M —öööſ — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vor Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek, Die Biüliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſeden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —- 1 Mk. 50 Pf.——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 D 2 aſſelbe muß voraus bezahlt werden und Auswärtige Abonnenten„haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 3Pauer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.). muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf umehtam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Kirch einweihung V von Hammarby. Frau Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen. — lſtes bis 3tes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchanttung. 1844. 2 legen ſollte. 1 Erſtes Kapitek. Und einſt, wenn Jeder, der hier lauſcht, Als Staub dahin, als Schatten iſt verrauſcht, Wenn das Jahrhundert, welches ewig lauft, Des Tempels Stirn mit ſeinem Mooſe tauft, Laß Deine Engel, die auf Wolken ſieh’n, Mit Freude noch darauf hernieder ſeh'n! Tegnér. Am erſten Adventſonntage des Jahres 1790 war in dem neu getünchten Speiſeſaale des Probſten und Doktors der Theologie, Herrn Andreas Frenkmann, ein großer Tiſch in Hufform aufgeſtellt und mit all dem Glanze und der gediegenen Pracht gedeckt, welche die Feierlichkeit des Tages erheiſchte: und die Veranlaſſung zu dieſer Feierlichkeit war keine kleine. Schon ſeit zehn Jahren war der Neubau der Mutter⸗ kirche in Hammarby ein Gegenſtand der Berathungen, ſowohl von Seiten des vereinigten Kirchſpiels als bei den Privatbeſprechungen zwiſchen dem Probſte und dem Grafen H. geweſen, welch Letzterer das Patronatsrecht beſaß, und ſomit als der erſte Magnat der Gemeinde auch derjenige war, von deſſen Entſcheidung die Sache eigentlich abhing. Aber der Probſt Frenkmann ſteuerte mit geübtem Blick zwiſchen Scheeren und Klippen hin⸗ durch, und erreichte ſo endlich ſein Ziel, obwohl ertt nach langem Zögern und Aufſchieben. Der Morgen des Tages war da, wo der Biſchof des Stiſtes in Geſellſchaft mit dem Grafen den Platz zu dem neuen Tempelbau auserſehen und den Grundſtein d ſſelben Der Gottesdienſt war noch nicht zu End u während Alles, was Leben und Odem hatte, zur K 8 ſtrömte, um etwas von der Feier des Tages zu ſehen und zu hören, ſchwebte die Tochter des Probſtes, die liebliche Alfhild, einſam durch die leeren, zierlich her⸗ 3 gerichteten Zimmer des Pfarrhofs. Wie ein ordnender Geiſt überflog ihr Blick das Ganze, blieb jedoch am Tiſche und mit ſichtlichem Wohlgefallen an der künſt⸗ lich zuſammengelegten und in einer Pyramide ſtehenden Serviette haften, die für den Biſchof beſtimmt war. „Das läßt ſich noch ſchöner machen,“ ſagte Alfhild, und eine helle Freudengluth bepurpurte ihre Wangen, als ihr beifiel, daß ein Myrthen⸗ oder Roſenbäumchen aus ihrer kleinen Orangerie den Platz des hochgeachte⸗ ten Gaſtes noch höher zieren könnte. Schnell wie der kaum geborene Gedanke flog Alf⸗ hild nach den Blumen, und mit ihnen wieder an den beſtimmten Platz zurück. Aber wie der Gedanke wäh⸗ rend ſeiner ſinnenden Rundreiſe, ſo kann auch die un⸗ ſchuldigſte, von einer jugendlichen Aufwallung erzeugte Handlung durch Anſpielung auf ihren Zuſammenhang mit dem Ueberſinnlichen den unbewußten Keim zur Verheerung der Blumen eines ganzen Menſchenlebens in ſich tragen. Alfhild wand Roſen und Myrthen um die Ser⸗ viette, ſtieß aber in der Eile ihres Geſchäfts mit dem Arm an einen großen geſchliffenen Pokal von hohem Werthe. Dieſer fiel auf den Boden, und dumpf klirrend ſprangen die zerſplitterten Stücke bis zum Kamine hin. Bleich wie die Braut des Todes ſtand das Mädchen mit der friſchen Roſe in der Hand da; aber die Hand zitterte ſo heftig, daß die Blume aus ihrem halbge⸗ öffneten Gefängniß hinab glitt, und die leicht aufge⸗ lösten feinen Blätter zerſtreuten und vermiſchten ſich mit den Kryſtallſcherben. Mit einer Miene der höchſten Angſt betrachtete Alf⸗ hild die Zerſtörung.„Der Pokal!“ war Alles, was ſie hervorzuſtammeln vermochte; aber dieſe einfachen Worte umfaßten auch den ganzen Begriff von dem hohen Werthe neſſelben, einem Werthe, den ſie von ihrer früheſten Kind⸗ — und dieſe Perſon, we 7 heit an ahnen gelernt hatte, ohne ihn klar einzuſehen, und gerade deßhalb hatte ſich derſelbe ihrem Gemüthe deſto ſtärker eingeprägt. Durch eine Sage von dieſem merkwürdigen Fami⸗ lienſtücke wußte Alfhild, daß er vor ungefähr fünfzig Jahren nebſt einem andern von ganz gleichem Aus⸗ ſehen ihrer Großmutter am Hochzeittage verehrt wor⸗ den war, daß aber eine Menge nie ganz aufgeklärter Umſtände ſich mit dem Tag ſowohl als den Pokalen verknüpfte, von welch letztern eine herumziehende Finn⸗ länderin prophezeiht hatte, daß wenn Einer von den⸗ ſelben zerbrochen würde, es ein großes Unglück in der Familie zu bedeuten habe. Wie der erſte Pokal zu Grunde gegangen war, wußte Alfhild nicht; ſie hatte jedoch gehört, es ſei dieß in Verbindung mit dem Tod ihrer Mutter geſtanden; und wie zufällig auch die Sache geweſen ſein mochte, ſo war doch der Probſt, ein ſonſt vorurtheilsfreier Mann, bei dieſem Glauben ſtehen geblieben. Noch tön⸗ ten die Abſchiedsworte des Vaters, als er am Morgen den Weg nach der Kirche antrat, in die Ohren der Tochter:„Nimm den Pokal in Acht, Alfhild!“ Und nun hatte ſie durch Unachtſamkeit die ſchöne Arbeit zerſtört, zerſtört die gute Laune ihres Vaters und nicht bloß auf Tage, nein vielleicht auf ganze Wochen hinaus. Alfhild ſeufzte tief; ſie kannte ihren Vater, und wußte, daß Stunden der Angſt auf die fol⸗ gen würden, die ſie ſchon jetzt litt. Der Probſt Frenkmann war ein über die Maßen ſtrenger Mann. Er liebte ſeine Tochter aufrichtig; aber dieſe Liebe nahm nur die zweite Stelle in ſein er⸗ zen ein, die erſte behauptete ſein eigener Eiſ und hatte ſie ſtets behauptet, und wo dieſer gebot, beugte ſich ſeine ganze Umgebung in gab nur eine einzige Perſon im Hauſe, die es hi⸗ da, ja ſogar oft wagte, ſich demſelben zu w lche zufällig zu Hauſe im Vorbeigehen von dem Klange angelockt worden und ſteckte jetzt den Kopf durch die Thüre. Der Mann, den wir unſern Leſern vorſtellen wol⸗ len, war ungefähr achtundſechzig Jahre alt, und mit einem für ſein Alter ungewöhnlich lebhaft bewegten Geſichte und einem Körperbaue begabt, welcher noch jetzt zeigte, daß er ehedem als Modell für einen Herkules gegolten haben mußte. Zwar hing der altmodiſche Uniformsrock in man⸗ chen Falten um ihn, und der Winter hatte ſeinen Schnee ſowohl in die buſchigten Braunen über ein Paar grauen, tief liegenden Augen, als in die unter dem Käppchen hervorſehenden Franzen geworfen; aber deſſen ungeachtet war noch ſein ganzes Weſen von einer Kraft, einer Ener⸗ gie und Ruhe durchdrungen, welche bewies, daß er man⸗ chen Kampf mit dem Leben gekämpft und ſein goldenes Würfelſpiel noch nicht allen Reiz für ihn verloren hatte. Kapitän Sebaſtian Oernroos oder Onkel Sebaſtian, wie er gemeiniglich in der Umgegend genannt wurde, war ein jüngerer Bruder von Alfhilds Großmutter und der Sohn des verſtorbenen Pfarrers Lars Oernroos von Hammarby. Was die früheren Jugendbegebniſſe und vielſeitigen Schickſale des Kapitäns betrifft, ſo wollen wir nur anführen, daß, nachdem er ſeinem zweiten Weibe die Augen zugedrückt und ſeine letzte Hoffnung, einen zehnjährigen Sohn, beerdigt hatte, er ſeiner eige⸗ nen Heimath vollkommen müde wurde und nach Ham⸗ marby zog, das damals von ſeinem ältern Bruder be⸗ wohnt wurde, nachher aber dem Probſte Frenkmann zufiel; wahrſcheinlich deßhalb, weil dieſer die Nichte des verſtorbenen Pfarrers, Alfhilds Mutter, heirathete, die mit dem alten Sebaſtian das ſehr bedeutende Ver⸗ mögen ihres kinderloſen Onkels theilte. Kapitän Oern⸗ voos hatte alſo manches Decennium in Hammarby'’s alten Mauern verlebt, und war in Folge deſſen Zeuge von der ältern ſowohl, als neuern Geſchichte des Hau⸗ ſes geweſen. Alfhild war ſein Augapfel und durch ſein ſtets wohl⸗ wollendes Weſen heilte er oft das Wehe, welches der herbe Ernſt des Vaters ihrem weichen Gemüthe anthat. Zärtlich und dankbar ſchloß ſich auch Alfhild an den Greis an, der ſeit ihrer Kindheit, ſo oft ſie es bedurfte, ihr Vermittler geweſen war. „Du, Kind, ich hörte da ein Geraſſel,“ mit dieſen 1 Worten trat Onkel Sebaſtian über die Schwelle und ſchloß langſam die Thüre.„Was war es denn, das ſo klirrte?“ Alfhild antwortete nicht; aber ihre ausgeſtreckte Hand deutete auf die Stücke des zerbrochenen Pokals. „Gott gnade uns, Gott gnade Dir!“ murmelte Onkel Sebaſtian, als ſein Blick an der Zerſtörung haf⸗ tete.„Ein ſauberes Hochzeitgeſchenk! Bis in's dritte und vierte Glied tragen die verwünſchten Unglücks⸗ pokale noch ihre Früchte. Kind, Kind! was hatte Deine Hand mit dem Ding da zu thun? Welch' ein unſeliger Einfall kam über Dich, daß Du die alte Beſtie, die nun bereits wenigſtens ſiebenzehn Jahre lang beſtäubt und vergeſſen dageſtanden iſt, herunternehmen mußteſt?“ „Der Papa,“ erwiederte Alfhild mit zitternder Stimme,„befahl mir, ihn zu putzen und zur Erhöhung der Feierlichkeit an den Platz des Biſchofs zu ſtellen.“ —„Hm! wenn es nur für den Grafen geweſen wäre; darin hätte ſich wenigſtens einiger Zuſammenhang fin⸗ den laſſen,“ murmelte Sebaſtian gedankenvoll, und ſein nach Innen gewendeter Blick ſchien eine längſt vergan⸗ gene Zeit zu durchfliegen. 4 „Warum gerade für den Grafen?“ fragte Alfhild, bei welcher nicht einmal die Bitterkeit des Moments die weibliche Erbſünde verſtummen machen konnte. ,„ Hm! wegen der Wiedervergeltung; doch ſie wird wohl noch einmal kommen,“ ſprach Sebaſtian beinahe tonlos, und ohne zu wiſſen, daß ſich ſeine Gedanken in Worte kleideten, bis ſein Blick auf Alfhilds Züge ſiel, 8 in welchen ſich die höchſte Verwunderung ſpie „„Ich ſchwatze da eitel Dummheiten,“ ſagte er⸗ „hebe die Stücke auf, Kind, und füge Dich ge fiel. 10 4 4, in in die Lektion, die Deiner wartet. Heute kann doch di nichts daraus werden, und ich hoffe noch vor Morgen ˖, Deinen Vater überzeugen zu koͤnnen, daß die ganze K Sache nicht der Mühe werth iſt, um ſich darüber auf⸗ h uhalten.“„ znh„Aber heute Abend, Onkel Sebaſtian, wenn die öf Fremden fort ſind?“ wandte Alſhild mit einem ſcheuen 7 ſe Blick auf ihren alten Freund ein. be „Auch dann werden wir die Sache wohl zurecht 1 kl legen können! Nimm jetzt nur den Plunder fort, und zu trockne Deine Thränen ab, damit ſie Dich nicht vor der 4 Zeit verrathen. Sei ruhig, mein Täubchen; Onkel ſch Sebaſtian läßt Dich nicht allein.“ 3 4 c Al W ſte A ſpi Se ſtr ge⸗ geheimnißvolle Geſchichte von den f ſch hören.“— nu „Darüber iſt nichts zu hören, mein Täubchen; habe ab nur Deine Gedanken bei dem, was Du anzuordnen haſt, kre und erinnere Dich, daß es kaum noch eine halbe Stunde au anſtehen wird, bis wir den Biſchof, den Grafen, Deinen der Vater und die ganze gewaltige Verſammlung der Ho⸗ ver noratioren der Pfarrei hier haben werden. Jetzt, mein Ko Mädchen, darfſt Du keine Spur von Angſt oder Kum⸗ vie mer ſehen laſſen. Du haſt heute Gelegenheit, Dich in lei der fuͤr ein Weib am nothwendigſten, aber auch ſchwer⸗ ſtil ſten Kunſt zu üben, in der, ſich ſelbſt zu beherrſchen;— und ich hoffe, meine Alfhild wird dieſe erſte Probe als ein kleine Heldin beſtehen.“ lich eine 2— Schweigend, aber die Nothwendigkeit, Onkel Se⸗ zu befolgen, erkennend, begab ſich Alfhild — ꝗn 19⁹ —9 8 ßy—— 90. 11 in die Küche; und die Maſſe der häuslichen Geſchäfte, die heute auf ihr ruhten, gaben der Zeit ſolche Schwin⸗ gen, daß ſie kaum erſt vor dem kleinen Spiegel in der Kammer die letzten Wickeln aus dem Haare genommen hatte, als die Hausmagd, der allgemein der Name „Stuben⸗Stine“ beigelegt wurde, die Thüre etwas öffnete und meldete, daß alle Kirchenleute im Anzuge ſeien. Alfhilds einfache Toilette wurde in größter Haſt beendigt, und in einigen Minuten ſtand ſie mit hoch⸗ klopfendem Herzen in der Vorhalle, um die hohen Gäſte zu bewillkommnen. Der Pfarrhof Hammarby hat vielleicht eine der ſchönſten Lagen, die man ſehen kann. Auf einer Seite an einen nicht unbedeutenden Binnenſee, auf der an⸗ dern an eine waldige Hügelreihe gelehnt, bietet er Anſichten dar, die, wenn auch nur vom Glanze der Winterſonne beleuchtet, eine Ahnung von den herrlich⸗ ſten Gebilden der Natur und Poeſie hervorrufen können. Auf der einen Seite des See's, am Abhange der Land⸗ ſpitze ſtand der heute verlaſſene, finſtere und auf die Seite geneigte Tempel, und wunderſam lang und düſter ſtreckten ſich die Rieſenſchatten des gothiſchen Baues gegen den Waldrand hin. Ueber dem einſamen Thurme ſchwebten einige aufgeſchreckte Dohlen, die ihre Woh⸗ nung in dem geborſtenen Gemäuer gebaut hatten, jetzt aber, in ihrer Heimath und Ruhe geſtört, unter einer kreiſchenden Abſchiedshymne fortzogen, um einiges Korn auf den Ahend zu ſammeln, wo ſie ihre Wohnung wie⸗ der ungeſeet einnehmen konnten. Auch die Menſchen verließen den geliebten Tempel; aber ſie hatten das Korn für den Winter in demſelben geſammelt, und vielleicht gab es Manchen unter ihnen, der mit mit⸗ leidigem Auge dem Fluge der Dohlen folgte, und mit ſtiller Luſt an die ungleiche Theilung dachte.⸗ Auf der andern Seite des See’s zeigten ſich in einiger Entfernung die ſtolzen weißen Mauern des gräf⸗ lichen Schloſſes. Die Strahlen der Sonne ſielen gerade * — 12 darauf und ſpielten mit dem bläulichen Bande, welches das Gitterwerk um den Balkon ſchlang; in weiterer Entfernung ſchimmerten die Umriſſe von den Ruinen des alten Schloſſes. Sie waren nicht reſtaurirt, denn trotz ſeiner Leidenſchaft für Alterthümer ging Graf H— doch nicht ſo weit, um ſie zu parodiren. Aber wir kommen zu weit von unſerem Gegenſtande ab. Schön und friedlich war der Tag, ſchön und fried⸗ lich das Gemälde, welches Licht und Schatten über die Gegend ausbreitete, und ſchön und friedlich ſchien auch der Zug, der dem Pfarrhofe nahte. Das goldene Kreuz auf der Bruſt des Biſchofs ſchimmerte herrlich in der Gluth der Mittagsſonne, und Alfhild's Blicke waren an das heilige Sinnbild wie angewachſen. Das junge Mädchen verlor das Gedächtniß für alles Andere, als den hohen edlen Gaſt; ſie ſah nicht, daß der Graf zu ſeiner Rechten, daß ihr Vater zu ſeiner Linken ging; noch weniger hörte ſie ein Wort von der Vor⸗ ſtellung; und erſt als der Biſchof mit einem ſanften Kuß auf ihre Stirne die junge Wirthin des Hauſes begrüßte, flüſterte Alfhild tief erröthend ihr Will⸗ kommen. Schon hatten Paſtetchen und Schinken ihre Runde um den reich beſetzten Tiſch gemacht, die Gläſer waren gefüllt, und die zierliche Rede des Probſtes über die Ehre, die ſeinem geringen Hauſe widerfahre, zur Hälfte beendigt, als ſein Blick unglücklicherweiſe auf die Hand des Biſchofs fiel, die das ſimple Weinglas um⸗ ſchloß. Beinahe hätte unſer Doktor der Theologie die Be⸗ ſinnung verloren, und ein Blick, der jeden Blutstropfen aus Alfhild's Wangen jagte, verkündete ihr, daß die ge⸗ fürchtete Entdeckung gemacht und der Pokal vermißt n Inzwiſchen wurde der Toaſt mit gehöriger Ceremonie getrunken, nächſtdem für das Haupt der Kirche kam der für die außerordentliche Feier des Tags, der in den Wor⸗ ten:„Glück zu dem wichtigen Vorhaben!“ ausgeſprochen wurde. Da erhob ſich der Biſchof und ſprach; jeder Laut wurde von den Zuhörern verſchlungen. Es war — Sͤ— +₰— 5- 2 ————) 8— 13 ein Friedensgruß aus der Vergangenheit für die Zukunft. Schöne und kraftvolle Worte, Geiſt und Wahrheit. Froh und feurig lag jede Seele auf den Lippen, als ſie dabei den Saft der Traube einſchlürften; ein Jeder hob ſchon ein Ende von dem Schleier der Zukunſt und ſchaute durch das reiche Glas der Einbildungskraft jenen Tag, wo ſie Alle ſich hier wieder zur Einweihung des neuen Tempelbaues verſammeln würden. Die Hoffnung ließ Blätter aus ihrer grünenden Krone ausſchlagen; aber der Kranz ſchimmerte noch in winterlichem Nebel. Als wieder ein gewiſſes Gleichgewicht in die Ge⸗ müther gekommen war, entſtand die Frage, woher man den Baumeiſter verſchreiben ſollte. Der Probſt hatte ſchon einen Riß von einem der geſchickteſten Architekten Stockholms in den Händen; aber der Graf meinte, ein ſolcher würde zu viel koſten, und man könne ſehr leicht. eine zuverläſſige Perſon auffinden, ohne ſie gerade aus der Hauptſtadt kommen zu laſſen. Bei dieſer Bemerkung verfinſterte ſich die ſchon vorher düſtere Stirne des Probſtes, und wie ein will⸗ kommener Sonnenſchimmer an einem trüben und reg⸗ neriſchen Tage unterbrach ihn der Biſchof mit den Wor⸗ ten:„Ein junger Norweger, ein geſchickter Architekt, mit ehrenvollen Zeugniſſen und einem Aeußern, das ihn als Mann von Welt und Bildung bezeichnet, iſt mir dieſer Tage empfohlen worden. Er reist auf ſei⸗ ner Kunſt; wie ich jedoch Veranlaſſung habe zu glau⸗ ben, auch zu ſeinem Vergnügen, und will ſich ein Paar Jahre in Schweden aufhalten.“ Der Vorſchlag ſchien lebhaften Beifall zu gewin⸗ nen, wahrſcheinlich am meiſten deßhalb, weil er von dem Biſchof vorgebracht wurde; denn was die Koſten betraf, ſo gab er dem Grafen wenig Hoffnung, daß er weniger koſtſpielig ſein werde, als der des Probſtes. Aber davon war jetzt nicht die Rede; einen Architekt mußte man haben, und nur Onkel Sebaſtian murmelte leiſe:„Ein Norweger— und der Pokal Ctan here⸗ heute zerbrochen werden; das endet nicht gut!“ 20 b 4 mich aufgeregt hat— ſo wie der Jahrestag einer wich⸗ 14 Laut konnte er jedoch ſeine Stimme nicht gegen den Beifall erheben, den der Graf zu erkennen gab; aber in ihm lebte und regte ſich ein Funke von Unwillen, der gewiß nicht jetzt erſt ſein Entſtehen fand. Nach beendigtem Mittageſſen reiste der Biſchof mit dem Grafen nach dem Schloſſe ab, und allmählig ver⸗ loren ſich auch die übrigen Gäſte, ſo daß der Mond, als er am Abend zwiſchen der Kirche und dem Horſte hervorſchaute, nur die einſame Gruppe von drei Per⸗ ſonen traf, die in dem nun leeren Saale um das Ka⸗ min her ſaßen. Alfhild hatte ihrem Vater Alles geſagt, und zu ihrem größten Erſtaunen und Schmerz die Erfahrung gemacht, daß ein tieferes Gefühl als das des Aergers ſich ſeiner zu bemächtigen ſchien. Er ſaß ſtumm mit geſenktem Kopfe da. Die eine Hand ruhte auf der Seſſellehne, und die andere ſtrich mit einer an ihm ſeltenen weichherzigen Zerſtreutheit ſeiner Tochter die Locken aus der Stirne. Alfhild hatte ſich auf einen Schemel zu den Füßen ihres Vaters geſetzt, und ſie fühlte ſich zugleich von ſüßen und ſchmerzlichen Ahnungen gequält, da ſie jetzt zum erſten Male ſeit vielen Jahren ihren Kopf gegen das väterliche Knie zu, lehnen wagte. Es war ſo unausſprechlich wohlthuend für ihr Herz, ſeine ſchmei⸗ chelnde Hand zu fühlen. Indeſſen ging Onkel Sebaſtian ſeine Pfeife ſchmauchend in kleinen Kreiſen um den Kamin und ein brummendes„Hm, hm!“ aus ſeinen dünnen Lippen war der einzige Laut, der das Still⸗ ſchweigen unterbrach. „Nein, es taugt nicht länger ſo,“ ſagte endlich der Probſt Frenkmann, und in ſeiner Stimme lag die Kraft eines feſten männlichen Willens, eines Willens, der mächtig genug war, die äußeren Eindrücke zu beherrſchen; „es taugt nicht, ſich hier ſo maaßlos ſeinen Gefühlen zu überlaſſen. Es iſt die Feierlichkeit des Tages, die 15 tigen und traurigen Stunde. Haſt Du ſchon daran gedacht, mein Kind, daß dieß der Todestag Deiner Mutter iſt; haſt Du heute gebetet, Alfhild?“ „Nein, mein Vater, noch nicht; aber ich will es jetzt thun,“ ſprach Alfhild fromm. Sie konnte jedoch nicht verhindern, daß ein leichter Schauer ihre Glie⸗ der durchbebte, als ihre Gedanken wie von ſelbſt von dem Gedächtniß der Mutter auf den zerbrochenen Pokal übergingen. Sie hatte ſich des traurigen Tages erin⸗ nert. Doch bald wichen alle ſchwarzen Bilder vor dem Lichte in ihrer Seele. Süße ſelige Thränen ſtrömten über ihre Wangen; mit ihrem Vater beten zu dürfen, war etwas ſo Neues, ſo Schönes für ihr nach Liebe ſchmachtendes Herz. Und ſie hatte ja nie die freund⸗ lichen Liebkoſungen einer Mutter gefühlt, nie die Thrä⸗ nen in einem mütterlichen Auge geſehen, noch ein Ge⸗ bet von ſolchen Lippen gehört. Nur einige armſelige Wochen hatte Alfhild am Buſen der Mutter geruht, als der Tod ſie trennte, und von harten Männerhänden erzogen, hatte ſie dunkel gefühlt, daß ihr Etwas fehlte, daß ſie, eine einſame Ranke, emporwuchs, zwar be⸗ ſchirmt von zwei Eichen, aber ohne einen Spalier, an dem ſie ſich hätte emporwinden können. Alfhild weinte, als ob Thränen der ſüßeſte erfri⸗ ſchendſte Thau wären; und wenn je ein Gebet, von den Schwingen der reinſten Andacht getragen und aus rei⸗ nen Lippen kommend, dem Throne Allvaters naht, ſo drang gewiß Alfhild's Gebet dahin. Sie ſelbſt war ein lebendiger Glaube. Hoffnung, Friede und Troſt ſtrahlten in ihrem Auge, als ſie aufſtand, ſich an des Vaters Wange lehnte und flüſterte:„Jetzt habe ich ge⸗ betet; ich will es nie mehr vergeſſen.“ Segnend berührte die Hand des Probſtes Frenk⸗ man die Stirne ſeiner Tochter.„Geh auf Dein Zim⸗ mer, mein Kind, wir eſſen heute nicht zu Nacht.“ Alfhikd entfernte ſich, aber der Probſt und Onkel Sebaſtian ſaßen in ernſter Unterredung bis ſpät in die Nacht hinein.—„Warum mußte es auch heute ge⸗ ſchehen; was hatte das mit den Angelegenheiten der Kirche zu thun?“ ſagte Frenkmann, indem er aufſtand CThe und das Wachslicht anzündete. verx „Die Wege des Herrn ſind unerforſchlich,“ meinte oder der Kapitän;„die Zukunft wird den Schleier lüften.“ koſt und 4 nah Zweites Kapitel. die —— 8 Sch Nläl Doch nie wird mein Sehnen Gat Dem Ziele ſich nahn; 4 Sti Bleich, ſeufzend, mit Hoͤhnen, 1 GSeh ich einſam die Bahn. auf 3 Stagnelius. men Der Winter war vorüber, und ſchon ſchimmerte 4 Son hie und da eine Knoſpe aus den hohen Birken hervor, ſen die den Schloßhof von Groß⸗Hammarby umgaben. ginc Ein Wagen mit dem gräflichen Wappen auf beiden Thüren und mit rabenſchwarzen Kleppern beſpannt, die auf zwanzig Meilen im Umkreis nicht ihres Glei⸗ chen hatten, ſtand wartend vor der großen Treppe. Geſchäftig ſprangen die Bedienten in den Korridoren Hin und her, da das außerordentliche Ereigniß einge⸗ treten war, daß die Gräfin und ihre Schweſter,„die deutſche Baronin“— wie ſie allgemein genannt wurde, weil ſie in Deutſchland verheirathet geweſen, nach dem Tode ihres Mannes aber wieder heimgekehrt war 2e den leutſeligen Einfall bekommen hatten, bei den eerlngen Leuten in der Nachbarſchaft Beſuche zu machen. Während der Wagen gehörig lang wartete, been⸗ digten die Gräfin und die Baronin von Rawenſtein ihr Schachſpiel, worauf ſie ſich in den Divan ſetzten 1 und d den Kaffee tranken. D ie beiden hohen Damen waren in einem kleinen Saale, der durch ein Paar Glasthüren in Verbindung mit dem Muſikzimmer ſtand. Nach einiger Zeit, während „ 7 17 r b die mit Juwelen geſchmückten Finger anmuthig den d Theelöffel umſchloſſen und dieſen ſeine Runde um den vergoldeten Rand der oſtindiſchen Taſſen machen ließen, e oder die feinen, dünnen Lippen(nunmehr Sinnbilder 7 von ausgepreßten Weintrauben) den aromatiſchen Trank koſteten, lauſchte das Ohr nach der erwähnten Thüre und die mit Conſervationsbrillen verſehenen Augen 4 nahmen dieſelbe Richtung. „Thelma's Stickerei wird doch ſehr hübſch,“ ſprach die Baronin von Rawenſtein, indem ſie mit einiger Schwierigkeit ihre bequeme Lage verließ und zu einem Nährahmen in der Nähe der Glasthüre hinwackelte. Ganz natürlicherweiſe wendete ſich der Blick von der Stickerei nach dem Nebenzimmer, und mit dem Finger auf den Lippen winkte ſie ihrer Schweſter, herbeizukom⸗ men. Abex das Aufſtehen der Gräfin, ſei es nun vom e Sopha oder Tabouret, geſchah ſtets mit einem gewiſ⸗ ſen Geräuſch, und da dieß auch jetzt der Fall war, ſo ging der berechnete Genuß für unſere neugierigen Gnädigen verloren. 8 In dem innern Zimmer regte es ſich ebenfalls; leeinige Präludien auf dem Piano ließen ſich hören, und . gleich darauf trat ein junger Mann von bleichgelbem, 1 kränklichem Ausſehen herein. Er war von weniger 3 maals mittlerer Statur, und ging ſo gebückt, daß es t weifelhaft erſchien, ob jahrelange Leiden oder ein laͤaͤaangeborenes natürliches Gebrechen ſeinen Rücken in ddieſem beinahe kreisförmigen Bogen bekrümmt hatten. In ſeinem Geſichte, das abſchreckend häßlich war, fand ſich jedoch hie und da ein Zug, der in Ermangelung 7 eines beſſern Wortes erhaben genannt werden konnte, 3 wenn man darunter etwas verſteht, das ſich über ſich ſelbſt erhebt, eine Eigenſchaft, deren die fragliche Per⸗ ſon ſehr bedurft haben möchte, wenn man nach der 5 garſtigen Maſſe urtheilen darf, worin der Kern ſelbſt eingeſchloſſen war.—. 1 Wir müſſen den Eintretenden als den einzigen 1 Die Kircheinweihung von Hammarby. J. 8 8— * Sprößling des hohen Hauſes einführen, den Majo⸗ ratserben, Grafen Albano von H. E „Will meine Mutter und Tante ausfahren?“ fragte der Graf und warf ſich nachläſſig in eine Divanecke. Auf ein paar Stunden, mein lieber Albano,“ er⸗ wiederte die Gräfin beinahe ſchmeichelnd, und in dem Tone ihrer Stimme lag Etwas, das bewies, daß es eine ſchwache Mutter war, die mit ihrem vergötterten, aber der Vergötterung ſatten Sohne ſprach. „Meine Tochter wird Dir Geſellſchaft leiſten,“ bemerkte die Baronin von Rawenſtein mit dem ſüßeſten Lächeln.„Und ich glaube, ſie thut es recht gerne,“ ſetzte ſie in einem noch lauteren Tone hinzu, da das Stillſchweigen des Grafen eben ſo gut einer kleinen Schwäche der Gehörorgane als ſeiner gewöhnlichen Zerſtreutheit zugeſchrieben werden konnte. „In dieſer Hinſicht ſollte man ihr durchaus keine Pflichten vorſchreiben,“ verſetzte Albano trocken;„ich liebe überdieß keine erzwungene Geſellſchaft.“ „Da iſt wieder eine Schraube in Unordnuug,“ flüſterte die Baronin ihrer Schweſter zu, und als ob ſie die Antwort des Grafen nicht gehört hätte, machte ſie eine große Schwenkung im Zimmer umher nach Hut und Handſchuhen. Die Gräfin ſchellte: und die Kammerjungfer trat mit den noch verbrämten Seiden⸗ mänteln herein. Man warf ſie um und verſchwand bald durch das Muſikzimmer. Graf Albano war aufgeſtanden, um ſich pflicht⸗ ſchuldigſt vor ſeiner Mutter und Tante zu verbeugen; dann aber ſetzte er ſich wieder in der bequemſten Stel⸗ lung, die er zuwege bringen konnte. Dieß war jedoch einer der ſeltenen Fälle, wo er ſich eines Mangels an Aufmerkſamkeit gegen ſeine Mutter ſchuldig machte, und ſie nicht die Treppe hinab begleitete; es mußte alſo ein Grund vorhanden ſein, der ihn ſowohl die 4 Anforderungen der Sitte, als die Pflichten des Sohng vergeſſen ließ. 7 Indeſfen wurden einige halblaute Worte dr — geſpr wieſe die L doch ſchlot ärger arme ſtalte glückl nicht Recht chen; ſie m Wege guter Baro Dort nach hig a 1 mögli und ſ ſen in eine darau des, und l „ Rawe derten ſätzlic ſter, Tagdi ſtigten Majo⸗ fragte icke. 7 er⸗ n dem aß es terten, iſten,“ ißeſten erne,“ a das leinen llichen keine ;„ich nuug,“ als ob beiden⸗ hwand pflicht⸗ eugen; Stel⸗ jedoch els an nachte, mußte hl die zohn; 19 geſprochen, und Albano's ſcharf geſpannte Blicke be⸗ wieſen, daß er, obwohl ganz unbeweglich da ſitzend, die Laute aufzufangen ſuchte. Dieß Bemühen war je⸗ doch vergeblich! aber als die äußeren Thüren ſich ſchloſſen, und Alles wieder ſtill wurde, murmelte er ärgerlich:„Vermuthlich wieder neue Winke, wie ein armes Fräulein ſich benehmen muß, um einen unge⸗ ſtalten, aber reichen Majoraterben zu fangen, aber glücklicherweiſe oder leider greifen dieſe Schrauben nicht ein, ha ha ha, ich ſehe nicht aus, um auf eigene Rechnung mein Glück bei der ſchönen Couſine zu ma⸗ chen; aber bei meiner Ehre, zum Beſten haben ſollen ſie mich auch nicht. Dennoch war ich neulich auf dem Wege, mich in dem Netze zu fangen, als ich noch zu guter Zeit einen Schatten von der mütterlich beſorgten Baronin erblickte, und gleich aus dem Paradieſe war. Dort habe ich aber auch nie etwas zu thun,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu, und wand ſich unru⸗ hig auf dem reichgeſtickten Sophakiſſen hin und her. „Nein! Ruhe, Betäubung, Schlaf, iſt mir un⸗ möglich!“ Der Graf Albano erhob ſich zur Hälfte, und ſchleuderte das an ſeiner Unruhe unſchuldige Kiſ⸗ ſen in einer ſolchen Heftigkeit von ſich, daß es durch eine Glasthüre in das Muſikzimmer flog. Gleich darauf hörte man das Rauſchen eines ſeidenen Klei⸗ des, und ein junges Mädchen öffnete die Doppelthüren und blieb auf der Schwelle ſtehen. „Galt dieſer Ruf mir?“ fragte Fräulein von Rawenſtein in einem halb ärgerlichen, halb verwun⸗ derten Tone. „Bitte um Verzeihung, es geſchah ganz unvor⸗ ſätzlich,“ verſetzte Albano, ſtand auf, ging an's Fen⸗ ſter, öffnete es, und rief einem von den gallonirten Taßbieben, die ſich im Hof mit Nichtsthun belu⸗ ſtigten. Der Eintritt des Bedienten ſchien eine nicht un⸗ willkommene Unterbrechung zu machen. 22*8 Kiſſen 20 kam an ſeinen Platz, die Glasſcherben wurden auf⸗ eleſen und der Befehl gegeben, daß der Hausglaſer pogleich den Schaden wieder gut machen ſolle. „Iſt mein Vater ſchon nach Hauſe gekommen?“ Dieſe Frage wurde im Vorbeigehen gemacht, als der Bediente die Thüre ſchließen wollte. „Nein! Herr Graf!“ „So beeile Dich mit dem Glaſe.“— Der Be⸗ diente trat ab. Albano ging ohne ein Wort zu ſprechen auf und nieder. Das Fräulein ſetzte ſich an den Nährahmen, nachdem ſie dieſen an das Fenſter geſetzt hatte. „Ach wie friſch, wie klar und ſchön ſieht es da draußen aus?“ bemerkte Thelma. Aber ihr Ton war weit entfernt, jene abgenützte Albernheit zu athmen, die gewöhnlich ein Geſpräch über die Witterung be⸗ gleitet; ein Gegenſtand, zu dem man ſo oft greift und der doch ſo unerſchöpflich iſt, daß er eben ſo ſehr von Perſonen gebraucht wird, die einander fremd ſind und ſich keine Mühe geben wollen, einen beſſern auf⸗ zufinden, als unter vertraulichern Bekannten, wenn eine Stimmung eingetreten iſt, die einer Disharmonie gleichſieht. Es war jedoch kein ſo widerwärtiger Fall, was dieſe Aeußerung des jungen Fräuleins von Rawenſtein hervorrief. Bei ihr war es eine reine, innige Sehn⸗ ſucht, das Herrliche, was ſie da draußen unter den reichen Stoffen der neu erwachenden Natur erblickte, zu genießen; aber ſie durfte es nicht, denn der mütter g liche Befehl war dahin gegangen, daß ſie zu Hauſe bleiben und ihrem Vetter Geſellſchaft leiſten ſolle. Und Thelma war frühzeitig daran gewöhnt worden, ihre eigenen Neigungen denen Anderer aufzuopfern. „Meine Coufine liebt alſo das Friſche, Klare und Schöne ſo ſehr?“ fragte Albano, und gab ſeinen Worten einen Nachdruck, der dem an ſeinen Argwohn gewohnten Mädchen deutlich zeigte, daß ſein reizbares Ge⸗ müth etwas gefunden hatte, wobei es ſich feſtſetzen wollte. freur dern aben! fällt: mit ren thun nicht der einen Thel es zu wenn ich v verſte ſuche gedul biſt. als von Gew das „ weni mich Du j in de Nöth an i auf⸗ glaſer nen?“ ls der r Be⸗ uf und ahmen, es da n war thmen, ig be⸗ greift o ſehr ad ſind n auf⸗ wenn monie „ was enſtein Sehn⸗ er den blickte, nütter⸗ Hauſe ſolle. vorden, ern. Klare ſeinen gwohn es Ge⸗ wollte. 4 21 „Liebt denn Albano die Natur und einen holden freundlichen Frühlingstag nicht?“ fragte ſie ſanft. „Ja wohl!, lieb' ich die Natur, aber in einem an⸗ dern Gewande. Ein ſtürmiſcher, heulender Oetober⸗ abend mit Regengüſſen, das iſt etwas, was mir ge⸗ fällt; das harmonirt mit meiner Seele, die dieß nie mit den holden, freundlichen Frühlingstagen, mit ih⸗ ren ruhigen Schönheiten, mit ihrem ewigen Grüne thun kann.“ 3 „Und warum nicht, Albano, ſage mir, warum nicht?“ Thelma ließ die Hand mit der Nadel an der Kante des Rahmens ruhen; ihr Blick folgte mit einem unruhig bittenden Ausdruck dem ihres Vetters. „Warum? Du plagſt mich ſo oft mit dieſem Worte, Thelma, das einen eigenen kalten Ton hat. Ich kann es zudem nicht ſo ſagen, daß Du mich verſtehſt.“ „Sag' es nur, Albano; es wird Dir gut thun, wenn Du von dem ſprechen darfſt, was Dich ſchmerzt, ich verſtehe Dich hinlänglich.“ „Nein, liebe Thelma, das thuſt Du nicht! Ich verſtehe mich ſelbſt nicht, wie willſt Du alſo es ver⸗ ſuchen? Aber Eines weiß ich, daß Du zu gut, zu geduldig beim Ausbruch meiner unwillkürlichen Launen biſt. O wäreſt Du es nur ohne einen andern Einfluß, als den Deines eigenen Herzens! Aber Du biſt gut von Natur, ſanft und geduldig hingegen durch die Gewohnheit des Gehorſams. Tante Rawenſtein hat das Erziehungsweſen vortrefflich ſtudirt.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Albano, ich hoffe es wenigſtens; denn warum ſollte es Deine Abſicht ſein, mich zu betrüben und zu beleidigen?“ „Nein, das wäre in der That zu undankbar, da Du ja mit einer wahren Engelsgeduld die erſten Grade in der Kunſt ſich zu...“ Albano unterbrach ſich ſchnell und eine heftige Röthe bedeckte auf einige Augenblicke die weißgelben Wangen. Er fühlte einen Stich durch's Herz. So hatte er es vorher manchmal empfunden, wenn der böſe „ 5——— Dämon des Argwohns ihn hingeriſſen hatte; aber ein raſcher Blitz eines beſſeren Gefühls beim Blick auf Alba Thelma's ſanfte, ſchuldloſe Züge warf ihm die Unge⸗ wie rechtigkeit vor, die er gegen ſie begangen hatte. eine Ein Stillſchweigen entſtand, das Beide wie einen Luftdruck fühlten. Thelma wurde von der gewöhnlichen Thel Schwachheit des Weibes, der Luſt zum Weinen, über⸗ ken, wältigt. Aber Albano ſollte dieß natürlich nicht ſehen; geher ſie ſchob den Nährahmen hinweg, und ſtand auf, um Alba hinauszugehen. darf. Er trat ihr entgegen. „Thelma, ich habe Dir wehe gethan, ich bin ein Krar wilder Menſch, ein Unthier, daß ich Dich ſo quälen ſale? kann; aber wenn Du mich verſtündeſt— dochedas iſt kleid unmöglich, Du kannſt die verſchiedenen, aber durch ein feines Band an einander geknüpften Schmerzen dara nicht faſſen, die ich leide, die ewigen Mißtöne nicht lichen hören, die meine Seele in mannigfachen ungleichen alte Geſtalten zerſplittern, die alle nach gleich unerreich⸗ Zim baren Zielen ſtreben.“ „ Beſter Albano, wir ſind jetzt zu aufgeregt, laß Poſt mich auf eine kleine Weile hinausgehen. Ich bin nicht von unzufrieden mit Iir, nicht beleidigt, ich weiß ja, daßß gema Du unmöglich ſein kannſt, wie andere Menſchen; aber mit — aber laß mich gehen, Albano! Es iſt ſo warm.“ der „Und es wird ſo kühl, wenn Du mich verläßt. Thue nur, wie Du willſt, Thelma; haſt Du jetzt keine licher andere Antwort, nicht einmal Dein gewöhnliches verſu Warum?“ ſagte Albano bitter.„Aber bin ich richt gewi ein rechter Narr! Ich will hinaus; mein Reitpferd iſt naähe längſt geſattelt; ich werde..“ zen O „Nein, Albano; Du wirſt nicht thun, wie ſeit Haar mehreren Abenden,“ unterbrach ihn Thelma ſchnell. Es n „Du wirſt nicht in den Wald hinausreiten und bis und ſpät in die Nacht hinein ausbleiben, daß Du uns beſter Alle, die wir daheim ſind, zu Tode erſchreckſt. a her, Du, lieber Albano, das darfſt Du nicht! Laß mi 2 lieber mit Dir gehen; ich reite ſo gerne.“ vor der ein ck auf Unge⸗ einen nlichen über⸗ ſehen; f, um in ein quälen das iſt durch nerzen nicht leichen rreich⸗ , laß nicht a, daß aber m.“ erläßt. keine iliches nicht erd iſt ie ſeit chnell. id bis uns Hörſt mich „Und wenn uns dann Jemand begegnet,“ verſetzte Albano wüſt lachend,„dann wird man denken, daß, wie ehedem in der Sage, ein ſcheußliches Ungeheuer eine ſchöne Prinzeſſin entführt.“ „Ach, wie magſt Du ſo grauſam ſcherzen,“ ſagte Thelma unruhig.„Niemand wird etwas Anderes den⸗ ken, als daß wir wie andere Menſchen auch hinaus⸗ gehen, um friſche Luft zu ſchöpfen. Komm, lieber Albano, ich freue mich wie ein Kind, wenn ich reiten darf.“ „Ach Du Gute, Du verſtehſt Dich auf den armen Kranken. Du willſt ihn mit ſich ſelbſt und dem Schick⸗ ſale verſöhnen; aber dieſe Arbeit iſt nicht ſo leicht. Doch kleide Dich jetzt an; wir wollen nicht länger zögern.“ „Die jungen Leute ritten aus. Eine Viertelſtunde darauf rollte eine gelbe Chaiſe in den Hof. Ein ält⸗ licher Herr ſtieg aus. Es waren Seine Gnaden, der alte Graf, der nach Hauſe kam und ſpgleich auf ſein Zimmer ging. „Sagt dem alten Borgſtedt, er ſolle mit dem Poſtpaket hereinkommen,“ war der kurze Befehl, der von den Lippen des Schloßherrn tönte, worauf er ſich gemächlich in einen großen Lehnſtuhl niederließ und mit dem Kopf gegen das ſammtene, elaſtiſche Polſter der Rücklehne hinſank. Aber nur einige Augenblicke waren Seine gräf⸗ lichen Gnaden in ein Nachſinnen oder eine ſüße Ruhe verſunken, als ſich langſam knarrende Schritte in einem gewiſſen abgemeſſenen, wohlbekannten Takte der Thüre näherten; und gleich darauf zeigte ſich, bei einem kur⸗ zen Oeffnen derſelben, ein Kopf mit ganz ſilberweißen Haaren, und dann eine kleine dünne, knöcherne Geſtalt. Es war der alte Buchhalter, der auf dem Gute geboren und erzogen worden war und ohne Zweifel zu einem der beſten Inventarſtücke deſſelben gehörte.—„Gib die Briefe her, und ſetze Dich ſo lange,“ ſagte der Graf gnädig. Der Alte legte eine Menge Papiere auf den Tiſch vor ſeinen Herrn, und nahm auf einem Eckſopha am äußerſten Winkel der Thüre Platz. Dort war er ſchon unzählige Male vorher geſeſſen, und hatte Befehle er⸗ Nar wartet; oder beehrten ihn auch Seine Gnaden mit einem Sch freundlichen Geſpräche, was nicht ſo ſelten geſchah. wird „Nun, gehorſamer Diener, hat man endlich die als Ehre,“ ſprach der Graf in einem Tone zwiſchen Aer⸗ rade ger und Vergnügen, als er die Augen auf die Unter⸗ ſchrift eines Briefes von fremder Hand warf. Halb ein; laut durchlief er den kurzen, alſo lautenden Inhalt: „Hochgeborener Herr Graf! Dir Verſchiedene früher eingegangene Verbindlichkeiten, 4 die meine Ehre vorher zu endigen erforderte, haben gewi einen längeren Aufſchub veranlaßt, als ich gewünſcht die hatte, da ich dem Herrn Biſchof T. das Verſprechen ltücht! gab, zu Anfang des März mich in Hammarby einzu⸗ einer finden. Meine Geſchäfte ſind jetzt bis auf Weiteres gut, abgeſchloſſen, und in den letzten Tagen dieſes Monats 1 werde ich die Ehre haben, mich perſönlich der Gewo⸗ ganz genheit des Herrn Grafen zu empfehlen. dam Mit tiefſter Ehrfurcht ꝛc. Hau * Rudolph Leiler, mit Architekt.“ B., den 15. April 1791. habe m „Siehſt Du, Borgſtedt, jetzt ſcheint dein alter ne Wunſch im Sonnenaufgang zu ſtehen. In einigen Ta⸗ gen haben wir unſern norwegiſchen Baumeiſter hier, nicht laß alſo zur Rechten und Linken die Liſten ausſchrei⸗ kindi ben und die Tagwerke aufbieten; denn wenn etwas und geſchehen ſoll, ſo weißt Du von Alters her, daß ich verm Fleiß und Eifer bei der Sache ſehen will.“ „Soll denn ein Norweger unſere neue Kirche hofe bauen?“ fragte Borgſtedt mit einem ſehr eigenen Tone, 8 nicht und dieſer Gedanke ſchien den ganzen Reſt der Anord⸗ Alter nung des Grafen verſchlungen zu haben. Etwas zö⸗ gernd ſetzte er hinzu:„davon haben Euer Gnaden frü⸗ her nie ein Wort geäußert.“. chon er⸗ nem die Aer⸗ ter⸗ Halb t: ten, ben ſcht chen 1zu⸗ eres nats wo⸗ lter Ta⸗ ier, rei⸗ vas ich che one, ord⸗ rü⸗ 25 „Es war auch nicht viel darüber zu ſagen, Du Narr,“ meinte der Graf lachend.„Ob der Baumeiſter Schweden oder Norwegen zum Vaterlande hat, das wird wohl ganz daſſelbe ſein, wenn er nur ſeine Sache als ein tüchtiger Mann ausführt, und das iſt es ge⸗ rade, was dieſer junge Mann im Stande ſein wird.“ „Junger Mann,“ ſiel der alte Borgſtedt ſeufzend ein; ſo— er muß auch noch jung ſein!“ „Nun, was iſt es denn! Ich glaube, es wurmt Dir heute Abend etwas. Woher haſt Du denn dieſen eingewurzelten Widerwillen gegen die Norweger.“ „Ich, Euer Gnaden? Gott bewahre mich, ich habe gewiß keinen Widerwillen gegen ſie. Im Gegentheil die Norweger ſind ein gewandtes, entſchloſſenes und tüchtiges Volk, denke ich; aber ich wünſche nicht, daß einer von ihnen hieher kommt; denn ich meine, es iſt gut, wenn ein Jeder bei ſich zu Hauſe bleibt.“ Es iſt jedoch ungewiß, ob Borgſtedt nicht etwas ganz Anderes darunter verſtand, und nur nicht recht damit herauszugehen wagte.—„Wird Herr Leiler im Hauſe wohnen?“ fragte er, als der Graf ihn eben mit einem freundlichen Winke entlaſſen wollte. „Nein, das wäre zu weit nach der Kirche, ich habe ſchon mit Probſt Frenkmann abgeredet, daß er im Pfarrhofe wohnen kann. Das macht ſich auch am bequemſten.“ „Freilich, freilich; aber Euer Gnaden, es iſt doch nicht ganz geheuer damit. Kann ſein, daß ich wieder kindiſch werde; aber das trifft ſich gar nicht gut;“ und Borgſtedt ſah aus, als ob er von einem Seher⸗ vermögen beunruhigt würde.„Es iſt nur gut,“ ſetzte er hinzu,„daß es dem jungen Grafen auf dem Pfarr⸗ hofe nicht gefällt, und ſein Charakter iſt zudem gar nicht wie der der andern jungen Herren in ſeinem Alter.“. 3 „Höre, Alter,“ ſagke der Graf ernſt,„ich fange an zu fürchten, daß es nicht recht in Deinem Kopfe ausſteht, oder macht Dich auch, wie Du ſelbſt ſagſt, 26 das Alter kindiſch. Was hatte denn jetzt mein Sohn damit zu thun? Aber apropos iſt Albano zu Hauſe?“ „Nein, er ritt eben mit dem Fräulein hinaus, Euer Gnaden.“— Borgſtedt ſchien, im Ganzen ge⸗ nommen, froh zu ſein, daß ſie von dieſem Gegenſtande abkamen, und wußte an ſeinen fünf Fingern, daß ein anderer auf die Bahn kommen würde, ſobald er das Fräulein erwähnte. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Das Geſicht des Grafen klärte ſich auf, und er ſprach:„Gut, das ge⸗ fällt mir! Thelma iſt gerade ein Mädchen, wie es für den armen Kranken paßt. Sie beſitzt die erſten und nothwendigſten Eigenſchaften, die ein Mann in ſeiner Lage von ſeinem Weibe fordern muß, nämlich Armuth, Sanftmuth und Verſtand. Auf ein reiches Mädchen würde er nie die Augen geworfen haben; aber etwas muß doch dabei ſein, das ihm nicht recht behagt, da er nicht Ernſt mit der Sache macht.“ „O, es iſt klar, was ihm im Weg liegt, Euer Gnaden.“ „Was denn, Alter? Ich glaube, Du bekommſt da einen Hieb von Deinem alten Scharfſinn. Laß hören! Du kannſt Deine Gedanken frei ausſprechen.“ „Ja, ſehen Euer Gnaden, ich denke in meiner Einfalt ſo, daß, wenn die Sache ſeinen geraden Gang ginge, ohne daß ſich Jemand die Mühe nähme, dem Knäuel in Trab zu helfen, ſo würde er von ſelbſt ab⸗ laufen; aber nun muß die Frau Baronin, mit Reſpekt zu vermelden, ihre hohe Naſe immer in Alles ſtecken, und zurecht legen, wo nichts in Unordnung iſt. Dieſes Wett⸗ und Ebenmachen, dieſes Vor⸗ und Nachſehen mißfällt und ärgert den jungen Grafen; und daruber kann ſich Niemand wundern; denn auf dieſe Art er⸗ fährt er ja nie, ob die Freundlichkeit des Fräuleins 11 aus eigenem Antrieb kommt, oder nur ein Folge der Ermahnung ihrer Mutter iſt.“ Darin haſt Du nicht ſo unrecht, Borgſtedt; ich einer Men freud aus, betri jähri ſagte Sohn uſe?“ naus, n ge⸗ ſtande ß ein r das t des s ge⸗ s für n und ſeiner muth, ndchen etwas , da Euer iſt da ören! heiner ſehe, Du haſt noch nicht vergeſſen, Deine Beobachtun⸗ gen zu machen. Was aber meine Schwägerin, die Baronin, betrifft, ſo wirſt Du einſehen, daß ſchon die bloße Hoffnung auf eine ſolche Parthie einer Frau Mücken in den Kopf ſetzen kann, die eine unverhei⸗ rathete Tochter und einen leeren Titel, aber durchaus keine Mittel hat, um ſowohl die eine als den andern zu unterhalten. Es iſt meiner Treu kaine Kleinigkeit für ein blutarmes Fräulein, den Maſoratserben von Groß⸗Hammarby zu bekommen.“ „Nein, nein, das iſt es freilich nicht, Euer Gnaden; aber wenn man der Gerechtigkeit halber die Sache auch von der andern Seite betrachten wollte, ſo iſt es auch keine Kleinigkeit für ein junges, ſchönes Mädchen, in der Ausſicht auf die einſt gewiſſe Stelle einer Krankenwärterin verſorgt zu werden. Der Menſch will immer auch noch im Alter einige Lebens⸗ freude.“ „Höre, Borgſtedt, Du dehnſt die Freiheit ſehr weit aus, die ich Dir, was das Ausſprechen der Meinung betrifft, aus Achtung vor Deinem Alter und den viel⸗ jährigen treuen Dienſten in meinem Hauſe geſtatte,“ ſagte der Graf mit ſichtlichem Mißvergnügen. „Dann bitt, ich um Verzeihung, Euer Gnaden! Ich werde den Mund nicht mehr öffnen.“— Borgſtedt ſtand auf, um zum Komptoire hinab zu humpeln. „Warte doch, warte, und ſetze Dich, alter Starr⸗ kopf! Du haſt wohl noch mehr auf dem Herzen. Sprich, laß mich hören, ob es etwas iſt, das wie geſunder Menſchenverſtand ausſieht. „Nein, Euer Gnaden, ich habe eben nichts weiter über die Sache zu ſagen. Ich möchte nur von ganzem Herzen wünſchen, daß es eine Gott gefällige Ehe würde; das will meiner Meinung nach ſagen, daß das Herz die Hand begleite; denn dann ertraͤgt man den böſen Tag wie den guten in Frieden und Freude. Und nach Allem, was ich über das junge Fräulein habe herausbringen fönnen, würde eine ſolche wohl zu 28 erwarten ſein, wenn ſie nur nicht immer von dem kurz jungen Grafen mit ſeinem argwöhniſchen Weſen geplagt kung würde; aber das ſag' ich immer und bleibe dabei in Bild alle Ewigkeit, daß er nie ſo wäre, wenn nur die Ba⸗ ronin ihre Veranſtaltungen bleiben ließe; denn ſo viel war - hab' ich geſehen, daß er das Fräulein liebt.“ das „Ja, das glaub' ich auch, und es wäre gut, ande wenn wir einmal Hochzeit bekämen. Ich habe keine Wir Freude am Leben und an allen meinen vortrefflichen Wie Einrichtungen, bis ich einen Erben meines Namens und meiner Güter bekomme; denn Albano's Geſund⸗ heit verſpricht nicht viele Sommerblumen zu ernten. Und wenn ich genauer über das nachdenke, was Du über meine Schwägerin geäußert haſt, ſo haſt Du mei⸗ ner Seele nicht ſo ganz Unrecht. Ich werde ihr gerade darüber eine kleine Vorleſung beim Eſſen halten.“ Mit einem Lächeln, das aufrichtiges Vergnügen ausſprach, zog ſich der alte Borgſtedt nach der Thüre zurück. Gegen die Baronin von Rawenſtein hatte er ſchon lange einen Stein im Brette, da ihr hochtra⸗ bendes Weſen ihn ſo oft jene kleinen, aber deßhalb nicht minder ſpitzigen Stiche hatte fühlen laſſen, welche die Aufgeblaſenheit gegen die unbedeutenden zeſen richtet, welche in der Eigenſchaft von Haus⸗ ſeher beamten bei vornehmen Familien auf keine weitere Alfh Aufmerkſamkeit rechnen können, nicht einmal wenn ſie in d beinahe ein halbes Jahrhundert ihren Platz inne ge⸗ habt hätten. Die Baronin, ſowie ihre Schweſter, die getre ——— Gräfin, hatten ihre eigenen Vorurtheile, und eine Ordr untergeordnete Perſon war und blieb nur eine Art„ leger Ding, mit dem man ſich abgab, wenn man es noth⸗ Sebe wendig brauchte. 1 Nicht ſo war es mit dem Grafen. Auch er war wiß hochmüthig und ahnenſtolz, aber ſtets auf eine Art, die glitt ihm erlaubte, das Verdienſt in etwas Anderem als dem Alter Stammbaume zu ſehen. Er ſtrebte überdieß eifrig dar⸗ und nach, für populär, für einen Volksfreund, für herab laſſend gegen den Bürger und artig gegen Jedermam on dem geplagt dabei in die Ba⸗ ſo viel re gut, be keine efflichen Namens Geſund⸗ ernten. vas Du Du mei⸗ gerade n.“¹ gnügen Thuͤre atte er yochtra⸗ deßhalb laſſen, utenden Haus⸗ weitere denn ſie ine ge⸗ ter, die d eine ne Art 5 3 noth⸗ er war Irt, die ls dem ig dar⸗ herab⸗ rmann, -— 29 kurz für einen Mann von warmer patriotiſcher Den⸗ kungsart, von Welt, Scharfſinn, Lebensweisheit und Bildung zu gelten. Das war nicht wenig auf einmal; aber der Graf war zufrieden dieſe Eigenſchaften äußerlich zu beſitzen; das heißt: es war ihm ſchon gedient, wenn nur die andern Leute glaubten, daß er ſie habe. Was die Wirklichkeit betrifft— doch das gehört nicht hieher. Wie Viele leben in der Wirklichkeit? Drittes Kapitel. Der Zeiten Engel ſchwingt ſich durch die Räume, Voran der Dinge wechſelreicher Flucht, Und bringt mit jedem Fluͤgelſchlag die Keime Der Hoffnung uns und der Erinnrung Frucht. Ob Freudenhauch uns, ob der Sturm der Schmerzen Schon morgen trifft,— iſt jedem heut verhuͤllt, Doch was errungen wir, ruht ſtill im Herzen Wie im verſchloſſnen Sarg der Theuren Bild. Carlén. „Onkel Sebaſtian! willſt Du nicht kommen, und ſehen, wie Dir meine kleinen Anſtalten gefallen?“ fragte Alfhild, indem ſie freundlich mit dem Kopfe nickend in die Kammer des Kapitäns hineinguckte. „Die Anſtalten, meine Liebe, werden wohl bald getroffen geweſen ſein, da das Gaſtzimmer ſtets in guter Ordnung erhalten wird. Ich habe überdieß einige ange⸗ legentliche Rechnungen zu durchſehen,“ erwiederte Onkel Sebaſtian mit einem an ihm ungewöhnlichen Mürrſinn. „Ich glaube, Du biſt boͤſe, Papachen; aber ge⸗ wiß nicht auf mich.“— Alfhilds feine, weiße Hände glitten ſchmeichelnd über die runzligten Wangen des Alten.„Nicht auf mich, hörſt Du! Sprich alſo etwas, und geh mit mir; ich gebe mich nicht zufrieden, bis ich Einen habe, der meinen Kunſtſinn bewundern will.“ „Wie wunderlich Du biſt! Ein weißes, friſchge⸗ ¹ 30 machtes Bett, reine Vorhäaͤnge, einige Birkenblätter eine und Oſterlilien in einem Glas, das Alles habe ich„Hin ſchon oft geſehen. Laß mich zufrieden; ich wollte, der„ Gaſt und der, der ihn hier einquartiert hat, wären, für e wo der Pfeffer wächst!“ herbe „Jetzt biſt Du ja ganz böſe, und geräthſt in Deine allerübelſte Laune, Onkelchen Sebaſtian! Wie betrübt! 1 Was ſoll ich jetzt nur anfangen, um Dich freundlicher hinau und gut zu bekommen? Sag einmal, Du haſt mich ja nenzuy oft ſelbſt verſichert, daß Mittheilung das Herz erleich⸗ rother tere, erzähle mir alſo in allerſchönſter Vertraulichkeit, und was Du gegen den Grafen haſt, der immer ſo artig Farbe iſt und noch mehr, was gegen den Architekten, den Giebe Du noch gar nie geſehen haſt?“ Schü „Ich habe gegen Niemand etwas; ich weiß nur„ nicht, warum Du ſo ein Weſen machſt, Du gehſt ja mer ordentlich her und warteſt auf ihn; aber er kommt zeitig Alfhi genug, das fühl' ich in mir und das iſt Alles, was laut ich zu ſagen habe.“ Ja, Du fühlſt auch in Dir, wenn ſich das Wetter velche ändert,“ ſcherzte Alfhild.„Ich meine, Onkelchen, die und f Temperatur Deiner Laune iſt heute Abend mehr als Zimm gewöhnlich bewölkt; wir haben gewiß ein Donnerwetter tenen zu gewarten, meinſt Du nicht?“ Leben „Ja das mein' ich eben; aber verlaß mich nun, Schul Du kleine Putzpuppe! Du haſt wahrſcheinlich etwas ſaß, n Nützlicheres zu thun, als da zu ſtehen, und mit dem mit ſe trockenen Onkel Sebaſtian Poſſen zu treiben.“ zum „Nein, wahrhaftig nicht das Geringſte; und wir großer werden nie mehr gut Freund, wenn Du nicht mit mir Eichen gehſt. Ich verſichere Dich, daß ich etwas ganz Anderes Marn zu zeigen habe, als ein gewöhnliches Gaſtzimmer.“ Ebenh „Nun, um Dich los zu werden!“— Der Kapitän Gewöl ſtand auf, und trat, die Hand der jungen heitern Alf⸗ die M hild in die ſeinige gelegt, in die Vorhalle hinaus. zwei⸗ „Es geht nicht hinab,“ ſagte das Mädchen mit der paar E ganzen Heiterkeit eines guten Kindes, wenn es Jemand Banten blätter abe ich te, der wären, Deine etrübt! dlicher nich ja erleich⸗ ichkeit, »artig 1, den iß nur ehſt ja zeitig „ was Wetter en, die hr als wetter h nun, etwas it dem nd wir it mir nderes er.“ apitän n Alf⸗ us. nit der emand 31 eine recht unerwartete Ueberraſchung bereiten kann.— „Hinauf, Onkelchen, auf den Dachboden!“ „Was, auf die Bühne hinauf? Was iſt denn das für ein Spektakel; Du wirſt ihn doch nicht dort be⸗ herbergen wollen?“ „Warte, warte nur, Du wirſt ſchon ſehen!“ Und Alfhild zog den Greis mit ſich die Treppe hinauf, und über den großen, mit abgeſchnittenen Tan⸗ nenzweigen beſtreuten Boden, der ſo zierlich mit den rothen, blauen und gelben Käſten des ganzen Geſindes, und mit langen Reihen von Weiberröcken, die in allen Farben ſpielten, geſchmückt war, bis zu dem einen Giebel. Hier blieb ſie ſtehen, und ſuchte in ihrer Schürze nach einem Schlüſſel. „Mädchen, Du wirſt ihm doch nicht dieß Zim⸗ mer beſtimmt haben?“ fragte Sebaſtian, indem er Alfhild ſo ſtark in den Arm kneipte, daß ſie dabei laut aufſchrie. „Herr Gott! ei freilich, Onkelchen! Sieh doch, welche Ausſicht er hier hat!“— Sie öffnete die Thüre, und ſie befanden ſich nun in einem großen, viereckigten Zimmer mit altmodiſchen, aber noch vortrefflich erhal⸗ tenen Tapeten, welche Stücke aus Abälard und Heloiſen's Leben darſtellten. Die Möbel waren nicht aus der neuen Schule. Große, ſchwere Lehnſtühle, in denen man jedoch ſaß, wie in den Vorhöfen des Paradieſes, und ein Sopha mit ſchwarzen Roßhaarkiſſen, die ſchwellend und kühl zum Sitzen einluden. Vor dem Sopha ſtand ein ſehr großer und maſſiver Tiſch mit eingelegtem Fichten⸗ und Eichenholz, und über zwei kleineren Tiſchen mit grauen Marmorplatten hingen viereckige Spiegel in ſchwarzen Ebenholzrahmen. Zwiſchen dieſen lag, wie in ein kleines Gewölbe eingeſchloſſen, das hochgeſchwungene, tiefe in die Mauer eingelaſſene Fenſter. Eine Erhöhung von zwei Treppen führte dahin, und auf dieſer ſtanden ein paar Seſſel, deren reich geſtickte Ueberzüge von der Kunſt und dem Geſchmacke derer zeugten, die ſie verfertigt hatten. Rechts von dem Fenſter und dem Sopha gegen⸗ über ſtand das Bett mit ſeinen ſchneeweißen Gardinen. Dieſe beurkundeten deutlich einen neueren Geiſt. Es war Alfhild's freundliche Umſicht, welche die ſchweren Draperien von großroſigem Kattun gegen die leichten Wellen des weißen, im Hauſe gewobenen Mouſſelins ausgetauſcht hatte. Die übrigen Gegenſtände des Zim⸗ mers beſtanden aus einem alten ſchwarzen Schreib⸗ tiſche und einem Feuerſchirme von derſelben Arbeit wie der Seſſel⸗Ueberzug. Auf dem gewaltigen Kamine erhob ſich eine ganze Orangerie von Birken mit fri⸗ ſchen Knoſpen, und über der weißgetünchten Kante — derſelben hing ein Gemälde, das vielleicht die Krong 1 des Ganzen ausmachte. Es war das Bruſtbild eines jungen Weibes von einer Schönheit, einem Leben und ſprudelnden Feuer, welche das Auge entzückten, aber das Herz kalt machten. In den ſchwarzen blitzenden Augen lag etwas Unerklärliches und das Kräuſeln der Lippen war der ſtolze Wurf der Woge, wenn ſie wie eine Wolke über die tief unter ihr verſchwindenden kleineren Wellen hingleitet. „Nun, mein vortrefflicher Onkel Sebaſtian! iſt das nicht ein ſchöner, ein herrlicher Fund“— Alfhild klatſchte in die kleinen Hände.—„Kannſt Du Dir etwas Hübſcheres und Angenehmeres denken, als dieſes Zimmer? Es iſt etwas ſo Großartiges, etwas ich weiß nicht recht wie ich es nennen ſoll, was mich hier gefeſſelt hält. Aber Du darſſt glauben, ich habe auch tüchtig gewirthſchaſtet, und mehrere Wochen lang eine gräßliche Arbeit gehabt, um die ganze Menge von Spinnweben, Staub und Schim⸗ mel wegzubringen. Ja, ich habe hier wenigſtens ſechsmal ſcheuern laſſen, und mit eigener Hand und Deinen fein⸗ ſten Pinſeln— davon wußteſt Du freilich nichts, Papat Sebaſtian,— habe ich die Tapeten geputzt; aber n in ſtrahlen ſie auch wieder ſo hell wie in den früheren Tagen. Ja, ja, glaube mir, zu ſo etwas braucht es alle mög⸗ liche Achtſamkeit. Ich hatte auch ganz lauen Seife ſchaum, gerade wie ich an Weihnachten nehme, w ich unſere große Silberwäſche halte. Und dann die Se Wenn ſo ſeh ganze gehen nicht Zücht verjüt und 1 ja ga ſallen etwas ſchein⸗ Heilig Dir Arm jeden Geger ſagſt Inſpi 1 aus d tief A ir, ſengs Unkra es an was Zimm verſch rdinen. ſt. Es hweren leichten uſſelins es Zim⸗ zchreib⸗ Arbeit Kamine nit fri⸗ Kante Krone d eines ben und n, aber itzenden ſeln der ſie wie ndenden jan! iſt Alfhild ir etwas zimmer? cht recht lt. Aber jſchaftet, gehabt, Schim⸗ ſechsmal ien fein⸗ s, Papa aber nun n Tagen. lle mög⸗ Seifen⸗ 9 e, wenn ee Seſſel! 33 Wenn Du wüßteſt, wie ich die durchgeklopft habe. Ja ſo ſehr, daß ich am Ende glaubte, Herr Amor und ſeine ganze Geſellſchaft würden bei dieſer Gelegenheit zu Grunde gehen. Aber weit entfernt; ſie ſind, Gott ſei Dank! nicht im mindeſten verzärtelt, ſondern wahrſcheinlich an Züchtigungen gewöhnt; denn ſie erſtanden wieder in ganz verjüngter Geſtalt, und blicken mich jetzt ſo ſchelmiſch und neckiſch für meine Mühe an. Aber Du hörſt mich ja gar nicht; Du ſtehſt ja da, wie aus den Wolken ge⸗ fallen! Onkelchen, habe ich denn etwas Schlimmes, etwas Unrechtes gethan, weil ich das treffliche Zimmer hier für unſern Gaſt einrichtete? Doch ich habe Dir noch nicht geſagt, warum ich es gethan habe. Nun ſiehſt Du, komm mit mir da hinauf auf den Fenſterſchemel. Folge jetzt meiner Hand! Dort ſteht die alte, auf die Seite haͤngende Kirche, die ihr Abendgebet zu flüſtern ſcheint, und hier iſt der freie, offene Platz, wo das neue Heiligthum in ſchöner Morgenröthe erſtehen ſoll. Denke Dir nun weiter, wie der Baumeiſter hier ſitzen und, den Arm auf das Fenſtergeſimſe geſtützt, jeden Morgen und jeden Abend auf ſeine Arbeit ſchauen wird. Die beiden Gegenſätze, meine ich, ſollen ihn inſpiriren; oder was ſagſt Du, Onkel? Brauchen die Architekten nicht auch Inſpirationen?“ „Gott helfe uns!“ ſeufzte der Kapitän, und holte aus der in dieſem Augenblick beſonders beklemmten Bruſt tief Athem.—„Gott helfe uns, Inſpirationen! Ich ſage Dir, Inſpirationen taugen nichts! Nein, das iſt Teufels⸗ zeugs und wird mehr Uebels anrichten, als alles andere Unkraut zuſammen. Ich möchte Dich doch fragen, was es anders iſt, als eben eine ſolche verwünſchte Inſpiration, was Dich zu dem närriſchen Plane veranlaßt hat, ein Zimmer in Ordnung zu bringen, das über fünfzig Jahre verſchloſſen war.“ „Nun, aber was liegt denn da Schlimmes darin, mein lieber Onkel? Es war ja im Gegentheile gut und Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 3 b aust Du mir nun geloben, nämlich gegen unſern e p 1* nützlich; denn einmal mußte doch wohl das Zimmer wie⸗ ich n der aufgeräumt werden, und...“ ich a „Und Du biſt ein blindes Kind, das da hineinſtürmt, unfre als ob es nichts in der Welt gäbe, als Spiel und Scherz,“ baſti unterbrach ſie Onkel Sebaſtian ſtreng.„Sieh, Alfhild! Jetzt macht dieß Dich glücklich; Du haſt Dich nach die dem ſer Freude gerade ſo geſehnt, als Du es ehedem nach ſchlon einer neuen Puppe thateſt, und wirſt es künftig noch nach verwi mancher eben ſo zerbrechlichen Spielſache thun. Aber ich rothr will Dir eine Fabel erzählen, die Dir beweiſen ſoll, Die wie es nicht ſelten geſchieht, daß, wenn wir das lang ſeln erſtrebte Ziel erreicht haben, ein unvorhergeſehenes Er⸗ fonnt eigniß einen neuen, noch heftigeren Wunſch in uns er⸗ Melo zeugt, den Wunſch nämlich, wieder in die alte Lage zu jetzt kommen. Siehſt Du: Ein Bauer hatte ein Kalb auf nen 2 die Waide getrieben. Es wurde geſtohlen. Da bat der Dein Bauer auf den Knieen:„Großer Pan, ich will Dir einen Bock opfern, wenn Du mir den Dieb zeigſt!“ Pan zufrie erhörte ihn; ein ſchrecklicher Panther ſtürzte hervor. fremd „Großer Pan!“ bat jetzt der Bauer erſchreckt,„befreie eines mich von dieſem Ungethüm, und ich will Dir zehn Böcke Aber geben!“— Du n „Kind, glaube mir, ſo geht es mit unſern Wün⸗ denn ſchen, und ſo geſtalten ſich gewöhnlich ihre Folgen.“ immer „Du biſt heute Abend ganz unverbeſſerlich, lieber delt, Onkel Sebaſtian,“ erwiederte Alfhild lächelnd, indem 1 ſie ihn ſchalkhaft an dem grauenden Backenbarte zupfte. zu Ob „Warum biſt Du ſo feierlich und ſonderbar, als ob hier von irgend einem außerordentlichen Unglück die Rede wäre, hild während es doch nur die einfachſte Sache von der Welt, ganz ein aufgeräumtes Zimmer, iſt? Du haſt gar kein Ge⸗ nunge fühl; Du lobſt weder meinen Fleiß, noch billigſt u— meine Anordnungen; aber es mag ſein Bewenden damit haben! Ich weiß, daß Du ſo hie und da Deine Grillen haſt und ich habe Dich dennoch ſehr lieb. Aber Ein 7 mein Manch mein. ob Du eten Gaſt artig und zuvorkommend zu ſein; den ter wie⸗ aſtürmt, Scherz,“ Alfhild! ach die⸗ m nach och nach lber ich en ſoll, s lang ies Er⸗ uns er⸗ kage zu alb auf bat der ill Dir lu Pan hervor. „befreie n Böcke Wün⸗ n.““ lieber indem zupfte. ob hier de wäre, Welt, ein Ge⸗ gſt Du l damit Grillen Eines ern er⸗ ; denn 35 ich weiß, wie ſchwer es mir ſelbſt fallen würde, wenn ich als täglicher Gaſt ein Haus beſuchte, wo mir Jemand unfreundlich begegnete. Alſo, lieber, lieber Papa Se⸗ baſtian, nehme dann nicht Dein Donnerwettergeſicht an!“ Alfhilds Stimme war vom ſpielenden Scherze zu dem weichſten, innigſten Flehen übergegangen; ihr Kopf ſchloß ſich dicht an die Schulter des Alten, und die Hand verwirrte ſich zwiſchen dem Rockkragen und dem großen rothroſigen ſeidenen Tuch, das ſeinen Hals umſchloß. Die Temperatur im Herzen des Kapitäns ſchien zu wech⸗ ſeln, wie man wenigſtens aus ſeiner Stimme abnehmen konnte, indem folgende Worte ganz nach der alten Melodie gingen:„Nun, nun, mein Täubchen, laß es jetzt gut ſein! In Gottes Namen denn, Du ſollſt Dei⸗ nen Willen haben; vielleicht wird es nicht ſo arg! Weiß Dein Vater von der Sache?“ „O ja, von Anfang bis zu Ende. Papa war recht zufrieden mit meinem Vorſchlag; denn da wir ſo viel fremde Beſuche bekommen, ſo koͤnnten wir nur mit Noth eines von den beiden andern Gaſtzimmern entbehren. Aber ſiehſt Du, Onkelchen, wir hatten verabredet, daß Du nichts davon erfahren ſollteſt, bis Alles fertig wäre, denn wir fürchteten Deinen alten Widerſpruchsgeiſt, der immer Etwas zu tadeln hat, wenn es ſich darum han⸗ delt, Etwas zu ändern.“ „So, ſo; aber hinter meinem Rücken das Unterſte zu Oberſt zu kehren, davor habt ihr Euch nicht gefürchtet?“ „Nun, Du biſt ja wieder gut, Onkelchen.“— Alf⸗ hild küßte den Greis auf die Stirne, und lenkte dann ganz geſchickt das Geſpräch auf die verlaſſenen Rech⸗ nungen, die abzuſchließen ſeien. „Richtig, richtig; Du haſt die Gedanken für mich, mein Mädchen. Nun, ſo leb' wohl, Du haſt gewiß noch Manches zu thun.— Aber komme einmal näher daher, mein Kind, ſtelle Dich ſo in's Licht; ich will nur ſehen, ob Du eine Aehnlichkeit mit dem Bilde da oben haſt.“ 3* einen ſonnenhellen Tag in der immer dunkler und dunkler —— „Warum denn, Onkel? Ich habe ſelbſt oftmals das Porträt angeſehen und gemeint, ich gleiche ihm etwas. Wer ſoll es denn ſein? Das möcht' ich gerne wiſſen.“ „Deine Großmutter, meine ſelige Schweſter; aber Gott ſei Dank, Deine Augen haben nicht dieſes Feuer, ſo hell ſie auch ſind, und Deine Lippen lächeln nicht auf dieſe Art. Deine Augen und Deine Lippen, Madchen, ſpiegeln treu die reinen Bilder zurück, die in Deinem* unſchuldigen Gemüthe wohnen. Doch kein Wort mehr davon, Alfhild, das, an was ich dachte, iſt längſt begra⸗ ben, Friede ſei mit denen, die da ſchlafen!“ „Aber, Onkel Sebaſtian, warum hängt das Porträt der Großmutter nicht bei den andern im Saale drunten?“ „Deßhalb, weil es von einer Perſon gemalt wurde, welche dieſes Zimmer längere Zeit bewohnte, und ihm hier ſeinen Platz gab; aber dann traten Ereigniſſe ein, die, mit dem Gedaäͤchtniß Deiner Großmutter verknüpft, zur Folge hatten, daß— doch da ſchwatz ich nutzlos die Zeit hinweg. Vergiß es, mein Täubchen, und denke lie⸗ ber darauf, daß ich bald meinen Yſopthee bekomme; Du hörſt, daß ſich der Huſten nicht geben will.“ Mit dieſen Worten ging der alte Sebaſtian hinaus, indem ſein Blick auf ſeinem Lieblinge ruhte. Auch Alf⸗ hilds hatte ſich eine feierliche Stimmung bemächtigt. Beinahe mit einem unheimlichen Gefühle wandte ſie den Blick von dem Bilde ab und trat an's Fenſter, welches ſie öffnete, um die friſche balſamiſche Frühlingsluft ein⸗ zuathmen. An der verroſteten Vergoldung der alten Thurm⸗ ſpitze brannte der letzte Strahl der hinter dem Berge verſinkenden Sonne, die dem Blicke verborgen, aber von der Hoffnung auf eine Zukunft geahnt war. Der Abend war herabgekommen; aber noch ſchwebte ein goldener Schimmer zwiſchen Himmel und Erde. Die hellen Wol⸗ ken, gegen welche die geſchwärzten Mauern des Kirch⸗ hofs in ſcharfen Umriſſen abſtachen, verbreiteten noch wer ein wur Ein auf lich Troͤ her wel ten übe tief lich ſchy wen Dre die Küt Thl Abe eine ihne einit Ger den Her war baſt Zitt flog das was. ſen.“ aber euer, auf chen, inem nehr gra⸗ rträt 29 irde, ihm ein, üpft, die lie⸗ Du aus, Alf⸗ tigt. den ches ein⸗ rm⸗ erge von end ener Vol⸗ rch⸗ och fler 37 werdenden Dämmerung, bis auch die letzte Wolke wie ein erlöſchendes Gedächtniß von der Nacht überſchattet wurde. Etwas Wehmüthiges regte ſich in Alfhilds Seele. Ein fragender Gedanke flog von der Tiefe derſelben hin⸗ auf zum Unermeßlichen.—„Werden immer ſo freund⸗ liche Sterne im Dunklen leuchten?“ „Was iſt denn?“ ſagt Jean Paul.—„Menſchen— Träume— blaue Tage— ſchwarze Nächte ohne mich hergeflogen, ohne mich hingeflogen, wie Sonnenfäden, welche die menſchliche Hand weder ſpinnen noch feſthal⸗ ten kann. Was blieb denn zurück— ein großes Weh über das ganze Herz.“ „Mein einſtiges Leben mit all' ſeinen Blumen ſteht tief unter dem Waſſer, und ich muß mich in das unend⸗ liche Weltmeer werfen. Gib mir Deine Hand und ſchwimme mit.“ „Der Menſch ſieht bewegt hinab in die tiefe Zeit, wenn ſeines Lebens Spuhle noch beinahe leer ohne einen Draht herumläuft; denn ſein Anfang grenzt näher an die Mitte, als ſein Ende, und die Aus⸗ und Einſchiffungs⸗ Küſte unſeres Lebens hängt in das dunkle Meer hinab.“ Alfhild ſtützte ihren Kopf auf die Hand. Vom Thurme ſchallten in feierlicher Stille die erſten Töne des Abendläutens, aber ſie erklangen nicht allein; das Echo eines Geräuſches wie ein Rädergeraſſel wechſelte mit ihnen ab. Das Mädchen hob ihren Kopf wieder um einige Linien und lauſchte; immer deutlicher wurde das Geräuſch. Es fuhr immer näher; aber noch hörte man den eintönigen, wunderſam hellen Klang der Glocken. „Das iſt er, ja ganz gewiß, das iſt er!— Alfhilds Herz ſchlug unruhig. Sie hatte den Gaſt ſo ſehr er⸗ wartet; aber wie zitterte ſie jetzt nicht vor Onkel Se⸗ baſtians düſterer Laune! Doch jetzt war keine Zeit zum Zittern. Leicht wie eine Fee ſchloß ſie die Thüre und flog die Treppe hinab in das Zimmer ihres Vaters. Der Probſt hatte ſchon daſſelbe Geräuſch gehört, VWVir möoͤchten uns die Feder eines Malers wünſchen, und vertauſchte eben in aller Schnelligkeit den Schlafrock gegen ſeinen ſchwarzen Amtsbruder, um hinauszugehen und den Gaſt freundlich zu empfangen, denn der Graf hatte ihn ſeiner beſondern Aufmerkſamkeit empfohlen. Als Vater und Tochter— denn Alfhild vertrat die Stelle der Wirthin— zur Haustreppe hinabkamen, hör⸗ ten ſie nichts mehr, und kein Gefäͤhrt ließ ſich ſehen. Sie blickten zur Rechten und Linken, und dann mit einer diſſn Verwunderung auf ſich ſelbſt, aber Alles war ille. „Wir müſſen falſch gehört haben,“ ſprach der Probſt, ſah jedoch noch immer auf die Landſtraße hinaus. „Nein, gewiß nicht, Papa,“ erwiederte Alfhild,„wir haben gewiß recht gehört. Ich hörte ja das Pferd ſchnauben.“ „Närrin, Du wirſt doch einſehen, daß wir uns doch getäuſcht haben müſſen, da ſich kein Reiſender weit und breit zeigt,“ bemerkte der Vater.„Aber laß uns hinein⸗ gehen, und ſage Onkel Sebaſtian nichts davon. Er würde uns ſchön auslachen.“ Sie traten in den Saal zurück. Der Probſt ſtopfte eine Pfeife, und nahm ein Zeitungsblatt, Alfhild ihr Spinnrad; aber der Faden verwirrke ſich, denn die Ge⸗ danken und Finger gingen nicht denſelben Weg. Eine gute Weile, etwa eine halbe Stunde, mochte vorüber ſein, als es wieder zu fahren anfing, und das Schnau⸗ ben eines Pferdes ganz nahe gehört wurde. 4 „Wenn es dießmal wieder Blendwerk iſt, ſo iſt es ein Streich des Teufels,“ ſagte Probſt Frenkmann, in⸗ dem er die Pfeife hinweglegte und aufſtand. „Nein, Papa, jetzt hielt es am Hofe,“ rief Alfhild lebhaft;„jetzt iſt es ganz gewiß, daß wir uns nicht täuſchen.“ 3 Und Alfhild hatte Recht. Als ſie hinaus kamen, ſahen ſie ein eben angefahrenes norwegiſches Fuhrwerk und aus dieſem ſprang der erwartete Architekt. war ferr eine Wö dur win nete ſi wei wen des gek nich als gew ſich ihre es ſtan ſie 24 afrock gehen Graf n. at die hör⸗ ſehen. einer war robſt, „wir Pferd doch und nein⸗ Er opfte ihr Ge⸗ Eine über nau⸗ 39 um den Helden der Erzählung recht darſtellen zu können, doch der Verſuch, die verſchiedenen Züge in Rudolf Lei⸗ lers Geſicht, den wechſelnden, bald ſanften und weichen, und dann wieder ſo ſcharfen Ausdruck in ſeinen ſchwärz⸗ lich braunen Augen oder das Lächeln ſeiner Lippen wieder zu geben, das ſeine Beſtandtheile von Engel und Teufel entlehnt zu haben ſchien, wäre eben ſo vergeblich, als eine Arbeit aus einer Sprache, die man nicht verſteht, überſetzen oder in einem Briefe leſen zu wollen, der noch nicht erbrochen iſt. Alles, was daher geſagt werden kann, iſt, daß unſer norwegiſcher Baumeiſter ſeine drei guten Ellen maß, eine breite, gewölbte Bruſt und ein Paar athletiſche Schul⸗ tern hatte, auf denen Laſten von nicht unbedeutendem Umfang getroſt ruhen zu können ſchienen. Das Geſicht war oval und zeigte ein Profil, deſſen edle Form— ſo⸗ fern man ſich auf ein ſolches Gepräge verlaſſen darf,— einen hohen, aufwärts ſtrebenden Geiſt verkündete. Die Wölbung der Stirne, von ein paar gewaltigen Adern durchkreuzt, trat weit hervor, und bildete in dem Augen⸗ winkel eine tiefe Falte, die mit den dunkeln, wohlgezeich⸗ neten Augbraunen zuſammenfloß. Die Farbe des Ge⸗ ſichts war männlich, nicht Schnee und Erdbeeren auf weichen Sammetwangen, ſondern braun, friſch und ein wenig vom Wetter gezeichnet, wie es den wackern Sohnen des Nordens ziemt. Um ſein Haupt ſpielten natürlich gekräuſelte Locken von der glänzenden Farbe des Raben. So ſtand der Architekt vor ſeinen Wirthsleuten. War er ſchön, war er häßlich? Alfhild konnte das nicht entſcheiden, ſo genau ſie ihn auch betrachtete; aber als er nun wohl im Saale ſtand, als er mit dem leichten, gewandten Weſen des gebildeten Weltmanns grüßte, und ſich als die größte Gnade erbat, ein würdiges Mitglied ihres häuslichen Lebens ausmachen zu dürfen, da wurde es ſonnenhell in Alfhilds innerer Welt, und gerne ge⸗ ſtand ſie ſich ſelbſt, daß ſie nicht begreifen könne, warum ſie bei dem Adlerblick, der ſie aus dem Auge des Fremd⸗ 4 40 geneigt gefühlt hatte, das zu geſtehen, was ſie jetzt ſehr wohl einſah nämlich— nämlich, daß er— der ſchönſte Mann ſei, den ſie geſehen habe. Wenn Probſt Frenkmann nicht ganz ſo dachte, wie Alfhild, ſo dachte er doch, daß der Baumeiſter ein höchſt gebildeter und artiger junger Mann ſei, mit dem er, ſo weit er bis jetzt urtheilen könne, wahrſcheinlich recht gut auskommen würde. Dem zufolge bot ihm der Probſt ſogleich eine Pfeife an, und flüſterte Alfhild zu, ſie ſolle eine Bouteille von dem drei Jahre alten Bier bringen, das wegen ſeiner Friſche und ſchönen Farbe ſo ausge⸗ zeichnet war. Die Herren nahmen Platz auf dem Sopha und in Kurzem hatte Leiler mit leichtem und gewohntem Takte den Probſt in ein Geſpräch über den neuen Kirchenbau, das gräfliche Haus, das Schloß, die Ruinen u. ſ. w. eingeführt, von welchen letzteren als Ausgangspunkten eine politiſche Brücke zwiſchen der alten und neuen Zeit ge⸗ ſchlagen wurde. Kurz, nnſer Architekt entwickelte ſo viel Gewandtheit und Uebung in der ſchweren Kunſt, eine ganz fremde Perſon zu unterhalten, daß der Probſt Frenk⸗ mann ſich höchſt glücklich ſchätzte, mit einem Gaſte ge⸗ ſegnet zu ſein, der ihm einen ſo reichen Gewinn in ſeinem ſonſt ziemlich beſchränkten Leben verſprach. Alfhild kam nun mit dem Teller uund ordnete zier⸗ lich einen Tiſch vor den Herren. Die große Tabakslade des Probſtes, die Meerſchaumpfeifen und Gläſer nahmen ſich nicht übel neben der Kanne von gediegenem Silber aus, in welcher das Bier war. „„Wir pflegen mit Zucker zu trinken; denn es iſt ſehr ſauer, muß der Herr wiſſen,“ ſprach der Probſt mit ein⸗ ladendem Zuſpruch. „Darf auch ich darum bitten,“ fiel Leiler ein, und reichte mit einer anmuthigen Bewegung Alfhilden ſein Glas hin. lings traf, als er zuerſt aus dem Wagen ſtieg, ſich nicht Das Bier brauste und ſchäumte hoch auf. Leiler den den und ſittze wäh das Zim keit nicht ſehr pönſte wie höchſt r, ſo t gut robſt ſolle ngen, usge⸗ id in Takte ibau, ſ. w. eine t ge⸗ viel eine renk⸗ 3 ge⸗ inem jer⸗ lade men lber ſehr ein⸗ und ſein führte es an ſeine Lippen, ſchlürfte jedoch nur ein Paar Tropfen Schaum ein.—„Bei meiner Ehre, ich glaube nicht, daß eine Walkyre in Walhallas Sälen ein Beſſeres anzubieten hat,“ rief er mit Feuer, warf einen Blick wie Wetterleuchten auf Alfhild und leerte ſein Glas bis auf den Grund. Jetzt trat Onkel Sebaſtian ein; der Probſt ſtellte den Gaſt ſeinem alten Freunde vor. Die Wange des Architekten färbte ſich höher; aber dieß rührte wahrſcheinlich von der Ueberraſchung her, die er bei dem ſonderbaren Gruße des Kapitäns Oernroos empfand, der nur in einem zerſtreuten:„So, ſo, ich konnte mir das wohl vorſtellen,“ beſtand. Viertes Kapitel. Begonnen hat mein Amt, und etwas langſam geht's; Wohl uüber Wuͤſten führt mein Pfad zum Ziel: Zerſtörung hauch' ich hin, und brenne Die Erd’ zu Aſche aus; das thut ihr gut. Nikander. Aus dem Vergangenen kann einſt Zukunft werden. Byron. Als der erſte Strahl der Morgenſonne den zittern⸗ den Thautropfen aus ſeinem zarten Bette aufſaugte, fin⸗ den wir den Baumeiſter ſchon außerhalb des ſeinigen, und in einen Schlafrock gehüllt in einer Sophaecke ſitzend. Leiler hatte nicht gut geſchlafen; er war deßhalb früher, als er ſonſt pflegte, aufgeſtanden, und nun be⸗ ſchäftigt, einen Bund vergilbten Papiers zu durchblättern, während er ſeine Pfeife rauchte. Wenn man nach dem ſpähenden Auge urtheilen durfte, das abwechslungsweiſe auf jedem Möbel und Artikel des Zimmers verweilte und dann wieder mit der Schnellig⸗ keit des Blitzes das Papier durchlief, ſo hätte man ver 4 —— 5 —õ———z —— —i .. * 8△ —— 42 ſucht ſein können, zu glauben, Leiler ſei auf gleiche Art wie ein moderner Reiſender beſchäftigt, während einer Fahrt auf einem Kanale jede Stelle man paſſirt, auf der Landkarte nachzeigt. Endlich legte er das Papier hinweg, klopfte die Pfeife aus, und blieb mit gekreuzten Armen und ſtarren Blicken in tiefe Gedanken verſunken ſitzen; aber in welchen Geſtalten ſich dieſe auch darſtellen mochten, die des Friedens und Lichtes konnten es nicht ſein; denn immer dunkler ſchwebten die Wolken über ſeine Stirne und immer herber zog ſich die Falte am Augen⸗ winkel zuſammen. „Die großroſigen Umhänge fehlen,“ murmelte er beinahe tonlos;„der fromme Engel der Unſchuld hat dafür die weiße Farbe gewählt, ha! man ſchläft nicht gut hinter den weißen Gardinen, wenn die Seele nicht ebenfalls auf dem Bette des Lichtes ruht. Aber regt ſich nicht etwas draußen auf der großen, öden Bühne? Kein lauſchendes Ohr darf hieher dringen.“ Leiler ſtand auf und ging zur Thüre, die er langſam und nur ein wenig öff⸗ nete, draußen war jedoch Alles ruhig und ſtille wie im Grabe; nur hie und da ſpielte ein Windhauch von den offenen Dachfenſtern herein durch die langen Reihen der Feſtröcke der Mägde. Ein leichter Schauer flog durch Leilers Seele. Es kam ihm vor, als ob all' dieſe ſchwar⸗ zen Kamelotmaſſen mit den darüber gehangenen weißen Schürzen etwas Verwandtes mit geſpenſtigen Dunſtbil⸗ dern hätten, die ihm ihren Morgengruß zuſchickten. „Das iſt ein dummer und närriſcher Gebrauch, die Wände ſo zu zieren,“ dachte er ärgerlich.„Wenn man bedenkt, daß alle dieſe äußeren Gewänder, die jetzt wie elende Miſſethäter an Galgen aufgehängt ſind, noch vor kurzer Zeit Weſen umſchloſſen, in deren Innerem eine Seele raſtlos wie in einem Gefängniſſe umher ſtrebte,* daun könnte man meinen, jede Larve habe in ſich ein heiliges, oder wenigſtens etwas Rohes, das dem Organis⸗ mus des Geiſtes wehe thue, in dieſem Aufhängen unſe⸗ * —— Verbindungsglied mit der andern, als liege etwas Un⸗ res mern feſtlie fühle dieſe danke legen aufzu nen Bald herur dem bung Herz hin Lebe bis Bech für doch ich n unter zur für dern jetzt mein Stur Sch du d des ſeine Wil weld herr * Art einer ſſirt, apier uzten inken ellen nicht ſeine igen⸗ e er hat nicht nicht ſich Kein und off⸗ e im den der zurch war⸗ eißen ſtbil⸗ die man wie vor eine eebte, ein Un⸗ anis⸗ unſe⸗ unter den hohen Felsgebirgen meines Vaterlandes mir herrſcht.“. res äußeren Weſens zur Beſchauung. Aber was küm⸗ mern ſich all' dieſe Larven, die ſich nächſten Sonntag in feſtliche Puppen verwandeln, was ich in dieſer Beziehung fühle und leide? Sie ſind glücklicherweiſe nicht im Stande, dieſe durchſichtigen und dennoch leider umnebelten Ge⸗ dankenbilder zu begreifen, nicht im Stande, ſie zu zer⸗ legen. Doch es iſt nicht der Mühe werth, um ſich dabei aufzuhalten.“ Leiler ſchloß die Thüre und begann in ſeinem ſchö⸗ nen und geräumigen Zimmer auf⸗ und abzuwandeln. Bald tönten andere Akkorde aus dem Saitenſpiel der herumſchweifenden Seele, der Uebergang zeigte ſich in dem ſtrahlenden Feuer des Auges und der glatten Wöl⸗ bung der Stirne. „O ihr wunderbaren Töne, die ihr die Fibern des Herzens anſchlagt,“ flüſterte er,„woher kommt ihr, wo⸗ hin geht ihr? Ich habe gelebt, ich habe die Poeſie des Lebens, das Leben der Poeſie genoſſen, und den Nektar bis auf den letzten Tropfen aus dem vollſchänmenden Becher geſchlürft, der den Kindern der Erde als Erſatz für das verlorene Paradies geſchenkt wurde. Und doch— doch— warum eile ich raſtlos dahin? Warum bleibe ich nicht bei dem ſchon errungenen Ziele, welches daheim zur Ruhe winkt? Nein, nicht zur Ruhe; denn das iſt für mich nicht genug! Mein Geiſt ſtrebt nach einem an⸗ dern Ziele, das er füher nicht geahnt hat und das ihm jetzt ſo lockend erſcheint. Und doch wollte ich Jahre meines Lebens dahingeben, wenn ich heute, noch in dieſer Stunde wieder umzukehren vermöchte. Schwachheit, Schwachheit! Fort du Zwillingsſchweſter des Weibes, du darfſt nicht auf heiliger Stätte weilen, der Entſchluß des Mannes iſt ſeine eigene freie Handlung; darum darf ſeine Kraft, ſein Wille nicht ſchwanken. Der Sieg des Willens iſt ſein Himmelreich oder ſeine Hölle; die Kraft, welche ihn durchſetzt, der Engel oder Teufel, der darin „* 4 5 moͤchte ich ihn zwiſchen fünf und ſechs Uhr Gegen den Schluß dieſes ſtillen Monologs hatten Leilers Geſichtszüge das Gepräge des tiefen, finſtern Ernſtes angenommen, und wie flackernde Feuerſäulen in einer kohlſchwarzen Nacht flammten die ſcharfen, auf einem Punkte ruhenden Augen. Dieſer Punkt ſchien im Anfang keinen Zuſammenhang mit der Richtung ſeines Gedankengangs gehabt zu haben, aber jemehr dieſer von einer exaltirten Spannung zu einer ruhigeren Anſchauung der Dinge überging, einen deſto tiefern Eindruck machte auch der Gegenſtand, der ihn immer mehr feſſelte. Und dieß war das Porträt über dem Kamine. „Gottestod! das iſt ſie, das kann keine Andere ſein!“ rief er heftig aus, und verſchlang das Bild beinahe mit ſeinen Augen.„Ha! welch' ein Blick, welche Lippe, welch' ein Lächeln, welcher Ausdruck in dieſem ganzen Geſichte! Weib, Weib! dich nannte man auch einmal Engel! Ja, ſie ſind ſchöne Bilder der Unſchuld und Treue. Aber ſie ſteht jetzt ſchon lange vor einem höheren Rich⸗ terſtuhle, als unſer Blick erreichen kann, und auch die andern ſtehen dort. Doch ein Funke lebt noch im Schutte, ein Funke, der nicht eher erliſcht, bis er in der Nacht der Rache hat leuchten und den Purpurſtrahl ihrer Mor⸗ genröthe hat küſſen dürfen.“ Ein leiſes Drehen am Schloſſe unterbrach ſein Sin⸗ nen. Es war die Stuben⸗Stine, die mit Kaffee und einem Korb friſchem, ſchneeweißem Brode eintrat. Sogleich nahm Leilers Geſicht eine ſorgloſe Nach⸗ läſſigkeit an.—„Guten Morgen, ſchöne Stine! Trinkt Ihr den Kaffee hier im Probſthofe immer ſo ſpät.“ „O das iſt noch nicht ſo ſpät, das kann Niemand behaupten; wenn ihn aber der Herr künftig früher haben will, ſo kann es geſchehen, denn die Mamſell iſt imme bei Zeit auf.“ 4 „Gut, wenn es keine Beſchwerlichkeiten macht, ſo aben. 82 — der Probſt ſchon auf?“ MRein, noch nicht, und der Kapitän auch nicht.“ willſt raſch Aubl nach empfe dem wand ren ten5 ein hatte beſſe nung geh' Got nung woh einer ſchor thee zur Fal um ſtrer wöh zoge hatten inſtern len in „ auf ten im ſeines er von auung machte Und ſein!“ he mit Lippe, ganzen einmal Treue. uch die ſchutte, Nacht r Mor⸗ in Sin⸗ ee und N ach⸗ Trinkt t 44 iemand haben immer cht, ſo Iſt ht.“ „Mache, daß ich Raſirwaſſer bekomme, Stine, und willſt Du Dich bei mir wohl daran machen, ſo mußt Du raſch ſein. Nun, nehme dort die Schüſſel und eile Dich!“ Das Befehlende in Leilers⸗Ton und Blick, und der Anblick eines nagelneuen Thalerſcheins(beiläufig geſagt nach Stinens Anſicht der wohlverdienteſte, den ſie je empfangen hatte; denn ihr Gedächtniß verweilte noch bei dem ſechsmaligen Aufſcheuern) alles dieß vereinigt, ver⸗ wandelte ſie zu dem lebhafteſten Weſen, und kaum wa⸗ ren fünf Minuten vorüber, als ſie ſich mit dem begehr⸗ ten Waſſer einfand. „Soll ich die Stiefel putzen.“ „Bei Gelegenheit meine Reitſtiefel; jetzt zieh' ich ein paar andere an.“ „Die Kleider alſo?“ „Auch bei Gelegenheit; die, welche ich geſtern an hatte, werden heute nicht benützt.“ „Nun, das iſt ja recht ſchön; denn da bekomme ich beſſere Zeit, und werde dann Alles zuſammen in Ord⸗ nung bringen.“ „Vortrefflich, Stine; ſobald ich jetzt angezogen bin, geh' ich aus. Dann wirſt Du hier aufreinigen; aber Gott gnade Dir, wenn Du das Geringſte aus der Ord⸗ nung bringſt, in der es jetzt liegt. Dann, verſteh' mich wohl, dann ſind wir geſchieden.“ „Stine, Stine!“ rief es nun von unten und mit einem:„Der Henker hol mich, wenn der Kapitän nicht ſchon auf den Beinen iſt, und ich habe ihm ſeinen Yſop⸗ thee noch nicht gebracht,“ flog die Stuben⸗Stine eilig ur Thüre hinaus, und alle Treppen hinab, ſo daß der Paltenrock und das gelbe, herabfallende Haar in Ringeln um ſie flog. Der Saal war geordnet, gelüftet, mit Zweigen be⸗ ſtreut und bequem hergerichtet, wie zu einer Feſtlichkeit — es war der erſte Mai— und martete auf ſein ge⸗ wöhnliches Perſonale. Alfhild, nett und häuslich ange⸗ zogen, ging mit einer kleinen Bürſte umher und befreite Spiegel, Tiſche und alle darauf ſtehenden Dinge von ren, jedem Stäubchen. wacht Wie einfach und reizend war ſie, die junge Alfhild! 8 Etwas ſo Schönes, Jungfräuliches lag über ihr ganzes hild 1 Weſen ausgegoſſen. Daß es beinahe eine Sünde Gedan geweſen wäre, wenn man gezweifelt häͤtte, daß die der R Flamme, die in dieſer lieblichen Wohnung brannte, nicht Erlau eben ſo rein und ſchön ſei, wie ihr Aeußeres andeutete. zählte Ueberdieß lag etwas ſchelmiſch Kindliches in jeder ihrer den J Bewegungen, das ihr ſo gut ſtand und ſich oftmals nicht in den raſchen ſpielenden Wendungen ihrer Worte und mit d Gedanken offenbarte. Dieß machte auch, daß man eher Jahrh ein Kind, das ſeine Puppen noch nicht verlaſſen hatte, heute als ein erwachſenes Mädchen vor ſich zu haben glaubte, tauſche „Ah, ſind Sie ſchon auf, Herr Leiler?“ dann: In dem Spiegel, den Alfhild gerade putzte, ſtand hatte, ſchnell das Bild des Architekten; er ſelbſt auf der Schwelle mer m der offenen Thüre. „Iſt es erlaubt, ſo früh am Morgen einzutreten?“ behalt — Leiler machte eine leichte Verbeugung, und ſchickte geſeher der jungen Wirthin einen ſprechenden Blick zu. ben, „Das verſteht ſich; ſobald es im Saale aufgeräumt kannt iſt, iſt er ſtets der Sammelplatz für die Mitglieder des möchte Hauſes. Sie finden ſich nach Gefallen hier ein. Hat andere Herr Leiler heute Nacht gut geſchlafen?“ dabei „Ich habe nicht immer geſchlafen; der Anblick mei⸗ über maeine nes Zimmers ſelbſt, der durch ſeine altmodiſchen, aber ine derſelb ſchönen und ſinnreichen Tapeten und die gediegene Pracht der Möbel für eine lebhafte Phantaſie ſo aufregend iſt,„ und auf eine ſo eigene Art gegen das große Wohnzim⸗ beinah mer und die öde Bühne mit ihren ſonderbaren Zierrathen Blick abſticht— alles dieß erweckte ſonderbare Gedanken in fumken 8 — mir die mir den Schlaf nahmen. Ich träumte mich au⸗ wachend in eine vergangene Zeit zurück, in eine Zeit. mir, wo alle dieſe Gegenſtände, die jetzt meinen Sinn be⸗ ſo ne 1 a ſchäͤftigten, neu und für einen andern Gaſt beſtimmt wa⸗ von hild! anzes Sünde 3 die nicht utete. ihrer tmals und eher h atte, aubte, ſtand hwelle eten?“ ſchickte räumt er des Hat k mei⸗ I, aber Pracht end iſt, hnzim⸗ rrathen ken in mich Zeit, un be⸗ nt wa⸗ ren, einen Menſchen, der wahrſcheinlich geträumt, ge⸗ wacht und gefühlt hat wie ich.“ „Es thut mir wirklich recht leid,“ erwiederte Alf⸗ hild mit einem kleinen Anflug von Aerger,„daß dieſe Gedanken und Phantaſien Ihnen die nöthige Ruhe nach der Reiſe raubten. Als ich bei meinem Vater um die Erlaubniß bat, dieſes Zimmer für Sie einrichten zu dürfen, zählte ich eigentlich auf das Vergnügen und den Nutzen, den Ihnen die Ausſicht gewähren ſollte. Doch wenn Sie nicht gut ſchlafen können, das heißt, wenn Sie wachend mit den Geiſtern umherſpuken, die ſeit einem halben Jahrhundert darin gewohnt haben, ſo werden wir noch heute Ihr Zimmer gegen eine von den Gaſtſtuben aus⸗ tauſchen, die wir in dem kleinen Baue haben. Aber dann muß ich auch geſtehen, daß Onkel Sebaſtian Recht hatte, als er behauptete, meine Vorliebe für dieſes Zim⸗ mer werde auch meine Strafe mit ſich bringen.“ „Nein, um Alles in der Welt, laſſen Sie es mich behalten,“ fiel der Architekt ein.„Seit ich es bei Tage geſehen und mich mit jedem einzelnen Gegenſtand deſſel⸗ ben, ſo wie mit der wahrhaft entzückenden Ausſicht be⸗ kannt gemacht habe, die man von dem Fenſter aus hat, möchte ich meine Wohnung um keinen Preis gegen eine andere vertauſchen; denn ich bin überzeugt, daß ich ſtets dabei verlieren würde. Aber was war das, was Sie über die Geiſter zu ſagen beliebten— in Wahrheit, meine Neugierde iſt geſpannt— darf ich um Befriedigung derſelben bitten?“ „Ach Herr Leiler,“ ſagte Alfhild ſo leiſe, daß es beinahe ein Flüſtern genannt werden konnte, und ihr Blick flog in dieſem Moment mit lauſchender Aufmerk⸗ ſamkeit nach der Thüre zum Zimmer des Probſtes, das am Ende des Saales lag; nes iſt vielleicht unrecht von mir, über einen Gegenſtand zu ſprechen, von dem ich ſo wenig weiß, und eigentlich nichts wiſſen ſoll; aber eine alte Sage, die lange im Hauſe und der Gegend fortgelebt hat, erzählt, daß dieſes Zimmer vor ungefähr fünfzig Jahren Zeuge einer dunklen und unheimlichen Familiengeſchichte war, deren bloßes Gedächtniß ſo un⸗ angenehm auf den zunächſtfolgenden Pfarrer in Hammarby, den Bruder von Onkel Sebaſtian, Atentgläes, das Zimmer verſchloſſen und bis jetzt unbenützt blieb; aber wie ich glaube, mag dieß wohl auch deßhalb geſchehen ſein, weil das Zimmer ſo abgelegen liegt, und den wider⸗ wärtigen Eingang über den Boden hat. Die andern Gaſtzimmer wurden dazu gebaut, und das einmal ver⸗ geſſene blieb alſo leer und dem Verfalle ausgeſetzt. Was die koſtbaren Möbel betrifft, ſo ſind ſie nach der näm⸗ lichen Sage kurz vor der entſetzlichen Begebenheit von dem gräflichen Schloſſe hieher geführt worden. Sie wa⸗ ren ein Brautgeſchenk für meine Großmutter; und ob⸗ wohl es ohne Widerrede die beſten ſind, die man im Probſthofe findet, ſo habe ich doch nie davon reden hören, daß man ſie heruntertragen wolle.“ „Danke Ihnen für dieſ tereſſant ſind,“ ſprach Leiler, indem er mit dem Sacktucht über die Stirne fuhr, um die hohe Röthe zu verbergen, die darüber flammte.—„Ja, ſehr intereſſant. Sie er⸗ höhen den Werth des Zimmers; denn das Wunderbare iſt meine ſchwache Seite. Aber Ihre Geiſter, Fräulein Frenkmann, wo haben die ihren Weg hingenommen?“ „Ach, das war nur ein Gaukelſpiel,“ ſcherzte Alf⸗ hild lachend.„Doch behauptet das Geſinde, an den e Aufklärungen, die ſehr in⸗ wieder daran i mir beſ hofe ſo S ehe ich trat, e einen z ſchleuder ſetzte er zu faſſe Glaube De erklärli Benehn kommen das dur worauf eingeſch! Ich füh räuſch tönte, 4 hörten Abenden, wo ſie etwas auf der Bühne zu thun hatten, geſagt, Geräuſch darin gehört zu haben; allein die armen Men⸗ Ihres; ſchen ſind ſo voll Aberglauben, daß es mir leid um thut. Ich ſelbſte bin manche Sommernacht bis zw und ein Uhr oben geſeſſen, habe aber nie den eringſten Laut gehört, der ſich nicht auf ganz natürliche 4 erklären laſſen. Auch habe ich ſtets eine unüberwindlich Luſt gehabt, in dieſem Zimmer zu weilen, und Sie ko nen ſich meine Freude gar nicht vorſtellen, als ich es lockte.“ rt hätte darauf gefähr llichen o un⸗ narby, ß das aber ſchehen wider⸗ andern l ver⸗ Was näm⸗ it von bie wa⸗ ind ob⸗ nan im hören, ſehr in⸗ Sacktuch bergen, Sie er⸗ derbare fräulein en?“ zte Alf⸗ an den hatten, n Men⸗ um ſie s zwoͤlf eringſten Irt haͤtte vindliche Sie kön⸗ 3 ich es 49 wieder in Ordnung ſah. Und wenn etwas Unerklärliches daran iſt, ſo iſt es wohl die dunkle Ueberzeugung, die mir beſtändig vorſchwebte, daß kein Zimmer im Probſt⸗ hofe ſo gut für Sie paſſen würde, wie dieſes.“ „Sie haben mich da ſchon verſtanden und begriffen, ehe ich noch die Schwelle Ihrer friedlichen Heimath be⸗ trat,“ entgegnete Leiler, indem er mit einem Blicke, der einen zündenden Blitzſtrahl in Alfhilds frommes Herz ſchleuderte, ihre Hand faßte und ſie drückte.—„Es gibt,“ ſetzte er hinzu,„gewiſſe Ahnungen, die der Gedanke nicht zu faſſen, der Verſtand nicht zu begreifen vermag.— Glauben Sie nicht daran, Alfhild?“ Der Ton ſeiner Stimme, die Frage ſelbſt, die un⸗ erklärliche Weichheit und das Myſtiſche in ſeinem ganzen Benehmen feſſelten das junge unerfahrene Mädchen voll⸗ kommen. Leiſe, zitternd und furchtſam wie ein Kind, das durch die Süßigkeit der zugeflüſterten dunklen Sagen, worauf es mit Begierde lauſcht, zugleich erſchreckt und eingeſchläfert wird, erwiederte ſie:„Ich glaube daran. Ich fühlte ſchon geſtern Abend ſo etwas, als das Ge⸗ räuſch Ihres Wagens ſo wunderbar dort in dem Horſte tönte, bis die Glocken ſchwiegen und Sie doch erſt eine halbe Stunde ſpäter zum Vorſchein kamen.“ „Wie,“ rief Leiler mit einer Art ängſtlichem Schau⸗ der,„ein Trugbild, ein Vorbote!“ „Ja, gerade ſo! Mein Vater und ich, wir Beide hörten es. Wir gingen auch Beide hinaus; aber wie geſagt, man hörte nichts weiter, als bis das Geräuſch Phres Fuhrwerks uns zum zweiten Male an die Thüre ockte.“ „Nun, das könnte ja auch ein Andérer geweſen ſein, der vorüberfuhr. Ich weiß wirklich nicht, warum wir darauf verpicht ſein ſollten, das einfachſte, natürliche Begebniß als ein geheimnißvolles Zeichen anzuſehen,“ fuhr er fort, und verjagte mit Gewalt die phantaſtiſchen Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 4 fung zuruͤckgezogen, Bilder, die zuweilen in ſeinem feurigen Kopfe Sitz und Stimme erhielten. „Ja, aber der Weg,“ wandte Alfhild etwas miß⸗ trauiſch ein,„geht nach keiner andern Richtung hin, als gerade nach dem Probſthof.“ „Nun, wenn die Herrſchaften alſo nicht unrecht ge⸗ hört haben, ſo muß ich zugeben, daß dieß in der Th ſehr ſonderbar war.“— Leiler lächelte wieder und ſetzte ſchnell hinzu:„Es gibt dieß aber eine neue Bekräftigung für den Satz, den ich eben ausſprach und.-.“ Eine weitere Mittheilung dieſes Satzes wurde durch den Eintritt des Probſtes unterbrochen. Nachdem die Herren gefrühſtückt hatten, fuhr der ehemals grüne Hol⸗ ſteiner vor. Man bekomplimentirte ſich wegen der Plätze und kam glücklich hinauf, worauf es nach Groß⸗Ham⸗ marby fortging. Leiler ſollte ſeine Aufwartung bei dem Grafen machen Fünftes Kapitel. 1 Bös Sinnen iſt ein heimlich Gift, Das Anfangs kaum ein wenig übel ſchmeckt Doch kommt ein Staubchen euch ins Blut, Dann ſchlägt’s wie Vitriol in Flammen auf. Shakeſpeare Doch Heimer ſchloß auf die Harfe ſein: Tritt ein, tritt ein! Sei froh., denn Töne, die Gabe von Oben, Sind drin aufgehoben! wenſtein in ihrem Zimmer, das ſich in dem öſtlich Flügel des Schloſſes befand, und war mit Briefſchreibe beſchäftigt. an Thelma, von den gewöhnlichen Aufmerkſamkei 1 und Vorleſungen befreit, hatte ſich in eine Fenſtervertie von wo aus ſie durch die halb gß v. Braunu. An demſelben Vormittage ſaß die Baronin von ſe ſchloſ ihrer lich, und n 8 nein, einer einer ihren des kr ( zu He genbli tet wi Probſ bei de die un ſchaft 2 „gewit kühnen tend 2 ſo an Theln es mi fühl, und g Eigen leicht mußte vas miß⸗ hin, als recht ge⸗ der That und ſetzte räftigung rde durch hdem die üne Hol⸗ er Plätze oß⸗Ham⸗ n machen ſchmeckt; Blut, nen auf. ſpeare. n: Oben, un. von Ra öſtlicht efſchreiben kſamkeiten ſtervertie⸗ ‚halb ge 51 ſchloſſenen Jalouſien ihren Vetter betrachtete, der heute ihrer Meinung nach gebückter und ſchwächer als gewöhn⸗ lich, auf ſeinen Spazierſtock geſtützt, im Schloßhofe auf⸗ und niederwandelte. Aber nicht auf Albano allein verweilte ihr Blick, nein, er wurde auch mit unwiderſtehlicher Macht nach einer hohen und kraftvollen Geſtalt hingezogen, die mit einer gewiſſen unwilligen, aber doch gebildeten Artigkeit ihren raſchen Gang zum gleichen Schritthalten mit dem des kränklichen Grafen zwang. Es war unſer Architekt, der den alten Grafen nicht zu Hauſe gefunden hatte. Da dieſer indeſſen jeden Au⸗ genblick von einem Ausflug auf ſeine Güter zurückerwar⸗ tet wurde, ſo wollte Leiler lieber, als daß er, wie der Probſt, hineinging und der Gräfin ſeine Aufwartung machte, bei dem Majoraterben im Hofe bleiben, der jedoch durch die ungenirte Höflichkeit, womit der Fremde ihm Geſell⸗ ſchaft leiſtete, nicht weniger als ergötzt ſchien. „Wer mag das ſein?“ fragte Thelma ſich ſelbſt, „gewiß ein Edelmann— nie ſah ich Jemand von einem kühneren und männlicheren Ausſehen. Ach wie unbedeu⸗ tend Albano an der Seite dieſes Herkules ausſieht, der ſo anmuthig in allen ſeinen Bewegungen und...“— Thelma ſeufzte; warum? das fragte ſie ſich nicht; aber es miſchte ſich eine gewiſſe bittere Wehmuth in das Ge⸗ fühl, das ſie mit Gewalt zwang, an die vielen guten und gehaltvollen Eigenſchaften ihres Vetters zu denken— Eigenſchaften, die ſie durch und durch kannte und die leicht mit ſeinem minder glücklichen Aeußern ausſöhnen mußten. „Wenn er nur nicht ſo mißtrauiſch wäre!“ Dieſer Wunſch erzeugte einen neuen, noch bittereren Seufzer.— „Wohl verſtehe ich ihn,“ dachte ſie,„und auch die Mam⸗ ma und den Onkel und die Tante; ſie meinen es Alle gut; aber mein Herz— das arme Herz, wie empört es ſich, wenn Mamma ſagt, daß arme Fräulein kein Herz 4* 52 haben und keine andern Gefühle, als die der Pflicht, hegen dürfen. Und meine Pflicht— die erfordert ja, daß ich für die vieljährigen Wohlthaten, die man meiner Mutter und mir erwieſen hat, mein Herz, mein Leben, mein ganzes Weſen einem— einem Manne wie Albano — Klagen, Du armes Herz! bendig i großen, öden Grab der Dankbarkeit und der gewaltigen Nothwendigkeit beigeſetzt werden.““ Thelma wurde von ihrer Mutter aus dieſen Träu⸗ mereien geweckt, die ſie erinnerte, ſich zur Tafel anzu⸗ kleiden. Mit einem zögernden Blick auf den Fremdling, und einem flüchtigen Schauder beim Anblick von Albano’s Geſicht, das gerade jetzt mit einem widrigen Ausdruck gegen ſie gewandt war, zog ſie ſich zurück. Hätte ſie noch ein paar Sekunden verweilt, ſo würde ſie den alten Grafen geſehen haben, der eben zurückkam, und ſich gleich darauf überzeugen können, daß der Gaſt zum Eſſen ein⸗ geladen worden war; denn die Pferde wurden ſchnell ausgeſpannt und die Herren gingen hinein. 3 In dem kleinen Saale, wo ſich die gräfliche Familie gewöhnlich an Werktagen aufhielt, ſaß die Gräfin mit dem Probſte Frenkmann eine Viertelſtunde vor dem Mit⸗ tageſſen am Schachſpiele. Die Gräfin von H— zog eine Schachparthie jedem andern Vergnügen vor; und da der Probſt glücklicherweiſe eine große Geſchicklichkeit darin beſaß, ſo ſtand er in hoher Gunſt bei Ihro Gnaden, und kam nie ins Schloß, ohne mit einem herablaſſenden Winke zu der Dießn dauert noch das I geſſen. 8 Theln Gräfi Probſ Grafe wiſſen Beend auf, chitekt ſtehen läßt gekleit Stolz wäre, Archit C den g⸗ ganzes merkſe ganze der P len, d 8 Folge zu de ſie faf kurzen Freud erbiett flicht, . daß neiner Leben, lbano loster rn er⸗ wenn ir den einen anken, „tau⸗ nenden bano's Heinen I dem altigen Träu⸗ anzu⸗ nbling, bano’'s isdruck itte ſie malten gleich en ein⸗ ſchnell Familie fin mit m Mit⸗ og eine da der darin en, und 1 Winke zu dem Lieblingsver nügen d der Gräfin beehrt zu werden. Dießmal hatte das Spiel ſchon mehrere Stunden ge⸗ dauert; und Beide hatten ſowohl den Architekten, der noch nicht vorgeſtellt worden war, als auch den Grafen, das Mittageſſen und Alles außer den Schachfiguren ver⸗ geſſen. Der Eintritt der Baronin von Rawenſtein und Thelma's machten jedoch eine kleine Unterbrechung. Die Gräfin fand, die Zeit müſſe vorangeſchritten ſein, und Probſt Frenkmann, daß er ſeine unterthänige Pflicht, den Grafen zu begrüßen, verabſäumt habe. Mit einem ge⸗ wiſſen Gefühl der r Entſagung ſtand man auf, ſchob die Wendtgung des Spieles auf das Glück des Nachmittags auf, als in demſelben Augenblick der Graf von dem Ar⸗ chitekten begleitet, zu den Damen trat und vor der Gräfin ſtehen blieb. Aber der Ausdruck in dem Geſichte d der hohen Dame läßt ſich nicht leicht beſchreiben, als der junge zierlich gekleidete Herr, der ſich mit einer Gewandtheit und einem Stolze benahm, der einem Edelmanne wohl angeſtanden wäre, ſchlecht und recht als„Herr Leiler, der aeinvegiſche Architekt,“ vorgeſtellt wurde der die neue Kirche bauen ſol lte. Die Gräfin war höͤch lich verwirrt. Dem anziehen⸗ den gebildeten Ausländer— dazu ſtempelte ihn ja ſein ganzes Aeußeres— hätte ſie gerne alle mögliche Auf⸗ merkſamkeit Erwieienz der Banmeiſter dagegen ſollte die ganze Würde und knapp zugemeſſene höfl liche Herablaſſung der Patronin erfahren. Aber wie ſoltte ſie dieß ſo thei⸗ len, daß eine paſſende Mittelſtraße— kam? Die Sache war etwas kitzlig, und die natürliche Folge von dieſem Verſuche ein nicht unbedeutender Zuſatz zu der gewöhnlichen Steifheit der Gräfin. Man hätte ſie faſt für eine Bil ldſäule halten ſollen, als Leiler in kurzen, aber gewählten Ausdrücken ſein Glück und ſeine Freude darüber ausſprach, der Gräfin von H. ſeine Ehr⸗ rhietun bezeugen zu dürfen. Der Graf, der nicht ohne einen gewiſſen Scharfſinn war, begriff leicht, wie die Sache mit ſeiner Frau Ge⸗ mahlin ſtand, und beeilte ſich deßhalb, ohne weiteren Aufenthalt die Vorſtellung zu beendigen.„Meine Schwä⸗ gerin, die Baronin von Rawenſtein, Herr Leiler, Fräu⸗ lein von Rawenſtein u. ſ. w.“ Dann machte der Graf eine große Tour im Zimmer umher.—„Wo iſt Albano?“ — Der junge Graf hatte ſich noch nicht eingefunden; und während ihn das geſpannte Auge des Vaters ſuchte, ſlog der Blick des Architekten von dem ſpiegelglatten, gnädigen und vornehm lächelnden Geſichte der Baronin auf Thelma's, und ſein dortiger Beſuch währte gerade lange genug, um, ohne ein Wort zu wechſeln, das Maͤdchen zu überzeugen, daß ſie keinen unvortheilhaften Eindruck auf den Fremdling gemacht habe. Dieſe Ueber⸗ zeugung goß eine feine Roͤthe über ihre Wangen, das jedoch von Niemand anders, als von dem bemerkt wurde, der dieß unſchuldige Zeichen, welches ihre Freude über dieß Bemerktwerden ausſprach, hervorgerufen hatte, doch dieß war vielleicht der gefährlichſte Vertraute, den ſie haben konnte; wenigſtens war man verſucht, ſo zu ur⸗ theilen, da ein triumphirendes Lächeln um Leilers Lip⸗ pen ſpielte, und ein Hinaufziehen der tiefen Augendeckel etwas darin erblicken ließ, das etwa ſo ausſah, wie man ſich die Freude eines ſchwarzen Engels denkt, wenn er hofft, einen lichten Engel in ſeinem Netze zu fangen. Jetzt trat Albano ein, und erwiederte die artige, beinahe tiefe Verbeugung des Architekten mit nachläſ⸗ ſiger Gleichgiltigkeit. Wie widrig fand Thelma in die⸗ em Augenblicke den Einen, und wie einnehmend den g 1 den Andern! um die kleinen Anforderungen der angenommenen Sitte handelt; aber Albano verachtete alle Formen außer de⸗ nen, die ſein Wille vorſchrieb. Leiler beſaß jedoch viel natürlichen und erworbenen Takt, um zu thun, a Selten erlaubt ſich ein Mann von Welt und wah⸗ rer Bildung eine vorſätzliche Unhöflichkeit, wenn es ſich bemerk vorzur und A theil. gereis erzähl Roms tzende der T jene! abgeh thun Eines ſchien lichen — w gelebt fen z gnüge bedeu künſt leriſe Ge⸗ iteren chwä⸗ Fräu⸗ Graf mo?“ nden; uchte, atten, ronin gerade das haften leber⸗ das purde, über doch en ſie u ur⸗ Lip⸗ deckel wie wenn gen. artige, chläſ⸗ n die⸗ d den wah⸗ s ſich Sitte er de⸗ ch zu I, als bemerke er den Mangel an Aufmerkſamkeit bei dem Gra⸗ fen. Mit einer unbedeutenden Frage wandte er ſich an die Baronin von Rawenſtein. Gerade zu rechter Zeit tönte nun von der Thüre des Speiſeſaals her das gewöhnliche:„Es iſt ſervirt!“ und als man jetzt gehörig bei Tiſche ſaß, wurde der Zwang weniger gefühlt. Die Geſellſchaft horchte auf das geiſtreiche und fließende Geſpräch, das Leiler her⸗ vorzurufen, zuſammen zu knüpfen und zu erhalten wußte, und Alle nahmen ohne ſichtliche Abgeneigtheit daran An⸗ theil. Er war viel und mit Nutzen in fremden Ländern gereist. Er wußte auch Vortheil daraus zu ziehen, und erzählte nun in lebhaftem, und maleriſchem Style von Roms Meiſterſtücken und ſeinen den Jahrhunderten tro⸗ tzenden Bauwerken. Das Kapitol, die St. Peterskirche, der Triumphbogen Trajans und die düſtern Katakomben, jene blutigen Erinnerungen aus Neros Zeit, Alles wurde abgehandelt, aber auf eine Art, die keineswegs wie Groß⸗ thun und Prahlerei ausſah, ſondern ganz natürlich, Eines im Zuſammenhang mit dem Andern, und wie es ſchien, nur von dem anſpruchsloſen Wunſche, der gräf⸗ lichen Familie ein Vergnügen zu machen, hervorgerufen — wie eine Zerſtreuung über Tiſche ausſah. „Meiner Treu! der Herr iſt nicht ſo dumm; er hat gelebt,“ flüſterte die Baronin von Rawenſtein dem Gra⸗ fen zu, indem ſie ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen dem Ver⸗ gnügen, Leilern zuzuhören, und dem nicht weniger un⸗ bedeutenden Genuſſe, ihren leckern Gaumen zu befriedigen, theilend, wechſelsweiſe ihren Blick von dem Teller zum Sprecher wandern ließ.—„Auf meine Ehre! der Menſch hat die Welt geſehen,— beſitzt Ton, Witz, Geſchmack! — Ein Baumeiſter, mein Herr Schwager!“ „Nichts ſo Ungewöhnliches, meine gnädige Frau Schwägerin,“ flüſterte der Graf eben ſo ſtille zurück. „Er iſt ja Künſtler, hat einen künſtleriſchen Kopf, einen künſtleriſchen Sinn, und was noch mehr iſt, ein künſt⸗ leriſches Aeußere. Einem großen Talente, meine Schwä⸗ gerin, und einem Architekten, der ſich ſo prätendirt und wie ein Edelmann zu benehmen weiß, kaun man, ohne ſeine Würde im Geringſten zu kompromittiren, das Ver⸗ gnügen eines gebildeten Umganges gönnen. Auch der Biſchof hat ihm Aufmerkſamkeit geſchenkt, und ihn be⸗ ſonders empfohlen.“ Die Baronin nickte beifällig:„Gewiß, beſonders auf dem Lande, mein Schwager, wo die Wahl uns nicht in Verlegenheit bringt.“ Die Aufmerkſamkeit wurde wieder auf Leiler gezo⸗ gen, der den Vortheil recht wohl merkte, den er mit je⸗ dem Augenblicke gewann, und denſelben durch eine ſtets neue Wendung in ſeinem Vortrage zu ſteigern ſuchte. Nur auf Einen unter den Zuhörern wirkte ſeine Kunſt nicht, ein; jeder feurige Gedanke, jede tiefſinnige Bemer⸗ kung prallte an Graf Albanos Kälte wie ein Pfeil au einer ſtählernen Bruſt ab, und immer düſterer und wort⸗ karger wurde der Graf, je ſchärfer ſein Blick Thelmas belebte Züge beobachtete. Sie, die in dieſem flüchtigen Augenblicke des ungewohnten Genuſſes alle Vorſicht, alle fpähenden Augen vergaß, überließ ſich ganz dem verfüh⸗ reriſchen Reize, den intereſſanten und lebensvollen Schil⸗ derungen des vielgereisten Mannes zuzuhören; und erſt als ihr Auge ganz zufällig auf ihren Vetter ſiel, und ſie in dem ſeinigen den wechſelnden Ausdruck des Zor⸗ nes, des Schmerzes und Unwilllens, ja beinahe die Ver⸗ dammung ihrer unſchuldigen Freude las, da bekamen ihre Wangen die friſche, ſchweſterlich erblühende Farbe der dunkelrothen Roſen. Die Augendeckel ſanken über die leuchtenden Sterne, und die zitternde Thelma verlor den Faden von des Baumeiſters Erzählung. 3 Kein Glied der Geſellſchaft, den alten Borgſtedt am untern Ecke ausgenommen, hatte etwas bemerft; aber der Alte ſah und begriff, wie mehrere feine Fäden ſich ſpannen und woben. Er ſah auch, was Graf Al⸗ bano, der auf einer andern Seite ſaß, nicht ſehen konnte, nämlich die feurigen Blicke, womit der Architekt bei 4 eine von hatt in d zuth nah⸗ ſeit lich dieß eige jede 5— eine von riun darn fön! trun der war triel laſſe lent dieß auf höch beſo⸗ Fert groß ſchü⸗ gleie das und welc t und ohne Ver⸗ der n be⸗ nders nicht gezo⸗ it je⸗ ſtets uchte. Kunſt mer⸗ il an vort⸗ lmas tigen alle erſt und Zor⸗ Ver⸗ amen farbe über erlor ſtedt erkt; äden Al⸗ unte, bei 57 einer und der andern Wendung des Geſprächs Fränlein von Rawenſteins Geſchmack befragte. Aber Borgſtedt hatte auch im Laufe vieler Jahre ſeine Beobachtungen in der gräflichen Familie gemacht, ohne ſie Jemand mit⸗ zutheilen. Vielleicht konnte eine und die andere Aus⸗ nahme zu Gunſten des Kapitäns Oernroos, mit dem er ſeit früheſter Jugend auf einem beinahe freundſchaft⸗ lichen Fuße geſtanden war, angeführt werden.— Wie dieß nun ſein mag, ſo machte dieſe Beſchäftigung auf eigene Rechnung Borgſtedts eigentliche Welt aus; und jede Sonnen⸗ oder Mondfinſterniß an dem gräflich H-ſchen Himmel, jeder Planet, der hervortrat, und mit einem andern in Colliſion zu gerathen drohte, wurde von ihm ſogleich bemerkt, und von ſeinem Obſervato⸗ rium am Tiſchende oder von der Ofenecke aus ſann er darüber nach, wie ſich wohl die Sache weiter entwickeln könnte. Man ſtand vom Tiſche auf, und als der Kaffee ge⸗ trunken, und Probſt Frenkmann auf einen gnädigen Wink der Gräfin wieder mit dieſer an's Schachſpiel getreten war, ſchlug die Baronin, von mütterlichem Stolze ge⸗ trieben, vor, daß Thelma ſich auf dem Klaviere hören laſſen ſolle. Man ging in das Muſikzimmer. Thelma fühlte ſich ängſtlich und verlegen; ihr Ta⸗ lent ging nicht viel über die Mittelmäßigkeit und über⸗ dieß hatte ihre Mutter von ihren muſikaliſchen Anlagen auf eine Art geredet, die für einen fein fühlenden Sinn höchſt peinlich ſein mußte, und Herrn Leilern, als eine beſondere Art von Auszeichnung, erlaubt, Zeuge ihrer Fertigkeit ſein zu dürfen. Das junge Mädchen befand ſich in einer wirklich großen Verlegenheit; aber da bei ſolchen Gelegenheiten ſchüchtern und launiſch bei der Baronin von Rawenſtein gleichbedeutende Worte waren, ſo mußte ſich Thelma an das Inſtrument ſetzen. Leiler ſtand hinter ihrem Stuhle und da die Baronin ſah, mit welcher Genauigkeit und welchem Gefühle er den muſikaliſchen Feinheiten zu fol⸗ — gen ſchien, und gewandt die Notenblätter wendete, fragte ſte am Ende des Stückes, ob der Herr Architekt Muſik verſtehe. „Ja, ein wenig,“ erwiederte Leiler mit einem leich⸗ ten Lächeln. „Ich meine,“ verbeſſerten ſich Ihro Gnaden,„ob Sie ein Inſtrument ſpielen, z. B. Klavier?“ „Höchſt unbedeutend, Ihro Gnaden, und meiſtens nur eigene Phantaſieen, zu denen ich vorher die Worte ſetze; aber es ſind losgeriſſene Stücke, Fragmente ohne allen Werth, und nur Echo's aus irgend einer heitern oder traurigen Stunde meines Lebens, wo ich auf dieſe Art den Genuß der erſten zu erhöhen oder die Bitterkeit der letztern zu vermindern ſuchte.“ „Wahrhaftig! Sie ſind alſo Künſtler, Compoſiteur und Dichter? Sie ſind wirklich ein talentvoller junger Mann. Ich bitte Sie, laſſen Sie uns eines dieſer Lie⸗ der hören, wir werden Ihnen ſehr verbunden dafür ſein.“ „Meine gnädige Baronin, es ſind nur Verſuche, und vollkommen unwürdig, mit der Kritik eines feinen und geübten Ohres beehrt zu werden. Wie ich mir ſchon die Freiheit genommen habe zu erwähnen, erſcheinen meine kleinen Compoſitionen in der einen wie in der an⸗- dern Hinſicht nur als Erzeugniſſe des Augenblicks, und meine Geſchäfte im Bauweſen ſind gewöhnlich ſo gehäuft, daß es mir nicht erlaubt iſt, dieſe ſchönſten Lebensgenüſſe als etwas Anderes als wie Sonnenſtrahlen anzuſehen, die meinem Herzen gut gethan und es erwärmt haben, wenn äußere Kälte und Sturm mich ſchauern machten.“ „Nun, das mag ſein, ich halte es auch für ſehr möglich; aber ich ſehe nicht ein, wie dieſes Sie hindern kann, unſerem Wunſche zu entſprechen,“ entgegnete die Baronin, die neugierig geworden war, dieſe neuen Ta⸗ lente des Baumeiſters zu beurtheilen.—„Seien Sie alſo nicht ſo ſchüchtern, mein Lieber! Ihre ritterliche Artigkeit darf Ihnen nicht geſtatten, den Wunſch einer Dame unberückſichtigt zu laſſen.“ Aee die beut The an, floſſ war balt derk jene ſch an klan Har Rei moc mit vorl 0 Se 8 den. und, die = 8 in j ragte Nuſik leich⸗ „ob iſtens Vorte ohne eitern dieſe terkeit sſiteur unger v. Lie⸗ ſein.“ rſuche, feinen rſchon heinen er an⸗ 3, und ehäuft, genü ſſe uſehen, haben, ichten.“ er ſehr hindern ete die en Ta⸗ en Sie terliche h einer „Vor ſolchen Gründen muß meine Schüchternheit die Segel ſtreichen,“ ſprach Leiler mit einer leichten Ver⸗ beugung. Er ſetzte ſich ungenirt an das Piano, welches Thelma eben verlaſſen hatte, und ſchlug einige Accorde an, die allmählig zu einem Phantaſieſpiel zuſammen⸗ floſſen, welches mächtig auf die Zuhörer einwirkte. Es war nicht Muſik nach den Regeln der Kunſt; aber die bald ſüßen, ſchmelzenden Töne, die hinſtarben und wie⸗ derkamen, und die bald wilden und brauſenden, welche jene zu überrauſchen ſchienen, aber dennoch klagend ver⸗ ſchwanden, während die erſtern wie leiſe Friedensgrüße an die kämpfende Seele wieder herrlicher und klarer er⸗ klangen, als vorher,— alles dieß zeugte von einem der Harmonie offenen Gemüthe und tiefen Gefühle, deren Reichthum jenen dunklen Ahnungen Leben zu geben ver⸗ mochten. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſang Leiler mit einer weichen und vollen Tenorſtimme eines ſeiner vorher gedichteten Lieder: Ein Irrlicht nur entflammt der Hoffnung Kerzen, Zu leuchten einer Welt, die längſt verheert; Doch wenig Troſt gewähren die dem Herzen, Das von der Zeit nichts Frohes mehr begehrt, Seit alle Sterne plötzlich ſie verzehrt. Von Himmeln wag' ich noch und Höll' zu träumen, Bis wahrer Frieden meine Bruſt geweiht; Erbrauſe, Sturm! Ein Grab genügt den Keimen Des müden Wand'rers bis zur beſſern Zeit, Wo Eigennutz nicht mehr, noch Schmerz und Streit. Die Kraft und Schönheit ſeiner Stimme und ſeines Vortrags machte einen ſtarken Eindruck auf alle Anweſen⸗ den. Und nachdem der Sänger ſchon aufgehört hatte und, in eigene Betrachtungen verſunken, den Kopf gegen die Kante des Inſtrumentes lehnte, ſaßen ſeine Zuhörer noch ſtille und beinahe unbeweglich; Bewunderung lag in jedem Blick. 60 Als der Architekt das Schloß verließ, war, Albano ausgenommen, nur eine Stimme über ihn, nämlich, daß er ein höchſt geiſtreicher, gebildeter und talentvoller jun⸗ ger Mann ſei. Die Gräfin war in ihrer Herablaſſung ſo weit gegangen, daß ſie vom Schachtiſche aufſtand und nachher Herrn Leiler ſehr gnädig einlud, am nächſten Sonntag mit dem Probſte Frenkmann auf dem Schloſſe zu ſpeiſen. Dieß war eine Auszeichnung von der hohen Dame, die nicht Vielen zu Theil wurde; und auf dem Heimwege bemühte ſich auch der Probſt, dem lächelnden, artig zuhörenden Baumeiſter die erhaltene Ehrenbezeugung recht deutlich auseinanderzuſetzen. Sechstes Kapitel. So klinge denn immer weiter fort, Du frommes Sai⸗ tenſpiel des Herzens! Aber beſtrebe Dich nicht, Etwas in der rohen, dumpfen Welt zu andern, die nur den Stürmen lauſcht und gehorcht, nicht aber den Tönen, die ſie erzeugen. Jean Paul. Vier Monate waren dahin geſchritten. Der Kirch⸗ bau in Hammarby war ſchon ein gutes Stück vorwärts gekommen, als der Architekt an einem ſchönen, aber ſchwülen Auguſtabend, ermüdet von den⸗Anſtrengungen des Tages, nach dem Pfarrhof zurückkehrte. Mit einem Gefühl des Wohlbehagens warf er ſich auf die ſchon feuchte Raſenbank, die, von einer friſchen Roſenhecke um⸗ geben, ihn zur Ruhe einlud. 8 Dieſer ſein Lieblingsplatz war unter dem Saalfenſter angelegt, und faſt jeden Abend pflegte Alfhild mit einer kleinen Arbeit den jungen Baumeiſter dort zu erwarte. um ihn entweder mit einem Glaſe Himbeerſaft und Wa ſer, oder einem friſchen Bier zu bewirthen, je nachde es die Witterung mit ſich brachte; aber heute Abend e⸗ ſchien Alfhild nicht, obwohl er etwas ſpäter als gewöh⸗ lich kam. lers wurd kam ihn, die f Aber ſchie feld tiefer er a hinei kein Ran ſtille Scht rauch des ſchüt „Hel ſeine mein die 1 wand wenn geß Rau blicke einen Schl der War unſer um kann llbano 1 daß r jun⸗ laſſung nd und ächſten ſchloſſe hohen uf dem elnden, eugung es Sai⸗ Etwas nur den Tönen, aul. Kirch⸗ Frwärts „ aber gungen t einem 2 ſchon cke um⸗ lfenſter it einer warten, d Waſ⸗ nachdem dend er⸗ gewöhn⸗ 61 Mit einem ſuchenden, unruhigen Ausdruck flog Lei⸗ lers Blick beſtändig nach der offenen Hausthüre. Es wurde immer feuchter draußen, denn ein feiner Regen kam herab, aber die Gluth in ſeinem Innern hinderte ihn, dieß zu fühlen, und nur ſeine Stirne, um welche die ſchwarzen Locken leiſe im Winde ſpielten, blieb kalt. Aber wenn er mit der brennenden Hand darüber fuhr, ſchien dieſe Bewegung wie Feuerſtreifen auf einem Schnee⸗ feld Furchen hineinzuſchmelzen, und ſie wurden immer tiefer und dunkler, je weiter der Abend dahinſchritt und er allein blieb. „Was macht ſie, warum kommt ſie nicht? Soll ich hinein? Nein, kommt ſie nicht heraus, ſo will ich heute kein Abendmahl haben.“ Noch eine Weile lag Leiler lauſchend und gegen den Rand der Raſenbank gebeugt. Alles war vollkommen ſtille drinnen, man hörte nichts, als die regelmäßigen Schritte des Probſtes und Onkel Sebaſtians. Die Alten rauchten ihre Abendpfeifen und ſprachen von dem Segen des Jahres. Das wußte der Architekt zum Voraus; er ſchüttelte ungeduldig den Kopf; er ſeufzte und dachte: „Heute Abend ſoll alſo nicht ihr freundlicher Blick mit ſeiner ſanften Wärme die Schweißtropfen der Mühe von meiner Stirne ſaugen, und die ſchweren Wolkenmaſſen, die meine Bruſt bedrücken, in leichte, lichte Gewebe ver⸗ wandeln. Alfhild, Kind aus dem Lande der Engel, nur wenn ich Dir nahe bin, iſt es mir wohl! Dann ver⸗ geß ich Alles, Ehemals, Jetzt und Einſt. Ein ſeliger Rauſch glüht mir durch jede Fiber, und in ſolchen Augen⸗ blicken werde ich, neben Dir ſitzend, bisweilen ſelbſt zu einem gläubigen, hoffenden Kinde. Dann ſchläft die Schlange, und der Wolf wagt ſich nicht hervor, wenn der Engel der Unſchuld Wache ſteht. O Du Reine! Warum liegen einige Jahre bitterer Bedeutung zwiſchen unſeren Herzen, und warum hab ich nicht den Muth, um——?— Doch nein, das wäre grauſam. Noch kann Vieles anders werden; aber zuerſt—“ Leilers Ange — flammte von wildem Feuer—„zuerſt ſoll meine Arbeit beendigt und die Rechnung abgeſchloſſen ſein!“— Er erhob ſich heftig, und bald verſchwand ſeine hohe Geſtalt in den Gebüſchen, die die Ufer des lieblichen Binnen⸗ ſees ſchmückten. An der Brücke lag ein Kahn. Leiler machte ihn los, und nachdem er einen langen, ſcharfen Blick umher geworfen hatte, ſtieg er hinein und ließ das Fahrzeug ſachte über den blauen Spiegel hingleiten. Er hielt nahe an das Land und erreichte nach einem Rudern von einer kurzen halben Stunde ein kleines Eiland, das aus dem Waſſer hervortrat, und in ſein weißes von Schnecken⸗ ſchalen ſchimmerndes Kleid gehüllt, wie ein ſchwimmen⸗ der Schwan da lag. Leiler arbeitete den Kahn mit leich⸗ ter und geübter Hand zwiſchen den hohen Binſenmaſſen hindurch, und legte an der nördlichen Seite des Felſens an. Einige wilde Bergſpalten bildeten hier eine Art Treppe. Er ſtieg hinauf, blieb jedoch ſtehen und ſchien den Athem an ſich zu halten, um irgend ein Geräuſch aufzufaſſen, wornach er aber vergeblich lauſchte. „Täuſcht mich denn heute Abend Alles?“ murmelte Leiler, und als er endlich auf der Spitze der Klippe ſtand, und in die Tiefe hinabblickte, wo einige große, abgelöste Granitblöcke und ein Paar Baumſtämme zu einer be⸗ quemen und geräumigen Grotte zuſammengefügt waren, nach welcher von der öſtlichen Seite her ein ſehr ordent⸗ lihen und gut erhaltener Weg aus dem Schloßparke ührte. Leiler ſchien unſchlüſſig, ob er hinabſteigen oder oben bleiben ſolle; da klangen auf einmal leiſe, faſt wunde bar ſchmeichelnde Töne aus dem Innern der Grotte; ſchmolzen immer weicher mit den Accorden einer Laute uſammen, erſtarben jedoch allmählig; als die tiefe män ſiche Stimme des Architekten ſich erhob, und von eine entfernten Echo über Berg und Thal hin wieder wurde. 3 Allles wurde wieder ſtille, ſo ſtille, daß man da 3— 2 5.*.— 2 5 1 5 leiſe die man des der Wor Krãä weiß dahi des ziöſe Leile Gal⸗ ausſ der! auf lich Weil welch Tiefe Gar Es wo d Anſt lichen Seite dem ſei; Richt er no gegen wolke gelte, lrbeit - Er heſtalt nnen⸗ e ihn umher Frzeug nahe einer dem lecken⸗ nmen⸗ leich⸗ maſſen zelſens e Art ſchien rräuſch rmelte ſtand, gelöste er be⸗ waren, ordent⸗ pßparke er oben ounder⸗ te; ſie Laute männ⸗ meinem derholt an das 63 leiſeſte Säuſeln des Laubes deutlich hörte. Da ſchlug die Schloßuhr halb Zehn, und bei dieſem Zeichen ſah man ein feines Weſen, von dem Strahlenglanz des Mon⸗ des magiſch beleuchtet, über den dunklen Gang ſchweben, der die Felſengrotte mit dem Parke verband. Noch blieb Leiler auf der Felſenſpitze ſtehen, kein Wort ging über ſeine halbgeſchloſſenen, von einem feinen Kräuſeln bewegten Lippen; aber das Auge folgte dem weißen Gewande, welches in leichten Wolken die holde dahin eilende Geſtalt umhüllte; und als dieſe am Ende des Ganges ſich ſcheu zurückwendete und mit einer gra⸗ ziöſen Bewegung der Laute Abſchied nahm, beugte ſich Leiler auf eine Art vorwärts, die eben ſo ſehr die feinſte Galanterie als die beſcheidenſte und wärmſte Huldigung ausſprach. Fräulein von Rawenſtein verſchwand bald darauf in der dunklen Baumallee. Jetzt ſtieg der Architekt und nicht ohne Schwierigkeit auf dem ungebahnten Wege herab, erreichte jedoch glück⸗ lich ſein Ziel. In der Grotte blieb er nur eine kleine Weile, deſto länger ſtand er an dem breiten Geländer, welches den kleinen phantaſtiſchen Tempel von der dunkelu Tiefe trennte, hier war kein Landungsplatz; denn vom Garten und Park kam man ſchneller und leichter dahin. Es wäre überdieß ſehr ſchwer geweſen, auf dieſer Seite, wo der Berg beinahe ſenkrecht in den See hinabfiel, eine Anſteigung zu bilden. Als Leiler nach dem beſchwer⸗ lichen Gang mit geübtem Blick Höhe und Tiefe auf allen Seiten gemeſſen hatte, beſchäftigte er ſich eine Weile mit dem Gedanken, ob und wie eine ſolche Treppe anzulegen ſei; aber allmählig nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung, und in dieſe neuen Bilder verſunken, träumte er noch eine halbe Stunde hinweg. Sein Auge war gegen den Mond, der zwiſchen einigen finſtern Gewitter⸗ wolken hervorſchauend ſich auf der Waſſerfläche abſpie⸗ gelte, und gegen die kleinen Sterne gerichtet, die in ſlimmerndem Tanze um die blaſſe Königin der Nacht zogen. „Gottes Werke!“ ſprach er laut,„wie groß ſind ſie nicht gegen unſere kleinen elenden Schöpfungen! Was iſt das größte Meiſterwerk, das der menſchliche Geiſt her⸗ vorbringen kann gegen einen Thautropfen im Kelch der Blume oder einen zitternden Laut, den der Sturm erzeugt, wenn er wie ein Eilbote von dem Beherrſcher der Welten an die Kinder des Staubs wild durch Felſen, Wälder und Waſſer dahin jagt! O ein Nichts, ein Schattenbild, ein Traum! Was könnte es auch anders ſein? Schatten, Träume ſind die Erbgüter des Menſchen. Ein ewiges Streben, ein raſtloſes Umhertreiben auf dem weiten Ocean! Das Herz voll unnennbarem Heimweh ſehnt ſich nach der dunklen, geahnten Ferne; und kann bei dem for⸗ ſchenden Lauf durch die ſich kreuzenden Irrgänge der Gedanken nicht Luft genug erhalten, um davon zu leben. Mit Neid betrachtet es die nicht an den Staub gebun⸗ denen beſchwingten Weſen, welche Räume durcheilen, denen unſer Blick ſich nicht nahen kann. Sie fliegen! Auch die Gedanken der Menſchen fliegen und erheben ſich dorthin auf, wo jene nicht hinreichen; und doch— doch können wir neidiſch ſein. O wie elend!“ Lebt wohl ihr funkelnden Sterne, die ihr in einer 77 ewigen Wache da oben hinwandelt! Bringt einen freund⸗ lichen Gruß den geliebten Thälern meiner Jugend, den herrlichen, rieſengleichen Felsgebirgen meines Vaterlands! Wie gerne zöge ich mit euch, wenn es wäre wie einſt; aber mein Weg geht nicht hinauf, nein hinab, hinab i die dunkle Tiefe!“ Bleich, von Nachtthau überſtrömt, ſtand Leiler da und ſtützte ſeinen Arm auf das hohe Geländer der Fels grotte. Die Strahlen des Mondes beleuchteten jetzt ſein Geſtalt in vollem Lichte; und wer ihn in dieſer Minuter geſehen hätte, würde zugegeben haben, daß wohl ſe eine vollendetere und maͤnnlichere Schönheit gefun die wi Aber von de dem 4 von ſe ihn gl Garte Bild Er ſe zunahn hören dieſem men, d ſchon führen L hergeſe Deſſen danken Welche konnte Beſuch Die Nacht ind ſie zas iſt ſt her⸗ ch der rzeugt, Welten Välder enbild, hatten, ewiges weiten Int ſich m for⸗ ze der leben. gebun⸗ heilen, liegen! erheben och— i einer freund⸗ ud, den lands! einſt; nab in ler da, r Fels⸗ zt ſeine Minute (ſelten 6⁵ Aber ſchnell hüllte ſich der Himmel und die ganze Gegend in Wolkenmaſſen. Der Mond zog ſorgfältig ſeinen faltenreichen Nebelſchleier zuſammen und verbarg ſich neidiſch dem Auge; auch die Sterne verſchwanden hinter der reichen Schleppe ihrer Gebieterin, und düſter und unheilverkündend breitete die Nacht ihre rabenſchwar⸗ zen Flügel über Land und Waſſer aus. Ein Blitz flammte durch den Raum, und gleich darauf ſchien der Himmel ſich in zwei Scheiben zu theilen und ein Meer von Feuer auszuſpeien, dem ſtarke anhaltende Donnerſchläge folgten. Noch blieb Leiler ſtehen; aber Ströme von Regen, die den Felſen überſchwemmten, erinnerten ihn, in der Grotte Schutz zu ſuchen, bis das Unwetter aufhörte. Er trat ein und ſetzte ſich auf die weiche, ſchwellende Moosbank, die wie ein bequemer Sopha an den Wänden herumlief. Aber eine geheimnißvolle Macht zog jetzt ſeine Gedanken von dem hohen Schauſpiel, das er eben verlaſſen, nach dem Probſthof und zu Alfhild zurück. Was mußten ſie von ſeinem langen Ausbleiben denken? wo mußten ſie ihn glauben, da er nicht auf ſeinem Zimmer, nicht im Garten, noch beim Kirchbau war? Jetzt trat Alfhilds Bild vor ſeine Seele, wie ſie unruhig nach ihm ſuchte. Er ſah die Angſt, die ſie quälte, als das Unwetter zunahm, die Nacht eintrat, und er noch nichts von ſich hören ließ. Er beſchloß, ſo ſchwierig es auch war, in dieſem Augenblick die ſchlüpfrige Felswand hinaufzuklim⸗ men, dennoch trotz Regen und Sturm heimzukehren, und ſchon war er aufgeſtanden, um ſeinen Entſchluß auszu⸗ führen, als ſich raſche Schritte der Grotte näherten. Leiler war nicht der Mann, der ſich durch unvor⸗ hergeſehene Ereigniſſe leicht aus der Faſſung bringen ließ. Deſſen ungeachtet fühlte er ſeine Wange bei dem Ge⸗ danken btennen, daß er hier entdeckt werden könnte. Welche Entſchuldigung, welchen annehmbaren Vorwand konnte er wohl als Grund ſeines ſpäten und ſonderbaren efunden. Beſuches im Umkreiſe des Schloſſes anführen? Wenn Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 5 er auf dem gewöhnlichen Weg nach der Grotte gelangt wäre, hätte er über den Schloßhof und von da durch den Garten gehen müſſen, wobei er es wahrſcheinlich nicht hätte vermeiden können, verſchiedenen Perſonen zu begeg⸗ nen und zu grüßen, die, ſo lange der Abend noch ſchoͤn war, ſich draußen aufhielten; und hätte er Zugegehen daß er ſich auf geheimen und nicht benützten Wegen hie⸗ her geſchlichen habe, ſo würde dieß Vermuthungen her⸗ vorgerufen haben, die minder angenehm geweſen wären. „Gottestod! daß ich nicht gleich heimfuhr,“ mur⸗ melte Leiler zwiſchen den Zähnen;„ich habe nie Freude an Abenteuern gehabt, wenn die Schatten alles Licht benahmen.“ Inzwiſchen kamen die Schritte immer näher, und durch die halbgeöffnete Thüre ſah Leiler eine kleine Figur in kurzem Oberrock, die jetzt den Platz an dem Geländer einnahm, welchen er ſelbſt eben verlaſſen hatte. Leiler verhielt ſich ſtille, und der Andere, der das wilde aber großartige Gemälde, welches die kämpfenden Elemente der Natur darboten, zu verſchlingen ſchien, bemerkte nicht, daß er einen Zeugen hatte. Einzelne Worte ohne eigent⸗ lichen Zuſammenhang trafen Leilers Ohr; denn die Töne vergingen in dem gewaltigen Schalle des Donners oder dem ſchmetternden Geheule des Regens. Indeſſen waren die, welche er aufgefangen hatte, und der leichte Anzug hinreichend, um ihn zu überzeugen, daß ſein Nachbar der Mann war, den er am wenigſten hier gewünſcht hätte, nämlich der Graf Albano v. H. Eine Stunde mochte verfloſſen ſein. Thors Wagen rollte immer entfernter; ein friſcher Wind verjagte die Wolken; ſie zogen wie leichte Dunſtbilder über den da und dort ſich erhellenden Himmel, und die heftigen Re⸗ genſchauer milderten ſich zu einem feinen Herabthauen. „Jetzt wird er doch heim gehen,“ dachte Leiler, und zog ſich immer tiefer in die Grotte hinein; aber nichts weniger als das. Erſchöpft von körperlicher und geiſt’ ger Anſtrengung und von einem heftigen Froſte geſchf telt, t dieſem die fit Nacht Thüre hatte. fen ur Orgaꝛ 7 Herr und e des A zuneh⸗ ſteigen einiger lichkeit gültig. gelangt urch den ich nicht 1 begeg⸗ ch ſchon gegeben, gen hie⸗ en her⸗ wären. "mur⸗ Freude es Licht er, und ne Figur Beländer Leiler [de aber Flemente kte nicht, eeigent⸗ die Töne ers oder n waren 2 Anzug ybar der ht hätte, Wagen agte die den da gen Re⸗ hauen. ler, und er nichts d geiſt 4 geſchf telt, trat nun Graf Albano ſelbſt in die Grotte, um auf dieſem ſeinem Lieblingsplatze eine Weile zu ruhen und die finſtern, wilden Gedanken zu ordnen, die ihn in die Nacht hinausgejagt hatten. „Wer da?“ rief der Graf, als er beim Oeffnen der Thüre gewahrte, daß die Grotte ſchon einen Bewohner hatte.„Wer da?“ rief er noch einmal mit einer ſo tie⸗ fen und ergrimmten Stimme, daß man ſeinem feinen Organe kaum ſo männliche Töne zugetraut hätte. „Ein Liebhaber von mehr friedlichen Naturſeenen, Herr Graf,“ antwortete der Architekt, indem er aufſtand und eine höfliche Verbeugung machte.„Die Schönheit des Abends lockte mich auf das Waſſer hinaus, als das zunehmende Unwetter mich nöthigte, hier an's Land zu ſteigen, um Schutz dagegen zu ſuchen.“ „Hier an's Land zu ſteigen?“ fragte Albano in ſei⸗ nem ſcharfen und ſpitzigen Tone.„Sie ſcheinen ſich nicht zu erinnern, daß es hier keinen Landungsplatz gibt.“ „O ja, mit Ihrer Erlaubniß, auf der andern Seite der Klippe.“ „Nun, das hätte ich wahrhaftig nicht vermuthet. Herr Leiler hat alſo einen ziemlich langen und beſchwer⸗ lichen Spaziergang gemacht, um ein ſchützendes Obdach zu finden, das er meines Bedünkens eben ſo ſchnell und mit weniger Mühe erreicht hätte, wenn er ſogleich nach dem Probſthofe zurückgekehrt wäre; denn ſo viel ich be⸗ rechnen kann, muß es keine kleine Zeit hinwegnehmen, wenn man über dieſe kahlen Felſen da hinwegklimmen will, beſonders bei einem ſolchen Unwetter.“ „O es iſt nicht von Bedeutung, wenn man nur einigermaßen Gewandtheit beſitzt und an ſolche Beſchwer⸗ lichleijen gewöhnt iſt,“ bemerkte der Architekt gleich⸗ gültig. „An ſolche Abenteuer würde vielleicht eine richtigere Benennung ſein,“ entgegnete der Graf, durch Leilers Antwort gereizt.„Da es ſich indeſſen aufgehellt hat,“ 5* ſetzte er hinzu, indem er den letzten Reſt ſeiner geringen Selbſtbeherrſchung zuſammen nahm, um kalt zu bleiben, „ſo werden Sie wohl keinen weitern Schutz bedürfen, und ich muß ſie deßhalb um die Gefälligkeit erſuchen, mir dieſen Platz zu überlaſſen, den ich hier zu meinem Weiundergnügen, und um ungeſtört zu ſein, hergerichtet abe.“ „Wie der Herr Graf befehlen,“ verſetzte Leiler mit großer Faſſung.„Und erlauben Sie mir zu verſichern, daß ich mich nie in den Umkreis dieſer Grotte gewagt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß ſie dem Beſuch des Fremdlings verboten iſt. Für dießmal dürfte daher meine Unkenntniß in dieſer Hinſicht eine Freiheit entſchul⸗ digen, die ich mir künftig nie mehr nehmen werde.“ Am Schluſſe dieſer Höflichkeitsphraſe machte Leiler eine leichte Verbeugung, und einige Minuten nachher verſchwand er wie ein geſchickter und ſtummer Jäger auf dem ſchlüpfrigen Felspfade. Siebentes Kapitel. Sieh', ſo ſitz' ich denn und greife, Mit den Händen immer tappend, Nach phantaſtiſchen Gebilden, Und zerfließenden Geſtalten. Ridderſtad. ——— O Sonn'’ in deinem Schimmer! Nur wenn du untergehſt, biſt mir du ſchön, Wie heiß du brennſt, mein Herze frieret immer, Wie hell du ſtrahlſt, ich kann nur dunkel ſeh'n, Vitalis. „Satan!“ knirſchte Albano, als das letzte Ende von Leilers Rockſchooß hinter der Thüre verſchwand,„S tan! mache mir nicht weis, daß Du ohne Zweck hie 4 4 1 Mich fliehet jeder Stern, mir weinet jede Blumt 3 ſtam⸗ rühr ſtern Leile was, zurüt Abgr brenn Soll wie mit jedes Und Zeit, pfand nahte gezitt glůͤck Sinn erbär in di nein, ſie m begeg erhitz die S hitzun Nein, ein g ſieht Gotte hier ſende und f gekommen ſeiſt.“— Er ſchlug ſich vor die Stirne, und zwiſch geringen bleiben, edürfen, rſuchen, meinem gerichtet iler mit rſichern, gewagt Beſuch e daher entſchul⸗ e.“ e Leiler nachher iger auf 1 mmer, ſeh'n, Blum'. Ende von ,„Sa⸗ ick hieher ene, und 69 ſtampfte heftig auf einen Gegenſtand, der ſeine Füße be⸗ rührte:—„Ha! was iſt das?“ rief er und tappte im Fin⸗ ſtern nach dieſem fortgeſtoßenen Beweiſe von des verhaßten Leilers Gegenwart.—„Eine Brieftaſche— enthaltend— was, der Schlüſſel ſteckt darin. Sollte ſie vielleicht mit Fleiß zurückgelaſſen worden ſein?— Sollte—— ihr Mächte des Abgrunds, ihr verwandelt mein Blut zu Feuer, mein Gehirn brennt, meine Sinne berührt der Dämon des Wahnwitzes! Sollte— nein, nein! fort, abſcheulicher Wahn und doch, wie blickte ſie ihn nicht ſchon am erſten Mittage an, mit welcher Begehrlichkeit und Wonne ſchlürfte ſie nicht jedes Wort ein, das über ſeine verdammten Lippen ging! Und wie ſcheu, wie zurückgezogen iſt ſie nicht ſeit jener Zeit, nur um das Intereſſe zu verbergen, das ſie em⸗ pfand, als er ihr mit ſeiner gebildeten Unverſchämtheit nahte! Und iſt ſie nicht erröthet, erblaßt, hat ſie nicht gezittert, wenn mein Blick den ihrigen ertappte! Un⸗ glückliche! wäre es möglich! Täuſchen mich nicht meine Sinne, dann zittere! die Liebe, die mich jetzt zu einem erbärmlichen Narren macht, würde mich, wenn ſie ſich in die Geſtalt der Rache kleidete, zu einem Manne machen, nein, nicht zu einem Manne, in einen Teufel würde ſie mich verwandeln!“ „Als ich ihr vorhin vor dem Ausbruch des Gewitters begegnete, kam ſie da nicht gerade daher? Sie war ſo erhitzt und ſagte mir, ſie ſei beinahe geſprungen, um die Stunde des Eſſens nicht zu verſäumen.— Die Er⸗ hitzung könnte ſich auch von andern Urſachen herleiten. Nein, nein, es darf, es ſoll nicht ſo ſein. Ich bin ein geſpenſterfürchtiges Kind, das am hellen Tage Geiſter ſieht. Sie iſt rein, ja Thelma iſt rein, wie ein Engel Gottes. Aber es lüſtet mich doch zu ſehen, was dieß hier enthält.“ Graf Albano ſchloß die in den Berg genau einpaſ⸗ ſende Thüre vorſichtig zu, dann ſuchte er in ſeiner Taſche, und fand den Schlüſſel zu einem kleinen Schrank, der zwiſchen zwei Felsſpalten eingelaſſeen war. Er ſchloß auf —4——ſn und nahm eine Lampe nebſt Feuerzeug heraus. Bald flackerte ein bleiches, mattes Licht in der kleinen Höhle. Albano ſetzte die Lampe auf den ſteinernen Tiſch und nahm ſelbſt mit der Brieftaſche in der Hand auf der da⸗ neben ſtehenden Moosbank Platz. Der Anblick des Gan⸗ zen durfte ohne Zweifel romantiſch genannt werden. Die kalte, verſchloſſene Grotte mit ihren dunkeln, feuchten Wänden, die von abgelösten Steinen und Baumſtämmen gebildet waren; die Moosbank, der Tiſch, die Lampe und der bleiche, entſtellte Jüngling, um deſſen Haupt roth⸗ gelbe Haare wie junge Schlangen ſich ringelten— alles trug dem Stempel eines dunklen phantaſtiſchen Nacht⸗ ſtückes! und als nun Albano mit unheimlicher Vorſicht und gierigen Augen aus der Brieftaſche des Architekten Plan⸗ eichnungen, Papierhefte, Briefe und ein paar kleine Futterale von rothem Maroquin hervornahm, da gab er das Bild von einem Bewohner der Unterwelt ab, der herauf geſtiegen, um eine ſtrenge Nachforſchung zu hal⸗ ten. Geiſtergleich ſtierten die mit Blut unterlaufenen Augen auf jeden neuen Gegenſtand, und als die Taſche endlich leer war, und alle Gegenſtände auf dem Tiſche lagen, ſpiegelte ſich in dem Lächeln, das ſeine Lippen verzog, ein wahrer Fackeltanz der Dämonen. Eine Weile ſchien er ungewiß, womit er zuerſt an⸗ fangen ſollte, nahm jedoch einen von den beiden Briefen. Er öffnete und fand ihn von einem ihm ganz fremden Namen unterzeichnet. Deſſen ungeachtet las er Folgen⸗ des halblaut: Bruder Rudolph! „Die Probe, die Du von meiner Freundſchaft be⸗ gehrſt, iſt eben ſo unnatürlich als unbegreiflich, und ich will hoffen, daß es nur ein unſeliger, bald verſchwin⸗ dender Wahn iſt, der Dich zu einem Schritte veranlaßt hat, der gegen die Geſetze der Moral ſtreitet und zu⸗ gleich ein ſicheres Mittel iſt, um ganz und gar in dem Urtheile der Welt zu ſinken. Weit entfernt alſo, dei nem Beſtreben zu willfahren, ſage ich dem unglücklichen . Bald 1 Höohle. iſch und der da⸗ des Gan⸗ den. Die feuchten ſtämmen e Lampe upt roth⸗ — alles n Nacht⸗ rſicht und ten Plan⸗ ar kleine da gab t ab, der g zu hal⸗ en Augen de endlich he lagen, n verzog, znerſt an⸗ Briefen. fremden r Folgen⸗ dſchaft be⸗ , und ich verſchwin⸗ veranlaßt t und zu⸗ ar in dem alſo, deis glücklichen Gegenſtande deſſelben kein Wort; davon überzeugt, daß, wenn der Rauſch, in dem Du jetzt lebſt, verraucht iſt, Du Deine Thorheit einſehen und ihr im Stillen abbitten wirſt.“ „Erlaube mir es auszuſprechen, daß ich Dich vor der Hand der Nachrichten für unwürdig halte, die unter andern Umſtänden der Hauptgegenſtand meines Briefes geweſen wären. Jetzt habe ich Dir nur Lebewohl zu ſagen und zu wünſchen, daß Du bald vernünftig werden möch⸗ teſt, dann würdeſt Du wieder eben ſo theuer ſein als ehemals Deinem Freunde Blum.“ Ein ganzes Heer von dunklen Gedanken und wirren Vorſtellungen ging durch Graf Albano's Kopf. Er las den Brief drei bis viermal; aber mit Ausnahme des Umſtandes, der ſonnenklar erſchien,— daß Leiler liebte und gegenwärtig in einem Rauſche von Seligkeit ſchwelgte, war alles Uebrige dunkel. Aber was brauchte Albano mehr zu wiſſen; war das nicht genug für ihn? „Liebe!“ rief er,„Thelma lieben, meine Braut!“ — Seine Lippen zitterten und preßten ſich krampfhaft gegen einander.„Aber was für ein Dummkopf iſt der, der von der wohlthuenden Kühlung der Zeit ſpricht! Ha! für Thelma zu brennen und zu hoffen, daß ein Tropfen Kühlung das ſich ſelbſt verzehrende Herz erquicken würde; an ſo Etwas kann nur der denken, der ſie nicht geſehen hat, der nicht in den Zauberkreis ihrer unheimlichen Macht gerathen iſt. Aber bei Gott, dieſer norwegiſche Abenteurer ſoll nicht verſuchen, ſich mit einem halben Tropfen des labenden Trankes zu kühlen, wornach meine Seele dürſtet! Mein ſoll ſie ſein, mein in Bälde, und mag er dann dürſten, brennen und ſich verzehren, bis das Herz zu Aſche wird und ſeine Bruſt zu einem leeren Leichengewölbe, wo die Urne ruht, die jenes einſchließt, bis das Gewölbe ſelbſt zerſtört, und Alles eine einzige verbrannte Ruine iſt!“ So raste Albano, bis ſeine Kraft völlig erſchöpft war, und die geſpannten Seelenſaiten erſchlafft zuſam⸗ 72 men ſanken. Da griff er nach einem neuen Rettungs⸗ mittel, nach dem andern Brief. Dieſelbe Hand und die⸗ ſelbe Unterſchrift, wie an dem vorhergehenden. Das Datum bewies, daß Leiler ihn am vorhergehenden Tage empfangen haben mußte. Albano putzte mechaniſch die Lampe und begann zu leſen: „Rudolph!“ „Bei der Freundſchaft, die uns von unſerer Jugend an verband, bei dem Verſprechen, das Du mir vor drei Jahren ſchwurſt, rufe ich Dich an, zu Dir ſelbſt und zu uns zurückzukehren. Verlaſſe Hammarby, verlaſſe den Kirchbau, verlaſſe die lockende Sirenenſtimme; kurz, ver⸗ laſſe Alles, was den Frieden Deiner Seele, das Wohl Deiner Zukunft mordet! O Rudolph, biſt denn Du, deſſen kraftvollen Eiſenwillen ich oft bewundert habe, biſt Du der Nämliche, der es nicht vermag, ſich aus dieſem verfluchten Zauberkreiſe loszureißen, der Deine Vernunft betäubt und Deine beſten und edelſten Gefühle erſtickt, während Du an dem berauſchenden Schaume nippeſt? „Vergebens führſt Du Deine Gründe an, auf mich wirken ſie nicht ein: und nie— ich wiederhole es jetzt zum letzten Male— werde ich meine Hand und meinen Namen zu einem Spiele leihen, das Dich und den Stell⸗ vertreter mit Schande bedecken würde. B um. „Ich kann nicht mehr denken— mein Kopf ſchwin⸗ delt und brennt,“ ſprach Albano dumpf.„Ich kann dieß nicht erklären. Was will er denn, der Elende? Doch nicht ſie entführen?— Nein, unmöglich! So kühne Wagſtücke ſind mit dem Jahrhunderte begraben, welches mit den gewaltthätigen Thaten der Ritterzeit hinabging. Aber etwas, etwas, das ich nicht 48 bewegt ſich unter dieſem Geheimniß. Ein Plan, in dem die Abſicht liegt, den meinigen zu durchkreuzen. Wurm rege Dich nicht, krieche im Staube, wohin Du gehörſt. und ſtrecke nicht Deine Hand nach einer Frucht aus, die zu ho ſtumn Brief Die dann ohne den 2 währe „Alte fianfu auf, herrſe 4 gen, herrli Blick friſch knoſpe hinein hielt ſchönen wechſel trachter las er Namen hatte. genomn nachher A Archite ttungs⸗ nd die⸗ Das n Tage iſch die Jugend dor drei bſt und aſſe den rz, ver⸗ Wohl n Du, be, biſt dieſem ernunft erſtickt, beſt? uf mich es jetzt meinen Stell⸗ ſchwin⸗ h kann Flende? ) 80 ggraben, itterzeit begreife, in dem Wurm, gehörſt, us, die zu hoch für Dich wächst!“— Er ſaß einige Augenblicke ſtumm, und ſtarrte unverwandt auf die letzten Zeilen des Briefes; dann durchflog er raſch die übrigen Sachen. Die Planzeichnungen warf er in die Brieftaſche zurück, dann kam ein Bündel vergilbtes Papier, worauf Albano, ohne demſelben weitere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, nur den Titel las:—„Notizen aus James Legangers Leben während ſeiner Reiſen in Schweden 1741 und 1742.“— „Alter Plunder!“— Albano nahm eines von den Saf⸗ fianfutteralen und öffnete es. Das Eigenthumsrecht hört auf, heilig zu ſein, wo die Leidenſchaft unumſchräͤnkt herrſcht. 6 Beim erſten Druck war die kleine Feder aufgeſprun⸗ gen, und Albano's Augen ruhten auf den Zügen eines herrlichen weiblichen Geſichtes, deſſen feurig ſtrahlender Blick wie ein hoffnungsvoller Frühling lachte, der ſich friſch und warm über die noch halbgeſchloſſenen Roſen⸗ knoſpen wölbt. „Da verwickle ich mich in ein neues Labyrinth, aus dem ich keinen Ausgang finde, murmelte Albano, mit dem Blicke feſt an das Portrait gewachſen.—„Sollte es die ſein, welche er liebt? Eine wahre Schönheit; aber das Original dazu lebt ja nicht hier in der Gegend. Nein, ſo kann es nicht ſein; vielleicht iſt es ſeine Schwe⸗ ſter.“ Mit zögernder Hand legte er das Gemälde wieder hinein und nahm das andere Futteral hervor. Es ent⸗ hielt das Bild eines jungen Mannes mit regelmäßig ſchönen und äußerſt lebendigen Zügen, die ein beſtändig wechſelndes Spiel der Muskeln verriethen. Albano be⸗ trachtete das Porträt ſehr flüchtig; als er es niederlegte, las er auf der Rückſeite:„James Leganger“— denſelben Namen, den er vorhin auf dem Papierbündel geſehen hatte. Aber zu ſehr von eigenen Gedanken in Anſpruch genommen, bemerkte er kaum dieſen Umſtand und legte nachher Alles wieder an ſeinen Platz. Aber nun entſtand die Frage bei Albano: Hat der Architekt die Brieftaſche mit Fleiß zurückgelaſſen, oder hat er ſie verloren? Im erſten Fall wollte er damit, daß Kopf Thelma den Brief leſen, und ſo ſeine Leidenſchaft ahnen fühlt ſollte. Aber er verwarf dieſen Gedanken.—„Ein ſol⸗ cher Waghals wäre wohl im Stande, ſeine Flamme mit beſchw Feuer und Blut zu ſchreiben, oder ſie noch kühner in Zukun Worten auszudrücken,“ murmelte der Graf.„Er hat ſäße s ſie alſo verloren, das iſt das Wahrſcheinlichſte; denn merna hätte er ſie nur um Thelma's Willen hieher gelegt, ſo nen 3 wäre es an dem Brief genug geweſen.“ Und während in dief jetzt ſeine Finger die Brieftaſche wendeten, bemerkte Al⸗ ein ſo bano, daß der Riemen an der einen Seite losgegangen ihr w war. Es war alſo klar, daß der Architekt ſie verloren Argwe hatte, als er auf der Moosbank ruhte. ſie die „Er wird ſie wohl morgen ſuchen. Sie ſoll hier riner bleiben; denn ſo zeitig iſt ſie nicht auf, daß er nicht bekam zuerſt ſeinen Morgenbeſuch ablegen könnte.“ Gluth Matt ließ Albano ſeinen Kopf auf die Hand nieder⸗ moͤchte ſinken, und überließ ſich ohne Widerſtreben den phanta⸗ nigſten ſtiſch wilden Träumen, welche die Nacht, verbunden mit ſeiner eigenen aufgeregten Einbildungskraft, in ihm her⸗ des be vorrief. Er meinte Thelma mit dem Brautkranz um die der in bleiche Stirne zu ſehen, wie ſie ſtill, geduldig und ſanſt auf die ſich in ihr Schickſal fügte, und ihm die Hand zur Wan⸗ heftige derung durchs Leben reichte; dann ſah er ſie knieend, die ganzz Haare in Unordnung und zu ſeinen Füßen ſich krümmend, Thuͤre ihn um Schonung bitten. Umſonſt, umſonſt, ſeine Arme riſſe ei umſchloſſen ſie mit wilder Heftigkeit; ſie rangen mit ein: Wand ander. Sie riß ſich von ihm los; aber wieder faßte et auf di ſie feſt um den zarten Leib. Da ſank ſie ermattet zu, nahm ſammen, und in ihrem Blicke, der ſich noch einmal auf vor de ihn heftete, lag ein demüthiger, unausſprechlich flehender Ausdruck. Albano's ſeltſames und jetzt mehr als gewöhnlich verdüſtertes Gemüth war tief von den unheimlichen Bil⸗ dern erſchüttert, die er ſelbſt hervorgerufen hatte. Se auf's Aeußerſte geſpannten Gefühle verlangten Luft, ioeß ſie nicht jeden Nerven ſprengen ſollten, und ſein leideng it, daß ahnen in ſol⸗ me mit )ner in Er hat ; denn egt, ſo vährend kte Al⸗ egangen verloren oll hier er nicht nieder⸗ phanta⸗ den mit hm her⸗ um die nd ſanft ir Wan⸗ rend, die immend, ne Arme mit ein⸗ faßte er attet zu⸗ mal auf flehender wöhnlich hen Bit⸗ 2. Seine ift, wem leidendet 75 Kopf, ſein brennendes Auge mußte von Thränen ge⸗ kühlt werden. Und Albano weinte, weinte krampfhaft. Klagend beſchwor er Thelma's Bild, zu bleiben und ihn nicht einer Zukunft voll grenzenloſen Elends zu überlaſſen. Weiche, ſüße Worte, ſchmeichelnd wie Flötentöne in einer Som⸗ mernacht, floſſen über ſeine Lippen. Der Ausdruck in ſei⸗ nen Zügen wurde ruhiger, ergebener. Hätte ihn Thelma in dieſem Augenblicke geſehen und gehört, wer weiß, was ein ſolcher Moment vermocht hätte? Aber wenn er bei ihr war, beherrſchte ihn Stolz und erkünſtelte Kälte, Argwohn und kleinliche Rachgier. Nicht eher, als bis ſie die ſeinige wäre, wollte er ihr die unermeßliche Tiefe einer Liebe zeigen, die oft einen Anflug von Wahnſinn bekam. Albano fürchtete vielleicht nicht ohne Grund, die Gluth der Leidenſchaft, in eine ſolche Hülle geſchloſſen, möchte Abſcheu, vielleicht ſogar Gelächter erregen, we⸗ nigſtens eher als Mitgefühl, als Sympathie. Immer gewaltſamer erhob und ſenkte ſich die Bruſt des beklagenswerthen Jünglings während des Kampfes, der in ihr vorging; immer heißer brannte die Thräne auf die Wange und matter flackerte die Lampe. Ein heftiger Windſtoß, der durch die Thüre ſauste, drohte ſie ganz zu erlöſchen. Albano fuhr auf; es knarrte an der Thüre; ſie wurde langſam geöffnet und die dunklen Um⸗ riſſe eines Schattens ſpielten auf der gegenüberliegenden Wand. Starr heftete ſich der Blick des Nachtſchwärmers auf die Erſcheinung, bis ſie eine menſchliche Geſtalt an⸗ nahm, und die gekrümmte Figur des alten Borgſtedts vor den Tiſch trat, an welchem Albano ſaß. „Herr, mein Gott!“ rief die treue, freundſchaftliche Seele,„muß ſich denn der Herr Graf auf die Weiſe ganz zu Grunde richten! Ich hatte keine Ruhe zu Hauſe; ich ſah Sie ausgehen, und fürchtete, es könnte ein Unglück geſchehen ſein, da Sie nicht heimkehrten. Ei, wie durch⸗ näßt der Herr Graf iſt, nicht einmal einen Mantel an. Um Gotteswillen, laſſen Sie uns heimgehen: ich ſehe 4 t 76 ja, daß der Herr Graf ein hitziges Fieber hat. Wir dür⸗ manch fen unmöglich länger hier bleiben!“ ſterben „Laß mich, Borgſtedt,“ erwiederte Graf Albano, in⸗ ren, dem er allmäͤhlig zur Wirklichkeit zurückkam, die mit komme harter Hand in ſeine Träume zu greifen wagte.„Geh; wehen Du heim, und wage es nie mehr, mich auf den Wan⸗ 3 derungen zu ſtören, die ich unternehme, um allein zu unbeug ſein. Weil Du es gut meinſt, will ich Dich dießmal der hä entſchuldigen, aber thue es nicht wieder, denn Du be⸗ Menſe greifſt wohl, Alter, daß ich in ſolchen Augenblicken keine löſchte Zeugen haben will.“ auf di Es lag zwar etwas Befehlendes in Graf Albano⸗'ss ließ er Ton, wie es immer zu ſein pflegte; dießmal aber war L es ſo mit Schmerz und Wehmuth, vielleicht auch mit war, Schaam, daß man ihn in dieſem Zuſtande gefunden heißen hatte, vermiſcht, daß Borgſtedt, der ſich tief über den ein, ul Tiſch hinabbeugte, auf dem die Hand des Grafen ruhte, den Fi nicht im Stande war, einen großen Tropfen zurückzuhal⸗ ſtedts ten, der darauf niederfiel. ferze a „Nun, was iſt's?“ rief Albano heftig, und fuhr mit gab er der Hand zurück, als ob er von einer Natter geſtochen aus, r worden wäre.„Iſt es ſo weit mit mir gekommen, hat gen be meine Erbärmlichkeit eine ſolche Höhe erreicht, daß ein Graf? Diener aus Mitleid über mich weinen muß? Geh', ſeine w Alter, geh'! Du biſt zu treu und ergeben, als daß ich ſich Be Dich durch den Befehl kränken möchte, über das, was Zimme Du geſehen und gehört haſt, zu ſchweigen.“ ſtimmte „Nein, Herr Graf, ohne Sie kann ich nicht gehen; Grafen aber ſeien Sie deßhalb, daß ich dieß geſehen und gehört chen G habe, ganz außer Sorge. Ich habe wohl wunderbarere barexe Dinge geſehen, als daß ein Menſch Gefühle vor ſich fieber!“ ſelbſt ausgoß, die kein Anderer verſtand. Glauben mir, zur Zeit Ihres höchſtſeligen Großvaters erlebte weit ſonderbarere Geſchichten; und zu einem alten D ner, der, wie ich, mehr als ein halb Jahrhundert! den inneren Verhältniſſen Ihrer Familie gefolgt i man wohl Vertrauen haben. In meiner Bruſt einem 1 zir dür⸗ no, in⸗ die mit „Geh Wan⸗ lein zu dießmal Du be⸗ n keine lbano's r war ch mit efunden der den ruhte, kzuhal⸗ ihr mit ſtochen n, hat aß ein Geh', daß ich „ was gehen; gehört barere r ſich n Sie öte ich Die⸗ lang kann liegt 77 manches Geheimniß begraben; es wird auch mit mir ſterben. Aber laſſen Sie ſich jetzt überreden, heimzukeh⸗ ren, Herr Graf; es iſt hohe Zeit, daß Sie zu Bette kommen. Wir werden morgen ſehen, ob es ohne Nach⸗ wehen abläuft.“ In dem Tone des Alten lag Etwas, dem Albano's unbeugſamer Sinn nicht länger widerſtehen konnte; und der höchſt ungewöhnliche Fall trat dießmal ein, daß ein Menſch etwas über ihn vermochte. Still ſtand er auf, löſchte die Lampe, ſchloß ſie ein und warf die Brieftaſche auf die Moosbank, wo Leiler geſeſſen war. Dann ver⸗ ließ er mit dem alten Borgſtedt die geheimnißvolle Grotte. Sobald Albano in die Nachtkühle hinausgekommen war, fühlte er, wie die durchnäßten Kleider an dem heißen Körper klebten. Ein ſtarker Fieberfroſt ſtellte ſich ein, und von Kälte geſchüttelt, ſo daß er ſich kaum auf den Füßen erhalten konnte, erreichte er endlich mit Borg⸗ ſtedts Hülfe ſein Zimmer. Der Alte zündete die Wachs⸗ kerze an, und half ſeinem jungen Herrn zu Bette. Dann gab er ihm ſtillende Nerventropfen, und breitete über ihn aus, was ihm in die Hände fiel. Als alle Verrichtun⸗ gen beendigt waren, und ein freundliches Nicken von Graf Albano's müdem Kopfe ihm zu verſtehen gab, daß ſeine wohlwollenden Vorſorgen aufhören ſollten, entfernte ſich Borgſtedt, aber nicht weiter, als bis in das nächſte Zimmer, wo er ſich auf den Sopha legte. Eine be⸗ ſtimmte Ahnung ſagte ihm, daß die Nachtwanderung des Grafen in einem ſolchen Wetter und bei einer ſo ſchwa⸗ chen Geſundheit, wie die ſeinige war, nicht ohne fühl⸗ barexe Folgen bleiben werde.„Das verfluchte Liebes⸗ fieber!“ murmelte Borgſtedt, während er die Kiſſen zu einem möglichſt bequemen Lager zurecht legte;„wenn es in einen Kopf ſchlüpft, der von Natur ſchon konfus ge⸗ nug iſt, ſo macht es ihn ganz raſend. Und am ſchlimm⸗ ſten iſt es, wenn ſo eine Feuerflammenſeele in einen ſol⸗ chen Korper gekrochen iſt! Armer Albano! Sein Groß⸗ vater, höchſtſeligen Andenkens, ſah ganz anders aus, aber war er deßhalb beſſer? Nein, aber er verdrehte wohl einem halben Schock Mamſellen und Fräulein im Jahre trat den Kopf. Gott ſei ſeiner Seele gnädig und laſſe ihn Verzeihung für ſeine Jugendſünden finden. Sie — blaß, Achtes Kapitel. Jede Leidenſchaft, beſonders die Liebe, hat ihre eigene Sprache, die nur von der Leidenſchaft Shu verſtanden werden kann. Kellgren. ſchme ——— In ſeinem Haupte ſtürmen. Ihre. Gedanken, wie auf Wog' ſich Wogen thürmen, auf Doch wenn der Sturm ſich legt, geht ſtill die See Und an ſein Madchen denkt er, ſeine holde Fet. lange Thomas Moore. Als Leiler ſein Fahrzeug befeſtigt und einen hohn⸗ Boot lächelnden Blick und einige undeutliche Worte über den dunklen Streifen hingeſchickt hatte, hinter welchem die kleine Felsgrotte lag, eilte er mit raſchen Schritten den Weg um d zum Pfarrhoße hinauf. Obſchon Mitternacht längſt vorüber war, ſah Leiler doch mit hoffender Verwunderung ein einſames Licht wie des 2 einen wegzeigenden Stern leuchten; und das Fenſter, wo⸗ feinen her die freundliche Botſchaft ſchien, war das Alfhilds, moͤcht Dieß konnte freilich daher kommen, daß lfhilds Zimmer und die Mägdekammer die einzigen Schlafgemächer wagt waren, die gegen den Hof zu lagen, und daß man alſo aus Höflichkeit aufgeblieben war, um zu hören, wenn böſen der Gaſt heimkommen würde. Mägde waren zu allen ſprach Zeiten höchſt unzuverläſſig, und die des Probſtes Frenk⸗ nach mann machten leider keine Ausnahme von der allgemein daß i Regel. 3 Leiler ſah einen Schatten hinter den Gardinen ſi hin⸗ und herbewegen. Karo, der Kettenhund am Tho hatte ſchon durch verſchiedenes Willkommsknurren v kundigt, daß der Erwartete im Anzug ſeiz und 2 wohl Jahre ſſe ihn hat ihre denſchaft hürmen, ldie See ölde Fee. oore. n hohn⸗ ber den hem die en Weg h Leiler icht wie ter, wo⸗ hilds. Alfhilds ſemächer an alſo , wenn u allen Frenk⸗ emeinen nen ſicht Thore, en ver⸗ ls unſer 79 Architekt die leicht verſchloſſene Hausthüre aufdrückte, trat ihm Alfhild mit dem Licht in der Hand entgegen. „Mein Gott! Herr Leiler, wo ſind Sie geweſen? Sie haben uns faſt zu Tode erſchreckt!“— Alfhild war blaß, und es ſchien ſchwer zu entſcheiden, ob Schlaf oder Thränen ihre Augen geröthet hatten. „Ich habe auf dem See herumgeſchwärmt,“ ant⸗ wortete Leiler leiſe.„Sehen Sie, Alfhild, als ich eine Stunde vor Sonnenuntergang ermüdet von den Be⸗ ſchwerden des Tages heimkam, nach dem kühlenden Tranke ſchmachtend, der mir ſo gut ſchmeckt, wenn ich ihn aus Ihrer Hand empfangen darf, da ſetzte ich mich draußen auf die Raſenbank und wartete treu und geduldig eine lange, ſehr lange und langweilige Stunde; aber— die, die ich erwartete, kam nicht. Eine Unruhe bemächtigte ſich nun meiner Seele; ich mußte fort. Ich machte das Boot los, und ruderte hinaus. Es war ſo fühl, ſo ſchön, ſo ſtill und ruhig. Alfhilds Bild tanzte mir in jeder kleinen Welle entgegen; und ich—— beugte mich hinab, um die Korallenperlen hinwegzuküſſen, die in ihrem Auge ſchimmerten.“ Ein flammender Nordſchein zitterte über die Wangen des Mädchens, und ſie ſenkte die Augendeckel mit den feinen Wimpern, damit die Korallenperlen darin bleiben möchten. Leiler hätte ſie gerne hinweggeküßt, wenn er es ge⸗ wagt hätte. Wenn Sie ſich meines Säumens willen bei dieſer böſen Nachtfahrt etwas Schlimmes zugezogen haben,“ ſprach Alfhild endlich mit einer einladenden Bewegung nach der Saalthüre,„ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ich es wieder gut zu machen ſuche. Ich habe ein kleines Abendbrod für Herrn Leilern hingerichtet.“ Der Architekt ging mit ihr hinein. Alfhild zündete das Licht an, und jetzt gewahrte er zu ſeiner nicht gerin⸗ gen Freude und Befriedigung einen kleinen, in der Nähe des lieben Kamines für ihn gedeckten Tiſch. Alles war 80 ſo nett und zierlich angeordnet. Leilers Leibgerichte ſtan⸗ den wie in Parade da; ſeine Lieblingsblumen in den blauweißen Porzellanvaſen; und ſelbſt der Trunk, den er unter allen am höchſten ſchätzte, nämlich das alte ächte, Bier, zu dem Alfhild noch immer wie am erſten Abend Zucker that, ſchäumte in der blank geſcheuerten Kanne. Leiler, erfreut über dieſe angenehme Abwechslung nach den letzt verfloſſenen Stunden, ließ es ſich wohl ſchmecken, und die junge Wirthin durfte ohne viel Kom⸗ plimente von ſeiner Seite das Teller nach Belieben ver⸗ ſehen. Es war aber auch ſchon lange ſeit Mittag, und Leiler meinte noch nie eine ſolche Eßluſt gehabt zu haben. Und nie war er auch ſo freundlich verſorgt worden. Indeſſen bereitete Alfhild den nordiſchen Gaſttrunk⸗ und reichte ihn ohne Teller dem Architekten aus der Hand hin, der Alles dieß mit großem Vergnügen empfing. Wie ſeine großen ſchwarzen Augen jetzt ſtrahlten, das ſah Alfhild, ohne eigentlich zu ſehen, wenigſtens ohne in ſie zu ſehen; aber ſie fühlte daß ſie in gewiſſen Augen⸗ blicken einen Ausdruck bekamen, den ſie wegen der Wärme um ihr Herz herum nicht aushalten konnte, und ſie be⸗ merkte, ohne aufzuſehen, daß gerade jetzt ein ſolcher Au⸗ genblick eingetreten war. Ihre Hand lag noch in der ſeinen, aber elektriſch fuhr ſte zurück, als ſeine Lippen einen Fleck darauf brannten, den Alfhild wie einen Schmerzensſtich fühlte, ſo heiß war er. „Fürchtete ſich Alfhild vor dem Donnerwetter duf fragte Leiler, als ob nichts vorgefallen wäre. „Ach ja— ach nein— nicht viel— nur ei wenig!“ „Nun aber, wo war denn Alfhild, als ich von dem Kirchbau nach Hauſe kam; das hab' ich noch nicht er⸗ fahren!“ „Damals? Ja, da war ich bei einem kranken Weibe im Dorfe drunten. Ich glaubte früher zurück ſein zu kön nen, allein ich hielt mich länger auf, da ich dort Fräl lein von Rawenſtein in derſelben Verrichtung traf. Wäß n klein rend ganz man, die H voll. es ko hegen „Nie als edlere ter o dieſe Schw gut u dete Kumt haupt gerich Theln ten m in we 7 weg n 7 nach Uhr; bei ein flog ſeines Wir zuſam 9 e Die hte ſtan⸗ in den unk, den lte ächte, n Abend Kanne. echslung ich wohl lel Kom⸗ eben ver⸗ rag, und u haben. den. zaſttrunk, der Hand pfing. ſtrahlten, ens ohne n Augen⸗ r Wärme nd ſie be⸗ lcher Au⸗ h in der ne Lippen vie einen rwetter?“ ein klein von dem nicht er⸗ 8¹1 rend wir heimgingen und ſchwatzten, begleitete ich ſie, ganz in Gedanken faſt bis ans Schloß, und von da hat man, wie Sie wiſſen, ein gutes Stück nach Hauſe.“ „Fräulein von Rawenſtein! So, auch ſie beſucht die Hütten der Armuth! Das iſt in der That verdienſt⸗ voll. Bei der Umgebung, in welcher ſie lebt, hätte ich es kaum für möglich gehalten; ſo ſchöne Gefühle zu hegen.“ hes„Und doch iſt es ſo,“ erwiederte Alfhild lebhaft. „Niemand kann ein beſſeres und weicheres Herz haben, als Thelma von Rawenſtein! aber leider muß ſie ihre edleren Gefühle verbergen, denn wenn ſie mit ihrer Mut⸗ ter oder Tante darüber ſprechen wollte, ſo würden ſie dieſe im beſten Falle auslachen und es eine kindiſche Schwärmerei nennen. Auch Graf Albano, obwohl er gut und gerecht gegen ſeine Untergebenen ſein ſoll, dul⸗ dete es nie, daß Thelma perſönlich die Wohnung des Kummers und der Krankheit beſucht, weil, wie ſie be⸗ haupten, dieß auch durch Einen von der Dienerſchaft aus⸗ gerichtet werden könne; und auf dieſe Art lebt die arme Thelma beinahe wie ein gefangener Vogel, nur der Gar⸗ ten mit dem anſtoßenden Parke bildet die beſchränkte Welt, in welcher es ihr erlaubt iſt, die Lebensluft einzuathmen.“ „Aber wie konnte ſie ſich denn heute Abend ſo weit weg wagen?“ fragte Leiler. „Nun, ſehen Sie, die Gräfin und die Baronin waren nach der Stadt gefahren, und wurden nicht vor zehn Uhr zu Hauſe erwartet, und die beiden Grafen waren bei einem großen Herreneſſen in der Nachbarſchaft. Da flog Thelma wie der arme Vogel, wenn er die Thüre ſeines Käfigs geöffnet ſieht, über die verbotene Schranke. Wir trafen uns und genoſſen eine innig frohe Stunde zuſammen.“ Leiler hatte ſein Abendeſſen beendigt, und wandte ſich t einer freundlichen Dankſagung gegen Alfhild, in Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 6 82 einem weicheren Tone ſich wegen der Sorge entſchuldi⸗ Saupi gend, die er ihr verurſacht habe. 1. de u „Ach, ſprechen Sie nicht davon! Jetzt iſt es ja vor⸗ die 9 über, und Alles iſt wieder dit elheliegallibuſd indem d le B. je aufſtand und dienſtfertig das Licht putzte. 3 aſghen gebe, daß See recht haben moͤchten, Alfhild Sarii Gott gebe, daß eben ſo gewiß auch alles Andere gut den⸗ 8 wäre,“ ſprach Leiler, und ſah ihr mit einem ſchnell ver durch's änderten, ſchmerzlichen und tief ſprechenden Blick int ſünd at Auge.„Wie meinen Sie?“ fragte ſie mit einem leichten nder d Zittern 7 ſhiſ“ f Leiler fort„ einmal „Für Sie, fromme Alfhild,“ fuhr Leiler fort, nfü darf J Sie, der keines von den dunklen Weſen zu nahen wagt daß in die in der Bruſt des Mannes ihre Turniere halten un Stoff ihre Lanze brechen, für Sie iſt es gut, wenn nur de aus kleinen Wolken an ihrem ſonſt hellen Himmel zur Seit 3 ziehen. Dann lächelt die Sonne wieder warm und be könnten lebend darüber.“ reißend „Iſt es denn nicht eben ſo mit den Wolken, de Verſugh Ihren Himmel beſchatten?“ fragte Alfhild erröthend. es, wiil „Nein, leider! Mancher leichte und belebende M von Ihr ment ſendet ſeine freundlichen Sonnenſtrahlen, um jen freundli zu vernründern ber wuan 4 di dem Endel⸗ der ihn„S das Daſein gab, verſchwunden ſind, dann ziehen nit ded der in leinen dunkleren und dichteren Maſſen durch d diit deh ſonnenleere Seele. Die Mannesbruſt kann mit eim ebenſo Wahlſtatt verglichen werden, wo der Kampf nie aufhöt halb de und jeder beſiegte Kämpfer mit Einem geſchloſſenen Au p 98 da liegt, und nach der Gelegenheit lauert, den Kam Wenn 4 wieder zu beginnen.“ Throne Gin leichter Schauer flog durch Alfhilds zarte Gli Shuene der.„Wie heißen denn alle dieſe boͤſen Mächte, die ſi ſprechen darin bewegen und kämpfen?“ fragte ſie leſe „Wie ſie heißen?“— Leilers Lippen krümmien und imn zu einem ſeltſamen Lächeln.—„Nun, Alfhild, das whee S ich Ihnen ſagen, obſchon Sie mich gewiß nicht begre porden. Dieſe Maͤchte mit ihren zahlloſen Abarten können in K 83 entſchuld Hauptklaſſen getheilt werden. In die erſte rechnen wir es ja vor die Ehre, die bürgerlichen und moraliſchen Pflichten zund ild, inden die zweite: das falſche Ehrgefühl, die Rache, die Liebe, 1 die Begierde, die inneren Vorwürfe und die anhaltende Alfhild Hartnäckigkeit, das Ziel zu erreichen, nach dem wir ſtre⸗ ndere gu ben, kurz, auf dieſer Seite finden wir die Bilder von all hnell ver den wilden Leidenſchaften, die wir als Reiſegeſellſchaft Blick in durch's Leben erhalten haben. Sie begleiten uns getreu, m leichte ſind aber von ungleicher Natur, um nicht ſtets im offenen oder heimlichen Krieg mit einander zu liegen. Aber nicht fort,„fü einmal der entfernteſte Laut ihres ſtürmiſchen Getümmels chen wag darf Ihren Ohren nahen, Alfhild! Verzeihen Sie mir, halten un daß mich heute Abend meine größere Aufregung in einen n nur 1 Stoff fallen ließ, den ich mich bemühen will, für immer zur Sei aus Ihrer Geſellſchaft zu verbannen.“ m und 1.„O daß Sie, Leiler, auch alles Das verbannen könnten oder wollten, was ſo grauſame und herzzer⸗ olken, 1 reißende Kämpfe in Ihrer Seele erregt und unterhält: öthend. Verſuchen Sie es wenigſtens, beſter Leiler, verſuchen Sie Hende Mi es⸗ milder und klarer zu denken, und es wird bald heller um jen vor Ihnen werden,“ bat und verſicherte Alfhild in einem jd ihm freundlich ſchmeichelnden Tone. en ſie u„Du frommer Unſchuldsglaube,“ ſprach der Architekt durch mit gedämpfter Rührung, indem er Alfhilds Hand auf mit ein ſeine Stirne legte;„bekämpfen, verbannen! O ich könnte ie aufho ebenſo gut verſuchen, ohne Luft zu leben, als mich außer⸗ 8 Au halb des Kreiſes zu bewegen, wo ich— obwohl fried⸗ mnena 5 los— beſtändig umherirren muß. Gute Nacht, Alfhild! den Wenn Ihre frommen Gebete wie lächelnde Engel dem te Gl Throne Allvaters nahen, dann ſenden Sie auch einen zarte Seußzer für mich dahin! Wollen Sie mir das ver⸗ te, die ſprechen?“ ͤ„Ach ja“ erwiederte ſie innig,„jetzt und jeden Abend 1 nen immer will ich für Sie beten, Leiler. Aber wie „ das wighee Stirne glüht! Meine Finger ſind ganz heiß ge⸗ eges vorden.“ 6* 84 „Um wie viel heißer würden ſie nicht werden, wenn Sie dieſelben auf mein Herz legten, Alfhild! Aber das wollen Sie nicht; Sie wollen nicht ſeine gewaltſamen Schläge fühlen, nicht hören, wie es nach Luft ringt.“ „Leiler!“ Alfhild ſprach nicht weiter; aber in dem bloßen Ausſprechen dieſes Wortes lag eine Rührung und Hingebung, welche den Architekten elektriſirte. Einen Augenblick war er nahe daran den wildbrauſenden Wogen nachzugeben, die ihn verführeriſch mit ſich reißen wollten; aber ein tiefer Blick in ihr vertrauensvolles Auge, das ihm freundlich entgegenſtrahlte, gab ſeiner aufgeregten Seele wieder Kraft, die Schwachheit des Momentes zu beherrſchen.—„Gute Nacht, Alfhild! die Genien der Unſchuld, jene Geiſterſtimmen vom Himmel, mögen treu an Deiner Seite wachen! Die Rache ſtirbt, der Sturm ſchläft, das Herz wiegt ſich zur Ruhe: Deine Engel Preiten die Standarten des Friedens über den Wahl p atz.“ Leiler nahm das Licht, und verſchwand ſchnell die Treppen hinauf nach der öden, finſtern Bühne. Von ſeligen, wunderbar geheimnißvollen Ahnungen durchbebt, trat Alfhild in ihr ſtilles Kämmerlein. E kam ihr vor, als ob ſie an dieſem Abend mehr als in ihrem ganzen übrigen Leben erlebt habe. Aber da es ihr unmöglich war, all dieſe zugleich qualvollen und ſüßen Eindrücke zu entwirren, legte ſie friedvoll und er⸗ geben die Entwicklung derſelben in die Hände deſſen, zu dem ſie jetzt für ſich und für ihn bat, der, wie ſie fühlte auf ewig der Gegenſtand der beſten und ſchönſten Ge⸗ fühle ihres Herzens ſein würde. All die dunklen Worte, welche Leiler geſprochen, verſchwanden wie Nebelgeſtalten, und nur die hellen, mit ihren ſchimmernden Gewändenn ſchlften Alfhild in ihren lächelnden Träumen Ge ſchaft. Indeſſen war Leiler in ſein Zimmer getreten; al Alfhilds Engel hatten ihn nicht bis dahin begleitet. ſah man an ſeinem unruhigen Auf⸗ und Abwande in der gewöh Span angrif auf al Blum worter er zu Erble loren beim ſein „Wen „ſie b Legan von C L hin ur weiſe L 1 2 ang. Horize um d Mante die Ha hinab, mit de kam er ein Fe auf de fremde denn Feue way m en, wenn Aber das altſamen eingt.“ in dem ung und Einen n Wogen wollten; ige, das fgeregten nentes zu nien der igen treu r Sturm ne Engel n Wahl⸗ chnell die Ahnungen lein. E hr als in er da es ollen und Iund er⸗ deſſen, zu ſie fühlte iſten Ge⸗ en Worte lgeſtalten, bewändern n Geſell ten; abe itet. Digh ndern un 8⁵ in den tiefen Falten im Augenwinkel, die ſich ſtärker als gewöhnlich zuſammengezogen hatten, ein Zeichen, daß die Spannung ſeiner Gedanken immer heftiger die Seele angriff. Er ſetzte ſich endlich an den Schreibtiſch.„Da ich auf alle Fälle nicht ſo bald ſchlafen kann, ſo will ich Blums Brief noch einmal durchleſen und dann beant⸗ worten,“ dachte Leiler und griff nach der Brieftaſche, die er zu ſeiner unausſprechlichen Beſtürzung nicht mehr fand. Erbleichend hielt er die Hand an die leere Stelle.„Ver⸗ loren,“ murmelte er,„vielleicht im Waſſer— vielleicht beim Grafen Albano? Und nun lief ein kalter Schauer durch ſeine Seele, ſein ganzes Weſen verrieth die heftigſte Erſchütterung. „Wenn der argwöhniſche Menſch,“ ſprach er halb laut, „ſie bemerkt und mit ſich genommen hätte; wenn James Legangers Notizen in dieſem Augenblicke ein Gegenſtand von Graf Albanv's Nachſinnen wären! Verwünſcht!“ Leiler warf ſich in peinlicher Unruhe im Sophaeck hin und her. Hitze und Kälte lösten einander wechſel⸗ weiſe in Körper und Geiſt ab. Bei dieſer Aufregung wurde ihm die Nacht ewig lang. Endlich ſchimmerte die Morgendämmerung am Horizonte, und ſobald ſie hinreichend Licht verbreitete, um die Gegenſtände zu erleuchten, warf Leiler einen Mantel um, ſchlich ſachte die Treppen hinab, öffnete leiſe die Hausthüre und eilte mit raſchen Schritten an die Brücke hinab, wo das Fahrzeug lag. Auf demſelben Wege und mit denſelben Beſchwerlichkeiten, wie am vorigen Abend, kam er in der Grotte an und fand die Brieftaſche. Welch ein Feuer leuchtete in ſeinem Auge, als er den Schatz auf der Moosbank liegen ſah, wo er geſeſſen hatte! Kein fremder Blick hatte alſo den Inhalt derſelben entweiht, denn es konnte Leilern nicht einfallen, daß ſich Licht und Feuerzeug in der Grotte vorfand. Der kleine Schrank ges genau zwiſchen den Felsſpalten eingepaßt, und mit Moys und Baumrinde bedeckt, daß ſie nur der bemer⸗ ken konnte, der es wußte. Der Architekt war alſo voll⸗ das kommen ſicher; und nachdem er in größter Haſt die Taſche mic geöffnet und ſich überzeugt hatte, daß die Schnur um das in erwähnte Paket ganz unberührt und noch mit demſelben fſam Knoten verſehen war, den er ſelbſt darum geſchlungen wie hatte, war jede Spur des Zweifels verſchwunden. Aber We bei der Eile, womit er in der Brieftaſche herum griff,, ſcha war es ihm unmöglich, zu bemerken, was er bei ruhigerer dock Stimmung ſogleich gefunden haben würde, nämlich, daß lich Alles in Unordnung lag; denn Graf Albano hatte ſich der nicht die Mühe genommen, jedes Ding wieder an ſeinen für Platz zu legen. Ohne weitere Zeit zu verlieren, kehrte Leiler ſchleu⸗ Fre⸗ nig nach Hauſe zurück; er bedurfte einige Stunden Ruhe, denk ehe das gewöhnliche Tagewerk ihn zu neuer Thätigkeit hen rief, und für den Augenblick ſeine eigenen mannigfaltigen Geſ und verwickelten Angelegenheiten vergeſſen ließ. wied Ich füße Neuntes Kapitel. könn Sah Wenn froh der Selave dem zerriſſenen Band mich Entflieht, und der Tyrann der Krone Tand, die Dem Buch der Prieſter, und der Held dem Kranze, die Und wenn der Wahrheitsgeiſt im hellſten Glanze Erwacht iſt, und als zorniger Orkan mach Geſtürzt den ſtolzen Bau von Menſchenwahn,— Dann wird des Geiſtes Reich erſtehn auf Erden die Und friſch und froh wie neugeboren werden. Die Menſchen blühn in junger Lenze Schein, Erneute, heil'ge Weſen, ſchöͤn und rein. Thomas Moore. Ein paar Tage darauf ſchickte Leiler folgenden Bri an den oben erwähnten Blum: „So! Du willſt Deine Hand und Deinen Namen zu keinem ſolchen Spiele hergeben. Woran denkſt Dur Iſt es denn nicht ein weit größeres Verbrechen durch Stillſchweigen zu betrügen, als zu ſpre man doch einmal ſprechen muß; und bei Gott, o voll⸗ Taſche im das nſelben llungen Aber griff, higerer h, daß tte ſich ſeinen ſchleu⸗ Ruhe, ätigkeit altigen d Kranze, lanze n,— rden 1, ore. 1 Brief Namen ſt Du täglich en, da Blum! 4 87 das muß geſchehen. Du kennſt mich; Du weißt, daß ich mich nicht in mich ſelbſt verſchließen kann, wie die Auſter in den engen Kreis, der ihr zum Leben und zur Wirk⸗ ſamfeit ausgeſetzt wurde; Du weißt, daß ich auch nicht wie Du mir aus der Entwicklung eigener Ideen eine Velt bilden kann, womit die Phantaſie nichts zu ſchaffen hat. Und wenn ich es auch könnte, ſo würde doch ein ſolcher Zuſtand bei meinem Charakter unnatür⸗ lich ſein und jede Abweichung von den ewigen Geſetzen der Natur muß früher oder ſpäter eine billige Strafe für die Uebertretung mit ſich führen.“ „Blum, Freund, Bruder, Theilnehmer an meinen Freuden, an meinen Schmerzen! Mit wehmüthiger Luſt denke ich an die Stunden zurück, wo der von den Mü⸗ hen des Tages niedergedrückte Blick ſich in Deiner Geſellſchaft wieder belebte und die Thätigkeit der Seele wieder neue Spannkraft für die kommenden Tage erhielt. Ich erinnere mich, wie ich unter Folianten mit Krähen⸗ füßen mich leicht zu dem Wahne hätte verleiten laſſen können, ein ganzes Leben hinwegzuträumen; wie ich eine Zahl dort in einem Gewimmel von Zahlen fand, ohne mich denſelben auf eine andere Art zu nähern als durch die Addition und Subtraction, welche die Bedürfniſſe und die gewöhnlichen Verhältniſſe des Lebens nothwendig machten. Aber da kamſt Du; Du lehrteſt mich, mich ſelbſt beſſer begreifen, und ich begann einzuſehen, daß die emſige Arbeit auf dem engen Pfade zur amtlichen Laufbahn ein Grab für meine feurige, dürſtende Seele ſein würde. Ich warf die ganze Bürde hinter mich und eilte frei, lebensfroh und ſehnſüchtig nach einer paſſendern Thätigkeit, nach Italien, um dort die Kunſt zu ſtudiren, der ich mich mit Leib und Seele weihen wollte.“ „Warum, dürfteſt Du einwenden, warum Etwas wiederholen, was ich ſo wohl weiß? Was gehört das hieher?“ a, Blum, es gehört hieher. Du ſollſt Dich er⸗ innern, wie ich früher jede Schwierigkeit bekämpft, jedes — 88 Hinderniß beſiegt hatte, wenn es ſich um die Erreichung nich eines Zieles handelte, nach welchem mein ungebundener zeu Geiſt ſtrebte. Und ich frage Dich ſelbſt, ob Du glaubſt, hät oder wenigſtens ob Du Grund haſt zu glauben, daß ich Scl dieß eine Mal nachgeben werde?“ hätt „Ich weiß, Du wirſt ſagen, daß ſolche Hinderniſſe ſehn wie dieſe, mir nie im Wege geſtanden ſeien. Es iſt zu: wahr; aber je größer die Schwierigkeiten ſind, deſto bren⸗ nender wird meine Sehnſucht nach dem Siege.“ hab „Blum, mein Freund, ich weiß wohl, daß Du jenes ich allmächtige Gefühl, das wir Liebe nennen, nur als ein bisn ganz untergeordnetes Ding anſiehſt, als ein Ding, das Tro bei einem Mann erſt lang nach ſeinem bürgerlichen Stand⸗ es ſ punkte, nach ſeinen politiſchen Verhältniſſen und vielem hält Andern in Betracht gezogen werden dürfe. Wohl! Du zwei haſt die Liebe zu einem relativen Dinge machen wollen, ſleir obwohl ſie in alle Ewigkeit ein abſolutes bleiben wird; zum und bei einer ſolchen Ueberzeugung von ihrer Natur iſt würd es nicht zu verwundern, wie ſchwer Du einſehen wirſt, erbä daß ſie im Stande ſein kann, die Ketten zu brechen, die liche ſie drücken. Du ſollteſt jedoch wiſſen, daß die ECiſenlaſt Du der Pflicht ſchwerer iſt, als die Kette des Galeerenſclaven, da ſie nur auf den kalten Formen der Ehre und Gewohn⸗ beſch heit beruht.“ gerat „Aber, Blum, wirf den engherzigen veralteten Schleier Zwee des Vorurtheils ab. Denke Dir ein beſſeres Verhältniß, ſtand und dieß muß erſcheinen, ſobald meine Seele Frieden an d bekommt, und glaubſt Du, daß ich dieſen unter den ge⸗ liebten Felſen meines Vaterlandes finden könne?— Nein, Ange ich kannte ihn nicht, dieſen Frieden, ich habe ihn nicht nen; mehr gekannt, ſeit die weiche, aber darum nur um ſo kalt, härtere Kette ſich um meinen Leib ſchlang. Was meinſt was Du wohl, daß mich forttrieb? Du weißt es nicht. Es ſetze: waren dunkle, geheimnißvolle Räthſel, die meine bren⸗ das l nende Phantaſie kaum deuten konnte; denn ſie lagen noc nur im Nebel, als ich Norwegen verließ. Erſt hier war es, denn wo ſie klar, ſchauerlich klar wurden. Doch das war es wir ichung ndener laubſt, aß ich erniſſe Es iſt bren⸗ jenes ls ein „ das Stand⸗ vielem ! Du vollen, wird; ur iſt wirſt, n, die enlaſt laven, wohn⸗ hleier ltniß, rieden 89 nicht, was ich ſagen wollte. Nein, ich wollte Dich über⸗ zeugen, daß wenn ich Glück und Frieden zu Hauſe gefühlt hätte, alle jene finſtern Geſtalten, die mir ſo lockend aus Schweden hernickten, es vergebens gethan hätten. Ich hätte mich nie nach neuen, wechſelnden Verhältniſſen ge⸗ ſehnt, nie darnach gedürſtet, aus dem Becher der Rache zu trinken“ „Aber jetzt iſt es anders, der Würfel iſt gefallen. Ich habe an dem Schaume des Bechers genippt, von dem ich eben ſprach, und es ſchmeckt nicht ſo übel. Ich fühle bisweilen eine teufliſche Luſt, ihn bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Doch nein! Ich glaube nicht, daß es ſo weit kommt. Ein Engel ſteht mir zur Seite, und hält mich zurück, und ich ſelbſt, Blum, ſtehe am Rande zweier Abgründe. Aber zwiſchen dieſen beiden geht ein kleiner Weg, von dieſem aus könnte ich mich hinüber zum Himmel ſchwingen, und ſtünde ich einmal dort, ſo würde die Erde mit ihrer niedrigen Rachgier, mit ihren erbärmlichen Vorurtheilen und unnatürlichen geſellſchaft⸗ lichen Verhältniſſen verſchwinden. Dieſer Weg, Blum, Du kennſt ihn— und über dieſen muß ich.“ „Doch ich kann mich nicht mit dieſen Gegenſtänden beſchäftigen, ohne in eine ſo unnatürliche Aufregung zu gerathen, daß ich immer wieder von dem eigentlichen Zwecke meines Briefes abſchweife. Und dieſer Zweck be⸗ ſtand ja darin, Dir zu ſagen, daß ich mich jetzt direkt an den gehörigen Ort zu wenden gedenke.“ „Du hiütteſt mir in dieſer kitzlichen und ſchmerzlichen Angelegenheit mit Rath, Troſt und Hülfe beiſtehen kön⸗ nen; aber zum erſten Male finde ich Dich verſchloſſen, kalt, beinahe zurückſtoßend. Iſt es denn ein Verbrechen, was ich wünſche? Warum erlauben es dann unſere Ge⸗ ſetze? Sprich mir nicht ewig von dem Geſetze der Moral, das hat überdieß hier ſchon entſchieden, und wir haben nur dem andern zu folgen. Darin liegt nichts Unrechtes; denn wozu brauchten wir geſellſchaftliche Geſetze, wenn wir nicht getroſt an ſie appelliren könnten.“ „Du, Blum, haſt Deine eigenen Begriffe und Ge⸗ danken von den menſchlichen Dingen und ihrem Verhält⸗ niß zu einander. Dieſe ſind Dein Eigenthum, und ich ehre ſie; aber hüte Dich, daß nicht einmal daſſelbe Ge⸗ fühl, das Du jetzt ſo ſehr bei mir verdammſt, Dir ſelbſt einen Poſſen ſpielt und all Deine Weisheit über den Haufen wirft. Ich würde Dir das für Dein jetziges Benehmen gönnen. Du ſchreibſt mir ohne alle Gründe da— die ſchon längſt abgenützten ausgenommen— einige ganz gewöhnliche Ermahnungen zuſammen, um mich wie einen verlorenen Sohn zurückzurufen. Du biſt kurz, bitter und im höchſten Grade langweilig. Nicht in einem einzigen Falle entwickelſt Du Deine gewöhnliche Beweis⸗ kunſt. Es muß Dir etwas fehlen. Laß es mich wiſſen; und obſchon mein Kopf und Herz ſo voll iſt, daß beide beinahe zerſpringen, und es vielleicht auch bald thun, wenn nur ein Fünkchen in das Pulver fällt, das dort verwahrt iſt— ſo bin ich doch als ein redlicher und treuer Bruder auf Leben und Tod bereit, noch einmal die Vüde hinter mich zu werfen und zu Deinem Beiſtande u eilen.“ 3„Lebe wohl, Blum! Noch ein paar Wochen will ich über die Sache nachdenken, um mich nicht zu übereilen. Dann wird ſie mit um ſo größerem Ernſte erfaßt. Und fürchte Du nichts; es ſoll weder an Geyniſſenhaftigkeit, noch an Zartgefühl und Redlichkeit bei der Ausführung derſelben fehlen. Das gelobt Dir heilig Dein treuer Leiler. P. S. Weißt Du, daß mich, wenn ich hie und da auf den hohen Gerüſten des Kirchbaues ſtehe, oder hier zu Hauſe von meinem Fenſter aus mit einem ſeltſamen Gefühle den aus der Erde emporſteigenden Tempel n ſchaue, oft eine Herzbeklemmung, ein ſolches Zittern überfällt, wie ich glaube, daß, der Sage nach, den großen Baumeiſter erfaßte, deſſen kühner Geiſt den herr⸗ lichen Dom der Katharinenkirche in Stockholm hervor⸗ d Ge⸗ hitr nd i ſe Ge⸗ ſelbſt er den jetziges Bründe einige mich ſt kurz, einem heweis⸗ wiſſen; beide thun, s dort r und nal die iſtande öill ich reilen. Und tigkeit, ihrung — zog 91 rief. Ich meine dann wie er, mein Werk müſſe nieder⸗ fallen und mich zerſchmettern. Aber dieſe Grillen, die Zwillinge eines melancholiſchen und weinerlichen Ge⸗ müthes ſind mir im Allgemeinen fremd, und ich weiß in der That nicht, wie ſie jetzt Macht über mich bekom⸗ men haben. Doch es wird wohl beſſer werden, wenn all' die Drähte, die ſich nun an meiner Lebensſpule durch⸗ kreuzen, entwirrt ſind. In Gedanken ſchreibe ich oft ein großes Fragzeichen vor das einzige Wort: Wann? Zur Antwort, Blum, werde ich wenigſtens in einigen Wochen die erſte Sylbe bekommen. Derſelbe.“ Zehntes Kapitel. Wie Berg auf Berg wogts hinauf und hinab, Es zeigt jede Welle dem Schiffer ein Grab. Böttiger. Ein Brautbett ſie mir bleichen, Doch kalt iſt es und öd., Einen Becher ſie mir reichen, Doch iſt's des Todes Kelch.. Stagnelius. „Nun, liebes Papachen, wie ſtand es auf dem Schloſſe?“ fragte Alfhild, als Probſt Frenkmann eines Abends ſpät von dem gräflichen Schloſſe zurückkam, wo⸗ hin er gerufen worden war. „Schlecht, mein Mädchen, ſehr ſchlecht. Graf Al⸗ bano's Krankheit nimmt ſehr heftig zu, er phantaſirt bis zur Raſerei, ſo daß ihn bei ſolchen Anfällen beinahe im⸗ mer ein paar Perſonen auf das Bett niederhalten müſ⸗ ſen. Der Arzt ſchüttelt den Kopf und macht ein unheil⸗ volles Geſicht.“ „Da benahmen ſich wohl Ihre gräfliche Hoheit auch ndere Leute?“ äußerte Onkel Sebaſtian trocken, und ggelmäßige Züge aus ſeiner alten Pfeife. Ja, ganz wie andere Mütter, die das einzig ge⸗ 92 liebte Kind zu verlieren fürchten. Das iſt ja ſehr na⸗ türlich.“ „Freilich, und den Majoratserben zu verlieren, den Sprößling, der jenen glänzenden Namen fortpflanzen ſollte, deſſen Beſitzer bisher d edle Heldenthaten verrich⸗ teten, daß ſie noch in aller Menſchen Gedächtniß leben, das wäre doch zu arg. Der Himmel könnte einen ſolchen Kummer nicht ſehen, ohne gerührt zu werden; gräfliche Thränen darf man nicht wegwerfen, wie elende plebejiſche Waſſertropfen. O nein, eine gleiche Vertheilung kann nicht ſtatt finden! In dieſem wie in andern Fällen muß etwas zu Gunſten des Adels gethan werden.“ „Ei, Bruder Sebaſtian, was kommt Dich an! Kann Dein unnatürlicher Haß gegen das jetzige gräfliche Haus, das uns ſtets nur Gutes erwieſen hat, kann er ſo weit gehen, daß Du in Deiner blinden Rachgier ihr Unglück verhöhnſt, die ſchönſten und heiligſten Gefühle der Menſch⸗ heit verhöhnſt, den Kummer der Eltern am Krankenbette eines Kindes? Du biſt in der That gottlos, Sebaſtian,“ ſetzte der Probſt in ernſt ermahnendem Tone hinzu; „erſtens, weil Du überhaupt dieſe Gedanken, und dann, weil Du ſie in Gegenwart eines Kindes ausſprichſt, das Deine thörichten Vorurtheile nicht faſſen kann, Vorur⸗ theile, die zudem die Bitterkeit Deiner Ausfälle keines⸗ wegs rechtfertigen.“ „Nein, das verſteht ſich; das thun ſie nicht, es iſt auch durchaus nicht unchriſtlich und ſündlich, wenn ein ſogenannter Edelmann unter dem Schutze ſeines Ranges, ſeines Namens und ſeines Anſehens, das größte Buben⸗ ſtück begeht, wenn er die abſcheulichſten Pläne ausdenkt, um es zu verbergen, und den Namen, die Ehre und das ganze zukünftige Wohl eines ehrlichen Mannes ſtiehlt, um ſo auf eine ehrenhafte Art einen Schleier über die Vergangenheit zu werfen.— Ha! ich werde raſend! Mein altes Blut kocht noch, wenn ich mich all' dieſer renen Familie mit Blut gezeichnet ſind!“ Heldenthaten erinnere, die in den Annalen der hochgebo⸗ aus Hãa zwi „H Lip dar nick ma hat Art ſich em pol wick blie ten er einſ ſagt unte und nah den und daß r na⸗ , den anzen rrich⸗ leben, olchen ifliche ejiſche kann muß Kann Haus, » weit nglück eenſch⸗ nbette tian,“ dinzu; dann, , das borur⸗ feines⸗ es iſt in ein anges, zuben⸗ Zdenkt, Id das tiehlt, 1 4 er die aſend! 93 „Ja, ich ſehe, daß Du in der That raſeſt,“ ſprach der Probſt kalt.„Aber erinnere Dich auch, daß die Zeit, von der Du ſo oft träumſt, längſt vorüber iſt; daß ihre Begebenheiten ſchlummern. Laſſe deßhalb auch die Schatten des Gedächtniſſes ungeſtört wandeln. Es iſt nicht gut, den ſchlafenden Löwen zu wecken.“ Onkel Sebaſtian erwiederte nichts; er hatte die Pfeife ausgeklopft, ſie hinweggelegt, und begann jetzt mit den Händen auf dem Rücken ſeine gewöhnliche Wanderung zwiſchen dem Sopha und dem Kamine. Ein brummiges: „Hm! hm!“ war jetzt der einzige Laut, der über ſeine Lippen ging; und es ſah aus, als ob der Alte ſelbſt darüber nachzudenken ſchien, wie er, der doch gewöhnlich nicht mit überflüſſigen Worten um ſich ſchlug, ſich dieß⸗ mal von dem alten, nie recht erloſchenen Feuer ſo ſehr hatte hinreißen laſſen. Wahrſcheinlich empfand er eine Art Schaam hierüber, und ſein bitteres Gefühl ſteigerte ſich noch durch den Unwillen, den er gegen den Probſt empfand, welcher den Adel ſichtlich begünſtigte, und deſſen politiſche ſowohl, als andere Anſichten von denen ab⸗ wichen, welchen der alte Oernroos bisher gehuldigt hatte. Der alte Ehrenmann fühlte ſich in dieſem Augen⸗ blicke mehr als je allein mit des„Gedächtniſſes Schat⸗ ten,“ wie der Probſt ſie genannt hatte; und deßhalb hielt er es für das Beſte, in ihrer Geſellſchaft nach ſeinem einſamen Zimmer zurückzukehren. „Laß das Eſſen hinuntertragen, mein Täubchen,“ ſagte er ganz fromm zu Alfhild;„ich bleibe heute Abend unten.“ „Ach, lieber Onkel Sebaſtian,“ bat Alfhild zärtlich und ſchmeichelnd— nur in den Ton durfte ſie ihre Theil⸗ nahme legen—„bleibe hier oben! Eben jetzt ruft man den Architekten zum Eſſen, er iſt ſo heiter und artig, und wird Dich gewiß ermuntern. Ja ich bin überzeugt, daß es Dir recht gut thun wird, ihn zu hören.“ Mein, Kind, heute Abend thut mir nichts gut, — 1 ——-—— —— — ——-— — ——— ———— —— — —— — — als die Einſamkeit. Gute Nacht! Ich gehe zur Ruhe, Gott gebe, bald zur letzten.“ Onkel Sebaſtian ſchloß die Thüre; aber Alfhild ſteckte noch den Kopf hinaus und flüſterte:„So bald wir gegeſſen haben, Papa Sebaſtian, komm ich zu Dir hinunter, darauf kannſt Du Dich verlaſſen!“ „Was iſt dem Alten heute Abend?“ fragte der Probſt etwas herb.„Iſt hier während meiner Abweſenheit Etwas vorgefallen, das ihn an die alten Sagen erinnert hat, die er nie aus dem Kopf bringen kann?“ „Nein, Papa, ich weiß nichts; aber es iſt mir vor⸗ gekommen, als ob er überhaupt etwas ſonderbar gewor⸗ den wäre, ſeitdem wir die Nachricht von der Erkrankung des Grafen Albano bekamen. Aber, liebes Papachen, Onkel Sebaſtian iſt alt, und hat ſo viele ſchwere Zei⸗ znrzerle daß man ein wenig Nachſicht mit ihm haben muß.“ „Nachſicht, ja wohl! Wenn ich nicht ſeit mehr als zwanzig Jahren Nachſicht mit ihm gehabt habe, ſo weiß ich nicht, was Nachſicht iſt. Doch ſo Etwas verſtehſt Du nicht, Mädchen; deßhalb ſollſt Du nie in einer Frage als Mittlerin auftreten, wo Dein Vater ſchon ſeine Stimme abgegeben hat. Ihr Weiber ſeid nicht— präge Dir wohl ein, was ich Dir jetzt ſage...“— Aber was die Weiber nicht ſeien, erfuhr Alfhild dießmal nicht; denn in dieſem Augenblicke trat Leiler ein, und der Gegenſtand wurde von dem Vater nicht weiter verfolgt. Wirth und Gaſt ſchienen auf dem beſten Fuße mit einander zu ſtehen. Probſt Frenkmann, der einen ange⸗ nehmen und gebildeten Umgang liebte, und in Leilern ſowohl bei der Entwicklung ſeiner politiſchen Anſichten, als ſeiner früheren Obliegenheiten als Reichsdeputirter, einen willigen Zuhörer fand, war herzlich vergnügt dabei, und der Architekt beſchäftigte ſich damit, wenn es ihm auch keine ſonderliche Freude machte, die kleinen Eigen⸗ heiten des Probſtes genauer zu beobachten. Er war ſo unterhaltend als möglich, wenn ihn dieſer im Verlauf des Def ginr „Si ſäun mich artig dem See gege dopß liebe ſichte ſehr Hofft Denn ungle ſo we Hoffn wiede überz werde dieſe? um v wieder duhe, fhild bald Dir robſt twas hat, vor⸗ wor⸗ kkung ichen, Zei⸗ haben als weiß ſtehſt Frage imme wohl eiber ieſem burde 2 mit ange⸗ ilern 95 des Tages hie und da beim Kirchbau beſuchte, oder als Deſſert nach dem Eſſen eine Unterhaltung mit ihm be⸗ ginnen wollte. „Nun, mein beſter Herr Leiler,“ ſprach der Probſt, „Sie haben auf das Abendeſſen warten müſſen, ich ſäumte etwas lange; aber die gräfliche Familie wollte mich in ihrem großen Kummer gar nicht fortlaſſen.“ „Das kann ich ihr nicht verdenken,“ bemerkte Leiler artig. Das glückliche Talent des Herrn Probſtes, in dem Sie die Eigenſchaften des Geſellſchaftsmannes und Seelſorgers in ſich vereinigen, muß natürlich bei den gegenwärtigen betrübten Umſtänden im gräflichen Hauſe doppelte Würdigung finden.“— „Ja, ja, man thut nach beſtem Vermögen, mein lieber Herr Leiler; aber im Vertrauen geſagt, die Aus⸗ ſichten auf die Erhaltung des gräflichen Geſchlechts ſind ſehr gering. Ich fürchte, dieſe Krankheit macht ihren Hoffnungen auf die eine oder die andere Art ein Ende. Denn entweder ſtirbt der junge Graf oder wird er närriſch.“ „Rast er denn ſo entſetzlich?“ „Seit drei Tagen ganz beſeſſen; und neben einer unglaublichen Menge anderer Thorheiten hat er ſich eine ſo wahnſinnige fixe Idee in den Kopf geſetzt, daß wenig Hoffnung vorhanden iſt, die Vernunft werde von ſelbſt wiederkehren, indem es kein Mittel gibt, um ihn zu überzeugen, daß man ſeinen Wunſch erfüllt hat.“ Kann denn dieſer Wunſch durchaus nicht befriedigt werden?“ fragte Leiler, wie es ſchien, verwundert, aber dieſe Verwunderung barg andere Gefühle, die zu tief lagen, um von dem Probſte geahnt zu werden, der ſogleich er⸗ wiederte: Nein, das weiß Gott und auch ich, der beinahe um einer Dienſtfertigkeit willen erwürgt worden bin. Sie können ſich einen Begriff von ſeiner totalen Raſerei machen, wenn ich Ihnen ſage, daß er mit aller Gewalt über Hals und Kopf mit dem armen Kind, dem Fräu⸗ lein von Rawenſtein, getraut werden will. Daß er dabei ——— —õ— 2— ————— ——— ——— — —— —— 7 8 7— ——— weder nach dem Aufgebot noch nach der Einwilligung der Braut, noch nach andern nothwendigen Formen fragt, verſteht ſich von ſelbſt; für ihn eriſtirt nur der Augen⸗ blick, und jeder Widerſpruch, auch auf den feinſten Um⸗ wegen, macht ihn nur ſchlimmer.“ „Bei einem ſolchen Vorſchlag wird das arme Fräu⸗ lein wohl in tödtlicher Angſt ſein 2u bemerkte Leiler. „Ja wohl, ja wohl! Sie hat um ſo mehr Grund dazu, als ihre Frau Mutter mir verſchiedene Winke gab, die ziemlich zweideutig lauteten; zum Beiſpiel, ob ein Aufgebot unter ſolchen Umſtänden geſtattet werden könne und ſo weiter. Aber ich warf der eigennützigen, berech⸗ nenden Dame einen Blick und ein paar Worte hin, die weiteren Ergüſſen ihres Vertrauens vorbauten, und wie eine ſcheue und erſchreckte Taube ſchaute das kleine Fräulein mit verweinten Augen auf den einzigen Men⸗ ſchen, vielleicht unter ihrer ganzen Umgebung, der ſie zu bemitleiden und es für eine Sünde zu halten ſchien, das junge Kind an das Lager eines wahnſinnigen Wechſel⸗ balgs zu feſſeln.“ Aber wie kann man ihm nur auf ſeine wilden Ge⸗ danken antworten; dazu muß es wirklich viel Klugheit erfordern?“ Der Architekt ſchien noch nicht genug von der Sache erfahren zu haben; aber der Probſt, der zu Tiſche wollte, antwortete ungeduldig:„Gleich, gleich, wir wollen nur zuerſt die Suppe eſſen.“ Frenkmann machte ſich jedoch eben ſo gerne mit ſeiner Erzählung wichtig, als Leiler darauf hörte, und Alfhild hatte deßhalb kaum die rauchende Grützwurſt herumbieten können, als der Probſt das Geſpräch wieder aufnahm. „Es erfordere viel Klugheit, ſagen Sie! Nein mein lieber Herr Leiler, keine Klugheit der Welt kann auf im⸗ mer neue Ausflüchte gerathen. Wer jedoch am beſten mit ihm auskommen kann, und noch am meiſten Gehör findet, das iſt der alte Borgſtedt. Ich werde gleich einen Beweis davon anführen. Als ich von Graf und Gräfin ig der fragt, lugen⸗ Um⸗ Fräu⸗ r. Grund ee gab, ob ein könne berech⸗ e hin, „ und kleine Men⸗ ſie zu en, das zechſel⸗ en Ge⸗ lugheit ug von der zu ſch, wir ne mit te, und tzwurſt wieder in mein auf im⸗ beſten Gehör ch einen Graͤfin 97 wohl vorbereitet und dringend gebeten zu ihm hineintrat, ſaß er aufrecht im Bette, und ſtierte mit ſeinen wilden, blutrünſtigen Augen nach der Thüre. „Nun, das iſt ſchön, daß Sie kommen!“ rief er mir entgegen,„Sie haben ziemlich lange auf ſich warten laſſen, mein Herr!“ „Hat mich denn der Herr Graf rufen laſſen?“ fragte ich ganz demüthig, da man mir geſagt hatte, daß er während ſeines gegenwärtigen unglücklichen Zuſtandes eine ſklaviſche Ehrerbietung von allen Menſchen fordere, ein Zug, der ihm, beiläufig geſagt, auch ſonſt eigen iſt, wenn er alle Sinne bei einander hat.“ „Wie?“ rief er gereizt.„Wagen Sie zu läugnen, daß Sie durch verſchiedene Boten gerufen worden ſind, um meine Trauung zu verrichten? Borgſtedt, Du kannſt bezeugen, daß ich mehr als einen abgefertigt habe! Iſt es wahr oder nicht?“ „Vollkommen der Wahrheit gemäß,“ verſicherte Dorge ſtedt ſehr ernſt,„aber wie ich ſchon die Ehre gehabt habe, Ihro Gnaden zu melden, haben die Boten un⸗ glücklicherweiſe den Probſt nicht zu Hauſe getroffen.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte er aufgeheitert.„Ich erinnere mich jetzt. Nun, Sie ſind willkommen, Herr Probſt! Setzen Sie ſich, bis meine Braut kommt, viel⸗ leicht iſt mein Vater ſo gut, die Couſine zu unterrichten, daß ſie ſchleunig den Brautkranz flicht. In einer halben Stunde muß ſie hier ſein.“ „Ich werde ihr ſagen, daß ſie ſich eilen ſoll,“ er⸗ wiederte der Graf und ging, recht froh, daß er mir das Feld allein laſſen durfte. „Gib mir meine Uhr her, Borgſtedt,“ ſprach der Kranke, ſobald der Vater die Thüre geſchloſſen hatte. „Ich will ſehen, ob ſie pünktlich iſt. Aber ei, Herr Probſt, wo haben Sie denn Ihren Predigerrock und das Gebetbuch? Sie werden doch nicht vergeſſen haben, daß Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 7 98 man dieſe Sachen braucht, um eine Trauung zu ver⸗ richten?“ „Mein beſter Graf,“ erwiederte ich nicht wenig ver⸗ legen,„ich hatte ja die Ehre, nur ganz zufällig hieher zu kommen, und war weit entfernt zu ahnen, daß Ihr hoher Wille den heutigen Tag zu einer ſo vwichtigen Ceremonie beſtimmt hatte; überdieß hätte ich gedacht,„ daß ſich der Herr Graf zuerſt, wie es Sitte iſt, aufbie⸗ ten laſſen wollte.“ Er zog die Augbraunen zuſammen und ſah mich mit dem abſcheulichſten Blick an, den man ſich denken kann.—„Aha!“ ſagte er ſcharf,„Sie wollen Ausflüchte machen; aber Sie ſollen wiſſen, daß das nichts hilft! Es iſt Ihre Pflicht, mich mit oder ohne Gebetbuch und Predigerrock, ohne Aufgebot und dergleichen dummes Zeug zu trauen, wenn ich es befehle! Haben Sie über⸗ dieß nicht gehört, daß ich nur einige Stunden hier ſein darf? Mein Regiment wartet; aber ehe ich es gegen den Feind führe, will ich zuerſt meine perſoönlichen An⸗ gelegenheiten geordnet haben. Ich beabſichtige auch mein Teſtament aufzuſetzen; natürlicherweiſe muß ich aber vor⸗ her vermählt ſein, ehe ich etwas zu Gunſten meiner Braut thun kann.“ „Freilich, freilich,“ verſetzte ich ein wenig unruhig; „aber ohne Buch wird ja der Herr Graf ſelbſt einſehen, daß es nicht geht.“ „Nun, ſo ſchickt augenblicklich einen Boten nach dem Probſthof,“ befahl er barſch. Ganz rathlos wandte ich nun ein, daß Vuih und Rock eingeſchloſſen ſeien, und nur ich ſelbſt ſie herbei⸗ ſchaffen könne. „Du willſt mich täuſchen, Pfaffe!“ ſchrie er, in dem wildeſten Ausbruch der Wuth. Und ehe ich mich auf einen ſolchen Fall gefaßt machen konnte, faßte er mich mit ſeinen langen ſehnigen Händen um den Hals. Und da ſaß ich nun wie in einem Schraubſtocke, und wäre auf meine Ehre wie ein Hund erdroſſelt worden, wenn — — u ver⸗ ig ver⸗ hieher ß Ihr chtigen gedacht, aufbie⸗ h mich denken sflüchte hilft! ſch und ummes 2 über⸗ eer ſein gegen en An⸗ h mein ber vor⸗ meiner nruhig; inf ehen, ach dem ich und herbei⸗ in dem rich auf — 99 mir nicht der alte Borgſtedt mit glücklicher Geiſtesge⸗ genwart aus der Klemme geholfen hätte.—„Herr Graf!“ flüſterte er horchend, ich höre die Schritte der Braut, ſie würde vor Schrecken ſterben, wenn ſie ihren Bräuti⸗ gam in einem ſolchen Zuſtande ſähe, um Alles in der Welt liegen Sie ſtille.“ „Ach! kommt ſie?“ ſprach er leiſe und im Augen⸗ blick verſchwand der hölliſche Ausdruck aus ſeinem Ge⸗ ſichte, mein Hals wurde frei, und ich zog mich behend nach dem andern Ende des Zimmers zurück, von wo aus ich ihn betrachtete, wie er, ganz unbeweglich da liegend und die Augen auf die Thüre geheftet, die entfernteſten Laute aufzufangen ſuchte, die ſeinen glücklichen Wahn be⸗ ſtärken konnten. „Wohin iſt ſie wohl gegangen, Borgſtedt?“ fragte er, nachdem er eine Weile gewartet hatte,„geh' und ſieh nach; vielleicht hat ſie etwas gehört, und iſt erſchreckt worden.“ Der Alte gehorchte dem Befehl und kam bald mit einer iene zurück, die dem armen Kranken recht gab.— „Mein beſter Graf,“ ſprach er in einem zugleich theil⸗ nehmenden und bittenden Tone,„das Fräulein wollte ſich wirklich hierher begeben, hörte aber den heftigen Auftritt, und erſchrack ſo ſehr darüber, daß ſie in Ohn⸗ macht fiel, und man ſie auf ihr Zimmer tragen mußte. Ach Herrgott, die Frauenzimmer ſind heutiges Tages ſo ſchwach; ſie können nicht einmal den Ton einer rauhen Männerſtimme ertragen, und fallen dabei um wie Flie⸗ gen. Ich hoffe jedoch, der Herr Graf wird ſie entſchul⸗ digen, ſie kann nichts für ihre Natur, die arme Kleine.“ „Stille, Borgſtedt,“ erwiederte jener mit einem Anflug ſeines alten Stolzes.„Thelma brauchte deine Entſchuldigungen nicht. Du begreifſt wohl, daß im Ge⸗ gentheile ich es bin, der untroͤſtlich ſein muß, ſie be⸗ unruhigt zu haben.— Herr Probſt,“ er winkte mir, „gehen Sie und bringen Sie ihr meine Huldigung und 100 melden Sie ihr zugleich mein aufrichtiges Leidweſen, ſie in einen ſolchen Zuſtand verſetzt zu haben. Die Trauung muß jetzt, wie Sie einſehen werden, auf alle Fälle auf⸗ eſchoben werden; aber Morgen früh präcis 10 Uhr ſind Sie hier und verrichten dieſelbe.“ Er machte eine abwinkende Bewegung mit der Hand, und hiemit war die Audienz zu meiner großen Freude geſchloſſen.“ „Das war in der That eine entſetzliche Audienz,“ ſprach Leiler mit einem leiſen Schauder;„morgen wird es wohl nicht beſſer ſein?„Nein, gewiß nicht; aber dann mag man zu ihm holen, wen man will; ich werde mich hüten, noch öfter hinzugehen. Als ich dem Doktor den Auftritt erzählte, ſagte er mir, daß die Gegenwart des Fräuleins das einzige Mittel wäre, welches beruhigend auf ihn einwirken könne; aber die arme Kleine fürchtet ſich ſo ſehr, daß ſie alles Ernſtes einer Ohnmacht nahe kommt, wenn man nur im Entfernteſten darauf anſpielt, daß ſie ihren Vetter beſuchen ſolle. Wir wollen übrigens ſehen, ob ſie ſich nicht am Ende doch noch dazu über⸗ reden läßt.“ Während der Probſt ſo die Erzählung fortſetzte, atte man die Abendmahlzeit ſchon längſt beendigt; und Alfhild, die bei dem Gedanken an das Schickſal der unglücklichen Thelma beinahe in Thränen verging, rückte endlich den Stuhl, um das Verſprechen zu erfüllen, das ſie Onkel Sebaſtian gegeben hatte. Probſt Frenkmann, den die Strapazen des Tages erſchöpft hatten, ging nach ſeinem Schlafzimmer, und Leiler eilte, wie er gewöhnlich ſpät Abends that, nach der Brücke hinter dem Horſte. Dießmal aber trug er Etwas unter dem Arme, was er aus ſeinem Zimmer geholt hatte. Es war eine Mandoline, ein Andenken b von ſeiner Wallfahrt nach Italien. Er legte heute nicht an dem gewöhnlichen Lan⸗ dungsplatze an, und ſchien damit das Verſprechen zu ehren, das er Graf Albano gegeben hatte, er ſetzte ſeine Fahrt entlang der felſigen üfer fort. Ein Stück weſt ☛☛— n, ſie auung 2 auf⸗ Uhr e eine war dienz,“ wird aber werde Doktor enwart higend ürchtet t nahe iſpielt, drigens über⸗ etſetzte, ; und al der rückte n, das Tages c, und nach rug er zimmer ndenken 101 von der Grotte ließ er die Ruder ruhen, nahm die Mandoline zur Hand, und ſang zu dem ſanften Sai⸗ tenſpiel: O Abendſonn', die kaum entſchwunden Des Pilgers ödem, düſterm Feld, Du ſahſt ein Herz, das nie gefunden Der Hoffnung Glanz in ſeiner Welt. Ich glaubte nie an Lebensfreude, Da ja ihr Engel ſchutzlos war: Im dunkeln Herze ſaß das Leide Als Miethgaſt ſchon von Jahr zu Jahr. Doch bald, o Sonne, wirſt du ſchauen, Wie mir die Hoffnung Frieden ſchenkt, Wie, ſchöner ſelbſt als du vom Blauen, Ihr Blick ſich lächelnd auf mich ſenkt. Ich folge einem ſchönen Sterne, Der fern und doch ſo nahe glimmt, Die Himmel mal' ich jetzt ſo gerne, Wo meine Seele nicht mehr fremd. Leb' wohl, du Sonne geh' zu träumen, Bis wieder ſanft der Morgen winkt, Doch in des Herzens tiefſten Räumen Berg' ich den Stern, der mir erblinkt. In einen großen Shayl gehüllt, der ſogar das Geſicht verbarg, ſtand Thelma von Rawenſtein uüͤber das Geländer der Felsgrotte gelehnt. Sie ſaugte das gefähr⸗ liche Gift ein, ohne deſſen Wirkung, ohne ſeine Gefahr für ihr junges Herz zu ahnen. Zwar fühlte ſie eine Art leiſen Vorwurf, wenn ſie Abends, anſtatt ſich zur Ruhe zu begeben, in der feuchten Kühle nach dem Gar⸗ ten und der Grotte ſchlich, um dort nach dem peinlich drückenden Tage in doppelter Hinſicht friſche Luft zu ſchöpfen. Aber, dachte ſie, es könne nicht wohl eine Sünde ſein, die ihr der gute Gott nicht verzeihen würde, —— ——— — 102— wenn ſie nach ſo viel bangen Stunden, in dem Abend⸗ ſchatten verborgen, auf die ſüßen, ſprechenden und doch ſo ſchüchternen Töne lauſchte, die aus dem Herzen des Architekten hervorgingen und auf ſeinen Lippen und ſeiner Mandoline ein Echo fanden.. „Er hat mich ja nie angeſprochen; er iſt ſogar ſo zartfühlend, daß er die Felſenſpitze nicht mehr betritt. Es kann nichts ſo Schlimmes darin liegen, daß er da draußen auf dem Waſſer ſchwimmt und ſingt!“ Aber wie das auch ſein mochte, Thelma's Wangen brannten in immer höherer Gluth; und all' die Trauer, all' der Schmerz, all' die Unruhe, die ſie zu Hauſe aus⸗ geſtanden hatte, war dann vergeſſen, war nicht mehr vorbanden Sie lebte nur in dem Genuß des Augen⸗ icks.. Und fein und ſinnreich ſpannte der ſchweigende Lieb⸗ haber das ungeſehene Netz aus. Nichts wirkt mehr auf ein feuriges Gemüth, ein halb erwachtes Herz, als das Geheimnißvolle und Schüchterne in der Liebe. Nachdem Leiler ſeinen Geſang beendigt hatte, legte er die Hand auf's Herz, entblößte den Kopf, wandte mit einer Be⸗ wegung der Selbſtbeherrſchung, die ganz natürlich aus⸗ ſah, den Kahn nach der andern Seite und ruderte heim⸗ wärts. als er ſchon weit weg war. Thelma ſah den Blick nicht, den er ihr zuſandte, 2 dend⸗ doch des einer r ſo tritt. r da ngen auer, aus⸗ nehr gen⸗ Lieb⸗ auf das dem Hand Be⸗ aus⸗ eim⸗ ndte, 103 Eilftes Kapitel. Leere Worte nur redete ich, ſie ſollten ihr einzig die Gefühle verbergen, die mir das Herze zerreißen. Ihm glauben ſie?— O's kann ein warm Gemüth, Dem Blick mißtrauen, an dem ſein Herz verglüht; Ein Kind kann laſſen von dem Wahn, daß man Mit Regenböogenflitter ſpielen kann; Ein Alchimiſt kann ſchwanken, ob es Gold, Ob's wirklich Gold iſt, was im Tiegel rollt; Allein der Glaube, der fanat'ſche, kehrt Vom Wahne nie, den einmal er verehrt. Moore. Der Herbſt nahte mit großen Schritten, und die oft ſchlimme Witterung, ſowie das zunehmende Dunkel an den Abenden, machte die geheimnißvollen Zuſammen⸗ künfte bei der Grotte immer ſeltener, bis ſie endlich ganz aufhörten. Graf Albano's Zuſtand war beinahe derſelbe, nur hatte er noch den Zuſatz erhalten, daß oft eine längere Kraftloſigkeit auf ſeine heftigen Parorismen folgte. Dann ließ er mit ſich umgehen, wie ein Kind; aber es brauchte die höchſte Vorſicht bei der Wahl der Ausdrücke, denn leicht wurde er durch ein Wort oder eine unvorhergeſehene Wendung in ſeinen eigenen Gedanken zu neuen Aus⸗ brüchen gereizt. Noch waren alle Verſuche, Thelma zu einem Be⸗ ſuche bei ihrem Vetter zu vermögen, fruchtlos geblieben. Sie hatte jedoch das Verſprechen gegeben, oder beſſer geſagt, es war ihr von ihrer Mutter abgedrungen wor⸗ den, daß ſie ſich, ſobald ſein Gemüthszuſtand beſſer ſei, ſeinem Lager freundlich nähern und ihm die Arzneimittel reichen wolle, die man ihm nur mit der größten Schwie⸗ rigkeit beibringen konnte. Die unruhigen Blicke des Kran⸗ ken flogen beſtändig nach der Thüre. Man ſah deutlich, daß er Jemand erwartete; aber er hatte aufgehört, von 104 der Trauung zu ſprechen; obwohl in ſeinen wirren Reden oftmals Anſpielungen auf die Braut und ihr Zögern, und ſchmerzliche, klagende, obſchon unverſtändliche Reden über die Begebniſſe in der Grotte vorkamen. Aber während die Dinge im Schloſſe ihren dunklen einförmigen Gang gingen, bekam die Sache im Probſt⸗ hofe ein deſto ſonnigeres und heitereres Ausſehen. Leilers inniges Verhältniß zu Alfhild ſchien immer deutlicher hervorzutreten und die ſchüchternen, liebevollen Blicke des Mädchens, ihre ſtille, herzliche Aufmerkſamkeit für ihn geſtanden deutlich genug die Erwiederung ſeiner Liebe. Mit wahrer Vaterfreude wartete Probſt Frenkmann des herannahenden Augenblicks, wo der Architekt— die⸗ ſer ihm theuer gewordene Freund— ihm ſeine Gefühle entdecken und um die Hand ſeiner Tochter anhalten werde. Daß Leiler ſie noch nicht in Worten gegen Alfhild aus⸗ geſprochen, war klar; und der Probſt rechnete ihm dieß feine Zartgefühl hoch an, denn dieß ſchien ihm zu be⸗ weiſen, daß er ſich natürlich zuerſt der väterlichen Billi⸗ gung verſichern wolle. Da indeſſen ein Tag nach dem andern verſtrich, ohne ein Reſultat herbeizuführen, und Frenkmann durch ein immer gütigeres und offeneres Benehmen ſeine Gedanken deutlich genug dargethan zu haben meinte, fühlte er eine gewiſſe unbeſtimmte Unruhe; er konnte jedoch leider nichts Anderes thun, als die Zeit abwarten und die Sache ihren Gang gehen laſſen. Eines Abends in den letzten Tagen des September ſaß die Familie im Probſthofe um das freundliche Kamin⸗ feuer und ſchwatzte mit all' der herzlichen Vertraulichkeit, die ein näheres Verhältniß bezeichnet. Sogar Papa Se⸗ baſtian war heute Abend ſehr umgänglich. Der paniſche Schrecken, den er Anfangs vor dem Architekten gehabt, war durch das freundſchaftliche, achtungsvolle und ange⸗ nehme Weſen deſſelben bedeutend verringert worden; und weit entfernt, ihn als ein Weſen anzuſehen, das die dunklen, Reden gern, Reden nklen robſt⸗ nmer ollen mkeit einer nann die⸗ 10⁵ unheilvollen Ahnungen rechtfertigen würde, die ihm vor⸗ angingen, ward es, in Betreff des Fremdlings heller Tag in Onkel Sebaſtians Gemüth; und mit wohlwollendem Blicke— einem Blick, der eine Hoffnung ausſprach— betrachtete er die beiden jungen Leute, die ganz nahe bei einander an einer Seite des Kamins ſaßen. Während Alfhilds Finger fleißig an einem wollenen Strumpfe für Papa Sebaſtian arbeiteten, und dieſer ſelbſt, um der Wärme etwas auszuweichen, näher zu dem Probſte hingeſeſſen war, beugte ſich Leiler zu dem jungen reizenden Mädchen herab und flüſterte:„O wer einmal in ſeiner eigenen Heimath, einer Heimath wie dieſer, am eigenen Herde ſitzen und ſein Auge durch den Anblick der fleißigen Hausmutter ergötzen dürfte!“ Dieſer Wunſch konnte höchſt allgemein ſein, und Kue Antwort ermunterte Leilern, fortzufahren; doch ſetzte er hinzu: „Wenn dieſe Zeit je einmal kommt, Alfhild, dann — ja dann muß die Hausmutter dem ſchönen lächelnden Bilde gleich ſehen, das ich jetzt vor mir habe.“ Auch jetzt erwiederte Alfhild kein Wort; aber die Gluth auf Wangen und Stirne brannte immer höher, und immer fleißiger flogen die Finger mit den Strick⸗ nadeln, obwohl manche Maſche von Neuem aufgenommen werden mußte, und manche ohne es zu bemerken herabfiel. „Ich ſehe Ihnen an, Herr Leiler,“ ſprach der Probſt, mehr als gewöhnlich aufgeräumt,„daß Sie Schweden nicht ſo unangenehm finden. Ein ſo friedlicher und gemüthlicher Abend, wie dieſer, gehört doch unter die ſchönſten und frohſten Genüſſe des Daſeins, beſonders für ein Gemüth, das den kleinen, aber friſchen Gemälden des häuslichen Lebens oſſen ſteht.“ „Ja, ich liebe Schweden, obſchon ſeine Söhne denen Norwegens nicht immer die edle Gaſtfreundſchaft erwieſen haben, deren ich mich bisher rühmen kann, von Ihnen genoſſen zu haben, entgegnete der Architekt feurig;„was ich aber vor Allem liebe, das ſind die häuslichen Schön⸗ heiten ſeines Familienlebens. Sie zähmen meinen von Natur etwas wilden Sinn, und ſtimmen ihn ſanfter.“ Der Probſt und Kapitän Oernroos wechſelten einen ſehr bedeutungsvollen Blick; aber während ſich die Stirne des Letztern runzelte, klärte ſich die des Probſtes Frenk⸗ mann immer mehr auf, und er entgegnete ganz frei⸗ müthig:„Nun wohl, wenn Ihnen Schweden gefällt, Herr Leiler, ſo wählen Sie es zu Ihrem neuen Vater⸗ lande. Einem geſchickten Manne ihres Faches wird es nie an Arbeit fehlen, die ihn nähren, noch an einem Herzen, das ihn lieben kann.“ 1 „Schon längere Zeit habe ich über den Gegenſtand nachgeſonnen, den der Herr Probſt hier anzuſchlagen beliebt,“ erwiederte Leiler. In ſeiner Stimme lag jedoch etwas Ausweichendes, was bewies, daß dieſe Sache ihm läſtig war; und als keine Fortſetzung folgte, war die Edige elntöwot des Probſtes ein lang gedehntes: „Nun!“ „Ja, wie geſagt, ich habe viel darüber nachgedacht; aber es ſind verſchiedene Verhältniſſe vorhanden, in die ich verwickelt bin, und dieſe fordern Zeit zu ihrer Ent⸗ wirrung. Indeſſen wage ich zu hoffen, daß die Zukunft mir meine Wünſche erfüllen wird.“— „Verwickelte Verhältniſſe,“ bemerkte der Probſt ein wenig ſpitzig,„ſind gerade nicht meine Sache, und ich —. beklage Jeden, der ſeiner Ueberzeugung nicht offen folgen darf, wenn es ſich um die Wahl ſeiner künftigen Beſtim⸗ mung handelt, und genöthigt iſt, auf geheime Verhältniſſe Rückſicht zu nehmen. Ich wußte aber nicht, daß dieß bei Herrn Leiler der Fall iſt.“ 3 Der Architekt erröthete ſtark. Er fühlte das Bittere in der Aeußerung des Probſtes; und ebenſo, wie er ſich dadurch verletzt fand, ſchmerzte ihn auch wieder der Ge danke, ſich durch ſein Stillſchweigen über den letzt rührten Gegenſtand in ein Dunkel ſtellen zu müſſen, er ſo gerne vermieden hätte. Uum indeſſen die unangenehme Wirkung, welche 3 Wer mög der ihm in d Wil noch den, ſo h Hein Lage Jede beug nen lag vortl höchf artig Er h anzur das gung und Gewi gerat. in der t von er.“ einen Stirne Frenk⸗ frei⸗ gefällt, Vater⸗ es nie derzen, nſtand hlagen jedoch r Ent⸗ zukunft *— bſt ein nd ich folgen Beſtim⸗ ältniſſe ieß bei Bittere 107 Wendung auf die Unterhaltung hervorbrachte, ſoviel als möglich aufzuheben, erhob er ſich und erwiederte mit all' der Selbſtbeherrſchung und gewinnenden Offenheit, die ihm zu Gebote ſtanden:„Es gibt meiner Anſicht nach in dem Leben jedes Menſchen Verhältniſſe, die auf ſeinen Willen und ſeine Handlungen einwirken. Aber jeder auch noch ſo verwickelte Knoten kann mit Vorſicht gelöst wer⸗ den, und iſt nun der, welcher mich jetzt drückt, zerriſſen, ſo habe ich keinen theureren Wunſch, als Schweden meine Heimath zu nennen und...“ hier brach er ab. Für die Lage, in welcher er ſich befand, hatte er genug geſagt. Jedes Wort weiter wäre überflüſſig geweſen; er ver⸗ beugte ſich daher ſtill und nahm ſeinen Platz wieder ein. Der Probſt Frenkmann war mit keinem übertriebe⸗ nen Argwohn behaftet. In der abgegebenen Erklärung lag zudem etwas Einfaches und Natürliches, welches ſehr vortheilhaft auf den Probſt einwirkte, der auf alle Fälle höchſt ungern der Hoffnung entſagt hätte, den wackern, artigen Mann ſeinen Schwiegerſohn nennen zu dürfen. Er hielt ſich alſo für befugt, Leilers Antwort als gültig anzunehmen, und reichte ſeinem Gaſte mit einem Lächeln, das eben ſo viel ſagte, als eine mündliche Entſchuldi⸗ gung, die Hand, worauf Alles wieder gut ſein ſollte; und man glaubte die Luft wie von einer herannahenden Gewitterwolke gereinigt. Aber der Luftkreis war nun einmal in Unordnung gerathen, und dieſer Abend ſchien beſtimmt, keine Helle in den Pfarrhof zu bringen. „Die Poſt bleibt heute Abend lange aus,“ ſagte Onkel Sebaſtian.„Ich meine, wir machen ein Brettſpiel bis die Zeitungen kommen.“ „Ja, das wäre nicht ſo übel,“ meinte der Probſt und rückte den Stuhl. Alfhild ſprang auf und brachte den Tiſch und das Spiel mit gewöhnlicher Dienſtfertig⸗ keit in Ordnung. Der einförmige Ton der Würfel, und das Flüſtern am Kamin hatten ungefähr eine Viertelſtunde lang glei⸗ 108 chen Takt mit einander gehalten, als die Saalthüre ſich 4 öffnete und die Stuben⸗Stine mit dem Poſtpacket ein⸗ trat. „Hm! ich bin begierig, was es Neues aus der Haupt⸗ ſtadt bringt,“ ſagte der Probſt, ſchob das Licht näher herbei, und begann auszupacken.„Da iſt ein Brief an Herrn Leiler. Ei, was für eine zierliche Damenhand; vielleicht von Mutter oder Schweſter?“* „Nein, ich habe weder Mutter noch Schweſter, doch beſitze ich einige Bekanntſchaften unter den Damen.“— Leiler ſtreckte die Hand aus und nahm den Brief. Der Probſt gab nicht weiter Acht auf ihn; denn Amtsbriefe und Zeitungsartikel nahmen ſeine ungetheilte Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch, Alfhild dagegen betrachtete das ver⸗ legene Weſen des Architekten, den faſt peinlichen Zwang, den er ſich aufzuerlegen ſchien, um das vorige Geſpräch fortzuſetzen, deſto genauer. „Wollen Sie nicht Ihren Brief leſen?“ ſagte ſie. „Ich will den kleinen Arbeitstiſch und ein Licht hieher ſetzen.“ „Nein, nein, gute Alfhild, es eilt durchaus nicht, ich will warten, bis ich auf meinem Zimmer bin! Es iſt gewiß nichts von Wichtigkeit.“ „Aber nach Ihrem Ausſehen zu urtheilen, beſter Leiler, muß es wohl von Bedeutung ſein. Erlauben Sie, daß ich die ſchöne Damenhand ſehen darf, welche Papa vorhin lobte?“ Mit einem erzwungenen:„Unendlich gerne!“ reichte er ihr den Brief hin. Sie nahm ihn und hielt ihn prü⸗ fend gegen das flackernde Kaminfeuer.. „Ja, das iſt wahrlich eine ſchöne Handſchrift. Ich möchte gerne ſehen, was darin ſteht; und wenn der Brief, wie Sie ſelbſt ſagen, nur Unbedeutendheiten enthält, ſo⸗ kann ich ja wohl meine Neugierde befriedigen, ohne daß ich fürchten darf, Ihnen zu mißfallen.“— Scherzend brachte ſie die kleinen, feinen Finger an das Siegel, und üre ſich* ket ein⸗ Haupt⸗ näher rief an enhand; * er, doch en.“— . Der tsbriefe ufmerk⸗ as ver⸗ Zwang, zeſpräch gte ſie. hieher s nicht, n! Es beſter rlauben welche reichte hn prü⸗ ft. Ich r Brief, jält, ſo hne daß derzen gel, und 1 4 4 109 machte Miene, es zu erbrechen.—„Darf ich?“ fragte ſie lächelnd.. „Warum nicht, wenn es Ihnen Vergnügen macht,“ erwiederte Leiler, indem er ſich von Neuem anſtrengte, gleichgültig zu ſcheinen. „O, wenn ich Ihren Beifall habe, dann warte ich auf keine andere Erlaubniß,“ rief Alhild lebhaft, und in einem Nu war das Siegel erbrochen und der Brief offen. Jetzt erblaßte Leiler; ſeine kurzen, heftigen Athemzüge zeugten von einer gewaltſam unterdrückten Aufregung. —„Nehmen Sie ſich in Acht, Alfhild, Sie brennen ſich,“ ſagte er mit veränderter, jedoch nicht ſehr ſtarker Stimme, und mit einer raſchen Bewegung nahm er ihr den Brief und ſteckte ihn zu ſich. „Alſo doch etwas Wichtiges, etwas Geheimnißvolles, was ſogar den Ausdruck in all' Ihren Zügen verändert,“ ſprach Alfhild in einem Tone, der etwas nach jener Empfindlichkeit ſchmeckte, die einem Weibe ſo wenig gut läßt, aber leider nur zu oft auch bei den beſten vorkommt. „Ich ſehe, daß Sie nur Ihr Spiel mit mir treiben und ſehen wollten, wie weit ich gehen würde. Aber ich glaubte in der That nicht, daß der Brief einer Dame an Sie etwas Anderes als jene nichtsſagenden Dinge enthalten könnte, die Jedermann leſen darf. Und Sie verſuchten auch ſelbſt, demſelben eine ſolche Farbe zu geben.“ „Alfhild,“ erwiederte Leiler ſo leiſe, daß nur ſie es hören konnte, aber mit einer tiefen, ernſten Stimme, einer Stimme, die den Weg zu ihrem Herzen fand, und jede Fiber ihres Weſens erſchütterte,„Alfhild, wenn Du auch biſt, wie andere Weiber, wenn ich finde, daß Du klein⸗ lich, argwöhniſch, eiferſüchtig oder launiſch biſt, dann— hört meine Achtung auf, und das Weib, das ich nicht achten kann, wird, wenn ich ſie auch abgöttiſch liebte, bald aus meinem Herzen verſchwinden. Vertrauen, Alf⸗ hild, iſt das Fundament, worauf unſere ſchönſten Gefühle ruhen, oder wenigſtens ruhen ſollten. Sprich, fühlſt Du in dieſer Minute, wo Du in meinen Händen den Brief 110 eines andern Weibes ſiehſt, deſſen Inhalt Du nicht wiſſen Alf darfſt; fühlſt Du deſſen ungenchtet eein feſtes, unerſchüt⸗ iſt terliches Vertrauen zu mir?“ Abe Jetzt war es mit Alfhilds kleinem Verdruſſe vorbei. ſie Eine Thräne jagte ſchnell die andere über ihre Wangen ſie herab. Sie konnte nicht antworten; ihre Bewegung war dan zu ſtark, zu heftig. Sie fühlte einen heißen Schmerz,„ pfan eine heiße Reue, daß ſie den Mann gekränkt hatte, den bar, ſie in der Tiefe ihres Herzens vergötterte; aber wo jetzt ſelb Worte hernehmen, da ſie jetzt nur Gefühle hatte! einfe Leiler begriff leicht all' die ſüßen, wunderbaren Fäden, wein die auf ſchnellen Rädern um die junge Bruſt rollten dem und dort ſchnell ein ganzes und feſtes Gewebe bildeten. Doch die Männer haben ſelten ein Vergnügen am bloßen Anb Sehen; ſie müſſen nothwendig mit rohen Händen jeden ſah, Gegenſtand auffaſſen, um ſich von ſeiner Aechtheit zu über⸗ ken; zeugen. So auch Leiler. Er las Alfhilds Antwort in käſe jeder Thräne, die auf Onkel Sebaſtians Wollſtrumpf nie⸗ hild, der tropfte, zu welch letzterem das arme Kind in ihrer pern Herzensangſt wieder gegriffen hatte; aber er erneuerte die l dennoch ſeine Frage:„Wird Dein Vertranen unerſchüt⸗ weh terlich feſt ſtehen, Alfhild? Willſt Du lieber ſterben, als ſie ir den Glauben an die Redlichkeit meines Herzens ver⸗ der lieren?“— „Ja, Leiler, das will ich,“ antwortete Alfhild ſo leiſe, warte daß nur die feinen Gehörwerkzeuge eines Liebenden den dor. Laut auffaſſen konnten.„Ich weiß, daß es mir leichter würde, zu ſterben, als den Glauben zu verlieren an“— Halte — ſie hatte nicht den Muth, fortzufahren. Ihr Blick 7 die C ſenkte ſich auf die Hände nieder, die ſie mit einer Miene frommer Ergebung über der Bruſt gekreuzt hatte. iſt,“ „An meine Liebe,“ ergänzte Leiler.„Ich danke Dir,, mit: Alfhild! Jetzt iſt es geſagt, jetzt verſtehen wir uns, und gucker vertrauen getroſt auf einander.“— Mit einer raſchen, ſähe. beinahe krampfhaften Bewegung drückte er ihre Hand, und verließ das Zimmer. 2 Und Von den leſenden Herren unbemerkt, ſchlich ſie ken, 111 mit rechten Dingen zu. Wie würde der Herr Architekt gucken, wenn er Fräulein Alfhild ſo ſchrecklich angegriffen wiſſen Alfhild nach ihrem Kämmerlein.—„Meine Liebe, jetzt rſchüt⸗ iſt es geſagt,“ wiederholte ſie einmal über das andere. Aber ſie begriff nicht, warum dieſe Worte, nach denen vorbei. ſie ſo lang geſchmachtet hatte, jetzt, da ſie geſagt waren, Bangen ſie nicht mit all der Himmelsſeligkeit erfüllten, die ſie g war dann vor ihrem Blicke eröffnet wähnte. Nein, ſie em⸗ hmerz, pfand durchaus keine Seligkeit; es ſchien ihr ſo ſonder⸗ 2, den bar, ſo unfaßlich, ſo fremd. Alfhild kam ſich beinahe do jetzt ſelbſt fremd vor, und ein ſolcher Zuſtand konnte ihrem eeinfachen, unſchuldigen Herzen nicht ſüß dünken. Sie Fäden, weinte ſich ſatt, und dieß war die erſte Luſt, die ſie nach rollten dem wichtigen Geſtändniß, daß ſie geliebt ſei, empfand. ldeten. Indeſſen nahte ſich die Stunde des Eſſens, und der bloßen Anblick der Stuben⸗Stine, die eben zur Thüre herein jeden ſah, ermahnte ſie, daß es hohe Zeit ſei, die Liebesgedan⸗ tüber⸗ ken zu verlaſſen und ſich den ſolideren an Rühreier, Bier⸗ ort in käſe und Pfannenkuchen hinzugeben; und als nun Alf⸗ of nie⸗ hild, während noch eine Thräͤne in ihren langen Wim⸗ ihrer pern hing, mit einem kleinen Shawl um den Kopf, um neuerte die heißen Wangen durch ein ſchnell gekommenes Zahn⸗ rſchüt⸗ weh zu entſchuldigen, in die Küche hinaus trat, da ward n, als 6 ſie in die erſten Elemente des unermeßlichen Katechismus 3 ver⸗ der Liebe eingeweiht. Liebes Fräulein,“ ſagte die Stuben⸗Stine,„wir 4 leiſe, warten entſetzlich auf Eier! Die Küchen⸗Lene fährt aus n den dor Haut, wenn ſie ſie nicht im Fluge bekommt“ eichter/„Ach, meine Zähne, Stine, ſie ſchmerzen entſetzlich! n,—= Aalte das Licht, während ich die Schublade öffne und Blick die Eier herauszähle.“ 1 Miene„Ei, umes Himmelswillen, wie roth das Fräulein 1 iſ, rief die Stuben⸗Stine verwundert,„da geht es nicht 2 ſähe.“*. Still mit Deinem Geſchwätz, hier ſind die Eier!“ Und ohne weiter an die kleinen, argloſen Dinger zu den⸗ ken, ließ Alfhild ſie alle, die ſie in ihre Schürze gezählt 8 112 hatte auf den Boden fallen, anſtatt ſie ordentlich in die Schüſſel zu legen, welche ihr die Stine hinhielt. „Iſt das Eſſen bald fertig, mein Taͤubchen?“ tönte in dieſem Augenblicke die Stimme des Onkels Sebaſtian von der Saalthüre her.„Ich fange an hungrig zu wer⸗ den; denn wie Du weißt, hatte ich heute Mittag keine Eßluſt. „Gleich, Väterchen, gleich, ſobald es mir immer möglich iſt!“ Und nach einer ſchnellen drohenden Be⸗ wegung gegen Stine, die bereit ſchien, eine erbauliche Rede darüber zu halten, wie ſchrecklich es mit den Eiern gegangen ſei, griff Alfhild das Werk mit erneuerter Thätigkeit an; in Folge der vereinigten Bemühungen der Kuͤchen⸗Lene, der Stuben⸗Stine und ihrer ſelbſt ſtand das Eſſen genau drei Viertelſtunden ſpäter als gewöhnlich auf dem Tiſche. „Ich glaubte ſchon, Du wolleſt uns heute Abend x kein Eſſen geben, mein Mädchen,“ ſagte der Probſt,(der ſehr genau auf die Tiſchſtunden hielt) indem er ſich er⸗ hob, um die Suppe zu nehmen.„Aber wie ſiehſt Du aus, Alfhild! Roth wie ein Truthahn! Was iſt es denn? ich glaube, Du haſt geweint?“ „Geweint, Papa? nein, warum ſollt' ich das!“— Alfhild zitterte; ſie wagte nicht aufzuſehen. „Das wirſt Du wohl ſelbſt am beſten wiſſen, denn ich weiß es wahrhaftig nicht; aber vielleicht iſt es nur die Herdwärme, die Dein Geſicht ſo geröthet hat.,“ „Ja, es iſt gewöhnlich ſo, wenn man Pfannkuchen backt, Papa; man wird immer ſo heiß davon.“ „Nun, warum haben wir denn die Köchin, wenn Du ſelbſt am Herde ſtehen mußt? Es iſt Dein eigener Fehler, wenn Du ſie ſo verwöhnſt. Du brauchſt das nicht zu thun; denn ich will nicht, daß Du wie ein wahrer Küchenbär ausſiehſt, wenn Du zu Tiſche kommſt. Nimm Dir zu Herzen, was ich geſagt habe. Aber wo iſt der Architekt? Haſt Du nicht Jemand nach ihm ge⸗ ſchickt?. 8 1 wiede gedech n in die tönte aſtian n wer⸗ keine immer en Be⸗ auliche Eiern uerter en der nd das hnlich en 113 „O ja, Papachen, er wird wohl gleich hier ſein.“ Aber anſtatt des Architekten kam die Stuben⸗Stine und meldete, daß der Herr geantwortet habe, er befinde ſich nicht wohl und wolle deßhalb heute nichts zu Nacht eſſen. „So, das iſt etwas Anderes. Ich meinte übrigens, daß er ſich vor einer Weile, als wir mit einander ſpra⸗ chen, noch recht wohl befand. Komm, Bruder Seba⸗ ſtian!“— Der Probſt füllte das Branntweinglas und führte es an ſeine Lippen; aber mit einem ſchnellen und donnernden:„Was iſt das für eine Wirthſchaft? wer hat heute Abend die Branntweinflaſche gefüllt?“ ſetzte er das Glas ſo nachdrücklich auf den Tiſch, daß der In⸗ halt herumfloß. „Die Branntweinflaſche, Papa! Die hab' ich gefüllt; iſt ſie nicht recht?“ fragte Alfhild, vor dem ſtrengen Ausdrucke in ihres Vaters Geſichte zitternd. „Recht?“ wiederholte der Probſt zornig.„Es iſt ja Eſſig, Du Gans; ich glaube, Du biſt heute Abend verrückt.“ „Ei nun, Bruder, laß es gut ſein,“ vermittelte Onkel Sebaſtian.„Du weißt, daß man zwei gleiche Fäßchen leicht verwechſeln kann. Weine nicht, mein Täubchen, ſondern gehe hübſch hinaus, und hole uns andern Branntwein.“ Frenkmann ſchüttelte den Kopf.„Immer mußt Du ſie mit Deinen ſüßen Ausdrücken verwöhnen,“ brummte er, als Alfhild ſchnell in die Speiſekammer flog, um ihren Mißgriff wieder gut zu machen. „Und immer mußt Du, Bruder, über nichts und wieder nichts zanken,“ ſprach, der glte. S iinaexli Endli 114 D nigſtens hatte ja nicht einmal am erſten Abend ihres Schöpfungstages etwas Anderes als Bitterkeit davon erfahren. Dieß war es durchaus nicht, was jene in ihren reichen, frohen Träumen verſprochen hatte. Dort ſah es zwar ſtets anders aus, als in der Wirklichkeit; aber Alfhild klagte, denn ſie wußte noch nicht, daß Träume, und Ahnungen die herrlichſten Strahlen der Liebesſonne bilden; daß gerade dieſe es ſind, womit ſie ſich ſchmückt, wenn ſie ſelbſt nur erſt eine Morgenröthe iſt. Da in⸗ zwiſchen der Wahn nicht auf einmal ſchwinden wollte, ſo vertröſtete ſich Alfhild auf den morgenden Tag und dachte:„Es wird ſchon beſſer werden, wenn ich nur in ſeine ſchönen ſtrahlenden Augen ſehen darf; dann vergeſſe ich ja Alles.“ Der Morgen kam, aber keine Freude mit ihm. Lei⸗ ler zeigte ſich nicht beim Frühſtück, er war ſchon früh am Morgen zum Kirchbau hinabgegangen, und kam erſt wieder, als man ſich zu Tiſche ſetzen ſollte. Und wie ſah er nun aus! Bleich, verſchloſſen, beinahe abſchreckend ernſt. Nur ein einziges Mal ruhte ſein Blick auf Alf⸗ hild; und da lag der tiefſte Schmerz darin. Sobald man die Stühle gerückt hatte, nahm er die Mütze und ging wieder; Abends ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein Die arme Alfhild hatte alſo eine gute Zeit vor ſich, um ſich ſchmerzlichen Betrachtungen zu überlaſſen, die ſie um ſo mehr niederdrückten, als es die erſten waren, die ſie machte, ohne daß ſie ſie Onkel Sebaſtian mitzu⸗ theilen wagte. Der einzige Genuß in ihrer neuen Wei war alſo, einſam zu leiden— zu leiden für ihn! menf marb ſiden gemü⸗ wie i Gäſte quart zuma⸗ Temp man über ſchen nächſt menku war i deklan ſch la ff ten. todt, bano übte, ſchaft in ſeit ſchrecke 1 id ihres t davon in ihren Dort ſah it; aber Träume besſonne ſchmückt, Da in⸗ wollte, Tag und h nur in i vergeſſe ihm. Lei⸗ hon früh kam erſt Und wie ſchreckem auf Alf⸗ Sobald Nütze und nmer ein. vor ſich iſſen, die en waren, an mitzu⸗ uen Welt n! 115 Zwölftes Kapitel. Mich dürſtet nach Wahrheit, doch tief iſt der Grund, Ich reiche zum kühlenden Waſſer nicht hin, Und beug; ich mich nieder mit brennendem Mund, So ſeh’ ich's vor mir wie vor Tantalus flieh'n. Doch, brechendes Herz, was klopfſt du ſo ſehr? Nur Hohn erwiedert die Erde ja dir, Du meinſt, daß der blaue Himmel dich hör', Doch dort hinauf iſt es gar weite von hier. Vitalis. Längſt heulten die Novemberſtürme durch die großen menſchenleeren Säle des prachtvollen Schloſſes von Ham⸗ marby. Seit langen Jahren her war die gräfliche Re⸗ ſidenz nicht mehr der Aufenthaltsort eines heitern und gemüthlichen Familienlebens. Dort wimmelten nicht mehr wie in früheren Tagen eine Menge weit herkommender Gäſte, die ſich bequem einrichteten, um ihre Winter⸗ quartiere zu halten oder die Sommerbeluſtigungen mit⸗ zumachen, und zu jeder Jahreszeit in Hammarby den Tempel der Freude und des Glücks fanden. Jetzt hörte man kein lebhaftes Flüſtern mehr in den Fenſterniſchen über die Austheilung von Rollen zur nächſten dramati⸗ ſchen Abendunterhaltung, über die Koſtenberechnung der nächſten Maskerade oder die Verabredung einer Zuſam⸗ menkunft unter den hohen Linden des Parkes. Alles das war in Stillſchweigen begraben; keine muſikaliſchen oder deklamatoriſchen Soireen wurden gegeben, die den er⸗ ſchlafften Geiſtern wieder neue Spannkraft verliehen hät⸗ ten. Auf Schloß Hammarby war Alles ſtille, ſtarr und todt, und ſchon lange war es ſo geweſen, da Graf Al⸗ bano ſeit der Zeit, daß er ſeinen eigenen Willen aus⸗ übte, einen beſtimmten Abſcheu vor jeder Art Geſell⸗ ſchaft ausgeſprochen hatte. Der junge Graf war auch in ſeinem Weſen, zu Hauſe und bei Fremden, ſo ab⸗ ſchreckend finſter, kalt, verſchloſſen, daß die wenigen 8* Gäſte, die ſich einfanden, bald wieder gingen; und end⸗ Alle lich ſah man das neue prachtvolle Schloß von Hammarby fühl weniger beſucht, als die Ruinen des alten. aufre Es wehte und pfiff durch die hohen Fenſter in den Saal herein, die Gardinen wogten ſachte hin und her, dem und drei einſame Lichter, die in dem großen Kronleuchter heit flatterten, verbreiteten einen ſo matten und unzureichen⸗„ ſuir— den Schimmer, daß die einſame Geſtalt, die zuſammen⸗ Art geſchrumpft in dem hohen Lehnſtuhle am Kamine ſaß, ſchre nur einem von Wolken umſchleierten Schatten glich. terre Nach einiger Zeit trat ein Bedienter ein und deckte den Theetiſch. Ein paar Wachslichter erhöhten den Glanz babe D deſſelben, und ihr Schimmer brach ſich an der reichen Vergoldung des Services. Aber noch war es leer und dnd ge öde, und keine jugendliche, ſondern ſchwere matronen⸗ ähnliche Schritte näherten ſich dem Saale. Schu Einen Bedienten voran, der die Flügelthüre öff⸗„ Dort, nete, trat die Gräfin mit der Baronin herein. Nach ſogar einem artigen, aber düſtern Gruße gegen den Grafen, mar der mechaniſch von der Ecke aus nickte, ſetzten ſich die Damen in den Divan. Still und in ſteifer Einförmig⸗ keit, wie wenn man bei einem Begräbniß wäre, und aber zum Staate bis an's Ende bleiben müßte, ſaß die gräf⸗ Glau liche Familie um den Theetiſch. Kein Laut ließ ſich hö⸗ Paue 0 ren, nur das Waſſer, das im ſilbernen Theetopfe ſott, Kräf unterbrach die Stille, bis die Gräfin durch eine Bewe⸗ räft gung mit der Hand ihren Wunſch ausſprach, daß der lei Tiſch abgedeckt werden und die Dienerſchaft ſich entfernen l ſolle. Da brach die Baronin von Rawenſtein das auler Schweigen: nicht „Mein Herr Schwager! Ich verſpreche mir die glück⸗ eigene lichſten Folgen von dieſem Abend. Wir ſind ſchon weit düſter gekommen, ja wir haben beſtimmt das Schlimmſte über wunden, da wir ſie vermochten, hinein zu gehen. Das Bldr 9 Uebrige gibt ſich von ſelbſt; denn ich kenne ihr Herz und ſtehe dafür, daß ſie ſein leidendes und dam wieder imponfrendes Aeußere nicht ſehen kann, ohne ſaale d end⸗ marby in den d her, uchter eichen⸗ nmen⸗ ſaß, h deckte Glanz reichen er und ronen⸗ e öff⸗ Nach Prafen, Bewe⸗ aß der ffernen n das glück⸗ n weit über⸗ Das veiches ☛ dann ohne Alles thun zu wollen, was Pflicht und weibliches Ge⸗ fühl ihr gebieten, um ihn zu troͤſten, zu beruhigen und aufrecht zu erhalten.“ „Ich fürchte,“ ſprach der Graf,„ſein Aeußeres, dem meine Schwägerin mit bewundernswürdiger Fein⸗ heit den Namen„imponirend“ gibt, wird ſchon an und für ſich unſerer kleinen Thelma auf eine gar ſchreckliche Art imponiren; denn es iſt wirklich fürchterlich, und er⸗ ſchreckt ſie vielleicht ſo ſehr, daß ſie bei der erſten Un⸗ terredung ſchon den Muth verliert.“ „Glücklicherweiſe mußt Du wohl hierin Unrecht haben, mein Freund,“ fiel die Gräfin ein; denn wenn dieß der Fall geweſen wäre, ſo hätte ſie gewiß keine ganze Stunde darin ausgehalten, und es iſt nun ſchon länger, ſeit ſie hinein ging. Ich glaube, wie meine Schweſter, daß wir das Beſte hoffen dürfen; und der Doctor ſagt ja, daß, wenn Albano nur ruhig ſei, er ſogar von der Gemüthskrankheit, die ihn nun jedenfalls nur noch höchſt ſelten ankommt, vollkommen geneſen werde.“ „Gott gebe, daß es gut endige,“ ſagte der Graf; aber ein mißtrauiſches Kopfſchütteln bewies, daß ſein Glaube nur gering war.„Das Leben, das wir ſeit einigen Monaten führen,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„iſt ein langſam tödtendes Gift, das meine Kräfte vor der Zeit verzehrt, und mir Sinn und Luſt für jede Theilnahme an dem politiſchen oder geſellſchaft⸗ lichen Leben benimmt. Häuslicher Kummer und Scenen aller Art verdüſtern mein Gemüth; und ſitzen wir drei nicht da, wie bleiche, einſame Bildſäulen auf unſern eigenen Gräbern, es fehlte nur noch, daß wir in die düſtere Familiengruft hinabgingen.“ „Hu! welch ein Gleichniß,“ flüſterte die Baronin von Rawenſtein mit zitternder Stimme, und drückte ſich feſter in ein Sopha. Immer wilder heulte draußen der Sturm, ein ſcharfer Zug riß die Thüre nach dem Vor⸗ ſaale auf; aber Niemand ſchien geneigt, ſie wieder zu 118 ſchließen, und das langſame Knarren derſelben erhöhte* und die trübe Gemüthsſtimmung der Anweſenden. ſtese „Welch' ein Wetter! Man könnte Angſt bekommen, den wenn man auch keinen ſonſtigen Anlaß dazu hätte,“ dert ſprach die Gräfin, um doch etwas zu ſagen.„Ich bin vera begierig, wie es über's Jahr um dieſe Zeit bei uns bran ausſehen wird.“ zu l Man hörte keine Antwort von menſchlichen Lippen;? veſe aber von dem Muſikzimmer her erklang ein für die auf⸗ mut geregten Gemüther wunderbarer, obwohl ſehr natürlicher in 2 Laut: Eine Saite am Klavier war zerſprungen. raſit „Wir wollen irgend etwas treiben,“ ſprach der Aus Graf, deſſen männliche Selbſtbeherrſchung bei dem leiſe und bebenden„Oh!“ erwachte, das über die bleichen Lippen einſe der Damen ſchwebte. Dabei ſtand er auf, ſchloß die nieß Saalthüre und befahl einem Bedienten, einen Spieltiſch herzuſetzen. ſeine Still, weißgrau und ſchweigend wie Geſpenſter wußt ſetzten ſich die hohen Mitglieder des gräflich H= ſchen ein Geſchlechts zu der Zerſtreuung nieder, die wieder Gleich⸗ konn gewicht in ihre Gemüther bringen ſollte. auf Unterdeſſen wollen wir einen Beſuch bei Graf dort Albano machen. noch In einem großen viereckigten Zimmer, das von einer Beſe am Plafond hängenden Glaslampe erleuchtet war, ſtand die ein koſtbares vergoldetes Paradebett mit ſchweren Vor⸗ hängen von dunkelrother Seide. Es gehörte zu den trete Antiquitäten, die aus alter Zeit aufbewahrt worden und waren, und deſſen letzte Merkwürdigkeit darin beſtand, ſo de daß Louiſe Ulrikens geiſtreicher Kopf darauf geruht hatte, herv⸗ als ſie es bei ihren früheren Planen für paſſend hielt, 1 Schloß Hammarby einmal mit einem Beſuche zu beehren. Züg⸗ Auf dem nämlichen Bett lag jetzt vollkommen angekleidet leng eine blaßgelbe beinahe aſchfarbene Geſtalt, deren ungeorde⸗ daß nete Haare, üppiger Backen⸗ und langer verworrener Schnurrbart zuſammen einen Rahmen bildete, worein Ofer das entſetzliche Geſicht mit den dunkelbrennenden Augen und höhte nmen, ätte,“ h bin uns ppen; auf⸗ licher der leiſe elippen ß die eltiſch enſter ſchen Zleich⸗ Graf einer ſtand Vor⸗ t den vorden eſſtand, hatte, hielt, ehren. kleidet geord⸗ rrener vorein Augen 119 und den dicken, farbloſen Lippen gefaßt war. Die Gei⸗ ſteserſchütterung, die Graf Albano erlitt, hatte ſich nach den erſten ſechs Wochen der Krankheit allmälig gemil⸗ dert und endlich ihren aufänglichen Charakter gaͤnzlich verändert. Wenn er jetzt je einmal verwirrt war, ſo brauchte man nie einen heftigen Ausbruch der Wildheit zu befürchten. Im Gegentheile beurkundete ſich die An⸗ weſenheit eines ſolchen Zuſtandes in einer erhöhten Schwer⸗ muth und Scheue, und einem außerordentlichen Eigenſinn in Betreff ſeines äußeren Weſens. Er ließ ſich nicht raſiren, noch litt er die geringſte Erinnerung an ſein Ausſehen; aber er ſelbſt begehrte oftmals den Spiegel, und konnte ganze Viertelſtunden lang daliegen und hin⸗ einſehen, und gleichſam ſeine entſetzliche Häßlichkeit ge⸗ nießen. Nicht ſelten verzogen ſich bei ſolchen Gelegenheiten ſeine Lippen zu einem eigenen Lachen, aber Niemand wußte, ob dieß Schmerz, Hohn, Zorn, Wahnſinn oder ein Gemiſch von all' Dieſem mit einander war. Er konnte höchſtens eine oder zwei Stunden nach einander auf ſein. Dann kehrte er zum Bette zurück und ſank dort kraftlos nieder. Er ſprach ſelten und antwortete noch weniger, wenn Andere ihn anſprachen; ſeine einzige Beſchäftigung beſtand darin, beinahe ununterbrochen an die Zierrathen des Betthimmels hinaufzuſtarren. So lag er auch jetzt, nachdem eben Thelma einge⸗ treten war. Sie ſaß auf einem Tabouret an ſeiner Seite, und der Schein der Lampe fiel gerade auf ihr Geſicht, ſo daß ihr bleiches und leidendes Ausſehen noch mehr hervortrat. Der ſtille Kampf der Entſagung war in jedem ihrer Züge zu leſen; aber ein unausſprechlich ſanfter Strah⸗ lenglanz goß ſeinen Schimmer darüber und ließ ahnen, daß hier ein Engel den lebensmüden Erdenſohn beſuchte. Weiter hinten im Zimmer, jenſeits eines großen Ofenſchirms, bewegte ſich der alte Borgſtedt geſchäftig hin und her; doch dieß war nur der Hintergrund der Scene 120 Wir wollen nun das betrachten, was die dunkelrothen Gardinen mit ihren langen neidiſchen Falten nicht zu verbergen vermögen. „Haſt Du mir kein freundliches Wort zu ſagen, lieber Albano?“ fragte Thelma, und beugte ſich vor⸗ wärts; ein ſchwacher Schauer, den die geſpannten Blicke des Grafen durch ihre Seele jagten, machte ſie erbeben. „Du haſt kein freundliches Wort für mich gehabt, Thelma, kein einziges während der drei Monate, ſeitdem ich hier verſchmachte,“ antwortete er leiſe, aber ohne Vorwurf. Und als ſie nur ſeufzte, ſetzte er hinzu: „Was konnte Dich veranlaſſen, hierher zu kommen?“ „Mein Wunſch, Dich zu ſehen, Albano; und ob ich Dir einigermaßen einen Dienſt leiſten könnte.“ Er lachte und ſchüttelte den Kopf, ohne etwas zu erwiedern; aber in dem Lachen lag ein tiefer, bitterer Schmerz. „Du antworteſt nicht, Albano; iſt es Dir nicht recht, daß ich hierher gekommen bin.“ „Ja, es iſt mir recht, recht wie einem armen Hunde, dem man aus Barmherzigkeit einige Biſſen zu⸗ wirft, damit er nicht Hungers ſtirbt.“„ „Sprich nicht ſo, Albano; Du thuſt mit weh; Deine Worte gehen mir wie ſcharfe Stiche durch's Herz.“ „So will ich ſchweigen, Thelma; ich habe es ſchon lange können.“ „Nein, ſchweige nicht; ſieh mich nicht ſo an, lieber Albano, Du erſchreckſt mich.— Sie lehnte den Kopf gegen die Bettdecke. 3 Er ſtrich mit ſeinen abgemagerten, knöchernen und kalten Fingern über Thelma's warme Stirne; als ſie unbeweglich blieb, erhob er ſich zur Hälfte; und nachdem 1 ſeine linke Hand eine Weile mit den Falten ihres weißen Kleides geſpielt hatte, legte er ganz ſachte den Arm um ihren Leib. Da zitterte die Arme an jedem Glied; ſie wagte ſich nicht zu bewegen, kaum zu athmen. „Fürchteſt Du Dich? Du zitterſt wie das Eſpenlaub o†⅛,,,. bei Erit Abe Leil Tief aus als ſtolz wan ſein teſt ſeine Ang eine nicht nur haſſe es d. das? letzte was erdul man anzu auf pfund ſucht ein z eigen zu ſt matte fühler elende ſtürm othen ht zu agen, vor⸗ Blicke beben. habt, itdem ohne azu: mzn b ich is zu tterer nicht rmen 1 zu⸗ Deine ſchon ieber Kopf und 8 ſie hdem eißen um ; ſie llaub 121 bei der Grotte an dem Abend, wo ich Dir begegegnete. Erinnerſt Du Dich, Thelma? Es war ein ſchrecklicher Abend! Hu, wie es donnerte und blitzte und regnete! Leiler, die feige Memme, flüchtete ſich in die innerſte Tiefe der Grotte; dort fand ich ihn und verwies ihn aus dem Umkreiſe des Schloſſes. Aber Dir erſchien er als ein anziehender, intereſſanter Mann, bildſchön und ſtolz, wie eine Statue von Sergell, nicht wahr?“ Thelma verging beinahe vor qualvoller Angſt, ſie wand ſich wie ein gepeinigter Wurm hin und her; aber ſein Arm umſchloß ſie immer feſter und feſter.„Fürch⸗ teſt Du Dich?“ Er beugte ſich herab; ſie fühlte, wie ſeine wirren Haare ihre Locken berührten. „Ja, Albano, ich fürchte mich! Ich ſterbe vor Angſt, wenn Du mich nicht los läßt.“— Sie machte eine Bewegung, um ſich zu befreien. „Habe keine Furcht, Thelma! Ich thue Dir ja nichts. Ich will nur meinen Arm ſo halten. Ich liebe nur noch Dich; alle Andern quälen mich; aber Du, Du haſſeſt mich, weil ich häßlich und ungeſtaltet bin, und es doch wage, ein Herz zu haben— ein Herz, Thelma das Dir, wenn Du es forderteſt, mit ſeliger Luſt ſeinen letzten Blutstropfen weihen würde. O Du weißt nicht, was es heißen will, die Pein zu erdulden, die ich ſchon erduldet habe; ſich ſelbſt verabſcheuen zu müſſen, weil man von der verabſcheut wird, die man zu ſeiner Qual anzubeten verdammt iſt, und doch nicht allen Anſprüchen auf Lebensglück entſagen zu können! Du haſt nie em⸗ pfunden, was es heißen will, von den Furien der Eifer⸗ ſucht zerriſſen, unter den Torturen des Argwohns wie ein zertretenes Inſekt gemartert zu werden, gegen ſein eigenes Weſen in der Hölle des Wahnwitzes zu wüthen, zu ſtreiten und es zu zerſtören, und dann wieder er⸗ mattet auf das Folterbett niederzuſinken, um dann zu fühlen, wie auch noch körperliche Schmerzen an der elenden Hülle aller dieſer Leidenſchaften, dieſer wilden, ſtürmiſchen Triebe nagen. Ach Thelma! alles das ver⸗ 122 ſtehſt Du nicht, faſſeſt Du nicht, Du bekümmerſt Dich nicht darum! Du verachteſt den Elenden und fürchteſt Dich vor ihm! Aber Thelma, Mädchen, thue das nicht, wiſſe, ſo elend bin ich noch nicht, daß ich verachtet werden will.“ „Ich ſollte Dich verachten, Albano! Nein, gewiß nicht. Ich leide mit Dir, ich weine um Dich; aber um Gottes Barmherzigkeit willen, laß mich los! Ich erſticke, wenn ich nicht aufſtehen darf.“ „Ach Thelma! das ſagſt Du nur, um mich los zu werden; aber wenn ich Dich laſſe, ſo fliehſt Du und kehrſt nicht mehr zurück.“ „O ja, guter Albano, wenn Du mich losläſſeſt, wenn ich auf das Tabouret neben Dir ſitzen darf, ohne daß Du mich durch Deine heftigen Ausdrücke erſchreckſt, ſo werde ich bei Dir ſitzen, ſo lang Du willſt, und Mor⸗ gen und jeden Abend wiederkommen, bis Du geſund biſt. Ja, das werde ich thun, und werde die Laute mit mir ohinen und Dich in Schlaf ſingen! Iſt es Dir ſo recht?“ „Ach Du verführeriſche Sirenenſtimme! Wie ſchön Du biſt, wenn auch falſch!— Sieh, jetzt biſt Du frei, Thelma; ſei nun dankbar und verlaß mich nicht.“— Er ſank auf das Kopfkiſſen zurück, das ihre Hand freund⸗ lich ordnete, und blieb dann ſtille, indem er bald ſie, bald die alten Zierrathen anſtarrte. So ſchlich eine volle Stunde auf den ſchleppenden Schwingen der Zeit dahin. Der erſchöpfte Kranke war endlich eingeſchlummert, und nun ſchlich ſich Thelma auf den Zehen nach dem Zimmer ihrer Mutter, wo ſie er⸗ mattet von der geiſtigen Anſtrengung auf den erſten beſten * Sopha niederſank. Das pfeifende Getöſe des Sturmes tönte ihr wie die flüſternden Laute einer Aeolsharfe, und bei dem düſtern Wiegengeſang dieſer ſchwebte ſie allmählig in das geheimnißvolle Reich der Träume hinüber. Als stwas ſpäter die Baronin von Rawenſtein ein⸗ trat, um nach dem trübſeligen Abend ſich durch ein C nicht* h vor ſe, ſo vill.“ gewiß aber Ich os zu und äſſeſt, ohne reckſt, Mor⸗ —biſt. t mir ir ſo ſchön frei, — teund⸗ d ſte, benden e war ia auf ſie er⸗ beſten urmes und nählig 123 men ihrer Tochter in Betreff des Beſuchs bei dem Vetter zu erholen, fand ſie das Mädchen ſchlummernd. Bei der leichten Berührung der Mutter erwachte Thelma, bat ſie jedoch beweglich, ihr jede Rechenſchaft für heute Abend zu erlaſſen. Sie ſei müde und ſehne ſich zu Bette gehen zu dürfen. Die Baronin mußte es ihr erlauben, Thelma's Ge⸗ ſicht und verweinte Augen waren beredte Fürſprecher, zumal da das mütterliche Gemüth ſchon zum Voraus durch die unheimliche Stimmung, die den ganzen Abend über in der gräflichen Familie herrſchte, gemildert, oder beſſer geſagt, erſchreckt war, was die Baronin auch ver⸗ anlaßte, neben den 15. November im Kalender ein Kreuz zu ſetzen. Wu Aber da glücklicherweiſe auf jede Nacht ein Morgen folgt, ſo kam auch einer nach den ſchlafloſen Stunden, welche die Baronin von Rawenſtein in unruhiger Angſt auf ihrem weichen elaſtiſchen Lager zugebracht hatte. Ihre Nerven waren nicht von ſo ſchwacher Natur, daß ſie das Verſäumte durch ein Morgenſchläfchen einzuholen brauchte; ſondern froh, daß der Sturm ſich gelegt hatte, und die Sonne wieder freundlich durch die halbgeſchloſ⸗ ſenen Jalouſieen blickte, ſchlüpfte die Baronin ſchnell in ihren Morgenrock, und die Spitzenhaube etwas ſchief auf dem Kopfe, nahm ſie in dem großen Lehnſtuhle Platz, ſtellte die Füße ſo bequem als möglich auf den gepol⸗ ſterten Schemel, und erwartete ſo unter ungeduldigem Reiben der ſchweren Augendeckel die Ankunft ihrer Tochter. Durch die Kammerjungfer ihrer Mutter gerufen, trat Thelma ein, und ſetzte ſich auf einen kleinen Seſſel, zur Seite der Baronin. „Nun, mein Mädchen,“ mit dieſen Worten begam die Einleitung zu der großen Verhandlung,„Du biſt heute charmant flink, wie ich ſehe. Das liebe ich und muß Dich dafür küſſen. Empfindſamkeit, Ziererei u. ſ. w. ſiehſt Du, das hab ich nie leiden können, und wir haben überdieß, Gott ſei Dank, jetzt genug davon gehabt. Um 3 ———*— —— ——— 124 aufrichtig gegen Dich zu ſein, meine liebe Thelma, ſo muß ich Dir ſagen, daß ich mich in der letzten Zeit wirklich für Dich geſchämt habe, ſo haſt Du Dich benom⸗ men. Du haſt nicht die glücklichſten Beweiſe eines ſchönen Charakters abgelegt, wie ich ſie Dir nach Deiner Er⸗ ziehung und edlen Geburt zutrauen konnte.“ 1 „Wie ſo, meine Mutter?“ fragte Thelma und eine brennende Röthe fuhr wie ein Feuerſtrahl über ihr Ge⸗ ſicht. Sie glaubte— aber man kann kaum ſagen, daß ſie glaubte, ſie war zu aufgeregt dazu,— es war nur eine Anhnung, die ihre Seele durchbebte, eine ängſtliche Ahnung, ihre Mutter möchte von den geheimnißvollen Wanderungen nach der Grotte Nachricht erhalten haben. „Ich ſehe mit einiger und ſtolzer Mutterfreude, daß Du bereueſt,“ fuhr die Baronin mit Feinheit fort;„die Röthe auf Deinen Wangen beweist, daß Du ſelbſt ein⸗ ſiehſt, welche Thorheit dieß von Dir war. Ich habe dich jedoch Deinem eigenen Gefühle überlaſſen wollen, da ich gewiß war, die Vernunft würde Dich endlich überzeugen, daß Du auf dieſe Art uns Allen ein Unglück zuziehen müßteſt. Ja, mein Mädchen, das Herz Deiner armen Mutter, einer Mutter, die manche einſame Nacht und beſonders die letztvergangene für Dich gewacht und ge⸗ betet hat, dieſes Mutterherz hat Dein Ungehorſam bei⸗ nahe gebrochen.“ „O Gott, meine geliebte, theure Mutter, war es denn eine Sünde?“ flüſterte Thelma, überzeugt, daß ihr Geheimniß entdeckt ſei. Sie preßte die heiße Wange auf die Hand ihrer Mutter, und drückte ſie dann mit einer bittenden Bewegung an ihr Herz. „Nicht ſo, nicht ſo, meine Liebe!“ ſprach die Ba⸗ ronin mit einer gewiſſen Verlegenheit, und ſtrich Thelma ſchmeichelnd die Locken aus der Stirne. Sie begriff den aufgeregten Zuſtand ihrer Tochter nicht, hielt es jedoch für eine Folge der ſchönen, glücklichen Rede, die dieſe eben gehört hatte. Und da die Baronin jetzt meinte, ſte könne bis auf Weiteres mit einem ſolchen Siege zu⸗ ſo Zeit tom⸗ önen Er⸗ eine Ge⸗ daß nur liche ollen aben. daß „die ein⸗ dich a ich ugen, iehen rmen und — ge⸗ bei⸗ ar es ß ihr Jange mit Ba⸗ helma ff den jedoch dieſe neinte, ge zu⸗ b 125 frieden ſein, ſo wollte ſte die aufgeſchreckte Phantaſie des armen Kindes nicht länger plagen, weßhalb ſie ſehr huld⸗ reich ſprach:„Beruhige Dich, mein Mädchen; hier han⸗ delt es ſich ja nicht um eine Sünde, ſondern nur um Deinen Eigenſinn. Aber da Du ihn ſo ſchön und innig bereueſt, und Deinen Fehler gewiß dadurch wieder gut machen willſt, daß Du dem längſt ausgeſprochenen Wunſche deiner Mutter willig Folge leiſteſt, ſo iſt Alles wieder gut. Und wie ſüß, mein liebes Thelmchen, iſt nicht das befriedigende Bewußtſein, ſeine Pflicht erfüllt zu haben! Du weißt, als Dein Vater ſtarb, war unſer ganzes unbedeutendes Beſitzthum mit Segueſter belegt. Es wurde zu Deckung der Schulden verkauft, und wir befanden uns in der größten, ja allergrößten Armuth. Allein in einem fremden Lande, ohne Verbindungen, die uns hätten nützlich ſein können, wären wir in das größte Elend gerathen, wenn nicht der Edelmuth meines Schwa⸗ gers uns ſeine freundliche und rettende Hand gereicht hätte. Er kam ſelbſt nach Deutſchland hinüber, und holte uns. In ſeinem eigenen Hauſe eröffnete er uns eine gute und friedliche Heimath. Er bezahlte die Koſten Deiner Erziehung, und liebte Dich wie ein Vater. Meine Schweſter, Deine Tante, hat die emſigen und zärtlichen Sorgen der Mutterliebe mit mir getheilt, und in Dir ſtets eine Tochter geſehen, die unſer gemeinſchaftliches Alter erheitern würde. Urtheile daher, meine Thelma, ob es nach all' dieſem Edelmuth von ihrer Seite nicht die ſchwärzeſte Undankbarkeit von Dir wäre, wenn Du Dich der einzigen Gelegenheit entziehen wollteſt, wodurch Du ihnen dieß vergelten kannſt, nemlich der, ein Loos zu theilen, nach dem ſich hunderte Deines Geſchlechtes ſehnen würden. Und überdieß, wie lange wirſt Duuohl dieſe Ketten tragen müſſen? Albano's fortdauernde Kränk⸗ lichkeit macht es mehr als wahrſcheinlich, daß er Dich bald als eine reiche Wittwe hinterläßt, die dann mit all dem Glanze in der Welt auftreten kann, den Dir Dein Name, Dein Aeußeres und Dein Vermögen verleihen.“ 126 Die Schleuſen der mütterlichen Beredtſamkeit began⸗ nen allmähling hinter dem Strome hinabzuſinken, der daraus entſprungen war; aber wäre auch der Waſſer⸗ ſturz noch einmal ſo ſtark geweſen, ſo würde doch Thelma nicht verſucht, noch daran gedacht haben, ihn zu däm⸗ men. Sie ſaß ſtumm in ihre eigenen Gedanken ver⸗ ſunken da. Wie ſie jetzt begriff, war es nur ein Miß⸗ verſtehen der Aeußerung ihrer Mutter geweſen, was die Erregung ihrer wärmſten, zarteſten Gefühle veranlaßte, und ſie für die Enthüllung ihres erſten und einzigen Ge⸗ heimniſſes beben gemacht hatte. Dieß wurde zwar ent⸗ deckt; aber andererſeits waren ihre eigenen Worte und Thränen zu Waffen gegen ſie geworden: denn ſie wurden von der Baronin als ein Zeichen der Reue, und daher auch als ein Verſprechen angeſehen, dem mütterlichen Wunſche folgen zu wollen. Die arme Thelma litt fürchterlich; ſie hatte kein Weſen, auf das ſie ſich hätte ſtützen und dem ſie den ſtillen Kummer ihres jungen Herzens hätte mittheilen können. 1 „Nun, meine liebe Thelma, du biſt doch ein rechtes Kind, daß Dich die geringſten Worte ſo bewegen! Laß uns jetzt dieſen Gegenſtand verlaſſen und zu einem an⸗ dern, zunächſt damit zuſammenhängenden übergehen. Wie fandſt Du Deinen Vetter?“ „Entſetzlich,“ antwortete Thelma, und ein leichtes Fröſteln ſchüttelte ihre Glieder, als ſie an ſeine Umar⸗ mung dachte.„Aber ſprechen wir jetzt nicht davon, meine Mutter. Ich betheure Dir, er hat mich ſo erſchreckt, daß ich den geringen Zuſammenhang ganz verlor, der in ſeinen Aeußerungen lag. Doch hae ich verſprochen— will es auch halten— jeden Abend zu ihm zu omen ſpielen und zu ſingen.“ Ein Strahl der Freude erleuchtete das ſchon finſter gewordene Auge der Baronin.„Geliebtes Kind,“ ſagte ſie lächelnd,„ich brauche nicht mehr zu wiſſen; denn ich „meine Laute mit mir zu nehmen und ihm zu Toch ronit werd Stüt Herb Ham und ten eine ſter Alles leer, gedr. ſchön ſich egan⸗ der aſſer⸗ zelma däm⸗ ver⸗ Miß⸗ s die laßte, Ge⸗ ent⸗ und urden daher lichen kein 2 den heilen echtes Laß 1 an⸗ Wie ichtes Imar⸗ meine 127 bin zum Voraus überzeugt, daß Dein Geſang und Deine Worte all' die finſtern Gedanken einſchläfern werden, die den armen Albano ſo lange beherrſchten. Er wird geſund, vernünftig und ganz wie andere Menſchen werden. Das iſt Dein Werk, und glaube mir, meine kleine Thelma, Du wirſt dann ſogar glücklich werden können. Die Ein⸗ ſamkeit, die entſetzliche Unheimlichkeit, die uns Alle jetzt behert hat, wird aufhören, und Du biſt der rettende Engel, zu dem er und wir Alle dankbar aufblicken.“ Am Schluſſe dieſer Tirade ſchloß die Baronin ihre Tochter mit vielem Gefühl in ihre Arme. Hie und da, meinte die welterfahrene Dame, könne man ja wohl eine zärtlichere Scene aufführen, um einen Effekt und vor⸗ theilhaften Eindruck auf ein weiches Gemüth, ein junges Herz hervorzubringen. Aber leider wußte Thelma, daß dieß nur die Schlußſcene aus einem Gallaſpektakel war, und der Eindruck, den dieß auf ſie machte, war kein vor⸗ theilhafter. Die Tage kamen und gingen. Thelma ſang und weinte, weinte und ſang. Und Graf Albano wurde im⸗ mer ruhiger und ſtiller. Er ſtand auf, er raſirte ſich, ließ ſein Haar ordnen, und fing an, wie ſich die Ba⸗ ronin ausdrückte, ganz wie die andern Menſchen zu werden. Aber deſſen ungeachtet heulten noch draußen die Stürme, und innen wurde es auch nicht recht gut. Dieſer Herbſt war der trübſte und einſamſte, den man je in Hammarby verlebt hatte. Der Graf las die Zeitungen und ſpielte Patience; die Baronin und die Gräfin mach⸗ ten eine Partie Schach, und Thelma ſchlich, wenn ſie eine freie Stunde hatte, nach der Bibliothek, deren Fen⸗ ſter gegen den See gingen. Aber auch dort war jetzt Alles ſtille, und war es ſchon lange geweſen, ſo leer, freudenarm und todt wie in ihrem eigenen Herzen. Einmal war ein flüchtiger Sonnenſtrahl dort ein⸗ gedrungen, und ſeine belebende Wärme hatte einige ſchöne, halb geſchloſſene Knoſpen hervorgerufen, die ſich lachelnd und ſchüchtern in den reichen Thauperlen der 128 Hoffnung bargen; aber da kam der Herbſt, der Sonnen⸗ 1 ſtrahl verſchwand hinter dem Berge, der Thau gefror und die kleinen Knoſpen erkälteten ſich, welkten und fielen ab. Da bereitete das einſame Herz ſeinen Lieblingen ein Grab, und auf dem Hügel deſſelben ſaß die Erinnerung und beweinte ſeinen kurzen Traum. —— 7 Dreizehntes Kapitel. Wenn ich Dir wieder von der glatten Wange Mit einem Kuß die ſüßen Thränen fange; Und warm die Thräne wie beim Abſchied rinnt, Und rein der Kuß wie jener letzte brennt, O du mein Leben!— warum trennt mich hier Ein Tag, ein Augenblick von Dir? Thomas Myore. Wie?— Ahnet ſie der Zukunft traurig Loos? Und kann man's ahnen— fühlen wir voraus Den Unglücksblitz, der unſerem Scheitel droht? Stagnelius. An einem Morgen in den erſten Tagen des Sep⸗ tembers kam Leiler in Reiſekleidern von ſeinem Zimmer herab, und trat in den Saal, wo das Frühſtück ſeiner wartete. Leiler wollte Hammarby auf einige Monate verlaſſen; denn da der Kirchbau auf alle Fälle während des Win⸗ ters eingeſtellt werden mußte, ſo hatte er eine Reiſe nach Norwegen beſchloſſen. Angelegenheiten im Vaterlande erforderten ſeine perſönliche Anweſenheit, und mit den bittern Gefühlen des Scheidens im Herzen ging er jetzt, um dem Eiſengeſetz der Nothwendigkeit das ſchwere Opfer engen und der Geliebten den letzten freundlichen vor der langen Trennung zu bieten. Seit dem Abend, wo Leiler den Brief empfing, den Alfhild ſo gern geleſen hätte, alſo aue ſeit dem Augen⸗ blick, da ſie einander das Geheimniß ihrer Gefühle mit⸗ 3 theilten, war er nicht mehr derſelbe geweſen. Seine 4 Neig ſie ſ ſene iche allmaͤ und Dieß an de lers zu m deln volle Räun zu 8 belei die B wieder zu ſet 3 tre ichere als w Liebes⸗ feſten S reift m C dieſer Schme „0 Staͤrke ſagte 8 tete die 1 Deiner Die Sep⸗ gimmer ſeiner 129 Neigung zu Alfhild ſchien ſich verdoppelt zu haben; aber ſie ſprach ſich ſeltener als je in Worten aus. Jeder ſeiner Blicke und Handlungen redete aber eine verſtänd⸗ liche Sprache, und das Herz des Mädchens begann ſich allmählig an dieſe ſtille wehmüthige Liebe zu gewoͤhnen, und am Ende einen unnennbaren Reiz daran zu finden. Dieß Gefühl hatte auch einen mächtigen Bundesgenoſſen an der finſtern, tieffinnigen Schwermuth, die ſich in Lei⸗ lers Zügen zeichnete, und die nur ihr Anblick hie und da zu mindern und in eine ſonnenhelle Minute zu verwan⸗ deln vermochte, in eine Minute, wo ſeine feurige, kraft⸗ volle Seele die Feſſeln abſchüttelte, und frei in den Räumen umherſchweifte, wohin ſie gehörte und wo ſie zu Hauſe war. Aber der Architekt liebte dieſe ſchwermüthige Grü⸗ belei und Empfindſamkeit nicht. Er wollte für immer die Bande abwerfen, die ſeinen Geiſt beläſtigten und ihm wieder Freiheit und Luft verſchaffen. Um dieß in's Werk zu ſetzen, beſchloß er, ſich auf einige Monate von Alfhild u trennen; denn in Norwegen glaubte er beſſer und icherer an ihrem künftigen Glücke arbeiten zu können, als wenn er zurückbliebe und den Winter in weichlichen Liebeständeleien hinweggirrte, während es doch Kraft und feſten Willen erforderte, um ſeine Plane durchzuſetzen. Sobald ſein Beſchluß zum beſtimmten Vorſatz ge⸗ reift war, theilte er ihn Alfhild mit. Erbleichend heftete ſie ihre Augen auf ihn, und dieſer Blick drückte mehr aus, als jeder Ausruf des Schmerzes oder der Beſtürzung. „Es läßt ſich nicht anders machen; waffne Dich mit Stärke, meine Alfhild, denn— es muß geſchehen,“ ſagte Leiler. „Muß geſchehen,“ wiederholte ſie langſam und fal⸗ tete die Hände.„Warum muß es geſchehen, Leiler?“ „Um unſeres Glückes willen, Alfhild, um der Ruhe Deiner Zukunft willen muß ich reiſen. Doch troͤſte Dich, Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 9 1 4 3 4 ich werde nicht fruchtlos die Zeit vertändeln, und mit 5 meiner ganzen Seele beſtändig um Dich ſein!“ Leiler beugte ſich herab und fing die Thräne auf ihrer Wange auf. „Wohl recht,“ erwiederte Alfhild, wenig getröſtet; „aber Du wirſt nicht bei mir ſein, ich werde Dich nicht ſehen; was bleibt mir dann, worüber ich mich freuen könnte?“ * „Die Zukunft, Theuerſte! Man erntet nicht, wenn man nicht zuerſt ſäͤet; man erkauft die Glückſeligkeit nicht ohne Opfer; man erkauft ſie nie zu theuer. Eine kleine Weile von Schmerz und Unruhe, meine Geliebte,— ſie vergeht— Du mußt nicht trauern. Wenn es ein⸗ mal ganz Licht um uns iſt, dann wirſt Du mir danken, daß ich die Laſt der harten Wirklichkeit nicht auf Deine weichen Schultern legte.“ „Nein, Leiler, dafür werde ich Dir nie danken; wenn ich wüßte, warum Du ſinneſt und bekümmert biſt, dann würde es viel beſſer mit mir werden. Es kann nichts ſo Schlimmes ſein, daß es meine Einbildungs⸗ kraft nicht verdoppelte! O ich bitte Dich, rede! Ich bin nicht ſo ſchwach, als Du glaubſt; prüfe meine Stand⸗ haftigkeit.“ Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick ſchien Leiler mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen. Wan⸗ telmuth war aber nicht ſeine Sache; deßhalb wandte er ſich von den gefährlichen bittenden Augen hinweg. Es war ſeine feſte Ueberzeugung, daß ihr die Wahrheit meht Leiden bereiten würde, als das unſichere Licht, in dem ſie ſchwebte; und da dieß einmal ſeine Ueberzeugung wan ſo mußte ſie auch, ob nun wahr oder falſch, den Sieg behalten. 4 Aber, Alfhild,“ ſagte er freundlich überredend,„Du darfſt die Gewalt, die Dir meine Liebe über meine Ver⸗ nunft gegeben hat, nicht dazu gebrauchen. Ich prift Dich ja im höchſten Grade, indem ich Muth und See ten b haftigkeit bei einer Trennung von Dir fordere, de Urſache ich weder nennen will noch kann, indem ich 4 dere Arbe von eine ich d Dir derge Geß Fall könnt der mich daß für Eines Vate willſt Dich müſſe! dem 4 „Aber der W die m zuhalt würde Zeit;z ich da hoffe Alfhil danken Deiner — L ud mit Leiler ie auf. tröſtet; h nicht freuen wenn* eit nicht e kleine bte,— es ein⸗ danken, f Deine danken; ert biſt, Es kann ildungs⸗ Ich bin Stand⸗ agenblick Wan⸗ andte er deg. Gs eit meht in dem ung wanr den Sieg nd,„Di eine Ver⸗ ch prüft d Stand⸗ e, deren nich ſor 131 dere, daß Du glauben— blind glauben ſollſt, nur die Arbeit an unſerem gemeinſchaftlichen Glucke führe mich von Dir hinweg. Sieh', meine Geliebte, wäre es nicht eine ernſte Pflicht, die mich von Dir treibt, warum könnte ich dann nicht ganz glücklich ſein, während ich doch bei Dir bin, warum würdeſt Du mich ſchwermüthig und nie⸗ dergeſchlagen ſehen, während ich doch das Glück Deiner Geſellſchaft genieße? Ganz gewiß wäre dieß nicht der Fall, wenn ich mein Glück ohne Vorwürfe genießen könnte, nein, ich muß fort, um zu wirken! Noch darf ſich der Friede nicht in meiner Seele niederlaſſen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Leiler, und dieß ſchmerzt mich am meiſten. Aber ich weiß, daß ich Dich liebe, daß ich für Dich leiden, und, wenn es ſein muß, ſogar für Dich ſterben kann. Thue alſo, wie Du willſt, aber Eines mußt Du mir verſprechen. Sprich mit meinem Vater, ehe Du abreiſeſt, es peinigt mich unausſprechlich, ja gewiß mehr, als Du glauben kannſt, daß ich vor ihm und Onkel Sebaſtian ein Geheimniß haben ſoll. Ach, Leiler, ich ſehe Dir an, daß Du auch jetzt Nein ſagen willſt. Thue das nicht, laß mich in dieſem einzigen Falle Dich nicht vergebens bitten.“ „O, wie ſchmerzt es mich, Dich ſo betrüben zu müſſen, Du fromme Engelgüte,“ ſagte der Architekt mit dem Ausdruck des innigſten unverſtellteſten Schmerzes. „Aber glaube mir— und ich beſchwöre Dich, nicht an der Wahrheit meiner Worte zu zweifeln— die Gründe, die mich für gegenwärtig hindern, um Deine Hand an⸗ zuhalten, ſind von der Art, daß meine Ehre gebrandmarkt würde, wenn ich ſie gewaltſam zurückſetzte. Sie fordern Zeit zu ihrer Entwicklung. Wenn ich zurückkomme, werde ich das Recht haben, mit Deinem Vater zu ſprechen, ich hoffe das mit Beſtimmtheit. Und Du, meine theure Alfhild, Du kannſt wohl keine Sekunde lang dem Ge⸗ danken Raum geben, daß ich nicht jeden Kummer von Deinem Herzen nehmen würde, wenn ich es könnte. Ich 9* b 4 8 132 weiß, wie wehe Dir meine Weigerung thun muß; aber was Du auch leiden magſt, Dein Schmerz kann nicht tiefer ſein, als der, den ich empfinde, da ich mir den Vorwurf machen muß, Dich in dieſe dunklen unruhigen Verhältniſſe hineingezogen zu haben. Alfhild, kannſt Du mir verzeihen, kannſt Du wohl mich lieben, wenn ich Dir, Gott weiß es, gegen meinen Willen ſo unausſprech⸗ lich wehe thue!“ „Alles, Leiler, Alles kann ich verzeihen, Alles kann ich dulden, denn ich bin ja Dein. Kein anderes Weib beſitzt ja den geringſten Theil Deines Herzens oder irgend einen Anſyruch auf Dein Wort. Dieſe Schätze ſind mein, und mit ihnen will ich froh und geduldig warten, bis die Stunde der Belohnung ſchlägt.“ Eine dunkle Wolke ſchwebte über Leilers Stirne, und eine hochrothe Gluth brannte auf ſeinem Geſichte; aber er lehnte ſich an Alfhilds Schulter und flüſterte: „Du Edle, Dir— Dir allein und ausſchließlich— weihe ich mein ganzes Leben. Dein Gefühl iſt Liebe— ſo ſoll das Weib lieben— wenigſtens die, deren Herz für mich klopft!“ 4 Und Alfhild war ſelig. Solche Worte von ſeinen Lippen erfüllten ſie mit glühendem Entzücken. Da war ihr Alles leicht, da konnte ſie Alles erdulden. So ſchwach iſt das Weib im Allgemeinen, daß der Mann, den ſie liebt, nur eine Ahnung von Reue 1i den Schmerz, den er ihr zugefügt hat, oder zufügt, zeigen darf— und ſie vergißt nicht nur, ſondern ſie iſt ſogar die Erſte, die ihm Troſt zuſpricht, die ihm ihr Herzblut! anbietet, wenn es ihm nützen kann. Die Tage, welche noch bis zur Abreiſe übrig waren, hielt ſich Alfhild ſehr gut. Leiler ſollte ſehen, daß ſie ſtark ſei. Sie beſorgte Alles mit der größten Genauig⸗ keit und kam nie mit verweinten Augen zu Tiſche. Am letzten Morgen jedoch wollte es ihr nicht gelingen, ihren heißen Schmerzerguß zu erſticken, und die äußerlichen Zeichen deſſelben zu verbergen. Ihr Auge war dunken zu dü ihre den O 6 ſchon ſchütt ander kuß a chen Thrät feucht eher 3 paſſen Seba ſeinen und Rühr daß i wacht Weine Onkel 1 Es n durch S Thrän mer d einſan das ſt die G geſtern — un ; aber n nicht nir den uhigen nſt Du enn ich ſſprech⸗ s kann 3 Weib irgend Hmein, n, bis Stirne, eſichte; üſterte: weihe ſo ſoll ir mich ſeinen da war t ſogar derzblut waren, daß ſit eenauig⸗ e. Am ihren erlichen dunkel, 133 ihre Wange glühte, als ſie nach dreimaligem Rufen in den Saal trat, um von Leilern Abſchied zu nehmen. Das Frühſtück war beendigt, und der Architekt hatte ſchon dem Probſt und Onkel Sebaſtian die Hand ge⸗ ſchüttelt. Jetzt ging er auf Alfhild zu. Sie hatten ein⸗ ander nicht ein Wort zu ſagen, aber als er den Abſchieds⸗ kuß auf ihre Hand druckte, ſteckte er ihr ein kleines Brief⸗ chen zu. Sie ſah empor. Leilers Auge zeigte keine Thräne; aber der feurige Glanz deſſelben war mit einem feuchten Nebelſchleier, einem Dunkel verhüllt, das nicht eher verſchwand, als bis Hammarby weit hinter ihm lag. Und nun war er fort. Der Preobſt hielt es für paſſend, Alfhilds Rührung nicht zu bemerken; aber Onkel Sebaſtian war nie der kalt berechnende Mann. Er nahm ſeinen Liebling bei der Hand, führte ſie in ſein Zimmer und ſetzte ſich an ihre Seite. „Fürchte Dich nicht, Kind,“ ſprach er mit herzlicher Rührung.„Es iſt wohl eine gute Portion Jahre her, daß ich ſolche Gefühle hatte, wie ſie jetzt bei Dir er⸗ wacht ſind; aber ich habe ſie deßhalb nicht vergeſſen. Weine Dich aus, mein Täubchen; das Herz Deines Onkels Sebaſtian iſt noch nicht kalt.“ Und Alfhild lehnte ſich an die Bruſt des Greiſen. Es war ſo ſüß, ſeinen Schmerz ausathmen, und ihm durch die wohlthätige Gluth der Thränen Luft machen zu dürfen. 6 Aber Alfhild weinte heute nicht allein: bitterere Thränen, als die ihrigen, floſſen in dem Bibliothek⸗Zim⸗ mer des gräflichen Schloſſes. Dort ſaß Thelma in einer einſamen Ecke. Sie hatte kein menſchliches Weſen, an das ſie ſich lehnen konnte. Sie durfte kaum ſich ſelbſt die Gefühle geſtehen, die ihren Buſen verheerten; denn geſtern hatte der Architekt, ſeinen Abſchiedsbeſuch gemacht, — und ſein Blick war kälter geweſen als Eis. Heute war er abgereist, er, das einzige Weſen, das ſie empfin⸗ den gelehrt hatte, daß das Leben Lichtpunkte habe. Er —y— 3 8 5 134 fort und kalt— ſie in ihrem Gefängniß zu Hauſe und heißglühend— ſchreckliche Gegenſätze! nacht Der kurze Wintertag ging bald zu Ende. In dem hacht gräflichen Saale zündete man die Wachslichter an. Sie Leile beſtattete den Schmerz neben dem Grabe der abgefallenen genw Knoſpen in ihrem Herzen, die Thränen wurden getrocknet der und Thelma nahm die Laute, um zu ihrem Vetter zu Natu gehen. Die Arme war zwar nicht bei Laune, zu ſingen,! getür aber ſie ſang doch, um nicht ſprechen zu müſſen. Läde Als Onkel Sebaſtian Alfhild verlaſſen hatte, öffnete umge ſie Leilers Brief. Er enthielt ein kleines Medaillon, in welchem ſein Porträt gefaßt war. Auf dem Papier, das ſtreit es umſchloß, ſtanden nur die Worte:„Sei geduldig und ſtube glaube, daß nur der Tod mir die Hoffnung rauben kann, die; Dich nicht mein zu nennen!“ 5 dürfe Alfhilds Seligkeit, daß ſie Leilers Bild beſaß, war geger renzenlos, und bildete einen ſchneidenden Gegenſatz zu deſſeln helma's ſtillem, tiefem Kummer. Wir verlaſſen daher dort unſere Heldinnen und begleiten den Architekten auf ſeiner und Reiſe nach Norwegen. ſcchon vor —— auf Vierzehntes Kapitel. Er; — 1 Lächt Im Norden ſei ein einzig Sein und Wollen. delte Was Gott vereint, nicht Menſchen trennen ſolle Er n be i, e oft n Sieh' nicht mit Sehnſucht mehr dort über jenen kſt ——— der Seveberg verkittet— Dein Land mit meinem——— Bitte Tegnér. wie 4 Ach, der Schmerz hat Pfeile,* Die beſchwingt entflieh'n;. Wohin auch ich cele⸗ 4 icht erfen ſie mich hin.— er E . Carlin. aufge An einer Bucht des Tryſſeldal⸗Fluſſes liegt der zu u kleine Hof, der Leilers väterliches Erbgut war; und dort⸗ zwiſe in richtete er jetzt ſeinen Lauf. hervo ſe und zn dem 1. Sie allenen rocknet ter zu ſingen, öffnete on, in r, das ig und kann, ß, war ſatz zu daher ſeiner ollen. en See, 135 Es war ein dunkler Abend, und Sonntag vor Weih⸗ nachten. Der Schnee ſiel in großen Flocken herab und hatte die Straße beinahe ganz unkenntlich gemacht, die Leiler mit Mühe zu halten ſuchte. Sie ging in Schlan⸗ genwendungen einen ziemlich ſteilen Bergrücken hinauf, der von einem wilden maleriſchen Thale ächt nordiſcher Natur nach der Höhe hinauf führte, wo das kleine weiß⸗ getünchte Wohnhaus mit ſeinen grünen, jetzt verſchloſſenen Läden durch eine Mauer von hohen Fichten, die den Hof umgaben, geſchützt da lag. Je naͤher Leiler kam, deſto heller leuchteten die Licht⸗ ſtreifen zwiſchen den Läden in der ſogenannten Wohn⸗ ſtube. Seine Bruſt wurde von Gefühlen zuſammengepreßt, die zu mächtig waren, als daß er ihnen hätte Luft machen dürfen; aber einmal über das andere drückte er die Hand gegen das Herz, gleichſam um den unruhigen Schlag deſſelben zu hemmen. In dieſem Hauſe war er geboren, dort hatte er als Knabe geſpielt, als Jüngling geſchwärmt, und als Mann gekämpft! Vater und Mutter ſchliefen ſchon längſt unter einem und demſelben Grabhügel; aber vor dem geiſtigen Auge des Sohnes lebten ſie wieder auf in den feſtlichen Frühlingsgewändern der Erinnerung. Er ſah die ſanfte, fromme Mutter mit dem friedlichen Lächeln auf den feinen Lippen, wie ſie hin und her wan⸗ delte, und überall, wohin ſie kam, Ordnung verbreitete. Er meinte den Ton ihrer Stimme zu hören, wie ſie den oft wilden und trotzigen Jüngling freundlich ermahnte; und wie damals ſein Herz bei ihren weichen innigen Bitten zerſchmolzen war, ſo geſchah ihm auch jetzt. O, wie beredt ſind ſie, die Bitten einer Mutter! Dann trat das Bild des Vaters vor ihn. Saß er nicht dort in der Sophaecke mit der Pfeife im Mund! der Schatten einer Herren⸗Geſtalt, auch wenn er ſaß. So aufgeregt war Leilers Phantaſie, daß er jedes Wort zu unterſcheiden meinte, das in tiefen, ſtrengen Baßtonen zwiſchen dem kraftvollen Räuſpern und den Pfeifenzügen hervordrang, und dieſe Worte erzählten die Abenteuer, 1* 136 welche der Alte auf dem wogenden Elemente erlebt hatte, dem er mit Leib und Seele angehörte, und die er dem Sohne wohl hundertmal beim praſſelnden Kaminfeuer be⸗ richtet hatte. Aber noch eine dritte Geſtalt ſchimmerte dort, im Schatten bei dem kleinen ſchwarzen Eiſenofen mit ſeinen grobgeformten Figuren. Es war ſein geehrter Großvater, ein Mann der ſogar noch nach ſeinem Tode einen bedeutungsvollen Einfluß auf das Schickſal des Ar⸗ chitekten ausübte. Leiler hatte endlich die Thüre erreicht, die bereits ge⸗ ſchloſſen war. Er klopfte mit den wohlbekannten Schlä⸗ gen an und eben ſo wohlbekannt tönte Kaſtors ſcharfes und gedehntes Bellen vom Hofe heraus. Aber als das Thor geöffnet wurde, und ihm eine kleine Magd mit ei⸗ nem rothen Geſichte, anſtatt der alten Dienerin entgegen trat, da erwachte Leiler aus ſeinem kurzen Traume; die Wirklichkeit, die nackte Wahrheit, der Zweck ſeiner Reiſe, Alles ſtand in ſchauerlicher Klarheit vor ſeinen Blicken. „Guten Abend,“ preßte er dumpf hervor,„iſt die Frau zu Hauſe?“ „Ja, iſt es vielleicht der Herr ſelbſt?“ „Allerdings! Helft dem Kutſcher die Sachen herein tragen.“ Leiler ging voraus durch den kleinen Saal, der fin⸗ ſter war; aber ein Glasfenſter in der Thüre des Wohn⸗ zimmers zeigte ihm den Weg, denn dort ſchimmerte Licht. Er legte die Hand auf ds Schloß, konnte es jedoch nicht über ſich bringen gleich zu öffnen. Er ſchaute durch das Fenſter, und ſah ein junges liebliches Weib auf einem Schemel am Ofen ſitzen; auf ihren Knieen lag ein etwas uber zwei Jahre altes Kind, bleich wie das weiße Nacht⸗ kleidchen, in das es gehüllt war. Abgebrochene Klagelaute gingen über die kleinen aſchgrauen Lippen; aber ſie er⸗ ſtarben nach und nach unter den leiſen, ſüßen:„bſch! bſch!“ die ſeinem Ohre nahten. Das Geſicht der jungen Frau war über das Kind herabgebeugt und nur ein Theil der Stirne ſichtbar. Ueber dieſer ging auf beiden Seiten 3 ſtehe und hatte, r dem er be⸗ mmerte enofen ehrter Tode es Ar⸗ ts ge⸗ Schlä⸗ harfes s das nit ei⸗ tgegen e; die Reiſe, licken. ſt die herein r fin⸗ Vohn⸗ Licht. nicht h das einem etwas kacht⸗ elaute ie er⸗ bſch! ungen Theil Seiten 137 ein feiner Streifen glaͤnzend ſchwarzen Haares herab; das übrige war unter einer dicht anſchließenden Spitzenhaube verborgen. Ein tiefer Seufzer arbeitete ſich aus Leilers Bruſt; unwillkürlich wandte er den Blick von dieſer Gruppe nach dem Fenſter. Dort ſaß ein Mann von mittlerer Größe mit blaßgelber Geſichtsfarbe, die der Schein des Lichts noch auffallender machte. Die Stirne lag in tiefen Fal⸗ ten und die eine Hand fuhr durch das üppige Haar. Da⸗ zwiſchen hafteten ſeine Augen hie und da auf der jungen Mutter und jedesmal flammte ein Feuer empor, welches aber erloſch, ehe ſich noch die Augendeckel wieder ſenkten. Dieſe Perſon konnte nicht eigentlich häßlich genannt werden, obwohl ſeinen Zügen viel fehlte, um ſchön zu hei⸗ ßen; aber es lag etwas Ernſtes und Beſtimmtes in ſei⸗ nem Geſicht, das, mit einer gewiſſen Milde verbunden, Theilnahme erweckte. Man ahnte in ihm einen Mann, der an die ſchwere Kunſt ſich ſelbſt zu beherrſchen ge⸗ wöhnt war. „Er verläßt ſie nicht,“ dachte Leiler.„Er hält treu aus; aber wie hat er ſich nicht verändert! Redlicher Blum, Du fühlſt ja die Macht der Leidenſchaft nicht, die Du verdammſt, ohne ſie faſſen zu können. Du haſt ſie nicht gefühlt und wirſt ſie nie fühlen. Und doch iſt Deine Wange gelb geworden und Deine Stirne hat Falten be⸗ kommen. Es gibt wohl noch anderen Kummer!“ Der Architekt öffnete die Thüre und trat leiſe über die Schwelle. Das junge Weib fuhr empor, und ſtieß einen ſchwa⸗ chen Schrei aus, der das Kind wieder zu ſeinem leiſen Gewimmer erweckte. „Habe keine Furcht, Marie, ich bin es, vergib mir, wenn ich Dich erſchreckte! Wie befindet ſich der kleine Waldemar?“ „Ach, er iſt ſo krank, verzeih', ich kann nicht auf⸗ ſtehen, weil mein kleiner Knabe davon beunruhigt wird,“ und weil ich zu heftig aufgeregt bin, hätte ſie hinzuſetzen 138 können, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten; denn ihre Gemüthsbewegung war in der That ſo groß, daß ſie am Ohnmächtigwerden war. Tief beugte ſie das ganz ſchneeweiße Geſicht zum Kopfe ihres wimmernden Kindes hinab. „Guten Abend, mein Freund Blum,“ ſprach Leiler. Seine Stimme war jedoch nicht ſo ſicher wie gewöhnlich, und die Hand, die er dem Freunde hinreichte, war von einem leichten Zittern bewegt. „Willkommen in Deiner Heimath, Leiler,“ erwiederte Blum,„entſchuldige, daß ich während Deiner Abweſenheit die Wirthſchaft hier übernommen habe. Als Nachbar und Freund konnte ich Dein Weib nicht allein leiden ſehen.“ „Ich danfe Dir für Deine freundſchaftliche Vorſorge, Du verbindeſt mich ſehr dadurch,“ ſprach Leiler in kaltem, höflichem Tone. Er war beleidigt, und wandte ſich von Blum zu ſeinem Sohne. „Iſt er ſchon lange krank, beſte Marie?“ „Schon mehrere Wochen. Bald iſt es mit ihm vor⸗ bei und dann werde ich ganz allein ſein!“ Sie ſah em⸗ por; ihr thränenvoller Blick begegnete dem ihres Gatten. Leiler ergriff ihre Hand, und küßte ſie, wie etwa ein Mann die Hand einer bekannten Dame küßt, das heißt mit ar⸗ tiger Gleichgiltigkeit und nichts weiter. Dann ſah er nicht mehr auf Marie, ſondern nur auf das Kind. Er nahm einen Stuhl und ſetzte ſich an den Ofen neben ſein Weib. Blum maß das Zimmer mit langen Schritten; es ſchien, als ſtritten Zorn, Schmerz und noch eine andere Leidenſchaft in ihm; er näherte ſich Leilern mehrere Male, zog ſich jedoch immer wieder ſchnell zurück. Jetzt öffnete das Dienſtmädchen die Thüre und fragte, wo die Sachen des Herrn hingetragen werden ſollten. „In das blaue Eckzimmer; laß dort einheitzen,“ ant⸗ wortete Leiler haſtig. „Du brauchſt etwas Warmes,“ ſprach die junge 3 Frau, indem ſie ſich mühſam erhob, und ihr wieder ein⸗ denn aß ſie ganz lindes keiler. nlich, von ederte enheit r und ehen.“ ſorge, altem, h von n vor⸗ h em⸗ hatten. Mann lit ar⸗ ah er Ofen langen d noch keilern zurück. fragte, junge er ein⸗ 139 geſchlummertes Kind auf ein in der Ecke des Sophas be⸗ reitetes Bettchen legte. „Mache Dir keine Mühe, liebe Marie; ich bedarf nichts.“— Leiler ſtand ebenfalls auf, und bot ihr den Stuhl mit jener gebildeten Artigkeit, die er bei Kleinig⸗ keiten nie außer Acht ließ.„Erlaube, daß ich mich auf eine Weile entferne,“ bat ſie, mit fortwährender heftiger Aufregung kämpfend.„Der Kleine ſchläft am beſten in ſeiner Wiege; ich muß ihn dort hinein legen.“ Leiler ſah, wie es ſich verhielt, und verſuchte ſie nicht länger zurück zu halten. Sie nahm das Bettchen auf ihre Arme. Blum öffnete die Thüre zum Schlafzimmer; die beiden Männer blieben allein. Nach einigem Stillſchweigen ſprach der Architekt, in⸗ dem er ſichtlich mit ſeinem Stolze kämpfte:„Blum, habe ich keinen Antheil mehr an Deinem Herzen?“ Noch ein⸗ mal ſtreckte er die Hand nach dem finſteren Wanderer aus. „Wenn Du dieß mit anſehen und ungerührt bleiben kannſt,“ erwiederte Blum,„dann haſt Du allerdings künf⸗ tig weder an meinem Herzen, noch an meiner Achtung einen Antheil. Ja, Leiler, wenn Du dieſes engelholde Weib in ihrer doppelten Qual als verlaſſene Gattin und bald kinderloſe Mutter, dieſes zarte Weſen, Deinen Sohn, mit dem kleinen blauweißen, abgezehrten Geſichte, in wel⸗ ches der Tod ſchon ſein leſerliches Siegel gedrückt hat, wenn Du dieß Alles mit anſehen kannſt, ohne zu fühlen, was Deine Pflicht in dieſem Augenblick, ja gerade in die⸗ ſem Augenblick von Dir fordert, der ſo ganz für eine friedliche Verſöhnung gemacht iſt, dann hab ich nichts mehr zu ſagen! Dann biſt Du beinahe unter alle menſch⸗ liche Gefühle geſunken, da Dich nicht einmal die heilig⸗ ſten zur Beſinnung bringen können.“ „Ich bin nicht unter alle menſchlichen Gefühle ge⸗ ſunken,“ erwiederte der Architekt mit ſtolzer Würde.„Ich fühle, wie das mächtigſte Gefühl in dieſem Augenblicke mein Herz entflammt und mich ermahnt, nicht durch eine übel angebrachte Weichheit und Wankelmüthigkeit das be⸗ 140 gonnene Werk zu zerſtören, ein Werk, das Frieden und Segen mit ſich bringen wird; denn eine Ehe ohne Liebe iſt eine Wüſte, wo keine Blume fortkommen kann; gerade dieſe Begebenheit, Blum, die mir tief in die Seele greift — der baldige Hingang meines Kindes, gerade dieſe gibt mir die doppelte Ueberzeugung, daß der Weg, den ich ein⸗ geſchlagen habe, der rechte iſt. Gott ſelbſt löst mit die⸗ ſem Gelenk das einzig wahre Band ab, das je zwiſchen uns beſtand. Aber bis der Schlag des kleinen Herzens verſtummt iſt, und der mütterliche Buſen ſich von dem tiefen Schmerze erholt hat, der ihn jetzt niederdrückt, bis dahin ſei dieſer Gegenſtand aus unſerer Unterhaltung ver⸗ bannt, ich werde Marien auch künftig mit der innigen Achtung begegnen, die ich ihr bisher widmete. Wir wer⸗ den als Freunde leben, die einander verſtehen und ſich all⸗ mählig an den Gedanken gewöhnen, den ſie beide für den richtigen halten, aber aus ſchuldiger Achtung vor dem Ur⸗ theil der Welt nicht gerne berühren. Einmal muß es ge⸗ ſchehen; aber mein wärmſtes und eifrigſtes Bemühen ſoll jetzt, dann und immer ſein, der Welt zu zeigen, daß nur die reine Ueberzeugung von dem Rechten, nicht aber Zwie⸗ tracht uns getrennt hat. Kein Flecken darf auf Mariens Ruf liegen; ſie ſoll rein da ſtehen; und muß nothwendig ein Schatten fallen, ſo werde er mir zu Theil.“ „Kein Flecken auf ihrem Rufe! nein, das glaub' ich gerne,“ verſetzte Blum verächtlich.„Ich weiß nicht, wer das wagen könnte, und wäre je Einer ſo kühn, ſo würde ich als der Vertheidiger der Verlaſſenen auftreten. Aber Du, Leiler, Du wirfſt ſelbſt einen Schatten auf Deinen Charakter, auf Deine Sittlichkeit und Dein bür⸗ gerliches Anſehen, den meiner Meinung nach keine Zeit verlöſchen kann; und was noch ſchlimmer iſt, dieſer Schat⸗ ten wird zwiſchen Dich und Dein Gewiſſen treten.“ „Nein, bei meinem Leben und meiner Ehre! das wird er nie,“ rief der Architekt, und ſeine Wange glühte, ſein Auge blitzte.„Haſt Du denn ganz vergeſſen, wie und Liebe erade greift gibt ein⸗ die⸗ ſchen rzens dem t, bis ver⸗ nigen wer⸗ ) all⸗ r den n Ur⸗ es ge⸗ ſoll 3 nur Zwie⸗ ariens dendig Zlaub⸗ nicht, n, ſo treten. n auf bür⸗ 2 Zeit Schat⸗ ! das glühte, „ wie 141 meine Heirath geſchloſſen wurde, oder haſt Du vielleicht nie davon gehört?“ „Das iſt mir allerdings nie klar geweſen,“ erwie⸗ derte Blum.„Wir ſind jetzt allein; erzähle es mir. Marie wird nicht ſo bald wieder kommen.“ „Die Stunde iſt nicht gut gewählt,“ fuhr Leiler fort,„aber Du haſt mein Blut in Wallung gebracht, und ich muß Luft haben. Du ſollſt es hören und mich dann, wie ich hoffe, weniger ſtreng beurtheilen.“— „Mein Vater beſaß an Mariens Vater einen unver⸗ aͤnderlich treu ergebenen Freund, davon wirſt Du wohl gehört haben. Sie waren beide als Jünglinge zuſammen auf einem größeren Handelsſchiffe gereist, und hatten in mancher ſchweren Stunde Gelegenheit gehabt, die reine Flamme zu erproben, die in beider Herzen loderte; es war die des Edelmuths, der Entſagung, der Rodlichkeit. Die Jahre vergingen; ſie wurden Männer, hatten nun eigene Schiffe, eigene Angelegenheiten, und verheiratheten ſich, um ihr Gluͤck vollkommen zu genießen. Man hat oft behauptet, die heiße, phantaſtiſche Neigung, die Jüng⸗ linge zu einander fühlen, beſtehe ſelten noch im Man⸗ nesalter, ſondern dieſes zerſtöre und verwehe entweder durch fehlgeſchlagene Berechnungen, oder durch noch ſel⸗ tenere Glückswürfe die Illuſionen der Jugend. Es mag ſein, daß die Illuſionen vergehen, aber bisweilen bleibt doch etwas Beſſeres zurück. So war es wenigſtens hier der Fall.“ 2 „Mariens Vater hatte nach einander mehrere un⸗ glückliche Reiſen gemacht und verlor endlich Schiff und Laſt; aber mein Vater, der damals ein wohlhabender Mann war, half dem ruinirten Freunde zu einem neuen Schiffe, deſſen Rhederei gemeinſchaftlich war. Und die⸗ ſes Schiff, das mein Vater ſelbſt gebaut hatte, erhielt den Namen: die Verbindung. Es machte ausgezeichnet lückliche Reiſen, und brachte Vern in ein paar Jahren hine Verluſte wieder herein. „Inzwiſchen war ich herangewachſen; und da met 8 142 Vater ſah, daß ich keine Neigung zum Seeweſen hatte, — mit Ausnahme deſſen, was den Schiffbau betraf— ſo wurde ich nach der Univerſität geſchickt, um zu ſtudiren. „Während meiner Anweſenheit über die Weihnacht⸗ feiertage— ich war damals ein und zwanzig Jahre alt — ſah ich Marie zum erſten Mal. Sie war nach dem Tode ihrer Mutter bei einer alten Verwandtin in Ko⸗ penhagen erzogen worden; aber als dieſe, die einzige, die ſie beſaß, ſtarb, holte ſie der Vater heim, und es wurde verabredet, daß ſie bei uns bleiben ſollte. Marie war ſchön, ja ich glaube kaum, jemals ein ſchöneres Weib geſehen zu haben, aber deſſen ungeachtet machte ſie keinen Eindruck auf mein Herz. Aus gewohnter Ar⸗ tigkeit erwies ich ihr jedoch einen gewiſſen Vorzug, den unſere Väter nicht recht verſtanden, ſondern für das Zeichen einer ernſten Neigung hielten. Eines Abends— ich werde es nie vergeſſen— ſaßen wir um den Tiſch; die Gläſer waren zu einem Toaſte für den glücklichen Fort⸗ gang der wackeren Fahrten„der Verbindung“ gefüllt; aber als mein Vater den letzten Tropfen im Glaſe ſah, goß er auf's Neue voll, und ſprach in ächter Seemanns⸗ manier, ohne alle weitere Fragen und Komplimente: „Wir wollen noch ein Glas auf eine andere glückliche Verbindung trinken! Rudolph, mein Sohn, was meinſt Du, Marie iſt hübſcher als Rahel, und Du kommſt mit der halben Dienſtzeit davon, denn ich ſehe Dir an, daß Du nicht ſehr geduldig biſt. Aber das thut nichts. Ich war zwar viele Jahre älter, als ich um Deine Mutter freite; aber ich lebte doch nie recht, bis ich verheirathet war. Mein Grundſatz iſt daher, daß, je eher ein junger Mann das häusliche Band knüpft, deſto beſſer es iſt.“ „Damals, Blum, hatte der Geiſt der Selbſtſtändig⸗ keit, der ſich ſpäter in mir entwickelte, noch keine Ge⸗ legenheit gehabt, um ſich in Handlungen zu äußern; denn mein Vater war ein Mann, der die Kunſt, ſich Achtung und Gehorſam zu verſchaffen, von Grund aus ver in die wer in es eine miſ thu Ich Ber wol daß ver! mog ich ſte kein gen Ma unſe ſoll. Ma Hat war hält dach dieß nes lang las. und Ma Wi Larie teres achte Ar⸗ den das 8— die kort⸗ illt; ſah, nns- nte: liche einſt mit daß F 143 verſtand. Ich wagte es daher nicht, das Mißvergnügen in Worten auszuſprechen, das ich bei der geringen Ehre, die mir hier widerfuhr, empfand, indem ein Anderer— wenn auch der beſte der Väter— über den wichtigſten Punkt in meinem Leben beſtimmen ſollte. Vielleicht hätte ich es jedoch gewagt, wenn wir allein geweſen wären; aber einen ſolchen Schritt, der immerhin zu einer ſtür⸗ miſchen Scene geführt hätte, in Mariens Gegenwart zu thun, das verbot mir mein Zartgefühl und mein Stolz. Ich hoffte durch die Gleichgültigkeit, die ich künftig im Benehmen gegen die mir zugedachte Braut beweiſen wollte, meinen Vater darauf aufmerkſam zu machen, daß dieſe Verbindung die frohen Hoffnungen keineswegs verwirklichen dürfte, die es mir im erſten Augenblick un⸗ möglich war, zu nichte zu machen.“ „Was Marie in dieſem Augenblicke empfand, weiß ich nicht, aber als unſere Blicke ſich begegneten, ſchien ſie ſehr wenig befriedigt. Doch äußerte ſie, wie ich, kein Wort darüber, und unſer Erröthen und Stillſchwei⸗ gen wurde für ein Zeichen der Zuſtimmung gehalten. Man trank auf unſere Verbindung, und verabredete, daß unſere Heirath erſt in einigen Jahren vor ſich gehen ſollte. Ich ſollte zuerſt meinen Cours beendigen, und Marie unter der Anleitung meiner Mutter eine tüchtige Hausfrau werden.“ „Während der noch übrigen Zeit, daß ich zu Hauſe war, verwandelte ſich das bisher freundſchaftliche Ver⸗ hältniß zwiſchen mir und Marie in ein ſcheues, vorbe⸗ dachtes und oft kaltes Ausweichen. Meine Mutter mußte dieß zuerſt bemerkt, und dann die Aufmerkſamkeit mei⸗ nes Vaters darauf gelenkt haben; denn es dauerte nicht lange, bis er mich beſonders vornahm und mir den Tert las. Ich hatte nun den Muth, ganz aufrichtig zu ſein, und erklärte, daß ich weder jetzt, noch irgend jemals Marien lieben könnte. Mein Vater wurde im Anfang ganz wüthend; er war nicht gewöhnt, einen andern Willen zu hören, wenn er einmal den ſeinigen ausge⸗ 144 ſprochen hatte; aber ſeine Hitze legte ſich baͤlder, als 4 ich zu hoffen gewagt hatte, und er bat mich, dieſen Ge⸗ unte genſtand wenigſtens nicht zu berühren, noch von einem nicht Bruche zu ſprechen, bis ich erſt einige Jahre lang mein der Herz geprüft hätte.“ rakte „Ich wandte ein, daß dieß ein Betrug gegen Marie das wäre; allein von einer geheimen Hoffnung unterſtützt, unen wollte er in dieſem Punkte nicht nachgeben. Und da es/ ſcher das erſtemal war, daß mein Vater eine Bitte an mich ſied ſtellte, ſo konnte ich ſie nicht abſchlagen; aber meine Neit Seele fühlte ſich nicht mehr ruhig; ich wußte, was die⸗ Er ſes Verſprechen in ſich ſchloß.“ eines „Beim Abſchied war Marie ſehr kalt, und es kränkte entr meinen Stolz unglaublich, nicht das geringſte Zeichen an als ihr zu bemerken, das einen Kummer über meine bevor⸗ war ſtehende und doch wenigſtens einige Jahre dauernde Ab⸗ wenn weſenheit verrathen hätte. Der Aerger hierüber ver⸗ der mehrte die Kluft, die ſchon im Anfang zwiſchen unſern ſelbe Herzen beſtand, noch mehr, und ich reiste ab, ohne das aufr. Verhältniß, in dem wir zu einander ſtanden, mit einem mich. Worte zu berühren. Nun weißt Du ſelbſt, wie tief ich mich unter die alten Scharteken begrub, ſo daß ich nahe Wät daran war, an der Lebensweiſe zu Grunde zu gehen, jede wozu mich mein Vater beſtimmt hatte. Du warſt es,„es S Blum, der mir in dieſer Hinſicht zuerſt die Augen öff⸗ groß nete. Ich ſchrieb an meinen Vater, und bat ihn demü⸗ darü thig, er möchte die Wiſſenſchaften einem würdigern Ver⸗ und ehrer überlaſſen, und mir erlauben, in Gottes weite Welt mein hinauszuziehen, um an dem Wege zu arbeiten, an deſen Meit Endpunkte mein Beruf lag.“ Ruh „Es ſchmerzte zwar den Greis ſehr, daß ſein Sohn und kein Gelehrter werden ſollte, da er ſich dieß einmal in aber den Kopf geſetzt hatte; aber auf die Fürbitte meiner geger Mutter und meines Großvaters, vielleicht auch, um mir durch dieſes Nachgeben eine neue Verbindlichkeit aufzu⸗ Ben legen, bewilligte er mein Begehren. Ich bekam Geld eeiner unnd reiste.“ 8 K „als n Ge⸗ einem mein Marie rſtützt, da es n mich meine 1s die⸗ kraͤnkte den an bevor⸗ e Ab⸗ ver⸗ unſern ie das einem ief ich )nahe gehen, ſt es, n öff⸗ demü⸗ Ver⸗ 2 Welt deſſen Sohn nal in meiner m mir aufzu⸗ Geld 145 „Aber indem ich hier meines Großvaters erwähne,“ unterbrach ſich Leiler in ſeiner Erzählung,„ſo kann ich nicht umhin, Dir zu ſagen, daß er es eigentlich war, dem ich meine erſte Bildung, die Geſtaltung meines Cha⸗ rakters, kurz das freie und kräftige Leben zu danken habe, das in meiner Seele wohnt, und mich alle dieſe kleinen, unendlich kleinen Dinge verachten läßt, welchen die Men⸗ ſchen im Allgemeinen einen ſolchen Werth beilegen, daß ſie denſelben ein ganzes Leben der Knechtſchaft aufopfern. Nein, ſiehſt Du, mein Großvater, das war ein Mann! Er hatte mit dem Schickſale gekämpft, das in Geſtalt eines Schurken von Adeligen ihm entgegentrat. Der Tod entrückte das elende Opfer, das er einer andern Rache, als der Verachtung für würdig zu halten zu hochſinnig war, aber die Bande ſchüttelte er ab. Mein Blut kocht, wenn ich in Gedanken die Stunden durchgehe, wo mir der edle Mann gerade hier in dieſem Zimmer, auf dem⸗ ſelben Sopha, die dunklen Blätter im Buche ſeines Lebens aufrollte. Das war ein Leiden, Blum; doch ich vergeſſe mich. Das thue ich immer, wenn ich von ihm ſpreche.“ „Du weißt, daß ich einige Jahre im Auslande blieb. Wächrend dieſer Zeit machte das Schiff„die Verbindung“ jede Reiſe mit fühlbaren Verluſten; auf der letzten litt es Schiffbruch und Kapitän Vern ſelbſt ging mit einem großen Theil der Mannſchaft zu Grunde. Der Kummer darüber legte, wie ich glaube, den Grund zur Krankheit und dem bald darauf erfolgten Tode meines Vaters. Bei meiner Heimkehr fand ich eine ſchreckliche Veränderung. Mein alter, heißgeliebter Großvater war ebenfalls zu der Ruhe gegangen, nach der er ſich längſt geſehnt hatte, und meine Mutter ging einſam und geduldig, wie immer, äaber ſeufzend der Wiedervereinigung mit dem Gatten ent⸗ gegen, den ſie nicht überleben konnte.“ „Ich muß geſtehen, daß dieſe Zeit über Mariens Benehmen muſterhaft war. Nie pflegte eine Tochter mit einer größeren Liebe ihrer Mutter; aber nie floſſen auch Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 10 146 wärmere Lobſprüche über die Lippen einer ſolchen, und* als jetzt die meinige Mariens Tugend und Geduld weihte, die ſo jung und doch ſchon ſo hart geprüft, die bittern Sorgen, die ſie erfuhr, mit ſo viel Stärke tragen konnte. —„Aber wird Marie,“ ſeufzte meine Mutter oft und drückte mir dabei bedeutungsvoll die Hand,—„wird ſie ohne Stütze, ohne Heimath ſein, wenn ich hinübergehe? Wird ſie in die Welt hinausgeſtoßen werden, die ihr fremd iſt, um dort für ihren Unterhalt arbeiten zu müſ⸗ ſen? Arme Marie, iſt das der Lohn für all' die Nächte, die Du mit unausſprechlich duldender Liebe an unſern Krankenbetten durchwacht haſt? Und in dieſem Hauſe kann ſie nach meinem Hingang nur unter Einem Namen bleiben.“ „Dieß waren die mir unvergeßlichen Worte meiner geliebten Mutter; ſie war zu ſehr Weib, um ſich durch Reden über Recht und Unrecht, durch Mahnen an Pficcht u. ſ. w. einem Widerſpruche auszuſetzen. Sie überließ das Schickſal ihres wehrloſen Schützlings nur meinem Cdelmuthe. Sie kannte die Schwäche ihres Sohnes, und ihre Hoffnung täuſchte ſie nicht. Ich wäre kein Menſch geweſen, wenn ich ſie mit dieſer Ungewißheit hätte ſer⸗ ben laſſen.“ „Marie hörte unſere Unterredungen nicht; aber ſie ahnete ſie gewiß, denn als ich eines Abends, wo wir Beide am Krankenbette meiner Mutter ſaßen, ſie fragte, ob ſie meine Gattin werden wolle, antwortete ſie ſtolz, beinahe zurückſtoßend:„Was unſere Väter mit einander verabredet haben, habe ich nie für bindend für Sie ange⸗ ſehen, Rudolph, und ich wünſche, daß auch Sie es nicht thun möchten.“ „Ja, aber ich thue es, Marie,“ fiel meine Mutter ein, und ſah uns Beide mit ihren milden freundlichen Augen an,„es wäre ſo ſchön, wenn ich den Vorausge⸗ gangenen die frohe Zeitung bringen dürfte, daß ihre Kin⸗ der auch nach dem Tode ihren Wunſch ehrten“ „Ich will nicht weitläufig ſein, Blum. Genug, Marie wurd ſelbe Mal lernt Mut Glüc ſie te ſonne nähe wurd lichke wiede die u nur Neig Wort delte ich T Die L ſich verzel eis kal math länge heiml verbar mit eigent tigen damit entgeg kennen anzer eben meine Sie i „ und* weihte, bittern konnte. ft und dird ſie rgehe? die ihr* u müſ⸗ Nächte, unſern Hauſe Namen meiner durch Püicht verließ neinem ⸗ es, und Menſch te ſer⸗ iber ſie wo wir fragte, e ſtolz, inander le ange⸗ es nicht Mutter nlichen rausge⸗ re Kin⸗ Marie 147 wurde einige Tage darauf mein Weib; Du kamſt zu der⸗ ſelben Zeit in die Gegend, und ſahſt Marie zum erſten Mal als Braut, ſie war ſchön, aber kalt. Unſere Herzen lernten einander nicht verſtehen. Inzwiſchen ſtarb meine Mutter, in der Ueberzeugung, daß, was noch an unſerem Glücke fehlte, von ſelbſt nachkommen würde. Aber ach! ſie täuſchte ſich. So lange ſie lebte, gab es noch einen ſonnenhellen Punkt, dem wir uns Beide aus Sympathie näherten, und wo wir wärmer, freundlicher gegen einander wurden; aber als dieſer Punkt in der Nacht der Unend⸗ lichkeit verſchwand, um erſt an einem ſchöneren Morgen wieder zu ſtrahlen, da entſtand eine Kälte zwiſchen uns, die unſer höchſtes Bemühen, derſelben entgegenzuarbeiten, nur in ein fortgeſetztes Studium unſerer gegenſeitigen Neigungen und Wünſche, in einen artigen Austauſch von Worten und Gedanken, aber nicht von Gefühlen verwan⸗ delte. Blum, ich weiß nicht, ob Du mich verſtehſt, wenn ich Dir ſage, daß die letztern in einer Erſtarrung lagen. Die Luft wurde mir immer drückender; meine Seele ſehnte ſich nach Freiheit und neuem Leben. Drei Jahre lang verzehrte ich mich und fror bei den unermüdlichen, aber eiskätten Bemühungen, womit mein Weib mir die Hei⸗ math angenehm machen wollte; aber da hielt ich es nicht länger aus. Ich reiste nach Schweden, wohin mich eine heimliche Sehnſucht ſchon lange gezogen hatte. Hier verband ſich die Vorſehung oder ein ſeltſames Geſchick mit neu erwachten Erinnerungen, Crinnerungen, die eigentlich nicht mir angehörten, aber dennoch einen mäch⸗ tigen Einfluß auf meinen unruhigen Geiſt hatten. Doch damit nicht genug; auch andere Umſtände traten mir entgegen in ſchöneren Geſtalten. Ich lernte ein Weib kennen, wie ich mir das gedacht hatte, welches ich mit ganzer Seele lieben könnte; ein Weib, für die ich mein Leben hingeben wollte, und für deren Beſitz ich jetzt um meine Freiheit kämpfe. O Blum, Du ſollteſt ſie ſehen! Sie iſt unſchuldig wie ein Kind, und rein wie der Thau⸗ 10* 148 tropfen im Kelche der Lilie. Sie iſt nur Herz, nicht bun Kopf. Das Weib braucht im Allgemeinen nicht viel von dem letztern; denn ſie wollen oft Alles nach dieſem und nichts nach dem erſtern thun, das doch eigentlich das ol Hauptrad iſt, um welches alle ihre Gefühle und Hand⸗ des lungen rollen ſollten. Alfhild kennt keine Verſtellung; tum ſie kann nicht warm und kalt nach Berechnung ſein, die, deine Thränen nicht zurückhalten, die ein natürlicher Schmerz Dich ihr auspreßt. Sie iſt ganz und gar Liebe, ein Weſen, Deil das in mir lebt und webt, und keinen Gedanken, keinen bark Willen, kein Gefühl hat, die nicht von dem meinigen Gle ausgehen!“ 7 wiß Leiler ſchwieg. Blum ſtand mit gekreuzten Armen ſchne vor ihm und betrachtete ihn, wie man einen voll⸗ kommen Blinden betrachtet, der beim hellen Tage in ruhi Finſtern tappt. einer Endlich fragte er jedoch mit dem Tone des kalten, ſpra bittern Hohnes:„Entbehrt denn Marie dieſe Eigenſchaf⸗ daß ten, weil ſie Seelenſtärke genug beſitzt, um die unverſtan⸗ Plat denen Gefühle ihres gekränkten Herzens unter einem Scheine von Ruhe zu verbergen, die wir ſowohl am Weibe mit als am Manne würdigen müſſen, und die ſtets das Kenn⸗ 8 eichen einer Seele ſind, die zu erhaben iſt, um ſelbſt Läch dei den bitterſten Prüfungen ganz zu ſinken? Aber Du— Du willſt eine Puppe haben, in die Du wie ein neuer Prometheus einen Geiſt nach Deinem Belieben einblaſen kannſt, einen Geiſt von eitel Luft und Mondſchein, einen Geiſt, der in jeder Sekunde fragen muß, ob Du erlaubſt, daß er länger vorhanden ſei; denn es iſt abſcheulich,e Leiler, wenn man hört, wie der Egoismus eines Men⸗ ſchen alle Grenzen der geſunden Vernunft überſchreitet.“ „Du magſt es meinen, wie Du willſt; aber ſo iſt einmal meine Anſicht von der Liebe. Marie iſt ein vert ſtolzes, hochſinniges Weib; aber ſie beſitzt zu weni wert Gezühl; ſte liebt mich nicht und hat es nie gethanz Sch und doch weist ſte aus Gründen, die ſich nur aus den beha ſelben Stolze herleiten, eine Eheſcheidung mit Verach⸗ 3 — ————— „ nicht diel von em und lich das Hand⸗ tellung; ein, die„ Schmerz Weſen, „keinen neinigen Armen n voll⸗ age im kalten, henſchaf⸗ verſtan⸗ einem n Weibe 1s Kenn⸗ m ſelbſt r Du— in neuer inblaſen n, einen erlaubſt, ſcheulich, s Men⸗ hreitet.“ er ſo iſt iſt ein wenig gethan; us dem Verach⸗ Platz iſt an der W 149 tung zurück, die ihr weit mehr Vortheil und wahres Glück bieten würde, als eine Ehe, wie die unſrige iſt.“ „Ach, wie unwürdig, wie unedel ſprichſt Du von einem Weibe, deſſen geringſte Handlung zu hoch ſteht, als daß Dein Leichtſinn ſie faſſen könnte, ein Leichtſinn, der ſo unermeßlich groß iſt, daß er ſogar das reine Fac⸗ tum überſieht, das himmelſchreiender Widerſpruch gegen deine Behauptung iſt, ſte habe kein Gefühl, ſie habe Dich nicht geliebt,— ich meine den Brief, worin ſie Deinen ſaubern Vorſchlag beantwortet. Deine Undank⸗ barkeit, Deine Härte und Selbſtſucht haben nicht ihres Gleichen. Aber es wird eine Zeit kommen, ich bin ge⸗ wiß, daß ſie kommen wird, wo...“ Blum ſchwieg ſchnell und zog ſich zurück. Marie trat ein. Die letzte Spur der Thränen war verſchwunden; ruhig und ernſt war ihr Weſen und Ton, als ſie mit einer leichten einladenden Bewegung nach der Saalthüre ſprach:„das Abendeſſen wartet! die Herren entſchuldigen, daß ich ihnen nicht Geſellſchaft leiſten kann; aber mein Bie wes kranken Kindes.“ „Und bei Nacht, melne liebe Marie?“ fragte Leiler mit einer gewiſſen Theilnahme.. „Da wache ich ſtets,“ ſprach ſie mit einem trüben Lächeln. Fünfzehntes Kapitel. Ach, ungehört verhallt mein ängſtliches Flehen, Und meine Thräne ungeſehen bebt! Wie eine Blume fall' ich im herbſtlichen Wehen, Wenn die Sonne ſie nicht mehr belebt. Vitalis. Während die Herren am Tiſche ſich in Geſpräche vertieften, die zu weitläufig waren, um angeführt zu werden, da ſie nur den gröberen Theil der Frage, die Scheidung ſelbſt, und unter gegenwärtigen Umſtänden behandelten, wollen wir die feinen Fäden, aus denen die 150 Licht⸗ und Schattenſeiten des vorliegenden Gewebes be⸗ ſtehen, in nähere Betrachtung ziehen. Maria Vern war erſt ſechszehn Jahre alt, da ſie in das Haus ihres künftigen Schwiegervaters als ein Mit⸗ glied der Familie eintrat. Ihre ausgezeichnete Schönheit hatte ihr ſchon früher eine Huldigung errungen, die, wenn ſie ſie nicht gerade eitel machte, ihre Aufmerkſam⸗ keit wenigſtens darauf gelenkt hatte, daß ſie in ihrem Aeußeren Mittel beſitze, um zu feſſeln; und es nahm ſie daher ſehr Wunder, als ſie ſah, wie ſie Leiler mit einer ſo geringen Auszeichnung behandelte, ſie, die doch in den Blicken ſo vieler Männer die Verſicherung geleſen hatte, daß ſie ein ungewöhnliches Aeußeres beſitze. Aber obwohl ſich Marie dadurch gekränkt fühlte, ſo war ſie doch zu klug, um nicht ihren kleinen Aerger zu verbergen, der bald in einem weit bittereren Schmerzen ganz auf⸗ ging; denn ein tieferes Gefühl zog ſie zu ihm hin, aber weibliche Schüchternheit, eine Art Inſtinkt gebot ihr, jede Spur davon in ſeiner Gegenwart abzulegen. So ent⸗ ſtand ſchon damals die beinahe unnatürliche Kälte in ihrem Weſen, in der Leiler bei mehr Erfahrung und ſchärferer Beobachtungsgabe leicht die Mauer hätte er⸗ — kennen können, die nur deßhalb um das ſchon eroberte Herz aufgeführt wurde, um es vor jedem Blicke zu ſchützen, der den Zuſtand deſſelben ausſpähen könnte. Während der Jahre, die Leiler in Italien zubrachte, war es ihr einziger unabläſſiger Gedanke, ſich zu einem würdigen Weibe zu bilden, falls ſein Gefühl eine mit dem ihrigen übereinſtimmendere Geſtalt annehmen und er alſo ſelbſt wünſchen würde, ſie zu ſeiner Lebensge⸗ fährtin zu wählen, und dadurch das Verſprechen der Väter zu erfüllen. Wie ſüß waren ihr daher nicht die Bemühungen und die in Thränen durchwachten Nächte am Bette ſeines Vaters und Großvaters! dieſe Weſen liebte er ſo innigz hier konnte ſie ebenfalls lieben und eine Offenbarung ihrer Gefühle wagen— und Marie beſaß warme, reiche bes be⸗ a ſie in in Mit⸗ chönheit n, die, nerkſam⸗ n ihrem 3 nahm iler mit N die doch geleſen 2. Aber war ſie rbergen, unz auf⸗ n, aber hr, jede So ent⸗ älte in ng und ätte er⸗ eroberte licke zu nte. brachte, t einem ine mit en und bensge⸗ en der gen und ſeines innig; barung — ,reiche 151 7 7 ihrer Hülfloſigkeit zu ſchützen, Hand und Namen anbot. Aber ſein Ton, ſein Blick, ſein ganzes Weſen ſagte ihr, 152 daß es nur das Ehrgefühl war, das ihn zu dieſer Handlung vermochte. Sie hatte den Muth, ſein Aner⸗ bieten zurückzuweiſen; aber die Heftigkeit der mannich⸗ fachen Gemüthsbewegungen, die ſie dabei empfand, machten dieſe Zurückweiſung ſtolzer und kränkender, als ſie gewollt hatte. Dieß half jedoch zu nichts: die müt⸗ terliche Freundin begriff ihre Gefühle, ſie war ihnen ſchon lange mit ſtiller Freude gefolgt, und ließ daher nicht nach, bis ſie ihren ſchönſten Wunſch erfüllt ſah. Marie wurde Leilers Gattin. Bei dem heiligen Akte, der ſie auf immer mit dem Manne vereinigen ſollte, den ſie anbetete, durchbebten Seligkeit und Schmerz abwechslungsweiſe ihre Bruſt. Aber ſchon am erſten Abend fiel eine kleine Scene vor, welche die wärmeren Gefühle in die innerſten Kammern ihres Herzens zurück⸗ ſchreckte und den Vorſatz bei ihr hervorrief, zwar ſo weit ſie es vermochte, die Wünſche ihres Gatten ahnen und für ſeine Wohlfahrt ſorgen, aber niemals durch empfindſame Liebesworte auf ihn einwirken zu wollen. Als nämlich Leiler neben ſeiner jungen Frau auf dem Sopha in dem einfachen Brautgemache Platz nahm, ſprach er zu ihr:„Meine beſte Marie! Um ſpogleich in ein freundliches Verhältniß zu einander zu treten, iſt es nöthig, daß wir ein wenig beſſer in unſere Herzen ſchauen und verſtehen lernen, was wir von einander zu erwarten haben. Wir müſſen gegenſeitig ganz aufrichtig ſein. Du weißt, daß unſere Väter dieſe Verbindung wünſch⸗ ten, und daß wir damals nicht Muth genug beſaßen, um uns der Macht entgegen zu ſetzen, der wir zu e horchen gewöhnt waren. Wir hätten freilich nachher das Gelübde brechen können, das wir nicht ſelbſt aus⸗ ſprachen: aber—“ hier machte Leiler eine kleine Pauſe; er war nicht ſo barbariſch, um ihr das zu ſagen, was ſie leider ahnte. Nach einigen Minuten, die für die arme Marie höchſt peinlich waren, fuhr er fort:„Ein unfreundliches Geſchick wollte nicht geſtatten, daß wir einander liebten; und ich glaube dieſer Mangel an ge⸗ — dieſer Aner⸗ unnich⸗ pfand, c, als müt⸗ ihnen daher ſah. eiligen einigen chmerz erſten meren zurück⸗ var ſo ahnen durch vollen. au auf nahm, eich in iſt es chauen warten ſein. bünſch⸗ eſaßen, zu ge⸗ achher t aus⸗ Pauſe; n, was ür die „Ein ß wir an ge⸗ 1583 genſeitiger Neigung rührt hauptſächlich davon her, daß der Beſchluß unſerer Väter in unſere eigenen künftigen Rechte eingriff. Glaubſt Du das nicht auch, beſte Marie?“ Die junge Frau fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen ſtrömte und die Thränen ſich mit unaufhaltſamer Macht zu dem Rande der geſenkten Wimpern hinab⸗ ſchlichen, aber ſie zerdrückte ſie ſchnell, und ihr Erröthen machte bald einer merklichen Bläſſe Platz, als Leiler hin⸗ zufügte: „Scheue Dich nicht, Deinen Mangel an Liebe zu geſtehen! Ich habe ja kein Recht, ſie zu fordern, da ich ſelbſt keine zu bieten habe.“ Jetzt erhob ſie ſich. Der edle Ausdruck in ihren Zügen ward zum kalten Stolze, einem weit kälteren, als ſeine Worte verdienten; denn in dieſen lag wenigſtens eine Offenheit, die nicht verkannt werden konnte. Aber ihr Ton und Blick näherte ſich dem Gefrierpunkte ſelbſt, als ſie erwiederte: Wozu etwas wiederholen, was wir Beide ſo wohl wiſſen?“ „O ja, Marie, wir ſind einander ſchuldig, ein Ver⸗ hältniß in Worten auszuſprechen, das bisher nur Ver⸗ muthung oder Ahnung war. Wir viſſen alſo jetzt, daß wir einander für gegenwärtig nicht lieben; aber wir wiſ⸗ ſen nicht, ob dieß immer ſo bleiben wird, unſere Gefühle können ſich möglicherweiſe ändern. Und da wir einmal in den Eheſtand eingetreten ſind, ſo iſt es, wie ich glaube, wie ich überzeugt bin, unſere Pflicht, einander, ſo gut wir können, den Weg zu ebnen, und uns ſo wenig als möglich in Worten und Handlungen an dieſen Augenblick zu erinnern, an einen Augenblick, der, obwohl nothwendig, 8— eine ſchmerzliche Erinnerung für uns Beide bleiben muß.“ „Lieber Leiler,“ erwiederte Marie ſanft und ruhig, aber durchaus nicht kalt,„wir hegen ja ſo viel Achtung vor einander, daß wir uns wohl bemühen werden, unſer Zuſammenleben ſo wenig bitter als möglich zu machen.“ 154 Und hierin hielten auch Beide Wort, keines ſprach egen das Andere von Mangel an Liebe. Man ſuchte im Gegentheile ſeinem ganzen Weſen und ſeinem Hauſe ein Ausſehen von Zufriedenheit und Gemüthlichkeit zu geben, ungeachtet dieſe guten Genien in Wirklichkeit fehl⸗ ten; denn wenn die beiden Gatten ſich von einander un⸗ bemerkt glaubten, ſeufzte ſie über den Mangel an Innig⸗ keit ihres Gatten, und er über den Zwang, den ihm der äußere Anſtand auferlegte, in dem er zufrieden ſcheinen mußte, während er es doch nicht war. Ein paar Jahre verfloſſen; Marie hatte ihrem Manne einen Sohn geſchenkt. Die gemeinſamen Pflich⸗ ten ſchienen ſie bisweilen einander näher zu bringen; aber eine Kleinigkeit, ein Wort, eine Wendung der Ge⸗ danken ſchied ſie wieder. Ihre Wärme machte Marie zu empfindlich, Leilers Kälte ihn zu gleichgültig. So wurde es von Jahr zu Jahr ſchlimmer und ſchlimmer. Sie zwang ihr glühend heißes Herz, eiſig zu ſcheinen, er zwang ſich zu einer gerade gehörigen Wärme, da beide nur mit einiger Uebereinſtimmung in ihre gemeinſchaft⸗ liche Lebenstemperatur kommen ſollten. Der einzige vermittelnde Genius, der den beiden Gatten zur Seite ſtand, war ihr Nachbar Blum, der ſich aus Liebe zur praktiſchen Oekonomie auf dem Lande niedergelaſſen hatte. Er beſaß Vermögen, und hatte es in einem größeren Betriebe niedergelegt, um deſto mehr Gelegenheit zu ſeinen mannigfachen Neuerungsverſuchen in den verſchiedenen Zweigen der Landwirthſchaft zu er⸗ halten, welcher er mit Vorliebe zugethan war. Blum war ein Mann von unermüdlicher Thätigkeit und patrio⸗ tiſcher Denkungsart, der Gefühl für ſeine bürgerlichen Pflichten hatte. Er ſchwärmte nie; aber er wurde warm und lebendig, wenn es galt, eine gefaßte Idee durchzu⸗ ſetzen, und ſeine Ideen waren gewöhnlich von der Art, daß die geſunde Vernunft ſie billigte und bekräftigte. Blums Güter ſtießen an Leilers kleinen Hof. Und die Freundſchaft, die ſie ſchon vor der Reiſe des Architekten 62 ſprach ſuchte Hauſe eeit zu t fehl⸗ er un⸗ Innig⸗ m der heinen ihrem Pflich⸗ ingen; er Ge⸗ rie zu wurde Sie en, er beide ſchaft⸗ beiden , der Lande tte es mehr ſuchen zu er⸗ Blum atrio⸗ lichen warm rchzu⸗ Art, ftigte. nd die itekten 5 155 nach Italien zu einander gefaßt hatten, knüpfte ſich von Neuem an, als ſie Nachbarn wurden. Aber Blum ſah bald mit Schmerzen, daß Leiler, der für die Meiſterwerke der Kunſt mit enthuſiaſtiſchem Feuer brennen konnte: kalt und gleichgültig vor einem Wunder der Natur ſtand, und ein ſolches war Marie ſtets in ſeinen Augen. Oft war er Zeuge kleiner häuslicher Scenen, von denen ein ſcharffinniger Beobachter immer auf den innern Gehalt des Menſchen ſchließen kann; es wurde ihm klar, daß Leiler durch ſeine höfliche Kälte das fein fühlende Herz ſeines Weibes quälte.—„Die Schuld liegt an ihm,“ ſagte Blum bei ſich ſelbſt;„er liebt ſie nicht.“— Und was ein Freund bei ſo kitzligen Verhältniſſen thun konnte, das that Blum; aber das Band der Ehe iſt zu zart, um die Einmiſchung eines Dritten zu erlauben, er mußte ſich alſo damit begnügen, ſie nur mittelbar einander ſelbſt und dem Glücke näher zu bringen. Aber dieß ge⸗ lang nicht. Eine Froſtnacht nach der andern zerſtörte Blums zarte Pflanzungen, und mit Gram ſah er ſeine Hoffnungen vernichtet. Da es Leilers Geſchäft mit ſich brachte, daß er bis⸗ weilen Monate lang abweſend war, ſo ging dann Blum beſtändig hinüber zu der jungen Frau, und ſuchte ihr durch ſeinen Umgang und ſeine Aufmerkſamkeit die Ab⸗ weſenheit deſſen, den ſie, ohne einmal geliebt zu ſein, dennoch unausſprechlich vermißte, nicht zu erſetzen— er wußte, daß dieß unmöglich war— aber ſie dieſelbe we⸗ nigſtens theilweiſe vergeſſen zu laſſen. Niemand war dankbarer für Blums freundliche Bemühungen als Leiler ſelbſt, denn Niemand konnte aufrichtiger als er wünſchen, Marie möchte eine Freude, eine Zerſtreuung haben. Und nicht ſelten ſprach er zu ihr:„Liebe Marie, ſchenke doch Blum einen dankbaren Blick! Er lebt ja ſo ritterlich für Dich, ohne jemals das Auge auf ein anderes Frauen⸗ zimmer zu werfen.“ Leiler wollte damit nichts Weiteres ſagen. Er kannte Blum, und konnte ihm ſein Weib und ſeine Ehre, ſein 156 Haus und ſeine Heimath getroſt anvertrauen, aber Marie fühlte ſich durch ſolche Aeußerungen gekränkt, und ant⸗ wortete einmal mit ſchlecht verhehlter Bitterkeit: „Du würdeſt nichts dagegen haben, wenn ich dieſe ritterliche Aufmerkſamkeit noch aufmunterte. Ein Mann, der ſein Weib nicht liebt, bekümmert ſich nicht viel um ihre Gefühle.“ „Aber deſto mehr um ſeine eigene Ehre, Madame,“ erwiederte Leiler, und zum erſtenmale mit einer Stimme, die Mariens Herz mit wahrer Todeskälte durchbebte. Sie erbleichte und neigte den Kopf gegen die Hand, ohne ein Wort zu ſagen. „Nun, warum prüfſt Du mich durch ſo unfreund⸗ liche und närriſche Vorausſetzungen?“ fuhr er ruhiger fort.„Du wirſt einſehen, Marie, daß ein Argwohn die⸗ ſer Art kränkend ſein muß. Aber laß uns nicht mehr davon ſprechen! Ich kenne Blum, ich kenne auch Dich und danke aufrichtig Gott, daß Du in unſerem gemein⸗ ſchaftlichen Freunde Jemand haſt,“ der Dir in mancher ſonſt traurigen Stunde, während ich fort bin, Zerſtreuung gewährt. Ich glaube überdieß, daß er ſich beſſer darauf verſteht, als ich; und ich bin nicht eiferſüchtig, Marie! Ich habe zu viel Achtung vor Dir, um es ſein zu können.“ „Nein, Du biſt nicht eiferſüchtig, das iſt wahr,“ ſprach ſie in einem Tone, der bewies, wie ſehr ſich ihr weibliches Gefühl verletzt fand. Es war vielleicht auch das bitterſte, Marien wenigſtens ſchien es ſo, ihren Mann Gott dafür danken zu hören, daß ein Fremder der Freund und die Stütze der von ihm Verlaſſenen ſein wollte. Beleidigt und tief gekränkt, verließ ſie das Zimmer; aber als ſie einander wieder beim Mittageſſen trafen, war ſie wie ſonſt. Alles ging in dem angewohnten Takt; denn es läßt ſich doch Vieles lernen, und Marie verſäumte niemals eine Pflicht. Aber nach dieſem Auftritte ver⸗ welkten vollends die wenigen Blumen, welche ihre Feſſeln —, Marie* ant⸗ dieſe Nann, el um ame,“* imme, Sie ie ein eund⸗ thiger n die⸗ mehr Dich mein⸗ ancher euung arauf karie! in zu reund vollte. aber ar ſie denn üumte ver⸗ Feſſeln . 157 geſchmückt hatten; und am Ende waren es nur noch feine Diſteln, die ſich um die Ringe derſelben ſchmiegten. Das Herz wurde leer und öde; kalte Sommer, laue Winter, freudenarme Tage, thränenreiche Nächte, befrie⸗ digen es nicht. Marie litt, aber ſie klagte niemals; ſie litt jedoch nie allein, Blum begriff die Bitterkeit ihres Schmerzes und theilte ſie, es wurde ſein eigener; denn das junge, ſtolze und geduldige Weib war ihm theurer, als er es ſich je ſelbſt zu geſtehen wagte. Während Lei⸗ lers Aufenthalt in Schweden nahm die gewiſſenhafte Zärt⸗ lichkeit noch zu, mit welcher Blum für Marie und ihr Kind beſorgt war. Sie war ein ihm anvertrautes Gut; und wenn er je einmal in ſeinem Innern nach dem Grunde des Eifers forſchte, womit er der jungen Frau ein Vergnügen zu verſchaffen ſuchte, eines Eifers, der ihn täglich antrieb, auf Mittel zu denken, um ihr eine Freude zu machen, ſo war ſeine Antwort ſtets, daß es ja ſeine Pflicht ſei.„Aber iſt es,“ dachte er,„iſt es auch eine Pflicht, daß ich mich in meiner eigenen Heimath, bei mei⸗ nen gewöhnlichen Beſchäftigungen nicht mehr recht wohl fühle? Nein, es iſt das Mitleid mit ihrem Unglück, was mich ſtets verfolgt und mich beſtändig hieher treibt, um nach ihr zu ſehen.“ Und dabei blieb es, bis der Brief des Architekten ankam, der Brief nämlich, der zum erſten Male von ſeinem Plane, ſich von Marien zu trennen, ſprach. Aber dieß war Etwas, was ſich Blum nie hätte träumen laſſen; und das augenblickliche Gefühl der Freude, das er hiebei empfand, klärte ihn zuerſt über ſei⸗ nen eigenen Zuſtand gegenüber von dieſem Weibe auf. Doch ein Mann von Blums moraliſcher Ueberzeugung, verabſcheute ſowohl das Geſetz, welches eine Trennung der Ehe erlaubte, als auch die Porſonen, die es benützten, um ſich von den Feſſeln zu befreien, die ihnen in die Länge zu drückend wurden. „Doch was das Geſetz ſelbſt betrifft“— Blum ging auf und nieder, indem er für ſich ſelbſt advocirte—„ſo 1⁵⁸ muß zwar zugeſtanden werden, daß das Land nicht für beneidenswerth zu halten wäre, wo es kein ſolches gäbe, denn daß in einer Ehe Umſtände vorhanden ſein können, unter welchen dieß nicht allein erlaubt, ſondern ſogar— ſogar— nein! recht iſt es doch nicht, in Ewigkeit nicht!“ rief er heftig.„Was Gott vereint hat, ſoll der Menſch nicht trennen. Ganz gut. Aber ſind ſie nicht ſchon für etrennt anzuſehen, da ſie nicht glücktich zuſammen leben können? Das iſt der Knoten, der ſich nicht ſo leicht löſen läßt. Unter einer Ehe wird eine Vereinigung der Seelen verſtanden, oder dieß ſollte wenigſtens darunter verſtanden werden, und damit hat das Materielle nichts zu thun. Wenn daher dieſe zwei Seelen nicht in eine zuſammen gegoſſen werden wollen oder können, ſondern im Gegen⸗ theile ſtets nach entgegengeſetzten Richtungen hintreiben, wäre es da nicht beſſer, daß ſie ſich nicht in eine be⸗ ſtimmte Form zu zwingen ſuchten, wß ſie wie ein Paar eingeſperrte Weſpen umher ſurren und ſtechen, bis ſie durch ihre eitlen Bemühungen nach Luft und Freiheit end⸗ lich ermatten, und entweder ſich lebend verzehren oder ge⸗ radezu ſterben? Ja freilich ſcheint es ſo. Aber auch das äußerliche Band iſt geheiligt, und die Meinung der Welt drückt ſtets einen dunklen Stempel auf einen geſchiedenen Mann oder ein ſolches Weib“ Blum hatte eine große Achtung vor der Meinung der Welt, oder vielleicht beſſer geſagt, er hatte eine gewiſſe Furcht vor jeder Handlung, die ein zweideutiges Ausſehen bekommen konnte, und vermied ſorgfältig allen böſen Schein. Er that dieß jedoch nie auf Koſten ſeiner Ue⸗ 8 berzeugung; wenn er aber einen Entſchluß faſſen ſollte, ſo mußte dieſe wohl befeſtigt ſein, und er ſuchte deßhalb alle Gründe dafür und dagegen auf, welche die in Frage ſtehende Sache in ein klareres Licht ſetzen konnte. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß er auch dieß⸗ mal mit der ſtarken Seelen eignen Kraft, jeden Gedanken an ſich ſelbſt ganz und gar entfernte, und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit nur darauf richtete, wie er als Mitmenſch und * 2 Frex part von durch eine Tag denn wurd benſ⸗ dieſen gewa ein a Roſe und wie lung nung monit von? und reißen ſinnig verſte ewöl hat e ſtrebt auch der 9 Ueber gerat iſt, d jene Ausb Kraft t für gäbe, nnen, —Ir— ſicht!¹ tenſch n für leben löſen eelen anden thun. nmen egen⸗ eiben, e be⸗ Paar 3 ſie end⸗ r ge⸗ das Welt denen der wiſſe ſehen vöſen Ue⸗ ollte, hhalb rage dieß⸗ inken nerk⸗ und 5 4 15⁵9 Freund die Stellung der beiden Gatten zu einander un⸗ partheiiſch beurtheilen könnte. „Leiler kennt ſein Weib nicht,“ dachte Blum,„da⸗ von geht Alles aus; denn thäte er dieß, ſo müßte er ſie durchaus lieben. Für ihn iſt Mariens ſchöne Seele noch eine unenthüllte Knoſpe, und es braucht mehr als einen Tag, um ſie ihm in ihrer herrlichſten Fülle zu entwickeln; denn ihr ſchüchternes Gemüth, das ſo oft zurückgeſtoßen wurde, zieht ſich zuſammen und verbirgt ſein helles Far⸗ benſpiel. Aber wäre der nicht ein Narr, der ſagte:„aus dieſer Knoſpe wird keine Roſe; ich habe den ganzen Tag gewartet und ſie hat ſich noch nicht geöffnet?“ Aber noch ein größerer Thor wäre er, wenn er, um ſchnell eine Roſe zu bekommen, die Knoſpe mit Gewalt aufmachte und die Blätter aus einander breitete. In der phyſiſchen, wie in der moraliſchen Welt bedarf Alles der Entwicke⸗ lung; und wenn n Menſchen nicht ſo oft die Hoff⸗ nung aufgäben und müde würden, ſo würde Alles Har⸗ monie werden.“ „Aber Leilers unruhiger, heftiger Geiſt will nichts von Warten wiſſen; er braust heran, wie ein Sturmwind, und will die Knoſpe mit Wurzeln und Blättern aus⸗ reißen, die doch an ſein Herz feſtgewachſen iſt. Der un⸗ ſinnige Menſch! Wer kann all' die Triebfedern faſſen und verſtehen, die einen ſolchen Brauſekopf außer den Kreis gewöhnlicher menſchlicher Gedanken ſetzen? Gleichwohl hat er das Rechte und Gute gewollt; er hat darnach ge⸗ ſtrebt, ich habe es geſehen, und bisweilen ſpiegelte ſich auch ein Schimmer von Ruhe auf der Oberfläche. Aber der Naturkräfte ſind unzählige; erſt wenn ſie durch das Uebergewicht einer oder einiger in Kampf mit einander gerathen, entſtehen die Blitze, deren Hauptbeſtreben es iſt, durch Wiederherſtellung des verlorenen Gleichgewichtes jene Ruhe hervorzubringen, die gewöhnlich auf jeden Ausbruch folgt. Ihre Richtung gegen die überwiegende Kraft iſt alſo eine Folge natürlicher Geſetze.“ 160 Hier blieb Blum ſtecken; er war auf das Kapitel der Naturgeſetze gerathen, und eine mächtige Stimme, die Gott weiß, was für einen heimlichen Potentaten re⸗ präſentirte, wollte den mit aller Macht zum Schweigen bringen, der noch als Präſident auf dem großen von Zeit und Gewohnheit geheiligten Richterſtuhle der öffent⸗ lichen Meinung ſaß. Blum war in einer höchſt mißlichen Lage. Mit ſich ſelbſt über Recht und Unrecht disputiren, iſt weit ſchwe⸗ rer, als dieß mit Andern thun; und am allerſchwierigſten iſt es, wenn wir nicht vollkommen ſicher ſind, ob nicht das ſelbſtſüchtige Gefühl eines eigenen Vortheils unſere Ueberzeugung beſticht. Dieſe letzte Furcht war es, die Blums klaren Blick verwirrte; und er beſchloß, um nicht in ein Labyrinth von Meinungen und Gedanken zu ge⸗ rathen, woraus er ſich nur mit Mühe heraus ſinden konnte, Leilern nur ganz kurz und in allgemeinen Sätzen zu antworten und ihm das beſtimmt abzuſchlagen, um was er Blum gebeten hatte, daß nämlich er Marien auf den Vorſchlag einer Scheidung vorbereiten möchte. Als der Brief abgegangen war, fühlte ſich unſer braver Blum bedeutend erleichtert, und an dieſem Abend war er in ſeinem Benehmen gegen Marie weit freier und ungezwungener, als er ſeit lange geweſen war. Er meinte auch, ſie begegne ihm mit einem Grade von Freundſchaft, der mit jedem Tage eine größere Innigkeit annahme. Alles war daher gut, das heißt, ſo gut es eben ſein konnte, als Leilers zweiter Brief ankam. Jetzt entſtanden neue Kämpfe; man kann es jedoch für entſchieden annehmen, daß Blums ſpätere Weigerung ſich mehr aus der Unruhe, bei einer ſolchen Verhandlung ſelbſt die dritte Perſon zu ſein, als aus der Furcht her⸗ leitete, die öffentliche Meinung oder die Geſetze der Mo⸗ ral zu verletzen; denn ſo weit war er jetzt durch tägliche Betrachtungen der Sache gekommen, daß er bei ſich ſelbſt zugab, es müſſe, da nichts auf demſelben Punkte ſtehen bleibe die L Ausſt man dann ſelbſt könne moral dieſe ren, l würdi er Lei der w den, k rie ſa entſche fung werfen rung er ſell Blum in Er ward Eintri daß er Kind der H Nachri waren „. ſie, un nicht a B um der Die Kapitel timme, ten re⸗ weigen en von öffent⸗ tit ſich ſchwe⸗ erigſten b nicht unſere s, die m nicht zu ge⸗ finden Sätzen r, um ten auf unſer Abend ier und meinte dſchaft, 2. Alles konnte, jedoch igerung undlung cht her⸗ 3 Mo⸗ tägliche h ſelbſt e ſtehen 161 bleibe, ſondern entweder ſteige oder falle, auch eine Ehe in die Länge beſſer oder ſchlimmer werden; wenn aber die Ausſichten wie im gegenwärtigen Falle wären, ſo könne man nicht mit Grund auf eine Beſſerung hoffen, und dann könnte nichts einen Menſchen verbinden, in einer ſelbſt geſchaffenen Hölle zu leben, aus der er ſich retten könne, betrachte man die Sache nun vom weltlichen, moraliſchen oder religiöſen Standpunkte aus. Allein dieſe Anſichten, die in Blums Kopf noch ganz neu wa⸗ ren, behielt er für ſich. Er würde es für eine höchſt un⸗ würdige und leichtſinnige Handlung gehalten haben, wenn er Leilern den geringſten Wink davon gegeben hätte, denn der wichtigſte Theil der Frage war ja noch nicht entſchie⸗ den, kaum berührt, kaum geahnt. Was würde wohl Ma⸗ rie ſagen und thun? Sie war es— ſie allein, die einen entſcheidenden Ausſpruch thun konnte. Und ihrer Prü⸗ fung wollte Blum den ſchwierigen Fall nicht unter⸗ werfen. Einige Wochen verſtrichen, ohne eine beſondere Stö⸗ rung herbeizuführen. Leiler hatte zwar geſchrieben, daß er ſelbſt zu ſeinem Weibe zurückkehren würde; allein Blum glaubte, er habe die Sache vielleicht aufs Neue in Erwägung gezogen, da er damit zögerte. Doch er ward eines andern belehrt, als er eines Abends beim Eintritt in Mariens Zimmer ſie— zum erſten Male, daß er ſich erinnern konnte— weinend fand, ihr krankes Kind auf dem Schooße, den Brief ihres Mannes in der Hand. „Wie ſteht es, Madame Leiler? haben Sie traurige Nachrichten erhalten?“ Seine Stimme zitterte; die Worte waren faſt unverſtändlich. „O ja, Herr Blum, höchſt traurige,“ erwiederte ſie, und verbarg ihr Geſicht an dem ihres Kindes, um nicht aufſehen zu müſſen. Blum konnte nicht weiter fragen; er war zu gerührt, um den rechten Ton zu ſinden. Schweigend, aber voll Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 11 162 Unruhe ſetzte er ſich dem tief erſchütterten Weibe gegen⸗ wie über. muß „Will Herr Blum den Brief meines Mannes leſen?“ reich ſprach ſie und reichte ihm denſelben hin.„Ich finde, zu ſe daß der Gegenſtand deſſelben Ihnen ſchon bekannt iſt, in⸗ dem Sie ja zu zartfühlend waren, um den Unterhänd⸗ und ler in einer ſolchen Angelegenheit machen zu wollen. Leſen⸗ ſern Sie, und laſſen Sie uns dann darüber ſprechen.“ Blum durchlief zwar eine Seite nach der andern; aber am Schluſſe des Briefes wußte er keinen Buchſtaben von dem, was darin ſtand. Er ſah nur Mariens Thränen, er fühlte nur den heißen Schmerz, der in die⸗ ſem Augenblick in ihrer Bruſt toben mußte, und unauf⸗ hörlich klangen die Worte in ſein Ohr:„Leſen Sie, wir werden nachher darüber ſprechen.“ Und konnte denn er in dieſer Sache ſprechen? War er es denn, der hier rathen durfte? Seine Seele litt und ängſtigte ſich in der Feuerglut der widerſtreitendſten Gefühle. Innig wünſchte er, von dieſer Tortur weit weg zu ſein, die einen bra⸗ ven Mann zum Kampf mit ſeiner Leidenſchaft, ſeiner Pflicht und ſeiner Ueberzeugung zwang, die der Ehre, der Wohlfahrt und Ruhe eines Weibes entgegengeſtellt waren, für die er mit Freuden ſein Leben gegeben hätte, als ie um ihr jene zu erhalten. Gefül „Nun, was ſagen Sie, Herr Blum, was ſagen Sie Ueber zu dem Vorſchlag? Man kann ja nicht verlangen, daß Ich k ein Mann mehr für ein Weib thun ſoll, deſſen er las mit I . ſein will... derte Es lag ein kalter Hohn in Mariens Worten und auf, Blicken; die Gefühle wechſelten ſo heftig in ihrem Herzen, Geger daß ſie in jeder Stunde neue Geſtalten annahmen. 21 „Von welcher Verſorgung ſprechen Sie, Madame Lei⸗ muß ler?“ fragte Blum ſtammelnd. Er wußte durchaus nicht, von was die Rede war; aber er vermuthete, es werde heißli Etwas in Beziehung auf ihr künftiges Unterkommen ſtand dem Briefe geſagt ſein. Dich, „O es iſt doch zu bitter, Blum! Sie wiſſen nich gegen⸗ leſen?“ h finde, 4 iſt, in⸗ terhänd⸗ Leſen 7 andern; chſtaben Mariens in die⸗ unauf⸗ en Sie, ite denn der hier hin der vünſchte hen bra⸗ „ ſeiner — Ehre, ngeſtellt n hätte, gen Sie n, daß mer los ten und Herzen, n. ame Lei⸗ f, —— 163 wie wehe es thut, wenn man eine Schmach erdulden muß, die tauſendmal bitterer als der Tod und ſo ſinn⸗ reich ausgedrückt iſt, daß man Blumenduft aus dem Gifte zu ſaugen meint.— Aber was denken Sie?“ „Ich denke gar nichts,“ antwortete Blum eintönig, und nahm noch einmal den Brief, um ſich zu einer beſ⸗ ſern Aufmerkſamkeit zu zwingen. Wir legen denſelben hier unſern Leſern vor. Sechszehntes Kapitel. D'rum prüfe, wer ſich ewig bindet, Ob ſich das Herz zum Herzen findet, Der Wahn iſt kurz, die Reu' iſt lang. Schiller. So dunkle Lehren kann die Tauſchung ſpinnen, ——— und je nach ihrer Gier, Denkt ſie den Himmel ſich ſo, wie er paßte ihr. Moore. „Theure Marie!“ Sye er „Verzeihe mir, daß ich Deinen letzten Brief länger, als ich ſollte, unbeantwortet ließ, aber es gibt gewiſſe Gefühle, Gedanken und Ideen, die eine lange und ernſte Ueberzeugung erfordern— und dieß war hier der Fall. Ich hätte gerne mit Dir geſprochen, viel, tief, herzlich mit Dir geſprochen. Aber was ich ſagen wollte, erfor⸗ derte die gewiſſenhafteſte Behandlung, und ich ſchob es auf, um mich ſelbſt an den Gedanken der Wichtigkeit des Gegenſtandes zu gewöhnen. „Liebe, gute Marie! Du ſchweſterliche Freundin! ich muß Dir dieſen Titel geben, da Du ja für mich mehr eine holde und vorſorgliche Freundin, als ein feuriges und heißliebendes Weib warſt. Kannſt Du wohl den Gegen⸗ ſtand unſerer heutigen Beſprechung ahnen? Erinnerſt Du Dich, was an unſerem Hochzeitabend geſchah? Wir ge⸗ 11* 164 lobten einander damals mit treuer Standhaftigkeit— einwi obwohl ohne Liebe— unſer Schickſal zu theilen, und glück wir haben auch redlich Allem aufgeboten, um unſer Wort zu halten. Aber es iſt nicht unſere Schuld, daß die Wor! Pflicht nur Pflicht und daher ſchwer war. Nein, Marie, werde dem Herzen gebietet Niemand, das haben wir jetzt ge. Blick ſehen; aber wir ſind Herr unſeres Willens, unſerer Ent⸗ zu la ſchlüſſe, unſerer Anſichten von der Sache. Und vielleicht ſeid! ſind dieſe Anſichten nicht ſo verſchieden, als Du mög⸗ und licherweiſe beim erſten Nachſinnen über den Vorſchlag, Freut den ich Dir jetzt vorlegen will, zu glauben verſucht ſein euern möchteſt. ben. „Laß mich jedoch Dir zuerſt ſagen, theure Marie, ja am daß Du Dich noch nicht ſelbſt kennſt, das iſt ſehr natür⸗: giges lich, da Du eben erſt angefangen haſt, ein reflektirendes ſchaft Leben zu führen; aber fahre damit fort, und das Chaoss der 2 der Gedanken wird immer mehr vor dem zur Thätigket Art erweckten Sonnenſtrahle verſchwinden, das bisher in Deiner aber Seele geſchlummert hat. Und wenn es einmal vollkom⸗ ſich i men klar vor Dir wird, wenn Dein Blick weit über daß den beſchränkten Kreis der Gegenwart zu dringen vermag kann, wenn Dir eine andere Zukunft, ein anderer Glaube, eine dann andere Hoffnung leuchtet, als die, welche auf der Mär⸗ es iſt tyrerkrone der Entſagung ruht— der einzigen, die Du kindli jetzt erringen kannſt— dann, Marie, wirſt Du verſtehen, Neigt was ich Dir jetzt ſagen will, und vielleicht den Augen⸗ bring bringe blick ſegnen, wo dieſer Gedanke in meiner Seele entſtand, 1 der uns Beide zu Licht, Friede und Freiheit führen aber wird. einem „Und nun, Marie, habe keine Furcht vor dem Worte ohne ſelbſt! Du biſt kein gewöhnliches, ſchwaches Weib, das neni vor einem Windhauche zittert; Du haſt Stärke, Du haſt Fo ge gelitten und kannſt viel ertragen. Sei auch jetzt das hen u ruhige, beſtimmte Weſen, welches fühlt, was das Leben Gatte in entſcheidenden Momenten fordert. Und dieſer Moment deße ſchließt die Frage in ſich: Willſt Du in eine Eheſcheidung 4 Rolle igkeit— en, und ſer Wort daß die „Marie, jetzt ge⸗ erer Ent⸗ vielleicht du mög⸗ oorſchlag, ucht ſein e Marie, r natür⸗ ktirendes s Chaos Lhätigkeit n Deiner vollkom⸗ deit über vermag, ube, eine er Mär⸗ die Du verſtehen, Augen⸗ entſtand, führen m Worte eib, das Du haſt jetzt das as Leben Moment ſcheidung 165 einwilligen, da wir nie, in Ewigkeit nie mit einander glücklich leben können?. „Ich kann mir leicht denken, wie ſchon dieſe zwei Worte„Eheſcheidung“ Deinen ganzen Abſcheu erregen werden. Aber ihr Weiber ſeht meiſtens mit ſchiefen Blicken, wenn es darauf ankommt, etwas zu thun oder zu laſſen, wobei die Welt ihr Urtheil fällen wird; ihr ſeid lieber Sklaven ihrer Laune und ihres Gutdünkens, und unterwerft euch eher einem mühſamen Leben ohne Freude, ohne Liebe, ohne Troſt, als daß ihr es wagt, euern Geiſt zur Freiheit und Selbſtſtändigkeit zu erhe⸗ ben. Ach Marie! ſo ſöllte es nicht ſein. Das Weib iſt ja auch ein in geiſtiger Hinſicht von ſich ſelbſt abhän⸗ giges Weſen, obſchon einmal die Ordnung der Geſell⸗ ſchaft und ein alter ſklaviſcher Brauch, der noch immer der Aufklärung trotzt, es ſo beſtimmt hat, daß ſie eine Art geduldig tragendes Hausthier ſein ſollte. Wenn ſie aber in ſich ſelbſt Kraft, Willen und Vermögen findet, ſich in einem eigenen Kreiſe zu bewegen, wenn ſie fühlt, daß ſie einige Schritte außerhalb des Zirkels thun kann, den der Mann um ſie zu ziehen beliebt hat,— dann, Marie, iſt es keine Schande, keine Sünde, nein! es iſt ſogar ihre Pflicht, ein Band aufzulöſen, das nur kindliche Liebe und ſklaviſcher Gehorſam, nicht aber eigene Neigung geknüpft hat.“ „Ich könnte leicht eine Menge anderer Gründe vor⸗ bringen, um meinen aufgeſtellten Satz zu bekräftigen; aber ich will mich mit einem einzigen begnügen, mit einem einzigen, der Dich überzeugen muß, daß eine Ehe ohne Liebe, eine Ehe, die auf keinem feſteren Funda⸗ mente gebaut iſt, als die unſrige, unberechenbar traurige Folgen für die heranwachſende Generation nach ſich zie⸗ hen muß: Ich meine das Beiſpiel, welches mißvergnügte Gatten ihren Kindern geben; denn iſt es wohl denkbar, daß Eltern, die täglich in einer nur äußerlich erkün⸗ ſtelten Einigkeit leben, und alſo leider nur zu oft aus der Rolle fallen müſſen, zu dem ernſten Beruf eines Erziehers 4 h 166 der um ſie aufwachſenden jungen Sprößlinge taugen ten mögen? Sieh, Marie, in dieſer Periode iſt es, wo Jahf das Gemälde ſeine ſchwärzeſten Schatten wirft, und wo Von die ſcharfen Kanten der Unverträglichkeit in Worten und ſein, Thaten— der Fehler ſei nun, auf welcher Seite er man wolle— am meiſten in die Augen fällt und Schram⸗ men in die zarten Herzen ritzt, welche die Zeit nicht heilt durch und nicht heilen kann, da ſie mit den zarten Weſen ſelbſt nen größer werden. Kind „Das Gefühl für das Recht und Unrecht iſt viel ſchon leicht nirgends ſtärker als bei Kindern; und die Fehler war der Eltern werden ihre Nachkommen vielleicht zu ver⸗ zu; ächtlichen, charakterloſen Menſchen, vielleicht zur vollkon⸗ wird menen Hefe machen; denn wo kein Beiſpiel von Reli einm gion, Liebe und gegenſeitiger Verträglichkeit als wachen⸗ jetzt der Schutzengel an der Wiege der Heranwachſenden ſteht auf — da iſt Nichts zu erwarten, aber Alles zu fürchten. der Bis ſo weit wirkt eine unglückliche Ehe auf die Mit dann lebenden ein: von hier an geht ihr Einfluß auf das zu⸗ und künftige Geſchlecht über, und die Vorſehung allein weiß der bis in das wievielte Glied.“ geacl „Theure Marie! dieß ſind nicht bloß leere Schat⸗ Gefi tenbilder, flüchtig hingeworfen, um auf Deine Phantaſie einzuwirken. Nein! unglücklicherweiſe gibt uns die Er⸗ ang fahrung mehr Beiſpiele hievon, als nöthig wären, um bin uns etwas zu beweiſen, was wir wohl ſchon zum Voraus ſtand wiſſen. Nämlich den moraliſchen Einfluß der Ehe auf Pap unſere Nochkommen. Ich habe Dir daher nur zeigen nicht wollen, was wir wie ſo viele Andere zu erwarten haben, g re und will es Deiner Prüfung anheimſtellen, ob es nicht 3 richtiger und mit dem Gebote der Religion und der Blu⸗ Pflicht vereinbarer wäre, wenn wir uns trennten, als deßh wenn wir uns einer Zukunft voll unberechenbar bitterer vorb Folgen ausſetzten. Die einzige Art und Weiſe, die wir ich, in dieſer Hinſicht zu wählen haben, iſt das gewöhnliche ſo d Verfahren, wo ein Ehegatte den andern verläßt; dieß dnen iſt das einfachſte und führt am wenigſten Schwierigk taugen es, wo und wo rten und Seite er Schram⸗ cht heilt en ſelbſt iſt viel⸗ 2 Fehler zu ver⸗ vollkom⸗ on Reli⸗ wachen⸗ den ſteht fürchten. die Mit⸗ das zu⸗ in weiß, Schat⸗ bhantaſie die Er⸗ en, um Voraus Ehe auf zeigen haben es nicht und der en, als bitterer die wir böͤhnliche zt; dieß 5 bierigkei⸗ 167 ten mit ſich, wenn auch die im Geſetz beſtimmten drei Jahre und noch einige Zeit darüber erforderlich wären. Von einer andern Urſache kann natürlich nicht die Rede ſein, da keines von uns etwas anzubringen hätte, worauf man die Sache gründen könnte.“ „Um Dich wegen Deines künftigen Unterkommens durchaus zu beruhigen, erkläre ich hiemit, daß ein mei⸗ nen Einkünften angemeſſener Unterhalt für Dich und Dein Kind von Blum erhoben werden ſoll, der, wie Du weißt, ſchon lange mein Kommiſſionär in dieſen Angelegenheiten war. Unſer kleiner Hof fällt, wie er iſt, unſerem Sohne zu; und Du kannſt frei darüber verfügen, bis er mündig wird, ohne daß ich mich im Geringſten in irgend etwas einmiſchen werde, was Du damit vornehmen willſt. Was jetzt den letzten und ſchwierigſten Punkt in Beziehung auf dieſes unſer gemeinſchaftliches Band betrifft, ſo ſoll der Knabe bei Dir bleiben, bis er ſieben Jahre alt iſt; dann dürfte er eine männliche Behandlung nöthig haben, und er wird an mir einen Vater finden, der ihn mit all' der Liebe behandeln wird, welche das Andenken an eine geachtete Mutter erheiſcht, wenn auch nicht die heiligſten Gefühle der Natur ſelbſt zu ſeinem Vortheile ſprächen. „Und nun, Marie, habe ich Dir meinen ganzen, ſo lange überdachten Vorſchlag aus einander geſetzt. Ich bin vielleicht zu weitläufig geweſen; aber dieſer Gegen⸗ ſtand erfordert Gedanken, und wenn ſich die Gedanken in Papier, Tinte und Feder kleiden ſollen, ſo kommen ſie nicht ſo ſchnell zum Ziele, als wenn ſie ungehemmt auf ihrer freien Bahn dahin eilen dürfen. „Ich habe bereits unſerem gemeinſchaftlichen Freunde Blum über denſelben Gegenſtand geſchrieben, und hoffe deßhalb, daß dieſer Brief Dich vielleicht nicht ganz un⸗ vorbereitet trifft. Wie dieß aber auch ſein mag, ſo weiß ich, daß Du ſtark biſt; und da der Zweck ein guter iſt, ſo dürfen Dich die Mittel nicht zurückſchrecken, denn von zwei ſchlimmen Dingen iſt es immer am beſten, das am wenigſten ſchlimme zu wählen. Das Urtheil der Welt 168 ſoll zuletzt befragt werden. Wir haben einen Richter in unſerem Innern, der uns nicht falſch leitet. Lebe wohl, Marie! Wenn Du Deinen Entſchluß, den Du wohl überlegen magſt, gefaßt haſt, ſo eile, ihn mitzutheilen Deinem ergebenen Leiler. Während der Zeit, daß Blum dieſen Brief durchlas und recht begriff, hatte Marie ihr Kind weggelegt, und kam jetzt, um mit ihrem geprüften Freunde über eine Antwort zu rathſchlagen. Sie ſetzte ſich neben ihn auf den Sopha, bebte jedoch vor Erſtaunen zurück, als ſie den Blick auf ſein ſtarres Auge heftete. Noch hielt er den Brief in der Hand, und ſeine Seele war zugleich zu ſehr abweſend und zu ſehr gegenwärtig, um zu be⸗ merken, daß Marie neben ihm Platz genommen hatte, bis ſie mit einem leiſen Zittern ſeine Hand faßte und ausrief:„Um Gotteswillen, beſter Blum, was iſt Ihnen? Sie befinden ſich nicht wohl, glaube ich; Sie ſind ſo blaß!“ „Ja, ja, ich befinde mich nicht wohl; aber es wird bald beſſer werden. Erlauben Sie mir, Madame Leiler, zu fragen, was für eine Antwort Sie hierauf geben wollen? Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß, wie auch Ihr Beſchluß ausfallen mag, Sie ſtets einen Freund und Bruder in mir finden werden, deſſen ganze, aber leider unbedeutende Macht Ihnen zu Gebot ſteht, wenn Sie befehlen.“ „Ach, ich weiß nicht, wie gut Sie ſind, Blum! Hat nicht die Verlaſſene in Ihnen ſchon ihren Beſchützer ge⸗ Ihne Sie erfüll verſta beſtin 1 len m Sie 1 funden und oft geſegnet! Ich bin vollkommen überzeugt. eine 2 daß ich bei jedem Wendepunkt in meinem Leben ſtets auf ſchreil Sie, als einen aufrichtigen Freund, zählen kann. Aber, beſter Blum, finden Sie nicht auch, wie ich, daß auf dieſen Brief nur Eine Antwort erfolgen kann?“ „Nein, das finde ich nicht,“ erwiederte er mit einer etwas unſicheren Stimme.„Ich meine, ich glaube, das heißt, es ſcheint mir ſo, daß, wenn ein Ehegatte dem andern einen ſolchen Vorſchlag thut, und ihn auf eine ſenden „gut“ Mit Gegen Marie ichter in de wohl, u wohl heilen 1 durchlas gt, und ber eine ihn auf als ſie hielt er zugleich zu be⸗ / hatte, ßte und Ihnen? blaß!“ es wird Leiler, wollen? ie auch Freund , aber wenn n! Hat tzer ge⸗ 169 Art entwickelt, der den deutlichſten Beweis von dem Wunſche ſeiner Annahme liefert— dann es ja klar iſt, daß auch der andere die angeführten Punkte in Erwägung ziehen muß, und— aber Sie wiſſen, was ich ſagen will, Marie“ „Ich glaube wenigſtens, es errathen zu können,“ ſprach ſie leiſe und einige Falten bildeten ſich auf der ſonſt ſo glatten und ebenen Stirne.„Sie wollen ſagen, Blum, daß ich...“ „Beſte Madame Leiler, ich will nichts ſagen. Um alles in der Welt nicht möchte ich mit einem einzigen Wort auf ihren Entſchluß einzuwirken ſuchen. Nein, der Himmel bewahre mich, Ihr Vertrauen ſo zu mißbrau⸗ chen, und wenn Sie auf meinen innigſten Wunſch einige Rückſicht nehmen wollen, ſo verſchonen Sie mich von jedem Antheil an dieſem Beſchluſſe, bis er unwiderruflich und bereits in einer Antwort an ihren Gatten ausge⸗ ſprochen iſt.“ „Aber beſter Herr Blum, Sie baten mich ja eben, Ihnen zu ſagen, was ich zu antworten gedächte,“ „Freilich; aber es war unrecht von mir. Ich bitte Sie dagegen jetzt deſto eifriger, meine zweite Bitte zu erfüllen, um ſo mehr, da Sie, wenn ich Sie nicht miß⸗ verſtand, ſchon im Anfang ſich nur für Eine Antwort beſtimmt hatten.“ „Ja, ſo war es, Blum; und Ihnen zu Liebe wol⸗ len wir jetzt nicht weiter davon ſprechen. Aber wenn Sie mich am nächſten Abend beſuchen, ſo will ich Ihnen erzeugt. eine Abſchrift von der Antwort geben, die ich heute Nacht ets auf Aber, aß auf t einer je, das tte dem if eine ſchreiben und Morgen mit der Frühpoſt meinem Manne ſenden werde.“ „Gut,“ ſagte Blum; und mit dieſem einzigen Worte „gut“ ſchien er eine unendliche Laſt von ſich abzuwerfen. Mit mehr Selbſtbeherrſchung ſprach er jetzt über andere Gegenſtände; doch ging er früher als gewöhnlich, um Marie die ſo nothwendige Zeit zu laſſen, und auch, um 170 3 ſelbſt eine ungeſtörte Stunde zu haben und ſeine Gedan⸗ ken entwirren zu können.— Aber mit Grund darf man ſagen, daß Blum in der Zeit, die zwiſchen dieſem und dem andern Abax verging, mehr träumte, als wirklich lebte. Dieſes Lebei.N zwiſchen Furcht und Hoffnung, dieſes Zaudern zwiſche. Recht und Unrecht; eine Frage, die er längſt entſchieden zu haben meinte, die aber jetzt mit erneuerter Stärke 85 vor ihn trat, hatte ihn ſo ſehr mitgenommen, daß er ſelbſt, als er einen flüchtigen Blick in den Spiegel warf, Marien zu erſchrecken fürchtete; und die ganze Kraft, die ihm zu Gebote ſtand, war kaum hinreichend, um ſeine Züge zu beherrſchen, als er jetzt zu ihr eintrat, und ſie ruhiger, aber leichenbleich an ihrer Arbeit ſitzen fand. einig „Willkommen, Herr Blum! Nun iſt das Schlimmſte doch vorüber, nun iſt es entſchieden;“ ſie reichte ihm ein Blatt. große Papier. get. „Ihr Vertrauen, Madame Leiler, ſoll nicht miß⸗ iefen braucht werden,“ ſprach Blum, und fühlte, wie eine welch eiſige Kälte durch ſein ganzes Weſen ſtrömte, als er ſich obwol niederbeugte, um das Papier zu empfangen.„Erlauben kein l Sie mir, hinauszugehen.“ Er wartete die Antwort nicht verro ab, ſondern ging in das nächſte Zimmer. ſchaft Einige Minuten lang ſaß er voll der höchſten Angſt. Aeols und unbeweglich da. Endlich faßte er Muth, öffnete müſſen und las. Es war derſelbe Brief, der Leilern in jenen— düſtern Zuſtand verſetzte und ſeine Reiſe zur Folge hatte. Du n. Wir theilen ihn im nächſten Kapitel mit. Zavor a e es— 7 A wenn eingen nicht einem 171 Gedan⸗ Siebenzehntes Kapitel.. lum in Abesh* 5 4 3 Lebea Hab' ich nicht durch ihn gelitten, zwiſchen Nicht ſein Zweifel mich verkannt, ſchi d Schweren Kampf hab' ich geſtritten, ſ hieden. Auf des Herzens Roſt gebrannt. Stärke 8 v. Braun. 1 daß er Die Seele ſpannt alle ihre Kräfte zum Aufflug el warf, und wunſcht ſich die Schwingen des Morgenwinds. 1 aaft, die Bulwer. 11 m ſeine„Rudolph!“ und ſie Noch zittern in meinem halb gebrochenen Herzen fand. einige Töne, die nie eine Erwiederung fanden, die aber limmſte ddoch nicht ſterben können; denn ſie waren eine Gabe des Blat großen Tonſetzers, der uns ein lebendiges Gefühl mit tiefen und unendlich wunderbaren Saiten gab, damit wir ht miß⸗ etwas von der unermeßlichen Scala lernen ſollten, in vie eine welcher jede Note ewige Liebe heißt. Aber, Rudolph, er ſich obwohl die Töne noch leiſe anklingen, ſo ſind ſie doch rlauben kein harmoniſches Ganzes mehr. Die Saiten ſind längſt art nicht verroſtet und zerbrochen, und es iſt nur ihre Verwandt⸗ ſchaft mit der Grundſaite, was ſie wie eine klagende en Angſt Aeolsharfe ertönen macht, bis ſie für immer ſchweigen öffnete muüſſen. 8 in jenin Du verſtehſt mich vielleicht nicht. Vielleicht wirſt ge hatte. Du mich auch nicht verſtehen wollen, ich zittere beinahe n denn Du warſt es ſtets, der behauptete, daß Kiinne Liebe in unſerer Ehe ſei. Aber Rudolph, Du biſt es— Du allein, der keine darin finden wollte. Und wenn ich den Eifer ſah, mit dem Du ſtets dieſer einmal eeingewurzelten Idee huldigteſt, ſo beſaß ich nicht Muth, nicht Kraft genug, um mich an Deine Bruſt zu werfen, damit Du wenigſtens mich von dieſem grauſamen Ur⸗ theile ausnehmen moͤchteſt. Vielleicht wird Dein Wider⸗ wille noch wachſen, wenn Du ſiehſt, wie ich gerade in einem Augenblicke, wo ich mich am meiſten mit Stahl 172 umgeben ſollte, das Zeichen einer Schwäche darlege, die ich bisher zu beherrſchen ſuchte. Aber vielleicht, Ru⸗ dolph, liegt meine höchſte Stärke gerade in dieſer Schwach⸗ heit, denn glaube mir, es iſt keine Kleinigkeit für den Stolz eines Weibes, das ſich verſchmäht ſieht, ihr Herz vor dem Manne zu enthüllen, der lieber gar nicht darin zu leſen wünſchte. Ich bin jedoch überzeugt, daß es meine Pflicht als Gattin und Mutter erfordert, jedes aufrühreriſche Gefühl von beleidigtem Hochmuth zu er⸗ ſticken. Ich muß mich zeigen, wie ich bin, damit Du mich nicht länger falſch beurtheilſt. Und ſollteſt Du mich deßhalb verachten, ſo— wäre es ja nur ein Schmerz weiter, freilich ein bitterer, bitterer vielleicht als alle andern; doch lieber dieß, als bei einer ſo entſetzlichen Kriſis, einen Mangel an Aufrichtigkeit zu zeigen. „Ja, Rudolph, ſo iſt es. In meinem Herzen lebte ein Gefühl ſo tief und treu, als noch je eines bei einem warmblütigen Weibe brannte, es lebte— lebte einſam. Funken von dem inne wohnenden Feuer umſchwebten Dich oft; aber ſie zitterten und erloſchen an der Eiskälte, wo⸗ mit Du ſie anhauchteſt; und das Herz, das arme Herz ſchüttelte ſich in dem nämlichen Augenblicke vor Froſt, als die eigene Gluth es beinahe verzehrte. Doch Du weißt, ich habe geſchwiegen, gelitten und geduldet. Noch jetzt hätte ich Dir den Schmerz erſpart, den Du viel⸗ leicht bei meinem Bekenntniß empfindeſt, wenn Dein Vor⸗ ſchlag einer Eheſcheidung nicht einen Aufruhr, einen Sturm in meiner Seele erregt hätte, den ich um jeden Preis zu ſtillen verſuchen muß; und es ſchien mir, 82 ob ich ruhiger werden würde, wenn ich kein Geheimni mehr vor Dir hätte, das drohend zwiſchen uns tretee und die wenigen Sonnenſtrahlen, die möglicherweiſe un⸗ ſern dunklen Himmel erhellen könnten, in ſeinen finſtern Schleier hüllte. „Ich bin nicht ſo thöricht, um zu hoffen, daß Ge⸗ fühle, die Du nie gehabt haſt, gerade jetzt in Dir auf⸗ keimen ſollten, wo Du ſelbſt diejenigen niedermäheſt, die den ſucht wiſſe entſy und rühr behat mein wird das ſerer pfen. daß vor e aburt Denn muß iſt na breche licher glaub Verbr ziehun die je ſind, ſelbſt neter Geſetz zu ſtre Frau ſitzt ei Eigent lege, die bt, Ru⸗ Schwach⸗ für den hr Herz ht darin daß es t, jedes ) zu er⸗ mmit Du Du mich Schmerz als alle ſetzlichen hen lebte ei einem einſam. dten Dich ilte, wo⸗ me Herz r Froſt, doch Du t. Noch Du viel⸗ ein Vor⸗ r, einen im jeden mir, alt eheimniß is trete, beiſe un⸗ finſtern daß Ge⸗ Dir auf⸗ iheſt, die 173 nur Ehre und Pflicht Dir zu ſchonen befahlen; aber Du ſollſt wenigſtens künftig nicht ſagen, daß es ein Mangel an gegenſeitiger Liebe und Verträͤglichkeit war, worauf Du Dein grauſames Beſtehen auf einer Trennung grün⸗ den kannſt. Nein, da müßte ein anderer Grund aufge⸗ ſucht werden— wo, weiß ich nicht und will es nicht wiſſen; denn mein Beſchluß, Deinem Wunſche nicht zu entſprechen, iſt unwandelbar. „Glaube nicht, Rudolph, daß es aus Schwachheit und Mitleid mit meinem eigenen betrübten Daſein her⸗ rühre, wenn ich meine Rechte als Deine Gattin beizu⸗ behalten ſuche. Nein, nicht darum, denn ich weiß, daß mein Leben künftig noch leerer und freudenarmer ſein wird, als es bisher war, aber für unſer Kind, und für das Gefühl, welches die Religion und die Heiligkeit un⸗ ſerer Verbindung mir zu achten gebietet, will ich käm⸗ pfen. Und dann, o Rudolph, was hab' ich Dir gethan, daß Du meinen Namen vor der Welt brandmarken und vor einen Richterſtuhl ziehen willſt, der über mein Leben aburtheilen wird, indem er über meine Ehre urtheilt? Denn eine Trennung, geſchehe ſie nun wie ſie wolle, muß ſtets von dunklen Schatten begleitet ſein, und das iſt natürlich. Wenn zwei Gatten das heiligſte aller Bande brechen wollen, ſo müſſen ſich Fehler von nicht gewohn⸗ licher Art auf einer der beiden Seiten finden. Die Welt glaubt es wenigſtens, und wird dieſe Fehler vielleicht zu Verbrechen ſtempeln. Die Bilder, die Du mir in Be⸗ ziehung auf die Selbſtſtändigkeit des Weibes vorſpiegelſt, die jetzt dem Gutdünken des Mannes unterworfen ſei, ſind, fürchte ich, weit eher erträumt als wahr. Gott ſelbſt hat ja beſtimmt, daß ihr Beruf ein untergeord⸗ neter ſei, und wir thun wohl daran, uns nicht gegen die Geſetze der Natur zu erheben, und nach einem Platze zu ſtreben, wo der Mann zu herrſchen gewöhnt iſt. Die Frau braucht deßhalb kein Hausthier zu ſein. Sie be⸗ itzt eine Kraft in ihrer Seele, und dieſe Kraft iſt ihr Eigenthum— ein Lehen von ihm— und ſie muß ihr * 174 genügen, wenn äußere und innere Stürme den Frieden zu ſtoren ſuchen, den ſie mit Kampf und Mühe an einem Tag erworben hat, um ihn am nächſten wieder wegge⸗ blaſen zu ſehen. „Das Gemälde, das Du in Beziehung auf die Kinder einer unglücklichen Ehe entwirfſt, iſt ſehr finſter; aber ich frage Dich, ob es unglücklichere Weſen geben kann, als die, welche ohne eigentlich einen Vater oder eine Mutter zu haben— indem ſie als Bettler zwiſchen beiden hin und hergehen— erzogen werden, und keine beſtimmte Heimath beſitzen, wo ſie Pflege oder kindliche Freude finden können. Du mußt ein Nein antworten, wenn Du Dir nicht vorgenommen haſt, gegen alle Natur zu han⸗ deln und zu ſprechen; und mit dieſem Nein mußt Du auch zugeſtehen, daß ein derartiges Beiſpiel der Eltern einen noch ſchlimmern Einfluß auf die ſittliche Bildung der Kinder haben wird, als der iſt, den Du mit allzu⸗ ſcharfen Farben aufgetragen haſt, als daß er auf unſer Verhältniß anwendbar wäre. O Rudolph, wenn Du nicht mich ſchonen willſt, ſo denke wenigſtens an Deinen Sohn, er iſt unſchuldig, und doch willſt Du einen Schatten auf ſein zartes Haupt werfen; Du willſt in ſeinem Herzen ein Samenkorn der Zwietracht ausſäen, das zwiſchen ihm und uns aufſchießen ſoll; denn wer hat Recht und wer Unrecht? Soll unſer Kind dieß einmal entſcheiden? Nein, es ſoll es nicht können, und dann ſeine Seele vor uns beiden ſchließen. Wenn wir dieſes Kind nicht hätten— und wenn ich vollkommen überzeugt wäre, daß Du nicht glücklich werden, nie eine Freude am Leben finden ken teſt außer durch eine Trennung von mir— dann glaub ich, würde ich, auch wenn mein Herz darüber brechen müßte, zu Deiner unnatürlichen Bitte Ja ſagen; aber noch flüſtert mir die Hoffnung zu, die Zeit könne viel⸗ leicht einen freundlichen Stern hervorrufen, um das ge⸗ genwärtige Dunkel zu erhellen. Wie dieß aber auch ſein n ſo lange unſer Sohn lebt, erheiſcht es meiner Anſicht na ſowohl meine Ehre, als die Sorge für ſein zukünf⸗ tiges weiſ führe Gede ſen, trenn Furch liche beher Er nm liche ihm geglaꝛ ſames depun ſein n in Ve Kriſis 4 haupt Mißli Er ko. diſche ziemli die S natürl gehren Gefüh hätte gleich hni noch h Untreu daß ſie Frieden einem wegge⸗ Kinder ; aber t kann, er eine mbeiden ſtimmte Freude enn Du u han⸗ ißt Du Eltern Bildung allzu⸗ f unſer du nicht Deinen Schatten Herzen en ihm nd wer 2 Nein, or uns tten— u nicht n könn⸗ glaube brechen ; aber ie viel⸗ das ge⸗ ich ſein Anſicht zukünf⸗ 175 tiges Wohl, daß ich alle Vorſchläge dieſer Art zurück⸗ weiſe. ſe,Rudolph, ich kann Dich nicht wieder zu uns zurück⸗ führen; aber dennoch ſchaudert meine Seele bei dem bloßen Gedanken, meinen Namen auf ein Blatt zeichnen zu müſ⸗ ſen, das mich auf ewig von jeder Hoffnung auf Glück trennt. Marie.“ Jetzt war der Schlag geſchehen, es war beſtimmt. Furcht und Hoffnung übten nicht mehr ihre gleich gefähr⸗ liche Gewalt über Blum aus. Mit männlicher Selbſt⸗ beherrſchung ſtand er auf und legte den Brief zuſammen. Er machte einige Gänge auf und nieder, um ſeine gewöhn⸗ liche ruhige Haltung wieder zu gewinnen, und es gelang ihm weit beſſer, als man bei ſeiner vorigen Stimmung geglaubt haben dürfte. Aber es iſt eben nichts ſo Selt⸗ ſames: daß Menſchen nach einem beſonders wichtigen Wen⸗ depunkt in ihrem Leben— der Ausgang mag nun geworden ſein wie er will— nicht allein wunderbar ruhig ſcheinen, in Vergleich mit dem, was ſie während der erſchütternden Kriſis ſelbſt waren, ſondern auch wirklich ruhig ſind. Blum ging alſo, wie geſagt, auf und nieder und ſann hauptſächlich darüber nach, was für einen Eindruck das Mißlingen von Leilers Plan auf dieſen machen würde. Er konnte die Stärke von Leilers Gefühlen für ſeine ſchwe⸗ diſche Geliebte nicht recht beurtheilen; aber er nahm es für ziemlich entſchieden an, daß nach dieſer Antwort Mariens die Sache von ſelbſt zerfallen müßte, denn Leiler konnte natürlich nicht gegen ihren Willen eine Eheſcheidung be⸗ gehren. Was dann das offene Bekenntniß von Mariens Gefühlen für ihren Gatten betraf, ſo meinte Blum, ſie hätte ſich dieſe Demüthigung wohl erſparen können; aber gleich darauf erinnerte er ſich, daß Marie nicht die geringſte Ahnung von Leilers Gefühl für ein anderes Weib habe; noch hatte ſie den letzten Schlag, die Nachricht von ſeiner Untreue, nicht empfangen; und alſo mußte er zugeſtehen, daß ſie recht gehabt hatte, jeden Ausweg zu verſuchen, den . 176 Pflicht, Liebe und mütterliche Zärtlichkeit ihr eingab, un fühls den Verblendeten zurückzuführen. die L „Möchte ſie nur dieſe letzte, für ihren Stolz gewiß ſo beuge empfindliche Aufopferung nicht ebenfalls vergebens gemacht haben!“ dachte Blum weiter.„Mochte ſie nicht ⸗bald er⸗ vor i fahren, daß er mit Kälte und Mißtrauen das Geſtändniß ſich n von Gefühlen anhört, an deren Vorhandenſein er nicht ein R glaubt und nicht glauben will, da die, welche jetzt ſen zuſam Weſen beherrſchen, dem Götzenbilde zugehören, das er in wenn ſeinem falſchen, untrcuen Herzen verwahrt.“ ſtumn Und Blum hatte Recht. Leiler wurde zwar von den das C Briefe ſeiner Frau tief erſchüttert; aber dieß ward weniger dung durch das Geheimniß bewirkt, deſſen Siegel ſie darin ge: den iſ brochen hatte, als durch die Sache ſelbſt, die ſeinem Be⸗ dieß d ſchluſſe hinderlich war; und als ſein Auge mit Blicken, Wille welche das Edle und Weibliche ihres Selbſtbekenntniſſes ſtande entweihten, über die Zeilen flog, ſah er ſich wider ſeinen von a Willen zur Einſicht genöthigt, daß jetzt, wo ſie ihren Mann ein ne zu lieben behauptete und er ſelbſt nicht läugnen konnte Ich w daß ſie ſtets die Pflichten einer Hausfrau geduldig und treu Augen erfüllt hatte, und wo ſie ihren beſtimmten Entſchluß aus⸗ blind ſprach, auf keine Trennung einzugehen, all' ſeine heftigen Planes Gefühle und ſtürmiſchen Wünſche in die Luft verflogen. Ohne U ihre Einwilligung hatte er nichts, worauf er die Hoffnung nach 9 ſtützen konnte, von Feſſeln befreit zu werden, die er nicht riens länger tragen wollte oder konnte. ſ W Dieſe Ungewißheit war es— denn eine gegen ſeine Nachgi Wünſche ſtreitende Gewißheit wollte er nicht haben— welche Marfel Leilers Muth dämpfte und ihn tiefſinnig, wortkarg und ganz b düſter machte. Vielleicht empfand er auch ein reuiges Ge⸗ eines fühl darüber, daß er in der nemlichen Stunde, wo er den Urtheil Brief ſeines Weibes empfing und noch ehe er den Inhalt daß eit deſſelben wußte, das Siegel von dem bisher verborgenen Zukunf Räthſel ſeiner eigenen Gefühle brach und Alfhild dort hin⸗ längere einblicken und das Gift aus den Blumen ſaugen ließ, die bedauer ſich kunſtreich um die ſchwarze Tiefe woben, welche unter Gefühl ihnen gähnte. Dieſe Handlung, eine Handlung des Ge⸗ Die N, 2* gab, um gewiß ſo gemacht bald er⸗ ſtändniß er nicht jetzt ſein das er in von dem weniger arin ge⸗ nem Be⸗ Blicken, untniſſes r ſeinen n Mann konnte, und treu uß aus⸗ heftigen n. Ohne voffnung er nicht en ſeine Jwelche arg und ges Ge⸗ oer den Inhalt orgenen ort hin⸗ ieß, die e unter es Ge⸗ 177 fühls, der Zufälligkeit— nicht der Ueberlegung— ſchmerzte die Selbſtſtändigkeit des ſtolzen Mannes, die ſich nun beugen und ſchweigen mußte. Selten dagegen trat der Gedanke an Mariens Leiden vor ihn. Die Selbſtſucht des Mannes hat keine Zeit, um ſich mit den Leiden Anderer zu beſchäftigen, wenn er ſelbſt ein Raub von Qualen iſt, dexen drückende Laſt ſeine Bruſt zuſammenpreßt und den freien Umlauf des Blutes hemmt, wenn jetzt noch hinzukommt, daß daſſelbe Weſen, deſſen ſtummen Schmerz er ehren ſollte, einen kalten Nebel um das Eden gehaucht hatte, wohin er ſchon in der Einbil⸗ dung ſein Götterbild verſetzt ſah. Unter ſolchen Umſtän⸗ den iſt weder auf Liebe noch auf Mitleid zu hoffen. Ueber⸗ dieß dachte Leiler, wenn er ſich bisweilen gegen ſeinen Willen, wie durch eine geheime Macht zu dieſem Gegen⸗ ſtande hingezogen fand:„Wer weiß, ob nur ein Wort von all' dem wahr iſt? Sie hat mit dieſer Erdichtung nur ein neues und ſtärkeres Band um mich winden wollen. Ich will die Sache beſſer erforſchen; ich will mit eigenen Augen ſehen.“ Und er hätte hinzuſetzen können:„Ich will blind ſein, um nicht den Erfolg des neu ausgedachten Planes, des einzigen, der mir noch übrig bleibt, zu ſtören.“ Und dieſer Plan beſtand darin, daß Leiler beſchloß, nach Norwegen in ſeine Heimath zurückzureiſen, an Ma⸗ riens Edelmuth zu appelliren— denn da wollte er ihr ſeine Liebe zu Alfhild geſtehen— um ſie dadurch zur Nachgiebigkeit zu nöthigen; und ſo gewiß meinte er auch Martens Glück dadurch zu begründen, daß er ſeinen Stolz ganz beiſeite ließ, der ihm doch hätte verbieten ſollen, an eines Weibes Edelmuth zu appelliren, und ſogar das Urtheil ſeines eigenen Gefühls überhörte, welches ihm ſagte, daß ein gebrochenes Herz keine Berechnung mehr für die Zukanft zu machen habe. Wenn er jetzt je einmal nach längerer Zeit Marien antwortete, ſo geſchah es kalt, kurz, bedauernd und ausweichend. Die Anſpielung auf ihre Gefühle für ihn war ſo fein, ſo berechnet und zart, als ob Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 3 178 dieſer Gegenſtand von einer ſo kitzlichen Beſchaffenheit wäre, daß man kaum darauf hauchen dürfte; und der eigentliche Inhalt beſtand in Kürze darin, daß er gegen Weihnachten heimkommen werde, um ihre Angelegenheiten mündlich zu beſprechen. Leiler hatte die Liebe ſeines Weibes mit ausgezeich⸗ neter Geſchicklichkeit in ein ſolches Licht geſtellt, deß die arme Marie die Augen nicht auf ſeinen Brief, noch viel weniger auf ihn ſelbſt werfen konnte, ohne über ihre Schwachheit zu erröthen. Er erreichte alſo ſeinen Zwech vollkommen. Das Herz des jungen zurückgeſtoßenen Wei⸗ bes zog ſich geduldig, aber ſchrecklich zuſammen. Alle Hoffnung war jetzt dahin; aber ſie hätte ſich ſelbſt ver⸗ achtet, wenn eine Klage über ihre Lippen gegangen wäre, Indeſſen wurde es immer ſchlimmer mit ihrem Kinde. Und die Stunden, die ſie in Gebet und Thränen an ſei⸗ ner Wiege durchwachte, waren voll von dem, was die Erde am reichlichſten zu bieten hat, von Pein und Kampf. Als Leiler unvermuthet heimkehrte,— er hatte ſie nicht von dem Tage unterrichtet,— war wenig Hoffnung mehr für das Leben des Knaben; und mit ſtummem Schmerz ſah die Mutter die Stunde der Auflöſung heran⸗ nahen, einer Auflöſung, die all' die frühzeitig verheerten Hoffnungen ihres Herzens umfaßte. Achtzehntes Kapitel. Kalt wie der Winter im Rorden Fand ich der Menſe Ferz auch, Bald geht mein eigenes in Rauch. i die Aſche in s Grab.j 95 Böttig r. Der Weihnachtsabend war da und mit ihm ein un⸗ heil verkündendes Wetter, welches die öde Leere in den der Feierlichkeit halber erleuchteten Zimmern noch äugſt⸗ licher machte. In dem Saale, wo das Kaminfeuer 6 ₰ brar Bät zeigt getre ganz fehlt an d leblo Reich einen der wie und mehr Blur Er buſch hatte die e Er ſ betra tiefer er ni allen lagen die S dem Bruſt gegebe litt. daß it in di ſchwel Klein⸗ eit wäre, gentliche hnachten nündlich sgezeich⸗ daß die toch viel ber ihre i Zweck ten Wei⸗ n. Alle lbſt ver⸗ en waͤre. m Kinde. nan ſei⸗ was die ‚Kampf. hatte ſie Hoffnung ſtummem ig heran⸗ erheerten rden auch, aucht 4- er. An un⸗ e in den ch ängſt⸗ minfeuer 179 brannte, und der Weihnachtstiſch mit einigen einſamen Bäumen und Kuchen ſo arm und freudenlos daſtand, zeigte ſich kein Menſch; aber ein Fremder, der hier ein⸗ getreten wäre, hätte ſagen müſſen, daß, wenn auch das ganze Zimmer voll Leute geweſen, dennoch das beſte fehlte: Frieden und Gemüthlichkeit. Man vermißte nichts an der Ordnung. Alles war zierlich und ſauber, aber leblos. Der Geiſt der Liebe führte in dieſem ſtillen Reiche nicht den Scepter. Deßhalb meinte man eher in einem leeren Grabe zu wandeln, als in einem Tempel, der einem Familienfeſte geweiht war. In der Wohnſtube war die Scene beinahe dieſelbe, wie an dem Abend, wo Leiler an dem Glasfenſter ſtand und hereinſah. Auch jetzt ſaß Marie mit ihrem immer mehr hinſchwindenden Kinde auf dem kleinen Schemel; Blum auf demſelben Stuhle und an demſelben Fenſter. Er fuhr ſogar wie damals mit der Hand durch das buſchige Haar; aber ſein Blick war finſterer, denn er hatte ihn beinahe ununterbrochen auf Leiler geheftet, der die einzige Vermehrung des düſtern Gemäldes ausmachte. Er ſtand mit dem Rücken gegen den Ofen gekehrt, und betrachtete den langſamen Todeskampf ſeines Kindes mit tiefer und wahrer Rührung. In dieſem Augenblicke war er nur Vater. Die geahnte Nähe des Todesengels legte allen Gefühlen ein Band an, die außerhalb des Kreiſes lagen, den er mit ſeinen weißen Schwingen gezogen hatte; die Sprache des Schmerzes iſt ſtumm. Niemand hatte dem Andern ein Wort mitzutheilen. Die Stunden ſchlichen langſam dahin. Mariens Bruſt rang nach Luft, und das Weſen, dem ſie das Leben gegeben hatte, athmete immer leiſer und leiſer, denn es litt.„O!“ dachte Marie,„daß es auch für mich litte, daß ich meinem Kinde folgen dürfte, wenn es nun bald in die Räume des Lichts und der Seligkeit hinüber ſchwebt! Hier iſt es ſo enge, ſo finſter! Wenn das Kleine fort iſt, dann darf ich einſam frieren, kein Funken 8 12* 180. Wärme wird ſich mehr zu dem armen Herzen hinſchmie⸗ gen.“ Aber ihre Bitte ward nicht erhört. Das letzte Röcheln aus der kleinen Bruſt hatte aufgehört, die Lip⸗ pen zitterten nicht mehr in krampfhaften Zuckungen un⸗ ter dem langen Kuſſe des Todesengels, die Augen ver⸗ drehten ſich nicht mehr aus Schmerz und Kampf. Sie hatten ſich zur ewigen Ruhe geſchloſſen— und doch lebte mann. um den zehrenden Todeskampf der Seele auszu⸗ ehen. Dort ſitzt eine junge Mutter mit ihrem todten Kinde im Arm, und ſucht und ſehnt ſich nach einer Bruſt, an die ſie ihr Haupt lehnen könnte, aber ſie iſt allein, ſchauerlich allein und verlaſſen, obſchon das Weſen, deſſen Blick ſie ſucht, neben ihr auf den Knieen liegt! Seine Seele, ſeine Gedanken folgen dem Kinde; aber ſie, die vernichtete Gattin, ſtützt er nicht, weihte ihr keinen gütigen Arm, während ſie doch nahe daran iſt, zu vergehen, und ſich nach einem Aſyle ſehnt, wohin ſie vor den ſtürmiſchen Schlägen des in Angſt und To⸗ desqual bebenden Herzens fliehen könnte. Marie konnte nicht mehr; das Kind ſank von ihrem Schooße und wurde von Leilern empfangen. Blum nahm die ohn⸗ mächtige Mutter in ſeine Arme, und ſein Auge ſchoß einen zornigen Blitz auf Leilern; aber dieſer merkte nichts. Er ſaß ſtumm, das geborſtene Gelenk der verhaßten Kette an ſeine Bruſt drückend. Als Marie wieder zur Beſinnung, zum Bewußtſein ihres Verluſtes und zum vollen Gefühl ihres Elends erwachte, da war es Blum, der über ſie gebeugt ſtand; es war ſein warmer, unausſprechlich theilnehmender Blick, der den ihrigen ſuchte, es war ſeine Hand, die ſie mit einem freundlichen Drucke ermahnte, zu leben und zu kämpfen. Sie bewegte ſich; ſie erhob ihren Kopf und legte ihn an ſeine Bruſt; und ſie ließ ihn dort, denn es war ja ein menſchliches Herz, welches darinnen klopfte. Und die Wärme und der friſche Schlag thaten ihrem Herzen wohl; es war jetzt nicht ſo einſam. F Blu Sie habe vor. men hatte dere Pau Jetz! aber gege das zu 2 in ih ſtens von beſon ließ. ohne fung daß Blun ſchme ihren dann und Töne kannt Trau Spar Scha ſchöpf ſchmie⸗ letzte e Lip⸗ en un⸗ en ver⸗ . Sie h lebte auszu⸗ todten einer ſie iſt in das Knieen Kinde; weihte daran wohin nd To⸗ konnte ge und e ohn⸗ thaßten ußtſein Elends ſtand; mender d, die leben ihren eß ihn welches Schlag einſam. 181 „Theure, theure Marie, geht es beſſer?“ flüſterte Blum in einem Tone, der tief in ihre Seele griff. Sie meinte dort ſchon lange dieſen Laut gehört zu haben. Er kam ihr ſo bekannt und doch auch ſo fremd vor. Das kam daher, daß ſie in ihren wachen Träu⸗ men oft in dieſem Tone mit ihrem Gatten geſprochen hatte, aber ſelbſt hatte ſie es nie von Lippen gehört, deren Rede an ſie gerichtet war. „Es geht beſſer,“ erwiederte ſie nach einer kurzen Pauſe, und zwei heiße Thränen fielen auf Blums Hand. Jetzt nahte ſich Leiler. Wohl hatte er erſt ſpät gefühlt, aber er hatte es doch gefühlt, daß auch er eine Pflicht gegen ſeine Gattin zu erfüllen habe; und nachdem er das Kind auf ſein Bettchen niedergelegt hatte, trat er zu Marien, um ihr wenn nicht Troſt— denn der wäre in ihrer Lage ſchwer zu finden geweſen— ſo doch wenig⸗ ſtens die Aufmerkſamkeit zu gewähren, die ſie mit Recht von ihm fordern konnte. Leiler ergriff ihre Hand, die ſie ihm jetzt ohne ein beſonderes Gefühl von Sehnſucht oder Widerwillen über⸗ ließ. Er küßte ſie und ſagte freundlich und ſanft, aber ohne Wärme:„die Stunde des Schmerzes und der Prü⸗ fung iſt hart, meine liebe Marie; aber ich danke Gott, daß Du fromm und von Herzen geduldig biſt.“ „Ja, das hat ſie bei meiner Seele nöthig,“ brummte Blum. Doch Mariens Lippen verzogen ſich zu einem ſchmerzlichen Lächeln. Sie hatte kein Wort mehr für ihren Gatten; aber ein Blick traf den ſeinigen, und dann ſenkten ſich Beider Augen. Sie hatten Gedanken und Gefühle gewechſelt; es brauchte nicht mehr der Töne, um ſie verſtändlich zu machen. Der Begräbnißtag war vorüber. Freunde und Be⸗ kannte— Verwandte beſaßen ſie keine— hatten die Trauernden verlaſſen; und ermattet von der gewaltſamen Spannung der Seele und Sinne wankte Marie wie ein Schatten durch die leeren Gemächer. Da ſie zu er⸗ ſchöpft war, ſetzte ſie ſich auf den Schemel in der Ofen⸗ 182 ecke, wo ſie beſtändig mit ihrem Kinde geſeſſen war; aber kein Laut ließ ſich hören, als das ſchauerliche Echo der Todesglocken, die unaufhörlich in ihrem Ohre wie⸗ dertönten. Dieſen Platz ſuchte ſie ſtets in den ſtillen Dämmerungsſtunden; ihre Hände lagen dann gewöhnlich gefaltet im Schooße— dem leeren Schooße, auf den ihre thränenvollen Augen beſtändig hinſtarrten. Aber kein Blick begegnete dem ihrigen, ſie hörte keinen Schlag eines andern Herzens unter ihrer fieberheißen Hand. Alles war ſtille, und Marie ſchauderte vor ihrer Ein⸗ ſamkeit zurück. Indeſſen gingen die Männer draußen im Saale in abgemeſſenem, eintönigem Takte auf und nieder. Die Gegenwart des Todes ubte ſowohl hier als dort noch ſeine Macht aus und verbot jede Berührung der viel⸗ ſeitigen Gegenſtände des weltlichen berechnenden Lebens. Doch jeder Zauber muß ſich einmal löſen. Die Schneeflocken verſchneiten bald wieder den mit Zweigen beſtreuten Weg, welchen der ſchwarze Zug mit der kleinen Bahre gegangen war, die Lacken wurden von den Fenſtern genommen, der Räuchergeruch verflog; und wenn auch die Thräne und der Kummer in dem gequälten Mutterherzen nicht aufhörte, ſo wurde ſie doch äußerlich allmählig ruhiger, und Marie ſaß bald in Erwartung der näheren Entwicklung ihres Schickſales ſo kalt und weiß da, wie die Schneeformen vor ihrem Fenſter. Unter ſolchen Verhältniſſen gehen Tage und Wochen langſam dahin, aber ſie gehen doch. Am Abend ſagt man:„Gott ſei Dank, der heutige Tag iſt endlich vor⸗ über!“ und am Morgen:„Gott ſei gelobt, wieder eine Nacht überſtanden!“ Doch dieß iſt ein betrübtes Leben, wenn das Vegetiren des Körpers dieſen Namen verdienen kann. Die Seele muß aus ihrer Betäubung geriſſen, ſie muß zu neuem Leben erweckt werden! So dachte wenig⸗ ſtens der Architekt, und beſchloß eines Morgens— es war zu Anfang Februar— zur Ausführung des Entſchluſſes zu ſe konnt marl genb glau gen an, die E wöhn gen: einen haſt, chen, einige als 1 offene einen Auge hin z er gl lich d aber Mari Liebe errötl nem mitten I gen, er ſich beherr i war; he Echo pre wie⸗ u ſtillen vöhnlich auf den Aber Schlag Hand. er Ein⸗ aale in v. Dir rt noch er viel⸗ Lebens. den mit Zug mit wurden verflog; in dem ſie doch bald in hickſales r ihrem Wochen nd ſagt ich vor⸗ der eine Leben, erdienen ſſeu, ſie wenig⸗ es war ſchluſſes 183 zu ſchreiten, der bald nicht länger aufgeſchoben werden konnte, da er gegen Mitte März wieder in Groß⸗Ham⸗ marby ſein mußte. Schon lange hatte die arme Marie auf dieſen Au⸗ genblick gewartet; und obſchon ſie wieder hie und da glaubte, es wäre beſſer, wenn er ſchon gut vorübergegan⸗ gen wäre, ſo rechnete ſie doch Leilern das Zartgefühl hoch an, das ihn zum Zögern beſtimmte. Jetzt hatte jedoch die Stunde geſchlagen; das Blut ſchoß ihr mit unge⸗ wöhnlicher Heftigkeit zum Herzen und färbte ihre Wan⸗ gen mit hochrother Gluth, als ihr Gatte eintrat und mit einem:„Guten Morgen, beſte Marie! Wenn Du Kraft haſt, mich anzuhören, ſo möchte ich gerne mit Dir ſpre⸗ chen,“ neben ihr auf dem Sopha Platz nahm. Sie konnte nicht gleich antworten; aber ſobald ſie einigen Athem geholt hatte, ſprach ſie mit ſo feſter Stimme als möglich: „Sa, ich bin ſtark genug, Rudolph, laß mich hören!“ Ihr Zuſtand, das Zittern ihrer Stimme und die offene, liebevolle Hingebung, die in ihrem Auge lag, übten einen mächtigen Einfluß auf Leilern. Er konnte dieſem Augenblicke nicht ſelbſt entſchlüpfen, er konnte nicht um⸗ hin zu erkennen, daß er tief und innig geliebt ſey; aber er glaubte und hoffte,— was er wünſchte,— daß näm⸗ lich dieſes Gefühl jetzt größtentheils beſiegt ſey. Es konnte aber auch nicht ſo ſeyn, und war es auch nicht; aber in Mariens Blick las er neben der deutlichen Sprache der Liebe noch eine andere, deren Bedeutung er zu enträthſeln erröthete. Er fühlte ſich einige Sekunden lang von ei⸗ nem Gefühle bewegt, das zwiſchen Schaam und Reue mitten inne ſtand. „Marie!“ „Rudolph!“ Nach einem für beide unausſprechlich peinlichen Schwei⸗ gen, begann Leiler endlich ſich darüber zu ſchämen, daß er ſich von einer ſolchen Schwachheit, wie er es nannte, beherrſchen ließ, und überwand mit einiger Anſtrengung 4 . 184 den Unwillen und die Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, die jeder empfindet, wenn es ſich darum handelt, etwas vor⸗ zutragen, von dem man weiß, daß es den tief ſchmerzen und in's Herz ſchneiden muß, an den die Worte gerichtet werden. „Was ich Dir zu ſagen habe, beſte Marie,“ ſprach er endlich mit ziemlich ruhiger Faſſung,„iſt Dir durch meinen Brief über dieſe Sache bereits bekannt; aber, da noch ein weiterer Grund für meinen Wunſch vorhanden iſt, als die bereits angeführten, ſo halte ich mich ebenſo⸗ wohl um meiner Ehre willen, als aus Achtung vor Dir, für verbunden, ihn zu erwähnen. Doch nur in dem Fall, wenn Du mir ſelbſt die Erlaubniß gibſt, davon zu ſprechen.“ Jetzt wurden Mariens Wangen wieder ſchneeweiß; eine ſeltſame Unruhe hob ihre Bruſt, nie empfundene Gefühle ſtürmten durch ihr Herz; ſie flüſterte nur ganz leiſe;„Ich will hören,“ und legte, wie ſie gewöhnlich pflegte, die Hände auf dem Schooße zuſammen; ihr Kopf war geſenkt, der Blick ſtarrte nach der Ofenecke, das Ohr lauſchte bebend, und ihre Lippen zitterten. Leiler ſetzte ſich näher zu ihr. Sie fühlte den Hauch ſeines Athems, und ein krampfhaftes Zucken zog ihre Bruſt zuſammen; jede Fiber war geſpannt, die Marter war langſam. „Du willſt mich hören, theuere Marie, ich danke Dir für dieſe Worte! Mein Herz wird leichter werden, wenn es kein Geheimniß mehr drückt. Aber wo ſoll ich ſo milde Worte finden, um Dich von meinem Zuſtand, dem Zu⸗ ſtande meines Herzens zu unterrichten? doch— erlaſſe mir das lange Suchen derſelben. Du biſt zu hochgeſinnt, um eine Rückſicht auf die Form zu nehmen— wiſſe denn, Marie, ich liebe— liebe von ganzer Seele das einzige Weib, das für mich paßt— das einzige, das mich gluck⸗ lich machen kann— das einzige, das meinem unruhigen Herzen genügt und genügen wird.“ „Ein ſehr naives Bekenntniß,“ ſprach Marie mit furcht kochte Stur Mißt Leiler recht den. Straf Auger vorher ſcheſt f ſere( Motir daß T am m tet we einand Daraꝛ einand ſere 6. einand und ü kann, nug h dere, dieſe S Kindes Hand ſein; i füllen. meine Bande ſtens 1 ſt, die 6 vor⸗ nerzen rrichtet ſprach durch er, da handen benſo⸗ Dir, Fall, on zu eweiß; undene r ganz öhnlich Kopf , das Hauch g ihre Narter ke Dir wenn milde n Zu⸗ erlaſſe eſinnt, denn, einzige glück⸗ uhigen e mit 185 furchtbar erkünſtelter Kälte. Aber ihr Blut glühte und kochte ſiedheiß in ſeinen tiefſten Quellen. Der wildeſte Sturm iſt Harmonie im Vergleich mit den kreiſchenden Mißtönen, die ihre Seele zerriſſen. „Weniger naiv, als wahr und menſchlich,“ erwiederte Leiler ein wenig verletzt.„Vielleicht hab' ich jedoch Un⸗ recht gehabt, mich mit dieſem Vertrauen an Dich zu wen⸗ den. Ich muß ſo glauben; aber dieſer Fehler führte auch ſeine Strafe mit ſich. Ich habe mich, wie ich ſehe, in Deinen Augen noch verabſcheuungswürdiger gemacht, als ich ſchon vorher war. „Und iſt es denn nicht gerade das, was Du wün⸗ ſcheſt?“ fragte Marie zögernd. „Weit entfernt! Ich bin nicht ſo verächtlich, um un⸗ ſere Eheſcheidung auf die Benützung eines ſo niedrigen Motivs zu gründen. Nein, ich wünſche im Gegentheile, daß Du von dem, was nächſt meiner Liebe auch auf mich am meiſten einwirkt, nämlich von der Ueberzeugung gelei⸗ tet werden moͤchteſt, daß wir jetzt unmöglich glücklich mit einander leben, ja überhaupt kaum zuſammenleben können. Daraus aber folgt durchaus nicht, liebe Marie, daß wir einander verabſcheuen müſſen; wir ſehen nur ein, daß un⸗ ſere Gefühle, unſere Anſichten und Neigungen nicht mit einander übereinſtimmen, und gerade, weil wir das finden, und überzeugt ſein müſſen, daß es nie anders werden kann, ſo können wir auch Muth und Entſchloſſenheit ge⸗ nug haben, das formelle Band abzuſchütteln. Das an⸗ dere, wenn ein ſolches vorhanden war— erlaube mir dieſe Worte— iſt ſchon mit dem letzten Seufzer unſeres Kindes gebrochen.“ „Du biſt grauſam,“ ſeufzte Marie und preßte die Hand gewaltſam gegen das Herz.„Aber laß es genug ſein; ich bin überzeugt und bereit Deinen Willen zu er⸗ füllen. Nur keinen ſchmählichen Rechtsgang! Du haſt meine Liebe, meinen Frieden, mein Leben, die heiligen Bande der Natur mit Füßen getreten; laſſe mir wenig⸗ ſtens meine Ehre, damit ich Etwas übrig habe, wenn ich 186 einſam und verlaſſen, ohne Schutz und ſchirmendes Ob⸗ dach in eine Welt hinausgeſtoßen werde, wo kein einziges Weſen mir angehört, und wo auch ich Niemand ange⸗ höre... „Wo auch ich Niemand angehöre,“ wiederholte ſie noch einmal mit tiefer, bebender Stimme, und ihre großen ſchönen Augen ſahen zu dem blauen Himmel empor, der ſich ruhig und klar über die Schmerzen der Erde wölbt. Aber kein Strahl wollte da herab kommen, und ihr fin⸗ ſteres Herz beſuchen; ſie alle ſpielten um die Sonne, und ſchienen nicht Luſt zu haben, hernieder zu ſteigen, um die müde Tochter des Staubs auf ihrer nebelvollen Wan⸗ derung zu beſcheinen. Der große Herrſcher über Sonnen⸗ ſtrahlen und Menſchenherzen wollte Mariens Glauben noch weiter prüfen.— Ihr Kampf war nicht ausge⸗ kämpft. — „Verzeih, o verzeih, Marie, daß ich dir wehe thue,“ ſprach Leiler, von ihrem qualvollen ſtillen Kummer ge⸗ rührt.„Aber glaube mir, auch ich leide unausſprechlich in dieſem Augenblick; ich bin ja kein Teufel. Ich kann nicht länger mit anſehen, wie Dein treues Herz unter der Marter unſerer Unterredung leidet. Marie, ich ſage es jetzt aufrichtig, ja ich nehme Gott zum Zeugen für die Wahrheit meiner Worte! Hätte ich im erſten Jahr unſerer Ehe gewußt, daß Dein Gefühl mächtig und warm für mich lebte, ſo wäre gewiß auch mein eigenes erwacht, und dieſe Stunde des Kummers und der Unruhe hätte nicht geſchlagen. Aber, Marie, Du vergriffſt Dich in den Mitteln, um Deinen Wunſch zu erreichen. Deine ununterbrochen herbe Kälte, welche zwar Dich nie die geringſte Pflicht überſehen, noch mich eine zarte und um⸗ ſichtige Vorſorge für die Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens vermiſſen ließ, ſchuf einen Mangel an gedeihlichem Wohlſein, der mir die Heimath zuwider machte und eine Sehnſucht nach neuen Dingen erweckte. Dieß wollte ich dir ſagen, meine liebe, treue Marie, damit Du ein⸗ ſiehſt, daß ich doch ein Menſch bin. Und jetzt— da wir tauſch habe die C in D wie j Lebe wir i auf d wegur G langſe dem des A auf de in de welche gereizt 5 beſtänt ſucht ſich u Geiſt wirren umga ſie un ſie und und ſt luſtig des Ob⸗ einziges d ange⸗ holte ſie e großen por, der e wölbt. ihr fin⸗ ane, und um die n Wan—⸗ Sonnen⸗ Glauben ausge⸗ e thue,“ mer ge⸗ prechlich ſich kann z unter ich ſage gen für n Jahr d warm erwacht, he hätte Dich in Deine nie die ind um⸗ uslichen ihlichem hte und 3 wollte Du ein⸗ — da 187 wir die unglücklichen Geheimniſſe unſerer Herzen ausge⸗ tauſcht haben— bleibt nichts mehr zu thun übrig. Ich habe keine weitere Forderung, keine Bitte, ſondern lege die Entſcheidung unſers gemeinſchaftlichen Schickſals ganz in Deine Hände. Nie hab' ich in Deiner Seele geleſen wie jetzt. O verzeih, daß Du für mich leiden mußteſt! Lebe wohl Marie! Ich gehe heute zu Blum hinüber, wir werden uns erſt morgen wieder treffen.“ Leiler beugte ſich herab, drückte einen ſanften Kuß auf die Hand ſeines Weibes, und verließ in heftiger Be⸗ wegung das Zimmer. Neunzehntes Kapitel. In den heiligeren Stunden des Lebens wird das Bild der vor allen andern geliebten Seele nicht im Converſations⸗ oder Wohnzimmer, ſondern in der dunklen ſtillen Betkapelle, dem Herzen, aufgehangen. Jean Paul. Die Wintermonate ſchlichen im Pfarrhofe eben ſo langſam als auf dem graͤflichen Schloſſe dahin. Von dem erſtern war alle belebende Kraft nach der Abreiſe des Architekten in doppelter Hinſicht geſchwunden, und auf dem letztern erſtarb der letzte Funken von Frohſinn in der fortdauernden Kränklichkeit des Grafen Albano, welche weniger in einem phyſiſchen Uebel als in einer gereizten und finſtern Seelenſtimmung beſtand. Von Alfhilds Leben kann man ſagen, daß es eine beſtändige Kette von Furcht und Hoffnung, von Sehn⸗ ſucht und Schmerz war. Alle ihre Gedanken drehten ſich um Leilern. Was that er wohl jetzt? War ſein Geiſt bei ihr? Sollte er das unbegreifliche Dunkel ent⸗ wirren können, das ihre gemeinſchaftlichen Hoffnungen umgab? Und worin beſtanden denn eigentlich dieſe für ſie unbegreiflichen Hinderniſſe? Dieſe Fragen peinigten ſie unaufhörlich. Sobald es im Saale dunkel wurde, und ſie den Faden nicht mehr ſehen konnte, der ſonſt luſtig um ihre Spindel ſchnurrte, ſchlich ſie nach dem 188 Zimmer des Architekten hinauf. Hier ſetzte ſie ſich in jene Sophaecke, wo er zu ſitzen gepflegt, lehnte den un⸗ ruhigen Kopf gegen die Kiſſen, und ſann und träumte, bis es ganz finſter um ſie her wurbe, und Onkel Se⸗ baſtians wohl bekannte Schritte ſie nicht ſelten zur Er⸗ innerung der Gegenwart erweckten. „Mädchen, Du ſchadeſt Deiner Geſundheit mit die⸗ ſen einfältigen Grübeleien,“ ſprach der Alte einmal, als ſeine magere Hand einige Tropfen in ihren langen Wim⸗ pern fühlte.„Ich ſage Dir, mein Täubchen, das geht nicht! Du wirſt, ſo wahr ich lebe, dürr und mager wie eine Krähe, und bekommſt rothe Augen wie unſere alten Backſtubenweiber, wenn Du es noch lange ſo forttreibſt! „Wie ſo, mein lieber Onkel Sebaſtian?“ „Wenn es nicht ſo dunkel wäre, Alfhild,“ entgegnete der Alte in ſtrafendem Tone,„ſo würde ich gewiß ſehen, wie Du bei dieſer Frage errötheſt. Pfui, Kind, Du ſollteſt Deinem alten Freunde keinen Sand in die Augen ſtreuen wollen, wenn Du es auch könnteſt. Früher war es anders: wenn Dich da ein kleiner Schmerz drückte, nahmſt Du Deine Zuflucht zu Onkel Sebaſtian, und bekamſt Troſt und Rath. Liebe ich Dich jetzt weniger, oder haſt Du weniger Zutrauen zu mir, als damals? „Ach nein, Onkel, keineswegs; aber es iſt in der That ſehr ſchwer, von gar Allem zu ſprechen, das glaube mir— und ich kann, nein wahrlich, ich kann es nicht ſagen.“ 3„Nun, Du brauchſt gerade nicht zu beichten, mein Täubchen; ich verſtehe Dich auch ohne dieß, und weiß wohl, daß ihr Mädchen von ſolchen Dingen immer un⸗ gern ſprecht. Das gehört ſich auch; denn Schüchtern⸗ heit ſteht dem Weibe wohl an, und iſt ihre ſchönſte Zierde; aber Maaß, Kind, Maaß in Allem. Das war immer mein Grundſatz, und wenn Du daher nicht ſprechen kannſt, ſo kannſt Du doch wenigſtens etwas über dieſes Kapitel hören: Ich will Dir nur ſagen, daß ich ſehr wohl merkte, wie es mit Deinem Herzen ſtand, und zwarf ſchon hier l lich l. ſich fi um DT mag ſ ſchob, Ich r Ernſt, ten u werden kraftvo worden lang etwas nünftig mehr ſteht. ſonne ich, ſch überall G ſich! m e ſich in den un⸗ träumte, nkel Se⸗ zur Er⸗ mit die⸗ mal, als gen Wim⸗ das geht nager wie ere alten ttreibſt!“ ntgegnete ziß ſehen, ind, Du ie Augen iher war drückte, in, und weniger, amals?“ t in der s glaube es nicht n, mein nd weiß mer un⸗ üchtern⸗ ſchönſte Das war ſprechen er dieſes ich ſehr nd zwarf 189 ſchon lang, ehe er abreiste, und das ſchöne Thränenlied hier begann; noch mehr, ich ſah, daß auch er Dich herz⸗ lich lieb hatte, und glaubte jeden Tag, er werde, wie es ſich für einen braven Mann geziemt, bei Deinem Vater um Dich anhalten. Das geſchah nun nicht! Nun,“er mag ſeine Gründe gehabt haben, daß er die Sache auf⸗ ſchob, er kann deßwegen doch ein braver Burſche ſein! Ich will nichts darüber ſagen; aber das ſage ich im Ernſt, wenn Du nicht aufhörſt zu trauern und zu ſchmach⸗ tten und zu weinen, ſo werde ich Dir ordentlich böſe werden. Denn ich will nicht, daß ein Mädchen, das von kraftvollen Männern in der friſchen Natur auferzogen worden, ſich betragen ſoll, als ob ſie ihr ganzes Leben lang nur Mondſchein und Luft eingeſaugt haͤtte. So etwas taugt nichts. Du mußt Dich entſchließen, ver⸗ nünftig zu werden, mein Mädchen, und Du haſt um ſo mehr Grund dazu, als ja kein Unglück vor der Thüre ſteht. Alles kaun ja noch gut werden! Wenn die März⸗ ſonne den Schnee von unſern Ebenen ſchmilzt, dann, hoffe ich, ſchmilzt ſie auch Deinen Kummer hinweg.“ „Das gebe Gott, lieber Onkel Sebaſtian; aber ich weiß nicht, warum ich ſo angſtlich, ſo furchtſam bin. Ich kann nichts davor. Ich bin übrigens froh, daß Du jetzt mein Geheimniß weißt, und ich mit Dir darüber ſprechen kann, ohne es Dir geſagt zu haben. Ach, das Leben iſt wohl hie und da recht herrlich und ſchön; aber bisweilen, ja oft iſt es ſo trüb, daß ich nicht weiß, wo ich ſein möchte. Du haſt recht, Onkelchen; früher war es weit beſſer. Da war ich ſtets frei und froh, und ge⸗ noß jedes kleine, wenn auch noch ſo kleine Vergnügen, ſo ganz durch und durch; jetzt dagegen genieße ich gar nichts, wenigſtens nicht auf dieſelbe Art wie früher; denn die Unruhe, dieſes ſeltſame mächtige Gefühl, das mir damals fremd war, begleitet mich jetzt von freien Stücken überall hin.“ „Ja, ſiehſt Du, Kind, das bringt die Liebe mit ſich! man weiß nicht, daß man gelebt hat, ehe man in 190 dieſe Teufelsküche gerathen iſt. Glaube mir nur, ich war auch einmal ſo übel mit daran, ich hielt mich aber tapfer. Doch das gehört nicht hieher; ich will damit nur ſagen, daß das in aller Menſchen Leben einmal vorkommen muß; denn die Liebe iſt ein Uebel, dem Niemand entgeht, der ein Herz im Buſen trägt. Aber leider kann man bei dieſer, wie bei jeder andern Krank⸗ heit das Uebel durch eine unrichtige Behandlung ver⸗ ſchlimmern, und das gerade fürchte ich, thuſt Du, mein Kind.“ „Wie ſo, Onkelchen? Ich behandle ſie ja gar nicht; ſie behandelt eher mich.“ „Ja, das glaub' ich wohl; das iſt gerade das Un⸗ glück, und kommt einfach davon her, weil Du keine Diät hältſt. Du lebſt und webſt von Gefühlen und Thränen, wie ein Feinſchmecker von ſeinen Lieblingsgerichten. Nun weißt Du doch, daß man in jeder Krankheit an ſich hal⸗ ten muß, und nicht eſſen darf, was man will. Thut man dieß dennoch trotz allem Verbot und trotz der be⸗ trübten Erfahrung, welche Beiſpiele aller Art hierüber geliefert hat, ſo muß man auch ſich ſelbſt die Schuld beimeſſen, wenn es mit der Geneſung rückwärts geht.“ „Ei Onkelchen, wie ſeltſam Du biſt, Du könnteſt mich zum Lachen bringen, wenn ich nicht ſo betrübt wäre. Aber ſprich, welche Diät ſoll ich denn halten? Es iſt ja keine körperliche Krankheit, und kann deßhalb auch nicht wie eine ſolche behandelt werden?“ „Nein, nein! das ſage ich auch nicht! Es handelt ſich hier nicht darum, eine Hungerkur oder etwas der Art zu gebrauchen; aber eine Seelenkrankheit iſt nicht beſſer als eine körperliche, und ſie muß daher meiner Meinung nach jedenfalls ſo behandelt werden, daß ſie nicht ausartet; denn dann wird ſie unhelkbar. Sieh', mein Täubchen, ich denke ſo: Wenn Du jetzt z. B. an den Morgen anſtatt liegen zu bleiben und an ihn zu denken— was Dir für den ganzen Tag ſchadet— gleich Waſſe auf⸗ 1 fel vie ſtehlich danken werden Weine kann. Mitta dem E früher Eſſen Schne denn 2 körper Beweg ſchädli kommt wenn dann Kartof Bette A Vertra geſchrit herzlich verwer Gott, 4 derhan der die haben „d Greine ſprichſt mit dem Erwachen aufſtündeſt, Deine drei Gläͤſer kalt, weil ia 4* ir, ich ch aber damit einmal , dem Aber Krank⸗ g ver⸗ —, mein nicht; as Un⸗ ie Diät hränen, Nun ch hal⸗ Thut der be⸗ ierüber Schuld eht.. könnteſt bt wäre. Es iſt b auch handelt das der ſt nicht meiner 191 Waſſer tränkeſt, und wie bei einer Brunnenkur im Saale auf⸗ und abmarſchirteſt, ſo würde Dein Blut ohne Zwei⸗ fel viel leichter werden; triebe Dich dann eine unwider⸗ ſtehliche Macht nothwendig dazu, ihn mit Deinen Ge⸗ danken zu umſchweben, ſo würden dieſe heller und froher werden, und Dich nicht immer und ewig zu dem unſeligen Weinen verlocken, was ich für meinen Tod nicht leiden kann. Nehme ich dann ferner an, daß Du Dich gegen Mittag, verſteht ſich bei ſchönem Wetter, von Petern auf dem Schlitten über das Eis führen ließeſt, was Dir früher ſo viel Freude machte; und, hierauf nach dem Eſſen eine halbe Stunde lang mit Deinem alten Freunde Schneeballen machteſt, ſo hoffe ich mit Gotteshülfe— denn Du kannſt Dir nicht vorſtellen, mein Täubchen, was körperliche Bewegung auf die Seele einwirkt— dieſe Bewegung ſoll Dir gut thun und Dich aus Deiner ſchädlichen Betäubung erwecken. Wenn dann der Abend kommt, ſo biſt Du müde, und verbrennſt Dir die Finger, wenn Du Aepfel auf der Gluth braten willſt, und haſt dann ſo viel zu thun, um den Schmerz mit geriebenen Kartoffeln zu ſtillen, daß Du ohne großes Herzweh zu Bette gehſt, und gut und frei von aller Unruhe ſchläfſt.“ Alfhild ſchüttelte den Kopf. Sie konnte unmöglich Vertrauen zu der Kur faſſen, die Onkel Sebaſtian vor⸗ geſchrieben hatte; aber ſie liebte ihren alten Freund herzlich genug, um den Vorſchlag weder lächerlich, noch verwerflich zu finden. Sie antwortete bloß:„Ja lieber Gott, wenn das nur hälfe— Aber...“ „Verſuch' es nur einmal, Kind! Wir können vor⸗ derhand nichts Anderes anfangen, bis der Arzt kommt, der die Sache vielleicht beſſer verſteht. Du weißt, wir haben erſt Anfang Februar.“— Alfhild ſeufzte. „Nun, laß es jetzt genug ſein mit Seufzen und Greinen! Morgen fangen wir mit der Diät an; ver⸗ ſprichſt Du mir das, mein Mädchen?“ „Ja, Dir zu Liebe, Onkel Sebaſtian; aber nicht, weil ich etwa daran glaube.“. 192 Den folgenden Morgen um ſechs Uhr kam der Ka⸗ pitän an Alfhilds Thüre und klopfte an,„Biſt Du wach, Kind?“ „Ach ja, Onkelchen!“ Alfhild öffnete; aber ſie hatte nicht das Herz, den Greis mit der Nachricht zu betrü⸗ ben, daß ſie ſchon ſeit vier Uhr wach ſei, und die Zeit ganz wie gewöhnlich hingebracht habe. „Nun, halte Dich jetzt tapfer, mein Mädchen,“ be⸗ gann Onkel Sebaſtian.„Die Spinnräder der Küchen⸗ Liſe und der Stuben⸗Stine ſchnurren ſchon lange an dem großen Kaminfeuer im Saale, und das Waſſer ſteht bereit. Komm jetzt; dann werde ich Dir im Auf⸗ und Niedergehen eine Hiſtorie erzählen; es iſt eine wahre Neuigkeit, die ich geſtern Abend vom Schloſſe erfuhr. Der alte Borgſtedt war bei mir, und erzählte etwas, was wahrſcheinlich Deine Neugierde rege machen wird.“ „Was denn, um Gotteswillen, mein Onkelchen?“— Alfhild warf das Halstuch um, nahm das Licht in die eine Hand, und ergriff ihren alten Freund mit der anderen vertraulich beim Arm. „Ja, ja, warte nur ein wenig! die Weiber ſind immer ſo neugierig; die Sünde habt ihr von eurer Aeltermutter geerbt. Man darf ſie euch deßhalb nicht ſo ſehr anrechnen; aber Du darſſt nicht glauben, daß ich gleich draußen damit anfangen werde. Nein, erſt wenn Du das erſte Glas getrunken haſt, werde ich die erſte Abtheilung der erhaltenen Ladung loslaſſen.“ Sie traten in den Saal; und nachdem Alfhild, ob⸗ ſchon ſie über ihre Brunnenkur lachen mußte, ihr Glas richtig getrunken hatte, begann ſie an Onkel Sebaſtians Seite die regelmäßige Wanderung auf und nieder. „So, nun können wir anfangen,“ ſagte der Kapi⸗ tän;„merke jetzt wohl auf. Du weißt, daß Graf Albano ſeit Weihnachten, was den weſentlichen Theil ſeiner Krankheit, die Geiſtesabweſenheit— oder wie man ſonſt dieſen ſonderbaren Zuſtand nennen will, der ihn ſeit letzten Herbſt in Eiſenbanden gehalten hat— betrifft, bedeut Geiſte beinah hat er ſchwac aus e entſpri ſo zier reden ſelbſt weiter im G plottir mit of möge Glück Wechſ ſamme Erma — 193 bedeutend beſſer geworden iſt; aber obwohl es in ſeinem Geiſte heller wurde, und er ſich in dieſem Augenblicke beinahe ganz wie andere vernünftige Leute benimmt, ſo hat er doch den Keim des Uebels ſelbſt, das— ſeine ſchwache Conſtitution ausgenommen— wie man glaubt, aus einer unglücklichen Liebe zu dem jungen Fräulein entſpringt, nicht überwunden. Dieß dürfte Dir jedoch ſo ziemlich bekannt ſein, obwohl Du, wenn ich aufrichtig reden ſoll, in der letzteren Zeit nichts, das Dich nicht ſelbſt betraf, beſondere Aufmerkſamkeit ſchenkteſt; aber weiter im Text. Die Baronin und die Gräfin haben im Geheimen ſehr fein gegen das arme Mädchen kom⸗ plottirt. Du verſtehſt, ſo etwas geſchieht durchaus nicht mit offenen Worten.“ „Dieſe beiden hohen Damen haben ſich— Gott möge es ihnen verzeihen!— in den Kopf geſetzt, das Glück der ganzen Familie hänge davon ab, daß der Wechſelbalg mit der jungen ſchöͤnen Kreuzträgerin zu⸗ ſammengekettet würde, oder mit andern Worten, daß man bald auf einen neuen Majoratserben in verbeſſerter Auflage hoffen dürfe; und deßhalb ließ man, ſeitdem ſich der Zuſtand des Grafen verbeſſert hat, dem kleinen Fräulein keine Ruhe mehr.“ „Der alte Graf verhält ſich des Scheines halber paſſiv; aber die Weiber wollen nichts von Neutralität wiſſen, ſondern ſetzen ihr tüchtig zu; die Eine, je nach⸗ dem ſie es für gut findet, mit mütterlichem Rathe, mit Ermahnungen und Befehlen, die Schuld der Dankbarkeit abzutragen, die ſie auf ſich geladen, ehe ſie noch wußte, was Dankbarkeit war; die Andere mit mütterlichem Flehen und Seufzern für das Glück ihres Sohnes. Nun, der Gräfin will ich es eher verzeihen; denn die Mütter waren von jeher parteiiſch für das Glück ihrer Kinder; aber mit der Baronin iſt es etwas ganz Anderes. Sie leitet, ſo wahr mir Gott helfe, nichts als der gröbſte Eigennutz, und ſie opfert ihr Kind dem Reichthume. Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 13 194 Ja, aber was wollt' ich denn nur gleich ſagen? Man ſollte nie eigene Betrachtungen hereinziehen, wenn man etwas erzählt; denn da kommt man ſtets aus dem Takt, und verwirrt den Faden der Erzählung mit ſeinen eigenen Fäden. Nun alſo Summa Summarum, ſie gingen wie die Katze um den heißen Brei, und Graf Albano ſchlich ſtill wie ein finſterer Geiſt durch die großen Säle, und ſtierte mit ſeinen rothflammigen Augen— die mir bei⸗ läufig geſagt ſtets wie ein paar glühende Kugeln vorge⸗ kommen ſind— auf Fräulein Thelma, welche in ihrer großen Herzensnoth keine andere Zuflucht fand, als den alten Borgſtedt. Er tröſtete ſie, ſo gut er konnte, und ſprach fromm und demüthig von der Kraft, welche die Religion bei ſchweren Prüfungen über ein betrübtes Herz ausübe, von der Freude der irdiſchen Entſagung und der Hoffnung auf Vergeltung in dem künftigen Leben, und noch vieles Andere, was eben der arme Burſche ſagen konnte, um ſie zu beruhigen; und obwohl es ihm in die Seele ſchnitt, wagte er es doch nicht, ein halbes Wort von einem Widerſtand gegen die mächtigen Befehle fallen zu laſſen. Nein, nein! das ging nicht an, ſondern es mußte gehen, wie es nach Gottes Schickung ſollte, und geſtern Morgen ereignete ſich die merkwürdige Be⸗ gebenheit, die Du erfahren ſollſt, wenn Du Dein zweites Glas getrunken haſt, mein Täubchen.“ Alfhild that es, ohne die geringſte Einwendung, um nur deſto bälder die Fortſetzung zu hören. Seit mehreren Wochen war ſie nicht mehr auf dem Schloſſe geweſen, theils weil der eigene Kummer ihr die Heimath t am theuerſten machte, theils auch weil die Baronin bei ihren Beſuchen ſtets eine gewiſſe Vorſicht zeigte. Sie war immer in Thelmas Zimmer, wenn dieſe und Alf⸗ hild zuſammen trafen, und wollte dadurch offenbar eine nähere Vertraulichkeit zwiſchen ihnen verhindern. Alf⸗ hild hatte Scharfſinn genng, um einzuſehen, daß die „Baronin es weniger aus Hochmuth that— denn die zungen Mäͤdchen waren früher viel beiſammen geweſen— als w Verhä gefähr mende dahein Angel 1 — A Wand 7 gen k Saal, chen. vorher gültig ermüd alles er es Alte rade! und a ging. ganz der A zu me einem ſtedt Schna „Das meines ſie hit ſtedt er mi ging, Thuͤre hörte, 195 1 nſollte als weil ſie fürchtete, Thelma möchte jener ihr trauriges etwas Verhältniß zu Graf Albano mittheilen, um dadurch den „ und gefährlichen Troſt zu erhalten, ſich vor einem theilneh⸗ eigenen menden Weſen beklagen zu können. Alfhild blieb alſo en wie daheim, und hatte ſeit lange nichts mehr von den inneren ſchlich Angelegenheiten in Groß⸗Hammarby gehört. , und„Nun, liebes Onkelchen, was geſchah denn weiter?“ ir bei-— Alfhild ſtellte das Glas hinweg, und begann ihre vorge⸗ Wanderung aufs Neue. ihrer„Ja ſiehſt Du, Kind, es war nun ſo: geſtern Mor⸗ ils den gen kam das Fräulein mit verweinten Augen in den e, und Saal, um der gnädigen Tante ihr Kompliment zu ma⸗ che die chen. Die Baronin, die Meerkatze, mußte ſie am Abend es Herz vorher tüchtig bearbeitet haben, ſo daß ſie jetzt gleich⸗ ig und gültig für Alles, und mit einem von dem ewigen Kampfe Leben, ermüdeten Herzen beſchloß, ſich aufopfern zu laſſen. Dieß Burſche alles las Borgſtedt theils in ihrem Geſichte, theils holte es ihm er es aus der Chronik der Mädchenſtube, in welcher der halbes Alte zu ſeiner Ergötzlichkeit blättert. Geſtern aber, ge⸗ Befehle rade bei der Kataſtrophe ſelbſt, ſtand Borgſtedt im Saale ſondern und aß ſein Frühſtück, als das Fräulein durch denſelben ſollte ging.—„Graf Albano iſt drinnen, Fräulein,“ ſagte er ge Be⸗ ganz leiſe. Sie pflegte jenem ſtets auszuweichen, und zweites der Alte meinte, ihr mit ſeiner Nachricht ein Vergnügen zu machen; aber ſie ſchüttelte betrübt den Kopf, und in endung, einem ſo herzzerreißenden Tone, daß dem alten Borg⸗ Seit ſtedt das Weinen in den Hals ſiel, und er beinahe den Schloſſe Schnaps in die Luftröhre gebracht hätte, antwortete ſie: Beimath„Das iſt gleich; ich muß mich wohl an den Anblich nin bei meines Braͤutigams gewöhnen.“ Mit dieſen Worten ging ſee hinein, ſchloß jedoch die Thüre nicht recht zu. Borg⸗ ſtedt hörte alſo jedes Wort, und ſah Manches, während mit dem Butterbrode in der Hand auf⸗ und nieder⸗ ging, und ſo zufälligerweiſe an der halb geſchloſſenen hörte, kam von der Gräfin, die ſüß wie der Inhalt eines 13 56 Thuͤre vorbeiſtreifte. Der erſte Laut, den er von innen 196 Bienenkorbs zu ſagen beliebte:„Guten Morgen, Thelm⸗ chen! Was für eine ſchöne Farbe Du heute haſt; aber ich verſichere Dich, mein Maͤdchen, die nächtliche Stickerei bei Licht verdirbt Dir die Augen. Du mußt mir ver⸗ ſprechen, liebe Thelma, nicht ſo fleißig zu ſein.“— Siehſt Du, wie perteufelt liſtig ſie war, die alte Füchſin,“ unterbrach ſich Onkel Sebaſtian auf ſeine gewöhnliche Art. „Ja, ja, es kam natürlich von der Stickerei her, daß die Augen des armen Kindes roth waren. Aber ſie, ſie ant⸗ wortete demüthig und geduldig:„Wie die Tante be⸗ fiehlt,“ und ſo verneigte ſie ſich vor Graf Albano, der aufſtand, ihre Hand ergriff und ſie wie gewöhnlich mit ſeinen rollenden Feuerkugeln anſah. Sie ſetzte ſich neben ihn auf den Sopha und ſprach etwas Weniges, Gott, weiß was; aber Borgſtedt meinte, es ſei über ein Buch geweſen, das vor ihnen lag. Da kam die Baronin von Rawenſtein von der andern Seite, und ſchien etwas höchſt Angelegentliches mit ihrer gnädigen Schweſter ſprechen zu müſſen.—„Ach meine beſte Clementine,“ ſagte ſie, und that, als ob ſie den Grafen und ihre Tochter nicht ſähe;„willſt Du nicht auf einige Augenblicke in das Kabinet herauskommen?“ Und hiermit verſchwanden Beide— pure Satanskünſte, um ſie allein zu laſſen, verſtehſt Du.“ „Sobald die Gnädigen fort waren, trat Borgſtedt dreiſt näher; denn er wußte wohl, daß die, welche jetzt drinnen waren, nicht daran dachten, die Thüre zu bewa⸗ chen. Er ſah deutlich, daß der Graf ganz nahe zu dem armen Fräulein hinrückte, die immer bleicher wurde, und ſo ſprach er denn, der Graf nämlich:„Wie gut und rei⸗ zend Du biſt, Thelma!“ und begann ihr mit der Hand zu ſchmeicheln. Sie ſaß ſtill und geduldig da, wie ein Lamm, bewegte aber ihre Lippen nicht. Als er nun ſah daß das erſte Manöver ohne Widerſtand ablief, ſo nahm er ſeinen Muth zuſammen, und platzte auf einmal her⸗ aus; ich erinnere mich jedoch nicht alles deſſen, was er ſagte, auch Borgſtedt that es nicht. Aber teufelmäßigf hochtr aus, d — ſie nenner keine Krank und— haftig allen gemach habe. Aehnl nicht ſie un den 2 Rückl daß ſi aus a vom binete. Gelär ſchwur die ſie Graf „Ich nicht zu ihr er ein bes, überle Ich d Qual ren G aauf do Feierl große 2 Thelm⸗ iſt; aber Stickerei nir ver⸗ ein.“— Füchſin,“ iche Art. daß die ſie ant⸗ ante be⸗ ano, der llich mit ch neben 6, Gott, in Buch nin von s höchſt ſprechen agte ſie, ter nicht in das hwanden n laſſen, Borgſtedt che jetzt u bewa⸗ hochtrabend war es, und es kam im Ganzen darauf her⸗ aus, daß er— das Vernünftigſte, was er ſagen konnte — ſich des Gluͤckes unwürdig bekannte, ſie ſein Weib nennen zu dürfen, wenn ſie aber— was meiner Seele keine kleine Forderung war— ihr Leben dem armen Kranken aufopfern wollte, ſo werde ſeine Dankbarkeit, und— Gott weiß was Alles— ich erinnere mich wahr⸗ haftig des Schluſſes nicht; aber überfließen ſollte es auf allen Seiten. Und das hatte er recht hübſch zuſammen gemacht; es iſt dumm, daß ich ein ſo kurzes Gedächtniß habe. Dann ſagte ſie in Gottesnamen ja, oder etwas Aehnliches; denn er nahm ſie in die Arme, was er fonſt nicht gethan haben würde. Aber als ſeine langen Krallen ſie umfaßten, ſchloß ſie die Augen und fiel platz! auf den Boden. Nein, daß ich nicht lüge, ſie ſiel gegen die Rücklehne des Sopha's. Du kannſt Dir denken, Kind, daß ſie ohnmächtig wurde. Jetzt fing Graf Albano an aus allen Kräften nach Hülfe zu rufen. Borgſtedt ſprang vom Speiſeſaal herein und die Gnädigen aus dem Ka⸗ binete. Und da gab es dann ein Weſen, ein Geläufe und Gelärme, das Gott erbarm! Als ſie endlich zu ſich kam, ſchwur Borgſtedt heilig, daß ſie ausſah wie eine Leiche, die ſich im Todtenkleide aus dem Grabe aufrichtet; aber Graf Albano blickte ſtolz und trotzig umher, und ſprach: „Ich wünſchte, daß meine Braut, was Thelma jetzt iſt, nicht mit Fragen beläſtigt wird!“ Dann beugte er ſich zu ihr nieder, und flüſterte ihr ſo fein und ſüß, als ob er eine Flöte in der Kehle ſtecken hätte, zu:„Mein lie⸗ bes, theures Mädchen, ich werde Dich jetzt der Ruhe überlaſſen,“ und hierauf ging er und Borgſtedt fort. Ich denke, ſie konnte wohl Ruhe brauchen nach dieſer Qual, das arme Kind! Bei Tiſche ſetzte es reinen, kla⸗ ren Champagner ab. Der alte Graf ſchlug einen Toaſt auf das Wohl der Verlobten vor, welcher dann mit aller Feierlichkeit getrunken wurde. Und hiermit ſchloß das große Feſt.“ „Man wird wohl hente nach Deinem Vater ſchicken. 198 Indeſ ſen kam Borgſtedt geſtern Abend unvermerkt her⸗ über, um ſein Herz vor mir zu erleichtern. Ich, mein Täubchen, ließ es mir ebenſo angelegen ſein, Dir mei⸗ ner Seits dieſe Neuigkeiten auszuplandern. Aber das Waſſer, liebes Kind, das dürfen wir über dem Schwatzen nicht vergeſſen. Jetzt iſt noch das dritte Glas übrig. Alſo vorwärts! kein Ausweichen!“ „Aber lieber Onkel, ich bin ſo aufgeregt! Mein 9 Gott, die unglückliche Thelma! Ach erlaß mir doch das zurück verwünſchte Waſſer!“ beiden „Durchaus nicht! Wenn Du aufgeregt biſt, was ſie m ich ſehr natürlich finde, ſo mußt Du nothwendig Dein Braut Blut abkühlen. Dann wird es gerade Zeit ſein, Deinem ſagt, Vater den Kaffee hinzurichten.“ Treibe „Ach wie langweilig der Onkel iſt! Ich betheure geweſe heilig, daß ich auf dieſe Art die Waſſerſucht bekommen eben ſ werde.“— aandere „Beſſer als die Liebesſucht, mein Täubchen!’“— älteren Kapitän Oernroos füllte ſelbſt das Glas, und nach geflüſt einigem Zaudern leerte es Alfhild, um ihrem alten Freund Himm ſeinen Willen zu laſſen. Aber damit war es nicht genug. gen w Gegen Mittagszeit, als der Probſt, durch den Grafen be⸗ itten rufen, ſich nach dem Schloſſe begeben hatte, ward unſere jedoch Heldin genöthigt, den zweiten Grad der Diät, das Fah⸗ da der ren auf dem Eiſe durchzumachen. Dann kam das Schnee⸗ mußte ballenwerfen nach Tiſche, und zuletzt das Aepfelbraten, bar ei welches jedoch gegen Onkel Sebaſtians Berechnung ohne men d Brandſchaden ablief. Die Kühlung und die geriebenen 2 Kartoffeln blieben alſo für dießmal weg; und ſei es Alfhil nun, daß Kapitän Oernroos' Kur wirklich einiges Ver⸗ dienſt hatte; oder daß die Erzählung von Thelma's Un⸗ glück zerſtreuend auf Alfhild einwirkte, genug, an dieſem Abend waren ihre Gedanken ſehr getheilt und am an⸗ dern Morgen erwachte ſie nicht eher, als bis Onkel Se⸗ baſtians Stimme ſie erweckte. 5 in eine 199 ft her⸗ ,mein Ir mei⸗ er das Zwanzigſtes Kapitel. Ach, wenn ſchon die weibliche Thräne leicht entflieht, watzen ſo entflattert noch leichter das weibliche Lachen, und iſt übrig. noch oöfter als die erſtere bloß Schein! Jean Paul. 2,—. 2.. Mein Als Probſt Frenkmann von dem graäflichen Schloſſe ch das zurückkam, brachte er einen freundlichen Gruß von den beiden gnädigen Frauen und die Einladung an Alfhild, „was ſie möchte nach dem Schloſſe kommen und die junge Dein Braut mit ihrer Gegenwart erfreuen. Man hatte ge⸗ deinem ſagt, es ſey jetzt ein ganz anderes Leben, ein anderes Treiben in Groß⸗Hammarby, ſeit die Verlobung im Hauſe theure geweſen; aber nach der Meinung des Probſtes war es mmen eben ſo düſter und öde wie früher. Er bemerkte keine 3 aandere Veränderung in dem Luftkreiſe, als daß die — älteren Damen laut von dem ſprachen, was ſie früher nach geflüſtert hatten, nämlich von Luſt, Glück, Frieden und reund Himmel, welche Herrlichkeiten alle auf die Hochzeit fol⸗ genug. gen würden, die nach Thelma's innigen und beweglichen n be⸗ Bitten erſt im Herbſte gefeiert werden ſollte. Dieß hätte unſere jedoch beinahe Streit in der Familie verurſacht; aber Fah⸗ da der Bräutigam ſelbſt auf die Seite der Braut trat, ſo hnee⸗ mußten die Andern nachgeben. Und Thelma fühlte dank⸗ katen, bar eine Art Seligkeit, daß ſie noch einige Monate ath⸗ ohne men durfte, ehe ſie ihre Hände den Feſſeln darbieten mußte. enen 3 Am andern Vormittag kam Borgſtedt und holte 4 es Alfhild. 8 Bei⸗„Das iſt ja höchſt prächtig,“ ſagte der alte Seba⸗ Un⸗ ſtian, als er durch's Fenſter ſchaute, und einen der eſem ſchönſten von Sleisners ſchwarzglänzenden Nachkömm⸗ dn⸗ lingen vor dem eigenen Schlitten des Grafen tanzen Se⸗ ſah, welch' letztere das Feſtnetz zierte, das von den höchſt eigenen feinen Fingern der Baronin v. Rawenſtein ge⸗ bunden war;„ja ſehr prächtig, mein Kind. Du wirſt in einer Schaukel von Eiderdunen fahren.“— Und Alf⸗ 200 hild fuhr wirklich vortrefflich; aber das halblaute Ge⸗ ſpräch mit Borgſtedt machte ihr ſo weh um's Herz, daß ſie ganz vergaß, wie gut ihre kleine Perſönlichkeit da⸗ ran war. Bei ihrer Ankunft im Schloſſe empfing ſie der alte Graf ſelbſt auf der Treppe.„Willkommen, meine kleine Mamſell Frenkmann! Sie macht ſich ja ſo ſelten, daß man ordentlich nach Ihr ſchicken muß, wenn man das Vergnügen haben will, Ihr hübſches feines Geſichtchen zu ſehen.“ Obwohl der Graf ſtets ein artiger Mann war, ſo hatte er ſich doch noch nie ſo freundlich und zuvorkom⸗ mend gegen ſie benommen. Aber es war auch jetzt an⸗ ders als früher. Die Mädchen im Pfarrhofe hatten im⸗ mer ein gutes Stück Schönheit davon getragen, und die Grafen im Schloſſe waren nie ohne Kunſtſinn geweſen, wie Seine Gnaden ſich ausdrückten, wenn er, was früher nicht ſo ſelten geſchah, darüber nachdachte, ob es wohl gut ſey, wenn ein Majoratserbe von Albano's Charakter zu viel mit einer hübſchen Pfarrerstochter um⸗ gehe. Aber die Furcht des Grafen war in dieſer Be⸗ ziehung unnöthig. Albano's Gefühle waren nicht von der Art, daß er für mehr als Eine brennen konnte. Dieß war jedoch etwas, was ſein Vater nicht verſtand, da er in ſeiner Jugend nie für weniger als ein halb Dutzend Grazien zuglei geflammt hatte. Indeſſen hatte die Verlobung Albano's alle früheren Befürchtungen des Grafen beſeitigt; und da er überdieß die Nothwendigkeit einſah, der jungen betrübten Braut eine paſſende und angenehme Geſellſchafterin zu verſchaffen, ſo wurde Alf⸗ hild wie ein guter Fund mit großer Herzlichkeit bewill⸗ kommt; und mit einem vergnügten Lächeln, in dem ſich die Hoffnung ausſprach, es werde doch jetzt ein kleiner Sonnenſtrahl in das glänzende, aber düſtere Hammarby dringen, führte der Graf ſeine reizende Begleiterin zur Familie hinauf, die wie gewöhnlich im kleinen Saale verſammelt war. 0 welche hild i digen auf d und k liche flüſter der C zu ei dem Wang Schre ſeiner zurück daß ſ undar wagt ſell d Baro Meide Alfhi unter Paar Brau 6 Zukur men, ihre beide, mit b es fü probi ſprac beweg te Ge⸗ 3, daß it da⸗ r alte kleine . daß n das htchen r, ſo rkom⸗ t an⸗ im⸗ d die beſen, was „ ob 201 Thelma eilte dem theuren Gaſte entgegen, nach welchem ſie ſich ſo lange geſehnt hatte; und ſobald Alf⸗ hild ihre beſten und tiefſten Verneigungen vor den Gnä⸗ digen angebracht hatte, deren jede ſie mit einem Kuſſe auf die Stirne beehrte, empfing ſie mit inniger Rührung und kaum zurückgehaltenen Thränen Thelma's ſchweſter⸗ liche Umarmung.—„Um Gotteswillen, ſieh heiter aus!“ flüſterte ihr Thelma in's Ohr, und ſah ſelbſt drein wie der Engel der Entſagung. Alfhild zwang ſich ebenfalls zu einem Lächeln; aber als ſie ſich von der Braut zu dem Bränutigam wenden wollte, deſſen gelbliche, knochigte Wangen und ſcharfe, hohle Augen ihr beinahe einen Schrei der Beſtürzung entlockten— ſie hatte ihn ſeit ſeiner Krankheit nicht mehr geſehen— da ſchauderte ſie zurück, und Thelma's Schickſal erſchien ihr ſo entſetzlich, daß ſie beim Vergleich dieſes mit ihrem eigenen gottlos undankbar geweſen zu ſeyn meinte, als ſie zu klagen ge⸗ wagt hatte. „Nun, es iſt ſehr ſchön, daß wir die kleine Mam⸗ ſell Frenkmann wieder einmal hier haben,“ ſprach die Baronin, welcher das lange Stillſchweigen der jungen eidchen ziemlich bedenklich vorkam.„Ich weiß, daß Alfhild einen guten Geſchmack hat, ſie ſoll deßhalb Thelma unter der Menge Muſter, die ich verſchrieben habe, ein Paar ausſuchen helfen, die dann jene beim Sticken der Brautkiſſen benützen ſoll.“ Die arme Thelma, die noch nicht ſo tief in die Zukunft gedacht hatte, um auf die Brautkiſſen zu kom⸗ men, erröthete bis an die Stirne, und ſah bittend auf ihre Mutter. Aber die Baronin und die Gräfin lachten beide, wie man es etwa über ein Kind thut, das ſich mit bebender Unruhe eine Arbeit vorgelegt ſieht, welche es für unmöglich hält auszuführen, und die es dennoch probiren muß. „Vielleicht darf ich auch bei der Wahl zugegen ſeyn?“ ſprach Graf Albano, und näherte ſich der unangenehm bewegten Braut. —— —— 202 „Ja, ſo macht es ſich gerade recht,“ fiel die Ba⸗ ronin ein,„das iſt ganz ſo, wie es ſich gehört. Der Bräutigam wählt das der Braut, und die Braut das des Bräutigams.“— Und bei dieſen Worten ſchellten Ihro Gnaden mit der kleinen ſilbernen Glocke, die auf dem Tiſche ſtand, und gleich darauf trat eine Kammer⸗ jungfer ein, die den Befehl erhielt, den großen Korb mit den Muſtern aus dem Zimmer der Baronin zu bringen. Die Geſellſchaft ſetzte ſich um den Tiſch am Sopha, und alle Muſter wurden reihenweiſe ausgebreitet.— „Nun, Thelmchen,“ ſprach der Graf und klopfte ſeiner künftigen Schwiegertochter auf die Stirne,„auf welchem von dieſem darf Albano das Knie beugen? Soll es der Gärtner dort ſein mit dem Blumenkorb, oder der große Roſenkranz; wenn er ſich dann nur nicht an den Dor⸗ nen ſticht.“ Thelma wollte bei all' dieſen widrigen Erinnerungen an ihr grauſames unwiderrufliches Schickſal in Thränen ausbrechen. „Ich habe keinen Geſchmack,“ erwiederte ſie leiſe und ausweichend.„Laßt deßhalb Jemand anders für amich wählen.“ Graf Albano's Augen, die noch eben einen unge⸗ wöhnlich ſanften Ausdruck gezeigt hatten, ſchleuderten jetzt einen finſtern, vorwurfsvollen Blick auf die zitternde Braut. Seine Hände griffen mit einer heftigen Bewe⸗ gung nach den Muſtern, und einen Augenblick darauf würden ſie wahrſcheinlich in einem Ausbruch ſeiner wil⸗ den Laune zerſtört geweſen ſein, wenn nicht Thelma mit einer bewundernswürdigen Kraft ſeine Gefühle gebändigt hätte, indem ſie ihre Hand über den Tiſch hinüberſtreckte, und ſie mit einer freundlichen Bewegung auf die ſeinige legend ſanft ſprach:„Die armen Muſter ſollen nicht für meinen Fehler büßen, lieber Albano! Jetzt will ich wählen; ich will verfuchen, etwas mehr Vertrauen zu mir ſelbſt zu faſſen.“ „Und zu Deinem ſchlechten Geſchmack,“ erwiederte 3 &8 Alb wid der den geſe ſinn ſteh⸗ die ſein⸗ wür weg zuſa Där gel wal⸗ und glüc was raſch wehr daß und müh Wal banc The⸗ Alfl Mu los, werd waäͤ hj ie Ba⸗ . Der rut das hellten die auf mmer⸗ rb mit ringen. Sopha, et.— ſeiner elchem es der große Dor⸗ ungen pränen leiſe 8 für unge⸗ derten ternde Bewe⸗ arauf wil⸗ a mit ndigt eckt inige nicht I ich derte nzn 203 Fe Albano beſänftigt.— Er führte Thelma's Hand an ſeine widrigen Lippen. Die Gräſin und die Baronin nickten; der Graf huſtete und Alfhild ſeufzte. Die Muſter wur⸗ den wieder ausgebreitet, und jetzt ganz genau durch⸗ geſehen. Nach vielen Betrachtungen und gewaltigem Nach⸗ ſinnen blieb Thelma endlich bei einem Landſchaftsſtücke ſtehen, das eine große Aehnlichkeit mit der Gegend um die Felſengrotte, jenem Lieblingsplatz Albano's hatte; ſeine Wahl war ſchon lange auf ein Muſter von merk⸗ würdiger Einfachheit gefallen, das wahrſcheinlich nur V wegen der ungewöhnlichen Idee ſeinem ſeltſamen Sinne zuſagte. Es ſtellte nämlich einen Binnenſee bei halber Dämmerung vor, und über dem blaugrauen Waſeerſpie⸗ gel ſchwebte ein Adler, der einen Schwan in ſeinem ge⸗ waltigen Schnabel hielt. „Was ſagſt Du zu dieſem, Thelma?“ ſprach Albano, und reichte ihr das Muſter.„Ich bin vielleicht nicht ſo glücklich in der Wahl geweſen, wie Du; aber es iſt et⸗ was ſo Eigenes, ſo Einfaches. Die Idee hat mich über⸗ raſcht.“— Thelma konnte ſich eines Schauders nicht er⸗ wehren. Sie fand es indeſſen ſelbſt ein wenig närriſch, daß ſie ſich bei einer ſolchen Kleinigkeit aufhalten konnte, und damit Niemand ihre Kinderei bemerken ſollte, be⸗ mühte ſie ſich, eine ſichtliche Zufriedenheit mit Albano's Wahl zu zeigen. Aber nun entſtand ein allgemeiner Tadel über Al⸗ bano's ſchlechten Geſchmack, über das Muſter ſelbſt und Thelma's ſchüchterne Nachgiebigkeit, die es gebilligt hatte. 8„Iſt es denn nicht offenbar häßlich, meine kleine Alfhild?“ fragte die Baronin, und ſchob dieſer das Muſter zu. „Ja, es iſt ſehr unheimlich, und ſo leer und freud⸗ los,“ erwiederte Alfhild.„Wenn ich einmal Braut werden ſollte, möchte ich nicht auf einem ſolchen knieen.“ „Auch nicht, wenn Ihr Bräutigam es für Sie ge⸗ wählt hätte, und mit dem Wunſche ausgewählt hätte, 204 daß es Ihnen gefallen möchte,“ fragte Albano, und maß Alfhild mit ſeinen ſcharfen röthlichen Augen. „Auch dann nicht, Herr Graf. Ich hoffe überdieß, mein Bräutigam, falls ich je einen bekomme, wird, wenn von Kleinigkeiten die Rede iſt, mehr Rückſicht auf meine Zufriedenheit nehmen, als auf die ſeinige.“ „Ja, ja, Mamſell Frenkmann weiß, was ſie will; ſie weiß, was zum Frieden eines Mannes gehört,“ lächelte der Graf in ſeiner gewohnten Hofmanns Manier. „Ich habe es gerne, wenn die Frauenzimmer eine Oppo⸗ ſition bilden, denn dann entfernen ſie ſich nicht von ihrer Natur.“ „Und ich habe es gerne, wenn ſie es nicht thun,“ erwiederte Albano mit einer merklichen Erhebung der Stimme. Ich würde ſogar verſucht ſein, zu glauben, mein Vater habe durch die Annahme des Satzes, daß die Natur ſelbſt ſie zum Widerſpruche beſtimmte, einen Mißgriff begangen.“ „Ich kann in der That nicht entſcheiden,“ fuhr der Graf ſcherzend fort,„ob die Natur oder ſie ſelbſt ihre Wahl beſtimmt haben; genug ſie haben, ſeit die Welt ſteht, ihren Platz mit aller Ehre behauptet, und werden wohl auch, ſo lange es eine eheliche Monarchie gibt, fortfahren, die ſtärkſte Oppoſitionspartei zu bilden!“ „Mein lieber Freund, wir kommen auf dieſe Art ganz von der Hauptſache ab,“ wandte die Gräfin unge⸗ duldig ein.„Aber ſo iſt es mit den Männern; ſie kön⸗ nen nie bei dem Dinge bleiben, von dem die Rede iſt, ſondern müſſen ſtets zu einem andern überſpringen, das Pe nicht her gehört. Wir verlieren ja das Muſter über einen langen Auseinanderſetzungen.“ „Nein, liebe Tante, ich habe es hier,“ antwortete Thelma, und entſchied den Streit mit feiner Geiſtes⸗ gegenwart.„Ich will den Onkel überzeugen, daß noch der alte Satz gilt:„keine Regel ohne Ausnahme,“ und deßhalb will ich Albano's Wunſch nicht opponiren, ſon⸗ 3 dern ſehr wiſſ den. men Liel mac End wied verr ihn kam Benr Als gede baſt mit nich mer Ma gen bere On weg mur Pac jüng im Kre Kin bis d maß rrdieß, wenn meine will; hört,“ anier. Oppo⸗ ihrer hun,“ der uben, daß einen r der ihre Welt erden gibt, Art unge⸗ kön⸗ e iſt, das über rtete iſtes⸗ noch und ſon⸗ 205 dern morgen den Stramin aufſpannen. Das Muſter iſt ſehr ſchön.“ 9 Die Barouin murrte ein wenig und meinte, Thelma wiſſe ſich noch nicht recht in ihre neue Stellung zu fin⸗ den. Albano triumphirte. Die Zärtlichkeit ſeiner flam⸗ menden Feuerblicke erſchreckten die arme Thelma, die ſeine Liebe eben ſo ſehr fürchtete, als ſeinen Zorn. Endlich machte der Ruf zum Mittageſſen den Betrachtungen ein Ende, und Nachmittags war der Korb mit den Muſtern wieder in Ihro Gnaden Kabinet im öſtlichen Flügel verwieſen, und die Baronin wünſchte bei ſich, ſie hätte ihn nie daher holen laſſen. Alfhild blieb acht Tage auf dem Schloſſe und be⸗ kam während dieſer Zeit oftmals Gelegenheit, Thelma's Benehmen, ihre Geduld und Entſagung zu bewundern. Als ſie wieder heim kam, wurde ſie ſelbſt ruhiger und geduldiger, als ſie vorher geweſen war, und Onkel Se⸗ baſtian, der nicht wußte, wie viel ſie durch den Umgang mit Thelma an geiſtiger Kraft gewonnen hatte, ließ nicht außer Acht, ſie auf den Nutzen der Waſſerkur auf⸗ merkſam zu machen. Alfhild lächelte und ließ dem alten Mann ſeine Meinung. Ihre Beſprechungen an den Mor⸗ gen waren überdieß ſo angenehm, daß ſie die Zeit nie bereute, welche ſie mit den drei Waſſergläſern und in Onkel Sebaſtians Geſellſchaft zubrachte. Eines Tages ſagte der Probſt, der ſeine Tochter wegen ihres ununterbrochenen Fleißes ein wenig auf⸗ muntern wollte, zu ihr:„Höre, Alfhild, ich habe daran gedacht, daß es Dir vielleicht ein Vergnügen machen würde, auf den Jahrmarkt nach B— zu fahren. Haſt Du Luſt, ſo ſollſt Du mich begleiten. Ich will dort ein Paar von meinen Zugochſen verkaufen, da ich ein Paar jüngere anzuſchaffen beabſichtige; und überdieß habe ich im Sinne, den Rappen auszutauſchen. So flink die Kreatur auch iſt, ſo hat ſie ihre Untugenden. Kurz, Kind, verſchiedene Angelegenheiten werden mich wohl bis zum nächſten Mittag dort hinhalten, und die Gele⸗ 206 genheit wird für Dich um ſo geſchickter, als ich den Wagen nehme. Niemand kann bei dieſen elenden Wegen auf Schlitten fahren, ich will ihn dem Wagenmacher Larén überlaſſen, ſo hoffe ich, wenn ich noch Etwas zu⸗ lege, einen hübſcheren zu bekommen, denn das altmodiſche Zeug iſt jetzt doch zu ſchlecht, wenn man einmal eine Staatsreiſe macht und eine achtzehnjährige Tochter mit ſich nehmen will.“ „Ach, Papa iſt ſo gut; ich kann nie dankbar genug ſein,“ erwiederte Alfhild, indem ſie ihrem Vater die Hand küßte.„Und wenn Papa meint, daß es ſo recht ſei, ſo kann ich ja wohl mit gehen. Wann werden wir abreiſen?“ „Am Freitag Morgen, aber zaudere und zögeremir nicht, wie ihr Frauenzimmer immer thut, wenn ihr hinaus ſollt. Präeis ſechs Uhr will ich im Wagen ſitzen, ſo können wir gegen zwölf Uhr dort ſein.“ „O, lieber Papa, ich werde auf's Beſte bereit ſein.“ — Alfhild war bei der Ausſicht auf ein ſolches Vergnü⸗ gen durchaus nicht entzückt; aber ſie wußte, daß die freundliche Frage ihres Vaters:„Willſt Du mit mir da⸗ hin gehen?“ eben ſo viel heißen wollte, als wenn er ſagte:„Du ſollſt mit,“— und deßhalb machte Alfhild durch⸗ aus keine Einwendung, ſondern fügte ſich freundlich und mit einer zufriedenen Miene in ſeinen Vorſchlag. Am Donnerſtag Nachmittag ging Alfhild nach dem Schloſſe, um zu hören, ob einige gnädige Befehle mit⸗ zunehmen wären. Dieſe Aufmerkſamkeit wurde ſehr wohl aufgenommen, und während die Gräfin in ihr Kabinet und die Baronin in das ihrige ging, um ein Verzeich⸗ niß von den unzähligen Artikeln anzufertigen, die Mam⸗ ſell Freukmann erhandeln ſollte, blieb Alfhild mit Thelma allein. Der alte Graf war fort und Albano hatte die Artigkeit, die jungen Mädchen ſich ſelbſt zu überlaſſen. Der jüngere Graf von H— war, wie man weiß, kein Mann der Geſelligkeit, und vermied im Allgemeinen jede dritte Perſon, die zwiſchen ihn und ſeine Braut trat; hier Abne Muſt da her genon und fort. dem Ziele war ken, ſeiner monen zu üb Alfhit Theln „Ach, freien wo m ſehen nicht aber, lange nicht 9 drückte Antwo 11 der der die lat zenus v Gegen! oder Alfhild thäte h den Wegen nacher 18 zu⸗ diſche leine er mit genug er die recht n wir nicht, ſollt. önnen fein.“ rgnü⸗ 3 die r da⸗ n er urch⸗ und dem mit⸗ wohl binet eich⸗ am⸗ lma die ſſen. kein jede rat; 207 hier aber that er dieß um ſo lieber, als er eine gewiſſo Abneigung gegen Alfhild gefaßt hatte, weil ſie bei der Muſterfrage ihre Meinung ſo kühn ausſprach. Sobald daher Albano merkte, daß Thelma von Alfhild in Anſpruch genommen war, zog er ſich nach ſeinen Zimmern zurück, und fuhr in ſeinem endloſen Auf⸗ und Niederwanken fort. Seine Hypochondrie hatte ſich noch nicht ganz in dem Glücke des lange erſtrebten und endlich erreichten Zieles aufgelöst, und wenn er je dieß Glück genoß, ſo war es doch nie rein und unvermiſcht. Dunkle Gedan⸗ ken, düſtere Schattenbilder leiſteten ihm noch immer in ſeiner Einſamkeit treue Geſellſchaft, obwohl er dieſe Dä⸗ monen in Gegenwart ſeiner Braut und ſeiner Familie zu überwinden ſuchte. „Gott ſei Dank, daß er ſeiner Wege ging,“ ſprach Alfhild ziemlich aufrichtig, und ſchlang die Arme um Thelma's Hals. Dieſe holte tief Athem aus der beklommenen Bruſt. „Ach, Alfhild,“ ſagte ſie herzlich,„wie ſchön iſt es, einen freien Augenblick genießen zu können, einen Augenblick, wo man ganz natürlich ſein, und in ein Auge und Herz ſehen darf, das Einen verſteht. Dieſes Glück wurde mir nicht oft, und wird es wohl auch künftig nicht werden; aber, Alfhild, einen ſolchen Augenbiick haben wir ſchon lange nicht mehr gehabt. Sage mir, wie Du ihn findeſt; nicht wahr, entſetzlich?“ Alfhild hatte nicht das Herz, zu antworten; ſie drückte Thelma's Hände an ihre naſſen Augen; das wäre Antwort genug, dachte ſie. „Aber ek iſt ſo gut, liebe Alfhild,“ fuhr Thelma mit der dem Weibe angeborenen Feinheit fort, die auch gegen die laut ausgeſprochene Ueberzeugung ihres eigenen Her⸗ zens vor Andern, ja ſelbſt vor der beſten Freundin den Gegenſtand vertheidigt, an den ſie durch eigene Neigung oder Zwang gefeſſelt iſt. Du darfſt ihn nicht haſſen, Alfhild! Er liebt mich ſo innig! Ja, Gott gebe, er thäte es nur halb ſo viel; auch die Hälſte wäre ſchon * 208 mehr als genug,“ ſetzte ſie mit einem ſchwachen Seufzer hinzu und barg ihr Geſicht an Alfhilds Schulter. gegen „Arme Thelma!“ Die reinen jungfräulichen Thau⸗ ſie die tropfen küßten einander, und ſchmolzen auf den feinen Taſche Wangen zuſammen. „Ja, wenn er meine Wünſche errathen könnte, noch, ehe ich ſie ſelbſt ahnte, ſo bin ich gewiß, er würde ſie zu erfüllen ſuchen. Aber— zu was hilft das, Alfhild? Alfhild, antworte mir doch Etwas. Ich ſehe Dir an, daß Du mich für ſehr unglücklich hältſt, und Du weißt doch noch nicht Alles; nein, das weißt Du nicht! Sieh', da drinnen“— ſie legte die Hand auf die Bruſt—„da wohnt ein Schmerz— von Niemand geahnt— und dieſer iſt bitterer als alle andern, und gegen ihn kämpfe ich täglich einen fruchtloſen Kampf.“ Alfhild ſah Thelma forſchend in's Auge; ſie ver⸗ ſtand nicht, was dieſe meinen konnte. Aber Thelma war ſtark; ſie wollte die Laſt, die ſie drückte, nicht auf eine A Andere wälzen. Sie fürchtete überdieß, einen Gegenſtand Frenkm zu berühren, den ihre Lippen noch mit keinem Laute lich mit verrathen hatten. hinauf. „Was dieß auch ſein mag,“ ſprach Alfhild in dem der dun ſüßeſten Tone der Theilnahme,„ſo iſt es unmöglich, eine der rech geduldigere Kreuzträgerin zu finden, als Dich. O, wenn hörig in ich nur die Hälfte Deiner Stärke beſäße; denn wiſſe,„Zieh d Thelma, auch ich habe Kummer, habe einen Schmerz.“ Onkel Der Eintritt der Gräfin unterbrach jeden weiteren lings ir Austauſch von Gedanken und Gefühlen. Alfhild bekam womit d eine Menge Beſchreibungen, wie Alles beſchaffen ſein„Ni müßte, und eine Unzahl Ermahnungen, in den etwas ver⸗ einem pr. worren ſich durchkreuzenden Vorſchriften doch ja keinen„Ni Mißgriff zu thun. verſichert Nach einer Weile kam die Baronin mit ihrem Ver.„G zeichniß zurück, und Alfhild erſchrack in der That über Höre, we die unermüdliche Thätigkeit, die ihr während der Markt⸗ wir hinke tage zufallen würde; aber nach all' der Gnade, worin ſie chen, ehe fi hatte ſonnen dürfen, waͤre der geringſte Einwurf da⸗ Nac — Die Ki 209 Seufzer . gegen ein Majeſtätsverbrechen geweſen, und deßhalb legte Thau⸗ ſie die beiden wichtigen Dokumente ordentlich in ihre große feinen Taſche, empfahl ſich und trat den Heimweg an. * e, noch—— irde ſie. llfhild? Einundzwanzigſtes Kapitel. Dir an,— u weißt 3 Sieh' Herabfloß von der Silbermähne 1 Der Jugend Thräne.. — nda Wie dunkel, Vater, iſt es doch d dieſer In dieſem Lech, ich So düſter wie hierinnen wpfe ich Iſt auch mein Sinnen. 3 — Dein Gram iſt's, was die Acht ſie ver⸗ Mir herber macht. na war v. Braun. iuf eine Am folgenden Morgen Schlag ſechs Uhr ſetzte Probſt genſtand Frenkmann den Fuß auf den Wagentritt, und kam glück⸗ Laute lich mit Pelzmütze, Mantel, Handſchuhen und Reiſetaſche hinauf. Die Morgenpfeife hing feſt an ſeinen Lippen, und in dem der dunkelbraune treue Tabacksbeutel am Knopfloch auf ch, eine der rechten Seite des Rockes. Sobald ſich der Probſt ge⸗ d, wenn hörig in Ordnung geſetzt hatte, hüpfte Alfhild nach.— t wiſſe,„Zieh den Mantel wohl um Dich herum, Kind,“ ermahnte hmerz.“ Onkel Sebaſtian, und hüllte die kleinen Füße ſeines Lieb⸗ veiteren lings in all die Maſſe der weichen Tücher und Säcke, bekam womit der Wagen wegen der Heimreiſe verſehen war. en ſein„Nichts vergeſſen, hoffe ich,“ ſagte der Probſt mit as ver⸗ einem prüfenden Blick auf das Eingepackte. keinen„Nicht das Mindeſte, Papa, Alles iſt in Ordnung,“ verſicherte Alfhild. m Ver⸗„Gut, ſo fahr zu, Peter! aber wart' ein wenig! at über Höre, wenn Du Lars mit den Ochſen ſehen ſollteſt, ehe Markt⸗ wir hinkommen, ſo halte; denn ich will mit ihm ſpre⸗ orin ſie chen, ehe er das Vieh auf den Platz treibt.“ urf da⸗ Nach dieſem Befehl hieß es:„Lebe wohl, Bruder Se⸗ SDie Kircheinweihung von Hammarby. I. 14 210 baſtian! Sieh nach dem Hauſe! Adieu, Kinder! Stine, kehre nicht das Oberſte zu unterſt, wenn Du mein Zimmer aufräumſt: und Du, Liſe, nimm das Feuer in Obacht, und ſage dem Sven, wenn er von der Mühle kommt, daß er heute und morgen Holz führen ſoll. So, Peter, jetzt fahr zu! Aber treibe die Pferde im Anfang nicht zu ſehr in Schweiß.“ Klatſch! und der Holſteiner fuhr raſſelnd durch das rothe Thor, an welchem die Küchen⸗Lene und die Kam⸗ mer⸗Stine ſtanden, um der Mamſell noch ein Wort wegen der rothroſigen Tücher zuzuflüſtern, die ſie ihnen vom Markte heimzubringen verſprochen hatte. Wir wollen nun mit Uebergehung des Ochſenmarktes, der ein Stück weit vor B**sköping Statt fand, geradezu auf den Tummelplatz aller dieſer mannigfachen Geſchäfte eilen. Da es ſchon Mittag war, als der Probſt anlangte, hatte das Gedränge ſeinen Höhepunkt erreicht, und nicht ohne viele und lange Pauſen gelang es Petern durch die dichten Reihen der Bauern, die hier mit blinkend weißen thönernen Pfeifen an den Hüten einherprunkten, Pferden und Wagen einen Weg zu bahnen. Endlich gelangten ſie jedoch glücklich in eine kleine Ecke von Traiteur Pärmanns Hof. Der Probſt und der Traiteur hatten ſchon manche Geſchäfte mit einander gemacht, und ſeit mehreren Jahren ſtand ſtets bei Marktgelegenheiten ein Zimmer in dem obern Stockwerk für Probſt Frenkmann bereit. Der Weg zu dieſem Zimmer führte durch den großen Saal; und wäh⸗ rend Alfhild dort auf ihren Vater wartete— er war nem⸗ lich auf der Treppe ſtehen geblieben, um mit einem Be⸗ kannten zu ſprechen— hafteten ihre Augen an den ver⸗ ſchiedenen Gruppen, die ſich hier darboten. Nun weiß Jeder, der einmal auf einem größeren Land⸗ markte war, daß der Wirths⸗Saal den Verſammlungsortt für alle die bildet, welche kein beſonderes Zimmer nehmen können, oder die alte Bekannte aufſuchen, ihre Toiletten verbeſſern, die Kaſſe nachrechnen und das Herz mit einer 3 Taſſe Kaffee oder andern Herrlichkeiten ſtärken wollen, Kurzſ 4 ein ſe dener zu de 1 kleine Dort zeichne Verze Liquer Rechte ander verdien in fol 2 eine ſe mit ein aufgeh hie un⸗ der Kr Erbſtü her ein ſpritzer alſo ur ſcheinn. Theil Sonne, S 77 Brigitt Alten: gus, g mehr a Brunsl MNutter nehmen aufſitzen mit ein⸗ Stine, Zimmer cht, und daß er ezt fahr ſehr in rch das e Kam⸗ t wegen Markte narktes, geradezu zeſchäfte nlangte, ad nicht urch die weißen Pferden igten ſie rmanns manche Jahren mobern Weg zu id wäh⸗ ar nem⸗ em Be⸗ den ver⸗ n Land⸗ ungsort nehmen oiletten it einer 1, Kurz 41 211 ein ſolcher Saal vereinigt eine unzählige Menge verſchie⸗ dener Dinge, die immer ihr Intereſſe haben, wenn ſie auch zu den niederen Verhältniſſen des Lebens gehören. Um einen großen runden Tiſch ſaßen jetzt verſchiedene kleine Geſellſchaften mit den Rücken gegeneinander gekehrt. Dort im Sophaeck z. B. ein dicker Herr, der ein Ver⸗ zeichniß durchſah, das er vom Tiſche genommen hatte, ein Verzeichniß all der verführeriſchen Namen von Weinen und Liqueuren, welche das Wirthshaus heute darbot. Zur Rechten von ihm ſaßen zwei Frauen vom Lande, die ein⸗ ander ſeit mehreren Jahren nicht getroffen hatten. Dieſe verdienen in nähern Betracht gezogen zu werden, da ſie in folgende beſcheidene Unterhaltung vertieft ſind. „Herr Jeſus! was das hübſch iſt,“ ſagte die Eine, eine ſehr lange und hagere Dame in grauem Caſtorhut mit einer ſtehenden Feder, die darüber hinflatterte, wie eine aufgehißte Nothflagge bei angehendem Sturm, und ſich hie und da in den dünnen Ueberreſten des Pelzkragens fing; der Kragen ſelbſt von braungelbem Atlas, urſprünglich ein Erbſtück aus den Zeiten der Großmutter, trug rund um⸗ her eine Garnitur von wenigſtens hundert reichen Markt⸗ ſpritzern, die wieder hübſch ausgerieben waren. Er ſah alſo ungefähr bis an das Knie aus wie eine bleiche Mond⸗ ſcheinnacht, von dunklen Wolken durchkreuzt. Der übrige Theil erhielt ſich jedoch vortrefflich: er ſtrahlte wie die Sonne, wenn ſie in rother Gluth hinabgeht. „Ach Herr Jeſus! wie intereſſant, daß ich Dich treffe, Brigitte Liſe. Ja gerade vorgeſtern ſagte ich zu meinem Alten:„Lars Guſtav, ſagte ich, ich halte es nicht länger aus, gewiß nicht; es iſt jetzt vier Jahre, ſeit ich nicht mehr auf dem Markte in B. war, und mit Brigitte Liſe Brunsberg zuſammenkam.— Nun thu, wie Du willſt, Mutter, ſagte die fromme Seele. Du kannſt den Braunen nehmen und den Amtswagen, der kleine Nils kann hinten aufſitzen, denn ich habe keine Zeit, ſonſt würde ich ſelbſt mit einem der Knechte mitgehen, Ja, gerade ſn ſagte er. 14* 212 und Gott verleihe ihm eine fröhliche Urſtänd, wenn er einmal ins Himmelreich kommt! Aber liebe Brigitte Liſe, wie trägſt Du Dein Hauskreuz?“ „O liebe Kajſa,“ erwiederte Frau Brigitte Liſe, in⸗ dem ſie mit einer gewiſſen verzeihlichen Schaam das enge bouteillengrüne Kleid zu ſich nahm und die Krempe des ſchwarzen zuckerhutförmigen Sammethutes glättete,„liebe Frau Schweſter, von mir iſt leider Gottes nicht viel zu ſagen. Armuth und Kinder, Auspfändung und Zänke⸗ reien bis über die Ohren, früh und ſpät, das iſt mein Loos Jahr aus Jahr ein. Aber dießmal habe ich mich von Allem mit einander losgeriſſen! Denn, Herr Gott! ſollte ein armer Menſch in ſeinem ganzen Leben nie eine vergnügte Stunde haben, wenn er immer und ewig von dem gräßlichſten Elend hin und hergejagt wird; von einem Elend, Frau Schweſter, daß Einem das Herz entzwei ſprin⸗ gen möchte. Ja, ja, ich will nichts geſagt haben, denn es ziemt ſich nicht für ein Weib, übel von dem zu ſpre⸗ chen, mit dem ſie Freud und Leid theilen ſoll; aber bei dem, was ich eben ausſprach, bleibe ich; wenn man nicht hie und da eine vergnügte Stunde, wie einen Markt, eine Kindtaufe oder Hochzeit hätte, wo man eine Bekannte treffen und vor dieſer ſeine Leiden ausſchütten könnte, ſo wäre es nicht mehr zum Aushalten.“ „Armes Weib,“ dachte Alfhild, die das halbgeflüſterte Geſpräch gehört hatte, und jetzt ihre Aufmerkſamkeit auf eine andere Gruppe wandte. Neben einem gewaltigen Schranke, der durch ſeine nahe Verbindung mit dem Ofen eine Art Niſche bildete, ſtanden zwei Perſonen, ziemlich verſteckt vor den Blicken der Uebrigen. Sie ſprachen eifrig mit einander; aber eben ſo oft, als ſie auf ſich ſelbſt ſahen, ſchickten ſie einen ſpähenden Blick nach der Thüre. Die Furcht, von irgend einem verhaßten Zeugen überraſcht zu werden, ſprach ſich in ihren Zügen aus. „Ach mein theuerſter Engel,“ ſagte der Landjunker, und nahm wie zufälligerweiſe den Zipfel von dem Shawl des Mädchens, um doch etwas von ihr in der Hand zu haben hier nahe Dein grüne hinau wir k nie re die T Ich v ſie ni lich. Aber Nein, licher was i werde bekom nachſa 2 merhit Nachte 77 ich es was ſi Heirat das ich wie D Roßka ich ihr u„*1 3 ſie dra wenn Ritter! 775 213 venn er haben.„Meine ſüße Blume, wie glücklich bin ich, Dich tte Liſe, hier zu treffen, ich jagte meines Vaters alten Kleppern bei⸗ nahe die Rippen aus dem Leibe, als ich die blaue Chaiſe Liſe, in⸗ Deiner Muhme zu Geſichte bekam, und als ich gar Deinen das enge grünen Schleier gewahrte, da wollte ich vor Freude laut npe des hinausſchreien. Aber, Louischen, unſere Zeit iſt zu kurz, „„liebe wir können uns ſo ſelten treffen; ich darf meine Gedanken viel zu nie recht ausſprechen. Sprich, meine ſüßeſte Louiſe, iſt Zänke⸗ die Muhme unſerem Glücke noch immer gleich abgeneigt? ſt mein Ich verzweifle noch; ja ich hänge oder ertränke mich, wenn ch mich ſie nicht mit ſich unterhandeln läßt.“ Gott!„Wie Du ſprichſt, Klas Martin, das iſt recht ſünd⸗ nie eine lich. Das Blut gerinnt mir, wenn ich nur daran denke. vig von Aber erſcheint dort nicht die Muhme an der Thüre? n einem Nein, ſie war es nicht. Ach, Klas Martin, mein ritter⸗ i ſprin⸗ licher Buhle, Du kannſt Dir denken, daß ich Alles thue, i, denn mas in meiner Macht ſteht. Ich habe ihr geſagt, ich u ſpre⸗ werde gewiß die Lungenſchwindſucht oder etwas Aehnliches ber bei bekommen; aber ſie antwortete— o ich kann gar nicht an nicht, nachſagen, was ſie geſagt hat; es iſt zu abſcheulich.“ kt, eine„O doch, meine ſchöne Louiſe, das kannſt Du im⸗ hekannte, merhin. Es wäre mir ſehr lieb zu hören, was die alte ite, ſo Nachteule über mich gewußt hat.“ „Wenn Du es ſelbſt willſt, Klas Martin, ſo kann flüſterte ich es Dir nicht verweigern, und will Dir geradezu ſagen, keit auf was ſie geſagt hat. Nun, daß durchaus nichts aus einer valtigen Heirath zwiſchen uns werde, denn ſie wolle ihr Vermögen, m Ofen das ich einmal erben ſoll, nicht einem ſolchen Lumpenkerl, ziemlich! wie Du ſeiſt, geben, der zu nichts tauge, als zu einem prachen Roßkamm auf einem Landmarkte.“ uf ſich„Das ſagte ſie, die gemeine Klatſchbaſe? ſo, das will 1 ach der ihr, hol' mich der Henker! hereinbringen!...“ Zeuge „Still um's Himmelswillen, Klas Martin! Ich höre aus. ie draußen. Geh' Deiner Wege! Ich werde unglücklich, wenn ſie uns beiſammen ſieht. Adieu, mein theurer Nitter!“ „Adieu, meine ſüße Sonnenblume! Was gut iſt, 214 kommt wieder!“— Mit dieſen Worten trennten ſich die Liebenden. Das Mädchen that, als ob ſie eifrig mit dem Binden ihrer Schnürſtiefel beſchäftigt wäre, und der Land⸗ junker trat mit blaurothem Geſichte an den Schenktiſch, um ein Glas Punſch zu beſtellen, und dann ſeinen Zorn und— ſeine Liebe zu ertränken. Da Alfhild wegen der Entfernung nur ein Unbedeu⸗ tendes von dieſem unbedeutenden Stück in dem bewegten Gemälde um ſie her auffaſſen konnte, wandte ſie ihren Blick, noch ehe die Zuſammenkunft hinter dem Schranfe ſchloß, auf eine Gruppe, welche die Plätze eingenommen hatte, wo noch eben Frau Brigitte Liſe Brunsberg und ihre gute Freundin geſeſſen waren. Es war ein Herr und eine Dame, wahrſcheinlich Mann und Frau. Sie ſaßen Beide mit den Armen auf den Tiſch geſtützt da, und flü⸗ ſterten mit einander. Der Herr ſprach zuerſt laut genug, um gehört zu werden, und in einem Tone, der überzeu⸗ gend ſein ſollte:„Gott verdamme mich, wenn ich einen Stüber mehr habe, als die zehn Neichsthaler, die Du be⸗ kommen haſt! Hier wird ja gar nichts bezahlt! Geht es Nachmittags nicht beſſer, ſo müſſen wir das Schmalvieh wieder heimtreiben laſſen.“ „Liebes Papachen,“ wandte die Frau ein,„Du willſt mich da nur zum Beſten haben. Ich ſah ja deutlich, wie Du vor einer Stunde von dem langen Norweger mit dem blauen Mantel und dem grünen Halstuch drei große Bank⸗ zettel empfingſt; und dabei ſprachſt Du von dem kleinen Gelben. Ja, ich laſſe mich darauf aufknüpfen, Du haſt den kleinen Gelben verkauft; und haſt Du das, ſo iſt es wohl von mir, die Dir eine ſo ſchöne Mitgift brachte, nicht zu viel begehrt, wenn ich ein wenig Geld zu einem ſchwarzen Kamelotkleid von Dir verlange. Du weißt ſelbſt, mein beſter Freund, daß wir bald in der Nachbarſchaft eine Hochzeit haben, und mein ſchwarzes Kleid durchaus nicht mehr zu benutzen iſt. Nun, das iſt nicht zu ver⸗ wundern; es konnte nicht ewig dauern. Du weißt, lieber Papa das z Unzei „Mei um J nähre als: ſoll, brauc purer ſehen größt wiß Shan u. ſ. ihr 2 ausge Frau ten Opfer Kupfe Bran gnügt ſchaue der T Bekan ſelben kaufte größe gerade wurde ein§ im P berüh ſich die ait dem r Land⸗ nktiſch, n Zorn nbedeu⸗ wegten e ihren chranke ommen rg und rr und ſaßen ud flü⸗ genug, berzeu⸗ einen Du be⸗ heht es nalvieh willſt h, wie nit dem Bank⸗ kleinen u haſt iſt es rachte, einem ſelbſt, rſchaft rchaus u ver⸗ lieber 215 Papa, daß ich nie ein anderes gehabt habe, als dieſes, das zu meiner Ausſteuer gehörte.“ „Ihr Weibsleute heulet Einem immer zur Zeit und Unzeit den Kopf voll,“ entgegnete ihr Mann ärgerlich. „Meinſt Du etwa, die Ausſteuer habe dazu hingereicht, um Dich und die Kinder Jahr aus und Jahr ein zu er⸗ nähren und zu kleiden? Aber Ihr wißt nichts Anderes als: Gib mir, gib mir! Woher es genommen werden ſoll, darum bekümmert Ihr Euch nichts. Nun wieviel brauchſt Du denn zu dem Plunder? Ich ruinire mich aus purer Schwachheit, nur, um dieſem Gekeife zu entgehen.“ „Ach, liebes Papachen, ſei nicht ungeduldig. Laß ſehen!“— und die Frau ſah aus, als ob ſie in der größten Eile überlegte, wie viel ſie fordern ſollte, um ge⸗ wiß zu ſein, daß der Ueberſchuß zum Ankauf eines Shawls, einiger Spitzen, einem Fläſchchen Riechwaſſer u. ſ. w. reichte. Sobald ſie dieſe Summe angegeben und ihr Mann ſie brummend aus dem Banknotenbuche her⸗ ausgenommen hatte, war die Berathung zu Ende. Die Frau flog nach den ſchon vorher mit Entzücken beäugel⸗ ten Marktbuden, und der Herr hinkte ſeufzend über die Opfer eines Ehemannes zu dem Platze hinab, wo das Kupfergeſchirr ſtand, um einen äußerſt geſchmackvollen Branntweinkeſſel in Augenſchein zu nehmen. Die ganze Zeit über, während ſich Alfhild damit be⸗ gnügte, die lebenden Gemälde in dem Wirthsſaale zu be⸗ ſchauen, war Probſt Frenkmann auf dem mittlern Abſatz der Treppe ſtehen geblieben. Durch Vermittlung eines Bekannten hatte er die Bekanntſchaft eines Norwegers, deſ⸗ ſelben, der, wie wir eben hörten, den kleinen Gelben kaufte, gemacht, und mit ihm einen Handel über eine größere Anzahl Vieh angeknüpft. Aber, da der Probſt gerade nichts zu bieten hatte, als ſeine alten Zugochſen, ſo wurde ſtehenden Fußes ausgemacht, daß der Fremde, der ein Händler von Fredriksſtadt war, ſich am andern Tage im Probſthofe von Hammarby einfinden ſollte, um das berühmte Schmalvieh des Probſtes Frenkmann zu beſich⸗ —— 216 tigen. Als dieß entſchieden war, trat der Probſt in den Saal, um ſeine Tochter aufzuſuchen, die er während der lebhaften Unterhandlung ganz vergeſſen hatte. „Gott ſei Dank, daß Papa kömmt,“ ſagte Alfhild freudig.„Ich gehe hier ganz einſam unter all' dieſen fremden Menſchen umher.“ „Nun, auf meine Ehre,“ fiel der Probſt ein, nich vergaß ganz, Dir den Kammerſchlüſſel zu geben, mein Mädchen!“— dabei öffnete er die Thüre zu dem bezeich⸗ neten Zimmer, und gleich darauf kam Peter mit den Sa⸗ chen herauf. Jetzt wurde große Toilette gemacht; der Probſt ſetzte ſeine beſte Perrücke auf, zog einen friſchen Kragen und Halstuch an. Alfhild machte die Haar⸗ wickeln heraus, kräuſelte ihre Locken, band den neuen Schleier um den Hut, und legte die feine Chemiſette über den kleinen Sammetkragen ihres braunen Kleides heraus. Da nichts weiter zu thun war, ging man in den Saal hinaus und trank Kaffee. Das Mittageſſen ſollte in Ge⸗ ſellſchaft einiger Bekannten eingenommen werden, nachdem vorher der Handel beendigt war. Der Probſt nahm nun ſeine Tochter beim Arme; Peter ging mit ein Paar gro⸗ ßen Körben hinten drein, und ſo wanderte man hinaus in die wogende Menſchenmenge. Das bunte, wimmelnde Leben und Getöſe zur Rechten und Linken freute Alfhild dießmal nur wenig gegen früher, und ſie beachtete die neugierigen Blicke kaum, die auf ihr ſchönes Geſicht und ihren netten, zierlichen Anzug geworfen wurden. Sie hatte für nichts Sinn, als für die Vollziehung der Auf⸗ träge, welche ſie von der Gräfin und der Varondn erhalten hatte; ſonſt würde ſie gewiß mehr als einmal bei den unzähligen Veränderungen, welche das Schauſpiel des Marktplatzes darboten, den Mund verzogen haben.— Dort ſah man eine Frau mit hochaufgeſchürztem Pelze und vor⸗ geſtreckter Naſe, die von einer Bude zur andern einem neuen Reichsthalerſcheine nachjagte, den ſie auf den Zahl⸗ tiſch gelegt hatte, als ſie ihre Taſche hervornahm, um eine Düte mit Zuckerwaaren hineinzuſtecken, die ihr ein Herr gerad die ſi erneu mal, eben 3 nach b Volks ſamm Schni tel, d Ell bog mädch vorübe würde den, u Kreuz ritten kuchenr niederg hielten eines war de A Gott, nagelne gluͤcklie ſich nie tens au brochen Dinge hatte, ſah, u ein gro Geſellſ in den end der Alfhild dieſen n,„ich , mein bezeich⸗ en Sa⸗ t; der riſchen Haar⸗ neuen e über eraus. Saal n Ge⸗ chdem mnun gro⸗ inaus nelnde lfhild te die t und Sie Auf⸗ alten den des Dort vor⸗ inem gahl⸗ um ein 8 brochen damit beſchäftigt geweſen war, 217 Herr ihrer Bekanntſchaft gegeben hatte.„Und dieß ſei gerade an dem Tiſch hier geweſen.“— Eine Behauptung, die ſie ohne Erfolg bei einer ganzen Reihe von Buden erneuerte.—„Das iſt entſetzlich,“ ſchrie die Frau jedes⸗ mal, wenn ſie einer Dutzſchweſter begegnete.„Ich legte eben einen Thalerſchein da hin, und fort iſt er!“ Hier erblickte man wieder ein paar Jungen, die laut nach der Mama ſchrieen, welche ihre Theuren in dem Volksgedränge, das ſich um einige tanzende Bären ver⸗ ſammelte, vorloren hatte.— Dort kam ein mit einem Schnurrbart gezierter Herr daher, in einem weiten Man⸗ tel, der ſich mit aufgeſperrten Augen und ausgeſtreckten Ellbogen vorwärts arbeitete, um das hübſche Bauern⸗ mädchen wieder zu erwiſchen das eben mit dem Eierkorb vorübergegangen war.— Hier zogen verſchiedene Ehr⸗ würden, die ſo glücklich geweſen waren, einander zu fin⸗ den, und nun mit flatternden Krägen daſtanden, wie ein Kreuz in der Anglaiſe. Dazwiſchen trippelten Fräuleins, ritten und lärmten Landjunker daher; da wurden Pfeffer⸗ kuchentiſche umgeworfen, Kaffeepfannen verſchüttet, Gefäße niedergetreten, welche Laugenſiſche und Grützwürſte ent⸗ hielten, und durch alles das drang der gewaltige Lärm eines Korps wildſchreiender Marquetenderinnen. Das war das Leben auf einem Landjahrmarkt. Aber Alfhild kümmerte ſich um nichts, ſondern dankte Gott, als man am andern Mittag ſich anſchickte, in den nagelneuen Wagen zu ſteigen, über deſſen Preis der Prohſt glücklich handelseinig geworden war. Aber ſie verwunderte ſich nicht wenig, als ſie nach einer guten Stunde War⸗ tens auf ihren Vater, während welcher Zeit ſie unnnter⸗ die unzähligen Dinge einzuſtoppen, welche ſie auf dem Markte erhandelt hatte, ihn endlich in Geſellſchaft eines Fremden kommen ſah, und noch mehr als ſie hörte, daß dieſer Fremdling, ein grobgliedriger Norweger, ihnen nach dem Pfarrhofe Geſellſchaft leiſten ſollte. Der Tag nach ihrer Heimkehr vom Markte war ein 4 218 Sonntag. Der Gaſt und Onkel Sebaſtian waren in der Kirche, um die Predigt des Probſts zu hören; aber Alf⸗ hild hatte häusliche Geſchäfte zu verrichten, und nachdem ſie dieſe beendigt, und andächtig Ekmanſons Poſtille ge⸗ leſen hatte, ordnete ſie die für Ihre Gnaden mitgebrachten Dinge, die ſie Nachmittags mitnehmen wollte, wo ſie ei⸗ nen Beſuch auf dem Schloſſe zu machen beabſichtigte. Aber ſo ſehr ſie auch von all' dieſem in Anſpruch genommen war, ſo wurde ſie doch von einer Gemüths⸗ unruhe gequält, die ſie nie in einem ſolchen Grade em⸗ pfunden hatte, und von Ahnungen gepeinigt, deren Ur⸗ ſache ſie weder entwirren noch faſſen konnte. Mehrere Male flüſterte die Hoffnung ihr zu: Es iſt jetzt nicht mehr lange bis zum März; aber deſſen ungeachtet wollte die finſtere Stimmung nicht aus Kopf oder Herzen weichen. Die Schritte der Männer auf der Treppe erweckten ſte aus ihrem betäubungsähnlichen Zuſtande. Sie eilte in den Saal, um den Herren den Kirſchenſchnaps zu bringen, und als dieſer eingenommen war, ſtand es nicht lange an, bis man um den Tiſch ſaß. Der Probſt ſchliff ſein neues Vorſchneidemeſſer, und während ſeine geübten Hände ein Stück nach dem an⸗ dern von der prächtigen Ochſenbruſt trennten, ſprach er, um als artiger Wirth die eine wie die andere Pflicht zu erfüllen:„Es iſt mir ſehr angenehm, hier wieder die norwegiſche Sprache mit der ſchwediſchen vertraulich ge⸗ miſcht zu hören, und in einem ehrlichen Norweger einen trefflichen Tiſchnachbar zu finden.“ „Ja, Herr Sörenſen, wir haben uns ſo daran ge⸗ wöhnt, daß wir, ſeit der Architekt abweſend iſt, be⸗ ſtändig meinen, es fehle etwas in unſerer häuslichen Heiterkeit. Herr Sörenſen kennt Leilern, wie ich eben hörte, als wir vom Kirchbau ſprachen.“ I — „Ei freilich, es iſt ein ſehr artiger Mann,“ erwie⸗ derte Herr Sörenſen, geſchmeichelt von dem Lobe eines/ Landsmanns, deſſen gefälligem Weſen er ſelbſt großentheils gen die fr hier in ſei ſein r ſehen. allgen Meſſe Er ſa wunde 8 hefti 9 lenden ſolchen konnte der C in ſeir erhob, richtet ſchob Stuhl noch I ſeine eilte 1 ihre 2 zu leit andern über i Spirit Naſe zur A empor lag al . 2 n in der ber Alf⸗ nachdem tille ge⸗ brachten o ſie ei⸗ tigte. Inſpruch emüths⸗ ade em⸗ ren Ur⸗ Mehrere ßzt nicht t wollte Herzen weckten ie eilte — aps zu s nicht er, und em an⸗ ach er, Pflicht der die ich ge⸗ r einen an ge⸗ ſt, be⸗ slichen ) eben erwie⸗ eines ntheils 219 die freundſchaftliche Begegnung zu danken hatte, die er hier erfuhr.„Sehr artig. Ich hatte einmal vor eini⸗ gen Jahren das Vergnügen, auf einer Reiſe ein Gaſt in ſeinem Hauſe zu ſein, und bekam da Gelegenheit, ſein reizendes Weib, oder wie wir ſagen, ſeine Kone zu ſehen. Ja, eine ſehr ſchmucke Kone hat er. Sie iſt auch allgemein wegen ihrer ungewöhnlichen Schönheit berühmt.“ „Er iſt verheirathet?“ fragte der Probſt, und das Meſſer ſiel ihm aus der Hand und unter den Tiſch. Er ſaß da wie ein ſprechendes Bild der höchſten Ver⸗ wunderung. Onkel Sebaſtians Augen ſprühten Feuer, und das heftige Zittern ſeines ganzen Körpers, und ſeine ſchwel⸗ lenden Adern bewieſen, daß er vor zwanzig Jahren bei ſolchen Nachrichten in eine wahre Berſerkerwuth gerathen konnte. Jetzt war er alt und ſchwach geworden; aber der Geiſt war nicht gedämpft, und noch fand ſich Kraft in ſeinen welken Gliedern. Dieß zeigte ſich, als er ſich erhob, die ſonſt etwas zuſammengeſunkene Geſtalt auf⸗ richtete, mit einer heftigen Bewegung den Teller fort⸗ ſchob und zu Alfhild eilte, die ohne Beſinnung auf den Stuhl zurückgeſunken war. Der Arm des Greiſen war noch nicht erlahmt. Kräftig nahm er ſeinen Liebling an ſeine Bruſt, und trug ſie in ihre Kammer; der Probſt eilte nach, und die beiden ängſtlichen Männer vereinigten ihre Bemühungen, um der vernichteten Alfhild Beiſtand zu leiſten. Kleider und Mieder wurden eines nach dem andern ausgezogen, ein Glas Waſſer nach dem andern über ihr bleiches Geſicht geſchüttet, und alle Arten von Spiritus, die ſich im Pfarrhofe vorfanden, ihr unter die Naſe gehalten. Endlich kam der Küſter. Man ließ ihr zur Ader, und als der erſte Strahl aus ihrem Arme emporſpritzte, ſchlug ſie die Augen auf. Sie erwachte, lag aber ſtill und matt da. Als der Probſt ſah, daß die Gefahr überſtanden war, eine Sache, die er für entſchieden nahm, hielt er es für ſchicklich, zu dem nicht wenig erſchrockenen Gaſt 220 und dem kalt gewordenen Ochſenfleiſch zurückzukehren; denn Frenkmann, obwohl ein wackerer Mann, gehörte doch zu denen Leuten, die mit derſelben Eßluſt wieder an den Tiſch zurückkehren können, von dem ſie durch eine unvermuthete traurige Begebenheit vor einer Weile abgerufen worden ſind. Indeſſen ſaß Onkel Sebaſtian an Alfhild's Bett und hielt ihre kalte Hand in der ſeinigen. Keines von beiden ſprach; aber wenn ſie zuweilen aufſah, und den beinahe ſterbenden Blick auf ihren alten Freund heftete, da wurde es dem Greiſen ſo eng um's Herz, daß er gewiß ſeinen Gefühlen Luft gemacht haben würde, wenn er nicht gewaltig für die Erhaltung ſeiner Soldatenehre gekämpft hätte, die ihm ſeiner Anſicht nach nicht er⸗ laubte, Thränen zu vergießen. Aber deſto feſter drückte er die kleine Hand, athmete darauf hin, und bemühte ſich auf alle Art, dieſer und dem eiſigen Herzen Wärme zu verſchaffen.—„Gottes Urtheil!“ murmelte Sebaſtian zwiſchen den Zähnen,„der Elende war nur das Werk⸗ zeug in einer höhern Hand— die Strafe— Wehe, wehe!— ich fühlte das gleich im Anfang in mir.“ „Papa Sebaſtian, ich bitte Dich von Grund mei⸗ ner Seele, ſprich nicht ſo entſetzlich,“ ſagte Alfhild mit zitternder Stimme.„Laß uns nicht den Stab über ihn brechen. Ich wußte ja, daß eine große, finſtere Wolke an meinem Himmel ſtand, und die lichten Streifen ver⸗ hüllte. Ach, das war das Sündige in meiner Liebe! Großer Gott! laß mich lieber ſterben als mit dem ver⸗ nichtenden Gefühle leben, daß ich den Gatten einer An⸗ dern liebe! Glaubſt Du, Onkel Sebaſtian, daß mir Gott mein unvorſätzliches Vergehen verzeihen wird? Ich wußte es ja nicht!“ „Ja, mein Täubchen, Du biſt weiß und rein wie Schnee, und unſchuldig wie ſeine Engel! Dir kann nichts zugerechnet werden; aber er, der Bube, möge er....“ „O vollende nicht,“ bat Alfhild mit unausſprech⸗ licher Angſt,„vollende einen ſo gottloſen Gedanken nicht; — um n. Ich r denn Gatte daß j wo ſo Ich k armen vor m. meiner 7 ein; zeihen 7 ſchöne Greiſe könnte zeihen ſere C. cheriſc einſieh Gefüh dererſe rend i A Leilern liebt Verw⸗ etwas habe rung ſie ſch cher d hinabſ gewoh Inner ukehren; gehörte wieder ke durch r Weile 's Bett ies von und den heftete, daß er „wenn ttenehre cht er⸗ drückte emühte Wärme baſtian Werk⸗ Wehe, 44 ——— d mei⸗ ld mit er ihn Wolke n ver⸗ Liebe! ver⸗ r An⸗ 1 1 mir Ich u wie nichts . prech⸗ nicht; f 221 um meinetwillen, um der armen Alfhild willen ſei ruhig! Ich will ja auch ruhig ſein und leiden und ſchweigen; denn Gott fordert ein Opfer für die arge Sünde. Der Gatte einer Andern!— hui! Mein Herz bebt ſo ſehr, daß jede Fiber ſich von der andern reißt! Aber ſprich, wo ſoll ich mich verbergen, wenn er wieder kommt? Ich kann ihn nicht ſehen, und muß ſein Bild aus dem armen Herzen reißen; denn jetzt liegt ja Alles ſo klar vor meinem Blick, daß ich nicht einmal die Erinnerung meines Wahnes genießen darf.“ „Und Du haſſeſt ihn nicht?“ fiel der alte Oernroos ein;„Du könnteſt dem Elenden, glaube ich, gar ver⸗ zeihen?“ „Ihn haſſen!“ verſetzte Alfhild, und die großen, ſchönen Augen hefteten ſich mit einem Ausdruck auf den Greiſen, der ihn zwang, ſeinen Blick zu ſenken.„Wie könnte ich ihn haſſen, und was habe ich ihm zu ver⸗ zeihen? Theilt er nicht daſſelbe Schickſal mit mir? Un⸗ ſere Gefühle waren unwillkührlich. Sie waren verbre⸗ cheriſch; aber wir nahmen gleichen Theil daran.“ „Du biſt alſo ſo blind, Kind, daß Du nicht einmal einſiehſt, wie abſcheulich er gehandelt hat, da er dieſe Gefühle einerſeits bei Dir erweckte und nährte, und an⸗ dererſeits ſie in ſeiner eigenen Bruſt nicht erſtickte, wäh⸗ rend ihn doch ſchon die heiligſten Bande feſſelten!“ Alfhild ſchwieg. Zwar kam es ihr vor, als ob ſie Leilern ohne ſein geringſtes Zuthun von Anfang an ge⸗ liebt habe; aber es war auch etwas Dunkles, etwas Verworrenes dabei, das ihrer Erinnerung vorſchwebte, etwas, das ſie zu der Ueberzeugung zwingen wollte, er habe ihre fiebe geſucht und geweckt. Daß er ihr Nah⸗ rung gegeben hatte konnte nicht geläugnet werden; aber ſie ſcheute ſich, einer Umſtand genauer zu erwägen, wel⸗ cher den, den ſie antetete, weit unter den Standpunkt hinabſtoßen konnte, pon wo aus ſie ihn zu betrachten gewohnt war. Dieß war ein Geheimniß, welches im Innern der Seele vermahrt werden mußte. Alfhild blieb 222 ſtille, und der alte Oernroos beſaß ein zu großes Zart⸗ gefühl, um ſie zu einer Erkenntniß zwingen zu wollen, das ihre Empfindung ihr auszuſprechen verbot. Lange, trübe Tage und Nächte folgten hierauf. Alfhild ſtand bald wieder auf; aber das Leben, das friſche, jugendliche Leben erbleichte zu einem matten Schat⸗ ten des verſchwundenen Einſt. Der alte Sebaſtian ſprach nicht mehr von ſeiner 2 Waſſerkur. Vergebens ſann er auf ein Gegengift für das Uebel. Er fand keines, und es blieb ihm nichts übrig, als mit Worten und Thaten den ſtillen, in der Seele begrabenen Schmerz ſeines Lieblings zu theilen. Methode fort, die er für die Der Probſt fuhr in der paſſendſte hielt, und ſah daher nichts, als die bleichen abgefallenen Wangen ſeiner Tochter, weßhalb er einen Arzt berief, der zur Befriedigung des Probſtes erklärte, daß Mamſell Frenkmann ſich eine heftige Erkältung zu⸗ gezogen habe. Alfhild huſtete auch recht hart, und der Doktor hatte alſo gewiſſermaßen recht. Aber dieß waren nur die äußeren Wirkungen der Krankheit; ihre Quelle blieb unbekannt. Still und einſam verfloß die Zeit. Im Probſthofe von Hammarby wurde es ſo ſonnenleer, als ob der Winter nie ein Ende nehmen wollte; aber mit jedem Sandkorn, das in das Stundenglas der Zeit hinabrollte, nahte ſich der gefürchtete Augenblick, wo Leiler zyrück⸗ kehren ſollte. Der Probſt Frenkmann hatte ſich, ohne dem Grafen einen Grund dafür anzugeben, von dem angenommenen Gaſte losgeſagt; und da ſich keine an⸗ dere paſſende Wohnſtelle in der Nähe fand, hatte der Graf beſchloſſen, daß Leiler während der üfrigen Zeit des Kirchbaues auf dem Schloſſe wohyen 8— Doch wir verſetzen die Handlung wieder nich Norwegen, um uns von dem Gange der dortigen Segebenheiten zu un⸗ terrichten. 6 —— 2 bitter genöt men, alle dem ihren der l die le 's Zart⸗ wollen, hierauf. en, das n Schat⸗ n ſeiner gift für nichts in der theilen. für die bleichen r einen erklärte, ung zu⸗ und der waren V Quelle obſthofe ob der jedem brollte, zprück⸗ ohne n dem ie an⸗ te der i Zeit Doch , um u un⸗ . 223 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Doch Was hilft mein Bitten, was die Klagen? Iſt nicht mein Urtheil tief und unauslöſchlich In des Geſchickes Kupferblatt geſchnitten? Was hoff', was ſuche, was begehr' ich? Was kann mir werden, was ich noch verlieren? Verjagt, verhöhnt, mich ſelbſt verzehrend— friedlos. Runeberg. Die Nacht hatte ihren Baldachin über die Erde ausgeſpannt, und der für die beiden Gatten ſo bittere Tag, welchen wir am Schluſſe des vorigen Theils ge⸗ ſchildert haben, war in das weite, nie wieder eröffnete Grab der Zeit hinabgeſunken. Marie lag einſam in ihrer Kammer auf den Knieen, und bat um Muth und Standhaftigkeit, den bittern Kelch zu leeren. Doch der Friede wollte nicht wieder in ihre Seele zurückkehren. Bebend ſchauderte ſie jedes⸗ mal zuſammen, wenn ſie bei dem Gedanken an die dunkle Zukunft verweilte: einer Zeit, wo ſie allein, ganz allein, ohne die geringſte Hoffnung auf Verbeſſerung ihrer Lage, und verlaſſen mit einem Herzen da ſtand, das nach Glückſeligkeit ſchmachtete, aber dazu verdammt ſchien, vor Schmerz verbluten zu müſſen.—— Und doch hörte Marie nicht auf zu beten, und ſie bat nicht allein für ſich ſelbſt, ſie bat auch für ihn, der ihr den bittern Schmerz zugefügt hatte. Die Liebe des Weibes iſt ſtets, auch wenn ſie ſelbſt genöthigt iſt, dieſelbe als eine Schwachheit zu verdam⸗ men, ſie iſt ſtets— ſofern ſie wahr geweſen— ſo ohne alle Selbſtſucht, daß ſie ihre eigene Perſönlichkeit über dem Gegenſtand vergißt, den ſie liebt. So hatte Marie ihren Gatten geliebt, ſo liebte ſie ihn noch, als ſchon der letzte Stern am Himmel der Hoffnung erloſchen, und die letzte Roſe verwelkt von ihrem Stängel gefallen war. Dieſe Nacht war ihr ewig unvergeßlich; ſie war 224 Zeuge ihrer Kämpfe und Gebete, ihrer Thränen und Angſt, aber auch Zeuge ihres Siegs nach dem langen qualvollen Kampfe des Herzens geweſen. Es war ſchon lang nach Mitternacht, als ſie vor Kälte und Aufregung zitternd ihr einſames Lager ſuchte. Mechaniſch griff ſie, wie ſie ehedem gewohnt war, mit der Hand nach dem Platze, wo das Bettchen, ihres Kindes Bettchen, neben ihrem eigenen geſtanden war. Der Ort war leer, die Hand faßte nichts, und als ſie an ihre eigene Bettdecke hinſank, verſchwand die Täuſchung. Ein ſcharfer Stich fuhr ihr durch das leere Herz. Seußzer erhoben die ge⸗ preßte Bruſt. Ach wie lang und finſter war nicht dieſe Nacht für die Arme; wie kalt fielen ihr nicht die Schweißtropfen von der Stirne! Aber Gott iſt gütig; einmal wird es Morgen, und „Der Freude Roſe knoſpt an Schmerzensdornen.“ Und auch auf dieſe Nacht folgte ein Morgen, deſſen erſter, ſanfter Sonnenſtrahl Marien erweckte, und die letzte Thräne abtrocknete, die auf ihrer Wange geronnen war. Sie kleidete ſich an, athmete mit ihren warmen Lippen einige kleine helle Flecken an die gefrorene Fen⸗ ſterſcheibe, und ſchante durch ſie empor zu dem Herrn der Welten. Heute, bei Tage fühlte ſie eine Hoffnung, einen Glauben, den ihr die Nacht nicht hatte ſchenken können; ein Funken von Frieden beſuchte ihre Seele; denn dieſe hatte wieder angefangen, ihre Gewalt über das immer ſchwächer werdende Herz auszuüben. Sie wußte jetzt, was ſie thun wollte, was für ein Opfer das eiſerne Geſetz der Nothwendigkeit von ihr verlangte— und ſie wollte es bringen. Geduldig und ſchön in ihrem unendlichen Schmerz, der jetzt in dem ſtillen Tempel begraben war, aus dem er nur für einige Tage flüchtete, um ſich unter ſeinen Schweſtern umzuſehen; aber wieder dahin zurückſank, ohne das Geſuchte gefunden zu haben, trat Marie in die Wohnſtube, und ordnete ſelbſt zum erſten Male ſeit der Heimkehr ihres Gatten den Kaffeetiſch. 8 und eine j ſchwei ihrige wirru dieſen hatte. Mari lange mich erlaul Wort eine I lichen Mari reichte Läche und ſ Mari weher mocht und j tete, nen und langen ar ſchon ufregung griff ſie, ach dem n, neben eer, die Bettdecke er Stich die ge⸗ cht dieſe icht die gütig; enen.“ deſſen und die rronnen varmen ne Fen⸗ Herrn ffnung, chenken Seele; t über Sie Opfer igte— chmerz, is dem ſeinen ckſank, rie in le ſeit 225 Als Leiler eintrat, ſtand ſie von ihrer Arbeit auf, und ging ihm erröthend und vielleicht verwirrter als eine junge ſchüchterne Braut entgegen. Er reichte ihr ſchweigend die Hand; aber als er das leichte Zittern der ihrigen empfand, und ihre unbeſchreiblich holde Ver⸗ wirrung ſah, mußte er ſich geſtehen, daß er ſie nie vor dieſem Augenblick mit unparteiiſchen Blicken betrachtet hatte. „Wie befindeſt Du Dich heute, meine liebe, gute Marie? Deine Wangen ſehen friſcher aus, als ſie ſeit lange waren.“ „Es freut mich, wenn Du das meinſt! Ich befinde mich auch etwas beſſer. Aber der Kaffee wird kalt; erlaube mir, daß ich Dich heute bediene.“ Bei dem Worte„heute“ zitterte ihre Stimme merkbar; es lag eine beinahe übermenſchliche Anſtrengung in ihrer freund⸗ lichen Ruhe. Die beiden Gatten ſetzten ſich an den Tiſch, und Marie vermochte ſogar zu lächeln, als ſie ihm die Taſſe reichte, aber es gibt Augenblicke im Leben, wo uns ein Lächeln mehr wirklichen Schmerz macht, als die bitterſten und ſchärfſten Worte. So war es mit Leilern der Fall. Mariens Lächeln ſchnitt ihm in die Seele und that ihm weher, als alle Thränen und Vorwürfe zuſammen ver⸗ mocht hätten. Er kannte ſie, und wußte, daß ihre zarte und jetzt ſo tief gekränkte Weiblichkeit ihr nicht geſtat⸗ tete, den wahren Zuſtand ihrer Seele zu zeigen, daß ſie ſtark genug war, mit dem Tod im Herzen lächeln zu können, um ſo nicht ſein Mitleiden zu gewinnen, da ſie ihm kein anderes Gefühl einflößen könnte. „Bei Gott!“ dachte Leiler, und führte Mariens Hand mit einem Grad von Rührung und Achtung an die Lippen, wie er ihr nie vorher erwieſen hatte. „Blum hatte Recht. Ich lerne ſie erſt jetzt kennen. Sie iſt ein edles, hochſinniges Weib, und wäre ſie nicht ſo ſtolz, ſo höflich lau geweſen, als mein Herz in den ver⸗ Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 1 226 gangenen Jahren ſich ſo oft nach einem Sonnentag ſehnte, um ſich daran zu wärmen, oder hätte ſie nur wenigſtens verſucht, dieſes auf jenen kleinen Wegen der Eroberungs⸗ ſucht zu gewinnen, die dem Weibe erlaubt ſind, es wäre ihr gewiß gelungen. Aber jetzt, jetzt iſt es vorbei! Mein Herz hat ſein Ziel gefunden,— ein Weſen, das nicht weiß, was Verſtellung iſt, noch was eine ſolche Gemüths⸗ ſtärke ſagen will, die ſich anſtrengt, dem warmen Ge⸗ fühle eine Feſſel anzulegen, und eine Kälte zu erheu⸗ cheln, wie eine marmorne Venus, während das Blut friſch durch jede Ader läuft, und jeder Pulsſchlag dem Herzen eine neue Sekunde verkündet, die ohne Hoffnung vorübergegangen iſt. Nein, Alfhild, meine reine, weiße Taube, ſie ſchmiegt ſich warm und ſehnſüchtig an meine Bruſt, ſie ſucht dort ihren Schutz, und ihre Wange er⸗ röthet oder erbleicht, je nach dem Ausdruck, den ſie in meinem Blicke findet. So, ja ſo muß die Liebe des Weibes ſein. Eine Hingebung, die von dem Manne abhängig iſt, an den ſie ſich geheftet hat. Alle ihre Ge⸗ danken, Gefühle und Begriffe müſſen ſich in dem einigen Wiſſen vereinigen, daß ſie liebt! Außer dieſem gibt es nichts für ſie. Die Worte ihres Geliebten oder Gatten ſind ihr genug; der Glaube an ſie iſt ihre Welt; ſein Wille, ſein Beſchluß die einzige Geographie, die ſie zu ſtudiren; die Berechnung der feinſten oder helleren Töne ſeiner Laune die einzige Arithmetik, die ſie zu kennen braucht.“ Während ſo Leiler die Liebe ſeiner Gattin und ſei⸗ ner Geliebten mit einander verglich, ein Vergleich, der von der ſchärfſten Selbſtſucht gemacht wurde, vergaß er, was nicht ſo ſelten geſchieht, eine Göttin, die leider mehr Repräſentanten als wahre Verehrer beſitzt, nemlich die Gerechtigkeit; denn er vergaß ganz den Unterſchied ſeines eigenen Benehmens gegen dieſe beiden Weiber ins Auge zu faſſen. Hätte er dieß gethan, ſo hätte er ein⸗ ſehen müſſen, daß er in ſich ſelbſt und nicht in ihnen die Urſache des verſchiedenen Verhältniſſes zu ſuchen habe. 3 betra⸗ nahe ſich vorgi es no gewiß ſo un Mari um il ihm und— rückte verläf die ge 1 7. was! wieder Schw als er gung erwog ſchwer es feh einma nicht ſpreche worin ausdri In Le ſeiner ſehnte, nigſtens erungs⸗ es wäre ! Mein s nicht emüths⸗ en Ge⸗ erheu⸗ 3 Blut ag dem offnung , weiße i meine nge er⸗ n ſie in ebe des Manne hre Ge⸗ einigen gibt es Gatten t; ſein ſie zu n Töne kennen 227 Während dieſer langen Pauſe ſaß Marie da, und betrachtete ihn, wie er nach dieſem ſo freundlichen, bei⸗ nahe liebevollen Handkuß auf einmal gedankenvoll vor ſich hinſtarrte, und beinahe von Allem, was um ihn vorging, getrennt, es ganz vergeſſen zu haben ſchien, daß es noch außer ihm eine Welt gebe.—„Er denkt wohl gewiß nicht daran, daß es in dieſer nemlichen Welt ein ſo unbedeutendes Weſen wie ſein Weib gäbe,“ dachte Marie, und ſo ſtand ſie denn von ihrem Stuhle auf, um ihn allein zu laſſen. Sie hätte jetzt ſo gerne mit ihm geſprochen; aber ſeine Aufmerkſamkeit war ferne, und nur der Stich in Mariens Herz nahe. Die Bewegung, die ſie machte, als ſie den Stuhl rückte, weckte ihn.—„Wie, meine liebe Marie, Du verläßt mich ſo bald?“— Die Stimme hatte nicht mehr die geringſte Wärme; ſie war ſanft, aber gefühllos. „Ich glaubte, Du wünſcheſt es!“ „Nein, gewiß nicht. Ich dachte nur gerade an Et⸗ was! Verzeihe mir, und geh noch nicht, Marie!“ Sein Blick war ſprechend; ſie nahm ihren Platz wieder ein; aber aus Furcht, in eines jener gefährlichen Schweigen zu verfinken, welche die Seele mehr ſpannen, als es Worte zu thun vermögen, beſiegte ſie ihre Bewe⸗ gung und ſagte:„Auch ich habe bedacht, Rudolph, habe erwogen und beſchloſſen—“ ſie ſtockte; es wurde ihr ſo ſchwer; das Wort wollte nicht über die zitternden Lippen; es fehlte ihr an Luft. Und doch mußte dieſer Zuſtand einmal beendigt werden; ſo wie es jetzt war, konnte es nicht fortdauern. Der Wille, ihren Entſchluß auszu⸗ ſprechen, war in ihrer ſtarken Seele; aber der Laut, worin er ſich kleiden ſollte, zitterte, und wollte ſich nicht ausdrücken laſſen. 228 iccht deutlicher ausſprechen. Ein Gefühl der Schaam— ſo kränkend für einen Mann, der ſich unfähig glaubte, eine Handlung zu begehen, die gegen die ſtrengſten Ge⸗ ſetze der Ehre ſtritte, der aber doch mit dieſer zartfüh⸗ lenden und allmächtigen Herrſcherin zanken mußte, um ſie und ſich ſelbſt zu überzeugen, daß er gerade jetzt nach ihrem Gebote handelte;— ein ſolches mißliches und unbehagliches Gefühl empfand Leiler, und dieß hinderte ihn fortzufahren. In unruhiger Spannung wartete er den endlichen Ausſpruch ſeines Weibes ab. „Ja, ich habe beſchloſſen, Rudolph!“ Marie ſprach mit gewaltſamer Anſtrengung und ſo ſchnell, daß ſie beinahe zwiſchen jedem Wort den Athem verlor;„in— in— in— Deinen Vorſchlag einzugehen! Das heißt, ich will, es iſt mir recht, ich willige in eine Tren⸗ nung ein.“ Bei der Bewegung einer ſchlecht verhehlten Freude, welche Leiler in dieſem Augenblicke machte, zog ſich Ma⸗ riens Herz krampfhaft zuſammen. Aber noch war ſie nicht zu Ende, noch waren einige Worte zu ſagen, Worte von entſetzlicher Bedeutung: wer von ihnen ſollte der ver⸗ laſſene Gatte ſein? Blieb ſie zurück, was freilich das Bequemſte geweſen wäre— wenn ſie nemlich auf einen ſolchen Umſtand ein Gewicht gelegt hätte— ſo würde es auch ſie getroffen haben, nach den drei Jahren, welche das norwegiſche Geſetz als Wartezeit für den verlaſſenen Gatten beſtimmt, den Rechtsgang eröffnen und ihren Mann vor Gericht laden zu müſſen u. ſ. w. Mit dieſen Gedanken konnte ſich Marie durchaus nicht vertraut ma⸗ chen; es lag für ihr Gefühl als Gattin und Weib etwas au tief Verletzendes in dem Gedanken, daß ſie es ſein ſollte, die— nein, es war unmöglich! Lieber wollte ſie gehen und Leilern die Freiheit laſſen, nach ſeinem eige⸗ nen Gutdünken zu handeln. „Was die Art betrifft,“ fuhr ſie nach einer peinli⸗ chen Pauſe fort,„ſo möchte, ſo wünſchte ich. mir trenn rien die und ſamk ſich und erwi dolp entſe druc Ehe moc Hab bei zum über aam— glaubte, ten Ge⸗ zartfüh⸗ te, um tzt nach es und hinderte rtete er laſſenen ib etwas es ſein oollte ſie 229 „Was, liebe Marie? Was Du auch wünſcheſt, wird mir heilig ſein. Sprich es offen aus.“ „Nun wohl, Leiler, ich will gehen, mich von Dir trennen... und Du...“ Der Architeft begriff leicht, was für Gründe Ma⸗ rien veranlaſſen konnten, ihre ruhige, ſichere Heimath, die ihr theuer gewordene Wohnung verlaſſen zu wollen, und kam ihrem Wunſche mit der feinen, artigen Aufmerk⸗ ſamkeit entgegen, die jetzt wieder in ihm erwachte, und ſich in ſeinem äußerlichen Benehmen beurknundete. „Beſte Marie,“ ſagte er innig,„überlaſſe das mir und Blum; wir werden es ſo machen, wie Du wünſcheſt.“ „Gut, Leiler, dann bleibt nichts mehr übrig,“ erwiederte ſie mit unſicherer Stimme, ließ den Kopf⸗ ſinken und wollte das Zimmer verlaſſen, als Blum ein⸗ trat. Die tiefe Bedeutung des gegenwärtigen Momentes gab ihr noch einige Augenblicke Kraft. Sie faßte Blums Hand, und ſprach in ruhigem und ſtillem Tone:„Darf ich Sie nicht künftig wie bisher als meinen wahren Freund anſehen? Ich werde jetzt doppelt der Vorſorge bedürfen, da ich nun keinen Beſchützer mehr habe. Ru⸗ dolph und ich haben eben durch freiwillige Uebereinkunft entſchieden, daß wir unſere Ehe auflöſen wollen.“ Blums Augen flogen mit einem ſonderbaren Aus⸗ druck von Einem zum Andern.„Die Auflöſung Ihrer Ehe,“ wiederholte er mit ſo feſter Stimme, als er ver⸗ mochte,„und freiwillig von Ihrer Seite, Madame Leiler! Habe ich recht gehört; iſt es wirklich ſo, haben Sie ſich bei dieſem Schritt auch wohl beſonnen?“ „Freiwillig, Blum,“ erwiederte Marie,„und Zeit zum Beſinnen hat mir nie gefehlt. Ich bin vollkommen überzeugt, daß nach dem, was in der letzten Zeit vor⸗ gefallen iſt, nur noch der Schein einer Verbindung zwi⸗ ſchen uns beſtehen kann, und in dieſem Falle, Blum, muß auch der Schein verſchwinden. Ich habe es daher auch ſelbſt ſo gewollt.“ „In Gottes Namen denn!“ ſprach Blum,„obſchon —— 1 2— 4 4 4 ,* 7 5 2 g— 230 man eigentlich bei einem ſolchen Vorhaben nicht den Segen deſſen anrufen ſollte, der in ſeiner Liebe das Band geknüpft hat, welches hier gelöst werden ſoll. Aber ich ſage doch: in Gottes Namen! möge es denn in einer guten Stunde geſchehen ſein, da es nicht anders ſein kann! Und jetzt, Madame Leiler, bitte ich Sie, mir heilig zu geloben, daß Sie mich als Ihren Freund, als ihren Bruder und Beſchützer annehmen wollen. So weit ich es vermag, werden Sie die dem Namen nach frei⸗ willige, aber in der That erzwungene Entſagung ſo wenig als möglich bereuen.“ Jetzt waren Mariens Kräfte erſchöpft. Als ſie ihre Hand in Blum's legte, antwortete ſie nur mit einigen * ſtillen, einſamen Thränen und mit den kaum hörbaren Worten:„Jetzt iſt Alles vollendet; laſſen Sie mich in mein Zimmer zurückkehren.“ Blum führte ſie nach der Thüre; aber an der Schwelle kehrte ſie ſich noch einmal um, ihr Blick ſuchte Leilers. Bleich, ſtumm und von Gefühlen zerriſſen, die wahrlich nicht beneidenswerth waren, ſtand der Architekt unbeweglich ſtille mitten im Zimmer.„Lebe wohl, Rudolph, dieſer Augenblick iſt der letzte, wo wir einander ſehen! Du mußt zuerſt abreiſen — dann— ich. Gott ſegne Dich!“— Ihre Arme ſtreckten ſich nach ihm. Die Gefühle, die jetzt durch ihr Herz ſtürmten, betäubten alle andern. „Marie, heldenmüthiges Weib! Von dieſem Augen⸗ blick an wirſt Du, obwohl wir uns auf ewig trennen, nächſt ihr das theuerſte Gut meines Herzens ſein. Ver⸗ zeih'’, o Marie, daß ich Deinen Werth zu ſpät kennen lernte!“— Leilers Arme umſchloſſen ſein zitterndes Weib. Mariens Kopf ruhte einige Augenblicke an ſei⸗ ner Bruſt, und in der Stunde des Abſchieds und der Trennung brannte der erſte warme Kuß auf ihren Lippen. Blum führte das erſchöpfte, hart geprüfte Weib nach ihrem Zimmer und kehrte dann zurück, um mit Leilern die nöthigen Vorbereitungen zu dem wichtigen Schritte zu verabreden, der jetzt vorgenommen werden ſollte. math. und Leiler gewiſ er na cht den s Band lber ich n einer rs ſein e, mir nd, als So weit h frei⸗ wenig ſie ihre einigen örbaren nich in ach der einmal nd von swerth ten im iſt der breiſen Arme ich ihr Augen⸗ ennen, Ver⸗ kennen erndes n ſei⸗ d der lippen. ihrem en die tte zu 231 Nach einigen Tagen verließ der Architekt ſeine Hei⸗ math. Er wollte eine Reiſe durch Dänemark machen, und erſt gegen Ende März nach Schweden zurückkehren. Leiler fühlte, daß er nicht nur Ruhe, ſondern auch eine gewiſſe Elaſticität der Seele wieder gewinnen mußte, ehe er nach Hammarby zurückkehrte.. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ich ſprach: Dem Tag will ich's vertrauen Des Herzens Wüſte mir zu ſtärken. Der Gott, der Roſen lockt aus Knoſpen— Und zarte Pflanzen aus dem Schooß des Sandes, Der hohe, ſtrahlenvolle Gott, der ja. Sein Leben, ſeine Wonne in die öde Welt ergießt Und alle ſtaubgebornen Myxiaden zwingt, Um ſeinen ſchimmervollen Wagen rings zu jauchzen Der Gott, der meiner Kindheit Bluthe pflag— Er wird mich nicht verſtoßen, alſo ſprach ich Und hob den Thranenblick nach Oſten. Runeberg. Mariens Zuſtand war in den erſten Tagen nach die⸗ ſen Scenen höchſt qualvoll; aber es gibt gewiſſe Punkte in den Epochen des Schmerzes, die zu enthüllen zu dreiſt wäre. Sie ſind Kinder der Nacht und Finſterniß, und werden von ihnen beſchützt, bis der Tag wieder hervor⸗ leuchtet und die innere und äußere Qual vereingt. Dann gehören ſie wieder dem Leben an, wenigſtens wie feſt⸗ gefrorene Eisperlen, als neue Perlen in der großen Kette erſtarrter Tropfen, welche die funkelnde Garnitur an der großen Staatsſchleppe des Lebens bilden. Marie ſaß kalt wie eine Bildſänle; ſie weinte nicht mehr, ſie ſprach nichts, ſie genoß nichts, ſie ſchien weder für Freud noch Leid ein Gefühl zu haben, und all die unermüdlichen Bemühungen Blum's vermochten ihr weder ein Wort noch eine Thräne zu entlocken. Blum, der ihren Wunſch kannte, arbeitete indeſſen in der Stille daran, ihn in's Werk zu ſetzen. Er wußte, 5 232 daß ſie die tiefſte Einſamkeit allem Andern vorzog, und durch einen Freund fand er einen Aufenthaltsort, den er paſſend für Marie hielt, und der zugleich ſo weit von ihrer gegenwärtigen Heimath entfernt war, daß wohl Niemand entdecken konnte, wo ſie ſich befand. Mit der zärtlichſten Sorge für ihre Wohlfahrt machte er das Alles ab; und nachdem die Nachricht eingetroffen war, daß ihre neue Heimath vollkommen zu ihrem Em⸗ pfange bereit ſei, fuhr an einem ſchönen, friſchen Mor⸗ gen ein bedeckter Schlitten, mit Blum's tüchtigſten Klep⸗ pern beſpannt vor Mariens Thüre. Ihre Kleider waren ſchon eingepackt; es bedurfte nichts weiter. Als Blum im Reiſeanzug eintrat, flog ein Fröſteln durch ihre Glieder. Sie wollte aufſtehen, allein ſie ver⸗ mochte es nicht; er näherte ſich ihr auf eine Art, welche unverkennbar die innigſte Theilnahme ausſprach.—„Beſte Marie, bat er mit gedämpfter Rührung,„machen Sie den Abſchied kurz, Alles iſt bereit. Die wenigen Kräfte. die Ihnen noch übrig ſind, müſſen zur Reiſe aufgeſpart werden; verſprechen Sie mir, nicht zu aufgeregt zu werden!“ „Ich habe ſchon Abſchied genommen, Blum,“ ant⸗ wortete ſie leiſe, und ſandte noch einen zögernden Blick nach dem Platze, wo die kleine Wiege geſtanden war. Er hüllte ſie in Mantel und Shawl, und trug ſie dann mehr zum Schlitten als er ſie führte. Als er Alles um ſie geordnet hatte, ſetzte er ſich ſelbſt neben ſie und be⸗ fahl dem Kutſcher, zuzufahren. Ein Paar Stationen von Leilers Hof entfernt, ſchickte er die Pferde zurück, und jetzt ging es ununter⸗ brochen durch Norwegens hohe Waldgebirge fort. Die Bahn war vorzüglich, die Wege befahren und die Bewe⸗ gung ſelbſt ſchien Marien weit beſſer zu bekommen, als alle andern Verſuche zu ihrer Beruhigung. Sie ſchlief bei Nacht, und konnte, um ihrem edlen Beſchützer zu willfahren, etwas Weniges bei Tage verzehren. Am dritten Tag war man der ſchwediſchen Grenze nahe ge⸗ — komme Stube anz i 3 T Hausk Es iſt ſind n tief zu ſterwo berg die M den un nung dort g von di feinere Das Sie ſi len, gi og, und den er heit von ß wohl machte eetroffen m Em⸗ Mor⸗ n Klep⸗ waren Fröſteln ſie ver⸗ welche „Beſte en Sie Kräfte. geſpart egt zu “ant⸗ Blick ar. Er dann es um nd be⸗ tfernt, unter⸗ Die Bewe⸗ „ als ſchlief er zu Am he ge⸗ 233 kommen, und hielt an, um in einer der kleinen ſaubern Stuben zu raſten, die auf dem Vilskiſchen Gute Bärby ganz in der Nähe des Idefjords liegen. Wie die Hausmutter ſo zierlich in ihrem reinlichen Hauskleide die kleinen Gefäße hinſetzte und den ächt nor⸗ diſchen Kaffee aus dem blank geſcheuerten Keſſel eingoß, der vortheilhaft gegen die verrußten Töpfe unſerer ſchwe⸗ diſchen Bauernſtuben abſtach, ſah Marie etwas verwun⸗ dert um ſich, und machte zum erſtenmal an ihren Führer die Frage, wohin er ſie denn zu führen beabſichtige. „In das Nachbarreich, meine beſte Madame Leiler, aber nicht weit von der Grenze. Ich glaube, es iſt am beſten, daß Sie nicht länger in Norwegen bleiben.“ „Aber nach Schweden, Blum, bedenken Sie auch? Es iſt ja daſſelbe Land, wo...“ Sie ſchwieg. „Freilich daſſelbe Land, Marie, aber die beiden Orte ſind weit von einander entfernt. In der Scheerengegend, tief zwiſchen Felſen und Scheeren, liegt eine kleine Prie⸗ ſterwohnung, und dorthin nach dem ſtillen einſamen Freds⸗ berg will ich Sie für's Erſte bringen. Der Ort, wie die Menſchen, die ihn bewohnen, ſind einfach; aber Frie⸗ den und Wohlſein ſind täglich in dieſer beſcheidenen Woh⸗ nung zu Gaſte.“ „Und dort ſoll ich leben, Blum? Finde ich denn eine weibliche Geſellſchaft, an die ich mich anſchließen kann?“ „Ich hoffe es, beſte Marie. Ich ſelbſt kenne die junge Wirthin nicht; aber ich habe Grund, zu glauben, daß der Freund, der dieſe Sache für mich beſorgt hat, Fredsberg nicht gewählt haben würde, wenn das Erſte und Nothwendigſte, das ich ihm au's Herz legte, ſich nicht dort gefunden hätte. Es verſteht ſich, daß hier nicht da⸗ von die Rede ſein kann, eine weibliche Geſellſchaft von ſeinerer Bildung und ausgezeichneteren Gaben zu finden. Das können wir nicht verlangen, und darnach werden Sie ſich gewiß auch weniger ſehnen, als nach einem ſtil⸗ len, guten und liebevollen Weſen, das nur ſo viel Gefühl 234 und Verſtand hat, um Sie zu verſtehen, und Ihnen die 2 langen Stunden des Tages durch das herzliche Wohl⸗ Ende, wollen zu verkürzen, wodurch auch die geringſte Aufmerk. Als ſi ſamkeit erhöht wird. Und überdieß, gute Marie, hatten Seite, Sie ja ſelbſt den Wunſch ausgeſprochen, an einem Orte daß B zu weilen, der weit von Ihrer früheren Heimath entfernt ten ein wäre, an einem Orte, der Ihnen Ruhe und Stille ſchen⸗ endlich ken würde.“ ſeinem „Das iſt wahr, Blum, und ich bin zufrieden; denn den ko wie könnte ich mich in meiner Lage nach Geſellſchaft Stellu ſehnen oder ſie nur ertragen? Nein, Sie haben Alles ſagte e wohl gemacht; wann werden wir dort ſein?“ hatte „Wenn wir heute Abend über den Idefjord reiſen, Madan ſo ſchlafen wir noch dieſe Nacht auf ſchwediſchem Boden, 7 und können, wenn wir uns frühe auf den Weg machen, ſind ſch morgen Abend unſern Beſtimmungsort erreichen.“ 85 Es fing ſchon an zu dämmern, und Marie war nicht Mondſe ohne Furcht wegen der ein paar Meilen langen Fahrt veiter über das Eis; aber es war zu hoffen, daß der Mond„ hell ſcheinen würde, denn das Wetter war gut, und die kommer ſtarke Kälte verbürgte die Sicherheit der ſpiegelglatten u Bahn. Man beſchloß die Reiſe fortzuſetzen, und nachdem unterbr der Kaffee getrunken und die Reiſetracht wieder angezo⸗ anſehnl gen war, ſaßen ſie bald von Neuem im Schlitten. Weib Pfeilſchnell flogen die kleinen Norweger mit ihrer Allem, nicht ſonderlich ſchweren Laſt über den langen platten Die äu Idefjord. Blums Arm lag um Mariens Schultern, und ſie in d um ſie vor der Kälte zu ſchützen, hielt ſeine Hand den rauhe Mantelkragen und zog ihn dichter um ſie zuſammen. 6 Haus war eine ſcharfe Kälte, und dabei blies ein rauher Nord⸗ unter d wind; aber in ihm fand ſich mehr Wärme, als es be⸗ der Se durfte, um einem braven Mann eben ſo warm ums Herz ihrem l als im Kopf zu machen. von Sch „Ich fürchte mich ſo,“ flüſterte Marie, und ſchloß rein un ſſiich näher an ihren freundlichen, treuen Beſchützer. 4 Z1 Er hatte kaum Athem genug, um ſie zu verſichern, gewand daß nichts von dem Eiſe zu befürchten ſei. unnd der pnen die Wohl⸗ lufmerk⸗ hatten m Orte entfernt e ſchen⸗ 1; denn ellſchaft Alles reiſen, Boden, machen, ir nicht Fahrt Mond und die Iglatten nachdem angezo⸗ it ihrer platten en, und nd den en. Es r Nord⸗ es be⸗ ns Herz ſchloß t ſichern, 235⁵ Aber Gott ſei Dank, daß Alles eben ſo gut ein Ende, als einen Anfang hat, und alſo auch der Jefjord. Als ſie bei Hälle, dem erſten Hofe auf der ſchwediſchen Seite, ankamen, war der Weg ſo ſchlecht und gefährlich, daß Blum ausſteigen und gehen mußte, um den Schlit⸗ ten einigermaßen im Gleichgewicht zu erhalten. Als ſie endlich die Landſtraße erreichten, war die Temperatur in ſeinem Innern gerade ſo, daß er ſich wohl dabei befin⸗ den konnte, wenn er wieder in eine bequeme ſitzende Stellung kam.—„Das war ein verwünſchter Weg,“ ſagte er, froh, ihn jetzt hinter ſich zu wiſſen.„Aber es hatte keine Gefahr. Sie haben ſich nicht gefürchtet, Madame Leiler?“ „O nein! ſeit wir wieder am Lande ſind; aber Sie ſind ſchlimm dabei gefahren, Blum.“ „Das iſt ſchon vorüber. Haben wir nicht herrlichen Mondſchein? Wir müſſen heute Abend noch ein Stück weiter fahren.“ „Wie es Ihnen gut dünkt, Blum. Je eher wir hin⸗ kommen, deſto beſſer.“ Und die Fahrt unſerer Reiſenden ging beinahe un⸗ unterbrochen fort, bis ſie am folgenden Abend das un⸗ anſehnliche Haus begrüßten, wo der arme Prediger mit Weib und Kind eingeſchränkt und beinahe unbekannt mit Allem, was ſich außer ihrem kleinen Kreiſe zutrug, lebte. Die äußeren Umgebungen waren flach und öde, wie man ſie in dieſen Gegenden zu ſehen bekommt, und nur einige rauhe Felsklippen, zwiſchen denen ein und das andere Haus hervorſchaute, boten dem Auge einigen Wechſel unter dieſen nackten Scheeren, gegen welche die Wogen der See in beſtändiger Unruhe ſchlugen, und ſie mit 5 ihrem brauſenden Schaume benetzten. Aber dieſe Kette von Scheeren, welche ſich um das Ufer zog, war auch ſo rein und glatt wie ein Halsband von blinkenden Korallen. Zu dieſer Zeit aber lag das loſe, weiße Winter⸗ gewand über dem an ſich ſelbſt ſchon öden Gemälde, und deßhalb ſah es drinnen deſto beſſer aus. Die weiß⸗ 236 getünchten Wände in zwei kleinen, aber äußerſt ſaubern Zimmern, wurden von einem zwar nicht ſtarken aber doch hinreichenden Kaminfeuer beleuchtet; und eine Kerze, die auf einem mitten im Zimmer befindlichen groben Ti⸗ ſche ſtand, verbreitete ein helles Licht über die bewegten Gegenſtände. An der einen Seite des Tiſches, ſaß ein junges Frauenzimmer in einem braunen Wollkleide, mit einem ſittſam umgelegten, gelbgeſtreiften Halstuch. Sie ſang die Melodie eines altmodiſchen Walzers leiſe vor ſich hin, und während die eine Hand ſich fleißig mit dem gelben Flachſe beſchäftigte, den ſie in den feinſten Fäden auszog, nahm ſie mit der andern das Tuch zuſammen, das von dem kleinen fleiſchigen Weſen aufgemacht worden war, welches quer über ihren Schooß lag, und ſo frei mit den Füßen herum ſtampfte, als es die unbequeme Bekleidung nur erlaubte. Dieſem jugendlich friſchen und gut ausſehenden Weibe gegenüber, ſaß ihr Mann, der Prediger. Er ſchien ein Mann in mittlerem Alter zu ſein; und in ſeinem ganzen Weſen lag jener ſtille, zufriedene Ausdruck, der von Genügſamkeit, auch mit dem beſcheidenſten Theile irdiſcher Güter zeugt. Er war eifrig beſchäftigt, ein Fiſchnetz auf⸗ zubinden. Beim Anblick der Fremden erhoben ſich beide, und jetzt hätte man ſehen ſollen, wie ſie ſich beeiferten, ihren Gäſten die freundlichſte Aufmerkſamkeit zu widmen. Was im Hauſe aufgetrieben werden konnte, wurde ſogleich auf⸗ getiſcht; und als die ungekünſtelte, aber von Herzen guter Wirthin Marien nach beendigtem Abendeſſen in das in⸗ nere Zimmer führte, welches das ihrige werden ſollte, ver⸗ ſtanden ſie einander ſchon wohl, und Marie empfand bald das ungewöhnliche Glück, an einer weiblichen Bruſt aus⸗ weinen zu dürfen, die ein warmes Gefühl für ihren Schmerz hatte. Blum blieb einige Tage in dieſer kleinen abgeſonder⸗ ten Welt. Während dieſer Zeit ging er mit Marie um⸗ her, und wenn ſie beide an einer jener kleinen Stuben — 77 verkau ohne würden niſſe d 3 ſen S empfar menſch ren W und ſe Wetter hauene ſpanne Kinder toffeln 2 Marie lich ge ( hatte ſproch ruhige „Nein mehr heit v weiſe ſaubern ken aber ie Kerze, oben Ti⸗ vewegten junges it einem ſang die hin, und Flachſe , nahm on dem welches 1 Füßen ung nur ſehenden er ſchien ſeinem der von irdiſcher netz auf⸗ de, und n, ihren n. Was eich auf⸗ zen gute das in⸗ lte, ver⸗ and bald uſt aus⸗ r ihren geſonder⸗ arie um⸗ Stuben 237 ſtehen blieben, die während der ſonnenreichſten Stunden des Tags mit großen Fiſchköpfen von Dorſigen und Laug⸗ fiſchen zum Trocknen bedeckt waren, blickten ſie einander an und dachten, daß der Menſch doch mit ſehr wenig zufrieden ſein kann, wenn nur die Gewohnheit an Pracht und die mannigfacheren Bedürfniſſe einer feine⸗ ren Lebensweiſe ſeinen Geſchmack noch nicht verwöhnt, und die einfachen Forderungen der Natur umgeſchaf⸗ fen hat. „Wie benützen ſie die Fiſche?“ fragte Marie.„Sie verkaufen ſie an weiter wegwohnende Handelsleute; denn ohne dieſe einzige Waare, womit ſie Handel treiben, würden ſie ſich unmöglich die unumgänglichſten Bedürf⸗ niſſe des Lebens verſchaffen können.“ Marie ſeufzte und drückte Blums Hand.—„Laſ⸗ ſen Sie uns hineingehen.“— Sie thaten ſo, und ſie empfand ein hohes Intereſſe dabei, dieſe rohen Natur⸗ menſchen in ihren Vorkehrungen für den langen, ſchwe⸗ ren Winter zu betrachten. Die Männer kochten Thran und ſetzten ihre Fiſchgeräthſchaften in Stand, wenn das Wetter zu ſchlecht war, um ihnen zwiſchen den aufge⸗ hauenen Eisſtücken einen Fang zu geſtatten. Die Weiber ſpannen und zwirnten Garn zu neuen Fiſchnetzen; die Kinder waren auf den Heerd gekrochen und ſteckten Kar⸗ toffeln in die heiße Aſche. Als ſie von ihrer Wanderung zurückkehrten, ſagte Marie leiſe:„Auch auf dieſe Art, Blum, wäre ich glück⸗ lich geweſen, wenn nur er mich geliebt hätte.“ Ein herber Stich fuhr durch Blums Herz. Sie hatte ſeit mehreren Tagen nicht mehr von Leilern ge⸗ ſprochen, und ſich anſtrengend, um einen vollkommen ruhigen Ton zu Stande zu bringen, erwiederte er: „Nein, liebe Marie, das glaube ich nicht! Es braucht mehr als den Willen der Liebe; es erfordert Gewohn⸗ heit von Kindesbeinen an, um ſich in eine ſolche Lebens⸗ weiſe zu finden, es iſt nöthig, daß wir durchaus keine 238 Kenntniß von etwas Beſſerem beſitzen, um dabei glück⸗ lich ſein zu können.“ Marie lächelte; aber in dieſem Lächeln lag Etwas, was Blums Scharfblick recht wohl zu deuten verſtand. Es ſagte ihm deutlich, daß ſie ihn für unfähig halte, Alles zu faſſen, was in dem Umkreiſe jenes wärmeren Gefühles liege, das that ihm wehe; es kränkte ihn ſo⸗ gar.—„Sie glauben mich alſo ſo kalt wie die Felſen um uns her?“ fragte er mit einem leichten Anſtrich von Unwillen. „Nicht gerade das, beſter Blum. Sie ſind gewiß ſo warmfühlend und gut, als irgend ein Menſch ſein kann; aber für die, welche lieben, gibt es eine andere Art von Wärme, welche nur ſie verſtehen können.“ „Und in dieſe Klaſſe kann ich alſo nicht gehören, meint Madame Leiler?“ „Ich weiß nicht, Blum, was ſie noch thun können; aber ich glaube nur, daß es weder Gewohnheit, noch eine völlige Unkenntniß von etwas Beſſerem braucht, um auch in einer ſo öden Gegend, wie dieſe, ſich ganz glück⸗ lich zu fühlen, wenn man da mit einem Manne lebt, den man liebt und von dem man wieder geliebt wird; denn dann gibt es keinen Platz mehr in der öden Natur⸗ Die Liebe gibt ihm Leben. Wärme iſt in Allem, wenn die Seele warm iſt. Aber verzeihen Sie mir, Blum, ich ſchwärme ſelten; doch bin ich jetzt nicht im Stande, mich deſſen ganz zu enthalten. Die herbſten Widerſprüche erwecken oft unſere Sympathieen.“ „Ja, zu einer gewiſſen Zeit,“ bemerkte Blum,„aber die Seele ſucht auch etwas Gleichgeſtimmtes, und keine Harmonie kann aufkommen, ehe ſie ihren Gegenſtand ge⸗ funden hat.“ 3 „Ach, was ſagen Sie, Blum? Wie ſollte es denn mit denen gehen, die keinen Gegenſtand haben und nie einen haben werden.“ unglück ſtand l C „Beſte wenn jetzt ni Madan nennen thun p „2 Es wir zu dür S bisher ſie bei len ſeit ein, da A dahin, Blum ihrer n ſie ihre der Pr ſeiner Erholu die ma Gefäng angeſeh von ihr Welt ſ ben; u ſtillen, — „Das war ein entſetzlicher Gedanke, Madame Lei⸗ ler! Gott bewahre Sie, ihn zu nähren! Niemand iſt ſo i glück⸗ Etwas, eerſtand. g halte, irmeren ihn ſo⸗ Felſen ich von gewiß ch ſein ehören, önnen;. , noch ht, um e lebt, wird; Natur. wenn Blum, Stande, prüche „aber A von ihrem Manne trennen ſoll, thut wohl daran, der Welt ſo wenig Stoff zum Aergerniß als möglich zu ge⸗ 8 keine nd ge:; 3 denn nd nie e Lei⸗ iſt ſo 239 unglücklich, daß er nicht wenigſtens irgend einen Gegen⸗ ſtand beſäße.“ „Ja Einen,“ erwiederte ſie düſter; aber, indem ſie ſich ſchnell unterbrach, fing ſie von etwas Anderem an. „Beſter Blum, es klingt ſo ſchmerzlich in meinen Ohren, wenn ſie gar zu oft jene zwei Worte gebrauchen, die jetzt nicht mehr mit einander verbunden werden können: Madame Leiler! Thun Sie mir die Freundſchaft, und nennen Sie mich nur Marie, wie Sie es bisweilen zu thun pflegen.“ „Wie Sie wollen, Madame Leil... beſte Marie! Es wird mich doppelt glücklich machen, Sie ſo anreden zu dürfen, es iſt gleich ein Ceremoniell weniger.“ Sie gingen nach Hauſe— und wenn Marie Blum bisher für kalt gehalten hatte, ſo dachte ſie anders, als ſte bei ſeiner Abreiſe den ſchmerzlichen Ausdruck in al⸗ len ſeinen Zügen erblickte. Sie kamen mit einander über⸗ ein, daß er ſie um Johanni wieder beſuchen ſollte. Anfangs ſchritten die Tage ſehr langſam für Marie dahin, und jetzt erſt ſah ſie recht klar ein, was ſie an Blum hatte; aber bald verbreitete ſich der ſtille Frieden ihrer neuen Heimath auch über ſie. Immer mehr lernte ſie ihre Wirthin, die freundliche Eliſe, lieben, und auch der Prediger gewann ihre Neigung durch die Liebe zu ſeiner Frau. Marie theilte ihre Beſchäftigungen und Erholungen, und ſehnte ſich nicht aus einer Einſamkeit, die manche Andere in derſelben Lage gewiß als eine Art Gefängniß oder vielleicht auch als ein ungeheueres Grab angeſehen hätte. Marie dachte ſo: Ein Weib, das ſich ben; und ihr tief verletztes Herz befand ſich bei dieſem ſtillen, einförmigen Leben auch am beſten. 240 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Was biſt Du, Hoffnung? Du erträumteſt goldnes Einſt, Was biſt Du worden? Wie ein grauer Nebel Bei Sternenſchein, auf Herbſtes Feld erzeugt, Liegſt Du vor meinem Blick, ein formlos Chaos; Die Erde hat mir keine Freude mehr zu ſchenken; Nicht in der Zeiten Schooße graut Erlöſung. 3 Stagnelius. Die Märzſonne hatte jetzt die Furchen in der gefro⸗ renen Erde wieder aufgeſchmolzen und die ſcharfen Froſt⸗ nächte im April ſie ausgefegt, ohne daß noch die ge⸗ ringſte Nachricht von Leilern anlangte. „Das iſt mir ein ſonderbarer Herr, das,“ ſagte der Graf von H. eines Tages zu dem alten Borgſtedt.„Und beliebt es ihm nicht bald, ſich einzufinden, ſo verſchreibe ich einen andern Baumeiſter.“ „Das gebe Gott,“ erwiederte Borgſtedt. Er hegte ſeine eigene Ueberzeugung; denn er hatte die Töne der verführeriſchen Serenaden aufgefangen, die vorigen Herbſt vor der Felsgrotte gegeben wurden, und dabei eine Ge⸗ ſtalt, über die ſeine alten Augen ſich nicht täuſchen konn⸗ ten, zwiſchen den ſchattenreichen Linden des Parkes durch⸗ ſchimmern ſehen. Aber der alte Borgſtedt wollte ſeine Hand nicht bei einem ſo gefährlichen Spiele haben; deßhalb ſchwieg er! Denn Sprechen hätte ja wenig geholfen; jetzt aber ſagte er doch von ganzem Herzen:„das gebe Gott! der Herr Graf könnte nichts Beſſeres thun.“ „Wie ſo, Borgſtedt? Was meinſt Du damit? Du 4 wirſt Dich doch erinnern, daß Leiler ein geſchickter junger Mann und vom Biſchof empfohlen iſt; die Sache muß alſo, wie Du einſehen wirſt, mit einer gewiſſen Conſide⸗ ration behandelt werden. Man muß das wohl bedenken.“ „Freilich, Herr Graf; aber..“ Borgſtedt blieb bei dieſem Aber ſtehen. Aber er hatte keinen triftigen Grund, den er anzuführen wagte, und der Graf, der dieſe lahm unbegt ſchloß Aprils bis da S ſeiner Uni for das im er mac ter zu Rückſei der ihn ſich eri Name: 2. 8. — wirrung ganz in 3 Die 5 nes Einſt, os; ten; ius. r gefro⸗ n Froſt⸗ die ge⸗ agte der t.„Und rſchreibe r hegte öne der n Herbſt ine Ge⸗ en konn⸗ durch⸗ icht bei vieg er. er ſagte er Herr 2 Du junger e muß Jonſide⸗ denken.“ lieb bei Grund, l ahm 241 unbegründete Einwendung für leeres Geſchwätz hielt, be⸗ ſchloß, Alles davon abhaͤngen zu laſſen, was das Ende Aprils mit ſich bringen würde. Kam der Baumeiſter nicht bis dahin, ſo würde man ſeine Maßregeln ergreifen u. ſ. w. Denſelben Nachmittag ſpazierte Graf Albano mit ſeiner Braut in der Gemäldegallerie auf und nieder. „Ach wie ſtattlich Dein Großvater in der ſchönen Uniform da ausſteht! Er iſt gewiß hier in ſeinen ſchön⸗ ſten Tagen gemalt,“ ſagte Thelma, indem ſie mit ſicht⸗ licher Theilnahme die lebenvollen und friſchen Züge des Mannes betrachtete, mit deſſen ungeſtaltem Enkel ſie ein ganzes Leben hinzuſchleppen verurtheilt war. „Ja gewiß iſt ſein Ausſehen ſtattlich; aber er ſoll ein wilder ausſchweifender Mann von ungezügelten Lei⸗ denſchaften geweſen ſein, der wahre Schreck aller Müt⸗ ter, die für die Sitten und den Ruf ihrer Töchter be⸗ ſorgt waren.“ „Vielleicht willſt Du ihn genauer betrachten?“ ſetzte Albano mit einem gewiſſen verächtlichen Ver⸗ ziehen der Lippen hinzu, und hob das Porträt herab, das im Bruſtbild gemalt war. Bei der Bewegung, die er machen mußte, um es von ſeinem alten Platz herun⸗ ter zu bekommen, wendete er es zufällig ſo, daß die Rückſeite ſichtbar wurde, und auf dieſer ſtand ein Name, der ihm lange dunkel vorgeſchwebt war, ohne daß er ſich erinnern konnte, wo er ihn vorher gehört hatte, der Name:„Jeames Leganger.“„Jeames Leganger,“ las Graf Albano mit krampfhaft zuſammengepreßten Lippen einmal über das andere, bis die Erinnerung an die Nacht in der Grotte, die Taſche und den Brief, den ge⸗ heimnißvollen Brief, der auf des Architekten Leidenſchaft zu Thelma hindeuntete, auf einmal ganz klar vor ſeiner Seele ſtand. Die Krankheit und die darauf folgende Geiſtesver⸗ wirrung hatten die Urſache dieſes unglücklichen Zuſtandes ganz in den Hintergrund gedrängt; und wenn auch eine Die Kircheinweihung von Hammarby. I. 16 242 und die andere verworrene Vorſtellung dieſem Dunkel Farbe zu geben ſtrebte, ſo waren doch ſolche Verſuche nur flackernde Irrlichter geweſen, die dem Hauptgegen⸗ ſtande weder Licht noch Schatten gaben. Aber jetzt ſchleu⸗ derte dieſer einzige Name einen hellleuchtenden Blitz durch die finſtere Nacht in Graf Albano's Seele, und mit dem wiederkehrenden Licht zogen auch alle Dämonen der Ei⸗ ferſucht und des Haſſes wieder als Gäſte dort ein. Sie hungerten und dürſteten nach dem langen Faſten. „Mein Gott! Albano, wohin ſiehſt Du? Was lie⸗ ſeſt Du? Du wirſt ſo bleich, daß Du mich wirklich er⸗ ſchreckſt.“— Thelma faßte ihn beim Arme und rüttelte ihn leicht. Er ſah aus wie ein Schlafwandler. „Von dem, was ich jetzt ſehe und leſe, weiß ich nicht viel,“ erwiederte er langſam,„aber dieſer Name da erinnert mich an einen Menſchen, der ſeltſame Ge⸗ danken in meiner Seele erweckt hat, Gedanken, die mei⸗ nen Kopf ſchwindeln, mein Gehirn brennen machten, bis das Feuer herausſchlug; Du erinnerſt Dich wohl, Thel⸗ ma! Sie ſagten ja, daß ich wahnſinnig geweſen ſei, oder nicht?“ „Lieber Albano, ſprich nicht mehr davon.“— Thelma wurde von einem grauſen Schauder erfaßt. Sie erinnerte ſich nur allzuwohl des Beſuches, den ſie gleich nach der fürchterlichen Erſchütterung bei ihm machte. „Nun, wohl, Thelma, ich werde nicht davon ſpre⸗ chen; ich werde Dir dafür eine andere Frage ſtellen, die ich beinahe ganz vergeſſen hätte. Haſt Du an jenem Abend vor meiner Erkrankung— Du weißt, ich begeg⸗ nete Dir, als Du von der Grotte zurückkehrteſt— haſt Du damals Leilern geſehen?“ Albano's Augen hingen durchbohrend an ſeiner Braut. Er ſchien in die Tiefe ihrer Seele hinab forſchen zu wollen. Thelma wurde anfangs blutroth und dann weiß wie die Chemiſette, die ſich um ihren Hals ſchloß. Kaum hörbar wirklic 77 wechſe vielleie Nimm zitterte Feuerf gegen denn Tiger, ſie ihr Tiſch 5 Stirne ſich ih Scene ben! 2 Vaters Trauer lich al ſehen ſprach mit der ſeine 2 that ſie dießma Beweg nach ih erfaſſen ſuchte „ eine lie heftiger E Dunkel Berſuche ptgegen⸗ 1 ſchleu⸗ tz durch nit dem der Ei⸗ n. Sie Vas lie⸗ klich er⸗ rüttelte veiß ich r Name me Ge⸗ die mei⸗ ten, bis . Thel⸗ ſen ſei, Thelma rinnerte nach der on ſpre⸗ Ulen, die jenem ) begeg⸗ — has Braut. chen zu veiß wie Kaum 243 hörbar ſtammelte ſie:„Leilern— das erinnere ich mich wirklich nicht.“ „Nicht? So, deſſen erinnerſt Du Dich nicht? Warum wechſelt denn die Farbe ſo ſchnell auf Deinen Wangen, vielleicht weißt Du auch nicht, warum Du das thuſt? Nimm Dich in Acht, Thelma!“— Albano's Stimme zitterte vor innerer Bewegung; ſeine Augen ſprühten Feuerſtrahlen.—„Nimm Dich in Acht! Ich kann fromm gegen Dich ſein, wie ein Lamm; aber reize mich nicht, denn dann verwandelt ſich das Lamm leicht in einen Tiger, der ſeine Gebieterin ohne Rückſicht zerreißt, wenn ſie ihm mit den weißen Händen Broſamen von einem Tiſch zuwirft, wo ein anderer vielleicht geſchwelgt hat.“ Thelma ſank in einen Lehnſeſſel zurück und ließ die Stirne auf der Hand ruhen. Wie Wellen hob und ſenkte ſich ihre Bruſt, während ſie nach Luft ſchnappte. Dieſe Scene war alſo das Vorſpiel zu ihrem künftigen ehlichen Le⸗ ben! Innig wünſchte ſie zu ſterben, nach dem Hauſe ihres Vaters heimzugehen, ehe der Vorhang zu dem ſtürmiſchen Trauerſpiele aufgezogen wurde, das ihre Mutter ſie täg⸗ lich als den Eingang zu dem Tempel des Glücks anzu⸗ ſehen ermahnte. „Habe keine Furcht, Thelma, ſei nicht betrübt,“ ſprach Albano in einem etwas ſanfteren Tone, indem er mit der Hand ihren Kopf aufzurichten ſuchte, um ihn an ſeine Bruſt zu ſtützen. Sie bebte heftig zuſammen. Dieß that ſie ſtets bei der geringſten Berührung von ihm, aber dießmal wurde ihr Zittern zu einer ganz krampfhaften Bewegung. Es kam ihr vor, als ob der Tiger ſchon nach ihrem Halſe ſuchte, um ihn mit ſeinen Klauen zu erfaſſen.—„Laß mich, laß mich!“ bat ſie angſtvoll, und ſuchte ihren Kopf aus Albano's Umarmung zu befreien. „So, Du ſchauderſt vor mir zurück! Ha, ha, ha! eine liebevolle Braut!“ Er ließ ſie los und ging unter heftigen Bewegungen in der Gallerie auf und nieder. Er wagte es nicht, bei ſich ſelbſt zu zutſcheiden, ob 16, 244 das, was er eben geſehen, ein ſprechender Beweis gegen ſie war; denn er beſaß noch Beſinnung genug, um ein⸗ zuſehen, daß der Schrecken und die Furcht, ihn zu reizen, möglicherweiſe die Veranlaſſung ihres Läugnens geweſen ſein konnte.„Vielleicht hat ſie auch Leilern nicht geſe⸗ hen. Nein, ich will ſie nicht auf lockere Gründe hin verdammen,“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Erſt muß ich klare Beweiſe haben. Ein Argwohn wie dieſer iſt viel⸗ leicht nur ein abſcheuliches Erzeugniß meiner raſenden Eiferſucht. Ueber dieſen Ausbrüchen muß ich Tag und Nacht wachen, und wie ein geſchickter Jäger auf der Lauer liegen, um etwas herauszubringen. Es war ein guter Vorſchlag von meinem Vater, ihn in's Haus zu nehmen. Ich will die Augen offen behalten; aber nicht den geringſten Schimmer von Argwohn zeigen. Ich könnte ja leicht die Taube wegſchrecken, ehe ich ſehe, ob ſie von dem Korne pflückt, das ich ausſäen werde.“— Im Verlauf dieſes Ideengangs bekam das Geſicht des Grafen Albano einen weniger entſetzlichen Ausdruck. Er bemühte ſich, einen ſo großen Anſtrich von Ruhe darein zu legen, als es ihm nach ſo ſtürmiſchen Augenblicken möglich war. Thelma betrachtete ſein Geſicht durch die Finger, und bemerkte mit leiſerem Herzklopfen, wie das Zurück⸗ ſchreckende und Verdrehte in den hervorſtehenden ſcharfen Geſichtszügen nach und nach wieder in die gewöhnliche Schlaffheit zurückſank. Endlich wagte ſie, die Hand hin⸗ wegzuthun und aufzuſehen. Er blieb jetzt vor ihr ſtehen, und betrachtete ſie mit einem herzlichen, beinahe abbitten⸗ den Blicke. Das Herz des Weibes iſt leicht gerührt, leicht verſöhnt.—„Beſter Albano, ich bin bisweilen ſehr unverſtändig, ſei mir nicht böſe!“ Sie reichte ihm die äußerſten Fingerſpitzen, damit er ſehen ſollte, wie gut ſie es meinte.. Albano berührte ſie leicht, und ſagte dann freund⸗ lich:„Es iſt in der That nicht zu verwundern, liebe Thelma, wenn Dn Dich hie und da wie ein ſpuckfürch⸗ tiges 1 bekomn tet, in Weſen aber ie beherr in Bez Du w blick l. von R reißen einzule böſe Jener ich in bei me erinner ſeine j alten Ehre ſchein! ten.“ ihm u Tone. Echo mißgeſ Ehre, Mißge Ander Kräfte nen ſie dern 1 3 derung ſich T men h ſeiner 245 is gegen tiges Kind aufführſt, wenn es einen Popanz zu ſehen um ein⸗ bekommt. Ich habe mich bisweilen im Spiegel betrach⸗ i reizen, tet, in Augenblicken, wo mein von Natur ungeſtaltetes geweſen Weſen noch zum Ekel häßlich und abſchreckend wurde, cht geſe⸗ aber ich verſpreche Dir, künftig meinen wilden Sinn zu nde hin beherrſchen zu ſuchen. Und glaube mir, was ich ſo eben muß ich in Beziehung auf Leilern äußerte, hat nichts zu bedeuten. iſt viel: Du wirſt ſelbſt nicht glauben, daß ich nur einen Augen⸗ raſenden blick lang in Ernſt die Vorſtellung hegte, das Fräulein Tag und von Rawenſtein könne die Thüren ihrer Herzkammer auf⸗ auf der reißen, um einen reiſenden Abenteurer als Gaſt dahin war ein einzuladen. Nein, meine liebe Thelma, ſei ruhig! Der Haus zu oſe Einfluß des Augenblicks bekam Macht über mich. eer nicht! Jener Mann ſteht in Verbindung mit den Sagen, die t. Ich ich in meiner Kindheit gehört habe, und ich gedachte da⸗ ſehe, ob bei meines Großvaters, von dem ich mich noch dunkel de. erinnere, daß manches geheimnißvolle Abenteuer über ſcht des, ſeine jungen Tage geflüſtert wird, als er noch in dem uck. Er alten Schloſſe wohnte, das jetzt in Ruinen liegt, wie die darein Chre der Vorfahren; denn der jetzige Erbe— wahr⸗ enblicken, ſcheinlich der letzte— wird wohl nie Lorbeeren einärnd⸗ ten.“ Die letzten Worte ſprach Albano mit einem an Finger, ihm ungewöhnlich weichen und beinahe tief ſchmerzlichen Zurück⸗ Tone. Er hatte eine Saite angeſchlagen, die ein düſteres ſcharfen Echo in ſeinem Innern fand, denn auch bei einem ſo öͤhnliche mißgeſtalteten Weſen, wie Albano, gibt es Träume von nd hin⸗ Chre, obwohl ſie in der Bruſt, die ſie ſäugt, nur als ſtehen, Mißgeburten zurückbleiben. Aber gerade, weil ſie nichts bbitten: Anderes werden können, indem phyſiſche und geiſtige gerührt, Krafte ihrer Verwirklichung entgegen arbeiten, ſo bren⸗ en ſehr nen ſie vielleicht ſtärker und leidenſchaftlicher, als bei an⸗ ihm die dern Naturen. gut ſie Verwundert und außer Stands, die ſchnelle Verän⸗ derung in dem Weſen ihres Vetters zu begreifen, konnte ſich Thelma zu der Wendung, die ſeine Gedanken genom⸗ men hatten, nur Glück wünſchen. Zwar erröthete ſie bei ſeiner Zuverſicht in Beziehung auf den Architekten, und 246 ärgerte ſich auch ein wenig über die Bemerkung, die er ſich über ihr Herz erlaubt hatte, aber deſſen ungeachtet hielt ſie den Stand der Sache einige Augenblicke nachher für ein wahres Wunderwerk, für eine gnädige Schickung des Himmels, da ſie ſich ſo von ſelbſt hatte ebnen und beruhigen laſſen. Nach einem kurzen und ganz allgemeinen Geſpraͤche über den verſtorbenen Grafen kehrten ſie zum Saale zurück, und Thelma, die der Einſamkeit bedurfte, ging unter dem Vorwand eines heftigen Kopfwehs auf ihr Zimmer. Sie ſetzte ſich in die Ecke ihres kleinen Sopha's, zog den Schemel unter ihre Füße und lehnte ſich zurück, um einmal recht den Genuß eines einſamen Nachdenkens zu haben. Einſamkeit war jedoch nicht der rechte Aus⸗ druck, denn die fehlte nie in Hammarby; aber in Frieden und ungeſtört von ewigen Fragen zu denken, das war das einzige Glück, nach welchem Thelma zu ſtreben wagte. Gegen acht Uhr Abends trat ein junges Mädchen von einem hübſchen und ſaubern Aeußern herein; es war die Jungfer des Fräuleins. Sie trug ein kleines Thee⸗ brett, und bediente ihre junge Gebieterin nicht ohne An⸗ muth mit dieſem ihrem Lieblings⸗Getränke. „Wie ſteht es mit dem Kopfweh des gnädigen Fräu⸗ leins?“ 3 „Es iſt nicht ſonderlich beſſer, Anna! Du mußt zeitig das Bett richten. Aber wie ſtand es im Probſt⸗ hofe? Du biſt ja dort geweſen und haſt Deine Schweſter beſucht, welche dort dient? „Ach, ich glaube, es ſteht nicht ganz recht mit Mamſell Alfhild, ich hörte von dem einen und dem an⸗ dern munkeln, was recht ſeltſam lautete.“ „Seltſam? wie ſo, Anna? Ich habe zwar von dem Probſt gehört, daß Alfhilds Schnupfen und Bruſtleiden gegen das Frühjahr hin immer ſchlimmer geworden ſei, 5 daß ſie nicht ausgehen durfte; aber daran iſt doch nichts Ungewöhnliches. Sie erkältete ſich bei der Jahr⸗ markt geweſ guten Erkäl Mein Urſac ja ſem ſie er dem höchſt komn Auge ſchwe Schn zu be es a jung einen wom nicht des der klein war, kann , die er ngeachtet nachher Schickung nen und heſpräche n Saale te, ging auf ihr Sopha's, zurück, hdenkens te Aus⸗ Frieden das war ſtreben Nädchen es war 3 Thee⸗ one An⸗ n Fräu⸗ t mußt Probſt⸗ chweſter cht mit dem an⸗ on dem iſtleiden den ſei, iſt doch Jahr⸗ 247 marktsfahrt; ſeit dieſer iſt ſie nicht mehr recht munter geweſen.“ „Ja, ja, freilich hatte die Jahrmarktsreiſe ihren guten Antheil an der Krankheit, aber ob dieſer in einer Erkältung beſtand, will ich dahin geſtellt ſein laſſen. Meint denn das gnädige Fraͤulein, daß es keine anderen Urſachen geben könne?“ „Nein, das ſehe ich wahrhaftig nicht ein! Ich war ja ſeitdem ſelbſt ein paar Mal im Probſthofe, und habe ſie entſetzlich huſten hören, auch litten ihre Augen von dem hartnäckigen Schnupfen.“ „Schnupfen,“ wiederholte Anna mit einem kleinen, höchſt ſchnippiſchen Zuſammenpreſſen des Mundes,„es kommt doch leider Gottes auch hie und da vor, daß die Augen des gnädigen Fräuleins ebenfalls roth und ge⸗ ſchwollen ſind, ohne daß irgend Jemand im Hauſe den Schnupfen hat.“ Thelma erröthete leicht. Das Bedürfniß, ein Weſen zu beſitzen, mit dem ſie bisweilen ſprechen konnte, wenn es auch nur die untergeordnete Stelle einer Kammer⸗ jungfer einnahm, hatte Anna eine gewiſſe Freiheit und einen Anſtrich von Herrenhofbildung gegeben: ein Ding, womit ihre Schweſter, die Stuben⸗Stine im Probſthofe, nicht prahlen konnte; aber ſie war auch nicht die Jungfer des Fräuleins, und hatte von Natur keinen Gefallen an der Feinheit und dem vornehmen Tone, worin ſich die kleine Anna übte, beſonders wenn ſie bei ihrer Schweſter war, oder an der Kirche eine von ihren ehemaligen Be⸗ bonien in blauen oder ſchwarzen baumwollenen Röcken raf. In dem Geſpräch war eine kleine Pauſe eingetreten. Thelma knarpelte an einem Stück Zucker; aber ſo gerne ſie auch erfahren hätte, was Auna auf dem Herzen hatte, ſo konnte ſie es doch nicht über ſich bringen, nach dieſer letzten Bemerkung derſelben eine weitere Frage zu ſtellen. „Befiehlt das gnädige Fräulein noch mehr Thee?“ „Nein, ich danke, Anna; aber da fällt mir ein, 248 fragteſt Du Alfhild nach dem Muſter, das ich ihr lieh und das ich jetzt ſelbſt brauchen wollte?“ „Gott verzeih mir's, das hab' ich ganz vergeſſen; aber das iſt gewiß, wenn das gnädige Fraͤulein mein Erſtaunen geſehen hätte, als ich die Mamſell vom Probſt⸗ hofe zu Geſtchte bekam, ſo würden Sie mir jetzt ſicher meine Nachläſſigkeit verzeihen; Denn ſehen Sie, man kann ſich gar keine Vorſtellung machen, wie ſehr ſie ſeit jener Marktfahrt abgenommen hat. Gott gebe, daß der Menſch nie bei ihnen geweſen wäre; aber der Probſt hat ſich von jeher viel mit dem Viehhandel abgegeben, und ſehen Sie, deßhalb ſollte der Norweger mit ihm heim und in dem Probſthofe zu Mittag ſpeiſen.“ „Was ſchwatzeſt Du da, Anna? Was für ein Nor⸗ weger und welcher Mittag, wie kann das mit Alfhilds Krankheit zuſammenhängen?“ „Herrgott! gnädiges Fräulein, das iſt ja gerade die Sache. Mamſell Alfhild war ja Vormittags ſo geſund und friſch wie ein Winterneumond, und ging und legte all die Raritäten in Ordnung, welche ſie für die gnä⸗ dige Gräfin und Baronin gekauft hatte; ja das that ſie, und wollte dann Nachmittags mit Allem zuſammen nach dem Schloſſe gehen; aber der entſetzlich dumme Fall bei Tiſche machte ihrem ganzen Fourage, nein Kourage wollte ich ſagen, ein Ende.“ „Nun, was war das für ein Fall?“ „Ja ſehen Sie, gnädiges Fräulein, das hätte ſo ganz geheim bleiben ſollen, nur unter der Herrſchaft im Probſthofe; aber Stine iſt auch nicht ſo dumm. Sie be⸗ griff Alles, ſie; warnm Mamſell Alfhild ohnmächtig wurde, als der Norweger, der von dem Probſte das Schmalvieh kaufen ſollte, erzählte, daß der Baumeiſter in Norwegen verheirathet ſei und eine ſo ſchöne Frau habe, daß man ſich gar keinen Begriff von einer ſolchen Schönheit ma⸗ chen könne.“ „Der Architekt verheirathet! Du träumſt, Anna!“— Thelma bekam jetzt einen ſo böſen Huſten, als Alfhild je gel rend Schw tigen erſtre an di auf d geſch. das läſſig „Wer geträt er ſei ſehen, Gege nur a keit h ſie w ertra⸗ hof h recht Arme haben kann Caſus ungen ſchlim und Deine Art c Fräul mit ie wegge ihr lieh rgeſſen; n mein Probſt⸗ er meine n kann it jener Menſch at ſich d ſehen und in 1 Nor⸗ Ifhilds ade die geſund )legte e gnä⸗ at ſie, nnach all bei wollte tte ſo aft im ie be⸗ purde, alvieh vegen man ma⸗ 144 fhild 249 je gehabt hatte, obwohl der der letztern natürlich war, wäh⸗ rend es hier nur ein unſchuldiges Mittel galt, um die Schwachheit des zitternden Mädchens vor der ſcharfſich⸗ tigen Dienerin zu verbergen. Aber deſſen hätte es nicht bedurft; denn ſo weit erſtreckte ſich Anna's Scharfſinn durchaus nicht, daß ſie an die Möglichkeit dachte, ihr Fräulein und die Mamſell auf dem Probſthofe könnten aus dem nemlichen Grunde geſchwollene Augen haben. Sie glaubte ganz einfach, das Fräulein ſetze kein rechtes Vertrauen in die Zuver⸗ läſſigkeit ihrer Ausſage, und erwiederte etwas beleidigt: „Wenn ich träume, ſo hat der norwegiſche Herr auch geträumt, als er das erzählte. Denn ſehen Sie, er ſagte, er ſei in Herrn Leilers Hauſe geweſen und habe ſie ge⸗ ſehen, und ſie ſei ſo ſtattlich, daß ſie in der ganzen Gegend dafür bekannt ſei. Ja, da mag das Fräulein nur glauben, daß Mamſell Alfhild nicht der Ergötzlich⸗ keit halber in Ohnmacht ſank. Nein, das ſteht felſenfeſt: ſie war ſo verblüfft und alterirt, daß ſie es nicht länger ertragen konnte. Und ſehen Sie, jeder Menſch im Probſt⸗ hof hat geſehen, daß es zwiſchen ihr und dem Baumeiſter recht freundſchaftlich ſtand; und da ſie jetzt erfuhr, die Arme, daß er verheirathet ſei, ſo mag ſie wohl geglaubt haben, da ſei nicht zu ſpaßen. Das gnädige Fräulein kann an ſich ſelbſt abnehmen, wie es ihr in einem ſolchen Caſus wäre.“ „Stille, Anna,“ befahl Thelma mit einer an ihr ungewöhnlichen Strenge,„Deine Schwatzhaftigkeit ver⸗ ſchlimmert mein Kopfweh. Gib mir ein Glas Waſſer, und geh dann Deiner Wege. Ich werde läuten, wenn ich Deiner bedarf.“ Die kleine Anna, die nicht gewohnt war, auf dieſe Art abgewieſen zu werden, dachte bei ſich ſelbſt, daß das Fräulein lang warten dürfe, bis ſie ſie künftig wieder mit ihren Neuigkeiten unterhalte; denn dieſe waͤren rein weggeworfen, da ſie ſie nicht beſſer zu ſchätzen wiſſe. Indeſſen lag Thelma, das Sacktuch en gegen das 250 hoch erglühende Geſicht gedrückt, da. Welche Neulgkeiten! Leiler verheirathet! Von Alfhild geliebt, und— ſie dachte u 4 an ſich ſelbſt; es wurde ihr ſo enge in Bruſt und Zim⸗ ſen i mer, daß ſie am Erſticken war. Großer Gott! war denn Gefi Leiler ein Schurke, ein verabſcheuungswürdiger, verächt⸗ war licher Menſch, der ſein ſchönes Aeußere und ſein gewin⸗ nem nendes gefährliches Weſen benützte, um junge unerfahrene Mädchen in ſein Zaubernetz zu ziehen; und konnte er bran dann, wenn er ſie wohl darinnen hatte, mit teufliſcher mehr Luſt über ihren Todeskampf lachen, wie ein böſes Kind nur des Wurmes lacht, den es quält? Nein, nein! das war Abe nicht möglich! Dieſe großen ſchwarzen, ſtrahlenden Augen heira logen nicht mit jedem Blick, den ſie verſandten, und Doch dieſe Lippen, die lächeln konnten wie keine andern Lippen hat lächelten, ſie öffneten ſich nicht, um nur das Beſte und ho Cdelſte zu verhöhnen. Aber was hatten dieſe gefährlichen Ann Lippen geſprochen, das den Wahn beſtärken konnte, den Aun ſie ſelbſt mit zu viel Schwachheit unterhalten hatte? dieß dur fragte ſich Thelma jetzt, und ſie mußte ſich geſtehen, daß wie nie ein offenes Wort der Liebe aus ſeinem Munde ge⸗ ſie gangen war. Tiefe, bittere Seufzer preßten die ſchon in ſo hohem Grade beklommene Bruſt zuſammen, als ſie der Vor Abendſpaziergänge nach der Grotte und der Serenaden vor derſelben gedachte, als ſie des Sternes gedachte, den frzi er an ſeinem Herzen verbergen wollte, und es erſchien her ihr jetzt nicht mehr ſo gewiß, daß ſie damit gemeint war; Sch konnte es nicht eben ſo gut Alfhild ſein? Aber nein, dann hätten die Töne nicht an dem kleinen Fleckchen See ich begonnen, der den Felſen umfing, auf welchem die Grotte Fra lag, dann wären dieſe Töne nicht auch hier wieder er⸗ Hen ſtorben. So ſpielten Furcht und Hoffnung eine Weile etwe um ihr Herz. Da trat eine dunkle Geſtalt zwiſchen ſie: hild es war die Erinnerung, die mit ihrer unbeſtochenen Treue hal Leilers eiſige Kälte zeichnete, als er auf Schloß Ham⸗ Sch marby von ihr Abſchied nahm. Thelma zitterte. Der Got Stein der Hoffnung hatte keinen Halt mehr auf dem ela⸗ iſt ſtiſchen Brett, und bald rollte er hinab und verſchwand die gkeiten! e dachte d Zim⸗ ur denn verächt⸗ gewin⸗ fahrene unte er fliſcher 8 Kind as war Augen t, und Lippen te und rlichen e, den 2 dieß n, daß de ge⸗ hon in ſie der enaden te, den rſchien war; nein, n See Grotte der er⸗ Weile n ſie: Treue Ham⸗ Der n ela⸗ hwand 251 in einer Tiefe, die ihre Augen nicht ermeſſen konnten, als ein anderes, noch finſtereres und entſetzlicheres We⸗ ſen in Geſtalt ihres Verlobten vor ſie trat, und ihren Gefühlen zu ſchweigen und zu ſterben befahl; denn er war hier allein Herr, und das Glücksſpiel durfte in ſei⸗ nem Bezirke nicht geſpielt werden. Thelma lag ſtille mit geſchloſſenen Augen; die Gluth brannte nicht mehr auf ihren Wangen, brannte nicht mehr im Herzen. Es war kalt unz leer.„Ach, wenn er nur nicht ein verächtlicher Menſch wäre!“ ſeufzte ſie leiſe. „Aber warum brauchte er zu verheimlichen, daß er ver⸗ heirathet ſei, wenn Alles wäre, wie es ſein ſollte... Doch vielleicht iſt das Gerücht nicht begründet: der Probſt hat nichts davon geſagt.“ Thelma wollte noch einmal eine einzige Frage an Anna ſtellen und dieſe kam gerade mit dem Glaſe Waſſer zurück, obwohl ſie ſehr lange gezögert hatte; denn ſie war dem Grafen Albano begegnet, der wiſſen wollte, wie ſich ſeine Braut befinde, und dieſer Erklärung war ſie nicht ſo ſchnell los geworden. „Höre, Anna,“ begann Thelma ohne alle weitere Vorbereitungen,„wenn die Hiſtorie, die Du mir vorhin erzählt haſt, wahr iſt, kannſt Du mir dann ſagen, wo⸗ her es kommt, daß Probſt Frenkmann, der im Allgemei⸗ nen gerne Neuigkeiten erzählt, kein Wort davon im Schloſſe erwähnt hat?“ „O das glaub' ich wohl,“ meinte Anna beſänftigt, „ich habe das ſchon längſt herausgebracht. Das gnädige Fräulein weiß, daß der Baumeiſter hier wohnen ſoll, wenn er zurückkommt; und daraus geht ſo deutlich als etwas hervor, daß ſich der Probſt wegen Mamſell Alf⸗ hild von ihm losgemacht hat; und da iſt es denn ganz natürlich, daß er von ſeinen eigenen Sachen hier im Schloſſe bei dem Grafen kein Wort ſpricht. Nein, nein, Gott bewahre! Vater Probſt iſt weit ſchlauer. Und das iſt um ſo gewiſſer, als gerade an demſelben Abend, wo 8 die Stine drinnen war, um bei Tiſche zu helfen— der 252 Norweger war ſchon wieder ſeiner Wege gegangen— der Probſt wie zufälligerweiſe zum Kapitän ſagte:„Du, Oernroos,“ ſagte er,„die Geſchichte da iſt gerade auch kein Königswort. Ich hielt ihn gleich für eine große Plaudertaſche, den Norweger da, und Schwätzereien habe ich meiner Lebetage nicht leiden können. Sagt der Ar⸗ chitekt ſelbſt, daß er verheirathet iſt, mir recht, dann gratulir' ich; iſt er es aber nicht, ſo würden wir ihm gewiß einen ſchlechten Dienſt thun, wenn wir es aus⸗ breiteten. Und deßhalb,“ ſagte er,„will ich Niemand in meinem Hauſe rathen, mit Hiſtorien umzuſpringen.“— Stine verſtund wohl, was die Glocke geſchlagen hatte, denn in dieſem Augenblicke warf ihr der Probſt ein paar Augen zu, daß ſie nahe daran war in Ohnmacht zu ſinken; ſie erholte ſich jedoch ſogleich, zitterte aber ſo arg, als ſie den Teller hinreichte, daß ſie der Probſt ganz ſanft anſah und ſagte:„Nimm Dir nie eine ſo ſchlimme Gewohnheit an,“ ſagte er.„Aus dem Hauſe des Probſtes darf kein Aergerniß ausgehen, und es könnte dem Architekten ein großes Aergerniß ſein, wenn ein ſolches Geſchwätz in Umlauf käme.“— Stine verneigte ſich hinter dem Stuhle, ſo tief ſie konnte, und dankte ihrem Gott und himmliſchen Vater, als die Herren vom Tiſche gingen, daß ſie hinaus in die Küche und Athem ſchöpfen durfte. Und nun ſehen Sie, gnädiges Fräulein, wenn man jetzt hier eines zum andern nimmt, ſo wird die Sache ſo klar, wie die Streifen an einem neuen Wollengewebe.“ „Ja, ja, Anna, Du biſt nicht ohne Deinen kleinen Scharfſinn; aber da der Probſt auf alle Fälle nicht will — worin er vollkommen recht hat— daß überhaupt Erzählungen von ſeinem Hauſe ausgehen, ſo wirſt Du einſehen, daß es Deine Pflicht erfordert, über das zu ſchweigen, was Du von Stine gehört haſt, und ich will auch nicht mehr über eine Sache ſprechen, die uns nichts angeht.“ 3„Nein, uns nicht, gnädiges Fräulein; aber Mam⸗ ſell Alfhild, die Arme, die geht es deſto mehr an,“ wandte Anna ſich: es de Mäde ſchän nr en helfer und gerad kein gebro nire gegla im E denn nach zweif lich, Archt So ſollte Thel ſich hild, Einz ſie n Leile Band liche deutl en— „Du, 2 auch große habe r Ar⸗ dann r ihm aus⸗ mand 1.— hatte, paar ht zu der ſo Probſt ne ſo Hauſe önnte ein neigte hrem Liſche öpfen man he ſo ebe.“ einen will aupt Du 3 zu will ichts lam⸗ ndie 2⁵³ Anna ein.„Das Fraulein kaun ſich denken, daß ſie ſich wegen des böſen Menſchen ganz abhärmt. Und iſt es denn nicht auch entſetzlich, ſo herzugehen, und ein Mädchen auf dieſe Art zum Beſten haben? Das iſt recht ſchändlich und ſchlecht von einem verheiratheten Mann; aber das Fräulein darf ſich drauf verlaſſen, daß ich ſchwei⸗ gen kann. Da wüßte man ſich wahrlich nicht mehr zu helfen, wenn es der gnädigen Gräfin zu Ohren käme und ſie wiſſen wollte, von wem es ausgehe. Sie iſt gerade wie der Probſt; ſie leidet auch für ihren Tod kein Geſchwätz. Ja, da bin ich ſo geſcheidt und ſchweige.“ Nachdem Anna ihre kleinen Geſchäfte in Ordnung gebracht hatte, ging ſie, und Thelma blieb wieder allein mit dem reichen Strome ihrer Gedanken. Sie hatte nie geglaubt, daß der Vorſchlag des Grafen, den Architekten im Schloſſe zu beherbergen, zu Stande kommen würde, denn ihre Tante war beſtimmt dagegen geweſen; aber nach den vielen Aufklärungen, die ihr Anna gegeben, zweifelte ſie nicht mehr daran. Denn es war ſehr glaub⸗ lich, daß Probſt Frenkmann unter dieſen Umſtänden dem Architekten keine Wohnung im Probſthofe geben würde. So ſollte er alſo wirklich auf dem Schloſſe wohnen; ſie ſollte ihn täglich ſehen und hören. Mit Gewalt riß ſich Thelma von dem Gedanken an dieſe Zeit los, und wandte ſich wieder zu Alfhild. Die holde, gute, theure Alf⸗ hild, wie litt ſie nicht! Thelma fühlte es tief, und das Einzige, was ihr unbegreiflich erſchien, war dieß, daß ſie nicht ſchon lange vor dem gemerkt hatte, daß Alfhild Leilern liebe. Sie glaubte ihn frei von jedem andern Band, und er hatte wohl auch bei jener ſeine gefähr⸗ liche Kunſt zu gefallen geübt. „Nein, er iſt kein edler Menſch; er iſt...“ Thelma's Gedankengang verſtummte; ein unaus⸗ ſprechlich bitterer Schmerz nagte ſich an ihrem Herzen feſt; und dort war es, wo ſich alle deutlichen und un⸗ deutlichen Verſuche, ſein Vergehen zu mildern, in einem 254 Brenupunkte verſammelten, und es war ihr ein pein⸗ liches Gefühl, den verachten zu müſſen, den ſie liebte. Man behauptet, daß das Weib den nicht lieben fönne, den ſie verachten müſſe, oder nicht hochachten dürfe; aber es gibt doch ſehr oſt Ausnahmen hierin. Sie liebt den, der unter einer Lichtgeſtalt ihr Herz gewonnen hat; und wenn die Illuſion verſchwunden iſt, ſo iſt es nur der Eindruck des Gefühls, der ſich weſentlich ver⸗ ändert. Die Liebe war vorher ihre höchſte Luſt,— jetzt iſt ſie ihre höchſte Qual. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Kapitän Oernroos machte heute ein großes Kreuz in ſeinem Kalender. Es war der zwölfte April; ein wah⸗ res Trauerfeſt. Sein altes treues Roß, daß ihm wie ein theurer Kamerad in Glück und Noth ehrlich zur Seite geſtanden, war von dem Alter ſo mitgenommen worden, daß der Kapitän es zum Tode verurtheilen mußte, obwohl es mit ſchwerem Herzen geſchah; und mit aller Feierlichkeit hatte es nun am Morgen einen Schuß erhalten, der der Gebrechlichkeit eines unnützen Lebens ein Ende machte. Onkel Sebaſtian, der nicht zu viel Weſen beſaß, an die er ſich hätte anſchließen können, war dem treuen Thier mit beſonderer Liebe zu⸗ gethan geweſen; und man konnte wohl ſagen, daß nach Alfhild das Roß der Gegenſtand ſeiner zärtlichſten Vor⸗ ſorge war. Dazu kam, daß Onkel Sebaſtian, nun ſelbſt alt, bedachte, nachdem Polle jetzt hinüber gewandert ſei, werde wohl bald die Tour auch an ſeinen Herrn kommen. Alles das hatte den Greis trüb geſtimmt, daß er, um ganz mit ſich und ſeinen Betrachtungen allein zu ſein, die Kammerthüre geſchloſſen hatte und Nie⸗ mand ſehen wollte. Der Probſt war auf einer Abendmahlfahrt, und Alfhild ſaß allein im Saale und ſpann; aber die Fä⸗ den, welche ſie aus dem feinen Flachs zog, wollten nicht recht über der K matt Hände mit de dergef ſie un trug; das. vor d ten b⸗ wurde ſtarbe Huſte nuche für Der fraß, Sie krank eheden das 2 en S fuhr wiede lichen Seele ſie ſie gedrü war. tekten glüht es nu aus d pein⸗ liebte. lieben achten Sie onnen iſt es ver⸗ jetzt Kreuz wah⸗ wie zur nmen heilen und einen ützen nicht ießen 2 zu⸗ nich Vor⸗ elbſt ndert herrn daß llein Nie⸗ und Faä⸗ nicht recht zuſammenhalten. Sie knüpfte ſie zwar einmal über das andere, und ſpann ſie auch in dem Wocken an der Kunkel hinein, aber es wollte nichts werden, und matt und müde ließ ſie die Spindel liegen, und die Hände auf den Schooß niederſinken, wo ſie mechaniſch mit den feinen Fäden ſpielten, die auf die Schürze nie⸗ dergefallen waren. Nach einiger Zeit nahm ſie eine Kette heupor, die ſie unter dem dicht anliegenden Hauskleide um den Hals trug; an der Kette war das Medalllon befeſtigt, welches das Porträt des Architekten einſchloß. Alfhild hielt es vor die Augen, ihre niederfallenden Thränen verdunkel⸗ ten bald ſeine Züge.—„O Leiler, Leiler!“ der Name wurde ſchwach ausgeſprochen, und die letzten Töne er⸗ ſtarben in einem langſamen, anhaltenden und ſcharfen Huſten, einer Plage, die ſie nicht los werden konnte, und die ſich täglich verſchlimmerte, und wie der Arzt fürchtete, in ein ernſteres Bruſtübel überzugehen anfing. Der tiefe und große Schmerz, der an ihrem jungen Herzen fraß, trug ebenfalls dazu bei, die Plage zu vermehren. Sie wollte jedoch ſtark ſein, und gab nie zu, daß ſie krank ſei, ſondern fuhr fort, ihre Geſchäfte jetzt wie ehedem zu beſorgen. Als der peinvolle Anfall aufgehört hatte, hielt ſie das Bild wieder empor und berührte es nach einem kur⸗ zen Streite mit ſich ſelbſt, mit ihren Lippen; aber dabei fuhr ein Schauer durch ihre Glieder, und ſie ſprach wieder Leilers Namen in einem klagenden und ſchmerz⸗ lichen Tone aus. Da ging die Thüre leiſe, Alfhild's Seele war abweſend, ſie hörte nicht und ſah nicht, bis ſie ſich von ein paar Armen umſchloſſen und an ein Herz gedrückt fühlte, das ihre Welt, ihre Seligkeit, ihr Leben war. Sie ruhte an der ſturmvollen Bruſt des Archi⸗ tekten. Ihr Kopf ſank gegen ſeine Schulter, ihre Stirne glühte unter ſeinen Küſſen, und in Alfhild's Seele gab es nur Einen Gedanken, den Gedanken: ſie möchte nie aus den ſeligen Träumen erwachen. Aber ach! dieß ge⸗ 1 256 ſchah bald; das Bild von Leilers Gattin trat zwiſchen ſte. Mit der ganzen ſchwachen Kraſt ihrer ſeinen abge⸗ magerten Hände ſchob ſie ihn heftig von ſich.—„Gott, was willſt Du hier?“ war Alles, was ſie hervorzubrin⸗ gen vermochte; und ihr Geſicht in den Händen verber⸗ gend, wandte ſie es von ihm, damit er nicht ſehen möchte, wie ſie vor ſeinem Anblick bebte und ſchauderte. „Alfhild, biſt Du es? Was iſt das?“ fragte Leiler und trat mit der höchſten Verwunderung ein paar Schritte zurück. Sie konnte nicht antworten. Ein mehrere Sekun⸗ den zurückgehaltener Huſten brach jetzt mit deſto größerer Heftigkeit aus. Der Architekt umſchloß ſie feſt mit ſeinem einen Arme, obwohl ſie ſich⸗ſträubte und jede ihrer Be⸗ wegungen deutlich ein Gefühl des zitternden Abſcheus ausſprach. Es half nichts. Seine andere Hand ſtützte ihren Kopf.—„Meine Geliebte, meine Alfhild! Ich weiß nicht, ob dieß nur ein grauſamer Traum iſt; aber das weiß ich, daß Du Deine Geſundheit nicht recht in Acht nahmſt,“ klagte Leiler in einem ſchmerzlich aufge⸗ regten Tone. In dem Blicke, der den ſeinigen traf, ſpiegelte ſich der zerſtörte Zuſtand ihres Gemüths, aber die Lippen zitterten zu heftig, um ein Wort hervorbringen zu kön⸗ nen. Er führte ſie zum Sopha, gegen deſſen Kiſſen ſie den Kopf zurücklehnte. Die ſchmerzlichen Stiche in die Bruſt wurden immer häufiger; aber der äußere Qualgeiſt verſchwand. Sie lag ſtille, und ruhte in einer kurzen wohlthätigen Betäubung von Leib und Seele. „Das war ein düſterer und unerklärlicher Empfang, meine theure, ſüße Alfhild,“ flüſterte Leilers Stimme ſchmeichelnd in ihr Ohr. Mit der höchſten Anſtrengung erwiederte ſie:„Wie können Sie ſo zu mir ſprechen, Leiler?— ſo— ſo?— Dachten Sie nicht, daß ich— daß ich wenigſtens ein⸗ mal Ihre Heuchelei erfahren würde?— Sie ſind ver⸗ heirathet und ſprechen zu mir von Liebe!“— Sie ver⸗ — viſchen abge⸗ „Gott, ubrin⸗ verber⸗ ſehen uderte. er und zurück. Sekun⸗ ößerer ſeinem r Be⸗ fang, imme Wie 2— ein⸗ ver⸗ ver⸗ barg das Angeſicht in den Kiſſen; ſie wollte die Scham⸗ röthe des Mannes nicht ſehen, den ſie anbetete. Aber Alfhild hätte frei aufſehen können. Leiler ſchien weder beſchämt noch verlegen; nur das Zuſam⸗ menziehen der Falte zwiſchen den Augenwinkeln bewies, daß er etwas erregter war, als gewöhnlich. Er erhob Alfhilds Geſicht und wandte es gegen das ſeinige.„Meine einzig Geliebte,“ ſprach er ruhig und klar, und ſein Blick ſprach das wärmſte, heiligſte Vertrauen aus.„Es thut mir weh, es ſchneidet mir in die Seele, daß Je⸗ mand anders als ich Dir dieſe Nachricht geben mußte; aber mein Schweigen war von der Hoffnung veranlaßt, Dir den Eindruck des erſten Schmerzes erſparen zu kön⸗ nen, bis die Frage entſchieden wäre, worauf unſere künf⸗ tige Verbindung beruhte; die Folgen haben jedoch gezeigt, daß dieß nicht richtig von mir berechnet war; aber da Du es jetzt einmal weißt, ſo ſei geduldig, fromm und zutrau⸗ lich, meine Geliebte, und glaube nicht, daß ich Dein 2 junges Herz geſtohlen habe, um es um ſein Lebensglück zu betrügen und ſeine Hoffnungen zu verhöhnen. Nein, Alfhild, ſo warm, ſo rein, ſo feſt, wie meine Liebe zu Dir, iſt auch mein Wille, Dich glücklich zu machen und alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, die ſich da⸗ gegen erheben können. Die Zeit, wo ich von Dir getrennt war, iſt nicht unthätig verfloſſen. Eine Scheidung iſt zwiſchen mir und Derjenigen, welche mein Weih war 7 verabredet worden. Sie hat Norwegen verlaſſer n wenn ſie drei Jahre ausgeblieben iſt, löst ſich un Band nach dem Geſetz.“ „„Gott, was höre ich?“ rief Alfhild erſchrocken, ja beinahe ſtarr vor Entſetzen. Sie war einige Minuten lang, von der Süßigkeit in Leilers Stimme eingeſchlä⸗ fert, nicht im Stande geweſen, dieſe für ihr Herz ſo gefährliche, ruhige und beſtimmte Vertheidigung ſeiner Handlungsweiſe zu unterbrechen.„Eine Eheſcheidung um meinetwillen! Hu! Das iſt entſetzlich, das iſt ſünd⸗ lich, Leiler! Iſt ſte denn ein ſo ſchlechtes Weib, daß Du das Kreuz nicht tragen kannſt, das Du Dir ſelbſt Die Kircheinweihung von Hammarby. 1. 17 2⁵58 auferlegteſt? Ich habe ſie doch ſo vortheilhaft ſchildern bren.“ 3„Nein, Alfhild, Gott bewahre mich, Dich in einer ſolchen Vermuthung zu beſtärken! Marie, weit entfernt, ein ſchlechtes Weib zu ſein, iſt eine der beſten ihres Ge⸗ ſchlechts, und ſchön iſt ſie, ja ſogar ſchöner als Du, meine Geliebte!— Du hörſt, daß ich nicht parteiiſch bin— aber ihr Herz verſtand das meinige nicht, meins nicht das ihre. Wir blieben kalt gegen einander, denn kein Funken Wärme lebte in unſerer Ehe, der mit einem andern Funken vereinigt geweſen wäre. Ein Band, nur eines gab es zwiſchen uns. Wir hatten einen Sohn; aber Gott nahm ihn zu ſich, und ich glaubte darin eine Billigung des Vorſatzes zu erblicken, den ich ſchon zum Voraus gefaßt und Marien mitgetheilt hatte. Ich will Dir nicht verbergen, meine Alfhild, daß ich jetzt erſt erfahren habe, daß mein Weib niich ſtets geliebt hat; aber daraus entſtand nur ein noch unnatürlicheres Ver⸗ hältniß, und wir ſahen Beide ein, der einzige Ausweg, der uns bleibe, ſei die Auflöſung eines Bandes, das Pflicht und Verhältniſſe knüpften, die ich Dir, wenn Du ruhiger biſt, mittheilen werde. Und nun, mein einziges, theures Mädchen, weißt Du genug, um Dich nicht mehr u beunruhigen! Baue auf meine Liebe und meine Ehre. Nach drei Jahren bin ich frei und ſobald das Geſetz mir die erſehnte Freiheit gegeben hat, feiern wir unſere Hoch⸗ .. 2: 9. 47 4.. zeit, und ich laſſe mich für immer in Schweden nieder. — Alfhild ſchwieg. Wunderliche, helle und dunkle Ge⸗ danken durchkreuzten ihr glühendes Gehirn. Nur mit Mühe wurden ſie klarer; denn ſie fanden keinen Stütz⸗ punkt, nicht einmal in dem gefährlichen Gefühle ſelbſt; auch dieſes empörte ſich. Mit dem Gatten einer Andern verlobt zu ſein, ſich mit einem geſchiedenen Manne zu verbinden, deſſen Weib ſtets Thränen in den Kelch ihrer Freudenblumen weinte; konnte das recht, konnte das vor Gott erlaubt ſein, konnte das ihr ſchuldloſes Herz befrie⸗ digen, das, um vollkommen glücklich zu ſein, bei der wichtigſten Handlung ihres Lebens durchaus frei von jeder — — ldern einer fernt, Ge⸗ Du, eiiſch neins denn inem zand, ohn; eine zum will erſt hat; Ver⸗ weg, das Du iges, 259 Unruhe über das Recht oder Unrecht derſelben ſein mußte? — Alfhild hatte keine Antwort für Leilers Troſt; es mangelte ihnen der Frieden; den konnten ſeine Worte nicht herbeiſchaffen. Sie ſchüttelte mit ſchmerzlicher Wehmuth den Kopf, und legte ihn wieder nieder, als ob ein Verſuch, ihn zu erheben, ſich nicht mehr der Mühe verlohnte. „Du biſt jetzt zu tief erſchüttert, geliebte Alfhild, um mich und meine Gefühle recht begreifen zu können;“ ſprach Leiler, und bemühte ſich, aus ſeinem Tone wenig⸗ ſtens den Verdruß zu bannen, den er darüber empfand, als er ſich bei ihr nicht ganz gerechtfertigt fand, bei ihr, die doch nie einen Gedanken haben ſollte, der ſich nicht in ſeinem eigenen wiederſpiegelte.„Doch ich hoffe, es wird beſſer werden,“ ſetzte er hinzu,„wenn ich Dir täg⸗ lich Muth und Hoffnung zuflüſtern darf. Du haſt zu lange allein gelitten.“ Ach ja, Leiler, wohl habe ich lange gelitten, aber * nicht allein. Onkel Sebaſtian verſtand mich von Anfang, und hat mich, ſo gut er konnte, in dieſer ſchweren Prü⸗ fung zu beruhigen und aufrecht zu erhalten geſucht. Aber was das tägliche Zuflüſtern von Muth und Hoffnung be⸗ trifft, Leiler, ſo müſſen wir dem entſagen; denn mein Vater hat dem Grafen erklärt, daß Du nicht länger im Probſthofe bleiben könneſt. Du wirſt künftig auf dem Schloſſe wohnen. Wäre mein Vater jetzt zu Hauſe ge⸗ weſen, oder Onkel Sebaſtian nicht wegen eines zufälligen Kummers in ſein Zimmer eingeſchloſſen, ſo hätten wir gewiß keine Gelegenheit gefunden, mit einander zu ſpre⸗ chen. Mein Vater iſt höchlich erzürnt, das merkte ich wohl, obwohl er mit mir kein Wort darüber geſprochen hat.“ Alfhild merkte nicht, daß die alte Vertraulichkeit ſich wieder in ihren Ton einſchleichen wollte, aber mit ihm zu ſprechen, und fremd und kalt zu bleiben, war mehr, als das in der Schule der Welt wenig bewanderte Weib vermochte.—„Das iſt, bei Gott! eine höchſt unange⸗ nehme Neuigkeit, meine theure Alfhild,“ verſetzte der Ar⸗ chitekt in einem düſtern, ſchwermüthigen Tone.„Das Schloß wäre wohl der Aufenthaltsort, den ich am letzten 17* 260 unter allen wünſchte, zumal jetzt, wo ich an Geiſt und Sinn als ein neuer Menſch hieher zurückkehre. Was für ein unſeliger Zufall führt mich gerade zu dem Mittelpunkt meiner fruͤheren finſteren Träume? Sonderbar, unerklär⸗ lich!“— Er ſchien mit ſich ſelbſt zu ſprechen, und der nach Innen gerichtete Blick durchflog die Zeit, wo er abweſend geweſen und die Veränderung, die indeſſen mit ihm vorgegangen war. Die feſte, treue und ſtarke Liebe 8 Alfhild war es, welche alle Gefühle der Rache und Bitterkeit aus ſeiner Seele verjagt hatte. Deßhalb hatte er gezögert; er wollte ſeiner ſelbſt vollkommen ſicher ſein; und da er jetzt mit dem feſten Entſchluſſe wiederkehrte, ſeine eingegangene Verbindlichkeit zu erfüllen, jetzt, wo nur die Hoffnung auf ein künftiges häusliches und glück⸗ ſeliges Leben an Alfhilds Herz ihn wie ein funkelnder Stern leitete,— da war der Zweifel der Geliebten das Erſte, was ihm begegnete, das Zweite eine Mahnung jener einmal verſchwunden geweſenen finſtern Mächte, er ſoll die Gelegenheit zur Genugthuung nicht unbenützt laſſen. Aber noch verwarf Leiler mit Abſcheu jeden Ge⸗ danken an den Bruch des Gelübdes, welches er bei ſeiner Liebe beſchworen hatte. Einem Kleinod, das ihm zu heilig war, um es durch Haß und Rache zu ſchänden. „Was erwartet Sie denn ſo Gefährliches auf dem Schloſſe?“ fiel Alfhild ein. „Gefährliches,“ wiederholte er,„nichts Gefchrliches. er— aber— o Du begreifſt die Gefühle nicht, die hier wüthen!“— Er legte die Hand auf ſeine Bruſt. —„Hier, meine Alfhild, hat es einſt gerauſcht wie wol⸗ kenhohe Wogen bei hadtem Sturm, noch bewegt ſich die See; aber das iſt nicht mehr gefährlich. Nein, bei Gott nicht, mein Leben, mein Alles!“— Er beugte ſich herab; ſeine Lippen berührten ihre Stirne. Alfhild ſchwieg. „Und Dein Vater, ſagſt Du, zürnt mir? Dazu bat er jedoch gar keinen Grund. Ich war nicht ver⸗ unden, ihn von meinen Privatverhältniſſen zu unterrich⸗ ten; und ſchon längſt deutete ich deutlich genug an, daß es Hinderniſſe gegen die Erfüllung unſeres gemeinſchaftlichen +8 14 82 4—2— —: — Se& Se SSh—ℳ — 261 Wunſches gebe, die jedoch gelöst werden könnten. Er hätte nicht an mir zweifeln ſollen.“ „Das wäre doch zu viel begehrt geweſen,“ ſagte Alfhild vermittelnd.„Der Schein war ganz gegen Dich, als der Norweger, der hier zu Gaſte war, uns von Deiner— Ehe erzählte— Du mußt Dich erinnern, daß weder dieſer noch mein Vater die geringſte Ahnung von dem hatte, was Du mir eben anvertrauteſt. Und überdieß, Leiler, ſo wie es nun einmal iſt...“ „Ja, wie es nun einmal iſt,“ vollendete der Archi⸗ tekt,„ſo muß er wohl Vernunft annehmen. Drei Jahre ſind ja keine Ewigkeit. Wir ſind ja Beide jung, und zudem will ich in dieſer Zeit ſo oft und viel in Schwe⸗ den ſein, daß keine finſtere Grillen in Deinem Herzen Wurzel ſchlagen und die Saat erſticken ſollen, meine Alfhild, die einmal in erneuerter Farbenpracht aufſchießen und blühen wird, wenn ſich endlich das feſte Band ſchlingt, das unſere Seelen für Zeit und Ewigkeit vereinigt.“ „Ach Leiler,“ erwiederte Alfhild,„wenn dieſe Zeit kommt, ſo wird Vieles verändert ſein. Ich kann, o ver⸗ zeihe mir das, ich kann mich unmöglich mit dem grau⸗ ſamen Gedanken verſöhnen, mein Gluͤck auf Koſten einer edlen Nebenbuhlerin errungen zu haben. Leiler, ich be⸗ ſchwöre Dich, ſprich nicht mehr ſo. Ich bebe vor dieſen Verhältniſſen, ſie umnebeln meinen Verſtand, und die Liebe iſt ein zu parteiiſches Gefühl, um hier allein den Ausſchlag geben zu können.“ „Welchen Ausſchlag?“ fragte Leiler und ſeine Lippen zitterten merklich.„Was verſtehſt Du darunter, Alfhild?“ „Ich verſtehe darunter, Leiler, daß wir nicht mehr an eine Verbindung denken ſollen, von der wir jetzt nicht einmal das Recht haben, zu ſprechen. Möge das von der Zukunft abhangen, ſie wird von ſelbſt entfalten, was ſie in ihrem Schooße trägt; aber wir dürfen nicht mit dreiſter Hand den Schleier heben, und dadurch unſere Herzen mit einer ſchwereren Schuld belaſten, als ſchon auf ihnen liegt. Laſſe Alles ſein, wie wenn es nie geweſen wäre, bis Du frei biſt und wieder das Recht haſt, von Liebe zu ſprechen.“ 262 „Meine Alfhild, nun biſt Du doch ein rechtes Kind,“ ſagte der Architekt, während er liebkoſend und zärtlich mit ihren Locken ſpielte.„Alles ſein laſſen, wie wenn es nie geweſen wäre! das iſt ja unmöglich und undenk⸗ bar. Ich habe Dein Wort, Du haſt das meine; die drei Jahre vergehen, und mit jubelnder Luſt nenne ich Dich dann mein, mein, vor Gott und Menſchen.“ „Ja, aber bis dahin, Leiler!“— Alfhild ſah ihm flehend in's Auge.—„Bis dahin werden wir geduldig ſein,“ fuhr der Architekt fort.„Einander hie und da ſehen, aber nicht ſo oft, daß die Welt daraus Veran⸗ laſſung zu Klatſchereien nehmen kann. Damit wirſt Du wohl zufrieden ſein und keine weitere Bedenklichkeiten haben. Wir haben dann auch Alles gethan, was das UÜrtheil der Welt verlangt, um uns unangetaſtet zu laſſen.“ „Ja, das iſt ſchon recht; aber das Urtheil der Welt iſt nicht das Schlimmſte, was wir zu befürchten haben. Die mißbilligende Stimme unſerer eigenen Bruſt, Leiler, wird ein weit ſtrengerer Richter ſein, als die Welt. Mit dem Gatten einer Andern verlobt! Meine Seele ſchaudert davor. Um meiner Ruhe, um meines Friedens, meines ewigen Friedens willen, Leiler, laß uns alle Verbindung zwiſchen uns für aufgelöst anſehen— bis es auch Deine Ehe iſt.“—„Alfhild, Du verlangſt Et⸗ was, das weit ſchlimmere Folgen für uns Beide haben kann, als alle kränklichen Zweifel, vor denen Dein Herz jetzt bebt. Beſinne Dich wohl, meine Geliebte; nicht der Augenblick möge dieß entſcheiden! Bedenke, erwäge genau, ehe Du einen Entſchluß faſſeſt, der wenigſtens auf mich einen mannigfachen Einfluß haben wird. Alfhild, meine einzige, theure Alfhild, wenn Du in meine Seele ſchauen könnteſt, wenn Du die Erſchütterung ſehen könnteſt, die der bloße Gedanke, daß kein Band mehr zwiſchen uns ſein ſölle, dort hervorruft, dann würdeſt Du Deine kindiſchen Grillen erſticken, und Dich fürch⸗ ten, jene wilden Stürme in meiner Bruſt wieder zu wecken, welche die reine Liebe zu Dir und die Ueberzeu⸗ gung, Dein zu ſein, bis jetzt bekämpft und überwunden q AS= nd,“ llich denn enk⸗ die ich ihm ldig da an⸗ Du den. heil Zelt en. ler, elt. eele ns, olle bis Ft⸗ den erz cht ge 263 hat.“— Der Architekt ſchwieg; aber ſein Auge, in dem ein dunkles, wunderbares Feuer glühte, redete eine mäch⸗ tige Sprache, und die dunkelrothen Wolken, die ſich über ſeine Stirne jagten, bildeten einen Widerſchein von dem gewaltſamen Aufruhr, der in ſeinem Innern raste.— Rlfhild fühlte ſich von einer unbeſtimmten, wehmüthigen Ahnung erfaßt. Schon ſchwebten die nachgebenden und entſcheidenden Worte auf ihren Lippen, als es heftig im Oehrn knarrte, und im nächſten Augenblick ſtand Probſt Frenkmann mitten im Saale. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ei, gehorſamer Diener, Herr Architekt! Willkom⸗ men wieder in Schweden!“ Wie der Leſer ſich erinnern wird, rühmte ſich Probſt Frenkmann, einen gewiſſen Takt zu beſitzen, und er würde es für keinen Beweis ſeines guten Tones angeſehen haben, wenn er auch nur im Mindeſten den natürlichen Verdruß hätte merken laſſen, den der Architekt durch ſein doppelſinniges Benehmen in ihm erweckt hatte. Nein, jener ſollte nur nach und nach die Verachtung fühlen, die Probſt Frenkmann vor heuchleriſchen Abenteurern empfand. Leiler war dem Probſt einige Schritte entgegen ge⸗ treten. Die Herren berührten einander die Hände nur ganz leicht, und nicht ohne ein gegenſeitiges Zeichen von Verlegenheit. Dann ſprach Frenkmann mit einem miß⸗ billigenden Blick auf ſeine Tochter, die noch halb liegend auf dem Sophakiſſen ruhte:„Deine Stellung, mein Kind, ſcheint zu beweiſen, daß Du Dich nicht wohl be⸗ findeſt, und in einem ſolchen Falle iſt keine Wirthin ver⸗ bunden, die Pflicht der Gaſtfreundſchaft zu erfüllen. Geh' auf Dein Zimmer; Du ſollſt heute von allen Beſchäf⸗ tigungen frei ſein.“— Alfhild erhob ſich, ſie war ſo 264 erſchüttert und erſchöpft, daß ſie das Zimmer kaum zu durchſchreiten vermochte. Aber als ſich Leiler nahte, um i6r den Arm zu bieten, machte der Probſt eine haſtige endung, nahm ſeine Tochter bei der Hand und oͤffnete ſelbſt die Thüre zum Saale, ſo wie zum Zimmer der⸗ ſelben.— Die zitternde Alfhild blieb allein, und der Wirth kehrte zu dem unruhigen Gaſte zurück, um die Unterredung fortzuſetzen. „Nun, der Herr Architekt wird bei ſeiner Rückkunft verſchiedene Veränderungen finden. Gewiſſe Gründe, die keine nähere Erörterung erlauben, haben mich genöthigt, auf das Vergnügen Ihres Aufenthalts im Probſthofe zu verzichten, und es iſt der Wille des Grafen, daß fuͤr rünfti das Schloß der Wohnort des Herrn Leilers ſein olle.“ „So! das iſt mir nichts weniger als angenehm! Das Schloß liegt ſehr weit von der Kirche entfernt, dieß wird mir nicht ſehr bequem ſein.“ „Mit der Bequemlichkeit hat es keine Noth,“ ver⸗ ſetzte der Probſt;„der Graf hat gute Klepper, und Herr Leiler wird ohne Zweifel Gelegenheit bekommen, ſich in der Reitkunſt zu üben, wenn er nicht einen größeren Ge⸗ ſchmack daran findet, ſein eigenes Gefährt zu benützen.“ „Das wird, das kann mir dennoch nie die Annehm⸗ lichkeit verſchaffen, die ich im Probſthofe genoſſen habe,“ ſprach Leiler, von der ruhigen, obwohl kalten Höflichkeit des Probſtes etwas aufgemuntert. „Nein, das iſt wahr! Sie verſahen hier mehrere Geſchäfte auf einmal,“ entgegnete Frenkmann mit un⸗ verholener Bitterkeit. Er meinte, Leiler müſſe wohl ſehr auf ſeine Artigkeit rechnen, da er ihm nicht einmal zu⸗ traute, daß er durch eine ſo klare Hindeutung auf das Vorgefallene gereizt würde. Es war Leilern unangenehm, daß er den Probſt beleidigt hatte, und er wollte verſuchen, wie weit es ihm gelingen würde, wenn er eine offene Schilderung von ſeiner gegenwärtigen Lage machte. Mit einer wohl be⸗ rechneten Klugheit begann er:„Die Gerechtigkeit dieſes 265 Vorwurfs iſt mir ein ſicherer Bürge, daß meine geheim⸗ ſten Gedanken kein Geheimniß mehr für den Scharfſinn des Herrn Probſtes ſind; und dieſe Ueberzeugung gibt mir den Muth, ohne Umſchweife mein Leidweſen darüber aus⸗ zuſprechen, daß unſere norwegiſchen Geſetze nicht in ſo kurzer Zeit von einem unglücklichen und unpaſſenden Ehe⸗ band befreien, als die ſchwediſchen, welche geſtatten, daß man durch eine Verkündigung in der Zeitung in Jahr und Tag die Sache abmachen kann. Bei uns iſt es nöthig, daß der verſchwundene Gatte drei Jahre lang fort geweſen ſein muß, ehe eine ſolche öffentliche Tren⸗ nungserklärung geſchehen kann.“ Höchſt verwundert ſah Probſt Frenkmann ſeinen Gaſt an, und es iſt ſchwer zu entſcheiden, welche Gedanken und Entſchlüſſe ſich jetzt in ſeinem Kopfe wälzten. Er erwiederte kurz:„So, der Herr gedenkt alſo ſich von ſei⸗ nem Weibe zu trennen; das iſt nicht ſehr ſchön!“ „Schön oder nicht ſchön,“ entgegnete der Architekt, mit einem leichten Anſtrich von Aerger,„ſo wird ein ſol⸗ cher Schritt wenigſtens der richtige ſein, wenn man nicht glücklich zuſammen leben kann. Aber hier handelt es ſich nicht von Recht und Unrecht in Beziehung auf die Sache ſelbſt; das iſt längſt mit meinem Gewiſſen abgemacht, und wird weiter von unſern norwegiſchen Geſetzen ent⸗ ſieden werden. Das, was ich ſagen wollte, und wozu ich den Herrn Probſt das bereits Geſagte als Einleitung zu betrachten bitte, iſt die offene und redliche Frage, ob der Herr Probſt, wenn meine Ehe aufgelöst iſt, und ich um Alfhilds Hand bitte, mir dieſe geben, und im Ver⸗ trauen auf meine Vorſorge mir das Gluͤck des Weibes anver⸗ trauen will, das mir über Alles auf Erden theuer iſt?“ „Das iſt eine ſehr verwickelte Frage,“ ſprach Probſt Frenkmann mit einem ſo ſcharfen Blicke, wie ein friſch⸗ geſchliffenes Raſirmeſſer,„meiner Treu, ſehr verwickelt; und da ſie auch ſehr ungehörig iſt, ſo hoffe ich die Ant⸗ wort auf einen paſſendern Zeitpunkt aufſchieben zu dür⸗ fen, auf den Zeitpunkt, wenn ihre Entſcheidung heran⸗ naht.“— Es begann glühend heiß in Leilers Adern zu 266 ſieden. Er gehörte zu den Naturen, die das Eiſen zer⸗ reißen wollen, um ihre Wünſche zu erreichen. Ob es ging oder brach, er mußte vorwärts, ſonſt war ſein gan⸗ zes Weſen vernichtet.— Es brauste, kochte und ſtürmte in ſeiner Bruſt. Sollte er all' dieſe Qualen erlitten, all' dieſe Kämpfe ausgeſtanden haben, um drei lange Jahre in Ungewißheit über den Ausgang ſeines Stre⸗ bens zu leben? Was ſollte ihn aufrecht halten, wenn Mariens Bild in ihrem geduldigen Schmerz, das Bild des ſterbenden Kindes in den Armen der Mutter ihm entge⸗ gen träte, und ihm geböte, wieder dahin zurückzukehren, wohin ihn Liebe und Pflicht rief? Kein Troſt, keine Offenbarung aus der Zukunft würde ihm reizend und herrlich zur Seite ſtehen und die finſtern Dämonen ver⸗ jagen. Nein, allein, wie er geweſen, ſollte er wieder bleiben, ohne eine andere Geſellſchaft als den Zweifel, die Rachgier und die Erinnerung an das Opfer, das ferne von ihm litt! War es wohl möglich, alles das auszu⸗ halten? Kann ein Schmerz mit der Qual der Ungewiß⸗ heit verglichen werden? Er ſollte nicht wiſſen, ob ihn eine Belohnung erwartete, wenn das Ziel nun erreicht war:— In dem krampfhaften Spiel ſeiner Geſichts⸗ muskeln ſprachen ſich alle dieſe wechſelnden Gemüths⸗ bewegungen aus, ſo ſehr er ſie auch bekämpfte. Nie hatte der Probſt ihn oder einen andern Menſchen in einem ſolchen Zuſtande geſehen, und er erſchrak über dieſen ſtillen, aber doch ſo deutlichen Aufruhr des Gemüths.— „Das ruhige und glatte Aeußere dieſes Mannes,“ dachte er,„birgt Leidenſchaften, die keine Frauenliebe hemmen oder beſänftigen kann. Er will ſich jetzt von einem Weibe trennen, der man die höchſten Lobſprüche gibt; es könnte eine Zeit kommen, wo dieß auch bei Alfhild der Fall wäre. Nein, ich ziehe mich aus dem Handel. Aus der Sache wird nichts.“— Das Stillſchweigen dauerte ziemlich lange. Leiler erwachte endlich aus ſei⸗ nen Träumen. Er erwachte zu der Gegenwart. Die zweideutige oder vielmehr durchaus nicht zweideutige Weigerung des, Probſtes ſtand in ihrer ganzen nackten wär um Sto Ade Gei t zer⸗ Db es gan⸗ irmte itten, ange Stre⸗ venn Bild tge⸗ hren, keine und ver⸗ ieder eifel, kerne Szu⸗ wiß⸗ ihn eicht hts⸗ ths⸗ Nie in eſen chte men nem ibt; hild del. gen ſei⸗ Die tige ten Klarheit vor ihm, und langſam, mit gedämpfter Heftig⸗ keit ſprach er:„Habe ich den Beſchluß des Herrn Plod⸗ ſtes als einen unwiderruflichen zu betrachten? Gibt es keine Inſtanz, an die meine Liebe, mein beleidigtes Selbſtgefühl appelliren kann? Und hat Alfhilds Glück, ihr Frieden, ihr Leben, kurz, ihr ganzes Weſen, das treu, warm und ewig an dem meinigen hängen wird, hat es keinen Anſpruch auf Milderung bei einer Entſcheidung der väterlichen Liebe?“—„Ich will glauben,“ erwiederte der Probſt mit einer Kälte, die Leilern jede weitere Hoff⸗ nung benahm,„ich will glauben, daß Alfhild bei der Erziehung, die ſie erhielt, und bei den Grundſätzen von Tugend und Religion, die ich ihr von der früheſten Ju⸗ gend an einzuflößen bemüht war, nicht einen Augenblick darüber im Zweifel ſein kann, was die Pflicht gegen ſich ſelbſt, gegen ihren Vater und die Welt von ihr verlangt. Daß ſie Sie geliebt hat, als ſie Sie für frei und eine ge⸗ genſeitige Liebe für erlaubt hielt, das iſt möglich, ich weiß es jedoch nicht gewiß, denn ich habe einen ſo gefährlichen Gegenſtand nie berühren wollen; und noch weniger weiß ich, ob ihr Gefühl auch jetzt noch für Sie ſpricht, denn die überraſchende Gemüthserſchütterung bei Ihrer An⸗ kunft konnte leicht den Schein eines Gefühls erhalten, das ſie nicht empfand. Nein, ich ſchmeichle mir mit dem Gedanken, daß ſie die Verlobung mit einem verhei⸗ ratheten Manne für eine Erniedrigung anſehen und alſo die geringſte Spur eines ſolchen Mißverhältniſſes aus — · ihrem Herzen verlöſchen wird.“—„So, Sie glauben und hoffen das! Ja, ja, Sie können möglicher Weiſe Recht haben,“ ſiel der Architekt ein, der auf einmal von einer brennenden Feuerſäule in eine feſte Eismaſſe über⸗ ging.„Alfhild duͤrfte wohl im Stande ſein, den Mann zu verachten, der ſeine Ehre, ſeinen Frieden, und die wärmſten Tropfen ſeines Herzbluts daran wagen will, um ſie zu beſitzen. Sie dürfte vielleicht nicht von ihrer Stammmutter abarten. Sigrid's Blut fließt in ihren Adern. Aber erinnern Sie ſich, daß Jeames Legangers Geiſt noch ungerächt über dem Platze ſchwebt, wo er 1— — den Becher leerte, in dem daß die halbes oder Sie ſie nicht Gras friedlich ein Sturm durch den ſchw ſeinem Rauſchen in den Seelen, Augenblick, wo der Stimme wie deſſen Zittern wenn er ſchon aufgehört fühlte er in ſeinen ſtarken einem Zittern nicht unähn keln verdrehten ſich und d Stirne war die Adventſonntag. Andere, das gerade das Brauſen tig auf ihn einwirkte und 1 Nor 5* 8 ging. Vergebens ſuchte er verſcheuchen, wie man einen verachtet, deſſen man ſich noch Stimme. „Herr Leiler, wärtigen zu ſchaffen haben, ich will nicht einmal darnach ſeine ene Schande trinken je§ a zu den Staubmaſſen hinabdringt. Sie Friede auf Erden herrſchen, die ſich darnach ſehnen.“ mann war ein Mann von feſtem Si ſchämt; worrenen Erinnerungen und ſeine geſunde Logif zu Nichts Herr Architekt,“ mit einer etwas unſichern Stimme, oder auf welche Art Familienverhältniſſe, die län uhe gegangen ſind und durchaus nichts mit den 268 ihn eine ſchwarze Verrätherei ließ; und bedenken Sie, che nicht immer ſtirbt, wenn ſie auch für ein ganzes Jahrhundert begraben wird. aus ihrem ſtillen Grabe! Noch wächst das auf dem Hügel; Rufen machen Sie nicht, daß anken Raſen braust und mit Laſſen Friede — Probſt Frenk⸗ unn; aber in dem Friede im Himmel, letzte Laut von Leilers tiefer, voller eines ſtarken Orkanes erſtarb, durch die Räume noch empfunden wird, hat, in dieſem Augenblicke Beinen eine Bewe ung, die lich war. Die Geſich Anne⸗ er kalte Schweiß auf ſeiner Folge einer Erinnerung an den erſten an den zerbrochenen Pokal und vieles jetzt, wo der Augenblick etwas ſo Unheimliches, ſo Herausforderndes an ſich ſchon hatte, mäch⸗ ihm durch Mark und Bein dieſe dunklen Gedanken zu Wahn verſcheucht, den man aber vor dieſen ver⸗ Vorſtellungen half ihm all ; ſie hatte hier weder Sitz begann er endlich „ich weiß nicht, wie agſt zur gegen⸗ Ihnen bekannt wurden, und fragen; aber ich meine, ein verſtändiger Mann ſollte nicht Mährchen wiederholen, oder darauf fußen, die ihm gleichgültig ſein können, und am allerwenigſten ſie mit andern, weit davon verſchiedenen 32 Ar „ hat wiel itherei Sie ir ein Rufen t das „daß d mit laſſen Friede renk⸗ dem voller tarb, wird, blicke „die nus⸗ einer rſten ieles chon äch⸗ Bein zu nan ver⸗ all Sitz lich wie zur en⸗ und ein en, nd en 269 Dingen vergleichen oder in Beziehung ſetzen. Wir ſind ja keine geſpenſterfürchtigen Kinder, die ſich von dem Scheine erſchrecken laſſen. Erlauben Sie mir alſo zu fragen, was Sie mit dieſen ſonderbaren Andeutungen beabſichtigen?“ „Was ich beabſichtige— das, meinte ich, konnten Sie verſtanden haben! Wenn aber meine Worte nicht den rechten Fleck trafen, ſo habe ich nichts weiter hinzu⸗ zuſetzen; denn da uns dieſe Stunde nicht näher gebracht hat, ſo wird es wohl ſchwerlich eine andere thun!“ er⸗ wiederte der Architekt ſtolz, und griff mit einem Grade von Selbſtbeherrſchung nach ſeinem Hute, die ihn in dieſem Augenblicke viel gekoſtet haben mußte. Frenkmann ſchien unentſchloſſen. Er glich einer Perſon, die am Rande eines tiefen Grabens ſteht und ſich beſinnt, ob ſie hinüberſetzen ſoll oder nicht, aber auf dem Platze ſtehen bleibt, weil ſie nicht weiß, ob ihr der Sprung gelingen wird. „Herr Architekt!“ „Herr Probſt, erlauben Sie mir, Ihnen Lebewohl zu ſagen und für die Gaſtfreiheit zu danken, die ich ehe⸗ dem von Ihnen genoß. Was ich von Ihrer Familie er⸗ fahren habe, bleibt zwiſchen uns, Worte, wie die, welche wir eben wechſelten, wiederholt man nicht gerne; und Sie dürfen verſichert ſein, daß der Zufall, der mich mit Jeames Legangers Lebensereigniſſen in Schweden bekannt gemacht hat, mit mir ſterben wird; denn obſchon ich Sie warnte, ſo kann es durchaus nicht meine Abſicht ſein, zum Danke für Ihr früheres Wohlwollen den Frieden in Ihrem Hauſe zu ſtören. Aber dort oben regiert eine höhere Macht, und hält in ihrer Hand die unſichtbaren Fäden, an welche das Wohl oder Wehe unſeres Lebens geknüpft iſt. Sie urtheilt in der Sache, die ohne Auf⸗ ſchub vor Gericht gebracht wird.“* Mit raſchen Schritten ging Leiler nach der Thüre. Als er ſchon auf der Schwelle war, wurde er von dem Probſte zurückgehalten, der mit Anſtrengung ſprach: „Herr Leiler, laſſen Sie uns nicht als Feinde ſcheiden. 270 Ich habe kein Recht, mich in Ihre verwandtſchaftlichen Verhältniſſe einzudringen, aber ich fange an zu ahnen, daß ein ſolches zwiſchen Ihnen und der Perſon, von der wir eben geſprochen haben, Statt fand. Ich bin ein friedliebender Mann, Herr Architekt, und haſſe alle ſtür⸗ miſchen Auftritte. Ich bitte Sie deßhalb von Herzen, Alles was wir geſprochen haben, unter uns zu laſſen; denn mein alter Verwandter und Freund, der Kapitän Oernroos, lebte in jener unſeligen Zeit und ſein Geiſt iſt noch ſo von Aberglauben und Phantaſiebildern in der⸗ ſelben Art, wie Sie eben ſelbſt welche anführten, erfüllt, daß ich, der ich nichts mit der Sache zu ſchaffen habe, ſondern den hingegangenen Schatten Frieden in den Grä⸗ bern und Frieden dort oben wünſche, von ihm mit den alten Hiſtorien zu Tode gequält würde, wenn er entdeckte, daß ein Nachkömmling von Jeames Leganger und zwar unter ſehr zweideutigen und dunklen Verhältniſſen im Probſt⸗ hofe geweſen wäre. Ich, der im eigentlichen Sinne Et⸗ was mehr in der Welt gelebt habe, als unſer ehrlicher Sebaſtian, ich weiß wohl, daß das Würfelſpiel des Lebens ſehr ſonderbar fallen kann, ohne deßhalb im Geringſten mit der Geiſterwelt in Verbindung zu ſtehen; und um Sie von meinem vollkommenen Vertrauen zu überzeugen, ſpreche ich jetzt den Wunſch aus, wir möchten, natürlich unter dem Siegel des tiefſten Schweigens, daruüber eins werden, daß Sie, wenn Sie den Scheidebrief in der Taſche haben, zu mir kommen und hören, wie die Sachen ſtehen. Iſt das Mädchen treu und denken Sie noch wie jetzt, ſo mag es denn in Gottes Namen geſchehen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das höchſte Gut, was ich verpfänden kann, daß Sie, unter was für Verhältniſſen es auch ſein mag, Alfhild zum Weibe haben ſollen, im Fall ſie ſelbſtewill und Sie von Ihrer jetzigen Gattin frei ſind. Das kommt ziemlich ſpät,“ erwiederte Leiler mit einem ſonderbaren Verziehen der Unterlippe;„ich nehme es indeſſen an und gebe Ihnen dafür mein Verſprechen, Erfuͤllung des Ihrigen fördern zu wollen, ſobald die lichen hnen, n der n ein ſtür⸗ erzen, iſſen; pitän Geiſt der⸗ füllt, jabe, Grä⸗ den eckte, war obſt⸗ Et⸗ ſcher bens ſten um gen, lich 5 — 4 271 Zeit zu Ende iſt.“— In dem Tone des Architekten lag etwas gräßlich Kaltes, beinahe Höhnendes 8, und mit einer halben Verbeugung trat er über die Schwelle und in den Hof hinaus, um ſich in das noch nicht ausgeſpannte Fuhrwerk zu werfen. Als er an Alfhilds Fenſter vorüberging, ſah er ſie mit dem Kopf gegen die Hand geſtützt da ſitzen, von der herabgelaſſenen Gardine zur Hälfte verdeckt. Beim Geräuſch ſeiner Schritte fuhr ſie empor und ſah auf. Das Blut färbte ihre Wangen und mit einem ſchmerzlichen, unausſprechlich hingebenden Blicke betrach⸗ tete ſie Leilers hohe Geſtalt, der mit ſchneebleicher Farbe auf d dem ſonſ friſchen Geſicht vorübe⸗ eilte, und ſie nur mit einer flüchtigen Verbeugung des Hutes grüßte. Nicht ein einziger Blick, wie ſie noch eben welche erhalten hatte, flog aus ſeinem Auge; dort brannte nicht einmal der matteſte Strahl von dem Feuer, an dem ſie ſich zu wär⸗ men gewohnt war. „Was war das?“ flüſterte Alfhild und rieb ſich die Augen, wie um ein B lenbiderf zu verjagen.„War das Leiler? Iſt es möglich, daß unſere Seelen in weniger als einer Stunde einander fremd geworden ſind? Ach!“ ſeufzte ſie,„das hat mein Vater bewirkt!“ Als der Probſt die Saalthüre wieder ſchloß, ſagte er:„Das iſt ein Satansmenſch! der wäre zu Allem fähig. Der Höchſte möge mein friedliches Haus bewahren, daß es nicht wieder ein Tummelplatz von Begebenheiten werde, wie ſie ſich vor etlichen und fünfzig Jahren in ſeinen Mauern zugetragen haben! Aber welches Schickſal mag ihn denn hieher geführt haben? Schickſal! Geſchwa Schickſal! komm ich jetzt nicht auf das verhaßte Kapitel, das Sebaſtian ſo lange wiedergekäut hat, daß auch ich einen Hieb von ſeinem einfältigen Glauben bekommen habe? Aber Schickſal oder Fügung Gottes, Vorſchung oder wie man es nun nennen mag, ſonderbar bleibt immer! Und ſonderbar iſt es auch, daß ich mich mit unerklärlicher Macht zu dem Menſchen zugleich hingez ogen und wieder von ihm durch gewiſſe Blicke ſeiner Augen, — 272 durch gewiſſe Züge ſeines Geſichtes, die eine ganz eigene merkwuͤrdige Kraft haben, zurückgeſtoßen fühle. Eine ſolche Natur zu reizen, wäre eine Unklugheit, die ſich ein Mann von Erfahrung nicht zu Schulden kommen laſſen darf. Deßhalb mußte ich ihm mein Verſprechen geben! und finde ich, daß es ſo weit kommt, ſo dürfte das Schickſal mir doch den Streich ſpielen, mich zum 1 Proſelyten zu machen. Warum nicht— nun, nun, vier Jahre— bälder kann es ſich nicht entſcheiden— das will etwas heißen. In dieſer Zeit kann ſich viel ändern. Gott lenke es zum Beſten! Schweigen iſt für gegenwärtig die Hauptſache. Mein Haus, meine Ehre, meine geiſtliche Würde erheiſchen, daß keine Hiſtorien in Umlauf kommen. Die Leute haben genug zu ſchwätzen, ohne daß man ihnen ſelbſt dazu Veranlaſſung gibt.“ Während dieſes ſtillen Erguſſes des Probſtes flog das Gefährt des Architekten raſch auf dem Wege nach Groß⸗Hammarby dahin. Er ſelbſt ſaß mehr einer Bild⸗ ſäule als einem Menſchen gleich darin. Jener Zug ſchwebte noch immer um die gekrümmten Unterlippen, und die Wange bekam keine Farbe, das Auge kein Leben, bis der Wagen über das Pflaſter des Burghofs rollte, und ein anderes Geſicht an einem andern Fenſter ſichtbar wurde; aber da war es kein Feuer, ſondern eine hohe Flammengluth, was unter Leilers Wimpern hervorſprühte. Ende des erſten bis dritten Bändchens. ——