja, es iſt ein beklagenswerthes Haus,“ fiel der Probſt ein.„Der Graf iſt erkrankt und gleicht mehr einem Schatten als einem Menſchen, wenn er zwi⸗ ſchen dem Saale und der Gemäldegallerie, wo er ſich größtentheils aufhält, hin und herſſchleicht. Die ſchon vorher ſchlimmen Augen der Gräfin ſind von Thränen und Nachtwachen ganz zu Grunde gegangen. Stumm wie eine Mumie ſitzt ſie in ihrem mit grünem Taffet ausgeſchlagenen Kabinette. Die Baronin, die ſtolze, hochtrabende Mutter, iſt blödſinnig oder wenigſtens ſo verwirrt geworden, daß ſie nie mehr recht klug werden wird. Sie läuft den ganzen Tag in ihren Zimmern hin und her, und ſucht und ſchaut in jedem Winkel nach Thelma, die, wie ſie behauptet, ſich verſteckt habe. Kommt aber Jemand ſchnell herein, ſo fährt ſie zu⸗ ſammen, und jagt ſelbſt wie eine erſchreckte Meerkatze in ihr inneres Zimmer, wo ſie in einen alten Lehnſtuhl hinaufkriecht und den ſchwarzen Schleier über ſich breitet, den Thelma anhatte, als man ſie aus dem See zog.“ „Die Hand des Herrn ruht ſchwer auf ihnen,“ ſprach Sebaſtian in ungewöhnlich mildem und verſöh⸗ nendem Tone.„Gott gebe ihnen Frieden! Aber Alfhild iſt gegangen, wie ich ſehe; unſer Geſpräch hat ſie an⸗ gegriffen. Ja, ja, ſie hat an ihrem eigenen Looſe genug, mehr als die jungen Schultern tragen können!“ An demſelben Abend, als Alfhild, von Onkel Se⸗ baſtian's Stimme eingelullt, noch im halben Schlum⸗ mer auf die ſchönen Sagen hörte, die ſein Gedächtniß aufbewahrte, und die er ihr jetzt an ihrem Bette ſitzend in liebevoller Güte erzählte; an demſelben Abend, wo ſich der Architekt ſchlaflos und ohne Raſt und Ruhe auf ſeinem Lager hin und her warf, fuhr Marie allein 190 mit ihrem Kutſcher durch das weiße Schneefeld, auf zel dem ſich die durchlaufende Landſtraße kaum noch unter⸗ we ſcheiden ließ. di „Haben wir noch weit bis zum Wirthshauſe?“ Ti fragte ſie mit Anſtrengung. Die heftige Kälte und die R wirbelnden Schneeflocken benahmen ihr beinahe das dü Vermögen zum Sprechen; jedes Glied ihres zarten de Körpers erſtarrte, ſie konnte die ſonſt ſo weichen Finger ga nicht biegen, den Mantel nicht zuſammen halten; denn die erfrorenen Fingerſpitzen fanden keinen Halt.„Ob ſa⸗ es weit iſt?“ antwortete der Kutſcher ärgerlich.„Ja, A meiner Seel', iſt es! Sie hätte ſich nicht ſo ſpät auf den Weg machen ſollen; denn das iſt kein Wetter zum au Fahren für Weibsleute.“ R. „Aber das Wirthshaus war ſo unſauber, und es la ſchneite nicht, als wir abreisten.“ W „Unſauber ſagt Sie! Da wird Sie dort, wohin wir jetzt kommen, etwas ganz Anderes zu ſehen kriegen.“ fre „Es wird noch ſchlimmer ſein, meint Ihr?“— Die Zähne der armen Marie klapperten vor Kälte, und ich die Füße konnten nicht von einander; ſie waren an den kei nur mit dünnem Heu verſehenen Schlitten wie feſtge⸗ kal wachſen. die „Ja, das mein' ich,“ antwortete der Kutſcher ent⸗ gel ſchieden;„aber Sie ſollte mit den Beinen treten, ſo erhält Sie ſich warm.“ rie Marie litt an Körper und Geiſt; aber ihr Muth ha hatte noch nicht abgenommen. Noch bereute ſie es jet nicht, dieſe Reiſe unternommen zu haben, wozu ihr Herz ſie aufgefordert hatte, ſo ſchlecht es auch dafüur ja belohnt worden war. hel Endlich langte man an einem kleinen grauen Hauſe ner an, das mit einer breiten niederen Thüre verſehen war. Gl Innern entſprach dem Aeußeren vollkommen. Der Kutſcher half der armen Marie aus dem Schlitten, und das tappte dann den Weg nach der Stubenthüre voraus. we In einem niedern, ſchwarzen Zimmer ſaßen acht bis Es ſah ſchrecklich ſchmutzig aus, und der Anblick da auf ter⸗ e?2“ die das rten ger 191 zehn ungeſchlachte Burſche und rauchten ihren Knaſter, während ſie fleißig den Branntweingläſern zuſprachen, die auf einem mit demſelben Nektar reichlich begoſſenen Tiſche feſtklebten. Das ganze Zimmer war mit ſtarken Rauchwolken angefüllt, welche den Schimmer von zwei dünnen Lichtern, die in einem paar grüngelben Dillen, den Fragmenten von Leuchtern, paradirten, beinahe ganz verdunkelten. „Da iſt eine Frau, die eine Nachtherberge will,“ ſagte Mariens Kutſcher, indem er ſich mit den langen Aermeln nach der Reiſe warm ſchlug. „Nachtherberge!“ gellte eine ſcharfe Stimme, die aus der Kaminecke hervorkam, und Marie, die vom Rauch beinahe erſtickt an der Thüre ſtand, ſah eine lange, hagere Weibsgeſtalt hervorkriechen und ſich als Wirthin präſentiren. „Können Sie mir ein warmes Zimmer geben?“ fragte Marie. „Ja, wenn es Ihnen hier warm genug iſt, ſo will ich dort auf dem Sopha betten. Sonſt gibt es hier kein Zimmer, als die Bodenkammer; aber dort iſt es kalt wie in einer Feldhütte; denn die Schwiegermutter, die vor Kurzem geſtorben iſt, iſt drinnen auf dem Stroh gelegen.“ „Aber man kann dort doch einheitzen?“ fuhr Ma⸗ rie fort, die es eher in dem genannten Zimmer aus⸗ halten zu können meinte, als in dem, worin ſie ſich jetzt befand. „O ja, wenn Sie dort liegen will, ſo können wir ja Feuer im Kamin anzünden. Da, Sie ſoll es ſe⸗ hen!“— Die Wirthin nahm dabei einen langen Tan⸗ nenſtecken von der Decke herab, rührte damit in der Gluth, und als die Flamme empor flackerte, nahm ſie das Holz zwiſchen die Lippen, und öffnete die Thüre zuerſt zu dem Oehrn und dann zu dem kleinen Loche, das nach Leichen und Tannenzweigen roch. An den weißgrauen Wänden waren ſchwarze Wollkarden in — — 5 —— ———— —,— — 192 Geſtalt von Namen und Jahrszahlen nebſt andern äußerſt ſinnreichen Figuren befeſtigt. „Nein, nein, hier iſt es ganz unmöglich!“ Marie hielt ihr Sacktuch vor Mund und Naſe, indem ſie ſich ſchnell zurückzog. „Ja, wenn es überall unmöglich iſt,“ erwiederte die Wirthin gereizt,“ ſo iſt es wohl am klügſten, Sie reist wieder weiter.“ „Das kann ich nicht; ich muß ein paar Stunden in der Stube ſitzen.“ „Wie Sie will!“ Sie gingen zurück; die Wirthin blies das Feuer aus, und ſtellte einen Stuhl vor das Kamin, und Marie, in Wolken von Tabakrauch und Branntweinqualm eingehüllt, mußte ſich bequemen, Platz zu nehmen. Ihr Kopf war von Dunſt und Hitze, ihre Ohren von dem lauten Lärmen betäubt. Ein Seufzer ſchlich über ihre Lippen. Aber ge⸗ rade wie ſie jetzt da ſaß, von aller Welt verlaſſen, und das Herz von bittern Gefühlen überſchwellend, hörte ſie eine ſtarke Stimme draußen das einzige Wort:„Pferde!“ rufen, daß es in der Hütte wieder⸗ hallte. „Der hat recht Eile,“ meinte der Wirth und machte ſich ganz gemächlich bereit, hinaus zu gehen. Aber Marie war ſchon aufgeſtanden. Der Laut ſprach bekannt an ihr von ängſtlichem Beben geſchärftes Ohr. Sie flog hinaus und ſank mit einem Freudenſchrei in Blum's Arme. 1 „Großer Gott! muß ich Sie in einem ſolchen Neſte finden, Marie!“— Er drückte die Verlaſſene an ſeine Bruſt, ſie hatte ja auf der ganzen Welt Nie⸗ mand mehr als ihn. Und ſein Herz klopfte von edler, ſtolzer Befriedigung, daß er ihr wenigſtens in dieſem Augenblicke unentbehrlich war. 4 „O Blum! der Himmel hat mich nicht verlaſſen, da er mir Sie ſchickte! Ich hatte ohne Ihr Wiſſen einen Entſchluß gefaßt, für deſſen Ausführung ich beſtraft dern tarie ſich derte Sie nden rthin das und Platz ihre „ ge⸗ aſſen, Uend, nzige eder⸗ und ſehen. prach Ohr. ſchrei blchen ne an Nie⸗ edler, ieſem aſſen, einen eſtraft 193 worden bin. Verzeihen Sie mir, und ich verſpreche Ihnen heilig, nie mehr etwas vorzunehmen, ohne Sie zu befragen.“.. „Von Verzeihung iſt nicht die Rede, theure Marie; aber eine unausſprechliche Angſt haben Sie mir gemacht. Ich fürchtete, gewiſſe Gerüchte möchten nach dem ent⸗ legenen Fredsberg gelangen, und eilte daher, um Sie vorzubereiten; Sie waren fort, waren ſchon zwei Tage vorher abgereist; aber da ich meine Fahrt Tag und Nacht fortſetzte, ſo war ich ſo glücklich, Sie noch ein⸗ zuholen. „Nein, Blum,“ ſprach Marie mit einer betrübten, aber ruhigen Miene,„Sie haben mich nicht eingeholt; denn ich bin ſchon auf dem Rückwege.“ „Wie!“ Ein Freudenſtrahl, den zu ſehen Marie das Dunkel verhinderte, ſchimmerte aus Blum's Auge. „Es iſt ſo, Blum; und jetzt bitte ich Sie nur von ganzem Herzen— führen Sie mich wieder in meine einſame Heimath! In Ihrem bequemen und wohl ver⸗ ſehenen Schlitten werde ich nicht frieren. Aber laſſen Sie uns jetzt gleich abreiſen; denn ich ſehne mich, aus dieſem abſcheulichen Hauſe fortzukommen, wo ich ver⸗ gangen wäre, ehe der Morgen gegraut hätte, wenn Sie nicht die arme Marie auſgeſucht hätten.“ „Und Sie wollen heim, Marie? Wird es Sie nicht reuen, wenn wir unterwegs ſind, haben Sie Alles bedacht?“ „Alles, Blum!“ Sie beugte ihre Lippen zu ſeinem Ohre:„Ich habe Leilern zum letzten Mal geſehen. Ich will ihn nie mehr ſehen!“ Und in den Worten„ich will nie“ lag eine Beſtimmtheit, die alle Befürchtungen Blum's beſchwichtigte. Er war indeſſen nicht ſo egoiſtiſch, um über ſeiner eigenen Zufriedenheit den früheren Freund zu vergeſ⸗ ſen. Nachdem er Marie in ein kleines Städtchen in der Nähe gebracht und ihr warme Zimmer und die nöthige Erfriſchung verſchafft hatte, überredete er ſie, vierund⸗ Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 13 ——————————— 194 ⁴ zwanzig Stunden zu ruhen, da er Geſchäfte in der Nachbarſchaft habe. Marie verſtand ihn und verſprach willig zu warten. Blum beſuchte nun Leilern, und ihre Herzen verſtanden einander wieder. Der Architekt wußte die edle Bemühung ſeines Freundes zu ſchätzen, der kein einziges verwundendes Wort, ſondern nur hei⸗ lenden Balſam für ihn hatte, indem er ihn auf den Punkt aufmerkſam machte, von wo aus Leiler ſeiner Anſicht nach bei der Vertheidigung gehen mußte; und Blum ſeinerſeits würdigte die Standhaſtigkeit, den männlichen Muth, womit Leiler ſeine Laſt trug, die Wärme, die noch in jedem Wort, in jeder Bewegung brannte, wenn er von ſeinen künftigen Planen für ein unabhängiges und thätiges Leben ſprach. Er wollte ſich dann, wie er Blum mittheilte, in Dänemark nie⸗ derlaſſen, wo er während ſeiner Reiſen im vorigen Jahre einen Platz auserleſen hatte, der ihm beſonders geſiel. Dort wollte er mit ſeiner Alfhild leben, und das häusliche Glück genießen, das er ſich durch ſo manche Sturme erkämpft hatte. Ddie wenigen Stunden, die Blum bleiben konnte, waren bald vorüber; und wieder in brüderlicher Um⸗ B armung vereinigt, trennten ſie ſich mit der Hoffnung unter lichtern Ausſichten wieder zuſammen zu kommen. 4 Aber als Blum fort war, erloſch das Feuer in Leiler's Auge und die Bilder, die eine ſchwärmende Phantaſie im fluͤchtigen Momente der Freude hervor⸗ gerufen hatte, erbleichten bald und ſanken endlich ganz ſchattete. Nur noch ein Bild ſtand klar da, es war Alfhild, der einzige Stern, der ihm in die Nacht des Herzens und Gefängniſſes leuchtete. 1 8 Fünfzehntes Kapitel. 8 1 An einem regneriſchen Herbſtabend im Jahre 179 trippelte auf den trockenſten Steinen an der rothe in die Wolkenmaſſe hinab, die ſie bis jetzt noch be⸗ 195 . der Schleuße in Stockholm ein einſames weibliches Weſen, ach deſſen Ausſehen, ſo weit es beim Laternenſchein unter⸗ und ſchieden werden konnte, ein Mittelding zwiſchen Frau tekt und Madame*) verkündete. In der einen Hand trug ben, ſie einen Speiſeeinſatz mit nur einer Abtheilung, und jei⸗ mit der andern hielt ſie vorſichtig den knappen verbli⸗ den chenen Pelz hinauf, um ihn vor jeder ungehörigen Ge⸗ ner meinſchaft mit den Waſſerpfützen zu verwahren. Unſere und neue Bekanntſchaft kam von Södermalm's Keller, ging den jetzt über die Zugbrücke und blieb an einem Buchbinder⸗ die laden ſtehen, wo ſie von einem vorüberſpringenden ung Druckerjungen die Tagesnummer von der Stockholmer ein Poſtzeitung kaufte, die ſie ſorgfältig im Rockſacke ver⸗ llte barg; und mit aller Eile ſetzte ſie dann ihren Weg an nie⸗ der Ecke der Rentmeiſterei vorbei und über den Eiſen⸗ gen markt nach der Oſtſtraße fort, wo ſie endlich in ein ders altmodiſches baufälliges Haus am Benickeberg trat und und fünf Treppen bis zur Bühne hinauf ſtieg. Hier ſchien ſo ſie zu Hauſe, wie man aus dem leichten, vertraulichen Pochen an eine niedere Thüre ſchließen durfte. nte,„Iſt Sie es, Madame Liſa?“ fragte eine, wie es Um⸗ ſchien, von Natur rauhe, aber jetzt gemilderte Stimme. ung„Freilich bin ich es, das hört der Herr Major nen. wohl am Pochen,“ antwortete die Frau, indem ſie durch in die ſchnell geöffnete Thüre eintrat. ende Das Zimmer war ein kleines viereckigtes Käfig, vor⸗ vier Ellen lang und vier Ellen breit. Die Möbel bes ganz ſtanden aus einem Feldbett mit einer einſt blau ge⸗ be⸗ weſenen ſeidenen Decke, einem Lehnſtuhl, zwei Seſſeln war naebſt einem rohen Tiſch und einem Koffer. Mitten in des dieſer dürftigen Umgebung ſtand ein Mann von etlichen und fünfzig Jahren, der ſich auf den Handgriff einer Krücke ſtützte. Sein Wuchs, obſchon nur wenig über 4 *³) Madame iſt hier durchgehends in einer Bedeutung aucht, die wir gottlob durch kein aͤhnliches auszudruͤcken vermoͤgen, naͤm⸗ lich als eine Frau aus niederem oder gar gemeinem Stande. 13 ½4 196 das mittlere Maaß hinausgehend, hatte doch etwas in ſeinen Formen, was bewies, daß in dieſer Muskel⸗ hülle noch Kraft vorhanden war; aber die Verkürzung eines Beines um einige Zoll hatten ihn auf die In⸗ validenliſte gebracht und ihm zugleich eine Krücke als beſtändige Geſellſchafterin aufgezwungen. „Willkommen, Madame Liſa! Du biſt lange fort geweſen, däucht mir; oder iſt mir die Zeit während Peumde Abweſenheit langſamer als gewöhnlich vergan⸗ gen,“ ſagte der Major und nickte freundlich ſeiner ein⸗ igen Geſährtin in Freud und Leid zu.„Ich fürchte, dn biſt in Södermalm's Wirthshaus geweſen.“ „Und wenn es ſo wäre?“ fragte Liſa lächelnd. „So haſt Du nicht recht gethan. Du weißt, Ma⸗ dame Liſa, daß wir, obſchon mir von Alters her be⸗ kannt iſt, daß man dort die beſte Speiſe bekommt, wir doch jetzt nicht die Mittel haben, unſerem Geſchmack zu folgen und...“ Der Major ſah eine kleine Wolke auf Liſa's Stirne, und dieß war vielleicht die Urſache, daß er ſich in ſeiner Rede unterbrach. Madame Liſa oder wie es hie und da bei kleinen häuslichen Streitigkeiten hieß, Madame Lindbom war, wie das Gerücht vor fünfundzwanzig Jahren vermel⸗ dete, dem Herzen des Majors ſehr nahe geſtanden. Wie viel Wahres in dieſer Behauptung lag, kann man natürlich nicht wiſſen. Gewiß iſt, daß die hone Jung⸗ fer Liſa ſich verheirathete, aber gleich darauf Wittwe wurde, worauf ſie als Haushälterin in das kleine Jung⸗ geſellen⸗Haus des Majors trat, wo ſie das Regiment führte, ſo lange er etwas beſaß. Madame Liſa war ihrem Herrn in den finniſchen Krieg gefolgt, hatte ihm gekocht und gewaſchen und treu an ſeinem Kranken⸗ bette ausgehalten, als er zuſammen geſchoſſen wieder heimkehrte, um ſich mit einer kleinen Penſton fortzu⸗ helfen ſo gut er konnte. Nach der Hand hatten ſich die Umſtände des Majors immer mehr verſchlimmert; ein Artikel nach dem andern mußte verkauft werden, um die Bequemlichkeiten anzuſchaffen, woran er ſich as in iskel⸗ rzung e In⸗ ee als e fort hrend rgan⸗ r ein⸗ erchte, nd. Ma⸗ er be⸗ t, wir hmack Wolke rſache, leinen war, ermel⸗ anden. n man Jung⸗ Littwe Jung⸗ giment a war te ihm anken⸗ 197 gewöhnt hatte und von Jahr zu Jahr zog er höher und höher hinauf, bis er ſich endlich in der Boden⸗ kammer des ſechsten Stockwerks befand. Man darf nicht glauben, daß es der Mäjor nicht wenigſtens etwas erträglicher hätte haben können, wenn er gewollt hätte, da er reiche und vornehme Verwand⸗ ten beſaß, die ſich der Bemühung nicht entzogen haben würden, ihm eine hülfreiche Hand zu reichen. Aber ſie ſuchten den Major nicht, und der Major war zu ſtolz, um ſie zu ſuchen. Er wollte lieber ſeine halbe Portion Ochſenfleiſch oder Laugenfiſch eſſen(die er mit Madame Liſa theilte), als eine ganze Portion, die er um ein Gnadengeld gekauft hätte. Und ſo gerne er ehemals und auch jetzt noch ſein Glas Wein trank, nahm er doch lieber ein Glas Waſſer aus der Hand ſeiner treuen Gefährtin, als jenes, wenn es nicht aus ſeiner eigenen kleinen Kaſſe bezahlt wurde. Madame Liſa nahm den Pelz ab und ſetzte den Einſatz auf das Kamin, worauf ſie in ein, dem klei⸗ nen Zimmer zunächſt gelegenes Kabinet trat, welches die dreifache Eigenſchaft von Küche, Speiſekammer und ihrem Schlafzimmer hatte. Aus dieſem, dem Aller⸗ heiligſten, kam ſie mit einer Serviette nebſt einem paar Meſſer und Gabeln heraus, die bald den Tiſch zierten, auf den jetzt der Einſatz und ein warmer Teller geſtellt wurden. „Du haſt naſſe Füße, Madame Liſa,“ ſagte der Major beſorglich.„Es hat keine ſolche Eile mit mir; Du mußt zuerſt die Schuhe wechſeln. Laß nur ſein!“ „O nein, ich bin nicht naß. Der Herr Major ſoll jetzt eſſen, ſo lang es warm iſt. Sehen Sie hier, warme Erbſen mit Süßem und Saurem gekocht, und geröſteten Schinken; das gibt eine wahre Schmauſerei; es war heute Mittag zu mager.“— Danke, Liſa, danke, Du vortreffliche Seele; wenn ich Dich nicht hätte, oder wenn Du mir ſtürbeſt, dann wäre es bald auch mit mir zu Ende!— Nun, da Du willſt, daß ich nicht ſäumen ſoll, ſo bring deinen Tel⸗ ler her, damit wir theilen.“ „Keine Theilung, daraus wird nichts,“ ſagte Liſa mit beſtimmtem Tone,„ich habe noch Brei von geſtern Abend als wir zu Hauſe kochten. Ich eſſe keinen Biſſen davon, gewiß nicht!“ „Nun, dann kannſt Du die ganze Herrlichkeit wie⸗ der forttragen, und ich lege mich nieder, ohne zu ſpei⸗ ſen; denn ſiehſt Du, Madame Liſa, es ſchmeckt mir nicht, wenn Du nicht mit beim Schmauſe biſt.“ „Da muß ich wohl dem Herrn Major zu Willen ſein,“ ſagte Liſa lächelnd, und ſah ſo gut und freund⸗⸗ lich aus, daß der Major ihr einmal über das andere zunickte. Sie nahm ein paar Theelöffel voͤll Erbſen und ein kleines Stück Schinken auf eine untere Schale. „Sehen Sie, jetzt habe ich meinen beſcheidenen Theil,“ und Liſa ſetzte ſich damit auf den Seſſel zwiſchen dem Tiſch und dem Koffer. Als das ſchmale Souper beendigt war, und Liſa den Major mit dem letzten Glas aus einer Bouteille Bier traktirt hatte, die aus der Sparkaſſe angeſchafft worden war(welche aus dem Gelde beſtand, das ihr beim Erhandeln von Speiſen, welche ſie zum Zu⸗ hauſekochen kaufte, übrig blieb), ſetzte ſich der Major in den großen Lehnſtuhl vor dem Tiſche und unter⸗ hielt ſich damit, mit einem Stück Kreide den Plan der Schlacht bei Parkkumäki, an der er Theil genom⸗ men hatte, zu zeichnen, und unterrichtete jetzt Liſa zum neunundfünfzigſten Male von jeder einzelnen Stelle und Bewegung, indem er zugleich dem tapfern Ste⸗ dingh eine große Lobrede hielt. Liſa, die dabei ſaß, lächelte gutmüthig und zeigte mit der Stricknadel auf dieſen und jenen Strich, deſſen Bedeutung ſie an ihren fünf Fingern herunterzählen konnte, nach der ſie aber doch ſehr angelegentlich fragte, um dem Major ein Vergnügen zu machen. „ Wunſcht der Herr Major icht ſeine Abendpfeiſe?“ fragte Liſa und machte Mien aufzuſtehen. Liſa ſtern iſſen wie⸗ ſpei⸗ mir zillen eund⸗ ndere rbſen hale. zeil,“ dem Liſa teille chafft 3 ihr Zu⸗ Najor inter⸗ Plan mnom⸗ Liſa Stelle Ste⸗ i ſaß, el auf ihren 199 „Bleibe nur ſitzen,“ erwiederte der Major;„wir erſparen die Pfeife heute Abend.“ „Warum das?“ fragte Liſa,„der Tabak iſt ja noch nicht zu Ende.“ „Nein, aber ſiehſt Du, Liſa, ich habe mich ſo daran gewöhnt, ſtets meine Pfeife beim Leſen der Zei⸗ tung zu rauchen, daß mir an den Abenden, wo ich die Mittel nicht habe, mir die eine zu verſchaffen, auch die andere nicht ſchmeckt.“ „O verſuchen Sie es nur!“— Liſa ſtand auf und ſtopfte die alte Meerſchaumpfeife, die ihren Herrn bei allen Lebenswechſeln treulich begleitet hatte. Der Major hatte nicht den Muth, Madame Liſa etwas abzuſchlagen. Er nahm alſo die Pfeife, aber ein leiſer Seufzer, den er vergebens zu unterdrücken ſtrebte, ging über ſeine Lippen, als er das Stück Kreide wieder faßte, um in Ermanglung eines Beſſern ſeine Beſchäftigung wieder fortzuſetzen. Aber da trat Liſa mit freudiger, triumphirender Miene hinter ſeinen Stuhl und ließ das erſehnte Blatt wie eine ſchwebende Wolke auf den Tiſch herabgleiten. „Liſa,“ ſagte der Major und ſah ihr mit einem freundlichen und dankbaren Blick in's Auge;„ich weiß nicht, wie Du mit der kleinen Kaſſe haushältſt, um mir immer noch Etwas zu meiner Freude zuſammen⸗ ſparen zu können. Ich kann nichts für Dich erſparen,“ ſetzte er ein wenig niedergeſchlagen hinzu. „Ei, wie der Herr Major da ſpricht! Bekam ich nicht eine neue Tabaksdoſe auf meinen Geburtstag, und ein Pfund Kaffee auf meinen Namenstag? Laſſen Sie mich nie mehr ſo Etwas hören, ſondern leſen Sie jetzt und freuen Sie ſich! Ich habe unterdeſſen etwas Weniges in meiner Kammer zu beſorgen.“ Wenn der Major eine Zeitung in der Hand, und eine Pfeife im Mund hatte, ſo konnte Madame Liſa ſicher ſein, daß ſie auf eine gehörige Weile entbehrlich war; aber dießmal hatte ſie kaum die Thüre zwiſchen den beiden Kammern geſchloſſen, als der Major mit Heftigkeit ausrief:„Madame Liſa, komm herein, Neuig⸗ d keiten, Wunder, Schickung Gottes!“ Und als Liſa ein⸗ trat, ſtand der Major mit glühenden Wangen da und ſ hielt das Zeitungsblatt hoch in der Hand. a „Was gibt's? Was um's Himmelswillen iſt das?“ fragte Liſa, und ließ den Wiſchlappen, den ſie eben n ergriffen hatte, in ihrer gewaltigen Verwunderung auf b den Boden fallen. d „Paß auf, Liſa,“ ſagte der Major, und las mit n feierlicher Stimme:„Geſtorben auf dem Lande: der Kammerherr und Ritter des königlichen Nordſtern⸗ ſi ordens, der Hochgeborene Herr Graf Hugo Wilhelm S von H—, geſtorben auf ſeinem Sitze Groß⸗Hammarby b den 30. Oktober, in einem Alter von neunundvierzig 2 Jahren und ſieben Monaten.“. 4 „Was denkſt Du davon, Liſa?“— Der Major ließ e das Blatt fallen, hob ſein Auge, in dem eine Thräne — ſchimmerte, gegen den Himmel und faltete dann mit d einem Ausdruck ruhiger und ſtiller Andacht die Hände. ei „Herr Gott! was werde ich davon denken?“ rief G Liſa mit funkelnden Augen.„Der hochſelige Graf je war ja Ihro Gnaden Vetter, und ſo viel ich weiß, iſt 1 der Lieutenant, den wir ſeit Jahr und Tag nicht mehr h geſehen haben, dem Majoratserben nicht ſo nahe ver⸗ 9. wandt, als der Herr Major.“ „Nein, Liſa, das läßt er bleiben. Der Lümmel ke grüßt mich kaum, wenn er mir auf der Straße begegnet. N Seit er die Nachricht von dem plötzlichen Tode des be Majoratsherrn, des Grafen Albano, erhalten hat, iſt er un um ſeine gute vier Zoll größer geworden. Siehſt Du, re Liſa, da öffneten ſie ihm alle Thüren.„Nehmen Sie, S nehmen Sie,“ hieß es.„Wenn der Herr Lieutenant as Beſitzer von Groß⸗Hammarby wird, ſo iſt es Zeit ge⸗. nug, zu bezahlen!“ Niemand dachte an den armen ver⸗ ſca geſſenen Major in der Dachkammer, der dem Erben näher ſtand, als der Neffe; aber vielleicht kam es haupt⸗ ge ſächlich daher, weil kein Men laubte, daß der Graf, ve mein Vetter, in ſeinen beſten kraftvollſten Jahren 201 entſchlafen würde. Man meinte wohl, der alte Invalide müſſe vorangehen, und dann ſei der Lieutenant unbe⸗ ſtritten Herr des Majoratserbes. Aber Gott wollte es anders, und jetzt, Liſa, können wir morgenden Tages in eine beſſere Wohnung ziehen. An Kredit wird es mir nicht fehlen, bis ich Hammarby antrete, und Gott bewahre mich, Jemand einen Eintrag zu thun, ſo lange die verwittwete Gräfin und ihre Schweſter, die Baro⸗ nin von Rawenſtein, das Schloß bewohnen woͤllen.“ Liſa ſchwebte auf Roſenwolken. Im Geiſte ſah ſie ſich ſchon als Hausvorſteherin des großen, prächtigen Schloſſes. Ihr Wille war Geſetz, ihr Wink der un⸗ beſchränkteſte Befehl für das Geſinde. Alles reſpektirte Madame Liſa; ſie war Herrſcherin in und außer Groß⸗ Hammarby, ſo weit ſich die Güter des Majoratserben erſtreckten. Das war etwas Anderes, als in dem kleinen Loche, der kleinen Küche aufzuwaſchen. Madame Liſa war ein vortreffliches Weib, aber einen kleinen Hieb von Eitelkeit hatte auch ſie bekommen. Das mag man ihr jedoch nicht verdenken; ſie trug einen Unterrock— und Unterrocksbeſitzerinnen haben jederzeit jener Schwach⸗ heitsfünde gehuldigt, der man den Namen Eitelkeit gegeben hat. In dieſer Nacht ſchlief man in den beiden Dach⸗ kammern nicht viel, und kaum hatte Liſa am folgenden Morgen aufgeräumt, und der Feierlichkeit halber ihre beſte Haube aufgeſetzt, das vornehmſte Kleid angethan und auch den Major mit dem Uniformsrock und einem reinen Kragen ausſtaffirt— er ſollte nämlich in die Stadt gehen— als ein dreimaliges heftiges Klopfen an der Thüre einen Fremden verkündigte. „Gib Acht, Liſa,“ ſagte der Major mit einem ſchlauen Lächeln,„es iſt gewiß der Lieutenant!“ „Soll ich antworten, daß Eure Gnaden ausgegan⸗ gen ſei?“ fragte Liſa in einem Tone, der ihren Wunſch verrieth, den Wartenden zu demüthigen.⸗ „Nein, das ſollſt Du nicht,“ ſprach der Major gutmüthig.„Er iſt meiner Seele geſtraft genug, daß der Majoratserbe ihm wenigſtens dießmal entging.“ „Nun, wie der Herr Major will!“— Liſa öffnete die Thüre, und gleich darauf hüpfte ein junger Mili⸗ tär in die Kammer. „Welches Glück, mein theuerſter Onkel, daß ich Sie zu Hauſe treffe!— Ich komme mit einer Nenig⸗ keit, die, obſchon ſie meine eignen Hoffnungen durchkreuzt, mir dennoch die lebhafteſte Freude gemacht hat, da Sie unläugbar ein ſolches Glück mehr verdienen, als ich. Ich bin den ganzen Tag in der Stadt herum geſprun⸗ gen, um Ihre Wohnung auszukundſchaften.“ „Dieſer letzte Umſtand, Linus,“ ſprach der Major ernſt,„beweist, daß ich erſt jetzt Dein theurer Onkel geworden bin; ſonſt hätteſt Du wohl hie und da eine der koſtbaren Stunden, die Du Deinem Vergnügen wid⸗ meſt, dazu aufgeopfert, dem alten Invaliden Geſellſchaft zu leiſten. Ich kenne die wichtige Begebenheit wohl, die Du mir mittheilen willſt. Und obſchon ſie meine äußeren Umſtände weſentlich verändert, ſo wird ſie doch keinen weiteren Wechſel in meinem inneren Leben her⸗ vorbringen. Ich habe mich jetzt an die Einſamkeit ge⸗ wöhnt; und es würde mir höchſt unangenehm ſein, wenn ich von meinen alten Gewohnheiten abgehen müßte.“ „Kann ich dem Onkel einigermaßen in den die Sache betreffenden Geſchäften dienen?“ fragte der Lieu⸗ tenant, ohne ſich durch die ernſte Aeußerung des Ma⸗ jors herabſtimmen zu laſſen. „Nein, ich danke! Ich werde mir wohl einen Mann des Geſetzes zum Bevollmächtigten in dieſen Angelegen⸗ heiten wählen. Das Uebrige bringe ich am beſten ſelbſt in's Reine; denn ich fühle mich noch ſo geſund, daß ich wenigſtens noch zwanzig Lebensjahre zu hoffen habe.“ „Möge der Onkel noch dreißig Jahre leben!“ rief der Lieutenant mit verzweifelter Freigebigkeit.„Denn. wenn der Onkel auch nur zehn lebt, ſo bekomme ich doch noch auf einem andern Schloſſe als Groß⸗Ha⸗ marby freie Wohnung und Koſt.“ E daß 1 nete ili⸗ ich tig⸗ uzt, Sie ich. un⸗ ajor nkel eine vid⸗ ha ft ohl, eine doch her⸗ ge⸗ venn 774 203 „Ich gedenke auch mich zu verheirathen,“ fuhr der Major ganz unſchuldig fort.„Es ſoll mich freuen, wenn ich einen kleinen Majoratsherrn mit der Krücke ſpielen ſehe.“ „Aber der Onkel wollte ja nicht von ſeinen Ge⸗ wohnheiten abgehen,“ bemerkte der Lieutenant, indem er in einem erkünſtelten Lächeln ſeinen Zorn und ſein Zittern zu verbergen ſuchte. „Keine Regel ohne Ausnahme,“ antwortete der Major ruhig.„Und man kann auch eben ſo eingezogen und ſtille leben, wenn man ein junges und ſchönes Weib hat, das uns wie ein guter Genius umſchwebt.“ „Freilich, freilich! Es dürfte dann ſogar eine Nothwendigkeit werden, die Einſamkeit vorzuziehen,“ bemerkte der Lieutenant mit leichter Ironie.„Alte Her⸗ ren halten ihre jungen Gemahlinnen gerne eingeſchloſſen, damit ſie ſie in Sicherheit haben.“— „Richtig, richtig,“ ſprach der Major lachend. „Aber ich muß ausgehen.— Du wirſt entſchuldigen!“ „Das braucht es nicht; ich wollte dem Onkel nur meinen Glückwunſch darbringen.“ „Der Lieutenant ging mit einer Verbeugung zu der niedern Thüre hinaus, und verſchwand eilig auf der ſchmalen, finſtern Treppe. „Meiner Seele! Dich hab' ich heimgeſchickt!“ rief der Major triumphirend.„Aber er mußte auch einigen Lohn für den verdammten Hochmuthsteufel haben, der ihn wie einen flatternden Papagai aufgeblaſen hat.“ „SDas that gut,“ fiel Liſa ein.„Und was die Heirath betrifft...“ „So war das nur Scherz, das kannſt Du Dir wohl vorſtellen! Wenn man ſiebenundfünfzig Jahre alt und noch dazu Invalide iſt, ſo läßt man ſolche Sache ruhen.“ „Ja, aber ein Majoratsherr aus eigenem Fleiſch und Blut wäre doch in Betracht zu ziehen. Dann liebe Hammarby immer bei dem alten Zweige des Geſchlechtes, und der Lieutenant— der nicht einmal — 204 jetzt auch nur:„Guten Morgen, Madame Lindbom, wie geht's,“ oder etwas Aehnliches ſagte— könnte ſich das Maul mit einem der großen ſeidenen Sacktücher wiſchen, die er bei Blidbergs auf Kredit genommen hat. Und was dann darauf folgte, das würde er wohl ſehen, der Taugenichts, der meint, daß man nicht ſo gut ſei, wie andere Leute.“ „Du vereiferſt Dich, Madame Liſa,“ ſagte der Major,„auf Mittag werden wir Beefſteaks haben und eine Bouteille Madera. Sechszehntes Kapitel. Gleich nach Weihnachten hielt der neue Schloßherr ſeinen Einzug in Groß⸗Hammarby. Der alte Borg⸗ ſtedt, der jetzt ſehr bejahrt, aber noch immer bei der Hand war, ſtand mit entblößtem Haupt an der Treppe, um den Major zu empfangen.„Setzt nur den Hut auf,“ war das erſte Wort deſſelben, und das zweite eine Vorſtellung der Madame Lindbom,„meine Haus⸗ vorſteherin, meine rechte Hand,“ wie es in dem For⸗ mular hieß, das man gelegentlich benützte. Madame Lindbom in einem neuen prächtigen Man⸗ tel und ſchwarzen Plüſchhute verneigte ſich freundlich vor dem alten Buchhalter. Ihr Blick ſchien ihn aller Huld von Seiten Ihro Gnaden zu verſichern.. Da der Major von der Reiſe müde war, erlaubte er Liſa gerne auf eigene Fauſt in den unzähligen Zim⸗ mern des Schloſſes umherzuſtreifen; und nachdem er zu Mittag geſpeist hatte, ließ er ſich in dem kleinen, uns ſo wohlbekannten Saale nieder, wo er den Kopf gegen dieſelbe Sophaecke lehnte, wo Graf Albano größtentheils zu ſitzen pflegte.⸗ „Nehmet hier nebenan Platz, Herr Borgſtedt,“ ſprach der Major freundlich einladend.„Ich habe ſo 25 20⁵ wenig Nachrichten von meinen Verwandten gehabt, und weiß daher nicht ſonderlich viel von ihnen. Er⸗ zählt mir Einiges; es wird mich unterhalten. Wo zum Beiſpiel haben ſich die beiden gnädigen Damen jetzt niedergelaſſen.“ „Sie ſind nach Engelbro gezogen, einem Gute, das Seine Gnaden bei Lebzeiten der Gräfin als Witt⸗ wenſitz kaufte, für den Fall, daß er vor ihr hingehen ſollte. Es liegt ſechs Meilen von hier, und iſt ein recht hübſcher Ort.“ „Nun, wie ſteht es mit der Geſundheit der Gräfin und ihrer Schweſter? Dieſelbe ſoll, wie ich gehört habe, ſeit dem großen Unglück, das im Herbſt vor zwei Jahren hier paſſirte, ſehr geſchwächt ſein.“ „Ja wohl, Herr Major, wohl iſt ſie geſchwächt.“ „Die Gräfin trauert ſo ſehr, daß ſie ſich ganz von der Welt zurückgezogen hat. Und die Baronin, die längere Zeit der Sinne beraubt war, hat jetzt ange⸗ fangen, in der Religion zu ſchwärmen. Die beiden hohen Damen weinen zuſammen, und ihre wankende Geſundheit iſt auch daran ſchuld, daß ſie aller Geſell⸗ ſchaft ausweichen.“ Der Major ſeufzte theilnehmend.—„Sie hatten nicht viel Freude von Ihrer Hoheit,“ murmelte er, „aber hört, mein lieber Herr Borgſtedt, was für ein Ende nahm es denn mit der Mordunterſuchung? Sie konnten dem Kopf des Baumeiſters nichts thun— ſo viel ich mich erinnern kann?“ „Nein, der wird wohl unverletzt auf ſeiner Stelle bleiben,“ meinte Borgſtedt.„Der Baumeiſter ſaß über Jahr und Tag, aber ſie konnten ihm nichts anhaben; im Gegentheil, es ſtellte ſich, ſo weit hier ein Beweis möglich war, heraus, daß Graf Albano in einem An⸗ fall von Wahnſinn das Fräulein über das Geländer geworfen, und dann entweder nachgeſprungen war, um dem Baumeiſter bei ihrer Rettung zu helfen, oder war er mit dem Fuß ausgeglitten, als er auf der Mauer 206 herumſprang. Die Sache war nicht ſo leicht aufzu⸗ klären; aber Seine Gnaden wollten nicht, daß die Unterſuchung weiter fortgeſetzt werden ſollte, und der Richter hatte keinen Grund, ſie länger hinauszuziehen, der Baumeiſter wurde daher freigeſprochen. Stolz, wie er gekommen war, verließ er das Land. Der Graf ſchickte ihm eine wohlverſehene Börſe mit Reiſegeld, aber mit Verachtung ſandte er ſie zurück. Kein Gold, ließ er ſagen, könne die langen vierzehn Monate wie⸗ der zurück erkaufen, die er unſchuldig im Gefängniß gelitten habe.“ „Nun, das iſt nicht zu verwundern Er that mei⸗ ner Seel' recht daran,“ fiel der Major eim„Niemand kann es dem Mann verguten, daß ſeine Ehre von Man⸗ chem beargwohnt wurde, und vielleicht noch wird. Der Graf hatte vom Anfang an Unrecht, eine Klage gegen ihn zu erheben.“ „Ja, es war nicht recht wohl bedacht von Seiner Gnaden, und er bereute manchmal ſeine Uebereilung. Aber was geſchehen war, war geſchehen; und er konnte jetzt nicht mehr weiter thun, als ſich bereit erklären, die Sache fallen zu laſſen, als ſich keine Beweiſe ge⸗ gen den Baumeiſter vorfanden.“ „Es iſt ſchön, daß der Herr Borgſtedt ſeinen Herrn vertheidigt, aber den Leuten Ehre und Ruf zu ſtehlen, das iſt doch immer etwas, was in Erwägung gezogen zu werden verdient. War der Graf lange krank, ehe er hinüber wanderte?“— „O ja, eigentlich waren Seine Gnaden ſeit dem ungluͤcklichen Abend in der Grotte— es war der ſechs⸗ zehnte November— nicht mehr recht geſund, und ſahen ſich gar nicht mehr gleich. Aber ein Schlaganfall gab ihm den letzten Stoß, und machte einem Leben ein Ende, woran er nach Allem, was ich verſtehen kann, keine große Freude hatte.“—„Die Grotte will ich nächſter Tage ſehen!— Der Probſt ſoll ein artiger Mann ſein?“ „Ein ſehr anſtändiger, ordentlicher und reeller ——— —„ͤ—— 207 Mann. Der Probſt war auch ſtets im gräflichen Hauſe wohl aufgenommen,“ antwortete Borgſtedt. „Er hat wohl auch Familie?“ „Nur eine Tochter und einen alten Anverwandten, Kapitän Oernroos.“ Der Major machte noch eine Menge Fragen, die Borgſtedt mit aller Genauigkeit beantwortete. Und mit leichterem Sinne, als er ſeit vielen Jahren gethan hatte, ging der Greis am Abend zu Bette. Er hatte heute den vierten Herrn, den vierten Beſitzer von Ham⸗ marby begrüßt; und wenn er in Gedanken den harten, ſchlauen Grafen Wilhelm, den ſtolzen, leichtſinnigen Grafen Hugo, und den nur nach äußerem Schein ſtre⸗ benden Grafen Wilhelm Hugo mit dem einfachen, recht⸗ lichen Major verglich, ſo fuhlte er, wie ſein Herz ſich freute, da er der Vorzüge des Letztern gewiß war; und obſchon er bei dem Andenken an die grauſame Art, wie das hohe Geſchlecht untergegangen war, ſeufßzte, ſo genoß er doch den Vorſchmack eines freieren und beſ⸗ ſeren Lebens. In dem Weſen des Majors gab es keine freundliche Herablaſſung; er war einfach ein Menſch, der zum andern Menſchen ſprach. Am ſfolgenden Vormittag machte Probſt Frenk⸗ mann ſeine Aufwartung im Schloſſe. In dem kleinen Saale, wo der Probſt— der bei⸗ läufig geſagt, ſich noch ganz gleich war, außer daß er etwas Fleiſch zugelegt hatte— einſt gewohnt gewe⸗ ſen war, die Gräfin von H. und die Baronin von Rawenſtein zierlich zu bekomplimentiren; dort auf dem⸗ ſelben Teppich vor dem Divan, wo die noblen Füße geruht hatten, ſtanden jetzt ein paar ſehr wackere ſchwarze ederirhelſ die den unterſten Theil von Madame Lind⸗ bom's Perſönlichkeit ausmachten. Liſa, die ſtets vor⸗ ſorglich ihre hausmütterlichen Geſchäfte in Obacht nahm, war gerade damit beſchäftigt, eines der pracht⸗ vollen Kiſſen zu beſichtigen, an welchen die Motten ihr Behagen gefunden hatten.. „Was für nachläſſige Menſchen waren das, daß 208 ſie nicht beſſer nach ihren Sachen ſahen,“ ſprach eben Madame Liſa in halb zornigem Tone, als ihre Be⸗ trachtungen von einer wohllautenden Stimme hinter ihr geſtört wurden. „Gehorſamſter Diener! Habe ich vielleicht die Ehre, Frau Lindbom zu ſehen?“ Der Probſt, der aus Gewohnheit artig war, und überdieß ſchon Kenntniß von der ausgedehnten Macht hatte, welche Madame Lindbom beſaß, hielt es für paſſend, ſie auf eine Art anzureden, die den überzeu⸗ endſten Beweis von ſeiner Achtung vor der neuen Patronin geben mußte. Madame Liſa fand, daß das Organ des Probſtes äußerſt angenehm und ſeine Worte nicht ohne einen gewiſſen Geſchmack geſetzt ſeien.„Frau Lindbom!“ Hm! warum nicht? Das gab den Leuten wo möglich noch mehr Reſpekt, und paßte für ihren neuen Stand weit beſſer als Madame. „Ja, mein Name iſt Lindbom,“ erwiederte Liſa mit freundlicher Wuͤrde.„Unſer Probſt, wie ich glaube?“ „Niemand verdenke Liſa dieſes„Unſer.“ Die Alte war ſo ſehr daran gewöhnt, in der Mehrzahl zu ſprechen, daß ſie ſich keiner andern Zahl erinnerte. Gleich darauf trat der Major ein; und Alles ſchien ſich auf das Freundlichſte mit dem Probſte zu geſtalten. Natürlich kam die Rede zuerſt auf den un⸗ vollendeten Kirchbau. „Morgen komme ich nach dem Probſthofe, und dann will ich die Kirche ſehen,“ ſagte der Major. „Schade, daß wir nicht denſelben Baumeiſter behalten — konnten! Ich intereſſire mich ordentlich für den Men⸗ ſchen. Er wird es wohl nicht über ſich nehmen wollen ſein Werk zu vollenden?“— Der Probſt zuckte die Achſeln.—„Das läßt ſich ſchwerlich thun. Er war, wie der Herr Major natür⸗ lich wiſſen wird, in verſchiedene und ſehr leidige Ver⸗ 8 tand Liſa ich Die l zu llles e zu un⸗ und ajor. alten Men⸗ bllen, ſich atür⸗ Ver⸗ 209 4 hältniſſe in Schweden verwickelt, die einem ſo ſtolzen Manne, wie er iſt, den Aufenthalt hier nothwendig unangenehm machen müſſen. Ich bin überzeugt, er würde das Anerbieten zurückweiſen; und er iſt überdieß gegenwärtig vortheilhaft in Kopenhagen beſchäftigt.“ „Der Herr Probſt ſteht alſo in Korreſpondenz mit ihm,“ bemerkte der Major. „Nein, nicht gerade das; aber eine Angelegenheit, die wir mit einander abzumachen hatten, veranlaßte ein paar Briefe, und der letzte meldet, daß er ſich in voller Thätigkeit befindet.“ „Wir müſſen alſo ſo bald als möglich auf einen andern denken,“ meinte der Major und der Gegenſtand wurde hier abgebrochen. Aber während die Herren auf dem Schloſſe über Politik ſprechen, und ſich Liſa's Bewirthung wohl ſchmecken laſſen, wollen wir einen Beſuch im Probſthofe machen. Alfhild, die wir zuletzt bleich, leidend und halb in den Armen des Todes geſehen haben, hatte jetzt wieder einen Schimmer von Kraft und Geſundheit erlangt. Dieſes Leben, das in demſelben Augenblicke wieder auf⸗ flackerte, wo es beinahe für immer erlöſchen zu wollen ſchien, konnte für ſein neues Daſein nur Eine lebendige Urſache anführen, nämlich Leilers Freiſprechung. Der Tag, welcher ſein Schickſal durch das beſtimmte Aner⸗ kennen ſeiner Unſchuld an dem entſetzlichen Verbrechen entſchied, bewirkte auch eine Kriſis in Alfhilds Leben⸗ Von dieſer Stunde an verſchwand die ſchmerzliche Hitze auf ihrer Bruſt, ſie fühlte die ſcharfen Stiche weniger herb, die Schneefarbe auf ihren Wangen verwandelte ſich in einen leichten Schimmer von feinem Roſentoth und um die Lippen, die ſich beinahe zwei Jahre lang nicht zu einem Lächeln geöffnet hatten, ſpielte wieder ein leichtes Kräuſeln— es war der flüchtige Sonnen⸗ ſtrahl eines jungen Frühlingstages. „Gottes Wunder!“ ſprach Onkel Sebaſtian oft mit gefalteten Händen, wenn ihn Alfhild wieder ein⸗ Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 14 — 210 mal wie in früheren Tagen am Backenbart zupfte, oder ihm mit dem wiederbelebten Blick innig ins ſt Auge ſah. d „Du haſt Recht, Onkelchen! Gottes Wunder ſind groß,“ antwortete ſie, als ſie an dem nämlichen Nach⸗ d mittag, wo der Probſt dem neuen Schloßherrn ſeine p Aufwartung machte, bei einander ſaßen und plauderten. —„Der gute Vater dort oben hat mir ein neues Leben, d eine neue Seele, und ich glaube ſogar einen neuen 84 Körper gegeben; aber ich bin auch vollkommen über⸗ 9 zeugt, daß Leiler künftig ein ruhiger, verſtändiger und ſe redlicher Mann wird. Und Du glaubſt nicht, wie viele ſi vortreffliche Eigenſchaften er beſitzt, wie reine und warme w Gefühle ſein Herz beherbergen kann, wenn ſich nur die Heftigkeit und das Feuer ſeines Charakters etwas däm⸗, pfen läßt, und die Unruhe in ſeiner Bruſt ſich legt. m Aber das ſoll meine Sorge ſein. Ich will ununter⸗ ſe brochen ſeinen Charakter ſtudiren, bis ich ihn von Grund aus kenne; und Du wirſt ſehen, Onkelchen, oder g wenigſtens davon ſprechen hören, daß Deine Alfhild fü ein ganz gutes und verſtändiges Weib geworden iſt.” ic „Kind, Kind, und Du willſt das kuͤhne Spiel wa⸗ w gen, Du willſt mit dieſem Abenteurer von Vater und ti Heimath, von Deinem alten Onkel fortziehen in ein la fremdes Land, wo Dich Niemand verſteht?“ 4 ni „Wo mich Niemand verſteht— ſagſt Du, Pa⸗ ba pachen! Glaubſt Du, daß Leiler, der mich ſo zärtlich ich liebt, jemals aufhören werde, mich zu verſtehen? fr Nein, nie! Ich fühle es mit feſtem Gauden in meiner Seele, daß es ihm nur an einem Weſen fehlt, das er Il von innerſtem Herzen lieben kann und das ihm eben ne ſo liebevoll wieder zugethan iſt, um einer der beſten we Menſchen auf Erden zu werden. Niemand wird ihn ſo S verſtehen wie ich; und deßhalb kann er mich auch nicht er entbehren.“* „Aber wir, Dein Vater und ich— glaubſt Du, ga wir können Dich entbehren?“ ſagte Onken Sebaſtian vorwurfsvoll.. ,—‧— 211 „Soll nicht das Weib dem Mann folgen?“ flü⸗ ſterte Alfhild in ſüßem, vermittelndem Tone, und legte den Kopf vertraulich an des alten Sebaſtians Bruſt. „Um dann von ihm verlaſſen zu werden,“ wandte der alte Oernroos ſchärfer ein, als er ſonſt zu thun pflegte. „Das glaubſt Du nicht, Onkel Sebaſtian,“ erwie⸗ derte Alfhild mit einem gewiſſen Selbſtgefühl.„Ich weiß gewiß, daß Du das nicht glaubſt. Verdamme Leiler nicht ganz! Er hat gefehlt, ſehr gefehlt; aber ſein Charakter und die unglücklichſten Zufälle hatten ſich gegen ſeine beſſeren Gefühle verſchworen. Und Du weißt ja,“ ſetzte ſie mit ſcheuem, geſenkten Tone hinzu, „daß er Marie nie liebte.“ „Ich höre, daß ſeine beredte Zunge auch Dich be⸗ meiſtert hat. Im Anfang, Kind, als Du erfuhrſt, er ſei verheirathet, ſprachſt Du anders.“ Alfhild erröthete ſtark.—„Papachen,“ ſprach ſie. ganz leiſe,„glaube nicht, daß ich das jetzt weniger fühle, was dieſe Umſtände betrifft; aber damals wußte ich ja nicht, daß er ſich von ſeiner Gattin trennen würde, eben ſo wenig, daß ſeine Treue und Standhaf⸗ tigkeit ſolche Proben beſtehen könnte, als er jetzt durch⸗ laufen hat; auch hatte ich die gräßlichen Geſchichten nicht geleſen, die mich wie eine ⸗Zauberkette an ihn banden. Aber die Zauberei liegt wohl nur in der Liebe; ich liebe ihn, und will mit ihm leiden, mit ihm mich freuen und ſterben.“ Der alte Sebaſtian ſchüttelte den Kopf. Dieſe Ideen, ſo natürlich ſie auch in einem Gemüthe erſchie⸗ nen, das für die lebendigſten Eindrücke empfänglich war, welche der Liebende dort eingepflanzt hatte, konnte Onkel Sebaſtian nicht begreifen.„Alfhild, mein Kind,“ ſagte er beinahe weich,„an dem Abend, wo der Baumeiſter hier war und Abſchied von Dir nahm, muß er Dich ganz umgeſchaffen haben! Du haſt zwar immer ein fühlendes Herz, und ein warmes Gemüth gehabt; aber ſo wie jetzt haſt Du nie früher geſprochen Du haſt 212 den Worten Deines alten Freundes geglaubt, und nicht mit ihm gezankt, als ob er nicht Dein Beſtes wollte.“ Alfhild ſchlang die Arme um den Hals des Greiſen. —„Verzeihe mir, Papachen, wenn ich ihn mit zu viel Eifer vertheidigt habe!“ bat ſie innig und demüthig. „Und wenn Du nur nicht mehr ſagen willſt, daß er mich verlaſſen könne, ſo will ich alles Andere geduldig hören. Aber es ſchneidet mir in das Herz, daß Du, Onkel Sebaſtian, den ich ſo ſehr liebe, ſchlecht von ihm denken ſollſt.“ „Nun, nun, mein Täubchen, wenn er beſſer iſt als ſeine Handlungen, ſo iſt es mir lieb; aber ſiehſt Du, Kind, nach dieſen habe ich meiner Lebtage die Men⸗ ſchen beurtheilt, und ſie pflegen auch im Allgemeinen ein ziemlich ſicheres Kennzeichen der Charaktere zu ſein.“ „Ja, aber, Onkel Sebaſtian, es gibt Verhältniſſe, — Du, der ſo lange in der Welt gelebt hat, weißt das wohl,— die finſterer ausſehen können, als ſie in der That ſind; und wenn wir das Innere jedes Men⸗ ſchen durchſchauen, und all, die Triebfedern aufdecken könnten, die ihre Handlungen veranlaßt haben, würden wir ſie vielleicht weniger ſtreng beurtheilen.“ Der alte Sebaſtian lächelte.„Du haſt recht advo⸗ eiren gelernt, mein Täubchen, doch ich will nicht ge⸗ rade behaupten, daß Du Unrecht haſt. Solche Verhält⸗ niſſe kann es geben, obſchon, wenn die Handlungen zweideutig ſind, die handelnde Perſon im Urtheil der Welt ebenfalls den Anſtrich von Zweideutigkeit bekommt.“ Alfhild ſeufzte; und einige Thränen, die ihr der Schmerz, Sebaſtian nicht überzeugen zu können, ent⸗ preßte, fielen auf ſeine Hand.—„Du wirſt recht böſe gegen mich,“ flüſterte ſie in kindlich vorwurfsvollem Tone:„Du willſt eben nicht, daß ich Recht habe!“ „Gott gebe, daß Du Recht habeſt, Kind! Du kannſt es nicht wärmer wünſchen, als ich ſelbſt,“ ſprach der alte Oernroos, indem er freundlich mit der Hand die Thränen von den Wangen ſeines Lieblings a wiſchte.„Aber Du wirſt wohl auch begreifen, d F=ESSS S8AN icht te. ³ ſen. viel hig. 3 er ldig Du, ihm als Du, Nen⸗ inen in.“ niſſe, veißt ie in Nen⸗ ecken „ſo len.“ udvo⸗ t ge⸗ hält⸗ ngen l der imt.“ r der ent⸗ 213 Dein alter Freund ein Gefühl der Bitterkeit, vielleicht ſogar Neid empfindet, wenn er Dich ſo bereit ſieht, das alte, theure Band zu löſen, um ein neues zu knüpfen, deſſen Stärke Du wenigſtens nicht ſo erproben konnteſt, wie das erſtere.“ „O ja, Du haſt Recht! das iſt grauſam, das iſt herzzerreißend!“ rief Alfhild, die ſich gewaltſam von ihrer gegenwärtigen Ruhe und Hoffnung zu dem Ge⸗ danken an all' die Schmerzen hingezogen ſah, die ihr die Zukunft noch bewahrte.„Aber mein Verſprechen! Ach, Onkelchen, ich muß mit ihm gehen, wenn auch Dein und mein Herz dabei verblnuten ſollten; denn ein Verſprechen, das haſt Du mir ſelbſt geſagt, iſt heilig. Doch wir haben noch ein gutes Stück Zeit bis dahin; wer weiß, was Gott thun kann, ehe ſich der Braut⸗ kranz in meine Locken flicht.“ „Wahr, Kind, wir wollen uns die Gegenwart nicht durch Kummer um die Zukunft verbittern. An dem Tage, wo Du vor dem Altare ſtehſt, ruhen wohl die Gebeine des alten Sebaſtian in den Mauern des Kirchhofs.“ „Oder vielleicht...“ Alfhild wurde hier durch das raſſelnde Geräuſche eines noch jetzt ſo genannten neuen Holſteiners unterbrochen, der in den Hof rollte. Ein paar Augenblicke ſpäter ſtieg der Probſt aus, und trat in den Saal, indem er Alfhild und Onkel Seba⸗ ſtian freundlich zunickte. „Nun, wie findet der Bruder den neuen Schloß⸗ herrn?“ fragte der alte Oernroos, der aus Frenk⸗ manns zufriedener Miene erſah, daß Alles gut ſtehe. „Nun, er ſcheint mir ein braver Mann in der vollen Bedeutung des Wortes zu ſein, obſchon er keine Spur von der Feinheit der früheren Grafen in Perſon und Benehmen hat,“ erwiederte der Probſt. „Spracht Ihr von der Kirche?“ fragte der Kapi⸗ tän, der ſich auf das Höchſte dafür intereſſtrte, den neuen Tempel fertig zu ſehen. „Ja wohl, thaten wir das! Der Major verſchreibt nehm drinnen ſein ſoll. Wenn ich draußen bin, ſo ſitzt 214 mit dem nächſten Poſttag einen neuen Baumeiſter; und in mit Gottes Hülfe können wir hoffen, unſere Kirche bis ei zum Herbſt eingeweiht zu ſehen.“ a —:.. w Siebenzehntes Kapitel. ſe —. E „Höre Du, Liſa,“ ſagte der Major eines Tages be zu ſeiner vertrauten Hausregentin.„Ich weiß nicht, un wie es kommt; ich langweile mich in dieſem großen D Schloſſe hier oft mehr, als ich in unſerer kleinen Dach⸗ bi kammer that, und ich leſe doch meine Zeitungen, trinke A meinen guten Wein, ſchwatze mit dem Probſt, und mache in meinem bequemen Wagen meine ordentlichen Touren 5 nach dem Kirchbau und freue mich an der baldigen ie Vollendung deſſelben. Aber deſſen ungeachtet wird mir ge der Tag oft länger, als damals, wo ich mit der Kreide ei in der Hand da ſaß, und Dir Schlachtpläne vorzeich⸗ A nete. Und Du, Madame Liſa, haſt jetzt weniger Zeit, F. mich anzuhören. Du biſt zu ſehr von all den Geſchäͤf⸗ ten in Anſpruch genommen, die auf Dich gefallen ſind.“ „Ei, Gott behüte, ſo ſoll der Herr Major nicht ſprechen,“ ſagte Liſa ermahnend.„Aber ich will Ihnen ſagen, woran es liegt. Als wir in der kleinen Dach⸗ ſtube wohnten, da war das Zimmer ſo enge, daß es an zwei Menſchen genug war, um Geſelligkeit und Ge⸗ müthlichkeit hineinzubringen. Aber ſehen Sie, Herr Major, es iſt etwas ganz Anderes, ein gräfliches Schloß mit einer langen Reihe von Zimmern zu beſitzen. Da muß man Leute haben, die ſie füllen, wenn es ange⸗ der Herr Major allein, oder hat höchſtens den Probſt oder den alten Borgſtedt, mit denen er ſprechen ka aber das iſt zu wenig. Es ſollte beſſer ſein!“ „Beſſer, ſagſt Du, Madame Liſa, wie ſo denn ſein?“ 4 „Ei der Herr Major ſollten heirathen. W denn ſieben und fünfzig Jahre? Da iſt ein M und bis ges cht, ßen ach⸗ inke ache iren igen mir ange⸗ ſitzt robſt ann; te es ſind noch 215 in ſeinen kräftigſten Jahren, und bekämen wir nur eine junge Frau ins Haus, dann würde man ein ganz anderes Leben ſehen!“ „Zu viel Leben, Madame Liſa! Du und ich, wir würden dann nur noch Nullen ſein, das würdeſt Du ſehen. Gott bewahre uns vor ſolch einer Thorheit! Ein Mann in ſeinen beſten Jahren ſagſt Du! Ein ſau⸗ berer Mann mit einem Bein, das an der Krücke geht, und einem, das ein lebendiger Barometer iſt! Glaubſt Du, das ſei etwas, was man einer jungen Frau an⸗ bieten dürfe! Nein, Madame Liſa, dießmal hat Dein Wohlmeinen Deine gewöhnliche Klugheit übertölpelt.“ „Ich ſagte ja nicht, daß ſie gerade ein junges Täubchen ſein müſſe, was die Jahre betrifft, obſchon ſie immer eine junge Frau ſein wird, in ſo fern ſie erſt geheirathet hat,“ ſagte Liſa mit zu viel Laune, um einen Widerſpruch zu finden.„Kurz und gut, auf dieſe Art würden der Herr Major fühlen, daß er einige Freude von ſeinem Leben und ſeinen Reichthümern hat.“ „Aber glaubſt Du, Liſa, daß Du ebenfalls Freude und Behagen daran finden würdeſt, wenn Du von nun an einer Hausfrau gehorchen und Dich nach ihrem Willen richten müßteſt?“ „Wenn ſie den Herrn Major glücklich machte, ſo würde ich mich wohl darein finden können,“ antwortete Liſa in demüthigem Tone, der jedoch immerhin bewies, daß es ihr ein Opfer ſein würde. „Aber ich könnte es nicht ertragen, wenn mein Weib Dich kommandirte, Liſa! Nein der Vorſchlag taugt nichts; der muß geradezu verworfen werden.“ Liſa ſah mißvergnügt aus.„Ich hatte ſchon aus⸗ gemacht, wie es bei der Wahl zugehen ſollte,“ ſagte ſie halblaut. „Und wie denn, Liſa? Das kannſt Du mir ſchon ſagen— nur der Unterhaltung wegen, ſiehſt Du.“ „Nun, ich habe ſo gedacht: der Major hat bei den Nachbarn Beſuche abgeſtattet, und iſt zu ihnen einge⸗ laden worden, obſchon er ſtets zu Hauſe bleibt. Jetzt —— 216 iſt die Reihe an uns. Wir geben allen Standesperſonen Ka der Umgegend ein Mittageſſen; unter jenen gibt es, kar wie ich mir habe ſagen laſſen, einen ganzen Haufen git älterer und jüngerer Faͤuleins. Wenn wir ſie nun jun Alle hier um einen Tiſch herum Aug' gegen Auge pla⸗ in eirt haben, ſo würden wir wohl unſere eigenen Augen 17. aufmachen und Eine für würdig erkennen. Das Uebrige leit machte ſich dann von ſelbſt!“ des „Was das Mittageſſen betrifft, Madame Liſa, wa⸗ rum nicht? Ich habe meiner Lebtage nie ein großes den Diner gegeben. Das müßte ſehr ergötzlich ſein, ob⸗ gek ſchon mich lange Mahlzeiten bei Andern ſtets geplagt zig haben. Und dann können wir ja die Weibsleute an⸗ wei ſehen; das thut uns und ihnen keinen Schaden.“— den Liſa's Augen ſtrahlten. Sie war eine zu edle Seele, ter um mit Neid an die zu denken, die ihr vielleicht mit als Undankbarkeit ihre warme Bemühung für das Glück wol ihres Herrn lohnen würde. Liſa beirachtete ſich ſelbſt ein, ſtets in zweiter Reihe! und ſo lange der Major in der zwe erſten ſtand, geſtattete ſie dem eigennützigen Gefühle, rech das ihr zuflüſterte, daß ihr eigenes großes Anſehen zub bei dieſem Umſturz der Dinge verloren gehen würde, Per weder Sitz noch Stimme. 7 ſei, Das Diner wurde auf den 17. Mai feſtgeſetzt; Frä und acht Tage vorher wurden die Einladungen nach halt allen Ecken und Enden der Gegend ausgefertigt. Der bei Endzweck des großen Feſtes wurde natürlich geheim gehalten; aber Madame Liſa hatte ihn im tiefſten Ver⸗ gera trauen Borgſtedt mitgetheilt, der ihn ſo ſonderbar fand, ten daß er ihn noch an demſelben Abend unter dem Ver⸗ ſprechen des Stillſchweigens dem alten Oernroos mit⸗ theilte, der ihn wieder ſeiner Seits wie Alles ſeiner Alihild erzählte. Weiter wäre es jedoch nicht gekom men, wenn nicht der Zufall gewollt hätte, daß die kleine Anna, die nach der großen Auflöſung im Schloſſe be dem Probſte diente, im äußern Zimmer ſaß und je Wort hörte. Anna konnte für ihren Tod ein ſolche Geheimniß nicht verſchweigen, das, auf die Weiſe d ten es, fen un la⸗ gen ige va⸗ ßes ob⸗ agt an⸗ ele, mit lück lbſt der hle, hen rde, etzt; nach Der eim Ber⸗ and, Ver⸗ nit⸗ iner om⸗ eine bei edes ches des 217 Kapitäns erzählt, einen eigenen komiſchen Anſtrich be⸗ kam. Als ſie am nächſten Sonntag nach der Kirche ging, erzählte ſie ihre Neuigkeit drei bis vier Haus⸗ jungfern; und nun flog das Gerücht wie eine Rakete in der Gegend umher: der alte Major wolle am 17. Mai einen großen Wahltag halten; und das Fräu⸗ lein, welches dabei Probe hielte, ſollte die Stammmutter des neuen Geſchlechtes in Hammarby werden. Welch ein Kopfverbrechen und Abmühen an all' den Orten, wohin die intereſſanten Einladungskarten gekommen waren! Alle Fräulein über fünf und zwan⸗ zig laſen an der Stelle der Einladung zum Diner die weit angenehmere Einladung, den Fräuleintitel gegen den der gnädigen Frau auszutauſchen; und alle Müt⸗ ter, deren Töchter keine größere Anzahl Jahre hatten, als ſechszehn, ſiebenzehn oder achtzehn,— ein Alter, wobei es natürlich iſt, den Vorzug eines Wahltags einzuſehen,— ſparten keine Mühe, ihnen den End⸗ zweck deſſelben mit allen Haupt⸗ und Nebenumſtänden recht begreiflich zu machen. Man wußte auch heraus⸗ zubringen, daß Madame Liſa eine höchſt bedeutende Perſon und ihre Stimme vielleicht von mehr Gewicht ſei, als die des Majors ſelbſt; deshalb erhielten alle Fräulein vor und während der Reiſe beſondere Ver⸗ haltungsbefehle in Beziehung auf die Art, wie ſie ſich bei Frau Lindbom einſchmeicheln ſollten. Am Morgen des bedeutungsvollen Tages, als Liſa gerade eifrig in der Küche beſchäftigt war, die Bedien⸗ ten den Tiſch im großen Speiſeſaale deckten, Borgſtedt die Weine mit geuͤbtem Auge prüfte und ordnete, und der Major in ſchönſter Ruhe am Fenſter lag und ſeine Pfeife rauchte, fuhr ein Wagen in den Burghof und aus demſelben hüpfte ein junger Militär. „Mich ſoll der Henker holen, wenn das nicht Li⸗ nus, mein Herr Neffe, iſt,“ ſagte der Major mit einem gutmüthigen Lächeln.„Nun, der wird ein langes Ge⸗ ſicht machen, wenn er erfährt, was man hier vor hat.“ — Es rauſchte im Korridore, und gleich darauf ſtand 218 Lieutenant H. mit einer etwas unſichern Miene und Haltung vor dem Wirthe des Hauſes. „Entſchuldigen Sie, mein wertheſter Onkel, daß ich ſo ohne alles Weitere hier auf einige Zeit einfalle; aber es iſt beſſer, wenn ich gleich zum Voraus geſtehe, daß ich einen längern Beſuch machen will. Die Sache iſt in Kürze die, daß, als ſich das Gerücht von der beabſichtigten Heirath des Onkels nach der Hauptſtadt verbreitete, meine Gläubiger von einer wahren Raub⸗ gier ergriffen wurden; und ich habe mir nun,— da man ſtets ſchuldig iſt, ſein eigenes Weſen zu wahren,— um nicht verſchlungen zu werden, die Freiheit genommen, den Onkel mit einem Beſuch in Hammarby zu über⸗ raſchen. Es ſcheint hier Platz genug auch für den theuren Neffen des Herrn Onkels zu ſein.“ In dem Tone des Lieutenants lag eine Miſchung von Bitte und eigenmächtigem Trotz, eine Art verzwei⸗ felter Unverſchämtheit, über die ſich zu ärgern, der Major zu gutmüthig war. Freundlich erwiederte er:„Du biſt wilkkommen, Linus; aber ſtelle Dich beſſer mit Madame Liſa— oder mit Frau Lindbom, wie ſie hier im Schloſſe genannt wird— als Du früher gethan haſt; ſonſt wird Dein Aufenthalt nicht ſo angenehm und viel⸗ keicht auch nicht ſo lang ausfallen, als Du gerechnet haſt.“ Ach herzensgeliebter Onkel,“ antwortete der leicht⸗ ſinnige, in die Vorhöfe des Himmels beförderte Lieutenant, indem er dem Major kräftig die Hand ſchüttelte;„Ihre Güte kann ſich nur mit meiner Dankbarkeit meſſen; und wenn es dem Onkel beliebt, mir ſelbſt einen Wink über den rechten Weg zu geben, ſo werde ich zeigen, daß ich der gelehrigſte junge Mann bin, der je als hoffnungs⸗ loſer Prätendent eines Majoratserben auftrat. Wo be⸗ fiehlt der Onkel, daß ich mich etabliren ſoll?“— „Etablire dich, wo Du willſt; nur nicht in meinen Zimmern und im Speiſeſaal, wo ſie gerade im beſten Aufdecken ſind. Ich gebe heute den Notabilitäten der Gegend ein Mittageſſen.“ 5. 8 SeheheSeee 219 „Nun, das weiß ich,“ fuhr der Lieutenant mit einem eigenen Lachen fort.„Der Wahltag des Onkels iſt, glaube ich, im ganzen Reiche bekannt; und es war eigentlich nur um noch zur rechten Zeit zu einer ſo ungewöhnlichen Feierltichkeit zu kommen, daß ich Tag⸗ und Nacht hieher gejagt bin.“ „Was für ein Wahltag, Linus?“ Der Major ver⸗ ſtummte vor Verwunderung, als ihm dieſes Licht auf⸗ geſteckt wurde. Sein und Liſa's tiefſtes Geheimniß, in den ſchweigenden Wänden des Schlafgemaches abgehan⸗ delt, ſollte verrathen ſein, war vielleicht, als ein höchſt lächerliches Ding, der Gegenſtand des Briefwechfels zwiſchen Freunden auf dem Lande und in der Haupt⸗ ſtadt geworden! Der Major erroͤthete ſtark und ſaugte an dem Schnurrbarte, als wollte er ihn zerbeißen; und je mehr er über das Närriſche des Planes nachdachte, deſto erbitterter wurde er, da er vielleicht jetzt ein Ge⸗ genſtand des allgemeinen Gelächters geworden war. Mit einigem Triumph bemerkte Linus die Schwach⸗ heiten des Alten, und baute darauf kühn, ſeine weite⸗ ren Fortſchritte.„Mein guter Onkel,“ ſagte er mit einem leichten Achſelzucken,„erlaſſen Sie es mir, mich darüber auszuſprechen; denn bei meiner Ehre und mei⸗ nen Gläubigern! wenn der Onkel die perſoniſicirte Geduld ſelbſt wäre, ſo würde er doch über die Scham⸗ loſigkeit und die Bemühungen dieſer Menſchen ergrimmt werden. Man wird Ihnen die herzlich lächerliche Art nie verzeihen, wie Sie ſich ein Weib wählen wollten. Und ich ſage es Ihnen offen, Onkel; Sie hätten die Sache geheimer halten ſollen! Aber entſchuldigen Sie, ich bin hungrig wie ein Wolf. Ich muß Frau Lind⸗ bom meine Aufwartung machen.“. Die gerunzelte Stirne reibend, ſtand der Major am Fenſter, und konnte für ſein Leben nicht begreifen, wie die Sache herausgekommen ſein ſollte, und das noch mit einer ſolchen Färbung. Er, der Major ſelbſt, war alſo für den alten Narren gehalten, der nicht zwei Schritte nach ſeiner eigenen Naſe, ſondern ſtets auf 220 das Kommando ſeiner Haushälterin ging.—„Dumm, verflucht dumm war das Alles,“ dachte der Major; „aber ſte ſollen ſich in Ewigkeit nie einer Wahl freuen, und die ganze Sache wird als ein leeres Geſchwätz an⸗ geſehen werden und als ſolches ſterben.“ Während dieſe Betrachtungen von dem ehrlichen Major gemacht wurden, eilte Linus nach dem Theil des Hauſes, dem er keineswegs die letzte Stelle ein⸗ räumte, nämlich dahin, wo Küche und Speiſekammern lagen. Mit kühner Hand öffnete er den Eingang zu Liſa's geheiligtem Umkreiſe und ſah, wie ſie dort, mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt, die herabgefallene Haube an einem Ohre hängend, in einer großen Schüſ⸗ ſel voll Fleiſch mit beiden Armen hin und her wiegte und mit einer gewaltigen Kelle darauf los ſchlug. „Gehorſamer Diener, Frau Lindbom! Entſchuldi⸗ gen Sie meine Dreiſtigkeit, daß ich hier ſo unvorher⸗ noch mein Ueberſehen bei unſerer letzten Begegnung abbitten muß, wo ich weder rechts noch links ſah, ſo konnte ich nicht bis Mittag warten, ſondern flog wie eine Rakete, ſobald ich den Onkel begrüßt hatte, zu geſehen in die Küche hereinſteige; aber da ich Ihnen f der Wirthin hinab, um mit ein paar frenndlichen 4 Worten der Verzeihung in meiner neuen Heimath inſtallirt zu werden.“ 1 „Was neue Heimath? Hat man je ſo etwas gehört?“ Liſa's Augen blitzten wie die Funken aus dem Kamine. „Der Herr Lieutenant kommt in der That, wie er ſelbſt ſagte, ſehr unvorhergeſehen. Er wird wohl kein ſo ſchlech⸗ tes Gedächtniß haben und ſich noch erinnern, wie...“ „Beſte Frau Lindbom,“ unterbrach ſie Linus ſchnell, „ich bitte Sie, überzeugt zu ſein, daß ich nicht ſo frei eweſen wäre, mich ſo auszuſprechen, wenn nicht der Onkel eben geſagt hätte:„Du biſt willkommen, Linus, du kannſt in Hammarby bleiben, ſo lange es Dich ge⸗ lüſtet, wenn nämlich die Wirthin, meine getreue Frau Lindbom, Dir gewogen iſt.“—„Wir weſten ſehen ſagte ich,„ob ſie nicht, allen kleinlichen Gro l vergeſſe nm, or; ien, an⸗ hen heil ein⸗ mer⸗ 3u mit lene hüſ⸗ egte ldi⸗ her⸗ ſnen ung ſo wie zu chen nath rt?“ nine. elbſt lech⸗ frei der nus, ge⸗ Frau 221 ihren hohen Vorgängerinnen in Hammarby's Schloß gleicht. Ich laufe ſogleich hinab und verſuche es.— Und jetzt ſteh' ich hier, die Bußfertigkeit ſelbſt, und bettle um einen Blick, ein Wort, ein kleines Zeichen der Verzeihung für alte Sünden.“ „Und der Herr Lieutenant denkt, daß ich heute nichts Anderes zu thun habe,“ antwortete Liſa, jedoch ſichtbar durch die Demuth des Lieutenants beſänftigt, ſo wie auch mit der ſchönen Handlungsweiſe des Ma⸗ jors zufrieden, welche der Letztere in das beſte Licht geſetzt hatte.„Aber das muß ich ſagen,“ ſetzte ſie mit einer Miſchung von Anſpruchloſtgkeit und Stolz hinzu,“ ich habe ſo viel in der Welt gelebt, um zu wiſſen, daß die Dienerin ſich dem Herrn nicht widerſetzen ſolle. Und da der Herr Major den Lieutenant will⸗ kommen geheißen hat, ſo habe ich nichts dagegen.“ „Nach ſo viel Edelmuth von Frau Lindbom's Seite,“ fiel Linus ein,„wage ich zu hoffen, daß ein vollkommener Friedenstraktat durch ein kleines Früh⸗ ſtück abgeſchloſſen werden könne.“— Er trat der Wir⸗ thin ganz nahe. „Wenn der Herr Lieutenant in den kleinen Saal hinausgeht, ſo werde ich Etwas hineintragen laſſen.“ „Nein, um Alles in der Welt nicht, meine beſte Frau Lindbom! Glauben Sie denn, es fehlt mir ſo ſehr an Verſtand, um nicht einzuſehen, daß Sie heute zu beſchäftigt ſind, um ſich mit einem ſo unbedeuten⸗ den Weſen, wie ich bin, abgeben zu können! Erlauben Sie mir, als einem künftigen Tagesgaſt, in die Speiſe⸗ kammer zu gehen, und eine Butterſchnitte zu nehmen, denn um meinetwillen ſoll ſich Frau Lindbom gewiß keine Beſchwerlichkeiten machen.“ Jetzt ſtieg der Lieutenant um zehn Procent in Ma⸗ dame Liſa's Gunſt. Und wäre die Speiſekammer in der gewöhnlichen Ordnung geweſen, ſo hätte er wohl hinein⸗ gehendürfen; aber leider war die Revolution des Tages hier ſtchtlicher als irgendwo, und deßhalb ſetzte Liſa ein paar Teller auf eine Platte, ging ſelbſt hinein und füllte 222 ſie mit allerhand Leckerbiſſen. Als ſie wieder in die Küche heraustrat, ſtand Linus mit einem großen Küchentuch um den Leib gebunden da und war damit beſchäftigt, die Butter aus allen Kräften in das Fleiſch hinein zu peitſchen. „Herrgott! was legt ſich der Herr Lieutenant auf!“ rief Liſa lachend.„Ja, das wäre gerade ein Geſchäft für einen Herrn! Da nehmen Sie den Teller und gehen Sie in das Eckzimmer dort.“ „Ach! Frau Lindbom, wir werden Freunde werden,“ ſprach Linus mit prophetiſchem Tone, und verſchwand eilig mit der Frucht ſeines erſten Verſuches. Die Gäſte waren verſammelt, und um den anfangs reichen Mittagstiſch geordnet. Seidene Gewänder rauſch⸗ ten gegen ihre anſpruchsloſeren Nachbarn. Blumen, Perlen, Federn und bloße Haare wechſelten, jen dem verſchiedenen Alter und Geſchmacke der Dame aber an einer untern Seite des Tiſches ſaß ein junge Mädchen in einem einfachen, weißen Kleide, und mit einer einzigen natürlichen Lilie an der Seite der wenigen Locken eingeflochten. Auf ſie ſahen die ſtolzen, roſigen Fräulein mit Neid; denn Lieutenant von H., ohnen Widerrede der ſchönſte Mann in der Geſellſchaft, un eine Art geſchäftiger Vicewirth, hatte ſeine Blicke ununterbrochen auf ſie gerichtet; und als ſie einmal bei einem Zug von der Thüre her, das helle Flortuch, das wie eine leichte Wolke die ſchönen Formen umhüllte, feſter z0 ſich zog, ſo ſprang er auf und holte ihren Shawl, den er auch ſogleich wieder erkannte, obſchon er ihn nur eine kleine Weile an ihr geſehen hatte. 1 „Er weiß gewiß nicht, wer es iſt,“ flüſterte ein junges Fräulein einer Andern zu. Und ſo war es auch. Lieutenant Linus wußte nicht, wer das reizende Mädchen war, bis eine von den gnã⸗ digen Damen der Nachbarſchaft mit einem leichten Kopfnicken ſprach:„Wie ſteht das Befinden, meine kleine Mamſell Frenkmann? Eine Roſe würde ſich beſ⸗ ſer in den Locken ausgenommen haben, als eine Lilie.“ Alfhild erröthete. Aber ohne eine Antwort abzu⸗ warten, wandte ſich die Sprechende an ihre Nachbarin, um das Urtheil derſelben über den Kopfputz einer ge⸗ genüber ſitzenden Dame zu hören. „Die Tochter des Probſtes? Ein vortrefflicher Zeit⸗ vertreib während eines Aufenthalts auf dem Lande!“ dachte Linus, und verdoppelte, zum Aerger der Fräulein, ſeine feinen Artigkeiten gegen das ſchöne unadelige Mäd⸗ chen. Aber die Mütter hatten ihre Augen beſtändig auf den Major gerichtet, der zwiſchen einer kugelrunden Generalin und einer außerordentlich magern verwittwe⸗ ten Baronin ſaß und unter der Bürde ſeiner ſchweren Obliegenheit, ihnen ſo gut als möglich die Honneurs zu machen, ſchwitzte und ſtöhnte. Er war ſo vollauf damit beſchäftigt, ſeine beiden Nachbarinnen zu beſorgen, oder vielmehr ihnen nachzukommen, daß er nicht mit einem einzigen Blick einen andern Theil der jungen Damen überſchauen konnte, als den, welchen die Generalin und die Baronin ihn wechſelsweiſe aufforderten, in Au⸗ genſchein zu nehmen; und was er dort ſah, war ſo wenig verführeriſch, daß der Major Gott dankte, als die Pein und das Mittageſſen glücklich vorüber war. Der Reſt des Tages verlief langſam und langwei⸗ lig. Alle Verſuche, den Major in ein Geſpräch mit den edlen Töchtern, oder über dieſelben zu verwickeln, waren verlorene Mühe. Der Major rauchte ſeine Pfeife, in Geſellſchaft der Herren und ließ Linus das Feld bei den Damen behaupten. Aber der Lieutenant, ein muthwilliger Junge, that, was ihm gerade am lieb⸗ ſten war; er wendete und drehte ſich in allen Richtun⸗ gen um Alfhild, die andern Damen kamen ihm ohne Ausnahme zu alt oder zu häßlich, oder gar zu wenig 224 intereſſant vor, um einen jungen Mann feſſeln zu können, der eben von der Hauptſtadt angelangt war. Auch der letzte Verſuch lief nicht gut ab. In einem Zimmer zur Rechten des Prunkgemaches ſtand Madame Liſa und ſervirte den Kaffee. In dieſem Zim⸗ mer machte ſich eine Gnädige nach der andern irgend ein Geſchäft, und konnte einen ſo unübertrefflich guten Kaffee und ein ſo wohl bereitetes Diner, das Seines⸗ gleichen ſuchte, nicht genug preiſen und bewundern. Frau Lindbom's Schultern wurden auf die herablaſ⸗ ſendſte und anmuthigſte Art geklopft; aber da Liſa noch vor Ankunft der Gäſte einen Wink von dem bedeutenden Aerger des Majors bekommen hatte, ihren feinen Plan auf eine ſo wenig angenehme Art verrathen zu ſehen, ſo war auch ſie mürriſch geworden, und ſah jetzt in jeder Artigkeit nur das, was es auch allerdings haupt⸗ ſächlich war, nämlich ein Bemühen, ihre Gunſt zu erlangen. Aber daraus wurde nichts! Madame Liſa war mie unzugänglicher als heute; und Niemand konnte ſich eines freundlichen Wortes ſchmeicheln, als Alfhild, die ihr ſogar beim Kaffee ſerviren helfen durfte, da ſie ſelbſt nicht ſo ſchnell damit fertig wurde, als die lee⸗ ren Taſſen zurückkamen. Mit einem Gefühl des Mißbehagens, das einer getäuſchten Erwartung gleich ſah, ſetzten ſich die ele⸗ ganten Damen wieder in ihre Wagen, und das trockene„Ich danke“ des Majors auf ihre zuckerſüßen Einladungen, erſchien ihnen ſo abſchreckend, daß Jede ſich vollkommen überzeugt hielt, der vielbeſprochene Wahltag ſei nur ein Mährchen geweſen, das irgend ein Spaßvogel erfunden habe. Aus dieſer Urſache ließ es ſich leicht erklären, daß jede Familie, die dem Di⸗ ner in Hammarby beigewohnt hatte, es ſich höchſt an⸗ zelegen ſein ließ, dieſes Geſchwätz zum Schweigen zu ringen, und bald hatte Niemand je ſo etwas Erbärm⸗ liches gehört, als die Geſchichte von dem ſogena Wahltag. Aber Einer war, der ſich im Grund ſeines Herz Sae,e einer e ele⸗ das ſüßen Jede chene rgend e ließ n Di⸗ ſt an⸗ en zu bärm⸗ unnten erzens 225 freute— nämlich der Lieutenant Linus!„Mein beſter Onkel,“ ſagte er am andern Tage beim Frühſtück,„ſagen Sie mir jetzt vor Allem, welche von den Damen, die ich geſtern das Glück hatte kennen zu lernen, wird meine liebwertheſte Frau Tante? Fräulein T. iſt recht artig, hat einen charmanten Wuchs, aber ſie ſchielt er⸗ bärmlich; und ihre Frau Schweſter, die gnädige Wittwe im ſchwarzen Flortuch, ſah ſo ſchmachtend aus, daß ich ſelbſt am Verſchmachten war, wenn ich nur mit einem Fuße in den Zauberkreis kam, in dem ihr Liebreiz ſeine Macht ausübte. Und Fräulein B., und Fräulein O. und R., und noch viele andere ſind alle...“ „Still um Gotteswillen! bringe mich nicht um das Gehör mit Deinen dummen Poſſen,“ ſagte der Major in einem ungewöhnlich ernſten und verweiſenden Tone. „Wer hier im Hauſe bleiben will, darf kein Wort von der verteufelt dummen Geſchichte erwähnen, die geſtern jeder Frau vor der Naſe hing, welche eine Tochter zu verheirathen hatte.“ Der Lieutenant war zufrieden. Er hieb geſchickt einen Truthuhnflügel ab.„Erlauben Sie mir, Sie zu bedienen, Herr Onkel! Auf meine Ehre, das ſchmeckt beinahe beſſer als—“ „Du Spitzbube!“ ſagte der Major und ſah wieder freundlich und gutmüthig aus, wie er ſtets zu thun pflegte, wenn ihn Niemand erzürnte. gZgwiſchen dem Major und Madame Liſa wurde kein Wort mehr von dem fehlgeſchlagenen Plane geſprochen; und mehrere Tage lang beſtand eine kleine Verſtimmung zwiſchen ihnen. Während dieſer Zeit wußte ſich Lieu⸗ tenant Linus beiden unentbehrlich zu machen, dem Ma⸗ jor durch ſeine Lobſprüche über Liſa's vortreffliche Eigen⸗ ſchaften und ihre vollkommene Uneigennützigkeit in der obgemeldeten Sache, und ihr wieder dadurch, daß er von dem Vertrauen und der Freundſchaft des Majors für Liſa erzählte, wovon jedes Wort und jede Handlung ſprechende Beweiſe ſelen. Und bald wurde wieder Alles Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 15 ſo gut, wie es jemals geweſen war— und noch viel beſſer; denn Linus brachte überallhin Gedeihen und Le⸗ ben, wo es früher daran fehlte. Er jagte auf den Gü⸗ tern umher, um dem alten Borgſtedt in ſeinen Verrich⸗ tungen zu helfen, und um zugleich ſeinem Onkel zu zei⸗ gen, daß er ein großer Kenner und Liebhaber der Land⸗ wirthſchaft ſei. Dann ſpielte er Brett mit dem Major, lauſchte mit Aufmerkſamkeit auf die Erzählungen von den Gefechten, denen dieſer angewohnt hatte, und ging dann Madame Liſa bei allen den kleinen artigen Dien⸗ ſten zur Hand, die ſeine Achtung vor ihr beweiſen konn⸗ ten. War die Tabaksdoſe nicht da, flugs machte ſich der Lieutenant auf die Beine, und trug ſie der Alten im Triumphe herbei; wenn eine Haushaltungsnotiz auf⸗ geſetzt werden ſollte, ſo war es Linus, dem Madame Liſa dieſelbe diktirte; und in allem und jedem, was zu verrichten war, hatte er eine Stimme, und ſtieg ſo in Kurzem ſtufenweiſe vom gebildeten Gaſte zum erklärten Günſtling. Und von der Zeit an, wo der Lieutenant wußte, daß er Madame Liſa's Günſtling ſei, hatte er keine Furcht mehr, eine Tante in's Haus zu befommen Er war vollkommen überzeugt, daß ſie nun alle Pläne in Betreff einer Heirath des Majors fuͤr immer aufge⸗ geben habe. 3 Allein der Lieutenant war mit der Thatigkeit, die ihm auf dem Schloſſe zugetheilt wurde, bei weitem nicht zufrieden. Nein, er wollte auch im Probſthofe der täg⸗ liche Gaſt und Liebling ſein, denn dahin zog ihn die reizende Alfhild mit Ketten, die ihr ſelbſt nicht ſichtbar waren. Da der Major ebenfalls von der Pfarrfamilie ſehr geehrt wurde, ſo begleitete er den Lieutenant oft⸗ mals bei ſeinen häufigen Beſuchen; und während ſich der Probſt, der Major und der alte Oernroos in poli⸗ tiſche Streitigkeiten vertieften, ſaß der Majoratser wie er von den Leuten genannt wurde, an Alfhilds S ite, und zwar an dem nämlichen Fenſter, wo ihr oftmals die ſüßen, verführeriſchen Töne ſeiner ſprache in's Ohr geflüſtert hatte.— ler ſo iebes⸗ 227 Lieutenant von H. beſaß nicht die regelmäßig ſchö⸗ nen Züge des Architekten, noch ſeinen hohen Wuchs und ſein männlich imponirendes Weſen; aber in zwei Eigen⸗ ſchaften konnte er ſich vollkommen mit Leilern meſſen: in Gewandtheit und Kühnheit. Und Linus war über⸗” dieß ein ſehr artiger und angenehmer junger Mann, und daran gewöhnt, ſein Glück bei den Damen zu machen. Bei ſo anerkannten Vorzügen mußte es ihn daher beſon⸗ ders verdrießen, ſeine Artigkeiten bei Alfhild ganz frucht⸗ los zu ſehen. Was er auch ſprach, es machte offenbar keinen Eindruck auf ſie. In früheren Tagen hätte ein Mann von ſeinem heitern und leichten Weſen wenigſtens ihre Sinne feſſeln können; aber jetzt war jedes Gefühl Alfhilds ſo ausſchließlich dem Einzigen geweiht, den ſie je geliebt hatte und lieben konnte, daß jedes Bemühen, ihr auch nur den unbedeutendſten Blick, das geringſte aufmunternde Lächeln abzugewinnen, nothwendig miß⸗ lingen mußte. Widerſtand iſt noch immer ein Reizmittel geweſen, ſogar für ſolche Schmetterlingsnaturen, wie Lieutenant von H.; und er fing an, ſich endlich ordentlich einzu⸗ bilden, daß er Alfhild tief und ernſtlich liebe. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Major einmal auf dem Heimweg,„warum Du das arme Mädchen beſtändig mit Deinen Schmeicheleien und auswendig gelernten Kom⸗ plimenten quälſt? Um ſolchen Unſinn bekümmert ſich ein rechtſchaffenes Landmädchen durchaus nichts. Das könn⸗ teſt Du wohl ſelbſt einſehen, wenn Du nur die Augen aufmachen wollteſt, mein lieber Linus.“ „Es gibt bei meiner Ehre nicht Eine unter hundert Mädchen, die nicht Schmeicheleien liebte,“ ſprach Linus; und mit einer gewiſſen Zufriedenheit ſetzte er hinzu: „Wie viele von dieſen ländlichen Tugendexempeln meint wohl der Herr Onkel, daß mir widerſtehen könnten, wenn ich nur recht gefallen wollte? „Wie viele?“ antwortete der Major:„Das iſt mehr, als ich beſtimmen kann. Ich halte mich deßhalb nur an 15* — — —; Muop‚⁵W — ͦ— 228 das, was ich weiß, und das iſt, daß Deine Kratzfüße und Dein Bemühen, zu gefallen, auf Alfhild Frenkmann gerade dieſelbe Wirkung haben, wie wenn man Waſſer auf eine Gans gießt.“ 1 „Das heißt, der Herr Onkel hält ſie für eine Gans?“ „Weit entfernt! Sie iſt ein für ihren Stand unge⸗ wöhnlich gebildetes Mädchen; und daß ſie ſchön, anmu⸗ thig, liebenswürdig u. ſ. w. iſt, das ſind Lobſprüche, die weder ich, noch ein Anderer ihr vorenthalten kann. Aber ſie hat für mich überdieß noch einen beſondern Werth, durch ihre Häuslichkeit und die liebliche, kindliche Güte, womit ſie den alten Oernroos und ſeine Schwachheiten behandelt. Kurz, mit Ausnahme meiner alten ehrlichen Liſa habe ich nie ein Weib gefunden, das ſich dem Gans⸗ geſchlecht weniger genähert hätte, als Probſtens Alfhild.“ „Nun wohl, mein beſter Onkel, wenn ſie ein ge⸗ bildetes, liebenswürdiges und verſtändiges Mädchen iſt, ſo muß ſie doch auch ein Bischen Geſchmack haben, und den meine ich, ſollte ſie dadurch zeigen, daß ſie einen kleinen Unterſchied zu machen weiß.“ „Mir ſcheint, das thut ſie auch“ entgegnete der⸗ Major mit einem ziemlich trockenen Lächeln.„Für ein junges Mädchen iſt das Beweis von Unterſcheidungsgabe genug, wenn ſie das Bemühen eines leichtſinnigen, ge⸗ ſchäftsloſen Poſſenreißers, der ihr auf eine honette Art die Zeit vertreiben will, von dem Gefühle eines braven Mannes zu unterſcheiden weiß. Aber Alfhild hat Ver⸗ ſtand genug, um das zu thun. Es freut mich recht ſehr, wenn ich ſehe, auf welch' eine feine Art ſie den Junker in den Schranken zu halten weiß. Meiner Seele, weit beſſer als manche Dame von Ton es nach allen Welt⸗ regeln zu thun verſteht.“ „Aber aus welchem Grunde kann das den freuen? Ich ſehe gerade nicht ein, was für ein Intereſſe er dabei haben kann?““ „Ja, ſiehſt Du, Linus, es hat mir meiner Lebtage wohl gethan, wenn ich geſehen habe, wie ſich ſolche junge eigenliebige Laffen die Finger verbrannten, wenn ſie dem füße ann aſſer s 2“ nge⸗ mu⸗ die Aber erth, züte, eiten ichen ans⸗ ild.“ ge⸗ iſt, und einen e der rein gabe „ge⸗ e Art aven Ver⸗ ſehr, unker weit Welt⸗ onkel ereſſe btage junge edem — — 229 Feuer zu nahe kamrn. Ihr ſpielt ſo viel und ſo un⸗ edel mit jungen weiblichen Herzen, daß das ganze Ge⸗ ſchlecht Derjenigen verbunden ſein muß, welche, wie Alfhild, ihre Würde vertheidigt und ihre Bruſt mit Stahl umgürtet.“ „Aber, Onkel, wenn es nun kein Spiel wäre, wenn — ich ſetze nur den Fall— wenn es Ernſt wäre, was würde dann der Onkel dazu ſagen? Ich weiß, daß Standesvorurtheile und dergleichen auf einen Mann von Major H— s Grundſätzen keinen Einfluß haben.“ „Geſchwätz!“ der Major huſtete und ſah nach einer andern Seite. „Das war eine ſehr unbeſtimmte Antwort,“ fuhr der Lieutenant ein wenig beleidigt fort. „Hm!“ ſagte der Major und ſah nachdenklich drein. „Der Onkel iſt in Wahrheit auf einmal ſehr wort⸗ karg geworden. Man behauptet, der Probſt habe ein nicht unbedeutendes Vermögen, und Kapitän Oernroos iiſt auch ein Mann von einigem Gewicht.“ „Ein Mann von viel Gewicht,“ fiel der Major ein. Ein wahrer Kernmenſch! Es iſt eine Freude, ſeine Erzählungen von den Kriegen zu hören, die er noch vor meiner Zeit mitgemacht hat.“ „Das iſt freilich ſehr intereſſant. Aber mir er⸗ ſchien der erſtere Gegenſtand von weit größerer Soli⸗ dität. Sollte es dem Onkel nicht gefallen...“ Aber in dieſem Augenblick begegneten ſie einem Gutsbauern, mit dem der Major etwas zu ſprechen hatte; und ehe der Lieutenant den Faden wieder in Ordnung hatte, hielt der Wagen vor der Schloßtreppe, wo Madame Liſa ſtand und die Herren zu Hauſe will⸗ kommen hieß. Am nämlichen Abend wurde im Schlafzimmer des Majors ein langer und ernſter Rath zwiſchen ihm und Liſa gehalten. Was dabei vorkam, wiſſen wir nicht; aber als Liſa die Thüre ſchloß, hörte man folgende Worte mit Nachdruck über die Lippen des Majors gehen: „Ich verlaſſe mich vollkommen auf Deine Klugheit, Liſa. 230 Du wirſt ihnen den Puls fühlen; aber vorſichtig! Ich habe den verdammten Wahltag mit ſeinen Hiſtorien noch⸗ in gar zu friſchem Andenken.“ „Ich auch,“ erwiederte Liſa.„Dießmal ſoll es an allen Naſen der Gegend vorbeifahren.“ Linus ging in ſeinem Zimmer auf und nieder. Er ſah aus, als wollte er bald weinen, bald lachen; und wie ein ergrimmter Theaterheld zog er an dem feinen Flaum ſeines Schnurrbartes, und beſchloß— einen gan⸗ zen Haufen Dinge, die er jedoch weislich beſchlafen wollte. Neunzehntes Kapitel. Der Sommer ſtand in der llen Mittagshöhe ſei⸗ ner Schönheit zwiſchen dem Zuſtande der Vollendung und dem Wiederbeginnen der Abnahme, wie ſie die ewige Ordnung der Natur feſtſtellt. In einer großartigen aber wilden Gegend, nicht weit vom Schloß Hammarby lagen die Ueberreſte eines Rieſenbaues, der in verſchwundenen Tagen ſeine gewal⸗ tigen Steinmaſſen zum Himmel erhoben und weit hin über den See und die reichen Ländereien geſchaut hatte. Aber als das neue Schloß gebaut wurde, hatte man eine große Menge Materialien von dem alten benützt; und deßhalb war dieſes jetzt nur eine verfallene nieder⸗ gemachte Ruine, ein dunkler Schatten von dem, was ſie einſtmals geweſen. An einem ruhigen Sonntagmorgen, als die Glocken von drei umherliegenden Kirchen zwiſchen den öͤden Ruinen erklangen, ſchlich die Geſtalt eines Mannes an den über⸗ hängenden Mauern hin und her. Bald ſtieg er mit einer gewiſſen Vorſicht auf die großen Schutthaufen, und b zur Rechten und Linken, bald verſchwand er tief den Steinmaſſen.. Nach Verlauf einiger Zeit fuhr es unten auf Landſtraße und bald hielt die gelbbemalte Chaiſe Probſtes ein Stück weit von den Ruinen. 1 „ Warum ſollen wir hier halten?“ fragte Pe & SS 0 993* 5 —————,— eD nan tzt; der⸗ ſie cken nen ber⸗ iner ickte nter der des eer, 231 dem der Auftrag geworden war, Alfhild nach der Nach⸗ barkirche zu fahren. „Es iſt ſchon lange her,“ antwortete ſie,„daß ich die Ruinen nicht mehr ſah, ich will mich dort eine Weile aufhalten. Aber fahre Du nur mit der Chaiſe nach der Kirche, Peter; es iſt ſo ſchönes und geſundes Wetter, daß ich den Reſt des Weges lieber gehen als fabren will.“ „Ei bewahre! die Mamſell iſt nicht im Stande zu gehen; das kann ein für allemal nicht ſein.“ „O ja, mein lieber Peter, es kann wohl ſein! Fahr Du nur; ich komme wohlbehalten nach.“ Peter ſchüttelte den Kopf; aber da die Manſell dabei blieb, ſo mußte er endlich nachgeben, er ſetzte ſich daher allein wi der auf den Bock, gab dem Brau⸗ nen einen Hieb und in einem Nu verſchwanden Pferd, Wagen und Kutſcher. Nachdem die Wolke, welche der wirbelnde Staub gebildet hatte, aufgelöst und nichts mehr ſichtbar war, ging Alfhild von der Straße den Ruinen zu. Die Ge⸗ ſtalt hinter der Mauer ſchimmerte wieder hervor und erſchien und verſchwand unter unzähligen Bewegungen, bis auch ſie hinab und hinter dieſelbe Schutzwehr ge⸗ kommen war, die ihn vor allen ſpähenden Blicken verbarg; da erhob er ſich in ſeiner vollen Länge und ſtreckte die Arme gegen die Kommende aus. In ſtum⸗ mem, ſtillem Entzücken lag Alfhild an Leiler’s Bruſt. Einige Minuten, die nichts mit der langweiligen und ſchleppenden Arithmetik des Erdenlebens zu thun hatten, flogen auf unſichtbaren Schwingen durch die Zeit. Der Architekt ſetzte ſich mit ſeiner Geliebten auf einen großen mit Moos bewachſenen Stein und nach⸗ dem die Augen des Anſchauens ſatt waren, begann eine Unterredung durch Worte, ihre Fäden zu einem zu⸗ ſammenhängenden Ganzen zu knüpfen. „Ja, ſiehſt Du, ſo ſchrieb Dein Vater, und deß⸗ halb werde ich nicht früher meinen Fuß in die Mauern des Probſthofes ſetzen, als bis ich den Scheidungsbrief in der Taſche habe.“— Bei dieſen Worten faltete 232 Leiler einen Brief aus einander und las folgendes Stück daraus Alfhild laut vor: „Herr Leiler wird ſehr wohl einſehen, daß ein Va⸗ ter unter ſolchen Umſtänden Bedenklichkeiten haben kann, die mit dem freien Worte in Kampf gerathen, das er als freier Mann gegeben hat. Die außerordentlich lei⸗ digen Begebenheiten, worin Sie verwickelt waren, mein Herr, werden immer, und auch jetzt, nachdem der Schat⸗ ten dem Lichte Platz gemacht hat, von unberechenbar widrigen und einflußreichen Folgen ſein. Ich hoffe deßhalb, daß das wohlbekannte ſtarke Ehrgefühl des Herrn Architekten das zurückgeben wird, was mein Ehrgefühl mir auf eine beſtimmtere Art zurückzufor⸗ dern verbietet, nämlich mein Verſprechen u. ſ. w.“ Leiler legte den Brief mit einer verächtlichen Be⸗ wegung zuſammen, und ſteckte ihn, ohne ein Wort zu ſagen, wieder zu ſich. „Und das hat mein Vater geſchrieben! Er hat mich nie einen ſolchen Beſchluß ahnen laſſen. Er wußte wohl, daß es mein Tod ſein würde.“ „Aus dem Beſchluſſe wird nichts,“ ſprach Leiler in fürchterlich beſtimmtem Tone.„Er hat mir einmal ſein Verſprechen gegeben, daß ich wieder kommen dürfe, wenn ich den Scheidungsbrief in der Taſche habe; und ich komme, deſſen ſei gewiß, meine Alfhild— ehe noch die Herbſt⸗ winde das letzte gelbe Blatt hinweggeweht haben. Dann fordere ich die Einlöſung dieſes Verſprechens, das er bei ſeiner Ehre und ſeinem männlichen Worte beſchwor. Ich hoffe, er wird mich nicht zurückweiſen. Aber ſollte es dennoch geſchehen— ſo beruhige Dich bei meiner Verſicherung, daß ich nicht vier lange Jahre um mein Andern fortgeblaſen zu ſehen.“ „Aber was würdeſt Du dann thun, Leiler?“ fragte Alfhild, und ihre Stimme zitterte vor Angſt.* .„Was ich thun würde?“ Die Braunen des Archi⸗ tekten floſſen in einer tiefen Falte zuſammen. Eine finſtere Wolke ſchwebte über ſeine Stirne.„Laß uns 2 Glück gekämpft haben will, um es von der Laune eines es te 1= ne 1 4 233 nicht davon ſprechen,“ ſagte er ſchnell.„Dein Vater wird es nicht wagen, ſein Verſprechen zu brechen— er wird mich nicht reizen!“ „Er wird mein Glück, mein Leben nicht zerſtören wollen,“ flüſterte Alfhild ſanſt, und legte beruhigend die Hand auf die Bruſt ihres Geliebten. „Vielleicht auch das nicht,“ ſagte Leiler, indem ſeine Lippen die ſchmeichelnde Hand berührten. „Aber biſt Du gewiß,“ fuhr Alfhild nach einigem Stillſchweigen fort,„daß Deine Sache ſo bald entſchie⸗ den ſein kann? Darf ich hoffen, daß Du im Herbſte wieder kommſt?“ „Ganz beſtimmt, meine Geliebte! Der Löſung je⸗ nes Bandes begegnen jetzt keine Hinderniſſe mehr, denn Marie ſcheint eben ſo ſehr geneigt, es abgebrochen zu ſehen, wie ich. Die nach unſeren nordiſchen Geſetzen beſtimmten drei Jahre laufen im Februar zu Ende, die Ladung vor das Hiemting iſt geſchehen und die Sache geht jetzt ununterbrochen ihren Gang; nur noch die gewöhnlichen Formalitäten ſind übrig, und dieſe werden im Lauſe einiger Monate ihre langweilige Bahn beendigen.“ „O Leiler, das gebe Gott! Wie dankbar, wie glück⸗ lich werde ich nicht ſein, wenn dieſes finſtere und ge⸗ heimnißvolle Weſen verſchwindet, und ich vor Gott und der Welt Deine Verlobte heißen darf! Du kannſt Dir nicht vorſtellen, wie ſehr es mich peinigt, mich in dieſe Schatten hüllen zu müſſen, die ich verabſcheue, und wie bitter es— trotz der Seligkeit unſerer jetzigen Begegnung— für mich iſt, Dich ſo hier unter dieſen einſamen Ruinen und fern von den Blicken meiner An⸗ gehörigen zu treffen! Ich möchte wiſſen, ob nicht Onkel Sebaſtian Etwas merkte, als ich ſo eigenſinnig bat, nach der Nachbarkirche fahren zu dürfen, um dort dem Gottesdienſte beizuwohnen, anſtatt ihn bis Mittag nach dem Schloſſe zu begleiten.“. „Wenn Du nicht Muth haſt, einigen kleinen Un⸗ annehmlichkeiten um meinetwillen Trotz zu bieten, wie d 234 ſoll es wohl dann gehen, wenn ich Dich von all denen wegführe, an die Dein Herz eben ſo feſt gewachſen iſt, wie an mich. Mit tiefem Schmerz fühlte Alfhild das Bittere in Leiler's Vorwurf. Sie dachte an Onkel Sebaſtians Worte, und eine Thräne ſchlich ſich dabei in ihr Auge. „Bin ich hart gegen Dich geweſen, meine Geliebte? Verzeihe mir meine Haſtigkeit, meine Selbſtſucht, die nie mit etwas Getheiltem zufrieden ſein kann! O Alf⸗ hild, wenn Du all' die Kämpfe, die geiſtigen und leib⸗ lichen Kämpfe kennteſt, die ich um Deinetwillen geſtrit⸗ ten habe, wenn Du wüßteſt, weſſen ich noch fähig wäre, um mich nicht am Ziele meines langen Strebens ge⸗ täuſcht zu ſehen— dann würdeſt Du fühlen, daß ich von Dir und Deiner Standhaftigkeit viel, aber am meiſten von Deiner Liebe fordern könnte, Alfhild.“ „Und um unſerer Liebe willen will ich Alles leiden, — Leiler,“ ſprach ſie und ſah wieder freundlich zu ihm empor. „Leiden— Alfhild! Warum dieſen Ausdruck meine Geliebte? Leidet man, wenn man ſich ſelbſt dem auf⸗ opfert, der uns theurer iſt, als unſer eigenes Weſen? So denke ich. Dieſes Leiden, wie Du es nennſt, iſt für mich Seligkeit.“ „Ich kann ſelig ſein und doch leiden,“ ſagte Alf⸗ hild beſänftigend.„Ich bin ja ſelig und froh, Dir nach der fernen Heimath folgen zu dürfen, die Deine Liebe mir in einem fernen Lande eröffnet; aber dennoch leide ich bei dem Gedanken an die Trennung von meinem Vater, von meiner geliebten Heimath, und vor Allem von Onkel Sebaſtian. Ach Leiler, wenn Du wüßteſt, wie mich dieſer edle alte Mann von meiner zarteſten Kindheit an gepflegt hat; wenn Du geſehen hätteſt, wie oft er mit Aufopferung ſeiner eigenen Nachtruhe an meinem Kran⸗ kenbette ſaß und mir ſeine Hiſtorien erzählte, wie freund⸗ lich und gut ſein Auge auf mich blickte, wenn ich er⸗ wachte, und wie manche kleine Verdrießlichkeit, wiem chen tieferen Schmerz er hinwegnahm, und wenn er =— — 8——O A—S AͤS=ͤöAE nicht konnte, mit mir theilte; wenn Du endlich wüßteſt, wie ſein Herz an mich als ſeine letzte Freude auf Erden feſtgewachſen iſt, und wie unentbehrlich ich zu ſeinem Wohlſein, ja beinahe zu ſeinem Leben bin— dann, Leiler, würdeſt Du gewiß nicht zürnen, daß ich bei dem Gedanken leide, Alles verlaſſen zu müſſen, was mir ſo lieb und theuer iſt, den Alten einem einſamen Tode überlaſſen zu müſſen, ohne daß die wohlbekannte Stimme ihm das letzte Abendgebet liest, oder die gewohnte Hand ihm den Todesſchweiß von der Stirne trocknet!“ „Ich zürne nicht, geliebte Alfhild,“ ſprach Leiler, gerührt von dem weichen Tone, der zu ſeinem Gefühle ſprach, und den ſanft klagenden Worten, die ihm zum Herzen drangen. Nein, nicht Grimm, meine Theuerſte, nur ein unermeßlicher Neid gegen Alles, was Du mit Liebe umfaſſeſt, entſteht gegen meinen Willen in mir. Es iſt gut, daß ich Dich bald in ein fremdes Land, zu fremden Menſchen führen darf, wo Du nur mich liebſt, wo ich Dein Leben, Deine Welt, Dein Him⸗ mel— Dein Alles bin! Aber ein finſterer, entſetzlicher Gedanke erwacht in meiner Seele, ein Gedanke, der mir bis jetzt nie eingefallen iſt: Würde vielleicht— wenn Du auch körperliche und geiſtige Kraft genug beſäßeſt, um den Abſchied von denen zu ertragen, die Du hier ſo heiß liebſt— würde dieſer Kampf Dir nicht den letzten Reſt Deiner ſchwachen Kräfte rauben? Würde ich nur das welkende Opfer, den bald zum Himmel heimkehrenden Engel in meinen Armen von hier fortführen?“ „O nein, mein Leiler, glaube das nicht! Wohl wird mir der Abſchied Trauer bereiten. Aber Du mußt mit dem erſten Schmerze Geduld haben. An Deiner Bruſt werde ich mich genugſam wieder erholen; von Deiner Liebe, Deiner vorſorglichen Pflege empfange ich eine neue Lebenskraft. Schwebte ich nicht ſchon einmal ſo gutwie am Rande des Grabes und ward durch die Bitten der Liebe wieder erweckt? Gott iſt gut und gnädig gegen uns Schwache; und was er auch thut, iſt für uns gut!— 236 „Iſt es auch gut, wenn ich Dich verliere, wenn ich nur den Staub jener Hoffnungen, die ich ſo ſorg⸗ fältig gepflegt, an mein nach Ruhe ſich ſehnendes Herz legen darf?“ fragte Leiler und ſah ihr mit einem ſchmerz⸗ lichen Ausdruck in die ſchönen, thränenvollen Augen. Alfhild ſchwieg. Ein ſelten empfundenes mächtiges und heiliges Gefühl erhob ſich in ihrer Bruſt; und es war ihr, als ob unſichtbare Stimmen ein leiſes Ja her⸗ abflüſterten, aber die Lippen weigerten ſich, die ihr ſelbſt wunderbare Botſchaft dem Geliebten zu bringen. Ohne Worte, nur mit einem ſtillen Seufzer ſank ſie an Lei⸗ lers Schulter. Da zitterte eine heftige Erſchütterung durch die Glieder des Architekten. Seine Wange wurde bleich, noch bleicher als Alfhild's, und einige einzelne Schweiß⸗ tropfen drangen hervor und befeuchteten ſeine Stirne. Er erhob das Haupt der Geliebten und legte ſeine Lip⸗ pen auf die ihrigen; und als er ſich gleichſam verſichert hatte, daß noch Wärme, Leben und Erwiederung dort vorhanden war, flüſterte er ſo leis wie ein Säuſeln über Gräber: Ziehſt Du das kalte, tiefe Bett unter dem Raſenhügel meiner heißen Umarmung vor?“ Alfhild war von Leiler's ernſter Frage heftig er⸗ ſchüttert. In dieſem Augenblicke war es Liebe zu ihm, und nur Liebe, was ſich ihres ganzen Weſens bemächtigte. Feſt ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals; an ſeinem Buſen war es ſo warm: da war ja der Himmel!— „Quale mich nicht ſo unausſprechlich!“ bat ſie innig, „da, wo ich jetzt ruhe, will ich leben und ſterben!“ Ueber Leiler's Lippen ſchwebte ein Lächeln feſtlichen Friedens. Frühlingsbilder aus der ſchönen Traumwelt der Vorzeit zogen lächelnd durch ſein Herz und eine Minute ſtiller, ſeliger Weihe zitterte durch beider See⸗ len. Es war die Minute der Vereinigung und Tren⸗ nung.— Die Zeit war weit vorangeſchritten. Alfhild mußte gehen. „In ein paar Monaten oder etwas darüber ſehen wir einander wieder,“ ſagte der Architekt tröſtend, 1 denn org⸗ Herz erz⸗ 1. iges des her⸗ lbſt hne Lei⸗ die ich, eiß⸗ ene. ip⸗ ſert ort eln dem er⸗ ym, gte. em 237 währenddem er den Arm um Alfhild's Leib geſchlun⸗ gen, ſie bis zu dem äußerſten Punkte der Ruinen be⸗ gleitete.„Aber ſage mir, ehe wir uns trennen, was dünkt Dir von der neuen Auflage der Schloßbewohner?“— Leiler konnte einen mit Gewalt zurückgehaltenen Seuf⸗ zer nicht unterdrücken, als er dabei an die Familie dachte, die dort untergegangen war. „O, ſie gefallen mir ſehr! Der Major iſt ein vor⸗ trefflicher und braver Mann und Madame Liſa, feine Haushälterin und Beratherin, ein ſehr ſeltenes Weib dieſer Art, wie man ſo bald keine findet. Aber der Lieutenant...“ Alfhild zauderte ein wenig bei dieſen Worten. Sie wußte eigentlich nichts Schlimmes über ihn zu ſagen, aber ſie konnte Linus nicht recht leiden, weil er ſich nächſt ſeinem eigenen Ich zu ſehr mit ihr beſchäftigte. „Nun, der Lieutenant— wie iſt es mit ihm? Er beſitzt, wie ich gehört habe, keine Familienähnlichkeit mit Albano. Thäte er dieß, ſo bekäme er wohl nie eine Geliebte. Aber man ſagt, daß er eine Schmet⸗ terlingsnatur ſein ſoll. Hat er ſich an irgend eine Blume der Gegend gemacht?“ „Ich glaube nicht,“ ſagte Alfhild; aber das Be⸗ wußtſein, daß ſie jetzt eine Unwahrheit ſagte, röthete ihre Wangen. Offenbar zeichnete Lieutenant Linus ſie vor den übrigen Damen der Gegend aus. Sie konnte nicht umhin, dieß zu bemerken, aber ſie wagte es Lei⸗ lern nicht zu ſagen. „Vielleicht iſt es meine bleiche Lilie, die eine größere Gnade vor ihm gefunden hat, als die Roſen?“ fragte Leiler, ohne das geringſte Zeichen einer aufbrauſenden Bewegung.„Der Farbenwechſel auf Deinen Wangen, meine Geliebte, läßt mich etwas dergleichen ahnen.“ „Ach ja, es ſieht ſo aus; aber ich fürchtete, Du...“ „Ich würde eiferſüchtig ſein?“ unterbrach ſie der Architekt mit einem feinen Lächeln.„Nein, meine Alf⸗ hild, ſo natürlich es Dir auch erſcheinen dürfte, daß ein Mann von meinem heftigen Charakter auch von dieſem 238 Dämon heimgeſucht werden könnte, ſo täuſcheſt Du d Dich doch hierin. Mein Stolz, meine Eigenliebe, wenn m Du ſo willſt, hindern mich, auch nur die Möglichkeit anzunehmen, daß ein Weib, das mir ſeine Liebe und de Treue geſchenkt hat, für einen Andern ſeufzen könne. ſte Nein, in dieſer Hinſicht kannſt Du vollkommen beru⸗ he higt ſein, meine Alfhild! Der Lieutenant mag in noch ar ſo engen Kreiſen um meine weiße Roſe flattern; er wird ve es doch nicht vermögen, ein einziges Blatt aus ihrem ut ſchönen Kranze zu reißen. Und zudem ſind alle finſtern li Geiſter aus meiner Seele fortgezogen. Nur noch meine W Braut wohnt dort, und ihre Brautführer: die Liebe de und die Ruhe.“ In Alfhild's Augen ſtrahlte ein klareres Feuer, tr als je vorher; die Laſt, die ihre Bruſt gedrückt hatte, verſchwand bei Leiler's Worten wie mit einem Zauber⸗ hi ſchlag. So glücklich hatte ſie ſich nie gefühlt. W Sie ſtanden an dem Punkte, wo ſich die Straßen z trennten. Schweigend blickten ſie einander an, um die geliebten Züge dem Gedächtniſſe recht einzuprägen. „Ich weiß nicht,“ ſagte Leiler,„was für eine Un⸗ ruhe mich jetzt wieder befällt! Eben war ich noch ganz ruhig— und ein Paar Monate vergehen ja bald, wenn man dem Ziele und dem Glück ſo nahe iſt!“ „Ach ja, das iſt ja nur eine kurze Zeit im Ver⸗ gleich mit den langen Jahren, wo wir gelitten, ge⸗ ſtritten und gewartet haben,“ erwiederte Alfhild; aber auch ſie ward von einem beklemmenden Drucke gequält. Und mit einer Art Angſt preßten ſich in der Abſchieds⸗ ſtunde ihre klopfenden Herzen an einander. Da tönten die Glocken in der nahe gelegenen Kirche zum Zuſammenläuten, und mit merkwürdiger Klarheit drang der Laut zu dem Ohre der Lauſchenden. „Ach!“ ſeufzte Alfhild,„ſo läutete es auch an dem Abend, als Du zum erſtenmal nach Hammarby kamſt. Das Fahren damals war ein wunderbares Vo chen— erinnerſt Du Dich noch? Ich meine noch t — * 239 deutlich zu hören, wie ſich da das Rollen der Räder mit dem einförmigen Tönen der Glocke vermiſchte.“ eit„O ſtille, ſprich nicht davon! Es gibt nichts Wun⸗ ind derbares außer unſerer Liebe, die ſo viele Proben be⸗ ne. ſtanden hat,“ flüſterte Leiler und drückte einen langen, -ru⸗ heißen Kuß, den Kuß des Abſchieds, der Trennung och auf ihre Lippen. Alfhild trat über die Grenze, die ſie ird von Leilern ſchied. Aber vor der Mauer blieb ſie ſtehen em und ſtreckte die Hand nach ihm. Das volle Sonnen⸗ ern licht beleuchtete ihre bleichen, mit Thränen benetzten ine Wangen, und der Architekt meinte eine Verſchmelzung iebe des Irdiſchen mit dem Himmliſchen zu ſchauen. Noch einmal vereinigten ſich ihre Hände zu einem ter, treuen Drucke. tte, Aber nachdem Alfhild fort war, und Leiler wieder er⸗ hinter den Mauern verſchwand, verwiſchte ein ſchneller Windſtoß mit leichtem Staubwirbel die Spur, wo ſie zuletzt geſtanden waren. Zwanzigſtes Kapitel. dunn3 Brief des Lieutenants Linus von H., an einen Freund .4 in Stockholm. Ver⸗„Ich wollte, Du wäreſt hier, mein lieber Axel, um ge⸗ meine diplomatiſche Gewandtheit zu bewundern! Bei aber meiner Ehre und bei dem Heiligſten, das ich kenne: nält. bei dem Majoratserbe von Hammarby!— ich muß mich jeds⸗ ſelbſt anſtaunen und bin nächſtens vollkommen überzeugt, daß ich mich beſtimmt geirrt habe, als ich die rothen irche Aufſchläge an den Rockärmeln wählte. Es iſt ſonnen⸗ rheit klar, daß ich einer der vortrefflichſten und geſchickteſten Diplomaten geworden wäre, die man je an auswärtige dem Höfe ſandte.—„Ei,“ rufſt du,„ſo ſattle um! es iſt amſt. noch nicht zu ſpät.“— Ja wohl, mein Freund, ſehr zu rzei⸗ ſpät! Ich hoffe, ſo Gott will, bald als ein mächtiger jetzt Magnat im Ritterhauſe Reden halten, und nebenbei hier auf meinem Schloſſe wie ein König über ſeine Va⸗ 2⁴0 ſallen herrſchen zu dürfen. Und wodurch glaubſt Du wohl, daß ich mir die herrliche Ausſicht auf dieſe ent⸗ zückenden Träume erworben habe, auf Träume, ſag ich, die nicht lange im Schlafrocke bleiben, ſondern in Kur⸗ zem in der prachtvollen Gallatracht der Wirklichkeit ein⸗ hertreten ſollen? Nun, durch nichts mehr und nichts weniger als die eben berührte diplomatiſche Feinheit, womit ich mich bei der jetzigen Regentin meines künf⸗ tigen Reiches— bei Madame Lindbom— einzuſchmeicheln wußte. Madame Lindbom iſt zwar keine Madame Main⸗ tenon; aber ſie übt beſtimmt eine eben ſo große Gewalt über meinen Onkel, den Major, aus, als die franzöſiſche Dame über Ludwig XIV., und ſo wirſt Du einſehen, daß alle Mittel gut ſind, die zum Ziele führen. Nachdem ich durch manchen geſchickt angebrachten Einfall über das Lächerliche in dem Vorſchlage der Alten, einen Wahltag anzuſtellen, wobei der Major aus deu verſammelten Töchtern der Gegend eine Genoſſin in Freud und Leid ausſuchen ſollte— eine Genoſſin bei meiner Erbſchaft—(haſt Du je einen wahnſinnigeren Eingriff in das Eigenthumsrecht erlebt) ihr zu verſtehen gegeben hatte, daß nichts in der Welt einen reicheren Stoff zum Spotten geben könne, ſo fing ſie ſelbſt an, ſich uͤber ihre wohlmeinende Abſicht zu ärgern, die Gott ſei Dank nie den Beifall des Majors gehabt hatte, aber ihn leicht hätte bekommen können, wenn Madame Liſa allein mit den Plänen zu thun gehabt hätte, die jedoch zu meinem Glück weder Junge noch Eier erzeugten. Nachdem nun alſo— und zwar für ewige Zeiten — das Geſchwätz von der Heirath des ehrlichen Inva⸗ liden eine Sage von eben ſo viel Bedeutung geworden war, wie die ſind, welche man ſich in den Kinderſtuben von den Männchen auf dem Hohberg, von dem blauen Vogel u. ſ. w. erzählt, begann ich meine Operations⸗ pläne, aber von einer ganz andern Seiite. Es erforderte Zeit, um dem Alten das eingewurzelte Vorurtheil zu nehmen, das er gegen meinen Leichtſinn, meine Untauglichkeit, Hochmuthsteufel, und mehrere —— Du ent⸗ ich, rur⸗ ein⸗ chts zeit, ünf⸗ heln ain⸗ valt iſche hen, hten ten, den in bei eren ehen eren an, ott aber Liſa doch n. eiten nva⸗ rden ſuben 241 andere Eigenſchaften der Art gefaßt hatte. Aber end⸗ lich gelang es mir, ihn zu überzeugen, daß ein neuer, weiſer Geiſt in meinen Leichnam eingezogen ſei. Und mit Aufmerkſamkeit und Vergnügen folgte der Ehren⸗ mann der Entwicklung aller meiner guten Eigenſchaf⸗ ten, die man ſich, wie Du leicht einſehen wirſt, in einem Umgange erwirbt, wo das Beiſpiel täglich auf Herz und Sinne einwirkt. Aber höre jetzt, Arel! Wenn Du nicht ein eben ſo großer Narr wärſt, als ich jemals geweſen bin, und wenn ich mich nicht ein wenig ſchämte die Wahrheit vor Deine profanen Außgen zu legen, ſo würde ich Dir anvertrauen, daß dieſes Beiſpiel in Verbindung mit der ſüßen Ausſicht auf eine unabhängige Lage in der That bedeutend auf— ja lache nur ſo viel du willſt— auf mein beſſeres Gefühl eingewirkt hat. Der Henker mag wiſſen, wie es ſich mit dem Menſchenherz verhält; aber es muß doch nicht ſo übel ſein, als wir es ſelbſt zu machen bemüht ſind. Ich meines Theils geſtehe, daß die Landluft, ſo wie der Umgang mit meinem bra⸗ ven Onkel, mit Madame Liſa, einem prächtigen Weibe, und dem alten, redlichen Buchhalter, dem greiſen Borg⸗ ſtedt, und endlich der tägliche Anblick des ſo intereſſan⸗ ten Schloſſes von Hammarby eine Wirkung auf mich gemacht haben, die ich wohlthuend nennen muß; denn ſie verbreitet ſich über mein ganzes Weſen. Aber Arel, Du mußt ſelbſt hieher kommen, und Alles ſehen und Dich überzeugen, daß man in ſolcher Geſellſchaft, ſogar bei meinem Leichtſinn bisweilen ein ſehr verſtändiger Mann ſein kann, wenn nänlich der alte Geiſt nicht Macht über den neuen bekommt. Doch genug davon! Ich will Dir ein anderes Ka⸗ pitel aufſchlagen, ein neues Blatt in meinem hieſigen Leben behutſam eröffnen, ein Blatt, das meiner Meinung nach ſich künftig nicht übel ausnehmen ſoll, wenn Alles, was jetzt nur noch Ahnung iſt, zur Wirklichkeit wird. Ich will die Zeit nicht mit unnützen Reden über den Die Kircheinweihung von Hammarby. II. 6 242 Einfluß der Engel auf unſer Herz vergeuden. Engel ſind eine Art Weſen, womit ich, wie Du weißt, bisher wenig zu ſchaffen hatte; aber wenn ſie ſich einmal in der Geſtalt eines zarten, blendend weißen Frauenbildes geoffenbart haben, auf deſſen Lippen ſie ihr ſchönſtes Lächeln niederlegten, und in deſſen Augen ein armer Sünder etwas von den Myſterien des Himmels geleſen hat, dann bin ich geneigt anzubeten; aber darüber hinaus habe ich bisher in meiner Verehrung nicht zu kommen verlangt. Und oft beugte ich mich nur aus der Entfernung vor dieſen engliſchen Weſen, die mir zu heilig ſchienen, um ein lebhaftes Intereſſe zu erwecken. Aber wie geſagt, die Landluft— in der Amors dienſtbare Geiſter einen freieren Spielraum für ihre Thätigkeit haben— muß gewiſſe Poren geöffnet haben, die bisher von verdorbe⸗ ner Luft verſtopft waren! Genug, ich glaube feſt, daß ich liebe, und das wahrſcheinlich ſehr gründlich; denn ſolche Gefühle, wie ich jetzt empfinde, haben mich früher nie heimgeſucht. Aber leider iſt der Engel nicht von der barmherzigen Gattung. Sie läßt mich ſeufzen, ſchmachten, hinſchwinden, ja ſterben, wenn ich will, und ſie lächelt nur und ſieht in den Kalender, nach dem Vorwärtsſchreiten der Tage. Armes Kind, ihre Augen ſind noch nicht offen; wie ſchade, daß ſo ſchoͤne Sterne mit dem Staare behaftet ſind! Aber bei meinem Leben, ich will ihr Augenarzt werden und habe ſchon einen vortrefflichen Anfang gemacht. Höre nur! Nachdem meine Umwege und Verſuche, das Herz des Onkels für denſelben Plan zu gewinnen, der mich betheuerte, an ſeinem unbeugſamen Eigenſinn mich nicht verſtehen zu wollen, geſtrandet waren, gab mir mein guter Geiſt den Rath ein, meine Bemühungen vor einer Autorität niederzulegen, deren Ausſchlag, wenn er günſtig fiel, den Weg zu dem Tempel des Glücks, wohin meine Ein⸗ bildungskraft ſchwebte, zu erleichtern, wenn nicht ganz eben zu machen. Du begreifſt wohl, daß ich Madame Liſa, unſere geliebte und geachtete Frau Lindbom, meine. Vor einigen Tagen entſtand darüber folgendes 243 gel Geſpräch zwiſchen uns, nachdem ich ihr in die Speiſe⸗ her fkammer gefolgt war, um, wie ich vorgab, etwas kalten in Himbeerſaft zu hekommen. des. Als Einleitung hielt ich es für paſſend, mit folgen⸗ tes den Worten zu beginnen 1 Ob— Oh! meine Bruſt; ner Ich glaube, er icke noch, Bienguft geht mir aus!“ ſen„Ei,“ ließ ſich Liſa vernehmen,„der Hexr Lieute⸗ nus nant huſtet ja ärger, als wenn er die Lungenſucht nen hätte. Aber trinken Sie nur nicht ſo entſetzlich, der ung Saft da iſt etwas zu feim um als gewöhnliches Ge⸗ en, f tränk gebraucht zu werden.“ agt.„Ach liebe Frau Lindbom, er erfriſcht meine kranke nen Bruſt ſo wohlthuend; und glauben Sie mir, ich bin nuß ſchlimmer daran, als ich herauslaſſe, denn es ziemt ſich be⸗„ fur einen Mann nicht, zu ſchreien wie ein Weib— wie daß eine Krähe, wollt' ich ſagen. Aber hier iſt es ſo kühl, enn eine ſo gute, reine Luft! Ich begreife nicht, wie Frau her Lindbom eine Speiſekammer auf dieſe Art erhalten kann; von aber gewiß iſt es, daß ich mich hier beſſer befinde, als in zen, dem Prunkzimmer ſelbſt, und wenn Frau Lindbom es und nicht übel nimmt, ſo will ich mich hier ein wenig auf mir längſt gewünſcht, ein paar Worte mit der einzigen Perſon ſprechen zu dürfen, zu der ich ein wahres Zu⸗ i dem„ das Habermeß ſetzen. Um aufrichtig zu ſein, ich habe 1 trauen faſſen kann. Frau Lindbom iſt ſo zärtlich geſinnt, nen hat ſo viel von der Welt und den Menſchenherzen erfahren, dem daß es mir ein wahrer Troſt ſein würde, meinen Kum⸗ für mer in einen ſolchen Schooß niederlegen zu dürfen. an„Nun, wenn es die Laſt des Herrn Lieutenants er⸗ zu leichtert, ſo ſprechen Sie in Gottesnamen!“ antwortete beiſt— unſere vortreffliche Liſa, indem ſie mit der Doſe in der ität Hand auf einem, dem Meſſe gegenüber ſtehenden Sacke fiel, mit gedörrten Brockelerbſen Platz nahm.„Ich habe Ein⸗ ſchon längſt geſehen, daß es mit dem Herrn Lieutenant anz nicht richtig iſt, und vielleicht auch bemerkt, wo ihn der Schuh drückt; aber es iſt nun einmal meine Art, mich nie in die Angelegenheiten Anderer zu miſchen, wenn ich nicht dazu aufgefordert werde.“ 7162 nickte 244 bedeutungsvoll, und da ſie bei dieſer Bewegung eine Priſe zur Naſe führte, gingen ein paar Worte wie unwillkühr⸗ lich über ihre Lippen. Ich fing das Wort„Probſthof“ auf, und erfreut, daß unſere Gedanken ſich begegnet hatten, rief ich:„Ja, ja, vor Frau Lindbomss ſcharfen Blicken verbirgt ſich nichtsz wir verſtehen einander, das ſeh ich klar. Laſſen Sie mich dee lhwalle Formalitäten bei Seite legen und offen ſpreaan. Was kann ich wohl bei meiner Lage für meine Liebe hoffen, was anders als ein Leben ohne Troſt und ohne Freude? Wie mein Onkel, der edle Mann, werde auch ich auf dem Dornen⸗ pfade des Kummers einſam und mittellos die kraft⸗ vollſten Jahre meiſier Jugend durchwandern und noch weit unglückliche 7 denn Gott hat mir nicht in ſeiner Güte eiseenee geſchickt, aus deren Standhaftig⸗ keit ich Muth ſchep en könnte, wenn der meinige wankte. Aber ich bin wenigſtens ſo gerecht, um zu geſtehen, daß ich auch kein ſolches Glück verdiente.“ „Die Alte wurde, wie Du Dir denken kannſt, da⸗ durch auf das Zärtlichſte gerührt; ſie trocknete mit dem Zipfel ihrer Schürze eine Thräne hinweg, und ſprach recht fromm:„Gott bewahre den Herrn Lieutenant vor einem ſo ſchweren und bittern Leben, wie das, in wel⸗ chem die Jugend und das Mannesalter des Majors ver⸗ floſſen ſind! Wahr iſt es, Gott ſei Dank! daß ich ihm manche Stunde erleichtert habe; aber die Zeit war doch lange und mühevoll, und mit Gottes Hilfe wollen wir hoffen, daß der Herr Lieutenant, der, wie es ſcheint, jetzt ein ganz anderer Menſch, vernünftig und gutden⸗ kend geworden iſt, ein beſſeres Leben haben wird.“ „Ach, beſte Frau Lindbom, wie könnte ich das hof⸗ fen, ohne mich von der Einbildung bethören zu laſſen? — Ein armer Teufel wie ich, mit Schulden bis über die Ohren und ohne andere Ausſicht, als freie Woh⸗ nung im Schuldthurm, o meine Lage iſt verzweifelt und ich bin manchmal auch der Verzweiflung nahe!“ „Ei, das verhüte Gott! Es wird dem Herrn Lieu⸗ tenant nicht ſo ſchlimm gehen! Kommt Zeit, kommt. — 6 t Rath. Wenn der Schnee kommt, ſo geht er auch wieder, ſagt ein altes Sprichwort. Wir müſſen vernünftig ſein und ſehen, was ſich thun läßt! Wenigſtens wird es nichts aus dem Schuldchurm ſo lange Liſa hier im Hauſe etwas zu ſagen hat. Und was das Andere be⸗ trifft, ſo, wenn es dem Heern Lientenant Ernſt und ſein feſter Wille iſt, das Mie zu heirathen und dann als ein ſtiller und ordentlich Mann mit ihr zu leben, dis einmal— was Gott verzögern möge— der Herr Major hinüber wandert und die Sachen ſich ändern, ſo denke ich, kann man mit ein Bischen Klugheit die Sache in's Reine bringen, wenn es ſich nur immer thun läßt.“ „Gute, beſte Frau Lindb.— Ich rückte das Habermeß dem Erbſenſack ein g Guck näher, wo⸗ durch ich Gelegenheit bekam, die 3 ½1 Hand der Alten zu faſſen und ſie herzlich zu drücken.—„Meine liebe Frau Lindbom, man ſpricht von Balſamtröpfeln in die brennende Wunde, und in der That ſind ihre Worte der wohlthuendſte Balſam für mein Herz. Aber er außert ſich in ſeinen Wirkungen ganz anders, als wo Sie mir letzthin Rigabalſam in die Schramme goſſen, die ich mir in die Hand ſchnitt.“ „Ei mein Gott!“ ſiel Liſa ſtrafend ein,„wie kann der Herr Lieutenant ſo gottlos und leichtſinnig ſein und mit ſo etwas daher kommen, wenn man ernſthaft ſpricht; wird er denn nie verſtändig?“— Aber die Alte lä⸗ chelte dennoch; ich ſah, daß meine Sache trotz meines unüberwindlichen Hanges zu leichtſtnnigen Scherzen auf guten Füßen ſtand; ich legte daher in meine Antwort einen äußerſt demüthigen und unterthänigen Ernſt. „Liebe Frau Lindbom, unter Ihrer Leitung werde ich noch ganz verſtändig werden; aber wenn ich nur Ihre koſt⸗ baren Worte auch recht aufgefaßt habe! Sagten Sie damit wirklich ſo viel, daß Sie mir aus chriſtlicher Liebe in die⸗ ſen kitzlichen Angelegenheiten die Hand bieten wollten?“ „Ich werde thun, was ich kann und vermag, wenn der Herr Lieutenant Vertrauen zu mir hat. Aber jetzt müſſen wir ſchließen! Der Herr Major dürfte auf mich 246 warten.“ Dabei ſtand Madame Liſa auf, es zuckte in ihr, denn die Kaffee⸗Stunde war da; und getröſtet ging ich, um mich an der Hoffnung auf das Meiſter⸗ werk zu erfreuen, das, wie ich überzeugt war, ſie ſiche⸗ rer als jede Andere ausführen konnte. Und, Arel, ich betrog mich nicht. Der Major und Liſa hatten lange Berathungen; das merkte ich jedesmal, wenn ich zufällig hineinkam; und geſtern Abend nach der Mahlzeit erfuhr ich das Reſultat derſelben. Da winkte mir der Onkel in das Schlafzimmer hinein und ſprach ohne Umſchweif: „Liſa glaubt überzeugt zu ſein, daß Du ein beſſe⸗ rer Menſch geworden biſt, und daß zudem die Jahre und ein häusliches Leben vortheilhaft auf Dich ein⸗ wirken würden. Ich weiß nicht, ob ſie Recht hat— mir wenigſtens erſcheint das Gelingen eines ſolchen Verſuchs ziemlich unſtcher— aber ich habe Vertrauen auf Liſa's Urtheil; und hat ſie Recht, ſo würde ich nichts gegen Deinen Wunſch in Betreff der Mamſell Frenkmann einzuwenden haben.“ Ein Lichtmeer von glänzenden Hoffnungen ſchim⸗ merte mir bei dieſen Worten des Majors im Auge. Wenn ich nur ſeine Erlaubniß zur Heirath hatte, ſo folgte daraus ganz natürlich, daß ich auf dem Schloſſe wohnen, daß ich dort beinahe als anerkannter Majorats⸗ herr betrachtet und von keinem Wahltag für den Alten“ mehr die Rede ſein würde. „Mein theuerſter Onkel!“... Doch genug! Ich war gerührt, Axel, und will deßhalb nicht wiederholen, was ich ſprach; denn ſiehſt Du, Gefühle habe ich doch; und geht Alles gut, ſo will ich künftig werden, was man einen verſtändigen Mann nennt. Ich habe deßhalb die Abſicht, nur bei Reichstagen nach der Hauptſtadt zu reiſen, um meinen erſehnten Wunſch, im Ritterhauſe als wirkendes Mitglied Reden zu halten, zu befriedigen, und dann mit meinem ſchönen Weibe nach der Nordbrücke zu ſpazie⸗ ren, damit man ſie bewundere und mich beneide. Doch es iſt wahr— erſt in einigen Tagen geht der Major . A in nach dem Pdu d. um bei Alfhild's Vater um ihre Hand anzuhalten; und ich darf mich nicht einmal auf den Schwingen meiner leichtfüßigen Einbildungskraft in die Wirklichkeit verſetzen, ehe ich die Einwilligung des Vaters und der Braut erhalten habe. Ich habe Dir jetzt nichts weiter mitzutheilen, als daß unſere neue Kirche Sonntag über 14 Tage einge⸗ weiht werden ſoll. So Gott will, wird dann bei dieſer Gelegenheit der Biſchof, der dazu hieher kommt, zum Erſtenmal den künftigen Patron der Kirche aufbieten. Doch dieß iſt in der That eine zu weitläufige Epi⸗ ſtel! Wenn ich einmal ein verheiratheter Mann bin, Arel, ſo werde ich weniger geſprächig ſein. Ich werde dann genug damit zu thun haben, meiner bleichen, wort⸗ kargen Gemahlin etwas mehr Leben und Tournüre bei⸗ zubringen; wenigſtens werde ich den Kalender ein⸗ ſchließen! der Himmel weiß, was für ein Vergnügen ſie daran finden kann, immer darin zu blättern, ſogar wenn ich ihr gegenüber ſitze. Lebe wohl, Axel! Zu guter Letzt ſollſt Du noch eine Neuigkeit erfahren, die meinen Gläubigern Queck⸗ ſilber in die Klauen bringen kann! Es iſt nämlich ſo gewiß wie das Amen in der Kirche, daß der Major alle meine Schuldverſchreibungen einlöst, noch ehe ich und meine ſchöne Braut auf den Kiſſen kuien, die ſeit jener Hochzeitgeſchichte vor ein paar Jahren hier in Hammarby liegen. Du erinnerſt Dich noch der entſetz⸗ lichen Hiſtorie mit dem Grafen Albano und ſeiner Braut. dem ſchönen Fränlein von Rawenſtein? Es wird mir ganz melancholiſch zu Muthe, wenn ich nur daran denke; und nie ſtehe ich an der Berggrotte, und blicke in die Tiefe hinab, ohne daß ich den wimmernden Ton von unten mit Albano's Gelächter vermiſcht zu hören meine. Du ſollteſt das den alten Buchhalter erzählen hören. Komm hieher, Arel, komm hieher und hole dir ſelbſt Nachricht von den wunderbaren Sagen, die Schloß Hammarby verbirgt— und ich will Dir noch einen gan⸗ zen Haufen Dinge über eine intereſſante Hauptſigur ————ͥ— aus dem früheren Gemälde berichten, ich meine den bekannten Architekten Leiler. Seine Rolle iſt jetzt aus⸗ geſpielt; er hat hier nichts von ſich hören laſſen, ſeit⸗ dem er aus dem Gefängniß freigegeben wurde. Noch einmal lebe wohl! Vergiß nicht Deinen Freund Linus v. H.... Einundzwanzigſtes Kapitel. An ihrem Kammerfenſter ſaß Alfhild und ſtickte im Geheimen an einem Tuche für Leiler. Dieß war ihre liebſte Beſchäftigung während der langen Stunden, wo ſie mit Sehnſucht im Herzen und in neu erwach⸗ ten Bruſtſchmerzen auf die Zeit wartete, wo die Herbſt⸗ winde das ſchon in dichten Maſſen herabgefallene Laub zerſtreuen würden. Dieſe Zeit war jetzt da, und während Alfhild die Stiche durch das Maſchengewebe gleiten ließ, ſah ſie 1 nach dem rothbemalten Gatterthore hinaus. Ein plötz⸗— liches Trugbild ſtörte die Betrachtungen, denen ſie ſich überlaſſen hatte. Sie meinte Leganger zu ſehen, wie er zum Erſtenmal durch daſſelbe Thor trat. Der Hundſtall und der Kettenhund, der gerade in dieſem Augenblick einen herankommenden Bettler anbellte, trugen dazu bei, die Täuſchung vollkommen zu machen. Auch Sigrid's Bild am Fenſter war ihr klar; aber Alfhild fühlte bei dieſen düſtern Erinnerungen ein dunkles Leben. Das Fenſter war daſſelbe, an dem ſie ſaß; das kleine Zimmer, das ſie bewohnte, war ſtets das der Pfarrtöchter geweſen. „Nein, ich kann nicht nach dem Thore hinaus ſehen, ſo gern ich es auch möchte!“ ſagte ſie leiſe und wendete den Rücken dahin. „Wie kannſt Du anf dieſe Art ſehen, mein Täub⸗ chen?“ ſprach Onkel Sebaſtian, der bei dieſer Bewegung herein kam und neben ſeinem Lieblinge Platz nahm. „O doch, Onkelchen, das Stricken geht eben ſo gut im Finſtern als am Lichte.“ en 24⁴9 „Das glaube ich, zumal da es für ihn iſt; dabei brauchſt Du nur das Gefühl,“ fiel der alte Oernroos lächelnd ein, und kneipte ſie ſchelmiſch in die Wange. Aber Alfhild lächelte nicht, ſondern ſeufzte, indem ſie die welke Hand des Alten heftig ergriff, und an ihre heißen Lippen führte. „Was iſt das, Kind, beſindeſt Du Dich nichtwohl?“ fragte der Kapitän bekümmert.„Meiner Treu, Deine Finger brennen ja wie Feuer, und Deine Augen haben einen ganz fieberhaften Glanz. Wie kommt das? Haſt Du mir nicht ſelbſt anvertraut, daß Du ihn jetzt jeden Tag erwarteſt, warum härmſt Du Dich alſo?“ „Weil ich nicht weiß, ob Papa ſein Verſprechen halten wird— und wenn er es hält— weil ich dann von ihm, von meiner lieben Heimath— und von Dir, beſter, geliebter Onkel Sebaſtian, ſcheiden muß!“— Sie ſchlang die Arme um den Hals des erprobten Freundes, und weinte ſo bitterlich, als ob die Tren⸗ nungsſtunde ſchon da wäre. „Mache mir das Herz nicht weich, Mädchen,“ ſprach der Alte in einem Tone, der deutlich verrieth, daß dieſes Verbot zu ſpät kam.„Noch iſt ja dieſer Tag der Trauer nicht da; laß uns unſere Kraft ſparen, bis er vor der Thüre ſteht. Und was das betrifft, daß Dein Vater ſein Wort brechen ſollte, ſo habe deßhalb keine Furcht. Will ihm der Baumeiſter ſein Verſprechen nicht freiwillig zurückgeben, ſo iſt er ein zu ehrenhaf⸗ ter Mann, um die Erfüllung einer eingegangenen Ver⸗ bindlichkeit zu verweigern.“ „Aber, Onkel Sebaſtian, Papa hat in den letzten Tagen ſo wunderliche und geheimnißvolle Reden geführt. Er hat, wenn wir allein waren, Winke fallen laſſen, daß es die Pflicht eines Vaters ſei, ſein Kind nicht Gefah⸗ ren auszuſetzen, die vermieden werden könnten; und in dieſen Winken lag etwas Drohendes und Beſtimmtes, das mich oſt erſchreckte und fürchten ließ, es ſeien dieß nur Vorbereitungen zu einer ernſten Erklärung dieſer Art.“ „Laß Dich nicht ſo durch den bloßen Schein er⸗ 250 ſchrecken, mein Täubchen,“ erwiederte Onkel Sebaſtian. „Glaube mir, es iſt Zeit genng, zu trauern und krank zu werden, wenn man eine andere Veranlaſſung dazu hat, als die bloße Furcht vor einem Uebel, dem man noch nicht in das Auge geſehen hat. Und das ſage ich Dir im Ernſt, ſitze mir nicht immer da und rege Dich auf, wenn Du mich lieb haſt; denn dann wirſt Du bald wieder eben ſo krank und elend werden, wie Du 6 vor ein Paar Jahren warſt.“ „Ich will thun, wie Du willſt, und will auch ver⸗ ſuchen, mir den Kummer aus dem Kopfe zu ſchlagen,“ erwiederte Alfhild fromm;„aber ob es mir gelingt, das iſt eine andere Frage: denn Du weißt, Onkelchen, es iſt ſo wunderlich mit mir. Wenn ich auch gar nichts hätte, um darüber traurig zu ſein, ſo ſtellt ſich doch eine ver⸗ zehrende Unruhe, eine heimliche Qual ein, ſobald die ruſtſchmerzen wieder kommen; und ſie ſind in den letz⸗ ten acht Tagen weit ſchlimmer geweſen, als je, obſchon ich auf ſein kann.— Aber was iſt das für ein Ge⸗ räuſch?— Es fährt!“— Sie erhob ſich heftig, und das Blut trat in rothen Roſen auf die feine Wange, als das Gatterthor in ſeinen Angeln knarrte. Aber nicht das leichte Gefährt des Architekten, ſondern der ſchwere Wagen des Schloßherrn rollte in den Hof. „Es iſt der Major,“ ſagte Alfhild niedergeſchlagen. „Ach, ich glaubte!...“ ſie brachte den Satz nicht zu Ende; aber was ſie geglaubt und gehofft hatte, das fühlte Onkel Sebaſtian wohl an dem hefligen Zittern ihres Körpers, als ſie ſich an ſeine Schulter lehnte. Der Kapitän wich nicht von ſeinem Liebling, aber 4 der Probſt trat eilig auf die Treppe hinaus, um den werthen Gaſt zu bewillkommnen. 4 Als die Herren in den Saal gekommen waren, und in den gewöhnlichen Sophaecken Platz genommen 4 hatten, ſagte der Major bedeutungsvoll:„Ich bin heute in Geſchäften da.“— Das Geſicht des Probſtes Frenkmann klärte ſich be dieſen wenigen Worten ſo ſchön auf, daß es glänzen 8 X 251 ausſah, wie der Vollmond.„Geſchäfte,“ ſagte er lä⸗ V . nk chelnd. Der Herr Major hat zu befehlen.“ zu„Nein, das laß ich wohl bleiben. Wir beide kön⸗ un nen zwar über die Sache unterhandeln, da die Ent⸗ ch ſcheidung nicht von uns, ſondern von einer dritten ch Perſon abhängt. Kurz und gut, ich habe meiner Leb⸗ du 1 tage die unnöthigen Umſchweife gehaßt, und frage deß⸗ am halb geradezu, ob Sie glauben, daß Ihre Tochter Neigung zu meinem Neffen hat, der ſie liebt, und r⸗ durch mich zum Weibe begehrt?“ 77* Probſt Frenkmann war trotz Mantel und Kragen as ein mehr weltlicher, als geiſtlicher Mann. Die Aus⸗ iſt ſicht, ſeine Tochter als Regentin des Schloſſes zu ſehen, te, ein Glück, das ſich ſchon mehrere Monate lang im e⸗ Stillen in ſeinem Kopfe gewälzt hatte, war allzulockend, die ja beinahe unwiderſtehlich, ſo daß er deßhalb Manches t⸗ überſehen mußte, was unter andern Umſtänden ihm on Veulich mißlich vorgekommen wäre. Aber bei dem be Verhältniſſe, das ihn noch für den Augenblick band, nd war eine Antwort nicht leicht zu finden; denn er fürch⸗ ge, tete nichts ſo ſehr, als einen Anſtrich von Unentſchloſ⸗ ber ſenheit darein zu legen. der Deßhalb hieß die Antwort des Probſten wohlbedacht alſo:„Der Herr Major hat mich in Wahrheit auf eine en. außerordentliche Art durch dieſen höchſt unerwarteten und zu für meine Tochter ſo ehrenden Antrag überraſcht, und das meine Freude, meine Erkenntlichkeit ni größer, als ich ern auszudrücken vermag, um ſo mehr, d a der Herr Major . ¹ ſelbſt ſo gnaͤdig war, an mein Haus zu denken.“ ber Der Major rückte in der Sophaecke hin und her. den Die geſchraubten Phraſen des Probſtes kamen ihm vor, wwie Schneemilch, weßhalb er ihm ohne Komplimente reu, in’s Wort fiel:„Hier handelt es ſich weniger um Ehre nen und Freude, als um die Annahme des gemachten An⸗ erbietens! Glaubt der Herr Probſt, daß Alfhild Linus haben will? Ich meinerſeits, bin der Meinung, daß die Sache ſehr zweifelhaft ſcheint; aber der Herr Probſt muß als Vater natürlich die Neigung ſeiner Tochter — 252 am beſten kennen, und deßhalb wünſche ich eine ehr⸗ liche und offene Antwort. Will ſie nicht— nun wohl, dann reiſe ich mit einem Korbe heim; denn gezwungen werden ſoll ſie nicht!“ Dieſe große Eilfertigkeit brachte den Probſt in die Klemme. Scenen waren ein⸗ für allemal ſein Abſchen; und im Fall er jetzt Alfhild unvorbereitet von ſeinem Vorſatze, dem Baumeiſter ſein Verſprechen zu brechen, um ſie zur gnädigen Frau zu machen, unterrichtete, ſo mußte eine Scene von ächt tragiſcher Natur vor ſich gehen, das konnte er an ſeinen fünf Fingern abzählen. Und würde dann der Major Zeuge davon ſein, ſo war es eben ſo ſicher, daß derſelbe unverrichteter Dinge heim⸗ reiſen, und der Heirathsvorſchlag auf ewige Zeiten zu⸗ rückgelegt werden würde. Nein, das mußte man verhin⸗ dern! In aller möglichen Ruhe fragte er deßhalb:„Ob der Herr Major ſchon heute die Antwort begehre?“ „Freilich, Herr Probſt! Ein Ja oder Nein iſt bald ausgeſprochen. Es hängt ja nur davon ab, ob ihre Neigung ſchon vorher gefeſſelt war, oder nicht. Nie⸗ mand verliebt ſich in einem Augenblick; dieß Gefühl muß natürlich im Herzen vorhanden ſein, oder wenigſtens dort keimen, wenn man ſo lange Gelegenheit gehabt hat, einander zu ſehen, wie Linus und Alfhild. Sollte es aber nicht da ſein, ſo wird es auch nicht kommen. Und deßhalb iſt meine Meinung, daß Sie ganz ein⸗ fach Ihre Tochter befragen, und damit gut! Ich ſitze feinſtweilen hier und rauche meine Pfeife.“ Der Probſt ſtand auf, und machte eine tiefe, artige Verbeugung. Ueber ſeine Lippen ſchwebte ein vergnüg⸗ tes und zufriedenes Lächeln; aber in ſeiner Bruſt erhob ſich ein nie empfundenes drückendes Gefühl der Unruhe, als er mit langſamen Schritten den kleinen Oehrn durch⸗ ſchritt, der Alfhild's Zimmer von dem Saale trennte. „Großer Gott!“ ſprach Alfhild, als das Geräuſch von dem wohlbekannten Tritte des Vaters ihrem Ohre nahte;„was bedeutet das, Onkel Sebaſtian? Der Ma⸗ jor iſt hier— der Papa... meine Bruſt! ach, was —-———— — — — 0d252-w—— 82— —,A 2⁵53 regt ſich denn darinnen?“ Mit einem Ausdruck des 2 heftigſten Schmerzes legte ſie die Hand des Greiſen auf l, die gewaltſam wogende...„Fühlſt Du, wie mein Herz en ſchlägt? O— o es iſt, als ob Etwas dort zerbräche, wo Du die Hand hinhältſt— aber was will Papa?— le Höre, er zoͤgert— er faßt das Schloß,— Gott, Du n; wirſt ſehen!“ m G Alfhild hatte keine Worte mehr. In krampfhafter n, Bewegung preßte ſie ſich an Onkel Sebaſtian, der, von ſo ihrer Angſt angeſteckt und durch ihren fieberhaften Zu⸗ ch ſtand erſchreckt, auch ſich von einer bebenden Furcht n. heimgeſucht fühlte. Gleichwohl ſuchte der Kapitän ſich ar zu beherrſchen und ſprach in ſo feſtem Ton, als er n⸗ vermochte:„Ei, was kommt Dich an, mein Täubchen! ü⸗ Ich habe Dich nie ſo geſehen. Die Sache iſt wohl ⸗ ganz einfach die, daß der Vater etwas zur Bewirthung b für den Major haben will.“ „Und deßhalb glaubſt Du, daß er ſo lange draußen ld ſtehen bleiben würde; doch jetzt—— jetzt!“ re 4„Was gibt's?“ fragte der Probſt, der in dieſem e⸗ Augenblicke eintrat und mit mißvergnügtem Geſichte 1 Alfhild's Stellung betrachtete, wie ſie beinahe bewe⸗ ns gungslos gegen die Schulter des alten Oernroos ge⸗ bt lehnt lag.„Was iſt auf der Bahn?“ fragte er noch te einmal, als keine Antwort erfolgte. n. 1„Ich meine, das könnte der Herr Bruder ſehen,“ n⸗ aantwortete der Kapitän barſch.„Das Mädchen iſt te rrank, das hat man wohl ſeit mehreren Tagen merken können; aber heute Nachmittag iſt es zu ſchlimm.“ „O, ich höre nie etwas Anderes als das ewige Klagen, Weinen und Krankſein,“ entgegnete der Probſt mmit einem finſtern Blick.„Es wird wohl nicht ſo ſchlimm ſein, daß Du das nicht hören könnteſt, was ich zu ſagen habe.“— Er näherte ſich Alfhild und hob ihren Koopf empor, indem er die Hand unter ihr Kinn legte, und ſetzte dann mit bedeutend milderem Tone hinzu:„Wie iſt es mit Dir, mein Mädchen?“ „Ich bin nicht wohl, Papa! Ich fühle, daß ich 254. recht krank bin; aber ich kann nicht ſagen, was es eigentlich iſt.“ „Ach, Poſſen! Du warſt ja noch vor ein paar Stunden geſund. Sei jetzt vernünftig und artig, und winſle nicht; denn ich habe Etwas in einer Sache von Wichtigkeit mit Dir zu ſprechen. Aber ich glaube, es iſt am beſten, wenn ich allein mit dem Mädchen rede!“— Der Probſt warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Kapitän; aber als Alfhild's Arme ſich noch feſter um dieſen ſchlangen und ihre zitternden Lippen flüſterten: „Um Gotteswillen, verlaß mich nicht! Ich ſterbe, wenn Du gehſt, Onkel Sebaſtian,“ da ſagte Oernroos be⸗ ſtimmt und feſt:„Hat der Herr Bruder Etwas zu ſa⸗ gen, ſo ſage er es; aber ich bin kein Fremder und bleibe, wo ich bin.“ „Aber der Herr Bruder verzärtelt und erſchreckt Alfhild, und bildet ihr ein, ſie ſei krank, wenn ſie ſo geſund iſt, wie ein Nußkern. Solche Geſpräche thun eine ſchlimme Wirkung; doch der Bruder hat ſtets ſein Vergnügen daran gefunden, meine Saat zu zerſtören; und deßhalb gibt es auch gleich Klagen und Jammer, daß man taub werden möchte, wenn ich ein Wort zu ſagen habe.“ „Ach, lieber Papa!“— Alfhild faßte mit tiefer Rührung die Hand des Vaters und küßte ſie.—„Sei nicht hart gegen Onkel Sebaſtian,“ bat ſie innig.„Er kann nichts davor, daß ich krank und ein ſo zerbrech⸗ liches und ſchwaches Ding bin.“ „Aber Du warſt früher nicht ſo. Die unglückſelige Geſchichte mit dem verrückten Baumeiſter hat Dir den Kopf verdreht und Dein Herz krank und ſchwindſüchtig gemacht. Aber Alfhild, mein Kind, ich habe Dir ſchon mehrmals geſagt, daß dieſe Parthie Dein Unglück für Zeitlebens herbeiführen würde. Die anerkannte Heftig⸗ keit von Leiler's Gemüth, die Zweideutigkeit ſeines Cha⸗ rakters und ſeiner Handlungsweiſe ſind ein ſchwacher Bürge für das Weib, das ihm ihre Zukunft anver⸗ trauen will. Die Weiber ſind kurzſichtig, das kommt G&——-——,==SS 128——-———& — 255 8 davon her, weil ſie zu viel Gefühl und zu wenig Gedanken bekommen haben, wofür ſie jedoch nichts können, da es ar der Herr ſelbſt ſo eingerichtet hat. Aber ſiehſt Du, mein nd Mädchen, als er das that, ſtellte er ſie zugleich unter on die Leitung des Vaters und Mannes. Dieſen vertraute 2s er die Wache über den ſchwächeren Theil an. Ich — folge alſo Gottes Vorſchrift und der Ueberzeugung mei⸗ en nes eigenen Herzens, wenn ich Dich verhindere, in m einen Abgrund zu ſtürzen, den Deine Blindheit nicht 1. ſehen kann.“ in Alfhild ſprach kein Wort dagegen; ſie drückte ſich e⸗ immer feſter an Onkel Sebaſtian's Bruſt, und die klei⸗ a⸗ nen Hände brannten ſo heiß, daß der alte Oernroos idd maeeinte, ſein Nacken, um den ſie jene zuſammengefloch⸗ ten hatte, glühe wie unter Feuer. kt Probſt Frenkmann, der auf Bitten, Thränen und ſo lauten Jammer vorbereitet geweſen war, und ſeine Bruſt in mit Stahl umgürtet hatte, ſchöpfte jetzt um ſo mehr in Muth, da die Verhandlung ſo ſtille ablief. Mit mehr n;— Sicherheit und weit größerer Herzlichkeit im Tone, als , er anfangs gebraucht hatte, fuhr er fort:„Da wir jetzt zu und für immer dieſer Sache los ſind, wobei Du Dich ganz vernünftig aufgeführt haſt, was Deinem Verſtande er eben ſo viel Ehre macht, als der ſorgfältigen Erziehung, bei die Du erhielteſt, will ich Dich mit einer großen Freude, Fr einem außerordentlichen Glücke bekannt machen, das un⸗ h⸗ ſerem Hauſe widerfahren iſt. Der Major... Der VProbſt machte eine Pauſe, denn Alfhild fuhr mit fürch⸗ ge eerlicher Heftigkeit empor; und als der Vater ſah, daß en 4 ihre Wange weiß wurdo, wie die bleichen Schatten, die ig der Mond über die Gegenſtände der Nacht wirft, und on ihr Auge brennend wie der glühende Mittagsſtrahl der ür DSonne, ſo holte er tief Athem und ſetzte in leiſerem Tone hinzu:„Kind, der Major haͤlt für ſeinen Neffen, a⸗ deen heitern, liebenswürdigen, lebensfrohen Lieutenant, er den Majoratserben von Groß⸗Hammarby— um Deine r⸗ Hand an.“— Ein tiefer, herzzerreißender Seufzer fuhr über 256 Alfhild's Lippen; Todesangſt lag in dem Blick, womit ſie den Vater betrachtete.— „Hier war noch nicht Unglück genug zum Voraus,“ murmelte der Kapitän;„jetzt wollen ſie ihr vollends ganz das Leben nehmen.“ Aber mit ernſterer, vorwurfsvoller Stimme ſprach er laut:„Wie kann der Herr Bruder nur ſo nach Gutdünken ein gegebenes Wort brechen, weil der Hochmuthsteufel Macht über ihn bekommen hat? Aber erinnere Dich, daß ſolche Spekulationen ſchon ein⸗ mal hier im Probſthofe mißlungen ſind. Und ich halte es für das Beſte, wenn Ehen nach der Neigung des Herzens geſchloſſen werden, ohne alle Berechnungen des Eigennutzes und weltlichen Stolzes.“ Ich wußte wohl,“ fiel der Probſt mit grimmiger Bitterkeit ein,„daß der Herr Bruder ſeinen nützlichen Rath geben und das Mädchen zum Ungehorſam auf⸗ muntern würde; aber ich hoffe, Alfhild weiß, was ihre Pflicht als Tochter fordert. Antworte, Kind, Du kannſt Deinen Vater nicht in die große Verlegenheit ſetzen wollen, das ehrenvolle Anerbieten des Majors abſchlagen und als Grund Deine Widerſpänſtigkeit gegen meinen ausgeſprochenen Wunſch anführen zu müſſen.“ „O mein Vater!“ ſagte Alfhild, indem ſie ſich ſicht⸗ lich anſtrengte, um nur ſprechen zu können.„Du haſt ja dem Major kein Verſprechen gegeben; aber Leiler hat ein ſolches empfangen.— Und ich— großer Gott! begehre wenigſtens nicht, daß ich das meinige brechen ſoll! Ich kann es nicht!— Mein Vater! habe Erbarmen mit mei⸗ ner Angſt, mit meinem armen Herzen; ſonſt bricht es unter ſeiner Qual! Sage, ſag', daß Du Dein Kind nicht aufopfern willſt, und ſei mild gegen den, den ich liebe! Leiler wird ſich nicht vier lange Jahre abgemüht und gekämpft haben, um ſich am Schluſſe verhöhnt zu ſehen.“ Sie blickte zu ihrem Vater empor, und in ihren Augen ſprach ſich alles Feuer der Liebe und des Schmer⸗ zes aus; flehend ſtreckten ſich ihre Hände aus. Aber in dieſem Augenblicke war der Probſt Frenkmann ein harter Mann. Sein Herz ſchloß ſich vor dem Jammer ſeiner —— 257 Tochter. Denn in immer lebhafteren und helleren Farben malte ihm ſeine Einbildungskraft das Glück vor, das ſeinem Hauſe zu Theil werden würde, wenn er mit der ſtolzen Befriedigung des Vaters ſeine Tochter als Frau auf eben dem Schloſſe begrüßen durfte, wo er ſelbſt bis⸗ her nicht ſelten mit dem demüthigenden Gefühl und in der unterthänigen Stellung des Untergebenen geſtanden war. Welch ein Triumph über den hochmüthigen Adel der Gegend! Unmöglich konnte er ſich dieſen aus den Händen ſchlüpfen laſſen. „Was ſprichſt Du da von Opfer?“ antwortete er ſtreng.„Es wäre beſſer, von Gehorſam zu ſprechen. Aber die Augenblicke ſind gezählt; die Stunde iſt eine entſcheidende, denn der Major wartet auf Antwort; und dieſe kann nur Eine ſein.“ „Und ſie iſt Nein!“ antwortete Alfhild mit bewun⸗ dernswürdig feſtem Tone.„Du willſt nicht auf die Bit⸗ ten Deiner Tochter hören, Vater, ſo muß ſie ungehorſam erſcheinen; denn wenn ich nicht Leiler's Gattin werde, werde ich wenigſtens nie einem Andern angehören.“ „Nicht?“ verſetzte der Probſt, der nun fühlte, wie ihm das Blut in heftigem Aufwallen durch die Adern rollte.„Du ſetzeſt Dich alſo offenbar gegen das vierte Gebot? Aber nimm Dich in Acht, Mädchen, Du könn⸗ teſt Dich in meiner Nachgiebigkeit verrechnen! Schwäche iſt nicht väterliche Liebe, und ſo Gott will, ſollſt Du und der Lieutenant Sonntag über acht Tagen aufgebo⸗ ten werden, wenn der Biſchof in eigener Perſon hieher kommt, um unſern neuen Tempel einzuweihen.“ „Aufbieten? Nein, mein Vater, das glaub' ich nicht, ich fühle etwas hier,“ ſprach Alfhild mit matter, ſchwin⸗ dender Stimme, und drückte die Hand gegen die Bruſt; „etwas, was mich verſichert, daß dieß nicht in Erfüllung gehen wird.“ Sie ſank vom Stuhle herab und umfaßte die Kniee des Probſtes.„Sei gut, mein Vater, ſei nach⸗ ſichtig gegen Dein Kind! Denke nicht an den Lieutenant! Gebrauche keinen Zwang— ich— ich....“ Sie er⸗ blaßte, ihr Kopf ſank gegen die Bruſt. Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 17 „Ich brauche nur Vernunft, und dabei ſollſt Du leben und Dich wohl befinden.“ Der Probſt wollte ſich frei machen. Aber Alfhild's Hände ließen ihn nicht lds. „Mein Vater— mein Vater!“ flüſterte ſie,„be⸗ denke, was Dein Kind jetzt leidet! Gib kein Verſprechen — Du— wirſt— es— nicht halten können!“ „Ja, ich will es geben und halten,“ erwiederte der Probſt entſchieden, und riß ſich mit einer heftigen Be⸗ wegung von ſeiner Tochter los. Alfhild ſiel der Länge nach zu Boden. In demſel⸗ ben Augenblick, wo der Probſt die Thüre ſchloß, ertönte ein dumpfer Schrei aus der Kammer; aber es war nicht Alfhild's Stimme, es war Onkel Sebaſtian. Frenkmann trat in den Saal. Seine Stirne war wieder glatt und die Lippe lächelnd; aber die Worte ka⸗ men nicht recht geordnet.„Meine Tochter— die Ueber⸗ raſchung zog ihr einen von den heftigen Nervenanfällen zu, denen ſie oft ansgeſett iſt— und hindert ſie leider ſelbſ— heute ihre Dankſagung abzulegen. Aber ich hoffe, ſie wird morgen ſo weit hergeſtellt ſein, um einen Beſuch im Schloſſe machen zu können.“ 1 „Nun, will ſie ihn denn haben?“ fragte der Ma⸗ jor, der die Botſchaft nicht ſehr deutlich fand. „Ei freilich, Herr Major! Davon war gar keine Rede, die Sache verſteht ſich ja von ſelbſt.“ „Hm! das ſehe ich gerade nicht ein! Aber ſie wird es gewiß nicht übel aufnehmen, wenn ich auf einen Au⸗ genblick ſelbſt zu ihr hineinſchaue.“— Und ehe der Probſt noch eine Entſchuldigung hervorſtammeln konnte, daß es ſeiner Tochter unmöglich ſei, Seine Gnaden jetzt zu em⸗ pfangen, war der Major ſchon im Oehrn und öffnete ohne weitere Vorfragen die Thüre zu Alfhild's Zimmer. Aber mit einem:„Allmächtiger Gott! wo haben Sie Ihre Sinne, Herr Probſt?“ ſchob er den beſtürzten Va⸗ ter durch die Thüre, ſchloß ſie zu, und kehrte in den Saal zurück, wo er, unruhig lauſchend und auf ſeine Krücke geſtützt, auf und nieder wankte. Aber in Alfhild's Zimmer war es ſtille, bis weit —ö— * 4 ch in die Nacht hinein. Der Probſt vergaß den Gaſt, ver⸗ 6.. gaß Alles. Und der außen Lauſchende hörte die ſchwe⸗ e⸗ ren, grabähnlichen Seufzer, die ſeine Bruſt hervorpreßte. en Der Arzt, nach dem der Major geſchickt hatte, war gekommen und wieder abgereist; auch der Major war er fort. Im Probſthofe lag Alles wie unter einer tödten⸗ e⸗ den Verzauberung; kein Laut, kaum ein Flüſtern wurde gehört; und auf den Zehen ſchlichen Anna und die Kam⸗ l⸗ mer⸗Stine bisweilen nach Alfhild's Thüre, um das Ohr ite an's Schlüſſelloch zu legen. 11 cht Als die Morgendämmerung zwiſchen Purpur und Silber heraufſchimmerte, und die nebligen Wolken vor ar der immer höher ſteigenden Sonne verſchwanden, ging g⸗ es leiſe im Schloſſe, und Onkel Sebaſtian trat in den er⸗ Oehrn hinaus. en„Wie iſt es?“ flüſterte Anna. der Der Greis erwiederte kein Wort; aber die aſch⸗ ich grauen Wangen herab rollten langſam und ſtille zwei en große Waſſertropfen. Er trocknete ſie nicht ab, denn . ſeine Kraft war gebrochen; und wie ein Schatten ver⸗ a⸗ ſchwand er auf der finſtern Treppe, die zu ſeinem Zim⸗ mer führte. Durch die halbgeſchloſſene Thüre blickte Anna in die Kammer herein. Sie ſah nur ein Stück von dem ſchwarzen Rocke des Probſtes über das weiße Laken auf Alfhild's Bette ausgebreitet, und einen ſchwarzen Arm dicht an ihrer bleichen Stirne hinauf ausgeſtreckt. „Herr Jeſus!“ ſagte Anna leiſe und drückte heftig Stina's Arm.„Gott ſei uns gnädig!“ —; Zweiundzwanzigſtes. Kapitel. Sonntag den 27. October 1795 rollte ein leichter Reiſewagen auf der Straße nach Groß⸗Hammarby da⸗ hin. In dem Wagen ſaß ein hochgewachſener, kraftvoller * Mann, mit friſchen, vom Wetter gebräunten und aus⸗ drucksvollen Zügen. Es war der Architekt, der mit dem Scheidungsbrief in der Taſche und mit Freude und Stolz im Herzen kam, um die Einlöſung des Verſprechens zu fordern, das ihm Probſt Frenkmann gegeben hatte— nämlich ſeine Braut.. „Fahr zu, mein Junge, was Du kannſt,“ rief er lebhaft dem Kutſcher zu,„ſo ſollſt Du ein Trinkgeld über Dein Erwarten erhalten! Sie werden heute die Kirche einweihen, die dort liegt; und ich habe Luſt, bei dem Feſte zugegen zu ſein.“— Und der Architekt hand⸗ habte die Peitſche und der Junge die Zügel, und ſo ging es wie ein wirbelnder Sturm dahin. Koth und Steine flogen um die Wagenräder und ſpritzten hoch an dem Sitze hinauf; aber Leiler zog nicht einmal den Mantel an ſich; ſeine Gedanken, ſeine ganze Seele waren bei ihr, die er in Kurzem wieder ſehen ſollte. Gerade in der Kirche ſelbſt wollte er Alfhild mit ſeiner Ankunft überraſchen. „Soll ich nach dem Probſthofe fahren?“ fragte der Junge.„Ich kenne den Weg nicht recht dahin, denn ich fahre gewöhnlich nie ſo weit.“ „Nein, gerade nach der Kirche, mein Junge!“ Der Architekt riß die Zügel an ſich. Als ſie näher kamen, erhob er ſich im Wagen und betrachtete mit ſtolzer Selbſt⸗ zufriedenheit den ſchönen, in edlem Style aufgeſchoſſenen Tempel mit ſeiner hohen Thurmſpitze. „Gottestod! das iſt ein prachtvoller, herrlicher An⸗ blick!“ ſagte er laut; aber in gedämpftem Kunſtrichter⸗ Tone murmelte er etwas über das zu ſehr geneigte Dach, büne Arbeit, wobei er nicht die letzte Hand hatte anlegen dürfen. Der Wagen hielt.„Alle Menſchen ſind in der Kirche,“ ſagte Leiler bei ſich ſelbſt, indem er ausſtieg und mit raſchen Schritten nach dem neuen Kirchhof hin⸗ aufwanderte, der ſich in brüderlicher Eintracht an den andern anſchloß. 8 Der neue Tempel war ganz mit Menſchen vollge ſammengeſunken zu ſein, und als er ſich umwandte, um 261 ſtopft, und mit Mühe gelang es dem Architekten, ſich bis zur Mitte des Hauptganges vorzuarbeiten; die hei⸗ lige Ceremonie, die Kircheinweihung ſelbſt, war ſchon zu Ende; aber vom Chore her hörte man noch die Stimme des Biſchofs, die in klaren, deutlichen Tönen durch das Tempelgewölbe hallte. Es wurde dunkel vor Leiler's Blick. Ein kalter Nachtwind blies durch ſein Herz; dennoch arbeitete er ſo lange das Volk zur Rechten und Linken hinweg, bis er endlich ganz nahe am Chore ſtand. Einen Kopf höher, als die Andern, blickte er über ſie hinweg und ſah eine ſchwarze Bahre; vor dieſer ſtand der Biſchof. Das goldene Kreuz blinkte auf ſeiner Bruſt, und in der Hand hielt er eine ſchwarze eiſerne Schaufel, mit welcher er jenes große bedeutungsvolle Zeichen von der Verwandtſchaft des Menſchen mit der mütterlichen Erde auf den Sarg warf. Als die Erde dumpf auf die Silberplatte kollerte, ſtarrten die wild rollenden Augen des Architekten auf die Buchſtaben hin; aber der Abſtand war noch zu groß, er konnte ſie nicht leſen. Kein Laut kam über die ſchwarz⸗ blauen Lippen; aber mit Rieſenkraft drückten ſeine Hände die Weſen nieder, die ihm im Wege ſtanden. Da ſah er den Myrthenkranz auf dem Deckel, und las die ein⸗ fache Inſchrift auf der Platte. Sie enthielt nur einen Namen— aber dieſer Name war— der ſeiner Braut! Die Trauernden, die zunächſt der Bahre ſtanden, ſahen empor, ſo wie auch der Biſchof; und ein gemein⸗ ſames Gefühl des Entſetzens bemächtigte ſich jeder Seele, als ein Kopf mit blauweißen Wangen, ſchwarzen Lippen und Augen, die geiſterartig aus ihren Höhlen ſtarrten, über die andern hervorkam und mit einer Miene voll wilder verzehrender Qual, mit einem Ausdruck des Lei⸗ dens, wofür die Sprache keine gräßlich genügenden Worte hat, den ſtillen Actus betrachtete. Aber nur für einige Augenblicke erhob ſich die huhs Geſtalt über die Maſſe. Dann ſchien ſie auf einmal zu⸗ ſeine Wanderung wieder zu beginnen, wich das Volk, wie von einer gemeinſchaftlichen magiſchen Kraft berührt, auf die Seite und machte dem ſpukhaften Weſen Platz, das jetzt langſam den Gang hinabſchritt und dann hin⸗ ter der Kirche verſchwand. Auf Probſt Frenkmann's von tiefem Kummer ge⸗ furchten Zügen las man den Einfluß der Erſchütterung, die er bei Leiler's Wiederſehen erfuhr. Sein Blick ſuchte mit demüthiger Ergebenheit nach dem des alten geprüf⸗ ten Freundes, der Freud und Leid treulich mit ihm ge⸗ theilt hatte; aber Onkel Sebaſtians tiefgeſenktes Haupt bewies, daß ihm nur ein Gefühl geblieben war: die Sehnſucht nach der Wiedervereinigung mit ſeinem Liebling. Deer ſchwarze Zug ging nach dem alten Kirchhofe hinab und blieb bei dem neu aufgeworfenen Grabe ſte⸗ hen. Aber als man die Kiſte hinabſenken wollte, wurde ſie von den zwölf zitternden Armen haſtig zurückgezogen — der Platz, wo Alfhild ruhen ſollte, war ſchon einge⸗ nommen. Unten in dem tiefen Grabe bewegte ſich eine lebende Maſſe. Es war der Architekt. Das Blut ſtrömte über ſein leichenblaſſes Geſicht, und die ſchwarzen Locken lagen verwirrt in dem geronnenen Blute. Doch zeigte ſich keine Waffe, kein Werkzeug, womit er ſelbſt ſein Weſen 3 hätte zerſtören können. Aber als man ihn aufhob, nahm man wahr, daß ein Stück von einem ſcharfen, in der Erde liegenden Eiſen ſich in die Hirnſchale eingedrückt hatte. Er war allem Anſcheine nach am Rande des Grabes geſtanden und rücklings hineingefallen 3 „Gottes Wunder,“ ſprach der alte Oernroos mit be⸗ benden Lippen.„Es iſt ein verroſtetes Stück von der Platte an Sigrids Sarg.“ In ſtummem Entſetzen ſtand die verſammelte Schaar um das Grab. Leiler athmete noch. Mit einem Funken der noch bis zum Tode ungebeugten Kraft, die ſtets ſeine ſtarke Seele beherrſcht hatte, gab er ein Zeichen, daß man ihn in die Kirche hineintragen ſolle. 263* 8 Auf dem ſchwarzen Bahrtuche, vorn im Chore, lag nun der Baumeiſter ausgeſtreckt. Die Farbe des Todes legte ſich über ſein Antlitz; aber kein Schmerz, kein wil⸗ der Kampf zeigte ſich mehr dort. 3 Der Biſchof beugte ſich herab. Da bewegten ſich Leiler's Lippen.„Gottes Urtheil!“ flüſterte er.„Selbſt⸗ rache wird beſtraft— aber die Strafe war gnädig. Da ſie fort war, hatte ich keine höhere Sehnſucht, als ihr nachzufolgen.“ Ein Ausdruck des Friedens und Glau⸗ bens ſchwebte über ſein Weſen; alle Kämpfe waren been⸗ digt, alle Stürme verſtummt. Zum Gebete gefaltet, la⸗ gen die blutigen Hände über der arbeitenden Bruſt. —jüͤ9rü̃́ůüͤͤͤ ͤͤ Der Biſchof gab einen Wink und die heiligen My⸗ ſterien, in denen ſich bei den Menſchen das Himmliſche — mit dem Irdiſchen vereinigt, wurden herbeigetragen. Eine 8 tiefe, von keinem Laut unterbrochene Stille herrſchte in der Kirche. Aber in den Zügen des Baumeiſters las man einen dankbaren Ausdruck, als der Biſchof nach 4 ine kurzen Vorbereitung ihm das Brod und den Wein reichte. In dem Augenblick, wo die Lippen den Kelch be⸗ r rührten, und das verwundete Haupt wieder in ſeine frü⸗ n here Stellung niederſank, ſchien ein Strahl von der rein⸗ h ſten Seligkeit des Himmels in dem vom Nebel des To⸗ n des umhuͤllten Blicke aufzuleuchten. n„Die Orgel,“ flüſterte er beinahe unverſtändlich. 3 Als die rauſchenden Töne mit geheimnißvollem Klange kt durch die hochgeſchwungenen Mauern ſchallten, die er aber dann zurück; und als der Pſalm aufhörte, hatte auch der Schlag des Herzens aufgehört, in dem ſo viele er widerſtreitende Stürme gekämpft hatten. Auf den Schwin⸗ gen des Todes und der Töne hatte der Leib ſeinen Frie⸗ ar den gefunden! 28 ſelbſt aufgeführt hatte, da erhob er ſich noch einmal, ſiel . Als die Lilien zum fünften Male auf den Gräbern 8 des Architekten und ſeiner Geliebten knoſpten, ging einss Abends ein Mann Arm in Arm mit einem Frauenzim⸗ mer von ſeltener Schönheit auf dem Kirchhofe umher und ſuchte unter den Steinen, den Raſenhügeln und Kreuzen. Ein drei Jahre alter Junge ſprang voraus und ſpielte mit den klirrenden Eiſenfiguren, welche die ſtummen Denkmäler zierten. „Was ſteht da für ein Name?“ fragte die hohe weibliche Geſtalt, indem ſie ſich zur Seite neigte und ihren Begleiter anſah. Er las: Sebaſtian Oernroos, den 1. December 1795. „Gott ſei Dank! er ſeufzte nicht lange,“ flüſterte ſie. Sie ſtanden jetzt an dem Gegenſtande, um deſſent⸗ willen ſie hergekommen waren. Auf dem kleinen Sandwege, der Leiler's und Alf⸗ hild's Gräber vereinigte, knieeten Beide. „Weine nicht ſo, meine Geliebte,“ ſagte der Mann und ſchlang ſeinen Arm um den zarten Leib der Zittern⸗ den.„Sie wären hienieden doch nicht ſo glücklich ge⸗ worden, als ſie jetzt dort oben ſind.“ Das glaub ich auch,“ antwortete ſie mit ſüßer, zu⸗ verſichtlicher Stimme.„Aber der Abend iſt feucht, wir müſſen umkehren! Unſer Kleiner könnte ſich erkälten.“ „O er iſt geſund— aber laß mich Dir den Shawl beſſer um die Schultern hüllen, theure Marie 1 Ende des vierten und letzten Vaͤndchens⸗ ———