——j Lr,he ———ꝑ—˙ꝑ˙ꝑꝑꝑ———- ſf Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. Ednuard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. * 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Tyonnement. Daſſelbe mmuß voraus ſbezahlt werden und MEEK e J Leträgt;„„ numcenncisnea e— 1 für wöchentlichee 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .——————— ² auf Monat: ☚ 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3— 5— 1 50. 7 1 1 2—, 1—5 5. 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Verlag von Adolph Krabbe. 1855. — 8 8 8 8 xE x S 9 8G 6& 60 8 ‿— 8 E Q 2 3 8 · — ‿ 6 S8 — 8 — „ 8 S Ver Titel des vorliegenden Buches nöthigt mich, ein paar ein⸗ leitende Worte zu ſchreiben, denn es mag vielleicht einer Entſchuldi⸗ gung bedürfen, Spanien, das herrliche, ſüdliche Land, das in unſerer Phantaſie mit Sonnenſchein und Blüthenſtaub lebt, das wir nicht zu trennen vermögen von dem Begriff lauer, entzückender Sommernächte nach glühendem Tagesbrand, im Winter bereist zu haben. Aber Verhältniſſe beſtimmen den Menſchen, und eine Reiſe, deren Ausfüh⸗ rung während des Sommers mir und meinen Freunden ſchwierig war, konnte zur Winterszeit leichter unternommen werden. Dabei will ich nicht verſchweigen, daß Staub und unerträgliche Hitze, die in manchen Reiſebeſchreibungen eine ſo große Rolle ſpielen, uns ebenfalls für die kältere Jahreszeit beſtimmten. Wenn wir hierbei manches von dem ſo reizenden ſpaniſchen Volksleben verloren, ſo hatten wir dagegen bei unſern Zügen durch das Land gute Gelegenheit, das Innere deſſelben kennen zu lernen; und gerade der Winter geſtattete uns vom Sattel des Pferdes frei umzuſchauen, wogegen uns der heiße Sommer fortwährend in den dunſtigen Eilwagen mit ſeinen engen Fenſtern gebannt hätte. Uebrigens bin ich weit entfernt, irgend einen der verehrlichen Leſer in Betreff einer Reiſe nach Spanien für den Winter beſtimmen zu wollen, aber eben ſo wenig, Jemanden zu einer Tour durch das Land während der Sommerszeit zu veranlaſſen. Wer Spanien auf bequeme und angenehme Art beſuchen will, reiſe im Frühjahr der Küſte entlang und mache einen Abſtecher von Malaga nach Granada, und von Cadiz über Sevilla nach Cordova, ſo hat er das Schoͤnſte geſehen, was die Erde ihm zu bieten vermag. Wenn ich auch bei meiner Reiſe manches Ungemach zu ertragen hatte, ſo wurde daſſelbe doch gemildert durch die Geſellſchaft zweier lieben Freunde, mit denen ich die angenehmen Stunden doppelt genoß, und in deren Begleitung die unangenehmen durch guten Humor, durch Scherz und Lachen verkürzt wurden. Dabei lehrte mich der Eine dieſer Freunde, Baumeiſter Leins von Stuttgart, der, noch ein junger Mann, hier in einem der ſchönſten und prächtigſten Bauwerke der Neuzeit den ganzen großen Schatz ſeiner Kunſt entfaltet, und ſich dadurch einen guten, wohlverdienten Namen in Deutſchland gemacht, die herrlichen Bauwerke Spaniens kennen und verſtehen, und ſeine gründlichen Aufzeichnungen waren mir bei Entſtehung dieſes Buches von außerordentlichem Nutzen. Der Andere, der Maler Theodor Horſchelt von München, ebenfalls ein treuer Freund in allen Verhältniſſen, ſtellte mir ſeine geſammelten, zahlreichen und ſchönen Skizzen zur Verfügung, von denen ich gewiß Gebrauch machen werde, wenn die Gunſt des Leſers mir erlaubt, in einer neuen Auflage das beſcheidene Gewand meines Buches zu illuſtriren. Für Horſchelt, der uns in Oran verließ, um noch längere Zeit in den franzöſiſchen Kolonien Afrikas zu bleiben, war dieſe Reiſe ein bedeutender Wendepunkt in Leben und Kunſt, denn wenn auch ſchon ſeine früheren Bilder den vollen Beifall der Kenner erhielten, und kaum beendigt angekauft wurden, ſo hat er doch vor Kurzem ein größeres, wirklich herrliches Gemälde für Seine Majeſtät den König von Württemberg beendigt und ſo eine Frucht dieſer Reiſe hervorgebracht, die ſeinem Namen einen guten und dauernden Klang verleihen muß. Was ich nie für möglich gehalten, habe ich hier unwillkürlich gethan,— eine Vorrede geſchrieben, und bitte den Leſer um Ent⸗ ſchuldigung, mit dem feierlichen Verſprechen, mich eines ſolchen Miß⸗ brauchs ſeiner Geduld nie mehr ſchuldig machen zu wollen.— Vorrede iſt eigentlich falſch: es müßte Nachrede heißen; denn erſt, wenn das Buch beendigt iſt, ſagen wir noch dem geneigten Leſer ein paar paſſende Worte, wie wir ja einen guten Freund, der uns beſuchte, bis an die Hausthüre begleiten und mit der Bitte entlaſſen, bald wieder zu kommen, wenn es ihm bei uns gefallen,— womit ich denn auch auf der Schwelle meines Hauſes von dem freundlichen Leſer Abſchied nehmen will. Haide⸗Haus, bei Stuttgart, im September 1855. F. W. Hackländer. Ein Winter in Spanien. Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. Erſtes Kapitel. Nach Italien. Abreiſe von Stuttgart. Ein Eiſenbahnbild. Das Neckarthal. Herbſtliche Zeit. Ein Kirchlein. Bergrieſen. Geißlingen. Ulm. Biberach. Ravensburg. Das Haus des Hannikel.„Turlesbach fertig.“ Bodenſeedampfer. Rorſchach. Ein Freund. Schweizer Telegraphen. Ueber den Splügen. Chiavenna. Donna 6 mobile! Gewitterſtürme. Colico und der Dampfer Adda. Fahrt auf dem Comerſee. Regenmantel, Regenwetter und Paſſagiere. Der energiſche Kellner. Como. Paßweſen auf der Eiſenbahn. Hötel Reichmann. An einem warmen ſchönen Herbſtmorgen, es war der 8. Oct. 1853, beſtieg ich mit meiner Familie in Stuttgart den Eiſenbahn⸗ wagen, um eine Reiſe nach Italien und Spanien anzutreten,— „fertig, fort“ rief der Zugführer, und es iſt das die letzte Abfer⸗ tigung, das Signal zur Abfahrt— fertig, fort!— man hört es oft wenn man kleine Ausflüge in der Umgebung macht und freut ſich alsdann den dunkeln Bahnhof verlaſſen zu können. Heute aber, wie das„fertig, fort“ den leichten Faden zerriß, der uns noch an die Heimath band, und wir gleich darauf langſam vorwärts fahrend, noch einmal im Fluge die betrübten Geſichter der Freunde und Bekannten ſahen, die uns vom Abſchied ſchmerzlich bewegt das Geleite gegeben, winkend mit der Hand und mit feuchten Augen, unſer letztes Lebewohl ebenſo erwidernd— heute bewegt das 1 r 4 Erſtes Kapitel. einfache„fertig, fort“ unſre Herzen, und wir, die wir abrei⸗ ber ſen, ſitzen ſchweigend und gedankenvoll— an die Zukunft denkend, der an den langen langen Weg vor uns, und auch viel und gern an ab eine glückliche Heimkehr. Nur die Kinder freuen ſich des Fah⸗ die rens und ſchauen mit glänzenden Augen in das vielfarbige Grün thi des Schloßgartens, an deſſen Gränzen wir dahinfliegen, rücken che aber nun ängſtlich zuſammen, als uns die Locomotive in den Ro⸗ we ſenſteintunnel hineinreißt, und lachen erſt wieder als wir jenſeits Fe des Berges das ſonnenbeglänzte Neckarthal erreichen.— Di Ja es war ein ſchöner heiterer Tag, aber die Sonnenwärme dor hatte den klaren Himmel redlich erkämpft, erſt nach langen hefti⸗ rer gen Gefechten ſchlug ſte die irdiſchen Nebelſchauer aufs Haupt dri und zwang ſie ſich in ihre Schluchten und Berge zurückzuziehen. die Wohl ſchwebten noch längere Zeit einige Nachzügler, als Wolken ſo zuſammengeballt, an dem tiefblauen Himmelsgewölbe dahin, doch arn führte der ſchöne Tag die Beſiegten wie im Triumph mit ſich; un ihre weißen Maſſen dienten ſeiner Schönheit als Relief, und er Ha benutzte ſie, um die glühende im bunten Herbſtſchmuck prangende die Gegend hin und wieder mit zierlichen leicht vorüberziehenden Wol⸗— ahr kenſchatten neu zu ſchmücken. zitt So fuhren wir dahin in ziemlich leerem Wagen, weßhalb rech b es denn auch möglich war, ſelbſt gegen das Reglement hie und da un 3 an die Thür zu treten, um einen Blick in das ſchöne Neckarthal trit hinauszuwerfen. Bis nach Göppingen hinauf dampft die Loco⸗ Da motive faſt unter lauter Obſtbäumen dahin, die ſich über der Bahn ſie die Hände reichen und jetzt ihre reifen Früchte in gelb und roth laſſ beinahe auf die Wagendecken herabhängen laſſen. Zur Rechten un begleitet uns der Neckar bald in breitem Sand⸗ und Kiesbette, dun bald durch mächtige Mauern eingeengt, die ihn auf die Seite wit drücken und ihm einen Platz für den Schienenweg abnöthigen; den hier ſtürzt ſich der Fluß ſchäumend über ein Wehr hinab, dort nac trägt er geduldig und ergeben das Joch einer alten hölzernen die Brücke mit ihren plumpen unregelmäßigen Formen, während ſich ſtil abrei⸗ enkend, ern an 3 Fah⸗ Grün rücken en Ro⸗ jenſeits wärme mhefti⸗ Haupt ziehen. Wolken n, doch it ſich; und er ingende nWol⸗ deßhalb und da karthal 2 Loco⸗ r Bahn nd roth Rechten esbette, Seite thigen; , dort lzernen end ſich Nach Italien. 5 bei Untertürkheim die zierlichen Geländer der ſo eben neuentſtan⸗ denen eiſernen Gitterbrücke wohlgefällig in ſeinen klaren Fluthen abſpiegeln. Zur Linken haben wir die Abhänge der Berge, welche die Eiſenbahn tragen, auf ihnen alte und neue Schlöſſer, Wart⸗ thürme, an ihrem Fuß freundliche Dörfer, meiſtens in kleinen heimli⸗ chen Nebenthälern liegend. Die Ernte iſt aller Orten vorüber, kaum weht der Wind über die Stoppeln, und ſchon wird ein Theil der Felder von dem unerſättlichen Menſchengeſchlecht wieder zu neuem Dienſt vorbereitet; der Pflug reißt hier die dampfende Erde auf, dort wird die Seele der Landwirthſchaft ausgebreitet, und wäh⸗ rend man an dieſer Stelle noch Kartoffeln ausgräbt, wirft man drüben ſchon wieder die Winterſaat aus. Aber dieſes Leben, dieſe Bewegung in der herbſtlichen Landſchaft iſt ſo mannichfaltig, ſo ſchön, die Erde hat ſich, nachdem ſie alles hingegeben, mit dem armſeligen Ueberreſt ihres reichen Sommers herrlich geſchmückt, und lächelt uns noch einmal freundlich zu, ehe des Winters kalte Hand über ſie dahinfährt und von ihr ſtreift den letzten Schmuck, die gelben und rothen Blätter, die ſchon jetzt bei jedem Lufthauch, ahnend ihr baldiges Vergehen, ängſtlich an den matten Stielen zittern. Die Gärten, an denen wir vorüberdampfen, ſehen ſchon recht traurig und verwahrlost aus, die halbvertrockneten Stängel und verwelkten Kräuter ſind niedergetreten; Unkraut wuchert triumphirend über ſie empor und lacht recht höhniſch zu den hohen Dahlien auf, die geſtern noch ſtolz ihre bunten Köpfe trugen, und ſie jetzt, durch den Reif verletzt, tief und traurig herabhängen laſſen. Die gelben Capuciner haben ſchon ein zäheres Leben, und ihre hellen Blumen leuchten noch ziemlich friſch aus dem dunkeln Laub hervor;— vorbei— vorbei! Dort in einem Wald⸗ winkel weidet eine Schafherde, und die weißen Thiere treten aus dem Grün deutlich hervor, der Hirt und ſein Hund ſchauen uns— nach, der Mann iſt nachdenkend, er hat ſo traurige Gedanken über die Eiſenbahn und das wilde Getriebe, das mit ihr hier in den ſtillen Thälern entſtanden. Erſtes Kapitel. Während wir nun auf der einen Seite an dem Fluß dahin⸗ fahren, der bald den Eiſenbahndamm beſpült, bald in einem wei⸗ ten Bogen das fruchtbare Thal durchzieht, kreuzen wir häufig die alte Landſtraße und ſauſen hier an Fußwanderern vorbei, die alle das Geſicht gegen uns kehren, oder an Frachtwagen, die mit weißem Tuche überdeckt ſind und, obgleich mit kräftigen Pferden beſpannt, doch gar nicht von der Stelle zu kommen ſcheinen. Das alles laſſen wir im Augenblick hinter uns, und wenn wir uns dort oben am Berge das weiße Haus mit ſeinen grünen Läden und rothem Ziegeldach betrachten, und die Augen feſt darauf heften, ſo kommt es uns vor, als drehe ſich das Gebäude langſam, um uns nachzuſchauen. Neben dieſem Hauſe, nicht weit davon, ſteht ein altes graues Kirchlein mit ehrwürdigem Schlafmützenthurm; von ihm aus gehen zwei weiße Mauern, die wie zwei lange Arme den ſtillen Friedhof umfaſſen; auch das Kirchlein ſchaut uns mit ſeinen gothiſchen Fenſtern grämlich nach, ſcheint aber dabei die Arme feſter zuſammenzuziehen und flüſtert wahrſcheinlich zu den Ruhenden hinab, die früher auch hier vorüberzogen im Sonnenglanz und Leben: Laßt ſie nur dahinſauſen mit ihrem Feuerwagen, das hat alles ſein Ende, und auch die da unten werden über kurz oder lang ihr Plätzchen finden; ſchlaft nur, ſchlaft! Es iſt gut, daß in dieſem Augenblick eine Schaar luſtiger Tauben von dem Hügel nebenan emporfliegen und alle trüben Gedanken zerſtreuen, denn man blickt ihnen gern nach, wie ſie ſo dahinſchießen mit ihrem glänzenden Gefieder, bald in einem dichten Haufen, bald weit aus⸗ einander und zerſtreut, und wie ſie nun dort auf der Höhe lang⸗ ſam einfallen neben einem Bauer mit Ochſen und Pflug, der gegen den klaren blauen Himmel wie eine dunkle Silhouette ab⸗ ſticht. Aber an allem dem fliegen wir vorüber, immerzu, immerzu! Jetzt rast die Maſchine mit aller Kraft dahin, jetzt fühlen wir, wie ſie langſam ihren Lauf mindert, um pfeifend und ſtöhnend endlich anzuhalten, eine neue Station mit altem bekanntem Leben. Paſſa⸗ giere, die ſich herandrängen, bald gleichgültig ausſchauend, bald ahin⸗ wei⸗ jg die tee alle eißem vannt, alles dort n und en, ſo n uns ht ein ; von ie den ſeinen feſter denden 3 und as hat oder daß in Hügel denn ihrem t aus⸗ lang⸗ „der te ab⸗ nerzu! r, wie endlich Paſſa⸗ „bald Nach Italien. 7 mit ernſter Miene rückwärts blickend nach den Ihrigen, die ſcheu auf dem Trottoir ſtehen bleiben, und leicht zuſammenfahren, wenn überflüſſiger Dampf ziſchend auffährt, während der Conducteur zur Eile treibt, und die Glocke demgemäß ihre drei Zeichen ſo ſchnell hintereinander gibt, als habe ſie eigentlich wichtigeres zu thun und gebe ſich nur ſo nebenbei aus purer Gefälligkeit mit dem Läuten ab— gleichviel, die Locomotive pfeift, huſtet und ſtöhnt erſt langſam, dann immer geſchwinder, die Häuſer an der Bahn fangen wieder ſcheinbar an rückwärts zu fliegen, von den Men⸗ ſchen die uns angaffen ſehen wir nur eine lange Reihe unerkenn⸗ barer Geſichter, Bäume huſchen vorüber, die letzte Stätte des Orts liegt eben erſt hinter uns, und ſchon raſſeln wir an dem nächſten Bahnwärterhäuschen vorbei, wo der Beamte ſteht, den Arm aus⸗ geſtreckt wie ein Telegraph, während ſein kleines Kind vor der Thür ſitzt und:„die Eiſenbahn“ ruft; doch würden wir kaum die erſte Sylbe vernehmen können, wenn das übrigens bei dem Getöſe möglich wäre, denn wenn es„bahn“ ausſpricht, ſind wir ſchon eine gute Strecke weiter. Hinter Göppingen wird das Thal auf Augenblicke weiter und ausgedehnter, und wir können uns deßhalb nicht mehr ſo mit den Einzelheiten von unſerm Wege be⸗ ſchäftigen, auch iſt faſt alles heute Morgen ſchon dageweſen und kehrt immer wieder, die Felder in gelb, grau, grün, die Wälder mit ihrer prächtigen Färbung von Violett bis ins helle Roth, durch welche man nun die Form faſt eines jeden Baumes erkennt. Die weißen Häuſer mit den gelben glänzenden Welſchkornkränzen, der getrocknete Flachs am Boden in langen regelmäßigen Linien, ſchnat⸗ ternde Gänſe, ſtaunende Pferde und wichtig dreinſchauende Ochſen; nur ein einſamer Waldweg an dem wir vorüberſauſen feſſelt viel⸗ leicht unſere Aufmerkſamkeit für einen Moment; dort ſteigt er vergeſſen die Höhe hinan, der arme Pfad, der einſtens, wie alle an⸗ dern, nach Rom geführt, nun aber von niemand mehr betreten wird; denn umſonſt ſagt ein morſcher melancholiſcher Wegweiſer, gleich Erſtes Kapitel. einem zurückgekommenen Budenbeſitzer:„nur hereinſpaziert“, man zuckt die Achſeln und fliegt vorüber. Dort iſt der hohe Stauffen, der Rechberg und Staufeneck, die auf Augenblicke in die Höhe zu ſtreben ſcheinen, um dann wie⸗ der hinter andern Bergen zu verſchwinden; die Fremden ſchauen dem erſten lange zu und denken wohl: majeſtätiſch genug ſieht er aus, das Fundament des ſo mächtigen und ſo unglücklichen Kai⸗ ſerhauſes; ja majeſtätiſch ernſt und traurig, eine gewaltige Pyra⸗ mide, die auch ohne Hieroglyphen, getreu und deutlich, ihre rieſen⸗ hafte Geſchichte erzählt! Ich glaube, es war der liebe und freundliche Juſtinus Ker⸗ ner, der mir einſtens eine eigenthümliche, aber, wenn man das Auge dafür hat, ſehr wahre Anſicht über die Formation der Berge des Fils⸗ und Neckarthals mittheilte, eine Anſicht die ich we⸗ nigſtens immer beſtätigt fand, wenn ich ſo im Dahinfahren träu⸗ mend und ſinnend die Höhen beſchaute; jeder Berg hat nämlich, ſo ſagt er, die Geſtalt eines Rieſen, bald in ſitzender, bald in lie⸗ gender Stellung. Dort ſieht man deutlich den zuſammengebückten Oberkörper, das Haupt tief auf die Bruſt herabgeſenkt, den Schooß und die Kniee ſcharf abgezeichnet, während die Füße ins Thal herabhängen; weiterhin ruht ein anderer lang ausgeſtreckt, den Kopf mit dem Arm unterſtützt, und blickt behaglich mit über⸗ einandergeſchlagenen Beinen zu uns hernieder, vielleicht im Stillen lächelnd über das ſonderbare Spielzeug, das er da unten ſteht und das ſich dampfend in weiten Schlangenlinien um ihn herum⸗ windet, ſcheinbar ſo geſchwind und doch für ihn ſchneckenhaft lang⸗ ſam. Denn wir brauchen ja eine geraume Zeit bis wir von ſeinem Kopf zu ſeinen Füßen gelangt ſind, aber wir wollen ſo geräuſchlos wie möglich vorübergleiten, um die Aufmerkſamkeit dieſer reſpec⸗ tabeln Rieſenfamilie nicht allzu ſehr auf uns zu ziehen; denn ſonſt könnte es einmal einem der jungen Bengel, die winzig hinter den alten hervorlauſchen, in den Sinn kommen, mit der derben Fauſt nach uns zu langen, um die ſeltſam vielgliedrige Wagen⸗ man eneck, wie⸗ hauen eht er Kai⸗ Vyra⸗ ieſen⸗ Ker⸗ n das Berge we⸗ räu⸗ nlich, lie⸗ ickten den e ins reckt, über⸗ tillen ſieht rum⸗ lang⸗ inem chlos ſpee⸗ denn inter rben igen⸗ Nach Italien. ſchlange in der Nähe zu betrachten. Alſo auch hier ohne Auf⸗ enthalt vorüber, immerzu, gegen die hohen Berge der ſchwäbiſchen Alb hin, die wie eine koloſſale Mauer unſern Weg zu verſperren ſcheint. Aber der geneigte Leſer wird den Kopf ſchütteln, daß ich mir erlaube, ihn hier ſpazieren zu führen, ohne ihm das geringſte neue mitzutheilen, nur altes, aber für mich ſo gern geſehenes, Feld, Wald, Flur und Haide, Dörfer und Berge, in immer wechſelnder neuer und ſchöner Pracht; vielleicht freut ſich aber auch ein einſam Leſender, denn ich ſchreibe ja nicht für die Paſſagiere und Mitreiſenden, nicht für Glückliche, die ebenfalls in dieſem Au⸗ genblick in der Welt herumfliegen, die wie ich die freie herrliche Luft durſtig einſaugen, ſondern ich erzähle das ja alles den Freunden, Bekannten und Unbekannten, die jetzt zu Hauſe ſitzen in der dunkeln Stube, und will glücklich ſein, wenn ich ihnen damit einen kleinen heitern Augenblick verſchafft, wenn ich ihnen vielleicht zu⸗ rückgerufen einen ähnlichen Tag, den ſie ebenfalls verlebten im glänzenden Sonnenlicht, in gleicher Pracht und Herrlichkeit, will zufrieden ſein, wenn es mir gelungen für manchen, der mit mir fühlt, einen kleinen Spalt zwiſchen dieſen Zeilen zu eröffnen, durch welchen er hinausblicken kanm in die freundlichen, bunten, glän⸗ zenden Berge, die mich umgeben. Während wir nun eben von Geißlingen langſamer aufwärts dampfen, will ich alles Ernſtes die Phantaſien dahintenlaſſen und mich eines geſetzten Betragens befleißigen, wie es ſich für einen ſoliden Reiſebeſchreiber ziemt. Daß hier die Bahn zu 1 auf 40 ſteigt, wiſſen wir bereits; ebenfalls daß ſie ſich in engem und weitem Bogen an dem Felſenabhang hinwindet, auch daß man die grüne Kirchthurmſpitze des genannten Ortes bald weit unter ſich ſteht und auf der Hälfte der Steigung in ein ſtilles friedliches Waldthal hineinblickt, das tief zu unſern Füßen liegt mit murmelndem Waſſer und Mühle„in einem kühlen Grunde“, einſam und verlaſſen an der jetzt penſionirten Landſtraße. Das Erſtes Kapitel. Liebchen, welches vielleicht dort gewohnt hat und verſchwunden iſt, konnte wohl den Lockungen der Eiſenbahn nicht widerſtehen und fuhr gen Ulm, der alten Stadt an der Donau, jetzt Bun⸗ desfeſtung mit ſehr vielem und ſchönem Militär. Auch wir kamen gegen halb 1 Uhr dorthin, um nach einer halbſtündigen Mittagsraſt durch die ausgedehnten Ebenen Ober⸗ ſchwabens weiter zu fahren. Alles hat hier einen andern Charakter, die Gegend iſt flach, die Ausſicht faſt unbegränzt, nur hie und da haftet das Auge gern an einem majeſtätiſchen Schloß, einem prächtigen Kloſter oder an alten maleriſchen Städten, wie Biberach und Ravensburg, die noch immer wie gerüſtet daſtehen im ver⸗ witterten Steinharniſch, umgeben von Mauern und Thürmen. Eine angenehme Abwechslung iſt endlich der Schuſſendobel, den man über viele Brücken hinweg klirrend und ſauſend hinabrast, wieder einmal durch dichten Wald, zwiſchen Bergen dahin und über klares Waſſer. Der Schuſſendobel hat zwei Merkwürdig⸗ keiten: das Haus des großen Hannickel, ein altes morſches graues Gebäude, ganz wie eine Zigeunerherberge ausſehend, und die Station Turlesbach, letztere berühmt, weil hier außer den Conduc⸗ teuren noch nie eine menſchliche Seele aus⸗ oder eingeſtiegen ſein ſoll, ſo ſagt nämlich die Tradition.„Turlesbach“ ruft der Zug⸗ führer und ſetzt gleich darauf hinzu„fertig“, worauf es ohne anzuhalten weiter geht. In Friedrichshafen, wohin wir um 3 Uhr kamen, greift alles ſehr gut in einander, um den Reiſenden und ſein Gepäck ſogleich an den See und auf das Dampfſchiff zu befördern, welches ſich denn auch eine halbe Stunde ſpäter mit uns in Bewegung ſetzte und zu dem ſchönen neuen Hafen hinausfuhr. Die Quais deſſelben, ſeine Uferwand und der Leuchtthurm ſind nun vollendet; feſt und doch zierlich erbaut, geben ſie der Waſſerſeite Friedrichs⸗ hafens ein heiteres ſtattliches Anſehen und gewähren den Schiffen den vollkommenſten Schutz gegen alles Unwetter des zuweilen ſehr aufgeregten und unartigen Sees. Von den Fahrten der unden ſtehen Bun⸗ einer Ober⸗ rakter, e und einem berach t ver⸗ rmen. , den brast, n und irdig⸗ raues d die nduc⸗ ſein Zug⸗ ohne greift hepäck elches gung duais ndet; richs⸗ hiffen deilen t der Nach Italien. 11 Dampfboote kann man ſagen, daß ſie jetzt ſehr zweckmäßig einge⸗ richtet ſind, um die verſchiedenen Orte des Sees mit einander in Verbindung zu ſetzen, und der eilige Reiſende braucht nun nicht mehr wie früher trauernd an dieſem Waſſer zu ſitzen und ſehnſüchtig nach Rorſchach hinüber zu blicken, wohin ihm ſonſt die Fahrt nur an einigen bevorzugten Wochentagen vergönnt war. Auch die Reſtau⸗ rationen der Schiffe haben einen ſchönen Aufſchwung genommen, denn ich erinnere mich noch ſehr genau der Zeit, wo z. B. die Kaffee⸗ ſchale für einen mäßig ſtarken Mann als Fingerhut hätte dienen können, wo gute friſche Butter eine Fabel war, und wo ein zähes verbranntes Fleiſch Beefſteak genannt wurde— das iſt, wie geſagt, ganz anders geworden, und man kann ſich nun mit vieler Behag⸗ lichkeit zu einem Gabelfrühſtück mit Kaffee niederſetzen, und hat, wenn man endlich nach einer guten halben Stunde aufſteht, etwas ſolides im Magen und gleich darauf Rorſchach vor Augen, denn die Ueberfahrt dauert nicht viel länger. Die Schweizer Douaniers ſind ſehr artige Leute und begnügen ſich mit der Verneinung der ſehr höflich geſtellten Frage: ob man irgend etwas Verzollbares bei ſich führe, worauf man ungehindert mit ſeinen ſieben Sachen zur nahe gelegenen Poſt ziehen kann, um mit dem bequemen und angenehm eingerichteten Eilwageun gegen halb 6 Uhr nach Chur weiter zu fahren. Der Fremdenzug durch die Schweiz iſt in dieſem Augenblick noch immer ſehr ſtark, und wir hatten drei große Beiwagen, lauter anſtändige Gebäude, mit guten Pferden beſpannt, dazu ſind die Straßen vortrefflich, die Poſtillons verſtehen zu fahren, und ſo kommt man ſehr raſch vorwärts. Es war ſchon Nacht und ziemlich dunkel, als wir durch das Rheinthal fuhren, welches hier über eine Stunde breit iſt. An der gegenüberliegenden Bergkette Vorarlbergs liegt die Straße von Bregenz nach Chur faſt parallel mit der von Rorſchach; ich blickte lange dorthin, ſchmerzlich bewegt, und als ich durch die Finſterniß weit in der Ferne einige Lichter glänzen ſah, dachte ich, es könnte Erſtes Kapitel. Hohenems ſein, wo zur gleichen Stunde ein guter edler und lieber Freund an einer ſchweren Verwundung auf ſeinem Schmerzens⸗ lager ruht und nichts davon weiß, daß von ihm in geringer Entfernung Perſonen vorüberziehen, die tief bewegt an ſein Leid, an ſeinen Schmerz denken, die mit ihm fühlen, von deren Lippen eine gute ſanfte Nacht für ihn erfleht wird— ein Flehen, das wie ein Gebet klingt!—— Doch wir eilen dahin, immer weiter in die Nacht hinaus, um uns zittert der Schein der Wagenlaternen, vorüber huſchen Bäume und Häuſer, jetzt rollt der Wagen weich im Sande dahin, jetzt raſſelt er durch ſtille Ortſchaften, die laut⸗ los, ſcheinbar ohne Leben daliegen, und deren Häuſer uns faſt erſtaunt betrachten, wie aufgeſchreckt aus tiefem Schlaf durch den Knall der Peitſche und das Traben der Pferde. Neben mir im Wagen ſaß ein ſehr artiger Schweizer, der mich unter anderm auch über das Telegraphennetz unterhielt, das nun im Begriff iſt, ſich mit großer Schnelligkeit über alle Kan⸗ tone auszuſpannen; auch an unſerer Straße ſtanden ſchon die Stangen mit Glashut und Drähten und reichten ſich die Hände, auf dieſe Art einen magiſchen Kreis um die Länder ziehend. Der letzte Anſtoß zur ſchnellen Errichtung der hieſtgen Telegraphen wurde bei einem Mahl in Genf gegeben, wo dortige und Baſeler Kaufleute den Entſchluß faßten, im Nothfall auf eigene Koſten durch eine Linie dieſe beiden Städte und Bern zu verbinden; als kluge Leute aber wandten ſie ſich vorher noch an den Bund, der denn auch nach kurzer Berathung beſchloß, dieſe wichtige Sache ſelbſt und ſchleunigſt in die Hand zu nehmen. Alle Kantone und ſelbſt die einzelnen Gemeinden intereſſirten ſich lebhaft dafür; letztere lieferten Stangen und Platz auf eigene Koſten, und ſo ging denn die Ausführung raſch von ſtatten. Da ſich die Bureaur meiſtens mit den Poſtämtern vereinigt finden, ſo ſind die Aus⸗ lagen für Beamte und Betrieb ziemlich mäßig. Die Zinſen der ganzen Anlage, ſowie die Unterhaltungskoſten ſollen ſich jährlich auf 300,000 Fr. belaufen, wovon ſchon jetzt die Hälfte durch ieber gens⸗ nger Leid, ppen das eiter nen, veich aut⸗ faſt den Nach Italien. 13 aufgegebene Depeſchen gedeckt wird, was ſich übrigens noch jeden Tag vermehren wird; denn die Schweizer waren ſo klug, den Telegraphentarif äußerſt niedrig zu ſtellen: zwanzig Worte durch das ganze Land koſten nur 1 Franken, und dafür kann man ſich ſchon einmal das Vergnügen machen, von Baſel aus einen Genfer Bekannten zu fragen, wie ihm das geſtrige Mahl bekommen, oder wie er geſchlafen. Vielleicht die einzigen Feinde der Telegraphen ſind die Schweizer Poſtillone. Denn ſie oder vielmehr ihre langen Peitſchen liegen in beſtändigem Kriege mit den längs der Straße laufenden Drähten und verwickeln ſich nicht ſelten ſo in einander, daß der Schwager nur durch Herabſteigen von ſeinem hohen Bocke und kluges Nachgeben ſein Scepter wieder zu erlangen im Stande iſt. Nach Chur kamen wir um 8 Uhr Morgens. Die Straßen lagen in dieſem Städtchen wie immer nächtlicher Weile ohne ſichtbare Beleuchtung in tiefſte Dunkelheit gehüllt; doch iſt auch hier für den Reiſenden eine Verbeſſerung eingetreten, daß man nämlich während des ſtundenlangen Wartens jetzt ein freundlich geöffnetes, erhelltes Gaſtzimmer mit gutem Kaffee ꝛc. antrifft, ſtatt daß man ſich früher mit einem kalten Schnaps in einer ſehr geringen Schenkſtube behelfen mußte. Wenn mein Bericht nicht ſchon ſo ungewöhnlich groß ge⸗ worden, und der Weg von hier auf den Splügen nicht ſchon ſo oft beſchrieben wäre, würde ich meinen Leſern noch einige Details mittheilen von dem großartigen Rheinthal jenſeits Chur, wie der Feldbau allmählich kümmerlicher und der Baumwuchs nach und nach dürftiger wird, wie dort Felsberg in größerer Gefahr wie je ſchwebt, um endlich ganz verſchüttet zu werden, wie die ſchöne Inſel Reichenau heute Morgen im Glanz der Sonne ſo wunder⸗ bar dalag, rings umfluthet von den hier ſo durchſichtigen ſmaragd⸗ grünen Wellen des ſtürmiſchen Rheins, und was dergleichen maleriſche Sachen mehr ſind; ſo aber begnüge ich mich mit den prak⸗ tiſchen und ſage nur noch, daß man von den Ueberſchwemmungen 14 Erſtes Kapitel. des Frühjahrs an der ſchönen Straße nichts mehr bemerkt, und daß man mit dieſen Schweizer Eilwägen und ihren umſichtigen Conducteurs auf die beſte Art von der Welt durch die pracht⸗ volle wild⸗romantiſche Via mala nach dem Dorfe Splügen ge⸗ langt. Wie es im Herbſt und Frühjahr bei Alpenübergängen ſtets der Fall iſt, ſo hört man ſchon in Rorſchach und Chur bald gute, bald bedenkliche Nachrichten. Vorgeſtern, hieß es, habe ſich der Eilwagen um vier Stunden verſpätet, geſtern hätten ihn 8 Pferde mühſam durch fußhohen Schnee geſchleppt, und wenn es die letzte Nacht ſo fortgeſchneit, ſo ſtänden Schlitten in Ausſicht. Von all dem aber fanden wir gar nichts; nach eingenommenem Mit⸗ tageſſen fuhren wir langſam und ſicher aufwärts, nur hatte ſich hier oben die Sonne verſchleiert, und der Himmel hüllte uns, wie wir allmählich emporſtiegen, in ſeine dichten Nebelmaſſen. Auf der Höhe erreichten wir auch ein wenig Schnee, doch bedeckte derſelbe kaum die Hufe der Pferde; die Straße ſelbſt iſt, wie immer, vortrefflich unterhalten, neue Gallerien ſind gebaut und die Wegeinfaſſungen im beſten Zuſtand. Von der öſterreichiſchen Mauth auf dem Splügen kann man in Wahrheit nur das an⸗ genehmſte und freundlichſte ſagen: man begnügte ſich hier mit einem ſehr oberflächlichen Durchſehen unſerer Koffer und Nacht⸗ ſäcke, und nachdem wir auch dieſe Charybdis glücklich hinter uns hatten, rollten wir wohlgemuth gen Italien hinab. Bald ver⸗ ließen wir den Schnee, und auf den bisher ganz kahlen Felſen zeigten ſich hie und da wieder verkrüppelte Nadelhölzer, tiefer unten ſchlanke und hohe Tannen und magerere Wieſen mit munter herumſpringenden Ziegen. Waſſerfälle ſtürzten lauttoſend von den Felſen in die Abgründe oder unter dem Damm unſeres Weges hindurch, der bald rechts, bald links in den kühnſten Wen⸗ dungen die koloſſale Steinwand hinabklettert. Die Poſtſtation Campo Dolcino lag mit ihren kleinen ſchwärzlich grünen Häu⸗ ſern öde und einſam da, wie immer; man befindet ſich dort noch Nach Italien. 15 fortwährend zwiſchen ungeheuern Bergwänden, nur vor ſich ſteht man ſie etwas gelichtet. Da theilen ſie ſich mehr auseinander und durch die grauen ſtarren Maſſen erblickt man tief unter ſich freundlichere Formen, ſtatt dem einförmigen Grau in ſanfter, röthlich⸗violetter Färbung; das ſind ſchon die Berge, deren Fuß der ſchöne Comerſee beſpült. Auch wir kommen bald dort hinab, noch einige unheimliche Felspartien haben wir zu paſſiren, noch einige Zickzackwege, welche die guten und ſichern Pferde in vollem Trabe hinablaufen, dann wird die Gegend rechts und links reicher und lieblicher, die Häuſer bekommen ſchon ein wohnlicheres An⸗ ſehen, Laubholz aller Art, worunter viele zahme Caſtanien und welſche Nüſſe, beſchatten unſere Straße; die öden Steinmauern, die bisher unſern Weg begränzten, verwandeln ſich in zierliche Veranden, überrankt von wehendem Weinlaub, und bei ſinkender Nacht erreichen wir Chiavenna. Hier in den engen Straßen ſind alle Buden geöffnet, Lichterglanz ſtrahlt in unſere Augen; der Wagen raſſelt fürchterlich auf dem Pflaſter, die Poſtillone knallen übermäßig mit ihren langen Peitſchen, und vor einem der zahlreichen Kaffeehäuſer hält eine große Orgel und ſpielt aus Rigoletto: Donna é mobile Comme il vento!———— Das Hötel zur Poſt in Chiavenna war früher in der Hand eines deutſchen Wirthes und ein ſehr guter Gaſthof, jetzt wird es von Italienern verwaltet und man iſt gezwungen, ſich mit den ärmlichen vernachläßigten Einrichtungen des Hauſes zu begnügen, da es das Einzige iſt, in welchem fremde Reiſende ein Unterkommen finden. Wir erhielten die beſten Zimmer gegenüber der maleri⸗ ſchen Ruine des alten Schloſſes von Kleven, die ich bei meinen früheren häufigen Reiſen nach Italien ſo oft geſehen. Sehr ermüdet, wie wir alle waren, legten wir uns bald zur Ruhe und ſchliefen nun zum erſtenmal jenſeits der Alpen wie wir zu Hauſe ſagen, feſt und ungeſtört wie in der Heimath. 16 Erſtes Kapitel. Durch die regelmäßige Befahrung des Comerſees mit Dampf⸗ booten von Colico nach Como, und durch die Eiſenbahn von Camerlata nach Mailand, erreicht man letztere Stadt mit größerer Bequemlichkeit als ſonſt, obgleich man an der Geſchwindigkeit etwas verliert, da man hiedurch ſich entſchließt, nach mühſeliger Splügenfahrt die Nacht in Chiavenna zuzubringen. Freeilich geht von dort immer noch der Nachteilwagen nach Mailand, da aber derſelbe erſt den andern Tag gegen Mittag ankommt, und der Zug von Camerlata nur um ſechs Stunden ſpäter, ſo wird jeder, der zu ſeinem Vergnügen reist, Comerſee und Eiſenbahn vorziehen. Mit eigenem leichten Wagen und Ertrapoſtpferden würde man vielleicht bei ſehr gutem Fahren in vierunddreißig Stunden von Stuttgart nach Mailand gelangen können; man müßte alsdann nämlich den zweiten Tag um 1 Uhr Colico am Ufer des Sees erreichen. Außer der kaiſerlichen Poſt gibt es in Chiavenna noch ein paar Geſellſchaften, bei denen man zur Fahrt nach Mailand für Dampfboot und Eiſenbahn ſein Billet löst, und alsdann für nichts mehr zu ſorgen hat. Obgleich die Poſt ein paar Lire theurer iſt als dieſe Geſellſchaften, thut doch der Reiſende, der des Landes und der Sprache nicht vollkommen mäch⸗ tig iſt, beſſer mit ihr zu fahren. Ein klarer heiterer Himmel, der uns von Chiavenna bis an den See zu Theil wurde, verſprach einen freundlichen Tag; die Schluchten der Alpen, durch welche uns geſtern unſer Weg geführt, lagen in tiefvioletter Färbung hinter uns, die Sonne vergoldete ihre Felſenkronen, färbte aber auch zu gleicher Zeit Nebel und Wolken, die langſam aufſtiegen, mit einem glühenden Roth. Der Weg von Chiavenna führt auf einer ebenen, theilweiſe gut unter⸗ haltenen Straße am Fuße der Gebirgsausläufer hin, die hier, zerbröckelt, voll Klüfte und Spalten und wild zerriſſen, bei jedem Regenguß eine Menge Sand und Steine ins Thal hinabrollen, welche die Landſtraße, namentlich zur Frühjahrszeit, vielfach ver⸗ derben und oft unſicher, ja gefährlich machen. So paſſirten wir mpf⸗ von ßerer igkeit eliger eilich „ da und wird bahn erden eißig man am es in ahrt löst, Poſt der aäch⸗ 3 an die ihrt, ldete und Der ter⸗ hier, dem len, ver⸗ wir Nach Jtalien. 17 die Stelle wo, ich glaube es war im Monat Junius dieſes Jahrs, der Eilwagen von Gewitterſturm und heftigem Regen erfaßt und vollſtändig weggeſchwemmt wurde, ſo daß ſich nur der Poſtillon und der Conducteur auf einem Pferde retteten, Paſſagiere waren glücklicherweiſe nicht im Wagen. Die Straße, obgleich wieder hergeſtellt, glich immer noch einem jetzt vertrockneten Flußbett, und große Kieſelmaſſen, ſowie anſehnliche Felsſtücke bedeckten weit⸗ hin die Felder. Um halb ein Uhr erreichten wir Colico, den kleinen gefähr⸗ lichen Ort, rings mit Sümpfen umgeben, wo der Reiſende, der hier übernachtet, ſehr leicht vom Wechſelfieber befallen werden kann. Ja ſogar des Nachts bei der Durchfahrt ſoll man ſich vor dem allzufeſten Schlafen hüten, und ein vorſichtiger Conducteur vergißt ſelten, dieß ſeinen Paſſagieren bei der Abfahrt von hier in Erinnerung zu bringen. Auf dem See dampfte ſchon das kleine Boot, die„Adda“, und ſchaukelte kaum merklich auf dem Waſſer, doch war das Waſſer nicht ſo tief grün und klar, wie ich es ſonſt wohl hier geſehen, denn leider hatte ſich der Himmel überzogen und ſchmutzig graue Regenwolken ſpiegelten ſich in der Fluth wieder. Die Abfahrt ging für ein italieniſches Dampfboot ziemlich regelmäßig von ſtatten, auch wurde von den Schiffsleuten nicht allzuviel Geſchrei und Spektakel gemacht, nur blieb ich längere Zeit zweifel⸗ haft, wer der eigentliche Befehlshaber des Bootes ſei; denn ein wohlgenährter Mann in Schiffsjacke und Mütze, mit mächtigem ſchwarzem Backenbart, der ſich bei der Abfahrt wenigſtens das Anſehen gab, als ſei ſeine Perſon auf dem Radkaſten unumgäng⸗ lich nothwendig, nahm kurze Zeit nachher eine Serviette auf den linken Arm und erkundigte ſich höflichſt, ob wir una collazione wünſchten. Das Verdeck des kleinen Bootes war recht bequem eingerichtet, auf den Bänken an der Wand lagen hohe Polſter, auch hatten wir vollkommen Raum, denn von Colico aus beſtan⸗ den ſämmtliche Paſſagiere des erſten Platzes aus her zauf allen Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 18 Erſtes Kapitel. Reiſen immer unvermeidlichen engliſchen Familie mit Büchern und Karten in der Hand und den ſtets aufmerkſamen und erſtaun⸗ ten Weſen. Die Freude auf dem Verdeck mit friſcher angenehmer Luft, mit Polſter und engliſcher Familie ſollte übrigens nicht lange dauern, denn ſchon bei den erſten Regentropfen, die bald nachher niederfielen, flüchtete ſich die letztere in die Cajüte, die Sitze wurden uns von den allzu vorſichtigen Bootsleuten faſt mit Gewalt unter einem unausſprechlichen Theil des Körpers weg⸗ gezogen, und da der See ſich vollſtändig in Regen und Nebel einzuhüllen begann, ſo brachte ſich Alles was nicht waſſerdicht war, ebenfalls ſchleunigſt unter Deck. Ich machte hievon eine Ausnahme, denn ich hatte mir nicht umſonſt in Stuttgart einen ſehr theuren Regenmantel angeſchafft, und fühlte mich nun recht glücklich, dieſes Kleidungsſtück endlich einmal benützen zu können; damit angethan hielten mich die Bootsleute wahrſcheinlich für einen engliſchen Courier oder dergleichen, denn ſie behandelten mich mit außerordentlicher Hochachtung. Um noch ein Wort über meinen ſchönen Regenmantel zu ſagen, den ich ja nicht mit einem ordinären Mackintoſh zu verwechſeln bitte, ſo hielt er freilich den Oberkörper vollkommen trocken, bildete aber unten in jeder Falte eine förmliche Dachrinne, wodurch alles von den Knieen abwärts in einer beſtändigen und ſehr unangenehmen Feuchtigkeit erhalten wurde. Der See war ſchlecht gelaunt, er hatte ſchwere Wolken tief auf ſich herabgezogen, und ſeiné Fluthen, mürriſch und verdrießlich, hatten hie und da weiße Schaumkronen aufgeſetzt, und ſchaukelten in kurzer Zeit das Schiff mehr als gerade nothwendig war; die Farbe des Waſſers war dunkelgrün faſt wie die Nadeln der Cypreſſen, rund an den Ufern aber tiefgrau und ſchmutzig ſchien es faſt eins zu ſein mit den Bergen und Felſen die hier faſt überall keck und ſchroff in den See abfallen. Die zahlreichen prachtvollen Villen und die maleriſch gelegenen Städte an ſeinen Ufern waren kaum zu erkennen, und nur einzelne mächtige Paläſte ſchimmerten, ob⸗ gle für hät nen dem Ehe rotl geſe Wa mit glich Sei war jede grof Reg tritt kom oft irge chen gela dazl von Mo gefr men enge uner zu z unb chern taun⸗ hmer nicht bald , die ſt mit weg⸗ Nebel rdicht eine einen recht nnen; für delten Wort nicht hielt unten von hmen 1 tief ßlich, kelten Farbe eeſſen, eins und Billen kaum ob⸗ Nach Italien. 19 gleich undeutlich, aus dem Nebel und Regen hervor. Und was für ein Regen war es, mit dem wir heute bedient wurden: man hätte das Waſſer zuweilen füglich einen Wolkenbruch nennen kön⸗ nen, wobei ich übrigens meinem Regenmantel zulieb tapfer auf dem Verdeck aushielt, faſt allein mit einem dicken italieniſchen Ehepaar, das ſich indeſſen unter dem Schutz eines ſo koloſſalen rothſeidenen Regenſchirms befand, wie ich nie etwas ähnliches geſehen, ſowie mit dem Lenker unſeres Schiffes, der, in graues Wachstuch gehüllt, zuſammengekauert am Steuerruder, ſaß und mit ſeinem ebenfalls grauen Geſicht einer verwitterten Steinfigur glich, auf die ein Waſſerfall herabſtürzt, deſſen Tropfen nach allen Seiten hinausſpritzen. Zuweilen warf ich einen Blick in die Cajüte, doch da unten war es indeſſen fürchterlich geworden, das Dampfboot hielt nämlich jeden Augenblick um zahlreiche Paſſagiere aufzunehmen, die in großen mit Segeltuch überſpannten Barken trotz des ſtrömenden Regens von allen Seiten ankamen. Dabei gab es komiſche Auf⸗ tritte genug; die ängſtliche Haſt, mit der man ſuchte an Bord zu kommen verurſachte manchen Fehltritt, manche Vergeßlichkeit, und oft wenn die Barken ſchon wieder abgefahren waren, ſtürzte irgendeine Dame an die Schiffswand und ſchrie nach einem Paket⸗ chen oder nach ihrem Sonnenſchirm, den ſie in der Eile zurück⸗ gelaſſen. Ja es waren viele Sonnenſchirme heute zu ſehen, und dazu reiche und elegante Toiletten, für ſchönes Wetter eingerichtet von Unglücklichen, die ſich nach dem heitern Himmel von heute Morgen eingerichtet, auf eine Fahrt über den herrlichen See gefreut und nun ſo ſchlimm von Wind und Regen mitgenom⸗ men wurden. Da ſaßen ſie denn alle zuſammengepfropft in der engen Cajütte mit langen Geſichtern, und in einer wahrhaft unerträglichen Hitze. Bis jetzt hatte der Wind nicht vermocht, die Regenwolken zu zertheilen, oder über den See hinwegzujagen, ſie hingen faſt unbeweglich und ſchwer zwiſchen den Bergen; glücklicherweiſe aber 2 — 20 Erſles Kapitel. erhob ſich ein ſchärferer Luftzug, und zwar angeſichts von Como, ſo daß wir die Hoffnung hatten, uns wenigſtens trocken aus⸗ ſchiffen zu können. Alles ſtrömte aus der engen Cajüte auf's Verdeck, und jeder ſchien glücklich, wieder friſche Luft athmen zu können. Mit dem Anlegen ans Ufer hatte es indeß noch ſeine Schwierigkeiten; der Capitän— ich hatte ihn endlich heraus⸗ gefunden— ließ die Maſchine zu früh halten, und ſtatt daß wir mit der Schiffsſeite, wie es ſich gebührt, an die Landungsbrücke fuhren, kam der Schiffsſchnabel in ziemlich verdächtige Berührung mit dem Geländer; alle Hände beorderten ſich ſelbſt aufs Deck, und jeder der Schiffsmannſchaft bemühte ſich dem Capitän mit vielem Geſchrei Befehle geben zu helfen, wodurch der Dampfer denn auch merklich zurückwich, und wir vielleicht wieder nach Colico gekommen wären, wenn nicht der Mann mit der Serviette und dem ſchwarzen Backenbart energiſch eingegriffen und, zugleich mit Capitän und Matroſen an einem Tau ziehend, das Schiff vorwärts und glücklich ans Ufer gebracht hätte. Bei dem Herüber⸗ bringen des Gepäcks durch das Hafenthor, hinter welchem der Wagen ſtand, der uns nach Camerlata hinaufführen ſollte, kamen, wie gewöhnlich, noch allerlei Wortwechſel zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Facchini vor, die größtentheils mit einem ſolchen Auf⸗ wand von heftigen Redensarten und wilden Pantomimen geführt werden, daß der Fremde jeden Augenblick glaubt, jetzt würden die Meſſer gezogen und es gebe ein blutiges und allgemeines Handgemenge; aber nichts von allem dem— plötzlich iſt der Streit zu Ende, die Parteien klopfen ſich auf die Schulter, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, und jedermann geht beruhigt ſei⸗ nen Weg. Como iſt eine recht freundliche Stadt mit hohen ſteinernen Häuſern, von denen viele bei uns für Paläſte gelten würden; die Straßen ſind vortrefflich gepflaſtert und haben für die Räder der Wagen zwei ſchmale Streifen von harten Steinen ,durch welche das Fahren ſanft und geräuſchlos gemacht wird. Auf Nach Italien. 21 einem Platz ſteht die Statue Volta's, in weißem Marmor aus⸗ geführt. An freundlichen mit Bäumen bepflanzten Spazier⸗ gängen um die Stadt fehlt es nicht; doch wird, ſeit die Eiſenbahn eröffnet iſt, der breite und gut unterhaltene Weg nach Camerlata hinauf für Fußgänger, Reiter und Fahrende am meiſten benützt. Man braucht eine gute halbe Stunde, um von der Stadt auf den Bahnhof zu fahren, genießt aber, während man langſam aufwärts ſteigt, eine ſchöne Ausſicht auf die umliegenden Schlöſ⸗ ſer und Villen, ſowie auf einen Theil des Sees. Die Einrich⸗ tung der Wagen auf dieſer Eiſenbahn iſt nach dem amerikaniſchen Syſtem; alle ſind bedeckt, die erſte Claſſe ſehr elegant, und auch die zweite anſtändig genug eingerichtet, mit ſchwarzledernen Sitz⸗ kiſſen und gepolſterter Rücklehne. Das Fahren dagegen geht ziemlich langſam von ſtatten, obgleich die Stationen weit von einander entfernt ſind, und man die Maſchinen tüchtig könnte auslaufen laſſen. Es dunkelte bereits, als wir abfuhren, doch verloren wir dadurch bei der bekannten Einförmigkeit der lom⸗ bardiſchen Ebene nicht viel; rechts und links hat man nichts wie flache Felder mit Maulbeerbäumen bepflanzt, an denen ſich Reben in langen Gewinden emporſchlingen. Die einzelnen Stationen waren belebt durch zahlreiche Aus⸗ und Einſteigende und die Höfe derſelben beleuchtet durch lodernde Pechpfannen, die ihren röthlich zitternden Schein auf die neu⸗ gierigen Geſichter der Mitfahrenden warfen, die bei jedem An⸗ halten in großer Anzahl die Köpfe zu den Wagenfenſtern hinausſtreckten. Einen wahrhaft mühſamen Dienſt haben bei den Fahrten hier die öſterreichiſchen Polizeibeamten, welche durch alle Wägen gehen und ſich von den Reiſenden die Päſſe erbitten, wofür man einen Empfangſchein erhält; doch verfahren ſie dabei mit der größten Artigkeit, und man iſt durch dieſe Maßregel viel weniger geplagt als früher, wo man oft lange Zeit genöthigt war, unter den Thoren der Stadt ſtill zu halten. Wir erreichten Mailand gegen 7 Uhr, und wurden in einem 22 Erſtes Kapitel. eigenen Wagen nach dem Poſtgebäude gebracht, hier aber durch einen furchtbaren Regenguß noch eine Zeitlang feſtgehalten, denn Mailand, obgleich eine ſo elegante und in vielfacher Beziehung ſo wohl eingerichtete Stadt, entbehrt immer noch eines geregelten Fiakerſyſtems; weder für Geld noch gute Worte war ein Wagen zu bekommen, und um nicht vielleicht bis in ſpäter Nacht hier ſitzen zu bleiben, mußten wir die Regenſchirme auspacken; ich war genöthigt, meinen jüngſten Sohn auf den Rücken zu nehmen, den andern in meinen ſchon vielfach geprieſenen Regenmantel zu wickeln, und ſo hielten wir unſern Einzug in das Hötel Reich⸗ mann, wo wir aber bei freundlichem und herzlichem Empfang die Mühſeligkeiten der bisherigen Reiſe bald vergaßen. Der deutſche Reiſende befindet ſich überhaupt bei Herrn Reichmann wie zu Hauſe; obgleich Gaſthof erſten Rangs, kann man hier ein ſtilles behagliches Familienleben führen; die ganze Dienerſchaft ſpricht deutſch, die vortreffliche Küche erinnert an die Heimath, und das herzliche Entgegenkommen des Herrn Reichmann ſowie ſeiner liebenswürdigen Mutter erleichtert dem Reiſenden jeden Verkehr, und läßt ihn nicht fühlen, daß er in der Fremde iſt. zurch denn zung elten agen hier ich nen, d zu eich⸗ ang Der ann ein haft ath, wie den Zweites Kapitel. Von Mailand nach Florenz. Mailand. Die Villa reale. Erinnerungen an Vater Radetzky und ſein Haupt⸗ quartier. Ballet in der Scala. Der Courier nach Genua. Ränbergeſchichten. Eine Regennacht. Das Meer!! Genua. Guardia civica. Straßenlieder. Die italieniſchen Seedampfer und ihre Verſprechungen. Sonntag in Livorno. Ankunft in Florenz. Mlailand hatte ich ſeit den wichtigen Ereigniſſen des Jahrs 1849 nicht mehr geſehen; damals war alles voll Militär, in den Straßen begegnete man auf Schritt und Tritt Offtzieren jeder Waffengattung, wogegen die Bürger ſich mehr bei ſich und zu Hauſe hielten. Heute fand ich das ganz anders, faſt nur auf den Wachen und Poſten ſah man öſterreichiſche Soldaten, und man konnte durch mehrere Straßen gehen, ehe man einem Offizier in weißer Uniform begegnete, wogegen mir der ſonſtige Straßenverkehr lebhaft und geräuſchvoll, wie in frühern Zeiten erſchien. Gewiß iſt daß das wahnſinnige und verbrecheriſche Unter⸗ nehmen des 6. Februar 1853 nichts weiter zurückgelaſſen hat als eine tiefe Entrüſtung der ganzen Bevölkerung gegen die Anſtifter deſſelben, die, wie ſchon ſo oft, hinter den Couliſſen ſpielten, und ſelbſt ungeſehen, ihre armen verblendeten Acteurs nach mißlungenem Attentat ihrem traurigen, wenn auch verdienten Schickſal über⸗ ließen. Eine Vorſichtsmaßregel gegen abermalige Ueberfälle 24 Zweites Aapitel. einzelner Individuen auf die kaiſerlichen Wachen beſteht darin, daß man die Poſten vor dem Gewehr mit eiſernen Gittern um⸗ 5 geben hat, hinter welche ſich im Nothfall die ganze Wache zu⸗ 3 rückziehen kann; eine Einrichtung, die auch in Paris ſchon ſeit t vielen Jahren beſteht. Das einzige militäriſche Schauſpiel, wel⸗ ſ ches man in dieſem Augenblick in Mailand ſehen konnte, beſtand 5 täglich um 1 Uhr in dem Aufziehen der Wache vor der kaiſer⸗ lichen Burg, wobei eine der vortrefflichen Muſikbanden auf dem Domplatze ſpielte. Zahlreiche Menſchenmaſſen fanden ſich meiſtens V dabei ein und lauſchten mit ſichtlichem Behagen den mächtigen Klängen, die, an dem koloſſalen Dom wiederhallend, über den weiten Platz dahinbrausten. Einer meiner erſten Gänge war nach der Villa reale, dem ————/——.+ 12 damaligen Hauptquartier des Feldmarſchalls, wo ich ſo viel angenehmes, ja großes erfahren und geſehen. Lebhaft erinnere 1 ich mich jener Zeit, als ich den Corſo hinabging und nun links V auf den mit Bäumen beſetzten Platz einbog, der an den Garten des Palaſtes gränzt und ſich bis zum Eingang deſſelben erſtreckt. V Wie lebhaft war es damals hier, welches Gewühl von Offizieren V aller Waffen, zu Pferd, zu Fuß und zu Wagen, die aus dem Hauptquartier kamen und dorthin gingen; Freunde und Bekannte b aus entfernten Garniſonen, die ſich lange nicht geſehen und ſich nun eilig im Vorübergehen ein freundliches Wort zuriefen ö oder flüchtig die Hand ſchüttelten— auf Wiederſehen morgen, übermorgen— draußen wenn's losgeht— t'schau— leb 1 wohl— und dahin eilten alsdann die jugendlich kräftigen Ge⸗ ſtalten, um ſich vielleicht wenige Zeit nachher mit dem Orden geſchmückt wiederzuſehen— oder auch vielleicht nie wieder. Dort unter den Bäumen hielten beſtändig Ordonanzen, Huſaren oder Stabsdragoner hoch zu Pferde, oder abgeſeſſen ſich an den Sattel lehnend; und wenn man näher zur Villa reale kam, wie lebendig und bewegt wurde es da, wie ritt und ging es ab und zu! Am Eingangsthor ſah man meiſtens die hohen Geſtalten der Von Wailand nach Florenz. 25 Grenadiere mit den ſchwarzen Bärenmützen über den ernſten braunen Geſichtern; Gewehr im Arm ſchritten ſie auf und ab, oder ſaßen neben einander auf hölzernen Bänken am Thor. Mit⸗ tags ſpielte ſtets eine Muſtkbande im Hof, und dabei gab man ſeinem militäriſchen Freunde ein Rendezvous, man plauderte mit einander, man lachte, man ſpazierte auf und ab luſtig und guter Dinge, bis ſich hinten im Hof die gewiſſe Thür öffnete, und der kleine Mann heraustrat, die Hände auf dem Rücken, etwas vorn übergebeugt mit dem ſo lieben und freundlichen Angeſicht; da ſchwiegen plötzlich alle Geſpräche, die Luſtwandelnden ſtanden ſtill, die Gruppen lösten ſich auf, und jeder Säbel, ehrerbietig an die Seite genommen, ſtieß klirrend auf das Pflaſter, und in jeder Bruſt regte ſich ein eigenes Gefühl: es war, als müſſe man den alten Marſchall, ſo oft er erſcheine, mit einem lauten jubelnden Lebehoch empfangen. Das alles dachte ich, als ich vom Corſo auf jenen Platz mit den Bäumen einbog, der jetzt ſo lautlos und ohne Leben dalag; ein leiſer Lufthauch rauſchte durch die Blätter und ſchien mit mir von vergangenen Zeiten plaudern zu wollen. Außer mir ging niemand unter den Bäumen; das Ohr vernahm nicht mehr das Wiehern eines Pferdes, nicht mehr das Klirren eines Säbels — kein freundliches Begrüßungswort— alles, alles ſtill und einſam. Vor dem Thore des Palaſtes ſchlenderte ein einzelner Wachtpoſten auf und ab, im Hofe brütete die Sonne, und war hier nichts zu erwecken als ein melancholiſches Echo der eigenen Schritte; die Thüren waren verſchloſſen, die Fenſter ver⸗ hängt, und erſt nach langem Suchen gelang es mir, einen Portier aufzufinden, der mich gähnend verſicherte, das Innere der Villa ſei verſchloſſen und er habe keine Erlaubniß, die Zimmer zu öffnen. So war es mir alſo nicht vergönnt, jene Gemächer noch einmal zu betreten, wo ich das Glück hatte, dem Marſchall vor⸗ geſtellt zu werden, wo ich die Generale Heß und Schönhals kennen gelernt hatte, wo ich durch meinen edlen und lieben Freund, den 26 Zweites Kapitel. unvergeßlichen Grafen Guſtav Neipperg, den leider der Tod hinweg⸗ gerafft, eingeführt wurde—— wo wir ſo heiter dinirten, und wo Adjutanten und Ordonanzen, die jungen tapfern Kiebitze des Marſchalls, ihr heiteres Weſen trieben. Ja nicht einmal hinein⸗ blicken durfte ich in die untern Räume, wo ſich die Kanzleien be⸗ fanden, aus denen ich ſo manchen unſterblichen Bericht ſchrieb, wo Oberſt Eberhardt den freundlichſten Wirth machte, und wo uns der Erſtürmer der Villa rotunda, der tapfere General v. Reiſchach, den hölliſchen Proteus erklärte. Sie ſind vor der Hand dahin jene Zeiten, und ich empfand es an dieſem Morgen recht ſchmerz⸗ lich, von all den lieben Bekannten und Freunden, die einſtens hier beiſammen, nun weit auseinander zerſtreut leben, nicht einen einzigen mehr zu finden. Wem aber von allen dieſe Zeilen zu Geſicht kommen, der möge ſie als einen herzlichen Gruß von mir annehmen und als ein Zeichen daß ich der damaligen Tage ſtets in Freundſchaft und Dankbarkeit gedenke. Nur der Eintritt in den Garten der Villa reale wurde mir geſtattet, und ich machte mir das traurige Vergnügen, eine Vier⸗ telſtunde in den jetzt ſo einſamen Gängen herumzuſpazieren. Auch auf dieſer Seite des Palaſtes waren Läden und Thüren feſt verſchloſſen, und an den Zimmern des Marſchalls hingen die weiß und gelben Vorhänge vor den Fenſtern herab. Dort ſtand er ſo gern und ſchaute hinab auf den grünen Raſenplatz vor der breiten Treppe, auf die ruhige Fläche des kleinen Sees mit ſeiner Inſel und ſeinem Tempel. Damals kam das Frühjahr, über Nacht waren die Knospen aufgeſprungen, und die kahlen Aeſte von geſtern zeigten ſich heute zart und friſch belaubt— jetzt war es auch hier Herbſt geworden, Bäume und Büſche hatten ſich gelb und roth gefärbt, und ſchon bedeckten herabgefallene Blätter den Boden, obgleich die Sonne wie an jenem Tage glän⸗ zend und klar auf Palaſt und Garten herniederſah. Glücklicher⸗ weiſe entdeckte ich hier noch zu guter Letzt ein paar alte Bekannte, doch war es unmöglich, ſich mit ihnen zu verſtändigen: zwei große Von Mailand nach Florenz. 27 Schwäne nämlich, die ſchon zu jener Zeit hier gehaust, ſchwam⸗ men heute noch eben ſo ſtolz und ſchweigſam auf den Fluthen des Sees umher; ſie hatten ihre Köpfe hoch erhoben und würdigten meinen freundlichen Zuruf keines Blicks. Von Malland weiß ich in der That ſonſt nicht viel zu berichten; nur will ich mir noch erlauben ein paar Worte über die Scala zu ſagen, wo ich einer Aufführung von Oper und Ballet beiwohnte. Das weite unermeßliche Haus iſt im Innern etwas reſtaurirt worden, und erſcheint glänzend und prachtvoll wie immer; es iſt eigentlich zu groß in allen ſeinen Verhältniſſen, denn wenn man ſich nicht nahe bei der Bühne befindet, ſo geht für den Zuſchauer nicht allein alle Mimik verloren, die nament⸗ lich zum Verſtändniß eines Ballets ſo nothwendig iſt, ſondern die Figuren der Darſteller ſchrumpfen ſcheinbar ſo zuſammen, daß man ſich oftmals der Idee nicht erwehren kann, man habe es mit ſehr künſtlichen Marionetten zu thun. 4 Das Parterre war am heutigen Abend recht gut beſetzt, die Sitze deſſelben faſt alle beſetzt, und in dem weiter zurückgelegenen übergroßen Stehplatz wogte eine große Menſchenmaſſe wie gewöhn⸗ lich hin und her; man kam, man ging; hier wird geplaudert, dort gelacht; an dieſer Seite ſprechen einige laut und un⸗ genirt über Sänger und Sängerinnen, während an einer andern Stelle ſich eine Gruppe mit nicht leiſerer Stimme über die Ereigniſſe des Tages unterhält; auch die Melodien der Oper werden von einzelnen Enthuſtaſten mitgeſungen, wogegen andere durch ein kräftiges Ziſchen zur Stille auffordern, um ſelbſt gleich darauf die Aufmerkſamkeit ihrer Nachbarn durch ein überlautes bene oder bravo auf ſich zu ziehen. Zuweilen werden dieſe Ausrufungen von andern durch Händeklatſchen begleitet, noch öfter aber rufen ſie ein wahres Hohngelächter hervor: ſo ſummt und wogt es im Parterre durch einander, und wenn man die Augen von der Bühne ab und feſt darauf hinwendet, ſo könnte man glauben, man befinde ſich auf — ꝗDööy ͦ—— — ——— —·-—— 28 Zweites Kapitel. der Gallerie irgend einer Börſe oder ſonſt eines Ortes des öffent⸗ lichen Verkehrs. Auch die Logen fand ich beſetzter als in den. früheren Jahren, und wenn auch noch hie und da in den erſten Rängen manche ſchwarze Lücke klafft, ſo glänzen doch wieder von allen Seiten die ſchönen Augen der Mailänderinnen, elegante Toilet⸗ ten und weiße Arme und Schultern hervor unter Spitzen, künſtlichen Blumen und Brillanten. Auch hier wird viel geplaudert und gelacht, Lippen und Fächer ſind in der emſigſten Bewegung, und dieß allgemeine Leben iſt um ſo verſchiedenartiger und blendender, als die Aufmerkſamkeit aller nicht nach der Bühne gerichtet iſt, ſondern jede Loge einen kleinen geſellſchaftlichen Kreis bildet, der für ſich handelt, denkt und plaudert. Bekanntlich ſind ja in allen italieniſchen Theatern die Logen durch feſte Wände von einan⸗ der getrennt, man befindet ſich wie in einem kleinen Salon. Drei höchſtens vier Perſonen haben in einer ſchon großen Loge kaum Platz an der Brüſtung, die andern ſttzen nebeneinander auf den kleinen Divans an den Wänden, und nur, wenn etwas beſonderes auf der Bühne vorgeht, drängt ſich alles vor, um hinauszuſchauen; woher es denn oft kommt, daß das Haus, welches jetzt von unten geſehen ziemlich leer erſcheint, im nächſten Augenblick Tauſende von Geſichtern zeigt, die ſich überall neugierig hervordrängen. Es gehört hier in Italien ſehr zum guten Ton, die Logen der Häuſer, wo man eingeführt iſt, wenn auch nur auf kurze Zeit, doch fleißig zu beſuchen, und es wird für eben ſo unhöflich gehalten, ſich hier längere Zeit nicht ſehen zu laſſen, als wenn man es vernachläſſigte die gewöhnlichen Beſuche im Hauſe ſelbſt zu machen. Plötzlich aber ändert die Muſtk Tempo und Tonart; es tritt ein beliebter Sänger, eine geſchätzte Sängerin auf, und alles Geſpräch verſtummt. Lautloſe Stille liegt über dem ganzen Hauſe, worin das Parterre mit gutem Beiſpiel vorangeht; die Damen in den Logen beugen ſich über die Brüſtung, Augen und Lippen ſind regungslos, ſelbſt das cokette Spiel mit dem Fächer hört auf. Man kann ſich denken, daß der Künſtler, für dieſe all⸗ —— 1———2—.,+—,—2— 2 8⏑☛ν———õ——e Von Mailand nach Florenz. 29 gemeine Aufmerkſamkeit dankbar, ſein möglichſtes thut; er ſingt vortrefflich und überſchüttet das Publikum mit den weichen italieniſchen Melodien, die, hier geſungen, ſo zu Herzen gehen. Er iſt ſich ſeines Sieges im Voraus bewußt und ſteigert ſich deßhalb zur höchſten Kraft und Anſtrengung— jetzt hat er geendet, und ein wüthender Beifallsſturm bricht los; man tobt, man ſchreit, man iſt außer ſich; das Parterre leiſtet das Uebermögliche im Spec⸗ takelmachen; jede Dame in ihrer Loge hört von den anweſen⸗ den Herren mit einer wahren Wonne die entzückten Ausrufungen über den Sänger, als wären das ebenſo viele Complimente über ſte ſelbſt und ihre ſchönen Augen. Aber nun iſt das Feuer⸗ werk verpufft, und die ſprühenden Raketen von ſo eben laſſen die Nacht um ſo finſterer erſcheinen; alles wendet ſich zu ſeinen Nachbarn, und mag weiter auf der Bühne geſchehen was da will, niemand ſchenkt dem ferner die geringſte Aufmerkſamkeit. Man gab am heutigen Abend Ernani, Verdis alte ausge⸗ geſungene Oper, mit ziemlich mittelmäßigen Kräften, wie über⸗ haupt die gegenwärtige Stagione, was den Geſang anbelangt, ziemlich ſchlecht beſtellt iſt. Der erſte Act ging denn auch ziemlich ſpurlos vorüber, und das Publikum that, als geſchehe auf der Bühne gar nichts; die meiſten Zuſchauer ſchienen nur des Ballets wegen gekommen zu ſein, und als die Muſik deſſelben anfing, wurde es ſchon bedeutend ſtiller im Hauſe. Die Ballete der Scala waren von jeher berühmt, ſowohl wegen ihrer Compoſition mehr aber noch wegen der Pracht der Decorationen, der Coſtüme des zahlreichen und gut eingeübten Balletchors und der großen Tänzerinnen, welche in Mailand ihren Ruf begründeten. Früher konnte hier keine Stagione glänzend ſein ohne Namen wie der der Taglione, der Elßler, der Cerito oder wie ſie alle heißen mögen. Das heutige Ballet hieß„Un fallo— Ein Fehltritt“; es war eine venetianiſche Geſchichte, deren Knoten ſich auf einem pracht⸗ vollen Maskenball ſchürzt, wo nämlich ein reicher und edler Venezianer, der dieſes Feſt in ſeinem Palaſt veranſtaltet, nach 30 Bweites Kapitel. demſelben von einem falſchen Freund auf die Gallerie geführt wird, wo er ſieht, wie ſeine dem Libretto nach übrigens tugend⸗ hafte Frau einem Liebhaber, den ſie abgewieſen, ein Andenken dieſer traurigen Stunde gibt; ſeine Wuth erwacht, und es iſt wahrhaft grauenhaft mit anzuſehen, wie er nach dem Tact der Muſik mit verzerrten Zügen in gräßlichſter Eiferſucht über die Bühne ſchreitet. Einige ſechzig Tänzer und Tänzerinnen im Hin⸗ tergrunde verwundern ſich à tempo darüber und während die Männer zu gleicher Zeit die Hände erheben und mit dem Kopf wackeln, was in der Balletſprache heißen ſoll:„etwas fürchter⸗ liches geſchah“, tanzen die Damen ſehr ausdrucksvoll:„laßt uns eilen, die Herrin zu benachrichtigen“. Darauf folgt im zweiten Act eine häusliche Scene mit Händeringen und Thränen von Seite der Frau, ſowie vielem Fußgeſtampfe von Seite des Gemahls, worauf ſich letzterer im dritten Act entſchließt, der Sache ein kurzes Ende zu machen, indem er ſeinen Nebenbuhler erdolcht; unglück⸗ licherweiſe aber hält ein leichtſtnniger armer Teufel in derſelben Straße ein Rendezvous, ſtolpert, als er nach Hauſe gehen will, über den Ermordeten und wird ergriffen und eingeſteckt. Vierter Act: großes Gericht im Saal des Dogenpalaſtes mit außerordent⸗ licher Pracht; der unglückliche junge Menſch wird zum Tode verur⸗ theilt, ſein Richter, jener venezianiſche Nobile, der wirkliche Mörder, hilft den Unglücklichen verdammen; da erſcheint der falſche Freund aus dem erſten Act wieder, und während hinten die Rathsherren und Gerichtsbeiſitzer viel mit ihren Armen und Beinen umher⸗ ſchlenkern, ſagt jener vorn zum Nobile: Du— nimm Dich— in Acht— meine Augen— ſahen daß Du— ihn erdolchteſt— rette ihn— oder mich ſoll der Teufel holen wenn ich Deinen Collegen nicht alles erzähle. Der Verbrecher ſtürzt zerknirſcht von der Bühne, und im fünften Act ſehen wir eine ländliche Scene, vielleicht der öffentliche Garten bei Venedig, wo das ganze Balletchor ſich bemüht, tanzend ſeinen Schmerz an den Tag zu legen, daß der arme junge Menſch, den ſie alle kennen, verurtheilt Von Mailand nach Florenz. 31 iſt— Paukenwirbel und Trompetengeſchmetter— da erſcheint nicht der Henker oder ſein Opfer, ſondern— um durchs Ange⸗ nehme das Traurige zu verſüßen, die liebliche Maywood, eine der graziöſeſten Tänzerinnen, welche es in dieſem Augenblick gibt, und tanzt ein ſo reizendes pas de deux, daß man die Augen ſchließen möchte und ſie lange nicht mehr öffnen. Im ſechsten Act endlich ſind wir während der Nacht auf der Piazzetta, eine der prachtvollſten Decorationen die ich lange geſehen. Weit hinten leuchtet das Meer im Mondſchein, glänzend erhellte Gondeln fahren vorüber, während der Dogenpalaſt und die Procurazien im Licht Tauſender von Lampen ſtrahlen. Der arme Verbrecher wird zum Tod geführt, aber hinter ihm her kommt das bekannte weiße Tuch, hundertzwanzig Arme und Beine tanzen Gnade! Gnade! man ſtürzt einander in die Arme, die Geliebte des jungen Menſchen, die wir vom Rendezvous her kennen, wird herbeige⸗ führt— ungeheurer Jubel; das koloſſale Orcheſter der Scala wird noch unterſtützt von einem zahlreichen Muſtkchor auf der Bühne, bacchantiſche Luſt ſchallt rings umher, die Bewegungen der Tänzerinnen werden in ihrer Herzensfreude immer wilder und ausſchweifender, und, um mich eines bekannten Ausdrucks zu bedienen, ſieht man, ehe der Vorhang fällt, bei einer letzten ver⸗ zweifelten Anſtrengung nichts als Himmel und Tricot. Es gibt gewiſſe Zeitungen, die ſich ein Vergnügen daraus zu machen ſcheinen, ihren Leſern einen möglichſt ſchlechten Begriff von der Sicherheit italieniſcher Landſtraßen beizubringen; namentlich erzählt man viel von Räubereien in der Lombardei, ja ähnlichen Sachen, die ſich dicht vor den Thoren Mailands zu⸗ getragen. Ich hatte mir einige dergleichen Facta gemerkt, um mich an Ort und Stelle darnach zu erkundigen, fand aber faſt alles übertrieben, und die größte Räubergeſchichte ſchrumpfte, in der Nähe beſehen, zu einem unbedeutenden Ereigniß zuſammen. Auch über die Straße von Mailand nach Genua wurde mir ſchon zu Hauſe in dieſer Richtung manch übles geſagt, und auch hier 32 Bweites Kapitel. ſollte eine Stunde nach dem Ave Maria alſo bei anbrechender Dunkelheit, manch unheimliches vorgefallen ſein. Doch wußte in Mailand auch davon niemand ein Wort, und man verſicherte mich, Diligencen und Couriere ſeien ſeit undenklichen Zeiten nicht mehr beläſtigt worden. Um von hier nach Genua zu gelangen kann man ſich dieſer beiden Transportmittel bedienen; die Diligencen gehen etwas lang⸗ ſamer, koſten dafür auch weniger, doch ſind die Wagen nicht ſo be⸗ quem wie die des Couriers, welcher ſich eine kaiſerl. königl. öſter⸗ reichiſche und königl. ſardiniſche Anſtalt nennt, auch die Wappen beider Reiche prakticabel mit ſich führt; denn wenn man den Ticino überſchritten hat, verſchwindet der Doppeladler vom Wagenſchlag und das weiße Kreuz nimmt ſeine Stelle ein. Man muß die Plätze für den Courier ein paar Tage vorher beſtellen, da der Zudrang von Reiſenden beſtändig ſehr groß iſt, und hier, wie in ganz Italien, keine Beiwagen gegeben werden. Der Courier hat im Coupé außer dem Platz für den Conducteur noch zwei andere, und im Innern acht Plätze, drei vorwärts, drei rückwärts, und zwei Seſſel, Poldrone genannt, an den Wagenſchlägen. An dem Tag, wo wir abfuhren, war der Courier ebenfalls vollſtändig beſetzt und ſchwer mit Gepäck beladen, auch außerdem beſchwert mit einigen dreißig umfangreichen Geldpaketen; eine herrliche Gelegenheit für irgend einen Räuberchef, wenn ein ſolcher dageweſen wäre oder es gewußt hätte, in dem Fall aber auch viel⸗ leicht für uns ein gutes Ableitungsmittel. Sämmtliche Eilwagen werden hier in Italien immer noch, wie auch bei uns in frühern Zeiten, vom Sattel aus geführt, dazu hat jedes paar Pferde ſeinen Poſtillon, weßhalb es auch nie ſehr raſch vorwärts geht; die Sattelpferde können bei dem Zug nicht viel mitwirken, da jedes genug an dem langbeinigen Schlingel zu ſchleppen hat, der, die Arme hin⸗ und herwerfend, auf dem Sattel ſitzt und bei jeder Veranlaſſung, namentlich in den Städten, unſtnnig mit ſeiner Peitſche knallt. Durch die ſchönen Von Mailand nach Florenz. 33 und glatten Straßen Mailands fuhren wir ziemlich raſch und freu⸗ ten uns, daß der Courier auf dieſe Art im Stand ſein werde, ſeine Fahrzeit nach Genuag von 16 Stunden einzuhalten. Kaum aber hatten wir das Thor hinter uns, ſo verfiel er in ein ſehr lang⸗ ſames Tempo, und der Conducteur ſprach achſelzuckend von der Strada cattiva. Es iſt das ein Lieblingswort der italieniſchen Poſtillone, und ich hab' es hören müſſen bei ſchönem und ſchlech⸗ tem Weg, bei Schmutz oder Staub, bei Regen und Sonnenſchein. Die Straße war allerdings von dem vielen Regen der vergangenen Woche etwas durchweicht, doch hätten ſich daraus z. B. die fünf kräftigen Pferde der ehemaligen franzöſiſchen Mallepoſt nichts gemacht, hier aber hatten wir ſechs italieniſche Roſſe, ſchwache Thiere, von dürftigem Körper, mit mangelhaftem Geſchirr. Die Straße nach Pavia iſt ſchön, breit, aber langweilig; ſie läuft beſtändig an dem Ufer des Canals hin, welcher den Ticino mit dem Po verbindet, und auf welchem man hie und da eines der flachen ſchwarzen Boote ſteht, die uns, von Pferden oder Maul⸗ thieren gezogen, begegnen oder in den zahlreichen Schleußen auf⸗ und abſteigen. Rechts und links iſt die Ausſicht auf das flache Land durch Bäume und Rebengewinde verdeckt, und nur zuweilen blickt man auf die endloſen Felder hinaus, ſieht dort ebenfalls endloſe Baumreihen, tiefe Waſſergräben oder junge Reisfelder, deren friſches Grün aus dem ſchlammigen und naſſen Boden, der zu ſeinem Wachsthum nothwendig iſt, eben erſt hervorgebro⸗ chen iſt. In Pavia erwachten wieder Kriegserinnerungen auf das lebhafteſte in mir, als wir durch die engen ſteilen Straßen gegen den Ticino hinabfuhren. Dort auf dem Balcon jenes Eckhauſes ſtand der Marſchall und ließ die Truppen bei ſich vorüberdefiliren, unten im Hauſe in dem großen Thorbogen ſtanden wir faſt den ganzen Tag des zwanzigſten Märzen, und wechſelten mit den luſtig Vorüberziehenden Gruß und Handſchlag. Drunten auf dem Fluß behauptete die alte ſteinerne Brücke heute wieder die Herr⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 3 Zweites Kapitel. ſchaft allein. Gott weiß, wie ihre beiden leichten Schweſtern von de damals ſich jetzt befinden, und in welch finſterm Magazin die au armen Pontons nun träumen mögen von jenen ſchönen Tagen, kn wo ſie ſtolz darauf waren die öſterreichiſche Armee tragen zu dr b dürfen, die unter Jubelruf und beim Klang der Muſik an das an V jenſeitige Ufer zog. ſo In Gravellona iſt die piemonteſiſche Gränze und dort wurden nie unſere Effekten auf eine, ich muß geſtehen, ſehr nachſichtige und H höfliche Art durchſucht. Auf dem Poſtſchein, den man in Mailand W für den Courier erhält, ſteht die Bemerkung:„Der Wagen halte kar weder zum Souper noch zum Diner, wonach ſich der Reiſende zu me V richten habe“, was wir denn auch wie alle übrigen Paſſagiere ne gethan, und uns mit kalter Küche verſehen hatten, die wir in dem ho Dämmerlicht des ſinkenden, ſehr regneriſchen Tages verzehrten. der Wir hatten dazu alle Muße, denn der Courier— Gott möge der V ihm dieſen prahleriſchen Namen vergeben!— ſchlich trotz unſerer ſch ſechs Pferde und trotz dem Geſchrei und Peitſchengeknall unſerer die V V Roſſelenker im langſamſten Schritt durch tiefen Sand und Schmutz fre dahin. Ein Malländer, der mit uns im Wagen war, gab uns N G die wenig troſtreiche Verſicherung: wir würden, anſtatt am andern er Morgen um 8 Uhr, nicht vor Mittag oder wohl gar erſt im Laufe Gr ddees Nachmittags in Genua ankommen, und der Mann hatte ſehr In wahr geſprochen. Zuweilen wurden die Pferde zu einem gelinden die Trabe aufgemuntert, verfielen aber bald darauf wieder in ihren leg Schneckengang; der Wagen war offenbar für den ſchlechten Weg um zu ſchwer beladen, dazu ſaßen wir ziemlich dicht zuſammengepreßt; geſ meine beiden kleinen Kinder, denen ich am Boden von Nachtſäcken Zer und Mänteln ein nothdürftiges Lager hergerichtet, erhoben zuwei⸗ Ba len ein Klagegeſchrei, und meinten ſchlaftrunken, ihr Bett ſei zu and kurz und ſtände ja nicht einmal ſtille, weßhalb die Fahrt eine recht 1 unerquickliche war. V Bei völliger Nacht und dichtem Regen erreichten wir den ſag Po, der mit ſeinen ohnedieß flachen und melancholiſchen Sandufern und von n die agen, n zu das irden und iland halte de zu giere dem rten. möge ſerer ſerer zmutz uns dern Laufe ſehr nden iren Weg reßt; ücken wei⸗ i zu recht den fern Von Mailand nach Florenz. 35 dergleichen Zugaben nicht braucht, um trübſelig und verdrießlich auszuſehen; weißlichgrau wie ein Nebelſtreif floß er unter der knarrenden und ächzenden Schiffbrücke dahin, und ſchien uns oben⸗ drein liebgewonnen zu haben und feſthalten zu wollen, denn am andern Ufer angekommen, klemmte er die Räder unſeres Wagens ſo feſt in ſeinem tiefen Sand ein, daß uns die müden Pferde nicht mehr von der Stelle brachten, und wir erſt durch die kräftige Hand der Brückenmannſchaft wieder flott werden konnten. Der Weg wurde von Station zu Station ſchlechter; hinter Tortona kamen wir in eine wahre Felspartie, denn das Geſtein, womit man hier die Chauſſee beſchüttet hatte, konnte man nicht anders nennen: da lagen über fauſtdicke Kieſel und Steinbrocken ſchuh⸗ hoch über einander, und wenn wir zwölf der ſtärkſten Pferde vor dem Wagen gehabt hätten, ſie wären nicht im Stande geweſen, den ſchwerbeladenen Courier anders als im Schritt vorwärts zu ſchleppen. Glücklicherweiſe hat man auf der größten Strecke dieſes Weges keine Berge zu paſſtren, und ſo kamen wir denn freilich ſtatt um Mitternacht doch ſchon Morgens um 4 Uhr nach Novi. Hier trennte ſich einer unſerer Reiſegeſellſchafter, obgleich er wie wir bis Genua eingeſchrieben war, von uns, und den Grund zu dieſem Verfahren erfuhr ich erſt den andern Mittag. In Novi nämlich kreuzt die Eiſenbahn von Turin nach Genua die Straße von Mailand; klugerweiſe blieb jener Herr hier zurück, legte ſich wahrſcheinlich ins Bett, ſchlief bis den andern Morgen um 9 Uhr, während wir fort und fort durch Moraſt und Schlamm geſchüttelt wurden, und erreichte mit dem erſten Zug zur ſelben Zeit wie wir Buſſala, den vorläufigen Endpunkt der Genueſer Bahn, wo er zahlreiche Omnibuſſe fand, die ihn noch vor uns ans Ziel der Reiſe brachten. Aber Mit Geduld und Zeit Wird aus einem Maulbeerblatt ein Kleid ſagte mir einmal ein würdiger Freund, der viel im Leben erfahren, und ich fand dieſen Grundſatz ſelbſt auf unſere Fahrt„die über 3. 36 Bweites Kapitel. alle Beſchreibung mühſelig und langweilig war, anwendbar. Mit dem Grauen des Morgens wurde es freilich inſoweit noch ſchlim⸗ mer, als wir bei Arquata in die Berge kamen und noch lang⸗ ſamer aufwärts kletterten; abwärts ging es jetzt zuweilen im Trabe, doch war alsdann das Knirſchen der Räder auf der faſt bodenloſen Kieſelunterlage wahrhaft nervenerſchütternd; dazu verfolgten uns ſchon gleich nach Mitternacht ſchwere Gewitter, die ſich mit unaufhörlichen Blitzen und fürchterlichen Regen über der Straße entluden. Unſer umſichtiger Conducteur hatte vielleicht auf das himmliſche Leuchten gerechnet, denn ſeine irdiſche Wagen⸗ laterne war ihm aus Mangel an Oel oder wegen ſonſtiger ſchlechter Beſchaffenheit ſchon hinter Novi faſt ausgegangen, und glimmte nur noch ſo trübſelig fort, daß ſie bei der ſtockfinſtern Nacht kaum im Stande war, den Rücken des Poſtillons an der Deichſel und die Schweife ſeiner Pferde zu beleuchten. In Arquata wurde uns erlaubt, ein kleines Frühſtück zu uns zu nehmen; doch war Kaffeehaus, Wirth, Geſchirr und alles vollkommen zu der ganzen bisherigen Reiſe paſſend: der Wirth, ein alter Mann, hatte gewiß noch nie ſo viele Gäſte auf einmal zu bedienen gehabt und fühlte ſich dieſer Aufgabe auch ſo wenig gewachſen, daß er ſich in eine Ecke zurückzog und uns die ganze Wirthſchaft überließ. Da ſein Vorrath an Milch ſehr gering war und das Ganze„zum Eintunken“ in einigen harten Zwiebacken beſtand, ſo trennten wir uns bald und ſchmerzlos von dieſem ungaſtlichen Hauſe und ſtiegen wieder in unſern Wagen, Damen und Kinder vermittelſt einer Treppe, denn die ſchlammbedeckte Hauptſtraße des Orts erſchien für zartere Füße grundlos. Durch den Apenninen⸗Paß der Bocchetta führt eine prächtig angelegte Straße, die auch für uns in ſo weit beſſer zu befahren war, als man noch keine Kieſelhaufen darauf ausgebreitet hatte. Doch ſandt uns der Himmel beſtändig neue Gewitter, deren Don⸗ ner in den Bergen fürchterlich wiederhallte; der Regen, der dabei in Strömen floß, überfluthete hie und da die Straße, und ſtürzte, Mit plim⸗ ang⸗ im faſt dazu , die r der leicht gen⸗ chter umte aum und urde war nzen wiß ihlte eine ſein ken“ bald jeder ppe, rtere chtig hren atte. Ddon⸗ abei rzte, Von Mailand nach Florenz. 37 angeſammelt auf allen Seiten, in ſchäumenden Waſſerfällen von den Bergwänden herab. Dazu hingen die Wolken tief hernieder aufs Gebirg, und nach jedem Gewitterſturm rieſelte der Regen wohl noch eine gute Stunde ſanft, aber unaufhörlich hinab, weß⸗ halb wir den Wagen meiſtens verſchloſſen halten mußten. So keuchten die Pferde mit uns in die Berge dahin, und wir hatten gerade wieder einmal ein recht ſaftiges Stück Weg zu paſſiren, als plötzlich neben uns auf der mit der Straße faſt in gleicher Höhe liegenden Eiſenbahn der Zug von Novi leicht bei uns vor⸗ überrollte; es verurſachte uns dieſer Anblick ein recht peinliches Gefühl, da wir, ſo langſam und beſchwerlich vorwärts kommend, den hübſchen und eleganten Convoi ſahen, wie die leichten zierlichen Räder ſeiner Wagen auf den glatten Schienen ſo mühelos dahin glitten. Die Eiſenbahn von Turin nach Genua war ihrer größern Strecke nach bereits fertig und verband erſtgenannte Stadt über Aleſſandria und Novi mit Buſſala, einem kleinen Ort von welchem aus man Genua in etwa 4 Stunden mittelſt Eilwagen und Om⸗ nibus erreicht. Wenn auch dieſe Bahn von der Hauptſtadt des Landes aus bis nach Novi nicht viele Terrainſchwierigkeiten zu überwinden hatte, ſo braucht es dagegen in Wahrheit koloſſale Arbeiten, um durch die Schluchten und Berge des obengenannten Apenninenpaſſes zu dringen. Man kann dieſe Strecke Weges mit ihren vielen Brücken, Tunnels, Curven und Einſchnitten der uns bekannten von Aachen nach Lüttich an die Seite ſtellen; auch hier war eine Schwierigkeit nach der andern zu überwinden, und wenn man das oftmals ganz von Felſen eingeſchloſſene Thal ſieht, durch welches die Bahn ſich einen Weg ſuchen mußte, ſo begreift man nicht, wie ſie ſich herauswinden würde; bei einer Bitgang der Chauſſee ſieht man ſie nun aber ebenfalls wenden, gerade auf die Landſtraße zukommen und unter derſelben verſchwinden, nachdem ſie das Thal des reißenden Bergwaſſers auf einem koloſ⸗ 38 Zweites Kapitel. ſalen Viadukt leicht und gewandt überſchritten. Jenſeits ſetzt ſie nun ihren Weg in einem engern Seitenthal auf die gleiche Art fort, bald an den Felſen hingleitend, bald über einen hohen damm ziehend, und nachdem ſie ſich der Landſtraße abermals in einem großen Bogen genähert, ſcheint ſie es abſichtlich vermeiden zu wollen, unſern Weg abermals zu durchkreuzen, und bricht durch eine Felſenwand durch, worauf ſie für längere Zeit unſern Blicken entſchwindet. Was man ſo oberflächlich von dem Bahn⸗ körper ſteht, iſt außerordentlich ſolid, ja elegant gebaut; die Viaducte und Brücken ſind aus Backſteinen mit Krönung und Verzierungen von grauem Sandſtein, in Formen und Farbe angenehm und freundlich für das Auge. Vor Ronco hatten wir nochmals einen ziemlichen Kampf mit der Straße zu beſtehen; begegnende Fuhrleute ſagten uns, weiter oberhalb habe der Regen die Chauſſee zerriſſen, und es ſei für unſern ſchweren Wagen unmöglich, dort zu paſſiren. Da wir aber wußten, daß man hier zu Lande in dergleichen Dingen gern übertreibt, ſo fuhren wir getroſten Muthes weiter und erreichten in kurzer Zeit jene Strecke. Dort waren ſchon eine Menge Menſchen beſchäftigt, die Straße, welche allerdings ſehr gelitten hatte, wieder auszubeſſern, und wir kamen denn auch glücklich hinüber, wobei der Wagen übrigens ſtark hin und her ſchwankte, und wir in etwas bedenkliche Nähe mit dem Rand der Chauſſee kamen, die hier in einer Höhe von über 100 Fuß neben dem Flußbett hinzieht. Bei Buſſala trafen wir eine große Menge Eilwagen und Omnibuſſe, welche ſich anſchickten, die Paſſagiere der Eiſenbahn nach Genua zu bringen. Auch von hier iſt der Bahnkörper bereits beendigt und größtentheils mit Schienen belegt; wie man mir ſagte, ſoll die ganze Strecke von Turin nach Genua, reſpective S. Pier’ d'Arena, einer Vorſtadt Genuas, ſchon zu Anfang des nächſten Jahres eröffnet werden. Bei Ponte Decimo hielt man gerade Probefahrten mit ein paar Locomotiven, was die Von WMailand nach Florenz. 39 Verwunderung eines großen Theils der Einwohnerſchaft in hohem Grad erregte, ja einige Weiber und ein paar Duzend Kinder ſprangen ſchreiend davon, als die Locomotive ziſchend und brauſend anfing, ſich in Bewegung zu ſetzen. Hier im Thal des oft ſehr reißenden Fluſſes Polcevera fiel es mir auf, daß der hohe Damm der Eiſenbahn aus lauter Flußkieſeln zuſammengeſchüttet war, und ich kann mir nicht gut denken, wie derſelbe bei nothwendig mangelnder Vegetation haltbar und ſicher wird. Bei heiterm Himmel ſieht man ſchon auf der Höhe zwiſchen Buſſala und Ponte decimo das Meer vor ſich liegen— tiefblau, weit hinaus heller werdend und ſich ſcheinbar mit dem Himmel vermiſchend; heut aber lagen dichte Nebelmaſſen an den Rändern des Gebirgs und verſperrten alle Ausſicht. Erſt in San Pierr' dArena ſah ich ſte wieder die liebe gewaltige Fluth, nach der ich ſchon ſeit Stunden ſehnſüchtig ausgeſchaut. Die See ſchien ver⸗ drießlich, und ihre im Wiederſchein des trüben Himmels gelblich grau gefärbten Wogen bewegten ſich unmuthig hin und her, ſtiegen bald in die Höhe, ſanken bald tief hinab und ſtürmten zuweilen in einem Anfall von Wuth gegen das felſige Ufer, daß Waſſer und Schaum hoch emporſpritzte. Wie unſer Reiſegefährte vorausgeſagt, war es denn auch 4 Uhr geworden, ehe wir den Poſthof in Genua erreichten, und es thut mir wahrhaftig leid, daß ich über meine dießmalige Fahrt von Mailand hieher nichts beſſeres zu berichten im Stande bin, denn ich habe dieſe an ſich ſo ſchöne Straße ſchon einigemal raſch und angenehm durchzogen, und habe zu ihrer Rechtfertigung gerne geſagt, daß nur das Zuſammentreffen verſchiedener für den Reiſen⸗ den ſo verdrießlicher Umſtände, als ſchlechtes Wetter und in Folge deſſelben der grundloſe Boden, an unſerer langen und langweiligen Fahrt ſchuld war. Sobald die Eiſenbahn bis Genua eröffnet ſein wird, thut man übrigens, um nach Mailand zu gehen, viel beſſer ſie bis Novarra zu benutzen— eine Fahrt von etwa 40 Zweites Kapitel. ſechs Stunden, um von dort in 4 Stunden die Hauptſtadt der Lombardei zu erreichen. Wenn man heut über die Straßen von Genua wandelt, ſo findet man in dem Leben auf denſelben, in der Beweglichkeit der Maſſen, in dem regen öffentlichen Verkehr gegen früher durchaus keine Veränderung; wie ehemals ſind die engen finſtern, alle vom Hafen aufwärts ſteigenden Gaſſen mit ihren himmelhohen dunkeln Häuſern angefüllt mit Menſchen, Laſtthieren und Wagen, die ſich in einer ewigen Unruhe begegnen, folgen, drängen und ſtoßen. Uebrigens macht man hier wenig Umſtände mit einander, und wer nicht Augen und Ohren offen hat, der kann leicht von einem daher⸗ eilenden Sackträger überrannt werden, oder unſanft auf die Seite gedrückt von einem Zug Mauleſel, die oft zu ſechs bis acht vor einen zweiräderigen ſchweren Karren geſpannt, mit vielem Geſchrei und tüchtigen Peitſchenhieben vorwärts getrieben werden. Han⸗ del und Wandel der, wie in allen italieniſchen Städten, auch hier offen auf der Straße betrieben wird„verengt dieſelben noch mehr, und trägt mit dem Geſchrei der Verkäufer, dem Raſſeln der Räder, dem Klopfen der Hämmer ſein Gehöriges zu dem großartigen Spectakel bei, das den Spaziergänger ganz verwirrt machen kann. Dabei entſtroͤmt jeder Bude, jeder Werkſtatt ein eigenthümlicher Duft, und all dieſe Gerüche zuſammengenommen bilden einen un⸗ ausſprechlichen Parfüm, der nur den italieniſchen Städten eigen iſt, und in welchem verbranntes ſchlechtes Fett ſowie verdorbene Früchte einen Hauptbeſtandtheil zu bilden ſcheinen. Die höher gelegenen und vornehmern Straßen, die Strada balbi, Strada nuova und nuoviſſima, bilden zu dem Leben der tiefer gelegenen Stadtviertel einen ſtarken Contraſt; hier ſteht man wenig von der Bewegung der Volksmaſſe, ſelten rollt eine der wenigen Equipagen Genuas über dieß glatte und ſchöne Pflaſter, nur einzelne Spaziergänger ſieht man hier, und das ſind meiſtens Fremde, die betrachtend vor einem der rieſenhaften Paläſte ſtehen, aus denen namentlich die Strada balbi faſt ganz beſteht. Hier — —— ——— Von Mailand nach Florenz. 41 herrſchte früher der reiche Genueſer Adel, und wenn die Nach⸗ kommen deſſelben auch noch heute dort wohnen, ſo begnügen ſie ſich mit einer einzigen Zimmerreihe, und haben groͤßtentheils weder Luſt noch Mittel, Säle, Treppen und Höfe ihrer Paläſte, wie früher, mit zahlreichen Gäſten und glänzender Dienerſchaft zu beleben. In der Strada nuova herrſcht ein etwas regerer Verkehr als in der Strada balbi, denn hierdurch geht der Weg zu den ein⸗ zigen und wunderſchönen Spaziergängen Genuas, der Acqua ſola, einem reizenden hochgelegenen Punkt, von welchem man die ganze Stadt, den Hafen mit ſeinen Leuchtthürmen und zahlreichen Schiffen, ſowie das Meer weit hinaus überblickt. Kein Fremder, der hieher kommt, ſollte es verſäumen, die an dieſen Spaziergang gränzende und noch etwas höher gelegene Villa Negri zu beſuchen, deren freundlicher Beſitzer jedem den Eintritt gern geſtattet. Leider hatten auch hier die Regengüſſe der vergangenen Woche arg gehaust und die auf Terraſſen gelegenen Gärten ſtark mitgenom⸗ men; namentlich war ein heimliches Plätzchen, wo man aus dem Norden kommend die erſten Palmen im Freien wachſen ſieht, ſehr beſchädigt und einer dieſer ſtolzen Bäume ſelbſt zu Boden geriſſen und zerſchmettert. Genua wird immer noch als eine leicht erregbare, ſtolze und unzufriedene Stadt geſchildert, die heut noch vor allen andern am lebhafteſten ihre traurigen Erinnerungen aus den Jahren 1848 und 49 bewahrt. Für den oberflächlichen Beſchauer mag es ſchwer ſein, hierüber zu urtheilen, doch muß ich geſtehen, daß mir einiges, was ich hier ſah und hörte, ſeltſam auffiel. So wird der Wachtdienſt an einigen Poſten noch immer von der Guardia eivica verſehen, die, im gewöhnlichen bürgerlichen Anzug oft mit einer Soldatenmütze auf dem Kopf, Gewehr im Arm mit großer Würde und Selbſtzufriedenheit auf⸗ und abſpazierte; ferner ziehen am Tag, meiſtens aber des Abends, Bänkelſänger durch die Straßen, gewöhnlich ein Mann und eine Frau, er mit einer Violine, ſie ——ÿ—— —— — 42 Zweites Kapitel. mit einer Guitarre verſehen, und klimpern und präludiren ſo lange, bis ſich ein ziemlicher Volkshaufe um ſie verſammelt; dann geht ihr Spiel in eine melancholiſche Melodie über, bei welcher der Mann die Stimme der Frau ſecundirt, und ſie ſingen die Strophe eines Liedes, welches ſte alsdann gedruckt zum Verkauf anbieten. Welchen Inhalts aber dieſe Geſänge ſind, kann man aus einer kleinen Probe entnehmen, die ich hier mittheile; ich mußte das lange unter meinem Fenſter mit anhören, und meine Leſer können ſich denken, daß es mir ein eigenthümliches Gefühl verurſachte, als ſie ſangen—„Der Berſagliere zieht in den Krieg: Per combatter gli Allemani, Che vantavan farci a brani; Ignorando la sua sorte Se inconstrasse o no la morte. Giunto in Italia E con mano sicura Batte i Tedeschi Senza nissuna paura. Faſt täglich hat man hier in Genua Gelegenheit zur See nach Livorno zu fahren; außer der engliſch⸗orientaliſchen Geſell⸗ ſchaft, welche ſeit kurzer Zeit zweimal den Monat ihre großen ſchnellen Schiffe von Neapel nach Marſeille gehend hier anlegen läßt, gehen faſt jeden Tag die Fahrzeuge zweier andern Geſell⸗ ſchaften, die der ſardiniſchen Compagnie, mit guten, ziemlich großen Schiffen, ſowie die kleinen und ſchwachen Dampfer eines andern Vereins. Obgleich die Fahrten auf den letztern etwas billiger ſind, ſo werden ſie doch von Fremden nur mit ſeltenen Ausnah⸗ men benutzt, und man wartet lieber einen Tag, um mit den Dampfbooten der ſardiniſchen Compagnie gehen zu können. Der Preis von hier nach Livorno iſt für eine Perſon auf der erſten Claſſe 40 Francs, was für eine einzige Nacht ziemlich viel iſt; indeſſen laſſen die Agenten auf dem Bureau, namentlich wenn man mit Familie reist, mit ſich handeln und gern von der ganzen ⸗ Von Mailand nach Florenz. 43 Summe 10 Procent und auch noch mehr nach; doch muß man dieß Verfahren kennen und feſt darauf beſtehen. Für den Preis von 40 Francs iſt die Beköſtigung einbegriffen; doch will das nicht viel heißen, denn die meiſten Reiſenden eſſen am Land, und legen ſich gleich bei der Abfahrt auf Sopha und Betten, um der Seekrankheit zu entgehen. Wer aber trotz dem Schaukeln des Meers ſeinen guten Appetit behält, und gern ein ſolides Nacht⸗ eſſen zu ſich nimmt, auch am andern Morgen Kaffee mit Milch nicht verſchmäht, ohne noch extra hierfür bezahlen zu müſſen, der verlaſſe ſich nicht auf die gedruckten Anpreiſungen dieſer italieni⸗ ſchen Geſellſchaften, ſondern erkundige ſich im Detail, was man zu erhalten und was man nicht zu erhalten hat. So las man z. B. auf den gedruckten Zetteln der ſardiniſchen Compagnie: „Il paſſeggiere di 1a e 2a claſſe gode d'un completo trattamento, la claſſe vino compreſo“, und als man uns auf dem Schiff hatte, bewies uns der Riſtoratore, daß dieſer vollſtändige Lebens⸗ unterhalt für den Tag aus einem einmaligen und ſehr geringen Eſſen beſtehe,„denn“, ſagt er pfiffig lächelnd und die Achſeln bis an die Ohren hinaufziehend,„auf den Fahrbillets der einzelnen Herrſchaften ſtehe es ja nicht anders gedruckt“, und der Italiener hatte Recht; denn im Widerſpruch mit jener erſten Anzeige ſtanden dort auf einer Ecke des Papiers die Worte: das Tratta⸗ mento beſtehe aus einem einzigen pranzo. Unſer Schiff war der„Corriere Siciliano“, ein ganz neues im Jahr 1852 erbautes Boot, ſeine Einrichtungen waren reich und elegant, ſeine Maſchinen kräftig. Es ſchien nun aber ſchon ein⸗ mal auf dieſer Reiſe unſere Beſtimmung zu ſein, mit den Courie⸗ ren nicht gut von der Stelle zu kommen. Die Abfahrt dieſes Sicilianers war auf 7 Uhr Abends feſtgeſetzt, doch wurde mit dem Einſchiffen großer Wagenladungen ſo ſpät begonnen, daß wir erſt um 11 Uhr aus dem Hafen hinausdampf⸗ ten. Der Conducteur des Schiffs, den einige hierüber zur Rede ſtellten, ſchloß ſanft lächelnd feine Augen, ſchnalzte mit der 44 Zweites Kapitel. Zunge und ſagte darauf achſelzuckend:„Che vuole— es iſt wahr, wir fahren ſpät von Genua fort, ſind aber binnen 5 bis 6 Stun⸗ den in Livorno; dort müſſen Sie bis 8 Uhr warten, bis Sie ausſchiffen können, und ob Sie nun hier oder dort im Hafen liegen, iſt doch ganz gleichgültig— dieß Schiff“, dabei ſtieß er die Zeigefinger beider Hände zuſammen,„? d'una forza ſtraordinaria, und wir kommen viel zu früh an.“ Dem war aber nicht ſo; ent⸗ weder war die forza nicht ſtraordinaria, oder der Capitän ſparte die Kohlen, was ich eher glaube; genug, wir kamen erſt um 10 Uhr nach Livorno, und hatten alſo 11 Stunden gebraucht. Bei der Ueberfahrt war das Meer ziemlich bewegt: faſt alle Damen litten mehr oder minder; doch waren meine beiden kleinen Kinder ſo glücklich, ſich während der ganzen Nacht eines außerordentlich guten Schlafs zu erfreuen. In Livorno iſt man ſchon gewohnt, unendlich lang auf die Erlaubniß der Sanitätsbehörde zum Aus⸗ ſchiffen warten zu müſſen; leider war's aber heute Sonntag, die Herren wahrſcheinlich noch im Bett oder mit ihrer Toilette beſchäftigt, und wir mußten ſo lange auf dem Schiff und noch dazu ohne Frühſtück warten, indem ſchändlicherweiſe keine Milch an Bord war, ſo daß ſelbſt einem Türken die Geduld ausge⸗ gangen wäre. In Livorno waren alle Läden geſchloſſen, und ſonntäglich geputzt ſtrömte eine große Volksmenge durch die langen, breiten, aber einförmigen Straßen, elegante Bürger von Livorno mit ihren Frauen, Handwerker in brauner Sammtjacke, Matroſen der im Hafen liegenden Schiffe, nach dem Rang ihres Fahrzeugs herausgeputzt, die von den Kauffahrern meiſtens mit dem dunkeln farbig ausgenähten Mantel auf der Schulter, einer rothen Mütze auf dem Kopf; dort die Matroſen eines Kriegsſchiffs in ſauberer Jacke, mit dem breitumgelegten, reinlichen Hemdkragen, dem ſchwarzlakirten Hut auf dem Hinterkopf, zu ſechs bis acht Arm in Arm. Langſam und faul bei ihnen vorbei ſchlenderten Grie⸗ chen und Türken mit dem rothen Fes oder Turban, die lange Von Mailand nach Florenz. 45 Pfeife in der Hand, ohne von den andern Spaziergängern erſtaunt angeſehen zu werden, ebenſowenig als dort die drei oder vier Neger in möglichſt modiſcher Kleidung, deren ſchwarze, glänzende Geſichter ſo ſeltſam aus der rothen Halsbinde und zwiſchen den weißen Hemdkragen hervorſchauten,— denn das iſt ja etwas all⸗ tägliches in der bewegten Hafenſtadt. Von hier nach Florenz fährt man mit der Eiſenbahn in vierthalb Stunden. Beim Einſteigen hatte ich noch einen Kampf mit dem Billetausgeber zu beſtehen, indem er für meine beiden kleinen Buben wie für zwei Erwachſene bezahlt haben wollte; ein Kerl in einer verblichenen Livree, der dabei ſtand, ſollte Schiedsrichter ſein und ſprach natürlicherweiſe für ſeinen Lands⸗ mannz ich aber ruhte nicht eher, bis ich einen höhern Beamten aufgefunden, der denn auch die beiden Kinder mit einem einzigen Billet paſſiren ließ. Die Eiſenbahn von hier läuft vollkommen eben durch einen Theil der toscaniſchen Maremmen, ein ziemlich ödes und ſehr feuchtes Haideland mit nothdürftiger Cultur; das Auge fliegt gern über ſie hinweg nach den ſchönen maleriſchen Linien der Apenninen, die in duftiger, weicher Färbung, aber in ihren Formen ernſt und gewaltig am Horizont liegen. Gern hätte ich dem ſchiefen Thurm in Piſa einen Blick geſchenkt, doch iſt der Bahnhof zu weit von der Stadt entfernt, und man ſieht von ihr nichts als einige Häuſer, welche durch das Grün der Maulbeerbäume und durch dichte Rebengewinde hellgelb hervor⸗ ſchimmern. Die Einrichtung der toskaniſchen Eiſenbahn läßt viel zu wünſchen übrig; die Wagen der zweiten Claſſe ſind faſt wie die der dritten auf den meiſten Bahnen Deutſchlands, und trotz langer Stationen wird ſehr langſam gefahren. Da es ſchon halb 5 Uhr war, als wir Livorno verließen, ſo hüllte uns ſchon bald hinter Piſa eine finſtere Nacht in tiefſte Dunkelheit; auch hatten wir 46 Zweites Kapitel. abermals ein Gewitter mit großartigen Regengüſſen, die bis nach Florenz getreu bei uns aushielten. Es war das bei ſtockdunkler Nacht und ſehr ſpärlicher Beleuchtung eine recht troſtloſe Ankunft; mit Mühe fand ich für mein vieles Gepäck und für fünf Perſonen einen elenden Einſpänner, der durch uns aber ſo überladen wurde, daß er bedenklich hin und her ſchwankte, weßhalb ich es für das Gerathenſte hielt, abzuſteigen und zu Fuß zu gehen. Der Kutſcher that ein Gleiches, und ſo patſchten wir durch den ſtrömenden Regen dahin. Ein dritter, ſehr nothwendiger Begleiter unſeres Fahrzeugs war ein Mann mit einer Laterne, welcher uns durch die finſtern Straßen vorleuchtete, und durch deſſen Hülfe es uns nach längerer Zeit endlich möglich wurde, die Hausnummer zu finden, die wir lange vergeblich geſucht. Drittes Kapitel. Florenz. Straßenleben.— Alte Paläſte.— Mercato vecchio.— Via dei Calzaiuoli.— Vergißmeinnicht.— Annehmlichkeiten beim Beſuch der Gallerien und Kunſtſchätze. — Die Caſcinen.— Gewühl auf dem Lungarno.— Schöner Sonnenuntergang. — Luſthäuſer.— Theater.— Der Prophet als Ballet.— Ein Knabeninſtitut. Das alte liebe Florenz! Da bin ich wieder einmal in ſeinen Mauern, und wenn ich um mich herſchaue und alles ſo unverändert finde, die hohen Häuſer und über ihnen den tiefblauen Himmel, die Kirchen und Thürme, die Plätze mit ihren ſchweig⸗ ſamen Statuen, immer in der gleichen Haltung, die Straßen mit demſelben Getreibe wie damals, ſo könnte ich faſt auf die Ver⸗ muthung kommen, ich ſei noch vom letztenmal da. Doch habe ich glücklicherweiſe einen richtigen Zeitmeſſer bei mir, mein eigenes Herz nämlich, das mich leiſe ſchlagend daran erinnert, es ſeien ſchon etliche lange Jahre zwiſchen jener Zeit und heute dahin gegangen. Und es iſt gut, daß jenes mir wirklich ſo treue Herz mich daran mahnt, wir beide ſeien doch um ein paar Jahre älter geworden und müßten uns ſchon eines geſetzteren Weſens beflei⸗ ßigen als damals, denn wer weiß, wohin einen ſonſt die Phantaſie hinreißen könnte! Alſo Florenz iſt ſich vollkommen gleich geblie⸗ ben,— heiter, lebendig, luſtig und vergnüglich, wenn die Sonne Drittes Kapitel. ſcheint, und kenne ich wiederum keine Stadt der Welt, deren gute und üble Laune ſo ſehr vom Wetter abhängig wäre. Bei trüben Tagen ſind Straßen und Häuſer gleich verdrießlich. Die Dach⸗ rinnen weinen ihren tiefen Schmerz in ſeltener Energie auf das Straßenpflaſter nieder, die hohen Thürme haben lange Regen⸗ kappen aufgeſetzt, und das Kirchengeläute tönt als wären die Glocken vierfach mit dichtem Flor umwunden. Und der Ztaliener, ſonſt immer heiter und guter Dinge, immer luſtig davonſpringend, als gehöre ihm irgendein ſchönes, wenn auch unbekanntes Stück der Welt, den Hut keck aufgeſetzt, beſtändig eine Cigarre im Munde, oder in Ermanglung derſelben eine Arie von Verdi oder Donizetti, blickt dann troſtlos empor nach ſeinem verloren gegangenen blauen Himmel, ſteckt den Kopf zwiſchen die Schultern, und hat ganz das Anſehen eines geſtern noch ſehr ſchönen Hahns, der heute tüchtig naß geworden. Aber la tramontana, das iſt der Wind, der von den Bergen herabkommt, hat die Luft wieder rein gefegt, das Pflaſter getrocknet, und Florenz iſt wieder Florenz. Es iſt gerade, als müßte ſelbſt die Sonne dieſe Stadt liebgewonnen haben, denn ſie concentrirt auf ihren Plätzen und Straßen eine ſolche Menge von Strahlen, von Glanz und Wärme, daß alles davon wie geſättigt erſcheint und man ſelbſt oft glaubt, nur dahin fliegen zu können, wie ein Sonnenſtäubchen oder wie irgend ein bunter Schmetterling. Dergeſtalt aber wogt auch hier alles durch einander im ewigen Farbenwechſel ohne Ruh und Raſt, ſtrahlend in bunten Kleidern, glänzend im Sonnenlichte, durch⸗ webt von Blumen, die man in Maſſen auf allen Seiten ſieht, plaudernd und lachend, kaufend und verkaufend unter lautem Geſchrei und öffentlichem Ausrufe, unter dem Geraſſel unzähliger Wagen, die in den engen Gaſſen in ſcharfem Trabe fahren und doch ſelten oder nie jemanden beſchädigen. Dazu kommen un⸗ zählige Läden und Magazine in allen Straßen mit der reichen und eleganten Auslegung ihrer glänzenden Waaren jeder Art, um das Auge noch mehr zu blenden. Und wie putzt erſt die Sonne ——y ——%ρ 8· 18 ——,————-,—,.,——.,——· ——— gg.,———,— Florenz. 49 die alten ehrwürdigen Kirchen und Häuſer heraus mit Licht und Schatten, wie glänzt und ſtrahlt der Dom in ſeinem buntfarbigen Moſaikſchmucke! An ſolchen Tagen wie heute erſcheint auf der Höhe des Glockenthurms jedes Säulchen, jede Verzierung rein und ſcharf abgezeichnet gegen die blaue Luft. Und die alten finſtern Paläſte in den engen Straßen, wie hat ſie das Sonnenlicht ſo ſchön bemalt mit hellem Glanz und tiefem Schatten! Namentlich iſt dieß wunderbar ſchön anzuſehen, wenn man in eine der dunklern und ruhigern Straßen geht, vielleicht von Piazza del Granduca öſtlich in das Labyrinth von kleinen ſchwarzen Gaſſen mit trotzig daſtehenden altersgrauen Paläſten, deren ſchwer vergitterte Fen⸗ ſter nicht dazu beſtimmt ſcheinen, Luft und Leben ein⸗ und aus⸗ zulaſſen. Hier muß man den kräftigen Pinſel ſehen, mit dem der große Künſtler, die Sonne, malt, wie ſie nur in Gold und Schwarz eintaucht, und wie es ihr gelingt, mit einem einzigen Streiflicht von der Höhe des Dachs bis hinab zu den Fundamen⸗ ten, oder durch einen einzigen Strahl, der unter irgend einem finſtern Thorwege vorbricht, den ganzen Anblick einer Straße, eines Platzes ſo mit einemmale und ſo prächtig zu verändern. Und Florenz hat viele dergleichen ernſte, gewaltige, ja trübe Plätze und Straßen, und braucht deßhalb zu ihrer Verſchönerung unendlich viel Sonnenlicht; aber die alten Gebäude hier ſind dafür auch dankbar und blicken nicht grämlich auf die neue Zeit herab; es ſind würdige und gemüthliche Herrſchaften, die ſich zu ihrer Zeit auch des Lebens gefreut haben und nun zufrieden ſcheinen mit dem, wenn gleich oft kleinlichen Glanz, durch welchen ſie die Jetztzeit aufſchmückt. So z. B. der alte finſtere Palazzo Strozzi in der Nähe des Kaffee Donney und der ſchönſten der Arno⸗Brücken— wie er ſo daliegt, ein ſchwarzer gewaltiger Stein⸗ haufen, faſt ohne Fenſter, mit einem ungeheuren Eingangsthor. Rings an den Mauern befinden ſich Ringe und Träger von arms⸗ dickem Eiſen, ſte hielten zur Zeit des Glanzes und der nächtlichen Feſte zahlreiche Fackeln. An der einen Seite mündet nun der 4 Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 6 2 50 Drittes Kapitel. Mercato vecchio, und bis an ſeine Mauern gehen die kleinen Buden der Verkäufer von Obſt und Früchten in den hellſten, glänzendſten Farben und von Victualien und Gemüſen aller Art; gegenüber hat ſich ein Blumenverkäufer niedergelaſſen und hält dort im Freien eine tägliche Ausſtellung der ſchönſten und ſeltenſten Ge⸗ wächſe, wohlriechender Kräuter und duftiger, vielfarbiger Blüthen und Blumen. Dem allem kommt nun wieder das allliebende Sonnenlicht zur Hülfe, und an einem ſonnig⸗ſchönen Tage ſcheint ſelbſt der alte finſtere Palaſt Strozzi, obgleich etwas ärmlich ge⸗ ſchmückt für ſeine gewaltigen Verhältniſſe, doch dankbar und freundlich zu lächeln. Es iſt nicht meine Abſicht, eine genaue Beſchreibung der Stadt Florenz zu geben; es iſt das ſchon ſo oft, ſo genau und erſchöpfend geſchehen, weßhalb ich mich darauf beſchrän⸗ ken will, ein kleines Bild des Straßenlebens, wie es im gegenwärtigen Augenblick iſt, zu entwerfen, und deßhalb nur ein paar ſeiner Hauptſtraßen durchwandern, deren lebendiges Bild ſich in allen übrigen mehr oder minder genau widerſpiegelt. Da wir uns gerade bei Palazzo Strozzi befinden, ſo nehmen wir eine der Hauptverkehrsadern, die hier mündet, den Mercato vecchio, eine ſchmale Straße, zwiſchen unendlich hohen Häuſern, wo ſich Bude an Bude reiht, in denen man alles findet, was das menſch⸗ liche Leben zur materiellen Eriſtenz bedarf. Die weit geöffneten Gewölbe ſtrömen ordentlich über von der Menge der Gegenſtände und breiten ſich von der Straße auf weiten Geſtellen aus, ſo dieſe Straße noch mehr verengend. Hier iſt Fleiſch, Brod, ſchwere und leichte Würſte und rieſenhafte Käſe in allen Farben und Gattungen neben⸗ und übereinander aufgeſchichtet; dabei ſieht man Mehl, Reis, getrocknete Pflaumen, Feigen und die bekannten dickbäuchigen Flaſchen, bis zum langen engen Hals mit Stroh umflochten und mit Papier zugeſtopft, enthaltend Wein und Olivenöl. Neben ihnen kommen Früchte aller Art, friſche Feigen und Granatäpfel, Pfirſiche, Aprikoſen und gewöhnliche Aepfel Buden endſten enüber ort im en Ge⸗ Zlüthen jebende ſcheint ich ge⸗ ir und eibung genau chrän⸗ es im lb nur ndiges piegelt. en wir ecchio, do ſich nenſch⸗ ffneten iſtände 1s, ſo chwere n und ſieht annten Stroh n und Feigen Aepfel Florenz. 51 und Birnen. Eine angenehme Abwechslung bringt dazwiſchen eine Bude mit ſchönen Kräutern und Gemüſen, alle Sorten grün durch einander, zwiſchen denen die purpurrothen Liebesäpfel ſo angenehm hervorleuchten, oder auch die übergroßen ſaftigen Me⸗ lonenſtücke, die, um den Appetit der Vorübergehenden zu reizen, ſo recht vornehin gelegt ſind. Ihnen folgen die Fiſchhändler; die glänzenden zappelnden„Meerfrüchte“ befinden ſich in großen Kübeln voll friſchen Waſſers und werden natürlich auf der gan⸗ zen Straße zu gleichem Preis ausgeboten. In der Mitte der ganzen Länge erweitert ſich der Mercato vecchio zu einem kleinen Platze, dem eigentlichen Fleiſchmarkt, von dem übrigens nur zu ſagen iſt, daß ſich über ihm eine von Säulen getragene Halle wölbt, die aber, wie der ganze Platz, ziemlich ſchmierig und unſauber ausſieht. Hinter dem Fleiſchmarkt fangen die Buden wieder an wie vor demſelben, und da ſie, wie ſchon geſagt, förmlich bis zum Stra⸗ ßenpflaſter überquellen mit Früchten und Victualien aller Art, ſo ſieht der ganze Mercato vecchio wie eine coloſſale fette Guir⸗ lande aus, zuſammengeſetzt aus Grünem, aus Früchten, Fleiſch, Butter, Käſe, Ciern, Schinken, in welche hineinverflochten ſind die vielen Käufer und Käuferinnen, die handelnd auf⸗ und ab⸗ rennen, und ebenſo auch die dicken Verkäufer in ihren weißen Schürzen und Jacken, heftig geſticulirend, wobei ſte mit ihren großen Schlachtmeſſern ſehr wild ausſehende Bewegungen machen. Vom Mercato vecchio gelangen wir in eine andere Straße, die noch vor wenigen Jahren eine enge Gaſſe war, jetzt aber die breiteſte und ſchönſte geworden iſt. Die Regierung, welche ſchon ſo manchen düſtern Theil von Florenz mit größter Pietät für die beſtehenden alten Baudenkmale gelüftet und zugänglich gemacht, hat hier eine wahre Rieſenarbeit ausgeführt. Früher war die Piazza del Granduca mit dem Dome auf geradem Wege nur durch die oben erwähnte enge Gaſſe, die Via dei Calzajuoli verbunden, und da hier das Herz der Stadt iſt, hier ſich alles Leben concentrirt, ſo war dieſe Straße für alle Welt unzureichend 4 52 Drittes Kapitel. und unangenehm. Ich erinnere mich noch recht wohl der frühern mittelalterlichen Gaſſe mit den hohen finſtern Häuſern, deren weit vorſpringende Dächer ſogar am hohen Mittag den Sonnen⸗ ſtrahlen das Eindringen neidiſch verwehrten, jetzt iſt aus ihr eine breite, lichte, wohlgebahnte Straße geworden mit Fußpfaden zu beiden Seiten, die ihrer ganzen Länge nach aus reichen und eleganten Magazinen beſteht. Ein Pariſer, wenn er ſehr gut ge⸗ launt wäre, würde ihr vielleicht das große Compliment machen, ſie mit dem ſchmaleren Theil der Rue de la Paiyx zu vergleichen, ein Wiener mit der Kärnthnerthor⸗Straße, für Florenz aber iſt die Via dei Calzajuoli beides zugleich und in jeder Beziehung eine freundliche und angenehme Straße. Weder der Corſo Orientale in Mailand, noch Toledo in Neapel oder die lange Zeile des eleganten Caſſaro in Palermo geben ein ſprechenderes Bild des Lebens im Süden, zeigen ein klareres Gepräge des regen Trei⸗ bens einer volksreichen Hauptſtadt. Aber wie alles in der Welt muß man auch die Via dei Calzajuoli in ihrer guten Laune ſehen, das heißt, in den Mittagsſtunden eines ſchönen Tages des Spät⸗ herbſtes, wenn die begüterten Familien den ruhigen Landſitz wieder mit dem lärmenden Getreibe der Stadt vertauſchen, wenn der Fremdenzug aus dem Norden, um mich eines Ausdrucks der Schnepfenjagd zu bedienen, in ſein Lätare getreten iſt. Das Pflaſter iſt feucht und gibt deßhalb keinen Staub von ſich, alle Magazine ſind geöffnet, und ein tiefblauer Himmel ſpannt ſich über der Straße aus, ſowie über die Hunderte von Menſchen, die in allen möglichen Anzügen, buntfarbig, ſummend, lachend, be⸗ ſchäftigt und müßig gehend hier auf⸗ und abſchwärmen. Den Mittelweg nehmen Fahrzeuge aller Art ein, vornehme Damen liegen in ihren Wagen lang ausgeſtreckt und laſſen nur hie und da einen Blick durch die Menge gleiten, dem bald nachher vielleicht ein leichtes Kopfnicken folgt, im übrigen ſcheint ſie weder Straße noch Lärmen, noch Magazine zu intereſſiren; und ſie fühlen darin gleich mit ihrem Bedienten auf dem hohen Hinterſitze, der mit Florenz. 53 übergeſchlagenen Armen, den Hut etwas ſchief auf dem Kopfe, alles unter und neben ſich mit ſouveräner Verachtung anſchaut. Andere Equipagen, die folgen, bilden das vollkommene Gegentheil: da iſt der Bediente zugleich Cicerone und erzählt lebhaft von der alten Strumpfwirkergaſſe, von St. Michele u. dgl. m., während die deutſche Familie im Wagen ungeheuer aufmerkſam zulauſcht und noch mehr ſieht, als wirklich da iſt. Zahlreiche Miethwagen folgen oder begegnen ſich und werden dem Fremden ungemein läſtig, denn wenn er eilig in eine Seitengaſſe ablenken willl, ſo ſtellt ſich ihm der dienſteifrige Fiaker gerade in den Weg und bietet ſeine Carrozza an. Schwere beſtaubte Reiſewagen rollen langſam durch die Calzajuoli, und überwachte, nüchterne, blonde engliſche Geſichter ſchauen etwas geſpenſterhaft in den glänzenden Tag hinaus; zwiſchen dieſen geſetzteren Fahrzeugen rollen leichte Parocino's mit den kleinen Pferdchen und dem klingenden Geſchirr hierhin und dorthin;— junge Elegants erregen die Aufmerkſam⸗ keit, indem ſte ſich in wahren Kinderwagen bewegen— Wagen, Pferde, alles iſt en miniature bis auf den oftmals dicken Beſitzer ſelbſt, der auf ſeinem engen Sitze nach allen Seiten überquillt. Auch Handkarren bewegen ſich im allgemeinen Strome dahin, Verkäufer, die ihr ganzes Waarenlager mit ſich herumſchleppen, um es ſtückweiſe mit lautem Geſchrei anzubieten. Wenn man hierzu annimmt, daß die Calzajuoli der geſuch⸗ teſte Theil der Stadt iſt, daß man in ihren Läden faſt alle Wünſche befriedigen kann, und daß ſchon deßhalb eine große Menſchen⸗ menge hier zuſammenſtrömt um einer andern zu begegnen, welche nur daher kommt, um zu ſehen oder geſehen zu werden, ſo kann man ſich vielleicht einen Begriff machen von dem Leben in dieſer Straße. Auf den Fußpfaden zu beiden Seiten findet ein beſtän⸗ diges Ausweichen ſtatt, namentlich an den Ecken, wo eine neu⸗ gierige Menge die übergroßen Anzeigen und Maueranſchläge aller Art liest, ſowie auch vor Kaffeehäuſern, wo ſtets eine große Anzahl junger und alter nach dem Journal gekleideter Herren Drittes Kapitel. ſich aufhält, das Glas im Auge, die Cigarre im Munde, und mit wohlgepflegtem Haare und Bartwuchs. Mit ſolchen Lions iſt überhaupt Florenz reich geſegnet, die es verſtehen, den Mantel maleriſch umzuwerfen, ſich ein unendliches Anſehen zu geben, hinter dem eigentlich gar nichts zu finden iſt, als vielleicht ein paar Bemerkungen über das Wetter, ſowie eine gründliche Kennt⸗ niß der letzten Verdi'ſchen Opern, von denen natürlicherweiſe eine immer göttlicher iſt als die andere, und deren Melodien nachzu⸗ ſingen eine ihrer Hauptbeſchäftigungen bildet. Einer Romänze aus dem Troubadour, welcher jetzt gerade gegeben wurde, konnte man nirgends entgehen, und ganz Florenz war in dieſem Augen⸗ blick wie eine fette Wieſe im Frühjahre, denn die Schlußworte jener Romanze„ricordate mi“— Vergiß mein nicht— ſproßten überall luſtig empor. Die Straße iſt überhaupt die eigentliche Wohnung des Italieners, namentlich des Florentiners: er muß ſehen und geſehen werden und zeigt ſich nur in ſeinem beſten Glanze, weßhalb man denn auch überall den reichſten und elegan⸗ teſten Toiletten begegnet. Mag es dagegen zu Hauſe ausſehen wie es will, das iſt ganz gleichgültig, nur draußen ein ſeidenes Kleid, einen eleganten Paletot, friſche Handſchuhe, lakirte Stiefeln, ſowie Blumen im Knopfloch oder in der Hand. Etwas dagegen habe ich in den Straßen von Florenz beſtändig gerne vermißt— das iſt, man hört nie Kindergeſchrei, man ſieht nie einen Betrunkenen und nie kleine Buben ſich herumbalgen. Letzteres wäre auch ſehr gefährlich, denn bei dem unaufhörlichen Wagenverkehr würde es der jungen Generation ſehr ſchwer fallen, einen ruhigen Platz für ihre Fauſtkämpfe zu ſinden. Ich muß geſtehen, es gibt ſo⸗ gar in Paris wenige Straßen, die ſo beſtändig mit Fahrzeugen aller Art bedeckt ſind, wie viele hier in Florenz. Um noch einmal auf die Via dei Calzajuoli zurückzukommen, ſo iſt ſie auch deßwegen ſchon von den Fremden ſo ſtark beſucht, weil ihr Anfang und Ende die herrlichſten Kunſtſchätze der Arno⸗ Stadt aufweist. So beginnt ſie am Domplatz, der in der -——,——,.,—-·—„„ — H½„d——,— —— ͤ — — Florenz. 55 neueſten Zeit bedeutend erweitert wurde, und nun von allen Seiten einen freien Anblick auf dieß herrliche Bauwerk geſtattet. Weſtlich von demſelben hat man an einem großen Palaſt ſehr ſinnreich die ſchön gearbeiteten Statuen der Erbauer aufgeſtellt, und während Ar⸗ nolpho aufmerkſam zu den Fundamenten und dem Grundriſſe herab⸗ ſteht, blickt Brunelleschi träumend zu der kühnen Kuppelwölbu ng empor. Das Ende der Strumpfwirkerſtraße iſt an der herrlichen Piazza del Granduca, dieſem prachtvollen Muſeum im Freien, mit ſeinen Statuen, Brunnen, Bronzefiguren, Logen und Paläſten, wo ſich übrigens häufig eine zahlreiche Volksmenge komiſch genug aus⸗ nimmt, die den Wagen eines neumodiſchen Dulcamara umſtehend — Mirturen und Pillen gegen alle erdenklichen Uebel kauft. Was Florenz für den Kunſtliebhaber ſo außerordentlich angenehm macht, iſt die ſchöne, elegante und zugängliche Aus⸗ ſtellung aller Kunſtſchätze; wie angenehm ſpaziert es ſich in der Loggia degli Ufici, wie iſt hier ſelbſt die ſonſt eben nicht nach⸗ ahmungswerthe Durcheinanderſtellung von Statuen und Bildern ſo glücklich und dem Auge wohlthuend gelungen, wie ungezwungen fühlt ſich der Beſchauer, der hier ohne Einlaßkarten und Erlaubniß täglich ſtundenlang umherwandeln, oder ſich in bequemen Stühlen vor den herrlichen Antiken, oder vor den wunderbaren Bildern Raphaels und Tizians niederlaſſen darf. Eben ſo zu⸗ gänglich iſt auch die Gallerie im Palaſt Pitti, der Wohnung des Großherzogs, wo jedes Bild ein Meiſterwerk, eine unſchätzbare Perle iſt, wo das Auge, wenn es vom ernſten Schauen ermüdet ausruhen will, die koſtbaren Pietradura⸗Arbeiten der Tiſche be⸗ trachten kann, die in faſt allen Sälen ſtehen, und an welch jedem faſt ein halbes Menſchenalter gearbeitet, oder wo man zur Ab⸗ wechslung in die kleinen zierlichen Cabinette tritt, pompejaniſch verziert mit reizenden Marmor⸗Statuen, oder in andere Zimmer, wo von Benvenuto Cellini oder andern großen Meiſtern der Flo⸗ rentiner Goldſchmiedekunſt jene ſeltſamen Gefäſſe ſtehen, ſo ſonder⸗ bar zuſammengeſetzt, aus Perlen, Edelſteinen, Gold und Emallle. = 56 Drittes Kapitel. Ja dieſe freundlichen Einrichtungen ſind es, welche die Gallerien von Florenz für die Beſchauer ſo unvergeßlich machen; wie wird man ſich nicht beſtändig eines der letzten Zimmer im Palaſt Pitti erinnern, wo die wunderbare Venus von Canova ſteht, jenes herrliche Menſchenbild mit dem edlen Geſichtsausdruck und dem ſelbſt im harten Stein ſo weichen und elaſtiſchen Körper! Mit der gleichen Artigkeit, mit der man jedem den Zutritt zu dieſen Schätzen geſtattet, wird auch von der großherzoglichen Behörde die Erlaubniß zur Beſichtigung einzelner Paläſte und Villen ertheilt, man braucht ſich nur an die Schloßverwaltung zu wenden, um mit der größten Freundlichkeit überallhin Eintrittskarten zu erhalten. Um in unſerer Straßenſchau fortzufahren, muß ich der bekannten Caſcinen erwähnen, jener ſchönen Spaziergänge vor der Porta del Prado am Ufer des Arno, wo ſich wenigſtens an Sonntagen ein großer Theil der Einwohnerſchaft von Florenz zuſammen findet, um unter den dichten Alleen luſtwandelnd und fahrend den Klängen der ſchönen öſterreichiſchen Militärmuſik zu lauſchen, welche hier wöchentlich mehreremale ſpielt. Obgleich es aber hier ziemlich beſucht war, erſchienen mir die Caſcinen dießmal ſtiller, ja melancholiſcher als in früheren Jahren; nament⸗ lich an der Seite des Fluſſes, wo ſich ſonſt die elegante Welt zahlreich auf⸗ und abbewegte, ſah man jetzt wenig und einſame Spaziergänger. Dieſe langen Alleen an dem ſchönen Fluß müſſen belebt ſein, ſonſt laſſen ſie uns hier in der gewaltigen ſchönen Natur leicht nachdenkend, ja traurig werden. Die gelben Blätter der Bäume flattern langſam auf unſern Pfad herab, im Waſſer ſpiegelt ſich der glühende Abendhimmel mit ſeinen leicht dahinziehenden Wolken, das dunkle Laub der immer grünen Gebüſche, der Steineichen und des Epheu blickt dich ſo ernſt und traurig an, und von den Höhen herab ſchauen die Klöſter und Kirchen zwiſchen unbeweg⸗ lichen ſchwarzen Cypreſſen melancholiſch hervor. Du biſt allein, ganz allein, und der leiſe Klang einer Glocke, welcher von weit her an dein Ohr ſchlägt, ſtimmt dich nicht freudiger, ebenſowenig Florenz. 57 als die einzelnen Töne der Militärmuſik, die du von weitem hörſt, und die in dieſem Augenblick ein altes bekanntes Lied ſpielt— ach es ſind dieß oft nur einfache Klänge, aber ſie treffen gewaltig dein Herz: denn ſie erzählen dir von vergangenen Tagen, wo du ſte ebenfalls gehört, aber wo ſie dich hinriſſen zu Glück und Freude. Mit ſolchen Gefühlen im Herzen iſt es beſſer man ſucht das Gewühl der Menſchen wieder auf, als daß man hier für ſich in der Einſamkeit bleibt, und wir haben nicht weit zu gehen, um die Mauer der Stadt zu erreichen und nach dem Lungarno zu kommen, wohin ſich an ſchönen Tagen die ganze elegante Welt von Florenz zu beſtellen ſcheint. Dieſer Lungarno iſt der Quai auf der rechten Seite des Fluſſes von dem Ponte alla Carraja bis hinauf zum Ponte vecchio, wo die Goldſchmiede ihre Buden und Magazine haben. Auf der linken Seite des Arno iſt eben⸗ falls ein Kai, der aber weniger zu Spaziergängen benützt wird; hier liegen große ſtille Paläſte mit wenig Buden und Magazinen, von vornehmen Familien bewohnt, welche die Morgenſonne lieben und das Geräuſch der Wagen und Karren nicht gern den ganzen Tag unter ihrem Fenſter hören. Wenige dieſer alten Gebäude gewähren übrigens dem Auge einen freundlichen Anblick, und faſt nur ein einziges kleineres Haus nicht weit von dem Ponte alla Carraja macht hievon eine freundliche Ausnahme. Es iſt dieß die Villino Delci, die Wohnung des öſterreichiſchen Geſandten Baron v. Hügel; ſie iſt auch im Innern ſo fein und zierlich ein⸗ gerichtet wie man es nur von dem Beſitzer mit ſeinem bekannten Kunſtſinn und fein ausgebildeten Geſchmack erwarten darf. Baron Hügel, der Schöpfer der bekannten prachtvollen Anlagen in Hitzing bei Wien, hat hier aus ſeinen Kunſtſchätzen in Bildern, Bronzen, Vaſen und Sachen aller Art ein reizendes Ganze zuſammengeſtellt. Kehren wir aber nach dieſer kleinen Abſchweifung zu unſerm Spaziergang auf die linke Seite des Fluſſes zurück. Die Straße iſt hier nicht beſonders breit, an ihr liegen die bedeutendſten Gaſthöfe von Florenz, und da nebenbei die Wagen⸗ Drittes Kapitel. frequenz außerordentlich groß iſt, ſo gewinnt der Spaziergang durch das ewige Raſſeln der Wagen und Karren auf dem Pflaſter nicht beſonders an Annehmlichkeit. In den Nachmittagsſtunden von 3 bis 5 Uhr iſt es überhaupt ein eingebildetes Vergnügen, am Lungarno ſpazieren zu gehen, und wenn es nicht zum guten Ton gehörte, ſich hier ſehen zu laſſen, würde mancher wegbleiben; ſo aber läßt man ſich ſchon etwas gefallen, man wird gedrängt und drängt andere wieder, man weicht aus, man ſtößt an und bittet um Entſchuldigung, man verliert ſeine Geſellſchaft, die man rechts neben ſich oder hinter ſich glaubt, und möchte mit Mephiſto ausrufen:„was? dort ſchon hingeriſſen?“ kann aber kein Haus⸗ recht gebrauchen, denn man muß eben mit dem Strome ſchwimmen. Alles drängt ſich hier bunt durcheinander— Herren und Damen aus allen Ständen, wirklich elegante Toiletten und ſeidene Kleider in den ſchreiendſten Farben, öſterreichiſche Officiere in ihren weißen einfachen Uniformen, laut, breit und vergnüglich deutſch redend, ſowie toscaniſches Militär in bunten vielfarbigen Anzügen. Wie überall in Florenz ſpielen auch hier die ſchönen Blumenſträuße eine große Rolle, und überall durch die Menge hindurch ſchlüpfen die Blumenverkäuferinnen, auf dem Kopfe die großen, runden, nickenden Strohhüte, und theilen bereitwillig die ſchönſten Sträuße aus, ohne gerade dafür eine Gabe zu verlangen. Wenn nur dabei die vielen Equipagen nicht wären! Aber man ſchwebt jeden Augen⸗ blick in Gefahr, unter die Räder zu kommen, und wenn man hier auf ein lautes„Hoe“ links ſpringt, ſo prallt man vielleicht auf der anderen Seite an ein paar Pferdeköpfe, die gerade rechts wenden. Dieß macht denn auch alle Converſation ungenießbar; man hört nur mit einem Ohre, denn das andere iſt auf ein verdächtiges Raſſeln hinter uns gerichtet; man muß eine ſehr ſchöne Bemer⸗ kung oftmals in der Mitte abbrechen oder als Erwiderung auf eine geiſtreiche Frage mit einem blödſtnnigen Lächeln auf die Seite ſpringen, um ſeine Hühneraugen vor den Rädern eines daher⸗ rollenden ganz gemeinen Parocino zu retten. Florenz. 59 Trotz alle dem hat aber das Spazierengehen hier am Arno ſeine ſchönen und reizenden Seiten, nur muß man warten, bis ſich die große Menge wieder verlaufen hat, bis der Abend kommt, bis die Paläſte an den Ufern lange ſeltſam gezackte Schatten herüberwerfen, bis die ſchweren Maſſen der Brücken dunkler, das Waſſer des Arno aber und der Himmel über uns immer heller und klarer werden. Wie reines Silber fließt der Fluß jetzt unter den ſchwarzen Brückenbogen daher und nimmt nach und nach alle die ſchönen und glühenden Töne des Himmels an. Vor uns haben wir die Chieſa di Caſtello mit ihrer großen Kuppel und dem kleinen ſchlank und zierlich geformten Glockenthurme— hinter ihr hinab verſchwindet die Sonne und zeigt uns dort jede Säule, jede Verzierung, jedes Kreuz ſcharf abgezeichnet auf dem hellen Himmel; aus allen Oeffnungen der Kuppel und des Glockenthurms ſcheint für einen Augenblick Feuer hervorzubrechen, und die Strahlen, welche dort hervorzucken, erfüllen das ganze Thal mit einem violetten, glühend angeſtrahlten warmen Dufte. Die alten Kirchen und Schlöſſer auf den Höhen ſcheinen aufzu⸗ athmen unter dieſem letzten herzlichen Kuſſe, ja ſelbſt drüben das ehrwürdige San⸗Miniato in ſeinem ſchwarzen Cypreſſen⸗Walde glaubt man noch einmal wehmüthig lächeln zu ſehen. Aber die Sonne geht nicht in ungetrübtem Glanze hinunter, eine Wolken⸗ ſchichte am Horizont ſcheint ihr Feuer erlöſchen zu wollen, wird aber dafür beſtraft und lodert nun ſelbſt in wilder Gluth empor — für uns ein herrlicher Anblick— denn hinter der Kirche di Caſtello bricht es hervor wie eine gewaltige Feuersbrunſt, ſo daß weit an dem Himmel hinauf eine glühende Lohe ſchlägt.... So ſah ich ſie noch am letzten Tage meines Aufenthalts in Flo⸗ renz untergehen meine liebe ſchöne Sonne vom Lungarno, und wenn ſie auch mit noch ſolcher Pracht verſchwand, ſo machte es mich doch traurig und nachdenkend, denn ſie ging hier für mich auf lange Zeit unter— vielleicht für immer—— denn wer kann dem Wetter und den Umſtänden trauen! Sie hatte ſo etwas 60 Drittes Kapitel. menſchlich rührendes an dieſem Abende bei ihrem Niedergang und gab ein Bild ſo manchen Lebens; ſte ging dahin wie ein glü⸗ hendes wildes Menſchenherz, unter in vergeblichen, unerreichbaren Wünſchen..... Nach und nach verblaßte die Gluth am Horizont. Die Brückenbogen der Carraja ſtanden ſchwarz gegen den hellen Schein; die Menſchen, die hinüberſchritten, glichen unbeſtimmten ſchatten⸗ haften Weſen; das Waſſer allein erſchien noch hell und glän⸗ zend, und ein einſamer Nachen, der auf dem Arno dahin fuhr, zog einen langen und dunkeln Streifen nach ſich. Jetzt wurden an den Ufern die Gaslaternen angezündet, und die weißen ſtrahlen⸗ den Lichter machten eine unbeſchreibliche Wirkung gegen den noch immer röthlich gefärbten Nachthimmel und die dunkeln Maſſen der Häuſer. Unterdeſſen hat ſich der Spaziergang gänzlich entvölkert; man iſt zur Tafel gegangen, in die Kaffees, in die verſchiedenen Theater. Ein italieniſches Kaffeehaus hat nicht viel bemerkens⸗ werthes: die Räume ſind einfach, die Converſation wird ſehr leiſe geführt, und den größten Lärm machen die Kellner, die mit einem unnachahmlichen Aplomb Kaffee, Gefrorenes und dergleichen vor den Fremden hin lanciren, und nachher die kleine Münze, die man allenfalls heraus bekommt, mit außerordentlichem Geſchrei dem ganzen Kaffee verkündigen. Was die dießjährige Theaterſaiſon in Florenz anbelangt, ſo kann ich nicht viel rühmliches davon ſagen. Pergola hatte einen ordentlichen Tenor, eine leidliche Prima Donna, die für eine Eng⸗ länderin das Italieniſche recht gut ausſprach und auch bei ihren Bravour⸗Arien gehörig ins Feuer kam; ihre Stimme iſt ſchön, doch in den obern Lagen etwas ſchreiend. Gegeben wurde der oben ſchon erwähnte Trovadore, eine neue Oper, welche Verdi eigens für die jetzige Saiſon und Sänger geſchrieben. Was die Muſik an⸗ langt, ſo läßt ſich nicht viel darüber ſagen. Die Florentiner ſind entzückt davon und meinen, ſie ſei faſt beſſer als Luiſa Miller; Florenz. 61 was indeſſen nicht hoch geſchworen iſt, denn Schillers Cabale und Liebe wurde von Meiſter Verdi mit einer Muſtk verſehen, die über alle Beſchreibung langweilig iſt. Aber die Vergißmeinnicht⸗ Romanze reißt den Troubadour durch, denn wenn die Muſik der⸗ ſelben im letzten Act anhebt, ſo rückt der Italiener unruhig hin und her, hebt die Schulter in die Höhe, blickt ſchmachtend an dem Kronleuchter empor, und fühlt ſich, indem er ſagt: come à bello, für den ganzen Abend hinreichend entſchädigt. In Cocomero arbeitete eine franzöſiſche Schauſpielergeſell⸗ ſchaft; ſie gab unter anderm„Honneur et Argent“ von Ponſard, ohne aber weder das eine noch das andere damit zu verdienen, denn der Beifall war verdientermaßen ſehr gering und das Haus in allen Theilen wenig beſetzt. Im Theater Leopoldo mimte man neben einer unbedeutend und ſchlecht beſetzten Oper den Meyerbeer'ſchen Propheten als Ballet, was ſchon der Mühe werth war angeſehen zu werden. Leopoldo iſt ein Theater vierten Rangs. Der Eintritt aufs Parterre koſtet hier nach unſerm Geld ungefähr 16 kr., und dafür hat man eine ganze Oper, freilich tant bien que mal, und ein Ballet von ſieben bis acht Acten— in Summa ein Vergnügen, welches von 8 Uhr bis Mitternacht dauert. Das Publikum iſt dabei ſehr ungenirt, hat im Parterre den Hut auf dem Kopf, ſpeist Feigen und Orangen, und treibt in den Zwiſchenacten allerlei erlaubte Kurzweil. Die Logen ſind, wie in den großen Theatern, von einander abgetheilt, und bei einem Stück wie der Prophet, welches die elegante Welt ebenfalls ſehen will, bemerkt man hier oft reiche und glänzende Toiletten, die dann ſeltſam genug mit dem Parterre contraſtiren. Auf den Zetteln für heute Abend war„il Sole“ mit rieſengroßen Buchſtaben bemerkt, und ich bin überzeugt, daß dieſes bis jetzt hier noch unerhörte Schauſpiel die große Menge bedeutend anzog. Das Ballet begann übrigens mit den Schalmeien der Hirten, wie die Oper ſelbſt, und ich glaubte ſchon aus der Muſik derſelben ein angenehmes Potpourri zu vernehmen; doch war dieſe Täu⸗ Drittes Kapitel. 62 ſchung bald zu Ende, und die allergewöhnlichſte Balletmuſik unter⸗ ſtützte Pantomimiſten und Tänzer in ihren extravaganten Bewe⸗ gungen. Uebrigens kommt jede Scene der Oper: Bertha wird von Overthal entführt, die drei Wiedertäufer reizen das Volk auf, und im zweiten Act erſcheint Johann von Leyden, ein außerordent⸗ lich gewandter Pantomimiſt. Decoration und Coſtüm mußte man wirklich ſchön und elegant nennen; auch waren einige Corpstänze, namentlich im zweiten Act, ſo meiſterhaft arrangirt, daß ſie das Publikum unter einem raſenden Beifallſturm da capo verlangte; und die armen Geſchöpfe auf der Bühne, außer Athem abgehetzt, zwangen ſich zu dem bekannten unheimlichen Lächeln und begannen aufs neue. Darin iſt das hieſige Publicum grauſam und will nicht begreifen, daß von denen droben manche Lunge kaum noch zu athmen vermag und manches Herz unter raſenden Schlägen zu erſticken droht. Fortgetanzt muß werden, worauf man dann freilich den Balletmeiſter, die Solotänzer, die Decorationen und Gott weiß was noch alles zum Dank herausruft. Johann von Leyden wurde übrigens vortrefflich gegeben, und ich hätte nie ge⸗ glaubt, daß jemand ohne Worte und Geſang, blos durch Bewe⸗ gung und Mienenſpiel, z. B. die Abſchiedsſcene von der Mutter, ſo wirklich ergreifend darzuſtellen im Stande wäre. Im dritten Act erſchien das Lager von Münſter. Morgendämmerung; der Prophet ordnet ſeine Schaaren zum Sturm gegen die Stadt; der Hintergrund beginnt heller und röther zu werden, und das Pub⸗ likum rückt unruhig auf ſeinen Sitzen hin und her, denn der große Augenblick naht, wo il Sole ſich präſentiren wird; endlich ſchießt ſie die erſten Strahlen empor. Auf der oberſten Gallerie des Hauſes ſieht man lachende Geſichter mit blinzelnden Augen, wie vom hellſten Sonnenlicht beſtrahlt. Die Lampen des Kronleuch⸗ ters ſcheinen trüb und roth zu brennen. Unten iſt das ganze Haus wie mit gewaltigem Staub bedeckt, während ſich, im gleichen Ver⸗ hältniß wie auf der Bühne die Sonne emporſteigt, die Strahlen immer tiefer und weiter ausbreiten. Das Parterre iſt vor Ent⸗ —— ————: Florenz. 63 zücken außer ſich; man dreht ſich herum, man lacht, man ſchreit, man hält die Hände vor das Geſicht, und ſelbſt glänzend ange⸗ ſtrahlt erblickt man lautlachend den Nachbar, deſſen Geſicht ſo hell und roſig übergoſſen iſt wie an einem ſchönen Sonnen⸗ tag— und die Sonne hier iſt nicht geizig; bei uns begnügt ſie ſich ein paar Zoll über den Horizont emporzuſteigen, dann fällt neidiſch der Vorhang; hier aber ſteigt ſie glänzend und ſtrahlend, ohne ein einzigesmal zu verſagen, bis hoch an den Himmel. Der vierte Act ſpielt auf der Straße. Fides ſammelt Almoſen ein, worauf ſich das Theater in eine prächtige Halle verwandelt— das Innere der Kirche darf in Italien begreiflicherweiſe hier nicht gezeigt werden— der Krönungsmarſch erſchallt diesmal wieder aus der Oper, und der Einzug des Propheten erfolgt in aller Pracht und Herrlichkeit. So lange der König von Zion ſein länd⸗ liches Coſtüm trug, die kurze Jacke, das enganliegende Beinkleid, hatten ſeine heftigen Bewegungen und Pantomimen durchaus nichts ſtörendes; ſobald er aber in langem weißem Gewand er⸗ ſcheint und damit wie in einem weiten Schlafrock auf der Bühne umherrast, die Krone auf dem Kopf„Scepter und Kugel in der Hand und, wie namentlich im vierten Act, die ſchauerlichſten Gri⸗ maſſen ſchneidet, geht alle Illuſton verloren, und Johann von Leyden ſieht aus wie ein wahnſinnig gewordener Kartenkönig; ſo geht denn auch die gewaltige Scene wie er ſeine Mutter zum Niederknieen zwingt, faſt ſpurlos vorüber. Fides war in dieſem Augenblick ſchon beſſer und hatte in ihrem Spiel wirklich ergrei⸗ fende Momente, ſo als er ſie fragte:„Liebteſt du dieſen Sohn?“, und ſie ihm antwortete:„Ob ich ihn liebte?“ Da war auf dieſem Geſicht eine wahrhaft rührende Innigkeit, Hingebung und Liebe zu leſen. Im Duett und Terzett des fünften Acts iſt der Prophet aber nun ganz toll geworden, er raſet hin und her, ſo daß ſeine langen ſchleppenden Kleider weit von ihm abfliegen, die Krone wird mehreremal auf den Boden geworfen und wieder aufgeſetzt, 64 Drittes Kapitel. mit ſataniſcher Freude und entſetzlichem Kopfnicken zeigt er dem Publikum die wohlgefüllte Pulvermine, alles ſoll zu Grunde gehen, tanzte er— alles— alles— alles— Verwandlung.— Der Tanzſaal.— Dieſe letzte Scene des Ballets beginnt mit einem großen eingelegten pas de deux, während deſſen der Pro⸗ phet hinten an ſeinem Tiſch ſitzt, ſchmauſend und zechend; auch iſt er wieder ganz bon homme geworden und treibt mit den Tänzerin⸗ nen die ihn bedienen allerlei kleine unſchädliche Späße— bis zu dem großen Moment, wo die Künſtlerin vorne ihre letzte Verbeugung gemacht hat, und er nun hinten den Pokal ergreift um Meyer⸗ beers wunderbares Trinklied abzupantomimiren. Darauf geht die Geſchichte zum Schluß, wie wir bereits wiſſen. Die Dämpfe ſteigen aus dem Podium empor, rechts und links brechen die Wände auseinander, und im Hintergrunde brennt Münſter. Obgleich es über den mir ſelbſt vorgeſteckten Raum dieſer Blätter hinausgehen würde, wenn ich mir erlauben wollte, über hieſige öffentliche Anſtalten, ſeien es auch nur einzelne Zweige, wie z. B. das Unterrichtsweſen, zu berichten, ſo kann ich doch nicht umhin eine Anſtalt zu erwähnen, die im Auslande wenig bekannt, und doch, namentlich für Familien, die ſich längere Zeit hier aufhalten wollen, von großem Intereſſe iſt: es iſt dies nämlich ein Inſtitut für Knaben, von Familienvätern gegründet, welches den Zweck hat, die Kinder unter den Augen ihrer Eltern in allen nöthigen Fächern der Wiſſenſchaft ſo weit heranzubilden, daß ſie von hier aus in jede höhere Lehranſtalt des Auslandes eintreten können. Die Geſellſchaft, welche begreiflicherweiſe nicht die Idee hat, bei dieſer Anſtalt etwas zu gewinnen, ja die im Gegentheil noch große Opfer bringt, wurde im Jahre 1838 von einigen Fa⸗ milienvätern allein in der Abſicht gegründet, ihren Kindern eine geſunde, ſorgfältige und chriſtliche Erziehung zu verſchaffen. Die meiſten waren deutſche Proteſtanten oder Angehörige der eng⸗ liſchen Kirche, doch wurden auch Katholiken aufgenommen, und viele italieniſche Familien dieſer Religion ließen ihre Kinder dort Florenz. 65 erziehen; doch wurde es in jüngſter Zeit den letztern verboten, ihre Kinder an dem Inſtitut theilnehmen zu laſſen. Daſſelbe befindet ſich in Florenz Caſa Minucci Via dell Ardiglione, ein ſchönes ge⸗ räumiges Haus mit freundlichem Hofraume und Garten, welches von dem Directorium zu deren Zwecken erkauft wurde. Die Kna⸗ ben haben hier luftige angenehme Schulzimmer und befinden ſich, ohne im Raum beſchränkt zu ſein, beſtändig unter der Aufſicht ihrer Lehrer. Es gibt zwei Claſſen von Zöglingen: die einen welche bei ihren Eltern wohnen und nur die Schulſtunden beſu⸗ chen, die andern aber, die eigentlichen Penſionäre, die gegen mög⸗ lichſt billige Vergütung im Schulhaus ſelbſt untergebracht ſind. Die Profeſſoren der Anſtalt ſind mit größter Sorgfalt gewählt und ſprechen alle deutſch. Der Stundenplan iſt ſehr reichhaltig: man lehrt Deutſch, Engliſch, Italieniſch, Franzöſiſch, Lateiniſch und Griechiſch, allgemeine Geſchichte, Geographie, Naturwiſſenſchaften, Mathematik, Zeichnen, Singen und Tanzen. Mehrere Stunden der Woche ſind für gymnaſtiſche Uebungen aller Art beſtimmt, und da tummeln ſich denn die kleinen Kerle der verſchiedenſten Nationen luſtig durcheinander, exerciren militäriſch oder arbeiten an der Schwingſtange und dem Kletterbaum. Es herrſcht ein wohlthuendes angenehmes Verhältniß zwiſchen Kindern und Leh⸗ rern, und alles betrachtet ſich wie zu einer einzigen großen Familie gehörend. Der Director des Comites iſt in dieſem Augenblicke Hr. Dufresne, ein Genfer Kaufmann, deſſen freundliche liebens⸗ würdige Perſönlichkeit wie ein guter Geiſt durch das ganze Inſtitut zu gehen ſcheint, und deſſen Herzlichkeit das Band der Liebe und Zuneigung feſter um Lehrer und Lernende zieht. — ———— Viertes Kapitel. Nach Carrara. Die toscaniſche Eiſenbahn. Warmes Herbſtwetter. Piſa und Lucca. Die Fahr⸗ taxe im Abſtreich. il Signor Conte. Cecco und ſein Parrocino. Tolle Fahrt. Prachtvolle Ausſicht von Monte di Chieſa. Pietra ſanta. Leben auf den Landſtraßen. Maſſa und Carrara. Die zerſtörte Capelle. Der Bildhauer Schlaraffenland. Hofer. Die Marmorbrüche. Ein Gaſtfreund. Durch die Eiſenbahnen von Florenz nach Piſa und von Piſa nach Lucca iſt Carrara mit ſeinen berühmten Marmorbrüchen und zahlreichen Bildhauer⸗Ateliers der Arnoſtadt um ein bedeu⸗ tendes näher gerückt, obgleich man noch immer eine gute Tagreiſe braucht, um dorthin zu gelangen. Der Bahnhof der toscaniſchen Central⸗Eiſenbahn liegt vor der Porta al Prado in der Nähe des berühmten Spaziergangs der Caſcinen. Das Bahnhofgebäude iſt ziemlich geräumig und beſteht neben den Warteſälen, den Zim⸗ mern für die Beamten ꝛc. aus einer geräumigen Halle, unter welcher der Zug hält und die Paſſagiere einſteigen; da man die Fahrbillets am Eingang in dieſelbe vorzeigen muß, wo ſie auch markirt werden, ſo wird niemanden ohne ein ſolches der Zutritt geſtattet, weßhalb es für begleitende Freunde einer beſondern Er⸗ laubniß bedarf, um eintreten zu können. Reſtaurationen fehlen Nach Carrara. 67 hier gänzlich, und der Fremde, der hierauf gerechnet, muß hungrig und durſtig abziehen. Von Florenz führt die Eiſenbahn flach und eben durch das Arnothal faſt bis Piſa auf dem rechten Ufer dieſes Fluſſes. Als ich abfuhr, lag Florenz in Nebel gehüllt, der von der Sonne nie⸗ dergedrückt wurde, was einen ſchönen Tag verſprach; nur die vielen Kuppeln und Thürme der zahlreichen Kirchen ſchimmerten deutlich hervor, das andere war ein graues Chaos von Häuſer⸗ maſſen und Rauch, aus welchem die hellen und tiefen Töne der Glocken, da es gerade Sonntag war, unaufhörlich hervorklangen. Die Ausläufer der Apenninen hatten ſich von oben herab ſchon etwas mehr geklärt, und hie und da glänzten die Spitzen derſel⸗ ben roth angeſtrahlt von der aufſteigenden Sonne; ſo maleriſch und ſchön ſich die zahlreichen Villen und Dörfer, im Einzelnen betrachtet, an den Abhängen dieſer Berge ausnehmen, ſo ſtören ſie doch den Geſammteffect der Landſchaft; nirgends hat man eine ruhige ſanfte Fläche, über welche das Auge ſo gerne hinſchweift, über grüne Wieſengründe, duxch diehtbelaubte Wälder, um droben auf der Höhe beim Anblick eines Schloſſes, einer Ruine zu ver⸗ weilen. Von weitem Zeſehen erſcheint alles wie zerriſſen und zerklüftet, und die Tauſende von Häuſern und Villen bilden überall Gruppen von weißen Punkten oder unregelmäßige Linien, welche die an ſich ſo ſchönen Formen der Berge unruhig machen, ja faſt zerſtören. Es war der ſechste November, und die Luft ſo angenehm und warm, daß es mir in einem leichten Sommerrock nicht zu kühl war. An den Ufern des Arno ſaßen Gruppen von Män⸗ nern, Weibern und Kindern, an einem andern Ort ſpielten junge Burſche in Hemdärmeln mit hölzernen Kugeln, welche ſie ſo dicht wie möglich an die Mauer irgend einer alten Kapelle warfen — ein Spiel, das man, ſo glaube ich, bei uns„Anwerfen“ nennt; barfüßige Kinder ſtanden dabei und ſchienen an ihrer ſehr dünnen Bekleidung vollkommen genug zu haben, und doch war es auch 5 —— 68 Viertes Kapitel. hier ſchon Winter; der Boden bedeckt mit den gelben und rothen Blättern der Caſtanien, Ulmen, Eſchen, kurz all der Bäume, die auch hier in der kalten Jahreszeit ihr Laub verlieren; die immer⸗ grünenden Bäume und Gebüſche aber, die dazwiſchen ſtehen, Steineichen, Lorbeeren, ſowie die coloſſalen Epheuranken, welche ganze Stämme umwunden haben und das abgefallene Laub der⸗ ſelben vollſtändig erſetzen, machen den Anblick der Gegend hier ſo maleriſch und ſchön; es liegt das wie aller Effect in den Con⸗ traſten, und man kann nichts ſchöneres ſehen als dort z. B. jenes weiße Haus mit ſeiner weit vorſpringenden Veranda, deren Laub⸗ dach theils auf alten grauen Holzſtämmen, theils auf roh gemauerten Pfeilern ruht. Unter den Fenſtern hängen Welſchkornkränze von goldgelber Farbe, wilde Reben, die leicht über eine niedrige Mauer geſchlungen ſind, ſehen glänzend roth aus, und während ſich eine mächtige immergrüne Eiche wie liebend über das Dach hinneigt, ſtehen vorn am Eingange des Gehöftes zwei ſehr hohe ſchwarze Cypreſſen ernſt und unbeweglich, das Koſen der mil⸗ den Luft, welches die andern Blätter leicht erzittern läßt, macht auf ſie keine Wirkung, und ſie verharren ungerührt, finſter, ja melancholiſch; es iſt noch ein Glück, daß ein junges hübſches Mädchen mit üppigem Haarwuchs und ſchwarzen, glänzenden Augen an einem dieſer mürriſchen Stämme lehnt und lachend „Dio mio“ ruft, während wir vorüber ſauſen. Die Rebgewinde haben auch ſchon meiſtens ihre Blätter verloren, und man ſieht deutlicher ihre phantaſtiſchen und ſeltſamen Verſchlingungen. Wenn ich ſo die alten Maulbeerbäume anſehe, welche geduldig die Umarmungen der Rebe ertragen, ſo kommt es mir oft vor, als thäten ſie das nur zu ihrem eigenen Vergnügen, und als hielten die bejahrten Stämme zuweilen eine kleine Tanzpartie und gebrauchten hierzu die Rebe als Guirlande oder Blumenkranz. Doch wir ſind bereits dritthalb Stunden gefahren, immer an ähnlichen Gegenſtänden vorüber, die ſich mit geringen Abwechs⸗ lungen gleich bleiben, und haben Piſa erreicht, wo man beim vr- Nach Carrara. 69 Ausſteigen durch eine faſt undurchdringliche Schaar von Kutſchern und Dienſtfertigen aller Art, die uns ſelbſt und unſer Gepäck davonführen wollen, aufgehalten wird. Piſa iſt für ſeine jetzige Bevölkerung viel zu groß, und ſeine Straßen liegen deßhalb öd und leer; man kann dieß ſelbſt vom dortigen Lungarno ſagen, der übrigens weit ſchöner und prachtvoller iſt, als der Florentiner; wenige Spaziergänger ſieht man hier in gewöhn⸗ lichen Stunden, ſelten raſſelt eine Equipage über das Pflaſter, und die großen Paläſte und Häuſer an den Quais ſtehen da ernſt und trauernd. Uebrigens iſt Piſa bekanntermaßen eine ſchöne und ſehr merkwürdige Stadt, im Sommer beſucht von zahlreichen Fremden, welche die milde, einer kranken Bruſt ſo zuträgliche Luft einathmen und ſich am Anblick der alten herrlichen Bau⸗ werke, des Campo ſanto, der Kathedrale und des ſchiefen Thur⸗ mes ergötzen. Ach! mit dem Bild des ſchiefen Thurmes tritt mir eine Erinnerung aus der Jugendzeit ſo lebhaft vor die Seele! Ich hatte denſelben auf einem Schreibheft abgebildet, konnte nicht begreifen, warum er in ſolcher naturwidrigen Haltung nicht umſtürze, und verſuchte eines Tages den Baumeiſter, der vielleicht Zufall heißt, auf meinem Schreibheft zu verbeſſern, indem ich den ſchiefen Thurm durch einige dicke Tintenſtriche an der überhän⸗ genden Seite mit einem ſoliden Strebepfeiler unterſtützte; dieß trug mir übrigens tüchtige Klapſe ein, was aber unter anderm den Vortheil hatte, daß ich Piſa und ſeinen ſchiefen Thurm nie⸗ mals vergaß. Der Eiſenbahnhof nach Lucca liegt in Piſa entgegengeſetzt von dem Florentiner, und man muß die ganze Stadt durchfahren, um dorthin zu gelangen; er iſt klein, etwas kümmerlich, und ſieht ſehr proviſoriſch aus. Nach Lucca kommt man in ungefähr dreiviertel Stunden durch eine wunderſchöne und reizende Gegend; die Bahn führt meiſtens an den Bergabhängen hin, die mit Schlöſſern, Thürmen, kleinen und großen Villen überſäet ſind, und bekleidet mit einer mannichfaltigen jetzt noch tief grünen Vegeta⸗ 70 Viertes Kapitel. tion; klare Waſſer ſtürzen aus den Schluchten hervor, und eilen unter der Bahn durch in das flache Land, das ſich auf unſerer Linken in einer unabſehbaren Ebene bis zum Meer hinaus⸗ ſtreckt. Um Lucca treten die Berge etwas zurück; es iſt eine eigenthümliche Stadt, die man, einmal geſehen, nicht ſo leicht wieder vergißt; einſt eine Feſtung hat es ſeine Gräben und Wälle behalten, und letztere, aus grauen Mauern beſtehend, erheben ſich in langen, geraden und regelmäßigen Linien ringsumher aus der Ebene, ſo die Stadt umgebend. Dieſe Wälle ſind Spazier⸗ gänge, mit hohen, dichtbelaubten Bäumen bepflanzt, weßhalb man von außen von Lucca wenig mehr ſieht als die gerade graue Mauer mit ihren Baumreihen, und über ſie hinaus ragen die Thürme einiger Kirchen. Nur bis hieher konnte ich die Eiſenbahn benutzen und mußte meinen Weg über Pietra ſanta nach Carrara auf einem Mieth⸗ wagen fortſetzen. Um einen ſolchen zu erlangen, ließ ich mich in die Stadt hineinführen vor eines der Wirthshäuſer, wo ſich Vet⸗ turini und Kutſcher zu verſammeln pflegen, und war auch im Augenblick meiner Ankunft von einer ſolchen Schaar dienſtfertiger Geſellen umgeben, die einander wegſtießen, ſich vordrängten und mir mit ſo gellender Stimme und lautem Geſchrei ihre Wagen und Pferde anprieſen, daß ich genöthigt war, mir eine Zeitlang die Ohren zuzuhalten. Dabei war es ein completer Abſtreich um meine werthe Perſon, und wenn mich einer um 10 Paoli haben wollte, ſo verlangte der andere 9, ein dritter 8 und ein vierter 7; ich glaube, wenn ich den Spaß länger ertragen hätte, ich wäre umſonſt gefahren worden, ich würde noch Geld dazu erhalten haben. Die Kerle, die mich übrigens in ganz kurzer Zeit von einem einfachen Signor zum Cavaliere und Signor Conte vor⸗ rücken ließen, drängten ſich mir gar zu pöbelhaft auf den Leib, und als ich über ſie hinweg nach einem rettenden Gegenſtand blickte, bemerkte ich auf der Treppe des gegenüberliegenden Hauſes einen kleinen unterſetzten Kerl mit einem grauen Calabreſer auf Nach Carrara. 71 dem Kopfe und angethan mit carrirter Jacke wie ſie die engliſchen Stallleute zu tragen pflegen; um den Hals hatte er trotz des warmen Tags einen dicken Shawl geſchlungen und kauete an dem Reſte eines ſogenannten Rattenſchwanzes. Als ich ihn anſah, zuckte er die Achſeln, ſchloß gegen die mich umgebende Menge verächtlich die Augen, indem er mir durch Pantomimen ſagte: er fahre mich um ſechs Paoli. Der Mann geſiel mir, ich brach mir gewaltſam Bahn durch den Kreis der andern Kutſcher und ging mit jenem davon; natürlicherweiſe wurden ihm einige ſehr unſaubere Redensarten nachgerufen, und einer ſagte mir boshafter Weiſe, man zahle hier nie mehr als fünf Paoli für eine Fahrt nach Pietra ſanta. Mein Mann ließ ſich aber durch alles das nicht aus dem Gleichmuth bringen, er ſchritt ſtill lächelnd vor mir dahin, wobei er übrigens mit allen Leuten, die ihm begeg⸗ neten, ſehr bekannt that; ſo grüßte er auch alle hübſchen Mädchen, die ihm begegneten, bald mit irgend einem Wort, bald indem er das linke Auge vertraulich gegen ſie zukniff. Es war gut, daß ich in Lucca nicht bekannt war, ſonſt hätte ich in dieſer Geſellſchaft leicht in übles Gerede kommen können. Der Wagen, den er mir als unſere Reiſe⸗Equipage vorſtellte, war nichts mehr und nichts weniger, als ein einfacher Parocino, d. i. ein zweirädriger Karren mit einem Sitze, der in Riemen hängt, und deſſen Gabel⸗ bäume hoch auf dem Packſattel eines der kleinen lebhaften Pferd⸗ chen befeſtigt werden, wodurch das ganze Fahrzeug ſehr hinten überhängt, was namentlich beim Bergſteigen äußerſt unbequem iſt. Während mein Kutſcher, er hieß Cecco, ſein Gefährte her⸗ richtete, machte ich einen Gang durch die Stadt. Die Straßen von Lucca waren zu keiner Zeit ſehr lebhaft, und liegen nun, ſeit der früher hier regierende Herzog Parma übernommen und dort reſidirt, in troſtloſer Oede und Einſamkeit. Während der Som⸗ mer⸗ und Bade⸗Saiſon wird es freilich anders ſein, denn die Bäder von Lucca haben immer noch einen guten Namen, und ſollen recht beſucht ſein. 72 Viertes Kapitel. Unterdeſſen hatte mein Cecco ſein Pferd eingeſpannt; ich beſtieg den ſchwankenden Sitz, er warf ſich neben mich hin, und nachdem er mich ermahnt recht feſt zu ſitzen, ging es vom Fleck aus im vollen Lauf durch die engen und winkligen Straßen Lucca's hindurch über das glatte Pflaſter hinweg. Ich muß geſtehen, daß ich mich zuweilen ſcheu umblickte, denn ich konnte die Idee nicht unterdrücken, es müſſe an der oder jener Ecke nothwendigerweiſe irgend etwas von uns hängen geblieben ſein; Cecco aber lächelte vergnügt zu meinen Blicken, ſchnalzte mit der Zunge, zerrte an ſeinen Zügeln und knallte mit der Peitſche. Ich habe nie einen Kerl von größerer Lebhaftigkeit geſehen, nicht eine Secunde lang konnte er ruhig ſitzen bleiben; bald wandte er ſich rechts, bald links, bald rückwärts, jetzt ſchaute er zu den Rädern hinab, dann ſtand er auf um ſich den Kopf ſeines Pferdes in der Nähe zu betrachten, kurz, er fuhr beſtändig auf ſeinem Sitz hin und her wie— doch ich hätte mich faſt eines unziemlichen Ausdrucks bedient. Von Lucca aus führt die ſchöne breite Straße eben bis an den Fuß des Gebirges an zahlreichen Villen vorbei, durch kleine Dörfer unter hochſtämmigen Bäumen dahin, die ſich oben zuſam⸗ menneigen und ſo ein Laubdach über unſere Wege bilden. Da es, wie ſchon geſagt, Sonntag war, ſo befand ſich ein großer Theil der Bevölkerung auf der Straße, theils ſpazieren gehend, theils in lebhafter Unterhaltung auf den Mauern und Wegſteinen ſitzend, oder auch gruppenweiſe in der Mitte der Straße ſtehend, was meinen Cecco jedesmal veranlaßte, mit vielem Geſchrei an ihnen vorüber zu fahren. Unter den Weibern und Mädchen der Umge⸗ gend von Lucca ſah ich viel mehr ſchöne Geſichter und Figuren als in der Nähe von Florenz, zuweilen bemerkte man wahrhaft herrliche Geſtalten junger Mädchen, mit aufgelegtem Arm nach⸗ läſſig an einen Thürpfoſten gelehnt, die, wenn wir vorüberrollten, langſam, faſt träge den Kof aufhoben, dagegen unter den dunkeln Wimpern einen Blick hervorſchießen ließen, der von großer Wärme und Lebhaftigkeit zeugte. Nach einer kleinen Stunde faſt unauf⸗ — —— rnn ‿⏑☛⏑ Nach Carrara.— 73 hörlichen Galoppirens unſeres Pferdchens erreichten wir den Monte di Chieſa, den ich, um das arme Thier etwas ausruhen zu laſſen, zu Fuß hinanſtieg. Man kann ſich nichts lieblicheres und ſchöneres denken als dieſen Weg. Kaum hat man die erſten Krümmungen deſſelben hinter ſich, ſo iſt das Thal, welches wir ſo eben verlaſſen, unſern Blicken gänzlich entſchwunden, und wir befinden uns plötzlich in einer feierlich ſtillen gewaltigen Bergnatur; murmelnde Quellen rieſeln von den Höhen herab uns entgegen und würden uns ge⸗ wiß viel ſchönes erzählen, wenn wir ihre Sprache verſtänden; die Bergwände, welche dicht neben der Straße ſteil in die Höhe ſtei⸗ gen, ſind dicht mit Büſchen und Bäumen bedeckt, und auf der dunkeln Farbe der immergrünen Eichen und des Lorbeers zeichnen ſich die Blätter des Olivenbaums mit ihrem grauen Schimmer, ſowie die gelben und rothen Blätter der andern ſchon herbſtlich gefärbten Waldbäume ſo mannichfaltig und prächtig ab. Die Ränder des Wegs ſind mit allerlei wildwachſenden Blumen be⸗ deckt, die ihre weißen Sterne und blauen Glocken hier cokett aufrecht tragen, dort ſinnend, vielleicht trauernd herabhängen laſſen. Da es bereits 4 Uhr war, ſo neigte ſich die Sonne ſtark abwärts und war ſchon hinter dem Monte di Chieſa, den ich eben erſtieg, verſchwunden; die Schellen von Ceccos Pferd hörte cch nur noch in weiter Entfernung klingeln, und da ſonſt kein Fuhrwerk auf der Straße war, ſo befand ich mich ganz allein in dieſen Bergen, zwiſchen dieſen Schluchten, die ſchon mit tiefen Schatten bedeckt waren— allein mit meinen Gedanken, welche, ich will es geſtehen, am heutigen Tage zu meiner ernſten, ja finſtern Umgebung vor⸗ trefflich paßten. Glücklicherweiſe hatte mich die Sonne noch nicht ganz verlaſſen, ſondern ſandte durch ekne Oeffnung in den Bergen einen kleinen glänzenden Strahl ihres freundlichen Lichts, der die Spitzen der höher gelegenen Felswände prächtig vergoldete. Unten Nacht und Schatten, von oben Licht und Hoffnung, ein Bild unſeres Lebens. 74 Viertes Kapitel. Wenn man den Monte di Chieſa hinaufgeſtiegen iſt, und endlich auf die Höhe gelangt, ſo wird man durch die prachtvolle Ausſicht, die man hier oben hat, vollſtändig belohnt; ein reicheres und herrlicheres Panorama kann man nicht leicht ſehen. Da wo ſich der Weg wieder abwärts neigt, ſteht eine kleine Capelle mit einem Vordach, welches auf dunkeln grauen Säulen ruht. Da an dem Kirchlein ſetzt ich mich nieder und blickte lang hinab auf die Kuppen und Abhänge des grünen Bergs, zwiſchen welchen ſich der Weg wie eine gelbe Schlange in vielfacher Bewegung durch⸗ windet, bis er endlich in einem kleinen Dörfchen, deſſen rother Kirchthum freundlich emporblickt, ſcheinbar verſchwindet und zu Ende iſt; aber nur ſcheinbar, denn wahrſcheinlich ermüdet von dem Bergſteigen, will er ein bischen faullenzen und verliert ſich im flachen Land am Fuß der Felswand unter Olivenbäumen und Lorbeerſträuchen. Vor uns bildet der Monte di Chieſa eine gewaltige Schlucht, die ihren Fuß auf die Ebene vor uns ſetzt und uns ſo einen Blick geſtattet weit über das flache Land hinaus bis zum Meer hin, das am Horizont in Wolken und Nebelmaſſen zu verſchwinden ſcheint. Die Färbung war unnennbar ſchön: durch die untergehende Sonne wurde ein Theil des Himmels mit einem Glanz beſtrahlt, der von der Farbe des Goldes langſam in das feinſte Roth über⸗ ging, wodurch die dunkelblaue Luft, da wo ſie mit jenem Colorit zuſammentraf, hell ſeegrün erſchien; all dieſe Farben nun ſpie⸗ gelten ſich in den zahlreichen Waſſergräben, in den Lachen der Sümpfe und Reisfelder wieder, womit die Ebene bedeckt war, und ſo glänzte es da unten in Gelb, Roth, Grün, Violett, als ſei die ganze Fläche weit hinaus mit ungeheuern Stücken Perlmutter überſäet, und am Horizont erſchien das Meer wie eine Einfaſſung von dunkelm Stahl, von dem die Flammen eines ungeheuern Brandes abſtrahlen. Mit einem Gefährt wie das unſrige kann man in der Ebene raſch vorwärts kommen, bergauf und bergab geht es ſehr langſam, ———8————— 1˙28 Nach Carrara. 75 was übrigens meinen Cecco ſehr ungeduldig machte. Da ich ihm auf ſeine vielen Fragen wenig Antworten gab, ſo unterhielt er ſich meiſtens mit ſeinem Pferd, welches er denn auch, ſobald wir wieder in der Ebene angelangt waren, bald mit Schmeicheleien, bald mit Schimpfworten zu neuem und eiligem Lauf antrieb; jetzt behauptete er, das Pferdchen ſei ſeine theuerſte Freundin, ſeine liebe Emilia; doch meinte er gleich darauf, es ſei eigentlich doch wohl nur aus einer Hunderace entſproſſen, und die niederträch⸗ tigſte Beſtie, die auf der ganzen weiten Welt zu finden ſei; dabei hatte er aber noch vollkommen Zeit kein Mädchen ungeneckt ihres Wegs ziehen zu laſſen, bald warf er ihnen Kußhände zu, bald knallte er nach ihnen mit der Peitſche, und wenn wir zufällig einen jungen Menſchen erreichten, der mit ſeiner Freundin von der Chauſſee in einen Feldweg einbog, ſo ſang er ihnen eine Strophe irgend eines unüberſetzbaren italieniſchen Liedes nach. So rollten wir, den Monte di Chieſa hinter uns, zur Rechten die Bergwand, zur Linken die Maremmen und Reisfelder, auf der ebenen Landſtraße dahin; die Luft war ſo klar und rein, daß man jedes Baumblatt ſcharf abgezeichnet ſah und den Drath des Telegraphen neben uns weit hinaus mit den Augen verfolgen konnte. An der Straße ſtanden hohe Ulmen, die ihre Kronen zu einander neigten und deren Stämme ſtundenweit durch Reben mit einander verflochten waren; dabei wurde die Färbung in der Luft, auf der Ebene und an den Bergwänden mit jedem Augen⸗ blick glühender, und war ſo weich, duftig und warm; gegen Weſten lag auf dem Himmel ein wahrer Goldgrund, auf welchem ſich Häuſer, Bäume ſcharf und ſchwarz abzeichneten. Neben der Straße ſah ich zuweilen einen einſamen dunkeln Nachen auf ſo hellem und ruhigem Waſſer liegen, daß ſein Schatten nicht einmal eine leiſe zitternde Bewegung zeigte. Inſecten ſummten um uns her, und von fern und nah vernahm man den melodiſchen Klang der Glocken, welche das Ave Maria läuteten. Es lag ein unnennbarer Friede über der ganzen Natur, der ſich aber in Ernſt und Trauer 76 Viertes Kapitel. verwandelte, ſowie die himmliſchen Lichter rings umher ausgelöſcht waren und die grauen Abendnebel aufſtiegen. Zu dieſer Stunde fuhren wir überdies noch durch einen dichten Olivenwald, der an ſich ſchon etwas düſteres und melancholiſches hat. Wenn ſich das Blatt dieſes Baumes, auf anderm Grün geſehen, mit ſeinem grauen Schimmer freundlich ausnimmt, ſo gibt auch eben dieſe graue Farbe da, wo die Bäume dicht bei einander ſtehen, denſelben etwas unbeſtimmtes, und ſie erſcheinen wie in graue Schleier gehüllt, wobei ein ſolcher Wald einen eigenthümlichen, obgleich nicht unan⸗ genehmen Duft aushaucht. Ein Muttergottesbild von weißem Marmor, bei dem wir vorbeirollten, und vor welchem Cecco ehr⸗ erbietig ſeinen Hut abzog, hatte in dieſer Umgebung etwas unend⸗ lich verſöhnendes. Pietra ſanta, ein kleines Städtchen mit hohen Mauern und feſten Thoren, erreichten wir bei völliger Nacht, was übrigens meinen Kutſcher nicht abhielt, auch ohne Wagenlaterne im ge⸗ ſtreckten Lauf hindurch zu fahren. Ich wußte wohl, daß Pietra ſanta einen ſehr guten Gaſthof hatte,„Alla Poſta“ bei Bertolani Fratelli, leider hatte ich aber dieſen Namen vergeſſen, und obgleich ich nach der erſten Locanda verlangte, führte mich Cecco dennoch nach einer kleinen Kneipe, wo es, ſeiner Ausſage nach, vortrefflich ſein ſollte. Nachdem ich einmal dort abgeſtiegen war„ließ man mich auch nicht mehr fort, und als ich in einem finſtern Erdgeſchoß ein ſehr ſchlechtes Nachteſſen verzehrt und meine Cigarre angezün⸗ det hatte um noch einen kleinen Spaziergang zu machen, war es für mich ein unangenehmes Gefühl, nach einigem Umherſchlendern das Haus Bertolani zufälligerweiſe aufzufinden, welchem der breite erhellte Thorweg, freundliche Gaſtzimmer und anſtändige Kellner ein ſo wohnliches Anſehen gaben. Am andern Morgen ſetzte ich meine Fahrt nach Carrara wieder auf einem Paroeino fort, doch war mein Kutſcher diesmal ein alter geſetzter Mann mit geflickter Jacke und grauem unraſir⸗ tem Kinn. Sein Pferd paßte vortrefflich zu ihm und zeigte durchaus Nach Carrara. 77 keine Neigung zu den ſchnelleren Gangarten; dagegen ſcheute es vor jedem Stein, vor jedem Waſſergraben, und zeigte beim Stehenblei⸗ ben eine große Vorliebe für retrograde Bewegungen. So klepperten wir vorwärts, und unſer langſames Fahren hatte den Vortheil, daß ich mit größerer Bequemlichkeit die immerfort ſchöne Gegend betrachten konnte. Hier hat alles ein maleriſches und eigenthüm⸗ liches Anſehen, jedes Haus, jeder Stall, jede Mauer würde ſich ohne Zuthat allerliebſt in einem Bild ausnehmen. Mit den Welſch⸗ kornkolben verzieren ſie dergeſtalt die Facaden ihrer Wohnungen, daß ſie der ganzen Architektur genau folgen, wodurch die Gebäude mit einer goldgelben Farbe überzogen zu ſein ſcheinen; auch die Staffage dieſer Landſchaft iſt ſo bunt und mannichfaltig, die leichten Parocino's, die uns im vollen Lauf begegnen, die Pferde mit blankem Meſſinggeſchirr und Schellen behängt, oben auf dem Kammdeckel nicht ſelten mit einer kleinen Windfahne verſehen, führen bald eine einzelne Perſon in brauner Sammetjacke und ſpitzem Hut, oder ſind zuweilen beladen mit einem halben Duzend ſtämmiger Kerle oder gewichtiger Weiber. Auch altväteriſch gebaute Miethkutſchen kommen uns langſam entgegen, der Wagenkaſten ſchwankt bedeutend hin und her, die Pferde laſſen ihre Köpfe hängen, und der Vetturin, die Cigarre im Mund, zuckt vergeblich aufmunternd an den Zügeln. Oft iſt die Straße weite Strecken bedeckt mit zahlreichen Ochſenkarren, welche Holz, Erde und Steine führen, die Thiere ſind meiſtens weiß, Räder und Geſtell zinober⸗ roth angeſtrichen, und hoch oben auf der Ladung ſitzt der Fuhr⸗ mann und lenkt das Ganze mit einer langen zugeſpitzten Stange und einem ausdrucksvollen Zungenſchnalzen. Bald hatten wir Maſſa Carrara erreicht, einen der lieblichſten Punkte, die man auf dieſer Erde ſehen kann. Die Stadt iſt in einer Schlucht an den Berg hinangebaut, der oben gekrönt iſt von den rieſenhaften Trümmern einer ehemaligen Feſtung, vorne öffnet ſich dieſe Schlucht auf die Ebene und das Meer, und iſt bis tief hinab angefüllt mit Orangen, Citronen und Lorbeeren mit duftenden 78 Viertes Kapitel. Blüthen und goldgelben Früchten. Es iſt eigenthümlich, daß das ganze Maſſa Carrara etwas ruinenartiges hat, und es iſt auch wohl hauptſächlich das, was ihm neben ſeiner prächtigen Lage einen ſo beſondern Reiz verleiht. Wohl gibt es Straßen in der Stadt, die ſehr wohnlich und gut erhalten ſind, doch außerhalb der Mauern ſteht man Veranden, Thorbogen, Garteneinfaſſungen in Ruinen, was um ſo mehr auffällt, als das Baumaterial vielfach weißer Marmor war, und man oft an zierlichen Treppen, an ſchlanken Säulen erkennen kann, wie ſorgfältig die Gebäude einſtens auf⸗ geführt wurden, die man nun in Trümmer zerfallen ließ. Aber die Natur hat mit liebender Hand dieſe Wunden zuzudecken gewußt, und es beſchleicht uns nur zuweilen ein Gefühl der Wehmuth, wenn wir in einen Garten hineinblicken, deſſen marmornes Thor niedergeſtürzt iſt, deſſen Mauer zertrümmert daliegt, und wenn wir ſehen, daß ihre Stellen ſo freundlich eingenommen wurden von duftenden immergrünen Bäumen, die ſich jetzt ſtatt des Thors am Eingang gegen einander neigen, oder von wehendem über⸗ hängendem Rebenlaub, welches nun die Stelle der Mauer ver⸗ tritt. Ich hatte den Lorbeer nie ſo ſchön und kräftig wachſen ſehen wie in der Umgebung von Maſſa Carrara, und es erregt ein eigen⸗ thümliches Gefühl, wenn man draußen vor der Stadt kleinen Kindern oder Weibern begegnet, die auf ihrem Kopf ein großes Bündel dieſer edlen und ſchönen Zweige mit ihrer runden dunkel⸗ rothen Frucht tragen, wie man bei uns zu Land ein Bündel Reiſig oder Tannenholz mit ſich nimmt. Der Platz vor dem Schloß hin iſt mit einer zweifachen Allee von großen ſtarken Orangenbäumen umgeben. Es iſt dieß ſelbſt hier in Italien eine Merkwürdigkeit, denn wo man ſonſt kräftige Bäume dieſer Art ſteht, iſt das an Plätzen, wo ſie durch eine Mauer, einen Fels oder dergleichen vor der rauhen Witterung einigermaßen geſchützt ſind. Ehemals befand ſich auf einer Seite des Schloßplatzes in Lucca eine kleine Capelle, welche von den Franzoſen zerſtört und niedergeriſſen wurde; ſpäter füllte man ——————— 2— ——:———2—2——. 24— Nach Carrara. 79 dieſe Lücke ebenfalls mit Orangenbäumen aus, doch wollten ſie nie recht gedeihen; ich ſah das heute wieder, denn während die Kronen der andern Bäume voll und rund ſind, auch im ſaftigſten Grün prangen, vegetiren die an jenem Platz kümmerlich fort mit kahlen Aeſten und gelbem Laub. Natürlich behauptet der Volks⸗ glaube, der heilige Grund der zerſtörten Capelle räche ſich hier⸗ durch an den armen und unſchuldigen Bäumen; die Wahrheit aber iſt, daß ſie durch eine Häuſerlücke, ihnen gerade gegenüber, von den Nordwinden beſtrichen werden, die zuweilen ſehr kalt von den Gebirgen herabwehen. Jenſeits der großen Brücke aus weißem Marmor, welche ſich über einen ſchäumenden Waldbach ſpannt und den Berg von Maſſa mit La Foce verbindet, welche durch eine tiefe Schlucht geſchieden ſind, fanden wir einen umgeworfenen Reiſewagen, deſſen beide linke Räder zerbrochen waren, und der ſich an einer ſehr abſchüſſigen Stelle mit dem Wagenkaſten an das Mauerge⸗ länder lehnte; glücklicherweiſe war kein weiteres Unglück vorge⸗ fallen, und die vier Paſſagiere deſſelben umſtanden lachend ihr Fuhrwerk, während der Kutſcher fluchend bemüht war, das Gepäck herabzuwerfen. Mir unbegreiflicherweiſe hatte dabei nur der Tele⸗ graphendrath Schaden gelitten, denn er war an dieſer Stelle zer⸗ riſſen und hing neben dem Wagen herab. Meinem alten Kutſcher voraus ſtieg ich zu Fuß den Berg hinan, um droben von der Höhe von La Foce die herrliche Aus⸗ ſicht einen Augenblick genießen zu können. Tief unter ſich hat man auf der linken Seite Maſſa Carrara, und ſieht jetzt ſo deutlich, wie es an den Bergen angebaut iſt, unten die Stadt mit ihren gelben und weißen Häuſern in einer Felſenſchale voll des ſchönſten und friſcheſten Grüns liegend, oberhalb derſelben das Schloß aus röthlichem Stein erbaut, mit ſeinen vielen Bogen, Gewölben und großen Fenſtern, und endlich auf der Spitze des Bergs die alte Feſtung, eine ſchwere dunkelgraue Maſſe, deren Formen ſich ſcharf auf dem blauen Himmel abzeichnen; vor uns flacht ſich das Ge⸗ 80 Viertes Kapitel. birge ab, die Berge werden Hügel, die Hügel immer flacher und ebener, in unſerer Nähe ſehen wir alles das in hell⸗ und dunkel⸗ grün gekleidet, weiterhin wird es violett und grau, bis unten in der Ebene die letzte Farbe vorherrſcht, und alles wie Nebel und Duft erſcheint, wie ein grauer koloſſaler Schleier mit einzelnen Licht⸗ und Schattenpunkten, der endlich am Hortzont eingefaßt iſt von dem ſilberglänzenden Meere. Der Bergrücken von La Foce trennt die beiden Thäler, in denen Maſſa Carrara und Carrara liegt, und kaum iſt man die erſten Windungen der Straße hinabgefahren, ſo erblickt man auch den letztern Ort ſchon vor ſich: ein Mittelpunkt von weißen und grauen Häuſern, überragt von ein Paar nicht all zu hoher Kirch⸗ thürme, um welche herum zerſtreut andere Wohnungen liegen, die ſich auf einigen Seiten als ſchmaler Streifen in die Schluchten des Gebirgs fortſetzen. So liegt Carrara vor uns tief gebettet zwiſchen hohen ſtarren Felsmaſſen, die unten, wie alles übrige Gebirg, grün und grau erſcheinen, oben aber ſchon von weitem ſeltſam erſcheinende glänzendweiße Flecke, Riſſe und Linien zeigen, welche vollkommen das Anſehen haben, als ſei da und dort in Schluchten und Höhlen eine beträchtliche Menge Schnees liegen geblieben. Die warme klare Luft aber und die grünen Bäume ſprechen vom Gegentheil und haben vollkommen recht, und was wir dort vor uns ſehen, ſind die berühmten Marmorbrüche von Carrara, von denen immer neue vor unſere Augen treten, ſowie wir uns dem Thale nähern. Wenn bei uns ein junger angehender Bildhauer ſeine erſten Phantaſien in grauem Thon ausarbeitet, der ſpäter beim Brennen öfters eine andere Form annimmt als der Künſtler gewollt und z. B. ein edel gedachtes Geſicht einigermaßen verzerrt wiedergibt, oder wenn er einmal ſo glücklich iſt, einen kleinen Entwurf aus⸗ führen zu dürfen, und nun am ſpröden deutſchen Sandſtein her⸗ umhämmert, ſo denkt er ſeufzend an ein Schlaraffenland, aber nicht an das, wo der große Mandelkuchenberg exiſtirt oder wo die — m au mi — — Nach Carrara. 81 gebratenen Tauben und gebackenen Ferkel inſtändigſt bitten man möge ſie verzehren, ſondern er denkt an ein Land, wo die Felſen aus dem ſchönſten weißen Marmor beſtehen, wo die Straßen mit dieſem edeln Material bedeckt ſind, wo ſelbſt ganze Häuſer oder doch wenigſtens ſämmtliche Treppen, Thür⸗ und Fenſter⸗ einfaſſungen, Thorbogen, Mauern, Fußpfade, Brunnentröge aus dieſem glänzend weißen Stein beſtehen— kurz er denkt an Car⸗ rara. Und es iſt hier in Wahrheit ſo. Sowie man die Stadt betritt, ſchreitet man über Marmorſteine durch Marmorſtaub bei großen Haufen zerſchlagener Stücke vorbei, die vor den Ateliers liegen und genau wie weißer Zucker ausſehen; aus den meiſten Häuſern, namentlich in der äußern Stadt, ſchallt uns der Schlag der Hämmer, das Knirſchen der Marmorſäge entgegen, wo wir in eine weitgeöffnete Thüre hineinblicken, ſehen wir zahlreiche Künſtler an der Arbeit; dort arbeiten gewöhnliche Steinhauer den Block im Rohen einigermaßen zu, daneben ſind die Punktſetzer, die unter ihrem Netz von Fäden mechaniſch die ganze Figur nach dem Modell des Künſtlers, ohne ſelbſt Künſtler zu ſein, hervor⸗ bringen; daneben ſteht der Meiſter ſelbſt und legt die letzte Hand an ſein Werk, um die Statue, die bis jetzt nur in den Formen richtig dargeſtellt wurde, zu überarbeiten und ihr Leben und Be⸗ wegung zu verleihen. Es iſt ein heiteres vergnügtes Leben in dieſen Ateliers, die Bildhauer ſind guter Dinge, wenn ſie nur vollauf zu arbeiten haben, und ſchaffen da mit Luſt und Liebe an dem edeln Stein herum. Der Staub in einem ſolchen Atelier iſt faſt wie der in einer Mühle und überzieht die Kleider mit einer weiß⸗ lichgrauen Farbe. Um das Haar davor zu bewahren, tragen die meiſten kleine Mützen von Papier in den ſeltſamſten Formen auf dem Kopf. Freund Hofer von Stuttgart, den einzigen deutſchen Bild⸗ hauer, der ſich in dieſem Augenblick in Carrara aufhält, fand ich ebenfalls in ſeinem großen Atelier in voller Arbeit. Nachdem er ſeine herrlichen Pferdegruppen vollendet, erhielt er von Sr. Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 6 82 Viertes Kapitel. Maj. dem König von Württemberg den Auftrag, mehrere Statuen über Lebensgröße in weißem Marmor für den königlichen Schloß⸗ garten in Stuttgart anzufertigen; bereits ſeit einigen Jahren arbeitet er mit großem Fleiß daran, ſo daß er dieſen großen ihn ehrenden Auftrag wohl noch im Lauf des nächſten Sommers be⸗ endigen wird. Die meiſten der Statuen ſtehen ſchon von ſeiner Hand überarbeitet vollendet da, und außer der wirklich künſtleri⸗ ſchen ſchönen Ausführung, die ſehr zu loben iſt, hat ſich Hofer bemüht, vollkommen fehlerfreien Marmor zu finden von gleicher Farbe, was bei ſo großen Stücken, wie er ſie gebrauchte, ſehr ſchwierig iſt. Hofer führte mich mit großer Freundlichkeit in den Ateliers von Carrara umher, und zeigte mir alles, was hier von an⸗ gefangenen oder vollendeten Arbeiten von irgend einer Bedeu⸗ tung war. Carrara iſt in dieſem Augenblick außerordentlich beſchäftigt, weßhalb denn auch die Preiſe des Rohmaterials und der fertigen Arbeiten gegen frühere Jahre bedeutend geſtiegen ſind. Steinhauer, Bildhauer, ſowie auch die Ornamentiſten haben alle Hände voll zu thun; Nordamerika hat große Beſtellungen gemacht, und faſt über⸗ all trifft man hier Statuen, dort Kamine oder Säulen, ja ſelbſt ganze Monumente für Kirchen oder für das Freie beſtimmt, die über das Meer wandern ſollen; auch für Rußland wird ſtark gearbeitet, und eins der größten Ateliers iſt ſchon ſeit längerer Zeit beſchäftigt, Sachen, die zur Ausſchmückung der Iſaakskirche in St. Petersburg beſtimmt ſind, anzufertigen. Se. Maj. der Kaiſer Nikolaus hat nämlich, wie man mir ſagte, in Rom die Bilder verſchiedener ruſſiſchen Heiligen in koloſſalen Dimenſionen und in Moſaik ausführen laſſen, für welche nun hier in Carrara die Einfaſſungen aus dem beſten weißen Marmor erſter Qualität gemacht werden; ſie ſtellen Früchte und Blumenguirlanden vor, zwiſchen denen Vögel und andere Thierchen durchſchlüpfen, ein⸗ ander folgen und ſo mit Laub und Blüättern, welche die einzelnen uen oß⸗ ren ihn be⸗ iner eri⸗ ofer cher ſehr iers an⸗ deu⸗ figt, cigen auer, ll zu iber⸗ ſelbſt , die ſtark gerer kirche . der n die ionen rrara alität vor, ein⸗ zelnen Nach Carrara. 83 Theile verbinden, eine reizende bewegte Kette bilden. Es ſind dieß in der That ſehr ſchöne Arbeiten, ſowohl was Compoſition als Ausführung anbelangt. Hofer zeigte mir hierbei noch, daß man dieſe Arbeiten der größern Genauigkeit und Zierlichkeit wegen vorher in Punkte geſetzt habe, was man ſonſt bei Ornamenten nie zu thun pflegte. Nach Modellen von Rauch ſah ich vier herrliche Genien für Se. königl. Hoheit, den Prinzen von Preu⸗ ßen beſtimmt, in Arbeit, ſowie von demſelben Meiſter die Reiter⸗ ſtatue Friedrichs des Großen, nach dem gleichen Modell des großen Monuments in Berlin, natürlich im kleinern Maßſtab als dort; an letzterm hatte man erſt vor kurzem begonnen, und es war ein eigenthümlicher Anblick, wenn man ſah, wie auf dem großen Marmorblock die Figur anfing ſo ſchattenhaft hervorzutreten. Die Marmorbrüche von Carrara ſind öſtlich von der Stadt gelegen, in einer Thalſchlucht, durch welche der Carrione, ein zuweilen recht wildes Bergwaſſer, ſchäumend und brauſend herab⸗ kommtv; ſeine grünen Wellen haben ſich ein tiefes Bett gewühlt, und treiben Mühlen und Marmorſägen. Da er in eigenſinnigen Windungen ſeinen Lauf nimmt, ſo muß ſich der geduldige Weg bequemen, ihm bald rechts, bald links Platz zu machen und ſich zuweilen mit recht wenig Raum begnügen. In der Nähe der Stadt ſind die Wände der Thalſchlucht dicht mit Grün bewachſen, mit Bäumen und Sträuchen, die bis auf den Weg herunterreichen und von den ſteilen Ufern des Fluſſes in das Waſſer hinabſchauen — weiter oben aber wird das Thal breiter, kahler und bald ſieht man auf beiden Seiten ein noch graues Steingeröll mit weißen Karmorbrocken vermiſcht, die von der Höhe herab im Gefolge der großen Blöcke bis unter unſere Füße gerollt ſind. Lange helle Streifen von Staub und Steinen ziehen ſich die Bergwand hinauf, und wenn man ihnen mit dem Blicke folgt, ſo bemerkt man zwiſchen den dunklen Felſen eine weißglänzende Fläche und ſieht dort Menſchen beſchäftigt, die einen mächtigen Block abge⸗ löst haben und ihn, nachdem ſie vorher durch ein Hornſignal die 6 84 Viertes Kapitel. unten Beſchäftigten aufmerkſam gemacht, in das Thal hinabrollen laſſen. Rauſchend und praſſelnd kommt er daher, alles was in ſeinem Weg iſt zermalmend, ſo daß ringsum weißer Staub auf⸗ fliegt, und nicht eher ruhend, bis er unten angekommen iſt. Zu⸗ weilen nimmt auch ein ſolcher Stein eine falſche Richtung, wen⸗ det ſich an irgendeinem Felsſtück und ſtürzt nicht ſelten an jäher Wand hernieder, ſich ſelbſt zerſchmetternd oder unglück⸗ liche Arbeiter, die vielleicht dort unten ſaßen und arglos ihr Brod verzehrten. Es iſt intereſſant, die älteſten Brüche zu beſuchen— ſo den Bruch Colonnata, der noch aus der Römerzeit herrührt— und hier zu ſehen, wie mühſam man die großen Blöcke damals durch den Meißel ablöſen mußte, ein Geſchäft, welches jetzt ungleich leichter durch die Kraft des Pulvers beſorgt wird. Uebrigens kommen heutzutage die meiſten Unglücke bei den Sprengungen vor. Das Signal hierzu wird gegeben, da es aber zuweilen etwas lange dauert, bis die Mine losgeht, ſo ſchaut hier oder da ein neugieriger Kopf hervor, um von einem umherfliegenden Stück getroffen zu werden. Weit hinten im Thal des Carrione liegt der Bruch Tantiſcritto, wo auf einer glatten weißen Wand Buonarotti ſein Handzeichen ſelbſt eingehauen hat, mit großen Buchſtaben: Michel Angelo! Sobald die Blöcke im Thalgrund an⸗ gekommen ſind, werden ihnen die ſcharfen Kanten genommen, und ſte alsdann auf die niedrigen ſchweren Balkenwagen geladen und durch Ochſen nach Carrara geſchleppt, um dort verarbeitet oder zur Verladung nach der Marine(la Venza) gebracht zu werden. Leider wird für die Wege hier ſo gut wie nichts gethan, und es iſt jammervoll anzuſehen, wie ſich oft zehn bis zwölf der armen Zugthiere abquälen müſſen, um die ſchwere Maſſe, vor die man ſie geſpannt, von der Stelle zu bewegen. Ein Englän⸗ der, Hr. Walton, der bei la Venza die ſchöne Brücke ins Meer hineingebaut, über welche man den Marmor leicht in die Schiffe ladet, geht damit um, ein Eiſenbahn von den Brüchen zur Marine ————— Nach Carrara. 85 zu bauen; doch wird darüber eine gute Zeit hingehen und bis dahin noch eine große Anzahl der armen Ochſen eine Beute des Carrareſiſchen Moraſts und der Seuche werden, die ſtark unter ihnen graſſirt. Die Wagenlenker hier zu Lande machen es ſich im Gegenſatz zu ihrem Vieh ſo bequem als möglich, ſie ſitzen meiſtens oben auf dem Joch, das ein paar Ochſen verbindet, das Geſicht den Thieren zugekehrt, die ſie durch Worte und Hiebe aufmuntern. Es iſt bekannt, daß aller Marmor aus den Brüchen verzollt werden muß, und dieß geſchah früher nach dem Maß der Blöcke, in neuerer Zeit aber nach dem Gewicht, indem man die beladenen Karren auf eine Brückenwaage führt, wodurch man bis zum Loth die Schwere jedes Steins erfahren und be⸗ ſteuern kann. Carrara hat ungefähr 8000 Einwohner, von denen nicht die Hälfte in den Brüchen, bei den Sägen, beim Zuhauen der rohen Blöcke und in den Ateliers, deren es etwa 60 hier gibt, beſchäftigt iſt. An öffentlichen ſchönen Bauwerken iſt die Stadt ſehr arm; das einzige nennenswerthe iſt die prächtige antike Kirche Madonna delle Grazie, ſowie das neue aus weißem Marmor er⸗ baute Theater, das aber leer ſteht und es auch wohl für die jetzige Carnevals⸗Saiſon bleiben wird, denn die Herren vom Comite ſind mit ſich uneins, ob ſie ſich bis zur Oper verſteigen oder mit einer Komödie begnügen ſollen. Die Locanden hier ſind ſchau⸗ derhaft, und wer eben kann, ſucht um die Gaſtfreundſchaft irgendeines Bildhauers nach, da es einige gibt, die gegen ſehr mäßige oder bei guter Empfehlung auch ohne alle Vergütung den Fremden gern ein Zimmer und Platz am Tiſch gewähren. Ich war ſo glücklich, dieß bei Herrn Livi zu finden, den ich in einem ähnlichen Fall allen meinen Leſern nicht bloß als freundlichen, liebenswürdigen Wirth, ſondern auch als ſehr guten, talentvollen und geſchickten Bildhauer beſtens empfeh⸗ len kann. ““ 86 Viertes Kapitel. Die Rückfahrt nach Florenz machte ich auf demſelben Weg über Lucca und Piſa, war aber ſo glücklich, in Carrara ſtatt des Parocino einen geſchloſſenen Wagen zu erhalten, in welchem ich mich trotz des Mangels jeglicher Ausſicht ſehr wohl befand, denn es regnete den ganzen Tag unaufhörlich und ich hatte dadurch Muße, mich auf meine ſpaniſche Reiſe vorzubereiten, indem ich ſehr fleißig conjugirte amo, amas, ama.— Fünftes Kapitel. Marſeille. Abſchied von Florenz. Der Vectis. Engliſche Sitten während des Diner. Die ſchöne franzöſiſche Küſte. A la Réſerve. Eigenthümlich ſchöne Lage von Mar⸗ ſeille. Hafenleben. Höôtel des Ambaſſadeurs. Krankheit, Kälte und theures Holz. Eine Fahrt am Meer. Spaziergänge in der Stadt. Straßen und Ma⸗ gazine. Theater. Kafeehäuſer. Seltſame Prozeſſionsmuſik. Ein Beſuch auf Chateau d'If. Rekruten der Fremdenlegion. Cachot Monte⸗Chriſto. Die fran⸗ zöſiſchen Behörden helfen ihren Schriftſtellern. Sonderbare Vertreter des deutſchen Bundes. Der arme Magdeburger. Prachtvoller Abend zur Heimfahrt. So hatte ich denn einmal wieder vier Wochen in Florenz verträumt und durch die Gunſt des Wetters einen ſchönen Herbſt verlebt, hatte die meiſten der Orte wieder beſucht, die ich in frü⸗ heren Zeiten geſehen, jene reizende Punkte in⸗ und außerhalb der Stadt, die man nicht mehr vergißt. Unſere Wohnung war in der Nähe des Domes, und deſſen prachtvoller Glockenthurm aus weißem, rothem und ſchwarzem Marmor ſtand gerade vor meinen Fenſtern. Faſt jedesmal, wenn ich nach Hauſe zurückkehrte, führte mich mein Weg dort vorbei und an den wunderbaren Broncethü⸗ ren Ghibertis vorüber, welche das Battiſterio zieren. Auch Santa Maria Novella beſuchte ich wieder, das ſchöne Kloſter mit ſeiner noch ſchöneren Apotheke; daß ich manche Stunde im Palazzo degli Uffici und in der Galerie Pitti zubrachte, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Die meiſte Zeit brachte ich aber mit meiner Fa⸗ milie, der all das Herrliche neu war, auf Spaziergängen zu in der 88 Fünftes Kapitel. reizenden Umgebung von Florenz, und wo gibt es ſchönere Punkte als bei dem Luſtſchloſſe Poggio imperiale, über welchem in der Höhe die Villa einer befreundeten Familie lag, wohin uns ein lieber Hausgenoſſe, Herr L., brachte, dem ich hier nochmals meine beſten, herzlichſten Grüße ſage. Oefters ſaßen wir auf der ver⸗ fallenen Mauer des Kloſters San Miniato unter den rieſenhaften dunklen Cypreſſen, wo man die prachtvollſte Ausſicht hat auf die Stadt mit ihren unzähligen Kirchen, auf das Arnothal und die Apenninen. Häufig aber machten wir weitere Spaziergänge über Bellosguardo hinaus, wo ſich eine Villa an die andere reiht, wo wir liebe Freunde fanden, die uns unvergeßlich ſind, und wo wir uns Genüſſe bereiten konnten, die uns in der Heimath eigentlich fremd ſind. War es doch Herbſt, die Zeit der reifen Feigen, und es war ſchon intereſſant für uns, ſich dieſe Frucht vom Baume pflücken zu laſſen und mit weißem Brod und ſaftigen Salami⸗ ſchnitten unter einer ungeheuren Lorbeerlaube zu verzehren, wäh⸗ rend gelbglänzende Orangen und Citronen zwiſchen tiefem, dunklem Grün freundlich zu uns herübernickten, wie auf dem Landhauſe der freundlichen Signora Sofia. Endlich aber war es für mich Zeit von Florenz zu ſcheiden. Nachdem ich meine Familie hier bei lieben Verwandten unterge⸗ bracht und ſie beſtens aufgenommen ſah bei guten Freunden, wozu ich vor Allen das freundliche Haus der Madame J. rechne, der ich für alle uns bewieſene Liebenswürdigkeit und Freundſchaft hiemit nochmals beſten Dank ſage, wollte ich meine Reiſe nach Spanien antreten. Was jedoch die Zeit dieſer Abreiſe anbetraf, ſo mußte ich mich nach meinen beiden Freunden richten, dem Maler Horſchelt aus München und dem Baumeiſter Leins aus Stuttgart, von denen ich denn auch eines Tages Briefe erhielt, worin ſie mir anzeigten, daß ſie Ende November in Marſellle eintreffen würden, von wo wir dann zuſammen unſere Reiſe nach Spanien fortſetzen wollten. Der Abſchied von meinen Lieben wurde mir recht ſchwer. Marſeille. 89 Ich werde den Morgen nie vergeſſen, wo alle, beſonders meine bei⸗ den lieben Buben, immer und immer wieder mit thränenden Augen Abſchied von mir nahmen. Damals war ich ſehr traurig, denn ich wußte ja nicht, ob ich Alle, die meinem Herzen nahe ſtanden, geſund und froh wiederſehen würde. Die Fahrt nach Livorno machte mich trübe und mißſtim⸗ mig. Erinnerte mich doch bald dieſes Dorf, bald jene Ausſicht, Alles, Alles an die liebe Geſellſchaft, mit der ich dieſelbe Fahrt vor wenigen Wochen gemacht. Endlich in Livorno angekommen, war ich recht froh, in dem Gewühl der Hafenſtadt einigermaßen Zerſtreuung zu finden, beſonders aber darüber, daß ich ein Paar deutſche Bekannte traf und ſo den Abend nicht einſam zu ver⸗ bringen brauchte. Damals hatte die große orientaliſche Dampfſchiffgeſellſchaft angefangen, die Linie von Malta nach Marſeille mit zwei ſchönen neuen Dampfern, Vectis und Lavalette, zu befahren, und berührte dabei die Häfen von Neapel, Civita vecchia, Livorno und Genua, ohne ſich überall länger aufzuhalten, als nothwendig iſt, um Paſſagiere und Güter ein⸗ und auszuladen. Dadurch, ſowie durch ſchnelleres Fahren, ward die Reiſe bedeutend abgekürzt, und aus dieſem Grunde machten die neuen Schiffe den alten Geſellſchaften eine gefährliche Concurrenz. Am 18. November, Morgens um 10 Uhr, fuhr der„Vectis“ von Livorno, und ich ſchiffte mich bei ziemlich ruhiger See und dem heiterſten Wetter auf ihm ein. Ich habe ſelten auf dem Meer eine ſo klare und ſchöne Fernſicht gehabt, wie heute Morgen. Die langen regelmäßigen Wellen ſchlugen kaum merklich ans Ufer und ſchaukelten ſanft und leicht das Boot, welches mich an Bord brachte, ohne auf den ziemlich großen Dampfer im geringſten ein⸗ zuwirken; er lag unbeweglich da mit ſeinem ſchwarzen Körper in der von der Sonne hell angeſtrahlten Fluth, aus ſeinen beiden ſchiefſtehenden Schornſteinen wälzte ſich dichter Rauch hervor, während zuweilen weißer Dampf ziſchend und ungeduldig auf⸗ 90 Fünftes Kapitel. fuhr. Der„Vectis“ iſt ein langes und ſchmales Boot, nach Art der Klipper gebaut, ich glaube von 1000 Tonnen Gehalt und 400 Pferdekräften; jedenfalls waren ſeine Maſchinen übrig ſtark genug für das Schiff. Die Engländer ſind pünktliche Seeleute, und kaum war es 10 Uhr, ſo erſchien der Conſul mit Briefſchaften und Päſſen; der Anker wurde gehoben, und bald nachher dampften wir in die See hinaus. Rechts hatten wir die italieniſche Küſte mit ihren maleriſch zerklüfteten Formen und ihrer gelblich röthlichen Fär⸗ bung, die wir auch bis Genua nicht aus dem Geſicht verloren, ja ſo nahe fuhren wir an ihr hin, daß wir ſpäter ganz deutlich die weißen Flecke der Carrareſer Marmorbrüche, ſo wie la Spezzia mit ſeinem alten Schloß und ſchönen Hafen, dann Chiavari und die vielen Ortſchaften und Villen ſahen, welche das ganze Ufer faſt ohne Unterbrechung bedecken. Die italieniſchen Schiffe legen den Weg von Livorno nach Genua in etwa 10 bis 12 Stunden zurück. Der„Vectis“ aber wollte das Gleiche in 5 bis 6 Stunden thun, und wenn man ſeine kräftigen Maſchinen ſtets mit überflüſſigem Dampf in voller Kraft arbeiten ſah, ſo konnte man glauben, er habe nicht zu viel verſprochen. Dafür glühten aber auch die Schornſteine in ihren untern Theilen ſo, daß man kaum bei ihnen vorbeigehen konnte, und die überaus hohen Schaufelräder machten bei 24 Umdre⸗ hungen in der Minute. Bei alledem aber fühlt man ſich auf keinem Schiffe ſo angenehm und ſicher wie auf einem engliſchen der Dienſt wird mit militäriſcher Genauigkeit verſehen, ja wenn man die Pünktlichkeit betrachtet, mit der alles ineinandergreift, die V Ruhe und Ordnung auf dem Verdeck, das reſpectvolle Verhalten zwiſchen Matroſen, Officier und Capitän, wo alles nur zuſam⸗ menredet mit der Hand an Mütze und Hut, ſo könnte man glau⸗ ben auf einem Kriegsſchiff zu ſein. Dabei war an jungen Offi⸗ cieren auf dem„Vectis“ ein wahrer Ueberfluß, lauter hübſche Leute mit wohlfriſtrten Haaren, feiner Wäſche und hellen Hand⸗ Marſeille. 91 ſchuhen, die ſich mit Seekarten, Compaß und Logtafel beſchäftigten. Der Capitän war ein kleiner lächelnder Mann, mit ſtarkem Bart und den großten ſchneeweißen Zähnen, die ich ſeit lange geſehen; er ſchaute mit ſtillem Vergnügen dem kräftigen Lauf ſeines Schiffes zu und rieb ſich die Hände, wenn das Auswerfen des Log ergab, daß wir 16 bis 17 Meilen in der Stunde fuhren. Paſſagiere hatten wir ungefähr 40 an Bord, Engländer vorherrſchend, einige Italiener, Franzoſen und Deutſche. Die Ueberfahrt von Livorno nach Marſeille koſtet 80 Fr., alle Verpflegung einbegriffen, und ſo eine engliſche Verpflegung genügt auch für das ausſchweifendſte Verlangen. Ein Frühſtück um 9 Uhr iſt eine wahre Ausſtellung von kalten und warmen Fleiſchſorten aller Art, Käſe, Bier, die verſchiedenſten Weine, ſowie ungeheure Kannen Thee und Kaffe. Der Lunch um 12 Uhr iſt eine kleine Wiederholung des ebengenannten und für Mägen beſtimmt, denen es zu ſchwer wird bis 4 Uhr zu warten, wo ein ſehr copiöſes Diner den Reiſenden gänzlich vergeſſen macht, daß er ſich in den Räumen eines Schiffs mitten auf dem Waſſer befindet. Für Uneingeweihte in engliſche Sitte, oder für jemand, der die Sprache gar nicht verſteht, iſt ein ſolches Eſſen eigentlich aber mit Tantalusqualen zu vergleichen. Ein ſchüchterner junger Menſch ſieht die ſchönſten Sachen vor ſich ſtehen, die ſo ſehr zur Stillung ſeines außerordentlichen Hungers geeignet wären, umſonſt, niemand bietet ihm davon an; der Kellner eilt mit vollem Teller, für an⸗ dere beſtimmt, an ihm vorüber, ſein Nachbar ſchneidet das ſaftigſte Roſtbeef an, ohne ihm davon zu geben, ſo lange er ihn nicht freundlich darum erſucht, und das iſt ſehr ſchwer, wenn man kein Wort Engliſch verſteht. Auch in andere Verlegenheiten kann man hier gerathen, wie z. B. ein junger Schweizer, der neben mir ſaß, und vor den das ſchönſte Eremplar eines wälſchen Hahns geſtellt war; ihm gegenüber befand ſich eine ältliche Engländerin, die offenbar nach uns herübercokettirte, d. h. nach dem Turkey; ver⸗ geblich ermahnte ich den Schweizer: es ſei ſeine Schuldigkeit den —— 3 8— 92 Fünftes Kapitel. Wälſchen zu zerlegen und den Damen anzubieten, er wurde roth bis über die Ohren, indem er verſicherte: das ſei ihm gänzlich unmöglich, und als gleich darauf die Lady ſchüchtern ſagte:„I will thank you for a little turkey,“ meinte er zu mir:„ſehen Sie, ich hatte ganz recht, ſie will ja gar kein Geflügel, denn ſie bedankt ſich beſtens dafür!“ Um 6 Uhr ward zum Thee geläutet, und endlich um 10 Uhr erſcheinen nochmals alle möglichen Weine, auch Rum, Brandy u. dgl., ſowie Butter, Brod und kaltes Fleiſch. Der Capitän des Vectis hatte übrigens nicht zu viel ver⸗ ſprochen, denn nach einer Fahrt von 5 ½ Stunden ließ er gegen 4 Uhr in dem reizenden Golf von Genua den Anker fallen. Da wir nur einige Zeit im Hafen blieben, ſo hatte ich keine Luſt ans Land zu gehen. Was ſollte ich auch einſam und allein in den Gaſſen der alten Stadt machen, die ich noch vor wenigen Wochen in Geſellſchaft der Meinigen geſehen— eine Erinnerung, die mich mehr trüb, ja traurig ſtimmte, und die nicht heiterer wurde, als ich auf einmal auf dem Quai dieſelbe melancholiſche Muſik hörte, von der ich erzählte, und in deren Text wir Deutſche ſo ſchlecht bedacht ſind. Gegen 8 Uhr dampften wir wieder aus dem Hafen hinaus und waren bald in Nacht und Nebel einge⸗ hüllt, durch welche un ſer Schiff einherzog, ein ſchwarzes, rauchen⸗ des, feuerſpeiendes Ungeheuer, mit ſeinen ſtampfenden Maſchinen und kräftig ſchlagenden Schaufeln, welche haſtig das Waſſer peitſchten, ſo daß wir beſtändig in weißen Schaumwellen dahin⸗ fuhren. Bald ward es ruhig auf und unter dem Deck, nur hie und da krachte eine Planke oder ſtöhnte ein armer Seekranker in ſeiner Cabine. Der Vectis lief übrigens in der Nacht nicht ſo geſchwind wie am Tag. Die Schornſteine waren bedeutend abgekühlt, und der Kapitän geſtand offenherzig: er ſpare jetzt ſeine Kohlen, denn es ſei ja doch gleichgültig, ob man eine Stunde früher oder ſpäter nach Marſeille komme. Sobald am andern Morgen die Sonne ——————·˖·, 8/+ 2/ ͤ Marſeille. 93 aufgieng— und ſie erhob ſich ſchnell und ſtrahlend— gieng ich aufs Verdeck hinauf um mich umzuſchauen. Rochts hatten wir das offene Meer, Unks die Küſte von Frankreich, der wir auch nun bis Marſeille ziemlich nahe blieben. Um 10 Uhr ſahen wir den Golf von Toulon, und gegen Mittag machte unſer Dampfer eine kleine Wendung nach Norden, wandte ſich um ein ſeltſames Vorgebirge, das nackt, ſteil, ja ſchroff in die See abfiel, worauf wir in den Meerbuſen der alten Phönizierſtadt einfuhren, die auf drei Seiten von der Küſte und verſchiedenen Inſeln eingeſchloſſen iſt. Der tiefblaue Himmel über uns, und das ſtrahlende Sonnen⸗ licht zeigte uns alles das im ſchönſten Glanz, und ich werde dieſen Anblick nie vergeſſen: röthlichgelb, faſt glänzend ſtieg die Küſte mit ihren weichen ſchönen Formen aus dem grünen ſchillernden Waſſer empor; ſcharf ausgezackte dunkle Felſen bildeten rechts den Vordergrund, während links die Inſeln Ratoneau, Pomegne und jener gewaltige Steinhaufen, der das Chaͤteau d'If mit ſeinen plumpen Thürmen trägt, ſich im hellſten Licht, faſt weiß aus der tiefdunkeln Meeresfluth erhoben. Von hier aus ahnte man kaum die Stadt; von der Bergwand im Hintergrund des Meerbuſens ſah man durch Nebel und Rauch Häuſermaſſen em⸗ porſteigen, doch ganz undeutlich, da ſie faſt von der Farbe der Felſen waren, an denen ſie lehnten; vor ihnen ſtiegen Wälle und Thürme auf in gewaltigen Dimenſionen, die trotzig den Eingang zum Hafen bewachten, und dazwiſchen bemerkte man Maſtſpitzen, bunte Wimpel und weiße Segel. Mitten im Golf angekommen, minderte der Vectis die Kraft ſeiner Maſchinen, und wir nahmen einen Lootſen an Bord, der von ſeinem Schiff auf eine eigene Art zu uns hinaufſtieg, denn er erkletterte ſeinen Maſt und ſprang von da auf das Deck des Dampfers. Mit leichten Schlägen glitt unſer Schiff nun dem innern Hafen zu, an andern Dampfern vor⸗ bei, die uns entgegenkamen, ſowie an Kauffahrteiſchiffen der ver⸗ ſchiedenſten Größe, die mit ausgeſpannten Segeln den Landwind benutzten um in die See hinauszugehen. 94 Fünftes Kapitel. Wenn man näher zur Stadt kommt, ſteht man rechts die Höhen des Ufers mit phantaſtiſchen buntbemalten Häuſern bedeckt, ein kleines Stück China, ſolche Formen haben ſie, wie wir ſie aus Abbildungen vom himmliſchen Reich her kennen: luftige Gallerien, grüne ſonderbare Dächer— hier iſt einer der Ver⸗ gnügungsorte der Marſeiller aller Stände— à la Reſerve, wo man gute Weine findet, Tafel zu jedem Preis und überall die berühmte Bouillabaiſſe, ein übrigens ſchauerliches Gericht aus allen mög⸗ lichen Fiſchſorten zuſammengekocht. Mein lieber Freund L., dem ich ſte zu Liebe, da er ſie mir außerordentlich gerühmt, in den erſten Tagen meines Hierſeins verſucht, möge mir verzeihen; aber entweder ich habe nicht die richtige Quelle gefunden, oder das Gericht iſt überhaupt nur für den Magen eines Pro⸗ vengalen. Zwiſchen der Citadelle St. Nicolas und dem Fort St. Jean fährt man in den alten Hafen, ein langes ſchmales, rings von Quaien und Häuſern eingefaßtes Becken, tief genug für die größten Schiffe, und in ſeiner Lage vollkommen geſichert gegen die wildeſten Stürme. Wenn man ſich die Umgebungen hinweg⸗ denkt, ſo hat es eine Aehnlichkeit mit dem goldenen Horn Kon⸗ ſtantinopels; natürlich ſieht man hier ſtatt der bunten türkiſchen Häuſer, ſtatt Moſcheen und Cypreſſen, große fünf⸗ bis ſechs⸗ ſtöckige ſteinerne Gebäude von grauer Farbe mit unzählbaren Fenſtern, die auf das Gewühl im Hafen blicken, und lebhaft ge⸗ nug geht es hier zu: in langen Reihen liegen die Schiffe aller Nationen neben einander und jedes bietet ein beſonderes Bild. Hier wird ausgeladen, wozu niedrige ſchwimmende Gerüſte an die Seite gebracht werden, auf welche man nun Fäſſer, Bretter, Kiſten in unendlicher Zahl aufſtapelt und ſo hinwegführt; dort wird auf gleiche eingeladen, jenes Schiff iſt angekommen und wird unter melancholiſchem Geſang der Matroſen in die Reihe der andern hineingezogen, ein anderes bereitet ſich zum Auslaufen. Die Raaen werden aufgezogen, die Ruder befeſtigt und mehrere Marſeille. 95 Boote voll Mannſchaft bugſtren den rieſenhaften ſchwerfälligen Schiffskörper ſo langſam vorwärts, daß man kaum eine Bewegung an ihm wahrnimmt. Vor uns liegt eine ganze Reihe großer und kleiner Dampfer; einige haben angefangen zu heizen und rauchen leicht, andere laſſen den weißen Dampf ziſchend ausfahren wie auch unſer Vectis, der wie in weiße Wolken eingehüllt iſt und nach allen Seiten ſeine überflüſſige Kraft hinausſpritzt. Un⸗ zählige Boote ſchwärmen zwiſchen den Schiffskoloſſen umher; alle ſind mit dem Namen irgend eines Heiligen verſehen, und die ganze bibliſche Geſchichte ſchwimmt hier auf dem Waſſer umher. Die Schiffer ſind meiſtens in brauner Jacke, mit der rothen phrygiſchen Mütze auf dem Kopf, und bringen uns in kurzer Zeit für 1 Fr. 50 Cent. mit unſerm Gepäck an den Quai d'Orleans, wo die berühmteſte Straße von Marſeille, die Cannebière beginnt, von der die hieſigen ehemaligen Phönizier in ihrer Beſcheidenheit ſagen: wenn Paris eine Cannebiere hätte, ſo wäre es ein kleines Marſeille. Uebrigens concentrirt ſich auch faſt das ganze hieſige Leben auf die Straße und die Hafenquais, an der Cannebiere ſind die ſchönſten Läden, Magazine, die erſten Gaſthöfe, die prächtigſten Cafés, und wenn man hier umherſchlendert, iſt man ſicher, nach und nach ſämmtlichen Fremden zu begegnen, die ſich in Marſeille aufhalten. Die Quais an beiden Seiten des Hafens ſind un⸗ endlich belebt; in langen Reihen folgt ein ſchwerbeladener zwei⸗ rädriger Karren dem andern, mit ſtarken, meiſtens grauen Pferden beſpannt; die Geſchirre ſind mit Meſſing und rothen Quaſten bedeckt, und an beiden Seiten des Kummets ſtehen lange geſchweifte Hölzer wie Hörner hervor, die der ganzen Beſpannung ein eigen⸗ thümliches Anſehen geben. Laſtträger mit Säcken und Kiſten durchkreuzen dieſe Linie jeden Augenblick, natürlicherweiſe unter vielem Geſchrei, da ſie oft in unangenehme Berührung mit den Wagen kommen. Schiffer ſtehen Cigarren rauchend in Gruppen beiſammen oder irgend welche Kaufleute umgebend, die über Fracht und Ladung mit ihnen handeln; hier werden Kiſten und 96 Fünftes Kapitel. Fäſſer zugeſchlagen und bezeichnet, dort große Haufen Getreide von Staub und Schiffsſchmutz gereinigt. Auch an Eckenſtehern fehlt es hier nicht, die auf dem Werft umherlungern und auf den Augenblick paſſen, wo ſte mit dieſer oder jener Dienſtleiſtung einige Sous verdienen können, ebenſo wenig wie an Müßiggängern aller Art, welche die Straße verengen und jedermann im Wege ſtehen; zu den letztern rechne ich beſonders die Bootsleute der griechiſchen Schiffe, ſowie die aus Algier, Tunis und Marocco, welche man den ganzen Tag im langſamſten Schritt auf den Quais umherſchlen⸗ dern ſteht; doch bilden ſie zwiſchen der andern Bevölkerung für das Auge eine maleriſche Abwechslung, und man ſieht ſie gern die gelben, braunen und ſchwarzen Geſichter unter dem weißen Turban oder den rothen und grünen Kopftüchern in ihren kurzen verzierten Jacken oder dem weißen Burnus, unter dem die hagern Arme hervorſchauen und die knöcherne Fauſt, welche die lange Pfeife trägt. Das weibliche Geſchlecht iſt hier nicht aufs zierlichſte ver⸗ treten; die Matroſenweiber und Verkäuferinnen von Tabak, Wein und Branntwein haben ein ſchlampiges und ſchmieriges Ausſehen, und wenn man zuweilen eine ſchlanke, wohlgebaute Geſtalt ſteht, die aufrechten Hauptes einhergeht und das gebräunte ernſte Geſicht nur auf ihren Weg richtet, ſo iſt ſie vielleicht vom Dorf der Catalanen draußen. Zuweilen ſieht man auch Mädchen aus der Gegend von Toulouſe in einer eigenthümlichen, nicht unan⸗ genehmen Tracht; ſie haben graue Röcke, ſchwarze Spenſer, ein weißes Tuch, das über die linke Schulter herabfällt, und das ſchwarze Haar mit einem dunkelrothen Lappen umwunden. Wie an allen Seehäfen, ſo herrſcht auch hier ein unaus⸗ ſprechlicher Parfüm, ein Gemiſch von Gerüchen aller Art, deſſen Hauptbeſtandtheil die Ausdünſtung des hier faſt ſtillſtehenden See⸗ waſſers bildet. Nur in der Nähe der Citadelle St. Nicolas auf dem Quai de la Rive neuve nimmt die Atmoſphäre einen aus⸗ Marſeille. 97 geſprochenen Charakter an, weil hier Theergeruch vorherrſcht, der vom Kalfatern alter ruinirter Schiffe herkommt. Einer unſerer Reiſegeſellſchaft vom Vectis hatte mir das Hötel des Empereurs vorgeſchlagen, ein impoſantes Gebäude auf der Cannebidre, doch war's mir nicht möglich, hier ein einigermaßen ordentliches Zimmer zu erhalten; man gab mir eines auf der Hinterſeite des Hauſes mit abgefallenen Kalkwänden, einem Stein⸗ boden ohne Teppich und der Ausſicht auf ein paar Dutzend ſchwar⸗ zer Schornſteine, die mir nur den Anblick eines ganz kleinen Stückchens blauen Himmel geſtatteten. Da ich aber voraus⸗ ſichtlich mehrere Tage in Marſeille bleiben mußte,— denn weder waren meine beiden Freunde eingetroffen noch fand ich Briefe von ihnen— ſo ſuchte ich mir ein behaglicheres Quartier, das ich auch im Hötel des Ambaſſadeurs fand. Es ging mir hier faſt wie jenem Württemberger am Cap der guten Hoffnung, der nach einem Sindelfinger fragte und einen Böblinger traf, und wenn mich auch kein Landsmann aus letztgenannter Stadt bewillkommte, ſo fand ich doch in dem Geſchäftsführer des Hauſes einen Stuttgarter, der mich aufs freundlichſte empfing. Es war übrigens ein glücklicher Zufall, der mir ein angenehmes Quartier verſchaffte, denn ich hatte mich wahrſcheinlich auf dem Meer erkältet, und eine hartnäckige Halsentzündung feſſelte mich mehrere Tage ans Zimmer. Uebrigens rathe ich jedem, der es gut mit ſeiner Kaſſe meint, in Marſeille nicht krank zu werden; denn für das Auflegen einiger hungrigen Blutegel und ſehr unangenehmer Kataplasmen mußte ich ein ungeheures Geld bezahlen. Ohne mich in weitere Details einzulaſſen, will ich nur noch erwähnen, daß, wenn der Miſtral durch die Straßen wehte, ich täglich für drei Franken Holz verbrennen mußte, wenn ich nicht halb erfroren vor meinem Kamin ſitzen wollte. Dabei war ich ſo entſetzlich allein, die Tage wollten nicht vorübergehen und die langen Abende nicht endigen. Bekannte Hackländer, Ein Winter in Spanien. 1. 7 98 Fünftes Kapitel. hatte ich in Marſeille ſo gut wie gar keine, und wenn auch zu⸗ weilen der deutſche Secretär des Gaſthofs mich Vormittags be⸗ ſuchen kam, ſo blieb er höchſtens eine Viertelſtunde, da ihn die unerbittliche Glocke ſogleich wieder aufs Comptoir rief. Zufällig hatte ich die Bekanntſchaft eines kleinen handlungsbefliſſenen Landsmanns gemacht, ſehr jung noch, und der beſuchte mich alle zwei Tage auf eine Stunde von 7 bis 8 Uhr Abends, wenn das Comptoir geſchloſſen war und Privatſtunden, die er nahm, noch nicht begonnen hatten. Sprechen konnte ich begreiflicher Weiſe nicht viel mit ihm, mein Hals ſchmerzte mich zu ſehr, und doch war ich ſo froh, zuweilen ein menſchliches Weſen mir gegenüber zu haben, daß ich an den Tagen, wo er kam, ſchon 5 Uhr auf die Uhr blickte, und mich freute, wenn der Zeiger mit jeder Minute näher auf 7 rückte. Wenn er mich freilich um 8 Uhr wieder verließ, dann fühlte ich meine Einſamkeit doppelt. War dieß doch die Stunde, wo man ſich jetzt in Florenz um den großen, runden Tiſch ſetzte, wo die Lampe angezündet wurde, und wo meine beiden lieben Buben kurz vor ihrem Schlafengehen alle möglichen Poſſen trieben, wenn ſie dem italieniſchen Dienſt⸗ mädchen nachäfften, die alsdann zu ihnen ſprach: Adesso è tempo:? di andar a letto. Von Leins und Horſchelt erfuhr ich lange nichts; ich war der Erſte und Pünktlichſte beim Reidezvous und dafür mußte ich nun mit meiner Einſamkeit büßen. Endlich erhielt ich ein Schreiben meines großen Malers aus. Paris, worin er mir ſagte, er ſei von München über Stuttgart gereist, um Bau⸗ meiſter Leins mitzunehmen; dieſer aber habe noch einige unauf⸗ ſchiebbare Geſchäfte zu beſorgen gehabt, aber ſicher verſprochen, in den nächſten Tagen nachzufolgen. So war denn die kleine Hoff⸗ nung vorhanden, daß unſere Reiſegeſellſchaft nächſtens beiſammen ſei und wir nach Spanien abreiſen könnten. Ich mußte mich in Geduld faſſen. Von meinen Lieben in Florenz erhielt ich begreif⸗ licher Weiſe keine Zeile, denn, da ich nicht auf einen längeren Aufenthalt in Marſeille rechnete, hatte ich gebeten, die erſten Briefe 4 A —õ——— 8 — — — — — —₰ —2———O————— Marſeille. 99 mir nach Barcellona zu ſchicken. Endlich beſſerte ſich mein Hals ein wenig, Dank einiger energiſchen Einſchnitte, die mir der Arzt auf meinen dringenden Wunſch machte. Die Entzündung ließ nach, bald konnte ich wieder ohne Schmerzen eine Fleiſchſuppe ge⸗ nießen und ein paar Tage nachher wurde mir eine Spazierfahrt erlaubt. H Es wad ein prachtvoller, klarer Tag. Ich fuhr gegen den wunderſchönen Spaziergang zum Chaͤteau des Fleurs hinauf, aus der engen dunkeln Gaſſe hinweg, in der mein Gaſthof lag, wollte ich mit einem Male den Anblick der prachtvollſten Natur genießen. Gegen das Verbot des Arztes ließ ich ein Wagenfenſter herab, denn die Sonne ſchien ſo entzückend warm, und fuhr ſo, nein ich ſchwelgte auf dem ſchönen breiten Wege am Ufer des Meeres dahin. Die Wellen waren vom Miſtral, der vor wenigen Tagen geherrſcht, noch ziemlich bewegt und ſchlugen toſend gegen die Felſengeſtade empor. Weiter hinaus hatte die See ſchon wieder ihre tief⸗ blaue Farbe, die am Horizonte faſt ins Schwarze überging und aus der die Geſtade gegen Toulon hin, ſowie vor mir die Inſel Ratoneau und der helle Felſen mit dem Chaäͤteau d'If, blendend weiß hervorblickten. Dampfer und Segelſchiffe zogen ihre Bahn; erſtere finſter und traurig, den langen Rauch wie einen ſchwarzen Schleier hinter ſich drein ziehend; die andern luſtig und elegant, vor dem Wind auf den Wellen tanzend, mit den weißen Segeln koloſſalen Schwänen vergleichbar. An einem kleinen Häuschen— es war eine Wirthſchaft, ich glaube auf dem Schilde war ſogar: Bieère allemande angezeigt, es hatte eine kunſtloſe Veranda, aus ein paar Latten beſtehend, die an Bäumen befeſtigt waren und um welche ſich eine gewaltige Rebe ſchlang— ließ ich meinen Wagen halten. Das Häuschen ſtand an einer Stelle des Weges, wo eine ſchroffe Felswand faſt ſenkrecht in's Meer hinabhing, an der ſich die Wogen, Schaum ſpritzend und toſend, brachen. Ich blickte in das Meer hinaus, vergnügt, faſt glücklich. Es lag ein ſo unermeßlicher Sonnen⸗ 4 100 Fünftes Kapitel. reichthum auf Land und See, daß das Herz davon anſchwoll und freudiger ſchlug. Es ſtrahlte, zitterte, leuchtete, glänzte rings um mich her von den Felsgeſtaden, von Meer und Himmel, und dazu wehte ein angenehmer, erfriſchender Seewind, den ich begierig einathmete und der, das fühlte ich, für mein Leiden zuträglicher war als Zimmerluft und Arzneien. Ja nach been⸗ digter Spazierfahrt hatte ich einen ungeheuern Schritt in meiner Geneſung vorwärts gethan. Ich konnte ſeit vielen Tagen zum erſten Mal mit etwas Appetit eſſen und hätte auch vortrefflich geſchlafen, wenn mich nicht um 11 Uhr in der Nacht der allabend⸗ liche Lärm, den die ankommenden Fremden machten, welche der letzte Pariſer Bahnzug von Avignon herbrachte, wieder aufgeſchreckt hätte. Heute wars beſonders lebhaft und als ich eine halbe Stunde ſpäter wieder einſchlummerte, war es mir gerade, als hörte ich die Stimme meines Freundes Horſchelt vor der Thüre. Täu⸗ ſchungl dachte ich, ſchlief gleich darauf wieder ein und träumte von meinem Reiſegefährten, daß er mir aus Paris einen Brief ge⸗ ſchrieben, worin er mir mit dürren Worten anzeigt, er habe keine Luſt, nach dem langweiligen Spanien zu gehen, wolle vielmehr lieber in Paris bleiben, um König der Franzoſen zu werden. Höchſt ärgerlich erwachte ich am andern Morgen und was ſah mein erſter Blick? Unter der Thüre ſtehend die lange Geſtalt meines lieben Freundes, mit dem guten lächelnden Geſichte. Ich war außerordentlich erfreut, nun einen Gefährten zu haben. Der Arzt, der nachher kam und der mich unterſuchte, erklärte den Zu⸗ ſtand meines Halſes für ſo befriedigend, daß er mich als geneſen entließ. Von Baumeiſter Leins wußte Horſchelt nur, was er ihm nach Paris geſchrieben hatte. Zu den unaufſchiebbaren Geſchäften ſeien andere noch viel unaufſchiebbarere gekommen, die ihn verhinderten, zur verſprochenen Zeit in Paris einzu⸗ treffen; doch habe es gar keinen Anſtand, daß er uns in wenigen Tagen, jedenfalls vor dem erſten December hier überraſchen würde. 101 Marſeille. Marſeille hat als Stadt, das Hafenleben abgerechnet, viel Aehnlichkeit mit Brüſſel, iſt auch wie dieſes an den Berg hinan⸗ gebaut, und ſeine Läden, Kaffees, Spaziergänge ſind hier wie dort nach Pariſer Modellen eingerichtet. Sehr angenehm iſt es, daß in Marſeille viele Straßen mit Bäumen bepflanzt ſind, die ebenfalls wie in der Hauptſtadt Boulevards genannt werden, ohne ehemals Wälle geweſen zu ſein. Was die Ausſtellung und elegante Einrichtung der hieſigen Buden und Magazine anbelangt, ſo wird darin das Uebermög⸗ liche geleiſtet, und kann die Provinz mit der Hauptſtadt concurri⸗ ren. In den Hauptverkehrsſtraßen der Cannebiere, der Rue de Paradis, de Rome und andern herrſcht Abends eine ungeheure Verſchwendung an Gaslicht und macht die Nacht zum Tag, und wenn auch die Straßenbeleuchtung ſelbſt nicht übermäßig glänzend iſt, ſo ſtrahlt doch aus den ſogenannten Bazars und den großen Gewölben ein blendender Lichtglanz hervor. Dabei verſtehen ſie es auch hier ihre Waaren elegant und lockend auszulegen; man könnte leicht verſucht werden, hier in ein glänzendes Porzellan⸗ magazin einzutreten, dort den ſo ſehr appetitlich aufgeſtellten Eß⸗ waren aller Art einen Beſuch zu machen, oder gar nach Califor⸗ nien zu gehen, einem Goldſchmiedgewölbe mit den ſchönſten und reizendſten Sachen, wo edle Metalle und Steine durcheinander funkeln und glänzen. In einer dieſer Straßen machte mir beſon⸗ ders ein Teppichmagazin einen heimlichen und angenehmen Ein⸗ druck; es war wie ein kleines Theater gebaut, deſſen Hintergrund und Couliſſen aus den weichen bunten Stoffen beſtehen, deren vielfarbige Deſſins von einander gegenüberſtehenden Spiegeln ins unendliche wiederholt werden. Am erſten Tag meiner Anweſen⸗ heit ſah ich in der Allée de Meilhan ein Gebäude, von oben bis unten vollſtändig illuminirt; an der Thüre waren Wachen aufge⸗ ſtellt, und eine Menge Volks drängte ſich aus und ein. Natürli⸗ cherweiſe folgte auch ich dem Strom der Neugierigen, und ſah, daß dieſes Haus nichts mehr und nichts weniger als eine große 102 Fünftes Kapitel. Niederlage von fertigen Kleidern und Stoffen aller Art war, die man aber auf eine wahrhaft lächerliche Art beleuchtet hatte; außer unzähligen Lüſtren, die überall von den Plafonds herabhiengen, ſtanden Armleuchter und Lampen auf den Fußböden, in den Fen⸗ ſterniſchen, auf den Treppengeländern, kurz wo nur irgend ein Platz war um Licht anzubringen; es war hier eine fabelhafte Helle, die den Augen weh that und grell von den hellen ſeidenen Stof⸗ fen abſtrahlte. Der Beſitzer mit ſeinen Ladengehülfen in ſchwarzen Fräcken und weißen Halsbinden ſpazierte in den Zimmern auf und ab, und da ich nicht wußte, was ich von all dem zu halten hatte, ſo bat ich um Auskunft. Der Principal, an den ich mich zufällig gewandt, zupfte ſeine Halsbinde in die Höhe, ſtrich ſich durchs Haar und ſagte mir: dieß große Kleidermagazin, la Maiſon du Prophete, werde auf gleiche Weiſe drei Tage lang wie heute in demſelben Glanz gezeigt, worauf am nächſten Montag der Verkauf beginne; er halte ſich in Pantalons, Weſten und Paletots beſtens empfohlen, und ſei überzeugt, meinem dringenden, längſt gefühlten Bedürfniß hiedurch abzuhelfen. Nach dieſen Worten maß er mich mit einem Blick, der deutlich zu ſagen ſchien: er ſpeculire ſtark auf Abſchaffung meines nicht ſehr eleganten Reiſecoſtüms. Wenn man mit friſcher Erinnerung an die italieniſchen Thea⸗ ter hieher kommt, die mit ihren regelmäßig abgetheilten Logen, mit den eleganten Damentoiletten und der reichen Beleuchtung einen ſo angenehmen Eindruck machen, und man betritt eines der hieſigen Schauſpielhäuſer, ſo findet man einen gar traurigen Contraſt. Um unten anzufangen, beſuchte ich le Gymnaſe, ein kleines Haus mit dunklem Parterre und einem breiten ringsher⸗ umgehenden Amphitheater, welches die Stelle der erſten Gallerie vertritt. Logen gibt es hinter demſelben nur einige wenige, und man ſieht alles in bunter Reihe durcheinander. Ueber die Brü⸗ ſtung herab hängen Damenhüte, Shawls, Paletots, und wenn die Sitze gerade nicht ſehr beſetzt ſind, ſo legt ſich jeder ſo bequem als möglich hin, der Arm wird auf die hintere Bank geſtützt, der KMarſeille. 103 Fuß auf die vordere gelegt, den Hut auf dem Kopf, ſummt auch nach der Melodie die Geſänge mit, oder ſpricht ziemlich ungezwun⸗ gen mit ſeinem Nachbar. Man gab ein paar kleine Vaudevilles; das erſte war durchaus unbedeutend, und das zweite ſo voll Zwei⸗ deutigkeiten, die gar keine Zweideutigkeiten mehr waren, daß ich mich nicht erinnere ähnliches gehört zu haben. Es hieß l'amour qu'est ce que c'est que cela? und die Hauptpointe war, daß eine junge Müllerin und ein hübſcher Bauerburſch, die ſich unbewußt lieben, durch allerlei ſeltſamen Unterricht, den ſie von einem alten Knecht erhalten, ſowie auch durch praktiſche Anleitung endlich zur Erkenntniß kommen, was denn eigentlich die Liebe ſei. Das große Theater, wo meiſtens Opern gegeben werden, iſt ebenſo wenig elegant und freundlich, wie das kleinere; auch hier ſtatt der Logen im erſten Rang eine einzige große Gallerie, ebenſo verziert mit herab⸗ hängenden Kleidungsſtücken wie im Gymnaſe; Herren und Da⸗ men durcheinander, und wenig ſchöne Toiletten. Für den Frem⸗ den iſt es ſehr unangenehm, daß alle beſſern Plätze für das ganze Jahr verkauft ſind, und man bei einer guten Vorſtellung für theures Geld das Vergnügen hat den ganzen Abend aur premiers an der Thüre ſtehen zu dürfen, oder vielleicht einen Platz hinter den Blechinſtrumenten und Pauken zu erhalten, wo man zu we⸗ nig ſieht und viel zu viel hört. Ich ſah hier die Norma, welche von einer Mad. Lafont vortrefflich geſungen und geſpielt wurde, namentlich den zweiten Act gab ſie mit einer Gluth und Energie, wie ich in Italien von der beſten Sängerin nie etwas ähnliches ge⸗ hört. Sie hatte eine hohe prächtige Geſtalt, und ſüdlich leidenſchaft⸗ lich war jeder Ausdruck ihres ſchönen Geſichts, niederſchmetternd jeder Blitz aus ihren ſchwarzen Augen. Sever dagegen war ein vollkommener Waſchlappen ohne den geringſten Geſchmack in ſeiner Leidenſchaft für eine ſehr dicke Adalgiſe, die übrigens ſonderbarerweiſe der Liebling des Publicums zu ſein ſchien. Verdientermaßen kam Norma hinter die Schliche des römiſchen Proconſuls; bei uns verzeiht am Schluſſe die Seherin mit deut⸗ Fünftes Kapitel. ſcher Gutmüthigkeit, und nachdem Sever erfahren,„welch treues Herz er hintergieng,“ eilen ſie gemeinſchaftlich zum Tode. Mad. Lafont aber ließ ſich kalt und ſtolz in den ſchwarzen Schleier hül⸗ len, verſicherte den erbärmlichen Liebhaber ſchließlich ihrer vollſten Verachtung, und ging, ohne ſich weiter um ihn zu bekümmern, allein— in die Garderobe. An ſehr ſchönen geräumigen Kaffeehäuſern hat Marſeille keinen Mangel, und jedes Jahr entſtehen neue, welche es an Glanz und Pracht der innern Einrichtung den andern zuvorthun wollen. So haben ſie ſich denn jetzt ſchon ſo geſteigert, daß zwei erſt vor kurzem eröffnete, der lUnivers und Caffé Ture, ſo fabel⸗ haft luxuriös eingerichtet ſind, daß man ſich nicht mehr behaglich in dieſen Räumen findet. Im erſten ſind alle Wände mit Spiegeln bedeckt, welche die Hunderte von Gaslichtern und ſämmtliche Gäſte wahrhaft unheimlich vervielfältigt in einer weiten, weiten Ferne zeigen, bis alles nur noch ein undeutliches Gewühl iſt und ſich die Gasflammen wie blaue Punkte ausnehmen. Die Decke wird getragen von Bronzefiguren, Faunen und Nymphen mit kleinen Amoretten, welche Blumenguirlanden halten oder um reichver⸗ goldete Kronleuchter geſchlungen ſind; im Hintergrund plätſchern Brunnen, dort ſtürzt das Waſſer zwiſchen künſtlichen Blumen und Früchten herab, die, am Tag ihre natürlichen Farben zeigend, Abends durch blaues Feuer nachgebildet ſind. Die Einrichtung des Café Ture gränzt aber ans Unſinnige; hier ſind nicht nur alle Wände von Spiegeln, nicht nur ſämmtliche Tiſchplatten, wodurch man auf allen Seiten, ſelbſt neben den Kaffeeſchalen, beſtändig ſein eigenes, unintereſſantes Geſicht ſieht, ſondern horribile dictu auch die Plafonds des ganzen Etabliſſements, in deren Wider⸗ ſchein man beſtändig die Gäſte wie Fliegen an der Zimmerdecke mit dem Kopfe abwärts herumſpazieren ſteht; namentlich gewäh⸗ ren hierbei die Damen einen ſehr ängſtlichen Anblick, denn man be⸗ fürchtet jeden Augenblick, es müſſe nothwendigerweiſe etwas ſchreck⸗ liches da oben geſchehen. Um den Wahnſinn voll zu machen ſind Marſeille. 105 alle Kellner türkiſch gekleidet, und es macht einen komiſchen Ein⸗ druck, wenn unter dem rothen Fes ein gutmüthiges franzöſiſches Geſicht die Worte ruft:„versez au quatre!“ Sehr angenehm und behaglich iſt das Café de Luxembourg, wo man vortreffliche Getränke aller Art, gute Geſellſchaft und die Allgemeine Zeitung findet. Einen Beſuch auf dem Chaͤteau d'If hatte ich mir aufgeho⸗ ben, bis Freund Horſchelt aus München angekommen ſei, mit dem ich denſelben gemeinſchaftlich machen wollte. Einem Bekannten in Deutſchland verſprach ich bei meiner Abreiſe feierlich, mich auf dem alten Schloß umzuſehen, nicht nach Mirabeaus oder Lafayettes Kerker, ſondern nach den Spuren, die ſich vielleich dort noch von Alexander Dumas fabelhaftem Monte Chriſto auffinden laſſen würden; es gibt zarte Seelen, die ſich für ſo etwas intereſſiren, und was man verſpricht muß man halten. Um aber jenen Auf⸗ trag in vollkommenſter Ausdehnung erfüllen zu können, machten wir einen Spaziergang um das ganze Hafenbecken, gingen durch die Vorwerke der Citadelle St. Nicolas und ſtiegen hinter derſel⸗ ben die kleine Anhöhe hinan, wo ein einfaches Wirthshaus liegt, deſſen Beſitzer uns die feierlichſte Verſicherung gab: in jener Laube vor ſeinem Haus, auf dem grob gezimmerten Tiſch ſei jene De⸗ nunciation geſchrieben worden, die den unglücklichen Dantes ins Gefängniß lieferte. Vor unſern Augen hatten wir das Dorf der Catalanen, eine Reihe kleiner ärmlicher Häuſer, aber ohne die Spur einer Mer⸗ cedes; rechts das Meer mit den weißen Maſſen des Chäͤteau df. Wir befanden uns alſo vollkommen bei der Erpoſition des Ro⸗ mans und konnten unſere Fahrt nach der Inſel getroſt beginnen. Als wir zum Hafen hinabſtiegen, begegneten wir auf dem Quai einer ſeltſamen Proceſſion: weißgekleidete und vermummte Män⸗ ner trugen das hölzerne und buntbemalte Bild irgend eines Heiligen, dem eine große Schaar Andächtiger mit brennenden Kerzen in der Hand folgte; voraus zog eine Militärmuſikbande, Fünftes Kapitel. welche mit luſtigen Klängen wieder an die geſtrige Oper erinnerte, denn ſie ſpielte zu der gewiß feierlichen Handlung aus dem erſten Act der Norma die Arie Severs: „Mit Adalgiſe Hand in Hand Stand ich am Traualtare.“ Um den Preis von ſechs Franken fanden wir einen alten Fährmann, der uns zum Chaͤteau d'If hinausrudern wollte, doch bedingte er ſich eine Zulage aus im Fall das Meer unruhig ſei; die See war aber ſpiegelglatt, und unſer Boot glitt dahin faſt ohne alle Bewegung und ſchaukelte nur einmal bedeutend, als wir draußen in das Fahrwaſſer eines der großen Dampfer kamen, der vor uns zum Hafen hinausfuhr. Man braucht eine gute Stunde um das alte einſame Schloß zu erreichen. Die Felſen, auf denen man ſteht, heben ſich faſt ſenkrecht aus dem Waſſer hervor, und oben hängen die kleinen Eckthürme der erſten Mauer wie Schwalbenneſter in der Luft. Auf einem Zickzackwege, den mehrere gewaltige Thore verſchließen, ſtiegen wir hinauf in den Schloßhof. Ein ziemlich geräumiger Platz, deſſen Hintergrund das Schloß einnimmt, ein rohes Gebäude mit vier runden gewal⸗ tigen Thürmen, einige kleine Häuſer, die Wohnung des Aufſehers, eine Wachtſtube und ein paar Schenken liegen ohne Symmetrie umher und faſſen einen Platz ein, der vollkommen uneben hier aus dem nackten Felſen beſteht, dort mit Steingeröll bedeckt iſt, und in ein paar Ecken auf ſehr magerer Erde einen dürftigen Graswuchs zeigt. Die Ausſicht von hier auf die See, auf die felſigen Geſtade des Golfs von Marſeille iſt wahrhaft entzückend, namentlich heute, wo die weißen Felſen wie mit goldenem Licht übergoſſen waren und das Meer zwiſchen ihnen im hellen Son⸗ nenſchein funkelte und ſtrahlte. Man hatte uns in Marſeille geſagt, auf dem Chäteau d'If ſei eine ſtändige Garniſon, doch fanden wir neben ein paar franzö⸗ ſiſchen Soldaten, welche am Thor die Wache hatten, auf dem Schloß eine ſonderbare Geſellſchaft verſammelt. Vielleicht dreißig bis vierzig —— —,— 15 —— —&*£[ ———, 7182— —— Marſeille. 107 Männer trieben ſich dort umher; einige gingen auf und ab, andere ſtanden in Gruppen beiſammen, dann auf verſchiedenen Ueber⸗ reſten der alten Mauer ſaßen viele und blickten, wie mir ſchien, nachdenkend in das Meer hinaus. Von einer Uniform war bei ihnen keine Rede, und wenn wir nicht gewußt hätten, daß das Schloß keine Gefangenen mehr beherbergt, ſo wären wir auf die Idee gekommen, es ſei gerade die Zeit des Spazierengehens für derartige Unglückliche. Man ſah hier die abgetragenſten Kleider, fadenſcheinige Blouſen, dort einen alten zerriſſenen Militärmantel, hier die rothe Hoſe des franzöſiſchen Soldaten. Erſt ſpäter ſollte uns dieſes Räthſel gelöst werden, denn als der Aufſeher des Schloſſes kam, um uns daſſelbe zu zeigen, hatten wir vorderhand keine Zeit, Erkundigungen einzuziehen. Ein ziemlich tiefer Graben umgibt das alte Gebäude, und eine morſche Brücke mit ausgetre⸗ tenen Planken führt hinüber unter einen breiten gewölbten Thor⸗ weg, durch welchen man in einen kleinen melancholiſchen Hof gelangt. Dieſer hatte was unbeſchreiblich trauriges und wahrhaft gefängnißartiges— ein würdiger Vorhof für einen Unglücklichen, der hier vielleicht auf Lebenszeit eingeſchloſſen wurde. Die hohen Wände des Schloſſes, welche ihn umgeben, laſſen kaum das Tages⸗ licht, geſchweige einen Sonnenſtrahl eindringen; rechts und links ſind kleine gewölbte Thüren, die in die ehemaligen Gefängniſſe führen. An einer Seite windet ſich von Säulen getragen eine ſteinerne Treppe in die obern Stockwerke und in der Mitte des Hofs befindet ſich ein Brunnen, über dem unter drei eiſernen Stangen an roſtiger Kette ein Eimer hängt. Gleich bei unſerm Eintritt ſahen wir über einer kleinen gewölbten Thüre mit großen Buchſtaben die Worte„Hötel Monte Chriſto“; dieß war nun freilich von einem Unberufenen hingemalt worden, aber auf der kleinen ſchwarzen Tafel, die von Rechtswegen an derſelben Thüre hing, las man deutlich: Nr. 1. Cachot Monte Chriſto. Es iſt in der That lobenswerth, daß die beaufſichtigende Behörde des Chateau d'If den franzöſiſchen Schriftſteller nicht 108 Fünftes Kapitel. ausſchließt, vielmehr ſo bereitwillig auf ſeine Phantaſie eingeht; bei uns würde man bei einer ähnlichen Veranlaſſung wahrſchein⸗ lich durch ein großes Placat an ein verehrliches Publikum die Warnung ergehen laſſen, der Fabel keinen Glauben zu ſchenken, die ſich der Schriftſteller N. N. unterſtanden, über hieſiges königl. Gefängniß in ſeinem lügenhaften Buche zu verbreiten. Der Auf⸗ ſeher des Chaͤteau d'If aber ſchwört auf ſeinen Monte Chriſto, indem er uns die kleine Thüre öffnet. Man gelangt in ein niedri⸗ ges ſchmales Gewölbe, und von dort ein paar Stufen tiefer in ein finſteres Loch, das in den Felſen gehauen iſt, in dem man nur gebückt ſtehen und vielleicht ſechs Schritte machen kann. Wenn auch jene Perſon Dumas eine Fabel iſt, ſo durchrieſelte es uns doch kalt bei dem Gedanken, daß hier ein Menſch Wochen, Monate, Jahre zugebracht— und daß hier wirklich Unglückliche vielleicht ihre ganze Lebenszeit verſeufzten, iſt wohl unzweifelhaft. Unſer Aufſeher indeſſen wußte ſeinen ganzen Roman aus⸗ wendig und zeigte uns in der Ecke eine aufgewühlte Stelle, wo der berühmte Verbindungsweg geweſen ſei, und führte uns ſpäter durch eine andere Thüre in das Gefängniß des Abbé Faria. Die obern Räume des Schloſſes enthalten ebenfalls unheimliche finſtere Hallen; doch hat man jetzt mehrere durch Abbrechen der Zwiſchen⸗ wände vereinigt und ſo größere Räume geſchaffen, die jedoch immer noch unfreundlich genug ausſehen; hier waren elende hölzerne Schra⸗ gen aufgeſtellt mit dürftigen Strohſäcken und mit braunen abgenutz⸗ ten Teppichen bedeckt, die Lagerſtätten der bedauernswerthen Geſell⸗ ſchaft im Hofe. Wir mußten mehrere derſelben durchſchreiten, um einige andere merkwürdige Kammern des Schloſſes zu beſich⸗ tigen, ſo das Zimmer Mirabeau's und ein rundes vollkommen finſteres Gewölbe, in welchem die ſogenannte eiſerne Maske eine Zeitlang eingeſperrt war. So traurig der kleine Schloßhof, zu dem wir jetzt wieder hinabſtiegen, auch war, ſo hat er doch etwas ſo maleriſches, daß Horſchelt eine Zeichnung davon entwarf; er hatte ſich aber kaum Marſeille. 109 hier an einer Seite auf einen Stein niedergelaſſen, als mehrere der Leute, von denen ich vorhin ſprach, uns neugierig umſtanden; ſie blickten aufmerkſam auf das Papier, und endlich,„o ſüßer Laut vom Ufer der Garonne“, hörte ich einen im reinſten Kölniſch ſagen:„Es iſt wohl der Mühe werth, das alte Loch hier abzu⸗ malen.“ Natürlicherweiſe wandte ich mich an den Mann, und als ich ihn deutſch anſprach, drängten ſich die andern auch hinzu, und ich muß leider geſtehen, daß unter den abgeriſſenen Geſellen mit den confiseirten Geſichtern faſt der ganze deutſche Bund ver⸗ treten war. Ehemalige badiſche Dragoner waren mehrere da, auch nicht wenige Preußen, von denen einer ſogar in einer abge⸗ tragenen, freilich kaum mehr kenntlichen Uhlanenuniform erſchien. Wir erfuhren denn auch in kurzer Zeit, daß auf Chaͤteau d'If ein Depot der Fremdenlegion ſei, und alle die armen Menſchen klagten ſehr über den hieſigen Aufenthalt und hofften ſehnſüchtig auf den Augenblick, wo ein Dampfboot ſie fern von der Heimath nach der Küſte Afrika's bringen werde. Als Horſchelt ſeine Zeich⸗ nung beendigt hatte und wir das Schloß verließen, wurde gerade zum Eſſen getrommelt. An dem äußern Pfeiler der Zugbrücke lehnte ein junger, ſchöner, großer Mann mit wohlgepflegtem Bart, der vorhin den andern ſeine Fahrten erzählte; er war aus Magde⸗ burg und ſagte jetzt mit einem tiefen Seufzer:„Seht, wir Deut⸗ ſchen kommen immer zuletzt, jetzt ſind die Franzoſen in der Küche und freſſen das Fett von der Suppe, und dann gießen ſie für uns Waſſer nach— o du Heimath.“ Der Mann that mir weh und ich verſtand vollkommen ſein letztes Wort; denkt man doch gern und dennoch ſchmerzlich an die ferne Heimath, ſelbſt wenn man in glücklichen Verhältniſſen und aus freiem Willen reist, wie viel mehr aber noch, wenn man ohne Hoffnung der Rückkehr in halber Gefangenſchaft auf dem Chäͤteau d'If ſitzt und mit Waſſer ver⸗ dünnte Suppen eſſen muß— armer Magdeburger! Die Sonne ſank eben hinter der Inſel Ratoneau unter, als wir das Schloß verließen und unſern Nachen wieder beſtiegen; ihre letzten Strah⸗ 110 Fünftes Kapitel. len goſſen einen unbeſchreiblich ſchönen Schein, einen warmen vio⸗ letten Duft auf die Geſtade ringsumher aus. Auf dem glühenden Abendhimmel zeichneten ſich die früher weißen Formen des alten Gefängniſſes jetzt dunkel und ſchattenhaft ab. Wir warfen einen Blick rückwärts und ſahen ſchwarze Geſtalten auf den Mauern umherſitzen, die gewiß ſehnſüchtig unſerm Boot nachſchauten, das auf der glänzenden Fluth ſo leicht dahinglitt; waren wir doch freie Menſchen und uns die Rückkehr in die Heimath wohl nicht ver⸗ ſchloſſen. Meer und Hafen hüllten ſich allmählich in Nacht ein; kleine Fiſcherbarken mit weißen Segeln ſchoſſen vor uns dahin, vom Werfte beim Catalanen⸗Dorfe ſchallte ein melancholiſcher Geſang herüber und während ſich der Abendnebel auf den Maſten⸗ wald und die Stadt herniederſenkte, erglühten über uns am dunkeln Himmel Tauſende von Sternen— bekannte Bilder— ſüße Er⸗ innerungen an andere ſchöne Nächte. Sechstes Kapitel. Von Marſeille nach Barcelona. Abreiſe von Marſeille. Schlechte Einkäufe. Hafenleben. Der Cid auf ſtiller See. Neue Reiſegefährten. Mondnacht auf dem Meere. Barcelonata. Barce⸗ lona. Mauthquälereien. Die Fonda del Oriente. Spaniſche Briefausgabe. Eine Trauerfeierlichkeit. Bergartillerie. Neue Straßen. Die Kathedrale. Straßenleben. Das Militairſpital. El Paſeo nuevo. Der Garten des Gouver⸗ neurs. Auf der Rambla. Der neue Marktplatz. Die alte Stadt. Bilderläden und einfache Buchhandlungen. Fleißige Hunde. Der große Friedhof. Der Mon⸗ juich. Abends am Hafen. Theater. Spaniſche Tänzerinnen. Wie in einigen anderen Seeſtädten findet man auch an der Börſe von Marſeille einen Anſchlag, der beſagt, welche Schiffe ankommen ſollen, angekommen ſind oder abgehen. Es iſt das eine ſehr angenehme Einrichtung, und der Reiſende kann ſeine Abreiſe danach projectiren. Wir ſagen: projectiren, denn es iſt immer noch ein großer Unterſchied zwiſchen der ange⸗ zeigten Abfahrtszeit eines Schiffes und der wirklich erfolgten Abfahrt. Doch iſt hier die Differenz nie groß, und man geht in dieſem Punkte ſehr gnädig mit den Paſſagieren um, wogegen wir ſpäter in Spanien die traurige Erfahrung machten, daß auf 112 Zarcelona. heute angezeigte Schiffe erſt in vierzehn Tagen oder drei Wochen eintrafen, wie es uns z. B. in Barcelona erging. Auf den vierten December war der„Cid“ annoneirt, ein, wie man uns ſagte, recht gutes ſpaniſches Schiff. Mir war es nicht unlieb, Spanien unter der Aegide des tapfern Campeador zu betreten, weßhalb ich mich denn auch mit meinem Reiſegefährten auf das Dampfboot⸗Bureau begab, um Plätze zu nehmen und einige Procente der Ueberfahrtspreiſe herunterzuhandeln. Leider iſt dieſes Handeln an der ganzen ſpaniſchen Küſte Mode, und wer darin etwas leiſten kann, ſoll manchmal außerordentlich billig fahren. Vergeblich forſchten wir am Tage vor der Abfahrt noch auf allen Bahnzügen und ankommenden Diligencen, die von Paris kamen, nach unſerem Baumeiſter Leins, der vor dem erſten December nicht erſchienen war, wie er verſprochen, ſich aber, wie ich zufällig erfahren, in der Hauptſtadt Frankreichs umher bewegte— er kam nicht, weßhalb wir Briefe und Adreſſen nach Barcelona für ihn zurückließen und uns am vierten December mit unſeren ſämmt⸗ lichen Habſeligkeiten auf das Dampfboot begaben. Auch waren wir beide, Horſchelt und ich, recht froh, endlich Marſeille ver⸗ laſſen zu können; es iſt hier ein ſehr theures Pflaſter, und oben⸗ drein hatte der Maler alle Urſache, mit Marſeille unzufrieden zu ſein: hatte man ihm doch für theures Geld ſehr ſchlechte Farben verkauft, und als er ſich ein ledernes Riemenwerk machen ließ, um Mappe und Farbenkaſten darin zu tragen, war dieſes Ding ſo unpraktiſch gemacht, daß das Eingeſchnallte ſchon nach wenigen Schritten herausrutſchte. Doch da man ſuchen muß, jedem Ding eine praktiſche Bedeutung abzugewinnen, ſo wurde das Riemenwerk ſorgfältig aufgehoben und diente ſpäter als Freßkorb, indem wir es den Maulthiereu mit Heu gefüllt umhängten. Auch einen ſoliden Feldſtuhl hatte ſich Horſchelt angeſchafft, der ihn aber am erſten Tage des Gebrauches faſt ins Unglück gebracht hätte; denn —Q—ᷓn-———Q—pᷓqqqt; — —-—2 12 9ð9——— S8 2ù dͤ—-—,— 12—— Barcelona. 113 als er auf einer ſteilen Klippe am Meer zeichnend ſaß, brach der hintere Fuß dieſes Möbels, und Horſchelt wäre um ein Haar in die Fluthen hinabgerollt. Die Abfahrt des Cid war auf acht Uhr Morgens feſtgeſtellt: als wir aber eine halbe Stunde früher an Bord ruderten, ſtiegen erſt ganz leiſe Rauchwolken aus dem Schornſtein auf, das Ver⸗ deck wurde jetzt erſt gewaſchen, der Kellner machte ſeine Morgen⸗ Toilette, und vom Capitän und den übrigen Paſſagieren war noch keine Spur zu ſehen. Das Schiff lag ziemlich am Ende des Hafens und war rings von andern Fahrzeugen umgeben, wodurch es nicht an amüſanten und lebendigen Scenen fehlte. Hier wurde aus⸗, dort eingeladen, zu unſerer Rechten ein Schiff in den Hafen hin⸗ einbugſirt, links eines zum Auslaufen fertig gemacht. Dazu waren die Segel ſchon halb herabgelaſſen und ſchlugen leicht gegen den Maſt, am Pavillon war die Flagge aufgezogen, und die Ma⸗ troſen in ihren rothen und blauen Hemden hatten ein langes Tau erfaßt, vermittelſt deſſen ſie das Schiff langſam vorwärts bewegten. Dabei riefen ſie ihr gewöhnliches: Oho— il oder ſangen auch wohl eine luſtige Melodie, wozu ſie den Tact mit den Füßen trampelten, während ſie vorwärts ſtrebten. Endlich gegen halb neun Uhr ließ ſich unſer Capitän blicken, nach und nach kamen einige Paſſagiere, aber ſehr wenige, dann wurde der Anker gehoben, der Schornſtein begann dichte und ſchwarze Rauchwolken auszuſpeien, die Schiffsmannſchaft beſchäf⸗ tigte ſich eifrig damit, Ballen, Fäſſer und Koffer in den Raum hinabzuſtauen, dann fingen die Räder langſam an zu ſchlagen, und wir trieben faſt unmerklich durch das Gewühl der Schiffer dem Ausgang des Hafens zu. Es war ein prächtiger und klarer Tag; die Inſeln vor dem Hafen von Marſeille ſowie Chaͤteau d'If lagen da mit ihren gelben Felſen hell im glänzenden Sonnenlichte wie vergoldet; das Ge⸗ ſtade zu unſerer Rechten hatte eine etwas dunklere Färbung und verlor ſich vor uns in einem bläulichen Streifen nach der ſpaniſchen 8 Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 114 Sechstes Kapitel. Küſte zu. Ich erinnere mich nicht, ein ruhigeres Meer geſehen zu haben, der Ausdruck„wie ein Spiegel“ paßte heute vollkom⸗ men hieher; auch nicht die mindeſte Bewegung war auf dem Ver⸗ decke zu ſpüren. Der Cid glitt ſo ruhig dahin, wie ein Dampfer auf dem Rheine, und man hätte wirklich an eine Flußfahrt glau⸗ ben können, wenn man rechts und links die Berge und Felſen betrachtete, die Schlöſſer und Ruinen und rückwärts Marſeille, die mächtige Stadt mit den grünen Höhen, die es überragten, und mit dem Maſtenwald zu ſeinen Füßen. Bald aber ließen wir alles das hinter uns, die letzte der Inſeln blieb zurück, das zerklüftete Geſtade gegen Toulon mit ſeinen zackigen, ſonderbaren Felſen ſchien nach und nach flach und weich zu werden und verſchwamm endlich zu einer langen farb⸗ loſen Linie. Am längſten konnten wir die weißen Mauern des Chäteau d'If erkennen und gaben ihm noch manchen Gruß zur Beſtellung auf an Frankreich und Italien, die es ausrichten konnte durch eines der vielen Schiffe, die täglich bei ihm vorüberfuhren. Auch unſerer armen Landsleute von der Fremdenlegion gedachten wir, die dort oben auf den Mauern ſaßen und gewiß ſehnſüchtig dem Cid nachblickten. Jetzt lag zu unſerer Linken das weite, gewaltige Meer, ohne Wellen, ja faſt ohne Schwingung, eine tiefblaue Fläche, die das Sonnenlicht ſtrahlend zurückwarf; zu unſerer Rechten behielten wir das Ufer in Sicht, welches mit ſeinen maleriſchen kühnen Felſenbildungen, ſeinen ſcharf ein⸗ und ausſpringenden Winkeln ſeinen Weinbergen, Dörfern und Schlöſſern die beiden großen Nachbarſtaaten verbindet. Wie ſchon bemerkt, hatten wir wenig Paſſagiere; uns intereſſirten eigentlich nur zwei Herren, die ſich ebenfalls auf dem Hinterdeck befanden und, wie mir ſchien, geläufig Engliſch zuſammenſprachen. Gleich Anfangs aber war ich über⸗ zeugt, daß ſie keine Engländer ſeien, namentlich der Eine, der etwas außerordentlich Gutmüthiges und Deutſches in ſeinem ganzen Weſen zeigte. Ich hatte mich auch nicht geirrt, denn als E o— D—. Barcelona. 115 ich die Kajüte hinabſtieg, mich dort ans Clavier ſetzte und ein deutſches Lied ſpielte, kamen Beide zu mir und baten mich in unſerer theuren Mutterſprache, das Lied noch einmal zu ſpielen. Beide Herren waren Kaufleute, ſeit langen Jahren in England etablirt, Herr Weinberg, ein Hamburger, Herr Erichſen, ein Däne, der übrigens auch ganz geläufig Deutſch ſprach. Ich habe dieſes Zuſammentreffen, ſowie die Namen der beiden Herren erwähnt, weil wir in Spanien längere Zeit zuſammen reisten und weil beide Herren beſtändig für uns ſehr angenehme und liebenswürdige Reiſegefährten waren. Unſere Meerfahrt ging in ihrer Geſellſchaft ſo unterhaltend wie möglich vor ſich; wir frühſtückten, rauchten, ſpielten Domino, dinirten, befanden uns aber trotz allem dem die meiſte Zeit auf dem Verdeck, um dem ſchönen Lauf der Ufer, wenn auch von fern, folgen zu können. Dort war Port Vendre mit ſeinen alten mauriſchen Thürmen und dem Fort St. Helena; bald waren wir gegenüber dem Dorfe Bagnols, wo ein ſcharfer Gebirgseinſchnitt die franzöſtſch⸗ſpaniſche Gränze bezeichnet. In ſpäter Nachmit⸗ tagsſtunde ſah man auch die Bucht von Roſas mit ihren vielen Ortſchaften und der alten trotzigen Araber⸗Burg, überragt von den ſchneebedeckten Häuptern der Pyrenäen, hinter denen bald dar⸗ auf die Sonne prächtig niederſank. Als es endlich Nacht geworden war, ſaßen wir in der Kajüte zuſammen, erzählten gegenſeitig von unſerem vergangenen Leben und brauten einen kräftigen Punſch, bei dem wir uns ſo lange unterhielten, bis die Kajüten⸗Uhr Eilf ſchlug und unſere Bekann⸗ ten ihre Betten aufſuchten. Horſchelt und ich ſtiegen auf das Verdeck hinauf und erfreuten uns dort noch längere Zeit an der prachtvollen, wahrhaft blendenden Mondnacht. Wohl nie ſah ich eine größere Klarheit des Himmels und der See; dabei hatte letztere, von dem weißen Mondlicht übergoſſen, etwas unnennbar Erhabenes, ja Geheimnißvolles. Wie ſtill und feierlich hob und ſeukte ſich das Waſſer, jedoch faſt unmerklic, ſo, als wage 8 116 Sechstes Kapitel. es kaum zu athmen unter dem ſüßen Kuß des ſtrahlenden Geſtirns. Gewöhnlich wird die nächtliche Ruhe der See durch den Schlag der Wellen unterbrochen, die im Mondlicht vielfach ſtrahlend und glänzend ebenfalls ihr Reizendes haben wie das Schlagen der Räder und das Stöhnen und Seufzen des Schiffes und der Ma⸗ ſchine. Heute Nacht aber glitten wir ſo ohne alle Bewegung dahin, völlig geſpenſterhaft; die Wimpel hingen ſchlaff an den Maſten herunter, kein Lufthauch bewegte die Taue, ja die Schat⸗ ten, welche dieſelben auf das Verdeck warfen, zitterten nicht einmal. Vorn im Schiffe ſaßen die Matroſen in leiſem Geſpräch beiſam⸗ men, und der Steuermann hinten ſchien unbeweglich: das Steuer⸗ ruder folgte dem leiſeſten Drucke der Hand. Es war eine unvergeßliche Nacht, eine Nacht, in der man oft unwillkürlich und lauſchend ſtehen blieb, als müſſe man jetzt den Geſang der Sirenen und Meerjungfern vernehmen, und als müſſe man ſie ſehen, wie ſie langſam aus der Tiefe aufſtiegen, gelockt von dem weißen Mondlichte, um den ſchlafenden Wellen zu ſingen und zu ſpielen. Aber es kam nichts dergleichen; nur derbe irdiſche Geſtalten unterbrachen zuweilen den Lauf meiner Phantaſte: der Kellner, der jetzt ſchlaftrunken über das Verdeck ſtolperte, oder der Capitän mit brennender Cigarre, der leiſe mit dem Steuermann ſprach, dann in das erhellte Compaßhäuschen blickte und hierauf mit uns eine ſpaniſche Converſation anfing, die uns aber leider vollkommen ſpaniſch vorkam. Das mochte er auch einſehen und zog ſich daher bald wieder von uns zu⸗ rück. Zuweilen drehte ſich das Schiff ein wenig, aber ſo leicht und geräuſchlos, daß man, in den Mond blickend, hätte glau⸗ ben können, dieſer ſpaziere zu ſeinem Vergnügen ein wenig um uns herum. Jetzt verkündete vorn am Schiffe der Klang der Glocke die zweite Wache und dann war Alles wieder ſtill wie zuvor.— Und war ich denn wirklich ſo weit von der Heimath, befand ich mich wirklich auf dem Cid und ſchwamm an den herrlichen Geſtaden ———,—,+₰ Barcelona. 117 Spaniens? Ich konnte das oftmals ſelbſt nicht glauben und trat dann zum Steuermanne hin, um ihn zu fragen, wann wir an⸗ kämen. Es war das ein Franzoſe und deßhalb verſtand ich ihn, als er mir zur Antwort gab:„Wenn die See ruhig bleibt, werden wir gegen acht Uhr Barcelona erreichen— Barcelona, eine ſehr ſchöne Stadt“, fügte er hinzu.— Alſo doch! In ſolchen Augenblicken fiel mir immer das Lied Alfred de Muſſet's ein, welches Freiligrath ſo ſchön überſetzt hat: Wer, der auf Barcelona's Gaſſe Mein andaluſiſch Mädchen ſah, Wer ſah ſie ſtehn auf der Terraſſe.? 'S iſt meine Löwin, meine blaſſe Marqueſa d'Amangui ja!— Ich konnte es zwar damals nicht recht begreifen, warum es gerade ein andaluſiſches Mädchen ſein ſollte, die auf den Gaſſen von Barcelona ſolche Wirkung hervorbrachte. Später aber begriff ich es vollkommen. Der Tag kam ſchön und klar herauf, ein würdiger Sohn der vergangenen herrlichen Nacht. Auf der See bin ich immer ſehr frühzeitig, und ſo betrat ich denn auch heute ſchon das Ver⸗ deck gleich nach dem gähnenden Kellner, der auf meine Frage nach den Geſtaden Spaniens auf einen ſchon ziemlich deutlichen Land⸗ ſtreifen vor uns zeigte. Zu erkennen war da freilich ſo gut wie gar nichts; die Formen der Küſte waren noch ſehr unregelmäßig und wechſelten ab mit hellen und dunklen Stellen. Eine der letzteren ſollte Barcelona ſein und die bedeutende Spitze daneben, die ſchon etwas klarer aus dem Waſſerdunſte hervorſah, der Mon⸗ juich. Es iſt für mich immer ein höchſt angenehmes Gefühl, ſo einem mir gänzlich fremden Lande zuzuſteuern; man macht ſich allerlei Phantaſten von der Lage einer Stadt, die ſich derſelben dann beim Näherkommen öfters anpaſſen, ſo daß man meint, man habe ſich dieſelbe ſo und nicht anders vorgeſtellt. Die Stille des Meeres hatte ſich nicht geändert. Der Cid 118 Sechstes Kapitel. arbeitete wacker darauf los, und wie die Küſte vor uns höher und höher aufſtieg, ſo wurde ſie auch deutlicher, und bald konnten wir genau unterſcheiden, wo kleine Buchten ins Land hineingingen und wo die Felswände ins Meer vorſprangen und ſich ſchnell aus demſelben erhoben. Dieſes war namentlich bei dem Monjuich der der Fall, der in ſeiner impoſanten Geſtalt herausfordernd allein an der Küſte zu ſtehen ſchien, ein trotziger Wächter, deſſen Ka⸗ nonen rings umher Alles beherrſchen und an deſſen Fuß ſanft hingeſchmiegt Barcelona liegt, über welche Stadt er ſchützend oder drohend ſeine eiſerne Hand ausſtreckt. Hohe Gebirge erheben ſich nicht hinter Barcelona, und der Horizont iſt nur begränzt von einer unbedeutenden Bergkette, ſchön gezackt in dunkelvioletter Färbung. Hinter derſelben, rechts vom Monjuich, aber weit ins Land hinein, bemerkte man an dem klaren Morgen ziemlich deutlich einen einzelnen Bergkegel von ſeltſamer, ſonderbar ausgezackter Geſtalt— Monſerrat, den heili⸗ gen Berg, dem wir ebenfalls einen Beſuch zugedacht; bei unſerem Näherkommen ſank er langſam hinter die vor ihm liegende Berg⸗ kette, wogegen der Monjuich immer höher und ſtolzer empor⸗ ſtieg. Bald konnte man ſchon die Feſtungswerke droben erken⸗ nen, ſo wie den Weg, der hinauf führt— ein hellerer Streifen auf dem gelben Sandſtein, bald über den nackten Felſen im Zickzack hinlaufend, bald rechts und links mit grünen Hecken beſetzt. Jetzt lag auch der Hafen deutlich vor uns, der, begränzt durch die hohen Ufermauern, von den Häuſern der Stadt nicht viel ſehen läßt. Die Einfahrt in denſelben, namentlich wenn man von Marſeille kommt, ſtimmt die Erwartungen des Reiſen⸗ den ſehr herab; dort das Gewühl der großen Stadt, welches am Hafen am lebhafteſten iſt, die hohen Häuſer, dicht an die Quais gebaut, im Hafen⸗Baſſin ſelbſt Hunderte von Fahrzeugen aller Nationen, worunter oft ein Dutzend Dampfer in einer Reihe, Alles voll Leben und Bewegung; hier eine ſtille Waſſerfläche, — Zarcelona. 119 ein faſt todter Hafen mit wenigen unbedeutenden Schiffen, die wie ſchlafend an den Ankerketten liegen, faſt gar kein Verkehr zwiſchen ihnen und dem Lande. Zwei kleine Dampfer in der Mitte des Hafens waren alles, was auf eine Communication mit dem Auslande deutete, rings am Strande dagegen eine unzählige Menge Schifferbarken in der bekannten maleriſchen Unordnung, dabei aber in Allem ihre Armuth zur Schau tragend; hinter ihnen ein ſan⸗ diger Strand und dann erſt bis auf die ſchon genannten Hafen⸗ mauern zur Linken unbedeutende Uferbauten, hinter welchen man die graue Feſtungsmauer ſah und kleine, niedrige Häuſer. So war der Anblick des Hafens von Barcelona. Glückli⸗ cherweiſe Weiſe brauchten wir nicht lange auf Erlaubniß zu war⸗ ten, um das Land betreten zu können; wir vertrauten uns mit unſerem Gepäck einem Nachen an und wurden von zwei Kerlen in zerlumpten braunen Mänteln ans Ufer gerudert. Dort hatte ſich ein artiges Geſindel verſammelt, um uns in Empfang zu nehmen; Strauchdiebe aller Art in abgeriſſenen kurzen Hoſen, nackten Beinen, ſchmierigen Jacken, was aber alles von der blut⸗ rothen Manta verdeckt wurde, welche weithin leuchtet und den Burſchen das Ausſehen von Scharfrichtern gab, die mit uns ſchleu⸗ nigſt fertig machen würden; dazu paßten auch ihre wilden Bewe⸗ gungen und der Ausdruck ihrer unraſirten Geſichter. Von uns Vieren, die wir nun ans Land ſtiegen, der Maler nämlich, Herr Erichſen und Herr Weinberg, ſowie ich, wußte Keiner ſich im Spaniſchen auch nur halbwegs vernünftig auszu⸗ drücken. Herr Weinberg, der ein Vocabulaire in der Hand ſchwang, radebrechte freilich aus demſelben allerlei ſeltſam klingende Phra⸗ ſen, welche aber den Cataloniern eben ſo wenig verſtändlich ſchie⸗ nen, als unſer ehrliches Deutſch. So ſtanden wir denn ziemlich rathlos da, und wenn uns auch pantomimiſch allerlei Hülfsleiſtun⸗ gen angeboten wurden, ſo ließ uns doch gerade die Verſchieden⸗ heit derſelben zu keinem Entſchluſſe kommen. Der Eine wies uns auf unſere Fragen nach Barcelona hierhin, der Andere dorthin; 120 Sechstes Kapitel. eine Partie wollte unſere Koffer auf die Schultern laden, die andere auf einen Karren werfen, und ein paar Zollſoldaten ſchie⸗ nen den Wunſch zu hegen, ſie in einem der dunklen Gewölbe depo⸗ nirt zu ſehen, die ſich in der Ufermauer befinden. Und dabei lärmten die Kerle über alle Gebühr, drängten ſich uns auf den Leib und rochen nach Knoblauch, daß es zum Erbarmen war. Ich glaube, ſte wären noch unſertwegen in Händel gerathen, wenn nicht in dieſem Augenblicke ein Retter erſchienen wäre, ein wohl⸗ gekleideter Mann nämlich, der ſich uns in ganz gutem Franzöſiſch als Lohnbedienter der Fonda del Oriente, des Gaſthofes, den wir aufſuchen wollten, dargeſtellt hätte. Ihm überließen wir denn auch gleich die Sorge für unſer Gepäck, welches er auf einen großen Karren laden ließ, dem wir folgten. Es ging aufwärts das Ufer hinan durch einen halb zerſtör⸗ ten Thorbogen, dann kamen wir auf einen weiten öden Platz, der einſtens zum Schiffswerfte für kleinere Fahrzeuge gedient haben mochte; jetzt lagen da unbrauchbare Schiffsplanken, altes Tauwerk, roſtige Anker, auch hier und da ein Haufe Ballen oder Fäſſer, durch Strohmatten gegen die Sonne geſchützt. Dieſer Platz war auf der der See gegenüber liegenden Seite mit einer langen Reihe niedriger Häuſer beſetzt, alle von gleicher Bauart und gleicher Höhe. Viele waren roth angeſtrichen, und die zahlreichen weißen Fenſtereinfaſſungen hätten dem Anblick etwas Heimathliches ge⸗ geben, wenn nicht jedes dieſer Fenſter mit einem kleinen eiſernen Balken verſehen geweſen wäre, welcher uns erinnerte, daß wir endlich in Spanien waren. Es war eine kleine Stadt, die vor uns lag, aber mit unſcheinbaren Häuſern, ſo ärmlich ausſehend, daß wir uns ſchüchtern fragten: Soll das Barcelona ſein? Worauf uns übrigens der Lohnbediente zu unſerem Troſt mit einem ſanf⸗ ten Lächeln ſagte: Das iſt nur die Vorſtadt Barceloneta; dieſelbe iſt übrigens nicht unbedeutend, neuer als die große Stadt, und ihre Straßen laufen ganz gerade und durchſchneiden einander rechtwinkelig. Hier iſt das Fiſcher⸗ und Matroſenviertel, es gibt —— Zarcelona. 121 hier viele Kneipen und viele Tabakläden, dazwiſchen Gewölbe mit bunten Schifferhemden und rothen Mantas, welche Farbe für dieſes Kleidungsſtück hier in Catalonien Mode zu ſein ſcheint. Die Straßen ſahen recht öde und leer aus, eben ſo die Häuſer; die meiſten Fenſter waren verſchloſſen, zum Theil auch nur mit weißen Gardinen verhängt, und nur hie und da lehnte eine weibliche Geſtalt an dem Balcongeländer, mit vollen Körper⸗ formen, blaſſem Geſicht und ſehr ſchwarzen Haaren, die mit ſilber⸗ nen Nadeln aufgeputzt waren. Barceloneta, zwiſchen 1755 und 1775 durch den Marquis de la Mina gegründet, iſt ſehr lang geſtreckt, und wir brauchten eine gute Viertelſtunde, ehe wir die Gräben und Mauern der wohlbefeſtigten großen Stadt erreichten. Das Thor, welchem wir uns näherten, hatte uns ſchon von Weitem, ſehr hell von der ſchmutzigen Häuſermaſſe, an der wir vorbeikamen, abſtechend, durch ſeine ſeltſame Formenbildung und die Prätenſion ſeiner ganzen Anordnung, die ein ganz modernes Bauwerk verrieth, beſonders intereſſirt; die zwei Thorbogen neben einander, der eine zur Ein⸗, der andere zur Ausfahrt beſtimmt, ſchienen die völlig geſchloſſene Kreisform zu haben, eingeſpannt zwiſchen einen Wald von griechiſch⸗doriſchen Säulen, und bei näherer Betrach⸗ tung zeigte es ſich auch faſt ſo, denn aus der untern Hälfte der Kreiſe war nur ein ſo großes Stück ausgeſchnitten, um eine ebene Schwelle zu erhalten. Der Aufwand an reichen Architekturformen und die Präciſion der Ausführung wären einer beſſeren Ge⸗ ſammtanordnung werth geweſen. Hinter dieſer Puerta del Mar ſah es auch nun gleich ganz anders und großſtädtiſch aus. Vor uns hatten wir einen weiten, wohlgepflaſterten Platz, in deſſen Mitte man eben irgend ein Denkmal aufzurichten im Begriffe ſtand, deſſen anſehnlicher, würfelförmiger Unterbau bereits fertig war. Auf einer Seite des Platzes befinden ſich vier⸗ bis fünfſtöckige Häuſer, neben dieſen die ſehr gering ausſehende Lonja oder Börſe, links ein großes 122 Sechstes Kapitel. Gebäude mit Arcaden, unter welchen ſich, beiläufig geſagt, ein Kaffeehaus befindet, das„Zu den ſieben Thüren“ heißt. Dieſes beſagte die Inſchrift auf der gleichen Anzahl Eingänge in ſieben verſchiedenen Sprachen, worunter ſich auch eine deutſche befindet. Es iſt dieß der Palaſt eines Amerikaners, in welchem nach den Bürgerkriegen Eſpartero wohnte, als ſich der Hof damals hier befand, und der Balcon des Siegesherzogs war dem der beiden Königinnen gerade gegenüber, denn rechts am Platze iſt der könig⸗ liche Palaſt, ein rothes Gebäude in einem mittelalterlich ſein ſollenden Style; doch ſind die theilweiſe ſehr geſchmackloſen Ver⸗ zierungen nur gemalt. Es iſt darin eine Nachahmung des Dogen⸗ palaſtes zu Venedig verſucht worden, aber blos der Schein ſtatt des Weſens; die fingirten Incruſtationen bunter Marmorplatten, die halb gothiſchen, halb arabiſchen Einzelheiten und die ausge⸗ zackte hölzerne Mauerkrönung geben dem Ganzen ein ſehr barockes Ausſehen. Hübſch nahm ſich nur der im Hauptſtockwerke auf die ganze Hauslänge ſich erſtreckende verglaste Balcon aus, eine in dieſer Ausdehnung uns noch ganz neue Sache, die wir erſt mehr im Süden des Landes in vielerlei mannigfaltigen Arten wieder⸗ finden ſollten. Unmöglich kann ich hier noch zwei Schilderhäuſer unerwähnt laſſen, blau und weiß angeſtrichen, in Zeltform, da ich nicht leicht etwas Plumperes der Art geſehen habe. Neben dem Palaſt iſt das Mauthgebäude, wohin unſer Karren dirigirt wurde. So viel Unangenehmes man mir auch ſchon über die ſpaniſche Mauth geſagt, ſo fand ich doch, daß die Barceloneſer beſſer ſei als ihr Ruf; die Leute behandelten uns recht artig, ließen freilich unſere Koffer öffnen, begnügten ſich aber damit, mit der linken Hand nur leicht auf den Kleidungsſtücken umherzufahren, wogegen die Rechte, wie ich nicht läugnen darf, eine vielſagende Bewegung machte, die ich denn auch durch Hinein⸗ gleitenlaſſen einer Peſeta alsbald ausglich. Dieſe Viſitationen in Spanien, abgeſehen von hier, wo wir von Frankreich kommend die Landesgränze betraten, ſind nicht genug zu rügen und für den —————CQCQOQCQOQOQñ, FQʃd(i—ᷓ—— — Barcelona. 123 Reiſenden wahrhaft empörend. Jedes miſerable Neſt glaubt das Recht zu haben, den müden und hungrigen Reiſenden unter dem Thore feſtzuhalten und Geld von ihm zu erpreſſen; denn nur das iſt die Abſicht. Bei unſeren ſpäteren Touren zu Pferde brauchte nur Einer vorauszureiten und einfach ſeine Börſe hervorzuziehen, ſo verlangte man nicht einmal, daß das Maulthier abgepackt wurde, ſondern ließ uns nach Spendung einiger Peſeten(die Peſeta iſt vier Realen, gleich einem franzöſiſchen Franc) ruhig weiter ziehen. Nachdem wir mit der Mauth fertig waren, folgten wir abermals dem Lohnbedienten; er hieß Maurice, und ich kann ihn jedem meiner Leſer, der zufällig nach Barcelona kommt, beſtens empfehlen. Von dem freien Platze geriethen wir gleich in das Gewühl der Stadt, das in den ſehr engen Straßen, die mit vier⸗ bis fünfſtockigen Häuſern beſetzt ſind, in einigen Vierteln wahr⸗ haft betäubend iſt. Heute war es Sonntag, und die hellen und tiefen Glockenſtimmen der vielen Kirchen riefen die Andächtigen zur Meſſe. Maurice, der den Karren führte, eilte indeſſen ſo ſchnell vorwärts, daß wir beſtändig nach ihm zu ſehen hatten, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Und ſo mußten wir denn ziem⸗ lich theilnahmlos an der bunten, uns begegnenden Menſchenmenge vorübereilen, welche in ihren Coſtümen viel Neues für uns dar⸗ bot, namentlich die bunten Mantos, welche die Männer über ihre Schultern hangen hatten, die ſeltſam geformten cataloniſchen Hüte von ſchwarzem Filz mit ziemlich breitem Rande, oben ſich ver⸗ engend, vor allem aber die zahlreichen Schaaren des weiblichen Geſchlechts mit der reizenden Mantilla, Blumen im Haar, ſcharf gezeichneten Augenbrauen und glänzenden Augen. Nach ziemlich langem Marſche kamen wir endlich auf eine breite Straße nach Art der Pariſer Boulevards, eben ſo wie dieſe mit Bäumen beſetzt— die Rambla, der Hauptſpaziergang der Barceloneſer, welcher die Stadt in zwei ungleiche Hälften theilt, ihr öffentlicher Garten, ihr Alles in dieſer Hinſicht. Hier befinden 124 Sechstes Kapitel. ſich die Theater, die vorzüglichſten Kaffeehäuſer und die erſten Gaſthöfe, unter ihnen die Fonda del Oriente, uns als der beſte bezeichnet, wo wir unſere Einkehr hielten. Monſteur Maurice ſorgte auch hier aufs beſte für uns, und bald waren wir vier auf dem erſten Stock inſtallirt; H. und ich hatten ein gemeinſchaftli⸗ ches großes Zimmer, an welches zwei Schlafkabinette ſtießen; der Fußboden war mit guten Teppichen bedeckt. Dazu hatten wir uns mit dem Oberkellner über Frühſtück und Diner verſtändigt und ſollten für Alles zuſammen Jeder täglich 20 Realen zahlen, un⸗ gefähr 2 Fl. 30 Kr., was keine übertriebene Forderung war. Wenn ich eine fremde Stadt betrete, iſt es für mich ein wahres Vergnügen, ohne Ziel und Zweck in den Straßen umher zu ſtreichen, mich bald hierhin, bald dorthin wendend, wobei ich es dem Zufall überlaſſe, mich zu führen, wohin es ihm beliebt. Na⸗ türlich dauert eine ſolche Promenade immer mehrere Stunden, denn ich flanire in aller Beuzurlichkeit umher, betrachte mir Men⸗ ſchen, Häuſer, Straßen und Magazine. Dadurch bekomme ich einen friſchen, urſprünglichen Totaleindruck, der ſich mir ſpäter nicht mehr verwiſcht, und der auch nach langer Zeit in dem inzwi⸗ ſchen ſchon verſchwimmenden Bilde einer Stadt in meinem Ge⸗ dächtniß wie ein heller Streifen zurückbleibt. Auch hier in Bar⸗ celona hatten wir kaum unſere Schiffstoilette etwas corrigirt, ſo betraten wir die Rambla und folgten dem Strome der Spazier⸗ gänger, gleichviel, wohin er uns treiben würde; doch hatten wir nur wenige Schritte gethan, als wir ſchräg unſerem Gaſthofe ge⸗ genüber den Correo, die Poſt, bemerkten, wohin wir uns wandten, um nach Poſtreſtante⸗Briefen für uns zu forſchen. Was dieſe be⸗ trifft, ſo hat man in ganz Spanien ein eigenthümliches Verfahren für die Ausgabe derſelben. In einem Vorplatze der Poſt findet man nämlich große Liſten angeklebt, worauf, mit einer fortlau⸗ fenden Numer verſehen, die Adreſſen aller Briefe aufgeſchrieben ſind, welche poſtreſtante einliefen. Selbſtverſtändlich ſind dieſe Liſten in den größeren Städten, wie hier in Barcelona, ſehr zahl⸗ Varcelona. 125 reich, und man hat große Mühe, ſeinen eigenen, meiſtens arg ver⸗ ſtümmelten Namen aus den Hunderten der anderen heraus zu finden. Da man alsdann am Poſtſchalter nur die Numer anzuge⸗ ben braucht, unter welcher der Brief auf der Liſte vorgemerkt iſt, um ihn zu erhalten, ſo kann man ſich denken, daß hiedurch mancher Mißbrauch geſchieht; denn jeder Unbefugte kann ohne irgend welche Legitimation eine beliebige Nummer fordern und erhält vielleicht meinen Brief, was auch häufig genug vorkommen ſoll, weßhalb Fremde viel beſſer daran thun, ihre Briefe an irgend einen Banquier adreſſiren zu laſſen oder an den Conſul ihrer Nation, welche ſich meiſtens ein Vergnügen daraus machen, ihren Landsleuten auf dieſe Art behülflich zu ſein. Obgleich es für die allgemeine Promenade auf der Rambla noch ziemlich früh war— erſt eilf Uhr Vormittags—, ſo war doch eine anſehnliche Menſchenmenge da, welche etwas zu erwar⸗ ten ſchien. Ohne zu wiſſen, um w es ſich handle, warteten wir ebenfalls und vernahmen bald die Klänge eines Militärmuſik⸗ corps, welches ſich auf dem Spaziergange gegen uns herbewegte. Doch habe ich nicht leicht etwas Erbärmlicheres gehört, als dieſe Muſtk. Obgleich die große Trommel ſo wie ein paar Becken ihr Möglichſtes thaten, einigen Tact in dieſes Muſikcorps zu bringen, ſo konnten ſie doch damit nicht zu Stande kommen, und jeder der Nuſici ſchien nicht blos eine andere Tact⸗ und Tonart, ſondern auch ſogar ſeine eigene Melodie zu ſpielen. Und das Ganze klang immer toller, je näher das Muſikcorps an uns heran kam. Jetzt defilirten ſte bei uns vorbei; die Leute ſahen gar nicht ſchlecht aus, waren auch gut uniformirt und marſchirten mit der größten Oſtentation vorüber, denn ſie nahmen die ganze Breite der Rambla ein, und um dieß zu bewerkſtelligen, hatte jeder Muſicant zwiſchen ſich und dem Nebenmann einen Zwiſchenraum von wenigſtens drei Schuh— ein wahrer Horreur für ein preußiſches Herz, dem die„Fühlung“ beim Marſch zur zweiten Natur geworden iſt. Hinter dem Muſikcorps kamen ein paar Bataillone Infan⸗ 126 Sechstes Kapitel. terie. Die Leute ſahen gut aus, und ihre ſauberen Uniformen hatten etwas vom franzöſiſchen Schnitte an ſich; nur waren die Farben heller und bunter, man ſah viel Roth und Gelb. Ihre Fahnen waren mit ſchwarzem Flor umwickelt; das muß etwas zu bedeuten haben, eben ſo die einzelnen Kanonenſchüſſe, die ſich vom Monjuich herab vernehmen ließen, ſobald die Truppe die Rambla betrat. Natürlich nahmen wir unſere Spazierſtöcke hoch in den Arm und marſchirten, in Erinnerung an unſere Jugendzeit, im Schritte neben dem Muſikcorps her, welches ſich am Ende der Rambla vor einer kleinen Kirche aufſtellte, deren Façade mit ſchwarzem Tuch beſchlagen war. Ein General der Garniſon war geſtorben, und ihm galten dieſe Trauerfeierlichkeiten. Eine große Menſchenmenge umflutete die Kirche, doch bemerkten wir, daß nur Wenigen der Eintritt geſtattet wurde. Auch wir traten in den Vorhof und wandten uns in franzöſiſcher Sprache und mit der Bitte an einen Offizier, uns den Eintritt erlauben zu wollen. Obgleich uns der Spanier gewiß nicht verſtand, ſo ſchien er doch unſeren Wunſch zu errathen und ließ uns mit einer freund⸗ lichen Handbewegung und einigen höflichen Worten paſſtren. Ueberhaupt iſt Höflichkeit und ein ſehr zuvorkommendes Betragen gegen Fremde ein ſchöner Zug im ſpaniſchen Charakter. Mit der größten Bereitwilligkeit erhält man auf ſeine Fragen jederzeit die beſte Antwort, und wenn man ſelbſt ſehr ſchlecht Spaniſch ſpricht, ſo bemüht ſich der Angeredete, den Sinn deſſen, was man ihm ſagen will, zu verſtehen, und hilft gern mit einem erklärenden Worte. Das iſt ſo in allen Schichten der Geſellſchaft; der Arbeiter hilft einem bereitwillig irgend ein Haus aufſuchen, und es iſt mir ſpäter öfter paſſirt, daß aufs eleganteſte gekleidete Herren mehrere Straßen mit mir gingen, um irgend Jemanden zu ſuchen, den wir oft erſt nach vielem Fragen in einem Hinter⸗ hauſe fanden. Dann ſchied der freundliche Führer, meiſtens mit einem freundlichen Händedruck und dem bekannten„a la disposicion 127 Zarcelona. de usted“, was ſo viel heißt, als: ich bin auch ſpäter ganz zu Ihrer Verfügung. Wir traten alſo in die Kirche, die ebenfalls mit ſchwarzem Tuche ausgeſchlagen und angefüllt war von Offtzieren aller Waffen und Grade. Die Fenſter waren dicht verhängt, und es brannten in dem Kirchenſchiff und dem Chor eine unzählige Menge von Wachskerzen, deren rothe, wehende Flammen die bunten Uni⸗ formen und das viele Gold und Silber an denſelben mit düſteren Streiflichtern beleuchteten, was einen eigenthümlichen Effect machte, der noch erhöht wurde durch die melancholiſchen Klänge einer Trauermuſik, die, unterſtützt von einer Sängerſchaar, im Chor aufgeſtellt war. Dazu donnerten zuweilen die Kanonen vom Monjuich dumpf herüber und es ertönten die Gebete der Prieſter. Auf einem hohen Katafalk in der Mitte des Kirchenſchiffes lag der Verſtorbene unter einer weit herabfallenden ſchwarzen Sammt⸗ decke, die mit Silber geſtickt war und deren vier Ecken je von einem Unteroffizier gehalten wurden, welche regungslos wie Statuen an ihrem Poſten aushalten mußten, weßhalb ſie aber auch häufig abgelöst wurden. Als die Trauerfeierlichkeiten bis zu einem gewiſſen Grade gediehen waren, deſſen Bedeutung ich übrigens nicht anzugeben vermag, wo das Muſik⸗ und Sängercorps in der Kirche eigentlich viel zu laut für den kleinen Raum derſelben einſetzte, ertönte auch die Muſik draußen auf der Rambla, und zwiſchen den dumpfen Kanonenſchüſſen von der Feſtung herab krachten die Geſchütze jetzt in unmittelbarer Nähe von der Kirche, was mich veranlaßte, dieſe zu verlaſſen, um zum erſten Male dem Feuern einer ſpaniſchen Batterie zuzuſehen. So ſehr uns Anfangs das Feuern mitten in der Stadt überraſchte, ſo wurden wir doch alsbald gewahr, daß den Barceloneſen dieß keineswegs ungewohnt war, und beim Um⸗ ſchauen ſahen wir am Ende der Rambla als Schlußpunkt der Muralla del Mar eine hohe Baſtei über den Platz hereinragen, aus deren Scharten man die Rambla der Länge nach nordweſtlich 128 Sechstes Kapitel. beſtreichen kann, und von wo aus etwaige Volksaufläufe kräftig zerſtreut werden können, auch wohl ſchon zerſtreut worden ſind. Es war Bergartillerie, die ſich auf einem kleinen Platze neben der Rambla aufgeſtellt hatte, für mich von beſonderem In⸗ tereſſe, da ich dieſelbe bisher noch nie manövriren ſah. Es ſind kleine Geſchütze, die dreipfündige Vollkugeln und Granaten ſchießen; die Laffette ruht auf Rädern, hat aber keine Protze, da ſich der Munitionskarren auf dem Rücken eines Maulthieres befindet, welches rückwärts aufgeſtellt wird. Die Fortbewegung des Ge⸗ ſchützes geſchieht vermittelſt zweier anderen Maulthiere; beide haben Packſättel, wovon jeder mit Packtaſchen und dergleichen einen Centner wiegt. Ein Maulthier trägt die Laffette— Corunna, ein Gewicht von zwei Centnern, das andere das metallene Rohr, Pieza, von gleichem Gewichte. Die Munition im zweiten Kaſten beſteht aus ſechs Granatwürfen und zwei Kartätſchenladungen und wiegt circa 1⅛ Centner. Die Bedienungsmannſchaft jedes Geſchützes beſteht aus acht Leuten, drei, welche die Maulthiere führen, und drei, welche bedienen, mit zwei Mann Reſerve. Bei der großen Laſt, welche die Maulthiere tragen müſſen, ſind dieſe ſehr ausgeſucht und waren hier vortrefflich im Stande; ſie werden nicht vor dem ſechsten Jahre genommen und ſind mit einzelnen Ausnahmen bis zum ſechszehnten und achtzehnten Jahr im Dienſte. Eigenthümlicher Weiſe nimmt man nur dunkelfarbene Maulthiere zur Bergartillerie, indem man aus Erfahrung wiſſen will, daß die hellfarbenen nicht ſo kräftig ſeien; man wählt kurze, gedrungene Thiere mit ſtarker Bruſt und Hals, rundem Rücken und kurzen feſten Beinen. Das ſchwarze Geſchirr iſt ſo einfach wie möglich, das Kopfzeug beſteht aus einer Trenſe und der Huf⸗ beſchlag iſt ohne Stollen; dabei werden dieſe Maulthiere im Ge⸗ genſatz zu allen übrigen, welche man in Spanien ſieht, nicht ge⸗ ſchoren. So viel ich bei dem heutigen Schießen nur mit der Ma⸗ növercartouche bemerken konnte, bedienen die Leute ihre Geſchütze raſch und pünktlich. Ob irgend ein anderer Staat Bergartillerie — Zarcelona. 129 in dieſer Art beſitzt, weiß ich nicht genau, doch iſt ſie für das ge⸗ birgige Spanien gewiß von großem Nutzen; man kann ſie faſt wie die Raketenbatterien verwenden, denn das bepackte Maul⸗ thier iſt ja im Stande, auf dem ſchmalſten Pfade ſehr ſteile Berggipfel zu erklettern. Dabei ſoll ihr Marſch außerordentlich ſchnell ſein, ſo daß Infanterie auf längere Zeit nicht folgen kann. Die Bergbatterie that noch einige Schüſſe, dann wurden Rohr und Laffette, wie ſchon bemerkt, jedes getrennt, auf die ſehr feurigen Maulthiere gehoben, ich ſah ein paar, die ſchwer beladen, kaum zu halten waren, obgleich ihre Naſen durch tüchtige Knebel aufs ſtärkſte zuſammengedrückt waren, und an dieſem Knebel wurden ſie geführt. Der Trauergottesdienſt ging jetzt zu Ende, die Kirche ent⸗ leerte ſich, und die Truppen marſchirten ab unter einem Trommel⸗ ſchlag, ſo langſam, ſo melancholiſch und ſchläfrig, wie ich bis jetzt nichts Aehnliches gehört; doch war derſelbe nicht gedämpft, wie gewöhnlich bei Trauermärſchen, und ich hörte das gleiche Tempo ſpäter, öfters auch beim Ererciren. Nachdem ſich die ganze Menſchenmenge verlaufen, nahmen wir unſeren Spaziergang wie⸗ der auf. Für einen Fremden wäre es ſehr ſchwer, ſich in den Straßen von Barcelona zurecht zu finden, wenn man nicht, wie z. B. in Paris die Seine oder die Boulevards, auch hier zwei große Linien hätte, auf welche man beim Umherſtreifen immer wieder zurück⸗ kommt, die Muralla del Mar, ſo wie die Rambla. Die letztere bildet mit der erſteren einen rechten Winkel und ſcheidet die Stadt in zwei ungleiche Hälften, von denen die gegen den Monjuich zu das alte, die gegen die Citadelle hin das neue Barcelona genannt werden könnte. Letzteres iſt weit glänzender und belebter; hier reihen ſich Läden, Magazine und Gewölbe an einander, und an dieſen erkennt man die emporſtrebende große Stadt. Die Maga⸗ zine fangen an, ſich nach franzöſiſchem Schnitt zu formiren, und große helle Spiegelfenſter, welche faſt die ganze Breite des Hauſes einnehmen, laſſen eine reiche Auswahl von Waaren aller Art Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 9 130 Sechstes Kapitel. ſehen, hier Gold und Silber, dort Kryſtall und Porcellan, und neben einem Gewölbe voll buntfarbiger Teppiche ſieht man koſt⸗ bare Stoffe in Seide und Sammt, von denen ſehr viele in Bar⸗ celona ſelbſt erzeugt werden. Der Gewerbefleiß der Catalonier iſt bekannt und um ſo anerkennenswerther, da Barcelona wohl die einzige Stadt Spaniens iſt, welche bedeutende Fabriken und Manufacturen hat. Es gibt hier eine Menge Spinnereien, We⸗ bereien, Druckereien, die Strumpfwirkerei iſt ſehr ausgebildet, eben ſo die Anfertigung von Treſſen und Franſen aller Art, ſo wie grober und feiner Lederarbeiten. Der Verkehr, den dieß in den Straßen hervorruft, iſt außerordentlich, und es gibt Stadt⸗ viertel, welche ſich in dieſer Hinſicht mit den belebteſten von Paris meſſen können. Die eleganten Gewölbe und Magazine, von denen wir vorhin ſprachen, befinden ſich hauptſächlich in der Straße Ferdinands Vll., welche von der Rambla nach dem Conſtitutions⸗ platze führt. Früher war dieſes nur eine enge Gaſſe, doch fing man ſchon vor mehreren Jahren an, ſie anſehnlich zu erweitern; und das geſchah, um einem längſt gefühlten, dringenden Bedürfniß abzuhelfen. Der Conſtitutionsplatz, ſehr hoch gelegen und nicht mehr im nächſten Bereich der Kanonen des Monjuich, war näm⸗ lich bei den zahlreichen und blutigen Aufſtänden, welche die Stadt von jeher beunruhigten, der Heerd der Empörung; dort war der Palaſt der Provincialdeputirten, und auch meiſtens die Häupter der Aufſtändiſchen, welche da ziemlich agitiren konnten, denn wegen der engen Straßen war es unmöglich, mit Cavallerie und Geſchütz gegen ſie zu operiren. Dort hinein hat man nun durch die neue Straße eine artige Breſche gelegt, ſie führt in gerader Linie auf die Rambla und hat eine Breite von ungefähr fünfzig Schuh. Trotzdem man dort noch immer beſchäftigt war, ein vortreff⸗ liches Pflaſter von breiten Steinplatten, ſo wie Gasröhren zu legen, welche Arbeiten die Paſſage erſchwerten, ſo bedienten ſich doch die Barceloneſer häufig dieſer neuen Straße, ja, es war an Zarcelona. 131 den glänzenden Magazinen vorbei hier ein beſtändiges Spazieren⸗ gehen, ſo daß man oft Mühe hatte, ſich durch den Menſchenſtrom durchzuwinden. So vergingen mehrere Tage mit Wanderungen durch die Stadt, die H. und ich theils gemeinſam, theils Jeder allein ausführten, bis wir eines Abends, zum Diner heimkehrend, unſeren dritten längſt erwarteten Gefährten, den Baumeiſter Leins, auf der Treppe des Hötels zu unſerer größten Freude uns entgegeneilen ſahen. Er war, da in langer Zeit kein Schiff von Marſeille nach der ſpa⸗ niſchen Küſte mehr abging, auf dem Landweg über die Pyrenäen zu uns geſtoßen, und nachdem er uns ausführlich ſeine Reiſeabenteuer erzählt, unterhielt er uns ſpäter, während wir auf der Muralla del Mar unter ſternenhellem Himmel und im Wiederſchein Tauſender von Lichtern der Stadt am Meer uns ergingen, von der über⸗ raſchenden Schönheit von Toulouſe, deſſen Gebäude allermeiſt in gebrannter Erde und zum Theil in höchſter Vollkommenheit aus⸗ geführt ſind, von den dortigen alten Meiſterwerken des Bildhauers und Architekten Bachelier, von dem prächtigen Platze des Capitols, von der St.⸗Sernin⸗ und Dalbadekirche, und als er uns den rieſigen, leider unvollendeten Dom von Narbonne, die originellen alten Bauwerke von Perpignan, und ſeinen Uebergang über die Pyrenäen mit den Mühſalen des Weges über la Junquera und Figueras, Gerona nach Matardè geſchildert, mußten wir geſtehen, daß, wenn er auch den längeren und beſchwerlicheren Weg gewählt, ſeine Ausbeute doch die Annehmlichkeit unſerer Seereiſe weit aufwog. Des anderen Morgens gingen wir zuſammen auf den Con⸗ ſtitutionsplatz zur Beſichtigung des dortigen alten Stadttheiles, der uns, je genauer wir die übrige Stadt kennen lernten, durch ſeine intereſſanten alten Bauten immer ſtärker anzog. Die Straße San Fernando durchſchneidet denſelben, und einander gegenüber erheben ſich zwei merkwürdige Gebäude, welche die ganze Länge des Platzes einnehmen: dieſſeits der oben genannte Palaſt der 9 132 Sechstes Kapitel. Provincialdeputirten, jenſeits der Palaſt des Gouverneurs, auch Udiencia genannt. Beide Gebäude haben zwar moderne Facaden, aber der innere Kern iſt alt und noch ganz wohl erhalten. In dem erſten feſſelt den Beſucher gleich nach Ueberſchrei⸗ tung des Hofes die ganz eigenthümliche Art des Abſchluſſes der Treppe von der Vorhalle. Aus der Uebergangszeit des Gothiſchen in die Renaiſſance, iſt der große Bogen des Treppenaufganges bedeckt mit der reichſten Sculptur; zwei kleine Thüren, zu beiden Seiten mit gothiſchem freiſtehendem Maßwerk überwölbt, ſchließen ſich beiderſeits in ſchiefer Stellung an erſtere an; Säulenbündel, ſpiralförmig um die dazwiſchenſtehenden Pfeiler gewunden, ziehen ſich bis zum Capitäl empor und bilden mit dem großen Wappen⸗ ſchild in der Mitte und den Statuen, die daneben ſtehen, das pikanteſte Enſemble, das man ſich denken kann. Der große Saal im oberen Stockwerke iſt ebenfalls ſehr merkwürdig. Die Udiencia, noch älter, hat im Aeußeren noch die drei⸗ theilige Fenſterform, mit feinen Marmorſäulchen abgetheilt, ſo fein, daß man ſie mit der Hand umſpannen kann, und über jedem das dreifach durchbrochene Kleeblatt. Der Hof im Innern gehört zu dem Keckſten, was in der Architektur je geleiſtet worden. Das von einer frei im Hofe aufwärts führenden Treppe mit zierlich durchbrochenem Steingeländer zugängliche Hauptſtockwerk kehrt eine ringsum laufende Spitzbogenſtellung gegen den Hof herein, ebenfalls mit unglaublicher Dünne der Säulchen, die in Gruppen von vier an einander gewachſen, ſtehen; aber dieſe Colonnade iſt nicht von Grund aus unterſtützt, ſondern ruht auf einer Anzahl um die ganze Breite des Bogenganges hervorragender Conſolen, wodurch ſich der Hof im oberen Stockwerk verengt und dieſe Bau⸗ weiſe noch um ſo kühner erſcheinen läßt, weil über dem Säu⸗ lengang im Hauptſtock ſich noch ein ſchweres, maſſives drittes Stockwerk beſindet. Die Nebenſeite dieſes Palaſtes geht auf eine enge finſtere Gaſſe, und der Hof i*ſt von dieſer durch eine hohe Mauer abgegränzt, die Chapuy im Moyen-Ase archéologique 8 — 14 — 8 G — —,—— Zarcelona. 133 ſo ſchön abgebildet hat. Ueber dem Thor in der Mitte iſt der hei⸗ lige Georg, den Drachen erlegend, in wunderſchöner gothiſcher Einrahmung, und die Mauer mit einem herrlichen Aufſatze von durchbrochener Arbeit mit Fialen und Laubwerk gekrönt. Die Thoröffnung iſt mit ſchweren Thorflügeln aus dunklem Holz ver⸗ ſchloſſen und überſäet mit großen zugeſpitzten Nägeln, die drohend in die Straße herausragen. So hat dieſer Bau ein durchaus finſteres Anſehen und eine gleichſam trotzige Abgeſchloſſenheit nach außen. Dieſe enge melancholiſche Gaſſe weiter verfolgend gehen wir immer zwiſchen faſt ſchwarzen, maſſiv gebauten Häuſern, die, obgleich ſte wenig Luft und Licht haben, doch in den Zeiten ihrer Erbauung von keiner armen Claſſe der Geſellſchaft bewohnt wurden. Blickt man an ihnen hinauf, ſo ſteht man nur einen ſchmalen Streifen des ſchönen ſpaniſchen Himmels, zu gleicher Zeit aber, wie zierlich, phantaſtiſch und prächtig dieſe Häuſer erbaut ſind. Willkürlich iſt oft ein Fenſter breit, das andere ſchmal, aber die meiſten ſind mit Sculpturen verſehen, von ſchlan⸗ ken zierlichen Säulen getragen und laſſen ahnen, daß hinter ihnen ein trauliches Gemach liegt, dem ſie Licht und Luft verleihen. Faſt alle dieſe Gebäude haben eine große Ausdehnung und man erräth leicht, daß ſie einen Hof und einen kleinen Garten umſchließen. Das Ziel findet dieſe Straße bei der Kathedrale, die uns lange feſthielt, und deren Kreuzgang durch ein gaſtlich geöffnetes Portal uns zum Eintritt einlud. Dieſer Kreuzgang unterſcheidet ſich weſentlich von denjeni⸗ gen, die wir bei den alten germaniſchen Klöſtern zu ſehen gewohnt ſind, welche blos aus einem, den viereckigen Kloſterhof umgeben⸗ den Spaziergang unter Bogen beſtehen; der hieſige aber iſt noch überdieß auf drei Seiten von Capellen eingefaßt, ſo daß jedem Bogen des Kreuzganges eine dahinter liegende Capelle entſpricht, welche wie dieſer mit zierlichem Sterngewölbe überſpannt und mittelſt hoher Eiſengitter von demſelben abgeſchloſſen iſt. 134 Sechstes Kapitel. So bildet dieſer Kreuzgang gleichſam eine Kirche im Freien, und nicht allein die glücklichen Dimenſtonen deſſelben und die edlen Verhältniſſe der Pfeiler und Bogen, die Schönheit der Git⸗ ter, die kräftige Vegetation des grünen Platzes in der Mitte, ſo wie der reizende Brunnen in der Ecke machen dieſen Ort zu einem der anziehendſten, die es geben kann. Wenn auch an den Altären der Kapellen, die aus den verſchiedenſten Zeiten herrühren, hier und da ſehr ausſchweifende Formen vorkommen, ſo verleiht doch gerade dieſe Mannigfaltigkeit und dieſe abwechſelnde Färbung der zahlreichen Wand⸗ und Altarbilder und die zum Theil phantaſti⸗ ſchen Ausſchmückungen dem Geſammt⸗Anblick einen ſolchen Reich⸗ thum, daß man ſich nur ſchwer von dieſem ſchönen und bei allem Ernſte doch ſo freundlichen Hofe trennen kann. Ich habe der Eiſengitter, welche die Kapellen abſchließen, erwähnt, und ſte verdienen in der That die ganz beſondere Auf⸗ merkſamkeit des Kunſtfreundes; ſie ſind ſämmtlich aus geſchmie⸗ detem Eiſen, und die einzelnen ſenkrechten Stäbe derſelben, oft zierlich gewunden und cannelirt, endigen oben in Blumenbüſchel; aber dieſe ſind von ſo gewählten Formen und ſo lieblich mit einem wahrhaft griechiſchen Gefühl gruppirt, daß ſte zu den Meiſtei⸗ ſtücken mittelalterlicher Metallarbeit gehören. Der Brunnen, der meiſt in den Kreuzgängen auf der hal⸗ ben Länge einer der Seiten in den Hof hinausſpringend ange⸗ bracht iſt, befindet ſich hier in der Ecke, beſchattet von einigen hochſtämmigen Bäumen; aus der Mitte des größeren unteren Beckens erhebt ſich auf einem niederen Unterſatz eine zierlich ge⸗ arbeitete achteckige Schale, aus ihren ſenkrechten Achteckſeiten dicke Waſſerſtrahlen ſpeiend, und eine kleine niedliche Bronze⸗ Statue eines gewappneten Ritters, wohl des heiligen Georg, bil⸗ det die Spitze; das baldachinartig über das Ganze geſpannte Ge⸗ wölbe iſt an den Rippen ausgezackt, und dieſe ſind an den Kreu⸗ zungen mit hübſchen Schildern ornirt. Eine erquickende Kühle verbreitet dieſer Brunnen in ſeiner Umgebung, nach dem man im⸗ S & 6½ Zarcelona. 135 mer wieder umſchaut, wenn einen die Betrachtung entfernter Gegenſtände von ihm abgezogen. Ganz in ſeiner Nähe führt eine herrlich eingerahmte Spiitz⸗ bogenthür in den ſüdlichen Kreuzarm der Kathedrale. Ein mäch⸗ tiger, majeſtätiſcher Bau! Wie gewaltig wird man, aus dem klaren, ſonnigen Hofe tretend, von dem geheimnißvollen Dunkel in dieſem weit ausgehöhlten Raume erfaßt! Je tiefer man nach dem Süden kommt, um ſo mehr verſchwindet aus den Kirchen die Lichtmenge, die den nordiſchen Kirchen des Mittelalters durch ihre vielen ſchlanken Fenſter zugeführt wird; hier ſind die Fenſter an und für ſich ſchon viel kleiner, und eine große Zahl derſelben iſt zu⸗ gemauert, ſo daß die zahlreichen Kerzen ein wirkliches Bedürfniß ſind, da auch den lichtgebenden Oeffnungen ein Theil ihrer Kraft entzogen wird durch Glasmalereien, die meiſtens mit dunklem oder nachgedunkeltem Grunde leuchtende Punkte in Roth, Blau, Grün zeigen, deren Zeichnungen und Ornamente aber ſchwer zu ent⸗ räthſeln ſind. Nach einigem Verweilen entwirren ſich die in der anfäng⸗ lichen Dunkelheit ſich nach oben verlierenden Säulenbündel; das Auge verfolgt die aus ihnen ſproſſenden Rippen bis zu deren Ver⸗ einigung in dem hoch oben ſchwebenden Gewölbe, und unwider⸗ ſtehlich feſſelt den Beſchauer der allmälig klarer hervortretende herrliche Anblick des Chores, deſſen ſchlanke Formen von einem bewundernswerthen Ebenmaße ſind und deſſen weit und weiter entfernte polygoniſch hinter einander weglaufende Bogenreihen im reichſten Spiel von Streiflicht, Halbdunkel und Schlagſchatten durch die Vieltheiligkeit und die magiſche Dämpfung der Helle einen unvergeßlichen Eindruck machen. Der Hochaltar, umgeben und gekrönt von einem hohen, reich durchbrochenen gothiſchen Schnitzwerk mit zierlichen Giebeln, ausgefüllt vom feinſten Maßwerk und unterbrochen von unzähli⸗ gen kleinen Pyramiden, iſt an ſeinen beiden, nach vorn gekehrten Flügeln von zwei auf gewundenen Süulen ſtehenden vergoldeten 136 Sechstes Kapitel. Engeln begränzt, die wie die Wächter des Heiligthums glänzend aus der verſchwimmenden Dämmerung hervortreten. Am weſtlichen Ende beim Haupteingang iſt das Mittelſchiff durch eine hohe achteckige Kuppel mit kunſtvollen Gewölb⸗Durch⸗ dringungen abgeſchloſſen, eine ſonſt ſeltene Anordnung, die aber eine ſehr ſchöne Wirkung macht. Die Orgel der Kathedrale iſt ein bedeutendes Werk, prächtig von außen und im Tone von gewaltiger Wirkung. Wir ſahen hier zum erſten Mal eine Partie der Pfeifen horizontal in die Kirche hereinragen; ob der Ton hiedurch verſtärkt wird, weiß ich nicht anzugeben, aber ſie machen einen ganz eigenen Eindruck, denn aus dem Halbdunkel hervor, in dem die Orgel ſteht, ſehen ſte aus wie eben ſo viele blitzende Poſaunen, von unſichtbaren Händen gehalten und von unbekanntem Odem geblaſen, und ihre tiefen Töne dringen gewiß mit ernſter und ergreifender Mahnung herab zu der im Gebete verſunkenen Menſchheit. Eigenthümlich iſt die untere Verzierung der Orgel, welche, aus braunem und vergoldetem Holzſchnitzwerk beſtehend, in einen Saracenenkopf endigt, der mit langem ſchwar⸗ zem Barte ſo täuſchend gemacht iſt, daß man nach dem erſten Anſchauen unwillkürlich zurücktritt und, an einen blutigen Scherz früherer Jahrhunderte glaubend, meint, jetzt müſſen ſich die halb⸗ geöffneten Lippen krampfhaft ſchließen, jetzt die Augenlider über die blitzenden Augen niederfallen und ſich darauf der ganze Kopf mit tiefer erſchreckender Bläſſe überziehen. Etwas Angenehmes hat dieſes Saracenenhaupt durchaus nicht, doch hat ſeine Anwe⸗ ſenheit hier unter der Orgel gewiß irgend einen Grund, den ich aber leider nicht erfahren konnte. Dem erhabenen Inneren der Kathedrale entſpricht aber kei⸗ neswegs das Aeußere der Kirche; in winkelige Gaſſen verſteckt, bietet es ſich nirgends zu einem Geſammt⸗Anblicke dar. Die Thürme ſind unbedeutend, und die einem großen Platze zugekehrte weſtliche Giebelſeite iſt noch eine unvollendete rohe Mauer, wie 6 4 Zarcelona. 137 an vielen italieniſchen Kirchen, und dazu noch ſtellenweiſe ſehr ungeſchickt und verſchnörkelt bemalt. Gleich neben der Kathedrale ſcheint uns ein intereſſantes Haus, obgleich ſeine Mauern faſt ſchwarz ſind und trotzig in die Höhe ragen, durch den Wechſel der Zeit ſchon zugänglicher gewor⸗ den. Seine beiden Flügel ſind durch eine Gartenmauer ver⸗ bunden, über welche ein außerordentlich hoher Orangenbaum herübernickt und ſich mit dem grünen Laub und den goldgelben Früchten ſo gar anmuthig in dieſer finſteren Umgebung ausnimmt. Die Thorflügel ſind halb geöffnet, und nachdem wir einen Augen⸗ blick den zierlichen bronzenen Thürklopfer bewundert— er ſtellt rein fabelhaftes Thier vor, welches zwiſchen den Vordertatzen das Wappen des Erbauers trägt— ſchauen wir in den Hof hinein und erſtaunen über die Zierlichkeit deſſelben, ſowie auch über die Melancholie, welche ſeine theilweiſe Zerſtörung ausſpricht. Hier befinden ſich mächtige Citronen⸗ und Orangenbäume, die immer noch grünen und blühen, während der Strahl des Spring⸗ brunnens in der Mitte des Hofes, der früher ſo anmuthig zu erzählen wußte, ſchon längſt verſtegt iſt. Auch die Marmorplatten des Bodens ſind hier und da zerſprungen, eben ſo einige von den Säulen, welche eine kleine Halle im Hintergrunde des Hofes trugen. Man ſieht auch wohl, daß dieſe Stelle lang kein menſch⸗ licher Fuß mehr betreten, denn Steinbrocken aller Art, Marmor⸗ Ueberreſte und herabgefallene Ornamente ſind dort zuſammen⸗ getragen, und zwiſchen ihnen gingen Schlingpflanzen auf, die ſich anmuthig darüber hinranken. Rechts neben dem Thore wand ſich eine ſchlanke Treppe frei in den erſten Stock hinauf, welche auch heute noch von den Bewohnern des Hauſes benutzt wurde, denn wir ſahen auf den Stufen derſelben ein paar hübſche Kin⸗ der ſpielen, welche Orangenblätter abriſſen und ſich damit be⸗ warfen. Alle Gebäude in der Nähe des Conſtitutionsplatzes waren in früheren Zeiten und ſind wohl auch jetzt noch die Wohnungen 138 Sechstes Kapitel. hoher und niederer Geiſtlichkeit. Für uns, die wir oft hierher ſpazierten— denn wir fanden hier Jeder in ſeiner Richtung zu thun: unſer Baumeiſter, indem er Ornamente maß und zeichnete, Horſchelt, der eine hübſche Mädchenfigur oder ein paar kecke Ge⸗ ſtalten, die an den alten Thorbogen lehnten, in ſein Skizzenbuch nöthigte, und mir, der ich dieſe finſteren Häuſer ſo gern mit Ge⸗ ſtalten einer alten, längſt vergangenen Zeit bevölkerte— war beſonders das Gebäude mit dem ſeltſamen Thürklopfer von gro⸗ ßer Anziehungskraft. Wir nannten es nur das Prieſterhaus. Oben ſtatt des Daches hatte es einen Bogengang mit kleinen zierlichen Säulen, und dort genoß man gewiß eine entzückende Ausſicht über Land und Meer. In unſeren Träumen war es uns oft zu Muthe, als müſſe jetzt plötzlich dort oben eine wohl⸗ genährte Geſtalt im langen ſchwarzen Kleide luſtwandelnd erſchei⸗ nen, während zu gleicher Zeit aus einem kleinen zierlichen Fenſter im unteren Stocke, das von den Blättern der Orangen dicht be⸗ ſchattet war, leiſe Lautenklänge und gedämpft ein Lied, von ſchönen Mädchenlippen geſungen, hervortönte. Wie treue Wächter umgeben übrigens dieſe finſteren Häuſer den mächtigen Bau des Domes von Barcelona. Unſeren Spaziergang verfolgend, betreten wir die Calle de Escudelleros, wo ſich ebenfalls Hunderte von Läden und Magazinen an einander reihen; doch ſind hier weniger die glänzenden Gewölbe als in der Straße Ferdinand's VII.“ Hier kauft die immer ab⸗ und zuſtrömende Menge Stoffe und Geräthſchaften für den täglichen Gebrauch, und während man dort meiſtens elegante Toiletten, feine Paletots und glänzende Damenroben ſieht, bemerkt man hier mehr Geſtalten aus dem Volke und die Coſtume der länd⸗ lichen Bewohner aus der Umgegend von Barcelona. Hier iſt das Gewühl belebt durch die über die Schulter geworfene lange Manta, meiſtens in Roth, Blau oder Grau; auch bemerkt man hier den langen braunen Mantel mit dem kleinen Kragen über die Achſel herab, ein Kleidungsſtück, welches die Spanier ſo gewandt und 2 — 8 Zarcelona. 139 maleriſch umzuwerfen verſtehen. Vorherrſchend ſind die kleinen zugeſpitzten Hüte, die oftmals verzierte rund geſchnittene Jacke, kurze Hoſen und weiße Gamaſchen. So ſtehen die Männer in und vor den Gewölben, Papier⸗Cigarren rauchend, während ſie lachend und plaudernd um die verlangten Artikel handeln. Und dazwiſchen ſieht man das weibliche Geſchlecht in der unentbehrlichen Mantille, die meiſtens ſchwarz und ſelbſt bei der niederen Claſſe von Spitzen oder Seide und nach der Laune der Beſitzerin mehr oder minder phantaſtiſch aufgeſteckt iſt. Das Gewühl und der Lärm in dieſen Hauptſtraßen Barce⸗ lonas iſt an den Wochentagen wahrhaft betäubend, und dabei ſind die Gaſſen ſo ſchmal, daß der Menſchenſtrom oft kaum den ſchwe⸗ ren Karren auszuweichen vermag, die, mit Fäſſern und Kiſten beladen, meiſtens in langen Reihen daherkommen. Doch bemerkt man auch hier den angenehmen Grundzug und Charakter der Spanier, ſich gegenſeitig mit größter Höflichkeit zu behandeln und ſich nicht leicht aus der guten Laune bringen zu laſſen. Ein junges Mädchen, an das man unſanft hingeſtoßen wird und deſſen Man⸗ tille man zerdrückt, wendet ſich um und wird lachend ſagen: Das iſt ein kleiner Schaden, der durchaus nichts zu bedeuten hat! Sie blitzt uns mit ihren ſchwarzen Augen an und hüpft davon. Kommt man vielleicht zufällig in verdächtige Berührung mit den Rädern eines Karrens, ſo ſagt der Führer deſſelben auf die artigſte Weiſe von der Welt: Erweiſen Sie mir die Gunſt, ſich in Acht zu nehmen. Auch das beſtändige Cigarrenrauchen iſt mit daran ſchuld, daß gänzlich Fremde bei einander ſtehen bleiben und ein paar Worte zuſammen plaudern; hier bittet man um Feuer, dort reicht man ſelbſt die Cigarre einem Fremden zum Anzünden, wobei es häufig vorkommt, daß, wenn dieſer ſieht, mein Endchen ſei bedeu⸗ tend herabgebrannt, er ſich gleich daran macht, mir aus dem Vor⸗ rath von Papier und Tabak, den er ſtets bei ſich trägt, eine neue zu drehen. Natürlich ſchlägt man das niemals ab, der Spanier 140 Sechstes Kapitel. ſagt: a la disposicion de Usted, langt nach ſeinem Hute und ent⸗ fernt ſich freundlich grüßend. Je mehr man ſich vom Mittelpunkte der Stadt entfernt, deſto ſeltener werden die glänzenden Magazine, und man kommt nun in Gaſſen, wo Sattel und Riemenzeug aller Art verkauft wird, Fuhrmannspeitſchen, Hüte und Manta's von der gröbſten Sorte. Hier glaubt man ſich oft, was Leben und Verkehr anbelangt, in einer Gaſſe von Damascus oder Kairo zu befinden; denn der Schuhmacher ſitzt mit ſeinen Geſellen auf der Gaſſe, der Schneider flickt Röcke unter Gottes freiem Himmel und die Obstverkäuferin nebenan hat hier wie im Oriente die gleichen Früchte ausgeſtellt: Orangen, Citronen Granatäpfel, Datteln und Feigen. Was übrigens in ganz Barcelona, und leider nicht auf angenehme Art an den Orient erinnert, das iſt der gänzliche Mangel aller Dach⸗ rinnenröhren, um das Regenwaſſer auf den Boden zu leiten, weßhalb denn bei Regenwetter das himmliſche Waſſer auf beiden Seiten der Straße von den Dächern herab wie aus unzähligen Gießkannen niederſchießt. Quer über die enge Gaſſe iſt hier ebenfalls wie in vielen orientaliſchen Städten eine alte Matte geſpannt, um die Sonnen⸗ ſtrahlen abzuhalten, und wenn man dort jene beiden Geſtalten aus der Gegend von Sitgas und Tarragona betrachtet, nach Art der Beduinen in langem weißem Mantel, um den Kopf ein bunt⸗ farbenes Tuch, mit den gebräunten Geſichtern, den blitzenden Augen und dem ſchwarzen Barte— Einer hält, um die Täuſchung voll⸗ ſtändig zu machen, da er ein Viehtreiber iſt, eine lange Lanze in der Hand,— ſo könnte man glauben, es ſeien Araber aus der Wüſte von Gizzeh. In dieſem Stadtviertel ſieht man auch kleine heimliche Kneipen; nach der Straße zu weit offen, zeigen ſie dem Blick ein oft finſteres und ſchmieriges Gemach mit grob gezim⸗ merten Tiſchen und Bänken; an der Decke hängt der Weinvorrath in gegerbten Häuten von Ziegen und Schweinen; Hals und Pfoten ſind zugebunden und die Körper ſehen unfoͤrmlich geſchwollen Zarcelona. 141 aus. Der Wein ſoll ſich in ihnen recht gut halten, bekommt aber einen Beigeſchmack, der für eine Zunge, die nicht daran ge⸗ wohnt, ſehr unangenehm iſt. Die Oeffnung vor dieſen Kneipen iſt häufig mit einer Matte überhängt, aus dem Inneren dringen zuweilen Guitarrenklänge hervor, und als Wirthshauszeichen oder Schild hängt draußen eine brennende Lunte, deren ſich auch die Vorüberwandelnden zum Anzünden ihrer Cigarren be⸗ dienen. Natürlicher Weiſe gibt es auch hier in Barcelona Straßen, welche nicht von dem eben erwähnten Verkehr berührt werden, wo Beamte oder große Kaufleute wohnen, wo man weder Bouti⸗ ken noch Magazine ſteht. Hier ſind meiſtens ſtattliche aber finſtere Gebäude, vier bis fünf Stockwerke hoch, und man kann oft eine lange Strecke wandeln, ehe man ein menſchliches Weſen ſteht; hier oder dort lehnt wohl eine Mädchengeſtalt an einem der Balcons, und unten am Thore ſitzt vielleicht ein Bettelweib, wel⸗ ches mit ſtummer Geberde die Hand ausſtreckt, wenn der Spazier⸗ gänger einen Augenblick ſtehen bleibt. Und trotz der Oede und Stille dieſer Straßen bleibt man hier gern an einzelnen Häuſern ſtehen und ſchaut zuweilen in die kleinen reizenden Höfe hinein. Freilich ſind dieſe meiſtens durch eiſerne Gitter verſchloſſen, welche aber doch den Blick nicht abhalten können, der entzückt bemerkt, wie der Hof mit Marmorplatten bedeckt iſt und wie ein Spring⸗ brunnen ſeine klaren Strahlen emporſchleudert mitten zwiſchen die Zweige der Orangen und Citronen hinein. Auch Höfe mit alter und ernſter Architektur bemerkt man hier, mit ſtolz gewölb⸗ tem Eingange, mit Säulen, welche Arcaden tragen, und mit einer prächtigen Treppe im Hintergrunde, die, quer an dem Hauſe auf⸗ ſteigend, gewundene Sänulenſchafte zeigt, reich verzierte Capitäle und ſchwere Steingeländer, auf welchen zierliche Bildwerke ausge⸗ hauen ſind— Geſtalten aus dem alten Teſtamente oder Neptun mit ſeinen Seepferden und Tritonen. Oft, wenn ich allein auf den Straßen ſtrich, hörte ich aus einem dieſer Höfe ein leichtes 142 Sechstes Kapitel. Hüſteln und war angenehm überraſcht, unſeren Baumeiſter zu finden, der ſich da zeichnend und Cigarren rauchend ſtundenlang amuſirte. Für ihn, ſo wie für den Maler war auch in den Straßen von Barcelona genug zu finden, und wenn nicht gerade immer eine ſchöne Architektur an Gebäuden oder Höfen, ſo oft nur der Blick in einen langen dunklen Gang, an deſſen Ende durch eine ſchmale Thüre im ſcharfen Contraſt Licht und Sonnenglanz her⸗ eindrang, eine roh zuſammen gezimmerte Veranda beleuchtend oder eine kleine gewundene Treppe, die verſteckt und geheimnißvoll in den oberen Stock führte. Eine rieſenhafte Palme, die wir bei unſerem Umherſtreifen zwiſchen Häuſerlücken hervorragen ſahen mit weit ausgebreiteten Blättern— ein Anblick, der mich mächtig anzog, denn Palmen ſind mir immer noch eine liebe Erinnerung an Syrien und Aegyp⸗ ten—, führte uns in ein altes ehemaliges Kloſter, das jetzt zu einem Militärſpital eingerichtet wird— ein lieber, reizender Platz. Von außen durch hohe, geſchwärzte Mauern dem Blicke der Vorübergehenden entzogen, beſitzt dieſes Kloſter einen voll⸗ kommen erhaltenen Kreuzgang von zierlichen gothiſchen Arcaden, mit Säulen von erſtaunlicher Dünne und niedlich mit Blätter⸗ werk ausgemeißelten Knäufen, der in ſeiner einfachen Schönheit, in ſeiner Ruhe und Stille im länglichen Viereck einen kleinen Garten umgibt, wie man nichts Poetiſcheres ſehen kann; die Säulen ſind ſo fein, daß man kaum zu glauben vermöchte, die darauf ruhenden Spitzbogen könnten ſich halten, wenn nicht an den vier Ecken kräftige, flache Strebbogen in der Richtung der. Diagonale die Bogenſtellungen mit den dicken Umfaſſungswänden rückwärts verſpannen würden und ſo im Vereine mit der viel⸗ theiligen Balkendecke, die über dem Gange liegt, den beruhigenden Eindruck einer genügenden Feſtigkeit erweckten. Lorbern und Orangen bilden dichte Gruppen in demſelben, unter welchen ſich kleine Steinbänke befinden, von denen einige noch beſonders gegen die Sonne geſchützt ſind, indem man ſie mit Veranden 6 Zarcelona. 143 bedeckte, die höchſt einfach aus Lattenwerk und Weinlaub beſtan⸗ den und ganz willkürlich hier und dort an den Zweigen der Bäume feſtgemacht waren. Gebüſche und Bänke umgaben einen kleinen freien Platz in der Mitte des Gartens, wo ſich der unentbehrliche Springbrunnen befand, hier aber mit einem klaren Waſſerſtrahle verſehen, der hoch hinaufgeſchleudert wurde und mit ſchwarzen, ernſten Cypreſſen zu wetteifern ſchien, welche den Brunnen und das dazu gehörige Steinbaſſin umſtanden. Die gothiſchen Arcaden des Kreuzganges ſtanden doppelt über einander, und obgleich die obere Reihe zugemauert war, ſah man doch deutlich Säulen, Bogen und Capitäle. Der Campanile der Kloſterkirche oder eigent⸗ lich der Glockenſtuhl— denn er beſteht nur aus einer einzelnen mit Bogen durchbrochenen Mauer, die auf der Wand des Kreuz⸗ ganges ruht— ſchaut, von der Sonne beſchienen, freundlich zwi⸗ ſchen den Cypreſſen durch den Hof herein, und die in ſeinem Bogen ſchwebenden Glocken feiern jetzt wohl für lange Zeit, da keine Mönche mehr da ſind, die ihrem Rufe folgen. Die Geſtalt dieſer Kreuzgänge iſt eine unendlich glückliche und gut gewählte; es ſpaziert ſich ſo angenehm darin umher, und was in einem Parke die verſchlungenen Wege ſind, das ſind hier die Ecken des Ganges, welche das Einerlei eines langen Spazier⸗ ganges wohlthuend unterbrechen. Dabei waren die Möͤnche vor Sonne und Regen geſchützt, und die Umgebung, die ſie hier hatten, unterſtützte ſie bereitwillig in ihren mannigfachen Betrachtungen. Der heitere Blick, welcher gern auf dem Laub und den Blüthen des Gartens, auf den von der Sonne beſchienenen Blumen und dem glitzernden Waſſerſtrahl verweilte, wurde ernſt und düſter, wenn er ſich alsdann auf die Steinplatten des Bodens nieder⸗ ſenkte oder auf die Wände des Kreuzganges, wo eine lange Reihe von Namen derer eingehauen war, die einſtens hier gewandelt, ebenfalls umgeben von Blüthenduft und Sonnenglanz. Dieſes Kloſter liegt dicht an der ſüdöſtlichen Stadtmauer, und wenn man dieſer folgt, ſo kommt man in ein ärmliches Stadt⸗ 144 Sechstes Kapitel. viertel, welches aber nicht unintereſſant iſt. Die engen Gaſſen laufen hier eigenſinnig durch einander, finſter und ſchmutzig, zuwei⸗ len durch kleine Plätze unterbrochen, wo Häuſer niedergeriſſen wurden, deren Formen man noch deutlich erkennt an den Mauern der ſtehen gebliebenen, gerade wie die Ueberbleibſel eines Schwal⸗ benneſtes, das man von der Mauer herabgeſtoßen. Auch recht feuchte Winkel gibt es hier, welche ſich wuchernde Pflanzen zu Nutze gemacht haben, die, hoch auf dem Dache entſproſſen, längs den grauen Mauern herabgekrochen ſind. Hier und da erblickt man auch einen freundlichen Balcon, neben dem ſich eine mächtige Weinrebe hinaufſchlingt, deren Ranken oben, durch Latten oder Pfähle unterſtützt, ein weit vorſpringendes Schattendach bilden. So umherſchauend, und bald hier, bald dort ſtehen bleibend, kommen wir auf einen breiten, mit doppelten Baumreihen be⸗ pflanzten Spaziergang, el Paſeo Nuevo ,‚der parallel mit der Rambla läuft, gegen dieſe aber ſehr einſam und öde liegt; er iſt zu ſehr vom Mittelpunkt der Stadt entfernt, um von der elegan⸗ ten Welt benutzt zu werden. Doch ſcheint ſich hier die jüngere Generation oder vielmehr die Bonnen und Wärterinnen derſelben ein Rendezvous zu geben; denn wie z. B. im Garten der Tuile⸗ rien zu Paris auf einer Stelle, die wegen ihrer ſonnigen Lage la petite Provence heißt, ſteht man auch hier eine große Anzahl ge⸗ putzter Kinder, die ſich unter den Bäumen umhertummeln und allerlei Spiele treiben. Ich kann hier nicht eine eigenthümliche Kopfbedeckung der kleinſten dieſer Kinder, welche anfangen laufen zu lernen, unerwähnt laſſen. Es ſind das Fallhüte von Stroh geflochten, die wie ein Turban ausſehen, und dem Kopfe beim Niederſtürzen eine elaſtiſche Unterlage geben. Die kleinen Spa⸗ nierinnen mit ſehr großen und glänzenden Augen tanzen im Kreiſe, während die jungen Dons exerciren und Soldaten ſpielen; denn in dieſer Richtung ſehen ſie hier treffliche Vorbilder; dieſer Spa⸗ ziergang ſtößt nämlich an das Glacis der Citadelle, und auf dem⸗ ſelben werden die Soldaten abgerichtet, müſſen ſtehen und gehen A Zarcelona. 145 lernen, rechts⸗ und linksum machen, nach Zählen marſchiren, ganz wie bei uns— ein Anblick, der uns denn auch deßhalb ſo äußerſt angenehm an die Heimath erinnerte. Der heutige Tag ſchien den Tambours gewidmet zu ſein, und dieſe ſpazierten zu Zweien oder Dreien recht melancholiſch auf den Wällen und in den Gräben umher, ſich und dem begleitenden Unteroffizier etwas vormuſi⸗ cirend. Die Citadelle, deren Werke beim Aufſtand 1842 theilweiſe gelitten haben, iſt vollkommen wieder hergeſtellt; man ſteht von dem Spazierwege aus deutlich die lang gezackten Linien vor ſich liegen, Schießſcharten und Geſchütze, ſo wie eine einſame Schild⸗ wache. Wir laſſen die Citadelle links liegen; ehe wir aber den breiten Weg verlaſſen, ſtoßen wir auf einen kleinen melancholiſchen Garten, mit Mauern und einſamen Gittern eingefaßt, den einſtens ein Gouverneur der Citadelle für ſich und ſeine Familie angelegt. Jetzt iſt eines ſeiner Thore dem Publikum geöffnet, durch welches wir denn auch eintreten. Der Garten i*ſt klein und erſcheint als eine große Spielerei, wie die Eſſenz eines großen Parkes: Laub⸗ gänge, Alleen en miniature, Seen und Teiche wie Entenpfützen, Hügel, die man faſt mit einem guten Schritte überſteigen kann, auf ihnen kleine Pavillons zu anderthalb Perſonen, und im Ver⸗ hältniß dazu Marmorſtatuen, die alten Götter darſtellend, wie ſte wohl in ihrer Jugend ausgeſehen haben mögen; auch eine kleine Menggerie fehlte nicht, in welcher neben Vögeln einer ſehr nied⸗ rigen Rangelaſſe auch ein armer Lämmergeier war, der trüb⸗ ſelig auf das gewaltige Meer hinausblickte, welches man hier und da zwiſchen den Zweigen durchglänzen ſteht. Vom Glacis der Citadelle haben wir nicht weit zur Puerta del Mar mit ihrem großen Platze, über welchen wir hinweg⸗ ſchreiten, bei dem ſchon erwähnten Cafehauſe der ſieben Thüren vorbei, und auf einer breiten Rampe hinauf zur Muralla del Mar, wo wir dem Gewühl und Geräuſch der Stadt, dem Spec⸗ takel der Feilen, Meißel und Hämmer, dem Schwirren der Web⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 10 146 Sechstes Kapitel. ſtühle, dem Raſſeln der Maſchinen, dem ganzen unendlichen Lär⸗ men des gewerblichen Fleißes, den man an allen Enden der Stadt hört, glücklich entronnen ſind, wo das Auge, nicht mehr geblendet von dem buntfarbigen, ſich eng durch einander drängenden Men⸗ ſchenſtrom, endlich ausruhen kann. Dieſe Muralla del Mar, eigentlich eine prachtvolle Terraſſe, die ſich in einer Breite von ſechszig Fuß an die Bruſtwehr der Hafenmauer lehnt, iſt eine der angenehmſten Promenaden Barcelonas. Vor uns haben wir den Felſen des Monjuich, zu unſerer Linken den Hafen, Rhede und Strand, letzteren mit ſeinem eigenthümlichen Leben, weiter hinaus Barceloneta und vor uns ein unermeßliches Stück des mittellän⸗ diſchen Meeres; rückwärts aber liegen in der Tiefe lange Reihen von Gebäuden und Paläſten, Haus an Haus, von der Terraſſe durch eine Straße getrennt, über die nur einige Mal, wie z. B. an der Wohnung des Gouverneurs, Brücken in das zweite Stock⸗ werk führen. Wie ich ſchon früher bemerkte, ſtoßen dieſe Hafenmauern mit der Rambla unter einem rechten Winkel zuſammen. In dieſem Winkel liegt das ſtarke Fort Atarazanas ,welches auf dieſe Art die beiden Hauptſpaziergänge Barcelonas dominirt und mit ſeinen Kanonen beſtreichen kann. Man ſieht, daß hier das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden iſt. An dieſem Ende und dem an⸗ deren entgegengeſetzten, bei dem Cafe der ſieben Thüren, führen gewaltige Rampen von der Höhe der Terraſſen hinunter auf das Niveau der übrigen Straßen, und iſt der Anblick des Menſchen⸗ gewühls, zumal bei der aufziehenden Parade, auf dieſen ſchiefen Flächen ein außerordentlich lebendiger. An Sonntagen, wie heute, in der kälteren Jahreszeit nament⸗ lich, zwiſchen zwei und vier Uhr, iſt nun die Rambla, die von genanntem Fort eine gute Viertelſtunde lang in gerader Linie zur Puerta Iſabella II. hinaufführt, mit Wagen, Reitern und Fußgängern beſäet. Für letztere iſt der mittlere, mit Bäumen bepflanzte Weg, die anderen bewegen ſich rechts und links von Zarcelona. 147 dieſem auf der gepflaſterten Straße längs den Häuſern. Alles, was ſehen oder geſehen ſein will, oder was Anſprüche auf ele⸗ gante Toiletten und Schönheit macht, findet ſich hier auf der Rambla zuſammen. Das Auge iſt geblendet von dem buntfar⸗ bigen Strome, der plaudernd und lachend auf und ab wogt, der Körper aber bald ermüdet von dem ewigen Ausweichen, von dem langſamen Gehen und von dem beſtändigen Durchwinden zwiſchen dieſer gedrängten Menſchenmaſſe. Namentlich das weibliche Ge⸗ ſchlecht iſt hier ſtark vertreten, um gewählte Toiletten oder auch oft ſehr geſchmackloſe Anzüge zur Schau zu tragen. Die Barcelo⸗ neſerinnen ſind nicht wegen ihrer Schönheit berühmt: etwas derb, wohl voll und üppig, dabei aber ſteif, ohne die eleganten Formen ihrer ſüdlichen Landsmänninnen, ſcheinen ſie die ihnen mangelnde Grazie durch die bunten, auffallenden Farben ihrer Gewänder erſetzen zu wollen. Neben ſehr beſcheidenen und gewählten Anzü⸗ gen ſah ich hier andere, ſo aus ſchreienden Farben zuſammengeſetzt, daß ſie dem Auge ordentlich wehe thaten. Glücklicherweiſe mindert die ſchwarze Mantille, wenigſtens von oben herab, manchen auf⸗ fallenden Anzug; doch haben auch ſchon Viele dieſe allerliebſte Landestracht bei Seite gelegt und prangen in Hüten die einſtens in Paris Mode waren und ſtark mit wehenden Federn und bun⸗ ten Bändern aufgeputzt ſind. Drei Dinge findet man übrigens auch am Kopfe einer Barceloneſerin ſelten unſchön, das ſind Zähne, Augen und Haare, wogegen leider bei Vielen auf der Oberlippe ein dunkles Bärtchen bemerkbar iſt, deſſen ſich bei uns mancher junge Offizier nicht zu ſchämen hätte. Die Mädchen aus dem Bürgerſtande ſieht man häufig in einem Kleiderſchnitte, den man faſt einen altdeutſchen nennen könnte, wenigſtens findet man bei uns auf alten Bildern denſelben Spenzer, knapp die Taille umſchließend, mit kurzen, engen Aermeln, die mit Spitzen oder weißen Manchetten eingefaßt ſind— eine Tracht, ſehr kleidſam, die auch ſeit einiger Zeit bei unſeren Damen wieder Mode zu werden anfängt. *— 148 Sechstes Kapitel. Die jungen ſpaniſchen Elegants ſind einfacher gekleidet, thun aber ſchon ein Uebermögliches in der Farbe der Cravaten und Handſchuhe. Paletot und Frack haben übrigens kein ausſchließen⸗ des Recht auf die Rambla, und es iſt ſehr angenehm, auch die Nationaltracht mit kurzer Jacke, weißen Gamaſchen, ſpitzem Hut und farbiger Manta ſtark vertreten zu ſehen. Dabei ſtehen die Träger der letzteren, was anſtändiges Benehmen anbelangt, hinter den Erſteren nicht zurück; ja, man könnte die meiſten unter ihnen für vornehme Leute halten, die ſich zu ihrem Vergnügen ſo coſtumirt haben; gewandt und anſtändig führen ſte ihre Damen, bleiben eben ſo bei Begegnenden ſtehen, ſchauen lachend einem hübſchen Mädchen nach, und führen ihre Papiercigarren eben ſo coquet zum Munde, wie der Elegant in ſeinen Glacshandſchuhen die Puros.. Für eine ſo große volkreiche Stadt wie Barcelona— ſie hat ungefähr 250,000 Menſchen— ſieht man wenige und faſt gar keine eleganten Equipagen, was wohl daher kommen mag, daß ein leichtes ſchönes Fuhrwerk nur in den breiten Straßen der Stadt zu gebrauchen iſt, aber nicht zu Ausflügen in die Umgegend. Denn kaum hat man die Thore der Stadt hinter ſich, ſo fängt das ſpaniſche Straßen⸗Elend an, und man geräth in fußtiefe Löcher und Geleiſe, wo leichte Achſen und Räder in kurzer Zeit zuſammen⸗ brechen müſſen. Deßhalb bemerkt man viele und gute Reiter und die jungen Leute von Barcelona lieben es, ſich auf der Rambla vor ihren Schönen auf raſchen Pferden ſehen zu laſſen. Dieſe ſind meiſtens von andaluſiſcher Race, alſo arabiſcher Herkunft, faſt alle dunkelbraun oder ſchwarz mit außerordentlich ſtarken Mäh⸗ nen und lang herabwallendem Schweife. Auch in der Woche iſt die Rambla faſt ſo belebt wie an Sonn⸗ und Feſttagen; wenn es alsdann der eigentlichen Spazier⸗ gänger weniger ſind, ſo iſt dagegen der gewerbliche Verkehr größer und Käufer und Verkäufer gehen eilfertig mit einander dahin. Die Bewohner der umliegenden Dörfer laſſen ſich alsdann auch —⏑⏑—:—— Barcelona. 149 häufiger in den Straßen Ferdinands VII. und auf der Rambla erblicken; dort betrachten ſie die glänzenden Magazine, hier die anſehnlichen Gebäude der großen Theater und Gaſthöfe. Eine eigenthümliche Zuſammenkunft bemerkte ich öfters hier, Morgens früh nämlich eine bedeutende Anzahl Weißputzer, die mit ihren lan⸗ gen Stangen auf der Schulter wie zum Appel zuſammen zu treten ſchienen und ſich gleich darauf nach allen Seiten zerſtreuten. Um einen neuen ſchönen Marktplatz für Barcelona zu ge⸗ winnen, hat man ungefähr gegenüber der Straße Ferdinand's VlII. eine Menge alter Häuſer zuſammengeriſſen und den Raum, wo dieſe ſtanden, ſowie die Höfe derſelben zu einem ziemlich großen Ganzen vereinigt. So iſt es ein ſtattlicher viereckiger Platz ge⸗ worden, rings von neuen prächtigen Häuſern umgeben, welche im unteren Stocke eine um den ganzen Platz hinlaufende geräumige Halle von ſchlanken Steinſäulen haben, in der ſich kleine Läden ebenfalls für die täglichen Lebensbedürfniſſe, befinden. Die Pro⸗ dukte aber, welche von Tag zu Tag wechſeln: Fleiſch, Fiſche, Ge⸗ müſe, Früchte aller Art, befinden ſich auf dem Platze ſelbſt, wo jeder Stand für ſich recht zierlich geordnet iſt, und alle regelmäßig aufgeſtellt, unter ſich breite Gänge bildend, die ſich rechtwinkelig durchſchneiden und den Verkehr bequem und angenehm machen. Die meiſten dieſer Stände ſind von oben durch graue Leinwand oder Matten gegen die Sonne geſchützt, und der ganze Markt hat namentlich durch die ſtattliche Umgebung etwas Großartiges und ſteht bei Abend, wo der Ein⸗ und Verkauf recht lebhaft geht, von vielen Lichtchen erhellt, recht freundlich aus. Dieſer Marktplatz, öſtlich von der Rambla, gehört zur alten Stadt, die ſich auffallend von den Theilen, welche wir vorhin durchwanderten, unterſcheidet. Hier ſind die Häuſer noch dunkler, noch höher, und in den meiſten Straßen ſo eng beiſammenſtehend, daß man ſich in einigen ohne große Mühe von einem Balcon zum andern die Hand reichen könnte. Dieſe Balcone geben überhaupt dieſen Häuſerfronten mit unzähligen Fenſtern ein ganz eigenes 150 Sechstes Kapitel. Anſehen, jedes derſelben iſt damit verſehen, alle haben faſt das gleiche ſchwarze eiſerne Gitter, wodurch der Anblick hier über alle Beſchreibung monoton wird. Dabei iſt in dieſem Theile der Stadt wenig Verkehr, man kann ganze Straßen durchwandern, ohne etwas Anderes zu ſehen, als die trübſeligen, hohen, dunklen Mauern mit verſchloſſenen Fenſtern, und an einem derſelben hier oder dort ein verkümmertes Geranium, auf der Straße ein paar Hunde, eine vorüberſpringende Katze und zuſammengekauerte Bett⸗ ler beiderlei Geſchlechts. Wenn es hoch kommt, begegnen wir vielleicht einem mageren Pferde, mit Fäßchen beladen und von ſeinem Eigenthümer geführt, der mit gellender Stimme den aller⸗ vortrefflichſten Eſſig anpreist. Die Monotonie der Straßen der alten Stadt rührt auch wohl von den vielen Klöſtern her, die ſich ehemals hier befanden, und wenn man auch ihr Inneres voll⸗ kommen umänderte, ſo nahm man doch dem äußeren nicht ſein finſteres und abſchreckendes Ausſehen. Hier wohnen niedere Beamte, kleine Handwerker, Wäſche⸗ rinnen. Letztere ſieht man häufig bei ihrem Geſchäfte, wenn man zu einem der finſteren Thorwege hineinblickt; dabei befindet ſich im Hofe ein breites Steinbaſſin mit einem einfachen Brunnen, der ſei⸗ nen Waſſerſtrahl hineingießt, und ringsumher eine Anzahl Weiber, welche die Wäſche mit Hölzern und ihren Fäuſten auf der Steinein⸗ faſſung bearbeiten. Etwas, das dieſem Stadttheile einiges Leben ver⸗ leiht, ſind die vielen Omnibus und Diligencen, die von hier aus nach der Umgegend, nach Saragoſſa, Madrid, Tarragona und Valencia fahren. Faſt alle paſſiren das Thor, welches nach Sarria hin⸗ ausführt, ein altes finſteres Gewölbe mit einer halbverfallenen maleriſchen Brücke und vernachläſſigten Glaciseinſchnitten. Dort raſſelt gerade einer dieſer Marterkaſten bei uns vorüber, mit acht Maulthieren beſpannt, deren Geſchirr mit Meſſingſtücken und kleinen Glocken bedeckt iſt, die unaufhörlich klingeln und klimpern. Schon innerhalb des Thores und der Stadtmauer iſt Weg und Pflaſter ſo entſetzlich ſchlecht, daß der Wagen wie betrunken hin — ˖⏑⏑:⏑—Q—ꝛ—— Zarcelona. und hertaumelt; auch muß er eine Zeit lang warten, bis eine Menge Laſtkarren, die vor ihm ſind, die ſchmale Paſſage endlich befreit haben. Vor der Brücke nimmt ihn gleich eine dichte Staubwolke in Empfang und entzieht ihn bald unſeren Blicken. Wir laſſen ihn für heute gern ziehen, denn in kurzer Zeit werden auch wir dort eingezwängt ſein, immer noch früh genug für ein ſolches Vergnügen. Uebrigens fehlt es auch dieſem Stadttheile nicht ganz an Läden, doch ſind es meiſtens Obst⸗ und Victualienhändler, kleine Bilderläden oder ambulante Muſikalienhandlungen. Die beiden letzteren haben mir manche Viertelſtunde gekoſtet, denn ich konnte ſelten bei ihnen vorübergehen, ohne die ausgehängten Kunſtſchätze bewundert zu haben. Natürlich ſind ſie für die unteren Volks⸗ claſſen berechnet, und die Bilder, eigentlich Bilderbogen, behandeln Gegenſtände, welche dem ſpaniſchen Volkscharakter am meiſten anpaſſen. Da ſind Don Quirote und Sancho Panſa, verſchie⸗ dentlich während ihrer Irrfahrten aufgefaßt, nach unſeren Begrif⸗ fen furchtbar carikirt, mit paſſenden Unterſchriften verſehen; ferner blutige Räubergeſchichten mit einer wahren Verſchwendung von brennenden Farben, hier ein Gefecht zwiſchen Räubern und Guar⸗ dias Civiles, wobei die erſteren Sieger bleiben, dort die Beraubung einer herrſchaftlichen Kutſche oder großes Würfelſpiel der ganzen Bande um vollbuſige Weiber, die auf den Knieen liegen und Schonung zu erflehen ſcheinen. Die Muſtkalienhandlung iſt ein ſehr einfaches Etabliſſement und beſteht aus einem Stuhle, auf dem der Eigenthümer ſitzt, und mehreren Schnüren an der Mauer eines Hauſes, woran die betreffenden Muſtkalien aufgereiht ſind. Hier ſpielen Stierfechterromanzen, Geſchichten von verwegenen Contrebandiſten, ebenfalls verdrießliche Abenteuer eines Corregi⸗ dors mit einer ſchönen Müllerin, ſo wie Don Juan's Thaten und Ende eine Hauptrolle. Für einige Realen kaufte ich mir hier eine ganze Sammlung von Volksliedern. Dieſe neue lange Wanderung hat mich indeſſen müde und hungrig gemacht. Es iſt fünf Uhr, und ich begebe mich zurück 152 Sechstes Kapitel. nach der Fonda del Oriente. Im Hofe derſelben finde ich meine beiden Reiſegefährten; der Baumeiſter ſtudirt an großen Placaten die Abfahrt der Dampfſchiffe, während Horſchelt eine der oben erwähnten Diligencen ſkizzirt, die eben zum Abfahren bereit ſteht. Die Maulthiere ſind ungeduldig und treten hin und her, und einem, das ſich gar ungeberdig anläßt, hat der Delantero ſeine Manta um den Kopf gewickelt, wodurch es geblendet wird und ruhig ſteht. Ich trete einen Augenblick in die große Küche des Hauſes, die ſehr reinlich iſt und an deren Thür unſer vortrefflicher Maurice ſteht, umgeben von einem halben Duzend fetter Hunde, unter deren Beihülfe das Diner bereitet wurde z ſie müſſen nämlich vermitteſt eines Tretrades ſämmtliche Braten drehen, und damit, wenn ſte vielleicht bei dem ſüßen Duft in hungrige Träumereien verfallen und ſtillſtehen, dieſes von den betreffenden Küchenjungen augen⸗ blicklich bemerkt wird, iſt oben an der Decke eine Glocke angebracht, welche, durch einen ſinnreichen Mechanismus bewegt, alsbald an⸗ fängt zu klingeln, ſobald Hund und Rad ſtillſtehen. Jetzt läutet Maurice an der großen Glocke des Hauſes; in dieſem Augenblick ſind auch ſämmtliche Paſſagiere in die Diligence eingezwängt worden, der Delantero ſchwingt ſich auf, reißt zu gleicher Zeit dem unartigen Maulthiere die Manta vom Kopfe weg und, während wir zum Diner hinaufſteigen, raſen die acht Maulthiere wie toll zu dem engen Hofe hinaus. So iſt das Reiſeleben und nach einiger Zeit werden auch wir mit Neuange⸗ kommenen die Rollen gewechſelt haben. Wenn man uns von den intereſſanteſten Sehenswürdig⸗ keiten außerhalb der Stadt ſprach, ſo hatte man immer in erſter Reihe des Friedhofes erwähnt, der einzig in ſeiner Art ſei und ſeines Gleichen nicht in Spanien„ja nicht in der ganzen übrigen Welt haben ſolle. Wir dachten dabei an Anlagen, wie z. B. Pere la Chaiſe, prächtig wie dieſer berühmte Friedhof ge⸗ legen, vielleicht mit einer weiten Ausſicht aufs Meer. Eines ſchönen Nachmittags beſchloſſen Baumeiſter Leins und ich den⸗ Zarcelonn. 153 ſelben aufzuſuchen. Wir gingen zur Puerta del Mar hinaus und kamen gleich vor der Stadt in einen breiten, mit einer vier⸗ fachen Baumallee bepflanzten Weg, welcher der Beſchreibung nach auf den Kirchhof führen mußte. Den Bahnhof der Eiſenbahn⸗ route nach Mataroͤ, ſowie den Stierplatz ließen wir rechts liegen und ſchritten auf dem faſt ſchnurgeraden Wege fort, welcher ſich ungefähr tauſend Schritte vor der Stadt plöͤtzlich, aber nur an einer Stelle, auf ein Drittel verengt, weil er hier durch das Glacis der Feſtung führt und Behufs der Zoll⸗ und Thorabgaben mit einem Paliſſadenthor geſperrt werden kann. Von dem Thore der Stadt hatten wir eine kleine halbe Stunde zu gehen, um den Kirchhof zu erreichen, deſſen Mauern 1 und Eingangspforte wir übrigens ſchon längere Zeit am Ende G der Allee vor uns ſahen. Sie ſchien aus gelben Sandſteinen ge⸗” baut und blickte hell und ſchimmernd zwiſchen Lorbeerbüſchen hervor. Rechts und links von dem großen Gitter, welches den Eingang verſchloß, befanden ſich kleine Gebäude, ägyptiſch verziert; 3 man muß es wohl ſo heißen, denn neben den bekannten, ſich nach oben verjüngenden Formen waren gleich wieder welche von einem anderen Styl, kurz, ein ſonderbares Gemiſch von ernſt ſein ſollenden Formen. Obgleich wir das Meer zur Rechten hatten, ſahen wir es doch nur zuweilen, da hier niedrige Dünen ſind, die es dem Blicke entziehen; doch bot die Stadt zu unſerer Linken von hier aus einen wahrhaft prächtigen Anblick. Man ſieht ſie lang⸗ geſtreckt mit ihren großen Häuſermaſſen in dem Thale liegen, welches von Ausläufern der Pyrenäen gebildet wird, die Barce⸗ lona im Halbkreis umgeben. Von hier aus erkennt man auch die fabrikreiche Stadt; denn über den glatten Dächern und Ter⸗ raſſen erblickt man zahlreiche Dampfſchornſteine, deren ſchwarzer Rauch die ſonſt ſo reine und klare Luft etwas verfinſtert. Von Weitem geſehen, hat Barcelona eine gelbliche Sandſteinfärbung, welche ſich namentlich im Strahl der Sonne warm und glänzend ausnimmt; über den Häuſermaſſen ragen zahlreiche Kirchen her⸗ 154 Sechstes Kapitel. aus, vor allen aber die majeſtätiſche Maſſe der Kathedrale mit ihren beiden hohen durchbrochenen ſchwarzen Thürmen, welche ziemlich genau den Mittelpunkt der Stadt anzeigen. Doch ſind wir am Thore des Friedhofes und ſtehen ver⸗ wundert über den ſeltſamen Anblick, der ſich uns darbietet. Wir ſchauen in das Innere und ſuchen vergeblich einen Friedhof nach unſeren Begriffen. Da iſt weder Raſen, Baum, Strauch, noch Monument, Kreuz, vor allen Dingen aber kein Grab zu ſehen; es liegt vielmehr eine kleine Stadt vor uns, in deren Hauptſtraße wir überraſcht hineinſchauen; ja, eine förmliche Straße, aus Ge⸗ bäuden von vielleicht ſechzehn Fuß Höhe gebildet, die, aneinander ſtoßend, auf beiden Seiten eine lange Linie bilden, nur unterbro⸗ chen durch Querſtraßen, welche die, in der wir wandern, recht⸗ winkelig durchſchneiden. Sämmtliche Gebäude haben nach Art der großen Fabriketabliſſements unzählige Oeffnungen in regel⸗ mäßigen Linien, eine neben der anderen— Fenſter könnte man ſte nennen, doch haben ſie nicht viel über dritthalb Schuh im Quadrat und ſind ſtatt des Glaſes mit Marmorplatten verſehen, deren Inſchrift uns die Bedeutung dieſer Zellen vollkommen klar macht. Denn die goldenen oder auch blos eingegrabenen Buch⸗ ſtaben auf ſchwarzem oder dunkelgrauem Grunde erzählen uns, wer hier liegt, wann er geboren, wann er geſtorben. Der Kirchhof von Barcelona iſt eine Stadt der Todten, deren Gebäude aus dicken Mauern, faſt geformt wie Bienenzellen, beſtehen, in welche man die Särge wagerecht hineinſchiebt und dann die Oeffnung mit der oben erwähnten Tafel verſchließt, wo⸗ durch blos das Kopfende des Sargbehälters im Aeußeren zum Vorſchein kommt. Wie man uns verſicherte, hat die Luft hier die merkwürdige Eigenſchaft, die Körper der Verſtorbenen in wenigen Jahren auszutrocknen, was ſie zu Stande bringt, ohne dadurch eine ſchlechte Atmoſphäre zu erzeugen. Hier in dieſen ſeltſamen Straßen merkt man wenigſtens nichts davon, daß man zwiſchen Tauſenden von Todten umherwandelt, von denen doch ein großer ZDarcelona. 155 Theil hier ſchon Jahre lang ſo gut wie in freier Luft wohnt, nur durch eine dünne Marmortafel von uns geſchieden. Wie viele Grabſtätten hier ſind, bin ich nicht im Stande anzugeben, denn es ſind ihrer unzählige, und ich muß den Begriff einer Stadt der Todten feſthalten. Wir biegen rechts in eine Seitenſtraße und haben vor uns eine gleiche lange, lange Linie von Gräbern; wir wenden uns links und finden kurze Zeit nachher abermals eine andere lange Straße, die unſeren Weg durchſchneidet. Auch Neu⸗ bauten ſehen wir: hier wurden noch mehrere Stockwerke aufgeſetzt, dort errichtete man ein ganzes Stadtviertel für neue Ankömm⸗ linge. Da konnten wir ganz gut auch die Conſtructionsweiſe ſehen; ſämmtliche Grabkammern ſind aus Backſteinen errichtet und auch mit Backſteinen in flachem Kreisſegmentbogen überwölbt, jedoch ſo, daß die wagerechten wie die ſenkrechten Scheidewände nicht mehr als die Dicke eines einzigen Backſteines haben. Auch zwiſchen den bewohnten Zellen ſah man hier und da ganze Reihen leer ſtehen und geöffnet, woher ich vermuthe, daß es den Einwohnern von Barcelona frei ſtehe, ſich Straße und Nummer auszuſuchen, wo ſie nach ihrem Tode ruhen wollen. Begreiflicher Weiſe hat jedes Tafel⸗ oder Mauernquadrat einen freien Raum in ſeiner Mitte, der als Garten angelegt iſt, auch Kreuze und Mo⸗ numente hat, die man aber beim allgemeinen Ueberblick nicht ſteht und erſt gewahr wird, wenn man an dem zugehörigen Eiſen⸗ thor vorüber kommt. Hier befinden ſich große gemeinſchaftliche Gräber, in welche nach einer Reihe von Jahren die Ueberreſte aller derer zuſammengelegt werden, die eine eigene Grabzelle für ewige Zeiten nicht bezahlen konnten oder wollten; dieſelben ſind ſchön mit Cypreſſen umpflanzt, und man ſagte uns, die Gebeine werden darin mit einem Ueberguſſe von Kalk verſehen. Anfäng⸗ lich verurſachte es uns ein eigenthümliches Gefühl, in dieſen ſtillen, öden Straßen umherzuwandeln, und man liest ſchüchtern die Namen derer, die hier ruhen; bald aber hatten wir uns mit dieſer Begräbnißart befreundet und fanden es für die Ueberlebenden 156 Sechstes Kapitel. bei Weitem angenehmer, ihre Angehörigen ſo in der freien Luft aufgeſtellt zu wiſſen, ſtatt ſieben Fuß tief unter dem feuchten Raſen in der traurigen Grube, ſo weit entfernt von Sonnenlicht und Mondenſchein. Man darf ſich jedoch nicht denken, daß der Anblick ein allzu monotoner ſei; die Kreuzungen von zwei Straßen ſind meiſt be⸗ nutzt, um Monumente wichtiger Perſonen nicht allein in ihrer Mitte aufzuſtellen, ſondern auch die einſpringenden Winkel je auf den vier Ecken ſind mit ſolchen Denkmalen ausgefüllt, häufig mit Eiſengittern umgeben und oft von wahrhaft edler künſtleriſcher Anordnung. Dem Haupteingang gegenüber am Ende der großen Mittelſtraße iſt in erhöhter Lage eine Capelle erbaut, die der ganzen Anlage eine höhere Würde verleiht. Die Straßen ſelbſt ſind weit, vortrefflich gepflaſtert und geplattet, und die Reinlich⸗ keit und Ordnung eine muſterhafte. Hierbei kann ich ein Denk⸗ mal nicht unerwähnt laſſen, welches ſich dicht am Eingange des Friedhofes befindet. Es ſtellt eine vielleicht zehn Fuß hohe Pyra⸗ mide von weißem Marmor vor, auf deren Unterſatze ſich auf zwei Medaillons der Kopf eines Mannes und der einer Frau befinden; es iſt dieſes ein ſehr in Liebe erglühtes Ehepaar, welches am Tage ſeiner Hochzeit dieſes Monument errichten ließ, um der ſtaunenden Mitwelt zu verkünden, daß Beide auch nach ihrem Tode ungetrennt bleiben wollen. Die Sache kam indeſſen anders; denn ſchon im erſten Jahre nach ihrer Verbindung fielen Streitigkeiten ſo ernſter Art vor, daß ſie bald darauf eine förmliche Scheidung herbei⸗ führten. Daß unter dieſen Umſtänden die Gruft unter dem Denk⸗ male nicht benutzt werden wird, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Auch ſollen ſich die Betheiligten, welche beide noch leben, bereits andere Ruheſtätten an zwei entgegengeſetzten Enden des Kirchhofes aus⸗ geſucht haben. Wenige Spaziergänger trafen wir auf unſerer Wanderung durch die ſtillen Straßen, nur hie und da fanden wir Jemanden beſchäftigt, einen Immortellenkranz an einer der Marmortafeln V V Barcelona. 157 aufzuhängen. Zufälliger Weiſe aber wurde es uns vergönnt, ehe wir den Kirchhof verließen, noch einem Begräbniſſe beizu⸗ wohnen, und zwar dem eines deutſchen Landsmannes. Da wir in Begleitung deſſelben ein paar Bekannte ſahen, ſo ſchloſſen wir uns ebenfalls an. Die Beiſetzung geſchieht auf ſehr einfache Art: der Sarg wird von einigen Leuten auf einer hohen Treppenleiter emporgetragen und in die Zelle geſchoben; darauf wird die Platte mit der Inſchrift befeſtigt, und Alles iſt vorüber. Die Bekannten, denen wir uns angeſchloſſen, der Schweizer Conſul, ſo wie ſein Aſſocié, Herr Müller aus Köln, die überhaupt für uns von großer Freundlichkeit waren, boten uns einen Platz in ihrem Wagen an und luden uns zu gleicher Zeit zu einer Beſichtigung des Monjuich ein, zu welchem Zwecke ſich Herr Müller eine Erlaubnißkarte ver⸗ ſchafft hatte. Eine ſolche zu erhalten iſt nicht mehr ſo ſchwierig wie früher, doch bedarf es immer noch gewiſſer Formalitäten, um zur Beſichtigung dieſes Zwing⸗Barcelona zugelaſſen zu werden. Wir fuhren nach der Stadt zurück und durch dieſelbe bis zur Puerta San Antonio. Rechts von dieſer führt längs der Stadt⸗ mauer der Weg nach Madrid, wir aber fuhren gerade aus bis an den Fuß des Monjuich— Mons Jovis der Römer— der ſich unmittelbar vor der Stadt erhebt. Der Weg hinauf, den wir zu Fuß zurücklegten, iſt ſehr maleriſch und abwechſelnd; zur Linken hatten wir das Meer, das ſeine Wellen taktmäßig zwiſchen die fel⸗ ſigen Geſtade warf und ſo eine leichte Brandung verurſachte. Umſchauend ſah man das uralte Thor, zu welchem wir hinausge⸗ gangen, aus dunklen Steinen erbaut, mit Epheu bekleidet, welches ſich um die morſchen Balken geſchlungen hatte, die noch von ehe⸗ dem aus dem Gemäuer hervorragten und die dazu dienten, die Zugbrücke aufzuziehen, aber augenſcheinlich lange nicht mehr benutzt worden waren. Der Weg zum Monjuich— der Breite nach eine Fahr⸗ ſtraße— geht im Zickzack aufwärts, wodurch wir jetzt eine Aus⸗ ſicht auf die blaue unendliche Flut des Meeres hatten, gleich darauf 158 Sechstes Kapitel. die Stadt und das weite Gebiet des Llobregat zu unſeren Füßen ſahen, dann auf die Dörfer der Umgegend: Garcia mit ſeinen Fabriken und Schornſteinen, Sanz, Sarria, zwiſchen Gärten lie⸗ gend, auf San Gervaſto und San Andrea. Alle dieſe Ortſchaften ſind durch Baumgruppen, Alleen und jetzt noch grünende Felder mit einander verbunden und geben auf dieſe Art der weiten Ebene ein freundliches Ausſehen. Den Platz zwiſchen den Stadtmauern und dem Fuße des Monjuich bedecken Gemüſegärten, und hier grünte ebenfalls Alles trotz der ſpäten Jahreszeit. Sonderbar nehmen ſich zwiſchen den Kohl⸗ und Salatfeldern die Bewäſſe⸗ rungsanſtalten aus, die ſich noch aus der Maurenzeit herſchreiben, jedenfalls mit ihrem Paternoſterwerk und mit großen Stein⸗ baſſins orientaliſchen Urſprunges ſind. In der willkürlichen phan⸗ taſtiſchen Zuſammenſtellung der einfachen Bedachung durch Stan⸗ gen und Bretter, um welche ſich die Rebe geſchlungen, ſo wie in den alten gezahnten Triebrädern boten ſie treffliche Studien für unſeren Maler, der ſie auch fleißig benutzte und halbe Tage lang zeichnend auf den Felſen des Monjuich ſaß. Langſam ſtiegen wir den Berg hinan, der einige Hundert Schuh über dem Meer faſt ganz kahl iſt, röthlich⸗gelbe zerklüftete Felſenmaſſen zeigt, über welche man den Weg mühſam geebnet. Einige Abwechſelung gewähren uns ſeine Einfaſſungen von rieſen⸗ haften Aloen und großen Cactus. Während man an den unteren Abhängen des Berges hinaufklettert, iſt man nicht im Bereiche der Batterien; bei dem letzten Viertel des Weges aber, während deſſen die Straße ziemlich gerade und ſteil aufwärts führt, ſieht man die Geſchütze der Außenwerke drohend auf ſich gerichtet und begreift bei dieſem Anblick wohl, daß es noch niemals gelungen iſt, den Monjuich im Sturm zu nehmen, um ſo weniger, da auch die Anlegung von Breſchebatterieen hier unmöglich iſt. Der Monjuich iſt bis auf den heutigen Tag eine jungfräuliche Feſtung geblieben; 3 denn wenn er auch ſchon einige Male im Lauf der Zeiten in an⸗ dere Hände übergegangen iſt, ſo geſchah das doch nur durch Barcelona. 159 Vertrag oder Verrath, wie z. B. während der Unabhängigkeits⸗ kriege, als General Duchesme, der als Alliirter nach Spanien kam, eine Parade dazu benutzte, um die harmloſen Spanier zu überrumpeln und ſich in Beſitz der Feſte zu ſetzen. Der Monjuich iſt eine Feſtung, denn das Wort„Schloß“ oder„Fort“ gibt einen viel zu ſchwachen Begriff von ſeinen Werken. Dieſe haben wenigſtens eine ſtarke halbe Stunde im Um⸗ kreis und nach der Landſeite drei oder, wenn man die obere Platt⸗ form mitrechnet, vier Vertheidigungslinien. Nach der Seeſeite, wo der Felſen ſteil und zerklüftet hinunterfällt, iſt nur ein einziger Wall, der aber zur vollſtändigen Sicherheit mehr als genügt. Dazu ſind alle Werke größtentheils aus Quadern und ſehr ſolid gebaut. Beſonders ſchön conſtruirt ſind die Batteriefronten an der weſtlichen Abdachung des Berges, die ſie beſtreichen können, und obgleich alle durch geheime Ausfallsthüren verbunden ſind, iſt doch jede Schanze von der anderen unabhängig und kann ſie beſchützen, aber auch zerſtören. Aus einem Bombardement würde ſich die Feſtung gar nichts machen, denn ſie hat luftige, geräumige und vor allen Dingen ſehr trockene Caſematten, welche eine Beſatzung von 3000 Mann Soldaten ganz bequem beherbergen können. Jetzt zur Friedenszeit ſind dieſe rieſenhaften Gewölbe ver⸗ mittelſt Bretterboden durchſchoren und dienen als Caſerne. Alle Räumlichkeiten des Monjuich ſind gut und reinlich erhalten, die Lagerſtätten der Soldaten einfach, aber genügend, und die Küchen groß und geräumig; dabei fehlt es nicht an einer kleinen Capelle, ſo wie an einem Club oder Café für die Offiziere, wo ſich ein Leſecabinet, eine Bibliothek und ein Billard befinden. Wie ſchon bemerkt, wurde der Monjuich niemals durch Waffengewalt be⸗ zwungen, und man verſichert, daß die Feſtung nur durch Aus⸗ hungern oder Verrath der Beſatzung genommen werden könne. Gegen den Waſſermangel ſorgt eine große Ciſterne, welche in den Felſen gehauen iſt, durch Regenzufluß geſpeist wird und gutes 160 Fechstes Kapitel. Waſſer genug enthalten ſoll, um die ganze Beſatzung reichlich damit zu verſehen. Die Ausſicht auf der oberen, ſehr weiten Plattform, die den inneren quadratiſchen Hof umgibt, iſt großartig und reizend. Vor ſich hat man die gewaltige Meerflut, zur Linken Barcelona mit den vielen Dörfern, die es umgeben, und der reichen Ebene, be⸗ gränzt von Gebirgen in ſchönen Formen, die, mit anderen Thä⸗ lern und neuen Ketten untermiſcht, rückwärts immer mehr anſteigen und ſich endlich am Horizont mit dem gewaltigen Zuge der Pyre⸗ näen vereinigen. Rückwärts ſteht man in das hügelige Land, welches hier einen anderen, minder großartigen Charakter hat. Doch ſind da die Berge grüner bewachſen, gekrönt mit kleinen Dörfern, einzelnen Kirchen und den Ruinen alter Schlöſſer; in den Thälern glänzen kleine Seen, und ein gelber Streifen durch das grüne Land zeigt eine kurze Strecke die Straßen nach Madrid und Valencia. Es dämmerte ſchon, als wir nach Barcelona zurückkehrten. Um dieſe Zeit entfaltet der Spaziergang auf der Hafenmauer, wenigſtens nach meinem Geſchmack, ſeine ganze Schönheit. Dunkel liegen die Schiffe am Fuße derſelben, hier und da glänzt ein Licht aus den Kajütenfenſtern; das Meer, welches leiſe über den Strand hinſpült, glänzt phosphoriſch, und ſein bei Tage weißer Schaum ſpritzt ſilberglänzende Sterne auf den Sand; dazu ſtrahlt das Mondlicht auf den dunklen Fluten, und wo ein Boot durch den Hafen fährt, wo die Ruderſchläge das Waſſer beunruhigen, da ſcheint es in lauter Flammen zu tanzen. Die Fiſcher haben ihr Tage⸗ werk vollendet, hier und da hat eine Familie derſelben im Freien ihr Feuer angezündet, und die rothe Gluth überſtrahlt die ernſten Züge der Männer und glänzt in den verlangenden Augen der Kinder, die nach den Fiſchen ſchmachten, welche in der Pfanne braten. Rings um den Hafen her flammen nach und nach die Gaslichter auf, und da die Candelaber nah am Waſſer ſtehen, ſo ſpiegeln ſich die weißen Flämmchen in demſelben ab und bilden Barcelona. 161 zitternde Punkte auf den dunklen Wellen. Aus den Schenken am Ufer tönt Geſang und Guitarrenklang; ein Spaziergänger der dir begegnet, bittet dich um Feuer für ſeine Cigarre, und wenn du am Ende des Weges angekommen biſt, ſo beeilſt du dich, wieder umzukehren; denn der ſpaniſche Soldat, der hier auf Po⸗ ſten ſteht und der dich am Tage vielleicht unbehelligt läßt, fällt das Bayonnet und ruft dir ſein lautes:„Halt! wer da?“ ent⸗ gegen. Dieſes geſchieht jedoch nur in der Nähe des Arſenals, der übrige lange Spaziergang iſt völlig zur Verfügung des nächt⸗ lichen Wanderers; man kann ſogar die Schießſcharten hinaufſtei⸗ gen, ſich über die Brüſtung lehnen und wird nicht geſtört, wenn man auch ſtundenlang hier verweilt, um die Blicke über das nächt⸗ liche Meer hinſchweifen zu laſſen, der Gegend zu, wo die theure Heimath liegt. Abends iſt die Rambla meiſtens belebt. Wir hatten wäh⸗ rend unſeres Aufenthaltes ein unvergleichlich ſchönes Wetter: ziemlich heiß am Tage und nicht kühl in den erſten Stunden der Nacht. Der lange Spaziergang iſt jetzt durch eine Menge von Gaslichtern erhellt, von denen ſich namentlich große Candelaber in der Mitte der Allee prächtig ausnehmen. Dieſe haben ſechs Arme, jeder mit mehreren Flammen, und ſo glaubt man aus der Ent⸗ fernung, wo man die dunklen Träger nicht ſieht, es hingen große Kronleuchter an unſichtbaren Schnüren zwiſchen den Baumreihen. Wir hatten das Glück, einem Feſte beizuwohnen, wo die Rambla in einem wahren Lichtmeer ſtrahlte, wo auf verſchiedenen Punkten Muſtikchöre aufgeſtellt waren, welche unter dem Zudrang vieler Tauſend Spaziergänger ſehr oft die Volkshymne ſpielten und dieſe ſowie Donizetti'ſche und Verdi'ſche Melodieen mit ungleich größerer Präciſton, als vor einigen Tagen die Märſche bei der Trauer⸗ feierlichkeit. Bei dieſen nächtlichen Promenaden bekommt man auch hier ſchon einen kleinen Begriff von dem lebhaften ſpaniſchen Volks⸗ charakter. Wie das dahinwandelt, wenn die Muſik eine luſtige Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 11 162 Sechstes Kapitel. Polka ſpielt, wie das durch einander wogt, lacht und plaudert! Dabei ſind die Fächer in einer beſtändigen Bewegung, und die Mantille verhüllt jetzt ein blitzendes Auge, das wenige Secunden darauf einen vorüberwandelnden Bekannten ziemlich herausfor⸗ dernd anſchaut. An dieſem Abende waren die öffentlichen Ge⸗ bäude an der Rambla illuminirt und faſt taghell, und bis zur Puerta Iſabella hinauf, in deren Nähe die großen Bäume auf⸗ hören und durch dichte Oleanderbüſche erſetzt werden, war Alles bei der rauſchenden Muſik voll Leben, Luſt und Lichterglanz, namentlich in der Nähe der Kaffeehäuſer und Theater, wo die Menge immerfort aus⸗ und einſtrömte. Was die erſteren anbelangt, ſo findet man ſie, namentlich in Erinnerung an die prächtigen franzöſiſchen Etabliſſements die⸗ ſer Art, einfach, ja oft ärmlich. Die Locale ſind eng und finſter, ohne großen Luxus eingerichtet und ebenſo möblirt. Statt der Dame de Comptoir, welche in einem franzöſiſchen Café die Hon⸗ neurs macht, ſitzt hier der oftmals ſchmierige Eigenthümer auf einer Erhöhung an der Thüre, die, ſtatt wie dort mit Blumen⸗ Bouquets und prächtigen Aufſätzen decorirt, hier ein halbes Duzend Liqueurflaſchen enthält. Die Kellner haben ſich nach dem Muſter ihres Herrn gebildet, und von der reinlichen weißen Schürze und dito Halsbinde iſt hier keine Spur zu ſehen. Dabei befleißigt ſich weder Herr noch Kellner einer übertriebenen Höflichkeit, und wenn man Geld wechſeln läßt oder herausbekommt, ſo hat man gewöhn⸗ lich Schaden, indem man häufig alte abgenutzte Realen bekommt, die derſelbe Kellner, der ſie Einem gegeben, am andern Morgen nicht wieder annimmt. Dagegen aber haben die Fremden den Vorzug, daß ſte andere Preiſe bezahlen dürfen als die Einheimi⸗ ſchen, und was mich z. B. acht Realen koſtete, wurde vielleicht dem neben mir ſitzenden Spanier für ſechs ſervirt. In den meiſten dieſer Kaffeehäuſer iſt der Kaffee mittelmäßig, dagegen die Chocolade vortrefflich. Echt ſpaniſch und nicht un⸗ angenehm iſt eine Art Zuckerwaſſer, die häufig getrunken wird, Barcelona. 163 da das Waſſer in Barcelona wie in allen Küſtenſtädten nicht beſonders gut iſt. Man verlangt eine Zucarilla und erhält eine ſchuhlange Stange harten Schaumzuckers von vielleicht zwei Zoll Dicke, die mit Fleur d'Orange verſetzt iſt und augenblicklich ſchmel⸗ zend zuſammenſinkt, ſobald man ſte ins Waſſer ſtellt. Fremden iſt ein ſolches Zuckerwaſſer, namentlich zur warmen Jahreszeit, Morgens vor dem Frühſtücke zu empfehlen. Barcelona hat zwei Theater, das Theater Principal und das Theater del Liceo. Letzteres iſt das größte in ganz Spanien und neben der Mailänder Scala vielleicht das geräumigſte von ganz Europa. Es hat ebenfalls ſechs Logenreihen und iſt reich, geſchmackvoll, mit blendender Pracht decorirt; die Behandlung der Proſceniumsloge iſt von vieler Eleganz und ſehr ſchönen Proportionen. Leider blendet aber dieſe Pracht nur von Wei⸗ tem und wenn man ſich die Sachen näher betrachtet, ſo findet man die meiſten Ornamente gemalt und die ſchweren goldenen Verzierungen von Papiermaché gemacht, die z. B. an den Logenbrüſtungen traurig eingeſunken ſind, wo ſich zufälliger Weiſe eine ſchwere Hand darauf ſtützte. Wir wohnten hier einer Vorſtellung bei, wie es hieß, zum Beſten des Volkes, d. h. mit ſehr herabgeſetzten Eintrittspreiſen. Es wurde eine Zauberpoſſe gegeben voll des ſchon hundertmal geſehenen Zauberſpucks, wandelnder Statuen, verſchwindender Tiſche und menſchlicher Körpertheile, die zum Kamin herabfallen und vom Harlekin zuſammengefügt werden. Später ſahen wir Rigoletto, ausgeführt von mittelmäßigen Sängern, die aber von einem guten Orcheſter unterſtützt wurden. Ein Ballet, das darauf folgte, war nicht der Rede werth. Das Publikum iſt an einem ſolchen Beneficeabend kaum noch ein gemiſchtes zu nennen; überall machte ſich die rothe Mütze und die bunte Manta breit, Orangen⸗ und Zwiebelduft wechſelten mit einander ab, und in den Zwiſchen⸗ acten drang der Geruch unzähliger Papiercigarren aus dem 11* 164 Sechstes Kapitel. Corridor in die Logen und ſtieg ſogar aus dem Parterre zu uns herauf. Ein deutſcher Intendant würde, was dieſen Punkt an⸗ belangt, faſt allen Theatervorſtellungen in ganz Spanien mit entſetzt zuſammengeſchlagenen Händen beiwohnen. Denn wenn es z. B. in dem königlichen Theater von Madrid ſeltener vor⸗ kommt, daß Jemand mit der brennenden Cigarre den Zuſchauer⸗ raum betritt, ſo ſind doch auch da die Gänge ſelbſt um den erſten Rang, wo der höchſte Adel des Landes und die fremden Geſand⸗ ten im Zwiſchenact ſpazieren gehen, wo man die reichſten Toilet⸗ ten, Spitzen und Brillanten ſieht, ſo mit Rauch angefüllt, daß einem oft im wahren Sinne des Wortes das Athmen erſchwert wird. Das andere Theater Barcelonas, obgleich es Theatro princi⸗ pal heißt, ſteht der Größe nach weit hinter dem erſten zurück, iſt auch nicht mit ſo ſchreiender Pracht, dafür aber feiner und eleganter eingerichtet, und hier findet ſich die gute Geſſellſchaft zuſammen. Es hat vier Logenreihen, iſt weiß mit Gold decorirt, und in ſeiner Einrichtung und Ausſchmückung, ſowie in ſeiner Größe gleicht es auffallend dem königlichen Theater in Stuttgart. Wir ſahen eine ſpaniſche Komödie. Die Acteurs ſchienen nicht beſonders zu ſein, auch füllte ſich das Theater erſt am Schluſſe des Stücks, dem ein Ballet folgte, das auch uns für die Langeweile während der erſten Vorſtellung vollkommen entſchädigte. Wir ſahen hier zum erſten Mal einen echt ſpaniſchen Tanz auf dem Theater in ſeiner ganzen liebenswürdigen und wilden Natürlichkeit. Die Coſtüme hierbei ſind öfters valencianiſch, größtentheils aber andaluſiſch. Aber es iſt keine Verkleidung oder Maskerade für Tänzer oder Tänzerinnen; meiſtens ſind ſie ja aus dem glück⸗ lichen Lande jenſeits der Sierra Morena, und die Tracht, in der ſie hier auftreten, iſt ja dieſelbe, die ſie von Kindheit an getragen, der Tanz, den ſie ausführen, derſelbe, den ſte zu Hauſe oder auf der Straße oder bei einer Landpartie an den reizenden Ufern des Nenil hundertmal geſehen und ſelbſt mitgetanzt. Auch ſcheinen Db Zarcelona. 165 ſie heute Abend keine Vorſtellung zu geben, ſondern einzig und allein zu ihrem Vergnügen umher zu wirbeln. Vielleicht ſechszehn Paare bilden den Chor, ſchön gewachſene junge Leute, vortrefflich angezogen, und reizende Mädchen, gewiß keine über achtzehn Jahre alt— prächtige Geſtalten. Und welche Köpfe, welche Haare, Augen und Zähne! Lauter Pepita's! nur daß die letzte dieſer Chortänzerinnen wohl beſſer zu tanzen verſtand, als die ſchöne Sennora de Oliva. Etwas Unvergleichliches liegt in der Art, wie dieſe Andaluſterinnen ihre zierlichen Köpfchen zu tragen und zu wenden wiſſen, und unbeſchreiblich iſt dabei ihr Augen⸗ und Fächerſpiel. Doch die Muſik beginnt, und zu gleicher Zeit fallen zweiunddreißig Paar Caſtagnetten ſo haarſcharf im Tacte ein, daß man nur einen einzigen knatternden und dröhnenden Schlag hört. Und das bleibt ſich immer gleich ſo! mögen ſie die Muſik in langſamem Tempo mit einzelnen Schlägen accompagniren, oder mögen die Caſtagnetten wirbeln und ſchmettern, man fühlt, daß dieſe Bewegung, welche die Töne hervorbringt, vom Herzen kommt oder vielmehr von dem heißen Blute angegeben wird und gerade ſo und nicht anders ſein darf. Dieſes Geknatter der Ca⸗ ſtagnetten beim ſpaniſchen Tanze iſt hier ſelbſt eine Art Muſik, und ich möchte lieber die begleitenden Inſtrumente, als dieſe friſchen luſtigen Klänge vermiſſen. Bei dem Tanze athmet jedes Paar Luſt und Freude, es ſcheint nichts Gelerntes, man glaubt, Tänzer und Tänzerinnen ſeien entzückt, tanzen zu dürfen. Die Augen blitzen, die Wangen glühen, und zwiſchen den geöffneten friſchen Lippen hervor ſchim⸗ mern die herrlichſten Zähne; dazu glänzen die bunten Farben der Coſtüme in Sammt, Atlas und Seide, bedeckt mit Gold⸗ und Silberſtickereien, wahrhaft blendend durch einander, und obgleich die Muſtk immer toller wird, ſcheint der Tact doch noch zu lang⸗ ſam zu ſein für die beſtändig vorwärts ſtrebenden Bewegungen der wilden und ausgelaſſenen Tänzerinnen. Jetzt ſchwingen ſie ſich in unbeſchreiblichen Gruppen durch einander, jetzt öffnen ſie 166 Sechstes Kapitel. einen Platz zwiſchen ſich, und während ſie einige Secunden aus⸗ ruhen, tanzt eine Solotänzerin. Doch da das Publikum bei ihrem Anblicke ſo ruhig bleibt, ſo merken wir gleich, daß es nicht Sennora Minutena, der dießjährige Liebling der Barce⸗ loneſer, iſt. Endlich erſcheint aber auch dieſe im Hintergrund der Bühne, und das Publikum klatſcht ihr wüthenden Beifall entgegen. Die Tänzerin iſt ein ganz junges Mädchen, vielleicht noch nicht Acht⸗ zehn, aber wie ruhig ſteht ſie da bei dem Beifallsſturme, der ſie begrüßt! Sie wiegt ihr Köpfchen hin und her, ſie umfaßt ihre ſchlanke Taille mit den Händen, biegt ſich rechts und links durch, die Muſik beginnt wieder, und ſie kommt nun langſam vorgeſchrit⸗ ten, ſcheinbar ohne alle Prätention, aber coquet zum Davonlaufen. Bei jedem Schritte, den ſie macht, hebt ſie ihren Fuß wagerecht in die Höhe und lächelt dabei ganz unbefangen. So ſchreitet ſte vor bis zu den Lampen, und als nun ein neuer Spektakel los⸗ bricht, bleibt ſie ruhig ſtehen und läßt die großen glänzenden Augen wie verwundert durch das Haus hinlaufen. Das dauert aber nur eine Secunde, dann ſenkt ſie neckiſch ihren Kopf, als wollte ſte ſagen: Ah! ihr habt mich doch nur zum Beſten! wendet ſich um und flieht nach dem Hintergrunde zurück, gefolgt von Blu⸗ menſträußen und Kränzen und dem allgemeinen Rufe, noch einmal vorzukommen. Das thut ſie denn auch lachend wie vorher und als ſie wieder vorn ſteht und abermals in das Haus ſchaut, hebt ſte leicht ihr Röckchen auf, einen Schoß bildend, der auch in der nächſten Secunde mit Blumen angefüllt iſt. Jetzt endlich beginnt ſie ihren Tanz, reizend, wie ich nie etwas geſehen, und unmöglich zu beſchreiben. Sie tanzte die Madrilenna, und ein liebenswür⸗ digeres, coquetteres Aufheben ihres Tanzröckchens, wobei ſie ihre Wade zeigte, ein naiveres Erſchrecken über die Weſpe, welche in ihre Unterkleider geſchlüpft iſt, und die ſie erſt nach langem Schütteln herausbrachte und dann ſo keck mit der Spitze des kleinen Fußes auf die Stelle hinſprang, um das ſchädliche Inſect, Zarcelona. 167 welches aber begreiflicher Weiſe nicht erxiſtirte, zu vernichten, konnte man nicht ſehen. Leider war ihr Tanz bald zu Ende, und nach ihrem Auftreten erſchienen die ſchönen und blühenden Chortänzerinnen matt und farblos. Und ehe noch der Vorhang fiel, erhob ſich ſchon ein großer Theil des Publikums, um nach Hauſe zu gehen. Es iſt etwas Eigenthümliches um dieſe ſpaniſchen Tänze; man kann, was die Ballete des übrigen Europa anbelangt, vollkommen blaſirt ſein, die glänzenden Ballete von Paris, Mailand und Berlin bieten einem nichts Neues mehr; man gähnt bei den herrlichſten Decorationen, man gähnt bei den verſchlungenſten Touren, und iſt nicht unzufrieden, wenn der Vorhang fällt, hütet ſich aber vor allen Dingen, zwei Mal denſelben Tanz zu ſehen. Hier aber erblickt man gern jeden Tag daſſelbe; bezaubert von dieſer Friſche und Natürlichkeit, iſt man wieder Anfänger geworden, man kann es nicht erwarten, bis ſich der Vorhang erhebt, und bedauert es unendlich, wenn die neidiſche Gardine uns ſo bald wieder von dem luſtigen tollen Volke da oben trennt. Siebentes Kapitel. Ein Stiergefecht. Einrichtung des Stierplatzes. Die Arena. Das Spital. Eigenſchaften der Stiere. Der Leitochſe. Die Quadrilla. Der große Montes. Das Publikum des Stier⸗ platzes. Der feige Canario. Unglück eines Chulo. Salto sobre testuz. Stier⸗ hetze auf portugieſiſche Art. Ein glänzendes Gefecht. Turniere und Stiergefechte,— zwei Namen, die ſchon in der Jugend die Phantaſte reizen und beſchäftigen; Schauſpiele, die wir um ſo ſehnlicher zu ſehen wünſchen, als es uns in der Regel nicht möglich iſt, denſelben beizuwohnen. Was die Tur⸗ niere anbelangt, ſo ſind wir ja in einem Zeitalter geboren, wo die eiſerne Rüſtung und das aufgezäumte Schlachtroß nur noch in Waffenſammlungen zu ſehen ſind, oder die edlen Ritter ſelbſt in ihrem ganzen Waffenſchmucke, lang ausgeſtreckt auf ſtaubigen Grabſteinen, unter welchen ſie ruhen und vielleicht träumen von einer anderen, gewaltigen, ſchöneren Zeit. Sind wir, wie Leporello ſagt, im kälteren Deutſchland geboren, ſo bleibt unſere Sehnſucht nach einem Stiergefechte ebenfalls ungeſtillt; denn wenn auch dieſes echte Nationalvergnügen der Spanier an den nördlichen Abhängen der Pyrenäen, in Nimes, Montpellier und einigen an⸗ deren Städten des ſüdlichen Frankreichs verſuchsweiſe eingeführt wurde, ſo blieb es doch bei den erſten Anfängen, und wer es ſehen will, wie man mit dem Stiere nach allen Regeln der Kunſt kämpft, muß ſich ſchon entſchließen, eine Reiſe nach Spanien zu machen. Da die gewöhnlichen Stiergefechte— ſie werden in den — ———-/(S 712 u2— — — / AA Ein Stiergefecht. 169 größten Städten Spaniens am Montag gehalten— mit Ende September aufzuhören pflegen, ſo kann man von Glück ſagen, wenn man in den Wintermonaten ein erträgliches Stiergefecht zu ſehen bekommt. Wenige Tage nach meiner Ankunft in Bar⸗ celona traf ich es übrigens hierin ganz vorzüglich; denn am Donnerſtag den achten December klebte man in der ganzen Stadt große Zettel an, auf denen zu leſen war, daß mit hoher Erlaubniß am nächſtfolgenden Sonntag den elften Dezember auf der Plaza de Toros ein Stiergefecht ſtatt finden werde und zwar: por una sociedad de aficionados, d. h.: Dilettanten aus der Einwohner⸗ ſchaft von Barcelona wollten ſich das Vergnügen machen, an der Stelle der gewöhnlichen Kämpfer nach den Regeln der Kunſt mit dem Stiere zu fechten. Wenn auch hiedurch das Schauſpiel we⸗ niger blutig zu werden verſprach, ſo rechnete ich doch anderentheils auf eine größere Theilnahme des hieſigen Publikums. Die Un⸗ ternehmer ſagten übrigens in dem Programme: Sin pretensiones de ninguna especie, ofrece la Sociedad esta funcion ä los Sres. convidados. Si la buena voluntad con que lo hace, llega àä suplir su falta de conocimientos en el arte, quedaräà recompensada con usura. Was ungefähr ſo viel heißt, als man bitte bei vorkom⸗ menden Fehlern um Nachſicht und wünſche, man möge überhaupt den guten Willen für die That nehmen. Ich muß geſtehen, mir war es ſchon recht, zum erſten Male, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ein Liebhaber⸗Stiergefecht zu ſehen; denn ich hatte ja dann ſpäter immerhin eine Steigerung zu erwarten. Der Stierplatz von Barcelona liegt neben dem Eiſenbahn⸗ hofe der Bahn, die nach Mataro führt, und iſt ein großes, rundes Gebäude von vielleicht ſechshundert Schritten im Umfange, das circa zwolftauſend Perſonen faßt. Die Einrichtung faſt aller Stierplätze hier zu Lande iſt die gleiche, ähnlich der alten römiſchen Amphitheater, nur daß dieſe gewöhnlich prächtige Bauwerke waren, aus mächtigen Quadern aufgeführt, von innen und außen reich verziert, wogegen die Stierplätze, ſelbſt der größten Städte, wie 170 Siebentes Kapitel. Madrid, Barcelona, nur proviſoriſch dazuſtehen ſcheinen— der untere Stock von Backſteinen aufgeführt, oben aber Alles leicht und leichtfertig von Holz zuſammengenagelt. Einzig der Stier⸗ platz von Sevilla macht hier eine rühmliche Ausnahme; er iſt über die Hälfte ebenfalls von ſchönen Quadern zuſammengefügt und rings von Marmorſäulen umgeben, welche die darüber geſprengten Bogen tragen. Statt der Eiform des alten Circus ſtellt der ſpaniſche Stier⸗ platz einen vollkommenen Kreis dar. Die Arena iſt mit einer über ſechs Fuß hohen Bretterwand umgeben, um welche ein Gang von vielleicht ſechs bis acht Schuh herumläuft, hinter dem die Zuſchauerplätze anfangen. Dieſe ſteigen ſechszehn bis achtzehn Stufenreihen nach hinten in die Höhe, wo der größere Theil des Publikums einen Platz findet; dieſe Sitzreihen ſind einfach von Holz, ohne Rücklehne und ſo dicht hinter einander, daß nach alter, guter Weiſe der Vordermann zwiſchen Füßen und Knieen des Hintermannes ſeinen Platz findet. Wo dieſe Sitze aufhören kom⸗ men noch drei bedeckte Stufenreihen und über dieſen die beque⸗ mer eingerichteten Logen— bevorzugtere und theurere Plätze; wo ſich auch der Sitz des Ayuntamiento, des commandirenden Generals und der übrigen Behörden befindet. Auf der Seite dieſer Logen ſind die geſuchteſten Plätze; von hier aus zur Linken hat man das Muſtkcorps, von der rechten Seite kommt die Quadrilla, und gerade gegenüber ſieht man das kleine Thor, durch welches die Stiere eingelaſſen werden. Ehe ich den Gang des heutigen Stiergefechtes den Leſern vor Augen führe, wird es vielleicht für manchen derſelben nicht unintereſſant ſein, einige kleine Aufklärungen über das Gebäude ſelbſt, ſowie über die Vorbereitungen zum Stiergefechte und die Zuſammenſetzung und das Weſen der Quadrilla zu erfahren. Das Gebäude des Stierplatzes iſt meiſtens ſtädtiſches Eigenthum und wird, wie z. B. die großen italieniſchen Theater, einem Un⸗ ternehmer(Empreſſario) für den ganzen Sommer oder für ein⸗ Ein Stiergefecht. 171 zelne Vorſtellungen mit dem dazu gehörigen Inventarium zur Verfügung geſtellt. Dieſes Inventarium beſteht aus den Waf⸗ fen und Sätteln für die Picadores, den buntfarbigen ſeidenen Mänteln der Chulos, den Banderillas und dergleichen mehr. Die Räume zur Aufbewahrung dieſer Sachen befinden ſich in der Nähe des Stierzwingers und unter Aufſicht eines Angeſtellten, der zugleich Hausmeiſter iſt und die Fremden bei Beſichtigung des Stierplatzes herumführt. Hier in Barcelona war dieß ein ehe⸗ maliger Picador, welcher bei einem böſen Sturze von dem Pferde den Fuß gebrochen hatte und uns nun hinkend herumführte, wo⸗ bei er uns ſeine Herrlichkeiten zeigte und mit großer Redſeligkeit intereſſante Einzelheiten über Manches der edeln Stierfechter⸗ kunſt mittheilte. Nahe ſeiner Wohnung, am Haupteingange, be⸗ fand ſich ein kleines Gebäude, wenige Schritte von dem Stierplatze, aber durch einen Hof von dieſem getrennt— das Spital für ver⸗ unglückte Fechter. Hier waren ein paar breite Betten, ſowie in einem Wandſchranke Bandagen, Schienen und die nöthigen Medicamente, um einem Verunglückten augenblicklich Hülfe leiſten zu können. Dieß iſt die ernſte, ja traurige Seite dieſes ſo be⸗ liebten Nationalſchauſpiels, und hier befindet ſich auch bei jeder Vorſtellung ein Geiſtlicher, der ſich bereit hält, im Nothfalle den Verunglückten mit den Sterbeſacramenten zu verſehen. Wie unſer alter Picador erzählte, iſt es der Geiſtlichkeit aufs ſtrengſte verboten, den Stierplatz ſelbſt zu betreten, weßhalb das oben er⸗ wähnte kleine Lazareth denn auch getrennt von dieſem beſteht und einen beſonderen Eingang von der Straße hat. Der Empreſſario iſt zuweilen ein Beſitzer von großen Vieh⸗ heerden, zuweilen ein einfacher Speculant bei dieſem Geſchäfte, öfter aber auch einer der großen Eſpadas ſelbſt, wie z. B. der berühmte Montes, Redondo, der eine Reihe von Stiergefechten oder ein einzelnes unternimmt. Er kauft die nöthigen Pferde und Stiere. Die erſteren ſind meiſtens arme alte Thiere, die oftmals eine glänzende Laufbahn hinter ſich haben und nun dazu 172 Siebentes Kapitel. beſtimmt ſind, unter den Hörnern des Stieres zu verenden. Be⸗ greiflicherweiſe würde ein junges, kräftiges Pferd dieſen eben ſo wenig widerſtehen können und nur die Koſten bedeutend ver⸗ größern; deßhalb nimmt man langgediente, meiſtens ausrangirte Reitpferde, die gewöhnlich mit nicht mehr als fünfzehn bis zwan⸗ zig Duros das Stück bezahlt werden. Bei den Stieren herrſcht gerade das umgekehrte Verhältniß: je kräftiger, wilder und un⸗ zähmbarer ein ſolcher iſt, um ſo beſſer für den Kampf, um ſo theurer wird er bezahlt. Der Preis eines vorzüglichen Stieres iſt bis zu zweihundert Duros(ein Duro iſt 2 Fl. 20 Kr.). Der Heerdenbeſitzer kennt natürlich ſeine Zöglinge, und je nachdem das Stiergefecht glänzend ausfallen ſoll, werden die Thiere aus⸗ geſucht. Ein echter Toro, ein Stier von guter Race, de buen trapio, wie der Spanier ſagt, iſt nicht über ſteben und nicht unter fünf Jahre alt, hat feines glänzendes Haar, einen langen elaſti⸗ ſchen Schweif, gelenke Kniee, kleine Hufe, ſtarke, ſchwarze und nicht zu lange Hörner, bewegliche, runde Ohren und feurige, dunkle Augen. Wie ſich von ſelbſt verſteht, will das Publikum eine Abwechslung oder Steigerung, und einem der wildeſten und tollſten Burſchen werden immer ein paar fügſamere Collegen bei⸗ gegeben, damit die Quadrilla ihren Tollheiten und Neckereien zu⸗ weilen den vollen Lauf laſſen kann, ohne ihr Leben gerade ſehr in Gefahr zu bringen, was bei einem Stiere, wie er ſein ſoll, faſt jedesmal der Fall iſt. Daß die Taurom aquia in alten Zeiten als eine edle und ritterliche Paſſion galt, liegt in den Regeln der⸗ ſelben, welche dem Toreador gebieten, ſeinem Feinde offen ent⸗ gegenzutreten, ihn mit ehrlichen Waffen, ohne Hinterliſt und mit der größten Ritterlichkeit zu bekäm pfen; und nicht bloß tapfer ſoll der Toreador ſein, man verlangt auch, daß all ſeine Bewe⸗ gungen graziös ſeien, und daß keine linkiſche Wendung, kein übereiltes Zurücktreten oder Vorgehen die geringſte Unſicherheit verrathe. Hiezu aber gehört ein außerordentliches Studium und eine Herrſchaft über ſeinen eigenen Körper, die nur durch Ein Stiergefecht. 173 langjährige Uebung erworben wird. Dieſe Herrſchaft über ſich ſelbſt iſt es aber auch faſt allein, welche den Stierkämpfer vor den Hörnern des wüthenden Thieres zu retten vermag; der geringſte Fehler iſt verhängnißvoll; denn faßt ihn der Toro mit dem Horne, ſo geht es nicht mit einer leichten Verwundung ab, ſein gräßlicher Tod iſt dann faſt jedes Mal gewiß. Und obendrein iſt es unbegreif⸗ lich aber wahr, daß bei ſolchen Unglücksfällen das grauſame Publikum die Partei des Siegers nimmt und der geſtürzte Toreador noch obendrein lächerlich erſcheint. Natürlicherweiſe gehören, wie bei jeder Kunſt, ſo auch bei dieſer, Talent und angeborene Anlagen dazu, um ein großer Eſpada zu werden, und neben der Geſchicklich⸗ keit, dem Thiere auszuweichen und ihm dann zur rechten Zeit den Todesſtoß beizubringen, muß der Torero ein Auge dafür haben, um die Eigenſchaften des Stieres, wenn ihm derſelbe im Circus zum erſten Male entgegentritt, ſogleich zu erkennen; deßhalb be⸗ obachtet der Eſpada hinter der Schranke, wie ſich das Thier gegen die Picadores und Banderilleros benimmt und erkennt aus der Art des Angriffs, ob es boyante und claro(naiv und offen), revol- toso(rührig), celoso(mißtrauiſch und mordluſtig), gana terreno (ſchnellfüßig), sentido(liſtig) oder abanto(feige) iſt. Jede dieſer Eigenheiten erfordert eine beſondere Taktik und vom kleinſten Verſehen hängt der Ruf und nicht ſelten das Leben des Toreadors ab. In ſeinem Lehrbuche der Stierfechtkunſt ſagt Francisco Montes:„Ein Toreador muß muthig und leicht gebaut, aber nicht tollkühn ſein, er muß zudem die Kunſt gründlich ſtudirt und geübt haben. Wer nicht kaltblütig und raſch wie der Blitz den rechten Augenblick zu benutzen weiß, endet früher oder ſpäter ſein Leben auf den Hörnern des Stieres. Wem aber das Herz beim Kampfe nicht ſchneller ſchlägt, als beim Billardſpiele, weſſen Auge raſch und ruhig die kleinſten Bewegungen des Thieres verfolgen und voraus errathen gelernt hat, der ſpielt noch im hohen Alter mit dem wüthendſten und gefährlichſten Stiere, wie die Katze mit der Maus.“ 174 Siebentes Kapitel. Der alte Picador, der mir dieſe Einzelnheiten erzählte, ver⸗ ſicherte mir ſeufzend: wie ſo oft in dieſer Welt das wahre Verdienſt nicht anerkannt werde, ſo ergehe es namentlich dem Aufſeher des Stierplatzes, der das höchſt undankbare und gefährliche Geſchäft habe, die wilden Stiere in der dem Feſte vorhergehenden Nacht in ihre Zwinger einzuſperren. Dieſe Zwinger haben die Ge⸗ ſtalt von koloſſalen Mäuſefallen, ſte ſind kaum ſo lang, breit und hoch, daß das Thier darin Platz hat. Nach Art der Fallgitter kann die vordere und hintere Wand aufgezogen und herabgelaſſen werden, und alle correſpondiren durch eben dieſe Fallgitter mit dem Thore, durch welches die Thiere den Kampfplatz betreten. Herab von ihren freien Bergen werden dieſe nun, ſobald es Nacht wird, meiſtens den Tag vor dem Feſte, von Reitern mit langen Piken nach der Stadt und dem Stierplatze getrieben. Doch geht dieß nicht ohne einen Leitochſen, der vorausmarſchirt und auf dieſe Art ſeine Brüder auf heimtückiſche Weiſe dem bluti⸗ gen Spiele überliefert. Das Schwierigſte iſt, die Erwählten von der großen Herde abzuſondern; iſt dieß einmal geſchehen, ſo wird der Leitochſe an die Spitze geſtellt, die Reiter umgeben den Schwarm und bringen ihn im Dunkel der Nacht meiſtens glücklich zwiſchen die Mauern des Stierplatzes. Hier werden die Thiere einzeln aus einem größeren Hofe in einen kleineren gebracht, auf den die Zwinger mit ihren Fallthüren münden; die betreffende wird auf⸗ gezogen, und auch hier ſpaziert der Leitochſe voran in den dunk⸗ len Käfig hinein. Häufig folgt ihm bereitwillig der wilde Stier; oftmals ſtutzt er aber auch an der engen Thür: vielleicht warnen ihn geſpenſtige Schatten der Vorangegangenen, vielleicht verkün⸗ det ihm ein Blutgeruch ſein kommendes Geſchick; kurz, hier an der Schwelle des Zwingers erfolgt, wie uns der Picador ſagte, ſchon ein heftiger Vorkampf, der oft um ſo gefährlicher wird, da der Aufſeher mit ſeinen Knechten dem wilden Thiere unbewaffnet entgegentritt. O, es iſt nicht ſelten, verſicherte uns der alte Picador, daß ———————,.,—,— Ein Stiergefecht. 175 das Einſperren von acht Stieren nicht nur eine ganze Nacht ge⸗ dauert hat, ſondern auch den anderen Vormittag, und ich habe Fälle erlebt, wo wir erſt fertig geworden ſind, nachdem ſchon die erſten Zuſchauer ihre Sitze eingenommen. Bei ruhigen Thieren geht alſo der Leitochſe voran, natürlich vorn wieder zum Kaſten hinaus, während vor der Naſe und dem Hintertheile ſeines un⸗ glücklichen Nachfolgers nun beide Fallthüren raſch herabgelaſſen werden. Daß bei allen dieſer enge Käfig nicht zur Beruhigung der Nerven beiträgt, im Gegentheil das eingeſperrte, ungeduldige Thier ſo toll und wild als möglich wird, kann man ſich denken. Obendrein muß der Stier in ſeinem dunkeln Gefängniß Hunger und Durſt leiden, und wenn die Stunde gekommen iſt, wo er auf den Platz hinausgelaſſen wird, ſo ſind die Knechte kaum im Stande, ihn gehörig herauszuputzen, d. h. auf ſeinen Rücken die lange, flatternde Banddeviſe zu befeſtigen, die ihm vermittelſt eines kleinen Eiſens mit Widerhaken in die Haut geſtoßen wird. So gereizt und im höchſten Grade unmuthig gemacht, öffnet ſich ihm die Thüre ſeines finſteren Käfigs; in tollen Sprüngen rast er hinaus, und ſtatt ſich nun, wie er wohl geglaubt, wieder in der ſtillen Einſamkeit ſeines Waldes zu befinden, ſteht er plötzlich in einem von der Sonne hell beſtrahlten Kreiſe, eingehegt mit einer ſechs Fuß hohen Schranke und umgeben von Tauſenden von Zuſchauern in glänzenden Toiletten; grelle Tücher wehen um ihn her, lauter Zuruf empfängt ihn, Muſtk ſchallt in ſeine Ohren, und vor ſeinen halbgeblendeten Augen ſpielen unzählige Fächer in der Hand der Zuſchauerinnen und Zuſchauer; denn auch der Spanier bringt ſeinen Abanico mit auf den Stierplatz,— ein kleines, zwei Fuß langes Stöckchen mit einer buntbemalten Fahne von ſtarkem Pa⸗ pier, das er hin und her bewegt und ſich ſo friſche Luft zufächelt. Der Stier bleibt überraſcht in der Mitte ſtehen, betrachtet mur⸗ rend die ungewohnte Umgebung, dreht ſich mit funkelnden Augen im Kreiſe umher, fängt an den Boden aufzuſcharren, ſenkt den Kopf und ſucht ſich einen Kämpfer aus. 176 Siebentes Kapitel. Der Unternehmer ſorgt nun ebenfalls für die Zuſammenſtellung einer guten Quadrilla, zu der zuerſt mehrere gute Espada,„Degen“ (ſo werden die Matadore in Spanien genannt, und dieſer Name, welchen man bei uns dem erſten Helden der Quadrilla zu geben pflegt, ſcheint hier ganz außer Gebrauch gekommen zu ſein) gehö⸗ ren, und die ferner aus einem halben Dutzend„Picadores“, ſo wie einem Dutzend„Chulos“ und eben ſo vielen„Banderilleros“ beſteht. Die Picadores ſind zu Pferde und reiten auf jenen alten, armen Thieren, von denen ich vorhin ſprach. Die Kleidung der Reiter, in den bunteſten Farben, wie alle Coſtüme, die beim Stiergefechte vorkommen, beſteht aus einer verſchnürten Jacke, darunter eine mit zahlloſen Knöpfen beſetzten Weſte, um welche eine lange, wollene Binde mehrfach gewickelt iſt; hieran ſchließen ſich kurze Beinkleider, ſo wie andaluſiſche Ledergamaſchen. All dieſe Kleidungsſtücke ſind aus ſehr ſchwerem Zeuge gemacht und dabei ſo ſtark wattirt, daß die Geſtalt des Picadors ſehr unbehülf⸗ lich ausſieht. Und das iſt er auch in der That; denn wenn das Pferd unter ihm ſtürzt und er dabei nicht zufällig auf ſeine Beine zu ſtehen kommt, ſo iſt es ihm nicht wohl möglich, ſich ohne Hülfe aus dem Sattel zu ſchwingen. Ja, wenn er zufällig auf den Rücken fällt, ſo geht es ihm wie einer Schildkröte, und es iſt ihm ohne fremden Beiſtand nicht möglich, ſich wieder zu erheben. Dieſe wattirte Rüſtung iſt jedoch ſehr nothwendig, da faſt bei jedem Zuſammentreffen des Stiers mit dem Pferde letzteres zu Boden gerannt wird, und ohne die weiche Unterlage gewiß jedes Mal ein paar dieſer Reiter ihre Knochen zerbrechen müßten. Ebenfalls zum Schutze gegen die Hörner des Stiers iſt der Sattel des Reiters vorn und hinten ſchuhhoch aufgepolſtert; die Augen des Pferdes ſind mit einem Tuche verbunden; denn ungeblendet würde wohl keines zum zweiten Angriffe zu bringen ſein. Die Bewaffnung des Picadors beſteht in einer fünfzehn bis achtzehn Schuh langen Lanze mit einer ſehr kurzen Spitze, welche noch obendrein mit Ein Stiergefecht. 177 - ſtarkem weichen Bindfaden umwickelt, ſo, daß das Eiſen kaum mehr 4—.. A:. als einen halben Zoll ſichtbar bleibt. Die Picadores ſind die Erſten e, auf dem Platze, ſie müſſen den Kampf beginnen und haben meiner en Anſicht nach die ſchwierigſte Rolle; ſie müſſen dem Stiere entgegenrei⸗ ten, ihre alten, ſteifen Pferde ſind zu ungelenk und zu ſchwach, um dem ſo wüthenden Thiere ausweichen zu können oder vor ihm zu fliehen. Es kommt alſo Alles darauf an, daß der Picador kaltes Blut und Geiſtesgegenwart genug hat, den Stier mit eingelegter Lanze ruhig 46 zu erwarten, um, wenn er ihm nahe genug iſt, demſelben mit e Concentrirung aller ſeiner Kraft einen tüchtigen Stoß mit der u Pike beizubringen. In vielen Fällen läßt ſich der Stier hiedurch e, abtreiben, weicht zurück, um ſein Heil bei einem anderen Picador he zu verſuchen. Iſt aber das Thier ſehr kräftig und wild und macht 3 ſich aus der leichten Verwundung⸗ die es erhalten hat. nichts, dringt vielmehr noch wüthender vor, ſo bricht das Pferd des nd Picadors unter dem gewaltigen Stoße zuſammen, und nachdem f. der Reiter oftmals weit aus dem Sattel geſchleudert wird, ſucht 48 er ſich ſo ſchnell als möglich der Aufmerkſamkeit des Stiers zu ne entziehen. Glücklicherweiſe beſchäftigt ſich das wüthende Thier faſt fe immer mit dem geſtürzten Pferde und ſtößt mit ſeinen gewaltigen 4 Hörnern ſo lange auf daſſelbe hinein, bis es regungslos liegen In bleibt oder bis der Stier einen anderen Gegner findet. Es iſt das 5 ein Glück für die Picadores; denn ſonſt würden bei ihrer Unbe⸗ in holfenheit ſtets einige den Kampf mit ihrem Leben bezahlen eu müſſen. Zuweilen auch wirft der Stier das Pferd nicht beim al erſten Anlaufe nieder, ſondern reißt ihm mit ſeinen Hörnern den 1 Leib auf, wo es alsdann ein wahrhaft häßlicher Anblick iſt, wenn man das unglückliche Pferd im Ring umhergaloppiren ſieht, die 3 Eingeweide auf dem Boden nachſchleppend. Im Süden Spaniens, ug in Sevilla, Granada, wird übrigens jedes ſchwerverwundete Pferd en augenblicklich abgeführt, wogegen es in den Städten des Nordens rit meiſtens auf dem Platze verenden muß. Während ſich die Picadores mit dem Stiere beſchäftigen, Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 12 178 Siebentes Kapitel. ſind die Chulos meiſtens müßige Zuſchauer. Dieſe kräftigen, ſchön gewachſenen Burſchen erſcheinen faſt im gleichen Coſtume, wie auf unſeren Theatern Figaro. Ihr volles, dunkles Haar iſt zurückge⸗ ſtrichen und hinten an demſelben ein kleiner ſchwarzer Haarbeutel befeſtigt, der mit ſchwarzen Bändern und meiſtens einer großen Maſche verziert iſt. Um dieſen Haarbeutel anbringen zu können, b laſſen ſich die Stierfechter ein Zöpfchen wachſen, woran man ſie im gewöhnlichen Leben auch erkennt. Ueber einer enganliegenden Atlasweſte, die reich mit Knöpfen und Goldſtickereien verziert iſt, tragen ſie die rund geſchnittene andaluſiſche Jacke, ebenfalls von V Seide oder von feinem Tuche. In beiden Taſchen derſelben befin⸗ den ſich weiße und bunte Sacktücher, deren Spitzen herausflattern. Um den Leib haben ſie eine dünne, ſeidene Schärpe, welche das eng anliegende kurze Beinkleid feſthält; ein weißer oder fleiſchfar⸗ bener ſeidener Strumpf vollendet den Anzug, und dazu ſteht der Stierfechter in feinen, untadelhaften Schuhen. Die Chulos und Banderilleros, welche, wie ſchon geſagt, zu Anfang des Gefechtes zuſchauen und innerhalb oder außerhalb des Ringes müßig an der Schranke lehnen, bilden in den beſchrie⸗ benen Coſtumen eine buntfarbige und glänzende Schaar. Auch ihre Beinkleider ſind meiſtens von Atlas, und der ganze Anzug iſt in den auffallendſten Farben: Weiß, Himmelblau, Dunkelroth, V Violet, und wenn man dazu nimmt, daß alle Nähte reichlich mit Stickereien und Flitter beſetzt ſind, Jacke und Weſte mit unzähli⸗ gen blanken Knöpfchen, daß dabei die Chulos in ihren Händen lange bunte ſeidene Tücher von allen Farben haben, ſo kann man 3 ſich denken, wie alles das im Sonnenlichte glänzt und flimmert. Die Beſtimmung der Chulos iſt übrigens, den Stier mit ihren farbigen Tüchern zu reizen und ſeine Aufmerkſamkeit von einem geſtürzten Picador oder von einem Collegen abzulenken, der in Gefahr iſt, in gar zu nahe Berührung mit den Hörnern des Stiers zu kommen. Die Banderilleros haben ſchon ein ſchwierigeres und gefähr⸗ Ein Stiergefecht. 179 n licheres Geſchäft als die Chulos. Sie müſſen dem wüthenden f Stiere entgegentreten, um ihm die Banderillas einzuſtoßen. Dieß 2 ſind über zwei Schuh lange Pfeile mit eiſernen Spitzen und Wi⸗ 1 derhaken, welche mit buntem, flatterndem Papier umgeben ſind; n nach den Regeln der Kunſt dürfen ſie dem Stiere nur im Angriffe und von vorn beigebracht werden, weßhalb der Banderillero dem e Stier mit ausgebreiteten Armen entgegen geht, in jeder Hand einen t dieſer Pfeile tragend, und nun den Moment abpaſſen muß, wo das , wüthende Thier ihm gerade entgegenſtürzt, um alsdann auf die n Seite zu ſpringen und demſelben im Sprunge den Pfeil in den 2 Nacken zu ſtoßen. Daß dabei die Hörner des Thieres oft wenige Zoll an ſeiner Bruſt vorbeifahren, kann man häufig genug ſehen. 5 Nachdem nun Chulos und Banderilleros ihr Weſen mit 2 dem Stiere lange genug getrieben und ihn entweder ſo wüthend r gemacht haben, daß ſich Niemand mehr in ſeine Nähe wagt, oder ihn ſo lange gehetzt, daß er, wenn es ein ſchlechter Stier iſt, an⸗ u fängt Zeichen der Müdigkeit zu geben, ſo erſcheint auf einen 5 Trompetenſtoß der Eſpada, bei ſchwachen Stieren gewöhnlich ein 4 Anfänger, ein Neuling in der Kunſt, der dann ein„halber Degen“ genannt wird, bei wilden und gefährlichen Thieren aber einer der t vorhandenen Virtuoſen. Der Eſpada iſt wie der Banderillero „ gekleidet und trägt in der linken Hand einen kleinen Stock, um wel⸗ t chen ein blutrother Lappen, Mantel genannt, befeſtigt iſt, um ⸗ durch dieſe Farbe die Wuth des Stiers noch mehr zu reizen. In 1 der Rechten hat er einen Degen mit drei Fuß langer und zoll⸗ 1 breiter Klinge, deſſen ſehr kleiner Griff und Bügel mit rothem . Tuche um wickelt iſt, wodurch er ihn feſter halten kann. 1 Zu den Eigenſchaften eines Eſpada gehört natürlich viel 1— perſönlicher Muth, eine große Gewandtheit, ein ſicherer Blick und 1 unbedingte Herrſchaft über den eigenen Körper, denn er tritt dem 3 oftmals raſenden Thiere Aug in Auge gegenüber, ganz allein, und alles, was er zu ſeiner Rettung thun darf, iſt eine blitzſchnelle Bewegung nach rechts und links, um dem furchtbaren Stoße aus⸗ 12* — —ᷣ—ᷣ—:::;⏑sᷣ.fçq 180 Siebentes Kapitel. zuweichen; er muß das Thier von vorn durch einen Stoß zwiſchen die Hörner tödten, muß alſo genau berechnen, wie er dieſen Stoß anbringen kann, ohne ſich ſelbſt den gewaltigen Hörnern Preis zu geben. Dem Stiere den Rücken zu wenden oder gar zu fliehen, wäre ein Schimpf, den ſich ein guter Degen niemals anthun würde. Er beſchäftigt ſich nun mit dem Stiere ſo lange, neckt ihn auf alle Weiſe und fordert ihn heraus, bis das Thier den Kopf tief herabſenkt zum tödtlichen Stoße anſetzend„ſich demüthigt.“ Dieſen Moment benutzt der Eſpada und ſtößt ihm den Degen in die Wurzel des Nackens; zuweilen gelingt es ihm, jene kleine Stelle zu treffen, „cruz“ nennen ſie die Kenner, wo der Stier alsdann, wie vom Blitze getroffen, todt zu Boden ſtürzt. Stößt er aber fehl, ſo fährt das Eiſen oft dem Thiere bis an das Heft in den Nacken, das Blut ſpritzt her⸗ aus, der Eſpada muß den Griff fahren laſſen, und der Stier rast brüllend, mit der Waffe im Leibe, toller als früher, im Kreiſe umher. Da im Winter die Stiergefechte in Spanien ſelten und nicht glänzend ſind, ſo hatte ich nicht das Glück, einen der großen Ma⸗ tadore zu ſehen, weder Francisco Montes, noch Redondo, noch Cuccero. Was den erſten anbelangt, ſo iſt er überhaupt für immer vom kleinen Schauplatze des Stiergefechts, ſo wie vom großen der Welt abgetreten. Er, der ſein Leben tauſend Mal den Hörnern des Stiers Preis gab, ſtarb im Bette an einem hitzigen Fieber. Unſer Picador hatte früher in Andaluſien mehrmals mit ihm zuſammen gearbeitet, wie er uns ſagte, und meinte ſeufzend, ein Stern wie Montes würde nicht ſo bald wieder erſcheinen. Und wie ſchade, daß er auf ſo ſtille Art endigen mußte! Als er damals in Madrid ſchwer verwundet wurde, war ich dicht dabei, erzählte der ehemalige Picador. Es mußte im Sandboden ein Stein geweſen ſein; denn als er den Stier niederſtoßen wollte, glitt ſein linker Fuß aus, ſein Körper, der ſich einen Zoll zu viel rechts wandte, wurde vom Horne des Stiers erfaßt, das ihm ſo tief in den Leib und in die Lunge drang, daß ein Licht, welches man vor die Wunde hielt, ausgelöſcht wurde. Ueberhaupt war der große Montes ein Ein Stiergefecht. 181 braver Mann, gutmüthig wie ein Kind, der immer für ſich lebte und mit den anderen wenig Gemeinſchaft hielt. Nur hatte er Einen Fehler, er trank nämlich gern eine gute Flaſche Wein und auch mehrere, wie es gerade kam. Das geſchah aber nur, wenn er nichts zu thun hatte; alsdann nahm er ſich in irgend einer Poſada ein Zimmer, kaufte ſich eine Anzahl Flaſchen und trank ſo lange, bis ſie leer waren. Wenn er gerade keine Kneipe fand, die ihm be⸗ hagte, ſo ſperrte er ſich auch wohl zu demſelben Zwecke in ſeine eigene Stube ein. Ja, ich ſehe ihn noch heute vor mir, wie er ſeinen Wein ſelbſt trug und dann das Haus hinter ſich abſchloß. Hatte er dagegen ein Stiergefecht vor ſich, ſo war niemand nüchterner als er, und dann kam ſchon längere Zeit vorher kein Tropfen Wein über ſeine Zunge.— Das iſt überhaupt der Feind, vor dem wir uns in Acht nehmen müſſen, verſicherte lachend der Pica⸗ dor, denn zu anderen Geſchäften iſt es wohl erlaubt, ſich damit ein Bißchen Courage zu machen, aber hier im Ringe iſt der kleinſte Nebel vor den Augen ſo gut wie der leibhaftige Tod. Montes hatte den Beinamen Chieclanero; doch heißt auch Redondo ſo, weil Beide aus Chiclana ſtammen, einem Städtchen in Andaluſien, aus dem ſchon viele wackere Stierkämpfer hervorgegangen. Cuccero, der noch eriſtirt, ebenfalls ein Andaluſter, iſt jetzt wohl unſtreitig der größte unter den ſpaniſchen Matadoren oder Degen. Er zeichnet ſich namentlich durch ſeine ſprichwörtlich gewor⸗ dene Kaltblütigkeit aus, ſo wie durch die Gewandtheit, mit welcher er das lebensgefährlichſte Spiel mit den tollſten Stieren treibt. Wenn er dem Stiere mit vorgehaltenem rothem Mantel und Degen entgegentrat, und dieſer gereizt auf ihn zuſtürzte, ſo ſtießt er oft wenige Zoll vor dem ſchäumenden Thiere ſeinen Degen in den Sand, warf ſich in dieſem Augenblicke ſelbſt den rothen Mantel über, ſtemmte einen Arm auf die Hüfte und ließ nun den Stier an ſich vorbeiſpringen, wobei er ihm verächtlich über die Achſel nachſchaute. Schon oben wurde bemerkt, daß zur grande tenue des anda⸗ 182 Siebentes Kapitel. luſiſchen Coſtumes zwei Sacktücher gehören, welche in beiden Ta⸗ ſchen des Oberjäckchens ſtecken. So gekleidet, trat Cuecero dem Stiere entgegen, der, den Sand mit den Füßen aufſcharrend, den Kopf tief geſenkt, mit boshaft funkelnden Augen auf ihn zukam. Das rothe Tuch, dicht vor dem Kopfe des Thieres geſchwenkt, ver⸗ ſetzte es in noch größere Wuth, und wenn es nun vorwärts ſtürzte, vor den kühnen Stierkämpfer hin, dann blieb dieſer nach einer kaum merklichen Wendung ſo unbeweglich ſtehen, daß ein Gemur⸗ mel des Entſetzens durch die Reihen lief. Der Stier war indeſſen vorbeigeſchoſſen und hatte dann oben an ſeinen Hörnern eines der Schnupftücher, welches er dem Eſpada aus der Bruſttaſche geriſſen. Mit welch donnerndem und enthuſiaſtiſchem Beifallsrufe übrigens eine ſolche That von dem Publikum belohnt wird, davon kann ſich nur der einen Begriff machen, welcher die Spanier, nament⸗ lich aber die lebhaften Spanierinnen, bei den Stiergefechten ge⸗ ſehen hat. Es war ein herrlicher Tag, der elfte December, klar und mild wie ein ſchöner Maitag bei uns; die Rambla war mit Tau⸗ ſenden von Spaziergängern aller Stände bedeckt, deren Haupt⸗ ſtrom ſich nach der Puerta del Mar zu wälzte. Zahlreiche Om⸗ nibus ſtanden in den Fahrwegen des öffentlichen Spazierganges, alle mit der Bezeichnung, daß ſie die Perſon für einen Real nach dem Stierplatze hinausfahren würden. Das Schauſpiel ſollte um halb zwei Uhr beginnen und nach zwölf Uhr ſchon machten wir uns auf den Weg, um langſam durch die geputzten Menſchen⸗ maſſen hinaus vor das Thor zu ſchlendern; er führte uns über den breiten Spaziergang der Hafenmauern, der ſonſt ziemlich ein⸗ ſam, heute aber ebenfalls mit einer lachenden und plaudernden Menge dicht beſetzt war; namentlich das weibliche Geſchlecht war an dieſem Nachmittage zahlreich und ſchön vertreten. Daß man übrigens oft verwundert ſtehen bleibt, um einer ſchönen Spanierin nachzublicken, die ſtolz, aber nicht unfreundlich an uns vorbeiſchrei⸗ tet, daran iſt viel das vortheilhafte Coſtume ſchuld. Haare, Ein Stiergefecht. 183 Augen und Zähne ſind meiſtens ſchön und dadurch macht ſich das ganze Geſicht, von der ſchwarzen Mantilla eingerahmt, auch wenn es nicht gerade bemerkenswerth iſt, intereſſant, ja reizend. Und mit der Mantilla um den Kopf, ſowie mit dem Fächer in der Hand wiſſen die Spanierinnen umzugehen. Die Mantilla iſt unſeren Leſerinnen wohl bekannt, man könnte ſagen: es iſt nichts als ein großer ſchwarzer Spitzenſchleier, der oben am Kopfe be⸗ feſtigt iſt, durch den Kamm gehalten wird, zu beiden Seiten des Kopfes herabfällt und vorn über der Bruſt von einer meiſtens ſehr kleinen Hand zuſammengehalten wird. Hier in Barcelona, wo die Mantillen dritter und vierter Qualität gemacht werden— Nummer Eins und Zwei kommen, wie faſt alle Mode⸗ und Lurus⸗Artikel, aus Paris—, ſieht man ſie auch häufig von ſchwarzem Seidenzeuge, mit fußbreiten Spitzen. Zuweilen iſt auch der Kopf ganz von Spitzengeweben umgeben, an welchen, erſt auf den Schultern anliegend, eine Mantilla in der Form, wie man ſie bei uns trägt, von ſchwarzer Seide, auch wohl von Sammt, befeſtigt iſt. Im Aufheften des Schleiers an dem dunklen Haare haben alle Spanierinnen eine merkwürdige Ge⸗ wandtheit und es gibt nichts Coquetteres, als wenn die Mantilla, die vorn an der Stirn flach aufliegt, auf beiden Seiten des Kopfes von einer Granatblüthe oder Camellia aufgehoben und getragen wird.— Der übrige Anzug der Barceloneſerinnen iſt ähnlich dem unſerer Damen; man ſieht viele Anzüge von ſchwarzer Seide, daneben aber auch oft die bunteſten Farben: Gelb, Blau, Grün, Roth. Spoenſer oder kleine Jacken von Seide oder Sammt, und alsdann meiſtens in anderen Farben als die Röcke, werden viel getragen. Auffallend war es mir, daß hier in Barcelona die meiſten Damen aller Stände ſchiefe Scheitel hatten; bei einem ſehr edeln und ſehr ſchönen Geſichte macht ſich das nicht übel; gewöhnlich aber bekommt hiedurch der Kopf etwas ſehr Heraus⸗ forderndes, ja Leichtfertiges. Das gefährliche Fächerſpiel beginnt 184 Siebentes Kapitel. hier ebenfalls und die hieſigen Damen, wenn ſie daſſelbe auch nicht mit der unglaublichen Gewandtheit, wie die Andaluſierinnen zu handhaben verſtehen, machen doch einen recht zweckmäßigen Ge⸗ brauch davon. Die eleganten jungen Männer von Barcelona hatten heute auch das Mögliche an ſich gethan; namentlich waren Hals⸗ binden in den ſchreiendſten Farben und Handſchuhe à la Laub⸗ froſch, d. h. grasgrün, oder auch welche von kuhrother Farbe, ſehr gewöhnlich. Zu unſerer Rechten hatten wir den Hafen und das Meer. Letzteres war tiefblau und ſehr ruhig; nur zuweilen wogte eine kleine Welle von draußen herein, die aber hier im Hafen immer kleiner und kleiner wurde und zuletzt nur unmerklich und ohne Schaum auf den Sand hinaufſpritzte, oder eines der kleinen Fiſcher⸗ boote, die halb im Waſſer lagen, leicht in die Höhe hob. Drau⸗ ßen ſah man hier und da weiße Segel, blendend im Sonnenlichte, und am Horizonte zog ein Dampfer, eine Rauchwolke hinter ſich, in kurzer Zeit hinter den ſteilen Felſen des Monjuich ver⸗ ſchwindend. Unter uns auf dem Strande war das gewöhnliche Sonn⸗ tagsleben; kleinere und größere Schiffe hatten geflaggt, hier und da ihre Netze zum Trocknen ausgeſpannt; neben den großen Fiſcherbooten, die ans Land gezogen worden waren, ſtieg gekräu⸗ ſelt der Rauch in die Höhe, und da ſaß die Familie des Fiſchers in Erwartung des Mittageſſens, welches aus Fiſchen beſtehend, in der Pfanne ſchmorte. Die Weiber wandten die dampfenden Stücke herum, die Kinder balgten ſich im Sande, während die Männer in ihren rothen und geſtreiften Mänteln, die weiße oder bunte Mütze auf dem Kopfe, auf Fäſſern und großen Ankern ſaßen und die Papiercigarre rauchten. Aus den nachbarlichen Schenken hört man hier und da das Geklimper einer Guitarre, den Schall von ein Paar Caſtagnetten und dann ein ſpaniſches Lied, in dem bekannten näſelnden Tone tremulirend vorgetragen. So war es drunten am Strande, während oben auf der Ein Stiergefecht. 185 prächtigen, maſſiven Mauer der bunte Strom der Spaziergänger lachend, plaudernd, Cigarren rauchend, nach der Puerta del Mar zog, um auf dieſe hinaus nach dem Stierplatze zu wogen, deſſen Thore eben geöffnet wurden. Vor uns her ſchritt eine halbe Compagnie der berüchtigten Mozos de la Escuadra, die bekann⸗ ten Diebsfänger, vertraut mit den Schlupfwinkeln der Ladro⸗ nes und Ratteros, da die meiſten dieſer Sicherheits⸗Polizei einſtens ſelbſt das Räuber⸗ oder Diebshandwerk getrieben haben. Sämmtliche Thüren des Stierplatzes, die um das ganze Gebäude herum vertheilt ſind, ſind numerirt, mit oder ohne Sonne, und die gelöste Eintrittskarte gilt nur für die betreffende Rummer. Der Stierplatz war ſchon ziemlich beſetzt, doch gelang es uns, unter der Loge des Ayuntamiento noch recht gute Sitze zu erhalten. Die Geſellſchaft um uns her war freilich ſehr gemiſcht, aber wer macht ſich aus dergleichen Sachen in Spanien etwas! Vor und hinter uns befanden ſich junge Leute der unteren und mittleren Stände, die neben ihren Damen ſaßen und ſich aufs lebhafteſte über das bevorſtehende Schauſpiel unterhielten. So viel wir aus den Ge⸗ ſprächen entnahmen, hatten Manche ihre Bekannten unter den Aficionados, und nun wurde hin und her geſtritten, ob Der oder Jener ſich recht brav benehmen würde. Daß dazu viele Orangen verſpeist, auch Cigarren von allen Qualitäten geraucht wurden, verſteht ſich von ſelbſt.— Nach und nach füllte ſich übrigens das Haus, und wenn man auch hie und da in den Sitzreihen noch kleine Lücken bemerkte, ſo war es doch im Ganzen recht gut beſetzt. Etwas Lebhafteres indeß, als ſo ein ſpaniſches Publikum, den Anfang des Stierge⸗ fechtes erwartend, iſt kaum denkbar. Es mochten vielleicht acht⸗ tauſend Menſchen zugegen ſein, und die Spannung und Auf⸗ regung dieſer Verſammlung, dieſes Gähren der ungeduldigen Volksmaſſen machte ſich vor Anfang des Schauſpiels auf alle möglichen Arten Luft. Hier wurde geplaudert oder gepfiffen, dort laut geſungen oder gebrüllt und dazu der Tact mit den Füßen ————õõ— 186 Siebentes Kapitel. getrommelt. Von oben nach unten, oder auch umgekehrt, flogen Orangenſchalen, und wenn man ſtatt des Bekannten einen Frem⸗ den getroffen, ſo erhoben ſich beide Theile zu gleicher Zeit, ſagten ſich unter heftigen Pantomimen einige paſſende Worte, ohne daß man übrigens nur ein einziges rohes Schimpfwort gehört hätte. Und dieſer Wortwechſel dauerte meiſtens ſo lange, bis ein paar von unbekannter Hand geſchleuderte Orangenſchalen die ſtreiten⸗ den Parteien nachdrücklich trafen, worauf ſich dann gewöhnlich Beide unter wüthendem Halloh der Umherſitzenden zur Ruhe be⸗ gaben. Aeußerſt komiſch war es, wenn einer, der hoch oben ſaß, zufällig tief unten einen Bekannten entdeckte und nun über Sitze und Sitzende hinweg herabſtieg, oder eigentlich herabſiel; denn jeder, in deſſen Nähe er kam, erleichterte ihm unter ſchallendem Gelächter das Herabkommen, was denn auf ſolche Art eigentlich mehr ein Herabrutſchen zu nennen war. Meiſtens ging das übri⸗ gens in Liebe und Freundſchaft vor ſich; nur erzürnte ſich hier und da eine Schöne, deren Mantilla etwas ſtark geſtreift wor⸗ den war, wurde aber auf die komiſchſte Art von der Welt von dem Herabfallenden beſänftigt, indem er ihr verſicherte, ihr gutes Ausſehen habe durchaus nichts gelitten, er mache ſein Compliment, denn ſie ſähe immer noch reizender aus, als tauſend Mädchen ſeiner Bekanntſchaft, deren Namen ihm im gegenwärtigen Augen⸗ blicke nicht einſielen. Auf allen Seiten des gewaltigen Kreiſes gab es dergleichen Scenen, und wenn es hier einen Augenblick ruhig war, ſo fing es drüben um ſo toller wieder an. Dabei war das Auge geblen⸗ det von der bunten Menſchenmenge, von den lebhaften Farben der Damenanzüge und von dem brennenden Roth der vielen Mantass, namentlich aber von dem ſtrahlenden Sonnenlichte, das einen Theil des Kreiſes glänzend beleuchtete. Dort hielt man denn auch die Fächer in immerwährender Bewegung, theils um ſich vor den Strahlen der Sonne zu ſchützen, theils um ſich affec⸗ o——— Ein Stiergefecht. 187 tirt Kühlung zuzuwehen, oder um ſich mit entfernter Sitzenden durch Zeichen zu unterhalten. Wir mochten ſo eine ſtarke Viertelſtunde dageweſen ſein, als die Menſchenmaſſe auf einmal in eine allgemeine Bewegung kam. Man ſteckte die Köpfe zuſammen, man hob ſich halb in die Höhe, man blickte nach den Logen, die über unſeren Sitzen befindlich waren, und als auch wir uns umwandten, ſahen wir, daß ein Theil derſelben mit reichgeputzten Damen angefüllt war, ſowie mit Herren in ſchwarzen Frackrocken, die ſich an die Brüſtung be⸗ gaben und einige Augenblicke in das Haus hinab ſchauten— die Mitglieder des Ayuntamiento, des Magiſtrats von Barcelona. Faſt zu gleicher Zeit erſchienen nebenan in glänzenden Uniformen der Generalcapitän und ſein Gefolge. Seine Erreellenz Don Ra⸗ mon de la Rocha, presidira a la Plaza, d. h. wird als oberſte Be⸗ hörde die Function leiten. In dieſem Augenblicke war auch die zahlreiche Militärmuſik auf ihre Tribüne getreten und wenige Secunden nachher brauste ein prächtiger Marſch zum großen Er⸗ götzen des Publikums durch die weiten Räume. Um bei der Lebhaftigkeit des ſpaniſchen Publikums, dieſer heißblütigen Bevölkerung, keine Urſache zur Unzufriedenheit zu geben, beginnen überall die Stiergefechte pünktlich zur angegebenen Zeit; ſelbſt in Madrid fügt ſich die Königin mit ihrem Hofe aufs genaueſte dieſer Sitte und es ſollen hier, im Gegenſatze zu anderen Hauptſtädten, die allerhöchſten Perſonen nie daran ſchuld ſein, daß ſich der Anfang des Volksſchauſpiels auch nur um eine Minute verzögert. Punkt zwei Uhr erſchien denn auch hier eine Abthei⸗ lung der obenerwähnten Mozos de la Escuadra, um allenfallſige unbefugte Eindringlinge aus der Arena zu vertreiben; doch hätte ſie ſich dieſe Mühe erſparen können, denn Alles hatte ſich erwar⸗ tungsvoll auf ſeine Sitze zurückgezogen. Jetzt ſchmetterten die Trompeten, und es erſchienen in alter Amtstracht, ſchwarzem Sammtkleide mit der weißen Halskrauſe, zwei Alguacils zu Pferde, welche mit einem ungeheuren Halloh Siebentes Kapitel. 188 empfangen wurden, das aber weniger ihren eigenen werthen Per⸗ ſonen, als einem dritten Collegen galt, einem Knaben nämlich, ebenfalls als Alguacil gekleidet, der auf einem Pony in ihrer Mitte ritt. Es war dieß ein Scherz oder eine Freiheit, welche ſich die Aficionados erlaubt hatten und der von der Menge bei⸗ fällig aufgenommen wurde. Doch verſtummte plötzlich aller Lärm, als nun hinter den Alguacils die Quadrilla ihren feierlichen Ein⸗ zug hielt. Es waren ſechs Picadores, auf dürren hochbeinigen Kleppern, die lange Lanze in der Fauſt und hoch erhoben; ihnen folgte ein Duzend Chulos, Banderilleros, zwei„Degen“, das bloße Schwert in der Hand, den rothen Mantel auf dem rechten Arm tragend, und hinter dieſen ſchritt ein Cachetero, d. i. der Mann, der dazu beſtimmt iſt, mit einem kurzen, dolchartigen Meſ⸗ ſer in gewiſſen Fällen dem Stiere den Gnadenſtoß zu geben. Der Zug wurde beſchloſſen durch ein Geſpann von drei Maulthieren mit bunten Geſchirren, welche voll Meſſingzierrathen, kleiner Glocken und rother Quaſten hingen. Auf dem Kopfgeſtelle und auf dem Rücken befanden ſich kleine gelbe Fähnchen. Dieſe Maul⸗ thiere ſind dazu beſtimmt, die getödteten Stiere aus der Arena zu ſchleifen, was immer in vollem Galopp geſchieht; jetzt aber gingen ſie natürlicherweiſe im Schritt; doch waren es feurige Thiere, wel⸗ che kaum gehalten werden konnten und ſo oft ſie einen Seitenſprung machten oder vorwärts ſchoſſen, bewegten ſich luſtig die Fähnchen, an dem Geſchirre klirrten die Meſſingſtücke und klingelten die Schellen, was ſich gar nicht übel ausnahm. In gemeſſenem Schritt und mit ſtolz erhobenen Köpfen gin⸗ gen die Mitglieder der Quadrilla bis vor die Loge des Ayunta⸗ miento und des commandirenden Generals und machten beiden Behörden eine feierliche Verbeugung; darauf ritten die Alguacils ein paar Schritte vor, entblößten ihr Haupt, und einer bat um die Erlaubniß zum Beginne des Gefechts— eine Ceremonie, welche vor jedem Stiergefechte bald mit mehr, bald mit weniger Förmlichkeit vor ſich geht. Zur Antwort hierauf wird von dem Ein Stiergefecht. 189 Alcalden der Schlüſſel zum Thierzwinger hinabgeworfen. Es iſt dieß wie die Ouverture vor einer Oper, und die Aufmerkſamkeit des Publikums während derſelben vielleicht mit anderen Gegen⸗ ſtänden beſchäftigt. Kaum aber hat die Behörde durch Hinab⸗ werfen des Schlüſſels erlaubt, daß das Gefecht beginne, ſo ſinkt das Lachen und Sprechen der Zuſchauer zum leiſeſten Geflüſter und gleich darauf zur tiefſten Stille herab. Die Alguacils haben den Ring verlaſſen, die Maulthiere ſind ihnen klingelnd und raſſelnd im Galopp gefolgt, vier Picadores haben ſich in der Arena vertheilt, während ſie ſich im Sattel etwas in die Höhe heben und die Lanze feſter faſſen. Die bunte Schaar der Chulos und Ban⸗ derilleros vertheilt ſich an der Schranke: hier ſtehen zwei und drei bei einander, dort ein einzelner; ein paar hüpfen auch, wie zur Probe, über den Bretterzaun hinüber in den Gang; alle aber affectiren oder fühlen wirklich die größte Gleichgültigkeit. In dieſem Augenblicke ſchmettert von der Muſiktribune herab eine Trompetenfanfare; in höchſter Erwartung klopfen die Herzen von zehntauſend Zuſchauern, vielleicht eine Sekunde lang herrſcht Todtenſtille im ganzen Hauſe— dann öffnet ſich langſam die Thür des Zwingers, und der Stier ſtürzt hervor. Gemäß dem ausgegebenen Programme führte dieſer erſte Kämpfer den Namen Canario. Er war ziemlich groß und ſtark, von ſchwarzgrauer Farbe, mit mächtigen, über anderthalb Schuh aus einander ſtehenden Hörnern. Aus dem dunkeln Zwinger in den hellen und glänzenden Ring tretend, ſchien das Thier geblen⸗ det zu ſein und blieb nach kurzem Laufe plötzlich ſtehen, wobei es nach allen Seiten wie verwundert umſchaute. Die Picadores faßten ihre Lanzen feſter, ſahen nach den Tüchern, mit welchen die Augen ihrer Pferde verbunden waren, und rüſteten ſich zum Angriffe. Doch ſchien der Stier durchaus keine Luſt zu haben, mit einem von ihnen anzubinden; vielmehr wandte er ſich, nachdem er einige Schritte vorwärts gethan, gemächlich um und ſchien dahin zurückkehren zu wollen, wo er hergekommen,— eine Bewegung, 190 Siebentes Kapitel. welche unter den Zuſchauern tauſendſtimmiges Hohngeſchrei und Pfeifen hervorrief. Einer der Picadores galoppirte ihm entgegen, ſtellte ſich vor dem Zwinger auf, und der Stier, dem auf dieſe Art der Rückzug abgeſchnitten war und der ſich von einer langen Lanze bedroht ſah, mußte ſich nothgedrungen zur Wehr ſetzen. Er ſenkte den Kopf, ſcharrte ein paar Mal mit den Vorderfüßen im Sande und ging, aber ohne große Energie, auf den Picador los. Dieſer legte ſeine Lanze ein, ritt ihm entgegen und brachte ihm einen tüchtigen Stoß in das rechte Schulterblatt bei, wodurch ſich Canario veranlaßt ſah, abermals umzukehren und ſchleuniger als vorhin ſeinen Rückzug anzutreten. Um ſeine Reputation war es aber jetzt ſchon vollſtändig geſchehen, er wurde als Feigling verſchrieen, und an den Benennungen, die mit lauter Stimme auf das arme Thier herabgeſchleudert wurden, hätte man eine ſchöne Auswahl ſpaniſcher Schimpfwörter ſtudiren können. Der Stier aber ſchien in der That nicht das geringſte Ehrgefühl zu haben; denn er wich den Picadores aus, und nur mit Mühe und Noth wurden ihm noch ein paar Lanzenſtiche beigebracht. Auch die Chulos bemühten ſich umſonſt, ſeine Kampfluſt aufzuſtacheln: Canario blieb unbeweglich für Alles. Vergeblich flatterten ihm die bunt⸗ farbigen Tücher dutzendweiſe um die Augen; ja, vergeblich faßte einer der Kühnſten ſein Horn und ließ ſich eine Strecke von ihm fortreißen. Der Stier erregte nur Zeichen des Mißfallens und gab keinem der Toreros Gelegenheit, ſich einige Bravos zu erwer⸗ ben. Nur ein einzigesmal lachte das Publikum laut hinaus, aber die Veranlaſſung hierzu war verletzend für den armen Canario. Der Cachetero hatte ſich nämlich ſeines Schweifes bemächtigt und ließ ſich ſo eine Zeit lang von dem ängſtlich hin und her galoppi⸗ renden Thiere durch den Ring ſchleppen. Als man aus allem dem erſah, daß ſo gar nichts mit Canario anzufangen ſei, erſchienen die Banderilleros mit ihren kurzen Pfeilen, und in wenigen Augenblicken ſtaken wenigſtens ein Dutzend in ſeiner Haut. Jetzt fing mir das Schauſpiel an kläglich Ein Stiergefecht. 191 und unangenehm zu werden; denn Canario, der ſo gar keine Ver⸗ anlaſſung zu der ſchlechten Behandlung gab, die man ihm ange⸗ deihen ließ, erregte vollſtändig mein Mitleiden. Ungeſtraft und ohne Mühe wurden ihm die Banderillos eingeſtoßen, und bei jedem neuen Eiſen, das in ſeine Haut drang, ſpritzte das Blut heraus und brüllte das Thier vor Schmerzen. Aber alle Pein, die ihm angethan wurde, war nicht im Stande, ſeinen Muth zu entflammen und ihn zu einem neuen Angriffe zu bewegen. Das Hohngeſchrei des Volkes verwandelte ſich jetzt in wahres Toben; hier und dort ſprang einer mit funkelnden Augen in die Höhe, ballte die Fäuſte und drohte gegen den unglücklichen Stier hinab; auch das weibliche Geſchlecht ſchonte ihn nicht, und von ſehr ſchö⸗ nen Lippen ertönten unſchöne Worte genug. Endlich ſchrieen ein paar Stimmen von oben herab:„Feuer! Feuer!“ und gleich darauf wiederholten Tauſende dieſen Ruf. Schon oft hatte ich ſagen hören, daß das erſte Stiergefecht, welchem man beiwohne, einen widerwärtigen Eindruck hervorrufe. Und ich fand dieß vollkommen beſtätigt. Doch mochte wohl die Wehrloſigkeit des armen Opfers da unten viel hierzu beitragen, und ich bin überzeugt, wenn der Stier ein tüchtiger Kerl geweſen wäre, zu Anfang ein paar Picarodes überrannt, ſo wie einige Pferde ausgeweidet hätte, ſo würde auf uns ſein Brüllen und das Blut, welches von ſeinem Körper herabtropfte, viel weniger Eindruck gemacht haben. Der Ruf des Publikums:„Feuer! Feuer!“ verlangt, daß ſtatt der gewöhnlichen Banderillos dem Thiere ſogenannte Feuerpfeile eingeſtoßen werden. Dieſe haben ebenfalls Widerhaken, damit ſie in der Haut ſtecken bleiben, ſind aber ſtatt des flatternden Papieres mit Schwärmern, kleinen Kanonenſchlägen und dergleichen ſchönen Sachen umgeben, die durch eine Pulverleitung verbunden ſind und ſich entzünden, ſobald der Pfeil dem Thiere eingeſtoßen iſt. Wie das Thier von dem Knallen auf allen Seiten, ſowie von den Brandwunden toll gemacht wird, kann man ſich leicht denken. Einen Augenblick blieb 192 Siebentes Kapitel. Canario wie betäubt ſtehen, als die erſten Schwärmer auf ſeine Haut losplatzten, dann aber fing er an kläglich zu brüllen, weißer Schaum drang aus ſeinem weit geöffneten Maule, und mit hoch erhobenem Schweife raste er in tollen Sprüngen durch den Ring. Man hätte glauben können, jetzt werde endlich ein verzweifelter Kampf beginnen; aber weit entfernt: nachdem die letzte Hülſe geplatzt war und das letzte Pulver verpufft, legte ſich auch ſeine Angſt wieder, denn nur dieſe hatte ihn umhergetrieben, und er ſtand da mit geſenktem Kopf und Schweif,— ein trauriger Anblick. Uns, die wir zum erſten Mal einem Stiergefechte beiwohn⸗ ten, hatte dieſer Anfang noch weniger gefallen, als den Spaniern; namentlich machten auf uns die Feuerpfeile einen widerwärtigen Eindruck, ſie verſengten Haar und Haut und erregten einen un⸗ angenehmen Brandgeruch. Ein Trompetenſtoß rief einen der „Degen“ in den Ring, und auf die ſchon oben beſchriebene Art trat er von der Seite herein. Es war ein hübſcher wohlgewach⸗ ſener Mann mit kräftigem Körperbau und ſehr energiſchem Ge⸗ ſichtsausdrucke; er ſchritt auf die Loge des kommandirenden Gene⸗ rals zu, grüßte denſelben, ſowie das Ayuntamiento zierlich mit ſeinem Degen und wandte ſich darauf gegen den Stier. Dieſer ſtand da vor Ermattung und Angſt unfähig, ſich zu rühren. Achſelzuckend verſuchte es der Eſpada ſeinen Widerſtand zu ent⸗ flammen, indem er ihm den rothen Mantel zu wiederholten Malen um die Augen ſchlug. Alles vergebens! Der Stier wandte kaum ſeinen Kopf herum, worauf der Eſpada langſam den Arm aus⸗ ſtreckte, mit der Degenſpitze ruhig zwiſchen den Hörnern die tödliche Stelle ſuchte, eine kleine Handbewegung machte, und dann ſtürzte das Thier, wie vom Blitze erſchlagen, auf der Stelle todt nieder. Jetzt öffneten ſich die Thore auf unſerer rechten Seite, das Maulthiergeſpann trabte herein, der todte Stier wurde mit den Hinterfüßen an eine Bracke befeſtigt, dann ging es im vollen Galopp einmal im Kreiſe herum und zum Thore hinaus. Wäh⸗ rend deſſen fiel die Muſik mit einer luſtigen Polka ein, und die Ein Stiergefecht. 193 rauſchenden Klänge übertönten die lauten Beſchimpfungen, die dem unglücklichen Canariv immer noch nachgerufen wurden. Auch die Quadrilla ſchien es zu bedauern, daß ſie ſo wenig Widerſtand gefunden und deßhalb ihre Gewandtheit nicht hatte zeigen können. Die Stelle, auf welcher der Stier gefallen, wurde mit Sand bedeckt, um die Blutflecken zu vertilgen, und nach einer kleinen Pauſe betrat der zweite Stier den Kampfplatz. Er hieß Coracero, und ſein erſtes Auftreten war ein vielverſprechendes und trug ihm ein gelindes Händeklatſchen ein. Ich muß hier vorausſchicken, daß bei den Stiergefechten der Dilettanten meiſtens ſogenannte Novillos den Kampfplatz betreten; das ſind nämlich Stiere, die erſt im nächſten Jahre zu den anderen Stiergefechten tüchtig ſein würden; obgleich ein guter und kräftiger Novillo kein zu verachtender Gegner iſt, ſo haben ſie doch begreiflicher Weiſe noch nicht die Wildheit und Unbändigkeit der älteren Stiere. Durch den Vorgang mit dem unglücklichen Canario ſchienen die Chulos über alle Maßen ſicher geworden zu ſein; denn ſtatt, wie es beim Erſcheinen eines neuen Stiers Regel iſt, ſich beobachtend mög⸗ lichſt an die Schranken zu halten, ſtanden ſie unbekümmert plaudernd in Gruppen bei einander, einige ſogar in der Nähe des Zwingers. Coracero, dem in dieſem Augenblicke das Thor geöffnet wurde, war zwar kleiner, aber auch unterſetzter, als ſein Vorgänger, und bezeigte ſich ſogleich bei Anfang des Gefechtes als ein heim⸗ tückiſcher Burſche. Harmlos und ruhig ging er einige Schritte vorwärts, und ich hielt ihn daher für nicht beſſer als Canario; doch ſagte mir mein Nachbar, ein alter Habitué des Stierplatzes: „Der iſt gut; ſehen Sie, wie ſeine kleinen Augen funkeln.“ Und der Mann hatte Recht; denn Coracero, der ſich, wie geſagt, mit größter Ruhe einer der Gruppen genähert hatte, ſtürzte nun mit Einem Male wie toll und wüthend gegen die Chulos hin, was eine allgemeine und höͤchſt ergötzliche Flucht zur Folge hatte. Nach allen Richtungen ſtoben ſeine leichtfüßigen Gegner aus einander, und die meiſten überſprangen die Schranken mit einer außeror⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 13³ 194 Siebentes Kapitel. dentlichen Behendigkeit. Hier und da überſchlug ſich auch Einer und fiel, ſtatt auf die Füße, auf einen anderen Theil des Kör⸗ pers,— ein Mangel an Gewandtheit, der jedesmal ein lautes Hohngelächter zur Folge hatte. Der Stier hatte unterdeſſen die drei Chulos aufs Korn ge⸗ nommen, welche vorhin ſo dicht vor ſeinem Zwinger geſtanden, und verfolgte ſie mit ſolcher Haſt und drohender Geberde, daß Viele aus dem Publikum ſich halb von ihren Sitzen erhoben und dem intereſſanten Anfange athemlos zuſchauten. Die drei ſtoben natürlicher Weiſe in voller Flucht aus einander, doch beſann ſich Coracero keinen Augenblick und verfolgte Einen in ſo tollem Laufe, daß dieſer ſich nur retten konnte, indem er nicht ohne Geiſtesge⸗ genwart dem Stier ſeinen Mantel zwiſchen die Füße warf. Deſſen ungeachtet langte aber das Thier mit dem Chulo faſt zu gleicher Zeit an der Schranke an, und es war kein Zoll breit Raum mehr zwiſchen den Hörnern Coraceros und den ſeidenen Beinen des Chulo, als dieſer erſchreckt und athemlos über die Schranken flog. Mancher der Zuſchauer und auch ich glaubte, der Stoß des Thieres habe ihm nachgeholfen, doch war dem zum Glücke nicht ſo; der Mann war unverletzt, doch ſchien mir ſein Lachen einigermaßen erkünſtelt zu ſein. Mein Nachbar ſagte mir:„Hätte der Stier zwei Jahre mehr, ſo würde das ein ſehr ſchönes, ernſthaftes Ge⸗ fecht werden: ſo aber werden die Dilettanten ſchon mit ihm fertig werden.“ Coracero, der mitten in der Bahn ſtand, betrachtete ſich ſeine Feinde rings umher, Schon mehreremale hatte er einen Sprung rechts oder links gethan, ſo oft ſich einer der Chulos blicken ließ und ihm, freilich auf ſehr weite Entfernung, eines der langen bunten Tücher entgegenwarf, ſich auch langſam gegen die Pica⸗ dores gewandt. Der, welcher ihm zunächſt ſtand, ritt nun dem Thiere entgegen und legte ſeine Lanze ein. Der Stier nahm die Herausforderung an, ſenkte die Hörner und rannte in vollem Laufe gegen den Picador an. Ein tüchtiger Stoß mit der Lanze, Ein Stiergeſecht. 195 den das Thier beim Zuſammenſtoß erhielt, machte es einen Augen⸗ blick ſtutzen; doch erneuerte es im nächſten Moment ſeinen Angriff um ſo heftiger, und wahrſcheinlich hätte derſelbe mit dem Tode des Pferdes geendigt, wenn nicht mehrere Chulos dem Picador zu Hülfe gekommen wären und die Aufmerkſamkeit des Stieres von ihm abgelenkt hätten. Bei einem gewöhnlichen Stiergefechte hätte man den Stier ſeinen Kampf mit dem Picador ruhig aus⸗ fechten laſſen, und es wäre wider die Regel geweſen, dem Picador zu Hülfe zu kommen, ehe Roß und Reiter im Sande gelegen. Aber die Aſicionados ſchonten begreiflicher Weiſe ihre Pferde. So außerordentlich verwegen dieſelben bei dem erſten Stier umher⸗ galoppirt waren und ihm Stiche nach allen Seiten beigebracht hatten, um ſo mehr nahmen ſie ſich jetzt in Acht; doch mußten alle vier nach einander wenigſtens einmal ein Rencontre mit ihm be⸗ I ſtehen, und drei waren auch ſo glücklich, ihm einen tüchtigen Lanzenſtoß beizubringen, der ihn für den Augenblick zurücktrieb. Auch waren die Chulos und Banderilleros gleich bei der Hand. G Bei dem vierten ging es übrigens nicht ſo gut, eigentlich für die Zuſchauer beſſer, denn es floß Blut, was bei einem Stiergefecht 1 immer die Hauptſache iſt. Der vierte Picador ſchien mir ein ſchwä⸗ 4 3 cheres Pferd zu haben als die anderen, er ſelbſt aber war ein ⸗ unterſetzter, dicker Kerl, der, wenn er in dem Ringe galoppirte, 1 beſtändig ſo komiſche Bewegungen machte, daß viele aus dem Pub⸗ likum in lautes Gelächter ausbrachen und ihn mit allerlei freund⸗ e ſchaftlichen Benennungen belegten. Endlich ritt auch er gegen g Coracero an, und dabei wiegte ſich der Picador ſo komiſch im ß Sattel hin und her, daß er durch allgemeine Heiterkeit und einiges n Händeklatſchen belohnt wurde. Doch wäre es für ihn viel beſſer ⸗ geweſen, wenn er genau auf ſeinen Feind Achtung gegeben hätte, n kaum hatte der Picador nämlich ſeine Lanze eingelegt, ſo war der e. Stier auch ſchon dicht bei ihm, indem er die Lanze unterlief und n nun mit einem kräftigen Anlaufe ſeine Hörner dem armen Pferde in die Seite bohrte, ſo daß es ſich hoch aufbäumte, dann aber zu⸗ 13* 196 Siebentes Kapitel. ſammenbrach und mit ſeinem Reiter in den Sand rollte. Wie immer, zum Glück für den Picador, ließ nun der Stier ſeine ganze Wuth an dem unglücklichen gefallenen Pferde aus, ohne den Reiter weiter zu beachten, wodurch dieſer Zeit bekam, aus dem Sattel zu klettern und mit Beihülfe einiger Banderilleros langſam davon zu hinken. Der Stier zerfleiſchte unterdeſſen das Pferd ſo lange, als dieſes noch ein Lebenszeichen von ſich gabz dann wandte er ſich abermals gegen die übrigen drei Picadores und ſchien ihnen einen Kampf anzubieten. Doch hatte keiner der Aficionados, durch den Vorgang mit dem Kameraden gewitzigt, beſondere Luſt, ſich mit ihm ferner in einen ernſtlichen Kampf einzulaſſen. Sie umritten ihn im Galopp, brachten ihm auch hier und da einen leichten Lanzenſtich bei, waren aber dabei ſo glücklich, ſeinen Hörnern zu entgehen. Es war kein rechter Ernſt bei der Sache, und wäre das Stiergefecht nicht von Dilettanten unternommen worden, ſo hätte man vom Publikum ein ſchönes Gepfeife vernommen. Endlich rief die Trompete die Banderilleros herbei und hie⸗ durch wurde das Schauſpiel etwas belebter. Wie ſchon bemerkt, ſchienen die Picadores ihre Pferde geſchont zu haben und hatten ſich ſomit eine kleine Blöße gegeben, was nun die Banderilleros durch ihr ziemlich tollkühnes Spiel mit dem Stier wieder gut machen zu wollen ſchienen. Es war nicht leicht, dem wilden Thiere beizukommen, und Coracero hatte die ſchlimme Gewohn⸗ heit, ſich immer einen Einzelnen aus ſeinen Angreifern herauszu⸗ leſen und denſelben, ohne ſich durch Mantelſchwenken irre machen zu laſſen, bis an die Schranke zu verfolgen. Ein paar entkamen nur mit genauer Noth, und einer, der vor dem Thiere nieder⸗ ſtürzte, ſchien verloren zu ſein, wäre es auch wahrſcheinlich gewe⸗ ſen, wenn nicht in dieſem Augenblick ein Banderillo tief in den Hals des Thieres gedrungen wäre, wodurch es ſich wüthend auf die Seite wandte und dem Niedergeſtürzten Zeit ließ, auf ſeine Füße zu ſpringen und davon zu laufen. ☛ Ein Stiergefecht. 197 Unterdeſſen war die Zeit ſchon ziemlich vorgerückt; der helle Sonnenſtreifen, der auf dem Hauſe lag, hatte ſich ſchon ſehr em⸗ porgehoben, weßhalb denn auch, um das Schauſpiel nicht zu ſehr in die Länge zu ziehen, ehe noch der Stier Zeichen von Müdigkeit gegeben, der Eſpada in die Schranke trat. Es war das ein an⸗ derer, als der, welcher den erſten Stier gefällt hatte; doch kam er nicht allein, ſondern gegen alle Regeln in Begleitung von drei bis vier Chulos und Banderilleros,— eine Vorſichtsmaßregel, die ihm übrigens ſehr wenig half; denn der Stier war ſeiner nicht ſo bald anſichtig geworden, als er mit den Vorderfüßen zu ſchar⸗ ren begann, den Kopf ſenkend ein paar Schritte rückwärts trat und dann ſo wüthend auf die Gruppe losſtürzte, daß dieſe aus einander ſtob und ſich in ſchönen Sätzen über die Schranken ret⸗ tete, wobei der Eſpada ſelbſt einer der Leichtfüßigſten war und noch dabei das Unglück hatte, jenſeits der Schranken mit Schwert und Mantel wie ein Mehlſack niederzuſtürzen. Dieſes Mal ſparte das Publikum weder Pfeifen noch Ziſchen, was den Degen ſo empörte, daß er auf derſelben Stelle in den Ring zurückſprang und nun allein dem Stiere gegenüber trat, wofür er denn auch mit einem tauſendſtimmigen Bravo belohnt wurde. Die Chulos er⸗ ſchienen übrigens auch gleich wieder im Ring und einer, der ſich bei allen Kämpfen durch ſeine Verwegenheit hervorgethan hatte, lenkte die Aufmerkſamkeit des Thieres auf ſich, wodurch es dem Eſpada möglich wurde, ſich dem Stiere zu nähern und ihm den Degen bis an das Heft in den Nacken zu ſtoßen. Zum erſten Male brüllte das Thier laut auf, und da es zu gleicher Zeit hef⸗ tig auf die Seite ſprang, ſo mußte der Eſpada Degen und Griff fahren laſſen, mit welchen denn auch das Thier wie toll im Kreiſe umherraste. 1 Es war dieß ein häßlicher Anblick: das Blut rann ſtrom⸗ weiſe aus der Wunde, und zuweilen blieb der Stier, wie von furchtbarem Schmerz gepeinigt, plötzlich ſtehen, ſcharrte mit den Füßen und wandte ſich dann um, ſeinen Lauf aufs Neue begin⸗ 198 Siebentes Kapitel. nend. Unterdeſſen hatte ſich der Eſpada ein neues Schwert reichen laſſen, und jetzt war es ihm leicht, dem Stiere nahe zu kommen, der ſchon durch Schmerz und Blutverluſt ziemlich er⸗ ſchöpft war. Obgleich Coracero noch immer ſeinen Angreifern bereitwillig entgegenſtürzte, ſo hatten doch ſeine Bewegungen ſehr an Schnelligkeit verloren, weßhalb es dem Eſpada leichter gelang, auch den zweiten Degen bis an das Heft in den Nacken des Thieres zu ſtoßen. Aber auch dieſer Stoß war nicht glücklicher als der erſte; der Stier ſtürzte nicht zuſammen, vielmehr wandte er ſich kläglich brüllend um, machte ein paar raſende Sätze und umkreiste noch einmal den ganzen Ring, ehe er, wie betäubt, dicht unter unſern Sitzen ſtehen blieb. Jetzt erſt fing er an zu wanken, das Blut ſchoß ihm ſtromweiſe aus dem Maule, und lange noch ſchwankte er hin und her, ehe er zuſammenbrach. Der Cachetero mußte hinzutreten und ihm mit ſeinem kurzen Meſſer den eigent⸗ lichen Todesſtoß geben. Mir war es hierauf recht angenehm, daß das darauf fol⸗ gende Gefecht ein unblutiges ſein ſollte. Der dritte Stier, Sol⸗ dado, ſollte nach portugieſiſcher Weiſe bekämpft werden, die darin beſteht, daß das Thier in den Ring gelaſſen, von den Chulos gereizt und geneckt, und dann von dieſen und den Bande⸗ rilleros mit den Händen eingefangen, geſtellt und nach dem Zwin⸗ ger zurückgebracht wird. Da aber der Stier bei ſeiner Kraft und Wildheit und mit ſeinen langen und ſpitzen Hörnern ohne Vorſichtsmaßregeln ein zu ungleicher Kämpfer ſein würde, ſo be⸗ feſtigte man auf den Spitzen ſeiner Hörner ausgepolſterte lederne Kugeln, wodurch allerdings die Gefährlichkeit des Stoßes ver⸗ mindert wird; doch erfordert dieſe Art des Kampfes immer noch große Vorſicht, Gewandtheit und Kraft. Soldado war ein ziem⸗ lich kräftiger Burſche, mit langen Hörnern, welche aber ſorgfältig umwickelt und oben mit großen Knöpfen verſehen waren. Die Chulos und Banderilleros befanden ſich ohne die Picadores im Ringe, umgaben den Stier ſogleich und neckten ihn auf die ver⸗ Ein Stiergefecht. 199 wegenſte Art. Das Thier ſchien indeſſen ebenſo wenig zum Spaß aufgelegt zu ſein als ſein Vorgänger, und da ſich ſeine leichtfüßigen Gegner noch weniger in Acht nahmen und nicht ſo häufig die rettende Schranke aufſuchten, ſo kamen einige in ſehr unangenehme Berührung mit den Hörnern des Soldado. Einen faßte das Thier in der Nähe des Hoſengurtes und ſchleuderte ihn mehrere Schritte weit ſo nachdrücklich in den Sand, daß der Chulo ein paar Secunden lang unbeweglich liegen blieb. Einem andern ging es noch ſchlimmer. Dieſer hatte den Stier über alle Ge⸗ bühr geneckt und wurde nun, ohne daß ſich das Thier von den übrigen irre machen ließ, ſo hartnäckig an die Schranken verfolgt, daß er nicht mehr Zeit hatte, ſich hinüberzuſchwingen. Hier und da hörte man ſchon einen Angſtſchrei unter den Zuſchauern, und es war ein unbehaglicher Anblick, als man ſah, wie der Stier mit voller Kraft gegen den Chulo und die Bretterſchranke anrannte. Obgleich die Hörner umwickelt waren, hätte doch der Stoß den Chulo unfehlbar zerquetſchen müſſen, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, von dem Stiere zwiſchen die Hörner gefaßt zu wer⸗ den. Aber er verdiente dieſes Glück durch ſeine Geiſtesgegenwart; denn da er wohl wußte, der Stier werde ſich nicht mit dem einzigen Stoße begnügen, ſo faßte er mit faſt übermenſchlicher Kraft die Hör⸗ ner, nicht um den Stier zurückzuhalten, was unmöglich geweſen wäre, ſondern um ſich von demſelben in die Höhe ſchleudern zu laſſen und ſo dem ſicheren Tode zu entgehen. Dieß geſchah denn auch, und gleich darauf flog der Chulo rückwärts über den Stier in den Ring zurück, wo er übrigens auf dem Sande liegen blieb und weggetragen werden mußte. So viel wir ſpäter hörten, kam er mit einer zerbrochenen Rippe davon. Eine Variante dieſes gewagten Experimentes, welches der Chulo ausführte, kommt in den Annalen der Tauromachia zu⸗ weilen, aber ſehr ſelten vor, heißt dann Salto sobre testuz(der Sprung über den Kopf des Gegners), wo nämlich der an die Wand gedrängte Toreador in dem Augenblicke, wo der Stier den 200 Siebentes Kapitel. Kopf ſenkt, um ihn zu ſpießen, ſeinen Fuß zwiſchen die Hörner des Thieres ſetzt, und, von der Todesangſt getrieben, über ihn hinwegſpringt. Ein Vorgänger von Montes, ich glaube, der eben ſo berühmte Francisco Romero, kam übrigens dabei auf eine ſchreckliche Art ums Leben. Cuendias in ſeinem Buche über Spanien erzählt dieſe traurige Kataſtrophe auf folgende Weiſe: „Es war nach einer glänzenden Corrida, die der Hof mit ſeiner Gegenwart beehrte, als der tapfere Eſpada zwiſchen den Toro und las Tablas gerieth. Las Tablas nennt man die Bret⸗ tereinfaſſung des Circus, über welche der Torero manchmal mit einem Sprunge ſetzen muß, um ſein Leben zu retten. Montes Vorgänger war in der höchſten Gefahr; zu nahe an den Tablas, um einen Anlauf zu nehmen, vielleicht auch zu ſtolz, um die Flucht zu ergreifen, entſchließt er ſich kaltblütig zum Salto sobre testuz. In dem Augenblicke nämlich, wo der Stier ſich demüthigte und die Hörner ſenkte, um ihn zu ſpießen, ſetzte er zwiſchen dieſe Hörner an die Stirn des Thieres ſeinen Fuß und führte mit unglaublicher Gewandtheit und haarſträubender Kühnheit den gefährlichen Sprung aus. Das unbarmherzige, aber gerechte Publikum erfüllte den Circus ſogleich mit einem Schrei der Bewunderung. Unglück⸗ licherweiſe litt der König an Zerſtreutheit und hatte daher von der merkwürdigen Scene nichts ſehen können. Seine Majeſtät hört aber das Beifallsgeſchrei des Volks und will die Urſache wiſſen. Darauf erzählt man ihr die Heldenthat des Torero. „Da capo! ſagte der König; er mach es noch einmal.“ „Wahrſcheinlich glaubte Seine Majeſtät damit dem Torero eine große Ehre zu erweiſen. „Der Torero gehorchte!... „Was er einmal, getrieben von der Todesgefahr und in einem Augenblicke raſender Begeiſterung, glücklich gewagt hatte, das wollte er jetzt aus übertriebenem Gehorſam gegen den König und aus verblendetem Ehrgeiz noch einmal improviſiren. Auch hielt er ſich nicht an die Regeln der Kunſt. Der Stier ſtellte 4⁰75— ꝗ—— Ein Stiergefecht. 201 ſich nicht wie das erſte Mal. Statt den Kopf zum Stoße zu ſen⸗ ken und in dieſer Haltung anzurennen— eine Bewegung, auf die der Kopfſprung berechnet iſt, der in dieſem Falle den Toreador hinter den Stier zur Erde ſendet, wo er, Dank ſeiner Geſchicklich⸗ keit, mit geraden Beinen den Boden erreicht— ſtatt deſſen hatte die Beſtie Halt gemacht und in dem Augenblicke, wo der Fuß ihre Stirn berührte, den Kopf emporgeworfen, ſo daß der Toreador das Gleichgewicht verlor und— fiel. „Ein Angſtſchrei erſchallt, die Verſammlung überläuft ein Todesſchauer! Der Stier rennt nicht mehr; er trabt langſam, mit erhobenem Haupt, das Auge in Flammen, rings um die Arena, als wollte er den entſetzten Zuſchauern ſeinen Siegeskranz zeigen, den blutigen Kranz, den er ſich aus den Eingeweiden ſeines Fein⸗ des gewunden hatte. Der unglückliche Toreador lag geſpießt auf den Hörnern und zappelte vergebens, um ſich loszumachen, und wand und krümmte ſich im Krampf und in den Aengſten des Todes. Er war mit ganzem ſchwerem Leibe auf die Spitzen ge⸗ fallen und daran hängen geblieben. Das Uebrige that die Wuth des gereizten Thieres.“ Der unangenehme Vorfall, von welchem wir vorhin erzählt, verminderte indeſſen durchaus nicht den Uebermuth der Anderen, und der bunte, glänzende Schwarm war dem Stiere nun ſo dicht auf dem Leibe, daß er ſich ihrer kaum zu erwehren im Stande war. Freilich purzelten bald rechts, bald links Einige über ein⸗ ander hin, denen der Stier mit einer raſchen Seitenbewegung zu nahe kam; doch ſprangen ſie lachend wieder auf, um ihre kin⸗ diſche Neckerei mit dem Thiere— anders kann man es wahrhaftig nicht nennen— fortzuſetzen. Schon lange hatten ein Paar dar⸗ nach geſtrebt, ihm die bunte Schleife zu entreißen, die auf ſeinem Rücken befeſtigt war; doch hatte Soldado bis jetzt alle dergleichen vertrauliche Annäherungen ſehr übel aufgenommen, und bald flog Der rechts, Jener links in den Sand. Endlich gelang es Einem, die Schleife zu erhaſchen, wofür er von den Zuſchauern durch ein 202 Siebentes Kapitel. unendliches Bravo belohnt wurde. Ein Anderer hatte unterdeſ⸗ ſen ſein Sacktuch aus der Taſche gezogen und ließ es ſich von dem wild daherſtürzenden Thiere vermittelſt des Hornes aus der Hand reißen, lief aber gleich wieder hintendrein und war ſo glücklich, es nun ſeinerſeits dem Thiere wieder abzunehmen. Schon vor⸗ hin erwähnte ich eines Chulo, der ſich durch ſeine Kühnheit aus⸗ zeichnete. Dieſer erſchien mit einer langen Springſtange im Ringe und wir wußten lange nicht, was er damit wolle; endlich aber erſpähte er einen günſtigen Augenblick, wo das Thier gerade eine Secunde ſtill ſtand, ſtützte ſeine Stange auf den Boden und ſchwang ſich in gewaltigem Sprunge über den Stier hinüber. An einem Male hatte er übrigens nicht genug; doch wäre es beſ⸗ ſer geweſen, wenn er ſich damit begnügt hätte; denn beim zweiten Mal, als er gerade ſprang, machte Soldado eine Seitenbewegung, ſtieß an die Stange, und der Chulo, der gerade in der Luft ſchwebte, fiel genau auf den Rücken und zwiſchen die Hörner des Stiers. Daß ihm dieſer zu einem neuen und kräftigeren Aufſchwung ver⸗ half, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen: bei zehn Fuß hoch warf ihn Soldado in die Luft und es war ein Glück, daß er in⸗ mitten einer Gruppe ſeiner Kameraden niederfiel, die ihn auffingen und ſo einigermaßen den Sturz ſchwächten. Dieſes ganze Schauſpiel an ſich war übrigens komiſch genug und auch intereſſant. Die gewandten Leute in ihren bunten Coſtümen in immerwährender Bewegung, bald auseinanderfah⸗ rend, bald ſich wieder zuſammendrängend, dazwiſchen den dunkeln, faſt ſchwarzen Stier, der ſich jetzt links wandte, dann geradeaus ſtürzte, um ſich an der anderen Seite des Ringes, aufs Neue von den grellfarbigen Tüchern geneckt, wieder zu wenden,— es war eine Scene voll Leben und Bewegung. Hauptſächlich nahm es ſich recht gut aus, wenn ein einzelner Chulo vor dem Stiere fliehend, demſelben den langen Mantel zwiſchen die Vorderfüße ſchleuderte, was den Stier meiſtens einen Augenblick aufhielt, indem er ge⸗ ——·—, 10 ͤ—ͤ—,— Ein Stiergefecht. 203 wöhnlich das Zeug mit den Hörnern zerzauste, ehe er aufs Neue ſeine Verfolgung begann. Alles Bisherige war indeſſen nur Vorſpiel geweſen. Jetzt warfen die Kämpfer ihre Mäntel über die Schranke und fingen an, den Stier ernſtlich zu ſtellen, was damit begann, daß ſich Zwei nach längeren fruchtloſen Verſuchen endlich an den Schweif des Thieres hängten. Soldado nahm dieß jedoch ſehr übel auf und raste mit ſeinen Anhängſeln in ſo tollem Lauf durch den Ring, daß ſie im wahren Sinne des Wortes geſchleift wurden und am Ende wieder loslaſſen mußten. Ein paar Anderen erging es nicht beſſer, und einem dritten Paar gelang es nur dadurch, den wüthen⸗ den Lauf des Thiers zu hemmen, daß ſich zugleich vier ihrer Ka⸗ meraden je Zwei und Zwei zu gleicher Zeit an die Hörner des Stiers hängten. Dies machte Soldado einen Augenblick ſtutzig, und nun hatte er ſein Spiel verloren. Wie toll ſtürzten alle übrigen Chulos und Banderilleros auf ihn zu, faßten Schweif, Ohren, Hörner, Füße und nachdem ſich der Stier noch einige Minuten mit aller Kraft gewehrt, wobei mancher ſeiner Angreifer tüchtig zuſammengeprellt wurde, ſtand er wie ein Lamm und mußte es geſchehen laſſen, daß ihn ſeine Sieger triumphirend im Schritt durch den ganzen Ring führten unter ſchallendem Händeklatſchen und tauſendſtimmigem Freudenruf der Zuſchauer. Von dem vierten Kampfe, in welchem der Stier Ligero auftrat, iſt nichts zu ſagen, als daß dieſes Thier noch ſchlechter war, als der unglückliche Canario. Er fiel unrühmlich, ohne einem Pferde auch nur die Haut geritzt zu haben, unter dem Meſſer des Cachetero. Damit war das Stiergefecht zu Ende, und wenn es auch kein glänzendes, d. h. blutiges genannt werden konnte, ſo hatte es doch für uns den Vortheil, daß wir den Gang und das Weſen eines ſolchen Kampfes in dieſen paar Stunden beſſer kennen lernten, als durch eine Menge Beſchreibungen, die wir früher geleſen. Das Stiergefecht, für welches heutzutage alle Claſſen des 204 Siebentes Kapitel. ſpaniſchen Volkes die größte Leidenſchaft zeigen, gehörte ſchon ſeit uralten Zeiten mit zum Ruhm und Glanz des Landes. Man iſt ungewiß darüber, woher dieſe Volksbeluſtigung eigentlich ſtammt; Einige wollen dieſelbe von den Circusſpielen der Römer herleiten, Andere aus der Gothenzeit oder erklären ſie für eine uralte iberiſche Sitte; gewiß iſt, daß ſie ſchon zur Maurenzeit ein ritterliches Ver⸗ gnügen war, dem ſich damals die Vornehmſten des Landes hin⸗ gaben. Auf der Vivarrambla in Granada ſah man ſchon die Ritter Zegris wie Abbenceragen, unter der Regierung Muley Haſſans, des Vaters des letzten Königs Boabdil, gegen den Stier in die Schranken treten. Am ſpäteren chriſtlichen Hofe Spaniens thaten die größten Helden damaliger Zeit daſſelbe, und Don Guzman, der Cid, Don Sebaſtian, König von Portugal, und Karl V. gehörten zu den kühnſten Toreros. Dagegen ſuchten auch manche Herrſcher die Stiergefechte zu unterdrücken, ſo Iſabella I., welche nie einen Stierplatz beſuchte und während deren Regie⸗ rungszeit die Hörner des Thieres mit Kugeln verſehen ſein mußten, um die Kraft des Stoßes zu brechen; und während Phi⸗ lipp IV. noch in höchſt eigener Perſon den Stierplatz betrat, zeigte ſich Philipp V. als entſchiedenſter Gegner dieſes ſpaniſchen Natio⸗ nalvergnügens. Obgleich er es nicht zu verbieten wagte, ſo gerieth doch die Tauromaquia während ſeiner Regierungszeit ſo in Ver⸗ fall, daß ſie aus einer„noblen Paſſion“ ein beſoldetes Handwerk wurde. Damit änderte ſich auch das ganze Weſen des Stier⸗ kampfes, und ſtatt daß früher ein einzelner Reiter auf gutem ſtarkem Pferde dem Thiere mit Jagdſpieß und Schwert entgegen⸗ trat, erſchien jetzt die Quadrilla in ihrer heutigen Zuſammen⸗ ſetzung: die Picadores, Banderilleros und zuletzt der Eſpada, welcher dem Stiere zu Fuß entgegentritt, um ihn Auge gegen Auge mit einem Degenſtoß zu tödten. Nur zuweilen noch traten vornehme Liebhaber mit den„Leuten vom Handwerk“ in die Schranken oder wurden Stiergefechte, wie das eben beſchriebene Ein Stiergefecht. 205 in Barcelona, von Aficionados puros(eifrigen Dilettanten) in Scene geſetzt. Wie ich ſchon Eingangs dieſes Kapitels bemerkte, werden 4 die Stiergefechte in Spanien nur in den Frühjahrs⸗ und Sommer⸗ monaten, von Mai bis Ende September, abgehalten, weßhalb wir denn leider auf unſerer Reiſe durch Spanien keines der glänzenden, 4 d. h. blutigen, zu ſehen bekamen; man hoffte auf ein Stiergefecht 3 in Madrid zur Zeit der Geburt der Prinzeſſin am 10. Januar, 3 doch wurde es durch den gleich darauf erfolgten Tod derſelben 9 V verhindert. Obgleich ſich alle Stiergefechte mehr oder minder 5 gleichen, ſo kommen doch durch die Wildheit eines Stiers, ſelbſt 8 V durch Zufälligkeiten oft die intereſſanteſten Abwechſelungen vor. n b So erzählt Rochau in ſeinem vortrefflichen„Reiſeleben in Spa⸗ d nien“ von der Epiſode eines Stiergefechts zu Madrid, welche mir 1 h intereſſant genug erſcheint, um es im Auszuge mitzutheilen. Ein „ ſchlechter, feiger Stier, in der Art wie der oben beſchriebene Ca⸗ 5 4 nario, auf den ſogar Feuerpfeile nicht die geringſte Wirkung n„ ausübten, wurde mit Hunden gehetzt und dann durch einen i⸗ ſchlächtermäßigen Degenſtoß in die Weichen ſchimpflich getödtet. te„Das Publikum war noch immer mit der Hundshatz, einem ⸗ ſehr ſeltenen Schauſpiele, beſchäftigt“, ſo erzählt Rochau,„als, th faſt ohne bemerkt zu werden, langſamen, aber ſicheren Ganges ⸗ der neue Stier in den Ring ſchritt, ſchwarzbraun von Farbe, klein, rk hinten niedriger gebaut als vorn, die Hörner kurz, aber auf den r⸗ Treffer geſtellt, um mich eines Ausdrucks vom Fechtboden her zu m bedienen. Mit aufgereckten Ohren und mit raſchem Schweifſchla⸗ V n⸗ gen wandte der Stier den Kopf rechts und links, als ob er ſich n⸗ der Stellung und Stärke ſeiner Feinde vergewiſſern wolle, und da,. dann wie der Blitz rannte er mit geſenkten Hörnern auf den zu⸗ en nächſtſtehenden Picador los, der von dem gewaltigen Stoße ſammt en V ſeinem Pferde rücküber ſtürzte. Ohne ſich bei dem in den Sand die b geſtreckten Gegner aufzuhalten, hatte der Stier den zweiten Picador gefällt, ehe dieſer auch nur Zeit gehabt, ſeine Lanze einzulegen, 206 Siebentes Kapitel. und in ein paar mächtigen Sprüngen war auch der dritte erreicht und zu Boden geſtreckt. Das alles geſchah ſo raſch, daß man die größte Mühe hatte, dem Gange des Kampfes mit den Augen zu folgen. Das Volk war außer ſich vor Jubel über dieſen Anfang des neuen Rennens. Alle Welt ſtand von den Sitzen auf, die Hüte zu ſchwenken und ein donnerndes bravo toro auf die Bühne hinauszurufen. Wären Blumen zur Hand geweſen, man hätte den Stier ohne Zweifel gekrönt wie eine Opernſängerin nach der Bravourarie. Der Stier inzwiſchen, als ob er wüßte, daß ihm noch ein Picador fehle, ſuchte mit den Augen im Kreiſe herum, und da er keinen Reiter mehr ſah— der vierte Picador war zufällig abweſend—, ſo ließ er ſich herab, einen der Chulos des Angriffs zu würdigen. Feſten Auges, und ohne ſich durch das Mantelſchwenken der übrigen irre machen zu laſſen, verfolgte er ſeinen Mann in windſchnellem Laufe, und es war kein Zoll breit Raum mehr zwiſchen dem Horne des Stiers und der Hüfte des Chulo, als dieſer ſich athemlos über die Schranken ſchwang. Furcht und Schrecken herrſchten in dem ganzen Ringe. Die Pica⸗ dores hatten ſich unter ihren Pferden hervorgearbeitet und waren fortgehinkt, und ſte übereilten ſich nicht, von Neuem zu erſcheinen. Die Chulos hielten ſich in ehrerbietiger Entfernung; der Stier war Meiſter des Platzes, den er lautſchnaubend durchſchritt, und wohin er ſich wandte, da wich man ihm eilends ſchon von Weitem aus. Endlich ritt der vierte Picador auf einem ungewöhnlich ſtarken und guten Pferde in die Schranken. Der Stier wurde ſeiner nicht ſo bald anſichtig, als er in geſtrecktem Laufe auf ihn losſtürzte. Der kräftige Lanzenſtoß, mit welchem er empfangen wurde, hielt ihn einen Augenblick auf, aber im Nu nahm er den zweiten Anlauf und bohrte beide Hörner bis an die Wurzel in die Bruſt des Pferdes, das ſich wild aufbäumte und den Picador aus dem Sattel geſchleudert haben würde, wäre dieſer nicht ein vor⸗ trefflicher Reiter geweſen. Mit ſeltener Geiſtesgegenwart holte der Picador zum zweiten Male mit der Lanze aus, während der —2 —7 Ein Stiergefecht. 207 Gaul kerzengerade auf den Hinterbeinen ſtand, und der Stier, durch die neue Wunde noch wüthender geworden, führte Stoß auf Stoß gegen den Bauch und gegen die Seite des Pferdes, bis es am Boden lag, und auch dann noch wühlte er mit grimmiger Wolluſt in ſeinen Eingeweiden. Der Enthuſiasmus des Publi⸗ kums, der bei dieſem Anblicke losbrach, läßt ſich nicht beſchreiben. Barbaro! barbaro! rief man von allen Seiten im Tone der Be⸗ geiſterung und mit verklärtem Geſichte. Dieſes Wort, weit entfernt, ein Vorwurf zu ſein, iſt bei ſolchen Gelegenheiten der höchſte Ausdruck des Beifalls, es iſt der Superlativ von bravo. Que barbaridad! ruft man bewundernd, wenn der Degen dem Stiere das Eiſen bis an das Heft zwiſchen die Schultern ſtößt. Der Picador war in der augenſcheinlichſten Gefahr. Er lag einen Schritt weit von dem Pferde auf dem Sande, ſeine mit Baumwolle ſteif ausgefütterten Lederhoſen machten es ihm unmög⸗ lich, raſch aufzuſpringen und davon zu laufen, und er wagte nicht, ſich zu rühren, um die Aufmerkſamkeit des Stiers nicht auf ſich zu ziehen. Nach einer langen, peinlichen Minute— peinlich für den Picador, nicht für die Zuſchauer, im Gegentheil— wagten ſich endlich ein paar Chulos ihrem Cameraden zur Hülfe heran, und der Stier ließ das zerfetzte und regungsloſe Pferd liegen, um auf jene ſchnellfüßigen Gegner Jagd zu machen. Erſt auf das ſtürmiſche Verlangen des Publikum erſchienen neue Pferde in⸗ dem Ringe, von denen der Stier in wenigen Augenblicken noch drei ausweidete, ohne daß ſeine Kraft und ſeine Kampfluſt deßhalb abnahm. Ich glaube, er würde den ganzen Stall des Empreſario geleert haben, wenn den Picadores, von denen übrigens auch zwei im ſchweren Falle Schaden genommen hatten, nicht der Muth ausgegangen wäre. Gegen alle Regel des Spiels rief die Trompete die Banderilleros, ehe der Stier das mindeſte Zeichen der Mattig⸗ keit oder der Flauheit gegeben hatte. Mit Mühe und Noth wurde ihm ein einziges Paar Banderillas beigebracht, und dann erſchien der Eſpada, den der Stier bald als ſeinen Hauptfeind aus den 208 Liebentes Kapitel. übrigen herauserkannte. Ohne die Herausforderungen des Degens abzuwarten, lief er aus freien Stücken gegen denſelben an, und zwar mit ſo drohender Miene, daß der Eſpada, ſtatt den Feind ſtehen⸗ den Fußes zu erwarten, wie ein Windſpiel davon rannte, Mantel und Schwert wegwarf und in angſtvoller Haſt über die Schranken ſprang. Gellendes Pfeifen, Ziſchen und Hohngeſchrei begleiteten ihn auf ſeiner ſchimpflichen Flucht. Sei es Furcht oder Scham, der entflohene Degen kam nicht wieder zum Vorſchein, und ſtatt ſeiner trat der„Chiclanero“ auf die Bühne, nicht der große D. Francisco Montes, der gleichfalls aus Chiclana iſt, aber ein wür⸗ diger Landsmann und Nebenbuhler des großen Montes, Redondo geheißen. In kurzem Tanzmeiſterſchritt ging er quer durch die Bahn, ohne auch nur einen Seitenblick auf den Stier zu werfen, um mit zierlicher Verbeugung den Alcalden und das Ayunta⸗ miento zu grüßen. Dann wandte er ſich gelaſſen gegen den Stier, der ihn inzwiſchen ſchon auf das Korn genommen hatte. Die beiden Gegner kamen ſich auf halbem Wege entgegen, der Stier dieſes Mal mit verhaltener, berechnender Bosheit, und der Degen, trotz ſeiner affectirten Gelaſſenheit, mit unverkennbarer Spannung aller ſeiner moraliſchen Kräfte. Als er dem Stiere Aug in Auge auf drei Schritte gegenüberſtand, warf Chiclanero ſeine Mütze ab, um freier zu ſein, nahm den Degen, den er bis dahin nach⸗ läſſig in der linken Hand getragen hatte, ſtoßfertig in die Rechte, und fing an, mit der Linken den rothen Mantel(oder vielmehr das rothe Tuch, das von dem Mantel nur noch den Namen hat, und das an einem kurzen Schafte wie eine Fahne befeſtigt iſt) vor dem Geſichte des Stiers hin und her zu bewegen. Dieſer zielte einige Sekunden mit den Augen, bog dann den Körper etwas zurück, und erreichte mit einem Satze das rothe Tuch; der Mann war mit einer leichten Seitenbewegung dem Stoße ausgewichen. Beide Kämpfer, als ob ſie beide auf dieſes Fechterſtück eingeübt wären, wandten ſich gleichzeitig um, und daſſelbe Spiel begann zum zweiten und zum dritten Male. Als ſie ſich zum vierten Gange Ein Stiergefecht. 209 anſchickten, ſah man leicht aus der veränderten Haltung des Eſpada, daß dieß der letzte ſein ſollte. Der Chielanero war um eine Spanne größer geworden, er trug den Kopf mit einem unglaublichen Aus⸗ drucke von Stolz, ſein Auge flammte, und er legte die Hand feſter an den Griff des Degens. Jetzt nahm der Stier ſeinen Anlauf, und im Sprunge ſelbſt fuhr ihm das Eiſen wie ein Blitzſtrahl in die Wurzel des Nackens. Er brach unter dieſem Meiſterſtoße zu den Füßen des Siegers zuſammen, und nach einem einzigen Zucken lag er todt auf dem Boden. Auf den jauchzenden Zuruf, mit dem das Publikum dieſen Schwertſtreich belohnte, würden Liszt und Rubini eiferſüchtig ſein. Viele der Zuſchauer, nicht zufrieden ihre Hüte zu ſchwenken, ſchleuderten ſie weit in den Ring hinein. Ein ſolcher Ausgang des Kampfes iſt in der That äußerſt ſelten. Von vierzig bis fünfzig Stieren habe ich nur dieſen einzigen auf den erſten Stoß fallen ſehen. Die erſte Wunde iſt allerdings zuweilen tödtlich, aber der Stier läuft gewöhnlich noch mehrere Minuten oder auch Viertelſtunden lang mit dem Degen im Nacken umher. Der Stoß zwiſchen die Hörner, der wie ein elektriſcher Schlag tödtet, läßt ſich nur dann anbringen, wenn der Stier bereits ſo weit erſchöpft iſt, daß der Eſpada ganz nahe vor ihn hintreten und mit aller Muße zielen darf. Deßhalb iſt dieſer Stoß niemals der erſte. In Sevilla ſah ich von Montes zwei Stiere auf dieſe Weiſe tödten, denen er zuvor den Degen eine Elle tief in den Leib gerannt hatte. Der Stier ſtand vor ihm, faſt unfähig, ſich zu rühren, Montes bog ſich mit lang ausgeſtrecktem Arm nach ihm hinüber, ſuchte mit der Degenſpitze die tödtliche Stelle, und auf eine kleine Handbewegung nach vorn fiel der Stier zur Erde, wie vom Blitze erſchlagen. In Madrid iſt dieſer Stoß ausſchließlich dem Knechte vorbehalten, der dem Stiere mit dem Meſſer den Garaus macht, wenn er halbtodt am Boden liegt. Ein Eſpada, der Miene machte, einen ſchwer verwundeten, aber noch aufrechtſtehenden Stier nach„der Weiſe von Sevilla“ zu tödten, mußte dem proteſtirenden Geſchrei des Publikums Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 14 210 Siebentes Kapitel. weichen. Der Beweggrund zu dieſer leidenſchaftlichen Einrede konnte kein anderer ſein, als die Luſt an der Verlängerung des Todeskampfes des armen Thieres, das wahrhaftig nichts Dra⸗ matiſches hatte. Der Stier fühlt den Tod in den Eingeweiden, er iſt unfähig zum Angriff, unfähig zur Vertheidigung, einer der Chulos darf ihn ungeſtraft am Horne faſſen, ein anderer zerrt ihn am Schwanze. Mit Mühe hat er ſich bis jetzt aufrecht erhalten, er fängt an zu taumeln wie ein Betrunkener, das Blut ſchießt ihm armdick aus dem Maule, die Beine verſagen ihm den Dienſt, er ſinkt in die Knie, rafft ſich wieder auf, macht noch ein paar Schritte und ſtürzt von Neuem zu Boden. Und während der Stier dieſen Todeskampf kämpft, ſpielt die Militärmuſik die luſtige Polka auf, das Publikum jubelt, und die Quadrilla tanzt um ihr Schlachtopfer einen Cannibalenreigen.“ V— Achtes Kapitel. Ein Beſuch auf dem Montſerrat. Nach dem Montſerrat! Der Omnibus diario. Spaniſche Fahrgelegenheiten und ihre Beſpannung. Mayoral und Zagal. Aufenthalt am Thore. Spaniſche Land⸗ ſtraßen und Fahrt auf denſelben. Eſparraguera. Fliegenwedel. Unſere erſte Tartane. Prachtvoller Anblick des Montſerrat. Gefährlicher Ritt zu Eſel. Blick in das Thal. Anblick des Kloſters. Tiefe Stille und Ruinen. Die ärmliche Fremdenherberge. Maleriſche Ueberreſte des Kloſters. Der freundliche Prior. Die wunderthätige Madonna. Ruhe und Frieden. Der unvergeßliche Kloſter⸗ garten. Zwei und ſiebzig Jahre in dieſer Einſamkeit. Weg nach der Spitze des Berges. Ein Landsmann bei gefährlichem Wege. Die Einſiedeleien. Der Felſen⸗ garten. St. Geronimo. Die Namen unſerer Lieben. Eine Frühmeſſe. . Die Roſen des heiligen Berges. Wenn man ſich aus der Jugendzeit der Sagen und Ge⸗ ſchichten erinnert, welche man von den geheiligten Bergen, dem Sinai, dem Carmel, gehört, ſo tritt einem zugleich das phantaſti⸗ ſche Bild des Montſerrat lebendig vor die Seele. Man entſinnt ſich der Erzählung von dem Marienbild, das dort in einer Höhle aufgefunden wurde, daß man zu deſſen Verehrung ein großes, Kloſter baute, und daß der Ruf der Wunder, die hier geſchehen, tauſend und aber tauſend von Andächtigen auf die Höhe dieſer Felſen zog— Bettler wie Könige. Wie gern hörten wir nicht von den Einſiedlern, die an verſchiedenen Stellen des Bergs in kleinen Kapellen ihre Lebenszeit verbrachten, und glaubten ſo feſt 14 212 Achtes Kapitel. der Tradition, die uns ſagte, die Spitze des Montſerrat, die wir heute in ſo wunderlicher Geſtalt zerklüftet ſehen, ſei erſt zerriſſen worden in der Todesſtunde Jeſu Chriſti. Den Sinai hatte ich— wenn auch aus weiter Entfernung— geſehen, auf dem Karmel eine Nacht zugebracht, und hier in Bar⸗ celona befand ich mich wenige Stunden Wegs vom Montſerrat entfernt, weßhalb begreiflicherweiſe der Wunſch in mir rege wurde, demſelben einen Beſuch zu machen. Wie aber hier in Spanien überhaupt ſehr wenig zur Bequemlichkeit der Reiſenden gethan iſt, und am allerwenigſten um auf angenehme Art von einem Ort zum andern zu gelangen, ſo mußte man ſich um dieſe Tour zu machen entſchließen, einen Omnibus diario zu benutzen, der zur höchſt unpaſſenden Zeit, nämlich Nachts um zwei Uhr, von Bar⸗ celona abgeht. Natürlicherweiſe iſt hiedurch die ganze Nacht verdorben, denn man kann dem Schlaf nicht gebieten, daß er um zehn Uhr komme und uns für ein paar Stunden mit ſeinem erquickenden Schleier bedecke. Ein junger Däne, der mit uns die Tour machen wollte, Horſchelt und ich hatten uns das Coupé des beſagten Omnibus ge⸗ nommen, und als wir gegen halb zwei Uhr durch die Gaſſen Barce⸗ lonas nach dem Ort der Abfahrt gingen, kann ich nicht ſagen, daß die Stadt, trotz der ungewöhnlichen Stunde, menſchenleer oder ſtill geweſen wäre; auf der Rambla brannten noch immer hell und luſtig die Gasflammen, und zahlreiche Nachtſchwärmer trie⸗ ben ſich dort umher, in ihre Mäntel eingehüllt, pfeifend, ſingend und lachend. Der Anblick des Omnibus flößte uns ein geheimes Grauen ein: er war eng, alt und hinfällig, namentlich aber ſchien das Coupeé nur für drei Zwerge mit ſehr unbedeutenden Beinen ein⸗ gerichtet zu ſein; die Beſpannung wäre für Deutſchlands gute Wege wahrhaft verſchwenderiſch geweſen, fünf kräftige Maulthiere ſtanden vor dem Wagen, die ungeduldig hin⸗ und hertraten und auf dem Pflaſter ſcharrten. Die Beſchirrung dieſer Zugthiere in Ein Beſuch auf dem Montſerrat. 213 Spanien iſt höchſt einfach, denn obgleich die Kopfgeſtelle reich mit rothen Quaſten und kleinen Glocken verſehen ſind, haben nur die Stangenpferde Zügel, welche der Mayoral, der vorn auf einem Banket vor dem Coupe ſitzt, in der Hand hält. Zur Leitung der vordern Thiere hat er einen Adjutanten, den Zagal, gewöhn⸗ lich ein aufgeſchoſſener Bengel von vierzehn bis ſechszehn Jahren, der ſeinen Platz auf dem Trittbrett des benannten Bankets hat. Der Zagal iſt Peitſche und Zügel zu gleicher Zeit; er ſchreit den vordern Thieren zu, ſie ſollen rechts oder links gehen, und wenn eine einfache Ermahnung nicht fruchtet, ſo hat er die Taſche voll kleiner Steine, die er mit geſchicktem Wurf den Thieren an eine kitzliche Stelle des Körpers wirft, und in dem Fall, daß das Maulthier, welches die Spitze führt, Anwandlungen von Eigen⸗ ſinn zeigt, ſpringt er behende von ſeinem Sitz herab, eilt vorne hin und überraſcht das betreffende mit kräftigen Peitſchenſchlägen. Der Zagal iſt in dieſen Dienſtleiſtungen unermüdlich, ſtunden⸗ lang ſitzt er nicht eine Minute ruhig auf ſeinem Platz: jetzt ſpringt er auf den Boden, um das ganze Geſpann der Reihe nach mit ſeiner Peitſche zu bedienen; gleich nachher hüpft er wieder auf ſeinen Sitz, und wenn die Hand ruht, iſt dafür ſeine Zunge um ſo thätiger. Bald ſchmeichelt er den Thieren, bald überhäuft er ſte mit den ehrenrührigſten Schimpfworten, und die Maulthiere verſtehen jedes ſeiner Worte, jeden Zungenſchlag, denn wenn ſie in dieſem Augenblick etwas langſam den Berg hinantraben und der Zagal läßt auf einmal durch die Stille der Nacht ſein laut⸗ tönendes hatia, hatia! erſchallen, ſo ſcheint ſie neuer Lebensmuth zu durchſtrömen, ſie heben Köpfe und Beine, Glocken und Meſ⸗ ſinggeſchirr klingen und raſſeln, in vollem Galopp jagen ſie dahin, ſo daß der morſche, ſeufzende Wagen wie ein Betrunkener in den tiefen Löchern der Straße hin⸗ und herwankt, und dem armen nicht⸗ſpaniſchen Paſſagier Hören und Sehen vergeht. Punkt zwei Uhr kletterten wir alſo in unſer Coupe hinein, und nachdem ſich unſer Däne ſowie Horſchelt niedergelaſſen hatten, war 214 Achtes Kapitel. kaum noch Platz übrig für ein ſechsjähriges Kind, welcher für meine etwas breite Geſtalt genügen ſollte. Der Mayoral zuckte die Achſel, ſchob mich hinein, ſchloß den Schlag, und da ſaßen wir neben einander eingekeilt, ohne die Möglichkeit der geringſten Be⸗ wegung. Was den Sitz anbelangt, ſo hätte man ſich das am Ende ſchon gefallen laſſen können, aber die Beine waren noch ſchlim⸗ mer daran; der lange Horſchelt machte die ſchrecklichſten Verſuche, ohne zu einem angenehmen oder glücklichen Reſultat zu gelangen. Die Abfahrt war ziemlich pünktlich, der Zagal bediente die Maul⸗ thiere mit einigen kräftigen Hieben, und dahin raſſelten wir durch enge Straßen nach der Puerta de Santa Madrona. Doch waren wir nicht ſo glücklich, dieſes Thor baldigſt paſſtren zu können und die offene Landſtraße zu erreichen. Dieſſeits deſſelben hielt plötzlich unſer Omnibus, und als ich zum Wagenfenſter hinausſchaute, bemerkte ich, daß die ganze Straße vor uns mit Fuhrwerken gleich dem unſrigen vollgepfropft war. Von Barcelona aus gehen mehrere Poſten und Verbindungswagen für benachbarte Städte zwiſchen ein und zwei Uhr Nachts ab, und da es für den ſpani⸗ ſchen Thorwächter zu mühſam wäre, jedem einzelnen aufzu⸗ ſchließen, ſo wartet er bis eine hübſche Anzahl beiſammen iſt, um ſte dann alle mit einander hinauszulaſſen. So lange wir hielten, ſchloſſen ſich immer neue Wägen und Omnibuſſe an uns an, mit ſechs, acht bis zehn Maulthieren beſpannt. Obgleich wir faſt eine halbe Stunde warteten, muß ich doch zur Ehre der Spanier ge⸗ ſtehen, daß kein Wort des Mißvergnügens laut wurde, und ſich jeder ruhig in ſein Geſchick ergab. Endlich wurden wir erlöst, man öffnete das Thor, und auf einem fürchterlichen Weg durch die Feſtungswerke der Stadt, wobei der Wagen bald rechts, bald links in fußtiefe Löcher hineinkrachte, gelangten wir in's Freie, und rollten auf der königlichen Landſtraße von Madrid gen Espar⸗ raguera. Unſer Wagen war ſehr beſetzt, im Interieur ſechs Per⸗ ſonen, im Coupè drei und auf dem Banket, wo nur für ebenſo⸗ viele Platz war, wechſelte die Zahl der Mitreiſenden beſtändig Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 215 zwiſchen fünf und ſechs, von denen begreiflicherweiſe die an den beiden Enden förmlich rechts und links überhingen; ich habe den Zagal hier nicht mitgerechnet, denn dieſer arme Teufel hatte ſeinen Platz bald auf dem Trittbrett, bald auf der Straße und bald in der Luft, denn er brachte wenigſtens ein Viertheil des Wegs mit Auf⸗ und Abſpringen zu. Der Mayoral dagegen war eine dicke Standesperſon, die gravitätiſch ſitzen blieb, in brauner Jacke, rother Mütze, ein Tuch um den Hals geſchlungen und um die Schultern die vielfarbige ſpaniſche Decke, welche die Stelle des Nantels vertritt. So rollten wir dahin in dicken Staubwolken, die man mehr fühlte als ſah, über uns den wunderbar klaren ſüdlichen Himmel mit funkelnden Sternen; aber unſer Coupé zu drei Perſonen war eine vollſtändige Marterkammer, dazu die fürchterlichen Stöße des Wagens, das ewige Geſchrei des Zagals, hinter uns aus dem Interieur die Düfte verſchiedener Zwiebelſorten, von vorn der ſchlechte Geruch der Papiercigarren unſerer ſechs Außenpaſſagiere; es war in der That eine unerquickliche Nacht, und wenn ich, was jeden Augenblick geſchah, aus einem leichten Halbſchlummer auf⸗ geſchreckt wurde, ſo hörte ich, wie Horſchelt in der andern Ecke traurige Betrachtungen anſtellte über die Luſt des Reiſens im allgemeinen, ſowie über den Unterſchied zwiſchen einem deutſchen Bett und einem ſpaniſchen Eilwagen. Man kann gerade nicht ſagen, daß die Straße durchgängig ſchlecht geweſen ſei, nur in der Nähe der Dörfer fanden ſich immer verdrießliche Stellen, wo man jeden Augenblick befürchtete, hier müſſe der ſchwere Wagen nothwendig ſtecken bleiben; am unan⸗ genehmſten jedoch waren kleinere und größere Flüſſe und Bäche, die wir zu paſſiren hatten, denn hier fehlten regelmäßig die Brücken, d. h. wir ſahen rieſenhafte Trümmer derſelben hoch neben uns emporragen, während wir tief unten durch eine Furt das Waſſer paſſirten. Bei dieſen Veranlaſſungen zeigte ſich übri⸗ gens der Zagal in ſeiner ganzen Größe. Sowie wir zum Flußufer 216 Achtes Kapitel. in ſcharfem Trab hinabfuhren, verſchwand er plötzlich von ſeinem Sitz, und wenn unten die Maulthiere einen Augenblick zauderten, in das Waſſer hineinzuſetzen, richtete er eine Unzahl Prügel auf die armen Thiere, ſo daß ſie in großen Sätzen durch die Furt eilten, wobei das Waſſer an den Wagenfenſtern emporſpritzte und dieſer verdächtig hin⸗ und herſchwankte. Freund Zagal hing jetzt wie eine Katze irgendwo am Wagen feſt, um, ſowie wir das gegen⸗ ſeitige ziemlich ſteile Ufer erreichten, zur höchſt unangenehmen Ueberraſchung der Maulthiere gleich wieder bei der Hand zu ſein. Gegen vier Uhr Morgens ſpannten wir in einem elenden Dorfe um, wickelten uns feſter in unſere Mäntel, denn obgleich es den erſten Theil der Nacht— es war vom ſiebenten auf den achten Dezember— ziemlich warm geweſen, kam doch jetzt von den Ge⸗ birgen her eine ſcharfe Morgenluft, die uns bei der ſchlechten Beſchaffenheit der Wagenfenſter froſtig durchdrang. Auch wurde es ſo dunkel, daß man vom Weg und der Gegend nichts mehr ſehen konnte. Um ſechs Uhr kamen wir in die Berge hinein, und da es auf und ab beſtändig in ſcharfem Trab oder Galopp ging, ſo waren die Bewegungen des Wagens noch unangenehmer, das Geſchrei des Zagal noch heftiger als früher. Es iſt eigenthümlich, daß bei den ſpaniſchen Poſten der Mayoral und Zagal nicht auf jeder Station gewechſelt werden, ſondern daß dieſelben ſelbſt wäh⸗ rend einer ganzen Reiſe, wenn ſte auch vierundzwanzig Stunden dauert, den Wagen begleiten, ja in Barcelona zeigte man uns einen Poſtillon, der ſchon mehreremale die ganze Reiſe nach Ma⸗ drid und zurück, beſtändig auf dem Vorderpferd reitend, vier Tage und vier Nächte gemacht. Nach unſerer nächtlichen Fahrt kam der Morgen prachtvoll herauf. Im Oſten erſchien der Himmel glühend roth angeſtrahlt, und ehe die Sonne erſchien, goſſen ihre Strahlen über die bisher dunkle Luft einen glänzenden violetten Schimmer, der ſich rings am Horizont zu einem matten gelben Lichtſtreifen verdichtete. Als es ſo hell geworden war, daß wir die Gegenſtände rings herum — —— Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 217 erkennen konnten, ſahen wir mit Vergnügen den für uns ſo gänz⸗ lich fremden Charakter der Landſchaft. Die Berge rechts und links ſo wie die wellenförmigen Felder hatten eine braunrothe Farbe, auf welchen ſich das Graugrün der Olivenbäume einförmig ab⸗ zeichnete. Die ganze Landſchaft ſchien zerklüftet, zerriſſen und ſteinig; letzteres ſind auch alle Felder in der That, und es gehört der unermüdliche Fleiß der Catalonier dazu, die, wie das Sprüch⸗ wort ſagt, ſelbſt aus Steinen Brod zu machen wiſſen, um dieſen Gründen etwas abzuzwingen. Die Straße, auf der wir fuhren, war breit, ziemlich eben, aber ſchlecht unterhalten; gelber tiefer Sand wechſelte mit rauhen Steinen und Kieſeln ab, und ſie ſelbſt lief in den eigenſtnnigſten Windungen, ſich bald rechts, bald links drehend, ein heller Streifen über die dunkleren Anhöhen dahin. Für uns war die Einfaſſung ihrer hohen Seitenwände ſehr in⸗ tereſſant, denn ſie beſtand aus prächtigen großen Aloen, welche mit ihren blaugrünen, ſpitzigen, drohend emporgekehrten Blättern eine undurchdringliche Einzäunung für die Felder bilden, und ſich ſo trotzig und keck auf dem dunkelblauen Himmel abzeichnen. Als wir uns noch in der Morgendämmerung gegen ſieben Uhr Eſparraguera näherten, begegneten uns einige Gendarmen, welche mehrere höchſt verdächtig und wild ausſehende Kerle trans⸗ portirten, wahrſcheinlich Räuber, die bei der Ausübung ihres ſaubern Handwerks auf der Landſtraße geſtört worden waren. Der Mayoral wenigſtens beantwortete unſere Frage auf die gleich⸗ gültigſte Art mit dem einzigen Wort: Ladrones. Eſparraguera, welches wir um ſieben Uhr erreichten, wo der Omnibus bleibt, iſt ein kleines ſchmutziges Dorf, aber mit maſſiven ſteinernen Häu⸗ ſern, natürlicherweiſe vor jedem Fenſter der in Spanien unent⸗ behrliche eiſerne Balcon. Zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges 1808 fielen hier zahlreiche Gefechte vor, und die Erbitterung, mit der die Franzoſen und Spanier gegen einander kämpften, zeigte ſich noch lange nachher in der grenzenloſen Verwüſtung der ganzen Gegend. In der Hauptkirche, mit einem hübſchen Thurm, wurde 218 Achtes Kapitel. nach der erſten Zerſtörung des Kloſters auf dem Montſerrat das wunderthätige Marienbild lange Jahre aufbewahrt. Der Omnibus ſetzte uns vor einer Poſada ab, deren innere Räumlichkeiten große Aehnlichkeit mit einem Stall hatten, doch that uns ein flackerndes Kaminfeuer in einem finſtern Winkel ſehr wohl, und wir ließen uns da behaglich durchwärmen, wäh⸗ rend eine überaus dicke Wirthin unſer Frühſtück bereitete. Dies beſtand nach ſpaniſcher Landesſitte aus einer, übrigens vortreff⸗ lichen, dicken ſchwarzen Chocolade mit geröſtetem Brod; Kaffee zu verlangen muß man ſich ſelbſt in den größern Städten nicht bei⸗ gehen laſſen, denn man erhält unter dieſem Namen eine kraftloſe graue Brühe, deren Geſchmack unter aller Beſchreibung iſt; friſche Butter gehört hier ebenfalls zur Sage, und was man in dem Artikel aufgetiſcht erhält, iſt Schweinefett mit Safran gelb ge⸗ färbt. Daß man indeſſen überall etwas lernen kann, fanden wir auch in hieſiger Poſada, denn wir entdeckten im Gaſtzimmer der⸗ ſelben eine ſinnreiche Art von Fliegenwedeln. An langen, über dem Tiſch von der Decke herabhängenden Stangen waren große Fächer von Papier befeſtigt, welche, in Bewegung geſetzt, die zu⸗ dringlichen Inſekten vertreiben. Um von hier an den Fuß des Berges nach einem kleinen Neſt, Colbata, zu gelangen, braucht man eine Stunde, und nimmt dazu eine Tartane. Dieß iſt ein zweirädriger Karren, mit einem Tuch bedeckt und ein paar gepolſterten Sitzen. In die Gabel wird ein Maulthier geſpannt; der Kutſcher läuft nebenher, oder ſpringt auch zuweilen, wenn er ſein Thier durch Hiebe und Geſchrei in Trab oder Galopp verſetzt, auf ein kleines viereckiges Polſter, das auf dem rechten Deichſelbaum angebracht iſt. Auf dieſe Art ver⸗ ſorgt, trollten wir zum Thor hinaus unter den tollſten Sprüngen und Stöͤßen unſeres federloſen Fuhrwerks. Schon von Eſparra⸗ guera hatten wir im Grauen des Morgens rieſenhafte ſeltſame Felſenmaſſen bemerkt, die faſt ohne Uebergang ſchroff vor uns aus dem leichthügeligen Terrain emporſtiegen— der Montſerrat. Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 219 Jetzt hatten wir ihn dicht vor Augen, und erſtaunten über ſeine ſeltſamen willkürlichen Formen. Unten ſcheinen koloſſale Blöcke auf einander gethürmt zu ſein, ein Felſenberg auf dem andern, und oben hat die Natur in muthwilliger Laune Cylinder und abge⸗ ſtumpfte Kegel aufgeſetzt, die in den ſonderbarſten Zacken und Spitzen emporragen. Die Färbung des Bergs am heutigen Morgen bei klarem Himmel und glänzendem Sonnenlicht war überraſchend und prächtig. Aus dem rothbraunen Terrain mit gelben und grünen Streifen erhob er ſich mit der grauen Grundfarbe ſeiner Steinmaſſen, die durch Schluchten, durch Riſſe und Sprünge in dem Geſtein, durch das Grün einer wenn gleich ſpärlichen Vege⸗ tation und durch die Schatten der vorliegenden Blöcke und Kegel mannichfaltig und maleriſch ſchattirt war. Auf die hervorſprin⸗ genden Ecken goß die Sonne ihr roſiges Licht, und indem ſich das⸗ ſelbe dort mit den hellen und dunkeln Tönen des Berges miſchte, erſchien die Felſenmaſſe ganz übergoſſen mit einem unausſprechlich warmen, röthlich violetten Schimmer. Colbata, dicht am Fuße des Berges, beſteht aus einigen wenigen ärmlichen Häuſern, und man miethet hier Maulthiere oder Eſel, um ſich ſelbſt und ſein Gepäck bis zum Kloſter tragen zu laſſen. Unſer Däne und ich bedienten uns zweier letztgenannten Reitthiere, Horſchelt aber nahm den Weg unter die Füße, und ſo ſtolperten wir in Begleitung zweier alten Weiber aus dem Dörf⸗ chen durch deſſen leere und holperige Gaſſen. Anfänglich geht es ziemlich gemäßigt aufwärts, man befindet ſich faſt noch in der Ebene, die den Felſenkegel von allen Seiten hügelig umgibt. Wir hatten hier weichen Sandboden, Olivenbäume und wieder die maleriſchen Einfaſſungen der Felder mit Aloeſtauden. Kaum aber beginnt man an dem Berg ſelbſt hinaufzuklettern, ſo verändert ſich auch mit einemmal ſein ganzer Charakter. Ein ſchmaler, viel⸗ leicht vier Fuß breiter Weg, bedeckt mit Felsſtücken und Steinge⸗ röll, beginnt in einer Schlucht ziemlich ſteil aufwärts zu ſteigen, um im Grund derſelben ſich rechts wendend an einer mächtigen 220 Achtes Knpitel. Felſenwand hinzulaufen, in welche er mühſam gehauen iſt. So geht die Steigung aufwärts, bald im Zickzack an einer faſt ſenk⸗ rechten Wand empor, bald an den untern Maſſen des Berges in weiten Kreiſen hin, wobei der Pfad, wenn man rückwärts ſchaut, nur wie ein dünner heller Faden ausſieht, der vielfach um die grauen Maſſen geſchlungen iſt. Ich habe auf meinen Reiſen manche gefährliche Wege gemacht, aber keinen ſchlimmern als dieſen: bald war unſer Pfad mit Steinen bedeckt, die unter den Tritten unſerer Eſel beſtändig nachgaben und nicht ſelten neben uns in die Tiefe rollten, bald bildete er förmliche Stufen und führte gleich darauf über glatte Steinplatten weg, auf denen der Huf der armen Thiere unter uns gar keinen Halt hatte. Von Gelän⸗ dern oder ſonſtigem Schutz iſt durchweg keine Rede, und da der Eſel in ſeinem Eigenſinn beſtändig auf dem äußerſten Rand des Weges dahin geht, ſo hing man faſt immer mit dem halben Theil des Körpers über Abgründen, die mehrere hundert Fuß tief neben uns gähnten, während auf der andern Seite die ſenkrechte Felſen⸗ wand ebenſo hoch emporragte. Belohnend iſt übrigens die Ausſicht, die man bei den meiſten Wendungen des Weges auf das Thal unter ſich genießt, und die, je höher man ſteigt, immer reicher und großartiger wird. Bald verſchwinden die einzelnen Linien der Felder und Wege, die Oli⸗ venbäume bemerkt man nur noch, wo ſie in großen Gruppen bei einander ſtehen, und einzelne Häuſer ſind faſt nicht mehr zu unter⸗ ſcheiden von dem felſigen Grund, auf welchem ſie gebaut ſind. Hügel an Hügel bildet die Landſchaft durchgängig in röthlich gelber Farbe; nur hie und da ſieht man hellgelbe oder grüne Streifen, große Waldungen oder Sandbrüche, und zuweilen das Glitzern des Sonnenlichts auf irgend einem einſamen Waſſer. Einen eigenthümlichen, ja melancholiſchen Eindruck machten auf mich bläuliche Rauchwolken aus für uns unſichtbaren Häuſern, die hie und da aus dem Thal emporſtiegen und langſam und all⸗ mählich vergehend die Spitze eines Hügels umkreisten. Und wie Ein Beſuch auf dem Montſerrat. 221 ſtill und feierlich war es hier oben in der gewaltigen Natur, wie ſeltſam und koloſſal trennt ſich ein Fels von dem andern, während man immer höher ſteigt! Die Wand, die, von unten geſehen, ein zuſammenhängendes, wenn auch zerklüftetes Ganzes zu bilden ſcheint, beſteht aus rieſenhaften Blöcken, was wir deutlich ſahen, ſobald wir über ihnen angelangt waren. Vor uns hatten wir jetzt eine gewaltige Schlucht, man könnte ſie ein Thal nennen, an deren anderer Seite ſich die Felſen ſcharf und ſpitz emporheben. Da ſich der Pfad, auf dem wir ritten, hier um ein paar Fuß er⸗ weiterte, ſo ließen wir die Thiere einen Augenblick halten, und unſer Führer aus Barcelona erzählte uns von einem Geſchütz⸗ kampf, welcher auf dieſer Stelle zwiſchen Spaniern und Fran⸗ zoſen im Jahr 1808 ſtattfand, und während die letztern mit einer ihnen gegenüberliegenden Batterie beſchäftigt waren, wurden ſie von hinten überfallen und mußten todt und lebendig in die gräß⸗ liche Tiefe vor ihnen hinab, gefolgt und zerſchmettert von ihren eigenen Geſchützen, welche ihnen die Spanier nachwälzten. Zuweilen führt der Pfad eine Zeitlang abwärts, um auf den Grund einer Schlucht zu gelangen, von dem ſich die nächſte Höhe wieder beſſer erſteigen läßt. Ich habe ſelten ein Gebirge geſehen, deſſen Vegetation in den tiefern Theilen ſo dürftig ge⸗ weſen wäre wie die meiſten Partieen des Montſerrat; niedere Buchsbaumſträuche und Gebirgskräuter wachſen zuweilen am Wege, und ziehen ſich in den Spalten der Felſen aufwärts; manch⸗ mal auch, aber ſelten, erreichten wir eine Stelle, wo die graue Wand mit ſaftigem Grün freundlicher bekleidet war, wo ſchöne, zierliche Erikenblüthen, auch eine Art Rhododendron mit dicken Blumenknoſpen, und blaue Glockenblumen von dem Geſtein herabnickten. Die eigentliche und ſo überaus ſonderbare Form des Mont⸗ ſerrat iſt übrigens hier in ſeinen untern Theilen noch nicht zu erkennen; die Spitze des Berges hält ſich beſtändig vor unſern Blicken verborgen, und was wir jetzt, ſchon ziemlich hoch geſtiegen, Achtes Kapitel. von ihm unter und neben uns erblickten, trägt einen eher heimath⸗ lichen als fremden Charakter. Dieſelben Gebirgsformationen wie hier findet man im Harz, in einigen Theilen der ſächſiſchen Schweiz, ja im Siebengebirge am Rhein, wenn man den Drachenfels er⸗ ſteigt und vom Rhein abgewendet in die Thäler ſchaut, nur muß man ſich die dortigen dichten Baumgruppen hinwegdenken. Nachdem wir zwei Stunden emporgeſtiegen waren, lief der Weg eine Zeitlang eben hin, neigte ſich ſodann abwärts, und wir erreichten ein kleines, mit gehauenen Steinen eingefaßtes Becken voll klaren grünen Waſſers, das recht ſtill und einſam unter einer ſenkrechten Felswand lag, worauf wir noch wenige Schritte weiter machten, um eine ſcharfe Ecke des Gebirges bogen und das Kloſter des Montſerrat vor uns liegen ſahen— hier in dieſer Einöde ein gewaltiger, unvergeßlicher Anblick. Zu unſerer Rechten und vor uns ſiel das Gebirge einige tauſend Fuß ſenkrecht in den Llobregat hinab, um an der andern Seite in einer ebenſo koloſſalen Fels⸗ wand wieder emporzuſteigen. An dieſer tief unter uns lagen die Kloſtergebäude geſchmiegt, vor ſich die gerade hinabgehende Wand, hinter ſich ungeheure Felsmaſſen, deren Spitzen drohend über⸗ zuhängen ſchienen. Unregelmäßig ohne Zuſammenhang hingebaute Häuſer ſtanden da bei einander, aus ihnen hervorragend zwei gelbe majeſtätiſche Gebäude mit vielen Fenſtern, die hohe und lange Fronte uns zugekehrt, das eigentliche Kloſter, über welche hinweg der nicht ſehr hohe Thurm hervorſchaut. Wir hielten eine Zeitlang auf dieſer Stelle, um uns das vor Augen liegende eigen⸗ thümliche Bild recht ins Gedächtniß zu prägen. Ruhig und ernſt lagen alle Gebäude da, faſt unheimlich in dieſer Oede und Ein⸗ ſamkeit, ohne Zeichen irgendwelchen Verkehrs und Lebens, und wenn man auch nicht ſchon von hier die Zerſtörungen derſelben bemerkte, ſo hatte doch das Ganze etwas verlaſſenes und ruinen⸗ haftes. Als wir langſam hinabſtiegen und dem Kloſter näher kamen, bemerkten wir deutlich einzelne Wände die ohne Verbin⸗ dung mit den andern daſtanden, eingeſtürzte Thorbogen, zertrüm⸗ Ein Beſuch auf dem Montſerrat. 223 merte Dächer. Vor der Einfahrt, deren Thor aus wenigen Bret⸗ tern beſtand und in roſtigen Angeln hieng, befand ſich ein kleiner überwölbter Waſſerbehälter, deſſen Quelle verſtegt ſchien, und an dem nur noch an der äußern Wand mit melancholiſchem Schall einzelne Waſſertropfen in ein zertrümmertes Becken niederfielen. Wir brauchten keine Glocke zu ziehen um in den Kloſterhof einzutreten, alles war weit geöffnet, und der einzige Laut der unſern Eintritt begrüßte war das Klappern der Hufe unſerer Thiere auf dem Pflaſter und der Wiederhall der eigenen Stimme. Die Zerſtörung des Kloſters datirt ſich efanntlich aus dem Befreiungskrieg von 1808. Bei dem erſten Beſuch hatten die Franzoſen, da ſie hier auf keinen Widerſtand ſtießen, das Kloſter verſchont; doch als ſte abzogen, machten die Spanier einen Waffen⸗ platz aus demſelben, den die franzöſtſchen Truppen gegen das Ende des Kriegs ſtürmten und einnahmen, worauf ſte den Verſuch mach⸗ ten die feſten Gebäude in die Luft zu ſprengen und dem Erdboden gleich zu machen; doch rettete die Stärke der Mauern das Kloſter von dem gänzlichen Untergang, und nach der Rückkehr Ferdinands VII. bauten die Mönche fleißig an der Wiederherſtellung ihres Hauſes. 1820 zum zweitenmal vertrieben, begann die Reſtauration des Kloſters 1823 wieder, und wurde, ſoweit die ſpärlichen Mittel es erlaubten, bis 1835 fortgeſetzt, wo ſte durch den allgemeinen Kloſterſturm in Spanien abermals unterbrochen wurde„ und es auch wohl für immer bleiben wird. Früher wurden alle Pilger und Fremden, die den Montſerrat beſuchten, von den Mönchen mit herzlicher Gaſtfreundſchaft auf⸗ genommen; man fand hier ein eigenes ſehr anſtändiges Fremden⸗ haus, und wurde aus der Kloſterküche geſpeist. Bei der Armuth indeſſen, in welche das früher ſo reiche Kloſter verfiel, mußte dieſe Gaſtfreundſchaft natürlicherweiſe aufhören, und von da an richtete ſich ein Gaſtwirth auf dem heiligen Berg ein, bei dem die Fremden für Geld und gute Worte, wie auch anderwärts, ein Unterkommen fanden. Ob nun dieſer Wirth in der That glänzende Geſchäfte 224 Achtes Kapitel. — gemacht, bin ich nicht im Stand anzugeben, die Regierung aber hatte dieſen Glauben, und legte ihm vor nicht langer Zeit eine Ab⸗ gabe von jährlich 500 Thlrn. auf, und befahl im Weigerungsfall die Herberge zu ſchließen. Letzteres iſt nun nicht vollſtändig ge⸗ ſchehen, obgleich die Steuer begreiflicherweiſe auch nicht bezahlt wurde, und ſo beſteht denn hier oben auf dem Montſerrat für die hungrigen und durſtigen Fremden eigentlich ſo gut wie gar keine Herberge. Man hatte uns ſchon in Colbata einen Wink gegeben Proviant mitzunehmen, doch war die Probe, die man uns von dem Eßbaren da unten gab, ſo ſchlecht, daß wir lieber den Beſchluß faßten es mit dem halbgeſchloſſenen Wirthshaus da oben zu ver⸗ ſuchen, und wir thaten daran nicht unrecht, denn wir fanden Brod, Käſe und Wein, und Abends ein einfaches Mahl, bei welchem freilich alles Fleiſch fehlte. In einem ſtehengebliebenen Flügel des Kloſters, unter lauter Ruinen, wurde für uns ein Zimmer auf⸗ geſchloſſen, auch Betten hergerichtet, und ſo befanden wir uns denn, gegenüber der prachtvollſten Ausſicht wie ich lange keine mehr ge⸗ ſehen, beſtens verſorgt. Das Kloſter in ſeiner jetzigen Geſtalt iſt eine der maleriſ chſten Ruinen die man ſehen kann, die umliegenden Häuſer, mit einziger Ausnahme der Herberge, ſind nur vier Wände, ohne Dach und Fenſter; aus den letztern wächst Epheu hervor und ſchmückt freund⸗ lich die zertrümmerten und zerriſſenen Mauern. Große ſteinerne Waſſerbehälter ſind leer und ſtaubig, denn die Leitung aus den Felſen iſt zerſtört, und einzelne Tropfen, die herabrieſeln, nähren ſchmarotzende Schlingpflanzen, die jetzt die Stelle der klaren Fluth einnehmen und ihre wehenden Ranken über den Rand der Baſſins herabhängen laſſen. Eine der Hauptmauern, die früher den Kloſter⸗ hof umgaben, iſt gänzlich eingeſtürzt, und läßt, wie durch eine klaffende Wunde, den Blick in das todte Innere dringen; hie und da befinden ſich noch kleine Theile des Kreuzganges, einzelne Säu⸗ len, denen die verbindenden Bogen fehlen. Trauernd ſteht im Vorhof eine zierliche Logenwand, zwei Reihen ſchlanker Säulen V ——— Ein Beſuch auf dem Montſerrat. übereinander, die aber nicht mehr wie früher in ein Gemach füh⸗ ren, denn das dahinterliegende Gebäude iſt abgeſprengt, und durch die leichten zierlichen Bogen, deren Verzierungen hie und da zer⸗ ſtört und die in einzelnen Theilen vom Pulver geſchwärzt ſind, blickt man in den klaren Tag hinaus, in die großartige Felsgegend. Ein kleiner Brunnen in eigenthümlicher Geſtalt, der davor ſteht, iſt allein noch gut erhalten und ſcheint heute noch den Mönchen zu dienen, dagegen ſind andere kleine Bauwerke im Hof, Niſchen in denen Heiligenbilder ſtanden, Grabmäler u. dgl., der allge⸗ meinen Verwüſtung nicht entgangen, und bieten mit herabgeſtuͤrz⸗ ten Statuen, mit zerbrochenen Säulen und zerſtoͤrten Inſchriften ein trauriges Bild. Wirklich maleriſch ſchön war das klare Son⸗ nenlicht in ſeiner Verbindung mit dieſen Ruinen, wo es durch die zerriſſenen Gewölbe glänzend hereindrang, hier die hellſten Lichttöne bildend, daneben die ſeltſamſten tiefdunkeln Schatten. Alle Gebäude ſind aus einem röthlich gelben Stein gebaut, welcher durch das Sonnenlicht eine unausſprechlich warme Färbung annimmt; der äußere Hof erſchien hiedurch in einzelnen Theilen wie vergoldet; über ihnen ſpannte ſich der tiefblaue Himmel, und herabhängende Epheuranken, die oben auf den Mauern wuchſen, glänzten im ſaftigſten und friſcheſten Grün. Nachdem wir in unſerm Zimmer eine kleine Weile geraſtet, erſchien der Prior des Kloſters, ein freundlicher liebenswürdiger Mann in den Fünfzigern, welcher ſich längere Zeit in Salzburg und Wien aufgehalten und geläufig Deutſch ſprach. Er führte uns durch die Kloſtertrümmer, an deren Wiederherſtellung oder viel⸗ mehr Erhaltung, ſoviel es die Armuth der Mönche erlaubt, immer noch gearbeitet wird; an verſchiedenen Stellen ſahen wir Haufen von Backſteinen und Kalk, hier eine Mauer auszubeſſern, dort einen Bogen vor gänzlichem Einſturz zu bewahren. Die Kirche des Kloſters iſt in ihrem Innern nothdürftig wieder hergeſtellt, doch ſind die Mauern, die früher mit buntfarbigem Marmor be⸗ deckt waren, jetzt einfach weiß getüncht, und der Hochaltar, auf 5 Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 1 226 Achtes Kapitel. welchem das wunderthätige Madonnenbild ſteht, wird von ein paar ärmlichen Meſſinglampen beleuchtet, ſtatt daß früher hier auf acht⸗ zig ſilbernen Leuchtern Tag und Nacht ſchwere Wachskerzen brannten. Durch die Sacriſtei ſtiegen wir in ein kleines Gemach hinter dem Hochaltar, deſſen Fenſter mit rother Seide verhängt waren, wo es uns geſtattet wurde das Marienbild näher zu betrachten. Die Statue iſt beinahe lebensgroß, nicht ohne Kunſt aus dunkel⸗ farbenem Holz geſchnitzt, welches mit der Zeit ganz ſchwarz ge⸗ worden iſt, und aus dem die hellen glänzenden Augen ſonderbar hervorleuchten; ſie iſt bekleidet mit prächtigen ſeidenen und goldge⸗ ſtickten Gewändern, und trägt an den Armen und Fingern Ge⸗ ſchmeide von Gold mit edlen Steinen beſetzt, von denen einiges noch aus ſehr alter Zeit herzurühren ſcheint. Die Madonna hält in ihren Armen das Jeſuskind. Von hier aus führte uns der Prior in die obern Theile des Kloſters, und zeigte uns im Vorübergehen ſeine Wohnung, zwei Zimmer mit einfachen weißen Kalkwänden, einer kleinen Biblio⸗ thek, einem Schreibtiſch mit Büchern und Papieren, und einigen mathematiſchen Inſtrumenten. So beſcheiden dieſe Klauſe auch war, ſo war ſie doch gewiß für den Bewohner ein lieber ange⸗ nehmer Aufenthalt in dieſer Stille und Einſamkeit, und mit der herrlichſten Ausſicht auf das großartige Felſengebirg und das ſchöne Thal des Llobregat. Wir lehnten lange an dem eiſernen Balcon, der in ſchwindelnder Höhe über der ſenkrechten wohl tauſend Fuß hohen Felſenwand hieng; wir träumten von der Welt, die mit ihren Leiden und Freuden tief zu unſern Füßen lag, und begriffen daß ein Herz, welches gelitten und ſich verletzt und wund von ihr zurückgezogen, hier, wenn auch nicht glücklich ſein, doch ſeine Ruhe wieder finden kann. Indem uns der gute Prior herumführte und uns bald von dieſem bald von jenem Fenſter die Ausſicht zeigte, machte er es wie die Kinder: das Schönſte und Beſte bis zuletzt aufhebend, und dieß war das kleine Kloſtergärtchen, das die Mönche dem Felſen ab⸗ Ein Beſuch auf dem Montſerrat. 227 gerungen, indem ſie mühſam die Erde hinauftrugen, um dort duf⸗ tende Kräuter und Blumen zu pflanzen. Ich habe in der That nie einen wunderbareren kleinen heimlichen Platz geſehen; lang und ſchmal lief dieſer Garten an der Felswand hin, um ſie am Ende zu verlaſſen, und auf eine kleine Gallerie nach einem vor⸗ ſpringenden Punkt des Gebirgs zu führen, der zum Spaziergang benutzt wurde, und in ſeiner einfachen Schönheit alles übertraf. In der Mitte befand ſich in den Fels gehauen ein großes Becken mit klarem und ſo ruhigem Waſſer, daß ſich die darüber hängenden Felſenkronen aufs deutlichſte darin abſpiegelten. Die Trümmer eines kleinen hart angebauten Häuschens enthielten ein zertrüm⸗ mertes Schöpfrad, deſſen zerriſſene Kette ſtill, ſchwer und traurig in das Waſſer herabhieng. Die Terraſſe welche dieſes Becken um⸗ gab, hieng buchſtäblich in der Luft über dem tiefen Thal; ein eiſernes Geländer zwiſchen ihr und der unermeßlichen Tiefe war hie und da unterbrochen durch Piedeſtale, auf denen koloſſale Hei⸗ ligenbilder aus Stein gehauen ſtanden, welche ſich ernſt und ge⸗ waltig von der Luft abhoben, und wohl ſchon Jahrhunderte als treue Wächter des Kloſters in das Thal hinabſchauen. Die Sonne warf helle Lichtmaſſen auf Kopf und Bruſt der Figuren, während auf ihrer ſchattigen Rückſeite der blaue Luftrefler lag. Vor uns breitete ſich in unermeßlicher Weite das Thal aus, Berg an Berg, und die Schlangenwindungen des Aobregat erſchienen zu unſern Füßen dunkelgrün und glänzend, während ſie weit hinaus wie ein dünner Silberfaden glitzerten und leuchteten und aus der dunkeln Landſchaft hervorblickten bis an das Meer, das„von der Sonne angeſtrahlt, nur eine gewaltige Maſſe von Glanz, Licht und Flim⸗ mer war. Von dem herrlichen Punkt zurückkehrend, beſahen wir gern die kleinen Blumenanlagen des Priors, die er mit beſonderer Liebe zeigte. Da blühten noch Eriken, Verbenen und Roſen. Von letztern verſprach er uns auf morgen früh einen Strauß für unſere Lieben zu Hauſe; doch pflückte er jetzt ſchon duftende Kräuter für 15 228 Achtes Kapitel. jeden, die wir zur Erinnerung in unſere Taſchenbücher legten. Wirklich liebreich war die Pflege, die er hier einem kränklichen Citronenbaum widmete, der mit gelben welken Blättern in einer Niſche ſtand, nur der Sonne zugänglich, ſonſt vor kalten Winden geſchützt, und den er Abends mit Strohdecken verhüllte. Ehe wir den Garten verließen, warfen wir noch einen Blick hinüber auf die Terraſſe mit den Steinfiguren, wo jetzt ein paar der Bene⸗ dietinermönche in ihren ſchwarzen Gewändern auf⸗ und abgiengen, und die Stimmung des Ganzen dadurch noch feierlicher machten. Wahrhaft rührend erſchien uns ein alter Mönch, der an der Fel⸗ ſenwand neben dem Waſſerbecken ſaß, an einer Stelle wo die Sonne gerade ihre warmen Strahlen hinwarf. Er hatte ein Tuch über das Geſicht gedeckt, und ein Buch, in dem er geleſen, ruhte auf ſeinem Schooß. Der Mann war 82 Jahre alt, und als Chor⸗ knabe von zehn Jahren hierher auf den Montſerrat gekommen— welch ein Leben! Unterdeſſen war es beinahe 2 Uhr geworden, und der Führer hatte uns ſchon mehreremal in den ſchönſten Naturbetrachtungen durch die Mahnung geſtört: es ſei jetzt endlich Zeit zur Spitze des Berges aufzubrechen, denn er für ſeinen Theil habe keine Luſt den gefährlichen Weg im Dunkel zurückzulegen, und ſo nahmen wir denn vorläufig von dem guten Prior Abſchied und verließen den ſo lieben Kloſtergarten. Vor der Poſada fanden wir zu unſerer großen Verwunderung einen deutſchen Landsmann, der ſo eben zu Eſel von Colbata her⸗ aufgekommen war, und nun in unſerer Geſellſchaft die obern Fels⸗ partien beſuchen wollte. Er ſagte nicht woher er komme, doch nachdem er uns verſichert: der Weg hier hinauf ſei polizeiwidrig, unanſtändig und ſchauderös, wußten wir, daß er dem Land ent⸗ ſproſſen war, wo aus tiefem Sand keine Felſen emporragen. Uebrigens benahm er ſich ſehr anſtändig und wohlerzogen, weß⸗ halb wir uns ſeine Begleitung gern gefallen ließen. Sobald wir das Thor des Kloſters verlaſſen hatten, wandte 4 4 Ein Beſuch auf dem Montſerrat. 229 ſich der Führer nach einer Schlucht, die von faſt ſenkrechten Felſen umgeben war, und wo wir uns vergebens nach einem Weg oder Pfad umſahen. Um aufwärts zu kommen, bedienten wir uns denn auch eitter tiefen Spalte in dem Geſtein, in welche hie und da eine Stufe gehauen war, wobei man die Hände gebrauchen mußte, um ſich an den glatten Wänden in die Höhe zu helfen. Die Abwechſelung, welche dieſer Pfad darbot, war, daß er zuweilen um einen Felskegel herumbog, der neben uns ſchroff in die Tiefe ab⸗ fiel, und wo einer dem andern kopfſchüttelnd nachfolgte, ſchüchtern in den Abgrund blickend, wobei man die Fußſpitzen in kaum be⸗ merkbare Löcher und Schrammen ſetzte. Glücklicherweiſe waren dieſe Stellen kurz, und dann gieng es wieder an den Steinen auf⸗ wärts über viertelſtundenlange Felſentreppen. Endlich erreichten wir einen kleinen Abſatz von vielleicht 6 Fuß im Quadrat, wo wir einen Augenblick ausruhen konnten. Mit ſtarkklopfendem Herzen blickte ich rückwärts; denn ich muß geſtehen, der beſchwerliche Marſch hatte mich angeſtrengt. Schon lagen die Kloſtergebäude tief unter uns, eine röthliche Maſſe zwiſchen den grauen Felſen. Unſer norddeutſcher Landsmann war ſchon ſeit längerer Zeit ſehr ſtill geworden, obgleich er anfänglich ſeine Lungen mit witzigen Bemerkungen übermäßig angeſtrengt und mehrmals gefragt hatte: ob das der ganze gefährliche Weg ſei. Er war der letzte, der zu uns hinaufkletterte, und ließ ſich augenblicklich in ſichtlicher Ver⸗ ſtimmung auf den Boden nieder, wobei er verſtohlenerweiſe troſt⸗ loſe Blicke auf die Höhe über uns warf. Was ihm auf der Seele lag, merkten wir alle, doch hätten wir nicht geglaubt daß er ſchon ſo bald Anſtalten zum Umkehren machen würde. Dieſe beſtanden darin, daß er ſeine beiden Seiten feſthielt und über furchtbares Seitenſtechen klagte; auch affectirte er ein ominöſes Kopfweh, und klagte überhaupt ſo lange fort, bis wir ihm riethen die Tour zur Spitze des Montſerrat auf ein andermal zu verſchieben— ein Vorſchlag, den er auch bereitwillig ergriff, worauf er plötzlich ſeine gute Laune wieder erhielt. Er meinte freilich, auf den Bergen ſei Achtes Kapitel. 230 Freiheit, und der Hauch der Grüfte dringe nicht hinauf auf die Spitze dieſer Felſen, wo es auf Ehre magnifique ſein müßte, aber er wolle nichtsdeſtoweniger ſich für uns aufopfern, indem er zum Kloſter zuruͤckkehre und dort auf den Abend ein herrliches Eſſen beſtelle. Nach einigen Verſicherungen, daß der Weg abwärts wahr⸗ ſcheinlich teufelmäßig ſchwer zu finden ſei, verließ er uns, und rutſchte die Felſen wieder hinab; doch hielt er hundert Schuh tiefer nochmals an, indem er uns zurief: wir möchten doch den nächſten Eremiten freundlich von ihm grüßen. So waren wir denn wieder auf unſere frühere Geſellſchaft reducirt, unſer Däne, Horſchelt und ich. Noch eine halbe Stunde gieng es nun in derſelben Art, wie ich eben beſchrieben, aufwärts; ich weiß nicht, ſoll ich ſagen daß der Weg eigentlich halsbrechend und gefährlich war; für jemand mit ſichern Füßen und gutem Auge vielleicht nicht, wer aber die geringſte Anlage zum Schwindel hat, ſoll ja dieſe Partie nicht machen. Beſtändig führte unſer Pfad an ſteilen und tiefen Abgründen hin, wo es genug war auf einer der ausgehauenen Stufen zu gleiten oder auf einen lockern Stein zu treten, um das Gleichgewicht zu verlieren und alsdann ohne Rettung in die Tiefe hinabzuſtürzen. Mit dem erſten größern Abſatz des Gebirgs erreichten wir eine der dreizehn Einſtedeleien des Montſerrat, die aber ſeit der Franzoſenzeit alle in Trümmern liegen. So eine kleine Capelle mit der Wohnung des Eremiten iſt in ihrem Verfall ein rührendes Bild, namentlich die, welche wir ſo eben betraten. Sie lag an einem Felſenabhang, und man erblickte noch deutlich die Mauern des Kirchleins, ja die Stelle, wo ſich der Altar befunden, und daneben die Wohnung des Eremiten. Alles war aus röthlichem Stein ziemlich feſt gebaut, und die meiſten Gemächer mit Gewölben ver⸗ ſehen, die aber eingeſtürzt ſind, und der Sonne, dem Wind und dem Regen Einlaß geſtatten. Nicht weit von dem kleinen Hauſe war roh in den Felſen eine Steinbank gearbeitet, wo der Be⸗ — 12 Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 231 wohner deſſelben gewiß lange Stunden geſeſſen, um in die wilde Felspartie vor ſich hinabzuſtarren. Von hier aus geht der Weg eine Zeitlang ſanfter anſteigend fort durch ein ziemlich breites Thal„ wo wir von Zeit zu Zeit in den Felſen gearbeitete Mulden ſahen, die gewiß dazu dienten das Regenwaſſer für die Einſiedeleien anzuſammeln, doch kömmt es auch der Vegetation zu Nutze, die mit einemmal hier üppiger auf⸗ wächst als wohl tauſend Fuß tiefer. Wir mußten uns auf unſerem jetzigen Wege oft mühſam durch das ſechs bis acht Fuß hohe Buchs⸗ baumgeſtrüpp durcharbeiten, und zertraten manche duftende Kräu⸗ ter, manche hübſche Bergblume. Schlingpflanzen verſchiedener Art kletterten von hier an den grauen Felſen empor und niſteten ſich dort in Schluchten und Riſſen ein, wodurch oft die wunderlichſten Zeichnungen entſtanden. Bald ſtiegen wir an der Thalwand wie⸗ der hinauf und warfen gern einen Blick rückwärts, denn das dichte grüne Gebüſch hier zwiſchen koloſſalen Steinmaſſen nahm ſich gar lieblich und freundlich aus. Abermals gieng der Weg eine Strecke lang ſtark aufwärts, und wurde mit jeder Minute ſteiler. Wir umſchritten einen Kegel von ſeltſamer Form, und hatten plötzlich, auf demſelben angekommen, einen der merkwürdigſten Anblicke vor uns. Auf einmal waren die bisherigen Felswände verſchwunden, und ſtatt ihrer ſah man unzählige rieſenhafte Steingeſtalten, Thürme, Kegel, Figuren in der ſeltſamſten Bildung an den Him⸗ mel emporragen. Es iſt gerade, als ſeien dieſe Maſſen vielleicht im einſtigen flüſſig glühenden Zuſtande aus der harten Schale des Bergs emporgeſpritzt worden und plötzlich erkaltet; wenn man Blei in Waſſer gießt, ſo bringt der Zufall oft ähnliche ſeltſame Bildungen hervor. Man blickt ſtaunend an dieſen Rieſengeſtalten in die Höhe, und braucht der Phantaſte nicht viel zuzumuthen, um Bauwerke, Menſchen und Thiergeſtalten zu erkennen. Vor uns ragt ein Tempelbau mit Kuppeln und Thürmen in die Höhe, gegen den unſere größten Kirchen klein erſcheinen würden; ihn umgeben Opferaltäre in den gewaltigſten Dimenſionen, einzelne glatte rieſen⸗ 232 Achtes Kapitel. hafte Felskegel, Meilenzeiger, Säulen mit Capitäl und Piedeſtal; gleich dan eben ſteht man deutliche Rieſengeſtalten, ſitzend, liegend und ſtehend, nachdenkend das Haupt geneigt, wie mit einander ſprechend oder aufmerkſam in die Tiefe blickend. Deutlich ſahen wir unter uns eine Sphinx auf dem Felſen ruhend, und über ihr auf gewaltigen Blöcken lang ausgeſtreckt eine Gigantengeſtalt, die hinabzulauſchen ſchien. Unverkennbar und wahrhaft ſchön in Form und Haltung erſchien uns eine ſitzende Figur, reich in lange Ge⸗ wänder drapirt mit der phrygiſchen Mütze auf dem Kopf, die über ihre rechte Schulter hin den Blick abwandte; ſonderbarerweiſe bil⸗ deten einige Geſträuche einen förmlichen Kranz, den ſie auf dem Schooße hielt, und ebenſo hatte ſie einiges Grün in der herab⸗ hängenden linken Hand. Auch komiſche Figuren waren hier zu erkennen: ein paar dickbäuchige alte Herren, ſowie eine fette unter⸗ ſetzte Geſtalt mit vollkommen ausgeprägten Augen und Naſe, die um den Mund ein dickes Tuch geſchlungen hatte. Andere For⸗ mationen dieſer himmelhohen Felſen ſind über alle Beſchreibung E V abenteuerlich, ſo namentlich an der Nordſeite, wo der Berg ſeinen Namen Montſerrat(geſägter Berg) gewiß mit dem vollſten Recht verdient; hier könnte man wirklich auf den Glauben kommen, als haben ſich einſtens die Titanen damit beluſtigt, eine viele hundert Fuß hohe und breite Felſenwand in faſt gleichförmige Theile zu zerſägen. Nachdem wir uns längere Zeit am Anblick dieſer Steinwelt ergötzt, mußten wir noch eine Viertelſtunde höher ſteigen, um den äußerſten Gipfel St. Geronimo zu erreichen. Hier befinden ſich die Ueberbleibſel einer Capelle der heil. Jungfrau, zwei Mauern durch einen morſchen Bogen verbunden, durch welchen man ſchon von weitem den blauen Himmel ſieht. Die Ausſicht, die man hier oben nach allen Weltgegenden hat, iſt unermeßlich, und es wurde uns 3 das Glück zu Theil ſie bei einem vollkommen klaren Tage aufs umfaſſendſte genießen zu können. Rings zu unſern Füßen lag wie eine Landkarte ganz Catalonien und ein Theil der ehemaligen Königreiche Aragonien und Valencia ausgebreitet. Gegen Nord⸗ 2 ——-———— 2 t Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 233 oſten iſt der Horizont begränzt durch den majeſtätiſchen Zug der Pyrenäen, die ſich mit Schnee bedeckt in einem weißen ungeheuern Streifen von fünfzig bis ſechzig Stunden Länge dahinziehen; nach Südweſten hin erſchaut man das Meer, und bläuliche Punkte in der glänzenden Fluth bezeichnen die baleariſchen Inſeln. Wir hatten faſt zwei Stunden gebraucht, um den Berg zu erſteigen, und lagerten uns ziemlich ermüdet vor dem kleinen Mauerwerk mit dem Blick nach Nordoſten, wo hinaus ja die Hei⸗ math lag, und bedauerten nur bei dem Anblick all des Schönen hier, daß wir nicht im Stande ſeien, es unſern Lieben zu Hauſe ebenfalls zu zeigen; doch unterließen wir nicht, eine Erinnerung an dieſe hier oben zurückzulaſſen. Bevor wir wieder hinabſtiegen, grub jeder von uns in einen Stein der alten Capelle Namen ein, die ihm lieb und theuer waren. Da mögen ſte ſtehen in der Gluth der Sonne, in Wind und Regen, und wenn nach langen Jahren die letzte Spur von ihnen verſchwunden iſt, ſo ſind wir ſelber alt geworden, verwittert unter des Lebens Sonnenſchein, Sturm und Regen; manch tiefer Riß in unſern Herzen mag vernarbt, manche ſchön klingende Saite bis dahin geſprungen ſein oder ihren Wohl⸗ klang verloren haben; vielleicht aber auch ſind wir in jene Har⸗ monie getreten, die in uns ertönt, wenn traurige Erinnerungen langſam verſchwunden ſind, wie die Schrift auf dieſem Stein. So langſam und mühſam wir aufwärts geſtiegen waren, ſo raſch und mit großen Sprüngen kamen wir abwärts; alle die Gegenſtände, bei denen wir vorhin ſtaunend längere Zeit verweilt, ſahen wir jetzt wie im Flug noch einmal wieder, die Rieſengeſell⸗ ſchaft, die ſeltſamen Bauwerke, das ſchöne grüne Thal, die erſte Einſtedelei. Wenn auch der Weg im Herabſteigen noch gefähr⸗ licher erſchien, ſo trieb doch unſer Führer, der hereinbrechenden Dämmerung wegen, gewaltig vorwärts, und ſpringend, rutſchend, auch zuweilen leicht hinfallend erreichten wir bald die Stelle„wo vor einigen Stunden unſer norddeutſcher Landsmann umgekehrt war. Da aber von hier ab der Pfad immer dicht an den Ab⸗ 1 ——— 234 Achtes Kapitel. gründen und auf glatten Felstreppen niederführte, auch der Blick wegen der hereinbrechenden Nacht ſchon unſicher wurde, ſo muß⸗ ten wir langſamer klettern, was mir für meine Perſon, ich geſtehe es, gar nicht unangenehm war, denn mein Tritt war nicht mehr ganz ſicher und es fing an, mir vor den Augen zu flimmern. Ohne Unfall erreichten wir indeſſen den Kloſterhof, wo wir unſern Landsmann wiederfanden, deſſen Kopfweh bedeutend nach⸗ gelaſſen hatte, und der nebſt vielen Klagen, daß kein Beefſteak aufzutreiben ſei, ja nicht einmal ein elendes Huhn zu erhalten wäre, uns mit großer Ruhmredigkeit die Verſicherung gab, er habe in Betreff der Zubereitung unſeres Eſſens dem Wirth einige An⸗ weiſungen gegeben, die wir nachher nicht vermiſſen würden. Nun weiß ich nicht, ob dieſe Anweiſungen an ſich ſchlecht waren, oder ob ſie der Koch nicht befolgt. Genug, unſere Mahlzeit war ſehr mangelhaft, und das Geſicht unſeres freiwilligen Kücheninten⸗ danten verlängerte ſich zuſehends. Zuerſt hatten wir weiße Bohnen mit Eſſig und Oel, dann Reis mit geröſtetem Stockfiſch, wobei das Ganze ſein Bewenden hatte. Doch hielten wir uns an die ungekünſtelten Landesprodukte: Brod, Mandeln und Wein, und waren dabei heiter und guter Dinge. Ehe wir uns in unſer Schlafzimmer zurückzogen, machten wir noch einen Gang durch das Kloſter und die Ruinen, die jetzt im hellen Mondſchein nicht weniger ſchön als in der Tagesbeleuch⸗ tung erſchienen. Unſer Führer, ſowie der Prior, der uns eine gute Nacht wünſchte, erſuchte uns, das Zimmer ſorgfältig zu verſchlie⸗ ßen, denn, wie er ſagte, triebe ſich beſtändig allerlei verdächtiges Geſindel in den Bergen umher. Die beſchwerliche Tour hatte uns übrigens ſehr müde gemacht und gab uns einen ruhigen, feſten Schlaf, doch erwachten wir glücklicherweiſe vor Tagesan⸗ bruch, um die Sonne glühend roth, prächtig gerade vor unſerem Fenſter aufgehen zu ſehen. Um ſieben Uhr erklangen die Glocken des Kloſters ruhig und feierlich durch den ſchönen klaren Morgen, und mit den erſten 12 Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. Tönen derſelben, die hier in der Einſamkeit das Herz unwillkürlich weich und empfänglich ſtimmen, kam der gute Prior in unſere Zelle und lud uns ein, der Frühmeſſe in der Kloſterkirche beizu⸗ wohnen. Der Chor derſelben lag noch in tiefer Dunkelheit da, nur ſparſam erhellt von den wenigen Lampen am Bilde der Mut⸗ ter Gottes und einzelnen Kerzen, die ſoeben von Chorknaben an⸗ gezündet wurden; durch die Fenſter der Emporkirche dagegen ſchwamm ſchon helles, freundliches Morgenlicht in die düſtern, hallenden Räume. Nach der heiligen Handlung überreichte der Prior jedem von uns einige duftende Roſen, die er ſchon früh Morgens gepflückt und bis zu dieſem Augenblick in der Kirche niedergelegt hatte; dann führte er uns auf unſere Bitte nochmals in ſeinen kleinen, mir unvergeßlichen Garten. Gleich ſchön, wie am geſtrigen Tage, erſchien doch Alles wieder anders durch die verſchiedene Beleuchtung; wo geſtern glühendes Licht neben tiefem Schatten gelegen, war heute die Sonne noch nicht hingedrungen und erwartend ihren glänzenden Kuß bedeckte unten die Schluch⸗ ten und Thäler ein tiefvioletter Duft, feuchte Nebel erhoben ſich langſam und kreisten feierlich, luftigen Schleiern gleich, um die zackigten Felſen. So ſehr unſer Führer zum Aufbruch drängte, ſo wurde es doch faſt neun Uhr, ehe wir uns losreißen konnten von dem Kloſter des Montſerrat und ſeinem würdigen Prior, der uns liebgewonnen zu haben ſchien. Doch mußten wir deßhalb auch in größter Eile den Rückweg machen, um die Tartane nicht zu verſäumen, die ſeit halb elf Uhr am Fuß des Berges auf uns wartete. Unſer kundiger Führer wußte übrigens allerlei ange⸗ nehme, geradeausgehende Fußpfade, eigentlich Wege konnte man es⸗ nicht nennen, denn es waren meiſtens abſchüſſige Felſen mit Stein⸗ gerolle bedeckt, auf denen wir indeſſen rutſchend und ſpringend in kurzer Zeit zur Ebene hinabkamen. In Colbata machten wir eine Raſt, um ein ſehr geringes Frühſtück einzunehmen. Mit Hülfe eines Dictionärs und Vo⸗ cabulärs kauderwälſchten wir zu unſerem Privatvergnügen ein 236 Achtes Kapitel. entſetzliches Spaniſch mit der Wirthin und ihren beiden Töchtern; nur Horſchelt nahm keinen Theil an der Unterhaltung, wogegen er dem Frühſtück eifriger zuſprach, was endlich die Wirthin zu der Frage veranlaßte: ob er nicht auch irgendein Wort ſpaniſch wüßte, worauf ich ihr entgegnete: es ſei eigentlich traurig für uns, aber, wenn man die Umſtände kenne, verzeihlich, daß er uns mit der Sprache ſo im Stich laſſe, indem er doch ein Spanier ſei und noch dazu aus Madrid, der aber der Dame ſeines Herzens das Gelübde gethan, ſich auf ſeinen Reiſen nie mit einem andern weiblichen Weſen zu unterhalten. Heute Morgen that uns der Poſtmeiſter von Eſparraguera die Ehre an, eigenhändig die Tartane zu lenken, welche uns dahin zurückbrachte. Der Omnibus dort war ebenſo beſetzt, wie auf der Herfahrt; im ſauſenden Galopp fuhren die Maulthiere mit uns davon, daß das Wagengeſtell krachte; es war ganz dieſelbe Geſchichte, wie geſtern Nacht, nur daß wir am hellen Tage die Mühſeligkeiten und das Reiſeungemach mit fröhlicherem Muth ertrugen. Der Mayoral rauchte eine Cigarre um die andere, der Zagal flog auf und ab und erwies jedem der Maulthiere mit Steinen und Peitſche tauſend kleine Aufmerkſamkeiten. Uebrigens fuhren wir langſamer als in der Nacht, denn die Straße war bedeckt mit Fuhrwerken aller Art; hochaufgepackten Karren mit ſechs, acht, zehn Maulthieren beſpannt mußten wir bald rechts, bald links ausweichen, Poſtwagen, in dichte Staubwolken einge⸗ hüllt, rasten an uns vorüber, um im tollen Wetteifer unſeres Zagals mit dem andern gleich darauf wieder von uns überholt zu werden. Je näher wir Barcelona kamen, um ſo maleriſcher war die Straße belebt, dazu kamen die Fußgänger mit der rothen und blauen Manta, einzelne auf ſchönen Pferden vorbeigalop⸗ pirende Bauern, Weiber mit buntfarbigen Kopftüchern und hie und da Navarreſen, ſchöne, kräftige Geſtalten mit der rothen oder weißen Boina auf dem Kopf, in brauner Jacke, eine farbige Decke auf der linken Schulter und einem hellen Gürtel. Auch ent⸗ —— Ein Zeſuch auf dem Montſerrat. 237 laſſene Soldaten begegneten uns in großer Anzahl, halb mili⸗ täriſch gekleidet, alle mit einem breiten Roſaband über der Bruſt, an dem ſie eine lange Blechkapſel trugen, worin ſich der Abſchied befand. Nachdem wir in den Feſtungswerken Barcelona's, die wir gegen 5 Uhr erreichten, noch einigemal in ſehr ern ſtliche Verwick⸗ lungen mit andern Fuhrwerken gerathen waren, ſchaukelten wir bei einbrechender Dämmerung durch die Straßen, ziemlich müde und abgeſpannt, doch aufs höchſte befriedigt von unſerem Ausflug auf den Montſerrat. Neunntes Kapitel. Von Barcelona nach Valencia. Auf nach Valencia! Vergebliches Warten auf den Barcino. Deutſche und ſpani⸗ ſche Eilwagen. Der Delantero. uUnglücksfälle. Nachtfahrten. Weihnachtsphan⸗ taſien. Schlechter Weg. Angenehme Bilder aus der Heimath. Wir liegen im Graben. Taragona. Elende ſpaniſche Dörfer. Keine ſchattigen Kaſtanien an des Ebro Strand! Ampoſta. Ein chineſiſches Diner. Landhäuſer und Palmen. Der Weg am Meer. Schreckliches uUnglück eines Eilwagens. Ein merkwürdiger Unfall. Murviedro. Die Huerta⸗ 3 Der Zigeunerhauptmann in„Precioſa“ hat gut reden und befehlen„auf nach Valencia!“ er war an die ſchlechten ſpaniſchen Straßen gewöhnt, brauchte nur ſeine Zelte abzuſchlagen, ſte auf⸗ laden zu laſſen, und konnte dann mit der ſchönen Precioſa und unter den Klängen der reizenden Weber ſchen Muſik zufrieden ſeines Weges ziehen. Hätte er aber wie wir in Barcelona geſeſ⸗ ſen, vergeblich auf ein Schiff wartend, und mit der untröſtlichen Verſicherung aller Reiſenden, die Wege nach der alten Stadt des Cid ſeien ſelbſt für hier augenblicklich in troſtloſem Zuſtande, ſo würde er ſein: Auf nach Valencia! in etwas gemäßigterem Ton gerufen haben. Der„Barcino“, ein ſpaniſcher Dampfer, ob⸗ gleich er ſchon ſeit langer Zeit an allen Straßenecken vermittelſt großer Zettel angezeigt war, wollte immer nicht erſcheinen; ein anderes Schiff war ſchon gar nicht in Ausſicht, denn die Linie von ——:—— 2— 2——————„„.— Nach Nalencia. Marſeille nach Cadix wurde in gegenwärtigem Augenblick ſehr mangelhaft befahren, weil verſchiedene Dampfer beim ſtürmiſchen Wetter des Novembers mehr oder minder Schaden genommen hatten und in Marſeille behufs der Ausbeſſerung zurückbehalten wurden. Von Valencia kam faſt jede Woche ein Schiff, aber um⸗ gekehrt wollten für uns nordweſtlich am Horizont keine tröſtenden Rauchwolken erſcheinen. So mußten wir uns denn entſchließen, die Fahrt über Taragona zu Land zu machen. In unſerem Hötel, der Fonda del Oriente, war das Bureau der Diligencen, und ich, der ſo oft Nachmittags mit Intereſſe und vielem Mitgefühl arme Reiſende wie Häringe in den Wagenkaſten einpreſſen ſah, mußte endlich daſſelbe mit mir geſchehen laſſen. Baumeiſter Leins und ich hatten das Coupé genommen, Horſchelt ſaß an der hintern Thür des omnibusähnlichen Intérieurs, und ſo wurden wir am einundzwanzigſten Dezember um drei Uhr Nachmittags im vollen Galopp von acht Maulthieren aus dem Hauſe und der Stadt befördert. Unſer Weg führte durch die Puerta del Monjuich, vor wel⸗ cher wir Abſchied von dem Meer nahmen, wenn auch nur für kurze Zeit, und rechts an der Stadtmauer dahin fuhren, bis zur großen Straße nach Madrid, die wir aber nach einigen Stunden ebenfalls verließen, um alsdann ſüdweſtlich unſern Weg zu verfolgen. Die Landſtraße ließ ſich übrigens anfänglich gar nicht ſo ſchlimm an, wie wir uns gedacht; ſie war ſehr breit, auch ziemlich eben, und da der Mayoral mit großer Geſchicklichkeit verdächtige Löcher zur Rechten und zur Linken glücklich zu vermeiden wußte, ſo wäre die Fahrt gar nicht unbehaglich geweſen, wenn nicht das Kutſchiren der Spanier an ſich die Nerven in einer beſtändigen Aufregung erhielte. Bei uns in Deutſchland ſind Conducteure, Poſtil⸗ lons, Pferde, Wagen, Paſſagiere und Straßen gewiſſermaßen vernünftige Geſchöpfe, die ſich verſtehen und in einander zu fügen wiſſen; der Schwager hat ſeine vier Pferde in der Hand und fährt ſeinen ſoliden Trab, wo es die Straße erlaubt; der 240 Neuntes Kapitel. Paſſagier iſt beruhigt, denn er weiß, der Wagen wird einem Stein oder Loch auszuweichen wiſſen, er kann ſich ſogar ſorglos zum Schlag hinausbeugen und wenn ihm ſeine Reiſemütze zufälliger⸗ weiſe abfällt, ſo wird der Conducteur einen Augenblick anhalten; man iſt mithandelnde Perſon, und das gibt uns ein Gefühl der Behaglichkeit und Sicherheit. Hier aber iſt man der Poſt wie ein Paket übergeben worden, man wird an Ort und Beſtimmung befördert; ob man unverſehrt oder zerſchlagen und zerſchunden ankommt, darum kümmert ſich kein Menſch. Die ſpaniſchen Eil⸗ wagen haben unter anderem die angenehme Einrichtung, daß ſich nur auf der linken Seite Thüren befinden; wirft man alſo zufäl⸗ ligerweiſe dorthin um, ſo befindet ſich ein wohlbeleibter Reiſender förmlich wie in einer Mausfalle. Das Geſpann habe ich ſchon in einem früheren Bericht beſchrieben. Der Mayoral hält nur die Zügel der beiden Stangenpferde, die mittleren ſechs Thiere folgen dem Delantero, einem Buben von nicht über zwölf Jahren, der alſo alle zehn Maulthiere und das Geſchick des Wagens in ſeiner ſchwachen Hand hält; meiſtens reitet er auf einem Pferd, da ein ſolches lenkbarer iſt. Man nimmt zu dieſem gefährlichen Geſchäft des Vorreitens dieſe jungen Burſche, weil das Thier ſie leichter tragen kann, und weil ſie die Gefahr, der ſie beſtändig ausgeſetzt ſind, nicht ſo kennen und achten; denn ſtürzt das Pferd unter dem Delantero zuſammen, namentlich bei einer abſchüſſigen Stelle, ſo ſetzen nicht ſelten die anderen Thiere über ihn hinweg und er iſt in den meiſten Fällen verloren. In Barcelona wurde mir eine ſchauerliche Geſchichte der Art erzählt, wo ein Mayoral ſeinen eigenen Sohn überfuhr, der von dem ſchweren Wagen augenblicklich getödtet wurde. Dabei reiten dieſe Poſtillone nicht bloß eine Station, ſondern, wenn nicht die ganze Reiſe von mehreren Tagen, doch meiſtens bis zur nächſten größern Stadt, ſelten unter vierundzwanzig Stunden. Unſer Delantero war ein ſchmächtiges Bürſchchen von vielleicht elf Jah⸗ ren und einem feinen blaſſen und ausdrucksvollen Geſicht, ein SSe“ — Nach Valencia. 241 wahres Kind; doch als man ihm aufs Pferd geholfen, zündete er ſich ſein Cigarito an, und fort ging es im ſauſenden Galopp. Ich habe ihn etwas genauer beſchrieben, weil er uns ſpäter in der Nacht im wahren Sinne des Worts in eine ſehr unangenehme Verwicke⸗ lung brachte. Unſere Reiſegeſellſchaft im Innern des Wagens nach Art der Omnibus eingerichtet, beſtand meiſtens aus Männern im Mantel oder in der Manta, mit dem andaluſiſchen Hut auf dem Kopf. Eine einzige Sennora fuhr mit uns, eine Frau mit einem nicht jährigen Kind an der Bruſt, deſſen ſämmtliche kleine Ange⸗ legenheiten ſie vor den Augen und Naſen der übrigen Paſſagiere auf die ungezwungenſte Art von der Welt beſorgte. Nach der zweiten Station fuhren wir in die Berge hinein, und hier war die Straße nicht nur ſchön angelegt, ſondern auch für hier gut unterhalten; gewiß ſehr zum Kummer unſerer Maul⸗ thiere, denn der Zagal erſchöpfte ſich in Aufmerkſamkeiten für ſie und ſo fuhren wir mit außerordentlicher Schnelligkeit dahin. Der Tag war klar und wunderſchön und die Landſchaft mannigfaltig belebt. Es iſt eigenthümlich, wie in Catalonien, namentlich des Abends, der rothe Grund der Erde vom Sonnenlicht ſo warm und ſchön beleuchtet wird. Das Land ſcheint ordentlich die glän⸗ zenden Strahlen aufzuſaugen, um ſie darauf ſelbſtleüchtend wieder von ſich zu geben; dabei iſt hier die Formation der Berge male⸗ riſch ſchön, den Thälern fehlt es nicht an Vegetation, und die Anhöhen ſind hie und da gekrönt mit Kirchen, Ruinen und alten Schlöſſern. Ach, wenn es nur beim Reiſen, namentlich bei den Eilwagenfahrten, keine Nacht gäbe, die mit ihrem ſonſt ſo trau⸗ lichen Dunkel finſtere Schleier über Berg und Thal zieht, und unſere Gedanken, die ſo gerne auswärts umherſchweifen, um ſich am Anblick der herrlichen Natur immer wieder neuer und lebendi⸗ ger zu geſtalten, in unſer Inneres zurückſcheucht, wo ſte dann, er⸗ müdet, ſo gern ernſt und traurig werden. Vergebliches Wünſchen! Und ſcheint die Sonne noch ſo ſchön, Am Ende muß ſie untergehn! Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 16 242 Neuntes Kapitel. Das that ſie denn auch am heutigen Abend mit aller Pracht, indem ſie die Höhen rings um uns her vergoldete, und im Wider⸗ ſchein die ſchon dunkeln Thäler mit einem freundlichen violetten Duft bedachte. Abendnebel ſtiegen hie und da auf, die Paſſagiere neben dem Mayoral wickelten ſich feſter in die Manta, der Zagal ſang ein melancholiſches Lied und unſere Maulthiere hörte man mehr als man ſie ſah an dem vieltönigen Geklingel ihrer Glöck⸗ chen und den Meſſingzierrathen ihres Geſchirrs. Bald wurde es ſo dunkel, daß Berg und Thal ſich kaum noch von einander unterſcheiden ließen, und die hellere Landſtraße lief in einem ein⸗ förmigen Streifen vor uns dahin; zuweilen blitzte in der Ferne ein Licht auf, zuweilen leuchtete neben uns auf dunklem Grund die kleine Fläche einer Waſſerlache, in welcher ſich der Himmel widerſpiegelte. Letzterer hielt am längſten mit gewohnter Treue und Liebe bei uns aus, und ſpannte ſich noch klar über der Landſchaft als dieſe ſchon längſt in tiefe Dunkelheit verhüllt war. Es gibt Färbungen dort oben, die man zu gewiſſen Zeiten immer wieder ſieht und die uns wie der Klang eines Liedes, wie ein freundliches Wort an angenehme Stunden erinnern; ſo war es mir heute Abend. Doch um dieſen Erinnerungen nachhängen zu können, mußte ich meine Gedanken zurückrufen, die Augen ſchlie⸗ ßen und wußte nun gleich, wo ich denſelben gelben Streifen am Horizont halb von Wolken verdeckt ſchon geſehen habe— war es doch vor einem Jahr an demſelben heutigen Tag, einige Abende vor Weihnachten— doch ſaß ich damals nicht im ſinſtern Eilwagen, ſondern ich eilte nach Hauſe und befand mich dort in einem freund⸗ lich erhellten Gemach, das ich jetzt wieder lebhaft vor mir ſah, ſowie ich die Augen ſchloß. Auf dem Tiſch ſtand der Tannen⸗ baum bereits halb bekleidet mit ſeinem Schmuck, denn auf der einen Seite ſchimmerten zwiſchen den grünen Nadeln ſchon ſilberne und goldene Nüſſe hervor; auch glänzende Glaskugeln und zier⸗ lich geſchnittene Netze von buntem Papier hingen gleich Guirlan⸗ den an den Zweigen; an der andern Seite waren meine Buben — ð————— + o i Nach Valencia. 243 beſchäftigt. Von den leuchtenden Augen und lachenden Lippen aufgefordert, verſtand ich mich gern dazu, ebenfalls Hand an das große Werk zu legen. Eben ſchickte ich mich an, in Gedanken näm⸗ lich, eine ſchöne Fahne von Rauſchgold auszuſchneiden, als der Poſt⸗ wagen ſo gewaltig auf das Pflaſter ſtieß, klirrte und raſſelte, daß er mich unangenehm in meinen lieben Träumen unterbrach. Wir hatten die Station Villafranca erreicht, wo die Pferde ge⸗ wechſelt wurden und neue Paſſagiere aufſtiegen, in der That auf⸗ ſtiegen, denn da der ganze Wagen unten beſetzt war, ſo wurde eine Leiter angelegt, und eine Frau mit ihrem Säugling, ſowie ein paar Guardias Cioiles, ob zu ihrem oder unſerem Schutz, weiß ich nicht, kletterten auf die Imperiale. Es war da oben ein recht ſchwanker und luftiger Sitz, ich hatte ſo meine Gedanken für die arme Frau im Falle des Um⸗ werfens des Wagens; unſer Anerbieten einen der Plätze im Coupeé einzunehmen verwarf ſie indeſſen, und ſchien ſich gar nicht unbehaglich droben zwiſchen den beiden bewaffneten Männern zu fühlen; dieſe waren feſt in ihre dunkeln Mäntel gewickelt und hatten den dreieckigen mit Wachstuch überzogenen Hut auf dem Kopf, während ihre langen Flinten drohend zu beiden Seiten hinausragten. So fuhren wir denn weiter einem Stück des Wegs entgegen, das uns ſchon in Barcelona als unangenehm ge⸗ ſchildert war, und es verdiente den Ruf in der That: denn kaum hatten wir den Ort hinter uns, ſo begann die Poſtkutſche ſich auf eine höchſt verdächtige Art in Seitenbewegungen zu ergehen; bald ſanken wir auf die rechte, bald auf die linke Seite, wobei das Ge⸗ ſchrei des Mayoral und Zagal immer lauter und lauter wurde. Wären ſie wenigſtens ruhig im Schritt gefahren, ſo hätte man ſich doch mit einer gewiſſen Beruhigung in ſein Schickſal gefunden; aber ſo wurden die Maulthiere mit aller Kraft der Lungen und Peitſchen vorwärts getrieben, und riſſen den Wagen in die Löcher hinein und wieder heraus, daß das ganze Geſtell krachte und man ſich jeden Augenblick wunderte, wie Achſen, Nüder 4 Wagen 244 Neuntes Kapitel. noch zuſammenhielten. Das ging eine Stunde ſo fort, worauf der Wagen anfing langſamer und weniger zu ſchwanken, die Räder gleichförmiger rollten und das Geklingel der Maulthiere wieder in einem angenehmern Takt ging. Leider iſt es mir verſagt, in dem Wagen zu ſchlafen, d. h. bei den längſten an⸗ geſtrengteſten Touren iſt es mir kaum vergönnt, während der Morgendämmerung eine halbe Stunde oder ſo etwas leicht zu ſchlummern. Da iſt es denn ſo natürlich, daß man liebe Erinne⸗ rungen hervorruft, um die langen Stunden der Nacht zu verkür⸗ zen, und ich begann die Augen ſchließend wieder an den freundlichen Lichterglanz zu denken, an die rauſchenden Tannenzweige, zwiſchen denen dießmal ſtatt der vergoldeten Aepfel und Nüſſe die ſtrahlen⸗ den Augen meiner lieben Kinder hervorleuchteten— da mit einem Male erklang das Geſchrei des Mayoral und des Zagal auf eine eigenthümliche und erſchreckte Art: wir rollten gerade auf einer ziemlich glatten Stelle des Wegs etwas aufwärts und hatten neben uns rechts und links tiefe Gräben; der Delantero mit ſeiner Kinderſtimme ſtieß ein Angſtgeſchrei aus und meine Träume flatterten davon, Licht und Goldglanz und all die lieben Geſichter. Da ich die linke Ecke des Coupé's hatte und eines der Fenſter geöffnet war, ſo bog ich mich ſchnell hinaus und ſah, wie unſer Vorreiter Kehrt gemacht hatte und im vollen Galopp bei unſerem eigenen Wagen vorüberkam. Da aber an der Seite auf der Straße ſelbſt kein Platz war, ſo ſtürzten ſeine Thiere in den Graben hinab; ihm folgten die ſechs Mittelgeſpanne, alle fie⸗ len übereinander her, ſtürzten zuſammen, rafften ſich wieder auf und riſſen endlich die Maulthiere an der Deichſel mit ſich herum, dieſe den Wagen, der nun glücklicherweiſe faſt ganz gerade mit den Vorderrädern in den Graben gezogen wurde. Daß er nicht ganz zum Sturz kam, dankten wir den beiden geſtürzten Thieren an der Deichſel, die ſich ſo in ihre Geſchirre verwickelt hatten, daß ſie, trotz vieler vergeblichen Verſuche, nicht aufzuſpringen im Stande waren. Das Geſchrei unſerer Paſſagiere hinten im Wagen, die Seite te in fie⸗ auf rum, mit nicht n an j ſte, tande agen, Nach Palencia. 245 die nicht ſahen was vorging, namentlich aber der beiden Weiber, wovon die eine mit ihrem Säugling oben auf dem Wagen in der größten Gefahr ſchwebte, kann man ſich leicht denken. Die Sorg⸗ loſigkeit der ſpaniſchen Fuhrleute bewährte ſich hier aufs glän⸗ zendſte; es wollte mir nämlich nicht gelingen, die alte roſtige Thürklinke aufzudrehen, es bedurfte mehrmaligen Erſuchens, ehe dieß von außen geſchah. Die Guardia's Civiles waren von oben herabgeſprungen und da ich zufällig an der Seite des Wagens ſtand, ſo nahm ich das kleine Kind der Spaniexin in Empfang, das ſie mir in ein Tuch gewickelt weinend herabreichte. Neben uns im Graben herrſchte eine unbeſchreibliche Verwirrung; es war eine große verwickelte Maſſe von Maulthieren und Geſchir⸗ ren; glücklicherweiſe hatte der arme kleine Delantero keinen Scha⸗ den gelitten, er hinkte herbei, wir hatten ihn im Verdacht, er habe auf ſeinem Pferd geſchlafen, doch entgegnete er: caballos malos, — no he dormido! Wir legten alle hülfreiche Hand an, um die Maulthiere von ihrem Geſchirr zu befreien und nach einem halbſtündigen Aufent⸗ halt war unſer Geſpann wieder ſo weit in Ordnung, daß wir unſern Weg fortſetzen konnten. Ein ſolch plötzliches Umkehren der vordern Thiere ſoll übrigens nicht ſelten vorkommen, und gleich auf der nächſten Station geſchah das abermals, glücklicher⸗ weiſe aber noch vor dem Poſtgebäude, wo mehrere Knechte bereit ſtanden, die eigenſinnigen Thiere mit tüchtigen Hieben zurecht bringend. Gegen zehn Uhr Abends näherte ſich die Straße dem Meer wieder, auch war der Mond unterdeſſen aufgegangen, ſo daß wir von der Höhe, auf der wir fuhren, die hellbeglänzte Fluth weit überſehen konnten. Taragona, die alte Römerſtadt, er⸗ reichten wir um Mitternacht, und was wir von ihrer Lage im hellen Mondlicht ſahen, war ſo maleriſch ſchön, daß wir ſehr be⸗ dauerten, nicht einen Tag daſelbſt zubringen zu können. Ehe wir die Stadt erreichten, lief der Weg ebert längs dem Meer dahin und dann mit elhemmal ziemlich ſteil aufwärts, um ſich darauf an 246 Neuntes Kapitel. den weißen Felſen emporzuwinden, auf denen Taragona liegt. Links ſenkten ſich tiefe Schluchten ans Geſtade hinab, auf denen dunkle Schatten lagen; die See war ruhig wie ein Spiegel, ſo daß das Licht des Mondes nicht auf den Wellen glitzerte, ſon⸗ dern der lange Streifen, den es bildete, wie leuchtendes, blank polirtes Silber ausſah; zuweilen wurde die Ausſicht rechts und links durch gewaltige Trümmerhaufen, durch Häuſermaſſen und Wälle verdeckt, und der Wagen raſſelte und dröhnte gewaltig hindurch. Es war wie eine Art Vorſtadt, die wir paſſirt hat⸗ ten, doch konnten wir bei der ungewiſſen Helle nicht genau unter⸗ ſcheiden, ob wir Ruinen oder bewohnte Häuſer hinter uns ließen; ich glaube das erſtere, denn Taragona iſt reich daran. Soll es doch in früheren Zeiten eine Million Einwohner gehabt haben, deren Zahl jetzt auf 10,000 zuſamengeſchmolzen iſt. Es war ein Uhr als wir vor dem Parador de las Diligen⸗ cias hielten, wo wir eine ſchlechte Tafel und eine ſehr geſchwätzige Spanierin fanden, auch mußten wir die in Oel gekochten und reichlich mit Knoblauch gewürzten Speiſen theuer genug bezahlen. Im Sommer, wo die Landſtraßen trocken und beſſer ſind und der Eilwagen deßhalb ſchneller zu fahren im Stand iſt, werden dem Reiſenden in den größern Städten unterwegs öfters längere Raſten gegönnt, um ihn ausruhen zu laſſen von der Hitze und dem un⸗ erträglichen Staub in dieſer Jahreszeit. Jetzt dagegen werden dieſe Halte bedeutend abgekürzt und höchſtens alle zwölf Stunden einmal eine Stunde zum Ausruhen vergönnt; meiſtens ſind aber auch die Dörfer, durch welche man kam, ſo über alle Beſchrei⸗ bung ſchmutzig und ärmlich, daß man gern auf ein Verweilen in denſelben verzichtet, nur in der Türkei erinnere ich mich, ähnliche Häuſer und Ortſchaften geſehen zu haben. Die Wohnungen dort wie hier ſind aus Lehm aufgeführt, natürlicherweiſe ohne Glas⸗ fenſter und zerbrochene hölzerne Laden hängen vor den unregel⸗ mäßigen kleinen und großen Oeffnungen, das Innere aber iſt fürchterlich; man begnügt ſich gern mit dem erſten Blick, wenn Nach Valencia. 247 man allenfalls in eine dieſer Hütten eintritt, um ſich eine glühende Kohle für die Cigarre geben zu laſſen. Im Allgemeinen iſt das Ankommen in einem ſpaniſchen Dorf, in kleinern, ſelbſt in größern Städten eine Qual für den Reiſenden, denn iſt außer⸗ halb derſelben der Weg ſchon ſehr ſchlecht, ſo iſt er zwiſchen den Häuſern faſt unfahrbar; ſowie man die erſteren erreicht, ſinkt der Wagen bis an die Achſen in den Koth, unergründliche Löcher können nur durch die äußerſte Geſchicklichkeit des Mayoral ver⸗ mieden werden, oder die mit lautem Geſchrei und Peitſchenhieben gejagten Maulthiere reißen die Kutſche hindurch, ſo daß man ſich oft mit den Händen feſthalten muß, um nicht den Kopf an der Decke zu zerſtoßen. Man findet das übrigens durch ganz Spanien, und der Grund dieſer ſchrecklichen Verwahrloſung in den Straßen der Dörfer und Städte ſoll darin liegen, daß die Behörden der letztern mit der Regierung beſtändig darüber im Streit ſind, wer eigentlich die Verpflichtung habe, dieſe Wege zu unterhalten; einer ſchiebt ſte auf den andern, und da dieſe Meinungsverſchiedenheit nie ausgeglichen wird, ſo bleibt es, wie ſo manches hier, bei dem Alten, Schlechten. Die Bevölkerung der Dörfer, namentlich der kleineren und entlegeneren, paßt übrigens hiezu vortrefflich, und kaum verläßt man den Wagen, ſo wird man umdrängt von zerlumpten elenden Geſtalten, die mit einer bei uns unbekannten Ausdauer ihren Quarto zu erbetteln wiſſen. Eines der ſchauerlichſten Neſter dieſer Art, ich glaube Perello, erreichten wir Morgens gegen acht Uhr. Hier wurde umgeſpannt, und wir begannen unſere letzte Station gegen den Ebro hin, der ſich ungefähr auf der Hälfte unſeres Weges ins Meer ergießt. Glücklicherweiſe war der Tag klar und heiter angebrochen, und erlaubte uns eine weite Ausſicht über Land und Meer, ſobald wir eine beträchtliche Höhe erſtiegen hatten, zu der eine ſehr gut angelegte Straße hinaufführte. Ein weites eigenthümliches Rund⸗ gemälde öffnete ſich hier unſern Blicken: weit vor uns ſahen wir die See, eine große Bucht ins Land herein bildend, welche am 248 Neuntes Kapitel. Horizont von langgeſtreckten Dünen begränzt war, ſo daß es aus⸗ ſah, als hätten wir einen ſehr ausgedehnten Binnenſee vor uns. Dort hinab fiel das Land viele Stunden lang in einer ununter⸗ brochenen kahlen und öden Ebene unendlich einförmig, aber groß⸗ artig in ſeiner Oede, eine Haide von röthlichem und gelblichem Boden mit magern Burbaumſträuchern bedeckt und Büſcheln der Palmitos, die mit ihren fächerartigen Blättern von dunkelgrüner Farbe auf lange Strecken hin das Land bedecken. Im vollen Trabe rollten wir hinab eine Stunde um die andere, ohne daß wir der Bucht drunten oder dem Thalgrund ſcheinbar auch nur im mindeſten näher gerückt wären. Ich erinnere mich lange nicht eine ſo gewaltige und einförmige Fläche geſehen zu haben. Der Wagen mit unſerem Geſpann mußte darin wie ein Nichts erſchei⸗ nen, und ein einzelner Fußgänger, der aufwärts geſtiegen wäre, hätte ſich unmöglich eines unbehaglichen Gefühls der Hülfloſig⸗ keit und Einſamkeit erwehren können. Endlich nach dreiſtündigem Fahren erkannten wir in den tiefen Streifen im Thal, die wir lange für den Schatten eines Berges oder für eine Schlucht gehalten, Baumreihen und einzelne graue Häuſer, die uns anzeigten, daß wir uns einer bewohnten Gegend, wahrſcheinlich dem Ebro, näherten, und ſo war es denn auch. Ein paar Mal noch ging es Berg auf und ab, und dann ſahen wir ihn vor uns liegen den Strom mit dem ſtolzen, wohlklingenden Namen, der ſchon ſo vielfach in Liedern beſungen worden iſt. Auch die Dünen traten deutlicher hervor und zeigten ſich ſo dicht um die Mündung gelagert, daß es ſelbſt einem kleinen Fahrzeuge kaum möglich geweſen wäre durch ſie hindurch das offene Meer zu gewinnen. Aber der Fluß ſelbſt — unſere Blicke ſchweiften begierig umher, um die Stelle zu finden: Wo die ſchattigen Caſtanien Rauſchen an des Ebro Strand. Du lieber Himmel, wir wären mit einer alten Birke oder mit einem melancholiſchen Tannenbaum zufrieden geweſen! Aber kein Nach VPalencia. 249 Strauchwerk, kein Grashalm wächst an dieſen troſtloſen Sand⸗ ufern; ſo weit wir die Blicke hinaufſandten, ſahen wir nichts als zwei kahle gelbe Streifen Landes, zwiſchen denen ſich ein graues ſchlammiges Waſſer langſam dahinwälzte. Das alſo war der Ebro, auf deſſen klare Fluthen wir uns ſo ſehr gefreut! Daß ſeine Ufer weiter hinauf nicht viel maleriſcher und caſtanienbe⸗ ſetzter ſeien als hier unten, verſicherte uns bereitwillig ein landes⸗ kundiger Spanier auf unſere Bitte. Apollo mag es dem Dich⸗ ter verzeihen, der einen Reim auf Spanien geſucht, und dafür Caſtanien gefunden hatte, von denen wir keine Spur geſehen. Gegenüber dem Strom lag die kleine Stadt Ampoſta, die in ihrer maleriſchen Geſtalt einen ſchwachen Erſatz bot. Die hohen Mauern ihrer Häuſer ſenkten ſich bis zum Waſſerſpiegel herab, und bildeten oben ſo unregelmäßige Linien, daß ſie von fern wie die ausgezackten Zinnen eines alten halbverfallenen Caſtells aus⸗ ſahen. Dort ſollten wir nach zwölfſtündigem Faſten unſer Mahl finden und wir hofften auf eine gute Fähre, die den Eilwagen und uns überſetzen würde; aber wir waren ja in Spanien, im ſchönen Land des Weins und der Geſänge— und der grundloſen Stra⸗ ßen und brückenloſen Flüſſe. Eine Fähre war vorhanden, aber ſie lag invalid bei Ampoſta, weßhalb unſer Eilwagen dieſſeits bei einer elenden Holzbaracke anhielt und unſere Koffer und Effekten abgeladen wurden. Hier war das Ufer des Ebro beſonders un⸗ angenehm, denn man ſank bis an die Knöchel in den Sand und Schlamm, durch welchen wir ein paar hundert Schritte abwärts wateten, wo ein altes, gebrechliches Boot lag, um unſere ganze Wagengeſellſchaft überzuſetzen. Wir hatten übrigens von Glück zu ſagen, daß der Waſſerſtand des Stroms heute ziemlich niedrig und er deßhalb zahm und mild war, denn ein Bekannter erzählte uns in Barcelona: er habe bei Regenwetter auf einer Reiſe hier⸗ her zweimal vierundzwanzig Stunden in der obenerwähnten Hütte zubringen müſſen. Obgleich unſer Boot ſehr überladen war und tief ging, erreichten wir doch glücklich Ampoſta, welche Stadt 250 Neuntes Kapitel. uns armen Reiſenden zu ſagen ſchien: wartet nur, ihr habt mich von außen ſchön gefunden, ich will euch eure Illuſtonen ſchon be⸗ nehmen. Und das that ſie redlich— wie eine Heerde Gänſe ſchritten wir fluchend, einer hinter dem andern, bei dem Kothſtrom vorbei, den man hier mit einer unglaublichen Kühnheit eine Straße nannte. Da wir, um in den Gaſthof zu gelangen, hinüber muß⸗ ten, ſo war es ein großes Glück, daß wir einen Ortskundigen fanden, der uns eine Furt zeigte, denn ſonſt wäre ſicherlich noch ein Unglück geſchehen. Dem caſtanienrauſchenden Ufer, dem Strome ſelbſt und der Stadt reihten ſich Speiſeſaal und Eſſen würdig an; erſterer war eine Dachkammer und das zweite war nach einem für unſere Mägen gänzlich unverſtändlichen Speiſe⸗ zettel hergerichtet; mit Ausnahme eines ſchwindſüchtigen Huhns, welches in ſeinen letzten Lebensſtunden ſehr viel Zwiebeln verzehrt zu haben ſchien, iſt es unmöglich anzugeben, was wir eigentlich gegeſſen. Es kam uns vor, wie ein chineſiſches Eſſen, wo kunſtreich zubereitete Rattenſchenkel und Fiſchfloſſen eine Haupt⸗ rolle ſpielen ſollen. Obgleich wir uns lange nach einem ächt ſpaniſchen Eſſen geſehnt, waren wir doch hier ſo tief in die Brühe gerathen, daß wir uns unendlich nach einem feſten bekannten Lande ſehnten, welches denn auch am Schluß in Geſtalt von Brod und Schafkäſe erſchien. Nach einem einſtündigen Aufenthalt ſetzten wir unſere Reiſe auf ſchlimmeren Wegen als bisher fort, es ſchien hier in den letz⸗ ten Tagen bedeutend geregnet zu haben, wodurch der Weg völlig aufgeweicht war und die Räder fußtiefe Gleiſe einſchnitten. Dieß hielt aber Mayoral und Zagal nicht ab, die Maulthiere aufs Aeußerſte anzutreiben; namentlich wo der Weg ſich ſenkte, ras⸗ ten ſie wie toll hinab, um mit dem nachrollenden ſchweren Wagen die Anhöhe drüben im vollen Galopp hinauffahren zu können. Die Gegend hatte hier einen fruchtbareren und freundlicheren Cha⸗ rakter, als jenſeits des Ebro; man ſah vortrefflich angebaute Felder, hie und da kleine Dörfer mit maleriſchen Kirchthürmen Nach Valencia. 251 und oft einzelne hübſche Landhäuſer, über welche meiſtens eine hohe ſchlanke Palme ſchützend ihre Zweige ausſtreckte, die Früchte derſelben hingen unter der Krone in hellgelben Büſcheln und hie und da beſchäftigte man ſich, um ſie herunterzunehmen, was mit⸗ telſt einer langen Stange geſchah. Bald kam der Abend, die Gegend verſchleierte ſich langſam und allmälig und ich mußte mich darauf beſchränken, unſere Zugthiere und Mayoral zu be⸗ obachten, was mir anfänglich im Schein unſerer Wagenlaternen einige Unterhaltung verſchaffte, bald aber wurde das Licht derſelben ſchwächer und zuckte nur noch hie und da auf, bis es endlich ganz erloſch; worauf wir in der tiefſten Dunkelheit dahinrollten, die nur zuweilen unterbrochen wurde von den Funken, welche die Hufeiſen unſerer Thiere aus den Steinen ſchlugen, oder wenn ſich die Außen⸗ paſſagiere eine Papiercigarre anzündeten, was übrigens häufig genug geſchah. Gegen zehn Uhr erreichten wir die Station, ein einzelſtehen⸗ des Haus, wo eine ziemlich ſteil abgehende und deßhalb einiger⸗ maßen verrufene Schlucht beginnt. An ein Wiederanzünden un⸗ ſerer Laternen dachte man natürlicherweiſe nicht, und ſo galoppirte unſer Geſpann in die Finſterniß hinein. Der Wagen rollte, trotz ſeiner zwei Hemmſchuhe mit der größten Geſchwindigkeit abwärts. Wie unſer Weg eigentlich ging, konnte ich nicht unterſcheiden, daß er aber ziemlich gefährlich war, ſah ich an ſeinen vielen raſchen Wendungen, ſowie an ſchwarzen Schatten neben mir, welche tiefe Schluchten anzeigten, auch an der ſenkrechten Felſenwand, die wir oft ſo nah an der linken Seite hatten, daß man ſie faſt mit der Hand erreichen konnte; zuweilen bei Biegungen der Straße ſtreifte der Wagen daran und dann wurde ſein Hintergeſtell unſanft auf die Seite geworfen. Faſt eine Stunde jagten wir ſo abwärts, dann ging es wieder bergauf; es wurde etwas heller und wir erreichten eine Stelle, wo der Weg auf einer ſenkrechten Felſen⸗ wand ſo dicht längs dem Meer hinführte, daß man, dem Anſchein nach ohne große Mühe von dem Wagenfenſter aus etwas in die 252 Neuntes Kapitel. Fluth hätte werfen können; getrennt waren wir von ihr nur durch die Ruinen einer niedrigen Mauer, die voll Löcher und Riſſe war, durch welche man das nun erhellte Waſſer ſehen konnte, indem der Mond ſoeben am Horizont emporſtieg. Wie ich ſo an dem Wagenfenſter lehnte und auf die glänzende See ſchaute, dachte ich an ein furchtbares Unglück, welches vor einigen Jahren hier geſchehen und noch ſo unvergeſſen in der Erinnerung der Poſtil⸗ lone iſt, daß ſie beim Umſpannen die Einzelnheiten dem Reiſen⸗ den gerne erzählen. Eines Abends nämlich hatte die von Ampoſta kommende Dili⸗ gence umgeſpannt und war mit ihren 18 Paſſagieren, worunter eine deutſche Familie mit ein paar Damen und Kindern, die oben erwähnte Schlucht hinabgefahren; ein heftiges Gewitter mit ſtar⸗ ken Regengüſſen entlud ſich gleich darauf über der Gegend, ohne gerade beſondere Beſorgniß einzuflößen; einer der Stallleute, die bei jeder Station eine Strecke Wegs neben dem Wagen herlaufen, um die Maulthiere anzutreiben, hatte die Diligence beim Leuch⸗ ten der Blitze noch tief in der Schlucht fahren ſehen, worauf ſie in der dunkeln Nacht verſchwand— um nie wieder zum Vor⸗ ſchein zu kommen. Wo ſie mit ihren 18 unglücklichen Paſſa⸗ gieren, Mayoral, Zagal, Delantero und Geſpann eigentlich ver⸗ unglückt iſt, weiß heute noch Niemand; man glaubt ein plötzlich angeſchwollenes ſonſt ſtilles Bergwaſſer habe ſie mit allem in das Meer hineingeſpült, oder vielleicht auch ſind auf dem Wege hoch über der See, von dem ich ſo eben ſprach, die Thiere am Wagen durch das Gewitter ſcheu geworden und haben die Diligence mit ſich hinab in die Tiefe geriſſen, kurz man hat nie mehr eine Spur von ihr geſehen. Glücklicherweiſe paſſirten wir dieſe Stelle ohne den gering⸗ ſten Unfall, wie z. B. das häufig vorkommende Stürzen eines der Thiere, was aber auch hier von ſchrecklichen Folgen hätte ſein müſſen, und erreichten um Mitternacht Caſtellon, wo wir aber⸗ mals abgefüttert wurden und zwar auf eine ſo vortreffliche Nach Valencia. 253 Art, daß wir das unverſtändliche Eſſen von Ampoſta gern dar⸗ über vergaßen. In der nächſtfolgenden Station hatten wir übrigens noch einen kleinen Unfall von ſo außerordentlicher Art, daß ich den⸗ ſelben nicht unerwähnt laſſen kann. Es war vor dem Poſthaus, und die Straße viermal ſo breit als gewöhnlich, eher ein kleiner Platz, aber von ſo unergründlichem Schmutz, daß der Wagen bis an die Achſen einſank und beim Ankommen nur im Schritt von den müden Thieren vor das Gebäude geſchleppt werden konnte. Beim Abfahren wurde das gewöhnliche Manöver wiederholt und die Pferde— wir hatten ſchon ſeit Caſtellona keine Maulthiere mehr— durch Peitſchenhiebe und Geſchrei ſo angefeuert, daß ſie den ſchweren Wagen im Galopp durch den Schmutz davonzogen. Plötz⸗ lich aber hielten wir mit einem tüchtigen Ruck, vier der mittleren Pferde waren geſtürzt, die vordern vier aber hatten mit Beihülfe der Stangenpferde die Diligence über die geſtürzten hinweggeriſ⸗ ſen, die nun, uns allen völlig unbegreiflich, unter unſerem eigenen Wagen lagen. An ein Ausſteigen war nicht zu denken, denn man wäre bis an die Kniee eingeſunken; glücklicherweiſe kam man uns vom Poſthaus zu Hülfe, aber es dauerte eine gute Zeit, ehe die Verwirrung unſeres Geſpanns gelöst war, man mußte die Geſchirre aufſchnallen und die geſtürzten Thiere an Kopf und Schweif unter dem Wagen hervorziehen. Wäre in dieſem Augen⸗ blick etwas komiſch zu nennen geweſen, ſo hätte es die Stellung unſeres Stangenhandpferdes ſein müſſen, denn dieſes ſaß wie ein Hund auf den Hinterbeinen, und zwar auf dem Hals eines der andern geſtürzten Thiere. Ich bin feſt überzeugt, daß von den des Roſſelenkens kundigen Leſern mancher ungläubig den Kopf ſchüt⸗ teln wird, doch bin ich im Stand, jedem Zweifel die beſten Zeug⸗ niſſe für meine Worte zu verſchaffen. Als es endlich wieder Tag wurde— wir waren anhaltend abwärts gefahren— ſahen wir abermals das Meer zu unſerer Linken, und hatten den Anfang der Huerta erreicht, jenes baum⸗ 254 Neuntes Kapitel. und waſſerreiche Gartenland, in dem Valencia liegt. Die Felder waren hier ſchön und regelmäßig angebaut, mit neu aufkeimendem Grün bedeckt, oder mit Gemüſepflanzen, die noch auf die Ernte warteten. Ueber die, freilich kahlen und knorrigen Schoſſe der Reben breiteten mächtige Korkeichen und Johannisbrodbäume ihre immergrünen Blätter aus, Palmen ſtanden bald einzeln, bald in Gruppen bei einander, und aus dem dunkeln Laube der Orangen⸗ bäume ſchimmerten freundlich die goldenen Früchte hervor. Die Huerta war ſo liebenswürdig, ſich uns in recht ſchönem Lichte zu zeigen, das ſie freilich von der eben aufſteigenden Sonne entlehnte, aber mit heiter lachendem Geſicht empfieng. Bei Murviedro, dem alten römiſchen Sagunt, ſpannten wir glücklicherweiſe um, und hatten deßhalb Zeit das mächtige Caſtell, hoch über dem Ort gelegen, welches mit ſeinen Mauern, Thürmen und gewaltigen Gebäuden in großer Ausdehnung dem Laufe des Hügels folgt, zu bewundern. Es war von der Sonne ſo ſchön angeſtrahlt, und glänzte in den lebendigſten rothen und gelben Farben, die ſich um ſo friſcher hervorhoben, als der Berg unterhalb mit einem Kranze von grünen Bäumen und Sträuchern eingefaßt war. Beim Weiterfahren zeigte ſich die Huerta wohl in gleicher, aber doch in mannichfaltig wechſelnder Geſtalt; einzelne Häuſer und kleine Dörfer erſchienen zahlreicher, und das künſtliche Bewäſſerungs⸗ ſyſtem dieſer Ebene, das noch aus der Araberzeit herſtammt, kommt immer deutlicher und vortrefflich unterhalten hervor. Die Felder ſtnd mit zahlreichen Waſſergräben durchſchnitten, die an der Straße, von wo ſich der Strom ergießt, ſorgfältig mit rothen Zie⸗ geln eingefaßt ſind; kleine Brunnen von maleriſcher Geſtalt ſieht man auf allen Seiten; ein Pferd treibt das horizontale Rad, welches das Paternoſterwerk bewegt— eine vertikale, mit Zähnen verſehene Scheibe, über welche an Seilen irdene Krüge laufen, die das Waſſer unten ſchöpfen und oben in einer Rinne ausgießen. Mir waren dieſe Brunnen alte, liebe Bekannte aus Syrien und Aegypten, wo ich an ihnen manchen guten Trunk gethan, über⸗ — ☛⏑———2—————— A 12+ A Nach Valencia. haupt trat mir der Orient in der Nähe von Valencia auf der belebten Landſtraße wieder klar vor Augen. Die Tracht der Männer mit ihren weiten Hoſen, ein Stück Zeug um den Leib geſchlungen, Sandalen an den Füßen, und das bunte Taſchentuch auf dem Kopf, nach Art eines Turbans umgewunden, erinnerte mich nicht minder lebhaft daran als die Tracht mancher Weiber: ein einfaches blaues Gewand, den Kopf nach Art der Araberinnen bedeckt, den irdenen Krug auf der Schulter. Nach kurzer Zeit reihten ſich die bisher einzeln ſtehenden Häuſer immer dichter zuſammen; der fluchende Mayoral mußte wegen der vielen Wagen, Karren und Packthiere, alle mit Gemüſe oder ſonſtigen Lebens⸗ mitteln beladen, langſam fahren— noch eine Viertelſtunde und wir hatten Valencia erreicht, wo wir vor dem Poſthof anhielten, Wagen und Pferde im grauen Straßenſchlammüberzuge, wir ſelbſt aber nach achtundvierzigſtündiger Fahrt ziemlich müd und abge⸗ ſpannt. Zehntes Kapitel. Valencia. Kaltes Wetter. Ein Bad. Schmutzige Straßen. Charakter der Stadt und ihrer Bewohner. l'Audienzia. Die Alameda. Exrinnerungen an den Cid. El Miguelete. Blick in die Huerta. Die arabiſche Bewäſſerung. Cort de la Seo. Die Kathedrale. Duenna und Escudero. Die Glorieta. Ein freundlicher Lands⸗ mann. Der Weihnachtsmarkt. Muſik und Geſang. Eine todte Braut. Der Grao. Landhäuſer in der Huerta. Ein unſchuldiger Raub. Feier des Weih⸗ nachtsabends. Erinnerungen an die Heimath. Auf dem Platze del Arzobispo in der Nähe der Kathedrale von Valencia liegt die Fonda del Cid, von außen ein ziemlich un⸗ ſcheinbares Haus, in welchem wir aber ein paar ordentliche Zimmer erhielten, freilich mit ſpaniſchem Meublement: Binſenmatte, Rohr⸗ ſeſſel und Sopha; dazu ſchlecht geſchloſſene Balkonthüren und gänzlicher Mangel an jedem Feuerungsmittel. Man ſoll das freilich in einem ſüdlichen Lande wie Spanien nicht verlangen, aber es gibt doch Augenblicke, namentlich am Abende, wo man ſich ſelbſt in Valencia nach einem Kamine oder Braſſero ſehnt. Es war ein paar Tage vor Weihnachten, hatte tüchtig geregnet, und nun ſpannte ſich über die alte Stadt ein wolkenloſer tiefblauer Himmel aus, keine Hitze herabſendend, wohl aber einen ſo eiſigen Hauch ſpendend, daß in den Zimmern einigemale nach Sonnen⸗ untergang eine tüchtige Bewegung in Paletot und Handſchuhen +½ 70 1 z052——.—+—₰—,.— —+⏑ ⏑⏑ v— — 12 8— 2 8 2 d=)q Valencia. 257 nothwendig war, um ſich zu erwärmen. Zu Hauſe hätten wir eine ſolche Temperatur unbedingt ſehr kalt genannt, hier aber in Spanien, vor uns Palmbäume und Orangen, wäre es unverzeih⸗ lich geweſen, dergleichen auch nur zu denken. Als wir in der Fonda del Cid angekommen waren, nach zweimal vierundzwanzigſtündigem Fahren, ließen wir uns vom Lohnbedienten überreden, ein warmes Bad zu nehmen, welches man, wie das am Thor mit großen Buchſtaben angekündigt war, im Hauſe ſelbſt haben konnte. Jeden Reiſenden will ich aber feierlich verwarnt haben, falls er je im Winter nach Spanien kommt, dieſen Badgelüſten nachzugehen; die Bäder befinden ſich tief unten im Hauſe, allerdings recht angenehm gewärmtes Waſſer in marmornen Wannen, aber in einem eiskalten Gewölbe mit unverſchloſſenen Fenſteröffnungen, ſo daß man ſich nach dem Bade wahrhaft zähnklappernd in ſein Leintuch wickeln mußte. Wir trugen auch Alle ein kleines Unwohlſein davon, welches übri⸗ gens unſer Däne und Horſchelt, der eine durch Morriſonſche Pillen der Andere durch heißen Punſch vertrieb. Nach dem Bade kleideten wir uns an, um einen Streifzug durch Valencia zu thun. In der vortrefflichen Reiſebeſchreibung eines lieben Freundes las ich einſtens mit großer Befriedigung, daß die ſchmalen Straßen, obgleich meiſtens ungepflaſtert, in dem. beſten Zuſtande ſeien, da ſie weder durch den Regen, noch durch ſchweres Fuhrwerk viel zu leiden hätten; das mag allerdings für den Sommer paſſen, für warmes und trockenes Wetter; heute aber— es hatte, wie ſchon bemerkt, mehrere Tage geregnet— waren dieſe ungepflaſterten Straßen zu Fuße nicht zu paſſiren, ohne bis über die Knöchel in den Koth zu gerathen, dazu ſind die gepflaſterten Trottoirs auf beiden Seiten kaum zwei Fuß breit, und da die Valencianer beiderlei Geſchlechts außerordentlich zahl⸗ reich vor ihren Häuſern zu ſehen ſind, ſo kamen wir zuweilen an Defiles, wo man lange Zeit warten mußte, bis Einer nach dem Andern über eine ſchmale trockene Stelle gelangt war. Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 17 Zehntes Kapitel. 258 Dabei iſt die Stadt ein wahres Labyrinth, und man findet keine Straße, die auch nur wenige Fuß gerade ausliefe, ſie bilden ewige Schlangenlinien, bald nach rechts, bald nach links, und da die Häuſer mehr oder weniger einander gleichſehen, auch die meiſten Straßen ſo enge ſind, daß man nirgendwohin einen Ueberblick hat, um ſich vielleicht nach einem benachbarten Thurm richten zu können, ſo iſt es ſehr ſchwer, Valencia ohne Führer zu durch⸗ wandern, wenn man nämlich den Zweck hat, irgend ein beſtimmtes Gebäude zu erreichen. Beim Flaniren dagegen treibt man mit der Strömung, und wenn man auch an ein unbekanntes Geſtade geworfen wird, gibt es doch Mittel den Heimweg zu finden. Die Straßen Valencias haben einen ganz entgegengeſetzten Charakter zu denen von Barcelona, dort breit gepflaſtert, mit hohen ſteinernen Häuſern beſetzt, alle Fenſter mit Balkonen ver⸗ ſehen, welche anzeigen, daß die Bewohner und mehr noch die Bewohnerinnen ſich gerne auswärts umſehen oder ſich von den draußen Wandelnden ſehen laſſen, hier dagegen enge Gaſſen aus unanſehnlichen Häuſern beſtehend, die ſehr häufig aus geſtampftem Lehm gebaut ſind, und mit dürftigen Fenſtern verſehen, ſehr wenig verſprechen. Vergeſſen wir aber nicht, daß wir uns dem Süden Spaniens genähert, und uns in einer Stadt befinden, die lange von den Mauren behauptet wurde und dieſen Eroberern viel von ihren Einrichtungen verdankt, die eben durch dieſes unſcheinbare Aeußere der Häuſer ſich als vollkommen orientaliſch darſtellt. Hier, wie in den großen Städten des Orients, z. B. Damaskus, hat man auf breite Straßen verzichtet, um dafür größeren Raum für das häusliche Leben zu erhalten, darauf hält der Südländer viel, und wenn wir bei dieſem oder jenem unſcheinbaren Thore ſtehen bleiben und in das Innere blicken, ſo bemerken wir einen geräu⸗ migen Hof mit murmelndem Waſſer, üppigem Pflanzenwuchſe, mit Lauben, zierlichen Bogengängen und kleinen, reizenden Gärten. Auch in dem Straßenleben treten uns die Anklänge an die Maurenzeit wohl nirgends ſo deutlich entgegen als hier. Die Land⸗ ——————d O+X eͤ1——— — — 259 Valencia. leute der Huerta könnten mit einer kleinen Zuthat ſo vollkommen orientaliſch gemacht werden, daß ſie ohne Aufſehen zu erregen in jeder Stadt Syriens umherwandeln könnten. Das charakteriſtiſche Stück der valencianiſchen Tracht ſind die ſogenannten Zaraguelles, ſehr weite Beinkleider von weißer Leinwand, die in vielen Falten bis an die Kniee reichen und faſt ausſehen als trügen die Leute gar keine Beinkleider, ſondern nur ein Hemd. Die Waden bis über die Knöchel und unter die Kniee ſind mit einer Art blauer Strümpfe bedeckt, die Kniee nackt, an den Füßen Sandalen. Um den Leib einen blauen oder rothen Gurt(Faja). Dazu eine kurze blaue oder grüne Jacke mit Schnüren. Eine weiße oder bunte Weſte mit Troddelknöpfen; bloße Bruſt und Hals— um den Kopf turbanartig ein buntes Tuch— oft zugleich ein Hut mit breitem Rand und hohem Kegel. Dazu kommt bei den Reichen eine braune oder blaue Capa, bei den Aermeren eine weiße mit bunten Streifen und Rändern durchwirkte wollene Decke, nach Bedürfniß, aber immer maleriſch umgeſchlagen oder auf der linken Schulter hängend. Namentlich dieſer letztere Theil des Anzuges, der mit dem Burnus ſo außerordentlich viel Aehnlichkeit hat, gibt dem Ganzen einen orientaliſchen Anſtrich; ſelbſt die Schirrung der Pferde und Maulthiere, unter denen man ausgezeichnet ſchöne Thiere ſieht, erinnern mit ihrem vielen rothen Quaſtenwerk, mit, ihren Meſſingzierrathen, von langen farbigen Troddeln, eigen geformten Sätteln und Steigbügeln an die Wüſten Arabiens und ihre Bewohner. Die Tartana, die in Valencia für Vornehm und Gering das einzige Beförderungsmittel bildet, welche wie die Drotſchken bei uns in der Stadt ſelbſt benützt werden, und ebenſo zu Ausflügen auf das Land, könnte man vielleicht von dem türkiſchen Arrabat ableiten, dem faſt ähnlichen Fuhrwerke, wie es heute noch in Konſtantinopel gebräuchlich iſt. Dort ſind dieſe Wagen freilich mit Ochſen beſpannt und ſind oft reich geſchnitzt und mit Vergoldungen überladen und werden meiſtens von einem Neger, der zu Fuß geht, begleitet, während die ſpaniſche Tartane den 7 260 Behntes Kapitel. Anforderungen unſerer Zeit gemäß von außen glänzend, aber einfach lakirt iſt, oben mit Wachstuch oder Leder überzogen, im Innern eine Einrichtung hat wie ein deutſcher Omnibus und von einem Kutſcher regiert wird, der auf einem kleinen Polſter gewöhn⸗ lich auf dem rechten Gabelbaume ſitzt. Man begegnet dieſen Tartanen hier auf Schritt und Tritt, und bei den engen Straßen geniren ſie die Fußgänger gewaltig. Wie eben bemerkt, macht man in ihnen ſeine Beſuche, fährt ins Theater oder ſieht ſie in langen Reihen bei den nachmittäglichen Spazierfahrten auf der Alameda. Es iſt eigenthümlich, daß Valencia von zwei ganz verſchie⸗ denen Menſchenracen bewohnt zu ſein ſcheint. Die eine, welche namentlich in der untern Volksklaſſe und den Bewohnern der Huerta ſtark vertreten iſt, hat ſchwarzes Haar, enggeſchlitzte blitzende Augen, dunkle Geſichtsfarbe, und zeigt in ihrer Phyſiognomie etwas Trotziges, ja Wildes; die andere— namentlich die Hand⸗ werker und Kaufleute— haben einen weichen, faſt ſchlaffen Geſichts⸗ ausdruck, weiße Haut und blonde Haare. Das Gewühl auf den Straßen, namentlich auf dem großen Marktplatze von Valencia wird belebt und maleriſch durch die faſt orientaliſche Tracht der Landleute aus der nächſten Umgebung von Valencia, und durch die ganz verſchiedene, ächt ſpaniſche mit runder Jacke und ſpitzem Hut der Maulthiertreiber, die von weiter her kommen, oder der Bauern, die von den Gebirgen bei Cuenca niederſteigen. Was die weibliche Bevölkerung von Valencia anbe⸗ langt, ſo findet man wenig ſchöne Geſichter; auch die Figuren der hieſigen Damen zeigen noch nicht jene Grazie und Leichtigkeit, welche man den Andaluſterinnen nachrühmt. Die ſchwarze Mantille iſt faſt wie die in Barcelona, nur hängt der Schleier hinten vom Haarkamm herab und zeigt Taille und Kopf faſt unverhüllt. Letzterer iſt hier in Spanien intereſſant der häufigen blonden Haare wegen und des blendend weißen Teints, den man ſonſt in keiner ſpaniſchen Stadt ſieht. Ueber die Eigenſchaften der Bewohner von Valencia hört man von ihren übrigen Landsleuten nicht viel Gutes reden, die Valencia. 261 Männer werden als hinterliſtig, feig und blutdürſtig bezeichnet, und was die letztere Eigenſchaft anbelangt, ſo thut man ihnen darin nicht Unrecht, wenn es wahr iſt, daß in den Straßen von Valencia jährlich an fünfzig Meuchelmorde verübt werden. Na⸗ türlich ſchieben die Stadtbewohner die Schuld davon auf ihre Landsleute aus der Huerta, die ſie als ein wildes und trotziges Volk ſchildern, vor dem man ſich in jeder Hinſicht in Acht nehmen müſſe. Daß eine vielhundertjährige Feindſchaft zwiſchen Stadt und Land beſteht, iſt nicht zu läugnen, und das Mißtrauen der erſteren geht ſo weit, daß man, ſo oft in Valencia Feuer ausbrach, eilig ſämmtliche Stadtthore ſchloß, um die Bauern abzuhalten, von denen man vielleicht nicht mit Unrecht befürchtete, daß ſie die entſtandene Verwirrung zum Morden und zu allgemeiner Plün⸗ derei benützen könnten. Valencia iſt arm an ausgezeichneten Bauwerken; nur hie und da bemerkt man ein prachtvolles Gebäude, in Stein aufge⸗ führt, einen Palaſt, aus früherer Zeit herſtammend, der ſich, alt und ſchwar geworden, zwiſchen den neueren Gebäuden zu ver⸗ kriechen ſcheint. Blickt man in den öden Hof, ſo entdeckt man prachtvolle, breite Steintreppen, auf denen unſere Schritte un⸗ heimlich wiederhallen, und oben angekommen, eröffnen ſich vor unſerm Blicke weite ſtille Corridore und Zimmer mit reich geſchnitz⸗ ter Holzarbeit. Der prächtigſte Palaſt dieſer Art iſt die Caſa conſiſtorial oder l'Audienzia, wo ſich die Portraits der Könige von Spanien befinden, ſo wie im Saale der Cortes bemerkens⸗ werthe Fresken von Zarinena, die von den herrlichſten Holzar⸗ beiten an Wänden und Plafond eingerahmt ſind. Im untern Stockwerke iſt das Sekretariat des Gouvernements, wo ſich eine ausgezeichnete Holzdecke befindet, in dunklem Eichenholz geſchnitzt und reich vergoldet. Die Plateforme hoch oben auf dieſem Palaſt mit einer ſchönen Baluſtrade umgeben, gewährt einen reizenden Ueberblick über die Stadt. Der große Marktplatz, auf dem den ganzen Tag ein reges 262 Zehntes Kapitel. ε Leben herrſcht, und wo ſich Käufer und Verkäufer um koloſſale Haufen von Gemüſe und Früchte aller Art drängen(unter An⸗ derem ſah ich hier wahrhaft rieſenhafte Zwiebel), iſt mit alten nicht unintereſſanten Gebäuden umgeben, unter denen ſich die Lonja oder Seidenhalle beſonders auszeichnet; der ganze untere Raum des Gebäudes iſt hohl, mit Kreuzgewölben überdeckt, die von ſehr ſchlanken ſpiralförmig gewundenen Säulen getragen wer⸗ den. Die Sorgfalt, mit der im Innern und Aeußern die Gliede⸗ rungen aller Thür⸗ und Fenſteröffnungen behandelt ſind, machen dieſen Bau zu einem der intereſſanteſten der ſpätgothiſchen Zeit. Der kleine Hof von beiden im rechten Winkel zuſammenſtoßenden Flügeln des Hauſes gebildet, liegt nach rückwärts an zwei ſeiner Seiten frei als erhabene Teraſſe mit fließendem Waſſer und Orangenbüſchen und erhöht den eigenthümlich Reiz dieſes ſeltſamen Bauwerks. Da uns der klare Himmel gleich den erſten Tag unſerer Ankunft einen herrlichen Abend verſprach, ſo beſchloſſen wir einen Spaziergang nach der berühmten Alameda hinaus. Wir verließen die Stadt durch das Thor el Sarranos, das mit ſeinen ungeheuern Mauern und gut erhaltenen Zinnen ſo trotzig daſteht, als ſei es geſtern beendigt worden; leider iſt es aber auch nicht ſo alt, als wir es wohl wünſchten, denn unſere Phantaſte hätte gern ſeine Plattform mit den Geſtalten des Campeador und ſeiner Familie belebt, die er ja auch auf einen der Thürme Valencias führte, als er ihnen das draußen lagernde zahlloſe Maurenheer zeigte. Allda ſahen ſie zum weiten Meer hinaus die Mauren kommen, Sah'n mit großer Eil' und Sorgfalt Sie aufſchlagen ihre Zelte Unter Kriegsgeſchrei und Trommeln, Kriegsgeſchrei und Paukenhall. Großer Schrecken faßt die Mutter Wie die Töchter: denn ſie hatten Solche Heere nie zu Felde, Nie auf Einem Platz geſehn. Valencia. „Fürchtet nichts, ihr Lieben Alle,“ Sprach der Cid,„ſo lang ich lebe Nah' euch keine Sorg' und Angſt.“ Vom unſterblichen Cid, der Valencia ſo lange und kühn vertheidigte, und nach ſeinem Tode noch durch ſeinen bloßen Anblick die Mauren in die Flucht ſchlug, iſt aber leider nicht viel mehr hier vorhanden; nur ſein Schwert zeigt man noch, ob ächt, ob falſch iſt die Frage, ſowie einen Thurm, la puerta del Cid, durch welchen der Campeador ſeinen Einzug in die Stadt hielt. Valencia war aber damals kleiner, und ſo ſteht dieſer Thurm jetzt ziemlich weit entfernt von den heutigen Mauern, am Hauſe der Tempel⸗ herren; die Araber haben ihn erbaut und nannten ihn Alebufat. Von ſeinen Zinnen glänzte zuerſt das chriſtliche Kreuz von Valencia. Uebrigens gibt es wohl keine Stadt, deren mittelalterliche Mauern und Thürme ringsum ſo vollkommen wohl erhalten ſind, wie die von Valencia. Sie wurden von Peter dem Vierten ums Jahr 1350 erbaut und weiſen mit ihren Eckthürmen, ihren aus⸗ und einſpringenden Winkeln, Wallgängen und Zinnen ſo vollkommen in eine andere Zeit zurück, daß wir uns gar nicht wundern dürften, wenn uns dort an der Ecke ein Reiterzug begegnen würde, von Kopf bis zu Fuß geharniſcht, mit flatternden Fahnen, wehenden Mänteln und Helmbüſchen. Aber es iſt ſehr ſtill vor den Mauern von Valencia, und erſt wenn wir uns dem Guadalaviar, heutzutage gewöhnlich Turia genannt, nähern, an deſſen Ufern die Alameda liegt, lenken wir wieder in den Menſchenſtrom ein, der aus den Thoren dorthin oder nach der Huerta hinausdringt. Die Alameda von Valencia iſt eine der ſchönſten Spaniens, und namentlich durch ihre Umgebung für uns, die wir eine ſolche nicht gewöhnt ſind, ſehr intereſſant. Zwiſchen mehrfachen Baum⸗ reihen hat ſie zwei breite Fahrſtraßen und viele mit großer Sorge unterhaltene Fußwege. Auf der einen Seite haben wir den Fluß, der freilich ſehr ſtattliche Uferbauten hat, aber ſo wenig Waſſer, daß man den größten Theil des Jahres kaum ein paar Hemden 264 Zehntes Kapitel. darin waſchen kann; auf der andern Seite zieht ſich eine Reihe ſchöner Gärten mit reizenden Landhäuſern hin und feſſeln unſere Aufmerkſamkeit durch maſſenhafte Orangen⸗ und Citronenbäume und Büſche, deren tiefdunkles Laub von anderen für uns eben ſo ſeltenen Pflanzen ſchattirt wird und die überragt ſind von hohen ſchlanken Palmen. Senden wir die Blicke rechts über den Fluß hinüber, ſo zeichnet ſich ſcharf auf dem tiefblauen Abendhimmel die charaktervolle Silhouette von Valencia vor uns ab. Dabei konnte ich mich einer Idee nicht erwehren, die mir ſchon oft auf Reiſen gekommen. Wie oft war es mir beim Betrachten einer ſeltſamen Bergform, einer maleriſchen Landſchaft, einer eigen⸗ thümlichen Stadt, als habe ich das ſchon einmal geſehen, wenn ich auch vorher nie auf dem Punkte geweſen, ja wie hier bei Valencia nie eine Abbildung davon geſehen. Ich erinnerte mich deutlich des einzelnen Weges, auf dem ich ſchon gegangen, eines Hauſes, zu deſſen Fenſter ich ſchon hinausgeſchaut, was mir immer unerklärlich war, und aufs neue unbegreiflich hier beim Anblick von Valencia. Am andern Morgen war unſer erſter Gang zur Kathedrale, die nur durch den erzbiſchöflichen Platz von unſerm Gaſthofe getrennt lag. Die vielen zahlreichen Bettler, die uns hier hartnäckig verfolgten, ſind eine Erbſchaft, welche die aufgehobenen Klöſter der Stadt hinterlaſſen haben; namentlich in der Nähe der Kirchen, vor allem aber hier bei der Kathedrale, muß man ein wahres Defile von ausgeſtreckten Händen paſſiren, bis man zur Thüre gelangt. Wie jeder Bettler ſeinen beſtimmten Platz hat, der von den andern reſpektirt wird, ſo hat er auch ſeine gewiſſen Geber oder ſeine Kundſchaft, die ihn vor allen andern berückſichtigen. Sogar bei uns fremden Reiſenden trat nach wenigen Tagen der gleiche Fall ein, und ich ging nie bei einer gewiſſen alten Frau vor⸗ über, die neben einem Pfeiler gekauert da ſaß, ohne ihr etwas zu geben. Sie hatte zwei kleine Kinder bei ſich, aus deren ſchönen Geſichtern mich ſo friſche, treuherzige Augen anlachten, daß ich nie vorbei konnte, ohne ſtehen zu bleiben. ——JN Valencia. 265 Die Kathedrale, ein Conglomerat von An⸗ und Umbauten um den alten Kern, im lateiniſchen Kreuz gebaut, über deſſen Durchdringung ſich eine großartige achteckige Kuppel erhebt, hat drei Haupteingänge, wovon der weſtliche, neben dem Hauptthurm „Miguelete“ angebrachte, weit gegen den Kunſtwerth der beiden andern altgothiſchen in den Kreuzgiebeln befindlichen zurückſteht, obwohl ſte von ſchwerfälligen Formen ſind, er iſt ein entſetzlicher Wuſt von verdrehten Säulen, ausgerenkten Geſimſen und Zierra⸗ then; eine der üppigſten Blüthen der Zopfzeit. Das noch von der Kirche aus der guten gothiſchen Zeit übrig gebliebene ragt im Aeußern, ich möchte ſagen ſtegreich hervor über das aus allen Zeiten herrührende Angefügte, doch iſt dieſe Mi⸗ ſchung verſchiedener Style nicht unintereſſant, und eines der aller⸗ reichſten Bilder gewährt die Kirche von der Plaza mayor geſehen, wo die beiden Thürme, das nördliche Portal, der zierliche Arkaden⸗ umbau der Abſide aus der Zeit der guten Renaiſſance im Anſchluß an die hoch über die Straße weg geſprengte Brücke, die nach der Kapelle de los deſemparados hinüberführt, eine nach Maßen, Silhouette und Verkürzung der Linien ſo herrliche reiche Gruppe geben, daß man einen Decor der großen Oper von Paris zu ſehen glaubt. Das Aeußere der Kuppel des Kreuzes hoch emporgehoben von einem achteckigen von herrlichen gothiſchen Fenſtern durch⸗ brochenen Untertheil hat ganz die ähnliche Anordnung wie der Obertheil des Miguelete, der die große und renommirte Glocke, die Vela, trägt, über der oberſten Teraſſe des Thurmes aber erhebt ſich noch einmal eine maſſive, iſolirte, mit Bogenöffnungen ver⸗ ſehene Wand zu noch weitexen Glocken, und zeichnet ſich der Umriß dieſes Thurms ſehr maleriſch auf der Luft ab. Ihn erſtieg der Cid nach der Einnahme von Valencia, um ſich in ſeinem neuen Beſitzthum umzuſchauen, und Don Rodrigo hatte Recht, denn man hat von hier oben einen entzückenden Anblick auf die Stadt und die Huerta. Dieſe liegt rings um uns her, von 266 ZBehntes Kapitel. einem Halbkreiſe niedriger, aber felſiger Gebirge eingeſchloſſen, deſſen eines Ende nördlich von Valencia von den Thürmen des Caſtells von Murviedro, den Ruinen des alten Sagunts, gekrönt, das andere unter dem Namen der Sierra de Santa Ana ſüdlich von Valencia ans Meer ſtößt, ſo daß die Küſte als Sehne dieſes Halbkreiſes erſcheint, in deren Mitte die Stadt Valencia liegt, etwa ſechs Leguas von jedem Ende entfernt. Dieſer Raum iſt faſt ganz flach, und nur im äußerſten Hintergrunde nach Weſten ſenkt ſich das Gebirge, dem Laufe des Jucar und des Guadalaviar folgend, allmälig in die Ebene herab, welche jener an ihrem ſüdlichſten Rande beſpült, während dieſer ſie ungefähr in der Mitte quer durchſtrömt. Als Hauptmittelpunkt des Anbaues dieſes Halbkreiſes erſcheint nun Valencia ſelbſt mit ſeinen mittelalterlichen Mauern und Thoren und zahlreichen Kirchen, Klöſtern und Hoſpitälern; um die Stadt her liegen in mehreren Halbkreiſen und in verſchiedener Entfernung eine Anzahl ſtattlicher Dörfer mit hohen Kirchthür⸗ men wie Quarta, Maniſes, Ruzafa, Chirirella, Torrenta, Beni⸗ tuſer, Benache ꝛc.; dann weiterhin am nördlichen Rande des Halbkreiſes Puzol, im ſüdlichen Alcira und im weſtlichen Hinter⸗ grunde die alte Stadt Liria. Jedes dieſer Dörfer aber bildet gleichſam nur den dichteren Kern einer Unzahl von kleineren Hütten, die reinlich und ſchneeweiß aus den kleinen, ſaftiggrünen, mit blaßgrünen ſtachligen Aloön eingefaßten Gärten hervor⸗ ſchimmern. Hie und da erhebt ſich ein einzeln liegendes größeres Landhaus oder ein Kloſter über dieſe Hütten oder ein Büſchel Palmen, eine Reihe hoher, dunkler Cypreſſen über das gleichför⸗ mige, gleichhohe Grün der Ebene. Aus dem Geſagten geht ſchon hervor, daß dieß Alles kein eigentlich maleriſches Ganzes bilden kann, und das um ſo weniger, da es dem Bild ganz an Waſſer fehlt. Das Meer nimmt zwar die ganze öſtliche Hälfte des Geſichtskreiſes ein, aber es iſt durch den geraden Strich einer ſandigen Küſte begränzt und trägt nicht Valencia. zur Belebung der andern Hälfte bei; dieſer aber, obgleich ein bedeutender Fluß ſie durchſtrömt, fehlt es— einige Wochen im Winter ausgenommen— faſt ganz an Waſſer zu allen land⸗ ſchaftlichen Behufen, eben weil daſſelbe ausſchließlich andern Zwecken zugewendet wird. Die ganze unglaubliche Fruchtbarkeit der Ebene von Valencia, die ihr mit ſo vielem Rechte den Namen Huerta(Garten) erworben hat, hängt nämlich von dem künſtli⸗ chen Bewäſſerungsſyſteme ab, wodurch das Waſſer des Guadala⸗ viar in einem Netze von Kanälen(acequias) und kleinen Gräben über die ganze Ebene verbreitet und bis zu jedem einzelnen Beete der unzähligen Gärten geleitet wird, von denen jeder, betrüge er auch kaum anderthalb Morgen, zu dem Unterhalte einer Familie hinreicht. Dieſe arabiſchen Waſſerleitungen, welche das Waſſer zuführen, ſind gemauerte Kanäle, laufen oft zwei⸗ oder dreifach über einander und ſind in ihrem Fall und ihrer Auf⸗ ſtauung ſo richtig berechnet, daß tauſend Jahre in dem Gebrauch keine Aenderung erzeugten. Solcher Aderläſſe— im Spaniſchen bedient man ſich des Ausdrucks sangrar und sangria in dieſer Bedeutung— muß der Guadalaviar auf ſeinem ganzen Laufe von etwa fünfundzwanzig Leguas nicht weniger als dreißig erleiden, von denen jedoch nur die acht letzten und bedeutendſten der Huerta von Valencia zu Gute kommen.— Kein Wunder alſo, daß der arme Strom in der heißen Jahreszeit kaum Kräfte genug behält, um einige Tropfen Waſſer bis zu ſeiner Mündung zu tragen. Jene acht Kanäle ſind urſprünglich größtentheils das Werk der Araber, allein ihren Nachfolgern, den arragoniſchen Eroberern, gebührt jedenfalls die Ehre, dieſe Werke und die zu deren möglichſt gemeinſamen und ſicheren Benützung erforderlichen geſetzlichen Einrichtungen und Verwaltungsart in ihrer urſprünglichen zweckmäßigen Einfachheit ſo viele Jahrhunderte hindurch unverſehrt erhalten zu haben— ein Verdienſt, das überall, beſonders aber in Spanien, wo faſt alle Einrichtungen von vorne herein dem Verfall geweiht zu ſein 268 Zehntes Kapitel. ſcheinen, zu ſelten iſt, als daß eine ſo erfreuliche Ausnahme nicht hervorgehoben werden müßte. Durch einen Gnadenbrief des Eroberers von Valencia, König Jayme l. von Arragon von 1239 überließ er ſeinen Kampf⸗ genoſſen und den übrigen Anſiedlern aus Arragon als Belohnung ihrer treuen Dienſte die Bewäſſerungsgräben der Huerta als freies Eigenthum:„daß ſie das beſagte Waſſer gebrauchen ſollten in der Art wie es von Alters her feſtgeſetzt und gebräuchlich war zur Zeit der Sarazenen.“ Seit der Zeit iſt die Verwaltung und Beaufſichtigung der Kanäle, die Vertheilung des Waſſers, die Entſcheidung aller dabei vorkommenden Streitigkeiten ausſchließ⸗ lich in den Händen der dabei betheiligten Landleute, ohne die geringſte Einmiſchung einer höheren oder Centralbehörde; und vor dem aus Landleuten beſtehenden Gerichtshofe, der Cort de la Seo, verſchwindet jedes Privilegium, deſſen einer der Grundbeſitzer in an⸗ dern Verhältniſſen genießen mag, wäre er auch Grande von Spanien. Die Cort de la Seo, das Waſſerſchiedsgericht, hielt in frühern Zeiten jeden Donnerſtag, und zwar an der Hauptthüre der Kathedrale ihre Sitzungen. Dieſer Ort der Zuſammenkunft ſchrieb ſich noch aus der Maurenzeit her, wo die mauriſchen Er⸗ oberer von Valencia ſich hier einfanden, um alle vorkommenden Streitigkeiten zu ſchlichten. Dort trafen ſich Kläger, Beklagte und Zeugen, und die, welche zuerſt kamen, breiteten ihre bunten, wollenen Decken, die ihnen heute noch als Mantel, Stuhl, Bett und zum Staate dienen, im Schatten des tiefen Portals der Kirche aus, die Dinge erwartend, die kommen würden. Die, welche ſpäter aus der Huerta oder vom Markt zu Fuß, auf Maulthieren oder Eſeln anlangten, wobei nicht ſelten zwei und drei auf einem Thier anritten, mußten ſich ſchon bequemen, auf der ſonnbeglänz⸗ ten Plaza Major gegenüber der Kirchthüre zu warten, denn die Hauptſache war, dieſe nicht aus den Augen zu verlieren. Die Meiſten dieſer wartenden Menge ſind bewaffnet, und wenn man ſie in ihrer eigenthümlichen Kleidung, mit den bunten, turbanarti⸗ — 64— 10.. Valencia. 269 gen Kopftüchern da kauern ſieht oder auf dem Pferde hängen, über den Hals ihrer Thiere gebeugt, den bunten Mantel wie einen Burnus um die Schultern, ſo wird man, wie nirgends, an den Orient erinnert. Mit dem Schlage zehn Uhr tritt in der zahlreichen und bis dahin durch nicht ſelten in Streit und Schelten ausartendes Ge⸗ ſpräch vielfach bewegten und lauten Verſammlung eine tiefe Stille ein; die kleinere Pforte in dem großen Thor der Kathedrale öff⸗ net ſich und die Richter, vier alte Landleute, ehrwürdig anzuſchauen, mit langem, ſchneeweißem Haar, treten heraus, hinter ihnen in ſtädtiſcher Kleidung ein Escribano, eine Rolle Papier in der Hand. Auf ihre Stäbe gelehnt, murmeln ſie ein kurzes Gebet, machen dann das Zeichen des Kreuzes, wobei die ganze verſammelte Menge ihrem Beiſpiel folgt, und laſſen ſich auf einer eigens dazu beſtimmten ſteinernen Bank nieder. Der Escribano ſetzt ſich ſeit⸗ wärts auf einen niedrigen Stein, breitet ſeine Papiere auf ſeinen Knien aus, ſetzt ein kleines Dintenfaß neben ſich und ſieht nach ſeiner Feder. Einige Geiſtliche oder andere ältere und angeſehenere Leute, welche die Richter in ihrer Nähe unter dem verſammelten Landvolk bemerken, treten halb auf ihre Einladung, halb nach Gewohnheitsrecht hervor und nehmen, jedoch in ziemender Ent⸗ fernung, ebenfalls unter dem Portal auf der ſteinernen Bank Platz, ein Paar Kanalaufſeher(Celadores) treten heran, um als Gerichtsdiener der Befehle des Gerichts gewärtig zu ſein, und auf einen Wink des älteſten Richters ruft der erſte Celador mit lau⸗ ter Stimme:„Die Cort de la Seo dieſes Tages iſt eröffnet, in Gottes Namen, Amen!“ und die Verhandlungen beginnen. Die ſtreitenden Parteien, oder ſolche, gegen die von Seiten der Celadores Klage erhoben wird, ſowie auch die Zeugen werden aufgerufen, treten unter das Portal vor, um auf die Fragen der Richter zu antworten oder ihre Rechtfertigung vorzubringen, dann erfolgt nach kurzer, leiſer Berathung der vier Richter das Urtheil, ſelten auf geſchriebene Verordnungen, meiſtens auf Herkommen 270 Behntes Kapitel. oder Billigkeit gegründet; der Escribano hat, ſehr gegen ſeine Neigung und den Gebrauch oder Mißbrauch, der bei anderen Ge⸗ richten herrſcht, nichts bei der ganzen Sache zu thun, als das Ur⸗ theil aufzuſchreiben und zu beglaubigen. Koſten ſind bei dem ganzen Verfahren keine, denn auch für den Escribano ſelbſt iſt dieß Geſchäft eine Ehrenſache, die ihm freilich eben dadurch wieder anderweitigen Vortheil bringt, als Veranlaſſung oder als Be⸗ weis des Vertrauens der Landleute. Iſt das Urtheil gefällt, welches entweder bei Beeinträchti⸗ gungen des Nachbars dieſe aufhebt, ſonſt aber eine Geldſtrafe auferlegt, ſo wird ein Termin geſetzt, bis wann dem Urtheilſpruch Genüge geſchehen muß, und bis dahin iſt der Celador angewieſen, keinen Tropfen Waſſer auf die Felder des Verurtheilten laufen zu laſſen. Dieſer kräftige Zwang veranlaßt Jeden, dem ſchieds⸗ richterlichen Spruch ſo bald als möglich nachzukommen. Nachdem wir uns droben auf dem Thurme lange in der herrlichen Gegend umgeſchaut, auch mit etwas beſorgter Miene die mit Schnee bedeckten Berge betrachtet, die in der Gegend von Cuenca liegen, und über welche uns der Weg nach Madrid führt, ſtiegen wir wieder herab und traten in die Kirche, die heute, einem Sonntage, mit Andächtigen angefüllt war. Das Innere der Kathedrale mit drei Hauptſchiffen, wovon das mittlere ganz durch die Silleria del coro eingenommen iſt, hat von ihren alten Einzelheiten mit Ausnahme des wunder⸗ ſchönen Kuppelaufſatzes, deſſen zahlreiche gothiſche Fenſter eine reiche farbige Lichtmenge auf den Hochaltar herabſenden, Nichts mehr erhalten, Alles hat einem Umbau aus der Zeit der Renaiſſance weichen müſſen, der, obwohl von geſchickter Hand geleitet, doch durch die etwas gedrückten Verhältniſſe den alten gothiſchen Bau zurückwünſchen läßt, aber reich an guten Gemälden, prachtvoll in den Marmorn der Pfeiler, Altäre, Moſaiken der Böden, Metall⸗ geländern, Bronzen und Vergoldungen macht das Innere nichts⸗ deſtoweniger einen impoſanten Eindruck, den eine Maſſe außen ——õAʒ——————n——3—————.—,„0— —2——*οα—— 1— —— 8——z Valencia. 271 herumliegender Kapellen und auch ſolcher, die zum Theil in der Mauerdicke zwiſchen Mittel⸗ und Seitenſchiff im Rücken der Chor⸗ ſtühle angebracht ſind, kräftig unterſtützt. Der neue Kapitelſaal iſt ſehr unbedeutend und von nüchterner moderner Architektur, dafür aber der alte ein wahres Kleinod; ganz unverſehrt erhalten, herrlich ſchlank und wunderſchön gewölbt iſt er mir das Liebſte an der ganzen Kathedrale, der Altar nimmt mit ſeinem Retabel eine der Wände ein, die nicht übertüncht die bloße Steinfarbe zeigen, gleich wie die Steingewölbe; die vielen Heiligenfiguren des Altars auf Goldgrund unter ihren überreichen Baldachinen, die ſchöne Farbe der alten Holzſchnitzereien, die Meiſterhaftigkeit der Stein⸗ ſeulpturen ſind von unvergleichlich wohlthuender Wechſelwirkung, und das gebrochene Licht in dieſem hehren Raum erhöhet den hei⸗ ligen Schauer, mit dem man jedesmal aufs Neue denſelben betritt. An den Wänden befinden ſich mitunter ſehr ſchöne Bruſtbilder der Erzbiſchöfe von Valencia. Zwei ungeheure Ketten, die ebenfalls hier aufgehängt ſind, erregten unſere Aufmerkſamkeit, und ein freundlicher Geiſtlicher, den wir darum fragten, gab uns zur Ant⸗ wort, ſte ſeien eine Trophäe von dem Hafen von Marſeille. Das Innere einer ſpaniſchen Kirche zur Zeit des Gottes⸗ dienſtes iſt eines der lebendigſten Bilder, die man ſehen kann. Durch die bunten Glasſcheiben dringt ſpärliches Licht herein und verdunkelt zu gleicher Zeit mit dem Qualme des Weihrauchs den ohnehin ſchattenreichen Raum zwiſchen den dicken Mauern und Pfeilern. Die Kerzen am Altar brennen dunkelroth und werfen blitzende Streiflichter auf die reichgeſtickten Gewänder der fun⸗ girenden Geiſtlichkeit. Im Kirchenſchiffe ſteht die Menge dicht gedrängt; die Männer, in ihrer mannigfaltigen bunten Tracht, ſo auffallend zwiſchen den Weibern, die in dunkler Basquina und meiſtens ſchwarzer Mantille erſcheinen; unter letzterer her⸗ vor glänzen nun freilich wieder die blendend weißen Geſichter mit den blitzenden Augen; und die zahlloſen vergoldeten Fächer, die man überall ſieht und die in immerwährender Bewegung 272 Behntes Kapitel. ſind, erfüllen den dunkeln Raum mit einem wahren Sprüh⸗ regen von Lichtgefunkel. Ueber die Menſchenmenge hin brauſen die Töne der gewaltigen Orgel, und wenn nun das Glöcklein ertönt und Alles andächtig auf die Kniee ſinkt, ſo hören wir einen herrlichen Choral, wahrhaft ergreifend von vielen Baßſtimmen vorgetragen. Nach der Meſſe bildet ſich hier in Valencia die ganze Ge⸗ meinde zu einer Prozeſſion, die dem Sanctuarium folgend in allen Räumen der Kirche umherwandelt. Die nicht fungirende Geiſtlichkeit, die ebenfalls mitzieht, trägt hier eigenthümlicher Weiſe ſchwarzſeidene Mäntel mit Roth ausgeſchlagen. Zwei Weſen, von denen wir oft geleſen und gehört, die aber ihrem urſprünglichen Charakter gemäß wohl faſt ganz verſchwun⸗ den ſind, ſieht man hier beim Ausgang aus der Kirche noch in leiſen Nachklängen: die weltbekannte und berüchtigte Duenna und den Escudero. Sobald die letzten Orgeltöne verklungen ſind, entſtrömt Alles der Kirche und die Männer treten vor der⸗ ſelben zuſammen in einzelnen kleinen Gruppen(Corillos), die für das tägliche Leben in Spanien von großer Wichtigkeit ſind. Sie erſetzen gewiſſermaßen die Tagesblätter anderer Länder als Quellen einer allgemeinen Bildung und öffentlichen Meinung. Der weibliche Theil der Familien aber geht ruhig nach Hauſe; die Mutter, neben ihr zuweilen der Hausvater, meiſtens aber ein geiſtlicher Herr aus der nähern Bekanntſchaft und vor ihr in ab⸗ ſteigender Linie die Töchter, von der aufgeblühten Jungfrau bis zum kleinſten Schweſterchen, das nicht nur in der Kleidung, der dunkeln Basquina, der Mantille und den bunten Schühchen, als faſt komiſches Ebenbild der Erwachſenen erſcheint, ſondern auch in der Art, wie ſie ihr Gebetbüchlein trägt, den Fächer handhabt und zierlich einherſchreitet, in bald feierlicher, bald ſchalkhafter Miene, je nachdem ſie die Augen niederſchlägt, oder gelegentlich ſeitwärts aufblitzen läßt. Hinter der Familie nun, in angemeſ⸗ ſener Entfernung kommt eines der beiden Weſen, von denen ich oben ſprach, bei Wohlhabenden die Duenna oder der Escudero, bei der ärmeren Bürgersfrau oder der Handwerkerin die Haus⸗ ders men nach Str auf umg verg ſehe eine Valencia. 273 magd oder auch nur der Lehrburſche, welch letzterem es aber nun ſehr ſchwer wird, ſelbſt bei Androhung der härteſten Strafen, ehr⸗ bar und anſtändig hintendrein zu gehen. Während der Sommerszeit haben die Spaziergänge des ſchö⸗ nen Geſchlechts mit dem Beſuch der Kirche für die heißen Tages⸗ ſtunden ihr Ende erreicht. Straßen und Plätze ſind alsdann wie ausgeſtorben und erſt nach der Sieſta zwiſchen fünf und ſechs Uhr Abends fangen die Straßen wieder an, ſich zu bevölkern. Dann iſt auch große Fahrt auf der Alameda, bei welcher ſich die Schönen der Stadt auf recht türkiſch, für die äußere Welt unſichtbar, in ihren Tartanen einfinden, und wo nun zwei Reihen dieſer ver⸗ ſchloſſenen, langweiligen Fuhrwerke ſich im langſamen Schritt den Corſo auf und ab bewegen. Es muß das für die Inſitzenden ein eigenthümliches Vergnügen ſein, unſere Damen würden keinen Reiz darin finden, in den unbehülflichen Karren geſtoßen zu werden und Nichts zu ſehen, als den Rücken des eigenen Kutſchers und Pferdes oder den Kopf des nachfolgenden. Hat man ſich auf dieſe Art auf der Alameda genug gelangweilt, ſo kehren die Tartanen, Fußgän⸗ ger und Reiter nach der Stadt zurück; vor dem Thore ſteigen die Damen aus und begeben ſich nach der Glorieta, einem kleinen reizenden Garten im Innern der Mauern, um hier zu bleiben, bis die ſpäte Mitternachtsſtunde oder der Anfang des Theaters die Umherwandelnden von dannen lockt. Während der Winterszeit iſt das begreiflicherweiſe ganz an⸗ ders und dann verſchmäht die Spanierin ebenfalls nicht den war⸗ men Sonnenſchein. Da belebt ſich die Glorieta gewöhnlich ſchon nach dem Nachmittagsgottesdienſte. So auch heute, wo wir dem Strom der Kirchgänger folgten, mit dem wir denn auch glücklich auf der Glorieta landeten. Es iſt dieß ein runder Platz von Häuſern umgeben; ich möͤchte ihn mit einem der großen engliſchen Square vergleichen, nur daß wir hier an der prachtvollen Vegetation ſehen, wie weit wir ſchon im Süden vorgerückt ſind. Es iſt dieß eine kleine Parkanlage, deren geſchlungene Wege uns jetzt zu dich⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 18 274 Behntes Kapitel. ten Lorbeerlauben, dann zu ſüß duftenden Orangenbüſchen und ſpäter dagegen zu einer der einſam ſtehenden Marmorſtatuen führt. Das Ganze iſt von Platanen und Akazien überſchattet und mit Kunſt und Geſchmack angelegt; einzelne Parthien machen einen überraſchenden Eindruck, wie eine vortrefflich zuſammengeſtellte Theaterdecoration— ich hoffe, durch dieſen Ausdruck nicht miß⸗ verſtanden zu werden, denn wenn auch die Natur von der Malerei nicht erreicht werden kann, ſo ſiteht man dagegen oftmals in der letzteren Zuſammenſtellungen, die man in der erſteren ſchwer findet. Es war auf der Glorieta ein Platz, den auch unſer vortrefflicher Maler und Reiſebegleiter Horſchelt zeichnete. Links im Vordergrunde ein Paar arrangirte Bogen von Lorbeer, die ſich über einer Fontaine wölbten, rechts ſchoben ſich die Oran⸗ genbüſche auseinander und ließen eine einſame Marmorfigur ſehen, die unter einem Dome von hochgewölbten Platanenzweigen ſtand; über Lorbeeren und Platanen hinaus blickte das gelbe trotzig da⸗ ſtehende Stadtthor, in deſſen unmittelbarer Nähe jene Glorieta liegt, und neben dieſem ſah man durch grüne Zweige die den Gar⸗ ten umſtehenden blendend weißen Häuſer durchſchimmern, deren Terraſſenkrönung ſich dann wieder ſo prächtig ſchön, ordentlich glänzend von dem tiefblauen Abendhimmel abhob. Bei unſerem heutigen Diner in der Fonda del Cid fanden wir einen Fremden, den wir ſchon in Barcelona bemerkt; ein deutſcher Herr, der uns dort ſehr ſchweigſam gegenüberſaß und mit dem wir nur wenige Worte wechſelten. Er war mit dem längſt erwarteten Barcino nach Valencia gekommen und wollte wie wir nach Madrid. Doch hatte die große Straße dahin über Cuenca durch den vielen Schnee, der ausnahmsweiſe in dieſem Jahr gefallen war, ſo ſehr gelitten, daß die Poſten nie regelmäßig ankamen. Selbſt der Courier war am Tage unſerer Ankunft um zwölf Stunden zurück, und, wie es hieß, mehreremale in den Schneemaſſen ſtecken geblieben. Auch hörten wir von einer Dili⸗ gence, die ſeit einigen Tagen fehle, und daran knüpften ſich Be⸗ und ührt. mit einen tellte miß⸗ alere i n der chwer unſer Links , die Dran⸗ ſehen, tand; g da⸗ liegt, Gar⸗ deren ntlich anden ; ein 3 und dem vollte über ieſem näßig ft um n den Dili⸗ Be⸗ Valencia. 275 trachtungen über Gott weiß welche Unglücksfälle, Räubereien u. dgl. Der deutſche Reiſende, von dem ich vorhin ſprach, ein Herr Heeren aus Hamburg, hatte den Weg von Madrid hieher ſchon öfters gemacht und ſchien genau die Schwierigkeiten einer Fahrt zur Winterszeit zu kennen. Wenn man gar nicht durchkommen kann, meinte er, und das kann ſchon auf eine Zeit von vier Wochen vor⸗ kommen, ſo iſt es für den, der nach Madrid muß und Andaluſien ſehen will, das Beſte, den allerdings großen Umweg über Granada zu machen; man hat ja bis Malaga den Dampfer und von Gra⸗ nada nach Madrid ſind Straßen und Fahrgelegenheiten ſicherer und auch beſſer eingerichtet. Dieſer Rath ſchien uns nicht ſo übel, doch hatte die Aus⸗ führung für uns die große Schwierigkeit, daß unſere Reiſekaſſe nicht darauf eingerichtet war— wir hatten nämlich die Abſicht gehabt, nur ein paar Tage in Valencia zu bleiben, um dann mit der erſten Diligence, auf der wir gute Plätze erhielten, nach der Hauptſtadt zu fahren, wo wir neue Gelder erheben konnten, und dazu reichte unſere Baarſchaft gerade hin. In Spanien über⸗ flüſſige Gelder bei ſich zu führen, iſt nicht immer rathſam, und der vorſichtige Reiſende verſteht ſich nur mit dem Nothwendigen; dießmal aber waren wir zu vorſichtig geweſen und ſaßen hier in Valencia feſt, ohne ſichere Ausſicht, bald wieder loskommen zu können; da nämlich, wie ich ſchon geſagt, Eilwagen und Courier ſchon ſeit längerer Zeit ſehr unregelmäßig ankamen, ſo gingen ſie auch nicht pünktlich ab und obendrein war ſchon eine Menge Reiſender zur Fahrt vorgemerkt, die ſchon weit länger als wir gewartet. Vorderhand ſaßen wir freilich recht gut aufgehoben im Gaſt⸗ hof des Cid und war es gerade nicht unangenehm, beim flackern⸗ den Kaminfeuer und einem Glaſe vortrefflichen Alicante über die Gefahren der vorhabenden Reiſe zu ſprechen. Horſchelt warf dabei die Idee hin, wir ſollten es doch unternehmen, die Tour über Cuenca nach Madrid zu Pferde zu machen— ein Vorſchlag, der 18 276 Zehntes Kapitel. mir außerordentlich gefiel, der aber von der übrigen Tiſchgeſell⸗ ſchaft als unausführbar verworfen wurde. Ein junger Franzoſe, der mit dabei war, wollte dieſe Tour einmal im Frühjahr bei beſſerer Jahreszeit gemacht haben und erzählte ſo ſchreckliche Dinge davon, daß uns unglaublich erſchien, wie er nach allem dem über⸗ haupt noch am Leben ſei. Auch Herr Heeren rieth uns, einen ſolchen Entſchluß nicht zu faſſen: er kenne die Straße genau, und ein ſolcher Ritt ſei namentlich ohne vollkommene Kenntniß der Landesſprache nicht zu unternehmen. Im Laufe des Geſpräches erklärten wir unſerm vortrefflichen Landsmann, weßhalb es für uns unangenehm ſei, hier in Valencia längere Zeit liegen zu müſſen, worauf er uns, den ihm faſt gänz⸗ lich Unbekannten, aufs Freundlichſte und Liebenswürdigſte ſeine reiche Kaſſe zur Verfügung ſtellte, ein Anerbieten, das in der jetzigen verdorbenen Welt ſo ſelten vorkommt, und das wir auch für den nöthigen Fall mit großem Danke annahmen. Am heutigen Abend waren die meiſten Straßen von Valencia belebt und glänzend beleuchtet, weßhalb wir noch einen Gang durch die Stadt machten. Morgen war nämlich der heilige Weihnachts⸗ abend, weßhalb ein großer Markt gehalten wurde, der namentlich von den Landleuten aufs Zahlreichſte beſucht wurde. Uns er⸗ innerten die auf einem großen Platze aufgeſchlagenen Buden mit ihrem Menſchengewühl und zahlloſen Lichtern ſo lebhaft an die Heimath; hier wie dort waren Kinderſpielwaaren die Hauptſache, alte liebe Bekannte aus Nürnberg, und es war intereſſant zu ſehen, wenn ſo eine Familie aus der Huerta, Vater, Mutter, auch wohl erwachſene Kinder in ihrem faſt orientaliſchen Koſtüm ſo über⸗ raſcht lächelnd den geheimnißvollen Mechanismus eines hölzernen Tambours anſtaunten, der taktmäßig die Arme hob und dazu den bekannten klimpernden Ton von ſich gab, oder wenn ſie einen ehr⸗ lichen deutſchen Hampelmann die bekannten außerordentlichen Sprünge machen ließen. Stark beſetzt war dieſer Weihnachts⸗ markt an Südfrüchten aller Art, an grobem Backwerk und feinen Nalencia. 277 Zuckerwaaren, in deren Anfertigung es namentlich die Valencianer zu einer großen Fertigkeit gebracht haben. Aecht ſpaniſch erſchienen mir die Buden, in welchen ziemlich roh gearbeitete Guitarren und Mandolinen der verſchiedenſten Größe verkauft wurden. Hier hörte ich denn auch zum erſtenmal, ſeit wir in Spanien reisten, den Klang der Guitarren, begleitet von einem in näſelndem Ton vorgetragenem Volksliede, wenn nämlich die Käufer ihre Inſtru⸗ mente verſuchten. Im Allgemeinen war es uns aufgefallen, hier in Spa⸗ nien, dem ſchönen Lande des Weins und der Geſänge, wie Mephiſtopheles zu den Leipzigern Studenten ſagt, ſo wenig Spiel und Geſang zu finden. Wenn man von Italien kommt, iſt man darin verwöhnt, und wenn man auch dort keine Volkslieder hört, — die Italiener haben faſt gar keine— ſo vernimmt man dagegen allabendlich auf Straßen und Plätzen, namentlich aber am Ufer des Meeres, z. B. in Genua und Neapel, die beliebteſten Chöre und Arien aus jeder neuen Oper und oft von wahrhaft pracht⸗ vollen Stimmen mit einer Fertigkeit vorgetragen, die uns in Er⸗ ſtaunen ſetzt. Der Spanier im Norden hat eine rauhe Stimme, aber, wie man ſagt, ein feines Ohr für Muſik und Geſang, woher es denn wohl kommen mag, daß er ſeine Stimme ſo wenig erſchallen läßt, und daß man hier oft junge Leute beider Geſchlechter gruppenweiſe zuſammenſitzen und arbeiten ſieht, ohne daß ein Geſang oder ein Lied erſchallt. Am Abend des heutigen Weihnachtsmarktes ver⸗ nahm man aus den engen Straßen, die auf den Platz münden, wo die Buden ſtanden, wohl ein luſtiges Getöſe, auch Jubeln und Singen, letzteres waren aber mehr kurz abgebrochene Ausrufungen, die Freude bezeichnend über den Klang der Guitarren und Pan⸗ deros, die ſpaniſchen Schellentrommeln, die ſich bedeutend hören ließen zwiſchen dem Knacken der Caſtanuelas und den eigenthüm⸗ lichen brummenden und ſchnaarenden Tönen der Zambomba. Die⸗ ſes ſehr beliebte Kinder⸗Inſtrument beſteht aus einer kleinen Art 278 Zehntes Kapitel. von Trommel, über die ſtatt des Kalbfells eine feuchte Schweins⸗ blaſe geſpannt iſt, in deren Mitte man ein Stück Rohr aufrecht feſtbindet. Sowie nun die Hand an dieſem Rohre auf⸗ und ab⸗ gleitet, entſtehen ſonderbare, wenn auch nicht gerade ſehr muſika⸗ liſche Töne. Mir rief der erſte Anblick der Zambomba in Spanien aufs Lebhafteſte heimathliche Erinnerungen ins Gedächtniß; auch bei uns am Niederrhein haben die Kinder ein ähnliches Inſtrument, welches aber„Brummtopf“ genannt wird, freilich nicht ſo wohl⸗ klingend wie das ſpaniſche„Zambomba.“ Außer dem Geklimper der Guitarren auf dem Jahrmarkt ſelbſt war ich überraſcht, auch noch andere Muſik auf dem Weihnachtsmarkt zu hören, die einer Drehorgel nämlich, welche von einem kleinen Manne getragen wurde, deſſen abgeſchabter und verblichener Anzug ehedem eine franzöſiſche Uniform geweſen zu ſein ſchien. Daß die Orgel fran⸗ zöſiſchen Urſprungs ſei, das unterlag keinem Zweifel, oben im Kaſten nämlich ſah man zwei kleine Figuren, den großen Kaiſer, ſowie eine Dame, die Kaiſerin Marie Louiſe, die von einander wehmüthigen Abſchied zu nehmen ſchienen, denn jetzt hoben Beide die Hände in die Höhe und dann wandte Napoleon mit einem Ruck den Kopf auf die Seite; dazu ſpielte die Orgel eigentlich höchſt un⸗ paſſend die Marſeillaiſe und das Lied der Girondiſten mit ſeinem ſchönen Refrain: „Mourir pour la patrie.“ Die Spanier ſchienen übrigens von dieſer Orgelmuſik wenig Notiz zu nehmen, und der arme Franzoſe war ſehr überraſcht und dankbar, als wir ihm ein Paar kleine Silbermünzen in die Hand ſchoben. Auf einem unſerer Spaziergänge am andern Tage trafen wir auf eine kleine, ziemlich verſteckt liegende Kirche, die unſere Aufmerkſamkeit auf ſich zog, weil ſich vor dem Portal ein großer Haufen Volks befand und weil in den benachbarten Gaſſen lange Reihen ſchwarzbrauner Tartanen ſtanden, Kutſcher und Be⸗ diente in tiefer Trauer, und an deren Spitze ein mit weißen Roſen Valencia. 279 geſchmückter Leichenwagen. Wir verſuchten es, durch die Menſchen⸗ menge zu dringen und das Kirchenportal zu erreichen, was uns auch gelang, denn die Spanier, unbedingt das höflichſte Volk der ganzen Welt, machten bereitwilligſt Platz, da ſie wohl ſahen, daß wir Fremde waren. An dem Portale ſtand ein Kirchendiener, der uns mit einer freundlichen Handbewegung einlud, näher zu treten und einen ſchweren Thürvorhang aufhob. Wir traten in die Kirche, blieben aber aufs Höchſte überraſcht auf der Schwelle ſtehen. Es wurde hier ein Traueramt gehalten; das Schiff der Kirche ſowie Seitengänge und Chor waren mit ſchwarzem Tuche ausgeſchlagen; auf dem letztern, welches etwas erhöht war, befand ſich ein zahlreiches Orcheſter und ein ſtarker Sängerchor, welche ein Requiem aufführten, deſſen ergreifende traurige Klänge tief zu Herzen drangen. Zuweilen ſetzte die Orgel mit gewaltigen Accorden ein und dann fſiel ein unſichtbarer Sängerchor droben klagend ein. In dem Schiffe aber befanden ſich Hunderte der größten und ſtärk⸗ ſten Wachskerzen, die einen Sarkophag zu umgeben ſchienen, deut⸗ lich konnten wir das auf unſerem Platze an der Thüre nicht ſehen, denn der Glanz der unzähligen Lichter und der Qualm, der über ſte emporſtieg, blendete unſer Auge und ließ die Blicke nicht durch⸗ dringen. Auch jetzt waren die Zuſchauer ſo freundlich uns lang⸗ ſam vorzuſchieben, ſo daß ich endlich ganz in die Nähe des Sarko⸗ phages kam, trat aber faſt erſchreckt einen Schritt zurück,—— denn ſo dicht vor mir, daß ich ſie mit der Hand erreichen konnte, erhob ſich eine Erhöhung, ein Lager mit reichen ſchwarz ſammtenen Decken überhängt, deren ſilberne Franſen auf den Boden reichten, und auf dieſem Lager ruhte ein junges, wunderſchönes todtes Mäd⸗ chen. Ihr Geſicht war wie von weißem Wachs, die Augen ge⸗ ſchloſſen und die langen ſchwarzen Wimpern ſo ruhig geſenkt, daß man hätte glauben ſollen, ſie ſchlafe nur. Auch von den feinen Lippen hatte die Hand des Todes noch nicht die friſche Röthe weg⸗ geſtreift. Wie man uns ſagte, gehörte die Verſtorbene einer der erſten Familien Valencias an, war 16 Jahre alt geworden und Zehntes Kapitel. 280 als Braut geſtorben. Ihr reiches ſchwarzes Haar trug auch den Morthenkranz und einen langen Schleier, der um ihren Körper herumfloß und den ſie auf der Bruſt zwiſchen den zuſammenge⸗ falteten Händen hielt. Die ganze Feierlichkeit war ergreifend und wir verließen ſo tiefbewegt die Kirche, als hätten wir es gekannt, das arme Mädchen, welches in Fülle der Jugend, des Glückes und der Schönheit ſo unerbittlich dahin gerafft wurde. An der Thüre warf ich noch einen Blick zurück, und ſah es noch einmal, das ſchöne Geſicht der Todten. Lichterglanz und Rauch bildeten einen Baldachin über ihrem Haupte und der letztere ward oben ange⸗ ſtrahlt von einem Streiflicht der Sonne, welches durch ein unver⸗ hülltes Fenſter drang und den obern Theil der dunklen Kirche ſo mit glänzendem Lichte erfüllte, daß ein Paar goldene Engelsfiguren über der Kanzel in dem wehenden Rauche und dem hellen Schein wie lebend erſchienen und ſich herabbeugten über das ſchöne Ge⸗ ſicht der armen Geſtorbenen. Dieſe Art, die Todten in der Kirche auszuſtellen, iſt in Va⸗ lencia allgemein gebräuchlich und man kann faſt keine Kirche be⸗ treten, ohne nicht oft auf abſchreckende Weiſe an die Sterblichkeit erinnert zu werden. Schon ſeit mehreren Tagen hatten wir dem kleinen Dorfe Grao, der Rhede von Valencia— einen Hafen kann man ſie nicht nennen— unſern Beſuch zugeſagt. Mit der Eiſenbahn fährt man in ein Paar Minuten dahin, doch iſt das Warten auf die Abfahrt über die beſtimmte Zeit hinaus etwas unangenehm. Mir ſchien es faſt wie ein Omnibus, wo es erſt losgeht, wenn alle Plätze beſetzt ſind. Die Wagen dieſer Eiſenbahn, meiſtens in Nord⸗ deutſchland erbaut, ſind auch faſt wie die dortigen eingerichtet und recht elegant. Endlich wurde mit einem großen Aufwand von Lärmen der Angeſtellten und Pfeifen der Locomotive das Zeichen zur Abfahrt gegeben und dann brausten wir dahin, um in viel weniger als ½¼ Stunde wieder anzuhalten, da wir Grao erreicht hatten. Es iſt dies ein gänzlich unbedeuten des Dorf, deſſen Häuſer, ſe ſo uren chein Ge⸗ Va⸗ e be⸗ chkeit dorfe nicht man fahrt chien lätze ord⸗ und von ichen viel reicht uſer, Valencia. 281 eine einzige ordentliche Straße bildend, zuſammengedrängt liegen am Landungsplatz der weiten Meeresbucht, welche die Rhede von Valencia vorſtellt. Von einem eigentlichen Hafen iſt nichts vor⸗ handen, und deßhalb auch der Molo, den wir vor uns ſehen, ohne allen Nutzen. Die ſchwächſte Seebriſe regt die Wellen zunächſt dem Landungsplatze heftig auf und macht das Anlegen ſelbſt von klei⸗ neren Fahrzeugen meiſtens unbequem und häufig ſehr gefährlich. Faſt die Hälfte des Jahres über iſt das Landen in kleineren Schiffen faſt unmöglich, und da man daſſelbe oft erzwingen will und muß, ſo fallen häufig Unglücksfälle vor. Die Dampfer und andere Seeſchiffe ankern faſt eine Stunde von Grao, und Paſſa⸗ giere, Effekten und Wagen müſſen in kleinen Booten ans Ufer geſchafft werden. Den Rückweg nach Valencia machten wir zu Fuß. Man hat eine kleine halbe Stunde bis zum Thore der Stadt zu gehen. Die Fahrſtraße, welche nie beſonders gut ſein ſoll, war nach dem Regen der vorigen Woche in ſehr erbärmlichem Zuſtande; doch befinden ſich auf beiden Seiten der ſehr ſchönen vierfachen Alleen trockene Wege für die Fußgänger. Rechts und links hatten wir zuweilen ſchöne Ausſichten auf die anſtoßenden Gärten und die Huerta, deren Landhäuſer, ich verſtehe darunter die Wohnungen der gewöhnlichen Bauern, außerordentlich maleriſch ſind. Von der Straße ſind die Grundſtücke meiſtens geſchieden durch einen Graben und eine undurchdringliche Hecke der gewaltigſten Aloen, deren eigenthümliche, ſtarre, hellgrüne Blätter, mit ſcharfen Spitzen verſehen, als trotzige Wächter die unbefugt Eindringenden mit ſchmerzlichen, ja giftigen Wunden zurückweiſen; dabei iſt aber hie und da eine ſo freundlich, einen rieſenhaften 30 bis 40 Fuß hohen Blüthenſchaft emporzutreiben, deſſen weit ausgeſtreckte Zweige mit den rothgelben Blüthenbüſchen von zahlloſen Bienen und Schmetterlingen umſchwärmt ſind. Ueber den vorhin er⸗ wähnten Graben führt ein Steg und durch eine ſteinerne, von Epheu umrankte Pforte, gewöhnlich mit einem Kreuze oder Marien⸗ 282 Zehntes Kapitel. bilde geſchmückt, tritt man in eine ſchattige kühle Rebenlaube, deren vom leichten Luftzuge ſchwach erzitternde Blätter im Herbſt ſo dicht über einander liegen, daß nur hie und da ein blitzender Sonnen⸗ ſtrahl durchdringen kann, ſo daß es faſt den Trauben, die von un⸗ gewöhnlicher Größe ſind, mühſam wird, ſich durchzubrechen. Am andern Ende dieſer Rebenlaube— es iſt eigentlich nur ein dunk⸗ ler Laubgang— glänzt die weiße Wand des kleinen Häuschens uns entgegen, deſſen Thüre offen ſteht und uns einen Blick in das reinliche Innere erlaubt. Die Wände ſind hier von geſtampftem Lehm, haben aber durch einen weißen Anwurf, der beſtändig er⸗ neuert wird, ein friſches, freundliches Ausſehen. Meiſtens iſt das Haus mit einer Terraſſe bedeckt, ſonſt aber mit einem ſpitzen Dache, das aus leichten Rohrſtäben beſteht. Wie überall in Spanien nimmt die Küche den größten Theil des Raumes für ſich in An⸗ ſpruch, doch iſt dieſe zu gleicher Zeit Wohnſtube für Alle und Schlafſtube für die Männer. Fenſter gibt es hier nicht und das Licht dringt durch die offene Thüre herein; das Herdfeuer brennt auf einer Steinplatte am Boden und ebenſo einfach ſind auch alle übrigen Einrichtungen. Auf einem Paar Brettern, die an der Wand angebracht ſind, befindet ſich das meiſtens aus rothem oder gelbem Thon beſtehende Küchengeſchirr; die Formen deſſelben ſind überaus zierlich und weiſen noch auf die Zeit der Araber, zuweilen ſogar auf die der Römer zurück. In einer Ecke befindet ſich für das heiße ſpaniſche Klima unentbehrliches Geräthe, ein Waſſerkrug von meiſtens 4 Fuß Höhe, der außerdem noch 2 Fuß tief im Boden ſteckt und mit einem hölzernen Gerüſt umgeben iſt, auf dem ſich eine Menge Trinkgeſchirr in den verſchiedenſten Größen befindet, die den alten Waſſerkrug umgeben, wie Kinder und Enkel das Haupt der Familie. Ein gewöhnlicher Tiſch mit ein Paar kleinen Schemeln machen den übrigen Hausrath aus. In der anſtoßenden kleinen Kammer finden ſich Kiſten und Truhen, worin das Eigen⸗ thum der Familie verwahrt wird, ſowie ein Paar Betten für Frau und Töchter; neben dem Häuschen iſt ein leichtes Wetterdach, wo Valencia. 283 Maulthier oder Eſel zugleich mit dem Acker⸗ und Gartengeräthe untergebracht ſind. Ehe man von dieſer Wohnung, Choza genannt, die Felder betritt, kommt man gewöhnlich noch durch ein kleines Gärtchen, wo ein ſchattiges Gebüſch von Granat⸗ und Feigenbäumen, Orangen und Limonen, über welche ſich oft ein Paar ſchlanke Palmen er⸗ heben, ein reizendes Plätzchen bilden, auf welchem ſich die Familie nach Sonnenuntergang zu verſammeln pflegt. In ganz Spanien gleicht übrigens eines dieſer Bauernhäuſer dem andern, weßhalb ich mir erlaubte, ein ſolches einmal ausführlicher zu beſchreiben. Die unmittelbar an die Straße von Grao nach Valencia ſtoßenden Häuſer waren indeſſen minder maleriſch und glichen öfters aufs Genaueſte unſern deutſchen Bauernhäuſern. Die Bewohner derſelben ſchienen heute ein eigenthümliches Treibjagen auf Vögel zu halten, denn auf jedem Grundſtück ſtanden hier ein Paar Männer, die, ohne ſich gerade viel darum zu bekümmern, welche Richtung ihre Schrotkörner nahmen, auf kleine unſchuldige Vögel knallten, die ängſtlich zwiſchen den Hecken und Bäumen emporflatterten. Da wir den heiligen Abend vor uns hatten und ihn ſo gut als möglich nach der ſchönen Weiſe der Heimath feiern wollten, ſo brauchten wir ein Bäumchen um die Lichter aufzuſtecken. Weil aber hier in Spanien an eine kleine Tanne nicht zu denken war, ſo verſuchten wir, uns ein Paar tüchtige Olivenzweige zu ver⸗ ſchaffen, zu welchem Zwecke ſich unſer Baumeiſter auf ein benach⸗ bartes Feld begab, um einen Raub auszuführen. Als Sprach⸗ kundiger hatte er ſich dazu erboten; denn er war der Einzige, der ſich im Fall der Ueberraſchung mit dem betreffenden Bauern ver⸗ ſtändigen konnte. Natürlich deckten wir ſeinen Rückzug und als unſer Felddiebſtahl gelungen und wir einige ſchöne Zweige erbeutet hatten, mußte ſie der große Horſchelt unter ſeinen Mantel nehmen und ſo brachten wir ſie glücklich nach Hauſe. Die Beſcherung hatten wir ſo angeordnet, daß Jeder dem Zehntes Kapitel. 284 Andern eine Kleinigkeit kaufen und ein Bäumchen fuüͤr ihn her⸗ richten mußte. Darüber hatten wir das Loos gezogen und ſo konnte Keiner wiſſen, von wem ſeine Beſcherung herkam. Der Lohnbe⸗ diente der Fonda del Cid, der uns Lichter und Zuckerwerk ver⸗ ſchafft, ſah unſerm Treiben mit großen Augen zu und hatte bald dar⸗ auf im ganzen Hauſe verkündigt, daß die vier Deutſchen zum hei⸗ ligen Chriſtabend eine ganz abſonderliche Feier veranſtalteten, was uns ſpäter ſämmtliche neugierige Kellner, Wirth und Wirthin und ein Paar der ſpaniſchen Gäſte vor unſere Thüre zog, die alsdann mit großen Augen und ſehr erſtaunten Blicken unſere ſtrahlenden Weihnachtsbäumchen betrachteten. Auf dem Tiſche hatte Jeder von uns für ſeine Lieben zu Hauſe, die gewiß auch in dem gleichen Augenblick an uns dachten, brennende Lichtchen aufgeſtellt mit dem Namen derſelben verſehen; die wollten wir auf der ganzen Reiſe mit uns führen, hoffend, ſie nach erfolgter glücklicher Rückkunft im Kreiſe der Unſrigen noch einmal anzünden zu können. Obgleich uns die erhaltenen kleinen Geſchenke recht viel Spaß machten, war doch unſer Feſt kein außer⸗ ordentlich vergnügtes zu nennen, denn Jeder von uns beſchäftigte ſich mehr oder minder mit lieben Erinnerungen an ähnliche Abende in der Heimath, und als die vier Bäumchen noch recht helle brann⸗ ten, fand es ſich, daß ſich Jeder von uns in einen beſondern Winkel des Zimmers zurückgezogen hatte, und dort ſeinen ernſten Gedanken nachhing. Erſt, als die Kerzen ausgelöſcht waren, die Bäume weggeräumt, und wir bei einem Glaſe Punſch um den Tiſch ver⸗ einigt ſaßen, kehrte die frühere Heiterkeit wieder zurück. Die Wachslichter, mit den verſchiedenen Namen verſehen, wurden ſorg⸗ fältig in Papier verpackt, und obgleich man einer Schilderung nicht vorgreifen ſollte, will ich doch hier geſtehen, daß ich ſo glücklich war, meine Lichtchen vor meinen Lieben wieder anzünden zu kön⸗ nen, und daß meine beiden Buben dieſelben außerordentlich erfreut mit großen glänzenden Augen betrachteten; beſonders als ich ihnen dabei erzählt, daß ſie an einem Olivenzweige gebrannt, an einem Valencia. 285 Baume, von dem das gute Oel herkomme, und daß ich ſie weit, weit über das Meer herüber von Valencia mitgebracht, einer alten, 3 berühmten ſpaniſchen Stadt, welche die wilden Araber häufig an⸗ — gegriffen und die vertheidigt wurde von einem tapfern chriſtlichen 8 Ritter, von Cid dem Campeador, der nach ſeinem Tode noch die 8 Araber beſiegte; denn als er ſchon geſtorben war, ſetzten ſie ihn s in voller Rüſtung auf ſein getreues Roß, gaben ihm ſein Schwert in d die Hand, bei welchem Anblick die Mauren erſchreckt davon flohen. n Alſo ſiegt' auch nach dem Tode, n Weil San Jago ihm voranging, Cid; gewonnen ward an Beute Großer Reichthum: alle Zelte u Voll von Golde, voll von Silber, Auch der Aermſte wurde reich. Elftes Kapitel. Ein Ritt durch die Mancha. Der Winter in Spanien. Bei den Zigeunern. Orangengärten. Alcira. Ein ſpaniſcher Kollege. Palmenwälder und Schnee. Albacete. Eine muſikaliſche Soirée. Abenteuer in der Neujahrsnacht. Das Haus des Don Joſe. Vom Wagen auf den Karren. Ein unfreiwilliger Aufenthalt. Spaziergänge in Spanien. Don Quixote. Ein Maulthiertreiberball. Villarrobledo. Spaniſche Eiſenbahn⸗ bauten. Campo critana. Regenwetter und ſchlechter Weg. Tembleque. Wenn einmal bei uns in Deutſchland ein etwas harter Winter eintritt, ſo hemmen die gewaltigen Schneemaſſen, welche dieſer gewöhnlich mit ſich führt, wohl hier und da auf einige Tage die Communication, meiſtens aber auch dieß nur in abgelegenen Gegenden, wogegen in den Hauptſtraßen gleich eine Unzahl Hände beſchäftigt ſind, die Schaufeln zu handhaben und den Bahnſchlitten zu dirigiren. Nicht ſo in Spanien. Ich bin feſt überzeugt, daß bei uns in dem harten Winter von 1853 bis 1854 andere Schneemaſſen als dort hingeworfen wurden, ohne daß man gerade viel Auf⸗ hebens davon machte; aber ſchon bei unſerer Ankunft in Valencia, als wir uns am erſten Abend während des Diners nach der Straße von Madrid erkundigten, machten ſämmtliche Anweſende bedenk⸗ liche Geſichter, zogen die Augenbrauen in die Höhe und meinten: Ein Ritt durch die Mancha. es iſt Schnee gefallen.— Und was weiter? dachte ich, wir ſind ja in Spanien; der ſchmilzt über Nacht. Aber er ſchien in den Bergen, die zwiſchen uns und der ſpaniſchen Hauptſtadt lagen, nicht ſchmelzen zu wollen. Anfänglich beachteten wir es nicht be⸗ ſonders, daß die Eilwägen fünf, ſechs, zwölf Stunden zu ſpät kamen; als aber eines Morgens der Kellner, während er uns ein beſcheidenes Frühſtück ſervirte, grinſend und mit einiger Schaden⸗ freude erzählte, die Diligence von vorgeſtern ſei noch nicht ange⸗ kommen, und der Courier mit Mayoral, Paſſagieren und Poſt⸗ paketen fehle ſeit vier Tagen, fingen wir doch an, etwas beſorgt zu werden, und ließen von dem hierzu ſehr bereitwilligen Kellner uns alles berichten, was er von glücklich durchgekommenen Paſſa⸗ gieren gehört oder vielleicht ſchaudernd ſelbſt erfunden. Die königliche Hauptſtraße von hier nach Madrid iſt, wie die meiſten in Spanien, nur dann mit einem einiger Maßen behag⸗ lichen Gefühle zu befahren, wenn die glühende Sonne alle Un⸗ ebenheiten verglichen, die Erhöhungen zu Staub verbrannt und die kleinen Gruben ausgefüllt. Hat es aber ein paar Tage lang geregnet, ſo fährt man bei Weitem ſicherer und auch ungleich angenehmer auf einem geackerten Felde, als auf einer hieſigen Chauſſee. Zwiſchen Valencia und Madrid befindet ſich aber ein Stück Weges, das durch einen Wald führt, wo die Sonnenſtrahlen nicht ſo recht hindringen können, in der Gegend von Cuenca. Hier iſt die Straße ſelbſt im Sommer ſcheußlich, im Winter aber bei Regen oder gar bei Schnee, wie jetzt der Fall war, gänzlich un⸗ fahrbar. Seit vier Tagen— oder ſeit ſechs, meinte nachdenklich der Kellner— habe man keine Spur mehr von dem könig⸗ lichen Courier. Bauern, die von dorther gekommen, die aber eben⸗ falls in den Schneemaſſen den Weg verloren hätten, wollten ihn vorgeſtern Nachts in der Entfernung gehört, das heißt, das Klingeln der Maulthierglocken, ſo wie den Schein der Wagen⸗ laternen bemerkt haben. Ein Zigeuner, welcher mit Lebensgefahr durchgeritten, wollte ihn ſogar geſehen haben, mit zwanzig Thieren 288 Elftes Kapitel. beſpannt, wie er den Schnee und Schlamm wie ein Bahnſchlitten vor ſich her gedrückt habe. An Uebertreibungen von dergleichen Art gewohnt, gingen wir an die Quelle, zur Poſt, und verlangten Plätze nach Madrid. Da der königliche Courier, ein kleines Coupé, nur zwei Sitze hat, ſo beſchloß unſer Reiſegefährte, Baumeiſter Leins, einen Tag vor uns abzureiſen; wir wurden auch ohne Weiteres eingeſchrieben, nur ſprach der Poſtſecretär achſelzuckend von einigen Verſpätun⸗ gen, ohne ſich auf Genaueres einzulaſſen. Zwei andere Reiſende aber, die auf heute eingeſchrieben waren, hatten ſich ihr Geld zu⸗ rückerſtatten laſſen, da weder ein Courier angekommen noch abge⸗ gangen war; kurz, uns erging es gerade ſo. Den anderen Tag erhielt L. ſeine Einlage wieder, den darauf folgenden H. und ich. Die Couriere und Paſſagiere kamen aber gar nicht mehr an; es mußte irgendwo eine artige Anzahl im Schlamme und Schnee ſtecken; die Briefpakete brachte ein Reitender, und um die Corre⸗ ſpondenz von hier nach Madrid fortzuſchaffen, richtete man das frühere Verbindungsmittel wieder ein— einen einfachen Karren mit zwei tüchtigen Maulthieren beſpannt—, und als wir eines Tages dieſes Fuhrwerk ziemlich betrübt anſchauten, ſagte der Mayoral— derſelbe hatte ein Geſicht wie eine alte, ſehr gebrauchte Lederhoſe—:„Hol der Teufel die neuen Equipagen auf dieſem Wege während der Winterzeit! Mit ſo einem Karren komme ich überall durch.“ Und er hatte wohl Recht. Aber wenn man ſah, wie dieſe Maſchine ſchon in den Straßen von Valencia auf und ab flog, ſo konnte einem alle Luſt zu einer weiteren Tour mit derſelben vergehen. So waren wir ziemlich rathlos in Valencia, und wurden es noch mehr, als wir eines Tages einen Reiſenden ſprachen, der nach fünftägiger Fahrt endlich von Madrid hier angekommen war und der unterwegs mehr Packträger und ſogar Zugthier, als Paſſa⸗ gier geweſen war. Um weiter zu kommen, blieb uns allerdings das Meer; wir konnten hier über Cartagena und Almeria nach 1½1 ———]— /———:—]—. — ³-——————,———, Ein Ritt durch die Mancha. 289 Malaga, und von dort zu Lande nach Granada fahren und dann über Jaen, Baylen nach Madrid gelangen. Doch hätten wir als⸗ dann, um ſpäter nach dem Süden zurückzukehren, nochmals den⸗ ſelben Weg machen müſſen. Endlich konnten wir am Ende doch noch unſern projectirten Ritt nach Madrid ausführen, und ich muß geſtehen, dieſe Idee fand bei uns den meiſten Anklang. Ein freund⸗ licher Rathgeber und Führer hier in Valencia, ein württembergi⸗ ſcher Bierbrauer, den wir aufgeſucht und liebgewonnen, meinte, das ließe ſich allenfalls machen; im Sommer habe er ſelbſt dieſe Strecke ſchon zu Pferde zurückgelegt. Sogleich gingen wir daran, einen Pferdevermiether aufzu⸗ ſuchen, fanden auch mehrere dieſer Leute, ohne aber unſeren Zweck zu erreichen; Niemand hatte Luſt in dieſer Jahreszeit Menſchen und Thiere aufs Spiel zu ſetzen, und wenn wir hörten, wie an der Wirthstafel über unſeren Entſchluß geſprochen wurde, ſo konnte man es den Leuten nicht übel nehmen. Uns ſelbſt aber rieth man auch davon ab.„Finden Sie Jemanden,“ ſagte ein kleiner Franzoſe, der ebenfalls hier feſtſaß,„ſo nehmen Sie ſich vor den Valenciern in Acht; dieſe Kerle gehen mit Ihnen in Alles hinein, ſie werden Sie auch wahrſcheinlich nicht im Stiche laſſen, aber ſich eben ſo wenig etwas daraus machen, irgendwo im Schnee zu verſinken und Leben oder wenigſtens Geſundheit aufs Spiel zu ſetzen.“ Dagegen hatte ein ſolcher Ritt in unſerer Einbildung außerordentlich viel Schönes für ſich: wilde Gegenden, einſame Nachtlager an flackernden Feuern, Abenteuer aller Art, vielleicht ſogar Räuber. Genug, wir beſchloſſen noch einen Verſuch zu machen, bei den Gitanos Pferde und Leute zu erhalten,— verwe⸗ gene Geſellen, die gern etwas verdienen und nicht lange überlegen. Der Bierbrauer führte uns denn auch Abends in das Stadt⸗ viertel Valencias, wo die Zigeuner hauſen, zu ihrem Hauptmanne, um ſich mit ihm über unſere Angelegenheit zu beſprechen. Er wohnte in einem alten, ziemlich verdächtig ausſehenden Hauſe; ein dunkler Eingang führte uns auf einen Vorplatz, der mit einer Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 19 290 Elftes Kapitel. Scheune viel Aehnlichkeit hatte; hier brannte ein hell loderndes Feuer, um welches eine Menge phantaſtiſch genug ausſehender Geſtalten ſaß: junge Burſche und alte Männer in ihrer eigen⸗ thümlichen Tracht: ziemlich engen Hoſen und einer farbigen, ver⸗ ſchnürten Jacke, den Gürtel, in welchem das große Meſſer ſtak, um den Leib, und einen buntfarbenen Lappen um den Kopf ge⸗ dreht; junge, ſtark gebräunte Mädchen und Weiber mit ſchwarzen, glänzenden Haaren und blitzenden Augen, die meiſten in ein ange⸗ nehmes Nichtsthun verſunken. Ein paar rauchten, andere beſchäf⸗ tigten ſich mit einem Brettſpiel; von den Weibern kochten einige irgend ein Abendeſſen in einem großen Keſſel, eine andere lehnte nachläſſig an dem Pfeiler, leicht auf einen Tamburin ſchlagend, wozu ein junges Mädchen mit den Caſtagnetten knackte. Unſer Eintritt erregte keine beſondere Aufmerkſamkeit; nur hier und dort wandte ſich ein dunkles Auge gegen uns, und auf die Frage nach dem Herrn erhob ſich langſam und bedächtig einer der jungen Burſche und ging uns voran durch den dunklen Vorplatz nach der hölzernen Treppe, welche in das obere Haus führte. Von dort aus machte ſich die Gruppe um das Feuer wahrhaft maleriſch und ſchön; von der Gluth waren die dunkeln Geſichter röthlich angeſtrahlt, die Flammen ſpiegelten ſich auf den Schaften und Meſſingzierrathen einiger Gewehre, die hier und da an den Pfoſten lehnten, und beleuchteten alterthümlichen Haus⸗ rath, ſo wie verſchiedene Thierfelle, die von der Decke herabhingen. Der Chef der Gitanos, welcher ſich oben in einer Stube mit ſehr kahlen Wänden befand, ſaß vor einem Braſſero voll glü⸗ hender Kohlen, auf welchen er die Füße geſtellt, und machte bedächtig ſeine Papiercigarren; eine Frau neben ihm ſchürte in der Gluth, und ein junges, ſehr hübſches Mädchen ließ bei unſerem Erſcheinen die Guitarre, mit der es beſchäftigt zu ſein ſchien, in den Schooß ſinken. Als nun der Capitän unſeren Wunſch ver⸗ nommen, ſchlürfte er einen tiefen Zug aus ſeiner Papiercigarre, ſchluckte den Dampf, um ihn dann während des Sprechens wieder —— ͤ—,— Ein Ritt durch die Mancha. 291 emporqualmen zu laſſen. Doch war ſeine Antwort ſehr untröſtlich für uns; Pferde und Leute, meinte er, ſeien wohl genug da, doch rathe er uns von unſerem Unternehmen ab; denn er kenne den Weg, und einer ſeiner beſten Leute mit dem tüchtigſten Maulthiere ſei geſtern von Cuenca zurückgekehrt und nur durch ein Wunder durchgekommen. Auf dieſen Beſcheid hin verließen wir ziemlich niedergeſchla⸗ gen die Zigeunerherberge, und da wir, in unſeren Gaſthof zurück⸗ gekehrt, erfuhren, der Dampfer Tharſis werde in ein paar Tagen erwartet, um nach Malaga zu fahren, ſo beſchloſſen wir, unſere ganze Reiſeroute zu ändern. Herr Heeren, der liebenswürdige Geſellſchafter und Freund in der Noth, erſuchte mich aber, noch keine Plätze auf dem Tharſis zu nehmen, indem es noch eine ältere und in jetziger Jahreszeit beſſere Route über San Felipe, Albacete und Ocanna gäbe, die er ſelbſt benutzen wolle und wo wir uns ihm anſchließen könnten; er werde ſich morgen erkundigen laſſen, ob die Deligencen dort ziemlich regelmäßig einträfen. Die Erkundigung des Herrn Heeren fiel nicht unbefriedigend aus; denn aus einer Verſpätung von ſieben bis acht Stunden machte man ſich in Spanien nicht viel. So ſahen wir endlich in dieſer Reiſefinſterniß ein Licht und verließen Valencia am 29. Dezember. An der Eiſenbahn von Valencia nach Madrid, die über Alcira, La Roda und Tembleque führt, arbeitet man ſchon ſeit vielen Jahren, und iſt die kleine Strecke von Valencia nach Alcira vor noch nicht langer Zeit eröffnet worden; doch hatten heftige Regengüſſe in den letzten Monaten einige Dämme und Brücken zerſtört, weßhalb die Züge nur bis Algemeſt gingen. Wir durch⸗ fuhren hier wieder ein prächtiges Stück der Huerta, nur mit einem ganz anderen Charakter als das, durch welches wir gegen Valencia gezogen waren. Dort war ſie noch von Bergen begränzt, meiſtens Gemüſe⸗ und Fruchtland und mit wenigen Dörfern beſetzt; hier aber war ſie weit und flach, hatte Wieſen, Oliven⸗ 19 292 Elftes Kapitel. pflanzungen, aus denen in allen Richtungen zierliche Kirchthürme hervorſahen, und vor allen Dingen die prächtigſten Orangen⸗ gärten, die wir ſeit unſerem Eintritt in Spanien erblickt. Schöner erinnerte ich mich nur dieſelben ſeiner Zeit in Jaffa geſehen zu haben. Die Eiſenbahn war mitten durch ſie hindurchgeführt und dabei ſo ſchmal, daß die Zweige mit den tiefgrünen, glänzenden Blättern und die goldgelben Früchte faſt von den Wagen geſtreift wurden. Es war in der That ein eigenthümliches Gefühl, von der brauſenden Locomotive durch dieſe ſchönen und für uns ſeltenen Pflanzungen dahin geführt zu werden. Bald waren es förmliche Wälder, bei denen wir vorüber flogen, bald einzelne Bäume, prächtige Exemplare, die, wie eine mächtige Linde bei uns, ihre Zweige rings umher ausſtreckten. In Algemeſi blieb es dem Reiſenden überlaſſen, ob er ſeinen Weg bis zur nächſten Poſtſtation zu Fuß, zu Pferde oder mit der Tartane fortſetzen wolle. Wir wählten die letztere, ein Fuhrwerk auf zwei hohen Rädern mit einem viereckigen Wagenkaſten ohne Federn, von einem einzigen Maulthiere gezogen; ein ähnlicher Karren folgte mit unſerem Gepäck. Gleich hinter dem Bahnhofe mußten wir durch ein ziemlich tiefes Waſſer hindurch, bei deſſen Furt eine Menge Wagen und Tartanen ſtanden, deren Zugthiere unter großem Geſchrei mit vielen Hieben über die ſteilen Ufer hinabgepeitſcht wurden. Wenn der Weg, den wir fuhren, ſchon in trockener Jahreszeit nicht ſchön genannt werden könnte, ſo war er jetzt nach der großen Ueberſchwemmung ein einziger Kothſee, hier und da mit einer kleinen Steininſel, welche obendrein beim Darüberfahren unſere Tartane ſehr verdächtige Seitenbewegungen machen ließ. Das Waſſer mußte hier arg gehaust haben: der Eiſenbahndamm war an ein paar Stellen faſt bis auf den Grund weggeſpült, und an den Bäumen, die neben der Straße ſtanden, bemerkten wir bis zehn Schuh hoch vom Boden weggeſchwemmtes Schilf und Stroh, welches die Flut dort zurückgelaſſen hatte. Alcira iſt ein hübſcher, alterthümlicher Ort, mit tiefen 1—1*— ————„/·———„ en Ein Ritt durch die Mancha. 293 Gräben, hohen, ausgezackten Steinmauern, mit Thürmen und Brücken, und war ehemals wie all dieſe kleinen Städte befeſtigt. Der Rucar fließt an einer Seite vorbei und ergießt ſich einige Meilen öſtlich von der Stadt ins Meer. Als wir die Stadt er⸗ reicht hatten, bemerkten wir auf einem erhöhten Plateau neben der Straße runde, gepflaſterte Plätze, jeden von vielleicht zwanzig, dreißig und mehr Fuß im Durchmeſſer, einen neben dem andern, ſo daß es von Weitem ausſah, als ſei der Boden mit runden Steinplatten bedeckt. Wir ſahen dergleichen ſpäter in der Nach⸗ barſchaft der meiſten kleineren Städte. Es ſind dieſes Frucht⸗ Tennen, auf denen Korn und Waizen vermittelſt Pferden und klei⸗ ner Schlitten ausgetreten und ausgedrückt werden. Namentlich für Kinder iſt das ein großes Feſt, und amuſtiren ſich dieſe hier, wie ſie es bei uns auf der beſten Schneebahn thun. Eine ſchöne Baumart ſah ich hier wieder in dem Johannisbaume, deren trockene Früchte man als Kind ſo gern ißt und die hier ein Hauptfutter für die Pferde abgeben. Obgleich Alcira von außen wegen ſeiner Thürme und Mauern ziemlich großartig ausſchaute, ſo waren doch die Straßen recht eng und winkelig, die Häuſer ärmlich und verfallen, und nur hie und da zeugte ein altes Bogenfenſter, ein Erker, eine zierlich ausgezackte Mauer oder dergleichen ſehr verwiſchte Spuren von früherer Wohl⸗ habenheit und Pracht. Ich habe nicht leicht elendere Kramläden geſehen als hier in Alcira. Mit ein paar Duros hätte man eine ganze Boutique auskaufen können. Unſer Maler verſchaffte ſich ein paar Schuhe, wie ſte um Valencia von den Landleuten getra⸗ gen werden; es ſind eigentlich nur Sandalen, von Binſen gefloch⸗ ten, die mit Stricken von demſelben Material an den Füßen be⸗ feſtigt werden. Ein ſolches Paar Schuhe koſtet nach unſerem Gelde ungefähr acht Kreuzer. Glücklicherweiſe hatte Herr Heeren die Plätze von hier bis Ma⸗ drid für uns zum Voraus genommen, ſonſt hätten wir wahrſchein⸗ lich zurückbleiben müſſen; denn ſechs Männer aus der Umgegend, 294 Elftes Kapitel. zu Pferde oder Tartane, trafen mit uns zu gleicher Zeit in der einzigen Poſada des Ortes ein und machten, als ſie unſer anſichtig wurden, ſich alsbald eilfertig auf den Weg, um Plätze zu belegen. Doch konnten nur noch vier hinten in der Rotunde untergebracht werden, weßhalb die Uebrigen mit ziemlich langen Geſichtern heimkehrten. Unſer Gaſthof hatte durchaus nichts Angenehmes; große luftige Zimmer mit Steinböden, in denen nur an einem Fenſter, wo die Sonne gerade herein ſchien, eine behagliche Temperatur herrſchte. Dort hatten ſich aber die ſechs eben genannten Reiſenden niedergelaſſen. Wir ſaßen in der anderen Ecke und erfreuten uns während des Eſſens unſerer Paletots und Filzſtiefel. Das Diner war gerade nicht ſchlecht, und bei demſelben befanden ſich, wahr⸗ ſcheinlich wegen der Nähe von Valencia, die ſpaniſchen National⸗ gerichte mit Knoblauch in der Minderzahl. Der dicke, rothe, faſt ſchwarze Landwein, wie auch das Brod waren wie beinahe überall vortrefflich und wenn man dazu die geröſteten Mandeln nimmt, die man immer ſehr gut bekommt, ſowie die herrliche, dicke ſpa⸗ niſche Chocolade, ſo kann man mit dieſen Sachen allein ſchon ein recht gutes Mittageſſen machen. Der Wagen ſollte um drei Uhr abgehen; verſchiedene noth⸗ wendige Reparaturen aber, eine geſprungene Hemmkette, einige gebrechliche Felgen und eine bedenkliche Quetſchung an der Hin⸗ terachſe verzögerten dieſelbe um eine ganze Stunde und ließen uns zu gleicher Zeit ahnen, welchen Weg wir zu machen hätten. End⸗ lich rief der Mayoral die Paſſagiere zu ihren Plätzen, der Delan⸗ tero ſchwang ſich auf und zehn ziemlich abgetriebene Maulthiere trabten klirrend und raſſelnd, ſo ſchnell es ihnen möglich war, durch die engen Gaſſen der Stadt hinaus ins Freie. Hier war nun gleich wieder die alte ſpaniſche Straßenmiſere; die Räder ſanken förmlich ein in die unergründliche Kothlache, welche der Weg bildete, und bei den Bemühungen des Delantero, wenigſtens hie und da für Hufe und Räder etwas feſten Grund Ein Ritt durch die Mancha. 295 zu gewinnen, legte ſich der Wagen jeden Augenblick ſehr bedenk⸗ lich bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Es war ſchade, daß man an dem wirklich ſchönen Abend durch die herrliche Gegend nicht mit einiger Behaglichkeit fahren konnte. Aber was nützt einem der klarſte blaue Himmel, die entzückendſte Fernſicht, wenn die Stöße des Wagens ſo fürchterlich ſind, daß man ſich feſt an⸗ klammern muß und oft ſo auf die Seite geneigt wird, daß man in ſtillen, ſchmutzigen Waſſerlachen ſein Geſicht widerſpiegeln ſieht! Mit wahrhaftem Heldenmuthe und Ausdauer krabbelten übrigens die armen Maulthiere auf der faſt bodenloſen Chauſſee vorwärts; vielleicht war es ihnen ein Troſt, daß es den ihnen begegnenden Collegen noch ſchlechter ging; denn die Thiere der Karren und Tartanen, im Eifer, uns auszuweichen, ſtürzten nicht ſelten zuſammen oder rutſchten ſammt dem Fuhrwerk in die tiefen Waſſergräben. Alcira iſt von allen Seiten mit ſchönen Gärten und gut gepflegten Feldern umgeben; namentlich führte der Weg, auf dem wir jetzt fuhren, ein paar Stunden lang zwiſchen Mauern und Einfaſſungen durch, über denen Orangen und Citronen, ſo wie zahlreiche Gruppen hochſtämmiger, ſchlanker Palmen empor⸗ ragten. Als es ganz dunkel geworden war, fuhren wir längere Zeit aufwärts und ließen ſo den Koth und Schmutz hinter uns. Doch wurde der Weg deßhalb nicht beſſer. Mir iſt es in der That unbegreiflich, daß wir an dem heutigen Abend nicht wenigſtens ein Dutzend Mal umwarfen. Aber ich komme immer mehr zu der Anſicht, daß die ſpaniſchen Eilwagen einen beſonderen und ſehr mächtigen Schutzgeiſt haben, der ſie wieder ins Gleichgewicht bringt und ohne zerbrochene Räder und Achſen durch Dick und Dünn hindurch führt. Zum Ueberfluß hörten wir endlich in der Tiefe neben uns einen Fluß rauſchen, zu dem es nun im toll⸗ ſten Jagen hinabging. Statt aber auf die Brücke einzubiegen, die, breit und maſſiv und ſcheinbar ſehr ſolid, hinüberführte, fuh⸗ 296 Elftes Kapitel. ren wir in den Kies des Ufers hinein, worauf der Wagen mit einem plötzlichen Rucke hielt. Der Mayoral öffnete den Schlag und bat uns, auszuſteigen. Es war wieder einmal die alte Geſchichte. Der mittlere Bogen der Brücke war vor Gott weiß wie langer Zeit von einem Hoch⸗ waſſer weggeriſſen worden, und nun mußte ſich alles, was hinüber wollte, ſo gut es eben ging, durch das Waſſer hindurch arbeiten. Der Zagal begleitete uns Paſſagiere eine Strecke abwärts, wo ver⸗ mittelſt Pfähle und Steine eine Art Nothbrücke hergerichtet war. Auf der Mitte derſelben angekommen, blieb ich einen Augenblick ſtehen, um dem ſchweren Eilwagen zuzuſchauen, wie er langſam und ſchwankend durch den tiefen Kies hindurch fortgezogen wurde. Es war ein unheimlicher Anblick. Der Fluß ſtrömte durch eine tiefe Schlucht und lag, da die Nacht hereingebrochen war, ſo dunkel, daß Wagen und Maulthiere nur wie Schattengeſtalten erſchienen. Dazu hatte ſich der Himmel mit Wolken überzogen und der Regen rieſelte herab. Das Waſſer mochte in der Mitte des Fluſſes über drei Fuß tief ſein und es war jammervoll anzu⸗ zuſehen, wie ſich die müden Zugthiere abplagten, den Wagen vor⸗ wärts zu ſchleppen. Dazu fluchte der Mayoral, die Peitſchenhiebe knallten, der kleine Delantero mit ſeiner dünnen Kinderſtimme rief beſtändig ſein: Anda, anda cavallo! der Kies knirſchte und das Waſſer rauſchte. Ein paarmal hatte es den Anſchein, als bliebe der Wagen ſtecken,— eine erfreuliche Ausſicht für uns. Doch der Schutzgeiſt, deſſen ich vorhin ſchon erwähnte, half auch hier wieder, und nach einer halben Stunde ſchleppten die dam⸗ pfenden Thiere den Wagen am andern Abhange hinauf. Wir ſetzten uns wieder ein und erreichten nach einer Stunde San Felipe, wie mir ſchien, eine freundliche, wohlgebaute Stadt mit anſehnlichen Häuſern, aus deren Fenſtern ein heller Lichter⸗ glanz auf die Straße herausſtrahlte, während wir vorüber raſſelten. Es iſt das für mich bei nächtlichen Fahrten immer ein peinliches Gefühl geweſen; man muß auf ſchlechten Wegen in die Nacht Q—.——.—.—,—,—·—·&⅓&————2(—·—2—·2 ————, Ein Uitt durch die Mancha. 297 hinaus, während dort Alles zu Hauſe um das freundliche Licht im Kreiſe ſitzt; zuweilen auch erſcheint ein Geſicht an den Fenſter⸗ ſcheiben und der Mund ſcheint ſagen zu wollen: Wie bin ich froh, daß ich zu Hauſe ſitze und nicht dort hinauszufahren brauche! Um recht bequem zu ſitzen, hatte Herr H. einen Platz für uns mehr genommen, den er aber in Alcira einem jungen Manne auf ſeine Bitten abtrat, der mit uns von Valencia gekommen war und ebenfalls nach Madrid wollte. Er war, wie er uns ſpäter erzählte, Schriftſteller und bis vor Kurzem Mitredacteur des Oppoſitionsblattes Clamor Publico geweſen, hatte aber eher das Ausſehen eines Reiteroffiziers in Civil. Er war von ange⸗ nehmem Aeußerem, trug einen Schnurrbart, einen Calabreſerhut, einen kurzen ſpaniſchen Mantel, hohe gelblederne Stiefel und rauchte eine Papier⸗Cigarre um die andere. Für den ihm abge⸗ tretenen Platz bewies er ſich ſehr dankbar, und da er in San Felipe genau Beſcheid wußte, ſo führte er uns trotz des Wider⸗ ſtrebens des Conducteurs in ein benachbartes Kaffeehaus, wo wir in möglichſter Schnelligkeit unſeren Thee nahmen. Unterdeſſen hatte der Mayoral eine Laterne angezündet, und als wir einſtiegen, gab er uns die tröſtliche Verſicherung, nur noch eine kleine Stunde ſei der Weg ziemlich ſchlecht, dann aber würden wir die Hauptſtraße erreichen und luſtig wie auf dem Zim⸗ merboden dahinfahren. Fort ging es nun in die Nacht hinaus und das Stück Weges bis zur Chauſſee war eine artige Arbeit von Seiten der Maulthiere und ein ſchmerzliches Dulden von Seiten der Paſſagiere. Es ging unbeſchreiblich ſteil abwärts und ebenſo wieder in die Höhe, ſo daß Zagal und Mayoral nicht genug Steine unterſchieben konnten, um den ſchweren Wagen vor dem Zurückrollen zu bewahren. Durch reißende Felsbäche fuh⸗ ren wir an tiefen Abhängen vorbei, deren Schutzmauern einge⸗ ſtürzt waren, erreichten endlich aber glücklich die verheißene Chauſſee und mit ihr in der That einen beſſeren Weg. Die Nacht ging dahin, mit den bei ſolchen Fahrten gewöhn⸗ 298 Elftes Kapitel. lichen Abwechslungen; wir erreichten eine Station um die andere, bald ein einſam gelegenes Haus, auf deſſen weitem Vorplatz ein 5 mächtiges Feuer brannte, an dem wir Paſſagiere uns erwärmen konnten. Hier trafen wir auch faſt jedesmal ein paar vollſtän⸗ G dig bewaffnete Guardias Civiles, eine treffliche Straßenpolizei, die man in Spanien auf allen Wegen bei Tag und Nacht findet. Bald erreichten wir kleine Ortſchaften und in einer derſelben— es mochte gegen vier Uhr Morgens ſein— ſchlug unſer junger Re⸗ dacteur vor, ein Frühſtück einzunehmen, wozu der Mayoral, der draußen jämmerlich durchfroren worden war, gern ſeine Zuſtim⸗ mung gab. Mit vielem Rumor wurden die Leute im Hauſe erweckt, und bald erſchien auch die Wirthin mit einer Magd, nicht gerade zu übel gelaunt, daß man ſie zu ſo früher Stunde aus dem Bette auf⸗ gejagt. Pfannen und Keſſel wurden zum Feuer gerückt, und zur b beſten Nachahmung in unſerem wohl eingerichteten Deutſchland V muß ich rühmen, daß nach einer ſtarken Viertelſtunde ein ſehr ſolides Frühſtück bereit ſtand und zwar gekochter Reis mit Fleiſch und ſpaniſchem Pfeffer, gewärmte Feldhühner à la Knoblauch, V weichgeſottene Eier und vortreffliche Chocolade, ſüß, ſchwarz und ſo dick, daß die freilich ſehr dünnen Löffel faſt aufrecht darin ſtehen blieben. Die Bezahlung war ebenfalls mäßig, und neu geſtärkt und erwärmt fuhren wir dem kalten Morgen entgegen. Die Temperatur und mit ihr die Vegetation hatte ſich ſeit geſtern Abends ſo auffallend verändert, daß der Contraſt nicht leicht hätte größer ſein können. Der Boden war gefroren, die Felder rechts und links von der Straße leicht mit Schnee bedeckt, und wir, die wir geſtern durch Orangen⸗ und Palmengärten gefahren, ſahen heute nur noch niedrige Buxbaumſträucher und magere Oliven⸗ bäume. Auch mußten wir uns dicht in unſere Mäntel wickeln, um nur einigermaßen warm zu bleiben. Dabei aber ließ die Geſchwindigkeit des Fahrens nichts zu wünſchen übrig und wo es eben thunlich war, jagten unſere zehn Maulthiere in vollem Galopp dahin. Ein Ritt durch die Mancha. 299 Wir hatten aber auch wegen des ſchlechten Wegs von geſtern Abends viel einzuholen und hätten das Städtchen Albacete ſchon um elf Uhr Vormittags erreichen ſollen; doch Stunde um Stunde verſtrich, Station um Station erſchien und der Mayoral ſchüttelte beſtändig den Kopf, ſo oft wir ihn fragten, ob jetzt nicht bald ein⸗ mal Albacete käme. Dabei war die Gegend einförmig und troſt⸗ los; unabſehbares hügeliges, mit Schnee bedecktes Land, über welches ein eiskalter, ſcharfer Wind unaufhörlich uns entgegen ſtrich; auch ſchneite und regnete es abwechſelnd, und die Stations⸗ plätze, an denen wir hielten, waren ſo erbärmlicher Art, daß unſer armer Redacteur nicht einmal einen Tropfen Wein auftreiben konnte und wir endlich erſt gegen ein Uhr vermittelſt eines Gla⸗ ſes Branntwein, einer ſcheußlichen Wurſt und eines Stückes gewiß mehrere Monate alten Brodes ein einfaches Diner halten konnten. Endlich um vier Nachmittags ſahen wir Albacete vor uns liegen; noch ein paar Hügel auf und ab und wir hatten das Städtchen erreicht. Bis jetzt war mir in Spanien kein elenderes, ärmlicheres Neſt erſchienen. Es lag auf einer Höhe, der Wind pfiff und heulte durch die Straßen, alle Häuſer ſchienen aus Lehm gebaut, und faſt kein einziges hatte ein ordentliches Fenſter. Halb verfallene Mauern umgaben das Ganze und zogen ſich nebenbei noch um jedes einzelnſtehende Gebäude herum. Wenn wir auch in den ſpaniſchen Ortſchaften an kleine unbedeutende Fenſter ge⸗ wohnt waren, ſo ſiel es uns doch auf, daß die hieſigen förmliche Schießſcharten waren; ebenſo waren die langen Mauern crenelirt und beim Einfahren in den Ort ſahen wir rechts und links Erd⸗ aufwürfe, die augenſcheinlich dazu gedient hatten, Geſchütze hinter ihnen aufzuſtellen. Unſer Redacteur löste uns dieſe Räthſel, in⸗ dem er uns erzählte, daß Albacete während der Bürgerkriege ſich lange und hartnäckig vertheidigt habe. So troſtlos übrigens die endloſe ſchneebedeckte Chauſſee geweſen, ſo war ſte doch noch heim⸗ licher und angenehmer, als die Gaſſen dieſes Ortes; überdieß 300 Elftes Kapitel. fand ſich die Hauptſtraße durch einen umgeſtürzten Eſelskarren voll⸗ ſtändig verbarrikadirt, und nach einigem Ueberlegen entſchloß ſich der Mayoral, das Poſtgebäude auf einem Umwege durch enge Seitengaſſen zu erreichen. Dieſe Seitengaſſen aber waren eigent⸗ lich nichts mehr und nichts weniger als Düngergruben hinter den Häuſern, welche zuweilen mit kleinen, artigen Steinbrüchen ab⸗ wechſelten. Stückweiſe wurden wir fortgeſchleppt und lagen bald auf der einen, bald auf der andern Seite. Hier mußte auch end⸗ lich der Schutzgeiſt ermattet abgelaſſen haben; denn im Angeſichte des Poſthauſes, als wir eben wieder in die ſogenannte Haupt⸗ ſtraße einbiegen wollten, ſanken die beiden linken Räder unſerer Equipage in ein ſo unergründliches Loch, daß ſich der Wagen, übrigens ziemlich ſanft, gegen eines der Häuſer lehnte. Mir er⸗ ſchien es als das größte Wunder, daß die Lehmbarake nicht unter dem Stoße zuſammenbrach; da ich an dem linken Fenſter ſaß, ſo kam ich ſo nahe an eine der oben erwähnten Schießſcharten, daß ich einer erſchreckten alten und ſehr dicken Spanierin, welche dort ſtand und mit lautem Aufſchrei zurückfuhr, freundſchaftlich die Hand hätte ſchütteln können. Von einem vernünftigen Auf⸗ richten des Wagens war übrigens keine Rede; der Mayoral verließ ſich auf ſein Glück und die Maulthiere, wandte letztere rechts in die Straße und peitſchte nun unter Hülfe des Zagals ſo toll auf ſie hinein, bis ſie denn auch glücklich den Wagen von dem Hauſe wegriſſen, der nun begreiflicherweiſe nach rechts hin das Uebergewicht bekam und nach dieſer Seite uns vollſtändig in den Straßenſchmutz hinwarf. Zum Glück hatte Niemand Schaden genommen, und wir machten die paar Schritte bis nach dem Poſt⸗ und Gaſthofe, trotz allem erlittenen Ungemach, in beſter Laune zu Fuß.— In Alcira hatte man uns geſagt, die Poſt würde ſich in Albacete zwei Stunden aufhalten und dann ohne Weiteres nach Madrid gehen. Uns war es nach einer angeſtrengten Fahrt nicht unangenehm, hier in Albacete eine Zeit lang ausruhen zu können, ————— N˖—y ₰——— —— Ein Ritt durch die Mancha. 301 zumal, da das Gaſthaus— ich glaube, es war das einzige, wenig⸗ ſtens das beſte im Orte— nicht ungaſtlich ausſah. Es hatte wenigſtens ein paar ordentliche, vergitterte und verglaste Fenſter nach der Straße zu, und als wir den Thorweg hinter uns hatten, kamen wir in einen kleinen, viereckigen Hof, der gewiß im Som⸗ mer recht heimlich und angenehm war. An einem ſteinernen Brun⸗ nen in der Mitte ſchlang ſich eine dicke Weinrebe empor, die viel⸗ leicht zwanzig Fuß hoch vom Boden den Hof mit einem Netze von Zweigen überſpann; rings um dieſen letzteren herum liefen Gallerieen, von denen aus man in die verſchiedenen Zimmer kam. Leider aber war die Rebe gänzlich ohne Blätter, ja die ſtärkeren Aeſte waren zum Theil mit Schnee bedeckt, und ebenſo die Stein⸗ platten des Bodens ganz weiß,— in Spanien gewiß ein untröſt⸗ licher Anblick. Der Speiſeſaal ſchien ebenfalls für den Som⸗ mer berechnet zu ſein, denn es war in ihm weder Ofen noch Kamin, und um unſere erſtarrten Füße wieder einigermaßen zu er⸗ wärmen, ließen wir uns einen großen Braſſero unter den Tiſch ſchieben. Unſer Diner war recht ordentlich, nur verbitterte uns die Kellnerin das Deſſert durch die Nachricht, daß wir wahrſcheinlich nicht ſo bald von hier wegkommen würden. Die Wege von hier nach Ocanna und Madrid ſeien fürchterlich, ſagte ſie, der Boden uneben und ſogar gefroren, was die Verſpätung aller Poſten nach ſich zöge. Wir müßten hier auf die Kutſche von Madrid warten, welche nach Murcia weiter ginge und ebenfalls auf die von Murcia, welche hier durchkomme, um uns mit nach der ſpaniſchen Haupt⸗ ſtadt zu nehmen. Das waren unerfreuliche Nachrichten und zu gleicher Zeit erfuhren wir noch, daß wir unſere guten Plätze vielleicht verlieren würden, indem wir den Paſſagieren aus Mur⸗ cia nachſtehen müßten. Der Wagen aus dieſer Stadt, meinte die ungemein redſelige Spanierin, ſollte eigentlich um vier Uhr ein⸗ treffen, würde aber nicht vor Mitternacht da ſein.„Carramba!“ ſetzte ſie hinzu, wobei ſte die Arme in die Seite ſtemmte,„das 302 Elftes Kapitel. kann euch doch am Ende ganz einerlei ſein; hier in Albacete iſt man ſehr gut aufgehoben; wir haben vortreffliche Zimmer und ſehr gute Betten.“ Da es nun nicht in unſerer Macht lag, die Fahrt des Murcia⸗ ner Eilwagens zu beſchleunigen, ſo ergaben wir uns in unſer Schickſal, tranken nach Tiſch Jeder eine doppelte Portion heißer Chocolade, und da wir alle müde und ſchläfrig waren, auch es nicht möglich ſchien, ein hell loderndes Kaminfeuer zu unterhalten, ſo beſchloſſen wir, dem Rathe der Kellnerin zu folgen und ließen uns die vortrefflichen Zimmer mit den ſehr guten Betten zeigen. Die erſteren hatten keine Glasfenſter, ſondern nur hölzerne Fen⸗ ſterläden; die letzteren beſtanden aus ſchwankenden Schragen, die beim Aufſteigen bedenklich krachten und waren mit einer ſehr dün⸗ nen Wollenmatratze bedeckt. Dazu war der kalte Steinboden auch gerade nicht angenehm, weßhalb wir uns beeilten, unter unſere dicke, wärmende Manta zu kriechen, welche wir in Valencia ge⸗ kauft. Der Maler und ich hatten ein gemeinſchaftliches Zimmer, wir rauchten im Bette noch eine gute Puros(die Benennung der echten Havannah⸗Cigarren im Gegenſatze zu den Papier⸗Cigarren) und verſuchten es dann zu ſchlafen, was meinem Freunde alsbald gelang; mir dagegen war es eigentlich noch zu früh— es mochte ſechs Uhr Abends ſein—, und ich dachte an unſere vergangene Tour, an den morgenden Tag, an Madrid, an die Heimath. Neben meinem Bette befand ſich einer der oben erwähnten Fen⸗ ſterläden, der mir nicht feſt geſchloſſen zu ſein ſchien; ich verſuchte es, ihn zuzumachen, doch verſagte das ſchlechte Schloß den Dienſt, und er öffnete ſich ganz, wodurch ſich mir über die Gallerie hin⸗ weg eine Ausſicht auf den Hof mit der ſchneebedeckten Weinrebe bot. Der Mond mußte am Himmel ſein, denn der kleine Hof war ziemlich hell beleuchtet. Da die Nachtluft kalt hereindrang, ſo wollte ich meinen Laden wieder ſchließen, als ich von einem der Zimmer im Erdgeſchoß die Töne eines Klaviers hörte, der Guitarre Accorde und das leiſe Knattern von Caſtagnetten,— etwas e 25 8——— l /[— —,—————, 2/—,,——·——Qſ 2—=ͤ—,— Ein Ritt durch die Mancha. 303 ſpaniſches Leben, dachte ich mir. Wie hätte ich da ruhig ſchlafen können! Ich lauſchte,— ja es war eine wohlklingende Mädchen⸗ ſtimme, welche gleich darauf ſang: Qué calia, y cõmo cruje Ji baila jota 6 fandango! X qué brio en cada empuje! X qué gloria de remango Alza, ola! Vale un mundo mi manola. Es war das zum erſtenmale, daß ich einen ſchönen, echt ſpaniſchen Geſang vernahm, denn das Tremuliren, faſt Jodeln der Zagals oder Delanteros, das ich ſchon öfter gehört, hat wohl etwas Eigenthümliches, aber nichts Angenehmes für das Ohr. Ich beugte mich zu meinem Fenſter hinaus, um den Ort zu er⸗ kennen, woher der Geſang kam, und ſah drunten eine Thür ſich öffnen, aus welcher heller Lichter⸗ oder Feuerglanz, ſowie Muſik und Geſang herausdrang. Als ich noch ſo zuhörte, ſchlurften Tritte auf dem Gange, Jemand trat an die Brüſtung der Gallerie und ſchaute ebenfalls auf den Hof hinab. Es war Herr H., wel⸗ cher ſein Bett noch nicht aufgeſucht hatte; ich rief ihn an, und als er an mein Fenſter trat, ſagte er:„Es iſt eigentlich gut, daß Sie noch nicht ſchlafen; ich ſprach ſo eben unſern Mayoral, welcher mir verſicherte, der Eilwagen aus Murcia werde keinenfalls vor morgen früh acht, neun oder zehn Uhr kommen; da drunten ſch eint mir eine luſtige Geſellſchaft zu ſein, auch ein gutes Kaminfeuer; ich hätte wohl Luſt, mich noch ein wenig zu erwärmen.“ Natür⸗ lich war ich gleich dazu bereit, rief auch meinem Schlafkameraden zu, der übrigens ſein Bett mit einigem Widerſtreben verließ, denn er behauptete, er habe ſich prächtig erwärmt und ſchon ein ordent⸗ liches Stück geſchlafen. Unſer kleiner Baumeiſter war ebenfalls bald auf den Beinen, und ſo zogen wir denn den Töͤnen des Kla⸗ viers und der Guitarre nach; der Geſang war unterdeſſen ver⸗ ſtummt. Richtig! neben dem Speiſezimmer fanden wir eine recht 304 Elftes Kapitel. angenehme Geſellſchaft: der Wirth des Hauſes mit einigen ſeiner Freunde, der Tochter des Erſteren, ein junges und ſehr hübſches Mädchen mit ein paar nicht minder angenehmen Geſpielinnen und vor Allem ein mächtiges Feuer, das im erſten Augenblicke die meiſte Anziehungskraft auf uns ausübte. Die muſtkaliſche Abendunter⸗ haltung wurde übrigens durch unſeren Eintritt unterbrochen und nur auf vieles Bitten erhielten wir noch ein Lied, mußten uns aber dagegen entſchließen, auch von unſeren vaterländiſchen Ge⸗ ſängen etwas Preis zu geben; Herr H. ſpielte fertig einige Stücke auf dem Klavier, und ich hatte mein Mögliches geleiſtet, als ich ſang: Sah ein Knab ein Röslein ſtehn, und: Muß i denn, muß i denn zum Steädtele'naus. Den Text mußten wir den jungen Spanierinnen überſetzen; doch meinte eine von dem erſten Liede, der Knabe hätte ſich um⸗ ſonſt ſeine Finger zerſtechen müſſen, wenn Röslein ſich ordentlich gewehrt hätte. Da wir nun einmal im Zuge waren, ſo brauten wir einen Punſch, bei welchem die Ingredienzien gut, die Art der Bereitung aber ſehr mangelhaft war. Es wurde ein kleiner Keſſel über das Feuer gehängt, Waſſer, Rum, Citronenſaft und Zucker hineingethan und das Ganze gekocht. Ein älterer Mann, welcher am Feuer ſaß, erhielt die Aufſicht über den Trank und mußte mit einem Suppenlöffel die Gläſer vollgießen. Wir ſelbſt hatten Wichtigeres zu thun: Bänke und Stühle wurden nämlich auf die Seeiite gerückt, Herr H. ſpielte einen luſtigen Galopp, und in Kur⸗ zem war ein förmlicher Ball arrangirt, zu dem die Guitarre in den Händen des Wirths zuerſt leiſere, dann immer lautere Accorde lieferte, wozu die Caſtagnetten immer toller knackten und zu dem wir tanzten, ſo daß der alte Fußboden krachte und ſich der ſchnee⸗ bedeckte Weinſtock im Hofe, der zur offen ſtehenden Thüre herein ſchaute, aufs höchſte zu verwundern ſchien. Ich muß geſtehen, —O—C—⸗;Z—————n—-——— Ein Ritt durch die Mancha. 305 daß Punſch und Tanz bis nach elf Uhr dauerten; dann ſuchten wir abermals unſere Betten auf und ſchliefen nun ungeſtört, feſt und angenehm bis zum hellen Morgen. Ja, es war faſt zehn Uhr, als wir die zum Frühſtück unent⸗ behrliche Chocolade tranken, und noch keine Spur von dem Eil⸗ wagen aus Madrid und Murcia! Die Kellnerin meinte, wir könn⸗ ten ohne alle Gefahr auf drei Uhr unſer Mittageſſen beſtellen, es müſſe in der Gegend von Murcia ſehr viel Schnee gefallen ſein; und vielleicht, ſetzte ſie lachend hinzn, ſei der Wagen auch irgend⸗ wo umgeworfen worden, und wenn das wäre, ſo könnten wir wohl heute noch einmal die geſtrige Tanz⸗Partie wiederholen—, eine ſehr untröſtliche Ausſicht. Der Reiz, den der Gaſthof geſtern Abends für uns hatte durch das gute Kaminfeuer, durch Geſang und Tanz, war gänzlich verſchwunden; ja, ſogar der Weinſtock erſchien uns heute unendlich proſaiſch; der Himmel war klar, die Sonne erſchien über den Häuſern und der Schnee tropfte langſam von den Aeſten und von den Dächern herab. Der Gaſthof war ſehr kalt und öde, und erſt die Straßen und der Ort dazu! Der Maler und ich, wir machten einen Gang durch die Gaſſen an lauter Lehmhütten vorbei; nur eine einzige Straße war da mit ziemlich anſtändigen Häuſern, in denen ſich einige Läden befanden—, Magazine mit buntfarbigen Mantas, groben baumwollenen Hemden, rothen Kopftüchern, Binſen⸗San⸗ dalen, Tabak und Salz. Auf dem Marktplatze ſahen wir runde Strohſchirme, zeltförmig an Stangen befeſtigt, unter denen frie⸗ rende Obstweiber ſaßen, auf den Schnee hatten ſie ihre Körbe ge⸗ ſtellt, und die armen Südfrüchte, Orangen, Citronen und Granat⸗ äpfel, nahmen ſich in der ſchmutzigen und froſtigen Umgebung recht traurig aus. Uebrigens war der Marktplatz und auch die Straße trotz des für hier ſehr kalten Winterwetters ziemlich belebt. Der Spanier kann es zu Hauſe nun einmal nicht aushalten; wenn er Geld hat, geht er ins Café, und wenn nicht, ſo ſtellt er ſich mit ſeinen Bekannten auf die Straße, um zu plaudern. Zum Stand⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 20 306 Elftes Kapitel. orte wird aber jeder Sonnenſtrahl benutzt, und wo auf dem Markt⸗ platze von Albacete das helle und erwärmende Licht hindrang, da ſah man lange Reihen Einwohner bei einander ſtehen, und Weiber und Kinder an den Häuſern entlang zuſammenſitzen. Letztere ver⸗ banden hierbei das Angenehme mit dem Nützlichen, denn ſie lausten ſich nach der Lancaſter'ſchen Methode, wobei oft drei, vier mit ge⸗ ſpreizten Beinen hinter einander ſaßen. Die Männer dagegen, in den unentbehrlichen Mantel gewickelt, rauchten eine Papier⸗Cigarre um die andere. Bei unſerer Rückkunft in den Gaſthof trafen wir den jungen Redacteur in kurzem Mantel und Reitſtiefeln, der hier in Alba⸗ cete Geſchäfte hatte und uns geſtern bei der Ankunft verließ. Auch er hatte viel Unangenehmes über die Straße nach Madrid gehört und meinte, wenn es nicht gar ſo kalt wäre, ſo zöge er es vor, durch die Mancha zu reiten. Seine Worte fielen bei Horſchelt und mir als Samen auf ſehr fruchtbaren Boden. Wir hatten noch immer unſere fehlgeſchlagene Tour von Valencia nicht vergeſſen können und baten nun Herrn Heeren, der hier einen Geſchäftsfreund hatte, er möge ſich doch erkundigen, ob es nicht möglich ſei, von hier zu Pferde oder zu Maulthier nach Madrid zu gelangen. Da ihm ſelbſt die noch bevorſtehenden zwei, vielleicht auch unter Umſtänden drei Tage und Nächte nach Madrid auf ſo ſcheußlichen Wegen unangenehm genug vorkamen, ſo ging er mit dem jungen ſpa⸗ niſchen Schriftſteller, um ſich nach dem Wege durch die Mancha zu erkundigen. Bei Albacete vorbei führt die projectirte Eiſenbahn von Valencia nach Madrid, und ein kleines Stück von hier bis La Roda, vielleicht fünf Leguas— eine Legua iſt ſtark anderthalb deutſche Stunden—, ſollte nächſter Tage zur Probe befahren wer⸗ den. Herr Heeren, welcher große Lieferungen von Locomotiven und Wagen für die ſpaniſchen Eiſenbahnen beſorgt, kannte deßhalb mehrere der Beamten und Ingenieure, und er kam auch nach einer halben Stunde mit genügenden Nachrichten zurück. Man hatte — 10— 5—, — —+— 5 Ein Uitt durch die Mancha. 307 ihm eine vollſtändige Marſchroute aufgeſchrieben, von hier nach La Roda auf der großen Straße, und von dort über Villarro⸗ bledo, Campo critana nach Tembleque— von letzterem Orte ging die Eiſenbahn nach Madrid—, mit Angabe der Entfernung dieſer Ortſchaften und der Nachtquartiere. Der Ingenieur, der ihm dies beſorgt, hatte freundlicher Weiſe ſeine Viſitenkarte bei⸗ gefügt, auf welche hin wir bei Privatleuten in den verſchiedenen Dörfern gern ein Unterkommen finden würden. Die Fonda's ſeien durchweg außerordentlich ſchlecht. Das waren die Licht⸗ ſeiten des Berichtes. Die anderen, das Aber, lauteten, die Wege würden hier und da faſt grundlos ſein, auch die Kälte auf der weiten, baumloſen Ebene in der Mancha ſehr unange⸗ nehm, faſt unerträglich, und wenn wir einen guten Rath an⸗ nehmen wollten, ſo ſollen wir lieber einen Tag länger mit dem Eilwagen, vielleicht auf ſehr ſchlimmen Wegen, aber doch ſicherer gehen. Herr Heeren und unſer Baumeiſter waren nun durchaus nicht für die Reittour eingenommen, deßhalb mußten wir beide nachgeben, um ſo mehr, als im entſcheidenden Augenblicke einige Buben herbeiliefen und die Nachricht brachten, endlich laſſe ſich die Poſtkutſche ſehen. Es war die Madrider, die nach einer Viertel⸗ ſtunde mit gänzlich abgematteten Thieren vor das Haus kam; der Mayoral, erſchöpft und mißmuthig, ſprang fluchend von ſeinem Sitze, und Zagal und Delantero ließen ihre Köpfe noch tiefer hängen als ſelbſt die Maulthiere. Das war alſo der Wagen, der uns mit denſelben müden Thieren weiter befördern ſollte. Doch konnte er nicht eher ab⸗ fahren, als bis die Murcianer Kutſche angekommen war, und von der ſahen und hörten die ausgeſchickten Boten nicht eine Spur. Im Poſt⸗Bureau wurde ein großer Rath gehalten und endlich be⸗ ſchloſſen, den Madrider Wagen neu zu beſpannen und dem anderen entgegen zu ſchicken. Es war Mittags zwei Uhr geworden, und eine halbe Stunde ſpäter fuhr denn auch die eben angekommene 20* 308 Elftes Kapitel. Kutſche wieder davon, um nach ihrer Collegin zu ſehen; aber noch bei dem Hauſe paſſirte ſchon ein Unglück. Die Gaſſe war ſehr eng, der Mayoral nahm die Wendung etwas zu kurz und fuhr gegen eine der Lehmmauern, die ein Grundſtück umfaßten, ſo ſtark an, daß das morſche Mauerwerk unter dem Stoße zuſammenbrach und Räder und Achſen mit Steinen bedeckt wurden. Es dauerte eine Zeit lang, bis der Wagen wieder frei wurde und weiter konnte. Wie wir ſpäter erfuhren, mußte er, da die Hauptſtraße noch immer unprakticabel war, noch einige Kreuz⸗ und Querzüge durch den Flecken machen und hatte auch noch ſonſtige Unannehmlichkeiten zu beſtehen gehabt, ehe er ins Freie kam. Dafür aber trafen die beiden Eilwagen denn auch ſchon glücklicher Weiſe nach einer Stunde auf einander, und um vier Uhr kehrte der unſrige nach Albacete zurück, nahm ſeine Briefſchaften für Madrid, unſere und der anderen Reiſenden Koffer, und dann hieß es: Caballeros al coche. Unſer Eilwagen war ein anſehnliches Gebäude, befand ſich aber ſchon im vorgerückten Alter. Die Deichſel wackelte bedeutend und war ſtark geſchient, und die meiſten Kutſchenſchläge litten an einer gelinden Maulſperre. In dieſem Kaſten alſo ſollten wir vielleicht drei Tage und drei Nächte zubringen. Ich muß geſtehen, daß ich denſelben vor dem Einſteigen kopfſchüttelnd umging und mit einem wehmüthigen Blicke das Wort„Madrid“ auf der Hinter⸗ ſeite las. Ach! dachte ich, mit welcher Wonne willſt du dieſelben Buchſtaben auf der Alcala⸗Straße wieder leſen! Ich hatte eine trübe, unbeſtimmte Ahnung, mit dieſer Equipage, trotz bezahlten Fahrgeldes und trotzdem, daß wir nun endlich eingeſtiegen waren, niemals Madrid zu erreichen. Und, wahrlich! dieſe Ahnung hat mich nicht betrogen. Wir drei Reiſegefährten, der Baumeiſter, der Maler und ich, ſaßen vorn in der Berline(unſer deutſches Coupé)— ein Platz, der bei gutem Wetter ſehr viel Angenehmes bietet, hier in Spanien aber durch ſeine Ausſicht auf die ſchlechte Straße und das och ſehr uhr tark rach erte nte. mer den eiten die iner nach ſſere eros ſich tend nan wir ehen, und ter⸗ lben eine olten aren, hat und —ein er in das Ein Ritt durch die Mancha. 309 ewige Stolpern der Maulthiere in den tiefen Fahrgeleiſen nicht eben zur Beruhigung der Nerven beiträgt. Der Mayoral beſtieg finſteren Blickes ſeinen Sitz und entgegnete auf meine Frage nach dem Wege— ich muß geſtehen, daß ich die üble Gewohnheit hatte, viel zu viel danach zu fragen—, derſelbe ſei ſo ſchlecht wie möglich. So fuhren wir dahin, es war am Sylveſter⸗Abend, wo man ſich zu gleicher Zeit in der Heimat anſchickt, die letzten Stunden des Jahres ſo angenehm und kurzweilig wie nur immer möglich zu ver⸗ bringen, wo man öffentlich einen ſoliden Punſch zubereitet und heimlich ſeine Piſtolen ladet, um der Polizei an dieſem Feſtabende ebenfalls eine unverhoffte kleine Freude zu bereiten. Der Himmel war klar, dunkelblau, und die Sonne ging mit einer unendlichen Pracht unter; wie ein Nordlicht ſtrahlte der Himmel, als ſte ſchon eine Zeit lang verſchwunden war, noch immer in gewaltiger Gluth. Dabei war die Luft ſo rein, daß man die Geſtalt jedes Zweigleins an den entblätterten Pappeln und Ulmen und den Umriß ganz entfernter kleiner Häuſer aufs Deutlichſte ſah. Zu beiden Seiten ſchauten wir in eine weite flache Ebene hinein, und es war, als habe der eiſige Wind, der uns geſtern verlaſſen, hinter Albacete auf uns gewartet; denn kaum waren wir wieder im Freien ange⸗ langt, ſo blies er uns von der Seite an, ſauste durch die Wagen⸗ fenſter und jagte Mähnen und Schweife der Zugthiere auf die Seite. Der Mayoral hatte ſich fröſtelnd in ſeine Decke gewickelt, und der Delantero machte vorn auf ſeinem Pferde mit Händen und Füßen Bewegungen wie ein Hampelmann, wahrſcheinlich um ſich zu erwärmen. Der Zagal aber hatte den beſten Theil erwählt und wurde von uns allen beneidet: er trabte neben der Kutſche her und litt auf dieſe Art weniger von der Kälte. Die Chauſſee, auf der wir fuhren, lief gerade, war ſehr breit, mit Bäumen bepflanzt und urſprünglich mit Sachkenntniß angelegt, ſpäter aber gräulich vernachläſſigt worden. In den tiefen Koth, der ſie in den letzten Tagen bedeckt, hatten die ſchweren Karren und Eilwagen unergründliche Geleiſe geſchnitten, die nun 310 Elftes Kapitel. jetzt hart gefroren waren und ſehr gefährliche Gruben für die Räder und die armen Zugthiere darboten. Es war in der That peinlich anzuſehen, wie die letzteren von der hin⸗ und herfahrenden Deichſel bald nach rechts, bald nach links geriſſen wurden, aus⸗ glitten, ſtolperten, ſich mühſam wieder aufrafften oder auch zu⸗ weilen ganz niederſtürzten, wenn die Deichſel bei einer zu ſchnellen Bewegung einem dieſer armen Geſchöpfe alle vier Füße unter dem Leibe wegſchlug. Anfänglich ertrugen wir mit gutem Muthe dieſe unange⸗ nehme Fahrt; als aber die letzte Röthe vom Himmel verſchwunden war und dieſer nun wie dunkler Stahl glänzend mit ſeinen un⸗ zähligen Sternen über uns prangte, als wir durch Erzählung früherer Sylveſter⸗Abende uns gegenſeitig erweicht und gerührt, da vernahm man zuweilen zwiſchen dem Takte eines mühſam ge⸗ ſungenen luſtigen Liedes einen tief verſtohlenen Seufzer, und wir geſtanden uns gern, das Reiſen habe im Allgemeinen doch ſeine großen Unannehmlichkeiten. Glücklicher als wir beiden war unſer kleiner Baumeiſter, der von der Natur die Gabe empfangen, in jedem Eilwagen, auf jeder Straße, ſobald er ſich in ſeine Ecke gedrückt, augenblicklich einzuſchlafen. Noch war das erſte hatjé! natjé! des Zagal nicht verklungen, ſo gab er nur noch ſpärliche Antworten, und bald darauf ſchnarchte er regelmäßig wie das unſchuldigſte Kind in ſeinem Bette. Im Andenken an einen Ro⸗ man von Dickens, wo ein Junge vorkommt, ebenfalls ſo glück⸗ lich begabt, daß er alle Mühſeligkeiten dieſes Lebens verſchläft, nannten wir ihn wie dieſen Joe, und auf die Frage im Eil⸗ wagen: Was macht Joe? erfolgte immer die gleiche Antwort: Der Joe ſchläft. So auch heute wieder; er hörte nicht, wie ſechs Murcianer im Innern des Wagens allerlei ihrer vaterländiſchen Lieder in die Nacht hinausbrüllten und wie der Mayoral mit Peitſchenknallen und unaufhörlichen Scheltworten zwiſchen die armen Maulthiere hinein fuhr; er ſah nicht, wie unſer Roſſelenker endlich abſtieg, um ſich gehend zu erwärmen, wie es vorn der Ein Ritt durch die Mancha. 311 Delantero eben ſo machte und wie nun der Wagen ohne Leitung in ſtockdunkler Nacht— denn unſere einzige Laterne war nicht der Rede werth— auf der Chauſſee dahin wankte und ſtolperte. Horſchelt und ich aber ſahen all dieſes im hartnäckigſten Wachen um ſo deut⸗ licher und wurden immer verdrießlicher, immer unangenehmer immer mit uns ſelbſt unzufriedener. Wenn das ſo fortgeht, ſeufzte ich, ſo kommen wir in acht Tagen nicht nach Madrid!— Vor⸗ ausgeſetzt, entgegnete der lange Maler, daß wir nicht in einem Graben den Hals brechen; namentlich wäre hier die ſchönſte Ge⸗ legenheit dazu; denn wenn ich ſcharf in die Nacht hinausluge, ſo bemerke ich, daß wir keine Hand breit vom Chauſſeegraben entfernt ſind.— Du?— Was?— Dieſes Fahren in Spanien iſt unter aller Beſchreibung.— Na, du wirſt's doch noch ärger beſchreiben, als es wirklich iſt.— Aber iſt es nicht fürchterlich?— Nieder⸗ trächtig,——— Du?— Was?— Drei Tage und drei Nächte, nicht wahr, das ſchmeckt dir?— Ein Eſel wäre mir lieber, als die Kutſche.— Und mir erſt!— Ich Hätte mir aus dem Froſt und der Mancha nichts gemacht.— Und aus den ſchlechten Nacht⸗ quartieren.— Meinſt du nicht vielleicht, wir ſollten noch... Aufrichtig geſagt, mir wäre es das Liebſte, denn ich fühle mich nervös, wie nie, in dieſer ſcheußlichen Maſchine.— Es liegt ja in unſerer Macht, ich habe die Reiſeroute des Herrn H. in der Taſche. Was meinſt du? Riskiren wir es in Gottes Namen. Die zweite Station iſt La Roda, von wo wir die Chauſſee ver⸗ laſſen müßten. Dort bleiben wir; ich habe überhaupt fürchterliches Kopfweh. Was meinſt du dazu?— Mir iſt es recht.— Alſo abgemacht!— Und Joe?— Ach! der ſchläft. Der hat's gut!— Ja, er hat's gut! ſeufzten wir darauf beide und verſanken nach dieſem Zwiegeſpräch in Stillſchweigen, um nochmals über den gefaßten Entſchluß nachzudenken. In Gineta wechſelten wir die Thiere, und ich ſprach einleitend mit Herrn H., ſagte ihm von meinem unausſtehlichen Kopfweh und ließ durchblicken, daß, wenn daſſelbe ſich nicht beſſere, ich in 312 Elftes Kapitel. er La Roda bleiben und dann ſehen müſſe, wie ich ſpäter weiter käme. Ich muß nun geſtehen, daß er mir ſehr davon abrieth, ſchlechte Wege, Hunger, Froſt, ja ſogar Räuber zu Hülffe rief, und vielleicht auch unſeren Entſchluß wankend gemacht hätte, wenn der Weg von hier nach La Roda nicht noch ſchlechter geweſen wäre, als der auf der erſten Station. So aber erreichten wir daſſelbe ſo mißmuthig, ſo abgeſpannt, ſo gänzlich geſättigt von dem ſpani⸗ ſchen Eilwagenfahren, daß Horſchelt und ich unſeren beiden Reiſege⸗ fährten feſt erklärten, wir blieben unter jeder Bedingung hier. Viel Zeit, uns zu überreden, hatten die Anderen glücklicher Weiſe nicht. Der Baumeiſter wollte unſer Gepäck mit nach Madrid nehmen, Herr H. half uns mit einigen Geldern aus, ermittelte uns im Poſtſtall einen Delantero, der uns in das vom Ingenieur bezeichnete Haus führen wollte, und ſchrieb mir in meine Brief⸗ taſche im beſten Spaniſch eine freundliche Bitte an die Poſten der Guardias eiviles, um ihren Schutz; ja, Beide liefen noch mit uns an das bezeichnete Haus, mußten uns aber augenblicklich wieder verlaſſen, da der Mayoral in der Entfernung unter unzähligen ſchlimmen Redensarten nach ſeinen Paſſagieren ſchrie. Wir nah⸗ men ziemlich ernſthaft Abſchied von einander, ja ſogar wehmüthig, und Herr H. verſicherte mir ſpäter, er habe in der That nicht ge⸗ dacht, daß das Ding gut ablaufen werde. So ſtanden wir denn in einem gänzlich fremden Orte, mitten in der Nacht, vor einer fremden Thür, ohne Kenntniß der Landes⸗ ſprache, und als nun in der Ferne der Eilwagen mit unſeren Freun⸗ den unter Peitſchenknall und lautem Geſchrei davon rollte, über⸗ ſchlich mich ein eigenes Gefühl. La Roda war unendlich ſtill, kein Licht ſchimmerte, kein menſchliches Weſen ließ ſich ſehen; ich verglich es in Gedanken mit unſeren Städten in Deutſchland um dieſe Stunde, und ſagte meinem Freunde, es ſei eigenthümlich, daß hier die Neujahrsnacht ſo ſtill verbracht werde— kein Schießen, kein Lär⸗ men—, eine Aeußerung, die mir aber der ſonſt ſo geduldige lange Maler im gegenwärtigen Augenblicke höchſt übel nahm; denn er Ein Ritt durch die Mancha. 313 ſagte, er begriffe nicht, wie man in unſerer Lage noch an Schießen und Spektakel denken könne; ich ſolle ihm lieber helfen, an die Thür zu klopfen, damit uns endlich Jemand aufmache. Lange Zeit blieb unſer immer ſtärker werdendes Gepolter am Eingange des Hauſes unbeantwortet; endlich erleuchtete ſich ein Fenſter, ein Kopf wurde hinter dem Gitter ſichtbar, und ſo viel wir begriffen, fragte eine Stimme, was wir in der ſpäten Nacht wollten. Hierauf gründlich zu antworten, war für uns ſehr ſchwer, ich ſagte deßhalb: Estranjeros quieren pasar la noche aqui, und reichte zu gleicher Zeit die Karte des Ingenieurs— Felix de Bona iſt der Name dieſes Wohlthäters— zum Fenſter hinein. Sie war für uns ein Talisman, denn alsbald erwiederte die Stimme mit dem freundlichſten Tone, man werde uns augen⸗ blicklich öffnen, was auch ſogleich geſchah. Es war eine alte Frau, mit der wir durch das Gitter geſprochen, und die uns, nothdürftig angezogen, im Hausflur empfing und nach dem Wohnzimmer des Hauſes geleitete, das in den meiſten kleinen ſpaniſchen Häuſern Küche und Salon zu gleicher Zeit iſt. Ein großer Kamin ragt weit in dieſen Raum hinein, die Heerdplatte iſt dicht am Boden, und rechts und links um dieſelbe ſtehen Stühle, auch bei wohl⸗ habenden Leuten, wie unſere Wirthsleute zu ſein ſchienen, ein Sopha. Der Hausherr ſelbſt, Don Joſe, der Mann jener alten Frau, war über Land; gleich darauf aber erſchien der Sohn uns aufs herzlichſte bewillkommnend. Die Frau kehrte den Platz auf dem Heerde rein, brachte einen großen Haufen Reiſig herbei, zündete es an und machte ſo ein hohes flackerndes Feuer, was uns ausnehmend wohl that. Der junge Mann erkundigte ſich freundlichſt, ob wir etwas zu Nacht zu ſpeiſen wünſchten; da es aber nahe um Mitternacht war, ſo baten wir nur um Chocolade und Picatoſtes(in Oel geröſtetes Brod), welches auch alsbald für uns zubereitet wurde. Dabei waren die Leute von einer wahr⸗ haft rührenden Herzlichkeit, und wir hätten gewiß eine ſchöne 314 Elftes Kapitel. Unterhaltung mit ihnen geführt, wenn wir nur nicht ſo wenig vom Spaniſchen gewußt hätten; nur was ſich auf Eſſen und Trinken bezog, brachten wir halbverſtändlich heraus, im Uebrigen aber behalfen wir uns mit Italieniſch und ſehr ſinnreichen Pan⸗ tomimen, in denen wir es jedoch ſchon im Laufe der nächſten Tage zu einer ſolchen Fertigkeit brachten, daß wir, nicht ohne die Bei⸗ hülfe eines franzöſtſch⸗ſpaniſchen Vocabulaire, über Mineralogie, Geographie und über den Türken⸗ und Ruſſenkrieg eifrige Unter⸗ haltungen pflogen. Als unſere Chocolade fertig war, zog ich meine Uhr hervor und ſah, daß es Mitternacht war, alſo jener Zeitpunkt, wo das alte Jahr Abſchied nimmt und das neue ſein Regiment antritt. Für uns war dieſer Wechſel dieſes Mal vielleicht bedeutungsvoller, als der mancher früherer Jahre. Nicht nur, daß wir eine weite und vielleicht auch gefährliche Reiſe vor uns hatten, ſondern wir waren auch in der heutigen Nacht vom geraden und breitgetre⸗ tenen Pfade abgewichen, um uns auf eigene Fauſt und mühſam auf ſchlechten Wegen dem erſehnten Ziele zu nähern; und wie wir ſo, nicht unbehaglich, am Kaminfeuer ſaßen, waren wir erfreut über unſeren Schritt und gratulirten uns, dem maulthierlenkenden Mayoral mit ſeinem ſtoßenden Wagen entronnen und gewiſſer Maßen wieder die eigenen Lenker unſeres Schickſals geworden zu ſein; in dieſem Augenblicke ſchlugen auch draußen die Glocken die Mitternachtsſtunde, und mit ſpaniſcher Chocolade tranken wir auf das Wohl unſerer Lieben, ſo wie der Freunde zu Hauſe, und ich vergaß dabei nicht, einer theuren Genoſſenſchaft in der Heimath ein fröhliches„Glück auf!“ zuzurufen. Da wir den andern Morgen ſo früh wie möglich La Roda verlaſſen wollten, ſo erholten wir uns bei unſeren Wirthen Rathes, ob wohl in dem Städtchen Reitthiere zu bekommen ſeien. Doch meinte der Sohn, es werde auf morgen früh ſchwer halten, er hielt es überhaupt für beſſer, wenn wir zur Reiſe nach unſerem nächſten Nachtquartier Villarrobledo uns eines einſpännigen Ein Ritt durch die Mancha. 315 Karrens bedienen würden; das ſei eine charmante Fahrgelegen⸗ heit, man könne ſich auf Stroh legen, mit der Manta warm zu⸗ decken, und er ſei verſichert, wir würden nach angeſtelltem Verſuche dieſe Art, zu reiſen, dem Reiten bei Weitem vorziehen. Obgleich es nun nicht in unſerer Abſicht gelegen, wie eine Waare über Land gekarrt zu werden, ſo war doch weiter nichts zu thun, und Horſchelt, der zwei Worte mehr zu wiſſen glaubte als ich, ſchaffte alſo auf morgen früh um acht Uhr den bewußten Karren an. Darauf wurden wir in unſer Schlafzimmer geführt, ein Gemach mit zwei ziemlich guten Betten, einem großen Zeichnen⸗ tiſche— es war nämlich das Quartier des abweſenden Stations⸗ ingenieurs—, Büchern, großen Karten und Meßapparaten; auch eine Unzahl von Schaufeln und Hauen ſtanden und lagen hier und dort herum. Wir erfreuten uns eines vortrefflichen Schlafes und konnten erſt des anderen Morgens um ſieben Uhr durch mehrmaliges Klopfen erweckt werden. Für das Frühſtück hatte die Frau beſſer geſorgt als für das geſtrige Souper; es war faſt zu viel für dieſe frühe Stunde; doch da uns Don Joſes Sohn verſicherte, wir würden den ganzen Tag nichts zu eſſen bekommen, ſo ſprachen wir den gebackenen Ciern, den geröſteten Schinkenſchnitten, den gebra⸗ tenen Schweinscotelettes und nachher noch der Chocolade mit Picatoſtes tapfer zu. 4 Wenn auch ſo ein ſpaniſches Privathaus recht gut einge⸗ richtet iſt, Küche und Keller in der Ordnung ſind, es auch gute Betten hat und dergleichen, ſo iſt dagegen in den meiſten Fällen für ein anderes, ſehr unentbehrliches Bedürfniß ſchlecht oder viel⸗ mehr gar nicht geſorgt. Man iſt gezwungen, ſich den Hof und die Hintergebäude zu betrachten, und findet dort oft Hausthiere, welche den Eindringling unfreundlich anſehen. So hatten wir beide am heutigen Morgen einen hartnäckigen Kampf zu beſtehen mit einem ſchwarzen Bock und einem großen Truthan, welche eine Entwei⸗ 316 Elftes Kapitel. hung ihres Territoriums nicht dulden wollten und außerordent⸗ lich zudringlich waren. Die Zeche war für Spanien mäßig, wir bezahlten Jeder etwas über zwei Gulden, und unſer junger Wirth ſchrieb uns noch für das nächſte Nachtquartier eine eigenhändige Empfehlung auf unſere Marſchroute hin. Dieſe lautete an einen Saſtre (Schneider), welcher aber trotzdem den ſtolzen Namen Don Alonſo führte. Punkt acht Uhr war der Karren da, eine ſehr einfache Ma⸗ ſchine; er hatte zwei Räder mit einem Untergeſtell, zwei kurze Leitern bildeten die Seitenwände, und einige Reifen, welche oben übergeſpannt waren, trugen eine leichte Strohmatte, die zum Schutze gegen Sonne und Regen diente. Unſere Nachtſäcke wur⸗ den zum Sitzen benutzt und vor ſte hin ein Strohbund vertheilt. In die Gabel des Karrens ward ein kräftiges Maulthier geſpannt, das unſer Kutſcher und Führer an einer Strickhalfter hielt. Dieſer Kutſcher war ein gedrungener Kerl, ziemlich mangelhaft bekleidet, namentlich hatten ſeine Hoſen eine entſchiedene Neigung abwärts zu ſinken, weßhalb ſeine linke Hand faſt immer damit beſchäftigt war, ſte in der Höhe zu erhalten. Er trug eine geflickte Jacke, einen breitkrämpigen, zugeſpitzten Hut, hatte aber den unten ganz zerfetzten Mantel mit vielem Anſtand um Schulter und Hals geſchlungen. Es verurſachte uns einige Mühe in den Karren hinein zu kriechen, denn die Räder waren hoch und von einem Tritt keine Spur. Unſer eben beſchriebener Führer war der Knecht des Fuhr⸗ werkbeſitzers, dieſer ſelbſt war indeß auch mitgekommen, um ſein Geld in Empfang zu nehmen. Don Joſes Sohn aber nahm uns bei Seite und erſuchte uns, ihm den Betrag auszubezahlen, den er dem Anderen ſogleich einhändigen werde, ſobald der Knecht mit einem Zettel zurückgekehrt ſei, auf welchem wir ihm ſeine gute Aufführung bezeugt.—„Machen Sie es künftig auch ſo,“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Augenzwinkern;„man kann nicht Ein Ritt durch die Mancha. 317 [ aller Welt trauen, und laſſen Sie unterwegs nirgendwo viel Geld ſehen.“ Darauf reichten wir ihm nochmals vom Karren herab die Hände und humpelten unter ziemlich unſanften Stößen über den hartgefrorenen Boden durch La Roda hinaus ins Freie. Ich kann nun gerade nicht behaupten, daß unſer Sitz ſehr angenehm geweſen wäre; wir hatten keinen Rückhalt, und daß wir die Beine und Füße gerade vor uns ausſtrecken mußten, war ſehr ermüdend. Eine ruſſiſche Teleka iſt ein viel angenehmeres Fahrzeug; ſogar ein türkiſcher Karren, den ich einſt in Rumelien benutzt, war mit mehr Comfort gebaut, als dieſes ſpaniſche Land⸗ fuhrwerk. Schon nach der nächſten Viertelſtunde verließen wir unſeren Sitz und legten uns der Länge nach in den Karren hin. Das ging ſchon beſſer, doch ſahen wir ſo nichts weiter vor uns, als das Hintertheil des Maulthieres, deſſen Schweif ſehr abge⸗ ſchunden war, was wohl daher kam, weil man es beſtändig ganz feſt nach hinten in die Deichſelbäume geſpannt hatte, und zwar ſo ſehr rückwärts, daß es ſeine natürlichen Bedürfniſſe auf unſere Füße zu verrichten pflegte, was gerade nicht die Annehmlichkeit unſeres Fortkommens erhöhte. Der Himmel war herrlich klar, aber der ſcharfe Wind von geſtern und vorgeſtern ſtellte ſich auch heute wieder ein, uns in dem offenen Fahrzeuge mehr noch durchkältend. Die Gegend war unendlich flach und öde, weit und breit weder Baum noch Strauch, das Terrain hügelig, in röthlicher Färbung, nur hie und da mit einem dünnen Streifen von magerem Graſe ſchattirt. Unſer Pfad, ein ziemlich ausgefahrener Hohlweg, zog in einer ewigen Schlan⸗ genlinie weit, weithin ſichtbar Hügel auf und Hügel ab. Nachdem wir eine Stunde im kurzen Paß unſeres Maul⸗ thiers dahin gerollt waren, voltigirte unſer Führer, der bisher nebenbei getrabt, auf den linken Baum der Gabel, wobei er uns freundlich zuwinkte, als wolle er ſagen, es gehe ganz vortrefflich vorwärts. Der Burſche hatte ein gutmüthiges, röthliches Geſicht, nur lachte er beſtändig, und, wie mir ſchien, ohne alle Veranlaſſung. 318 Elftes Kapitel. Schon anfänglich hatte ich bemerkt, daß unſer Maulthier beſtändig auf die rechte Seite drückte und unſer Kutſcher an dem linken Strick der Halfter zerrte, um es wieder auf den richtigen Weg zurückzubringen. Dieß mußte er nun ſpäter verſäumt haben, oder der Himmel weiß, was ſonſt Schuld war, genug, das Thier kletterte mit einem Male rechts an der hier nicht gerade ſehr ſteilen Böſchung in die Höhe, und als der Kutſcher es wieder abwärts wenden wollte, nahm er die Drehung zu kurz, und einen Augenblick nachher ſchlug der Karren mit uns um in den Hohl⸗ weg hinein, und wir rollten, ohne uns übrigens wehe zu thun, auf die Reifen der Decke; Nachtſäcke, Stroh und Decke fielen über uns, und es dauerte eine Weile, bis wir zur Rückwand hin⸗ ausgekrochen waren. Das Maulthier, welches durch ſeinen Eigen⸗ ſinn dieſes Unheil verſchuldet, lag ruhig am Boden. Unſer Erſtes war, daſſelbe von ſeinem Geſchirr zu befreien und aus der Gabel hervorzuziehen; der Führer kratzte ſich verlegen am Kopfe und ſchien wahrſcheinlich Schlimmes zu erwarten. Wir ſpendeten ihm auch ein paar Carajos, gaben uns aber gleich darauf mit ver⸗ einten Kräften an die Arbeit, den ziemlich ſchweren Karren auf⸗ zurichten, was uns auch nach großer Mühe gelang. Das war ein ſchlechter Anfang für unſere Landtour, und wir waren am unangenehmſten überraſcht von der Entdeckung, daß es einem Karren überhaupt möglich ſei, umzuwerfen; wir hatten dieß viel eher bei den hoch aufgepackten und ſchweren Eil⸗ wagen für möglich gehalten. Unſer Vertrauen auf die neue Fahrart war gänzlich dahin, und da wir nebenbei der unbarm⸗ herzigen Stöße ſatt waren, auch durch und durch gefroren, ſo be⸗ ſchloſſen wir, zu Fuß zu gehen. Das Maulthier, wieder eingeſpannt und ſehr erleichtert, ſprang nun in ſchnellerer Gangart vor uns her, und wir folgten in kurzem Trabe. Es hatte das aber auch ſeine Beſchwerden, denn oft ſtieg das Terrain anhaltend, was namentlich für mich ziemlich ermüdend war. Der Maler mit ſeiner dürren Geſtalt und ſeinen langen Beinen kam ſchon beſſer fort 12 ²1d 2———— ee —+½₰&eͤ——— Ein Ritt durch die Kancha. 319 und wollte ſich über meine Weichlichkeit zu Tode lachen, als ich mich endlich an den Karren feſthängte und ſo mit fortſchleppen ließ. Wir boten übrigens auf der weiten, unendlichen Fläche eine Gruppe, die des Aufzeichnens in der That werth geweſen wäre. Vorn der Kutſcher, freundlich grinſend, dann Maulthier und Karren, ich mit den Händen hinten an feſtgeklammert, und Horſchelt nebenher laufend, in ſeine Bettlermanta gewickelt. Er hatte ſich nämlich eine von grauem Zeuge gekauft, wie ſie die Maulthier⸗ treiber zu tragen pflegen; denn er behauptete, eine ſolche ſei viel ſchöner und maleriſcher. Dazu der ſcharfe Wind, hier und da tiefer, weicher Boden— es war wirklich eine Vergnügungstour, wie ich lange keine erlebt. Nebenbei hatten wir die Ausſicht, ſo den ganzen Tag bis zur ſinkenden Nacht fortziehen zu können, denn wir mußten ſieben Leguas bis Villarrobledo machen. Nach einer halben Stunde ſchon hatte ich des unſinnigen Trabens genug; ich ließ das Maulthier einen kurzen Schritt gehen; denn warum ſollte ich mich abplagen, um vielleicht eine Stunde früher das Nachtquartier zu erreichen? Wir zündeten eine Cigarre an und dachten an die beiden Freunde und Reiſege⸗ gefährten, die auf unſerer rechten Seite in den weichen Sitzen des Eilwagens vor dem Winde geſchützt, vielleicht vortrefflich frühſtückend, gegen Madrid rollten. Ja, wir waren boshaft genug, ihnen ebenfalls ein kleines Ungemach zu wünſchen, einen holpe⸗ rigen Weg oder dergleichen, eine langſame Fahrt, nur ſollten ſie gerade keinen Schaden nehmen. Unter ſolchen angenehmen Geſprächen zogen wir nun vor dem Karren durch die Mancha dahin. Rechts hatten wir Campo de Montiel, den claſſiſchen Boden Don Quixotes und ſeines Stallmeiſters. Wollte Cervantes, als er ſeinen Roman in dieſe öde und einförmige Gegend verlegte, der Phantaſie ſeines Helden den größtmöglichen und weiteſten Spielraum laſſen, ſie mit ſeinen Gebilden zu bevölkern, oder wählte er dieſe menſchen⸗ leere Gegend, um es glaubwürdig zu machen, daß der ſinnreiche —— 320 Elftes Kapitel. Edle ſein Weſen ſo lange treiben konnte, ohne als Wahnſinniger eingefangen zu werden? Ich glaube das Erſtere; denn mit einer etwas erregbaren Einbildungskraft hier durch dieſe gewaltige Fläche ziehend, iſt man wohl im Stande auf ſeltſame Gedanken zu verfallen und, wenn man den Kern einer ähnlichen Narrheit in ſich trägt, ſo weit zu kommen, daß man ſeinen eigenen Schatten für einen Angreifer, Windmühlen für Rieſen hält. La Roda war längſt unſeren Blicken entſchwunden und ringsumher, ſo weit man ſehen konnte, kein Dorf, kein Haus, keine Spur einer menſchlichen Wohnſtätte. Wellenförmig breitete ſich das Terrain nach allen Richtungen aus, aber ohne daß der Hori⸗ zont durch eine erhabene Bergkette begränzt worden wäre. Der Fär⸗ bung nach ſchien übrigens vor uns etwas dergleichen zu ſein, denn dort verwandelte ſich das gelbliche Roth der Haide in Grau, ſpäter in Violet; aber es war nur ein flacher Streifen ohne die ausgeſprochene Form eines Gebirges. Vielleicht war dort eine Waldung, und das hätte uns in der langweiligen Oede, in der wir nun ſchon mehrere Stunden fortgingen, einige Abwechslung gewährt. Aber unſer Führer meinte, es ſei hier weit herum kein Wald, es ginge immer nur in gleicher Art fort, Hügel auf und Hügel ab nach Villarrobledo, Tembleque bis Madrid, immer gleich, immer gleich. Auch begegneten wir bei unſerem Marſche Niemanden; es ſchien uns, daß es hier in Spanien nicht Sitte ſei, viel über Land zu reiſen; ja, unſer Mann erklärte uns, er ſei erſt einmal in Villarrobledo geweſen, und das wäre ſeine längſte Reiſe. Was wir ſchon in Catalonien bemerkt, fanden wir hier in Caſtilien, nur nicht in dem ausgedehnten Maßſtabe wie dort: auch hier kamen wir zuweilen an bearbeiteten Feldern vorbei, ohne daß wir die Wohnungen entdeckt hätten, wo ſich die Menſchen auf⸗ hielten, welche dieſes Feld bebauen. Endlich ſorgte der Himmel für einige Abwechslung; es zogen Wolken auf, deren Schatten die ſtille Fläche in etwas beleb⸗ ten, und es gewährte uns Unterhaltung, wenn wir den lang⸗ Ein Ritt durch die Mancha. 321 er geſtreckten Flecken zuſahen, die von weither auf dem hellen Grunde er wie dunkle Schaaren bald langſam, bald geſchwind näher zogen. ge Zum Fahren hatten wir beide keine Luſt mehr, und ſo zogen en wir rüſtigen Schrittes dahin, bis wir gegen zwei Uhr endlich it einige Wohnungen vor uns entdeckten. Bei denſelben hatten wir en etwas über die Hälfte des Weges gemacht. Es waren elende Hütten, die da bei einander lagen, von Lehm aufgeführt; nur ein d paar hatten Fenſter, bei den übrigen wurden Licht und Luft zur 8, Haus⸗ und Zimmerthür hereingelaſſen. Es war nicht daran zu te V denken, hier etwas Eßbares zu erhalten; doch ſuchten wir nur ein i⸗ V Obdach, um wenigſtens eine Weile vor dem immer toller wer⸗ ⸗ denden Winde geſchützt ausruhen zu können. Indeß ließen wir n vor mehreren Hausthüren vergeblich unſer Hoje erſchallen; ent⸗ u, weder war niemand zu Hauſe, oder die Baracken waren überhaupt ie verlaſſen. Letzteres ſchien mir am glaubwürdigſten; denn hier und re da waren die Mauern halb zuſammengeſtürzt, der Kamin her⸗ er untergeweht, und große Spalten im Dache ließen allerlei Vögel g aus und ein ſpazieren. Bei einer alten Frau fanden wir endlich n ein Unterkommen, aber nur ein Unterkommen im einfachſten d Sinne des Wortes. Wir mußten uns auf einen Herdſtein nieder⸗ r V ſetzen; das einzige Waſſergefäß hatte der Mann mit aufs Feld e genommen, und Brod, ſagte die Frau, bekäme ſie erſt heute Abend te wieder. Leichtſinniger Weiſe hatten wir es verſäumt, uns etwas ei V Mundvorrath mitzunehmen. Der Maler meinte, es ſei eine Art te Verweichlichung, wenn man ſich mit ſo vielem Eßbaren vorſehe, n bei einer Tour übers Land nehme man fürlieb mit dem, was h man gerade finde. Er habe das im bairiſchen Gebirge immer ſo ß gehalten. Der Unglückliche! das baieriſche Gebirge mit der Mancha ⸗ zu vergleichen! Dort fand er wenigſtens auf jeder Alm etwas Genießbares, einen Kübel Milch und ein Stück Brod, die Senne⸗ 8 rin gar nicht mitgerechnet, hier aber— nun, er mußte mit mir ⸗ dafür leiden, und vielleicht mehr als ich; denn ich konnte es am Ende ſchon ein paar Tage länger ohne gute Mahlzeit aushalten. Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 21 322 Elftes Kapitel. Da ich nun meinen Don Quirote ziemlich im Kopfe habe und ihn tröſten wollte, ſo gut wie möglich, ſo ſagte ich ihm aus der Rede des ſinnreichen Edlen, was derſelbe bei ähnlicher Veran⸗ laſſung ſeinem getreuen Stallmeiſter Sancho Panſa zum Beſten gab:„Erfahre alſo, Sancho, daß die Ehre der irrenden Ritter darin beſteht, in einem Monate nicht zu eſſen, und ſelbſt wenn ſie eſſen, das, was ihnen in die Hände fällt. Du würdeſt auch davon verſtchert ſein, wenn du ſo viele Hiſtorien wie ich geleſen hätteſt; denn trotz der großen Menge habe ich nicht in einer einzigen er⸗ wähnt gefunden, daß die irrenden Ritter gegeſſen hätten, wenn es ſich nicht etwa traf, daß man ihnen ein prächtiges Banket anrichtete; ſonſt begnügten ſie ſich an den übrigen Tagen mit Entbehrung. Wenn ich nun freilich wohl einſehe, daß ſie nicht ohne Eſſen ſo wie die übrigen natürlichen Bedürfniſſe leben konnten, denn ſie waren eben ſolche Menſchen, wie wir es ſind, ſo verſteht es ſich doch auch von ſelbſt, daß ſie die meiſte Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, und zwar ohne einen Koch, zubrachten, daß ſte ſich an Entbehrungen gewöhnen mußten, um ſelbſt ohne die allergewöhnlichſten Speiſen geraume Zeit beſtehen zu können.“ Nachdem wir jene ungaſtlichen Häuſer verlaſſen, erreichten wir in kurzer Zeit den dunklen Streifen, den wir von Weitem geſehen und den ich für einen Wald gehalten hatte. Es war aber nichts als eine Haide, mit mannshohen Burbaumſträuchern be⸗ wachſen, die ziemlich dicht ſtanden, natürlicherweiſe auch in dieſer Jahreszeit belaubt waren, für uns aber die Unannehmlichkeit hatten, daß ſie den Boden feucht und ſchlammig erhielten, weil Sonne und Wind nicht auf den Weg dringen konnten. Bis hieher hatten wir doch wenigſtens einen erkennbaren Pfad gehabt, durch dieſe Sträucher aber führten beſtändig ein Dutzend Wege durch einander in den eigenſinnigſten Windungen, bald rechts, bald links ein Gebüſch, einen Hügel umgehend, was außerordendlich ermü⸗ dend war. — ——————·— Ein Ritt durch die Mancha. 323 Seit unſerem Abenteuer von heute Morgen hatten wir den Karren nur auf Augenblicke beſtiegen, um zuweilen ein wenig auszuruhen; hier aber in dem ſchwarzen feuchten Moorgrunde brachte ihn das Maulthier kaum unbeladen und dann auch nur ſehr langſam von der Stelle. Es wäre dieß übrigens ein präch⸗ tiges Terrain geweſen, um ein paar arme Reiſende auszurauben, und ein einziger Kerl wäre damit zu Stande gekommen; er hätte nur auf Schußweite hinter einem Strauche her uns unter An⸗ ſchlagung ſeines Gewehrs zu erſuchen gehabt, uns gefälligſt mit dem Geſicht auf die Erde zu legen. Ich bin überzeugt, unſer Führer wäre gleich niedergeſtürzt, und uns, in der Ungewißheit, mit wie Vielen man es denn eigentlich zu thun habe, auch wohl nichts Anderes übrig geblieben. Wir unterhielten uns über der⸗ gleichen Gegenſtände, ſo wie auch über andere, rauchten eine Cigarre um die andere und erreichten endlich, lange aufwärts ſteigend, eine Art Hochebene, wo die Burbaumgeſträuche lichter wurden und uns eine weitere Ausſicht geſtatteten. Die Ebene dehnte ſich immer noch in gleicher Einöde und Langweiligkeit rings um uns aus; nur gerade vor uns war eine kaum merkliche Erhöhung, und auf derſelben erkannten Horſchelts V ſcharfe Augen Windmühlen.—„Villarrobledo!“ rief zu gleicher Zeit unſer Führer.— Ach! unſer Nachtquartier! Der Anblick ſtärkte uns wunderbar; auch das Maulthier fand hier wieder einen beſſeren Weg, und ſo zogen wir mit beſchleunigten Schrit⸗ ten dahin. Es war ungefähr drei Uhr Nachmittags.—„Wie viele Stunden werden wir noch bis an das Dorf haben?“ fragte ich den Maler.—„Ich ſchätze,“ meinte er,„daß wir um fünf Uhr dort ſein können.“— Alſo noch volle zwei Stunden! Ich fragte V auch unſeren Führer über ſeine Anſicht und erſchrack recht ordent⸗ lich, als er entgegnete, er glaube nicht, daß wir vor ſieben Uhr V ankommen werden. Und doch ſchien uns das unmöglich; ſchon nach V einer halben Stunde ſah auch ich die Aiudmüihlen, Aaſchel aber 324 Elftes Kapitel. erkannte die Flügel und ſagte, dieſer oder jener drehe ſich. Auch Häuſer wurden nach und nach erkennbar; da war es aber ſchon halb Fünf geworden. Um fünf Uhr ſahen wir das Neſt deut⸗ licher, da fing es an zu dämmern und wir hofften, unſer Nacht⸗ quartier in einer Viertelſtunde zu erreichen. Doch waren wir noch an keine Tour in der Mancha ge⸗ wohnt, wir kannten dieſes flache, unendliche Terrain noch nicht, ebenſowenig die klare und reine Luft, noch die anſcheinend ſo kur⸗ zen Entfernungen, die ſich ſtundenlang gleich zu bleiben ſcheinen, und welche Fußgänger, ja ſogar Reiter faſt zur Verzweiflung bringen können. Wir zogen ſtill ſeufzend unſeres Weges dahin, jetzt wieder hinter dem Karren, denn wir hatten abermals einen Hohlweg erreicht, auf deſſen beiden Rändern wir der Dunkelheit wegen nicht marſchiren konnten. Es war vollkommen finſter ge⸗ worden, die Sterne leuchteten mit einem ungewiſſen Scheine und ein oder zwei Lichter aus Villarrobledo, die wir endlich ſahen, woll⸗ ten nicht näher kommen. Es wurde ſechs Uhr, es wurde ſieben Uhr, es wurde halb Acht,— da endlich hatten wir— nicht das Dorf erreicht, doch einen ſo bodenlos ſchlechten Weg, daß wir feſt überzeugt waren, jetzt endlich einer ſpaniſchen Ortſchaft nahe zu ſein. Und ſo war es denn auch. Noch eine Viertelſtunde ging es die ſo lange ge⸗ ſehene Anhöhe hinauf, dann kamen wir an eine Reihe Häuſer, die ein Mittelding zwiſchen Straße und Platz bildeten— der An⸗ fang von Villarrobledo. Für Leute, wie wir, die hungrig und müde auf ein freund⸗ liches Nachtquartier hoffen, für die der Lichtſchimmer aus irgend einem Fenſter ſo wohlthuend iſt, war der Anblick dieſes Neſtes wahrhaft troſtlos. Ein Haufe niedriger Häuſer, faſt ohne Fen⸗ ſter, mit hohen verſchloſſenen Thüren, faſt ohne den Schimmer eines Lichtes, eine Gaſſe, die bald rechts, bald links lief, mit Schnee und Schmutz bedeckt und ſo menſchenleer und öde, daß unſere Schritte und der Hufſchlag des Maulthiers wahrhaft erſchreckend Ein Ritt durch die Mancha. 325 wiederhallten, nahm uns ungaſtlich und wie befremdet in ſich auf. So gut wir konnten, tröſteten wir uns mit dem Andenken an La Roda, deſſen Häuſer von außen auch ſehr wenig verſprachen und welches uns doch ſo freundlich beherbergt hatte. Wo aber war hier der Mann zu finden, an den wir empfohlen waren— der Schneider Don Alonſo? Ein paar Mal ſahen wir wohl in der Entfernung irgend eine ſchattenhafte Geſtalt, in einen dunkeln Mantel gewickelt, doch huſchte das jedesmal bei unſerem Anrufen wie ein ſcheues Geſpenſt um eine Ecke. Endlich gelang es dem Maler, einen ſolchen Einwohner von Villarrobledo einzufangen, der uns denn auch in kurzer Zeit vor das Haus des Schneiders brachte. Hier ſah es ſchon beſſer aus; auf unſer Pochen öffnete ſich das Thor, wir traten in einen ziemlich ordentlichen Hof, und der Hausherr kam uns gleich in Hut und Mantel entgegen. Ich reichte ihm die Viſitenkarte, ſowie das Empfehlungsſchreiben unſe⸗ res Wirthes in La Roda; doch als er Beides geleſen, zuckte er die Achſeln und bedauerte, uns nicht bei ſich aufnehmen zu können, da ſeine Frau bedeutend erkrankt ſei und ſich alſo Niemand unſerer Bewirthung annehmen könne. Doch ſetzte er augenblicklich hinzu, als er unſere ſehr verlängerten Geſichter bemerkte, er werde uns alsbald in eine Poſada führen, wo wir vortrefflich aufgehoben ſeien. So klapperten wir abermals durch die öden Straßen und ließen unſere Köpfe mit dem Maulthier um die Wette hängen. O weh! in eine ſpaniſche Poſada! Und das nach dem heutigen Marſche! das Beſte an der Sache war, daß wir nicht weit mehr zu gehen brauchten, denn ſchon nach einigen Schritten hatten wir das Thor der Poſada erreicht. Hier war Alles finſter und verſchloſſen; es ſchien kein Menſch in dem Hauſe zu ſein. Don Alonſo klopfte an; es wurde eine kleine Thüre geöffnet und uns, als man den Schneider mit Reiſenden erkannte, augenblick⸗ lich der Eingang geſtattet. Plötzlich befanden wir uns hier in 326 Elftes Kapitel. einer ganz anderen und merkwürdigen Umgebung. Der Thorweg führte in den weiten unteren Theil des Hauſes, ein großes Gemach, das auf Holzpfeilern ruhte und verſchiedene Abtheilungen hatte. Die, zu welcher wir herein traten, war leer und halbdunkel; doch ſtrahlte aus dem Hintergrunde heller Feuerſchein und wir hörten nicht allein den Klang von menſchlichen Stimmen, ſondern auch Guitarren⸗Accorde und das Knackern von Caſtagnetten. Das verſprach ſchon etwas. Wir ſchritten ermuthigt weiter und kamen bald in das eigent⸗ liche Wohnhaus, das auch hier zugleich Küche und Aufenthalt der Gäſte war. Ach! hier ſah es bunt und maleriſch, ja in der That recht heimlich aus. Auf der Herdplatte am Boden brannte ein ſo rieſenhaftes Feuer, daß die Flamme bis hoch hinauf in den Schornſtein fuhr. Zu beiden Seiten deſſelben, auf Bänken, Stühlen und Fäſſern, ſaß und lag eine ganz auserleſene Geſell⸗ ſchaft: Maulthiertreiber, Krämer, Wegſchützen, Contrebandiers, kurz, ein Dutzend Männer in der ungezwungenſten Haltung, in meiſtens recht lumpigen, aber dabei nicht übel ausſehenden Co⸗ ſtumes. Einer arbeitete auf der Guitarre herum, ſang auch zu⸗ weilen eine Strophe, bei deren Refrain die Anderen einfielen, mit den Händen klatſchten, oder, die Fäuſte unter den Kopf geſtemmt, lächelnd zuhorchten. Es war eine maleriſche, bewegte Gruppe, der das flackernde Herdfeuer die prächtigſte Beleuchtung verlieh und durch den hin und wieder zuckenden Schein die blitzenden Augen und das lebendige Mienenſpiel noch erhöhte; denn bald fuhr ein leichter Schatten über die Köpfe, bald wurden ſie wieder hell be⸗ ſtrahlt von der röthlichen Gluth. Vor dem Feuer aber ſtand ein Mädchen, deſſen Geſicht wir nicht ſehen konnten, da es uns den Rücken wandte. Sie dirigirte eine große Bratpfanne, welche auf einem eiſernen Unterſatz ruhte und in der es praſſelte und ſchmorte. Sie mußte jung ſein, das ſah man an dem leichten zierlichen Wuchſe, auch gewiß ſchön, denn die jungen Burſchen um das Feuer wandten bei irgend G Ein Uitt durch die Mancha. 327 g einem Worte des Liedes lachend ihre Augen nach ihr hin, worauf ſie den Kopf zurückwarf und etwas erwiederte, was ich nicht ver⸗ ſtand. Der Wirth des Hauſes ließ uns übrigens keine Zeit, die 3 Gruppe um das Feuer näher zu betrachten; er ſchritt uns voran 3 durch den entfernt vom Herde immer dunkler werdenden Raum. V Hier waren rechts und links an der Mauer ſchon beſetzte Schlaf⸗— 3 ſtätten, ein Bund Stroh, eine wollene Decke, einige Maulthier⸗ 6 8 ſättel und Geſchirre, deren Meſſingzierrathen zuweilen leiſe klirr⸗ r ten, wenn ſich der Schläfer herumwarf, oder die aus irgend einer r Ecke hervor im Wiederſchein des Feuers glänzten, eben ſo wie 3 manches leuchtende Augenpaar, das ſich bei unſerem Vorüber⸗ 1 ſchreiten öffnete und ſeufzend wieder ſchloß. 4 Das uns angewieſene Zimmer war nun eigentlich nur die 1 durch eine dünne Wand geſchiedene Fortſetzung des ſcheunenartigen V Hauſes. Die Dachſparren gingen an einer Seite bis tief her⸗ 1 unter; mit dem Verſchluß der Ziegel auf denſelben hatte man . es nicht ſehr genau genommen; denn wenn man eine geeignete 4 Stelle traf, ſo ſah man deutlich die Sterne durchſchimmern, das t einzige Behagliche in demſelben war neben dem in der That gut⸗ 1 müthigen und freundlichen Geſicht des Wirthes und der Wirthin 2 ein großer Braſſero voll glühender Kohlen, der eine angenehme V Wärme ausſtrömte. 1 n Was nun das Bett anbelangt, ſo war es dem Lager Don b n Quirote's in dem Abenteuer mit der Aſturianer Magd ſo er⸗ — ſchreckend ähnlich, daß ich nicht umhin kann, die Worte des ſpani⸗ ſchen Dichters hier abermals zu erwähnen.„Es war,“ ſo ſagt er, t V„auf zwei ungleichen Brücken erbaut, über welche man vier unge⸗ V e j hobelte Bretter legte, auf dieſe wurde eine Matratze, nicht dicker als e eine Decke ausgebreitet, voller Knollen, die, wenn man nicht an eini⸗ 3 gen gewiſſen Stellen geſehen hätte, daß ſte Wolle waren, man dem 1 Gefühle nach wohl für Kieſel hätte halten können; dazu zwei Betttücher aus ſteifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden man, 328 Elftes Kapitel. ohne ſich um einen zu verrechnen, hätte zä hlen können, wenn man ſich die Mühe hätte geben wollen.“ Obgleich ich überzeugt bin, daß es dem edlen Cervantes ſehr gleichgültig ſein kann, daß ich die Wahrheit ſeiner Schilderung hiemit bezeuge, ſo kann ich es doch bei meiner Wahrheitsliebe nicht unterlaſſen.— Einige Abtrocknung unſerer Stiefel und Strümpfe war das erſte nothwendige Geſchäft, das wir unternahmen. Mit den letzteren ſah es, wenn unſere folgende Tour nicht vom Son⸗ nenſchein begünſtigt war, ſehr traurig aus; wir hatten in unſere Nachtſäcke nur ſehr wenig packen können, bei der großen Eile, mit der wir die Diligence verlaſſen hatten, vorher nicht an unſere Tour denkend. Nachdem der Wirth unſeren Braſſero geſchürt, ging er, unſer Nachteſſen zu beſtellen, was ungefähr eine kleine halbe Stunde in Anſpruch nahm. In dieſer Zeit machten wir es uns ſo bequem wie möglich und empfingen auch den Beſuch des hier ſtationirten Eiſenbahn⸗Ingenieurs, eines Bekannten von Herrn B., nach deſ⸗ ſen Befinden er ſich eifrigſt erkundigte. Hier nun kam uns unſere Sprachunkenntniß recht zu Statten; denn da wir jenen Herrn, auf den wir uns beriefen, in unſerem ganzen Leben nicht geſehen, ſo wäre es auch ſehr ſchwierig für uns geweſen, über ſeine Per⸗ ſon, Aufenthalt und Geſundheit Nachricht zu geben; ſein College mußte alſo unſere gewiß verkehrten Antworten dem angegebenen Grunde beimeſſen. Uebrigens hatten wir im Sprechen doch ſchon einige Fortſchritte gemacht, und im Verlauf unſerer Unterhaltung erzählten wir von den deutſchen Eiſenbahnen, ſogar vom ſchwäbi⸗ ſchen Alp⸗Uebergange bei Ulm zur großen Zufriedenheit unſeres Ingenieurs. Endlich kam das Nachteſſen und nach faſt zwölfſtündigem Faſten und Marſchiren ſahen wir eine übergroße Schüſſel voll Geflügel und Reis mit großem Behagen auftragen. Der gute Ingenieur war discret genug, nicht unſer Gaſt ſein zu wollen, und ſo attaquirten wir unſer Gericht von zwei Seiten mit dem — —n— 5 8— in — Ein Uitt durch die Mancha. 329 größten Eifer. Was uns einigermaßen im Eſſen genirte, war die Anweſenheit des ganzen weiblichen Hausperſonals während deſſelben in unſerem Zimmer. Die Wirthin ſelbſt hatte die Schüſſel gebracht, ihr folgte das junge Mädchen vom Herd— in der That, es war jung und ſchön— dann kam eine ältere Schweſter, ferner ein anderes Frauenzimmer, nicht minder die Küchenmagd, und ſchließlich eine ſtämmig, nicht üble Weibsperſon mit hellblonden Haaren und einigem Stallgeruch. Sämmtliche Ebengenannte ſtellten ſich im Halbkreiſe um unſeren Tiſch herum und ſchauten buchſtäblich jedem Biſſen zu, den wir in den Mund ſteckten. Zuerſt genirte uns dieſe Geſchichte, dann fanden wir ſie recht komiſch, was ſie auch in der That war. Obgleich wir zum Oeftern für die Aufmerkſamkeit und Ehre dankten, ſo blieben doch Alle hartnäckig an ihrem Platze. Ja, als wir darauf in einem fort allerlei Gegenſtände verlangten, als: noch mehr Brod oder Salz, Pfeffer, Wein, ſo ſprang eine fort, das Geforderte zu holen, kehrte aber ſo eilfertig an ihren Platz zurück, als fürchte ſie, etwas höchſt Intereſſantes zu verlieren.— Und nicht nur in Villar⸗ robledo fanden wir dieſe ſeltſame Sitte, auf allen anderen Touren im Inneren Spaniens iſt uns das Gleiche begegnet; es iſt eine Ehre, welche man den Reiſenden damit zu erweiſen glaubt. Das Geflügel in unſerem Reis war ein halber wälſcher Hahn, den wir glücklich beſeitigten, um uns dann an die andere Hälfte zu machen, die gebraten aufgetragen wurde. Dann folgte noch eine uns unbekannte, faſt widerlich ſüße Speiſe, ſowie har⸗ ter ſaurer Käſe, den wir übrigens auch nicht ungeſtraft entließen, geröſtete Mandeln und Chocolade. Dazu tranken wir einen ſehr guten ſchwarzen Landwein, hatten vortreffliches Brod, kurz, ein Souper, bei dem es ſich ſchon aushalten ließ. 1 So groß unſere Ermüdung auch war, ſo mochten wir doch nicht ſogleich unſer zweifelhaftes Bett aufſuchen, ſondern begaben uns in das Vorhaus, wo die Gruppe um den Herd noch immer 330 Elftes Kapitel. ihr gleiches Weſen trieb; nur der Guitarrenſpieler war durch einen anderen abgelöst worden; auch das junge Mädchen ſtand abermals am Feuer und bereitete irgend eine Speiſe für neuan⸗ gekommene Gäſte. Es war das eine ſchlanke, zierliche Geſtalt mit ſchwarzen Haaren und großen, lebhaften Augen. Sie beſorgte ihr Geſchäft mit einer angebornen Grazie und hatte dabei Zeit genug übrig, verſchiedene, wie uns ſchien, pikante Antworten auf die zudring⸗ lichen Fragen und Bemerkungen der Maulthiertreiber nach rechts und links auszutheilen. Dabei überſah ſie aber ihre Pfanne und drei oder vier Kochtöpfe, die um das Herdfeuer ſtanden, mit großer Leichtigkeit und ohne viel Weſens dabei zu machen. Ueber⸗ haupt iſt es merkwürdig, wie einfach hier in dieſen ländlichen Wirthshäuſern die Kocherei betrieben wird. Unter Sprechen und Lachen ſetzt die Hausfrau oder eine ihrer Töchter Reis, Waſ⸗ ſer und Hammelsfett ans Feuer, verſucht nach einiger Zeit die Brühe, wirft Salz oder Pfeffer nach, doch vergißt ſie während alles dieſes die Unterhaltung nicht und reicht dabei mit der freund⸗ lichſten Miene den Umherſitzenden Holzkohlen für ihre Papier⸗ Cigarren. Die ganze Wirthſchaft hier am Herde hatte etwas Zigeuner⸗ artiges; denn, wie ſchon bemerkt, die Kochanſtalten hätten unter freiem Himmel nicht einfacher ſein können und nicht zwangloſer die Gruppen der um das Feuer her Lagernden. Eine Figur für einen Hauptmann war auch da— ein alter, grauer Contre⸗ bandier oder Flurſchütz, oder beides zugleich; und dann vor allen Dingen Precioſa nicht zu vergeſſen, Precioſa vor der Bratpfanne, die gegen Jeden freundlich war, ohne Einem eine Vertraulichkeit zu erlauben. Sie hatte in der That prächtige Augen, und wenn ſie ſo zuweilen unter den langen Wimpern hervor nach uns fremden Reiſenden herüberſchielte und auf einem ſolchen Blicke ertappt wurde, ſo überflog ein freundliches Lächeln ihr Geſicht, und die emporgehobenen Lippen zeigten ihre blendend weißen 1 2r —·, 0—õ] ———+₰—. Ein RNitt durch die Mancha. 331 Zähne. Ihr Anzug war einfach, aber hübſch: ſie trug einen rothgeſtreiften, ziemlich kurzen Rock, dazu eine Art von ſchwarzem Mieder mit ſilbernen Knöpfen und hatte um den Kopf ein gelb und weißes Tuch gebunden, deſſen Zipfel hinten herab hingen. Ich will gern zugeben, daß alles das durch die eigenthümliche Umgebung und das flackernde Herdfeuer verſchönert wurde, aber Precioſa war auch bei Tag eine reizende kleine Spanierin. Jetzt war die Kocherei beendigt, die Hungrigen verzehrten ihr Eſſen theils am Feuer, theils nahmen ſie es mit in einen dun⸗ keln Winkel, vielleicht zu einem Cameraden, der dort ſchon aus⸗ geſtreckt lag. Die erſteren, welche unter unſeren Augen ſoupirten, verſäumten nicht ‚uns zu Gaſt einzuladen, was wir natürlicher⸗ weiſe abſchlugen, dagegen gern zuſchauten; mit welchem Anſtand, mit welcher Ruhe nun ihrer Drei, Vier aus einer Schüſſel aßen! Da wurde kein rohes Wort gehört, da wartete immer Einer, bis der Andere ſeinen Löffel voll herausgeholt, keine Gier, keine Haſt, ja ſie munterten ſich gegenſeitig auf, doch der Schüſſel tapfer zuzuſprechen. Natürlich fehlte ihnen gutes Brod nicht, ebenſowenig Landwein, den ſte aber auf eine eigenthümliche Art zu ſich nahmen. Sie hatten ein Glasgefäß, faſt wie eine kleine Gießkanne geformt, deſſen Rohr ſte vor den geöffneten Mund ſetzten, ohne es aber mit den Lippen zu berühren, und dann das Getränk nur hinablaufen ließen. Auf dieſe Art kann man mit Jedem trinken, ohne befürchten zu müſſen, in eine vielleicht unan⸗ genehme Berührung zu kommen. Als alle Töpfe entfernt waren, wurde der Herdplatz rein gefegt und ein wahrer Berg von Reiſig aufgethürmt, der eine ſolche Gluth hervorbrachte, daß ſich alle Köpfe ſcheu in die Ecke drückten und wir in den entfernteſten Winkel rücken mußten. Bei dem aufflackernden Feuer entdeckte ich auch unſeren Führer, der ebenfalls abgeſpeist hatte und uns nun freundlich zugrinste. Er wurde übrigens den ganzen Abend von den Anderen verhöhnt, 332 Elftes Kapitel. denn er hatte es nicht verſchweigen können, daß er uns heute Morgens in den Graben geworfen. Nachdem die Gluth wieder zuſammengeſunken war, ſtellte ſich auch der Kreis um das Feuer wieder her. Precioſa ſtand vor demſelben, ſie hatte den rechten Arm in die Seite geſtemmt und blickte nachdenkend in die glühenden Kohlen. Der Guitarriſt der neben ihr ſaß, ſchaute ſie auffordernd an und berührte endlich mit dem oberen Theile ſeines Inſtrumentes leicht ihren Arm; ſte blickte fragend nach der Seite, und als er nun auf ſeinem In⸗ ſtrumente haſtig einige Accorde herunterriß und dazu mit dem Kopfe gegen ſie nickte, lachte ſie und nickte ebenfalls, worauf er taktgemäß zu ſpielen begann. Precioſa ſenkte ihre beiden Hände in die Taſchen ihres Kleides holte ein paar Caſtagnetten heraus, welche ſte an ihren Daumen befeſtigte, dann hob ſie das Köpf⸗ chen ſtolz empor und begann die Accorde mit einem leiſen, aber außerordentlich taktſicheren Geknacke zu begleiten. Alle im Kreiſe ſchmunzelten, und als ſte nun gleich darauf mit einer hellen, nicht unangenehmen Stimme nach der bekannten, ſpaniſchen Landesweiſe zu einem Liede anſetzte, klatſchten Alle in den Pau⸗ ſen taktgemäß mit den Händen, und das Vergnügen war all⸗ gemein. Sie ſang: Yo soy la Jitana La jembra que va, Sin hoy ni mafana De aqui para allà; X erramo consuelos.. entono primores. X vendo gunuelos. X galas y flores: X largo se cura Por poco parné: La güena— ventura Quien la quié sabé? Ein Bitt durch die Mancha. Naide, naide toque andana Too lo dica la Jitana chachipé! Venga el unto y lo parné. und als ſie geendet, machte ſie ſchnell gegen uns eine leichte Nei⸗ gung mit dem Kopfe, drehte ſich auf dem Abſatze herum und verſchwand darauf in der Dunkelheit. Eine neue Weiſe wurde nun angeſtimmt und ein Anderer ſang ein Lied. Doch wurde das Concert nicht mehr lange fortgeſetzt denn der Guitarriſt, der ein anderes Gelüſte zu haben ſchien, übergab ſein Inſtrument dem Nebenmanne, ſprang in die Höhe und fing an, unter lautem Gelächter und Beifallsrufen auf dem freien Platze vor dem Feuer zu tanzen. Er war ein hübſchge⸗ wachſener Burſche von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, in einer runden andaluſiſchen Jacke, engen kurzen Hoſen und Ledergama⸗ ſchen; er ſetzte die Füße auf eine zierliche Art, ſchlug bald in die Hände, bald auf ſeine Kniee, und ſo oft er ſich dem Innern des Hauſes zuwandte, rief er ein lautes Hoje hinüber. Nicht lange blieb dieſe Aufforderung zum Tanze unbeant⸗ wortet; zuerſt hörte man in der Entfernung Klappern von Caſtag⸗ netten, die in den Takt des Tanzes einfielen, und dann erſchienen ſämmtliche drei Töchter des Wirthes, die ſich bei uns am Feuer niederließen und mit ihren Caſtagnetten ſchlugen. Ihnen folgte die Wirthin, dann die Küchenmagd mit der Dame vom Stall, welch beide letztere eine Zeitlang dem Tanze zuſchauten, dann aber geſchwind in ihre Taſchen fuhren und ihre Caſtagnetten ebenfalls herausholten. Und nun begann ein ſo unerhörtes Geklapper und Geknacke, daß man kaum noch die Guitarrenklänge und ſein eigenes Wort vernehmen konnte.—„Bolero! Bolero!“ riefen ein paar Stimmen, die beiden Mägde traten einige Schritte zurück, die Wirthin nickte auf einen fragenden Blick ihrer Töchter mit dem Kopfe, dann ſprangen auch dieſe in die Höhe, ſtellten ſich gegenüber auf, drei junge Burſchen folgten ihnen, und nun begann ein 334 Elftes Kapitel. Ballet ſo originell, ſo amuſant, daß wir unter lautem Gelächter und mit dem größten Vergnügen zuſchauten. Ich weiß den Namen des Bolero nicht mehr, den ſie tanz⸗ ten, doch beſtand er aus einer Menge verwickelter Figuren, wozu Tänzer und Tänzerinnen und ich muß geſtehen, vor Allen die blonde Viehmagd, ihre Füße ſo kunſtgerecht ſetzten, als hätten ſte es von einem tüchtigen Balletmeiſter erlernt. Die Muſik ging übrigens immer geſchwinder, begleitet von dem wirbelnden Knacken der Caſtagnetten; die Tanzenden erhitzten ſich offenbar und wan⸗ den ſich ſchlangenartig hin und her, bald den Kopf bittend ge⸗ ſenkt, bald ihn drohend in die Höhe geworfen. Dabei gingen die Hände vor und zurück, meiſtens in taktmäßiger Bewegung. Ich kann nicht läugnen, daß eine Spur vom franzöſiſchen Cancan darin zu finden war. Der Spektakel wurde noch vergrößert durch das Händeklatſchen der am Feuer Sitzenden, durch Zungenſchnal⸗ zen und durch aufmunterndes, ſowie Beifalls⸗Geſchrei.„Ole! Ole! Salero!“ rief bald Der, bald Jener, und ſo wurden Tänzer und Tänzerinnen ſo lange geſteigert, bis ſie am Ende nicht mehr konnten und tief athmend, aber lachend auf ihre Plätze zurück⸗ fielen. Für uns war die ganze Scene neu und höchſt intereſſant; es war nichts Gemachtes oder Vorbereitetes, Alles improviſirt, ſo recht aus dem Volksleben, voll natürlicher Wildheit und dabei doch nicht ohne Grazie. Nach kurzem Ausruhen fingen übrigens Guitarre und Ca⸗ ſtagnetten wieder an und laut und ſtürmiſch wurde Precioſa um den Fandango gebeten. Anfänglich achtete ſie gar nicht darauf; ja, ſte zuckte mißmuthig die Achſeln und warf den ſchönen Kopf trotzig in die Höhe, worauf der junge Burſche, der vorhin ange⸗ fangen, lachend vor ſie hinſprang und den genannten Tanz, ihn gewiſſermaßen carrikirend, auf eine ſo komiſche Art begann, daß Alles laut hinauslachte, das Mädchen ebenfalls; dann ſprang ſie plötzlich in die Höhe, zog ihre Caſtagnetten feſter an, drückte das Mieder in die ſchlanke Taille hinab, hob ſich aus den Hüften her⸗ Ein Ritt durch die Mancha. 335 aus, bog ſich rechts und links durch und ſtand nun mit einem Mal feſt, den Kopf trotzig erhoben, mit einem Zuge von Ver⸗ achtung auf den Lippen, die Bruſt vorgedrückt, den rechten Arm in die Seite geſtemmt, den rechten Fuß feſt vorgeſetzt.—„Ole! Ole!“ rief der ganze Kreis, wir ebenfalls mit und klatſchten da⸗ bei eifrig in die Hände, denn die Haltung des ſchönen Mädchens hatte etwas unausſprechlich Reizendes und Herausforderndes. Jetzt begann der Tanz zwiſchen den Beiden, er umkreiste ſie flüchtig, bittend, wobei er ſuchte, ſich ihr auf alle Weiſe zu nähern. Sie drehte ſich kalt und ſtolz im Kreiſe, wobei ſte ihre Zähne faſt mehr ſehen ließ, als ihre Augen. Sie ließ ihn oft ſich ziemlich nahe kommen, um ihn dann mit dem Blitz ihres hellen Auges zurück zu ſchrecken; nach und nach aber wurde ſie erwärmt, weicher, nachgiebiger; ſie blickte ihn zuweilen ohne Strenge von der Seite an, um ihren Mund ſpielte dann und wann ein leichtes Lächeln; ja, er durfte ſchon ihre Fingerſpitzen berühren und den ſchüchter⸗ nen Verſuch machen, ſeine Hand um ihre ſchlanke Taille zu legen. Zuerſt war das nur ein Verſuch, den ſie durch einen ſtrengen Blick vereitelte. Dann aber duldete ſie ſeine Umſchlingung viel⸗ leicht eine Secunde lang, nun länger, bis ſie endlich feſt in ſeinen Armen lag und ihn nur auf Augenblicke verließ, um mit neuer Gluth an ſeine Bruſt zu fliegen. So ſteigerte ſich der Fandango von Takt zu Takt; die Zuſchauer ſahen mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit hin, die Caſtagnetten ſchlugen bald leiſe wie zitternd an, dann wieder mit ein paar vollen, kräftigen Schlägen; um den Mund des jungen Tänzers ſpielte ein vergnügliches Lächeln, wenn das Mäd⸗ chen ſich ihm auf Augenblicke entwand und offenbar in der Ab⸗ ſicht floh, ſich gleich wieder von ihm fangen zu laſſen; ihre Wangen glühten, ihr feuchtes Auge blitzte, ſte war ihm zum letzten Male entflohen, er hielt ſie wieder feſt in ſeinen Armen, es folgte eine ziemlich lange und innige Umſchlingung.—„Ole! Ole! Salero!“ ſchrien entzückt die Zuſchauer, dann war der Fandango zu Ende 336 Elftes Kapitel. und Tänzer und Tänzerin kehrten laut lachend, als habe ſie die Sache durchaus weiter nicht berührt, an ihre Plätze zurück. Und ſo iſt es auch in der That bei dieſen ſpaniſchen Tänzen; man führt im Allgemeinen die Figur und Bewegung, welche der Tanz vorſchreibt, ohne Prüderie, ohne Ziererei aus, und vor allen Dingen, ohne etwas Schlimmes dabei zu denken. Ich habe ſpäter Fandango und Madrilena von jungen, gewiß ganz unſchuldi⸗ gen Mädchen tanzen ſehen, die es durchaus nicht vergaßen, die Biene von ihrem Röckchen abzuſchütteln, und dabei ihre kleinen zierlichen Waden bis zur Hälfte zeigten— eine Sache, die ihrer Unſchuld und ihrem Anſtande gewiß keinen Eintrag that; denn als der Tanz beendigt war, ließen ſie ſich beſcheiden an ihren Platz zurück⸗ führen und ſaßen da mit niedergeſchlagenen Augen, lieb und un⸗ ſchuldig wie früher. Obgleich der Ball noch nicht zu Ende zu ſein ſchien, ſo dach⸗ ten wir doch an morgen und zogen uns langſam aus dem Kreiſe zurück nach unſerem Zimmer, wo mittlerweile noch ein zweites Bett für meinen großen Maler hergerichtet worden war. Vor Allem nahmen wir jetzt mit dem Wirthe wegen unſeres morgen⸗ den Fortkommens Rückſprache. Der Karren hatte gänzlich unſere Gunſt verloren und da es auch nie in unſerer Abſicht gelegen, auf ſo höchſt proſaiſche Art durch Spanien zu ziehen, ſo nahmen wir mit großer Bereitwilligkeit das Anerbieten des Wirthes an, uns zwei tüchtige Maulthiere zu geben, ſowie einen Knecht, der uns beide Tagereiſen bis nach Tembleque begleiten ſollte. Der Preis, den er verlangte, war nicht hoch; ſo wurden wir bald einig, legten uns zu Bett und entſchliefen in kurzer Zeit unter den noch immer von Weitem herübertönenden Klängen der Guitarre und der Caſtanuelos. Um Sechs waren wir bereits munter, warfen uns in die Kleider und gingen, eine Chocolade an dem Herd einzunehmen. Doch ſah es hier ganz anders aus als geſtern Abends. Das ge⸗ müthliche Feuer mit ſeiner blendenden Helle fehlte, nur einige — A —O—O—OOC—C—C—C—C—O—O—O—O—C—C—C—C—⸗——C—ꝭ—Q—QꝗQꝗ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ͤᷓͤᷓaͤaʒᷓͤ—; Ein Ritt durch die Mancha. 337 Kohlen brannten auf dem Steine, und da das Tageslicht durch den Thorweg nur ſchwach hereindrang, ſo herrſchte hier ein melancholiſches Düſter.— Was man bei allen Reitpartieen in fremden Landen nie verſäumen ſollte, Thiere und Reitzeug zu betrachten, thaten wir auch hier. Die Maulthiere waren kräftig und gut genährt, die Sättel aber etwas breit und plump; der eine hatte ſogar keine Steigbügel, und unſer Wirth mußte im gan⸗ zen Flecken umherlaufen, um ein zweites Paar aufzutreiben, was unſere Abreiſe um eine halbe Stunde verzögerte. Endlich war Alles bereit, unſere Nachtſäcke aufgepackt, als der Wirth mit einer ziemlich großen Flaſche, ſo wie mit zwei Ge⸗ wehren und Hüten in den Stall trat. In der Flaſche war Branntwein, von dem er wegen der kalten Morgenluft Jedem ein Glas aufnöthigte; die Hüte und Gewehre aber überredete er uns, leihweiſe bis nach Tembleque mitzunehmen, wobei er uns ver⸗ ſicherte, Räuber(Ladrones) gäbe es eigentlich nicht mehr in Spa⸗ nien, wohl aber könne man hier und da Rateros begegnen— Dilettanten, welche ſich kein Gewiſſen daraus machen, Reiſenden, denen ſie ſchon von Weitem die Fremden anſehen, in den Weg zu treten und ſie auszurauben, wogegen wir mit dem Gewehr am Sattel, den caſtilianiſchen Hut auf dem Kopfe und in unſere Manta gewickelt wohl für Eingeborne gelten und unangefochten bleiben würden. Unſer Wirth war überhaupt ein ſehr braver Mann; denn einen Zwerchſack, der auf meinem Pferde hing, hatte er mit Zwiebeln, Brod und einem Weinſchlauche verſehen. Gott möge es ihm dieſſeits und jenſeits lohnen! Ehe wir aufſtiegen, verabſchiedeten wir uns höͤflicherweiſe noch bei der Wirthin und ihren Töchtern; Precioſa wünſchte uns eine recht glückliche Reiſe, reichte uns auch ohne Ziererei ihre kleine Hand und ſagte den Maulthieren ein paar freundliche Worte, ſte möchten ſich unterwegs gut aufführen und dem Hauſe keine Schande machen. Auch die Tänzer und Zuſchauer von geſtern Abends waren nach und nach erſchienen, hatten ihre Karren ein⸗ Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 338 Elftes Kapitel. geſpannt, ihre Thiere bepackt, und der größte Theil ritt vor uns zum Hauſe hinaus. Der Fandangotänzer war auch bei Tage ein netter, gemüthlicher Burſche; er war der Befehlshaber einer Schaar mit Säcken beladener Eſel, deren letzter ihn noch oben⸗ drein zu tragen die Ehre hatte. Er voltigirte leicht hinauf, ſetzte ſich quer auf den Rücken des Thieres, und als er bei uns vorbei kam, machte er mit Händen und Füßen pantomimiſch noch einige Pas des Fandango und ſang die Strophe eines dazu gehörigen Liedes laut gegen das Stallrevier hinüber. Ein leichtes Caſtag⸗ nettengeklapper erſchallte von dorther, wie es ſchien, zur Antwort, worauf er lachend zum Hofe hinaustrabte. Der Himmel war klar, die Sonne ſchien hell, und Villar⸗ robledo zeigte in deren Alles verſchönerndem Strahle ein ungleich freundlicheres Geſicht als geſtern Abends. Bei den Windmüh⸗ len, die wir geſtern bei der Dämmerung aus dem Geſichte ver⸗ loren, kamen wir vorbei; es waren alte, gebrechliche Weſen mit vier Flügeln, wie die holländiſchen, auf dunklen Balkengerüſten ruhend, und ihre langen Windmühlenarme drehten ſich, von einem leichten Morgenwinde getrieben, langſam und langweilig herum. — Die öde Mancha, Windmühlen— und Don Quixote; das Bild des irrenden Ritters taucht unwillkürlich vor einem auf. Obgleich Cervantes in ſeiner Weisheit den Geburtsort des Hel⸗ den nicht nennt, vielmehr Eingangs jener berühmten Geſchichte ſagt:„In einem Dorfe von La Mancha, deſſen Namens ich mich nicht entſtnnen mag, lebte unlängſt ein Edler ꝛc.“„ſo haben doch verſchiedene Ortſchaften hier aus der Lage ihres Dorfes und aus anderen unbedeutenden Thatſachen den Schluß ziehen wollen, der ſehr ſinnreiche Edle ſei ihrem Dorfe entſproſſen; ja mehr als ſieben Flecken und Städte, kann man ſagen, ſtreiten ſich gleich den griechiſchen, welche ſich um Homer's Wiege zankten, um die Ehre, der Geburtsort Don Quirote's zu ſein. Auch Villar⸗ robledo iſt darunter und unſer Wirth wollte ganz genau wiſſen, ſein Dorf ſei es ſicher, deſſen Namens ſich Cervantes nicht habe —C—ꝭ—ꝭ—L—O—O—O—Q—Q—Q—ꝭ—Q—O—O—·/—A A·Q·Qq˖˖— α8 0A — ½ (5 2 x△ —C—’—O—O—V—L—L—L—A—·—·—·—·Q·Q·QQCůͤqnᷓ́ Ein Ritt durch die Mancha. 339 erinnern mögen. Seien ja auch die Windmühlen in der Nähe, mit denen der Ritter gefochten. Die Windmühlen waren aller⸗ dings da, ſchienen aber gegen die Behauptung des Wirthes zu ſprechen, denn Don Quirote ritt zwei Tage, ehe er das Abenteuer mit denſelben beſtand. Mir wären ſie ebenfalls faſt verderblich geworden; denn als wir ziemlich nahe an einer derſelben vorbei ritten, wurde mein Maulthier, wahrſcheinlich durch das Sauſen des Flügels, erſchreckt und machte einen Seitenſprung, der mich um ein Haar vollſtändig aus meinem Sitz gebracht hätte. So zogen wir denn abermals allein durch die Mancha, heute wenigſtens hoch zu Maulthier, uns ganz anders fühlend als geſtern in dem armſeligen Karren. Unſer Führer war ein Zigeuner, ein junger, kräftiger Kerl, mit einem verwegenen, aber gutmüthigen Geſichte. Sein Anzug war originell und nicht un⸗ intereſſant; an den Füßen hatte er Binſenſandalen, deren kreuz⸗ weiſe gebundene Schnüre bis unter die Kniee reichten; kurze und enge blaue Hoſen ſchloßen ſich daran und wurden oben von einem vielfarbigen Gürtel zuſammengehalten. Eine kurze, einſt ver⸗ ſchnürt geweſene Jacke— man ſah an den dunkleren Stellen, wo dieſe Ornamente geſeſſen— bedeckte den Oberkörper. Um den Kopf hatte er ein gelbes Tuch, und ſeine blau und weiß geſtreifte Manta ließ er bald von der rechten Schulter lang herabhangen, bald hatte er ſie um den Hals und die Bruſt gewickelt, zuweilen auch ſchnürte er ſie zuſammengerollt mit einem Strick auf dem Rücken feſt. Beim beſten Willen iſt von der Gegend, durch welche wir zogen, nichts zu ſagen; es war dieſelbe unendlich öde, röthlich gefärbte Fläche, wie wir ſie geſtern durchſchritten hatten, nur zu⸗ weilen unterbrochen von einer Gruppe niederer Bäume oder von einem Streifen Burbaumſträucher, welche ſich durch eine waſſer⸗ reichere Vertiefung hinzogen. Die einzige, für Spanien große Merkwürdigkeit, auf welche wir ſtießen, nachdem wir kurze Zeit Villarrobledo verlaſſen, war die Eiſenbahnlinie, deren Anblick 22* 340 Elftes Kapitel. uns hier in dieſer Oede einen lauten Ausruf der Verwunderung entlockte. Ja, es war dieſelbe lange, lange Linie, dieſelbe Traci⸗ rung, wie auch bei uns. Ihr Anblick erinnerte uns ſo recht an die Heimat.—„Ferro Carril!“ rief bedeutſam unſer Führer und machte uns begreiflich, auf ihrem Damme ſei der geradeſte und angenehmſte Weg. Und der deutſche Leſer wird ſchaudern, wenn er erfährt, daß wir dieß wirklich wagten, daß wir den geheiligten Boden einer Eiſenbahnlinie von den profanen Huftritten unſerer Maulthiere zertreten ließen, daß wir durch zahlreiche Arbeiter durchritten, an Eiſenbahnbeamten vorbei, daß wir nicht mit hef⸗ tigen Worten angehalten und zurückgewieſen wurden, ſondern daß man uns noch freundlich eine glückliche Reiſe wünſchte. Ja, Spanien iſt in der Cultur noch ſehr zurück! Wir laſen nirgend⸗ wo Plakate, daß das allzu genaue Betrachten der Bahn verboten ſei und daß man ſich enthalten möge, in der Nähe des Bahnkör⸗ pers auszuſpucken, um den Damm nicht zu erweichen. Um einem längſt empfundenen, tief gefühlten Bedürfniſſe abzuhelfen, wurde ſchon vor langer, langer Zeit die Eiſenbahn von Valencia nach Madrid projektirt; man baute auch von beiden Endpunkten, zuerſt von der Hauptſtadt gegen Aranjuez, eine Strecke von vielleicht fünf deutſchen Meilen, die ſchon vor zehn Jahren beendigt, aber nicht befahren wurde, weil einige Brücken und das Betriebsmaterial noch nicht recht in Ordnung waren. Als dieß nun endlich hergeſtellt war und es an einem ſchönen Tage hätte losgehen ſollen, fand ſich, daß während dieſer Zeit ein Theil der Schwellen bedeutend gelitten hatte und neu gelegt wer⸗ den mußte. Endlich aber fuhr man doch von Madrid nach Aranjuez, und im Laufe des vergangenen Jahres wurde eine wei⸗ tere Strecke nach Tembleque eröffnet. Von Valencia nach Alcira iſt nun die Bahn im vergangenen Jahre ebenfalls eröffnet wor⸗ den, doch ſind es im Verhältniſſe zum Ganzen nur zwei unbedeu⸗ tende Strecken. Tracirt iſt übrigens die ganze Bahn von Alcira nach Albacete— ein hügeliger, durchſchnittener Theil, der am ——O⏑—V—— — — ——X4—+—————— ————————·/· 18——— ͤ—— Ä— d— —— — S2. Ein Ritt durch die Mancha. 341 meiſten Schwierigkeiten macht—, von da über La Roda nach Villarrobledo, Campo Criptana, Villa Cannas und einzelne Strecken, zum Beiſpiel von Albacete nach La Roda, ſollen in nächſter Zeit eröffnet werden. In zwei Jahren hofft man das Ganze zu beendigen, wodurch alsdann das Reiſen in Spanien ſehr erleichtert wird. An die ſchönſten Punkte der Küſte fahren Dampf⸗ boote, und wer Madrid ſehen will, wird gern von Valencia dort⸗ hin gehen und nach Valencia zurückkehren. Die andere projek⸗ tirte Hauptlinie iſt von Madrid nach Bayonne, um alsdann Bor⸗ deaux und Paris auf dem kürzeſten Wege zu erreichen. Doch iſt da noch nicht viel geſchehen und kein Ende abzuſehen. Der Bahnkörper, auf dem wir ritten, hatte nicht viel Schwie⸗ rigkeiten gemacht; bei dem ſanft hügeligen Terrain beſtand er abwechſelnd aus niedrigen Dämmen und nicht ſehr tiefen Ein⸗ ſchnitten. So viel wir bei oberflächlichem Beſchauen ſahen, war er ziemlich ſolide gebaut; wir begriffen aber ganz wohl, weß⸗ halb die Sache ſo außerordentlich langſam vor ſich geht. Dieſe ſpaniſchen Arbeiter betreiben ihr Geſchäft in der That mit einer komiſchen Faulheit und ſind dabei unpraktiſch wie die Kinder; ihre Arbeitsgeräthe befinden ſich in dem roheſten Zuſtande. Um zum Beiſpiel Erde fortzuſchaffen, einen Damm aufzuſchütten, benutzen ſie weder Schubkarren noch Tragbütten, ſondern der Mann hat ein Körbchen, das kaum vier ſtarke Schaufeln Erde hält, mit welchem er, wie zum Zeitvertreibe hin und her ſchlen⸗ dert. Er füllt es mit großer Umſtändlichkeit, nimmt es auf den Kopf oder auf die Schulter und leert es an einem bezeichneten Platze wieder aus; wo die Sache aufs alleremſigſte betrieben wurde, da hatten ſie eine Heerde Eſel, welche flache Körbe trugen. Welche Zeit das Auf⸗ und Abladen in Anſpruch nimmt, kann man ſich leicht denken, und das geduldige Laſtthier, welches noch ſo langſam dahin ſchleicht, wird nie von dem Arbeiter und Treiber überholt. Mit großem Bedacht wird der Spaten eingeſteckt, der Eſel beladen; ehe er aber in Gang kommt, ſchaut der Arbeiter an 342 Elftes Kapitel. den Himmel, ſpricht mit ſeinem Nebenmanne, ſpuckt gelegentlich aus, zieht ſeine Hoſen in die Höhe und greift alsdann in die Taſche, um Papier und Tabak zu einer Cigarre hervorzuholen. Dieſe wird mit großer Genauigkeit gemacht, das Feuer bedächtig aus dem Steine geſchlagen, der Zunder muß vollſtändig glühen, ehe die Cigarre in Brand gebracht wird, und erſt nachdem die erſten und beſten Züge hinunter geſchluckt ſind, wird der Eſel in Gang geſetzt. Von Schwellen oder Schienen war übrigens hier noch keine Spur zu ſehen; auch mußte an manchen Stellen der Damm ſchon längere Zeit fertig ſein, denn er war ſtreckenweiſe mit Gräſern und Kräutern bewachſen. Wir hatten ſieben ſtarke Leguas zu machen, und unſer Zigeuner, obgleich zu Fuß, trieb immerfort zur Eile. Unſere Maulthiere gingen einen ordentlichen Paß, doch mochten wir aus Rückſicht auf unſeren zu Fuß gehenden Begleiter anfäng⸗ lich nicht traben. Da er aber ſein Hadje! Anda! immer häufiger ertönen ließ, auch zuweilen auf die Thiere mit dem Zipfel ſeiner Manta losſchlug, ſo ließ ich mir einen tüchtigen Stock ſchneiden, verſuchte ihn an meinem dicken, etwas ſehr faulen Maulthiere, wor⸗ auf es augenblicklich zu einem tüchtigen Trabe anſetzte. Horſchelt blieb nicht zurück, und ſo ritten wir eine halbe Stunde ziemlich ſcharf dahin, wobei wir uns des Oefteren nach unſerem Führer umſchauten, der nicht ſehr weit zurückblieb und uns winkte, wir ſollten nur vorwärts reiten. Der Zigeuner lief einen kleinen Hundetrab nach Art der Schnellläufer, die man bei uns ſteht; die Hände bewegte er heftig vor⸗ und rückwärts und hatte, wie er uns ſpäter zeigte, in jeder geballten Fauſt einen kleinen Kieſel, welchen er beſtändig herumdrehte. Das machten ſte immer ſo, ſagte er, weßhalb, wiſſe er eigentlich nicht, aber es ſei ſehr angenehm; und ich glaube wohl, daß es gut ſein mag, denn es befördert die Cir⸗ culation des Blutes in den herabhängenden Händen. Auf einer Eiſenbahn fahren kann ſehr kurzweilig ſein, aber über einen Bahndamm durch die Mancha zu reiten, gehört mit zu Ein Uitt durch die Mancha. 343 dem Langweiligſten, was der Menſch unternehmen kann. Stunden⸗ lang lief ſie vor uns her, ſchnurgerade, ohne weitere Abwechs⸗ lung, als daß wir jetzt auf einem Damme ritten und in die lang⸗ weilige Gegend ſchauen konnten, und daß wir gleich darauf zwiſchen die hohen Wände eines Einſchnitts trabten. Einen Baum oder auch nur einen Strauch hatten wir lange nicht mehr geſehen, eine menſchliche Wohnung war für uns zur Fabel geworden, und eine kleine Brücke, ein Waſſerdurchlaß oder eine Biegung des Bahn⸗ dammes war eine Erſcheinung, die wir freudig begrüßten. Der Gitano hatte uns für die Hälfte des Weges eine Raſt verſprochen; dort ſei eine Venta, wo wir vielleicht ein gutes Feuer finden würden. Und wir ſchmachteten nach einem guten Feuer. Der heftige Wind, unſer Begleiter ſeit Valencia, den wir im Wagen und geſtern zu Fuß ſchon ſtark geſpürt hatten, war heute, da wir ſo ruhig in dem Sattel ſaßen, wahrhaft unausſtehlich. So zogen wir, auf die Venta hoffend, dahin, die Maulthiere gingen in einem guten Trabe, unſer Humor war gerade nicht ſchlecht— hatten wir doch endlich die Reitpartie errungen, waren in Spanien und ritten gegen Madrid, geſund und wohl, voll Appetit. Trotz Kälte und Wind beneideten wir unſeren Baumeiſter nicht mehr um ſeinen Platz im Eilwagen; ſich ſo im Sattel zu wiſſen, wenn auch nur auf einem Maulthiere, war doch ein ganz anderes Ge⸗ fühl. Und dazu noch unſere eigenthümliche Tracht: die Manta maleriſch umgeſchlungen, den caſtilianiſchen Hut keck auf den Kopf geſtülpt, im Gürtel das Meſſer, das bei jedem Schritte klirrende Gewehr am Sattel— wir hielten uns wahrhaftig ſchon für ganz andere Menſchen, als die, welche noch vor ein paar Tagen mit Reiſemütze und Pelzſtiefeln im Eilwagen geſeſſen; wir ſchrieen zu⸗ weilen aus voller Bruſt ein lautes Hurrah und wünſchten in unſerem Uebermuthe irgend ein kleines Abenteuer à la Don Quirote. Endlich wurde auch die Venta fern am Horizonte ſichtbar, aber wir kannten ſchon genugſam die täuſchenden Entfernungen 344 Elftes Kapitel. dieſer Ebene, um zu wiſſen, daß dorthin noch ſehr weit ſei. Das Haus erſchien als kleiner grauer Punkt in troſtloſer Einſamkeit auf der unendlichen Fläche— Muth gefaßt zuletzt werden wir doch noch hin kommen. Wir ritten und ritten eine Stunde um die andere und kamen kaum merklich näher; es ging uns wie geſtern auf dem Wege nach Villarrobledo, und als wir die Venta ſchon faſt dicht vor uns ſahen und vier troſtloſe Pappeln unterſcheiden konnten, welche ſie umſtanden, da brauchte es doch noch eine halbe Stunde ſcharfen Trabens, ja eines verzweifelten Galopps, um endlich vor die Thür der Schenke zu gelangen. Hier aber war Alles öde und leer. Wir ſtiegen ab, pochten heftig an die Thüre, ohne daß man uns öffnete; bald kam auch der Zigeuner hinter uns drein gelaufen, und da er die Oertlichkeiten dieſes Gebäudes zu kennen ſchien, ſo ging er an die hintere Seite, kletterte durch ein Fenſter in das alte, baufällige Haus, kam aber bald mit der Nachricht zurück, die Venta ſei gänzlich verlaſſen. Da war nichts zu machen; außer dem Feuer, auf welches wir ge⸗ hofft, ſuchten wir übrigens nichts in der Schenke, weßhalb wir auch leicht getröſtet waren, uns vor demſelben einen Platz wählten, wo wir vor dem Winde geſchützt waren, und den Zwerchſack unſeres guten Wirthes vom Maulthiere herabnahmen. Wir hatten lange kein ſo herrliches Frühſtück mehr gehabt. Ein hartes Brod, eine ſaftige Zwiebel, dazu dicker, rother Wein, der ſtark nach dem Schlauche ſchmeckte, und als Gewürz zu allem dem ein ſechsſtün⸗ diger Ritt in den Gliedern— es ſchmeckte uns wunderbar, und wir verzehrten unſeren Proviant bis auf die letzte Brodkrume. Ermüdet war ich übrigens auch ein wenig, und um die ſteif ge⸗ wordenen Glieder etwas gelenkig zu machen, ſtreckte ich mich am Boden aus, wälzte mich hin und her, was ich auch Horſchelt und dem Zigeuner anrieth. Ich hatte das früher in Syrien öfters nach langen Ritten von den Arabern geſehen, die ſich dann zuletzt von zwei Kameraden an den Schultern und Füßen packen und ziehen und dehnen laſſen, ſo lange wie möglich. Daſſelbe verſuchten wir Ein Ritt durch die Mancha. 345 auch hier gegenſeitig vor der Venta und fanden es von vortreff⸗ licher Wirkung. Nach einer halbſtündigen Raſt kletterten wir auf unſere Maulthiere und ritten abermals die Eiſenbahn entlang. Glück⸗ licher Weiſe hatten wir eine Stunde ſpäter in unſerem einförmigen Wege eine Abwechslung dadurch, daß wir auf einmal durch ein anſehnliches Flüßchen aufgehalten wurden. Es durchſchnitt recht⸗ winkelig die Eiſenbahn⸗Linie, und von der Ueberbrückung an dieſem Punkte ſtanden erſt einige Pfeiler, über welche ein paar Balken zur nothdürftigen Communication für die Arbeiter gelegt waren. Da hielten wir und rathſchlagten, was zu thun ſei; unſer Zigeuner kannte dieſe Gegend nicht genugſam, um eine Fährte durch das Waſſer zu wiſſen. Wir mußten alſo auf gut Glück eine ſuchen. Das Flußbett war ziemlich tief, das Ufer mit Geſträuch ſo wie hohem und dichtem Sumpfgraſe bewachſen, welches rechts und links eine breite Strecke ausfüllte. Der Boden war ſchlammig, und es ſchien nicht rathſam, ſich in den Fluß zu wagen. Wir ritten eine Viertelſtunde aufwärts einem kleinen Hügel zu, hinter welchem eine unſcheinbare Hütte zum Vorſchein kam; ſie lag zwiſchen dem Gebüſche faſt verſteckt, doch ſahen wir, daß ſie bewohnt war, denn aus einem Loche im Dach ſtieg ein leichter Rauch kräuſelnd in die Höhe. Der Zigeuner, der uns immer voraus durch das Gebüſch ſtöberte, rief uns, zu ihm zu kommen, hier ſei ein Uebergang mög⸗ lich. Wir bemerkten auch bald mehrere kleine Fußpfade, die von der Ebene herkamen und ſich drunten am Waſſer vereinigten. Da mein Maulthier das ſtärkſte war, ſo ſprang unſer Führer hinter mich auf die Kruppe, und nun trieb ich das Thier dem Ufer zu. Bis in den Fluß ſelbſt zu kommen, war die ſchwierigſte Ar⸗ beit, denn es ſank faſt bis an die Kniee in den Schlamm; endlich aber ging es tiefer hinunter, wir müͤßten unſere Füße in die Höhe ziehen, denn die ziemlich reißende Flut ſpülte unter dem Leibe mei⸗ nes Thieres. Horſchelt folgte dicht hinter mir. Die Fährte war ſicher, und der Fluß hätte uns nicht gehindert, ohne Beſchwerden b 1 346 Elftes Kapitel. das andere Ufer zu erreichen. Doch hatten wir uns kaum dem letzteren genähert, als ein paar ſehr große und ſtarke Hunde aus dem Gebüſche aufſprangen und zähnefletſchend mit lautem Gebell gegen uns anſtürzten. Mein Maulthier ſtutzte einen Augenblick, doch trieb ich es den Abhang hinauf, und der Zigeuner, der von der Kruppe herabglitt, traf mit dem Kieſel, den er in der Hand trug, den einen der Hunde ſo nachdrücklich in die Rippen, daß er mit lautem Geheul davon ſprang; der andere zog ſich ebenfalls aus der Angriffs⸗Linie zurück, und wir ritten lachend durch das dichte Geſtrüpp das Ufer hinan, bei der oben erwähnten Hütte vorbei, als dort auf einmal zwei Kerle erſchienen, die uns einige Schimpfworte entgegen riefen und dabei auf den Hund deuteten, der den Fuß etwas in die Höhe zog. Der Zigeuner faßte meinen Steigbügel, legte einen Finger auf den Mund, womit er andeuten wollte, wir ſollten nichts er⸗ widern— aber unſer Gewehr herauf nehmen, ſagte er mit leiſer Stimme. Er gab auch dem Maler einen Wink, und wie auf Commando langten wir an der Seite hinunter, hoben die Flinte aus den Haken und legten ſie quer vor uns auf den Sattel. Der eine der beiden Kerle war ebenfalls im Beſitz eines roſtigen Schieß⸗ prügels, den er langſam in die Höhe hob. Doch blieb es bei dieſer Demonſtration und fortgeſetztem Schimpfen, worauf wir wieder ungehindert unſeren Weg fortſetzten, das Flußbett mit ſeinem Ge⸗ ſtrüpp und Sumpfgraſe bald im Rücken hatten und in Kurzem wieder auf der Eiſenbahn⸗Linie dahin trabten. Unſer Gitano trieb immer vorwärts, und da er von dem beſtändigen Laufen endlich doch anfing müde zu werden, ſo hängte er ſich zuweilen an einen Riemen meines Maulthiers und ließ ſich mit fortziehen. Ungefähr eine Stunde nach unſerem Flußübergang tauchte am fernſten Horizont eine Hügelkette auf, auf der man einige Ge⸗ bäude unterſcheiden konnte, Campo Critana, unſer Nachtquartier. Doch war unſere Freude über dieſen Anblick nicht übermäßig; wir hatten geſtern und heute die Entfernungen ſchätzen gelernt und ͤ—* 7 Ein Uitt durch die Mancha. 347 wußten, daß wir vor Nacht— es ſchien in einer Stunde erreich⸗ bar zu ſein— wenigſtens noch vier Stunden reiten mußten. Und ſo war es auch. Bis zur Verzweiflung dehnte ſich der Weg; ich war etwas ermüdet— unausſtehlich wie Horſchelt ſagte, und fing zum Ergötzen des langen Malers mit unſerem Zigeuner bei einbrechender Nacht einen kleinen Wortwechſel an. Dieſer hatte mir nämlich vor einer Stunde geſagt, nach Ablauf derſelben wür⸗ den wir Campo Critana erreicht haben, und wir waren zu dem angegebenen Zeitpunkte ſcheinbar noch eben ſo weit entfernt wie vor demſelben. Glücklicher Weiſe wurde die Gegend etwas belebter und intereſſanter. Statt des dürren, gelblichen Bodens ritten wir auf einem Wieſenpfade, hatten auch die Eiſenbahnlinie endlich ver⸗ laſſen, kleine Hügel boten einige Abwechslung, und wir ſahen wieder einmal Baumgruppen, freilich nur ſchwächliche Oliven, aber es war doch etwas Neues. Auch Menſchen zogen mit uns, zahlreiche Arbeiter der Eiſenbahn, die ihr Tagewerk vollendet hatten und nach Hauſe zurückkehrten. Bald vernahmen wir auch den Klang einer Glocke; wir verließen die Feldwege und gelangten auf die Fahrſtraße, welche nach Campo Critana führte. Da nun hier unſere Maulthiere augenblicklich in die mit Schlamm ange⸗ füllten Löcher der Straße verſanken, ſo waren wir ſicher, in der nächſten Nähe des Ortes zu ſein. Dieſer war nun eben ſo ärmlich und miſerabel wie Villar⸗ robledo. Trotzdem es ein kleines Neſt ſchien, mußten wir doch eine lange Zeit durch die Straßen ziehen, ehe wir an das Privat⸗ haus kamen, das uns der Ingenieur empfohlen. An unſeren geſtrigen Ball denkend, wären wir gerade nicht betrübt geweſen, wenn man uns wieder in eine Poſada gewieſen hätte. Doch empfing unſer heutiger Wirth Don Manuel uns mit dem Anſtand eines echten Hidalgo, freundlich, herablaſſend, aber gemeſſen, am Thore ſeines Hofraumes. So lange wir im Sattel ſaßen hatten wir weniger vom langen, ſcharfen Ritt und von der Müdigkeit 348 Elftes Kapitel. geſpürt; als ich aber abſtieg, fühlte ich wohl, daß ich des Reitens, namentlich auf ſchlechten Thieren und Sätteln, nicht mehr ge⸗ wöhnt ſeit; denn ich war ſo ſteif geworden, daß es mir Mühe machte, die drei, vier Stufen zum Hauſe hinauf zu ſteigen. Glück⸗ licherweiſe fanden wir hier ein wenn einfaches, doch behagliches Zimmer, einen mächtigen Braſſero, ja, ſogar die Idee eines So⸗ phas und eine freundliche Wirthin, die ſogleich für unſer Nachteſſen Sorge trug. Das Haus Don Manuel's war, was der Spanier eine Caſa de Huespedes nennt, und wurde hauptſächlich von Eiſenbahn⸗In⸗ genieuren beſucht. Ein paar, die auf der hieſigen Station be⸗ ſchäftigt waren, wohnten mit ihren Frauen dort. Alle waren hübſche, umgängliche Leute, und wir plauderten zuſammen ſo gut wie möglich, boten einander Cigarren an und folgten ſpäter ihrer Einladung nach dem Vorplatz oder der Küche des Hauſes, wo ein großes Herdfeuer brannte, um welches wir uns im Kreiſe herum ſetzten. Don Manuel gab mir mit vieler Gra⸗ vität ſeinen, den Ehrenplatz in der Ecke und mein Weigern half nichts, ich mußte ihn annehmen. Er ſchien wohlhabend zu ſein, wenigſtens wies das ganze Hausweſen darauf hin; unſere Wir⸗ thin, Donna Ines, war faſt ſtädtiſch gekleidet, ebenſo die Frauen der Eiſenbahnbeamten. Dabei hatten alle drei hohe, ſtattliche Figuren mit ausdrucksvollen Köpfen, aus denen Augen und Zähne prächtig hervorglänzten. Im Laufe des Abends kamen noch einige Ingenieure von einem Ritt über Feld zurück, mit hohen Reitſtiefeln, den Gürtel um den Leib, in welchem Meſſer und Piſtolen ſtaken. Es kann hier nicht ſchaden, meinte Einer, daß man zeigt, wie man für alle Fälle gerüſtet iſt. So ſaßen wir um den Herd bei einander, die Beleuchtung kam von dem hoch aufpraſſelnden Feuer her; an der Decke hingen Schinken und Würſte, was namentlich mit dem Anzug der hüb⸗ ſchen Weiber, welche die Spitzenmantille um den Kopf trugen, —. ſ——. Ein Ritt durch die Mancha. 349 ſeltſam contraſtirte. Da unſer Zigeuner für morgen einen län⸗ geren Ritt vorausſagte, ſo ſuchten wir früh unſere Betten, die heute recht ordentlich waren, und entſchliefen augenblicklich. Schon um vier Uhr wurden wir geweckt; wir tranken am Feuer unſere Chocolade und ſtiegen, nachdem unſere Maulthiere bepackt waren, was immer einige Zeit in Anſpruch nahm, beim erſten Grauen des Morgens in den Sattel. Der Himmel war klar, doch war es dunkel genug, daß wir überall die Sterne durchflim⸗ mern ſahn, weßhalb wir genöthigt waren, neben unſerem Zigeu⸗ ner noch einen kleinen Buben anzunehmen, der uns durch ver⸗ ſchiedene Engpäſſe vor dem Orte, durch Schluchten und Hohlwege auf die Straße brachte, wo ſich unſer eigener Führer wieder zurecht fand. Trotz ſeiner geſtrigen Verſicherung, er kenne den Weg nach Tembleque wie das Haus ſeiner Mutter, geſtand er uns doch heute ein, daß er noch nie über die geſtern erwähnte Venta hinaus gekommen ſei. Campo Critana liegt am Fuße eines felſigen Hügels, durch deſſen Riſſe und Sprünge wir uns langſam hinauf arbeiteten. Der Wind hatte ſich auch wieder aufgemacht, doch blies er nicht mehr ſo ſcharf und ſchneidend wie geſtern, ſondern er kam ſtoß⸗ weiſe mit etwas wärmerem Hauche, was für den Augenblick angenehmer war, uns aber Regenwetter prophezeihte. Die Sonne ging in finſterer, glühender Majeſtät wie zürnend auf und hatte in ihrem Gefolge dunkle, maſſenhafte Wolken, hinter denen ihre Strahlen wie blitzende Flammen über die röthlichen, nackten Felſen, auf welchen wir ritten, hinfuhren, ſo daß unſere langge⸗ ſtreckten ſchwarzen Schatten auf feurigem Grunde dahin fliehenden Geſpenſtern glichen. Angenehmer Weiſe hatten wir nicht wie geſtern die uͤnab⸗ ſehbare öde Gegend vor uns; vielmehr war das Terrain wild und zerklüftet, und ein ſchmaler, mit Steingerölle bedeckter Pfad führte oft ſehr ſteil auf- und abwärts, wodurch unſer Zigeuner beſtän⸗ dig einen ziemlichen Vorſprung vor uns hatte; denn während er 350 Elftes Kapitel. wie eine Ziege, den Weg oftmals abſchneidend, über die Steine wegkletterte, ſetzten die Maulthiere, namentlich abwärts ihre Füße mit außerordentlicher Bedächtigkeit auf. Der geſtrige Ritt hatte ſte ermüdet, und heute Morgens mußten wir den Stock meiſtens hoch erhoben halten, um ſie nachdrücklich vor dem Stolpern und Hinfallen zu warnen; der Halfterſtrick nützte natürlich dagegen gar nicht. Durch die fliehenden Wolkenſchatten und die Sonnenſtrahlen, welche bald erſchienen, bald verſchwanden, war die Gegend präch⸗ tig gefärbt; namentlich ein Höhenzug auf unſerer Linken mit ernſten und ſchönen Formen prangte im ſaftigſten Violet und tiefen Blau. Auch kleine Seen ſahen wir heute zur Abwechslung rechts und links vom Wege— ſtille, blaue Flächen, die mit un⸗ beweglichem Waſſerſpiegel bald von zackigen, röthlichen Stein⸗ blöcken umgeben waren, bald eingerahmt von friſchem Grün, das ſanft abſteigend die ſtille Flut küßte. Unſer Führer drängte noch mehr als geſtern. Der Marſch ſei ſehr weit, ſagte er; wo es ein wenig eben ging, hängte er ſich an einem unſerer Steigbügel feſt und trabte luſtig nebenher; wo aber das Terrain ſo coupirt war, daß wir Schritt reiten mußten, da eilte er voraus, weit, weit, ſo daß wir oft lange nichts von ihm ſahen, als durch das Haidekraut oder die Buxbaumſträucher ſeine blaue und weiße Manta auf Augenblicke hervorflattern. Der Himmel, der uns ſeit einigen Tagen trocken und freund⸗ lich behandelte, ſchien uns heute, dem letzten Tage unſeres Rittes, noch mit einigem Regen bedienen zu wollen. Der Wind hatte ſich nicht ſo heftig, aber warm und dunſtig erhoben, die Sonne, die uns einige Augenblicke angeglänzt, lagerte ſich hinter ſchwarzen Wolken, es tröpfelte zuerſt leiſe, dann immer ſtärker und ſchüttete nach einer halben Stunde wie mit Gießkannen. Anfänglich ver⸗ droß uns dieſes Bad, und wir ritten eine Stunde lang ſchweigend hinter einander; als aber trotz unſeres Zürnens der Regen nicht aufhörte, als unſere Mantas auf der linken Seite, woher der Wind kam, vom Regen troffen, als zuweilen aus der breiten ein un ge tre ge ein zal rot au Di oht ma Sc dur dar Re. mei Er zum ſcha Groͤ weie Pur gute 1˙ ꝗ⏑ 1⁹ᷣ Ein Ritt durch die Mancha. 351 Krämpe des caſtilianiſchen Hutes artige Bächlein herabrieſelten und wir anfingen die kühle Flut auf unſerer Haut zu ſpüren, da wurden wir wieder heiter und guter Dinge und trotzten mit fröh⸗ licher Laune unter Abſingung allerlei luſtiger Lieder den feindli⸗ chen Elementen. Es war mir angenehm, daß wir nicht auf der langweiligen Chauſſee dahin zogen; die Gegend hier war abwech⸗ ſelnd, ja zuweilen wild romantiſch. Hier ſenkte ſich der Weg zu einer tiefen Schlucht hinab, die, jäh und dunkel, das Thal vor uns weithin zerriß; eine uralte Brücke, aus mächtigen Steinen gebaut, führte hinüber und zu einer Hochebene, die in ihrer wilden troſtloſen Einſamkeit alles übertraf, was wir in den letzten Tagen geſehen. In faſt unabſehbarer Fläche breitete ſich vor uns aus eine dunkle Haide, ein Moor, durch die Farbe der Erde, durch zahlloſe abgeſtorbene Farrenkräuter, durch blühende Eriken, braun⸗ roth gefärbt, und die Straße zog ſich, von Hufen und Rädern aufgewühlt, wie ein ſchwarzer Streifen mitten durch ſie hin. Dieſe Straße war ein paar Hundert Fuß breit, natürlicher Weiſe ohne irgend eine künſtliche Anlage, und lief ſchnurgerade, wobei man deutlich am Horizont ſah, wie ſie ſich ſcheinbar zuſpitzte. Schmutzig graue Wolken hingen formlos, zerriſſen tief von dem dunkeln Himmel herab, zeitweiſe unbeweglich und ſchwerfällig, dann wieder gejagt von heftigen Windſtößen. Unſere Maulthiere ließen die Köpfe hängen, ſte troffen von Regen eben ſo wie der Zigeuner, der ſich an der rechten Seite meines Maulthiers feſthielt und die Thiere forwährend antrieb. Er hatte ſich ſeine Manta um den Kopf geſchlungen und blickte zuweilen verſtohlen an den Himmel hinauf, der immer neue Regen⸗ ſchauer herabſandte. So zogen wir dahin auf der weiten, weiten Haide, deren Gränzen bei jedem Schritt nach allen Seiten noch mehr zurück zu weichen ſchienen; ſo zogen wir dahin, ein paar kleine unbedeutende Punkte in dieſer gewaltigen Natur. Es gehörte aber auch all unſer guter Humor dazu, um nicht verdrießlich zu werden. 352 Elftes Kapitel. Endlich hatten wir die fatale Strecke hinter uns und ſahen zugleich Villa Cannas, wo wir Mittag machen wollten. Aber nie hat uns ein Ort durch ſeine Entfernung ſo genarrt wie dieſer. Es war in der That zum Verzweifeln, wie wir ſo, Stunde um Stunde reitend, die Kirche des Dorfes, die Häuſer mit ihren Fenſtern immer deutlicher erkennen konnten und doch nicht hin⸗ kamen. Ich muß geſtehen, daß ich mich heftig darüber erzürnte, mehr aber noch über den Gleichmuth des Malers, der das ganz in der Ordnung zu finden ſchien, und der ſich unterſtand, mir zu verſichern, er ſpüre nach nun achtſtündigem Ritte in Regen und Kälte weder Hunger, Durſt, Müdigkeit, noch das Bedürfniß nach einem guten Feuer. In der Nähe dieſes verzauberten Ortes begegneten wir zum erſten Male Reiſenden unſeres Schlages; es waren drei Reiter, die auf guten Pferden daher trabten, und die eben ſo durchweicht ſchienen, wie wir. Ihre Mäntel flatterten im Winde; wir be⸗ grüßten uns freundlich und hatten bald eine gute Strecke zwiſchen uns. Auch die Bahnlinie erreichten wir hier wieder; ſie führte auf einem hohen Damme mitten durch ein ſumpfiges Terrain, weßhalb wir denſelben benutzten, was mir auf ein Haar zu einem vierzig Fuß hohen Sturze verholfen hätte. Die Ränder des Dammes waren durchweicht und bröckelig, mein Maulthier that einen falſchen Tritt und konnte ſich nur durch eine verzweifelte Anſtrengung vor dem Hinabrollen retten. Villa Cannas, dem wir nun endlich beikamen, war ein recht elendes Neſt mit Lehmhütten, faſt ohne alle Fenſter, einem fürch⸗ terlichen Pflaſter und einer ziemlich ſchlechten Poſada. Doch ließen wir uns den ſtark gepfefferten Reis mit Hammelfleiſch recht wohl ſchmecken, tranken einen nicht ſehr guten Rothwein dazu und hiel⸗ ten uns deſto feſter an die Chocolade, welche wie überall vortreff⸗ lich war. Man kann es einem Reiſenden wahrhaftig nicht übel nehmen, wenn er oft und viel vom Eſſen und vom Wetter redet: es ſind das namentlich bei Touren wie die unſrigen ſo wichtige Ein Nitt durch die Mancha. 353 Gegenſtände, daß es verzeihlich iſt, wenn man vielleicht etwas Anderes darüber vergißt. Es gehört auch zur Färbung einer Reiſe⸗ beſchreibung; der Leſer kann verlangen, daß man ihm ſagt, ob es geregnet oder ob die Sonne geſchienen, wogegen es in unſerem eigenen Intereſſe liegt, ihm zu vermelden, wenn unſer Mittageſſen einmal außerordentlich ſchlecht war; er wird uns dann als billiger Mann einige folgende, vielleicht ebenfalls ſchlecht geſchriebene Seiten nachſehen. 25 Wir verließen den vorhin genannten Ort zu Fuß, theils um die ſteif gewordenen Glieder gelenkig zu machen, theils um uns etwas zu erwärmen. Villa Cannas iſt an einen Berg hinan ge⸗ baut, hat jedoch eine im Vergleich zu den armſeligen Häuſern ganz anſtändige Kirche. Als wir die Höhe des Ortes erreicht hatten und faſt ſchon im Freien waren, ſahen wir auf einem Felde neben uns ſtatt der Lehmhütten, die rings umher ſtanden, nur Dinge wie Schornſteine, die ohne ein Dach oder ſonſt etwas aus dem Erdboden emporzuſteigen ſchienen. Ich erinnerte mich etwas Aehn⸗ liches in Dörfern auf dem Libanon geſehen zu haben, und ſind das Wohnungen ſo gut wie die anderen„nur daß ſie ſich unter der Erde befinden und außer der Thüre und dem Schornſteinloch keine weiteren Oeffnungen haben. Man findet ſie häufig in Spa⸗ nien, und ſie ſind faſt immer von Zigeunern bewohnt. Beſteht doch in Granada die ganze ehemalige Ritterſtadt, der Albaicin, aus ähnlichen Wohnungen und iſt von den Gitanos bewohnt, die ſich in ihren höhlenartigen Behauſungen wahrſcheinlich recht heimlich fühlen, wenn ſie an die Zeit denken, wo ſie ein noch leich⸗ teres Obdach in Wald und Flur hatten. Ein tiefer Hohlweg, der uns auf der Höhe aufnahm, ſchien mir geeignet, auf bequeme Art Sattel und Maulthier zu erreichen. Ich ſtellte das Thier unten hin und glitt von oben ſanft auf den Sitz; der Maler aber, der eine ſolche Beihülfe als weichlich ver⸗ ſchmähte und mir zeigen wollte, wie der deutſche Mann zu Eſel Hackländer, Ein Winter in Spanien. I. 23 354 Elftes Kapitel. ſteigt, bediente ſich nicht des Hohlweges, ja, nicht einmal des Bügels und marterte ſich ab, voltigirend den Rücken des armen Thieres zu erklimmen. Es war ein erhebender Anblick, wie er ſo als Mehlſack in dem Sattel hing und mit den Füßen ſchwimm⸗ artige Bewegungen machte, um hinaufzukommen, was ihm aber erſt nach furchtbaren Anſtrengungen gelang, zu meinem Ergötzen und zum großen Vergnügen des Gitano, ſo wie mehrerer Herren Buben aus dem Orte, welche dieſe Probe ritterlicher Gewandtheit gebührend anſtaunten. Uebrigens gab uns dieſer Vorfall auf mehrere Stunden Stoff zum Lachen. Ich erinnerte mich eines ähnlichen Vorfalles aus der Militärzeit her, wo ein Vorgeſetzter bei einer eben ſo mißrathenen Voltige ausrief:„Klettert mich der Kerl uf dat Pferd, wie die Kuh uf eenen Appelbom!“— Hor⸗ ſchelt wäre mir bei Erzählung dieſer Anekdote vor Entzücken faſt vom Maulthiere herunter gefallen, und nachdem wir ſchon meh⸗ rere Stunden geritten, brauchte ich ihn nur zu fragen:„Du, weißt du, was der Offtzier geſagt?“ ſo erlag er faſt einem förmlichen Lachkrampfanfalle. Etwas Heiterkeit war uns übrigens an dieſem unangeneh⸗ men Nachmittage wohl zu gönnen. Der Regen hielt uns feucht durch die von Zeit zu Zeit ſich wiederholenden ordentlichen Gießer; der Weg war abſcheulich, und unſere Mulos fingen an ſo marode zu werden, daß ſie aus dem Stolpern nicht mehr herauskamen und jeden Augenblick in die Kniee ſanken. Daß zu gleicher Zeit Tembleque, das Ziel unſerer mühſeligen Tour(denn von dort hatten wir die Eiſenbahn nach Madrid), vor uns erſchien, trug etwas zu unſerer Aufheiterung bei. Wir ritten auf einer Hoch⸗ ebene, der Wind hatte die Wolken zerriſſen, und die Sonne be⸗ leuchtete auf einen Augenblick das hiedurch prächtig gefärbte Thal, in welchem noch unendlich weit von uns entfernt der eben genannte Ort lag. Wir kannten dieſe furchtbaren Entfernungen; waren uns doch bis jetzt ſämmtliche Ortſchaften, die wir erreichen Ein Kitt durch die Mancha. 355 mußten, wie das Geſpenſt der Fata Morgana erſchienen, neckiſch zurückweichend, je mehr man ſich abmühte, ſie zu erreichen. So auch hier wieder in ausgedehntem Maßſtab. Die Sonne ſank unter, es wurde ſo finſter, daß man im wahren Sinne des Wortes keine Hand vor den Augen ſehen konnte und unſer armer Zigeuner vor uns hertappen mußte, um nur auf dem Wege zu bleiben. Aber trotz dieſer Vorſichtsmaßregel hatten wir die ſchlechte Straße dennoch kurze Zeit nachher verloren und machten eine un⸗ freiwillige Rutſchpartie in einen Sumpf hinein, in welchem die Maulthiere bis an den Bauch wateten, namentlich das meinige, welches auch den Zigeuner tragen mußte. Es war das ein ſehr mißlicher Moment; ringsum finſtere Nacht; wohin ſollten wir uns wenden? Wer wußte, wie tief das Moor war, in dem wir uns gerade befanden, und ob wir nicht im nächſten Moment an eine Stelle kamen, die uns ſpurlos verſchlingen würde? Die ſpa⸗ niſchen Sümpfe laſſen nicht mit ſich ſpaſſen. Wir ließen die Thiere gehen, wohin ſie wollten, und thaten wohl daran; denn nach einiger Zeit hatten ſie feſteren Boden und ſogar die Straße wieder aufgefunden. Bald darauf hörten wir Hundegebell, ſahen Lichterglanz und waren in Tembleque. Wir hatten uns recht auf dieſen Anblick gefreut und ſogar unſere Thiere aus allen Kräften angetrieben; ſollte doch um acht Uhr ein Zug nach Madrid gehen, und bis dahin hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit. Wir kletterten durch öde leeren Gaſſen, bei einer einſamen Kirche vorbei, ohne eine menſchliche Seele zu ſehen; endlich erblickten wir eine erleuchtete Hausthüre und einen Mann, der unter derſelben ſtand.„Wo geht der Weg zur Eiſen⸗ bahn?“ rief ich.—„Nur gerade aus,“ entgegnete er,„dort oben aber links.“— Wir trieben ugſere müden Thiere vorwärts, wir ritten gerade aus, dann links, und mußten nun wieder fragen:„Wo gehts zur Eiſenbahn?“—„Zuerſt gerade aus und dann rechts,“ war die Antwort.— VerdammtV! dieſes Tembleque war ein un⸗ 23 ⁴ 356 Elftes Kapitel. endlich langes Neſt, dabei ein ſo unergründlicher Koth und Schlamm auf den Straßen, den ich beſchreiben würde, wenn ich dergleichen bei dieſer Tour nicht ſchon ſo oft erwähnt hätte. Des ewigen Umherirrens ſatt, rief ich unſerem Zigeuner zu, er ſolle jemanden nehmen, der uns zur Eiſenbahn führe. Doch weigerten ſich alle Begegnenden, wahrſcheinlich des ſchlechten Wetters wegen. Die ewige Antwort auf unſere Fragen war:„Nur gerade aus, nur gerade aus!“ Mittlerweile hatten wir das Ende dieſes Ortes erreicht, wir waren wieder im Freien, freilich auf einer beſſeren Straße als vorher; doch nirgends eine Spur von der Eiſenbahn, um uns die ſchwarze Nacht ohne irgend einen freundlichen Lichtſtrahl. Glück⸗ licherweiſe begegnete uns ein Mann mit einem Ochſenwagen, den wir anhielten und nach dem richtigen Wege zur Eiſenbahn fragten. „Es iſt die rechte Straße,“ entgegnete er,„Sie haben noch eine ſtarke halbe Legua,“— ungefähr eine deutſche Stunde. Das war uns denn doch etwas zu bunt. Unſere üble Laune ſiegte, wir ſchimpften weidlich auf den langen Weg, auf das Regenwetter, auf Temble⸗ que, auf die Eiſenbahn. Natürlich half das alles nichts; wir mußten in der Nacht weiter reiten. Mein armes Maulthier ſtol⸗ perte über einen Steinhaufen und brach unter mir zuſammen. Horſchelt, der ſchnell ausweichen wollte, kam zu viel nach rechts und rollte, zum Glück ohne Schaden zu nehmen, mit ſeinem Thiere in den Chauſſeegraben. Da rief der Zigeuner, der uns voraus war:„Ferro carril!“ Wir ſahen vor uns im Thale Lichter, einige ſtanden feſt, andere bewegten ſich hin und her. O ſüße Hoffnung! vielleicht eine Locomotive. Ja, ja, es war ſo: unten mußte die Bahn eine Curve machen, im nächſten Augenblicke erblickten wir deutlich die rothglühenden Laternen der Maſchine. Ich hielt mein Thier an, um auch etwas zu hören. Ach! wie Muſik klang mir das Ziſchen des Dampfes, welches ich jetzt vernahm. Noch eine halbe Stunde, und wir hatten den Bahnhof erreicht. Um aber —— —— Ein Ritt durch die Mancha. 357 unſere heutige Tour zu beſchließen, wie ſie angefangen, erhielten wir von einem Beamten die Nachricht, der Zug nach Madrid ſei ſchon vor einer halben Stunde abgefahren. Wir waren furchtbar enttäuſcht, und im Begriff allen Ernſtes mißmuthig und ver⸗ drießlich zu werden, und das um ſo mehr, als wir an einer ziſchen⸗ den Locomotive, die auf und ab fuhr, ſowie an Wagen, die gepackt wurden, deutlich ſahen, daß ſich noch ein Zug zur Abfahrt für heute Abend rüſtete, ein Güterzug, der aber keine Paſſagiere mit⸗ nehmen durfte. Wie man argwöhniſch ſein kann, ſo glaubten wir anfänglich, der Bahnhofbeamte wolle uns aus böſem Willen zu⸗ rückhalten; doch traten wir gerne zurück und bedankten uns noch freundlichſt, als wir erfuhren, daß dieſer Güterzug erſt in der Frühe des andern Morgens nach Madrid kommen würde. Eine ſolche Nachtfahrt hätte uns noch gefehlt nach unſerem heutigen Ritte.—„In Gottes Namen! Iſt ein Gaſthof in der Nähe?“— „Sogar ein vortrefflicher,“ entgegnete der Beamte,„im Bahnhof⸗ gebäude ſelbſt.“ Ein Packträger half uns die Maulthiere abladen, wir be⸗ zahlten den bedungenen Preis für die letzteren, belohnten unſeren treuen Gitano ſo fürſtlich, als es unſere bürgerliche Kaſſe erlaubte, und ſuchten den vortrefflichen Gaſthof auf. Der Beamte hatte in der That nicht gelogen: für das, was wir in den letzten Tagen erlebt, fanden wir uns hier glänzend untergebracht; man führte uns in ein Zimmer, deſſen Boden mit Strohteppichen belegt war und wo ſich Stühle, ſogar ein Fauteuil befanden, ein Zimmer, das— o Wunder!— von einem Ofen ſanft erwärmt war. Verzeihe mir der Leſer, wenn ich abermals vom Eſſen rede, aber hätte er ſich, wie wir nun endlich der naſſen Kleider entle⸗ digt— Kellner und Wirth halfen uns mit den ihrigen aus—, hätte er ſich an einen gut gedeckten Tiſch geſetzt, ſo würde er die weichgeſottenen Eier, vortrefflichen Fiſche und Schinken, einen herr⸗ lichen Wein, gutes Brod und geröſtete Mandeln ebenfalls für 358 Elftes Kapitel. Ein Ritt durch die Mancha. bemerkenswerth und des Aufzeichnens würdig erachtet haben. Später trieben wir noch Verſchwendung mit einer ziemlichen Bowle Punſch, die bis auf den letzten Tropfen von uns vertilgt wurde und deren Geiſter uns angenehm umſchwebten und in den ganz guten Betten ſanft die Augen ſchloſſen. Inhalt. Erſtes Kapitel. Nach Italien. Zweites Kapitel. Von Malland nach Florenz Drittes Kapitel. Florenz Viertes Kapitel. Nach Carrara Fünftes Kapitel. Marſeille Sechstes Kapitel. Von Marſeille nach Barcelona Siebentes Kapitel. Ein Stiergefecht. Achtes Kapitel. Ein Beſuch auf dem Montſerrat Neuntes Kapitel. Von Barcelona nach Valencia Zehntes Kapitel. Valencia.... Elſtes Rapitel. Ein Ritt durch die Mancha 111 168 211 238 256 — ——