Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden T 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. (*à 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von o jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ l den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werth deſſelben entſprechende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Em⸗ Tag von Morgens wird 1 4. bonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 beträg t: 1 Pleber⸗— für wöchentlicht A 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 85—— anf Monat:. 1 Mt.—— 1 Mtt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. u,würilg honnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bächer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Theater. Die Gewohnheit des Rauchens. Kaffeehäuſer.„Es ya pagado“. Das Land des à peu près. Straßencorrection. Kaffeehauspolitik. Die Geburt einer Prinzeſſin. Die Armee. Spaniſche Volksſtämme. Sitten, Gebräuche und Charakter. Es war ein froſtiger Morgen, als wir um fünf Uhr von Tembleque gegen Madrid fuhren. Obgleich die Bahn bis Aran⸗ juez noch nicht lange im Betrieb iſt, ſo ſtießen und rappelten doch die Wagen auf höchſt unangenehme Art, ja einigemal kam es uns vor, als neigten ſie ſich rechts oder links auf die Seite. Die der zweiten Claſſe ſind ziemlich groß, mit ſchmalen, hartgepolſter⸗ ten Bänken verſehen, ſie ſcheinen nach dem Vorbild der franzö⸗ ſiſchen gebaut zu ſein und ſind ebenſo unbequem und unelegant wie dieſe. Bei Aranjuez hält der Zug einen Augenblick, doch ſieht man wenig von der Stadt und den prächtigen Schlöſſern dieſes Landſitzes der ſpaniſchen Könige. Die bisher ziemlich kahle Ebene, durch welche wir fuhren, iſt hier dagegen mit Baumgruppen be⸗ 1 † 4 Zwölftes Kapitel. ſetzt, durch welche man einige Häuſer erblickt, in weite Ferne ſich verlierend ein paar Alleen, eine ſchöne breite Straße, welche die Bahn kreuzt, und unter den Stämmen dichtgepflanzter Baum⸗ reihen hindurch lange Reihen von Arcaden, die den Schloß⸗ platz umgeben. Und als wir bald darauf weiter fuhren, behielten wir die Gebüſche, hochſtämmige Platanen, Eſchen und Ulmen noch eine Zeitlang zu beiden Seiten, ſetzten auf einer hübſchen Brücke über den Tajo, um bald darauf abermals alle Vegetation hinter uns zu laſſen, und wieder in die weite, hügelige Ebene einzufahren— dem äußeren Anſchein nach ein Terrain wie die Campagna um Rom, nur mit weniger ſchönen Formen, vor Allem aber nicht mit der prächtigen Färbung jener herrlichen Einöde. Wenn man ſich das Wort Madrid ausſpricht, ſo denkt man unwillkürlich an eine große, prachtvolle Stadt. Mag der ſtolze Klang dieſes Namens dazu beitragen, oder der Gedanke an die gewaltige Geſchichte Spaniens, oder an die unermeßlichen Gold⸗ quellen, welche Jahrhunderte lang aus den reichen Colonien dahin gefloſſen— genug, mau ⸗hält Madrid mit einer Stadt von lauter Paläſten gleichbedeutend. Obgleich uns ſchon oft das Gegentheil verſichert wurde, obgleich wir ſchon öfters geleſen, namentlich von der öden und unmaleriſchen Lage der ſpaniſchen Hauptſtadt, ſo ſind wir doch ungläubig und können in dieſem Fall nicht recht be⸗ greifen, warum man denn, bei den vielen prachtvollen Städten, die Spanien beſitzt, gerade Madrid zu jenem Rang erhoben. Freilich liegt es faſt im Mittelpunkt des Reichs, iſt aber bei den mangelhaften Straßen, namentlich zur Winterszeit, einer Inſel zu vergleichen, welche der Reiſende erſt nach langen Mühſelig⸗ keiten und Gefahren erreicht. Uebrigens iſt ihr auch der Rang einer Hauptſtadt ſchon öfter ſtreitig gemacht worden, und vor Philipp II. wurden das Hoflager und die caſtiliſchen Cortes nur bisweilen in Madrid gehalten; in früheren Tagen war der Sitz der Regierung längere Zeit in Toledo, und wurde nach dem Tod Philipps II. auf einige Jahre nach Valladolid verlegt; doch zog Madrid. 5 Philipp III. um 1606 wieder nach Madrid zurück, von wo an es bis auf den heutigen Tag Haupt⸗ und Reſidenzſtadt geblieben iſt. Zur Maurenzeit war Madrid unbedeutend und wenig genannt, und wenn ſeiner auch ums Jahr 930 Erwähnung geſchieht, wo die Stadt vom König Ramiro II. von Leon überfallen wurde(ſte gehörte damals den Arabern), ſo blieb ſie doch bei den ſpäteren gewaltigen Kämpfen ziemlich unbetheiligt. Zu jener Zeit hieß die Stadt Magerit, was den ehemaligen Waſſerreich⸗ thum dieſer Gegend bedeuten ſoll. A. v. Rochau erzählt von einer hübſchen Sage, woher die Stadt ihren Namen habe.„Vor Zeiten, als nur ein paar ein⸗ zelne Häuſer mitten im Walde an der Stelle ſtanden, die heutzu⸗ tag Madrid einnimmt, flüchtete ſich hier ein Knabe, von einem Bären verfolgt, auf einen wilden Kirſchbaum. Der Bär ſchickte ſich an, ihm zu folgen, als die Mutter mit verzweiflungsvollem Geſchrei herbeieilte; aber der Bube, ohne an ſeine eigene Gefahr zu denken, und nur um die Mutter beſorgt, rief ihr von ſeinem Baum herunter zu: Madre id, Madre id! Mutter macht, daß ihr fortkommt! Daher entſtand durch Zuſammenziehung jener bei⸗ den Wörter der Name der ſpaniſchen Hauptſtadt, in welchem das Andenken an jenen tapfern Burſchen verewigt iſt.“ Unterdeſſen keucht die Locomotive durch eine wahrhaft troſt⸗ loſe Gegend dahin. Es iſt dieſelbe kahle, waſſer⸗ und baumloſe Hochebene, welche wir auf unſerem Ritt durch die Mancha kennen gelernt. Ein kleiner Hügel reiht ſich hier an den andern, alle gleich einfach, gleich langweilig und von oben nach unten mitztiefen Ein⸗ ſchnitten, welche die heftigen Regengüſſe in das Erdreich geriſſen, durchfurcht; die ganze Fläche, die wir überſehen, iſt von rothbrauner oder ſchmutziggelber Farbe, und durch nichts unterbrochen. Man ſieht weder das Glitzern eines Baches, noch das Leuchten eines Sees, noch eine Abwechſelung durch Vegetation. Zuweilen iſt das Terrain ſteril und zerriſſen und wenn man glaubt, jetzt fange es an intereſſanter zu werden, ſo ſaust man im nächſten Augenblick wieder über dieſelbe gleichförmige Ebene dahin. Schon ſind wir 6 Zwölftes Kapitel. ziemlich nahe bei der Reſidenz, ohne daß ſich dieſe durch freund⸗ liche Dörfer, Landhäuſer oder ſonſt dergleichen ankündigt. Auch der bebauten Felder bemerkt man wenige, und wo man etwas der Art ſteht, da begreift man nicht, woher die Arme kamen, welche die langen Furchen gezogen, denn weit und breit bemerkt man nicht die Spur einer menſchlichen Wohnung. Endlich aber er⸗ ſcheint hie und da ein Bauwerk auf dem Gipfel einer der Anhöhen; wir ſehen alterthümliche Gebäude, deren Beſtimmung wir zu ent⸗ räthſeln nicht im Stande ſind, neben einſamen Kirchen und Ka⸗ pellen, welche gerade in dieſer ihrer Einſamkeit und ihren ſtarren Formen wenig zur Belebung der Gegend beitragen. Wir glau⸗ ben ſchon die Eiſenbahn habe ſich geirrt und ſei Gott weiß nach welcher Richtung in die Mancha hineingerathen. Da endlich pfeift vorn die Locomotive; ein alter Spanier, der vor mir auf einer Bank geſchlafen, wickelt ſich aus ſeinem Mantel, ſchaut um ſich und ſagt gähnend:„Madrid!“ Der Zug vermindert ſeine Schnel⸗ ligkeit, wir fahren durch ein baufälliges Lattenthor, bei elenden Schuppen und Magazinen vorbei und befinden uns auf dem Bahn⸗ hof der ſpaniſchen Hauptſtadt. Für Madrid iſt dieſer außerordentlich beſcheiden. Bei uns hat die geringſte Landſtadt einen weit prächtigern aufzuweiſen. Dabei iſt hier Alles ſo ruhig und ſtill, den Zug verlaſſen kaum dreißig oder vierzig Perſonen, ſchweigſame Geſtalten, den zuge⸗ ſpitzten caſtilianiſchen Hut auf dem Kopf, feſt in den langen brau⸗ nen Mantel gewickelt; Gepäck iſt ſo gut wie gar keines vorhanden, nur hie und da trägt Jemand ein kleines Bündel unter dem Arm. Wir nahmen unſere Koffer in Empfang und als wir nun an den Ausgang des Bahnhofgebäudes traten, mochten wir immer noch micht recht glauben, daß wir uns in der nächſten Nähe von Madrid befänden. Vor uns auf einer Anhöhe ſahen wir freilich Häuſermaſſen, aber da hinauf führte kein ordentlicher Weg, denn was hier einen ſolchen vorſtellen ſollte, war eine breite, unergründ⸗ liche, im Zickzack durch umherliegende Steinhaufen ſich dahin ziehende Kothpfütze. Daß es nicht einmal vor den Thoren der Madrid. 7 ſpaniſchen Hauptſtadt eine ordentliche Straße geben ſolle, war uns unfaßlich; ebenſowenig bemerkten wir einen Fiaker und das einzige Beförderungsmittel war ein alter gebrechlicher Omnibus mit vier Pferden beſpannt, dem wir uns anvertrauten, und der uns nach mehrmaligem Stehenbleiben die Höhe hinaufbeförderte. Ohne die geringſte Uebertreibung habe ich unſere Ankunft in Madrid geſchildert, und fühle mich deßhalb um ſo mehr ver⸗ pflichtet, zu ſagen, daß ſich der Anblick der Stadt wie mit einem Zauberſchlag änderte, ſobald wir nur auf einem ziemlich ordent⸗ lichen Pflaſter bei den erſten Häuſern vorbeigefahren waren. Man befindet ſich hier ſogleich auf dem Prado, dem prächtigen Spaziergange mit dichten, dreifachen Ulmen⸗Alleen, mit Wegen für die Fußgänger, mit einem Corſo für die Wagen und Reiter, alles ſorgfältig geebnet, mit Steinbänken, prächtigen marmornen Springbrunnen, und fährt ſo am Rande der Stadt hin, deren breite Straßen auf den Prado münden und die, da ſie von ihm alle anſteigen, ein wahres Häuſermeer überſehen laſſen. Rechts haben wir das Nationalmuſeum, die Artilleriekaſerne, den bota⸗ niſchen Garten mit ſeinem unabſehbaren langen Eiſengitter, hinter welchem die berühmten Anlagen des Buen Retiro beginnen. Dicht an der Straße ſteht der Obelisk, welcher das Volk von Madrid an die franzöſiſche Gewaltherrſchaft und an den blutigen zweiten Mai von 1808 erinnert. Jetzt biegt unſer Omnibus links in eine Straße ein, es geht auf einem guten Pflaſter ziemlich ſteil aufwärts an vier⸗ bis fünfſtöckigen Häuſern vorbei und, auf der Höhe der Straße angelangt, kommen wir über einen kleinen drei⸗ eckigen Platz(Plazuela de Cervantes), in deſſen Mitte wir erfreut die Bronzeſtatue des unſterblichen Schöpfers des Don Quixote er⸗ blicken. Die langſame Bewegung des Wagens läßt uns Zeit, ſie etwas genauer ins Auge zu faſſen; ſie iſt nach dem Modell eines ſpaniſchen Künſtlers, aber in einer deutſchen Werkſtätte ge⸗ goſſen. Cervantes ſteht in vorſchreitender Stellung, hält in der Rechten eine Papierrolle, die andere Hand ſtützt ſich auf das De⸗ gengefäß, doch ſteht man dieſelbe nicht, da der Mantel darüber 8 Zwölftes Kapitel. fällt und ſo die Verſtümmelung verbirgt, welche der große Natio⸗ nalſchriftſteller und tapfere Soldat in der Schlacht von Lepanto erhalten. Am Piedeſtal ſind einige Scenen aus dem Don Qui⸗ rote in Bronze⸗Reliefen angebracht. So gut die Wirkung dieſes Monuments an ſich iſt, ſo dürfte doch die ganze Maſſe deſſelben bedeutender ſein, denn zu unſerer Rechten erhebt ſich in allzuge⸗ ringer Entfernung die ſchöne Facade des Palaſtes der Cortes, in deren Mitte eine majeſtätiſche Colonnade von granitnen korin⸗ thiſchen Säulen und einem edel componirten Giebelfeld aus wei⸗ ßem Marmor herriſch über den Platz hereinragt; gewaltige Löwen von Bronze auf den Flügelmauern der breiten Marmortreppe als Anſpielung auf das ſpaniſche Wappen bewachen den Eingang, und die ganze ſchön gegliederte Gebäudegruppe erweckt eine ſehr günſtige Meinung für die gediegene Richtung der modernen ſpani⸗ ſchen Architektur. Was wir ſeit unſerem Eintritt in die Stadt ſahen, hat einen großen Eindruck auf uns hervorgebracht und Madrid iſt in unſe⸗ rer Achtung bedeutend geſtiegen; freilich rollen wir jetzt durch eine engere Straße, die Carrera San Geronimo, abwärts bei unbe⸗ deutenden, gänzlich uniformen Häuſern vorbei, deren Läden und Magazine mit wenig Ausnahmen durchaus keinen großſtädtiſchen Charakter haben. Jetzt hält der Omnibus auf einem kleinen Platze vor einer ziemlich geſchmackloſen und unbedeutenden Kir⸗ chenfronte, einem Platze ſo klein, daß er eher ein Carrefour ge⸗ nannt werden dürfte, da er kaum Raum bietet für die Maſſen der Wagen und Fußgänger von ſechs Hauptſtraßen der Stadt, die ſich hier kreuzen und münden. Wir ſteigen aus und ſchauen uns einigermaßen verwundert an, als uns der Omnibusführer an⸗ kündigt, daß wir die Puerta del Sol erreicht. Von dieſem Brennpunkt des Madrider Lebens hatten wir uns doch ein ande⸗ res Bild gemacht. Das Gewühl der Wagen und Fußgänger war allerdings bedeutend genug, der Platz ſelbſt aber faſt rings umgeben von unbedeutenden Häuſern, in denen ſich wahre Kram⸗ — — Madrid. 9 läden befinden, gar zu unbedeutend für ſein Renommee und ſeinen ſtolzen Namen Puerta del Sol— Sonnenpforte. Um das Jahr 1520 war hier noch eine wüſte leere Stätte, damals noch vor den Mauern der Stadt, welche wenig Schutz gewährten vor den zahlreichen Räuberbanden, die in den umlie⸗ genden Wäldern hausten und die Stadt häufig überfielen. An dieſer Stelle baute man zur Abwehr gegen ſie ein kleines Fort, deſſen öſtliches Thor mit einer Sonne geſchmückt war. Obgleich nun Thor und Sonne längſt verſchwunden ſind, hat ſich doch der Name bis auf den heutigen Tag erhalten. Was nun den Platz ſelbſt anbelangt, ſo iſt er für die Madrider Bevölkerung von gro⸗ ßer Wichtigkeit; hier finden Rendezvous im großartigſten Maßſtab ſtatt, in ruhigen Zeiten tauſcht man Anecdoten und Neuigkeiten aus, welche indeſſen meiſtens mit der Politik zuſammenhängen; in unruhigen Tagen finden hier die ernſten Beſprechungen ſtatt, in deren Folge denn auch die meiſten Aufſtände an der Puerta del Sol losbrechen. Wie ſchon geſagt, münden hier ſechs Haupt⸗ ſtraßen der Stadt, von denen die Alcalà mit ihrer Fortſetzung der Calle Mayor, die bis zum Schloßplatz geht, die Stadt in zwei Hälf⸗ ten theilt und die Hauptader Madrids genannt werden kann. Die Carrera San Geronimo, die Calle de la Montera und de Carretas, voll Läden und Buden, leiten den Lebensſtrom der beiden gewal⸗ tigen Stadthälften hieher und in der Winterszeit Mittags zwiſchen zwölf und zwei Uhr ergießt ſich aus all dieſen Straßen eine wahre Fluth von Wagen und Fußgängern auf die Puerta del Sol, welche in der Tiefe liegt und, wie ein Thal durch herabſtürzende Waſſer⸗ bäche, bald angefüllt und überſchwemmt iſt, und Mühe hat, die brauſenden Maſſen in andere Straßen abzuleiten. Das Gewühl hier iſt oft geradezu komiſch anzuſehen, und Jemand, der Eile hat, geräth in Verzweiflung, da es ihm nur möglich iſt, ſich langſam fortzuſchieben. Dicht gedrängt ſtehen Hau⸗ fen plaudernder Männer an den Häuſern, den Mantel maleriſch umgeſchlungen, die Cigarre im Munde. Lachend winden ſich einzelne Damen hindurch und halten ſich nur mit Mühe auf dem Trottoir 10 Zwölftes Kapitel. oder werden von genannten Spaniern gehalten, die das Ueber⸗ mögliche thun, ſich zuſammenzudrücken, um dem ſchönen Geſchlecht einen Pfad freizulaſſen. Obgleich hier manches kleine Unglück vorkommt, z. B. daß das Ende einer Mantille in dem Gedränge feſtgeklemmt wird, oder ein paar Sehnoritas allzuſehr gedrückt werden, oder Einer den Andern mit dem Mantelende, das er leicht über die Schulter wirft, ins Auge trifft, auch wohl auf dieſe Art den Hut vom Kopf oder die Cigarre aus dem Munde ſchlägt, ſo hört man doch ſelten oder nie eine heftige oder unartige Aeuße⸗ rung; alles wird mit der größten Höflichkeit abgemacht, man ent⸗ ſchuldigt ſich, wird um Entſchuldigung gebeten, und ſelbſt der Laſtträger, dem wir im Wege ſtehen, ſagt auf die freundlichſte Art:„Erweiſen Sie mir die Gunſt, ein wenig auf die Seite zu treten.“ Namentlich ſind die Trottoirs der Alcala und die der Calle Montera immer dicht mit Menſchen beſetzt, und hier ſieht man beſtändig Polizeibeamte, die, wenn der Menſchenſtrom gar zu arg ſtockt, die Vordern bitten, weiter zu gehen, und plaudernde Grup⸗ pen ermahnen, nicht ſtehen zu bleiben, damit auch die Nachrücken⸗ den vorwärts können. Für die angränzenden Buden⸗ und Laden⸗ beſitzer iſt dieſes ewige Gedränge vor ihren Schaufenſtern natürlich nicht angenehm, und wenn es draußen gar keinen Platz mehr gibt, ſo ziehen ſich die Plaudernden in die Gewölbe hinein, ohne viel Notiz von dem Kaufmann und ſeinen Waaren zu nehmen, wodurch ſich mehrere der Ladenbeſitzer veranlaßt ſahen, wie man anderswo das Rauchen verbietet, an ihre Bude anſchlagen zu laſſen: „Aqul no se permiten tertullas!(Hier ſind keine Unterhaltungen geſtattet!)“ Daß ſich hieher eine große Menge Equipagen wendet, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Da es aber um die eben angegebene Zeit meiſtens nur möglich iſt, die Puerta del Sol im Schritt zu paſ⸗ ſtren, ſo ſtockt die Wagenreihe in den benachbarten Straßen und bildet eine große Zeile, die nun zur Unterhaltung der Zuſchauer auf dem Platze langſam vorbeirücken, und bequem durchgemuſtert —-—V— GEC+ u Madrid. 11 werden können. Oefters bilden dieſe Zuſchauer förmlich Spalier da ſie wegen der Wagen über die Straße nicht hinüber können, und wo dieß doch einer verſucht, ſo geſchieht es in großen Sprün⸗ gen, mit ängſtlicher Haſt nach allen Seiten blickend. Bei bewegten Zeiten findet nun jede Partei ihre Freunde an einer beſtimmten Stelle der Puerta del Sol oder in den Kaf⸗ feehäuſern der nächſten Umgebung, wo ſich gewöhnlich Clubs der verſchiedenen Färbungen bilden, die alsdann durch ihre Agenten auf die Maſſe des Volks, welches den Platz beſetzt hat, einzu⸗ wirken ſuchen. Die Mitte deſſelben iſt dann mit einer unſchlüſſi⸗ gen, hin⸗ und herwogenden Menge bevölkert. An der Ecke der Straße de la Möontera finden ſich die angeſehenſten Einwohner, auch Beamte, die ſich zur Oppoſitionspartei zählen; gegenüber bei der Carrera de San Geronimo die quiescirten Militärs, deren es in Madrid eine Unmaſſe gibt, und bei der Caſa de Correos, einem großen für die Adminiſtration der Poſten eingerichteten Palaſt, in dem ſich aber derzeit ein Miniſterium befindet, ſieht man Angeſtellte, Anhänger der beſtehenden Regierung, Bankiers und Börſenmäkler. Dieſes maſſive Gebäude war wegen ſeiner den Platz dominirenden Lage in unruhigen Zeiten oftmals von großer Wichtigkeit, und ſein Beſitz, wie zum Beiſpiel der des Pariſer Stadthauſes, bei Revolutionen mehr als einmal ent⸗ ſcheidend. Noch vor wenigen Jahren waren der Fiaker in der ſpaniſchen Hauptſtadt ſehr wenige, und die meiſten führten alterthümliche und unbequeme Kutſchen. Das hat ſich nun ſehr geändert, und als wir an der Puerta del Sol aus dem Omnibus ſtiegen, umſchwärmte uns eine ganze Menge eleganter Coupés, von denen wir uns eines ausſuchten, um nach der Fonda de Peninſulares, einem der beſten Gaſthöfe, zu fahren, wobei der Spanier ſeine zwei Peſeten auf eine unverantwortlich leichte Weiſe verdiente, denn kaum hatten die Pferde angezogen, ſo hielten ſie auch wieder, indem der Gaſt⸗ hof nicht zehn Schritte von der Puerta del Sol entfernt iſt. Hier fanden wir unſern Reiſegefährten, Baumeiſter Leins, noch ſehr in 12 Zwölftes Kapitel. Morgentoilette, und die Freude des Wiederſehens war groß, denn ihm, ſo wie Herrn Heeren war doch zuweilen Beſorgniß auf⸗ geſtiegen, ob es uns auch gelingen würde unſere Tour durch die Mancha glücklich zu beenden. Der Eilwagen war übrigens nur einen Tag vor uns eingetroffen. Wie ſo manches in Spanien laſſen auch die Fremdenhötels noch viel zu wünſchen übrig; die meiſten ſind erſt in den letzten zehn Jahren entſtanden und haben deßhalb noch viel proviſori⸗ ſches an ſich. Spanien iſt noch nicht ſo wie andere Länder mit Reiſenden überfüllt, daher auch das Unterkommen mangelhaft. Es iſt noch nicht gar lange her, daß der Betrieb einer Gaſtwirth⸗ ſchaft hier für ein niederes, faſt verachtetes Gewerb angeſehen wurde, und noch heute befaſſen ſich wenige Spanier damit. Faſt alle Wirthe ſind Italiener, namentlich Lombarden; auch benützt der Spanier noch zu unſern Zeiten ſelten einen Gaſthof zum län⸗ gern Aufenthalt, ſondern nur als Abſteigequartier für eine Nacht, um den andern Tag Quartier in einem Privathauſe, was in Madrid ſehr leicht zu erhalten iſt, oder Unterkommen in einer ſogenannten Penſion, in einer Caſa de Huespedes, zu finden. Wir hätten es gern eben ſo gemacht, doch da wir zu drei waren, fanden wir keine paſſende Wohnung, und was wir in verſchiedenen Häu⸗ ſern anſahen, war nach Einrichtung und Preis nicht vortheil⸗ hafter als was man uns im Gaſthofe bot. Hier erhielten wir einen ungeheuren Salon mit Fenſtern, die bis auf den Boden herabgingen, und leider nicht feſt zu verſchließen waren; unter dem Fußteppich befanden ſich Steinplatten; die Möbel waren alt, von verſchiedenſter Fagon, und bloß ſämmtliche Stühle glichen einander, aber nur darin, daß ſie alle wackelig waren; ein überaus kleiner tragbarer franzöſiſcher Kamin nahm ſich in dem ungeheuren Raum wie eine ſchlechte Anſpielung aus. Unſere Betten ſtanden in drei Nebenkabinetten, und waren recht ordentlich. Wie man es in Spanien gewöhnlich zu thun pflegt, hatten wir uns einen Preis machen laſſen für Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Frühſtück und Diner, wofür wir die Perſon zwei Duros täglich zu bezahlen ——— Madrid. 13 hatten— allerdings ein tüchtiger Preis, obgleich für Madrid nicht zu hoch. Auch hatten wir wenig Urſache mit der Fonda de Peninſulares unzufrieden zu ſein, und wenn es nicht ſo unbe⸗ ſchreiblich kalt geweſen wäre, hätten wir in unſerem Saal ein be⸗ hagliches Leben geführt. So aber mochten wir, zum großen Leid⸗ weſen des Wirths, noch ſo viel Holz in den kleinen Kamin ſtecken, welches unſer Baumeiſter Leins kunſtvoll anzufachen wußte, das Zimmer blieb kalt und deßhalb unheimlich, und wenn auch unſere Fußſohlen faſt verbrannten, ſo war doch der Rücken nur dadurch vor Rheumatismus zu ſchützen, daß wir Paletots und Mäntel anzogen. Um am Tiſche, der in der Mitte ſtand, zu ſchreiben oder zu zeichnen, mußten wir Pelzſtiefel und Fußſäcke gebrauchen und dicke Handſchuhe anziehen. Die Stadt Madrid liegt lang und breit ausgeſtreckt auf einer Hochebene, mit vielen kleinen Hügeln, weßhalb es auch we⸗ nige Straßen gibt, in denen man nicht jeden Augenblick bergauf und bergab ſteigen muß. Die Spanier ſuchen eine Vergleichung mit Rom und Konſtantinopel, und ſprechen auch hier von ſieben Hügeln; doch ſind es, wie geſagt, deren viel mehr. Gegen Weſten iſt die Hochebene von einer tiefen Böſchung umgränzt, an deren Abhang ſich Spaziergänge und Gartenanlagen hinunter bis an den Manzanares ziehen, der hier gewiſſermaßen die Gränze des ſtädtiſchen Gebiets bildet, und, wie ein dünner heller Faden die Landſchaft durchſchneidend, längs der Stadt nur durch die ſeinen Lauf begleitenden Trockenplätze der zahlreichen Waſchanſtalten mit dem Auge verfolgt werden kann. Bis an ſeine Ufer ziehen ſich doppelte Reihen alter Ulmen, und an ſeinem Flußbett auf⸗ und abwärts ſieht man auch eine Spur von Vegetation. Jenſeits der prächtigen Brücke von Toledo, eigentlich die größte Ironie auf den kleinen Manzanares, iſt aber das Terrain wieder eben ſo kahl, eben ſo öde wie auf der Seite, von welcher wir die Stadt erreicht hatten. Hoch an dem eben genannten Abhange ſteht das königliche Schloß, und von ſeinen Terraſſen blickt man auf den Manzanares, die Brücke von Toledo, über dieſe hinaus auf die kahle Ebene, und 14 Zwölftes Kapitel. freut ſich, am Horizont die prächtige Bergkette des Guadarrama zu ſehen mit ſeinen von Schnee glänzenden Kuppen, an deſſen Fuß geſchmiegt der Escorial liegt. Etwas freundliches hat übri⸗ gens dieſer Anblick nicht, er iſt ernſt und gewaltig. Das hüge⸗ lige Land, dunkel gefärbt, hie und da mit gelben und röth⸗ lichen Streifen zeigt ſo von weitem keine Spur irgend eines Lebens. Dörfer oder einzelne Wohnungen ſieht man nicht, ebenſo wenig Bäume oder Sträucher, nur ein nackter Hügel liegt einförmig neben dem andern, und am Horizont der weiten Fläche ragt das dunkle Gebirge empor mit ſcharfen Zacken und tiefen Schluchten, ſelbſt im Licht der Sonne wohl majeſtätiſch, aber finſter und ernſt. Ganz in Harmonie mit dieſer Landſchaft, zumal von der Nordſeite geſehen, iſt der an der Stelle des alten Alcazars der Mauren erbaute königliche Reſidenzpalaſt, von deſſen Vorhof aus wir dieſes melancholiſche Gemälde betrachten, ein ungeheu⸗ res Viereck im Charakter des Palaſtas von Caprarola bei Rom; ſeine Architektur iſt ſtreng, wenn auch in den Einzelnheiten etwas verſchnörkelt. Auf dem in derben Formen ausgeführten untern Stockwerk iſt rings um das Gebäude her bis zum oberſten Ge⸗ ſims die gewaltige Maſſe durch eine an die Wand angelehnte Co⸗ lonnade gegliedert, die an den vier Ecken ſtärker hervortritt, breite aus Granitquadern erbaute Terraſſen und weite Durchfahrten, die auf den Vorhof führen, erſtrecken ſich zu beiden Seiten des letzten nach der Armeria Real, der großen königlichen Waffen⸗ ſammlung, die an ſeinem dem Schloß gegenüber liegenden Ende den weiten Platz abſchließt. An dem dem Thal zugewendeten Terraſſenflügel wird immer noch, aber ſehr langſam gebaut, und der Fuß deſſelben ſowie die Subſtructionen des Schloſſes ſelbſt ver⸗ lieren ſich auf dieſer Seite in ein Chaos halbfertiger gewaltiger Mauern. Die Nordſeite, den entferntern und viel tiefer liegenden, ausgedehnten Baulichkeiten des Marſtalls zugewendet, greift mit ihrem maſſenhaften Unterbau tief neben den umliegenden Straßen hinab, und macht den Eindruck einer feſten Burg; nur Schade, 8— Madrid. 15 daß das Ebenmaß dieſer Facade durch Abtheilung in all zu viele Zwiſchengeſchoſſe auf eine bedauerliche Weiſe zerſtückelt iſt; der innere quadratiſche Hof gewährt einen prächtigen Anblick, die Haupttreppe aber gehört durch die Großartigkeit ihrer Anlage und ihre gigantiſchen Maſſe zu den impoſanteſten Architekturwerken. Gegenüber dem Palaſte in einem niedrigen Gebäude der Armeria real befindet ſich die königliche Rüſtkammer, mit pracht⸗ vollen Waffen aller Arten und Zeiten, Rüſtungen und geharniſch⸗ ten Pferden. Obgleich die Sammlung nicht ſo reichhaltig iſt, wie z. B. die des Tower und die Dresdener, ſo iſt doch Alles werthvoll und dabei vortrefflich aufgeſtellt, die kleineren Sachen in Glas⸗ ſchränken verwahrt, und das Ganze macht einen Eindruck, wie die reiche Sammlung eines Privaten, der jedem einzelnen Stück mit Liebe und Geſchmack ſeinen gehörigen Platz angewieſen hat. Die Rüſtungen ſind vortrefflich unterhalten, die ſchwarzen orientaliſchen Klingen matt glänzend und das übrige Stahlwerk, wo es ſein muß, ſpiegelblank. Dabei hat man ſich aber wohl gehütet, Helme, Schilde oder Lanzenſpitzen, welche die ſo wohlthuende Eiſen⸗ farbe hatten, dieſes Ueberzugs zu berauben und ebenfalls zu glätten, wie das zum Beiſpiel in der großen Waffenſammlung von Zars⸗ koje⸗Selo bei Petersburg geſchehen, wo alle Waffenſtücke häufig. aufs Neue polirt werden, dafür freilich außerordentlich glänzen und funkeln, aber auch gänzlich ihr altes, ächtes Anſehen verloren haben. Sehr reich iſt die Armeria an mauriſchen Waffen, prächtigen Säbeln und Dolchen, ſowie an eigenthümlich geformten und ver⸗ zierten arabiſchen Helmen und Panzern. Von hiſtoriſch merkwür⸗ digen Stücken ſieht man das Schwert Gonzalvo's de Cordova, Rüſtung und Helm des letzten Königs von Granada, Boabdil, ſowie die Rüſtung Pizarro's und die Degen von Ferdinand Cortez, Carl dem Fünften und Philipp dem Zweiten; von letzterem iſt auch ein reich und zierlich gearbeiteter ſchwarzer Panzer da. Viele türkiſche Trophäen, Roßſchweife und Waffen hat die Schlacht von Lepanto geliefert, ſowie auch den Turban des Kapudan Paſcha. 16 Zwölftes Kapitel. Intereſſant iſt eine oben mit ſchwarzem Wachstuch überzogene grau⸗ ſeidene Tragbahre mit Lehnſtuhl, deren ſich Karl V. in den Feld⸗ lagern bediente, ſowie eine große Staatskutſche, welche der Mutter des großen Kaiſers, der tollen Johanna gehört haben ſoll. Ein anderer intereſſanter Wagen iſt der Ferdinand's des Siebenten, welchen ihm die Nordprovinzen zum Geſchenk machten, und der ganz aus blankgefeiltem Ciſen gebaut iſt. Von der Armeria zurückkehrend gingen wir über den innern Schloßplatz, um an deſſen niederer Bruſtwehr noch einmal den Blick auf die flache Gegend vor dem Palaſte zu werfen. Die Ebene um Madrid hat etwas von einer Wüſte an ſich, und wenn wir hier an dem königlichen Schloß ſtehen, ſo fällt uns der Contraſt derſelben mit der volkreichen Stadt wohl am lebhaf⸗ teſten auf. Hinter uns das Gewühl der Volksmenge, das Sauſen der Stadt, das Raſſeln der Equipagen, neben uns die prächtigen Gebäude, der Schloßplatz, Plaza de Oriente, mit ſeinen ſchönen Fontainen und ſehr ſchlechten Marmorſtatuen und vor uns dagegen eine kleine Bruſtwehr, die eine hohe, ſteile Mauer krönt, über welche hinweg die Blicke in die traurige, öde Natur ſchweiſen. Gern kehren wir in das Menſchengewühl zurück, um einen Spa⸗ ziergang durch die Straßen zu machen. Madrid iſt eine große Stadt, die aber, mit Ausnahme we⸗ niger Straßen, nicht viel Großſtädtiſches hat. Die einzige Alcalà iſt prächtig zu nennen; hier wo die Miniſter, die vornehmſten Be⸗ amten und die fremden Geſandten wohnen, reiht ſich ein palaſt⸗ ähnliches Gebäude an das andere. Doch iſt ſelbſt der Anblick dieſer ſehr langen und breiten Straße, trotz dem ſchönen Abſchluß, den ſte durch den Triumphbogen Karls III. an ihrem Ende hat, nicht von großer Wirkung, da ſie ebenfalls über einen Hügel hinweg⸗ geht, und man daher ihre ganze Länge nicht überſehen kann. Auch in den übrigen Straßen gibt es ſchöne Paläſte genug, doch ſtehen ſie meiſtens mit wenigſagender Front in den Häuſerreihen, ſind in die Tiefe hineingebaut, und zeichnen ſich ſo wenig aus. Im allgemeinen aber wandelt man durch Madrid Straße auf, Straße Madrid. 17 ab, ziemlich theilnahmlos an den unendlich langen Häuſerreihen vorbei. Alle Gebäude gleichen ſich mehr oder weniger, haben vier bis fünf Stockwerke, an den Fenſtern befinden ſich eiſerne Bal⸗ kone, und im Parterre unbedeutende Laden. In vielen alten Städten bleibt man ſo gern bald hier, bald dort ſtehen, betrachtet ſich einen ſeltſamen Palaſt, einen prächtigen Brunnen, eine ma⸗ leriſche Straße, eng gewunden, mit dunklen, alterthümlichen Häu⸗ ſern beſetzt, oder man erreicht mit einemmal einen großen Platz, wo man die ſchönen Formen einer Kirche anſtaunt. In einer neuen Stadt mit viel Leben und Getreibe kann man ſich ſtunden⸗ lang vor den großen Magazinen angenehm beſchäftigen, oder man flanirt behaglich auf breitem Trottoir. Madrid aber iſt weder eine alte Stadt mit auffallenden Bauwerken, noch eine neue mit glän⸗ zenden Magazinen und ſchönen Trottoirs, vollends aber ohne beſondere Anläſſe keine Stadt mit ſpaniſch⸗nationalem Leben. Auf unſern zahlreichen Wanderungen haben wir nichts merk⸗ würdiges von alter Architektur gefunden, als in der Toledoſtraße, zunächſt der Plaza de Cebada, den Eingang zu dem Spital der Latina, wohl das älteſte Portal in Madrid und von großem Kunſtwerth; überhaupt iſt die ganze Bauart Madrids eine kümmer⸗ liche, bloß die Vorderſeite des Hauſes iſt maſſiv, alles übrige iſt von Fachwerk aufgeführt und ſehr hinfällig conſtruirt, da bei der Holzarmuth der Spanier ſie dieſes aufs Aeußerſte ſparen, und die Wände ſo dünn machen, daß ſte nur eben halten. Madrid hat nur breite und gerade Straßen, eingefaßt mit Häuſern, welche vielleicht ſchön ſind nach den Begriffen des Miethers und Ver⸗ miethers, doch könnte Madrid ebenſo gut in Frankreich, in Ita⸗ lien, ſelbſt in Deutſchland liegen, ohne als Ausländerin Aufſehen zu erregen. In Paris bietet jedes Stadtviertel ein eigenes und be⸗ lebtes Bild, in der ſpaniſchen Hauptſtadt dagegen kann man ſich die Mühe erſparen, alle Straßen zu durchlaufen: eine iſt wie die andere, und es iſt ſehr ſchwer, die eine oder die andere lebhaft in der Erinnerung zu behalten. Auffallend iſt die Abweſenheit gro⸗ ßer Kirchen, und die meiſten ſind bloß einſchiffige; man ſieht zwar 2 Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 18 Zwölftes Kapitel. zahlloſe Glockenthürmchen, aber nirgends die impoſante Maſſe eines Doms. Auch an Plätzen und Märkten iſt die Stadt ſehr arm; die Plaza de Cebado iſt faſt ringsum von elenden Baraken eingefaßt, und der intereſſanteſte iſt wohl die Plaza mayor, an der Calle mayor, nicht ſehr weit von der Puerta del Sol. Man betritt ihn, von weitem ſchon durch eine in ſeiner Mitte ſtehende bronzene Reiterſtatue angezogen, durch einen großen Thorbogen, und be⸗ findet ſich in einem länglichen Viereck dicht aneinander gebauter Häuſer im Berniniſchen Perückengeſchmack, aber lange nicht von der Ausdehnung des Hofs des Pariſer Palais rohal. Der bedeckte Gang, der unter den Häuſern hinläuft und in ſeinem Hintergrund unbedeutende Boutiquen enthält, ruht auf Granitpfeilern, die, wo eine bedeutendere Straße, wie die Calle Toledo oder die Zugänge von der Calle mayor, auf den Platz einmünden, ſich zu hohen Bogen aufwölben. Das öffentliche Gebäude in der Mitte der Langſeite, das die große marmorne Inſchrift: Plaza de la Con⸗ ſtitucion trägt, iſt wohl das einzige, welches bei dem Umbau dieſes Platzes ſeine alte Form ganz behalten hat; die grauen Mauern haben zahlreiche, ziemlich geſchmacklos verzierte Fenſter und Giebel, das Dach erhebt ſich zwiſchen allerlei phantaſtiſchem Schnörkelwerk. Dieſer Platz hat eine ſehr traurige und blutige Geſchichte. Früher wurden hier ausnahmsweiſe die großen glänzenden Stiergefechte, welche der Hof veranſtaltete, gehalten; in dieſem Fall ward der Platz dick mit Sand beſtreut. Schranken erhoben ſich rings um⸗ her, und an den Fenſtern, die noch heute numerirt ſind, wo ſich die Zuſchauer befanden, ſah man bunte Decken und Teppiche her⸗ abflattern. An dem oben erwähnten alten Gebäude bemerkt man noch jetzt die breiten Fenſter, wo ſich der königliche Hof befand. Dort blickte wohl Philipp Il. einſt auf den Platz herab, und die ſpaniſchen Damen und Cdelfräulein verbargen das Geſicht hinter ihrem Fächer, wenn ein gefeierter Torrero in den Fall kam, von den Hörnern des wüthenden Stiers geſpießt zu werden, oder auch wenn bei einem andern Schauſpiel der Rauch von brennendem aſſe die aßt, alle ihn, zene be⸗ uter von eckte und wo inge ohen der Lon⸗ ieſes uern ebel, verk. üher chte, der um⸗ ſich her⸗ man fand. d die inter von auch ndem Madrid. 19 Holz und verſengten Knochen gar zu heftig emporqualmte, denn auf der Plaza mayor wurden neben den Stiergefechten hauptſäch⸗ lich die zahlreichen Auto da Fe's abgehalten, welche mit ihren gräß⸗ lichen Flammen Philipps Regierungszeit ſo ſchauerlich beleuchteten. Unter der königlichen Loge bemerkt man noch heute die alte Uhr, welche den Anfang dieſer Schauſpiele zeigte, und die kleine Glocke, welche jetzt ſo heiſer anſchlägt, ward wohl ſchaudernd vernommen von Hunderten der Unglücklichen, die hier verbrannt wurden. Das Straßenleben von Madrid iſt wohl nur mit dem von Neapel zu vergleichen. Paris in ſeinen beſuchteſten Straßen zeigt nicht einmal ſo ſeine Bevölkerung, und Piccadilly und der Strand in London haben eine ganz andere Art von Bewegung. Dort ſchiebt ſich auch eine endloſe Menſchenmenge an einander vorbei, aber jeder rennt ernſt und geſchäftig ſeiner Wege, denn„Zeit iſt Geld.“ Man hat zu thun, man ſtrebt vorwärts einem gewiſſen Ziel zu, man grüßt flüchtig einen Bekannten, wobei man ſich ohne Aufenthalt eilig durch die Menge windet. Hier in Madrid da⸗ gegen glaubt man ein ganzes Volk von glückſeligen Flaneurs zu ſehen; keiner ſcheint was rechtes zu thun zu haben, und alles iſt, ſo glaubt man, auf der Straße, um friſche Luft zu ſchöpfen, zu ſehen, geſehen zu werden, die ausgeſtellten Waaren zu betrachten, oder mit guten Freunden eine halbe Stunde zu verplaudern. Wenn der Spanier auch wirklich in einem andern Stadttheil Geſchäfte hat, ſo iſt er darum doch nie eilig, er tritt zu ſeinem Haus hin⸗ aus, er beſchaut ſich das Wetter, wirft gravitätiſch ſeinen Mantel⸗ kragen über die linke Schulter, und da er andere Leute rauchen ſieht, ſo macht er ſich ebenfalls eine Papiercigarre zurecht und ſetzt ſich erſt langſam in Marſch, nachdem ſie angezündet iſt. Schon öfter erwähnte ich, daß, obgleich der Spanier ſehr heißes Blut hat, er höchſt ſelten bei Wortwechſeln aus ſeiner vor⸗ nehmen Gelaſſenheit herauskommt. Wohl ſieht man hie und da eine Gruppe, die heftig geſticulirend zuſammenſpricht, doch ver⸗ nimmt man kein unſchönes Wort, wenn ſich die Köpfe nach und nach erhitzen, ſelbſt nicht einmal bei den unterſten Volksklaſſen, 2* 20 Zwölftes Kapitel. man bleibt in den Schranken einer höflichen Sprechweiſe, und ge⸗ wöhnlich beſchließt irgendeine ſcherzhafte Wendung den Streit, worauf man ſich lachend entfernt. Natürlicherweiſe gibt es auch dergleichen Veranlaſſungen, die nicht ſo freundlich endigen, wo am Schluß die Meſſer blitzen und Einer, ſchwer verwundet, zu⸗ ſammenſinkt. Doch kommt das in jetziger Zeit wohl nicht öfter vor als im kälteren Deutſchland, und ſind auch die Veranlaſſungen hier wie dort die gleichen: ein kleiner Rauſch, die Augen einer treuloſen Schönen— eine Eiferſuchtsſcene. Während unſeres Aufenthalts in der ſpaniſchen Hauptſtadt hatten wir ſelten Gelegenheit, das ſchöne Geſchlecht von Ma⸗ drid in ſeinem vollem Glanz zu ſehen. Es war ja Winter, die meiſten Bäume kahl, ein heftiger Wind fegte durch den Prado, ſo daß einem die nackten Marmorfiguren ordentlich leid thaten; auch ließ ſich zuweilen ein leichter Schnee in den Alleen ſehen, und das iſt durchaus keine Witterung für die ſchönen Spanierin⸗ nen. Es iſt überhaupt eigenthümlich, wie ein für unſer Klima ſehr gelindes Froſtwetter die ganze Phyſtognomie von Madrid ändert. Da ſind die Straßen mit einemmal leer, es iſt, als habe der Wind die Menſchen weggefegt, und was noch von ihnen zu ſehen iſt, eilt haſtig vorüber, feſt in den Mantel gewickelt, ein dickes, wollenes Tuch oder ein Pelzkragen verwahrt Mund und Naſe. Alsdann liegen die Straßen öde, und vor allen Dingen könnte man glauben, Madrid habe gar keine Damen mehr. Nir⸗ gend die Spur einer Mantille. Kaum aber zertheilen ſich die Wolken am Himmel, hört der Wind auf, bricht die Sonne hervor, trocknet das Pflaſter und erwärmt die Luft angenehm, ſo ſcheinen die Menſchen förmlich aus dem Boden hervorzuwachſen, und es iſt, als habe Jeder dem Andern ein Rendezvous gegeben. Ein paarmal hatten wir einige warme Tage nacheinander, und der Prado belebte ſich während der Mittagszeit. Im Sommer ver⸗ ſammelt ſich hier die ſchöne Welt bei Sonnenuntergang, um bis ein, zwei Uhr in der Nacht plaudernd und ſingend auf und abzu⸗ ziehen. Jetzt aber lag der Prado meiſtens ziemlich leer und öde, ——8——=⸗ ͤ—. —2 ge⸗ reit, auch wo zu⸗ ffter igen iner ſtadt Ma⸗ die rado, ten; ehen, erin⸗ lima adrid habe n zu ein und ngen Nir⸗ h die rvor, einen nd es Ein d der ver⸗ n bis abzu⸗ öode, Madrid. 21 nur hie und da bemerkte man eine wenig elegante Kutſche mit einer alten, dicken Dame und ihrem Schooßhunde, auch wohl ein paar Reiter, die erſchienen, ſich flüchtig umſchauten und dann im ſchnell⸗ ſten Trabe nach dem Prado de Recoletos hin verſchwanden. Ein eigenthümliches Feſt verſchaffte uns indeſſen das Ver⸗ gnügen, die weibliche Bevölkerung von Madrid in vollem Glanze auf der Straße und an den Fenſtern zu ſehen. Es war der ſtebenzehnte Januar, als wir uns nach dem Prado begaben, um die große Gemäldegallerie zu beſuchen; doch fanden wir das Ge⸗ bäude, eines Feiertags wegen, geſchloſſen und ſchritten langſam die Alcalà wieder hinauf. In der Nähe des Palaſtes de Buenaviſta, wo ſich das Kriegsminiſterium befindet, holte uns ein Bekannter ein, ein ſpaniſcher Architekt, der eilig hinter uns drein geſchritten kam. „So recht!“ rief er uns zu,„Sie ſind ſchon auf dem Wege nach der Puerta del Sol. Aber ich bitte, ein Bischen eiliger zu gehen, die Funktion hat ſchon lange begonnen.“„Welche Funktion?“ fragten wir.„Nun, Sie wiſſen doch, was heute für ein Tag iſt.“ „So viel ich mich erinnere, Dienſtag.“„Ach, das meine ich nicht!“ erwiederte lachend unſer ſpaniſcher Architekt,„ich wollte fragen, welcher Heilige nach dem Kalender heute ſeinen Tag hat.“ Und da er bemerkte, wie wir ihn verwundert anſchauten, fuhr er fort:„Heute iſt ja St. Antoniustag, das einzige Feſt, welches auch den armen Thieren zu gute kommt.“— Richtig, jetzt fiel es mir ein, daß ich an dieſem gleichen Tage vor mehreren Jahren in Rom war und dort ebenfalls dem Feſte beiwohnte, welches, wie der Spanier ſagte, den armen Thieren zu gut käme.„Ge⸗ ſchwind,“ mahnte der Architekt,„eilen wir, die Puerta del Sol zu erreichen, und dann wollen wir von dort gegen St. Antonio hinaufſteigen. Die Puerta del Sol war heute noch belebter als an andern Feſttagen. Man hat Mühe, durch die Menſchenmenge zu dringen, welche Kopf an Kopf ſteht, förmlich Spalier bildet und nur die Verbindung der Straße Mayor mit der Straße de la Montera 22 Zwölftes Kapitel. offen läßt. Wir drängen uns in die vordern Reihen und ſehen einen Strom von Equipagen, Fußgängern, namentlich aber Rei⸗ tern an uns vorüberziehen. Und Reiter, nicht im Ueberrock oder Wamms, wie wir ſie gewöhnlich in den Straßen Madrids ſehen, ſondern heute im phantaſtiſchen ſpaniſchen Coſtume. Cs iſt wie ein großartiger Maskenzug; jeder Elegant hat ſich und ſein Pferd beſtens herausgeputzt, Kutſcher und Reitknechte der vornehmen Häuſer kommen in der Tracht ihres Heimathlandes, während viele der Pferde Wappendecken tragen und die bunten Bänder am Kopfzeug und Sattel die Farben der Herrſchaft zeigen. Einen Augenblick hier ſtehen zu bleiben iſt ſchon amüſant, doch um Alles genau und deutlich zu ſehen, was nach St. Antonio hin⸗ aufzieht, müſſen wir dem glänzenden, lebendigen Strome folgen und hinaufſteigen bis zur Straße Hortalera, einer ſo engen Gaſſe, daß Wagen und Reiter nur im Schritt und Einer hinter dem Andern durchpaſſtren können. Es wird uns ſchwer werden, dort auf dem ſchmalen Trottoir einen Platz zu erhalten, doch ſind die Spanier ein ſehr anſtändiges und höfliches Volk, und da die Umſtehenden im Augenblicke hören, daß wir Fremde ſind, ſo drücken ſie ſich zu⸗ ſammen, laſſen uns vornehin ſtehen, und nennen uns gern einen eleganten Reiter, der vorbeikommt, oder den Namen der Herr⸗ ſchaft einer beſonders reichen Equipage. Die Straße Hortalera iſt ſehr lang, ſchmal und mit hohen Häuſern beſetzt, bietet aber heute einen Anblick, wie der Corſo in Rom. Alle Balkonthüren ſind geöffnet und mit Damen beſetzt, von denen wenigſtens zwei Drittheile junge ſchöne Mädchen ſind. Nicht als ob die Straße deren ſelbſt ſo viele aufzuweiſen hätte, ſondern aus ganz Madrid findet man ſich hier bei Verwandten und Bekannten zuſammen, um zu ſehen und geſehen zu werden. An⸗ fänglich üben auch die zahlreich beſetzten Balkone eine ſtärkere Anziehungskraft auf die Vorüberwandelnden, als der Zug der Pferde und Equipagen. Ueber den eiſernen Geländern hängen bunte Teppiche, neben welchen vielfarbige Bänder flattern. Die Damen haben ſich, dem Tage zu Ehren, ebenfalls feſtlich geſchmückt — ᷣ———,,—,—-—:,————.—.———— α—-— —9 ²—2—2—,—— ——,—,⸗,— ½——, zu⸗ nen err⸗ hen o in etzt, ind. itte, und An⸗ kere Madrid. 23 und man ſieht hier von der reizenden ſpaniſchen Nationaltracht in einer Stunde mehr, als ſonſt in einem Monate im übrigen Madrid und Alle da oben ſind in lebhafter Bewegung. Anſchei⸗ nend nur mit ſich ſelbſt oder dem Zuge drunten beſchäftigt, blitzen die großen, ſchönen Augen doch überall herum und Alles, was ihnen halbwegs fremdartig erſcheint, erregt ihre Aufmerkſam⸗ keit. Dabei wird geplaudert, gelacht, die weißen Zähne gezeigt, jetzt der Fächer vorgehalten, hinter dem man ein künſtliches Er⸗ ſtaunen geſchickt verbirgt, wenn ein vorüberziehender Reiter ziem⸗ lich laut verſichert, er habe lange nichts ſo Schönes geſehen, als die Mädchenſchaar da oben. Gleich darauf aber klappen die Fächer wieder zuſammen, Alle beugen ſich über das Balkongelän⸗ der, daß man glaubt, ſie wollen ſich herabſtürzen in einen Wagen, der jetzt beim Hauſe angelangt iſt, und in dem ſich Bekannte be⸗ finden, mit welchen nun augenblicklich eine lebhafte Converſation beginnt. Dazwiſchen werden Orangen und Zuckerwerk verſpeist, auch kleine Papier⸗Cigarren von den niedlichen Fingern gedreht und dem Nachbar gereicht, oder auch wohl von der Sennora ſelbſt geraucht; natürlich hinter vorgehaltenem Fächer, aber doch ſo, daß es die halbe Straße ſehen kann. Was ich eben von einem einzelnen Hauſe berichtete, vor welchem wir gerade ſtehen, wiederholt ſich in der ganzen Länge der Straße, weßhalb dieſe einen reichen, wunderbaren Anblick gewährt. Ueberall flatternde Teppiche und Bänder, ſtrahlende Augen, wehende Mantillen und goldglitzernde, im Sonnenſtrahl ſpiegelnde Fächer. Am Eingang der Calle de Hortalexa befindet ſich ein kleiner Platz, wo ſich Reiter und Equipagen ſammeln, um von dort ihren Weg durch die Straße langſamer fortzuſetzen. Hier kommt ein einzelner Reiter, die ſchwarze Sammtjacke mit ſilbernen Knöpfen beſetzt, den caſtilianiſchen Hut auf dem Kopfe, mit em⸗ porgewichstem Schnurrbart, und er zügelt ſein feuriges Pferd, das nun langſam, aber in die Zügel knirſchend und mit dem Kopfe ſchüttelnd, vorbeitanzt, viel zu langſam für einen ungeduldigen Trupp anderer Reiter, der ihm folgt.„Caballero!“ ruft ihm Einer 24 Zwölftes Kapitel. zu,„erweiſen Sie uns die Gunſt, ein wenig geſchwinder zu rei⸗ ten,“ was übrigens keine Wirkung hat, weßhalb denn die tolle Schaar nach wenigen Sekunden ihre Pferde in Galopp ſetzt und rechts und links bei ihm vorbeijagt. Doch fühlt ſich der erſte Reiter in ſeinem Stolze verletzt, er läßt ſeinem ſchwarzen Hengſte die Zügel, und da dieſer mit ein paar Sätzen die Schaar über⸗ holt hat, ſo würde ein kleines Wettrennen entſtehen, wenn nicht einer von den aufgeſtellten königlichen Reitern in der Straße dazwiſchen ſprengte und Alle ermahnte, ruhig ihres Weges zu ziehen. Das hat denn eine kleine Lücke gegeben, welche ein nun fol⸗ gender Andaluſter benützt, um im kurzen Galopp durch die Straße zu paradiren. Es gübt heutzutage keine ſchönere, ritterlichere Er⸗ ſcheinung, als der Majo in voller Tracht zu Pferde; alles glänzt und flimmert an ihm, hochmüthig und ſtolz ſitzt er auf dem reich⸗ verzierten Sattel, die gelben Ledergamaſchen mit den flatternden Riemen ſchließen ſich feſt an die Weichen des Pferdes, und der elaſtiſche Oberkörper folgt zierlich jeder Bewegung. Gewöhnlich trägt der Majo eine dunkelfarbene Jacke von Atlas, mit ſchwar⸗ zem Schmelz geſtickt, darunter eine hellere Weſte mit Gold⸗ und Silberſchnüren beſetzt, um den Leib die rothſeidene Schärpe. Da⸗ bei iſt er vollkommen Herr ſeines Pferdes, und wenn der Hengſt unter ihm noch ſo ſehr auf dem Pflaſter tanzt, raucht er doch ruhig ſeine Papiercigarre fort und cokettirt an den Häuſern hinauf. Dieſem leichten Reiter folgt etwas ſchwere Cavallerie: der Kutſcher eines guten Hauſes auf einem derben cataloniſchen Pferde, welches aber ganz orientaliſch aufgezäumt iſt, ſo ächt türkiſch, mit ſeinen rothen Quaſten, goldenen Stickereien und ſchweren Bügeln, daß es auf dem Atmeidan in Konſtantinopel augenblicklich von einem Bim Baſchi hätte beſtiegen werden können. Das ſind noch Anklänge an die Maurenzeit, die man ja ſo häufig auch in den ſpaniſchen Trachten bemerkt und die Jahrhunderte nicht verwiſchen und verdrängen konnten. Ein weiterer Beweis für dieſe Behaup⸗ tung zeigt der Valencianer auf dem Bocke der nun erſcheinenden Madrid. 25 Kutſche; mit ein paar unbedeutenden Veränderungen in ſeinem Anzuge könnte er bei Jaffa oder ſonſtwo in Syrien ſpazieren gehen. Er trägt ein buntes Kopftuch, hat Sandalen an den Füßen, und ſeine helle Blouſe mit weiten Aermeln iſt von einem viel⸗ farbigen Gürtel zuſammengehalten. Im Wagen, den er führt, ſitzt ein Dutzend ſchöner Kinder aus vornehmen Häuſern in der allerliebſten ſpaniſchen Tracht, lauter Manolo's und Manola's; letztere haben kleine Fächer, mit denen ſie ebenſo geſchickt um⸗ zugehen wiſſen, wie die Alten. Auch komiſche Scenen gibt es genug in dem Zuge, der nun ſchon über eine Stunde unaufhörlich bei uns vorüber raſſelt und klappert. Dort kommen ein paar kleine Delantero's mit ihrem dicken Mayoral, alle feſttäglich geputzt, und führen einige zwanzig, oft ſchäbig ausſehende Maulthiere zur Kirche. Dieſe armen Geſchöpfe haben es bei ihrer ſchweren Arbeit wohl am meiſten nöthig, vom Segen des heutigen Tages zu pro⸗ fitiren; ſte ſind mit ihrem beſten Geſchirr, mit Meſſingſtücken und kleinen rothen Fahnen geſchmückt, ſcheinen es aber hier in dem Menſchenſtrom durchaus nicht behaglich zu finden. Einer der Vorläufer wird ſtörriſch, ſobald er die enge Straße betreten, ſpitzt ſeine langen Ohren und macht rechtsumkehrt. Glücklicherweiſe iſt der unermüdliche Zagal auch hier bei der Hand, ſchwingt ſeinen dicken Stock und prügelt das ſtörriſche Maulthier wieder in die Reihe hinein, wobei er ausruft:„Schäme dich, Emilia, biſt ſonſt ein vernünftiges Vieh und willſt dich ſo unchriſtlich aufführen!“ „Es geht ihm wie Dir,“ ruft der kleine Delantero,„er ſcheut ſich auch vor der Kirche.“ Worauf der Mayoral dann entſcheidet daß Alle zuſammen: Maulthiere, Delantero und Zagal leider Gottes bis auf den heutigen Tag gewartet hätten, ſich bei einem braven Heiligen ſehen zu laſſen. So ziehen ſie vorüber und ihnen folgen andere Reiter, bald einzeln, bald zu mehreren, bald allein, bald Handpferde führend. Ein lautes Gelächter entſteht über einen großen Kerl mit ſehr langen Beinen, der auf einem kleinen Eſel einhertrabt, namentlich 26 Zwölftes Kapitel. im nächſten Augenblicke, da er faſt überritten wird von einem Zuge toller Basken, wilden, verwegenen Geſellen in braunen Jacken, die roth und weiße Mütze auf dem Kopfe, Diener von Offizieren oder anderen vornehmen Herren, die in vollem Galopp die Straße unſicher machen und nicht einmal den Ermahnungen der beritte⸗ nen Wache folgen, die ſich dann auch zurückzieht und die wahr⸗ ſcheinlich gut Gekannten lachend ihren Weg verfolgen läßt. Jetzt flüſtern die Mädchen auf den Balkonen emſig mit ein⸗ ander und ſchauen eifrig nach dem Eingange der Straße. Ein paar Damen erſcheinen zu Pferde, von vielen Reitern umringt, alle in andaluſiſcher Tracht, welche ſich bei den Reiterinnen noch reizender ausnimmt. Ueber dem langen Reitkleide tragen ſie ein Jäckchen von amaranthfarbigem Sammet, mit ſchwarzen Schnüren beſetzt und unzähligen kleinen ſilbernen Knöpfchen; ſchief auf dem Kopfe ſitzt keck der andaluſiſche Hut. Um das Ende oder allmälige Aufhören des Zuges zu erwar⸗ ten, müßten wir noch mehrere Stunden hier ſtehen bleiben, ohne viel Anderes zu ſehen als das, was wir eben zu ſchildern verſuch⸗ ten. Deßhalb wollen wir uns langſam vorwärts ſchieben, was übrigens auf dem ſehr ſchmalen, menſchenbeſetzten Trottoir keine Kleinigkeit iſt. Auf das Pflaſter zu treten, kann lebensgefähr⸗ lich werden, denn bald wird uns eine Equipage ſtreifen, oder ein unartiges Maulthier, welches anfängt, rückwärts zu gehen, uns ſehr unſanft berühren. Man hilft ſich ſo gut man kann, man bittet um Entſchuldigung und wird wieder um Entſchuldigung ge⸗ beten; man hält laut aufſchreiende Sennorita's, die in Gefahr ſind, vom Trottoir hinabgedrängt zu werden und wird dafür im nächſten Augenblicke von einem höflichen Spanier ebenfalls vor einem Sturze bewahrt. So gelangen wir ſehr langſam in die Nähe der kleinen Kirche von St. Antonio, wo übrigens nicht viel zu ſehen iſt. Unter der geöffneten Thüre ſtehen ein paar Geiſtliche, welche die Thiere an ſich vorüberziehen laſſen und geweihtes Waſſer hinausſpritzen. Auch erhalten viele Reiter einen kleinen Zettel, deſſen Bedeutung nie Ba des Re und Pl und bet wil ten ſeh kon ein ver ten Zuge acken, zieren btraße rritte⸗ vahr⸗ t ein⸗ Ein ringt, mnoch ſie ein nüren f dem rwar⸗ ohne erſuch⸗ , was keine gefähr⸗ der ein n, uns „ man ing ge⸗ Gefahr für im Us vor kleinen Unter Thiere pritzen. deutung Madrid.”* 27 wir übrigens nicht erfahren konnten. Mag man über den Ge⸗ brauch, ein unvernünftiges Thier zu ſeinem harten und beſchwer⸗ lichen Tagewerk durch ein Wort des Segens ſtärken zu wollen, vielleicht achſelzuckend lächeln, ſo iſt doch der feſte Glauben auch hier etwas zu Schönes, um darüber zu ſpötteln. Man muß nur ſehen, wie ſich jeder Reiter beeifert, mit ſeinen Thieren ſo dicht wie möglich an die Kirchthüre zu gelangen, und man begreift wohl, wie viel Werth er darauf legt, mit ſeinen treuen Arbeitsgefährten an dieſem Tage bei St. Anton geweſen zu ſein. Wahrhaft rüh⸗ rend erſchien mir ein alter Mann auf einem ſchäbigen und ſehr ſtörriſchen Maulthier, welches ſich zu fürchten ſchien und trotz allen Bemühungen ſeines Reiters nicht in die Nähe der kleinen Kirchthüre zu bringen war. Geduldig ſtieg er endlich ab, band das Maulthier an die Stange eines eiſernen Fenſtergitters, ließ ſich ſeine Hand mit dem Waſſer befeuchten und ſtrich dann dem Thiere über die Stirn, worauf er wieder aufſtieg und beruhigt von dannen ritt. Möge ihm ſein Glaube helfen! Unſer Spaziergang iſt übrigens hier an der Kirche noch nicht zu Ende; wir müſſen uns noch weiter durchdringen, bis an's Ende der Straße, wo dieſelbe auf den weiten Platz von Santa Barbara mündet. Dieſer führt ziemlich ſteil aufwärts zum Thore des Paſeo de la Ronda, einem prächtigen Platz für die tollen Reiter, die im Schritte aus der Straße Hortalera herauskamen und nun hier ihre Reiterkünſte zeigen. Zu beiden Seiten des Platzes befand ſich eine zahlreiche, zuſchauende Menſchenmenge, und viele elegante Equipagen hielten da, und die darin Sitzenden betrachteten ſich ebenfalls das glänzende Schauſpiel, welches die wilde Reiterſchaar bot. Etwas Aehnliches, wie dieß tolle Rei⸗ ten hier, habe ich aber auch nur bei den Arabern der Wüſte ge⸗ ſehen, es war wie eine Razzia, wo Ieder ſich beeilt, vorwärts zu kommen, um den herannahenden Feind zu überfallen. Sowie ein Trupp Reiter mit oder ohne Handpferde die enge Straße verlaſſen hatte, brachen alle in ein gewaltiges Hurrah aus, ſchwenk⸗ ten Hüte und Mützen, knallten mit ihren Peitſchen, ſetzten ihren Zwölftes Kapitel. Thieren die Sporen in die Seite und vorwärts jagten Alle im wilden Carriere. Daß die Maulthierzüge nicht dahinter blieben, kann man ſich leicht denken. Und ſo ging es im tollſten Durch⸗ einander bis hinauf zu dem engen Thore, wo alsdann parirte, wer die Thiere in ſeiner Gewalt hatte, wer nicht halten konnte, ſchoß im tollen Jagen durch den Bogen des Thores, auf die Ge⸗ fahr hin, überritten oder gequetſcht zu werden. Beides kam denn auch leider am heutigen Tage, trotz der zahlreich aufgeſtellten Wachen, mehreremal vor. Daß der feſtliche Tag in den Schenken und Tanzlokalen der anliegenden Straßen lärmend beendet wurde, verſteht ſich von ſelbſt. Bis ſpät in die Nacht hinein ſah man viele Häuſer mit Lichtern und Papierlaternen erleuchtet, hier wurde zu rauſchender Muſtk getanzt und dort war man vielleicht ebenſo luſtig bei dem Klang einer Guitarre und dem Knacken der Caſtagnetten. Was das Klima in der ſpaniſchen Hauptſtadt anbelangt, ſo iſt es dem öffentlichen Leben im Freien wohl nicht ſo günſtig, wie in anderen beſſer gelegenen Städten. Die weite Hochebene wird gegen Nord und Weſt von dem beinahe 9000 Fuß hohen Zugddes Guadarrama⸗Gebirges begränzt; merkwürdigerweiſe fängt das Gebirge alle Wolken auf, die von Weſt und Nord heran⸗ ziehen, wodurch die Hauptſtadt während der Sommermonate faſt ununterbrochen einen klaren und heitern Himmel ſieht, einen be⸗ ſtändigen Sonnenſchein, den die nackten Granitſchichten des ſüd⸗ lichen, von Wald gänzlich entblößten Abhangs des Gebirges wie ein ungeheurer Brennſpiegel zurückwerfen und ſo die uner⸗ trägliche Hitze hervorbringen, von der Madrid, trotz ſeiner hohen Lage, den Sommer über heimgeſucht iſt. Der Spanier flieht vor ihr in das Innere ſeines Hauſes, und dem Sprüchwort nach ſieht man alsdann auf der Straße nichts als Hunde und Franzoſen. Sobald es aber Abend wird, weht von den Schneekuppen des Guadarrama, die auch während des Sommers nicht ganz ver⸗ ſchwinden, ein eiskalter Wind, der die Schwüle des Tages mit einemmal in eine empfindliche Kühle verwandelt. Dabei gibt es lle im ieben, durch⸗ arirte, onnte, e Ge⸗ denn tellten en der h von er mit hender ei dem gt, ſo ünſtig, hebene hohen fängt heran⸗ tte faſt hen be⸗ s ſüd⸗ es wie uner⸗ hohen eht vor ch ſieht nzoſen. en des nz ver⸗ ges mit gibt es Madrid. 29 wohl keine Stadt, die ſelbſt während der Tageszeit einen ſo großen Wärmeunterſchied in Sonne und Schatten zeigt. Ein Spanier verſicherte uns, man könne ſich in Madrid mehrmals im Tag einen Schnupfen holen, wenn man nämnlich erhitzt den Schatten auf⸗ ſuche, dieſen Schnupfen aber ebenſo leicht wieder verlieren, wenn man zurück in die Sonne trete. In der kalten Jahreszeit gibt die hohe Lage der Stadt aber eine Kälte, wie man ſie ſonſt nicht leicht findet. Wenn auch Schnee und Eis nicht gerade ſehr häufig ſind, ſo genoſſen wir doch Beides während unſeres Aufenthalts zur Genüge, ja der Winter war ſo ſtreng, daß ſich während einiger Tage viele der anweſenden Deutſchen auf dem großen Teiche des Buen⸗Retiro mit Schlittſchuhlaufen beluſtigten. Was ich von den Straßen Madrids ſagte, daß ſie durch⸗ aus keinen ſpaniſchen Charakter haben, das gilt noch mehr von den Menſchen, die ſie bevölkern, namentlich von den Männern, denn Mantille und Fächer der Damen erinnern uns freilich immer daran, wo wir ſind. Verſchwunden iſt hier die bunte Manta der Ca⸗ talonier und die rothe Mütze der Basken, eine andaluſiſche Tracht ſieht man äußerſt ſelten und was allenfalls durch bunte Kleidung auffällt, ſind die Mayoral'ss und Delantero's, namentlich der Kutſchen, welche aus dem Süden kommen. Die Straßen ſind bedeckt mit runden Hüten und dunkelfarbenen Mänteln; nur die galiziſchen Waſſerträger bringen einige Abwechslung— kräftige Geſtalten in mancheſternen Hoſen und grünen oder braunen Jacken. Auf der Schulter tragen ſie ihre kupfernen Waſſertonnen, die eine Aehnlichkeit mit der alten Amphora haben. Man ſieht ſie überall, namentlich in der Nähe der Fontänen, bei denen den ganzen Tag Hunderte von dieſen kleinen Tonnen liegen und die Paſſage hemmen. Die meiſten ſind auch neben ihrem Geſchäft, die Häuſer mit friſchem Waſſer zu verſehen, deren Marktlieferan⸗ ten, und tragen in großen Körben Fleiſch und Gemüſe umher. Neben der großen Menſchenmenge, die ſich auf den Straßen von Madrid hin und herbewegt, wird der Wandel noch bedeutend er⸗ ſchwert durch rieſenhafte Frachtwagen, die uns jeden Augenblick be⸗ Zwölftes Kapitel. gegnen. Dazu kommt die lange Beſpannung, ſechs, acht Maulthiere vor einander, und wenn der Fuhrmann um die Ecke links biegen will, ſo müſſen die vorderen Thiere zuerſt rechts bis auf das Trottoir hinauf, wodurch der Spaziergänger häufig in unangenehme Berüh⸗ rung mit Hufen und Rädern kommt. Was dieß anbelangt, iſt es noch gut, daß Madrid gar wenig Handel hat, d. h. ſo gut wie gar nichts ausführt; man ſieht ſchwerbeladene und ſtark beſpannte Wagen nur hereinfahren, alle Galero's dagegen, welche die Stadt verlaſſen, ſind größtentheils leer und deßhalb ſchwach beſpannt. Die ſpaniſche Hauptſtadt producirt gar nichts, weder Lurusartikel, noch ſelbſt die geringfügigſten Dinge zum täglichen Gebrauch, alles kommt entweder vom Ausland, oder doch von anderen Städten. Der Fuhrmann kann nur auf eine Fracht rechnen, und hält dieſe daher für Alles, was er hereinbringt, ſehr hoch. Der Kaufmann muß dieſe großen Speditionsgebühren auf den Preis ſeiner Waa⸗ ren ſchlagen, woher es denn auch kommt, daß in Madrid Alles unverantwortlich theuer iſt. Dinge, wie z. B. Papier, Bleiſtifte, ſogar kleine Anſichten von Madrid— alles das kommt von Paris und koſtet hier das Dreifache wie dort. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages ein Heft kaufen wollte mit den lithographirten Anſichten eines Stiergefechts— eine Sache, die der Pariſer Herausgeber vielleicht für 5 Franken verkauft, hier verlangte man 15 dafür. Obgleich man in neuerer Zeit angefangen hat, der Straßen⸗ bettelei in den größeren Städten Spaniens entgegenzuwirken, ſo wird man doch auf Schritt und Tritt unter allen möglichen For⸗ men angebettelt. Man ſpaziert harmlos auf dem Trottoir, plötz⸗ lich rennt ein Kerl gegen uns, der ein Paket Papier in der Hand trägt und uns nicht mehr von der Stelle läßt, ſobald er an ein paar Worten merkt, daß wir Fremde ſind. Es iſt ein blinder und privilegirter Verkäufer der letzten fürchterlichen Mordgeſchichte, eines andern wichtigen Ereigniſſes oder eines der kleinen Tages⸗ blätter; man iſt faſt gezwungen, ihm ein Exemplar abzukaufen. Zerlumpte und ſchmutzige Bettler ſtrecken die Hand aus oder fol⸗ gen len; ten um eige in 2 que; Gri Aen ſah deſſe Sch den wun Sai jede an ſite letzt ähn ausf Eler So häß! dieſe mal Fra nan wier det ſtrer befa Gal hiere iegen bttoir rrüh⸗ iſt t wie unnte Stadt annt. rikel, alles dten. dieſe nann Waa⸗ Alles ſtifte, Paris ſ daß zirten ariſer langte aßen⸗ n, ſo For⸗ plötz⸗ Hand n ein linder hichte, ages⸗ aufen. r fol⸗ Madrid. 31 gen eine halbe Straße, indem ſie uns weitläufig ihr Elend erzäh⸗ len; andere ſitzen an den Ecken, klimpern auf einer alten verſtimm⸗ ten Guitarre, ſingen dazu und ſchicken ihre kleinen Kinder aus, um den Vorübergehenden anzubetteln. Alle haben übrigens etwas eigenthümliches und charakteriſtiſches an ſich und man begreift hier in Madrid vollkommen, woher Murillo, namentlich aber Velas⸗ quez ihre köſtlichen Bettlergeſtalten nahmen; heute noch ſieht man Gruppen unter ihnen, die, von einem Maler ohne die geringſte Aenderung aufgefaßt, ein prächtiges Bild geben würden. So ſah ich in der Nähe der Poſt ſehr häufig einen alten Mann ſitzen, deſſen geflickter Mantel ein kleines Kind bedeckte, das in ſeinem Schooße ſchlief. Man erblickte von dieſem nur den hübſchen run⸗ den Kopf und die Händchen, während ein größerer Bube mit wunderſchönen, ſchwarzen Augen und lachender Miene in die Saiten der alten Guitarre griff. Auf der Alcala trieb ſich faſt jeden Tag ein Hundeverkäufer herum, der mehrere dieſer Thiere an Stricken führte, während er eine kleine Bulldogge aufrecht ſitzend auf dem Arm trug; nun war aber die Phyſiognomie des letzteren ſeinem eigenen Geſicht auf eine wahrhaft komiſche Art ähnlich; und ſo ſchritt er gravitätiſch einher mit dem ebenſo ernſt ausſehenden Thiere. Grauenhafte Bilder der Armuth und des Elends bieten die alten Weiber, die an den Kirchthüren betteln. So reizend eine jugendliche Spanierin iſt, ſo iſt hier das Alter häßlicher als irgendwo. Man hat oft Mühe, durch die Schaar dieſer Weiber durchzukommen, und muß ſich dieſe Paſſage jedes⸗ mal mit ein paar kleinen Geldſtücken erkaufen. Am Prado liegt ein Palaſt, den Carl III. erbaute, den die Franzoſen in Trümmern zurückließen und der von König Ferdi⸗ nand VII. mit einem Koſtenaufwand von ſieben Millionen Realen wiederhergeſtellt und damit das neue Madrider Muſeum gegrün⸗ det wurde, wo die Meiſterwerke der Malerei, welche ſich zer⸗ ſtreut in vielen königlichen Schlöſſern, namentlich aber im Escurial befanden, zuſammengebracht wurden und nun die jetzige große Gallerie bilden. Der Palaſt, anfangs zu einem naturhiſtoriſchen 32 Zwölftes Kapitel. Muſeum beſtimmt und demgemäß eingerichtet, iſt ein langes, zwei⸗ ſtockiges Gebäude, ſo an den Bergabhang angelehnt, daß man durch den Portikus der ſchmalen Seite von der großen Rampe aus in das obere und eigentliche Hauptſtockwerk gelangen kann. Eine weite Rotunde mit Oberlicht, deren Kuppel auf acht Granitſäulen ruht, liegt hinter dieſem Portikus und dann folgt eine lange Gallerie mit Deckenbeleuchtung, um die her nach Außen vier große Säle mit Seitenlicht liegen. Im Erdgeſchoß wiederholen ſich dieſe vier von der Seite beleuchteten Säle. Den übrigen Raum nimmt die Treppe und die Antikenſammlung ein, und wenn auch in Folge der früheren Be⸗ ſtimmung dieſes Gebäude für ſeinen heutigen Zweck einige Wünſche übrig läßt, ſo iſt es in ſeiner ganzen Anlage und Ausſtattung doch großartig und würdig, die reichen Schätze aufzubewahren, die man in dem Madrider Muſeum beiſammen findet. Die hie⸗ ſige Gallerie iſt allerdings nicht die zahlreichſte der ganzen Welt, doch obgleich manche große Namen ganz fehlen, ſo iſt ſie jedenfalls die vorzüglichſte. Faſt jede Nummer iſt ein Meiſterwerk und da man wenig Mittelmäßiges und Schlechtes findet, ſo bleibt man bewundernd bei jedem Schritte ſtehen. Welcher Reichthum iſt hier in dieſem Gebäude vereinigt! Die erſten Namen der Italie⸗ ner, Spanier und Niederländer in ihren beſten Werken. Leider aber iſt die Madrider Gallerie, wie ſo vieles in dieſem ſchönen Lande, nur für die genießbar, welche es möglich machen können, all das Schöne an Ort und Stelle aufzuſuchen; denn von den wenigſten dieſer wunderherrlichen Bilder ſind, mit Ausnahme der Publikation des verdienten Directors Madrazo, gute Abbildungen, ſei es in Kupferſtichen oder gemalten Copien im In⸗ und Aus⸗ lande vorhanden. — Es iſt durchaus nicht meine Abſicht, mich hier in eine Be⸗ ſchreibung dieſer Gallerie einzulaſſen; ich bin dafür nicht Kenner genug und es bedürfte eines eigenen Buches, um den Leſer nur einen Theil dieſer Schätze kennen zu lehren. Im Ganzen hat die Sammlung jetzt über zweitauſend Nummern, unter denen, was zwei⸗ man Rampe ann. if acht n folgt Außen Seite und die en Be⸗ günſche tattung bahren, die hie⸗ Welt, enfalls und da pdt man zum iſt Italie⸗ Leider ſchönen können, on den )me der dungen, d Aus⸗ ine Be⸗ Kenner ſer nur hat die n, was Madrid. 33 die ſpaniſche Schule anbelangt, von Murillo fünfzig, von Ribera dreiundfünfzig, von Zurbaran vierzehn, von Juanes achtzehn, von Velasquez zweiundſechzig. Ebenfalls reich vertreten iſt Morales, Rizzi, Ribalda. Die großen Italiener repräſentirt Raphael mit zehn, Giordano mit fünfundfünfzig, Tizian mit dreiundfünfzig, und Tintoretto mit ſiebenundzwanzig Nummern. Obgleich viele Bilder des Muſeums, die man zur Franzoſenzeit nach Paris ge⸗ ſchleppt, wieder zurückgegeben werden mußten, ſo ſcheint man doch von den Landsleuten noch einige zurückbehalten zu haben, denn die franzöſiſche Malerei iſt am ſchwächſten in der Zahl. Freillich ſind immer noch einundzwanzig Pouſſin's da, ſowie fünf Bilder von J. Vernet und herrliche Claude Lorrains. Von Deutſchen begrüßen wir Albrecht Dürer mit zehn und Lucas Kranach mit zwei Bildern, auch an einigen vortrefflichen Holbeins erfreut ſich das Auge; am zahlreichſten ſind die Gemälde der flämiſchen und hol⸗ ländiſchen Schule. Im Erdgeſchoſſe ſind lange Säle damit ange⸗ füllt. Dort hängen allein zweiundſechzig Bilder von Rubens und zweiundfünfzig von Teniers. In dem länglichrunden Mittelſaal des oberen Stockwerks, der rückwärts an die lange Gallerie angefügt und deſſen Fußboden in der Mitte ausgeſchnitten iſt, um den im Erdgeſchoße befindlichen Sculpturwerken Helle zuzuführen, befinden ſich, wie in der Tribuna der Florentiner Gemäldeſammlung im Palazzo Degli Uffici, die Meiſterwerke der berühmteſten Maler; namentlich iſt hier Murillo, Tizian, Raphael, Giordione und Velasquez reich vertreten. Ge⸗ rade dem Eingang gegenüber hängt der Spaſimo von Raphael, leider nicht mehr in dem anfänglichen Colorit, ſondern durch häufige Retouchen aller Abſtufung der Farbe vom Vorder⸗ nach dem Hintergrund beraubt. Links davon iſt von Murillo ein wunderbares Bild, vor dem ich ſtundenlang geſeſſen, una con⸗ cepcion, die Jungfrau Maria auf dem Halbmond ſtehend, der von den Engeln emporgetragen wird. Murillo hat mehrere die⸗ ſer ganz ähnlichen Madonnen gemalt; von einer, die ſich in der Sammlung des Louvre befindet, exiſtirt ein guter Kupferſtich; Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 3 34 Bwölftes Kapitel. doch hat der Kopf des Pariſer Bildes nicht den wunderbaren Ausdruck dieſer Jungfrau Maria. Es iſt das ganz unbeſchreib⸗ lich, und auf mich hat dieſes Bild einen ſolch mächtigen Eindruck gemacht daß, wenn ich die Augen ſchließe, ich ſie heute noch deut⸗ lich vor mir ſehe, dieſe wunderbare Geſtalt, die dem Beſchauer ſo körperlich aus den Wolken entgegentrat, daß es ihn ſüß durch⸗ ſchauert. Das edle, blaſſe Geſicht zeigt eine unausſprechliche Ver⸗ klärung und das aufwärts blickende Auge der Jungfrau iſt halb gebrochen von himmliſcher Luſt. Dabei iſt das Bild ſo einfach in der Farbe, Maria im hellen Gewande mit einem blauen Mantel, der um den rechten Arm und die Füße wallt, und aus welchem der ſilberne Halbmond blinkt, den ſo reizende kleine Engel tragen, wie ſie eben nur Murillo malen kann. Für mich iſt dieſer Künſtler, nachdem ich ſeine Bilder in Spa⸗ nien geſehen, überhaupt der größte Maler aller Zeitalter, ſeine Figuren ſind menſchliche Weſen, aber Geſchöpfe, wie ſie der Schö⸗ pfer nur in guter Laune hervorbringt, kräftig und wahr, ſchön und edel. Murillo mit einer Welt von Gedanken kannte die Leiden⸗ ſchaften und alle edeln Gefühle, die eine menſchliche Seele erfüllen; und damit hat er ſeine Schöpfungen, unterſtützt von einem unge⸗ heuren Talente, ausgeſtattet. Von Tizian befindet ſich in dem Mittelſaale u. A. ein ſehr großes und ſchönes Bild, das, obgleich nur ein Portrait, mich viele Zeit gekoſtet. Es iſt Carl der Fünfte, in voller, ſchwarzer Rü⸗ ſtung zu Pferde, Reiter und Roß in Lebensgröße. Einen eigen⸗ thümlichen Eindruck macht es, daß der Maler zum Hintergrund eine weite, flache Gegend gewählt, über welche ſchon die Abend⸗ dämmerung hereinbricht. Fern am Horizonte ziehen ſchwere Streifen dunkler Wolkenmaſſen dahin und zwiſchen ihnen durch ſieht man den gelben, leuchtenden Reflex der ſchon untergegange⸗ nen Sonne. Der Kaiſer hält etwas nachläſſig die Zügel des galoppirenden Pferdes und ſcheint die lange Lanze, die er in der Rechten trägt, eben gegen etwas Feindſeliges einlegen zu wollen. So erſcheinen auch die angeſpannten Geſichtszüge ſeines emporge⸗ — e E—' e——-—— 182 daren reib⸗ druck deut⸗ er ſo urch⸗ Ver⸗ halb ich in antel, lchem agen, Spa⸗ ſeine Schö⸗ n und eiden⸗ illen; unge⸗ ſehr viele Rü⸗ eigen⸗ grund bend⸗ hwere durch gange⸗ A des in der ollen. vorge⸗ Mudrid. 35 hobenen Kopfes, von dem der röthliche Kinnbart drohend abſteht; die Augen blicken ſcharf in die Ferne und der Oberkörper iſt wie erwartend vorgeſtreckt. Ob von dieſem Bild ein Kupferſtich eriſtirt, weiß ich nicht, glaube es aber kaum, doch wäre dieß ein ſchöner Vorwurf für einen Kupferſtecher. Die Rotunde enthält vielleicht über ſechzig Bilder, alles große unſchätzbare Meiſterwerke, die nur leider viel zu dicht eines neben das andere gedrängt hängen. Ich will hier nur neben ſeiner herrlichen Uebergabe von Breda noch eines Gemäldes von Velasquez erwähnen, das Intérieur ſeines eigenen Hauſes, wenn ich nicht ſehr irre, mit ſpielenden Kindern und dem Künſtler ſelbſt vor ſeiner Staffelei ſtehend. Im Hintergrunde erblickt man in einem Spiegel reflectirend die Geſtalt König Philipps des Vier⸗ ten, der den Maler in ſeinem Atelier überraſcht. Hieran knüpft ſich noch eine ganz hübſche und wohl verbürgte Anecdote. König Philipp der Vierte ſoll nämlich dieſes Bild, als es fertig war, auf⸗ merkſam betrachtet und belobt, endlich aber zu Velasquez geſagt haben:„In deinem Bilde fehlt noch eine Kleinigkeit, die ich hin⸗ zufügen will.“ Und darauf habe er Palette und Pinſel genom⸗ men und auf dem Portrait des Künſtlers im Bilde den Calatrava⸗ Orden ziemlich roh hingemalt, wie er heute noch zu ſehen iſt. Von unſerem Landsmann Dürer iſt eine Jungfrau mit dem Kinde in der Rotunde, ein ſchönes und liebes Bild, würdig des Beſten, was ſich hier befindet; ein anderes allegoriſches Gemälde deſſelben: Jugend, Alter und Tod darſtellend, thut Einem weh zwiſchen den lebensfriſchen Bildern von Murillo und Velasquez; ein großer Künſtler, der, wenn er auch in ganz anderem Genre malte, Murillo ſehr nahe kommt. In einem der untern Säle hängen von Velasquez vielleicht zwanzig Gemälde nebeneinander, alles lebensgroße Portraits von ſpaniſchen Königen und Infanten, Hofzwergen, ehrenhaften Bür⸗ gern und prachtvolle Bettlergeſtalten. Das iſt aber Alles mit einer faſt erſchreckenden Wahrheit gemalt, und wo man eins dieſer Bilder lange und feſt anſteht, da glaubt man, jett hobe ſich die Bwölftes Kapitel. Hand des Königs mit dem langen Feuerrohr zum Schuß, der ver⸗ wachſene Hofzwerg grinſe uns an und der Bettler mit vorgehalte⸗ nem Hut ſpräche:„Per l'amor de Dios...“ Im großen Mittelſaal iſt Raphael außer dem Spaſimo nicht beſonders vertreten; ſeine bedeutendſten Bilder befinden ſich in der langen Mittelgallerie; ſo die berühmte„Perle“, die Jungfrau Maria, auf ihrem Schooße das Jeſuskind, zur Mutter ſchelmiſch lächelnd hinaufblickend, wie fragend, ob es die Früchte nehmen dürfe, die ihm der kleine Johannes darreicht; im Hintergrund ſitzt die heilige Anna, das Ganze von wunderbarem Farbenſchmelz. Als König Philipp der Vierte dieſes Bild erhielt und zum erſtenmal betrachtete, rief er aus:„Es la perla de mis cuadros!“ woher es ſeinen Beinamen„die Perle“ hat. Ob es dieſen Namen mit Recht verdient, wage ich nicht zu entſcheideu; wenn es aber auf mich ankäme, ſo würde ich mir doch eine andere Perle in der Madrider Sammlung herausſuchen. Während unſeres Aufenthalts hier fanden wir einen ge⸗ ſchickten Photographen, einen Engländer Namens Clifford, der nicht nur höchſt gelungene Anſichten von ſpaniſchen Gegen⸗ den geſchmackvoll aufgenommen hatte, ſondern auch gerade be⸗ ſchäftigt war, einige der berühmteſten Bilder der Gallerie zu photographiren. Ich erlaube mir, denſelben allen Leſern, die Gelegenheit haben, von ſeinen wohlfeilen und ſchönen Blättern zu erwerben, beſtens zu empfehlen. In der Nähe der Gemäldegallerie ſteigt man vom Prado zum oftgenannten Parke von Buen retiro hinauf. Derſelbe hat viel⸗ leicht einen Durchmeſſer von einer halben Stunde und erſtreckt ſich innerhalb der Stadtmauern vom Thore von Alcalà bis zum Thore von Atocha. Angelegt wurde er unter der Regierung Phi⸗ lipps des Vierten und damals war er mit vielen Schlöſſern, Kir⸗ chen, Kaſernen und einem ſchönen Theater eine Art ſelbſtſtändige Stadt, worin der König ſeinen prachtvollen Hof hielt. Seine Nachfolger indeſſen ließen den Buen retiro verfallen, wenigſtens geſchah für ſeine Unterhaltung ſo gut wie gar nichts, oder was, Madrid. 37 wie unter Ferdinand dem Sechsten, dafür geſchah, der ihn nach dem ſteifen Geſchmack von Verſailles umänderte, zerſtörte nur die ehemalige Schönheit des Parkes vollkommen. Die Franzoſen endlich machten eine Citadelle aus dem Buen retiro, von der aus ſie Madrid vollkommen beherrſchten, zerſtörten aber dafür auch gründlichſt die Gärten und Schlöſſer. Obgleich nun auch nach dem Befreiungskriege ſehr viel geſchah, um Buen retiro wieder einigermaßen herzuſtellen, ſo hat man ihm doch ſeine ehemalige Herrlichkeit nicht wiedergeben können; er iſt eine Gartenruine geblieben, die aber immer noch ſehr viel Schoͤnes enthält; nament⸗ lich im ſüdlichen Ende, der Blick auf den Manzanares hinab, ſo⸗ wie gegen Nordweſten eine wirklich ſchöne Ausſicht auf die Stadt Madrid. Im Sommer freilich, wo die breiten Alleen dicht be⸗ laubt ſind und eine behagliche Kühlung gewähren, muß dieſer Park in ſeiner angenehmen Einſamkeit ungleich reizender ſein in der Nähe des überfüllten Prado. In der Mitte des Parks be⸗ findet ſich ein kleiner See in ausgemauertem Becken; wir erlebten bei unſerem Aufenthalt, für Madrid gewiß höchſt merkwürdig, daß dieſer See feſt zugefroren war und ſich namentlich deutſche Landsleute hier mit Schlittſchuhlaufen vergnügten. Dieß war eine ſo ſeltſame und intereſſante Erſcheinung für die guten Spa⸗ nier, daß nicht nur eine große Volksmenge hinauslief, um dem zuzuſchauen, ſondern ſich auch der königliche Hof bewogen fand, dorthin zu fahren. Da aber bei Schnee und Eis weder Laub noch Blumen ge⸗ deihen und zu gewöhnlicher Zeit keine Spaziergänger anlocken, ſo fanden wir den Park leer, kahl, und ſogar etwas melancholiſch. Ein kleiner, abgeſchloſſener Garten im Buen retiro, dem Hofe vorbehalten, iſt mit Tempelchen, kleinen Obelisken und mehr der⸗ gleichen Spielereien verziert, hat aber etwas Heimliches, wie eine Kinderſtube, oder wie ein Garten für liebe Kinder. Lei⸗ der ſind dieſelben alle verſchwunden, die Räume liegen öde und leer und das Schnorkelwerk und Spielzeug iſt einſam zurückge⸗ blieben. Zwölftes Kapitel. Der Theaterbeſuch in Spanien ſcheint nicht ſo zur Volkslei⸗ denſchaft geworden zu ſein, wie zum Beiſpiel bei den Franzoſen, denn der Spanier ſpart lieber ſeine Realen bis zum Sommer, wo er bei wöchentlich abgehaltenen Stiergefechten mehr Genuß und Be⸗ friedigung findet; doch ſind die kleineren Theater Madrids, nament⸗ lich wenn Ballete gegeben werden, ſtark beſucht. In den meiſten herrſcht der italieniſche Gebrauch, daß eine Oper oder eine Komödie, wenn ſie gefällt, ſo lange gegeben wird, als der Zudrang des Publi⸗ kums dauert. Madrid hat neun Theater, welche übrigens nicht immer geöffnet ſind: Teatro del Oriente, del Circo, Lope de Vega, de la Cruz, del Principe, del Muſeo, del Inſtituto, de Variedades, de Buenaviſta. Im Theater del Oriente, auch das königliche Theater genannt, werden nur große Opern und Ballete gegeben. Es liegt in der Nähe des königlichen Palaſtes, und wenn das gewal⸗ tige Aeußere deſſelben auch an einigen Geſchmackloſigkeiten leidet und keine Anſprüche auf vollendete Schönheit machen kann, ſo gehört dagegen das Innere zu den eleganteſten Häuſern, die ich je geſehen. Nicht übermäßig groß, hat es vier Logenreihen und iſt in allen Theilen einfach, aber geſchmackvoll dekorirt; die Logen ſind wie die italieniſchen abgetheilt, die des erſten Ranges haben kleine Vorzimmer, wo man Mantel und Hut ablegt und im an⸗ gebrachten Spiegel ſeine Toilette corrigiren kann. Dieſe kleinen Cabinete werden erleuchtet durch Gasflammen unter matt geſchlif⸗ fenen Glaskugeln, die ſo in der durchbrochenen Mauer befeſtigt ſind, daß ihre andere Hälfte zum Erleuchten des Corridors dient. Dieſer Corridor iſt hier zu gleicher Zeit Foyer, breit, lang, ziemlich hoch, elegant tapezirt, der Boden mit Strohmatten belegt und hat überall Sophas und Fauteuils. An weichen Teppichen und allen möglichen Sitzbequemlichkeiten fehlt es nicht in den Logen. Das Parterre iſt durchweg mit numerirten Sitzen verſehen; jeder der⸗ ſelben bildet einen förmlichen Fauteuil, der mit rothem Sammet überzogen iſt; auch hier bedecken den Fußboden dicke Teppiche und vor jedem Sitz iſt obendrein noch eine kleine gepolſterte Fuß⸗ Madrid. 39 bank angebracht, was äußerſt angenehm iſt. Dabei iſt die Be⸗ leuchtung brillant; man kommt auch ins Parterre in ſehr ge⸗ wählter Kleidung; in den Logen aber ſind die Damen in großer Toilette, und wenn man ſich ſo den ſchönen ſtrahlenden Kreis be⸗ trachtet, die blitzenden Brillanten und die glänzenden Augen, die von Gold glitzernden Fächer in ewiger Bewegung, ſo überkommt einen unwillkürlich eine angenehme, feſttägliche Stimmung. Leider iſt aber auch hier, wie in allen ſpaniſchen Theatern, das leidige und doch ſo ſüße Cigarrenrauchen an der Tages⸗ oder vielmehr an der Nachtordnung. Während der Vorſtellung ſelbſt wird freilich nicht geraucht, aber kaum iſt der Vorhang gefallen, ſo zieht ſich Alles in die Corridors zurück; die Thüren dort hin⸗ aus bleiben offen ſtehen, und der Fremde, der zum erſten⸗ mal hier iſt, merkt mit Erſtaunen, daß zu allen dieſen Oeffnun⸗ gen der Duft des Tabaks in den Zuſchauerraum dringt. Wenn er ſich erſtaunt umwendet, ſieht er auch wohl ein paar Elegants, die an der Eingangsthür zum Parterre lehnen und ins Haus hinein dampfen; auch ſchlendert wohl hie und da einer ſorglos zwiſchen den Sperrſitzen umher und betrachtet ſich die oberen Gallerien, wobei er gemüthlich fortraucht. Dieß iſt allerdings verboten, aber wo kein Kläger iſt, iſt auch kein Richter und jeder hütet ſich, den andern zu behelligen, denn er kann ja morgen ſelbſt in den gleichen Fehler verfallen. Während der Zwiſchenakte iſt es aber draußen in den Corridors ſelbſt für einen Raucher erſchrecklich; dicht gedrängt ſtehen die Männer in dieſen Gängen, faſt jeder hat die Papier⸗Cigarre im Munde, und die Damen, welche zu ihren Logen kommen, winden ſich huſtend und fächerwedelnd durch den Qualm. Aber die Spanierinnen aller Stände können in dieſem Punkte ſchon etwas ertragen, und wenn auch auf der erſten Gallerie nicht ſo ſtark geraucht wird, wie unten, ſo ſind doch auch dort die Gänge mit einem leichten Duft angefüllt, durch welchen man die umherwandelnden eleganten Damen nur wie im Nebel ſieht. Uebrigens ſchreckt auch ſelbſt das ſchöne Geſchlecht hier nicht vor einer niedlichen Papiercigarre zurück und ich bemerkte im Teatro del Bwölftes Kapitel. Oriente häufig eine freilich ſchon ältliche Dame behaglich rauchend in der Ecke eines Sophas lehnen. Wir ſahen hier den unvermeidlichen Rigoletto, der mit ſeinen wirklich ſchönen Melodien in dieſem Winter ganz Spanien erobert hatte; auch wurde er nicht ſchlecht gegeben, namentlich war die Oper ſehr ſchön ausgeſtattet mit Decorationen und Coſtümen. Auch Meyerbeers Robert war auf's Neue einſtudirt und vorbe⸗ reitet, und ſollte mit unerhörtem Glanz in Scene gehen. Schon früher hatte das prächtige Werk hier ſehr angeſprochen, und jetzt war auch ſchon zehn Tage im Voraus auf dem Bureau des Thea⸗ ters kein Platz mehr in dem ganzen großen Hauſe zu haben; doch gelang es uns durch eine gute Protection für die vierte Vorſtellung zwei Fauteuils zu erobern. Ich habe das Haus nie ſo voll und nie ſo glänzend beſetzt geſehen, und das Publikum folgte lebhaft den Schönheiten des Werkes. Daß es aber hier möglich war, dieſe zu empfinden und zu würdigen, war mir wieder ein neuer Beweis von der Vortrefklichkeit dieſer friſchen, glänzenden Muſik, denn obgleich das Orcheſter unter der Leitung eines Böhmen ſein Möglichſtes that, ſo waren die Chöre doch äußerſt mangelhaft und ſangen z. B. die herrlichen Compoſitionen uniſono. Ebenſo waren die Soloſänger, leider auch Robert, mittelmäßig; aber die Muſik Meyerbeers iſt nun einmal nicht zu ruiniren und das Publikum blieb animirt unter rauſchenden Beifallſpenden bis zum Schluß. Die Coſtüme waren prachtvoll und die Decorationen hätte man vollendet nennen können, wenn ſich nicht am Schluß des vierten Acts der Teufel in's Spiel gemiſcht hätte und mit ſeiner ganzen Hölle erſchienen wäre, um die gottloſe Nonnenſchaar zu verſchlin⸗ gen. Ueberall klafften Abgründe, aus denen blutrothe Flammen hervorzüngelten und— horribile dictu!— der Hintergrund des Kloſterhofes verwandelte ſich in den koloſſalen Rachen eines fürch⸗ terlichen Ungeheuers, deſſen glühender Schlund ſämmtliche Non⸗ nen verſpeiste, als ſeien ſie ein Bündel Monatrettige geweſen. Unbegreiflich iſt es, daß die Maſchinerie hier, auf dem erſten Thea⸗ ter, noch ſo zurück iſt; ſie ſind nicht im Stande, auf offener Scene KMadrid. 41 zu verwandeln, vielmehr wird ein Wolkenvorhang herabgelaſſen, hinter dem man nun die Zimmerleute hanthieren hört. Das ſpaniſche Publikum aber nimmt eine ſolche Pauſe ganz geduldig und gnädig auf und benützt die Zeit, um mit dem Nachbar zu plaudern, oder die Nachbarin im Spiele mit dem Fächer zu über⸗ treffen. Das Theater del Circo gibt kleine ſpaniſche Opern, die beliebten Zarzuelas, und hat ein ordentliches Ballet; die übrigen, die gerade geöffnet ſind, mit Ausnahme des Theatro del Muſeo, füllen ihre Abende mit Poſſen, kleinen Luſtſpielen und National⸗ tänzen aus. Die berühmteſte Tänzerin Madrids in dieſem Genre, Senora Nena, eine vortreffliche Künſtlerin, iſt leider ſchon über die erſten Stadien, wenn auch nicht Thorheiten der Jugend hinweg, doch vergißt man ihre dreißig Jahre, wenn ſie vortritt, den Kopf emporwirft und mit der Lebendigkeit einer Schlange dahinſchlüpft, nachdem ſie das Publikum zu ihrem Privatvergnügen mit ihren immer noch ſchönen glänzenden Augen eine lange Weile ruhig be⸗ trachtet. Sie lebt in ihrem Tanze, und wenn ſie einmal angefan⸗ gen hat mit den Caſtagnetten zu raſſeln und ihren Oberkörper durchzubiegen, ſo wäre, glauben wir, keine Macht im Stande, ſie zurückzuhalten; jede Muskel, jeder Nerv tanzt mit, und das geht ſo durch den längſten Pas, bis ſie am Schluß mit einem unnach⸗ ahmlichen Aplomb feſtſteht, lachend die weißen Zähne zeigt und, was die Hauptſache iſt, nicht die Spur einer Ermüdung. Sie tanzt im Theatro Lope, wo ſich auch die einzige vorzügliche Schau⸗ ſpielertruppe Madrids befindet. Hier ſteht man die alten vor⸗ trefflichen ſpaniſchen Luſtſpiele, die berühmte Palma und zwei Brüder A., in deren Händen ſich die erſten Fächer befinden. Die beiden letztern ſind von der Königin dekorirt, und wenn einer von ihnen im beſternten Frack erſcheint, ſo erkennt man ſogleich den Mann, der es gelernt hat, das Ordenskreuz auf der Bruſt auch in anderer Geſellſchaft zu tragen. Wir ſahen hier unter Anderem auch eine Ueberſetzung der Dame aux Camélias, namentlich aber ältere Komödien, und die Palma ſpricht ein wunderbar ſchönes Zwölftes Kapitel. Spaniſch, von ſo ausdrucksvollem Spiel begleitet, daß man ſte verſteht, auch wenn man nur wenige Worte dieſer herrlichen Sprache weiß. Madrid hat ſehr viele und auch ſchöne Kaffeehäuſer, freilich ſind die hieſigen nicht mit dem Lurus ausgeſtattet, den man in Paris und Marſeille findet; doch ſind es weite Räume, oft von Säulen getragen, mit großen Spiegeln, reicher Vergoldung und Marmortiſchen. Es iſt eigenthümlich, wie ſich jeder Stand in ſeinem gewiſſen Local zuſammenfindet; hier ſieht man Kaufleute, dort Beamte, in einer andern Straße Militär, auf der Alcala iſt das große Café Suizo, das die Fremden, unter ihnen viele Deutſche, beſuchen, und in welches auch wir häuſig kamen. Intereſſant iſt ein kleines Kaffeehaus in der Verlängerung der Straße de la Montera, wo gewöhnlich nur Gäſte ſind, die ſich zur edlen Kunſt der Stierfechter zählen, kräftige Geſtalten mit gebräunten Geſichtern, lebhaften Augen und vollem Haarwuchs, an dem hinten das kleine Zöpfchen erſichtlich iſt, welches bei der Function zur Befeſtigung des Haarbeutels dient. Eines der bedeutenderen Kaffeehäuſer bildete im gegenwärtigen Augenblicke den Aufenthaltsort der Minenſpekulanten und war daſſelbe jeden Abend überfüllt. Es iſt nämlich in dieſem Augenblick eine eigene Wuth in die Spanier gefahren, überall Gold und Silberminen entdecken zu wollen, und obgleich das Land in der That ſehr reich an edeln Metallen iſt, ſo wird doch oft mit einer unbedeutenden Grube ein großartiger Minenſchwindel getrieben, der auf dieſe Art viel edles Metall in Umlauf bringt, aber leider nur zur Wanderung von einer Taſche in die andere. Da viele fremde Ingenieure, namentlich Eng⸗ länder, von dieſen Geſellſchaften, deren täglich neue entſtehen, das Land bereiſen, ſo geſchah es uns häufig, daß wir mit ihnen ver⸗ wechſelt wurden, und man uns im Nachtquartier ſtatt des ſehnlich gewünſchten Eſſens einen Korb mit Erz herbeiſchleppte, um unſere Anſicht zu vernehmen. Einmal ſpielte mir unſer kleiner Bau⸗ meiſter den Streich, daß er den Leuten verſicherte, ich ſei ein deut⸗ ſcher Bergmeiſter, und auf das hin mußte ich über einen ganzen in von und in ute, iſt ſche, t iſt 2 la unſt tern, leine gung iuſer der anier und iſt, rtiger Il in Laſche Eng⸗ , das ver⸗ hnlich unſere Bau⸗ deut⸗ ganzen Madrid. 43 Haufen angeblicher Gold⸗ und Silberſtufen mein Urtheil ab⸗ geben, was ich denn auch nach beſten Kräften that, jedoch ſo ge⸗ wiſſenhaft war, ihnen Ausſicht auf viel Blei und wenig Silber zu machen. Faſt in allen ſpaniſchen Kaffeehäuſern findet man die ſon⸗ derbare Sitte, daß in einem der Nebenſäle ein Clavier aufgeſtellt iſt, an welchem ein hierzu aufgeſtellter Künſtler unaufhörlich ſpielen muß. Natürlich waren hiezu nicht immer Virtuoſen zu haben, und ſo wurden denn die Melodieen von Roſſini, Bellini, Verdi, ſowie die Walzer von Strauß und Gungl oft auf ſchreck⸗ liche Art heruntergeleiert. Uns war dieſes immerwährende Ge⸗ klimper überhaupt nicht angenehm, und zum Glück war auch in dem Kaffeehaus auf der Alcalà kein Clavier aufgeſtellt. Die deutſchen Landsleute, die dort zahlreich zuſammenkamen, hatten ſich dieſen Genuß ein⸗ für allemal verbeten, was gewiß ſehr zu loben iſt. Man könnte glauben, es ſei dieſe Art der Unterhaltung der Gäſte noch ein Anklang aus der Maurenzeit, denn im Orient findet man heutiges Tages noch den Meddah(Mährchenerzähler), der vom Kaffetſchi gemiethet iſt, und den ganzen Tag ſeine Ge⸗ ſchichten vorbringen muß, ſind nun wenige oder viel Gäſte da. Ein Zuſammenhang iſt wenigſtens denkbar, und in dieſem Fall hätten die Spanier aus Dankbarkeit zuweilen türkiſche Melodieen abſpielen müſſen, denn öfter hörte ich in Konſtantinopel vom Meddah die Thaten des Sid⸗al⸗Battal(des ſpaniſchen Cid Cam⸗ peador) den erſtaunten Gläubigen berichten. Ein anderer Ge⸗ brauch in den ſpaniſchen Kaffeehäuſern, den wir hier in Madrid fanden, hatte mehr unſern Beifall, es iſt nämlich die Sitte, einen Fremden, der dem Spanier vorgeſtellt wird, den er vielleicht ein⸗ mal geſprochen, nicht bezahlen zu laſſen. Man hat zum Beiſpiel am Morgen flüchtig eine Bekanntſchaft gemacht, die man vielleicht im Laufe des Tags wieder vergeſſen; man tritt Abends ins Kaffee⸗ haus, nimmt ſeine Chocolade oder ſein Gefrorenes, und wenn man ſeine Zeche berichtigen will, ſagt der Mozo(Kellner) mit einer freundlichen Kopfbewegung:„es ya pagado, Señor“. Man blickt Zwölftes Kapitel. verwundert um ſich, denn an allen Tiſchen iſt keiner der nähern Bekannten, endlich ſehen wir jenen Herrn, mit dem wir heute Morgen zwei unbedeutende Worte gewechſelt, und als er hinaus⸗ geht, ohne ſich weiter um uns zu bekümmern, bezeichnet ihn der Kellner auf dringendes Fragen als unſern Wohlthäter. Uebri⸗ gens kann uns die Sitte in Verlegenheit bringen, wir trinken un⸗ ſern Kaffee—„es va pagado“ ſpricht der Mozo, worauf es denn unſchicklich wäre, ſich auf eines andern Mannes Koſten noch ein Gefrorenes geben zu laſſen, was man ſonſt gern gethan hätte. In den hieſigen Kaffeehäuſern bemerkt man wenig Leſende oder Spielende; die Journale ſcheinen überhaupt hier nur in politiſch be⸗ wegten Zeiten eine Rolle zu ſpielen; dagegen ſteht man die Spanier immer gruppenweiſe um die Tiſche ſitzen, die Köpfe zuſammengeſteckt, und wenn man nach ihren ernſten Mienen und Geberden urtheilen wollte, ſo müßte man glauben, rings um uns her würden Dinge von der größten Wichtigkeit verhandelt. Unſer Bekannter, der ſpaniſche Architekt, deſſen ich ſchon früher erwähnte, ein ſehr liebens⸗ würdiger Mann, der lange in Paris gelebt, verſicherte mich übri⸗ gens lachend das Gegentheil und ſagte:„ Meine Landsleute pflegen mit dieſem Ernſt und dieſer Wichtigkeit auch die allergeringſten Kleinigkeiten zu behandeln. Sehen Sie dort jene Gruppe jun⸗ ger Leute um einen äͤlteren Herrn, der ihnen mit dem größten Aufwand von Pantomimen etwas erzählt. Alle ſcheinen für oder wider das Gehörte zu ſtreiten; unruhig rücken ſie hin und her, die Hände erheben ſich, die Augen blitzen, und ſo könnte man glauben, es ſei ein wichtiges Tagesereigniß, über das da abgeſpro⸗ chen wird. Keineswegs. Man unterhält ſich über die unbedeu⸗ tendſte Neuigkeit.“ Derſelbe Freund nannte Spanien das Land, namentlich aber Madrid die Stadt des à peu près. So ſind alle unſere Einrich⸗ tungen, ſagte er, die Wege, welche uns mit dem Auslande verbin⸗ den, ſind nur Landſtraßen à peu pres, unſere Eiſenbahn ſehr à peu pres, unſere Conſtitution nicht minder à peu près, ja das geht ſo bis oben hinauf, wo man auch manches mit dem Prädikat der pri⸗ un⸗ enn ein oder be⸗ mier teckt, eilen dinge der bens⸗ übri⸗ legen gſten jun⸗ ößten n für n und eman eſpro⸗ bedeu⸗ ch aber inrich⸗ verbin⸗ à peu as geht rädikat Madrid. 45 à peu près belegen kann. Was nun Landſtraßen und Eiſen⸗ bahnen anbelangt, die wir zur Genüge kennen gelernt hatten, ſo ſtimmten wir ihm lachend bei, konnten aber nicht begreifen, warum denn in Spanien alle Kommunikationen ſo vernachläſſigt ſeien und deßhalb die Straßen während der Winterszeit faſt unfahrbar. Auf unſere Frage: ob ſich denn die Regierung ihrer Chauſſeen nicht hie und da einmal ernſtlich annehme? antwortete er: ich ver⸗ ſichere Sie, daß man alljährlich einen großen Anlauf nimmt, etwas dafür zu thun, aber dabei bleibts auch. Im Frühjahr und Sommer, wo der Boden von der glühenden Sonne zu Pulver verbrannt wird, füllen ſich die Unebenheiten der Straßen ſo ziem⸗ lich aus und wenn der aufwirbelnde Staub den Paſſagier auch faſt blind macht, ſo fährt ſich doch faſt ſanft darin; fängt es aber im Spätherbſt an zu regnen, ſo haben wir gleich wieder das alte Elend. Der Regen ſpült den Staub aus den Löchern, die Straße ſteht wie ein Steinbruch aus, und nun fangen die Eilwagen an, zu ſpät zu kommen, zuerſt nur ein paar Stunden, dann ganze Tage. Klagen der Unternehmer und Paſſagiere laufen zahlreich ein: hier ſind Eilwagen ſtecken geblieben, dort haben gar mehrere umgeworfen. Gut. Man beſtürmt das Miniſterium mit Bitt⸗ ſchriften; lange vergeblich. Endlich aber mit einemmal beſchließt man von oben herab die Sache in die Hand zu nehmen und— à peu prês, ſeine Pflicht zu thun; man läßt ſich einen offiziellen Bericht über den Stand der Straßen machen, der, obgleich ſehr à peu près, doch den jämmerlichen Zuſtand durchſchimmern läßt. Darauf ſcheint man gründlich zu Werk gehen zu wollen, man er⸗ nennt eine Centralcommiſſion zu Unterſuchung ſämmtlicher Stra⸗ ßen, unter ihr gibt es natürlich viele Abtheilungen mit hohen und niederen Commiſſären, Ober⸗, Mittel⸗ und Unter⸗Ingenieuren, alle außerordentlich gut bezahlt. Das rutſcht nun im ganzen Land umher, beſteht ſich die Straßen, einer berichtet an den andern, wonach endlich die Generalcommiſſton ihren Bericht ebenfalls zu⸗ ſammenfaßt, und ihn dem Miniſterium vorlegt. Die ſämmtlichen Klagen waren nicht unbegründet, die Regierung ſteht ein, daß Zwölftes Kapitel. ſich alle Landſtraßen in einem traurigen Zuſtand beſinden, und— das iſt das Ganze. Der Winter iſt unterdeſſen vorübergegangen, und da die große Werkmeiſterin Sonne wieder kräftig zu arbeiten anfängt, ſo läßt man die Sache auf ſich und auf ihr beruhen bis zum nächſten Herbſt. Das geht aber ſo in allen Zweigen der Verwaltung, und namentlich dringt das Syſtem des à peu près überall glänzend durch. Wenn es auch damals, zu Anfang des Jahres 1854, noch ziemlich ſtill in Madrid war, ſo konnte man doch ſchon den Luft⸗ hauch ſpüren, der gewöhnlich einem großen Sturme voranzugehen pflegt. In den Kaffeehäuſern genirte man ſich durchaus nicht alle Regierungsmaßregeln laut und öffentlich auf die härteſte Art zu beſprechen. Und leider blieb man dabei nicht ſtehen, ſondern anſtatt, wie es früher der Fall war, die Perſon der Königin von den Uebergriffen ihres Miniſteriums zu trennen und in Schutz zu neh⸗ men, waren es gerade die ſchonungsloſeſten Aeußerungen, welche die Königin ſelbſt betrafen. Nach dem fluchwürdigen Attentat auf Ihre Majeſtät am zweiten Februar 1852 hatte das noble ſpaniſche Volk derſelben ſeine volle Sympathie wieder zugewandt, ſie war wieder vollkommen populär gewordenz; es gelang aber dem Miniſte⸗ rium nicht, die allgemeine Theilnahme für die Königin zu erhalten. Zu Anfang dieſes Jahres war das Volk von Madrid in ge⸗ ſpannter Erwartung. Die Königin befand ſich ihrer Niederkunft nahe, und der Palaſt war häufig von einer großen Menſchen⸗ menge umlagert, welche erwartungsvoll zu den Fenſtern empor⸗ ſchaute oder die aus⸗ und eingehenden Beamten befragte. Auf der Puerta del Sol ging es noch lebhafter als gewöhnlich zu, und man ſah zahlreiche Gruppen von Männern, welche mit ernſthaften Geberden zuſammenſtanden und ſich über das bexorſtehende Er⸗ eigniß unterhielten. Die Spanier glaubten, es werde ihnen ein Prinz, ein Thronerbe, geſchenkt. Die Spannung war außeror⸗ dentlich, viele Cavalleriepatrouillen durchzogen die Straßen, und, wie es hieß, war der größte Theil des Militärs in die Kaſernen con⸗ ſignirt. Die Spannung erreichte den höchſten Grad, als am fünften — 2 ———,—,— 8†e— — Madrid. 47 Januar gegen zehn Uhr ſämmtliche Glocken anfingen zu läuten, von allen Seiten Kanonendonner erſchallte, einzelne Infanterie⸗ maſſen ausrückten und Pikets der berittenen Leibwache der Köni⸗ gin in vollem Trabe durch die Straßen raſſelten. Der Schloßplatz war mit einer unzähligen Menſchenmaſſe bedeckt, die, obgleich aufs höchſte geſpannt, ſchweigend oder leiſe murmelnd nach den Thoren des Palaſtes blickte. Endlich kam von dort Nachricht. Eine freudige Bewegung drang durch die Maſſe der zunächſt Stehenden, und der officielle Bericht:„La Reyna nuestra Senora ha dato à luz con toda felicidad una robusta Infanta ä las diez y media del dia de hoy“ pflanzte ſich von Mund zu Mund fort, und rief ein Vivat auf die Königin hervor. Alſo eine Infanta, eine Prinzeſſin— kein Kronprinz. Und die dreijährige Prinzeſſin von Aſturien blieb alſo vorderhand noch präſumtive Thronerbin. Die arme Neugeborne lebte indeſſen, wie bekannt, nicht lange, und man kann wohl ſagen, daß ſie an den Folgen der noch beſtehenden ſpaniſchen Etikette geſtorben. Dieſe beſagt nämlich, daß alle neugebornen königlichen Kinder vom Tage der Geburt an während drei Wochen in kein Bett gebracht wer⸗ den dürfen, ſondern in Kiſſen eingehüllt Tag und Nacht auf dem Schooße der dienſtthuenden Kammerfrauen gehalten werden müſſen, welche in dieſem Dienſt natürlich häufig abwechſeln. Dieſe Ver⸗ ordnung, ein mildes warmes Wetter vorausſetzend, brachte der armen Infantin den Tod, weil der dießjährige Winter in Madrid ſo kalt war, daß die weiten und hohen Gemächer des königlichen Palaſtes nicht genugſam erwärmt werden konnten. Schon am zweiten Tage nach der Geburt fand man das Kind erkältet, und am dritten Morgens vernahm man die Nachricht von ſeinem Tode. Begreiflicherweiſe hatten wir unter dieſen Verhältniſſen keine Gelegenheit, die Königin Iſabella zu ſehen. Ihr lebensgroßes Portrait in der Akademie der bildenden Künſte, das ſehr ähnlich ſein ſoll, ſtellt ſie dar als eine nicht ſehr große, aber dabei außer⸗ ordentlich ſtarke Dame mit bleichem Geſicht und kleinen Augen. Doch hat ſie etwas Wohlwollendes und Aufgewecktes, gerade das ——„ 6 — — 48 Zwölftes Kapitel. Gegentheil von ihrem Bildniß auf den Münzen, welche den Aus⸗ druck des königlichen Geſichtes ſo unangenehm geben, daß es mich wundert, wie die betreffenden Künſtler es wagen konnten, einen ſolchen Kopf ſo tauſendfach zu vervielfältigen. Die Königin Chri⸗ ſtine iſt immer noch eine ſchöne ſtattliche Frau, nicht ſo ſtark als ihre königliche Tochter und mit angenehmem Geſichtsausdruck. Auf verſchiedene Art wetterleuchtete damals ſchon das Ge⸗ witter, welches jetzt ſo verheerend über Spanien hereingebrochen iſt, und das gewiß noch lange nicht ausgetobt hat. Brach doch ſchon zu Anfang des Jahres die Empörung des Regiments Cordova aus, und mit Kartätſchen niedergeſchmettert wurden für die gleiche Sache Offiziere und Soldaten, die man heute, gleich den Schaaren O'Donnells, als Befreier des Vaterlands gefeiert hätte. Sprach man doch in Andaluſten offen davon, es müſſe ein Ende gemacht werden mit der beſtehenden Regierung, und man könne keinen geſchicktern Zeitpunkt wählen, als den jetzigen, wo Franzoſen und Engländer vollauf im Orient beſchäftigt wären. Auch die Verhaftung meh⸗ rerer Generale deutete ſchon darauf hin, daß man Befürchtungen hegte und ſich unſicher fühlte. Auch hatte die Königin zu Anfang des Jahres einen Gaſt, den unglücklichen Herzog von Parma, welcher kurze Zeit nachher unter dem Dolche eines Meuchelmör⸗ ders fiel, den die kleinen Blätter der Hauptſtadt auf alle Art anzufeinden nicht ermangelten, und dem der Clamor publico ein bezeichnendes Lebewohl zurief als er abreiste, wozu er ihm höhniſch Glück wünſchte. Man hatte von Seite des Hofs übrigens damals nicht ver⸗ fehlt, dem Herzog von Parma eine große Parade zu veranſtalten, gewiß in der Abſicht, um den Madridern eine impoſante Heeres⸗ macht vor Augen zu ſtellen, über welche man verfügen zu können glaubte. Doch hatte man ſich auch dießmal wieder getäuſcht; das Heer ſchloß ſich, wie ſchon ſo oft, ohne große Schwierigkeiten der Staatsneuerung an. Die Erfahrung hat ſich beſtätigt, daß die ſpaniſche Regierung weniger als die irgend eines andern Landes auf ihre Truppen rechnen kann, und daß dieſe nur zu geneigt ſind Madrid. 49 dem Beſtehenden Oppoſition zu machen. Mit Ferdinand VVII. unternahm das Heer im Jahr 1815 die Revolution, welche die Verfaſſung umſtieß, und fünf Jahre ſpäter war es daſſelbe Heer, welches dieſelbe Verfaſſung wieder in Kraft ſetzte, um ſie 1823 von neuem im Stich zu laſſen. Und ſo haben die ſpaniſchen Trup⸗ pen bis in das Jahr 1843 hinein jedesmal die Waffen geſtreckt, wenn es darauf ankam, die Verfaſſung des Landes gegen Gewalt zu vertheidigen, mochte dieſe Gewalt von oben oder von unten, oder ſogar vom Ausland kommen. Dießmal war freilich die alte Verfaſſung unter Null herab⸗ geſunken, und das Heer hat ſich erhoben um eine neuere, volks⸗ thümlichere zu unterſtützen. Vielleicht erleben wir es aber noch, daß ihm auch dieſe abermals unbequem wird, und daß, was das Bajonnet herbeigerufen, von dem Bajonnet wieder beſeitigt wird. Die Armee ſieht übrigens in ihrem jetzigen Zuſtand vortrefflich aus, ſie iſt zahlreicher als ſeit langen Jahren, zählt, glaube ich, in allem 120,000 Mann, iſt hübſch uniformirt und gut bewaffnet. Was ich von einzelnen Truppen ſah: die berittene Leibwache der Königin und deren Hellebardiere, dann Artillerie, Carabineros, Ulanen, Bergjäger zu Pferd, Infanterie, hat alles ein eben ſo gutes und properes Ausſehen, wie im franzöſiſchen Nachbarland; natürlich beſteht die Mannſchaft aus jungen Leuten, die ſich unter den Waffen hie und da noch unerfahren und unbeholfen zeigen, aber das iſt in mancher größern Armee ebenſo, und wenn man die afrikaniſchen Regimenter des franzöſiſchen Heers, und den größten Theil des heutigen öſterreichiſchen und ruſſiſchen Heers ausnimmt, ſo findet man ja auch im übrigen Europa wenig Sol⸗ daten von ächt kriegeriſchem Ausſehen. Was das Officiercorps anbelangt, ſo kann ich auch hier nur nach dem Aeußern urtheilen, dieſes aber läßt bei den Spaniern nichts zu wünſchen übrig; ihre Officiere ſind gut gekleidet, und machen durch Miene, Wuchs und Haltung einen durchaus günſtigen Eindruck. Sonderbar iſt das Beibehalten des Stocks als Zeichen des Befehlshabers, auch zu Pferd. Wenn man die Spanier und den Charakter ihrer verſchie⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 4 Zwölftes Kapitel. denen Volksſtämme betrachtet, ſo begreift man wohl, daß ſie eine Nation ſein könnten, aber nur ausnahmsweiſe ein einiges Volk. Bei keiner der großen Nationen Europas, ſelbſt nicht bei uns Deutſchen, ſtehen die Provinzialunterſchiede in Volkscharakter und Volksſitten einander ſo ſchroff gegenüber wie hier. Abge⸗ ſehen davon, daß der Aragonier, der Andaluſier, der Caſtilianer und der Baske ſich gänzlich von einander abſcheiden, da auch der letztern Sprache verſchieden iſt, ſo betrachtet ſelbſt der Bewohner jeder Provinz den nächſten Nachbar im gewiſſen Sinn des Worts als einen Fremden, mit dem ſich eng verbunden nicht gut leben läßt, der an einer Maſſe von Fehlern und Lächerlichkeiten laborirt, und welchen zu verſpotten und zu tadeln durchaus keine Sünde iſt. Daher wohl ihre ewige Uneinigkeit; daher ſtehen ſich auch die ver⸗ ſchiedenen Stämme ſo oft feindſelig gegenüber, und was von ihnen zuſammenhält, bildet wieder zwei große, ſcharfgetrennte Lager, die Progreſſiſten und Moderados. Kennen wir doch in der ſpani⸗ ſchen Geſchichte nur zwei Momente, wo das Volk feſt zuſammen hielt: aus Zwang von oben unter der ſtarren Fauſt Philipps II. und aus freiem Willen im Krieg gegen Napoleon. Deß⸗ halb muß Spanien ſeiner Natur nach ein Föderativſtaat ſein und wird ebenſowenig vollkommen conſtitutionell regiert werden können, als es je eine reine Monarchie war. Uebrigens iſt das monarchiſche Princip in Spanien vorherrſchend. Der Spanier iſt unter einer halbwegs guten Regierung ſtreng conſervativ; das Königthum wäre geachtet, und Herrſcher und Volk würden im beſten Einklange leben, wie ſchon das alte Lied ſagt: El que quiera ser libre que aprenda, En Espana hay un pueblo y un rey, El primero dictando las leyes, El segundo sujeto a la ley. Wer da frei ſein will, erfahre, Volk und König ſind in Spanien! Das Geſetz, vom König kommt es, Und das Volk iſt ihm gehorſam! & 8 1 5 — n e n. I. = n n 18 er 18 m Madrid. 51 Um dieſe Verſchiedenheiten der Charaktere in kurzen Worten zu verdeutlichen, ſo iſt dem ſtolzen Caſtilianer, bei dem wir uns gerade befinden, immer noch etwas geblieben von dem feierlichen Hidalgo mit großem Degen und ſteif emporgewichstem Schnurr⸗ bart, wie er zu Zeiten des Don Quixote lebte, und wie wir ihn aus dem Gil Blas kennen, ſtolz auf ſein Haus und auf ſeinen Stammbaum. Die Arbeit iſt ihm eine Laſt, und ſobald ein caſti⸗ lianiſcher Eckenſteher keine Hand zur Arbeit rührt, wenn ihn nicht der Hunger treibt, ſo ſieht man den Gewerbsmann und den Bürger, namentlich draußen in den Dörfern, noch immer ſteif und auf⸗ recht in braunem Mantel und ſpitzem Hut, und er wird ſich nur mit finſterer Miene herablaſſen, dem Fremden eine Dienſtleiſtung, für welche man ihn theuer bezahlen muß, zu verrichten. Ganz anders iſt der Andaluſier: obgleich ebenfalls ein großer Freund vom Nichtsthun, iſt er dabei luſtig bis zur Ausgelaſſen⸗ heit, mittheilſam, witzig und voll von Späßen und Liedern ,die er bereitwillig dem Fremden zum Beſten gibt. Er liebt zierliche Kleider, iſt durchdrungen von dem Gefühl ſeiner körperlichen Schönheit, liebenswürdig, zuvorkommend und ſich ſeiner Unwider⸗ ſtehlichkeit beim ſchönen Geſchlecht bewußt. Hier muß ich des Majo erwähnen, der, obgleich man ihn auch an andern Orten Spaniens findet, doch ächt andaluſtſch iſt. Ein wörtliche Ueber⸗ ſetzung von Majo oder Maja gibt es gar nicht; doch werden dieſe Worte auch in der Bedeutung von ſchön, geputzt, gebraucht.— Ay, que majo estas, nifla! Ei, wie haſt Du Dich geputzt, Mäd⸗ chen! Der Majo erhält ſeinen Namen hauptſächlich durch die Klei⸗ dung, die er trägt, vestido de majo, auch vestida andaluz, und es gibt nichts Schöneres, als einen jungen, wohlgewachſenen Anda⸗ luſter im großen Majokoſtüm, einer kurzen Jacke von farbigem Sammt, mit ſeidenen Schnüren beſetzt, voll Stickereien und ſilbernen Troddeln und Knöpfen; ein buntes ſeidenes Tuch locker um den Hals geſchlungen, fällt vorn hinab, darf aber nicht das ſchneeweiße Hemd mit breiter Krauſe verdecken. Die engen Bein⸗ kleider, oft von Sammt, meiſtens aber von feinem Tuch, reichen Zwölftes Kapitel. bis an die Kniee; um den Leib hat er die Faja, einen Gürtel von rother Seide, der mehrmals umgewickelt wird, und deſſen Ende 1 als Geldbeutel dient, und den man einſchiebt; er hat feine weiße Strümpfe, niedere Schuhe und Kamaſchen von hellbraunem Leder mit Stickereien und mit langen herabhängenden Schnüren verziert, V vermittelſt welcher die Kamaſchen oben und unten ſo geſchloſſen werden, daß Strumpf und Wade ſichtbar bleiben. Die Redeeilla, ſo hieß das grüne Netz, in welches früher die Haare eingebunden wurden, iſt in Spanien faſt ganz abgekommen; aber nicht allein die Kleidung macht den Majo, er muß ein vortrefflicher Reiter ſein, er muß eben ſo gut mit dem Gewehr als mit der Navaja h und dem Punal umgehen können. Die größten Stierkämpfer Spaniens waren Andaluſter, und ein ächter Majo, ohne ſelbſt Torero zu ſein, muß ſich doch auf der Plaza de Toros zeigen können. Daß er ſeinen Fandango kennen muß, verſteht ſich von ſelbſt; er muß aber auch die Guitarre fertig ſpielen, und alle bekannte Lieder auswendig wiſſen. Der Majo iſt natürlicher Weiſe verliebter Natur, aber er darf nicht den Schmachtenden ſpielen, und wenn er auch durch Freigebigkeit bis zur Verſchwen⸗ dung ſeine Geliebte erfreut, ſo darf er doch ſonſt durch allzugroße Nachgibigkeit ſeiner Würde nicht zu viel vergeben. Geiz ſoll er nicht kennen, eben ſo wenig Trunkenheit oder Weichlichkeit. Da er die Rache für Beleidigungen ſelbſt übernimmt, ſo ſteht er meiſtens mit den Dienern der Gerechtigkeit auf einem ſehr ſchlechten Fuße, weßhalb es auch wohl kommen mag, daß Majo noch die Neben⸗ bedeutung eines Raufboldes hat. Alles in Allem genommen, würde man anderswo von einem Majo ſagen: Ein guter Kerl, aber mauvais sujet. Majos gibt es unter allen Ständen, und wie früher die meiſten Räuber, ſo gehören noch jetzt Contreban⸗ diſten und Stierfechter zu ihnen. Die Maja iſt das würdige Ebenbild des Majo: heißblütig und verliebt, jammert ſie nicht über eine Untreue, die man an ihr begangen, ſondern weiß ſich mit dem Dolche ſelbſt zu rächen. Im Allgemeinen iſt der Andaluſter, wenn er auch Lanze Madrid. und Meſſer gut zu führen verſteht, doch ein ſchlechter Soldat, denn er iſt koͤrperlicher Anſtrengung unfähig, und fürchtet ſich, ſein köſtliches Dieſſeits zu verlaſſen. Hat er nicht hier über ſich einen beſtändig blauen Himmel, warme balſamiſche Düfte umſonſt, die herrlichſten Früchte mit wenig Arbeit, und die ſchönſten Weiber der Erde! Was kriegeriſche Eigenſchaften anbelangt, ſo ſtehen den Sohnen des Südens die Bewohner des Nordens, die Basken und Catalonier, am auffallendſten gegenüber. Ueberhaupt ſind die Basken das nobelſte und tüchtigſte Volk unter den Spaniern; ſie ſind fleißig, zuverläſſig, arbeitſam und treu, und ſie haben ſich nicht nur auf dem Schlachtfeld als vortrefflich bewährt, ſondern enthielten ſich auch während der Bürgerkriege aller Ausſchwei⸗ fungen, wie denn überhaupt Zucht und Sitte ein Grundzug ihres Charakters iſt. An Fleiß und Gewandtheit kommen ihnen die Catalonier gleich; ihre Hauptſtadt, Barcelona, iſt die einzige Stadt Spaniens, in welcher Induſtrie und Handel blüht; auch das Landvolk iſt un⸗ ermüdlich, und man muß den ſchlechten Boden Cataloniens ſehen, um die Ausdauer zu bewundern, mit welcher ſie ihm die täglichen Bedürfniſſe abringen. Wahr iſt das ſpaniſche Sprüchwort: El Catalan Saca de la piedra pan. Das heißt: der Catalonier weiß ſelbſt aus Steinen Brod zu ziehen; wenn ſie Mannszucht lernen wollten, wären ſie eben ſo gute als tapfere Soldaten. Beides ſind dagegen die Aragoneſen, doch hört man ſonſt in Spanien nicht viel gutes von ihnen ſagen; man wirft ihnen grobe Sitte und Sprache vor. Sie ſind bettelhaft, unerſättlich, unver⸗ ſchämt. Zu der Anekdote, die man ſich von einem Fremden bei uns erzählt, er habe einem Laſtträger für eine geringe Dienſt⸗ leiſtung einen Ducaten geſchenkt, um zu ſehen, ob dieſer zufrie⸗ den zu ſtellen ſei, worauf derſelbe noch um eine Kleinigkeit zu einem Schnaps bat, damit er das ſchöne Goldſtück nicht 54 Zwölftes Kapitel. zu wechſeln brauche, ließe ſich in Aragonien manches Seiten⸗ ſtück finden. Den ſchlimmſten Ruf unter allen Spaniern hat übrigens der Valencianer; man hält ihn für treulos, rachſüchtig und blut⸗ gierig, wo er das nämlich ohne Gefahr für ſein theures Leben ſein kann. Im Verhältniß kommen in Valencia jahraus jahrein die meiſten Meuchelmorde vor; dabei iſt er jedoch arbeitſam, nüchtern und ſparſam bis zum Geiz. Der Galicier iſt der Savoyarde Spaniens. In der Jugend wandert er mit ſeinem Nationalinſtrument, dem Dudelſack, aus ſeinem Dorfe nach einer größern Stadt, gewöhnlich nach Madrid oder Liſſabon; ſpäter wird er Waſſerträger, Hafenarbeiter oder Laſt⸗ träger, und als ſolcher arbeitet er fleißig und unermüdlich mit ſeiner beiſpielloſen Genügſamkeit, und dadurch, daß keiner wie er das Sparen und Zuſammenſcharren verſteht, gelingt es ihm meiſtens ſich ein kleines Kapital zu erwerben, mit dem er alsdann unfehl⸗ bar in ſeine Heimat zurückkehrt. Der Aſturianer endlich iſt der Haushammel des Landes. Obgleich von Haus ungebildet und plump, läßt er ſich leicht nach der Hand ziehen, zu Dienſtleiſtungen abrichten, und iſt deßhalb, namentlich in den wohlhabenderen Häuſern von Madrid, als Be⸗ dienter ſehr geſucht. Was das geſellſchaftliche Leben der Spanier anbelangt, ſo findet man für ſo viele Beluſtigungsarten bei uns, für Schau⸗ ſpiele, Kaffeehäuſer, große langweilige Diners und ermüdende Soupers hier wenig Erſatz; nur bei ſeltenen feierlichen Ge⸗ legenheiten wird der einfache Lauf eines häuslichen ſpaniſchen Lebens unterbrochen, und ganz im Gegenſatze zu uns, die wir ſo gerne fremde Sitten und Gebräuche nachahmen, geſchieht dieß in Spanien äußerſt ſelten, und dann nur von den allerhöchſten Stän⸗ den. Einer Menge von Dingen welche wir zu unſerer halb⸗ wegs behaglichen Erxiſtenz für unumgänglich nothwendig erach⸗ ten, z. B. einem gewiſſen Comfort in Möbeln, Kleidung und dergleichen, legt der Spanier ſehr wenig Werth bei, woher es Madrid. 55 denn auch wohl kommt, daß Fremde ſo leicht geneigt ſind, das geſellſchaftliche Leben der Spanier als einförmig und unerträglich zu verdammen. Man kann ſagen, daß ſämmtliche öffentliche Beluſtigungen, Theater und Stiergefechte abgerechnet, in den Freuden des Paſeo beſtehen, des Spazierengehens, dem das ſpaniſche Volk jeden Standes, Alters und Geſchlechtes mit wahrer Leidenſchaft nach⸗ geht. Hat doch ſelbſt jedes Dörfchen hier einen Platz mit zwei Reihen Bäumen bepflanzt, mit ein paar ſteinernen Bänken, und wenns hoch kommt auch einer Fontaine, unter dem ſtolzen Namen einer Alameda. Hier werden die Sommerabende zugebracht, man geht umher, man plaudert, man trinkt ein Glas friſchen Waſſers, welches des heißen Klimas wegen und auch wohl als Anklang aus der Maurenzeit bei den Spaniern eine große Rolle ſpielt. Einer andern eigenthümlichen Beluſtigung erwähnte ich ſchon in Valencia. Es ſind dieß die Verſammlungen der Männer Mor⸗ gens zwiſchen zehn und elf Uhr auf irgend einem öffentlichen Platze, Corillos; hier in Madrid auf der Puerta del Sol, und man findet ſich da mit demſelben Eifer ein, wie man bei uns ein Kaffeehaus oder einen politiſchen Klubb beſucht. Was nun die häuslichen Vergnügungen der Spanier anbe⸗ langt, die ſogenannten Tertullas, ſo wird der Einheimiſche und Fremde ſelten für einen gewiſſen Abend dazu eingeladen; wer ſich bei einer ſpaniſchen Familie vorſtellen läßt, wird gebeten,„das Haus als das ſeinige zu betrachten,“ und eine ſolche Einladung gibt ihm ein Recht, ſo oft zu kommen, als es ihm beliebt. Erſcheint er zur Zeit des Mittageſſens, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß er am Tiſche Platz nimmt, kommt er zur Sieſta, ſo iſt niemand für ihn zu Hauſe, ſtellt er ſich Abends ein und die Familie iſt zufällig nicht auf der Alameda, ſo kann er, wenn es ihm gefällt, da bleiben, und am Geſpräche Theil nehmen, wenn er muſtkaliſch iſt, die Ge⸗ ſellſchaft durch Klavier⸗oder Guitarrenſpiel erfreuen. Dazu kommen dann bald ein paar Caſtagnetten zum Vorſchein, man erſucht die jungen Damen zu ſingen oder zu tanzen, was nun auch meiſtens Bwölftes Kapitel. nach Herzensluſt geſchieht. Bälle nach unſerer Art oder Tanz⸗ parthieen ſind dagegen in Spanien äußerſt ſelten, und fangen ſelbſt jetzt erſt nach und nach in der höheren Geſellſchaft an Eingang zu finden. Da bei dieſen Zuſammenkünften keine Erfri⸗ ſchungen gereicht werden, höchſtens eine Taſſe Chocolade, wenn es lange dauert, ſo iſt das ein eben ſo wohlfeiles Vergnügen, wie das Spazierengehen, weßhalb auch faſt alle Stände, Arme wie Reiche, häufig ihre Tertullas halten. Die Zwangloſigkeit dabei erſtreckt ſich auch auf die Kleidung, und es wird niemand ein⸗ fallen, wenn er ſich vom Paſeo weg zu einer Tertulla einfindet, vorher eine gewähltere Toilette zu machen. Bei allen Zuſammenkünften, ſowie überhaupt im geſell⸗ ſchaftlichen Leben der Spanier nehmen die Frauen einen wichtigen Platz ein. Wenn man in einer Tertulla ein wenig aufmerkſam iſt, ſo bemerkt man gleich, daß überall kleine Herzensangelegen⸗ heiten abgemacht werden. Es iſt dieß aber ſo begreiflich bei dieſem leicht erregbaren Volke, und ich möchte den ſehen, der kalt bleibt, wenn eine Spanierin mit ihren ſchönen Augen und der Kunſt, ſie zu gebrauchen, es darauf abgeſehen hat, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Wenn die Geſetze der ehelichen Treue hier im Allgemeinen nicht ſo ſtreng gewahrt werden, wie wir dieß wenigſtens vom geſellſchaftlichen Leben bei uns behaupten, ſo wird dagegen die Treue der Liebe und ihre Geſetze um ſo heiliger gehalten. Eine Spanierin, die ihrer Freundin gewiß keine Vorwürfe darüber machen wird, oder den vielleicht befreundeten Gemahl warnen, wenn ſie einen Cortejo gefunden, iſt dagegen wohl im Stande, dieſen Liebhaber von einem Verrath zu benachrichtigen, der gegen ihn begangen werden ſoll. Treuloſigkeit in der Liebe wird von der öͤffentlichen Meinung gebrandmarkt, ſowie dagegen die Geſellſchaft faſt jedes Verhältniß, welches die Liebe knüpft, bereitwillig ſchützt. Huber in ſeinen Skizzen aus Spanien ſagt: Die Spa⸗ nierinnen machen die Liebe zu ihrer Hauptbeſchäftigung und ſehen „— Kadrid. 57 die Pflichten und Geſetze derſelben als die wichtigſten und bin⸗ dendſten an. Die ſtrengen Urtheile, welche über die Spanierinnen gefällt werden, entſpringen übrigens, wenn ſie nicht blos das Produkt der Eitelkeit und der Einbildungskraft ſind, aus der großen Freiheit und Ungezwungenheit im Ausdrucke, aus derſelben Franqueza, welche dem ganzen geſellſchaftlichen Leben der Spanier zu Grunde liegt, und den Fremden bei oberflächlicher Beobachtung, bei der Gewohnheit theoretiſcher Schlüſſe, oder ſehr oft bei einer großen Eitelkeit, leicht zu ſehr irrigen Folgerungen und Anſichten verleitet. Was indeſſen auch die Spanierinnen für Fehler haben mögen, ſie ſind weder zu coquet noch prüde, und das iſt ſchon ſehr viel. Was die Frauen nun außer der Liebe in das geſellſchaftliche Leben der Spanier bringen, und woran die ganze Geſellſchaft Theil nehmen kann, während die Liebe dem Einzelnen gehört, iſt eine unvergleichliche, natürliche Anmuth in der Rede, in dem Blicke, in allen Bewegungen, kurz in ihrem ganzen Weſen, welche man in der Art nirgends wieder findet, einen natürlichen Verſtand und Witz, mit einer Leichtigkeit und Kraft des Ausdrucks verbunden, die wirklich bei dem faſt gänzlichen Mangel an eigentlicher Erzie⸗ hung und Unterricht erſtaunenswerth iſt, einen Enthuſiasmus für den Ruhm, die Unabhängigkeit und Freiheit des Vaterlandes, und überhaupt eine Lebendigkeit und Friſche aller Gefühle und Inte⸗ reſſen, ſei es Liebe, Religion, Haß, Eiferſucht, Freude oder Schmerz, die ſich ohne falſche Scham oder Prüderie äußert, und bei jeder Gelegenheit wie ein unbändiger Strom hervorbricht, in begeiſter⸗ ten Worten, glühenden Blicken und den ausdrucksvollſten und doch anmuthigſten Bewegungen. Ein charakteriſtiſcher Zug in dem geſellſchaftlichen Leben der Spanier iſt der in andern Ländern unbekannte Grad von geſell⸗ ſchaftlicher Freiheit und Gleichheit, der in der Tertulla, auf dem Paſeo, auf der Plaza, den Handwerker, den Kaufmann, den Offi⸗ zier, den Beamten, den Geiſtlichen von jedem Range, den Adeligen, Vierzehntes Kapitel. ₰ den Marques und Grafen, auf einem Fuß der vollkommenſten Gleichheit in Berührung bringt. Was aber in Spanien die Geſellſchaften trennt, iſt nur die geiſtige Bildung, die geiſtigen Bedürfniſſe, nicht die äußere Stellung ihrer Mitglieder, und innerhalb deſſen, was man im Allgemeinen die gebildeten Stände nennt, gibt es keine geſell⸗ ſchaftliche Ariſtokratie und Abſonderung. Hier ſind höchſtens nur einige Ueberreſte der alten Grandezza auszunehmen, deren Leben nur dem Hof angehört.— Was unter⸗ oder außerhalb dieſer Gränze liegt, hat, wie ſich denken läßt, nicht den Wunſch, ſie zu überſchreiten, ſondern hält ſich zu Seinesgleichen; aber wo der Zufall die untern oder unterſten Stände mit den höhern oder höchſten zuſammenführt, z. B. auf Reiſen, ſogar in Verhältniſſen vorübergehender Dienſtleiſtungen, da geſchieht es immer mit der vollkommenſten Gleichheit, die aber auch nur dadurch möglich wird, daß die unteren Stände geiſtig nur durch größere Unwiſſenheit ſich von den höheren unterſcheiden, während ſie alle natürlichen Anlagen mit ihnen gemein haben, beſonders aber einen natürlichen Anſtand, eine Würde des Benehmens und der Haltung, und eine Leichtig⸗ keit und Kraft des Ausdruckes, der kriechende oder rohe Gemeinheit ausſchließt, und es dem Gebildeten, dem Vornehmen möglich macht, mit dem gemeinen Manne, wie mit Seinesgleichen umzu⸗ gehen. So geſchieht es denn, daß die äußern Formen der Höflich⸗ keit und der geſellſchaftlichen Berührungen unter allen Ständen ziemlich dieſelben ſind, alſo daß der gebildete Städter ohne unan⸗ genehme Empfindung oder Berührung in eine Venta voller Fuhr⸗ leute oder Maulthiertreiber, oder in ein Bauernhaus, und der Landmann oder Maulthiertreiber ohne Verlegenheit oder Demü⸗ thigung in das eleganteſte Kaffeehaus oder in die Wohnung des reichſten Städters tritt. Dieſe Art von geſellſchaftlicher Freiheit und Gleichheit, der rechtliche Stolz, die ernſte gemeſſene Höflichkeit, die edle Haltung, die man durchgehends auch bei den untern Volksklaſſen in Spanien findet, bringt bei dem Fremden eine Art von bleibender angenehmer Empfindung, ein gewiſſes Behagen Madrid. 59 hervor, was ich wenigſtens in keinem andern Lande empfunden, ſondern im Gegentheil häufig ſchmerzlich entbehrt habe. Ja, auf die Gefahr hin, nicht recht verſtanden zu werden, geſtehe ich, daß dieſes Gefühl mir alle Beſchwerlichkeiten oder Gefahren, welche ſonſt mit dem Reiſen in Spanien verbunden ſein mögen, nicht nur erträglich, ſondern angenehm gemacht hat, daß ich jetzt mit einer Art von Sehnſucht der Abende gedenken kann, die ich nach ermü⸗ denden Ritten in den ſpaniſchen Ventas zugebracht habe. ———y—— — 4 1 1 1 Dreizehntes Kapitel. Escorial. Winterlandſchaft. Der Herzog von Rianzares. Der Leichenzug der Prinzeſſin. Eine Feenburg. Der Escorial. Ein blinder Führer. Philipp II. in der Schlacht. Kloſter und Kirche. Ausſicht von der Kuppel. Der Roſt San Lorenzos. Nacht und Nebel. Der Leichencondukt. Die Uebernahme der Prinzeſſin. Nächtliches Kirchenamt. Die königliche Gruft. Die Beiſetzung. Abſchied vom Escorial. Schon längere Zeit hatten wir auf günſtige Witterung gewartet, um den Escorial zu beſuchen; um dieſen Ausflug zu machen, wünſchten wir ſchon ein klein wenig Sonnenſchein, denn der Escorial liegt bekanntlich noch weit höher als Madrid, in eine Schlucht des mächtigen Guadarramagebirges geſchmiegt, welches, wie wir uns häufig von der Terraſſe des königlichen Schloſſes durch den Augenſchein überzeugten, ſelbſt auf ſeiner, Madrid zugekehrten, Südſeite von oben bis unten mit einem weißen Schneemantel bedeckt war. Endlich kam trotz Eis und Schnee eine für unſere Tour entſcheidende Stunde. Am fünften Januar ward die Königin Iſabelle bekanntlich von einer Infantin entbunden, welche am achten deſſelben Monats ſtarb und am dreizehnten im Escorial beigeſetzt werden ſollte. Man ſagte uns, eine ſo günſtige Gelegenheit, den Escorial in alter Pracht und Herrlichkeit aufleben zu ſehen, dürften wir nicht vorübergehen laſſen, weßhalb wir uns denn raſch entſchloſſen, nicht mehr auf Sonnenſchein und warme Witterung zu warten, ſondern einen Escorial. 61 Platz auf der Poſtkutſche zu nehmen, die alle zwei Tage Mor⸗ gens früh um ſechs Uhr aus der Calle de Fuentes nach dem Escorial abgeht. So rollten wir denn am zwölften in der Morgendämme⸗ rung durch die Straßen, hatten angenehmer Weiſe die Berline erhalten(mit dem Coupé unſerer Eilwagen gleichbedeutend), konnten alſo frei vor und um uns ſchauen und erblickten, als wir am königlichen Schloß vorbeifuhren, hier Infanterie⸗ und Kavalleriemaſſen, welche auf der Plaza del Oriente und in den angränzenden Straßen aufgeſtellt waren und Spaliere gebildet hatten für die arme kleine Prinzeſſin, deren Körper, von großem Gefolge escortirt, ſchon eine Stunde vor uns Madrid verlaſſen hatte. Vor dem Thore, auf der Landſtraße nach Galizien, dem Paſeo de la Florida, begegneten uns reichvergoldete Staats⸗ kutſchen mit ſechs, acht und zehn Pferden oder Maulthieren be⸗ ſpannt, die ſchwarze Federbüſche an den Köpfen und lange Trauerflöre an den Geſchirren trugen, begleitet von Kavallerie⸗ pikets. Sie hatten der Infantin das Geleite bis ans Weichbild der Stadt gegeben, von wo der Leichenzug in einfacherer Pracht nach dem Escorial gehen ſollte. Es war ein froſtiger, nebeliger Morgen, der Boden ziem⸗ lich hart gefroren, weßhalb die Räder des Wagens freilich nicht ſo tief in den Koth einſchnitten, wir aber deſto empfindlichere Stöße erleiden mußten. Die mächtigen Ulmen am Wege auf dem eben erwähnten Paſeo, ſowie die Sträucher am Ufer des Man⸗ zanares gaben uns recht das Bild eines heimatlichen Winters, der kleine Fluß hatte an ſeinen weißbereiften Ufern ſogar Eis ange⸗ ſetzt, die gewaltigen Bäume ſowie die Sträucher zeigten ihre ſchwarzen, kahlen Aeſte. Der Mayoral hatte Naſe und Mund mit einem dicken Tuch verbunden, und der Zagal ſtrampelte mit Händen und Füßen, um ſich warm zu halten, da er mit ſeinem gewöhnlichen Geſchäft, dem Antreiben der Maulthiere, nicht viel zu thun hatte; vor unſere Kutſche waren nämlich ſechs tüchtige Pferde geſpannt, die mit leichtem Zungenſchlag und der Peitſche ——— — 62 Dreizehntes Aupitel. angetrieben, uns in einem gleichmäßigen tüchtigen Trab dahin⸗ zogen. Bis an die Brücke des Manzanares fuhren wir in der Ebene, dann aber hatten wir gleich wieder das uns bekannte Terrain der Mancha, beſtändig Berg auf und ab, durch ein ödes, unfruchtbares, langweiliges Land. Die Straße von Madrid nach dem Escorial iſt eine lange Strecke zugleich der Weg zu dem Luſt⸗ ſchloß la Granja, wo ſich der Hof während des Sommers meh⸗ rere Monate aufhält, und deßhalb recht gut erhalten. Auf einem hohen Damme ziemlich aufſteigend, der durch ein Thal mit ſteilen Wänden in die Höhe führt, kletterten unſere Pferde langſam empor und ließen uns vollkommen Zeit, einen Rückblick auf die Stadt zu werfen, deren Häuſermaſſen undeutlich im Nebel ver⸗ ſchwimmend hinter uns lagen. Rechts und links dehnte ſich das kahle Land weit hinaus, ein kleiner Hügel am andern, keine Bäume, faſt nirgends ein Strauchwerk, höchſt ſelten die Spur einer menſchlichen Wohnung. Hie und da bemerkte man einen Streifen Schnee, welcher den Anblick der graugelben Fläche doch um etwas belebter machte. Es war an dieſem Bergabhange, wie man uns erzählte, wo Königin Chriſtine ihren zweiten Gemahl, den damaligen Seüor Mußoz, jetzigen Herzog von Rianzares kennen lernte; ſie begab ſich nach la Granja, und ihre zehn Maulthiere waren nicht im Stande, den ſchwer bepackten Reiſe⸗ wagen, ohne mehrmals ſtehen zu bleiben, den Berg hinauf zu bringen. Bei einer ſolchen Raſt ſtanden die Thiere obendrein nicht feſt, und der Wagen fing an rückwärts zu rollen, was gerade an dieſer Stelle hätte ſehr gefährlich werden können, denn wie ſchon erwähnt, führt die Straße hier über einen hohen Damm von zuweilen an ſechzig bis achtzig Fuß Höhe. In dieſem Augen⸗ blicke warf ſich ein junger Mann von der berittenen Leibwache der Königin von ſeinem Pferde, ſprang an den zurückweichenden Wagen hin, griff mit rieſenhafter Stärke in die Speichen eines der Hinterräder und brachte ihn zum Stehen. Von der Königin blieb dieſe That, ſolch ein kräftiger Ausdruck der Ergebenheit, nicht unbemerkt; doch hatte Seüor Mußoz eine ſo glänzende Escorial. 63 Belohnung, wie ſie ihm ſpäter zu Theil wurde, wohl nicht erwartet. Jetzt erreichten wir die Hochebene, und der Mayoral, der mit einem kräftigen Peitſchenſchlag ſeine ſechs Pferde zum ge⸗ ſtreckten Lauf antrieb, zeigte darauf vor uns hin auf die Straße, wo ſich in weiter Ferne ein nebelhaft verſchleiertes Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern bewegte,— der Leichenzug der Prinzeſſin. Da wir ſehr ſcharf fuhren, ſo erreichten wir in einer halben Stunde die letzten der Begleitung, escortirende In⸗ fanteriemaſſen, fuhren in kurzem Trabe zwiſchen ihnen hindurch, und darauf langſam an dem ganzen Zuge vorüber. Es war ein intereſſantes Bild, eine Erinnerung an alte ſpaniſche Pracht und Herrlichkeit mit gewaltigem, ergreifendem Contraſte, wenn man die großen, reichverzierten Equipagen mit zahlreicher Dienerſchaft in gold⸗ und ſilbergeſtickten Röcken, die Pferde mit prachtvollen Geſchirren bedeckt ſo in der kalten, traurigen Winterlandſchaft dahinziehen ſah. Aeußerſt maleriſch nahm ſich die berittene Leib⸗ wache der Königin aus, die in aufgelösten Reihen, in Gruppen von zwei und drei ritt, feſt in ihre weißen Reitermäntel gewickelt, ſchöne, hohe Leute auf großen, kräftigen Pferden, in der rothen, goldgeſtickten Uniform mit weißen, anliegenden Beinkleidern und hohen, glänzenden Reitſtiefeln, auf dem Kopfe den blitzenden Helm. Unſer Zagal voltigirte vom Bocke herab, und näherte ſich mit abgezogenem Hute einem der commandirenden Offiziere, den er im Auftrag des Mayoral um Erlaubniß bat, an dem Zuge im Trab vorbeifahren zu dürfen. Dieß wurde denn auch freund⸗ lichſt, aber mit der Weiſung bewilligt, die Pferde vorn beim Leichenwagen im Schritte gehen zu laſſen. Bald ließen wir die Reiter hinter uns und erreichten wieder andere Kutſchen, ſchwere Dienſt⸗ und Reiſewagen mit Hofwürdenträgern, Kammerherren, zahlreicher Dienerſchaft, Köchen und Hellebardieren der Königin angefüllt. Ihnen voraus fuhren abermals ein paar Staats⸗ caroſſen mit hoher und niederer Geiſtlichkeit, und dann erreichten wir den Leichenwagen, der im langſamſten Schritte von zehn 64 Dreizehntes Kapitel. ſchwarzen Maulthieren mit dunkler Beſchirrung und wehenden Federbüſchen auf den Köpfen gezogen wurde. Zu Fuß gehende Stallleute in ſchwarzer Livree führten die Zügel der Thiere. Be⸗ ſonders dieſer Wagen mit der kleinen Kinderleiche hatte hier in der weiten, düſteren, einſamen Ebene etwas unbeſchreiblich Rüh⸗ rendes. Auf ſeinem Untergeſtell befand ſich ein auf vier Säulen getragener Baldachin, unter dem der kleine Sarg ſtand, verhüllt mit einer rothſammtnen, goldgeſtickten Decke, deren Franſen ſo tief herabhingen, daß ſie beſtändig geſtreift wurden von den lang⸗ ſam ſich umdrehenden Rädern. Dieſe ſowie der ganze Wagen waren aus weiß lakirtem Holze, alles mit künſtlichen Roſenguir⸗ landen umwunden. Obenauf lag ein mächtiger Blumenkranz, zwiſchen dem die königliche Krone hervorragte. Unſer Mayoral und Zagal, ſelbſt der vorreitende Poſtillon und natürlicher Weiſe auch wir Paſſagiere, nahmen unſere Hüte ab, bis wir bei dem Leichenwagen vorbei waren, dem abermals ein Trupp von der berittenen Leibwache der Königin vorauszog, dann aber machte ſich unſer Roſſelenker eine friſche Papiercigarre, rief dem Poſtillon ein lautes vorwärts! zu, knallte ſeinen Thieren tüchtig eins über, und dahin ſausten wir, nach ächt ſpaniſcher Manier im geſtreckten Galopp der Pferde, bald den ganzen Leichencondukt weit hinter uns laſſend. Doch noch lange nachher, wenn ich aus dem Fenſter zurückſchaute, bemerkte ich den weißen Wagen, wie er langſam auf der dunklen Chauſſee hin und her ſchwankte. Nach einer Stunde tüchtigen Fahrens erreichten wir die erſte tation, die Pferde wurden ausgeſpannt, dagegen die unvermeid⸗ lichen Maulthiere vorgelegt, und mit ihnen hatten wir auch wieder das beſtändige, unerträgliche Peitſchengeknall und das ewige gel⸗ lende Geſchrei von Mayoral, Zagal und Delantero. Die Gegend blieb ſich in ihrer Langweiligkeit völlig gleich, bald ging es auf der breiten Straße ziemlich ſteil abwärts, dann wieder ebenſo auf⸗ wärts; rechts und links beſtand die ganze Abwechslung in bald kleinern, bald größern Hügelreihen in ſchmutzig grauer oder gelb⸗ röthlicher Färbung. Zuweilen zeigten ſich einige verkümmerte Escorial. 65 Bäume, kleine Burbaumſträucher, Ginſter und zwiſchen der Straßeneinfaſſung, aus roh über einander gelegten Steinen be⸗ ſtehend, wucherten Diſteln und Brombeerſtauden. Der Himmel war uns nicht ganz ungünſtig, es regnete nicht, ja das graue Gewölk, welches heute Morgen ſchon über uns lagerte, wurde lichter und durchſichtiger, und zuweilen ſogar blickte aus der grauen Fläche eine blaue Stelle, welche aber bald wieder von Nebelmaſſen bedeckt wurde. Der Guadarrama wuchs ſcheinbar vor uns in immer maje⸗ ſtätiſcheren Maſſen auf. Seine Schneeumhüllung, welche ihn uns von Madrid aus faſt weiß erſcheinen ließ, ſah hier durch tief ein⸗ gehende Schluchten und vorſpringende Felswände zerriſſen und zerfetzt aus und ließ ſeine ſchroffen, zerklüfteten Formen um ſo deutlicher erkennen. Nach der zweiten Station überſchritten wir einen Ausläufer des Gebirges und zwar auf einer Straße, die man ſelbſt in Deutſchland hätte vortrefflich nennen können, in Spanien aber überraſchend ſchön, ſie war gut geebnet und ſtieg, kunſtvoll angelegt, an den ſteilen Felſen in Windungen in die Höhe; den Weg größtentheils hier durchzuſprengen war keine kleine Arbeit geweſen, die Abräumung, mächtige Felſenplatten und rieſenhafte Blöcke, befand ſich noch zu beiden Seiten der Straße. Unſere Maulthiere liefen in einem ſtarken Trabe hinauf, und daß ſie das auszuhalten im Stande ſind, darin beſteht der Vorzug, den man ihnen hier in Spanien, und mit großem Recht, vor den Pferden gibt. Auf der Höhe angelangt hatten wir vor uns ein weites Thal, hinter dem der Hauptzug des Guadarrama ſtolz und mächtig emporſtieg, und zu gleicher Zeit einen Anblick, den ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen werde.„Escorial!“ rief der Mayoral, indem er vor ſich hinzeigte. Und an der gegenüber liegenden Fels⸗ wand, ſich ſcharf abhebend von der Schneedecke, welche ſich dort befand, ſahen wir in dunklen ſchweren Maſſen das rieſenhafte Kloſter mit ſeiner gewaltigen Kuppel und ſeinen hohen Thürmen, wie eine Feenburg thronen. Ja, wie eine Feenburg! wie das Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 5 Dreizehntes Kapitel. Schloß eines mächtigen Zauberers, der ſein Werk hoch in die Luft hingeſtellt hat. Denn gerade ſo ſah es aus. Ein Nebelſtreifen hatte ſich unten um die Grundmauern des Gebäudes gelagert, einer weißen Wolke ähnlich, die daſſelbe zu tragen ſchien. Ueber⸗ raſchend im höchſten Grade war dieſer Anblick; dazu war die Sonne ſo freundlich, in dieſem Augenblicke einen klaren Strahl ihres Lichtes zu ſenden, welcher auf die wogenden Nebelmaſſen fiel, ſie hell beglänzte und einen wohlthuenden Schimmer auf die finſtere Häuſermaſſe fallen ließ. Dieß Bild allein hätte ſich der Reiſe hieher verlohnt.— Und während wir abwärts rollten, blieb das Zauberſchloß noch lange unverrückt vor unſeren Augen wie hoch in der Luft ſchwebend ſtehen. Der Escorial, eigentlich San Lorenzo el real la Victoria, wie der wahre Name des berühmten Hieronymitenkloſters iſt, hatte von ſeinem Stifter, König Philipp II., ein ungeheures Territorium von Ländereien erhalten, die ſich ſüdlich von ihm ausbreiten. Hier befanden ſich früher Fruchtfelder, Parkanlagen, und für die Mönche Spaziergänge jeglicher Art durch Wald und Flur. Schon zwei Stunden vorher, ehe man den Escorial er⸗ reicht, kommt man an ſeine äußerſte Gränze, ein Gebäude mit weitem, hohem Thorbogen, hinter dem aber leider die gute Straße aufhört und man bei einem rieſelnden Bergwaſſer vorbei wie über einen Waldgrund fährt. Hier iſt von der ehemaligen Chauſſirung des Weges kaum eine Spur mehr übrig geblieben; die Mauern, welche ihn früher begränzten, ſind zuſammengeſtürzt, haben die Straße verengt und auch wohl hie und da das Flußbett ausge⸗ füllt, ſo daß das Waſſer ſchäumend anprallt und ſich nun über die benachbarten Gründe einen anderen Weg ſuchen muß. Gleich hinter dem oben erwähnten Thorbogen erblicken wir zu unſerer Linken ein mächtiges, vielleicht dreißig Fuß hohes Kreus, welches auf der Stelle, wo es ſteht, mit ſeinem maſſenhaften Piedeſtal aus einem einzigen Steinblocke gehauen wurde. Von angeſetztem Moos und Flechten hat es eine grünliche Farbe angenommen und paßt ſo recht in die traurige, öde Wildniß. In der beſſeren Escorial. 67 Jahreszeit, wenn alles grün iſt, mag es hier wohl freundlicher ſein und alsdann das murmelnde Waſſer unter den dicht belaubten Eſchen, Erlen und Ulmen vielleicht allerlei ſonderbare Dinge er⸗ zählen, die ſich hier heimlich begaben; denn in der alten Zeit war der Escorial nicht nur ein Aufenthalt für Mönche, ſein Gründer Philipp II. brachte hier mit dem ganzen Hofe jährlich einige Monate zu, und die armen ſpaniſchen Hofdamen und Edelfräu⸗ lein, die ſich gewiß in den düſtern Kloſtermauern entſetzlich lang⸗ weilten, liebten es wahrſcheinlich, ihre Spaziergänge bis hier ans alte Kreuz auszudehnen, an deſſen moosbedecktem Fuße man ſicher oft einige von ihnen gelagert ſah, wenn auch vielleicht nicht immer in inbrünſtigem Gebet begriffen.— Wir laſſen es hinter uns, der Weg iſt zuweilen ſo eng, daß die überhängenden Zweige den Wagen ſtreifen, und wird dabei ſo kothig, daß unſere armen Maulthiere nur mit Mühe fortkom⸗ men. Dazu geht es nach einiger Zeit wieder ziemlich ſtark bergan, doch erhalten wir glücklicher Weiſe Vorſpann und zwar zu unſeren ſechs Maulthieren noch vier Pferde, welche durch einander zu drei und drei geſpannt werden, und ſo fahren wir nun unver⸗ droſſen wieder in ſcharfem Trab vorwärts. Wir nähern uns dem Ziele und erkennen das hier an regelmäßigen Alleen ,die unſern Weg durchſchneiden, dort an Thoren mit oder ohne Eiſengitter, die wohl auf Felder und in umſchloſſene Parks führen. Letztere ſcheinen noch gut unterhalten zu ſein, man ſieht freiſtehende Gruppen von mächtigen Bäumen neben niederem Gebüſche, Wege, die ſich um ſie herum ſchlängeln, und von ihnen weg nach großen Teichen und ummauerten Baſſins führen. Auch einen Springbrunnen bemerken wir, der ſeine kalten Waſſer⸗ ſtrahlen in die winterliche Luft hinaufſpritzt; endlich auch wird der Weg wieder breiter und iſt von einer hohen Granitmauer eingefaßt, über welche Steineichen ihre immergrünen Zweige hinausſtrecken. Wir biegen um eine Ecke, und vor uns liegt das gewaltige Kloſterſchloß, ernſt, ja düſter auf ſeinen Terraſſen und Plattformen, die ſich gleich ſteinernen Redouten Vor dhnn erheben. Preizehntes Kapitel. Wie ſehr man auch auf dieſen großartigen Eindruck vorbereitet ſein mag, der erſte Anblick des Escorial überwältigt jede Erwartung. Ich glaubte ein Haus zu finden, ſagt Rochau, und ſah ein ausge⸗ höhltes Granitgebirge vor mir. Man nennt Juan Bautiſta de Toledo und Juan de Her⸗ rera als die Baumeiſter des Escorial, aber ich glaube nicht an dieſe Namen, ich bin überzeugt, daß der Escorial von dem Künſtler herrührt, der ſich erbot, den Athos zum Stand⸗ bild des macedoniſchen Alerander umzumeißeln. Wie die eiſerne Nothwendigkeit ſteht der ſtarre kalte Rieſenbau da, als ob er gewiß wäre, das Weltende zu überleben. Und ſicherlich, wenn von allen Bauwerken, die Spanien ſeit dem Ende der Römerzeit bis auf den heutigen Tag errichtet hat, wenn von allen ſeinen Schlöſſern und Kathedralen einſt kein Stein mehr auf dem anderen ſein wird, dann wird noch immer eine finſtere und ſtolze Kloſter⸗ ruine am Guadarrama von der Fabelzeit Philipp's II. zeugen, die in wahnſinnigem Hochmuth auf dieſem Fußgeſtell einen Platz ein⸗ nehmen wollte zwiſchen der Menſchheit und Gott. Der Escorial iſt ein Denkmal der maßloſeſten Selbſtſucht, die zumal durch die Naivetät Grauen erregt, mit welcher ſie ſich für lautere Fröm⸗ migkeit hält und ausgibt. Ein Grabſtein für ſeinen königlichen Leichnam und eine ununterbrochene Fürbitte für ſeine königliche Seele: das war der große Zweck Philipp's II. bei der Gründung des Lorenzkloſters. Zweihundert Mönchen war es zur Aufgabe ihres ganzen Lebens geſtellt, zu beten und Meſſen zu leſen für das Seelenheil eines einzigen Sünders, fort und fort bis an das Ende der Zeiten. Von den Häuptlingen alter Völker leſen wir, daß ſie ihre Weiber und ihre Lieblingsſelaven auf ihrem Grabe ſchlachten ließen; der Beherrſcher Spaniens hat hundert, ja tau⸗ ſend Generationen, ſo wenigſtens lag es in der Abſicht Philipp's II., dazu beſtimmt, auf ſeinem Sarge nicht etwa zu ſterben, ſondern in Banden des Leibes und des Geiſtes zu leben. Der Nebel, welcher um die Terraſſen des Escorials wogte, hatte ſich weder ganz gehoben noch ganz geſenkt, und wenn aus V⸗ Escorial. 69 Schluchten des Guadarrama zuweilen ein Windſtoß herüber fuhr, ſo qualmte er hoch empor und verhüllte das rieſenhafte Gebäude mit ſeinen Wolken, ſo daß es ausſah, als brenne irgendwo in der Tiefe ein mächtiges Feuer, das ſeine mächtigen Rauchmaſſen hoch empor ſende. Zu guter Letzt hatten unſere Zugthiere noch einen ſchweren Stand; es ging ſehr ſteil aufwärts bis zum Städt⸗ chen, welches neben dem Kloſter liegt, und nur mit lautem Ge⸗ ſchrei und Peitſchenknallen konnte man die Maulthiere und Pferde auf ihren Beinen erhalten. Dazu fanden wir in der ſchlecht ge⸗ pflaſterten engen Straße Glatteis und waren in der That recht zufrieden, als wir endlich ohne beſondere Unglücksfälle vor der Poſt hielten. Wir hatten von Madrid hieher— eine Entfernung von ſieben Leguas— acht Stunden gebraucht. Das Städtchen Escorial, wohl von Escorias, erſchöpften Minen, die ſich in der Nähe befinden, abgeleitet— Escurial haben die Franzoſen daraus gemacht,— nach welchem das Kloſter benannt iſt, liegt etwas höher als dieſes; es iſt klein und nimmt ſich wie ein Anhängſel der gewaltigen Steinmaſſen da drunten aus. Seine einzige ordent⸗ liche Straße wird in der Mitte von einem klaren aber ſehr ſchmalen Bergwaſſer durchſtrömt, und eine Häuſerreihe derſelben beſteht aus zuſammenhängenden, maſſiv aufgeführten Gebäuden, welche früher zu Wohnungen für Gefolge und Hofdiener benützt wurden. Auch befand ſich hier der Palaſt, welchen die Infanten für ihre Familien bauten, der übrigens nie beendet wurde. Wäh⸗ rend der langen Bürgerkriege dienten dieſe kleinen, unfertigen, aber feſten Häuſer bald dieſer bald jener Partei, welche ſich gerade darin verſchanzte, was auch nicht zu ihrer Erhaltung beitrug. Und ſo ſind die meiſten von ihnen jetzt nur noch Ruinen mit einge⸗ ſtürzten Dächern und ohne Fenſter und Thüren. Im Gaſthofe zur Poſt bekamen wir ein paar gute Zimmer nach ſpaniſchen Begriffen, d. h. einen kleinen Salon mit Binſen⸗ matten, in dem aber weder Thüre noch Fenſter gehörig zu ver⸗ ſchließen waren; draußen war es recht kalt und zu unſerer Er⸗ wärmung wurden wir mit einem Braſſero voll glühender Kohlen v⸗ Dreizehntes Kapitel. verſehen; unſere Betten ſtanden in zwei dunklen Alkoven. Doch machten wir von dieſer Wohnung im Augenblick nur ſehr kurzen Gebrauch; es drängte uns, ſchon heute von dem Kloſter ſo viel wie möglich zu ſehen, denn man hatte uns geſagt, wegen den Feier⸗ lichkeiten der Beiſetzung könnte es uns vielleicht morgen ſchwer gemacht werden, das Innere genau zu betrachten. Schon in Madrid hatten wir von dem ſeltſamen Führer gehört, welcher die Fremden durch das Labyrinth des Escorials begleite. Unſer Wirth hatte gleich nach ihm geſchickt, und es erſchien bald ein alter Mann mit weißen Haaren, ſehr langſam und vorſichtig gehend, wobei er ſich auf die Schulter ſeiner kleinen Enkelin ſtützte. Er betrieb das Geſchäft eines Cicerone ſchon ſeit langen Jahren, kannte nicht nur die Entſtehung jedes Bildes und jeder Statue, ſondern ich möchte faſt ſagen, jeden Stein, jede Treppenſtufe, und wußte allerlei an⸗ muthige Geſchichten bald über dieß, bald über das zu erzählen. Dabei hatte er nur einen einzigen Fehler: er war nämlich blind, voll⸗ kommen blind, und nur eine langjährige Gewohnheit machte es ihm möglich, in der tiefen Nacht, die ihn umgab, die Fremden, welche ſich ſeiner Leitung anvertrauten, ohne die geringſte Irrung durch das ganze Gebäude zu führen. Ich würde dieſe Thatſache nicht für möglich halten, wenn ich ſie nicht erlebt hätte. Der Wirth, der übrigens Zweifel in unſeren Mienen zu leſen ſchien, ſagte lächelnd:„folgen Sie nur dem Cornelio, Sie werden ſehen, er vergißt keinen Winkel des Kloſters, keine Statue, kein Bild.“ So ſchritten wir denn über die Straße, unter einer der bedeckten Brücken durch, mit denen die verfallenen Häuſer, von denen ich oben ſprach, unter einander verbunden ſind, über fin⸗ ſtere Gänge, die ſich bald rechts, bald links wandten, und über große und kleine Treppen zum Platze vor dem Escorial hinab. Schon hier war uns der blinde Führer von großem Nutzen, er ſchritt voran und zeigte uns die Richtung des Weges an, jetzt rechts, jetzt links, ſechs oder acht Schritte abwärts, dann vier gerade aus. 1 Da ſtanden wir denn auf dem weiten, von langen niedrigen Escorial. 71 Gebäuden umgebenen Platze, in deſſen Mitte der Escorial empor⸗ ragt; es war uns wie ein Traum und wir hüätten verſucht ſein können, nicht an die Erfüllung des ſehnlichen Wunſches zu glau⸗ ben, das achte Wunder der Welt, wie die Spanier wohl mit Recht das Kloſter nennen, nun wirklich vor uns zu ſchauen.— Escorial! Das Wort ruft ſo manche Erinnerungen wach, und die glänzende, wenn auch ſchreckliche Regierungszeit Philipp's II., der wir ſchon in der Jugend mit ſo großem Intereſſe gefolgt, tritt hier ſo lebendig vor unſere Seele. Iſt es uns doch gerade, als wür⸗ T den wir den finſteren, unheimlichen König ſelbſt vorüberſchreiten ſehen, ihn, in deſſen weiten Reichen die Sonne nie unterging, und die Flammen des Scheiterhaufens nie erlöſchten, gefolgt von Per⸗ ſonen, die uns ſo bekannt ſcheinen und doch ſo fabelhaft ſind, Eliſabeth, ſeiner königlichen Gemahlin, Karlos, ſeines Infanten, von dem man nicht weiß, wie und wo er geendigt, ja nicht ein⸗ V mal, ob ſein Leib wirklich drunten ruht in dem Sarge, der ſeinen Namen trägt. Wenn wir die ſtarre Form der granitnen Thürme 1 2 betrachten, ſo fällt uns Alba ein, ſeines Königs würdigſter Die⸗ ner, und wir denken an ſeine blutigen Züge gegen Norden, unſe⸗ t rer Heimath zu, es iſt, als ſähen wir Flandern und Brabant, den 1 Aufruhr in den Provinzen, den Marktplatz von Brüſſel mit ſeinem e Schaffot und mit Egmont, den wir ſo ſehr geliebt und deſſen r Schickſal wir von jeher bedauert haben. Ja ihn, den flandriſchen Grafen können wir beſonders nicht vergeſſen und müſſen des Schlachttags von Saint⸗Quentin gedenken, denn der Sieg der 3 ſpaniſchen Waffen dort iſt die Urſache der Erbauung des Escorials. 8 Ein ſpaniſcher Geſchichtſchreiber erzählt darüber: am zehnten r Auguſt 1557 belagerte der König Philipp II. Saint⸗Quentin; . Philibert von Savoyen führte die Spanier und wurde von Graf er Egmonts flandriſchen und deutſchen Truppen glänzend unterſtützt, t ſowie von ein paar tauſend Engländern unter Pembroke. Die er Franzoſen boten die Schlacht an, welche mörderiſch entbrannte; während ſich aber die Soldaten für ihren König ſchlugen, hielt ſich dieſer außer Schußweite, wie ein armer Sünder zwiſchen zwei Dreizehntes Kapitel. Beichtvätern und hörte nicht auf, Gebete zu murmeln und Schwüre und Gelübde an alle Heiligen zu thun. Der König fürchtete ſich, ſagt einfach der ſpaniſche Geſchichtsſchreiber; vor allen Din⸗ gen wandte er ſich an San Lorenzo und gelobte ihm eine pracht⸗ volle Kirche nebſt Kloſter, wenn er ihm ohne Gefahr für ſeine Perſon zum Siege verhelfen wolle. In der That wurden auch die Franzoſen vollſtändig geſchlagen und der König hielt dem Hei⸗ ligen ſein Wort auf ſo umfaſſende und glänzende Art, daß alle Heiligen der Welt hätten damit zufrieden ſein können. Dabei hat wohl nie ein König mehr in ſeinem eigenen Charakter gebaut, als Philipp II., indem er dieſes Werk herſtellte. Die große Anfahrt zum Escorial iſt von Nordoſt, ſo daß man die Gebäudemaſſe zur Linken hat, wenn man die Höhe erſtiegen, auf der dieſelbe liegt. Die Nordſeite, vor der auch wir ſo eben mit unſerem Führer ankommen, und die ihrer ganzen Länge nach zurückgelegt werden muß, um den Haupteingang, der auf der Weſt⸗ ſeite liegt, zu gewinnen, hat ſchon beim erſten Blick etwas Zurück⸗ ſtoßendes; betrachten wir die lange, unermeßliche Front, nur an beiden Enden von Thürmen flankirt, ohne allen Vorſprung, von zahlloſen kleinen Fenſtern durchbrochen, ſo gibt es keinen erkälten⸗ deren Anblick; man hofft auf der Weſtſeite beim Hauptportal einige Unterbrechung dieſer Monotonie zu finden, aber ſo bald man um die Ecke biegt iſt hier die gleiche Starrheit, die Säulen, welche die Mitte auszeichnen, nur angelehnt und mit der Wand verwachſen, kein offener Portikus, keine mächtige Arkade, die den Blick in einen luftigen Hof erlaubt; außer zwei entfernteren und unbedeutenden Seitenthüren iſt die mittlere Hauptpforte nur eine, im Verhältniß mäßig große Thüre, mit der gleichſam durch eine Schlüſſelumdrehung der ganze Gebäudekoloß von außen unzugäng⸗ lich gemacht werden kann, nirgends ein Rückſprung, nirgends eine Verzierung auf dieſer todten Facade, noch ſonſt eine künſtleriſche Laune, die auf die ſchwere Maſſe phantaſtiſches Licht und Schatten wirft: ernſt und feierlich, grau in grau ſteht der Rieſenbau, ganz wie die kalte, unbeugſame Seele Philipps oder das ſtarre Escorial. 73 und öde Herz des Königs, wenn überhaupt eines in ſeinem Bu⸗ ſen ſchlug. Die Anlage des Escorials iſt, weil aus einem Gedanken entſprungen und auf einmal ausgeführt, auch eine vollkommen regelmäßige, ſymmetriſche und contraſtirt weſentlich mit den meiſten derartigen Bauanlagen, die ihr Entſtehen der Länge der Zeit ver⸗ danken und bei denen mannichfach ſich durchkreuzender Wille die urſprüngliche Idee verrückte. Wie der Zweck, dem dieſes Gebäude dienen ſollte, ein gedoppelter, ſo zerfällt auch der Plan in zwei gleiche Hälften; die Achſe geht von Weſten nach Oſten durch den großen Hof und dann durch die gegen denſelben ſich öffnende Kirche, die demnach ihre Rückſeite gegen Oſten und alſo nach Madrid kehrt; nördlich davon liegt der königliche Palaſt, deſſen Zimmer dadurch im Sommer eine herrliche Kühle erhalten, und das Seminar, ſüdlich das Kloſter. Dieſe zwei Seitenpartien bil⸗ den je zwei länglichte Vierecke, doppelt ſo lang als breit, und faſſen die Kirche, an die ſte dicht angebaut ſind und den vor der⸗ ſelben liegenden Hof in ihre Mitte. Der innere freie Raum in den zwei ungeheuren Vierecken des Palaſtes und des Kloſters iſt durch Querbaue, die von Norden nach Süden laufen, je in zwei quadradiſche Hälften getheilt; die Hälfte gegen Süden bildet im Schloß den Ehrenhof, im Kloſter den Kreuzgang oder Patio de los Apoſtoles, die nach Weſten abfallenden Hälften zerfallen aber durch kreuzweiſe Theilung je wieder in vier kleinere Höfe, alle von Bogengängen umgeben, ſo daß im Ganzen elf Höfe entſtehen, zu denen noch mehrere kleine am Zuſammenſtoß der verſchiedenen Flügel kommen, welche theil⸗ weiſe tiefen Ciſternen gleichen, in die nie ein Sonnenſtrahl dringt und die den finſteren Charakter des Innern noch vermehren. Je im Kreuzungspunkt der vier kleinen Höfe erhebt ſich ein hoher Thurm, ſo daß mit den Eckthürmen und den zwei Campanilen vorn an der Kirche ſechs Wächter über die enorme Granitmaſſe hervorragen, über welche die gewaltige Kuppel ſich noch hoch in die Lüfte erhebt. Die Silhouette dieſes Gebäudes iſt trotz der 74 Dreizehntes Kapitel. Einförmigkeit der einzelnen Facaden nichts deſtoweniger eine ſchöne und intereſſante, ſowohl wie ſie ſich von der dicht dahinter aufſtei⸗ genden Gebirgswand abzeichnet, als auch, wenn man dieſe theil⸗ weiſe erſtiegen, ſich vom Himmel abhebt. Der große Hof, Patio de los Reyes, den man nach Ueberſchrei⸗ tung der Schwelle der Hauptpforte betritt, iſt düſter und zu beiden Seiten mit glatten Wänden geſchloſſen, der Portikus der Kirche ge⸗ drückt und ſchwer, man kommt erſt nach und nach zu dem Bewußtſein der enormen Ausdehnung, da die einzelnen Theile ſo maſſenhafte Di⸗ menſionen haben, die vier Königsſtatuen oben an der Kirchenfagade in faſt dreifacher Lebensgröße laſten ſchwer auf den Säulen des Portikus und unwillkürlich geht man gebeugt durch die Kirchen⸗ thür. Der Dom ſelbſt iſt edel und groß gedacht, das Innere in der Form des lateiniſchen Kreuzes wahrhaft majeſtätiſch, aber alle Formen ſind ſchwer, derb und ſtreng gebunden, die rieſigen Granitpfeiler und Bogen haben die Naturfarbe des Steines und nur die Gewölbe ſind mit Fresken, meiſtens von Giordano, ge⸗ ſchmückt. In älteren Reiſebeſchreibungen leſen wir freilich von ungeheuren Koſtbarkeiten, welche Kirche und Kloſter des Escorial enthielten, von einem Tabernakel aus maſſivem Golde, mit Thü⸗ ren von Bergkryſtall, von Altargefäſſen aus feinſtem Achate, ein⸗ geſetzt mit funkelnden Topaſen, von einer Statue des heiligen Lorenzo, aus reinem Silber und fünfzig Mark ſchwer, und von einem Chriſtus aus Silber an ſilbernem Kreuze, deſſen Dornen⸗ krone, Wunden und Nägel aus Rubinen und Brillanten beſtan⸗ den. Alles das iſt mit den Mönchen verſchwunden; nicht als ob die armen Vertriebenen ſelbſt es mitgenommen hätten, ſondern der Escorial wurde zum Beſten des Staates und anderer Gebäude geplündert. So wurde auch der größte Theil ſeiner koſtbaren Ge⸗ mälde nach Madrid gebracht, und ſelbſt das prächtige Glockenſpiel von fünfzig Glocken, die harmoniſch zuſammenklangen, iſt nicht mehr vorhanden. Wenn man aber die ernſten, gewaltigen Formen des Doms betrachtet, ſo vermißt man durchaus nicht den Schmuck von Silber, v Escorial. 75 Gold und Edelſteinen, und vollkommen paſſend erſcheinen uns die noch vorhandenen einfacheren, aber ſchweren Verzierungen von Kupfer und Meſſing. Von dieſen Metallen ſind hier an Gelän⸗ dern, Gittern, Candelabern und Armleuchtern ſo ungeheure Maſ⸗ ſen verſchwendet, daß man nicht begreift, welche Erzgruben im Stande waren, ſie zu liefern. Der Hauptaltar iſt von Jaſpis und Marmor und hat zu beiden Seiten herrliche Gruppen von vergoldeter Bronze, zwei Kaiſer mit ihren Gemahlinnen knieen in Andacht verſunken; über dem Eingang der Kirche, gleichſam als eine Empore, liegt der hohe prächtige Chor voll akuſtiſcher Wirkung mit ſeinem berühmten Kronleuchter von Bergkryſtall, der von einem ſehr ſchlechten Deckengemälde herabhängt. Unter demſelben befindet ſich ein kleines mechaniſches Kunſtwerk; der drehbare Pult nämlich, auf welchem die rieſenhaften Chor⸗ bücher liegen, hat eine enorme Schwere, und läßt ſich nichts⸗ deſtoweniger mit einem einzigen Finger ſpielend herumdrehen. Die Chorſtühle, zahlreich genug, um ein paar hundert Mönche aufzunehmen, ſind aus koſtbaren Holzarten aber ſehr einfach geformt, hier zeigt man auch den Sitz, welchen König Phi⸗ lipp II. einzunehmen pflegte; er befindet ſich ganz hinten in der Ecke, ſcheinbar aus Beſcheidenheit und Demuth ſo gewählt; wenn man ſich aber dort hinſetzt, was wir nicht unterließen, ſo begreift man gleich, daß der umſichtige König auch noch einen anderen Zweck bei der Wahl dieſes Platzes hatte, denn von dort aus konnte er nicht bloß den ganzen Chor, ſondern auch den größ⸗ ten Theil der Kirche überſehen. Dicht neben dieſem Stuhle be⸗ findet ſich eine kleine Thüre, durch welche Philipp erſchien, und hier war es, wo der Abgeſandte Don Juan d'Auſtrias ſich er⸗ laubte, während des Gottesdienſtes einzutreten, um dem König die wichtige Nachricht von der gewonnenen Schlacht von Lepanto zu melden. Der König aber, der dieſer Botſchaft wohl mit der größten Spannung entgegen harrte, unterbrach die erſten Worte der Meldung finſter und ernſt, indem er ſagte:„Höre zuerſt die Meſſe und dann ſprich.“ Dreizehntes Kapitel. Ebenerwähnte kleine Thüre führt zu der, genau über dem Kirchenportal im Rücken des hohen Chors gelegenen kleinen Privat⸗ kapelle des Königs, wo ſich der berühmte Chriſtus von Benvenuto Cellini in weißem Marmor befindet. Doch fanden wir hier, wie auch bei den andern größeren Werken des großen Goldſchmiedes, die wir geſehen, daß die Muskulatur des Körpers gar zu ängſtlich und ſorgfältig ausgeführt iſt, der Kopf, obgleich von ſehr edlem und ſchönem Ausdruck, dagegen zu flach und unbedeutend gehalten erſcheint. Auch dieſes Kunſtwerk ſollte ſeiner Zeit nach Paris wandern, und da die Kiſte zu klein gerathen war, ſchlug man ihm beide Arme ab, die ſich ſpäter glücklicherweiſe in einem Winkel wieder vorfanden. Die Königswohnung im Kloſter liegt, wie ſchon bemerkt, gegen Madrid zu; im erſten Stocke wohnten ſeiner Zeit die Infan⸗ ten Karlos und Sebaſtian, im zweiten Stocke der König und die Königin; alle Zimmer ſind hier auffallend klein, ſelbſt die Em⸗ pfang⸗ und Speiſeſäle unbedeutend und dazu noch mit geringem Comfort eingerichtet. Bemerkenswerth allein ſind die Wandbe⸗ kleidungen, meiſtens gewobene Seidentapeten von herrlicher Zeich⸗ nung und einer Friſche der Farben, als ſeien ſie erſt heute ange⸗ fertigt; nur die vier Zimmer des Königs ſind ſtatt mit dieſen Seidenſtoffen mit eingelegtem edlem Holz in reichſter Abwechs⸗ lung und prachtvoller Politur bekleidet. An größern Räumlichkei⸗ ten iſt hier ſehenswerth die Bibliothek des Kloſters, eine geſchmack⸗ voll verzierte Halle, welche mit ihren Schätzen recht gut unterhalten zu werden ſcheint; von den Büchern ſind die meiſten in rothes, marokkaniſches Leder gebunden und haben das Eigenthümliche, daß ihre Titel auf dem Goldſchnitte, der nach außen gekehrt iſt, zu leſen ſind. Es ſollen noch vierundzwanzigtauſend Bände vorhanden ſein, ſowie viertauſend Handſchriften und unter dieſen viele koſt⸗ bare arabiſche Manuſcripte, deren wahrſcheinlich ſehr intereſſanten Inhalt man entweder gar nicht, oder doch nur ſehr ungenügend kennt. Ein breiter Corridor in der Nähe der Königswohnung mit gewölbter Decke, die Wände mit ſehr ſchönen Fresken bedeckt, Escorial. 77 heißt der Schlachtenſaal, man ſieht dort aus der Maurenzeit einen Sturm auf die Alhambra, Darſtellungen aus der Erobe⸗ rung St. Quentins und die Schlachten von Lepanto und von Pavia. Obgleich man, wie ſchon früher bemerkt, die ſchönſten Oel⸗ bilder von San Lorenzo nach Madrid in das königliche Muſeum gebracht, und obgleich auch während der Franzoſenzeit viele werth⸗ volle Stücke verloren gegangen ſind, ſo befinden ſich doch noch in den Gängen und Zimmern des Escorial wohl an ſechshundert Bilder, unter denen gewiß zwei Drittel Werke von großen Mei⸗ ſtern, Spaniern, Niederländern und Deutſchen, unter letzteren namentlich von Albrecht Dürer. Daß wir, ſelbſt beim Beſchauen dieſer Gegenſtände von hohem Intereſſe, auch unſerem blinden Führer häufig die Blicke zuwandten, wird man gewiß begreiflich finden; er führte aber auch ſein Amt mit einer ſtaunenerregenden Sicherheit. Während er beim Vorwärtsſchreiten die rechte Hand auf die Schulter ſeiner kleinen Enkelin hielt, hatte er in der linken einen langen Stab, auf den er ſich im Gehen ſtützte und ihn nur zuweilen taſtend vor ſich hin ſtreckte. Kaum waren wir in das Kloſter eingetreten, ſo fing er auch ſogleich ſeine Erklärungen an, nannte uns die Zahl der Säulen, der Treppenſtufen und dergleichen, wobei er nicht unterließ bald hierhin, bald dorthin zu zeigen und uns auf die Schönheit dieſer oder jener Ausführung aufmerkſam zu machen. In der That höchſt merkwürdig war es aber, als er uns die Deckengemälde über der großen Haupttreppe, die am Apoſtelhofe liegt, erklärte. Schon als wir hinaufſtiegen, ſagte er:„Wenn Sie in die Höhe blicken, ſo werden Sie aus dem berühmten Bilde des Giordano die und die ſchöne Gruppe vor ſich ſehen; bemerken Sie dieß und das, es ſind die ſchönſten Stellen im Bild.“ Oben angekommen erklärte er uns nun jedes Einzelne nach ſeinen Haupt⸗ und Nebengruppen, indem er mit ſeinem Stocke darauf hinwies und oftmals einer einzelnen hervorragenden Perſon nicht vergaß; ich muß geſtehen, daß wir den Verſuch machten, ihn irre zu führen, weil man uns verſichert hatte, das ſei unmöglich, ſo genau habe Dreizehntes Kapitel. er Lokalitäten und alle Sehenswürdigkeiten ſeinem Gedächtniß ein⸗ geprägt. Und ſo war es auch. Ich ſtand neben ihm, er hatte mir das Bild vor uns erklärt, worauf ich mit einemmal von dem Gemälde ſprach, welches hinter uns lag und er mir alsbald er⸗ wiederte:„Ah, Sie meinen das in unſerem Rücken! dort iſt die Figur, von der Sie reden.“ Damit wandte er ſich um, und ſo ward es uns leicht, ihn durch Bemerkungen zu veranlaſſen, ſich häufig ganz herumzudrehen, worauf er denn zuletzt ohne Hülfe wei⸗ ter ſchritt den langen Corridor hinab, bei mehreren unbedeutenden Gemälden vorbei und endlich mit der größten Sicherheit vor einem ſtehen blieb, das er uns ebenfalls erklärte. Ebenſo auffallend war die Genauigkeit, mit welcher er uns den engen Weg zur Kuppel hinaufführte; Treppen und Gänge dahin ſind anfänglich in die granitnen Mauern der Kirche gehauen oder vielmehr beim Bauen ausgeſpart und oft ſo eng, daß Einer hinter dem Anderen gehen muß. In der Höhe der Gewölbebogen führt dieſer Gang rings um das Langhaus, die Kreuzarme und den Chor herum und iſt in ſchwindelnder Höhe zu oberſt über den Retabel des Hoch⸗ altars weggeführt, wo uns der blinde Führer an den Gewändern der hochſtehenden Bronzeſtatuen vorbei und durch die herabhän⸗ genden Zipfel ihrer Mäntel ſchlüpfen ließ. Häufig kann man auf dieſem Wege einen Blick in die Kirche werfen, und bei jeder dieſer Stellen blieb unſer Führer ſtehen, wandte ſeine ſtarren, glanzloſen Augen in den weiten Raum hinab und konnte zum Beiſpiel ſagen:„Wenn Sie rechts bei dem Pfeiler, der gerade vor Ihnen ſteht, vorbei ſehen, ſo haben Sie einen hübſchen Blick auf den prächtigen Kronleuchter von Bergkryſtall, welcher von hier ſo ganz eigenthümlich funkelt.“ Aufwärts zur Kuppel führt eine bequeme Treppe durch einen der rieſenhaften Pfeiler des majeſtätiſchen Unterbaues, doch gelangt man über ſie nur bis zu dem mit Blei gedeckten Kranze, der den Fuß der Kuppel umgibt. Ueberraſcht hat uns die eiſerne Conſequenz in dieſem Bauwerke, auch bei der Bedeckung der Kuppel, welche nicht etwa aus Kupfer oder Blei Escorial. 79 beſteht, ſondern die gekrümmte Fläche iſt ebenfalls aus mächtigen Granitquadern zuſammengefügt, in die zum Weiterhinaufſteigen von außen Stufen gehauen ſind. Iſt dieſe Erſteigung bei ge⸗ wöhnlichem Wetter ſchon ziemlich gefährlich, ſo wäre es heut bei ſtarkem Glatteiſe, welches den Bleiboden, die Eiſenſtangen des Geländers, ja ſelbſt die rauhen Granitquadern mit einer ſpiegel⸗ glatten Kruſte überzog, ein Wahnſinn geweſen, höher hinaufzu⸗ klettern, um ſo mehr, da die Ausſicht hier oben nicht beſonders belohnend iſt; man ſieht gegen Norden dicht vor ſich den Ge⸗ birgszug des Guadarrama, auf dieſer Stelle faſt ohne alle Vege⸗ tation, jetzt einigermaßen belebt durch lange Schneeſtreifen in Vertiefungen und Schluchten, durch welche die zackigen und zer⸗ klüfteten Felspartien noch ſchärfer hervortraten. Gegen Süden und Oſten haben wir vor uns das grün bewachſene Thal bis an den Fuß des Hügels, auf dem der Escorial liegt, hinter dieſem dehnt ſich dagegen weit die langweilige und öde Hochebene aus, heut mit trübſeligen Wolken und Nebelmaſſen bedeckt, die langſam über ſie dahin ziehen und uns nur ahnen laſſen, wo Madrid liegt. Intereſſant dagegen iſt von hier oben der Anblick über die gewaltigen, durch Menſchenhände zuſammengetragenen Granit⸗ maſſen zu unſeren Füßen, dieſe unendlichen Häuſerreihen, die unzähligen Höfe, die langen Fronten, welche zuſammen das Kloſter bilden. Hierbei kann man ſich auch mit einiger Phantaſie in die Idee des Erbauers finden, welche dem Hauptplan zu Grunde lie⸗ gen ſoll. Er, welcher ſich ſo gern an Martern und Märtyrern ergötzte, wollte dieſem Hauſe, welches San Lorenzo gewidmet war, die Geſtalt des Roſtes geben, auf welchem der römiſche Kaiſer Valerian im dritten Jahrhundert den Heiligen bei lang⸗ ſamem Feuer lebendig braten ließ. Die vier Thürme an den vier Ecken des Quadrats könnten die Beine des Roſtes vorſtellen, die Häuſerreihen mit den zuſammenhängenden Dächern, welche ſich alle in rechtem Winkel durchſchneiden, die Eiſenſtangen, und die Höfe dazwiſchen die Oeffnungen, durch welche die Flammen emporſchlugen. Mag nun die eben angeführte Idee bei dem Bau dieſes Klo⸗ Dreizehntes Kapitel. ſters zu Grunde gelegen haben oder nicht, ſo viel iſt gewiß, daß es den Beſuchern kalt und unheimlich entgegenweht aus dieſen Steinmaſſen, welchen der finſtere Geiſt, der ſie zu einem Gebäude zuſammen tragen ließ, ſeinen kenntlichen Stempel aufdrückte. Schwermüthig wie Kerkerhallen ſind dieſe Räume, und ich bin überzeugt, der friſcheſte, geſundeſte Lebensmuth müßte hier zu Grunde gehen. Traurig tönte der Wiederhall unſerer Schritte durch dieſe endloſen, leeren Gänge, und wenn man beim Betrach⸗ ten eines Bildes zufällig einmal allein zurückblieb, ſo konnte man erſchrecken über die Todtenſtille, die uns dann plötzlich umgab. Unheimlich erſcheinen dieſe endloſen Corridors, dieſe gewaltigen Treppen, geräumig genug für Hunderte von Perſonen, jetzt nur bedeckt mit dem Staube, der ſich langſam auf den grauen Granit⸗ ſtufen anſetzt. Eine einigermaßen freundliche Partie finden wir auf der Südſeite. Dort iſt eine von Säulen getragene Halle auf einer Terraſſe erbaut, früher ein Aufenthalt für alte und kranke Mönche, die ſich vielleicht zu einem Spaziergange in den weiten Gärten des Kloſters nicht kräftig genug fühlten; doch ſieht man hier die Parkanlagen vor ſich, dicht unter der Terraſſe Gär⸗ ten im alt italieniſchen Geſchmack mit geraden geſchorenen Hecken, die Wege mit Steinplatten bedeckt und die Beete mit niederem Burbaum verziert, der zu allerlei ſeltſam verſchnörkelten und phantaſtiſchen Zeichnungen zuſammen gepflanzt iſt. Heute ſahen dieſe Beete eigenthümlich aus, denn auf den Blättern der Buchs⸗ ſträucher war der Schnee liegen geblieben und ſo traten all die Zeich⸗ nungen weiß auf dem grauen Grunde der Steinplatten ausdrucks⸗ voll hervor. Hinter dieſen Gärten beginnt der Park, man ſieht hohe Bäume, Wieſen, Teiche und kleine Baſſins mit Springbrunnen. Unterdeſſen war es ſpät geworden und der trübe, nebelige Tag brachte ſo frühzeitig Dämmerung und Abend, daß wir nicht daran denken konnten, noch länger bei den verſchiedenen Sehens⸗ würdigkeiten im Kloſter zu verweilen, wir ſchritten noch einmal durch die weite Kirche und ſahen uns die Vorbereitungen an, welche zum Empfang der Leiche der Infantin getroffen waren. Escorial. 81 In der Mitte des Hauptſchiffes hatte man auf dem Boden eine Eſtrade errichtet, über welcher eine rothe Sammtdecke lag; darauf ſtand ein kleiner Tiſch oder beſſer geſagt, ein Gerüſt, das gerade ſo ausſah, nur war es auf allen Seiten mit weißem, ſtlbergeſticktem Atlas überzogen. Oben darüber lag eine kleinere Decke, ebenfalls von rothem Sammt mit dem königlichen Wappen und goldenen Franſen. Die Kirchendiener waren beſchäftigt, rieſenhafte Bronzecandelaber mit Wachslichtern zu beſtecken oder Wachsfackeln von merkwürdiger Dicke um die Eſtrade aufzuſtellen, während zahlreiche Chorknaben ſich die Langeweile mit Spielen vertrieben, welche gerade nicht beſonders zur Heiligkeit des Ortes paßten. Es war fünf Uhr Nachmittags, und der Berechnung nach konnte der Zug mit der Leiche der Prinzeſſin gegen ſieben eintreffen. Wäre Escorial eine volkreiche Stadt, ſo würden wahr⸗ ſcheinlich jetzt ſchon die Höfe des Kloſters und der große Platz vor demſelben mit einer zahlloſen Menſchenmenge bedeckt geweſen ſein; da das Städtchen aber nicht viele Einwohner aufzuweiſen hat, ſich auch das Wetter für einen ſpaniſchen Geſchmack höchſt unange⸗ nehm anließ,— der Nebel beeilte ſich nämlich ſo ſehr auf die Erde herabzukommen, daß er ſich dabei in einen feinen Sprüh⸗ regen verwandelte, kalt und durchdringend,— ſo lag der Platz öde und leer, in der Entfernung ſah man vielleicht einen Schatten vorbeihuſchen, und im ſchnellen Trabe kam ein dem Zuge vor⸗ ausgeſchickter Reiter um die Ecke, feſt in ſeinen weißen Mantel gewickelt. Unſer kleiner Salon in der Fonda, obgleich immer noch recht kühl, hatte doch durch fortgeſetzte Braſſeroerwärmung, durch angezündete Lichter und die Zubereitungen unſeres beſcheidenen Diners ein wohnlicheres Anſehen erhalten. Wir verabſchiedeten unſeren Blinden, der uns verſprach, morgen früh wieder zu kom⸗ men, und ſetzten uns zu Tiſche. Schon in Madrid hatte man den kleinen Gaſthof als den beſten in Escorial bezeichnet und uns dabei aufmerkſam gemacht, wir möchten nicht vergeſſen, uns die Tochter des Wirthes recht zu betrachten, ein Mädchen, ſelbſt nach Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 6 Preizehntes Kapitel. ſpaniſchen Begriffen von vollendeter Schönheit. Und dieß Lob war nicht übertrieben; wir hatten das Glück, bei Tiſche von ihr bedient zu werden, und ſie that das gewiß nicht ohne Abſicht, denn da wir beſtändig nur auf ihre ſchönen, glänzenden Augen, auf ihren lachenden Mund mit den friſchen Lippen und weißen Zähnen ſahen, ſo vergaßen wir es, dem Diner unſere volle Auf⸗ merkſamkeit zuzuwenden und fanden erſt nachher, daß daſſelbe ſehr mittelmäßig geweſen und uns von dem klugen Wirthe ver⸗ mittelſt der in der That unvergleichlichen Schönheit ſeiner Tochter eingeſchmeichelt worden ſei. Wie gewöhnlich mußte uns eine vor⸗ treffliche ſchwarze und heiße Chokolade entſchädigen, und kaum hatten wir dieſe beſeitigt, ſo fingen die Glocken des Kloſters drunten an zu läuten. Kanonenſchüſſe in regelmäßigen Pauſen ſchlugen an unſer Fenſter, daß die ſchlecht eingefaßten Gläſer klirrten, und Stimmen auf der Straße riefen: ſie kommen! ſie kommen! Wir nahmen unſere Mäntel über, traten vor das Haus und ſchloßen uns einigen Vorübereilenden an, in deren Beglei⸗ tung wir nach kurzer Zeit das Kloſter erreichten. Es war eine finſtere, unfreundliche Nacht; der anhaltende Regen hatte frei⸗ lich aufgehört, doch fielen noch hie und da einzelne ſchwere Tropfen hernieder, himmliſche Thränen, recht paſſend zu der Feierlichkeit, die hier vor ſich gehen ſollte. Ein friſcher Wind jagte den Nebel über den Platz daher uns kältend in das Geſicht, und hüllte alles dergeſtalt in ſeine grauen Schleier, daß man nur wenige Schritte deutlich vor ſich ſehen konnte. Hier unten hatte ſich die Scene bedeutend geändert; Infanterie war aufgeſtellt worden und bildete vom Hauptportal an ein Spalier um das Kloſter herum bis an den Abhang hin, auf dem der Escorial liegt, und bis zur Straße, auf welcher auch wir herauf gefahren. Sonſt waren bis jetzt noch nicht viele Zuſchauer zur Feierlichkeit gekommen und die wenigen, welche da waren, verſchwanden auf dem weiten Platz und zwiſchen den koloſſalen Säulen des Eingangs. Hier befanden ſich Wachs⸗ fackeln, die vor dem Zugwinde kaum ihr Licht erhalten konnten, Escorial. 83 weßhalb der Schein derſelben unruhig hin und her zuckte, jetzt zuſammen ſank und der andringenden Nacht ihr Recht einräumte, jetzt wieder hoch empor flackerte, das gewaltige Granitgewölbe über uns auf Augenblicke hell erleuchtend. Auch in dem Portikus vor der Kirche am gegenüberſtehenden Ende des Patio de los Reyes brannten Fackeln, den großen Raum ſpärlich erhellend, während dahinter die Thüren in den Dom weit offen ſtanden, aus denen reiches Licht hervorſtrahlte, zu dem ſich das Auge gern wandte, namentlich gegen den flimmernden Glanz der hunderte von Wachs⸗ kerzen vor dem Chor und im Schiffe, welches aus dem Dunkel geſehen, eingerahmt von dem Bogen der gewaltigen Thüre, wie ein Weihnachtsbaum mit unzähligen Lichtchen ausſah. So freund⸗ lich dieſer Anblick in der That war, ſo ernſt und düſter erſchien der des Platzes draußen; Pechpfannen brannten rings um die gewaltige Steinmaſſe des Kloſters und warfen ihren dunkelrothen Schein an den grauen Mauern empor, ſpiegelten ſich in den zahl⸗ loſen Fenſtern und verſuchten es vergeblich, der Nebelmaſſen Herr zu werden, die wie ein böſer Feind rings umher lagerten, gewalt⸗ ſam näher drängten, und wenn ſie auch von dem brennenden Pech hie und da ein röthliches Licht annahmen, doch den Schein deſſel⸗ ben ſo eng umſchloſſen hielten, daß dem Soldatenſpalier wenig davon zu gute kam; nur bei denen, welche am nächſten ſtanden, bemerkte man das Blitzen eines Gewehrlaufes, eines Säbels; gleich den Nebenmann ſah man nur noch in dunklen Umriſſen, deſſen Nachbar war ſchon ganz ſchattenhaft und die Uebrigen nicht mehr zu erkennen. Wir ſchritten um das Kloſter herum gegen das Ende des Soldatenſpaliers, und noch ehe wir dieſes erreicht hatten, ſahen wir den Leichenzug vor uns aus der Tiefe emporſteigen, in dieſen Umgebungen bei der geſchilderten Nacht und Beleuchtung ſchauer⸗ lich prächtig. Zuerſt war es, als wenn vor uns in der Tiefe die Nebel leuchtend würden, dann dunkelroth und ſich zuletzt in eine glühende Lohe verwandelten, die immer höher und höher ſtieg. Wir vernahmen die ernſten, feierlichen Klänge der begleitenden 6 Dreizehntes Kapitel. Trauermuſik, den tiefen und geheimnißvoll tönenden Geſang der Geiſtlichkeit, welche dem Sarge vorausſchritt, ſowie zuweilen das dumpfe Wirbeln der Trommeln; dabei wurde der Nebel vor uns immer heller und heller, die gewaltigen Maſſen deſſelben, welche ſich im Thale gelagert hatten, ſchienen langſam aufzuſteigen, ſich dem Leichenzuge der Prinzeſſin anzuſchließen, und qualmten bis hoch an den Himmel empor. Jetzt ſahen wir Lichter hindurch ſchimmern, helle und dunkelrothe Flämmchen von den Wachs⸗ kerzen und den Pechfackeln; ein Gewimmel ſchattenhafter Geſtal⸗ ten hatte die Höhe erreicht, über ihnen empor glänzte ein goldenes Kreuz, welches zuerſt deutlich ſichtbar wurde, dann vernahm man plötzlich das Klappern der Hufe auf dem Pflaſter, das dumpfe Rollen der Räder; das Commandowort zum Präſentiren des Gewehrs erſcholl durch die Reihen der Soldaten, und eine Muſik⸗ bande, die am Hauptportale aufgeſtellt war, ſpielte den könig⸗ lichen Marſch. In langſamem Schritte zog der Leichencondukt bei uns vor⸗ über, voraus ein Piket der berittenen Leibwache der Königin, zwei Trompeter, an ihren Inſtrumenten lang herabhängend das mit Flor umhüllte ſpaniſche Wappen, ihnen folgte der Oberſt⸗ ſtallmeiſterſtab Ihrer Majeſtät, auf Pferden in reicher Zäumung mit Wappenſchildern einen Reiter umgebend, der die Standarte des königlichen Hauſes trug. Darnach erſchien hohe und niedere Geiſtlichkeit, die Biſchöfe von La Granja und San Ildefonſo, welche die Leiche am Weichbilde des Escorial erwartet; ihnen voraus ſchritt ein Ehrenkaplan mit dem großen goldenen Kreuze der königlichen Kapelle von Madrid, hierauf kam ein Muſikchor, Sänger und zahlreiche Dienerſchaft des königlichen Hauſes. Jetzt bemerkten wir ſchon von Weitem den weißen mit Roſen umwun⸗ denen Wagen, auf dem die Prinzeſſin lag; er bildete eine eigene reiche Gruppe in dem großen Zuge. Derſelben voran ritt aber⸗ mals ein Piket Garde du Corps, ihnen folgten Kammerherren und Edelleute des königlichen Hauſes, der Oberſthofmeiſter du jour zu Pferde mit dem Amtsſtabe, gefolgt von zwei berittenen Leib⸗ ien uze vor, getzt un⸗ gene ber⸗ rren jour Escorial. 85 wachen Ihrer Majeſtät. Unmittelbar vor dem weißen Wagen ritt der Großſtallmeiſter des Königreichs, zu beiden Seiten zwei Ober⸗ ſtallmeiſter mit Wachsfackeln; die goldenen Schnüre der Decke, unter welcher die Infantin lag, wurden von vier Kammerherren gehalten, und hinter jedem derſelben gingen zwei Lakaien mit brennenden Wachskerzen in den Händen. Dem Wagen folgte der Oberſtkammerherr Ihrer Majeſtät, der Marquis de Los Llamos, welchem die Ausführung der Funktion übertragen war; er hatte an ſeiner Seite den Erzbiſchof von Seleucia; hinter ihm ritt wie⸗ der ein Piket der königlichen Garden, ihnen folgten die Staats⸗ wagen der Königin, der Oberſt der Garde du Corps mit vier königlichen Stallmeiſtern, ſowie ein Oberſt der Cavallerie, wel⸗ cher Deputationen aller der Waffengattungen führte, die ſich in Madrid befanden. So zogen ſie an uns vorüber, und der feierliche, wirklich ergreifende Anblick, den der Leichencondukt gewährte, iſt nicht mit Worten zu ſchildern. Die finſtere Nacht, der wallende Nebel, Trauermuſik, Trommelwirbel und die Salven der Artillerie, alles trug dazu bei, dieſen Anblick großartig und mir unver gßlich zu machen. Wie prächtig wurden die einzelnen Gruppen von den rothen Streiflichtern der Fackeln beleuchtet, wie funkelte im Schein derſelben die glänzende Schirrung der Pferde, die reichen Sticke⸗ reien der Reiter, die blanken Helme der Gardes du Corps! Dieſe hatten ihre weißen Mäntel von dem rechten Arme zurückgeworfen und hielten den breiten Pallaſch geſenkt in der Hand. Vor dem Hauptportal hielt der Leichenwagen, wo ſich be⸗ reits Edelleute des königlichen Hauſes befanden, ſowie das Ayun⸗ tamiento von Escorial, um den Körper der Infantin in Empfang zu nehmen. Zwei Oberſtallmeiſter hoben den kleinen Sarg vom Wagen herab und übergaben ihn vier Kammerherren, welche ihn in die Vorhalle trugen und auf eine Erhöhung ſtellten, die man dort aufgerichtet hatte. Es war ein feierlicher Moment, als nun aus der geöffneten Kirchenthüre die Klänge der Orgel hervor⸗ drangen und unter derſelben die Geiſtlichkeit der königlichen Dreizehntes Kapitel. Kapelle des Escorial erſchien und ſich in Prozeſſion langſam vor⸗ wärts bewegte über den dunkleren Hof der Könige nach der jetzt hell erleuchteten Vorhalle. In ihren reichen, gold⸗ und ſilber⸗ geſtickten Gewändern ſchritten die Prieſter bei Kerzenſchimmer und Fackelſchein unter Vortragung des großen, goldenen Kreuzes der Kirche über die Stufen herab, gefolgt von ihren Kaplanen, Vikaren und rothgekleideten Chorknaben, welche theils die Schleppen der lan⸗ gen Gewänder trugen, theils die goldenen Rauchfäſſer ſchwangen. Nachdem ſich beide Züge um den Sarg der Prinzeſſin grup⸗ trat der Kaplan und Secretär des Patriarchen der beiden vor und las mit lauter Stimme den Befehl Ihrer Majeſtät ter dem erſten Geiſt⸗ pirt, Indien der Königin, wornach die Leiche ihrer Toch lichen der Kirche San Lorenzo, welche früher ein Kloſter geweſen, jetzt aber zum Range einer königlichen Kapelle erhoben worden ſei, übergeben werden ſolle, damit derſelbe nach hergebrachter Ordnung für die Beiſetzung Sorge trage. Ein Archivar der Krone verlas hierauf eine Verordnung des Königs Philipp IV., die Beiſetzung der Mitglieder des königlichen Hauſes betreffend. Dann näherte ſich der erſte Geiſtliche des Escorial dem Sarge und fragte den Oberſtkammerherrn Ihrer Majeſtät, ob er von der Königin beauftragt ſei, den Körper der Infantin zu über⸗ bringen, was dieſer mit einem lauten Ja beantwortete. Vor dem Kammerherrn wurde nun die rothe Decke abgehoben, der äußere Sarg geöffnet, in welchem ſich ein zweiter von Blei befand, der eine mit Kryſtall verſchloſſene Oeffnung hatte, durch welche man den Kopf der Infantin ſehen konnte. Der Oberſtſtallmeiſter und der Oberſtkammerherr traten näher, betrachteten einen Augenblick das kleine bleiche Geſicht und verkündeten den Umſtehenden laut und feierlich, es ſei dieß in der That der Leichnam Ihrer könig⸗ lichen Hoheit, den ſte im Schloſſe von Madrid übernommen. Der erſte Geiſtliche von San Lorenzo, von ſeinem Diakonus und Sub⸗ diakonus aſſiſtirt, ſprach nun den Segen über die Todte, be⸗ ſprengte ſie mit geweihtem Waſſer, worauf ſich beide Gefolge vereinigten und unter Voraustragung der zwei Kreuze den Sarg Escorial. 87 in die Kirche begleiteten, den vier Stallmeiſter emporhoben und ſpäter vor dem Hochaltar auf der ſchon oben erwähnten Eſtrade niederließen. Es iſt auffallend, wie oft bei der Beiſetzung eines Mitglieds der königlichen Familie die Identität der Verſtorbenen beſtätigt werden muß. Gleich nach dem Tode der kleinen Prinzeſſin wurde dieſe in dem Schlafzimmer, wo ſie verſtorben, der erſten Staats⸗ dame der Königin und Erzieherin der Prinzeſſin von Aſturien übergeben, welche die kleine Leiche in einen der Säle bringen ließ, ſich ihr zu Häupten ſetzte und warten mußte, bis der Miniſter des Hauſes und der erſte Notar des Königreichs erſchienen, denen ſie feierlich bezeugte, ſie ſei beim Tode der Prinzeſſin zugegen geweſen und habe den Körper derſelben keinen Augenblick verlaſſen, worüber der Großnotar folgenden Akt aufnahm:„Ich bezeuge und beſtä⸗ tige, daß Ihre königliche Hoheit im königlichen Palaſt eines natür⸗ lichen Todes ſtarb; zu Erfüllung meines Amtes eilte ich an ihrem Todestage in der Frühe herbei, trat in einen der Säle des Palaſtes und ſah die Leiche Ihrer königlichen Hoheit, das Geſicht gärzlich enthüllt; ſie war bekleidet mit einem weißen Battiſtkleide, reich geſtickt und mit dem königlichen Wappen eingefaßt; ſie lag auf ſeidenen Kiſſen in einer großen Platte von Silber.“ So oft nun ein neuer Beamter, der bei der Beerdigung zu thun hat, erſcheint, ſpricht er in einem Protokoll aus, daß er ſich von der Identität überzeugt habe. Die Kammer⸗ herren, welche bei Schließung des Sargs gegenwärtig ſind, thun daſſelbe, ebenſo die Hausbeamten, welche ihn in die könig⸗ liche Kapelle tragen, und hier nicht minder der Patriarch der beiden Indien nach ſorgfältiger Betrachtung der Todten. Ja, ehe man ihn auf den Wagen ſetzt, wird der Sarg nochmals geöffnet, und das Gleiche ſahen wir in der Vorhalle von San Lorenzo. Unterdeſſen war der Zug in der Kirche verſchwunden, und während dem hatten die Geſchütze eine neue Salve gegeben, die Glocken läuteten, draußen ſpielte das Muſikchor fort und fort den königlichen Marſch, und nur zuweilen, wenn eine kleine Preizehntes Kapitel. Pauſe eintrat, hörte man die gewaltigen Töne der Orgel der V Kirche. Doch nur kurze Zeit noch dauerten dieſe lärmenden V Ehrenbezeugungen. Der letzte Schuß verhallte in den Bergen, das Muſtkchor ſchwieg, die Soldaten traten zuſammen und mar⸗ ſchirten in ihre Quartiere. Wir gingen in die Kirche, wo das ganze glänzende Gefolge um den Sarg gruppirt ſtand und einem feierlichen Todtenamte anwohnte. Den Katafalk umgaben große Blumentöpfe mit künſtlichen Blumen, zur Rechten und zur Linken brannten acht Fackeln von weißem Wachs, und am Fußende vor dem Hochaltar ſtand der große Bronzecandelaber, deſſen man ſich nur bei Begräbniſſen eines Mitglieds der königlichen Familie be⸗ dient, mit ſeinen neun Büſcheln angezündeter Wachskerzen. Wie dröhnten ſo gewaltig die tiefen Töne der Orgel durch die weiten Räume der Kirche und wie klangen dazwiſchen ſo beruhigend die Stimmen der Sänger, als ſie den Pſalm anſtimmten: sit nomen Domini benedictum! Daß bei dieſem Amte von Seiten des Gefolges gerade außerordentliche Andacht geherrſcht hätte, will ich eben nicht be⸗ haupten, fand es auch ſehr begreiflich, daß ſich die Herrn vom Hofe nach dem anſtrengenden Tagewerk aus der kalten Kirche hinweg in ihre warmen Zimmer ſehnten. Wußten ſie doch, daß in der ehemaligen Wohnung König Philipp's II. für ihr Unter⸗ kommen beſtens geſorgt ſei; waren doch ſchon im Lauf des Tages große Fourgons und Küchenwagen angefahren, und hatten wir doch ſelbſt geſehen, wie die ungeheure Kloſterküche, die ſeit langer, langer Zeit ſo geſpenſterhaft öde gelegen, ſich jetzt auf einmal aufs Angenehmſte bevölkerte. Die alten Oefen ſeufzten behag⸗ lich, als nun endlich ihr Inneres einmal wieder erwärmt wurde, und die Bratenwender, an denen lange Zeit die Spinnen unge⸗ ſtört ihre Neſter aufgehängt, ſchienen ohne Hülfe laufen zu wollen, als ſie die vielen weißen Schürzen und Mützen erblickten, die das weite Gemach ſo lebendig machten. Bald verſchwand denn auch aus der Kirche die Pracht und Herrlichkeit des glänzenden Zuges und bei ſpärlicher Beleuchtung AuN— 1 b— ⁸— ⸗ te Escorial. 89 lag der kleine Sarg ſo unbedeutend unter dem gewaltigen Bogen des Kirchenſchiffes. Schwarze Schatten drangen aus den Neben⸗ kapellen und von dem hohen dunklen Chore herab, ſie ſchienen ſich ebenfalls neugierig das arme kleine Königskind betrachten zu wollen, das hier nun ſo einſam und verlaſſen lag, verlaſſen wenigſtens von dem geräuſchvollen Leben, das vorhin hier ge⸗ herrſcht, denn die zwei Unterſtallmeiſter und zwei Gardes du Corps, die ſich an den Ecken der Eſtrade befanden und abwech⸗ ſelnd mit ihren Kameraden hier die Nachtwache hielten, ſie wur⸗ den alle Viertelſtunden abgelöst, ſtanden ſo ſtill und ruhig, daß man ſie ebenfalls für leblos hätte halten können. Zur offenen Kirchenthüre herein wogte der Nebel, und als ich langſam durch ſeine dichten Maſſen ins Freie trat, bemerkte ich, daß er ſich endlich tief niedergelaſſen hatte und daß helle Sterne am klaren Himmel freundlich blinkten auf die rieſenhaften Steinmaſſen des Kloſters, auf den weiten, dunkeln Platz und auf das faſt aus⸗ gebrannte und verglimmende Feuer in den Pechpfannen. Mit einem tüchtigen Punſche, in deſſen Anfertigung die ſpaniſchen Wirthsleute ſelbſt der kleineren Gaſthöfe ſehr erfahren ſind, ſuchten wir die Erkältung zu vertreiben, die wir uns bei dem ſtundenlangen Verweilen auf dem naſſen und froſtigen Platze, ſowie in der kalten Kirche unzweifelhaft geholt, unterhielten uns dabei noch eine Zeitlang über das heute Geſehene, wobei Einer des Anderen Gedächtniß auffriſchte, und gingen darauf zu Bette, um einen guten Schlaf zu thun. Es war heller Morgen, als mich die Glockenklänge aufweck⸗ ten; ich hatte von der geſtern erlebten Ceremonie geträumt und noch heute früh beim Erwachen kam mir unſere ganze Reiſe wie ein Traum vor und es ſchien mir kaum möglich zu ſein, als einer der Reiſegefährten ausrief:„dort läuten ſchon die Glocken im Escorial.“ Und es war doch ſo. Die Einwohner des Städt⸗ chens, Fremde aus Madrid und das Militär der Escorte ſtrömte bereits nach der Kirche, in der ein feierliches Seelenamt abge⸗ halten wurde, welches der Erzbiſchof von Seleucia celebrirte unter Dreizehntes Kapitel. Aſſiſtenz der Prälaten von La Granja, San Ildefonſo und der Kaplane der vereinigten königlichen Kapellen. Die Sänger der Kapelle von Madrid ſangen hierzu unter Muſik und Orgelbe⸗ gleitung. Um den Katafalk waren Sitze errichtet, auf denen ſich das Gefolge befand, die Offiziere der Truppen und das Ayunta⸗ miento von Escorial. Es war uns geſtern wegen der Vorbereitungen zum Empfang der verſtorbenen Prirzeſſin nicht erlaubt worden, in die königliche Gruft hinabzuſteigen,— gewiß der ſchönſte und merkwürdigſte Raum des ganzen Kloſters. Die Idee hiezu ſcheint Philipp II. den alten Pharaonen entnommen zu haben, denn wie dieſe über ihre prächtigen Grabkammern die coloſſalen Pyramiden auf⸗ thürmten, ſo hatte auch der ſpaniſche König gewiß die gleiche Ab⸗ ſicht, als er unter die gewaltige Felſenburg jene prächtige Rotunde baute, in der ſein königlicher Leib einſt ruhen ſollte. Das vergol⸗ dete Gitter wurde uns von einem Geiſtlichen geöffnet, und als wir die erſten Stufen zu dieſer düſtern Todtenpracht hinabſtiegen, kam mir lebhaft der Eingang zur Pyramide des Cheops ins Ge⸗ dächtniß; auch dort führt ein ſchmaler, mit geſchliffenen Steinen bedeckter Gang ſteil in das königliche Grab hinab, freilich ohne Treppen, während man hier auf Stufen von Marmor nieder⸗ ſteigt. Die Wände und das gewölbte Dach hier iſt von edlen Marmorarten und Jaſpis, alles ſo blank geſchliffen, daß ſich die Flamme der Wachsfackel, welche uns leuchtete, auf allen Seiten blendend abſpiegelte. Auf einer Ruhebank der Treppe führen rechts und links zwei Thüren zu den Begräbniſſen der Infanten, welche aber ſchon ſeit langer Zeit dem Beſucher nicht mehr ge⸗— öffnet werden dürfen, weil ſich dieſe Grüfte, wie man ſagt, in einer traurigen Unordnung befinden. Das Pantheon ſelbſt, zu dem wir noch wenige Stufen hin⸗ unter ſtiegen, iſt eine Rotunde mit maſſiver Kuppel, von der ein reicher Kronleuchter aus Kryſtall herabhängt; die Lichter an demſelben waren ſchon angezündet und erlaubten uns ſo einen genaueren Blick auf die ſchauerliche Pracht, in der die todten Könige hin⸗ der r an einen bnige Escorial. 91 und Königinnen von Spanien ſo ſtill und gänzlich abgeſchieden von der Welt ruhen; denn ringsum ſieht man weder Fenſter noch ſon⸗ ſtige Oeffnungen. Wände und Decken dieſes Tempels ſind aufs Kunſtreichſte mit Marmor in verſchiedenen dunklen Farben aus⸗ gelegt; prächtig, aber düſter iſt der Altar; die Hinterwand deſſel⸗ ben beſteht aus einem einzigen Stücke Porphyr, der wie ein Spiegel geſchliffen und von Jaspispilaſtern und Säulen von Antico verde eingerahmt iſt. Ein ſchwarzes Marmorkreuz mit goldenem Krueifir, einfach aber ſchön, erhebt ſich vom Altar und feſſelt den Blick des Eintretenden, der ſich im erſten Augenblicke vergeblich nach den Königsgräbern umſieht, denn dieſe ſind nicht in die Augen fallend, ſondern beſtehen aus ſchwarzen Marmorſärgen, ſtehen in Niſchen, welche ſich in der Wand befinden, und unterſcheiden ſich kaum von dieſer; erſt bei genauerem Betrachten entdeckt man vier goldene Löwentatzen, welche jeden Sarkophag tragen, und einen goldenen Schild, auf welchem man in ſchwarzen Buchſtaben die Namen der hier Ruhenden liest. Und welche Namen! Karl V., Philipp II. —— unter anderen, die uns weniger intereſſiren. Zur Rechten ruhen die Könige, zur Linken die Königinnen, doch iſt noch manche Niſche leer und harrt des ſchwarzen Marmorſarges. Wohlthuend freundlich war heute in der ſchwarzen, ſpiegeln⸗ den Gruft der Altar verziert und mit weißen Spitzen und bunten Blumen hergerichtet zum Empfang der kleinen Prinzeſſin; doch war dieß auch wieder die Urſache, daß uns der Führer, ein junger Geiſtlicher, zur Eile antrieb, denn die Meſſe in der Kirche mußte bald zu Ende ſein, und dem feierlichen Leichenzuge hier auf der Treppe der Gruft zu begegnen wäre für beide Theile recht unangenehm geweſen. Nach beendigtem Amte droben ordnete ſich die Geiſtlichkeit in Prozeſſion, umzog den Katafalk und ſchritt alsdann unter Ab⸗ ſingung des Pſalmes: Laudate pueri Dominum de coelis dem Sarge voraus, der nun von vier königlichen Haushofmeiſtern ge⸗ tragen und am Eingange des Pantheon, welches ſich unter dem Hauptaltar befindet, niedergeſetzt wurde. Hier nahmen ihn vier Stallmeiſter der Königin in Empfang und trugen ihn die Stufen Dreizehntes Kapitel. hinab bis zum erſten Treppenabſatze, von wo ihn vier Kammer⸗ herren der Königin vor den kleinen Altar, der ſich im Pantheon ſelbſt befindet, niederſetzten. Nachdem ſich die Großen des Hofs ſowie die hohe Geiſtlich⸗ keit und von dem übrigen Gefolge ſo viele als in der königlichen Gruft Platz fanden, um den Sarg verſammelt hatten, wobei übrigens die Treppen bis oben hinauf dicht beſetzt waren, wurde die äußere Umhüllung deſſelben abermals geöffnet und der Mar⸗ quis de los Llamos ſowie der Großnotar des Königreichs und die vier Kammerherren der verſtorbenen Prinzeſſin betrachteten aufs Neue das Geſicht des königlichen Kindes. Sie erhoben die Hand und ſchwuren, das ſei dieſelbe Leiche, die ſie im Palaſt übernom⸗ men. Dann ſprach der Marquis de los Llamos mit lauter Stimme: „Dieß iſt gewiß und wahrhaftig der Körper der durchlauchtigſten Infantin von Spanien, Tochter unſerer erhabenen Königin, welche Gott ſchützen möge, Donna Iſabella II. und Don Franzisco de Aſſis Maria.“ Darnach ſchritten die hohe Geiſttlichkeit, die Großen und Edelleute des Hauſes ſowie eine Deputation des Ayuntamiento ebenfalls an den Sarg hin, ſchauten hinein, und nachdem dieß ge⸗ ſchehen, fragte der Marquis de los Llamos mit lauter Stimme: „Haben alle Anweſenden, die Väter unſerer heiligen Kirche, die Großen des Reichs, die Edelleute des Hauſes, durch eigenen An⸗ blick, ſowie nach meinem Zeugniſſe, dem des Großnotars des König⸗ reichs und der begleitenden Kammerherren Ihrer Majeſtät dieſe Leiche für die durchlauchtige Infantin von Spanien erkannt, welche durch mich vom Palaſte zu Madrid geſtern hieher gebracht worden iſt?“ Worauf alle Anweſenden erwiderten:„Ja, wir haben ſte erkannt.“ Nun wurde der Sarg wieder geſchloſſen, der Schlüſſel zur äußeren Umhüllung abgezogen und dem Director der könig⸗ lichen Kapelle zu San Lorenzo übergeben, der ihn hoch empor⸗ hielt und feierlichſt gelobte, die Befehle Ihrer Majeſtät, die fernere Beiſetzung betreffend, aufs Pünktlichſte zu erfüllen. Hiermit war die ganze Handlung beendigt, während deren Verlauf die Muſtikchöre vor der Kirche den königlichen Marſch Escorial. 93 ſpielten und die Artillerie und Infanterie die vorgeſchriebenen Salven thaten. Alle Anweſenden verließen die Gruft, in der Kirche hatte man den Katafalk und die Sitze bereits weggeräumt und kurze Zeit nachher lag der ganze weite Dom wieder ſo leer und öde, als ſei gar keine Feierlichkeit hier begangen worden. Auch wir verließen die Räume, nachdem wir dem hohen Chore noch einen Abſchiedsblick zugeſendet, den letzten auf Nim⸗ merwiederſehen. Und das iſt ein Gedanke, der mich häufig auf Reiſen recht traurig ſtimmt. Doch hatten wir geſtern und heute hier ſo viel Intereſſantes und Schönes geſehen, daß wir wohl zufrieden ſein konnten. Hatte ſich doch vor unſeren Augen das Kloſter in beinahe alter Pracht und Herrlichkeit bevölkert; hatten wir doch die faſt beſtändig ſo leer ſtehende ſchöne Kirche erhellt von hunderten von Wachskerzen geſehen, hatten ihn empfunden den eigenthümlichen Duft des Weihrauches, hatten gehört die Klänge der Orgel, erhebende Kirchenmuſik und den feierlich⸗tiefen Klang der Männerſtimmen. Aber wie ſchnell alle dieſe Bilder gekommen waren, ebenſo ſchnell verſchwanden ſie auch wieder, und kaum hatten die Chorknaben am Hochaltar die letzten Kerzen ausgelöſcht, ſo marſchirten draußen die Soldaten ab mit klingen⸗ dem Spiel, ſo raſſelten auch ſchon die Kanonen über das Pflaſter, jagten die Reiter vorüber und verließen die Hofequipagen den Escorial, ſie, die geſtern im langſamſten Schritt ihrer Thiere an⸗ gekommen waren, heute im ſchnellen Trabe. Auch unſere Poſt⸗ kutſche ſtand ſchon angeſpannt vor dem Gaſthofe; wir beſchenkten unſeren blinden Führer reichlich, nahmen Abſchied vom Wirth und ſeinem ſchönen Töchterlein, und als wir darauf den Hügel hinab⸗ rollten, auf dem das gewaltige Kloſter ſteht, blickten wir gern nochmals zurück nach der Granitburg Philipp's II., die nun wieder einſam und allein da oben thronte, verlaſſen von ihren Königen und Mönchen, ein prächtiger, unzerſtörbarer Denkſtein der alten Macht und Größe Spaniens, ein Wunder der Welt, einſam und trauernd an der Felſenwand des Guadarrama, wie die ägyptiſchen Pyramiden und Königsgräber im Sande der Wüſte. ———— Vierzehntes Kapitel. Aranjuez. Nach Aranjuez. Der königliche Palaſt. Das Meer von Antipola. Der Inſel⸗ garten. Schillers Don Carlos. Der Fürſtengarten. Caſa del Labrador. Thea⸗ ter in Aranjuez. Unſere Pony's. Herr W., der Sportsman. Don Quixote und Sancho Panſa. Reitübungen. Die Halbwegs⸗Venta. Süßholzanpflanzungen. Ein Zigeunerdorf. Toledo! Anblick der Stadt. Das fromme Schlachtroß des Cid. So hatten wir denn beinahe Wochen in Madrid zugebracht und würden ſchon früher nach dem Süden aufgebrochen ſein, wenn uns der dießjährige, für Spanien ſo harte Winter nicht mit ſeinem Gefolge von Froſt und Kälte, unergründlichen Straßen und ausbleibenden Eilwagen feſtgehalten hätte. Die ſchoͤnen Gärten von Aranjuez, die von hier unſer erſtes Reiſeziel waren, kann man unmöglich bei Schnee und Eis ſehen, und ſo warteten wir von Tag zu Tag auf freundlichere Witterung. Endlich, nach mehreren Tagen anhaltenden Regenwetters, welches übrigens das Gute hatte, auf den Höhen von Madrid den Schnee wegzunehmen, gegen Ende Januars fegte der Wind die grauen Wolken hinweg und ſäuberte den Himmel, der nun, wie ſich dieſer Erlöſung freuend, wunderbar klar auf uns niederſchien und eine warme, ſtrah⸗ lende Sonne zeigte. Die Luft war angenehm, wie bei uns an einem Maitage, und der Boden, über welchen noch vor 1= te Aranjuecz. 95 wenigen Tagen die Waſſer rieſelten, in wenigen Stunden ausge⸗ trocknet, feſt und hart. Unſer freundlicher ſpaniſcher Architekt, welcher den Abend vor unſerer Abreiſe mit uns verbrachte, meinte lachend, jetzt kön⸗ nen wir à peu preés auf dauerndes gutes Wetter rechnen, weßhalb wir denn auch ſchleunigſt unſere Koffer packten und an einem ſchönen Morgen gegen Aranjuez aufbrachen. Von Madrid dorthin ſind es ungefähr ſechs Leguas ent⸗ fernt und ſind beide Städte durch eine Eiſenbahn verbunden, vermittelſt welcher man dieſe Wegſtrecke in anderthalb Stunden zurücklegt. Die Gegend, durch welche man fährt, iſt kahl und unintereſſant, wie die ganze Mancha flach hügelig, ohne Baum⸗ wuchs, eine weite röthliche Fläche. Eigentlich ſind es keine Hügel, welche die Ebene um Madrid bilden, vielmehr thalartige Vertiefungen, die das Terrain nach allen Richtungen durchziehen; häufig von Winterſtrömen, die ebenſo ſchnell verſchwinden als ſie kommen, zu zerriſſenen Schluchten ausgewühlt, in denen ſich die röthliche Farbe des Erdreichs in grelleren Tönen zeigt. Zer⸗ ſtreut bemerkt man hie und da bald einzelne Blöcke grobkörnigen Granites, bald ſonderbare Maſſen dieſes Geſteins auf einander gethürmt, untermiſcht mit großen glänzenden, rothen Feldſpath⸗ kryſtallen. Bebaute Felder ſieht man nur wenige und die ganze Vegetation beſteht aus einzelnen Stacheleichen oder aus manns⸗ hohem Ginſter, der die Abhänge hie und da bedeckt, weßhalb wir auch nicht wenig überraſcht ſind, wenn nun auf einmal die Loco⸗ motive gellend pfeift, der Zug ſeine Schnelligkeit vermindert, wir durch einen tiefen Einſchnitt dahinfliegen und uns nun plötzlich in einem Thale befinden, wo uns parkartige Anlagen mit der üppigſten Vegetation begrüßen, wo wir lange Alleen hun⸗ dertjähriger Bäume bemerken, zwiſchen denen die Kuppeln und Thurmſpitzen prächtiger Gebäude hervorblicken, und welches Alles überragt iſt von einem ſchöneren Hügellande, maleriſch gruppirt und mit dichtem Holze bewachſen. Woher dieſe reizende Vegetation kommt, wird uns alsbald klar; langſam klirrt die Locomotive über 96 Vierzehntes Kapitel. die lange Eiſenbahnbrücke, unter welcher der waſſerreiche Tajo daherfließt; weiterhin iſt eine der längſten ſteinernen Brücken, die wohl je gebaut wurden, die prächtige Jaramabrücke aus der Re⸗ gierungszeit Karl's III., über das kleine Flüßchen gleichen Namens, der kurz vor dieſem Punkte den armen Manzanares verſchlungen und dabei doch ſo mager geblieben iſt, daß er in gar keinem Ver⸗ hältniß zu der eben erwähnten langen Brücke ſteht. Doch hat man auch hier auf die Winter⸗ und Regenzeit gerechnet, wo dann allerdings die beiden ſonſt ſo ſanften Wäſſerchen plötzlich, wenn auch nur auf wenige Tage, toll und wild werden. Indeſſen haben wir den Bahnhof von Aranjuez erreicht, deſſen Gebäude ſehr einfach und proviſoriſch ausſehen. Ein klei⸗ ner Bube trägt unſere Nachtſäcke und begleitet uns nach der Fonda ingles, von der er behauptet, daß ſie außerordentlich gut ſei. Er hat uns auch nicht getäuſcht: wir fanden am Eingange der Stadt in der Nähe des großen Schloßplatzes ein freundliches Haus, wo man uns ein paar gute Zimmer anwies. Die alte Wirthin, die uns im erſten Augenblicke für Landsleute halten mochte, ſprach uns engliſch an, rief aber, ſobald ſie den Irrthum bemerkte, ihren Mann herbei, einen Franzoſen, dem wir uns ſchon beſſer ver⸗ ſtändlich machen konnten. Da der Morgen recht kühl geweſen war, wir auch frühzeitig von Madrid aufgebrochen, ſo verſchmäh⸗ ten wir ein gutes Frühſtück nicht, umſoweniger, als es auf engliſche Art zubereitet war und für uns eine angenehme Abwechslung gegen die ſpaniſche Küche darbot. Doch hielten wir uns nicht lange dabei auf, denn es drängte uns, die in vieler Beziehung ſo intereſſanten Orte, das Schloß und die Parks von Aranjuez zu beſuchen. Wir nahmen einen Führer und gingen zuerſt durch das Städtchen, um uns die Lage deſſelben anzuſehen. Es iſt klein und niedlich, und den breiten, geraden Straßen, die ſich rechtwin⸗ kelig durchſchneiden, ſowie den gleichförmigen Häuſern und den großen, regelmäßigen Plätzen ſieht man deutlich an, daß der Ort künſtlichen Urſprungs iſt und nach einem genauen Plane angelegt das klein win⸗ den Ort elegt Aranjucz. 97 wurde. Die Stadt hat einen neuen hübſchen Stierplatz, eine Kirche, iſt mit Gärten und Alleen umgeben und hat keine Mauer, wodurch man von faſt jeder der geraden Straßen eine angenehme Ausſicht auf das Schloß, den Park oder die umliegen⸗ den Hügelketten hat. Schloß und Stadt ſind durch den großen Schloßplatz von einander getrennt, der für die umliegenden Ge⸗ bäude eine gute Wirkung macht, aber begreiflicherweiſe jetzt, wo der Hof entfernt iſt, ſtill und öde liegt. Der Eingang in den⸗ ſelben führt durch zwei große Halbkreiskolonnaden, in deren Mitte eine ſchöne Kapelle ſteht; der Platz ſelbſt iſt auf drei Seiten mit gewölbten Arkaden eingefaßt, über denen ſich Wohnungen der Beamten befinden, und wenn man ihn von der Stadt aus betritt, ſo hat man vor ſich eine prächtige Terraſſe mit Standbildern und ſpringenden Waſſern, an welche unmittelbar das Schloß ſtößt, das man jedoch erſt in ſeiner ganzen Ausdehnung ſieht, wenn man den Platz überſchritten hat. Der königliche Palaſt von Aranjuez, von Juan de Herrera erbaut, iſt unſymmetriſch von Backſteinen, deren röthliche Farbe zwiſchen Einfaſſungen von grauem Stein übrigens nicht unan⸗ genehm iſt, dabei aber in kleinem Maßſtabe aufgeführt. Seine Hauptfacade iſt gegen Süden und nimmt ſich trotz ihrer Unregel⸗ mäßigkeit nicht übel aus, doch bemerkt man auch hier weder Groß⸗ artigkeit noch Reichthum des Styls. Gegen die Gärten hinaus hat das Schloß eine bedingte Aehnlichkeit mit St. Cloud. Auf der Terraſſe war ein alter freundlicher Gärtner mit Arbeiten be⸗ ſchäftigt, die wir früheſtens im Monat April zu beſorgen pflegen; die Blumenbeete wurden aufgelockert und hergerichtet, Roſen geputzt und aufgebunden, und da es ein klarer warmer Tag war, ſo waren die überall ſprudelnden Waſſer von angenehmer Wir⸗ kung. Die Erlaubniß zur Beſichtigung des königlichen Schloſſes muß vom Verwalter deſſelben eingeholt werden. Während ſich der alte Gärtner, von dem ich oben ſprach, damit befaßte, ſetzten wir uns auf eine der vielen Bänke, die ſich auf der Terraſſe befanden, mit dem in der That ſehr behaglichen Gefühl, vor Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. Vierzehntes Kapitel. uns die hundertjährigen Bäume des berühmten Parkes von Aran⸗ juez zu ſehen. Man ſagt, es ſei Grimaldi geweſen, welcher die Niederlande als Geſandter beſucht hatte und darauf die Veranlaſſung gab, Schloß und Stadt im holländiſchen Geſchmacke zu erbauen; doch iſt dieß nicht beſonders gelungen, und wenn die eben angegebene Abſicht wirklich vorlag, ſo hat man es nicht verſtanden, in den Charakter des Muſters einzugehen. Das einzige, was vielleicht an eine holländiſche Stadt erinnern könnte, ſind die erwähnten geraden Straßen, der Backſtein als Baumaterial und ein Glocken⸗ ſpiel auf dem Schloſſe, welches ſich aber nur an hohen Feſttagen hören läßt. Der Name Aranjuez wird von einem Tempel des Jupiter abge⸗ leitet, ara Jovis; ob übrigens ein ſolcher je eriſtirt, iſt eine Frage, die wohl nie entſchieden werden wird. Vor den Zeiten Philipps II. war von einer eigentlichen königlichen Niederlaſſung hier nicht die Rede und es befanden ſich nur in dieſem ſchönen Thale mehrere Landſitze und kleine Jagdſchlöſſer, dem Großmeiſter von Santiage gehörig, der in dem benachbarten Ocana, welches damals Gränz⸗ feſtung gegen die Saracenen war, ſeinen Sitz hatte. Karl V. und Ferdinand der Katholiſche kamen als die Erben des Großmeiſters zuweilen auf kurze Zeit hieher, doch war es erſt Philipp II., der das Schloß erbauen ließ und Aranjuez zur Frühlingsreſidenz erhob. Seitdem hat dieſes nun ſo ſtille Gebäude, die dichtver⸗ ſchlungenen Wege des Gartens, manch' Intereſſantes geſehen. Hier trieb Karl IV. ſein melancholiſches, unſtetes Weſen, ſeine kleinen, oft ſo unſchuldigen Liebhabereien, wie z. B. die Errichtung jener ungeheuren Seemacht aus impoſanten Dreideckern, Fregatten, Cor⸗ vetten, mit einer großen Anzahl von Feuerſchlünden verſehen, die auf dem benachbarten Teich von Antigola von dem Könige ſelbſt manöovrirt wurden. Leider waren die Schiffe nur wenige Fuß lang und die Matroſen aus Holz oder Pappendeckel, und von der ganzen Spielerei hatte nur der erwähnte Teich einigen Nutzen, der von jener Zeit an den Namen„das Meer von Antigola“ Aranzuez. 99 erhielt, mit welchem ihn auch heute noch das Volk benennt. Wäh⸗ rend aber ſo der König mit ſeinen Schiffchen ſpielte und zur Ab⸗ wechslung Kaninchen ſchoß, ging der Reſt der ſpaniſchen Marine durch das franzöſtſche Bündniß bei Trafalgar zu Grunde. Hier in Aranjuez war es auch, wo Karl IV. abdankte, was zur nächſten Folge hatte, daß ſein Miniſter Manuel Godoi, damals Groß⸗ admiral, Friedensfürſt und Geheimerath der Königen Marie Luiſe, von den Leibwachen, ſeinen früheren Kameraden, verhaftet und vom Volke faſt zerriſſen worden wäre, eine Scene, welche an Ver⸗ ſailles erinnert, deſſen Hofgeſchichten denen von Aranjuez auch in manchen anderen Beziehungen zu vergleichen ſind. Auch im Aeuße⸗ ren gibt es hier Aehnlichkeiten; findet man doch ſelbſt im großen Parke, dem Fürſtengarten, Stellen in jenem ſteifen, verſchnörkel⸗ ten Geſchmack aus den Zeiten Ludwigs XIV., Alleen von ſchönen Bäumen, ſorgſam friſtrt und verſchnitten, künſtliche Teiche, Sta⸗ tuen, meiſtens Erinnexungen aus der Regierungszeit des erſten ſpaniſchen Bourbon, Karl V., welcher ſich leider die unnöthige Mühe gab, manches hier umzubauen und umzupflanzen. Indeſſen iſt unſer alter Gärtner zurückgekommen und bringt die Erlaubniß zum Eintritt ins Schloß. In Erinnerung an die glänzende Geſchichte Philipps II. und ſeines Hofes, ſowie auch in Anbetracht des Dramas jener gewaltigen Zeit, welche nach Schiller hier begann, glaubt man den Palaſt von Aranjuez aufs Prächtigſte eingerichtet zu finden, werth des Beherrſchers von Reichen, in denen die Sonne nie unterging, findet aber in dieſer Richtung ſich ſehr enttäuſcht. Schon die Räumlichkeiten des Schloſſes ſind nicht groß und impoſant, und die Einrichtung ſehr beſcheiden und mangelhaft. In vielen Zimmern wurden die gewöhn⸗ lichſten Stoffe zu Vorhängen und zu Bedeckung von Möbeln an⸗ gewandt, ja manches Gemach findet man mit Strohſtühlen möblirt, und faſt durchgängig ſtatt der Teppiche allerdings kunſtreich geflochtene Binſenmatten. Man kann ſich denken, mit welch großem Intereſſe wir die Gemächer der Königin, noch mehr aber des In⸗ fanten Don Sebaſtians, und vor allem Don Carlos' betrachteten. 7 100 Vierzehntes Kapitel. Leider ſind ſie aber faſt gänzlich ausgeräumt und man findet hier nicht mehr das Geringſte, was mit einigem Scheine von Wahrheit aus jener Zeit herzuleiten wäre. Die Fenſter in den Zimmern des Infan⸗ ten Don Carlos gehen auf eine düſtere aber doch intereſſante Partie des wunderſchönen Inſelgartens, den wir ſpäter betreten wer⸗ den.— Wird man es komiſch finden, wenn ich mich vor dieſen Fenſtern lehnend in tiefen Träumereien erging und lange zwiſchen die hundertjährigen Bäume blickend, endlich jene gewaltige räthſel⸗ hafte Zeit lebendig in mir aufſteigen ließ und die ſtillen Laubgänge mit meinen Phantaſiegebilden bevölkerte! Ja, ich that das, und plötzlich ſchien mir der ſtille Garten nicht mehr wie ausgeſtorben: auf dem feinen Sande ſeiner Wege rauſchte und kniſterte es unter kleinen Damenfüßen und langen ſeidenen ſchleppenden Gewän⸗ dern, Guitarrenklänge ertönten aus den dunklen Bosquets, und am Ende jener Allee, die der Infant hier von dem Fenſter aus überblicken konnte, zeigte ſich freilich nur auf Augenblicke die Geſtalt einer ſchönen Dame mit dem Kopfe nickend, mit dem Fächer ſpielend, vielleicht die räthſelhafte Prinzeſſin Eboli, die gewiß oft hinaufſchaute nach den Fenſtern des Königsſohnes. Doch dieſe Träumereien verſchwanden wie ſie kamen. Ich war allein geblieben in den Zimmern des Infanten, nun aber trat der Hausverwalter unter die Thüre mit ſeinem Schlüſſel⸗ bunde klirrend. Folgen wir ihm in die übrigen Räume des Schloſſes! Das einzige und wirklich Prachtvolle iſt der japaniſche Salon und der Spiegelſaal aus der Zeit Karls III. Die Wände ſind mit Porzellanplatten bedeckt, welche man Basreliefs in Por⸗ zellan nennen könnte, denn aus dem farbig angegebenen Grunde treten die mannigfaltigſten Figuren: menſchliche Gruppen, Thiere, Blumen, alles das verbunden durch das ſeltſamſte Schnörkelwerk, in halber Rundung hervor. Intereſſant iſt der Kronleuchter, eben⸗ falls aus Porzellan, ein wahrer Knäuel, wo ſich Ranken und phantaſtiſche Geſtalten aller Art in den ſonderbarſten Wendungen hundertfach verſchlingen. Die Ausſchmückung dieſes japaniſchen Salons lieferte die königliche Porzellanfabrik in Madrid, und wenn 56 101 Aranjuez. man dieſe wirklich kunſtvollen Arbeiten bewundert, ſo kann man es nur bedauern, daß die Porzellanfabrikation heute ſo gut wie gar nicht mehr exiſtirt. Was ſich ſonſt noch an Sehenswürdig⸗ keiten im Schloſſe findet, ſind einige gute Fresken und Deckengemälde von Velasquez, ſowie hie und da zerſtreut prachtvolle Moſaiken und Kryſtallgefäſſe, Alabaſterwerke, Broncen, aus welchen übrig gebliebenen glänzenden Spuren man wohl errathen kann, wie die Einrichtung des Palaſtes einſtens geweſen ſein mag. Das Prächtigſte oder doch das Reizendſte und Schönſte in Aranjuez iſt aber der Inſelgarten, der dicht ans Schloß ſtößt und durch die vorhin erwähnte Blumenterraſſe mit demſelben zuſam⸗ menhängt. Er hat ſeinen Namen daher, weil er von zwei Armen des Tajo umfaßt wird, der ſich oberhalb ſpaltet und dann wie liebend die hoch aufgemauerten Terraſſen umfluthet, auf denen der Garten liegt. Der ſchönſte Punkt iſt bei der Blumenterraſſe, wo der Tajo in ſeiner ganzen Breite, kaum leicht bewegt, wie ein ſilbernes Band aus dem Schatten dichtbelaubter Bäume hervor⸗ tritt, um unmittelbar vor dem Schloſſe einen über zwanzig Fuß hohen impoſanten Waſſerfall zu bilden, deſſen Anblick in der Hitze des Sommers kühlend und erfriſchend ſein muß. Dann wirkt ſein Toſen, das Grollen und Murmeln ſeiner Waſſer gewiß ein⸗ ſchläfernd und ladet den Beſchauer zur Sieſta ein, der den ſchö⸗ nen Fall von einem der ſteinernen Bänke betrachtet, welche am Rande der Terraſſenbruſtwehr, unter hundertjährigen Bäumen ſtehen. Eine prächtige vierfache Platanenallee der älteſten Bäume zieht ſich neben dem Waſſerfall und dem Tajo dahin; dieſelbe hat vielleicht hundert Schritte vom Schloſſe entfernt eine Wendung gemacht, man ſieht von den Gebäuden nichts mehr und befindet ſich auf einem heimlichen ſtillen Plätzchen, welches durch dichte Gebüſche und hohe Hecken vor jedem Blicke geſchützt iſt, während das Murmeln des Tajo einem argwöhniſch lauſchenden Ohre nicht geſtattet, den geringſten Laut eines Geſpräches, das hier geführt wird, verätheriſch zu erſpähen. In dieſe Allee verlegte meine Phantaſie den roman⸗ —— — 102 Vierzehntes Kapitel. — tiſchſten Theil von Schillers Don Carlos. Der kühle, reizende Platz am Waſſerfalle war wohl der Lieblingsaufenthalt des ſchlauen Beichtvaters; hier traf er den Prinzen, der nun dar⸗ auf die Allee hinabeilte, zu jenem heimlichen, lauſchigen Plätzchen, wo er die Königin traf, und wo der ſtrenge König ſpäter erſchien, um der armen, unſchuldigen Prinzeſſin von Mondekar zehn Jahre Zeit zu geben, fern von Madrid über allerlei nachzu⸗ denken. Ich kann mir die Richtigkeit dieſes aufgefundenen Punktes im Inſelgarten von Aranjuez nicht nehmen laſſen, und war ſo ſehr davon überzeugt, daß ich dort Epheublätter abbrach, und ſie verſchiedenen Damen in der Heimat mit der Angabe meiner Ent⸗ deckung zuſandte. Um den ganzen Inſelgarten am Ufer des Tajo vorbei ſetzen ſich dieſe Alleen fort, mit Bäumen in ſolcher Höhe und Stärke, daß ſte an einen Urwald erinnern. Das Innere des Gartens be⸗ ſteht aus geraden, ſcheinbar regelloſen Wegen, von denen immer eine Anzahl in Form eines Sternes auf einem großen Rundſtücke zuſammenläuft, wo ſich alsdann Fontaine, Waſſerwerke in den verſchiedenſten Arten, ſowie Bänke zum Ausruhen befſinden. Für die beſſere Unterhaltung hätte ſchon etwas mehr geſchehen können; die Wege waren nicht beſonders reinlich gehalten, die glatten Thujahecken nicht ſauber verſchnitten, und in den ſteinernen Baſſins und Schalen der Fontainen lag Kehricht aller Art, ver⸗ trocknete Blätter, ſelbſt Schutt, und vielen ſah man an, daß der belebende Waſſerſtrahl hier lange nicht emporgeſprungen. Auch die Mittelpunkte der verſchiedenen Sternwege, die großen Rondells waren ſehr verwahrlost, mit Stein⸗ und Erdenhaufen bedeckt, ſowie mit zerbrochenen Bänken und Fußgeſtellen, auf denen die Bildſäulen fehlen. Es iſt das ſchade um dieſen wunderſchönen Platz, ſo prächtig angelegt und ſo ſchön von der Natur bedacht; und trotz der Vernachläſſigung, welche dieſer Inſelgarten erfahren, muß es im Sommer doch himmliſch ſein im kleinen Parke von Aranjuez unter dem dichten Schatten dieſer gewaltigen Bäume am Ufer der klaren Flut des Tajo oder im Innern des Gartens, wo &——3— Aranjucz. 103 in viele Wege kein Sonnenſtrahl zu dringen vermag, wo Maſſen prächtig blühender Roſen ihren ſüßen Duft freigebig ſpenden, unzählige Springbrunnen ihren klaren Strahl in die Höhe ſchleu⸗ dern, der mit ſanftem Geplätſcher wieder herabfällt, und wo man, auf einer Steinbank ausruhend, von weitem her das Rauſchen und Brauſen des großen Waſſerfalls vernimmt. Leider war es uns ja nicht vergönnt, dieſen Garten in der ſchönen Jahreszeit zu ſehen, wo die alten hohen Stämme überall mit Epheu und Lianen⸗ pflanzen umrankt ſind und die Strahlen der Mittagsſonne der Art gebrochen, daß man beinahe Kühle empfindet, wo bei der Hitze des Tages die friſche Baumluft zur Raſt auf den ſteinernen Bänken ein⸗ ladet, wo, wie der Verfaſſer von„Morgen⸗ und Abendland“ erzählt, Roſenhecken und Roſenbäume duftende Bouquets in die düſte⸗ ren Schatten der dichtgeſtellten Rieſenbäume flechten. Ueberall, fährt er fort, ſtößt man alsdann wieder auf Perſpectiven, die das Schloß in der Ferne zeigen, wenn man bereits den Ausweg ver⸗ loren glaubt, und die ſchönen Bäume biegen ihre üppigen Zweige und Wipfel über die kühlen Wogen der beiden Ströme hinab, alles in natürlichen Bogengängen, alles dicht, alles Schatten, alles ohne Zwang, oft gleich Urwald verſchlungen, aber immer wieder von neuen Gängen durchbrochen. Solche gewaltige Bäume können nur Jahrhunderte erzeugen, ſie haben das Größte und Herrlichſte geſchaut, ſie haben die Konige beſchattet, in deren Staa⸗ ten die Sonne nie unterging, und die ſtille Liebe. Der ſpaniſche Hof kam in den letzten Jahren nur höchſt ſelten nach Aranjuez, da die Königin es mehr liebt, ihren Frühlings⸗ und Sommeraufenthalt in La Granja zu nehmen, welches auf der Höhe des Guadarrama gelegen, ſich einer friſchen erquickenden Bergluft erfreut, wogegen das waſſerreiche Thal von Aranjuez, im Sommer ſehr dunſtig und ſchwül, leicht Wechſelfieber erzeu⸗ gen ſoll. Ueber die Blumenterraſſe vor dem Schloſſe zurückgehend kommt man über eine zierliche Drahtbrücke mit hohen Standbildern an den vier Ecken, welche den Tajo in einem einzigen Bogen über⸗ Vierzehntes Kapitel. ſpannt, und erreicht nach kurzer Wanderung den„Fürſtengarten“, einen prächtigen und ſchönen Park, der in jeder Hinſicht vortreff⸗ lich unterhalten iſt und über eine Stunde lang an den Ufern des Fluſſes dahinzieht. An der Madrider Straße iſt er von einer herrlichen breiten Allee eingefaßt und von jener durch ein reiches Gitter getrennt, in welchem verſchiedene hohe Steinthore befind⸗ lich ſind, die zu beiden Seiten durch Portierhäuſer dem Publikum den Eingang gewähren. Es war ein prächtiger klarer Morgen, als wir hier auf den breiten Kieswegen wandelten; die Nebel, welche uns heute früh kältend eingehüllt, waren von der Sonne niedergedrückt worden, hatten ſich verſtohlen an Gräſern und Blättern angehängt und dienten nun der ſtolzen Siegerin als ebenſo viele Spiegel, welche dienſtbar die hellen Strahlen in allen Farben des Regenbogens zurückwarfen. Dabei war die Luft warm, würzig, angenehm und uns Deutſchen hier in dem fernen Spanien ſo außerordentlich wohl zu Muth. Der Park, in dem wir wandelten, erinnerte in ſeiner frühjährlichen Färbung ja ſo ſehr, bald an unſere großen deutſchen Gärten, bald ſogar an unſere lieben heimathlichen Wäl⸗ der, denn ſo ſtill und feierlich wie in dieſen war es auch heute morgen hier in dem Fürſtengarten von Aranjuez, ſo bekannt rauſchten unſere Tritte in dem abgefallenen Platanenlaube, und wenn wir lachten,— und wir lachten häufig,— ſo hallte das weit hinaus zwiſchen die Stämme der gewaltigen Bäume. Ich will nicht verſchweigen, daß wir zu allerlei Kurzweil aufgelegt waren, daß wir deutſche Lieder ſangen und daß wir uns das kindliche Ver⸗ gnügen machten, uns als das Gefolge eines großen Herrn darzu⸗ ſtellen, indem wir alsdann einen unter uns mit ſo außerordent⸗ licher Ehrerbietung behandelten, beſtändig mit abgezogenem Hute und ſo tief gebückt zu ihm ſprachen, daß ihn die Arbeiter des Parks und die Aufſeher ebenfalls für nichts Geringes hielten und es gerade machten wie wir. Zu der Perſon des„Herrn“ nahmen wir unſern Reiſegeſellſchafter, Herrn W., vom Cid, der uns in Barcelona verlaſſen, den wir in Madrid wieder gefunden, und Aranjuez. der mit uns die Tour nach Aranjuez und Toledo machte. Er nahm den Scherz bereitwillig auf und führte ihn vortrefflich durch, in⸗ cluſtve jenes koſtbaren Momentes, wo die Pförtner des Gartens durch ein entſprechendes Trinkgeld nicht enttäuſcht werden durften. Wie ſchon geſagt, iſt der Fürſtengarten auf einer Seite vom Tajo begränzt, der hier eine anſehnliche Waſſermaſſe hat, welches in hunderten von Rinnen in den Park geführt wird, dort kleine Seen und Teiche ſpeist und überall eine faſt unglaublich üppige Vegetation hervorbringt. Schöner wäre es freilich noch geweſen, wenn man den Fluß ſelbſt in den Garten hineingezogen hätte, ſtatt daß er jetzt nur als Gränze und Waſſerkanal dient. Unbe⸗ greiflich iſt es mir, daß man nicht wenigſtens ſeine Ufer nach der Seite des Parkes zu einem reizenden Spaziergang umgeſchaffen, wozu alles Material im Ueberfluß vorhanden geweſen wäre. Jetzt aber wird die Gränzlinie durch einen hohen und kahlen Erdauf⸗ wurf gebildet, der die Ausſicht auf den Tajo ſperrt und über den man mühſam hinabſteigen muß, um an den Fluß ſelbſt zu ge⸗ langen. Dieſer hat dann aber auch wieder ſein Schönes durch die vollkommene Ungezwungenheit ſeiner Ufer, von denen das üppigſte Buſchwerk in ſein tiefes Bett herabhängt, aus dem dann wieder Waſſerpflanzen aller Art emporſteigen, durch welche wilde Enten und andere Vögel ſtreichen, eine ſo maleriſche Wildniß bildend, daß man hier nicht glaubt, man befinde ſich wenige Schritte bei einem ſo ſorgfältig angelegten Parke. Das Innere des Fürſtengartens iſt eine beſtändige Abwechs⸗ lung, bald von dunklem Walddickicht, hie und da mit geheimniß⸗ vollen Pfaden durchſchnitten und gebildet von rieſenhaften Bäu⸗ men, dem herrlichſten grünen Laubholze, zwiſchen denen ſich faſt ſchwarze Cypreſſen erheben, ſo coloſſal, wie ich ſie nur auf den Kirchhöfen Konſtantinopels geſehen habe; bald von großen Pla⸗ tanen und Pappelalleen,— hier von den fruchtbarſten Obſtgärten, zwiſchen denen Frühbeete und Glaskäſten ſtehen, dort von großen, freien Waldtriften, umſäumt mit Cedern, Cypreſſen, Silber⸗ pappeln, Eichen und Wallnüſſen, ſo einen ſtillen abgelegenen 106 Vierzehntes Kapitel. Raum bildend, in dem ſich die ſeltſamſten Bauwerke, Teiche und Waſſeranlagen der verſchiedenſten Art befinden. Dort ſieht man Marmorgruppen, Karyatiden, Blumenkörbe, hier ziert eine der ſchönſten Anlagen einen Teich mit zwei Inſeln, auf denen ſich ein Marmortempel befindet, ihm gegenüber auf Felſen eine Granit⸗ pyramide, und dieſe verſchiedenen Punkte ſind durch Stein⸗ und Gitterbrücken mit einander verbunden. Im Sommer muß es hier wahrhaft reizend ſein, wo in den wildeſten Theilen des Gar⸗ tens das Strauchwerk von farbenprächtigen Blüthen ſtrotzt, wie man ſie bei uns kaum in Treibhäuſern ſteht, wo die Beete glänzen und ſchillern von den edelſten Blumen, und wo deren Königin, die wunderbar prächtige Roſe, alles dominirt in nie geſehener Herr⸗ lichkeit. Findet man doch hier kleine Gärtchen, mit niedern Hecken eingefaßt, in welche Thüren und viele eingezäunte Gänge zu Lau⸗ ben, Boͤgen, Hütten und Blumenbeeten führen. Allein alle dieſe Blumen ſind Roſen; die Hütten, die Lauben, die Bögen, die Thüren, die Zäune und die Bäume, alles iſt alsdann Roſe, rothe Roſen in Millionen über dieſen kleinen Raum vertheilt, von pa⸗ radieſiſchem Aroma getränkt, das die Vögel gierig einſaugen, das das Herz der Menſchen erfriſcht und es ſtärker und ſehnender ſchla⸗ gen läßt. Nach ſtundenlangem Umherſchlendern im Parke— wir hat⸗ ten uns abſichtlich vom Führer nicht leiten laſſen, ſondern waren bald rechts bald links in einen Weg eingebogen, der uns beſon⸗ ders reizend erſchien, oder wo uns gerade durch lichtere Baum⸗ gruppen ein künſtlicher Felſen mit Waſſerwerken und Statuen an⸗ zog— gelangten wir endlich auf einen freien Platz, der ſich als eine Art von Pleaſureground vor einem kleinen niedlichen Schloſſe erhob, welches vielleicht eine kleine Stunde von der Stadt ent⸗ fernt, im dichteſten Theil des Parkes liegt. Dieſer kleine Palaſt iſt die niedlichſte und reichſte Villa, die man nur ſehen kann; weder Verhältniß noch Styl des Bauwerkes fallen von außen durch Großartigkeit in die Augen, und doch betrachtet man es entzückt. Hier im abgelegenen Dickicht kommt es uns wie ein kleines Zau⸗ Aranjuez. 107 berſchloß vor; ſeine Formen ſind edel und geſchmackvoll, und auf dem dunklen Waldgrunde hebt ſich das weiße Gebäude mit ſeinen kleinen Terraſſen, Mauervorſprüngen, Niſchen mit Bildſäulen und Büſten ſcharf und lebendig ab. Es iſt die berühmte Caſa del Labrador, vor der wir ſtehen. Karl IVv. hatte eines Tags die Idee, ſich ein ländlich eingerichtetes Gartenhaus zu bauen; ob nun der urſprüngliche Plan anders war, oder ob der ſpaniſche König den kleinen Palaſt, wie er heute daſteht, für eine einfache ländliche Wohnung hielt, weiß ich nicht anzugeben;— genug, dieſe prächtige kleine Villa mitten im Park von Aranjuez heißt Caſa del Labrador, Bauernhaus, und iſt auf dieſe Art wohl das reichſte und in ſeinem Reichthum einzigſte aller Bauernhäuſer der ganzen Welt. Gleich beim Eintritt in die Villa ſehen wir, daß das Innere vollkommen würdig iſt des reichen Aeußern; auf allen Seiten iſt man umgeben von Marmor, Gold, Bronze, Malerei und präch⸗ tigen Sculpturen, und was das Erwähnenswertheſte iſt, alle Reich⸗ thümer, welche man hier ſucht, ſind aufs Geſchmackvollſte ver⸗ theilt und angebracht. Wir ſtaunen die reich verzierten Plafonds an und bemerken im erſten Augenblicke nicht, daß wir auf ebenſo koſtbare Fußböden von künſtlichem Marmormoſaik treten; eine ſinnreich gedachte Kreistreppe mit marmornen Stufen und ver⸗ goldetem Geländer, zu welchem man, nebenbei geſagt, ſechshun⸗ dert Unzen Goldes verbraucht hat, führt in den erſten Stock. Hier iſt jedes Zimmer von dem andern verſchieden, und wir ſchrei⸗ ten ſtaunend durch dieſe Maſſe von Reichthümern. Hier ſehen wir die Böden, Thüreinfaſſungen, Wandbekleidungen von edlem Mar⸗ mor, dort von koſtbaren Holzarten, aufs Reichſte eingelegt, alle Schloſſerarbeiten verſilbert und vergoldet. In dieſen Zimmern überraſchen uns die reichen, wie eben erſt gemalten Plafonds, ſo⸗ wie die Seidentapeten aus den ſchwerſten Stoffen, mit Stickereien überladen; in jenem ſind dagegen die Wände von Meiſterhand gemalt, mit prächtigen Möbeln verſehen, Marmortiſche auf ver⸗ goldetem Untergeſtell tragen eine Unzahl kleiner Kunſtwerke: 108 Vierzehntes Kapitel. Uhren, Vaſen, Statuetten, wogegen Spiegeltiſche, Kamine und Etageren in den Ecken voll der ſeltenſten Porzellanarbeiten ſind. In drei Zimmern dieſes ſeltſamen Bauernhauſes befinden ſich Bildhauerwerke, namentlich Statuen, worunter Alterthümer, die jedem Muſeum zur Zierde gereichen würden. Der Glanz⸗ punkt des Ganzen iſt übrigens ein kleines Zimmer mit Nebenkabinet ganz in Paris nach Perciers Zeichnungen verfertigt, wenige Schritte lang und breit, wo aber an Kunſtwerken, an Decken und Wand⸗ gemälden, an Gold, Marmor und edlen Holzarten das Unglaub⸗ liche zuſammengetragen iſt. Es iſt unmöglich, mit Worten einen Begriff von der Pracht und dem Reichthum zu machen, die ſich hier in dem Gemach vereinigt finden; man ſagt, die Verzierungen deſſelben haben vierzehn Millionen Realen gekoſtet, allerdings eine ungeheure Summe, aber faſt glaublich, wenn man bedenkt, daß nicht nur Wände und Thüren von goldenen und Platina⸗ Arabesken ſtrotzen, und daß nicht nur jeder Stuhl und jedes an⸗ dere kleine Möbel ein Kunſtwerk iſt, ſondern ſelbſt die Griffe an den Thürſchlöſſern und an den Fenſterbeſchlägen von Künſtler⸗ hand aus Gold und Silber geformt wurden. Unter anderen hat dieſes Zimmer vier kleine reizende Wandge⸗ mälde Girodet's, die Jahreszeiten vorſtellend, von ſo herrlicher Com⸗ poſition, daß unſer Maler es nicht unterlaſſen konnte, ſie trotz eines ſehr mißbilligenden Blickes des Hausverwalters, der uns herum⸗ führte, in ſein Buch zu ſkizziren. Ich glaube, daß es Jedem wie uns ergehen wird: wir verließen die Caſa del Labrador überſättigt, ge⸗ blendet, und der lange Spaziergang von hier nach unſerer Fonda zurück durch den ſchönen Park kam uns gut zu Statten, um den Unterſchied zwiſchen unſerem gewöhnlichen Leben und der ländlichen Einrichtung eines ſpaniſchen Königs nicht gar zu ſtark zu empfinden. Abends ſetzte uns unſere alte Engländerin ein gutes Diner vor, zu welchem ſie ein großes Roſtbeef, auf engliſche Art zube⸗ reitet, mit vielem Stolze ſelbſt auftrug. Zufälligerweiſe ſpielte heute in Aranjuez eine wandernde Schauſpielertruppe, was wir unmöglich verſäumen durften, und hatten wir uns deßhalb ſchon 109 Iranjuez. vor dem Eſſen Karten zu der Vorſtellung genommen. Das Thea⸗ terlocal iſt klein und unbedeutend, und die Schauſpieler und das Stück waren ſo außerordentlich ſchlecht, daß wir uns eben dadurch vortrefflich amuſtrten. Das Publikum im Parterre be⸗ ſtand meiſtens aus Unteroffizieren der Garniſon, welche ſich für die Greuelthaten, die auf der Bühne vorfielen, aufs Lebhafteſte intereſſirten und ſo ſehr ergöͤtzlich mitſpielten. Nie in meinem Leben habe ich in fünf Acten und zwei Stunden eine ſolche Menge Schaudererregendes aller Art zuſammen gedrängt geſehen wie hier; jede Scene hatte entweder eine Entführung, irgend einen Verrath an den heiligſten Gefühlen der Menſchheit, einen quali⸗ ficirten Mord oder eine geſetzliche Hinrichtung. Glücklicherweiſe hatten wir aber am heutigen Tage ſo viel Schönes geſehen, daß die ſchauerliche Komödie nicht im Stande war, während der Nacht meinen Schlaf zu beunruhigen; viel⸗ mehr wandelte ich im Traume durch die herrlichen Parke und Gärten, in denen jetzt Tauſende von Roſen blühten und dufteten; alle Waſſerwerke ſandten ihre kühlenden Strahlen in die heiße Luft hinauf und unzählige Nachtigallen ſangen dazwiſchen ihre ſchmelzenden Liebeslieder. Anfänglich klangen dieſelben freudig und jauchzend, wie im Uebermaße des Glücks in dieſer Herrlich⸗ keit leben zu dürfen; bald aber miſchte ſich ein ernſter und melan⸗ choliſcher Klang dazwiſchen, und als ich träumend an dem großen Waſſerfall des Tajo ſtand, ſein Brauſen hörte und den erfriſchen⸗ den Waſſerſtaub auf meinem heißen Geſichte fühlte, war es mir, als ſänge eine der neckenden Nachtigallen: Ach! ſie ſind nur zu bald vorüber, die ſchönen Tage von Aranjuez! Um halb ſechs Uhr am andern Morgen ſtanden unſere Pferde an dem Thore des Gaſthofes Fonda ingles in Aran⸗ juez bereit und wir waren im Begriff, ſie zu beſteigen, mit Aus⸗ nahme unſeres kleinen Architekten, der, mit der Sprache beſſer bewandert als wir, den Zahlmeiſter machte, und ſich in der Küche mit der überaus freundlichen Wirthin herumzankte, welche ihm mit lachendem Munde eine ſehr unverſchämte Rechnung einhändigte. 110 Vierzehntes Kapitel. Dank dem Roſtbeef, welches wir beſtellt, und dem Grog, den wir uns vor Schlafengehen gebraut, hatte man uns doch noch für Ing⸗ leſen genommen, unſere Zeche wenigſtens nach deren meiſt wohl⸗ geſpickten Börſen berechnet. Um etwas davon herabzudingen, mußten wir unſerem guten Baumeiſter zu Hülfe kommen, deſſen freundliches Gemüth nicht im Stande war, einer Spanierin mit dem hier unentbehrlichen Lärm und Nachdruck entgegenzutreten. Endlich war der Streit geſchlichtet und trotzdem, daß wir ihr fünfzig Realen abgehandelt, ſchieden wir doch im beſten Frieden. Unſere Pferde waren von einer ſehr kleinen Racc, eigentlich große Pony's, jedoch von einer merkwürdigen Ausdauer, wie uns der Pferdeverleiher verſicherte. Jeder von uns ſchnallte ſeine kleinen Habſeligkeiten: Nachtſack, Decke oder dergleichen, hinter ſich auf den Sattel, dann wurde nach Commando aufgeſtiegen, worauf wir uns wegen des Glatteiſes, welches die Steine bedeckte, ſehr behutſam in Bewegung ſetzten. Der Morgen dämmerte auf, ſein freundliches Licht wurde aber zurückgehalten durch einen dichten Nebel, der dem Tajo ent⸗ ſtieg und Alles in ſeine grauen Schleier hüllte. So war es uns denn bei unſerer Abreiſe nicht vergönnt, Schloß und Park von Aranjuez noch einen Abſchiedsblick zu ſchenken; von erſterem ſahen wir nur ein Stück der rothen Palaſtmauer durch den Nebel ſchim⸗ mern, von letzterem nur die kahlen Aeſte einiger Baumrieſen, und vernahmen auch nur wie aus weiter, weiter Entfernung das Rau⸗ ſchen des Waſſerfalles im Inſelgarten, als wir über den weiten Platz San Antonio ritten. Dazu war der Nebel kalt, wir wickelten uns feſt in die Mäntel, und lange wollte Luſt und Scherz nicht gedeihen. Der Weg von Aranjuez nach Toledo führt anfänglich ſtun⸗ denlang durch eine ſchnurgerade Allee, die mit zwei Reihen herr⸗ licher Bäume beſetzt iſt; rechts und links befindet ſich eine Art erhöhter Trottoirs, von Zäunen aus niederem Gebüſch eingefaßt, und da die Mittelſtraße ſteinig und meiſtens unergründlich kothig war, ſo ritten wir auf dieſen Trottoirs, aber Einer hinter dem Aranjucz. 111 Anderen, was ziemlich langweilig war. Zuweilen laſſen Lücken in den Gebüſchhecken oder Thore in ſeltſamem Geſchmack ohne Gitter, deren Beſtimmung wir nicht zu enträthſeln vermochten, eine Durchſicht nach der Seite, wo man aber auch nicht viel Er⸗ freuliches ſchaut. Die breite Allee ſcheint ein ſchmales Stück Civiliſation zu ſein, welches Aranjuez von Weitem ankündigen ſoll, und das wie ein grüner Streifen in dem öden, kahlen Ter⸗ rain der Mancha liegt. Die Bäume, welche dieſe Allee bilden, ſind nur durch ſorgfältige Pflege ſo gediehen; überall ſteht man nämlich kleine Gräben, welche das lebendige Waſſer des Tajo an ihre Wurzeln führen und auch wohl dazu beſtimmt ſind, Sommers den läſtigen Staub der Straße zu dämpfen. Heute hatten wir von demſelben gar nichts zu leiden; überhaupt war es ein großer Vortheil unſerer Winterreiſe in Spanien, daß wir mit dieſem grim⸗ migen Feinde wenig zu thun bekamen. Wir hatten nun die langweilige Allee hinter uns, konnten auf einer ziemlich ſchlechten Straße, die bergauf und bergab führte, jetzt neben einander reiten und uns ſo manche kleine Unter⸗ haltung verſchaffen. Unſer lieber Freund, Herr W., hatte ſchon ſeit längerer Zeit durchblicken laſſen, daß er eigentlich ein ganz vortrefflicher Reiter ſei und erzählte gern von engliſchen Fuchs⸗ jagden, wo der Sprung über eine ſechs Fuß hohe Gartenmauer oder einen zehn Fuß breiten Graben unter die Sachen gehöre, welche ihm jeden Augenblick vorgekommen ſeien. Trotz allem dem aber ſaß er ziemlich komiſch zu Pferde und bildete eine einigermaßen ſeltſame Figur. Die Beine hatte er bekleidet mit Hoſen von waſſerdichtem Zeuge, darüber fiel ein langer Paletot, um Hals und Kinn trug er einen dicken Shawl und auf dem Kopfe einen runden Hut, der bei dem Traben ſehr ſtarke Neigung zeigte, nach hinten zu rutſchen. Daß man, wie er that, die Fußſpitzen immer hart⸗ näckig zu Boden kehre, behauptete er, ſei ſo Gebrauch bei den engliſchen Sportsmen, ebenfalls, daß er die Zügel von Trenſe und Candare feſt zuſammengeklemmt in der linken Hand trug. Leider konnten wir bei unſerem Ritte dem Herrn W. keinen breiten 112 Vierzehntes Kapitel. Graben zum Setzen offeriren und mit kleinen Rinnen ließ er ſich gar nicht ein; da leitete er ſein Pferd vorſichtig hindurch, oder ſpäter, wo das Terrain einmal gar zu coupirt und unangenehm war und er beträchtlich zurückblieb, ſo daß wir auf ihn warten mußten, kam er endlich an— ſein Roß beſcheiden am Zügel führend. Unſer kleiner Baumeiſter, der vor dem Aufſteigen ſein Pferd mit finſteren Blicken und Kennermiene umſchritten, und der geſtern beim Grog hatte durchblicken laſſen, er ſei kein ſonderlicher Reiter, zeigte aber ſchon nach einigen Stunden eine ſolche Kühnheit im Sattel, daß wir ihm unſere volle Anerkennung nicht verſagen konnten. Er ritt ein Grauſchimmelchen von ſanfter Natur, wel⸗ ches Neigung zum Galoppiren hatte, und wenn wir ſo ein kleines Wettrennen veranſtalteten, ſo galoppirte er immer luſtig voraus, freilich etwas ſtark vornüber gebeugt, aber er galoppirte doch; wogegen Herr W. nur trabte, nach engliſcher Sitte, wie er behaup⸗ tete, denn nur ſo habe man ſein Pferd in der Gewalt. Von dieſer Gewalt legte er aber ſehr zweideutige Proben ab; denn meiſtens trabte und hielt der Gaul nur dann, wenn die anderen Pferde es ebenſo machten und bei einem der letzteren Fälle, der einmal etwas plöͤtzlich eintrat, verlor Herr W. die Bügel, ſchaute dann ſeinem Pferde bedenklich zwiſchen die Ohren, und eine ziem⸗ lich verbürgte Tradition behauptet, er habe in dieſem kritiſchen Augenblick beide Zügel geopfert, um dafür den Sattelknopf zu ergreifen. Unſer langer Maler kletterte luſtig wie immer über Berg und Thal, wobei es ihn beſonders freute, wenn ſein Gewehr recht klirrte, und wobei er ſich häufig an Biegungen des Weges feſt in den Bügeln aufrichtete, um, ein zweiter Don Quirote, nach Abenteuern umzuſchauen. Um bei dieſem Vergleiche zu bleiben und nicht als parteiiſch zu erſcheinen, muß ich mich denn ſelbſt als Sancho Panſa darſtellen, und wenn ich auch keinen Eſel ritt, ſo war doch mein Pony der kleinſte und unterſetzteſte von allen, dabei aber der ſtärkſte, um die ihm zuerkannte Laſt gehörig zu tragen. Aranzjuez. 113 Es war indeſſen gut, daß wir auf unſerem Ritte nach To⸗ ledo durch allerlei lehrreiche Geſpräche und luſtige Lieder uns die Zeit vertreiben konnten; denn das Terrain, durch welches wir zogen, war wenigſtens während der erſten Hälfte unſeres Weges höchſt unintereſſant; kahl und unfruchtbar ſtieß ein Hügel an den anderen, dabei war gelber Sandboden vorherrſchend, und unſere Straße zog ſonach in einem gelben Streifen vor uns da⸗ hin, jetzt kaum unterſcheidbar von der Fläche zur Rechten und Linken, jetzt wieder als eine helle Linie über braune Haiden, welche mit magerem Gebüſch und Burbaum bewachſen waren. Die einzige Abwechslung bot weit zu unſerer Rechten das ſchmale Tajothal, mit Bäumen beſetzt, theils kahl, theils belaubt, welche grau und grün ſchillerten, und das uns den ganzen Tag getreu zur Seite blieb. Hinter dem Fluſſe erhob ſich eine Kette ſeltſam geformter Hügel, hier und da ſah man ein altes Mauerwerk, auch wohl eine einſame graue Kirche, die uns recht verlaſſen erſchien; denn da die Gegend ringsum wie ausgeſtorben iſt und wir auch nicht die Spur einer menſchlichen Wohnung ſahen, ſo begriffen wir nicht, woher die Hand kommen ſoll, um das Glöcklein dort oben in Bewegung zu ſetzen, daß es weithin ſchallt über die Ebene. Ja, wenn dieß plötzlich geſchähe, würde man erſchrecken hier in der Oede und könnte zu dem Glauben berechtigt ſein, als trie⸗ ben dort oben allerhand Geiſter ihr unheimliches Weſen.— Vor⸗ bei denn! Unſere Pferdchen galoppiren auf dem weichen Sande luſtig vorwärts, hügelauf, hügelab. Abwärts thut unſer Arriero etwas langſamer, um ſich und uns vor dem Hinſtürzen zu bewahren. Es iſt faſt Mittagszeit und die uns verſprochene Venta auf halbem Wege könnte eigentlich erſcheinen. Jetzt taucht auch in der Ferne Mauerwerk vor uns auf, unſer ſpaniſcher Begleiter legt auf echt türkiſche Art die gekrümmten Finger mehrmals an den Mund, ſchmatzt dazu und will ſo gutes Eſſen und Trinken ausdrücken, welches er erwartet. Wir dagegen erwarten gar nichts, denn wir kennen von unſerem Ritte durch die Mancha leider zu genau Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 8 114 dierzehntes Kapitel. den Inhalt dieſer Halbwegsherbergen, haben uns auch deßhalb in Aranjuez vorgeſehen und hinten auf meinem Pferdchen liegt ein Zwerchſack, mit dem Nothwendigſten verſehen. Wir haben noch eine tiefe Schlucht zu paſſiren mit ſteilen Sandſteinfelſen, über welche wehende Sträucher herabnicken, dann galoppiren wir luſtig aufwärts und erreichen das weite Plateau, auf welchem die Venta liegt— nur die Ruinen der Venta, ein verlaſſenes Haus, wie ich richtig geahnt. Unſer Arriero kratzte ſich hinter den Ohren und ſchwor bei allen Heiligen, die ihm gerade einfielen, daß hier noch vor einem halben Jahr die prachtvollſte Wirthſchaft geweſen ſei, der ſüßeſte Wein auf zehn Stunden in der Runde und Gar⸗ banzo's mit Speck, daß einem die Seele im Leibe gelacht. Das Gemäuer dieſes ehemaligen Gaſthofes ſah übrigens ſchon von Weitem ſo troſtlos und verfallen aus, daß ſich von uns Niemand hinbemühte; nur der Arriero trabte vor die Thür, umritt das Gehöfte kopfſchüttelnd und ſtellte, als er im Schritt zurückkehrte, wahrſchein⸗ lich traurige Betrachtungen an über den Wechſel alles Irdiſchen. Was brauchten wir aber auch eine Venta mit rauchiger Küche und oftmals ſchmieriger Padrona? Waren wir nicht viel beſſer hier unter freiem Himmel aufgehoben, der ſich freundlich, klar und blau über uns ausſpannte? Dabei war die Luft angenehm und nicht zu kühl. Was wir von dem Erbauer dieſer Venta genoſſen, war ſein guter Geſchmack, der ihn veranlaßte, ſich gerade an dieſer Stelle anzubauen, auf einer Anhöhe, die meilenweit ringsum das Terrain beherrſchte. Ja, auch eine ſolche öde Gegend kann intereſſant ſein, namentlich wenn man ermüdet vom Pferde geſtiegen iſt, ſich lang ausſtreckt in die duftenden Haidekräuter und zwiſchen ihren feinen Zweiglein und braunen Blüthen hindurch nach dieſer Seite hin die Wellenlinie des fernen, grau verſchwim⸗ menden Horizontes betrachtet— eine Bergkette, die auch wir noch zu beſteigen haben und noch mehrere der dahinter liegenden, bis wir endlich wieder an das weite blaue Meer gelangen, den Weg nach der heiligen Heimath. Auch nach jener Seite zu iſt der Anblick nicht unintereſſant; denn der Arriero hat den erwähnten Zwerch⸗ ———n———S,...„ —D nO9— 28 2 Aranjuez. 115 ſack geöffnet und mit leuchtenden Augen kaltes Geflügel, Schinken, hartgeſottene Eier und Käſe auf das vertrocknete Gras gelegt und daneben ein paar dickbauchige, freundliche Flaſchen aufgeſtellt. Wie eine Weihnachtsbeſcheerung nimmt ſich das unter den grünen Burbaumſträuchern aus. Unſer Halt hier hat etwas Pittoreskes und verdient es wohl ſkizzirt zu werden. Die Pferde mit den zuſammenge⸗ bundenen Vorderfüßen weiden um uns her und den Abhang hinunter. Die lange Figur unſeres andaluſtrten Malers ſteht aufrecht da, er hält ſein Gewehr in Bereitſchaft, denn es könnte ja allerlei Seltſames über uns hereinbrechen, wilde Räuber oder ein zahmes Kaninchen. Herr W., der ſeinen Cachenez ab⸗ gelöst hat und hungrig auf die Collation blickt, meint, Spanien ſei im Allgemeinen recht ſchön, und der kleine Baumeiſter wiſcht ſeine Brillengläſer ab, um dieſe Schönheiten des Landes genau be⸗ trachten zu können. Endlich fallen wir mit einem wahren Wolfs⸗ hunger über das Frühſtück her, und da uns der Arriero trefflich unterſtützt, ſo ſind wir bald mit Geflügel, Eiern und Schinken fertig, haben Alles obendrein tüchtig mit Wein begoſſen und rüſten uns zum Aufbruch. Unſer Spanier ſammelt alle Ueberreſte der Speiſen ſorgfältig in ein Stück Papier und die der Getränke in ſeinen Magen, Jeder von uns zieht den Sattelgurt ſeines Pferdes feſter an, dann ſchwingen wir uns auf, der kleine Baumeiſter, der ganz des Teufels iſt, ſingt:„Wohlauf, Cameraden, auf's Pferd, auf's Pferd!“ und galoppirt mit wahrer Todesverachtung den ziemlich ſteilen Hügel hinab. Wir waren ſo erſtaunt über dieſe Keckheit, daß ſich ſelbſt der lange Maler, der immer etwas eifer⸗ ſüchtig war auf die Reitkunſt der Anderen, nicht enthalten konnte, in die größten Lobſprüche auszubrechen, worauf uns denn der Baumeiſter lächelnd geſtand, wir hätten alle Urſache, mit ſeiner Reiterei zufrieden zu ſein, denn offenherzig geſagt, befinde er ſich heute zum erſtenmale ſo eigentlich recht zu Pferde. Daß wir durch dieſe kleinen Neckereien raſcher vorwärts kamen, war der Hauptvortheil derſelben während dieſes langwie⸗ 8 Vierzehntes Kapitel. rigen Rittes. Glücklicherweiſe änderte ſich auch nach einer Stunde das Terrain ein wenig, wir verließen die Fahrſtraße, mit derſelben Sand und Haide und ritten durch grüne Berghalden— doch muß man ſich keinen Wald auf unſerem Wege vorſtellen— dann durch Wieſenthäler ohne alle Pfade, wo wir auch einigemal den Weg verloren, jedoch nicht die Richtung; denn ſchon kurz nach unſerer Raſt ſahen wir fern am Horizont eine nebelhafte Maſſe empor⸗ ſteigen, einen ſeltſam geformten Felſen, nicht unähnlich— dem des Alcazar von Toledo. Bald verſchwand er unſeren Blicken wieder, kam aber bei jeder Anhöhe, die wir erſtiegen, abermals zum Vorſchein, war jedoch noch lange Zeit meinem Auge ſo undeut⸗ lich, daß ich ihm nicht die Form eines Schloſſes abgewinnen konnte. Toledo liegt von Aranjuez über fünf deutſche Meilen ent⸗ fernt. Zwiſchen beiden Städten befindet ſich kein Dorf; ja das einzige Haus iſt die Venta, von der wir oben ſprachen und die in Trümmern liegt. Hier und da, aber äußerſt ſelten, ſteht man wohl die Spuren eines angebauten Feldes, einen unbedeutenden Streifen, wo der Pflug die Erde aufgeriſſen. Und doch ſcheint der Boden an manchen Stellen nicht ſchlecht zu ſein, auf jeden Fall beſſer als in Catalonien, wo jede Handbreit Erde benutzt iſt. Die gränzenloſe Verwilderung hier kommt aber wohl daher, daß das ganze Terrain, auf dem wir heute ritten, Kroneigenthum iſt und nur zu Jagdgründen und Viehweiden benützt wird. Da aber kein hoher oder niederer Wald vorhanden iſt, ſo beſchränkt ſich die Jagd wohl nur auf Kaninchen und Rebhühner; und was die Weide anbelangt, ſo ſieht man nur in der Nähe von Aranjuez junge und alte Mauleſel, ſowie Pferde und Fohlen des königlichen Geſtüts die Geſträuche abnagen und das magere Gras freſſen. Uebrigens ſind die Ynguada's von Aranjuez berühmt und ſollen die beſten Reit⸗ und Zugthiere in Spanien hervorbringen. Nach und nach trat denn auch die ſeltſame Silhouette der Stadt Toledo deutlicher und klarer zwiſchen den Bergen hervor. Wir unterſchieden ſchon hohe Mauern mit ausgezackten Zinnen, ſowie Thürme, doch Alles ſo auf einen Punkt zuſammengedrängt utzt her, um Da inkt was juez chen ſſen. n die der vvor. inen, äängt Aranjuez. 117 und hoch erhoben, daß man hätte glauben müſſen, Toledo ſei nichts als ein mächtiges Schloß auf hohem, ſteilem Felſen.— Toledo! welch prächtig klingendes Wort! Toledo! Wenn man im Ange⸗ ſicht ſeiner hohen Mauern ihm entgegenreitet, zuweilen einen Blick darauf wirft und dann, in Erinnerungen alter Zeiten ſchwelgend, vor ſich niederſchaut und dieſen Namen ausſpricht, ſo iſt er wie ein Zauberwort, das eine alte gewaltige Zeit lebendig vor unſer inneres Geſicht zaubert. Man ſieht Schwerter blitzen und Lanzen, Helmzierden wehen und chriſtliche Fahnen mit dem rothen Kreuze von San Jago zwiſchen Reiherbüſchen und dem Feldzeichen der tapferen Mauren. Die ſtolze Geſchichte Caſtiliens rollt an uns vorüber mit ihren Heldenthaten, die ans Fabelhafte ſtreifen. Ge⸗ harniſchte Schattengeſtalten reiten mit uns gegen Toledo, und wenn wir ihre Blicke verſtehen, ſo leſen wir in ihnen von Kampf und Sieg, von ritterlichen Abenteuern und zarter Minne, ſehen aber auch, wie ſie unſer friedliches Reiterhäuflein mit ziemlich zweideutigen Blicken betrachten, wie ein ſonderbares Lächeln über die eiſernen Züge fliegt, während ſie an uns vorüber galoppiren, uns natürlich weit zurücklaſſend; denn die Schattengeſtalten be⸗ rühren ja nicht den Boden, und die längſt vermoderten Pferde werden vom Hauch des Windes dahingeführt.— Toledo!. Ja, bei ſeinem Anblicke wird es ſelbſt uns ganz kriegeriſch zu Muthe; der Boden hier haucht eine berauſchende Atmoſphäre aus. Gebt mir Schild und Lanze, auf, gen Toledo!— Dulcinea iſt das ſchönſte Weib der Erde!—— Da aber Toledo für uns eine durchaus friedliche Stadt war und wir höchſtens im Wirthshauſe ein ſolides Nachteſſen zu er⸗ obern gedachten, ſo wandte ſich unſere aufgeregte Phantaſie eini⸗ gen Räubern zu, die vielleicht hätten erſcheinen können, und wenn in der Entfernung Reiter auftauchten, was übrigens ſelten genug geſchah, ſo faßte Herr W. nach ſeinem Lifepreſerver, und unſer Don Quirote legte ſeine lange Vogelflinte ſchußgerecht über den Sattel. Es waren aber nur harmloſe Wanderer, die uns begeg⸗ neten oder welche wir einholten, um mit ihnen gegen Toledo zu Vierzehntes Kapitel. ziehen. Einer der letzteren war ein junger Mann auf einem vor⸗ trefflich ausſehenden Maulthiere, der lachend und plaudernd mit uns dahinzog, wobei er auf die Führung ſeines Thieres nicht genug Achtung gab; auf einmal ſtolperte dieſes, ſtürzte nieder und warf ſeinen Reiter einige Schritte weit ziemlich unſanft auf den Boden. Ich erwähne dieſes Umſtandes nur, weil wir häufig ſahen, wie Maulthiere ſtürzten, wo Pferde kaum ſtrauchelten, und weil dieß der allgemeinen Behauptung von der Sicherheit des Maulthieres widerſpricht, einer Behauptung, welcher ich, wie geſagt, nicht beipflichten kann. Mir war auf meinen vielen Ritten in Spanien ſelbſt ein altes Pferd lieber als ſein Baſtardbruder, der als Reitthier alle möglichen unangenehmen Eigenſchaften ver⸗ Das Maulthier iſt faul, tückiſch und unbehülflich auf einigt. hier, und faſt ſeinen Beinen, dabei eigenſinnig wie— ein Mault jedes hat ſeine beſondere ſchlimme Angewohnheit. Unſere Ponys hielten ſich vortrefflich, und ſchon zu guter Nachmittagsſtunde kamen wir in die Nähe von Toledo, erreichten auch die Fahrſtraße wieder, und zwar an einer Stelle, wo ſich ein improviſtrtes Dorf befand, das unſere ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Es waren Gitano's, welche hier hausten, in Erdhütten oder unter Zelten, die aus ſchwarzen Filzdecken beſtanden; die ganze weibliche Einwohnerſchaft mit den Kindern ſaß vor dieſen erbärmlichen Wohnungen und wuſch ihre geringen Habſeligkeiten: bunte, meiſtens gelbe und rothe Leinwandfetzen, von denen auch ſchon eine ziemliche Anzahl zum Trocknen über die umherwachſen⸗ den Sträucher ausgeſpannt war. Dieſes Dorf lag an einem kleinen Bergabhange, etwas erhaben über einer weiten Thal⸗ ebene, die bis zum Ufer des Tajo ging, wo wir heute zum erſten⸗ mal eine große Anzahl Männer und Buben mit Feldarbeit be⸗ ſchäftigt ſahen. Eine Geſellſchaft Engländer hatte die weiten, fruchtbaren Gründe da unten gekauft oder gepachtet und dort Süßholzpflanzungen angelegt, die, wie man uns ſagte, vortreff⸗ lich gediehen und von den Zigeunern gegen Taglohn beſorgt wur⸗ den. Es ſchien mir, als haben ſie neben dieſem Lohne auch die Aranjuez. 119 Vergünſtigung, ſo viel Süßholz kauen zu dürfen, als ihnen be⸗ liebe; wenigſtens waren Weiber und Kinder damit beſchäftigt und boten auch uns freigebig davon an. Als ich, noch ein kleiner Knabe, mir zu Hauſe in der deutſchen Heimat für einen Pfennig von dieſem edlen Strauche kaufte, hätte ich mir da wohl träumen laſſen, daß ich einſtens mit demſelben Gewächs von einer alten Zigeunerin regalirt werden würde, und obendrein im Angeſichte von Toledo?! H. ſkizzirte das Dorf in ſein Heft, dann ſchwangen wir uns wieder in die Sättel und ritten der alten Stadt entgegen. Die Straße, auf der wir trabten, war ſo lange feſt und breit, bis wir in die nächſte Nähe von Toledo kamen; hier aber, wo wir auf die erſten verfallenen Mauern ſtießen, wo auf den Höhen links neben uns Ruinen und rechts im Tajothal anſehn⸗ liche Gebäude ſichtbar wurden, fing das alte ſpaniſche Elend wieder an. Unſere Thiere ſanken bis weit über die Feſſel in den Koth, ſtolperten auch beträchtlich über Löcher und Steine, und der volle Anblick der alten prächtigen Stadt, den wir jetzt hatten, wurde uns durch die Ausſicht getrübt, vielleicht in der nächſten Minute ein unfreiwilliges Schlammbad nehmen zu müſſen. Und es war wahrlich ſchade, daß man hier nicht ſorglos und behag⸗ lich ſo recht die maleriſche Umgebung genießend reiten konnte. Der Weg dicht vor den Mauern der Stadt war eine Art Spazier⸗ gang, mit Bäumen bepflanzt und mit breiten Pfaden für die Fuß⸗ gänger verſehen, mit im Gebüſch verſteckten Steinbänken für die Ermüdeten. Mächtige Mauern aus der guten alten Zeit, feſt und ſolid gebaut, erhoben ſich zu unſerer Linken, und hinter ihnen ſtanden uralte Ulmen, die ihre Zweige weit über die Straße ausbreiteten. Zuweilen wichen dieſe Mauern im Halb⸗ kreiſe zurück, und hier befanden ſich dann ebenfalls Ruheplätze mit ſchönen Springbrunnen, aus welchen das Waſſer von einer Schale zur andern melodiſch herabplätſcherte. Endlich hatten wir das böſe Stück Weges überwunden und ließen es, da wir aufwärts gegen die Stadt ritten, hinter uns. Prächtig und maleriſch ſchön iſt Toledo, die alte Hauptſtadt Caſti⸗ ————— Vierzehntes Kapitel. liens, über alle Beſchreibung prächtig in ſeinen Ruinen und An⸗ klängen an die vergangene gewaltige Zeit. Wie ſeltſam zeichnete ſich die Felſenſtadt in ihrer gelben und röthlichen Färbung von dem tiefblauen Himmel ab, eigenthümlich und großartig! Toledo liegt auf einem ſteilen, von allen Seiten frei ſtehenden Felſen; ſeine Wohnhäuſer ſind keck über einander gebaut, und zwiſchen den mannigfaltigen altersgrauen Maſſen ragen ſchlanke Sara⸗ cenenthürme hervor neben Feſtungswerken ſpäterer, chriſtlicher Jahrhunderte, während Ueberreſte ehemaliger Feſtungsmauern einen ſteinernen Gürtel um ſie ziehen. Aber dieſe Feſtungswerke, dieſe Ueberreſte alter ſtolzer Schlöſſer ſind ſo ſonderbar zerriſſen und verwittert, daß das Auge mit Entzücken über dieſe wunder⸗ baren Ruinen dahinfliegt. Hier ſteigt ein ſtolzes Gebäude ſelt⸗ ſam gezackt in unzähligen Terraſſen vom Ufer des Tajo bis hoch empor an den Fuß des Alcazar. Aber in dem dunklen Mauerwerk iſt kein Fenſter mehr, das freundlich dem Abendſon⸗ nenſtrahl zum Spiegel diente; die Thüren ſind verſchwunden, und da auch die hintere Mauer eingeſtürzt iſt, ſo ſieht man durch die leeren Fenſterhöhlen das gelbe Geſtein, an welches ſich der Bau lehnt, und den blauen Himmel. Und immer neue Schönheiten erblickt man, während man langſam emporreitet. Auf einem Felſen zu unſerer Linken gegen⸗ über der Stadt liegt ein altes Saracenenſchloß aus gelbröthlichem Stein erbaut, der noch in der Abendſonne flimmert und glänzt, während dunkle Schatten ſchon auf unſeren Weg und die tiefer liegenden Theile von Toledo fallen. Nur der Alcazar glänzt noch herausfordernd im Strahl der ſinkenden Sonne, und das chriſtliche Schloß ſcheint ſeinem gegenüber liegenden feindlichen Bruder in Ermangelung anderer Kämpfe wenigſtens den letzten Kuß der Sonne ſtreitig machen zu wollen. Als Feſtung einer ehemaligen, ganz anderen Zeit hat Toledo eine einzige Lage. In einer tiefen, ſteilen Schlucht ſtrömt der Tajo,„der Fluß mit goldenem Sand,“ faſt ganz um den Felſen, auf welchem die Stadt wie auf einer Inſel liegt; nur zwei gewal⸗ Aranjucz. 121 tige Brücken vermitteln die Verbindung— mit dem Feſtlande, könnte man ſagen. Denken wir uns dieſe abgebrochen oder theil⸗ weiſe zerſtört, ſo begreifen wir wohl, was die alten Geſchicht⸗ ſchreiber erzählen von den furchtbaren Stürmen auf Toledo, die Hunderttauſende von Menſchenleben gekoſtet. An dieſen glatten, ſteilen Felſen konnte man nur auf Händen und Füßen empor⸗ kriechen, und ein herabgerollter Baumſtamm mußte Hunderte mit ſich in die Tiefe reißen. Dabei lag die Stadt ſo einſam und todt vor uns, kein Ge⸗ räuſch verkündete, daß ſie bewohnt ſei, und als wir über die von Fels zu Fels von König Almanſor von Cordova im Jahre 987 in einem einzigen Bogen geſprengte Brücke von Alcantara ritten, hoch über dem dunklen, rauſchenden Waſſer, da klapperten die Hufe unſerer Pferde wahrhaft geſpenſtig auf dem ſchweren Pflaſter der ehemaligen Zeit. Seltſam hallte das Echo wieder unter dem trotzigen Feſtungsthore mit ſeinem finſteren Gewölbe, von dem dahinter aufſteigenden Felſen und der Rieſenmauer des Königs Wamba, und ſchien uns erzählen zu wollen von anderen, bedeu⸗ tenderen Leuten, die es einſt wachgerufen aus ſeinem Schlafe, von Sultan Mulay und dem Cid Campeador, die häufig hier aus⸗ und eingezogen. Hoch oben vom Thor ſchaut der gewaltige Doppeladler Karl's V. auf uns herab und gemahnt uns an deſſen prächtige Regierungszeit. Hinter dieſem Thore führt ein Mauergang rechts um die Stadt, ſehr hoch über der Ebene, die wir vorhin verlaſſen, aber immer noch um Hunderte von Fußen überragt von den Gebäude⸗ maſſen zu unſerer Linken. Die niedere Bruſtwehr erlaubte uns einen Blick in die Fläche hinaus, die im letzten Strahl der Abend⸗ ſonne vor uns lag und in deren gelbgrauer Oede man weit, weit hinaus den Lauf des Tajo mit den Augen verfolgen kann. Nach⸗ dem wir ziemlich ſteil, aber immer noch an dieſer äußeren Bruſt⸗ wehr geritten waren, wandte ſich der Weg ſcharf links, das glatte Pflaſter wurde ſteil wie ein Dach, und wir betraten die eigentliche Stadt durch einen mauriſchen Thorbogen, die ſogenannte Puerta 122 Vierzehntes Kapitel. — del Sol, der, allein übrig geblieben, zwiſchen Mauern aus der chriſtlichen Zeit daſtand und mir wahrhaft rührend erſchien. War es doch das erſte derartige gut erhaltene Bauwerk, dem wir in Spanien begegneten, und in ſeiner zierlichen Hufeiſenform mit den feinen Sculpturen und den wohl erhaltenen arabiſchen Cha⸗ rakteren klang es beſonders mir wie ein freundlicher Gruß aus dem fernen Orient, aus dem herrlichen Damascus, der Wiege ſeiner Erbauer, die ja auch ich einſtens geſchaut, und zugleich wie ein freundlicher Willkomm jenes Theiles von Spanien, wo die glänzende Maurenzeit noch ſo deutlich aufgezeichnet iſt in Bau⸗ werken, Sitten und Gebräuchen, und den wir in kurzer Zeit be⸗ treten ſollten. Dieſes Thor machte einen gewaltigen Eindruck auf uns alle, namentlich weil es ſo verlaſſen und hülflos und doch wieder ſo trotzig zwiſchen den Mauern und Häuſern ſteht, ſich beſonders auszeichnend durch die gelbe Färbung ſeiner Steine, jetzt ein Fremdling in dem Lande, das ſeinen Vätern einſt gehörte. Rechts neben uns erhebt ſich auf hohen Felſenmauern ein Haus über dem anderen, alle hoch, ſchmal, mit kleinen Bogenfenſtern, denen das orientaliſche Gitter aufgezwungen iſt. Neben ſchlanken chriſtlichen Feſtungsthürmen ſehen wir kleine mauriſche Kuppeln, neben Häuſern mit flachen Terraſſen gezackte Giebeldächer, die chriſtliche und heidniſche Zeit bunt durch einander gewürfelt. Auch eine alte Waſſerleitung läuft neben unſerem Wege, und deutlich ſieht man, daß beide Nationen daran gearbeitet. Die weggebröckelte Säule unter dem mauriſchen Bogen iſt durch einen ſchweren Pilaſter erſetzt. Doch freuen wir uns hier dieſer Waſſer⸗ leitung. Die klaren Tropfen, die aus ihr an der Mauer her⸗ niederträufeln, beleben dieſelbe, noch mehr aber grünes Geſträuch, welches die Feuchtigkeit gedeihen ließ und das nun freundlich über unſeren Häuptern weht. Ich kenne nur eine einzige Stadt, welche ſo ihren Charakter bewahrt hat wie Toledo, nur in ganz anderer Art; das iſt das alte Pompeji, und vielleicht die Ritterſtraße auf Rhodus. Wie Ile, r ſo ders ein örte. daus tern, nken peln, die rfelt. und Die einen aſſer⸗ her⸗ räuch, über rakter ſt das Wie Aranjuez. 123 man in jener Stadt der Griechen jeden Augenblick erwartet, vor ſich ein paar Männer erſcheinen zu ſehen, im ernſten Geſpräch aus einem Hauſe tretend, angethan mit der purpurgeſäumten Toga, ſo blickt man hier in den engen, finſteren Gaſſen von Toledo erwartungsvoll um ſich und glaubt jeden Augenblick eine geharniſchte Geſtalt erſcheinen zu ſehen, langſam aus der Seiten⸗ ſtraße herausreitend oder dort vor dem Hauſe mit dem kleinen Steinbalkon haltend, um einer Dame, die ihr freundlich nach⸗ winkt, noch einige ſüße Worte des Abſchiedes zuzuflüſtern. Doch könnte dieſes geiſterhafte Leben in Toledo noch mannigfaltiger ſein; denn während wir den ſchwarzen gepanzerten Reiter dort langſam verſchwinden ſehen, und nur noch das rothe Kreuz auf ſeinem Schilde aus der dunklen Straße hervorleuchtet, öffnet ſich neben uns vorſichtig und leiſe ein kunſtreich verſchlungenes Gitter, und wir erblicken den wehenden Schleier der Maurin, die ſich zum Fenſter herausbeugt, vielleicht um dem dahinziehenden Chriſten, vielleicht aber auch, um Einem aus jener glänzenden Schaar nach⸗ zuſchauen, die ſo eben aus dem hufeiſenförmigen Thore des hohen Gebäudes zu unſerer Rechten herausſprengt, einem ſchlanken Reiter, in ſeidenem Gewande, den Stahlharniſch auf der Bruſt, mit Turban und Reiherbuſch. Und nicht blos in einigen Straßen bemerkt man dieſe An⸗ klänge an die vergangene kriegeriſche Zeit, ganz Toledo iſt voll davon, ein Muſeum der merkwürdigſten Art. In ſeinen winke⸗ ligen, ſteilen Gaſſen kann der aufmerkſame Beobachter keinen Schritt thun, ohne jeden Augenblick durch etwas Intereſſantes gefeſſelt zu werden und ſtehen zu bleiben; hier iſt es die eigen⸗ thümliche Form eines Hauſes, dort eine Inſchrift, eine halbzer⸗ brochene Säule, zerfallenes Mauerwerk, an dem vielleicht hier und da Ueberreſte der wunderbarſten Sculpturen ſichtbar ſind: ein trotziger Thorweg, deſſen Bogen aus faſt ſchwarzen Steinen gewölbt iſt, während die Flügel aus kunſtvoller Holzarbeit be⸗ ſtehen, die durch ſchwere Bronzenägel vor ſtarker Berührung ge⸗ ſchützt ſind. Wenn man in den Gaſſen Toledos wandelt, ſo liest 124 Vierzehntes Kapitel. Aranjuez. man ein illuſtrirtes Gedicht von der Adelsfreiheit, der Ritterlich⸗ keit, der Ehre und Wehrhaftigkeit der ſpaniſchen Nation. Ueberraſchend war es uns und machte einen unheimlichen Eindruck, bei unſerem Einreiten ſo gar Niemanden auf den Gaſſen zu ſehen. Gewiß war es ein minder belebtes Stadtviertel, durch welches wir unſeren Einzug hielten, aber auffallend war es doch, daß wir bei klarem Himmel nicht einem einzigen menſchlichen Weſen be⸗ gegneten. Wohl vermehrte dieß den eigenthümlichen Eindruck, den Toledo auf uns machte, doch erſchwerte es uns auch anderntheils das Auffinden unſerer Herberge; denn unſer Arriero kannte wohl eine ſehr geringe Poſada in Toledo, von der Fonda de Lima hatte er indeſſen nie reden gehört. Endlich gelang es uns, eines Geiſt⸗ lichen habhaft zu werden, der uns auch freundliche Anweiſung gab, unſeren Gaſthof zu finden. Ehe wir denſelben übrigens er⸗ reichten, ging es meinem Pony wie dem Roſſe des Cid, als dieſer nach der Eroberung der Stadt mit dem tapferen Alonſo VI. ſeinen Einzug in Toledo hielt. Und ich bin ſtolz auf dieſe Aehnlichkeit der Verhältniſſe. Mein kleines Pferd rutſchte nämlich auf dem glatten, ſteilen Pflaſter aus und ſtürzte auf die Kniee, ſprang aber gleich darauf wieder in die Höhe, um ſeinen Weg fortzu⸗ ſetzen. Babieca dagegen, das Schlachtroß des Cid, ſank beim Einreiten ſeinerſeits ebenfalls auf die Kniee und blieb ruhig liegen, was ſeinen Herrn ſo wie den König ungemein überraſchte, da Babieca als ſehr ſtolz und trotzig bekannt war. Man ließ deßhalb auf der Stelle nachgraben und fand unter der Erde den blutigen Chriſtus wieder auf, der ſchon unter dem Gothenkönige Athagilde Lahme und Blinde heilte und ſeitdem ſpurlos ver⸗ ſchwunden war. Dieſes Wunder erſchien um ſo größer, als zu ſeinen Füßen die ewige Lampe klar und hell brannte, als habe man ſie erſt geſtern mit friſchem Oel verſehen, während das doch zum letzten Male vor ſo viel hundert Jahren geſchehen war. Der blutige Chriſtus iſt übrigens heute noch zu ſehen, und zwar in der Kapelle del ſantiſtmo Criſto de la ſangre auf dem Zocodover, dem älteſten Marktplatze von Toledo. Fünfzehntes Kapitel. Toledo. Die Straßen Toledo's. Toledo. Die Waffenfabrik. Alte Toledaner Klingen. Der Zorn des heiligen Petrus. Die Kathedrale. Der Hauptthurm. Blick auf die Stadt mit ihren Umgebungen. Der Tajo. Der Mirador König Roderichs. Ein Spaziergang um die Stadt. Die einſame Kapelle. Die Kämpfe um Toledo. San Juan de los Reyes. Das Judenquartier. Prächtige Ueberreſte mauriſcher Baukunſt. Das Spital von Santa Cruz. Der Alcazar. Der Pferdevermiether von Toledo. Eine Decoration zur Unterwelt. Die Fonda, in der wir abgeſtiegen, war ein beſchei⸗ denes Haus, ſehr klein, obgleich deſſen Eingang, ein hoher gothiſcher Steinbogen, mehr verſprach. Glücklicherweiſe waren wir die einzigen Fremden und erhielten deßhalb die beſten Zimmer, zwei große Räume mit weißen Kalkwänden, an denen Schilderun⸗ gen aus dem Leben des Cid Campeador und des Don Quirote hingen. Das Ameublement beſtand aus einem Tiſche und Rohr⸗ ſtühlen, und die Betten, in eiſernen Geſtellen, wie faſt überall in Spanien, waren ziemlich gut. Da unſere Wohnung in einem finſteren Hofe lag, von allen Seiten überragt von ſchwarzen Mauern, und deßhalb nie einen Sonnenſtrahl zu ſehen bekam, ſo war ſie recht unangenehm kalt, und wir kauerten uns dicht um den Braſſero zuſammen, auf deſſen Rand wir die Füße ſetzten, um uns einigermaßen zu erwärmen. Das war aber nach unſeren Ritten immer die angenehmſte Stunde; da gingen wir lachend und ſcherzend noch einmal den ganzen vergangenen Tag durch, da wurde die Karte über unſere Kniee ausgebreitet, die Stadt, wo 126 Fünfzehntes Kapitel. wir uns gerade befanden, mit einem Bleiſtiftſtriche verſehen, und hierauf kam die ſüße Papier⸗Cigarre, deren aromatiſchen Rauch man wie den der türkiſchen Pfeife in die Lunge einzieht und nach⸗ her behaglich wieder ausſtrömen läßt. Das ſind freilich Kleinigkeiten, welche man zu Hauſe gar nicht ſchätzt, und die man nur dann recht empfindet, wenn man durch zehnſtündiges Reiten auf einem ſchlechten Sattel müde und ſteif geworden iſt. Da es Sonntag war und deßhalb eine außer⸗ ordentliche Theater⸗Vorſtellung in Toledo, ſo ließen wir uns noch dorthin führen, blieben übrigens nicht lange, da weder Schau⸗ ſpielhaus noch Truppe der Mühe werth war; ſelbſt Tänzer und Tänzerinnen waren unter der Mittelmäßigkeit. Am andern Morgen machten wir einen Gang durch die Stadt, um auch den Charakter derſelben in den Stadtvierteln, welche wir geſtern bei unſerem Einreiten nicht geſehen, kennen zu lernen, fanden aber überall die gleiche maleriſche Mannigfal⸗ tigkeit, überall ſchöne Denkmäler mauriſcher und mittelalterlicher Kunſt an den Häuſern und öffentlichen Gebäuden. Auch Men⸗ ſchen ſahen wir heute, doch ſchien uns Toledo in allen Theilen wenig belebt; manche der ſchmalen Gaſſen konnte man durch⸗ wandeln, ehe man Jemand begegnete, und was wir hauptſäch⸗ lich bemerkten, waren Prieſter in langen ſchwarzen Gewändern, von denen ſich eine übergroße Anzahl hier befindet. Die ſchönen Toledanerinnen ſcheinen den mauriſchen Gebrauch feſtzuhalten und gern in ihren Häuſern zu bleiben; denn wir bemerkten auf den Gaſſen nur wenig Mantillen, die ein hübſches Geſicht einrahmten, wogegen ſie häufiger hinter den Gittern ihrer kleinen Fenſter her⸗ vorlauſchten, aus denen auch oft ein helltönender Geſang unter Guitarrebegleitung zu uns herausdrang. Toledo iſt ſehr finſter und ſchweigend geworden; vielleicht waren wir auch durch das unendliche Getreibe auf der Puerta del Sol in Madrid verwöhnt; aber im Allgemeinen ſagt man es der alten Ritterſtadt nach, daß ſte ſtumm auf ihren Felſen liege, trauernd über das Verſchwinden ihrer ehemaligen Größe. Und Toledo. 127 ſte hat ein Recht dazu. Ihr Name Toledo, auf Hebräiſch Tole⸗ doth: Stadt der(alten) Geſchlechter, ſagt mit gerechtem Stolze, daß ſich einſt die Blüthe des ſpaniſchen Adels in ihren Mauern befunden. Das iſt jetzt freilich ganz anders geworden. Glanz und Leben iſt ausgefloſſen nach den Ufern des Manzanares, und nur Felſen und Häuſer ſind zurückgeblieben, ein verſteinertes Bild der Melancholie. Wenn man in den alten Büchern liest von der großen Be⸗ völkerung Toledo's in früheren Zeiten, ſo begreift man weder, wo all die Tauſende Platz gefunden, noch, wo die Räumlichkeiten waren für die glänzenden Hofhaltungen der ſpaniſchen Großen. Es iſt derſelbe Gedanke, der uns beim Betrachten namentlich der deutſchen Ritterburgen aufſtößt. Alles klein und eng, nirgends Platz für den uns jetzt ſo unentbehrlich ſcheinenden Comfort des Lebens. Recht wohnlich und behaglich kann Toledo nie geweſen ſein, und wenn auch vielleicht viele der ehemaligen größeren Häu⸗ ſer verſchwunden ſind, ſo ſind doch die Gaſſen und Plätze die glei⸗ chen geblieben. Letztere ſind aber unbedeutend, und was die erſteren betrifft, ſo gibt es wohl in keiner Stadt der ganzen Welt ſchmälere und winkligere Paſſagen als hier. Steil auf und ab winden ſich durch die ganze Stadt die Straßen, abſchüſſig und mit ſchlechtem Kieſelpflaſter, welches ohne die Idee eines Trottoirs beide Häuſerreihen ausfüllt; zuweilen befindet ſich in der Mitte eine Rinne, um das Regenwaſſer abzuleiten, und ſie ſind dabei ſo eng, daß in die wenigſten ein Sonnenſtrahl eindringen kann; unter ſich das ſchlüpfrige Pflaſter, hat man zu beiden Seiten ſchwarze Mauern mit unbedeutenden Fenſtern und über ſich einen ſchmalen Streifen des dunkelblauen Himmels. Dabei iſt aber jedes Haus wie eine Burg maſſiv aus Stein gebaut und gewöhnlich nur von einer einzigen Familie bewohnt. Nach mauriſcher und andaluſiſcher Sitte haben indeß die meiſten Häuſer einen Hof; durch das maſſive Thor vor den Blicken jedes Unbefugten gewahrt, dient er den Bewohnern zum freundlichen Aufenthalte. Meiſtens iſt er mit Blumen geſchmückt, die den Fünfzehntes Kapitel. unentbehrlichen Springbrunnen umgeben; rings herum laufen Arcaden, von Säulen getragen, und ein dichtes Dach von Wein⸗ laub hält im Sommer die brennenden Sonnenſtrahlen ab. Die Waffenſchmiede von Toledo waren ehemals berühmt, und die Toledaner Klingen eben ſo geſchätzt wie die von Damascus und Khoraſſan; aber auch dieſe Werkſtätten, welche im Mittel⸗ alter ſo kunſtvolle Arbeiten erzeugten, ſind verſchwunden; nichts Neues, Bedeutendes wird von Privaten mehr gemacht, und um vielleicht ein altes werthvolles Stück zu finden, kroch ich vergebens einen halben Tag lang durch die dunklen Schmieden einiger Schwert⸗ feger. Und doch iſt in der Nähe von Toledo immer noch die größte Waffenfabrik Spaniens, welche einen großen Theil des Bedarfs für die Truppen liefert, weiter aber auch nicht viel; freilich ſieht Magazine der Fabrik ein paar Curioſitäten, inem alten prächtigen Modelle gearbeitet; chgeahmt, den inneren Werth der man in einem der neues Fabrikat nach e aber nur das Aeußere iſt na Klingen hat man nicht zu erreichen vermocht. Der erſte Tag unſeres Hierſeins war wunderſchön, und ſo ſtiegen wir am frühen Morgen, da die Thüren zu der Kathedrale und andern Sehenswürdigkeiten verſchloſſen waren, zur Waffen⸗ fabrik hinab; ſte liegt ſüdweſtlich, eine ſtarke halbe Stunde von der Stadt entfernt, unten im Thale am Ufer des Tajo. Ein großes, weißes, weitläufiges Gebäude mit einem Zaun, der aus alten Lanzen gebildet iſt, und auf deſſen Zwiſchenpfeilern ſich ſtatt s deren Zündlöchern der Capitäle alte Granaten befinden, au künſtliche Flammen von rothgemaltem Blech hervorſehen. Die früher ſo berühmte Fabrica de Armas hat ſich aber total überlebt; wohl ſind noch ein paar hundert Arbeiter hier beſchäftigt, auch ſollen immer noch gute Militärklingen hier gemacht werden. Wenn man aber gegen dieſe königliche erſte Anſtalt von Spanien eine der kleinſten deutſchen Fabriken, z. B. in Solingen, betrachtet, ſo ſieht man in letzterer doch ein ganz anderes Treiben und Schaffen. An den mechaniſchen Hülfsmitteln hier ſcheint ſeit langen Jahren nichts verbeſſert worden zu ſein und manche neue Erfindung in id ſo drale affen⸗ e von Ein r aus hſtatt öchern Die erlebt; ,auch Wenn en eine rachtet, chaffen. Jahren ung in Toledo. 129 dieſem Fache ihnen gänzlich unbekannt. Ihre Streck⸗ und Poch⸗ werke, Schleif⸗ und Polirmaſchinen ſind alle Holz⸗Conſtructionen und arbeiten mit dicken Wellen und ſchwerfälligen Rädern, die von den Fluthen des Tajo in Bewegung geſetzt werden. Wenn man an ein derartiges Etabliſſement bei uns denkt, mit ſeiner Dampfkraft, den rührigen Arbeitern, den umherfliegenden ſchlan⸗ ken Rädern, ſo kommt einem die Wirthſchaft hier ein wenig lahm vor. Wie ſchon bemerkt, werden faſt nur Militärwaffen hier angefertigt, beſonders Kavallerie⸗Säbel, und daneben für den Fremden, der ſich gern ein Andenken mitnehmen möchte, kleine mit Gold eingelegte Dolche mit dem Fabrikzeichen von Toledo, die man aber theuer genug bezahlen muß. Uebrigens bin ich überzeugt, daß die berühmte alt⸗ſpaniſche Klinge, die gute treue Toledana, welche von Romanzendichtern eben ſo gern und häufig beſungen wurde, als die Augen der Ge⸗ liebten, als Sonne und Mond, aus einzelnen kleineren Werk⸗ ſtätten hervorging, wo ein Meiſter den andern in der Güte der Waaren zu übertreffen ſuchte. In früheſter Zeit waren es die Mauren, die, wie ſo viel Gutes und Schönes, auch ihre vor⸗ treffliche Damascirkunſt in Spanien einführten; ſpäter ließen ſich kunſtfertige Italiener hier in Toledo nieder, in deren Werkſtätten jene Klingen, von denen der Krieger träumt, wie der Dichter ſagt, geſchaffen wurden. Schon an der Art der Arbeit ſiteht man heut zu Tage, daß ſie nicht fabrikmäßig betrieben wurde; faſt jede Waffe iſt von der andern in Einzelheiten verſchieden, meiſtens durch die immer wechſelnde hübſche Zeichnung des Korbes, noch häufiger aber durch die Form der Klinge und deren Inſchriften, die immer ſo charakteriſtiſch und ſinnreich gewählt waren, daß es ſich wohl der Mühe verlohnte, eine Sammlung dieſer Sprüche anzulegen. Einige derſelben findet man wohl hier und da wieder⸗ holt, z. B.: No me saques sin razon, no me envaines sin honor: ziehe mich nicht ohne Grund, ſteck' mich nicht ein ohne Ehr'! Eine ſchöne Toledoklinge, die ich ſelbſt beſitze, mit einem der zierlichſten Griffe, die man ſehen kann, führt die ſchöne Inſchrift: 9 Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. Fünfzehntes Kapitel. Eres mi fuerza, seras mi esperanz. Große Werkſtätten hatten daneben auch eine Art Zeichen, durch welche ihre beſten Arbeiten von den anderen kenntlich waren, z. B. die eingehauenen Worte: El Morillo, el Moro de Zaragoza, oder el Perillo, das Hündchen. Statt des letzteren findet man auch häufig ein Zeichen eingeſchnitten, das in wenigen rohen Strichen das Bild eines Hundes darſtellt, ſo auf der Klinge, von welcher ich oben ſprach. Nachdem wir ein paar Einkäufe in der Waffenfabrik gemacht, kehrten wir zur Stadt zurück. Gern wären wir noch einige Stun⸗ den an den Ufern des Tajo umhergewandelt; denn trotzdem wir uns erſt in der Mitte des Monats Januar befanden, hatten wir doch einen vollkommenen Frühlingstag. Die Sonne ſchien klar herab vom wolkenloſen Himmel, und unter ihrem warmen Kuſſe duftete die Erde ſo eigenthümlich und angenehm, wie bei uns„im wunderſchönen Monat Mai, wenn alle Knospen ſpringen“. Aber der gewiſſenhafte Reiſende iſt ein geplagtes Geſchöpf, mache er nun in Wein, Tabak, in Leinwand oder in Naturanſichten und Sehenswürdigkeiten; er muß im Schweiße ſeines Angeſichts ſeine Kunden beſuchen, damit ſein Notizbuch nicht leer bleibe und zahl⸗ reiche Beſtellungen in der Heimat ankommen. Wir beſuchten noch die zu unſerer Rechten liegende Baſilica de Santa Leocadia, einen höchſt intereſſanten Ueberreſt der alten prächtigen Kirche dieſes Namens; dann gemahnte uns aber der tiefe Ton der berühmten Campana de Toledo, deren weitſchallende Stimme durch die klare Luft zu uns herüber drang, daß nun die Thüren der Kathedrale geöffnet ſeien. Wir kletterten wieder zur Stadt hinauf, während uns der Führer von dieſer großen Glocke einiges Fabelhafte er⸗ zählte. Sie hatte ihre Schickſale gehabt, ſo gut wie jede ihrer bekannten Colleginnen, bekam auch wie viele derſelben beim erſten Läuten einen Riß, von deſſen Entſtehen die Sage erzählt, der heilige Petrus, vor dem Himmelsthore ſitzend, habe einſt ein ge⸗ waltiges Lärmen aus der Gegend von Toledo her gehört; als er hinabblickte, bemerkte er die ſtattliche Campana, und zwar in einer Größe, wie ſeine Kirchen in Rom keine dergleichen auf⸗ Toledo. 131 weiſen konnten, worauf er denn in einem Anfalle ſehr unchriſt⸗ licher Eiferſucht einen ſeiner großen Schlüſſel hinabſchleuderte und die Glocke ſo gewaltig traf, daß ſie einen großen Sprung bekam. Die meiſten unſerer berühmten Dome wurden leider in alter Zeit von untergeordneten Bauwerken umgeben, die ſich, wie Schutz ſuchend, an die mächtigen Mauern klebten oder zwiſchen den Strebepfeilern einniſteten. Dieſer Mißbrauch iſt hauptſäch⸗ lich auch bei der Kathedrale von Toledo zu beklagen; denn von außen verſchwindet ſte faſt unter der Maſſe von kirchlichen und bürgerlichen Umbauten, die ſich auf allen Seiten an ſte anlehnen. Dagegen hat vielleicht dieſe Umkleidung hier dazu beigetragen, daß der Kern dieſer prächtigen Kirche unter den ſchweren Zeiten, die an ihr vorübergingen, faſt gar nicht gelitten; Alles iſt an ihr gut erhalten, nirgends ſieht man eine Spur von Verwüſtungen, wie an vielen ähnlichen Bauwerken. Die Kirche, an deren Stelle ſchon im Jahre 525 der ſechszehnte Gothenkönig Recaredo aus Anlaß ſeiner Bekehrung zum Chriſtenthum einen kleinen Tempel gegründet hatte, der wechſelweiſe je nach dem Kriegsglück dem chriſtlichen und dem muhamedaniſchen Bekenntniß diente, verdankt ihre Entſtehung dem Könige Don Ferdinand, dem Eroberer von Sevilla. Im Jahre 1258 durch den Architekten Pedro Perez begonnen, wurde ſie erſt nach zweihundert zweiunddreißig Jahren(1490) unter Iſabella der Katholiſchen, die für Toledo ſo viel gethan hat, vollendet. Bei vierhundert Fuß Länge und zweihundert Fuß Breite zählt ſie fünf Schiffe und dieſe ſind durch Säulenbündel von einander getrennt, die bei mäßiger Höhe ver⸗ hältnißmäßig dick ſind, leider aber dem Innern den Eindruck der an gothiſchen Bauwerken ſo wohlthuenden Schlankheit benehmen. Daher kommt es wohl, daß, obgleich die Kathedrale von Toledo eines der ſchönſten, namentlich reichſten Werke mittelalterlicher Kunſt iſt, ſie doch durch ihre architektoniſchen Formen und Ver⸗ hältniſſe neben den gothiſchen Bauwerken erſten Ranges nicht be⸗ ſtehen kann. Ihr Reichthum aber iſt unendlich groß, ſowohl an edlen Metallen, koſtbaren Steinen als Wüahelgen Wildern und 132 Fünfzehntes Kapitel. Sculpturen; es hat nicht nur jeder ſpaniſche König ſeit dem ſie⸗ benten Jahrhundert bis auf Karl III. die Kirche mit einem koſt⸗ baren Geſchenke bedacht, nicht nur hat jede Epoche ſie nach dem herrſchenden Geſchmacke verſchönert und trugen Erzbiſchöfe, Biſchoͤfe und reiche Bürger zur Vergrößerung der Kathedrale bei, ſondern arme Pilger und Bettler ſpendeten willig ihre geringen Gaben. Der feurige Glaube, dem die einfache Majeſtät dieſes Baues nicht mehr genügte, umgab denſelben im Laufe der Zeit mit einer Menge von Kapellen, die ſeinen Raum faſt verdoppeln; ein prachtvoller Kreuzgang, um den die Wohnungen der Chorherren liegen, ſchließt ſich an der einen Seite an, und als heiligen Begräbnißort der erſten Geſchlechter füllten die frommen Stifter die Kirche und die Kapelle mit den koſtbarſten Kunſtwerken an. Wohin man ſich wendet, ſieht man glänzende Edelſteine und Vergoldungen, die Mauern mit den herrlichſten Marmorarbeiten bedeckt und koſt⸗ bare Holzſchneidereien, deren Ausführung viele Menſchenalter in Anſpruch nahmen. Ja, die Prachtliebe hier ging ſo weit, daß die Steinfugen des Mauerwerks neben dem Hochaltar vergoldet ſind, was wohl reich, aber nicht geſchmackvoll ausſieht. Der erzbiſchöfliche Sitz von Toledo war früher der reichſte in ganz Spanien, er hatte 400,000 Piaſter Einkünfte, unter ihm ſtanden die Bisthümer von Cordova, Jaen, Carthagena, Cuenca, Siguenza, Segovia, Osma und Valladolid; zu ihm gehörten vierzig Klöſter und ſechsundzwanzig. Pfarrkirchen; ſein Capitel, aus hundert hohen Prälaten beſtehend, lebte mit kaiſerlicher Pracht. Das iſt nun alles verſchwunden, und wenn man zur Zeit der Meſſe durch die weiten Hallen der Kathedrale wandelt, ſo ſieht man wenige dürftige Prieſter, welche den heiligen Dienſt beſorgen; die mit Edelſteinen bedeckten Monſtranzen, die Statuen der heiligen Jungfrau mit ihren Gewändern, ganz aus Perlen und Gold beſtehend, ſind freilich noch vorhanden; aber man ſieht nicht mehr wie damals Großwürdenträger der Kirche von allen Graden, von unzähligen Chorknaben umgeben, ihre Kniee vor dem Allerheilig⸗ ſten beugen. Das Rauſchen der ſeidenen und geſtickten Gewänder Toledo. 133 iſt verſchwunden, die alte Pracht und Herrlichkeit zu Grabe ge⸗ tragen, und wenn heute die gewaltige Orgel ihre mächtigen Klänge in die gewölbten Hallen hineinſchmettert, ſo dröhnt das wahrhaft abſchreckend in dem leeren Raume; denn ſtatt der tiefen Stimmen der hundert Chorherren und Prälaten, die früher aus den zahl⸗ reichen Chorſtühlen antworteten, vernimmt man jetzt nur noch die ſchwachen Geſänge von einem Dutzend alter, zitternder Männer, auf die das ganze Kapitel zuſammengeſchmolzen iſt. Trotz alledem aber gewährt es wieder ein ſo ſüßes, ja berau⸗ ſchendes Gefühl, in dieſen ehrwürdigen Hallen umherzuwandeln. Eindrücke der mannigfachſten Art ſtürmen auf die Seele ein und erheben das Herz. Es iſt, als läſe man in einem gewaltigen Gedichte von der vergangenen Zeit; der Weihrauch duftet, Blicke und Gedanken irren an den bunten gemalten Scheiben hin und her, ſte können nicht hinaus, ſie müſſen immer wieder zurückkehren in die Kirche, in das eigene Herz, und während die Orgel ſingt und jubelt von alter Pracht und Herrlichkeit, ſcheinen ſich die todten Prieſter⸗ und Fürſtenſtatuen allmählich zu beleben; man glaubt ſie nach einander flüſtern zu hören: Dieß und das geſchah zu meiner Zeit. Am Hochaltar und Chor, welche nach ſpaniſcher Sitte eine Kirche in der Kirche bilden, iſt nun zuſammengedrängt, was die Kunſt Koſtbares zu erfinden im Stande war. Es blendet einem faſt die Augen, wenn man die Arbeiten betrachtet; Schnitzwerke in koſtbarem Holz, in Marmor neben getriebener Arbeit in edlen Metallen bilden die Wände dieſes Innerſten; zahlloſe Marmor⸗ figuren von großem Kunſtwerthe ſteht man bald in Gruppen, bald vereinzelt. Vom Fundament bis hinauf zur Decke iſt nicht ein Platz handgroß, der nicht verziert wäre, und zudem umgibt den Chor ein herrliches vergoldetes Gitter mit vier Ellen hohen ziſelirten Stäben und Knäufen. Zu allem dem kommt noch, daß die Pfeiler mit einem eigenthümlichen Netze von Vergoldungen überzogen ſind, deſſen Endfäden ſich hinaufziehen bis an die verſchlungenen Rippen des Gewölbes, und ſo, wie durch zahlloſe goldene Ranken mit den 134 Fünfzehntes Kapitel. Roſen der Decke zuſammenhängen, man könnte ſagen: als koſt⸗ bare Frucht von ihr getragen werden. Der Retabel des Hochaltares, der das Chor als eine gerade Wand abſchließt, iſt durch eine Menge feiner Pfeiler in einzelne Niſchen abgetheilt, deren zierlich durchbrochene Baldachine immer wieder die Untergeſtelle zu darüber befindlichen Reliefen bilden, in denen von der Geburt bis zur Himmelfahrt des Erlöſers alle Momente ſeines heiligen Lebens mit hoher Kunſt dargeſtellt ſind, Alles in ganz runden Figuren meiſterhafter Schnitzarbeit ausge⸗ führt und mit den Farben des Lebens colorirt; dazwiſchen Ver⸗ goldung, wo ſich nur ein Platz dafür findet, ſo daß dieſe Gruppen aus dem tiefen Schatten ihrer Niſchen mit einer überraſchenden Lebendigkeit heraustreten und das Ganze, beſonders wenn ein warmes Licht durch eines der hohen bunten Fenſter darauf fällt, eine zauberhafte Wirkung macht. Welche Feder wäre im Stande, dieſen Glanz und Reichthum zu beſchreiben, ſo wie das geheime heilige Grauen, das die Seele des Beſchauers, wie die Herzen der vielen Tauſende, die hier ſchon gekniet, erfüllt! Rührend iſt die Kindlichkeit der Auffaſſung dieſer uralten Sculpturwerke, und ſelbſt in ſpäteren Zeiten, wo die Kunſt ſchon auf Abwege gerathen war, nöthigt uns das Beſtreben, etwas Herrliches, noch nie Da⸗ geweſenes mit ganz neuen Mitteln zur Ehre des Glaubens hervor⸗ zubringen, wie in der Kapelle de la Antigua, zur Verehrung, und wenn z. B. der Altar, genannt el Transparente, der ſich hinter dem Retabel des Hochaltars befindet, auch von höchſt ausſchwei⸗ fender Compoſttion und Ornamentik iſt, und wahrhafte Monſtruoſt⸗ täten dabei vorkommen, ſo iſt doch die Ueberſchwänglichkeit der Zuſammenſtellung thurmhoch über einander aufſteigender Chöre von Engeln in Marmorwolken, Sonnenſtrahlen, Sternen, Säulen und Geſimſen aus den koſtbarſten Stoffen und von überreicher Färbung, trotzdem daß alle Gränzlinien verwiſcht ſind, wo Sculp⸗ tur und Architektur aufhört und die Malerei beginnt, von frap⸗ panter Wirkung, und man läßt dem gewaltigen Triebe eine Zeit Coledo. 135 lang Gerechtigkeit widerfahren, das Heiligſte mit allen nur denk⸗ baren Mitteln der Kunſt zu ehren. Weit edler und reiner ſind die Formen der meiſten Begräb⸗ nißkapellen, unter denen diejenige der Familie des Don Alvaro de Luna beſonders hervorragt. Wunderſchöne gothiſche Maßwerke bedecken die Wände, und durch vielfach verſchlungene, in den korrekteſten Deſſins ausgehauene Steingitter, die dieſe Kapelle von der Kirche trennen, hat man den Blick in das geheimnißvolle Dunkel der Hallen des Chorumganges. Von den herrlichen Grab⸗ malen kann man ſich kaum trennen, und wie ſchön ſind die Kapelle des heiligen Ildefonſo und die Kapelle de Reyes Nuevos, welche von ihrem im Chorumgange angebrachten Portado durch die Kapelle bis zur Sacriſtei eine ununterbrochene Reihe der vor⸗ trefflichſten Muſter eleganteſter Renaiſſancearchitektur darbietet! Doch es wäre kein Ende, die Kunſtſchätze der einzelnen Kapellen aufzuzählen. Nur derjenigen unter dem Thurme wollen wir noch gedenken, die ganz arabiſch iſt, und deren wimmelndes, prachtvolles Detail der Wölbung bei je längerem Betrachten ein immer größeres Räthſel wird, und endlich des von Cardinal Cisneros erbauten Wintercapitelſaales, zu dem vom Seitenſchiff aus eine herrliche, von gothiſcher Filigranarchitektur gekrönte Thür von der Hand des Antonio Rodriguez führt. Der Capitelvorſaal, deſſen Wände mit ſchönen Fresken von Jean de Bourgogne geſchmückt ſind, hat eine Decke von wunderbarer Arbeit, von der man kaum weiß, ob Araber oder Chriſten ſie gefertigt haben, ſo ſehr durchdringen ſich die wechſelvollen gothiſchen und mauriſchen Formen, und Alles leuchtet von den brennendſten Farben. Der Capitelſaal ſelbſt aber, deſſen Wölbung ganz in goldenem Glanze ſtrahlt, und von welcher zahl⸗ loſe Stalaktiten herunter zu hangen ſcheinen, hat nur einen Raum, der ihm annäherungsweiſe gleicht, den ehrwürdigen großen Saal des venetianiſchen Dogenpalaſtes; ernſt und würdig ſchauen im Kreiſe herum in doppelter Reihe die Bildniſſe der Kirchen⸗ fürſten auf den Beſucher herunter. Dem Eingange gegenüber ſteht erhöht der erzbiſchöfliche Stuhl, bedeckt mit den reichſten 136 Fünfzehntes Kapitel. Sculpturen und überragt von einem ſchönen Bilde, der Krönung Marias. Zu beiden Seiten erheben ſich mehrere Rang hoch, ſchön b geſchnitzte Chorſtühle, und die Wände ſind bedeckt mit fünfzehn merkwürdigen hiſtoriſchen Bildern Johanns von Burgund. Ein ſtolzer, feierlicher Raum! Schon vorhin erwähnte ich des Reichthums der Kathedrale von Toledo an edlen Metallen.— Neben einer Anzahl ſilberner und goldener Gefäſſe, neben den vielen Gewändern der heiligen Jungfrau, die ſo mit Perlen und Diamanten bedeckt ſind, daß M man zwiſchen ihnen durch keinen Faden des Gewebes ſehen kann, iſt in der That ſehr bemerkenswerth eine Monſtranz von Gold— und Silber, woran der Metallwerth nicht gegen die rieſenhafte Arbeit in Betracht kommen kann. Wie man uns erzählte, haben drei Generationen einer Goldſchmiedsfamilie, der Vater, der Sohn und der Enkel, ihr ganzes Leben auf dieſe Arbeit ver⸗ wandt.— Auch an alten Bildern iſt die Kirche ſehr reich, doch ſind ſie mit Ausnahme der Altarblätter ſo unvortheilhaft aufge⸗ hängt, daß es ſelbſt für einen Kenner, der ich nicht bin, unmöglich wäre, ſie mit Vortheil zu betrachten. 1 Die vielen Grabdenkmäler in der Kirche ſind von großer und angenehmer Wirkung für den Umherwandelnden; an den ſtillen marmornen Erzbiſchöfen können die Blicke ausruhen, wenn ſte geblendet von dem Glanze des Goldes und dem ungewiſſen Leuchten und Schimmern der Glasmalereien einen ſtillen Winkel ſuchen. Und das Ausruhenlaſſen der Blicke und Gedanken kann man ſchon brauchen, nachdem man ein paar Stunden lang umher gewandelt. Man fühlt ſich ermüdet, überſättigt von dem, was man geſehen, und braucht eine Reſtauration; und ich für meine Perſon fand dieſe in der großen Kirche öfters, wenn ich mich in einen* finſteren Winkel niederſetzte, das Geſicht in die Hände verbarg, und r ſo die Ruhe auf mich einwirken ließ. e Auch ein Spaziergang in den prachtvollen Kreuzgängen, 1 welche an den Dom ſtoßen, thut ſo wohl und erfriſcht. An der n Thür warfen wir noch einen Blick rückwärts in den dämmernden ——————— Toledo. 137 Raum, die ganze Kirche funkelt vor dem Auge wie ein Kaleidoſkop; die Kerzen am Hochaltare ſchimmern gleich rothen Funken und wie durch Nebel zu uns herüber. Hinter dem Chore liegt der ganze gewaltige Raum noch dunkler; und oben ganz in der Höhe läßt ein offenes Fenſter einen Lichtſtrom hereindringen, auf wel⸗ chem der Staub ſich mit Behagen ſchwingt, und deſſen Strahl eine erhabene Marmorfigur trifft, die im allgemeinen Halbdunkel hell leuchtend und wie verklärt daſteht. Drunten vor dem Altar iſt der heilige Dienſt zu Ende, die Prieſter ziehen ſich, die Kniee beugend, zurück; von der Orgel herab ſauſen und brauſen nur noch einzelne Töne. Man hört die Wegeilenden leiſe huſten und ſich räuſpern; die Tritte ihrer Füße ſchlurfen auf dem Pflaſter. Einer, der an uns vorbeigeſchritten iſt, hebt den ſchweren Vorhang an der Kir⸗ chenthür in die Höhe, ein gewaltiger Strom des ſcharf glänzenden hellen Tageslichtes dringt plötzlich herein, beleuchtet das reiche Schnitzwerk der Thür, deren Figuren aus der bibliſchen Geſchichte Centauren, Liebesgötter, Laubgewinde und Arabesken umgeben, ſo wie auch die ſchweren Formen zweier Weihwaſſerbecken dicht, neben uns. Und dieſes Licht, welches hereinblitzt, läßt die Kirchen⸗ ſchiffe noch ernſter und dunkler, ja, faſt unheimlich erſcheinen. Gern verlaſſen wir die Kathedrale und erfreuen uns draußen an der Tageshelle, an dem goldenen Sonnenſtrahle, der ſich an den ſchlanken Pfeilern des Kreuzganges herumwindet, der an den durchbrochenen Fenſtern hier glänzende Lichter aufſetzt, und gleich nebenan tiefe Schatten hervorruft. Doch, nachdem wir uns lange in den dunkeln Räumen der Kirche aufgehalten, ſteigen wir gern auf den Thurm hinauf, um einen Blick auf Toledo und die um⸗ liegende Landſchaft zu thun. Dieſer Thurm hat drei Theile, und ſeine Breite läßt ihn weniger hoch erſcheinen, als er wirklich iſt. Der untere Theil iſt ein Prisma mit viereckiger Baſis, von Strebepfeilern an den Ecken flankirt und die glatten Flächen ganz mit gothiſchem Maß⸗ werk überdeckt; oben führt ein reich durchbrochenes Steingeländer um die Terraſſe, aus der ſich der zweite Theil mit achteckiger Baſis Fünßzehntes Kapitel. erhebt, welcher in zwei Stockwerke mit je acht rei chgegliederten Spitzbogenöffnungen zerfällt, und um den ſich eine Menge Fialen und Spitzſäulen gruppiren. Früher mag ſich dieſer Theil weit zierlicher ausgenommen haben; denn die Durchſichtigkeit hat ſehr abgenommen durch eine Maſſe nachher angebrachter Verſtärkungs⸗ pfeiler, die, wo nur Raum war, hinter den freiſtehenden Streben aufgeführt wurden. Die Pyramide zu oberſt, die den dritten Theil bildet und ſich ſchnell verjüngt, hat eine eigenthümliche Zierde durch drei Gürtel von wagerecht in die Luft ſtarrenden Spitzen erhalten, die, an und für ſich von beträchtlicher Größe, ganz die Wirkung einer dreifachen mächtigen Krone machen. Der ganze Thurm, von der Sohle bis zum Kreuze, hat eine Höhe von drei⸗ hundert dreißig Fuß. Die Treppen, welche hinauf führen, ſind ſehr bequem, und man gelangt ohne große Mühe bis an den durch⸗ brochenen Theil des Thurmes, wo die ſchon erwähnte berühmte Glocke von Toledo hängt. Allerdings hat dieſe eine anſtändige Größe, doch glaube ich, daß das Sprüchwort übertrieben iſt, nach welchem unter der Campana fünfzehn Schuſter im Kreiſe nicht nur ſitzen können, ſondern mit langgezogenem Zwirn friſchweg nähen, ohne daß einer den andern genire. Von hier oben hat man eine ſchöne Ausſicht auf die Stadt. Toledo liegt rings um uns ausgebreitet und ſieht noch von hier oben beſonders ehrwürdig aus. Es iſt ein ſtattlicher Steinhaufe in grauer und gelblicher Farbe, und wenn man den Umfang be⸗ trachtet, ſo begreift man wohl, daß Toledo ſtatt der 15,000 Men⸗ ſchen, die jetzt hier leben, früher eine vier⸗ bis ſechsfache Zahl beherbergen konnte. Eigenthümlich iſt der Anblick auf die Dächer und Terraſſen; vielfach ſieht man auf den letzteren noch einen kleinen Aufbau von Säulen und Bogenfenſtern, durch welche man den friſchen Luftſtrom genießen und weit hinaus in das Land lugen konnte. Dieſe Aufbauten nehmen ſich auf den grauen Mauern wie eine eigene Stadt auf den Dächern aus. Auch mehr⸗ fache Ueberbleibſel aus der Maurenzeit entdeckt man hier oben, und kleine Kuppeln, die ſich, von unten geſehen, ſcheinbar ängſtlich +—O—— 9———„— Toledo. 139 zwiſchen den hohen trotzigen chriſtlichen Thürmen verbergen, treten hier frei zu Tage; überhaupt entdeckt man von der Gallerie des Thurmes eine Menge hervorragender Bauwerke, die in dem Laby⸗ rinth der engen Gaſſen verſchwinden. Einer der Geiſtlichen der Kirche, ein freundlicher alter Mann, der zu unſerem Glücke geläufig Franzöſiſch ſprach, hatte uns hinaufbegleitet, und nannte uns gern einzelne hervorragende Punkte der Stadt. Ziemlich deutlich ſahen wir auch von hier, wie der Tajo dieſelbe auf drei Viertheilen ihres Umfanges umkreist; weit über die öde Fläche daher, welche wir geſtern geritten, ſchlängelt er ſich in einem grünen Streifen, wie eine langgezogene Oaſe in der Wüſte, und bricht ſich dicht vor der Stadt einen Weg durch gewaltige Granitmaſſen, ſtatt, wie er wohl gekonnt hätte, quer über die Sandebene gemächlich weiter zu laufen,— ein ſchönes Bild jener alten echten Ritterlichkeit, die auch Kampf und Tod aufſuchte und ſich den entgegentretenden Hinderniſſen friſch und muthig entgegenwarf. Vor uns, entlegen vom Felſenufer des Fluſſes, ſehen wir einen mächtigen Bau aus dem ſechszehnten Jahrhundert, das Thor von Biſagra. Auf der anderen Seite der Stadt befindet ſich die St.⸗Martinsbrücke, und derſelben gegenüber auf dem verlängerten Tajoufer ein mächtiger gothiſcher verfallener Bau, der Mirador des unglücklichen Königs Roderich. Bemerken Sie wohl, ſagte unſer Geiſtlicher, den alten grauen Thurm in der Nähe der Martinsbrücke; er iſt mit Inſchriften bedeckt, und an ihm kleben zerbröckelte Mauerreſte, die man am Ufer des Tajo hinab verfolgen kann, welche ehemals einen ſtatt⸗ lichen Palaſt umſchloſſen, der dem Grafen Julian gehörte; von ſeinem Mirador aus ſah König Roderich dieſen Palaſt, und in demſelben die ſchöne Tochter des Grafen. Unten am Waſſerſpiegel des Tajo ſteht man heute noch die Ueberreſte eines anderen Thur⸗ mes, wo die Grafentochter ihre Bäder hatte, und wo ſie vom Könige überraſcht und verführt wurde, worauf der erzürnte Vater, Fünfzehntes Kapitel. um dieſe Schmach zu rächen, die Mauren aus Afrika herüberrief und ſo ſein Vaterland in die Hände der Ungläubigen lieferte. Welche Bilder, welche Erinnerungen knüpfen ſich an dieſen Trümmerhaufen! Eigenthümlich iſt es, daß der Name der Grafen⸗ tochter verloren ging und ſpäter erſt die Araber wieder, wohl aus Dankbarkeit, ihrer in Romanzen gedachten; dort nannten ſte ſie aber die Caba, ein verlorenes Mädchen. So hat hier jeder verfallene Thurm, jeder Trümmerhaufe, jeder Stein ſeine Sagen und Geſchichten und unzählig ſind dieſe mauriſchen und mittelalterlichen Trümmer, die überall zerſtreut liegen, deren Bedeutung aufzuſchreiben gewiß höchſt intereſſant wäre. Selbſt im Flußbett des Tajo ſteht man eine Menge Rui⸗ nen, Brückenpfeiler, Ueberreſte von Thürmen, ja, die Mauern eingeſtürzter Paläſte mit leeren Fenſterhöhlen, von denen Nie⸗ mand genau etwas weiß, als daß ſie ſeit Menſchengedenken ſo da geſtanden. So war es Nachmittag geworden, und da wir, um nichts von der koſtbaren Tageszeit zu verlieren, unſer Diner auf ſechs Uhr Abends beſtellt hatten, nahmen wir in unſerer Fonda ein einfaches Frühſtück von hartgeſottenen Eiern und Schinken und folgten darauf wieder unſerem Führer zu der oben erwähnten St. Martins⸗Brücke, von wo wir bei klarem Himmel und hei⸗ terem Sonnenſcheine noch einen Spaziergang um die halbe Stadt machen wollten. Dieſe Brücke, über die ſich wie einer ihrer Be⸗ ſtandtheile ein ſchlanker Thurm erhebt, ehrwürdig durch ſein hohes Alter und Träger einiger arabiſchen Inſchriften aus grauer Vor⸗ zeit, überſetzt mit zwei gewaltigen rieſenhaften Spitzbogen und zwei kleineren die tobenden Waſſer des Tajo. Mehrmals durch Ueberſchwemmungen und in Folge der Kriege zerſtört, wurde ſie ebenſo oft wieder erneuert, um den Zugang zur Stadt unter dem niedern Bogen des Thurmes durch, an dem heute noch der kaiſer⸗ liche Doppeladler prangt, wieder herzuſtellen, aber auch die letzte Wiederherſtellung unter dem Erzbiſchof Pedro Tenorio ſollte durch etwas beſonderes bezeichnet ſein. Während der Architekt Toledo. 141 den Hauptbogen derſelben vollendete und man die hölzerne Ge⸗ wölbrüſtung zu entfernen ſich anſchickte, entdeckte er, daß durch irgend einen Fehler der Conſtruktion der Einſturz dieſes Bogens die unausweichliche Folge ſein würde. Der troſtloſe Künſtler ver⸗ traute dieſen entſetzlichen Kummer ſeiner Frau, die ſogleich, an⸗ ſtatt ihre Klage mit der ihres Mannes zu vereinigen, auf Mittel ſann, ſeine Ehre zu retten. In der Nacht legte ſie, unterſtützt von einer ergebenen Magd, im Geheim das Feuer an die Holz⸗ unterlage, die Flammen griffen um ſich und Gerüſt und Bogen ſtürzten in die Tiefe. Jedermann fand darin ein unvermuthetes Unglück und nicht die Schuld des Erbauers, und dieſer wurde aufs Neue mit dem Wiederaufbau, der dießmal auch gelang, betraut. Aber die Frau, die dieſes beherzte Auskunftsmittel er⸗ dacht, wußte das Schweigen nicht zu bewahren und entdeckte, ſei es aus Eitelkeit oder aus Gewiſſensſcrupel, ihre That dem Erz⸗ biſchof, der, großmüthig wie alle erhabenen Geiſter, der Hin⸗ gebung dieſer muthigen Frau, weit entfernt, ſie zu tadeln, das wohlwollendſte Lob ertheilte. Etwas Belohnenderes, als dieſen Weg um die Stadt, gibt es nicht leicht, obgleich derſelbe nur noch kurze Zeit mit der Straße nach dem Süden zuſammenfällt. Bei unſerem Gang über die Brücke ſteigt uns zur Seite der impoſante nackte Fels des Mirador aus der feuchten Tiefe auf und ſtrahlt die Glut der auf ihn prallenden Sonne auf uns herüber. Gleich über der Brücke zieht ſich der Weg links auf die Höhe des andern Tajoufers und zeigt ſich als einen eigenſinnigen Flußweg, der über Felsplatten, Klippen und Steingeröll bald ſteil aufwärts, bald ebenſo abwärts führt, jetzt auf einem glatten Steinplateau, dann am Rande der Felſen hin. Habe ich doch lange Jahre nichts Schöneres und Maleriſcheres geſehen, als von hier aus den be⸗ ſtändig wechſelnden, aber immer maleriſch ſchönen und prächtigen Anblick auf Toledo, namentlich wie derſelbe heute Abends war in der wunderbarſten Färbung der Abendſonne. Man geht den Fluß entlang, der tief unter uns in einer Schlucht von fünf⸗ bis ſechshundert Fuß Tiefe rauſcht und an deſſen uns gegenüber⸗ Fünfzehntes Kapitel. liegendem Ufer ſich faſt in gleicher Höhe mit uns der platte, nach allen Seiten ſchroff abfallende Felskegel erhebt, auf welchem die Stadt liegt. Während man ihn ſo umwandelt, zeigen ſich bei jedem Schritt neue und immer ſchönere Bilder unſerem entzückten Auge. Bald feſſeln uns die wilden Felſen, an deren Rande wir ſtehen, mächtige kahle Steinplatten, aber von herrlich warmer rother und gelber Färbung mit dem mageren Grün einzelner größerer Buchs⸗ baumſträucher, welche hier und da in den Fugen wachſen. Dieſe Felſen in den wunderlichſten Formen dehnen ſich nach allen Seiten aus, ſich rückwärts an die troſtloſe Ebene anſchließend; vor uns bilden ſie tiefe, zackige Spalten, in welchen der grüne Tajo rauſcht und ſchäumt. Schatten bedeckt ſchon ſeine Fluten und ebenſo die gegenüberliegende Felswand, die oben mit dem eigen⸗ thümlichſten Durcheinander von Bauwerken gekrönt iſt. Zwiſchen altem Gemäuer und zerſtörten Thürmen hat ſich ein Neubau ein⸗ geniſtet, deſſen Fenſter glänzen und ſtrahlen. Alte Feſtungswerke, die den Abhang hinabklettern, ſcheinen wegen ihres moosbedeckten Geſteins mit den Felſen, an welchen ſie kleben, zu Einer Maſſe verwachſen zu ſein. Ueber dieſe hinauf bauen ſich ſtaffelförmig die Häuſer der Stadt in dem bunten Allerlei von Bauwerken ſo vieler Jahrhunderte, die wir ſchon früher beſchrieben; aber der helle Sonnenſchein, der darauf lagert, gleicht alles das aufs freundlichſte aus und gibt den Terraſſen und Hohlziegeldächern, den Kuppeln und Thürmen die gleiche glühend röthliche Färbung. Langſam gehen wir vorwärts, und langſam ſcheint ſich die Stadt vor uns zu drehen, während wir ſie umwandeln, und führt uns immer neue maleriſche Bilder vor Augen. Iſt es nicht eine gezackte Mauer, die tief hinabgeht bis zum Waſſerſpiegel, ſo iſt es ein trotziger Thurm, der ſo keck auf einem Felſenvorſprunge ſteht, daß man ſich wundert, wie ihn nicht ſchon lange der Wind hinabgeweht. Bald ſinken die Häuſermaſſen Toledos vor unſerem Blicke ſcheinbar zuſammen, bald ſteigen ſte wieder hoch empor, je nach unſerem Standpunkte; aber immer liegt die alte ritterliche CToledo. 143 ch Stadt vor uns, gleich ſchön und prächtig, bei jedem Schritt für ie Maler und Zeichner die verſchiedenſten und dankbarſten Aufgaben zu zeigen. Von der Kathedrale ſieht man den Thurm auf dem m ¹ ganzen Wege; nur zuweilen zeigt ſich die niedrigere Kirche zwi⸗ ge. ſchen den Häuſern, um aber beim Weiterſchreiten unſerem Blicke n, bald wieder zu verſchwinden. Faſt beſtändig haben wir dagegen nd die gewaltigen Maſſen des Alcazars vor uns, der hoch emporragt g⸗ über die Stadt, Alles beherrſchend. eſe Der Fußpfad ſelbſt, auf dem wir gehen, wird mit jedem en Schritte maleriſcher und intereſſanter. Wir haben das Felspla⸗ ns teau verlaſſen, ein Hohlweg nimmt uns auf, in dem wir auf ijo ſchlüpfrigen Steinen abwärts ſteigen, und wir ſehen eine Zeit nd lang nichts als graue Mauern zu beiden Seiten und einen ſchmalen en⸗ Streifen des dunkelblauen Himmels über uns. Jetzt bemerken wir zen zu unſerer Linken eine kleine, offene Pforte, wir treten hinein und in⸗ befinden uns auf einer Terraſſe, von deren Stützmauern es Hunderte ke, von Fußen ſteil in den Tajo hinabgeht. Die Bruſtwehr hat eine ten Veranda, zwiſchen deren Säulen hindurch, und von ihnen gleich⸗ iſſe ſam eingerahmt, wir eine neue köſtliche Anſicht der gegenüber⸗ nig liegenden Stadt haben. Niemand ſtöͤrt uns hier, als wir uns, ſo im Anſchauen verſunken, auf der Bruſtwehr niederlaſſen; denn der Terraſſe und Veranda iſt nicht Privat⸗Eigenthum, ſondern gehört ufs zu einer kleinen Kapelle, die im Hintergrunde in den Felſen ge⸗ rn, hauen iſt, deren Thüren weit offen ſtehen, welche uns einen kleinen, ng. mit Heiligenbildern und Goldflittern ausgeputzten Altar zeigen, die und ein einfaches Chriſtusbild, bei dem die ewige Lampe brennt, und heimlich und traulich in dieſer Einſamkeit. Neben dieſer Kapelle icht iſt kunſtlos eine flache Schale in den Stein gehauen, in welche ſo aus dem Felſen ein Strahl friſchen, klaren Waſſers hineinſpru⸗ nge delt. Leider können wir uns nicht zu lange hier aufhalten, denn ind die Sonne iſt ſchon ſtark hinabgeſunken, und wir haben noch ein rem ziemlich Stück Weges bis zur Brücke von Alcantara. Bald haben wir den Hohlweg verlaſſen, überſchauen abermals von der Höhe die ganze Stadt und folgen nun unſerem ſchmalen Pfade, der uns Fünßzehntes Kapitel. rechts in das Land hineinführt; an den Felsplatten weg ſteigen wir ziemlich ſteil abwärts und haben nach wenigen Minuten ein ſtilles und einſames Thal erreicht, ſo ſtill und völlig abgeſchie⸗ den, daß man glauben ſollte, meilenweit um uns her ſeien nicht die Spuren einer menſchlichen Wohnung. Die Wände dieſes Thales ſind mit dichten Burbaumſträuchern bedeckt, was dem Auge ſehr wohl thut im Gegenſatze zu den kahlen gelben Felspar⸗ tieen, die wir ſoeben verlaſſen. Der Boden iſt mit grünen Kräu⸗ tern und friſchem Graſe bedeckt, und eine reichliche Quelle ent⸗ ſpringt hier und befruchtet rings umher das Erdreich. Wenn die einfache Steinbank neben der Quelle erzählen könnte, wir würden von dieſem Platze viel Intereſſantes erfahren; denn ich bin über⸗ zeugt, daß ſich bei den vielen und langen Belagerungen, welche Toledo zu beſtehen hatte, hier an dieſem abgeſchiedenen und doch ſo nahe bei der Stadt liegenden Orte jedesmal ein Theil des feindlichen Lagers verſchanzte und daß Thal und Quelle abwech⸗ ſelnd das chriſtliche Kreuz und den Halbmond ſahen. Doch ſchon iſt Alles hier mit tiefem Abendſchatten angefüllt, und es treibt uns die Höhe hinan, auf deren Rande wir Sträucher und Gräſer vom letzten Strahl der Sonne vergoldet ſehen. Hier oben iſt ein prächtiger Sitz, eine breite Felsplatte, die uns ſo freundlich zum Ausruhen einzuladen ſcheint, daß wir nicht widerſtreben können. Sehen wir ja doch das Ziel unſerer heutigen Wanderung, die Brücke von Alcantara, ganz in unſerer Nähe, und es feſſelt uns ja auch der Gedanke, daß wir das prächtige Toledo von dieſem Punkte aus ſo ſchön beleuchtet wohl nie in unſerem Leben mehr wiederſehen werden. Wenn man Toledos Lage betrachtet, ſo begreift man leicht, welch wichtige Rolle die Stadt in der alten Kriegsgeſchichte Spa⸗ niens geſpielt. Für die damalige Zeit, für die einfachen Angriffs⸗ mittel, welche die frühere Kriegskunſt bei Belagerungen bot, war Toledo durch ſeine natürliche Lage beinahe unzugänglich. Wie ſchon bemerkt, i*ſt der Felſen, auf welchem die Stadt liegt, nach der Flußſeite ſo hoch und ſteil und obendrein durch die Schlucht, en in ie⸗ cht ſes em ar⸗ äu⸗ nt⸗ die den lche doch des ech⸗ chon reibt räſer ſt ein zum anen. , die t uns dieſem mehr leicht, Spa⸗ griffs⸗ t, war Wie nach chlucht, Eoledo. 145 in welcher der Tajo fließt, wie durch einen ungeheuren Graben geſchützt, daß man hier faſt keine Vertheidigung, nur eine Be⸗ waffnung brauchte. Auf der Landſeite iſt die natürliche Fels⸗ mauer allerdings weniger ſteil und hoch, dagegen die Ausdehnung dieſer Fronte ſo gering, daß die Belagerten all ihre Kraft auf dieſem Punkte vereinigen konnten, um mit geringem Verluſte Sturm um Sturm abzuſchlagen. Daß dieß häufig geſchah und die Stadt ſich überhaupt aufs hartnäckigſte vertheidigte, leſen wir in den Büchern der alten Geſchichtſchreiber. Ich kann hier nicht umhin, dem Buch eines jüngeren Be⸗ ſchreibers der Stadt Toledo, unſerem verehrten Rochau, deſſen nicht genug zu empfehlendes„Reiſeleben in Spanien“ ich ſelbſt bei meinen Ritten in der Satteltaſche bei mir führte, nachfol⸗ gende kurze, gedrängte Beſchreibung der Kämpfe um Toledo zu entnehmen. „Toledo war eine von den wenigen Städten, die ſich gegen die Araber tapfer vertheidigten; es wurde erſt zwei Jahre nach der Schlacht bei Terez de la Frontera erobert, und wie es ſcheint, nur mit Hülfe der Einverſtändniſſe, welche die Saracenen mit der zahlreichen jüdiſchen Bevölkerung anzuknüpfen wußten, die ſich für die Mißhandlungen mehrerer Jahrhunderte und für die zuletzt erzwungene Scheinbekehrung zum Chriſtenthum zu rächen hatte. Meiſter Toledos, gaben die Araber den Juden Gewalt und Waffen in die Hand, um ſich eine ſtarke Be⸗ ſatzung zu erſparen. Toledo blieb indeſſen während der ganzen Dauer der arabiſchen Herrſchaft die aufrühreriſchſte Stadt des ganzen Landes, es war das Barcelona des damaligen Spaniens. Die Stärke ſeiner Bevölkerung, ihre Zuſammenſetzung aus drei Glaubens⸗ und National⸗Parteien, die an Zahl nicht viel von einander verſchieden ſein mochten, und das Vertrauen auf die Feſtigkeit der Stadtmauern, alle dieſe Urſachen wirkten zuſam⸗ men, um Toledo in einem faſt beſtändigen Zuſtande des Krieges und der Empörung zu erhalten. Der Chalif Hakem, der Enkel Abderrhaman's, benutzte endlich irgend einen Kriegslärm als Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 10 Fünfzehntes Anpitel. Vorwand, um auf einem hochgelegenen Punkte der Stadt, an der Stelle, wo die heutige Chriſtophskirche ſteht, eine Burg zu bauen, die ihm die Unterwürfigkeit der Stadt gewährleiſten ſollte. Zur Feier der Vollendung dieſes Baues, welchen man den Tole⸗ danern nicht aufgezwungen, ſondern aufgeſchwatzt hatte, wurde ein großes Feſt in der neuen Citadelle veranſtaltet, zu welchem der Chalif oder ſein verantwortlicher Miniſter einen großen Theil der Bürgerſchaft einladen ließ; aber von fünftauſend Gäſten, die im fröhlichen Getümmel durch das Thor der Burg gezogen waren, kehrte kein Einziger in die Stadt zurück: ſie wurden bis auf den letzten Mann erſchlagen und in einer großen Grube verſcharrt, die man zu dieſem Zwecke von vornherein in Bereitſchaft geſetzt hatte. Dieſe energiſche Regierungshandlung ſchaffte denn wirklich auch einige Zeit Ruhe; aber ſchon 834 brach ein neuer Aufſtand aus, der trotz der Citadelle erſt vier Jahre ſpäter durch den Hunger gedämpft werden konnte, ſo daß klar wurde, die Maßregel des Chalifen Hakem oder ſeines verantwortlichen Miniſters ſei doch im Grunde nur eine halbe geweſen, und die Regierung habe das Wohl des Staates durch unzeitige Großmuth Preis gegeben. Ob ſich nun der Chalif und ſein Kabinet jene Lehre zu Nutze gemacht, und ob ſie bei der nächſten Gelegenheit zehntauſend der unruhigen Köpfe von Toledo haben abſchlagen laſſen, davon erinnere ich mich nicht geleſen zu haben. Im Anfang des eilften Jahrhunderts verlegte der Statt⸗ halter Mahomed's auf Erden ſeinen Fürſtenſitz nach Toledo, und fünfzig Jahre ſpäter wurde die alte Reſidenz der gothiſchen Könige von Alphons VI. zurückerobert, der zu dieſem Ende einen förm⸗ lichen Kreuzzug ausgeſchrieben hatte, an welchem Ritter und Reiſige aus allen Ländern der Chriſtenheit Theil nahmen. Vergebens rückten die Saracenen ſpäter zu wiederholten Malen mit unermeßlicher Heeresmacht vor Toledo; dieſe Stadt blieb hundert und fünfzig Jahre lang das Bollwerk Caſtiliens gegen das Volk Ismael's, bis die Araber durch den großen Sieg bei Las Navas über die Sierra Morena hinausgeworfen wurden, Toledo. 147 deren Päſſe ſie während der letzten dreihundert Jahre ihres Reiches in Spanien kaum noch in einzelnen unbedeutenden Streifzügen überſchritten.“ Die Sonne war ſchon längſt am Horizont verſchwunden, als wir nach der Stadt zurückkehrten und, aufwärts durch die ſteilen Gaſſen kletternd, unſere Wohnung erreichten. Da die Wohnun⸗ gen, wie ich ſchon früher bemerkt, meiſt hinten hinaus, dem Hofe zu liegen, ſo ſieht man bei Abend auf der Straßenſeite wenig erleuchtete Fenſter, was die Straßen ſtill und trübſelig macht; auch begegneten wir ſehr wenig Menſchen. Die ſchweren Haus⸗ thore waren verſchloſſen, und nur hier und da bemerkten wir einen Diener oder eine alte Frau, welche den Braſſero für den abendlichen Gebrauch mitten auf die Straße geſtellt hatte und mit einem Wedel die Kohlen anfachte, ſo daß man in der Dunkelheit die Funken weit umher fliegen ſah. Zu Hauſe glühte ebenfalls der Braſſero, flackerten die dreiarm igen Leuchter, und dort fanden wir den Tiſch gedeckt, auf dem alsbald unſer beſcheidenes Diner aufgetragen wurde. Natürlicher Weiſe iſt, ſobald der Abend hereingebrochen, der Fremde in Toledo auf ſeine Stube ange⸗ wieſen. Das Theater war wirklich zu ſchlecht, die Kaffeehäuſer eng, trübſelig und finſter, und ein ziemlich kalter Wind, der an den Felſen herfegte, ließ ſelbſt keinen Spaziergang auf den Markt⸗ platz zu. Ich geſtehe auch, daß wir von der heutigen Tour ziem⸗ lich ermüdet waren und uns deßhalb bald in unſere Schlafgemächer zurückzogen. Vorher nahmen wir übrigens noch freundlichen Ab⸗ ſchied von unſerem lieben Reiſegefährten Herrn W., den ſeine Geſchäfte ſchon am anderen Morgen nach Madrid zurückriefen. Er hatte ſich für den Eilwagen einſchreiben laſſen, der ungefähr zehn Stunden zur Fahrt von hier nach der Hauptſtadt braucht, wobei man Aranjuez rechts liegen läßt. Am anderen Morgen gingen wir nach der Kirche San Juan de los Reyes, einem ſchönen Denkmal gothiſcher Kunſt aus den Zeiten Ferdinand's und Iſabella's, zum Dank für den Sieg über die portugieſiſchen Waffen bei Toro erbaut. Da Innere der Fünßzehntes Kapitel. Kirche, mit vielen Bildhauer⸗Arbeiten geſchmückt, unter welchen ſich übrigens große Kunſtwerke befinden, iſt hier und da etwas überladen, wie dieß Eigenthümlichkeit der Bauwerke des ſoge⸗ nannten gothique fleuri iſt; ſchön in Kreuzform geordnet mit hoch oben angebrachten Fenſtern ſind die Wände mit der feinſten Stein⸗ filigran⸗Arbeit bedeckt, ein breiter prachtvoller Fries, der ſich unter den Fenſtern rings herum zieht, trägt immerwährend die Inſchrift Ferdinandus et Ysabella und das gekrönte F und Y begegnet dem Auge auf allen Schildern, unzählige Heiligenſtatuen mit zierlichen Baldachinen überdeckt ſtehen in langen Reihen zwiſchen großen Wappenſchildern, ſo daß faſt nirgends die glatte Wandfläche ſicht⸗ bar bleibt. Der oben erwähnte Fries erweitert ſich an einem der Kreuzpfeiler zu einer um denſelben herlaufenden freiſchwebenden Gallerie, welche die ſchönſte Kanzel bildet, die wohl gedacht werden kann; in reich ornirten Bogen überdeckt das Gewölbe dieſen reizenden Raum, der, obwohl von keiner beſondern Ausdehnung, doch zum Prächtigſten gehört, was in Kirchenbauten in Spanien zu finden ſein wird. Iſt die Kirche reich und mannigfaltig, ſo iſt es noch mehr der daranſtoßende Kreuzgang, in dem ebenfalls Statuen in Menge auf wunderſchönen Unterſätzen ſich an die Strebpfeiler anlehnen; halbverfallen, wie er leider iſt, gibt er mit den üppigen Rankengewächſen, die zu den ſchlanken, von dem feinſt durchbrochenen Maaßwerk ausgefüllten Fenſtern herein⸗ wuchern, ein Bild von unbeſchreiblich maleriſcher Wirkung. An den Außenwänden ſieht man eine traurige Merkwürdigkeit: eiſerne Feſſeln nämlich in langen Reihen aufgehängt, welche man den Mauren in Granada abgenommen, und welche ſie chriſtlichen Sklaven anzulegen pflegten; es ſind Ringe, durch ſchuhlange dicke Eiſenſtäbe verbunden, und müſſen dem Anſehen nach von außer⸗ ordentlicher Schwere ſein. Bei der Kirche San Juan beginnt ein Stadtviertel, welches man in dem eng begränzten Toledo, deſſen ſchmale Gaſſen und zuſammengedrängte Häuſer uns deutlich gezeigt, wie ſehr man bemüht war, hier auf dem Felskegel jeden Schuh breit des koſt⸗ —- ⏑——— Æ̃ 8 Toledo. 149 baren Raumes gehörig zu benutzen, nicht vermuthet, leere, öde Stätten nämlich, mit Trümmerhaufen aller Art bedeckt und von alten Wohnhäuſern umgeben, die trotz ihrer Armſeligkeit in Bau⸗ art und Form ſo echt mauriſch ſind, daß man glaubt, irgendwo in einem ſyriſchen Orte zu ſein. Ob die Kriege hier ihre ver⸗ wüſtenden Spuren hinterlaſſen, oder große Feuersbrünſte, oder ob hier ein mauriſcher Herrſcher ehemals Gärten und Badan⸗ lagen beſaß, wer weiß das? Der weite Platz iſt öde und leer, aber trotzdem intereſſant und maleriſch. Schutthaufen liegen überall umher, deren Geröll ſich in langen, ſchrägen Linien bis an den Tajo hinunterzieht. Die hellgelben Gebäude, von denen ich oben ſprach, ſcheinen ſich wie ſcheu zurückgezogen zu haben, um mit ihrem luftigen Aufbau die wüſten Stätten ängſtlich zu betrachten. In dieſem Stadtviertel muß ſich das Maurenthum am längſten erhalten haben; heute gehört es zum Judenquartier, und da wir unſerem kundigen Führer folgten, ſo zeigte er uns in jedem ſcheinbar baufälligen Gebäude, oder hinter jeder Mauer, wo wir höchſtens eine alte Scheuer erwarteten, einige ſchöne Denkmäler alt⸗ arabiſchen Glanzes. Nachdem wir an einem derſelben angeklopft, öffnet ſich uns ein altes, zuſammengeflicktes Thor, und wir treten in einen Hof, in deſſen Hintergrunde ſich ein Gebäude erhebt, das ſchon von Außen durch ſeine Form etwas verſpricht. Wie ſind wir aber überraſcht, als wir nun dieſen Raum betreten und die reichen Knäufe auf den achteckigen Pfeilern ſehen, welche die Bogen tragen, die in zierlicher Hufeiſenform von einem zum andern geſprengt ſind. Die Bogenſtellungen trennen das Gebäude in drei Schiffe und tragen noch viele Spuren von Vergoldung, bun⸗ ter Malerei und Stukkatur. An den Wänden und Säulenſchäften die zierlichſten Arbeiten in glänzenden, alle Farben zeigenden Fayence⸗Platten! Leider war in dieſem Raume arg gehaust wor⸗ den. Die Decken ſind herabgefallen und die rohen Sparren ſchauen herein. Die Malereien waren größtentheils zerkratzt und abgeſchlagen, und in den Ecken lagen ganze Haufen der koſtbarſten Azulejos, wo wir uns für ein paar Realen nach Belieben heraus⸗ —— 2 150 Fünfzehntes Kapitel. leſen durften. Heute heißt dieſer Bau Santa Maria la blanca, und war einſt die Hauptſynagoge von Toledo. Nahe bei dieſem Bauwerke, in dem von außen ganz un⸗ ſcheinbaren Hauſe, von welchem ich oben ſprach, befindet ſich die andere, frühere jüdiſche Synagoge, ein ſchöner Raum, eben⸗ falls im beſten mauriſchen Styl und dabei vortrefflich erhalten; man erkennt noch deutlich den prächtigen Plafond mit Boiſe⸗ rieen, mit ihren Vergoldungen in herabhangenden Tropfen wie Eiszapfen und Verſteinerungen ausſehend. Ueberhaupt iſt dieſe Decke noch vortrefflich erhalten und von einer wunderſchönen aus dem Achteck entſpringenden Eintheilung, zierlicher, ſternför⸗ miger Caſſaturen, die nach der Mitte anſteigen. In den Ecken ſind noch Ueberreſte der wunderbaren arabiſchen Bogen, in un⸗ zähligen Höhlungen durchbrochen, die ihnen das Anſehen von Bie⸗ nenzellgeweben verleihen. Von unten ſind die Seitenwände bis auf Mannshöhe noch mit gut erhaltenen Azulejos bedeckt, an dieſe ſchließen ſich die zierlichen Stuckarbeiten an; doch iſt leider die frühere Malerei auf denſelben verſchwunden, und man ſieht deut⸗ lich, daß die ganze herrliche Fläche von Vandalen händen weiß über⸗ tüncht wurde. Auf den beiden kurzen Seiten des langen Saales befinden ſich oben in der Höhe kleine Räumlichkeiten, welche durch die bekannten kunſtreichen mauriſchen Gitter von dem Saale ſelbſt abgeſperrt waren. Dieſe Gitter ſind das Zierlichſte, was man ſehen kann, gerade goldene Linien, die ſich ſo unglaublich ver⸗ ſchlingen und umwenden, daß das Auge kaum folgen kann, und ſo in den Zwiſchenräumen die zierlichſten Figuren, meiſtens Achtecke oder Sternchen, bilden. Hier und da ſieht man in der Stuckarbeit noch Spuren von Inſchriften, die aber ebenfalls durch weiße Tünche faſt ganz zugedeckt und vertilgt ſind. Heute iſt dieſe Kirche dem San Benito Abad geweiht, und wird ge⸗ meinhin el Tranſito genannt. Ueber den oͤden Platz, in welchem die Synagoge liegt, gehen wir abermals und kommen nach kurzer Zeit an dem ſchönen arabi⸗ ſchen Thurme, Santo Tome, vorbei wieder in belebte Stadtviertel an— Toledo. 151 und endlich auf den Sammelplatz des Toledaner gewerblichen Lebens, den Zocodover. Dieſer kleine Marktplatz zeigt ebenfalls noch deutlich ſeinen mauriſchen Urſprung, er iſt von regelmäßiger Form, mit kleinen Häuſern umgeben, deren jedes von dem andern verſchieden iſt. Aber an faſt allen entdecken wir etwas, das die Zeit ſeiner Erbauer verräth; hier ein paar ſchlanke Säulen, welche einen Balkon mit zierlicher Brüſtung tragen, dort einen zugemauer⸗ ten Bogen in Hufeiſenform; an jenem Hauſe ein paar ſchmale vergitterte Fenſter, in dem anderen daneben einen zierlichen Hof mit Moſatkpflaſter, einem kleinen Springbrunnen und offenen Arcaden. Leider dient er nicht mehr den Zwecken, zu denen ihn ſeine Erbauer beſtimmt, und verſchwunden ſind Weiber und Kin⸗ der, die ſich ehemals beim Klange des Saitenſpiels einem ſüßen Nichtsthun hingaben. In den Ecken, wo früher Teppiche und Polſter lagen, erblickt man jetzt Pferdegeſchirr unordentlich durch einander geworfen, und aus dem Hauſe ſelbſt klingen ſtatt der Guitarrenklänge taktmäßige Ambosſchläge zu uns herüber. So ſind faſt alle Häuſer des Zocodover, wo ehemals die alten Geſchlechter wohnten, aufs proſaiſchſte umgewandelt, und den heutigen Bedürfniſſen entſprechend, reihen ſich hier Werkſtät⸗ ten und Kramläden an einander. Dadurch iſt nun freilich der Platz belebt, und intereſſante Bauerngruppen aus der Mancha, die rothe wollene Decke auf der Schulter, den ſpitzen Hut auf dem Kopfe, beſorgen ihre Einkäufe oder ſtehen plaudernd und Cigarren rauchend bei einander, während ein paar Reiter aus dem toledaner Gebirge in ihrem bunten, maleriſchen Coſtüme, welches ans Andaluſtſche erinnert, mit Meſſern und langen Flinten be⸗ waffnet, über den Zocodover galoppiren und luſtig nach dieſem oder jenem Fenſter hinaufgrüßen, wo ſich ein Paar blitzender Augen unter einer ſchwarzen Mantille ſehen läßt.— Der Platz iſt mit Bäumen bepflanzt und mit Steinbänken von ſehr alter Form verſehen, die wir beim kleinſten Sonnenſtrahle, der ſich auf den Platz ſchleicht, auch jetzt im Winter faſt immer beſetzt fanden. Freilich war vom ſchönen Geſchlechte nicht viel zu ſehen, vom — Fünfzehntes Kapitel. anderen dagegen ganze Reihen bleichſüchtiger Seminariſten in langem ſchwarzem Rock, die hier unbeweglich ſaßen, wie Krähen auf einer Stange. Auf der ſüdlichen Seite des Zocodover, ungefähr in der Mitte, befindet ſich ein großer Thorbogen, hinter welchem die gepflaſterte Straße ſteil wie ein Dach den Tajo hinab fällt. Wir folgen ihr einige Schritte, denn hier befinden ſich zwei der merk⸗ würdigſten Bauwerke von Toledo: das Spital von Sta. Cruz, links dicht an der Straße, von welcher ihr Vorhof durch ein äußerſt kunſtreiches Gitter getrennt iſt: rechts eine Caſerne, neben welcher ſich ein altes Lattenthor befindet, durch welches der Weg zu dem mit Recht berühmten Alcazar von Toledo führt. Kaum iſt man aus dem Thorbogen getreten, ſo zieht die Facade des Spitals die Blicke unwiderſtehlich auf ſich und nach⸗ dem man die Schwelle des den Vorhof umgebenden Eiſengitters überſchritten, bleibt man gefeſſelt ſtehen; das Gebäude imponirt nicht durch ſeine Größe, aber ſogleich erkennt man, daß man etwas ganz Ungewöhnliches vor ſich hat. Aus der erſten Zeit der Re⸗ naiſſance ſtammend iſt ein Reiz über die Verhältniſſe des Ganzen und der Einzelheiten ausgegoſſen, der bei genauer Betrachtung zur Bewunderung hinreißt. Der Haupteingang, eine viereckige Thüre mit darüber angebrachter Halbkreisbekrönung und ſeine nächſten Um⸗ gebungen ſind von einer Feinheit des Verſtändniſſes und einer Zart⸗ heit der Ausführung, die ihn zu einem der hervorragendſten Er⸗ zeugniſſe dieſer Kunſtperiode machen. Nachdem man das geräumige Veſtibule durchſchritten, gelangt man in einen weiten Hof mit zwei Bogenſtellungen über einander von ſehr gut abgewogenen Pro⸗ portionen, aber bei einer Wendung rückwärts trifft der Blick auf die Haupttreppe, die in drei Armen von dem Hofboden zum oberen Stock führt und ein Ausruf freudiger Ueberraſchung iſt die un⸗ willkürliche Wirkung dieſes Anblickes. So einfach in der ganzen Anlage, gibt es nichts zierlicheres und wohlverſtandeneres, wobei das Ornament edler vertheilt und die Einzelheiten künſtleriſcher durch⸗ gebildet ſein köͤnnten. Herrliche Säle mit gekrümmten, prächtig ge⸗ —— ε n Toledo. 153 ſchnitzten Holzdecken liegen um den Hof her und die Kirche im griechi⸗ ſchen Kreuz angelegt mit einem ſchlanken Dom in der Mitte, muß gleichfalls von wunderſchöner Wirkung geweſen ſein, nun ſind leider zwei der Kreuzarme durch eingeſchobene Wände davon abgeſchnit⸗ ten und ſo der Raum verſtümmelt. Von dem großen Cardinal Mendoza wurde dieſer Bau an der Stelle der alten Burg der Gothenkönige, die beſonders von Galafre, dem Vater der berühm⸗ ten Galiana bewohnt wurde, 1504 gegründet und zu einem Fin⸗ delhaus beſtimmt. Heinrich von Egas, der Sohn des Erbauers der Kathedrale von Toledo errichtete den Bau, der ihn zu einem der erſten Künſtler ſeiner Zeit erhebt. Nach Durchwanderung aller Räume dieſes Hauſes, das ſpäter ein Spital wurde und heute eine Cadettenſchule iſt, wandten wir nicht, ohne uns das Bild der herrlichen Treppe, einer wahren Perle, noch einmal recht einge⸗ prägt zu haben, uns dem Alcazar zu. Um ihn ſehen zu dürfen, muß man ſich die Erlaubniß beim Director der Kriegsſchule holen, der in der eben erwähnten Ca⸗ ſerne wohnt und mir eine Art Platzoffizier zu ſein ſchien. Wir ließen uns bei ihm melden, er empfing uns recht wohlwollend und als ihm unſer wortführender Architekt in einer wohl geſetzten Rede unſeren Wunſch vorgetragen, gab er uns eine ſchriftliche Erlaub⸗ niß zum Beſuche des Alcazar; doch hatten wir uns damit keinen Führer erworben, der uns zu den prächtigen Ruinen hinaufbe⸗ gleitete, um uns Dieß und Das zu erklären; es wurde uns viel⸗ mehr bei Vorzeigung unſeres Papiers von einem Manne der Wache nur das vorhin erwähnte Gitterthor geöffnet, und dann mochten wir unſern Weg den Berg hinauf ſuchen, ſo gut uns das möglich war. Doch konnten wir nicht fehlen; denn kaum waren wir ſo weit empor geſtiegen, um die Caſerne unter uns zu ſehen, ſo erblickten wir über uns auch ſchon die gewaltigen Maſ⸗ ſen des Alcazar, der, von allen Seiten frei ſtehend, trotzig und ernſt in das Land hineinſchaut. Dieſes ehemalige Schloß von Toledo iſt eine der prächtigſten und intereſſanteſten Ruinen. Wer es verſteht, kann hier Ueberbleibſel auffinden von der Baukunſt Fünfzehntes Kapitel. vieler Jahrhunderte, die hier nach einander ergänzten und reſtau⸗ rirten; ob ſich noch Spuren von dem erſten Erbauer, dem Gothen⸗ könig Wamba auffinden laſſen, vermochte ſelbſt unſer Baumeiſter nicht mit Beſtimmtheit anzugeben. Gothiſche, mauriſche und caſtiliſche Fürſten haben den Alcazar der Reihe nach bewohnt und ihn nach dem je herrſchenden Geſchmacke verändert und ausge⸗ ſchmückt hinterlaſſen, eines der ſeltſamſten Gebäude, die vielleicht jemals exiſtirt. Leider iſt hiervon faſt gar nichts auf unſere Zeit gekommen; die gewaltigen Kämpfe in und um Toledo legten den größten Theil dieſes Schloſſes in Trümmer, und ſo blieb es lange ſtehen, bis endlich Karl III. den Wiederaufbau unternahm und mit königlicher Pracht vollführte; ihm alſo hat man die jetzige großartige Ruine zu verdanken. Daß es nur Ruine iſt, daran tragen die Spanier ſelbſt die Schuld; denn in den erſten Jahren des Unabhängigkeitskrieges ſchoſſen ſte den Alcazar in Brand, um die Franzoſen daraus zu vertreiben. Da indeſſen das mächtige Ge⸗ bäude von würfelähnlicher Form meiſtens aus feſten Granitmauern beſtand, ſo konnte das Feuer dem Aeußeren nicht viel anhaben, das denn auch, namentlich in ſeiner der Stadt zugekehrten Hauptfacade, majeſtätiſch und großartig ausſieht. Hier iſt die Mauer des Gebäu⸗ des von zwei ſtarken Thürmen flankirt, welche eine äußere Gallerie mit einander verband. Noch deutlich ſteht man das kunſtvolle ſteinerne Geländer derſelben faſt unverſehrt an der Vordermauer. Prächtig iſt der große innere viereckige Hof und wäre eines Pal⸗ ladio würdig, bietet aber in neueſter Zeit ein trauriges Bild der Zer⸗ ſtörung. Die joniſchen und korinthiſchen Säulen, welche die zwei Reihen rings umherlaufender Arcaden tragen, ſind vortrefflichſter Arbeit, doch ſtehen nur die untern noch alle aufrecht, und ſind ihre Capitäle theilweiſe abgeſchunden und zertrümmert, die Säulenſchäfte vom Rauche geſchwärzt und auf mehrere Schuh hoch umgeben von Stein⸗ und Kalktrümmern. Die breiten prächtigen Treppen, welche im Hintergrunde des Hofes nach den oberen Gemächern führten, liegen, da die Vorderwand eingeſtürzt iſt, vor den Augen bloß da, und mancher der marmornen Fußtritte iſt aus ſeinen Fugen gewi⸗ — —+——— ₰ 2‚/—. 8—2 e—/—/·— ‿—D—,——/ nd ge⸗ cht eit den ige ind ige ran ren um Ge⸗ tern das ade, däu⸗ lerie olle zuer. Pal⸗ Zer⸗ zwei hſter ihre häfte von velche orten, ß da, gewi⸗ Toledo. 155 chen, aus denen nun Gras und Strauchwerk luſtig emporgewachſen iſt. Steigt man hinauf, ſo bleibt man oben ſchwindelnd ſtehen, denn dort, wo man ehemals ein weites Veſtibule betrat, befindet ſich nichts mehr, als vier nackte Seitenmauern, die vor uns tief hinab gehen. Die Gewölbe und Platten des Fußbodens ſind verſchwunden, und an einigen Stellen blicken wir durch zer⸗ brochene Kellerbogen auf den unterſten Grund des Schloſſes hinab. Wenn wir nun den Treppen folgen, die uns hinunter in den Keller führen, ſo erſtaunen wir über dieſe mächtigen unterirdiſchen Bauten. Der Begriff eines Kellers reicht hier nicht aus; es ſind unterirdiſche Hallen und Säle, die in einem großen Quadrat rings unter dem Gebäude durch einander laufen. Von Seiten der Franzoſen wurden ſie als Ställe benutzt, und es hatten hier die Pferde mehrerer Regimenter Platz. Auch heute noch befindet ſich eine kleine Cavallerie⸗Abtheilung hier, doch nehmen ſich die paar Pferde und die wenigen Leute in dem unermeßlichen Gebäude faſt unheimlich oder komiſch aus. Die letztere Wirkung machten mir zwei dieſer Reiter, die auf der weiten Terraſſe vor dem Schloſſe ſaßen und ſingend die Knöpfe ihrer Uniformen putzten. Dieß iſt alles Leben und aller Glanz, die übrig geblieben ſind von dem Palaſte des reichſten Königs der Chriſtenheit. Nachdem wir uns ziemlich lange in dem alten Schloſſe auf⸗ gehalten, auch Baumeiſter Leins nach Herzensluſt gemeſſen und gezeichnet, traten wir wieder ins Freie und ſetzten uns, ehe wir wieder zur Stadt hinabſtiegen, auf den Rand des Berges, wo wir eine prächtige Ausſicht in das Tajothal und auf die weite Mancha hatten, um dieſe Ausſicht zu genießen und dabei einen kleinen Kriegsrath zu halten. Da wir nach dem ſüdlichen Spanien woll⸗ ten, ſo hatten wir freilich von Madrid aus bis hieher den richtigen Weg eingeſchlagen, fanden uns aber, was das Weiterkommen per Eilwagen anbelangte, hier auf jenem Punkte, wo die Welt ſo zu ſagen mit Brettern vernagelt iſt. Jede Spur einer Chauſſee hört bei Toledo auf, und was an Straßen und Wegen von hier Fünßzehntes Kapitel. weiter führt, ſind äußerſt unebene Pfade für Maulthiere und Pferde, höchſtens für kleine Bauernkarren. Die große Straße von Madrid nach Sevilla lief freilich nördlich bei Toledo vorbei in einer Entfernung von vielleicht vier Leguas und in der deutſchen Heimath hätten wir im gleichen Falle nur dorthin zur nächſten Station zu reiſen gebraucht, um einen Platz im nächſtankommen⸗ den Hauptwagen oder in einer Beichaiſe zu erhalten. Letztere aber ſind für Spanien ganz unbekannte Dinge, und was den Eil⸗ wagen anbelangt, ſo ſind ſämmtliche Plätze deſſelben gewöhnlich ſchon lange Zeit vorher in Madrid für die ganze Tour bis nach Sevilla beſetzt, ſo daß man ſelbſt auf den größeren Zwiſchenſtatio⸗ nen, wie Baylen und Cordova, befürchten muß, wochenlang liegen zu bleiben. Das Alles hatten wir freilich in Madrid ſchon über⸗ legt, hatten eingedenk unſerer höchſt fatiganten Eilwagentour, nur mit ſtillem Grauen den Marterkaſten betrachtet, der jeden Abend vor den Fenſtern unſeres Hotels mit zehn bis zwölf Maul⸗ thieren beſpannt wurde und Abends um zehn Uhr nach Sevilla abging, bis wohin er drei Tage und vier Nächte brauchen ſollte, jetzt aber im Winter oft fünf Tage und fünf Nächte unterwegs blieb. Einen Ritt von Toledo nach Andaluſien hatte man uns wieder eben ſo ernſtlich abgerathen wie damals, als wir unſere Tour zu Pferde durch die Mancha machen wollten. Alle, die wir um Rath fragten, meinten achſelzuckend, im Winter ſei dieß eine gewagte Geſchichte, das Wetter kalt, Flüſſe und Bäche häufig ausgetreten, die Straßen öde und leer und wenn man auch hie und da Reitern begegnete, ſo wäre einem eine ſolche Begegnung noch unlieber, als gar keine. Endlich fanden wir Jemanden, der uns die Sache in einem beſſeren Licht darſtellte und uns mit gutem Rath an die Hand ging; es war dieß ein freundlicher und liebens⸗ würdiger Landsmann, Herr Steinfeld, der uns bei dem Auf⸗ enthalte in Madrid mit Freundlichkeit jeder Art überhäufte, und in deſſen gaſtlichem Hauſe wir Abends manche Partie Whiſt ſpielten, und manchen vortrefflichen Punſch tranken. Möge es ihm ——2—„·/ wi me gr dic von nd Toledo. 157 und ſeiner Gemahlin, einer liebenswürdigen Andaluſterin, dafür recht wohl ergehen auf Erden! Herr Steinfeld meinte nun, für geſunde Leute, wie wir, die auch des Reitens nicht unkundig ſeien, wäre eine ſolche Tour nach Andaluſten ſelbſt im Winter wohl zu machen; ja, da er in nächſter Zeit ſelbſt in Sevilla Geſchäfte habe, ſo ſei er nicht abgeneigt, wenigſtens mit uns den Ritt über die Felſenpäſſe der Sierra Morena zu machen. Die Sache war danach reiflich überlegt und beſprochen worden; Herr Steinfeld und noch einer unſerer Bekannten wollte mit dem Eilwagen nach Val de Penas fahren; dort ſollten wir am beſtimmten Tage ebenfalls eintreffen und dann vereint unſern Weg zu Pferde fort⸗ ſetzen. Ob wir nun direkt von Toledo nach Val de Penas reiten oder nach Madrid zurückkehren und von da den Eilwagen nehmen ſollten? Dieſe Frage beſchäftigte uns, als wir kriegs⸗ räthelnd auf der Terraſſe des Alcazar bei einander ſaßen. Unſer Baumeiſter hatte ſich zur Fahrt entſchloſſen; er that es in der edlen Abſicht, uns dadurch einen wichtigen Dienſt zu leiſten; denn wir mußten doch Jemanden haben, der unſere Koffer von Madrid nach Val de Pemas beſorgte, und ſo gewann er noch einen Tag zu Beſich⸗ tigung des Taller del Moro, des Criſto de la luz, der Parroquia San Roman und wie die alten Bauweſen, die er unermüdlich aufſuchte, alle hießen. Der Maler Horſchelt und ich mochten uns dagegen nicht zur Eilwagentour verſtehen und entſchloſſen uns alſo zu einem neuen abenteuerlichen Ritte. Schon ſeit einigen Tagen hatten wir pro und contra Eilwagen mit uns ſelbſt ge⸗ kämpft und waren jetzt recht froh, als wir endlich mit uns im Reinen zur Stadt hinabſtiegen. Am Zocodover ſei einer der erſten Pferdevermiether von Toledo, hatte man uns geſagt, und wir fanden auch bald deſſen Behauſung, und zwar in jenem kleinen mauriſchen Hofe, von dem ich vorhin geſprochen, wo wir den großen Haufen Pferdegeſchirr geſehen. Der Padron war ein dicker Mann mit einem ernſten und finſteren Geſichte, der kaum von ſeinem Stuhle aufſtand, als wir in ſeine Wohnung traten, Fünfzehntes Kapitel. und unter einem ſteifen Kopfnicken mit ſeinen Fingern leicht den breiten Rand ſeines Hutes berührte. Unſeren Wunſch, Pferde und einen Begleiter nach Val de Peſias zu erhalten, nahm ier ſehr herablaſſend auf, wechſelte aber einen bedeutſamen Blick mit zweien ſeiner Stallleute, die neben ihm ſtanden, die aber beide ſehr hoch die Achſeln zuckten und meinten, das ſei ein weiter Weg. „Sehr weit,“ bekräftigte der Padron,„bei zweiunddreißig Leguas.“ „In wie viel Tagen können wir das zu Pferde machen?“ fragte ich ihn. Er rechnete an den Fingern nach:„Erſtes Nachtquartier Yevenes, ſieben Leguas; den zweiten Tag nach Fuentelfresno, acht Leguas; den dritten nach Almagro, acht Leguas; bleiben für den vierten Tag ebenfalls noch acht Leguas nach Val de Penas— wenn die Herren, fuhr er lächelnd fort, ſich ausdauernd genug füh⸗ len, vier Tage lang täglich beinahe acht Leguas über ſehr ſchlechten Weg zu reiten. Wenn es die Thiere aushalten, meinten wir, ſo ſoll es an uns nicht fehlen. Das ſei eben die Frage, entgegnete der Padron wichtig; er müſſe uns das Beſte geben, was in ſeinem Stalle ſei, und daß er dafür einen höheren Preis verlange, als für ein gewöhnliches Reitthier, das würden wir doch wohl be⸗ greiflich finden. Wir fanden dieß aber durchaus nicht begreiflich, ſondern erklärten ihm, nur auf den in Spanien gewöhnlichen Preis, und zwar für Tag und Pferd einen Duro unterhandeln zu wollen. Zuerſt zuckte er verächtlich die Achſeln, gab auch ein paar Carajo von ſich und meinte, das ſei der Preis für einen ſchlechten Eſel, für ein miſerables Maulthier, höchſtens für eine Tagereiſe zur Sommerzeit. Natürlich machten wir auf dieſe Be⸗ merkung hin Miene, den Hof zu verlaſſen; doch hielt er uns mit der Bemerkung zurück, er wolle nochmals das Ganze berechnen. Wir brauchten alſo drei Pferde, zwei für uns, eines für den Be⸗ gleiter: ſeien täglich drei Duros, in vier Tagen zwölf, für die Rückreiſe eben ſoviel, mache vierundzwanzig. Allerdings pflegt man bei Reittouren ſo in Spanien zu rechnen, doch mit dem Un⸗ terſchiede, daß man für drei Tage der Hinreiſe nur zwei zur Rück⸗ ber da⸗ Toledo. 159 kehr annimmt; davon wollte aber der Pferdevermiether nichts hören. Vierundzwanzig Duros und ein Trinkgeld für unſeren Begleiter, im Falle wir mit ihm zufrieden ſeien, das war ſein Ultimatum, auf welches endlich eingegangen wurde, unter der Bedingung, morgen früh um ſechs Uhr abzureiſen. Wir beſahen noch Pferde und Sattelzeug— eine Vorſicht, welche bei ähn⸗ licher Veranlaſſung kein Reiſender in Spanien verſäumen ſollte. Auch unſeren Begleiter ließen wir uns vorſtellen; es war ein junger Burſche mit einem pfiffigen Geſichte, der uns freundlich angrinste. So waren wir alſo für den nächſten Tag engagirt und froh, dem verhaßten Eilwagen entronnen zu ſein. Da der Tag ſchön und klar zu Ende ging, ſo machten wir noch einen Spaziergang an den Tajo hinab, und zwar bis tief an das Flußufer unterhalb der Brücke von Alcantara. Da liegt eine alte kleine Mühle zwiſchen den Felſen des Ufers ſo ſtill und melancholiſch, wie ich mich lange nicht erinnerte, Aehnliches ge⸗ ſehen zu haben. Ein Wehr von ſchwarzen, bemoosten Steinen ſtaut das Waſſer zu einem kleinen dunkeln See, der unergründlich tief zu ſein ſcheint und dabei ſo verführeriſch ruhig und klar iſt, ſo anlockend und geheimnißvoll glänzend, daß es, glaube ich, für ein betrübtes Gemüth gefährlich wäre, hier lange hineinzuſchauen; iſt man doch hier in der tiefen Schlucht, namentlich wenn der Abend niederſinkt, wie von allem Leben abgeſchnitten. Geheim⸗ nißvoll gluckſt und murmelt das Waſſer neben uns und ſchleift in ſeltſamen Tönen an den ſteilen Felswänden, während es eil⸗ fertig dahinſchießt und uns zuzurufen ſcheint: Komm mit, komm mit!— Dunkle Abendſchatten liegen ſchon auf der tiefen Schlucht, und nur das dahinſtrömende Waſſer leuchtet und glänzt eigen⸗ thümlich. In unbeſtimmten Umriſſen ſehen wir gegenüber auf der Stadtſeite die alten Thürme am Waſſer ſtehen und die zer⸗ bröckelten Mauern, welche ſich den Abhang hinaufziehen. Dort bemerken wir noch die gewaltigen Ueberreſte eines alten Gebäudes, das ſtaffelförmig bis zur Stadt emporſteigt und von irgend einem 160 Fünßehntes Kapitel. Erzbiſchof von Toledo erbaut wurde, um die Stadt mit einer größe⸗ ren Menge Waſſers zu verſehen, das hier mittelſt eines Druck⸗ werks emporgehoben werden ſollte; doch wurde es nie beendigt, die dicken Mauern verſielen nach und nach, und jetzt blicken die leeren Fenſterhöhlen recht unheimlich zu uns herüber. Wollte man eine paſſende Decoration für den Styr malen, ſo brauchte man nur die Felſenſchlucht an der alten Mühle hier zu copiren. Der Pfad, auf dem wir hinabgeklettert, iſt in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen; man fühlt ſich abgeſchnitten von der ganzen Welt, und während wir hoch über uns die Felſen⸗ zacken, ſo wie die Zinnen des Alcazar vom letzten Strahle der Abendſonne beleuchtet ſehen, tönt es in uns, die wir uns ſo tief unten in der Nacht befinden:„Laßt alle Hoffnung hinter euch!“ Den prächtigſten Schluß dieſer Unterweltdecoration macht vor uns die hohe ſchwarze Brücke von Alcantara, deren einziger rieſen⸗ hafter Bogen ſich in dem ruhigen Waſſer wiederſpiegelt und ſich zu einer vollkommenen Rundung abſchließt, ein Kreis, der, von der Abendröthe angeſtrahlt, jenſeits der Brücke in röthlicher Gluth glänzt, mit ſeiner finſteren Einfaſſung den Eingang zur Hölle vorſtellen könnte. Allerlei Nachtvögel, Eulen und Fledermäuſe umſchwirren uns, während wir ſchweigend aufwärts klettern. Uns alle Drei hatte die Oede des Ortes ſeltſam erfaßt, ſo wie nicht minder der Gedanke an unſere morgende Trennung, vorausſichtlich freilich nur für wenige Tage, aber— wer kann das ſo genau wiſſen, wenn man ſich mit ſpaniſchen Eilwagen und Reitgelegenheiten ein⸗ laſſen muß? Erſt als wir wieder in unſerer Locanda bei unſerem Braſſero ſaßen, nach dem Eſſen unſern guten, heißen Punſch trin⸗ kend, thauten unſere Gemüther wieder auf, daß wir im Stande waren, unſere kleinen Geſchäfte zu arrangiren. Der Verab⸗ redung gemäß ſollte uns Leins mit Herrn Steinfeld und deſſen Freunde nach vier Tagen zu Val de Penas treffen, er nahm auch den größten Theil unſerer Baarſchaft mit; denn Hor⸗ ſchelt und ich wollten, um für alle Fälle ſicher zu gehen, nur Toledo. 161 pe⸗ das eben Nothwendige mit uns führen. Unſere kleinen Nacht⸗ ſäcke verſorgten wir dagegen reichlich mit Wäſche, um nicht wie⸗ gt, der in Verlegenheit zu kommen, wie bei unſerem Ritte durch die Mancha. Alſo in vier Tagen Zuſammentreffen in Val de Penas, dem kleinen Orte, wo der berühmteſte ſpaniſche Landwein wächst! Und ſo trennten wir uns denn wirklich am andern Mor⸗ gen mit einem luſtigen„Auf Wiederſehen in der ſchönſten Val de Penas⸗Laune!“ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. Sechszehntes Kapitel. Ein Ritt nach Andaluſien. Unſere Pferde. Abſchied von Toledo. Eine öde Landſchaft. Orgaz. Eine Poſada miteihren Gäſten. Felipe. Yevenes. Schöne Bergformen. Eine verdächtige Hoch⸗ ebene. Diner im Freien. Ein ſchöner Abend. Fuente el fresno. Man hält mich für den Alkaden. Eine ärmliche Schlafkammer. Freundliche Gegend und hübſche Dörfer. Reitvergnügen. Erinnerungen an Syrien. Der Eſel und der Bock. Selt⸗ ſame Muſik bei einem Begräbniß. Almagro. Der Miſtkäfer. Herrlicher Sonnen⸗ aufgang. Anblick der Sierra Morena. Man hält uns für Räuber. Val de Pennas. Unſere Freunde. Don Alonzo de Santa Cruz. Fußwanderung. Eine große Venta. Ritt zu Eſel. Durch die Sierra Morena. Raubvögel und Jagdluſt. Santa Elena. Die deutſche Niederlaſſung La Carolina. Am vierten Februar verließen wir Morgens früh um fünf Uhr unſere Fonda und ſchritten durch die noch menſchenleeren Gaſſen Toledos zur Brücke von Alcantara hinab, wohin wir der ſteilen Gaſſen wegen, die wir beim Einreiten genugſam kennen gelernt, unſere Pferde und Führer beſtellt hatten. Der Letztere war pünktlich und wartete ſchon auf uns, zugleich mit dem Pferde⸗ vermiether ſelbſt, der uns nochmals ſeine Thiere lobte und uns zu gleicher Zeit eine glückliche Reiſe wünſchte. Was dieſe Thiere anbelangt, ſo waren es zwei nicht übermäßig gut ausſehende Pferde und ein ſtattliches Maulthier; von den erſteren hatte ſich der Maler Horſchelt einen hochbeinigen Rappen ausgeſucht, und ich mir einen unterſetzten Braunen erwählt; das Maulthier wurde von unſerem Führer beſtiegen, nachdem es vorher mit unſeren Ein Ritt nach Andaluſten. 163 Nachtſäcken, Mänteln und einigem Proviant beladen worden war. Dieſe Ladung war oben auf dem Sattel vertheilt, ſo daß ſie einem hohen Polſter gleichſah, und ungefähr bis zur Stirne des Thieres reichte. Mit Hülfe einer kleinen Mauer ſchwang ſich nun unſer Arriero auf ſeinen hohen Sitz und ſah nun dort oben aus wie ein Courier der Wüſte auf ſeinem Reitkameel. Die Zäumung des Maulthiers und vermittelſt derſelben ſeine Leitung war auch nicht weniger einfach und patriarchaliſch, denn ſte beſtand aus einem Halfterſtrick, welcher unſerem Maulthier, weil es ſehr jung und feurig war, ausnahmsweiſe durch das Maul gezogen wurde. Ich hatte jedoch noch nie ein zierlicheres und ſchlankeres Geſchöpf der Art geſehen und fand hier zum erſten Mal, daß der Baſtard von Pferd und Eſel zuweilen außerordentlich ſchön ſein kann; es hatte nichts von den ſonſt ſo plumpen Formen ſeiner Kameraden: die Füße waren ſchlank und vollkommen rein, hatten die feinen Feſſeln des edlen mütterlichen Pferdes und den zierlichen Huf des väterlichen Eſels; auch der Kopf war ſchön, das Auge glän⸗ zend und feurig und ſelbſt die Ohren ſo anſtändig kurz, als das bei der nicht zu verläugnenden Abkunft nur möglich war. Daß der Geiſt des Thieres, ſeine Leiſtungsfähigkeit dem Aeußeren voll⸗ kommen gleich kam, erfuhren wir in der erſten Zeit nach unſerem Abreiten. Denn kaum hatten wir uns in die Sättel geſchwungen, ſo ritt unſer Führer ein paar Schritte voraus, mühſam ſein Thier an dem Halfterſtrick haltend, und blickte zurück, wobei er uns zurief, ob Alles in Ordnung ſei; er ließ uns kaum Zeit unſere Steigbügel anzupaſſen und nachzuſehen, ob unſere langen Gewehre feſt in dem eiſernen Haken am Sattel hingen, denn als er uns hoch zu Roß ſah, ſchnalzte er mit der Zunge, ſtimmte ein andalu⸗ ſiſches Lied an, daß es von den alten Mauern und Felſen wieder⸗ hallte, und ließ ſein ungeduldiges Thier vorwärts ſchießen. Obgleich der Weg von der Alcantarabrücke ziemlich ſteil nach der gegenüber liegenden Höhe hinauf führt, auch nichts weniger als gut und eben, vielmehr mit Felsplatten und Steingerölle aller Art bedeckt war, ſo ging doch das Maulthier in ſcharfem Trabe 11* Sechszehntes Kapitel. aufwärts, und wir bemühten uns, mit ſtarker Sporenhülfe nach⸗ zueilen. Auf der Höhe angekommen, zügelten wir den Eifer unſeres Führers und bedeuteten ihn, einen Augenblick zu halten, da wir von hier aus der alten, prachtvollen Stadt noch einen letzten Blick ſchenken wollten. Dazu hätten wir auch keinen beſſeren Augenblick wählen können. Zu unſerer Linken ſtieg die Sonne auf und ſchoß ihre erſten Strahlen über das öde Felſenplateau und durch die Schlucht des Tajo auf den Alcazar von Toledo, der nun in dem goldnen Lichte flimmerte und ſtrahlte. Die grauen Häuſer der Stadt unter ihm lagen noch theilweiſe im Schatten; nur hie und da wurde die Kuppel einer Kirche oder die Zinnen eines hohen Thurmes ebenfalls von dem Sonnenlichte überglänzt, dazu die tiefblauen Schatten in der Felſenſchlucht, welche der Fluß durch⸗ ſtrömt, mit den aufſteigenden leichten Waſſernebeln, die ſich in der Höhe ebenfalls heller färbten und durchſichtig wurden,— das Alles gab ein unvergeßliches Bild, ein Gemälde mit der präch⸗ tigſten Abwechslung von Schatten und Licht, von verſchwindender Nacht und aufſtrahlendem, glänzendem Sonnenlichte. Leb wohl, Toledo, du ſchöne ritterliche Stadt, leb wohl auf Nimmerwiederſehen!— War es uns doch im erſten Augenblicke wahrhaft traurig zu Muth, von dieſer herrlichen Felſenburg ſcheiden zu müſſen; fühlten wir doch, wie vielleicht jener unglückliche Feld⸗ herr der Mauren, der wohl lange auf derſelben Stelle ſtand während ſeine geſchlagenen Schaaren gegen Weſten zogen, und ſich nicht trennen konnte von der Burg ſeiner Väter und endlich in wildem Schmerze ſeinen Dolch zog und ihn weit von ſich ab in die Schlucht des Tajo ſchleuderte,„wo er ruhen ſoll“— wie der tapfere Sarazene zähneknirſchend ſprach,—„ein Pfand, das ich wieder holen muß, ein Zeichen meiner verpfändeten Ehre, das ich auslöſen werde.“ Wenn wir auch keinen Dolch dort hinabſchleu⸗ derten und auch keine ſo wilden, ſchmerzlichen Worte ſprachen, wie der unglückliche Maurenfürſt, ſo ſandten wir doch innige und herzliche Blicke nach der alten Steinmaſſe hinüber, und riefen ihr freundliche Worte des Abſchieds zu, wofür ſich die Stadt zum Ein Vitt nach Andaluſten. 165 Gegengruß jetzt ganz in das hellſte Sonnenlicht kleidete und uns aus hunderten von leuchtenden und ſtrahlenden Fenſteraugen nachblickte; ja ſogar beredt war ihre Erwiderung auf unſeren Gruß, denn als wir unſere Pferde wandten, um weiter zu reiten, begannen drüben die Glocken der Kathedrale zu läuten, und die mächtige Stimme der Campana de Toledo ſchien uns nachrufen zu wollen: kehrt bald wieder! kehrt bald wieder!— Vergeblicher Wunſch; das war ja gerade das Herbe an dem Abſchiede von all dieſen ſchönen Orten, daß wir ſie vorausſtchtlich wohl auf Nim⸗ merwiederſehen verließen. Unſer Führer hatte ungeduldig das Ende dieſer Träumereien erwartet, und ſobald er ſah, daß wir unſere Pferde umwandten, trabte er wieder luſtig vor uns her, ſtimmte aufs neue ſein Lied an, und ohne ſich weiter nach uns umzuſchauen, überließ er es uns nachzufolgen, was übrigens keine Kleinigkeit war, da unſere Pferde ſeinem Maulthier weder an Kraft noch Ausdauer gleich kamen. Es iſt eigenthümlich, wie faſt überall in Spanien alle Spuren von Kultur verſchwinden und nichts mehr die Nähe einer großen Stadt anzeigt, ſobald man dieſe aus dem Geſicht verloren hat. Kaum war Toledo hinter uns im Thale verſunken, ſo umgab uns eine förmliche Steinwüſte, in welcher der Weg, auf dem wir ritten, eine ſolche Benennung eigentlich gar nicht verdiente, denn er war nichts mehr als ein rother Streifen Sand, der ſich zwiſchen den grauen Felsblöcken in beſtändigen Schlangenwindungen hin und her zog. Wir befanden uns auf einer Hochebene, die rings um uns, ſo weit das Auge reichte, nicht die geringſte Kultur oder die Spuren von menſchlichen Wohnungen zeigte. Um ſo eigenthüm⸗ licher klang in dieſer Oede der tiefe Ton der großen Glocke von Toledo, der durch den Nordoſtwind getragen, noch eine Zeit lang über die weite Fläche deutlich zu uns herüberdrang. Endlich ver⸗ ſtummte auch er, und wir trabten feierlich geſtimmt in der ſtillen ſchweigenden Landſchaft. Es war ein ſeltſam geformtes Plateau, auf dem wir ritten, deſſen Oberfläche bald ſtieg, bald ſich ſenkte, Sechszehntes Kapitel. und uns rings umher den Anblick auf ſchön geformte Bergketten gewährte, die in ſehr großen Entfernungen hinter weiten Thälern um uns zu liegen ſchienen; namentlich vor uns lag ein impoſanter Gebirgszug— wir glaubten ſchon, die Sierra Morena zu ſehen; doch waren es noch die Montes de Toledo, die wir in den nächſten Tagen paſſiren ſollten, ehe wir das ebengenannte Gebirge, wohl das majeſtätiſchſte Spaniens, erreichten. Unſer Weg blieb ſich in ſeiner Unebenheit immer gleich, nur lief er zuweilen in ziemlicher Breite durch eine Schlucht von Felsblöcken gebildet, um ſich hinter derſelben vielleicht in zwanzig kleine Fußpfade zu theilen, die in allen möglichen Wendungen zwiſchen großen Steinen, mit denen das Feld beſäet war, durch⸗ liefen. Die Vegetation, die wir erblickten, war ſehr gering, die Wieſen braunroth, und zwiſchen den Steinen bemerkten wir hie und da einen Burbaumſtrauch, Ginſter, ſowie kahle Sträuche, welche ihre nackten Aeſte zeigten. Wir ritten den ganzen Morgen fort, ohne irgend jemand zu begegnen; was wir von andern Reiſenden ſahen, war eine Familie zu Eſel, die mit uns aus Toledo zog, ein Mann und eine Frau mit zwei Kindern, die wir aber bald hinter uns ließen. Auch unſer Führer verminderte uns nicht durch ſeine angenehme Gegenwart die Oede der Landſchaft; er war auf ſeinem flinken Maulthiere weit voraus, und nur, wenn er einen kleinen Hügel erſtieg, ſahen wir, wie er auf der Höhe deſſelben nach uns umſchaute und winkte, und dann gleich wieder verſchwand. Zuweilen holten wir ihn durch ein halbſtündiges ſcharfes Traben wieder ein, doch lief ſein Thier einen ſo eigen⸗ thümlichen Paß, daß wir im Schritt beſtändig hinter ihm zurück⸗ blieben; und immerwährend durch das ſchlechte Terrain in ſchneller Gangart zu reiten und dabei die häufig ſtolpernden Pferde auf⸗ merkſam zu führen, dazu hatten wir auch gerade keine Luſt. So ließen wir ihn denn ziehen, rauchten unſere Cigarren, ſangen deutſche Lieder und ſprachen von der Heimat. Gegen Mittag änderte ſich auch die Landſchaft und wurde angenehmer für das Auge. Vor uns tauchte eine nicht ſehr ent⸗ Ein Ritt nach Andaluſten. 167 fernte Bergkette auf, an der Horſchelt mit ſeinen guten Augen Felſen und Geſträuch entdeckte. Die Hochebene, auf der wir ritten, ſenkte ſich zu einem weiten Thale hinab, und unſer Weg, bisher hart und ſteinig, wurde mit einem Mal weich und ſandig; zu unſerer Rechten ſahen wir einen kleinen Bach, der im raſchen Lauf durch das Thal eilte, und in deſſen braunrother Fläche einen angenehmen grünen Streifen von Gras und kleinem Geſträuche bildete. Vor uns hatten wir eine ſanfte Anhöhe, auf welcher unſer Führer einen Augenblick hielt und uns eifriger als bisher zuwinkte; wir galoppirten ihm nach und ſahen von dort oben ein kleines Dorf, das wir in einer guten halben Stunde erreichen konnten. Unſer Nachtquartier konnte es übrigens nicht ſein, dazu war es noch zu früh; ſollte doch unſere erſte Tagreiſe acht Leguas, das ſind über vierzehn deutſche Stunden, betragen. Das Dörfchen vor uns hieß Orgaz, und unſer Arriero hatte beſchloſſen, dort zu frühſtücken, was ihn übrigens zu ſolcher Eile antrieb, daß er bald in einem Hohlwege, der zum Dorfe führte, verſchwand. So ſchnell wir konnten, folgten wir ihm, doch war das Terrain zu ſehr coupirt, um ſchnell darin zu reiten. Der Bach, von dem ich vorhin ſprach, lief nahe bei dem Dorfe hin, ja eine Zeit lang im Wege ſelbſt, ſo daß wir auch hier auf gewiſſe Art längere Zeit tief im Kothe ritten, ehe wir die erſten Häuſer von Orgaz erreich⸗ ten; ja in den erſten Straßen des Dorfes blieben uns die Waſſer des Baches treu zur Seite, und wir mußten unſere Thiere bald rechts, bald links leiten, um einmal tiefen Pfützen, das anderemal hohen Dünger⸗ und Steinhaufen auszuweichen. Da es Sonntag war, befanden ſich die Einwohner meiſtens vor ihren Häuſern, blickten uns freundlich grüßend an, und da ſie wohl ſahen, daß der voraneilende Arriero zu uns gehöre, ſo riefen ſie uns zu, ob wir rechts oder links reiten müßten. Endlich erreichten wir einen kleinen Platz mit der Kirche und ſahen gegenüber an einem ſcheu⸗ nenartigen Gebäude ein großes offenes Thor, unter welchem unſer Felipe freundlich grinſend ſtand, beide Hände in die Hoſentaſchen 168 Sechszehntes Kapitel. geſteckt. Wir ritten in den Hof, wo wir abſtiegen und unſere Pferde übergaben. Ein ſpaniſches Wirthshaus iſt für den müden und hung⸗ rigen Reiſenden in ſeiner Armſeligkeit ein trauriger Aufenthalt, dabei aber ſo maleriſch, als man etwas ſehen kann. Ein finſterer, von einem ſchadhaften Dache halbbedeckter Hof iſt mit Karren von verſchiedener Größe, mit Fäſſern und Decken, welche von dem Rücken der Maulthiere herabgenommen wurden, angefüllt, und mit dieſen nützlichen Geſchöpfen ſelbſt, welche in einer Ecke bei einander ſtehen, die Köpfe hängen laſſen, und von allen andern lebenden Weſen, als da ſind: Hunde, Katzen, Schweine, Ziegen, Hühner, die ebenfalls hier ihren Aufenthaltsort haben, ſorgfältig gemieden werden; denn das ſpaniſche Maulthier iſt tückiſch und boshaft und ſchlägt und beißt, ſo wie etwas in ſeine Nähe kommt. Neben dem Karren liegt ein großer Haufen von Sätteln, ſo gruppirt, daß ſie eine bequeme Unterlage abgeben für einen der Arrieros, der, den ſpitzen Hut auf dem Kopfe, die brennende Pa⸗ piercigarre im Munde, faul und behaglich da liegt und mit ſeinen blitzenden Augen die eintretenden Fremden muſtert. Beim Eingang eines ſolchen Hofes befindet ſich gewöhnlich ein Ziehbrunnen, und hier ſieht man irgend ein Mädchen beſchäftigt, Waſſer herauf zu holen, um die angekommenen Thiere trinken zu laſſen. Um ſolche Kleinigkeiten bekümmert ſich der Arriero ſelbſt nicht; ſo unſer edler Felipe, denn nachdem er ſein Maulthier irgendwo feſtge⸗ bunden, ließ er unſere Pferde auf der Stelle ſtehen, wo wir abgeſeſſen waren, und trat ſogleich in die Küche, welche zugleich Wohnzimmer und Salon iſt, um mit Begierde eine neue Papier⸗ cigarre zu drehen und anzuzünden. Dieſe Küche ſtößt gewöhnlich an den Hof, von dem ſie durch die offene Thüre ihr Licht empfängt, und iſt meiſtens ein großes finſteres Gemach, bis unter die ſchwarz⸗ geräucherten Dachſparren reichend, von welchen Schinken, Speck⸗ ſeiten, Büſchel ſpaniſchen Pfeffers, auch ſ. g. Liebesäpfel und dergl. mehr herabhängen. Auf dem Boden brannte ein hellloderndes Feuer, und um Ein Ritt nach Andaluſten. 169 daſſelbe ſaßen und ſtanden vielleicht ein halbes Dutzend ſchöner, junger Kerle, die man, was Coſtüm und Haltung anbelangt, auf einem unſerer Theater ohne alle Zuthat zur Darſtellung einer Räuberbande hätte benützen können. Keck auf dem Ohre trugen ſie den caſtilianiſchen Hut mit der niederen Krämpe; die verſchnürte, aber meiſtens ſehr geflickte Jacke ſtand auf der Bruſt offen und ließ ein ſehr gelbes Hemd ſehen, das um den Hals von einem ſtrick⸗ artig zuſammengedrehten, meiſtens gelben oder rothen Tuche zu⸗ ſammengehalten wurde. Die engen, kurzen Beinkleider, an denen noch Spuren von zahlloſen Knöpfen zu ſehen waren, wurden mit einer Schärpe um die Hüften befeſtigt, und flatterten unten um die Knie, von welchem bis zum Knöchel hinab eine lockere Gama⸗ ſche reichte mit vielen herabhängenden Schnüren, weit klaffend, wo dann Schuhe darunter zu ſehen waren, oder waren mit Bind⸗ faden zuſammen gebunden, wo dagegen einfache Sandalen die eben⸗ genannte Fußbekleidung vertraten. Bei dieſem Coſtüm iſt es übri⸗ gens gut, daß die Köpfe, welche dazu gehören, von angenehmem, meiſtens ſchalkhaftem Ausdrucke ſind; ebenſo iſt auch ihr Be⸗ nehmen und ihre Redeweiſe, und jener Kerl dort, auf den langen, glänzenden Gewehrlauf geſtützt, machte uns nicht nur bereitwillig Platz, um an das Feuer zu gelangen, ſondern bot mir auch auf zierliche Art und mit wahrem Anſtande ſeine Papiercigarre an, welche er eben im Begriff war, ſelbſt in den Mund zu ſtecken. Da ich ſein Geſchenk annahm und ihm dafür eine Puros einhändigte, ſo konnte ich überzeugt ſein, daß wir, ohne ein Wort mit einander geſprochen zu haben, als die beſten Freunde ſchieden. Felipe ſchien übrigens zu glauben, daß der Aufenthalt in der Küche für uns nicht anſtändig genug ſei, denn nachdem er mit der Wirthin geflüſtert, winkte er uns feierlich, ihm zu folgen, ließ uns im Hofe eine hühnerartige Treppe hinaufklettern und brachte uns auf eine Altane, die unter jedem Schritte krachte und wankte. Dort öffnete er uns eine Thüre, welche in eine völlig leere Kam⸗ mer ohne Fenſter und ſonſtige Oeffnung führte, und bedeutete uns, wir würden augenblicklich mit Eiern, Brod und Wein bedient ———— 170 Sechszehntes Kapitel. werden. Da wir es aber vorzogen, auf der Terraſſe zu bleiben, ſo brachte man eine Kiſte, welche den Tiſch vorſtellen ſollte, ſowie ein paar niedrige Schemel, auf welche wir uns ſetzten; dann kamen die Eier, hart gekocht, Brod, welches weiß und gut, und ſchwarzer Landwein, der vortrefflich war. Schon beim dritten Glaſe ver⸗ ſicherten wir uns gegenſeitig hoch und theuer, daß es nichts Amu⸗ ſanteres gebe, als in Spanien zu Pferde zu reiſen, beim ſechsten brachten wir ein Pereat auf ſämmtliche Landkutſchen aus, und als wir unſeren Krug leer getrunken hatten, ſtolperten wir die Trep⸗ pen hinab, zahlten unſere Zeche, mein Freund mit dem langen Ge⸗ wehr hielt mir den Bügel und dann galoppirten wir durch das Dorf, dießmal unſerem Felipe voraus, der Mühe hatte, uns nach halbſtündigem ſcharfem Ritte wieder einzuholen. Das Dörfchen Orgaz liegt in einem breiten Thale, in wel⸗ chem man einige Spuren von bebauten Feldern ſieht; auch führt eine ziemlich breite und ordentliche Straße hindurch und gegen den Höhenzug, den wir ſchon früher geſehen und nun überſteigen muß⸗ ten. Ueber dieſe Berge war die Straße nicht ohne Kunſt ange⸗ legt, und obgleich wir hoch hinauf mußten, ging ſie doch ſo bequem in Wendungen, daß wir, ohne unſere Thiere zu ermüden, lange Strecken traben konnten. Wir brauchten ungefähr zwei Stunden, bis wir von Orgaz aus dieſe Höhen erreicht hatten. Oben hatten wir eine weite und nicht unintereſſante Ausſicht nach allen Seiten; namentlich vor uns war das Terrain und die Fernſicht mannig⸗ faltig belebt. Die Steinwüſte, welche Toledo auf der Oſt⸗ und Weſtſeite umgibt, lag hinter uns, und rückwärts blickend ſahen wir deutlich das wild zerriſſene Plateau, welches wir heute Vor⸗ mittag durchritten; in grauer Färbung mit gelblichen und röth⸗ lichen Streifen lag es da, faſt wie die weiten Flächen der Mancha anzuſchauen, nur waren die Terrainlinien hier in dem zerklüfteten Boden weniger langweilig als dort, wo ſich Hügel an Hügel reiht, faſt alle gleich geformt. Vor uns dagegen ſahen wir zuerſt am Fuße des Berges, auf deſſen Höhe wir uns befanden, das Dörf⸗ chen Yevenes, unſer heutiges Nachtquartier, und hinter demſel⸗ —— N Ein Ritt nach Andaluſten. 171 ben eine kleine Ebene, an deren Ende ſich die Montes de Toledo erhoben, ein tüchtiger Gebirgsſtock in ziemlich weiter Ausdehnung voll Schluchten und Felspartien, den wir morgen zu überſchreiten hatten; für heute aber waren wir bald am Ziele, und da ich vom langen Ritt recht müde geworden war, ſo ſtieg ich von meinem Pferde ab, ſchlang den Zügel um meinen Arm und ſpazierte mit einem höchſt angenehmen und behaglichen Gefühl auf dem breiten, gut unterhaltenen Wege unſerem Nachtquartier zu. Yevenes hatte ein ſtattlicheres Ausſehen als Orgaz; eine recht anſtändige Kirche, um welche die kleinen weißen Häuſer lagen, deren letztere ſich an die Bergwand ſchmiegten, von der wir herab⸗ zogen. Hier ſahen wir auch Spuren von Gärten, ſogar einige kleine Landhäuſer, und vor einem derſelben ſaß eine Geſellſchaft von Herren und Damen beiſammen, plaudernd und in die weite Ebene hinausſchauend. Felipe erkundigte ſich hier nach der beſten Po⸗ ſada, worauf ihm freundlich der weitläufigſte Beſcheid zu Theil wurde. Zu unſerer Rechten auf der Berghöhe, von der wir herab⸗ ſtiegen, befand ſich ein altes Mauerwerk, die Ruine eines Schloſſes oder dergleichen, und nicht weit davon eine kleine Kapelle, deren Glocke bei unſerem Einzug in's Dorf melodiſch läutete. Die Poſada lag am Ende des Dorfs, beinahe das letzte Haus nach dem Thale zu. Wir ritten in einen von Mauern umſchloſ⸗ ſenen Hof und kamen dann in die von andern ſpaniſchen Poſaden her uns ſchon bekannte große Halle, wo die Familie des Wirths mit den eingekehrten Fremden und deren Thieren in angenehmer Gemeinſchaft lebt. Man kann einen ſolchen Platz mit einer großen Scheuer vergleichen oder mit einem Schuppen, der durch Pfeiler, welche das Dachgebälke tragen, in verſchiedene Abtheilungen getheilt wird. In einer derſelben befindet ſich die Küche, gegenüber ſtehen Maulthiere und Pferde, und der Mittelraum wird zu Handel und Wandel und ſpäter zu Schlafſtellen für die Fremden benützt. Da wir aber von Felipe als etwas ganz Abſonderliches geprieſen wurden, ſo erhielten wir das einzige Schlafzimmer des Hauſes, und zwar das der Wirthin und ihrer Töchter, welche ſich für die Sechszehntes Kapitel. Nacht anderswo einquartierten. Dieß Schlafzimmer war auch eine der oben erwähnten Abtheilungen und nur durch eine dünne Lehmwand von dem großen Raum abgeſchieden. Ein Fenſter ohne Glas ging auf die Straße, und das Meublement beſtand aus einem gewaltigen Bette, einigen Stühlen, einem Tiſche und zwei großen hoͤlzernen Truhen; an der Decke befanden ſich Schnüre, von welchen eine Unzahl Weintrauben herabhingen. Da Nevenes nicht an der Hauptſtraße liegt, auch die Zeit des Reiſeverkehrs für Spanien noch nicht gekommen war, ſo be⸗ fand ſich der große Raum vor der Küche ziemlich leer; und zwei oder drei Maulthiere und vielleicht ein Dutzend Eſel ſtanden vor den Krippen, letztere träumend oder in ſtille Selbſtbeſchaulichkeit verloren, den Kopf tief herabhängend, eins der langen Ohren ab⸗ wechſelnd geſenkt. Von den dazu gehörigen Arrieros, ſchönen, kräftigen Burſchen, wie die in Orgaz beſchriebenen, waren einige beſchäftigt, Päcke abzuladen und die Sättel auf einen Haufen zu werfen, andere aber hatten es ſich an dem lodernden Herdfeuer ſchon bequem gemacht, rauchten Papiercigarren, und einer trällerte ein Lied, wozu er auf einer verſtimmten Guitarre herumgriff. Der Ausdruck„Herdfeuer“ iſt eigentlich eine unrichtige Bezeich⸗ nung, indem ſich in dieſen Poſaden nirgends ein Herd befindet, vielmehr brennt das Feuer auf dem gepflaſterten Boden, öfter aber auf einem abgenützten Mühlſteine, der in die Erde einge⸗ ſtampft iſt. Unſere Wirthin, die Padrona, eine wohlbeleibte Frau mit freundlichem, gutmüthigem Geſichtsausdruck— ſie ſtemmte gerne ihre Arme in die Seite— führte uns in das Schlafzimmer, und als wir uns dort unſerer Manta's und Gewehre entledigt hatten, erſuchte ſie uns, die Diſpoſition für unſer Abendeſſen zu treffen, d. h. ihr unſere Wünſche hierüber mitzutheilen. Da aber immer noch eine ſpaniſche Converſation außerordentlich ſchwierig für uns war, wir namentlich von den Benennungen der eßbaren Gegen⸗ ſtände nur ſehr dunkle Begriffe hatten, ſo führte ich die Padrona in den Raum vor der Küche, wo ich beim Einreiten einige ſehr Ein RNitt nach Andaluſten. 173 ſchätzenswerthe Gegenſtände erblickt; hier hingen nämlich an der Wand eine lange Reihe von rothen Feldhühnern, auch Haſen und ein ausgeweidetes Reh. Nachdem ich an dieſer Stelle der Haus⸗ wirthin unſern großen Hunger pantomimiſch dargeſtellt, zeigte ich auf einige der Wildſorten, dann auf den Keſſel am Feuer und gab ihr zu verſtehen, mein Wunſch ſei, daß einige dieſer vortrefflichen Sachen ihren Weg dorthin finden möchten. Dazu wußten wir Eier, Chokolade, Wein und Brod bei ihrem wahren Namen zu benennen, verwahrten uns feierlich gegen allen Ajo, d. i. Knoblauch, und wurden von der guten Padrona beſtens ver⸗ ſtanden. Da es draußen noch ganz hell war, ſo machten wir einen Spaziergang durch das DorfV; es hat ein beſſeres Ausſehen, als die meiſten in der großen Mancha; die Straßen waren mit kleinen Kieſelſteinen gepflaſtert und die niedrigen Häuſer, welche flache Dächer hatten, mit weißer Farbe ſauber angeſtrichen. Glasfenſter ſchienen hier als ein überflüſſiger Artikel betrachtet zu werden, nur an einem einzigen Gebäude, einer Zeugwaarenhandlung, vor deren Thüre Manta's und rothe Schärpen im Winde flatterten, ſahen wir dergleichen; im Uebrigen wurden die überaus kleinen Fenſteröffnungen zur Nachtzeit einfach mit hölzernen Läden ver⸗ ſchloſſen, blieben es auch wohl während des Tages,— und bei manchen Häuſern ſahen wir dies,— wo dann Licht und Luft durch die weit offenſtehende Hausthüre in's Innere drang. Von der Einwohnerſchaft von Yevenes bemerkten wir wenig, nur hie und da ſtand eine Gruppe von Männern, alle in langen, meiſtens braunen Mänteln, Cigarren rauchend und plaudernd bei einander; Kinder ſpielten frühjährlich auf der Gaſſe mit Steinen und kleinen Hölzchen, und die Weiber und Mädchen ſchienen ſich in die Woh⸗ nung zurückgezogen zu haben; nur zuweilen erſchienen ein paar unter den Hausthüren, um uns neugierig nachzuſchauen. Im All⸗ gemeinen nahm ſich Yevenes ſehr ſtill und öde aus, namentlich der Platz vor der Kirche, wo das Gras zwiſchen den Steinen wucherte. Von dieſer Kirche ſelbſt iſt nichts zu ſagen, es war ein Sechszehntes Kapitel. ziemlich großes Gebäude aus grauen Steinen und in gar keinem Style erbaut. Nach Hauſe zurückgekehrt, fanden wir unſer Schlafgemach beſtens hergerichtet, den Tiſch mit einem weißen Tuche gedeckt und die beiden großen Truhen, um ihnen ein Anſehen zu geben, mit farbigen Schürzen verhängt. Unſer Abendeſſen war recht ge⸗ lungen und hätte man es ſelbſt unter andern Umſtänden vortreff⸗ lich nennen können; Feldhühner mit Reis, einen geſchmorten Haſen, Eier mit Schinken, dazu ſchneeweißes Brod und faſt ſchwar⸗ zer Wein, nicht zu vergeſſen die herrlichſte Chokolade der Welt, wir tafelten königlich, und zu unſerer vollkommenen Reſtauration von den Mühſeligkeiten des Rittes fehlte nichts als ein guter Schlaf, der aber auch ſo freundlich war, uns alsbald in ſeine Arme zu nehmen und bis zur Morgendämmerung zu beglücken, obgleich wir frühzeitig mit den Hühnern zu Bette gegangen waren. — Glückſelige Zeit, an die ich mich oft erinnere, ſowie an unſere unfreundliche, finſtere ſpaniſche Kammer, wenn in der Heimat die ſchlafloſen Nächte oft ſo unendlich lang erſcheinen und das weiße geſpenſtige Gaslicht durch die hellen Fenſterſcheiben dringt. Unſer edler Felipe, der nicht minder gut dinirt und ge⸗ ſchlafen als wir, weckte uns beim Grauen des Morgens. Wir kleideten uns an, zahlten unſere Zeche, die in den meiſten dieſer Poſaden für Mittag⸗ oder Nachteſſen, Bett und Frühſtück ge⸗ wöhnlich einen Duro betrug, 2 fl. 30 kr. rh.; das letztere be⸗ ſteht in der Regel aus Chokolade und Picatoſtes, d. h. in Olivenöl gebackenes Brod. Da unſere Poſada, wie ſchon bemerkt, am Ende des Dorfes lag, ſo waren wir bald im Freien, ritten noch eine kurze Strecke abwärts und befanden uns dann in der Fläche, die wir geſtern Abend vom Berge aus geſehen, bemerkten aber, daß uns in Be⸗ treff derſelben unſer hoher Standpunkt einigermaßen betrogen hatte, und daß von einer ausgedehnten Ebene nach unſeren Be⸗ griffen durchaus keine Rede war; nebendem, daß die Morgen⸗ dämmerung noch alles in ihren Schatten hüllte, hatten ſich auch Ein Ritt nach Andaluſten. 175 Nebel aufgemacht, die uns dicht und kältend umgaben; auch ſan⸗ ken ſie nicht wieder herab, ſondern hoben ſich hoch empor, den Himmel mit grauen Wolken überziehend. Eine Zeitlang ritten wir im Thale fort, an Fruchtfeldern vorbei, bald aber wurde der Weg ſandig, es ging aufwärts eine Heide hinan durch lange und breite Gaſſen, die von mannshohen Burbaumſträuchen gebildet waren. Das Terrain war gänzlich verſchieden von dem, welches wir geſtern durchritten, und nicht ſo langweilig als das Felſenplateau zwiſchen Toledo und Orgaz; hätte uns ein heller Sonnenſchein beglückt und die Landſchaft ge⸗ färbt, ſo würden wir ſie wunderſchön gefunden haben, ſo aber bei grauem, trübem Regenhimmel machten die Schluchten, durch welche wir ritten, einen gewaltigen, ernſten Eindruck. Bald ging es zwi⸗ ſchen Felſen hindurch, neben dem Flußbette eines klaren Bergwaſſers dahin, deren wir heute viel ſahen, bald über breite Wieſen, rechts und links mit grünen Gebüſchen beſäumt, lange Strecken auf⸗ wärts, ohne eigentlichen Weg, und auf der Höhe angekommen, hatten wir meiſtens rechts und links den Anblick einer düſtern, aber prachtvollen Gebirgslandſchaft, wie man ſie bei uns in Deutſchland nicht ſchöner ſehen kann. Die vielen Waſſer, welche überall hervorſprudelten, begünſtigten eine reiche Vegetation, und wenn wir ſo vom Wege in die Berge hineinſchauten, ſo erblickten wir an dem niederen Gebirgszug neben und unter uns deutlich alle Quer⸗ und Längenthäler, ausgezeichnet durch ihre mannig⸗ faltigen grünen Schattirungen. Bei einer ſolchen Partie wurde einmal das heimatliche Gefühl meines großen Malers außerordent⸗ lich rege, denn er machte mich auf einen herrlichen Bergkegel aufmerkſam, der ſeiner Behauptung nach das genaueſte Ebenbild des Wendelſteines im baieriſchen Oberlande ſei. Schöne Formen hatte dieſer Spanier allerdings; ſein Fuß war grün bewachſen, an ihn ſchloſſen ſich graue, nackte Felspartieen, und ſein Haupt, in violettem, bläulichem Duft, ſchien von den freilich tiefhängen⸗ den Wolken berührt zu werden. Neben ihm öffnete ſich ein breites Thal, deſſen Grund mit Wieſen bedeckt war, weder Weg noch Sechszehntes Kapitel. Steg hatte, und weiter hinten von einer Menge kleiner Berge ein⸗ geſchloſſen war, von denen einer über den andern hervorſah. In⸗ tereſſant war uns dieſes Thal, weil ſich in ſeiner Mitte ein grauer Fels erhob, der die faſt ſchwarzen Mauern einer mächtigen Burg trug, die noch ziemlich wohl erhalten ſchien; wenigſtens bemerkten wir unverſehrte Thürme, eine vollkommen geſchloſſene Umfaſſungs⸗ mauer und ein großes Gebäude mit hohem Giebeldach. So viel wir aber weiter ſehen konnten, waren die Fenſter ohne Glas und Läden, und aus keinem der zahlreichen Schornſteine kräuſelte ſich irgend ein freundlicher Rauch hervor. Unſer Weg war heute belebter als geſtern; lange Züge Maulthiere kamen uns entgegen oder wurden von uns eingeholt, wogegen Schaaren von Eſeln ohne Ladung uns den Vorrang ab⸗ liefen und luſtig bei uns vorbeitrabten; unſere Pferde waren vom geſtrigen Marſche etwas ermüdet, und das beſtändige Auf⸗ und Abklettern an den Bergen, bald durch ſumpfige Wieſen, bald über glatte Steine hinweg, ließ ſie zu keiner ſchnellen Gangart kom⸗ men; nur zuweilen erlaubte uns irgend ein Sandſtreifen oder ein Stück feſten Weges einen halbſtündigen Trab, doch war dieſes nicht andauernd genug, um es den Reitern zu Eſel gleichthun zu können, von denen beſtändig Andere mit freundlichem Gruß, aber lachend an unſern Rozinanten vorbeizogen. Dieſe kleinen ſpani⸗ ſchen Eſel haben eine merkwürdige Behendigkeit; mag das Terrain ſein, wie es will, mag es ſteil aufwärts oder abwärts gehen, über einen fußbreiten, ſchlüpfrigen Pfad oder über breite, glatte, ab⸗ hängige Felſenplatten, die vier kleinen Hufe bewegen ſich mit einer faſt lächerlichen Geſchwindigkeit dahin, das unbedeutende Thier⸗ chen, oft mit einem ſchweren Kerl beladen, trippelt beſtändig kopf⸗ nickend einher, holt uns ein und iſt kurze Zeit nachher in den Schluchten, die wir vorſichtig hinabreiten müſſen, unſern Augen wieder entſchwunden. Felipe ärgerte ſich jedesmal darüber, doch mußte er ſelbſt mit ſeinem kräftigen Maulthier langſam thun, denn auch dieſes war ſchon ein paarmal geſtolpert und hatte ſich, Ein Ritt nach Andaluſten. 177 von dem ſchweren Gepäck niedergedrückt, nur durch die größte Kraftanſtrengung aufrecht erhalten. Wir waren ſchon mehrere Stunden geritten und der Weg führte ſeit einiger Zeit beſtändig aufwärts, die umliegenden Berge ließen wir unter uns und kamen gegen Mittag auf eine weite Hochebene, mit ſpärlichem Graſe bewachſen und mit großen Grup⸗ pen von Burbaumſträuchen überſäet, durch welche unſer Weg bald rechts, bald links lief. Zu beiden Seiten hatten wir niedere Hügel⸗ ketten, ebenfalls mit Geſträuch bewachſen, zwiſchen denen hie und da ein blauer Rauch emporſtieg; auch bemerkten wir Rinder⸗ und Schafheerden, hörten entferntes Hundegebell und ſahen von Zeit zu Zeit einen Hirten, auf ſein langes Gewehr geſtützt, uns auf⸗ merkſam nachblicken. Felipe hatte ſchon ſeit einiger Zeit eine ernſte Miene angenommen, rauchte weniger Papiercigarren als ſonſt, und meinte endlich, hier, wo wir uns gerade befänden, ſei eine etwas unſichere Gegend, und den Hirten, Kohlenbrennern und Forſtwächtern, die ſich hier beſtändig herum trieben, nicht recht zu trauen. Er erſuchte uns darauf, das Maulthier mit dem Gepäck in die Mitte zu nehmen, ſelbſt aber ziemlich weit von ein⸗ ander zu reiten, um mehr Terrain überſchauen zu können, und unſere Gewehre aufzuheben, daß man ſte aus der Entfernung ſehen könne. Wie weit die Furcht unſeres tapfern Arriero begründet war, bin ich nicht im Stande anzugeben, daß aber die Hochebene, auf welcher wir während ein paar Stunden ritten, ein höchſt ödes und unheimliches Ausſehen hatte, war in der That nicht zu läugnen. So weit man blicken konnte, entdeckte man keine Spur einer menſchlichen Wohnung, und was wir von Unſeresgleichen in der Entfernung zwiſchen den Burbaumſträuchen zuweilen hin und her ſtreichen ſahen, war auch gerade nicht Zutrauen erweckend. Dieſe Kerle mit ihren dunklen Geſichtern, ihren zerlumpten Anzügen, mit Ledergamaſchen oder Strickſandalen, namentlich aber mit dem ſpitzen Hute, der ja bei uns als Attribut eines ſpaniſchen oder ita⸗ lieniſchen Banditen gilt, ſahen mindeſtens wie ächte Strauchdiebe Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 1 ——— 178 Sechszehntes Kapitel. aus. Doch paſſirte uns durchaus nichts Unangenehmes, und ge⸗ gen zwei Uhr hatten wir glücklich das Ende jenes Plateaus er⸗ reicht und erblickten vor uns eine breite Schlucht, die wieder ab⸗ wärts zur Ebene führte. Einiges, was ich im Vorbeigehen geſehen, ſchien mir anzudeuten, daß das Terrain hinter uns nicht immer ſo unbewohnt und öde gelegen, zuweilen ſahen wir große Stein⸗ und Trümmerhaufen und einmal ſogar die Ruine eines Bauwerkes nach Art alter Waſſerleitungen; ich zählte wenigſtens zwanzig Pfeiler, die noch durch Bogen verbunden waren, deren Ende und Anfang aber ebenfalls durch Trümmerhaufen bezeichnet war, konnte aber ſpäter nicht in Erfahrung bringen, was man von die⸗ ſem eigenthümlichen Bauwerke hier auf der Hochebene wiſſe. Bis hieher hatte uns Felipe aus Furcht vor den Räubern nicht vergönnt, unſer mitgenommenes Frühſtück anzugreifen; auch jetzt wollte er noch nicht halten, ſondern weiter hinabziehen, bis zu einer vortrefflichen Venta, von welcher er träumte; doch waren uns dieſe ſ. g. Halbwegs⸗Venta's von unſerem Zuge durch die Mancha noch in zu troſtloſem Andenken, als daß wir noch weiter geritten wären. Felipe mußte nachgeben, und wir machten deß⸗ halb am Rande der Hochebene einen Halt, banden Maulthiere und Pferde, nachdem wir ihnen die Kopfzeuge abgenommen, an ein paar Burbaumſträucher, deren Blätter ſie ſogleich anfingen eifrig zu benagen. Die Padrona in Yevenes hatte für unſer Frühſtück reichlich geſorgt, uns ein paar gebratene Feldhühner eingewickelt, Brod und hartgeſottene Eier hinzugefügt und guten rothen Wein mitgegeben, der allerdings nach dem Bockſchlauche ſchmeckte, aber uns trotzdem vortrefflich mundete. Nachdem wir abgeſpeist und wieder aufgezäumt hatten, er⸗ laubte uns Felipe, unſere Gewehre wieder an die Sattelhaken zu hängen; wir ſchwangen uns auf, und da der Weg vor uns etwas beſſer war, trabten wir luſtig den Bergabhang hinab. Hier oben auf der Höhe des Gebirges war eine kleine Waſſerſcheide, und wir ritten jetzt mit den ſprudelnden Bergwaſſern, während uns andere bis dahin entgegen gerauſcht waren. Eine Zeit lang fiel Weg und Ein Ritt nach Andaluſten. 179 Flußbett zuſammen, doch war der Grund ziemlich hart, beſtand aus feinem weißem Kiesſande, und nebenbei ſchien das klare, friſche Waſſer den Füßen unſerer müden Thiere wohl zu thun. Im Verhältniß, wie wir abwärts ſtiegen, verminderte ſich auch das Oede und Finſtere der Landſchaft; die Felſenkronen, welche uns auf der andern Seite der Hochebene umgeben, waren verſchwunden, und die Berge und Hügel vor und neben uns hat⸗ ten abgerundete Häupter, oft mit Buſchwerk bedeckt, die niedrige⸗ ren ſogar mit grünen Wieſen. Auch unſer Weg lief an einer breiten Schlucht ſanft abwärts, vor uns ſchob ſich die Bergkette immer mehr auseinander, und nach einer ſcharfen Rechtswendung, die wir machten, ſahen wir, wie ſich vor uns die Hügel immer mehr verflachten und endlich in jene weite Ebene verſanken, die wir ſchon geſtern von der Höhe hinter Yevenes geſehen. Der Himmel hatte ſich gleich nach Mittag aufgeklärt und gewährte uns jetzt noch einen ſchönen Abend; wir ritten gegen Süden, nach Weſten zu war unſere Ausſicht durch die mulden⸗ förmigen Ausläufer des Gebirges verdeckt und ſo bemerkten wir die Sonne nicht, wie ſie niederſank, ihr volles Licht dagegen fiel auf das Thal vor uns und beglänzte dieſes ſowie den Himmel auf wunderbare Weiſe; namentlich den letzteren habe ich ſelten ſo ſchön geſehen; er erglühte in tiefem Purpurroth, leichte Wölkchen, die emporzufliehen ſchienen, waren umkränzt mit blauen und vio⸗ letten Tinten, die, wie die Sonne tiefer und tiefer ſank, in herr⸗ lichſter Mannigfaltigkeit glänzten, endlich zum ſanfteſten Roth ver⸗ blaßten, wodurch denn der Himmel zwiſchen ihnen eine unaus⸗ ſprechlich ſchöne meergrüne Färbung erhielt. Die Ebene vor uns war vielfach unterbrochen bald durch Wieſen oder kleine Waldungen, bald durch weite Strecken ſchwar⸗ zen Bodens, des fruchtbarſten Landes, dann wieder auch durch lange Streifen rothen und gelben Sandes. Weit am Horizonte hob ſich ein majeſtätiſcher Gebirgszug, den wir ſchon heute Morgen er⸗ blickten, in ſchönen Formen, jetzt bei untergehender Sonne in tief⸗ dunkler prächtiger Färbung, wahrſcheinlich die Sinr Morena, an —— —— 180 Sechszehntes Kapitel. deren Fuß Val de Penas liegt, wo wir unſern Reiſegefährten wie⸗ der zu finden hofften. Die Strahlen der Sonne gaben der vor uns liegenden herrlichen Landſchaft etwas unbeſchreiblich Reizen⸗ des, etwas trügeriſch Glänzendes, das wir morgen nicht wieder zu finden hoffen durften, wenn wir die Ebene ſelbſt durchritten. Lieblich machten ſich von hier oben eine Menge kleiner Bäche, deren Lauf wir bald durch den glitzernden Waſſerſpiegel, bald durch eine Einfaſſung des ſaftigſten Grüns in ihren eigenſinnigen Wendungen weit hinaus verfolgen konnten; dazu dampften die Wieſen in die milde Abendluft hinauf, Wälder und Gebüſche prangten in der mannigfaltigſten Färbung, und ſelbſt der lebloſe Sandboden erglänzte in höchſt angenehmer Friſche. Uns war zu Muthe, als hätten wir den Winter hinter uns gelaſſen im Thal des Manzanares und auf den Felſen von Toledo, und ſchauten jetzt vor uns in die weite, erwachende Landſchaft, die ſich zu ſchmücken begann für die ſchönere Jahreszeit; es war uns recht frühjahrlich zu Muth, ja der Boden ſchien uns den ſo wohlbekannten ſüßen Duft auszuhauchen und die Knoſpen der Bäume und Geſträucher zuſehends anzuſchwellen. Da unſer jetziger Weg nicht ſo viel Steingerölle und Un⸗ ebenheiten zeigte, ſo ritten wir ziemlich ſchnell und glaubten in kurzer Zeit unſer Nachtquartier erreichen zu können. Doch täuſchte uns der gewaltige Bogen, den die breite Thalſchlucht machte, und es vergingen ein paar Stunden, ehe wir hinabkamen; allein der Abend war ſo ſchön, die Natur um uns ſo großartig und herrlich, daß uns die Zeit raſch genug verging. Auch fehlte es nicht an Begegnungen und Bildern mannigfaltiger Art; hier tauchten einige kleine Hütten in einer Seitenſchlucht auf, dort ein ſchwarzer Meiler, deſſen bläulicher Rauch faſt gerade in die Höhe ſtieg, da er von keinem Lufthauche bewegt wurde. Viel Spaß machte uns eine Zeitlang ein kleiner Bube, der auf einer Wieſe neben unſerem Wege auf einem kleinen ſchwarzen Eſel galoppirte und von dem muthwilligen Thiere ein paarmal abgeworfen wurde, worauf ihn der Reiter aber alsbald am Ohre oder am Schweif Ein Ritt nach Andaluſten. 181 faßte, ſich eine Strecke weit mit fortſchleppen ließ und dann mit lächerlicher Anſtrengung wieder auf den Rücken des Thieres klet⸗ terte, worauf das Jagen alsbald wieder bis zu einem ähnlichen Abſchluſſe begann. Wir hatten gehofft, von droben an immer abwärts ſteigend unſer Quartier zu erreichen, ſahen uns aber getäuſcht, denn als wir im Thale ankamen, bemerkten wir eine neue Hügelkette, die quer vor uns lagerte und noch überſchritten werden mußte. Dieſe ſei aber auch die letzte, behauptete Felipe. Da der Boden aus weichem Sande beſtand, ſo meinte er, wir ſollten zu guter Letzt noch ein kleines Wettrennen halten, worauf er alsbald mit ſeinem flin⸗ ken Maulthier im Galopp voranging und wir ihm ſo gut als mög⸗ lich folgten. Auf der Höhe angekommen, ſahen wir denn auch die weite Ebene dicht vor uns und auf wenige Schritte das Dorf Fuente el Fresno— unſer heutiges Nachtquartier. Mir ſchien es weniger groß als unſer geſtriges, aus einer einzigen Straße be⸗ ſtehend, die am Abhange der letzten Hügelkette hinlief und größten⸗ theils nur eine Reihe Häuſer hatte. Eine kleine Kapelle zeigte ein unbedeutendes Thürmchen. Unſer heutiger Wirth war der Alcalde des Orts, Don Joſe Maria Arritajo, ein freundlicher Mann in brauner Capa, der uns am Thore ſeines Hauſes recht herablaſſend empfing, ja mir vielleicht ſogar den Steigbügel gehalten hätte, wenn ihm nicht ein herumlungernder junger Burſche bei dieſem Liebesdienſt zuvorgekommen wäre. Die Poſada, welche der Herr Alcalde hielt, war in einem viel kleineren Maßſtabe als unſere geſtrige, die weite Halle fehlte und die Küche nur ein kleines Gemach neben dem Thorweg, natürlich mit hochloderndem Feuer, um welches ſchon eine Menge Eſeltreiber und anderer Geſellen es ſich bequem ge⸗ macht hatten. Ein paar hübſche zerlumpte Kerle, denen man bei uns mit Schrecken begegnet wäre, lachten uns freundlich ent⸗ gegen, indem ſie ſich freuten, uns wieder zu ſehen. Es waren von je⸗ nen Reitern zu Eſel, die heute Morgen den Zorn Felipe's rege ge⸗ macht und die es auch jetzt nicht unterließen, ihn tüchtig zu necken 182 Sechszehntes Kapitel. daß er mit ſeinem langbeinigen Maulthier zurückgeblieben ſei. Hor⸗ ſchelt zeichnete den hübſcheſten dieſer Burſche, worüber ſich Alle wie die Kinder freuten und das ganze Haus herbeilief, um das Bild Chri⸗ ſtovals— ſo hieß der junge Eſeltreiber— zu ſehen. Daß hier⸗ auf Alle gezeichnet ſein wollten, verſteht ſich von ſelbſt. Der Maler kam nicht eher zur Ruhe, bis er auch den Alcalden, als den Wür⸗ digſten, mit einigen Strichen ſkizzirt. Während dieß drinnen vor ſich ging, beſprach ich mich draußen mit der Wirthin über unſer Diner, deſſen Hauptbeſtand⸗ theil aus Tauben mit Reis beſtehen ſollte, und trat dann unter das Hofthor, um mich in der Straße umzuſehen. Seitwärts vom Hauſe ſtanden fünf oder ſechs ſehr zerlumpte Arriero's, die heftig zuſammen ſtritten, aber plötzlich aufhörten, als ſie meiner anſich⸗ tig wurden, ihre Hüte abzogen, auf mich zutraten, worauf der älteſte begann, mit außerordentlicher Beredtſamkeit eine Menge Worte an mich hinzuſprechen, von denen ich„Alcazar de San Juan,“ von dem ſie her kämen, und„Seſor Alcalde“ verſtand, womit ſie mich anzureden ſchienen. Wahrſcheinlich hatte mir nur mein andaluſtſches Coſtüm in ihren Augen zu dieſer Würde ver⸗ holfen, denn als ich ihnen achſelzuckend ein paar Worte ihrer ſchönen Sprache, wahrſcheinlich ſchauerlich genug, entgegnete, prall⸗ ten ſie lachend zurück und wandten ſich von mir. Ein Mädchen, welches mit einem Kinde auf dem Schooß an der benachbarten Hausthüre ſaß, erklärte ihnen mit luſtiger Miene, ich ſei ein Frem⸗ der, der eben eingeritten, Seüor Alcalde aber wohne im Neben⸗ hauſe und ſie möchten nur hineingehen. Das thaten ſie denn auch, natürlich mit abgezogenen Hüten, und ich ging hinter ihnen drein, um die Audienz mit anzuſehen, welche ihnen der Ortsvor⸗ ſteher in der Kaminecke ſitzend augenblicklich ertheilte. Es war komiſch, wie er dabei trachtete, ſeine Stellung und das ernſte, würdevolle Geſicht beizubehalten, mit dem er dem Maler ſitzen zu müſſen geglaubt. Worüber der Streit gehandelt, kann ich nicht angeben, doch wurde er baldigſt geſchlichtet, und beide Parteien ſchienen ziemlich befriedigt das Haus zu verlaſſen. Ein Mitt nach Andaluſten. 183 Hinter der Küche wurde uns eine Schlafkammer eingeräumt, die ſehr einfach und ländlich war, neben dem Lager, das man für uns hergerichtet, führte eine Leiter auf den offenen Söller des Hauſes, und im Hintergrunde des Gemachs befand ſich eine weite, unverſchließbare Oeffnung, die in den Raum ging, wo die Maul⸗ thiere und Eſel ſtanden. Dabei war der Strohſack meines Bettes ſo offenherzig, daß ein kleiner hungriger Eſel mit dem Maul in ſeinem Innern wühlte, Halm um Halm hervorzog und in ſtiller Betrachtung verſpeiste, bis ich ihm ernſtlich wehrte. Unſer Mittag⸗ oder Nachteſſen wurde in einem einzigen Gange aufgetragen, beſtehend aus einer großen Schüſſel voll Reis und gekochter Tauben, und war mit einem ſolchen Aufwand von ſpaniſchem Pfeffer verſehen, daß uns ſchon nach dem erſten Löffel der Schweiß ausbrach und wir zur Abkühlung mehr Wein tranken als gerade nothwendig war. Dazu war das Ameublement und Eßgeräthe des Herrn Alcalden ſehr mangelhaft; man hatte uns ein Tiſchchen hingeſtellt, kaum groß genug für vierjährige Kinder, welches den Maler mit ſeinen langen Beinen zur völligen Ver⸗ zweiflung brachte; hiezu paſſend waren auch die Meſſer, denn ſie ſchienen aus einer Kinderküche herzuſtammen; glücklicher Weiſe aber waren die hölzernen Löffel recht groß, zum Trinken fanden wir hier wieder jenes Glasgefäß, das wir ſchon in der Mancha geſehen in Geſtalt einer kleinen Gießkanne, welches man hoch empor hebt und den Wein vermittelſt des langen Rohres in den Schlund hinabgießt. Dieſe Art zu trinken hat bei den großen ſehr gemiſchten Geſellſchaften, in welche man hier in Spanien häufig geräth, den Vortheil, daß die Lippen mit dem Glaſe gar nicht in Berührung kommen und man ſich alſo nicht zu ſcheuen braucht, mit Jedermann aus demſelben Gefäß zu trinken. Um während der Nacht nicht von dem vorhin erwähnten hungrigen Eſel beläſtigt zu werden, zog ich den Schragen, auf dem ſich mein Lager befand, von der Fenſteröffnung zurück, und nachdem ich noch am Herdfeuer mit dem Alcalden, ſowie unſern Freunden, den Eſeltreibern, einige Papiercigarren ausgetauſcht Sechszehntes Kapitel. und geraucht, gingen wir zu Bette, eigentlich zu Strohſack. Daß von Verſchließen einer ſpaniſchen Wirthshausthüre keine Rede iſt, brauche ich wohl nicht zu ſagen; obendrein aber haben dieſe noch ſo viel Spalten und Löcher, daß man durch dieſelben bequem hin⸗ durch ſchauen kann, was auch häufig genug von neugierigen Haus⸗ bewohnern geſchah, die vielleicht gern ſehen mochten, was die „Extranos“ in ihren Zimmern trieben. Am heutigen Abend aber waren dieſe Extraños ſehr ermüdet, legten ſich alsbald nieder und ſchliefen den Schlaf der Gerechten bis zur Morgendämmerung. Nachdem wir am andern Tage die Chokolade gefrühſtückt und bereits zu Pferde ſaßen, erſchien unſer würdiger Wirth und Alcalde, um uns einen tüchtigen Schnaps aufzunöthigen, der, wie er ſagte, gegen die Morgennebel vortrefflich ſei. Und er hatte recht, uns auf dieſe Art innerlich zu durchwärmen, denn über die weite Ebene vor uns ſtrich eine ſo kalte Morgenluft, daß wir uns feſt in unſere Mantas wickeln mußten. Anfänglich wird es dem Fremden ſchwer, dieſe Manta, ein einfaches längliches Stück Zeug, ohne Aermel und Knopf, beim Tragen feſt um ſich zu behalten, hat man ſich aber einmal einige kleine Kunſtgriffe zu eigen ge⸗ macht, ſo bleibt man warm und behaglich darin, wie das Kind in ſeinen Wickeln. Man nimmt die Manta um die Schulter, wie eine Dame ihren Shawl, doch ſo, daß die rechte Seite länger herabhängt, welche man, wie das Ende eines Radmantels, feſt über die linke Schulter wirft, ſo Hals und Bruſt gleichzeitig bedeckend. In kurzer Zeit waren wir vollends zur Ebene niedergeſtie⸗ gen, und wenn auch der Weg hier recht flach und weich war,— wir ritten meiſtens durch ſchwarzen Moorboden,— ſo hatte er dagegen die große Unbequemlichkeit, daß ihn ein Bach zu ſeinem Bette auserkoren hatte, in deſſen Waſſer unſere Pferde oftmals lange Strecken bis an die Knie wateten; und wenn wir dem ent⸗ gehen wollten und rechts oder links auf die Felder ritten, ſo waren dieſe ſo feucht und ſchlammig, daß die Thiere hier nur mit großer Mühe fortkommen konnten. Angenehm war es, daß die Sonne ———,',—-„—-„ ₰ Ein Ritt nach Andaluſten. 185 heute ebenſo prächtig aufging, wie ſie geſtern Abend niedergeſunken war, und ein Meer von lichtem Glanz, welches ſte rings umher aus⸗ goß, ließ uns den fatalen Weg vergeſſen. Auch der heutige Mor⸗ gen erinnerte uns wieder recht lebhaft an das heimathliche Früh⸗ jahr; die Wieſen waren mit Thau bedeckt und mit jenen weißen Fäden, die aus der Entfernung wie ſilberne Schleier glänzen; Alles glühte und ſtrahlte im friſchen Licht der Morgenſonne, ſo die feuchten Gräſer, das Waſſer zu unſeren Füßen und die farbi⸗ gen Streifen des Sandbodens, der bald hier, bald da, rechts und links in der Ferne, ſichtbar wurde. Neben uns weideten zahlreiche Heerden, und wo wir dicht an ihnen hinritten, hoben ſie die naſſen Mäuler hoch empor, blickten uns mit ihren treuherzigen Augen an und brummten leiſe, vielleicht zum Willkomm und Abſchied. Rückwärts blickend ſahen wir unſer Nachtquartier Fuente el Fresno am Fuß des Berges geſchmiegt. Seit vorgeſtern hatte ſich nun das Terrain, durch welches unſer Weg lief, zum dritten⸗ mal verändert; bei Toledo eine ſteinige Hochebene, hinter Yevenes, eine Terraſſe tiefer, Waldboden, Wieſe, und hier bei Fuente el Fresno, abermals ein paar hundert Schuh tiefer, eine fruchtbare Ebene, ſtreckenweiſe ſogar wohl angebaut, gut bewäſſert, mit zahl⸗ reichen Viehherden. Es iſt eigenthümlich, wie von Madrid aus oder von Toledo das Land gegen Oſten und Süden beſtändig ſtaffelförmig abfällt. So befanden wir uns hier auf dem Pla⸗ teau, welches vom Fuß der Montes de Toledo bis nach der Sierra Morena reicht, welche auf dieſer Seite nur einige hundert Fuß hoch emporſteigt, um nach Andaluſien hin als eine neue Terraſſe von eben ſo viel tauſend Fuß bis in die Ebene von Baylen und Jaen niederzureichen. Durch die geringe Höhe der Sierra Morena gegen Norden kommt es denn auch, daß ſie von niederen, unbe⸗ deutenderen Bergketten ſo lange verdeckt wird. So ſahen wir dieſes Gebirge heute Morgen, in der Ebene reitend, wieder nicht mehr, dagegen war ein anderer Gebirgszug am Hortzonte aufgetaucht, ein Seitenläufer der Sierra de Alcaras, welcher öſtlich allerdings mit der Sierra Morena zuſammenzuhängen ſcheint. Auch die 186 Sechszehntes Kapitel. bläuliche Wand dieſer Bergkette hatte ſo die eigenthümlichen und maleriſchen Zackenformen, welche man ſo häufig bei den ſpaniſchen Bergen antrifft, und woher auch wohl der Name Sierra= Säge für Gebirge im Allgemeinen kommen mag, ſowie auch der öfters wiederkehrende Ausdruck für Päſſe und Schluchten dientes, Zähne, wie die dientes de la vieja zwiſchen Sevilla und Antequera und Granada und Guadiz. Wenn man hier in Spanien von einer Ebene ſpricht, ſo muß man ſich keine Flächen darunter vorſtellen, ſondern das Terrain iſt wellenförmig, indem ſich ein kleiner Hügel an den andern reiht, woher es denn auch kommt, daß der Weg jetzt auf⸗ und abwärts, jetzt rechts und links läuft. Die Vegetation hatte ſich ſchon bedeutend verändert, Haide, Ginſter und niedere Burbaumſträucher waren gärzlich ver⸗ ſchwunden, und dafür ſahen wir häufig Gruppen von ziemlich großen Steineichen und in der Nähe der Flußbette Eſchen, Erlen und Pappeln, auch bemerkten wir in geſchützten Lagen wieder beſſere Olivenbäume; überhaupt ſchien die Gegend hier ſorgfältig angebaut zu ſein. Ein paar Stunden nach unſerem Austritt erreichten wir die weitläufigen Gebäude eines ehemaligen Kloſters, welche jetzt zu landwirthſchaftlichen Zwecken benützt wurden und auch eine Poſada enthielten. Wie die Lage der meiſten Klöſter, die ich noch geſehen, war auch dieſe ſorgfältig gewählt und hatte man dazu einen höheren Hügel ausgeſucht, der die Umgegend beherrſchte und deſſen Fuß von einem ziemlich ausgedehnten Teiche beſpült wurde; rings umher lagen Fruchtfelder und ſchöne grüne Wieſen. Felipe ſchien nicht Luſt zu haben, ſich bei der Poſada auf⸗ zuhalten,„denn,“ ſagte er,„heute hätten wir an guten Wirths⸗ häuſern und Dörfern die Auswahl.“ Doch betrog ihn auch heute wieder ein tückiſcher Zufall; wohl paſſirten wir ein paar hübſche, reinliche Dörfer, wo Felipe nicht anhalten wollte, weil ſein Sinn auf ein zweites Kloſter gerichtet war, das wir um Mittag erreichen ſollten. Endlich ſahen wir auch die Kirche deſſelben und daneben ſtattliche Gebäude, die etwas verſprachen; als wir aber an das Ein Ritt nach Andaluſten. große Thor kamen, öffnete ſich erſt nach langem Pochen ein kleines Thürchen in demſelben, und eine alte Frau, die an der Spalte erſchien, gab uns den untröſtlichen Beſcheid, die Venta ſei vor einiger Zeit geſchloſſen worden und ſie dürfe niemand in die Ge⸗ bäude laſſen. Glücklicherweiſe hatten wir, wie auch geſtern, einigen Mundvorrath mitgenommen, weßhalb es uns auch gar nicht ein⸗ gefallen wäre, ein Obdach aufzuſuchen, wenn ſich nicht gegen zehn Uhr ein ſo ſcharfer und kalter Wind erhoben hätte, daß wir uns trotz Spanien und allen Frühlingsbotſchaften, nach einem flackernden Feuer ſehnten. Felipe ließ übrigens kein Wort der Klage hören, er zuckte leicht mit den Achſeln, und wir hatten bald in einem Winkel der hohen Mauer, welche den Kloſtergarten umgab, ein windſtilles Plätzchen gefunden. Nach glücklich beendetem Frühſtück, an welchem auch unſere Thiere theilgenommen, zäumten wir dieſe wieder auf, zogen die Sattelgurte feſter und ritten von dannen. Bald nachher kamen wir durch das ſeichte Flußbett des Guadiana, der, wie die meiſten kleineren Flüſſe Spaniens, um dieſe Zeit ſehr wenig Waſſer enthielt, doch ſahen wir an breiten Sandſtreifen auf ſeinen beiden Ufern, die mit Steingeröll bedeckt waren, daß der Fluß auch zeitweiſe anders ausſehen müſſe. Und dieß iſt auch der Fall, namentlich im Frühjahr nach heftigen Regengüſſen, wo er oft in vierundzwanzig Stunden anſchwillt und reißend durch die Ebene ſchäumt. Für ſolche Fälle findet man denn wohl an den Hauptſtraßen lange ſteinerne Brücken aus alter Zeit, von denen aber die meiſten un⸗ tauglich ſind, da die wilden Waſſer einſtens Pfeiler und Bogen weggeriſſen, an deren Wiederherſtellung hier natürlich kein Menſch denkt. Dieſe Nachläſſigkeit iſt unbegreiflich, namentlich da es an dem herrlichſten Baumaterial nicht fehlt. Die gleiche Sorgloſtigkeit herrſcht ja aber auch bei den Straßen ſelbſt. Wie oft ritten wir ſtundenlang durch tiefe Kothpfützen, ſelbſt auf Hauptſtraßen, an Stellen, wo ſich ſogar an einer Seite eine felſige Wand hinzog, von der man nur Steine abzuſtoßen brauchte, die dann ohne 188 Sechszehntes Kapitel. weitere Mühe hinabgerollt wären und ſo die Straße verbeſſert hätten. Was den Weg anbelangt, auf dem wir nun ſchon ſeit drei Tagen ritten, und der doch von einer wichtigen Stadt, wie Toledo, ausging, ſo befand er ſich in einem Naturzuſtande, und die Inge⸗ nieure, welche ihn angelegt, waren im wahren Sinne des Wortes Eſel geweſen. Wo der erſte Trupp dieſer nützlichen Thiere hinzog, da folgten die anderen ſo lange, bis vielleicht ſpäter ein feiner Kopf unter ihnen einen beſſeren Pfad über die benachbarten Aecker auffand, worauf denn die alte Straße für fernere Zeiten verlaſſen blieb. Als wir uns zum Ritt von Toledo anſchickten, hatte man uns auch wohl ſchüchtern von Ladrones geſprochen, uns aber mit noch größerer Beſorgniß die Frage geſtellt: was wollen Sie anfan⸗ gen, wenn unterwegs ein tüchtiges Regenwetter eintritt? Und unſer Gaſtwirth hatte gemeint, im Sommer ſei er auch ſchon einmal nach Fuente el Fresno geritten, aber im Winter— davor wolle ihn Gott bewahren. Und der Mann hatte recht. Was bei anhal⸗ tend ſchlechtem Wetter in dieſen Gegenden und auf dieſen Wegen mit uns geworden wäre, weiß ich ſelbſt nicht. Doch hatten wir ja mit vielem Glück ſchon drei Viertel des Weges hinter uns, auch war der Himmel klar und blau, der allerdings heftige Wind trocknete Felder und Straßen augenſcheinlich ab, und wenn ich meinem Reiſegefährten ſcherzweiſe die Frage ſtellte:„würdeſt du ſelbſt bei Regenwetter Toledo zu Pferd verlaſſen haben, oder in den Eilwagen geſtiegen ſein?“ ſo antwortete er mir lachend: „Nein, das Letztere gewiß nicht, es iſt doch ein ganz anderes Leben, ſo ſein eigener Herr zu ſein und hoch vom Sattel herab in die Welt ſchauen zu können.“— Und ſo war es auch. Ich haſſe nichts ſo ſehr, als das dumpfe Hinbrüten, in welches wir bei einer längeren Fahrt, ſelbſt in beſter Geſellſchaft, am Ende verfallen. Und ſo tauſenderlei Schönes geht dabei für uns verloren, wird uns von dem engen Rahmen des Wagenfenſters neidiſch abge⸗ ſperrt, ſo viele Bilder und Eindrücke aller Art, die wir, frei um —„„»„ Ein Ritt nach Andaluſten. 189 uns ſchauend, ſo gerne in die Seele ſtrömen laſſen,— ſchöne Bilder, prächtige Gedanken, die uns erfreuen, wenn wir auch nicht im Stande ſind, den hundertſten Theil davon wieder zu geben. Wie angenehm iſt es auch, um leiblicher Genüſſe zu gedenken, mit der Befriedigung eines ſchönen Durſtes nicht von der Stunde des Mayorals abhängig zu ſein, der wieder auf den ſchlechten Weg und elende Maulthiere angewieſen iſt. So kommen wir jetzt an ein freundliches Dorf mit breiten und zugleich gepflaſterten Straßen, an deſſen Eingang ſich Felipe lächelnd umſchaut und, indem er die ausgeſpreizten Finger der rechten Hand an den aufwärts gekehrten Mund hält, pantomimiſch die gläſerne Gießkanne bezeichnet, von der ich früher ſprach. Der vor⸗ treffliche Führer weiß eine noch vortrefflichere kleine Kneipe mit dem allervortrefflichſten Landwein, der ſehr gut ſchmeckt und nur wenige Kupfermünzen koſtet. Wir reſtauriren uns, und dann geht es wieder luſtig vorwärts, bei Wieſen und Feldern vorbei, durch die Furth eines Baches, aufwärts über eine Haide, die ſchon dichter mit ſtarken Olivenbäumen beſetzt iſt. Wir kommen bereits dem Süden näher, ſind wieder in der Mancha nnd haben links die Stadt Ciudad real, die wir aber nicht ſehen. Für mich war es höchſt intereſſant, als wir nun an großen Olivenpflanzungen vorbeikamen, wo gerade die Ernte gehalten wurde. Ich bemerkte, daß dieß hier auf die gleiche Weiſe vor ſich ging, wie ich es häufig in Italien geſehen. Auch hier lagen um den Stamm herum große Tücher von grauer Leinwand, und Männer waren beſchäftigt, mit langen Stangen die Früchte abzu⸗ ſchlagen, während kleine Burſche und Mädchen überall an den Zweigen hingen und die ſchönſten Oliven in Körbchen pflückten. Als es ſpäter wurde und wir in die Nähe des Städtchens Alma⸗ gro, des Zieles unſeres heutigen Marſches, kamen, geriethen wir in zahlreiche Haufen dieſer nun nach Hauſe zurückkehrenden Arbeiter. Viele ſaßen auf Pferden und Eſeln und erinnerten mich in ihrem Coſtüm an die Bauern und Beduinen bei Beirut und Jaffa. An den nackten Füßen hatten ſie Sandalen, darüber —— Sechszehntes Kapitel. 190 eine kurze Hoſe von Leinwand, eine Blouſe von gleichem Stoff, und über Alles das fiel ein breiter, langer Mantel herab, oft⸗ mals weiß und braun geſtreift und von gleichem Schnitt, wie ihn die Söhne der Wüſte tragen. Auch das flatternde Kopftuch fehlte nicht, hier ein loſe umgewundenes Taſchentuch, gelb und roth, und um die Täuſchung vollſtändig zu machen, trugen die meiſten Männer auf der Schulter die langen Stangen, welche ſie zum Olivenabſchlagen benutzt, in derſelben Haltung, wie der Beduine die Lanze. Weiber und Kinder waren nicht weniger maleriſch bekleidet, und die erſteren trugen häufig einen Anzug, der in der That unbeſchreiblich iſt; über ein kurzes Röckchen hing die lange, farbige Manta herab, deren Ende über den Kopf geſchlungen war, was den Figuren etwas Unbeſtimmtes, aber höchſt Male⸗ ¹ riſches gab. Die meiſten der Weiber und Mädchen trugen Krüge b auf den Schultern, ähnlich den alten Amphoren. Obgleich ſie wahrſcheinlich den ganzen Tag nach ſpaniſchen Begriffen ſtark gearbeitet hatten, waren doch Alle luſtig und guter Dinge, ein alter Mann auf einem grauen Eſel riß unbarmherzig in die Saiten ſeiner Guitarre, dazu knackten ein paar junge Burſche mit den Caſtagnetten und ſangen eins der andaluſiſchen Lieder, ſo ſeltſam klingend für ein fremdes Ohr, von denen man anfäng⸗ lich glaubt, ſte haben alle die nämliche Melodie, was wohl daher kommt, daß die Wendungen am Schluſſe in der That faſt immer die gleichen ſind, und welche Vaterland und Abſtammung eben⸗ ſowenig zu verläugnen vermögen, als ein großer Theil des ſüd⸗ ſpaniſchen Volks ſelbſt. Wie oft glaubte ich zu träumen, ſowie ich die Klänge jener Lieder, namentlich aus weiblichem Munde, vernahm, und wenn ich die Augen ſchloß, fühlte ich mich lebhaft zurückverſetzt nach Damaskus, wo an ſchönen Abenden, wenn wir auf der Terraſſe unſeres Hauſes wandelten, die Stimmen unſichtbarer Sänger ſich in gleichen melancholiſchen Tönen ebenſo tremulirend wie hier vernehmen ließen. Aber wir ſind ja in Spanien, wo der Ernſt eines ſolchen Liedes gleich wieder gemildert wird durch die neckiſchen Seguidillas, Ein Ritt nach Andaluſten. 191 Zigeunerliedchen, die nur dem Volke hier eigen ſind und allen⸗ falls mit den öſterreichiſchen Schnaderhüpferln in Rythmus und Melodie verglichen werden können. An Beweglichkeit und Scherz übertreffen die Nachkömmlinge ihre Vorfahren in vieler Hinſicht, und wenn der Orientale ſelten aus ſeinem Gleichmuthe heraus⸗ kommt, ſo iſt die geringſte Kleinigkeit im Stande, den ſüdlichen Spanier zu erfreuen. So trieben ſich heute Abend bei unſerer Begegnung an der Spitze des Zuges der Landleute ein Eſelfohlen und ein kleiner ſchwarzer Bock mit einander herum, welche bald das Ziel der allgemeinen Aufmerkſamkeit wurden und Guitarre, Caſtagnetten und Geſang verſtummen ließen. Es gab aber auch nicht leicht etwas Poſſierlicheres, als wenn der kleine Eſel mit ſeinem gravitätiſchen Weſen, den ſchweren Kopf bedächtig auf⸗ und abnickend, dahinſchritt und ihn nun der Bock in den ausge⸗ laſſenſten Sprüngen ſo lange angriff, bis ſein geduldiger Gegner begann, den Kopf zwiſchen die Vorderfüße zu ſtecken, hinten aus⸗ zuſchlagen und endlich in den unbehülflichſten Courbetten davon⸗ ſprang. Ja, wenn er auf dieſe Art in Bewegung geſetzt war, ſo konnte er gar nicht mehr zur Ruhe kommen und tanzte unter dem ſchallenden Gelächter aller Zuſchauer auf dem benachbarten Acker ganz allein umher, wobei er aber beſtändig ausſchlug und von ſich ſtieß, als müſſe er ſich eine ganze Menge unſichtbarer Gegner vom Leibe halten; hierauf verfiel er dann wieder in ſeinen kleinen Hundetrab, und das wartete der boshafte Bock ruhig ab, um dann ſeine Beleidigungen ſogleich wieder aufs neue zu beginnen. Die ganze Schaar, Alt und Jung, intereſſirte ſich für dieſes Kampfſpiel und feuerte unter immerwährendem Lachen bald den Eſel, bald den Bock an; dieß trieben ſte ſo fort, bis wir nach einer kleinen halben Stunde Almagro dicht vor uns liegen ſahen. Von außen gewährte dieſer Ort ein ungleich ſtattlicheres Ausſehen als unſer früheres Nachtquartier und präſentirte ſich als eine hübſche Stadt mit einer bedeutenden Kirche und emporragenden Gebäuden verſchiedener Art. Wir wünſchten unſern Begleitern einen guten Abend, der freundlich erwidert wurde, und trabten 192 Sechszehntes Kapitel. ſchneller vorwärts, um unſer heutiges Reiſeziel zu erreichen, wurden aber dicht vor dem Eingang in die Straße noch einige Augenblicke durch einen Leichenzug aufgehalten, der uns entgegen kam und von einer Muſtik begleitet war, wie ich nie etwas Aehn⸗ liches gehört. Dem Zuge voraus ſchritt nämlich ein Mann mit einem Bombardon, dem ſechs Sänger folgten, welche in ziemlich kunſtloſer Weiſe einen Pſalm vortrugen, zu welchem beſagtes Bombardon in den tiefſten und rauheſten Tönen den Grundton angab. Etwas Roheres und Ohrenzerreißenderes erinnere ich mich nicht gehört zu haben; ja es machte trotz der ernſten Hand⸗ lung einen wahrhaft komiſchen Eindruck, auch konnte man in Verſuchung kommen, ſich ein paar Jahrtauſende zurückverſetzt zu glauben, wo allenfalls die Druiden einen ihrer Mitbürger auf ähnliche Art zur letzten Ruheſtätte geleitet haben würden. Dabei blies der Muſikant mit aller Kraft ſeiner Lunge, und als wir ſchon zwiſchen den Häuſern von Almagro ritten, hörten wir noch einzelne der tiefen und brummenden Töne des Bombardons. Almagro iſt ziemlich bedeutend, hat 8000 Einwohner, zwei Pfarrkirchen, einige Klöſter, und hier war früher die Reſidenz der Großmeiſterin der Damen des Ritterordens von Calaträva; die Straßen des Städtchens ſind breit, gepflaſtert, aber ſte lagen einſam, ohne alles Leben; mitunter ſahen wir große ſtattliche Häuſer von zwei bis drei Stockwerken, ganz von Stein, die Fenſter mit kleinen eiſernen Balkons verſehen, mit mächtigen Einfahrten, über denen ſich in Stein gehauene Wappen befan⸗ den. Zu den auffallenden Zügen, die dem Reiſenden in Caſtilien entgegentreten, gehört das häufige Vorkommen ſolch großer, durch ihre Bauart nicht ſelten den beſten Zeiten der ſpaniſchen Archi⸗ tektur angehörender, aber unbewohnter, verödeter und unheim⸗ licher Gebäude, welche beſonders dazu beitragen, vielen jener Städte ihren ernſten, düſtern, aber eben deßhalb impoſanten, geheimnißvollen, die Phantaſie vielfach beſchäftigenden Charakter zu geben. Es ſind dieß Wohnungen, zum Theil Stammhäuſer und Majoratsſitze adeliger Geſchlechter, deren Beſitzer aber ſchon Ein Nitt nach Andaluſten. 193 ſeit Jahrhunderten zum größten Schaden des Landes in den Kreiſen der Hauptſtadt und den Intriguen des Hofes ſogar auch das Andenken an die würdige, wohlthätige Stellung verloren haben, die ſie inmitten ihrer Beſitzungen behaupten könnten; kaum daß der Tod des Vaters den Sohn auf wenige Tage und vielleicht zum erſten⸗ und letztenmal in die Wohnung ſeiner Vor⸗ fahren führt, um die Huldigungen ſeiner Vaſallen, die Ehrfurchts⸗ bezeugungen der großen Anzahl auf mancherlei Weiſe von einem alten, reichen Geſchlechte abhängiger Menſchen anzunehmen, deren Wohl und Weh nachher gewiſſenloſen Geſchäftsführern und Advo⸗ katen überlaſſen bleibt.— Auch an freundlichen Häuſern und zierlichen Gärtchen ritten wir vorbei, die wohlgepflegt erſchienen und mit eiſernen Gittern abgeſperrt waren. Endlich kamen wir auf den Hauptmarkt der Stadt, einen großen viereckigen Platz, rings mit Häuſern umgeben, deren unterer Stock aus Arkaden beſtand, in welchen ſich kleine Läden und Boutiken befanden. Daß wir uns dem Süden wieder näherten, ſahen wir an großen Haufen Orangen und Granatäpfeln, die hier aufgeſchichtet waren. Statt der geſtrigen und vorgeſtrigen Poſada führte unſer heutiger Gaſthof den Namen Fonda und beſtand aus ein paar großen, um einen Hof gelegenen Gebäuden, welche oben eine offene Gallerie hatten, von welcher aus man in die verſchiedenen Zimmer gelangte. Anfänglich glaubten wir, hier endlich einmal ein behagliches Unterkommen zu finden; als uns aber ein zer⸗ lumpter Kerl, halb Hausknecht, halb Mozo, die beſten Ge⸗ mächer des Hauſes zeigte und ſich ſonſt keine Seele in dieſem „Hötel“ um uns bekümmerte, vermißten wir ſchmerzlich unſere Poſaden der vorigen Tage mit ihrer gemeinſchaftlichen Küche und ihrem ganzen patriarchaliſchen Weſen, beſonders den herzlichen Empfang ſämmtlicher Hausbewohner bis zu den Hunden hinab, die uns ebenfalls mit freundlichem Schweifwedeln bewillkommt hatten, während hier vor der Thüre eine knurrende Beſtie lag, die der Mozo erſt mit einem Fußtritt entfernen mußte. Man wies uns zwei Gemächer an, eine Art Vorzimmer mit Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 13 —— —— 194 Sechszehntes Kapitel. einem Fenſter nach dem Hofe und ein Schlafzimmer ohne weitere Oeffnung als die Thüre, zu welcher wir hereintraten. Hier be⸗ fanden ſich zwei große hölzerne Schragen mit einigem Bettwerk, im Vorzimmer aber ein wackeliger Tiſch und zwei defekte Stühle. Der Kellner ließ uns allein, und gleich darauf erſchien eine Magd, welche uns einen Braſero mit faſt ausgebrannten Kohlen brachte, und ſich zu gleicher Zeit erkundigte, wann wir zu Nacht zu ſpeiſen wünſchten. In ganz Spanien hatten wir unter dem jüngeren weiblichen Geſchlecht keine ſchmutzigere Erſcheinung geſehen, als dieſe Donna; ihr einſtens bunter Anzug hatte eine graue Aſchfarbe angenommen, die ſich auch ihrem vollen Geſichte mitgetheilt hatte, aus welchem übrigens friſche Lippen, weiße Zähne und ein paar ſchöne, große Augen hervorglänzten. Es war uns nicht ſehr an⸗ genehm, die Zubereitung unſeres Nachteſſens in den Händen dieſes Miſtkäfers zu wiſſen, und um dieſelbe ſo weit als möglich zu über⸗ wachen, beſchloſſen wir, ſpäter in die Küche zu gehen; vorher aber machten wir einen Spaziergang auf den Markt, wo wir für geringes Geld eine Anzahl der ſchönſten Orangen einkauften. Was wir ſpäter in der Küche von der Anfertigung unſeres Eſſens ſahen, trug nicht gerade dazu bei, unſern Appetit zu ver⸗ mehren. Man bereitete für uns Hammelfleiſch mit Reis, und obgleich die Padrona des Hauſes, welche in der Ecke ſaß, die Kocherei höchſtſelbſt zu überwachen ſchien und zuweilen mit dem Löffel in der Brühe herumfuhr, auch dieſelbe koſtete, ſo war es doch der Miſtkäfer, der mit eigenen ſchmutzigen Händen die In⸗ gredienzien hinzuthat, als: Zwiebel, Salz oder Pfeffer. Daß ſie dabei mit eben dieſen Händen abwechſelnd in ihr ſchwarzes, ſtrup⸗ piges Haar fuhr, war noch nicht das Schlimmſte, und nach ſpäter glücklich vollbrachtem Nachteſſen verſicherte mich Horſchelt, er habe geſehen, wie der Miſtkäfer vor der Thüre einiges Holz klein ge⸗ macht und ſich dabei eines Vortheils bedient habe, den man auch bei unſern Holzſpältern ſieht, um den glatten Stiel des Beils feſter halten zu können. Doch in ähnlichen Fällen„ſchließt man die Augen zu und greift es herzhaft an.“ Daß wir es mit unſerem Ein Ritt nach Andaluſten. 195 Kachteſſen nach zwölfſtündigem Ritte ebenſo machten, wird uns keine hungrige Seele verübeln; dabei war aber Hammelfleiſch und Reis ziemlich ſchlecht, der Wein mittelmäßig, und ſogar unſer letzter Troſt, die Chokolade, eine Brühe faſt ſo dünn, wie man ſie im lieben Deutſchland zu trinken pflegt. Ueberhaupt hatten wir mit Schrecken bemerkt, daß je mehr wir uns dem Süden Spa⸗ niens näherten, die Chokolade an Güte abnahm; es war nicht mehr die prächtige dicke Maſſe von Valencia und den Poſaden aus der Mancha, deren fingerdicken Rahm man mit dem Löffel ab⸗ ſchöpfte und dieſer dann doch noch in dem übrigen faſt aufrecht ſtehen blieb. So ändert ſich alles in dieſer Welt, aber was half unſer Klagen? wir machten dadurch die Köchin nicht reinlicher und die Chokolade nicht dicker. Intereſſant war uns ein großer, ſehr alter, meſſingner, dreiarmiger Leuchter, welcher unſerem Souper leuchtete; dieſer hatte nämlich oben auf der Spitze den kaiſerlich öſterreichiſchen Doppeladler, wohl kunſtlos gearbeitet, aber nicht zu verkennen. Obgleich man denſelben in Spanien an faſt allen Gebäuden aus der Regierungszeit Karl's v. häufig findet, ſo überraſchte es uns doch eigenthümlich, ihn an einem Hausge⸗ with zu finden, doch fanden wir es angenehm, das bekannte, liebe Wappenzeichen hier vor uns zu ſehen. Die ganze Fonda mit ihren ziemlich großen Gebäuden hatte dabei etwas ſo Oedes und Unheimliches, daß wir zum erſtenmal unſere Thüre zu verriegeln ſuchten und vor Schlafengehen die Ge⸗ wehre neben uns lehnten und die Meſſer unter dem Kopfkiſſen verbargen. Morgen alſo ſollten wir Val de Penas erreichen und dort unſere Freunde wiederfinden; ich ſage Freunde, denn neben unſerem Reiſegefährten, Baumeiſter Leins, hatten uns bekanntlich noch ein paar liebe deutſche Bekannte aus Madrid, Herr Stein⸗ feld und Herr Weiß, am Fuß der Sierra Morena Rendezvous gegeben, um mit uns durch den herrlichen Gebirgspaß zu ziehen. Schon öfters während der langen Ritte der letzten Tage hatten wir uns dieſes Zuſammentreffen aufs Lebhafteſte und Freundlichſte ausgemalt, und beſchloſſen, wo möglich den Freun⸗ 13* 196 Fechszehntes Kapitel. den zuvorzukommen und ſie mit einem Glaſe des vortrefflichen Weines, der dort wächst, des beſten ſpaniſchen Landweines— in der ſchönſten Val de Penas⸗Laune zu empfangen. Da wir aber von Almagro dorthin noch eine Strecke von circa acht Leguas hatten, beſchloſſen wir, noch vor der Morgendämmerung aufzubrechen, was auch dem edlen Felipe recht angenehm zu ſein ſchien, denn da er uns in Val de Penas verlaſſen ſollte, ſo hoffte er, an dem⸗ ſelben Tage mit ſeinen Thieren noch eine gute Strecke des Heim⸗ wegs zurücklegen zu können. Es war noch finſtere Nacht, als er uns weckte, kaum drei Uhr, und ſogar in unſerem Schlafzimmer recht empfindlich kalt. Wir kleideten uns haſtig an, und erhielten unſere Chokolade durch den Miſtkäfer, den Felipe ebenfalls zu ſo guter Stunde von ſeinem Strohſacke aufgejagt. Daß dieſe edle Spanierin in ihrem vollſtändigen Anzug zu Bett gegangen ſein mußte, ſahen wir deutlich an ihren Kleidern, welche ſich genau in demſelben Zuſtande befanden, wie Abends vorher. Unſere Rechnung war größer als an den vorhergehenden Tagen, und ſo verließen wir denn noch ziemlich ſchlaftrunken und mißmuthig die Fonda und klepperten durch die öden Gaſſen Almagro's. 6 Der Himmel war klar und ſternenhell und die Kälte ſo groß, daß der Boden hart gefroren war. Wenn ich bei dieſen unſeren Touren zu Pferde ſaß, ſo war es mein erſtes Geſchäft, ſämmt⸗ liches Gepäck, Waffen und alle Gegenſtände zu unterſuchen, die ich bei mir trug, ob ich nichts zurückgelaſſen. Dieß hatte ich heute Morgen vergeſſen, mich feſt in meine Manta gewickelt, und trabte, die brennende Cigarre im Munde, verdroſſen und ſchweigend über das dämmerige Feld dahin; Horſchelt machte es ebenſo, und Felipe, den die Bepackung ſeines Maulthiers aufgehalten hatte, kam hinter uns drein. Auf einmal rief er uns zu, wir möchten einen Augen⸗ blick halten. Ich wandte mein Pferd um und ſah ſogleich, daß uns vom Stadtthore her Jemand eiligſt nachlief und zuweilen rief. Wir ritten zurück, der ankommenden Perſon entgegen, und ſahen, daß es der arme Miſtkäfer war, der mir meine Geldtaſche Ein Ritt nach Andaluſten. 197 brachte, die ich im Zimmer liegen gelaſſen hatte. Ich habe dieſe Thatſache als einen Beweis der großen Ehrlichkeit, die überhaupt unter dem ſpaniſchen Volke zu finden iſt, unmöglich verſchweigen können. Die Verſuchung war gewiß groß für das arme Mädchen, denn wenn ich auch keine Reichthümer bei mir trug, ſo führte ich doch in unſerer gemeinſchaftlichen Reiſekaſſe mehr Gold, als die ehrliche Finderin in ihrem ganzen Leben zu verdienen hoffen durfte. Daß wir ſie großmüthig belohnten, verſtand ſich von ſelbſt; erhielt ich doch meine Geldtaſche wieder und zu gleicher Zeit eine ziemliche Strafpredigt meines langen Malers, der ſich recht lebhaft die Folgen eines ſolchen Verluſtes ausmalte. Dieſer Vorfall hatte übrigens das Gute, daß er unſere üble Laune brach und wir von da angenehm plaudernd vorwärts gingen,— gingen im wahren Sinne des Wortes, denn die Kälte des Morgens war ſo empfindlich, daß wir nur gehend im Stande waren, unſere erſtarrten Füße etwas zu erwärmen. Almagro liegt in der früher erwähnten Ebene, doch eine halbe Stunde von dem Orte entfernt fängt das Terrain ſchon an zu jener Bergkette aufzuſteigen, die mit der Sierra de Alcaraz zuſammen hängt, und die wir während des geſtrigen Rittes in ihren eigenthümlich gezackten Formen beſtändig vor Augen hatten. Bei unſerem Ausritte konnten wir der tiefen Finſterniß wegen von dem vor uns liegenden Terrain nicht viel erkennen und mußten nur froh ſein, ohne zu ſtürzen, wenn auch beſtändig ſtolpernd, das vor uns liegende Ackerfeld zu paſſiren, welches von den tiefen Geleiſen der Straße durchſchnitten wurde, ent⸗ gegengeſetzt aber von der Pflugſchar aufgeriſſen war. Bald übrigens graute der Tag im Oſten und der klare ſternfunkelnde Himmel über uns verſprach einen guten Tag. Wir zogen empor⸗ ſteigend dem Sonnenaufgange entgegen und erfreuten uns an der tiefen glühenden Röthe, welche hier dem ſtrahlenden Geſtirn voran⸗ flog und die größere Hälfte des Himmelsgewölbes bedeckte. Vor uns zeichnete ſich die Helle ſcharf ab zwiſchen maleriſch in einander geſchobenen Bergen, deren tiefe Thäler, vorhin noch in wechſelnden 198 Sechszehntes KAnpitel. Schatten vom Schwarz zum Grau, von dieſem zum Violett, ſich nun plötzlich mit rother Gluth ausfüllten. Es ergriff uns eine wahrhaft feierliche Stimmung, als wir zugleich mit der Sonne immer höher und höher ſtiegen, und es war uns, als hätten wir uns mit ihr auf der Bergkette droben ein Rendezvous gegeben, eine Zuſammenkunft, in welcher ſie uns viel Schönes erzählen würde von dem, was ſie geſtern in der Heimat bei unſern Lieben geſehen. Der geſtrige belebte Tag war zu ſolchen Berichten nicht geeignet, aber die einſame Stille des frühen Morgens zu dergleichen freund⸗ ſchaftlichen Mittheilungen beſonders geſchaffen. Jetzt ſchoß der erſte Sonnenſtrahl über die vor uns liegen⸗ den Berge daher, zitternd und flimmernd, einen gewaltigen Regen von Silber und Gold, von Brillanten und farbigen Edelſteinen, die ſich an Aeſten und Gräſern feſthingen, um uns her ausbrei⸗ tend. Der Boden zu unſern Füßen flammte glühend auf und war zu gleicher Zeit wunderbar ſchattirt, denn jede Erhöhung, jedes kleine Steinchen, vorn vom Lichte hell beſtrahlt, warf hinter ſich einen langen, dunklen Schlagſchatten. Faſt unheimlich und geſpenſtig erſchienen unſere Schatten und die unſerer Pferde, die langgeſtreckt hinter uns dreinzogen und uns auf die ſchauerlichſte Art karrikirten. Die erſte Bergkette hatten wir erſtiegen und ſahen parallel mit dieſer eine zweite höhere, durch ein tiefes, aber nicht ſehr brei⸗ tes Thal von uns getrennt. Das Terrain hier oben war rauh und kahl; ſpärlich wuchſen Sträucher und kleine Steineichen zwi⸗ ſchen den ſchieferfarbigen Felſen, von ganz eigenthümlich durchein⸗ ander geworfenen Formen. Man ſagt, in der Nähe des Paſſes, auf dem wir gerade ritten, befinde ſich noch vollkommen er⸗ kennbar ein ausgebrannter Vulkan, eine Angabe, die ganz und gar zu dem Charakter der Gegend paßte. Die Erde rings umher iſt ſchwarz, und wenn man auch die Spuren von bearbeiteten Fel⸗ dern ſieht, ſo ſind dieſe wahrhaft troſtlos mit dichtem Steingeröll überſät. Unſer heutiger Weg ſchien nicht ſo wie der geſtrige durch den Zufall angelegt zu ſein, ſondern man ſah wohl, daß hier Men⸗ ——W- +— α Ein Ritt nach Andaluſten. 199 ſchenhände thätig geweſen waren und ihm ſeinen Lauf vorgezeich⸗ net hatten. Daß er ſehr ſteil abwärts führte, daran waren die ſchroffen Bergwände ſchuld, und da wir in Spanien reisten, wun⸗ derten wir uns weiter nicht über die großen und kleinen Felſen und Steine, die von den Höhen herabgerollt waren und ruhig mitten im Wege lagen. Felipe gönnte uns übrigens keinen langen Spaziergang, denn auf der Höhe angekommen, ermahnte er uns aufzuſteigen und ſchneller zu reiten. Er ſchien große Eile zu haben, nach Val de Penas zu kommen; dabei fing er ſein vorgeſtriges Manöver wieder an und erſuchte uns, die Gewehre in Bereitſchaft zu ſetzen, da dieſer Bergpaß ebenfalls einer der verrufenſten von ganz Spa⸗ nien ſei. Doch hatten wir nicht die mindeſte Luſt, uns mit dem Selbſttragen der Waffen zu beſchäftigen, indem wir auf dem außer⸗ ordentlich holperigen Wege alle unſere Aufmerkſamkeit der Führung der Pferde zuwenden mußten, die jeden Augenblick ſtolperten. Hor⸗ ſchelts Pferd ſtürzte einmal heftig auf die Knie nieder, ſprang aber glücklicherweiſe im nächſten Augenblick wieder auf, ohne ſeinen Reiter abzuwerfen. Jetzt hatten wir das Thal durchritten und ſtiegen an der zweiten Bergkette in die Höhe. Mit jedem Schritte wurde übri⸗ gens die Gegend wilder und großartiger, und als wir auf der Höhe angekommen waren, hielten wir mit einem Ausruf der Verwunderung an. Vor uns hatten wir eine der maleriſchſten Schluchten, die eine kühne Phantaſte nur erfinden kann; wie Couliſſen ſchoben ſich mehrere hundert Fuß hohe Felſen ſenkrecht und ſcharf gezackt ſo in und durch einander, daß man die überaus ſteil abfallende Straße nur wenige Schritte mit den Augen ver⸗ folgen konnte. Zur Linken hatten wir einen den Pfad noch über⸗ ragenden halbrunden Berg, der uns die Ausſicht ſperrte, rechts dagegen lagen die Felszacken terraſſenförmig unter einander und ſchloſſen ſich in weiter Ferne ſcheinbar an ein majeſtätiſches Ge⸗ birge, welches in prächtigen Umriſſen und faſt ſchwarzer Färbung dort lag— die Sierra Morena, die wir jetzt endlich und, wie Sechszehntes Kapitel. 200 wir glaubten, ziemlich nahe vor uns ſahen. Gerade vor uns den Weg und die Schlucht hinab aber war der Anblick entzückend ſchön; tief unten ſahen wir das Ende dieſes Bergpaſſes ſcharf be⸗ gränzt durch zwei rieſenhafte Felswände, zwiſchen denen hindurch wir einen ſchmalen Streifen des grünen Thales erblickten. Von den dunkelgrauen Felſen eingerahmt erſchien dieß im hellſten Sonnenlichte wie ein glänzender Lichtſtreifen, leuchtend und ſtrah⸗ lend, während unten in der Schlucht und hier oben in dem Paſſe ſelbſt die tiefen Schatten wahrhaft maleriſch wechſelten mit dem glühenden Lichte der Morgenſonne, das rings um uns her die höchſten Felsſpitzen vergoldete. Wir hätten hier ſtundenlang verweilen können, namentlich Maler Horſchelt bedauerte es ſehr, daß ihm die Zeit mangelte, eine Farbenſkizze aufzunehmen, doch wollte ſich Felipe auf unſeren Vorſchlag, hier einen Ruhepunkt zu machen, durchaus nicht ein⸗ laſſen, ſondern fuhr bei dieſer Zumuthung höchſt verdrießlich auf ſeinem Maulthiere hin und her und meinte, das ſei ein undank⸗ bares Unternehmen, hier auf dieſem verrufenen Platze anhalten zu wollen; er ſeinestheils habe nicht die geringſte Luſt dazu. So zogen wir denn noch eine kleine Strecke auf ebenem Wege fort, bevor wir an den Bergabhang kamen, und erlebten auf dem„ver⸗ rufenen Platze“ ein ganz eigenthümliches Abenteuer. Wir ritten in einem ſchmalen und tiefen Hohlwege, und als wir an die Schlucht gelangten, ſahen wir mit einemmale, daß uns andere Reiſende entgegenkamen und zwar, was das Auffallendſte war, nicht zu Pferd oder Maulthier, ſondern auf großen zweirädrigen Karren, deren jeder von mehreren Maulthieren gezogen wurde und ſich langſam und mühſam herauf bewegte, ſo daß die hölzernen Fuhrwerke zwiſchen den Steinen bedenklich krachten und Räder und Achſen ächzten. Die Karavane beſtand aus vier Wagen, die hinteren mit Ballen und Kiſten beladen, während auf dem erſten ein wohl⸗ gekleideter Mann ſaß, im langen Ueberrock, den runden Hut auf dem Kopfe, auf dem Schoß eine doppelläufige Flinte; hinter ihm auf einem Strohſacke befanden ſich zwei Frauenzimmer und ein Ein Kitt nach Andaluſten. 201 paar kleine Kinder. Das alles ſtieg ſo plötzlich vor uns aus der Tiefe auf, daß wir im erſten Augenblick überraſcht anhielten, im zweiten aber um uns herſchauten, um in dem engen Hohlwege eine Möglichkeit des Ausweichens zu entdecken. Die war durchaus nicht vorhanden, und ſchon wollte ich mein Pferd herumwerfen, um wieder zurückzureiten, als Felipe mit einem lauten Ausrufe des Aergers ſein Maulthier gegen die ziemlich ſteile Wand des Hohlweges trieb und es zwang, in ein paar tüchtigen Sätzen hin⸗ aufzuſpringen. Horſchelt folgte ihm, indem er ſeinem Pferd einen tüchtigen Hieb mit der Reitpeitſche gab, und ich machte es ebenſo. Doch da ich ſah, daß das Gewehr des Malers bei dem Satze auf⸗ wärts heftig an einen Stein anſchlug, ſo riß ich das meinige vom Sattelhaken in die Höhe und kam ſo mit hochgeſchwungener Waffe droben an, wobei ich durch einen flüchtigen Blick auf den Mann im Wagen wohl bemerkte, daß dieſer ſeine Doppelflinte wie zum Schuß emporhob. Wie groß aber war unſer Erſtaunen, als wir uns, auf dem Feld über dem Hohlwege angekommen, von vier Guardias Civiles, zwei zu Fuß, zwei zu Pferd, umringt ſahen, während ein paar auf der andern Seite der Straße die Gewehre nach uns richteten. Ich hätte laut auflachen können, denn mir ſchien es im erſten Augenblicke klar zu ſein, daß man uns bei un⸗ ſerer eiligen Flucht aus dem Hohlwege für zweideutige Geſellen hielt, die vielleicht von oben herab eine Attaque auf die Reiſenden drunten verſuchen würden. Natürlicherweiſe hielten wir ruhig, und um meine gänzlich friedfertigen Geſtnnungen darzuthun, hing ich mein Gewehr wieder ruhig an den Sattelhaken. Nachdem ſich ſämmtliche Gensdarmerie, auch die von der andern Seite um uns verſammelt, trat ein Unteroffizier derſelben an Felipe heran und begann mit ſehr ernſter Miene ein Eramen, wobei ſich jedoch bald herausſtellte, daß wir harmloſe Reiſende waren. Nur Eines wollte dem Manne der öffentlichen Sicherheit nicht recht einleuch⸗ ten;„warum,“ ſagte er,„wenn eure Papiere anders in Ordnung ſind, zieht ihr hier allein in dieſer verrufenen Gegend herum und habt euch nicht von Almagro ein paar meiner Kameraden mitgeben 202 Sechszehntes Kapitel. laſſen, wie es ſonſt wohl der Brauch iſt?“ Nun wußten wir aber in der That nicht, daß dieſer Paß wirklich unſtcher war, denn wenn wir dem Gerede von Felipe hätten trauen wollen, ſo hätten wir uns von Toledo bis nach Val de Penas müſſen begleiten laſſen. Um aber das Mißtrauen des Gensdarmen in die Vortreffklichkeit unſerer Papiere gänzlich niederzuſchlagen, beeilte ich mich, aus meiner Geldtaſche ein wichtiges Dokument hervorzuholen, welches ich der Freundlichkeit des preußiſchen Geſandten in Madrid, Herrn Grafen von Galen, verdankte. Dieß war nänlich eine offene Ordre des Herzogs von H., General en chef der geſammten ſpa⸗ niſchen Gensdarmerie, welche beſagte, daß uns damit das Recht verliehen ſei, in allen Provinzen des Königreichs Guardias Civiles zu Pferd und zu Fuß ſo viel zu requiriren, als uns zum Geleite nothwendig ſeien. Dabei ſprach der Herzog den Befehl aus, uns auch in jeder andern Weiſe Hülfe angedeihen laſſen zu wollen. Mit welch merkwürdigem Geſichtsausdruck der vor uns hal⸗ tende Gensdarmerie⸗Unteroffizier dieß Papier durchlas, brauche ich nicht zu beſchreiben; er faltete es zuſammen, und als er darauf ehrfurchtsvoll ſeine Hand an den Hut legte, ſchauten ſich ſeine Kameraden ziemlich überraſcht an und wußten nicht, was ſie von der plötzlichen Sinnesänderung ihres Chefs halten ſollten. Ich glaube, ein paar der letzteren wären gar zu gern mit uns nach Val de Penas zurückgekehrt, doch bedankten wir uns auf's Beſte für dieß Anerbieten, welches uns der Unteroffizier machte, wünſch⸗ ten ihm einen guten Tag, ebenſo wie dem Herrn und den Damen im Wagen drunten und ritten ſehr vergnügt die Schlucht hinab. Auf Felipe hatte das Vorzeigen des Papiers mit dem wich⸗ tigen Inhalte einen unverkennbaren Eindruck gemacht; er betrach⸗ tete uns ſcheu von der Seite und mit Zeichen der größten Hoch⸗ achtung. Ob es ihm merkwürdiger erſchien, daß wir uns überhaupt im Beſitz dieſes Papiers befanden, oder daß wir trotz deſſelben kein Geleit requirirten, bin ich wahrhaftig nicht im Stande, anzu⸗ geben. Unſer Führer bedauerte nur, von dem Vorhandenſein deſſelben nicht früher Kenntniß gehabt zu haben; die in Almagro ——— Ein Ritt nach Andaluſten. 203 meinte er, hätten uns anders ſpringen müſſen, und die geſalzene Rechnung hätten wir ihnen zur Hälfte geſtrichen.„So ein Pa⸗ pier,“ ſetzte er hinzu,„könnte mich zum reichen Manne machen.“ Unterdeſſen ritten wir vorſichtig den Felspaß hinab und er⸗ freuten uns an den grandioſen Formen, in denen die Felsmaſſen rechts und links höher und höher emporſtiegen. Der Berg hatte ſehr wenig Abdachung und fiel rechts und links von dem Paſſe ſo ſteil abwärts, daß wir unten wie durch ein koloſſales Felſen⸗ thor ins Freie traten. Der Rückblick von hier war wahrhaft maje⸗ ſtätiſch, und Horſchelt ließ ſich durch keine Einreden Felipe's abhal⸗ ten, die himmelhohen Felſen mit ihren wunderlichen Formen flüchtig zu ſkizziren. Was dieſem Paſſe noch einen eigenthümlichen Reiz ver⸗ lieh, war, daß ſobald er hinter uns lag, wir auf der nun ſanft ab⸗ ſteigenden Straße in weniger als einer Viertelſtunde auf den Grund einer großen Thalebene von ſo freundlichem, lachendem und heiterem Anſehen gelangten, daß der Contraſt der Wildniß hinter uns unmög⸗ lich größer ſein konnte. In den ſanfteſten Wellenlinien breitete ſich die Fläche ſtundenweit vor uns aus, zur Linken mit den Ausläu⸗ fern der Bergkette, von der wir eben herabkamen, eingefaßt, die aber, wie ſie niedriger wurden, einen freundlicheren Charakter annahmen und ſtatt der dunkelgrauen Felſen nur maleriſch zerklüftete Schichten und Streifen in Roth und Gelb zeigten, nebenbei auch eine kräftigere Vegetation. Vor uns und zur Rechten war die Land⸗ ſchaft in einem weiten Bogen durch die Anfänge der Sierra Mo⸗ rena begränzt, die nach einem duftigen Morgen nun vom hellſten Sonnenlichte beſtrahlt, in prächtigen dunklen Farben glänzten. Dabei war die Kälte des frühen Morgens verſchwunden, Früh⸗ lingslüfte umſpielten uns, ſo daß wir bald unſere Manta's ablegten. Am Fuße des Berges, den wir eben paſſirt, lag ein freundliches Dorf, Moral de Calatrava, mit breiten, reinlichen Straßen, hüb⸗ ſchen Häuſern und ſpitzem Kirchthurm mit röthlichem Dache, der allerlei heimathliche Erinnerungen in uns erweckte. Felipe ſchlug vor, ſich nach der harten Tour, die wir ſchon gemacht, hier durch ein kleines Frühſtück zu reſtauriren und führte uns zu die⸗ 204 Sechszehntes Kapitel. ſem Zwecke vor eine kleine Poſada, wo wir einen vortrefflichen Wein, ſehr gutes Brod und eine erträgliche Wurſt fanden. Munter ging es dann weiter in die Ebene hinaus, auf einem breiten, ſandigen Wege, der den Hufen unſerer armen Thiere ſehr wohl zu thun ſchien; wenigſtens trabten ſie luſtig darauf los, hinter dem unermüdlichen Felipe drein, der uns mehr und mehr zur Eile antrieb. Die Straße führte über Wieſen, bei gut an⸗ gebauten Fruchtfeldern vorbei, und hie und da zur Abwechslung am Rande eines Baches, deſſen Ufer mit Erlen und Weiden beſetzt waren, und dabei lief der Weg immer in der ſanfteſten Wellen⸗ linie auf und ab, ein kleiner Hügel befand ſich am andern, was der ganzen Ebene ein eigenthümlich bewegtes, aber auch ziemlich langweiliges Anſehen gab. Uebrigens iſt dieß eine bemerkens⸗ werthe Fläche, reich an gutem Wein und Getreide, namentlich in regneriſchen Jahren und mit den ausgedehnteſten und futter⸗ reichſten Weiden, welche zahlreiche Viehheerden nähren. Unfern von Moral el Calatrava fließt der Javallon der Guadiana ent⸗ gegen, den Plinius ſchon als ein Wunder beſpricht. Zwiſchen Alcaraz und Oſſa de Montiel nämlich hat er ſeinen Urſprung in einer Reihe von Teichen, und iſt dann, der hohen Berge wegen, wodurch er ſich ſein Bett gebrochen, eine Stunde lang nicht mehr ſichtbar, um plötzlich bei San Juan wieder zum Vorſchein zu kommen, weßhalb die Spanier ſagen, er habe eine ſo große Brücke, daß ganze Schafheerden auf derſelben weiden könnten. Durch dieß weite, bald ſandige, bald ſumpfige Thal ritten wir nun fort, Stunde um Stunde, bis um Mittag, wo wir in weiter Ferne die Kirchthurmſpitze von Val de Penas erblickten, nach drei⸗ tägigem, mühevollem Marſche das langerſehnte Ziel unſerer klei⸗ nen Tour, wo uns die Freunde vielleicht ſchon ſeit mehreren Stunden erwarteten. „Hatje, Hatje!“ ſchrie Felipe immerfort und trieb zur Eile. — Noch eine weitere Stunde und die Häuſer von Val de Peñas traten deutlich hervor, ebenſo wie zu unſerer Rechten die ſchönen Formen der Sierra Morena. Bald ſahen wir auch die Land⸗ A Bͤ 8 N — Bo u Ein Ritt nach Andaluſten. 205 ſtraße links auf den Höhen und konnten ihren breiten Streifen verfolgen, bis er in den Gaſſen von Val de Penas verſchwand. Abermals eine Stunde, da hatten wir die erſten Häuſer des Ortes erreicht und unſer edler Felipe, ſtolz auf die glücklich vollbrachte Reiſe, ritt nun im Schritt, den rechten Arm in die Seite geſtemmt, der Hauptſtraße zu, die— es war gerade ein Feſttag— ziemlich belebt war. Val de Penas hat zwei anſtändige Fonda's, in welchen die beiden Linien der von Madrid kommenden Diligencen anhalten, weßhalb wir ungewiß waren, wo wir unſere Freunde finden ſollten. Als wir durch die Straßen ritten, betrachteten wir aufmerkſam die Häuſer und hofften immer, das lachende Geſicht unſeres Bau⸗ meiſter Leins irgendwo zu entdecken, der ja verſprochen hatte, uns als pünktlichſter Reiſemarſchall zu erwarten.— Vergebens. Wir erreichten die erſte Fonda, ritten in den Hof und forſchten zugleich, ob nicht geſtern Abend oder heute Morgen einige Fremde angekommen ſeien. Es war Niemand da. Wir gingen in die andere Fonda, die gegenüber lag— auch da Niemand. Man wird begreiflich finden, daß uns das ziemlich verdrießlich machte, um ſo mehr, als man uns ſagte, die Eilwagen von Madrid paſ⸗ ſirten Val de Penas gegen ein, zwei oder drei Uhr in der Nacht. So waren denn die ſehnlichſt erwarteten Freunde nicht eingetrof⸗ fen und konnten im beſten Falle erſt morgen Früh ankommen. Wir kehrten in den erſten Gaſthof zurück, wo wir unſere Pferde gelaſſen, und da wir dieſelben nur bis hieher gemiethet hatten, wir auch auf alle Fälle warten mußten, ſo zahlten wir unſern Führer aus, beſchenkten ihn auf's Beſte, worauf der edle Felipe einen herzlichen Abſchied von uns nahm, um ſogleich wieder nach Moral de Calatrava zurückzukehren. Unſer Gaſthof an der großen Straße nach dem Süden ge⸗ legen und zugleich Stationsort der hier ſich kreuzenden Eilwagen hatte eine faſt großſtädtiſche Einrichtung. Ein Kellner in runder Jacke, die Serviette auf dem linken Arm,— wir hatten einen ſolchen ſeit mehreren Tagen nicht mehr geſehen,— führte uns in 206 Sechszehntes Kapitel. den Speiſeſaal, wo eine hübſche und gut gedeckte Tafel bereit ſtand. Man erwarte in einer Stunde, ſagte er uns, die Eilwagen von Cordova und Granada, doch könnten wir auch vorher ſpeiſen, wenn es uns beliebe.— Die Eilwagen von Cordova und Gra⸗ nada, wie das entzückend klingt! Ja, wir waren dieſen herrlichen Orten ſchon um ein bedeutendes näher gerückt, hatten die lang⸗ weilige, unangenehme Tour von Madrid hieher glücklich umgan⸗ gen und den angeſtrengten Ritt hinter uns, auf wenige Stunden vor uns aber die prächtige Sierra Morena, und in nächſter Nähe eine wohlbeſetzte Tafel mit dem funkelnden Val⸗de⸗Penas⸗Wein, be⸗ ſaßen hiezu tüchtigen Hunger und Durſt, und dieß Alles zuſam⸗ mengenommen verſüßte in etwas die fehlgeſchlagene Hoffnung, von den Freunden herzlich bewillkommt zu werden. Nach gründlicher, vollbrachter Mahlzeit, ausnahmsweiſe bei einer Taſſe Kaffee, zu der eine von den wenigen guten Cigarren, die wir noch beſaßen, nicht fehlte, ward unſer mißlungenes Rendez⸗ vous beſprochen und mit Zuziehung des Kellners auch in ſeinen Folgen von allen Seiten beleuchtet. Die nächſten Eilwagen, von denen einer unſere Freunde höchſt wahrſcheinlich brachte, erreich⸗ ten Val de Penas alſo erſt in der kommenden Nacht gegen drei Uhr Morgens. Was war nun zu thun? Wollten wir die Reiſe⸗ gefährten hier erwarten, ſo durften wir natürlich nicht zu Bette gehen oder mußten ſchon um zwei Uhr wieder aufſtehen. Beides recht unangenehm. Kommen ſie aber morgen auch noch nicht, ſo hatten wir von Val de Penas nach Santa Elena auf der Höhe der Sierra Morena bei zehn Leguas, einen gar zu langen Weg, und dazu keine Pferde, die, wie der Kellner uns verſicherte, hier in Val de Penas ſchwer zu bekommen ſein ſollten. Wir beſchloſ⸗ ſen demnach, noch heute Nachmittag auf irgend eine Art nach Santa Cruz, am Fuße des Gebirges, zu gelangen und den Freun⸗ den ein Schreiben zurückzulaſſen, worin wir ihnen unſern Ent⸗ ſchluß anzeigten und zugleich, daß wir dort in der Venta„zum halben Monde“, wo die Eilwagen wenige Minuten anhielten, zu finden ſein würden. Ein Ritt nach Andaluſten. 207 Der Kellner, der das Haus voller Fremden hatte und uns deßhalb kein anſtändiges Zimmer abtreten konnte, billigte unſern Entſchluß und meinte, das beſte Mittel, um auf angenehme Art nach Santa Cruz zu kommen, ſei, ſich einer der vielen Galeras, Frachtfuhrwerke, anzuvertrauen, die jeden Augenblick am Hauſe vorbeipaſſirten. Wir ſchrieben alſo unſere Briefe an die Freunde, trugen einen hinüber in den andern Gaſthof, und als wir zurück⸗ kehrten, hatte der Kellner auch bereits eine vortreffliche Fahrge⸗ legenheit, wie er ſagte, für uns aufgefunden.„Man kann ſich hier nicht Jedermann anvertrauen,“ ſprach er mit hoch empor gezogenen Augenbrauen und einem wichtigen Schwenken ſeiner Serviette;„aber da draußen iſt einer meiner genauen Bekannten, Don Alonſo de Santa Cruz, der ſich um ein Billiges das Ver⸗ gnügen machen wird, Sie mitzunehmen.“ Wir gingen auf die Straße und ſahen in einiger Entfer⸗ nung einen zweirädrigen Karren, hochbeladen und mit vier Maul⸗ thieren beſpannt, eines vor das andere. Das war die vortreffliche Fahrgelegenheit. Daneben ſtand ein alter Kerl, unraſirt, ziem⸗ lich ſchmierig angezogen, mit einer ſehr geflickten Capa, die er aber maleriſch über die Schulter geworfen hatte, und einem ſpitzen Hut voller Löcher, den er keck auf dem rechten Ohre trug— Don Alonſo de Santa Cruz. Hätte man nicht recht gehabt, ſich unter ſolchem Namen einen Granden erſter Klaſſe vorzuſtellen, der zu⸗ fällig in einer mit ſechs Pferden beſpannten Equipage vorbeikäme und ſich ein Vergnügen daraus machte, ein paar fremde und ermüdete Cavalleros aufzuladen? Wir traten alſo zu Don Alonſo, um ſeine billigen Fahrbedingungen zu vernehmen. Er ſah uns ziemlich hochmüthig an und meinte, zwei Duros ſei nicht zu viel, — zwei Duros, über fünf Gulden für einen Weg von nicht ganz vier Stunden auf einem ſchwerbeladenen, ſtoßenden Karren. Ich fragte ihn lächelnd, er meine wohl zwei Duros für Jeden.„Na⸗ türlicher Weiſe,“ war die Antwort, die ſehr würdevoll gegeben wurde. Jetzt brachen wir aber in ein ſo gewaltiges Lachen aus, daß der Kellner davon angeſteckt wurde, und in welches ſogar 208 Sechszehntes Kapitel. Don Alonſo ſelbſt, nachdem er uns einen Augenblick recht ſauer angeſchaut, herzlich mit einſtimmte. Um mit ihm in's Reine zu kommen, boten wir ihm einen halben Duro für uns und unſer Gepäck, was er denn auch nach einigem Widerſtreben einging. Unſere Nachtſäcke, Mäntel und Waffen luden wir auf die Galera, zogen es aber vor, noch eine Strecke zu Fuß zu gehen, da die Chauſſee breit und eben, das Wetter warm und angenehm war. So zogen wir denn abermals dahin, diesmal als harmloſe Fußreiſende, und wenn uns auch Don Alonſo zum Oeftern ein⸗ lud, den Karren zu beſteigen, ſo hatten wir doch keine Luſt dazu, da wir ſahen, wie er in den Geleiſen hin und her geſtoßen wurde. Die breite Chauſſee führte faſt eben durch ein ſchönes, wohlange⸗ bautes Land voll gut bearbeiteter Felder und Olivenpflanzungen, zwiſchen welchen hie und da ſpitzige Kirchthürme hervorſchauten. Daß wir dem Süden näher gerückt waren, bemerkten wir auch an einzelnen Aloen, die hin und wider an den Rändern des Weges emporwuchſen. Zum Schutz der großen Straße von Madrid nach Sevilla gegen Räuber ſind jedesmal in einem Zwiſchenraum von zwei bis drei Leguas, gewöhnlich auf hochgelegenen Punkten Sta⸗ tionshäuſer für die Guardias Cioiles erbaut, von denen Patrouil⸗ len das Land durchſtreifen, einzelne Poſten aber auch an der Land⸗ ſtraße vertheilt ſind, wo ſie aus ihren runden zeltförmigen Erd⸗ hütten alles beobachten, was vorüberzieht. Auch wir entgingen der Aufmerkſamkeit eines dieſer Straßenwächter nicht, der uns auf die höflichſte Art von der Welt nach unſeren Papieren fragte. Der früher erwähnte Befehl des Chefs der Gensdarmerie that auch hier wieder ſeine Wirkung, der Gensdarm legte ehrfurchts⸗ voll grüßend ſeine Hand an den Hut und entließ uns mit einem freundlichen buenas noches,— ein kleiner Vorfall, dem Don Alonſo aufmerkſam zuſchaute und der uns in ſeiner Achtung auf⸗ fallend befeſtigte. Inzwiſchen war es dunkel geworden, und an dem klaren Nachthimmel ſtrahlten und glänzten die Sterne in wunderbarer Pracht. Ich glaube jeder, der ſich viel im Freien aufhält und Ein Ritt nach Andaluſten. 209 häufig die ſeltſamen Sternbilder dort oben ſieht, faßt für irgend eins derſelben eine beſondere Neigung. So iſt es mir wenigſtens ergangen, und wenn ich den Orion ſehe, ſo durchſtrömt ein an⸗ genehmes, erwärmendes Gefühl mein Herz; er iſt mir wie ein alter treuer Freund, mit dem ich plaudern kann und der mich zu verſtehen ſcheint, wenn ich aufwärts blickend an dieſe oder jene Stunde meines Lebens denke. Wir beide haben uns auch ſchon viel geſehen, in froſtiger, ſchneeglänzender Winternacht und an warmen Sommerabenden, wenn die Nachtigallen ſchlugen und ein leichter Wind weiße Blüthen ſpielend herumwehte. Dann wieder auf ſchwarzem, tobendem Meer, wo der Orion nur hie und da, wie mir zum Troſte, durch zerriſſene Wolken niederſah, ſowie auch im Sande der unendlichen Wüſte, wo er hellfunkelnd an dem ſtahlfarbenen Himmelsgewölbe prangte. Er iſt ein ſo angenehmes, verſtändliches Sternbild mit ſeinem blitzenden Gürtel, mit Keule und Schwert. Heute Abend blieb er uns treulich zur Seite und war ſo freundlich, uns nach mehrſtündigem Marſche endlich unſer Nachtquartier Santa Cruz zu zeigen, hinter deſſen Häuſern er ruhig niederſank. Lebe wohl! rief ich ihm nach, und grüß mir morgen meine Lieben, die dich auch erblicken werden und wiſſen, wie gern ich dich anſchaue. —— Jgetzt klapperten die Hufe unſerer Maulthiere auf einem recht ſchlechten Pflaſter, und die Achſen und Räder knarrten und dröhnten. Das Dorf aber war von einer unausſtehlichen Länge, und wir brauchten faſt eine halbe Stunde, ehe wir die Venta„zum halben Mond“ erreichten, die ganz am andern Ende des Orts lag. Einen Gaſthof beſaß natürlich Santa Cruz nicht, und die Eigenthümer einer gewöhnlichen Venta waren hier an der großen Straße durchaus nicht darauf eingerichtet, Reiſende unſerer Art zu empfangen. Der Weg durch die Mancha oder die Straße von Toledo nach Val de Penas wird wenigſtens zur Som⸗ merzeit hie und da von Reiſenden beſucht, woher es denn kommt, daß man in der einfachſten Poſada oder in einer ganz gewöhnlichen Venta wenigſtens ein Stück Speck findet, wie auch Zwiebel, Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 14 Sechszehntes Kapitel. Eier und Brod. Hier aber an der großen Straße, wo Diligencen in dieſen kleineren Orten nie längere Zeit anhalten, die Poſaden alſo nur von Maulthiertreibern und Kärrnern beſucht werden, iſt es nicht Gebrauch, ein Mittag⸗ oder Abendeſſen zu verlangen. Der Einkehrende erhält hier nur einen Platz für ſich und ſeine Thiere zum Ausruhen und Schlafen, Waſſer aus dem Brunnen und eine Stelle am Feuer, das die Padrona beherrſcht, welche denn auch, wenn ſie gut gelaunt iſt, die Zubereitung deſſen, was der Fremde mitbringt, höchſtſelbſt und gnädigſt überwacht. Dieſe Einkehrhäuſer an der großen Straße unterſcheiden ſich nicht viel von den türkiſchen Karawanſereien oder den ſyriſchen Chan's, gewöhnlich aber ſind es weitläufige Gebäude, um hin⸗ länglichen Platz zu bieten für die große Anzahl der Zug⸗ und Laſtthiere, die von beiden Seiten des Wegs zuſammenſtrömen. Ein mächtiges Thor verſchließt den Eingang, das erſt nach tüch⸗ tigem Anklopfen geöffnet wird. Wir waren heute Abend dieſer Mühe überhoben, denn wenige Minuten vor uns war ein Zug Maulthiere angekommen, weßhalb der Eingang weit offen ſtand. Die Thiere ſchritten mit lang vorgeſtrecktem Halſe, vorſichtig und in guter Ordnung eins hinter dem andern, zum Hauſe hinein und nach dem Hofraume, wo ſie ſich, einer langjährigen Gewohnheit folgend, ſo aufſtellten, daß ſte von den Treibern bequem abge⸗ laden werden konnten. Wir mußten eine Zeitlang warten, bis der lange Zug eingekehrt war. Das Innere der Venta erſchien uns von hier als eine weite Scheune, deren Balken und Sparren röthlich angeſtrahlt waren von den Flammen eines großen Feuers, das wohl rechts in einer Ecke brannte. Nach den Maulthieren triumphirte Don Alonſo auf ſeinem Karren ein und wir folgten ihm zu Fuße, vom langen Ritt und der Abendpromenade herzlich ermüdet. Ehe ſich der Leſer mit uns an dem lodernden Feuer nieder⸗ läßt, wird es für ihn nicht unintereſſant ſein, die Beſchreibung einer dieſer Venta's an der Hauptſtraße zu erhalten. Die meiſten derſelben verdanken ihre Entſtehung milden Stiftungen und Erb⸗ Ein Uitt nach Andaluſten. 211 ſchaften zu dieſem Zwecke gemacht, oder wurden von irgend einem großen Herrn erbaut, deſſen Wappen in Stein gehauen dann auch meiſtens über dem Thore zu ſehen iſt. Hinter dieſem Thor be⸗ ginnt ein großer Raum, eine einzige gewaltige Halle, deren Decke vom Dache mit ſeinem Sparrenwerk gebildet und von zwei bis drei Reihen ſtarker ſteinerner Pfeiler getragen wird. In dieſem Raum herrſcht Tag und Nacht ein beſtändiges Halbdunkel, wel⸗ ches ebenſo wenig das große Herdfeuer oder einige Oellampen zu vertreiben vermögen, als das Tageslicht, das nur durch ein paar unbedeutende Lucken oder ſonſtige kleine Oeffnungen einzudringen vermag. Das Auge muß ſich zuerſt an die Dunkelheit gewöhnen, die hier herrſcht, ehe es die Gegenſtände rings umher erkennen kann. Vermag man den ganzen Raum zu überſehen, ſo be⸗ merkt man wohl, daß hier über hundert Maulthiere mit ihren Führern, Karren und Ballen Platz haben. Links vom Thor ſtehen die beladenen Fuhrmannskarren, ſo eng als möglich zu⸗ ſammengeſchoben, und dahinter an den Wänden ſind die Maul⸗ thiere angebunden, die zuweilen ſtampfen, ſchnauben und ſich ſchütteln, wobei man ihre Halfterketten raſſeln hört. Rings um die Pfeiler, welche das Dach tragen, ſieht man Ballen und Fäſſer, Kiſten und Kaſten, und es dienen dieſe wieder zum Lager einiger ſchläfrigen Arriero's, welche ſchon ausgeſtreckt dort liegen. Doch laſſen wir alle die ebengenannten Gegenſtände in ihrem Halbdunkel und wenden uns rechts vom Eingange, wo am an⸗ dern Ende der Halle auf dem gepflaſterten Boden ein gaſtliches Feuer hoch emporlodert. Um eine künſtliche Ableitung des Rau⸗ ches bekümmern ſich die ſpaniſchen Bauleute nicht, er ſucht ſeinen Weg theils durch die Dachlucken, theils zieht er hoch oben als leichtes Gewölk durch die ganze Halle. Neben dem Herde befindet ſich gewöhnlich eine Art von Verſchlag, wo der Ventero oder die Padrona das Bischen Küchengeſchirr, auch Flaſchen und Gläſer aufgeſtellt haben, welche ſte zu ihrer Wirthſchaft brauchen, daran ſchließt ſich öfters ein ſtarkes hölzernes Geſtell mit mehreren oft mannshohen und verhältnißmäßig breiten Krügen von rothem 14 Sechszehntes Kapitel. Thon, wie in dem Landhauſe bei Valencia, welche den Waſſerbe⸗ darf für das Vieh enthalten; darüber befinden ſich auf einem Brette kleine zierliche Gefäße für den Gebrauch der Reiſenden ſelbſt. In nächſter Nähe des Herdes ſieht man eine Art Divan, natür⸗ licher Weiſe roh von Holz gemacht, an den Wänden hinlaufen, auf welchem hie und da ein kleines Polſter oder ein Stück Teppich liegt,— vielleicht für einen Gaſt, den man beſonders ehren will. Oben zwiſchen dem Sparrenwerk des Daches kleben einige Kam⸗ mern, die von hier aus wie Schwalbenneſter ausſehen. Um den Feuerplatz befand ſich ſchon eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft, von der einige rauchten, andere plauderten, dort welche ihr Abendeſſen verzehrten, hier wieder andere begierig in die Pfanne ſchauten. Die meiſten ſaßen auf dem erwähnten Divan, andere aber auf kleinen niederen Schemeln, welche mich ſehr an den Orient erinnerten. Hinter dem Feuer befand ſich die Padrona, eine ſchon ältliche ſtarke Dame, aber noch ſehr rüſtig und mit außerordentlich lebhaftem Mundwerk begabt. Zu ihrer Seite be⸗ fanden ſich ein paar Mägde, welche Waſſer zutrugen oder Pfeffer, Salz und dergleichen darreichten. Vor der Frau, zwiſchen den glühen⸗ den Kohlen, ſtanden Pfannen und Töpfe, in welchen das Nacht⸗ eſſen für verſchiedene Gäſte ſchmorte. Alle dieſe jedoch wagten ſich nicht in die Nähe der eifrigen, aber ziemlich barſchen Köchin, und wenn Einer ſich etwas Feuer für ſeine Cigarre verſchaffen wollte, ſo wandte er ſich mit einer höflichen Bitte an die Padrona, welche ihm alsdann mit der eiſernen Zange, die neben ihr lag, eine glühende Kohle darreichte. Unſer Erſcheinen machte ſo gut wie gar kein Aufſehen; die Padrona ſchaute kaum von ihren Töpfen in die Höhe und nickte uns ſchweigend zu; doch rückten die Maulthiertreiber auf dem Divan ſogleich zuſammen, um für uns Platz zu machen, ja ein ältlicher Mann, der aufſtand, bot mir freundlich ſeinen Schemel an. Es iſt etwas Wohlthuendes um die Freundlichkeit und Höflichkeit der Spanier; man hat bei ihnen immer das Gefühl, ſich in guter Geſellſchaft zu befinden. Ohne von Fragen beläſtigt zu werden, Ein Ritt nach Andaluſten. 213 ſteht man ſich aufmerkſam behandelt, wird aufgefordert, näher zum Feuer zu rücken, wenn es kalt iſt, oder weiter zurück ‚wenn die Flammen gar zu heftig aufpraſſeln. Kaum zieht man ſeine Cigarre heraus, ſo bietet man Einem augenblicklich Feuer an, und wenn man einigen der Gäſte, die es ſich gerade ſchmecken laſſen, einen guten Appetit wünſcht, ſo kann man ſicher ſein, nach alter arabiſcher Sitte, eine ernſtlich gemeinte Einladung zur Theil⸗ nahme zu erhalten. Letzteres habe ich faſt immer hier in Spanien bemerkt, und wenn man zwiſchen dieſen Leuten ſttzt, ſo wird jeden Augenblick eine Schüſſel oder ein Glas angeboten mit der freund⸗ lichen Bitte, ſich zu bedienen. Don Alonſo hatte unterdeſſen ſeinen Karren und ſeine Maul⸗ thiere beſorgt und als er darauf mit einem„ave Maria purissima! geſegne euch Gott das Nachteſſen, Cavalleros!“ an's Feuer trat, bemerkten wir wohl, daß wir alsbald der Gegenſtand der Unter⸗ haltung wurden; hätten wir aber auch das Spaniſche beſſer ver⸗ ſtanden, ſo wäre es uns doch nicht möglich geweſen, dieſe Unter⸗ redung zu verſtehen, denn ſie wurde nur durch einzelne Worte, Blicke und Pantomimen geführt. Nur etwas davon begriffen wir zu unſerem Leidweſen, daß nämlich nichts zu unſerem Abend⸗ eſſen vorhanden war, denn auf dieſe Frage zuckte die Padrona bedeutſam die Achſeln; doch meinte ſie gleich darauf, ſie wolle in's Dorf ſchicken, um vielleicht ein Huhn und etwas Reis für uns zu kaufen. Da wir aber in Val de Penas gut und ziem⸗ lich ſpät dinirt, auch ſehr ermüdet waren, ſo baten wir um etwas Chokolade und um Anweiſung eines Zimmers zum Schlafen. Letz⸗ teres ſchien einige Schwierigkeit zu machen, doch nahm ſich Don Alonſo kräftigſt unſerer an, worauf denn eine der Mägde fort⸗ geſchickt wurde, um unſere Lagerſtätten in Ordnung zu bringen. Auch die Chokolade erſchien bald darauf, recht gut, aber leider wieder ſehr dünn. Was unſer Fortkommen für den nächſten Tag anbelangte, ſo hatten wir durchaus keine Luſt, uns darum zu bekümmern, denn morgen in der Früh mußten ja die Freunde kommen, mit Sechszehntes Kapitel. ihnen Herr St., der das Land genau kannte und die beſten Arran⸗ gements treffen würde. Wir nahmen deßhalb von Don Alonſo Abſchied und ließen uns nach der Schlafkammer geleiten; eins der Schwalbenneſter, von denen ich vorhin geſprochen. Die Ein⸗ richtung hier war über alle Beſchreibung ländlich: auf einem höl⸗ zernen, ſehr kurzen Schragen lag eine fingerdicke Wollenmatratze, ein Kopfkiſſen von Seegras und zum Zudecken mußten wir uns der eigenen Manta bedienen. Doch ermüdet, wie wir waren, hatten wir uns kaum ausgeſtreckt, als auch ſchon ein ſüßer, er⸗ quickender Schlaf über uns kam. Selbſt im Traume beſchäftigte ich mich übrigens mit der Ankunft der Freunde, und da ich das Glück habe, faſt immer zu einer Zeit, die ich mir beſtimme, er⸗ wachen zu können, ſo war ich auch hier gegen vier Uhr Morgens ſchon vollkommen munter und lauſchte auf die Ankunft des Eil⸗ wagens. Horſchelt ſchlief noch, wurde aber auch bald darauf erweckt durch das Klingeln, Raſſeln, Klirren und Klappern, mit welchem nach Verlauf einer Viertelſtunde die Madrider Poſt⸗ kutſche ankam. Auch ſprang mein Freund ſogleich von dem Lager auf, eilte an's Fenſter und rief luſtig, ſie wären da, er habe den Baumeiſter beim Schein der Wagenlaternen ſo eben in's Haus eilen ſehen. Gleich nachher polterte es auch die Treppen herauf, die Thüre wurde haſtig geöffet und die Erwarteten erſchienen. Daß wir uns freudig begrüßten, kann man ſich leicht denken, hatten wir doch des Umherirrens ohne Kenntniß der Sprache und des Landes genug bekommen und freuten uns, die prächtige Tour über die Sierra Morena in Geſellſchaft von Freunden machen zu können, die mit Allem genau bekannt und die beſten Erklärungen zu geben im Stande wären. Doch wie ward uns, als nun Bau⸗ meiſter Leins haſtig erklärte, ſte könnten leider die beſprochene Tour nicht mit uns machen; die beiden andern Herren, deren Reiſeziel Sevilla war, hatten gehofft, übermorgen ihren Weg von Baylen mit dem Wagen wetter fortſetzen zu können, aber in Madrid erfahren, daß auf allen Diligencen für die nächſten acht Tage ſämmtliche Plätze bereits genommen ſeien, ſie alſo in α do N — ta W it Ein Ritt nach Andaluſten. 215 Baylen liegen bleiben müßten, wenn ſie nicht mit dem heutigen Wagen ihre Reiſe fortſetzten. Auch der treuloſe Leins hatte darauf hin ſeinen Platz bis Baylen gekauft, was wir ihm im Grunde nicht übel nehmen konnten, denn wie wir jetzt erfuhren, hatten weder er noch die andern geglaubt, uns in Val de Penas ſo bald und heil und geſund anzutreffen. Das alles verſtimmte mich ſo, daß ich mich ziemlich erbost in meinem Bette herumwarf und den Drei eine glückliche Reiſe, aber auch ſonſt noch allerlei wünſchte, was ich hier nicht wieder⸗ holen mag. Was ſie uns unter bewandten Umſtänden Gutes thun konnten, das geſchah in höchſter Eile; Horſchelt ließ unſere ſehr zuſammengeſchwundene Reiſekaſſe auffriſchen und nahm von Herrn St. ein Paket guter Cigarren, welche dieſer für uns zurück⸗ ließ. Drunten fluchte unterdeſſen der Mayoral im Verein mit Zagal und Delantero; die Maulthiere ſchüttelten ſich und ſtampf⸗ ten mit den Füßen, und das Schickſal, roh und kalt, ließ uns allein in Santa Cruz zurück, frierend auf ärmlichem Lager, während unſere Bekannten wenige Augenblicke nachher im vollen Galopp von zwölf Maulthieren dem Gebirge entgegen fuhren. Horſchelt, der noch an's Fenſter ſprang, ſah ihnen kopfſchüttelnd nach, dann kroch er auch wieder unter ſeine Manta, worauf wir uns bis zum heranbrechenden Morgen allerlei tröſtlichen Geſprächen hin⸗ gaben. Glücklicherweiſe hatten wir Beide vortrefflich geſchlafen, auch war die Sonne ſo freundlich, ſich ſehen zu laſſen und uns einen Strahl ihres lieben Lichtes zu ſpenden. Waren wir doch glück⸗ lich bis hieher gekommen und hofften auch, die Sierra Morena ebenſo zu überſchreiten. Wir kleideten uns an, gingen in die allgemeine Halle hinab, wo uns das praſſelnde Feuer recht wohl that, nahmen unſere Chokolade und hielten mit Don Alonſo einen Kriegsrath über unſere Weiterreiſe. Nach ſeiner Ausſage waren die guten Pferde, von denen uns Herr St. geſprochen, in Santa Cruz gar nicht vorhanden.— In Gottes Namen, wenn wir auch weniger gute bekommen. Auch dieſe fehlten, wie uns der Ventero 216 Sechszehntes Kapitel. verſicherte.„Aber ein vortreffliches Maulthier?“ fragten wir.— Abermaliges Kopfſchütteln.„Nun denn ein Maulthier wie es gerade iſt.“ Auch ein ſolches war nicht zu bekommen, und nach langem Hin⸗ und Herreden ſahen wir denn zu unſerer unange⸗ nehmen Ueberraſchung ein, daß es nur zwei Arten des Fortkom⸗ mens für uns gäbe: per pedes apostolorum oder zu Eſel,— zu ſehr kleinem Eſel, zu Eſel, wie ſte bei uns die Säcke aus der Mühle tragen. Wir ſahen uns einen Augenblick an, hatten aber, Gott ſei Dank, Humor genug, laut hinauszulachen. Wir wollten nach Santa Elena, auf die Höhe des Gebirges, und glücklicher Weiſe fand ſich eine Familie von dort, die mit vier leeren Eſeln zurück⸗ ging. Um einen recht mäßigen Preis mietheten wir dieſelben zwei wurden für unſer Gepäck beſtimmt, die andern zur Ehre, in zu tragen. 924 Wir zahlten unſere Zeche und nahmen Abſchies Alonſo, der uns noch die gute Lehre: man muß in deree zufrieden ſein, mit auf den Weg gab und durch ein vortreffe Beiſpiel vor Augen führte. Als wir nämlich aufſitzen won kam ein Reiter auf gutem Maulthier bei der Venta von „Wenn wir nur ſolche Thiere bekommen könnten!“ ſagte ich⸗ ſeufzend, hatte aber kaum ausgeſprochen, als das Maulthier über einen Stein ſtolperte, auf die Knie fiel und ſeinen Reiter unſanft von ſich abwarf.. Unſere Eſel hatten weder Zaum noch Halfterſtrick, weder Steigbügel noch Sattel. Die Stelle des letzteren vertrat ein brei⸗ tes hölzernes Geſtell mit aufgeſchnalltem Strohkiſſen, das aber zu breit war, um ſich rittlings darauf ſetzen zu können, wir muß⸗ ten es deßhalb ſo beſteigen, daß wir beide Füße nach einer Seite herunterhängen ließen und nun ſtreben, das Gleichgewicht ſo gut wie möglich zu behalten. Als alles aufgepackt war und wir eben⸗ falls, ſtachelte unſer Führer die Eſel nach der Reihe mit einem ſpitzigen Stocke an einen unnennbaren Theil ihrer Körper, und fort liefen die kleinen Thiere, ſo flink und behende, dabei aber mit ſo komiſchem Kopfnicken, daß ich, der noch obendrein den Maler Ein Ritt nach Andaluſten. 217 mit ſeinen langen Beinen, die faſt den Boden berührten, vor mir hatte, in ein lautes Gelächter ausbrechen mußte. b Wenn man bei dieſer Art zu reiten einmal die Befürchtung überwunden hat, daß man rückwärts vom Eſel fallen könne und b ſich auf dem Sitz etwas heimiſch fühlt, ſo findet man die Bewe⸗ 1 gung der Thiere gar nicht unangenehm; man ſpürt kaum ihren 1 ſanften Trab und kommt dabei mit einer faſt unbegreiflichen Schnelligkeit von der Stelle. Die Thiere machen kleine gleichför⸗ G mige Schritte, aber unermüdlich, unaufhörlich. Betrachtet man 1 einen Gegenſtand an der Straße, ſo glaubt man natürlicherweiſe, man komme nicht vom Flecke, iſt aber doch, ehe man ſichs verſieht, ſ der Höhe der Straße angelangt, wo es denn abwärts mit „ etwas vermehrter Geſchwindigkeit geht. Ich dachte bei dieſem aypten, an Kairo, wo wir auch viele Touren auf machten, wo die kleinen Eſel gleichfalls vortrefflich euht beſſer als die ſpaniſchen. So ging es denn die lang erſehnte Sierra Morena hinauf, Scheidelinie, welche die öde und flache Mancha von dem wen Andaluſien trennt. Wie ich ſchon früher bemerkte, iſt oer Gebirgszug auf dieſer nördlichen Seite nicht hoch; der höchſte — 4 Paß, der von Despena⸗Perros, Hundeabgrund, ſteigt durch t ſteile und wilde Schluchten, nicht über 400 Fuß, wogegen ſich das Gebirge auf dem ſüdlichen Abhang nach Andaluſten um eben 4 ſo viele tauſend Fuß, aber ſanft nach und nach abdacht. Die ganze . Breite der Bergkette mag fünf bis ſechs Stunden betragen, und 3 die Länge von Oſten nach Weſten vielleicht ſtebenundzwanzig — Stunden. Bis zur glücklichen Regierung Karl III. war die 2 Sierra Morena eine wilde Wüſte mit felſigen dürren Höhen t und moraſtigen Thälern, wo ſich kaum das Maulthier„im Nebel — ſeinen Pfad ſuchte;“ in den Schluchten und Abgründen hauste „der Drachen wilde Brut“ und im Paſſe von Despeſia⸗Perros war die Räuberei in ſchönſter Blüthe und brandſchatzte die Kara⸗ vanen. Der damalige Intendant von Sevilla, Don Pablo Ola⸗ vides, mochte wohl einſehen, daß es mit ſpaniſchen Händen ſchwer ◻—‿—— Sechszehntes Kapitel. gehen würde, durch dieſe felſige Scheidewand, welche den glück⸗ lichen Süden vom Norden trennt, eine gute Straße zu brechen, weßhalb er auf den klugen Einfall kam, am ſüdlichen Abhange des Gebirges Colonien zu errichten, deren Bevölkerung man große Vortheile einräumte und dafür die Verpflichtung auferlegte, ſich nach dem Innern des Königreichs einen guten Weg zu bahnen. Namentlich waren es Tauſende von Deutſchen, und unter dieſen viele Schwaben, welche dem Rufe Don Pablos folgten und ſich hier anſtedelten. Dabei hielt der Intendant von Sevilla, was er den Fremdlingen verſprochen und ſorgte aufs Umfaſſendſte für ſie. So waren namentlich die deutſchen Anſiedlungen wahrhaft verſchwenderiſch ausgeſtattet. Nicht nur fand jeder Coloniſt bei ſeiner Ankunft ſein Haus fertig, ſeinen Boden und ſeinen Keller auf ein Jahr lang gefüllt, eine Kuh und ein paar Maulthiere in ſeinem Stalle, ſondern die Coloniſten erhielten zugleich außer andern Vorrechten die Zuſicherung der Befreiung vom Kriegs⸗ dienſt, von Zehnten und Steuern auf ewige Zeiten. Leider dauer⸗ ten dieſe„ewigen Zeiten“ nicht gar zu lange, und nur bis zum Sturz des vortrefflichen Intendanten, nach welchem ihnen die Zehnten aufgenöthigt wurden. Die Inquiſition unterbrach die großen Bemühungen Olavides, den ſein König ſchon früher an⸗ derer Verdienſte wegen zum Grafen von Pilo erhoben hatte; er ward, als der Toleranz eifrigſter Beförderer, der Ketzerei beſchul⸗ digt und 1778 zu achtjähriger Gefangenſchaft und Bußübung in ein Kloſter eingeſperrt, woraus er jedoch nach Venedig zu ent⸗ fliehen Gelegenheit fand, ſpäter aber nach Spanien zurückkehrte, wo er 1803 in einem Alter von 63 Jahren ſtarb. Unter andern weiſen Beſtimmungen, die Olavides für die neuen Colonien einführte, befand ſich auch die, daß kein Gut zerſtückelt oder vom Nachbar erworben werden durfte, ſondern im Fall einer Ver⸗ äußerung oder Verpfändung an einen neuen Pflanzer übertragen werden mußte. Obgleich ſpäter bei der Revolution auch noch mehrere der übrigen Privilegien dieſer Anſiedlungen verloren gingen, ſo bilden Ein Ritt nach Andaluſien. 219 ſte doch heute noch die lachendſten und fruchtbarſten Gefilde Spa⸗ niens und mildern auf das angenehmſte den grellen Contraſt zwiſchen den ſegenvollen Fluren Andaluſiens und der ſteinigen Mancha. Wohin das Auge ſich wendet, gewahrt es hier bald einzelne Höfe, bald niedliche und reine Dörfchen zwiſchen wallenden Saaten und herrlichen Obstpflanzungen jeder Art. Zur ferneren Ausſchmückung trägt auch die üppige Natur das ihrige bei, indem ein jeder Garten mit großen Aloen und Cactuszäunen umgeben iſt, die, wenn auch die meiſten Bäume und Sträucher kahl und nackt erſcheinen, doch ihr friſches Grün nicht verlieren. Die Hauptſtadt dieſer Anſtedlungen iſt la Carolina, meiſtens von Deutſchen bewohnt, welche ſich denn auch bald an die Arbeit machten, und nach ſchwerem, ausdauerndem Schaffen den berühm⸗ ten Paß durch die Felſen und Schluchten von Despena⸗Perros zu Stande brachten,— eine Chauſſee, die ſich in ihrer prächtigen Anlage, in ihrer breiten und ſanften Steigung mit jeder Kunſt⸗ ſtraße von Deutſchland und der Schweiz meſſen kann. Wenn wir auch auf unſerem heutigen Ritte verſucht waren, den ſpaniſchen Straßen alle Unbill, alle böſen Benennungen abzu⸗ bitten, die wir ihnen insgeſammt beigelegt, ſo muß es den Reiſen⸗ den doch zu gleicher Zeit traurig berühren, wenn er bedenkt, was dieſes ganze herrliche Land unter einer kräftigen Regierung durch Herbeiziehung und Unterſtützung fremder Arbeitskräfte ſein könnte, und welche glückſelige Zukunft ſich dadurch Tauſenden unſerer armen Landsleute eröffnen würde, die jetzt über das Weltmeer ziehen, um bei den kalten und herzloſen Yankees zu verkümmern. Unſere kleinen Eſel trabten ſo Stunde um Stunde luſtig über die breite Straße dahin, die ſanft aufſtieg, zuweilen aber auch wieder kurze Strecken abwärts führte. In einem kleinen Dörfchen hielten wir unſere Mittagsraſt, ritten dann eine Zeit lang in der Hochebene fort, worauf ſich der Weg zu einem Thale hin⸗ abſenkte, hinter welchem ſich die ſchwärzlichen Maſſen des Gebirges ziemlich ſteil erhoben, das dort bei Concepcion de Almuradiel ſeinen höchſten Punkt erreicht. Unſer Führer oder eigentlich Treiber Sechszehntes Kapitel. verließ hier die breite Straße und trieb ſeine Thiere, um den Weg abzukürzen, einen ziemlich ſteilen Felſenpfad hinab, was für uns Reiter nichts weniger als angenehm war. Von einem Wege war hier eigentlich nicht die Rede: bald ging es durch das Bett eines kleinen Baches, über Rollkieſel, bald über breite Felſenplatten, die ſo glatt waren, daß ich jeden Augenblick erwartete mit meinem armen Eſel in die Tiefe zu rollen. Dabei wollte uns der ſpaniſche Tyrann nicht einmal abſteigen laſſen, ſtachelte vielmehr die Thiere immerfort, ſchnalzte dazu mit der Zunge und ſprang in großen Sätzen nebenher. Daß wir ohne Unfall hinabkamen, betrachtete ich als ein Wunder; denn rückwärts blickend ſah ich die Wand, welche wir herabgekommen waren, in erſchreckender Steilheit auf⸗ ſteigen. Unten bogen wir wieder in die breite Chauſſee ein und betraten zu gleicher Zeit den Anfang des Paſſes von Despena⸗ Perros,— eine wilde Schlucht von ſteilen, viele hundert Fuß hohen Felſen gebildet, an deren einer Seite die Straße in maleri⸗ ſchen Wendungen hinführt. Sie iſt auch hier vortrefflich unterhalten, für die Durchlaſſung der Waſſer, die von den Felſen herabrieſeln, iſt aufs beſte geſorgt, und an manchen Orten iſt ſie auf kühnen Bogen über die tiefen Schluchten weg geführt, welche die großen Gebirgs⸗ waſſer zur Zeit des Winters in die Felſen geriſſen haben. Auf der linken Seite trennt uns vom Abgrunde eine hohe ſteinerne Bruſtwehr. Zur rechten Seite der Straße erheben ſich die zerklüf⸗ teten Steinwände eines Glimmerſchiefers in ſenkrechten Schichten, deſſen rothe Farbe auffallend gegen das dunkle Grün der Stachel⸗ eichen und Pinien abſticht, welche auf einzelnen Terraſſen, nament⸗ lich aber in den Schluchten des Gebirges wachſen. Wo ſich dieſe, beſonders auf der weſtlichen Seite des Paſſes hin und wider erweitern, unterbrechen einzelne große grüne Raſenplätze, jetzt von Pflanzungen zierlicher Eriken umſäumt, im Frühjahr aber beſchattet von blühenden Mandelbäumen, den düſtern Charakter der Gegend. Hier weiden Viehherden, und der mächtige Toro der Sierra Morena, der gewaltige Kämpfer auf dem Stierplatze, ——— AuU 8ͤAN K ſ—: n Ein Ritt nach Andaluſten. 221 wetzt ſein Horn an den Stämmen der Eichen, ſcharrt die Erde und ſchaut brüllend nach dem vorüberziehenden Reiſenden empor. Hin und wider gewährten uns die Wendungen der Straße noch einen Rückblick auf die rothe, kahle Ebene der Mancha bis nach dem fernen Caſtell des alten Conſuegra und den Hügeln von Val de Penas. Ich erinnere mich nicht, je Abbildungen dieſes Paſſes geſehen zu haben, und doch wäre das eine der dankbarſten Aufgaben, die ſich ein Maler ſtellen könnte; namentlich eine Strecke weiter oben ſahen wir einen Punkt, wo die Chauſſee unter überhängenden Felſen dahinzieht, hoch auf der ſteilen Wand des Abgrundes. In der Höhe ſcheint die Straße plötzlich aufzu⸗ hören, und dort erhebt ſich zur linken Seite derſelben, aus der nebenliegenden Schlucht aufſteigend, ein gewaltiger Felszacken, der mit einem kleinen Wachthaus der Guardias Civiles gekrönt iſt und den Mittelpunkt der wilden Landſchaft einnimmt. Den Hintergrund bilden die ſteilen Felswände mit den Zickzacklinien der Straße, die hoch auf die Höhe führen, bis wo die erſten Häuſer des Dörfchens Santa Elena freundlich herabſchauen. Hier iſt die Gränze zwiſchen der Mancha und Andaluſien; ſie iſt durch einen uralten Stein bezeichnet, worauf auf der caſtiliſchen Seite die Worte virgen del ſagrario de Toledo, und auf der andaluſiſchen die Santa faz de Jaen eingehauen ſind. Dieſe bezeichnet das Schweißtuch der h. Veronica, was man in Jaen zeigt, jene das in der Kathedrale von Toledo ſo hoch verehrte Muttergottesbild. Obgleich es heute Morgen empfindlich kalt geweſen war, ſo hatten wir doch jetzt um die Mittagszeit ſo heißen Sonnenſchein, daß wir uns gegen die brennenden Strahlen ſchützen mußten und zu dieſem Zwecke unſere Taſchentücher nach Art der Beduinen unter dem Hut um den Kopf legten. Da es in dem erwähnten Paß auch längere Zeit aufwärts ging, ſo rutſchten wir von unſern Eſeln hinab und ſchritten zu Fuße, uns an dem wahrhaft pracht⸗ vollen Anblick der wilden Schlucht erfreuend. Außer uns und unſern Treibern war weit und breit keine menſchliche Seele, und tiefe Stille lag über dieſen Felſengründen. Die Sierra Morena Sechszehntes Kapitel. hat vor andern Gebirgen Spaniens den Vorzug, daß ihre Thäler und Schluchten dicht bewachſen ſind, und zwar meiſtens mit Ge⸗ büſchen von dunkelgrünem, glänzendem Laube, als: Stechpalmen, Pinien, Rosmarin, welche ihr ſelbſt in der Nähe ein ſchwärzliches Ausſehen geben und woher auch wohl ihr Name kommt, denn Sierra Morena heißt: das ſchwarze Gebirge. Aber auch andere Bäume und Geſträuche wachſen hier in großer Anzahl; überall ſieht man Steineichen, Eriken mit ſchönen Blüthen, Erdbeerbäume und Farrenkräuter, und wie wir ſo dahinwandelten im heißen Sonnenſcheine, umgeben vom Grün durch alle Schattirungen, ſo war es uns, als ſei der Winter vergangen und als befänden wir uns auf einmal mitten im Sommer. Doch gingen wir ja auch der ſchönen Jahreszeit und dem herrlichen Süden entgegen, und unſer Begleiter, der neben uns her ſchritt und bemerkte, daß uns bei dem Bergſteigen recht heiß wurde, ſagte, hier ſei es kalt, aber ſobald wir erſt auf der andern Seite des Gebirgs angekom⸗ men ſein würden, ſollten wir erſt fühlen, was eine andaluſiſche Sonne ſei. Schon während des ganzen Morgens hatte ſich in Horſchelt ſtarke Jagdluſt geregt beim Anblick großer Raubvögel, die von den Felſen her über den Weg und wieder zurückſtrichen, und ich hatte ihn kaum davon abgehalten, ſein Pulver unnütz zu ver⸗ ſchießen; hier aber, als wir gegen die Höhe des Paſſes kamen, und ein ſtolzes Adlerpaar nicht hundert Fuß über uns langſam und majeſtätiſch um die Felszacken ſchweben ſahen, ließ er ſich nicht länger halten, machte ſich fertig und ſchoß eine Kugel in die Höhe; leider hatte er aber nicht, wie der Jäger Caſpar im gleichen Falle, eine trächtige Blindſchleiche geladen, die Steinadler unterbrachen nicht ihren ſtolzen Flug, noch viel weniger kam einer auf den Boden herab, wogegen dem Schützen ein ironiſches Lächeln von Seiten unſeres Begleiters nicht erſpart wurde, in welches auch die umliegenden Felſen einzuſtimmen ſchienen. Horſchelt ſchoß noch einigemal mit gleichem Erfolg; er traf nicht, da das Ge⸗ wehr nach meiner Anſicht zu ſchlecht conſtruirt und die Entfernung . Ein Ritt nach Andaluſten. 223 zu groß war. Doch ließen ſich die Adler nicht einmal ver⸗ ſcheuchen, ja, wahrſcheinlich von den Schüſſen aufgeſchreckt, erſchienen noch andere in der Ferne, ſtrichen langſam über die Schlucht und verloren ſich ohne Uebereilung wieder zwiſchen den Felskronen. Wir hatten jetzt das Wachthaus erreicht, von dem ich vorhin ſprach, und waren im Begriff unſere Eſel wieder zu beſteigen, als wir hinter uns in der Schlucht das Klingeln und Raſſeln ver⸗ nahmen, mit dem ſich eine ſpaniſche Diligence ſchon von weitem anzeigt;— vielleicht eine prächtige Gelegenheit für uns, den noch übrigen Theil der Sierra Morena ſchneller zu überſchreiten und Baylen zu erreichen, wo Baumeiſter Leins uns erwartete. Unſer Führer kletterte auf die Straßenbrüſtung und berichtete, es ſei der Correo, der hinter uns drein komme. Der ſpaniſche Correo oder Courier iſt gleichbedeutend mit der franzöſiſchen Malle, befördert wie dieſe Briefe und kleine Pakete, und hat nur Platz für zwei Paſſagiere. Ihn unbeſetzt zu finden, konnten wir nicht hoffen, weßhalb wir ihn auch ziemlich gleichgültig näher und näher heran⸗ kommen hörten. Endlich erreichte er uns und zum Ueberfluß fragte Horſchelt den Conducteur, ob er ſeine beiden Plätze nach Baylen frei habe.„Nur einen,“ war die Antwort, worauf wir die Achſel zuckten, der Mayoral freundlich grüßte und der Wagen von ſechs flinken Maulthieren auf der nun ſtark abwärts fallen⸗ den Straße bald unſern Blicken entſchwand. Genügſamkeit iſt eine ſchöne Tugend und an ihrer Hand be⸗ ſtiegen wir unſere kleinen Eſel wieder, nachdem wir uns eine außerordentlich gute Cigarre angezündet und ſte mit Hochgenuß rauchten.„Qui va piano, va sano,“ ſagt der Italiener. Und das Sprüchwort bewährte ſich freilich an uns, aber auch eben ſo ſano an dem vorauseilenden Correo, der durchaus nicht piano fuhr, denn nachdem wir erſt die Schlucht vor uns hinabgeſtiegen waren, ſahen wir ihn ſchon hoch über uns nach Santa Elena hinein⸗ rollen. Wir hatten da hinauf noch ein tüchtiges Stück Weges, das wir abwechſelnd reitend und zu Fuß gehend zurücklegten. Ge⸗ 224 Sechszehntes Kapitel. gen vier Uhr kamen wir droben an, und unſer Führer brachte uns in eine von der Straße abgelegene, ziemlich große Venta, wo wir die einzigen Gäſte waren, anfänglich ſogar die einzigen menſchlichen Bewohner überhaupt, denn nur ein großer Hofhund empfing uns bellend, dann erſchienen einige Kinder, die ein paar Mägde herbeiriefen, und erſt nach einer Viertelſtunde kam der Ventero und die Padrona, welche auf dem Felde beſchäftigt ge⸗ weſen waren. Die ſcharfe Gebirgsluft, verbunden mit der großen Sonnen⸗ hitze, hatte mein Geſicht dergeſtalt verbrannt, daß ſich überall Bla⸗ ſen zeigten, welche mich tüchtig ſchmerzten. Das beſte Linderungs⸗ mittel dafür ſind geſchabte rohe Kartoffel, weßhalb ich in die Küche ging, um mir ein ſolches Mittel anzufertigen. Die Töchter des Hauſes, ſowie ſämmtliche Mägde ſahen meinem Beginnen mit großem Erſtaunen zu, bis ihnen die Wirthin erklärte, es ſei eigen⸗ thümlich, daß die meiſten Engländer rothe Haare und eine feine weiße Haut hätten.„Das habe ſie ſchon oft erlebt,“ ſetzte ſie hin⸗ zu.„Ja, eine feine weiße Haut,“ wiederholte eins der Mädchen, „aber ein ſchwarzes Herz.“ Ob ſie in dem Punkte gleichfalls etwas erlebt hatte, kann ich nicht angeben, vermuthe es aber, da ſich hier bei Santa Elena häufig Engländer aufhalten, um den Gehalt der umliegenden Minen zu unterſuchen. Unſer Diner war ländlich und beſcheiden; nach demſelben zeichnete Horſchelt einen hübſchen Ochſenwagen und ich ging zu⸗ rück an den Eingang des Dorfes, wo ſich das Poſthaus befand; der Ritt zu Eſel hatte uns nämlich ſo wenig befriedigt, daß wir beſchloſſen, die Madrider Diligence nach Granada, welche heute Abend gegen acht Uhr durchkommen ſollte, von hier bis Baylen zu benutzen, vorausgeſetzt, daß wir zwei Plätze fänden. Der Poſt⸗ beamte empfing mich recht freundlich, und meinte gutmüthig, die Wagen ſeien in letzter Zeit nicht vollſtändig beſetzt, wir möchten nur etwas vor acht Uhr kommen, er wolle ſchon für uns ſorgen. Wir verfehlten denn auch nicht, uns ſchon um ſieben Uhr einzuſtellen. Drunten in der Venta war es ziemlich langweilig Ein Ritt nach Andaluſten. 225 und in dem Dorfe hofften wir irgend jemand zu treffen, mit dem wir uns unterhalten könnten. Und ſo war es denn auch; der Poſtbeamte hatte ein paar ſeiner Freunde für uns geladen, von denen Einer etwas Franzöſiſch ſprach. Die Unterhaltung drehte ſich anfänglich um ganz gewöhnliche Dinge: das Wetter, die Straßen, die Eilwagen, kam aber bald auf das Lieblingsthema der Spanier, Minen und Erze. Jede Dorfſchaft, in deren Nähe ſich eine alte Galmeigrube findet, träumt von großartigen Berg⸗ werksſchätzen, und die vielen Fremden, namentlich Engländer, welche im gegenwärtigen Augenblicke das Land bereiſen, um die Schachte der Berge und die Geldbeutel der Actionäre zu unter⸗ ſuchen, haben das Volk ganz ſchwindlig gemacht. Auch uns hiel— ten ſte für reiſende Geognoſten, was ich aber feierlich von mir ab⸗ lehnte, wogegen Horſchelt die Unvorſichtigkeit hatte, einen ſchlechten Witz zu machen und den guten Spaniern zu ſagen, ich ſei ein deutſcher Bergmeiſter. Da ich die Ehre habe, einer Künſtlergeſell⸗ ſchaft„das Bergwerk“ unter dem Namen Bergmeiſter zu präſi⸗ diren, ſo ſprach er allerdings keine Unwahrheit; doch proteſtirte ich vergeblich gegen dieſen Titel im andern Sinne: man ſchleppte augenblicklich ein paar große Körbe voll Erz herbei, und da ſaß ich nun und ſollte mein Urtheil abgeben. Glücklicher Weiſe ver⸗ ſtand nur einer meiner Zuhörer Franzöſiſch und auch dieſer nicht genug, um meinem ungelehrten Vortrag folgen zu können; auch mochte er ſich keine Blöße geben, that, als verſtehe er mich voll⸗ kommen und überſetzte demgemäß den Andern meine Reden auf's Allerbefriedigendſte. Dabei war ich ehrlich genug, ihnen Aus⸗ ſicht auf viel Blei und wenig Silber zu geben. Recht froh war ich indeſſen, als der heranraſſelnde Eilwagen mein Eramen unter⸗ brach; doch hatte der Titel„Bergmeiſter“ ſo viel genützt, daß ein junger Spanier, der vorn in der Berline ſaß, auf die Imperiale befördert wurde, vielleicht wider alles Recht, denn er ſträubte ſich anfangs, wogegen ich von dem Poſtmeiſter auf die höflichſte Art erſucht wurde, deſſen Platz einzunehmen. Horſchelt bekam einen Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 15 Sechszehntes Kapitel. Eckplatz im Innern, und ſo rollten wir wohlgemuth in die Nacht hinaus, abwärts dem ſchönen Andaluſten zu. Gegen zehn Uhr kamen wir nach la Carolina, dem Hauptort der Colonien, von denen ich oben geſprochen. Leider war es zu dunkel, um eine Anſicht dieſes Ortes, der faſt ganz von Deutſchen gegründet wurde, zu gewinnen. Daß er aber durchaus keinen ſpaniſchen Charakter hat, bemerkte ich ſchon beim Hereinfahren, denn die breite Straße war vortrefflich unterhalten. Haupt⸗ ſächlich waren es Schwaben, die la Carolina bevölkerten; doch iſt im Laufe der Zeit die deutſche Sprache gänzlich verloren gegangen. Rochau erzählt, als er la Carolina im Jahre 1845 beſuchte,— er kam am Tage durch die Stadt und hatte Zeit, ſich umzuſchauen,— habe er lange vergeblich nach ir⸗ gend jemand geforſcht, der noch deutſch ſpräche.„Endlich,“ ſo erzählt er,„fand ich eine achtzigjährige Frau, altersſchwach und ſehr ſchwerhörig, die mich, als ich mich ihr als Landsmann vor⸗ ſtellte, mit wahrer Herzlichkeit bei der Hand nahm und neben ſich auf einen Stuhl niederzog. Die gute Alte redete ihre Mutter⸗ ſprache in der That ganz deutlich, aber ſie mußte oft lange nach dem Ausdruck ſuchen.„Es iſt ſo lange her,“ ſagte ſie zu mir, „daß ich nichts anders mehr ſprechen höre als ſpaniſch. Sie ſehen, ich bin ſehr alt, ich bin mehr als ſechszig, ich bin mehr als ſiebzig — warten Sie, ich bin jetzt vier Thaler' alt.“ Ich errieth, was ſie ſagen wollte. Das Wort achtzig war ihr entfallen und ſie fand zu ſeiner Bezeichnung nichts näher liegendes als den Gedanken, ſo viel Jahre als vier Thaler Realen haben, den ſie nicht in die ge⸗ hörige Form zu bringen wußte. Ihr Mann, der bald darauf ein⸗ trat, um zehn Jahre jünger, ſprach ebenſo gut, und er verſtand mich beſſer als ſeine Frau, welche über die Reinheit meines Dia⸗ lektes die unverholenſten Zweifel laut werden ließ. Die beiden alten Leute waren gleichfalls in der Colonie geboren, und ſte wuß⸗ ten mir den früheren Wohnort ihrer Eltern nicht anzugeben. Auf meine Aeußerung, daß dieſelben vermuthlich vom Rhein gekommen —1 h Ein Ritt nach Andaluſten. 227 ſeien, mußte ich erfahren, daß ihre Kinder den Rhein ſelbſt nicht einmal dem Namen nach kannten.“ Der Gaſthof, wo die Diligence anhielt, war indeſſen ſo rein⸗ lich und deutſch heimlich, dabei hatten die Aufwärterinnen oder Töchter des Hauſes ſo unverkennbare Zeichen ihrer Abſtammung, nicht nur blonde Haare und blaue Augen, ſondern auch der Aus⸗ druck ihres Geſichts, die Bildung ihres Kopfes, ihre ganze Geſtalt und Haltung erinnerte uns ſo ſehr an die Heimat, daß wir ihnen unwillkürlich die Hand entgegenſtreckten und auf gut ſchwäbiſche Art: grüß Gott! zuriefen. Doch erging es uns nicht einmal wie dem ebengenannten Reiſenden vor uns: im ganzen Hauſe wußte niemand mehr ein Wort von der Mutterſprache der Großeltern. Der Wirth erinnerte ſich als kleiner Knabe die für ihn fremde Sprache öfter gehört zu haben. Das war aber auch Alles. Län⸗ gere Zeit nach dem Entſtehen hatte man in la Carolina noch Manches von deutſchen Sitten und Gebräuchen beibehalten; ſo wurde an Sonn⸗ und Feſttagen bei Geigen⸗ und Flötenklang un⸗ ter der Linde getrunken und gewalzt, während von der andern Seite des Dorfes her die Guitarren ſchnarrten, die Caſtagnetten knackten und dazu der Fandango aufgeführt wurde. Vollkommen verſchmolzen haben ſich die deutſchen Einwanderer auch heutigen Tages mit den Spaniern noch nicht; wenn ſie auch jetzt die gleiche Sprache ſprechen, ſo ſind ſie doch eigen und abgeſondert geblieben, und das nicht nur in Geſicht und Körperbau, ſondern ſogar in der Kleidung und ihrem Weſen. Erzählt doch Rochau ferner: „Als ich in la Carolina einfuhr, ſchauten ein paar junge, friſche Mädchen neugierig aus dem Gitterfenſter eines der erſten Häuſer, und ich begrüßte ſie auf den erſten Blick im Herzen als Lands⸗ männinnen. Ein junger Offizier, mein Wagennachbar, der ohne Zweifel gleichfalls Rechte der Landsmannſchaft gegen die hübſchen Carolinerinnen zu haben glaubte, erlaubte ſich, dieſelben durch einen artigen Wink mit der Hand geltend zu machen. Ein ſpani⸗ ſches Landmädchen würde den Gruß des galanten Lieutenants wie einen ganz erlaubten Scherz aufgenommen und vielleicht lachend 15* Sechszehntes Kapitel. erwidert haben, die beiden Carolinerinnen aber wandten ſich be⸗ leidigt ab und klirrend flog das Fenſter hinter ihnen zu. Welch ein beredter Commentar zu den Geſichtern!“ Nachdem wir über eine Stunde lang im Gaſthof von la Carolina zugebracht, fuhren wir gegen zehn Uhr weiter. Die Nacht war finſter, und die Wagenlaternen zeigten nur die ſchein⸗ bar vorüberhuſchenden Bäume zu beiden Seiten des Weges. So viel ich aber an den gelinden Stößen des Wagens und dem ſanf⸗ ten Neigen bald nach dieſer, bald nach jener Seite merken konnte, war die Straße nicht ſchlecht, was auch das oftmals tolle Fahren des Mayorals beſtätigte. Ich komme immer wieder auf die Be⸗ hauptung zurück, daß die koloſſalſten Nerven dazu gehören, um mit einiger Behaglichkeit in ſpaniſchen Eilwägen, namentlich zur Nachtzeit, fahren zu können. Wenn ich mich auch zum Wagen⸗ fenſter hinausbog, ſo konnte ich doch nur in ſchwachen Umriſſen das vordere Paar unſerer acht Maulthiere erkennen und die auf⸗ und abhüpfende Geſtalt des kleinen Delantero. Da es beſtändig ſtark abwärts ging, ſo durfte es der Zagal nicht wagen, viel auf- und abzuſpringen, um die Thiere mit einem Steinwurf oder einem tüchtigen Schlage anzutreiben. Doch ſaß er unruhig genug auf ſeinem Sitz, ſtrampelte mit Händen und Füßen und ſchrie ſein:„Hatje, hatje!“ oder:„anda Gitana! anda Capitana!“ oder wie die Thiere alle heißen mochten, ſo laut in die Nacht hinaus, daß es häufig das Kuirſchen der Räder auf den Steinen übertönte. Und wie knirſcht und knarrt ſo ein ſpa⸗ niſcher Eilwagen! wenn es ſo im vollen Galopp abwärts geht und der Wagen ſchwankend dahinſaust, jetzt durch ein tiefes Loch hindurch, dann wieder über einen Stein, ſo begreift man nicht, wie das Räder und Wagenkaſten nur eine Stunde lang auszu⸗ halten vermögen. Bäume, Sträucher, die Wände des Hohlwegs, Brückengeländer und Wegſteine, von dem zitternden Schein der Wagenlaternen beleuchtet, ſcheinen eilfertig vor unſerem Anblick rückwärts zu fliehen. Das einzig Beruhigende bei dieſer wilden Jagd iſt der Anblick des Mayorals,— eines rieſenhaften, kräf⸗ Ein Ritt nach Andaluſten. 229 tigen Mannes, der in ſeiner braunen Jacke unbeweglich wie ein Bild von Erz draußen ſttzt; ſeine ſtarke Fauſt hält die Zügel der Stangenthiere, und man ſieht kaum eine Bewegung, wenn er ſie bald rechts, bald links leitet. Sein treuherziges, kluges Geſicht iſt vom Scheine der Laternen beleuchtet, und erſcheint ſo ruhig und heiter, als habe die nächtliche Fahrt durchaus nichts zu be⸗ deuten. Zuweilen ſagt er dem Zagal ein leiſes Wort und läßt ſich auch nicht ſelten von dieſem eine Papiercigarre drehen und in den Mund ſtecken; dann wickelt er ruhig ſeine lange Peitſche auf, pfeift dem Delantero, knallt den Maulthieren eins über und in erneuertem Jagen raſſeln und klirren wir abwärts und immer abwärts, bald rechts, bald links um ſcharfe Bergecken, immer zu, bis vor uns im Thale Lichter aufglänzen. Wir ſind in der Nähe einer ſpaniſchen Stadt, denn die Straße, bis jetzt breit und hart, verengt ſich plötzlich, die Wagenräder ſchneiden tief in den Koth und die müden Maulthiere ziehen uns langſam durch die ſtillen Straßen. Siebenzehntes Kapitel. Jaen. Frühlingsboten. Hitze und Staub. Der Alcazar von Jaen. Quälereien am Thore. Unſer Wirth Don Ramiro. Ein ſchlechtes Souper. Spaziergänge. Aus Rigoletto. Das alte Schloß. Sonntagsleben. Die Kathedrale. Theuere Zeche. 3 Abreiſe nach Granada. Es war ſchon ziemlich ſpät in der Nacht, als wir auf dieſe Art in Baylen anlangten, alle Häuſer waren geſchloſſen, von Straßenbeleuchtung natürlicher Weiſe keine Rede, und wir in einiger Verlegenheit, wie wir die Fonda aufſuchen ſollten, in welcher ſich unſer Baumeiſter Leins befand. Ein paar der Mit⸗ reiſenden, denen ich den Namen der Fonda nannte, ſchüttelten die Köpfe und meinten achſelzuckend: der Gaſthof ſei ihnen nicht be⸗ kannt. Endlich nahm ſich der Mayoral unſerer an und gab uns den vernünftigen Rath, mit in ſeine Fonda zu gehen, und wenn ſich dort unſer Reiſegefährte nicht befände, einen Führer zu neh⸗ men, um ihn zu ſuchen. So thaten wir denn auch, und als wir in den Hausflur des Gaſthofs traten, war das Erſte, was wir ſahen, unſere Koffer, die dort ſtanden. Alſo hatten wir uns wirklich im Namen der Fonda geirrt. Bald fanden wir auch den Geſuchten, der uns erwartet, da wir ja ausgemacht hatten, die Nacht durch nach Jaen weiter zu fahren. Ich muß aber geſtehen, Jaen. 231 daß ich für heute genug gethan zu haben glaubte; ſo und ſo viele Leguas zu Fuß oder zu Eſel, dann die Courierfahrt im ſpaniſchen Eilwagen,— wahrhaftig, die Zimmer in der Fonda zu Baylen hätten lange nicht ſo freundlich zu ſein gebraucht, als ſie es in der That waren, um uns leicht zum Dableiben zu bewegen. Obendrein hatte uns der Mayoral nur die Plätze oben auf der Kutſche anzubieten, für die ich nie eine Schwärmerei gehabt habe. So ward alſo beſchloſſen, die Nacht zu bleiben, um am folgen⸗ den Morgen unſern Weg zu Pferde fortzuſetzen. Wir ſchliefen vortrefflich, beſahen an dem andern Tage in der Frühe die Hauptkirche von Baylen und ritten gegen neun Uhr aus dem Thore der alten Stadt, nachdem wir ziemliche Mühe gehabt, die nöthigen Reit⸗ und Packpferde aufzutreiben. Auch war dieſe Mühe nicht belohnt worden, und wir waren ziemlich ſchlecht beritten. Wir drei hatten zuſammen nur zwei Steigbügel und ſtatt eines ordentlichen Kopfzeuges mit Zügeln waren die Pferde nur mit Halftern und Stricken aufgezäumt. Doch war das Wetter prächtig und ſchön, der Himmel wolkenlos, der Son⸗ nenſchein warm und erquickend, hie und da in geſchützten Lagen ſah man die Sträucher ihre Knoſpen treiben, und Mandelbäume ihre ſanft rothen Blüthen öffnen. Die Landſtraße, auf der wir ritten, war eine würdige Fort⸗ ſetzung der ſchönen Straße über die Sierra Morena: breit, glatt, gut unterhalten; ſie zog in ſanften Schlangen⸗ und Wellenlinien durch ein leicht coupirtes Terrain, jetzt zwiſchen Saatfeldern hin, dann wieder durch grüne Wieſen. Vor uns am Hortzonte, in weiter Ferne, ſahen wir Hügel über Hügel ſich aufthürmen und einen maleriſchen Gebirgszug in dunkelblauer Färbung, der die Landſchaft abſchloß; hinter uns und zur Linken hatten wir die prachtvollen Formen der Sierra Morena, von hier aus geſehen ein ſtattliches Gebirge, vielmehr eine Terraſſenwand von einigen tauſend Fuß Höhe auf der andaluſiſchen Hochebene ſtehend. Unſer heutiger Ritt wäre ohne alle Plage, voll Vergnügen geweſen, wenn uns nicht eines unſerer Packpferde beſtändig zu 232 Siebenzehntes Kapitel. ſchaffen gemacht hätte, indem die Koffer und Nachtſäcke fortwäh⸗ rend auf die rechte Seite rutſchten und wir ſehr häufig halten mußten, um das nothwendige Gleichgewicht wieder herzuſtellen. Gegen Mittag erreichten wir eine einſam ſtehende Venta, die übrigens nicht verfallen war, wie wir es in der Mancha faſt immer angetroffen, die vielmehr von außen einer deutſchen Fuhr⸗ mannsherberge ſo ähnlich ſah, daß es uns ordentlich wohl that. Eine halbe Stunde vorher hatte ich auf einem Felde neben der Chauſſee mehrere aufſprießende Frühlingsblumen bemerkt, die mich ebenfalls ſo an die heimathlichen Fluren erinnerten, daß ich abſtieg, mir einige Crocus pflückte und ſie in meiner Brieftaſche verwahrte. Durch dieſen Aufenthalt hatten die Andern einen Vorſprung gewonnen, und als ich raſch nachritt, fand ich die Venta, die von weitem geſehen ſo ſtill und friedlich auf der Höhe des Berges lag, ſchon zu einem bewegten Lager umgewandelt. Draußen waren Pferde und Laſtthiere angebunden, daneben hatte es ſich unſer Arriero auf dem Boden bequem gemacht, und als ich in das Innere trat, dem großen bekannten Raume, der Küche, Wohn⸗ und Schlafzimmer in Einem iſt, fand ich den Maler und den Baumeiſter in eifriger Verhandlung mit der Wirthin um ein Frühſtück, ſo gut als möglich. Daſſelbe war auch bald bereitet und ſchmeckte, obgleich ächt ſpaniſch einfach, doch ſo vortrefflich, daß ich heute noch gerne daran denke; wir bekamen nichts als gutes Brod, geräucher⸗ ten Speck und fauſtdicke Zwiebel, dazu aber einen vortrefflichen Rothwein, dem wir ſtark zuſprachen. Waren wir doch warm und durſtig geworden! Denn die Sonne, die uns in der Mor⸗ genkühle ſo wohl gethan, fing gegen Mittag an, ſehr unange⸗ nehm heiß auf uns niederzukommen und uns daran zu erinnern, daß wir uns dem Süden näherten, daß wir in Andaluſien waren. Als wir nach einer halbſtündigen Raſt weiter ritten, wurde die Hitze wirklich beſchwerlich; dabei bot die Straße keinen auch nur linienbreiten Schatten, ſie ſelbſt beſtand aus zuſammen⸗ getretenen zermalmten Kalkſteinen, deren weißer Staub von ———. — „ Jaen. 233 jedem Hufſchlag unſerer Pferde in dichten Maſſen aufgewirbelt wurde. Und doch hatten wir erſt Anfang Februar. Wie muß es hier im Juni oder Juli ſein! Einer unſerer Arriero's, den ich hierüber halb pantomimiſch befragte, gab mir auf dieſelbe Art Antwort, wobei er hin und her taumelte, den Kopf tief herab⸗ hängen ließ und die Zunge herausſtreckte, wie ein Jagdhund zur Zeit der Feldhühner. Wir ritten meiſtens ſchweigend dahin und machten nur zu⸗ weilen eine Bemerkung, wenn wir auf einer Höhe der Straße angekommen eine immer ſchönere Fernſicht hatten. Die Gegend verlor allmälig ihren ſanften Charakter, den ſie von Baylen bis hieher gehabt; ſtatt durch Felder und Wieſen führte uns die übri⸗ gens immer gleich vortreffliche Chauſſee durch Strecken Haide⸗ landes und war ſtatt mit Sträuchern und Grün, auf der einen Seite mit einer natürlichen Steinmauer eingefaßt, während ſich auf der andern ein mit Felsblöcken bedeckter Abhang in das Thal hinabzog. Auch die Ausſicht vor uns hatte ihren Charakter ver⸗ ändert, die Hügel waren verſchwunden, und der Gebirgszug, den wir heute Morgen ſchon geſehen, lag, wenn auch noch fernhin, im weiten Halbkreiſe vor uns, während wir auf einer Hochebene ritten.—„Der Alcazar von Jaen,“ ſagte einer unſerer Begleiter, während er geradeaus zeigte. Dort konnte ich aber nichts ent⸗ decken, als einen eigenthümlich geformten Höhenzug, und ſelbſt das ſcharfe Auge unſeres Malers war noch nicht im Stande, dort ein Mauerwerk von den Felſen zu unterſcheiden. Um mich vor den Sonnenſtrahlen zu ſchützen, befeſtigte ich mein Taſchentuch nach Art der Beduinen unter der Reiſemütze auf dem Kopf, wie Los Moros, ſagte der Arriero lachend. Hatte uns aber der unbewölkte Himmel und die heiße Sonne einen beſchwerlichen Tag gemacht, ſo färbte die letztere auch dafür, als es nun Abend wurde, die Bergketten, welche die alte Mauren⸗ ſtadt Jaen umgaben, auf wahrhaft entzückende Art. Da lagen ſie vor uns in den prächtigſten maleriſchen Formen, in Farben, wie man ſie ſich nur denken kann, aber nicht wiedergeben. Unten 234 Siebenzehntes Kapitel. in den Schluchten tiefer Schatten, nur hie und da, wo Geſtein zu Tage trat, gelbliche oder röthliche Flecken zeigend, höher hinauf ein tiefes Blau, das allmälig ins Violette überging, eine präch⸗ tige Farbenmaſſe, nur zerriſſen und maleriſch geſtört durch Schlag⸗ ſchatten vorliegender Hügel und Berge. Weiter hinauf aber wurde Alles heller, glänzender, brennender, und entzückt folgten die Blicke dieſer Pracht, bis hinauf zu den Gipfeln der Bergkette, die uns das ſchönſte Alpenglühen zeigten— Jaen im Hintergrunde des Kreiſes, welchen der Gebirgszug bildete, etwas erhöht am nörd⸗ lichen Abhang deſſelben gelegen, mußte durch ſeine Lage eine ſchöne Ausſicht haben auf die Hochebene und die Thäler, durch welche wir heranritten, ſowie, vor der Mittagsſonne geſchützt, kühl und behaglich ſein. Ja, ſie haben es verſtanden, die Alten, die Lage ihrer Städte zu wählen, und die eindringenden klugen Mauren erkannten die Schönheit dieſer Anſiedlung, bauten hier nach ihren Begriffen eine königliche Reſidenz, und ſchmückten ſie, ſowie die umliegenden Höhen mit ihren zierlichen, phantaſtiſchen, reizenden Bauwerken. Wie müßte ein Nachkomme jenes verſtändigen, fleißigen Volkes trauern über den Verluſt all dieſer herrlichen Stätten; wie müßte er ſein Haupt verhüllen beim Anblick des zerſtörten, einſt ſo prachtvollen Schloſſes, das hoch über der Stadt auf dem Berge thront; über den Anblick der vielen zier⸗ lichen arabiſchen Brunnen am Wege, die größtentheils zerfallen ſind, auf ſie, welche ehemals geheiligt waren und jetzt kleinen, halbnackten ſpaniſchen Kindern dazu dienen, mit Steinen ange⸗ füllt zu werden. Ueber Jaen lag Rauch und Duft, und ein Strahl der ſinkenden Sonne durch ein Seitenthal dringend warf ein gewal⸗ tiges Lichtmeer darüber hin. Bald darauf verblaßte dieſes, ebenſo wie das Alpenglühen, was uns ſo ſehr entzückt. Die wie in Freude und Luſt da ſtehenden Berge wurden plötzlich kalt und nüchtern; ihr lachender Anblick ernſt, ja traurig. Angenehm für uns war es, daß die Nacht hier ſchon faſt ohne Dämmerung hereinbricht; denn kaum war auch der goldene Sonnenglanz am —2,— /=/— Jaen. 235 Himmel verblaßt, ſo zeigten ſich ſchon hie und da glitzernde Sterne, vor allen aber Frau Venus grade über dem mächtigen Thurm des Alcazar's ſtehend wie eine treue Liebe, welche ſich gleich bleibt, und auch den im Unglücke nicht verläßt, welchem ſie in den Tagen des Glückes geleuchtet und gelächelt. Ach! und welch herrliche Zeiten mochte der ſchöne Stern da oben geſehen haben, wenn er nieder⸗ blickte in die Räume des Schloſſes, wo Muſik erſchallte, und die von Lichterglanz erhellt waren, und wenn er ſein weißes Licht niederſtrömen ließ in die Gärten, wo des Königs Tochter wan⸗ delte, wo tauſend weiße Blüthenflocken haben ihren Duft ergoſſen, während Pauken⸗ und Drommetenjubel Klingt herunter von dem Schloſſe. Ach! da war es herrlich in der Burg des ſtolzen, gewaltigen Mauren, und ſo kühl und einſam an dem murmelnden Brunnen zwiſchen den Lorbeer⸗ und Granatbäumen! Mit den weichen Liebesnetzen Hat er heimlich ſie umflochten! Kurze Worte, lange Küſſe, Und die Herzen überfloſſen. Wie ein ſchmelzend ſüßes Brautlied Singt die Nachtigall, die holde; Wie zum Fackeltanze hupfen Feuerwürmchen auf dem Boden. In der Laube wird es ſtiller, Und man hört nur, wie verſtohlen, Das Geflüſter kluger Myrthen Und der Blumen Athemholen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß mich ſo mannigfaltige ſüße Gedanken und Bilder umgaukeln, wenn ich in die Nacht hin⸗ ein reite und einen ſchönen Stern ſehe, oder den weißen Monden⸗ ſchein, wie er ausgebreitet liegt über Berg und Thal, oder die —————— Siebenzehntes Kapitel. öden Fenſterhöhlen einer alten verfallenen Burg. Aber dieſe Bilder bemeiſtern ſich meines Herzens und ich ſehe das alte Schloß plöͤtzlich auftauchen, bemerke den Lichterglanz, der aus den Fenſtern dringt, ich höre die Klänge der Tanzmuſik— ja noch mehr; ich möchte darauf ſchwören, daß ich deutlich vor mir ſehe die glänzenden Gewänder, Menſchen alter vergangener Zeiten, ja daß ich höre tiefe Seufzer und der Blumen Athemholen. Das aber thut meine theure Freundin Phantaſie, die mich jetzt innig liebend und tröſtend umſchlingt, mir bald ſo viel Schönes in die Ohren flüſtert und mir in Bildern zeigt, mich aber gleich darauf wieder neckt und hohnlachend allerlei Entſetzliches vor Augen bringt. Und dazu bedient ſie ſich gern des klaren Mondes und konnte in frühern Zeiten flüſternd ſagen: dieſelbe blaſſe Kugel wird auch jetzt aufgeſucht von zwei andern Augen, aber ſte halten ſich nicht lange beim Betrachten derſelben auf, ſie wenden ſich zwei andern Sternen zu, die glühend in ſie hinein⸗ blicken und denen ſie ſich langſam, aber unaufhaltſam nähern. Ein Glück iſt es, wenn man reitend und ſo denkend plötz⸗ lich durch etwas Aeußeres aus ſeinen finſtern Träumereien auf⸗ geſchreckt wird, wenn das Pferd ſtolpert oder einer der Kameraden einen Schrei der Ungeduld ausſtößt über den langen Weg, der in der finſtern Nacht kein Ende nehmen will. Und ſo war es heute Abend. Obgleich wir ſchon bei Sonnenuntergang die Stadt ge⸗ ſehen, obgleich ſchon lange der Alcazar von Jaen neben und hoch über uns lag, obgleich wir ſchon ſeit einer Stunde die Lichter deutlich aus den Häuſern ſchimmern ſahen, erreichten wir immer und immer noch nicht das Stadtthor. Es war wirklich zum Ver⸗ zweifeln und gerade, als weiche es immer von uns zurück. Endlich erhob ſich rechts von der Straße ein alter mauriſcher Thurm, an den ſich die verfallene Stadtmauer ſchloß, bei welcher wir eine gute halbe Stunde vorbeiritten, um jetzt bei einer leichten Biegung des Weges an das Stadtthor zu gelangen, unter dem wir Uniformen und Laternen bemerkten,— Zollwächter, die auf uns lauerten wie Raben auf ihre Beute. Verdrießlich und müde Jaen. 237 wie ich war, hatte ich mir feſt vorgenommen, eigenſtnnig zu ſein und mich nicht durch die herkömmliche Peſeta loskaufen zu wollen. Unter dem Thore hieß es: Halt! und daß unſere Arriero's den Befehl erhielten, die Thiere abzuladen, um die Koffer durchſuchen zu können, darin hätten wir in Spanien gerade nichts Auffallendes gefunden; daß uns aber einer der Zollbeamten ankündigte, der betreffende Beamte ſei nicht mehr gegenwärtig, unſere Koffer und übriges Reiſegepäck müßten deß⸗ halb am Thore bleiben und wir ſollten morgen früh kommen, es durchſuchen zu laſſen, das war doch in der That mehr, als müde und hungrige Reiſende zu ertragen im Stande ſind. Was ich dem Zöllner auf Spaniſch antwortete, muß ihm bei dem Wohlklange ſeiner edlen Sprache, an den er von Jugend auf gewöhnt war, ſchrecklich anzuhören geweſen ſein, denn ich reihte nur Worte an einander, als: langer Weg, müde, hungrig, Gewalt, Unrecht und verband dieſe mit einer unnöthig großen Anzahl von Carajo's. Als wir aber ſahen, daß dem Beamten dieſes Spaniſch nicht ſpaniſch vorkam, bedeutete unſer Baumeiſter den Thorwächtern ernſtlich, wir würden umkehren und vor dem Thore liegen bleiben, wenn man nicht augenblicklich unſere Koffer unter⸗ ſuchte; daß wir aber mit unſerer Klage über dieſe ſchlechte Be⸗ handlung bis nach Madrid gelangen würden, darauf könnten ſte ſich verlaſſen. Zu gleicher Zeit zeigte ich ihnen den ſchon früher erwähnten Befehl des Gensd'armeriechefs an alle Poſten, uns kräftigen Schutz und Hülfe angedeihen zu laſſen, wobei wir auch verlangten, vor den hieſigen Poſten⸗Commandanten geführt zu werden. Das wirkte. Nach kurzer Berathung durften unſere Arriero's die Koffer wieder aufladen und wir wurden ohne Viſi⸗ tation, ſelbſt ohne Löſegeld entlaſſen. So klepperten wir denn durch die ſtillen öden Straßen des alten einſt königlichen Jaen, bis auf den Marktplatz, wo ſich die Fonda befand, welche man uns empfohlen. Bei dem Lärm, mit dem wir über den nächtlichen ſtillen Platz zogen und vor dem Hauſe hielten, erſchien denn auch ſogleich der Wirth, eine unter⸗ 4 238 Siebenzehntes Kapitel. ſetzte komiſche Figur in braunem Mantel, den ſpitzen Hut auf dem Kopfe, mit der Rechten einen Leuchter hoch emporhaltend, deſſen Licht uns erhellte, zugleich aber auch das verſchmitzte und lächelnde Geſicht unſeres Ventero. Er hieß uns mit einer feierlichen Rede willkommen und führte uns dann hinauf in ſein Haus, wo die beſten Zimmer zu unſerem Empfang ſogleich in Bereitſchaft geſetzt wurden. Dienſteifrig wie er war, belud er ſich auch mit unſeren Effekten, und als wir es uns oben bequem gemacht, blieb er im Zimmer ſtehen und betrachtete mit großer Bewunderung unſere an ſich höchſt einfachen Gewehre. Daß wir das große ſpaniſche Meſſer in der Faja trugen, ſchien ihm ausnehmend zu gefallen; er meinte, dieß ſei die erſte Waffe der Welt, wenn man ſie nur gut zu gebrauchen verſtehe. Darauf zog er ſein eigenes hervor, deſſen Klinge beiläufig geſagt über einen Schuh lang war, wickelte ſich einen Theil des Mantels um den linken Arm, den er ſo als Schild gebrauchte, und ſtellte ſich mit emporgeworfenem Kopf herausfordernd in Poſitur, was bei der kleinen dicken Geſtalt äußerſt komiſch ausſah. Dazu erzählte er uns mit einer unge⸗ heuren Zungenfertigkeit von den drei Angriffsarten mit dem ſpa⸗ niſchen Meſſer, den Wurf behandelte er als etwas Feiges, den Stich in die Bruſt verachtete er ebenfalls, wogegen er für den Hieb in den Leib oder quer durch den Hals auf wahrhaft canni⸗ baliſche Art ſchwärmte und zu wiederholten Malen denſelben gegen uns anwendend vorſprang, was übrigens bei uns ein un⸗- auslöſchliches Gelächter hervorrief, denn unſer Wirth in dem braunen Mantel, wenn er ſo wie toll hin und her ſprang, ſah aus wie ein wahnſinnig gewordener Affe. Plötzlich aber ſchien er ſich auf ſeine Würde als Spanier und Wirth zu beſinnen, er ſteckte ſein Meſſer ein, faßte an den Rand des Hutes und ſagte mit vieler Gravität:„Verzeiht, Caballeros, ich würde mir nicht erlaubt haben, eine Minute lang hier zu verweilen, wenn ich nicht wüßte, daß meine Gemahlin ſchon eifrig mit dem Nachteſſen für Sie beſchäftigt iſt.“ Dann blickte er höchſt ernſthaft an die Decke, während er an den Fingern herzählte:„wir haben alſo 4 — o 22 Jaen. 239 eine Fiſchſuppe, andaluſiſches Gericht— vortrefflich. Dann Braten mit Zwiebeln, wie man ihn in Madrid nicht beſſer be⸗ kommt; wir haben ferner einen Salat mit Geflügel— dabei ſchnalzte er ſtatt einer weiteren Empfehlung mit dem Munde— dann eine ſüße Schüſſel, auf deren Bereitung jeder Spanier ſtolz iſt, und endlich ſelbſtredend das Deſſert. Wenn mich die Cabal⸗ leros gütigſt verabſchieden, ſo werde ich Sorge dafür tragen, daß ſo ſchnell als möglich angerichtet wird.. Daß wir Don Ramiro— ſo hieß unſer Wirth— in jeder Beziehung gern verabſchiedeten verſtand ſich von ſelbſt. Bald hörten wir auch im Nebenzimmer Stühle rücken, Teller klappern und das Souper nahm ſeinen Anfang. Leider war es aber nicht im Einklange mit den ſtolzen Worten des Spaniers; die vortreff⸗ liche Fiſchſuppe roch ſo ſtark, daß ich mich nicht entſchließen konnte, ſie auch nur zu verſuchen; der Braten war ein Gemengſel von verkohlten Knochen, Sehnen und Muskeln, und das Huhn zum Salat ſchien an der Schwindſucht geſtorben zu ſein. Glücklicher⸗ weiſe hatte die Kochkunſt von Don Ramiro's Gattin an Brod und Wein nichts verderben können, und blieben uns dieſe beiden Sachen, ſowie eine ſehr mittelmäßige Chokolade zur Stillung un⸗ ſeres Hungers und Durſts. Dabei kann ich nicht verſchweigen, daß wir von der Hausfrau ſelbſt bedient wurden, daß dieſe aber ein ſo erſchreckend häßliches Geſicht hatte wie ich lange nichts ge⸗ ſehen, ihre Geſichtsfarbe war aſchfahl, die Haut verdeckte noth⸗ dürftig die Knochen, ſo daß man glaubte, einen Todtenkopf vor ſich zu ſehen. Das Haus, in dem wir uns befanden, war ſehr groß und ſchien ehemals der Palaſt eines Vornehmen geweſen zu ſein; es hatte ein weites, ſchönes Treppenhaus, deſſen Decke von Säulen getragen wurde; breite ſteinerne Stufen führten in den erſten Stock, auf einen Vorplatz und geräumige Corridors, an die ſich die Gaſtzimmer anſchloſſen, ebenfalls breit, ſehr hoch, mit großen Fenſtern und alten geſchnitzten Doppelthüren. Unſere Betten waren nicht ſchlechter als man ſie gewöhnlich in Spanien findet. 240 Siebenzehntes Kapitel. Die Ausſicht von unſerm Salon, die wir noch bei Mondſchein genoſſen, war ſehr ſchön; wir ſahen auf verſchiedene Gärten, in denen ſich kleine Häuſer befanden, und hatten vor uns das Ende des Gebirgszuges, welcher die Stadt umgibt, mit dem alten Schloſſe, das hier von der Seite geſehen noch kecker und trotziger an dem Felſen hing. Der andere Tag war ein Sonntag und da der Eilwagen von Sevilla nach Granada, den wir benutzen wollten, erſt am folgenden Morgen um zwei Uhr hier ankam, um gleich darauf weiter zu gehen, ſo hatten wir Muße genug, uns die alte Stadt zu be⸗ trachten. Gleich am Morgen durchſchritten wir einen großen Theil derſelben, da es uns drängte, zuerſt die alte Schloßruine zu beſuchen. Indem Jaen, wie ſchon früher bemerkt, an den Berg hinan gebaut iſt, ſo ſteigen alle Straßen und oft ziemlich ſteil, was der an ſich intereſſanten Stadt noch etwas beſonders Maleriſches verleiht. Die ſchmalen und hohen Häuſer, bald chriſt⸗ lichen bald arabiſchen Urſprungs, hier mit viereckigen, dort mit gewölbten Fenſtern, bald mit einer Terraſſe verſehen und bald mit einem Ziegeldache, ſchauen über einander weg, und die mei⸗ ſten zeigen in ihrem oberſten Stockwerke eine Reihe luftiger Logen, deren Bögen meiſtens auf ſchlanken Säulen ruhen. Für einen Maler gäbe es hier wochenlang die ſchönſte Ausbeute, denn bei jeder Straßenbiegung, bei jedem Schritt, den man weiter in die Stadt hineinthut, ſieht man die intereſſanteſten und originellſten Sachen, bald einen Erker, der wie ein Schwalbenneſt an irgend einem Gebäude klebt, bald eine ſeltſame Treppe, bald einen ehe⸗ mals mauriſchen Brunnen, den man durch die ſchlechte Statue eines chriſtlichen Heiligen gerade nicht beſonders verſchönerte. Zum Schloſſe hinauf führt ein ziemlich ſteiler Fußweg bei einer alten mauriſchen Waſſerleitung vorbei, die noch heute ihren Dienſt thut. Ihre Ränder waren mit friſchen Schlingpflanzen bewachſen, und ſie bildete ſo einen wohlthuend grünen Streifen auf dem gelben kahlen Sandſteinboden, über dem ſie hergeführt war. Aus den herabgerollten Steinen der Schloßmauern hatten Jaen. 241 die Leute Terraſſen gebaut, auf denen ſie Reben zogen, und dieſe Weingärtner wohnten dabei in ſehr proviſoriſchen Hütten und Häuſern. Aber das Klima iſt ja mild und angenehm, und wo jetzt Anfang Februar ganz nackte kleine Kinder mit ihren Füßchen im herabrieſelnden Bergwaſſer ſtanden, da braucht man eigent⸗ lich nicht viel Vorkehrungen für den Winter zu treffen. Auf der Hälfte des Berges, bis wo die gewaltigen Schutzmauern herunter⸗ reichten, verſperrten uns dieſe plötzlich den weiteren Weg und zwar in der Nähe eines kleinen Hauſes, das ſo maleriſch, unab⸗ ſichtlich und originell in einem Mauerwinkel errichtet war, daß wir verwundert ſtehen blieben; ein ehemaliges Säulenthor, von dem aber die Hälfte zerbröckelt umherlag, bildete den Hausflur, der mit Balken und Latten bedeckt war, über welche ſich eine gewal⸗ tige Weinrebe ſchlang. Oben aber in dem Gewölbe des Thor⸗ bogens hatte man ein kleines Schlafgemach gewonnen, während das Wohnzimmer durch Mauerwinkel gebildet ohne Fenſter war und ſein Licht nur durch den alten Thorbogen erhielt. Der helle luſtige Klang einer Weiberſtimme drang aus dem dunkeln Raume hervor und veranlaßte uns, näher zu treten, um uns nach dem weitern Wege zu erkundigen. Statt der Spanierin aber trat uns eine Geſtalt entgegen, vielleicht ihr Vater, Bruder oder auch ihr Mann, der viel mehr einem Räuber als einem harm⸗ loſen Weingärtner ähnlich ſah. Er hatte den andaluſiſchen Hut trotzig auf das rechte Ohr gedrückt und zeigte uns ein finſteres und mürriſches Geſicht. Ein ſchwarzer Bart bedeckte Kinn und Mund, und unter tief herabhängenden Augenbrauen blickten uns die dunkeln Augen an. Auf der linken Schulter trug er eine roth und ſchwarz geſtreifte Manta; und während er ſich vor uns hin⸗ ſtellte, ſtützte er ſich auf ein langes Gewehr, und ſein Meſſer im Gürtel war wenigſtens ebenſo lang wie das unſeres Wirthes Don Ramiro.—„Woher des Weges?“ fragte er uns. Wir er⸗ klärten ihm, wir wollten das Schloß beſuchen, hätten aber wahr⸗ ſcheinlich den Weg verfehlt.„Und das hättet ihr wohl ſehen kön⸗ nen!“ antwortete er, denn durch Weinberge führt wohl nirgend⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 16 242 Siebenzehntes Kapitel. wo die öffentliche Straße. Da Ihr aber einmal da ſeid, ſo will ich Euch durch mein Haus laſſen, und dann koͤnnt Ihr drüben weiter klettern. Kommt!“ Damit trat er unter den Thorbogen zurück, und ich bin nicht ganz ſicher, ob ich ihm gefolgt wäre, wenn ich mich allein befunden hätte.— Ueber dem Thorbogen hing eine große aufgerollte Matte, um dieſen zu verſchließen, und als wir in das Innere traten, fiel mir das Haus des Spara fucile in der Oper Rigoletto ein. Genau ſo ſah Wohnung und Wirth aus. Auch die hübſche Schweſter war da und trillerte ihr Lied⸗ chen fort, als beachte ſie uns gar nicht. Hinten in der Wohn⸗ ſtube befand ſich eine kleine Thür, die er uns öffnete, und dann wieder verſchloß, als wir hindurch gegangen waren. Längs der Mauer ſuchten wir unſern Weg weiter, und als ich mich noch einmal umwandte, bemerkte ich das lachende Geſicht der ſchönen Spanierin, die uns freundlich nachblickte, lachend die weißen Zähne zeigte und dann verſchwand. Donna à mobile come il vento—— ſang ich vor mich hin, während wir aufwärts ſtiegen. Der Kern des Schloſſes, den wir nach halbſtündigem Auf⸗ wärtsſteigen erreichten, iſt mauriſch, ebenſo der große Thurm, der ſtolz und ungebeugt über dem Gemäuer emporragt; die ſpä⸗ tere Zeit aber hat den ehemaligen Alcazar rings um mit Gebäuden der verſchiedenſten Art eingefaßt, Mauern und Wälle angelegt, und das Schloß, der Länge nach auf den Kamm des Felſens aus⸗ geſtreckt, muß ſeiner Zeit ſehr feſt geweſen ſein. Jetzt iſt Vieles zerfallen, und außer einer militäriſchen Feuerwache, die ſich oben befindet, iſt es gänzlich unbewohnt. Die Ausſicht hier iſt prachtvoll; tief unten liegt die Stadt an den Fuß des Berges geſchmiegt, und über der Häuſer⸗ maſſe erheben ſich die ſtarken Umwallungsthürme, vor allen aber die Kathedrale. In ſchöner Färbung breitet ſich vor uns die Ebene aus, durch welche wir geſtern geritten, ein wellenförmiges ,* 2 ,* 2 Jaen. 243 Terrain voll ſanfter Hügel, über welche ſich die gelbe Straße da⸗ hin wendet, an Ubeda vorbei, das von grünen Weiden umgeben iſt, an Baeza mit ſeinem trotzigen Kaſtell, bis am Horizonte der Gebirgszug der Sierra Morena das Ganze prachtvoll abſchließt. Obgleich die Vegetation noch zurück war, ſo ſchmückten doch die zahlreichen Olivenpflanzungen mit ihrem bläulichen Grün das Terrain, und angenehm glänzen hie und da die weißen Mauern ein⸗ zelner Höfe aus dem ſaftigen Grün hervor. Ein Hügel am Rande der Stadt bedeckt mit runden Plätzen zum Dreſchen des Getreides einer den andern berührend und ein eigenthümliches großes Mo⸗ ſaikpflaſter nachahmend, nahm ſich dazwiſchen ganz originell aus. Begreiflicherweiſe ſuchten wir in dem alten Alcazar nach mauriſchen Ueberreſten und wurden erſt nach langem Umherklet⸗ tern für unſere Mühe, dann aber auch reichlich belohnt. Mitten zwiſchen Baſtionen und kaſernenartigen Gebäuden fanden wir näm⸗ lich einen kleinen reizenden Hof, zu welchem ein zierliches Thor in der bekannten Hufeiſenform führte; es war ein heimlicher, verſteckter Winkel mit einer Seite an die Schloßmauer gelehnt, über deren hier niedrige Bruſtwehr man eine entzückende Ausſicht auf die umliegenden Berge hatte. An der Eingangspforte der Wand des Hofes, ſowie dem Fußboden ſah man noch deutliche Spuren, wie reich das Alles einſt mußte verziert geweſen ſein; zwiſchen kunſtreich verſchlungenen Arabesken bemerkte man Bruch⸗ ſtücke von Koranſprüchen, Alles zierlich in Stuckmaſſe ausge⸗ drückt, einſtens bemalt und vergoldet; auf dem Fußboden lagen Haufen von Marmorſtückchen, die früher gewiß kunſtreich zuſam⸗ mengefügt geweſen waren, jetzt aber war es nicht mehr möglich, auch nur eine einzige Figur noch zu erkennen. Als wir das alles ſo aufmerkſam betrachteten, Baumeiſter Leins auch einige Aufnahmen in ſein Skizzenbuch machte, ſah ich eine Schildwache, die hoch von der Mauer herab uns zuſchaute und uns winkte heraufzukommen. Nach einigem Suchen fanden wir auch den Platz droben, wo ſich der ſpaniſche Soldat befand, und nachdem er uns freundlich gegrüßt, führte 6 ds in ſeine Siebenzehntes Kapitel. Wachtſtube, ein finſteres, ſchwarzgerauchtes Gewölbe mit zwei ſchmalen Fenſtern mauriſchen Urſprungs. Erſt als er mit dem Finger auf die gewölbte Decke über uns zeigte, verſtanden wir vollkommen ſeine Freundlichkeit. Die Wachtſtube war ein ganz gut erhaltenes gewölbtes Gemach, bedeckt mit ſchönen arabiſchen Sculpturen; namentlich das Deckengewölbe war ſchön componirt, durch kunſtreiche Arabesken in verſchiedene Felder getheilt, an denen in ununterbrochener Folge ſich Schilde mit den beiden Thürmen des caſtiliſchen Wappens und den Löwen des Königreichs Leon aneinander reihten. Wozu dieſes Gemach einſtens gedient, konnten wir nicht ergründen; vielleicht als Kiosk auf der Höhe der Mauer gelehnt, ſchwerlich als Badgewölbe, obwohl es dieſe Form hatte. Es war ſchon Mittag, als wir Jaen wieder erreichten. Auf den Straßen herrſchte viel Leben, da es Sonntag war, und ganze Schaaren geputzter Männer und Weiber begaben ſich vor das Thor hinaus, zu welchem wir geſtern eingeritten waren, und wo ſich der Paſeo befindet. Die Tracht iſt hier ſchon vollkommen die andaluſiſche; bei den Männern die reich verſchnürte Jacke, eng⸗ anliegende Beinkleider mit zierlich ausgenähten Ledergamaſchen; bei den Weibern der bunte, ziemlich kurze Rock und die ſchwarze Spitzen⸗ oder Seidemantille, welche den Kopf ſo ſchön einrahmt, und ein ſelbſt unbedeutendes Geſticht intereſſant erſcheinen läßt. Doch muß ich geſtehen, das wir hier in Jaen unter dem weiblichen Geſchlecht wenig Köpfe ſahen, die nicht wenigſtens etwas Schönes aufzuweiſen hatten, ſei es das prachtvollſte Haar der Welt oder große blitzende Augen, herrliche Zähne oder die ſanfte, blaſſe, gleichförmige und ſo anziehende Geſtchtsfarbe. Aber auch Köpfe von vollendeter Schönheit bemerkten wir, Köpfe und Geſtalten, vor denen man bewundernd ſtehen bleiben mußte. Und wie ſie ſo elegant und graziös ſind, dieſe Spanierinnen! Wie ſie alles Schöne, was ihnen Gott verliehen: die entzückende Taille, die feinen Hände und Füße, Augen, Zähne, Mund zu gebrauchen und ins rechte Licht zu ſtellen verſtehen!— Und wie ſie dabei die ——— —— Jaen. 245 künſtlichen Waffen handhaben! Mantille, Fächer; o es iſt ent⸗ zückend und betrübend!— Zwiſchen den geputzten Spaziergängern hindurch bei den lachen⸗ den und plaudernden Gruppen wurde eine Kinderleiche von ſechs kleinen Mädchen in einem offenen Särglein getragen. Das arme kleine Todtengeſichtchen ſah ſo friedlich aus, und die Mädchen, die das geſtorbene Kind trugen, wehrten ihm die Fliegen ab, und bald war die Eine, bald die Andere beſchäftigt, die Blumen zu⸗ recht zu legen, womit die Todte bedeckt war, und die ſich bei der Bewegung zuweilen verſchoben; auch vermehrten ſich dieſe Blumen, je weiter der Zug ſich vom Thore entfernte, denn manch ſchönes Weib, manch reizendes Mädchen nahm ein grünes Blatt oder ein Blüthe aus dem Haar oder vom Buſen, und warf es mit einem Segenſpruch auf die Kinderleiche. Der große Platz der ſich vor der Hauptkirche ausbreitet, zog uns beſonders an, ein überreiches Eiſengitter trennte ihn von dem Vorhof der Kathedrale, deren gewaltige Facade aus der ſpäten Renaiſſance⸗Zeit mit zwei mächtigen Thürmen demſelben eine große Würde verleiht. Es iſt, als hätte der Erbauer den ganzen überſchwänglichen Reichthum der gothiſchen Kirchenfronten in ſeinem Styl und mit den Mitteln der antiken Bauweiſe erreichen wollen, eine Unzahl von Pfeilern, Pilaſtern, Balkonen und über einander aufgeſtapelten und durch einander geſchobenen Säulen⸗ ordnungen bedeckt dieſe Fagade, die dadurch allerdings ein ſehr verworrenes Anſehen bekommt, aber durch die Verſchwendung des Ornaments und die mächtigen Verhältniſſe doch imponirt. Gegenüber iſt der Platz durch ein ſchönes altes Gebäude begränzt, in deſſen oberem Stockwerk ſich ein zierlicher Laufgang von kleinen Arkaden auf ſeiner ganzen Länge hinzieht, und das auf der glat⸗ ten Fläche der unteren Stockwerke mit einem ſchönen ſteinernen Erker geſchmückt iſt, dem Erker des Pilatus, wie er in Jaen heißt, wie denn faſt an jedem Hauſe in Spanien an dem ſich ein Erker befindet, der Name des Pilatus haftet. Weit ſchöner und reiner als die Hauptfagade ſind die beiden 246 Siebenzehntes Kapitel. Nebenſeiten der Kathedrale; namentlich die Südſeite, zumal das dortige Portal iſt von überraſchend prächtiger und edler Anord⸗ nung und wunderſchönen Detailformen. Das Innere aber iſt in der That prachtvoll und von majeſtätiſchen Verhältniſſen. Die Säulenbündel, die die Kuppelgewölbe tragen und die drei Schiffe von einander trennen, ſtehen auf hohen Piedeſtalen und die weite Stellung dieſer Stützpunkte verleiht dem mächtigen Raum etwas Luftiges und überaus Kühnes. Von der früher auf derſelben Stelle geſtandenen alten Kathe⸗ drale iſt auf der Rückſeite des Aeußeren noch ein höchſt intereſſan⸗ tes Stück des gothiſchen Unterbaus übrig geblieben, das eine ſehr günſtige Meinung von dieſem verſchwundenen Bau erweckt. Ich hatte es über mich genommen, mit Don Ramiro unſer heutiges Mittagsmahl zu beſprechen. Auf die gelinden Vorwürfe die ich ihm wegen des geſtrigen Soupers machte, ſtellte er ſich anfänglich ganz verwundert, dann aber gerieth er in einen erkün⸗ ſtelten ſehr furchtbaren Zorn hinein und verſicherte, es ſei ihm das bei vornehmen Herrſchaften mit ſeiner Köchin ſchon einigemal paſſirt, aber dießmal wolle er mit ſeinem Meſſer dabei ſtehen bleiben. Dabei patſchte er ſich auf den dicken Bauch, klappte die Zähne zuſammen, und wenn man nach ſeinem entſetzlichen Blick urtheilen wollte, ſo war die Köchin wegen eines einzigen verdor⸗ benen Gerichtes in Gefahr, heute Abend ſchon eine Leiche zu ſein. Nachdem der Wirth ſeine Capa maleriſch umgeworfen, mir an der Thür nochmals ſehr effektvoll zugegrinst, wobei er auf ſein Meſſer wies, ging er die nöthigen Befehle zu geben. Ich ſetzte mich ans Fenſter und blickte auf die Stadt hinaus, zuerſt aufwärts nach dem alten Schloſſe, dann vor mich in die Tiefe, wo ſich ein einſtens hübſch angelegter Garten jetzt in der maleriſch⸗ ſten Unordnung befand; zerbrochene Steinbänke waren kaum noch ſichtbar vor wucherndem Gras und Brennneſſeln, kopfloſe Sta⸗ tuen ſahen eigenthümlich, faſt grauenhaft aus, da ſie wie im Todeskampfe Arme und Hände krampfhaft von ſich ſtreckten, denen Füllhorn und Bogen längſt entfallen war. Die Gartenbeete „ waren kaum noch ſichtbar durch einige Einfaſſungſteine und ein paar wuchernde Blumenpflanzen, die ſich von Generation zu Generation fortgepflanzt und immer kümmerlicher geworden waren. Auch ein ehemaliger Springbrunnen befand ſich hier unten, aber ſein Waſ⸗ ſer war verſtegen gegangen und die marmorne Schale wurde zum Kehrichtfaß benutzt. Das einzige Freundliche und Angenehme in dieſer verwahrlosten Umgebung war ein lebendiges Reh, das unten vor meinem Fenſter angebunden war und welches dankbar die Stückchen Brod aufſuchte und fraß, welche ich ihm hinunter warf, wobei es mich ſo lieb und ehrlich mit ſeinen großen glän⸗ zenden Augen anſah. Unſer heutiges Mittageſſen war inſoweit beſſer, als wir keine ſtinkende Fiſchſuppe hatten, auch wagte Niemand eine tadelnde Bemerkung laut werden zu laſſen, da Don Ramiro mit ſo furcht⸗ barem Blicke ab⸗ und zuging, daß wir nicht anders erwarten konnten, als daß die geringſte Klage unſererſeits einen ſchrecklichen Mord nach ſich ziehen würde. Auf der Poſt hatten wir die Plätze nach Granada vormer⸗ ken laſſen, und da wir von hier aus die Erſten waren, ſo konnten wir hoffen befördert zu werden, wenn nicht, wie das häufig vor⸗ kam, der Eilwagen vollkommen beſetzt war; dann blieb uns nur übrig, zu warten oder weiter zu reiten.— Dießmal aber hatten wir Glück, denn ſchon um halb Zwei wurden wir vom Mozo des Hauſes mit der freundlichen Botſchaft geweckt, die Diligence von Baylen ſei angekommen und habe drei außerordentlich ſchöne Plätze für uns. Schnell waren wir reiſefertig, hatten aber noch einen ſehr ergötzlichen Zwiſchenfall mit Don Ramiro, der uns mit der Verſicherung, er habe uns als Freunde behandelt, eine ſo unver⸗ ſchämte Rechnung übergab, daß wir laut lachen mußten. Ich ſtrich ihm einfach über ein Drittel herunter und zählte ihm das Geld auf, das er anfänglich ſchwur, nicht nehmen zu wollen:„Entweder die ganze gerechte Summe oder gar nichts,“ ſagte er. Als ich mich aber anſchickte, ihm im Letzteren ſeinen Willen zu thun, zog 248 Siebenzehntes Kapitel. er andere Saiten auf, d. h. er ſtrich ſein Geld ein und verlies uns mit einem ſehr ſteifen Kopfnicken. Ueber unſere Plätze im Eilwagen hatten wir uns nicht zu beklagen; alle drei waren im Interieur, doch machte mir der Ma⸗ voral Hoffnung auf einen Platz im Coupéè von Campillo de arenas an, den ich auch alsdann richtig erhielt, und mich nun vorn in dem breiten Wagen allein mit einem Geiſtlichen befand, und was das Sitzen anbelangte, auf's Allerbehaglichſte verſorgt war. Mit dem Fahren und dem Wege dagegen hatten wir wieder das alte ſpaniſche Elend; die gute Straße von Baylen nach Jaen hörte hier ſogleich auf, und des Rüttelns und Stoßens, des Hin⸗ und Herwankens und der ewigen Ausſicht, umgeworfen zu werden, war kein Ende. Dabei gab mir der Mayoral faſt auf jeder Sta⸗ tion die untröſtliche Verſicherung, es komme immer ſchlimmer. Und wahrlich, der Mann hatte Recht. Von einer ſolchen Fahrt kann man einem deutſchen Gemüthe, das nichts ähn⸗ liches gefühlt, keinen Begriff machen. Am tollſten wurde es, als wir Nachmittags höhere Berge zu paſſiren hatten; hier war die Straße durch herabſtürzende Bergwaſſer oft ſo aus⸗ gewaſchen, daß bald die Räder auf der rechten, bald auf der linken Seite in ſchuhtiefe Löcher einſanken, wobei ſich der Wagen krachend neigte und erſt in geraumer Zeit wieder aufzu⸗ richten im Stande war. Ich möchte faſt behaupten, bei dieſen grundloſen Straßen iſt das tolle Jagen der ſpaniſchen Poſtillone eine Nothwendigkeit; der Wagen, der von einem Loch in das andere geriſſen wird, kommt nicht zur Beſinnung und hat keine Zeit umzuwerfen, denn kaum macht er hiezu einmal ernſtliche An⸗ ſtalten, ſo hetzen Mayoral, Zagal und Delantero mit Geſchrei und Peitſchenhieben die Zugthiere, daß ſie in tollem Jagen die ſtürzende Diligence wieder aus den Untiefen aufs feſte Land reißen. Zum Ueberfluſſe und für uns vornen im Coupé zu ſehr un⸗ angenehmer Anſicht hatten wir von Cortijo de Andar eine andere ſchwerbepackte und lang beſpannte Diligence vor uns, deren wahr⸗ haft erſchreckende Sprünge die ſteilen Berge hinab, ſowie das ver⸗ —— G —ͦ ͦ — G —ͦ ͦ Jaen. dächtige Schwanken uns beſtändig anzeigte, daß es uns an derſelben Stelle gerade ſo gehen würde. Wir nannten die Diligence vor uns nur den Probirwagen, und ſo lange dieſer nicht auf der Seite lag, hatten auch wir gute Hoffnung. Unſerem Mayoral diente er in der That auch als Wegweiſer, denn ein paarmal, wo der Vordere in tiefe Löcher einſank und auf Augenblicke ſtecken blieb, vermieden wir dieſe Stelle und kamen glücklich durch. So erreichten wir Nachmittags gegen fünf Uhr die letzte Station vor Granada, und als der Mayoral vom Bocke ſtieg, gab er mir eine erfreulichere Antwort.„Sobald wir über den Höhenzug vor uns hinweg ſind,“ ſagte er,„haben wir nach Gra⸗ nada eine Straße glatt wie der Tiſch.“— Alſo Ende gut, Alles gut. Das war in der That eine angenehme Ausſicht, und unſer Roſſelenker ſprach im Guten, wie im Schlimmen die Wahrheit. Mein Geiſtlicher im Wagen, mit dem ich mich ſo gut als möglich unterhielt— er verſtand keine andere Sprache als Spaniſch— entſetzte ſich bei der ganzen Fahrt über mein beſtändiges Cigarren⸗ rauchen.„Schon wieder eine!“ rief er mit komiſchem Entſetzen, ſo oft ich mein Etui aus der Taſche zog.„Jeſu Maria! Caballero, Ihr müßt ja in Eurem Innern austrocknen, wie ein Stein. Ich habe freilich auch einmal in meiner Jugend geraucht,“ ſetzte er hinzu,„aber vielleicht im ganzen Tag drei oder vier Cigarretten; das war Alles.— Oh!— oh!— oh!“ Dabei ſah er mich mit komiſchem Ernſt von der Seite an. Uebrigens war er ſehr freundlich, erklärte mir von der Gegend, was ich wiſſen wollte, und als wir nur langſam die Anhöhe, von der ich vorhin ſprach, hinauffuhren, faltete er ſeine Hände und that ſehr bewegt, jetzt endlich ſein ſchönes Granada wieder zu ſehen. Ich geſtehe es, daß auch mir ſeltſam, höchſt erwartungsvoll, ja feierlich zu Muthe war, faſt ebenſo wie damals, als ich vor langen Jahren mit meinem Beduinen durch einen dichten Olivenwald auf⸗ wärts ſprengte, einer kahlen Höhe zu, von der man Jeruſalem ſieht. Wie haben wir uns nicht, wenn auch in anderem Sinn, von frühe⸗ ſter Jugend an mit Granada beſchäftigt, Granada, dem letzten Siebenzehntes Kapitel. Jaen. 250 Halt des ſo edlen, glänzenden, kriegeriſchen und tapferen Mauren⸗ volkes. Granada! Schon der Name klingt ſo erfriſchend, ſo ſüß und feurig; wohlthuend wie der Duft einer Roſe, angenehm wie die glühende Blüthe der Granate in ihrem dunklen, ſaftigen Laube. 2 — Granada von dem der Spanier ſagt: „A quien Dios lo quiso bien en Granada le dié de comer.“ (Wen Gott lieb hat, dem gibt er ſein Brod in Granada.) Oder wie das Lied heißt: El que no ha visto Granada, No ha visto nada. —— Wir hatten die Höhe erreicht; vor uns lag die pracht⸗ volle Vega von Granada, jetzt ſchon wie ein grünes Meer der herrlichſten Vegetation, von dem ſtilberglänzenden enil durch⸗ E ſtrömt. Die Schatten des Abends ſenkten ſich ſchon herab auf 3 die Ebene, aber aus ihr hervor glänzten noch hell die weißen Ge⸗ 3 bäude von Granada mit ihren unzähligen Kuppeln und Thürmen. Alles aber überragten die gewaltigen Maſſen der Sierra Nevada, 6 deren ſchneebedeckte Gipfel in den Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten und glühten. Mein Nachbar im Wagen zeigte mit einem ſeltſamen Geſichtsausdrucke auf eine noch unter uns S liegende grüne Bergwand, auf deren Höhe wir ein fabelhaftes, a zierliches Bauwerk ſahen, mit zahlloſen Säulen und Bogen, wie eine weiße Elfenbeinſchnitzerei zwiſchen den ſchwarzen Cypreſſen L hervorglänzend— die Xeneralife, ſagte er. Und dann zeigte er 2 etwas tiefer, wo ſich auf demſelben Bergrücken gewaltige rothe n Thürme und Mauern erhoben, die noch gerade einen letzten Kuß d der ſinkenden Sonne empfingen.— und als er darauf leiſe und te feierlich ſprach: Alhambra, verſanken wir Beide in tiefe Träume⸗ 2 reien und ſagten kein Wort weiter, bis wir endlich tief unten in 3 T der Stadt ſelbſt anhielten, wo wir uns mit einem herzlichen„gute T Nacht!“ trennten. 3 Achtzehntes Kapitel. Granada. Lage der Stadt. Xenil und Darro. Die Fonda nueva. Die Straßen von Gra⸗ nada. Die Kathedrale. Die Cartuja. Phantaſien auf der Bivarrambla. Ein Turnier in alter Zeit. Der Zacatin. Die Alhambra. Die eneralife. Der Thurm der Gefangenen. Der Parador der Sultanin. Blick in die Umgebung. Der Paſeo. Caſa de Boabdil. Ein Feſt auf dem Sacro Monte. Die Schönheit der Andaluſierinnen. Faſt im ſüdlichſten Theile des ſchönen Spaniens, nicht viele Stunden vom mittelländiſchen Meer, wo ſeine tiefblauen Wellen an die Küſte von Malaga und Almeria ſchlagen, erhebt ſich eine Gebirgskette ſo hoch, daß die Spitzen ihrer Berge mit ewigem Schnee bedeckt ſind, die Sierra Nevada. Gegen Süden und Weſten fallen ihre Wände ſchroff herunter, eine rieſenhafte Schutz⸗ mauer bildend für die herrlichen Thäler und prachtvollen Städte, die ſich auf der öſtlichen Seite befinden. Hier fällt das Gebirge terraſſenförmig ab, und nachdem es hoch oben prächtig maleriſche Bergformen zeigt, ſinkt es in weichen lieblichen Ausläufern in's Thal hinab. Einer dieſer Ausläufer, eigentlich ein vorſpringender Bergrücken, Cerro de Santa Elena genannt, iſt durch zwei enge, felſige Thäler von den andern vorſpringenden Ausläufern ge⸗ trennt, und aus dieſen Thälern, wo unten die Myrthe blüht und die Granate mit ihrer glühenden Blüthenpracht üppig gedeiht, ſtürzen zwei klare friſche Bergwaſſer, der Xenil und der Darro, 252 Achtzehntes Kapitel. hervor, ſo das Elenengebirge auf zwei Seiten abgränzend. In der Ebene angekommen, neigen ſich dieſe fröhlichen Kinder des Berges gegen einander und vereinigen ſich vielleicht eine Stunde von deſ⸗ ſen Fuße. Der Aenil iſt der ſtärkere und das ſpaniſche Volkslied nennt ihn den Verlobten und den Darro die Braut, die ihm ihren goldführenden Sand zur Morgengabe bringt, auch in der Um⸗ armung des Gemahls verſchwindet, denn von der Vereinigung an führen beide Flüßchen miteinander den Namen Kenil und eilen ſo durch die Vega dem Guadalquivir entgegen.— Ueber dieſe Ver⸗ mählung exiſtiren eine Menge ſpaniſcher Romanzen und Lieder. Eine derſelben prophezeiht den einſtigen Untergang Granadas durch die reißenden Fluthen des Darro, indem es ſagt: Darro tiene prometido, De casarse con Genil; Is le ha de llevar en dote Plaza Nueva y Zacatin. Darro hat es einſt verheißen, Mit Xenil ſich zu vermählen: Führt ihm zu als Morgengabe Plaza Nueva und Zacatin. Und dieſe Vega! Sie iſt am Fuße des Elenagebirges, was die Huerta bei Valencia iſt; nur iſt ihre Vegetation an Bäumen ſtärker und reicher. Auf jenem wunderbaren Stückchen Erde nun, welches der Lauf des Penil und Darro von der Ebene abſchneidend dem Fuße des Cerro de Santa Elena zuweist, an dieſen weichen Berg⸗ ausläufer im Halbkreiſe geſchmiegt und theilweiſe an ihm empor⸗ ſteigend, liegt die alte prächtige Maurenſtadt Granada. Während ihr weſtliches Ende in der Ebene lagert, ſind die öſtlichen Stadt⸗ theile in die Schlucht des Darro hinein fortgebaut und ſind auf das rechte Ufer übergetreten, wo nach der Flucht der Araber aus Baeza, Antequera u. ſ. w. ein neuer Stadttheil, der Albayzin, entſtand, die heutige Zigeunervorſtadt mit Schutt, Ruinen —— ⏑ Granada. 253 und Erdhütten bedeckt, ſie, die einſt zehntauſend vornehme Ritter⸗ familien beherbergte. Auf jenem Bergausläufer aber, den hohe ſchneebedeckte Ge⸗ birge eiferſüchtig zu bewachen ſcheinen und die Flüſſe liebend um⸗ ſchlingen, thront das koſtbarſte Kleinod Granada's, ja jetzt ganz Spaniens: Noch in ihren Trümmern hehr, Mit Moſchee und Marmorbade, Wie ein Mährchenpallaſt der Sultanin Schehezerade, Liegt das Maurenſchloß Alhambra. Ein in allen Farben blitzender Edelſtein, hoch erhaben über der Stadt und wieder überragt von der Gebirgskette der Sierra Nevada mit ihren zackigen Formen in grünlich violetter Färbung, die oben zum hellen Silbergrau verblaßt und gekrönt iſt mit den blendenden Flächen des ewigen Schnees, über welche wieder empor⸗ ſtreben die glänzenden Gletſcher des hohen unerſteigbaren Veleta, des prachtvollen Cerro de Caballo und des Mulahacen mit ſeinem breiten, ſtarren Haupte, die ſich hier alle in der unbeſchreiblich klaren Luft auf dem tiefblauen Himmelsgewölbe ſo ſcharf mit ihren feinſten Nuancen abzeichnen. Vor der Stadt breitet ſich, vielleicht dreißig Stunden im Umfange haltend, die üppig blühende Vega aus, in welcher Granada liegt wie in einem grünen Meere. Und wie iſt die Stadt ſanft am Berge aufſteigend auch in ihren Einzelnheiten ſo ſchön! Die unzählbaren Häuſer mit ihren flachen Dächern und Terraſſen, häufig mit freundlich grünenden Pflanzen bedeckt, mit luftigen Bogenreihen, mit Bogenfenſtern und Arcaden, durchwebt vom hellen Grün der Orangenbäume und eingerahmt mit ſtolzen faſt ſchwarzen Cypreſſen; über die Häuſermaſſen empor erheben ſich zahlloſe Kuppeln und Thürme, letztere bald ſchlank und zierlich, bald ſchwer und maſſenhaft. Der Ausläufer des Elenagebirges, auf dem die Alhambra liegt, iſt mit friſchem weichem Grün bedeckt und zeigt nirgendwo eine nackte kahle Fläche, wie die meiſten Berge Spaniens. Wird Achtzehntes Kapitel. 254 doch dieſer Hügel von vielen und reichen Quellen getränkt, welche die Sierra Nevada ihrem Liebling ſpendet, auf daß er unaufhör⸗ lich prangen kann in jugendlicher Friſche und dem Schmucke ewig grüner Wälder. Zwiſchen dieſen hervor am Rande des Elenen⸗ berges erheben ſich gewaltige, meiſtens viereckige Thürme und Mauern, welche in einem weiten Kreiſe die ganze obere Fläche des Berges einrahmen; aus rothem Sandſtein erbaut, haben ſie eine angenehme warme Farbe, die ſich aus der grünen Umgebung ſo freundlich abhebt. Von dieſer Färbung hat auch die ganze Mauern⸗ burg ihren Namen; ſo ſagt man wenigſtens; denn Al⸗hamra heißt das rothe. Unter Alhambra verſteht man aber nicht nur den bekannten Palaſt der mauriſchen Könige, ſondern den ganzen Theil der I Stadt, der auf der bezeichneten Anhöhe liegt und deſſen Häuſer wahrſcheinlich zur engeren Hofhaltung gehörten; man könnte ſagen, ſie iſt die Akropolis von Granada. Jetzt befindet ſich dort oben eine Pfarrkirche mit einem Kloſter, eine ziemliche Zahl Häu⸗ ſer, Höfe und Gärten, einige wüſte mit Schutt bedeckte Plätze, der große unvollendet daſtehende Palaſt Karls des Fünften und neben ihm die übrig gebliebenen Theile des Sommerpalaſtes der Kalifen. All das Ebengenannte iſt mit einer mehrere Ellen dicken Mauer und den gewaltigen viereckigen Thürmen ringsum einge⸗ ſchloſſen. Die meiſten dieſer Thürme waren von jeher zur Ver⸗ theidigung beſtimmt und ſind jetzt leer und halb verfallen; in eini⸗ gen findet man freilich wie einen Edelſtein unter Schutt und Trümmern irgend ein kleines erhaltenes Gemach im mauriſchen Geſchmack wunderbar und herrlich verziert; nur an der Nordſeite, wo ſich der Berg ſteil zum Darro hinabſenkt, wo die größten Thürme ſtehen, ſind ſie wohl erhalten und verſchließen in ſich jene bekannten Gemächer, welche den Patio de la Alberca, der Hof des Teiches genannt, ſowie den Löwenhof umgeben. Hier iſt die ſo⸗ genannte Caſa real del Alhambra, die Wohnung der mauriſchen —— ,6 2—, ·—„„. —— Granada. 255 Könige, was wir, wie ſchon bemerkt, im engen Sinn unter dem Namen: Alhambra begreifen. Da, wo an der Südſeite die Befeſtigungen aufhören, ſteigt man zu einer ziemlich tiefen Schlucht hinunter, auf deren gegen⸗ über liegenden Seite höher als die Alhambra das kleine mauriſche Sommerſchloß Keneralife liegt, leicht und luftig von allen Seiten dem erquickenden Hauche zugänglich, der von den Schneebergen herabweht, mit Säulengängen und Terraſſen, blendend weiß her⸗ vorleuchtend zwiſchen faſt ſchwarz erſcheinenden Cypreſſen, wie eine wunderliebliche Phantaſte, wie ein verkörperter architektoniſcher Traum. So waren wir alſo in Granada, wonach ich mich ſo unbe⸗ ſchreiblich geſehnt, was ich zu erreichen geſtrebt wie ein Kleinod, das mir auch ewig bleiben muß; eine Erinnerung an dieß Para⸗ dies der Erde, und das iſt Granada mit ſeiner himmliſchen Um⸗ gebung, wird ſich in meinem Gedächtuiß, ſo hoffe ich, ungeſchwächt erhalten, bis ich einſtens überhaupt nichts mehr denken werde. Alle Mühſeligkeiten der Reiſe, die wir bis jetzt erduldet, erſchienen uns nie dageweſen und tauſendfach belohnt. Wer ja, wie wir ſchon in alten Mährchen laſen, das koſtbarſte Zauberſchloß ge⸗ winnen wollte, oder die Hand der wunderſchönen Prinzeſſin, der mußte durch Wüſten und Einöden ziehen, mußte ſich mit Dra⸗ chen und Rieſen herumſchlagen. Ja, in allen unſern kleinen Lei⸗ den war uns der Gedanke an Granada ſtets wie ein Stern in dunkler Nacht, und mehr als Einmal citirte ich in den dürren Flächen der Mancha und den wilden Toledaner Bergen meinem Reiſegefährten die Worte Freiligrath's: Und düſter durch verſengte Halme Wall' ich der Wüſte dürren Pfad.— Wächst in der Wüſte nicht die Palme? So hatten wir alſo die Palme errungen und Granada er⸗ reicht, und als wir auf den Balconvor unſerm Fenſter in dem klei⸗ nen Gaſthof der Fonda nueva traten, ſahen wir vor uns auf dem 256 Achtzehntes Kapitel. Berge den ſchönen Traum aus der Jugendzeit mit Einem Male verkörpert vor uns ſtehen, las torres bermejas, die rothen Thürme der Alhambra. In Madrid hatte man uns die Fonda Minerva zur Woh⸗ nung vorgeſchlagen; als wir uns aber von dem Eilwagen dorthin begaben, war das Haus öde und leer, vor der Thür empfing uns weder Wirth noch Kellner, ſondern ein paar Maurerburſche mit Hammer und Kelle, welche uns anzeigten, der Gaſthof ſei auf eine Zeitlang geſchloſſen, weil ein neuer Eigenthümer im Begriff ſei, ihn gänzlich umzubauen; zugleich aber erbot ſich einer dieſer Arbeiter, uns in einen nahe liegenden andern Gaſthof zu führen, wo wir uns recht gut beſinden würden. Da er hierin Recht hatte, ſo kann ich nicht umhin, die Fonda nueva allen künftigen Rei⸗ ſenden beſtens zu empfehlen. Sie liegt auf dem Plaza del Lobo; dieſer ſtößt an die breiteſte Straße von Granada, die Car⸗ rera del Darro, von wo wir wenige Schritte zur Alameda vieja haben. Die Straße hat ihren Namen daher, weil der Darro mitten durch ſie hindurchfließt, der hier von mehreren kleinen Brücken überwölbt iſt. Gegenüber unſern Fenſtern erhob ſich ein eigenthümlicher alter Palaſt im ausgeartetſten Rococogeſchmack mit wunderlichen Bildhauerverzierungen und ſeltſam gewundenen Säulen, wie man ſie ſonſt nirgends bei Bauwerken aus jener Zeit wohl finden kann; das Dach in einer eigenthümlich ausgeſchweiften Form und ſeinen ſonderbaren Umriſſen erinnerte mich lebhaft an neuere Gebäude in Conſtantinopel, namentlich die tief herab⸗ reichende Bedachung an einen koſtbaren alten Brunnen in Topchana. Dieſer Palaſt hier in Granada heißt ſonderbarer Weiſe das Haus des Veziers, dient aber jetzt zu einer Kaſerne. Unſer Gaſthof befand ſich in einem neugebauten Hauſe; in den untern Räumen war ein Cafe, was für uns leider den Uebel⸗ ſtand hatte, daß wir den ganzen Tag bis in die ſpäte Nacht hin⸗ ein die unaufhörlichen Dudeleien eines Klavierſpielers mit an⸗ hören mußten, eines unglücklichen Muſtkanten, der dort zum Ver⸗ gnügen der Gäſte fort und fort auf ſeinem Inſtrumente taglöhnerte ——— ——,—— Granada. 257 Ich habe dieſer leidigen Zuthat zu vielen ſpaniſchen Kaffee⸗ häuſern ſchon in Madrid erwähnt; hier aber hätte der Gaſt⸗ hofbeſitzer billigerweiſe etwas mehr Rückſicht auf ſeine Gäſte neh⸗ men ſollen. Im Uebrigen war an den Zimmereinrichtungen, an der Küche und den Preiſen nichts zu tadeln; Frühſtück und Diner wurden annähernd auf engliſche Weiſe ſervirt. Noch am Tage unſerer Ankunft meldete ſich ein Führer zur Alhambra und den übrigen intereſſanten Punkten Granada's, ein hübſcher und luſti⸗ ger Menſch, gebildet und von unerſchöpflicher Laune, den ich em⸗ pfehlend erwähnen muß. Er hieß ben Saken, ein Name, der faſt arabiſch klingt, und war der jüngere zweier Brüder von glei⸗ chem Beruf. Zur Ankunft hatten wir gut dinirt und ſchliefen vortrefflich, obgleich in geſpannter Erwartung der wunderbaren Dinge, die wir morgen ſehen ſollten. War mir doch in der That zu Muth, wie in den Tagen meiner Kindheit vor dem Weihnachts⸗ abend, wo wir eine herrliche Beſcheerung erwarteten, von deren Schätzen wir nichts ganz Gewiſſes wußten, und uns nur ahnungs⸗ voll erinnerten, daß wir allerlei prächtige Sachen in bunten Far⸗ ben ſchillernd durch die geöffnete Thür erblickt. Am andern Tage betraten wir ſchon in der Frühe die Gaſ⸗ ſen Granada's, durch welche wir einen Spaziergang machten und dann erſt zur Alhambra hinaufſtiegen. Hätten wir nicht dieſes Ziel im Herzen gehabt oder wäre Granada die erſte ſpaniſche Stadt mit mauriſchen Ueberreſten geweſen, die wir betraten, ſo würden wir zu dieſem Spaziergang Tage lang gebraucht haben; in Toledo, Jaen und ſo vielen andern Orten konnten wir oft Stunden lang betrachtend vor einem mauriſchen Thorbogen, vor einem zierlichen Fenſter ſtehen bleiben, die ſich aber auch dort nur vereinzelt zwiſchen den übrigen Bauwerken und an den Häu⸗ ſern zeigten, wogegen uns hier in Granada auf jedem Schritte irgend ein Anklang aus der Zeit der kunſtſinnigen Araber aufſtieß. War es hier eine ganze Hausfacade mit hufeiſenförmigen Fenſter⸗ bogen, zierlichen Säulchen oder einer mauriſchen Terraſſenteu⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 258 Achtzehntes Kapitel. nung, ſo war es dort ein Thor mit herrlich gemeißelten Inſchriften, hier eine Brücke, die unverkennbare Spuren ihrer Erbauer trugen. Dabei haben manche Straßen, namentlich aufwärts an den Ufern des Darro etwas unbeſchreiblich maleriſch Ruinenhaftes, hervor⸗ gebracht durch die Ueberreſte einer kühn geſprengten Brücke, von der man noch Stücke der Endpfeiler, die Hälfte des zierlichen Bo⸗ gens und dergleichen an den Häuſern kleben ſieht, oder durch einen Balcon mit fehlenden Gittern, einer Wand mit grünen Schling⸗ pflanzen bedeckt, oder durch ein weit hervorſpringendes mauriſches Dachgeſims, das einſtens ſchön geſchnitzt war und in hellen Farben prangte. Doch iſt jetzt das Holzwerk verwittert, theilweiſe herab⸗ gefallen und grau geworden. Die Straßen von Granada ſind ſehr eng und gewunden, wie in allen Städten von arabiſcher Bauart; die neueren Privat⸗ wohnungen ſind einfach und ohne beſonderen Styl, nur haben ſie größtentheils Terraſſen und hoch oben auf dem Dache meiſtens gegen Weſten geöffnete Arcaden. Obgleich die Stadt an ſchönen öffentlichen Gebäuden, Kirchen, Klöſtern, Spitälern aus der frühe⸗ ren und ſpäteren chriſtlichen Zeit reich iſt, ſo ſind dieſe doch nicht im Stande, von Granada den ſo poetiſchen mauriſchen Hauch oder Anſtrich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, zu verwiſchen, viel⸗ mehr iſt es gerade, als haben die Araber erſt geſtern die Stadt verlaſſen und könnten ſchon morgen wieder kommen, um ohne große Veränderungen von ihren Häuſern und Schlöſſern Beſitz zu ergreifen. Sind es doch kaum vierhundert Jahre, daß der letzte König von Granada, Boabdil, die Stadt verlaſſen mußte, und wenn ihm auch eine große Menge ſeiner Anhänger nach Afrika folgte, ſo blieb doch eine größere Anzahl edler Familien und Bür⸗ ger zurück, die freilich nach und nach gezwungen wurden, zum Chriſtenthum überzutreten, aber trotzdem noch lange an den Sit⸗ ten und Gebräuchen ihrer Väter feſthielten. Bis zur Zeit Karls des Fünften war mauriſche Tracht noch ziemlich allgemein in Gra⸗ nada und erkauften ſich doch noch im Jahr 1526 die übrig geblie⸗ benen Araber für achtzigtauſend Dukaten das Recht, die Tracht G& Granada. 259 ihrer Väter beibehalten zu dürfen, für welche Summe Karl der Fünfte ſeinen Palaſt auf der Alhambra zu bauen begann. Wie denn in der Stadt faſt kein altes Haus mehr iſt, das nicht mehr oder minder Ueberreſte arabiſcher Baukunſt zeigt, neben andern Gebäuden, die in demſelben Styl noch vollkommen erhal⸗ ten ſind, ſo erinnern auch die Namen der Plätze, die Bivarrambla, ſowie mancher Straßen und Thore, der Zacatin, Calle de los Zenetes, de los Gazules, delos Gomeles lebhaft an die Herrſchaft der Araber. Was muß Granada in jener Zeit geweſen ſein, wenn man bedenkt, wie viel Wunderbares heute noch übrig geblieben iſt, nachdem Fanatismus und Rohheit drei Jahrhunderte lang ihre verwüſtende Hand an die Thürme und Schlöſſer der mauriſchen Königsſtadt legten, damals, wo Granada zehn glänzende Schlöſſer zeigte, die auf den Abhängen des Gebirgs ſtanden? Damals, wo Granada der letzte Hort des Maurenthums in Spanien war? wo ſich die Blüthe der arabiſchen Ritterſchaft zuſammenfand zu Schutz und Trutz ihres letzten Beſitzthums in dem ſchönen Spanien gegen die unter König Ferdinand mächtig andringenden Chriſten?— damals, wo die Stadt der letzten mauriſchen Könige noch ſechzig⸗ tauſend wohlgerüſtete Streiter in's Feld ſtellte?— Die Kathedrale von Granada, die wir im Vorübergehen beſahen, iſt im ſechszehnten Jahrhundert erbaut; eingeſpannt in ein ſehr enges Stadtviertel, hat man rings um dieſelbe keinen geeigneten Geſichtspunkt, um ſie als Ganzes aufzufaſſen und auf die beiden Thürme, deren höher gediehener uns ſogar noch unvollendet ſcheint, iſt nur von ferner gelegenen Plätzen über der umgeben⸗ den Häuſermaſſe weg ein Aufblick zu bekommen. Der gan⸗ zen Anlage nach könnte man dieſe große Kirche eine Schweſter derjenigen von Jaen nennen, ſo ähnlich ſind ſich beide in der Wahl der dabei angewandten Bauformen. Das Innere iſt ſchlank und von edlen Verhältniſſen, namentlich der Chorabſchluß von mächtiger Wirkung; was uns aber beſonders anzog, war die Nordſeite und namentlich das, leider nur von einem ganz kurzen Standpunkt ſichtbare Nordportal. Gekuppelte Colonnen mit da⸗ 17* 260 Achtzehntes Kapitel. ran aufgehängten Wappenſchildern und den oft wiederkehrenden Säulen des Herkules, prächtige eingerahmte Bogenſtellungen, dazwiſchen angebrachte Niſchen und Cartouchen, durchflochten von Frieſen mit allerliebſten Kinderfiguren, die in den Ranken ſpielen, machen aus dieſem ſich über die ganze Höhe der Fagade erſtreckenden Portal ein ſo reiches Enſemble, daß es wohl mit allem Fug an die Seite der Certoſa von Pavia geſtellt werden darf. Die ſüdliche Seite des Aeußern iſt alt und noch ganz gothiſch, obwohl etwas ſchwerfällig, doch von ganz origineller Anordnung, wie denn überhaupt der kleine Platz, der hier neben der Kirche liegt, mit den intereſſanten alten Nachbarhäuſern einen ſehr dank⸗ baren Vorwurf für einen Architekturmaler abgibt. In dem eben erwähnten älteren Theil liegt die königliche Kapelle mit den weltberühmten herrlichen Königsgräbern. Auf der einen Seite ſind durch ein hohes Gitter abgeſchloſſen die Marmorſcarcophage mit den liegenden Bildſäulen Ferdinands des Katholiſchen von Arragonien und ſeiner Gemahlin Iſabella, auf der andern Philipps des Schönen und der tollen Johanna, Meiſter⸗ ſtücke ſpaniſcher Bildnerei, wie denn dieſe ganze geräumige Kapelle mit ihrem ſchönen Eingangsportal den wohlthuendſten harmoni⸗ ſchen Eindruck hinterläßt. Obgleich wir ein anderes berühmtes Bauwerk Granadas, die Cartuja, erſt auf einem ſpäteren Spaziergange in Augenſchein nahmen, ſo will ich doch derſelben hier mit einigen Worten ge⸗ denken. Sie liegt außerhalb der Stadt, gegen die Seite des Stier⸗ platzes und ein paar engliſche Damen, die wir in unſerem Gaſthofe trafen, machten uns die größte Luſt, ſie zu ſehen, da ſie uns ſagten, was Schönheit, Pracht und Geſchmack anbelange, verſchwinde die Alhambra vollkommen neben dieſer Carthauſe. Obgleich uns das ſchon damals ſonderbar vorkam und wir etwas mißtrauiſch wurden gegen den Geſchmack der Engländerinnen, ſo meinte doch auch unſer Führer, ben Saken, die Cartuja ſei mit das Prachtvollſte, was die Stadt aufzuweiſen habe. Wir wollten keineswegs über der arabiſchen Kunſt die Denkmäler der chriſtlichen Granada. 261 verſäumen, die in der That bei Schilderungen Granada's zu oft in den Hintergrund gedrängt werden. Prachtvoll iſt das Innere der Kirche der Cartuja unſtreitig, deren Eingangsthüre ſchon aus ſelte⸗ nem Weinrebenholz beſteht, denn noch nie ſahen wir eine ſolche Ver⸗ ſchwendung von Gold und eine ſolche Menge der edelſten Bauſtoffe in Einem Raume beiſammen; die herrlichſten Marmore und Alaba⸗ ſter an den Wänden, überall die Thüren von wunderbarer Marquete⸗ rie aus edlen Hölzern, Perlmutter, Schildkröte, koſtbaren Metallen u. ſ. w. mit den zierlichſten Zeichnungen und in den kleinſten Maßen. Der Camarin hinter dem Hochaltar iſt von einer an's Fabelhafte gränzenden Pracht. Aber leider iſt die Koſtbarkeit der Baumateria⸗ lien auch Alles, die Verhältniſſe und die ſonſtige architektoniſche Anordnung dieſes verſchnörkelten Raumes hat keinerlei Verdienſt. Für das Non plus ultra wird die daran ſtoßende Sakriſtei gehal⸗ ten, die nahezu ſo groß und hoch als die Kirche iſt, weiß mit Gold; Boden, ſowie Lambris und Altar mit den bunteſten Marmor⸗ gattungen belegt. Die Schränke von unſagbarer Koſtbarkeit, aber alle Gliederungen von unten bis ins Deckengewölbe ſo unruhig in allerlei Geigenformen verſchlungen und völlig in der Art, als wären ſie aus einer Butterſpritze gekommen, daß wir es für das Werk eines wahnſinnig gewordenen Baumeiſters halten muß⸗ ten, und ich hiemit jeden Reiſenden darauf, nur als auf ein Curioſum aufmerkſam gemacht haben will. Der ſchöne Ecce homo von Murillo, der ſich dort befindet, kann jedoch für den Gang entſchädigen. Ben Saken, der an unſeren Ausrufungen wohl merkte, wie ſehr die Kirche der Karthauſe unter unſeren Erwartungen ge⸗ blieben war, veranſtaltete zu unſerer Entſchädigung einen kleinen Imbis, zu dem er Wein und Brod aus einer benachbarten Locanda holte und den wir in dem verwilderten Kloſtergarten zu uns nah⸗ men, und dieß war in der That eine Entſchädigung. Wir ließen uns in einem der kleinen Gärtchen nieder, die zu den Zellen ge⸗ hörten, wo die nun vertriebenen Karthäuſer wohnten. Vom Bet⸗ pulte hinweg waren die frommen Moͤnche mit zwei Schritten in der 262 Achtzehnes Kapitel. freien Natur, wo ſie ihre Roſen pflegten und ihr Grab gruben; heute aber iſt von einer Pflege der üppig wuchernden Geſträuche nicht mehr die Rede und nach und nach haben die rankenden Roſenzweige die Steinbank bedeckt, über welche ſie früher eine Laube zum Schutz gegen die Sonne bildeten, aber gerade in dieſer Verwilderung ſind die Gärten der Karthauſe ſo über alle Beſchrei⸗ bung romantiſch und ſchön. Vielleicht war es Profanation von uns, daß wir uns längere Zeit hier aufhielten, als in der Kirche, daß wir das Glas mit weißem Wein kreiſen ließen und ben Saken zuhörten, der uns eine ſpaniſche Romanze ſang, die vom Falle Granadas erzählte. Vielleicht;— doch kann ich verſichern, daß der blaue Himmel über uns und das wuchernde Roſengeſträuch zwiſchen den Steinen und an den Wänden uns zu dankbareren Gefühlen gegen den aufforderte, der alles das werden ließ, als die ſeltſamen Marmorverzierungen in der Kirche, bei deren Anblicke nur ein Gefühl des Mitleids rege wird über den menſchlichen Geiſt, der ſolches ſchaffen konnte. Von der Kathedrale kamen wir durch mehrere winkelige Straßen auf den berühmten Platz von Bivarrambla, der in der alten Geſchichte Granada's eine ſo bedeutende Rolle ſpielt. Sich erging der Maurenkönig Durch die Straßen von Granada Von den Thoren von Elvira Bis zum Thore Bivarrambla's. Hier wurden von der Blüthe der mauriſchen Ritterſchaft in Scherz und Ernſt große Feſte gefeiert, der Stier mit der Lanze gehetzt, auf raſchen Pferden das Rohrſpiel getrieben, oder man traf ſich hier zum ſcharfen Kampfe auf Leben und Tod. Dann waren, wie uns die alten Geſchichtſchreiber erzählen, die Häuſer des Platzes aufs Glänzendſte verziert, mit Deviſen und bunten Fahnen, vor Allem aber mit einem Kranze ſchöner Damen, die ſich rings auf den Balconen befanden und durch ihre feurigen Blicke die Käm⸗ pfer aufmunterten. Damals gab es unter dem obgleich ſchwachen, aber prachtliebenden König Boabdil noch mächtige Geſchlechter in Granada. 263 der Königsſtadt, die aber ſtatt gemeinſam den andringenden Chri⸗ ſten entgegenzutreten, untereinander hartnäckige Fehde hielten wie die Capuletti und Montecchi in Verona, und ſich faſt bei jedem öffentlichen Zuſammentreffen reizten und dann blutig an einander geriethen. Es waren zwei mächtige Geſchlechter, die Abencerragen und Zegri, die ſeit langen Zeiten ſich gegenſeitig haßten und wel⸗ chen die andern berühmten Ritter Granada's, die Alhamaren, Alabezen, Abenamaren, Gomelen und Gazulen anhingen. Auch an Pracht der Waffen, Pferde und Gewänder ſuchten ſich dieſe Geſchlechter zu überbieten, woher es denn auch wohl kam, daß bei den Kampfſpielen und Stiergefechten hier auf der Bivarram⸗ bla eine fabelhafte Pracht zur Schau getragen wurde. Von den Fahnen und Deviſen, mit denen der Platz ausgeſchmückt waren, hatten erſtere die Farben der verſchiedenen Geſchlechter, letztere galten der Tapferkeit, dem Ruhme und der Schönheit und Herr⸗ lichkeit Granada's. Das iſt nicht der Tod, durch welchen Hohen Namens Ruhm erlangt wird, Sondern ein glorreiches Leben, oder: Fama ſoll den Ruf verkünden Von Granada, der ſo groß iſt, Daß es ſie unſterblich machet. auch hieß es an einem andern Orte: Wahrer Adel nur beſtehet In dem Trachten nach der Tugend; Wenn ihn Rechtlichkeit begleitet So gewinnt er Ruhm der Hoheit. Von der Pracht der Feſte ſelbſt ſagte eine andere Deviſe:, Töne laut, des Ruhms Poſaune, Und ſie breche jedes Schweigen, Weit verkündigend die Größe Dieſer unſrer ſchönen Feſte, Die mit ſolchem Glanz hervortritt. 264 Achtzehntes Kapitel. Ein arabiſcher Geſchichtſchreiber, Ha⸗ben⸗Hamin, der in Granada geboren war und eine Chronik ſeiner Vaterſtadt bis zur Eroberung durch König Ferdinand ſchrieb, gibt die Beſchreibung eines großen Feſtes auf der Bivarrambla, welche nicht unintereſ⸗ ſant für den Leſer ſein wird; und wenn ſich auch vielleicht der Berichterſtatter Ausſchmückungen erlaubt, ſo lernt man doch die damalige glänzende Zeit, ſowie die Parteiſpaltungen in der mau⸗ riſchen Königsſtadt kennen, welche hauptſächlich Schuld an ihrem ſchnellen Untergange waren. Im Monat September, ſo erzählt der Araber, nach dem Ramadan, als die Faſtenzeit geendigt war, befahl der König, aus dem Gebirge von Ronda vierundzwanzig auserleſene Stiere zu holen. Der Platz von Bivarrambla war zubereitet für die Feier⸗ lichkeit, und der König, begleitet von vielen Rittern beſetzte den königlichen Erker, der zu dieſem Zwecke auserſehen worden. Die Königin mit ihrem Damengefolge nahm ihren Sitz auf einem an⸗ dern Erker von eben der Einrichtung wie des Königs. Alle Fen⸗ ſter am Bivarrambla waren voll ſchöner Damen; und aus dem Reiche kamen ſo viele Leute, daß ſich nicht Gerüſte und Fenſter genug für ſte fanden. Solche Menge Volks war nie geſehen worden bei einem Feſte in Granada. Auch von Sevilla und Toledo kamen dazu viele angeſehene mauriſche Ritter. Bei die⸗ ſem Feſte beſchloſſen die Zegri, um ihre Feinde, die Abencerragen, zu reizen, ein altes Kennzeichen derſelben, blaue Federbüſche, auf ihre Helme zu nehmen. Fühlen ſie ſich verletzt, wie ich hoffe, ſagte einer ihrer tapferſten Ritter, Mahomat, ſo werden ſie ſchon einen Streit mit uns beginnen; dann werfen wir im zweiten Gange ſtatt der Rohre ſpitze Lanzen, und da wäre es ein beſonde⸗ res Unglück, wenn nicht ein Abencerrage fiele. Des Morgens begannen die Stiergefechte, wobei die Aben⸗ cerragen durch ihre Schnelligkeit und Geſchicklichkeit Verwunde⸗ rung erregten. In allen Fenſtern und Altanen war nicht Eine Dame, die ihnen nicht zärtlich zugethan geweſen wäre. Es ward für ausgemacht gehalten, daß es im ganzen Reiche nicht einen Granada. 265 Abencerragen gäbe, der nicht begünſtigt würde von Damen, und zwar von den angeſehenſten. Dieß war der Hauptgrund des tödt⸗ lichen Haſſes und Neides der Zegri, Gomelen und Maza. Wahr iſts, jede rechnete ſich zur Ehre, zum Liebhaber einen Abencerragen zu haben, und diejenige hielt ſich für unglücklich und geringer, die keinen hatte; mit großem Rechte: denn nie ſah man einen Aben⸗ cerragen von üblem Wuchſe oder Anſtande, nie einen feigen oder unentſchloſſenen; alle waren ſie leutſelig und Freunde des Volkes; niemals ging der Bedrängte, mochte er ſein, wer er wollte, ohne Hülfe von ihnen; ſelbſt den Chriſten waren ſie hold; in Perſon ſtiegen ſie hinab in die unterirdiſchen Kerker, beſuchten die chriſt⸗ lichen Gefangenen, thaten ihnen Gutes und ſchickten ihnen Speiſen. Dabei waren ſie vor allen tapfer und gute Reiter. Dieſe Eigen⸗ ſchaften zuſammen machten ſie geſchätzt und geliebt im ganzen Reiche. Niemals zeigten ſie Furcht, ſelbſt bei dem Anblicke großer Gefahr. Sie verurſachten viel Vergnügen durch ihren Anblick, da ſie auf dem Platze umherritten; Aller, beſonders der Damen Augen waren ihnen zugewandt. Nicht geringer als ſie erſchienen an dieſem Tage die Alabezen, die ebenfalls edle Ritter waren. Auch die Zegri zeigten ſich ſehr preiswürdig. Geſchickt trafen ſie den Tag acht Stiere mit der Lanze, ohne daß Einer von ihnen auch nur etwas aus dem Sattel gerückt wäre, und die wüthenden Stiere wurden ſo verwundet, daß es nicht nöthig ward, ihnen die Knie⸗ kehlen zu zerſchneiden. Es mochte ein Uhr ſein, nachdem zwölf Stiere gehetzt waren; da ließ der König die Hörner und Trompeten erſchallen, welches ein Zeichen war, daß ſich alle Ritter des Feſtes auf ſeinem Balkon verſammeln ſollten. Sie kamen, und der König ſehr zufrieden mit ihnen, gab eine prächtige Mahlzeit, daſſelbe that die Königin ihren Damen, die an dem Tage reich geſchmückt und von bewunderns⸗ würdiger Schönheit waren. Alle erſchienen prächtig gekleidet, die Königin mit einem brokatenen Mantel von unſchätzbarem Werthe wegen der vielen eingeſtickten Edelſteine. Sie hatte einen außer⸗ ordentlich ſchönen Kopfſchmuck, und vor der Stirne eine wunder⸗ 266 Achtzehntes Kapitel. bar künſtlich gemachte Roſe, in deren Mitte ein Rubin gefaßt, der eine Stadt werth war. Wohin ſie den Kopf wandte, wurden die Augen geblendet von dem Glanze des Steines. Die ſchöne Darache war ganz blau gekleidet, ihr Mantel vom feinſten Damaſt, mit Silberſtoff gefüttert und durchwirkt mit Goldſtreifen. An ihrem reichen Kopfputze hafteten zwei kurze Federn, eine blau, die andere weiß, das bekannte Zeichen der Abencerragen. In dieſer Kleidung war ſie ſo ſchön, daß keine Dame in Granada ſie übertraf, obgleich es dort zu der Zeit ſehr viele reizende gab und eben ſo reich ge⸗ ſchmückte. Galiane von Almeria hatte ein Kleid von weißem Damaſt, ſo köſtlich gewirkt, als bisher noch nicht geſehen war; der Mantel war ausgezackt mit großer Ordnung und Kunſt, ge⸗ füttert mit dunklem Brokat; ihr Hauptſchmuck beſonderer Art. Man ſah deutlich an ihrer Kleidung, daß ſie frei war von verlieb⸗ ter Leidenſchaft, wiewohl ſie wußte, daß der tapfere Abenamar ſie zärtlich liebte; aber dem Prinzen Muza hatte ſie außerordentliche Zeichen ihrer Gunſt gegeben. An dieſem Tage war Abenamar nicht beim Spiele. Fatime erſchien in ſchwarzer Kleidung; ſie wollte nicht Muzas Farbe tragen, denn ſie wußte ſchon, daß ſeine Neigung auf Darache gerichtet war. Ihr Rock war ſehr koſtbar, von ſchwarzem Sammt mit weiß brokatenem Futter, der Haupt⸗ ſchmuck reich und prächtig, an der Seite eine einzige grüne Reiher⸗ feder. Sie war ſo ſchön, wie irgend eine der Anweſenden. Ko⸗ haide, Sarrazine, Arbolaje, Charife und die andern Damen der Königin zeigten ſich ebenfalls in ungemeiner Pracht und ſolchem Reize, daß die Verſammlung ſo vieler Schönheiten Erſtaunen verurſachte. Auf einem andern Erker ſaßen die Damen des Aben⸗ cerragiſchen Geſchlechtes von nicht minder anziehender Schönheit im Reichthum der Kleidung; beſonders die liebliche Lindaraja, Tochter des Abencerragen Mahamete, welche alle übertraf; neben derſelben ihre Verwandten, die ihr wenig nachgaben. Als Lieb⸗ haber im Dienſte der ſchönen Lindaraja verrichtete der muthige Gazul ausgezeichnete Thaten in Sanlukar. Um wieder auf unſern Gegenſtand zu kommen: Die Ritter Granada. 267 und Damen endigten um zwei Uhr Nachmittags ihr Mahl. Ein ſchwarzer fürchterlicher Stier wurde losgelaſſen, der von ſolcher Schnelligkeit war, daß er denjenigen gleich erhaſchte, auf den er ſtürzte, und kein Pferd ihm jemals entwiſchte.„Schön wäre es,“ ſagte der König,„dieſen tüchtigen Stier niederzuſtoßen.“ Malike Alabez ſtand auf und bat um Erlaubniß, es mit dem Thiere auf⸗ nehmen zu dürfen. Der König gab ſie ihm, obgleich Muza es auch zu thun wünſchte, jedoch darauf verzichtete, als er ſah, daß Alabes Luſt dazu habe. Dieſer verbeugte ſich ehrerbietig vor dem König, grüßte höflich die Ritter, und ſtieg hinunter vom Balkon auf den Platz, wo ſeine Leute einen vortrefflichen Grauſchimmel hielten, den ihm ſein Vetter geſchickt hatte, der Sohn des Alkaiden von Roth⸗ und Weißvelez, ein Mann von hoher Geburt, deſſen Vater mauriſche Ritter, genannt Alkifaen, verrätheriſch umbrachten aus Neid wegen ſeiner guten Eigenſchaften und der Liebe des Königs. Aber dieſer rächte nachdrücklich die Verrätherei; von den ſechs ſchuldigen Brüdern entkam nicht Einer, ſie wurden alle enthauptet. Der gute Alabez, von dem wir jetzt reden, erhielt die Statthalter⸗ ſchaft von Weiß⸗Velez; ihn liebte ſehr der König Audalja, den wir hier den jungen nennen. Von ſeinem Oheim alſo erhielt er das Pferd, welches er jetzt beſtieg und einen Umgang machte im Platze, wobei er nach allen Erkern der Damen ſchaute, um ſeine Gebieterin Kohaide zu erblicken, und als er an den ihrigen kam, ließ er ſein Pferd auf die Kniee fallen, neigte den Kopf auf den Sattel und bezeugte ſo ſeine tiefe Ehrerbietung ſeiner Dame und den andern, welche dort ſaßen; darauf gab er dem Roſſe die Sporen, das mit der Wuth und Schnelligkeit des Blitzes davon ſtürzte. Der König und alle Anweſenden bewunderten Alabez gutes Benehmen; nur den Zegri war es zuwider, denn ſie betrachteten es mit Augen voll tödtlichen Neides. In dieſem Augenblick ent⸗ ſtand ein großes Geſchrei: der Stier rannte auf dem Platze umher, warf über hundert Menſchen nieder, tödtete ſechs und flog wie ein Achtzehntes Kapitel. Adler auf den Ort zu, wo Alabez hielt. Dieſer wollte heute ſeine außerordentliche Geſchicklichkeit zeigen: er ſprang mit großer Leich⸗ tigkeit vom Pferde, und ging dem Stier entgegen, den Mantel in der linken Hand haltend. Als der Stier ihn ganz in ſeiner Nähe erblickte, ſchickte er ſich an, ihn mit den Hörnern zu faſſen; aber der gute Alabez erwartete ihn feſten Muthes; und nun, da der Stier den Kopf ſenkte, um den fürchterlichen Stoß zu vollführen, warf er ihm den Mantel über die Augen, wandte ſich ein wenig Jauf die Seite und faßte mit der rechten Hand das rechte Horn, mit ſolcher Kraft, daß das Thier unfähig war zu ſtoßen. Es be⸗ mühte ſich loszureißen, machte große Sprünge und hob dabei immer den Ritter von dem Boden. Der brave Maure war in augenſcheinlicher Gefahr, und es fehlte nicht viel, ſo hätte er bereut, die mißliche Probe unternommen zu haben; doch da ſein Herz uner⸗ ſchütterlich war, ſo wankte er nicht, ſondern hielt mit großer Tapfer⸗ keit gegen den Stier aus, der brüllend ſtrebte, ihn mit den Hörnern zu faſſen, aber wegen der Geſchicklichkeit des Mauren nicht zu dieſem Ziele gelangen konnte. Am Ende fand es Alabez ſchimpflich, auf ſolche Weiſe mit einem Thiere ſich zu balgen; er lehnte ſich auf die linke Seite des Stiers und drehte ihn mit ſolcher Kraft und Gewandtheit an den Hörnern, daß er mit ihm zu Boden fiel, wobei er die Hörner in die Erde drückte. Der Sturz war ſo fürch⸗ terlich, daß ein Berg zu fallen ſchien. Das Thier lag wie zerſchla⸗ gen und konnte ſich eine Zeitlang nicht rühren. Alabez erhob ſich, ließ es liegen, nahm ſeinen feinen ſeidenen Mantel und ging auf ſein Pferd zu, welches die Diener hielten; leicht, ohne in den Steigbügel zu treten, ſprang er hinauf; alle Anweſenden waren entzückt über ſeinen bewundernswürdigen Muth. Nach einiger Zeit erhob ſich der Stier, jedoch nicht mit ſeiner gewohnten Be⸗ hendigkeit. Der König ließ Alabez rufen; er erſchien mit ſo unge⸗ zwungenem Anſtand, als wenn gar nichts Beſonderes vorgefallen wäre.„Gewiß, Alabez,“ ſprach der König zu ihm,„Ihr habt gethan wie ein wackerer und muthiger Ritter; von heute an ſeid Ihr Granada. 269 Hauptmann von hundert Pferden, und Alkaide der Veſte Kan⸗ toria, eine gute einträgliche Stelle.“ Für dieſe Gnade küßte ihm Alabez die Hand. Unterdeſſen mochte es nun vier Uhr Nachmittags ſein, und der König ließ zum Reiten blaſen. Auf dieſes Zeichen hielten ſich alle Ritter des Feſtes bereit, um vorzurücken, wenn der Augenblick hiezu käme. Nach beendigtem Stiergefechte erſchollen zahlreiche Trompeten, Pauken und Hörner. Der Platz war nun geräumt, und durch die Straße Zacatin ritt Muza, des Königs natür⸗ licher Bruder, herein, der Anführer eines Turniergeſchwaders, welches zu Vier und Vier auftrat, ſo raſch und auf ſo edle Weiſe, daß es eine Luſt zu ſehen war, dann vorüberzog und endlich in derſelben Ordnung, ſchnell wie der Wind davon flog. Der Haufen beſtand aus dreißig Rittern, lauter berühmten Aben⸗ cerragen, nur Alabez war nicht von dieſem Geſchlechte, ſeiner Tapferkeit wegen nahmen ſie ihn jedoch zum Begleiter. Wir ſprachen oben von den blauen ſilberſtoffenen Turnier⸗ kleidern und den wilden Männern als Merkzeichen: die Ritter erſchienen mit denſelben ſo reizend, daß alle Damen bei ihrem Anblick entzückt waren. Prächtig nahmen ſich aus die Abencerra⸗ gen, alle auf ſchneeweißen Roſſen, nicht minder die Zegri, die durch eine andere Straße herein kamen, in Fleiſchfarbe und Grün ge⸗ kleidet, mit blauen Federbüſchen, auf ſchönen kaſtanienbraunen Pferden; Alle trugen dieſelben Zeichen in den reichgeſtickten blauen Binden über den Tartſchen; es waren dieß Löwen von der Hand einer Jungfrau gefeſſelt, und die Inſchrift hieß:„Mehr Stärke hat die Liebe!“ So erſchienen ſie je vier im Platze, und machten nun, nachdem ſie ſich geſammelt, raſche Schwenkungen und Spiel⸗ gefechte mit einer Gewandtheit und Uebereinſtimmung, die nicht weniger Vergnügen machten, als die der Abencerragen. Beide Haufen nahmen ihren Poſten, legten die Lanzen weg und hielten ihre Rohre in Bereitſchaft. Auf den Schall der Trompeten und Hörner begann das Spiel ſehr anmuthig und wohl verabredet, acht gegen acht rennend. Die Abencerragen, welche ihr bekanntes — Achtzehntes Kapitel. Abzeichen, die blauen Federn, an den Zegri bemerkten, gaben ſich alle Mühe, ſie mit den Rohren herunter zu werfen, konnten aber nicht zum Zwecke kommen, denn die Zegri deckten ſich zu gut mit ihren Tartſchen. Das Spiel ging ſo fort mit Heftigkeit und man⸗ cherlei Wendungen, aber immer nach Ordnung; es gab einen ſehr befriedigenden Anblick. Das Feſt wäre glücklich zu Ende gegangen, wenn es das Schickſal gewollt hätte, dieſes aber, immer veränder⸗ lich, bewirkte, daß beiderlei Ritter ihrer unauslöſchlichen Feind⸗ ſchaft nachgingen, bis ſie alle zu Grunde gerichtet waren, wie wir unten erzählen werden. Die Wahrheit zu ſagen: Mahomad, das Haupt der Zegri, war die ganze Urſache dieſes unglücklichen Tages; er hatte überlegt, wie der gute Alabez oder einer der Abencerra⸗ gen getödtet werden könne, und in dieſer Abſicht richtete er es ein, daß Alabez von der gegenüberſtehenden Seite auf ſeinen Haufen ſprengen mußte, damit er und die Seinigen auf die Alabezen und ihre Anhänger losſtürzen können. Sechs Rohre waren ſchon ge⸗ worfen, als Mahomad ſeinem Haufen zurief:„Jetzt iſt es Zeit, daß das Spiel ſich entzünde!“ Darauf nahm er ſeinem Diner eine Lanze mit ſcharfer Damascener Eiſenſpitze, und erwartete Alabez mit acht Rittern ſeines Haufens, der nach der Weiſe des Spieles auf ſeinen Gegner zueilte, wohl bedeckt mit der Tartſche. Da ſprang Mahomad hervor, erſah den Fleck, wo er Alabez am beſten verwunden könne, und warf die Lanze mit ſolcher Gewalt, daß ſie die Tartſche durchdrang und die Spitze den Arm faßte; der Aermel des feſten Panzerwamſes war nicht ſtark genug, zu widerſtehen, das ſpitzige Eiſen fuhr hinein und durchbohrte den Arm, dieſer Stoß verurſachte Alabez großen Schmerz; er eilte auf ſeinen Poſten zurück, beſah den Arm und fand ihn verwundet und voll Blut; laut ruf er Muza und den übrigen zu:„Ritter! wir ſind ſchändlich verrathen, ich bin auf böswillige Weiſe ver⸗ wundet worden.“ Beſtürzt und entrüſtet ergriffen ſämmtliche Abencerragen ihre Lanzen; Mahomad wandte um mit ſeinem Haufen, um wieder ſeinen vorigen Platz einzunehmen, als Alabez in größter Wuth auf ihn zurannte. Da er eine ſehr flüchtige Stute Granada. 271 ritt, ſo erreichte er ihn ſchnell, rief mit vorgeſtreckter Lanze:„Ver⸗ räther! hier ſollſt Du mir bezahlen meine Wunde!“ und durch⸗ ſtieß die Tartſche, die Lanze ging in den Panzer des Zegri und drang mehr als handbreit in den Leib. Der Stoß war ſo heftig, daß der Zegri halbtodt vom Pferde fiel. In dieſem Augenblicke begann ein wüthendes Scharmüßel zwiſchen beiden, ſchon gerüſteten Parteien, wobei die Zegri bald im Vortheil waren, da ſie ſich beſſer dazu vorbereitet hatten als die Abencerragen; doch thaten ihnen dieſe tapferen Ritter nebſt Muza und dem wackern Alabez großen Schaden. Groß war das Geſchrei, ungeheuer das Ge⸗ tümmel. Der König, der Anfangs die Urſache des blutigen Kampfes nicht wußte, eilte herunter von ſeinem Balkon auf den Platz, beſtieg ein ſchönes, reichgeſchmücktes Pferd und rief:„Hin⸗ aus! hinaus!“ indem er, mit einem Stabe in der Hand, ſich zwiſchen die erbitterten Streiter warf. Ihn begleiteten die vornehmſten Ritter von Granada und halfen ihm Frieden ſtiften. Granada war ſeinem Untergang nahe, denn zu den Zegri ſtießen noch die Gomelen und Maza, zu den Abencerragen die Almoradi und Vanega; der Streit wurde immer hitziger und verwickelter, und man ſah kein Mittel vor ſich, Ruhe zu ſtiften. Endlich brachte es aber der König und die übrigen anweſenden, unparteiiſchen Ritter dahin, daß die Kämpfer Frieden machten. Der tapfere Muza führte ſeinen Haufen durch den Zacatin nach der Alhambra, in Begleitung aller Vanega und Almoradi; die Zegri zogen ſich zurück durch das Thor von Bivarrambla nach dem Schloſſe Bivataubia mit der Leiche Mahomads, der inzwiſchen geſtorben war. Dieſe beſtändigen Streitigkeiten zwiſchen Abencerragen und Zegri's läuft wie ein rother Faden durch die Geſchichte der letzten Zeiten Granada's und ſchloß mit der bekannten Ermordung einer Menge von Rittern des erſteren Geſchlechtes auf Befehl des Königs Boabdil, da vier Zegri den Abencerragen Abinhamad beſchuldigten, mit einer Gemahlin des Königs eine Zuſammen⸗ kunft im Garten der eneralife gehabt zu haben. Boabdil ord⸗ Achtzehntes Kapitel. nete zur Wiederherſtellung der Ehre der Königin, für deren Un⸗ ſchuld ſich faſt ganz Granada erhob, ein Gottesgericht an, in welchem die vier Zegri mit vier andern Rittern kämpfen ſollten, doch hatte die Königin, ſo ſagt der Geſchichtſchreiber, im Bewußt⸗ ſein ihres Rechts Keinen ihrer Freunde zu ihrer Vertheidigung aufgefordert und überließ Alles dem Willen Gottes. Auf demſelben Platze, wo wir uns jetzt befinden, wurden damals Turnierſchranken aufgerichtet, ſowie ein ſchwarzes Gerüſt, auf welchem die Königin, umgeben von ihren Frauen und um⸗ ringt von den edelſten Geſchlechtern, die ſich in Trauerkleidern eingefunden hatten, mit Ergebung ihr Schickſal erwartete. Die Stimmung gegen den König war ſo, daß die Stadt anfing, ſich zu empören und die Almoradinen, Alabezen und Gazulen im Be⸗ griff waren, hervorzubrechen, um Boabdil vom Throne zu ſtoßen. Doch wurden ſie gewarnt, denn wenn ſie auch die Königin aus Lebensgefahr befreiten, ſo blieb doch ihre Ehre befleckt, wenn ſich keine Kämpfer für ſie zeigten. Alle Fenſter, Erker und Altane waren beſetzt und angefüllt mit Menſchen, unter denen aber Nie⸗ mand war, der nicht geweint hätte und tief gerührt geweſen wäre. Die vier Zegri, welche erwartend in den Schranken hielten, trugen über ihrer Rüſtung grüne und ſchwarze Kleider und hatten eben ſolche Fähnlein und Federn. Auf ihren Schildern zeigten ſich Schwerter, an denen Blut herabtropfte, mit der Inſchrift:„Für die Wahrheit wird es vergoſſen.“ So war denn die Partei der Königin in geſpannter Erwar⸗ tung von Morgens acht Uhr bis Mittags um zwei, wo ſich immer noch kein Kämpfer gezeigt hatte. Da auf einmal hörte man Lär⸗ men, den Ruf des Volks, ſowie das Klirren von Pferdehufen hinter dem Thore von Bivarrambla. Vier Ritter erſchienen in türkiſcher Tracht, die auf mächtigen Roſſen in die Schranken ſprengten und ſich als Kämpfer für die Königin ankündigten. Sie waren himmelblau gekleidet; die Turbane um die Stahl⸗ hauben von weißer Leinwand, mit goldenen und blauen Streifen durchwirkt, zeigten oben eine Spitze mit einem reichen Buſch von Granada. 273 blauen, grünen und rothen Federn, untermiſcht mit Gold⸗ und Silberſchnüren. Die Inſchriften auf ihren Schildern waren ver⸗ ſchieden und bezogen ſich auf den Kampf, um die Ehre der Königin zu retten. Eine hieß: Himmelan will ich ihn heben, Daß er deſto tiefer falle, Für die weltbekannte Bosheit, Die er ohne Scheu begangen. Die vier unbekannten Kämpfer aber waren chriſtliche Ritter aus dem Lager König Ferdinand's und zwar Ponce de Leon, Don Alonzo de Agilar, Don Johann Tchacon und der Alkaide von Donzelles. Nach einem wilden erbitterten Kampfe tödteten ſie die vier Zegri's und ſo wurde die Ehre der Königin gerettet. Nicht umſonſt habe ich vor den Augen des Leſers den jetzt ſtillen Platz von Bivarrambla mit Geſtalten und Bildern der ehemals ſo glänzenden Zeit bevölkert; mir ſelbſt tritt an ſolchen Stellen das Andenken an eine gewaltige Geſchichte, die ſich hier abrollte, immer lebhaft vor die Seele und bringt mich in eine Stimmung, die mich beſonders fähig macht, was aus jener Zeit noch übrig geblieben iſt, mit doppeltem Intereſſe zu betrachten. Ich habe nun einmal die glückliche Phantaſie, um mir einbilden zu können, hier auf der Bivarrambla ſei ſoeben ein glänzendes Kampfſpiel beendigt, und ich ſei umfluthet von dem Gewühl der Zuſchauer und Kämpfer, die nun eilfertig auf allen Seiten dem Platze entſtrömen. Vor uns geht es den Zacatin hinauf, eine enge Straße, auf beiden Seiten im Erdgeſchoſſe der Häuſer mit reichen Gewölben beſetzt, Kaufläden, aus denen heute noch wie damals bunte ſeidene Stoffe und goldene Geſchmeide flimmern und glänzen. Dort hinauf führt der Weg zur Alhambra und die Straße iſt mit einem dichten Menſchenſtrome, mit Reitern und Fußgängern angefüllt. Kriegeriſche Muſik erſchallt, die Waffen klirren, die Hufe der Pferde dröhnen auf dem Pflaſter und wenn man ſo hinſchaut, erblickt man nichts wie einen bunten leuchten⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 18 274 Achtzehntes Kapitel. den Strom aus zahlloſen Farben, aus Gold⸗ und Silberglanz beſtehend, gewaltige Wogen, die ſich vor uns hinwälzen, und deren Schaumkronen aus bunten Fähnlein, wehenden Feder⸗ büſchen und ſtrahlenden Helmzierden beſtehen.—— Weiterhin zieht es über die Plaza nueva und jetzt erreichen wir die Calle de los Zenetes, ſo benannt von einem tapfern mauriſchen Stamme, der die Leibwache der letzten Könige von Granada bildete, die hier am Fuße der Alhambra ihre Quartiere hatte, und die Calle de Gomeles. Mit dem Ende dieſer Straße ſind wir auch am dieſſeitigen Ende der Stadt, am Thor de las Granadas, von den Mauren Bib⸗leurar genannt, von wo der Weg aufwärts nach der Alhambra führt, angelangt. Wie es ſoliden Reiſebeſchreibern geziemt, wollen wir hier unſere Phantaſte dahinter laſſen und mit ihr die Schaaren der glänzenden Reiter, denen wir bis hieher in Gedanken gefolgt. Was ſollten ſie auch droben thun, die alten edlen Geſchlechter, in den zerſtörten Paläſten ihrer Könige? Gewiß ſcheuen auch ihre geſpenſtigen Pferde vor dem chriſtlichen Kreuze, das auf der Kirche prangt und ſie ſelbſt vor dem Palaſt des chriſtlichen Königs, deſſen Vorfahren ſie aus ihreni Paradieſe verjagt. Entlaſſen iſt alſo unſer kriegeriſches Traumgefolge, und während wir die Blicke zurück zur Gegenwart führen, flattert die Farbenpracht, die uns ſoeben umgab, Gold und Silber wie ein ſtrahlender ſchillernder Schaum in alle Lüfte, ohne aber für uns zu verſchwinden, denn über uns haben wir ja das tiefe Blau des ſchönen ſpaniſchen Himmels; die glänzende Sonne wirft eine Maſſe von Gold rings um uns her und aus dem dunkeln Grün der Cypreſſen blicken uns in einer wahren Farbengluth rechts von der Höhe herab die rothen Thürme, Las torres bermejas entgegen. Wir ſind am Fuße der Alhambra, die Feſtungsmauern derſelben, von denen ich ſchon früher ſprach, ſenken ſich hier in eine Schlucht hinab, welche den Cerro de Santa Elena in zwei Theile theilt; hoch oben am Rande dieſer Schlucht ſteht links den zwei rothen Thürmen entſprechend der Thurm der 222 ☛——,—, oh—-„—„ Granada. 275 Vela, um auch von dieſſeits den Eingang zu vertheidigen. Das jetzige Thor de las Granadas rührt von Karl V. her, iſt etwas ſchwerfällig und nicht beſonders groß, aber aus ihm lacht uns ein herrlicher Garten entgegen. Wenn man das Thor hinter ſich gelaſſen hat und den Berg hinanſteigt, ſo glaubt man im erſten Augenblicke nicht mehr in Spanien zu ſein, wo auf Straßen im Allgemeinen, ſei es auf Chauſſeen oder auf Wege, ſelbſt in den königlichen Parkanlagen, keine beſondere Sorgfalt verwandt wird. Der ganze Berg, auf dem die Alhambra liegt, iſt mit hochſtämmigen Bäumen, Ulmen, Eichen, Platanen, Lorbeeren und Kaſtanien bewachſen und von Wegen durchzogen, die ſanft aufwärts führen und ſo breit ſind, ſo reinlich und gut erhalten, daß ſich ſogar eine engliſche Parkanlage daran nicht zu ſchämen brauchte. Hier iſt man davon überraſcht, entzückt, geblendet. Die Kronen der hohen Bäume, durch welche der Weg führt, neigen ſich oben gegen ein⸗ ander und bilden einen dichten Laubgang, der die heiße Sonne abhält, und der bevölkert iſt mit einer Menge luſtig ſingender Vögel. Zu beiden Seiten an den Stämmen vorbei ziehen ſich Roſenhecken hin, die jetzt ſchon ſo früh im Jahre mit Laub bedeckt waren und aufſpringende Knoſpen zeigten. Rechts und links von der Straße ſind die Partieen waldartig gehalten, mit niedern Sträuchen und Gras bedeckt, und heute ſahen wir ganze Strecken blauer Veilchen, die einen wunderbaren Duft aushauchten. Der ganze Berg iſt überreich an Quellen, die überall hervorquillen und ſprudeln und die Vegetation angenehm befeuchten, wozu die Menſchenhand hier nachhalf. Zu unſerer Rechten ſtrömt das Waſſer an einem kleinen Abhange hervor, wird von einer Stein⸗ ſchale aufgefaßt, überſprudelt dieſe wieder von allen Seiten, um ſich dann wieder als Bächlein zuſammenzufinden, das eine Zeit⸗ lang willkürlich hin und her zu fließen ſcheint, bis es ſich endlich weiter unten in eine Rinne zwängen muß, die es an den Stamm durſtiger Bäume hinleitet. Zu unſerer Linken, wo der Weg eine Biegung macht und ſo ein kleiner Platz entſteht, erhebt ſich ein 18* ————— Achtzehntes Kapitel. Springbrunnen mit zierlichen Becken von weißem Marmor, über welche das Waſſer in einem dicken Strahl hoch hinauf ſpringt, dann im Herabſtürzen die verſchiedenen Schalen füllt und mit melodiſchem Plätſchern von einer zur andern niederfällt. Hier haben wir eine natürliche Bodenvertiefung mit zu⸗ und abfließen⸗ dem Waſſer, dort an der Mauer, welche röthlich durch die grünen Zweige ſchimmert, bricht es hervor aus weiten Kupferröhren und ergießt ſich in einen zierlichen mauriſchen Steinbehälter, der aus Einem Stücke gehauen iſt. Man kann nicht glücklicher ſein, als ſo beim Beginn des ſchönen Frühlings zur Alhambra hin⸗ aufzuſteigen. Dieſer Morgen iſt mir unvergeßlich mit ſeinem Blüthenduft, mit den ſmaragdglänzenden, eben ſich entfaltenden Blättern der Bäume, mit dem ſtrahlenden Himmel und der Son⸗ nenlichtmaſſe, welche durch die jetzt noch nicht dichtbelaubten Zweige hie und da zu dringen vermag und zitternde leuchtende Punkte auf den Boden niederwirft; im grauen Sande goldene Flecken, auf denen wir glänzende Käfer emſig dahin ziehen ſehen, bei dem Fächeln einer wunderbar lauen Luft und bei dem Rauſchen der unzähligen Quellen, die alles das hier noch in ehemaligem Glanze und Pracht geſehen, und die gewiß ſo ſchön zu erzählen wüßten von den tapfern Rittern und den ſchönen Maurinnen. Nach einigen Windungen des Weges, den wir träumend und erwartungsvoll zurückgelegt, und nachdem wir an einem großen an die Terraſſemauer angelehnten, auch von Karl V. her⸗ rührenden monumentalen Brunnen von großem Waſſerreichthum vorbeigekommen, bleiben wir endlich ſtaunend ſtehen, denn wir haben das Hauptthor der Alhambra vor uns, das wir in Zeich⸗ nungen und Bildern geſehen in einer früheren Zeit, wo wir noch nicht an das Glück dachten, unter dieſem Thorbogen dahinſchreiten zu können. Am Abhang des grünen Berges, rechts angebaut an eine mächtige Terraſſemauer erhebt ſich die gewaltige viereckige Maſſe, das Thor des Gerichts Arco de juſticia, mit der kühnen Wölbung ſeiner Halle in hufeiſenföͤrmigem Bogen, über dem eine zierliche lange Inſchrift beſagt, daß der Thurm durch den Mauren⸗ gem hlen nend nem eckige ihnen meine uren⸗ Granada. 277 könig Juſſuf Abulhagehg im Jahre 749 der Hegira erbaut wurde. Auf dem Schlußſtein des Thorbogens befindet ſich eine Hand, oben drüber im Schlußſtein des wagrechten Bogens das Abbild eines Schlüſſels, welcher für den Muſelmann ſymboliſch die Er⸗ öffnung des Himmelreiches bedeutet. Unter dem Thurme des Ge⸗ richtes pflegte nach alter orientaliſcher Sitte der Kadi oder auch der König ſelbſt Recht und Urtheil zu ſprechen. Indem wir unter ſeinem dunkeln, kühlen Gewölbe dahin gingen, war es ordentlich rührend für mich, an der Wand eine Einrichtung zum Aufſtellen der Lanzen zu ſehen, die noch ſo gut erhalten war, als ſei ſie erſt geſtern benützt worden. Vom Thore des Gerichts führt der Weg eine Strecke zwiſchen hohen ausgezackten Mauern dahin und bald erreichten wir das zweite Thor im ſogenannten Weinthurme Torre del vino; doch iſt ſein Gewölbe verſchloſſen und da die Straße neben ihm vorbeiführt, ſo ſteht er wie verlaſſen auf der Seite. Die Wölbung ſeines Thorbogens, wunderſchön von einem reich ornirten einrahmenden Viereck umſchloſſen, iſt ebenfalls mit zierli⸗ chen Sculpturen und Inſchriften bedeckt; auch ſind die ganzen Ver⸗ hältniſſe dieſes Baues ſo graziös, wie man nur etwas ſehen kann. Oben in dem Thurme ſcheint ſich eine ſpaniſche Familie einge⸗ niſtet zu haben, denn unter dem arabiſchen, durch eine kleine Säule geſpaltenen zierlichen Doppelfenſter bemerkten wir ein paar neue Blumentöpfe mit blühenden Geranien, ſowie das reizende Geſicht eines ſchönen Mädchens, das behaglich an der Brüſtung lehnte und uns ruhig mit ihren großen glänzenden Augen anſah; das war in dem dunkeln, halbverfallenen Ge⸗ mäuer eine recht angenehme Erſcheinung. Wir haben jetzt die Höhe des Berges erreicht und zugleich eine große Eſplanade, den Platz der Algiven; man könnte ihn mit dem Schloßhof einer weitläufigen Ruine des Nordens verglei⸗ chen; gerade vor uns iſt eine niedere zertrümmerte Bruſtwehr, von welcher hinab man auf den Albayein blickt, der tief unten am Ab⸗ hang liegt, durch die maleriſche Darroſchlucht getrennt. Links an dem ziemlich öden Platze erheben ſich, beinahe von keinem Fenſter Achtzehntes Kapitel. durchbrochen, die ſchweren ſtumpfen Maſſen der torre quebrada und del homenage mit einer kleinen in der uns zunächſt liegenden Ecke angebrachten Eingangsthür, durch die man zu den Vorwerken und der torre de la Vela gelangt; hinter uns erheben ſich jenſeits des Thals die rothen Thürme; neben dem Weinthore, bei dem wir ſtehen, geht es eine breite Straße hinauf, an der hie und da ein kleines Haus liegt; das Ende derſelben iſt geſchloſſen mit der Pfarrkirche und deren durchbrochenem Glockenthurm. Rechts von uns aber erhebt ſich der rieſenhafte unvollendete Palaſt Karls V. in ſeinen für die damalige Zeit ſtaunenswerthen Verhältniſſen. Man ſagt, Karl V., dem Granada, namentlich aber die Aus⸗ ſicht hier oben vom Berg der Alhambra außerordentlich lieb ge⸗ weſen ſei, habe dieſen Palaſt zu einer Reſidenz für ſich erbauen wollen; eine andere Anſicht i*ſt die, der ſtolze Kaiſer und König habe damit ein Werk herſtellen wollen, beſtimmt, die Wunder der Alhambra zu verdunkeln; wie dem auch ſei, wir wären dank⸗ bar, wenn dieſer Bauplan gar nicht zur Ausführung gekommen wäre, der nur mit Aufopferung eines großen Theils der alten arabiſchen Konſtruktionen ermöglicht werden konnte, und jetzt durch etwas, wenn auch an ſich ſehr Prächtiges, aber doch völlig Fremd⸗ artiges, die koſtbare Schöpfung der alten Mauren herriſch beengt und den wohlthuenden Einklang der Bauart zernichtet. Dieſer Palaſt, deſſen Bau Beruguete leitete, beſteht aus zwei gewaltigen, in gelbem Stein ausgeführten Stockwerken über ein⸗ ander, von wohlgelungenen Proportionen, die Einfaſſungen der Thore und Fenſter ſind, ſo wie die beiden Hauptgeſimſe, die die Stockwerke abſchließen, ſchön und kräftig profilirt, die Hauptein⸗ gänge durch gekuppelte cannelirte Säulen ausgezeichnet, an deren Poſtamenten der Schmuck ſehr lebendig componirter und ſchön gehauener Reliefe, Kämpfe zwiſchen chriſtlichen Rittern und Mau⸗ ren darſtellend, mit Geſchick angebracht iſt. Der Palaſt iſt ſo lang als breit, die Zimmer und Säle erſtrecken ſich längs der Facaden, und die Verbindung der einzelnen Räume unter einander wird durch doppelt über einander geſtellte Colonnaden vermittelt, +— 2—,—2y——— Granada. 279 welche den in der Mitte liegenden kreisförmigen Hof umgeben, der groß genug wäre einem Kampfſpiel oder Stiergefecht zu dienen. Die Treppen liegen in den Ecken, die zwiſchen dem Kreis und dem umſchriebenen Quadrat übrig bleiben. Das Ganze gewährt von Innen und Außen einen majeſtätiſchen Eindruck, aber gleichſam wie wenn der altehrwürdige Bau der Alhambra hätte eine Genug⸗ thuung empfangen ſollen, wurde das Werk Karl V. nicht voll⸗ endet, das Ganze liegt in traurigem Verfalle, der Fußboden im Innern iſt mit Schutt bedeckt, von den Säulen ſind ſchon viele verletzt, manche der Baluſtraden zertrümmert und oben auf den Zinnen des unfertigen Gebäudes, das nie ein Dach gehabt, wachſen Pflanzen und kleine Bäume, und dort haben die Vögel des Him⸗ mels freien Zutritt. Aber wo iſt die Alhambra, der Mährchenpalaſt, den zu ſehen wir unſere Erwartung kaum zügeln können? Auf dem Platze, von dem ich eben ſprach, iſt nur das zu ſehen, was ich erwähnt; doch richtig, dort hinten noch etwas. An die koloſſalen Wände des kaiſerlichen Palaſtes lehnt ſich eine Mauer, beſcheiden vom Platz zurücktretend, und ſo einen dunkeln Winkel bildend, in deſſen Hintergrund ſich ein mäßig großes Thor befindet, der Eingang zur Alhambra. Wer ſich vom Schloſſe der mauriſchen Könige zuvor ein Bild gemacht, und dabei ſeine Phantaſie von dem Ausdruck Palaſt und von Erinnerungen an orientaliſche Mährchen oder Beſchreibungen hinreißen ließ, findet ſich hier ſehr enttäuſcht; wer aber, wie ich, die Wunder der Stadt Damaskus geſehen, mit ihren fabelhaft prachtvollen Häuſern, die aber an der Straße nur eine zerfallene Lehmwand mit ſchlechtem Thore und ſchießſchartenähn⸗ lichen Fenſtern haben, der konnte ſchon geduldig, wenn gleich mit klopfendem Herzen warten, bis ſich die Thür in der Mauer vor uns geöffnet. Befinden wir uns ja nicht vor einem Tempel oder Palaſt der Griechen, Römer oder Egypter, die ihre Bauwerke mit auf äußeren Effect berechneten. Hier aber ſind wir auf einem orientaliſchen Schloſſe, das ſeine Wunder hinter feſten Thürmen und hohen Mauern verbirgt, denn der müßige Spaziergänger ſoll Maiährchenwelt. So muß es den fahrenden Rittern zu Muthe ge⸗ Achtzehntes Kapitel- ſich ja nicht daran erfreuen, nur er, der Beſitzer, ruhend an den murmelnden Waſſern ſeines Feenhofes unter kühlen Säulengän⸗ gen und duftenden Orangen. Die Thür öffnet ſich langſam und wir treten ein. Was wir aber hier ſehen, können Worte nicht ſchildern. Kann man ja auch nicht die wunderbaren Klänge der Muſik beſchreiben, oder vielmehr nicht ihre Wirkung, nachdem ſie uns im Innerſten ergriffen und gerührt. So auch hier. Gewöhnlich wird eine geſpannte Erwar⸗ tung nicht befriedigt; aber hier in der Alhambra wird ſie über⸗ troffen. Das Thor hat ſich hinter uns wieder geſchloſſen, tiefe Stille umgibt uns und wir befinden uns in einer andern, einer weſen ſein, die ſich kämpfend und ſiegend durch alle Hinderniſſe durchſchlugen und jetzt endlich das Feenſchloß erreichten, in deſſen Räumen das koſtbare Gut zu finden iſt, dem ſie nachgeſtrebt.— Das Schwert entſinkt ihrer Hand, ſie können nur ſtaunen und bewundern. Wir befinden uns nach Durchſchreitung eines dunkeln Ves⸗ tibules in einem Hofe, den die Mauren Meſuar nannten, jetzt aber heißt er de los Arrayjanes, Hof der Myrthen, oder Patio de la Alberca, der Hof des Teiches; vor uns haben wir ein etwas über hundertzwanzig Fuß langes und etwa dreißig Fuß breites mar⸗ mornes in den Fußboden eingelaſſenes Becken, der Länge nach auf beiden Seiten bekleidet mit Roſenhecken und Geſträuch; der Teich iſt mit klarem Waſſer gefüllt, das von Goldfiſchen belebt iſt, und die rings um die Pflanzenbeete herlaufenden Gänge ſind mit brei⸗ ten Platten von weißem Marmor belegt. Zu unſerer Rechten, ſowie zu unſerer Linken befinden ſich an den ſchmalen Seiten des Hofs zwei offene Hallen von je ſteben Bogen und von ſchlanken Marmorſäulen getragen, die Bogen ſind im Halbkreis geſchloſſen und die filigranartigen in Stuck ausgeführte Ornamente über und an den Bogen ſind noch vortrefflich erhalten, die Decken der hinter dieſen Bogen hinlaufenden Hallen glänzen uns in ihrer Farben⸗ pracht und in ihren wunderbaren Arabesken wie ein geöffnetes Granada. 281 Schatzkäſtlein entgegen; das leuchtet und ſtrahlt durch einander, und das Auge iſt lange nicht im Stande, irgend etwas mit gehö⸗ riger Ruhe zu betrachten. Alles iſt mit Skulpturen bedeckt, die in Roth, Blau, Gelb und Grün gemalt ſind, vom Fußboden bis zur Höhe der Lambris erheben ſich glänzende Fayenceplatten, Azulejos, das Ganze mit einem Netze der phantaſtiſchſten Fäden überziehend, welche bald die wunderbarſten Arabesken darſtellen, bald in zierlichen Buchſtaben arabiſche Sprüche. Hier im Hofe des Teichs findet man häufig den Spruch:„Va le ghalibile Allah,“ Gott allein iſt Sieger; der Wahlſpruch von Aben⸗Hamar, den er ſeinem Volke entgegenrief, wenn ſie ihn Ghalib, Sieger, nannten. Man findet ihn unzählige Male, meiſtens auf Fayenceplatten, die einen blauen Balken im ſilbernen Felde zeigen. Die beiden Lang⸗ wände, die dieſen Hof umſchließen, von gleicher Höhe wie die Bo⸗ genſtellung der Hallen, ſind nur von wenigen Thüren und kleinen darüber angebrachten Fenſtern, die das obere Stockwerk beleuchten, durchbrochen und machen einen ſehr wohlthätigen ruhigen Ein⸗ druck, aber jede dieſer einzelnen Oeffnungen iſt in ſo wunderlieb⸗ licher Weiſe durch die ſie umgebenden ornamentirten Rahmen einge⸗ faßt, und wird durch die über den Marmorboden hinlaufenden Lam⸗ bris von bunten Fayenceplatten mit den andern verbunden, daß ſie das innigſte Wohlgefallen erwecken. Nachdem wir uns in der bei unſerem Eintritt zu unſerer Linken gelegenen Bogenhalle ſattſam umgeſehen, uns in den an ihren beiden Enden angebrachten, mit den zierlichſten Azulejos ausgetäfelten Niſchen niedergelaſſen, er⸗ kennen wir erſt den neuen Reiz der an den Palaſt Karl V. ange⸗ lehnten gegenüberliegenden Seite, die ſich in entzückender Weiſe in dem Waſſerbecken abſpiegelt, und die auf der untern Bogenreihe noch ein kleines Halbſtockwerk, und darüber eine zweite Reihe von Areaden, den untern ähnlich trägt, und ſo das ſchwerfällige Nach⸗ bargebäude verdeckt. Ein ſehr feines Gefühl ließ die Araber den mittlern untern Bogen dieſſeits und jenſeits größer als die übrigen machen, um dem ſpringenden Strahl aus der im Boden ſenkrecht je unter dem Mittelbogen befindlichen Schale Platz zu geben und —————— Achtzehntes Kapitel. die Ueberſicht über den Hof, unter der Thüre, die in den an⸗ ſtoßenden Raum führt, noch freier und unbeengter zu gewähren. Dieſes hinter den Arcaden liegende lange und ſchmale Gemach, parallel mit der Halle laufend und von gleicher Länge, Sala de la barca oder Halle des Segens genannt, dient als Vorzimmer zum Saal der Geſandten. Rechts und links in der Mauer vor der Ein⸗ gangsthür befinden ſich kleine Niſchen, wo diejenigen, welche vor den König traten, ihre Pantoffeln ablegten. Eigenthümlich iſt eine In⸗ ſchrift, die ſich hier befindet, und die von dem Hofe und Saale ſprechend, in Verſen ſagt:„Wenn Du meine Schönheit anſchauſt, ohne Beziehung auf Gott, ſo muß ich Dir ſagen, daß es eine große Thorheit iſt, Deine Bewunderung nicht zu Gott zu erheben, der Dir den Tod geben kann. Und wer dieſe kunſtreiche Arbeit be⸗ trachtet, von ihrer Schönheit angezogen, der lege zu ſeinem Schutze und damit er geſund bleibe, die fünf Finger ſeiner Hand zuſam⸗ men.“ Es iſt dieß der Schutz gegen das böſe Auge, das Gettatore, deſſen ſich auch heute noch die Italiener bedienen. Eine wunderſchöne Holzdecke, faſt noch mannigfaltiger in der Verſchlingung der einzelnen Formen als diejenigen der hinter uns liegenden Bogenhalle zieht ſich über die Sala de la barca hin, aus den glatten Deckenflächen wölben ſich einzelne Kuppeln her⸗ aus, und die nahe an beiden ſchmalen Enden quer über den Raum geſprengten Gurtbogen vermählen ſich mit dem Deckenwerk in der reizendſten Weiſe; die Azulejos der Lambris, die Stuckbekleidung der Wandungen, die liebliche Harmonie der Färbung, die herrliche Arbeit der Thürflügel in tauſendfältiger Verſchlingung ſternför⸗ miger Grundformen ſteigern die Erwartung auf den Raum zu dem wir hier nur gleichſam das Vestibule ſehen, und in der That iſt der nun folgende Saal der Geſandten, Sala de los embajadores, ein Prachtwerk, auf welches das bisher Geſehene nur annähernd vor⸗ bereitete. Auf der Verlängerung der Mittellinie des Myrthenhofs gelegen und von drei Seiten frei als einer der Feſtungsthürme vor den andern Gebäuden vortretend, iſt dieſer Thurm„des Comares“ Granada. 283 eine von außen ſchwerfällige krenelirte Maſſe, die ſchon beim Eintritt in den Myrthenhof zu unſerer Linken hoch die übrigen Gebäude über⸗ ragte, die unſcheinbare Hülle eines koſtbaren Inhalts. Im Gegenſatz zu den in die Breite geſtreckten Verhältniſſen des Myrthenhofs und der Halle der Segnung, hat der Saal der Geſandten durch ſeine hoch aufſtrebende ſchlanke Proportion eine imponirende Majeſtät erlangt und beweist die Feinheit des Verſtändniſſes, die dieſe glückliche Steigerung herbeiführte. Dieſer Prachtſaal, in dem die fremden Geſandten empfangen wurden, ſo lang als breit, und bis zur Ge⸗ wölbſpitze faſt zweimal ſo hoch, iſt von ſehr dicken Mauern um⸗ ſchloſſen, und in jeder der nach außen gekehrten Wände von drei Bogenöffnungen in der Höhe des Fußbodens durchbrochen, die ſo gleichſam beſondere Kabinete bilden, von denen die mittleren je durch eine in der äußern Mauerfläche ſtehende feine Marmor⸗ ſäule in zwei Theile geſpalten iſt; höher oben unter dem Kuppel⸗ anfang dringt in jeder Wand durch eine Reihe von je fünf kleinen Bogenfenſterchen noch weiteres Licht in den auf dieſe Weiſe ge⸗ heimnißvoll erhellten Raum. Dieſer Saal, der größte bedeckte Raum der Alhambra, iſt von einer ans Wunderbare gränzenden Ausſchmückung, jede Erwartung, die man ſich von dieſer eigen⸗ thümlichen Schöpfung machen kann, übertreffend, ſeine Wände haben bis zur Höhe von etwa vier Fuß eine ringsumlaufende Lambris von glänzenden Azulejos mit blauen und grünen Verzie⸗ rungen, Roſetten, Sterne und phantaſtiſche Blumen darſtellend; darüber iſt die ganze Wand mit erhaben gearbeiteten Arabes⸗ ken bedeckt, die vermittelſt einer Form aus dem weichen Gyps ge⸗ drückt und dann hellblau mit rothem Grunde gemalt wurden, über welche Vergoldungen rings umher ein phantaſtiſches Netz⸗ werk bilden. Arabesken im gewöhnlichen Sinne ſind die Verzie⸗ rungen in der Alhambra eigentlich nicht, denn ſie bilden keine größeren zuſammenhängenden Gegenſtände, auch keine Blumen, Blätter oder Thiere, obgleich eine Andeutung an das vaterlän⸗ diſche Lotosblatt ſehr vielgeſtaltig und häufig vorkommt. Es iſt, wie ſchon geſagt, ein Netzwerk von bunten Farben und Gold, deren Achtzehntes Kapitel. einzelne Fäden oder Ranken das Auge faſt unmöglich verfolgen kann, in den eigenſinnigſten Windungen ſpringen ſie hierhin und dorthin hinab, verſchlingen und durchkreuzen ſich, ſcheinbar im Chaos, das aber in gewiſſen Gränzen wieder die wunderbarſte Symmetrie zeigt. Dieſe Verzierungen wiederholen ſich an allen Wänden, nur über Fenſtern und Thüren befinden ſich breite Ränder mit andern Muſtern, die hier eine Menge von Inſchriften enthalten, welche einen Theil der Verzierung ausmachen, indem ſie oft durch die Verſchlingung der einzelnen Fäden gebildet ſind. Der in polygoniſchen Abſchnitten kuppelförmig gewölbte Plafond zeigt Boiſerieen von prachtvoller Arbeit, welche Sterne und Achtecke in ſchönſter Symmetrie bilden; wo ſich das Gewölbe an die Wände anſchließt, bildet es Steinfeſtons mit herabhängenden Bögchen, Zapfen vorſtellend, die aus den Höhlungen herabtropfen und wie Verſteinerungen erſcheinen. Wunderlieblich iſt von der dem Ein⸗ gang gegenüberliegenden Fenſterniſche die Ausſicht auf die Stadt mit ihrer Ebene, auf das Thal des Darro und ins Gebirge hinein, aber nicht minder reizend der Rückblick durch die beiden herrlichen Thüröffnungen hindurch nach dem Saal der Segnung, durch die davor liegende Halle, und über den glänzenden Waſſerſpiegel des Morthenhofs hinweg nach dem jenſeitigen fernen Bogengang. Nach längerem Verweilen kehrten wir wieder zu dieſem Bo⸗ gengang zurück, und von dort aus betraten wir das Allerheiligſte der Alhambra, den Löwenhof, und waren wir vorher ſchon erſtaunt und überraſcht, ſo blieben wir bei dieſem Anblick mit einem Aus⸗ rufe der Bewunderung auf der Schwelle ſtehen. Es gibt nichts Rei⸗ zenderes und Zierlicheres in der ganzen Welt, als den Patio de los leones; früher war es ein Garten voll blühender Gebüſche, Roſen, Oleander und Jasmin, jetzt ſteht er verödet und die Gewächſe ſind verdorrt; ſeine Längenaxe bildet einen rechten Winkel mit der des Myrthenhofs, und er umfaßt ein Viereck von hundert Fuß in der Länge und ſechsundfünfzig in der Breite; zweiundachtzig ſchlanke weiße Marmorſäulen tragen einen bedeckten Bogengang, der rings umher läuft, und ſich in der Mitte einer jeden der beiden ſchmalen — —2— o 8 Granada. 285 Seiten zu einem viereckigen Pavillon erweitert, der in den Hof vor⸗ ſpringt. Wir ſind in der Mitte der ſchmalen Seite eingetreten, rechts und links von uns erſtreckt ſich die dieſſeitige Arkadenhalle, in deren Fußboden drei runde Waſſerbecken eingelaſſen ſind, und wir überblicken den ſonnigen Hof durch den uns zunächſt gelegenen Pavillon, den zweiundzwanzig der eben genannten Säulen im Quadrat umgeben, und der wieder ein rundes Waſſerbecken im Fußboden umfaßt; gerade aus fällt der Blick auf den in der Mitte ſtehenden Löwenbrunnen, links überragt die achteckige Kuppel des Schweſternſaals, rechts die Erhöhung vom Saal der Abencerragen, die in zierlicher perſpektiviſcher Flucht ſich verlierenden Bogen⸗ gänge der beiden Langſeiten, und gegenüber öffnen ſich die Bo⸗ gen des Gerichtsſaals gegen den Hof, der in dieſem magiſchen dunklen Rahmen gefaßt ein in der That einziger Anblick iſt. Die Säulen des Hofs ſind glatt und ſtehen alternirend paarweiſe und einzeln, mit Ausnahme der Ecken, ſowohl des Hofes als der Pa⸗ villons, wo ſich drei oder auch vier gekuppelt befinden. Alle Capitäle derſelben ſind verſchieden, aber eins immer zierlicher als das andere; die einzelnen Bogen ſind über den Säulen getrennt durch ſenkrechte Frieſe, die, von ungleicher Breite, je nachdem die Säulen darunter einzeln oder paarweiſe geſtellt ſind, ziemlich hoch über die Bogenrundung hinauf reichen und einen eckigen Rahmen darum her bilden, der in Verbindung mit einem prachtvoll ver⸗ zierten Band, das rings um den Hof herumlaufend, oben die auf⸗ ſteigende Frieſe unter ſich verbindet, das über jedem Bogen ver⸗ bleibende, aufs Zierlichſte durchbrochene Oberfeld nur noch elegan⸗ ter erſcheinen läßt, und durch das kunſtvoll geſchnitzte Hauptgeſimſe der ganzen Bogenreihe einen unvergleichlich ſchönen und edlen Abſchluß verleiht. An den beiden Pavillons iſt bei Ueberſpannung der Säulenweiten die Form des Halbkreisbogens verlaſſen und ſtoßen die über den Säulen allmählich ſich erbreiternden Maſſen in zwei gegen einander geneigten Linien zuſammen, ſo daß die Bogenflächen gleichſam vom Geſimſe herabzuhängen und nur leicht auf den Säulen zu ruhen ſcheinen. Da ſie aufs Kunſtreichſte ————õ—— S — Achtzehntes Kapitel. durchbrochen ſind, ſo daß man überall Tageslicht und Sonne durch⸗ flimmern ſieht, ſo kann man ſie mit koſtbaren Spitzengeweben ver⸗ gleichen, mit denen Hof und Säulen reich drapirt ſind. Betrachtet man den Rand eines ſolchen Bogens genau, ſo muß man geſte⸗ hen, daß man nichts Schöneres ſehen kann, und daß es faſt unmöglich iſt, eine Beſchreibung davon zu machen. Man könnte ſagen, die unzähligen Höhlungen, mit welchen er durchbrochen iſt, erſcheinen uns wie die Zellengewebe der Bienen. Obgleich die Vertiefungen, die ſo gebildet werden, willkürlich durcheinander geworfen zu ſein ſcheinen, ſo geben ſie doch wieder ein feſtes Syſtem, haben dagegen, flüchtig betrachtet, ganz das Anſehen von Stalaktiten in Tropfſteinhöhlen. Die übrigen Bogen bilden nicht die vollſtändige nach unten einwärts gekrümmte Hufeiſenform, ſind viel⸗ mehr verhältnißmäßig zur Höhe etwas ſchmal, doch iſt das Alles mit einem ſolchen Verſtändniß für Eleganz und Zierlichkeit ausge⸗ führt, und paßt ſo harmoniſch zuſammen, daß hier auch gar nichts anders geſtaltet ſein dürfte. Die Decke des Säulenganges beſteht aus koſtbarer, eingelegter und reich bemalter Holzarbeit, wie die im Saale der Geſandten. Von den ehemaligen bunten und glän⸗ zenden Dachflieſen iſt nichts mehr vorhanden und die Gebäude ſind mit gewöhnlichen Ziegeln bedeckt. Wie muß dieſer Anblick geweſen ſein in jener Zeit, da die Alhambra noch vollkommen erhalten und bewohnt war, wo der ſo feenhaft umſchloſſene Garten ſelbſt in dem höchſten Blumenſchmucke prangte! Was wir über⸗ haupt heute noch davon ſehen, iſt nur der Sommeraufenthalt der mauriſchen Könige; der Winterpalaſt befand ſich da, wo jetzt das Schloß Karls V. ſteht. In der Mitte des Patio de los leones befindet ſich auf der Kreuzung der beiden Mittellinien der berühmte Löwenbrunnen; zwei übereinander ſtehende Marmorſchalen, wovon die vieleckige große untere, deren Rand mit Inſchriften bedeckt iſt, durch zwölf ſehr roh gearbeitete Löwen getragen wird, denen man eigentlich nur durch die Mähnen anſieht, was ſie vorſtellen ſollen. Da die Proportion dieſer beiden Schalen und alle übrigen Verhältniſſe ſo + 21902—B— ⏑˙ —+—2 2 +⁸ 12 8„A d N—9 ⏑+½*—+Pf VN A ☛̈ ⏑☛☛⏑ o inN U 8——n 0——⸗ Granada. 287 ſchön und richtig abgewogen ſind, ſo iſt das Zerrbild der Löwen durch den Mangel an Uebung der Nachbildung lebender Weſen, welche den Orientalen eigentlich verboten war, zu entſchuldigen. Jetzt ſteht dieſer Brunnen ſtaubig und trocken, ehemals ſandte er einen reichen Waſſerſtrahl hoch über die Dächer hinaus, ſo wie dieſes auch aus den Rachen der zwölf Thiere hervorſprudelte, und das herabſtürzende Waſſer lief aus der Marmorſchale in Rinnen, die ſich heute noch am Fußboden befinden, welche den klaren Quell durch den ganzen Garten und die anſtoßenden Gemächer führten, den Pflanzen Nahrung bringend, den Menſchen Kühle und Friſche. Da wir vom Myrthenhofe hereingetreten ſind, haben wir auf der linken Seite im Patio de los leones den Saal der zwei Schweſtern, de las dos hermanas, der ſeinen Namen hat von zwei gleichen Marmorplatten von ausgezeichneter Größe und Weiße, die in den Fußboden eingelaſſen ſind. Dieſer Saal, durch einen ſchmalen Vorraum etwas abgerückt von der Colonnade des Löwen⸗ hofs und um einige Stufen gegen dieſelbe erhöht, iſt ein Gemach von etwa fünfundzwanzig auf dreißig Fuß mit zwei ſich gegen daſſelbe in weiten Bogen öffnenden dunkeln Seitenkabineten, an deren ſchmalen Enden beſondere Stücke, unverkennbar für Bett⸗ niſchen abgeſchnitten ſind. Rückwärts dem Saaleingang gegenüber öffnet ſich ein vierter Bogen als Zutritt zu einem Corridor, der ſo lang iſt als der Saal und die beiden Kabinete zuſammen, und über den an ſeiner langen Außenwand als Schluß dieſer, mit dem Myrthenhof parallelen Enfilade ein kleiner Erker, das Kabinet der Infanten genannt, nach außen frei hervorragt. Die Mitte des Fußbodens zwiſchen„den beiden Schweſtern“ nimmt wieder ein rundes Waſſerbecken ein, deſſen Ueberfluß nach dem Löwenbrunnen abwärts läuft. Die Anlage dieſes Apparte⸗ ments, obwohl von außerordentlicher Einfachheit, hat einen un⸗ ſagbaren Reiz; die drei aufeinanderfolgenden Räume ſind von ausnehmender Schlankheit und einer unbeſchreiblichen Eleganz des Details; von unten herauf iſt der Saal mit Azulejos getäfelt, die obern neben den vier Bogenthüren übrig bleibenden quadrati⸗ Achtzehntes Kapitel. ſchen Felder jeder Wand von den originellſten Deſſtns und äußerſt harmoniſch gefärbt, höher hinauf übergeht der Raum nach und nach ins Achteck und ſind die Ecken durch zierliche an der Wand klebende Marmorſäulchen gefaßt; ein breiter Fries zieht ſich rings unter den obern kleineren Fenſterchen umher, deren ſechszehn wie⸗ der durch ganz feine Säulchen getrennt ein träumeriſches Licht in das Innere ergießen, und der aus einer Menge kleiner Kuppel⸗ niſchen der verſchiedenſten Geſtalt, beſtehend in tauſend abwechſeln⸗ den Bienenzellenformen der Spitze zuſtrebende Deckenwölbung eben ſo viel Licht zuführen um den Beſchauer einzuladen dieſe fabel⸗ haften Durchdringungen der manigfachen Formen mit dem Auge zu verfolgen und zu enträthſeln, um ihn recht die Unmöglichkeit ſeines Beginnens fühlen zu laſſen. In gleicher Zierlichkeit und Feine ſtrahlen die anſtoßenden Gemächer, der Corridor und das Kabinet der Infanten ſich wechſelsweiſe an Reiz der Erfindung überbietend. Zahlreiche Inſchriften bedecken überall die Wände. Faſt alle ermahnen zur Anbetung Gottes und zum Lobe des Pro⸗ pheten. Eine größere in Verſen preist in der erhabenen und glü⸗ henden arabiſchen Ausdrucksweiſe die Schönheit des Löwenhofes: „Ein Garten bin ich der Wonne, zuſammengeſetzt aus allen Schönheiten. Anmuth und Zierlichkeit ſind in mir niedergelegt. Kein Werk mag neben mir beſtehen und der Blick ſagt dir, wie vielfach meine Schönheiten ſind; ein ruhiges Gemüth wird nir⸗ gends erquickendere Kühle finden, als bei mir. Ich enthalte ein koſtbares Gemach, deſſen Anfang und Ende ſehr rein iſt. Das Zeichen der Zwillinge allein deutet die ſchöne Verzweigung mei⸗ ner Zierrathen, welche ihnen ein Scheindaſein gibt, ſehr ähnlich der Wirklichkeit. Auch der Mond am Himmel muß mir weichen, weßhalb ſchöne Frauen zu meinem Reiche gehören mögen. Wenn die Sonne in ihrem Laufe ruhete, ſo wäre es nicht zu verwun⸗ dern, denn ſie hält ſich auf, um meine Klarheit zu ſehen; da ich, ein Gemach, den Himmel verdunkle und alles Schöne von mir Daſein erlangen könnte. Und wer mich recht anſieht, der wird mich betrachten mit der Ruhe und Sorgfalt, die ich verdiene. Die Jenn vun⸗ ich, mir wird Die Granada. 289 Kreiſe des Himmels ſcheinen neben mir verdunkelt und mit Wol⸗ ken bedeckt. Ich entfalte auch weiße Säulen von großem Werthe, ihre Geſtalt iſt ſchlank und frei, und der Schatten, den ſie geben, iſt gleich einem hellen Strahl, und an ihnen ſind Perlen ohne Gleichen. Und wer ſie errichtet hat, kann ſich über alle erheben. Unvergleichlich iſt ihre Pracht und ihr Leben, und Niemand ver⸗ mag ihren Preis zu nennen. Und wenn die untergehende Sonne ihre Strahlen ausbreitet und dieſes Gemach trifft, entſteht ein Glanz ohne Gleichen, dem du weder an Form, noch an Farbe etwas vergleichen kannſt. Was mir aber meinen groͤßten Werth gibt, iſt der Glaube, der in mir ſich in ſeinem vollſten Glanze zeigt und in ihm vereinigen ſich alle meine Schönheiten.“ Von dem Saal der zwei Schweſtern gehen wir durch den Bogengang des Hofes nach dem Hintergrunde deſſelben in den Saal des Gerichtes. Rechts und links von dem Säulenpavillon, der vor ihm in der Mitte liegt, ſowie gegen dieſen ſelbſt öffnet ſich der Saal mit drei großen Bogenportalen gegen den Löwenhof; jedes derſelben iſt aber an und für ſich durch zwei freiſtehende Marmor⸗ ſäulen wieder zu drei kleineren Arkaden abgetheilt, vor deren mittleren jedesmal ein rundes Waſſerbecken den Fußboden der Bogenhalle unterbricht. Der Saal iſt neunzig Fuß lang und ſechszehn breit, alſo mehr eine Gallerie als ein Saal; den drei Portalen, die ihm allein Licht zuführen, entſprechen jedoch an ſeiner Rückwand drei große Niſchen oder Divans, die ihn auf fünf⸗ undzwanzig Fuß erbreitern. Sechs prachtvolle Querbogen ſind von der vordern nach der Rückwand geſprengt und über den⸗ ſelben wölben ſich drei hohe Kuppeln, wetteifernd an Zierlichkeit mit der des Schweſternſaals. Es iſt leicht zu erachten, welchen reichen Anblick ſein Inneres durch dieſe vieltheilige Dispoſition gewähren und wie poetiſch der dämmerige Raum den Bewohner ſtimmen muß. In den Divans ſind, abweichend von der übrigen Verzie⸗ rungsweiſe die Deckengewölbe mit bildlichen Darſtellungen auf Goldgrund geſchmückt; die an den Enden etwas abgelöste Bild⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 19 Achtzehntes Kapitel. fläche zeigt, daß die Gemälde auf Leder aufgetragen ſind und die mittlere Darſtellung einer Verſammlung von zehn bewaffneten Greiſen in zwei ſich gegenüberſtehenden Gruppen, worin man eine Rathsverſammlung erblickte, hat dem Saal den Namen ſala del Tribunal verliehen; die Bilder in den beiden anderen Niſchenge⸗ wölben ſtellen Jagden und Kämpfe dar und trage ich nach der ganzen Behandlungsweiſe kein Bedenken, die Bilder für ächt ara⸗ biſch zu halten. Gegenüber dem Saal der beiden Schweſtern befindet ſich nun der Saal der Abencerragen, den wir zuletzt betreten. Eine in der ſchon beſchriebenen Form reich geſchmückte Bogenthüre führt wie jenſeits zuerſt in ein ſehr ſchmales Vorzimmer, gegen das der Saal um etwas erhöht iſt. Er iſt länglicht und ſind von demſelben zu beiden Seiten durch zwei Bogenwände, die je auf einer freiſtehen⸗ den Marmorſäule ruhen, zwei Alkoven abgeſchnitten, ſo daß der Mittelraum wieder ins Quadrat gerückt wird. Ein breiter reicher Fries lauft an allen Seiten darüber hin und von dort nimmt durch bienenzellenartige Uebergänge höher und höher hinauf der Saal die Grundform eines vieleckigen Sternes an, in jeder Seite von einem kleinen, halbrund geſchloſſenen Luftfenſter durchbrochen; die ſpitzig nach oben darüber zuſammenlaufende Decke, den ein⸗ und ausſpringenden Winkeln des Sternes folgend, iſt eine ſo ſtaunenswerthe Combination, daß alle Beſchreibung unzureichend wird. Durch und durch reizend und aller Schwere beraubt, baut dieſe luftige Architektur ſich bei jedem veränderten Standpunkt kaleidoscopartig zu immer neuen überraſchenden Effecten in wirk⸗ lich den Beſchauer verwirrender Weiſe zuſammen. Hier hat man eine der wunderbaren Wände, nach dem Vorbild einiger noch faſt ganz wohlerhaltene Stellen, wiederhergeſtellt, in⸗ dem man Farben und Vergoldung auffriſchte, und ſieht nun deut⸗ licher, wie überaus reizend dieſe unendlich verſchlungenen arabiſchen Deſſins geweſen ſind. Die Herzogin von Montpenſter, welche in Sevilla wohnt, gibt jedes Jahr eine bedeutende Summe zur Her⸗ ſtellung der Alhambra, und dieſe rühmenswerthe Munificenz hat Granada. 291 die Behörden von Granada in den Stand geſetzt, Bedeutendes für die Unterhaltung, ja Wiederinſtandſetzung der Alhambra zu thun. Auch an den Gallerieen des Löwenhofs iſt man beſchäftigt, die Stukkatur⸗Arbeiten zu erneuern, zu welchem Zweck man von den alten Verzierungen neue und ſehr genaue Formen gemacht hat, in welche die weiche Gypsmaſſe gegoſſen wird und ſo die neuen Arabesken den alten vollkommen ähnlich werden. Um den Löwenhof aber vollſtändig zu reſtauriren, brauchte man ziemlich bedeutende Mittel, denn von den Säulen ſind manche aus ihrer ehemaligen Lage gewichen und einige der prachtvollen, durchbrochenen Bögen mußten durch ſtarke Eiſenſtangen befeſtigt und ſo vor dem Zu⸗ ſammenſtürzen bewahrt werden. Da während unſeres Beſuches auf der Alhambra gerade an den neuen Wandverzierungen ge⸗ arbeitet wurde, ſo gelang es uns, freilich zu ziemlich theuren Prei⸗ ſen, von den alten herabgenommenen ein paar Stücke zu erlangen, die wir als koſtbare Andenken mit uns nahmen. Nahezu in der Mitte des Fußbodens des Saales der Abencer⸗ ragen befindet ſich nun die große Marmorſchale, welche den blutigen Mittelpunkt jener romantiſchen Geſchichte bildet, die unter den Lorbeergängen der Cypreſſen auf der Keneralife entſtanden und mit dem früher erwähnten Gotteskampfe auf der Bivarrambla, ſowie mit dem Untergange Granadas endigte. Es waren vier Zegri, welche, um den verhaßten Stamm der Abencerragen zu verderben, ſich eines Tages zum Könige Boabdil begaben und ihm zuſchworen, daß ſie mit eigenen Augen geſehen, wie ſeine Gemahlin im Garten der Keneralife mit dem Abencer⸗ ragenritter Abin⸗hamad eine Liebesnacht gefeiert. Dieß ſei ge⸗ ſchehen, gaben die Zegri an, bei einem nächtlichen Feſt auf der Peneralife, die Königin habe ihre Frauen verlaſſen und ſich allein unter das Cypreſſendunkel begeben, wohin nun Abin⸗hamad von einer andern Seite gekommen. Dort vernahmen wir, ſo reizten ſte den ſchon wüthenden König, innige Seufzer und feurige Küſſe, und als der Abencerrage nach einiger Zeit glühend vor Luſt und Freude zurückkam, trug er auf ſeinem Kopf denſelben Krand von 19 292 Achtzehntes Kapitel. rothen Roſen, den die Königin früher in ihrer Hand gehalten.— Daß Boabcdil auf dieſe Anklage ſehr blutig und ſummariſch ver⸗ fuhr, iſt wohl begreiflich. Er entbot dreißig der edelſten Abencer⸗ ragen⸗Ritter, worunter Abin⸗hamad, der ſein eigener Schwager war, in die Alhambra, und als ſie im Myrthenhof verſammelt waren, ließ er den Palaſt ſchließen und ſie einzeln in den Saal treten, in welchemevir uns gerade befinden und wo am Boden die Marmorſchale das Blut der ermordeten Abencerragen auf⸗ nahm, die niedergemetzelt wurden, ſo wie ſie einzeln das Gemach betraten. Dieſen Dreißig, die ſich dienſteifrig zuerſt einſtellten, ſollten noch viele Andere folgen; doch:„Gott wollte es nicht,“ erzählt der arabiſche Chronikenſchreiber,„daß dieſe Grauſamkeit weiter ginge, und es begab ſich, daß der junge Edelknabe eines der Ritter, ohne daß es Jemand gewahr wurde, mit ſeinem Herrn hineinkam, und ſah, wie ſein Herr und die übrigen Ritter ent⸗ hauptet wurden. In dem Augenblick, daß die Thür geöffnet ward, um einen andern zu rufen, ſchlüpfte der Edelknabe hinaus. Voller Angſt um ſeinen Herrn weinend begegnete er bei der Quelle der Alhambra, wo noch jetzt die Pappeln ſtehen, den Rittern Malike Alabez, Abenamar und Sarrazino, die zur Al⸗ hambra hinaufſtiegen, um den König zu ſprechen; und ſagte ihnen weinend und zitternd:„„Ach, ihr Herren Ritter, beim heiligen Allah gehet nicht weiter, wenn ihr nicht böſen Todes ſterben wollt!““ So wurde die blutige Juſtiz des Königs bekannt, und der größte Theil der Abencerragen konnte ſich retten. Daß man heute noch in dem weißen Marmor der Waſſer⸗ ſchale am Boden röͤthliche Flecken und Streifen ſieht, kann ich bezeugen, ohne aber behaupten zu können, ob es natürliche Flecken des Steins, oder Blutſpuren ſind. Unſer Führer ben Saken und ebenſo manche Reiſende, die den Saal der Abencerragen be⸗ ſucht, ſind der letztern Anſicht. Doch iſt über dieſe ganze Sache ſchon ſo viel geſchrieben und in Romanzen geſungen worden, daß man nicht weiß, wo die Gränze zwiſchen Wahrheit und Dich⸗ tung iſt. Wollen doch ſpätere Bewohner der Alhambra nächtlicher Granada. 293 Weile im hellen Mondlicht geſpenſtige Schatten im Löwenhof bemerkt haben, weiße, flatternde Gewänder, die aus dem Saal der Abencerragen zu fliehen ſchienen. Erzählte mir doch ein glaub⸗ würdiger Bekannter, er habe längere Zeit auf der Alhambra ge⸗ wohnt und in ſtillen Nächten oftmals ein leiſes Geflüſter und ſeltſame Klagetone gehört. Doch iſt dieß leicht zu erklären; wenn das zierliche Durcheinander der unzähligen Säulen mit ihren ſchneeweißen Steinbroderien vom bleichen, zitternden Mondlichte beſchienen iſt, ſo kann ſich eine erhitzte Phantaſie bei dieſen, im Halbdunkel unbeſtimmteren und darum noch wunderbareren For⸗ men wohl geſpenſtige Vorſtellungen machen. Wenn man aber hier in dieſem Feenhofe wandelt, ſo glaubt man unwillkürlich an alle Wunder, an alle dieſe poetiſch ſchönen Geſchichten, welche uns Chronikenſchreiber und Romanzen erzählen. Ich habe da eine überaus glückliche Natur und es wird mir zu einem wahren Bedürfniſſe, ſolche merkwürdige Stellen mit Ge⸗ ſtalten und Sagen aus ehemaliger Zeit zu bevölkern, deßhalb glaube ich auch an das unverſchuldete Unglück der ſchönen mauri⸗ ſchen Königin, an die Rache Boabdils, an die dreißig ermordeten Abencerragen, an die Blutflecken im Marmorbaſſin, ſogar an die nächtlich flüſternden und klagenden Stimmen im Löwenhofe und an die geſpenſtigen Schatten, welche dem Saal der Abencerragen entflattern. Ja, als wir jetzt wieder zurückkommen in den Saal des Komares, ſo bin ich feſt überzeugt, daß es der Platz dort links am Fenſter war, wo man die wunderbare Ausſicht auf die Ebene hat, von dem die Romanze ſingt: In dem Zimmer von Komares Einſt die ſchöne Galiane Mit Geſchicklichkeit und Mühe Stickte einen reichen Aermel, Für den tapfern Sarrazino, Welcher treibt für ſie das Rohrſpiel. Solchen Werth hat dieſer Aermel, Daß er keine Schätzung findet. 294 Achtzehntes Kapitel. Uebrigens ſind wir der ſchönen Galiane zu Liebe nicht hieher zurückgekehrt, ſondern vom Saal der Geſandten führt in der Dicke der Mauer eine Treppe zu einer hoch auf deſſen Zinnen liegender, eine prachtvolle Ausſicht gewährender Terraſſe, eine andere geräumigere Treppe aber zu einer beiderſeits freiſtehenden, von den chriſtlichen Königen auf die Höhe der Feſtungsmauer angelegten Gallerie, deren Dach von arabiſchen Marmorſäulen getragen iſt. Von hier hinab blicken wir in tiefe düſtere Höfe, die ſich noch ein Stockwerk unter dem Patio de los leones an der Umfaſſungsmauer befinden, aber auch in den hübſchen Garten der ſchönen Maurin Lin⸗ daraja, der freilich ſehr verwildert iſt und nichts Gartenähnliches mehr hat. Bemerkenswerth iſt hier nur eine geſchuppte Brun⸗ nenſchale von ganz außerordentlich ſchöner Arbeit. Unangenehm fällt dem Beſchauer eine ſeitwärts liegende Fortſetzung dieſer Gal⸗ lerie auf, die von oben bis unten mit eiſernen Stäben vergittert iſt und zum Aufenthalt der tollen Johanna gedient haben ſoll, die hier bis zu ihrem Tode verwahrt wurde. Doch wollen wir alle trüben Gedanken an Wahnſinn und Kerker hinter uns laſſen, denn wir haben einen der viereckigen Thürme erreicht, die ſich kühn und trotzig aus der Schlucht erheben, in welcher tief unten der Darro braust. Auf dieſem Thurme aber befindet ſich einer der ſchönſten und wunderbarſten Punkte der Alhambra, ein kleiner, viereckiger, ganz iſolirter Pavillon, auf jeder Wand von drei Oeffnungen durchbro⸗ chen mit einem äußeren, ringsumlaufenden Gange, der auf drei Seiten frei, von acht ſchlanken, weißmarmornen Säulchen getragen wird, welche durch leichte, reich verzierte Bogen verbunden ſind. Es iſt dieß das ſogenannte Boudoir der Maurenkönigin el tocador de la reyna mora. Wände und Decke ſind mit Frescogemälden aus der Zeit Karls V., Arabesken, Landſchaften, Blumen und Früchte vorſtellend, bedeckt; wenn aber auch dieſe Wandmalereien noch ſchöner wären, als ſie ſind, ſo iſt doch die Ausſicht von hier oben ſo großartig und prächtig, daß wir zum Betrachten der Wände kaum die Zeit finden und uns immer wieder an eins oder das andere der Fenſter hingezogen fühlen. Vor uns auf grüner Bergwand Granada. 295 lauſcht die zierliche Peneralife zwiſchen ihren Cypreſſen hervor, neben welcher die zackigen Felshörner der Sierra Elvira in weiter Ferne heraustreten, auf ziemliche Strecke die fruchtbare Vega um⸗ ſpannend und zu gleicher Zeit Granada, das weit ausgebreitet zu unſeren Füßen liegt, ſtolz und herriſch, grau und ehrwürdig und dabei wieder ſo jugendfriſch durch den grünen Kranz der Grana⸗ ten⸗ und Orangenbäume, wie das ewig lebendige, murmelnde Waſſer des Darro und Renil, welches ſie umſtrömt. An einem andern Fenſter haben wir die Schneegipfel der Sierra Nevada vor uns und hier iſt der Anblick wahrhaft zauberiſch. Iſt die Ausſicht nach der Vega ſanft und lieblich, ſo iſt dieſe hier ſtolz und majeſtätiſch, denn hoch über den weißen Schneeflächen erheben ſich die mit Eis bedeckten Hörner des Mulahacen und Picacho de la Veleta, und da die Luft ſo unbeſchreiblich klar und rein, der Himmel aber tiefblau iſt, ſo treten dieſe Bergrieſen ſo eigen⸗ thümlich nah vor uns hin, daß man glaubt, ſie mit einem Stein⸗ wurfe erreichen zu können und den angenehmen kalten Hauch zu fühlen, den der Wind, über ſie dahinſtreichend, herüber trägt. Daß unberufene Finger die Wände dieſes himmliſchen klei⸗ nen Ortes mit höchſt proſaiſchen Bemerkungen und Namen be⸗ krizelt, iſt recht traurig und that uns um ſo weher, als auch Man⸗ cher ſich nicht geſcheut hatte, mit ſeinem eigenen unbedeutenden Namen durch irgend eine Arabeske zu fahren. Vom Tocador betreten wir eine unregelmäßige Folge von Gemächern aus der Zeit Karls V., welche für ihn und ſeinen Hof eingerichtet waren. In manchen derſelben hat man mit wenig Geſchick die mauriſchen Wandverzierungen aus den andern Theilen der Alhambra nachzuahmen verſucht und ſteht man auch hier bunt⸗ farbige Azulejos, gleichſam eine Ueberſetzung derſelben in Renaiſ⸗ ſanceformen, aber gegen jene arabiſchen von ſehr dürftiger Zeich⸗ nung und Färbung, Unzählige tragen den Wahlſpruch des ſo raſt⸗ los ſtrebenden Kaiſers:„Plus oultre!“ Schade iſt es überhaupt, daß bei den ſpäteren vielen Reſtaurationen auch der Haupt⸗ Achtzehntes Kapitel. räume der Alhambra die früheren Azulejos nicht nachgeahmt, ſondern andere willkürliche Deſſins ſubſtituirt wurden. Unter dieſen Gemächern liegen die alten mauriſchen Bäder, zu denen man von einem kleinen Hof über einige abwärts führende Stu⸗ fen gelangt. Hier finden wir wieder Spuren der Wandverzierung, wie ſie uns im Saal der Geſandten entzückten. Die Decken der Badekammern ſind aus zierlichen Gewölben gebildet mit vielen ſternenförmigen Oeffnungen, die wohl mit buntem Glaſe verſchloſ⸗ ſen waren und durch welche das hereindringende Licht freundliche, bunte Reflere auf den weißen Marmor der Fußböden, der Bade⸗ wannen, der Säulen und Pilaſter warf. Sehr ſchön iſt der daran ſtoßende Ruheſaal, luftig, ſchlank, rings von Altanen umgeben und mit einer großen Brunnenſchale in der Mitte. Bei der ſehr— bewegten Grundform, der Abwechslung von hohen und niederen Säulen, weiten und engen Bögen, den vielen Vor⸗ und Rück⸗ ſprüngen der Wände und der eigenthümlichen hoch oben herein⸗ geführten Beleuchtung iſt derſelbe ein ſehr lebendiger, intereſſanter Raum. Vom vielen Schauen ermüdet, kamen wir durch verworrene Treppen und Gänge und halbverfallene Gemächer wieder nach dem Löwenhofe, den wir unmöglich ſchnell wieder verlaſſen konn⸗ ten. Ben Saken hatte unterdeſſen für einige Erfriſchungen geſorgt. Der Hüter der Alhambra war ſo freundlich, uns eine Guitarre zu leihen, und ſo lagerten wir uns in dem Saal der Schweſtern, die Gläſer klangen und altſpaniſche Romanzen, von der wunder⸗ baren Pracht der Alhambra erzählend, von Liebe, Kampf und Sieg erklangen durch die ſtillen Räume des Löwenhofes.— Das war eine unvergeßliche Stunde. Am andern Morgen in der Frühe waren wir ſchon wieder auf der Alhambra, ſchritten mit demſelben Staunen, wie geſtern, durch den hochgewölbten Bogen unter der gewaltigen Maſſe des Gerichtsthurmes hindurch und pochten wieder an die beſcheidene Pforte, die ſo viel Koſtbares verſchließt. Nachdem wir die längs dem Myrthenhofe hin ſich erſtreckenden ſogenannten Zimmer des — 4—+₰&⏑—————— 2—/— Granada. 297 Archivs, ſowie den Hof der kleinen Moſchee und dieſe ſelbſt, die durch die Chriſten zu einer Kapelle umgewandelt wurde, beſichtigt und theilweiſe ſehr vernachläßigt und herabgekommen gefunden, auch die in einem der Archivzimmer ſehr unſorgfältig aufbewahrte koſtbare Porzellan⸗Vaſe aufgeſucht, kehrten wir wieder um, ließen dießmal den Palaſt Karls V. links liegen, gingen die breite Straße am Weinthore hinauf, längs den zerſtreut liegen⸗ den Häuſern bei der Pfarrkirche vorbei und kamen endlich auf einen großen wüſten Platz, der aber noch innerhalb der mäch⸗ tigen Ringmauern liegt. Hier waren zur Maurenzeit ebenfalls Gebäude und Gärten, doch iſt jetzt Alles, bis auf die letzte Spur zerſtört. Der Boden iſt uneben und weit umher mit Mauer⸗ „rümmern und Schutt bedeckt. Es iſt eigenthümlich, daß dieſer wüſte Platz auf der Alhambra faſt der einzige Ort in ganz Spa⸗ nien iſt, den man zur Mitternachtsſtunde von übernatürlichen, geſpenſtiſchen Weſen bevölkert glaubt, was man bei uns in Deutſchland von faſt jedem Kreuzwege ſagt. Hier, ſo erzählen ſich furchtſame Leute, ſieht man Kämpfe zwiſchen ſchattenhaften Mauren und Chriſten, hier über die Fläche jagt zuweilen ein ein⸗ ſamer Reiter, Mann und Roß ohne Kopf, verfolgt von einem feurigen Stiere und was dergleichen Thorheiten mehr ſind. Etwas Unheimliches hat dieſer Platz allerdings, wenn man ſo entfernt von jeder menſchlichen Wohnung über ihn dahinſchreitet; doch würde ich zur Nachtzeit mich weniger nach Geſpenſtern, als nach Rateros umſchauen, denen es ſchwer wäre, hier zu entgehen, denn man mag flüchten, wohin man will, ſo ſtößt man immer wieder auf die gewaltigen Ringmauern der Alhambra, die Einem ein gebieteriſches Halt! zurufen. Es gehört ſchon am hellen Tage Kenntniß des Terrains dazu, um von hier aus den Eingang zur Schlucht zu finden, welche den Berg der eneralife von dem der Alhambra trennt. Zwiſchen zwei ſtarken Thürmen befindet ſich eine kleine Pforte, welche früher mit einer eiſernen Thür verſchloſſen war, jetzt beſteht aber ihr einziger Schutz aus wehenden Schling⸗ pflanzen, die vom Thorbogen herabhängen. Hinter dieſer Pforte ———ꝛ— —— Achtzehntes Kapitel. befinden wir uns außerhalb der Ringmauern der Alhambra, die ſich hier in gewaltiger Höhe und von viereckigen Thürmen unter⸗ brochen, dort die Schlucht hinauf und hier abwärts zum Darro hinziehen. Es gibt aber nicht leicht etwas Maleriſcheres, als hier dieſe alten Mauern und Thürme; in ihrer röthlichen Färbung mit den ſchlanken arabiſchen Zinnen blicken ſte ſo angenehm und überraſchend ſchön zwiſchen den grünen Bergwänden hervor; jeder Schritt, jede Biegung des Weges zeigt uns ein neues Bild, das der Maler, gerade ſo wie es da vor ihm ſteht, auf die Leinwand bringen könnte. Von den Höfen und Gemächern der Alhambra gibt es unbeſchreiblich viele Abbildungen und leider ſo wenige von dieſen nächſten reizenden Umgebungen des alten Maurenſchloſſes. Ein ſchönes Bild hievon befindet ſich in der Gemäldeſammlung des Königs von Württemberg, welches ich häufig mit großem Intereſſe betrachtet. Es ſtellt ein kleines reizendes Gemach im mauriſchen Style vor, welches ſich im ſogenannten Torre de la Cautiva befindet. An der Brüſtung des weiten und hohen Bogenfenſters lehnt ein wunderliebliches Mädchen, den Kopf auf die Hand geſtützt und blickt hinaus; vor dem Fenſter aus der Tiefe ſteigen die hohen Ringmauern der Alhambra empor, hinter ihnen erblickt man die üppig und wild verwachſene Schlucht und weithin am Horizonte ragen die ſchneebedeckten Häupter der Sierra Nevada. Da wir uns auf unſerer Wanderung gerade am Fuße des Torre de la Cautiva befanden, ſo machte ich den Vorſchlag, in demſelben das kleine mauriſche Gemach aufzuſuchen, das gewiß ſehenswerth ſei. Nach langem Umherklettern überſtiegen wir einige zerbrochene Treppenſtufen, erreichten die Eingangsthüre zum Thurme, die wir aber verſchloſſen fanden. Nach mehrmaligem Klopfen wurde ſie uns von einer alten Frau geöffnet, die uns freundlich eintreten hieß und auf einer ſchmalen, in den dicken Mauern ausgeſparten Treppe wirklich in das kleine reizende Gemach führte. Da die armen Leute, welche es bewohnen, einen kleinen Erwerb daraus machen, es den Fremden zu zeigen, ſo iſt es glücklicherweiſe, Granada. 299 die vom Rauch geſchwärzte Farbe abgerechnet, noch recht gut er⸗ halten; von den Azulejos, welche die Lambris bilden und die hier von wunderbar verſchlungener Zeichnung waren, fehlten ſehr wenige, auch prangten die Wände noch da und dort in ihren alten Farben. Das große, weite Bogenfenſter fehlte ebenfalls nicht und um das ganze Bild vollſtändig zu machen, ſaß ein junges Mädchen von prächtiger Geſtalt und reizendem Kopfe in dem Erker, den die tiefe Mauer hier bildete. Sie gab uns freundlich einen friſchen Trunk Waſſer und einen großen Strauß herrlich duftender Veilchen, die ſie am Fuß der Mauern gepflückt. Wer dieſen Thurm mit ſeinem Gemache und ſeiner Ausſicht zu uns verpflan⸗ zen könnte! Aus der Schlucht am Fuß der Mauern führt ein ſteiler Pfad zur eneralife empor, deſſen zierlicher Anblick uns ſchon geſtern den ganzen Tag gereizt, deſſen Schönheiten ſo oft beſungen wurden, und über welche jeder Reiſende in Entzücken gerathen muß. Die Keneralife, zunächſt der Spitze des Elenaberges gelegen, war ein kleines Sommerſchloß der mauriſchen Könige, ein Zau⸗ berſitz, der Alles bot, was die üppigſte Phantaſte nur verlangen kann. Auf allen Seiten die wunderherrlichſte Ausſicht, eine üppige Vegetation, getränkt durch eine reiche Quelle des beſten eiskalten Waſſers, la fuente de las azucenas, die Lilienquelle, welche oberhalb des Gartens der Keneralife entſpringt, und reich fluthend den kleinen Park derſelben durchſtrömt. Der kleine Palaſt bildet ein längliches Viereck von zwei geräumigen Zimmern an beiden Enden und einem Mittelſalon, vor dem eine Bogenhalle mit Marmorſäulen liegt; er iſt zweiſtockig und zu oberſt gekrönt durch ein luftiges Belvedere, das von zierlichen Säulen umgeben zum Genuß der unvergleichlichen Ausſicht einladet. Ein ähn⸗ licher kleinerer Pavillon liegt dem ebenbeſchriebenen auf der Seite des Eingangs gegenüber mit einer faſt gleichen Bogenhalle. Zwiſchen beiden befindet ſich langgeſtreckt der Garten, nahezu wie im Hofe der Alberca. Beide Pavillons ſind auf der dem Thal zugekehr⸗ ten Langſeite des Gartens durch eine beiderſeits offene Gallerie ———õõ—;:———õ——::::::J—— —-—ℳ—⸗--—;—;—;—;::CCCC—C—C—C— ———; Achtzehntes Kapitel. von Arcaden auf viereckigen Steinpfeilern ruhend und von einer 1 hohen Teraſſenmauer getragen, mit einander verbunden und bildet e dieſe Gallerie am Rand des ſteilen Abhangs gelegen, den entzückend⸗ 1 ſten Spaziergang, welcher nur denkbar iſt. Alles iſt hier vollkommen feſt und gut erhalten und ausgeführt im reichſten r anmuthigſten Styl der mauriſchen Baukunſt, der uns an die Wun⸗ ſ der des Löwenhofes erinnert. Die Säulenhallen mit ihren ara⸗ 8 biſchen Bogen, mit ihren Basreliefs und Filigrandeſſins, ſowie 6 die inneren Räume prangen aber leider nicht mehr in ihren glän⸗ e zenden Farben, ſind vielmehr mit einer weißen Tünche bedeckt d worden, durch welche man kaum noch die zierlichen Formen der k Wandverzierungen erkennt. Umſchloſſen von den Gallerien und S Hallen liegt nun der kleine Garten, der das Poetiſchſte und Schönſte L iſt, was ich in meinem ganzen Leben geſehen. Der Länge nach wird er durchſtrömt von dem Abfluß der reichen Lilienquelle und a obgleich die klare Fluth durch ein Becken von weißem Marmor q fließt, ſo rauſcht ſie doch dahin wild und üppig wie ein freies h Bergwaſſer, ringsumher eine herrliche Kühlung verbreitend.— 1 Und welche üppige Vegetation hat dieſer kleine, wunderbare Gar⸗ 4 ten! Hier ſind dichte Laubengänge von Orangen und Granaten, r an der einen Gallerie erheben ſich gewaltige, ſchwarze Cypreſſen e und über das ganze Waſſerbecken wölbt ſich eine ſchattige Lorbeer⸗ d laube, untermiſcht mit Cypreſſen, die nach der Mitte zuſammen geneigt, ſich zu ſpitzigen Bogen vereinigen. Wenn man ſich in S die offene Halle des Pavillons ſetzt, und auf das murmelnde u Waſſer blickt, wie es dahinſtrömt unter dem grünen Blätterdach, t hie und da geküßt von einem kleinen, zitternden Sonnenſtrahle, 1 V ſo muß man geſtehen, daß es keinen Punkt der Erde gibt, wo 3 i man ſeliger träumend ruhen könnte in glücklicherer Selbſtver⸗ n geſſenheit, als hier im Zauberhof der Keneralife. n Dabei iſt Schloß und Garten zierlich und nicht ſo ausgedehnt, l an den Bergen erhebt ſich der Park terraſſenförmig, eine phan⸗ L taſtiſche Schöpfung, wie man ſie ſich wohl träumend in heißen b Nächten ausdenkt, wenn durch die offenen Fenſter herein ein küh⸗ g Granada. 301 ler Luftzug die glühende Wange fächelt. Das Ganze hier iſt faſt eine einzige, dichte, hochgewölbte Laube von Orangen, Granaten und Lorbeer, durchzogen mit den üppigſten Roſenhecken; dazwiſchen hie und da eine kleine Allee, gebildet durch majeſtätiſche Cypreſſen⸗ wände, unten mit dicht verſchlungenen Reben und Epheu, welche ſo zierlich abſtechen von den hellen Stämmen der rieſenhaften Bäume, oben aber ihre faſt ſchwarzen Häupter hoch in die Wolken erheben. Unter dieſer rieſenhaften Parklaube winden ſich gut erhaltene Wege von weichem Sande ſchlangenförmig hin und her, die Terraſſen ſind durch Treppen, theils von Marmor, theils von kleinen Kieſeln verbunden, welche bequem bis auf die Höhe des Berges führen, und von dort herab ſtürzt das reiche Waſſer der Lilienquelle, mit liebender Sehnſucht in das Blätterdickicht hinein, hier wie ein froͤhliches Bächlein, dort in wilder jauchzender Luſt als Fontaine hoch empor ſpritzend; und überall hin leitete der arabiſche Gärtner das Kühlung bringende Waſſer, wo wir uns hinwenden, murmelt und rauſcht es uns entgegen, ja die Ge⸗ länder der Marmortreppe haben tiefe Rinnen von grün glaſirten Ziegeln, durch welche ein Strahl des erfriſchenden Quells hinab⸗ rauſcht, ſo geſchickt angebracht, um eine heiße Hand zu kühlen oder eine glühende Stirne, und dabei iſt das Waſſer ſo eiskalt und friſch, daß man es überall ſchöpfen und mit Begierde trinken kann. Unſer Führer, ben Saken, der auf das Liebesverhältniß der Sultanin Zaide mit dem Abencerragen Aben Hamad ſchwur, führte uns unter die viele hundert Jahre alten Cypreſſen, nach der dich⸗ ten Lorbeerlaube, wo die ſchöne Maurin ihre Liebesnacht gefeiert. Unten auf der Bivarrambla und am blutbefleckten Marmorbecken im Saal der Abencerragen glaubte ich feſt an die Tugend der ſchö⸗ nen Königin; hier oben aber in der Wunderpracht der Keneralife, welche die Sinne beſtrickt und das Herz erwartungsvoll und ängſt⸗ lich ſchlagen läßt, wo die Blüthen ſo wollüſtig duften, wo die Quellen ſo geſchwätzig murmeln und das Plätſchern der Spring⸗ brunnen alles andere Geräuſch verdeckt, und auf dieſe Art ein glücklich liebendes Paar ſicher macht, hier iſt mein Glaube wan⸗ — Achtzehntes Kapitel. kend geworden und ich denke faſt, König Boabdil hatte nicht ganz Unrecht, als er ſich ſo blutig am Stamm der Abencerragen rächte. Vor nicht zu langen Jahren wurde die Peneralife mit ihrem herrlichen Garten um einen ſehr mäßigen Preis von einer italie⸗ niſchen Familie gekauft. Obgleich es nun lobenswerth iſt, daß ſte zur Unterhaltung des Ganzen jährlich eine ziemliche Summe anweist, ſo iſt doch noch nie einer der jetzigen Beſitzer oben geweſen, was uns der Hüter des kleinen Schloſſes bedauernd erzählte. Für Jeden, der dieſen lieblichen Sitz geſehen hat, iſt das unbegreiflich, aber ich bin überzeugt, daß, wenn der jetzige Eigenthümer einmal da war, er ſich für immer hier niederlaſſen wird. Ich wenig⸗ ſtens möchte da oben unter den dunkeln Cypreſſen mein Leben be⸗ ſchließen. Nachdem wir die Neneralife endlich verlaſſen, blickten wir noch oft zurück nach dem lieben weißen Schlößchen, das gleich ſchön und reizend bleibt, ob man es von Weitem ſteht oder in der Nähe. Das ſchönſte und bezeichnendſte Bild deſſelben gibt Hailbronner in wenigen Worten, wenn er entzückt ausruft:„Dieſe weiße Saracenenpracht in dem grünen Frühlingsſchmucke ſtand vor uns, rührend und einnehmend, wie ein ſchönes blaſſes Mädchen, das im ſeidenen Spitzengewand und Brautſchleier, Roſen und Myr⸗ then durch das dichte Haar geſchlungen, ſittſam und ergeben am Altare den glücklichen Bräutigam erwartet.“ Auf einem anderen bequemeren Fahrwege kehren wir zur Alhambra zurück auf den Platz der Algiven. Schon bei unſerem erſten Beſuche hier ſprach ich von einem Eingang unfern des Weinthors, der an der torre quebrada vorbei zur alten Feſtung „Alcazaba“ führt und in deren Mitte der Thurm der Vela auf dem äußerſten Vorſprung gegen die Stadt zu liegt. Die Pforte iſt unſcheinbar, ihre rohen Holzflügel mit großen Nägeln in der Form von Muſcheln aus Bronze beſchlagen; hinter dieſer Thür aber befindet ſich ein Garten, der mit großem Unrecht weniger bekannt iſt, als die übrigen Theile des Maurenſchloſſes. Dieſer Garten, parador de la Sultana genannt, iſt eigentlich eine Granada. 303 langgeſtreckte Terraſſe, deren eine Seite von der im rechten Winkel fortlaufenden Mauer des zerbrochenen Thurmes gebildet wird und die andere von der mit ihr parallelen, aus dem tiefen Thalgrund aufſteigenden Ringmauer der Alhambra. Es iſt ein kleiner, einfacher Platz mit Lorbeerlauben, fließendem Waſſer, ſchmalen Blumenbeeten und dazwiſchen Wege aus farbigen Kieſeln beſtehend, die moſaikartig zuſammengeſetzt ſind. Die hohe Mauer, welche den Parador von der Alcazaba abſchließt, hat bis oben hinauf reiche Citronenſpaliere. Die Brüſtung auf der Ringmauer am Abhange der Stadt zu iſt vielleicht drei Fuß hoch und mit kunſt⸗ loſen Blumengefäſſen aus gebrannter Erde beſetzt. In der Mitte des Gartens erhebt ſich ein einzelner, vielhundertjähriger Weinſtock mit über fußdickem Stamme. Schon ſein Anſehen gibt der Sage Recht, welche ihn weit in das arabiſche Zeitalter hinaufreichen läßt. Seine Zweige und Ranken, durch einfache Veranden geſtützt, über⸗ ſpannen das ganze Gärtchen, ſo eine ungeheure Laube bildend. Was dieſen Parador wirklich intereſſant macht, iſt die ur⸗ ſprüngliche Geſtalt, in der er ſeit der Maurenzeit geblieben. Dort auf derſelben Steinbank, die wir heute noch ſehen, ſaß die Sulta⸗ nin, von demſelben Weinſtock pflückte ſie ihre Trauben, und lehnte ſo wie wir an der Brüſtung, dieſelbe unermeßliche Ausſicht be⸗ trachtend. Und welche Ausſicht hat man hier auf die Vega, auf Granada, auf die Sierra Nevada bis zu den Gebirgen hin, wo die lachende Ebene beginnt. Im Halbkreiſe vor uns aufgerollt liegt eine illuſtrirte Geſchichte der letzten Zeiten Granada's. Dort in der Ebene ſehen wir Alhama, nach deſſen Falle ſich die chriſtlichen Heerſchaaren in die Vega von Granada wälzten. Durch die Straßen von Granada Einſt der Mohrenkönig ritte, Von dem Thore von Elvira Bis zu dem von Bivarrambla. Wehe mir!— Alhama!— Kamen Briefe an den König: Daß Alhama ſei gefallen: Warf die Briefe in das Feuer, Achtzehntes Kapitel. Und den Boten hieb er nieder. Wehe mir!— Alhama!— So heißen die erſten Strophen der bekannten ſchönen Ro⸗ manze, die ich hier oben ſo gerne las. Weiter rechts und näher zur Stadt ſehen wir Santa Fe, das ehemalige Lager König Fer⸗ dinands, deſſen Straßen heute noch gerade ſo ſind, wie damals die Zeltgaſſen liefen. In einer Nacht, erzählt der arabiſche Chro⸗ nikenſchreiber, entſtand das Lager aus vier Theilen, deren Straßen die Geſtalt des Kreuzes bildeten. Ja, als am andern Morgen die Mauren ſtaunend hinüberblickten, ſahen ſie es mit Zinnen und Thürmen umgeben, die wie aus Quaderſteinen erbaut ſchienen; doch waren dieß nur kunſtreich angemalte Holzverſchläge. Rund herum ſind viele Zelte, Seiden und mit Gold geſtiicket, Herzoge ſind da und Grafen, Viele Herren großen Standes, Und Feldherren viele andere, Ferdinand, der König, führt ſie. Fern am Hortzonte bemerken wir einen leichten Gebirgszug, von wo König Johann auf die Stadt niederblickte, wie die Ro⸗ manze ſagt, alſo zu ihr ſprechend: O Granada, wenn Du wollteſt, Würd' ich mich mit Dir vermäͤhlen, Geben Dir zur Morgengabe Cordova und ganz Servilla. worauf Granada antwortet: Bin ſchon, Don Johann, vermählet, Bin vermählet, keine Wittwe, Und der Maur, der mich beſttzet, Jener Große ſehr mich liebet. Daß trotz dieſer ſtolzen Entgegnung das ſchöne Granada doch ſeinem mauriſchen Liebhaber die Treue brach und ſich von den Chriſten einnehmen ließ, iſt nicht zu läugnen. Blicken wir ada von Granada. 305 nach jenem kleinen ſpitzen Hügel, die letzte Höhe eines Ausläufers der Alpujarras, der ſich auf der Bergkette ſo ſichthar abhebt, ſo haben wir den Ort vor uns, wo der wegziehende König Boabdil noch einmal raſtete, um einen letzten traurigen Blick auf ſein ver⸗ lorenes Paradies zu werfen. Ach, bei dieſem Anblick brachen Aus des Königs Bruſt die Seufzer, Thränen überſtrömten plötzlich Wie ein Sturzbach ſeine Wangen. Düſter von dem hohen Zelter Schaut herab des Königs Mutter, Schaut auf ihres Sohnes Jammer, Und ſie ſchalt ihn ſtolz und bitter. „Boabdil el Chico,“ ſprach ſie, „Wie ein Weib beweinſt du jetzo Jene Stadt, die du nicht wußteſt Zu vertheid'gen, wie ein Mann.“ Heute noch heißt dieſer Berg el ſoſpiro del Moro, der Seufzer des Mohren. Mir war der Parador de la Sultana ein ſo lieber Ort, daß ich manche Stunde hier oben zubrachte. Der Gärtner, welcher den kleinen wunderbaren Platz in Ordnung hielt, gab mir mehrere Sämereien, hier gewachſen, die ich ſpäter zu Hauſe pflanzte und die auch recht gut aufgingen. Wenn dieß aber auch nur ganz ge⸗ wöhnliche Blumen waren, ſo freut mich doch noch heute ihr Nach⸗ wuchs, da der Same auf der göttlichen Alhambra gediehen. Am Tag vor unſerer Abreiſe ſchwelgte ich noch einige Stunden hier oben im Anblick der herrlichen Stadt und ihrer prachtvollen Um⸗ gebungen, von der ein neuerer Dichter ſo wahr und treffend ſagt: Regocijate tu, Granada bella, Ciudad hija del sol, huerta florida, Que entre nieves estériles descuella; Taza de nardos, de palomas nido, Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 20 Achtzehntes Kapitel. Diamante pura que su luz destella, Paraiso entre rocas escondido! Freue dich, du ſchönes Granada, Tochter der Sonne, die ein blühender Garten aus einer Schneewüſte hervorprangt. Du biſt eine Schale voll köſtlicher Wohlgerüche, ein Taubenneſt, ein Dia⸗ mant, der funkelndes Licht ausſtrömt, ein Paradies, in Fels⸗ gebirgen verſtecket! Leider war die Jahreszeit noch nicht ſo weit vorgerückt, daß wir hätten das eigenthümliche, ſo ſchöne Leben genießen können, das ſich hier an warmen Frühlings⸗ und Sommerabenden auf dem Hauptſpaziergange von Granada, dem Paſeo, entwickelt; aber auch jetzt ſchon, beim erſten Knoſpen des Grüns, beim Anblick ein⸗ zelner Roſen, die ſich ſchüchtern hervorwagen, iſt dieſer Spazier⸗ gang das Reizendſte, was man ſehen kann. Bei dem Platze del Lobo, wo unſer Gaſthof lag, in der Verlängerung der Carrera del Darro, beginnt er und führt bis zur Brücke über den Kenil, einem Bauwerke, das über die Römerzeit hinausreicht. Wenn man ſich dort aber links wendet, ſo iſt man wirklich überraſcht, hier eine noch viel längere Fortſetzung des Paſeo zu finden. An der Brücke befindet ſich der ſogenannte Salon, ein fünfzig Fuß breiter, mit feinem Kies beſtreuter Platz; er hat an jeder Seite zwei Reihen Ulmen und Akazien, unter denen ſich zierlich eingehegte Gebüſche, Roſen, Oleander und Granaten befinden; überall ſtehen ſteinerne Bänke, und von hier aus ſetzt ſich der Paſeo über drei⸗ hundert Schritte weit am rechten Ufer des Kenils hin fort, be⸗ ſchattet von einer vierfachen Reihe hoher Schwarzpappeln, und begränzt von einem Roſengarten, wo die Roſenſträuche auf Mannshöhe zu reichen Bouquets und Pyramiden zuſammenge⸗ bunden ſind. Am Ende des Paſeo erhebt ſich ein hoher mar⸗ morner Springbrunnen, der einen dicken Waſſerſtrahl ſo hoch emporſchleudert, daß die Tropfen rings umher ſtäuben und die ganze Umgebung in heißen Sommernächten ſo köſtlich erfriſchen und abkühlen. Eigenthümlich iſt an dieſem Brunnen, daß das Waſſer, nachdem es der obern gefüllten Schale entquollen, —,„„„—. Granada. 307 nicht von einem untern Becken aufgefangen wird, ſondern auf ein treppenförmiges Piedeſtal niederſtürzt, wo alle Tropfen abprallen und weit hinaus einen feuchten Kreis beſchreiben. Hinten an den Spaziergang ſchließt ſich ein dichtes Gehölz, das ſich über den Penil und die ſchmalen Fußwege wölbt, welche ſich an ſeinem Ufer hinziehen, und der Fluß braust hier, ein wilder Gebirgsſtrom über Felsſtücke dahin; links von ihm erheben ſich terraſſenförmig Häuſer, Gärten und Weinlauben neben einzelnen ſchwarzen Cypreſſen, bis zur Höhe des Berges, auf dem die Alhambra liegt, über welchen hinaus ſich dann allmählig wieder die Sierra Nevada erhebt, bis hoch zu ihren ſchneebedeckten Gipfeln. In heißen Sommernächten, wo dieſer Spaziergang von Tauſenden von Männern und ſchönen Weibern und Mädchen bedeckt iſt, die lachend, plaudernd und Fächer wedelnd bis nach Mitternacht hier umherwandeln, wo unter dicht belaubten Bäumen die herrlichſte Kühle herrſcht, wo Tauſende von Roſen duften, wo die Brunnen plätſchern, der Penil ſchäumend vorbeirauſcht, wo das volle Mon⸗ denlicht in den glänzenden, melancholiſch ſchwärmenden Augen der Andaluſierinnen zittert, muß der Paſeo ein wahrhaft himmliſcher Aufenthalt ſein. An der alten Brücke, von der ich vorhin ſprach, befindet ſich eine kleine Kapelle, die dadurch merkwürdig iſt, weil hier nach der Uebergabe von Granada König Ferdinand und Iſabelle den Ab⸗ zug der Mauren erwarteten. Tauſende der chriſtlichen Soldaten und der Einwohner der Stadt blickten erwartend auf den Berg der Alhambra empor, und ein Jubelruf zerriß die Lüfte, als mit Einem Male oben auf der Zinne des Torre de la Vela der Cardinal Don Pedro Gonzales de Mendoza und neben ihm der Graf von Tendilla erſchienen und dort die Fahnen mit dem Kreuze, ſowie das königliche Banner von Caſtilien aufpflanzten. Unter dem Schmettern der Trompeten erſchallte der Ruf der He⸗ rolde:„Granada! Granada! für die ruhmgekrönten Könige von Caſtilien, Ferdinando und Iſabella!“ Das ganze Heer ſank auf die Kniee; das königliche Paar aber rief:„Non nobis, domine, sed 20 308 Achtzehntes Kapitel. tibi sit gloria!“ und ſeit langer, langer Zeit wieder ertönte in der kleinen Kapelle ein feierliches Tedeum. Auf unſern häufigen Spaziergängen durch die Stadt, bei denen wir theils den Spital San Juan de Dios mit ſeinem herr⸗ lichen Treppenhauſe und der unnachahmlichen darüber geſpannten vergoldeten Holzdecke, theils die arabiſchen Reſte auf dem Albayein, theils die mauriſchen Bäder an der Carrera del Darro zum Ziele nahmen, führte uns ben Saken eines Tages zu einem kleinen Hauſe am Fuß des Berges, im Garten des Dominikaner⸗ kloſters gelegen, von dem er ſehr viel Rühmens machte und das er Cuarto real oder Caſa de Boabdil nannte. Wir kamen durch ein ärmliches Stadtviertel, dann durch einen öden Weg, der mit großen, halbverfallenen Mauern eingefaßt war und gelangten auf⸗ wärtsſteigend in einen verwilderten Garten auf der Höhe von einer dieſer Mauern gelegen. Es war eigentlich ein Ackerfeld, doch ſah man an zertrümmerten ſteinernen Wegeinfaſſungen, ſo⸗ wie an Ueberreſten eines marmornen Springbrunnens und an andern Schutthaufen, daß es hier einſtens wohl anders ausgeſehen habe. Jetzt war das Feld mit Maulbeerbäumen bedeckt, von Re⸗ ben umrankt, die weite Guirlanden durch den ganzen Garten zogen. Nachdem wir dieſes Feld durchſchritten, erreichten wir eine kleine Thür, die einen andern Garten voll undurchſichtiger Ge⸗ büſche verſchloß. Eine alte Frau ließ uns ein, und zwiſchen dich⸗ ten Laubgängen ſahen wir hier ſchon deutlich Spuren ehemaliger Pracht und Herrlichkeit. Da waren kleine Terraſſen mit zerfalle⸗ nen Treppenſtufen und großen Waſſerbaſſins, die aber leer waren und ebenfalls halb zertrümmert. Bei einer Biegung um das Ge⸗ hölz aber hielten wir mit einem Ausruf der Ueberraſchung an, denn vor uns zeigte ſich ein breiter Weg, der von einer koloſſalen Lorbeerlaube überwölbt war, an beiden Seiten mit fortlaufenden Steinbänken beſetzt und gerade auf ein Gebäude führte, das an Zierlichkeit und Reichthum mit dem ſchönſten auf der Alhambra wetteifern kann. Es war ein mauriſcher Pavillon mit einer ge⸗ wölbten Vorhalle, die auf vier ſchlanken Säulen ruhte und eine Granada. 309 Loggia mit Bogen darüber. Hinter der Halle befand ſich ein großer Salon mit einem Mittelfenſter als ajimez und zwei kleinen zu bei⸗ den Seiten von derſelben reichen und zierlichen Conſtruktion, wie die im Saale des Komares. Die hufeiſenförmige Ein⸗ gangsthüre war reich mit Inſchriften verſehen und prachtvolle Azulejos bedeckten den untern Theil der Wände, und die übri⸗ gen obern Felder waren wie die ſchönen Gemächer der Alhambra, mit reichen Basreliefarabesken verziert. Dieß kleine Haus, ſo⸗ wie der wahrhaft poetiſche Garten, ſehr an die Geſammtanlage der Neneralife erinnernd, wäre mit wenig Koſten zu reſtauri⸗ ren und gäbe eine köſtliche Wohnung. Ich habe die Caſa de Boabdil nur in Griault de Prangey's Werke erwähnt gefunden; Baumeiſter Leins, der von der Form und Ausführung entzückt war, zeichnete das Ganze und einige Details, wobei ich ihm ſo gut als möglich half, indem ich Pflanzenpapier auf die Wände heftete und dann mit dem Bleiſtifte den unbeſchreiblich verſchlungenen und in unglaublich kleinem Maßſtab ausgeführten Zeichnungen der Fayenceplatten folgte. Auch ſind das uns heute noch liebe An⸗ denken, man kann aber auch nichts Zierlicheres und dabei in der Form Strengeres ſehen. Wir hatten in Granada nicht das Glück, öffentliche Feſte, wie Stiergefechte oder ſtark beſuchte Theatervorſtellungen zu ſehen, denn zu den erſteren war die Saiſon noch nicht angebrochen und letztere meiſtens leer, da die Oper ſchlecht und das Ballet ziemlich mittelmäßig war. Eine wohlbeleibte Tänzerin, Sennora Vargas, arbeitete mit wenig Grazie, aber außerordentlicher Körperkraft. Sie warf die Füße und Arme von ſich, als hätte ſie ſich derſelben entledigen wollen, und ließ uns Blicke in ihr ſpaniſches Innere thun, welche alles bisher Geſehene in jeder Hinſicht weit über⸗ trafen. Pepita de Oliva, die hie und da bei uns durch ihren Tanz einigen Anſtoß erregte, hätte dagegen für eine wahre Veſta⸗ lin gegolten. Obgleich Sennora Vargas,— dieſer Name iſt überſetzbar und bedeutet im Spaniſchen einen Zerſchläger, eine Bezeichnung, welche für dieſe Dame recht paſſend war— bei den Achtzehntes Kapitel. männlichen Zuſchauern eine große Partei hatte, welche ſie auch mit Kränzen und Blumen bediente, ſo waren doch die Damen nie ſtark vertreten, weßhalb wir hier nicht das Glück hatten, einen ge⸗ wählten Kreis der ſchönen Andaluſterinnen zu ſehen. Wir wur⸗ den aber dafür bei dem Feſte entſchädigt, welches zu Ehren der hei⸗ ligen Cäcilie in einer Wallfahrt nach der Kirche des Sacro Monte beſtand, und der wir uns, wie viele Hunderte anderer Spazier⸗ gänger anſchloſſen. Der Weg führte uns aufwärts durch die Darroſchlucht zum Albaycin, wo ſich noch einige ſehr ſchön und vollkommen erhaltene mauriſche Wohnhäuſer mit reizenden Höfen verſehen befinden; worunter das Haus Chapie beſondere Erwäh⸗ nung verdient; im Uebrigen iſt dieſe ehemalige Rittervorſtadt, namentlich der Theil, der der Alhambra zugekehrt liegt, ein trau⸗ riger Schutthaufen, und nur maleriſch und intereſſant durch die vielen ſeltſamen Wohnungen der hier hauſenden Zigeuner. Die meiſten leben in Erd⸗ und Felſenhöhlen am Abhange des Berges, wo ſie vor dem Eingang eine kleine Mauer von Steinen aufgeführt haben mit einer Hausthür und einem Vordach aus alten Brettern, Stei⸗ nen und Raſenſtücken beſtehend; andere haben ſich auf die kunſt⸗ loſeſte Art Lehmhütten gebaut, bei denen die Fenſter als verſchwen⸗ deriſch vermieden ſind und der Rauch zum Dach oder zur Thüre hinaus dringt, die freundliche Vegetation aber, welche ganz Granada ſchmückt, hat ſich auch der Zigeunervorſtadt freundlich angenom⸗ men und Armuth, Schmutz und Elend mit freundlichem Grün zu⸗ gedeckt. Lorbeeren und Granaten nicken überall zwiſchen den Steinen und Erdhütten herab, rieſenhafte Aloen mit hohem Blü⸗ thenſtengel bilden die Verzierungen und mannshohe Cactushecken, mit den hellgrünen ſtachelichten Blättern gewähren undurchdring⸗ liche Mauern. Der Himmel blickt klar und heiter auf das Feſt der Wall⸗ fahrt herab. Durch den Albayein erreichten wir wieder das ſteile Ufer des Darro, der tief unten in ſeiner Schlucht dahin brauste, und gegenüber erhob ſich der grün bewachſene Bergabhang, auf dem Alhambra und Keneralife liegen, ein Anblick, wie von ———·„ Granada. 311 überall, ſo auch von dieſer Seite entzückend ſchön. Die rothen ge⸗ waltigen Thürme des Maurenſchloſſes, ſich von der grünen Wand ſcharf abhebend, zogen ſich mit ihrer Verbindungsmauer hier tief hinab und ſtiegen dort wieder am Abhange hinauf. Von der Höhe glänzten die zierlichen Hallen der Keneralife blendend weiß. Und wie war die Straße, auf der wir gingen, ſo mannigfaltig und ſchön belebt; Wagen, Reiter und Fußgänger folgten einander, um⸗ ſchwärmt von zahlloſen Zigeunerkindern, die mit ausdauernder Zudringlichkeit Blumen zum Verkauf anboten oder Purzelbäume ſchlugen, um eine kleine Gabe zu erlangen; andere dieſes indu⸗ ſtriellen Volkes hatten ſich auf den hohen Rändern des Weges gelagert und machten dort mit Guitarren und Panderos unter dem Schmettern der Caſtanuelos und den brummenden ſchnarren⸗ den Tönen der Zambomba eine häufig ſehr barbariſche Muſtk. Was ſoll ich aber ſagen von den Hunderten in der That über⸗ raſchend ſchönen Weibern und Mädchen, die in einem nicht enden wollenden Zuge lachend und plaudernd die Höhen hinanſtiegen, auf welchen das Kloſter der Heiligen liegt. Dicht vor demſelben verengt ſich der Weg und windet ſich ziemlich ſteil durch ein dichtes Gebüſch hinauf, und in einer ſolchen Biegung der Straße ließen wir uns auf einem alten umgeſtürzten Baumſtamme nieder und da ausruhend die ſchöne Damenwelt Granada's an uns vorüber⸗ ziehen zu laſſen. So was hatten wir in der That bis jetzt in Spa⸗ nien noch nicht erlebt. Ein wunderſchönes Mädchen folgte dem an⸗ dern, nicht blos mit ſchwarzen glänzenden Augen in dem reizenden Ge⸗ ſichte, mit dichtem glänzendem Haar, blühenden Lippen und weißen Zähnen, ſondern auch mit der eleganteſten und graziöſeſten Taille und den zierlichſten kleinen Füßen ſtiegen ſie plaudernd und ſchä⸗ kernd leicht und gewandt wie Gemſen den Abhang hinan, um droben zwiſchen dem Grün zu verſchwinden. Und nicht nur war hie und da Eine wirklich ſchön, nein, Alle, Alle; ja, und unter vielleicht tauſenden, die hier vorbei kamen, befanden ſich nicht ein halbes Dutzend, bei denen man nicht hätte ausrufen mögen: Wie reizend! wie ſchön! Wir ſahen nur ſtaunend einander an und 312 Achtzehntes Kapitel. lachten immer herzlicher, ſo oft eine neue Gruppe ſichtbar ward. Unſere Fröhlichkeit und die augenſcheinliche Freude, mit der wir die Mädchen anſtaunten, ſchien aber die ſchönen Spanierinnen nicht im Geringſten zu verletzen. Ebenfalls uns entgegenlachend zeigten ſie ihre blendenden Zähne und blitzten uns unter Mantille und Fächer hervor mit ihren gefährlichen Augen an. Schwer iſt es dabei zu ſagen, worin eigentlich die andaluſiſche Schönheit be⸗ ſteht. Auch an andern Mädchenköpfen findet man dieſelben dun⸗ keln Haare, ebenſo ſtrahlende Augen, friſche Lippen und ſchöne Zähne, und doch macht das Enſemble nicht die überwältigende Wirkung, wie bei dieſen Südſpanierinnen. Liegt dieſer unnenn⸗ bare Reiz in dem zauberhaften Teint, der, obgleich weiß und blen⸗ dend, doch einen bräunlichen Anflug hat, durch welchen wieder ein wunderbares Roth hervorbricht; liegt er in den ſchwarzen präch⸗ tig gewölbten Brauen und den langen ſeidenen Wimpern, welche faſt ſchläfrig über die Augen herabhängen? Aber dieſe Augen! Sie ſind es wohl, ſie, die wahrhaft ſengend hervorblitzen, die ſo unausſprechlich beredt ſind, worin das eigenthümlich Reizende dieſer Spanierinnen beſteht. Freilich iſt auch die andaluſiſche Tracht ſo ſchön und kleidſam, als irgend eine in der Welt, die dunkelſeidene Basquina, die den Körper umſpannt und die vollen, reichen Umriſſe deſſelben, die ſie verhüllen ſoll, erſt recht zeigt, und vor Allem die Mantille! Hier durch einen niederen Kamm auf den dichten Flechten des Hinterkopfes gehalten, fällt ihr Spitzenrand leicht auf die Stirn, der längere Theil aber über Nacken und Rücken, ſowie an den beiden Seiten des Kopfes herab, wobei es die Andaluſierin ſo meiſterhaft verſteht, mit dem dünnen Gewebe bald die Gluth des Auges zu verdecken, bald die vollen Strahlen hervorbrechen zu laſſen. Zu dieſem gefährlichen Spiele kommt noch der ſtets bewegliche, goldglänzende Fächer, der hier dazu dient, einen allzukühnen Blick abzuwehren, dort ein Zeichen gibt, oder zuſammenfallend die ganze Gluth der Augen auf einen geliebten Gegenſtand ausſtrömen läßt. Für die ganze wunderbare Erſchei⸗ nung einer ſchönen Andaluſterin mit ihrem ſo unbeſchreiblich lie⸗ 122— — ν 1ᷣ—̈ —=D— 20 —— 1———————— ded ——6——,— — N———— 122„ A Granada. 313 benswürdigen und koketten Weſen, mit der Elaſticität und Grazie ihres Körpers, worin eine ſpaniſche Maja die eleganteſte Pariſerin weit übertrifft, gibt es im Spaniſchen einen unüberſetzbaren Aus⸗ druck: ſal andaluz, andaluſiſches Salz. Vor einem reizenden Mädchen ruft der Spanier entzückt aus: tiene mucha ſal, ſie hat viel Salz oder es muy ſalada: ſie iſt ſehr geſalzen; das klingt frei⸗ lich in der Ueberſetzung eigenthümlich und läßt ſich nur dann ver⸗ ſtehen, wenn man es am richtigen Ort angewendet gehört hat. Die zärtlichſten Ausdrücke des Andaluſiers für ſeine Geliebte be⸗ ziehen ſich auf ſal und ſalero. So ruft er ihr leidenſchaftlich zu: ſalero del alma: Salzfaß meiner Seele! Das ſcheint für uns über⸗ trieben, hat man aber den Gruß gehört, womit der Majo die Maja anredet, ſeinen leidenſchaftlichen Ausruf: Gott ſegne die Mutter, die dich geboren hat! Möge die heilige Jungfrau deine ſchwarzen Augen bewahren, Königin! Ha! Gottes Leben, welch ein Gang! Dann wird man ſich nicht wundern, wenn noch eine Steigerung erfolgt, viva la ſal andaluz!— Uebrigens iſt la gracia andaluz in ganz Spanien ſprichwörtlich, und von den Schön⸗ heiten anderer Länder ſagt der Spanier: ſon bonitas, pero no tie⸗ nen gracia, ſchön ſind ſie wohl, aber ihnen fehlt die Grazie. Eng⸗ länderinnen und Franzöſinnen mißfallen im Allgemeinen dem Spa⸗ nier, erſtere ſind ihm zu weichlich und prüde, die letztern haben zu viel von den Schönheiten ſeines eigenen Landes, ohne dieſe jedoch erreichen zu können; die deutſchen Frauen dagegen denkt ſich man⸗ cher Spanier als Ideale von Sanftmuth, blonden Haaren, blauen Augen und einem friſchen Teint von Roſen und Lilien, und ſagt von ihnen: han de ſer muy dulces las Alemanas, ſie müſſen wohl recht ſanft ſein, die Deutſchen. Nachdem wir lange genug geſchaut und der Strom der Spa⸗ ziergängerinnen immer noch nicht enden wollte, ſtiegen wir zwi⸗ ſchen einer ausgeſuchten Gruppe hinauf, nicht ohne uns häufig vergnügt lachend umzuſehen; das nahmen aber dieſe ſchönen Kin⸗ der durchaus nicht übel, ja, wenn irgendwo ein paar zwiſchen den Bäumen ſtanden und auf den ſo dicht bevölkerten Zickzackweg Achtzehntes Kapitel. hinabſchauten und Einer von uns vielleicht in die Worte ausbrach: Welche Schönheit, welche Augen! ſo war das für die ſchöne An⸗ daluſierin kein Grund, um wegzuſchauen, wie es die Tochter einer andern Nation augenblicklich gethan hätte, ſondern dieſe hier blickte uns mit geſenktem Fächer feſt in's Geſicht, als wenn ſite ſagen wollte: Schön bin ich, das weiß ich; betrachtet mich nur nach Herzensluſt, das wird mir und euch keinen Schaden bringen. Dabei erwiederten Weiber und Mäͤdchen augenblicklich un⸗ ſere Grüße auf's Freundlichſte und grüßen mußte man nach allen Seiten, denn das Gedränge war oft ſo dicht, daß man ſich häufig im wahren Sinne des Wortes zwiſchen den reizenden Andaluſie⸗ rinnen durchdrängen mußte. Ich weiß nicht, wie ich darauf verfiel, als wir bei einer Familie vorbeikamen, beſtehend aus einem ernſten Herrn, einer etwas finſter blickenden Mutter und zwei wunder⸗ ſchönen Mädchen von fünfzehn und ſechszehn Jahren, daß ich mir beifallen ließ, in einem wahrſcheinlich ſehr ſchauderhaften Spaniſch die prachtvollen Veilchenbouquets zu loben, welche Mutter und Töchter in den Händen trugen. Hatte ich nun einen falſchen Aus⸗ druck gebraucht oder klang die Sprache gar zu hart und komiſch, genug, der alte Herr grinste freundlich, die Mutter lächelte, beide Töchter aber lachten fröhlich hinaus und Eine bot mir ihren Strauß mit den Worten:„Nehmen Sie, wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht. Es ſind Veilchen von Granada, die ſchönſten der Welt.“ Wer aber nach ſolchen Zügen, die nur Herzensgüte und Freundlichkeit athmen und nur Beweiſe ſind einer überſprudelnden geiſtigen Kraft und eines warmen innigen Gefühls, ſich einbilden wollte, er habe den Anfang zu einer intimen Bekanntſchaft ge⸗ funden, und dürfe es nächſtens ſchon wagen ſich einige Freiheiten herauszunehmen, der würde ſich gewaltig wundern. Freilich gibt es Reiſende, die eitel genug ſind, vielleicht an ihre Unwiderſtehlichkeit glaubend, in Erzählungen durchblicken zu laſſen, wie wenig Mühe es ihnen gekoſtet, mit den anſtändigſten ſpaniſchen Damen ein Verhältniß anzuknüpfen. Was aber von dergleichen Geſchichten ———/·—-—+ 2a————,— —„&T———ↄ/————,—,. Granada. 315 zu glauben iſt, weiß jeder Unbefangene, namentlich hier in Spa⸗ nien, wo in dieſer Richtung der Schein ſo gewaltig trügt. Man findet ein paar ſpaniſche Damen auf dem Paſeo oder im Theater, man redet ſie freundlich und ehrerbietig an und ſie werden liebens⸗ würdig und herzlich antworten. Sie werden ſich nach beendig⸗ tem Geſpräche mit Blicken entfernen, worin eine ganze Welt liegt. Ja, ſie werden am folgenden Tage den Bekannten von geſtern vielleicht zuerſt und auf's Freundlichſte grüßen und das wochen⸗ lang ſo fortſetzen. Hiemit iſt aber auch die Gränze aller Annähe⸗ rung erreicht, es ſei denn, daß eine Spanierin ſelbſt ein Verhältniß anknüpfen will; dann freilich folgt ſte ihrem feſten Willen, aber auch dann läßt ſte ſich nicht lieben, ſondern ſie liebt. Auf dem Platze vor dem Kloſter war nun ein buntes und bewegliches Leben; es war hier zu gleicher Zeit ein kleiner Jahr⸗ markt und zu Ehren der Heiligen wurde gegeſſen, getrunken, ge⸗ ſungen und getanzt. Weit auf der ganzen Anhöhe umher ſah man zahlreiche Gruppen zerſtreut, meiſtens lagerten befreundete Fami⸗ lien auf den Abhängen des Darroufers, der hier ein paar hundert Fuß tief unter uns floß. Auch wir legten uns in das friſche Gras im warmen entzückenden Sonnenſchein, über uns der tief⸗ blaue andaluſiſche Himmel, rings um uns her Geplauder, Ge⸗ lächter, der Klang der Guitarren und das Klappern der Caſtag⸗ netten. Und welch herrliche Ausſicht hatten wir hier oben, ab⸗ geſehen von den ſchönen Andaluſterinnen, die in allen Lagen und den vielgeſtaltigſten Gruppen überall den grünen Raſen einnah⸗ men und deren Augen und Fächer um die Wette glänzten und blitzten; vor uns tief im Thale ſahen wir über Granada weit in die Vega hinein bis zu den grauen Gebirgen der Sierra Elvira, neben uns auf hoher Bergwand die Alhambra und Keneralife, welche beide auf ſo verſchiedene und eigenthümliche Art den letzten Kuß der Sonne empfingen. Während die gewaltigen Thürme der erſteren rothglühend majeſtätiſch und trotzig aus dem Grün her⸗ vorragten, ſah der weiße luftige Bau der Reneralife aus wie mit Silber übergoſſen und erſchien in ſeinem Walde von Cypreſſen 316 Achtzehntes Kapitel. Granada. und Lorbeeren wie ein Bouquet weißer, duftiger Maiblumen zwi⸗ ſchen ihren grünen glänzenden Blättern. O, wie wahr iſt das ſpaniſche Sprüchwort: „El que no ha visto Granada, no ha visto nada.“ Wer Granada nicht ſah, hat nichts geſehen. Ja, hier möchte ich mein Zelt aufſchlagen und mein Leben beſchließen! Neunzehntes Kapitel. Nach Cordova. Abſchied von Granada. Der Hombre valiente. Räuber und Räuberleben. Die Sierra Elvira. Alcala la real. Der Lieblingsplatz des Räubers Joſe Maria. Baena. Caſtro del rio. Anblick von Cordova. Wanderung durch die Straßen. Phantaſteen. Die große Moſchee. Der Alcazar. Eine Tertulla in Cordova. Vie letzte Nacht, die ich und wohl für immer in Granada zubringen ſollte, ließ mich vielleicht gerade deßhalb zu keinem Ruhen und erquicklichen Schlummer kommen. Häufig zündete ich Licht an, um zu ſehen, wie weit die Zeit vorgerückt ſei, und als die Zeiger meiner Uhr endlich auf vier wieſen, ſtand ich auf und kleidete mich an; Horſchelt folgte meinem Beiſpiele und bald war auch unſer Baumeiſter munter. Um fünf Uhr ſollten die Pferde kommen, und es war beſſer, daß wir auf ſie warteten, als ſie auf uns. Ich trat auf den Balkon vor dem Fenſter, ganz Granada ſchien noch zu ſchlafen, in den benachbarten Straßen, ſowie auf der Carrera herrſchte tiefe Stille, die nur gleichförmig unterbrochen wurde durch das Plätſchern der Springbrunnen und den Ruf eines Sereno, Nachtwächters, der ſchlaftrunken an einem Baume lehnte und die Witterung verkündigte. Glücklicherweiſe für uns konnte der Wächter ſein Sereno, ſchönes Wetter, wovon er auch ſeinen Beinamen hat, mit vollem Recht erſchallen laſſen, denn der Himmel war klar und ſternhell und verſprach einen prächtigen Mor⸗ 318 Neunzehntes Kapitel. gen. Von der Sierra Nevada her, deren ſchneebedeckte Spitzen blen⸗ dend zu uns herüber blickten, vielleicht ſchon vom Lichte der für uns noch unſichtbaren Sonne beglänzt, wehte ein kalter Morgenwind; da wir aber im Februar waren, ſo konnten wir eine warme duftige Nacht nicht verlangen; doch war die Temperatur ſo angenehm, daß wir bei den offenen Balkonthüren unſern Anzug beendigen konnten, und wir blieben gerne ſo lange wie thunlich an dem Fenſter, um auf die ſchöne Stadt bis zum Augenblick der Abreiſe hinabzublicken. Ja Granada iſt herrlich, das Paradies der Erde, und man ge⸗ winnt es lieb, wenn man, wie wir, auch nur ein paar Wochen und noch dazu in der ungünſtigen Jahreszeit hier verweilt. Auf dem Berge vor unſern Augen, der die Alhambra trägt, wird es heller und immer heller, ſo daß wir die Bergformen, die Bäume und endlich die ſtolzen rothen Thürme erkennen, und die alten prächtigen Mauern, zwiſchen denen wir ſo gerne umhergewandelt und wo wir manche koſtbare Stunde verbrachten. Lebe wohl, Granada! Unten auf der Straße klirrten jetzt Pferdehufe auf dem Pflaſter und gleich darauf öffnete unſer getreuer ben Sacken die Thüre, um von uns Abſchied zu nehmen. Er brachte Jedem noch eine Portion Papiercigarren, die wir zu ſeinem Andenken rauchen ſollten. Dann übergaben wir ihm die zurückbleibenden Koffer, die er pünktlich zu beſorgen verſprach, und traten vor das Haus, um nach unſern Thieren zu ſehen. Alles ſchien hier in Ordnung zu ſein bis auf den Schimmel, den ich mir ausgeſucht, und ſtatt deſſen man mir einen Falben gebracht, von dem der Pferdever⸗ miether und unſer Begleiter, der uns in der Dunkelheit vorge⸗ ſtellt wurde, verſicherte, es ſei das erſte Pferd der Chriſtenheit, und gegen den Schimmel ausgetauſcht worden, weil dieſer heute Morgen etwas gelahmt. Am Ende war das auch gleichgültig und der Falbe ſah ganz reſpektabel aus, doch hatte man ihm noch einen andern Sattel aufgelegt, als den ich mir geſtern ausgeſucht, ein kleines Ding, ungefähr die Mitte haltend zwiſchen einem türkiſchen Sattel und einem ungariſchen Bocke und dabei ſo enge, ——— Nach Cordova. 319 daß ich mich auch mit dem beſten Willen nicht hineinzwängen konnte. Glücklicher Weiſe lag der Stall des Vermiethers auf unſerem Wege, weßhalb wir ohne Zeitverluſt einen Umtauſch bewerkſtelligen konnten. Ben Sacken gab uns bis hieher das Geleit und ſchaute noch einmal nach, ob unſere Proviſton, be⸗ ſtehend in hartgeſottenen Eiern, Schinkenſchnitten, Würſten, Brod und einem Kruge Wein, auch gehörig auf unſeren Packthieren befeſtigt ſei; dann reichte er uns ſchweigend die Hand und wir werden ihn wohl nie wieder ſehen. Es iſt auf den Landreiſen in Spanien äußerſt nothwendig, ſich mit einigem Proviant zu verſehen, wenn man nicht von Mor⸗ gens früh bis Abends ſpät, d. h. von einem Nachtquartier zum andern faſten will. Auf unſerem Ritte durch die Mancha hatten wir ſchon die über alle Beſchreibung ärmlichen Venta's kennen gelernt, und da wir hier ebenſo große Tagereiſen hatten, ſo ſahen wir uns vor. So ritten wir durch die noch immer ſtillen Straßen Gra⸗ nada's, nur hier und da bemerkten wir einen der Bewohner in Mantel und Hut an der Hausthüre ſtehend und aufmerkſam den Himmel betrachtend. Nur wenige kleine Laden, Kaffeeſchenken oder Barbierſtuben waren geöffnet, und man ſah durch die offen⸗ ſtehende Thüre das Herdfeuer brennen oder die Leute ihr Tage⸗ werk beginnen. Von einer Mantille oder von blitzenden Augen u. dergl. war noch keine Spur zu entdecken und ſo war es uns unmöglich, eine der ſchönen Andaluſierinnen mit einem Gruß an das ganze reizende Geſchlecht zu beauftragen. Durch die uralte mauriſche Puerta Elvira zogen wir ins Freie; durch daſſelbe Thor, zu welchem auch meiſtens die Mauren hinauszogen, um entweder im Zweikampfe oder in größern Ge⸗ fechten den chriſtlichen Rittern zu begegnen. Durch dieſes Thor zog auch zuletzt der König von Granada, der ſchwache unglück⸗ liche Muley Boabdil, als das Volk bei ſeiner Unthätigkeit ſich faſt empörte und ihn ſo zwang, den Verſuch zu machen, um Lucena wieder zu erobern, welches die Chriſten den Mauren 320 Neunzehntes Kapitel. abgenommen. Ja er zog hinaus, aber nicht um zu ſiegen, wurde vielmehr geſchlagen, von Alonzo de Aguilar gefangen und vor den Koͤnig Ferdinand gebracht, der ihn wohl wieder frei nach Granada entließ, aber unter Bedingungen, die ſpäter den Unter⸗ gang des Königreichs herbeiführten. Damals zogen die tapferen glänzenden Mauren durch die⸗ ſelbe Puerta Elvira, unter der auch wir in dieſem Augenblick ritten. Ich konnte mich nicht enthalten, aufwärts an das Ge⸗ wölbe zu ſchauen, wo ſich ein hervorragender Stein befand, gegen den die Lanze des Königs ſo heftig anſtieß, daß ſie abbrach,— eine ſchlimme Vorbedeutung, die ſich auch durch den unglücklichen Ausgang des Kampfes erfüllte. Das war vor ſo viel hundert Jahren und jetzt klirrten die Hufeiſen unſerer Pferde auf demſelben Pflaſter und es hallte der Thorbogen, wie er damals gethan. So gibt jeder Schritt in Granada, jede Straße, faſt jedes Haus der Phantaſie den reich⸗ ſten Stoff, um ſich lebendig in die alte gewaltige Zeit zurück zu verſetzen. Als wir in die Ebene hinaus kamen, die ſich auf dieſer Seite Granada's vielleicht eine Stunde weit erſtreckt, war es bereits Tag geworden, und wir konnten nun unſere Cavalcade bei Tageslicht betrachten, vor allem unſeren Begleiter, mit dem wir die drei⸗ tägige Reiſe nach Cordova machen ſollten. Es war das ein junger hübſcher Burſche, fein und ſchlank gebaut, wie faſt alle Anda⸗ luſter, auch trug er die maleriſche Majotracht, geſtickte Leder⸗ gamaſchen, verſchnürte Jacke und auf dem Kopf den andaluſiſchen Hut mit der breiten aufrecht ſtehenden Krempe. Alles das war freilich durch den Gebrauch ein bischen unſcheinbar geworden, ſah aber nichtsdeſtoweniger maleriſch aus. Unſer Begleiter hieß Alonzo und hatte die vortreffliche Eigenſchaft, daß er den ganzen Tag luſtig und guter Dinge war. Meiſtens ſaß er nach der Quere auf ſeinem Maulthier, rauchte den ganzen Tag Papier⸗ cigarren und hielt auf die komiſchſte Art an alle Leute, die uns begegneten, namentlich an die Weiber und Mädchen manchmal A Nach Cordova. 321 ſehr eindringliche Reden, von denen wir aber leider nicht viel ver⸗ ſtanden; dabei nahm er meiſtens ſeinen Hut in die Hand und machte mit demſelben die lächerlichſten Pantomimen. Zur Abwechslung ſchien er ſich dann wieder zu erinnern, daß er ſich wohl vor uns eines geſetzteren Betragens befleißigen müſſe, und dann nahm er die Zügel in die Hand, ſetzte ſich ernſthaft auf ſeinem Maulthier zurecht und verſicherte uns, wenn ſchon jeder Andaluſter natür⸗ licher Weiſe ein ganz famoſer Kerl ſei, ſo wäre er ſelbſt der In⸗ begriff aller menſchlichen Tugenden, ſtolz, galant und tapfer wie ein Spanier, lebhaft wie ein Maure, kurz ein Hombre valiente, ein Hombre de Corazon, ja, wenn man ihn reize, ein Hombre tigre, d. h. ein Kerl wie ein Tiger. So ſah er nun gerade nicht aus, und was den Muth anbelangte, ſo zeigte es ſich ſpäter, daß er von dieſer Tugend ſeiner Vorfahren gerade nicht zu viel geerbt. Der Weg, auf dem wir ritten, war, um ihn mit einem Worte zu bezeichnen— ſpaniſch— was könnte dieſes herrliche Land bei guten Straßen ſein. Die Vega von Granada iſt eine der fruchtbarſten Ebenen, die es gibt, ſie hat einen dankbaren Boden, auf dem die Vegetation in ſelten geſehener Ueppigkeit gedeiht, was hauptſächlich dem Ueberfluß an vortrefflichem Waſſer zuzuſchreiben iſt, mit dem die ſchneebedeckte Sierra Nevada das Land aufs Freigebigſte tränkt. Die nächſte Umgebung der Stadt bilden herrliche Gärten, faſt wie die aus der Huerta von Valencia, nur daß die waſſerreichen Flüſſe Darro und Kenil hier das künſtliche Wäſſerungsſyſtem unnöthig machen. Von Baum zu Baum ziehen ſich die kräftigen Ranken von Reben und Melonen und die erſten in einer ſolchen Ueppigkeit, daß es Stellen gibt, wo ſie einen Seitenarm des Renil förmlich mit ihren Gewinden und Schöß⸗ lingen überwölbt haben, ſo daß das klare Waſſer unter einem natürlichen Laubdache dahinfließt. Nachdem wir eine kleine Stunde in der Ebene fortgeritten waren, ſahen wir links die Wieſen und Wälder des Soto de Roma, jenes unermeßlichen Landgutes, das Spanien als Natio⸗ nalbelohnung dem Herzoge von Wellington gegeben. In der 21 Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 322 Neunzehntes Kapitel. That, es ſind wirkliche Wälder, die wir dort weit ausgeſtreckt liegen ſehen, während wir langſam an den Abhängen der grauen Felsgebirge hinaufreiten, die Granada in einem weiten Halbkreiſe umgeben. Die erſten Wälder, die wir ſeit unſerem Eintritt in Spanien geſehen, nicht lichte Anpflanzungen von Oliven, viel⸗ leicht mit Platanen und Johannisbrodbäumen vermiſcht, nein, Wälder nach unſern Begriffen mit gewaltigen Eichen, mit Ulmen, Kaſtanien und einzelnen Gruppen von Alparobenbäumen mit ihren dunkeln, lederartigen Blättern. Ja, Granada hat Alles, was ein Menſchenherz nur erfreuen kann, im Sommer Wärme genug, um Orangen und Limonen hervorzubringen, ſogar einzelne Palmen, um namentlich in den engen Seitenthälern Granatbäume wachſen zu laſſen mit dem ſaftigen Laube und der glühend rothen Blüthe, die ſich ſo ſchön am Baume ausnimmt, aber auch nicht minder reizend im dichten ſchwarzen Haare der ſchönen Andaluſterin, und dazu hat Granada wieder ein gemäßigtes Klima. Die ſonſt alles ver⸗ ſengende Hitze wird abgekühlt durch die friſchen Lüfte, welche von der Sierra Nevada herabwehen. Der durſtige Boden wird an⸗ genehm getränkt durch die klaren Bergwaſſer, und läßt ſo neben Orangen und Palmen auch die königliche Eiche gedeihen— ja, Granada, du biſt glücklich, und glücklich iſt, wer in deinem Schoße verweilen darf. Wir haben die erſten Anhöhen erſtiegen, halten an und ſenden die faſt traurigen Blicke noch einmal zurück über die Vega hin, nach der herrlichen Stadt, die mit ihren Thürmen und ſtolzen Schlöſſern ſanft ruhend am Fuße des erhabenen zackigen Schneegebirges im roſigen Morgenlichte langſam aufzublühen ſcheint. Dort liegt die Alhambra, ihre trotzigen Thürme heben ſich ab von der dahinter liegenden Wand des Gebirges, doch nicht ſo klar und deutlich, als die kleine reizende Peneralife mit ihren weißen Säulen und Bogengängen auf dem faſt ſchwarzen Hinter⸗ grunde der Cypreſſen.— Das iſt ein verkörperter Traum, eine verwirklichte Phantaſte.— Waren wir wirklich dort, haben wir wirklich geſehen den Löwenhof und den lieben Garten der Sul⸗ — Nach Cordova. 323 tanin, haben wir wirklich gewandelt unter den Säulenhallen der eneralife und dort ſinnend hinabgeſtaunt, auf das pracht⸗ volle Granada zu unſern Füßen, haben wir wirklich die Hand gelegt an den Stamm der uralten Ceder, unter welcher die ſchöne Königin ihre Liebesnacht gefeiert in den Armen des kühnen Abencerragen, haben wir wirklich von dem klaren Quell getrunken, der, ein toller Felsbach, durch die Gärten und den Hof der Xeneralife dahinſchießt, über Treppen herab und un⸗ ter dichten Lorbeerlauben hinweg, jetzt als ächter Sohn des Gebirges, jetzt eingeengt in grünen glänzenden Rinnen oder in einer Waſſerleitung von weißem Marmor, was er ſich aber gerne gefallen ließ, denn in ihm ſpiegelten ſich zwiſchen blühenden Roſen ſchwarze, unausſprechlich ſehnſuchtsvolle mauriſche Augen.— Ja wir waren dort, wir haben all das Schöne geſehen und genoſſen und müſſen nun dieſem Paradieſe den Rücken kehren und gewiß auf Nimmerwiederſehen; aber etwas Köſtliches neh⸗ men wir mit uns, die Erinnerung, ſie ſoll uns nicht verlaſſen, vielmehr erfriſchend in unſern Herzen walten, wenn der Froſt des gewöhnlichen Lebens daſſelbe kältend zu überziehen droht. Alonzo drängt zum Fortreiten, aber wir können uns noch nicht trennen von dieſem zauberiſchen Platze. Von Granada klingen die Glocken zu uns herüber; rechts zu unſern Füßen liegt Soto de Roma, deſſen Wälder damals ſchon waren, als noch mauriſche Fahnen von den Zinnen der Alhambra wehten, und welch wichtige Rolle ſpielten jene Wälder in jener Zeit, wo ſie den Chriſten zum Verſteck und Sammelplatz dienten, ehe ſte zum Kampf in die Ebene zogen. Vielleicht iſt noch eine uralte Eiche vorhanden, die uns erzählen könnte von Ponce de Leon und an⸗ dern chriſtlichen Rittern, die ſich unter ihren Zweigen gewaffnet, nachdem ſte Botſchaft geſandt an den König von Granada, er möge herausſenden ſeine Tapferſten zum Zweikampf. Und dort weiter in der Ebene bei jenem verfallenen Thurm, wo jetzt der Staub aufwirbelt, da auf jener Stelle vielleicht krachten die Lanzen und blitzten die Klingen, während von den 21*— 324 Neunzehntes Kapitel. Zinnen der Alhambra der König und ſein Gefolge niederſah und während ſich ein paar ſchwarze Augen ohnmächtig ſchloßen, wenn der Maure dem Chriſten unterlag, nachdem der Schild zerſplit⸗ tert, der Schild mit Halbmond und Deviſe. Sie ſind vorüber, jene Zeiten, wie auch die Tage, die wir in den prachtvollen Ueberbleibſeln jener alten gewaltigen Zeit zu⸗ bringen durften. Unſer Führer mahnt zum Fortreiten, und wenn wir auch den widerſtrebenden Pferden den Zügel laſſen, ſo blicken wir doch im Sattel gewendet noch immer rückwärts auf die Ebene und die mit leichtem Morgennebel umkränzte Stadt. Dort, weit hinter derſelben, auf dem letzten Ausläufer des Alpujarras, blickt wieder jener eigenthümlich geformte Hügel hervor, den wir ſchon von der Alhambra ſahen, el ſoſpiro del Moro, und hatten wir nicht faſt das gleiche Schickſal wie der unglückliche König Boabdil? auch wir ſehen ja dieſe göttlichen Gefilde zum letztenmal. Ja, zum letztenmal. Sanft klingen die Glocken von Gra⸗ nada herüber und der leiſe Wind trägt den Schall an unſer Ohr. Dieſelben Klänge, welche der Pilger, der hier oben überraſcht von der herrlichen Ebene betrachtend ſtehen blieb, ſchon vor ſo viel hundert Jahren hörte. Drunten liegen die Wälder der Soto de Roma, grade wie ehedem, und der Kenil rauſcht durch die Ebene mit demſelben Flüſtern, mit dem er manchen verwundeten Mauren und Chriſten einſchläferte; und über alles das hinaus blicken die leuchtenden, ſchneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada und ſtehen da in alter Pracht und Herrlichkeit, während die Ge⸗ ſchlechter zu ihren Füßen beſtändig wechſeln. Ja, die ernſten Berge ſahen Römer, Gothen, Mauren und Chriſten durch dieſe Ebenen ziehen und werden noch manchen Wanderer erblicken, der, wie wir, hier oben ſtehend einen letzten traurigen Blick auf die liebe Stadt wirft— Lebewohl, Granada! Alonzo hatte uns im Stiche gelaſſen und war auf ſeinem ſtarken Maulthiere weiter geritten. Wir folgten ihm in ſcharfem Trabe und holten ihn erſt in einer ſtarken halben Stunde wieder ein. Die Ausſicht auf die Vega von Granada hatten wir gleich W — ⏑⏑⏑—m¶ S—— Nach Cordova. 325 hinter der Berghöhe verloren und um den Contraſt recht fühl⸗ bar zu machen, umgab uns jetzt eine wilde Felsgegend mit der dürftigſten Vegetation. Einige magere Buxbaumſträuche ſtanden hie und da und wir ritten abwechſelnd auf Sand und rauhem Geſtein. Zuweilen ſahen wir etwas wie eine Straße, auch Fahr⸗ geleiſe in derſelben, doch lief ſie meiſtens ſo ſteil auf und ab und war ſo holperig, daß man nicht begreifen konnte, wie ſich ein Fuhrwerk hieher verirren möge. Unbegreiflich bleibt es freilich, daß von irgend einer Wagenverbindung zwiſchen Granada und Cordova, zwei Städten, die zuſammen mindeſtens 100,000 Ein⸗ wohner haben, nicht die Rede iſt. Natürlich müßte, um eine Diligence befördern zu können, erſt eine Straße gebaut werden, und davon iſt, wie ſchon bemerkt, keine Rede. Geleiſe, die wir zuweilen in Sand eingeſchnitten ſahen, führten vielleicht von irgend einem alleinſtehenden Hauſe urbar gemachten Feldern oder nach dürrem Strauchwerk, hier Wald genannt, um das Holz zu holen. Die Wagenverbindung zwiſchen Granada, Cordova, Sevilla u. ſ. w. geht über Jaen und erreicht bei Baylen die große Straße von Madrid nach Sevilla. Auf dem direkten Weg zwiſchen Gra⸗ nada und Cordova, den wir jetzt zogen, gibt es nicht einmal einen ordentlichen Pfad für die Reitthiere und Jeder ſucht ſich den beſten Weg nach ſeinem Belieben aus; der Begegnenden ſind auch hier ſehr wenige, vielleicht ein Mann zu Eſel, der in der Nachbarſchaft ein Geſchäft hat, oder ein paar Leute, die mit Hacke und Art aufs Feld und in den Wald ziehen, höchſt ſelten irgend ein Cor⸗ ſar aus Cordova, der mit ſeinen Maulthieren eine, Ladung Waa⸗ ren nach Granada gebracht oder von dort geholt. Ein Grund mit für die Einſamkeit dieſes Weges mag wohl darin liegen, daß die Gebirge zwiſchen Granada und Cordova von jeher zu den verru⸗ fenſten von ganz Spanien gehörten. Hier trieb der bekannte und berüchtigte Joſe Maria, einer der renommirteſten Räuber ſein We⸗ ſen; wenigſtens hatte er in dieſen unwegſamen Einöden ſein Haupt⸗ quartier, von wo er die große Straße nach Andaluſten und die Ebene ————— — 326 Neunzehntes Kapitel. von Granada unſicher machte und wohin er ſich zurückzog, wenn er von den Truppen, Ferdinands VII. angegriffen wurde. Auch behauptete er ſich Jahrelang gegen dieſelben, wurde auch niemals bezwungen, ſondern machte ſpäter ſeine förmliche Capitulation mit der Regierung, die ihm nicht nur völlige Strafloſigkeit zu⸗ ſicherte, ſondern ſogar eine einträgliche Anſtellung gab. Seine Geſellen wurden ebenfalls amneſtirt und zu ehrbaren Salinen⸗ wächtern, Förſtern und Feldſchützen gemacht, welche indeſſen das alte Handwerk nur mit dem Unterſchied forttrieben, daß ſte am Wege herumlungernd die vorübergehenden Reiſenden nicht nur überfielen, ſondern ſie mit vorgehaltenem weitſchlündigem Tra⸗ buco um ein Almoſen baten. Da wir gerade bergan zogen auf einem Pfade, der ſo mit Rollſteinen bedeckt war, daß die Pferde keinen ſichern Tritt hat⸗ ten, ſo ritten wir langſam und befragten unſern Hombre valiente über die Thaten des großen Joſe Maria. Nun hat aber ein ächter Andaluſter von dem Schlage Alonzo's nur dreierlei im Kopfe, das ſind: ſchöne Mädchen, Stiergefechte und Räuberge⸗ ſchichten. In letzteren war nun unſer Führer außerordentlich zu Hauſe, und ſchien in ſeiner Jugend die Geſchichte der berühmten Räuberchefs ungefähr ſo auswendig gelernt zu haben, wie wir in der Schule das Leben der berühmten Generale aus den Befreiungs⸗ kriegen. Der Hombre tigre ſetzte ſich quer in ſeinen Sattel, ſchielte nach der Bota, die auf dem Maulthier hing, und in welcher unſer Wein befindlich war, nachdem wir ihm die Erlaubniß zu einem tüchtigen Schlucke gegeben, von der er gründlichen Gebrauch machte, drehte er ſich eine Papiercigarre und gab uns eine Menge Räubergeſchichten zum Beſten. Uebrigens war Joſe Maria nicht ſein Mann. Er war zu grauſam, ſagte er und brauchte ſeine Navaja, ohne daß es immer gerade nothwendig war; auch mochte er die Weiber nicht leiden und das iſt in den Augen eines Spa⸗ niers ein großes Verbrechen. Der Liebling Alonzo's war da⸗ gegen ein anderer Räuberchef der damaligen Zeit, der zwiſchen Valencia und Orihuela, namentlich in den Gebirgen bei Elche Nach Cordova. 327 ſein Weſen trieb, Jayme Alfonſo genannt, mit dem Beinamen: der Bärtige, von dem langen, vollen Barte, der ihm bis zum Gürtel herabreichte. El Barbudo iſt überhaupt ein Liebling des niederen ſpaniſchen Volkes, ein zweiter Rinaldo Rinaldini. Wie geſagt, unſer Führer ſchwärmte für ihn und wußte die merkwür⸗ digſten ſeiner Thaten. Der Barbudo ging in der Majotracht, das Haar nach Art der Stierfechter hinten in einem Netz von grüner Seide tragend; natürlicherweiſe war er ein Mann von ungeheurer Kraft und trieb das Räuberhandwerk auf eine ſehr noble und anſtändige Art. Er legte den Kaufleuten, die ihre Waaren mittelſt Galeeren und Corſaren über Land ſchafften, einen gewiſſen Zoll auf, und wenn ſie den bezahlt hatten, erhielten ſie von dem Barbudo ein Stück Papier, worauf mit Dinte ein ein⸗ faches Kreuz verzeichnet war, und wehe dem Mann der eigenen Bande oder einem Ratero, der ſolches nicht reſpektirte. Nament⸗ lich auf die Buſchklepper, die das Geſchäft auf eigene Fauſt trieben, die Räuber⸗Dilettanten, Rateros genannt, hatte Jayme Alfonſo ein wachſames Auge. Wirklich lebendig und ſchön erzählte unſer Führer, wie der Barbudo eines Tags drei dieſer Rateros gefan⸗ gen, die auf ſeinen Namen geſündigt und wie er ihnen, da ſie flehentlich um ihr Leben baten, großmüthigerweiſe einen Kampf vorſchlug, den er allein mit allen Dreien zu gleicher Zeit eingehen wolle. Dabei zog unſer Hombre tigre die eigene Navaja hervor und während er wie toll auf dem Sattel ſeines Maulthiers her⸗ umfuhr, zeigte er, wie der Barbudo mit den Dreien gefochten und Einen nach dem Andern niedergeſtreckt. Don Jayme iſt übrigens eine geſchichtliche Perſon. In den Befreiungskriegen gegen die Franzoſen nahm er ſeine Bande zuſammen und überfiel von ſeinen Bergen aus die durchziehenden Feinde, denen er große Verluſte beifügte. Dafür wurde er ſpäter amneſtirt, erhielt eine Penſton, und lebte im Dorfe Sar. Doch war das Ende ſeiner Tage des berühmten Räuberchefs würdig. Er hatte einen Bruder, der in Valencia ſtudirte, der wegen eines Vergehens ins Gefängniß ge⸗ worfen wurde, und den er gewaltſam befreite. Später comman⸗ 328 Neunzehntes Kapitel. dirte dieſer Bruder unter ihm unter dem Beinamen Estudiantillo, das Studentlein. Dieſer ſetzte das Räuberhandwerk fort und bereitete dem Barbudo manche Verlegenheiten. Er ſollte behülf⸗ lich ſein, den Bruder den Gerichten zu überliefern, konnte und wollte es aber nicht, und als eines Tages ein Escribano, den er lange gehaßt und der ihm viel Uebles zugefügt, ſich mit Schmäh⸗ worten gegen das Studentlein vergaß, überkam den Bärtigen der Zorn: er faßte den Schreiber und warf ihn ſo nachdrück⸗ lich die Treppe hinunter, daß er das Aufſtehen für immer ver⸗ gaß. Dafür wurde der Barbudo ins Gefängniß geworfen und nun beginnt wieder eine recht romantiſche Geſchichte, als der Estudiantillo viele vergebliche Verſuche gemacht, ſeinen Bruder zu befreien und als dieſes nicht gelang, den Sohn des Gerichts⸗ präſidenten entführte, der ſich in einem Landhauſe bei Orihuela befand. Schon war Jayme Alfonſo zum Tode verurtheilt, da drohte das Studentlein für jeden Tropfen Blut ſeines Bruders den Sohn irgend eines vornehmen Geſchlechts erſchießen zu wollen. Man unterhandelte hin und her, und ſchickte auch wohl Truppen von Alicante aus gegen die Räuber in den Gebirgen; und nach einem ſolchen Gefechte fand des andern Tages eine Streifpa⸗ trouille in den höchſten und rauheſten Bergen den Körper des Studentleins. Schwer verwundet hatte er ſich noch die Höhen hinaufgeſchleppt und war einſam und verlaſſen geſtorben. In einem Schlupfwinkel fand man faſt zu gleicher Zeit den Sohn des Präſidenten wohlerhalten, aber nur mit einem Ohre. Das andere hatte der Estudiantillo nach Murcia geſchickt, zum Beweis, daß er blutigen Ernſt machen würde. Jayme Alfonſo wurde bald nachher erſchoſſen. So erzählte unſer Führer und beim tragiſchen Ende des Barbudo ſchien er ſchmerzlich berührt. Bei ihm zählte das Räu⸗ berhandwerk mit unter die nobeln Paſſionen und ſchien ihm ein ſehr ehrenvolles Geſchäft, was leider jetzt ziemlich eingegangen ſei, doch aber wieder einmal ſchwunghaft betrieben werden würde. Mit pfiffigem Lächeln meinte er, die Schlupfwinkel des Joſe —.,— —.,— 2 Nach Cordova. 329 Maria und des Barbudo ließen ſich leicht wieder herſtellen. Wie für die Perſon des Letzteren, ſo ſchwärmte er auch für den damaligen Aufenthaltsort des Bärtigen:„Ich hab' ihn geſehen,“ ſagte er,„als ich einmal von Granada nach Murcia und Alicante zog. Da iſt bei Elche eine wunderbare Schlucht, Puerto de la Cochera und wenn man da ein Bischen rechts in die Gebirge hin⸗ einklettert, kommt man zu dem einſamen Thurm von Carus. Wer da hinauf will, muß Flügel haben und wie der Barbudo und ſeine Geſellen hineinkamen, wußte lange Niemand.“ „Aber Ihr wißt es, Alonzo?“ Ehe er uns antwortete, drehte er ſich ſchmunzelnd eine neue Cigarre, dann ſagte er:—„Ob wir es wiſſen? das will ich meinen.— Nun, er hatte eine Fallbrücke, die von einem be⸗ nachbarten Felſen bis auf die Zinne des Domes reichte und die war ſo ſorgfältig verſteckt, daß ſie lange, lange nicht von den Alguazils gefunden wurde.— O ſie ſind zuweilen ſehr dumm, die Alguazils,“ meinte er, pfiffig lachend. Und da wir jetzt etwas beſſeren Boden vor uns hatten, ſo hieb er auf ſein Maulthier und trabte luſtig ſingend vor uns hin. So zogen wir durch die Berge, plaudernd und Cigarren rauchend in einer beſtändigen Abwechslung von öder Haide und felſigen Schluchten. Gegen Mittag trafen wir die unvermeid⸗ liche Halbwegsventa, die ſich auf jedem ſpaniſchen Tagmarſche befindet. Mir war es intereſſant, weil auch Rochau in ſeinem Reiſeleben ihrer erwähnt und dabei einiger jungen Damen gedenkt, mit denen er und ſein Reiſebegleiter damals geplaudert. Freilich waren zwiſchen ſeiner Reiſe und der unſrigen faſt zehn Jahre vergangen und das iſt Zeit genug, um namentlich eine Süd⸗ länderin alt zu machen. Die Venta hatte ihre damalige Geſtalt vollkommen erhalten. Vielleicht war die Lehmhütte nur etwas baufälliger geworden; aber von den jungen Mädchen fanden wir keine Spur mehr. Eine ſehr alte Frau ſaß vor der Thür und ließ ſich von der Sonne beſcheinen, war auch ſehr gleichgültig, als wir anritten und uns aus dem Sattel ſchwangen. Achſel⸗ 330 Neunzehntes Kapitel. zuckend meinte ſie auf unſere Fragen nach Brod und Waſſer, wenn wir erſteres nicht mitgebracht hätten, ſo würden wir hungrig wieder ziehen müſſen, und was das Waſſer anbelange, ſo habe ſie keines im Hauſe, ihr Mann, der auf dem Felde ſei, werde ſpäter einen Krug voll mitbringen. Glücklicherweiſe waren wir außer⸗ ordentlich verproviantirt. Unſer Hombre packte die Vorräthe von einem Maulthiere ab und bald lagen wir königlich tafelnd unter einer verkümmerten Platane an der Erde. Unſer Tiſchtuch war eine alte Zeitung, von der übrigens Würſte, Eier und Brod, die wir mitgebracht, ſo vortrefflich ſchmeckten, als ſei es von feinſtem Damaſt geweſen. Auch die Bota ging fleißig in die Runde und wir tranken auf das Wohlergehen der ſchönen Stadt Granada, welche uns dieſen vortrefflichen Trunk geſpendet. Nach unſerem Diner zäumten wir die Thiere, die unterdeſſen an dem dürren Graſe und kleinen Geſträuchen genagt, wieder auf und da der Weg hinter der Venta ſtark bergauf ging, uns auch nach dem langen Ritte eine Bewegung recht angenehm war, ſo gingen wir zu Fuße und zogen die Pferde am Zügel hinter uns drein. Das Terrain, durch welches wir zogen, blieb ſich im Allgemeinen immer gleich; bald ging es bergauf, bald bergab durch eine öde, unfruchtbare Gegend. Die einzige Abwechslung machte hie und da ein kleines Waſſer, das zwiſchen den Felſen rieſelte und in dem wir unſere durſtigen Thiere tränkten und ein Bergabhang, der ſo ſteil und knüppelhaft war, daß wir vom Sattel ſtiegen und zu Fuße hinabgingen. Gegen vier Uhr trafen wir auf ein größeres Gehöfte mit ganz ſtattlichem Hauſe an einem breiten Thorweg, der ſo gaſtlich aufſtand und uns einen ſo angenehm kühlen Stall zeigte, daß mein Pferd die entſchiedenſte Neigung kund gab, dort einzukehren. Ich ließ ihm dieſe Grille und wir thaten wohl daran. Draußen brannte die Sonne wirklich unausſtehlich und unter dem Thorweg war's nicht nur ſchattig und kühl, ſondern die freundliche Wirthin brachte uns auch einen Krug ganz vortrefflichen Weins und ſehr gutes, weißes Brod. Es iſt erſtaunlich, welchen Hunger man auf Reiſen, namentlich beim Reiten entwickelt. Wir thaten — ☛ Nach Cordova. 331 dieſem Gouter alle Ehre an und Horſchelt verband hier noch das Nützliche mit dem Angenehmen und fröhnte dabei einer entſchiede⸗ nen Leidenſchaft, indem er einen ſtattlichen Mauleſel abconterfeite, der mit geſenktem Haupte vor dem Thorwege ſtand. Unſer erſtes Nachtquartier ſollte Alcala la Real ſein, nicht jenes Alcala, auf dem Marquis Poſa ſeinen Freund gefunden, dagegen aber hatte unſer Alcala den Beinamen„das Königliche,“ und wenn wir nicht in Spanien geweſen wären, hätte das ſchon etwas Günſtiges verſprochen. Hier aber iſt man gewöhnt, ſelbſt den unbedeutendſten Dingen die ſtolzeſten Namen zu geben; und deßhalb erwarteten wir nicht anders, als in dem königlichen Alcala ein elendes Neſt zu finden, wie vielleicht Villa Robledo in der Mancha oder etwas Aehnliches. Dießmal aber hatten wir uns auf angenehme Weiſe getäuſcht. Die Sonne ſtand ſchon ſehr tief, als wir aus den Felswegen, auf denen wir den ganzen Tag her⸗ umgeklettert, in ein ſchönes fruchtbares Thal kamen und darin auf eine ſo ſchöne breite Straße ſtießen, daß wir kaum unſern Augen trauen mochten. Es war das wie eine heimatliche Chauſſee mit Bäumen beſetzt, mit Waſſergräben verſehen, kurz ein Weg wie er ſein ſollte. Ich möchte faſt ſagen, leider! hatten wir nur noch eine halbe Legua bis zu unſerem Nachtquartier. Wir hätten uns wahrhaftig auf dieſer Straße nichts daraus gemacht, noch mehrere Stunden weiter zu reiſen. Auch die Pferde fühlten den Unterſchied gegen die früheren Rollkieſel ſo außerordentlich, daß ſie faſt ohne Nachhülfe zu einem tüchtigen Trabe anſetzten, der uns auch in ganz kurzer Zeit in die Stadt brachte. Alcala la Real ſah wirklich ganz ſtattlich aus. Statt eines kleinen Dorfes ſtellte ſich uns eine ziemlich große Stadt dar, ma⸗ leriſch am Abhang des Berges gelegen, auf deſſen breitem Gipfel ſich die ſtattlichen Ruinen eines mächtigen alten Schloſſes befan⸗ den. Wir erreichten Alcala unter dem Alles verſchönernden Lichte der ſinkenden Sonne, die das Thal, durch welches wir ritten, mit glühendem Lichte erfüllte und die Schloßruinen droben, ſowie den aus den Häuſern aufſteigenden Rauch golden beglänzte. Die 332 Neunzehntes Kapitel. Straße von Alcala, zu welcher wir hereinpaſſirten, hat ein ſtatt⸗ liches Gitterthor, das von den Bäumen beſchattet war, und hinter demſelben fing ſogleich die Alameda an, an deren Ende unſere Herberge lag. Ich muß geſtehen, es war die beſte, die wir bisher auf unſern Reittouren durch das Land gefunden. Unten natür⸗ lich der unentbehrliche Raum für Küche, Wohnzimmer und Aufent⸗ halt ſämmtlicher Gäſte, doch erhielten wir oben ein beſonderes Speiſezimmer, recht gut eingerichtet, ſowie zum Schlafen Betten, die über unſere Erwartung gut waren. Während drunten am Herdfeuer unſer Nachteſſen zubereitet wurde, welches durch unſern Baumeiſter, der vom langen Ritte bedeutend ermüdet war, über⸗ wacht wurde, machten Horſchelt und ich einen Spaziergang durch die Stadt, kauften Cigarren und Feuerzeug und ſtiegen über eine ſehr breite Straße den Schloßberg hinauf, zu der alten Ruine, die wir ſo gut als möglich beim Mondſſhein betrachteten, auch kletterten wir auf eine der Mauerzinnen, und blickten lange in die milde, mondbeglänzte Nacht hinaus. So lieb und freundlich flimmerten die Sterne über uns und einzelne bekannte Gruppen derſelben betrachteten wir lange und träumend, denn es waren dieſelben Sterne, die im gleichen Augenblicke auch über den Häup⸗ tern unſerer Lieben funkelten, von denen wir ſo weit, weit ent⸗ fernt waren. Ueber ſolche faſt traurige Gedanken ſiegte glücklicherweiſe baldigſt unſere luſtige Reiternatur, und als wir zum lodernden Herde zurückgekehrt waren, wo Leins inmitten einiger Bewohner aus dem Städtchen denſelben die orientaliſchen Wirren erklärte, hatte ſich unſer guter Humor wieder eingeſtellt, und wir gingen fröhlich zu Tiſche. Während deſſelben kam indeſſen noch einmal etwas Wehmüthiges über uns, beſonders aber über mich. Der Wirth hatte nämlich zwei kleine Buben, genau von der Größe der meinigen und mit denſelben glänzenden Augen und treuherzigen Geſtchtern. Die Kinder hatten uns lieb gewonnen und ſchmei⸗ chelten zutraulich um uns herum. Sie waren für mich eine liebe und doch faſt traurige Anmahnung. Nach Cordova. 333 Am andern Morgen ritten wir bei Tagesanbruch weiter. Wir hatten gehofft, auf der ſchönen Straße, die uns nach Alcala geführt, weiter reiten zu können, aber dieſe, ſowie die hübſche Stadt mit ihren freundlichen Umgebungen, ſchien eine Oaſe in der Wüſte zu ſein. Kaum hatten wir das jenſeitige Thor erreicht, ſo fielen wir in einen ſo wahnſinnigen Knüppeldamm, daß man Augen und Hand übermäßig anſtrengen mußte, um die Thiere einigermaßen zu leiten und vor dem Stürzen zu bewahren. Es dämmerte kaum und da ein Nebel aufgeſtiegen war, ſo konnte man nicht drei Schritte deutlich vor ſich ſehen. Dabei ritten wir an einem jähen Felsabhang, an welchem unten ein Waſſer rauſchte. Es iſt das ein kleiner Fluß, der ſich reizend um Alcala windet und zwiſchen üppigen Granatgärten dahinfließt. So, unten im Thale, wo die Orangen blühen, hier oben dagegen war es fürchterlich und die Straße glich vollkommen einem Bauplatze. Anfangs mühte ich mich ab, mein Pferd rechts und links durch die Fels⸗ blöcke zu führen, dann aber dachte ich an unſere Ritte in Syrien, namentlich auf dem Libanon, und machte es wie damals, d. h. ich ließ meinem Gaule den Zügel und ſo ging es augenſcheinlich beſſer und raſcher vorwärts. Wir waren aufwärts geſtiegen und dann wieder ſchnell abwärts bis zu jenem kleinen Flüßchen, das wir vermittelſt einer Furt durchritten. Hinter demſelben ging es lange, lange auf einem ſteinigten Wege und ziemlich ſteil bergan. Angenehmerweiſe wurde es indeſſen heller und immer heller, die kahlen Berge vor uns, die bisher in einen kalten, grauen Ton gehüllt waren, färbten ſich violett, dann röthlich, dann glänzend gelb, und hinter uns war mittlerweile die Sonne aufgeſtiegen. Wenn wir auch jetzt den Pfad, auf dem wir ritten, vollkommen deutlich ſahen, ſo war doch die Gegend vor uns jetzt im Tages⸗ lichte entſetzlich öde und trübſelig. Ein vollkommen kahler Berg reihte ſich an den andern, zuweilen ſtiegen wir bis zur Spitze hinauf, um drüben wieder ebenſo hinab zu reiten, zuweilen auch wandte ſich der Weg am Abhange hin; nicht ſelten am Rande einer tiefen ſteilen Schlucht; oben mit einem ſchmalen Wege ver⸗ 334 Neunzehntes Kapitel. ſehen, unten aber voll zackiger, wild zerriſſener Felſen. Man hätte auf die Idee kommen können, hier befinde ſich ein ausge⸗ brannter Krater an dem andern, wie vulkaniſch zerriſſen war das ganze Terrain. Nach Beobachtungen, über welche man liest, muß es ſo ungefähr auf dem Monde ausſehen. Ringsum nichts, wie Sand und Felſen, die auf der Höhe bald gelb, bald röthlich waren und ſich abwärts in die Schluchten hinab bis zu tiefdunklem Blau färbten. Dabei wurde der Blick höchſt ſelten erfreut durch etwas Grünes, ein paar magere Buchsbaumſträuche oder einige von den feingezackten Palmito's. Ein freundliches Waſſer ſahen wir nir⸗ gends in der Tiefe; nur einmal kamen wir an einem Brunnen vorbei, der in den Felſen gehauen war, und ſich in der Nähe einiger elenden Lehmhütten befand. Unſer Hombre tigre war heute nicht ſo luſtig und redſelig als geſtern; beſonders war ſeine gute Laune gleich ſchon in der Frühe dadurch geſtört worden, daß ſein Maulthier einen Fehltritt that, und obgleich es nicht ſelbſt hinſtürzte, doch unſere Nacht⸗ ſäcke ſammt Alonzo, der oben darauf ſaß, herabwarf. Von da an ging der tapfere Andaluſier häufig zu Fuß und ſpähte ſorgſam auf den kahlen Berghöhen und in den tiefen Schluchten umher. Hier, zwiſchen Alcala und Baena ſei ein abſonderlich verrufenes Stück Weges. In ein paar Stunden, erzählte er, kommen wir an die Stelle, wo ſich Joſe Maria häufig aufhielt, und wo noch vor ein paar Jahren Caparota ſein Weſen trieb. Das war auch ein famoſer Kerl, meinte er. Den habe ich geſehen; aber nur, als er todt war, ſetzte er hinzu, da er unſere verwunderten Blicke ſah. Er wurde von einem ſeiner Buben in einem kleinen Land⸗ hauſe bei Cordova im Schlafe erſchoſſen. Ich war mit meinem Vater dort, und da alles Volk hinlief, ſo haben wir ihn uns auch betrachtet. Auf meine Fragen gab er freilich zu, daß letz⸗ tere Zeit hier in den Bergen kein berühmter Name mehr aufge⸗ taucht ſei; doch erwiderte er mir achſelzuckend: Ihr habt aller⸗ dings Flinten und Meſſer bei Euch. Aber was wollt Ihr machen, wenn plöͤtzlich ſo ein paar elende Rateros dort hinter jenem großen 1———————,—— 2/ —6—„zͤo—— 12e———,. —8 z—.,—., d— Nach Cordova. 335 Stein hervorſchauten und uns zuriefen:„ſaz en tierra!“—„Und was würdet Ihr thun, Alonzo?“—„Meiner Seel,“ erwiderte der Hombre tigre„ich würde mich nicht einen Augenblick be⸗ ſinnen, ihrem Wunſche zu willfahren; denn ehe Ihr das Gewehr vom Sattelhacken losreißt, hätte ich, der das Gepäck führt, ſchon ein paar Loth Blei im Leibe. Nein, mit den Kerlen iſt nicht zu ſpaſſen.“ Und er hatte nicht ganz Unrecht, der gute Alonzo. Bei einem Terrain, wie das, durch welches wir ritten, wo man öfters nicht einmal ſein Pferd wenden konnte, wäre es für ein paar Kerle ein Leichtes geweſen, uns vollſtändig auszurauben. Doch erlebten wir dieſes Abenteuer nicht, wogegen ſich unſere Straße jetzt mit jedem Schritte verſchlimmerte. Zuweilen kamen wir an Schluchten, wo es Wahnſinn geweſen wäre, auf den Pferden ſitzen zu bleiben, wo ſich ein faſt ſtaffelförmiger Weg hier an der ſteilen Felſenwand hinab und gegenüber ebenſo wieder hinaufzog. Einmal mußten wir am Rande eines ſolchen Défilé's warten, bis eine Eſelheerde, die uns entgegenkam, zu uns hinaufgeklettert war. An ein Ausweichen war nicht zu denken. Gegen Mittag erreichten wir auf der Höhe ein kleines Dörf⸗ chen, wo wir vom mitgenommenen Proviant unſer Diner halten wollten. Doch erſuchte uns Alonzo, noch eine kleine Stunde weiter zu reiten, bis zum Ufer des Pliego, der unten in der Tiefe in einer ſchattigen Schlucht fließe, wo es angenehm kühl ſei und vortreffliches Waſſer für die Thiere gebe. Wir ritten alſo weiter, und dort hinab führte der Weg im wahren Sinn des Wortes dachjähe. Ich ritt voraus und als ich an den wirklich ſehr klaren und in einer ſchattigen Schlucht dahin ziehenden Fluß kam, trat mein Pferd ſo ſicher hinein, daß ich ihm unbedingt den Zügel ließ. Obgleich ihm das Waſſer bis an die Satteltaſchen ging, ſo hatte es doch eine Furt gefunden, und ich wäre ohne allen Anſtand hinüber gekommen, wenn nicht das Thier in der Mitte des Fluſſes, angelockt von dem friſchen fließenden Waſſer, von welchem ich es ſaufen ließ, plötzlich den tollen Verſuch gemacht 336 Ueunzehntes Kapitel. hätte, ſich niederzulegen. Glücklicherweiſe riß ich es noch empor und kam mit durchnäßten Stiefeln davon. Unſer Baumeiſter hatte aber ein anderes, eigentlich komiſches Unglück. Horſchelt, Alonzo und ich waren ſchon auf der andern Seite des Fluſſes, als Leins am Ufer ankam, neben ſeinem Pferde gehend. Auch hatte er den Zügel deſſelben nicht erfaßt und ſo lief das durſtige Thier eilig in den Strom hinein, ſeinen unglücklichen Reiter am Ufer ſtehen laſſend. Horſchelt, der noch im Sattel war, ritt wieder zurück, fing das Pferd auf, und brachte den Reiter nach einigen kleinen Schwierigkeiten mit herüber. Alonzo hatte unterdeſſen am aufſteigenden Ufer unſere kleinen Vorräthe ausgepackt, und ſo tafelten wir in angenehmer Kühle bei dem murmelnden Waſſer, in welchem der vortreffliche Anda⸗ luſter die Bota abgekühlt hatte. Hier gab er uns auch wieder Räubergeſchichten zum Beſten, und meinte, vor ſo und ſo viel Jahren würde es Niemand gewagt haben, ſich an dieſer Stelle ruhig nieder zu laſſen. Hier nämlich ſei der Lieblingsplatz Joſe Maria's geweſen und hier hätte er die Maulthiertreiber ausge⸗ raubt, die ohne großes Geleite des Weges zogen. Vom Ufer des Guadajoz wurde die Gegend etwas freundlicher. Eine Zeit lang ritten wir auf einer Hochebene und ſahen rechts und links grüne Wieſen, vor uns ebenſo, dort auch nach einiger Zeit Oliven⸗ pflanzungen, umgepflügte Aecker, und endlich, nachdem wir uns auf einen ſanften grünen Hügel ſtark öſtlich gewandt, die Stadt Baena vor uns liegen. Hier wurde König Boabdil nach ſeinem ver⸗ unglückten Angriff auf Lucena 1483 gefangen genommen. Baena nahm ſich nicht minder ſtattlich aus, wie Alcala, war ebenfalls an den Berg hinan gebaut, und auf der Höhe, über den Häuſern empor, ragte eine ſtattliche Kirche. Gern hätte un⸗ ſer Führer hier Nachtquartier gemacht, doch war es erſt vier Uhr Nachmittags, die Sonne ſtand noch ziemlich hoch, und ſo konnten wir hoffen, nicht gar zu ſpät nach dem noch drei Leguas weiter entfernten Caſtro del rio zu gelangen, von wo dann unſere morgige Tagreiſe nach Cordova nicht gar zu lange Nach Cordova. 337 und ermüdend wäre. In Baena hielten wir nur einen Augen⸗ blick, und zwar ſo lange, bis die Bota wieder mit Wein gefüllt war, denn das hatte ſich der Hombre valiente, weil er nicht hier bleiben ſolle, ausbedungen. Hinter Baena behielt die Gegend den freundlichen Charakter bei, den ſie auch ſchon vor dieſem Orte hatte. Fruchtfelder, Wieſen, Olivenpflanzungen und lange Streifen ſaftiger grüner Geſträuche, die Stelle anzeigend, wo irgend in der Tiefe ein kleines Waſſer floß, wechſelten mit einander ab. Da wir auf der Hochebene ritten, auf welcher Baena lag, ſo konnten wir Alles das auf dem ſanft und lange, lange abfallenden Terrain weit hinaus überſehen. Ja, dort links vor uns in der Tiefe, wo ſich die blauen Berge auseinander ſchoben, machte uns Alonzo auf die mit dem Hintergrunde faſt verſchwimmende Silhouette eines Schloſſes oder einer Stadt, die auf einem vereinzelten Berg⸗ kegel lag, aufmerkſam. Es war wirklich eine Stadt und zwar unſer Nachtquartier, Caſtro del rio. Das ſah von Weitem recht maleriſch aus, hatte ſogar von hier aus geſehen eine Aehnlichkeit mit Toledo und wir konnten hoffen, dort gut aufgehoben zu ſein. Aber weit war es noch dorthin, recht weit. Wir kannten die trügeriſchen Entfernungen hier in Spanien und die Berghalde, auf der wir abwärts ritten, dehnt ſich gewiß viele Stunden lang aus, denn ſie zeigte in unzähligen Abſtufungen unendlich viel Gegenſtände hinter einander. Die Wieſen, die Aecker, die Wal⸗ dungen, die grünen Streifen, kleinen Thäler und kleinen Hügel, mit dem ſie bedeckt war, ſowie die Olivenwaldungen und Buchs⸗ baumgehölze, Alles das wiederholte ſich abwechſelnd immer fort und fort. Wenigſtens konnte man dieſe Gegenſtände ziemlich weit hinaus erkennen. Dann aber verblaßten die Farben und die Gränzen wurden undeutlicher. Feld und Wald floßen in einander und gaben Anfangs eine unbeſtimmte grünliche Farbe; dann aber färbten ſich dieſelben violett, dann dunkelgrau, und nahmen weit, weit am Horizonte da erſt eine tiefblaue Farbe an, wo ſich der Bergkegel erhob, auf dem ſich die ebenfalls dunfellan Silhouette Hackländer, Ein Winter in Spanien. II.. 338 Neunzehntes Kapitel. von Caſtro del rio erhob, in prächtiger ſatter Farbe, die aber nur darum ſo erſchien, weil der den Horizont begränzende Ge⸗ birgszug faſt hell ſchieferfarbig war. Alonzo hatte bei dem wunderſchönen Abend ſeine frühere Munterkeit wieder erlangt, rauchte Papiercigarren, plauderte und ſang in Einem fort. Nachdem wir aber eine halbe Stunde hinter Baena waren, wurde er mit einem Male auffallend ſtill und zeigte auf drei Reiter, die vor uns herzogen.„Den Kerlen traue ich nicht recht,“ meinte er.„Wir müſſen ihnen auf jeden Fall beweiſen, daß wir gute Waffen führen und mit denſelben umzugehen wiſſen.“—„Und wie das, Hombre valiente?“— „Wenn wir ſie erreicht,“ erwiderte er,„ſo muß Jeder ſein Ge⸗ wehr vom Sattelhaken nehmen und es langſam laden, das ſollen ſie nur ſehen.“—„Aber die Gewehre ſind ja geladen,“ erwider⸗ ten wir.—„Thut nichts,“ ſagte er,„dann läßt man den Lad⸗ ſtock hineinfallen, daß es tüchtig klappert, und ſieht, ob der Hahn recht gut ſpielt.“— Lachend thaten wir nach ſeinem Wunſche, nachdem wir die Vorreitenden erreicht. Das waren allerdings wild ausſehende Burſche, ihre Pferde, das Sattelzeug mit der langen Flinte ſchienen ſich in gutem Zuſtande zu befinden, die Kleidung der Reiter aber war ein Bischen abgeriſſen, die langen braunen Capa's verblichen und fadenſcheinig, und unter den keck aufgeſtülpten Hüten ſchauten uns trotzige, ſonnverbrannte Ge⸗ ſichter an. Wir wünſchten ihnen guten Abend, was ſie erwiderten. Dann zogen wir bei ihnen vorüber und da ſte viel langſamer rit⸗ ten, ließen wir ſie bald weit hinter uns; dann erſt athmete Alonzo ſichtlich wieder auf und ſein unerſchöpfliches Mundwerk kam wie⸗ der friſch in Schwung.„Das waren ſchlimme Geſellen,“ meinte er, ſcheu rückwärts blickend,„aber ſie haben mich erkannt und wußten wohl, daß ich ſie ebenfalls kenne.“—„Und haben ſie ſich vielleicht vor Euch, dem Hombre tigre, gefürchtet?“ fragte ich lachend, worauf er den Hut faſt ganz ins rechte Auge hinein⸗ drückte, eine martialiſche Haltung annahm, ſich auf die Bruſt klopfte und ausrief:„Por Dios! Soy hombre valiente, soy hombre Nach Cordova. 339 tigre, hombre di corazon!“ und das wiederholte er unzählige Male, bald ſprechend, bald ſingend, und hörte nicht eher auf, ſei⸗ nen eigenen Ruhm zu verkünden, bis es ihm einfiel, nach der Bota zu langen, ſie hoch in die Höhe zu halten, worauf er dann einen Strahl des rothen Weins lange in den geöffneten Mund herabfließen ließ. Unſer Weg führte doch nicht anhaltend abwärts, obgleich es von der Höhe hinter uns ſo ausſah. Nach einer Stunde er⸗ reichten wir ein kleines Thal, das von einem angenehmen Waſſer durchfloſſen war, welches an beiden Seiten die friſcheſten Wieſen hervorgebracht hatte. Ein ziemlich breiter, weicher Weg ſchlängelt ſich hindurch, und die Blumen, die aus dem tiefen Grün hervor⸗ ſproßten, drängten ſich faſt unter die Hufe meines Pferdes; wäh⸗ rend bei uns daheim noch Schnee und Eis die Fluren bedeckte, war hier in dieſen glücklichen Ländern ſchon Frühlingsanfang und eine warme, würzige Luft floß mir entgegen. Das friſche, grüne Thal war ausgefüllt mit lachenden Sonnenſtrahlen, die ſchräg vom Hortzont herüberſchoſſen, die umliegenden Höhen vergoldeten, dem Gras einen eigenthümlichen Schimmer gaben und ſo unaus⸗ ſprechlich ſchön auf den Wellen des dahinrieſelnden Baches glänz⸗ ten. Ich fühlte mich ſo angenehm und heiter erregt, auch mein Pferd ſchien ſeine Müdigkeit vergeſſen zu haben und ſich der kühlen Abendluft und des weichen Weges zu freuen. Es war überhaupt ein gutes und kräftiges Thier; jetzt brauchte ich nur eines leichten Zungenſchlags, um es in geſtreckten Trab zu bringen, der mich bald den Andern weit voraus führte. O, es war ſo angenehm, dahin zu fliegen durch das friſche Grün unter herabhängenden Mandelbaumzweigen, die voll roſiger Blüthen prangten, und nach dem heißen Tage einzuathmen die friſche, kühle Abendluft. Doch blieben auch Horſchelt und Leins nicht lange zurück, als ſie mich ſo davon eilen ſahen, und erreichten mich nach einiger Zeit, aber erſt als der Weg vermittelſt einer Furt durch jenes Flüßchen ging, an deſſen Ufer ich eine Zeitlang geritten war. Beim Uebergang hielt mich eine Geſellſchaft von Eſeln auf, die dort mititzen Rei⸗ 340 Neunzehntes Kapitel. tern Einer nach dem Andern durch das Waſſer wateten. Es waren ein Paar ausgediente und entlaſſene Soldaten darunter, mit denen wir nun unſern Weg gemeinſchaftlich fortſetzten, da ſie ebenfalls nach Caſtro del rio wollten. Dieß, unſer Nachtquartier, neckte uns aber ganz gewaltig; von jedem Hügel, den wir erſtiegen, ſahen wir es vor uns liegen, immer in den gleichen maleriſchen Umriſſen, aber wir konnten ihm ſcheinbar um keinen Schritt näher kommen. Dazu trug auch wohl die Dämmerung, die nun eintrat, das Ihrige bei, indem ſie uns den Anblick der kleinen Stadt mit jeder Minute undeutlicher machte. Endlich wurde es ganz dunkel; doch war glücklicherweiſe nicht nur Mondſchein im Kalender angemerkt, ſondern der treue Freund der Reiſenden, der Liebenden und Spitzbuben tauchte bald am Horizont hervor und zwar mit voller, glänzender Kugel, un⸗ ſern Weg ſanft und angenehm erleuchtend. Endlich erblickten wir abermals Caſtro del rio, und zwar zu unſerer Rechten liegend, während wir geradeaus geritten. Ein weites, ſumpfiges Terrain am Fuße der Stadt hindert die direkte Annäherung, weßhalb wir einen großen Bogen beſchrieben, ehe wir eine breite Straße er⸗ reichten, die mit doppelten Baumreihen bepflanzt war und eine Art Paſeo bildete, der uns nun in gerader Linie zu der alterthümlichen hochgewölbten Brücke führte, hinter welcher die Hufe unſerer Pferde nun zum erſtenmal auf dieſem ſtädtiſchen Pflaſter klapper⸗ ten. Es iſt dieß nach langem Ritt ein angenehmer Ton und Frei⸗ ligrath hat Recht, wenn er ſagt: ———— dann iſt Poeſie Der erſte Ton des Eiſens auf den Steinen. Wir ritten aufwärts durch eine enge Gaſſe, die mit recht armſeligen Häuſern beſetzt war und wodurch unſere Erwartung auf eine gute Nachtherberge ziemlich herabgeſtimmt wurde. Vor einer recht ſchlechten Fonda hielten wir einen Augenblick an und nachdem unſer Hombre valiente etwas mit dem Wirth gekauder⸗ welſcht hatte, von dem wir kein Wort verſtanden, zogen wir wei⸗ ter. Es ſchien in dieſem Hotel kein Platz für uns zu ſein. Weiter 8—,+ nu Nach Cordova. 341 oben im Orte, auf der Höhe der Stadt, kamen wir inſofern beſſer an, als man uns die Thorflügel öffnete und einreiten ließ. Wir waren recht müde geworden, glitten ſacht aus unſern Sätteln herab und da es auch bei eintretender Nacht etwas kühl geworden war, traten wir an das Herdfeuer, welches rechts im Thorwege loderte. Erſt als wir eine Zeitlang geſeſſen, uns ein wenig er⸗ wärmt und die unentbehrliche Papiercigarre angezündet hatten, bemerkten wir, daß die Localität, in der wir uns befanden, über alle Beſchreibung ärmlich war. Dieſer Raum war nicht, wie der jener Ventas in der Mancha und der Sierra Morena— dort ein wenn gleich großer, doch behaglicher Raum, hier dagegen niedrig, ſchmal, ſo daß der Rauch nicht aufſteigen konnte und er einem in die Augen biß. Das Ganze ſah aus, wie ein ehemaliger ſchlechter Stall für Kühe, wenn er nicht vielleicht einſtens für eine noch viel unedlere Thiergattung gedient hatte. Es war Schade für das hübſche Geſicht und die glänzenden Augen der Wirthin, ihr gewiß ſehr appetitlicher weißer körperlicher Kern ſteckte in einer gar zu ſchmierigen Schale. Sie erinnerte uns lebhaft an unſern redlichen Miſtkäfer aus Almagro. Die Anweſenden rückten zuſammen, um uns den beſten Platz an dem lodernden Feuer zu überlaſſen und dann wurden die bekannten Anſtalten getroffen, um für uns ein Abendeſſen zu bereiten. Ein eiſerner Keſſel, halb mit Waſſer ge⸗ füllt, wurde in die Gluth geſchoben, mit einem Huhne und Reis gefüllt, viel Zwiebel und ſpaniſcher Pfeffer kam hinein und dann ließ man die Brühe in dem Gefäß ohne Deckel ſchmoren. Daß grade heute der Keſſel unbedeckt war, hatte für uns dadurch etwas beſonders Unangenehmes, daß dicht bei unſerer Abendmahlzeit ein alter Kerl hockte, mit ſehr unappetitlichen kranken Händen. Dieſe wärmte er an dem Kohlenfeuer, rieb auch ſanft an ihnen herum, bei welcher Beſchäftigung er ſo nahe an und über unſern offenen Suppenkeſſel kam, daß ich, obgleich ziemlich abgehärtet, mich doch eines Ekels nicht erwehren konnte. Glücklicherweiſe kam Alonzo aus dem Stalle zurück, den ich auf die unangenehmen Zutha⸗ ten aufmerkſam machte, die unſere gemeinſchaftliche Suppe 342 Neunzehntes Kapitel. möglicherweiſe erhalten könnte, worauf er ohne viel Umſtände und mit ſehr kräftigen Worten den ungebildeten Gaſt in die Ecke zu⸗ rückſcheuchte. Trotzdem ſich die Frau Wirthin viel Mühe mit ihrem Keſſel gab, war der Inhalt deſſelben dennoch ſchlecht, und nur der unbändige Hunger, den wir Alle hatten, brachte uns dazu, die ſchmutzige Brühe und das alte Huhn zu verſchlingen. Um aber mit Allem im Einklange zu bleiben, war auch unſer Abend⸗ trunk, die Chokolade, kraft⸗ und ſaftlos und unſere Schlafzimmer die elendeſten Löcher, die wir in ganz Spanien angetroffen haben. Eben ſo ſchlecht waren die Betten, doch Dank unſerer großen Müͤdigkeit, ſchliefen wir vortrefflich und zwar ſo feſt und anhal⸗ tend, daß uns Alonzo bei Tagesanbruch wecken mußte. Beim Hinausreiten aus Caſtro del rio konnten wir einen Blick auf die Stadt werfen. Hiezu war es geſtern Abend zu dun⸗ kel geweſen. Wenn wir auch von Gebäuden nicht viel Beſonderes ſahen, ſo kamen wir doch hie und da an einem Bauweſen vorbei, das durch mauriſche Form der Fenſter und Thüren oder durch irgend einen Bogengang, der auf ſchlanken Säulchen ruhte, unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Die entlaſſenen Soldaten, die geſtern Abend mit uns gezogen, begleiteten uns auch heute wieder. Hinter Caſtro del rio ritten wir eine öde Berghalde hinauf, von wo wir rückwärts blickend die Stadt maleriſch um ihren Berg geſchlungen ausgebreitet vor uns liegen ſahen. Auch ſahen wir, über ſte hinwegblickend, unſern geſtrigen Weg, ja Hor⸗ ſchelt mit ſeinen ſcharfen Augen die Kirche von Baena. Es iſt eigenthümlich, daß ſich hier in Spanien ſo plötzlich und vollſtändig die Gegend ändert. Verſchwunden waren jetzt wieder Wieſen und Wald und ſtatt deſſen ritten wir bergauf, bergab, anfänglich über troſtloſe, umgearbeitete Flächen, eigentlich auf gar keinem Wege, denn oft lange Strecken mußten die Pferde über den vom Pflug aufgelockerten Boden ſchreiten. Glücklicherweiſe, daß wir kein Regenwetter hatten, denn ſonſt muß es hier bodenlos ſein. Von einer Gegend war gar keine Rede; wo wir die Fruchtfelder ver⸗ ließen, waren wir eigentlich noch ſchlimmer daran, denn dann ging Nach Cordova. 343 es an Bergabhängen vorbei, auf ſo ſchmalen Pfaden, an ſteilen Abhängen hin, daß an vielen Stellen ein Fußgänger ſeine liebe Noth damit gehabt hätte. Obgleich unſere Pferde unermüdlich auf und ab kletterten, ſo fingen ſie doch nach zweitägigem beſchwer⸗ lichem Marſche an, müde zu werden, und der Hombre tigre brauchte ſeine ganze andaluſiſche Beredtſamkeit, um ſie durch recht freund⸗ liche Worte munter zu erhalten. Er hielt denn auch lange Reden an ſie, worin er ihnen ihre Vergangenheit und Zukunft lebhaft vor Augen führte, ſie auf den goldenen Hafer in Cordova ver⸗ wies und anderntheils meinte, es wäre doch ſchmerzlich, wenn er nach Granada zurückkehrte und müſſe dort ihren Kameraden er⸗ zählen, daß ſie ſich mit fremden und ſehr angenehmen Reiſenden, damit wollte er uns ſchmeicheln, ſo ſchlecht gehalten. Das Maul⸗ werk ſtand heute dieſem Kerl wieder nicht eine Sekunde lang ſtill. Wenn er es nicht zum Rauchen brauchte, dann plauderte er, wenn er nicht plauderte, ſo ſtimmte er alle möglichen Lieder an, die er aber dann wieder jeden Augenblick mit Ermahnungen an die Pferde unterbrach—„Malaguena!“ rief er dem Braunen des kleinen Baumeiſters zu,„du haſt die leichteſte Laſt und bleibſt immer hinten! Freilich biſt du nur aus Malaga, aber doch lange genug in Granada geweſen, um ein rechter Kerl zu werden. Schau dir dafür den Tordo an, der muß den dicken Herrn tragen,— damit meinte er mich,— und iſt immer weit vornen. Tordo wäre ein Pferd für einen Räuber geworden,“ ſagte er dann,„ für einen ganz famoſen Kerl, für einen Hombre pantera, wie ich einer bin.“ Dann ſchlug er ſich herausfordernd an die Bruſt, und rief luſtig ſein: Anda, Anda! Horſchelts Pferd, ein Fuchs, hieß Alezana und betrug ſich auch recht ordentlich. Ueberhaupt konnten wir über ſämmtliche Thiere nicht klagen, und wenn je einer der freund⸗ lichen Leſer dieſer Zeilen nach Granada kommt, ſo ſoll er ſich nur getroſt zu einem ähnlichen Zwecke von dem vortrefflichen ben Saken beritten machen laſſen. Es kommt wirklich bei einer ſolch dreitägigen Tour ſehr viel auf Pferd und Sattelzeug an, ob man ſich mehr oder minder er⸗ 344 Neunzehntes Kapitel. müdet, und ich muß geſtehen, daß wir alle drei die Tour recht friſch und munter zurücklegten. Horſchelt und ich waren's freilich ſchon gewohnt, doch ſelbſt unſer guter Baumeiſter—„Heinrich auf lichtbraunem Rößlein,“ wie wir ihn nannten— benahm ſich wie ein alter biderber Reitersmann. Gegen Mittag ſahen wir links in einem Thale zum erſten Male nach unſerem Abmarſch aus Caſtro etwas wie menſchliche Wohnungen, und, worüber wir ſehr erſtaunten, ſogar Häuſer mit hohen, dampfenden Schornſteinen und vernahmen das taktmäßige Klappern von Hämmern. Da unten befand ſich ein Eiſenwerk von einer Minencompagnie unter Oberleitung eines Engländlers betrieben. Eine Stunde ſpäter erreichten wir ein einſames Bauern⸗ haus, das aber tief unter unſerem Wege lag, wo Alonzo zu raſten beſchloß und wo wir unſere ſehr mäßige Proviſion verzehrten. Caſtro del rio hatte uns nur Wein, altes Brod und ein Stück Schafkäſe mitgeben können; doch fehlte uns die beſte Würze, der Hunger, nicht, und nebenbei verſicherte auch Alonzo, der ober uns mit kauenden Backen ſaß und die Bota zwiſchen ſeinen Füßen ſtehen hatte, nachher kämen wir in kurzer Zeit auf eine Höhe, wo wir dann bald Cordova ſehen könnten.— Ja freilich ſehen, aber zwiſchen ſehen und erreichen iſt beſonders hier ein großer Unterſchied. Nach beendigtem Diner gingen wir, wie das unſere Gewohn⸗ heit war, erſt eine gute Strecke zu Fuß, ehe wir wieder die Thiere beſtiegen. Die Hochebene, die uns der Hombre valiente verſpro⸗ chen, wollte indeſſen lange nicht kommen, und ehe wir ſie erreich⸗ ten, hatten wir einen bodenlos ſchlechten und langweiligen Weg. Ein Berg erhob ſich nach dem andern, den wir hinauf⸗ und hin⸗ abklettern mußten, um dann auf einer Höhe angekommen, wieder eine andere vor uns zu ſehen, mit derſelben ſteinbedeckten Straße, die immer vor uns auf der Höhe in den Bergkamm eingeriſſen war und eine Art Hohlweg bildete. Endlich erreichten wir die lang erwartete Hochebene; ein ödes, wüſtes Plateau in röthlich gelber Färbung, wo wir nun freilich nicht ſo leicht Cordova ſahen, aber etwas Anderes, gewiß Schöneres und Maleriſcheres, lang —½— ⏑*⏑+⏑◻◻ο f Nach Cordova. 345 ausgeſtreckt vor uns, nämlich die prachtvolle Bergkette der Sierra Morena in wunderbarer, tief dunkler, faſt ſchwarzer Färbung, an deren Fuße in einem weiten Thale Cordova liegt. Wir ſchwelgten im Anblick des prächtigen Gebirges und da wir ziemlich ebenen Boden hatten, ſo trabten wir raſch über die Ebene dahin, brauchten aber doch noch eine gute Stunde, ehe wir die Thürme des verheißenen Cordova ſahen und eine zweite Stunde, bis wir an den Abhang kamen, der ſich zum Guadalquivir hinabſenkt. Von hier oben betrachtet nahm ſich Cordova weitläufig, groß⸗ artig, ja faſt prächtig aus. Wenn die Stadt bis zu den einzelnen Bauwerken reichte, die weit vom Mittelpunkte, den die berühmte Moſchee bezeichnet, zwiſchen Orangenbüſchen, Olivenpflanzungen und unter langen Bäumen mit röthlicher warmer Steinfarbe her⸗ vorblinkten, ſo mußte Cordova, die alte, prächtige Reſidenz der Spanien beherrſchenden Maurenkönige, heute noch ſehr bedeutend ſein. Aber dem war ja nicht ſo. Das ehemalige gewaltige Cor⸗ dova iſt zuſammengeſchrumpft zu einer kleinen öden Stadt, und was wir von Mauerwerk im weiten Umkreiſe zwiſchen dem dun⸗ keln Grün hervorblinken ſehen, ſind nur die einſam zerſtreut lie⸗ genden Ueberreſte ehemaliger Pracht und Herrlichkeit. Das jetzige Cordova nährt ſich Ackerbau treibend faſt größtentheils von der fruchtbaren Ebene, in der es liegt, Kunſt und Induſtrie ſind hier verſchwunden und ſogar das Geheimniß der Bereitung ſeines be⸗ rühmten Leders, Corduan genannt, iſt mit den Mauren nach Marokko gezogen.— Die Hauptſtadt des Königs Abderrhaman ben Moavia, die einſtens mit Bagdad und Damaskus rivaliſirte, die eine Million Einwohner beſaß, in der ſich, wie der Chroniken⸗ ſchreiber erzählt, dreihundert Moſcheen erhoben, die neunhundert Bäder und ſechshundert Gaſthäuſer enthielt, die aus eigenen Mit⸗ teln zwölfhundert prachtvoll bekleidete und bewaffnete Reiter zur Leibwache ihres Königs ſtellte, was iſt aus ihr geworden? Eine kleine Landſtadt mit ſtillen, öden Straßen, die vielleicht noch dreißigtauſend Einwohner zählt, die ſtill träumend da liegt, am Fuße der Berge, die einſt ihren Glanz geſehen, und am Ufer des 346 Neunzehntes Kapitel. Fluſſes, der einſt für die größten Schiffe fahrbar war, bis ins Meer hinaus, und der jetzt von hier bis Sevilla kaum einen elen⸗ den Fiſcherkahn zu tragen im Stande iſt. Ich war von meinem Pferd abgeſtiegen, und während ich den Abhang hinabſchritt gegen den Guadalquivir, dachte ich ſo lebhaft an die gewaltige Geſchichte, die ſich hier in dieſer Ebene abgerollt, an die wilden Kämpfe um Cordova zwiſchen Gothen und Mauren, und an die noch blutigeren, lange Jahre dauernden der Mauren gegen Mauren um die Oberherrſchaft der Stadt und des Reiches. Jetzt lag Cordova ſo ſtill und friedlich da; von leiſem Winde getragen ſchwamm der Klang einer Glocke zu uns herüber und das rothe Licht der Abendſonne küßte mit gleicher Liebe die ewigen Berg⸗ häupter droben, die in gleicher Pracht und Majeſtät wie vor Jahr⸗ tauſenden daſtanden, ſo wie die arme, zurückgekommene Stadt und die Ruinen der ehemals ſo ſtolzen Königsburg. Der Guadalquivir fließt hier in einem tiefen Bette, an deſſen Ufern ſchattige Kaſtanien ſtehen, die ihre Zweige in das klare dunkelgrüne Waſſer erſtrecken. Die alte, prächtige Brücke, die Cordova beſitzt, iſt weiter unterhalb bei der großen Straße nach Sevilla. Hier, wo wir ankamen, verſieht eine alte gebrechliche Fähre den Dienſt, und der Fährmann, der vor ſeiner Hütte lun⸗ gerte, machte trotz unſeres lauten Rufens zuerſt lange keine Anſtalt uns hinüberzubringen. Der Grund war, daß ſein ſcharfes, ſpe⸗ kulatives Auge auf der Höhe einige Reiter zu Eſel bemerkt hatte, die ebenfalls nach Cordova wollten, und auf die wir warten muß⸗ ten. Endlich war alles eingeſchifft, und wir ſetzten uns langſam in Bewegung. Drüben angekommen, befanden wir uns ſogleich im ehemaligen Weichbilde der Stadt, in einem Garten voll ſüdlich ſtrotzenden Pflanzenwuchſes, welcher Cordova auf drei Seiten mit einem breiten Gürtel einfaßt. Vom Guadalquivir bewäſſert ſind dieſe Gärten und Felder mit allen Wundern der üppigen Vege⸗ tation geziert, von Wegen mit Hecken blühender Cactus und Aloen durchſchnitten, ſo groß und dicht, daß ſich Roß und Reiter dahinter Nach Cordova. 347 verbergen können, und dieſe gelben Streifen des ſandigen Weges von dunkelm Grün eingefaßt, verlieren ſich nach dem Gebirge hin allmälig in ſchattige Wälder von kräftigen Eichen und Kaſtanien. Nie werde ich den kurzen aber wunderbaren Ritt vom Ufer des Guadalquioir nach der alten Stadt Cordova vergeſſen. Der tiefe Ton der Glocken ſchwamm in der lauen Abendluft und klang ſo friedlich und beruhigend. Hinter uns hatten wir die wilden Stein⸗ wege der Sierra Elvira, und während wir auf weichem Sandbo⸗ den ritten zwiſchen rieſenhaften Aloenhecken, von denen oft die Dritte noch mit ihrem prachtvollen dreißig Fuß hohen Blüthen⸗ ſtengel geziert war, an eingeſtürzten maleriſchen Mauerreſten vor⸗ bei, Reſte jener uralten Mauern, hinter denen einſt die Araber vergeblich dem heiligen Ferdinand zu trotzen vermeinten; zertrüm⸗ merten, jetzt einſam ſtehenden Thorbogen entlang, an deren Wöl⸗ bung man noch deutlich die zierliche Hufeiſenform erkannte, die von freundlichen Palmen überragt waren, ſogen wir begierig den würzigen Duft der Orangenblüthen ein, der aus den benachbarten Gärten zu uns herüberdrang. Am Stadtthor von Cordova verſchwand freilich alle dieſe Poeſte, wenigſtens für den Augenblick, da wir uns einer genauen Viſitation unſerer Effecten unterwerfen mußten. Leider war unſere Reiſekaſſe ſo zuſammengeſchmolzen, daß wir mit den paar Peſeten ſparten, durch welche wir die Zollbeamten hätten beſtechen koͤnnen. Schon früher bemerkte ich, daß in Spanien nicht räthlich iſt, mit vielem baarem Geld zu reiſen. Obgleich wir nun einen Kredit⸗ brief auf Cordova hatten, ſo konnten wir, da es ſchon ſpät war, doch wahrſcheinlich erſt morgen Gelder erheben und hatten eben noch ſo viel übrig, um unſern getreuen Alonzo auszubezahlen. Durch ſtille, öde menſchenleere Gaſſen, wo wir deutlich an vielen Häuſern ſahen, daß ſie dem Verfall nahe und nicht bewohnt ſeien, ritten wir längere Zeit aufwärts und gelangten endlich in die Fonda de las Diligencias, ein altes, äußerlich unſcheinbares, Haus, in enger Gaſſe gelegen, aber mit einem reizenden Hofe, den ein Bogengang von korinthiſchen Säulen umgab, deſſen Fuß⸗ 348 Neunzehntes Kapitel. boden mit Marmor und bunten Fayenceplatten ausgelegt war, und wo uns ein freundlich murmelnder Springbrunnen willkom⸗ men hieß; da, wo die Einfahrt in den Hof mündete, war, wie faſt durchgängig in guten Häuſern des Südens, ein Gitterthor von zierlich verſchlungenen Schmideiſenſtäbchen angebracht, das den Blick in den Hof von der Straße aus erlaubt. Der Springbrun⸗ nen war ſehr klein mit achteckigem Becken aus blau und weißen Fayenceplatten, und vier kleine broncene Seepferde ſpieen die munteren Waſſerſtrahlen aus. Das„Haus mußte ſehr alt ſein, denn bei genauer Durchſicht fanden wir ſpäter in den Zimmern ſehr ſchöne, alte bunt bemalte Balkendecken mit Ornamenten, bei denen die arabiſche Ueberlieferung unverkennbar war; eine aller⸗ liebſte Azotea oder Teraſſe zu oberſt auf dem Hauſe wurde von uns häufig erſtiegen der herrlichen Ausſicht wegen. Obgleich uns der Wirth des Gaſthofes aufs Freundlichſte empfing, ſo bedauerte er doch, uns für heute nur eine kleine Stube in einem hintern Winkel ſeines Gaſthofs geben zu können, da ausnahmsweiſe heute Morgen mehrere Fremden gekommen ſeien, und faſt ſein ganzes Haus durch den Prinzen von Joinville, der mit Gemahlin, Kindern und Dienerſchaft ſchon faſt vierzehn Tage da ſei, in Anſpruch genommen war. Doch verſprach er uns mor⸗ gen eine andere Wohnung, und zwar in dem reizenden Hofe ſelbſt, wo wir abgeſtiegen. Unſer vortrefflicher Hombre valiente wollte heute Abend Cordova noch verlaſſen um in einem benachbarten Meierhofe, wo er bekannt war, die Nacht zuzubringen. Auf ſein Verlangen ſtellten wir ihm ein vortreffliches Zeugniß, und zwar in ſpaniſcher, deutſcher und franzöſiſcher Sprache aus, worin er uns beſonders bat, ſeine Zuverläſſigkeit und ſeinen Muth nicht unerwähnt zu laſſen. Bis ans Thor des Gaſthofs gaben wir ihm auch das Geleite, und als er mit ſeinen vier Thieren die enge Straße hinabkletterte, überſchlich mich, ich möchte faſt ſagen, ein wehmüthiges Gefühl. Vorausſichtlich war die Reiſe von Granada hieher die letzte Reittour, die wir in Spanien machen würden, Nach Cordova. 349 hatten wir doch ſowohl in der Mancha als auch in Andaluſien hoch zu Roß ſitzend mit unſere angenehmſten Reiſetage erlebt. Am andern Morgen verließen wir zeitig unſern Gaſthof, um eine Wanderung durch die Straßen Cordovas zu machen. Dieſelbe Ruhe und Stille, die über dem weiten Weichbilde der Stadt liegt, das Ruinenhafte und Verlaſſene, das uns dort überall entgegen⸗ trat, fanden wir auch hier in den engen Gaſſen wieder. Cordova erinnert mehr noch als Granada an ſeine arabiſchen Erbauer. Hier iſt Alles mauriſch, die Straßen ſind eng und gewunden, um die heißen Sonnenſtrahlen abzuhalten; an den Häuſern erblickt man faſt überall arabiſche, reich verzierte Portale und Frieſe und Bögen, die zu ihnen paſſen; uralte Marmorſäulen in Maſſe ſind überall hinein verbaut, bald hoch oben luftige Bogengänge bildend, bald unten an dem Hauſe zu arabiſchen Vorhallen zuſammenge⸗ reiht, oder Arcaden unterſtützend, die im Innern der Gebäude um die ſtillen ſchattigen Patios herumlaufen. Aber wenigſtens drei Viertheile jener ehemaligen Pracht iſt verfallen. In vielen Straßen wuchert das Gras auf dem Pflaſter und nicken üppige Schling⸗ pflanzen freundlich von den moosbedeckten Dächern herab. An Thorwegen fehlen die Thürflügel, an ehemals reichen Balcons die zierlichen Geländer; zerborſtene Treppenſtufen erſchweren hie und da den Eingang in das Innere von Gebäuden, deren Funda⸗ mente gewichen ſind und die den Einſturz drohen. Freilich gibt es auch Straßen, deren Häuſer beſſer erhalten ſind; ſo die, in welcher unſer Gaſthof lag, doch geben auch hier unzählige verſchloſſene Fenſterladen und die tiefe Stille, die über Alles brütet, dem An⸗ blick der Stadt etwas Geſpenſterhaftes. Am traurigſten und ver⸗ laſſenſten iſt die ehemals wirklich prachtvolle Plaza major, jetzt Plaza de la Conſtitucion. Es iſt dieß der Hauptplatz der Stadt, den in einem regelmäßigen Viereck große ſtattliche Häuſer umge⸗ ben, die unten mit Arcaden verſehen ſind. Einſtens waren dieſe beſtimmt, reiche Waarenlager aufzunehmen, jetzt aber ſind ſie ver⸗ ödet und nur hie und da hat ſich in irgend einem Winkel ein arm⸗ ſeliger Kramladen eingeniſtet. Wenn wir über den Platz ſchreiten, 350 Neunzehntes Kapitel. ſo rufen unſere Fußtritte ein bedenkliches Echo wach, und wenn wir darüber erſtaunt an den hohen faſt prächtigen Häuſern empor⸗ blicken, ſo ſehen wir an geſchloſſenen Balkonthüren und Jalouſien, ja an öden Fenſterhöhlen, durch welche Wind und Wetter ziehen, daß die meiſten dieſer Gebäude verlaſſen ſind, und gewiß ſchon ſeit langer Zeit, denn manche zeigen verdächtige Spuren ihres gänz⸗ lichen Verfalls und drohen den Einſturz. Daß dadurch das Straßenleben auch nicht bewegt und mannigfaltig ſein kann, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt; die Leute, die man auf der Straße ſieht, ge⸗ hen ſtill und ruhig ihrer Wege und ſcheinen ernſthafter zu ſein, als ihre übrigen andaluſtſchen Landsleute. Vielleicht fühlen ſie ſchmerz⸗ lich den Verfall ihrer einſtens ſo ſchönen Stadt, deren prachtvolle Lage in einem ſo fruchtbaren Thale an den Ufern des ſchönen Guadalquivirs wohl ein beſſeres Schickſal verdient hätte. Ja die Lage von Cordova iſt ſchön, und auch die Stadt trotz ihrer öden Stille und trotz der überall ſichtbaren Spuren ihres Verfalls. Wölbt ſich doch über ſie faſt beſtändig ein klarer tiefblauer Him⸗ mel, und gießt doch die Sonne faſt ohne Unterbrechung ein wah⸗ res Meer von Licht über Cordova aus. Hat man ſich erſt einmal an dieſe ſtillen Straßen, an dieſe ſtummen Häuſer gewöhnt, ſo kann man ſte ordentlich liebgewin⸗ nen. Gerade das Ruinenhafte ihrer Häuſer bringt eine ſo male⸗ riſche Wirkung hervor, und wenn man durch die ſchattigen Straßen wandelt, ſo findet das Auge überall Etwas, worauf es mit In⸗ tereſſe verweilt: die tiefdunkeln untern Stockwerke dieſer Häuſer mit ihren Balkonen, Säulen und Eiſengittern, die oben ein ſcharfer, freundlicher Strahl der Sonne vergoldet, der liebend hinein⸗ zudringen ſcheint in die offenen Fenſter leerer Gemächer und hoch oben blendend erglänzen läßt die weißen Marmorſäulen einer lufti⸗ gen Loggia, die ſich ſo deutlich von dem tiefblauen Himmel abhebt. Dort ſenkt ſich eine Straße hinab, gewunden, unregelmäßig, ſo daß ſich die charakteriſtiſchen Häuſer wie eine Theaterdecoration auseinanderſchieben, uns ſo den vollen Anblick eines alten röth⸗ lichen Thurmes gewährend, der trotzig mitten im Wege zu ſtehen Nach Cordova. 351 ſcheint mit ſeiner arabiſchen Mauerkrönung und der Wölbung ſeines Thores in eleganter Hufeiſenform. Dabei liegt die Straße tief im Schatten, in dem einzelne Handwerker vor der Thüre arbeiten. Die Sonne kann noch nicht hier eindringen, glüht aber dafür auf der andern Seite des alten Thurmes und beleuchtet den Thorweg unter demſelben mit ſtrahlendem Lichte. Dort werden plötzlich ein paar Reiter ſichtbar, Gensdarmerie zu Pferde, die aus dem glänzenden Thorbogen hervor im tollen Carridre die Straße heraufſpringen und ſo dort einiges Leben verurſachen. Die Handwerker ſehen einen Augenblick von ihrer Arbeit in die Höhe, ja hie und da öffnet ſich ein Fenſterladen, ein weiblicher Kopf wird ſichtbar, um aber ſogleich wieder zu verſchwinden, und dann iſt es wieder ſo ruhig wie vorher. Der Schneider näht ruhig wei⸗ ter, der Schuſter klopft ſein Leder, und außer dieſen taktförmigen Schlägen hört man weiter nicht den geringſten Lärm in der Straße. Unten an dem alten mauriſchen Thurme führt eine ſchmale Seitengaſſe auf einen kleinen Platz, der wo möglich noch ſtiller und melancholiſcher iſt.— Wohnt hier Jemand, oder ſind hier alle Häuſer verlaſſen? Wir wiſſen es im erſten Augenblicke nicht. Sämmtliche Thüren ſind verſchloſſen, ebenſo die Fenſter und Bal⸗ kone, die erſtern haben zum Ueberfluſſe inwendig noch einen weißen Vorhang, über die letzern iſt eine Strohmatte niedergelaſſen, die über die Brüſtung des Balkons herabhängt.— Tiefe Stille rings umher, und wenn wir uns räuſpern, ſo iſt es gerade, als räuſpern ſich viele unſichtbare Bewohner der umliegenden Häuſer ebenfalls. Wir ſchreiten langſam weiter und ſind ſchon in der Neben⸗ ſtraße, als wir den Accord einer Guitarre vernehmen. Gleich darauf ertönt eine weibliche Stimme und ſingt die erſten Strophen eines Volksliedes. Auch Schritte erſchallen nun von der andern Seite her, aber die Füße, welche ſie verurſachen, treten ſo fein und leicht auf, daß es uns nur die tiefe Stille rings umher mög⸗ lich machte, ſie zu vernehmen. Es iſt ein junges und ſchönes Mädchen, die gerade auf die Thüre des Hauſes zuſchreitet, woher wir den Geſang vernommen. Während die eng anſchließende Bas⸗ 352 Neunzehntes Kapitel. quina von dunkel violetter Seide die weichen Umriſſe des ſtolzen Leibes und der ſchlanken Glieder verräth, fällt die Mantille von ſchwarzen Spitzen leicht von der Stirne über die Schulter bis in die feine Taille herab; die Hand mit dem Fächer hält ſie unter dem Kinne zuſammen, und ein kleiner Druck der Finger läßt uns einen Moment den Anblick des ſchönen Geſichts genießen, um im nächſten die Spitzen zuſammenzuziehen und den Fächer auseinander zu werfen. So ſchreitet die Andaluſierin leicht und grazibs die Treppen an dem bezeichneten Hauſe hinauf, und da die Basquina ziemlich kurz iſt, ſo ſehen wir einen wunderbar zierlichen grünen Schuh und noch ein ziemliches Stück des weißen ſeidenen Strum⸗ pfes. Gleich darauf aber iſt ſie hinter der Thür verſchwunden, der Geſang hat aufgehört, und eine tiefe Stille herrſcht wieder auf dem Platze. Aber nicht lange; denn bald hören wir es flüſtern hinter der herabhängenden Strohmatte, und an jeder Seite lugte eine Mantille hervor und unter jeder ein paar glänzende ſchwarze Augen. Es ſcheint uns, die jungen Damen in Cordova haben auch zuweilen Langeweile und betrachten ſich alsdann, vielleicht nicht ganz ohne Intereſſe, ein paar Fremdlinge, die vor ihrem Hauſe ſtehen, und es faſt ungebührlich angaffen.— Es iſt zuweilen ſehr gut, wenn einem eine vollkommene Kenntniß der Landes⸗ ſprache mangelt, denn der Platz war ſehr einſam, nicht einmal die Sonne warf einen neugierigen Blick herein, rings umher tiefe Stille und Einſamkeit. Wie unſer Wirth verſprochen, bekamen wir ſchon am Mittag ein Zimmer neben dem Patio, und wenn wir die Thüren öffneten, ſo vernahmen wir das freundliche Murmeln des kleinen Spring⸗ brunnens. Nachdem wir uns dort gehörig eingerichtet, gingen wir mit einem kundigen Führer zur berühmten Moſchee von Cordova, der größte, faſt einzige mauriſche Tempel, von dem mehrere Theile ganz unverändert auf unſere Zeit übergegangen ſind; die Mes⸗ quita, wie ſie bei den Arabern hieß, wurde von Abderrhaman erbaut und war uns mit ihrem impoſanten Säulenwalde ſchon längſt aus Zeichnungen und Bildern bekannt. Von außen macht ern igte arze ben eicht rem eilen des⸗ [ die tiefe ittag eten, ring⸗ 1 wir dova, heile Mes⸗ aman ſchon macht Nach Cordova. 353 dieß wunderbare Gebäude nur an der Seite des Haupteingangs einen einigermaßen großartigen Eindruck. Die Moſchee ſteht ohne erhabenen Thurm hoch gelegen über den Ufern des Guadalquivirs und iſt rings von einer glatten hohen Mauer eingefaßt, die außer den ſtark vorſpringenden Strebepfeilern keine andere Verzie⸗ rung zeigt, als ſchlanke arabiſche Mauerzinnen. Nach dem Ge⸗ brauche der Orientalen verſchließt ſie die innere Pracht und Herr⸗ lichkeit vor dem Blicke der Außenwandelnden und läßt nicht ahnen, welch prachtvolles Bauwerk ſie umgürtet. Unter einem niedrigen Minaret im Style der Giralda befindet ſich der Haupteingang; doch öffnet ſich nicht weit davon vor uns ein kleiner mauriſcher Thorbogen, der uns aber ſtatt in die Kirche ſelbſt auf den Vorhof führt, den man bei jeder Moſchee findet, auf den Patio de las naranjas, den Orangenhof. Es iſt dieß eine reizende liebliche Ein⸗ richtung der orientaliſchen Tempel. Hier luſtwandelten die Gläu⸗ bigen unter duftenden Orangen, oder ſahen gedankenvoll dem hoch aufſpringenden Strahl der Fontainen zu, ehe ſie ſich in die dunklen Hallen der Kirche begaben. Für mich wird dieſer kleine reizende Platz immer eine liebe Erinnerung bleiben, und ich ſaß hier träumend manche Stunde, wenn meine beiden Reiſegefährten in den benachbarten Straßen zeichneten. Und doch war der Oran⸗ genhof gar ſo einfach, aber gerade dieß Einfache, ſo wie die gänz⸗ liche Abgeſchloſſenheit von der Welt, iſt es, was ſeinen Reiz ausmacht, ein geräumiger, viereckiger Hof mit Orangen bepflanzt, deren Duft ihn ganz erfüllt; in der Mitte erhebt ſich eine große Marmorfontaine, die ihren Waſſerſtrahl hoch hinaufwirft, während ſich zu ihren beiden Seiten ein paar klare plätſchernde Brunnen mit glänzenden Goldfiſchen befinden. Das Abwaſſer dieſer Brunnen kann vermittelſt gemauerter Rinnen, die nach allen Richtungen auf der Erde hinlaufen, an den Fuß jedes der Orangenbäume geleitet werden. Man öffnet eine kleine Schleuße und im Augenblicke iſt der Fuß der ſchönen Bäume von dem klaren friſchen Waſſer um⸗ ſpült. Zwiſchen den Orangen erheben ſich einige düſtere, faſt ſchwarze Cypreſſen und neben ihnen ein paar ſühlanke Dattel⸗ 23 Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 354 Neunzehntes Kapitel. palmen, deren herabhängende feingezackte Blätter ſich leiſe im Hauche des Windes wiegen. Auf zwei Seiten dieſes Platzes be⸗ finden ſich bedeckte Arkaden mit zierlichen mauriſchen Säulen und Bogen, über dem glatten, darauf ruhenden Mauerwerk ragen die ſägenförmigen Zinnen der mit dicken Strebpfeilern verſtärkten Umfaſſungswand herein, auf der dritten iſt, wie geſagt, der Thurm, ein moderner Aufbau über dem alten Untertheil, aus dem der herrliche Bogen der Puerta del Perdon ausgeſchnitten iſt, die den Hauptzugang zu dieſem Hofe bildet. Die gewaltigen Thürflügel ſind mit Bronzeplatten von zierlicher Arbeit in ſechseckiger Inein⸗ anderfügung beſchlagen und wunderſchöne Thürklopfer zieren dieſe ruhigen prächtigen Flächen. Ein paar breite Stufen führen innerhalb von dieſem Thor auf die Terraſſe und vor uns haben wir die Moſchee ſelbſt mit ihrem hohen Portal, eine langgeſtreckte ruhige, einfache Maſſe, die nicht ahnen läßt, was im Innern ver⸗ vorgen iſt. So oft ich hierher kam, fand ich den Vorplatz be⸗ lebter, als die Kirche ſelbſt. Eine Menge kleiner Buben ſpielten um die Bewäſſerungsrinnen am Boden oder umlagerten die Brunnen, wo ſie vermittelſt der herabgefallenen Blätter der Oran⸗ gen Waſſer ſchöpften und tranken. Alte Männer ſaßen, obwohl es dem Kalender nach Winter war, in den ſchon recht heißen Strahlen der Sonne, die zur Mittagszeit neben dem Hauptein⸗ gange glänzend und die dunkeln Steinmauern angenehm erwär⸗ mend hereindrangen. Endlich öffnet ſich vor uns die große Thüre der Moſchee und wir ſtehen aufs Höchſte überraſcht vor dem Säulenwalde, der ſich vor unſern Blicken erhebt und ſich endlos auszudehnen ſcheint. Eintauſend und achtzehn Säulen ſtehen hier in neunzehn Reihen von Norden nach Süden zu dem Alquibla, d. h. dem Theile gegen Mittag. In entgegengeſetzter Richtung gezählt, bilden ſie achtunddreißig andere Säulenreihen, die von Oſten nach Weſten gehen und hier eine engere Eintheilung haben. Dieſe Säulen ſind von verſchiedenen Arten von Marmor und Granit gearbeitet, bald weiß, gelblich, grau, röthlich, ins Bläuliche ſchimmernd, bald gefleckt, Nach Cordova. 355 1 bald ſchwarz. Theils ſind ſie glatt, theils canelirt, theils haben 1 ſie gewundene Verzierungen. Aber gerade dieſe Mannigfaltigkeit d 1 ſtört nicht im Geringſten die erhabene Wirkung, vielmehr erzeugt 1 der Wechſel dieſer Farben einen überraſchenden Totaleffect. Die 1 Dicke derſelben beträgt nicht über anderthalb Fuß, ihre Höhe nicht über ſechszehn Fuß; ſte tragen auf zum Theil etwas derben, an r das Korinthiſche erinnernden Kapitälen zwei Reihen von hoch ge⸗ n ſprengten mauriſchen Hufeiſenbögen über einander, ſo daß trotz l der Niedrigkeit der Säulen, die aus eingelegtem Holzwerk reich ⸗ verzierte frühere Decke des Gebäudes an vierzig Fuß hoch war. n Worin liegt nun die ungeheure Wirkung, welche dieſe Kirche auf n uns macht? Die Moſchee des großen Kalifen in Damaskus n iſt erhabener, prächtiger, aber als ich ſie betrat, umwehte mich nicht dieſe eigenthümliche, ich möchte faſt ſagen, berauſchende ⸗ Poeſie, wie hier in dem endlos ſcheinenden Säulenwalde von ⸗ Cordova, dort hat man Zeit und Laune, alles ruhig zu betrach⸗ n ten, zu vergleichen, abzumeſſen, hier möchte man nur träumend ie durchſchreiten, und dabei trauernd an jenes wunderbare Volk ⸗ denken, welches dieſe ungeheure Wirkung mit ſo wenig Mitteln ll hervorgebracht. Herrlich war die Ausſchmückung in Gold und n Farben, wie ſie einſtens beſtand—; jetzt iſt ſie verblichen und f⸗ übertüncht. Aber die Conception des Ganzen iſt ſo einfach, wie r⸗ möglich, Säulen, und Bogen die ſie verbinden, und darüber das Dach, keine prachtvollen Fenſter, keine großartige Kuppel⸗ ee wölbung! und doch ſo reizend, ſo unvergeßlich ſchön! Die e, Säulen ſind fein im Vergleich zu dem Anblick der großen Laſt, en die ſie tragen, aber aus welchen herrlichen Materialien beſtehen on ſie, aus den härteſten Graniten und Marmorn, ſie haben ſchon m an die tauſend Jahre ihre Laſt getragen und werden, wenn en man ſie nicht niederreißt, noch aufrecht ſtehen, wenn manches en gewaltige Bauwerk einer früheren oder ſpäteren Periode zuſam⸗ )n mengeſtürzt iſt. ß, Langſam ſchreiten wir durch die ſtillen Räume und wohin wir uns wenden, wo wir auch ſtehen mögen, überall treten zahl⸗ 23* 356 Neunzehntes Kapitel. loſe Perſpectiven in geraden und beſonders überraſchend in den Diagonallinien vor unſere Augen, ſo daß namentlich bei dem feierlichen Halbdunkel, welches hier herrſcht, dieſelben endlos zu ſein ſcheinen. Ums Jahr 786 begann der König Abderrhaman I. den Bau der großen Moſchee. Man behauptet, er habe ſelbſt den Plan dazu entworfen und ſei dabei von der Abſicht ausgegangen, dieſen Tempel dem in Damaskus ähnlich, aber größer und erhabener in Pracht und Aufwand, als die neue Moſchee zu Bagdad er⸗ richten zu laſſen, damit er mit der Alakſa, dem heiligen Hauſe zu Jeruſalem verglichen werden könne. Bekanntlich verehren die Muhamedaner zwei Tempel oder heilige Häuſer, die Caaba in Mekka und die Alakſa zu Jeruſalem. Alakſa heißt die Entferntere, auch wird die Moſchee in Jeruſalem der Tempel der Auferſtehung genannt, ſowie auch Aſſahara die vom Felſen. Zum Bau der Mesquita wurden Säulen herbeigeſchafft von Nimes und Nar⸗ bonne in Frankreich, von Sevilla und Arragonien, von Italien, von Conſtantinopel und aus den Ruinen Carthago's. Der erſte Kalif erlebte aber den Ausbau nicht mehr, und leider ent⸗ ſtellte ſein Nachfolger Hixem, der ein berühmter Poet war, durch ſymmetriewidrige Erweiterung den urſprünglichen Bauplan und zerriß ſo die Einheit und Harmonie deſſelben. Das hätte aber Alles noch nicht ſo viel zu ſagen gehabt, als die langſame und ſyſtematiſche Zerſtörung dieſes wunderbaren Bauweſens durch das erobernde Chriſtenthum, welches den Gewohnheiten und Bedürf⸗ niſſen ſeines Cultus gemäß hier eine unpaſſende Kapelle zwiſchen die Säulen hineinzwängte, dort Altäre errichtete, deren ſpitze Aufſätze den runden ſchwunghaften Bogen ſo unausſprechlich wehe thun. Die gewaltſamſte Zerſtörung aber begann im fünf⸗ zehnten Jahrhundert; die als herrlich beſchriebene, geſchnitzte und bemalte Decke von Lerchenholz wurde herausgenommen und durch nackte, weiß getünchte Gewölbe erſetzt, dieſe vielfach durchbrochen, um mehr Licht hereinzuführen und ſo die frühere geheimnißvolle Dämmerung, ſo günſtig für die dem Islamismus entſprechende Nach Cordova. 357 Beleuchtung dieſes unabſehbaren Raumes durch zahlloſe Lampen, vertrieben. Nicht genug, die eifrige Geiſtlichkeit wußte dem großen Karl die Erlaubniß abzunöthigen, in die Mitte der Moſchee eine chriſt⸗ liche Kirche ſetzen zu dürfen und zu dieſem Behuf ließ der Biſchof Alonzo Manrique, der ſich für ein Bautalent hielt, trotz aller Einwürfe der vernünftigeren Stadtbehörden die Säulen und Bogen, die hinderlich waren, ausbrechen, um für ein Schiff und Chor, die zuſammen die Größe einer anſehnlichen Kirche haben, Raum zu gewinnen. Karl V., der bei andern Gelegenheiten leider ſelbſt keine große Vorliebe für die nachgebliebenen Bau⸗ werke der Araber zeigte, war, wie uns Ponz berichtet, als er ſpäter während des Kirchenbaus, der nicht mehr rückgängig ge⸗ macht werden konnte, die Moſchee zum erſtenmale beſuchte, doch ſo entrüſtet, daß er zu dem Biſchof und Kapitel ſagte: Ihr wißt nicht, was ihr gethan habt. Um eine Kapelle zu erbauen, die ebenſo gut draußen hätte ſtehen können, habt ihr leichtſinniger Weiſe Etwas vernichtet, was in ſeiner Vollendung einzig in der Welt beſtand. Und darin hatte der große König ſehr Recht. Hätte man die chriſtliche Kirche neben die Mesquita gebaut und dieſe als den größten Portikus der Welt belaſſen, ſo wäre eines der erhabenſten Bauwerke entſtanden, ein achtes Welt⸗ wunder. An und für ſich iſt die Kirche von edlen Proportionen und mit einem prachtvollen gerippten Gewölbe überſpannt, alles Detail iſt in den ſchönſten Renaiſſanceformen und die Vergol⸗ dung faſt überreich; man könnte ein wahres Wohlgefallen daran haben, aber ſobald man aus ihr heraus wieder den wunderbaren Arkadenhain, der ſie umgibt, betritt, überkommt einen ein un⸗ widerſtehlicher Unmuth über die Blindheit des Eifers jener Prieſter. Wohl mochten die Mauren, als ſie im Jahr 1236 Cor⸗ dova für immer verlaſſen mußten, eine Ahnung davon haben, wie die eindringenden Chriſten mit ihrem heiligen Hauſe umgehen 358 Neunzehntes Kapitel. würden, und um das Allerheiligſte in demſelben, die Mirah zu ſchützen, vielleicht auch damals an eine Rückkehr denkend, ver⸗ mauerten ſie dieſelbe ſo kunſtvoll, daß ſie erſt faſt ſechshundert Jahre ſpäter und zwar im Jahr 1815 aufgefunden wurde, wo Steinhauer, die irgend eine Reparatur vorzunehmen hatten, auf die zugemauerte Wölbung ſtießen. Die Mirah, wegen einer Reliquie von den Gebeinen Muha⸗ meds, die hier aufbewahrt wurde, auch Zancarron genannt, ver⸗ ſchloß ein koſtbares Eremplar des Alcoran; ſie iſt gegen Oſten an der ſehr dicken Umfaſſungswand der Moſchee gelegen und in dieſer Mauer war der Raum zu Aufbewahrung obiger Koſtbar⸗ keiten ausgeſpart, ein verhältnißmäßig kleines Gemach, nur durch eine einzige Thüre von der Moſchee aus zugängig. Dieſes Ge⸗ mach nun, wie die hufeiſenförmige Thüre, die dazu führt, iſt hinſichtlich der Pracht der Moſaiken wirklich das Kleinod dieſes gewaltigen Ganzen, der Hufeiſenbogen der Thüre iſt in keilför⸗ mige Felder nach dem Fugenſchnitt getheilt und der Führer, in⸗ dem er das an einer Stange befindliche Wachslicht den feinen Moſaiken in der Höhe nähert und auch das kleine Gewölb in der Mauer uns beleuchtet, denn Lichtöffnung von Außen iſt keine da, vermehrt durch die Möglichkeit einer genaueren Beſichtigung noch unſer anfängliches Erſtaunen. So hatte ein guter Genius dieß Heiligthum der Moſchee bewahrt, und es ſtand lange, lange Jahre beſchützt von dicken Marmorwänden mitten unter Crucifixen und Altären, und wäh⸗ rend draußen die Orgel klang, Glocken läuteten und chriſtliche Hymnen ertönten, riefen im ſtillen Innern der Kapelle unzäh⸗ lige goldene und farbige Inſchriften: Es iſt kein Gott als Gott und Muhamed iſt ſein Prophet! Iſt die Anordnung der Bogenwände, die ein Schiff der Moſchee gleichſam als beſondere Gaſſe von dem andern trennen, mit geringen Abweichungen nach einem und demſelben einfachen Syſteme, ſo wird die Architektur des vor der Mirah liegenden drei Bogen langen und drei Bogen breiten freien Raums weit —2 y— 8 nN Nach Cordova. 359 lebendiger und phantaſtiſcher. Die Säulen ſind doppelt über einander und die Bogen, an und für ſich ſchon nach unten und oben ausgezackt, durchdringen und verſchlingen ſich wechſelsweiſe, jedoch überall den freien Durchblick durch die mannigfaltigen da⸗ durch entſtehenden offenen Felder geſtattend. Ueberdeckt iſt dieſer Vorplatz mit einer Wölbung, in der die Rippen nach der Rich⸗ tung mehrerer durch einander geſchobener Polygone laufen und die Zwiſchenfelder mit kunſtvoll gearbeiteten Muſcheln ausgefüllt ſind, ſo ſinnreich an einander gereiht und in Größe und Farbe ſo angenehm mit einander abwechſelnd, daß vor dieſer auf den erſten Anblick ganz fabelhaft ſcheinenden Combination das Auge nur Bewunderung iſt, einmal über das andere die unſagbare Pracht der Marmore u. ſ. w. und dann wieder den Scharfſinn der Erbauer anſtaunend. Als der Zancarron endlich entdeckt wurde, war die ſpaniſche Geiſtlichkeit glücklicher Weiſe ſo vernünftig, ihn in der urſprüng⸗ lichen Geſtalt beſtehen zu laſſen, und er läßt nun in ſeiner wun⸗ derbaren Schönheit ahnen, wie ehemals die ganze Mesquita ausgeſchmückt war. Die Mascura, jetzt Capilla de la villa vicioſa getauft, liegt erhöht gegen die Mitte der Moſchee, nahe bei der Kirche und war der Ort, wo ſich die Könige befanden, wenn ſte den öffentlichen Gebeten beiwohnten; ſie iſt auf vierundzwanzig Säulen von ver⸗ ſchiedenfarbigem Marmor gebaut, die vier nach oben reich durch⸗ brochene Mauern bilden und im Quadrat geſtellt ſind. Eine der Seiten iſt zwiſchen den Säulen von unten auf geſchloſſen, die drei andern erlauben den Blick durch reiche, vergoldete Eiſengitter in das Innere. Die Decke iſt muſchelförmig aus weißem Marmor dargeſtellt und die Wände ſowie der Boden enthalten Alles, was in der großen Kunſtperiode der Araber die reichſte Phantaſie an Gold und Laſur⸗Moſaik, an Arabesken und gemalter Stein⸗ ſculptur erfinden konnte. Bei allem dem macht das Innere der Mesquita einen faſt wehmüthigen Eindruck. Die halbdunkeln Hallen ſind ihres pracht⸗ — ñ———— 360 Ueunzehntes Kapitel. vollen Schmuckes entkleidet, die herrlichen Malereien wurden mit weißer Tünche bedeckt und vom ehemaligen Fußboden iſt keine Spur übrig geblieben. Wie mag das früher geweſen ſein, als Tauſende von Lampen von der Decke herabhingen, als der Boden mit Matten und prächtigen Teppichen bedeckt war und als das Volk der Gläubigen in ihren reichen, maleriſchen Gewändern anbetend dieſe Hallen füllte? Heute liegt es wie tiefe Trauer auf dem Tempel Abderrhaman's, die Kapellen und Altäre ſehen ſo düſter und fremdartig aus und ſcheinen ſich unheimlich zu fühlen in ihrer ſo ganz andern Umgebung. Ganz eigenthümlich ſchallen die Töne der kleinen Glocken vom Altare herüber, wo eben Meſſe geleſen wird und der Glanz der Kerzen, ſowie der qualmende Weihrauch ſcheint dort im engen Umkreis des chriſtlichen Altars zu bleiben und ſich nicht gerne ausbreiten zu wollen unter den arabiſchen Säulenhallen.—— Ja, wie Alles vergeht, was Menſchenhände machten, ſo auch der Glanz und die Pracht dieſes Hauſes. Nur die Natur in ihrer ewigen Jugend und Liebe iſt ſich gleich geblieben und durch die weitgeöffneten Thore ſehen wir auf den Orangenhof hinaus: dort leuchtet dieſelbe Sonne wie damals und wie damals ſtehen auch dort noch die Reihen der Orangenbäume gleich grün, gleich duftend von hier aus gleichſam als eine lebendige Fortſetzung der jetzt todten Säulenreihen des Innern erſcheinend. Während wir langſam dem Ausgange zuſchreiten, zeigt uns unſer Führer in einem Winkel der Kirche auf einer Säule von dunkelgrünem Jaspis ein grobes unförmliches Kreuz, La cruz del cautivo. Es ſteht bei den Cordoveſen in großer Ver⸗ ehrung; denn, wie die Legende ſagt, ward ein gefangener Chriſt von den Mauren an dieſe Säule gefeſſelt und gezwungen, die Verhöhnung ſeines heiligen Glaubens mit anzuſehen. Da kratzte er mit den Nägeln ſeiner Hände das Kreuz in den harten Stein, ſo gleichſam im Namen deſſelben Beſitz nehmend von dem Tempel des falſchen Propheten. Uach Cordova. 361 Nicht weit von der Moſchee, ebenfalls am Ufer des Gua⸗ dalquivir iſt ein Platz, wo ſich ehedem ein faſt nicht minder präch⸗ tiges Gebäude erhob: der Alcazar der mauriſchen Könige, eine Burg, in der viel Gold und Blut geglänzt, wo der Schrei der Luſt und des Schmerzes erſchallte. Der Hof der Könige von Cordova und Spanien war ein üppiger Hof und hier glänz⸗ ten die tapfern morgenländiſchen Eroberer und unter den Al⸗ manſors und den Almoraviden feierten hier mauriſche Ritter und Damen wilde, nächtliche Feſte, wie die ſpäteren Zeiten wohl nichts Aehnliches aufzuweiſen haben, und während die Dichter die feenhaften Weiber beſangen, ſchön wie die Houris und von ſchwellenden Roſenlippen, ſchlankem Palmenleib und ſüßen Gazellenaugen ſchwärmten, ſeufzten die Philoſophen ſchon da⸗ mals über die Citelkeit und Vergänglichkeit dieſer Welt, und während einer der Erſteren ſang: ———— O9 Alleazar, Des Paradieſes Ebenbild, Du ſcheinſt aus Leopardenfellen Voll Pracht und Herrlichkeit erbaut, Wie herrſcht in deinen Prunkgemächern Der Schönheit wunderbare Luſt! Es glänzen deine Marmorſäulen Mit Gold aus Tibar reich verziert. ſprach nach einem glanzvollen Feſte der Philoſoph Suleiman ben Abdelgafir el Fireri zum Kalifen Alhakem: Vier ſehr gewandte Schützen ſchießen Beſtändig auf mich Armen los,— Der Teufel, Welt, der Magen, Liebe, Vor dieſen, Herr! bewahre mich! Je nach dem Temperamente der Könige waren die Hallen des Alcazars unter Klängen rauſchender Muſik mit Luſt und Freude erfüllt, und ſtrahlten ihre Gärten nächtlicher Weiſe im Glanz farbiger Feuer; das war die glückliche Zeit, wo ſich ein Bittſteller dem Könige nahte, der ſich aber in den Gärten bei 362 Neunzehntes Kapitel. ſeinen Sklavinnen befand, und es wagen durfte, ihm ſeine Bitt⸗ ſchrift mit folgenden Verſen, die er auf Roſenblätter ſchrieb, zu⸗ zuſenden: Die Schoͤnen, wenn ſie gleich nur Sklaven Der Männer und ihr Plaggeiſt ſind, Befehlen doch nach eignem Willen, Ja, und zum Sklaven wird der Herr. Doch dafür, wenn wir Roſen wollen Und ſie nicht Feld, noch Garten beut, Empfangen wir von Mädchenwangen Sie zarter noch und dornenlos. Drum darf ich wohl die Hoffnung nähren, Dieß Schreiben finde gut Gehör, Weil ich aus Roſen es gebildet, Der Mädchenwangen ſchönem Bild. Der arabiſche Chronikenſchreiber, der dieß erzählt, fügt hinzu: Dieſe Verſe wurden abgeleſen, fanden Beifall und dienten den Sklavin⸗ nen des Königs zum Geſange. Des Bittſtellers Geſuch wurde ge⸗ nehmigt und er empfing noch überdieß eine Anweiſung auf hundert Dinaren. Zuweilen auch lagen dieſe glänzenden Hallen finſter da, am Ufer des Guadalquivirs, in den Orangenhainen ſah man das Glänzen der Harniſche, das Leuchten eines Dolches oder vernahm wie unter König Alhakem I. die entſetzlichen Klagen zahlloſer Unglück⸗ lichen, die der Kalif vor ſeinen Augen in einer langen Reihe am ufer des Fluſſes ſpießen ließ, weil ſte ſich gegen ſeine grauſame Re⸗ gierung empört hatten. In vielen Romanzen lebt die Geſchichte dieſes Königs fort, und manche ſchildern ihn, wie er wahnſinnig geworden ſei und in tiefe Trauer verſenkt, auf dem Wall des Alcazars umherirrte. Da habe das Schauſpiel jener Greuel⸗ ſcenen ihm ſtets vorgeſchwebt, ſtreitende Volksmaſſen ſich vor ſeinen Augen bewegt, das Geſchrei der Kämpfenden, Verwun⸗ deten und das Geröͤchel der Sterbenden ſeine Ohren umſaust. Dann ließ er mitten in der Nacht ſeine Cadi's und Wazire rufen und wenn ſie verſammelt waren, um Dinge von großer Wichtig⸗ keit zu hören, befahl er ſeinen Sklavinnen zu ſingen und Inſtru⸗ —, — 18——,—+ ——— ce ½2— — „ d r ieſe vin⸗ ge⸗ dert da, das wie ück⸗ am Re⸗ ichte nnig des uel⸗ vor vun⸗ aust. ufen htig⸗ ſtru⸗ Nach Cordova. 363 mente zu ſpielen. Eines Nachts, kurz nach dem Schlafengehen, ließ er einen Diener, Namens Hyazinth, rufen, deſſen Geſchäft darin beſtand, den langen Bart des Königs mit wohlriechenden Salben einzureiben; da nun dieſer Diener, im Zweifel, ob dieſer Befehl ihm gelte, einige Zeit zögerte, ſo rief der König mit lauter Stimme:„wo biſt du, Sohn der Faulheit?“ und zerſchlug dem Herbeigeſprungenen die Biſamflaſche auf dem Kopfe in Stücke. Hierüber äußerſt erſchrocken, habe der Diener Hyazinth in großter Unterwürfigkeit gefragt:„Welche ungewöhnliche Stunde, Herr, zum Einſalben?“ Alhakem aber darauf geantwortet:„Sei außer Sorgen, die Salben gehen uns allen Beiden nicht aus, ſo viel auch davon gebraucht oder verſchwendet wird; denn damit wir nie Mangel daran haben möochten, habe ich ſo viele Köpfe abſchlagen laſſen.“ Wie den Fall dieſer prachtvollen Schlöſſer ahnend, ſprach der Poet Abulaſt, ein ſehr gelehrter und berühmter Mann, als er in Gedanken vertieft, an dem Ufer des Fluſſes von Cordova, dem Alcazar gegenüber, auf und ab ging, folgende Verſe aus dem Stegreif: Alcazar! welche Herrlichkeiten Und Reize ſchließeſt du nicht ein, Dein Schickſal wolle dich bewahren Vor unheilſchwerem Untergang! Welch eine Menge mächt'ger Herrſcher Bewohnte dich ſchon, Königshaus! Heut zwar ſchwingt noch um deine Grüfte Der Himmel günſtig ſeinen Stab. Belehr' die Welt, die von dem Glücke So leicht und oft betrogen wird, Warum auch du ſie willſt betrügen, Da jeder doch die Täuſchung kennt? O glaube nicht, ſo muß es bleiben, Die Zeit geht ihren eignen Lauf; Wornach ſie heut mit Sehnſucht haſchet, Verächtlich wirft ſie's morgen hin. Wo ſind ſie denn, die mächt'gen Herren, Neunzehntes Kapitel. Die einſt in Syrien geherrſcht, Die Säulen, Thürme und die Bogen, Und ihrer Schlöſſer ganze Pracht? Herabgeſtürzt von ihren Höhen, Bemerkt man ihre Spuren kaum, So wenig als am Fuß des Berges Ein winziges Ameiſenneſt. Weit beſſer iſts, im Thale wohnen Bei Mäßigkeit und ſtiller Ruh, Als Freuden in den Höhen ſuchen Und an des Abgrunds ſteilem Rand. c Der wird hienieden beſſer leben, Der taub iſt für der Sinnen Reiz. Laßt die Verborgenheit uns loben, Wenn bei des Frühroths ſchönem Glanz Die Wolken nach und nach verſchwinden Und man ſich ſtill des Tages freut. Und der Verfall dieſes prächtigen Hauſes erfolgte ſchneller und gänzlicher, als es die finſterſte Phantaſte hätte zu träumen ge⸗ wagt. Nachdem die Chriſten Cordova einnahmen, ſiel Stadt und Burg ums Jahr 1493 in die Hände Ferdinand's von Arrago⸗ nien. Karl V. gab den Alcazar der Inquiſition, welche ſich in dem Palaſt einniſtete und ihn nach ihren Bedürfniſſen umän⸗ derte; d. h. die Springbrunnen verſiegen ließ, die Gärten ver⸗ wildern und die feinen graziöſen mauriſchen Fenſter theils zu⸗ mauern, theils mit unförmlichen eiſernen Gittern verſehen ließ. Dann begann hier ein furchtbares blutiges Treiben, über das ſelbſt Alhakem I. erſtaunt geweſen wäre. Die ſchönen Garten⸗ ſäle mit den kühlen Gewölben wurden zu Gefängniſſen und Fol⸗ terkammern, im Prunkzimmer der mauriſchen Könige wohnte der Groß⸗Inquiſitor und im Saale Almanſor's des Duldſamen, wo einſtens mit goldenen Buchſtaben in die Wand gegraben war:„Die Könige Cordova's geſtatten den Chriſten die freie Ausübung ihrer Religion“ hielten jetzt chriſtliche Mönche ihr blu⸗ tiges Gericht. A ͤR t Nach Cordova. 365 Nach und nach aber zerfiel Schloß und Gärten, überhaupt was lieblich und ſchön geweſen war vom Palaſt der mauriſchen Könige. Nur die feſten viereckigen Thürme und der ſtarke Wall, der das Ganze umgab, beſtanden noch bis zur Zeit der Unabhän⸗ gigkeitskriege, und dienten den Spaniern als Feſtung, in der ſte ſich auf's Tapferſte ſchlugen. Was die langſam zerſtörende Zeit übrig gelaſſen, warfen die franzöſiſchen Kanonen ſchneller darnieder. Nach der Einnahme Cordova's war der Alcazar nichts mehr, als ein maleriſch verworrener Steinhaufen, ein zerſtörtes Paradies, wo eine einſame Palme traurig ihr Haupt wiegt über verwilder⸗ ten Gruppen von Orangen⸗ und Citronenbäumen. Vom Ufer des Guadalquivirs gingen wir oft auf den Platz, wo dieſe Burg ſtand. Von Terraſſe zu Terraſſe ſtieg man ehemals aufwärts, und da, wo jetzt Marmortrümmer liegen, führten einſt marmorne Stufen hinauf. Oben auf der Höhe der Stadt ſtehen noch die Ruinen zweier rieſenhafter Thürme und man erkennt auch wohl noch einen Theil der ehemaligen zierlichen Mauerkrönung, ſowie ein paar zugemauerte arabiſche Fenſter. Um den Fuß dieſer Thürme hat irgend ein Einwohner der Stadt Schutt und Trümmer weggeräumt und dort einen kleinen reizen⸗ den Garten angelegt. Wie uns der Führer ſagte, fand er nicht nur einen Theil der arabiſchen Waſſerleitung, ſondern ſogar die Spuren großer Marmorbaſſins, die er reinigen und herſtellen ließ; und wie ſie heute da ſtehen in zu großen Verhältniſſen für den kleinen Garten, in länglich viereckiger Form, aus mächtigen Marmor⸗ quadern erbaut, alle kunſtreich unter einander verbunden, ſo er⸗ kennt man wohl, daß es in der That Ueberreſte der ehemaligen Gärten des Alcazars ſind. Dieſer Garten iſt lieblich und mit vielem Geſchmack ange⸗ legt, überall von den großen Baſſins geſpeist, plätſchert das Waſ⸗ ſer hervor und befeuchtet die Citronenſpaliere und Orangenbäume, die hier von allen rauhen Winden geſchützt in ſeltener Ueppigkeit gedeihen. Der freundliche Gärtner zeigte uns einen eigenthüm⸗ lichen Kohl, der in Stauden oder Bäumchen in einigen Jahren 366 Neunzehntes Kapitel. vier und fünf Fuß hoch gewachſen war. Er ſtand vertheilt zwi⸗ ſchen Geranienbüſchen und dunkellaubigen Granaten und ſtach mit ſeinen krauſen Blättern von den verſchiedenſten blendenden Farben, gelb, roth, grün, blau, violett, prächtig von ihnen ab. Der Gärt⸗ ner ſchenkte mir Samen davon, den ich ſpäter zu Hauſe pflanzte, aber nur kleine Kohlſtauden, freilich mit gefärbten Blättern, er⸗ zielte, die der erſte kalte deutſche Winter unerbittlich wieder hin⸗ wegraffte. Vom ehemaligen Walle, der den Alcazar umgab, iſt noch ein Brocken ſtehen geblieben, von dem man auf den Guadalquivir niederſehen kann und auf die Gegend jenſeits des Fluſſes. Auch dort entdeckt man zwiſchen dem Grün der Bäume arabiſche Rui⸗ nen aller Art, Reſte von Thürmen, von Mauern, ja von verfalle⸗ nen Gebäuden, an denen man noch die Spitzbogenform der Fenſter erkennt. Links von uns ſahen wir die geneigte Ebene, auf der wir von Granada herüber geritten waren, gerade aus führt ein ziem⸗ lich ſchlechter Weg die Höhe hinauf mit Umgehung von Granada nach Malaga. Zu unſerer Rechten aber haben wir die pracht⸗ volle Brücke, welche der zweite Kalif, Hirem I., in ſechszehn Bo⸗ gen über den Guadalquivir bauen ließ mit ihrem ſtark befeſtigten Brückenkopf, la callahorra, unter deſſen Thorbogen gerade die ſpa⸗ niſche Diligence dahin rollte auf der ſchönen, aber ſtaubigen Straße nach Sevilla, auf dem Wege, den auch wir wahrſcheinlich morgen Abend machen werden, wenn wir nämlich das Glück haben, drei Plätze zu finden. 3 Der freundliche Wirth unſeres Gaſthofs, der uns liebge⸗ wonnen hatte und ſich viel mit uns beſchäftigte, namentlich mit unſerem Baumeiſter, der ihm einige höchſt wichtige Rathſchläge über ein neu zu errichtendes Pumpenwerk ertheilte, hatte uns auf den Nachmittag und Abend zu einer kleinen Tertulla einge⸗ laden, wo wir auf ſeinem Landhauſe, la arizafa genannt,„Ort des Ergötzens“, am Fuße der Sierra Morena, einige ſeiner Be⸗ kannten und auch ſehr ſchöne Bekanntinnen, wie er lächelnd ver⸗ ſicherte, kennen lernen ſollten. Gegen drei Uhr gingen wir zu Nach Cordova. 367 Fuß hinaus, lange Zeit durch die ſtillen Straßen der Stadt, bei dem ſchönen Stierplatze vorbei. Hinter demſelben fängt die Alameda an, die ſich, mit zwei Reihen Bäumen bepflanzt, mit Bänken zum Ausruhen längs einem Theil der alten Stadtmauer hinzieht, aber ohne große Bedeutung iſt. Von ihr betraten wir die Ebene, welche Cordova umgibt und gingen unter rieſigen hundertjährigen Olivenbäumen auf einem breiten, geſchlängelten, ſanft anſteigenden Sandwege gegen die niederen Ausläufer des Gebirges zu. Es war uns inte⸗ reſſant, ſeitwärts von unſerm Wege den Prinzen von Joinville mit ſeiner Familie zu ſehen, welche zu Eſel hinausgeritten waren. Der Prinz ſaß vor einer Baumgruppe, welche einen alten mauri⸗ ſchen Thurm beſchattete und zeichnete denſelben. Eine etwas trau⸗ rige Beſchäftigung für einen Fürſten, der ein ſo bewegtes Leben geführt und der ſeit langen Jahren gewohnt war, auf ſeiner ſchnel⸗ len Fregatte das Weltmeer zu durchfurchen! Der Prinz von Join⸗ ville war mit ſeiner Familie bei ſeinem Bruder, dem Herzog von Montpenſier, in Sevilla geweſen und hielt ſich jetzt ſchon vier⸗ zehn Tage hier in Cordova auf, deſſen Stille und Ruhe ihm behagte. Wir erreichten das Landgut unſeres Wirths in ungefähr einer Stunde. Unterwegs erzählte er uns, es ſei auf dem Platze erbaut, wo ſich ehedem die unermeßlichen Gebäude und Garten⸗ anlagen befanden, welche König Abderrhaman III. erbaute und nach einer geliebten Gemahlin Azara,„Blume der Schönheit“, be⸗ nannte. Nach alten Beſchreibungen mußte es ein wahrer Feenpalaſt geweſen ſein, der ſelbſt den Alcazar an Reichthum und Schönheit weit übertraf. Seine Gärten reichten bis an die Vorſtädte von Cordova und eine ungeheure Waſſerleitung führte einen kleinen Fluß des kühlſten Quellwaſſers aus der Sierra Morena hierher, der Hallen, Terraſſen und Gärten reichlich verſah mit geſchwätzi⸗ gen Fontainen, die der Morgenländer ſo ſehr liebt. Die Erzäh⸗ lungen über dieſe Azara gleichen den Geſchichten aus tauſend und einer Nacht. Da gab es Tauſende von Marmorſäulen ,‚die man * Neunzehutes Kapitel. 368 aus Afrika, Griechenland, Italien und Frankreich herbeigeführt, die Decken waren aus Cedernholz geſchnitzt, die Wände und Fuß⸗ böden auf's Kunſtreichſte mit Gold ausgelegt. Die mächtige Brunnenſchale der Haupthalle beſtand aus einem einzigen Stück Jaſpis, und um das Glitzern und Spiegeln einer natürlichen Quelle, auf deren Grund ſich bunte Kieſeln und Cryſtalle befin⸗ den, nachzuahmen, hatte man in's Inwendige der Schale einen Edelſtein an den andern gefaßt, welche unter dem plätſchernden Waſſer ein wunderbares Farbenlicht hervorbrachten. Rings um dieſe Fontaine, erzählt Cuendias, ſchienen zwölf Thiere von gedie⸗ genem Golde und in Lebensgröße Wache zu ſtehen. Sie waren ſehr künſtlich gruppirt... Neben einem koloſſalen Löwen, deſſen Statur an die Wüſtenkönige der Sahara erinnerte, ſtanden als gehorſame Höflinge eine Antilope und ein Crocodil, während ihm gegenüber ein Adler und ein Drache die ſchwächern Luftſegler und Hühnerhofbewohner, nämlich einen Falken, einen Pfau, eine Taube, einen Hahn, eine Henne und eine Gans zu befehligen ſchie⸗ nen. Aus Rachen und Schnabel dieſer Thiere ſprudelte ewig friſches Waſſer, Dank den Winden aus der Sierra Morena; bei Tage blitzte und funkelte es unter den Strahlen der andaluſiſchen Sonne, bei Nacht ſprühte es als mondbeglänzter Diamanten⸗ und Smaragd⸗Regen durch das grüne Laub der Gärten. Auf den Wellen des Quellbeckens ſchwamm ein goldener Schwan und un⸗ mittelbar über der Fontaine hing eine Perle vom reinſten Waſſer und von merkwürdiger Größe. Sie war ein Geſchenk, welches der griechiſche Kaiſer Leo dem erhabenen Abderrhaman III. verehrt hatte. Eben ſo reich verziert waren die übrigen Säle und Gemä⸗ cher des Palaſtes. Ueberall koſtbare Tapeten aus Damaskus, überall reiche Teppiche aus Perſten, und Gold, gediegenes Gold in fabelhaften Maſſen. Ueberall Blumen, Landſchaften und Vögel, die der Natur ſo getreu nachgeahmt waren, daß man das Zwitſchern der Waldſänger zu hören, den kühlenden Fächer der Abend⸗ luft zu fühlen und den berauſchenden Blumenduft zu ſchlür⸗ fen glaubte. Nach Cordova. 369 Im Mittelpunkt des großen Gartens und auf einer Anhöhe, von wo man die Ausſicht auf ein entzückendes Panorama hatte, erhob ſich der Pavillon des Chalifen; Abderrhaman pflegte hier auf der Rückkehr von der Jagd auszuruhen. Dieß graziöſe Ge⸗ bäude, getragen von Marmorſäulen mit ciſelirten Goldkapitälen, hatte etwas Phantaſtiſches und glich, bei ſeiner Lage mitten im Grünen, einer Zaubergrotte im Schooß eines gefeiten Waldes. Der Plafond und die Wände des kaiſerlichen Pavillons waren mit Gold und Cdelſteinen eingelegt, welche wie eben ſo viele Augen des Genius blitzten, der mit ſo viel Kunſtſinn und Verſchwendung ſte geſammelt und gereiht hatte. Das größte Wunder aber war eine Rieſenmuſchel aus Porphyr, die ſich in der Mitte des Haupt⸗ ſaales erhob. Sie war mit Queckſtilber gefüllt, welches durch eine kunſtvolle Vorrichtung immerfort ſtrömte... Dieſe Muſchel war eine Lieblingsſpielerei Abderrhamans. Wenn er einen ſeiner Gäſte, der den Pavillon zum erſtenmal ſah, überraſchen oder erſchrecken wollte, ſo mußten ſeine Diener auf ein verabredetes Zeichen alle Thüren des Salons auf einmal öffnen, und die Sonne, die plötzlich mit ihrem Strahlenmeer den ganzen Salon übergoß, ſpiegelte ihr Flammenbild an den Wänden und in den Diamanten, Smarag⸗ den und Rubinen tauſendmal ab. Ferner wurde durch eine opti⸗ ſche Täuſchung, die heutzutage jedes Kind begreift, während ſie in jenen Zeiten Zauberei ſchien, der Sonnenglanz vom Queckſilber ſo zurückgeſtrahlt, daß er dem Leuchten des Blitzes glich, während die fortwährende Bewegung des Metalls die Täuſchung vollendete und der ganze Pavillon zu beben und zu wanken ſchien, wie ein von zornigen Meereswogen geſchaukeltes Schiff. Noch viel weniger aber als vom Alcazar iſt von der Pracht der Azara etwas übrig geblieben. Hier haben Revolutionen und Kriege alles dem Erdboden gleich gemacht, und ſo wurde ſelbſt der Platz vergeſſen und blieb lange Zeit unbeachtet liegen. End⸗ lich durch die ſchöne Lage aufmerkſam gemacht,— vom Fuß dieſer Ausläufer des Gebirges überſteht man nämlich Cordova und weit hinaus das Flußbett des Guadalquivir— begannen Einzelne ſich Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 24 370 Neunzehntes Kapitel. dort Landhäuſer zu bauen, und als man, um die Fundamente zu legen, Erde und Schutt wegräumte, fand man wieder, was der Boden getreu aufbewahrt, unterirdiſche Gewölbe, rieſenhafte Mauern, Bruchſtücke von Waſſerleitungen und Ciſternen, Terraſ⸗ ſen, Fundamente und dergleichen. Die neuen Anbauer benützten was zu benützen war, ließen ſtehen, was ſie brauchen konnten und behandelten den Platz mit dem unermeßlichen Material wie einen weitausgedehnten Steinbruch. Nach und nach entſtanden mehrere Landhäuſer, die Mauerſtücke in den Feldern verſchwanden, der Grund wurde wieder urbar gemacht, mit Bäumen bepflanzt und eingeſäet, und jetzt grünt und blüht wieder Alles auf dem verwüſte⸗ ten Platze, wo ehemals die Azara geſtanden. Uralte Olivenbäume ſtrecken ihre Zweige mit dem ſilberfarbigen Laube weit hinaus, Orangen und Citronen, vor den rauhen Winden geſchützt, gedeihen hier vortrefflich; in den kleinen Thaleinſchnitten wuchern die Gra⸗ natbäume ordentlich, und hohe Wände von Lorbeer haben ſich oben zuſammengeneigt, Laubengänge bildend, die zu irgend einem inte⸗ reſſanten Punkte des Gartens führen, meiſtens zu einem mit Kunſt und Geſchick benützten Ueberbleibſel jener alten Zeit, ſeien es nun Ruhebänke oder Tiſche aus Marmor, auf denen man Arabesken und Inſchriften entdeckt, oder ſei es ein Baſſin mit klarem Waſſer, das uns auf den Grund ſehen läßt, wo wir künſtlich zuſammen⸗ gefügte Quadern entdecken, ein ſo mächtiger Unterbau, der ſichtbar aus einer andern Zeit ſtammt, als die ſpäter aufgeführten leichten Seitenwände. Auch gewölbte Gänge ſindet man noch hie und da in den Gärten tief unter der Erde, die man durch Stufen, welche man dort angebracht, praktikabel machte und die nun zu Kellern und ſonſtigen Gelaſſen dienen. Das Landhaus unſers freundlichen Führers hatte eine wirklich prachtvolle Lage. Während die Nebengebäude mit einigen Feldern an der aufſteigenden Bergwand lehnten, befand ſich das Wohn⸗ haus mit einer ungeheuern Terraſſe, die an den Abhang hinaus⸗ gebaut war und vorne nach den Gärten zu vielleicht dreißig Fuß hohe Mauern hatte, längs denen bequeme Treppen hinabführten. Nach Cordova. 371 Unten war der Garten, wie wir vorhin beſchrieben, maleriſch mit alten Ueberreſten geſchmückt, nach unſern Begriffen ſogar ein bis⸗ chen verwildert, denn die Wege liefen ziemlich eigenſinnig von einem Orte zum andern, das Waſſer rieſelte zwiſchen den obern Steinlagern eines großen Baſſins nach allen Seiten durch und Lorbeer und Rebe machten ſich ein bischen gar zu breit; nament⸗ lich rankten die letztern von Baum zu Baum, große Theile des Gartens mit einem dichten Netze überziehend. Zur heißen Som⸗ merzeit iſt dieß recht angenehm. Blendend weiß hob ſich das Haus von der grauen Bergwand ab, und Orangenbäume, die es um⸗ gaben, zeichneten ſich mit ihren dunkeln Blättern und gelben glän⸗ zenden Früchten ſo prächtig ſüdlich und ſo ſcharf ab, daß man jedes der feingeſpitzten Blätter erkennen konnte. Um das Haus her⸗ umgehend, ſtiegen wir einige Schritte an den Bergen in die Höhe und traten unter ein großes Thor von hinten in einen kleinen Hof, der in's Haus führte und unſer Führer hatte es ſo eingerichtet, daß wir nun durch die Hausthüre auf die Terraſſe tretend mit einem Male die weite ſchöne Ausſicht vor uns hatten. Cordova lag etwas tiefer vor uns, als unſer Standpunkt war, ſo daß wir einen großen Theil der Stadt überſehen konnten, wie ſich ihre Terraſſen, die Logen auf ihren Häuſern, ſowie Thürme und Kuppeln in der klaren Luft ſo ſcharf abhoben. Zwiſchen dem Landhaus und der Stadt war die Fläche bedeckt mit Olivenwäldern, Orangen⸗ und Citronenbüſchen, und man erblickte deutlich die langen Reihen rieſiger Aloen und Cactus, mit denen die Felder eingefaßt waren. Dabei war die Luft klar, wie ich ſie lange nicht geſehen, und von einem wolkenloſen tiefblauen Himmel ſtrömte eine ſolche Maſſe Licht und Glanz, daß die Landſchaft wie in Sonnengluth gebadet erſchien. Die weißen Häuſer in der Nachbarſchaft, die breiten gel⸗ ben Sandwege zwiſchen den Olivenpflanzungen glänzten ordentlich und ſchienen einen Widerſchein zu werfen auf die ſchattigen Par⸗ tien in den Gräben und unter den Sträuchern, ſo daß ſelbſt dieſe Schatten bläulich und violett erſchienen.„ 24 372 Neunzehntes Kapitel. Auf der Terraſſe war ſchon eine ziemliche Geſellſchaft ver⸗ ſammelt; auch klangen uns ſchon von Weitem die Töne von ein paar Guitarren und das Knacken der Caſtagnetten entgegen. Wir wurden vorgeſtellt und mit den Anweſenden bekannt gemacht. Da war Don Manuel und Don Alonzo, Don Carlos und Don Hernan lauter Dons mit ihren Damen, die uns ebenfalls der Reihe nach genannt wurden, Donna Maria, Donna Sol, Donna Anna und Donna Elvira; auch Don Juanito fehlte nicht, war ein hübſcher Andaluſter und ſchlug wie raſend die Guitarre. Die Damen, denen wir vorgeſtellt wurden, waren meiſtens ziemlich ältlich, faſt alle wohlbeleibt und mit einem niedlichen Schnurrbart verſehen. Dabei waren ſie liebenswürdig und freundlich, und als ſie uns bewillkommneten, bildeten ſie um uns eine redſelige, ziemlich neu⸗ gierige, feſtgeſchloſſene Phalanr, hinter der hervor wir das Lachen und Singen der jungen Sennoritas hörten, denen wir nicht im Allgemeinen vorgeſtellt wurden, ſondern welche uns die betreffen⸗ den Mütter oder älteren Schweſtern erſt ſpäter einzeln vorſtellten, nachdem ſie getanzt oder geſungen. Alle waren ein recht harm⸗ loſes und freundliches Völkchen und ſchienen der wohlhabenden Mittelklaſſe der Stadt anzugehören. Die Männer trugen faſt alle die kurze andaluſiſche Jacke, theils geſtickt und verſchnürt, theils von Sammt, andere, namentlich von den älteren, trugen auch dieſe Jacken aus feinem ſchwarzem Lammfell. Die Damen hatten meiſt bunte, ziemlich kurze Röcke, darüber Jäckchen von Seide oder Tuch, einige trugen Mantillen, andere aber hatten dieſe abgelegt und das Haar mit Blüthen oder Blumen geſchmückt. Letzteres war auch bei allen jungen Mädchen der Fall. Nachdem wir einigermaßen bekannt geworden waren, ließ ſich Alles wieder auf die Bänke der Terraſſe nieder und es wurden Er⸗ friſchungen herumgereicht; getrocknete Früchte, auch Orangen und Granatäpfel, weißes Brod und ein paar ſtrohumwundene Flaſchen mit ſehr gutem rothen Wein. Einige der älteren Männer hatten lange Flinten bei ſich, mit denen ſie ſich amuſirten, nach armen Vögeln im Garten zu ſchießen. Das junge Mädchenvolk hielt ſich Nach Cordova. 373 anfänglich ſchüchtern in einer Ecke der Terraſſe, ſie neckten ſich, ſie lachten ſcheinbar zu Anfang der Strophe eines luſtigen Lieds, in Wahrheit aber machten ſich Alle mit einander über uns Fremd⸗ linge luſtig, wozu ihnen übrigens unſer Anzug auch das volle Recht gab. Horſchelt war ganz Andaluſier, ein vollkommener Majo, wenigſtens hielt er ſich dafür, doch beſtand ſein Anzug, für die Reiſe gewählt, aus etwas derben Stoffen, hatte auch ſchon durch Regen und Staub bedeutend gelitten, und ſo ſah er eher dem Mayoral einer caſtilianiſchen Landkutſche ähnlich, und unter dem keck aufgeſtülpten Hute ſchaute ſein harmloſes, gutmüthiges Geſicht mit ſehr kleinem Barte heraus. Unſer Baumeiſter, der es verſchmäht hatte, etwas von der Landestracht anzunehmen, trug ein unſchein⸗ bares Reiſeröcklein, dazu eine graue Weſte, wie ſie ſich für ſeinen Umfang paßte, und war, mit den meiſten Sprachkenntniſſen aus⸗ gerüſtet, eher als wir im Stande, den jüngern Andaluſterinnen ſeinen Hof zu machen, was er auch nicht unterließ und wobei er ſie durch ſeine Brillengläſer ſcharf muſterte. Von mir ſelbſt zu reden, verbietet mir eigentlich die Beſcheidenheit, nichtsdeſtoweni⸗ ger aber darf ich verſichern, daß ich in meinem Leben Momente gehabt, wo ich vortheilhafter gekleidet war, als hier bei der Ter⸗ tulla in Cordova. Allerdings trug auch ich wie unſer Maler an⸗ daluſiſchen Hut und Jacke, nebſt rother Faja und ungeheurem Klappmeſſer. Statt der kurzen Beinkleider und Lederkamaſchen aber hatte ich ein Paar ſehr ſchwere Unausſprechliche, mit dickem Leder beſetzt, die meinem ohnedieß ſehr unterſetzten Aeußern, im Gegenſatze zu den zierlichen Spaniern, etwas ſo Schwerfälliges gaben, daß Horſchelt, als ich ſpäter mit einem der ſchönen Mäd⸗ chen einen deutſchen Galopp verſuchte, mir nachher lachend ſagte, der habe gerade ſo ausgeſehen, als wenn ein junger Elephant ge⸗ tanzt. Dem ſei nun wie ihm wolle, wir machten uns ſo liebens⸗ würdig als möglich und wurden dafür belohnt. Die älteren Don⸗ na's nahmen ſich unſerer auf's Freundlichſte an, verwieſen den jungen Mädchen ihr ewiges Lachen, und forderten ſie auf, ver⸗ nünftig zu ſein und zu ſingen und zu tanzen, was ja doch ihre ein⸗ 374 Ueunzehntes Kapitel. zige Beſchäftigung ſei. Lange wollte keine vortreten, und es brauchte noch der Ermahnung unſeres Wirthes, bis ſich endlich eine der Keckſten entſchloß, näher zu kommen, und dann neben Don Juanito hintrat, der ein paar Accorde von der Guitarre her⸗ unterriß und ihr lachend zurief: Anda, Adela. Adela war eines der reizendſten Mädchen, die wir bis jetzt in Spanien geſehen; vielleicht erſt ſechszehn Jahre alt, für eine Andaluſierin eher klein als groß, doch war ihr aufblühender jung⸗ fräulicher Koͤrper im lieblichſten Ebenmaße gebaut. In ihrem Ge⸗ ſichte lag eine liebenswürdige Miſchung von friſcher Lebensfreude, unbefangener Schalkhaftigkeit, zugleich mit dem wunderbaren Ernſte, der den Spanierinnen ſo eigen iſt, wenn ſie die lachenden Lippen ſchließen und die träumeriſchen Augen weit öffnen. Und dieſes Mädchen hatte ganz prachtvolle Augen! groß, dunkelbraun und glänzend mit herrlich gewölbten Augenbrauen, deren Feuer nur dann gedämpft wurde, wenn ſie die Lidern mit den langen ſeidenen Wimpern auf Augenblicke herabfallen ließ. Für dieſe Art von Augen, die einen eigenthümlichen Anflug von Nachläſſig⸗ keit und Schalkhaftigkeit haben, die aber bei Ausbrüchen der leb⸗ hafteſten Affekte ſo wunderbar hinreißend ſind, hat der Spanier den Ausdruck: Ojos adormidillos von adormido, ſchläfrig, herge⸗ leitet, deſſen Diminutiv aber unüberſetzbar iſt. Was ſie ſang, war eines jener reizenden ſpaniſchen Volks⸗ lieder, die faſt alle von den Freuden und Leiden der Liebe handeln: Mas vale trocar Placer por dolores, Que estar sin amores. Donde es gradecido, Es dulce el morir, Vivir in olvido, Aquel no es vivir. Mejor es sufrir, Passion y dolores, Que estar sin amores. Nach Cordova. Viel beſſer iſt tauſchen Freude um Leiden, Als Liebe zu meiden. In Liebe erſterben Iſt ſüßer Tod; Vergeſſen zu leben, Das iſt kein Leben. Viel beſſer iſt nehmen Statt Freude Leiden, Als Liebe zu meiden. Innig und freundlich ſang ſie dieß bekannte reizende Lied; und als ſie einmal im Zuge war, folgten auch andere, mit und ohne Caſtagnettenbegleitung. Wenn ſie die Caſtanuelos an ihre Fin⸗ gerchen befeſtigt hatte und nun während des Geſanges mit den kleinen Füßen auf den Boden trat, den Kopf neckiſch emporwarf und dazu zuweilen mit den Armen eine Bewegung machte, als wollte ſie zur Cachucha anſetzen, ſo war das Mädchen über alle Maßen ſchön und liebenswürdig. Später führte ſie eine förmliche Scene auf, einen Dialog in Verſen mit einzelnen Klängen der Guitarre, wo ſich ein Caballero um die Liebe einer Gitana be⸗ wirbt, von dieſer aber zurückgewieſen wird, eine Scene ſo voll Leben und Wahrheit, daß wir Alle ungeſtüm applaudirten. Dann aber war ſie nicht mehr zu halten, ſie flüchtete erröthend hinter ihre Mutter, und in dieſem Augenblicke ſah das liebliche Geſichtchen aus, wie das dunkle Roth einer Pfirſich. Auf vieles Ermuntern und Bitten traten endlich auch vier Paare der jungen Mädchen zu einem Tanze zuſammen, der von Don Juanito und einem Paar Anderer mit Guitarren und Caſtag⸗ netten begleitet wurde. Dazu hatten ſie ihre Jäckchen abgelegt und hatten nun nichts mehr an, als leichte tief ausgeſchnittene Mouſſelinekleidchen ohne Basquina oder Halstuch, deren Röck⸗ chen ſo kurz waren, daß man vollkommen die zierlichen Füße ſehen konnte. Es war ein Fandango, den ſie uns zum Beſten gaben, jener herrliche, üppige Tanz, in dem ſich die reizendſte Körper⸗ 376 Neunzehntes Kapitel. gewandtheit zugleich mit der glühendſten Paſſton ausdrücken kann. Wir hatten das ſchon in der Mancha geſehen, ſowie in den Thea⸗ tern von Barcelona und Valencia. Was aber auf unſerm Maul⸗ thiertreiberball zuweilen als etwas allzu derb erſchien, oder auf der Bühne zu ſehr gekünſtelt und geziert, war hier die reine warme Natur und Wahrheit. Als die Muſik begann, blickten die Mäd⸗ chen zuerſt auf den Boden oder ſchüchtern zu uns herüber, mit jedem Takte aber riß ſie die Gewalt der Töne und die Leiden⸗ ſchaftlichkeit des Tanzes mehr und mehr fort. Dazu hatten ſie die Aermel ihrer Kleidchen bis an die Achſeln hinaufgeſtreift, und man ſah nicht nur die ſchönen vollen Formen der runden Arme, ſondern war entzückt über die Haltung derſelben, ſowie der Hände, wie auch über die Leidenſchaft, Elaſticität und über die Grazie, mit der ſie die üppigen Verſchlingungen und Körperwindungen des liebeathmenden Tanzes ausführten. Da die Mädchen ganz unter ſich tanzten, und alſo nur eine Freundin der andern an die Bruſt ſank, ſie umſchlang und heftig an ſich preßte, wobei zuweilen ein neckiſcher und doch wilder Kuß vorkam, ſo genirten ſich die Andaluſierinnen auch nicht im Gering⸗ ſten und ließen die ganze Wärme ihres Gefühles ausſtrömen. Zum erſtenmal verſtand ich hier ſo recht die Sprache dieſes eigen⸗ thümlichen Tanzes, vielleicht mehr noch, als die Tänzerinnen ſelbſt, ſo junge Mädchen, daß man die meiſten bei uns Kinder genannt hätte. Es war in der That ein wunderherrlicher Anblick. In einer ſchönen Nacht in Cairo hatte ich etwas Aehnliches geſchaut, als egyptiſche Tänzerinnen vor uns tanzten, und doch war es wie⸗ der ſo ganz anders, der Tanz ſelbſt und das Weſen deſſelben. Dort mit Ueberlegung gegeben, hier mit der Luſt am Tanzen und in reinſter Unſchuld, deßhalb aber war es auch ſo ſchwer, dieſem auf⸗ regenden Spiele ruhig und gleichgültig zuzuſchauen. Wurde doch hier zuweilen in der Leidenſchaft und Aufregung des Tanzes den Blicken Manches erlaubt, das eine kältere Natur in Entzücken ver⸗ ſetzen konnte, beſonders aber, weil Alles ſo unbewußt und ganz zufällig und unabſichtlich geſchah. Ja, gewiß, ſelbſt der alte Kalif ———,—, 1 K—pqI 1 Nach Cordova. 377 Al Hakem würde wohlgefällig gelächelt haben, wenn er dieß rei⸗ zende Ballet hätte ſehen können, das hier auf einer der Terraſſen ſeiner frühern Burg aufgeführt wurde. Die umſtehenden Spanier, die dieß gewiß ſchon ſehr häufig erlebt, waren nicht weniger hingeriſſen als wir. Das Klatſchen und die freudigen Ausrufungen wollten kein Ende nehmen, und als ſich endlich der Tanz löste und die jungen Mädchen erhitzt und ſchwer athmend nach allen Seiten auseinander ſtoben, wurde jede von ihren Bekannten umringt und ihr alles erdenkliche Schöne geſagt; aber ebenſo wie die Tänzerinnen ſelbſt benahm ſich auch das zuſchauende Publikum ſo ſchön und anſtändig, wie man es bei dieſem noblen und liebenswürdigen Volke, welches die höchſte Leidenſchaft mit ächtem Anſtande zu vereinigen weiß, überhaupt gewohnt iſt. Unterdeſſen war die Sonne hinabgeſunken und ihr letzter Kuß färbte die Landſchaft mit unbeſchreiblich warmen und glühen⸗ den Tönen, ebenſo die lachenden Geſichtchen und glänzenden Augen unſerer liebenswürdigen Tänzerinnen und Sängerinnen, die jetzt alle an der Terraſſenbrüſtung lehnten und dem verſchwindenden lodernden Geſtirne jubelnd nachblickten. Ehe wir von dem Land⸗ haus aufbrachen, mußte uns die ſchöne Adela noch die Namen einiger der Lieder, die ſie geſungen, in unſere Taſchenbücher ſchreiben, was ſie auch bereitwillig that; dann brachen wir auf und erreichten mit ſinkender Nacht Cordova unter Scherz und Lachen. Auch Guitarren und Caſtagnetten ruhten unterwegs nicht; doch ſchien ein ſolcher nächtlicher Lärm ſelbſt in den ſtillen Straßen der Stadt kein Aufſehen zu erregen. Es war das ja bei dieſem heitern luſtigen Volke nichts Ungewöhnliches und kein Menſch bekümmerte ſich darum. Als höfliche Leute und reiſende Müßiggänger, die jedoch mit dem Reſt ihres Abends nichts anzu⸗ fangen wußten, begleiteten wir die jungen Damen nach Hauſe, d. h. nur bis an die Thüre ihrer Behauſungen, und zwar in Beglei⸗ tung Don Juanito's, der ein höchſt drolliger und aufgeweckter Burſche war. Auch zeigte er uns bereitwillig die Art und Weiſe einer Neunzehntes Kapitel. Nach Cordova. 378 ſpaniſchen Serenade, und lockte mit den Tönen ſeiner Guitarre V und einer neckiſchen Seguidilla einige der jungen Damen noch auf den Balkon hinaus, ſo die ſchöne Adela, die ſo freundlich war, noch einen Strauß Orangenblüthen herabzuwerfen und nicht für den Sänger, wie ſie lachend ausdrücklich rief, ſondern für die frem⸗ den Begleiter.— Das alte Cordova iſt trotz ſeiner Einſamkeit eine prächtige Stadt, und unter Lachen und Guitarrenklang zogen wir durch die leeren Straßen dahin, die Worte des Dichters recitirend: Auf, Page, folge meinen Pfaden, Hinaus mit Tamburingeklirr; Heut Abend will ich Serenaden, Daß fluchen ſollen die Alcaden Bis an den Guadalquivir! Als wir in unſern Gaſthof zurückgekehrt waren, geſtanden wir uns, einen ſehr ſchönen Nachmittag verlebt zu haben, und dankten unſerm Wirthe für die reizende Tertulla, zu der er uns geführt. Zwanzigſtes Kapitel. Sevilla. Ecija. Sandwege. Anſicht von Sevilla. Die luſtige Stadt. Einrichtung der Häuſer. Unſer Gaſthof. Spaziergänge. Die Kathedrale. Der Alcazar. Das Haus des Pilatus. Die große Tabakfabrik. Der Karneval in Sevilla. Eine Tertulla in Triana. Am andern Tage dachten wir daran, die alte Kalifenſtadt zu verlaſſen; die Diligence von Madrid nach Sevilla kam unge⸗ fähr um zehn Uhr Morgens an, um nach einer Raſt von ſechs Stunden weiter zu fahren. Wir ließen auf der Poſt drei Plätze für uns belegen und in guter Erwartung, daß der Wagen nicht beſetzt ſei, packten wir unſere Koffer zuſammen und rüſteten uns zum Aufbruch. Glücklicher Weiſe waren mit der Diligence nur zwei Paſſagiere gekommen, ſo daß wir nicht nur unſere drei Plätze, ſondern ſogar die Berline erhalten konnten, ein Zufall, für den wir ſehr dankbar waren. Nach freundlichem Abſchied von unſerm Wirthe beſtiegen wir Nachmittags den Eilwagen, der wegen der anfänglich guten Chauſſee nur mit ſechs Maul⸗ thieren beſpannt war. Die Straße von Cordova nach Sevilla führt mitten durch die große Ebene, welche die Sierra Nevada von der Sierra Morena ſcheidet, den Guadalquivir haben wir beſtändig zur Rechten auf eine Entfernung von drei bis vier Stunden. Es war ſchon dunkel, als wir durch die Anſtedelung 380 Zwanzigſtes Kapitel. La Carlota fuhren, welche wie La Carolina von ehemaligen deutſchen Auswanderern bevölkert iſt; Ackerbau, Feld⸗ und Stier⸗ zucht iſt hier ſehr blühend und zeigt, was fleißige Hände zu leiſten im Stande ſind. Gegen Mitternacht fuhren wir ziemlich lange abwärts und erreichten endlich unſern Bekannten aus Granada, den Kenil wieder, der hier nicht weit von der alten berühmten Maurenſtadt Ecija in den Gualdalquivir mündet. Obgleich wir hier ein paar Stunden raſteten, auch der Mond ſo freundlich war, uns zu leuchten, ſo konnten wir doch leider nicht viel von der intereſſanten Stadt ſehen, von der Hailbronner in ſeinem reizenden Buche„Morgenland und Abendland“ ſagt: Schon der ganze äußere Anblick dieſer Stadt hatte mich im höchſten Grade frappirt, und dieſe vielen Thürme, halb gothiſch, halb arabiſch, dort gleich der Giralda à jour durchbrochen, hier eine aufgeſetzte Glockenſpitze, dort mauriſche Laſurmoſaik, hier gothiſche Schnör⸗ kelformen, alles gemalt und wunderbarlich, das Minaret überall mit den kleinen Säulenverzierungen, mit dem Ernſt des chriſt⸗ lichen Campanile verbunden. Und dieſe arabiſchen Moſcheen⸗ bögen und Säulengänge, dann alle Häuſer, ſelbſt die allerklein⸗ ſten, mit dem niedlichſten Patiogitter, und das orientaliſche Leben, alles an den Gitterfenſtern, in den Fontainenhöfen; und wieder dieſe Mantilla's, dieſe Augen, dieſe Schönheit, wodurch Ecija ſelbſt in Andaluſten berühmt iſt, alles eigenthümlich, alles reizend, ſo daß ich oft ſinnend ſtehen blieb, ob ich mich denn wirklich in Europa befände. So zog ich fort durch die lange Hauptſtraße, als ich mich plötzlich auf dem Marktplatze der Stadt befand, der ſo ganz, aber auch in allen Theilen mauriſch iſt, daß ich mich nicht erinnere, ſelbſt im Orient etwas Aehnliches gefunden zu haben. Hier kann man ſich eine vollſtändige Vorſtellung von dem Leben der ehemaligen Beſitzer machen, nur ſind die Schranken des Harems gefallen, und die meiſtens dreiſtöckigen Häuſer zeigen ihre Arkaden offen, die durchaus von arabiſchen weißen Marmor⸗ ſäulen getragen werden und als Vorhalle und Schutz für die hinten liegenden Zimmer dienen. Man kann ſich keine Idee von Sevilla. 381 der Zierlichkeit machen, welche dieſe unzähligen Säulchen, dieſe Bögen, die vielen, noch ſehr gut erhaltenen gemalten Wände und Bovedas und die hübſchen Arabesken dem ganzen reich belebten Bilde verleihen.“ Wir ſuchten den Marktplatz auf und bewunderten ihn ſelbſt bei der Dämmerung des flimmernden Mondenlichts. Bald roll⸗ ten wir weiter und da uns auch hier wieder einer der Reiſenden, der mit uns von Cordova gekommen, verließ, ſo konnten wir es uns in dem breiten Wagen bequem machen und Jeder ſich zum Schlafen auf eine Bank legen. Da wir von Ecija aus langſam aufwärts fuhren durch tiefen Sand, wobei der Wagen angenehm ſchaukelte, ſo wiegte ſelbſt mich, der ich bei der Nachtfahrt ſelten ſchlafe, dieſe angenehme Bewegung in feſten Schlummer und ich erwachte erſt wieder, als die Sonne hell und glänzend aufſtieg. Noch immer ſchlich der Wagen langſam durch den tiefen Sand und als ich zum Fenſter hinausblickte, bemerkte ich meinen guten Horſchelt, der, wie er mir lachend zurief, ſchon ſeit meh⸗ reren Stunden zu Fuß neben dem Wagen herging, und der mir viel Schönes erzählte von der Pracht der Sterne und wie der Morgen ſo wunderbar erſchienen ſei. Mayoral, Zagal und Delan⸗ tero ſchritten ebenfalls neben dem Wagen her, den jetzt acht Maul⸗ thiere mühſam fortſchleppten. Es war eine kahle, troſtloſe Haide, über die wir fuhren, der Sandweg, von außerordentlicher Breite, lief, wie verſuchsweiſe, bald hierhin, bald dorthin. Nach einigen Stunden fuhren wir auf einem feſteren Wege und geſchwinder abwärts, erreichten Carmona mit ſeiner maleriſchen mauriſchen Schloßruine auf ſteilem Berge gelegen; am Fuß ſeiner Wall⸗ mauern windet ſich die Stadt maleriſch herum. Gegen eilf Uhr hielten wir Frühſtücks halber in dem freundlichen Alcala de Gua⸗ dayra, das ebenfalls von einem trotzigen Schloſſe überragt wird. Hinter dieſem Städtchen öffnete ſich nun wieder vor unſern freudig erſtaunten Augen das weite Thal des Guadalquivirs, der ſich ſchlangenartig dahinwindet durch eine ausgedehnte fruchtbare Ebene, die bis zum Meere durch keine bedeutende Höhe mehr 382 Zwanzigſtes Kapitel. unterbrochen wird. Die ganze Fläche iſt mit unzähligen Oliven⸗ bäumen beſäet, zwiſchen denen einzelne weiße Meierhöfe hervor⸗ blicken, die mit ihren grünen Orangengärten wie Oaſen in den grauen Flächen der Getreidefelder daliegen. Während wir unter luſtigem Peitſchenklange auf einer ziemlich guten Straße hinab⸗ rollen, ſenken ſich neben uns und dem Fluſſe zu unſerer Rechten die letzten Hügelreihen ins Thal, die mit Waldungen und größeren Ortſchaften bedeckt ſind. Endlich erhebt ſich vor uns ein dichter Olivenwald und nachdem wir ihn hinter uns gelaſſen, ſehen wir mit wahrem Entzücken das Ende unſerer Fahrt dicht vor uns liegen, das große, ſchöne, luſtige Sevilla, zwiſchen grünen Baumreihen weiß hervorglänzend mit ſeinen unzähligen Kirchen und Thürmen. Ueber alles das hinaus aber ragt die prächtige Giralda, jener herrliche mauriſche Thurm der Kathedrale, den wir aus Beſchreibungen und Bildern her kennen und den wir mit lautem Ausrufe begrüßen. Die Straße, die ſich bisher recht brav gehalten, wird wie gewöhnlich dicht vor der Stadt ſchlecht und uneben. Zuweilen fahren wir durch tiefe Riſſe hindurch, zuweilen ſchaut der kleine Delantero wie fragend rückwärts, und wenn der Mayoral mit dem Kopfe nickte, galoppiren die Pferde unter einem ſcharfen Winkel geraden Wegs den Straßendamm hinab und dann rollen wir eine Zeitlang auf dem weichen Wieſengrunde, der ſich neben der Chauſſee hinzieht. Bald haben wir eine kleine Vorſtadt Sevilla's erreicht und mit ihr den rieſenhaften arabiſchen Aqua⸗ dukt, der das Waſſer von Alcala hereinleitet, an deſſen faſt ſchwarzen Pfeilern und Bogen, wo das Waſſer herabtropft und wehende Schlingpflanzen wuchern, wir eine halbe Stunde vor⸗ überfahren, um die Alameda zu erreichen, wo wir uns links wenden, noch eine Zeitlang längs der alten Saracenenmauer vorüber fahren, dann rechts in die ſchöne Stadt abbiegen, welche uns, beſonders da es Sonntag iſt und herrlicher Sonnenſchein, aufs Heiterſte und Freundlichſte empfängt. Die weißen Häuſer glänzen; durch die offenſtehenden Thore ſehen wir beim Vorüber⸗ Sevilla. 383 fahren in die reizenden Patios, wo Orangen blühen und Spring⸗ brunnen plätſchern, wo ſchöne Mädchen ſitzen, mit den großen glänzenden Augen die beſtaubten Fremden anſchauend, die durch das Wagengeraſſel und durch den lebhaften lärmenden Verkehr in den Straßen faſt betäubt, durch das Sonnenlicht und den Glanz auf den weißen Häuſern und den ſchwarzen Augen faſt geblendet, endlich wie träumend auf dem Poſthofe ankommen. Woher es wohl kommen mag, daß Sevilla von allen ſpa⸗ niſchen Städten und ebenfalls von vielen nichtſpaniſchen die fröh⸗ lichſte und heiterſte Phyſtognomie hat, iſt mir nie recht klar ge⸗ worden und wird für mich und Manchen, der gerade ſo denkt, räthſelhaft bleiben. Barcelona, Valencia, Madrid und nicht zu vergeſſen Granada haben ebenfalls belebte Straßen, Cadiz ſieht ſogar immer geputzt aus und macht den Eindruck, wie ein Sonn⸗ tagnachmittag im Sommer; aber in keiner von all dieſen Städten fühlt man ſich ſo behaglich, flanirt man ſo angenehm und ver⸗ gnügt, wie hier in Sevilla. Granada in ſeinem Ernſte, mit ſeinen gewaltigen, trüben Erinnerungen, die ſich uns auf Schritt und Tritt aufdrängen, mit den heute noch ſo leſerlichen Schrift⸗ zügen, welche die alten vergangenen Zeiten auf Berg und Thal hinterlaſſen, Granada, welches den Fremden trotz ſeiner Trüm⸗ mer zu feſſeln verſteht, ihm nach kurzer Zeit wie eine Heimath erſcheint, könnte mit dem ewigen Rom verglichen werden, die liebe Stadt, ſo heimiſch für ein ſtilles, denkendes, ruhiges Gemüth. Sevilla aber iſt ein kleines, ſpaniſches Paris, und für den, der das Leben in vollen Zügen genießen will, für ein luſtiges, über⸗ ſprudelndes Gemüth, und nirgends fühlt ſich die maleriſche Majo⸗ tracht beſſer zu Hauſe, als hier in den Gaſſen von Sevilla; nirgendwo paßt ſie aber auch beſſer hin und wenn wir einen dieſer jungen, friſchen Andaluſier über den Platz galoppiren ſehen, ſtolz um ſich blickend, als gehöre ganz Spanien ſein, wenn ſich dann bedächtig droben an einem Balkon ein vergittertes Fenſter öffnet und ein ſchöner Mädchenkopf ſichtbar wird, viel⸗ leicht dahinter das alte Geſicht einer mürriſchen Duenna oder 384 Bwanzigſtes Kapitel. eines alten Gemahls, ſo haben wir die Staffage, welche allein auf die Straßen von Sevilla paßt. Ebenſo, wenn wir Nachts umherwandeln, wenn der glänzende Mond am Himmel die ſchmalen, krummen Straßen nicht erleuchtet, ſondern nur dazu dient, die Schatten der eigenſinnig hervorſpringenden Häuſerecken noch dunkler und ſchwärzer zu machen, ſo finden wir es ganz begreiflich, irgendwo Stimmen flüſtern zu hören, oder den Klang einer Guitarre mit den bekannten eigenthümlichen Accorden den Geſang begleitend, deſſen Thema immer ein und daſſelbe iſt: Amor que non pena, Non pida placer, Quo ya lo condena, Su poco querer: Mejor es perder, Placer por dolores, Que estar sin amores. Es iſt wunderbar, wie große Geiſter es verſtehen, den Cha⸗ rakter einer Zeit, eines Landes, einer Stadt wieder zu geben, die ihnen ferne lag, die ſie vielleicht nie geſehen; ſo der große Meiſter Roſſini in ſeinem herrlichen Barbier. Wandelt man durch die Gaſſen Sevilla's, eine dieſer friſchen, lebensluſtigen Melodieen ſummend, ſo iſt es gerade, als könnten dieſe hier und nirgend anderswo erdacht ſein. Gerade ſo freundlich, ſo neckiſch und zuthunlich wie ſie erſcheinen Häuſer, Plätze, Straßen und die ganze Bevölkerung Sevilla's. Obgleich die Stadt durch und durch ſpaniſch oder vielmehr ächt andaluſiſch iſt, ſo hat ſie doch keinen ſcharf ausgeprägten Charakter, erinnert weder an die vergangene Zeit, noch an die oftmals geſchmackloſe Architektur unſerer Tage. Sie iſt, wo man ſie betrachten mag, gleich jung, gleich friſch, ohne einen oftmals faden Anſtrich der Neuheit. Sevilla hat viele und prachtvolle alterthümliche Bauwerke, aber ſie treten nicht hervor, ſte domi⸗ niren nicht, und das einzige von ihnen, welches man beſtändig vor Augen hat, der wunderbare Thurm der Kathedrale, die —O—Q—Q—Q—Q—Q—OQO——ę—ÿ—ꝛBꝛ—y —O—Q—Q—Q—Q—Q—OQO——ę—ÿ—ꝛBꝛ—y Sevilla. 385 Giralda, blickt mit ſeinen reizenden arabiſchen Formen und Ver⸗ zierungen ſo fröhlich und glücklich auf das Häuſermeer, wie ein vergnügter Großvater, der ſich beſtändig neu verjüngt im An⸗ blick des Glücks ſeiner Kinder. Die Straßen Sevilla's ſind enge und gewunden, aber freundlich durch die Reinlichkeit, die in ihnen herrſcht, und durch die Häuſer, welche ſie bilden, die weder groß noch klein ſind, und von denen keines dem andern gleicht, obgleich ſie alle einen unverkennbaren Familienzug haben. Bald ſehen wir gerade Linien mit hellen, freundlichen Bogenfenſtern, bald vorſpringende Erker mit kunſtreich verſchlungenen Gittern; hier haben wir einen kleinen Balkon, dem ein Weinſtock, der ſich am Hauſe empor⸗ rankt, Schatten gibt, dort ſpringt ein anderer weit in die Straße vor und von der Höhe ſeiner Thüre über die Brüſtung herab hängt ein bunter Teppich oder eine Strohmatte, ſo ein kühles Plätzchen bildend. Viele Häuſer, namentlich an kleinen Plätzen, haben im untern Stock auf Säulen ruhende Facaden, in deren Hintergrunde ſich Läden aller Art befinden. Oefters bemerkte ich an einer dieſer Säulen etwas wie ein kleines, grün angeſtrichenes Jalouſtelädchen, das Zeichen einer Barbierſtube, wie bei uns die kupfernen Becken, und ſehr zahlreich ſind in Sevilla die Nach⸗ kommen Figaro's. In allen ſpaniſchen Städten, die wir noch geſehen, namentlich aber hier iſt man überraſcht von der Rein⸗ lichkeit der Straßen und Häuſer; hat man doch ſo viel gehört vom Schmutze des Südens und manches geſehen und gerochen, wenn man Italien beſucht. Aber auch hierin unterſcheiden ſich dieſe beiden Länder zum Vortheil Spaniens. Gewiß iſt die hieſige Sauberkeit in Allem eine Erbſchaft der orientaliſchen Vorfahren. Man betrete das ärmlichſte Häuschen eines ſpani⸗ ſchen Handelsmanns oder Handwerkers, man wird den finſterſten Winkel des Hauſes, Flur und Treppe reinlich finden, wogegen es in Italien, namentlich in Rom häufig genug vorkommt, daß wir die prächtigen Marmortreppen eines dortigen Palaſtes kaum betreten können, ohne uns zu beſchmutzen. Blendend weiß ange⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 25 386 Bwanzigſtes Kapitel. ſtrichen ſind hier in Sevilla die Fronten der Häuſer und haben dadurch ebenſo wie die von Cadiz ein beſtändig feſttägliches An⸗ ſehen, ſind aber noch freundlicher geputzt, mit zierlichen Balkons vor allen Fenſtern, auf denen ſich Sträucher und Blumen be⸗ finden. Namentlich aber haben faſt ſämmtliche Häuſer in Sevilla ein großes, zierliches Gitterthor, durch welches man in die reizen⸗ den Patio's blickt. Dieß iſt mun der Theil des Hauſes, in welchem die Familie drei Viertheile des Jahres wohnt und auf deſſen Bau und Ausſchmückung der Hausherr die größte Sorgfalt verwendet. Schon in Barcelona und Cordova erwähnte ich dieſer kleinen, reizenden Höfe, aber was dort Anfänge ſind, findet man hier in ſchönſter und prachtvollſter Vollendung. Es iſt das Cavädium der antiken Wohnungen, derſelbe Patio, den man in Damaskus findet, und die Bauanlage, die allen Gebäuden des tiefen Südens gemein iſt. Von den Mauern des Hauſes gebildet, hat er unten ringsumher einen Bogengang mit Säulen von Marmor, und oftmals ſieht man eine ähnliche Colonnade ſich im zweiten und dritten Stock wiederholen. Dieſe oberen Etagen werden von der Familie während der kälteren Jahreszeit bewohnt. Der Fußboden des Patio iſt mit Steinplatten bedeckt und in der Mitte erhebt ſich der unentbehrliche marmorne Springbrunnen, der mit ſeinem klaren, friſchen Waſſer die heiße Luft abkühlt, und mit ſeinem Murmeln dem ſtill vor ſich hin Träumenden an⸗ muthige Geſchichten zu erzählen weiß. Neben Orangen, Citronen und Granaten, deren Stämme im Boden wurzeln und welche den Hof mit einem dichten Laubdach überziehen, ſteht man Pflanzen und Gewächſe, wie ſie gerade die Jahreszeit mit ſich bringt, in Kübeln und Töpfen die Ecken zieren, künſtliche Lauben über bequeme Ruheplätze bildend. Der Patio der Sevillaner dient aber den Hausbewohnern nicht nur für gewiſſe Stunden des Tages, er iſt namentlich im hohen Sommer Schlaf⸗ und Wohnzimmer und vor allen Dingen Empfangsſalon. In den Gemächern, die auf den Bogengang münden und deren Thüren mit leichten Draperien verhängt ſind, Sevilla. 387 befinden ſich die Betten der Hausbewohner und der Corridor ſelbſt, deſſen Fußboden oft mit Matten belegt iſt, enthält häufig das koſtbarſte Ameublement; an den Wänden hängen werthvolle Bilder, und zwiſchen Tiſchen, Sophas, Fauteuils befindet ſich häufig ein ſchöner Flügel, oder auch ein einfaches Fortepiano. Mit dem Patio durch eine weite Bogenthüre in Verbindung, findet man hinter demſelben bei reichen Familien auch noch einen kleinen Garten, voll ſeltener, blühender Pflanzen, ſchmalen, verſchlungenen Wegen, natürlicher Weiſe nicht ohne⸗murmelndes Waſſer, das Ganze angelegt wie die Wintergärten bei uns. Wie die Spanier überhaupt die gaſtfreieſte, freundlichſte und zuvorkommendſte Nation ſind, ſo gewährt jeder Hauseigen⸗ thümer durch das breite Gitter an der Straße nicht nur jedem Vorübergehenden bereitwillig den Anblick aller ſeiner Herrlich⸗ keiten, ſondern, wo wir uns als Fremde irgend einem dieſer Höfe auffallend näherten, wurde uns das Gitter geöffnet und wir auf die freundlichſte Art der Welt zum Eintritt einge⸗ laden. Dieſe Zuvorkommenheit iſt aber in Spanien ſo allgemein, weil von keiner Seite Mißbrauch damit getrieben wird. Der Spanier bewundert die kleinen Schätze ſeines Freundes und Nachbarn, er ergötzt ſich an den duftigen Blüthen und Blumen, aber wie ich hier oft verſichern hörte, würde es einem Spanier in öffentlichen oder Privatgärten ſelbſt ohne alle Aufſicht nie ein⸗ fallen, irgend eine Pflanze zu berühren oder gar eine Blume ab⸗ zureißen. Leider iſt dieß bei uns nicht immer der Fall, und wo ein Schloßbeſitzer zutrauensvoll ſeine Zimmer und Gärten dem Publikum öffnet, da hört man auch häufige Klagen über Miß⸗ brauch einer ſolchen Erlaubniß. Namentlich gibt es viele Damen, denen das Abreißen von Blumen zur wahren Leidenſchaft gewor⸗ den iſt, dabei denkend, eine mehr oder weniger wird dem Beſitzer nicht ſchaden. Das iſt freilich wahr, aber Zwölf machen ein Dutzend und eine abgeriſſene Blüthe dient der neuen Beſitzerin ja auch nur zur Befriedigung eines' augenblicklichen Gelüſtes; bald iſt ſie verwelkt und läßt ihr Köpfchen hängen. 25 388 Zwanzigſtes Kapitel. In ihrem Patio lebt nun wie geſagt eine ſpaniſche Familie ein wahres Götterleben; wenn das Laubdach des Hofes nicht vollkommenen Schutz gegen die Sonne gewährt, ſo zieht man während der heißen Tageszeit noch ein Zeltdach von Leinwand über den Hof. Neben dem Brunnen wird der Tiſch gedeckt, Wein⸗ und Waſſerflaſchen werden in die kühle Fluth geſtellt, und nach dem Diner zieht ſich Alles in die anſtoßenden Gemächer zurück, um die hier in Spanien ſo nothwendige Sieſta zu halten. Abends kommt dann Beſuch, eine Tertulla wird improviſirt und nach dem Clavier oder zum Guitarren⸗ und Caſtagnettenklang getanzt. Auch die Kaffeehäuſer und Gaſthöfe haben alle einen ſolchen Patio. Wir wohnten in der Fonda de la Europa, und obgleich V die Jahreszeit noch nicht ſo weit vorgeſchritten war, um die Abende und Nächte im Freien zubringen zu können, ſo nahmen wir doch häufig unſer Frühſtück unter einem der Bogengänge des Hofes, und während wir das Plätſchern des Springbrunnens hörten, ſahen wir vor uns die dichtbelaubten Zweige eines prächtigen Orangenbaums. Auch hier waren die Rückwände der Arkaden mit Bildern behängt, und befanden ſich in den Ecken ein paar, übrigens defekte Statuen. „Und Marmorbilder ſtehn und ſehn dich an.“ An öffentlichen Plätzen und Spaziergängen iſt auch Sevilla, wie die meiſten ſpaniſchen Städte, reich; von den erſteren iſt außer dem Markt, an dem das ſchöne und zierliche, aber leider unvollendete Rathhaus mit ſeinem maſſiven derben Sitzungsſaale liegt, hauptſächlich bemerkenswerth die Plaza del Duque mit Baum⸗ reihen beſetzt und der Sammelplatz der vornehmen Welt Sevilla's. Außerhalb der Stadt, an der Seite des Fluſſes befinden ſich lange und breite Alleen, deren Mittelpunkt am Thor von Nerez die Alameda Criſtina bildet. Hier iſt eine ſteinerne Terraſſe, zu welcher vier Stufen hinaufführen und die ringsumher mit Mar⸗ ———QX—- Sevilla. 389 morbänken beſetzt iſt, und unter dem Schatten alter mächtiger Bäume einen kleinen Salon bildet. In Sommernächten gehört es zum guten Ton der eleganten Welt, ſich hier zu verſammeln, Ciswaſſer zu trinken und den Spaziergängern zuzuſchauen, welche die breiten Alleen der Hauptwege füllen. Doch muß man nicht glauben, daß die vornehme Welt Sevoilla's ein ausſchließliches Anrecht auf dieſe Terraſſe hat oder nur zu haben glaubt; bei uns freilich würde der Anblick des Adels leider ein verehrungswür⸗ diges Publikum ferne halten, hier aber, wo ſich die Gräfin oder Herzogin durchaus nicht in ihrem Range gekränkt fühlt, wenn ſich irgend ein Bürgermädchen, eine Maja oder ſelbſt eine Gitana von dem jenſeits des Guadalquivir liegenden Triana neben ſie ſetzt, ſind alle Stände wohlthuend durch einander gemiſcht, und Jeder freut ſich gleichmäßig an der Gluth des Abendhimmels, an der Kühle der Luft und am Duft der Blumen, lauter ſchöne Sachen, die ja der Schöpfer zu Jedermanns Vergnügen werden ließ. An der Alameda Criſtina liegt die uralte Torre del oro, ein ſonderbares Gebäude, über deſſen Urſprung die Anſichten verſchieden ſind. Eine aufmerkſame Unterſuchung der Conſtruk⸗ tionen im Innern beweist den römiſchen Urſprung jedoch un⸗ zweifelhaft. Die Araber veränderten ſpäter vielfach die äãußere Form und ließen aus der gewaltigen polygoniſchen untern Trom⸗ mel in der Mitte einen zweiten Aufbau von kleinerem Durch⸗ meſſer aufſteigen, dem die Chriſten endlich die oberſte Laterne aufſetzten. Neben dem Zweck, den Fluß zu beherrſchen, der in alten Zeiten von hier aus mit einer Kette geſperrt werden konnte, diente die Torre del oro zur Schatzkammer, denn der Name„Gold⸗ thurm“ ſoll daher ſtammen, weil hier Peter der Grauſame ſeine Schätze aufbewahrte. Das ſchöne breite Waſſer, das rege Leben zu den Füßen dieſes Coloſſes, die ſchönen ſchattigen Spaziergänge, die das Flußufer begleiten, und die lebendige Silhouette der Vor⸗ ſtadt Triana mit der hochgeſprengten Brücke, die beide Ufer ver⸗ bindet, macht zumal Morgens oder zur Neige des Tages, wenn die Sonne flach über den glänzenden Spiegel des Guadalquivir 390 Zwanzigſtes Kapitel. und die zahlloſen darauf hin und her ſchwimmenden Schiffe hin⸗ gleitet, ein unvergeßliches Bild. Wenn wir den langen Alleen folgen, die ſich aufwärts vom Guadalquivir hinziehen, ſo erreichen wir den Stierplatz, der aber der Wintermonate wegen nicht nur für uns einſam und öde war, ſondern zufällig jetzt kaum zugänglich, da an ihm gebaut wurde. Schon früher erwähnte ich, daß der hieſige Stierplatz der einzige in Spanien ſei, wo ein Theil der Logenreihen aus Stein und zwar aus weißem Marmor beſtehe; gewöhnlich iſt nur der untere Stock gemauert und an dieſen ſchließen ſich leichte Bretter⸗ verſchläge. Auch hier war bis jetzt nur ein Theil der Arena zu beiden Seiten des königlichen Salons damit verſehen; doch hatte man angefangen, die noch fehlenden Logenreihen aus Marmor und Backſtein zu ergänzen, und wenn der Stierplatz von Sevilla einmal auf dieſe Art vollendet iſt, ſo wird er ein prächtiges Bauwerk ſein, ähnlich den alten römiſchen Amphi⸗ theatern. Sonderbar erſchienen mir an der äußeren Mauer ſtarke Pferdeknochen, die hier hervorragend eingemauert waren und am Tage des Stiergefechtes wohl zum Anbinden zahlreicher Reitthiere dienten. Wie von ferne ſchon der hohe Thurm der Giralda als Wahrzeichen der Stadt über die in gewaltiger Breite ſich aus⸗ dehnende Häuſermaſſe hervorragt und die Aufmerkſamkeit des Fremden feſſelt, ſo iſt es, nachdem man in der Stadt angelangt iſt, in ähnlicher Weiſe der Fall, man hat das Beſtreben, bald⸗ möglichſt Bekanntſchaft mit denjenigen Monumenten zu machen, die ſich ſchon von Weitem als die bedeutendſten angekündigt, und bezeichnend iſt es für flache und ebene Gegenden, daß dort das Streben in die Höhe bei den Thürmen oft bis zu den äußerſten Gränzen der Möglichkeit getrieben iſt, während in gebirgigen die Thürme meiſt zum niedrigen Glockenhauſe zuſammenſinken. Die Giralda iſt aber auch etwas einziges in ihrer Art und weit bezeichnender für Sevilla, das ſonſt keinen hohen Thurm mehr hat, als der Campanile für Florenz oder der Markusthurm W Sevilla. 391 für Venedig. Sehr alt, wurde die Giralda ſchon im Jahr 1196 von Al Geber einem tüchtigen mauriſchen Baukünſtler, von dem die Wiſſenſchaft der Algebra herrühren ſoll, der Moſchee ange⸗ fügt, die bereits an der Stelle der heutigen Kathedrale beſtand und von der noch zwei Seiten der Umfaſſung des daran ſtoßenden Pomeranzenhofs in gut erhaltenem Zuſtande auf uns gekommen ſind. Auf einer Grundfläche von fünfzig Fuß Länge und Breite erhob ſich damals der Thurm in einer Höhe von zweihundert⸗ fünfzig Fuß, ganz aus Backſteinen hergeſtellt und innerhalb mit einer in flacher Steigung den vier Seiten folgenden Rampe, die bequem auf die oberſte Plateforme führte; ſonderbarer Weiſe ver⸗ dickt ſich die äußere Umfaſſungswand nach oben, während der innere maſſive Kern gleiches Maaß behält, ſo daß der ſteigende Weg, der unten ſehr geräumig iſt, höher und höher hinauf ſich merklich verengt. Auf ſeine halbe Höhe im Aeußern faſt glatt und von wenigen Oeffnungen durchbrochen, iſt die obere Hälfte dafür um ſo reicher verziert, jede ſeiner Seiten iſt durch glatte Streifen in drei ſenkrechte Felder abgetheilt, die mit zierlichen Ornamenten ausgefüllt ſind und deren mittleres je eine über einander geſtellte Reihe von Doppelfenſtern mit davor liegenden Balkonen enthält, die dieſe großen röthlichen Fläüchen aufs An⸗ genehmſte beleben, da keines dieſer Fenſter, obwohl alle als Ajimez behandelt ſind, dem andern gleicht. Als im Jahr 1240 die Stadt in Folge der Belagerung des heiligen Ferdinand kapitulirte, knüpften die Belagerten, die den Chriſten ihren ſchönen Thurm nicht gönnten, an die Uebergabe die Bedingung, daß derſelbe zuvor abgebrochen werde; aber Alonzo, der Sohn Ferdinand's, drohte, wenn ein Stein daran verrückt werde, alle Bewohner Sevilla's über die Klinge ſpringen zu laſſen. Ein Aufſatz von drei rieſenhaften über einander geſtellten Kugeln krönte damals die oberſte Terraſſe und ihre Vergoldung glänzte weit hinaus in die Landſchaft, aber ein Erdbeben ſtürzte ſte ſpäter herunter. Wie nun allmählig die Kathedrale, die ſüd⸗ 392 Bwanzigſtes Kapitel. weſtlich an den Thurm angebaut wurde, ihrer Vollendung ent⸗ gegen ging, war der Thurm nicht mehr prächtig genug und ſollte durch Ausführung des wegen ſeiner Kühnheit vielfach angefoch⸗ tenen Planes im Jahr 1568 von Hernan Ruiz die Giralda um hundert Fuß erhöht werden. Ruiz, derſelbe, der die chriſtliche Kirche mitten in die Moſchee von Cordova ſetzte, ordnete auf der alten Plateforme eine ringsum laufende Gallerie von fünf Oeffnungen auf jeder Seite an, deren mittlere je eine hohe Arkade bildete, hängte in den Zwiſchenweiten die Glocken auf, erhöhte den innern viereckigen Kern des Thurms weit über die Gallerie hinaus und ſetzte darüber eine runde Laterne, zu oberſt gekrönt von der Giral⸗ dilla, einer drehbaren vergoldeten Bronzefigur, die den Glauben darſtellt und dem ganzen Thurm den Namen gab. Dieſer neue Aufbau, trotzdem, daß keine dem alten Bau entſprechenden arabi⸗ ſchen Formen dabei angewendet wurden, hat eine ſolch glückliche Proportion, iſt ſo elegant durchbrochen und mit dem alten arabi⸗ ſchen Bau vermählt, daß hier Ruiz ein Meiſterſtück gemacht hat, durch das man gern ſich über den Verdruß in der Moſchee von Cordova etwas gelinder ſtimmen läßt. Die Ausſicht von der Giralda oben iſt bezaubernd, zu den Füßen die immenſe Metropolitane, deren zahlloſe Pfeiler, Fialen, Steinpyramiden und frei durch die Luft ſich ſchwingenden Strebe⸗ bogen ſich zu dem intereſſanteſten Ganzen gruppiren, nördlich davon der lange Pomeranzenhof, welcher jenſeits von der mit der Kathedrale verbundenen Kirche del Sagrario, dieſſeits durch die Columbiniſche Bibliothek und an der langen Seite durch die hohe mit Strebepfeilern und ſtaffelförmigen Zinnen beſetzte Mauer ge⸗ ſchloſſen iſt, in deren Mitte das reiche Portal del Perdon ſich gegen die Straßen der Stadt öffnet; eine Gebäudemaſſe, in der alle Stylarten des Mittelalters vertreten ſind, arabiſch, gothiſch und die Zeit der Wiedergeburt. Aber auch in etwas größerem Umfange finden wir eine analoge kunſtgeſchichtliche Scala; unweit der Kathedrale ſehen wir in die Höfe des mauriſchen Alcazar hinunter und die Mitte Sevilla. 393 zwiſchen ihm und uns nimmt die Lonja ein, eines der hervor⸗ ragendſten Bauwerke der Renaiſſanceperiode, und iſt dieß in der That eine Nachbarſchaft, die in der Welt ſchwerlich zum zweitenmal zu finden ſein wird. Weiter ſchweift das Auge über die Häuſer⸗ maſſen der Stadt, aus denen die prächtigen Baumgruppen der Paſeo auftauchen, über die weitgeöffnete Rundung des Stier⸗ platzes hinweg nach dem glänzenden Lauf des Guadalquivir und ſeiner ſtolzen Brücke, über das ferne Triana in die weite unend⸗ liche Landſchaft hinaus. Die Kathedrale Sevilla's, wohl die größte Spaniens, iſt zugleich auch die prächtigſte, nicht ſo reich wie die von Toledo, aber edel und würdevoll im Innern und Aeußern; fünf⸗ oder wenn man die beiderſeitigen Kapellen dazu rechnet, ſiebenſchiffig, hat ſie nahezu eine Länge von vierhundert Fußen. Die alte Moſchee, an deren Stelle ſie ſteht, diente noch von 1240, der Zeit der Eroberung an, als chriſtliche Hauptkirche bis 1401, wo der Be⸗ ſchluß gefaßt wurde, nach Abbruch der Moſchee einen chriſtlichen Tempel zu erbauen, der nicht ſeines Gleichen habe, ganz ähnlich wie bei Santa Maria dei Fiori zu Florenz. Der Eifer war ſo groß, daß ſogar die Prälaten und Herren des Kapitels einen Theil ihrer Einkünfte dem Bau zuwieſen. Neun Architekten folgten ſich in der Leitung des an hundert und ſechs Jahre dauernden Baues, und ſchön iſt es, daß der urſprüngliche Ge⸗ danke in der Hauptſache ſo unverrückt feſtgehalten wurde. Die Weſtſeite des Aeußern mit drei großen Portalen iſt in den Ein⸗ zelformen ſo rein und ſchön, wie die beſte Kirche der guten Periode am Rhein, das Innere ſchlank und majeſtätiſch und die gemalten Fenſter von außerordentlichem Verdienſt der Zeichnung, und einer Gluth der Farben, wie die ſchönſten in Cöln. Mit dem Dom waren die Sevillaner nicht ſo glücklich, als die Florentiner. Nachdem ihn Alfonſo Rodriguez und Gonzalo Rojas in einer ſchwindelnden Höhe über der Kreuzung des Lang⸗ und Quer⸗ ſchiffs vollendet hatten, fingen die Pfeiler, die ihn trugen, an zu weichen und er ſtürzte zuſammen; erſt ſpäter wurde er in der 394 Zwanzigſtes Kapitel. weit niedrigeren Form, in der er heutzutage zu ſehen iſt, vollendet. Eine Menge von Künſtlern war in ſpäteren Perioden beſchäftigt, die Kapitelſäle, die Sakriſteien und die Unzahl von Kapellen an⸗ zufügen, die aber nicht mehr das alte Gepräge tragen, ſondern in weit modernerer Weiſe ausgeführt ſind. Sehr ſchön iſt die hinter dem Chor angebaute Kapelle des heiligen Ferdinand, der ovale Kapitelſaal und die große Sakriſtei, die beſonders ein meiſterhaft angeordnetes und ornirtes Gewölbe hat. Frappirt hat uns die Naivetät, mit der in einem der Sakriſtei⸗ eingänge in den Caſſaturen der Wölbung alle leckeren Mahlzeiten der Domherrn auf einzelnen Tellern ſervirt mit Meſſer und Gabeln aus dem Stein gehauen ſind. Heller, freundlicher iſt durchaus dieſe prächtige Kirche, als die in Toledo; ſelbſt der Behandlung des Hochaltars gebe ich, nicht wegen ſeiner unerhörten Pracht, ſon⸗ dern wegen der ruhigeren Vertheilung der Maſſen den Vorzug vor jenem. Leider iſt das Mittelſchiff auch hier faſt ganz mit der hohen Mauer umfaßt, die die Chorſtühle umgibt, und noch dazu in einem ſehr verſchnörkelten Styl. Die an dem Weſtend dem Hauptbau angefügte Kirche del Sagrario, deren Kuppel auch ab⸗ getragen werden mußte, iſt, obwohl aus der üppigſten Renaiſſance⸗ zeit, nicht im Stande, die Aufmerkſamkeit von der mit den herr⸗ lichſten Gemälden angefüllten prächtigen Kirche abzulenken, die noch dadurch einzig in ihrer Art iſt, daß die Bedachungen durch⸗ aus Terraſſen ſind und dennoch der gothiſche Organismus ſo fein verſtanden überall durchgeführt wurde. Die Lonja, dicht daneben, ein ſchönes Werk Herrera's, ſehr correkt, aber ſchwer, gewinnt nur wieder durch die höchſt gelun⸗ gene Anordnung des innern Hofs und die Eleganz der Haupt⸗ treppe den Beifall des Beſuchers. Dieſe Formen, kälter, weil geradliniger, laſſen nun einmal den Schwung nicht zu, der in dem gothiſchen Bogen und der weichen Arkade der Araber liegt. Hauptſächlich intereſſant iſt dieſer Bau dadurch, weil ſich hier das ſogenannte indiſche Archiv befindet. Die Schätze, die hier aufgehäuft ſind, kann man begreiflicher Weiſe bei einem flüchtigen Sevilla. 395 Beſuche nicht ſehen; doch waren wir erfreut von der freundlichen Einrichtung der großen Säle, wo ſich in ſchönen Mahagonikäſten, die mit ausführlichen Inhaltsanzeigen verſehen ſind, namentlich zahlreiche Urkunden befinden, welche die Entdeckung und Ge⸗ ſchichte Amerika's unter ſpaniſcher Herrſchaft betreffen. Der benachbarte Alcazar, der ſchon lange der Gegenſtand unſerer Begierde iſt, zieht uns nun unwiderſtehlich an, und wir ſäumen nicht, uns durch das Labyrinth der ihn von der Stadt⸗ ſeite umgebenden moderneren Vorbauten durchzuarbeiten, um an das berühmte Portal Peter's des Grauſamen zu kommen. Ob⸗ wohl in weitem Umkreis mit feſten Mauern umgeben, iſt er kein Kaſtell in der Art der Alhambra; viel friedlicher liegt er begränzt von einem ausgedehnten Garten den flachen Ufern des Guadal⸗ quivir zugekehrt. Wenn auch nicht von den erſten Erbauern des Alcazar herrührend, hat die gegen den großen äußern Hof ge⸗ kehrte Seite dieſes Palaſtes doch den ächteſten arabiſchen Cha⸗ rakter; im untern Stock eine ganz geſchloſſene Wand bildend, nur von der viereckigen, oben mit großen Keilſteinen geſchloſſenen Mittelthüre und einigen unbedeutenden Fenſtern durchbrochen, trägt dieſe glatte Maſſe eine wunderliebliche offene, über die ganze Facade ſich ausdehnende Gallerie, deren Mittelſtück von einem ſehr weit ausladenden, kunſtvoll geſchnitzten und überreich theils bemalten, theils vergoldeten Dachvorſprung gekrönt iſt. Das Spiel der in ganz ſymmetriſcher Anordnung und in Gruppen von je drei und zwei Arkaden ſich an einander reihenden weiten und engen Bogenöffnungen, die Schlankheit der Säulchen und die herrlichen Marmore, aus denen ſie beſtehen, die Abwechslung des Gezackten und des Glatten der einzelnen Bogenformen, ver⸗ eint mit der Pracht der Farbe und der feinen Wahl des Orna⸗ ments machen dieſe Front zu einem gefährlichen Rival des Schön⸗ ſten in der Alhambra. Der innere, länglicht viereckige Hof, leider nicht mehr in ſeiner urſprünglichen Form, denn der untern wundervollen Bogenſtellung iſt ſpäter eine zweite aus der Renaiſ⸗ ſanceperiode aufgeſetzt worden, macht nichtsdeſtoweniger eine ——— —õ— 396 Zwanzigſtes Kapitel. reizende Wirkung, aber die Krone des Ganzen iſt der an der ſchmalen Seite dieſes Hofs gelegene Geſandtenſaal. Er zerfällt in drei Theile, nämlich in einen durch zwei Stockwerke gehenden gewölbten Mittelſaal und zwei mit herrlichen Bogenthüren ſich gegen ihn öffnende niedrigere Nebenſäle. Alle Wunder der Alhambra wiederholen ſich hier und wenn nicht die oben unter der Kuppel des Mittelſaals nachher zu Karl's V. Zeiten unförm⸗ lich vergrößerten, freiſchwebenden Balkone und die unpaſſend an⸗ gebrachten Königsportraits die Einheit ſtören würden, könnte der majeſtätiſche Saal ſeines Gleichen ſuchen. Der kleine Patio, der in neuerer Zeit reſtaurirt wurde und mitten zwiſchen den der Stadt zu liegenden Zimmern als Lichthof dient, iſt ein Meiſter⸗ ſtück von Folgſamkeit und gewiſſenhaftem Studium des noch vom alten Bau Vorhandenen. Wäre die Erneuerung der übrigen Räume von gleich verſtändigen und ebenſo fein gebildeten Hän⸗ den ausgeführt worden, ſo ſtünde der Alcazar von Sevilla noch heute auf der alten Höhe ſeiner Berühmtheit, aber der Eigenwillen der verſchiedenen königlichen Bewohner und der Unverſtand der ihre Wünſche erfüllenden Bauleute haben beinahe überall die alten reizenden Urformen vertilgt und anſtatt der frühern Mannigfaltigkeit nur langweilige Enfiladen von würfel⸗ förmigen Zimmern hergeſtellt, von denen blos der herrliche Saal über dem Haupteingang verſchont geblieben iſt. Dieſer, ein wahrer Juwel, iſt mit Ausnahme der verſchwundenen Färbung ein Raum, in den man verliebt werden könnte, und wie einzig iſt von ſeiner Fenſterwand die Ausſicht auf die Kathedrale und die Giralda, dieſes reiche Architekturbild, in den wunderbarſten magiſchen Rahmen gefaßt! Eine Merkwürdigkeit, welche man den Fremden, die nach Sevilla kommen, gerne anrühmt, iſt das„Haus des Pilatus“. Es hat ſeinen Namen daher, weil der Erbauer, ein Herzog von Alcala, den Palaſt des Landpflegers von Judäa darin nachgeahmt haben ſoll. Da ich vor Jahren dieſen ſogenannten Palaſt des Pilatus in Jeruſalem geſehen und beſucht, ſo war ich ſehr geſpannt darauf, Sevilla. hier eine alte Bekanntſchaft zu erneuern. Das fragliche Haus liegt an einem einſamen und ſtillen Platze, hat aber ſchon von außen gar keine Aehnlichkeit mit dem alten, ehrwürdigen Mauer⸗ werk, welches man mir in Jeruſalem gezeigt. Freilich iſt die Copie in Sevilla vor vielen hundert Jahren durch einen arabiſchen Baumeiſter gebaut, den der Herzog von Alcala aus den Kreuz⸗ zügen, ſammt dem Plane des urſprünglichen Hauſes in Jeruſalem mitgebracht und es wäre möglich, daß das Haus im heiligen Lande damals etwas anders ausgeſehen, wie jetzt. Nachdem ich aber ſein Inneres betreten, fand ich auch die Eintheilung und Dispoſition des Ganzen vollkommen vom Original abweichend. Freilich iſt auch hier die Säule vorhanden, an welcher Chriſtus gebun⸗ den und gegeißelt wurde, doch iſt dieſelbe hier in einer im Hof befindlichen Kapelle, anſtatt daß ſie, wie in Jeruſalem, in einer Vorhalle ſteht, durch deren weite offene Fenſter das herbeigeſtrömte Volk ſein Schlachtopfer ſehen konnte, welches ihm Pilatus wies. Der Hof, ein länglichtes Viereck hat ſchon in den Einzel⸗ formen das arabiſche Gepräge etwas abgeſtreift, wozu noch die Auf⸗ ſtellung vieler, zum Theil über lebensgroßer antiker Statuen kommt; intereſſant war uns das Haus des Pilatus deßhalb, weil man daran die Gränze des Reichthums ſehen kann, der mit Azulejos erreicht werden kann. Das große Treppenhaus insbeſondere, deſſen Wände ganz damit getäfelt ſind, und wo eine unüberſehbare Zahl verſchiedener Eintheilungen und Deſſins ſowohl in Linien als Farben mit einander abwechſeln, iſt von kaum zu beſchreibender Pracht, aber nirgends Ruhe, nirgends ein Punkt, auf dem das Auge verweilen kann, ſo daß man dieſe Fayencebekleidungen, die die Araber weislich nur zur Täfelung des unteren Theils der Wände wählten, hier gründlich ſatt bekommt. Die große an den Hof ſtoßende Halle iſt noch das am meiſten harmoniſche; vortreff⸗ lich erhalten, mit edler, ſchöner Decke bleibt ſte ein Raum, in den man mit immer neuem Vergnügen zurückkehrt. Was die Bilderſchätze Sevilla's anbelangt, ſo ginge auch die flüchtigſte Beſprechung der Meiſterwerke des einzigen Murillo 397 398 Zwanzigſtes Kapitel. über den Raum dieſer Blätter. Neben ſeinen bekannten Bildern in der Kathedrale enthalten einige Säle des hieſigen Muſeums zwanzig große prachtvolle Gemälde von ihm, das ſchönſte aber, was er erſchaffen hat, iſt in der kleinen Kirche der Caridad, die berühmte Brodvertheilung und Moſes, der das Waſſer aus dem Felſen ſchlägt. Madrid hat nichts Aehnliches von ihm aufzu⸗ weiſen. Das Wohnhaus des großen Malers, jetzt einem Herrn Lopez de Ceparo gehörig, iſt den Fremden gaſtlich geöffnet und enthält außer einem ſelbſtgemalten Portrait Murillo's Fresken von ſeiner Hand, welche auf die vier Seiten eines im Garten be⸗ findlichen Felſens gemalt ſind. Wenn man nach Spanien kommt, einem Lande, welches die Havanna beſitzt, ſo hofft man, nun einmal recht gute und wohl⸗ feile Cigarren rauchen zu können, findet ſich aber ſehr getäuſcht, denn nirgendwo in der ganzen Welt bekommt man ſchlechteren Tabak und Cigarren, als gerade in Spanien. Die größte Schuld hieran trägt wohl das Monopol⸗ und Prohibitiv⸗Syſtem, welches viel einnehmen will, ohne etwas dafür auszugeben. Es hätte ja Niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn ſich die Regierung aus dieſem Tabaksmonopol tüchtige Einkünfte verſchaffte, dem Käufer dagegen, wenn auch für theures Geld, eine gute Waare zukommen ließe. Wer aber in Spanien eine ächte Havannah oder eine gute Puros rauchen will, iſt gezwungen, ſich an die Contrebandiſten zu wenden, die wenn ſie auch den Verkauf ihrer eingeſchmuggelten Waaren nicht ſelbſt und öffentlich betreiben, doch entweder ihre wohlbekannten Niederlagen haben, oder ihre zahlreichen Agenten unter den Gaſthofs⸗ und Kaffeehaus⸗Kellnern, kleineren Wirthen, Bootführern oder Individuen, die uns auf dem Spaziergang mit den Worten anhalten:„Caballero, ich kann Ihnen die beſten eingeſchmuggelten Cigarren verſchaffen.“ Aus dieſem Grunde iſt nun wohl das Rauchen der Papier⸗ cigarren ſo allgemein geworden; die Koſten dabei ſind ſehr un⸗ bedeutend, denn das bischen feingeſchnittenen Tabak, welchen man ins Papier wickelt, kommt eigentlich nicht in Betracht und dabei Sevilla. 399 ſcheint die Anfertigung ſelbſt dem müßigen Spanier eine ſehr an⸗ genehme Beſchäftigung zu ſein. Doch iſt es nicht ſo ganz leicht, eine gute Papiercigarre zu drehen, und namentlich der Fremde, ehe er Fertigkeit erlangt hat, ſieht ſich genöthigt, zu den Tabak⸗ läden ſeine Zuflucht zu nehmen, welche denn auch in dieſem Arti⸗ kel etwas Gutes, Rauchbares liefern. Hier in Sevilla befindet ſich die größte Cigarrenfabrik Spaniens, und iſt dieſelbe wohl im Stande, das ganze Land, beſonders mit Papiercigarren zu verſorgen. In einiger Entfernung vom Hafen des Guadalquivir erhebt ſich ein ungeheures viereckiges Gebäude, das von außen eher einem königlichen Palaſt, als einem induſtriellen Etabliſſement ähnlich ſteht, nur der ſcharfe Geruch, der, je nachdem der Wind weht, den Vorübergehenden frappirt, gemahnt an ſeinen Zweck. Weite Thorbogen führen uns in einen großen Hof, der mit Fontainen und Säulen geſchmückt iſt und wo wir vom Thürſteher in ein Comptoir gewieſen werden, um die Erlaubniß zum Eintritt zu erhalten. Dieſe erlangten wir ohne alle Schwierigkeiten und erhielten zugleich einen untern Beamten, der uns im unermeßlichen Gebäude umherführte. In den untern Räumen befinden ſich die rohen Tabakvorräthe, unter denen aber viel verdorbene Waare ſein ſoll, welche Spanien als ſchlechter Schuldner von ſeinen Colonien erhält, deren beſte Waare bekanntlich ins Ausland geht. Neben dieſem Magazin ſind die Räume zum Herrichten und An⸗ feuchten der Blätter, zu dem Gährungsproceſſe, welcher der An⸗ fertigung des Schnupftabaks vorausgehen muß; ſowie der Maſchinen zum Schneiden und Stampfen deſſelben. Der Schnupftabak iſt das beſte, was hier fabricirt wird, und führt man ihn nach Por⸗ tugal und Frankreich aus. In einem kleineren Theil des erſten Stockes befinden ſich die männlichen Arbeiter, welche hauptſächlich ſogenannte Puros anfertigen, wogegen drei lange Flügel dieſes rieſenhaften Gebäudes, einen einzigen Raum bildend, die weiblichen Arbeiterinnen enthal⸗ ten, und dem Beſuchenden einen ganz eigenthümlichen Anblick gewähren. Schon vor der Thür hört man es da innen ſummen, —— —— 400 Bwanzigſtes Kapitel. wie in einem Bienenſchlage, und wenn man die Schwelle betritt, bleibt man einen Augenblick überraſcht ſtehen. Wir haben vor uns eine dreiſchiffige, hochgewölbte Halle, dicht beſetzt mit kleinen Tiſchen zu acht bis zehn Perſonen, um welchen die arbeitenden Mädchen ſitzen. Es ſind hier deren nicht weniger als dreitauſend bei einander, und da der Eintritt eines Fremden immer ein Er⸗ eigniß iſt, welches flüſternd der Nachbarin verkündigt wird, und ſchuldig iſt, daß hier ein Seſſel gerückt, dort ein Meſſer nieder⸗ gelegt wird, ſo kann man ſich einen Begriff machen, von welchem Lärmen wir empfangen werden. Obgleich ich nicht behaupten kann, daß ich unter dieſen Cigarren⸗Arbeiterinnen ſehr viel voll⸗ kommen Schönes gefunden hätte, ſo waren doch ganz artige Ge⸗ ſichter und Geſtalten da, und wenn man auch in Spanien ſchon an Manches gewöhnt iſt, ſo macht es doch einen ſeltſamen Eindruck, ſo ein paar tauſend ſchwarze, andaluſiſche Augen auf ſich gerichtet zu ſehen. Reiche, dunkle Haare und kleine Schnurrbärtchen waren ſtark vertreten. Da es ziemlich warm in dem Saale war, ſo ließ die Toilette dieſer Damen in verſchiedenen Beziehungen manches zu wünſchen übrig, und wenn hier eine lachend auf ihre nackten Schultern blickte, ſo machte es eine andere nicht beſſer, wenn ſie äußerſt coquet ein kleines Tuch über das ſehr tief ausgeſchnittene Leibchen warf. Die ſämmtlichen Arbeiterinnen ſchienen mir, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, in Korporalſchaften eingetheilt zu ſein, unter dem Befehl alter, ſtämmiger Spanierinnen, von denen jede einen tüchtigen Dragoner abgegeben hätte. Vielleicht vier bis ſechs Tiſche hatten immer eine ſolche Aufſeherin, die uns freundlich bis an die Gränzen ihres Reichs begleiteten und dann mit einem gnädigen Knir entließen. Auch eine Oberaufſeherin über ſämmtliche Säle war da, und wenn ich mich unterſtanden, die Chefs der einzelnen Korporalſchaften als eines Dragoner⸗ Regiments würdig zu bezeichnen, ſo muß ich auch gerechtermaßen verſichern, daß die alte und würdige Dame, welche den Oberbefehl führte, jedem Cuiraſſierregimente zur Zierde gereichen mußte, nicht nur wegen des außerordentlich kräftigen Körperbaues, ſondern Sevilla. 401 auch in Anbetracht ihres ſehr anſehnlichen Schnurrbartes. Es muß aber auch keine Kleinigkeit ſein, dieſes luſtige Völkchen zu lenken; denn obgleich die meiſten ruhig bei der Arbeit ſaßen und ſich nur hie und da eine erhoben hatte, um einen Beſuch in der Nachbarſchaft zu machen, ſo waren es doch gewiß ein paar hundert, die auf ſolche Art in ſämmtlichen Sälen umher flanirten, die ſchwarze Mantille leicht übergeworfen, den Kopf kokett erhoben und den meiſt aus einem zuſammengefalteten Bogen Papier be⸗ ſtehenden Fächer meiſterhaft gebrauchend. Manche von ihnen folg⸗ ten uns unter Lachen und Poſſen aller Art, aber nur bis an das Ende ihres Territoriums, wo ſie, von der andern ernſten Auf⸗ ſeherin zur Ruhe ermahnt und zurückgewieſen, mit lautem Gelächter auseinander ſtoben. Der General en chef dieſer zahlreichen Mäd⸗ chenbrigade gab uns das Geleite bis zur Treppe, worauf wir ſehr befriedigt das Gebäude verließen. Wir waren zur Zeit des Carnevals in Sevilla, und ich war begierig zu erfahren, wie im Gegenſatz zu Deutſchland und Italien hier dieſe feſtlichen Tage begangen würden, muß aber ge⸗ ſtehen, daß mit Ausnahme der an dieſen Tagen ſehr vollen Theater nichts in den Straßen Sevilla's an den Faſching erinnerte. Ma⸗ leriſchen Coſtümen begegnete man freilich wie immer und es würde das gewöhnliche Leben der Stadt mit ſeinem luſtigen Getreibe, mit den ſchwarzen Mantillen, goldglänzenden Fächern und herr⸗ lichen Trachten, die uns allenthalben begegnen, plötzlich zu uns nach Deutſchland verſetzt, freilich ſchon für einen ganz prächti⸗ gen Carneval gelten können; aber etwas Außergewöhnliches geſchah hier durchaus nicht. Ob es überhaupt bei den Spa⸗ niern nicht Sitte iſt, ſich zu maskiren und Larven zu tragen, weiß ich nicht, wenigſtens ſah ich nicht dergleichen; nicht einmal an irgend einem Laden blühende und in beſtändigem Erſtaunen be⸗ griffene Maskengeſichter, oder auch nur falſche Naſen mit großen Schnurrbärten; ja nicht einmal die Jugend ſchien zu wiſſen, was Carneval iſt, denn in den Straßen von Sevilla ſieht man zu dieſer Zeit ſelbſt nicht einmal die Spur von ausgelaſſenen Buben, Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 26 40² Zwanzigſtes Kapitel. wie ſie bei uns ihr Weſen treiben, in weißen Hemden, mit ge⸗ ſchwärzten Geſichtern oder vergoldeten Naſen. Im Haupttheater in der Straße de la Muela war es allerdings während der Carne⸗ valsabende außerordentlich voll, und das Volk erfreute ſich an den ausgelaſſenen Poſſen, die hier gegeben wurden, für uns aber wenig Intereſſe boten. Beſonders beliebt bei den Sevillanern ſchienen Schilderungen aus dem Negerleben zu ſein, eine Art Vaudevilles mit Ballet, wo eigenthümlich unharmoniſche, oder wie es hieß, Originallieder der Schwarzen vorgetragen wurden, und mit Tänzen abwechſelten, die man allenfalls nur von Spanierin⸗ nen ſehen konnte, denn wenn ſte ſich auch die allergrößte Mühe gaben, ſchwerfällig und ſteif umherzuhüpfen, wie wahnſinnig gewordene Fröſche, ſo ſchimmerte doch immer noch etwas durch von den ihnen angebornen eleganten Körperformen und Bewe⸗ gungen. Im Theater de la Campana, wo mitunter recht gute Luſtſpiele gegeben werden, ging es auch nicht ohne ſehr ſtarke Poſſen ab; nur war hier das Ballet vortrefflich und gab zum Schluß ſo große und ſchöne Portionen, daß man ſich ſchon für die Anfangs ausgeſtandene Langeweile entſchädigen konnte. Ein deutſcher Landsmann, deſſen Bekanntſchaft wir in einem der hieſigen Theater machten, veranlaßte uns eines Abends nach beendigter Vorſtellung, mit ihm eine kleine Tanzunterhaltung zu beſuchen, deren verſchiedene um dieſe Zeit hier veranſtaltet werden, und die auch im Innern der Häuſer das Einzige ſind, was an den Carneval erinnert. Wir beſuchten nach einander ein Paar dieſer Lokale, ohne aber hier gerade viel Intereſſantes zu ſehen. Man könnte dieſe Bälle mit den Pariſern in der Salle Valentino ver⸗ gleichen. Wie dort, ſind es auch hier große Räumlichkeiten, nur nicht ſo elegant, wie die Pariſer Etabliſſements, ſpärlicher be⸗ leuchtet, und vor Allem fehlt hier in Sevilla die prächtige Muſtk Muſard's. Der Spanier iſt ſchon zufrieden mit einem kleinen Orcheſter aus ein Paar Violinen, einer Clarinette und einem Contrebaſſe beſtehend, und dies fehlte ſogar in einem dieſer Lokale, wo denn jeder Saal ſeine beſondere und ſehr beſcheidene Muſik Sevilla. 403 hatte, zwei Guitarren nämlich, die von den Tänzern abwechſelnd geſpielt wurden, wozu aber ein Dutzend toller Andaluſterinnen im Majakoſtüm einen tüchtigen Lärm mit ihren Caſtagnetten mach⸗ ten. Am Eingang dieſer Säle wird eine Kleinigkeit bezahlt, und wie in Paris an den gleichen Orten finden ſich auch hier junge Leute aller Stände, namentlich aber Studenten mit ihren Mäd⸗ chen ein, um die Nacht zu durchtanzen. Um aber eine ſolche allgemeine Carnevals⸗Tertulla in ihrer Blüthe zu ſehen, ließen wir uns nach der Vorſtadt Triana führen, welche gegenüber der alten Torre del oro liegt, und deren Be⸗ wohner hier ungefähr in demſelben Rufe ſtehen, wie die von Trastevere bei Rom. Obgleich ſich dort bei dieſen Tanzvergnü⸗ gungen eine ſehr ausgewählte Geſellſchaft vereinigt, Maulthier⸗ treiber, Contrebandiſten, und Leute, die oft ein noch viel ſchlim⸗ meres Handwerk treiben, ſo iſt man ja in Spanien und der Fremde, den die Neugier treibt, einer ſolchen Verſammlung bei⸗ zuwohnen, wird anſtändig und freundlich behandelt, natürlicher⸗ weiſe, ſo lange er es unterläßt, ſich unerlaubte Freiheiten heraus⸗ zunehmen. Das Haus, zu welchem wir uns begaben, lag zwiſchen Gärten, etwas entfernt von den andern Gebäuden, und erwies ſich beim Näherkommen als eine Poſada, wie ich ſie ſchon häufig beſchrieben, mit einer großen Halle, welche zu gleicher Zeit Wohn⸗ zimmer und Küche war. Schon von Weitem hatten wir durch die vergitterten Fenſter Lichtſchimmer bemerkt, zuweilen wurde das Thor geöffnet, und dann drang die Helle auf Augenblicke in den Garten hinaus. Dieſer war aber umzäunt und verſchloſſen, und wurde erſt auf mehrmaliges Anklopfen geöffnet, und nachdem unſer Begleiter ein paar Worte zu dem Manne geſagt, der durch den Garten gegen uns her kam. Als wir näher gingen hörten wir auf einmal Guitarrenklänge und das taktmäßige Knattern der Caſtaüuelos, und als ſich endlich die Hausthüre vor uns öffnete und wir eingetreten waren, ſahen wir eine zahlreiche und luſtige Geſellſchaft bei einander. Hier befanden ſich vielleicht zwanzig Männer, meiſtens junge Zwanzigſtes Kapitel. Leute, und ein Dutzend ſchöner Mädchen, die theils in dem Tanzen begriffen waren, theils auf den Bänken an dem lodernden Herd⸗ feuer ſaßen, wo die Weinflaſchen fleißig herumgingen, und wo geſotten und gebraten wurde. Nachdem uns der Hauseigenthümer freundlich begrüßt und uns einen guten Platz am Kamine neben ein paar luſtigen Majas verſchafft, welche jedem von uns augen⸗ blicklich eine Cigarre drehten, hatten wir Muße, uns in dem Ge⸗ mache umzuſchauen. Ein bischen ärmlich und zerfallen ſah dieſes aus; in den Winkeln rechts vom Zimmer fanden ſich ein paar alte Matten am Boden, und dieſe, ſowie ein paar kleine Rohr⸗ ſchemel machten die ganze Ausſchmückung der ſchwarzen rauchigen Halle aus. Doch hing noch an einem Pfeiler ein roſtiger Trabuco, ſowie eine alte Guitarre, von welcher die zerriſſenen Seiten herab⸗ hingen. Offenbar war dieſer Ort von keiner Familie bewohnt, und diente nun dem luſtigen Volke, das ſich hier verſammelt, zum Ballſaal. Aber der Kontraſt zwiſchen den meiſten dieſer Gäſte und der Halle ſelbſt hätte unmöglich größer ſein können. Ja, wenn man ein paar alte Männer, die in der Capa und ſpitzem Hut dicht am Feuer ſaßen, ſowie ein paar Zigeunerinnen in hellen, faſt modiſchen Kleidern, mit weißen Buſentüchern, ausgenommen hätte, ſo würde die ganze übrige Geſellſchaft nach ihren eleganten Bewe⸗ gungen, nach ihrer Schönheit und der Pracht ihrer Kleidung auf jedem hellbeleuchteten Hofball das größte Aufſehen erregt haben. Die Tanzenden waren lauter Majos und Majas, die Männer hübſche wohlgewachſene Burſche in den bekannten andaluſiſchen Koſtümen, die aber bei dieſen Abendgeſellſchaften aus den feinſten Stoffen beſtanden, Sammt, Atlas und Tuch, mit Stickereien und ſilbernen Knöpfen überladen. Dabei waren die Anzüge ſo vortrefflich und paſſend gemacht, deutlich alle Körperfor⸗ men zeigend, und wurden ſo leicht und elegant getragen, daß man wohl ſah, es ſei die gewöhnliche Kleidung der meiſten dieſer jungen Leute. Wahrhaft reizend aber waren die Mädchen. Ihre Füße mit ſeidenen Strümpfen ſtacken in wahren Kinderſchuhen, und über denſelben waren die Knöchel ſo fein und zierlich, daß —5——— —.,—— Sevilla. 405 man nur erſtaunt war, das Bein weiter oben ſo anſehnlich gerun⸗ det und doch ſo ganz im Verhältniß zu ſehen. Die ziemlich kurzen Röckchen beſtanden aus rothem oder gelbem Seidenzeug und wur⸗ den oben gefaßt von einer Atlastaille in weiß, hellblau oder Perlfarbe, die ſich ſo dicht und genau an den ſchlanken und doch vollen Oberkörper anlegte, daß man die Formen deſſelben bis in ihre kleinſten Nuancen ſehen konnte. Ueber dieſe Taille kam nun ein zierliches Jäckchen von einer genau paſſenden etwas dunkleren Farbe, von matter Seide oder Sammt, aber reich mit Schnüren beſetzt, und einer Unzahl kleiner ſilberner Knöpfchen. Die meiſten der Tänzerinnen hatten die Mantille abgelegt, das volle ſchwarze Haar über die feinen Ohren zurückgeſtrichen, ſo daß von hinten der lange ſchlanke Hals bis zu den Schultern ſichtbar war. Oft genug habe ich die graziöſen Geſtalten der Andaluſterinnen erwähnt, ſo wie ihre wunderbaren Augen, Lippen, Zähne, ja den ganzen pracht⸗ vollen Ausdruck ihres Kopfes, um hier noch ein Wort darüber zu verlieren, und will nur noch hinzufügen, daß unter allen vielleicht keine einzige war, die nicht die gerechteſten Anſprüche auf eine vollkommene Schönheit hätte machen können, wie ja die Tänze⸗ rinnen aus dem ſüdlichen Spanien bekanntlich ſchon auf den Thea⸗ tern der heidniſchen Weltſtadt Rom die berühmteſten waren. Ja, dabei erſchien das ganze Bild hier in der hohen finſtern Halle ſo eigenthümlich beleuchtet von den zitternden Streiflichtern des Herd⸗ feuers und der rothen Gluth einer Fackel, die neben dem Eingange brannte, daß es eine unbeſchreiblich maleriſche Wirkung hervor⸗ brachte. Der Glanz des Atlaſſes, der matte Schimmer der Sammt⸗ ſtoffe, dazu die vielen Stickereien und ſilbernen Knöpfchen, alles nahm auf ſo verſchiedene Art die Lichtſtrahlen auf, und reflektirte ſie wieder eben ſo eigenthümlich. In einem hellerleuchteten Saale hätten die Tanzenden nicht dieſe Wirkung hervorgebracht, wie hier. Bei unſerer Ankunft war ein Bolero zu Ende und die wilden Mädchen ließen ſich ſchwer athmend und mit glänzenden feuchten Blicken auf die Bänke und Rohrſtühlchen nieder, ſo daß die ſeide⸗ nen Röcke rauſchten und die atlaſſenen Mieder bedenklich krachten. 306 Zwanzigſtes Kapitel. Hie und da nahm eine ein paar getrocknete Früchte, auch eine d Feige oder Orange, die auf einem Nebentiſchchen ſtanden, oder ließ ſie ein paar Tropfen Wein aufwärts blickend zwiſchen die 1 Lippen träufeln, aber nicht lange konnten ſie's ruhig auf ihren. Sitzen aushalten; beſonders die Burſche, die, wenn auch der wilde Tanz beendigt war, doch noch mit ihren extravaganten Pas fort⸗ machten, bald zu Zweien, hart an den franzöſiſchen Cancan ſtrei⸗ fend, bald allein, wie mit dem eigenen Schatten tanzend, den das lodernde Herdfeuer beweglich an die graue Wand warf. Dann fingen die Guitarren wieder leiſe an zu klingen, und nach einigen Accorden fiel einer der Majos ein: Ay! sal, bella joven, sal, angel de amores— y al par que las flores del lindo pensil. Ein anderer ſprang vor die Mädchen hin, klatſchte in die Hände, ein Dritter rief: Viva la gente Morena! und dann war im Augenblicke die Tanzparthie wieder arangirt. Hoch aufgerichtet, den Oberkörper halb durchgebogen, ſtanden die Andaluſterinnen da, die eine Hand in die Seite geſtemmt, mit den Fingern der andern leicht an die eine der Caſtagnetten ſchlagend, und die Bewegung der Tänzer begleitend, die nun herausfordernd vorgeſchritten kamen; wenn dieſe wieder zurückwichen, folgten ihnen die Mädchen, un⸗ nachahmlich den Körper, namentlich die Hüften bewegend, die Augen auf den Boden geheftet und die Caſtañuelos mit den vorge⸗ ſtreckten Händen leicht anſchlagend. Um die ſichere Beute nun raſch zu umſchlingen, öffnet der Tänzer weit ſeine Arme, aber in dem ſanft und zierlich vorgegangenen Mädchen erwacht nun auf einmal der Stolz der Spanierin. Auf ihren höhniſch aufgewor⸗ fenen Lippen glaubt man ein Caramba zu leſen, als ſte nun plötz⸗ lich auf⸗ und zurückfährt, wobei die Caſtagnetten wild und zornig knacken. Dabei hat ſie den Kopf ſtolz erhoben, wie eine Schlange biegt ſie den Oberkörper, ſenkt gleich darauf die Stirne herausfordernd nieder, und während ſie mit vorgehaltenen Hän⸗ Sevilla. 407 den zurückflieht, wallen ihre leichten Röcke unbeſchreiblich maleriſch um die Hüften. Etwas Aehnliches wiederholt ſich nun in den meiſten ſpaniſchen Enſembletänzen; mit einem alles verachtenden Stolze beginnt die Andaluſterin, um nachgiebig zu werden, wenn das Blut anfängt zu wallen und das Herz zu klopfen; und dieſe Folge iſt ſo natürlich und wahr im Tanze, wie im Leben. So reizend dieſe Gruppirungen auch waren, ſo wunderbar die ſchlangenartigen Bewegungen der prächtigen Mädchen, ſo wahrhaft betäubend das Spiel ihrer Augen, das Rauſchen der Seide und das Krachen des Atlaſſes, und alles das übergoſſen und beſtrahlt von den lodernden Flammen des Herdfeuers, das über die glänzende ſchimmernde Gruppe ein ſo unausſprechlich warmes Licht warf, ſo köſtlich auch bei dieſen Enſembletänzen die Ausru⸗ fungen der Freude klangen, die der glühende Hauch des Mundes zwiſchen den friſchen Lippen hervorſtieß, ſo war doch die Krone des Abends ein Fandango von zwei der ſchönſten und üppigſten Mädchen allein ausgeführt. Es waren das zwei prachtvolle Ge⸗ ſtalten, die eine im weißen, die andere im perlfarbenen Atlas⸗ mieder. Lange, lange umſſchritten ſie ſich, kalt und förmlich und kaum merklich ſchien ſich ihr Blut zu erwärmen, ſchien die Gluth in ihnen aufzuflammen und ſie ſich zu nähern. Dabei berührten ſie ſich anfänglich nur ſanft mit den Fingerſpitzen, dann legte eine ihre Hand leicht um die ſchlanke Taille der andern, aber als das Eis endlich gebrochen war, brach auch die Fluth der Leidenſchaft um ſo gewaltiger hervor. Maleriſch gruppirt umſtanden die Uebrigen dieß ſchöne Paar, ein dichter Kreis, der ſich nach hinten erhöhte, und nicht nur die Majos, ſondern auch die älteren Männer waren auf Stühle und Bänke geſtiegen, um beſſer in den Kreis zu ſehen; und dazu brachen bei jeder ſchöͤnen Bewegung neue und immer heftigere Ausrufe der Bewunderung hervor.— Ay, ſalero! ole, ole!— ole ſalero!— Herz, du übertriffſt dich ſelbſt!— Bravo, bravo, Kinder! Bravo, Kinder, bravo! So was ſieht die Welt nicht wieder!— Ole, ſalero! 408 Zwanzigſtes Kapitel. Und dabei waren es die andern Mädchen, welche ohne Neid und Mißgunſt den größten Spektakel machten. Aber die Beiden im Kreiſe verdienten es auch, daß man ſich für ſie enthuſiasmirte. Man hätte wohl im Bunde der dritte ſein mögen. Sekundenlang hielten ſie ſich umſchlungen und drückten die hochklopfenden Her⸗ zen aneinander, und wenn ſie ſich auf Augenblicke trennten, ſo ſtürzten ſie ſich gleich darauf wieder mit neuer Inbrunſt in die Arme. Das Ganze ſteigerte ſich zu einer wahrhaft beunruhigen⸗ den Höhe, und wir Zuſchauer waren ordentlich froh, als der Tanz endlich aufhörte mit einem langen innigen Kuſſe, wobei die elaſti⸗ ſchen weichen Körper der beiden Mädchen wie ſchmerzlich zuckten und ſich ſchlangenartig um einander wanden.— Ole, ſalero!. Wie ſo Vieles in Spanien erinnerten mich dieſe Abend⸗ unterhaltungen an Aehnliches, was ich im Oriente geſehen. Haben doch ſelbſt manche Tänze der arabiſchen Tänzerinnen außerordent⸗ liche Aehnlichkeit mit dem Fandango und manchem andern ſpani⸗ ſchen Bolero; ja, iſt doch die Madrilena mit ihrem Aufheben und Schütteln der Tanzröcke nichts Anderes, als eine gemilderte Copie des Bienentanzes, den ich in einer ſchönen Nacht an den Ufern des Nils geſehen. Auch die Caſtagnetten ſind gewiß mauriſchen Urſprungs, denn noch heute haben die arabiſchen Tänzerinnen an dem Zeigefinger jeder Hand eine kleine ſilberne Glocke befeſtigt, die ſte taktmäßig anſchlagen, und ſah ich doch einſt in Adrianopel griechiſche Knaben tanzen, welche ihre wirklichen Caſtagnetten ſo geſchickt zu handhaben wußten, wie die Spanier. Einen einiger⸗ maßen berüchtigten Tanz hier, den Menéo, welcher in einem lang⸗ ſamen Vorſchreiten der Tänzerin beſteht, wobei ſie wirbelnd die Caſtanuelos anſchlägt, ſah ich faſt mit den gleichen Bewegungen ebenfalls in Adrianopel bei einer Soirée des dortigen Paſcha. Dieſe Bewegungen ſind eigentlich unbeſchreiblich, und bei ihnen ſpielen die Füße gar keine Rolle. Während ſich der Oberkörper hin und her windet, ſind die Hüften in einer beſtändig zitternden Bewegung, wobei die Tänzerin vor⸗ und rückwärts geht und nur zuweilen mit hoch erhobenen Beinen eine haſtige Pirouette macht. —8—,—)——+————— —— Sevilla. 409 Wenn wir auch beim Beſuch dieſer Tertulla kein Eintritts⸗ geld zu bezahlen hatten, ja, man uns ſogar freundlich Papier⸗ cigarren, getrocknete Früchte und Wein anbot, ohne irgend etwas dafür zu verlangen, ſo wußten doch die ſchlauen Andaluſterinnen auf eine eigenthümliche Art ein kleines Geſchenk zu erhalten, und dieſe Art war wieder ſo ächt orientaliſch. Während des Tanzens nämlich zog eine oder die andere aus ihrem Gürtel das Taſchen⸗ tuch hervor und warf es uns zu. Wie unſer Bekannter uns be⸗ lehrte, mußten wir ihnen eine Geldmünze hineinknüpfen, die ſie ſich alsdann ſpäter dankend abholten, wobei ich aber nicht unter⸗ laſſen will, feierlich zu verſichern, daß dieſes Taſchentuchzuwerfen durchaus mit keinen andern Abſichten verbunden war. Es war ſchon ſpät in der Nacht, als wir endlich die verfal⸗ lene Poſada mit ihrem phantaſtiſch wilden Treiben verließen; aufgeregt und erhitzt von dem Herdfeuer, dem Dunſte und Allem, was wir geſehen, that uns draußen die klare, kühle Mondnacht außerordentlich wohl. Noch eine Strecke weit begleitete uns das Knattern der Caſtagnetten, immer leiſer und leiſer werdend, bis es ſich endlich verlor in dem Rauſchen des Guadalquivir. Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach Gibraltar. Fahrt auf dem Guadalquivir. Anblick von Cadiz. Das Innere der Stadt. Puerto de Santa Maria. Das Schlachtfeld von Terez de la Frontera. Ende des Königs Roderich. Xerez und ſeine Weinlager. Verpflanzung von Palm⸗ bäumen. Eine Morgenſtunde in Santa Maria. Cette petite bateau. Der Schraubendampfer Don Manuel. Das Schlachtfeld von Trafalgar. Sturm und Regen. Tarifa. Durch die Säulen des Herkules. Anblick von Gibraltar. Eng⸗ liſche Phyſiognomie der Stadt. Die Alameda. Der Garten des Schuſters. Ritt durch die Felsgallerien und Batterien. Liebhabertheater. Wenn ich Tage lang und ganze Nächte auf ſpaniſchen Land⸗ ſtraßen auf die erbärmlichſte Art zuſammengeſtoßen wurde, mich freuend auf die elendeſte Station, wo man doch eine halbe Stunde lang, während umgeſpannt wird, als freier Menſch auf ſeinen eigenen Füßen herumlaufen darf, dabei wehmüthig den Lichtſchim⸗ mer irgend eines Hauſes betrachtete und die wahrſcheinlich ruhig und behaglich Schlafenden dort oben beneidete, ſo dachte ich mit wahrer Luſt an das Ende dieſer Mühen und Leiden im ſpaniſchen Eilwagen, an Sevilla nämlich, wo nicht nur„die letzten Häuſer ſtehen,“ ſondern bis wohin auch für uns die letzten Eilwagen gehen, da von hier aus der Guadalquivir ſo freundlich iſt, die Rei⸗ ſenden, die nach Cadiz wollen, auf ſeinem breiten Rücken zu beför⸗ dern. Obgleich ich in Spanien bei ſo vielem, das ich verließ, traurig dachte: das iſt auf Nimmerwiederſehen, ſo hatte mich doch, endlich in Sevilla angekommen, ein ganz anderes Gefühl beherrſcht, und als ich die Thüre des für mich letzten ſpaniſchen Eilwagens zu⸗ Nach Gibraltar. 411 warf, dachte ich: Gott ſei Dank, denen ſind wir entronnen! Jetzt freilich, nachdem ſchon eine Zeit zwiſchen jenem Tage und heute liegt, kann ich ſelbſt die Zeichnung eines ſpaniſchen Eilwagens, 8 wie er, im tollen Galopp von acht Maulthieren gezogen, eine Anhöhe hinabrast, mit einer Art wehmüthiger Freude betrachten. So iſt nun einmal der Menſch, während die Erinnerung an Mühen und Leiden verblaßt, tritt das Andenken an heitere und glückliche Stunden immer leuchtender hervor. Um ſechs Uhr fuhr das Dampfboot ab, das uns nach Cadiz bringen ſollte. Das Boot war eben ſo groß und auch faſt ſo ele⸗ gant wie die Rheindampfer. Ja, wenn man den Guadalquioir abwärts ſchaute, ſo konnte man ſich lebhaft an die Heimat erinnert fühlen. War es doch gerade, als blicke man unterhalb Weſel gegen Holland hinab; wie auch dort der deutſche Strom ſeine klare grüne Farbe verloren hat, mit der er oben zwiſchen den Felſen des Rheingaues ſo freundlich prangt, ſo war auch ſein ſpaniſcher Kollege nicht mehr derſelbe klare Guadalquivir, über den wir bei Cordova in elender Fähre geſetzt, und wo wir nicht verſäumt, unſere Hand durch die kühle, klare Flut rauſchen zu laſſen. Die Abfahrt des Dampfbootes ging mit denſelben Geſchichten vor ſich, wie wir das bei uns tauſendmal geſehen haben, und das — hatte wieder ſoviel an die Heimat Erinnerndes: das mit Koffern und Hutſchachteln, Herren und Damen, Soldaten und Guardias b civiles beſetzte Verdeck, der ſtämmige Kapitän in blauer Jacke mit . dem gewichsten Hute auf dem Hinterkopf, der Schiffsjunge, der vorne die Glocke anſchlug, ſich vorher aber ſchnäuzte, wie ich dies in Köln am Rhein ſo oft geſehen. Nachdem mehrere rührende Abſchiede genommen waren, wobei einige Damen ſehr laut 4 ſchallende Küſſe austheilten, wurde der Dampfer vom Ufer gelöst, die Maſchine fing an zu arbeiten, und nachdem wir in die Mitte des Stroms gelenkt, ſchwammen wir rüſtig abwärts. Lebewohl Sevilla! Die ſpaniſchen Eilwagen blieben freilich hinter uns, aber damit ſchien auch das ganze, liebe, herrliche Land hier in Sevilla 412 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſein Ende erreicht zu haben. Schlammgelb und trübe fließt der Guadalquivir dem Meere entgegen. Die Hügel, welche Sevilla umgeben, laſſen wir bald hinter uns, zu gleicher Zeit verſchwinden die hellen, freundlichen Dörfer, und als wir an einer Biegung bei den Orangenwäldern vorbeigefahren ſind, die uns noch vor einigen Tagen mit ſaftiger Frucht und ſüßem Duft gelabt, wird die Gegend vor uns immer flacher und langweiliger. Rechts und links ſieht man faſt nichts, wie Sand, Stoppelfelder und Haiden, nur zuweilen angenehm unterbrochen von grünen Wieſen mit zahlreichen Pferde⸗ und Rinderheerden. Eigenthümlich war es, daß wir auf dem Schiffe nur Spanier trafen, weder einen Franzoſen noch einen Deutſchen, ſelbſt nicht einmal einen Engländer; unſere Reiſegeſellſchaft dagegen hatte ſich um ein viertes Glied vermehrt, den Baron W., einen liebenswürdigen angenehmen Liefländer, der vollkommen deutſch ſprach, die halbe Welt kannte und viel zur Unterhaltung beitrug. Die ſpaniſchen Dampfer haben die be⸗ queme Einrichtung, daß man zu jeder Stunde nach der Karte ſpeiſen kann, und braucht man ſich nicht wie auf dem Rheine zur Nittagszeit, oft wenn wir bei den ſchönſten Gegenden vorüber⸗ fahren, zur Abfütterung in die Cajüte zuſammentreiben zu laſſen. Gegen zwei Uhr Nachmittags erhoben ſich am fernen Horizont wie⸗ der einige Hügel, ſo wie am rechten Ufer Buſchwerk, namentlich Fichtenwaldungen; gleich darauf ſahen wir auch Bonanza und San Lucar, die beiden Gränzſtädtchen zwiſchen der Meerflut und dem Guadalquivir. Letzterer breitete ſich hier mit jeder Radum⸗ drehung immer mehr und mehr aus: aus einem nicht zu breiten, beſcheidenen Fluſſe war er in kurzer Zeit zu einem gewaltigen Strome angewachſen, deſſen Ufer mit wahrer Haſt aus einander zu fliehen ſchienen. San Lucar iſt ein hübſches Städtchen mit gutem Hafen und ſchönen Mauthgebäuden. Die Salzflut hat hier ſchon die Oberhand, obgleich man das Flußwaſſer noch län⸗ gere Zeit in einem dunkleren gelberen Streifen erkennt. Unter⸗ deſſen haben ſich die Ufer ganz zurückgezogen, und daß wir im Meere angekommen ſind, bemerken wir an der plötzlich veränder⸗ X X Nach Gibraltar. 413 ten Bewegung des Schiffes, ſo wie an einem friſchen Seewinde, der uns wohlthuend entgegenweht und die dunkelblauen Wellen auf und ab tanzen macht. Da ſich aber zu gleicher Zeit unſer Dampfer ebenfalls zu freuen ſcheint an der unermeßlichen Waſſer⸗ fläche, die ſich vor uns ausdehnt, und dabei etwas heftiger tanzt und ſtößt, ſo wird manche rothe Wange blaß, manche Naſe ſpitzig und viele Augenpaare, die noch vor einer halben Stunde glänzten und ſchelmiſch blitzten, nehmen jene unruhigen ſtarren Blicke an, die in dieſem Falle immer die Vorboten der leidigen Seekrankheit ſind. Daß ich bei meinen vielen Meerfahrten nie darunter ge⸗ litten, kam mir heute wieder einmal trefflich zu Statten, denn während die meiſten Paſſagiere in ängſtlicher Haſt Sophas und Stühle ſuchten, ſtellte ich mich an das Bugſpriet des Schiffes, entzückt auf die große Bai von Cadiz blickend, die ſich mit Einem Male von Rota aus majeſtätiſch vor uns aufrollt, ſowie auf die Stadt ſelbſt, eine Königin der Meere im Wittwenſchleier, die nun plöͤtzlich glanzvoll vor uns erſchien. Schon öfters las ich und ließ mir erzählen, Cadiz gleiche, vom Meere aus geſehen, Venedig. Etwas iſt ſchon daran, denn ſie, ſowie die ſogenannte Inſel Leon, welche durch den Fluß Arillo von Cadiz getrennt iſt, hängt mit dem Feſtlande nur durch eine lange Erdzunge zuſammen und ſtellt ſich ſo als eine große Inſel, oder wie Venedig mitten in's Waſſer hinein gebaut dar; aber die Anſicht der Stadt mit ihrer Färbung iſt hier ganz anders, wie dort die der Lagunenſtadt. Venedig liegt im trüben Waſſer, aus welchem ſich graue Häuſermaſſen und ernſte Thürme und Kup⸗ peln erheben, ein gewaltiger aber etwas düſterer Anblick. Cadiz dagegen taucht glänzend und ſtrahlend wie ein Brillant aus der blauen Flut hervor. Es iſt das ein Anblick von ſo eigenthümlichem Charakter, der ſich unauslöſchlich der Erinnerung einprägt; wir haben ein Bild vor uns ohne allen Schatten, ohne alle mildernden Zwiſchentöne, mit einer Fülle von Licht übergoſſen, welche das Auge blendet. Auf einem wunderbaren Hintergrunde von dem dunkel ſtrahlenden Himmel und dem tiefblauen Meere gebildet, 414 Einundzwanzigſtes Kapitel. welches die Sonnenſtrahlen in tauſendfachem Glanze zurückwirft, erheben ſich ſchneeweiße blendende Mauern, eben ſolche Wälle und Häuſer mit flachen Dächern, alles in graden ſcharfen Linien, die ſich aufs Beſtimmteſte von dem Himmel abheben; dazu entdeckt man bei der Stadt noch auf den kahlen ſchneeweißen Dünen rings um die Bai weder Baum noch Strauch und bemerkt nur, wie leuchtende Punkte die Gebäude von Puerto de Santa Maria, Puerto real, la Carraca und San Fernando, die am Ufer hin zerſtreut liegen. Der Hafen von Cadiz war einſt der größte und bedeu⸗ tendſte Seehafen Spaniens, und hier drängten ſich die goldbe⸗ ladenen, amerikaniſchen Galionen. Hier wurden im Jahr 1790, als ſchon die ſpaniſche Seemacht anfing zu verfallen, noch dreißig Linienſchiffe ausgerüſtet. Ja, Cadiz iſt eine Königin der Meere im Wittwenſchleier! Aber obgleich von den koſtbaren, ihr zins⸗ baren Gütern faſt nichts mehr vorhanden iſt, blieb ſie dennoch eine ſehr reiche Wittwe. Freilich hört man viel reden von dem Verfalle von Cadiz, von der Abnahme ihres Handels, und daran iſt viel Wahres; doch kann eine Stadt, die mehrere hundert Jahre lang den reichſten Verkehr der Welt für ſich ausbeuten konnte, wo Generationen auf Generationen Schätze häuften, wohl durch Abnahme des Handels einigermaßen leiden, aber gewiß nicht ver⸗ armen. Und ſo ſieht auch Cadiz durchaus nicht aus. Der ganze Anblick der Stadt, der Straßen und Gebäude zeugt von Wohl⸗ ſtand und Reichthum, und wenn man die ſchneeweißen, friſch an⸗ geſtrichenen Häuſer ſieht mit ihren zierlichen Balcons, und auf ihnen ſchöne lachende Damen und Mädchen, ſo könnte man glau⸗ ben, Cadiz feiere täglich irgend einen Feſttag. Was aber hier ver⸗ fallen iſt, geſchah durch Schuld der Regierung. Die Feſtungs⸗ werke rings empor aus dem Meere aufgemauert, die reichen Artillerieetabliſſements, Kaſernen und Kaſematten ſind heute frei⸗ lich ganz vernachläßigt und in ſchlechtem Zuſtande. Als wir am Hafen anlegten, ſtellte ſich uns der Wirth einer ſogenannten engliſchen Penſton vor, und da wir in Sevilla ☛ ²——— 9 O— n A—— 19 Nach Gibraltar. 415 von dieſem Hauſe Gutes gehört, ſo folgten wir ſeiner Einladung. Sehr ergötzlich war am Landungsplatze ein Kerl in vollkommener, glänzender Majotracht, der eine Art Hafenkommiſſär zu ſein ſchien; er beſtimmte, was jeder Laſtträger von den Effekten des Dampfers aufladen ſollte, gab ſich ein ungeheures Anſehen und ſtocherte dabei beſtändig die Zähne mit einem ſilbernen Zahnſtocher. Unſer Gaſthof lag an der Alameda, die ſich vor unſern Fenſtern dicht am Meere hinzieht. Auf die liebe blaue Flut hatten wir eine unvergleichliche Ausſicht. Cadiz hat keine beſonderen Merkwürdigkeiten aufzuweiſen, ſelbſt nicht einmal mehr einen ächt ſpaniſchen Charakter; von Ueberbleibſeln aus der Maurenzeit ſteht man ſo gut wie gar nichts; doch iſt es eine behagliche freundliche Stadt, wozu wohl die hohen, reinlichen Häuſer, alle ſchneeweiß angeſtrichen, und die mit zierlichen Blumen beſetzten Balcons das meiſte beitragen. Faſt ſämmtliche Wohnhäuſer haben Terraſſen, auf denen ſich häufig noch ein, mit einem Kuppeldach gewölbtes Thürmchen erhebt. Die Flaggenſtange fehlt ſelten auf dieſen Terraſſen und oft iſt ſie zu einem vollkommenen Schiffsmaſt mit Raaen, Korb und allem Takelwerk ausgebildet, was der Silhouette des Ganzen etwas Eigenthümliches und Maleriſches gibt. An öffentlichen Plätzen iſt Cadiz reich; faſt alle ſind mit doppel⸗ ten Alleen von Akazien und Ulmen beſetzt, und man könnte ſagen, ſie bilden große Geſellſchaftsſäle, denn hier ſpazieren in den Nachmittags⸗ und Abendſtunden eine Menge Menſchen umher, man findet hier ſeine Freunde und Freundinnen, raucht mit den Männern eine Papiercigarre und plaudert mit den Damen oft von ſcheinbar gleichgültigen, häufig aber ſehr ernſten und in⸗ tereſſanten Dingen. In der Nähe dieſer Plüätze befinden ſich auch Kaffeehäuſer mit Tiſchen und Bänken auf der Straße, wo man ſeine Chocolade trinkt oder ein Gefrorenes nimmt, doch iſt dieß ſchon nicht mehr recht ſpaniſch, und man findet dergleichen weder in Madrid noch in Granada oder Sevilla; beim Flaniren durch die geraden und engen Straßen bemerkt man bald, daß 416 Einundzwanzigſtes Kapitel. man ſich in einer Handelsſtadt befindet. Die leichten Gitter vor den Höfen haben ſich hier in ſchwere mit Eiſen beſchlagene Thore verwandelt, und wo man in Seoilla zierliche Marmorfontainen, Orangen und Granaten bemerkt, ſieht man hier die Embleme des Kaufmannsſtandes, Wagen und Waarenballen. Die Kathedrale von Cadiz iſt eine großartige Steinmaſſe, für uns aber, die wir auch in dieſer Richtung ſo viel Schönes ge⸗ ſehen, nur durch den Haupteingang, der eine die ganze Giebel⸗ ſeite einnehmende gewaltige Halbkreisniſche bildet, und die man könnte ſagen elegante und raffinirte Dispoſttion des Innern von einiger Bedeutung. Intereſſant war dagegen der Beſuch des großen Theaters, weniger der aufgeführten Stücke halber, als des ſtrahlenden Kranzes ſchöner Damen, welche zahlreich alle Logen füllten. Obgleich man den hieſigen Damen die vollendete Gracia andaluz abſpricht, ſo ſind doch ihre Körperformen, nament⸗ lich aber ihre wunderbaren Köpfe, vorzüglich wegen des reichen Haares und der großen glänzenden Augen in ganz Spanien be⸗ rühmt, und wie wiſſen ſte dieſe Augen zu benützen! Für uns gab es in den Zwiſchenakten die intereſſanteſten Schauſpiele; nie ſah ich eine ſolch unnachahmliche Haltung des Kopfes, ein ſolches Kokettiren mit den wunderſchönen Augen; dabei ſind die„Gadi⸗ tanas“ unübertrefflich in Handhabung des Fächers, und ſie machen von dieſer gefährlichen Waffe einen umfaſſenden Gebrauch. Das Zuſammenklappen und Aufwerfen deſſelben mit Einer Hand be⸗ trieben die jungen Damen mit einer Meiſterſchaft, die ans Komiſche gränzte, und oftmals entſtand im ganzen Hauſe dadurch ein ſolches Knattern und Rauſchen, daß es zwiſchen der lärmenden Muſik deutlich hörbar wurde, und man hätte glauben können, man befände ſich in einem Walde unter Tauſenden von rieſenhaften Nachtſchmetterlingen; in der That gab es auch hier Nachtfalter genug, und den Schönen von Cadiz wird nachgerühmt, daß es manche unter ihnen gebe, denen das warme Herz empfänglich im ſchönen Buſen ſchlägt. Den zweiten Tag unſeres Aufenthaltes beſtiegen wir eines — 417 Nach Gibraltar. der kleinen Dampfboote, welche die Verbindung zwiſchen Cadiz und Puerto de Santa Maria vermitteln. Wir hatten einen Aus⸗ flug dorthin beſchloſſen, um das berühmte Schlachtfeld von Terez de la Frontera zu ſehen, ſowie Nerez ſelbſt mit ſeinen großen Weinlagern. Die Bai glänzte wie ein Spiegel unter dem klaren Morgenhimmel, als der kleine Dampfer über die dunkeln Fluten förmlich dahinglitt. Ehe eine Stunde verging, waren wir auf der andern Seite und legten vor einem großen ſtattlichen Gaſthofe an, wo wir ein vortreffliches Frühſtück fanden, ſowie zwei kleine einſpännige Fuhrwerke, um damit nach Perez zu fahren. Dieſe hatten faſt ganz die Geſtalt des neapolitaniſchen Corricolo, und wurden von einem Kerl gelenkt, der wie bei der Tartane auf dem rechten Gabelbaume ſaß. Puerto de Santa Maria iſt ein kleiner aber freundlicher Ort, der ſich am Ufer der weiten Bai hinzieht, die Straßen fern vom Hafen ſind ſtill und öde, und vielen jetzt verfallenden maſſiven Häuſern, wo Balcon und Hofgitter aus reicher Eiſenarbeit beſtehen, ſieht man es wohl an, daß ſte einſt M beſſere Zeiten erlebt. Am nördlichen Theile des Städtchens befinden ſich ſchöne Anlagen, der Paſeo de la Victoria, durch welchen wir gegen 10 Uhr in die kahle Gegend hinausrollten, die ſich gegen Perez hin erſtreckt. Anfänglich fuhren wir durch eine Niederung, dann erreichten wir aufwärts ſteigend ein ziemlich dichtes Fichten⸗ V gehölz, von wo man zur Rechten eine Ausſicht auf die weite Ebene hat, die ſich über Chiclana und Puerto real bis ans Meer hinabſenkt. Obgleich die Gegend ringsumher einförmig und öde iſt, ſo zeigt ſie ſich doch durch das hellglänzende Sonnenlicht man⸗ nigfaltig gefärbt, der Boden ſchien meiſtens felſig zu ſein und nur zuweilen wechſeln die langen grauen Flächen mit gelben Sandſtreifen oder röthlichem Heideland ab; nur hie und da ſieht man mageres Ackerland, ſowie einige Olivenpflanzungen, die aber in dem unfruchtbaren Boden ſchlecht gedeihen; dabei iſt das ganze Terrain ſanft wellenförmig und der Weg läuft, ein röthlich⸗gelber Streifen, auf und ab durch das langweilige Land. . Nachdem wir ungefähr eine Stunde gefahren, erreichten wir 27 Hack länder, Ein Winter in Spanien II. — — —-—nnn 418 Einundzwanzigſtes Kapitel. zu unſerer Linken abermals dünne Fichtenwaldungen, dann ging es etwas ſteil hinab, und unten angekommen, hielt unſer Kut⸗ ſcher ſein Maulthier an, auf einen felſigen Hügel zu unſerer Rech⸗ ten zeigend, der mit einer ſo dünnen Erdſchichte bedeckt, daß die Steine überall zu Tage traten, nur ſtreifenweiſe mit Ge⸗ ſtrüpp und magerem Graſe überzogen war. Auf der Höhe dieſes Hügels lagen die maleriſchen Trümmer einer zerfallenen Kapelle. Hier ſprangen wir von unſeren Sitzen herab, der Eine unſerer Führer ſtieg uns voraus den Hügel hinan. Da aber kein Weg dort hinauf führte, ſo mußten wir über Steingeröll zwiſchen Buchs⸗ baumſträuchern, Diſteln und Dornen klettern, um die Spitze des Hügels zu erreichen. Dort traten wir jenſeits der verfallenen Kapelle an den äußerſten Rand der Anhöhe und ſahen vor uns eine weite, weite, öde und ſtille Fläche, wo der leichte Morgenwind kaum einige dürre Grashalme ſpielend aufhob, die aber gleich darauf wieder ſchläfrig einnickten,— das Schlachtfeld von Xerez de la Frontera. Rechts von uns breitet ſich die Ebene von Puerto de Santa Maria aus, die weite Bai von Cadiz einrahmend, die im Sonnen⸗ ſchein glänzt wie ein Schild von dunkelm Stahle; nördlich blicken wir in ein viele Stunden langes und breites hügeliges Land, in deſſen Mitte Nerez liegt, hinter welcher Stadt, die wir jedoch nicht ſehen können, ſich in großer Entfernung eine graue Bergkette erhebt, vielleicht die maleriſche Sierra de Ronda. Vor uns haben wir den Guadalete, nach dem die blutige Schlacht ebenfalls benannt iſt, und der nicht weit von Puerto real ins Meer fließt. Seinen Lauf erkennen wir an einem grünen Streifen, der ſich in Schlan⸗ genlinien durch die röthlich⸗gelbe Ebene zieht, welche ſich nach Südweſten in leichten Schwingungen ausdehnt und mit dem Horizont zuſammenzufließen ſcheint. Es war im Jahr 711, als der chriſtliche Feldherr Tadmir dem Könige Roderich ſchrieb:„Herr, es ſind feindliche Völker auf der Seite gegen Afrika angekommen, von denen ich nicht weiß, ſind ſte vom Himmel gefallen oder aus der Erde geſchoſſen. Sie Nach Gibraltar. 419 haben ſchon ein Lager auf unſerem Grund und Boden bezogen. Ich bitte Euch, Herr, eilt ſchnell herbei und mit ſo vielem Volk, als Euch möglich iſt.“ Darauf zog der König ſeine Truppen zuſam⸗ men, ſchickte ſeine gothiſche Reiterei in aller Eile voraus und folgte ſelbſt mit dem Hauptheer und dem ganzen Adel ſeines Reiches. Am fünften Tage des Mondes Xawal, erzählt der ara⸗ biſche Geſchichtſchreiber, lagerte das Heer der Chriſten in einer Stärke von neunzigtauſend Mann, und ihm gegenüber ſtand der Maure Taric mit nur zwölftauſend Saracenen, wovon aber die Hälfte aus wilden afrikaniſchen Reitern beſtand. Die Bewegun⸗ gen des chriſtlichen Heeres„glichen denen des Oceans, wenn ſeine Wogen von der Flut gereizt ſind.“ Ihre erſten und hinter⸗ ſten Reihen waren mit undurchdringlichen Panzern bedeckt, die andern führten Lanzen, Schilder und Schwerter, und das leichte Volk war mit Bogen, Pfeilen, Schleudern oder auch nach der Sitte ihres Landes mit Beilen, Keulen und Streitärten verſehen. Aber Taric ließ ſich von der zahlloſen Menge nicht ſchrecken und ver⸗ traute auf die Ueberlegenheit der Seinen an Muth und Geſchick⸗ lichkeit im Gebrauche der Waffen. Die Schlacht begann an einem Sonntage mit dem erſten Sonnenſtrahl und hörte beim Einbruch der Nacht ohne Entſcheidung auf, wobei die Heere auf dem Schlachtfelde übernachteten. Das ging mehrere Tage ſo fort, und als endlich Taric ſah, daß die Araber anfangen mochten zu wei⸗ chen, ſagte er ihnen:„Wozu kann es euch nützen, daß ihr fliehet? Das Meer liegt unbeſtegbar hinter eurem Rücken, vor euch der Feind, dort der Tod, hier Ausſicht auf glänzenden Sieg. Auf, mir nach, Ritter!“ Damit ſtürzte er ſich auf die Chriſten, hieb rechts und links nieder, was ihm entgegenſtand und erreichte die chriſtlichen Fahnen. Hierbei erzählt nun die arabiſche Geſchichte, Taric habe den König Roderich nach kurzem Gefechte mit einem Lanzenſtiche getödtet, im Gegenſatz zu den altſpaniſchen Romanzen, die das Ende des unglücklichen Königs anders, poetiſcher, aber ſchrecklicher berichten. Genug, das Unbegreifliche geſchah, das chriſtliche Heer floh nach allen Richtungen, und hier am Guada⸗ 27* 420 Einundzwanzigſtes Kapitel. lajete wurde Spanien in einer einzigen Nacht für den Islam erobert. Zwei Jahre nach der Schlacht bei Perez de la Frontera gehörte außer den Gebirgen von Aſturien nichts mehr den Gothen, und hundert Jahre ſpäter hatte das ſpaniſche Volk, außer der Religion, alles was ihm ſonſt heilig war, Tracht, Sitte, ſelbſt ſeine Sprache an die Eroberer verloren. Die altſpaniſchen Romanzen laſſen den König Roderich nicht in der Schlacht umkommen, ſondern nachdem ſein Heer geſchlagen war und ihn alle ſeine Freunde verlaſſen hatten, floh er auf verwundetem, wankendem Pferde, ſelbſt todmüde und von Blut triefend, mit abgehauener Helmzierde und zerbrochenem Schwert und Schild, dem Guadalajete zu. Wahrſcheinlich ritt er quer über das Feld, welches wir vor uns ſehen, den Hügel hinauf, auf dem wir uns gerade befinden; denn auf einer Anhöhe am Rande des Schlachtfeldes hielt der König auf ſeiner Flucht an, um ſich noch einmal nach der blutgetränkten Ebene umzuſchauen, wohl die⸗ ſelbe, wo jetzt die kleine Kapelle ſteht, und blickte dort hinab in Jammer und Verzweiflung. Als er hierauf ſeine Flucht gegen Norden fortſetzte, traf der unglückliche König einen Einſiedler, dem er beichtete und der ihn, zur Buße für ſeine Sünden, in eine tiefe Grube ſteigen ließ, und ihm zur Geſellſchaft eine giftige Natter gab. Aber drei Tage mußte der Büßer vergeblich auf den tödtenden Biß der Schlange warten, der ihm ein Zeichen der himm⸗ liſchen Gnade, der Vergebung ſeiner Sünden ſein ſollte. Am meiſten drückte ihn wohl ſeine ſchwere Schuld gegen die Tochter des Grafen Julian, die ihn ja auch in ihren Folgen um Thron, Reich und Leben brachte, und um das Wort der Schrift zu erfüllen:„Womit du fündigſt, ſollſt du beſtraft werden,“ entgegnete endlich am vierten Tage der König auf die Frage des Einſiedlers: Dios es en la ayuda mia, La culebra me comia; Comeme ya por la parte Que todo lo merecia. Und damit endete Roderich. ——A— Nach Gibraltar. 421 Für uns war es höchſt intereſſant dieſe Gegend zu ſehen. Hatten wir doch noch vor wenig Wochen in Toledo die Trümmer des ſtolzen Palaſtes geſehen, den ſich der Gothenkönig erbaut, wo er in Pracht und Herrlichkeit lebte, und wo ſich in den Bädern tief am Ufer des Tajo der ſchwarze Faden anknüpfte, der ihn hier bei der Ebene von Nerez de la Frontera ſo elend zu Grunde gehen ließ. Nachdem wir längere Zeit das Schlachtfeld betrachtet, auch kleine Andenken mitgenommen, als Bergkräuter und Blumen, ſowie ich auch nicht vergaß, vom Fuße des Hügels ein paar Steinchen aufzuleſen, die ich mir ſpäter in den Griff einer Tole⸗ daner Dolchklinge faſſen ließ, beſtiegen wir unſere Fuhrwerke wieder, worauf unſere Maulthiere, des langen Stehens über⸗ drüſſig, im luſtigen Trabe gegen Kerez eilten. Die Gegend, durch welche wir fuhren, blieb ſich auch von hier aus ziemlich gleich: leichte, wellenförmige Hügel, hie und da mit Nadelholz bewachſen; nur in der Gegend der Stadt wurde des Heidelandes und Sandbodens weniger und die Fruchtfelder und Olivenpflanzungen mehrten ſich; wonach wir aber vergebens ausſchauten, das waren die Weinberge, welche den berühmten Wein von Perez, den von den Engländern ſo ſehr geliebten Sherry liefern ſollten. Wenn wir auch auf den ſüdlichen Abhängen einiger Hügel hie und da Rebenanpflanzungen ſahen, ſo waren dieſe doch ganz unbedeutend und nicht der Rede werth; gegenüber dem ungeheuren Weinquantum, welches die halbe Welt mit Sherry verſorgt, und hier— erzeugt wird. Ich glaube, daß es eigentlich heißen ſollte: fabricirt wird; ſo meinte wenigſtens unſer Begleiter, Baron W., welcher die Behauptung aufſtellte, der meiſte Wein von Nerez ſei ein Abſud von Roſinen mit vortrefflichem Alcohol und Honig verſetzt und ſo mundgerecht gemacht, auf welche Art ja auch ſchon ſeit längerer Zeit ein vervollkommneter Sherry in Marſeille fabricirt wird. Perez liegt auf einer kleinen Anhöhe, und die weißen und hübſchen Häuſer ſind überragt von der hochaufſteigenden Kathedrale. Bevor wir langſam zur Stadt hinauffuhren, ſahen wir unten im 422 Einundzwanzigſtes Kapitel. ‿ Thale ein Stück Eiſenbahn in der Arbeit begriffen, welche dazu beſtimmt iſt, Terez mit Santa Maria, alſo mit dem Meere zu verbinden. Da wir von Cadiz Empfehlungsbriefe an eines der größten Weinhäuſer in Nerez erhalten hatten, ſo wurden wir hier von den Herren Domeque und Sohn aufs Zuvorkommenſte empfan⸗ gen. Nachdem wir in dem prachtvollen Hauſe ein paar ſchöne Bilder geſehen, worunter ein Murillo und ein Zurbaran, be⸗ gleitete uns einer der Herren nach den berühmten Weinlagern. Sehr überraſcht waren wir, anſtatt ausgedehnter Keller vielmehr große Hallen über der Erde, kirchenartige Schuppen zu finden, in welchen die vollen Fäſſer in wahrhaft unabſehbaren Reihen auf einander geſchichtet lagerten. Es gibt zwei Hauptſorten Perez⸗ wein, der Moscatello, der ſehr ſüß iſt, ſowie der etwas herbere Pedro Rimenes, die beſſere Sorte. Daß der Sherry eigentlich fabricirt wird, geſtehen die Weinhändler natürlicher Weiſe nicht ein; wenn man aber ſieht, wie er gepflegt wird, mit Alcohol und Zucker vermiſcht, und dann wieder aus den Mutterfäſſern, welche einen Stoff enthalten, der oft hundertzwanzig Jahre alt iſt, ver⸗ beſſert, ſo kann man, wenn auch der Grundſtoff wirklich gekelterte Trauben ſind, das Ganze eine Fabrikation nennen. Man ließ uns von einer Menge von Fäſſern verſuchen, und ich muß ge⸗ ſtehen, daß allerdings köſtlich ſchmeckende Tröpfchen darunter waren, für meinen Geſchmack aber zu ölig und erhitzend. Das älteſte Lagerfaß hieß Napoleon, und der Wein in demſelben ſollte zweihundert und fünfzig Jahre alt ſein. Es war ein dunkelbraunes feuriges Getränk, das in dem kleinen Gläschen hinabrann, wie flüſſig gewordenes Harz. Die Straßen von Aerez de la Frontera ſind reinlich und hübſch, die meiſten mit ſtattlichen Häuſern beſetzt. Ueppig iſt die aus weißem Marmor erbaute Front der Kathedrale. Auf dem Markt⸗ platze hatten wir noch ein eigenthümliches Schauſpiel. Hier war eine zahlloſe Menſchenmenge verſammelt, welche zuſah, wie alte koloſſale Palmbäume, die man mit Wurzel und Krone aus der ——— —..——— Nach Gibraltar. Umgegend herbeigebracht, und welche reihenweiſe in den Straßen lagen, hier im Kreiſe eingepflanzt wurden. Ich hätte nie gedacht, daß man ſo alte Bäume noch verſetzen könne. Für die Wurzeln hatte man ſehr tiefe Löcher gemacht, und die majeſtätiſchen Bäume wurden mit großen Hebewerken und zahlreichen Tauen unter dem Zujauchzen der verſammelten Menge langſam emporgewunden. Ge⸗ gen fünf Uhr verließen wir die Stadt wieder, und erreichten um ſieben Santa Maria, wo wir aber fanden, daß der letzte Dampfer nach Cadiz bereits abgegangen war. Betrübt waren wir darüber gar nicht, denn der Gaſthof, wo wir heute Morgen gefrühſtückt, hatte in allen Theilen eine ſolch einladende Miene, auch ſo freundliche Zimmer, daß wir uns gern entſchloſſen, die Nacht dazubleiben. Man bereitete uns ein vortreffliches Diner, zu Ehren des Landes tranken wir einige Flaſchen Sherry und ſpäter einen vortrefflichen Punſch, der aus dem eben ſo feurigen Wein von Puerto de Santa Maria zubereitet war, alſo eine doppelte Fabrikation. Auf den ſehr warmen Februartag hatten wir bei dem klarſten Himmel einen ziemlich kühlen Abend, ſo daß uns die Wärme eines hell lodernden Kaminfeuers recht wohl that, als wir behaglich im Kreiſe davor ſaßen, unſern Punſch tranken, eine vortreffliche Cigarre rauchten, und jeder von ſeiner Heimat erzählte. Die Fenſter unſeres Speiſeſaales gingen auf das Ufer der weiten Bai von Cadiz. Einen wunderbaren Glanz warf der Mond auf den glatten Waſſerſpiegel, doch war ſein Licht nicht hell genug, um uns Cadiz zu zeigen, deſſen weiße Mauern mit leichtem Nebel, Dunſt und dem zitternden Schimmer des Mondes zuſammen⸗ ſchmolzen; aber trotzdem war die große glänzende Waſſerfläche in ſtiller Nacht unbeſchreiblich ſchön. Am andern Morgen fuhren zwei unſerer Reiſebegleiter mit dem erſten Dampfer nach Cadiz zurück, Horſchelt und ich blieben bis zur zweiten Fahrt zurück, unſer Maler, um einige intereſſante Gegenſtände zu zeichnen, ich aber, um dem preußiſchen General⸗ conſul für Spanien und Portugal, Freiherrn v. Minutoli, der die Zeit des Frühjahrs mit ſeiner Familie in Puerto de Santa 424 Einundzwanzigſtes Kapitel. Maria zubringt, meinen Beſuch zu machen. Leider fand ich dieſen hochverehrten Herrn, den Verfaſſer der vortreffklichen ſtatiſtiſchen Werke über Spanien und Portugal, ſowie eines ſehr intereſſanten Buches, welches er erſt ſpäter erſcheinen ließ:„Altes und Neues aus Spanien,“ nicht zu Hauſe, da er in Geſchäften nach Cadiz ge⸗ gangen war. Doch hatte ich am folgenden Tage das große Ver⸗ gnügen, Herrn v. Minutoli bei uns zu ſehen, und mich mit dieſem geiſtreichen und hochgebildeten Manne eine kleine Stunde zu unterhalten. Da demnach mein verlängerter Aufenthalt in Puerto ver⸗ fehlt war, und ich nicht wußte, wo Horſchelt ſein Atelier auf⸗ geſchlagen hatte, ſo ſetzte ich mich nicht weit vom Ufer der Bai in ein reizendes Lorbeerrondell, in deſſen Mitte ein großer Spring⸗ brunnen ſtand, und genoß des ſo angenehmen, friſchen und klaren Morgens. Das Waſſer der Bai vor mir war leicht gekräuſelt und glänzte wie goldgeſchuppt. Wenn es auch am Geſtade heller er⸗ ſchien, ſo hatte es doch weiter hinaus wieder dieſelbe tiefblaue Farbe, die uns bei der Ankunft vor Cadiz ſchon ſo entzückte. Dabei war das Waſſer heute ſo belebt von zahlloſen Fahrzeugen, welche die Bai nach allen Richtungen durchſchnitten, und deren weiße Segel der friſche Morgenwind blähte. Auf dieſem pracht⸗ vollen Hintergrunde bot nun das Lorbeergebüſch mit ſeinem Brun⸗ nen, an dem ich ſaß, ein ganz eigenthümliches und intereſſantes Bild. Die Sonne glitzerte und ſtrahlte durch die dunkelgrünen Blätter und glänzte ſo prächtig auf die herabfallenden Waſſer⸗ tropfen. Anfänglich war ich mit meinen Gedanken allein, dann aber ſetzte ſich auf dem andern Ende der Bank, auf der ich mich befand, ein ſehr ärmlich gekleideter Neger, der nach einer höflichen Frage, ob er mir nicht läſtig ſei, anfing ein halbes Dutzend Stiefel zu putzen. Von da an wurde der Brunnen auf eine höchſt eigen⸗ thümliche Art belebt; er ſchien nämlich eine Tränke für ſämmt⸗ liche lebende Weſen von Santa Maria zu ſein, den Anfang machte der Neger, der mit der hohlen Hand aus der Schale ſchöpfte und trank; ihm folgten ein paar kleine Buben, die des Nach Gibraltar. 425 Weges daher ſchlenderten, und die einander, nachdem ſie ſatt ge⸗ trunken waren, mit Waſſer beſpritzten, wie das nun nicht anders ſein konnte. Ein paar Hunde, die nun von verſchiedenen Seiten erſchienen, drückten zuerſt durch Schwanzwedeln die Freude des Wiederſehens aus, beſchnüffelten ſich auf herkömmliche Weiſe und labten ſich dann ebenfalls an einem friſchen Trunk. Dar⸗ nach erſchienen Arbeiter aus einer benachbarten Werkſtätte, von denen ſich einige ihrer Fauſt bedienten, wie der Neger und die Buben, einer aber einen hölzernen Becher hervorzog, was dem Schwarzen ſo gefiel, daß er auch daraus zu trinken wünſchte. Zwiſchen hinein flogen auch Vögel zutraulich durch die Lorbeer⸗ wand, ſetzten ſich auf die Brunnenſchale und ſteckten ihre Schnäbel in das kühle Naß; alles aber entfernte ſich ſogleich, nachdem der Durſt gelöſcht war, die Hunde ſcharrend und wedelnd, die Männer, nachdem ſie einige Worte mit dem Neger geſprochen, die Buben, nachdem ſie ſich gehörig gepufft, und die Vögel ſtrichen erſt ihre Federn mit dem Schnabel glatt, ehe ſie davon flogen. Endlich hatte der Schwarze ſeine Stiefel blank geputzt, hing ſie an einen Stock und entfernte ſich, nicht, ohne mich vorher freundlich zu grüßen. Dann war ich wieder allein mit meinen Phantaſteen, mit dem Lorbeergebüſch, dem murmelnden Springbrunnen und den glitzernden Sonnenſtrahlen, bis mein großer Maler erſchien, ſeine Mappe unter dem Arm und mir ſagte, daß das Dampfboot ſogleich abfahren werde. Eine kleine Stunde darauf waren wir wieder zurück in Cadiz. Obgleich wir die erſten beiden Tage ſchönes Wetter hatten, ſo erlebten wir den dritten Tag einen Sturm, der in der Nacht ſo arg um unſer am Meer gelegenes Haus raste, daß die Lichter faſt auslöſchen wollten, trotz Glasfenſtern und Läden, und dieſe klap⸗ perten und ſeufzten ſo, wie Maſtenſpieren und Tauwerk eines vom Sturm gepeitſchten Schiffes. Dafür war aber auch der An⸗ blick der See, dicht vor unſern Fenſtern, wahrhaft prachtvoll; in langen feſtgeſchloſſenen Gliedern mit flatternden Schaummähnen rasten die Wogen unter wildem Geheul und Toſen heran und Einundzwanzigſtes Kapitel. 426 ſpritzten Waſſer und Schaum häufig über die Brüſtung auf den Spaziergang. Die größten Schiffe im Hafen und auf der Rhede tanzten an ihren Ankerketten wie Nußſchalen, und wo ſich irgend ein Boot hinauswagte, da ſah man es jetzt eine Secunde lang auf der weißen ſchaumigen Spitze eines der blauen Wogenberge, und gleich darauf verſchwand es ſo vollkommen hinter demſelben, als habe es urplötzlich der Abgrund verſchlungen. Dabei hatte aber der heftige Wind während der Nacht den Himmel vollkom⸗ men rein gefegt, und es war ein eigenthümlicher Anblick, ihn ſo glänzend klar und blau, ſo beſtrahlt von lachendem Sonnen⸗ ſchein über der wild empörten See zu ſehen. Es dauerte auch bis am Abende, ehe ſich die Wogen etwas beruhigten, und als wir ſpäter am Abend vom Theater zurückkehrten, hörten wir die See noch dumpf murmelnd und grollend an die Hafenmauern klatſchen. Unſer Gaſthof war nicht übel, die Zimmer geräumig und reinlich, das Frühſtück und Mittageſſen gut, und kann ich den⸗ ſelben jedem Reiſenden empfehlen. Eigenthümlich, aber zweck⸗ mäßig und wohl der Mühe werth es nachzuahmen, fanden wir die marmornen Badwannen des Hauſes; ſtatt aus einem Block gehauen zu ſein, was ſie ſehr ſchwer und theuer macht, waren ſie aus Marmorplatten zuſammengeſetzt, die an den Ecken gut ge⸗ fügt, vollkommen die gleichen Dienſte leiſteten. Baumeiſter Leins, der ſte entdeckt hatte, beſchloß zu Hauſe den Verſuch zu machen, eine ähnliche herzuſtellen. Unſere Abſicht war, von Cadiz nach Gibraltar zu fahren. Freilich war der Entſchluß, die berühmte Inſelfeſtung zu ſehen, etwas wankend geworden, als wir ſchon in Madrid erfuhren, Engländer und Spanier machten ſich gegenſeitig das kindliche Vergnügen, die Reiſenden, welche von Gibraltar nach Algeſiras wollten, oder welche von irgend einem Punkt der ſpaniſchen Küſte nach Gibraltar gingen, wegen der in England herrſchenden Cho⸗ lera eine vierzehntägige Quarantaine halten zu laſſen. Die Spa⸗ nier, welche doch über die Pyrenäen oder durch die Mittelmeer⸗ △̈ △̈ Nach Gibraltar. 427 häfen jedermann, er mochte kommen woher er wollte, unge⸗ hindert einließen, hatten dieſe Lächerlichkeit angefangen, und man konnte es Sir Gardiner, dem engliſchen Gouverneur von Gibral⸗ tar, nicht übel nehmen, daß er ſich durch eine ähnliche Maßregel revanchirte. Wer aber hierdurch zwiſchen die Schneide der Scheeren kam, das war das arme reiſende Publikum, zu dem ja auch wir zu gehören die Ehre hatten. Glücklicherweiſe hörten wir aber ſchon den dritten Tag unſeres Aufenthaltes in Cadiz, daß dieſe Quaran⸗ taineſpielerei aufgehört habe. Ein alter Engländer, der mit ſei⸗ nem hochaufgeſchoſſenen Sohne im Hauſe wohnte, brachte dieſe angenehme Nachricht mit zu Tiſche und ſetzte hinzu, morgen gehe ein kleiner Dampfer von Cadiz nach Algeſtras und Gibraltar, den ſie hätten benützen wollen und zu dem Zwecke heute Mor⸗ gen zum Schiffe hinausgefahren ſeien.„due,“ ſagte er in ſeinem komiſchen Franzöſiſch,„nos avoar viu cette petite bateau, mais elle étre trop petite, et le mer étre trop grande, et nos avoar dit moa et moon fils: Cette petite bateau étre trop dangeraeuss por aller avec loe à Algesiras et Gibraltar.“ Wir dagegen, die erfreut waren, eine ſo gute Gelegenheit zu finden, denn der Dampfer von hier nach Gibraltar ſind we⸗ nige, fuhren ſogleich hinaus, um das trop petit bateau in der Nähe anzuſehen. Nun war es in der That ſehr klein und ſchmal, nicht ganz ſo groß als die Boote auf dem Bodenſee, ein Schrau⸗ bendampfer, aber im vorigen Jahre erbaut, und wie ein Matroſe, der ſich an Bord befand, verſicherte, mit einer ſehr kräftigen Maſchine verſehen. Auf das hin nahmen wir denn auch zur morgenden Fahrt unſere Plätze und erzählten dieß bei der Zurück⸗ kunft dem alten Engländer, welcher erſtaunt ausrief:„Vos voloar donc aller avec cette trop petite bateau? Oh! Oh!“ dabei ſchüt⸗ telte er ſeinen Kopf und ſein Sohn machte es gerade ſo. Abends packten wir unſere Koffer, erhoben die nothwendigen Gelder und nahmen nach dem Theater Abſchied von unſerem freundlichen Reiſegeſellſchafter, dem Baron W., der von Cadiz nach Liſſabon wollte. 428 Einundzwanzigſtes Kapitel. Da unſer Schraubendampfer, er hieß Don Manuel, Punkt ſechs Uhr abfahren wollte, ſo verließen wir ſchon um fünf Uhr unſern Gaſthof bei einem ſo wunderſchönen und klaren Him⸗ mel, daß Horſchelt entzückt ausrief:„Heute werden wir eine prachtvolle Fahrt haben!“ Ich erſuchte ihn freundlich, den Tag nicht vor dem Abend zu loben; denn ich bin in ſolchen Dingen ein bischen abergläubiſch, wurde aber von meinem lieben Freunde tüchtig ausgelacht, da allerdings am Himmel kein Wölkchen zu ſehen war und die See ſich ſichtbar beruhigt hatte, obgleich das Hafenwaſſer die kleinen Boote noch ziemlich tanzen machte, und obgleich ſich draußen vor der Bai in offener See zuweilen ver⸗ dächtige Schaumſpritzer ſehen ließen. Wir waren ſechs Tage in Cadiz geweſen, und es betrübte uns nicht, dieſe Stadt wieder verlaſſen zu können, obgleich es wohl keine andere in Spanien gibt, die fortwährend einen ſo eigenthümlich feſtlichen, luſtigen Eindruck macht. Dieſer kommt wohl von der unendlichen Fülle von Licht, welches die Sonne vom klaren blauen Himmel auf Cadiz herabſendet, das von dem glänzenden Meer widerprallt und ſich auf den blendend weißen Mauern wie in einem Brennpunkte ſammelt. Aber dieſer Ein⸗ druck, zuerſt freundlich, betäubt nach kurzer Zeit die Sinne und wird zuletzt für den unbeſchäftigt Umherwandelnden peinlich. Ergeht es uns doch wie einem Verzauberten im prachtvollſten Mährchenpalaſt aus Edelſteinen und Brillanten gebaut: man iſt wie trunken vom Licht und Glanz und ſehnt ſich nach einer ſanftern Umgebung, nach einer friſchen Landſchaft, nach dem Grün der Bäume. Zur beſtimmten Zeit waren wir an Bord des Don Manuel, und als ich, wie ich das auf Schiffen gleich zu thun pflege, nach der Cajüte hinabſtieg, um für den Fall der Noth ein Plätzchen zu reſerviren, fand ich dieſe ſo klein, daß ſie mit vier Betten und einem ſchmalen Tiſch in der Mitte vollkommen ausgefüllt war. Da zwei dieſer Betten noch leer waren, ergriff ich feierlich Beſitz davon, indem ich Nachtſäcke und Mäntel darauf aus⸗ — ——— 2—— 82 0 88x&⏑ —2—,-—·,— Nach Gibraltar. 429 breitete. Obgleich es bei unſerer Ankunft auf dem Verdeck noch ziemlich leer geweſen war, ſo brachten jetzt zahlreiche Boote eine Menge von Paſſagieren, und als um ſechs Uhr der Capitän den Anker heben ließ, war oben alles ſo voll, daß wir nur mühſam unſere Stühle behaupten konnten, die wir an das Treppen⸗ häuschen gelehnt hatten. Don Manuel hatte vorne an der Spitze ebenfalls einen Platz für Paſſagiere, doch waren dort eine große Menge von Gütern aufgeſtapelt, weßhalb ſich alles auf dem Hinterdeck zuſammendrängte, und darunter manche Reiſende, welche für den andern Platz bezahlt hatten. Doch war der Ca⸗ pitän augenſcheinlich zu galant, um die ſchönen Mantillas weg⸗ zuweiſen, und zu ſehr Spanier, um einem halben Dutzend beurlaubter Soldaten, welche Brodſäcke und Guitarren umhän⸗ gen hatten, einen andern Platz anzuweiſen. Uebrigens war er ein hübſcher und intereſſanter Mann, noch ſehr jung, trug auch andaluſiſches Koſtüm, hatte eine gewaltige Navaja im Gürtel, ein ſo ausdrucksvolles, faſt wildes Geſicht, dabei ſo energiſche Bewegungen und eine kräftige Stimme, daß er eine Zierde jedes Schmuggler⸗ oder Piratenſchiffes geweſen wäre. Ein großer weißer Pudel folgte ihm auf jedem Schritte, bellte, wenn er kommandirte, und machte ſich auf alle Arten nützlich, indem er bald des Capitäns Hut zwiſchen den Zähnen hielt, bald an einem Taue zerrte, an welchem die Matroſen gerade zogen. Jetzt hatten wir den Anker an Bord und nachdem der weiße Dampf einigemal ziſchend ausgefahren war, begann ſich die Schraube unter dem Steuerruder rauſchend herumzudrehen und der Don Manuel ſchnitt durch die Wellen dahin. Von der Nitte der Bai aus rückwärts betrachtet liegt Cadiz unbeſchreiblich ſchön. Aus der tiefblauen Flut auftauchend erhebt es ſich ſcharf abgeſchnitten am äußerſten Rande des weiten Bogens, den die Geſtade beſchreiben. Bis nach Puerto de Santa Maria hin liegen die vielen Dörfer und einzelnen Höfe wie weiße Punkte oder glän⸗ zende Scherben am Ufer zerſtreut, und hoch über ſte hinaus erheben ſich am Horizont die maleriſchen Berge hinter Terez und Ronda. 430 Einundzwanzigſtes Kapitel. Da uns der Wind ziemlich günſtig war, ſo ließ der emſige Capitän die Segel aufziehen und bald hüllte ſich der Maſt des kleinen Schiffes in weiße Leinwand und rauſchte mit ausgeſpannten Seitenſegeln friſch ins offene Meer hinaus. Die Schaumkronen aber, die ich heute Morgen entdeckt, hatten mich nicht getäuſcht, und kaum hatten wir die Bai verlaſſen, ſo begannen die Wellen ein ſo artiges Spiel mit dem Don Manuel, daß er ſich nach allen Seiten hob und ſenkte, und dabei von der Segelmaſſe gedrückt, ſtark leewärts überhing. Aber es war ein prächtiges Schiffchen und ich begriff wohl den Stolz des Capitäns, der, ſeinen großen Pudel hinter ſich, hoch auf Fäſſern und Kiſten am Maſtbaum ſtand und mit wahrer Befriedigung dem Tanzen ſeines Dampfers zuſchaute. Nicht ſo angenehm war dieß indeſſen für den größ⸗ ten Theil unſerer Mitreiſenden; unter den Mantillen ſeufzte es ſchwer und mühſam, und mancher Spanier trocknete ſich den Schweiß von der Stirn, obgleich die Luft ziemlich kühl über uns dahinſtrich. Das unruhige Meer, ſowie rings am Horizont auf⸗ ſteigende Wolken zeigte ich meinem großen Freunde Horſchelt mit einiger Schadenfreude, doch war auch er feſt gegen die Seekrankheit, und unſer Baumeiſter allein mußte bald nach eingenommenem Frühſtücke dem Meer ſeinen Tribut bezahlen. Die Ausbrüche der fatalen Krankheit zeigten ſich indeß auf dem Verdeck ſo häufig und heftig, und manchmal ſo nahe bei unſern Schüſſeln und Gläſern, daß ein minder guter Appetit als der unſerige, ſich wahrſcheinlich in mehr noch als das Gegentheil ver⸗ kehrt hätte, daß der Capitän es endlich für nöthig hielt, die Paſſagiere des zweiten Platzes fort, und zwar unter Deck bringen zu laſſen. Da aber der Don Manuel mit Gütern ſo vollgeladen war, daß an beiden Seiten ſo gut wie gar kein Gang frei blieb, ſo waren die Matroſen gezwungen, die Weiber und manche der Männer dorthin zu tragen und zu ſchleppen. Unten mußte aber der Aufenthalt fürchterlich ſein, denn der Capitän ſah ſich genöthigt, ſämmtliche Luken ſchließen zu laſſen, da der Don Manuel ſo tief durch die Wellen Nach Gibraltar. 331 ſchnitt, daß die anprallenden Wogen über ſeinen Vordertheil ſtürzten und nicht ſelten bis zu uns herüberſpritzten. Dabei hatte ſich der Wind vermehrt und zu gleicher Zeit auch zu unſerem Nachtheile gewendet, ſo daß die Segel eingezogen werden mußten, auch war von dem klaren Himmel, der uns heute Morgen gelächelt, nichts mehr zu ſchauen, die Küſte zu unſerer Linken war in graue Wolkenmaſſen und Nebel gehüllt, und als ich noch einmal zurück nach Cadiz blickte, erſchien mir die Stadt am fern⸗ ſten Horizonte wie eine weiße Möve, die mit ausgebreiteten Flü⸗ geln auf der faſt ſchwarzen Flut vor dem Sturme flieht. Leider war aber durch das Unwetter unſere Seefahrt ſehr unange⸗ nehm geworden. Auf dem Verdecke konnte man ſich kaum vor den Seekranken retten, und in der Cajüte war es entſetzlich dunſtig. Der Kellner hatte freilich den größten Theil der Leiden⸗ den untergebracht, aber die armen Spanierinnen ſtöhnten, daß es zum Erbarmen war, und die Dünſte, die ſich durchs Treppen⸗ haus entwickelten, konnten einem alle Luſt verleiden, dort hinabzuſteigen. Wir hätten Gibraltar gegen acht Uhr Abends erreichen ſollen, doch blies uns der Wind ſchon um Mittag faſt gerade entgegen, und obgleich Don Manuel wacker durch die hohen Wogen dampfte, ſo kamen wir doch ſo langſam vorwärts, daß es vier Uhr Nachmittags wurde, ehe wir das jetzt wild bewegte Schlachtfeld von Trafalgar erreichten. Ein Schlachtfeld auf dem Lande hat immer irgend etwas, ſei es eine Anhöhe, ein Wald, ein Dorf, ein einzelnes Haus, woran die Phantaſie anknüpfen und ſich leicht die vergangene Zeit zurückzaubern kann. Hier aber ſchlugen die ſchmutzig grauen Wogen gerade ſo an's Ufer, wie an jedem andern Punkte, und ob unter ihnen nun Muſcheln und Steine ruhen, oder, wie hier, die Trümmer der ſpaniſchen und franzöſiſchen Seemacht, wer kann das den ſo gleich bewegten und theilnahmloſen Wellen anſehen? Freilich ſchimmert dort durch Nebel und Regen ein altersgrauer Maurenthurm auf der Höhe des Geſtades, und am Ufer blinkt heller und deutlicher ein 432 Einundzwanzigſtes Kapitel. neuer, weißer Fanal. Der erſtere war gewiß Zeuge der gewal⸗ tigen Seeſchlacht, welche acht Stunden weſtlich von hier mit unſäglicher Wuth entflammte, er hörte gewiß das wilde: Rule Britannia der engliſchen Matroſen; er vernahm vielleicht Kampf⸗ geſchrei, gewiß aber das Donnern der Geſchütze und das kra⸗ chende Auffliegen des ſpaniſchen Admiralſchiffes.—„England expects every man to do his duty!“ Mit dieſen einfachen Worten ging der große Nelſon auf die feindlichen Flotten los, und es murmeln gewiß heute noch die Wogen in nächtlicher Stunde, wenn ſie ſich erzählen von dem berühmten Manne mit dem einen Arm. Lange blickte ich zu dem grauen Maurenthurme empor, der ſich, wie wir langſam dahinſchwammen, immer dichter in ſeinen grauen Nebelſchleier hüllte, der alles das und noch ſo viel Anderes geſehen; aber was konnte ihn die Seeſchlacht mit ihrem Kanonen⸗ donner kümmern: er dachte gewiß an Schwerterklirren und Lanzenſauſen und blickte ſehnſüchtig nach der Küſte von Afrika hinüber, die ſich vor ihm aufzuthürmen beginnt, ſeufzend nach einem neuen Taric und ſeinen tapferen Arabern. Der Regen und die dichten Wolkenmaſſen zugleich mit dem ſinkenden Tage umgaben uns aber ſo bald ſchon mit Dämmerung und Nacht, daß an eine Ankunft in Gibraltar heute nicht mehr zu denken war. Auch ſchien der Capitän um ſein Schiffchen be⸗ ſorgt zu werden, denn trotzdem ihn jede Welle aufs Neue durch⸗ näßte, verließ er ſeinen erhöhten Standpunkt am Maſte keinen Augenblick, bald ſeine Befehle dem Steuermanne zurufend, bald in den Maſchinenraum hinabſprechend, wo immerfort die Ofen⸗ thüren klirrten, und wenn dieſe geöffnet wurden, um neue Kohlen nachzuſchieben, eine rothe Gluth hinauf leuchtete, den Kapitän und ſeinen weißen Pudel ſcharf beſtrahlend. Wir wurden aber auch auf höchſt merkwürdige Art herumgeworfen, und es konnte einem Seekundigen wohl die Befürchtung kommen, ob die kleine Nußſchale dem gewaltigen Anprallen der Wogen auf längere Zeit widerſtehen würde. Vor uns hatten wir Cap Spartel, doch Nach Gibraltar. 433 ſahen wir nichts von den gewaltigen Bergen dieſer äußerſten Spitze Afrika's, und Alles, was der Kapitän durch die dichte Finſterniß zu entdecken glaubte, war das unmerkliche Zittern eines Lichtſtrahls dort hinaus, vielleicht der Leuchtthurm von Tanger. Obgleich ſich das Unwetter mit jeder Viertelſtunde ſteigerte und der Don Manuel ſich bald hoch aufbäumend jetzt die Spitzen der Wälle erſtieg, um gleich darauf wieder tief hinabzu⸗ ſinken, ſo ſchien der Kapitän doch Luſt zu haben, ſeine Fahrt nach Gibraltar nicht zu unterbrechen. Doch kaum hatten wir Cap Plata umſchifft, als wir von einem ſo furchtbaren Wind gefaßt wurden, der uns durch die Meerenge von Gibraltar entgegen kam, daß der kleine brave Dampfer nur mühſam dagegen an⸗ kommen konnte. Der Kapitän, der dem Steuermann einige leiſe Befehle gab, ſagte uns im Vorübergehen:„Wenn ich's auch er⸗ zwingen will, in dieſer ſchauderhaften Nacht durchzufahren, ſo riskire ich mein Schiff, und wenn uns wirklich kein Unfall begeg⸗ nete, ſo hätten wir doch gar nichts an der Zeit gewonnen, da ich bei dieſer Finſterniß doch nicht wage, mit der ganzen Kraft der Maſchine vorwärts zu gehen. Ich werde ſuchen, den Hafen von Tarifa zu erreichen, um dort bis zu Tagesanbruch liegen zu bleiben.“ Er gab hiezu die nöthigen Befehle und that wohl daran, nicht die Fahrt durch die Meerenge zu verſuchen. Wie ein Nachen tanzte das Schiffchen zwiſchen den daher ſtürmenden Wogen, ſich bald rechts, bald links neigend; dabei war es ſo finſter, daß man buchſtäblich nicht die Hand vor den Augen ſehen konnte, und wenn wir vom Hinterdeck aus etwas von Maſt und Tauwerk bemerkten, ſo war das nur in ſolchen Augenblicken, wo unten die Ofen⸗ thüren aufflogen und die rothe Gluth hinausdrang. Dabei traf es ſich ein paar Mal, daß zu gleicher Zeit der Röhre neben dem Schornſteine weißer, überflüſſiger Dampf entfuhr, der dann röth⸗ lich angeſtrahlt wie ein Blitz auf Augenblicke in der dunkeln Nacht ſichtbar ward. Endlich ſahen wir die Leuchtthürme von Tarifa vor uns Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 28 8 434 Einundzwanzigſtes Kapitel. und Don Manuel machte mühſam eine Wendung, um richtig in die Einfahrt zu kommen. Ziemlich unheimlich war es hier, durch das dumpfe Rollen der Wogen das Donnern der Brandung zu hören, als wir uns dem felſigen Ufer näherten. Wie leicht konnte ein heftigerer Windſtoß uns aus dem richtigen Kurſe drängen und dann— hatte der alte Engländer vollkommen Recht mit ſeinem: cette bateau est trop petite. Glücklicherweiſe thaten Kapitän und Schiff ihre Schuldigkeit, und eine halbe Stunde ſpäter fühlten wir, wie die Bewegung des Schiffes angenehmer und langſamer wurde, es war gegen das frühere Auf⸗ und Abtanzen nur noch ein gelindes Schaukeln. Gleich darauf raſſelte der Anker in die Tiefe. Mehrere der Paſſagiere waren allerdings der Meinung, wir ſeien bereits vor Gibraltar angelangt, und vernahmen nun ſeufzend, daß wir ein Unterkommen im Hafen von Tarifa gefunden. Den Meiſten der unglücklichen Seeleidenden war die eingetretene Ruhe indeſſen erwünſcht und viele ſtiegen auf's Verdeck herauf, um ſich umzu⸗ ſchauen und ein bischen friſche Luft zu ſchöpfen. Von einer Aus⸗ ſicht war freilich ſo gut wie gar keine Rede, nur einige Lichtpunkte zeigten an, wo Tarifa mit ſeinen alten Mauern und Thürmen lag. Gerne hätte ich die berühmte Veſte deutlicher geſehen; denn es iſt einer von den Punkten, welche ſo beredt von altſpaniſcher Tapferkeit erzählen. Hier war es, wo Don Alonzo Perez Guz⸗ man Stadt und Burg gegen die Mauren hielt, welche eines Tages den Sohn des Helden bei einem Ausfalle gefangen nahmen, ihn vor die Wälle führten und dem Vater die Wahl ließen, entweder Tarifa zu übergeben oder den Sohn vor ſeinen Augen enthaupten zu ſehen. Der alte ſpaniſche Held warf ihnen ſtatt aller Antwort ſein eigenes Schwert herab und ſagte, man ſolle damit ſeines Sohnes Haupt abſchlagen, worauf die Mauren die Belagerung aufhoben und Don Alonzo Guzman von ſeinem König Ferdinand III. den Beinamen:„el bueno“ erhielt. Für die Araber iſt dieſe Stelle Spaniens überhaupt eine unheilvolle geweſen, denn zwiſchen Tarifa und Algeſtras am Rio Salado Nach Gibraltar. 435 war es, wo Alonzo XI. die Mauren in einer ungeheuren Schlacht ſchlug. Unter den chriſtlichen Schwertern fielen hier Hundert⸗ tauſende, die es vorzogen, auf dem Boden zu ſterben, der, von ihren Vätern erobert, ihnen nun für immer entriſſen wurde. Leider war die finſtere und regneriſche Nacht nicht zur Beobachtung geſchaffen, und ſo ungern wir es thaten, mußten wir uns doch endlich entſchließen, in die Cajüte hinabzukriechen, obendrein da unſer Appetit ſich ſtark meldete. Die beiden Betten, welche wir am vorigen Tage belegt, waren freilich leer geblieben, doch hatte ſich gegenüber eine ſpaniſche Familie einquartiert, der Vater mit zwei kleinen Söhnen und eine ſehr dicke Mutter, die ſich bei unſerem Eintritt entrüſtet erhob und für einen Augen⸗ blick einen Anblick gewährte, wie die Sphinx der alten Griechen. Anfänglich wollte ſie uns nicht in ihrer Nachbarſchaft dulden und hielt uns eine lange Rede mit ſolch ſpaniſcher Zungenfertigkeit und Geſchwindigkeit, daß wir wenig mehr verſtanden, als am Schluß jeden Satzes, bevor ſie heftig Athem holte, das wohlbe⸗ kannte: Caramba! Endlich ſchlug ſich der Kellner in's Mittel, und da auch ſeine Vorſtellungen nichts fruchten wollten, ſo zog er entrüſtet den Vorhang vor ihrem Bette zuſammen, worauf wir ſie noch längere Zeit hinter der Gardine dumpf grollen und mur⸗ meln hörten wie ein verziehendes Gewitter. Da ſich der Reſtaurateur nicht darauf vorgeſehen hatte, im Hafen von Tarifa ein Nachteſſen beſorgen zu müſſen, ſo fiel dieſes ſehr frugal aus und erinnerte mich an die Klage des Einſiedlers: „Immer Früchte und gar kein Fleiſch!“ Nicht einmal eine Cho⸗ colade war zu bekommen, und nachdem wir noch auf dem Verdeck im ſanft herabrieſelnden Regen eine Cigarre geraucht, krochen wir in unſere Bettkaſten. Vorher aber hatte mich der Steuermann verſichert, wir würden in der Frühe zur Fahrt durch die Meer⸗ enge einen klaren Morgen haben; eine Ausſicht, die mich alles nächtliche Ungemach in der heißen dunſtigen Cajüte gern ertragen ließ. Schon vor Tagesanbruch befand ich mich auf dem Verdeck und bemerkte mit großer Freude nicht nur, daß der Regen auf⸗ 28 436 Einundzwanzigſtes Kapitel. gehört hatte, ſondern daß auch das dichte Gewölk am Himmel zerriſſen war und hie und da ein bleicher Stern hervorblinkte. Freilich waren rings umher Meer und Felſen noch in Nebel und Dunkelheit eingehüllt, doch konnte man jetzt ſchon die Waſſer⸗ fläche des Hafens von Tarifa, ſowie die maleriſchen Umriſſe der Mauern und Thürme erkennen. Der Capitän befand ſich eben⸗ falls auf dem Verdeck und blickte ungeduldig an dem Schornſtein hinauf, aus welchem der Rauch anfing emporzuqualmen. Ich muß geſtehen, daß ich in unſäglicher Erwartung um mich her ſchaute; ſollte ich doch ein Schauſpiel erleben, wie nie zuvor: die Fahrt durch zwei Welttheile, die, obgleich einander in Wirk⸗ lichkeit ſo nahe gerückt, doch wieder ſo gar keine Vergleichungs⸗ und Berührungspunkte haben, die beiden Extreme der Civili⸗ ſation, Europa und Afrika. Welche gewaltige Flut von Ge⸗ danken, Empfindungen, Erinnerungen beſtürmte uns hier beim Anblick dieſes koloſſalen Felſenthores, das mit ſeinen geſchicht⸗ lichen Erinnerungen und ſchon mit ſeinem Namen:„Säulen des Hercules,“ bis zur Fabelzeit hinaufreicht! Jetzt hob ſich der Anker des Don Manuel, und während der wirklich klar aufſteigende Tag ſtegreich die Dämmerung ver⸗ drängte, glitten wir langſam aus dem Hafen von Tarifa, und befanden uns in kurzer Zeit in der Straße, welche beide Welt⸗ theile und zwei gewaltige Meere trennt. Ich glaube nicht, daß es irgendwo auf der Erde eine Stelle gibt von ſo großartiger land⸗ ſchaftlicher Schönheit wie hier; während wir links die Berge von Tarifa hatten, rückwärts die zerklüfteten, ſonderbar geform⸗ ten Felſenſpitzen des Cap Spartel, ſah jetzt Tanger aus nebel⸗ hafter Ferne zu uns herüber; vor uns im Oſten erhob ſich die Sonne in einem Dunſtkreiſe glühend roth, und ihren Strahlen entgegen, welche nun mit Einem Male das tiefblaue Mittelmeer vor uns mit einem purpurnen Lichtſtrom übergoſſen, ſchwammen wir durch das gewaltige Rieſenthor von Gibraltar. Mit einem goldenen Glanze überſtrömten die herausdringenden Strahlen den bis jetzt im trüben Morgendunſte hinter uns liegenden atlantiſchen Nach Gibraltar. 437 Ocean, und wunderbar herrlich war es dabei anzuſehen, wie die Spitzen der hohen Gebirge von Ronda auf der einen und die Felſenkronen von Tetuan auf der andern Seite, die ſoeben noch in dunkles Violett gehüllt, da lagen, jetzt plötzlich von der Sonne glühend angeſtrahlt wurden, und wie zu gleicher Zeit die pracht⸗ vollen Felſen von Ceuta lange Schlagſchatten auf die bewegte ſpiegelnde Flut warfen. Man hätte laut aufjauchzen können bei all der Pracht, und obgleich ſich, ſowie wir weiter fuhren, die Geſtade von Europa und Afrika langſam verſchoben, ſo zeigten ſte doch immer neue reizende Einzelnheiten. Was war aber in dieſer gewaltigen Natur unſer elendes Schifflein? Noch immer war der enge Kanal zwiſchen beiden Welttheilen im Aufruhr, und die Fluten, welche vom heftigen Winde bewegt das Mittel⸗ meer hinaustreibt, kämpften erbittert mit der Strömung, die, ein eigenthümliches Spiel der Natur, der atlantiſche Ocean in uner⸗ forſchlicher Tiefe immer und immerfort in's Mittelmeer hinein⸗ ſendet. Trotzdem aber arbeitete Don Manuel wacker vorwärts, und in kurzer Zeit trat der eigenthümlich geformte Felſen von Gibral⸗ tar vor unſere Augen. Ringsumher erhoben ſich im weiten Kreiſe ſchöne hohe Berge, den Meerſtrom ſo einſchließend, daß man in einem weiten See zu fahren glaubt. Noch eine halbe Stunde und unſer kleiner Dampfer ließ ſeinen Anker in dem weiten Hafen von Gibraltar, nahe bei Algeſiras, fallen. Da es noch ziemlich früh am Tage war, ſo mußten wir längere Zeit auf Boote warten, die uns an's Land bringen ſollten; doch hatten wir hier ſo viel Prachtvolles zu ſehen, daß uns dieſer Aufenthalt nicht lang däuchte. Auf der großen Bai ſchaukelte eine Menge Schiffe, kleine Küſtenfahrer und Kauffahrteiſchiffe mit den Wimpeln aller Nationen, dazwiſchen aber lagen ſchwarz und finſter große engliſche Kriegsdampfer, gewaltige Fahrzeuge, meiſtens mit zwei Schornſteinen, welche mit Soldaten, Pferden und Kriegsbedürfniſſen aller Art nach dem Orient gingen, wo das blutige Kriegsſpiel ſchon begonnen hatte. Zahlreiche Boote 438 Einundzwanzigſtes Kapitel. — vermittelten die Verbindung der Schiffe mit dem Lande. Hinter dem Maſtenwalde erhob ſich die Stadt Gibraltar, amphithea⸗ traliſch an den Felſen hinangebaut, die Häuſer ſind meiſtens mit dunklen Farben angeſtrichen, ſcheinen auch ſchlecht gebaut, und bieten ſo, wenn man an das glänzende Cadiz denkt, einen düſtern und traurigen Anblick. Hinter der Stadt erhebt ſich nun in den bekannten, rieſenhaften, ſo maleriſchen Verhältniſſen, in einer einzigen Maſſe aufſteigend, der Felſen von Gibraltar, das alte Calpe; nach Oſten zu ſtürzt er faſt ſenkrecht in's Meer, ein zwölfhundert Fuß hohes Vorgebirge bildend; ſeine Abdachungen nach Süden und Weſten ſind ſanfter, aber immer noch nach mili⸗ täriſchen Begriffen unerſteiglich; gegen Norden, wo die Fels⸗ wände gleich rieſenhaften Mauern aufſteigen, hängt er mit Spanien durch eine ſchmale Landzunge zuſammen, ein neutraler Grund, der ganz flach und eben nur wenige Fuß über dem Meere erhaben liegt. Sehr leicht wäre es, dieſen Iſthmus vermittelſt eines Kanals zu durchſchneiden und ſo Gibraltar zu einer Inſel zu machen, wodurch der wirklich unverſchämte Schmuggelhandel hier erſchwert würde und hauptſächlich die von Malaga kommenden Schiffe das Vorgebirge nicht zu umſchiffen brauchten, was bei ſtürmiſchem Wetter häufig nicht ohne Gefahr geſchehen kann. Ein eigenthümliches Spiel der Natur iſt es, daß der Felſen von Gibraltar von der Bai, mehr aber noch von der Landzunge aus geſehen, die Geſtalt eines rieſenhaften, ruhenden Löwen hat. Auf der äußerſten Spitze ſeines Rückens ſteht der alte von Taric erbaute Saracenenthurm, daneben das weiße engliſche Wachthaus mit ſeinem Signalmaſte, an dem große ſchwarze Kugeln verkünden, daß am fernen Horizonte im Oſten oder Weſten Schiffe erſcheinen. Hoch oben aber flattert die Fahne Englands, weithin ſichtbar, und ſo anzeigend, daß ſie es iſt, welche hier am Eingange des Mittelmeers drohend Wache hält. Gegen Norden nach dem Lande zu erhoben ſich ſchon zur Zeit der Mauren vier befeſtigte Linien über einander; von den heutigen Feſtungswerken, — ——————, 2ͤ—n Nach Gibraltar. 439 den berühmten in Felſen gehauenen Batterien, entdeckt man von unten keine Spur; nur ſieht man auf dem Kopfe des Löwen feſte, trotzige Mauern; in ſeiner Bruſt, die er kühn dem Feſtland entgegenwendet, befinden ſich jene furchtbaren Kanonenhöhlen, und wenn wir auch vielleicht dort oben zwiſchen wehenden Ge⸗ büſchen undeutlich eine kleine ſchmale Felsſpalte entdecken, ſo können wir unmöglich glauben, daß es eine jener Schießſcharten ſei, aus denen dem Angreifer Kugeln des ſchwerſten Kalibers entgegenfliegen. Von den Feſtungswerken auf der weſtlichen, uns und dem ſpaniſchen Algeſiras zugewendeten Seite, unten am Hafen, ſehen wir zwei aus Granit ſchief in das Meer hinein⸗ gebaute Hafendämme, die beiden Molo's, welche mit Geſchützen des ſchwerſten Kalibers beſetzt ſind. Ueber den Namen Gibraltar, das alte Heraklia, gibt es verſchiedene Lesarten; nach Einigen ſoll es Giebel⸗Thor heißen, Bergthurm, nach Andern Oſchebel el Taric, Berg des Tarie, weil der tapfere arabiſche Feldherr hier 714 mit ſeinen Mauren landete. Es ſchien mir, als habe der Kapitän des Don Manuel in die Aufhebung der Quarantaine hier noch keinen rechten Glauben geſetzt; denn ſtatt dicht bei Gibraltar hatte er ſich ſo nahe an Algeſtras gelegt, daß uns die dortigen Bootführer als ihre Beute beanſpruchten, mit einer ziemlich großen Fähre vor unſern Dampfer kamen und uns abholten. An der ſpaniſchen Küſte befand ſich ein altes Pfahlwerk in die Bucht hineingebaut, wo Boot und Nachen bei ganz ruhiger See anzulegen ſchienen; heute aber, wo die Fahrzeuge immer etwas auf dem Waſſer tanzten, ſteuerte unſer Nachen nördlicher dem Ufer zu, um vielleicht fünfzig Schritte von demſelben zu halten. Zugleich erſchien denn auch eine Menge Laſtträger, die bis an den Gürtel in's Waſſer gingen, um unſer Boot auszuladen. Sie nahmen Koffer und uns ſelbſt auf ihre Schultern, und es war komiſch anzuſehen, wie wir rittlings den Strand erreichten. Nach einigen Paßſchwierigkeiten, die wir mittelſt ein paar Peſeten in's Reine 440 Einundzwanzigſtes Kapitel. brachten, durften wir über das eben bezeichnete alte Pfahlwerk einen kleinen Dampfer beſteigen, welcher die Verbindung zwiſchen Algeſtras und Gibraltar vermittelt. Damit hatten wir eigent⸗ lich das ſchöne Spanien verlaſſen und wandten ihm lange ſchmerz⸗ liche Blicke zu, ſandten noch viele Abſchiedsgrüße hinüber, wahr⸗ ſcheinlich auf Nimmerwiederſehen.— Ein gebrechlicheres und elenderes Fahrzeug, wie der Dam⸗ pfer war, der uns hinüberführte, hatte ich lange nicht geſehen; ——— ein kleines Ding, Das leck ſchon war und Waſſer fing, Als wie ein alter Stiefel, heißt es irgendwo von Charons Nachen, und gerade ſo war unſer Fahrzeug, dabei von erſchreckend engliſchem Anſehen; auf dem Verdeck die bekannten ſchweren Reiſerequiſiten, blonde Herren mit ſchottiſchem Plaid, und blonde Damen mit grünen Schleiern und waſſerblauen Augen. Statt unſeres prächtigen Piratenkapitäns vom Don Manuel ſtand hier ein fetter Kerl auf dem Radkaſten in langer Aermelweſte, den Hut auf dem Hinter⸗ kopfe, mit dickem aufgedunſenem Geſichte und röthlichem Backen⸗ barte. Ja, es war wirklich Charons Nachen, der uns hinweg vom glühenden wunderbaren Lichte der Sonne in die kalte nüch⸗ terne Unterwelt führte.— Lebe wohl, du ſchönes Spanien! Bald legten wir am neuen Molo von Gibraltar an und hätten glauben können, während der kurzen Ueberfahrt von Alge⸗ ſiras viele, viele hundert Meilen nördlich gekommen zu ſein. Hier waren engliſche Matroſen und engliſche Laſtträger, engliſche Soldaten und engliſche Kaufleute;z ein engliſcher Lohnbedienter pries uns das engliſche Clubbhaus an; engliſch geſchnittene Backenbärte befanden ſich hier an engliſchen ſonſt glatt raſirten Köpfen, und über dem Thor, durch das wir gebückt faſt kriechen mußten, da des Sonntags halber nur der untere Theil geöffnet wurde, wehte die engliſche Flagge. Daß eine Stadt wie Gibraltar, im Mittelpunkt des ſpaniſch⸗ andaluſtſchen Lebens gelegen, zwiſchen Cadiz, Sevilla, Cordova, Nach Gibraltar. 441 Granada und Malaga, gegenüber dem poetiſchen Maurenlande durch ein Paar Tauſend Engländer ein ſo troſtlos nüchternes Anſehen gewinnen kann, iſt völlig unerklärlich. Wenn man durch die lange Hauptſtraße Gibraltars geht, nicht rechts blickend wo durch irgend eine Seitengaſſe ein Stück des Maſtenwalds her⸗ vorſieht, aber nach links, wo der gewaltige Fels hereinragt, ſo hätte man glauben können, in der ſtillſten Krämerſtadt mitten im Lande zu ſein, die fern, abgeſchloſſen von der Welt daliegt, und wohin ſich höchſtens zweimal in der Woche ein alter, ge⸗ brechlicher Poſt⸗Omnibus verirrt. Und dieſe drückende Leere auf den Straßen! Nur hin und wieder wandelt ein einſamer Paletot oder ein paar rothröckige Soldaten. Gott ſei Dank, daß wir an einem Kaffeehaus vorbeikamen, vor dem ein paar Mauren ſaßen, den langen weißen Burnus über den ſeidenen maleriſchen Gewändern, mit ſchönen gelben, arabiſch ernſten Geſichtern. Dazu die Stille der Häuſer, kein Gelächter, kein Geplauder an den halboffenen Fenſtern, kein Guitarrenklang, kein luſtiges Lied. Wo waren die lieben ſpaniſchen Augen geblieben, die friſchen lachenden Lippen mit den ſchönen Zähnen! Hie und da ſah man wohl eine Jungfrau am Fenſter ſitzen, aber aufrecht und ſteif, ſtrenge und wohlerzogen die Blicke abwendend, wenn die vorüberwandelnden Fremdlinge allzukühn aufſchauten, oder das Fenſter ſchließend, wie es ja auch wohl im ähnlichen Falle bei uns daheim geſchieht von der wohlgekämmten Tochter einer achtbaren Familie. Im Hötel Gibraltar, einem guten engliſch eingerichteten Gaſt⸗ hofe, bekamen wir ordentliche Zimmer, und kleideten uns ſo⸗ gleich um, um einen Empfehlungsbrief abzugeben, den wir in Madrid erhalten, und zwar an den preußiſchen Conſul, Herrn Schott, deſſen liebenswürdige Perſönlichkeit uns ſchon manche Reiſende gerühmt hatten. Wir fanden auch alles Gute und Liebe, was man von dieſem gaſtfreundlichen Hauſe geſagt, auf's Vollkommenſte beſtätigt, und wenn auch keine Vergeltung, ſo übe ich doch eine Gerechtigkeit, wenn ich ſage, daß Herr Conſul Schott 442 Einundzwanzigſtes Kapitel. in der That der Hort ſeiner deutſchen Landsleute iſt. Seit längeren Jahren in Gibraltar, verheirathet mit der liebenswürdigen Tochter eines reichen ſpaniſchen Hauſes, findet man bei ihm und ebenſo im Hauſe ſeiner Schwiegereltern, der Familie L., die vollſte ſpaniſche Gaſtfreundſchaft, wie ſie, fern von Zwang und beengender Etikette, nur eben dieſe noble prächtige Nation zu bieten vermag. Mitten in dem nüchternen Gibraltar iſt das Haus des Herrn L. wie eine Oaſe in der Wüſte, ein Stück andaluſiſches Leben. Hier findet man auch wieder den kleinen reizenden Patio mit fri⸗ ſchem Waſſer und blühenden Blumen, und in den gaſtlich ge⸗ öffneten Sälen einen Kreis blühender Töchter, die ſo freundlich waren, uns, die wir ſo ſchmerzlich an das für uns verlorene ſpaniſche Paradies dachten, durch vortrefflich vorgetragene anda⸗ luſiſche Lieder das ſchöne Land wieder herbeizuzaubern. Herr Schott war ſo freundlich, uns zur Alameda von Gibraltar zu geleiten, indem er uns lächelnd verſicherte, die Schönheit derſelben würde uns gewiß mit dem kalten Anblick der Stadt verſöhnen, und darin hatte er vollkommen Recht. An den Feſtungsthoren, durch welche wir die Stadt auf der ſüd⸗ lichen Seite erſtiegen, ſieht man noch deutlich den kaiſerlichen Adler Karls des Fünften. In kurzer Zeit befanden wir uns außerhalb der eigentlichen Gräben und Wälle, an welche ſich die Hafendämme mit ihren furchtbaren Batterien zu unſerer Rech⸗ ten anſchließen, ſo eine drohende Kette Geſchütze des ſchwerſten Kalibers bis zur Oſtſpitze bildend. Zwiſchen dieſem Hafendamme und der rechts aufſteigenden Felſenwand befindet ſich nun die Fläche, welche der Paſeo von Gibraltar einnimmt. Der eigentliche Garten iſt klein, aber von wunderbarer Schönheit; ein ſehr ge⸗ ſchickter Gärtner hat das unten ſanft gegen den Felſen anſteigende Terrain meiſterhaft zu benützen verſtanden, überall verſchlungene Wege angebracht, die jetzt durch Lorbeergebüſch, dann durch un⸗ geheure Roſenlauben, deren eine ſich ſeltſamerweiſe über die weißen Rippen eines Wallfiſches wölbt, über zierliche Brücken hinweg von Terraſſe zu Terraſſe ſteigen, überall eine neue herrliche Aus⸗ Nach Gibraltar. 443 ſicht gewährend. Der untere Theil iſt muldenförmig und eine wahre Schale voll prachtvoller Pflanzen; Geranien, die wir bei uns ja nur in kleinen Exemplaren haben, bildeten hier manns⸗ hohe Gruppen und lange Hecken, bedeckt mit blendenden purpur⸗ rothen Blumen; wie wild aus dem Graſe wachſend, treiben Gladiolus ihre großen ſchönen Blüthenkolben in die Höhe, einen glühenden Kranz um rieſenhafte Aloen bildend, die mit dem Blaugrün ihrer Stachelblätter ſo angenehm zwiſchen der ſaftigen Farbe der Geranien und Lorbeeren hervorbrechen. Gegen die Oſtſpitze zu ſetzt ſich die Alameda in einem breiten Fahrwege fort, und das Eigenthümliche der ganzen Anlage hier am Ufer des Meeres wird noch erhöht durch die unzähligen Batterien, welche man an allen Orten zwiſchen dem blendenden Grün hervorblicken ſteht. Der Gärtner hat die Kriegswerkzeuge auf die lieblichſte und zierlichſte Art mit in den Bereich der Anlagen ge⸗ 2 zogen. Wir betreten einen ſanft geſchlängelten Pfad, der uns 4 vielleicht zu einer Roſenlaube führen kann, und treten plötzlich 1 auf eine Plateforme, mit blankgeputzten Achtundvierzigpfündern 4 bedeckt. Dort durch's Gebüſch ſchimmert auf weißem Kiesgrunde 1 etwas, das wir für Ruheſitze halten; wir kommen näher und finden eine Mörſerbatterie, deren weite Mündungen uns drohend — anſchauen, vielleicht erſchrecken könnten, wenn nicht Schlingpflanzen 4 und Geranien, die am Fuße der Lafetten wachſen, zierliche Ranken hinaufſendeten und mit ihren rothen und blauen Blüthen das kalte Eiſen zu liebkoſen ſchienen, ja es durch ihren Anblick freund⸗ lich ſtimmten. Die Alameda von Gibraltar iſt ein völliger Geſchützgarten, 2 und mir kam häufig die Idee, als habe ſie irgend ein alter General, e ein eifriger Blumenliebhaber, ſo angelegt und die Batterien da⸗ e mit verwoben, weil er nun einmal ohne den Anblick derſelben 2 nicht leben kann. Auf einer kleinen Anhöhe im Garten ſteht das n von Matroſen grotesk aus Holz geſchnitzte lebensgroße Bildniß g des Lord Elliot, des tapfern Vertheidigers von Gibraltar. 2 Der Fahrweg durch den Paſeo, dem ſtarren Felſen abge⸗ Einundzwanzigſtes Kapitel. 444 rungen, zieht ſich zwiſchen reizenden Landhäuſern, meiſtens Woh⸗ nungen der engliſchen Offiziere, bald hie und da von grünen Gärten begränzt, bis zur öſtlichen äußerſten Spitze des Felſens, wo man eine prachtvolle Ausſicht genießt, links und rechts die gewaltige Meeresflut, vor ſich die maleriſchen Berge der afrikaniſchen Küſte in dunkel violetter Färbung. Auf dem Rückwege ſtieg Herr Conſul Schott mit uns ein paar hundert Schritte den Felſen hinan und brachte uns zu einem kleinen höchſt eigenthümlichen Garten, ganz verdeckt in einer Fels⸗ ſpalte liegend, deſſen Entſtehung er uns erzählte. So wenig man hier in Gibraltar verhindert wird, zwiſchen den unteren Batterien ſpazieren zu gehen, ſo ſtreng iſt es verboten, irgendwo zu zeichnen oder etwas am Erdreich zu verändern. Nun meldete eines Tages eine Patrouille, die den Felſen umkreiste, ſie habe dort oben auf der Höhe einen höchſt ſonderbaren Garten entdeckt. Ein Schuhmacher von Gibraltar nämlich hatte den verbotenen Platz da oben geebnet und nach ſeinem Geſchmacke angelegt. Der Gou⸗ verneur mit einigen Offizieren ſah ſich bewogen, hinaufzuklettern und fand nun da eine Anlage der komiſchſten Art, wie wir ſie heute noch ſahen. Am Eingang ſtand das alte verſtümmelte Holz⸗ bild eines Schiffsſchnabels, irgend ein engliſcher Admiral, dem eine Thonpfeife im Munde ſteckte; daneben aus dem Geſtein traten ein paar Pferdsköpfe hervor, weiter oben einzelne hölzerne Arme und Beine, die der Schuſter Gott weiß wo aufgefunden; dann kam man auf eine kleine Terraſſe, wo die Felswand auf der einen Seite mit allen möglichen Porzellan⸗ und Glasſcherben geſchmückt war; unten in einer Höhlung lag ein ausgeſtopftes Reh und in ver⸗ ſchiedenen natürlichen Niſchen wahrhaft ſchreckliche Ungethüme, menſchliche Statuen vorſtellend, die der Eigenthümer ſelbſt aus Kalk und Gyps gemacht; auch Eva war da, am Feigenbaume ſtehend, und neben ihr ſtellte ein alter Cactusſtengel die Schlange vor. Die Terraſſe führt in eine Höhle des Felſens, welche der Schuſter„das Muſeum“ nannte, und hier ſtand bei einander, was er ſeit langen Jahren in Trödelbuden gefunden, zerſtückelte Nach Gibraltar. 445 Gypsfiguren, z. B. der Oberkörper der Venus mit einem Ma⸗ troſenhut auf dem Kopfe, Fetzen von Fahnen und Wimpeln aller möglichen Schiffe, und ausgeſtopfte Hunde und Katzen neben Flaſchen, Gläſern, neben Gewehrkolben ohne Läufe oder roſtigen Säbeln mit zerbrochenen Klingen. Ich glaube nicht, daß da⸗ mals der Gouverneur von Gibraltar, Sir Gardiner, bei dieſem Anblicke mehr gelacht als wir. Der Schuſter erhielt denn auch die Erlaubniß, ſeinen Garten behalten zu dürfen, und zeigte ihn nun mit großem Selbſtgefühl den beſuchenden Fremden, nicht ohne von vielen Stücken höchſt anmuthige Hiſtorien zu erzählen. Als wir herabſteigend die Alameda wieder erreichten, däm⸗ merte es bereits zwiſchen den Felſen. Von der Höhe des Felſens herab donnerte ein Kanonenſchuß, zum Zeichen, daß das Thor auf der Nordſeite geſperrt werde. Auch auf den Kriegsſchiffen ⸗ krachte es, die Flaggen begrüßend, die bei einbrechender Nacht vom Maſt niedergelaſſen wurden. Dieſer Augenblick war wun⸗ derbar ſchön auf der Alameda. Hinter der Meerenge im Weſten war die Sonne ſtrahlend niedergegangen, und während unten ſchon ein feiner Duft die Bäume und Sträuche umzog, glänzte oben auf der Spitze des Felſens noch die ſtolze Flagge Englands über dem Wachthaus und dem alten Saracenenthurm. Während wir langſam dem Thore zuſchritten, entzündeten ſich hie und da an den Bergen Lichter in den Landhäuſern, welche freundlich durch die dunkeln Gebüſche glitzerten. Auf einem der Kriegsſchiffe brausten die Klänge eines Muſtikeorps durch den ſtillen Abend, und als wir die Straßen Gibraltars wieder betraten, begegneten wir einer Patrouille Bergſchotten, die mit den ſchnarrenden Tönen des heimatlichen Dudelſackes ihren Zapfenſtreich aufſpielten. Am andern Morgen erhielten wir durch die Freundlichkeit des Herrn Conſuls Schott die Erlaubniß, die Felſengallerien mit ihren Batterien ſehen zu dürfen, und zwar wurde es uns geſtattet, hinaufzureiten, was in ſofern ſeine Annehmlichkeiten hat, da der Weg, den man machen muß, ſehr weit iſt. Wir nahmen im 446 Einundzwanzigſtes Kapitel. Gaſthof einen Lohnbedienten, der uns für Pferde ſorgte, und ritten um neun Uhr von Hauſe weg. Der Weg führte an der rechten Abdachung des Felſens hinauf, anfänglich durch die Stadt, die terraſſenförmig aufgebaut iſt, zuweilen nur durch ſteile Steintreppen verbunden, und wo die oben hinführenden Straßen öfter auf gleicher Linie mit den Dächern der unten liegenden Häuſer laufen. Außerhalb der Stadt zieht ſich der ſchmale Reitpfad im Zickzack durch zerriſſene Felspartien und führt noch längere Zeit an einzeln ſtehenden Häuschen vorbei, dann haben wir offene Batterien wie auf der Alameda, mit allerlei zierlichen Geſträuchen untermiſcht, Orangen, Citronen und Lorbeer, neben alten mauriſchen Thürmen und neueren Feſtungswerken. Und wie grandios entwickelt ſich die Ausſicht, während man immer höher und höher aufwärts ſteigt! Die Stadt zu unſern Füßen mit ihrem Maſtenwalde ſcheint ſich ängſtlich zuſammenzuducken, wobei die majeſtätiſchen Berge von Europa und Afrika immer rieſenhafter aufſteigen, und die Bai von Gibraltar, drunten für uns ſo weit und groß, ſchrumpft zu einem kleinen See zuſammen, während ſich die ſonnbeglänzten Weltmeere nach Oſten und Weſten in ihrer Unendlichkeit ausdehnen. Vierhundert Fuß über der Stadt erreichten wir die erſte Gallerie, wo uns ein Sergeant der Artillerie erwartete, um durch ſämmtliche Werke unſer Führer zu ſein. Ein ſchweres feſtes Thor öffnet ſich vor uns und aus dem blendenden Sonnen⸗ lichte treten unſere Pferde in einen ſchattigen, vielleicht zwanzig Fuß hohen Felſengang, der ſich endlos vor uns auszudehnen ſcheint und wo das Echo die Hufſchläge dröhnend wiedergibt. Es iſt ein eigenthümliches Gefühl, durch dieſe Batterien zu reiten, und man erſtaunt über die Willenskraft der Menſchen, welche durch den harten Fels dieſe Gänge gehöhlt. Vermittelſt der Schießſcharten fällt das Licht herein, und wenn dieſe auch weit und hoch ſind, ſo braucht man doch nur in die ſchwindelnde Tiefe hinabzuſchauen, um zu begreifen, daß man von drunten dieſe Oeffnung nicht entdeckt, ſelbſt nicht die Mündung der Vier⸗ Nach Gibraltar. 447 undzwanzigpfünder, die hinausragen. Obgleich die Gänge weit und der Fels über den Batterien hoch ausgewölbt iſt, ſo ſoll doch der Pulverdampf, namentlich bei Nord⸗ und Oſtwinden, hier leicht unerträglich werden und ein anhaltendes ſchnelles Schießen ſehr erſchweren. Die zweite Gallerie, die man an der Bergwand auf ſchmalen Zickzackwegen hinaufreitend erreicht, liegt ſtebenhundert Fuß über dem Meere und iſt die längſte. In der Mitte derſelben befindet ſich die Batterie Sanct Georg, ein großer, in den Felſen aus⸗ gehauener, runder Salon, wenn ich nicht irre, mit Vierund⸗ ſechzigpfündern beſetzt, welche nach beiden Meeren hinausfeuern können; etwas tiefer liegt die Batterie Lord Granville's mit ſechzigpfündigen Carronaden. Von dieſer Gallerie zur dritten und höchſten, die ſich tauſend Fuß erhebt, geht es außerhalb des Felſens lange und ziemlich ſteil aufwärts, weßhalb ſich der be⸗ gleitende Sergeant auf die Croupe des Pferdes unſeres Lohn⸗ bedienten ſchwang, um mit dem ſchnell gehenden Thiere gleichen Schritt halten zu können. Dieſer Lohnbediente, der mich pro⸗ tegirte, hatte mir das beſte Pferd gegeben, einen feſten mau⸗ riſchen Schimmelhengſt mit langem Schweif, prachtvoller Mähne und etwas heftigem Temperament. Dabei hatte er die Gewohn⸗ heit, jeden Augenblick den Kopf in die Höhe zu werfen, und zeigte ſchon in der unterſten Gallerie, daß es ihm durchaus kein Ver⸗ gnügen mache, durch die halbdunklen hallenden Gänge zu gehen, ſtrebte auch, da er an der Spitze ritt, ſo haſtig vorwärts, daß ich ihn nur mit Mühe halten konnte. Die oberſte Gallerie hatten wir kaum zur Hälfte durchritten und waren an einen Punkt ge⸗ kommen, wo der Gang ziemlich ſtark aufwärts ſtieg, als mein Hengſt mit Einem Male ſeinen Kopf nachdrücklicher wie bisher in die Höhe warf und gleich darauf in den tollſten Sätzen mit mir durchging; umſonſt nahm ich die Zügel feſt an, ich fühlte wohl, daß die Stange in ſeinem Maul nicht mehr wirkte. Alles, was ich thun konnte, war, ihn in der Mitte des Ganges zu halten, um nicht an den vorſpringenden Felſen der Wände geſtreift zu 448 Einundzwanzigſtes Kapitel. werden. Bald hatte er übrigens das Ende des Ganges erreicht, wo eine Schildwache, die uns kommen hörte, den Thorflügel halb öffnete; dort raste das Pferd hinaus, nicht ohne mich an dem vorſtehenden Riegel tüchtig zu ſtreifen. Ein verſchloſſenes Lattenthor vor dem Eingange ließ ihn nicht weiter; und als ich draußen am hellen Tageslicht nachſah, hatte ſich bei dem Auf⸗ werfen des Kopfes die Kinnkette aus dem Haken gelöst und da war freilich an ein Halten des feurigen Pferdes nicht mehr zu denken. Sämmtliche Gallerien haben hundertundzwanzig Geſchütze und dieſe ganze Seite des Felſens mit den zahlreichen Außen⸗ batterien über ſechshundert, die meiſten von ſchwerem Kaliber. Man ſagt: Gibraltar iſt unbezwinglich, und es mag wohl der Fall ſein, ſo lange eine unbeſiegte britiſche Flotte den Felſen ſchützend umgibt; würde aber Frankreich und Spanien die Oberhand zur See bekommen,— was letzteres anbelangt, ſo iſt freilich wenig Ausſicht vorhanden,— ſo gibt es auch wieder keine Feſtung, die leichter und nachdrücklicher zu blokiren wäre, als Gibraltar. Was die Kanonen gegen die Landenge Spaniens zu anbetrifft, ſo haben ſie wohl mehr den Zweck, Angriffsbat⸗ terien auf den Iſthmus zu zerſtören, als einen ſchnell andringen⸗ den Feind zurückzutreiben. Beim Austritt aus der oberſten Gallerie ritten wir noch einen mühſamen Pfad bis auf die höchſte Spitze des Felſens, zum engliſchen Signal⸗ und Wachthauſe, wo ſich das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigt findet; denn hier oben iſt eine kleine Re⸗ ſtauration, welche die Frau eines engliſchen Sergeanten hält, wo man guten Porter, herrliches weißes Brod und beſten Cheſterkäſe erhält. Eine ſolche Labung iſt nirgendwo zu verachten; hier aber ein derartiges Frühſtück Angeſichts zweier Welttheile und zweier großer Meere wahrhaft köſtlich und ewig unvergeßlich. In der Reſtauration des Wachthauſes kauft man zum An⸗ denken an den Felſen von Gibraltar allerlei hübſche Sachen, welche gemacht ſind aus den agatähnlichen Steinen der Michaels⸗ Nach Gibraltar. 449 höhle, die im ſüdlichen Theile des Felſens liegt und zu welcher wir jetzt hinabritten. Vor einem hohen Felſenthor ſtiegen wir von den Pferden, unſer Führer zündete Fackeln an und dann ging es ziemlich ſteil abwärts. Unten angekommen, ſieht man die natürlichen Felſenmaſſen ſich wie die Kuppeln eines unge⸗ heuren Domes wölben; von ſchlanken Säulen unterſtützt, die durch Tropfſteingebilde verziert, bald gothiſchen Pfeilern ähnlich ſehen, bald ſeltſamen phantaſtiſchen Geſtalten, bald rieſenhaften Baumſtämmen mit weitverzweigten Aeſten. Prachtvoll iſt von hier aus geſehen die bläuliche Färbung des Tageslichtes vor dem hier unten nicht ſichtbaren Eingange; an den wild zerriſſenen Felswänden beleuchtet es oben grell die vorſpringenden Zacken und zeigt Schlagſchatten von wahrhaft abenteuerlichen Formen. Im Hintergrund der Höhle bildet die Fortſetzung derſelben ein ſteil abfallender Felſengang, deſſen Ende und Tiefe noch nie er⸗ gründet worden iſt. Schon häufig ſind engliſche Offiziere hier auf Entdeckungsreiſen ausgegangen, indem ſie an Stricken hinab⸗ glitten, ohne ein Ende der Höhle zu finden; am weiteſten ſoll der engliſche General O'Hara gekommen ſein, der an der Stelle, wo er endlich ohne Erfolg umkehren mußte, einen koſtbaren Degen hinterlegte für einen ſpätern Entdecker, der ſich aber bis jetzt noch nicht gefunden. Der Sage nach ſoll dieſer Gang unter dem Meere nach Afrika führen und dort mit einer Höhle auf. dem Affenberge bei Ceuta in Verbindung ſein. Hiedurch will man es auch erklären, daß zahlreiche Affenheerden, die man heute an der Oſtſeite des Felſens von Gibraltar häufig ſteht, morgen ſpurlos verſchwunden ſind, um nach einigen Tagen ebenſo plötz⸗ lich wieder zu erſcheinen. Als wir ſpäter zur Stadt zurück⸗ kehrten, hielt unſer Führer plötzlich ſein Pferd an und zeigte nach einer buſchigen Stelle des Felſens. Dort bewegte ſich frei⸗ lich an verſchiedenen Stellen etwas und huſchte unter dem Laube hin und her, ob es aber afrikaniſche Affen oder europäiſche Haſen waren, darf ich als wahrheitsliebender Reiſender mich nicht unter⸗ ſtehen, zu entſcheiden. Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 29 450 Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach Gibraltar. Gibraltar hat ein kleines Theater, welches aber meiſtens unbenützt iſt. Zufällig aber traf es ſich in den Tagen unſeres Dortſeins, daß die engliſchen Offiziere der Garniſon zu irgend einem wohlthätigen Zweck eine Vorſtellung veranſtalteten. Sie gaben ein Schauſpiel: Richelieu, ich glaube eine engliſche Ueber⸗ ſetzung aus dem Franzöſiſchen. Wir erhielten Eintrittskarten, von denen wir begreiflicherweiſe Gebrauch machten. Das Schau⸗ ſpielhaus iſt klein, aber freundlich, und war mit einer ge⸗ wählten Geſellſchaft beſetzt. Zwiſchen blonden engliſchen Damen in großer Toilette ſahen wir wieder einmal auch ſchöne ſchwarz⸗ äugige Spanierinnen, und neben den unmaleriſchen europäiſchen Fräcken maleriſche Trachten aus der Berberei, Mauren im weißen Burnus, die das ſeltene Schauſpiel und die unverſtänd⸗ liche, für ſie ſo harte Sprache ernſthaft anſtaunten. Sehr reich waren die Coſtüme der Acteurs; an ächten Frauen agirten nur zwei wirkliche Schauſpielerinnen, ein paar blutjunge hübſche Offiziere ſtellten die übrigen Damenrollen dar. Geſpielt wurde im Allgemeinen ziemlich gut; auch waren Künſtler und Publikum außerordentlich heiter; für mich iſt aber die Erinnerung an jenen Abend eine ſchmerzliche, denn wie wenige jener friſchen lebens⸗ luſtigen jungen Leute mag auf den blutgetränkten Schlachtfeldern der Krimm der unerbittliche Tod verſchont haben! —,—— Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Ein Stückchen Afrika. Trennungs⸗Gedanken. Die Province d'Oran. Sturm im Hafen. Ein Stern in dunkler Nacht. Schraubendampfer und Schaufelboot. Schlechte Fahrt. Mers el Kebir. Unverſchämte Mauthviſitation. Oran. Die Stadt und ihr Straßenleben. Beduinen und franzöſiſches Militär. Erinnerungen. General Peliſſier. Abſchied von den Freunden. Ankunft in Florenz. Unſere kleine Reiſegeſellſchaft, die vereint in dem ſchönen Spanien manch Herrliches geſehen, und bald mit gutem, bald mit ſchlechtem Humor ſo viele große Freuden und kleine Leiden zu⸗ ſammen ertragen, hätte ſich hier auf der äußerſten Spitze Europa’'s beinahe getrennt. Nicht als ob wir des wahrhaft freundſchaft⸗ lichen Zuſammenlebens überdrüſſig geworden wären, ſondern weil uns nach vollbrachter Reiſe das Endziel derſelben nach drei verſchiedenen Himmelsrichtungen wies. Baumeiſter Leins wollte zurück nach Spanien, um die nördlichen Provinzen noch einmal zu ſehen, Maler Horſchelt aber ſüdlich nach Afrika, mich zog es dagegen in öſtlicher Richtung gen Italien, wo ich ja meine Familie abholen mußte, um wieder vereint mit derſelben in die deutſche Heimat zurückzukehren. Dießmal aber war es die mangelhafte Communication, welche unſer Kleeblatt noch für kurze Zeit zu⸗ 29 452 Bweiundzwanzigſtes Kapitel. ſammenhielt. Leins hatte keine Ausſicht, vor vierzehn Tagen mit einem der ſpaniſchen Küſtenfahrer nach Barcelona gelangen zu können; Schiffe, die direkt nach Italien gingen, waren ohnedieß ſehr ſelten, dafür aber dampfte am vierten Tage unſeres Aufent⸗ halts in Gibraltar ein franzöſiſches Schiff in den Hafen, welches den nächſten Tag direkt nach Oran abfahren wollte. So ent⸗ ſchloſſen wir uns denn kurz und gut, unſern lieben Maler nach Afrika hinüber zu begleiten, um in Oran oder Algier eine weitere Reiſegelegenheit zu finden. Leider hatte ſich das ſeit mehreren Tagen ſo klare und freundliche Wetter geändert, und als wir bei Sonnenuntergang mit unſern Koffern dem Molo zuſchritten, wallten dichte Nebel um den Felſen von Gibraltar und die Berge auf der afrikaniſchen Küſte, auch grollte die See unmuthig an dem Hafendamme, und die ankernden Fahrzeuge, bedenklich kopfſchüttelnd, neigten ſich hin und her. Conſul Schott war ſo freundlich, uns bis zum Hafen zu begleiten, und ehe wir in's Boot ſtiegen, drückte er uns noch herzlich die Hand, wünſchte uns eine gute Fahrt und wir unter⸗ ließen nicht, ihm für ſeine große Freundſchaft und wahre Liebens⸗ würdigkeit unſern beſten Dank zu wiederholen. Unſer Dampfer: la Province d'Oran, lag ziemlich weit draußen in der Bai, und als wir ihn in unſerem kleinen Nachen erreichten, waren die Wellen hier ſchon ſo bewegt, daß ſie unſer Boot wie eine Nußſchale auf⸗ und abwarfen und wir kaum an der Treppe anlegen konnten. Spanien entließ uns recht unfreund⸗ lich, in dichte Wolken und Regenſchleier gehüllt. Kaum ſahen wir um ſechs Uhr den Blitz des Kanonenſchuſſes droben vom engliſchen Wachthauſe, und die Lichter in der Stadt flackerten röthlich trübe. Lange brauchte unſer Dampfer, um ſeine noth⸗ wendigen Kohlen einzunehmen, und als alles bereit war, ja, als aus dem Schornſtein ſchon längſt überflüſſiger Dampf ziſchend aufſtieg, zauderte der Kapitän noch mit der Abfahrt und berath⸗ ſchlagte ſich mit ſeinem erſten Offizier, ob es überhaupt möglich 453 Ein Stückchen Afrika. ſei, den Hafen bei drohendem Sturmwetter zu verlaſſen. Das Meer hatte ſich aber auch bedenklich verändert, und wenn wir gleich bei der dunklen Nacht ſeine aufſpritzenden Schaumwogen draußen nicht ſehen konnten, ſo hörten wir doch, wie ſie don⸗ nernd anprallten an Hafendamm und Felſen. Endlich aber gegen zehn Uhr wurde der Anker gehoben, die Maſchine fing langſam an zu arbeiten, und ſchon im Hafen hin und her ſchwankend, fuhren wir in die wildbewegte See hinaus. Leider wehte uns draußen im Meere ein ſteifer Oſtwind entgegen, und ſeufzend und ſtöhnend arbeitete der Dampfer langſam gegen die anprallen⸗ den Wogen. Ich war ſchon da überzeugt, daß wir kaum eine Seemeile in der Stunde zurücklegen würden. Bis nach Mitter⸗ nacht blieb ich trotz Sturm und Regen auf dem Verdeck, und da befanden wir uns immer noch von Wind und Wellen hin und her geworfen gegenüber der in unſichern Umriſſen ſchwarz aufſteigenden Felswand von Gibraltar. Allein tröſtlich bei dieſem 2 Unwetter und dem trüben Abſchiede von Spanien war das Licht des Leuchtthurms am Fuß der Steinwand, das ich lange, lange durch Nebel und Dunſt ſtrahlen ſah, uns freundlich nachblickend, wie ein ſchöner glänzender Stern. Obgleich ich ſchon mehrere kleine Ueberfahrten auf Schrau⸗ bendampfern gemacht, ſo war doch meine jetzige die erſte größere Reiſe in einem ſolchen Fahrzeuge. Von außen hatte die Province⸗ d' Oran nicht viel verſprochen. Es war ein düſteres, ſchwarzes, ja ich könnte mit Recht ſagen, ſchmieriges Fahrzeug, ſchlank und ſchmal wie ein Klipper gebaut, mit ſehr enger und nichts weniger als comfortabler Kajüte; auch die Einrichtung der Schlafkabinete ließ Manches zu wünſchen übrig, ſehr viel aber in Betreff von * friſcher Wäſche. Im Allgemeinen haben die Schraubendampfer eine weit unangenehmere Bewegung als die Ruderdampfer. Die b Schaufelräder, zu beiden Seiten des Schiffes angebracht, ſtellen hierdurch gewiſſermaſſen in der Bewegung eine Art Gleichgewicht b her und wenn auch bei ſcharfem Wind und Wellen ſich ein Schau⸗ gen bei Tagesanbruch auf das Verdeck hinauf ſtieg, ſah ich zu 454 Bweiundzwanzigſtes Kapitel. felboot bäumt und ſchraubenförmige Bewegungen macht, ſo ſchau⸗ kelt es doch nicht ſo über alle Maßen auf ſeinem eigenen Kiel wie ein Schraubendampfer. War es doch hier zuweilen in der erſten Nacht, als ſei die Schraube unter dem Schiff ein Mittelpunkt, um den wir zuweilen ganz herumfliegen ſollten; dazu machte dieſelbe mit ihren Drehungen unter dem Fußboden der Hauptkajüte ein ächzendes, polterndes, unausſtehliches Geräuſch, wogegen bei an⸗ deren Schiffen das Klatſchen der Schaufelräder eine wahre Muſik genannt werden könnte. Im Hauptſalon befand ſich außer uns nur ein einziger Paſſagier, ein franzöſiſcher Schiffskapitän, der ſein Schiff vor nicht langer Zeit bei dem Sturme im Hafen von Gibraltar verloren hatte, und nun über Oran nach Marſeille zurückging. Unſer eigener Commandeur war ein langer, melan⸗ choliſcher Franzoſe, der während der heutigen Sturmnacht beſtän⸗ dig in der Cajüte auf und ab eilte und dann wieder mit Zirkel und Quadrant über ſeine Seekarten gebeugt ſaß. Er mochte auch ſeine Urſachen dazu haben, vorſichtig, ja ängſtlich zu ſein; denn in der Nähe der himmelhohen Felswände wurden wir von den vom Sturme gepeitſchten Wogen ſo hin und hergeworfen, daß Maſchine und Steuerruder zuweilen völlig machtlos erſchienen; ja, ich bin überzeugt, wenn wir auch zuweilen ein paar Seemeilen vorwärts machten, ſo drückte uns gleich darauf wieder der wüthende Oſtwind ebenſoviel rückwärts; und zweifle nicht, daß unſer Kapitän gern nach Gibraltar zurückgekehrt wäre, doch fürchtete er ſich bei der finſtern Nacht, das Schiff zu wenden und den Eingang zur Bai wieder aufzuſuchen. Die Province d'Oran hatte einen großen Fehler, ſie war als Bateau mirte gebaut, alſo ein Schiff, welches ebenſogut mit der Maſchine laufen, als unter dem Winde ſegeln kann, und ſollte mit Vereinigung dieſer beiden Kräfte ein ausgezeichneter Läufer ſein; heute aber, wo wir Wind und Wellen gegen uns hatten, erwies ſich die Maſchine als viel zu ſchwach, ſo daß wir kaum von der Stelle kamen, und als ich am andern Mor⸗ ₰ Ein Stückchen Afrika. 455 meiner ſehr unangenehmen Ueberraſchung den Felſen von Gibral⸗ tar wohl rückwärts von uns liegen, aber trotz Regen und Nebel⸗ dunſt ſo deutlich, daß ich wohl abſchätzen konnte, wir ſeien noch nicht viele Seemeilen von ihm entfernt. Es war ein troſtloſer, garſtiger, grauer Morgen; Wind und Regen pfiff und ſauste durch's Takelwerk, die See war ſchmutzig gelb und kam uns rollend und ſchaumſpritzend in gewaltigen Wogenketten entgegen. Obgleich wir jetzt mit voller Kraft fuh⸗ ren, ſo kamen wir doch nur langſam vorwärts; ja zuweilen ſchien das Schiff ganz ſtill zu ſtehen unter dem wüthenden Anprallen der Wellen und in ſolchen Augenblicken erzitterte das ganze Gebäude, wie vor Angſt und plötzlichem Schreck. Sowohl unſer eigener, als auch der fremde Kapitän und nicht minder wir Paſſagiere waren froh, wenigſtens die Nacht hinter uns zu haben. Man kann Schiffbruch leiden und doch mit heiler Haut davon kommen, wie es mir vor Jahren im Meer von Marmora geſchehen; aber an dieſe Felſenküſten geworfen zu werden, iſt für Mannſchaft und Schiff der ſichere, unvermeidliche Untergang. Unſer Dampfer war ſchwer mit Kaufmannsgütern beladen, hatte aber auch in der Vorkajüte wenig Paſſagiere. Hier befand ſich u. A. eine mauriſche Familie aus Oran, Vater, Mutter mit vier Kindern, armen, geduldigen Weſen, die bei verſchloſſener Lucke die Nacht ohne Betten zugebracht hatten und ſich nun freu⸗ ten, als das Tageslicht zu ihnen hereindrang. Namentlich die armen Kinder mit dem gelben, wachsbleichen Teint und großen, wunderſchönen Augen blickten verwundert um ſich und krochen zuweilen die Treppe hinauf, um ſich das Meer anzuſchauen. Anfänglich waren ſie ſcheu, wie Rehe, und wenn ſich Einer von uns blicken ließ, ſo flohen ſie behende in ihren Verſchlag zurück; nach und nach aber wurden ſie zutraulicher und nahmen Zwieback, Orangen und Zucker aus unſern Händen. So ſchmierig das Bettzeug auf dieſem unangenehmen Schiffe war, ebenſo unſauber waren auch Tiſchgeräth und Servietten; und um dieß 456 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. mit der Küche in Einklang zu bringen, war dieſe ſo ärmlich und ſchlecht, wie ich ſte weder bei einer Fluß⸗ noch Seefahrt nie erlebt. Unſer finſterer Kapitän, der überhaupt ein merkwür⸗ diger Herr war, ſchien gar keine friſchen Vorräthe an Bord zu haben, und ſo lebten wir von Kartoffeln, Erbſen, Bohnen und Rauchfleiſch, allerdings auf gut ſeemänniſch, aber nicht gemäß dem vielen Gelde, welches uns der Agent in Gibraltar für eine gute Verköſtigung abge—— nommen. Das einzige vergnügte Geſicht an Bord war aber unſer ſchmutziger Kellner und dieſer arme Teufel hatte gewiß die wenigſte Urſache dazu, denn er mußte beim heftigſten Schaukeln des Schiffes den Tiſch unten decken und durch Wind und Regen das Eſſen aus der Küche über's Verdeck tragen. Doch behielt er immer dabei ſein grinſend lächelndes Geſicht und dieß verließ ihn ſogar nicht, als er einmal mit der ganzen Suppenſchüſſel droben ausrutſchte und auf das naſſe Verdeck hinfiel. Ein guter Dampfer braucht von Gibraltar nach Oran ſechs⸗ unddreißig Stunden, wir aber drei Nächte und zwei und einen halben Tag und das unter beſtändigem Sturmwind und Regen bei immer magerer werdender Ration. Endlich am dritten Tag in der Frühe ſahen wir die feingezackte, hier grün bewachſene Küſte Afrika's vor uns und erreichten um Mittag Mers el Kebir, den Hafen von Oran. In jeder Beziehung waren wir ſehr erfreut, unſer ungaſtliches Schiff verlaſſen zu dürfen, mußten aber, ehe wir zur Stadt Oran hinauffahren durften, noch eine ſehr unan⸗ genehme, ja höchſt unverſchämte Mauthviſitation durchmachen. So empörend roh, wie hier in einer franzöſtſchen Kolonie bin ich in meinem ganzen Leben nicht behandelt worden. Nicht genug, daß man unſere Koffer und Nachtſäcke bis auf den Grund durch⸗ wühlte, wollte ſich auch ein Kerl in blauer Blouſe das Vergnügen machen, die Taſchen unſerer Kleider zu unterſuchen. Da ich aber ohne⸗ dieß ziemlich ſchlecht gelaunt war, ſo ſtieß ich ihn unter einem kräfti⸗ gen Worte von mir, wobei ich ausrief: wenn einmal hier die Be⸗ 5 * Ein Stückchen Afrika. 457 ſtimmung gelte, Reiſende auf ſo unverſchämte Art zu durchſuchen, ſo müſſe ich mir das gefallen laſſen, aber nur von einem Angeſtellten in ſeiner Dienſtuniform; von jedem hergelaufenen Kerl aber in ſchmieriger Blouſe laſſe ich mich nicht anrühren. Das wirkte und man ließ uns unſeres Weges ziehen. Von Mers el Kebir nach Oran braucht man vielleicht drei Viertelſtunden und fährt auf einer breiten, vortrefflich unterhal⸗ tenen Chauſſee in guten Droſchken, die ſich bei Ankunft eines Schiffes zahlreich am Meere einfinden. Die Straße windet ſich maleriſch längere Zeit in großen Bogen um die weite Seebucht herum und iſt beim Eintritt in die Stadt durch ein von den Fran⸗ zoſen erbautes ſtarkes Werk geſchloſſen. Die umliegenden Höhen zeigen ein Paar alte verfallene, mauriſche Forts, die jetzigen Ver⸗ theidigungslinien ſind alle neu, trefflich gebaut und mit ſtarken Erdwerken umgeben. Als die Franzoſen im Jahr 1830 Oran beſetzten, lag die ganze untere Stadt in Trümmern und wurde von den Eroberern neu aufgebaut, woher es kommt, daß der größte Theil von Oran vollſtändig das Anſehen einer kleinen franzöſiſchen Hafenſtadt hat. Man hat beim Eintritt in dieſelbe keine Idee, daß man ſich an der afrikaniſchen Küſte befindet; die Straßen ſind gut gepflaſtert oder makadamiſirt und auf ihnen ſieht man neben zahlreichem franzöſiſchem Militär nur den europäiſchen Paletot und runden Hut. Selten läßt ſich in dieſem Stadtviertel ein Maure ſehen, oder ſchleicht ein Beduine durch eine Seitengaſſe. Die hübſchen Häuſer ſind neu und gleichförmig gebaut und ent⸗ halten franzöſiſche Moden⸗ und andere Magazine, Buchläden, Kaffeehäuſer, Reſtaurationen und elegante kleine Boutiquen aller Art.— Girault et Compagnie, Magasin de Nouveautés.— Henri Favard, Salon pour la coupe des cheveux. Auf der Höhe des Berges, an dem Oran liegt, iſt das Mauren⸗ und Judenviertel, wo alte orientaliſche Erinnerungen in mir rege wurden. Oft war es mir, als wandelte ich in einer Straße von Beirut; hier wie dort die ärmlichen hellgelben Lehmhäuſer mit 458 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. flachem Dach, zuweilen mit einer Backſteinkuppel; niedrige, ſchlecht verwahrte Thüren und die Gebäude vielleicht verziert mit den Ueberreſten eines reizenden arabiſchen Fenſterbogens von ſchlanken, oftmals geſprungenen Säulchen getragen, oder auch beſchattet von einer ſchlanken Palme, welche hoch in die blaue Luft hinaus ragte. Dazu das gleiche Straßenleben, die kunſtloſen Läden und offenen Werkſtätten, wo ſichtbar vor Aller Augen Schuhe geflickt und Kleider genäht wurden, ja in den gewölbten Gängen eines weit⸗ geöffneten Hofes eine zahlreich beſuchte Judenſchule, der Lehrer in Turban, langem Talar und gelben Pantoffeln, die kleinen Kin⸗ der in verblichenen rothen und gelben Röckchen, öfters ein geſticktes Käppchen auf dem ſchwarzen Haare, luſtig durcheinander ſchreiend und ſich dabei auf ihren Sitzen hin und her bewegend. Die neue Hauptſtraße Orans iſt mit dieſem Mauren⸗ und Judenviertel durch den großen Hauptplatz verbunden, der die Höhe des Berges einnimmt, und wo ſich Morgenland und Abendland in maleri⸗ ſchen Gruppen vereinigt. Hier traben ein paar Chaſſeurs d'Afrique, die Flinte auf dem Rücken und halten plötzlich an, um mit einem maleriſch coſtumirten Spahi zu plaudern, oder die Bekanntſchaft einiger Beduinen zu machen, die ſoeben von der Wüſte herein geritten kamen. Das ſind faſt die gleichen Geſtalten, mit denen ich vor langen Jahren durch den Libanon und nach Damaskus gezogen, im weißen Gewand, den Yatagan im Gürtel, die lange Lanze quer über den Sattel gelegt; nur der Burnus iſt hier von dem ſyriſchen verſchieden, er hat eine Kapuze, welche der Araber der Berberei über das bunte Kopftuch zieht, und ſo weiß einge⸗ rahmt, ſieht der bronzefarbene Kopf mit den blitzenden Augen noch ernſter und düſterer aus.— Die Hauptſtraße herauf, die auf den Platz mündet, kommen Soldaten und Offiziere verſchiedener Waffengattungen, zu Pferde und zu Fuß, dieſe behaglich flanirend, jene eilig im raſchen Trabe des ſchlanken, mauriſchen Roſſes. Dort erſcheint auch mit Einemmale eine dichte Menſchenmaſſe, laut ſchreiend und lachend, ein Knäuel von franzöſiſchen Soldaten, 9 N Ein Stückchen Afrika. 459 Mauren und Bürgern der Stadt. Sie umgeben eine Tragbahre, welche zwei Araber tragen und auf welcher ein großer, bunt⸗ gefleckter Panther liegt, der am frühen Morgen draußen auf der Ebene geſchoſſen wurde. Sei mir gegrüßt, orientaliſches Kaffeehaus, mit deinen niedrigen Rohrſtühlchen und kleinen Täſſchen! Liegen denn wirk⸗ lich fünfzehn Jahre zwiſchen jener Zeit und heute, wo ich eben⸗ falls den duftenden Mocca aus dem zierlichen Zarfe trank, und wo mir ebenſo wie heute ein kleiner Negerbube die lange, dampfende Pfeife in den Mund ſteckte?— Es ſind ja die gleichen Bilder, die ich damals geſehen, die mir ſo ſehr die jugendliche Phantaſie erregt.— Und doch, ſo ähnlich die Umgebung iſt, ſo i*ſt ſie doch wieder ganz verſchieden. Ueber den Platz herüber dringen die rauſchenden Klänge einer franzöſiſchen Militärmuſik, Offiziere in reichgeſtickter franzöſiſcher Uniform ſprengen zwiſchen den erſtaunten Beduinen dahin, voran ein Oberofftzier in mittle⸗ ren Jahren, eine ſtark unterſetzte Figur mit breitem, ernſtem nach⸗ denklichem Geſichte— Peliſſier. Jetzt herrſcht freilich an den Ufern des Bosporus daſſelbe Leben, wie hier an der afrikaniſchen Küſte und wo damals eine fremde Uniform zur Seltenheit gehörte, be⸗ wegen ſich heute zwiſchen den Türken und Beduinen zahlreiche franzöſiſche Soldaten, Chaſſeurs d'Afrique und Zuaven. Die letzteren hier in Oran zu ſehen intereſſirte mich beſonders; faſt alle ſind kräftige, unterſetzte Leute, auffallend viele unter ihnen haben hellblonde Bärte. Ihre orientaliſche Phantaſietracht, der grüne Turban, die anſchließende Jacke und weiße kurze Hoſen mit zierlich geſchnittenen Gamaſchen iſt ſchöner und zweckmäßiger, wie die Uniformirung der Armee des Großherrn. Jetzt könnte es mich traurig machen, wenn ich bedenke, wie luſtig und wohlgemuth die armen Zuaven damals durch die Gaſſen von Oran ſchwärmten, ihre kleinen Einkäufe beſorgten und ſich zur Abreiſe rüſteten; drunten bei Mers el Kebir lagen ein paar große franzöſiſche Kriegs⸗ dampfer, um von den hieſigen Regimentern nach Konſtantinopel 460 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. zu führen. Wer mag von dieſen kräftigen Geſellen jetzt noch übrig ſein? Las ich doch neulich von einem einarmigen Zuaven, der nach Marſeille zurückgekommen und dort erzählte, daß von den zwei Kriegsbataillons ſeines Regiments, die vor einem Jahre achtzehn⸗ hundert Mann ſtark von Oran nach der Türkei gegangen ſeien, jetzt nur noch ungefähr zweihundertundfünfzig übrig wären, von den zwölf Kapitäns aber elf todt und der zwölfte in der Ge⸗ fangenſchaft.—— Oran hat unter der hochgelegenen befeſtigten Citadelle einen ſchönen, neuangelegten Spaziergang, mit doppelten Baumreihen, wo man eine prachtvolle Ausſicht auf die umliegenden Höhen, von denen einige mit verfallenem Mauerwerk gekrönt ſind, auf die am Abhang liegende Stadt, ſowie auf das weite, tiefblaue Meer ge⸗ nießt. Neben dieſer Promenade liegt das kleine Theater. Eine franzöſiſche Operngeſellſchaft gab den Brauer von Preſton und zu gleicher Zeit ſahen wir abermals den General Peliſſier, der mit ein paar Damen in der Proſceniumsloge des erſten Ranges ſaß, jetzt nicht ſo finſter wie heute Morgen, vielmehr heiter und lachend. Obgleich der Dampfer, der uns hieher gebracht, von hier nach Marſeille ging, hatten wir doch keine Luſt, uns ihm wieder anzuvertrauen, ſondern nahmen uns Plätze auf einem andern franzöſiſchen Schiffe, welches, ſowie auch ſein Kapitän, uns mit vollem Rechte ſehr gerühmt wurde. Ehe wir uns aber an Bord begaben, nahmen Baumeiſter Leins und ich einen recht ſchmerz⸗ lichen Abſchied von unſerem bisherigen lieben und getreuen Reiſe⸗ gefährten, dem Maler Horſchelt, der in Oran zurückblieb, da ſeine Abſicht war, längere Zeit hier, ſowie in Algier und Conſtantine zu verweilen; als unſer Dampfer ſich langſam aus dem Hafen fortbewegte, ſahen wir die gute, lange Geſtalt unſeres Freundes noch, auf dem Wege nach Oran zurück, häufig ſtehen bleibend, es ſchmerzte uns, die wir nach der Heimat zurückkehrten, ihn hier allein zurücklaſſen zu müſſen. Sind doch die Reiſen an der ₰4 7 Ein Stückchen Afrika. afrikaniſchen Küſte nicht ohne Gefahr und das Ungemach und die kleinen Leiden, welche man in Geſellſchaft leichter trägt, wohl im Stande, den Einzelnen niederzudrücken. Glücklicherweiſe aber ging von unſeren Befürchtungen nichts in Erfüllung und während ich dieſe Zeilen niederſchreibe, befindet ſich unſer ehemaliger Reiſe⸗ gefährte wohlbehalten in ſeiner Vaterſtadt an der Iſar und ſendet unſterbliche Werke in die Welt hinaus: Kriegs⸗ und Lagerſcenen, Kameel⸗, Pferd⸗ und Maulthier⸗Bilder— lauter vortreffliche Horſchelts. Am dritten Morgen nach einer ſehr angenehmen Fahrt auf dem vorzüglichen Schiffe Leonidas ſah ich mit wahrem Entzücken den weißen Felſen mit dem Chaͤteau dIf wieder vor uns auftauchen; dann die nebelbedeckte franzöſiſche Küſte, wo Marſeille liegt und eine Stunde darauf die Häuſer der Stadt mit dem Maſtenwalde zu ihren Füſſen. Als der Anker in die Tiefe raſſelte und ich wie vor mehreren Monaten abermals auf kleinem Boot dem Ufer zu⸗ ſchwamm, ſchlug mein Herz heftiger unter einem unbeſchreiblich glücklichen Gefühl. Hier in Marſeille verließ mich unſer wackrer Leins, um direkt über Paris nach Stuttgart zurückzukehren. Ich aber vertraute mich am andern Tage abermals dem Meere an und fuhr mit dem Dampfer Caſtor nach Livorno. Es war, als wollte mich der Himmel für manche ſchlimme Seefahrt und vieles Ungemach des. Wetters noch zu guter Letzt entſchädigen; denn eine ſchönere, ruhi⸗ gere und ſonnigere Ueberfahrt wie dieſe habe ich nie erlebt. Da ich ſo glücklich in dem Gedanken war, die Meinen nun bald wieder zu ſehen, ſo konnte es mich in Livorno nicht verſtimmen, daß wir des Sonntags halber faſt bis Mittag auf die geſtrengen Herrn von der Douane warten mußten, worüber die andern Reiſenden, und das mit vollem Rechte, empört waren. Angenehm träumend flog ich auf dem Dampfwagen abermals durch Toskana bis nach Florenz, welches ich bei ſinkender Nacht erreichte. Dießmal em⸗ pfing mich auch kein Regenguß, vielmehr geleitete mich ein klarer 462 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Stückchen Afrikza. ſternbeſäeter Abendhimmel an das Haus, wo meine Lieben wohn⸗ ten, und als ich unerwartet in die hellerleuchtete Stube trat, hatte ich das unbeſchreibliche Vergnügen, Alle, Alle wohl, heiter und geſund wiederzuſehen, ſich freuend auf die baldige Rückkehr nach der Heimat. K Inhalt. Bwölftes Kapitel. Madrid. Dreizehntes Kapitel. Escorial. Vierzehntes Kapitel. Aranjuez Fünfzehntes Kapitel. Toledo Sechszehntes Kapitel. Ein Ritt nach Andaluſien. Siebenzehntes Kapitel. Jaen Achtzehntes Kapitel. Granada. Neunzehntes Kapitel. Nach Cordova Zwanzigſtes Kapitel. Sevilla. Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach Gibraltar Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Stückchen Afrika —— ——— ————— — * 8 —