3 3 4 8 5 1 1—— 4— A“. —— Eine Geſchichte in vierundz von g. W. Hackländer. Mit Illustrutienen von C. Scheuren. Zweiter Band. OGe Stuttga Druck und Verlag von E rt. duard Hallberger. 1860. wanzig Stunden ——— 5— — ger in Stuttgat. Druck und Verlag von Eduard Hallber X 3* 4* 3 8 ———“—— 5 ſür die Drei, welche im Zimmer zurückblieben, waren die nächſtfolgenden Augenblicke mehr als pein⸗ lich. Die Fremde, von der es ſchien, als habe ſie bei der eben entwickelten Heftigkeit ihre ganze Kraft verbraucht, ſaß zuſammengeſunken da, hatte den Kopf in ihre Hände ge⸗ legt, und ihre Thränen quollen zwiſchen den Fingern hervor. Daß die beiden Kinder es hierin wie ihre Mutter machten, brauchten wir eigent⸗ lich nicht zu erwähnen, doch können wir Hackländer, Tag und Nacht. II. — — 2— nicht verſchweigen, daß ſie von ihrem unbeſtreitbaren Rechte, zu ſchreien und zu weinen, einen recht mäßigen Gebrauch machten, was wohl daher kommen mochte, daß ſie durch die eben vorgefallene Scene verſchüchtert waren. Genug, ſie hatten ſich in die Ecke des Sophas gedrückt, wobei ſich das kluge Mädchen bemühte, das Geſicht ihres Bruders von den Perſonen im Zimmer abzuwenden, was ihr auch nach einigen vergeblichen Verſuchen gelang. Da nun der Knabe mit ſeinem Hampelmann Naſe an Naſe ſtand, ſo ſchien es, als ob die Wangen dieſes edeln Hausfreundes von eigenen Thränen benetzt wären. Victor war in dem Nebenzimmer geblieben, aus dem Alice ſo plötzlich verſchwunden, dann an das Fenſter ge⸗ treten und blickte mit übereinander geſchlagenen Armen auf die Straße hinaus. Er hatte wohl beſſer als alle Uebri⸗ gen den ſchwachen Aufſchrei des jungen, ſchönen und lieben Mädchens verſtanden; ihm hatte es ein entſetzliches Gefühl verurſacht, als vor ihren Ohren ſo ſchonungslos über ſein Leben und Treiben geſprochen wurde; er hatte wohl die Bedeutung des ernſten und ſchmerzlichen Blickes begriffen, den Herr Duvallet im erſten Augenblicke der Ueberra⸗ ſchung auf ihn geworfen. Es war das, wie bemerkt, nur ein einziger Blick geweſen, aber er war für ihn verſtändlicher, als hundert Worte, hundert Vorwürfe es geweſen wären. Der Commerzienrath ſchritt einige Mal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor der Fremden ſtehen und ſprach mit ruhiger Stimme: „Madame, Sie hatten die Abſicht, eine Stelle im Hauſe des Freiherrn von Molitor anzunehmen; ich habe durch Herrn Kohler, der Sie mir vorſtellte, die ſehr nothwendi⸗ gen einleitenden Schritte thun laſſen und erwarte den eben genannten Geſchäftsfreund jeden Augenblick, um dann das Weitere beſorgen zu können.“ — O Alice war wunderbar ſchön in dieſem Augen⸗ blicke— wunderbar, unbeſchreiblich ſchön. Wie ſie da ſaß, halb verſteckt zwiſchen ihren Blumen in dem einfachen, weißen Gewand, das leuchtende Auge empor gerichtet, war ſie keine irdiſche Erſcheinung mehr, man hätte ſie für einen der lieben Engel halten können, die zuweilen zu uns niederſchweben, deren Nähe aber nur von beſonders dazu Gewürdigten geahnt und bemerkt wird. Er, der mit klopfendem Herzen einen Augenblick in all den Glanz ſchauen durfte, gehörte nicht mehr zu jenen Würdigen, denn die Thüre ſchloß ſich, ließ ihn in um ſo tieferem Dunkel zurück und ſperrte ihn unerbittlich ab von allen ſeinen Himmeln. ——— Die erſte Stunde. & e. ꝗ ☛ᷣ☛☚ achdem Herr Weller den jungen Muſiker an einer Straßenecke, wo ſich Beider Wege trenn⸗ ten, verlaſſen, war der kleine Kaufmann in tiefem Nachdenken wei⸗ ter geſchlendert; wir ſagen geſchlendert im Gegenſatz zu ſeinem gewöhnlichen feſten und eiligen Geſchäfts⸗ gange. Wenn früher nur ſehr Weniges im Die Fremde antwortete nicht, ſchien aber durch ein tie⸗ fes Neigen mit dem Kopfe ihren Dank ausdrücken zu wollen. „Da ich hoffe, Madame, daß mein Fürwort genügt,“ fuhr Herr Duvallet nach einer Pauſe fort,„ſo zweifle ich alſo nicht, daß wir jene Stelle für Sie erhalten werden, wenn— Sie überhaupt noch geneigt ſind, ſolche anzuneh⸗ men.— Verzeihen Sie mir, ich war, ohne es zu wollen, Zeuge Ihrer etwas lebhaften Unterhaltung mit meinem Neffen, Herrn Victor Barring.— Ich habe viel in der Welt erfahren, geſehen, gehört, und wenn ich auch nicht von Anfang an bei dem eben erwähnten Geſpräch zugegen war, ſo wird es mir doch nicht ſchwer, aus den Bruch⸗ ſtücken, die ich gehört, ein Ganzes zuſammen zu ſetzen.— Madame, verzeihen Sie einem Manne, der einiges Intereſſe für Sie fühlt, der Ihr Vater ſein könnte, wenn er Ihnen ſagt, daß Sie ein ſchweres Unternehmen begonnen haben, ein Unternehmen, welches durchzuführen gewöhnliche menſch⸗ liche Kraft nicht hinreicht,— ein Unternehmen, deſſen Ver⸗ antwortung ich dieſen beiden Kindern gegenüber um Alles in der Welt nicht auf mich nehmen wollte.— Sie haben gelitten, Madame, gewiß viel gelitten, und— wahrſchein⸗ lich unverſchuldet gelitten. Dafür wollen Sie Ihre Rache haben, Ihre volle Rache an dem, der Sie beleidigt. Ah! Madame, das iſt hart; Sie wollen Ihren Haß in die Ewig⸗ keit hinüber ſchleppen, Sie wollen dem, der gegen Sie ge⸗ fehlt, die Gelegenheit abſchneiden, ſeinen Fehler wieder gut zu machen, ihn in die Unmöglichkeit verſetzen, Ihnen das Glück wieder zu geben, das er Ihnen geraubt.— Be⸗ denken Sie wohl, Madame, was Sie thun. Kann es mir doch jetzt gleichgültig ſein, welchen Entſchluß Sie faſ⸗ ſen, obwohl mir— Sie verzeihen einem Vater,“— ſetzte er mit einem ſchmerzlichen Lächeln hinzu—„eine etwas 8 e 8 2 verſöhnlichere, weichere Stimmung Ihrerſeits ſehr willkom⸗ men geweſen wäre.— Ich will Ihnen gewiß keine Vor⸗ würfe machen, Madame, aber ich möchte Sie nur bitten, um Ihrer ſelbſt willen meine Worte ein klein wenig zu be⸗. herzigen.— Uebrigens,“ fuhr er gleich darauf im vollkom⸗ men ruhigen, gleichgültigen Tone des Geſchäftsmannes fort,„wird Herr Kohler alsbald erſcheinen und ganz zu Ihren Dienſten ſtehen.“ Dabei machte der Commerzienrath eine höfliche, tiefe Verbeugung nach altem Styl und ging dann in's Neben⸗ zimmer, wo Victor immer noch am Fenſter ſtand. „Ich möchte Dich nachher einen Augenblick ſehen,“ V ſagte Herr Duvallet zu ſeinem Neffen, worauf dieſer ent⸗ gegnete: „Gewiß, Onkel, ich werde ſpäter nicht verſäumen, zu Ihnen zu kommen.“ Dann verließ der Herr des Hauſes das Zimmer. Einige Minuten darauf wollte ihm der junge Mann V folgen und, bei dem offenſtehenden Nebenzimmer vorüber⸗ gehend, hatte er ſchon beinahe die Thüre erreicht, als er heftige Schritte und das Rauſchen eines Kleides hinter ſich vernahm. Er wandte ſich um und ſah die Frau ſeines Freundes, die ihren Sitz verlaſſen hatte, haſtig und in gro⸗ ßer Aufregung auf ſich zukommen und hörte, wie ſie ihn bat, noch einige Augenblicke dazubleiben. Er folgte ihr in den Salon, und dort angekommen, wandte ſie ſich raſch von ihm ab und gegen das Fenſter zu, drückte ihre rechte Hand mit dem Taſchentuch vor die Augen und brach in ein lautes, heftiges Weinen aus, wobei ihr Körper zuckte. Mehrere Male machte die Frau vergeblich den Verſuch, mit Victor zu ſprechen, denn jedesmal erſtickte ein neues, ſtärkeres Weinen ihre Worte. Endlich aber ſchien ſie alle ihre Kraft zuſammennehmen zu wollen, ſie preßte beide ——— — 0— Hände mehrere Sekunden lang vor das Geſicht, und als ſie dieſelben nun herabſinken ließ, ſah man, welche Anſtrengun⸗ gen ſie machte, ihre Lippen auf einander zu preſſen und ihre Züge zu beruhigen. „Victor,“ brachte ſie darauf mühſam hervor,— unge und ſchöne Mädchen, welches ſo — „Sie lieben jenes j freundlich gegen mich und die Kinder war. Sagen Sie mir um Gottes Barmherzigkeit willen, ob Sie ſie lieben?“ Der Muſiker zuckte faſt verächtlich mit den Achſeln, als er erwiederte: „Was ſoll ich Ihnen darauf antworten? Ich— der Geliebte der Frau von Molitor?— Ahl bei Gott!“ fuhr er heftiger fort, indem er die Hand gegen ſie ausſtreckte, „ich könnte faſt ſagen, ich erzeige meinem Freunde einen Gefallen, wenn ihr Beide todt für einander ſeid.“ Sie ſchaute den jungen Mann mit weit aufgeriſſenen Augen an, aus denen aber ihre Thränen unaufhaltſam floſſen. Sie verſuchte ihm eine Antwort zu geben, aber die Stimme brach ihr beim erſten Laut, den ſie ausſprach.— „Laſſen Sie das,“ brachte ſie endlich mühſam hervor;„wenn Sie wüßten, Victor, wie ich leide“— ſie drückte ihre Hand auf das Herz—„ſo würden Sie mir viel von meiner Hef⸗ tigkeit verzeihen. Aber beantworten Sie mir meine Frage. — Oder nein, nein, beantworten Sie mir dieſelbe nicht!“ rief ſie plötzlich leidenſchaftlicher.„Was hilft es mir auch, zu wiſſen, ob Sie, Victor, jenes junge und ſchöne Mädchen lieben! Hat mir doch jener Aufſchrei deutlich genug ge⸗ ſagt, daß Sie von ihr geliebt werden.— O Jammer über meine Worte! Jammer über dieſen Tag und auch Jammer über Sie, Victor!“ „Gut,“ entgegnete er ruhig,„ich will Ihren Ruf des Jammers über mich geduldig hinnehmen; aber vergeſſen Sie ſich felbſt nicht, Sie, die an ſo vielem Jammer Schuld ſind.“ — — 6— „Bin ich das denn wirklich?“ gab ſie haſtig zur Ant⸗ wort und ſchaute mit verwirrtem Blick um ſich, wobei ſie ihre Haare aus der Stirne ſtrich.„Habe ich wirklich Schuld daran? Hätte ich Manches anders machen können und ſollen?— O ſprechen Sie, Victor! Sprechen Sie!“ wie⸗ derholte ſie mit Heftigkeit.„Glauben Sie mir, ich fühle, daß mein Herz weicher geworden iſt, daß ich empfänglich bin für jedes gute, für jedes verſöhnliche Wort. Darum V ſprechen Sie, ich beſchwöre Sie darum!“ V „Was ſoll ich Ihnen alles das wiederholen, Thereſe, was ich Ihnen ſchon ſo hundertmal geſagt?— Und doch würde ich es mit Freuden thun, wenn ich denken könnte, daß Sie mir wirklich mit andern Gedanken zuhören würden.“ „Gewiß mit andern Gedanken,“ ſagte ſie raſch,„ge— V wiß! gewiß!“ V Ein helles Licht ſchien auf den bisher ſo finſteren Zügen des jungen Mannes zu leuchten; er trat der wei⸗ nenden Frau näher, er faßte ſanft ihre Hand und ſagte ihr mit weicher Stimme: V„So glauben Sie mir vor allen Dingen, Thereſe, daß V er gewiß ebenſo unglücklich iſt wie Sie, daß er mindeſtens ebenſo viel gelitten, daß er ſchaudernd auf einem Boden gewandelt, wo er fühlte, wie er ihm Tag um Tag, Stunde um Stunde immer mehr unter den Füßen ſchwand. Glauben Sie mir, daß er lange, lange Zeit hoffend auf Sie blickte, eines guten, freundlichen Wortes gewärtig, das Sie aber nicht für ihn hatten, auf eine rettende Hand har⸗ rend, die Sie ihm aber nicht darreichten, die Sie gen Him⸗ mel erhoben, wenn Sie ſchwere Anklagen gegen ihn vor⸗ brachten.— Laſſen Sie mich ausreden, Thereſe,“ ſetzte er V in erhöhtem Tone hinzu, als er bemerkte, daß Sie etwas entgegnen wollte.„Sie haben ihn nie verſtanden, Sie —— +—— 2 — 4 1 wollten ihn nie verſtehen, und um endlich Ihrer Unduld⸗ — ſetzen, erfinden Sie die furchtbarſte Weibes nur auszudenken ver⸗ ſtrafen, ſich ſelbſt den Gatten, nach — ſamkeit die Krone aufzu Rache, die das Herz eines mag, und nehmen, um ihn zu Ihren Kindern den Vater.— Wie dann?“ ſetzte er einer Pauſe hinzu,„wenn er das nun nicht einmal als Strafe anſähe? Wenn er ſich glücklich fühlte über ein ge⸗ löstes Verhältniß, das ihn bis jetzt in drückenden Feſſeln hielt?— Wie dann?“ „Ach! das wäre entſetzlich!“ „Helfen Sie mir, brachte die Frau mühſam Victor! retten Sie mich hervor. und ihn!— ich ſehe— mein Unrecht— ein. O möge— er— ebenſo denken!——— bgebrochen mit ganz leiſer Stimme Sie ſprach das Letzte a ſo ſeltſamen Lächeln auf den zitternden Lippen, ſie erſtaunt anſah, und als er mit wie ihre Hände ſich eigenthümlich be⸗ e plötzlich mit einer tiefen Bläſſe die Niederſinkende raſch in ſeinen il nieder, vor und einem daß der junge Mann Schrecken bemerkte, wegten und wie ihre Züg überzogen waren, fing er Armen auf und ließ ſie ſanft auf dem Fauteu dem ſie gerade glücklicher Weiſe ſtand. Es war in der vergangenen Nacht und am heutigen die arme Frau eingeſtürmt, ſo daß ihre Tage zu viel auf ſtarken Nerven davon angegriffen wurden, und ihre ſonſt ſo feſte Conſtitution darunter leiden und endlich zuſammen⸗ brechen mußte. Doch dauerte glücklicher Weiſe dieſer An⸗ fall nur ein Paar Sekunden, und ſie erholte ſich ſo raſch und vollſtändig, daß ſie in Kurzem ſchon ihren Kopf erhob und mit einem freundlichen Lächeln zu Victor emporſchaute, der ſich theilnehmend auf ſie niedergebeugt hatte. Daß mittlerweile an die Thüre des Nebenzimmers ge⸗ klopft worden war, hatten Beide nicht bemerkt, ebenſowenig, daß dieſe Thüre geöffnet worden und näher kommend Herr Kohler auf der Schwelle des Salons erſchien, wo er mit — 5 ——“ 1 dem unzweideutigſten Ausdrucke des Erſtaunens auf ſeinen Zügen, Hut und Stock in der rechten Hand haltend, ſtehen blieb. Wie er oft zu thun pflegte, wenn er etwas genauer betrachten wollte, ſo machte er's auch jetzt— er ſchob näm⸗ lich ſeine blaßblauen Brillengläſer näher an die Augen und konnte ſich darauf, als die eigenthümliche Stellung der Beiden ſich nicht löste, eines gelinden Räuſperns nicht enthalten. Der junge Muſiker blickte empor, und wenn die vor⸗ hergehenden Augenblicke nicht ſo gar ernſt und ergreifend geweſen wären, ſo hätte er ſich ſchwerlich beim Anblick des ehemaligen Maklers eines Lächelns erwehren können. Er trat übrigens raſch von dem Fauteuil, auf dem die Dame ſaß, gegen Herrn Kohler, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn in's Nebenzimmer zurück, wo e mit leiſer Stimme ſagte: „Sie bemerken dort eine Dame, beſter Freund, die meinem Onkel von guter Hand empfohlen, ſich plötzlich etwas angegriffen fühlte, und ich ſah ſchon mit wahrem Schrecken dem höchſt fatalen Augenblick einer völligen Ohnmacht ent⸗ gegen. Sie hat ſich aber glücklicher Weiſe wieder erholt.“ „Ja— a,“ gab Herr Kohler mit einem mißtrauiſchen Blick zur Antwort,„ſie ſcheint ſich allerdings wieder erholt zu haben. Aber ſagen Sie mir, mein lieber Herr Victor“— er zog bei dieſen Worten ſeine Stirne finſter zuſammen—„was Teufels treibt ſie ſchon um dieſe Stunde hierher in's Haus Ihres Onkels?— Und erlauben Sie mir die Ihnen viel⸗ leicht ſeltſam ſcheinende Frage: was machen Sie hier allein im Salon bei— bei— jener Wittwe, die ich unter mei⸗ nen Schutz genommen und hieher in das Haus Ihres Onkels gebracht, wo ich wahrhaftig am allerwenigſten ge⸗ wünſcht hätte, Sie, theuerſter Freund, um ſie beſchäftigt zu finden?“ r ihm — — 9 „Dieſe Dame,“ antwortete Victor im Tone des höch⸗ ſten Erſtaunens,„dieſe Dame dort im Salon iſt die Wittwe, von der Sie mir heute Morgen ſprachen und die kennen zu lernen Sie mir die größten Schwierigkeiten machten?— O das iſt eigentlich komiſch!“ „Ich finde aber durchaus nichts Komiſches darin,“ Herr Kohler zur Antwort. Und dabei warf er ſich in Bruſt, indem er ſeine rechte Hand, in der er noch immer Hut und Stock trug, mit der linken auf ſeinem Rücken vereinigte.—„Allerdings iſt dieſes die Wittwe, welche ich ſo glücklich war mit ihren beiden Kindern auf der Eiſen⸗ bahn zu finden, der ich meine Dienſte anbot, und welche die Freundlichkeit hatte, dieſes mein geringes Anerbieten anzunehmen.“ „Und es iſt tereſſe weiter,„ pfohlen haben? welche jene des Freiherrn annehmen will?“— „Annehmen will und wird, mein lieber Herr Victor,“ erwiederte der ehemalige Makler mit vielem Selbſtgefühl. Dabei ſchob er abermals ſeine Brillengläſer feſt an die Augen und blinzelte in's Nebenzimmer hinein.—„Chrlich geſagt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„war es durchaus nicht meine Abſicht, Sie zum Mitwiſſer im vollen Umfang des Worts in dieſem kleinen, für mich angenehmen Geheim⸗ gab die dieſelbe,“ fragte Victor mit höchſtem In⸗ welche Sie dem Freiherrn von Molitor em⸗ Stelle bei der kleinen Tochter niß zu machen.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte der Muſiker trocken. „Wozu auch 2“ fragte Herr Kohler achſelzuckend.„Was kann Sie dieſe Wittwe intereſſiren?— Lieber Victor,“ fuhr er vertraulich fort, wobei er einen Rockknopf des Andern faßte und dabei ſchelmiſch zu lächeln verſuchte,„Sie wer⸗ den mir das Zeugniß geben, daß ich mich nie im Gering⸗ ſten bemühte, in Ihr Gehege zu kommen.— Na, machen “ vrNEN 4“ 7. .— 10— Sie kein ſo ſonderbares Geſicht; Ihr Leben und Treiben blieb mir nicht verborgen. Alſo, wie Du mir, ſo ich Dir. — Bitte Sie recht dringend, nehmen Sie mir kein Intereſſe an meiner Wittwe.“ „Ich kann Sie verſichern, lieber Kohler, daß mich Ihre Wittwe als ſolche durchaus nicht intereſſirt, und wenn ſie mir einigermaßen von Bedeutung erſcheint, ſo iſt es nur, indem ich ſie mit jener Stelle in Zuſammenhang bringe, zu welcher Sie dieſelbe empfohlen. Ich ſagte Ihnen das Gleiche aber ſchon heute Morgen und bat Sie dringend, mir die Bekanntſchaft Ihrer Schutzbefohlenen zu gönnen. Sie hätten ſich meinen großen Dank verdienen können, aber Sie waren— was ſoll ich ſagen?— mißtrauiſch, viel⸗ leicht eiferſüchtig, und nun ſehen Sie, was Sie für mich nicht thun wollten, that der Zufall.“ „Sei Einer ein Narr!“ brummte Herr Kohler,„und glaube in dergleichen Sachen bei Ihnen an einen Zufall. — Aber ehrlich Spiel, Victor.“ „Ich verſpreche Ihnen das und gebe meine Hand dar⸗ auf, aber unter Einer Bedingung: bleiben Sie einen Augen⸗ blick hier im Zimmer und laſſen Sie mich noch zwei Worte mit Ihrer Wittwe reden.“ „Und wozu?“ fragte Herr Kohler mißtrauiſch. „Das werde ich Ihnen ſpäter erklären,“ entgegnete Victor ſehr ernſt;„aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß das, was ich mit der Dame zu ſprechen habe, gänzlich ge⸗ ſchäftlicher Natur iſt. Ja, um Ihnen noch mehr zu ſagen, ich will ihr den Rath geben, die Stelle, welche Sie für ſie geſucht und gefunden, aus Ihrer Hand dankbar anzu⸗ nehmen.“ „Wahr?“ fragte einigermaßen zweifelhaft der Makler. „Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, und daran wer⸗ den Sie, hoffe ich, nicht zweifeln.“ — 11— zog ſich discret an ſein Fenſter zurück, Herr Kohler wo er zu Madame Stifter und Victor trat in den Salon, mit leiſer Stimme aber haſtig ſagte: „Was haben Sie beſchloſſen, There und darf ich ihm ſagen, wenn er mich fragt?— Sie wer⸗ den begreifen, daß es von mir an einem Freunde ſchlecht gehandelt wäre, ihn in ſeiner traurigen Hoffnungsloſigkeit zu laſſen.“ Sie blickte ihn mit einem ſchmerzlichen Lächeln an. reſe,“ fuhr der junge Mann inni⸗ ger und herzlicher fort,„daß Sie mit der Verfolgung jenes Schrittes, den Sie gethan, Ihre ganze Zukunft und die Ihrer Kinder mit Füßen treten. Verſprechen Sie mir mil⸗ der zu ſein, nicht ſchwach und nachgiebig, nur empfänglich und vor allen Dingen zum Vergeſſen geneigt.“ „Ich kann nicht nach meinem Hauſe zurückkehren,“ ſe?— Was kann „Bedenken Sie, The ſagte ſie nach einem längeren Nachdenken.„Bei Gott! das kann ich nicht; ich müßte mich vor mir ſelber ſchämen. Der erſte Schritt iſt gethan; ich kann ihn nicht ungeſchehen machen.“ „Aber Sie haben die Macht und die Kraft, Ihre künftigen Schritte nach einem andern Ziele hinzulenken. Und das müſſen Sie.“ „So bezeichnen Sie mir den Weg, den ich gehen ſoll. Ich will Ihnen vertrauen, Victor, da ich rath⸗ und thatlos einſam in der Welt ſtehe. Aber. Eins verlangen Sie Richt von mir: ich kann jetzt nicht in mein Haus zurückkehren— nicht zu ihm, der ja mich, die Entflohene, mit einem mit⸗ leidigen Lächeln empfangen könnte.— Ah! das ertrüg' ich nicht.— Glauben Sie mir, Victor,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„es iſt beſſer, wenn wir uns nach dem, was vorgefallen, eine Zeit lang nicht ſehen.— Ich will jene Stelle annehmen.“ 2 4 5— .. ne 8 4 * 8 3 * ** 1 8 —— — 12 „Und er— ſoll es wiſſen, wo Sie ſind?“ „Ja,“ ſagte die Frau nach einem längeren Zaudern, „wenn er Ihnen verſpricht, ſich mir dann erſt zu nähern, wenn ich wünſche, ihn wieder zu ſehen.“ „Das ſind harte Bedingungen.“ „Meine letzten,“ ſprach Madame Stifter entſchloſſen. „Und ich fühle, es iſt beſſer ſo, Victor. Ein ſcharfer, tiefer Schnitt iſt vielleicht allein im Stande, eine verſteckt gelegene Wunde zur Heilung zu bringen.“ „Aber mir werden Sie erlauben, Thereſe,“ ſagte der junge Mann, indem er ihre Hand faßte,„mich hie und da nach Ihnen zu erkundigen?— Sie verſprechen, mir zuweilen Mittheilungen zu machen, wie es Ihnen geht?“ „Wenn dies möglich iſt, ohne mich und meine neue Stellung zu compromittiren, ja.“ „Gut denn und ich werde Ihnen beweiſen, daß Sie an mir einen Freund haben, der für Ihr Beſtes ſorgen wird.— Das Weitere in Ihren Angelegenheiten überlaſſe ich Herrn Kohler, einem Ehrenmann, dem Sie völlig ver⸗ trauen können.“ Er drückte der Frau herzlich die Hand, winkte den Kindern freundlich zu und verließ mit einem kurzen Worte des Abſchiedes gegen Herrn Kohler das Zimmer. Draußen der Corridor war tief ſchattig, ſtill und kühl; heute beſonders kam es Victor hier ſo außerordent⸗ lich dunkel vor. Er blieb einen Moment ſtehen, drückte ſeine Hand vor die Augen, und alle Erlebniſſe von geſtern und heute jagten in einem wilden Reigen an ſeinem Ge⸗ dächtniß vorüber.—„Es koſtet mich viel, ihr mein Wort zu halten,“ murmelte er leiſe vor ſich hin.—„O es iſt gefährlich, entſetzlich, einen Dank vor geſchehener That an⸗ zunehmen.“ Er ging der Treppe zu, nicht ohne einen be⸗ ſorgten Blick nach rechts zu werfen, wo ſich die Zimmer — 13— Alicens befanden. Wie gern hätte er nach ihrem Befinden geforſcht— er wagte es nicht; wenn er an die vergangene Stunde dachte, ſo ſchauerte es ihn, da er ſich jenen Schrei in's Gedächtniß zurückrief, den ſie ausgeſtoßen. Kannte er doch ihre ruhige, ſchöne und feſte Seele; fühlte er doch ganz genau, welch' furchtbare Erſchütterung dazu gehört, Alice Duvallet, dem ſtarken Mädchen, jenen Schrei auszu⸗ preſſen.— Ah! er konnte ihn nicht vergeſſen, jenen Laut des Schmerzes; er ſchlug immerfort an ſein Herz, und jetzt, wo er ſich hier im Dunkel befand, wo das Andere, was ihn beſchäftigt, raſch in den Hintergrund ſchwand, wo nichts vor ihm ſtehen blieb als das Bild Alicens, als jener ent⸗ ſetzliche Laut, da wankten ſeine Schritte ordentlich und es kam ihm vor, als müſſe er ſich mit der Hand an die Mauer ſtützen.— Wenn ihn auch einestheils jener Ruf aus ihrem Munde entzückt hatte,— ihm konnte es nicht entgehen, was er bedeutet— ſo klang er ihm doch anderntheils wieder wie der ſchrille Ton einer zerriſſenen Saite,— einer Saite, die bisher ſüß und harmoniſch geklungen, die aber jetzt wohl nie mehr zuſammenzuknüpfen war. Es ſchlich Jemand die Treppen herauf und kam ihm in dem finſteren Gange entgegen. Es war Alicens Mäd⸗ chen, welches auf einem Teller Eiswaſſer trug und einen kühlenden Früchteſaft. Kaum erkannte ſie in der Dunkel⸗ heit den Neffen des Hauſes, und dann ſagte ſie ihm auf ſeine Frage:„es geht ſchon beſſer mit dem guten Fräulein; ſie hat ſich recht ordentlich erholt.“ „Du gehſt in ihr Zimmer?“ fragte Victor und ſetzte dringend hinzu:„Laß' die Thür ein wenig offen, ich will Alice nicht ſtören, möchte ſie aber einen Augenblick ſehen.“ „Wenn es möglich iſt, gewiß, Herr Victor,“ entgegnete das umſichtige Mädchen und verſchwand in dem Zimmer, QCꝭCꝭCꝭOCLCLA————————— — lAa— deſſen Thüre ſie hinter ſich in's Schloß drückte, aber gleich darauf wieder zu einem kleinen Spalte öffnete. Victor ſtand da in dem dunkeln Gange und blickte durch die kleine Oeffnung in ſtille, heitere, freundliche Räume, die mit warmer Luft und Sonnenglanz angefüllt waren. Hier tiefes, trauriges Dunkel, dort wohlthuende Helle. Er wußte ſelbſt nicht, warum ihn hier dieſer Unterſchied ſo unendlich ſchmerzlich berührte— Tag und Nacht. Sein Herz fühlte ein Weh, wie er nie zuvor gefühlt, wie er nie geglaubt, daß es möglich ſei, es zu empfinden; es war ihm, als ſähe er in ſeine Zukunft, er ſich ſelber unglücklich tief im Dun⸗ kel, ſie dagegen glücklich auf den ſtrahlenden Höhen des Lebens.— Und hatte er doch bis jetzt immer in dem Glauben fortgeträumt, ſein und ihr Schickſal laufe noch einmal ſchön und friedlich neben einander hin in ſüßer Har⸗ monie.— Da war mit ſchrillem Schmerzenslaut die Saite zerriſſen!— Und doch konnte er nicht fortgehen von hier; es hielt ihn an der Stelle gebannt, wo er zu ihr hineinblicken konnte, wo er ſie ſah auf ihrem kleinen Lehnſtuhle ſitzend, auf der glänzenden, ſonnigen Terraſſe unter Grün und Blumen.— Das junge ſchöne Mädchen hatte ihren Kopf erhoben und blickte empor an den tiefblauen Himmel, wie es ſchien, zarten duftigen Wolkenſtreifen nach, die gleich Schleiern langſam gegen Weſten flatterten. Auf ihren Zügen lag ein unbeſchreiblich ſchöner Glanz des Friedens und der Ruhe; ſie bewegte leiſe ihre Lippen, als ſpräche ſie, verſunken in den Anblick des wunderbaren Tages, dankbar für die ſchöne, weite, gewaltige Schöpfung, in der ſie athmen durfte, ein Gebet vor ſich hin, oder viel⸗ leicht, was ja doch gleich bedeutend iſt, die begeiſterten, tief fühlenden, anerkennenden und dankbaren Worte des Dichters. hren dens äche ges, in viel⸗ ten, des — 17— Stande war, auf der Straße ſeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen, höchſtens ein bedeutender Kunde, mit dem er einige er⸗ gebene Worte wechſelte, ſo war es dagegen heute gerade ſo, als ſuche er ſich durch alle möglichen Geſchichten zu zerſtreuen. Er blickte bald rechts, bald links, bald an den Himmel empor, bald wieder auf ſeine Fußſpitzen, jetzt blieb er vor einem Modewaarenlager ſtehen, dann ſogar vor einem Bilderladen,— Ctabliſſements, die ihm ſonſt ein Gräuel waren; aber wenn man ihn bei die⸗ ſem Stehenbleiben genau betrachtete, ſo bemerkte man an der vollkommenen Leere ſeines Blickes, mit dem er alle Gegenſtände rings umher beſchaute, daß ſeine Gedanken ausſchließlich anderswo beſchäftigt waren. Und darin täuſchte man ſich auch nicht. Was kümmerten ihn Modewaaren und Bilder? was Himmel und Erde? War ihm doch zu Muthe, wie einem tapferen Ritter der guten alten Zeit, war doch all' ſein Sinnen auf eine That gerichtet, groß und würdig, um die Dame ſeines Herzens zu gewin⸗ nen.— Sah er doch nach langem vergeblichen Dichten und Trachten endlich dieſe That vor ſich ſchimmern, und nicht einmal in weiter nebelgrauer Ferne, ſondern dicht vor ſich, erreichbar.—— In dieſem Augenblicke ſtolperte er heftig über einen Waſchkorb, den die ausruhenden Trägerinnen auf das Trot⸗ toir geſetzt und den er allerdings hätte ſehen müſſen, wie ihm auch die Betreffenden mit einigen unzarten Worten zu verſtehen gaben;— er ſtolperte heftig, und wäre wahr⸗ ſcheinlich in die großen Spiegelſcheiben eines Ladens ge⸗ ſtürzt, wenn er ſich in dieſem höchſt gefährlichen Momente nicht an den Rockkragen eines älteren, ſehr würdig aus⸗ ſehenden, aber ſtämmigen Herrn angeklammert hätte, der ihn mit begreiflicher Indignation ſo derb abſchüttelte, daß der ohnedies erſchütterte Herr Weller von dem Trottoir Hackländer, Tag und Nacht. 1I. 2 △ — u— 7 — 18— hinabflog und faſt unter die Räder einer vorüberrollen⸗ den Equipage gerathen wäre. Das Alles folgte ſich ſo blitzſchnell und auffallend, daß ein Paar alte Damen, die den kleinen Kaufmann kannten, erſtaunt ſtehen blieben und ſich fragten:„Iſt dies Herr Weller, der ruhige Kauf⸗ mann, der mit einer unerſchütterlichen Ruhe Cocusnußöl⸗ ſodaſeife einwickelt und mit ſo vieler Würde Schnupftabak abzuwägen verſteht?“ Er war aber auch dadurch aus ſeinen Träumereien ziemlich in die Wirklichkeit zurückgeſchreckt worden, und um allem ähnlichen Ungemach künftig zu entgehen, bog er in eine ſchmale Seitengaſſe, wo es weder Spiegelfenſter, Wä⸗ ſcherinnen, noch vorüberrollende Equipagen gab, wo ſich aber ein kleiner verſteckter Laden befand mit Seilerwaaren aller Art, den der Kaufmann ſchüchtern und ängſtlich betrat. Mochte ſich dieſe Aengſtlichkeit vielleicht auf ſeinem Geſichte ausſprechen,— genug, der Herr des Ladens betrachtete den Eingetretenen mit begreiflichem Mißtrauen, als dieſer einen langen und ſoliden Strick verlangte, ſtark genug, wie er unvorſichtig hinzuſetzte, um einen ziemlich ſchweren Mann zu tragen. Da aber der Seiler keinen Grund fand, die Abgabe eines ſolchen Strickes zu verweigern, ſo händigte er ihn dem Käufer in verlangter Länge und Stärke, wenn gleich kopfſchüttelnd, ein, glaubte es aber dem öffentlichen Wohle ſchuldig zu ſein, ſobald Herr Weller weggeeilt war, ſeinen gewiß gegründeten Verdacht einem zufällig vorüber⸗ ſchreitenden Polizeidiener mitzutheilen, der denn auch nicht unterließ, dem raſch Davoneilenden in einiger Entfernung zu folgen. Die Seitengaſſe führte Herrn Weller auf den Weg zu⸗ rück, von dem er hergekommen war, zu der Straße nämlich, in welcher das Haus lag, wo Victor Barring ſeine Zim⸗ mer hatte, und wo er ein paarmal ſchüchtern vorbeiſchlich, — 19— V ehe er es wagte, klopfenden Herzens die Treppe hinan zu V ſteigen und droben die Klingel zu ziehen.— Wie, wenn V auch der Diener ausgegangen, wenn Niemand in der Woh⸗ nung wäre, der ihn einlaſſen könnte, wenn er alle die grenzenloſen Emotionen, die ihn ruhelos umhergetrieben, umſonſt ausgeſtanden hätte!— Doch nein, das Glück war ihm günſtig, der Diener I Victor's öffnete die Thüre, betrachtete den Beſuch einiger⸗ maßen erſtaunt, glaubte aber den Worten des Herrn Weller, er ſei zurückgekehrt, um Herrn Barring, der bald nach Hauſe kommen werde, hier zu erwarten, und nahm deshalb auch durchaus keinen Anſtand, ihn in das Appar⸗ tement einzulaſſen. Herr Weller ſchaute, als er ſich nun allein ſah, tief aufathmend einen Augenblick unruhig umher, er wagte es nicht, ſogleich an das Fenſter zu treten, weniger aus Furcht vor dem zu beſtehenden Abenteuer, als weil ſich in ſeiner Phantaſie die Idee feſtgeſetzt hatte, wenn er hinaus ſchaue, bemerke er drunten unfehlbar irgend ein fabelhaftes Unge⸗ heuer oder dergleichen, einen Drachen zum Beiſpiel mit Schwanz, Flügeln und furchtbarem Rachen, der zu ihm herauf blicke, ſanft mit den Augen zwinkere und in Er⸗ wartung des fetten Bratens die Lippen ablecke. Woher es kam, daß ein ſolches Bild durch ſeine Seele ſchritt, war er nicht im Stande ſich klar zu machen; am glaubwürdig⸗ ſten ſchien ihm ſelbſt, daß ſein Blut durch den raſchen Lauf ſchneller pulſire und daß ſeine Nerven aus begreif⸗ lichen Urſachen erregt ſeien. V Endlich trat er behutſam an's Fenſter und ſchaute hin⸗ aus. Und da mußte er über ſeine Träumereien lachen, wenn er in den ſtillen Garten hinab blickte, wo die heiße Mittagsſonne auf den Blättern der Bäume lagerte, die ruhig und regungslos auch nicht von dem leiſeſten Luftzuge *ℳ4 — 8———— .* 2 * 8 8 — 20— in Bewegung geſetzt wurden. Man hörte nichts als das Plätſchern des Springbrunnens, und ſo ſehr ſich auch Herr Weller anſtrengte, irgend einen fremdartigen Gegenſtand zwiſchen den Bäumen zu entdecken, einen einſamen Spazier⸗ gänger oder das Leuchten eines Damenkleides, ſo war doch von allem dem nichts zu ſehen; glücklicher Weiſe aber auch nichts von dem gefürchteten Drachen, der allein im Stande geweſen wäre, den heldenmüthigen kleinen Kaufmann an der Ausführung ſeines wahnſinnigen Projektes zu hindern. Ja, wir ſind nicht im Stande, dem Herrn Weller das eben ausgeſprochene Prädikat zu erlaſſen, und müſſen lei⸗ der zugeſtehen, daß der Held unſerer erſten Stunde im Begriffe war, wenigſtens in den Augen aller ruhig Den⸗ kenden, etwas Tolles zu unternehmen. Dabei können wir aber nicht verſchweigen, daß das Extravagante dieſes Un⸗ ternehmens allerdings dadurch etwas gemildert wurde, daß ſich Herr Weller nun einmal vorgenommen, irgend eine auffallende That zu verrichten, ohne dabei vom Gelingen dieſer That auch nur im Mindeſten überzeugt zu ſein. Genug, der Garten war ſtill und öde, der Drache, der die Lippen nach dem fetten Opfer leckte, nicht vorhan⸗ den, und wer weiß, ob es nicht möglich war, daß die kleine Dame, deren Befreiung es galt, zufällig im Garten promenirte, zufällig ihrem Befreier begegnete, zufällig ihm an den Hals hüpfte, dabei zufällig ausrufend:„Rette mich!“ und alsdann auf's Allerzufälligſte von Herrn Wel⸗ ler wirklich gerettet wurde.— Dann aber!— Er konnte ſich nicht enthalten, bei dieſem Ideengange ſanft zu lächeln und wohlgefällig einen Moment die Augen zu ſchließen!— Und nun an's Werk! Zuerſt ſchlich er leiſe auf den Zehen nach der Thür des Zimmers und ſchob langſam den Nachtriegel vor; dann ging er ebenſo leiſe an's Fenſter zurück und zog den Strick, — 21— den er vorhin gekauft, aus der Taſche, wobei er ihn auf⸗ merkſam betrachtete, ob nicht vielleicht irgendwo eine defecte Stelle ſei, die ihm beim Herablaſſen aus dem Fenſter gefähr⸗ lich werden könnte. Als er ſich überzeugt hatte, daß der Strick glatt und feſt ſei, blickte er prüfend im Zimmer umher nach einer Stelle, wo er das eine Ende befeſtigen könne. Oben an der Decke befand ſich allerdings ein Haken, der ihm die meiſte Sicherheit verſprach; denn es ſchien ihm etwas gewagt, das Ende ſeines Seiles an eines der Möbel zu befeſtigen, die unbedingt der ſchweren Laſt nachgeben müßten. Er rückte behutſam einen Tiſch in die Mitte des Zimmers, ſtellte noch einen Stuhl darauf, und ſo gelang es ihm, eine vorher gemachte Schleife in die Krümmung des Hakens zu werfen, worauf er die Feſtigkeit ſeines Hal⸗ ters dadurch probirte, daß er ſich einen Augenblick mit dem ganzen Gewichte an den Strick hing, hiebei aber etwas herumgewirbelt wurde, und bei dieſer Veranlaſſung mit ſeinen erſchreckt auseinander ſtehenden Beinen den Stuhl von dem Tiſche herabſtieß, was ein ziemliches Gepolter verurſachte. War es ihm doch, als hörte er jetzt draußen vor der Thüre einen Ruf des Schreckens, und als verſuche Jemand „das Schloß aufzudrehen.— Einen Augenblick hing Herr Weller da mit angſtvoll verzerrten Zügen und lauſchte. Da aber Alles ruhig blieb, ſo rutſchte er im nächſten auf den Tiſch hinab, klet⸗ terte auf den Boden nieder und ſchwang das Seil zum Fenſter hinaus. Der Garten lag da ebenſo ſtill und ruhig wie vorher. Herr Weller dachte noch einen Moment an ſie, deren eigenthümliche Laune ihn zu dieſem Schritte gezwungen; er ſprach mit einem tiefen Seufzer noch einmal ihren Namen aus— Friederike Federbach, und dann— —— ͤ— —— 2. 5 8 5 — “ 2 ——— Ehe die Brandung wiederkehrt, Der Jüngling ſich Gott befiehlt. Und ein Schrei des Entſetzens ward rings gehört. Und nachdem Herr Weller ein paarmal mit hervor⸗ ſtehenden Zweigen an der Mauer des Hauſes auf unan⸗ genehme Art zuſammengetroffen war, erreichte er etwas taumelnd den Erdboden und ſchaute mit einem blödſinnig zu nennenden Lächeln an dem Fenſter empor, von wannen er ſo eben niedergefahren. Den Schrei des Entſetzens, von dem wir vorhin ſpra⸗ chen, glaubte Herr Weller wirklich zu vernehmen, als er aus dem Fenſter hüpfte. Und daß er ſich darin nicht ge⸗ täuſcht, darüber ſind wir dem geneigten Leſer eine Er⸗ klärung ſchuldig. Der Diener Victor Barring's war nämlich zufälliger Weiſe an der Zimmerthür vorbeigegangen, als Herr Wel⸗ ler von innen den Riegel vorgeſchoben, was Jenen begreif⸗ licher Weiſe ſtutzig machte und ihn veranlaßte, durch eines der kleinen Löcher in's Zimmer zu ſehen, die ein vorſichti⸗ ger und treuer Diener zu ähnlichen und andern Zwecken beſtändig in Bereitſchaft hat. — Da ſah er denn, wie Herr Weller den Hut ab⸗ gelegt hatte, wie derſelbe mit erhitztem Geſichte, ſchweißbe⸗ deckter Stirn und irrem Blicke ſcheu um ſich her ſchaute, wie er darauf ein langes Seil aus der Taſche zog und einen Haken ſuchte, um daſſelbe daran anzuknüpfen. Der arme Diener, der es gar zu gräßlich fand, daß ein Fremder daher komme, um ſich im Zimmer ſeines Herrn zu erhängen, empfand wie ſich ſein Haar langſam emporlüpfte und war wie von einem Starrkrampf befallen, der ihm keine ſelbſtſtändige Bewegung erlaubte. Er fühlte nur, wie ſeine Zähne ſchauerlich klappernd auf einander ſchlugen,— aber ſonſt ging es ihm, wie es uns im öööoöoöoöoöoöoöoööoöoöoöoöoſſ V ————;—;—:—Vʒ:—ꝛ—:— ·.„..————— Traume zu geſchehen pflegt— er konnte ein Paar Augen⸗ blicke lang kein Glied rühren, keinen Ton aus der Kehle bringen. Ah!— entſetzlich! Jetzt ſtieß der im Zimmer drinnen den Stuhl um— er hing an ſeinem Strick— grauen⸗ haft! und der entſetzte Zuſchauer war nicht im Stande, ihm eine Hülfe zu bringen. Da wich der Starrkrampf, der ihn befangen hielt, da ſchrie er laut auf, da verſuchte er das Schloß zu öffnen, und als dies nicht gelang, ſtürzte er die Treppen hin⸗ ab, um irgend woher Hülfe zu bringen. Glücklicher Weiſe ſtieß er an der Hausthür auf einen Hülfeſpender in Geſtalt eines lauernden Polizeidieners, dem er mit beflügelten Worten das Schreckliche, welches ſich oben begeben, mit⸗ theilte und der nun mit einem Lächeln der Befriedigung auf ſeinen Zügen eilig Jenem nach die Treppen hinauf⸗ ſtolperte. Mit einem Gefühle von Neugier mit Grauſen vermiſcht blickte der Beamte der öffentlichen Sicherheit durch das Schlüſſelloch, während der Andere ſich der oben erwähnten ihm zu Gebote ſtehenden Oeffnung bediente.— Dann ſchau⸗ ten Beide einander an mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens in den Zügen. Da war allerdings der Strick an dem Kronleuchter⸗ haken feſtgemacht, aber es hing Niemand daran; auch ſonſt ſah man von einem Gehenkten keine Spur. Doch erſchien es den Beiden faſt noch unheimlicher, daß das Seil ſtraff angezogen zu dem weit geöffneten Fenſter hin⸗ aus hing. „Ich habe ihn geſtört,“ flüſterte der Bediente dem Poli⸗ zeidiener zu, wobei ſeine Zähne wieder hörbar auf einander klapperten—„er hat ſich zum Fenſter hinaus gehenkt.— So was iſt noch nicht paſſirt, ſo lange die Welt ſteht.“ ——·· 1 4 1 1 3 8—————— 4 3 4 3 4 4 4 5 8*. 1 A 8. 1 — ₰ Die Thüre war und blieb aber verſchloſſen, und um den ſo nothwendigen Eingang zu erzwingen, mußte man im Bedientenzimmer einen ſchweren Schrank wegrücken, der eine Thüre maskirte, die in das Schlafgemach Victor Bar⸗ ring's führte. Dies gelang den vereinten Anſtrengungen Beider; ſie betraten das Schlafzimmer, dann ſchüchtern den Salon mit dem offenſtehenden Fenſter, vor welchem der arme kleine Kaufmann nothwendiger Weiſe mauſetodt hängen mußte; Beide räuſperten ſich, huſteten ſehr verſtändlich, zuckten mit den Achſeln, lächelten auf ganz ſeltſame Art einander zu, aber lange hatte Keiner den Muth, an das offene Fenſter zu treten.— Wenn er zufällig mit dem Kopfe ſchief hing und zu ihnen hinauf ſchielte!— Ah! das wäre ſchrecklich! Endlich zwang ſich der Bediente, mit einem Sprung der Verzweiflung an das Fenſter zu eilen; er blickte hinaus — da hing Niemand; er ſchaute hinab— da ſah man am Boden keine lebende Seele. Daß aber Jemand vor Kurzem da geweſen ſein mußte, das bezeugten abgeknickte Zweige, ſowie Fußſtapfen auf dem Boden. Ja, Herr Weller war, wie wir wiſſen, hier unten ge⸗ weſen, hatte ſich aber nach ſeiner Rutſchpartie nur ſo lange aufgehalten, um einen Augenblick die Mauer des Hauſes zu betrachten, wo er mit vielem Vergnügen das Gitterwerk eines ehemaligen Obſtſpaliers entdeckte, welches ihm die Möglichkeit eines Rückweges verhieß.— Nachdem er ein⸗ mal unten war, dachte er an einen Rückweg und ſprach zu ſich ſelber:„Auch wenn ich nicht gefunden, was ich ge⸗ ſucht, werde ich doch nicht mit leeren Händen zurückkehren; ich werde mit einem Wahrzeichen, das ich aus dem Gar⸗ ten mitgenommen, dort wieder hinaufklettern; ich werde dieſes Wahrzeichen vor Herrn Barring hinlegen und zu ———— — ihm ſprechen: Wenn ich auch ohne Reſultat zurückkehre, ſo habe ich doch eine That gewagt, gib mir darum Zeug⸗ niß vor ihr— vor Friederike Federbach.“ Dieſer kleine Monolog, den er wirklich halblaut gehal⸗ ten, hatte ihn wunderbar geſtärkt und ihn vermocht, mit feſten, wenn auch leiſen Tritten jenes Gebüſch zu verlaſſen, um einen der breiten Sandwege zu erreichen, die ihn auf einer ſanften Biegung in den Garten hinein führten. Es war hier ſo außerordentlich ſtill und feierlich ruhig, faſt beängſtigend in dieſer Stille und Ruhe. Herr Weller hätte wirklich etwas darum gegeben, wenn aus der Nach⸗ barſchaft irgend ein angenehmes Geräuſch zu ihm herüber gedrungen wäre, vielleicht das Klopfen eines Hammers, das Knirſchen einer Säge oder dergleichen. Aber man vernahm durchaus nichts der Art; es lag eine ſo lautloſe, drückende Hitze auf dem ganzen Garten, daß ſich der kleine Kaufmann ſchon nach den erſten Schritten um ſo mehr echauffirt fühlte, als dieſe, ſo leiſe er auch ſeine Füße auf⸗ ſetzte, ordentlich in dem Garten wiederhallten. Das war unangenehm; aber trotzdem ging er entſchloſ⸗ ſen weiter. Er folgte den Biegungen des Sandweges, wo ihm rechts und links ſtehende dichte Gebüſche längere Zeit nicht die geringſte Ausſicht verſtatteten; er wandelte wie in einem Labyrinth, ohne zu wiſſen wohin, wobei ihn einzig und allein der Gedanke beängſtigte, er könne bei einer plötzlichen Biegung auf einmal mit irgend etwas un⸗ erhört Schrecklichem Naſe an Naſe zuſammentreffen. Aus dieſem Grunde blieb er denn auch häufig ſtehen, aufmerkſam lauſchend. Aber Alles, was er vernahm, war das Plätſchern des Springbrunnens, das immer deutlicher an ſein Ohr ſchlug. Begreiflicher Weiſe, denn er näherte ſich dem Baſſin und trat nach einigen Schritten auf den freien Platz hinaus, wo ſich dieſes befand. 1 — 1 —— — 26— Hier athmete er etwas leichter auf, denn er konnte von der Stelle, wo er ſich befand, weiter um ſich ſchauen. Ja, dort vor ſich erblickte er ſogar deutlich das Haus des ge⸗ fürchteten Freiherrn mit ſeinem hohen verſchnörkelten Giebel, mit dem eiſernen Stangengeländer um den Hofraum, mit den ſtark vergitterten Fenſtern. Herr Weller war nicht ohne Phantaſie und bedachte wohl die Schwierigkeit ſeines Unternehmens, dort einzudrin⸗ gen.„Aber,“ träumte er, wobei er ſich mit ſeinen Aermeln den Schweiß von der Stirne wiſchte,„wenn ich Glück haben ſollte, ſo würde die Kleine jetzt in dem Garten umherſpazie⸗ ren, ſie würde mir begegnen, ſie würde Zutrauen zu mir faſſen, ſie würde mir die Hand reichen, mit mir gehen und—“ Was war das für ein eigenthümliches Geräuſch dort in dem Gebüſche? Herr Weller konnte ſich den ſo eben vernommenen Ton nicht recht erklären, fühlte aber, trotz der Hitze, daß ein kalter Schauer ſeinen Rücken hinabzog. Er blickte ſchüchtern um ſich her, ja er verſuchte es, zu lächeln; er überredete ſich, jetzt müſſe die kleine Dame dort irgendwo hervortreten.— Aber es änderte ſich durchaus nichts rings umher; er ſah weder die kleine Dame, noch das Leuchten ihres Klei⸗ des zwiſchen dem Grün. Dort war das Haus mit ſeinen Giebeln und ſeinen Eiſengittern, hier die Fontaine mit ihrem Waſſerſtrahl, zu ſeinen Füßen der breite Sandweg mit den ſeltſam geformten ſcharfen Sonnenlichtern neben tiefem Baum⸗ ſchatten. Dabei lag dieſelbe monotone Stille und Schwüle auf dem Garten. Halt! jetzt bemerkte er etwas.— Sein Herz that ſechs, acht verzweifelt ſchnelle Schläge, dann mußte er über ſich ſelber lächeln. Es war ja nichts Lebendiges, was er ſah, es war ja nur ein helles Etwas, das neben der Steinbank — — 27— und der Fontaine lag. Leiſen Schrittes ging er näher, blickte mit lange angehaltenem Athem, an der Bank ange⸗ kommen, um ſich her und hob dann das leuchtende Etwas auf. Es war ein kleines Täſchchen von feinem Leder mit einem Stahlſchloſſe und einer ebenſolchen Kette zum An⸗ hängen; es fühlte ſich weich an, es war ein kleines Taſchen⸗ tuch darin. Herr Weller ſah es durchaus nicht als Diebſtahl an, dieſes Täſchchen zu ſich zu nehmen und haſtig in die Bruſt⸗ taſche zu ſchieben.— Ahl er athmete leichter, das war das Wahrzeichen, deſſen er bedurfte, mit dem er kühn vor ihr Auge treten konnte, das ihn glücklich machen mußte. Hatte er doch eine edle That gewagt, wenn ſie ihm auch nicht gelungen war. Jetzt behutſam den Rückweg angetreten. Er wandte ſich um, da waren zwei dichte Laubgänge neben einander, ſich vollkommen ähnlich ſehend, nur getrennt durch eine kleine Steinfigur, welche den Finger auf den Mund legte. Einen Augenblick war Herr Weller unſchlüſſig, welchen der beiden Wege er einſchlagen ſollte. Dort ſah er in der Entfernung das Haus Victor's; er hätte nur durch ein Paar niedrige Gebüſchpartieen zu dringen gebraucht, dann über eine weite Raſenfläche zu gehen, um zurück zu gelangen. Aber eben dieſe weite Raſenfläche, die man auch vom Hauſe aus deutlich überſah, war ihm gerade deßhalb unangenehm; er zog den Laubgang vor, der ihn faſt vollkommen gedeckt unter das Fenſter mit dem Stricke führen mußte. Er trat leiſen Schrittes zurück auf den Gang zwiſchen den Gebüſſchen, die kleine Steinfigur zu ſeiner Linken laſſend, und dabei denkend:„Du brauchſt mir kein Stillſchweigen an⸗ zuempfehlen, ich werde mich ſchon hüten, hier zu ſingen oder zu pfeifen.“ Behutſam ging er vorwärts, und es kam ihm * † 8 ————— 5 2 3 4 * 8 ſo vor, als ſei er auf dem rechten Wege, denn auch hier hatte er an beiden Seiten dicht verſchlungenes, undurch⸗ dringliches Buſchwerk, auch hier bog ſich ſein Pfad in eigen⸗ ſinnigen Windungen bald links bald rechts.— Jetzt ging er faſt wie im Kreiſe herum und dann—— Herr Weller ſah mit Grauſen, daß er den falſchen Weg eingeſchlagen! — dann trat er auf einen kleinen runden Platz, in deſſen Mitte ſich auf zierlichem Piedeſtal eine wunderbare Mar⸗ morfigur erhob. Es war ein wenig bekleidetes Weib von ſchönen weichen Formen, die mit der rechten Hand ihr bis⸗ chen Gewand emporhielt, während ſie ihren Kopf unendlich zierlich über die linke Schulter wendete und auf ihren eige⸗. nen Rücken und faſt noch tiefer hinabzublicken ſchien. Herr Weller ſtand erſtarrt, nicht über das ſchöne Weib, das er vor ſich ſah oder über das, was dieſes ſchöne Weib zu betrachten ſchien,— o nein! ſondern ein Entſetzen faßte ihn über zwei rieſenhafte Hunde, die neben dem Marmor⸗ bild in dem weichen Raſen ausgeſtreckt lagen und die, ohne einen Laut von ſich zu geben, ohne aufzuſpringen, den An⸗ kömmling mit einer Aufmerkſamkeit, mit einer Intelligenz, mit einem Intereſſe zu betrachten ſchienen, die ihm das Haar emporſträuben machte. Wenn die gütige Natur nicht den Hunden im Allge⸗ meinen die Gabe des Lachens verſagt hätte, ſo würde er geglaubt haben, dieſe beiden Beſtien lächelten bei ſeinem Anblick;— daß ſie ihn mit einer entſetzlichen Behaglichkeit anſchauten, darüber konnte kein Zweifel herrſchen. Was mancher Andere an ſeiner Stelle gethan haben würde, das that nun auch Herr Weller. Er erinnerte ſich wohl, gehört zu haben, wie gefährlich es ſei, bös⸗ artigen Hunden oder anderen reißenden Thieren durch eine plötzliche Flucht ſeine Angſt zu zeigen, daß man ſie viel⸗ mehr durch ein ſicheres Auftreten, durch ein ungezwunge⸗ — 29— nes Betragen vertraut machen müſſe, vor allen Dingen thun, als ob man ſie gar nicht ſehe. Und ſo machte es auch Herr Weller; er lächelte freund⸗ lich und furchtlos, obgleich ihm der Angſtſchweiß heftig aus⸗ brach und von ſeiner Stirne herabzurieſeln begann; er be⸗ nahm ſich den Hunden gegenüber, als ſei er mit voller Ueberzeugung und Abſicht in das Rondel getreten; er trat als Kunſtkenner auf, ſtellte ſich der Statue gegenüber mit geſpreizten Beinen hin und hob ſeinen Kopf in die Höhe, um alle hervortretenden Theile des ſchönen Marmorbildes auf's Genaueſte, mit Ruhe und Gründlichkeit zu ſtudiren, ja er ſpitzte ſogar ſeinen Mund und that, als ob er pfeifen wolle. Daß er aber keinen Ton hervorbrachte, darauf kann ſich der geneigte Leſer verlaſſen, und können wir hierbei nicht verſchweigen, daß er auch von der Statue nicht be⸗ ſonders viel ſah, denn er konnte es keine Sekunde lang unterlaſſen, aus den Augenwinkeln auf die beiden furcht⸗ baren Beſtien hinzublinzeln, um ihre Mienen zu ſtudiren. Die Hunde betrugen ſich nun ganz harmlos; ſie hatten wohl den Kopf erhoben, als der Fremde vor ihre Augen getreten war, dann aber fuhr der eine fort, ſich behaglich im Graſe zu wälzen, während der andere ſeinen Kopf auf die Vorderpfoten legte und einzuſchlafen ſchien. Wir ſagen: ſchien, denn Herr Weller, als ſehr aufmerkſamer Beob⸗ achter, bemerkte wohl, wie zuweilen die dunkeln Augen des Thieres mit eigenthümlichem Funkeln einen Moment auf ihm ruhten. Da nun Alles in dieſer wandelbaren Welt ein Ende nehmen muß, ſogar das Betrachten einer Statue, mag ſie auch noch ſo ſchön ſein, ſo ſah ſich auch endlich der kleine Kaufmann veranlaßt, ſchaudernd an einen Rückzug zu den⸗ ken. Mußte es ſich doch im nächſten Augenblicke entſcheiden, ob die Hunde wirklich ſo harmloſer Natur waren, wie ſie — 30— V zu ſein ſchienen, oder ob ſie voll ſchändlicher Verſtellung V nur auf einen günſtigen Moment warteten, um den Frem⸗ den anzugreifen. V Dieſer machte das freundlichſte Geſicht von der Welt, als er ſich ſachte zurückzog, ja er lächelte ſogar, und im V engſten Vertrauen können wir den geneigten Leſer verſichern, V daß er Abſchied nehmend wie zum Danke ſeinen Hut lüpfte, ob vor der Statue oder vor den beiden Hunden, darüber kann nie mit Gewißheit entſchieden werden. Als er aber bei dieſem Gruße einen ſtarken Schritt rückwärts that und ſeinen Hut wieder aufſetzen wollte, wäre ihm dies beinahe nicht gelungen vor ſeinem ſich entſetzt emporſträubenden Haare. Denn wie auf Commando er⸗ hoben ſich in dieſem furchtbaren Augenblicke die beiden Un⸗ V geheuer von Hunden, traten, als müſſe das ſo ſein, rechts und links an ſeine Seite und begleiteten ihn nach dem V Laubgange. V Wir ſind es hier dem Herrn Weller ſchuldig, ſeiner V Kaltblütigkeit und ſeinem Verſtande das höchſte Lob zu ſpenden. Dem heftigen Drange ſeines Herzens gemäß hätte er mit einem wahnſinnigen Satze Reißaus ergreifen müſſen, oder wie er geleſen, daß zuweilen auf der Tigerjagd ge⸗ ſchieht, behende den nächſten beſten Baum erklettern. Er V that das aber nicht; er ſchritt mit ruhiger Ueberlegung den V ſchattigen Gang hinab, bei der verfluchten Steinfigur mit V dem Finger auf dem Munde abermals vorüber und bog V dann in den richtigen Weg ein, der ihn zu dem Fenſter V führen mußte, wo der rettende Strick herab hing. V Schritt vor Schritt ging er ſo dahin, an ſeiner Seite V die beiden Hunde. Herr Weller athmete ſchwer, er fühlte, V wie ihm der Schweiß von der Naſe auf ſeine Weſte herab⸗ V tropfte, ſeine Kniee zitterten einigermaßen und waren ſchon ein paarmal im Begriff geweſen einzuſchnappen; aber trotz⸗ en, fte, ber ritt äre ſetzt er⸗ Un⸗ chts dem iner zu hätte ſſen, ge⸗ Er den mit bog nſter Seite ühlte, erab⸗ ſchon trotz⸗ —— dem wandelte er nicht nur ruhig vorwärts, ohne Ueber⸗ eilung, ſondern er ſchnalzte auch hie und da mit der Zunge oder ſchnippte mit den Fingern gegen die Hunde, was aber von dieſen mit einem böſen Blicke beantwortet wurde. Auch glaubte der kleine Kaufmann bei dieſer Veranlaſſung ein gelindes Knurren zu vernehmen. Jetzt bog ſich der Weg gegen das Nachbarhaus zu und Herr Weller bemerkte nun an ſeiner linken Seite, was er vorhin überſehen, daß ſich dort ein kleines Thor befand, das auf die vorüberlaufende Straße zu führen ſchien. „Wenn dieſes zufällig offen wäre!“ dachte er bei ſich, „wenn ich vielleicht dort hinaus entſchlüpfen könnte!“ Es galt einen Verſuch.— Er nahm ſeine unbefangenſte Miene an, er legte ſeine Hände unter den Rockſchooß, er ſpitzte nicht nur den Mund, ſondern er pfiff wirklich: So leb' denn wohl, du theures Haus. Er war nur noch zwei Schritte von der Thüre entfernt, da ſprang eine der Beſtien leicht und gewandt vor dieſelbe hin, wandte ſich absdann um, hob ſich vorn etwas in die Höhe und zeigte unter einem nicht zu verkennenden furcht⸗ baren Knurren zwei Reihen großer, weißer und ſpitzer Zähne. O— o— oh!—— Herr Weller fühlte es eiskalt ſeinen Rücken hinabrieſeln. Hätte er nur eine Idee gehabt über die Namen dieſer beiden verfluchten Beſtien. Er hatte ſchon vorher ſeinen ganzen Vorrath von Hundenamen erſchöpft, er hatte ſich ſogar in die menſchliche Nomenclatur verſtiegen, ohne zu einem andern Reſultat zu gelangen, als daß ihn die Hunde brummend von der Seite betrachteten. Dort war die rettende Thüre; Herr Weller mußte zu⸗ rück. um nicht von jenem unvernünftigen Vieh gepackt zu —— — — 8 G———— 5 * 83 8 1 — 32— werden. Wankenden Schrittes ſetzte er ſeinen Weg fort; da erblickte er das offene Fenſter, von dem er hinabgerutſcht, ja er erkannte ſogar ſchon den Strick, der noch immer dort hing. Dieſen zu erreichen, ſich mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung gleich ſo hoch hinaufzuſchwingen, daß ihn die Hunde nicht mehr faſſen konnten, das war, was er wollte: das allein konnte ihn retten. Da auch dort an der Mauer keine Thüre war, ſo hoffte er denn auch, das Attentat von vorhin werde ſich nicht wiederholen. Unmöglich konnten doch die Beſtien eine Ahnung von dem Strick haben, der von dem Fenſter herabhing und nach welchem er jetzt ſchon mit einem ängſtlichen Lächeln ſchielte. Statt aber gerade auf dieſen Rettungsanker loszugehen, ſchlenderte er ein Paar Schritte weiter, und um die Hunde zu täuſchen, traf er hierauf alle Anſtalten, ſich den Anſchein zu geben, als habe er irgend etwas in dem Gebüſche zu thun. Dies gelang ihm auch inſoweit, als keines der bei⸗ den Ungeheuer knurrend oder zähnefletſchend ihm voraus⸗ ſprang, wie ſo eben geſchehen, ſondern daß ſich beide auf den Weg hinlegten und ſich damit zu begnügen ſchienen, allen ſeinen Bewegungen aufmerkſam zu folgen. Da ſtand er nun mit gewaltigem Herzklopfen, vor ſich das offene Fenſter und den rettenden Strick, hinter ſich die Rachen ſeiner beiden Verfolger. Aufmerkſam nahm er ſein Augenmaß, wie hoch er ſeinen Strick zu greifen habe, und ſtreckte zu dieſem Ende ſeinen Arm, ſo lange es ihm mög⸗ lich war; dann blickte er auf das ehemalige Obſtſpalier und merkte ſich die Sproſſe des Gitterwerkes, die er mit dem erſten Sprunge erreichen mußte, um ſich alsdann außer den Bereich ſeiner Verfolger ſchwingen zu lönnen. Jetzt mußte es ſein, jede Sekunde, die er verlor, konnte die beiden Ungeheuer beſtimmen, in das Gebüſch zu ſpringen, dem ſie bis jetzt nur aus einem faſt unbegreiflichen Schicklichkeitsge⸗ ſich die ſein und ög⸗ und dem den die dem sge⸗ — 33— fühl fern geblieben waren.— Eins!— zwei— zählte er, und dabei dachte er an ſie, deren ſeltſame Laune ihn in dies Unglück hineingeführt, aber nicht, als ob er es bedauert hätte, die That verſucht zu haben. Dann holte er noch einmal tief Athem, maß mit einem raſchen Blicke die Höhe, die er mit einem Sprunge erreichen mußte— und bei drei! ſprang er wirklich mit aller Kraft der Verzweiflung, ſtieß aber im nächſten Augenblicke ein gellendes Schmerzgeſchrei aus, denn er fühlte ſich mit ſcharfen Zähnen an jenem Theil des Körpers gefaßt, den er bei jener verfluchten Statue am meiſten bewundert. Daß er im nächſten Momente den Strick los ließ, daß ſein zuckender Fuß nicht mehr das ehemalige Obſtgeländer ſuchte, daß er mit einem ſtarken Plumps zwiſchen die Ge⸗ büſche niederſtürzte, können wir nicht verſchweigen; es war dies auch das Geſcheidteſte, was er thun konnte; denn nur ſo entledigte er ſich ſeiner hinterliſtigen Angreifer, die bei ſeinem Fall zurückſprangen, um ihn alsdann zähnefletſchend zu betrachten. Es gibt Augenblicke, wo ſich ſelbſt ein Lamm zum Hel⸗ denmuth zu erheben vermag, wo der Wurm zu ſtechen ver⸗ ſucht, wenn er getreten wird, wo ſogar ein harmloſes Ka⸗ ninchen die Zähne weist, wenn man es unſanft angreift. Bei dieſer Höhe der Empfindung war auch Herr Weller angelangt; während er mit einer Hand an den verletzten Theil griff, raffte er mit der andern einen alten Prügel vom Boden auf, der hier zufällig lag, und ſtürzte aus dem Gebüſche hervor, entſchloſſen zu einem Kampfe auf Leben und Tod, und in ſo zuverſichtlicher Haltung, daß die beiden Beſtien zurückwichen, leider aber unter einem furchtbaren Gebell. Es ſchien, als ob überall in den Gebüſchen, na⸗ mentlich aber im Hofe des ziemlich fernen Hauſes, eine Un⸗ zahl von Hunden verſteckt läge, ſo vielfach warf das Echo Hackländer, Tag und Nacht. II. 3 jenes tolle Gebell zurück.— Vielleicht hätte Herr Weller nach dieſer Einſchüchterung einen zweiten und wohl auch ge⸗ lungeneren Verſuch machen können, ſich an dem Stricke hinaufzuſchwingen, wenn nicht jetzt von der Seite her, wo ſich das Baſſin befand, ein Mann, mit einem Gewehr be⸗ waffnet, ſich eiligen Laufes dem Kampfplatze genähert hätte, und wenn nicht bei dieſem Anblicke und bei dem lauten Zurufe jenes Mannes die Hunde hitzig zum Angriff über⸗ gegangen wären. So aber konnte Herr Weller mit ſeinem Prügel ſich der beiden Beſtien kaum ſo lange erwehren, bis er ſich durch den Mann mit dem Gewehre am Kragen gefaßt fühlte, in dieſem Falle zu ſeinem wahren Troſte, denn die Hundeungeheuer ließen dann augenblicklich von ihm ab. Der fremde Mann hatte ein unangenehmes Geſicht, trug eine Livree und war ſchon ziemlich bei Jahren. Er blickte den kleinen Kaufmann recht unverſchämt an und ſagte: „Aha! haben wir endlich einmal einen der Vögel er⸗ wiſcht!— Und das Geſicht ſollte ich kennen. Ja, wahr⸗ haftig, wir ſehen uns nicht zum erſten Male.— Nun, das wird ſich Alles finden,“ fuhr er nach einer Pauſe fort. „Jetzt vorwärts, marſch!“ „Und wohin?“ fragte Herr Weller, nachdem er ver⸗ gebens einen Verſuch gemacht hatte, die Fauſt des Andern von ſeinem Kragen zu entfernen. Leider konnte er hierzu nicht beide Hände gebrauchen, denn ſein Schamgefühl verbot ihm, die Linke von dem zerfetzten Theile ſeines Anzuges zu entfernen. Er hatte das furchtbare Gefühl, als handle es ſich dort nicht um einen Riß in ſeinen Beinkleidern, ſondern als ſei durch die Zähne der Hunde eine förmliche Oeffnung entſtanden, die— eine weit klaffende Oeffnung, welche— kurz im hinterliegenden Falle eine entſetzliche Oeffnung. Um von dem eiſenfeſten Griff des Andern erlöst zu dern erzu rbot zu e es dern rung 8 st zu — 35— werden, legte ſich der Unglückliche auf's Parlamentiren und ſprach achſelzuckend: „Ich bin in Ihrer Gewalt— gut! führen Sie mich, C. wohin Sie wollen, dort wird ſich Alles finden. Aber laſſen Sie meinen Kragen los, denn es wird Ihnen doch einleuch⸗ ten, daß ich Angeſichts Ihrer Waffe und dieſer beiden in⸗ famen Beſtien keinen Verſuch machen werde, anders wohin zu gehen, als wohin es Ihnen beliebt.“ Dies ſchien auch der finſtere Mann einzuſehen, denn obgleich brummend ließ er doch den Kragen des Herrn Weller los, nicht ohne dieſem durch einen derben Puff an⸗ zudeuten, daß er vorwärts gehen ſolle. Dies geſchah denn auch, und ſo zogen ſie dahin, voran der unglückliche Weller, an ſeinen Seiten die beiden Hunde, jetzt ſchweifwedelnd und ſehr freundlich ausſchauend, hinten der alte Bediente mit ſeinem Doppelgewehr im Arm,— wieder durch den dunklen Laubgang, bei der Steinfigur mit dem Finger auf dem Mund vorüber, dann um das Baſſin herum, wo der arme Gefangene das Ledertäſchchen gefunden. Als er bei der Bank vorüber kam, wo es gelegen, faßte er verſtohlen an ſeine Bruſttaſche und gelobte ſich feierlich, ſich dieſes Zeichen der That, die er habe begehen wollen, nur nach hartnäckigem Kampf entreißen zu laſſen. Da ſah er auch wieder vor ſich das alte finſtere Haus liegen mit ſeinem gezackten Giebeldach, ſeinen vergitterten Fenſtern und den drohenden Eiſenſtangen, die den Hof um⸗ ſchloſſen. Jetzt öffneten ſie ſich freilich vor ihm, aber es war ihm nicht ganz wohl zu Muth dabei, und ehe er in den öden, unheimlich ausſchauenden Hofraum trat, konnte er ſich nicht enthalten, noch einen Blick rückwärts zu wer⸗ fen auf den ſtillen Garten, den er durchſchritten, auf das Haus, aus deſſen Fenſtern er hinabgehüpft.— Ja, ſein Blick täuſchte ihn nicht: da oben, an eben jenem Fenſter ———— N 5 ——— 8 — 36— ſtanden ein Paar Perſonen und ſchienen angelegentlich nach ihm hinzuſchauen; die Eine war Herr Victor Barring— das war unzweifelhaft. Hätte er nur vermocht, ein Zeichen— In dieſem Augenblick fühlte ſich Herr Weller heftig an den Schultern gefaßt und gegen den Hofraum gedreht. Er mußte der brutalen Gewalt weichen und dem Manne mit dem Gewehr vorangehen, der darauf das Gitter ſorgfältig verſchloß und dann mit einem barſchen Worte nach einer kleinen Thür zeigte, die man nach Durchſchreitung des öden, hallenden Hofes bald erreichte. Daß der alte, finſter ausſehende Bediente hier im Hofe ſeinen Gefangenen gleichgültig hinter ſich ließ, hatte ſeine guten Gründe; ſah man doch ringsum nichts als Mauern oder mannshohe Eiſengitter und gingen obendrein die bei⸗ den freundlichen Hunde Herrn Weller nicht von der Seite. Der Alte öffnete die Thür und ließ den kleinen Kauf⸗ mann eintreten. Faſt aber wäre dieſer wieder zurückge⸗ prallt, wenn die Hunde nicht hinter ihm geweſen wären, vor deren Berührung er ſich ſcheute. Und ſo trat er denn in ein unheimliches Gewölbe, in dem er kaum aufrecht ſtehen konnte, und das nun, nachdem die Thüre verſchloſſen war, faſt ganz finſter erſchien, denn nur oben in der Mauer be⸗ fand ſich eine kleine, wenige Zoll große Oeffnung, durch welche kaum ſo viel Helle eindrang, um das Gefängniß in einem ſchwachen Dämmerlicht erſcheinen zu laſſen. War es das Umdrehen des ſchweren Schlüſſels, oder das Vorſchieben von Riegeln, oder vielleicht die kühle Luft, was den Gefangenen tief erſchauern machte— genug, es zog ein empfindliches Fröſteln durch ſeinen ganzen Körper, vom Scheitel bis zu den Fußſpitzen, und darauf verſchränkte er die Arme, lehnte ſich mit der Schulter an die Mauer ſeines Kerkers, und ihm kam ein Bild in das Gedächtniß, das er einſtens mit tiefem Mitgefühl betrachtet: ein un⸗ der uft, es per, nkte uer niß, — 37— glücklicher Gefangener, wie er jetzt, lehnte an dem triefen⸗ den Geſtein, und unter dieſem Bilde las man: Die erſte Viertelſtunde von zwanzig Jahren.— A— a—h! Während ſich dies im hintern Hofraume des alten Hau⸗ ſes begab, hielt auf der vorderen Seite deſſelben ein Wagen, deſſen Kutſcher von ſeinem Bocke herabſtieg, die Thür öffnete und Herrn Kohler ausſteigen ließ, man hätte faſt ſagen können: herausſpringen ließ; denn der ehemalige Makler verſuchte wirklich einige leichtfüßige, elegant ſein ſollende Bewegungen, welche indeß gewiß keine andere Wirkung hatten, als daß ſich ſeine Brille etwas auf die Naſe herab⸗ ſenkte. Er rückte die blaßblauen Gläſer lächelnd wieder an ihren Platz und reichte dann unter fortgeſetztem Lächeln einer ſchwarzgekleideten Dame die Hand, welche jetzt eben⸗ falls ausſtieg, einen flüchtigen Blick auf das alte Gebäude warf und dann mit ihrem Begleiter hinter dem ſchweren Thore, das ſich ein klein wenig geöffnet hatte, ver⸗ ſchwand. Der Fiaker fuhr an die Ecke der Straße und hielt dort. In dem dunkeln und ſehr kühlen Vorplatz des Hauſes empfing der alte Bediente, den wir vorhin im Garten ge⸗ ſehen, die Beiden, und Herr Kohler überreichte demſelben ſodann ein Papier, das der Bediente ſorgfältig betrachtete und dann brummend ſagte: „Es iſt richtig, Handſchrift und Siegel des gnädigen errn.“ Der ehemalige Makler nahm eine joviale Miene an und ſprach, indem er einen mißlungenen Verſuch machte, dem alten Bedienten auf die Schulter zu klopfen: „Nun, mein guter Sebaſtian, auch ohne Handſchrift und Siegel würden wir uns kennen; ſind wir doch ein Paar alte Bekannte.“ Worauf der Andere mit einem finſtern Blick den Kopf 82 * 8 ——— 2*— ſchüttelte, den Sprecher ein Paar Sekunden anſtierte und dann in einem faſt unverſchämten Ton zur Antwort gab: „Nein, kenne Niemand, als wenn es der Herr befiehlt; dort iſt die Treppe, oben iſt der Andreas.“ Herr Kohler lächelte ſeine Begleiterin abermals an, wie um ihr Muth zu machen, doch ſchien er in dieſer Umgebung alles unnöthige Geräuſch vermeiden zu wollen, denn er flüſterte ihr leiſe zu:. „Nicht wahr, ein ſonderbares Haus?— Ein eigen⸗ thümlicher Empfang. Ja, ſo iſt es immer und geſtaltet ſich auch keineswegs freundlicher, je näher wir zu dem Herrn ſelbſt kommen. Nur Muth, meine verehrte Madame Nicolai, nur Muth; blos die Außenſeite iſt ſo rauh und unange⸗ nehm, der Kern iſt ſchon beſſer, wahrhaftig, viel beſſer.— Würden wir Sie ſonſt wohl hieher geführt haben 2 Er ſagte das Letztere in einem ſchwunghaften Tone, indem er mit einer zärtlichen Miene den Verſuch machte, ſeiner Begleiterin in's Auge zu ſchauen. Doch blickte dies Auge kalt und ruhig vor ſich hin und paßte ſo genau zu dem ganzen Ausdruck des Geſichtes, zu der Bläſſe der Wangen, zu dem harten, entſchloſſenen Zug, der um die feſt zuſammengepreßten Lippen lag. „Seien Sie unbeſorgt,“ gab Madame Nicolai zur Ant⸗ wort;„ich für meine Perſon fürchte mich nicht.“ Und ſo ſtiegen Beide mit einander die Treppen hinauf, auf deren Mitte ſie das unfreundlich ausſehende Subject erwartete, von dem der unglückliche Herr Weller erzählt, daß es die Hand vor den Mund gehalten, wenn es ge⸗ huſtet, um in dem öden Hauſe kein Echo wach zu rufen. Dieſes unfreundlich ausſehende Subject machte eine ſteife Neiigung mit dem Kopfe, worauf es auf die Thüre wies, durch welche die beiden Fremden in ein Zimmer ein⸗ traten, das in der That finſter und unheimlich war, da V V und one, ichte, und , zu Zug, Ant⸗ nauf, ubject zählt, s ge⸗ eine Thüre r ein⸗ -, da — 39— ſchwere, herabgelaſſene Vorhänge den Tag faſt vollſtändig abſperrten und nur hie und da einem ſcharfen Streiflicht den Eintritt geſtatteten. So kamen ſie durch mehrere Gemächer und gelangten endlich in ein helleres Cabinet, wo ſie ihr finſterer Fuhrer zu warten erſuchte und dann hinter einer andern Thür, die mit einem ſchweren Vorhang behängt war, verſchwand. Herr Kohler wußte nicht, ob er ſeiner Begleiterin einen Sitz anbieten dürfe, doch überhob ihn dieſe aller Verlegen⸗ heit, indem ſie ſich auf einen Stuhl an der Thüre niederließ. Der ehemalige Makler affectirte das Gefühl außer⸗ ordentlicher Sicherheit, fern von jeder Beklemmung, blickte im Zimmer umher und dabei blies er zuweilen ohne alle Veranlaſſung ſeine Backen auf. Jetzt vernahm man hinter dem Vorhange laute, ſelt⸗ ſame Töne, welche ſelbſt die ſchwarzgekleidete Frau aus ihrem tiefen Nachdenken aufſtörten und ſie nach der Thür blicken ließen. Es klang wie ein höhniſches Lachen, und dazwiſchen hörte man Ausrufe:„gut! gut! vortrefflich!— Hahaha!“ Und ſo lachte es abermals hinter dem Vorhang, als dieſer raſch auf die Seite geworfen wurde und der Freiherr von Molitor erſchien. Madame Nicolai, ſo ruhig und gefaßt ſie auch war, konnte doch eine kleine Bewegung des Erſtaunens, faſt des Schreckens nicht unterdrücken, als dieſe eigenthümliche Ge⸗ ſtalt vor ſie trat. Der Freiherr, außerordentlich lang und mager, trug ein kurzes, ſchwarzſeidenes, abgenähtes Ge⸗ wand, das auf der Bruſt offen ſtand und ein weißes Hemd zeigte, welches unter dem Kragen von einem rothen Halstuch zuſammengehalten wurde. Aus den weiten Aer⸗ meln ſeines Gewandes blickten die langen, dürren Finger hervor, welche beſtändig und ganz ſonderbar zuckten, wenig⸗ ſtens die der linken Hand, denn die der rechten konnten ———õ——— —y— 4——— nicht ſo viele Bewegungen machen, da er in ihnen ein ſelt⸗ ſames Inſtrument hielt. Es war eine Keule oder Streit⸗ axt mit einem vielleicht zwei Fuß langen und fauſtdicken zackigen Knopfe. Was aber hauptſächlich an ihm erſchreckend V erſchien, war ſein Kopf; mit breiter Stirne, unten ſcharf V zugeſpitzt, ſtand er auf einem langen, dünnen Halſe, ſeine Schläfe waren mit weißen, flatternden Haaren umgeben, und während ſein Schnurrbart von gleicher Farbe drohend V nach beiden Seiten abſtand, dehnte ſich der Knebelbart bis V auf ſeine Halsbinde herab. Vor Allem eigenthümlich aber war der Ausdruck des Geſichtes, mit dem der Freiherr V — 40— 8 —“ „ 4 3 3 * von Molitor die Beiden empfing. Jetzt ſah man zwiſchen den langen und ſcharfen Zügen ein wildes Lächeln der Be⸗ friedigung hervorblitzen; ſeine Augen flammten, ſeine Mund⸗ winkel zogen ſich vergnügt in die Höhe. Dann mit einem Male wieder verſchwand jeder Ausdruck der Zufriedenheit; ſeine Brauen ſenkten ſich tief auf die ſcharfen Augen herab, und während ſich die Spitzen ſeines Schnurrbartes empor⸗ hoben, drückte er ſeine Unterlippe ſtark hervor. So war es auch, als er in barſchem Tone fragte: „Wir ſind alſo Herr—“ b „Kohler—“ ſagte der ehemalige Makler mit einer ver⸗ bindlichen Verbeugung. „Und dies iſt Madame—“ „Madame Nicolai,“ antwortete Herr Kohler, wobei er eine gefällige Handbewegung machte und hinzuſetzte: „Wittwe“. Auf dieſes Wort hin warf der Freiherr von Molitor dem Sprecher einen ſo wilden Blick zu, daß dieſer mit ſeiner Hand an den Mund fuhr und leiſe und verlegen zu huſten begann. V „So? Alſo Wittwe?“— Dann zeigte ſich wieder jenes wilde Lachen, und der Freiherr fuhr fort:„Gratulire Ihnen, — — 11— Madame, zur Wittwe. Das iſt eine gute Stellung, nicht wahr?— O ich weiß viele, die gern Wittwe ſein möchten. 1 Aber der Himmel hat ein Einſehen.— Doch zur Sache!“ . ſprach er nach einer Pauſe, während welcher er die Keule f neben ſich auf den Tiſch legte und dann, die Arme ver⸗ e ſchränkend, Frau Nicolai lange und forſchend betrachtete. „„Sie wiſſen, Madame, um was es ſich handelt,“ ſagte er d darauf mit einem Tone, der vielleicht milder ſein ſollte, S aber dennoch grollend und murrend erklang, da er die T V Lippen feſt aufeinander gepreßt hielt. 1 I„Ich weiß es,“ entgegnete die ſchwarzgekleidete Dame n ſehr ruhig und feſt. d⸗„Ah ſchön!— Sie wiſſen es,— Sie wollen alſo ⸗ meiner Tochter eine Lehrerin ſein, eine ſorgfältige Beglei⸗ m terin? Sie wollen vor allen Dingen dieſes Kind niemals t; aus den Augen laſſen— verhindern, daß es die Mauern V b, meines Parkes je überſchreitet oder daß Jemand mit ihm r⸗ V verkehrt, der nicht zu meinem Hauſe gehört?— Zu dem V Zwecke,“ ſetzte er haſtiger hinzu,„werde ich Ihnen alle V ⁴ e. meine Leute ſelbſt vorſtellen, lauter treue, vertraute Leute, V V und werde Ihnen dagegen andere Perſonen namhaft V r⸗ I machen, vor denen Sie ſich in Acht zu nehmen haben, wie vor dem böſen Geiſte ſelber.“— Hier flammte es wieder I unheimlich in ſeinem Auge auf.—„Ich belohne fürſtlich vei für gute Dienſte,“ ſagte er alsdann,„wogegen Verrath von e: mir entſetzlich beſtraft wird.“ Herr Kohler fühlte eine unangenehme Regung an der :m I Stelle, wo er ſein Herz vermuthete. rer„Wollen Sie wiſſen, wie ich beſtrafe?“ ſprach Herr V ten V V von Molitor nach einer längeren Pauſe, wobei er mit der Hand an eine Glocke griff, die neben ihm auf dem Tiſche V nes V ſtand, und heftig klingelte.„Sie ſollen es zu Ihrer War⸗ nung erfahren.“ —+— 8 „ 4 1 ee— . 7 4 8— 5 8 8 * — —— Der Bediente, welcher die Beiden zur Treppe herauf begleitet hatte, trat mit einer tiefen Verbeugung hinter dem Vorhange hervor. Man hörte jedoch kein Knarren der Thür und konnte ſo wohl auf die Vermuthung kommen, er habe von dem im Zimmer geführten Geſpräche kein Wort verloren. Da ihm aber in dieſem Augenblicke der Baron den Rücken zukehrte, ſo blickte er ſcharf nach Herrn Kohler hin und mit einem ſo ſonderbaren Geſichtsausdruck, daß ſelbſt dieſer ſonſt ſo argloſe Geſchäftsmann aufmerkſam wurde und mit ſeiner Begleiterin einen fragenden Blick wechſelte, worauf Madame Nicolai, die ebenfalls aufmerk⸗ ſam den Diener angeſchaut, einen Moment lang ihre Augen ſchloß und tief Athem holte. „Gebhard,“ ſagte der Freiherr,„wie beſtrafte ich die verrätheriſche Erzieherin meiner Tochter?“ Der Gefragte zuckte mit den Achſeln, wand ſich hin und her, und da ihn ſein Herr auch bei dieſer Frage keines Blickes gewürdigt hatte, zog er ſeinen Zeigefinger empor und fuhr damit in der Luft hin und her, ehe er zögernd zur Antwort gab: „Die verrätheriſche Erzieherin, gnädiger Herr, wurde in den öſtlichen tiefen Keller gebracht.“ „So iſt es,“ murmelte der Freiherr. „Dort wurde ſie auf Befehl des gnädigen Herrn an⸗ gekettet—“ „Mitſiebenfachen Ketten,“ bekräftigte dieſer. ‚Und dann“ „Ihrem Schickſale überlaſſen,“ ſprach Gebhard nach einigem Zögern, wobei er abermals mit dem Finger haſtig in der Luft hin und her fuhr. Der Baron bewegte nicht im Geringſten ſeine Lippen, als er hierauf murrend und grollend ſagte: „Sie iſt verſchmachtet, die Verrätherin. Das iſt die Art, wie ich ſtrafe, Madame.“ — 43— Herr Kohler, welcher die Pantomime des Dieners ſo auffaßte, als wolle ihm derſelbe ſagen: ihm, Kohler näm⸗ lich und ſeiner Begleiterin, würde kein Leid geſchehen, war entſetzt über das, was er vernommen, und er fühlte eine gelinde Schwäche in ſeinen Beinen. Madame Nicolai dagegen ſchaute dem Freiherrn klar und ruhig in's Geſicht, wobei ſich nur während eines ganz kurzen Augenblickes ein beinahe verächtliches Lächeln auf ihrem Geſichte zeigte. „So wird bei mir jeder Verrath beſtraft.— Und wol⸗ len Sie wiſſen, was ich Verrath nenne 2— Alles, was im Widerſpruche mit meinen Befehlen geſchieht.— Haben Sie auf dieſe Bedingungen hin Luſt, die Ueberwachung meiner Tochter zu übernehmen 24 Eine kleine Weile ſchwieg Madame Nicolai, dann ſagte ſie in kaltem, ruhigem Tone: „Gut, ich will die Bewachung Ihrer Tochter überneh⸗ men, und verſpreche es, Ihre Befehle auszuführen,— ſo lange dieſe Befehle ar sführbar und— vernünftig ſind.“ Herr Kohler zuckte erſchreckt zuſammen, als er die Rede ſeiner Begleiterin vernahm, und der Bediente, der noch immer hinter dem Rücken ſeines Herrn ſtand, ſtarrte mit einem Ausdrucke des Schreckens in ſeinem Geſichte zu ihr hinüber. Wohl eine Minute lang arbeitete es ganz eigenthüm⸗ lich und durchaus nicht angenehm anzuſchauen in den Zügen des Freiherrn von Molitor. Zuerſt riß er die Augen weit auf, und zum erſten Mal öffneten ſich ſeine Lippen und ließen die Zähne ſehen. Sein Bart ſträubte ſich ordentlich in die Höhe, während die Finger ſeiner rechten Hand mit dem Griff der Keule ſpielten. Dann aber ſchien mit einem Male ein neuer Gedanke in ihm aufzuſteigen; er blickte voll Verwunderung auf die Frau, die gewagt, ſo mit ihm zu — 4 8 * 4 6 1 — 4 —— — 44— ſprechen, dann fuhr er mit dem Kopfe ruckweiſe auf und ab, wandte ſich hierauf raſch nach ſeinem Diener um, der bei dieſer plötzlichen Bewegung nach Art eines Taſchenmeſ⸗ ſers zuſammenknicken zu wollen ſchien, und ſagte ihm flüſternd, aber doch ſo laut, daß es auch die beiden Andern verſtanden: „Beim Teufel! Gebhard, ſie hat Recht. Es iſt die Per⸗ ſon, an die ich lange gedacht, eine Frau mit der Seele eines Mannes, während ihr Alle, Gebhard, Du und die Ande⸗ ren, Männer mit Weiberſeelen ſeid.—— Sie auch, mein Beſter,“ wandte er ſich nun plötzlich gegen den ehemaligen Makler, indem er ſich hoch aufrichtete und ſeine Hand mit ausgeſtrecktem Zeigefinger gegen ihn wandte,—„Sie auch.“ Herr Kohler hatte vorhin mit einer wahren Beruhigung gelächelt; jetzt aber ſank auch er faſt zuſammen und ſchaute mit einem Blicke unausſprechlicher Verlegenheit vor ſich nieder. „Setzen Sie ſich, Madame,“ ſprach hierauf der Frei⸗ herr mit großer Würde, indem er auf einen Lehnſeſſel wies, und dann fortfuhr:„Ich werde meine Tochter holen laſſen, und darauf ſollen Sie Zeuge eines ſtrengen Ge⸗ richtes ſein.“ Gebhard verſchwand hinter dem Vorhang und Herr von Molitor fing an, in dem Cabinete auf und ab zu ſchreiten, wobei er jedesmal Herrn Kohler ſcharf anblickte, ſo oft er in deſſen Nähe kam, welchen Blick mit einem freundlich ſein ſollenden Lächeln zu beantworten der ehe⸗ malige Makler nicht unterlaſſen konnte, ein Lächeln, das aber nach und nach und in Folge ſtattgehabter Gemüthsbe⸗ wegung zu einem ſonderbaren Grinſen ausartete, worauf der Baron es ebenſo machte, was für einen Dritten, Un⸗ parteiiſchen ein gar komiſcher Anblick ſein mußte. Madame Stifter ſah indeſſen nichts davon; ſie hielt —.— — ͤ—.—— SD—½ 192 4ͤ——— ihre Hände auf dem Schooße gefaltet und blickte nachden⸗ kend vor ſich nieder; ſie dachte an ihre Unterredung mit Victor, ſie fühlte wohl, daß das Verhältniß zu ihrem Manne ſich nicht ſo plötzlich anders und beſſer geſtalten könne, nament⸗ lich nicht, wenn ſie ſo nach wenigen Stunden Abweſenheit wieder umgekehrt wäre in ihre Wohnung.— Sie mußte ſchon— das ſagte ſie ſich ſelber— in die eigenthümlichen Verhältniſſe eintreten, die ſich ihr ſo plötzlich wie eine Schickung des Himmels darboten, und ſie fühlte wohl, daß ſie nur in einer ganz fremden Umgebung ruhiger und nach und nach glücklicher werden könne. Daß dieſe Verhältniſſe, in welche ſie zu treten im Be⸗ griffe war, etwas ganz Sonderbares hatten, das war von ihr bei der eben ſtattgehabten Unterredung und Scene auſ's Klarſte bemerkt worden; ſie hatte den wilden, unſteten Blick des Freiherrn, ſeine ſonderbaren Geberden und Worte rich⸗ tig zu deuten verſtanden, und wenn es ihr auch ein un⸗ angenehmes Gefühl verurſachte, in ſolcher Umgebung blei⸗ ben zu müſſen, ſo hatte ſie doch die Kraft, einen einmal gefaßten Entſchluß auszuführen. Auch war von ihr, der klugen Frau, nicht unbemerkt geblieben, welche Wirkung ihr ſo außerordentlich freies Wort von ſo eben auf den Baron ausgeübt, wornach ſie richtig ſchloß, daß er einer von denen ſei, die bei der ſchroffſten und gewaltthätigſten Außenſeite durch ein entſchloſſenes Wort, an richtiger Stelle⸗ angebracht, zu lenken ſeien. „Hier bin ich, Papa,“ ſagte eine friſche Kinderſtimme, worauf der Baron von Molitor auf ſeinem Spaziergange augenblicklich einhielt, Herr Kohler jetzt tief Athem holend mit einem freundlichen Lächeln wirklich lächelte und Madame Nicolai aus ihren Träumereien auffuhr.—„Hier bin ich, Papa!“ wiederholte das kleine Mädchen, wobei es ſich aber etwas ſchüchtern in der Nähe von Gebhard hielt. — — 46— — 84 Das Kind mochte ungefähr acht Jahre haben, und wer b die Mutter deſſelben kannte, ſah die angenehmen, guten und ſchönen Züge der Frau von Molitor, hier in friſche, liebe Kindlichkeit übertragen, auf's Deutlichſte wieder vor ſich. Es war eines jener Kindergeſichter mit großen ſinnen⸗ den Augen, die ſich gern ſchließen, während der kleine Mund ein freundliches Lächeln zeigt. Die Geſtalt der Klei⸗ nen hatte etwas ungemein Zierliches bei ſehr raſchen, zu⸗ weilen faſt heftigen Bewegungen; überaus niedlich waren ihre Hände und Füße, und dabei hatte ihr ganzer Körper V etwas wohlthuend Rundes, wozu die friſche Farbe des Geſichtes und die hellblonden ſtarken Haare, die ſich unter einem einfachen, hellblauen Netze verbargen, vollkommen paßten. 5 1 Das Mädchen hatte alle Anweſenden mit ſeinen großen 3 “ „ 3 lebhaften Augen der Reihe nach betrachtet, wobei es am längſten bei der ſchwarzgekleideten Frau verharrte; dann I that es einen Schritt vor gegen den Vater, der ſich etwas zu ihm herabgebeugt hatte, und legte ſeine kleine runde Hand in deſſen lange und dürre Finger. „Du weißt, daß ich Dir verſprochen,“ ſagte der Ba⸗ ron,„im Falle Du nämlich ſehr gut ſein würdeſt, Dir eine recht angenehme und freundliche Begleiterin zu geben. Das iſt nun dieſe Dame da. Und denke Dir nur, Iſabella, V ſie bringt zwei kleine Kinder zu Geſpielen für Dich mit, ein Mädchen faſt ſo alt wie Du, und einen Knaben, der etwas V jünger iſt.“ Das Kind blickte Madame Nicolai, welche ihm freund⸗ lich zunickte, mit großen Augen an, worauf der Freiherr mit ſeinem ſonderbaren Lächeln und ſo leiſe murmelnd fort⸗ V fuhr, daß es außer ſeiner Tochter faſt Niemand verſtand: V„Daß die da ſchwarz gekleidet iſt, Iſabella, daran mußt Du Du nicht ſtoßen; Du weißt wohl, ſie hat gedacht, in ——y——,,——— — 47— dies düſtere Haus dürfe man nur ſchwarz gekleidet kom⸗ men.— Wie iſt mir doch?“ fuhr er auf einmal mit lau⸗ ter Stimme fort, nachdem er ſich hoch empor gerichtet. „Iſt der da drunten, der in Ketten und Banden in mei⸗ nem Verließe ſitzt, auch ſchwarz gekleidet, wie es ſich ge⸗ hört für einen armen Sünder, der vor ſeinen Richter und zum Tode geführt wird?“ Das kleine Mädchen war bei dieſen Worten erſchrocken zurückgefahren, und da ſie, Gebhard und Herrn Kohler an⸗ blickend, nur ängſtliche Geſichter ſah, in den Augen der ſchwarzgekleideten Frau aber einen Blick voll Herzlichkeit und Liebe, ſo eilte ſie auf dieſe zu, verbarg den Kopf an deren Bruſt und ſagte: „Du biſt gut und lieb, bei Dir will ich bleiben.“ Der Freiherr, welcher ſeine Frage von ſo eben vergeſ⸗ ſen zu haben ſchien, lächelte beinahe behaglich, und nickte dann ſo ſteif mit dem Kopfe, daß einem unwillkürlich die Worte des armen Herrn Weller einfielen:„Herr von Mo⸗ litor bewege ſeinen Kopf ſo ſonderbar auf und ab, als ziehe hinten Jemand an einer Schnur.“ Dann ſprach er: „Iſabella, komm hieher, ich will Dir noch etwas ſagen.“ Das Kind ſchüttelte mit dem Kopfe und blickte Madame Nicolai fragend an. „Geh' zu Deinem Vater,“ ſagte dieſe mit ernſtem Tone, „ich bin ja auch da.“ Darauf that die Kleine einen Schritt auf den Freiherrn zu, der ſich abermals auf ſie herabbeugte und wieder flü⸗ ſternd ſagte: „Daß ſie ſchwarz gekleidet iſt, muß Dir nicht Angſt machen; das iſt nur für dieſe verfluchte Stadt; ſobald wir draußen ſind auf unſerem Schloſſe, da trägt ſie grüne und rothe, gelbe und weiße Kleider, ganz wie es Dir beliebt.— Aber ſage vorderhand Niemand etwas davon,“ ſetzte er in ern⸗ 82 — 8 8 * 4₰ * — 18— ſtem Tone und mit aufgehobenem Zeigefinger hinzu,„auch ihr ſelbſt nicht, das iſt bis jetzt noch ein tiefes Geheimniß. — Nun geh!“ Das Kind flog zu Madame Nicolai zurück, und der Baron von Molitor, der ſich wieder ſtolz erhoben hatte, trat an den Tiſch, ergriff ſeine Keule und ſprach mit murrendem und grollendem Tone: „Man bringe mir jetzt den Delinquenten.“ Gebhard verſchwand in der Thüre, durch welche er vor⸗ hin die Beiden hereingeführt hatte, und die im Zimmer Zu⸗ rückbleibenden beobachteten ein tiefes Schweigen. Madame Nicolai, während ſie das kleine, hübſche Mädchen an ſich zog, ihre Wangen ſtreichelte, ihr Haar mit der Hand glät⸗ tete und ſie auf die ſchöne, freie Stirne küßte; Herr Kohler dagegen, indem er Alles anwandte, um durch angelegent⸗ liches Betrachten der Wände, des Fußbodens, der Zimmer⸗ decke, der Vorhänge und anderer Sachen den Blicken des Freiherrn zu entgehen, die ſich um ſo auffallender und mißtrauiſcher auf ſeinem Geſichte concentrirten, je mehr ſich die Augen des ehemaligen Maklers bemühten, unruhig von einem Gegenſtand zum andern zu irren. Dabei war es dem Letzteren durchaus nicht behaglich zu Muthe; er hatte ſo eben hier ſo viel Sonderbares und Unerklärliches erfah⸗ ren, daß ihm mit einem Male die Worte Victors einfielen und er unter den wilden, forſchenden Blicken des Baron Molitor nun auf einmal fühlte, wie ihm ein leichter Schweiß auf die Stirne trat. Da erklang im Vorzimmer Kettengeraſſel, wirkliches un⸗ heimliches Kettengeraſſel, das näher und näher kam, jetzt dicht vor der Thüre ſich hören ließ und gleich darauf im Zimmer ſelbſt; denn der Delinquent, welchen der Freiherr von Molitor richten wollte, war eingetreten. Herr Kohler, der ihn anblickte und der in dem recht —— V —-— 49— auch jammervoll Auftretenden ſeinen Freund, den Herrn Weller, mnß. V erkannte, mußte alle Kraft aufbieten, um einen lauten Aufſchrei, der ihm beinahe entfahren wäre, unter einem der ſehr künſtlichen Huſten zu verbergen. atte, Ja, es war Herr Weller, derſelbe Herr Weller, der mit als ein ſo ruhiger und ſolider Geſchäftsmänn bekannt war, den er, Kohler nämlich, heute Morgen im zierlichſten An⸗ V zuge zu Herrn Victor Barring geführt, und der nun hier vor⸗ vor ihm ſtand, die Hände mit einer Kette gefeſſelt, zer⸗ Zu⸗ V zaust, bleich und niedergeſchlagen ausſchauend und— dame o Gott!— hinten mit klaffenden, aufgeriſſenen Kleidungs⸗ ſich V ſtücken; man ſah einen halben Rockſchooß, man erblickte V glät⸗ eine Oeffnung im Beinkleid— man—— nein, das war 3 tohler. gar zu fürchterlich! gent⸗ V Glücklicher Weiſe hatte ſich der arme Gefangene nicht V nmer⸗ gegen Herrn Kohler gewendet, ſo daß ein Erkennen für V n des den Augenblick wenigſtens verhindert war. Auch trat ihm und der Freiherr, ſeine Keule in der Hand, jetzt einen Schritt mehr b näher und ſagte plötzlich mit ſehr lauter Stimme: ruhig„Ich kenne ihn wieder; es iſt derſelbe Spion und i war V Frevler, der vor einiger Zeit meine Keller miethen wollte. hatte V Ah! damals dachte er, auf eine leichte Art von unten her⸗ erfah⸗ V b auf in mein Haus zu dringen und mir mein einziges Kind V nfielen V V und meine Schätze zu ſtehlen. Da ihm das aber nicht ge⸗ Baron I lang, ſo verwandelte ſich der Kellerwurm in einen offen⸗ V chweiß V V baren Einbrecher und Räuber; er iſt aber von der Gerechtig⸗ V keit ereilt worden und ſoll nun, wie es ſich gebührt, von es un⸗ uns, dem Freiherrn von Molitor, gerichtet werden.— Hat , jetzt V er aber etwas Triftiges zu ſeiner Entſchuldigung vorzu⸗ muf im V bringen, ſo ſoll er es ſagen,“ fuhr der ſeltſame Richter reiherr V fort, indem er auf verdächtige Art ſeine Keule ſchwang. Die ſchwarzgekleidete Frau hatte mit großer Spannung n recht V dieſe Scene mit angeſehen, ſie hatte das kleine Mädchen d Hackländer, Tag und Nacht. II. 4 —— ———— 8 an ihre Seite genommen, und wenn man bemerkte, wie feſt ſie ihren rechten Arm auf die Lehne des Seſſels ſtützte, ſo konnte man aus dieſer Bewegung wohl errathen, daß ſie im Begriffe ſei, im nächſten Moment aufzuſpringen. Auch hing ihr dunkles Auge aufmerkſam an den Zügen des Freiherrn, der aber ihren Blick zu vermeiden ſchien und ihr wie abſichtlich den Rücken zuwandte. Herr Weller, der ſeine Geiſtesgegenwart, ſowie das, was er von Muth beſaß, wieder gefunden zu haben ſchien, zuckte mit den Achſeln und antwortete: Er ſei allerdings in der Lage, ſich über das, was er gethan, nicht genügend verantworten zu können; er habe den ſchönen, ſchattigen Garten vor ſich geſehen und habe der Verſuchung nicht widerſtehen können, einzudringen. Wenn das ſtrafbar ſeie, ſo möge man ihn bei den betreffenden Behörden dafür be⸗ langen, er proteſtire aber gegen die ſchändliche Behandlung, die ihm zu Theil geworden ſei und wolle ſich dafür ſein Recht ſchon verſchaffen. Der Freiherr hatte ihn ruhig ausreden laſſen, dann aber nahm ſein Geſicht einen recht böſen Ausdruck an, und er ſagte, indem er ſich an Gebhard wandte: „Das iſt ein recht gefährlicher Kellerwurm; aber ihm ſoll widerfahren, was er verdient.— So iſt mein Urtheils⸗ ſpruch— und ſo ſoll er vollzogen werden. Da er Begierde nach meinen Kellern trug, ſo führe man ihn nach dem tief⸗ ſten Theil derſelben, wo weder Mond noch Sonne hinſcheint, dort ſchließe man ihn feſt und laſſe ihn langſam verſchmach⸗ ten. So will es das Recht, und ſo ſoll es geſchehen.“ Herr Weller wußte nicht, wie ihm geſchah; er war doch heute Morgen noch Bürger eines wohlgeordneten Staates geweſen, der ſeine Grund⸗ und Klaſſen⸗, Einkommen⸗ und Häuſerſteuer, und wie ſie ſonſt noch heißen mögen, bezahlte, der ein Recht hatte auf den Schutz der Geſetze, und jetzt ſah er ſich auf einmal hier als ein erbärmliches, gefeſſeltes Weſen, auf dem Wege, nach der ſchrecklichſten Willkür des Fauſtrechts gerichtet zu werden.— War denn das möglich? War ihm alles das heute Morgen wirklich paſſirt oder träumte er blos?— Von der That, die er hatte begehen wollen, von dem ſchattigen Garten, von der Steinfigur mit dem Finger auf dem Munde, von dem ſchön geformten Marmorbilde— oh! oh! von den beiden Hunden— ent⸗ ſetzlich! Nein, ihm träumte nicht, denn wie er die Hände bewegte, klirrten ſeine Ketten.— Aber angſtvoll fragend blickte er im Kreiſe der Anweſenden umher und ſtieß einen lauten Ruf des Erſtaunens aus, denn er hatte Herrn Kohler erkannt, der faſt zuſammenſank bei dem wilden Blicke, den in dieſem Moment der Freiherr von Molitor auf ihn ſchleuderte. Wer weiß, was dieſem Blicke gefolgt wäre,— doch öffnete ſich nun plötzlich und haſtig die Thüre, und der Bediente, den wir vorhin im Garten geſehen, trat eilig in das Cabinet, ging raſch auf ſeinen Herrn zu und ſagte ihm einige Worte, welche dieſer mit einem ſehr böſen Lächeln beantwortete. Dann nickte er ein paarmal auf die früher erwähnte, ſeltſame Art mit dem Kopfe, faßte ſeine gewichtige Keule feſter und ſprach mit zuſammengebiſſenen Lippen, indem er dicht vor das arme, gefeſſelte Schlachtopfer hintrat: „Da drunten ſind welche, ſo meldet man mir eben, die ſich von der Polizei nennen und Deine Auslieferung ver⸗ langen, Kellerwurm. Aber die Freiherren von Molitor haben nie Gefangene ausgeliefert, es ſei denn nach freiem Willen oder der Gewalt weichend. Da aber Beides hier nicht vor⸗ handen iſt, und der Frevel eines Einbruchs in mein Gebiet nicht hart und plötzlich genug geſtraft werden kann, ſo wollen wir unſern Urtheilsſpruch dahin abändern, daß wir ſelbſt und energiſch die Beſtrafung dieſes Schuldigen übernehmen.“ — 52— Er erhob ſeine zackige Keule mit raſchem Schwunge, ſo daß der arme Weller den Verſuch machte, entſetzt zurückzu⸗ weichen, Herr Kohler laut und verzweifelnd aufſchrie und die Thür ſuchte, Gebhard aber ſeinem Herrn in den Arm fallen wollte, worin ihm jedoch ſchon die entſchloſſene Frau zuvor⸗ gekommen, die raſch von ihrem Sitze aufgefahren war und ſo gewaltig die Keule ergriffen hatte, daß die lange Geſtalt des Freiherrn wankte und er, um nicht aus dem Gleich⸗ gewicht zu kommen, einen Schritt zurücktreten mußte. Auf den Zügen Gebhards zeigte ſich eine ängſtliche Er⸗ wartung deſſen, was folgen würde; er erhob beide Hände und trat einen Schritt näher. Einen Augenblick zogen ſich die Mienen des Freiherrn in gewaltiger Wuth zuſammen, wobei ſeine Lippen zitterten, ſeine weißen Haare ordentlich emporſträubten und ſeine Augen wilde Blicke auf die Frau warfen, die es gewagt, ihn zu berühren. Als er aber in deren ruhiges, kaltes, entſchloſſenes Geſicht ſchaute, als er ſah, daß ſie ſich erkühnte, jetzt noch eine wegwerfende Hand⸗ bewegung zu machen, und als er ſeine kleine Tochter be⸗ merkte, die ſich dicht an die fremde Frau drängte, da hörte man ſtatt des gefürchteten Wuthausbruches ein heiſeres Lachen; er ließ die Hand mit der Keule niederſinken und ſagte nach einer längeren Pauſe, während welcher er ab⸗ wechſelnd Herrn Weller und Herrn Kohler angeſchaut: „So übergebt ſie denn der Polizei, aber Beide, denn Der verdient es ebenſowohl wie Jener; man ſieht ſein ſchlechtes Gewiſſen an ſeinen unruhigen Blicken.“ Er richtete ſich hoch empor, ſchaute ein Paar Sekunden nicht ohne Würde auf die Anweſenden und ſprach ſodann: „Thut nach meinem Befehl— nach dem Befehle des Freiherrn von Molitor.“ Damit wandte er ſich um und trat hinter den ſchweren Vorhang zurück. — 53— auf die ſchwarzgekleidete Frau dindenn Händen: ; m 1 n bei ſolch' 1 O Gott im Him geboten haben?— mich von meiner g Statt zu ant kleine Mädchen freundlichen un anſah, beugte ſi die Lippen zu k „Ich danke rech aber dieſen Dank dop Hauſe des Herrn Duvn meine Sachen hieher brin Herr Kohler fühlte ſein ſchlagen; er befreite ſich von Herrn T der ſchönen Wittwe und wollte ſie an ſeine was dieſe aber verhinderte. Dann ſagte er mil ſchluchzender Stimme: „Ich darf mich aber von Zeit zu Zeit nach Ihnen er⸗ undigen?“ Worauf die Dame mit dem Kopfe nickte und dem ver⸗ gnügt voranſchreitenden Gebhard folgte, welcher die künftige dagegen ganz and 8 der ſchlimmen Sa dalt umarmen n des Her o er das Täſch derike Federbach und moſe That gewollt, gicht bis zu einem ie Polizei, von vor der Hand ag zu nehmen, „ihn nach dem er Straßenecke hielt, hſehr erſchöpft fühlte, berlaſſen. Pnäher zu dem Wagen ge⸗ E zwei ſo bekannte Perſönlich⸗ A Kohler und Weller, dorthin beglei⸗ Woch im Allgemeinen die Straßen der Stadt wärtigen Augenblicke ziemlich öde und leer, denn es war an einem ſo heißen Tage wie der heutige für Men⸗ ſchen und Thiere die Stunde des Mittageſſens oder des Ausruhens— ein Uhr nach Mittag. ite Stunde. ictor Barring war durch ſei⸗ nen Diener aufgeſucht wor⸗ den, und dieſer hatte müh⸗ ſam Worte gefunden, all' das Schreckliche zu berich⸗ ten, was ſich in dem Zim⸗ mer ſeines Herrn begeben: von dem Selbſtmordverſuch des kleinen dicken Mannes, der mit zuverläſſiger Miene gekommen war und um Ein⸗ laß gebeten hatte, dann wie derſelbe zum Fenſter hinaus in den anſtoßenden Garten verſchwunden ſei. Und das Alles hatte er mit Zuſätzen 9 8 5 35 — 8 ———— * 8 ** 2 — 56— erzählt, die darauf berechnet waren, der Zuhörer folle noch weit mehr Entſetzliches glauben, was er aus Schonung mit⸗ leidig verſchweige. Der junge Muſiker war darauf raſch nach Hauſe ge⸗ eilt, hatte die Sache faſt ſo gefunden, wie ihm ſein Diener geſagt, und da ihm der Zuſammenhang augenblicklich klar wurde, ſo hätte er lachen können, wenn ihm der düſtere Garten da unten mit ſeinen unheimlichen Bewohnern nicht Stoff zu ſehr ernſtem Nachdenken gegeben hätte. Da Victor den Polizeibeamten noch in ſeiner Wohnung fand, ſo klärte er ihm die Sache auf ſo viel als nothwendig war, und ver⸗ mittelte auch in der Geſchwindigkeit bei einem höheren Be⸗ amten, den er von der ganzen Sachlage in Kenntniß ſetzte, das Einſchreiten im Hauſe des Freiherrn von Molitor. Daß Herr Weller den jungen Muſiker in ſeiner, Wel⸗ ler's, Wohnung traf, als er von ſeinem abenteuerlichen Zuge heimkehrte, verſteht ſich von ſelbſt. Der kleine Kauf⸗ mann erzählte ſo ausführlich wie möglich, was ihm begeg⸗ net, wies auch ſeine negativen und poſitiven Trophäen auf, den fehlenden Rockſchoß mit ditto einem Theile des Bein⸗ kleides und was ſich darunter befindet, ſowie auch das Ledertäſchchen, welches er Barring feierlich mit der Bitte übergab, es der Mutter des kleinen Mädchens zuzuſtellen und dabei, wenn es möglich ſei, ſeinen, Weller's, Namen zu nennen. In der Erzählung der überſtandenen Gefahren verweilte er mit beſonderer Vorliebe bei dem letzten, wenn gleich für ihn ſchrecklichſten Moment, wo der lange, dürre Freiherr, der mehr einem Geſpenſt als einem Menſchen ähnlich ge⸗ ſehen, die Keule gegen ihn erhoben, und wo er, Weller nämlich, an dem irren Blick deſſelben geſehen, daß er es mit Jemand zu thun habe, der wenigſtens momentan an Geiſtesſtörung leide.—„Was ich Ihnen damals ſagte,“ 6 8 fuhr er gegen Victor in überzeugendem Tone fort;„glau⸗ ben Sie mir, unſereins, der mit ſo vielen Leuten umgeht, lernt die Menſchen kennen. Und die Grobheiten, die ich anhören mußte, während ich ſeine Keller miethen wollte, die wurden mir nur an den Kopf geworfen, weil er auch damals von einem periodiſchen Wahnſinn befallen war.“ Auf Victor machte dieſe Erzählung des kleinen Kauf⸗ manns einen ſeltſamen Eindruck. Wenn dem wirklich ſo war, wenn der Freiherr von Molitor ſich zuweilen in einem Zuſtande befand, wie der eben geſchilderte, wußte die Ba⸗ ronin davon, hatte ſie— der Gedanke war ſchrecklich— eine Mitſchuld an dieſem Wahnſinn, oder war ſie unſchul⸗ dig und dann ein doppelt beklagenswerthes, unglückliches Weib?— Herr Weller war in's Nebenzimmer gegangen, um ſich umzukleiden, konnte ſich aber nicht enthalten, in ſehr man⸗ gelhafter Toilette an die Thüre zu kommen, um mit Herrn Kohler einen warmen, dankbaren Händedruck zu wechſeln, da dieſer ſagte: „Lieber Freund, ich habe mit Euren Geſchichten da ſchon ſo viel Zeit verloren, daß es eine wahre Sünde iſt. Wißt Ihr wohl, daß ich mir eine Gewiſſensſache daraus mache, heute Morgen noch gar nicht auf dem Bahnhofe geweſen zu ſein?— Und bei Gott im Himmel! ich habe nicht gekonnt.— O dieſe Wittwe!“ ſeufzte er;„Sie haben gut lachen, Weller, Sie begreifen freilich nicht, wie mein Herz für das allgemeine Wohl ſchlägt, Sie ſind ein ſo grober Egoiſt, daß ich für Sie deutlich genug hinzuſetzen muß: ich werde nach dem Dreiuhr⸗Zug zu Federbach's gehen, um Sie von meiner allgemeinen Menſchenliebe zu über⸗ zeugen.“ Dies war die Stelle von Herrn Kohlers Rede, bei wel⸗ cher, wie wir vorhin angedeutet, Herr Weller aus dem ————— 8 7 d Ha — » — 58— Nebenzimmer hervor kam, um ſeinem Freunde warm und erkenntlich die Hand zu drücken. Victor Barring hatte ſchon ein paar Augenblicke früher die Wohnung des Herrn Weller verlaſſen und ſchritt ganz langſam durch die ſtillen, heißen Straßen; nur hie und da, wenn er aus dem grellen Sonnenlichte plötzlich in den Schatten eines Hauſes trat, fuhr er aus ſeinen Träume⸗ reien auf, ja er blieb alsdann ſtehen und dachte lebhaft an den tiefen Schatten auf der Treppe des Duvallet'ſchen Hauſes, von wo er ſo hoffnungslos— ja, das war der richtige Ausdruck— Alice in dem hellen, glänzenden Schein erſchaut, der auf ihrer weißen Stirne ſo wunderbar reflek⸗ tirte und dann wieder ſo mild und wohlthuend gedämpft wurde durch die Umgebung von Blättern und Blumen. Alles das lag hinter ihm, weit, weit hinter ihm; ihre offene, reine Stirn, ihr liebes, klares, treues Auge, Blumen und Blüten— weit hinter ihm und trat bei jedem Ge⸗ danken noch weiter und weiter zurück. Vor ihm lag dagegen eine heiße, ſtaubige Straße, die er gehen mußte, und nicht einmal der Gedanke an den klei⸗ nen, ſchattigen Garten am Ende derſelben— er ſah ſchon die Bäume deſſelben über die gelbe Mauer herübernicken— nicht die Erinnerung an einen Ruheplatz unter flüſternden Bäumen vor einem kleinen, plätſchernden Brunnen, ja nicht das Bild der ſchönen Herrin dieſer Räume, die er dort finden würde, die ihn freudig begrüßen werde, die ſeiner Ankunft ſehnſüchtig entgegenſah,— einer reizenden, elegan⸗ ten Frau, umgeben mit allem Comfort des Lebens, und die es obendrein wie keine verſtand, dieſen Comfort für ſich in Anſpruch zu nehmen und Andere damit zu blenden— alles das konnte ihn nicht vergeſſen machen jene einfache kleine Terraſſe mit ihren beſcheidenen Sträuchern und Blu⸗ men, einfach im Vergleiche mit dem blendenden Zelte dort, ö — 59— das in den kleinen, aber wunderbar angelegten Garten hinabführte, und zu deſſen Ausſchmückung die fernſten Län⸗ der, die tropiſchen Urwälder ihre phantaſtiſch gebauten Ge⸗ wächſe, ihre duftenden, ſchillernden Blüten geſandt hatten. Alles das konnte ſeine Gedanken nicht abwenden von jenem bleichen, rührenden Geſichte, welches er dort einen Augen⸗ blick geſehen. Und je mehr er ſich dem Garten näherte; um ſo lang⸗ ſamer ging er; er ſchaute in die Läden, er betrachtete die Häuſer, die er hundertmal geſehen, er fürchtete ſich ordent⸗ lich, in jenen Zauberkreis zu treten, wo es einer bis jetzt unwiderſtehlichen Gewalt gelungen war, geheimnißvolle Fäden um ſein Herz zu ziehen, Fäden, die, wenn ſie ihn auch nicht gänzlich feſſelten, ihn doch momentan betäubten und jedes Widerſtandes unfähig machten. Da gedachte er mit einem Male des Talismans, den er bei ſich trug, jenes kleinen Täſchchens, das ihm Herr Weller gegeben, und als er haſtig gefühlt, daß es auf ſeiner Bruſt ruhe, athmete er leichter auf. Victor Barring war ſo bekannt im Hauſe der Baronin Molitor, daß der Portier, welcher im Schatten deſſelben auf ſeinem Stuhle ſaß und mit Leſen beſchäftigt war, freundlich lächelnd mit dem Kopf nickte, als der junge Mu⸗ ſiker nach der Herrin gefragt, und dann, etwas mühſam aufſtehend, hinzuſetzte:„Im Garten“. Victor hatte das erwartet; er wußte, die Baronin liebte das Licht und hielt es nicht lange aus in den Räumen ihrer Zimmer, deren Fenſter jetzt alle dicht verhängt waren, um jeden Sonnenſtrahl auszuſchließen. Es war hier faſt ganz dunkel, und um ſo blendender drang dem nun näher Kommenden die Glanzmaſſe in die Augen, welche um das gelb und weiß geſtreifte Zelt ausgebreitet lag und in zahlreichen blitzenden Lichtern ſpielend einzudringen verſuchte, hie und 5 85 5 5 8. — 3 2 * 8 8 2u 8 ——— — 60— da einen goldenen Streifen oder ſchillernden Punkt auf den Boden warf und ſich dort behaglich auf den für uns frem⸗ den, dem Sonnenlichte aber ſo bekannten Blättern wiegte, Blätter und Blüten mit einem glühenden Dufte über⸗ ziehend. Auf den Treppen, die von dem Zelte abwärts in den Garten führten, blieb Victor einen Augenblick ſtehen und ſchaute auf den kleinen ſchattigen Platz hinab. Nicht als ob er in Ungewißheit geweſen wäre, wo er die Baronin ſuchen ſolle— nein, er dachte an geſtern Nacht und an den heutigen Tag, an trügeriſches Mondſcheinlicht und hellen Sonnenglanz.— Dann ſtieg er leicht ſeufzend die Treppen vollends hinab, umging den plätſchernden Springbrunnen und trat hinter demſelben in ein ſchattiges Rondell. Die Wände deſſelben waren von Tuja und dicht ſtehenden duf⸗ tigen Fichten gebildet, während eine Linde, die in der Mitte ſtand, ihre Zweige nach allen Richtungen hin ſchützend darüber ausbreitete und ſo eine förmliche Laube bildete. Hier war die Baronin, ſie ſaß in einem Schaukelſtuhle neben einem niederen orientaliſchen Tiſchchen, auf welchem einige Bücher lagen. Doch ſchien ſie jetzt gerade nicht ge⸗ leſen zu haben; ſie hatte ſich in ihrem Stuhle ſtark zurück⸗ gelehnt und ihr Taſchentuch über die Stirne ausgebreitet. Sie träumte oder ſchlief. Wohl das Erſtere, das Letzte nicht, denn bei dem Knir⸗ ſchen der Fußtritte auf dem Sande vor der Laube ſchüttelte ſie leicht ihren Kopf, ſo daß das Taſchentuch herabfiel. Die Baronin war ſchön, wie immer— reizend, unwiderſtehlich, wenn das in ihrer Abſicht lag. Ihre Wangen waren leicht geröthet, als ſei ſie wirklich eben erſt aus einem leichten Schlummer erwacht, und ebenſo blickten ihre ſchönen Augen mit dem gefährlichen Ausdrucke jener Schläfrigkeit unter den herabfallenden Augenlidern hervor. Das reiche blonde Haar ———— ꝙ‿— war einfach, aber ſeinen Reichthum nur um ſo mehr zei⸗ gend, um ihren Kopf herumgeſchlungen, und der einzige Schmuck deſſelben beſtand in einer kleinen, eben geöffne⸗ ten Granatblüte, die ſo leicht und willkürlich zwiſchen den Flechten ſaß, daß man hätte glauben können, ſie ſei nur ſo darauf hingefallen. Die Toilette der ſchönen Frau war ſo einfach wie möglich: weiß, mit einfachen weißen Verzie⸗ rungen, weißen Knöpfen und hie und da einer weißen Schleife. „Es iſt recht gut,“ ſagte ſie zu dem Herantretenden, indem ſie mit einer anmuthigen Bewegung in ihrem Stuhl ſich etwas erhob,„daß Sie mich hier im Freien aufſuchen, wo es mir unmöglich iſt, mit Ihnen ſo laut und heftig zu ſprechen, das heißt, mit andern Worten, zu zanken, wie Sie es doch verdient. Nehmen Sie mir es nicht übel, Victor,“ ſetzte ſie mit weicher Stimme hinzu,„daß ich Ihnen ſage, es iſt von Ihnen nicht recht, ſich ſo wenig um mich zu bekümmern, ſo lange Zeit vergehen zu laſſen, ehe Sie nach mir ſehen, ſich nach meinem Befinden erkundigen“. Der junge Mann blickte ſie erſtaunt und überraſcht an. „Ja, ja,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr Geſicht erhob und aufwärts blickte, wo ſich zwiſchen den Blättern der Linde hie und da ein kleines Fleckchen blauer Himmel ſehen ließ,„hätte ich doch in all der Zeit geſtorben ſein können und begraben— wenigſtens verreist, und Sie wären vor eine verſchloſſene Wohnung gekommen, wo der Portier Ihnen wohlverdienter Maßen und achſelzuckend geantwortet hätte: Wohin? Das kann ich nicht ſagen.— Ja, wohin? wo⸗ hin? wer das wüßte!“ ſetzte ſie ſchwärmeriſch hinzu. „Aber gnädige Frau,“ ſagte Victor eigenthümlich be⸗ rührt,„hatte ich nicht das große Glück, Sie geſtern noch zu ſehen.“ „Geſtern?“ rief die Baronin im Tone der wahrſten —— — 62— Ueberraſchung.—„Ah, Victor! Herr von Barring wollte ich ſagen,— die Entſchuldigung kann ich bei Ihnen nicht gelten laſſen. Geſtern,“ fuhr ſie nach einer Pauſe lachend fort,„wo war ich geſtern?“ „Abends dort im Salon.“ „Gewiß nicht.“ „Gnädige Frau!“ „Gewiß nicht, Herr von Barring, geſtern nicht und vorgeſtern nicht, was weiß ich? wie lange nicht. Gewiß nicht, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe.“ Das ſagte ſie in ſo beſtimmtem Tone und richtete ſich in ihrem Schaukelſtuhle mit einem ſo ernſten Geſichts⸗ ausdruck in die Höhe, daß der Muſiker nichts anderes thun konnte, als ſich ſchweigend vor ihr verneigen. Nach einer Pauſe aber ſprach er, nicht ohne die Idee von einem Lächeln auf ſeinen Lippen: „Sie werden mir jedoch zugeben, gnädige Frau, daß ich Sie einmal und zum letzten Male geſehen haben muß. Aber Sie haben Recht, es iſt ſchon ſehr lange her.“ „Nicht wahr?“ rief ſie in freudigem Tone.„Gott ſei Dank! daß Ihnen Ihr vortreffliches Gedächtniß wieder kommt. Ich ſehe, Victor, man kann ſich auf Sie ver⸗ laſſen.“ Sie ließ den Kopf auf ihren vollen weißen Arm ſinken, den ſie auf die Lehne des Schaukelſtuhles gelegt hatte, und war unbeſchreiblich ſchön in dieſem Momente. Ihre Augen⸗ lider ſanken wieder ſchläfriger herab und ihre friſchen Lip⸗ pen hatten ſich mehr geöffnet, ſo daß abermals die weißen Zähne durchſchimmerten. Dabei aber fuhr aus ihren Au⸗ genwinkeln ein raſcher Blick auf Victor, ein Blick, nur das kleinſte Theilchen einer Sekunde lang, aber ſprechend, ver⸗ rathend, verheißend. Auch hätte man darauf ſchwören ſollen, ein leichtes Lächeln ſpiele um ihren ſchönen Mund. — 63— Victor fühlte ſein Herz heftiger ſchlagen, ſein Blut wallte auf, er athmete mühſam, er warf einen raſchen Blick rings um ſich her. Da ſah er aus dem Dunkel der Laube, in welcher ſich die Beiden befanden, durch eine kleine, von Blättern um⸗ ſpielte Oeffnung in die Sonnenglut des Gartens hinaus, auf hellbeſtrahlte Sträucher, Blumen und Blüten, und es trat mit einem Male auſ's Lebhafteſte ihr Bild vor ſeine Seele; es war ihm, als ſchwebe ſie vorüber, als blicke ſie ihn wehmüthig lächelnd an aus den guten treuen Augen; er fühlte ſich plötzlich wieder gefaßt und ſtark und vermochte es, ſich nach ein Paar Sekunden der ſchönen Frau gegen⸗ über niederzulaſſen und ihr mit ruhigem Lächeln zu ſagen: „Wenn ich mich lange nicht vor Ihnen habe ſehen laſſen, gnädige Frau, ſo tragen Sie ſelbſt die Schuld davon. Als ich das letzte Mal— allerdings es muß ſchon ziemlich lange her ſein— das Glück hatte Sie zu ſprechen, gaben Sie mir Aufträge, und Sie wiſſen wohl, daß ſich in den alten biedern Zeiten ein Ritter oder Knappe vor der Dame, die ihn mit Aufträgen beehrte, nicht eher durfte ſehen laſſen, als bis er dieſe erfüllt hatte, oder in ſehr ſchwierigen Fällen die Erfüllung wenigſtens zu hoffen war.“ Frau von Molitor hob bei dieſen Worten ihren Kopf etwas in die Höhe, ihre Lippen ſchloſſen ſich plötzlich und ihre Züge verriethen große Aufmerkſamkeit. 8 „Ja, ja!“ rief ſie erwartungsvoll. „Wenn ich mich auch,“ fuhr Victor abſichtlich etwas gedehnt fort,„nicht als Knappe oder Ritter betrachten kann, ich, ein armer Muſiker, ſo habe ich doch vielleicht das Recht, mich durch die Theilnahme der ſchönen Dame, die mir befohlen, als ein klein wenig geadelt zu betrachten.“ „Gewiß, Victor, gewiß!“ rief dieſe aus und ihr Auge blitzte ungeduldig, wobei ſie ihren Stuhl mit einer heftigen 4 ——— 1 Sen— Weed 4 3 6 8** — 4 2 — 5 8 ₰ — — — 64— Bewegung gerade ſtellte und dann hoch aufgerichtet ihrem vis à vis aufmerkſam in die Augen blickte. „Was der arme Knappe zu berichten weiß,“ fuhr Vic⸗ tor fort,„iſt freilich wenig für die lange Zeit, die ihm zur Ausführung ſeiner Befehle blieb.“ „Spotten Sie nicht, Victor, das iſt grauſam!“ rief die ſchöne Frau ungeduldig.„Ich bitte Sie! haben Sie etwas erfahren? Sehen Sie irgend einen Weg, um zu unſerem Ziele zu gelangen?“ „Ich habe Einiges erfahren,“ erwiederte ruhig der junge Mann,„und für hoffnungsreiche Augen öffnet ſich vielleicht auch eine Ausſicht. Aber herzlichſt bitte ich Sie, gnädige Frau,“ ſetzte er raſcher hinzu, als er ihre große Span⸗ nung bemerkte,„hoffen Sie nicht zu viel, hören Sie mich ruhig an.“ „Ja, ja, das will ich,“ verſetzte die Frau mit etwas unſicherer Stimme, ſchien ſich aber dadurch ein Anſehen der Ruhe geben zu wollen, daß ſie ihren Kopf in die Hand ſtützte und den Arm auf der Lehne des Stuhls ruhen ließ. „Ich erfuhr,“ ſagte Victor,„daß der Freiherr von Molitor in dieſem Augenblicke in der Stadt iſt.“ „Mit ihr?“ fragte raſch die Baronin,„mit meiner Tochter? Er muß erſt geſtern gekommen ſein.“ „Wohl möglich; aber iſt er da mit der kleinen Baronin.“ „Weiter! weiter!“ „Er ſucht eine Erzieherin für dieſelbe, da er mit der andern unzufrieden war und ſie entlaſſen zu müſſen glaubte.“ „Unzufrieden war!“ fuhr die Baronin auf,„weil das arme Geſchöpf eine menſchliche Regung fühlte und es nicht begreifen wollte, daß man einer Mutter verbieten könne, ihr Kind zu ſehen, ihr eigenes kleines Kind— ihr einziges — 65— Kind.— Doch ich will ruhig bleiben,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während ſie ihr Taſchentuch einen Augenblick an Stirn und Mund drückte,„Ihnen ruhig zuhören— fahren Sie fort, Victor.“ „So erlauben Sie mir vorher eine Frage.“ V„So viele Sie wollen!“ „Hat Ihnen die entlaſſene Erzieherin nichts über eigen⸗ thümliche Verhältniſſe im Hauſe des Freiherrn, oder, wenn Sie wollen, über Eigenthümlichkeiten deſſelben berichtet?— 2 V V— Seien Sie aufrichtig gegen Ihren Verbündeten. Glau⸗ t ben Sie mir, es iſt das nothwendig.“ e V Die Baronin hatte einen Moment ihre Lippen feſt auf einander gepreßt, auch den Kopf erhoben und beide Hände V auf die Lehne ihres Seſſels geſtützt. Es hatte den Anſchein, als wolle ſie aufſtehen; dabei blickte ſie den jungen Mann 3 V ſtarr an. Auch öffnete ſie ſchon ihre Lippen, um ſeine 1 V Fragen zu beantworten, da flog plötzlich ein ſchmerzliches d Lächeln über dieſelben und ſie verſetzte: n V V„Was kann ſie mir ſagen, was kann mir überhaupt Jemand über die Eigenthümlichkeiten dieſes unglückſeligen n Hauſes ſagen, was ich nicht ſchon längſt gewußt?“ „Was Sie nicht ſchon längſt gewußt?“ fragte Victor V erſchrocken.—„Alles, gnädige Frau?“ „—— Alles,“ gab ſie zur Antwort, wobei ſie mit u V V einem tiefen Seufzer gen Himmel blickte. V„Ah! das iſt entſetzlich.“ er„Ja, es iſt entſetzlich— es iſt mehr als das: es iſt n. ſchlimmer als Worte auszudrücken vermögen.“ V„Und Sie wußten das Alles?“ fragte Victor nach einer 1s V Pauſe.„Warum— verzeihen Sie mir die Fragen— ht V warum, als Sie mich geſtern— neulich wollte ich ſagen— e, zu Ihrem Vertrauten machten, warum erwähnten Sie es nichts von dieſem Zuſtande des Freiherrn?“ Hackländer, Tag und Nacht. II. 5 —— 2 . 3 . . 7. 4 2 8. ———“ 4 * — 66— „Weil ich beſchloſſen hatte,“ entgegnete ſie mit Stolz, „dieſen Zuſtand vor der Welt nie zuzugeben, weil ich lie⸗ ber Alles ertragen wollte, alles Unrecht auf mich nehmen, als eingeſtehen, daß die Schweſter meines Vaters, meine leibliche Tante— mich, damals ein junges, ſchönes Mäd⸗ chen, unabhängig, reich, glänzend, würdig der erſten Par⸗ tie des Landes, an— einen Mann verhandelt, der damals ſchon an periodiſchem Wahnſinn litt.“ Dieſe letzten Worte ſtieß ſie laut und heftig hervor, worauf ſie ihr Geſicht ein Paar Sekunden lang in den Händen verbarg und dann fortfuhr: „Ob ſie jenen Zuſtand wirklich gekannt, das vermag Gott allein zu entſcheiden, ſie gab mir freilich die heiligſten Verſicherungen, im guten Glauben für mein Glück gehan⸗ delt zu haben.— Warum ich Ihnen, Victor, einem treuen, lieben Freunde, ebenfalls ein Geheimniß aus dem Zuſtande meines Gatten machte, iſt kurz geſagt und entſcheiden Sie alsdann ſelbſt, ob ich zu tadeln bin, daß ich Ihnen nicht Alles mittheilte. Ich ſah voraus, daß Sie mir bei voll⸗ kommener Kenntniß aller Verhältniſſe zu Schritten rathen müßten, um meine Tochter wieder zu erlangen, die zu thun mir aus den oben angeführten Gründen unmöglich war. Nennen Sie es Schwäche, wenn Sie wollen, ich will Ihnen nicht Unrecht geben, ja ich will Ihnen obendrein geſtehen, daß ich im Stande bin, dem Unglücke aufrechten Hauptes zu begegnen, daß ich aber dem Spotte, der nicht ausblei⸗ ben würde, und einem gewiſſen mitleidigen Lächeln unmäch⸗ tig erliegen müßte.“ Bei den letzten Worten, die ſie ſprach, war ſie heftig aufgeſprungen, hatte ein paarmal das Rondel durchſchrit⸗ ten und lehnte ſich dann an den Stamm einer Tuja, um ſinnend in den glänzend beleuchteten Garten hinauszu⸗ blicken. —— — 67— Es war eine prachtvolle Erſcheinung, dieſe Frau, na⸗ mentlich jetzt, bewegt, aufgeregt, wie ſie ſich nun heftig umwandte, auf Victor zuſchritt und ihre Hand auf ſeine Schulter legte, als ſie fortfuhr: „Und glauben Sie denn, daß ich einem vernünftigen Manne gewichen wäre— nur ein Haar breit gewichen wäre? — daß ich ſein Haus verlaſſen hätte, ohne mein Kind mit mir zu nehmen?— O nie!— nie!— nie!— Wenn Sie das wirklich von mir gedacht hätten, Victor, ſo mußten Sie einen eigenthümlichen Begriff von mir haben. — Und doch vielleicht.—— Ah!“ ſtieß ſie wie einen Ausruf tiefen Schmerzes zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervor. Einen Augenblick blieb ſie ſo ſtehen, ſtarr vor ſich hin⸗ aus wie in weite Fernen ſchauend, dann fuhr ſie plötzlich zuſammen, faßte mit den Fingern ihr Haar und ließ ihre Hand leicht über Stirne und Geſicht herabgleiten. „Denken Sie ſich nun,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, nach⸗ dem ſie einen tiefen Athemzug gethan,„was ich in dieſer entſetzlichen Che gelitten. Stellen Sie ſich meine Lage vor, als ich dieſen Zuſtand meines Gatten zum erſten Mal ent⸗ deckte, verſtand. Dabei muß ich allerdings geſtehen, daß dieſer Zuſtand anfänglich faſt unmerklich in leichten Symp— tomen auftrat; ja daß bis zu dieſem erſten deutlichen Auf⸗ treten eine lange Zeit vergangen war. Bald aber wieder⸗ holten ſich dieſe Zufälle häufiger, heftiger. Was ſollte ich thun? Meine Tante, zu der ich flüchtete, und bei der ſich auch eine Schweſter meines Gatten zur Berathung einfand, beſchwor mich, im Verein mit dieſer, des Namens der bei⸗ den Familien wegen zu ſchweigen und zu dulden!“ „Arme Frau!“ ſprach Victor leiſe vor ſich hin. „Ich duldete alſo und ſchwieg,“ fuhr die Baronin fort, und während ſie ſo redete, hatte ſie langſam ihre Hände —- ————— —— — 68— gefaltet und blickte mit einem unausſprechlich rührenden Ausdruck gen Himmel.„Ich duldete meines Kindes wegen, das ich überwachte Tag und Nacht, und gegen das er ſelbſt im Zuſtande ſeines eigenthümlichen Wahnſinnes von einer faſt rührenden Zärtlichkeit war.— Endlich,“ ſprach ſie nach einer kleinen Pauſe,„war ich gezwungen, das Haus zu verlaſſen. Nicht als ob ich gegenüber den Ausbrüchen ſeiner Wuth für mein Leben gefürchtet hätte— gewiß nicht, Victor; aber ich war gezwungen, mein Kind zu ver⸗ laſſen, meine kleine Iſabella, um ſie dem eigenen Vater gegenüber nicht in die ſchrecklichſte Gefahr zu bringen. Er fing ſchon an, das Kind minder zu lieben, weil er mich, deſſen Mutter, haßte, glühend haßte, unverſöhnlich haßte.— „Mit welchen Gefühlen ich das Schloß verließ, ich ver⸗ mag nicht, Ihnen das zu ſchildern, Sie vermögen nicht, mich zu verſtehen. Freilich gewährte es mir einen kleinen Troſt, daß die Frauen meiner Tochter, daß ſeine alten Diener mir in feierlichen Schwüren die Verſicherung gaben, über die Wohlfahrt des Kindes wachen zu wollen und mir es anzuzeigen, ſowie ſich in ſeinem Benehmen gegen das⸗ ſelbe etwas ändern würde. Darin hielten ſie auch getreu⸗ lich Wort, während ſie andern Theils, um ſeine Wuth nicht zu Ausbrüchen zu veranlaſſen, die Orte, wo er ſich mit meiner Tochter befindet, mit einer ängſtlichen Sorgfalt zu hüten ſich verpflichtet glaubten. „Und nun,“ ſagte die Baronin nach einem augenblick⸗ lichen Stillſchweigen,„wiſſen Sie Alles, Victor, und nun, nachdem ich durch Hervorrufen der ganzen ſchrecklichen Ver⸗ gangenheit mein Herz in ſeiner tiefſten Tiefe aufgeregt, ſagen Sie mir etwas Tröſtliches, wenn Ihnen das mög⸗ lich iſt.“ 4 Sie hatte ihm ihre Hand gelaſſen, die er ergriffen und nun lange an ſeine Lippen drückte. Dann entzog ſie ihm dieſelbe ſanft, nicht ohne daß er einen herzlichen Druck ihrer weichen Finger empfunden, worauf ſie ſich auf ihren Stuhl niederließ und das Geſicht in beide Hände verbarg. „Was ich Ihnen jetzt noch ſagen kann,“ ſprach der junge Mann,„wird Ihnen wenig genug erſcheinen und iſt doch wieder etwas.“— Er hatte bei dieſen Worten das Täſchchen hervorgezogen, und als er ſich darauf der Baro⸗ nin näherte, blickte dieſelbe empor und griff haſtig dar⸗ nach. „Ja, ja,“ rief ſie aus, unter Thränen lächelnd,„das iſt von ihr! O ich kenne es wohl, Sie müſſen wiſſen, Victor— Lieber Gott!“ unterbrach ſie ſich ſelbſt,„mir fällt immer etwas ein, was ich Ihnen ſchon hätte mitthei⸗ len ſollen. Durch Beſtechungen aller Art— wenn Sie das Wort für richtig finden— gelingt es mir nämlich, alle kleinen Bedürfniſſe für mein Kind durch meine Hände gehen zu laſſen. Ich beſorge die Garderobe meiner Iſa⸗ bella, ihre Bücher, ihre Spielſachen— Alles, Alles, was ſie braucht. Und mit welcher Luſt ich das thue, davon können Sie ſich mit Ihrem fühlenden Herzen vielleicht einen kleinen Begriff machen, aber nur einen ganz kleinen Be⸗ griff. O wenn Sie es ſehen könnten— und Sie ſollen es einmal ſehen,“ ſagte ſie treuherzig,„wie ich all die lie⸗ ben Sachen, die ja künftig ihr angehören ſollen, ſo lange wie möglich in meiner Umgebung behalte, wie ich ihre kleine Garderobe betrachte, ja ſie oft eigenhändig ergänze, bald hierhin, bald dorthin bringe, aber immer dicht in meiner Nähe behalte, wie ich mit ihren Spielſachen ſpiele, wie ich dabei zuweilen an denſelben muthwillig etwas zer⸗ breche, wie ich ihre Bücher durchleſe und hie und da ein Paar Blätter umbiege! Und es iſt mir dann, als hörte ich ſie mit ihrer lieben Stimme fragen: wer hat das gethan? —— O vielleicht ahnt ſie die Hand ihrer Mutter, die ———ÿy—— —— — — 70— ſie ſo innig liebt!— Andere Zeichen als dieſe darf ich ja meinem Kinde nicht zukommen laſſen; ſie könnten mich ver⸗ rathen und dann würde mir ja auch die grenzenloſe Freude, daß all die kleinen Sachen, die ſie benützt, zuerſt durch meine Hände gegangen ſind, auf immer abgeſchnitten— durch ihn. Denn er iſt entſetzlich mißtrauiſch und arg⸗ wöhniſch. „—— Ja, dies Täſchchen kenne ich, laßt uns ſehen, was es enthält!“— Damit öffnete ſie eilig das Schloß und nahm Alles, was die kleine Ledertaſche enthielt, her⸗ aus.—„Ein kleines Tuch,“ ſagte ſie während dem,„von ihr, hier iſt das J.— Ich habe es ſelbſt geſtickt.— Ein Paar Blumen, die ſie gepflückt, einige Steinchen, womit ſie geſpielt, und hier ein Buch, in das ſie geſchrieben.— O das ſind werthvolle, koſtbare Geſchenke, die Sie mir da gebracht. Wie dank ich Ihnen dafür, Victor!—— Und Sie müſſen ſehen, wie ſie ſchon artig und hübſch ſchreibt. Sehen Sie hier ihren Namen: Iſabella Molitor⸗Klippen⸗ berg. Ja, dort hat ſie es geſchrieben.— Nun, ich muß alles das ruhig anſchauen und während ich das thue, er⸗ zählen Sie mir, wie dieſes Täſchchen in Ihren Beſitz ge⸗ kommen iſt.“ Das der vollen Wahrheit gemäß zu erzählen, ward dem jungen Manne unmöglich, die Baronin war nicht im Stande, etwas von der That des ſonſt ſo braven Herrn Weller zu begreifen, und ſie hätte ihn, Victor nämlich, jedenfalls für indiscret halten müſſen, was ja keineswegs der Fall war. Auch ſchien ihm der Verſuch des kleinen Kaufmannes ſelbſt unter dem vorgehabten Zweck hier der Mutter des kleinen Mädchens gegenüber unweſentlich, weshalb er über die That des Herrn Weller leicht hinweg ging und von ihm als einem Bekannten ſprach, der zufälliger Weiſe in den Garten des Freiherrn von Molitor gekommen, dort das Täſchchen am Boden liegend gefunden, der es vergeſſen ab⸗ zugeben, und dann ihn, Victor, gebeten, es der kleinen Beſitzerin wieder zuzuſtellen.„Was aber von Wichtigkeit iſt,“ fuhr Victor fort, nachdem er das eben Angedeutete der Baronin erzählt, die ſo vertieft war in ihrem Spiele mit dem kleinen Tuche, dem Schreibheft, den Blumen und Steinchen, daß ſie etwas unaufmerkſam ſchien,„könnte wohl das ſein, daß ich jene Frau, welche jetzt als Erzieherin der Kleinen eingetreten iſt, ziemlich genau kenne.“ „Das iſt allerdings ſehr wichtig,“ entgegnete die Ba⸗ ronin jetzt mit großer Aufmerkſamkeit, indem ſie die Hände in ihrem Schooß ruhen ließ.„Und wer iſt das? Bitte, Victor, ſagen Sie mir etwas Näheres über dieſe Frau. Können wir uns auf ſie verlaſſen? wird ſie uns— in einem Falle— zu Dienſten ſein?“ „Das hoffe ich zuverſichtlich.“ „Nun, wer iſt das?“ „Das ich einfach geſagt,“ erwiederte Victor,„doch—“ „Doch,“ wiederholte die Baronin,„ſcheint es Ihnen faſt ſchwer zu werden, ihren Namen auszuſprechen.“ „Schwer allerdings, weil ich bei Nennung deſſelben im Voraus Ihrer Verwunderung gewiß bin.“ „Sie machen mich in der That neugierig.“ „Das iſt gewiß nicht meine Abſicht.— Sie, welche dem Baron Molitor in der Eigenſchaft als Erzieherin, Begleiterin ſeiner Tochter vorgeſtellt wurde, iſt die Frau meines Freundes Stifter.“ „Des Malers Stifter!“ rief die Baronin mit Verwun⸗ derung;„das überraſcht mich allerdings, obgleich mich dieſe Fügung freudig erſchreckt hat. Davon ließe ſich freilich ungeheuer viel hoffen.— Aber wie kam das?— ſie hat Kinder?“— „Allerdings hat ſie Kinder; doch ſcheint der Freiherr —— —„ * 4 —— — 72— eingewilligt und ihr die Erlaubniß gegeben zu haben, auch dieſe mit nach Klippenberg zu nehmen.“ „Eigenthümlich;entweder er ſcheint weicher geworden zu ſein, oder dieſe Frau übt eine unbegreifliche Herrſchaft über ihn aus.“ „Er ſah ſie nie bis zu der Stunde, wo er ihr die Stelle gab und auch die Erlaubniß, ihre Kinder mitneh⸗ men zu dürfen.“ „Das iſt möglich,“ ſagte die Baronin nach einem au⸗ genblicklichen Nachdenken.„Zur Ausübung einer ſolchen Herrſchaft über einen Charakter, wie der des Barons, iſt ein einziger Moment genügend, ein Blick, ein Ausdruck deſſelben, das faßt zuweilen wie mit Zaubergewalt.— Iſt V die Frau von heiterer Gemüthsart?“ „Das kann man nicht ſagen, man könnte ſie eher ernſt, verſchloſſen nennen.“ „Sie hat ein dunkles Auge?“ „Außerordentlich dunkel, faſt ſchwarz, mit einem Aus⸗ druck der Strenge und Feſtigkeit.“ „O es iſt ſchon ſo,“ ſprach Frau von Molitor, indem ſie die gefalteten Hände erhob.„Sie wird ihm feſt und entſchloſſen entgegen getreten ſein, was ich nie vermocht; ſie hat eine Herrſchaft über ihn erlangt— o, wenn ſie dieſelbe nur zu unſerem Beſten anwenden wird!—— Aber ſehen Sie, Victor,“ fuhr die Baronin nach einer Pauſe mit einem trüben Lächeln fort,„welch' graſſer Egois⸗ mus mich bewegt. So ſind wir aber einmal.— Da denke ich nur an mich, aber nicht an den armen Stifter.— Sagen Sie mir um Gotteswillen, Victor, welches Motiv konnte denn die Frau bewegen, eine Stelle als Erzieherin anzunehmen, ihn zu verlaſſen? Sie ſagten mir doch früher einmal, ſie befinden ſich in ganz guten Vermögensverhält⸗ niſſen. Alſo von der Seite ſehe ich keinen Grund.“ Der junge Muſiker ſah der ſchönen Frau eine Zeitlang V in's Geſicht, ohne zu antworten. Er hätte lächeln können, V doch lag ihm das Gefühl einer tiefen Trauer näher.— „Warum ſie ihn verlaſſen?“ ſagte er,„ohl gnädige Frau, V ſie behauptet, er habe ſie zuerſt verlaſſen.“—— —— Ah, ich verſtehe.“ Die Baronin packte langſam die kleinen Sachen auf V ihrem Schooße wieder in das Täſchchen zuſammen, wobei. ſie begreiflicher Weiſe ihre Blicke darauf wenden mußte. V Doch ſah man ſie ein paarmal mit dem Kopfe nicken und dann ſprach ſie mehr zu ſich ſelber und ihren Gedanken V folgend, als um dieſen einen Ausdruck zu geben.—„Arme V Frau!“ Auch fuhr ſie ein klein wenig zuſammen, als Vic⸗ V tor dieſes Wort wiederholte und hinzuſetzte: V V„Ja, Camilla, dieſe Frau hat unſäglich gelitten; Sie müſſen wiſſen, ſie lebt in Kreiſen, wo man manches weit V V V Unſchuldigere ſchon als einen Fehltritt, ein Verbrechen be⸗ b trachtet, was auf der andern Seite unſerer Geſellſchaft als V V zur feinen Lebensart, zum guten Ton gehörig, nicht weiter beachtet wird, ohne Folgen bleibt.“ V Die Baronin hatte längere Zeit geſchwiegen, ja ſie hatte b ihren Kopf tief herabgeſenkt und ihre Stirne in beide Hände gelegt. Als ſie ihr Geſicht wieder erhob, blickte ſie feſt auf V Victor und ſagte kopfſchüttelnd: „Wir hätten uns nicht freuen ſollen; unſere Hoffnun⸗ V V gen waren voreilig. Ich glaube jetzt die Lage der Dinge von der richtigen Seite zu ſehen. Jene Frau muß die Kreiſe haſſen, in denen ſich ihr Mann bewegt, wo ſie ihn verloren; ſie haßt— und mit vollem Recht— die Gräfin Follange;— ſie haßt— auch mich.— O. Victor,“ ſetzte ſie mit ſchmerzlich bewegter Stimme hinzu,„dieſe Ideen⸗ verbindung iſt ſchrecklich für mich, und doch wahr.— Schütteln Sie nicht Ihre Hand gegen mich.“ “ 3 3 * 1 5 4 — — 74— „Dazu habe ich ein Recht!“ rief der junge Mann lei⸗ denſchaftlich.„O Camilla, Sie dürfen ſich und die Gräfin Follange nicht in Einem Augenblicke nennen!“ „Das iſt eine ſehr elegante Frau,“ erwiederte die Ba⸗ ronin in beinahe hartem Tone.„Sie und Frau von Mo⸗ litor— ſo ſagt die Welt— geben in ihren Kreiſen den Ton an. Und was es heißt, in dieſen Kreiſen Tonan⸗ geberin zu ſein, das wiſſen Sie ebenſogut wie ich, Victor. — Pah!“ fuhr das ſchöne Weib fort, indem ſie trotzig und verächtlich ihre Oberlippe aufwarf,„zwei elegante, zwei galante Frauen!“ „O Camilla! Wie reizend Sie in Ihrem Zorn erſchei⸗ nen,“ ſagte Victor flüſternd, indem er ſich verneigte, um ſeine Hand auf die ihrige zu legen, die ſie aber ſanft zu⸗ rückzog. „Sie erinnern mich daran, wie Unrecht ich hatte,“ ſprach Frau von Molitor.„Ich danke Ihnen dafür. Laſſen Sie mich meinen Satz vollenden. Jene Frau muß den Kreis haſſen, in dem ihr Alles genommen wurde, was ſie beſaß. Selbſtverſtändlich haßt ſie die Gräfin, haßt ſie mich. Sie weiß, was ſie mir in ihrer neuen Stellung Gutes er⸗ zeigen, was ſie mir Schlimmes zufügen kann. Und ſie wird das Letztere thun. Sie hält mich ja doch, wenn auch im weiten Begriff, für eine Mitſchuldige der Gräfin; ſie hat ſich ſelbſt den Augen ihres Mannes entzogen, ſie hat ihren Kindern den Vater genommen.— Gut denn, Auge um Auge, ein Blutstropfen für den andern, ſie wird mein Kind von mir abwenden.— Ahl das iſt ſchrecklich!“ Die Baronin preßte in wildem Schmerz ihre beiden Hände vor das Geſicht. Victor war aufgeſprungen, er ergriff ihre Hände und verſuchte es, ſie ſanft zu entfernen. „Aber Camilla!“ ſagte er,„beruhigen Sie ſich. Wie — 75— kann man ſo exaltirt ſein, wie kann Ihr ruhiges, reiches Gemüth ſo plötzlich von all' den finſteren Gedanken über⸗ wältigt werden! Sie rechnen falſch, Camilla, bei Gott! Sie rechnen falſch. Ich verſichere Sie, ich ſchwöre es Ihnen zu! Ich kenne jene Frau, ich habe ihr Wort, für uns zu handeln. Ich ſage: für uns, denn ſie rechnet mich auch in jenen Kreis. Sie weiß allerdings,“ fügte er mit leiſerer Stimme hinzu, indem er ſich auf die ſchöne Frau herabbeugte,„daß Sie mir theuer ſind; aber ſie weiß auch, wie ich, der Freund ihres Mannes, über jenes Ver⸗ hältniß geſprochen. Jene Frau verdankt mir Manches, ſie wird dafür erkenntlich ſein, Camilla.“ Langſam hatte er die Hände von ihren Augen entfernt, eine entzog ſie ihm ſanft, ihre Rechte aber ließ ſie in der ſeinigen ruhen. „Sie will erkenntlich ſein,“ ſagte die Baronin, indem ſie ihren Kopf gegen Victor erhob;„ſie will für uns han⸗ deln— aber was erwartet ſie dafür? Worauf hofft ſie?“ „Allerdings hofft ſie auf etwas, Camilla,“ erwiederte der junge Mann. „Und ſind wir im Stande, zu Erfüllung ihrer Hoff⸗ nungen beizutragen?— Verzeihen Sie der Wichtigkeit des Gegenſtandes halber meine eilige Frage.“ „Vielleicht können wir etwas dazu beitragen, vielleicht erfüllen auch die Verhältniſſe allein ihre Hoffnungen. Mei⸗ nem Zureden iſt es gelungen, von ihr die Verſicherung zu erhalten, daß ſie zu ihrem Manne zurückkehren werde, ſo⸗ bald jenes unſelige Verhältniß zur Gräfin Follange gelöst iſt. Dazu müſſen wir das Unſrige beitragen, Camilla.“ Die ſchöne Frau blickte erſchrocken in die Höhe.— „Um Gotteswillen, Victor,“ ſagte ſie,„die Gräfin kenne ich; da würde jedes Hineinmiſchen von unſerer Seite die entgegengeſetzte Wirkung haben. O mein lieber Freund, * — — * *— —“ .„ 7 8„ 7 — * — 4 8 4 6 8 5 ö 5 1 1 V — 76— bei der Frau kann man nicht vorſichtig genug zu Werke gehen. Geben Sie ihr eine Ahnung davon, mir oder Ihnen oder ſonſt Jemand ſei etwas daran gelegen, daß ſich jenes traurige Verhältniß löſe, ſo wird ſie es um ſo feſter zu knüpfen ſuchen. Oh! Sie kennen dieſe Follange nicht!— Ein merkwürdiger Geiſt des Widerſpruchs; ich bin feſt über⸗ zeugt, Victor, ſie führt ihre Eroberung, die ihr einige Mühe gekoſtet, nur noch mit ſich, weil ſie gerade noch keine Luſt hat, ſie fahren zu laſſen; ihre Theilnahme ſchwindet gänz⸗ lich dahin, weil ſie ſich ſicher im Beſitze glaubt. Werfen Sie aber das kleinſte Hinderniß in den Weg oder laſſen Sie ihn den geringſten Verſuch machen, ſeine Ketten zu brechen, ſo wird ſie ihn mit neuen, feſteren Banden umſchlingen.“ „Aber wenn er vor ſie hinträte, wenn er ihr ſein gan⸗ zes Verhältniß klar darlegte, wenn er ihr ſagte: ich liebe Dich, Du weißt es, und ebenſo weiß ich, daß auch Du mich geliebt; aber ſieh' die Verhältniſſe an, wie ſie ſich ge⸗ ſtaltet. Ich muß mich von Dir trennen; ich kann Dir wohl mein Leben opfern, aber nicht das Wohl, nicht die Zukunft armer Weſen, deren Beſchützer ich ſein ſollte, deren Verderber ich aber bin. Sei deßhalb barmherzig und löſe die Bande, welche mich an Dich halten; Du kannſt es, wenn Du willſt. Liebe mich nicht mehr, wolle mich nicht mehr lieben— laß mich frei.“ Victor hatte dieſe Worte mit wachſender Leidenſchaft⸗ lichkeit geſprochen, wahr, hinreißend, überzeugend; denn während er ſprach, hatten ſich unwillkürlich in ſeiner Seele die Figuren verſchoben, um welche es ſich anfänglich ge⸗ handelt: nicht mehr ſollte ſein Freund ſo zur Gräfin Fol⸗ lange reden, Victor Barring ſprach ſo zu dem ſchönen, verführeriſchen Weibe, neben dem er ſtand, und während er ſo ſprach, blickte er wieder aus dem Dunkel der Laube in das glühende Sonnenlicht hinaus, und zwiſchen Ranken — 83989— ◻ —,— und Blättern, zwiſchen Blumen und Blüten, eingehüllt von dem glänzenden Lichte, ſah er abermals ihr bleiches Geſicht, ihre klaren, treuen Augen. Hatte die Baronin vielleicht eine Ahnung von dem, was in ſeinem Herzen vorging?— Möglich, der Blick, mit dem ſie ihn betrachtete, war eigenthümlich umflort; es ſpielte ein Zug von leichter Trauer um ihren ſchönen Mund. Doch blieb ſie feſt bei der Situation, und als er geendet, ſagte ſie: „Ein ſolches Wort, eine ſolche Rede an die Gräfin würde das Gegentheil bewirken. O glauben Sie mir, Vic⸗ tor, ſie würde entzückt darüber ſein, ihren Kampf auf's Neue beginnen zu müſſen; und ſie würde ihn nicht nur beginnen, ſondern auch ſiegreich beendigen; darauf können Sie ſich verlaſſen.—— Doch halt!“ rief ſie nach einem kurzen Nachdenken,„das iſt ein Schimmer der Hoffnung. Mir fällt ein Wort ein, das mir geſtern Abend Fontana zugeflüſtert hat. Die Gräfin war eine Zeit lang unter dem Zelte und machte ihre Zeichen gegen den jungen Fürſten D.— Ah! Sie haben das nicht bemerkt, Sie waren zu beſchäftigt.“— „Ja, Camilla,“ gab Victor mit einem innigen Blicke auf die ſchöne Frau zur Antwort. „Nein, nein,“ ſprach dieſe lächelnd,—„ſo nicht; Sie waren zerſtreut. Aber unterbrechen Sie mich nicht beſtän⸗ dig. Daß der Fürſt ſchon lange auf allen ihren Wegen zu finden iſt, werden auch Sie ſchon bemerkt haben, und wenn Sie, wie geſagt, geſtern Abend nicht ſo zerſtreut geweſen wären, ſo müßten Sie bemerkt haben, wie ſein Auge flammte, wie erregt er war, wie er Minuten lang keinen zuſammenhängenden Satz mehr hervorbrachte, als ſie darauf mit ihrer nonchalanten Art in dem Garten verſchwunden war.— O ſie kennt ihr Terrain.“ ÿõõõÿä1⅓ ——— — 78— „Ja, ja!“ rief Victor eifrig, und dabei beugte er ſich ſchnell herab, um mit ſeinen Lippen verſtohlen ihr kühles, duftiges Haar zu berühren, ehe er fortfuhr:„Wie ſind die Herzen der Menſchen, die Charaktere doch ſo verſchieden! Hier in Ihrem Herzen ſo viel Größe, Wärme, ſo viel Edel⸗ muth und wahre Liebe, dort eine wilde, dämoniſche Macht, an ſich ziehend, was in ihre Nähe kommt, mit entſetzlichem Erfolge, um es in ihrem Netze elend zu Grunde gehen zu laſſen, oder wegzuwerfen, wenn es ihr nicht mehr reizend erſcheint— Tag und Nacht! Ich weiß nicht,“ ſprach er weiter, indem er ſich abermals herabbeugte,„auch ehe ich Sie geſehen, Camilla, hat mich jener blitzende Stern, wie er prächtig bald ſichtbar iſt, bald ſich hinter undurch⸗ dringlichen Wolken verbirgt, abgeſtoßen;— ich,“ ſetzte er wie berauſcht von der Nähe der wunderbaren Frau mit unendlich weicher Stimme hinzu,„ich habe immer den Tag geliebt, den ſonnigen, heiteren, warmen Tag, der die Blu⸗ men unter ſeinen Küſſen erſtehen läßt, der Gold und Blü⸗ ten ſtreut auf alle Meiſterwerke der Schöpfung,— wie eben hier.“ Er näherte ſein Geſicht abermals ihrem blonden Haar, auf dem jetzt durch das Laub hindurch ein Paar lichte Sonnenblicke glänzten; er drückte ſeine Lippen ſo haſtig auf daſſelbe, daß ſie zuſammenſchauerte, und dann wagte er es, ſeinen Mund ein Paar lange Augenblicke dort ruhen zu laſſen, wie in fieberhafter Erregung einathmend den un⸗ ausſprechlich ſüßen Duft dieſes Haares. Sie aber hatte raſch ihren Arm erhoben und ihre Hand auf ſein Haupt gelegt. Er empfand einen leichten Druck, der ihn faſt betäubte, dann aber legte ſie ihre warme Hand auf ſeine Stirne und er fühlte, wie ſie ſich langſam von ihm entfernte. „Halt, Victor!“ ſagte ſie lächelnd, nachdem ſie einen tiefen Athemzug gethan,„ich muß mich in Ihren Augen —— . — 79— ſo ſchlimm darſtellen wie ich bin. Sie appellirten vorhin an mein Herz; Sie meinten, in einem Falle wie der oben angegebene würde auch ich Jemand, den ich geliebt, mit einem einzigen Worte frei laſſen, indem ich ihm ſagte: Gehe hin, ich halte Dich nicht mehr.“— Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Ich fürchte, ich würde das nicht thun,“ ſetzte ſie hinzu. „In dem angegebenen Falle, wo es ſich um das Wohl und Wehe zweier Menſchen handelt, gewiß!“ entgegnete Victor raſch. „In einen Fall wie der, von dem wir ſprachen, würde ich nicht kommen,“ ſprach die Baronin;„Sie trauen mir das zu, Victor. Aber wenn— ſo muß ich Ihnen wieder⸗ holen, ich glaube nicht, daß ich ſo leicht dazu gebracht würde, das: Zieh hin! auszuſprechen.“ „Und doch, Camilla!“ ſagte der junge Mann dringen⸗ der,„Sie würden es gewiß thun; Sie würden auf ſolche Art eine Feſſel löſen, die bis dahin ein ſüßes Band ge⸗ weſen, dann aber entſetzlich ſchwer werden müßte.— Was könnte es auch die Gräfin nützen, ihn feſtzuhalten?— Ihre Liebe iſt doch nur eine aufflackernde Flamme, die ebenſo ſchnell in ſich zuſammenſinkt wie ſie emporgeſtiegen iſt.“ „Die ihre, ja,“ ſprach die ſchöne Frau,„aber die mei⸗ nige, Victor,“ ſetzte ſie mit ſehr weicher Stimme hinzu, „iſt etwas ganz Anderes; ſie lodert nicht in flackernder Flamme empor, um Ihren Vergleich zu gebrauchen, aber ſie würde ſich auch in glühende Tropfen verwandeln und in das Herz deſſen fallen, der dieſe Liebe verrathen würde.“ „Hier iſt ja von keinem Verrath die Rede, Camilla,“ entgegnete Victor,„nur einfach von der Löſung eines Ver⸗ hältniſſes, das, für Beide drückend, zum Wohle armer, un⸗ ſchuldiger Weſen doch nun einmal gelöst werden muß.“ Sie wandte ihren Kopf raſch herum und ſchaute ihn ——, 8 4 80— lange und forſchend an, mit einem Blicke, den er kaum ertra⸗ gen konnte und der ein kleines, verlegenes Lächeln auf ſeinen Zügen hervorrief.„Alſo haſt Du, mein Freund,“ ſagte ſie in ſo ſanftem Tone, daß ihre Worte unfehlbar zu Herzen dringen mußten,„ſchon an die Löſung ſolcher Verhältniſſe gedacht?— Zucke nicht mit Deinem Auge, Victor, gib mir keine unwahre Antwort. Deine warme Fürſprache für den Freund hat mich in Dein Inneres ſehen laſſen, und ich habe dort etwas erblickt, deſſen Du Dir, gebe es Gott! wohl ſelbſt unbewußt warſt. Auch in Deinem Herzen hat ſich, vielleicht erſt ganz leiſe, leiſe, der Gedanke geregt, Roſenketten, wie Du es nannteſt, könnten einſtens zu Feſ⸗ ſeln werden.— Ja, und in dem Falle ſind das entſetzliche Feſſeln,“ ſprach ſie, und dabei flammte ihr Auge auf.„Ich habe das Letztere erfahren, ich!— ich! obgleich ſanftere Bande für mich ſo gut wie gar nicht beſtanden.“— Sie preßte ihre Lippen feſt aufeinander und berührte ihr Ge⸗ ſicht leicht mit dem Taſchentuche. „Aber Camilla!“ „Laß mich ausreden, Victor; ich will Dir nur zeigen, daß Du Dich in mir nicht getäuſcht; vorhin war ich un⸗ wahr, als ich Dir ſagte, ich würde handeln wie die Gräfin Follange.— O nein,“ ſetzte ſie mit einem trüben Lächeln hinzu,„mein Benehmen wäre ein ganz anders; bei mir braucht es auch keiner Bitte, keiner Ueberredung;— mir genügt ein Wort, ein Blick. Du haſt es vorhin geſehen, Victor;— bei mir bedürfte es nur der leiſeſten Anſpie⸗ lung, und von da müßten ſich unſere Wege trennen.“ Der junge Mann hatte mit Schrecken geſehen, wie es auf ihrem ſchönen, ruhigen Geſichte ſchmerzlich aufzuckte, wie ſie während ihres Sprechens zuweilen die Lippen feſt auf einander drückte, wie ſich ihr Auge langſam umflorte. Er fühlte ſich von dieſem Anblick überwältigt, er ſank zu ihren Füßen nieder und ergriff ihre Hände, die er mit wil⸗ den Küſſen bedeckte. „Camilla!“ rief er alsdann leidenſchaftlich,„ja ich will ehrlich gegen Dich ſein, wie ich es immer geweſen. Du haſt richtig in meinem Herzen, in meinem Auge geleſen, Du haſt richtig etwas Fremdes geahnt, was im Begriffe war, ſich zwiſchen Dich und mich zu ſchieben; Du ſahſt das Bild eines Mädchens—“ „Das Du liebſt, Victor.“ „Bei Gott! noch nicht“— entgegnete er und hob dabei die Hand in die Höhe;„aber es könnte ſo kommen,“ ſetzte er leiſer hinzu,„denn dieſes Mädchen— o Camilla, wenn Du ſie ſehen könnteſt, Du müßteſt ſie liebgewinnen.“ „Ich werde ſie ſehen,“ ſprach die Baronin zu ſich ſelber. „Dieſes Mädchen liebt mich mit aller Kraft und Glut der erſten Jugendliebe— ſie hat mich wenigſtens ſo ge⸗ liebt bis vor ganz Kurzem, bis ſie—“ Er neigte ſein Geſicht auf ihre Hand und fuhr flüſternd fort:„bis ſie er⸗ fahren, daß ich zu Deinen Füßen liege, daß ich Dein ſei.“ „So hat ſie um mich gelitten?“ ſagte die ſchöne Frau, und ihre Augen, welche ſie eine Sekunde in die Höhe rich⸗ tete, ſtrahlten in einem unbeſchreiblichen Glanze.—„So habe ich ihren Frieden geſtört?— So hat ſie ſich von Dir abgewandt, mein armer Freund?—— Doch beruhige Dich, Victor,“ fuhr ſie nach einer längeren Pauſe fort, während welcher ſie ſich zu ihm hinabgebeugt hatte und ihre Hand einen Augenblick auf ſein Haupt gelegt.„Beruhige Dich, das wird vorübergehen, ſie wird ihr Köpfchen erheben wie die Blume, die das ihrige niederſinken ließ vor der Wucht eines raſch vorüberziehenden Unwetters.— Stehe auf, Victor, dorthin ſtehe vor mich,“ fuhr ſie in lauterem Tone fort. Und als er ſich darauf langſam in die Höhe richtete Hackländer, Tag und Nacht. II. 3 6 2 8 ————— ₰ * — 82— und vor ihr ſtehen blieb, erhob auch ſie ſich von ihrem Stuhle, nahm ſeine Hände in die ihrigen und ſprach wieder: „Als wir uns vor längerer Zeit zum letzten Mal ſahen, da verſprachen Sie mir Ihre Hülfe, und ich hoffe, Sie werden Ihr Wort halten. Was Banden und Ketten an⸗ belangt“— das ſagte ſie mit einem leichten, etwas trau⸗ rigen Lächeln—„ſo muß ich Sie wohl Ihres Bannes ent⸗ laſſen, aber nicht eher, bis ich ſie geſehen und bis ich ent⸗ ſchieden, ob ich, ohne mir etwas zu vergeben, zurücktreten kann. Für heute aber leben Sie wohl, Victor! Für Ihren Bericht danke ich Ihnen herzlich; trachten Sie darnach, mich in dieſem Punkte auch ferner zu verpflichten.“ „Und ſo ſchicken Sie mich fort?“ fragte der junge Mann mit einem Gefühl des Unmuthes, über das er ſich ſelbſt nicht vollkommen Rechenſchaft geben konnte,„nachdem Sie Scherz und Ernſt, liebe Worte und bittere Bemerkun⸗ gen durcheinander gemiſcht?“ „So ſchicke ich Sie fort,“ gab die Baronin zur Ant⸗ wort,„weil es jetzt ſo ſein muß, Victor.— Was ſehen Sie mich grollend an? Habe ich Ihnen verboten, wieder zu kommen?“ M Victor fühlte einen ſanften Druck ihrer Hand, dann wandte ſie ſich raſch um und ging mit einer leichten Nei⸗ gung des Hauptes an ihm vorüber, und als er der pracht⸗ vollen Geſtalt nachblickte, wie ſie jetzt in den grell beleuch⸗ teten Sonnen⸗ und Zauberkreis trat, in welchem er vorhin ein anderes Bild zu ſehen geglaubt, da biß er die Zähne zornig auf einander und murmelte: „Der Druck ihrer Hand und die ſtolze Neigung ihres Kopfes!— Welcher Widerſpruch! Ah! verflucht!“ Er legte einen Augenblick ſeine Hand heftig an die Stirne.„Mit welchen Entſchlüſſen kam ich her?“ fuhr er ingrimmig fort, „und wohin hat ſie mich mit ihren einfachen Worten wie⸗ der gebracht!— Gäbe ich nicht einen Theil meines Lebens darum, wenn ich ihr folgen dürfte! Ahl verflucht!“ Eine Zeit lang ſtarrte er noch in die grünen Büſche, da es ihm immer war, als ſähe er dort ihr weißes Kleid ſchimmern; dann wandte auch er ſich ſeufzend zum Fort⸗ gehen, indem er zu ſich ſelber ſprach: „Armer Stifter! Mögen Deine Ketten beſſer und gründlicher reißen als die meinigen!“ Er eilte ſo raſch die Treppen hinauf in das helle Zelt und von dieſem in die dunkleren Zimmer des Hauſes, und war dabei ſo in Gedanken vertieft, daß er faſt einen kleinen Herrn umgerannt hätte, der ihm an einer Thür entgegen⸗ trat, wenn ihn dieſer nicht noch zu rechter Zeit am Aermel ergriffen und ihm zugerufen hätte: „Bei San Jago! Herr von Barring, ich glaube, es brennt hinter Ihnen. Wo wollen Sie ſo eilig hin?“ „Ich?— ich—“ verſetzte Victor, indem er ſich zu einem Lächeln zwang,„ich habe eigentlich keine Eile, ich wollte nur der Hitze entgehen, die dort unter dem Zelte herrſcht. Deßhalb war mein Schritt etwas raſcher als ge⸗ wöhnlich.“ „Ja, ja, und deßhalb warfen Sie mich faſt zu Boden,“ gab der Marquis Fontana lachend zur Antwort.„Nun gleichviel, ich verzeihe Ihnen das anderer guter Eigen⸗ ſchaften willen. Wenn Sie aber jetzt eine Viertelſtunde Zeit für mich haben, iſt mir's recht. Sie verlangten heute Nacht einen Dienſt von mir—“ Victor ſah den Marquis zweifelhaft an. „Nun ja, bei der Gräfin Follange à cause eines Freun⸗ des von Ihnen.“ „Richtig, Herr Marquis! O ich bitte tauſendmal um Verzeihung; ich bin heute etwas mehr zerſtreut, als ſelbſt —; —— —— — 8 —— —— Le 1„. 3 4„ * 8 — 84— ein Muſiker das Recht hat es zu ſein. Deßhalb Ver⸗ zeihung!“ Zugeſtanden, weil ich Sie leiden mag. Aber kommen Sie ſetzt eine Viertelſtunde mit; in der ſchattigen Allee, wo es zu mir hinausgeht, läßt ſich ganz prächtig plaudern. Sie wünſchen Ihren Freund aus den Händen jenes ſchönen Dämons zu erlöſen?“ fuhr der Marquis fort, während Beide durch das Haus auf die Straße gingen.„Ich glaube, der Zufall hilft Ihnen dazu.— Sie ſagte ihm dort im Garten doch nur ein Paar flüchtige Worte und ließ ihn ſtehen.“ „So iſt es,“ entgegnete Victor. „So, Sie wiſſen das ſchon?— Nun auch gut. Aber erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen geſtern Abend ſagte: Ohne Abſicht komme die Gräfin ſo ſpät nicht hieher. Die Abſicht glänzt mir jetzt ſo klar wie das Sonnenlicht oder wie der Brand eines Hauſes, wenn Sie wollen. Sie hat ihre Netze wieder ausgeworfen.“ Victor nickte mit dem Kopfe. „Vor der Hand ein Netz, deſſen Maſchen die Gferſucht feſt zuſammenziehen ſoll.— Verſtehen Sie mich? 2 „Ich glaube ſo, Herr Marquis.“ „Nun gut, jetzt kommt es darauf an, was Ihr Freund für ein Charakter iſt, ob er Stärke genug hat, ſich von dieſer entſetzlichen Frau loszureißen. Sie wird ihn nicht mehr halten, darauf können wir uns verlaſſen.“ „Das gebe Gott!“ ſagte der junge Muſiker. „Aber hier iſt unſere ſchattige Allee,“ ſprach der kleine Marquis. „Kommen Sie mit mir, plaudern wir noch ein wenig. Sie können doch unmöglich jetzt etwas vorhaben. Um dieſe Stunde— zwei Uhr Nachmittags.“ ☚ 4. — K ͤ ielleicht erinnert ſich V der geneigte Leſer, na⸗ V mentlich bei dem Orte, an dem wir uns in der V V V 1 vorhergehenden Stunde be⸗ fanden, daß der Marquis Fontana eine kleine, unbe⸗ deutende Familienſcene im Hauſe des Grafen Follange vorausgeſetzt, und wir müſ⸗ ſen geſtehen, daß er ſich darin nicht ganz getäuſcht. Was den Grafen anbelangt, ſo hatte er ſchon oft hie⸗ zu den Anlauf genommen, Fulns 8 . 8 — — 86— hatte aber trotz dieſes Anlaufes nie einen bedeutenden Schritt vorwärts thun können. Die Gräfin hatte eine ſo entſchloſſene Art, trat ihm mit einer ſolch' furchtbaren Sicherheit entgegen, daß er ſelbſt mit dem beſten Vor⸗ ſatze und bei der vollen Berechtigung, einen häuslichen Sturm zu erregen, ſich doch meiſtens achſelzuckend hatte zurückziehen müſſen, entweder weil er in der vorgehabten Angelegenheit nicht zu Wort hatte kommen können, oder weil ſie ihn vollſtändig verwirrt hatte— und das war bei dem Herrn Grafen nicht gerade ſchwer— indem ſie bei Vorwürfen der ernſteſten Art mit einer Entſchloſſenheit, die faſt an's Unglaubliche grenzte, ihm zur Antwort gab: „Und wenn auch! was weiter?“ Mochte es nun ſein, daß ſcharfe Zungen, wie es deren in der Welt in allen Kreiſen der Geſellſchaft genug gibt, in letzterer Zeit etwas laut vor den Ohren des Grafen ge⸗ ziſchelt, oder hatte er es wirklich ein wenig zu ſtark gefun⸗ den, daß ſeine Gemahlin geſtern Abend ſo ohne alle Rück⸗ ſicht auf ihn gehandelt, ſo plötzlich aus dem Cirkel ver⸗ ſchwunden war, wo er ſich doch befand und wo er ſich und ſie auf's Höchſte compromittirt, da er— und das war ihm doch durchaus nicht übel zu nehmen— mehrere Male nach ſeiner Gattin gefragt hatte— genug, er beſchloß ihr eine Scene zu machen. Ob er, wie der Marquis Fontana vorausgeſetzt, wirk⸗ lich eine ganze Stange cire à Moustache zum Arrange⸗ ment ſeines Schnurrbartes gebraucht, könnte allein ſein Kammerdiener der Wahrheit gemäß angeben; daß aber die⸗ ſer Schnurrbart ſich drohend genug emporbäumte, als ſich der Graf Follange nach den Zimmern ſeiner Gemahlin be⸗ gab, können wir als wichtig zur Bezeichnung ſeiner Gemüths⸗ ſtimmung nicht verſchweigen. Das Kammermädchen der Gräfin ſaß im Vorzimmer, — 87— beinahe unſichtbar gemacht durch eine Wolke von Seide und Spitzen, und ſchien in dieſer Maſſe von Stoff emſig nach einem verborgenen Fehler zu ſuchen. „Meine Frau iſt auf ihren Zimmern?“ „Ich glaube ſo, gnädiger Herr,“ tönte es hinter dem Kleiderhaufen hervor,„aber ſo außerordentlich beſchäftigt, daß die Frau Gräfin ausdrücklich befohlen, Niemand in ihr Appartement zu laſſen.“ „Pah! Niemand? Natürlich Niemand Fremdes.— Sie iſt alſo zu Hauſe?“ Der Graf machte dabei ein Paar raſche Schritte gegen die Thüre des Appartements ſeiner Gemahlin. Jetzt wogte und wallte es heftig in dem Haufen von Seide und Spitzen; dieſer kleine Berg öffnete ſich, und das erſchrockene Geſicht des Kammermädchens blickte daraus her⸗ vor. Sie hätte ſich gern dem Grafen in den Weg gewor⸗ fen, doch ſiegte ihre Furcht, bei einem raſchen Schritte, der hiezu nöthig war, ihre Stoffe noch mehr zu verwirren oder gar zu zerreißen, weßhalb ſie erſchrocken ihre Hände empor⸗ ſtreckte und mit lauter Stimme ſagte:„Allerdings iſt die gnädige Gräfin zu Haus, aber entſchieden bei der Toilette.“ „Und dabei fehlſt Du?“ fragte Graf Follange mit einem ſo ſonderbaren Lächeln, wie man es bis jetzt noch nie an ihm bemerkt. Die Spitzen ſeines Schnurrbartes neigten ſich förmlich gegen die Naſe. „Ich fehle allerdings dabei, gnädiger Herr,“ erwiederte das Kammermädchen, das ſeine Geiſtesgegenwart vollkommen wieder erlangt hatte,„weil ich hier dringend beſchäftigt bin. Auch iſt die Frau Gräfin“— dies ſagte ſie mit ſehr ſcharfer Betonung—„bei dem Theil der Toilette, wo ſelbſt ich für einen Augenblick entbehrlich bin— ich warte hier bis man mich ruft.“ Dieſes„ich“ war ſo außerordentlich deutlich betont, —õ———— — 88— daß der Graf unmöglich anders konnte als zur Antwort geben: „Nun, in dem Falle werde ich auch einen Augenblick warten, bis die Toilette ſo weit ſein wird, daß Dich die Klingel hineinruft. Dann gehen wir mit einander.“ Das Kammermädchen lächelte ſehr auffallend auf eine unbeſchreibliche Art, wobei ſie ihren Herrn und Gebieter mit einem leichten Achſelzucken betrachtete. Dieſes Lächeln aber war in die Worte zu überſetzen: So iſt es denn mög⸗ lich, daß es einen Mann auf der ganzen weiten Welt und noch darüber hinaus gibt, der ſich einbilden kann, er habe in der That das Recht, zu gleicher Zeit mit dem Kammer⸗ mädchen ſeiner Frau und ohne vorherige Meldung in jenes Heiligthum einzutreten, wo der complicirte Cultus der Myſterien einer Toilette ausgeübt wird! Nach dieſem Lächeln, dem aber auch wie ein bitterer Nachgeſchmack ein entſchieden verächtlicher Geſichtsausdruck folgte, hatte das Kammermädchen ſich langſam aus dem Spitzenhaufen herausgewickelt, zog alsdann die Taille ihres Kleides etwas herunter— Kammermädchen pflegen dies in gewiſſen Fällen nicht zu verſäumen— dann ſtrich ſie leicht über ihr Haar, und ſagte in einem Tone, der ſo entſchieden klang, daß man dagegen die Haltung des Herrn Grafen Follange mit ſammt ſeinem drohend emporſtehenden Schnurr⸗ barte hätte ſchlaff nennen können: „Ich werde der Frau Gräfin die Meldung machen, daß der gnädige Herr ſo eben im Begriff ſind, in ihr Ca⸗ binet zu kommen.“ Der Graf beſann ſich einen Augenblick, und als er be⸗ merkte, wie entſchloſſen ſich die Zofe vor der Thüre ihrer Gebieterin aufgepflanzt hatte und daß ſie ihm ordentlich herausfordernde Blicke zuwarf, da beſann er ſich, daß es jetzt entſchieden ſein Anſehen untergraben heiße, wenn er — 89— ſo im Vorzimmer ſeiner Gemahlin warte. Er machte des⸗ halb auch nach kurzer Ueberlegung ein Paar gemeſſene Schritte gegen die Thüre,— zu welcher er hereingekommen, und ſprach im Weggehen in ſehr drohendem Tone: „So ſage meiner Frau, ich wünſche ſie gleich zu ſprechen.“ Nachdem er hierauf das Vorzimmer verlaſſen, wiegte das Kammermädchen ihren Kopf auf und nieder, indem ſie ihm nachſah und dann zu ſich ſelber ſprach: „Ja, wenn man Glück hat; da wäre nun bei mancher Andern Alles verloren geweſen, namentlich bei einer, wo ich nicht im Vorzimmer geweſen.“ Im Gefühl dieſes Werthes, vielleicht auch anderer Ur⸗ ſachen halber, öffnete ſie ſehr entſchieden und mit vielem Geräuſch die Thüre, welche in die Zimmer der Gräfin führte, wartete aber alsdann in einem kleinen Gemache, bis von der andern Seite die Gräfin Follange haſtig her— eintrat und die Botſchaft ihrer Kammerfrau in Empfang nahm, welche ihr dieſe mit wenigen, aber ausdrucksvollen Worten zuflüſterte. Die Gräfin biß ſich auf die Lippen, ſchüttelte heftig mit dem Kopfe und gab dann zur Antwort: „In zehn Minuten melde dem Grafen, ich ſei bereit, ihn zu ſehen. Sage ihm auch dazu, Du habeſt Dich geirrt, er hätte ohne Weiteres eintreten können; ich ſei nicht bei der Toilette geweſen. Es ſei, wie er wohl wiſſe, die Zeit mei⸗ ner Zeichenſtunde, in der ich mich nicht gerne ſtören laſſe. Ganz in ſeinem Belieben ſtände es aber, wenn er doch kommen wolle.“ „Ich habe die Toilette ſo wichtig dargeſtellt,“ ſagte das Kammermädchen mit einem ſchlauen Blick,„daß ich dieſelbe jetzt kaum noch durch die Zeichenſtunde werde verdrängen können.“ —— . 1 — 99— „So mach' was Du willſt,— aber geh'.— In zehn Minuten!“ Die Zofe trat in das Vorzimmer hinaus, wobei ſie ſorgfältig die Thüre hinter ſich zuzog; die Gräfin Follange ging in ihr Arbeitszimmer zurück, welches ſie ſo eben ver⸗ laſſen. Sie war ſehr aufgeregt; gewöhnlich ſchon von einer außerordentlichen Lebendigkeit, ſchien jetzt jede Muskel ihres Körpers zu beben, ihr Gang war haſtig und unſtät, und wenn ſie eine Hand erhob oder ihren Kopf aufrichtete, ſo nahmen ſich alle dieſe ſonſt bei ihr, wenn auch raſchen, ſo doch graziöſen Bewegungen jetzt wie lauter Zuckungen aus. Dabei biß ſie die Lippen feſt auf einander; dabei athmete ſie ſchwer; dabei waren ihre Wangen geröthet; dabei blitzte ihr ſchwarzes, glänzendes Auge, nicht in Freude oder Luſt, vielmehr in Zorn und Haß; ſie machte einen raſchen Gang durch das Zimmer, wobei ſie ein Taſchentuch in ihren Händen nicht nur krampfhaft zuſammendrehte, ſondern auch kleine Stücke davon abriß, die rechts und links auf den Teppich flogen. Dann blieb ſie plötzlich in der Mitte des Gemachs ſtehen und wandte ſich in entſchloſſener Hal⸗ tung gegen einen Mann, der dort an einen Tiſch gelehnt ſtand, der die Arme düſter über die Bruſt verſchränkt hatte, — gegen einen uns wohl bekannten Mann, der ſehr bleich ausſah, der ſie mit glühenden Blicken betrachtete und der ſo jeder ihrer Bewegungen folgte. „Das iſt eine Drohung!“ rief ſie leidenſchaftlich aus, „eine furchtbare Drohung, der ich mit aller Kraft begegnen muß und— werde.“ Nachdem ſie das letzte Wort ſcharf herausgeſtoßen, war es gerade, als hörte man ihre Zähne knirſchen. „A— a— hl das iſt alſo eine Drohung?“ ſagte der Mann mit einer faſt klangloſen Stimme.„Was wir Beide — 91— oft gewünſcht, was wir uns in anderen Augenblicken ſchön und herrlich ausgemalt: ungetrennt bei einander ſein zu können— das iſt jetzt eine Drohung!“ „In unſeren Verhältniſſen ja— ja— ja.“ Er that einen ſehr tiefen Athemzug, dann ſtrich er mit der Hand über ſeine feuchte Stirn und ſprach: „O wer mir das vor Wochen, vor Monaten geſagt hätte!“ Sie zuckte heftig mit den Achſeln, indem ſie ihren auf⸗ geregten Spaziergang durch das Zimmer fortſetzte.—„Wer hat die Verpflichtung, uns ſo etwas zu ſagen?“ warf ſie hin.—„Niemand!— So was ſagt man ſich ſelbſt.“ „Das iſt allerdings richtig,“ entgegnete er mit einer merkwürdigen Ruhe,„darum muß man aber gleich ſchon beim Anfang an das Ende denken und das kann nicht ſein.“ „Nichts währt ewig,“ ſagte die Gräfin.„Aber wir wechſeln da Worte,“ fuhr ſie fort und dabei trat ſie heftig mit dem Fuß auf den Boden,„wir wechſeln Anſichten, als hätten wir Stunden vor uns, während uns doch eine Sekunde koſtbar iſt. Der Graf wird ſogleich hier ſein. Er ließ ſo eben fragen, ob ich zu Haus ſei.“ „Er ſoll kommen.“. „Allerdings wird er kommen; aber wird er nicht unſere Aufregung ſehen und ſeine Gedanken darüber haben?“ „Er hat ſchon oft einem Theil unſerer Zeichenſtunde beigewohnt, ohne ſich viel um Aufregungen zu bekümmern.“ Die Gräfin war in der Nähe eines Fenſters ſtehen ge⸗ blieben, ſie hatte einen Augenblick hinausgeſchaut und ihre zuſammengeballte Hand feſt gegen die Stirn gedrückt. Als ſie nun dieſelbe langſam wieder herabſinken ließ, blitzte es eigenthümlich in ihrem Auge auf und man ſah einen lauernden, faſt lächelnden Zug um ihre Mundwinkel. „Das war damals,“ ſagte ſie mühſam Athem holend, — 92— „vor Kurzem noch, die vergangene Woche meinetwegen. Aber ſeit der Zeit hat ſich Vieles verändert.“ Die Ruhe, mit welcher der Maler am Kamin ſtand, war offenbar eine erkünſtelte, oder er zwang ſich wenigſtens mit aller Kraft ruhig zu ſcheinen; denn zuweilen, wenn er einen Blick zu ihr hinüberwarf, ſah man in dieſem Blicke ſeine ganze Leidenſchaft auflodern. Dabei bemerkte man auch wohl, wie ſeine Finger zuckten und wie er die Nägel der⸗ ſelben feſt in ſeine Aermel vergrub, wie er ſich gewaltſam zurücklehnte, um nicht zu ihr hinzuſtürzen, während er in kurz abgeſtoßenen, aber tiefen Athemzügen an ſeiner Unterlippe nagte. „Ja, ja,“ ſprach er jetzt mit dumpfer Stimme,„es hat ſich in Kurzem Vieles geändert; hier bei Dir, Clariſſa, in unſerem Verhältniſſe, vor Allem bei mir.— Ah!“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort, wäh⸗ rend dem er ſie finſter betrachtet,„ich würde Dir gern noch einmal auseinanderſetzen, wie gräßlich ich in der ver⸗ gangenen Nacht gelitten, nachdem die Frau Gräfin mich bis zwei Uhr Nachts hatte warten laſſen und dann gnädig verabſchiedete. O ich möchte noch einmal erzählen, aus⸗ malen mit allen Qualen der Verzweiflung jenen Moment, als ich in mein Haus trat.“— Sie zuckte leicht mit den Achſeln. „Ja, Madame, ich hatte bis dahin ein Haus oder wenn Sie wollen, eine Wohnſtätte, eine Heimat. Jetzt habe ich alles das nicht mehr, ich bin frei wie die Wolke in der Luft, frei wie der Vogel auf dem Zweig— meine Verhältniſſe,“ ſetzte er mit bitterer Ironie lächelnd hinzu, „haben ſich ſo geordnet, wie wir Beide es ja oft gewünſcht. — Entſetzlich! Jetzt ordnen Sie auch die Ihrigen.“ Er knirſchte laut und heftig mit den Zähnen. „Ja, Clariſſa,“ preßte er gewaltſam hervor,„es muß — 93— und ſoll ſo ſein. Ordne Deine Verhältniſſe und halte, was Du mir verſprochen. Glaube nicht, mich leichthin wie geſtern Nacht abfertigen zu können— Du haſt es mit einem halb Wahnſinnigen zu thun.— Und wenn Du mich ſo anſiehſt,“ ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er ſie mit einem wilden Blicke betrachtet,„ſo ſiehſt Du Dein Werk vor Dir, ſo ſiehſt Du, was Du aus mir gemacht. — O Clariſſa,“ rief er nun mit einem Male leidenſchaftlich, aber mit weicher Stimme, indem er ſeine bisherige Stellung verließ, ihr entgegeneilte und zu ihren Füßen niederſank, „o Clariſſa, obgleich ich fühle, wie namenlos elend Du mich gemacht, ſo kann ich doch nicht von Dir laſſen;— obgleich ich fühle, daß Du ein böſer Geiſt biſt, der mich immer tiefer mit ſich hinabreißt, der mich endlich in troſt⸗ loſer Oede allein laſſen wird, ſo kann ich mich doch nicht von Dir losreißen. Und,“ ſetzte er dringend hinzu, nach⸗ dem er ihre Hand ergriffen und ſie mit heißen Küſſen be⸗ deckt,„auch Du willſt Dich ja nicht von mir losreißen. O gewiß nicht, Clariſſa. Du haſt mit mir wieder einmal geſpielt, wie Du ſchon einmal ſcherzhaft verſucht.— Nicht wahr, auch jetzt wieder?“ Er hatte ſanft ihren Arm ergriffen, und während er ſich langſam aufrichtete, legte er ſeine Hand auf ihren Kopf, um dieſen herum zu wenden, denn ſie blickte trotzig von ihm weg.—„O Clariſſa,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„was mich ſo unendlich zu Dir hinzieht— ich weiß es nicht; könnte ich an Märchen glauben, ſo würde ich ſagen, Du habeſt mir einen Zaubertrank gegeben. Denn,“ ſetzte er mit zitternder Stimme hinzu,„ich will es Dir nur geſtehen, ich habe auch Augenblicke, wo ich Dich haſſe, glühend haſſe, tödtlich haſſe, wo ich fühle, daß das Band, welches mich an Dich feſſelt, nur loſe in der Luft flattert, ſo daß jeder Hauch es zerreißen könnte.—— Soll ich Dich wirklich —— — 94— verlaſſen, Clariſſa, auf immer verlaſſen?— Nein, nein, Du willſt das ſelbſt nicht, denn Du ſchweigſt. O Du ſel⸗ tenes, wildes, glühendes Weib! Du haſt wieder einmal Deine Laune an mir ausgeübt.— So gib mir nur eine Antwort, ſo ſprich wenigſtens zu mir!“ Der Maler hatte ſie endlich vermocht, ihm ihr Geſicht zuzuwenden; ja, man hätte glauben können, es leuchte in ihren Augen ein milder, verſöhnlicher Strahl. Doch nur einen kleinen Moment, dann hob ſie ihren Kopf wieder trotzig in die Höhe, verſuchte es, ihre Hand aus der ſei⸗ nigen loszumachen und ſagte in kaltem Tone: „Habe ich nicht genug geſprochen? Habe ich nicht ſeit einer halben Stunde alle Gründe der Vernunft erſchöpft? Iſt es möglich, Ihnen etwas begreiflich zu machen?“ „Und was will man mir begreiflich machen?“ „Daß— o mein Gott! daß— daß es Verhältniſſe gibt, die nicht dauern können, die ſich löſen ſollen, die ſich löſen müſſen.— Doch ich rede da in den Wind,“ ſagte ſie ängſtlich, fuhr aber gleich darauf heftig fort:„Und das rkann mich zur Verzweiflung bringen. Ich rede, und Mi⸗ nute um Minute eilt dahin, die Zeit vergeht, ich ſagte Ihnen ſchon einmal, daß ich im nächſten Augenblicke den Grafen erwarte.“ „Pah! den Grafen,“ gab der Maler mit einer verächt⸗ lichen Miene zur Antwort.„Iſt es das erſte Mal, daß Sie ihn während unſerer Zeichenſtunde erwarten?“ „Das nicht, mein Herr,“ entgegnete ſie in eiſigkaltem Tone;„aber damals war es mir gleichgültig, ob er kam oder wegblieb.— Das iſt es mir heute nicht mehr.“ Bei aller Geiſtesgegenwart und der Gabe, ſich in den ſchwierigſten Lagen ſogleich wieder faſſen zu können, war die Gräfin doch nicht im Stande, dem. Manne ihr gegen⸗ über in dieſem Moment in das Auge zu ſehen, ſondern ——½——— — 95— ſie ſchaute wie erwartungsvoll nach der Thüre. Bei den Worten aber, die ſie eben geſprochen, war er ſichtlich zu⸗ rückgefahren; die flammende Röthe auf ſeinem Geſichte wich augenblicklich einer tiefen Bläſſe und er ließ ihre Hand los, die ſie haſtig an ſich zog. „Was war das?“ ſagte er nach einer Pauſe.„Was ſollte das heißen?— O nein,“ fuhr er mit einem ſeltſamen Lächeln fort,„ſo kann das nicht gemeint ſein. Der Ge⸗ genſtand Ihres Haſſes, Ihrer wohlverdienten Verachtung, die Zielſcheibe Ihrer beſtändigen Spöttereien, der Graf Follange—“ „Mein Gemahl,“ gab ſie ſtolz zur Antwort, mit einer Würde im Geſichte, die einer beſſeren Veranlaſſung werth geweſen wäre.—„Er hat doch wohl das Recht, in mei⸗ nem Zimmer zu erſcheinen, wenn es ihm gut dünkt?“ Der Maler legte ſeine Hand an die Stirn, wie man wohl thut, wenn man ſich klar machen will, ob eine Sache, von der es Einem iſt, als habe man darüber geträumt, wirklich exiſtire.—„Ah! Frau Gräfin,“ ſagte er alsdann, „Sie ſcherzen eigenthümlich.“ „Weit entfernt davon, zu ſcherzen,“ entgegnete ſie mit einem ſehr gut geheuchelten Erſtaunen.„Und da ich Ihnen beſtimmt wiederholen muß, daß es mir Ernſt iſt mit dem, was ich ſagte, ſo muß ich Sie dringend erſuchen, unſere Unterredung unterbrechen und mich verlaſſen zu wollen.“ Er konnte ſich hierauf nicht enthalten, laut und wild aufzulachen.—„Sie erwarten den Grafen, Ihren Gemahl hier?— Erlauben Sie mir, daran zu zweifeln, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß dem nicht ſo iſt.— Gewiß, das kann nicht ſein, Clariſſa. Nein, nein, das iſt unmög⸗ lich—— Ja,“ ſetzte er mit ſtarrem Blicke hinzu,„wenn es ſo wäre— das könnte mir das Scheiden erleichtern.“ Die Gräfin machte eine Bewegung der Ungeduld, worauf — 96— ſie aber mit einem Male in ein tiefes Nachdenken verfiel. Nach einigen Sekunden aber fuhr ſie empor und ſagte: „Gut denn, ich will Sie überzeugen. Sie verweigerten mir vorhin den kleinen Schlüſſel, den Sie haben und wel⸗ cher die Thüre öffnet, die dort aus meinem Cabinete auf die kleine Treppe führt.“ Der Maler fuhr mit der Hand an die Bruſt und ließ dort mit einem entſchloſſenen Geſichtsausdrucke die Finger einen Augenblick zuſammengeballt ruhen. Seine Bewegung entlockte ihr ein trauriges Lächeln, das aber wie ein Blitz entſchwand, und dem ein leichter Seufzer folgte. „Behalten Sie denn dieſen Schlüſſel— heute noch,“ ſagte ſie.„Treten Sie in das Cabinet, damit Sie ſich überzeugen, wer im nächſten Augenblick in mein Zimmer kommt!“ „Clariſſa!“ „Ich hoffe, daß Sie den Muth haben, denn es gehört allerdings einiger Muth dazu, unter gewiſſen Verhältniſſen von einem andern Manne nur durch eine Thür getrennt zu ſein.“ „Den Muth, den Sie hoffentlich meinen, habe ich,“ gab er ihr mit zitternden Lippen und flammendem Auge zur Antwort.„Ob aber ein anderer Muth mich nicht im entſcheidenden Moment verließe— aber nein, nein, Clariſſa! Sie halten mich nur zum Beſten, Sie machen ſich ein grau⸗ ſames Vergnügen daraus, ſich in meinen Augen zu ver⸗ dächtigen.“ „Wenn ich mit dem Grafen hier allein in meinem Zim⸗ mer bleibe—“ Er wehrte heftig mit der Hand von ſich ab; man ſah ihm an, daß er ſich in einer fieberhaften Aufregung befand. „So ſei es denn!“ rief er;„ich will Alles thun, was Sie verlangen.“ —4,/ — 97— „Und mir auch morgen jenen Schlüſſel zurückſchicken?“ „Auch das, wenn— es mir möglich iſt.“ „Noch eins!“ ſprach die Gräfin, als er ſchon im Be⸗ griffe war, nach einer Verbeugung in das Cabinet zu treten. „Ich habe immer Ihren Worten geglaubt und bin auch jetzt überzeugt, daß Sie ein Verſprechen, welches Sie mir geben werden, unverbrüchlich halten.“ „Gewiß, wenn ich dieſes Verſprechen einmal gegeben.“ „Und Sie werden es mir geben; Sie werden mir ver⸗ ſprechen,“ ſagte ſie, nachdem ſie einen raſchen Blick auf die Uhr über dem Kamin geworfen,„das Cabinet durch die kleine Thüre geräuſchlos zu verlaſſen, ſowie Sie hier aus dieſem Zimmer, dort von jener Pendule die dritte Stunde ſchlagen hören.— Sie ſehen, ich verlange nicht viel.“ „Nach Umſtänden ſogar wenig.— Wenn aber—“ „Hier gilt kein Wenn und kein Aber— nur Eile!“ fuhr ſie haſtig fort,„die Zeit drängt. Sie geben mir Ihr Chrenwort, das Cabinet um die dritte Stunde geräuſchlos zu verlaſſen.— Nun?“ „Gut, ich gebe Ihnen mein Chrenwort.“ „Sie ſchwören mir feierlich, Ihr Verſprechen zu hal⸗ ten?“ „Mein Chrenwort genügt.“ „So leben Sie wohl!“ Er blieb noch einen Moment ſtehen, ſie mit einem traurigen Blicke betrachtend, und ſie mußte dieſen Blick fühlen, ohne daß ſie ihn anſchaute, denn ſie reichte ihm ihre Hand, auf die er noch einmal wild und innig ſeine Lippen drückte und dann in das Cabinet eilte. Noch ein Paar Sekunden lang blieb die Gräfin Clariſſa von Follange auf demſelben Flecke ſtehen, ſcheinbar ohne alle Erregung; dann aber ſchien es ſie eigenthümlich zu durch⸗ ſchauern, ein leichtes Zucken überflog ihren Körper, worauf Hackländer, Tag und Nacht. II. 7 —ÿyÿõÿỹy——ůöůeäãããã́ͤ — ——— —— —— 4 „ — 98 ſie tief aufſeufzte, dann aber ihren Kopf raſch empor warf und nach dem Vorzimmer eilte, wo ſie dem Kammermäd⸗ chen eine Frage ſtellte. Dieſe gab zur Antwort:„Gewiß, Frau Gräfin, ich habe gemeldet, wie Sie befohlen; der Herr Graf werden gleich erſcheinen.“ „So komm' Du vorher einen Augenblick herein.“ Das Kammermädchen gehorchte alsbald, und als es den Salon betreten und einen aufmerkſamen Blick um ſich her geworfen, bückte es ſich nieder, um die Stückchen von dem zerriſſenen Taſchentuch aufzuheben, die auf dem Boden zerſtreut lagen. „Gut,“ ſprach die Gräfin;„thu' das nachher. Sieh geſchwind hieher.“ Sie hatte ſich auf einen kleinen Stuhl niedergelaſſen, und die Kammerjungfer legte die Hand an die Friſur ihrer Dame, fand aber, daß daran nicht viel zu corri⸗ giren ſei. In dieſem Augenblick hörte man Schritte im Vorzim⸗ mer, die Thüre wurde mit ziemlichem Geräuſche geöffnet, und der Graf Alfons von Follange trat mit demſelben drohend emporgerichteken Schnurrbart, den wir ſchon vor⸗ hin an ihm bewundert, in den Salon ſeiner Gemahlin. Der Graf, eine lange, ziemlich dürre Geſtalt, hatte wenig von dem an ſich, was man im gewöhnlichen Leben ein ariſtokratiſches Aeußere zu nennen beliebt, und doch, wie der vorliegende Fall beweist, ausſchließlich zu nennen nicht das Recht hat; denn Ariſtokrat war der Graf Follange, einer Familie von ſo viel Ahnen angehörig, daß ſich dieſe in's graueſte Alterthum verloren und dort erſt zweifelhaft wurden. Denn zwei würdige Männer, ein Grobſchmied, der bei ausbrechendem Kriege zuerſt ſein Schwert geſchmiedet, dann es aber tapfer geſchwungen, ſowie ein kühner Räuber, AN— — 99— der klein anfing und groß endigte, hatten beide ſehr ge⸗ gründete Anſprüche, die Wurzel des ſpäter ſo blühenden Stammbaums der Follange geweſen zu ſein. Vom damaligen kühnen Räuber war im Aeußern des jetzigen Herrn der reichen Beſitzungen der Follange nicht viel zu entdecken; doch hatte der Grobſchmied einige Spu⸗ ren hinterlaſſen. Der Graf hatte etwas in ſeiner Figur, was man bei einem bürgerlichen Manne„ungeſchlacht“ ge⸗ nannt hätte; ſeine Bewegungen waren ſehr linkiſch und er⸗ ſchienen um ſo eckiger, da er mit Armen und Füßen gern auffallende Curven beſchrieb, und da obendrein dieſe Arme und Beine mit ſehr großen und plumpen Hän⸗ den und Füßen verſehen waren. Wenn er zufällig neben ſeiner kleinen zierlichen und höchſt eleganten Frau ſtand oder ging, ſo erſchien er wie ein Rieſe, der ſich ein wun⸗ derſchönes, niedliches Feenkind zum Spielzeug erkoren. Was ſeinen Verſtand anbelangt, ſo ſagten ſeine Feinde— und er hatte deren ebenfalls wie jeder andere Chriſtenmenſch— die Pflege des Schnurrbartes nehme dem Grafen Alſons von Follange zu viel Zeit weg, um daran denken zu kön⸗ nen, ſeine Geiſteskräfte vor der Mitwelt glänzen zu laſſen, und wegen dieſes betrübten Umſtandes haben dieſelben auch noch niemals geglänzt. Das Kammermädchen hatte gerade mit einer claſſiſchen Ruhe nicht nur die Stücke des Taſchentuchs zuſammenge⸗ leſen, ſondern auch, ohne irgend eine übereilte Bewegung, einen Handſchuh aufgehoben, der zufällig neben dem Ka⸗ mine lag, als der Graf eintrat, ſeine Frau mit einem ſtei⸗ fen Kopfnicken begrüßte, nachdem er ſie einen Moment mit finſter zuſammengezogenen Augenbrauen betrachtet, worauf er dem Kammermädchen einen ſehr verſtändlichen Wink gab, ſich zu entfernen. Dieſe näherte ſich aber der Gräfin mit der Frage, — — — 100— ob ihre unmittelbare Gebieterin nichts mehr zu befeh⸗ len habe.. „Gib mir ein anderes Taſchentuch,“ ſagte dieſe mit großer Ruhe. Die Zofe wandte ſich nach dem Cabinet; doch fuhr die Gräfin fort:„Nicht von dort; Du kannſt eins aus meiner Garderobe draußen nehmen.“ Dieſer Befehl wurde alsbald erfüllt, worauf der Graf mit ſeiner Gemahlin allein blieb. Letztere ſaß auf einem kleinen Seſſel in der Nähe des Fen⸗ ſters und blickte an den ſchmalen Streifen blauen Himmels hinauf, der zwiſchen den zuſammengefallenen Vorhängen ſichtbar blieb. Der Graf hatte ſeine großen knochigen Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, ging mit weiten Schritten auf und ab, wobei er nicht unterließ, im Vorüberſpazieren ſeine Gemahlin mit finſterem Blicke ſo lange anzuſchauen, als ihm dies möglich war, ohne ſeinen Hals gar zu ſehr zu verdrehen. „Madame!“ ſagte er endlich mehr in einem Tone des Ausrufes, als in dem einer beginnenden Anrede. Er wußte von früheren Veranlaſſungen her, daß ſie darauf entweder heftig oder lachend antworten würde:„Der Herr Graf be⸗ fehlen?“ und in ſolchen Fällen hatte er dieſes„Madame!“ mehrere Male wiederholt, wie um ſich ſelbſt Muth zu machen oder einen gehörigen Anlauf zu nehmen, über die Hinder⸗ niſſe ihrer ſehr herausfordernden Augen oder über jenes verächtliche Achſelzucken, das ihn leicht aus der Faſſung brachte, kühn hinwegzuſetzen. Heute aber ließ die Gräfin auffallender Weiſe keinen Laut hören. „Madame!“ wiederholte er kühner, indem er ſogar eine halbe Sekunde auf ſeinem Gange durch's Zimmer anhielt, als er in ihre Nähe gekommen war. Die Gräfin hatte ihren Kopf in die Hand gelegt und ſchien in den Anblick des ſichtbar gebliebenen blauen Him⸗ melsſtreifens ganz vertieft zu ſein. „Madame!“ ſagte der Graf Follange jetzt zum dritten Male, während er jetzt wirklich vor ſeiner Gemahlin ſtehen blieb, und nachdem er eine Minute auf irgend eine Erwie⸗ derung ihrerſeits gewartet, fuhr er fort:„Das von geſtern Abend, Madame, überſteigt doch wirklich alle Begriffe! Sie verweigern es, in meiner Begleitung, in der für Sie allein paſſenden, eine Geſellſchaft zu beſuchen; Sie haben Mi⸗ gräne, ſagen Sie, und bleiben auf Ihrem Zimmer. Ich erzähle das Jedermann, der nach Ihnen fragt, ich nehme einiges Bedauern für Sie in Empfang; ich mache Ihr Lei⸗ den noch ſchlimmer, als es mir ſelbſt vorkam; es war das ein ergiebiger Stoff für verſchiedene Unterhaltungen— und was geſchieht?— Auf einmal— ich traue meinen Augen kaum— fallen Sie wie eine Bombe mitten in den Salon der Frau von Molitor hinein. Heißt das nicht einen Mann und ſich ſelbſt compromittiren?“ Die Gräfin hatte langſam ihr Haupt herumgewandt. „Darauf würde ich Ihnen entgegnen,“ ſagte ſie mit ſolch' ruhiger Stimme, daß der Graf ordentlich davon frappirt war,„es ſei in meinem Betragen allerdings etwas Auffal⸗ lendes geweſen— ja, das würde ich zugeſtehen, wenn Ihr Vergleich von vorhin, mein Erſcheinen in dem Salon be⸗ treffend, nicht ſo ganz und gar unpaſſend geweſen wäre. — Ich wäre eingefallen wie eine Bombe!— Ah, Herr Graf, das kann nicht Ihr Ernſt ſein! Hätten Sie geſagt: ich wäre in die Geſellſchaftszimmer geſchwebt ungefähr wie eine Blüte, die der Nachtwind hereinweht, ſo würde ich Ihnen vielleicht Recht gegeben haben.“ „A— ah, Madame! erwiederte der Graf im Tone großer Verwunderung,„Sie ſpotten, ſtatt ſich zu rechtfertigen.“ — — ee 5 — 102— „Ich ſpotte nicht,“ verſetzte ſie mit dem weichen, melo⸗ diſchen Ton ihrer Stimme, den ſie ſo vortrefflich anzuneh⸗ men verſtand, wenn das in ihrer Abſicht lag.„Sagen Sie mir, worin ich gefehlt, und ich werde mich zu recht⸗ fertigen ſuchen. Aber mit Vergleichungen, die ſo unpaſſend ſind, ſollten Sie mich nicht zu kränken ſuchen.“ Der Graf Follange wußte eigentlich gar nicht wie ihm geſchah, denn in einem ſolchen Tone hatte die Gräfin, ſeine Gemahlin, noch nie mit ihm geſprochen, entſchieden noch nie, ſelbſt nicht in jener Zeit, welche man ihrer Süßigkeit halber:„Honigmonat“ oder„Flitterwochen“ zu nennen pflegt. „Iſt denn überhaupt etwas ſo Beſonderes dabei, daß ein heftiges Kopfweh, welches mich vor Mitternacht plagt, nach Mitternacht aufhört, und daß ich es alsdann uner⸗ träglich finde, ſo allein in meinem Zimmer zu ſein?— Ja, ſo allein, Herr Graf! Kann man es mir verdenken, daß ich mich anziehen laſſe, um noch einige Stunden einer langen Nacht hinwegzuplaudern?— O,“ ſagte ſie kopf⸗ ſchüttelnd nach einem tiefen Seufzer,„man kann uns das Leben wirklich unerträglich machen!“ Bei dieſen letzten Worten hatte ſie ſich raſch erhoben und ſich ſo an das Fenſter gelehnt, daß ihr Kopf auf den Armen ruhte, daß ihr Geſicht, ihre glänzenden Augen, ihre blendend weißen Zähne, ihre friſchen, feuchten Lippen ſcharf von dem einfallenden Lichte erhellt wurden, und daß ſich ihre feine, aber dabei doch ſo volle und elegante Figur in wahrhaft maleriſchen Umriſſen auf dem dunklen Vorhange abhob. Der Ausdruck des Zorns auf dem Angeſichte des Gra⸗ fen ſchwand ſichtlich dahin, ja ſeine Augen erſchienen faſt freundlich und ſein ganzes Geſicht würde etwas Wohlwol⸗ lendes angenommen haben, wenn das bei den ſo entſetz⸗ — 103— lich drohend hinaufgedrehten Schnurrbartſpitzen möglich ge⸗ weſen wäre. Das mochte auch der Beſitzer derſelben füh⸗ len; denn als er mit ſeiner breiten Hand von der Stirne abwärts über ſein Geſicht fuhr, verſchonte er ſelbſt dieſe Schnurrbartſpitzen nicht, und nöthigte ſie, offenbar nicht ohne Abſicht, zu einer demüthigeren und verſöhnlicheren Haltung.. „Gut,“ ſagte er alsdann, nachdem er die Gräfin mit einem langen Blicke betrachtet und während er einen etwas haſtigeren Athemzug als gewöhnlich that.„Zugeſtanden alſo, daß mein Ausdruck von vorhin nicht ganz paſſend war, und daß ich am Ende auch begreifen kann, wie ein Kopfweh nach Mitternacht zu vergehen im Stande iſt, ſo war es doch höchſt auffallend, daß Sie ebenſo plötzlich, wie Sie gekommen, nach kurzem Aufenthalt wieder ver⸗ ſchwanden.“ „O ich fühlte, daß mein Kopfweh wieder zunahm,“ ſagte ſie mit weicher Stimme. „Auch das iſt möglich; aber dagegen werden Sie mir nicht läugnen, Frau Gräfin, daß es in dieſem Falle unbe⸗ dingt paſſender geweſen wäre, wenn Sie Ihren Gemahl — mich nämlich, Madame,— ich heiße doch ſo vor der Welt—“ Man hörte die Gräfin einen Seufzer ausſtoßen und ſah, daß ſie tief Athem holte. „Vor der Welt, ja, Madame,“ ſprach der Graf weiter, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, da ihm nicht die geringſte Bewegung ſeiner Gemahlin entgangen war und er geglaubt hatte, ſie würde ihm eine Antwort geben.— „Wenn Sie mich alſo erſucht hätten, Sie nach Hauſe zu begleiten; ſtatt deſſen aber rauſchten Sie bei mir vorüber, verbargen Ihr Geſicht hinter einem der koloſſalſten und lächerlichſten Blumenſträuße, die ich je in meinem Leben — ———— — ——=— ,— — — 104— geſehen, und thaten ſo, als ſei ich gar nicht vorhanden. Ein ſolches Betragen ſollte mich eigentlich nicht mehr be⸗ fremden, aber, Frau Gräfin, man wird am Ende jedes Dinges überdrüſſig; ſelbſt das weiteſte Maß läuft bekann⸗ ter Weiſe endlich über, und ich muß Ihnen geſtehen, daß ich nicht länger mehr Luſt habe, eine ſolche Aufführung zu dulden.“ Nach Beendigung dieſer Rede, die er wirklich in der eben angegebenen Faſſung vorgetragen, legte der Graf ſeine Hände abermals auf dem Rücken zuſammen und ſchritt dann im Zimmer auf und ab. Auch ſchielte er wieder nach der Gräfin hinüber, diesmal jedoch nicht mit gleicher Ge⸗ reiztheit wie vorhin; es war vielmehr in ſeinen Zügen etwas Erwartungsvolles zu leſen, und nicht ohne Urſache, denn er konnte wohl begierig ſein, die Antwort ſeiner Frau auf eine Rede zu hören, wie ſie nie eine aus ſeinem Munde vernommen. Zu ſeiner größten Ueberraſchung war dieſe Antwort ſo ganz anders, als er erwartet. Sie verließ ihre Stellung am Fenſter, ſie glitt langſam auf einen niedrigen Divan, der ſich nicht weit davon befand, ſie lehnte ſich zurück in die Kiſſen dieſes Divans und ſagte alsdann, während ſie die Gürtelquaſten ihres Kleides langſam durch die Finger gleiten ließ: „Ihre Worte ſind hart, aber ich muß leider geſtehen, daß etwas Wahres in Ihren Vorwürfen liegt. Glauben Sie aber nicht, daß eine Vertheidigung mir allzu ſchwer wird. Es iſt wahr— um Ihren Ausdruck zu wiederholen — ich rauſchte bei Ihnen vorüber mit meinem koloſſalen Blumenſtrauße; es iſt ebenfalls wahr, ich hielt dieſen höchſt lächerlichen Blumenſtrauß ſo, daß Sie mein Geſicht nicht ſehen und daß ich unter dem Schutze deſſelben ſtumm vor⸗ beigehen konnte;— aber ich, Herr Graf, hatte Ihr Ge⸗ ſicht deutlich genug erſchaut; ich bemerkte wohl die finſteren Blicke, die Sie auf mich warfen; ich ſah ganz gut, wie Sie Ihre Lippen zuſammenpreßten, und mir entging auch die Bewegung Ihrer Hand nicht,“ ſetzte ſie mit einem An⸗ flug von Humor hinzu,„mit der Sie die Spitzen Ihres Schnurrbartes ſo hoch wie möglich aufrichteten— ein un— trügliches Zeichen von Ungewitter und Sturm.— Was nun mein Verſchwinden anlangt, ſo iſt es ſo harmlos und unſchuldig, wie in der Welt was ſein kann; das ſchwöre ich Ihnen, darauf könnte ich einen körperlichen Eid ablegen. Ich hatte meinen Kräften zu viel zugemuthet; wie ich Ihnen vorhin ſagte, ich fühlte mein Kopfweh zu⸗ rückkehren, deshalb trat ich aus dem hellen Zelte, wo mir die Lichter weh thaten, in den dunkeln Garten, athmete dort eine ganz kurze Zeit die köſtliche Nachtluft ein und fuhr alsdann nach Hauſe.— Das ‚ſind meine Abenteuer der geſtrigen Nacht,“ ſprach die Gräfin mit einem kleinen ironiſchen Lächeln.„Nicht mehr und nicht weniger.“— Sie hob betheuernd ihre Hand empor. Die Ruhe, ja die Herzlichkeit, mit der die Gräfin das Vorhergehende geſprochen, hatten offenbar das Gemüth ihres Gemahls erweicht; ja, als ſie vorhin ſeines Schnurr⸗ bartes erwähnte, flog nicht nur einen Augenblick ein freund⸗ licher Strahl über ſeine bis dahin noch ſo finſteren Züge, ſon⸗ dern er bemühte ſich auch, mit einem Drucke ſeiner Finger den ſchon einmal gedemüthigten Spitzen eine wahrhaft unter⸗ würfige Stellung beizubringen. Dann verließ er die Mitte des Zimmers, nicht direct gegen ſeine Gemahlin ſchreitend, ſondern wie er früher auf ſeinem Spaziergange eine voll⸗ kommen gerade Linie beſchrieben hatte, ſo machte er jetzt einen leichten Bogen, der ihn nach zweimaligem Gange durch's Zimmer in die Nähe ſeiner Gemahlin brachte, wo er ſtehen blieb. 4 — 106— Er huſtete leicht vor ſich hin, er ſteckte die rechte Hand unter den Rock, während er mit den Fingerſpitzen der lin⸗ ken die Rückwand des Divans berührte, auf dem die Grä⸗ fin ſaß. „Ihre Rede,“ ſagte er alsdann,„hat mich merkwürdig beruhigt; der Inhalt derſelben, mehr noch aber der Ton, in welchem Sie zu mir geſprochen. Dieſer iſt von der Art, mit der Sie ſonſt auf meine oft ſo gerechten Klagen ant⸗ worteten, ſehr verſchieden, außerordentlich verſchieden,— ich möchte faſt ſagen, auf eine verſöhnliche Weiſe ver⸗ ſchieden.“ „Das war auch meine Abſicht,“ erwiederte Clariſſa von Follange und hob ihren Kopf in die Höhe, um einen nicht unfreundlichen Blick auf ihren Gemahl zu werfen. Sie that das mit einer Art, lächelnd die Augen zu öffnen und zu ſchließen, ſo reizend, ſo pikant, die nur ihr eigen war, daß ſie in Jedem das unwiderſtehliche Verlangen er⸗ regte, noch einen ſolchen Moment des Auf⸗ und Nieder⸗ ſchlagens der Augen zu erhaſchen. Es war in Wahrheit gefährlich, der Zielpunkt eines ſolchen Blickes zu ſein. Der Graf fuhr mit der Hand über das Geſicht, dann ſagte er nach einer längeren Pauſe, während welcher ſeine Gattin dreimal ihr dunkles Auge auf ihn gerichtet und ſo⸗ gar ein klein wenig dabei geſeufzt hatte: „O— Clariſſa, wenn es wirklich in Ihrer Abſicht läge, Ihr zuweilen eigenthümliches Betragen ein wenig zu ändern, namentlich aber meine oft gerechten Bemerkungen mit einer Sanftmuth,— einer Liebenswürdigkeit wie heute hinzunehmen, ſo könnte Manches noch anders, beſſer werden.“ Sie hatte ſich eine Zeitlang nachdenkend in ihre Divan⸗ ecke geſchmiegt; ſie unterſtützte den Kopf leicht mit der Hand; ſie erſchien ſo ſorglos, ſo ruhig, ſo milde und ver⸗ ſöhnlich, und doch wogten und kämpften in ihrem Innern — 107— die verſchiedenſten Leidenſchaften mit einander. Trotz ihres Gleichmuthes, trotz ihrer unglaublichen Selbſtbeherrſchung wagte ſie es doch kaum, einen flüchtigen Blick nach der Thüre jenes Cabinetes zu werfen. Sie ſpielte ein gefähr⸗ liches, gewagtes Spiel; es konnte gelingen, ihre Berechnung konnte richtig ſein, ſie von Jemanden befreien, der ihr anfing läſtig zu werden; ihre Combinationen konnten aber auch entſetzlich fehlſchlagen, ſie mußte jeden Moment be⸗ fürchten, ihn an der Thüre des Cabinets erſcheinen zu ſehen, ſie mit ſich in's Verderben reißend. Sie gab einem Kranken ein heilſames Gift zur Geneſung, wohl mit Vor⸗ bedacht; aber konnte ſie ſich nicht in der Körper⸗, hier in der Seelenſtärke deſſelben getäuſcht haben?— Während ihr Herz fieberhaft ſchlug, hielt ſie auf ihrem Geſichte gewaltſam den Ausdruck einer ſorgloſen Ruhe feſt. Um das Zittern ihrer Hand zu verbergen, ſpielte ſie un⸗ aufhörlich mit den Quaſten ihres Kleides. Jetzt wandte ſie ein wenig den Kopf, um auf die Uhr zu blicken, die ihr gegenüber auf dem Kamine ſtand.— Der Zeiger hatte kaum noch eine Viertelſtunde bis drei Uhr. „Ja, Clariſſa,“ fuhr der Graf fort,„ich will Ihnen geſtehen, daß die Unterredung, die wir eben hatten, im Stande iſt, mich auf's Verſöhnlichſte zu ſtimmen, daß der Ausdruck der Sanftmuth, der Freundlichkeit, den ich jetzt in Ihren Augen leſe, mich glücklich machen kann,— daß es wahrhaftig nur an Ihnen liegt, wenn unſer Leben ſich für die Zukunft beſſer, angenehmer, ja ich möchte faſt ſa⸗ gen, glücklicher geſtalten wird. Gewiß, Clariſſa, heiterer, beſſer, glücklicher.“ Sie legte ihren Kopf noch weiter in die Kiſſen zurück, ſo daß ſie ihm nun von unten herauf in die Augen ſchaute, und ein freundliches Lächeln ſpielte um ihre Lippen, als ſie erwiederte: —-———e 1 4 1* — 108— „Und warum ſoll ich das nicht wollen?— Gewiß, Alfons, auch ich habe dieſes unangenehme Leben ſatt; auch ich verabſcheue dieſe ewigen Scenen, dieſe immerwährenden Auftritte, die uns Tag um Tag verbittern, die uns— warum ſoll ich es läugnen?— zum Gerede der Geſell⸗ ſchaft machen und derſelben Veranlaſſung geben, durch eingeſtreute bittere und hämiſche Worte die Kluft zu ver⸗ größern, die uns leider bisher getrennt.“ „Und wir könnten ja glücklich und zufrieden ſein,“ ſagte er dringend, indem er ſich ein klein wenig auf ſeine Ge⸗ mahlin herabbeugte.—„Du biſt ſo vernünftig, ſo gut, wenn Du willſt, ſo liebenswürdig— wie ſchön. Gewiß, Clariſſa, nur Deine Launen, Deine eigenthümlichen Launen waren Schuld daran, wenn es zwiſchen uns nie zu einem Verſtändniß kam, wie es eigentlich hätte ſein ſollen. Du wirſt ſehen, daß bei einer Aenderung dieſes ſo unange⸗ nehmen Verhältniſſes auch für Dich Manches anders wer⸗ den wird. Ich bin ja kein Tyrann, ich laſſe Dir gewiß ſo gern Deine kleine Freiheiten,— aber Clariſſa, meine lie⸗ benswürdige Clariſſa“— Sie lächelte eigenthümlich, wobei ſie ihre Augen faſt geſchloſſen hielt.—— Niemand hätte dieſem Lächeln an⸗ geſehen, wie mühſam, unter welchem Seelenkampf es her⸗ vorgebracht war; Niemand hätte bemerken können, wie unter den ſcheinbar ſorglos geſchloſſenen Augen ihr Blick unruhig hervordrang, ſich bald gegen die Thüre des Cabi⸗ nets wandte, bald das Zifferblatt der Uhr überflog. Die Gräfin hatte ihre beiden Hände wie ſcherzhaft erho⸗ ben und gegen ſeine Bruſt gedrückt, als wollte ſie ihn neckend zurückdrängen; aber der Graf Follange, welcher der Stärkere war, faßte leicht ihre feinen Hände und hielt ſie ſanft nieder, während er auf den Rand des Divans niederkniete und ſich tiefer auf ſie herabbeugte. — 109— —— Da hob die Uhr über dem Kamine aus und ſchlug drei Mal hell klingend an. Die Gräfin that einen ſo tiefen Athemzug, daß man hätte glauben können, ihr müſſe die Bruſt zerſpringen. Sie fühlte, wie ein kalter Schweiß ihr auf die Stirne trat; denn kaum hatte die Uhr geſchlagen, ſo vernahm man ein Ge⸗ räuſch aus dem Cabinete. Niemand konnte es überhören, der Graf hob ſich raſch empor und horchte.— —„Was war das?“ Clariſſa von Follange mußte in dieſem entſcheidenden Augenblicke alle Kraft ihres Geiſtes und Körpers zuſammen nehmen, um eine Faſſung zu zeigen, die ſie nicht hatte. Sie that das— es gelang ihr vollkommen. Sie warf ſich leicht in die Kiſſen des Divans zurück, ſie lächelte, und an⸗ ſtatt, daß ſie wie bisher den Gemahl zurückgedrängt hätte, legte ſie jetzt ihre Hand auf ſeinen Arm, um ihn ſanft näher zu ziehen. „Was wird es geweſen ſein!“ ſagte ſie mit weicher, ſchmeichelnder Stimme.„Gewiß nichts der Mühe werth zu einer Störung.— Oder glaubſt Du, mein Freund, es könnte etwas Anderes ſein?“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, als ſie ſah, wie der Graf ſeine Augen forſchend auf die Cabinetsthüre gerichtet hielt. Ihr Herz ſchlug ſchneller, ſie nahm alle ihre Kraft zu⸗ ſammen. „Gut denn,“ ſagte ſie in nachläſſigem Tone,„gut denn, ſo ſehe nach— mißtrauiſcher Mann. Ja, ja, es iſt mir lieb, wenn Du nachſiehſt; Du wirſt finden, daß Du einen Luftzug im Verdacht gehabt haſt, einen armen Luft⸗ zug, der mit einem Vorhange geſpielt.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Graf,„es war ſo, als wenn eine Thüre zufiele,“ „Das iſt auch ſehr leicht möglich,“ bemerkte die Gräfin; —— — — 4 — ö 4 — 24 — 6 7 7 4*„ . —— — 110— „vielleicht hat Erneſtine die Thür zur kleinen Treppe auf⸗ ſtehen laſſen, und die iſt nun bei dem erwähnten Luftzuge in's Schloß gefallen.— Weiter nichts. Aber geh, geh, Du langweilſt mich.“ Dabei lehnte ſie ſich ganz in die Kiſſen zurück und ihre Augenlider ſchienen zufallen zu wollen.—„Aber weißt Du was, Alfons,“ ſprach ſie in ſchläfrigem Tone,„thu' mir den Gefallen und ſieh im Cabinete nach, damit wir be⸗ ruhigt ſein können.“ „Ja, ja, das will ich,“ erwiederte er in gleichgültigem Tone;„ſo ein Geräuſch nebenan genirt.“ Darauf ſchritt der Graf gegen die Thüre des Cabinets, öffnete dieſelbe und trat in das kleine Gemach. In dieſem Augenblick konnte die Gräfin trotz ihrer Macht über ſich ſelbſt nicht in ihrer gleichgültigen Lage ver⸗ bleiben. Sie hob ſich raſch empor, ſie horchte in ängſt⸗ licher Erwartung.— Jetzt— dachte ſie— müſſe der Ton aufſchreiender, ſtreitender Stimmen ihr ſagen, daß für ſie Alles— Alles verloren ſei.— Jetzt— doch nein, es blieb ruhig in dem Cabinet. Ein Paar Sekunden darauf trat der Graf wieder heraus; er hielt einen kleinen Schlüſſel in der Hand. Die Gräfin that, als habe ſie ſich langſam aufgerichtet. —„Nun?“ fragte ſie. „Es wird ſo ſein, wie Du geſagt, Clariſſa: die kleine Thüre, welche nach der Treppe führt, ſtand wahrſcheinlich offen, ſie fiel bei einem Luftzug in's Schloß und ſchnellte den Schlüſſel auf den Boden.“ Er hielt ihr denſelben ent⸗ gegen und ſetzte alsdann mit leiſer Stimme hinzu:„Und ſoll ich ihn noch nicht mein nennen dürfen, Clariſſa?“ Worauf ſie haſtig entgegnete: „Doch, doch— in kurzer Zeit.“ „Sicher ſind wir wenigſtens— Clariſſa, daß nun Nie⸗ — 111— nuf⸗ mand mehr in unſerer Nähe iſt,“ ſprach der Graf und V uge legte alsdann den kleinen Schlüſſel ſorgfältig in ihren geh, Schooß nieder. Dort blieb derſelbe ein Paar Augenblicke; ſie ſchien ihn nicht anrühren zu wollen und doch wandte hre ſie ihre Augen nicht von ihm ab. Dann bedeckte ſie dieſe Du mit der rechten Hand und ſprach zu ſich ſelber:„So iſt er mir I alſo fort, wie er verſprochen, wohl auf Nimmerwiederſehen, be⸗— und er ging, wie er mir gelobt, genau um die dritte V Stunde.—— O ich bin entſetzlich elend!“ gem ets, V rer er⸗ C gſt⸗ on V ſie V rat V tet. ine ich 3 5 3 8 . — I L.4,l Atis,r er Marquis und Victor Barring waren in der klei⸗ nen ſchattigen Allee hinter dem Hauſe der Frau von Molitor eine Weile auf und ab ſpaziert, und Erſterer hatte viel und mit großer Freimüthigkeit über die Ver⸗ hältniſſe der Baronin ge⸗ ſprochen. Er war als ihr enthuſiaſtiſcher Verehrer wohl bekannt, trotzdem aber trug Alles, was er ſagte, ſo ſehr den Stempel der Wahrheit, daß der junge 5 *4 —y=y— H —— 8 — 113— Muſiker, der ja auch ſo ziemlich in die Verhältniſſen des Hauſes eingeweiht worden war, ihm vollkommen beipflichten mußte. „Sie iſt ein ſeltenes Weib,“ hatte der Marquis ge⸗ ſagt,„untadelhaft ſchön, ihr Aeußeres wie ihr Inneres— Körper und Seele. Darauf will ich die Hand in's Feuer legen. Wohl Niemand wie ich weiß, was ſie in ihrem traurigen Eheſtande gelitten. Bei San Jago! es iſt das keine Kleinigkeit, einen Mann zu haben, den man nicht liebt,— und geliebt hat ſie ihn nie, ſie iſt ſträflich über⸗ redet, überliſtet, gezwungen worden,— und nun nach kurzer Zeit zu finden, daß dieſer Mann verrückt iſt, dann gezwungen zu ſein, ihr Haus zu verlaſſen, ihr einziges Kind, um eben dieſes Kind vor Unannehmlichkeiten aller Art, ja vor Mißhandlungen zu bewahren. Soviel wir gehört haben,“ hatte der Marquis weiter geſagt,„ſoll der Freiherr etwas milder geſtimmt ſein, ſeine krankhaften An⸗ fälle ſchwächer erſcheinen, wohl länger dauern, er aber milder und verſöhnlicher ſein. Wir wiſſen, daß ſein alter Kammerdiener, der uns ſehr ergeben iſt, ihm neulich ein⸗ mal den Namen der Baronin genannt hat. Er habe dar⸗ auf lange vor ſich hingeſtarrt und man hätte ſehen können — ſo ſagte mir der Kammerdiener— wie er ſich bemüht, einen Gedanken zuſammen zu bringen und dann habe er plötzlich geſagt:„Ja, ja, wenn ſie nicht geſtorben wäre!“. Schon hätte er— der Kammerdiener nämlich— ihm ſa⸗ gen wollen, die Baronin lebe und ſei vollkommen wohl, da hätte ihn der Freiherr am Arm genommen und in großer Erregung zu ihm geſagt: ‚Ja, ſie iſt todt, und wenn ſie mir plötzlich erſchiene, ſo müßte ich raſend werden vor Entſetzen.⸗ „Ich weiß,“ hatte der Marquis fortgefahren,„daß Sie Alles für die Baronin thun werden. Seien Sie klug Hackländer, Tag und Nacht. II. 8 ————nPꝗ—̈⏑——— — 114— und verſtändig; vor Allem darf nichts Auffallendes ge⸗ ſchehen; man muß durch die Umgebung auf den Freiherrn einwirken, daß er anfängt, freundlich an ſeine Gemahlin zu denken, und ihn dann nach und nach zu überzeugen ſuchen, daß ſie lebe.— Ich für meine Perſon zweifle nicht daran, daß ſich eine Art von Ausſöhnung herſtellen läßt, was dann immerhin beſſer iſt, als zu exrtremen Mitteln zu greifen.“ „Und in welcher Art,“ hatte darauf Victor gefragt, „könnte eine ſolche Ausſöhnung wohl zu Stande kommen?“ „Ei, in welcher Art?“ gab der Marquis dann etwas erſtaunt zur Antwort,„auf die einfachſte und natürlichſte Art. Glauben Sie mir, dieſe ſeltene Frau würde ſich mit ihm auf's Neue vereinigen, um ihr Kind wieder zu haben, und würde ihn dabei pflegen bis an ihr ſeliges Ende.“ Victor ſchämte ſich faſt, daß er ſich eingeſtehen mußte, die Worte des Marquis berühren ihn ſchmerzlich, ja er glaubte, der Gedanke, den dieſer ſo eben ausgeſprochen, müſſe aller Wahrſcheinlichkeit entbehren; konnte er doch lei⸗ der im gegenwärtigen Augenblicke dieſen eigennützigen Wunſch nicht unterdrücken. Er war auch hierauf nicht zu einer weiteren Unterhaltung aufgelegt, und da jetzt den beiden Spaziergängern die Villa des Marquis zwiſchen den Bäu⸗ men ſichtbar wurde, ſo verabſchiedete ſich Victor von dem⸗ ſelben und ging in die Stadt zurück. Dort warf er ſich in den erſten Fiaker, der ihm begegnete, und fuhr nach dem Hauſe des Commerzienraths. Herr Duvallet war in ſeinem Comptoir und allein, wie der Buchhalter mit einem ſeltſam freudig erregten Ge⸗ ſicht ſagte. Victor klopfte an und auf das laute: Herein! ſeines Oheims trat er in das Gemach. Der Commerzienrath hatte eine Menge Papiere vor ſich liegen, die er durchge⸗ —yõ— ſehen hatte, und welche er nun von einander ſchied und in ſtarke Ledermappen ſortirte, die vor ihm auf dem Pulte lagen. Er blickte Victor nicht unfreundlich an, wie dieſer wohl gefürchtet hatte; er nickte ihm vielmehr wohlwollend zu und ſagte, indem er in ſeiner Beſchäftigung fortfuhr: „Du wirſt mich entſchuldigen, wenn ich mich nicht ſtö⸗ ren laſſe. Sprich nur immerhin; trotzdem ich hier weg⸗ räume, kann ich Dir doch meine ganze Aufmerkſamkeit zu⸗ wenden.“ Nun war das gerade keine angenehme Aufforderung für den jungen Mann und hatte er nicht Luſt, das Ge⸗ ſpräch mit dem Commerzienrathe durch eine Anſpielung auf einen Vorfall zu eröffnen, der ihm ſo ſchmerzlich war. Er trat deßhalb an's Fenſter und ſprach erſt nach einer kleinen Pauſe: 3 „Ich komme eigentlich, Onkel, weil Sie mir heute Mor⸗ gen ſagten, Sie wollten mich ſprechen.“ „Ja ſo! nach der unangenehmen Geſchichte.“ Victor nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Es iſt doch ein wahres Wort,“ ſagte hierauf Herr Duvallet, indem er eine kleine Weile ſeine Arbeit ruhen ließ und ſeine Hände auf die Papierhaufen legte,—„der Menſch denkt und Gott lenkt. Du wirſt mich nicht für ſo. kurzſichtig halten, Victor— oder für ſo blind,— ich ſpreche jetzt ohne Rückhalt, wie es ſich für Männer geziemt — daß ich nicht ſchon länger bemerkt hätte, welches In⸗ tereſſe meine Alice für Dein Kommen und Gehen an den Tag legte.— Intereſſe, verſtehe mich wohl; daß in ihrem unbefangenen Herzen ſo ſchnell ein anderes Gefühl Platz greifen würde, das hatte ich in der That nicht erwartet.“ „Laß mich ausreden, Victor,“ fuhr Herr Duvallet fort, als er ſah, wie ſich ſein Neffe mit einer heftigen Bewegung gegen ihn wandte und ihm antworten wollte.„Ich kann —— — 116— mir denken, was Du erwiedern willlſ, und ich glaube, daß ich ganz daſſelbe ſagen wollte, daß Du nämlich durch Dein Betragen nicht jenes Gefühl hervorgerufen, daß Du nicht Schuld daran ſeieſt. Es wäre ein großes Unrecht, das zu läugnen, und daß ich ganz dieſer Anſicht bin, ſiehſt du aus der offenen Art und Weiſe, mit der ich Dir davon rede.— Noch mehr: ich will Dir ſogar geſtehen, daß es mich— wie ſoll ich ſagen?— gerade nicht unangenehm berührt hätte, wenn eure Neigungen zuſammengetroffen wären.“ Er ſchob den einen Haufen Papiere, den er vor ſich liegen hatte, in die größte der Ledermappen, ſchloß dieſelbe mit einem kleinen Schlüſſel und ſprach dann, indem er ſeine hellen, klaren Augen feſt auf den jungen Muſiker richtete: „Weißt Du, Victor, ich kann das Dir gegenüber wohl ausſprechen, Du kennſt meine gute Alice.“ „O ja, ich kenne ſie,“ verſetzte der junge Mann mit einem ſchmerzlichen Klang der Stimme.„Es gibt wohl kein zweites Herz, kein beſſeres und tieferes Gemüth als das ihrige.“ „Ja, ja,“ ſagte der Commerzienrath in faſt gleichgül⸗ tigem Tone.„Das muß man ſich eingeſtehen. Und daß ſie dabei vortrefflich erzogen iſt, das wird Jeder mit vollem Rechte ſagen, der ſie näher kennen lernte. Doch, um wie⸗ der auf meine Aeußerung von vorhin zu kommen, Dich und Alice betreffend, wenn ſich nämlich eure Neigungen gefun⸗ den hätten, ſo würde mir Niemand ſelbſtſüchtige Abſichten unterlegt haben. Denn wenn Du, Victor, auch ein klei⸗ nes Vermögen beſitzeſt, ſo iſt doch Deine Zukunft bei dem Stande, den Du Dir nun einmal erwählt, nicht ſo, daß ich— Du mußt mich recht verſtehen!— es gerade für ein großes Glück oder für eine beſondere Nothwendigkeit gehal⸗ — H———— ——⸗————P—⸗—⸗—x—x——— — — 117— ten hätte, eure Vereinigung zu wünſchen.— Alice,“ fuhr er fort und hob den Kopf ein klein wenig in die Höhe, „die einzige Tochter des Commerzienrathes Duvallet, der letzte Nachkomme der großen und vornehmen Familie der Duvallet's— ich kann das mit Stolz ſagen, gültige Pa⸗ piere ſprechen darüber;“ er ſchlug mit der Hand leicht auf die Ledermappe—„Alice Duvallet iſt, wollte ich ſagen, wohl eine der reichſten Erbinnen des Landes.— Alſo— doch ich will das nicht weiter ausführen. Du biſt klug genug, Victor,“ ſprach er nach einem kurzen Stillſchwei⸗ gen mit einem launigen Lächeln,„um Dich nicht dadurch hinter's Licht führen zu laſſen, daß ich lange Jahre im zweiten Stock dieſes Hauſes ein kleines, beſcheiden möb⸗ lirtes Appartement bewohnt. Ich that das in einem ge⸗ wiß nicht unrichtigen Gefühl und auch gemäß einem Ver⸗ ſprechen, das ich meinem Vater, dem in Gott ruhenden Herrn Duvallet, gegeben und welches darin beſtand, ſo lange als ein beſcheidener Handelsmann zu leben, bis ich Glücksgüter genug erworben hätte, um auftreten zu können mit einem dem Namen der Familie Duvallet zuſtehenden und wohl berechtigten Glanze.“ Er ſchloß die zweite Ledermappe und ſchob ſie leicht vor ſich hin. „Dieſer Augenblick iſt nun gekommen, Victor; ich hätte ihn vielleicht noch eine Zeitlang hinaus geſchoben, aber der Gemüthszuſtand Alicen's verlangt, daß ich ſie in andere Umgebung bringe. Und ſo iſt denn die Firma: Francois Duvallet mit ihren Activen und Paſſiven am heutigen Tage an meinen erſten Buchhalter übergegangen. Daß ich Dich nicht in das Geſchäft hinein zog, darin wirſt Du eine Zart⸗ heit erkennen, die Du mit Deinem feinen Gefühl zu wür⸗ digen verſtehſt, und um Dich von einer Feſſel zu befreien, die Dir peinlich ſein muß, habe ich hier“— er reichte ——— I V b I b I — ——y ſeinem Neffen ein Papier—„die von Deinem ſeligen Vater für nothwendig erachtete und vorgeſchriebene Einwilligung zu Deinem gänzlichen Ausſcheiden aus dem Kaufmanns⸗ ſtande gegeben.— Dich, mein lieber Victor,“— hier klang die ſonſt ſo feſte Stimme des Commerzienrathes etwas bewegt—„Dich treibt es in andere Kreiſe, Dir ſchweben Ideale vor, die nicht mit Strazza und Hauptbuch zu vereini⸗ gen ſind. Du mußt in das Leben hinaus, Dich der Kunſt, die Du nun einmal für Dich erkoren, ganz widmen. Dein Vermögen reicht dazu aus, und wenn nicht,“— jetzt klang ſeine Stimme gerührt—„wirſt Du nicht vergeſſen, Victor, daß Du immer, wenigſtens in einer Beziehung, als der mit Alice gleichberechtigte Sohn des Hauſes betrachtet wirſt.“ Victor machte eine haſtige, abwehrende Bewegung mit der Hand.„Meine Gründe hierzu ſind,“ fuhr der Commer⸗ zienrath ruhig fort,„weil ich Dich gern habe und weil Du der Nachkomme eines Hauſes biſt, dem es die Familie Duvallet verdankt, daß ſie wieder zu Glanz und Chre kam.“ Nachdem er ſo geſprochen, trat der Commerzienrath an das Fenſter, faßte die Hand des jungen Mannes und wandte dieſen ſanft gegen ſich, um ihm in das Auge ſehen zu können. „Victor,“ ſagte er alsdann in feierlichem Tone,„Du biſt alt und verſtändig genug, um Deinen eigenen Weg zu gehen. Aber laß dieſen Weg ſo ſein, daß auch wir uns über denſelben freuen köͤnnen. Es iſt ein altes, wahres Sprichwort: Jugend hat nicht Tugend, und wenn auch letztere einmal im Drange der Leidenſchaft ein wenig ver⸗ nachläſſigt wird, wenn auch hoffentlich nicht ganz verlaſſen, ſo iſt doch etwas Anderes, für was die Jugend ſchwärmen ſoll— die Chre. Und wenn ſie das thut, ſo wird die Tugend nach und nach auch wieder in ihre Rechte eintreten. ——— — — 119— Du haſt einen guten Namen, auf den Deine Eltern und Ureltern ſtolz waren— ſei Du es auch und bewahre ihn ſo unbefleckt, wie ſie ihn Dir hinterlaſſen.— Barring, ein braver Name!“ ſetzte er wie in tiefen Gedanken hinzu, „ich hatte ihn gern, dieſen Namen.— Doch das iſt nun vorüber,“ ſprach er mit der alten Heiterkeit.„So laß uns denn für eine Zeitlang ſcheiden, Victor. Du weißt, ich überlege lange und genau, aber wenn ich einmal über⸗ legt, ſo handle ich raſch.— Wir reiſen morgen.— Wo⸗ hin? das kannſt Du in einiger Zeit auf dem Comptoir er⸗ fahren.“ Victor hatte wie betäubt an dem Fenſter geſtanden; er hatte wohl alle Worte gehört, welche ſein Onkel zu ihm geſprochen, aber ſie waren, ſich in eigenthümliche Bilder verwandelnd, wie in dichtem Nebel vor ihm vorübergezogen. Er ſah weite Fernen vor ſich mit grauem unſicherem Hin⸗ tergrunde, in dem nach und nach Alles verſchwand, an was ſein Herz gehangen, was er geliebt.— Er ſah ſich wie auf einer öden Haide, ein kalter Luftzug wehte ihn an und ließ ihn bis in ſein tiefſtes Innere erſchauern. —„Und Alice?“ rief er plötlich ſchmerzlich aus. „Auch ſie geht fort?— Und ich ſoll ſie nicht wieder ſehen?“ „Später,“ ſagte Herr Duvallet,„gewiß, Victor, ſpä⸗ ter.“ Er legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter. „Laß ihr aber heute ihre Ruhe; nehme nicht Abſchied von ihr. Es iſt das ein eigenthümliches Mädchen,“ ſetzte er traurig lächelnd hinzu;„ſie hat mich gebeten, Dir in ihrem Namen ein freundliches Adieu zu ſagen.— Ja, richtig, ſie hat mir noch etwas für Dich gegeben, das närriſche Kind.“ — Er trat an den Tiſch zurück und überreichte dann Vic⸗ tor einen kleinen Zweig Orangenblüten, wobei er ſagte: „Nimm es nur, das Kind hat es gewiß gut gemeint.“ — —V — — 120— Victor kannte dieſen Zweig, er hatte ihn in ihrer Hand geſehen, als ſie vor Stunden droben ſaß, ſie auf ihrer lichterfüllten Terraſſe, er in tiefem Dunkel ſtehend.— O dieſes Dunkel nahm zu auf eine erſchreckende Weiſe! „Und es iſt Ihnen lieber, wenn ich keinen Abſchied von ihr nehme⸗ 2“ ſagte er nach einer langen Pauſe. „Ich halte das wirklich im Moment für beſſer, Victor,“ erwiederte Herr Duvallet.„Die Zeit ändert Alles.“ „Ja, Alles— Alles.“ „Nach einiger Zeit beſuchſt Du uns, ich hoffe ſehr dar⸗ auf, und da werden wir nach wie vor freundſchaftlich mit einander leben können. Jetzt aber laß mich, ich habe heute noch mancherlei zu ordnen.— Adieu, Victor.“ „Adieu, mein Onkel.“ „Laß bald von Dir hören.“ „O gewiß.— Grüßen Sie mir Alice auf's Herzlichſte. Auch an ſie werde ich nächſtens ein Paar Zeilen ſchreiben.“ „Aber verſtändig.“ „Gewiß 4 Noch einen Augenblick ruhten die Hände Beider in ein⸗ ander, während der Commerzienrath ſeinen Nef effen leicht auf die Wange küßte, worauf er ſich aber ſehr raſch ab⸗ wandte und nach einem Kopfnicken ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit den beiden Ledermappen zuzuwenden ſchien.— Schien, ſagen wir, denn kaum hatte Victor das Gemach verlaſſen, ſo ſah er demſelben mit einem ſchimmernden Blicke nach und ſagte mit eigenthümlich klingender Stimme: „Es iſt doch traurig, daß es ſo hat kommen müſſen. — Nun, Gott wird wiſſen, daß es ſich ſo beſſer für uns ſchickt.“ Der junge Mann war durch das große Comptoir ge⸗ gangen, er hatte dort dem erſten Buchhalter freundlich zu⸗ als wolle er ihm auf dieſe Art ſeine Gratulation genickt, al —¶¶Q˖·ʒᷓyqqn —;— —— — ————— — 121— machen, was derſelbe auch nicht anders aufnahm, denn er beugte ſich ſo tief auf ſeinen Pult herab, daß ſeine Stirne beinahe das Circular berührte, worin er den Geſchäfts⸗ freunden anzeigte, daß er künftig nicht mehr zeichnen werde: Per Procura: Francois Duvallet. Draußen blieb Victor einen Moment ſtehen, machte einen Schritt gegen die Hausthüre, wandte dann aber plötz⸗ lich um und trat in ein kleines Gemach, welches ſich neben der Treppe befand, da er von dort die Stimme der Com⸗ merzienräthin gehört hatte. Hier ſtand denn auch die würdige Dame zwiſchen zwei koloſſalen Haufen aufeinander geſchichteter Leinwand, um— geben von vier weiblichen Dienſtboten, denen ſie Befehle ertheilte, doch nicht mit ihrer gewöhnlichen Klarheit und Schärfe. „Ah, Victor,“ rief ſie aus,„was ſind das für Ge⸗ ſchichten in dem Hauſe!“. „Nun, Tante, ich denke, ſo unangenehme gerade nicht, Sie reiſen und das iſt ſchon lange Ihr ſehnlicher Wunſch geweſen.“. „Ja, allerdings,— aber ſo ſchnell, wie das gekommen iſt! Das iſt's, was mich zur Verzweiflung bringt. Hätte man das ruhig vorher ein halbes Jahr überlegen können und dann—“ „Ein anderes halbes Jahr behaglich einpacken,“ ſagte Victor;„ja, allerdings, liebe Tante, wer ſich in der Welt Alles ſo zurecht legen könnte!“ „Du haſt gut reden; Dein Bedienter packt Dir Deinen einzigen kleinen Koffer mit ſechs Hemden und einem halben Dutzend Schnupftücher—“ „Ja, ja, ſo was.“ „Trägt ihn auf die Eiſenbahn, und Du biſt fertig. Aber wir— Du ſiehſt hier die geplagteſte Frau der gan⸗ —Qͥᷓ́ᷓᷓᷓʒͥᷓʒnõÿý — — 122— zen Welt. Alice unwohl— Apropos, Victor!“ ſprach die gute Frau auf einmal, indem ſich ſtatt des Ausdrucks der Aufregung auf ihrem Geſichte der eines leichten Kummers zeigte,„Du hätteſt das vermeiden ſollen, was wir da ſo unerwartet gehört. Ich habe mir oft ſo was gedacht, aber es doch nicht recht glauben wollen.“ „Laſſen Sie es für heute gut ſein, liebe Tante; es iſt wahrhaftig nicht halb ſo ſchlimm.“ „Sieh, das hab' ich auch geſagt, Victor,“ entgegnete die Commerzienräthin treuherzig;„aber es kam mir gleich ſo vor heute Morgen, als der Kohler die ſchwarze Frau brachte, daß das nichts Gutes zu bedeuten habe.“ „Die ſchwarze Frau hat keine Schuld daran.“ „Das will ich Dir zugeben; aber wenn man Morgens früh Jemand ſo plötzlich im Traueranzuge ſieht, das be⸗ deutet nie etwas Gutes. Und iſt die Vorbedeutung hier nicht eingetroffen? Alice krank, wir ſollen reiſen von heute auf morgen, und deßhalb das Haus in einer Confuſion, wie ich noch nie was erlebt. Und eigentlich, Victor, biſt Du an Allem Schuld,— ja poſitiv an Allem.“ „O liebe Tante, laſſen wir das heute gut ſein.“ „Nein, Victor,'s iſt in der That unrecht von Dir; Du weißt, wie lieb wir Dich Alle gehabt haben. Und nun ſolche Geſchichten! ich kann Dir ſagen, es hat Deinen Onkel ſehr angegriffen.— Und die arme Alice. Dabei will ich es der ſchwarzen Frau wahrhaftig nicht verzeihen, daß ſie ſo herausgeplatzt iſt; das war im höchſten Grade unpaſ⸗ ſend.— Aber nicht wahr, Victor, es war Uebertreibung, was ſie geſagt?— Doch da ſtehe ich und plaudere mit Dir und habe alle Hände voll zu thun, und wenn ich Dich auch fortſchicken muß, ſo würde ich doch lieber mit Dir noch eine halbe Stunde fortplaudern. Ich hätte noch ſo viel auf dem Herzen, Victor.“ — — 123— „Ich auch, Tante.“ Auf dem wohlwollenden Geſichte der guten Frau zuckte es wehmüthig, als ſie nun ihrem Neffen in das Auge blickte, in das Auge, welches, wie ſie ſagte, dem ihrer eige⸗ nen ſeligen Mutter, der Großtante Victor's, ſo ähnlich ſah. Ihr eigenes Auge füllte ſich dabei mit Thränen, und nach⸗ dem ſie ein paarmal ſehr raſch nach einander geathmet, konnte ſie ſich nicht enthalten, ihren Kopf an ſeine Schul⸗ ter zu lehnen und bitterlich zu weinen. „Liebe Tante,“ bat der junge Mann,„beruhigen Sie ſich; Sie werden finden, bald ſehen wir uns heiter und fröhlich wieder.“ „Ja,— ja, das glaube ich auch,“ entgegnete Madame Duvallet,„Du kannſt Dir jedoch denken, wie furchtbar auf⸗ geregt meine Nerven ſind. Aber nicht wahr, Victor,“ ſagte ſie nun und ſah ihn groß an,„Du biſt nicht ſo ſchlimm, wie die ſchwarze Frau behauptet? Ich ſage Dir, das hat die arme Alice entſetzlich angegriffen.— Sie iſt freilich ein dummes Ding, aber was kann ſie dafür? ſie hat einmal ein weiches Herz, ganz das Herz einer Barring, dabei aber viel von dem unbeugſamen Kopfe ihres Vaters. Nun, Gott gebe das Beſte! Hinaufgehen darfſt Du jetzt nicht, Duvallet hat es verboten; aber ich werde Dir bald Nach⸗ richt von uns geben. Ich würde Dir gerne ſagen, wohin wir gehen,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie um ſich blickte,„aber er hat es ſtrengſtens unterſagt. Weißt Du, Victor, droben das Bild über dem Flügel, das alte Schloß, geh' morgen hinauf, wenn wir fort ſind, und ſieh' es Dir genau an, — doch da komme ich wieder in's Plaudern hinein und habe doch ſo entſetzlich viel zu thun.— Nun, ſo geh' denn mit Gott, lieber Victor, und denke freundlich an uns.“ „Und ihr ebenſo an mich. Nicht wahr, liebe Tante? — Auch die gute Alice.“ 1 8 98 — r 4 8* 1— * v* — —— 4 — 8. 8 4 „Mehr als Du verdienſt. Wenn ich nur nicht bei all' Deinen Untugenden eine ſo große Schwäche für Dich hätte! Aber Du verdienſt ſie wahrhaftig nicht.“ „Ich bin gewiß nicht ſo ſchlimm, liebe Tante, als man Ihnen geſagt. Sehen Sie mich zum Abſchied noch einmal freundlich an.“ „Geh, geh!“ rief die Commerzienräthin aus, und auf ihrem guten Geſichte zuckte es wie die Anfänge eines Lächelns.„Geh, geh nur; ich habe wahrhaftig keine Ur⸗ ſache, fröhlich zu ſein. Adieu, Victor, ich will Alice von Dir grüßen.“ Der junge Mann küßte ihr herzlich die Hand, worauf ſie hinter den großen Haufen Wäſche eilte, ſich abwandte und ihre Schürze haſtig an die Augen drückte. Victor verließ das Gemach und gleich darauf das Haus. Er ſchritt träumend durch die Straßen, er ſeufzte zuweilen tief auf; er dachte an ſeine Vergangenheit, an ſeine Zu⸗ kunft, aber weder die eine noch die andere konnte er ſich in recht klaren Bildern vergegenwärtigen. Er mochte auch wohl nicht; er befand ſich in jenem Zuſtande, wo uns ein verworrenes Bild unſerer Verhältniſſe lieber iſt als eine klare Einſicht in dieſelben. Können wir uns doch aus dem erſteren allerlei angenehme, ſchöne Träume entſtehen laſſen, Bild zeigt. während uns die andere ein ſo kaltes, froſtiges, troſtloſes V V V Die fünfte Stunde. n Kurzem hatte der junge Mann ſeine Wohnung erreicht, er ſtieg in tiefe Gedanken verſunken die à Treppen hinauf, ſein Diener ſagte ihm etwas, das er überhörte, ob⸗ gleich er demſelben voll in das Geſicht ſchaute. Er trat in ſein Zimmer, in dasjenige, wo ſein Flügel ſtand, wo auch 1. 29 . L ee — 0 Herr Weller vor einiger Zeit geweſen, wo das Fenſter noch immer offen war, ob⸗ gleich man den verhängnißvollen Strick entfernt hatte. ——— — 2 ——ÿ— —ÿ Victor warf ſeinen Hut auf einen Divan, der ſich an der Thüre befand; er trat einen Augenblick an jenes Fen⸗ ſter und blickte mit verſchränkten Armen in den Garten hinab. Dieſer lag ſtill, ruhig und geheimnißvoll da, wie immer, und doch nicht ſo ganz ruhig. Im nächſten Augen⸗ blicke war es ihm, als vernähme er eine helle Kinderſtimme — ja, und er hatte ſich nicht getäuſcht. Dort an dem Baſſin mit dem Springbrunnen lachte es laut und jubelnd, und als er ſich vorbeugte und ſchärfer hinblickte, glaubte er etwas Helles durch die Büſche ſchlüpfen zu ſehen, er vernahm jetzt auch deutlich lachende Kinderſtimmen und be⸗ merkte gleich darauf eine ſchwarze Geſtalt, die aber nur eine Sekunde ſichtbar war und die zwiſchen dem leuchten⸗ den Grün bei dem im hellen Sonnenlichte glitzernden Waſ⸗ ſerſtrahle völlig geſpenſterhaft erſchien. Der Muſiker wandte ſich von dem Fenſter ab und er⸗ ſchrak faſt, als er in ſein Zimmer hinein blickte, denn jetzt erſt bemerkte er, daß Jemand bewegungslos auf dem Sopha ſaß, Jemand, der ſich auch jetzt noch nicht bewegte, Jemand, der Hände und Arme auf ſeinen Knieen ruhen ließ, deſſen Oberkörper vorn übergebeugt war und deſſen Kopf tief herab hing. Einen Moment betrachtete Victor die regungsloſe Ge⸗ ſtalt mit einem gemiſchten Gefühl des Schreckens und des Erſtaunens; dann als er ſie erkannte, trat er ihr langſam näher, legte ſeine Hand auf die Schulter des Mannes, der dort ſaß, und ſagte: „— Ahl Du biſt es?“ „Ja, ich bin es,“ gab dieſer zur Antwort, ohne indeſſen dabei ſeine Stellung zu verändern; nur nickte er mit dem Kopfe und man vernahm gleich darauf einen tiefen Seuf⸗ zer, der aus ſeiner Bruſt hervorſtieg.—„Ja, ich bin's.“ „So?“ „Ja, ich bin's.“ Victor machte einen Gang durch das Zimmer, und als er auf demſelben wieder in die Nähe ſeines Freundes kam, blieb er vor ihm ſtehen, was dieſen bewog, langſam ſeinen Kopf zu erheben. Hatte das Geſicht des Malers ſchon heute Morgen bleich und verſtört ausgeſehen, ſo bot daſſelbe jetzt einen beinahe erſchreckenden Anblick dar; man hätte ſagen können, ſeine Züge haben im Laufe des Tages um zehn Jahre ge⸗ altert; ſeine Wangen waren eingefallen, ſein ſonſt ſo leb⸗ haftes Auge erloſchen, und um ſeine Lippen zuckte es häufig und unheimlich. Dazu hing ſein Haar wirr um den Kopf, und ſein ſonſt ſo wohl gepflegter Bart war zer⸗ zaust und unordentlich. Er ſah ſeinen Freund mit einem troſtloſen Blicke an, worauf er abermals den Kopf nieder⸗ ſinken laſſen wollte. Doch rief ihm Victor ein lautes Halt! entgegen. „Ich will Dir was ſagen, Ferdinand,“ ſagte er nach einer Pauſe in entſchloſſenem Tone,„Du nimmſt heute ſchon zum zweiten Male Deine Zuflucht zu mir, was mich als Beweis Deines Vertrauens freut; Dir iſt draußen Schreckliches begegnet, wiederholt Schreckliches, was man Deinem Aeußern anſehen kann, ohne gerade ein Hexen⸗ meiſter zu ſein. Ich finde Dich in meiner Wohnung, hier in eine Ecke verkrochen, zuſammengeſunken, mit einem Ge⸗ ſichtsausdrucke, der mich auf die Vermuthung bringen muß, Du ſeiſt auf dem Wege, ein Verzweifelnder oder ein Narr zu werden.— So Schlimmes aber auch geſchehen iſt und geſchehen ſein mag, ſo iſt es, weiß Gott im Himmel, nicht nothwendig, ein ſolches Ziel zu erreichen. Und um das zu vermeiden, laß Dein entſetzliches Hinbrüten, ſprich zu mir, nimm meinen guten Rath, wenn ich Dir einen zu geben vermag, und laß uns hoffend in die Zukunft ſchauen. —— —— . — A — 128— Die Welt iſt groß, und auch wir werden noch einmal froh werden können.“ Der Maler ſchüttelte mit dem Kopfe, dann hob er die⸗ ſen empor, ſtrich mit der Hand die wirren Haare aus der Stirne, und ſagte: „Froh werden? Warum das? Das iſt ja auch gar nicht nothwendig.— Ah! Victor,“ rief er mit gewal⸗ tig ausbrechendem Schmerze, mit einem ſchneidenden Ton des Wehes,„ich habe vorhin Entſetzliches ausgeſtanden, Schlimmeres als geſtern Abend, als heute Morgen, wirklich das Furchtbarſte, trotz der Schläge, die mich heute ſchon betroffen.“ „Ja, ja, Du haſt Dich in ihr getäuſcht,“ erwiederte der Andere, nachdem er eine Zeit lang nachdenkend vor ſich hingeblickt, und ſich für ſeinen Freund erleichtert fühlte, denn die gefürchtete Kataſtrophe ſchien den Ausbrüchen dieſes tiefen Leidens nach glücklich vorübergegangen zu ſein; „es wurde ihr leicht, Dich ziehen zu laſſen, armer Freund, leichter als Du erwartet.“ „So iſt es,“ ſagte der Maler mit dumpfer Stimme. „Und ich war ſchon erſetzt, ehe ſie mich verabſchiedet.“ „Ich glaube, daß ich Dir heute Morgen ſo etwas Aehnliches ſagte, Ferdinand,“ entgegnete Victor. „Ich kann mich nicht erinnern.— Aber dieſer Erſatz — und doch kein Erſatz! das iſt's gerade, was mich toll machen könnte.“ „Man ſagt, ſie habe in der letzten Zeit mit dem Für⸗ ſten D. verkehrt.“ Der Maler hatte abermals den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt und wühlte mit den Fingern in ſeinem Haar, wobei er mit finſteren Blicken vor ſich niederſtarrte. „Bah!“ ſagte er alsdann nach einer Pauſe,„der junge Fürſt iſt ein intereſſanter Mann, ein ſchöner Mann, und — 129— ein ſolches Verhältniß, das ſie angeknüpft, würde mir das Scheiden erleichtert haben.“ „Ja,“ warf Victor dazwiſchen,„aber ohne Dich voll⸗ ſtändig zu heilen. Mag da vorgefallen ſein was will, je ſchrecklicher, je beſſer. Die Zerſtörung Deines gan⸗ zen Weſens könnte mir ein Bürge dafür ſein, daß Du den vergifteten Pfeil vollſtändig aus Deinem Herzen ge⸗ riſſen.“ „Ja— a— a,“ gab der Maler mit einem ſchweren Athemzuge zur Antwort. Dann richtete er ſich auf einmal raſch in die Höhe und verſchränkte haſtig ſeine Arme, indem er ſich raſch in die Kiſſen des Sophas zurücklehnte.— „Nenne mir,“ rief er alsdann aus,„unter den Leuten, die zu jenem Kreiſe, den wir leider tangirt, dieſer ſoge⸗ nannten Geſellſchaft gehören, die langweiligſte, gewöhn⸗ lichſte, geiſtesärmſte, hölzernſte Creatur,— einen Men⸗ ſchen, der, wenn er ſich in unſerem Stande befände, von der ganzen Welt unter die Füße getreten würde, der dort aber etwas gilt, eine Stellung hat, weil er mit ſeinem hochadeligen Wappen ſeine grenzenloſe Dummheit, ſeine unausſtehliche Arroganz verdeckt.“ „Halt ein! halt ein!“ rief Victor.„Du treibſt zu pünktlich Dein Handwerk, Du malſt ein Portrait, das nicht zu verkennen ſein würde, wenn die Aehnlichkeit möglich wäre, Du ſprichſt ja vom Manne der Frau.“ „Von dem ſpreche ich auch.“ „Unmöglich,— eine Ausſöhnung?“ Der Maler nickte mit dem Kopfe. „Eine Ausſöhnung mit ihm, den ſie, wie ſie ſich nie ſcheute, auszuſprechen, mehr als Alles haßt, verachtet— von dem ſie förmlich gekauft wurde.— Das ſind ihre eigenen Ausdrücke. Von dem— von dem— es läßt ſich kein Jota davon wegläugnen.“ Hackländer, Tag und Nacht. II. 9 —j——l — 130— „Eine Comödie!“ rief Victor im Tone des höchſten Er⸗ ſtaunens,„gewiß, eine Comödie.“ Der Andere knirſchte mit den Zähnen laut und vernehm⸗ lich; dann ſagte er ſehr langſam und ausdrucksvoll: „Ja, ein Schauſpiel, bei dem ſich das Haar empor⸗ ſträubte, bei dem ein Zuſchauer, der an dieſem entſetzlichen Weibe gehangen, hätte wahnſinnig werden können.“ „Ah!“ ſprach Victor beſorgt und doch ängſtlich, aber in angenommenem, gleichgültigem Tone.„Wer war da Zuſchauer?“ „Ich! ich!“ rief der Maler, indem er emporſprang,—‚ ich! Fluch des entſetzlichen Augenblicks! Fluch über meine Schwäche! Fluch über Alles, was ich gethan, ja über mich ſelber!“ Er eilte raſch durch das Zimmer, und indem er die rechte Hand heftig vor die Stirne preßte, ſchüttelte er mit dem Kopfe, als wolle er Bilder gewaltſam zerſtö⸗ ren, die in ſeinem Gehirne aufſtiegen.—„Und doch,“ ſagte er dann, indem er mit einem Male vor Victor ſtehen blieb,„dringt zuweilen ein, wenn auch nur ſchwacher Klang der Beruhigung durch die wilden Stimmen der Verzweif⸗ lung, die mein Herz verhöhnen und zerreißen,— und doch iſt mir oft, als ſchöben ſich die finſteren, drohenden Wolken, die bis jetzt meinen Himmel bildeten, und die nur zuweilen von einem zuckenden Blitzſtrahl zerriſſen wurden, der mir ihr Bild im verheerenden Feuer gezeigt, langſam ausein⸗ ander, und als zeige ſich hie und da tröſtend eine lichtere Stelle, wie eine Verheißung auf ein kleines Stückchen blauen Himmels, das noch einmal über mir ſtrahlen ſoll. Iſt mir doch zu Muthe, wie einem, der in Fieberträumen befangen war, oder der in den Feſſeln des Wahnſinns lag, und auf den nun mit einem Male ein Strahl ſcharfen, ſchmerzenden Lichtes, ein Vorbote der Geneſung, oder der wiederkehrenden Vernunft glänzt.“ — ———— — 131— „Und es iſt ſo, Ferdinand,“ ſagte der Muſiker mit be⸗ wegter Stimme, wobei er ſeinem Freunde näher trat und deſſen Hand ergriff.„Wenn auch Dein Schmerz tief und gewaltig war, ſo hat er doch dafür Dein ganzes Weſen heilſam erſchüttert und wird es klären, wie auch ein ſchwe⸗ res Gewitter die Luft bewegt und reinigt. Danke Deinem gütigen Geſchick, daß ſich Deine finſteren Wolken zu ver⸗ ziehen ſcheinen, daß Dich kein verzehrender Blitzſtrahl traf, ſo Deine Rückkehr verhindernd.“ Der Andere ſeufzte tief auf, er hielt ſeine Augen mit der Hand bedeckt, und ſprach, ohne ſeinen Freund anzuſchauen: „Und kommt dieſe Rückkehr nicht viel zu ſpät? hat mich nicht ſchon ein vernichtender Blitzſtrahl getroffen? Stehe ich nicht da wie ein Abgebrannter, dem von einem wohnlichen, freundlichen Hauſe, dem von einer blühenden Familie, von einer armen, bekümmerten, unglücklichen Frau, von lieben, lieben Kindern nichts übrig geblieben iſt, als die ſchreckliche Erinnerung an das tiefe Leid, das er ihnen zugefügt?— O Victor, ich fühle mich entſetzlich elend. Sie, die mir angehörten, die mein waren, ſind von mir gewichen, und da ich nun aus dem Zauberbanne jener ſchrecklich ſchönen Frau getreten bin, ſo durchſchauert es mich un⸗ heimlich, ich fühle mich wie ſchwebend zwiſchen Himmel und Erde, ich bin ſo namenlos elend und verlaſſen! Es iſt Alles, Alles verloren!“ „Glaube das nicht,“ gab ihm Victor mit dem herzlich⸗ ſten Tone zur Antwort,„ſuche feſten Fuß zu faſſen, es wird Dir nicht an einem ſicheren Grunde fehlen. Erlange Dein Gleichgewicht wieder, indem Du Dich hüteſt, rück⸗ wärts zu ſchauen, wo noch um die Zacken maleriſch ge⸗ formter Berge mit ihren verführeriſchen Thälern, mit ihrer lockenden Einſamkeit das abziehende Gewitter ſchwebt, im⸗ mer noch prächtig anzuſehen mit ſeinen wilden Wolken⸗ — 132— maſſen, mit ſeinen leuchtenden Blitzen, die Dich glücklicher Weiſe nur geſtreift, nicht niedergeſchmettert; laß Dir den dumpf rollenden Donner eine Warnung ſein für die Zu⸗ kunft; laß hinter Dir jene ſchrecklich ſchöne Nacht, blicke hinaus in den vollen, glänzenden Tag;— blicke forſchend hinaus. Wenn auch jetzt noch Nebel die Ausſicht verhüllen, glaube mir, wenn Du muthig vorwärts ſtrebſt, ſo werden dieſe Nebel allmälig ſchwinden, ſchöne Fluren werden ſich vor unſerem Blicke enthüllen, eine lachende Gegend mit friedlichen, kleinen Dörfern, mit ſchattigen Wäldern, wo an ſtillen Seen, an murmelndem Waſſer gewaltige Schlöſſer liegen, an deren verſchloſſenem Thor wir anklopfen wer⸗ den, wir, zwei müde Wanderer, und wo wir am Ende wieder finden, was wir ſehnſuchtsvoll ſuchen.“ „Verſtehe ich Dich recht?— Glaubſt Du wirklich, daß für mich ein Wiederfinden möglich iſt?“ „Gewiß, Ferdinand.— Dein Suchen wird nicht ver⸗ geblich ſein.“ „Du betonſt das: Dein ſo eigenthümlich und ſcharf, — doch natürlich! Was hätteſt Du auch in der Ferne zu ſuchen, da Du bereits Alles in der Nähe gefunden, was Dein Herz begehrt.“ „Hätte finden können,“ entgegnete der junge Muſiker traurig.„Ja, Du haſt Recht: ich hätte nur mein Herz, das oft mahnend geklopft, ſprechen laſſen ſollen. Aber ich achtete nicht der wunderbaren Roſenknoſpe, die ſich ſo lieb⸗ lich duftend neben mir entfaltete— es ging mir wie Dir, ich umflatterte ein glänzendes Licht, das mich verſengen mußte, ſo wie ich es erreicht. Ich bin mit Dir im gleichen Falle.“ „Du?“ erwiederte der Andere ungläubig lächelnd,„Du, frei und unabhängig?“ „Das hatte ich auch von mir geglaubt, und habe ein — 133— Band, das mich ſüß feſſeln konnte, dann erſt bemerkt, als ich es gewaltſam zerriſſen.— Und es iſt zerriſſen, ich bin frei, heimatlos wie Du, und bereit mit Dir in die Welt hinaus zu ziehen. Nicht bildlich geſprochen, ſondern es iſt ernſtlich gemeint,“ fuhr er beſtimmt fort, als er ſah, wie ihn ſein Freund ungläubig betrachtete.„Weißt Du noch, Ferdinand, wie wir vor Jahren einmal, ein Paar friſche, muthige Knaben, allerdings mit Bewilligung der Eltern, die Mauern der Stadt hinter uns ließen, um gleich zwei irrenden Rittern — das wollten wir ſein— auf Abenteuer auszuziehen? Erinnerſt Du Dich noch jener glücklichen, zufriedenen Tage?“ „Ob ich mich ihrer erinnere,“ erwiederte der Maler träumeriſch.„Wie wir dahin zogen durch Feld und Wald, Abenteuer ſuchend und findend.“ „Nun denn,“ ſagte Victor in entſchloſſenem Tone,„wir wollen jene Zeit wiederholen, wir wollen hinter uns laſſen die Erinnerung an eine trübe Vergangenheit, wir wollen ſuchen— vielleicht finden.“ Der Maler betrachtete forſchend ſeinen Freund, dann verſetzte er mit leuchtendem Blicke: „Ja, laß uns ein neues Leben beginnen; ich folge Deiner Leitung, Victor. Du weißt von dem, was mir heilſam iſt, was mir allein wieder zum Glücke verhelfen kann, mehr als Du mir im gegenwärtigen Augenblicke ſagen willſt. Davon bin ich überzeugt und deßhalb folge ich Dir.— Du wirſt mich zum Wiederfinden führen— gib mir eine ſchwache Hoffnung. Der Muſiker war gegen das Fenſter geſchritten und blickte abermals in den Garten hinab: ſeine Augen ſuchten jene Stelle, wo er vorhin geglaubt hatte eine ſchwarze Geſtalt zu ſehen. Doch jetzt bemerkte er ſie nicht mehr, wohl aber war es ihm, als höre er entfernt den Klang der fröhlich lachenden Kinderſtimmen. Sein Freund war — 134— neben ihn getreten und hatte ſeine Frage dringend wieder⸗ holt, worauf Victor nach einer Pauſe zur Antwort gab: „Wenn es Dir gelingt, die finſtere Vergangenheit nach und nach, aber vollſtändig, aus Deiner Erinnerung auszulöſchen, ſo glaube ich wohl, daß ich Dir einige Hoffnung zu geben vermag.“ Der Maler hatte ſich neben ſeinen Freund an die Ein⸗ rahmung des Fenſters gelehnt, ſein Auge vertiefte ſich eben⸗ falls in das Grün der Bäume und Büſche da unten, und er ſagte, bewegt von einem ſchmerzlich ſüßen Gefühl, von einem Gefühl, das ihn erfaßte, wenn er Monate überſprin⸗ gend an vergangene Tage dachte: „Ja, ja, ich fühle es, der Schlag, der mich vorhin ge⸗ troffen, hat mich wohlthätig heilſam erſchüttert. Du weißt wohl, wie man von jenen Verzauberten erzählt, welche der Klang des erſten Glockentones nach Mitternacht auf einmal von ihren Zauberbanden erlöst. So iſt mir jetzt zu Muthe,“ fuhr er tief aufathmend fort;„führe mich, Vic⸗ tor, Du thuſt ein unausſprechlich gutes Werk. O wie ich jetzt plötzlich ſo lieb und deutlich die Züge meiner Kinder vor mir zu ſehen glaube! o wie ich ihre friſchen Stimmen zu hören meine!“ Victor, der in den Garten hinausſchaute, hörte wieder⸗ holt das herzliche Lachen von vorhin. Der Andere vernahm nichts davon, denn er wandte ſich gerade in das Zimmer hinein, faltete ſeine Hände und ſprach zu ſich ſelber in herz⸗ lichem, bittendem, beſchwörendem Tone: „Mein armes Weib— Thereſe, meine Thereſe!“ O wenn er dieſen Namen doch laut hinaus gerufen hätte, laut— ſehr laut! Herr Kohler hatte ſeinen Freund verlaſſen, wie der geneigte Leſer bereits weiß, in dem großen Augenblick, als dieſer ſein ——-————— —— ſſſ —-— 135— zerfetztes Beinkleid mit einem andern vertauſchte. Dann war er glühend in ſeiner allbekannten Menſchenliebe zu Stadtrath Scheidel's geeilt, wo er gerade zum Nachmittags⸗Kaffee kam, nicht zu einem oſtenſiblen Kaffee, wo das feine Damaſtge⸗ deck und die vergoldete Kanne aufgeſetzt wurden, wo Körbe voll Backwerk zum Genuß einluden, wo Mutter und Toch⸗ ter in ihrem großen Putze ſo unbefangen da ſaßen, als gingen ſie mit demſelben zu Bette und ſtünden ebenſo be⸗ kleidet wieder auf— nein, es war der Familien⸗Kaffee, wo eine alte zerbrochene Kaffeekanne eine aufgewärmte braune, ziemlich geſchmackloſe Brühe enthielt, wo bläuliche Milch in einem irdenen Topfe aufgetragen wurde, wo das gewöhn⸗ liche Hausbrod ohne beſondere Unterlage auf dem Tiſche lag und wobei ſich Madame Scheidel und Friederike Feder⸗ bach befanden, beide noch ſehr mangelhaft friſirt, da noch keine Veranlaſſung geweſen war, ſich feſtlicher und ſorgfäl⸗ tiger zu kleiden, und da die Hitze, namentlich jetzt in den NRachmittagsſtunden, ſo niederdrückend erſchien, daß man, wie die Stadträthin ſagte, lieber gar nicht hätte angezogen ſein mögen. Die Läden der Fenſter waren bis auf kleine Spalten geſchloſſen; durch dieſe Spalten aber drang das Sonnenlicht herein, bildete lange glänzende Streifen, in denen ſich die zahlreichen Fliegen gütlich thaten und in deren Schein, wenigſtens im Scheine von einer derſelben, Friederike Federbach ſaß, deren poetiſchem Gemüthe die Dunkelheit zu⸗ wider war, und die es nicht ertragen konnte, wenn ſie nicht von einem Schimmer des göttlichen Lichtes berührt wurde. Der Stadtrath hatte ſeine Pfeife geraucht und war dann ſeinen Geſchäften nachgegangen, ſo daß nun die bei⸗ den Damen allein blieben, denn der junge Eduard pflegte zu dem aufgewärmten Nachmittagsgetränke nicht zu erſchei⸗ nen und nahm ſeinen Kaffee mit Alters⸗ und Standesge⸗ noſſen im Kaffeehauſe. — 1 N* —— 1 —— — 136— Hier nun erſchien Herr Kohler, ſchwitzend vor Aufre⸗ gung und Geſchäftseifer, denn es ſei ferne von uns, dieſen geplagten Mann verdächtigen zu wollen, indem wir ſagten: er ſei auf geradem und directem Wege hieher gekommen. — O nein, er hatte ſich unter Weges über Nachmittags⸗ beſuche von ein Paar Schulen zu unterrichten, mußte unter Anderem auch ungebührlich lange an einer Straßenecke warten, wo die Omnibuſſe der größeren Gaſthöfe von der Eiſenbahn heimkehrend vorüber kamen, um ſo durch die Menge und Form des Gepäcks auf die Zahl, Verhältniſſe und Nationalität der verſchiedenen Reiſenden ſchließen zu können. Dann hatte er auch noch höchſt nothwendiger Weiſe ein großes Bauweſen zu inſpiciren gehabt, wo das Geſimſe aus mächtigen Quadern beſtand und wo er es für unverantwortlich gehalten hätte, ſich nicht täglich an Ort und Stelle zu erkundigen, ob das Hinaufwinden der Steine gut von Statten gegangen, und ob nicht irgendwo ein kleines Malheur geſchehen ſei. Daß Herr Kohler nach allem dieſem Rennen und Laufen und bei einer Hitze von 22 Grad Reaumur ſehr echauffirt bei der Stadträthin ankam, bedarf kaum der Erwähnung. Da er hier auch ſehr bekannt und wohl gelitten war, ſo⸗ konnte er ſich ſchon erlauben, ſich in einen Stuhl nieder⸗ fallen zu laſſen, um ſich mit ſeinem Schnupftuche Kühlung zuzufächeln, ehe er ſich nach dem Befinden der beiden Da⸗ men erkundigte. Dies geſchah aber natürlicher Weiſe dennoch und da erfuhr er, daß ſich Madame Scheidel„ſo, ſo“ befinde, wo⸗ gegen ihm Friederike Federbach einen lang gezogenen Seuf⸗ zer zur Antwort gab, den er ſich ſelbſt überſetzen mochte. Es ſei nun ferne von uns, den geneigten Leſer, dem wir ſchon manche ſchöne Stunde geraubt, noch damit lang⸗ weilen zu wollen, daß wir ihm ausführlich erzählen, auf — 137— welche wirklich taktvolle und geſchickte Art Herr Kohler über das Abenteuer ſeines Freundes Weller berichtete, wie er die That deſſelben als eine wirklich famoſe That darſtellte, deren Beweggründe die gleichen waren, wie die der alten biderben Ritter: allgemeine Menſchenliebe und der Wunſch, ihrer Dame zu gefallen, Drachen zu bekämpfen und zu erkämpfen.— Mochte nun die klare und ungeſchminkte Rede des ehe⸗ maligen Maklers auf das Herz der ältlichen Jungfrau ihm gegenüber wirklich einen Eindruck gemacht haben, oder mochte dieſelbe von der Mutter Wort erſchüttert ſein, ein Wort, das, durch irgend eine Veranlaſſung hervorgerufen, vor dem Kaffee ausgeſprochen wurde und die Tochter mit dem Prädikate einer unerhörten Gans belegte, da ſie ſo blind ſei und nicht einſehen wolle, wie in der jetzigen männer⸗ armen Zeit— genau der Ausdruckzg der Stadträthin— Herr Weller für eine ausgezeichnete Partie gelten müſſe, — genug, ſie blickte zur Fenſterſpalte hinauf an den blauen Himmel, wobei ihre Augen vergnüglich zwinkerten, ſie ſeufzte wieder, aber in einer ganz anderen Tonart; ſie nannte Herrn Weller einen vortrefflichen Herrn Weller; ſie erlaubte ſich endlich die ſchüchterne Frage, ob Herr Kohler wohl überzeugt ſei, daß ſein Freund, als er ſich in jene ungeheure Gefahr gewagt, wohl ihr Bild in ſeinem Herzen getragen habe. Was Herr Kohler darauf zur Antwort gab, können wir uns denken, und auch, daß hierauf die ganze Sache, welche als eine Art Freiwerberei betrachtet werden konnte, ihren gehörigen und glücklichen Fortgang nahm. Wir entnehmen dies auch aus einer ſchließlichen Aeußerung der Stadträthin, als Herr Kohler ſchon fortgegangen war, die ſie ihrer Tochter gegenüber that und die ungefähr lautete: daß es ein wahrer Segen ſei, wenn der Menſch nur end⸗ lich einmal anfange vernünftig zu werden. — — 138— Wäre unſere neue unbedeutende, obgleich ſehr wahre Geſchichte ein altes bedeutendes aber unwahres griechiſches Heldengedicht, ſo würden wir jetzt zu berichten haben, daß ſich nun auf des Olympos Höhen, wo die Götter in ewiger Klar⸗ heit thronen, der boshafte Amor vor Lachen ſeinen kleinen Bauch hielt, während Hymen mit ſeinem ſehr verdrießlichen Geſichte den Reſt einer alten, ſchon oft gebrauchten Hoch⸗ zeitsfackel anzündete. Herr Kohler aber eilte von dannen, erhoben, beſeligt durch das Bewußtſein, ein gutes Werk gethan zu haben, und begab ſich, einigermaßen vor Hitze keuchend, nach ſeiner Wohnung. Die ſechste Htunde. — Je W, Eüridün 7 b 3 6 8 V 3 8 17 1 n den Zimmern des Herrn * Kohler war es ſo ruhig 5 und ſtill, ſo ſchattig und M kühl, daß ſich der vielge⸗ 4 2½ S PG plagte Bewohner derſelben Eläiilla ſeufzend darin umſchaute. — G Wie ſtand dort in der Ecke 4 4 4* der große lederne Lehn⸗ B— ſeſſel ſo einlabend und ſeine weichen Arme weit 1S A, geöffnet, als wolle er ſagen: ei ſo komm ddoch! Wie lehnte in demſelben ſo verfüh⸗ reriſch anzuſehen die lange, ſchon geſtopfte“ Pfeife, die gewöhnlich Abends noch geraucht — ᷣ———— — 140— wurde, ehe ſich Herr Kohler, ermüdet von des Tages Laſt und Hitze, zu Bette begab. Welch' eine Wonne, jetzt ausnahmsweiſe hier einmal zu ſchwelgen in ſüßer Rühe und Tabaksduft, in dem küh⸗ len behaglichen Winkel, ſich doppelt glücklich fühlend in dem Gedanken an die brennende Sonne draußen auf dem glühenden Pflaſter. Doch nein, Herr Kohler konnte ſich dieſe Ruhe nicht gönnen, am allerwenigſten im gegenwärtigen Augenblicke. Wir müſſen geſtehen, daß er einen faſt ſchmerzlichen Blick auf die Uhr warf; doch wurde, als er dort den Zeiger zwi⸗ ſchen fünf und ſechs bemerkte, das Bewußtſein ſeiner Pflich⸗ ten ſo mächtig in ihm rege, daß er faſt mit Verachtung auf Lehnſeſſel und Pfeife blickte. Er änderte etwas ſehr Nothwendiges an ſeiner Kleidung; dann ließ er ſtolz in dem Gefühle, eine kleine Schwäche überwunden zu haben, die ihn angewandelt, ſeine freundlichen, ſchattigen Zimmer hinter ſich und betrat frohen Muthes abermals die bren⸗ nend heißen Straßen. Hätte der ehemalige Makler einmal beim Vormittags⸗ ſchnellzug an der Eiſenbahn gefehlt, es würde ihm das ein bitteres Gefühl verurſacht haben, aber er hätte ſich am Ende dieſe Nachläſſigkeit verziehen. Würde er eine der Hauptſchulen zur Zeit des Anſangs des Unterrichtes nicht mit ſeiner Gegenwart beglückt haben,— ein nur halbwegs triftiger Abhaltungsgrund hätte ihn beruhigt. Wäre die Wachparade auch einmal ohne ihn nach dem Schloſſe marſchirt, er hätte ſich daraus am allerwenigſten etwas gemacht, denn hier war Pflicht und Vergnügen ge⸗ miſcht, und wenn er ſich das Letztere entzog, ſo konnte er es vor ſich ſelbſt verantworten, daß der Erſteren nicht vollkommen Genüge geſchehen. Aber die fünfte Stunde war die wichtigſte für Herrn — 141— Kohler's vielſeitige Thätigkeit. Da gingen draußen auf der Eiſenbahn drei Schnellzüge mit oder als Anſchluß an durch⸗ gehende Hauptzüge nach allen Richtungen ab, weßhalb na⸗ türlicher Weiſe um dieſe Zeit auch ebenſoviele Züge an⸗ kamen. Welch' ein Feld für Herrn Kohler's Geſchäftigkeit! Wie thätig konnte er nicht dabei ſein, wie nützlich ſich der Menſchheit erweiſen. Wenn man ihn da ſtehen ſah, bei Ankunft irgend eines Hauptzuges— er hatte ſich durch ſeine unermüdliche Ausdauer ſtillſchweigend das Recht er⸗ worben, vor allen Wartenden den inneren Bahnhof zu be⸗ treten— wenn er wie geſagt ſo daſtand, häufig mit dem Hut in der Hand, freundlich lächelnd, aufmerkſam all die Geſichter betrachtend, die ſich an die Wagenfenſter drängten, um den harrenden Verwandten ſogleich begrüßen zu können, ihm herzlich zuzunicken, ſo war Herr Kohler, der nie einen ſolchen Gruß unerwiedert ließ, ſchon oft für den unbekannten Vetter Müller oder Onkel Fiſcher gehalten worden, der daſtand, die angekommenen, ſehnſüchtig er⸗ warteten Verwandten in Empfang zu nehmen. Auch wenn ſich ein ſolcher Irrthum aufklärte, wenn Herr Kohler ein Paar heranſtürzenden jungen Damen recht bedauernd aber auf's Liebreichſte verſicherte, er ſei nicht der Vetter Müller oder Onkel Fiſcher, ſo konnte ihm doch Niemand gram ſein, ſelbſt nicht im Gefühle getäuſchter Er⸗ wartung; denn er wußte ſich ſo verbindlich den näher be⸗ zeichnenden Vornamen von Müller oder Fiſcher auszubitten, er wußte dann regelmäßig ſo genau Beſcheid, daß er den neugierig Fragenden nicht nur Straße und Hausnummer angeben konnte, ſondern auch gewöhnlich mit den Ver⸗ hältniſſen des Hauſes ſo bekannt war, um ihnen ſagen zu können, ob Tante Rickele angekommen ſei oder Vetter Joſeph ſchon abgereist. —- 142— Den reiſenden Engländern ging Herr Kohler hartnäckig aus dem Wege. Zuerſt hatte er auch die Angehörigen dieſer Nation mit ſeiner allgewaltigen Liebe umfaßt, bei ihnen aber barſches, abſtoßendes Weſen gefunden und ſogar ſchon ausgeſprochene Grobheiten dafür in Empfang genommen; ja es war ihm begegnet, daß ihm ein langes, dürres Exemplar dieſer Inſulaner ſtillſchweigend ſeinen Nachtſack übergeben, um ihn zu halten, während er ſeinen Gepäck⸗ coupon hervorſuchte. Im Allgemeinen liebte es Herr Kohler, ſich auf dem Gepäckbureau nützlich zu machen. Wie oft hatte er hier ſchon Differenzen zwiſchen Paſſagieren und Beamten ge⸗ ſchlichtet, wie oft ſchon den Bahnhof⸗Inſpector vermocht, nach irgend einem verloren gegangenen Koffer zurück tele⸗ graphiren zu laſſen! So ſah man ihn in der Einſteighalle hin⸗ und hereilen, emſiger und gewiſſenhafter als die Beamten ſelbſt nach noch leeren Plätzen in den Coupé's ſpähend oder nach einer nicht ſorgfältig geſchloſſenen Thüre. Dieſe aber, denen er ſchon häufig genützt, betrachteten ihn faſt wie Ihresgleichen und freuten ſich über die Gewiſſenhaftigkeit, mit der er einen vollen Wagen durch einen weiteren Paſſagier überfüllte. Die Letztern dagegen hielten ihn in ſeinem immer höchſt an⸗ ſtändigen Anzuge für einen höheren Eiſenbahnbedienſteten in Civil und vertrauten ihm häufig ihre kleineren oder größeren Klagen, worauf Herr Kohler mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Stange ſeiner Brille an⸗ faßte, die blauen Gläſer näher an die Augen ſchob und mit ſehr würdigem Geſichtsausdruck ſagte: Im Augenblicke laſſe ſich in dieſen leider vielleicht gerechten Klagen keine Ab⸗ hilfe treffen, man werde aber die Sache beſtens vormerken, man werde ihr auf die Spur zu kommen ſuchen und man werde gewiß eine Abänderung treffen, daß man zufrieden —— —— 82 8—— —— — 143— ſein könne. Darauf verbeugte man ſich höflich vor einan⸗ der, Herr Kohler ſpitzte ſüß lächelnd ſeinen Mund und der Paſſagier verſicherte ſeinen Mitreiſenden, er habe da einmal einen ſehr höflichen Eiſenbahnbeamten getroffen. Für die Freunde des Herrn Kohler, welche reisten oder ankamen, war die Anweſenheit deſſelben hier auf dem Bahn⸗ hofe von dem allergrößten Nutzen, ja man verließ ſich förmlich auf ihn und konnte ſeinen Bekannten zum Beiſpiel bei der Abfahrt ſagen:„Nun ja, ich will mir's noch über⸗ legen und laſſe Dir durch Kohler eine Antwort ſagen,“ oder: „ich ſchreibe im Warteſaal zwei Zeilen, Kohler wird ſie Dir bringen.“ Und das that denn auch Kohler mit einer Pünktlichkeit, mit einer Gewiſſenhaftigkeit, die rührend war; er übernahm Briefe, Aufträge und Grüße an Verwandte und Bekannte, er berichtete den ankommenden Freunden über den Stand ihrer Familienangelegenheiten, er rief die Droſchke Numero Vier oder Sechs, die noch keine Ladung hatte, er beſorgte das Gepäck, wenn der Ankommende eilig noch Jemanden ſprechen wollte oder ſonſt ein dringendes Be⸗ dürfniß hatte,— Kohler war bald hier, bald da, man ſah Kohler vorn und hinten am Zuge; Kohler ſchien ſich vervielfältigen zu können, und wenn Kohler hier einem Ab⸗ reiſenden warm die Hand gedrückt, ſo reichte er einem An⸗ kommenden faſt im gleichen Augenblick ſeine Rechte und hatte dabei noch Zeit übrig, einen Gepäckträger zurecht zu weiſen, der die Unverſchämtheit hatte, von einem Fremden einen Gulden zu verlangen, wo er nur dreißig Kreuzer an⸗ ſprechen konnte. Mit einem Worte: Kohler war überall. So erblicken wir ihn denn auch an dem heutigen denk⸗ würdigen Tage draußen auf der Eiſenbahn, bemerken wie er zuerſt durch die Warteſäle geht, um zu ſehen, ob dort Alles in Ordnung iſt, ob die Fenſter nach Vorſchrift ge⸗ — 144— öffnet ſind, ob ſich in den Karaffen auf den Tiſchen friſches Waſſer befindet. Einen Augenblick bleibt er in Gedanken verſunken an der Eingangsthüre ſtehen, ſchaut hinter die⸗ ſelbe und malt ſich in ſeiner Phantaſie den Platz aus, wie er heute Morgen beim Frühzug geweſen. Dort hatte ſie geſeſſen, die ſchwarzgekleidete Wittwe mit ihrem ernſten, ſchönen Geſichte, hier hatte ſie mit ihm geſprochen, von hier hatte er ſie weggeführt, an die Droſchke Numero ſechzehn— o Gott! hier hatte er leider viel zu tief in ihr dunkles Auge geſehen. Wie ſtimmte ihn dieſe Erinnerung faſt wehmüthig, wenn er an die Scenen im Molitor'ſchen Hauſe dachte. Welche Wahrheit liegt doch in dem alten Sprüchworte: die Stunden folgen einander, aber ſie glei⸗ chen ſich nicht. Er wendet ſich ſeufzend ab und dann ſehen wir ihn an das große Buffet treten, wo der dienſtthuende Kellner ſeinen ſcharfen Blick fürchtet und allzu alte Butter⸗ brode und allzu beſtaubte Stücke Kuchen, die von vergan⸗ gener Woche übrig geblieben ſind, eilfertig auf die Seite ſchiebt. Auf allenfallſige Schreibfehler in der Speiſekarte, das heißt, wenn irgend eine Portion Braten plötzlich um ſo und ſo viel höher notirt erſcheint, deutet Herr Kohler ſtillſchweigend mit dem Finger, und der Kellner beeilt ſich in den meiſten Fällen, die Zahl zu ändern, um nicht eine kräftige Rüge von der Eiſenbahnverwaltung zu erhalten. Hat ſich nun nebenbei der ehemalige Makler unter den Paſſagieren umgeſchaut, ob ſich nicht unter denſelben eine verlaſſene Wittwe oder hilfsbedürftige Jungfrau befinde, deren beredter Blick ihm deutlich ſagt, eine Anſprache mit Hilfeleiſtung verbunden werde ſehr erwünſcht ſein,— hat er ſtillſchweigend einen Paſſagier, der mit der brennenden Cigarre in den Warteſaal zweiter Claſſe tritt, auf das Plakat an der Wand aufmerkſam gemacht, das uns in drei Sprachen ſagt: Hier darf nicht geraucht werden, hat er K——9— ͤ —Q——Q—O··Q—QCQ—Q—C—C—ꝛñꝰ–L&c—— nebenbei noch einige Kinder, die gar zu viel Lärmen machen, mit einem ſehr ernſten Geſicht zur Ruhe verwieſen— hat er alles das gethan, ſo begibt er ſich nach der Einſteighalle, deren Thüre ihm der Portier ohne Weiteres aufſchließt. Hier ſchüttelt Herr Kohler dem Bahnhof⸗Inſpector die Hand, nickt ein Paar andern Beamten freundlich zu, klopft an das Fenſter der Telegraphiſten und grüßt dieſe, wenn ſie von ihrer Arbeit aufſehen, wohlwollend aber discret, und dann erſt findet er Zeit, auszuſchauen, ob an der großen Stange am Eingange des Bahnhofes der rothe Ballon noch nicht aufgezogen ſei, welcher anzeigt, daß ſich der Zug nahe. Jetzt klettert dieſer rothe Ballon langſam in die Höhe — noch eine kleine Weile und man ſieht, wie bei den Gipfeln der grünen Gebüſche, welche die Bahn dem Auge verdecken, dort bei dem Thaleinſchnitt weißer Dampf ſtoß⸗ weiſe aufſteigt. Jetzt pfeift die Locomotive, an den Fen⸗ ſterſcheiben der Warteſäle erblickt man viele ängſtliche erwar⸗ tungsvolle Geſichter, und als die Thüren endlich geöffnet werden, ſtrömt Alles mit ſolcher Haſt heraus, daß ſelbſt Kohler, der doch ziemlich feſt auf ſeinen Beinen ſteht, ſchon oft in Gefahr gekommen iſt, mit fortgeriſſen zu werden. Der Zug, der eben ankam, hat hier einen Aufenthalt von einer halben Stunde. Es werden Wagen angehängt, noch ein Coupé erſter Claſſe, ferner ein Laſtwagen, auf welchem eine herrſchaftliche Equipage ſteht. Es iſt dies eine große vierſitzige Reiſekaleſche mit einem adeligen Wappen. Wäh⸗ rend dieſelbe auf ihrem Untergeſtell angeſtoßen wird, iſt ein Bedienter beſchäftigt, die zahlreichen Koffer aller Art nach⸗ zuſehen, ob ſie an dem Wagen gehörig befeſtigt ſind. Wer kann der Beſitzer dieſer Kaleſche ſein? Herr Kohler betrachtet das Wappen genau, ohne ſich aber der Familie, der es angehört, erinnern zu können, weßhalb er beſchließt, Hackländer, Tag und Nacht. II. 10 7 *. 8 7 dieſen Theil des Zuges, namentlich aber das neu hinzuge⸗ kommene Coupe erſter Claſſe, zu welchem der herrſchaftliche Wagen zu gehören ſcheint, nicht aus den Augen zu ver⸗ lieren. Inzwiſchen bietet der Bahnhof das geräuſchvolle Bild, das der geneigte Leſer gewiß ſchon oft geſehen,— eine halbe Stunde Aufenthalt, die aber meiſtens wegen zu ſpäten Ankommens zu einer Viertelſtunde verkürzt wird, in welcher aber alsdann ſchon wieder nach ruhig abgelaufenen fünf Minuten die lärmende Glocke das erſte Zeichen zum Ein⸗ ſteigen gibt, wornach uns vor Aufregung und Angſt jed r Biſſen im Munde aufquillt, und ehe wir noch mit der Hälft der vor uns ſtehenden Portion fertig ſind, gellt uns ſchon drohend das zweite Zeichen in die Ohren. Dies iſt der Moment der allergrößten Confuſion auf dem Bahnhofe. Paſſagiere, alle Hände voll, kauend, ge⸗ ſticulirend, rufend, Beamte mit dem gewiſſen, unausſteh⸗ C.* lichen Achſelzucken, wenn ſie gefragt werden, große Karren voll gewichtiger Bagageſtücke, dröhnend auf dem Pflaſter, — Alles durcheinander, dazwiſchen zuweilen ein Pfiff der Locomotive, welche die Kraft ihrer Lunge probiren zu wol⸗ len ſcheint,— das Rufen und Winken der Paſſagiere, der Lärm der Glocke, welche das dritte Zeichen mit verdoppel⸗ ter Kraft gibt, das Schreien der Conducteure, die zum Einſteigen drängen,— Alles das bildet ein ſolch' tolles Chaos, daß man mit zugehaltenen Ohren davon laufen möchte. Nicht ſo Herr Kohler. Wie das Getöſe der Schlacht dem Feldherrn angenehm iſt und ſeine Bruſt erweitert, ebenſo wohlthuend wirkt dieſer entſetzliche Spektakel auf die Nerven des Maklers. Ja, er fühlte ſich in ſolchen Augen⸗ blicken ſo erhoben, daß er ruhig, faſt theilnahmlos in die⸗ ſem Strudel ſtand, daß er, wenn all' ſeine Geſchäfte pünkt⸗ —-— 147— lich beſorgt waren, hier zurückblieb, ein Fels im Meere, an dem die wogende Flut unaufhörlich vorüber gepeitſcht wird. So ſtand er an dem oben erwähnten Coupé erſter Claſſe und lächelte ſtill vergnügt in ſich hinein, wenn er in das Treiben vor ſich blickte.— Im nächſten Augenblicke aber lächelte er nicht mehr, denn er fühlte ſich ziemlich un— ſanft an die Schulter geſtoßen, und als er ſich raſch um— wandte, ſah er in das mürriſche Geſicht des ihm wohlbe⸗ kannten Bedienten aus dem Molitor'ſchen Hauſe, der ihn, wahrſcheinlich boshafter Weiſe, mit einem gewaltigen Koffer geſtreift hatte, welchen derſelbe nun, ohne um Entſchuldi⸗ gung zu bitten, in das Coupé ſchob. Dem guten Kohler gab es, wie man ſo zu ſagen pflegt, einen Stich in's Herz, als er dieſen Bedienten ſah, das Coupé erſter Claſſe und die Reiſekaleſche, deren Wappen er nun ſofort erkannte.„Ach!“ ſeufzte er in ſich hinein, „ſchon heute verläßt dieſer gräßliche Tyrann mit ſeiner Beute die Stadt, um ſich auf ſein Räuberneſt zurückzu⸗ ziehen.— Und bin ich nicht ſelbſt die Urſache, daß er die liebenswürdige Wittwe, die mein Herz gerührt, mit ſich fort nimmt?— Was nützt es mich, daß ich mir wohl denken kann, er gehe auf ſein Schloß Klippenberg? Das wird er noch feſter umſchanzt und verwahrt haben, als hier Haus und Garten. Und nebenbei fühle ich auch gar keinen Beruf in mir, Weller's That nachzuahmen und mich lächerlich zu machen.— O trauriges Verhängniß!“ „Kohler!“ riefen ein Paar Bekannte, die auf dem Tritte eines Eiſenbahnwagens ſtanden und augenſcheinlich noch einen Auftrag zu geben hatten.„He! Kohler!“— Aber Kohler wollte nicht hören— nein, er hörte in der That nicht; ſeine Blicke hingen mit ſchmerzlicher Luſt an dem Warteſaal erſter Claſſe, der jetzt von dem Portier geöffnet — 148— wurde. Heraus traten drei ſchöne Kinder, die ſich bei den Händen gefaßt hielten. O er kannte ſie ganz genau alle drei, es verurſachte der Anblick dieſer blühenden Geſichter ihm ein eigenthümliches Gefühl. Aber jetzt fühlte er ſein Herz ſich ſchmerzlich zuſammenziehen, als nun ſie hinter den Kindern zum Vorſchein kam, ſie in ſchwarzem Anzug, den Schleier zurückgeſchlagen, ſchöner noch als heute Mor⸗ gen, denn die tiefe, troſtloſe Trauer war von ihrem Ge⸗ ſichte gewichen; in ihrem vordem ſo ernſten Auge glänzte es faſt freudig wie der Schimmer einer Hoffnung. Sollte—?— O nein, ſo eitel war Herr Kohler nicht. — Und doch, ſollte ſie ihn vielleicht geſehen haben!— Nein, nein, vergebliche Hoffnung!— Bis dahin noch nicht; aber jetzt erblickte ſie ihn, und der Ausdruck ihres Geſich⸗ tes änderte ſich nicht, das heißt, man ſah in demſelben nicht das Geringſte von größerer oder freudiger Erre⸗ gung. Aber ſie blickte ihn mit Wohlwollen an, und als ſie näher gegen ihn kam und die kleine Baronin in den Wagen hob,— Herr Kohler hatte tief gerührt das andere Mädchen genommen, während der mürriſche Lakei den klei⸗ nen Buben auf ſeinen Arm nahm— ſprach ſie leiſe zu ihm: „Nochmals danke ich Ihnen herzlich für Ihre Dienſte und werde ſie nicht vergeſſen.“ Ihr Kleid hatte ihn geſtreift, als ſie in den Wagen ſtieg; dann hatte ſie auch geſagt:„ich werde Sie nicht ver⸗ geſſen.“— Hatte ſie das: ſie auf die Dienſte bezogen, die ſie nicht vergeſſen wolle, oder hatte ſie damit ſeine Perſon — Kohlers Perſon nämlich— gemeint? O gewiß das Letz⸗ tere, denn noch einmal nickte ſie ihm freundlich zu, ehe ſie an der andern Seite des Coupé'’s Platz nahm. Der ehemalige Makler hätte ſich jetzt zurückgezogen, um in keine Berührung mit dem Freiherrn von Molitor zu — 149— kommen, der nun, von ſeinem Kammerdiener begleitet, aus dem Warteſaal kam. Aber die ſcharfen ſtechenden Augen des langen Mannes hatten ihn ſchon erfaßt und hielten ihn zauberhaft feſt, wie der Blick der Schlange das kleine unſchuldige Vögelein. Wie konnte dieſer Mann ſo höhniſch und häßlich lä⸗ cheln! Wie funkelten ſeine Augen ſo unheimlich! Jetzt legte er die dürre Rechte auf die Schulter ſeines Kammer⸗ dieners und murmelte durch die feſt auf einander liegenden Zähne; aber er murmelte ſo laut, daß Herrn Kohler kein Wort entging, wobei der Baron auch nicht eine Sekunde ſeine unheimlichen Blicke von dem Makler abwandte: „Es iſt gut, Gebhard, daß Ihr mir den da zum Mit⸗ nehmen eingefangen habt. Laßt ihn aber ja nichts merken; es iſt das ein gefährliches Subject, deſſen man ſich ſicher entledigen muß.— Einen guten, ſchweren Stein an ſeinen Hals, und dann in den See hinter dem Schloſſe mit ihm. — Plumps!“— Dann lächelte er freundlich gegen den Kammerdiener, ſchloß bedeutungsvoll ſeine Augen und ſagte noch:„Nur keinen Argwohn erregt,“ worauf er grinſend an den Wagen und zu Herrn Kohler trat, ihm mit einigen Worten ſeine Freude zu erkennen gab, daß er ſo pünktlich Wort gehalten, und ihn höflich erſuchte, gefälligſt einſteigen zu wollen. Herr Kohler war jedoch, wie aus Ehrfurcht, einen großen Schritt zurückgetreten, in Wahrheit aber, um aus dem Be⸗ reiche dieſes mörderiſch geſinnten Wahnſinnigen zu kommen. Es ſchauderte ihn, wenn er daran dachte, in welcher Le⸗ bensgefahr er hätte geweſen ſein können, wenn ihm der lange Freiherr unbemerkt nahe getreten wäre, ihn vielleicht gepackt hätte, erwürgt oder unter die Räder der Wagen geworfen, während ſich der Zug gerade in Bewegung geſetzt. — — 150— Seine Weigerung einzuſteigen ſchien auf den Baron indeſſen keine große Wirkung hervorzubringen; es be⸗ gnügte ſich dieſer, laut aufzulachen und in das Coupé zu ſteigen. In wirklich unausſprechlicher Angſt betrachtete Herr Kohler alle Bewegungen des Wahnſinnigen; er fürchtete irgend etwas Schreckliches, was vielleicht der ſchönen Wittwe geſchehen könne, und fühlte ſich ein wenig beruhigt, als er bemerkte, daß Herr von Molitor dieſelbe ehrfurchts⸗ voll grüßte und ſich dann in einer andern Ecke des Wa⸗ gens niederließ. Die Zeit zur Abfahrt war da, das letzte Zeichen ge⸗ geben, die Conducteure ſchwangen ſich auf die Tritte ihrer Wagen, die Locomotive pfiff und brauste, und Herr Kohler trat zurück an die Thüre des Warteſaals zweiter Claſſe, wo er plötzlich eine bekannte Stimme hörte, die laut aus⸗ rief:„Zu ſpät!“ „Ja, zu ſpät!“ antwortete eine andere Stimme;„ich weiß nicht, mir iſt das ſehr unangenehm; ich hätte was darum gegeben, gerade mit dieſem Zuge zu fahren.“ „Bahl es iſt der einzige nicht, der nach dieſer Richtung geht.— Leſen wir den gedruckten Fahrtenplan.— Doch nein.“— Herr Kohler hatte ſich raſch umgewandt. „Wozu,“ ſetzte der Sprecher heiter hinzu,„einen gedruckten Fahrtenplan, da wir hier einen beſſeren lebenden vor uns haben?“ „Ah! Herr Victor!— Sie wollen verreiſen und ha⸗ ben den Zug verfehlt? Und Herr Stifter ebenfalls?“ „Wie Sie ſehen, lieber Freund. Doch werden Sie uns wahrſcheinlich die beruhigende Verſicherung geben kön⸗ nen, daß in kurzer Zeit ein anderer Zug abgeht.“ „Und wohin, Herr Barring?“ — 151— „Nun in der gleichen Richtung wie dieſer, nach D., nach S., nach B., wie Sie wollen.“ „So haben Sie keinen beſonderen Reiſezweck?“ „Ja und nein,“ entgegnete der junge Mann achſel⸗ zuckend.„Zuerſt wollen wir eine gute Entfernung zwiſchen uns und die Stadt bringen und dann auf irgend einer Station ſehen, wohin wir unſere Schritte lenken.“ „Sie ſind glücklich,“ ſagte der ehemalige Makler, in⸗ dem er ſeinen Kopf auf und ab wiegte,„ein freier Mann, durch nichts gebunden. Gefällt es Ihnen einmal plötzlich nicht mehr hier, ſo packen Sie Ihren Koffer, kaufen ſich ein Fahrbillet und—“ „Verfehlen den Zug wie ſo eben,“ unterbrach Victor die Rede des Herrn Kohler. „Das ſind Kleinigkeiten,“ fuhr dieſer fort.„Wie ich Ihnen ſchon ſagte, haben Sie in zehn Minuten einen an⸗ dern. Aber ſo frei zu ſein, ſo unabhängig! das iſt ein beneidenswerthes Loos!“ ſetzte Herr Kohler mit einem tie⸗ fen Seufzer hinzu, wobei er dem enteilenden Zuge ſehnſüch⸗ tig nachblickte. „Obgleich ich zum Scherzen nicht recht aufgelegt bin,“ erwiederte Victor,„ſo könnte mich doch Ihre Bemerkung, Ihr tiefer Seufzer, der mir nicht entgangen iſt, lachen machen.— Wer iſt freier, wer iſt unabhängiger als Sie 2“ „Als ich?“ ſprach der Makler im Tone höchſter Ver⸗ wunderung. Und während er das ſagte und dazu den Kopf ſchüttelte, mußte er ſich eingeſtehen, daß er an die Möglichkeit der Freiheit für ſich in ſeinen kühnſten Träu⸗ men noch nicht gedacht. Eine ſolche Möglichkeit war ja auch gar nicht denkbar; denn jetzt, wo zum erſten Male dieſer Gedanke angeregt wurde, ſah er blitzähnlich eine ſolche Kette der traurigſten Verwickelungen vor ſich, die nothwen⸗ dig erfolgen mußten, wenn er ſich wirklich einmal einer — 152— ſolchen Freiheit bedienen wollte, daß es ihm ordentlich ſchwin⸗ delig wurde. Seine Obliegenheiten waren ſo rieſengroß, daß er ſich begnügte, mit einem Lächeln der Befriedigung zu ſagen: „Lieber Herr Victor, ſcheinbar ohne Geſchäfte kann ich Ihnen doch die Verſicherung geben, daß ich mit den wich⸗ tigſten aller Art ſo überhäuft bin, daß für mich an keine Erholung zu denken iſt.— Aber geben Sie mir Ihre Billete,“ ſetzte er gutmüthig hinzu,„ich will ſie Ihnen für den nächſten Zug umſtempeln laſſen.“ Victor nahm dies Anerbieten dankbar an und begab ſich zu ſeinem Freunde, der an's Ende der Einſteighalle gegangen war, dort an einem Pfeiler lehnte und augen⸗ ſcheinlich mit trüben Gedanken beſchäftigt dem fortdampfen⸗ den Zuge nachſchaute. Die Wagenreihe ſelbſt war nicht mehr zu erblicken, nur zwiſchen den ziemlich fernen Aus⸗ läufern der Bergkette, die mit ihrem Höhenzuge den Hori⸗ zont abſchloß, ſtiegen leichte weiße Dampfwolken auf; dort lagerte auch noch ein Streifen tiefgrauen Rauches, und jetzt vernahm das Ohr, wenn auch ſchwach und gedämpft, den Pfiff der Locomotive, welcher anzeigte, daß der Convoi ſo eben in einen Tunnel eingefahren war. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Maler,„was ich darum gegeben hätte, wenn wir gerade mit dieſem Zuge hätten fahren können. Ich kann die Blicke von den letzten lang⸗ ſam vergehenden Spuren deſſelben, dem leichten Rauche dort nicht abwenden, und in meinem Herzen drängt es mich, ein ſtummes Lebewohl um das andere nachzuſenden.“ „Ich finde das begreiflich,“ verſetzte Victor;„Deine Seele beſchäftigt ſich mit der Entflohenen, und daß Du gerade bei einem forteilenden Eiſenbahnzuge an ſie denkſt, iſt natürlich. Möglich auch, daß ſie dieſen Weg gemacht hat oder ihn noch macht, hoffentlich ſogar; denn auch wir ziehen ja nach dieſer Richtung.“ — 153— „Herzlich danke ich Dir,— o wenn ich mich Dir nur früher rückſichtslos anvertraut hätte! wenn ich Deinem wohl⸗ gemeinten Rath gefolgt wäre! Wie Manches würde anders gekommen ſein!“ „Wer weiß aber, ob beſſer; ihr hättet vielleicht in einer ſchwülen, unheimlichen Luft fortgelebt, ſie ihrer Meinung nach duldend, Du ſtill vergleichend, ohne daß ſich im Ganzen viel geändert hätte. Ich verſichere Dich, ein ſolches Unge⸗ witter iſt oft ſehr heilſam, es reinigt die Luft, klärt den Horizont, verjagt die giftigen Nebel und ſchenkt uns heitere Tage. Laß uns darauf vertrauen.“ In dieſem Augenblick brachte Herr Kohler die unge⸗ ſtempelten Billets und ermahnte die Freunde, näher zu den Warteſälen zu gehen, um den Zug, der eben von den Paſſagieren beſtiegen würde, nicht abermals zu verſäumen. Die Beiden befolgten ſeinen Rath, und der ehemalige Makler war ordentlich erſtaunt, mit keinen Aufträgen be⸗ laſtet zu werden; ja, er konnte das ſo wenig begreifen, daß er ein paarmal im Begriffe war, den Namen ſeines Freundes, des Herrn Duvallet, zu nennen und andeutend zu ſagen: er, Kohler, werde nicht ermangeln, der Familie von der Abfahrt Victor's zu berichten. Doch ſchwieg er, da es ihm zu eigenthümlich vorkam, daß Victor nicht aus freiem Antrieb von ſeinen Verwandten ſprach. Discretion war eine Haupttugend im Charakter des Herrn Kohler, und in dieſem Punkte fühlte er mit einer rührenden Feinheit. So ward denn in kurzer Zeit auch für dieſen langſa⸗ men Zug, der dem Schnellzuge folgte, das dritte Zeichen gegeben. Die beiden Freunde waren eingeſtiegen, und Herr Kohler, vertraut mit jeder Bewegung des Waggons, ſtand Abſchied nehmend auf dem Tritt, um Victor und dem An⸗ dern ſeine Hand zu reichen. „Geben Sie Acht,“ ſagte ihm der Erſtere noch, der die 2 4 154— Bahnhofbeſchäftigungen des ehemaligen Maklers kannte, „Sie werden in den nächſten Tagen ſo vielen Bekannten hier Lebewohl zu ſagen haben, daß Sie es am Ende auch mächtig nachzieht und wir uns drüben, das heißt jenſeits der Berge, wieder finden.— Alſo, auf baldiges Wieder⸗ ſehen!“ Herr Kohler ſchüttelte ungläubig ſein Haupt, und dar⸗ auf ſetzte ſich der Zug in Bewegung Er begleitete den⸗ ſelben mit langſamen Schritten bis an's Ende der großen Halle, dann wandte er um, legte die Hände auf dem Rücken zuſammen, und aus dem ungläubigen Kopfſchütteln ging er in tiefes Nachdenken über.—„Wenn dem wirklich ſo wäre,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„wie unſer Freund da ge⸗ ſagt, daß es auf einmal aller Welt, das heißt allen Be⸗ kannten, einfiele, die Stadt zu verlaſſen und ich, Jedem mein Lebewohl ſagend, am Ende ohne Freunde allein hier zurückbliebe! Es läge darin etwas vom ewigen Juden, und zuletzt wäre doch ein ſolcher Zuſtand geeignet, auch in mir eine Sehnſucht nach jenen blauen Bergen zu erwecken, wo ja auch ſie zu finden iſt.“ Bei dieſen Worten drehte er abermals um und trat an dieſelbe Stelle, wo ſo eben noch der Maler geſtanden. Auch ſah er das Gleiche, was dieſer geſehen; ja um eine Aehnlichkeit in Beider Zuſtand anzudeuten, ſo empfand auch er ein kleines Verlangen, mit auf dem davon eilenden Zuge zu ſein, eine Luſt, zu erfahren, was es denn eigent⸗ lich weit, weit hinter jenen blauen Bergen gebe. Dabei müſſen wir geſtehen, daß Herr Kohler noch keine großen Reiſen gemacht hatte, ja eigentlich noch nie gereist war; denn ſein Beſuchen der benachbarten Städte— eine lebendige Muſter⸗ karte— konnte man füglich nicht reiſen nennen, behaglich veiſen, ſo zu ſeinem Vergnügen reiſen. Darin müſſe doch etwas Entzückendes liegen, ſprach der ehemalige Makler zu — 155— ſich ſelber, anzuhalten, wo es Einem beliebe, die ſchöne Natur zu bewundern, Merkwürdigkeiten zu beſehen, ſtatt den ganzen Tag wiederholen zu müſſen, daß die nächſte Seidenernte gar keine Hoffnungen errege, und daß gute Waare in kurzer Zeit außerordentlich ſteigen müſſe. Warum konnte aber Herr Kohler nicht ebenfalls dort hinaus eilen?— Er lächelte über ſeine eigene Frage, und es war ihm faſt ein Troſt, ſich den Zuſtand der Stadt zu vergegenwärtigen, wenn er, Kohler, einmal nicht mehr da wäre, wenn die Schulen inſoweit verwaist wären, daß Nie⸗ mand mehr vor der Thüre derſelben erſchiene, um einiger⸗ maßen auf den pünktlichen Beſuch zu achten und darauf zu ſehen, daß die kleinen unartigen Lümmel beim Ausgange nicht gar zu viel Spektakel machten; wenn die Steinver⸗ ſetzer an den großen öffentlichen Bauten nicht mehr zur Vorſicht angetrieben würden, indem ſie wüßten, daß nicht noch ein Paar Augen außer denen des Baumeiſters da ſeien, die genau Achtung gäben auf jede Umdrehung der Hebe⸗ maſchine; wenn die Militärkapellmeiſter vergeblich jene be⸗ häbige Geſtalt ſuchen würden, die, mit feſt angezogenem Stocke oder Regenſchirm taktmäßig marſchirend, jeden Mit⸗ tag in der Nähe der großen Trommel zu ſehen war.— Herr Kohler war feſt überzeugt, daß die ganze Muſikbande völlig außer Takt kommen müſſe, und daß man endlich aufhören würde zu ſpielen aus Schmerz über ſeine Abwe⸗ ſenheit und aus Furcht, ſich gründlich zu blamiren. Und erſt die Eiſenbahn! Daran mochte Herr Kohler faſt gar nicht denken, und wenn er dieſen Gedanken doch wagte, ſo erregte er bei ihm ein mitleidiges Lächeln, in⸗ dem er bedachte, wie hier Alles drunter und drüber gehen würde. Dabei können wir nicht läugnen, daß es ihm gewiſſermaßen ein wohlthuendes Gefühl war, ſich den Schmerz der ſämmtlichen Beamten, vom Bahnhof⸗Inſpektor bis zum letzten Wagenſchmierer, zu vergegenwärtigen.— „Kohler hat ſich ſchon ſeit drei Tagen nicht ſehen laſſen, was iſt da um Gotteswillen zu machen?“— Dann die Verwunderung, den Schmerz der Paſſagiere!—„Wo iſt Herr Kohler?— Um Gotteswillen! hat denn Niemand den Herrn Kohler geſehen?— Kohler! Kohler!“— Bleiche verſtörte Geſichter.—„Kohler! Kohler!“ Keine befriedigende Auskunft; nur das Echo von dem alten Wagenſchuppen gegenüber würde melancholiſch ant⸗ worten:„Kohler!— Kohler.“— Und dieſer Gedanke er⸗ hob und ſtärkte ihn in ſeinen ſchwierigen Berufspflichten; ſo wie er heute um die ſechste Stunde auf dem Bahnhofe war, ſo ſah man ihn den folgenden Tag um die gleiche Stunde wieder. Wie erſtaunte aber Herr Kohler, als er, den Schnell⸗ zug inſpicirend, ſeinen Freund den Herrn Commerzienrath Duvallet fand, ebenſo Madame Duvallet und Alice, ja die ganze befreundete Familie mit einiger Dienerſchaft, die ſich zur Abreiſe anſchickte. Der ehemalige Makler traute ſeinen Augen faſt nicht und konnte den Mund vor Verwunde— rung kaum ſchließen, als ihm nun der Commerzienrath herzlich die Hand ſchüttelte und um Verzeihung bat, daß er ihm im Drang der Geſchäfte die ſo plötzlich projectirte Reiſe nicht noch eigens perſönlich habe anzeigen können. Das Circular des Hauſes werde er aber erhalten haben. — Aber Herr Kohler hatte nichts erhalten, Herr Kohler war wie aus den Wolken gefallen. „Ein Circular des Hauſes?“ „Nun ja, die längſt beſchloſſene Uebertragung des Ge⸗ ſchäfts an meinen erſten Buchhalter.“ „So werdet ihr alſo lange ausbleiben?“ ſtammelte Herr Kohler in höchſter Ueberraſchung. „Vorausſichtlich ja; jetzt erinnere ich mich, dem Circu⸗ — lar ein Paar Worte angefügt zu haben, eine dringende Einladung, uns baldigſt auf längere Zeit zu beſuchen. Wir bleiben kurze Zeit in S. und gehen dann auf das Gut, in der Nähe der Stadt, welches ich, wie Du weißt, ſchon vor längerer Zeit angekauft.“ Auf dem Geſichte des Herrn Kohler zeigte ſich daſſelbe Lächeln wie geſtern, als Victor ihn zum Nachkommen er⸗ muntert. V „Sie müſſen kommen,“ ſagte dringend die Commerzien⸗ räthin;„Sie verſprechen mir das, lieber Kohler!“ Dabei reichte ſie ihm ihre Hand. Das Lächeln des Herrn Kohler war faſt ein verlegenes zu nennen. Alice, die daneben ſtand, ſprach nichts, ſie ſah etwas bleich aus, und ihre Blicke irrten ſuchend unter der Menge der Paſſagiere umher; auch ſie reichte Herrn Kohler die Hand. „Grüßen Sie Victor herzlich von mir,“ ſagte der Com⸗ merzienrath, indem er einſtieg. „Auch von mir,“ fügte Madame Duvallet bei. Und jetzt blickte das junge Mädchen tief in die Augen des Herrn Kohler, und bat mit leiſer Stimme: „Auch recht, recht ſehr von mir.“ Der ehemalige Makler war ſo voll von Verwunderung — es war faſt mehr ein Gefühl der Beſtürzung— daß er bei dieſen freundlichen Grüßen zu ſagen vergaß, Victor ſei geſtern ſchon abgereist; auch hatte er nicht mehr die V Zeit dazu, denn die Locomotive pfiff und der Zug ſetzte ſich gleich darauf in Bewegung. Abermals ſchritt er nun V nebenher, der befreundeten Familie noch mit der Hand zu⸗ 2 winkend. Der Commerzienrath blickte noch einmal ſehr ernſt auf die Stadt, Madame Duvallet ſeufzte, und Alice allein ſchaute den Freund des Hauſes innig und herzlich an, und bewegte dabei die Lippen, als wolle ſie ihm noch etwas ſagen. Dann verſchwanden Alle, die lieben, bekannten Geſich⸗ ter wie die Köpfe der andern Paſſagiere, ſämmtliche Coupé's erſter, zweiter und dritter Claſſe, darauf die ſchweren Pack⸗ wagen mit dem letzten Conducteur hinten auf, und wieder lehnte Herr Kohler an dem bewußten Pfeiler, und wieder blickte er in die Gegend hinaus, bis die Wagenreihe ver⸗ ſchwunden war, bis man in der Entfernung nur noch hie und da weißen Dampf aufſteigen ſah und eine dunkle Rauchſchichte bemerkte, und bis man ſchwach und ſchwächer den Pfiff der Locomotive hörte, als der Zug in den Tunnel hinein bog. Dahinter erſtreckten ſich weite, lachende Ebenen, da lagen Dörfer bei prachtvollen Schlöſſern, und im Parke eines derſelben wandelte ja auch ſie, vielleicht an ihn denkend. Darauf verſchwand wieder ein Tag, und um die ſechste Stunde ſah man Herrn Kohler wieder auf dem Bahnhof. Auch lehnte er wiederholt an dem bewußten Pfeiler und hatte ſeine eigenen, nicht gerade ſehr heiteren Gedanken, als er den Eilzug verſchwinden ſah, dort hin, wo auch ſie weilte. Und ſo verging Tag um Tag, es reihte ſich eine Woche an die andere, das ſchöne, außergewöhnlich heiße Frühjahr neigte ſich ſeinem Ende zu und verſprach in der Beſtän⸗ digkeit des klaren Wetters einen prachtvollen Sommer. Um die ſechste Stunde war Herr Kohler auf ſeinem Poſten. Die Paſſagiere, die ankamen, waren bepackt mit prachtvollen Blumen und den erſten reifen Früchten; auch ſah man ſchon Schaaren von jungen Leuten zurückkehren aus den Sommerferien, die kamen vom Gebirge her, Sträuße von Alpenroſen und Edelweiß auf ihren Hüten, lange ———ͤ— Stäbe in den Händen, deren Spitzen gewöhnlich mit Gems⸗ hörnern beſetzt waren. Sie grüßten den bekannten Herrn Kohler und Herr Kohler grüßte ſie wieder. Denn um die ſechste Stunde war er auf ſeinem Poſten. Und dieſer ſechsten Stunden waren ſo nach und nach eine Menge vorübergegangen. Eigenthümlicher Weiſe hatte es dem ehemaligen Makler geſchienen, als verlaſſen alle ſeine Freunde und Bekannten die Stadt, und als kehre Niemand von denſelben zurück. Er kam ſich jetzt wahr⸗ haftig oft ſo vor wie der ewige Jude, der allein zurück⸗ bleiben müſſe, und in ſeinen Träumereien ſpiegelte ſich die⸗ ſer fürchterliche Gedanke oftmals in den wildeſten und phan⸗ taſtiſchſten Bildern wieder. Da ſah er ſich auf dem Bahn⸗ hofe ſtehen, gelähmt wie man es im Traume zu ſein pflegt, wenn man etwas Schrecklichem nicht entfliehen kann, und da mußte er zuſchauen, wie Alles jubelnd in die Weite zog, Alles was ihm lieb und theuer war— nur er allein mußte zurückbleiben. Da ſauste die ſämmtliche Schuljugend auf Eiſenbahnwagen bei ihm vorüber; die Kleinen machten lange Naſen und lachten ihn aus, wenn er ihnen nach⸗ ſchaute— entſetzlich!— da wurde er faſt umgeworfen von gewaltigen Gebäuden, die auf Walzen daherzogen, auch dem Schienenwege folgend, und ihnen nach hüpften die Muſikbanden ſämmtlicher Regimenter, die luſtigſten Weiſen wie ihm zum Hohn ſpielend. Und nicht nur alle Bekannten ſah er in dieſen Traumgeſichtern bei ſich vor⸗ überziehen, auch ſeine ehemaligen Geſchäftsfreunde mit ihren Commis und Lehrlingen, und Weibern und Kindern, Dienſt⸗ boten beiderlei Geſchlechts und deren Freunde, abermals mit den ganzen Haushaltungen,— ein zweiter Auszug der Kinder Iſraels; aber hier blieb kein Pharao zurück— Alles, Alles zog davon außer ihm. Zuletzt ſprangen auf — 160— dem Bahnhofe die Thore der Schuppen auf, die vorräthi⸗ gen Locomotiven rollten daher, an ſie hängte ſich Alles, was ſich an Packwagen dort befand, und dann— o Graus! ſtürzten ſämmtliche Gebäulichkeiten zuſammen, aber Steine und Holzwerk— kurz Alles, Alles— fiel in zauberhafter Weiſe gerade auf die Packwagen und fuhr mit dieſen unter lautem Halloh davon.— Er blieb allein zurück, und wenn er bald darauf aus dieſem fürchterlichen Traume in Schweiß gebadet erwachte, ſo war ihm doch noch eine unangenehme Empfindung zurückgeblieben. Trotzdem war er um die ſechste Stunde auf dem Bahn⸗ hofe zu finden. Und als wollte der Traum wahr werden, ſo ſah er eines Tages mehrere Schulen zu einer kleinen Gebirgs⸗ excurſion ausziehen, und das Militär in langen Eiſenbahn⸗ zügen mit klingendem Spiel, freilich nur zu den Manövern, davon dampfen. Aber wer konnte wiſſen, ob das nicht ſchon der Anfang jenes Spuckes war. Dabei ſchien es immer, als ob der ganze Zug mit Leu⸗ ten beſetzt ſei, die Herr Kohler kannte, denn wohin er ſich zufällig wandte, faſt überall nickte ihm irgend ein Geſicht freundlich zu. Früher hatte ihn das gefreut, jetzt fing es ihm an ſchmerzlich zu werden; früher war er ſo bereit ge⸗ weſen, allen Abreiſenden ſeine kleinen Gefälligkeiten zu er⸗ zeigen, jetzt dachte er nur immer: auch wieder Einer, der die Stadt und mich verläßt! Er machte es den Leuten faſt zum Vorwurf, daß ſie Erholungsreiſen machten oder in die Bäder gingen. Hatte er doch ſelbſt vor ein Paar Tagen trübe gelächelt, als ihm eine Frau, die er hoch ver⸗ ehrte, die Baronin Molitor, ihre kleine Hand reichte und mit freundlichen Worten Abſchied von ihm nahm. Hatte ſie auch gleich zu ihm geſagt:„Auf baldiges Wieder⸗ ſehen!“ ſo wußte er doch, daß das nur eine Redensart war. — 161— Und wie glücklich und zufrieden hatte dieſe Dame aus ihren ſchönen Augen geblickt;— auffallend heiter und glücklich, was bei ihr früher nicht immer der Fall geweſen war; auch hatte ſie dabei eine ſo liebenswürdige Ungeduld ge⸗ zeigt: ſie konnte es nicht erwarten, bis ſich endlich der Zug in Bewegung ſetzte. Alsdann grüßte ſie noch einmal flüchtig Herrn Kohler und warf ſich darauf feſt in ihre Wagenecke, um ihren augenſcheinlich nicht unangenehmen Gedanken nachzuhängen. Eine andere Begegnung hier auf dem Bahnhofe war dem ehemaligen Makler in ſeinem damaligen trüben Ge⸗ müthszuſtande ſchon ſympathiſcher geweſen. Er wurde eines Tages von dem Portier erſucht, in den Warteſaal erſter Claſſe zu kommen. Als er dort eintrat, bemerkte er eine ſchwarz gekleidete Dame, die haſtig. auf undab ſchritt. Schon klopfte ſein Herz in freudiger Erregung, doch ſagte ihm ſeine Vernunft, ſie, die ſich in weiter Ferne befinde, könne es ja doch nicht ſein. Und das beſtätigte ihm auch gleich darauf ſein Auge, denn als die Dame ſich raſch um⸗ wandte und auf ihn zutrat, ſah er die Gräfin Follange vor ſich, die, ihn eilig grüßend, einen ſcheuen Blick hinter ſich an die Glasthüre warf und ihm dann ein Briefchen übergab, das ſie aus dem Buſen zog und das ſie ihn raſch zu verſtecken bat. „Es iſt an einen Ihrer Bekannten,“ ſagte ſie dringend; „Sie werden einer Dame, die Ihnen dafür ihren herzlichen Dank ſagt, den Dienſt nicht verſagen, dies Schreiben ſo ſchnell wie möglich zu beſorgen.— Sie ſehen mich über⸗ raſcht an, Sie werden finden, daß auf der Adreſſe der Ort fehlt, wo er ſich aufhält. Sie wiſſen ihn: meine Kam⸗ merfrau brachte mich auf den glücklichen Gedanken, Ihnen, den ich hier finden würde, zu vertrauen.“ Darauf legte ſie ihre beiden Hände leicht zuſaummen Hackländer, Tag und Nacht. II. 411 —— — — 162— hob ſich etwas in die Höhe und fuhr fort, während ſie aus ihren reizenden dunkeln Augen einen gefähr⸗ lichen Blick auf Herrn Kohler ſandte, und während ihr Geſicht durch einen leichten Anflug von Angſt noch ver— ſchönert wurde:„Herzlich bitte ich Sie.— Doch ſtill, man kommt.“ Und man kam wirklich, nachdem Herr Kohler ſich ent— fernt hatte. Es war ein langer, hagerer Mann mit ſtark aufgedrehtem Schnurrbart, der mit der Gräfin ſo vertraut that, wie es einem Ehemann zukommt, woran ſie aber kein ſo außerordentliches Wohlgefallen zu finden ſchien, denn ſie wandte ſich kurz ab, warf ihren Kopf empor, und um ihren feinen Mund ſpielte ein verächtlicher Zug, der ſich erſt draußen auf dem Trottoir wieder in ein freundliches Lächeln verwandelte, als ſie dort Herrn Kohler erblickte, welcher ſich ehrfurchtsvoll verneigte. Als ſie einſtieg, grüßte ſie, ohne daß es Jemand außer dieſem geſehen hätte, noch ein⸗ mal ihren neuen Vertrauten, wobei ſie ihre wunderbaren Augen ſo gefährlich ſchloß und wieder öffnete, daß Herr Kohler, trotz ſeiner treuen Anhänglichkeit an die ſchöne ent⸗ ſchwundene Wittwe, dieſen Blick lange nicht vergeſſen konnte. Der Brief trug die Aufſchrift: An Monſieur Ferdi⸗ nand Stifter durch Vermittlung des Herrn Victor von Barring. „Dieſe Schelme!“ konnte ſich der ehemalige Makler nicht enthalten zu ſagen, wobei er nicht ohne etwas Neid dem davondampfenden Zuge nachblickte.———— Und welche Menge von näheren Bekannten immer mit dieſem elenden Sechsuhrzuge auf Reiſen ging! Selbſt genaue Freunde. So Herr Weller, der eines Tages an⸗ fuhr, als Kohler eben in das Bahnhofgebäude trat; Herr Weller kam in keiner gewöhnlichen Droſchke, Herr Weller — 163— ſaß in einem großen vierſitzigen Stadtwagen, auf dem ſich vorn ein Kutſcher, hinten ein Bedienter befand, beide in ſchwarzen, ſaubern Anzügen, mit etwas gerötheten Naſen, dafür aber mit ſehr bleichen und weißen baumwollenen Handſchuhen. Herr Kohler grüßte mit einem wehmüthigen Gefühl den kleinen Kaufmann, der behende aus dem Wagen ſprang, dann mit freudeſtrahlendem Geſichte hinein griff und ſeine nunmehrige Gattin, die ehemalige Friederike Federbach, zum Vorſchein brachte. Sie nahm ſich gut aus mit dem ge⸗ wiſſen würdigen und doch vielſagenden wohlgefälligen Zug um den Mund, den alte Jungfern anzunehmen pflegen, wenn ein gütiges Geſchick ſie noch zu jungen Frauen ge⸗ macht hat. Sie reichte dem Hausfreunde die Hand, wäh⸗ rend der galante Schwiegerſohn ſich bemühte, auch die Stadträthin, Mutter Scheidel, aus der Hochzeitskutſche zu befreien. Der junge Eduard ſtieg allein heraus und meinte mit verdrießlichem Geſicht: jetzt endlich werde es ihm doch einmal erlaubt ſein, eine vernünftige Cigarre zu rauchen. „Ich ſage Ihnen,“ wandte er ſich an Kohler,„was das heute für eine langweilige Wirthſchaft war, davon haben Sie, Gott ſei Dank! keine Idee. Wie freue ich mich, daß dieſe Geſchichte vorüber iſt!“ Und Alle ſchienen ſich ſehr darüber zu freuen. Herr Weller, daß er durch ſeine heroiſche That eine Braut er⸗ rungen, die ehemalige Friederike Federbach, daß ſie Madame Weller geworden, und Mutter Scheidel, daß ſie nicht mehr die ihr unverſtändlichen lamentablen Phantaſien ihrer alt gewordenen Tochter anhören mußte. Und Vater Scheidel?— Er raſſelte ſo eben heran mit einer Droſchke, welche das Gepäck der Neuvermählten und —- 164— des Sohnes Eduard trug. Denn dieſer Letztere, welcher eine Stelle in einem Handlungshauſe in P. erhalten hatte, begleitete das junge Paar bis nach S., wo ihre Wege ſich trennten. Madame Weller freute ſich aber durchaus nicht über dieſe Begleitung. Der junge Eduard hatte etwas ſo un⸗ endlich Schlankelhaftes und zeigte ſo gern ſeine rüden Manie⸗ ren. Hatte er doch ſchon beim hochzeitlichen Mahl Cigarren rauchen wollen, und hatte er doch ſchon während der Fahrt hieher mehrmals zu pfeifen angefangen und zwar die Me⸗ lodie des Liedes: Heinrich ſchlief bei ſeiner Neuvermählten. Es war in dieſem jungen Menſchen keine Spur von Zart⸗ gefühl und guter Erziehung zu finden. „Den werden ſie ſchon noch hobeln,“ hatte Vater Schei⸗ del geſagt. Und dieſer Mann ſah prophetiſch in die Zu⸗ kunft. Aber die Zeit verrann, die unvermeidlichen drei Zeichen wurden gegeben, Weller und Kohler drückten einander noch einmal zärtlich die Hände, während Madame Weller ſchon eingeſtiegen war, und Eduard einen Streit anfing mit einem ungeſchliffenen Geſellen Seinesgleichen, der ſeinen Nachtſack nicht von der Bank entfernen wollte. Und abermals ſetzte ſich der Zug in Bewegung, und abermals blieb Herr Kohler allein— wohl um die ſechste Stunde. Und wieder eine ſechste Stunde kam, und wieder und wieder eine, und es war dem ehemaligen Makler, als ſähe er nur lachende, vergnügte Geſichter hinwegziehen, ſo ihre Freude ausdrückend, daß es ihnen endlich gelungen ſei, den Mauern dieſer Stadt zu entfliehen. Er aber kehrte immer wieder dahin zurück. Da ſagte ihm eines Tages ein Freund, der ebenfalls hinaus zog in die weite, herrliche Natur: „Aber Kohler, wenn ich Deine Zeit hätte und Dein Geld, wie wollte ich Sommer um Sommer in der dumpfi⸗ gen Stadt bleiben. Alles macht ſich eine Erholung; die Schulen ſind geſchloſſen, ſogar das Militär manövrirt draußen im Freien— wahrhaftig, wer nicht muß, der bleibt gewiß nicht hier.“ Aber mußte er nicht bleiben; konnten die großen Bau⸗ weſen der Stadt ruhig ihre Arbeiten fortſetzen, wenn er ſie nicht zuweilen inſpicirte? Mußte nicht auf der Eiſenbahn die greulichſte Verwirrung eintreten, wenn ſein Auge nicht mehr wachte?— Und doch, und doch! Es war ein frem⸗ der Geiſt in ſein Herz geſchlichen, ein ſpottender Geſelle, der ihn höhnte und auslachte, wenn er ſo in der Hitze des Nachmittags zum Bahnhofe ſchlich, wenn er bekümmert dem Eilzuge nachſchaute, bis derſelbe zwiſchen den grauen Ber⸗ gen verſchwand.—„Biſt Du nicht ein Narr,“ ſagte dieſer böſe Geiſt zu ihm,„daß Du hier zurückbleibſt, während es Dir doch das größte Vergnügen machen würde, ein Stück⸗ chen Welt zu ſehen, etwas friſche Luft einzuathmen!“ Selbſt in ſeinen Träumen erſchien ihm dieſer Kobold, und er ſah ſich davon fliegen, hinaus, hinaus, die Reiſemütze auf dem Kopfe, einen Nachtſack in der Hand, auf einem Extrazuge — es war ein ungeheures Vergnügen. So nach und nach mürbe gemacht, ſuchte Herr Kohler ſchüchtern und verſtohlen einen Koffer hervor, den er ſich einſtens angeſchafft. Bei angezündeten Lichtern und ver⸗ ſchloſſenen Fenſterladen packte er ihn heimlicher Weiſe, und als er ihn zugeſchnallt und darauf geſchrieben:„Paſſagier⸗ gut für Chriſtian Kohler“, floh er davon, als habe er etwas Entſetzliches begangen. Doch gewöhnte er ſich in kurzer Zeit ſo ſehr an den Anblick dieſes Koffers, daß er es bald ———— ——— — 166— über ſich vermochte, einen kleinen Handreiſeſack zu kaufen und ſich eine Paßkarte geben zu laſſen. Dabei hatte er beſchloſſen, morgen zu reiſen, morgen die Stadt zu verlaſſen, die ihm nach dem Weggang ſo vieler Freunde und Bekann⸗ ten öde und leer vorkam. Wohl lächelte er ungläubig in ſich hinein, wenn er bedachte, daß er, der bis jetzt nur dazu da geweſen, andere Leute bis an den Wagen zu begleiten, um dort, von ihnen Abſchied nehmend, zurückzubleiben, jetzt ſelbſt reiſen wolle.— Es mußte doch nothwendiger Weiſe Jemand da ſein, der ſeine Stelle einnahm, und dieſer Jemand mußte vorkommenden Falles wieder einen Stellvertreter haben, und ſo fort, und ſo fort. Doch war dies ein Ge⸗ danke, der ihn völlig ſchwindelig machte, mit dem er nicht zu Ende kam, und den er nicht anders zerreißen konnte, als durch einen muthigen Sprung in den Eiſenbahnwagen. So beſchloß er und ſo führte er es aus. Er bat einen Bekannten, ihm ein Billet zu kaufen auf den Sechsuhreilzug. Wohin? das war ihm gleichgültig. Darauf ſchlich er ſich mit ſeinem Nachtſacke und ſeinem Reiſeſack ſcheu in den Warteſaal, den er ſonſt im ſtolzen Bewußtſein ſeiner wich⸗ tigen Lebensaufgabe betreten hatte. Er trat hinter die Thür, theils um ſich dort vor Aller Augen zu verbergen, theils aber auch, um noch einmal, zum letzten Male an jenem Orte zu ſchwelgen, wo er ſ ie geſehen, der er ſein Herz zugewandt, die ihm entſchwunden und von der er nichts mehr gehört hatte. Da, auf demſelben Stuhle, wo ſie geſeſſen, die ſchöne Wittwe, wartete er geduldig, bis das dritte und letzte Zeichen erſcholl. Dann ſtürzte er vor, ohne rechts und links zu ſchauen, bei der Dame du Comptoir und den Kellnern vorbei, von denen er überzeugt war, Erſtere würde in Ohn⸗ macht fallen, wenn ſie ihn im Reiſeanzuge erblickte, die An⸗ dern aber verzweiflungsvoll aufſchreien,— hinaus auf — 167— das Trottoir, um ungeſehen von den Wagenſchmierern, den Packern, den übrigen Beamten bis hinauf zum Bahnhof⸗ Inſpector in eine ſtille Wagenecke zu gelangen. Mußte er nicht fürchten, bei dem entſetzlichen Rufe:„Kohler reist fort! Kohler verläßt uns!“ werden allerlei der furchtbarſten Unglücke geſchehen! einige Schmierer werden zwiſchen die Räder ſtürzen, ein Paar Packer ſich zerquetſchen laſſen, und der Bahnhof⸗Inſpector, ſtatt den Zug fortfahren zu laſſen, werde ein ſchreckliches:„Halt!“ rufen. Aber Gott ſei Dank! es geſchah nichts von allem dem, Kohler hatte ſeine Wagenecke glücklich erreicht. Wohl ſaß er zitternd da, erwartend, daß jetzt plötzlich irgend eine fabelhafte Confuſion eintreten müſſe, weil er nicht mehr da ſei, ſeine leitende Hand fehle— aber es paſſirte nichts dergleichen. Die Locomotive pfiff wie gewöhnlich, der Zug ſetzte ſich in Bewegung wie immer, die Paſſagiere hatten ihre Plätze ge⸗ funden wie täglich.„Die Geſchäftsmaſchine,“ ſo tröſtete ſich Herr Kohler,„läuft ihren alten, geregelten Gang; Gott gebe, daß nichts Ungewöhnliches eintritt!“— Da kamen ſie an dem Pfeiler vorbei, an welchem er ſo oft ge⸗ lehnt, und an die Ferne und ſie gedacht. Dann ſchienen ſich die Bahnhofgebäude ſtill und geräuſchlos zurückzuziehen. Herr Kohler ſchaute rückwärts; er hatte immer ein unbe⸗ ſtimmtes banges Gefühl, es müſſe bei ſeiner Abreiſe irgend etwas außerordentlich Ungeheures geſchehen, die Locomotive vor Schmerz zurückdampfen, die Glocke da drinnen einen gellenden Weheruf ertönen laſſen, da ſich der Bahnhof⸗ Inſpector in ſeiner Verzweiflung über Kohler's Abreiſe dort aufgehängt;— die große Einſteigehalle würde ein⸗ ſtürzen oder ſo etwas Aehnliches. Doch geſchah, wie bemerkt, nichts von dem Gefürchteten; Alles blieb in gewohnter, ruhiger Ordnung. Die Bahn⸗ hofgebäude ſchwanden immer mehr, der Zug dampfte dem — 168— Thaleinſchnitt zu, begleitet von ſeinem Schlagſchatten, der auf den Unebenheiten des Terrains allerlei hüpfende Be⸗ wegungen machte; die Paſſagiere richteten ſich behaglich ein, und Herr Kohler, von ſeltſamen Gedanken bewegt, zog ſeine Reiſemütze tiefer über die Augen. — Wohl um die ſechste Stunde. Die ſiebente Stunde. orin die Annehmlichkeiten eines ſommerlichen Landaufenthal⸗ tes beſtehen, erfährt man erſt recht, wenn man aus dem betäubenden Getreibe ſtau⸗ biger Straßen, aus dunſtiger Zimmerluft, wie ſie ſelbſt bei ſorgfältigſter Ventilation eine Stadt nicht anders zu bieten vermag, auf einmal wie mit einem Zauberſchlage in den Duft des friſchen Wieſengra⸗ ſes unter ſchattigen Zweigen am murmelnd dahin fließen⸗ ———-— —yy—————— —— 170— den Bache verſetzt wird. Dabei iſt es aber auch nothwen⸗ dig, daß man alle Sorgen hinter ſich laſſen kann und ſo das offene Herz empfänglich machen für das Schöne, was uns draußen im Freien jeder Luftzug bringt, was uns vom Zweige jedes Baumes, ja von der Spitze jedes Gras⸗ halms entgegen nickt, was uns das Waſſeer flüſtert, was uns der Vogel in der Luft ſingt, was uns die ruhig da⸗ hinziehende Wolke berichtet, was uns jeder Sonnenſtrahl erzählen will, wenn er uns freundlich zublinzelt. Ja! wenn man ſich ſo recht an's Herz der Natur wirft, ſo muß man fühlen, wie ſich jeder herbe Schmerz, Haß und Zorn ohnedies, nach und nach auflöſen in eine weh⸗ müthige Trauer, die endlich auch einem ſtillen, nachdenk⸗ lichen Behagen Platz macht. Welche Zauberkraft liegt im Dufte des friſchen Graſes! Wie führt er uns hinweg in einem raſchen Sprunge über die längſt entſchwundenen Jahre nach den Tagen der Kindheit, wo wir auch ſo im ſüßen Heu lagen, an den Himmel hinauf blickten, dem Ge⸗ ſang der Vögel lauſchten und uns unbeſchreiblich glücklich fühlten. Dieſes ſtille Glück kann man ſich, wie ſchon geſagt, wieder herbeizaubern, ſelbſt mit einem betrübten und trau⸗ rigen Herzen, wenn man ſich mit dem Rücken in'’s Gras legt— es iſt das ein Hausmittel, kräftig und wohlthuend wie alle dieſe. Aber man muß ſich eine Stelle im Graſe auswählen, wo dieſes recht hoch und dicht ſteht, wo die Halme um uns wachſen, wenn wir ſo mit dem Kopf am Boden liegen, wie große Bäume einer fremden Zone. Et⸗ was Phantaſie gehört allerdings dazu; damit begabt ſieht man aber ſo wunderliche Gebilde, daß ſich ſelbſt die fin⸗ ſterſten Gedanken allmälig in Staunen auflöſen über die Pracht deſſen, was der liebe Gott in einem ſolchen Gras⸗ walde geſchaffen. Was ſind dagegen alle Palmen, Bana⸗ ich vorhin zum Beiſpiel dem grimmigen Kampfe einer Schlange nen, Schlinggewächſe, Orchidäen, und wie dieſe wunder⸗ lichen Pflanzen der Tropen alle heißen mögen? Was iſt das ſchönſte Exemplar derſelben, wenn man einen kräftigen Grashalm von unten herauf betrachtet und ſtaunend ſieht, wie unendlich ſchön ſeine ſich herabbiegenden Zweige ge⸗ formt ſind, wie da harmoniſch eins nach dem andern her⸗ vorwächst, welche Mannigfaltigkeit in Blättern, Blüten und Samen herrſcht. Und dazwiſchen das üppige Moos in den abenteuerlichſten Formen, ſchwer und maſſig wie Cac⸗ tuspflanzungen, und doch dabei wieder unendlich zierlicher und feiner. Wir betrachten es mit Bewunderung und Staunen, und wenn wir weiter blicken, erſchrecken wir faſt über die rieſenhaften Dimenſionen der röthlichen Kleeblumen, die mit ihrem runden Haupte ſo ſchwer hin und her wiegen zwiſchen den ſchlanken Gräſerpalmen. Aber da iſt wieder etwas anderes, was in unſerem Auge ihre Wucht mildert: zierliches Mauſeohr und kletternde Wicken. In einem ſolchen Gras⸗ und Kräuterwalde lag ein Mann auf dem Rücken, gerade wie wir es oben beſchrie⸗ ben; um ihn ſproßten die Pflanzen mit einer wahrhaft tropiſchen Ueppigkeit; das Gras war ſo hoch, daß, wenn er den Arm ausſtreckte, ſeine Finger nicht über daſſelbe emporragten. Wenn er gerade emporblickte, ſo ſah er durch die Spitzen der Pflanzen nur den tiefblauen, klaren Him⸗ mel ſchimmern, und bemerkte, mit welch' prachtvollem Effekt die Streiflichter der ſinkenden Sonne all' die Gipfel dieſes Graswaldes vergoldete. „Wer die gehörige Phantaſie hätte,“ ſprach er,„ſollte Wanderungen einer Heuſchrecke oder eines Käfers in ihren heimatlichen Urwäldern beſchreiben. Es wäre dies das dankbarſte Feld für das poetiſche Gemüth eines Touriſten, und auch an Abenteuern würde es ihm nicht fehlen. So ſah mit einem Panzerthiere zu, hier Käfer und Regenwurm. Man kann nichts Groteskeres ſchauen, als die Windungen des Wurms und die wilden Angriffe ſeines grimmigen, grün und goldſchimmernden, ſchwer geharniſchten Feindes.— Schade, daß ich das nicht beſchreiben kann.— In Muſik ſetzen läßt es ſich unmöglich.— Meine Kunſt iſt ſchön,“ ſetzte er ſeuffend hinzu,„aber in zu enge Grenzen ge⸗ bannt.“ „Du biſt undankbar,“ hörte man eine andere Stimme antworten; und um in unſerem Urwaldvergleich fortzufah⸗ ren, klang ſie gerade wie von einem benachbarten Gebirge herab. Und doch war der, welcher ſo ſprach, nur wenige Schritte entfernt; er ſaß auf einem umgehauenen Baum⸗ ſtamme, hielt auf ſeinen Knieen eine Mappe und zeichnete. „Allerdings iſt Deine Kunſt beſchränkt, aber wo ſie einmal wirken kann, da ſind ihre Wirkungen groß und gewaltig. Ein Buch, das Du geleſen, bewegt Dich für Augenblicke; der Eindruck eines Bildes, das Du geſehen, ſchwindet mei⸗ ſtens ſchon in der nächſten Sekunde, aber ein Lied, das Dir zu Herzen gegangen, tönt Jahre lang nicht nur in Dir ſelbſt fort, ſondern verbreitet ſich auch mit gewaltiger Schnelligkeit in faſt tauſend und aber tauſend Herzen.“ Aus dem Graſe tönte ein tiefer Seufzer empor. „Bücher,“ fuhr der Sprecher fort,„ſperrt man, mei⸗ netwegen zierlich eingebunden, in ein verglastes Gefängniß, Bilder hängt man an die Wand, Zeichnungen kommen in die Mappe, aber ein Lied bewahrt man im Herzen, und mag man traurig oder fröhlich geſtimmt ſein: unwillkürlich tritt es auf die Lippen und erinnert an den, der es ge⸗ macht.“ „Ich will Dir zugeben,“ ſagte der im Graſe,„daß daran etwas Wahres iſt. Aber kann ich mit einer Un⸗ maſſe von Tönen das erreichen, was Du mit wenig Strichen — 173— 2 kannſt?— ein Bild vor mich hinzaubern, es meinem Auge vergegenwärtigen?— Nein, nein,“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher er ſich emporgerichtet und aufrecht hingeſetzt,„Deine Kunſt iſt mächtiger als die meinige.“ „Meinetwegen, ſo will ich Dein Lied ſingen und Du ſollſt Dich an meinen Zeichnungen erfreuen.“ „Wie ich ſchon ſo oſt ſchmerzlich gethan,“ ſeufzte der Muſiker. „Vereinigung macht ſtark und glücklich, lieber Victor,“ erwiederte der Maler.„Ich habe das erſt recht gefühlt in der Zeit, ſeit welcher wir hier zuſammenleben. Wie ſchwach, wie traurig war mein Gemüth, als wir zum erſten Mal die Thurmſpitze jenes freundlichen Kirchleins ſahen; wie geſtärkt fühle ich mich jetzt, und wenn auch nicht vollkom⸗ men glücklich, ſo doch mit einer gewiſſen Beruhigung in die Zukunft blickend.“ „Das macht die Hoffnung, die Dir lächelt;— ich habe keine mehr.“ Der Maler warf einen Blick über das„Papier nach ſeinem Freunde hin, dann gab er zur Antwort: „Du haſt keine mehr, weil Du ſie leider mit aller Ge⸗ walt aus Deinem Herzen verbannt haſt. Ich hätte Dich bei Gott nicht für ſo eigenſinnig gehalten, Victor. Für mich, — was meine Zukunft, mein Wohl anbelangt, ziehſt Du Erkundigungen ein, gibſt Dir alle mögliche Mühe, ſchreibſt Briefe, läſſeſt Dir welche ſchreiben, und biſt glücklich, mir ein Wort des Troſtes ſagen zu können. Für Dich ſelbſt aber thuſt Du keinen Schritt. Haſt Du Dich ein einziges Mal nach der Stadt gewendet, um die Adreſſe Deiner Verwand⸗ ten zu erhalten?— Nein, Du willſt nicht, ſagſt Du. Haſt Du nur wenigſtens dort fragen laſſen, ob nicht, wie ich feſt überzeugt bin, eine Menge Briefe für Dich bereit lie⸗ gen?— Du willſt keine Briefe, iſt Deine Antwort, o ich — 174— habe ſie oft genug gehört, und kann Dir darauf nicht oft genug wiederholen, daß ich das ſehr unrecht von Dir finde.“ „Darüber habe ich meine eigenen Anſichten,“ entgeg⸗ nete finſter der Muſiker,„und gewiß die richtigen. Was ich nach dem, was vorgefallen, aus jenem Hauſe erfahren kann, das erfahre ich in einem Jahre eben ſo gut wie heute. — Das Andere iſt entzwei geriſſen und können es Briefe und Botſchaften nicht wieder vereinigen.— Im Uebrigen,“ ſetzte er nach einer längeren Pauſe hinzu,„haſt Du mir ſchon öfter verſprochen, dieſe Angelegenheit nicht zu be⸗ rühren, und brichſt Dein Verſprechen, ſo oft Du eine Ge⸗ legenheit dazu findeſt. Die Stadt mit ihren finſteren Straßen liegt hinter uns; laß alle Erinnerungen an ſie im Frieden ruhen; blick vorwärts, dort hinaus. Haſt Du was Wun⸗ derbareres, ja ich möchte ſagen Rührenderes geſehen, als dieſen ſonnbeglänzten Abend, die prachtvolle Landſchaft, die ſich unſeren Augen darbietet? Zieht es Dich nicht ordent⸗ lich empor, daß Du mit dem leiſen Hauche der Luft, der mein Geſicht kühlt, dahin ſchweben möchteſt über Berg und Thal, mit der Sonne fliegen, die Dir immer Neues, immer Schöneres zeigen wird?“ „Ja, wir ſind hier oben wie auf einem Throne,“ ſagte der Maler;„man kann ſich keinen reizenderen Platz aus⸗ wählen, als dieſe kleine Hochebene mit der unendlichen Aus⸗ ſicht ringsumher. Wie viele Stunden bin ich ſchon hier geſeſſen, nach wie vielen Richtungen hinaus habe ich ſchon Skizzen aufgenommen! Eine große Mappe voll, zu Bildern ausreichend für ein ganzes Leben.“ „Wer wollte aber immer die langweilige Natur malen!“ verſetzte Victor mit einem leichten ironiſchen Lächeln.„Ich bin feſt überzeugt, Ferdinand, es zieht Dich oft nach anderen Gegenſtänden, nach Sammet und Seide, nach flatternden Spitzen und ſchönen Augen.“ — 175— Der Maler zuckte mit den Achſeln, ehe er zur Ant⸗ wort gab: „Gott ſei Dank, ich bin ſo geheilt, ſo gänzlich erwacht aus jenen finſtern und wilden Träumen, daß ich an ſie zurückdenke mit demſelben unbehaglichen Gefühl, ja einer Art von Schauder, mit dem wir einer ewig langen Nacht gedenken, in welcher wir uns in ſchweren Träumen ruhelos umhergewälzt. Was iſt jenes glühende Gold gegen die weiche balſamiſche Luft, die aus dem Thale zu uns heraufdringt, die wir begierig einathmen?— Glaube mir, Victor, ich habe nur noch einen Wunſch, und wenn der erreicht iſt, ſo werde ich ganz glücklich ſein, hier glücklich ſein, am Herzen der Natur, und mich— bei Gott! nie mehr zurückſehnen nach dem Funkeln der Brillanten und Augen, nach dem trügeriſchen Glanze der Luſtre.“ „Du ſprichſt meine Gedanken aus, Ferdinand,“ be⸗ merkte der Muſiker.„Wie in ſo kurzer Zeit eine gänzliche Umwandlung eigentlich möglich iſt— ich begreife es nicht recht und fühle doch, daß es ſo iſt. Aber ich bin unglück⸗ licher als Du; Du haſt einen Wunſch, Dir ſchwebt etwas Erreichbares vor— mir nicht; Du haſt einen Lebenszweck, — ich nicht. Verzeihe mir,“ rief er ſchmerzlich aus,„daß ich noch einmal ſchonungslos der Vergangenheit gedenke, aber Du ſelbſt haſt das Geſpräch darauf gebracht. Hätte ich ſie verrathen und betrogen, ſie könnte, ſie würde mir verzeihen;— ich aber vergalt ihre innige, glühende Liebe, ihre erſte Liebe gewiſſermaßen mit Hohn und Geringſchätzung. Das hat uns auseinander geriſſen— für immer.— O ich Thor! ich lächerlicher Thor, der ich den Diamant, wel⸗ cher mir vor die Füße gelegt wurde, nicht beachtete, weil ſeine Einfaſſung unſcheinbar, und der ich mich dagegen an falſchen Edelſteinen erfreute, weil ſie glänzend umgeben wa⸗ ren.— Doch nein, nein, dieſer Vergleich paßt nicht— die 176— Andere war auch kein falſcher Edelſtein. O wäre ſie das geweſen, ich könnte viel eher Ruhe finden.— Doch fort, fort mit dieſen Gedanken! Iſt es doch gerade, als wollten die Geiſter der Vergangenheit emportauchen mit jenen Abendnebeln dort im Thal, die ſich hie und da in leichten grauen Schleiern zeigen. „Sieh' Dich um, Ferdinand,“ ſprach der Muſiker weiter, „iſt es nicht unnennbar ſchön hier oben, am Vordergrunde angefangen, den Abhang hinab über die Wieſen hinweg, dort an den Gebüſchen vorüber, die zuerſt vereinzelt, dann in Maſſen ſtehen als Vorpoſten des dunkeln Waldes, der dort im Thal beginnt, ſich dann breit über die Höhen legt, dieſelben mit einem weiten, grünen Mantel bedeckend, — einem Mantel mit einer prachtvollen Agraffe: dem Schloſſe dort drüben, von deſſen Thurm die ſtolze Fahne flattert.“— Er ſtand mit verſchränkten Armen da und blickte in die Gegend hinaus.—„Früher hätte ich ge⸗ fragt,“ ſprach er dann,„wem gehört das? wer wohnt dort?— Jetzt aber will ich es nicht wiſſen und ver⸗ meide jede Frage, die mir mit einem Namen beantwortet werden könnte. Ein Name würde meine Phantaſie in ge⸗ wiſſe Feſſeln drängen; ſo kann ich ſie frei walten laſſen und kann jene ſtolzen Räume mit Geſtalten bevölkern, wie ich ſie im Herzen trage.“ Victor ſagte das mit einem leichten Seufzer, und wie um trübe Gedanken gewaltſam zu zerſtreuen, wandte er ſich plötzlich ein wenig um, und ſuhr im ſrüheren Tone fort: „Und da und dort, Ferdinand,— ſieh' das wunderbare Leuchten des Waſſers, hier eine ſpiegelnde Fläche, dort lin langer Linie eigenſinnig verſchlungene Silberfäden. Und hinter uns das kleine Dörſchen, unſere Heimat.“ „Ja, ja,“ beſtätigte der Maler, der dorthin gewendet ſaß,„mit ſeinem alterthümlichen Kirchthurme. Ich ſage — 177— Dir, das gibt eine ſchöne Skizze. Doch muß ich für heute endigen; die kleine Glocke wird uns bald an unſere Pflicht mahnen.“ „Du haſt doch heute Abend nichts mehr zu thun?“ „In der Schule nicht,“ entgegnete Schilder, indem er das Blatt Papier, auf dem er gezeichnet, weit von ſich ab⸗ hielt und dann noch einige Striche machte.„Aber muß ich dem alten Manne nicht in ſeinen Wirthſchafts⸗Angele⸗ genheiten helfen?— Du, Victor,“ meinte er lachend nach einer Pauſe,„wer uns von den früheren Bekannten ſo ſehen könnte! Dich— kleinen Bauernbuben und Mädchen einen Canon oder Choral einſtudirend, mich die gleichen Schüler Striche machen lehrend und in meinen Freiſtunden thätig in der Wirthſchaft eingreifend.“ „Mißfällt Dir dies Leben?“ „Mir ganz und gar nicht, wenigſtens für jetzt nicht. Ob ich mich für alle Zeiten damit begnügen könnte, das wage ich heute nicht zu entſcheiden. Es iſt mir, wie wenn man nach einer langen und ſchweren Krankheit zur völli⸗ gen Heilung auf Milch und Waſſerſuppe geſetzt wird.— Und ich fühle, daß das vortrefflich anſchlägt.“ „Ich,“ ſagte Victor aus tiefem Nachſinnen heraus,„glaube, was mich anbelangt, mein Leben hier beſchließen zu können.“ Der Andere konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten. „In Dir,“ ſprach er,„ſteckt noch das Gefühl der Krank⸗ heit; für Dich muß erſt noch der rechte Arzt, der richtige Trank geſunden werden. Aber,“ fuhr er heiterer fort, „eines mußt Du mir verſprechen, Victor: wenn wir Beide einmal wieder recht glücklich werden ſollten, daß wir dann hieher zurückkehren auf dieſen Platz, wo wir damals müh⸗ ſelig und beladen ausgeruht, daß wir ihn beſuchen, um ihm zu danken für Alles, was er mit ſeiner prachtvollen Umgebung an unſerem Gemüthe gethan.“ Hackländer, Tag und Nacht. II. 12 — — — — — òò —— — — — — — 178— „Gewiß, gewiß,“ verſetzte Victor, aus ſeinen Träumen auffahrend;„ich werde mit Dir gehen, wenn Du wieder glücklich geworden biſt.“ Der Maler packte ſeine Geräthſchaften zuſammen. „Wie ich mich jenes Abends ſo deutlich erinnere!“ ſprach der Muſiker.„Hier ruhten wir aus, dort auf dem Steine ſaß der Knabe, der unſere Nachtſäcke trug.“— „Und der uns an der kleinen Eiſenbahnſtation ſo ſcharf betrachtet hatte und uns gleich geſagt, der Weg zum Dorfe führe über die Wieſe rechts.“ „Ja, der ſich uns dann zum Führer anbot und unter⸗ wegs ſagte: Einer von uns ſei ſchon lange erwartet worden.“ „Vom alten Schulmeiſter, der ſich einen Gehülfen ver⸗ ſchrieben, welcher nicht kommen wolle.“ „Du warſt der Erſte,“ ſagte Victor,„welcher das als einen Fingerzeig des Schickſals anſah, und ſo beſchloſſen wir denn, die Rolle zweier Schullehrergehülfen zu ſpielen.“ „Und in unſeren Forderungen ſo mäßig zu ſein, daß man uns annehmen müſſe.“ „Der alte Mann hatte aber doch einiges Mißtrauen, als er uns bei Licht beſah, und erſt als wir ihm der Wahr⸗ heit gemäß berichtet, ich habe mich hauptſächlich auf Muſik verlegt, Du auf das Zeichnen, und als wir ihm Proben von unſerer Geſchicklichkeit ablegten—“ „Ließ er ſich herbei, uns die Handhabung ſeines Scep⸗ ters anzuvertrauen,“ ergänzte launig der Maler die Rede ſeines Freundes, ſagte dann aber plötzlich in anderem Tone, während er in das Thal vor ihnen hinabſchaute:„Sieh', dort reiten ſie wieder, die ich ſchon oft geſehen, wenn ich hier oben ſaß. Ich habe ſie neulich einmal auf's Papier ſtizzirt— eine hübſche Cavalcade. Gewiß die Herrſchaft vom Schloſſe drüben.“ ——W——- — 179— „Mir gleichgültig,“ verſetzte Victor. „Es ſind zwei Damen dabei,“ fuhr der Maler fort, nachdem er die Hand vor die Augen gelegt, um dieſe vor den ſchräg fallenden Sonnenſtrahlen zu ſchützen.—„Ele⸗ gante Geſtalten, wie es ſcheint. Doch blendet ſo ein Reit⸗ kleid, überhaupt die Geſtalt einer Dame im Sattel außer⸗ ordentlich; da ſieht faſt jede ſchön und elegant aus.— Hinten galoppiren zwei Bediente.— Ja, ja, ſie werden vom Schloſſe da drüben ſein.“ Darauf gingen die beiden Freunde ihres Weges und hatten bald die erſten Häuſer des Dorfes erreicht, worauf ſie durch die Hauptſtraße deſſelben ſchritten, nicht ohne von allen Seiten freundliche Grüße zu erhalten und Be⸗ weiſe herzlicher Aufmerſamkeit. Wo einer der Bauern ſeine Pfeife rauchend im Fenſter lag— und heute als an einem Feiertage ſah man viele ſo ausruhend— da nahm er die Mütze ab und nickte grüßend; vorbeieilende Weiber ſagten ein freundliches Wort, und die kleinen Kinder unter⸗ brachen ihre Spiele, um herbei zu kommen und den Beiden ihre Händchen zu reichen. Dort am Ende der Straße lag die Schule mit der Wohnung des Lehrers, kein neues oder ſtattliches Gebäude, aber von ihrem Gründer oder Erbauer in ihrer Lage ſo wunderbar gewählt, wie man ſich nur etwas ausdenken konnte. Der Hügel, an welchen das Dörfchen ſo geſchmiegt lag, daß ſeine oberen Häuſer auf die Höhe reichten, zeigte die Ruine eines alten Schloſſes, und obgleich von demſelben nichs mehr übrig war als ein alter Thurm und eine von ſtarken Mauern getragene oder umgebene Terraſſe oder Plattform, ſo war der Thurm und die einſt zahlreich vor⸗ handenen Steinhaufen zur Erbauung des Schulhauſes be⸗ nützt worden. Neben und in dieſem Thurm waren Schule — 180— und Wohnung des Lehrers, und die Terraſſe, deren Theil zunächſt den Gebäulichkeiten eine weite Laube von Wein⸗ reben zeigte, war ein herrlicher Spiel⸗ und Tummelplatz der Jugend. Und welche Ausſicht hatte man von hier! — Weit, weit über das ſchöne Thal mit ſeinem Fluſſe, ſeinen Dörfern, Kirchen und Landhäuſern, nach den blauen, zackigen Bergen hin, die ſich von hier aus in einer ſchönen maleriſchen Linie zeigten. Während man von dem Hügel, wo wir die beiden Freunde gefunden, die Landſchaft in großartiger Stille ſah, den weiten Wald, ruhige Waſſer⸗ flächen, das dahinſchleichende Flüßchen, überhangen, oft verdeckt von Buſchwerk, an ſeinen Ufern vielleicht einen leeren Nachen, der die Einſamkeit noch vermehrte, erblickte man hier von der Terraſſe des Schulhauſes den regen Verkehr des öffentlichen Lebens. Dort bemerkte man die große Heerſtraße mit ihrer ſtets wechſelnden Staffage; Schiffe zogen den Fluß hinab, von den ruhenden Hirten⸗ buben forſchend betrachtet, während ſich drüben die Heerde mit allen Zeichen der Angſt vor der dampfenden Locomo⸗ tive entfernte, die aus einem Tunnel hervorkommend eiligen Laufes in Kurzem wieder hinter der Hügelreihe verſchwand. Der Schullehrer, ein ſchon ſehr alter Mann, ſaß unter der Laube vor dem Hauſe in einem grob geſchnitzten aber bequemen Stuhle, behaglich ausruhend, was jetzt, ſeit er die beiden wackeren Gehülfen erhalten, ſeine Hauptbeſchäf⸗ tigung war. Auf dem Schooße hatte er ein rothcarrirtes Sacktuch ausgebreitet, und die linke Hand, die auf dem Knie ruhte, hielt eine mächtige Schnupftabaksdoſe, von deren Inhalt er einen ſo häufigen und verſchwenderiſchen Gebrauch machte, daß er ſich anderntheils wieder zu einiger Oekonomie genöthigt ſah, welche darin beſtand, daß er den freigebig umhergeſtreuten Tabak in dem rothearrirten Ta⸗ ſchentuch zuſammenſchüttelte. —— — 181— Wer die beiden Gehülfen des alten Schullehrers früher nicht ſehr genau gekannt, konnte ſie jetzt in der überaus einfachen Kleidung kaum wieder erkennen. Um jeden Ver⸗ dacht zu beſeitigen, paßte ihr Anzug von den groben Reiſe⸗ ſchuhen an bis zu der leichten Mütze auf dem Kopfe vor⸗ trefflich zu ihrem Amte; dabei wollen wir aber eingeſtehen, daß Beide der kurze, einfache graue Rock ſehr gut kleidete, und daß das locker um den Hemdkragen geſchlungene ſchwarze Tuch ebenſo gut ausſah wie früher die beſtgemachte Halsbinde. Der alte Schulmeiſter war ein Original, ähnlich jenem ſeiner Collegen, der ſeinen Landesherrn in der Schule herablaſſend grüßte und nachher demüthig um Verzeihung bat, bemerkend, daß er ſich die Achtung ſeiner Schüler nur ſo erhalten könne, indem dieſe glaubten, es gäbe Niemanden in der Welt, der höher ſtehe als er, der Schulmeiſter. Auch dieſem hier war ſein Stock ein förmliches Scepter, indem er nicht nur die widerſpenſtigen Bauernbuben in Ordnung hielt, ſondern auch das ganze Dorf regierte. Den Einfluß des alten Mannes erkannte der Schultheiß und Gemeinde⸗ vorſteher gebührend an, und auf dies Anſehen war der junge Pfarrer eiferſüchtig. Waren doch ſchon ein Paar Generationen neben ihm emporgewachſen, ſeit er in der alten Schloßruine reſidirte; gab es doch im Dorf ſchon ge⸗ ſetzte Männer genug, die ſich noch ganz genau erinnerten, von ihm mit dem ſpaniſchen Röhrchen bearbeitet worden zu ſein. Dabei hatte er ſich von jeher theilnehmend bewie⸗ ſen gegen die kleinen Leiden ſeiner Untergebenen und Pflege⸗ beſohlenen, und war ſo nach und nach, wie wir auch ſchon oben angedeutet, zu einem allgemeinen Rathgeber und Schiedsrichter geworden, bei deſſen Ausſpruch an keine Appellation mehr zu denken war. Er war verheirathet geweſen, hatte auch Kinder gehabt, doch waren dieſe wie . 7„—„„—=—————— —*. 2 8 9 * E 1 1—* — A — 182— auch ſein Weib vor ihm geſtorben, und ſo war er denn, wie er ſich oft halb im Scherze, aber doch mit einem trau⸗ rigen Gefühl auszudrücken pflegte, wieder ebenſo geſtellt wie dazumal vor langen Jahren, wo er zum erſten Mal hier auf der Terraſſe ſtand und voll kühner Pläne und hochfliegender Hoffnungen den Untergang der Sonne be⸗ trachtete. Auch jetzt neigte ſie ſich wieder dort an dem ſteilen Rande des Waldſaumes hinab, das ganze Thal mit einem röthlich violetten Schimmer erfüllend, und die Spitzen des dunklen Tannenwaldes drüben ſo beleuchtend, daß es aus⸗ ſah, als ſei Goldſtaub oben auf die faſt ſchwarzen Nadeln geſtreut worden. Die Terraſſe, an deren Ende der alte Schulmeiſter ſaß, wurde jetzt nach und nach belebt, nicht von den Schullin⸗ dern,— dieſe benützten ihren Feiertag in Wald und Flur und kehrten erſt mit der ſinkenden Nacht heim— am heu— tigen Abend fanden ſich vielmehr die erwachſenen Burſche und Mädchen ein, um, wie früher unter der Leitung des Schullehrers, jetzt unter der des neuen Gehülfen, Lieder und leichte Chöre zu ſingen; denn ſeit dieſer da war, hatte er mit Freuden die Führung dieſes ländlichen Geſang⸗ vereins übernommen, und es war ihm eine der liebſten Beſchäftigungen, die friſchen, kräftigen Stimmen, ſo gut es gehen mochte, zu einem harmoniſchen Ganzen zu verſchmel⸗ zen, und er gab ſich alle Mühe, ſie zu etwas Tüchtigem heranzubilden. Auch die gelehrigen Schüler fühlten bald, daß ſie jetzt von einem ganz anderen Geiſte geleitet wurden, und gaben ſich deßhalb alle Mühe, welche denn auch in kurzer Zeit von einem hübſchen Reſultate gekrönt wurde. Während ſich ſo Victor am ſpäten Abende noch mit ſeiner Kunſt beſchäftigte, hatte Ferdinand um dieſe Zeit mit dem praktiſchen Leben zu thun, ſah in den angrenzenden — 183— Feldern nach, unterſuchte auch wohl die Ställe, Keller und Küche: da er aber Alles mit dem Auge des Künſtlers be⸗ trachtete, ſo erzählte er ſpäter ſeinem Freunde von allerlei wunderbaren Farbentönen auf der Erde und in der Luft, und von den efefektvollſten und ſeltenſten Miſchungen bei verſchwindender Sonne und anbrechender Dämmerung. Auch jetzt ging er ſo ſeinen Beſchäftigungen nach, wäh⸗ rend Victor ſeine Schüler in einem großen Kreiſe aufſtellte, in deſſen Mitte er ſtand und nach ein Paar einfachen Wor⸗ ten, mit welchen er zur Aufmerkſamkeit ermahnte, mit dem Geſange beginnen ließ. Wie klang das ſo friſch und froh, ſo volltönig und warm von der Höhe der Terraſſe in das Thal hinab bei der Ruhe der abendlichen Landſchaft, unter dem reinen un⸗ getrübten Himmel, der ſich über dieſelbe ſpannte— So klar und feierlich, So ganz, als wollt' er öffnen ſich. Wenn auch zuweilen von weit her eine Glocke klang in den Chor der Stimmen hinein, ſo ſtörte das nicht, es war viel⸗ mehr wie eine Beifallsbezeugung, es tönte wie ein Gruß, und wenn alsdann das Geläute aufhörte, ſo blickten ſich die Zuhörer, die ſich am Fuße der Terraſſe eingefunden, um, als vermißten ſie etwas. Es paßte das hier Alles ſo wunderbar zuſammen: der ſchöne, ruhige Abend, die weichen Menſchenſtimmen, der Klang der fernen Glocke. Das empfanden die einfachen Herzen der ländlichen Zu⸗ hörer; wie aber ergriff erſt dies alles das ſo empfängliche und poetiſche Gemüth des jungen Muſikers; jetzt doppelt zugänglich für dieſe äußeren Eindrücke, da die Trauer, welche ſein Herz erfüllte, ihn ſo geeignet machte, in ſich aufzunehmen alle verwandten Töne, wie ſie ein ernſtes Lied, am Abend geſungen, ſo bereitwillig ſpendet. 8 4 1 4 9 3 3 8 6 — 184— Jetzt ſchwiegen die Sänger, und der alte Schulmeiſter trat unter ſie, ihnen, vor Allem aber dem Gehülfen, aus vollem Herzen Lob ſpendend. Victor ging alsdann für einige Augenblicke an den Rand der Terraſſe und blickte in die Landſchaft hinaus, die jetzt in der That in wunder⸗ barem Glanze vor ihm lag, ein Bild der ſeligſten Ruhe, des vollkommenſten Friedens, welches gerade durch den Ge⸗ genſatz mit ſeinem Herzen dieſes bewegte und heftiger ſchla⸗ gen ließ. Er dachte innig, wie lange nicht, an vergangene Tage; Alicens Bild trat mit einer Lebendigkeit vor ſeine Seele, die ihn erſchreckte und eine gewaltſame Anſtren⸗ gung machen ließ, es zurückzukämpfen. Aber er unterlag in dieſem Kampfe; ein tiefer Athemzug bewegte ſeine Bruſt, ſeine Lippen zuckten und ſein Auge verſchloß ſich ein Paar Sekunden lang vor dem mächtig eindringenden Flimmern der untergehenden Sonne. Da riß ihn ein ſchon lange nicht mehr gehörter Ton aus ſeinen Träumereien— der Hufſchlag galoppirender Pferde auf dem alten Pflaſterweg am Fuß der Terraſſe. Victor blickte hinab, doch ſah er an der Mauerecke nur noch etwas flattern wie ein Stück blauen Schleiers und etwas vom Reitkleid einer Dame— wahrſcheinlich die Caval⸗ cade, von welcher der Maler früher geſprochen. Ja, ſo mußte es ſein, denn dort erſchienen auch die beiden Reit⸗ knechte, deren Ferdinand erwähnt. Einer derſelben, ohne Zweifel einem Rufe der Herrſchaft Folge leiſtend, ließ nun plötzlich ſein Pferd ausgreifen, verſchwand dann ebenfalls an der Ecke der alten Terraſſenmauer, erſchien aber in Kur⸗ zem ſelbſt auf der Plattform vor dem erſtaunten und ihm eilig Platz machenden Sängerchor. Dieſer hatte ſeinen Kreis geöffnet und ſo befand ſich der Bediente vor dem alten Schulmeiſter, den er, höflich grüßend, von dem Wunſche ſeiner Herrſchaft in Kenntniß ſetzte, hier oben eines der — 185— ſchönen Lieder hören zu dürfen, die ſie vorhin drunten im Thale vernommen hätte. Der alte Mann fühlte ſich durch dies Verlangen ge⸗ ſchmeichelt, ſagte dies auch in ein Paar Worten dem Reit⸗ knecht, der alsdann ſein Pſerd umwandte und die Terraſſe verließ.—„Seht ihr, Kinder,“ ſprach darauf der Schul⸗ meiſter luſtig,„wie gut es iſt, wenn man ſich Mühe gibt, etwas Ordentliches zu lernen. Nun wollen die, welche un⸗ ſtreitig ſchon ſehr viel Schönes gehört haben, euch in der Nähe hören.— Stellt euch, Kinder, kommt! kommt!— Singen wir das Lied von ſo eben noch einmal. Was meinen Sie?“ rief er Victor zu.„Ah, Sie haben wohl nicht verſtanden, was der Bediente geſagt?“ Victor hatte es nur zu gut verſtanden, aber es hatte ihm dies Verlangen— er wußte ſelbſt nicht weßhalb— ein unangenehmes Gefühl erregt. Hatte er doch nie in ſeinen Lehrſtunden daran gedacht, ſeine Schüler vor frem⸗ den Leuten ſingen zu laſſen, und ſo lieb es ihm auch ge⸗ weſen, wenn er durch den herzlichen Beifall der Nach⸗ barn, überhaupt der Bewohner des Dorfes, belohnt wurde, ſo konnte er ſich und ſeine Schüler doch durch ein gnädiges, herablaſſendes Wort der Anerkennung nicht geehrt fühlen. Aber hier war nicht viel zu überlegen, hier gab es keine Wahl. Victor in der nun einmal angenommenen Stellung mußte ſich dem Wunſche des alten Mannes fügen und ſagte näher kommend:„Wenn denn einmal vor den fremden Leuten geſungen ſein ſoll, ſo wäre das Lied von vorhin das beſte.“ Zu gleicher Zeit aber bat er leiſe den Schulmeiſter, ſelbſt die Stelle des Dirigenten einzunehmen, was auf alle Fälle den Herrſchaften gegenüber paſſender erſcheine. Der Schulmeiſter, der ſich geſchmeichelt fühlte, machte — 186— auch durchaus keine Schwierigkeiten, ließ den Kreis formi⸗ ren, und bat nur noch Victor, den Ton anzugeben, was dieſer auch that, und ſich alsdann hinter einen Pfeiler zu⸗ rückzog, der von dem alten Schloſſe noch ſtehen geblie⸗ ben war und jetzt als Hauptſtütze der großen Weinlaube diente. Schon ſprengte auch die glänzende Schaar der Reiter auf die Terraſſe. Es waren zwei Herren und zwei Damen, ſowie die beiden früher erwähnten Reitknechte. Einer der letzteren ſprang, eben angekommen, raſch von ſeinem Pferde, warf den Zügel deſſelben dem Kameraden zu und ſtellte ſich neben das Pferd einer der Damen, welches augenſchein⸗ lich ein unruhiges Thier war. Es hatte in einer weiten Lancade auf die Plattform geſetzt und trat auch jetzt un⸗ ruhig hin und her, dabei öfters heftig den Kopf in die Höhe werfend, als wolle es den Verſuch machen, ſich zu bäumen. Victor hatte, für einen Augenblick ſeine Umgebung ver⸗ geſſend, mit Intereſſe der Reiterin zugeſehen, die von der heftigen Bewegung ihres Pferdes nicht im mindeſten alterirt ſchien, nicht eine Sekunde lang in ihrem eleganten Sitze wankte, die Zügel und Reitpeitſche ſo graziös hielt, wie er nie was geſehen, und die der Neigung ihres Kopfes nach — ihr Geſicht konnte er nicht erblicken— augenſcheinlich bei dem tollen Sprunge des Pferdes gegen ihren Begleiter gelächelt hatte, welcher ſich beeilte, an ihre Seite zu kommen. Dieſer Begleiter war ein junger, hübſcher Mann, der ebenfalls ſein Pferd zu führen verſtand, eine elegante Ge⸗ ſtalt, einfach aber vornehm gekleidet, von ruhigen, einneh⸗ menden Geſichtszügen. „Ich mache Ihnen mein Compliment,“ ſagte er zu der ſchlanken Reiterin, indem er ſich vor ihr verneigte;„YNeddah kann unartig ſein. 187 Ich bewundere Sie, daß Sie nach ſo kurzer Zeit ſchon die Herrſchaf haben.“ Der andere Herr, ein ſchon ältlicher Mann— er hatte weißes Haar und ein etwas röthliches Geſicht— hielt ſich von den beiden Erſterwähnten in ſo ehrerbietiger Entfer⸗ nung, daß man ſah, er bilde nur eine Begleitung derſel⸗ ben. Das Gleiche konnte man ebenfalls von der andern Dame vermuthen, denn dieſe, welche ein äußerſt ruhiges Thier zu reiten ſchien, hatte daſſelbe außerhalb der Platt⸗ form umgewandt, den Zügel in die rechte Hand genommen, dann die Linke auf das Mauerwerk gelegt und ſchien in die Gegend hinabzublicken. Victor hatte im erſten Augenblicke auf alles das Ach⸗ tung gegeben, dann aber beſchäftigte ihn ausſchließlich die erſte Dame, und ſein Blick folgte mit angeſtrengter Auf⸗ merkſamkeit jeder noch ſo kleinen Bewegung, die ſie machte, wenn ſie auf ihrem Sattel ein wenig hin⸗ und herrückte, wenn die Finger ihrer linken Hand mit dem Zügel ſpiel⸗ ten oder wenn ſie, wie ſie jetzt that, ihre Rechte erhob, wahrſcheinlich um an ihr Haar zu faſſen. Der junge Muſiker athmete tief und ſchwer. Sah er dieſe elegante, ſchlanke Geſtalt von ſo wunderbaren Formen, wie ſolche das knapp anliegende Reitkleid deutlich zeigte, zum erſten Mal, oder war er früher ſchon in ihre Nähe gekommen? Bald glaubte er das Letztere, wenn er irgend eine Bewe⸗ gung beobachtete, ein Wenden der Schultern, ein Aufheben des Kopfes, das ihm bekannt vorkam. Gleich darauf aber verlachte er wieder dieſen Gedanken, wenn er ihre ganze, ſichere Haltung überblickte, wenn er darin die vortreffliche Reiterin erkennen mußte, die vornehme Dame, des Befeh⸗ lens und Gehorchens gewöhnt,— das Erſtere für ſich, das Andere für ihre Umgebung, ſelbſt wenn dieſe aus elegan⸗ t über ſie gewonnen — — ——:xꝛꝛöL— — 188— ten Cavalieren beſtand, wie der war, welcher an ihrer Seite hielt;— wenn er ihr ſchönes Pferd betrachtete mit dem ein⸗ fachen und doch ſo reichen Sattelzeug, ihr Reitkleid nach dem neueſten Schnitt, den feinen, grauen Caſtorhut mit blauem Schleier— kurz in Allem eine Dame erkannte, die ſich mit Sicherheit in den Kreiſen der ſogenannten großen Welt bewegt. Und doch! und doch! Der Geſang unter der Leitung des Schulmeiſters hatte begonnen, und da ſich die ländlichen Sänger Mühe gaben, ſo ging der Chor ſchöner als je.— Und inniger als je ergriffen die einfachen Worte Victor's Herz, das heftiger ſchlug, ſo oft ſein Blick auf der Geſtalt der fremden Dame ruhte, von der er nicht im Stande war ein Auge abzu⸗ wenden. Dieſe ſchien aufmerkſam den Tönen zu lauſchen, ſie hatte ihr Haupt etwas herabgeſenkt, ſie machte eine Bewe⸗ gung, als wolle ſie die rechte Hand auf ihre Bruſt legen. Jetzt hob ſich ihr Hut ein wenig, ſie ſchien aus tiefen Ge⸗ danken erwachend ihre Umgebung zu betrachten, ſie wandte ihr Geſicht mehr und mehr nach dem Pfeiler, hinter wel⸗ chem Victor ſtand, und mehr und mehr preßte ſich ſein Herz zuſammen, mehr und mehr ſtockte ihm der Athem in der Bruſt. Alice! Ja, ſie war es, nicht mehr wie vor wenig Wochen, ein ängſtliches, ſchüchternes Kind, dem man es anſah, daß ein Blick, ein Wort hinreichend waren, es in ſich zuſammen⸗ ſchauern zu machen, nicht mehr dieſelbe Alice, wie er ſie geſehen in ihrem einfachen, weißen Kleidchen, an ſeiner Seite ſitzend, träumeriſch auf die Taſten blickend, aus denen er damals ſo reiche Tonmaſſen hervorgelockt— nein, nein, eine andere Alice, keine gänzlich verſchloſſene Blüte mehr, — 189— ſondern eine ſchwellende Knoſpe, die nur auf Sonnenſchein und Regen wartet, um ſich prächtig zu entfalten. Aber nein, das war eine Täuſchung— es mußte ein Traum ſein. Er legte die Hand an ſeine brennende Stirne. Im nächſten Augenblicke mußte er erwachen; war er nicht eingeſchlafen, mit ihrem Bilde beſchäftigt, waren es nicht Gebilde eines neckenden Traumes, daß er ſie verloren, daß er die Stadt verlaſſen, daß er mit dem Freunde hieher ge⸗ kommen auf dies einſame Dorf, und daß ſie— ſie nun mit einem Male vor ihn trat, ſo unverkennbar, ſo lebendig und doch wieder ſo kalt abgegrenzt mit ihrer dunkeln Ge⸗ ſtalt auf dem glühend beſtrahlten Abendhimmel, der ſich vor ſeinen Blicken ausſpannte?— Und doch,— nein, nein! es war kein Traum. Er drückte ſeinen Kopf eine Sekunde lang an den Pfeiler, er fühlte die Kälte des Steins, dann öffnete er ſeine Augen wieder.— Das Bild vor ihm war geblieben, es hatte ſich nur ein wenig geändert.—— Der Geſang war verſtummt, der Schullehrer nahm die freundlichen Worte der Herrſchaft in Empfang. Darauf verbeugte er ſich und ſprach etwas, aber was er ſprach, verſtand Victor nicht, er lebte nur in ihrem Anblick; alles Uebrige war für ihn jetzt ein wirres Gemiſch von Tönen und Farben.— Und doch war ihm nicht alles Uebrige gleichgültig. Mit einem Male trat das Bild des jungen Mannes, der neben ihr hielt, ſcharf aus allen Uebrigen hervor; er ſah, wie ſich derſelbe lächelnd und angelegentlichſt ſprechend zu ihr hinüberbeugte; er be⸗ merkte die freundliche und verbindliche Neigung ihres Haup⸗ tes gegen ihn; er mußte es ſehen, wie die Rechte deſſelben die Zügel ihres Pferdes zu ordnen ſchien und dabei ihre Hand berührte.— Das Blut ſtrömte gewaltſam durch ſeine Adern— er mußte—— Unter all' dieſen ihn ſo heftig beſtürmenden Gedanken, 2 ☛ — öee — — 190— die ihn ſich ſelbſt vergeſſen ließen, hatte ſich Victor einen Schritt von der ſchützenden Säule entfernt und ſah, wie ſich plötzlich aller Augen nach ihm richteten; doch geſchah dies nicht in Folge ſeines Hervortretens.— Der alte Schulmeiſter, doch zu beſcheiden und zu uneigennützig, um die geſpendeten Lobſprüche für ſich allein zu behalten, hatte ſeinen jungen Gehülfen als den bezeichnet, deſſen Bemü⸗ hungen man zum größten Theil den ſchönen Geſang zu verdanken habe. Dem hatten die jungen Sänger kopf⸗ nickend, bereitwillig und gern beigepflichtet und ſich raſch und auffallend nach ihrem Lehrer, den ſie Alle wohl leiden mochten, umgewandt. Da ſtand denn der gute Muſiker— mit welchen Ge⸗ fühlen läßt ſich ſchwer beſchreiben. Vor ihm rechts und links war Alles auf die Seite gewichen und ließ ihm freie Bahn bis vor die Pferde des jungen Herrn und der ſchönen Dame— er mußte vortreten, und nach einem kurzen, wenn gleich ſchweren Kampfe mit ſich ſelbſt, trat er auch vor, äußerlich ruhig und gefaßt, den Kopf erhoben, ſchon von Weitem Alice anſchauend, aber ehrfurchtsvoll, ohne durch ein Zucken ſeiner Mienen zu verrathen, daß er ſie ſchon geſehen, wie genau er ſie kenne. Und war ſie es denn in der That? war es Alice, die ihn ſcheinbar ſo ruhig und unbefangen anſchaute,— ſie, der jede Verſtellung bis jetzt fremd geweſen?— Nicht einmal ihre Augen ſenkten ſich, ſeinen Blick vermeidend. Die Gefühle ihres Herzens, wenn ſich ſolche noch für ihn regten, zeigten ſich vielleicht allein in einer leichten Röthe, die plötzlich ihre ſchönen Züge überflog.— Doch nein, es war gewiß nur der Widerſchein der glühenden Abendröthe, welche ſich dort am Himmel zu zeigen begann. So trat er denn vor, gefaßt und ruhig, und ebenſo ließ ſich auch der junge Gehülfe von dem alten Schullehrer den Fremden vorſtellen. Der Herr griff leicht an ſeinen Hut und ſagte ihm ein Paar lobende Worte; vielleicht hätte auch die ſchöne Dame mit ihm geſprochen, doch ſchien der Reitknecht, der bei ihrem Pferde ſtand, auf daſſelbe nicht gehörig Acht gegeben zu haben— genug, es bäumte ſich auf einmal hoch empor und warf ſich alsdann in einer Viertelswendung auf den Hinterfüßen herum. Doch machte das edle Thier dieſe Bewegung ſo leicht und ſchön, und dabei ſaß die ſchlanke Reiterin ſo ſicher und elegant im Sattel, daß man hätte glauben können, das Pferd habe ſich nicht ohne ihren Willen gewandt. Es beruhigte ſich augenblicklich wieder. Der junge Herr nahm grüßend ſei⸗ nen Hut ab, die Dame neigte freundlich ihren Kopf und dann verließen Beide die Terraſſe im langſamſten Schritte ihrer Pferde auf dem alten Pflaſterwege, den ſie herauf gekommen und der in das Thal hinabführte. Victor war wie betäubt ſtehen geblieben; er konnte alles das, was er in dieſem für ihn ſo furchtbaren Augen⸗ blicke erlebt, noch nicht recht faſſen. Er wollte in's Haus zurückgehen, Ferdinand aufſuchen, in der nächſten Sekunde aber zog es ihn mächtig auf die Terraſſe hinaus, über deren Rand Alle hinabſchauten, dem davonziehenden Reiter⸗ zuge nach. Auf der andern Seite der Plattform war Nie⸗ mand, dorthin eilte nun Victor, lehnte ſich an ein ſtehen gebliebenes Stück der zertrümmerten Mauer und blickte nun ebenfalls den Reitern nach. So langſam wie möglich gingen ihre Pferde den Berg hinab, voraus die beiden jungen Leute, dann folgte die Dame, die außerhalb der Plattform geblieben war, und der alte Herr mit dem weißen Haar. Die Beiden ſchienen angelegentlich mit einander zu ſprechen, namentlich jetzt bei einer Biegung des Weges, wo die Dame, die ihren Schleier herabgelaſſen hatte, ſich ganz zu dem alten Herrn hinüberbeugte.— Da neben dieſer Biegung ſah der junge — Muſiker ſeinen Freund ſtehen, der in das Thal hinabge⸗ ſtiegen war, um nach einem Heuwagen zu ſehen, welcher noch vor Abend hinaufgeführt werden ſollte; da ſtand Fer⸗ dinand, er hatte des warmen Abends wegen ſeine Jacke ausgezogen, ſie über die Schulter gehängt, und nahm nun ſeinen Hut ab, um als höflicher Mann die vorbeireitende Herrſchaft ehrerbietig zu grüßen. Dann blickte er derſelben nach und legte die Hand über ſeine Augen, wie er zu thun pflegte, wenn er etwas ſehr genau ſehen wollte, ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und ſetzte, wie es ſchien, zögernd ſeinen Weg den Berg hinan fort, nicht ohne einige Male ſtehen zu bleiben und zurückzuſchauen, ſo lange ihm die Reitenden ſichtbar blieben. Victor, der ſich über das Geländer der Terraſſe ge⸗ lehnt hatte, behielt ſie noch länger im Auge. Er ſah ſie unten längs dem Fuße der Mauer ziehen, halb verdeckt durch überhängende Sträucher und dann deutlicher wieder zum Vorſchein kommen, als ſie etwas rechts bogen und den nächſtliegenden Hügel hinanritten, immer im langſamſten Schritt der Pferde.— Wie ihr Begleiter ſich ſo nahe bei Alicen hielt! Der junge Muſiker biß feſt die Zähne über⸗ einander und ſeine Bruſt hob ſich mühſam. Auch machte ſich jener Zudringliche mit ſeiner Hand immer etwas an ihrem Zügel zu ſchaffen; wie es ſchien, neigte er auch ſei⸗ nen Kopf angelegentlichſt gegen ſie. Alice ſchien nachden⸗ kend zu ſein— o gewiß nur des ſchönen Abends wegen; ſie ſtützte ihre linke Hand auf den Sattelknopf, ſie blickte links hinüber, wohl nur in die Gegend, nicht hin⸗ auf nach der alten Terraſſe, wo Jemand ſtand, der mit ſeinen Fingern krampfhaft das zerbröckelte Mauerwerk um⸗ faßte, der ſich auf die morſchen Steine geſchwungen hatte, der ſeine ſtarren Blicke auf einen einzigen Punkt, ihr Geſicht, richtete, der ſich äugſtlich aber vergebens abmühte, — — 193— zu entdecken, ob ſie nur in die Gegend ſchaue, nur in die Gegend. Vergebliches Bemühen! Die Reitenden zogen von dan⸗ nen; jetzt hob ſich das Pferd Alicen's zu einer leichten Courbette und galoppirte darauf den Hügel hinan. „Dahin! dahin!“ ſeufzte Victor.„Verloren für im⸗ mer! Und bei dem tiefen und gerechten Schmerz, der mein Herz erfüllt, habe ich nicht einmal das Recht zu klagen.— Zu klagen?— und worüber?— Daß ſie dort hinzieht, begleitet von jungen Leuten, die ihren Werth anerkennen, die ſie verehren, begleitet von Jemanden, der ſie ohne allen Zweifel liebt, und der ihr das gewiß ſo oft als nur mög⸗ lich deutlich zu erkennen gibt.— Oder ſoll ich mich darüber beſchweren, daß ſie mich hier nicht gekannt, nicht kennen wollte?— Ich hatte das früher nicht für möglich gehal⸗ ten,“ ſetzte er mit einem ſchmerzlichen Seufzer hinzu;„aber die Zeiten ändern ſich. Sie hatte Recht, ſie ehrte mein Incognito.“— Es war ihm, als müßte er wild auflachen, — aber nein, er biß ſich lieber dafür auf die Lippen, daß ſie bluteten.—„Dahin! dahin!“— Der Reiterzug hatte die Spitze des Hügels erreicht,— o er ſah ſie ſo deutlich, ihre ganze Figur,— ſie erhob die Hand mit der Reitpeitſche und zeigte vor ſich hin. Jetzt wandte ſie ihr Pferd—— es war ihm, als müſſe er den Himmel anflehen um eine Zauberkraft, um die Mackt, ſie zu halten, ſie zurückzufüh⸗ ren, wo er ihr dann reuig zu Füßen ſinken wolle, ihre Hände mit unzähligen, glühenden Küſſen bedecken und zu ihr ſprechen:„Verlaß mich nicht, Alice, ich weiß ja jetzt erſt, wie ich Dich liebe, ich fühle, daß ich ohne Dich nicht leben kann.— O Alice! Alice!“ Victor hatte in gewaltiger Erregung die Arme ausge⸗ ſtreckt, als Alice eben im Begriffe war, hinter dem Hügel zu verſchwinden. Doch hielt ſie noch einen Augenblick ihr Hackländer, Tag und Nacht. II. 13 — ——— — 194— Pferd an, nur ein Paar Sekunden, dann hob ſie die Hand empor, gewiß um etwas deutlich zu bezeichnen, was ſie ihrem Begleiter zeigte, worauf Alle hinter der Anhöhe ver⸗ ſchwanden. Als ſie nun abermals drüben im Thal zum Vorſchein kamen, im vollen Laufe ihrer Pferde, luſtig im letzten Strahl der ſinkenden Sonne dahin galoppirend, waren es für ihn, der noch immer nachblickte, fremde, unbekannte Menſchen, eine andere Alice; denn die, welche er gekannt, nicht die einzige Tochter des reichen Duvallet, der nun ſein Schloß bezogen, ſondern die Alice, welche im einfachen, weißen Hauskleide ſo oft neben ihm geſeſſen, ſo oft ſeinen muſika⸗ liſchen Phantaſieen gelauſcht,— ſie näherte ſich ihm jetzt in ſeinen Gedanken wieder, als er da ſaß, das Geſicht in beide Hände gedrückt, freundlich und tröſtlich erſchien ſie ihm, und wollte mit ihm plaudern wie ehemals. Aber ſcheu wich ſie zurück, die Augen traten ihr voll Thränen als ſie in ſein kummervolles Geſicht blickte. Der Maler trat auf die Terraſſe und ſtörte den Freund auf aus ſeinen Träumereien.„Wer war denn das eigent⸗ lich?“ fragte er und ſprang auf die Mauer, um in das⸗ Thal hinabzublicken.„Ein Paar ſchöne Geſtalten, die beiden Frauen.— Ich weiß nicht— bah!“ unterbrach er ſich nach einer Pauſe,„wie kann man denn ſo lächerlich ſein! Ehemals fand ich in jedem ſchönen Auge, in jeder ſchlan⸗ ken Geſtalt eine Aehnlichkeit mit ihr,— damals in der ſchönen Zeit vor meinem wilden Traume.— Aber Du,“ wandte er ſich an ſeinen Freund,„wie kommt es, daß Deine Geſangſchule ſchon zu Ende iſt? Wahrſcheinlich haben ſie ſich vor den Fremden producirt, und ſind dann, berauſcht von dem Lobe, das ihnen zu Theil geworden, davon⸗ gelaufen,“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ gab der Andere einſylbig zur —— Antwort.„Auch iſt ja meine Zeit für heute Abend vor⸗ über.“ „Schon ſo ſpät?“ Statt Victor, der wieder in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken war, übernahm es eine kurze Weile nachher die Uhr der alten Dorfkirche, eine Antwort zu geben, denn ſie zeigte in tiefen Klängen, welche langſam und feierlich in das Thal hinab tönten, die ſiebente Abendſtunde an. 4 rſt nach und nach und nur * langſam hatte ſich Herr Kohler an den Gedanken ſgewöhnen können, daß er nun wirklich auf Reiſen ſeie und alſo die Stadt verlaſſen habe.— Ja, die Stadt, aus deren Umkreis er ſeit einer Reihe von Jahren keinen Fuß mehr geſetzt, und die verlaſſen zu haben ihm auch jetzt noch , wie ein Traum vorkam. Zu⸗-⸗ Jweilen wollte er alles Ernſtes auf irgend einer belicbigen Station ausſteigen, um mit dem nächſten Zuge zurückzukehren. Er ſah alsdann im — 197— Geiſte auf's Neue wieder all' die grenzenloſen Konfuſionen vor ſich, welche ſeine Abweſenheit verurſachen mußte: den geſtörten Eiſenbahnverkehr, verzweifelnde Schulkinder, falſch blaſende Militär⸗Muſikanten, ſelbſtmordverſuchende Maurer und Steinhauer. Dieſe Gedanken, die ſich oft in ſeinem Kopfe auf ſchreckliche Weiſe anhäuften, ließen ihn blaß ausſehen und trieben ihm obendrein einen leichten Schweiß auf die Stirne, ſo daß ein ihm gegenüber ſitzender freund⸗ licher, ältlicher Herr ihn theilnehmend fragte, ob er ſich vielleicht nicht ganz wohl befände, und ſich bei dieſer Er⸗ kundigung als den Arzt eines von der Eiſenbahn ſeitwärts liegenden Städtchens zu erkennen gab, der ſeine gewöhn⸗ lichen Beſuche in der Umgegend machte. Herr Kohler dankte auf's Beſte, verſicherte, er befinde ſich im Ganzen vollkommen wohl, obgleich ihn das Fahren zuweilen etwas angreife; doch ſei das vorübergehend, und jetzt, wo die pfeifende Locomotive anzeige, daß der Zug nächſtens an der Station halten werde, fühle er ſich ſchon bedeutend erleichtert. Dies war auch wirklich der Fall, hing aber mit dem Getriebe auf dem Bahnhofe ſelbſt zuſammen, indem das Läuten der Glocke, welches die Ankunft des Zuges anzeigte, ungefähr denſelben Eindruck auf Herrn Kohler machte, wie die Trompete auf das Gemüth des ehemaligen Cavallerie⸗ pferdes. Er ſpitzte förmlich die Ohren bei dem gewohnten Klang; er konnte unmöglich in dem Wagen ſitzen bleiben, er mußte ausſteigen, wenigſtens auf dem Trottoir umher⸗ gehen, um ſo von fern her die Funktionen der Bahnbeam⸗ ten zu überwachen. Ach, er ſah nur zu deutlich, wie der Dienſt an all' dieſen kleinen Zwiſchenorten durchaus nicht mit jener Correctheit gehandhabt wurde, wie früher in der Reſidenz unter ſeiner Leitung. Ja, früher— aber jetzt!— Doch fort, fort mit dieſen — ——— —————— — 198— Gedanken!— Er mußte ſie gewaltſam verdrängen und rief dazu das Bild der ſchönen, ernſten Wittwe ſich in's Gedächtniß zurück, die ja auch über dieſe Schienen gerollt, dieſelbe Landſchaft betrachtet, die vielleicht an ihn denkend — zu dem gleichen Fenſter hinausgeſchaut, am Ende ſogar auf demſelben Kiſſen geſeſſen.— Doch nein, Letzteres war unmöglich, denn ſie hatte ſich ja in der erſten Claſſe be⸗ funden. Er freute ſich, daß es ſo war— das Gegentheil hätte vielleicht ſein Gemüth beunruhigt. Und ſo fuhr er in der angenehmen warmen Abendluft raſch auf den glatten Schienen dahin, an Felswänden, Bäumen und Sträuchern vorüber, jetzt mitten durch be⸗ lebte Dörfer hindurch, die ſich vor Erſtaunen und Schrecken im Kreiſe zu drehen ſchienen oder deren Häuſer ſich tief niederduckten vor dem heranbrauſenden Ungeheuer. Dann ging es donnernd über Brücken hinweg, eine Zeitlang am Ufer eines Fluſſes vorüber, den bewimpelte Schiffe ſo lang⸗ ſam und gemächlich hinabglitten, ſich ſpiegelnd in der hell⸗ glänzenden Flut— ein Bild der alten, behaglichen Zeit, während uns die neue, hölliſche Kraft brauſend und ziſchend über glattes Eiſen hinweg ſchleift, jetzt über thurmhohe Viaducte, dann durch rieſenhafte Terrain⸗Einſchnitte, end⸗ lich gar mit unheimlichem, wie Hohn klingendem, gellendem Pfeifen in die Erde hinein reißt. Ein eigentliches Ziel hatte ſich der ehemalige Makler bei ſeiner Reiſe nicht vorgeſteckt, wie wir wiſſen, und da der ſich vollkommen dem Zufall überlaſſen wollte, ſo hatte er dem Caſſier in der Reſidenz ein Geldſtück hingelegt und dazu etwas geflüſtert, worauf der Eiſenbahnbeamte den Namen einer Station dicht an der nicht fernen Grenze ge⸗ nannt, der alsdann von Herrn Kohler mit einem Kopfnicken bekräftigt wurde. So war er denn eine gute Stunde und darüber ge⸗ — 199— fahren, als der Zug hielt und er den Namen der Station rufen hörte, welche ihm das Schickſal zum heutigen Endziel ſeiner Tour beſtimmte. Er verabſchiedete ſich von dem ge⸗ genüberſitzenden Arzte, der, wie er ſagte, noch eine Station weiter fuhr, morgen aber hieher zurückkehren werde, grüßte auch als höflicher Mann die andern im Wagen Sitzenden und betrat dann das Trottoir. Da es eine kleine, unbe⸗ deutende Station war, ſo machte auch der Zug durchaus nicht viel Umſtände mit ihr, hielt nur einige Sekunden, die Locomotive räuſperte ſich alsdann wie unwillig und rollte hierauf eilig weiter, murrend und grollend, als wollte ſie ſagen: lohnt ſich auch wohl der Mühe,— ſo ein erbärmliches Neſt kh— eh— kheh. Da zu halten — kheh! kheh! und für einen einzigen erbärmlichen Paſſa⸗ gier— kheh! kheh!— kheh! kheh! Dann pfiff ſie noch zu guter Letzt höhniſch, ehe ſie drüben in dem Einſchnitte verſchwand. Herr Kohler ſtand da, einſam und allein, umgeben von Koffer, Hutſchachtel und Nachtſack, die ſich wie ängſtlich zu⸗ ſammendrängten, und kam ſich vor wie ein anderer Robin⸗ ſon, der auf ein für ihn gänzlich unbekanntes Eiland ge⸗ ſchleudert worden iſt. Der Bahnhof hier war noch ſehr proviſoriſch,— eine einfache Bretterhütte, die Gegend umher ihm vollkommen fremd, und was er von lebenden Weſen ſah, beſchränkte ſich— der Bahnhof⸗Beamte hatte ſich ſchon längſt zurück⸗ gezogen— auf einen ſchielenden Packknecht, der gar nicht that, als ſei überhaupt ein Paſſagier angekommen, und deſſen Augen überall hinzublicken ſchienen, nur nicht nach Herrn Kohler. „He da, guter Freund!“ rief dieſer endlich,„könnt Ihr meinen Koffer beſorgen? Ich wollte nach—“ „Aha! nach Klippenthal!“ entgegnete der Packknecht, — 200— indem er näher kam, ſtatt aber auf ſeinen Weg oder Herrn Kohler zu ſehen, die Giebelſpitze des gegenüberſtehenden Schuppens zu betrachten ſchien.„Wenn aber der Herr,“ fuhr er fort,„im Städtchen ſelbſt keine Geſchäfte hat, und es ihm nur um die ſchöne Gegend zu thun iſt, ſo würde ich ihm hier nahbei den neuen Gaſthof ‚zur bunten Katze“ empfehlen— eine brave Wirthſchaſt, obgleich ſie nur von einer Wittfrau gehalten wird.“ Da dieſe Bezeichnung der Eigenthümerin des Gaſthofes zur„bunten Katze“ dem Reiſenden nicht gerade unangenehm klang, er auch, wie wir wiſſen, in dem Städtchen durchaus keine Geſchäfte hatte, ſo folgte er dem voranſchreitenden Packknecht, und wurde von dieſem in ein freundliches und hübſches Haus geführt, wo ihm das beſte Zimmer ein⸗ gerichtet wurde, ein großes, faſt elegant möblirtes Gemach mit Balkon, von welchem man eine herrliche Ausſicht in die wirklich ſchöne Gegend genoß. Es war eines jener maleriſchen Thäler, die bisher un⸗ beachtet zur Seite der Heerſtraße gelegen, das nun aber mit einem Male durch die eigenſinnig gerade durchfahrende Eiſenbahn dem Blick des Beſchauers geöffnet wurde. Von den Hügeln auf einer Seite erſtreckten ſich dichte Waldun⸗ gen bis beinahe zur Bahnlinie, während die Anhöhen auf der anderen Seite Feldeulturen zeigten und nur hie und da Gebüſche und Baumgruppen. Dort durch einen natür⸗ lichen Einſchnitt blickte man in die Ferne und ſah ein weites Thal, hie und da Dörfer und Kirchthürme. Aus dem Walde links kam ein munteres Waſſer hervor, das den Schienen eine Zeitlang folgte, dann unter denſelben durch⸗ floß, rückwärts in den grünen Wieſen noch hie und da hervorleuchtete und ſich dann zwiſchen den Hügeln verlor. Herr Kohler fühlte ſich recht behaglich und angenehm bei der bunten Katze und Wittwe. Letztere ſchien in ge⸗ — 201— wiſſer Beziehung keine friſche Wittwe mehr zu ſein, denn ſie trug kein ſchwarzes Gewand, vielmehr ein helles, knapp anſchließendes Kleid, das ihre vollen, rundlichen Formen außerordentlich gut erkennen ließ. Sonſt aber hätte man die Wittwe der„bunten Katze“ gewiß eine friſche Wittwe nennen können; ſie mochte vielleicht dreißig Jahre alt ſein, hatte ſehr muntere, lebhafte Augen, ein Paar Grübchen in den Wangen, wenn ſie lachte, und zeigte alsdann auch eine Reihe ganz vortrefflicher weißer Zähne. Für ihren neuen Gaſt ſchien ſie von größtmöglichſter Sorgfalt; ſie hatte ihn ſelbſt in ſein Zimmer geführt, wo⸗ bei ſie ihre Anſicht ausſprach, ſie müſſe Herrn Kohler ſchon irgendwo geſehen haben, was dieſem indeſſen nicht glaublich erſchien,— ſie präſentirte ihm die wirklich geſchmackvolle Einrichtung des Zimmers, ſie zeigte ihm ſein breites Bett, ſie öffnete die Thüren des Balkons, und während ſie dort hinaus trat und ſich über das Gitter lehnte, machte ſie ihn bald auf dies bald auf das in der Umgegend aufmerkſam. Sie hatte etwas Einſchmeichelndes an ſich, dieſe Wittwe, und trotz ihrer vollen Formen doch wieder etwas Zierliches und Bewegliches, und wenn Herr Kohler, der nicht ohne Poeſie war, ſo über ihre Schulter hinweg auf das Schild⸗ zeichen des Gaſthofes, das bunte Kätzchen blickte, welches ſo gemüthlich an einer ſeiner Vorderpfoten leckte, ſo fand er einige Aehnlichkeit zwiſchen dieſem und ſeiner Wirthin, ſo daß er lächelnd annahm, die Wittwe habe nicht ohne Be⸗ ziehung den Namen ihres Gaſthauſes gewählt. Nicht lange übrigens hielt es den Reiſenden in ſeinem Zimmer; der ſchöne Abend lockte ihn in's Freie, und die Wittwe der„bunten Katze“ gab ihm höchſt freundlich die gründlichſten Anleitungen zu einem angenehmen Spazier⸗ gange.—„Sie gehen dort dem Waldſaume entlang,“ ſprach ſie,„bis wo der Bach eine Krümmung macht; da —.— finden Sie einen Fußweg, der Sie den Wald aufwärts auf einen breiten Weg führt, dem Sie nach rechts folgen, dann kommen Sie in's Freie und ſehen links das alte Schloß, rechts das neue Schloß vor ſich— ein ſehr hübſcher An⸗ blick, und haben Sie die Wahl, nach welchem von beiden Sie Ihre Schritte lenken wollen. Die Parkanlagen Beider ſind zugänglich, auch die des alten Schloſſes wieder— die bis vor Kurzem noch ſo zugeſperrt waren, daß kein Haſe hinein konnte, ohne vorher unterſucht zu werden. Sowie Sie aus dem Walde treten, kommen Sie an die Grenze des Landes, brauchen ſich aber durchaus nicht zu geniren, dieſelbe zu übertreten, da uns hier in jeder Richtung der freieſte Verkehr geſtattet iſt.“ Sie knixte recht freundlich lächelnd, die Wirthin der „bunten Katze“, und ſagte, ſie würde ſich ſelbſt das Ver⸗ gnügen gemacht haben, ihrem Gaſte den Weg zu zeigen, doch müſſe er ſie für heute beſtens entſchuldigen.„Mor⸗ gen oder übermorgen,“ ſetzte ſie hinzu, und dabei leuchtete ihr Auge, zwei Grübchen wurden ſichtbar, und die weißen Zähne zeigten ſich,„da ſtehe ich ganz zu Befehl“. Heerr Kohler verabſchiedete ſich und ſchritt nachdenkend weiter.—„Wie iſt doch Alles in der Welt ſo verſchieden von einander!“ dachte er;„wie wenig gleichen ſich die Menſchen; ſelbſt die Wittwen haben oft ſo gar keine Aehn⸗ lichkeit mit einander.“— Er dachte an Jene mit den ern⸗ ſten, faſt kummervollen Zügen, mit dem großen, ruhigen und dunklen Auge, ſo ſtill in ihrem Weſen, ſo gemeſſen in allen Bewegungen. Darauf bewegte ſich die Andere wieder in ſeinen Gedanken vorüber, ſo freundlich und zu⸗ thunlich, ſo ſchmeichelhaft und gefährlich.— Zu gefährlich, ſo daß Herr Kohler der ſchwarzen Ernſten vor der luſtigen Bunten in ſeinem Innern unbedingt den Vorzug gab. Letztere hatte ihn in dieſem Augenblick geblendet, Jene aber — 203— hob ſich im nächſten wieder ſtolz und ernſt in der Erinne⸗ rung empor, vielleicht unerreichbar, dafür aber um ſo be⸗ gehrenswerther. Wie ihm übrigens die Wirthin geſagt, ſo fand er den ſchmalen Fußpfad, der an dem murmelnden Bergwaſſer hinaufführte, anfänglich durch dichtes Gebüſch, das über⸗ hängend einen förmlichen Laubgang bildete, dann aber lich⸗ ter wurde, als der Spaziergänger auf den breiten Fahrweg kam. Hier ſtanden freilich mächtige Eichen und Buchen, aber das Unterholz fing an dünne und durchſichtig zu wer⸗ den, und nachdem Herr Kohler dem breiten Wege ein Paar hundert Schritte gefolgt war, trat er aus dem Walde her⸗ vor und blieb überraſcht ſtehen vor der ſchönen Ausſicht, die ſich ſeinem Blicke zeigte. Unter dem letzten der Bäume, einer alten Linde, die ihre Zweige wie ein Schattendach ausſtreckte, befand ſich eine Steinbank, auf die ſich der Spaziergänger niederließ. Wie ihm die Wirthin geſagt, ſo ſah er an den hier aufgerichteten Wappen der beiden Län⸗ der, daß er ſich an der Grenze befand. Zu ſeiner Linken ſetzte ſich der Wald fort, indem er in einen weiten Bogen zurücktrat, an deſſen Ende aus Bäumen und Buſchwerk die Zinnen des alten Schloſſes emporrag⸗ ten, von dem die Wirthin geſagt. Die Lage dieſer Bau⸗ werke, ſowie ſie ſelbſt in ihren ſchweren Formen, hatten etwas Majeſtätiſches, Imponirendes. Ueber einem langen, ſtattlichen Gebäude, deſſen Fries eine reiche Krönung hatte und an dem man eine Reihe mächtiger Fenſter erblickte, erhob ſich ein einzelner Thurm, hoch oben mit zierlichen Schieß⸗ ſcharten umgeben, auf welchem an hohem Flaggenſtocke eine Fahne in Weiß und Blau flatterte,— die Farben des Beſitzers, ein Zeichen, daß derſelbe anweſend ſei. Sonſt ſah man nicht viel von dem Schloſſe wegen der dichten Maſſe von Bäumen, die es umgaben, und obgleich die Ge⸗ —ꝛ— 1* —— —— —————— — 204— bäude auf einem Hügel zu liegen ſchienen, ſo reichten doch die Kronen dieſer uralten Bäume ſo hoch hinauf, daß man nur durch ihre Spitzen das eben Angegebene erblickte. Zur Rechten des Herrn Kohler lag das, was ihm von der Wirthin als das neue Schloß bezeichnet worden war, wei⸗ ter von ihm entfernt als das andere. Es befand ſich eben⸗ falls auf der Spitze eines Hügels und zeigte auf der Rück⸗ ſeite dichten Wald,— ein dunkler Hintergrund, auf dem ſich das helle, ſtattliche Schloß deutlich und freundlich abhob. Herr Kohler blickte lange und forſchend hin, und es war ihm, als habe er die Form dieſes Gebäudes ſchon einmal geſehen. Wo? konnte er ſich aber augenblicklich nicht er⸗ innern. Hieher war er nie gekommen, denn wenn er auch ſchon von der Stadt aus dieſe Richtung beſucht, ſo hatter er doch damals die große Heerſtraße bereist, war überhaupt früher nie über die Grenze des Landes gegangen. Und doch, je mehr er hinſchaute, um ſo bekannter erſchien ihm das Gebäude. Auf der Vorderſeite deſſelben ſah man eine weite Gras⸗ partie mit einzelnen Baumgruppen beſetzt ſowie mit Blu⸗ menpartieen, die ſich bis unter die Treppen des Schloſſes zu ziehen ſchienen. Dieſe Grasflächen reichten hinab bis zum Fuß des Hügels, wo derſelbe von einem breiten Wald⸗ ſtreifen eingefaßt war. Da wo dieſer endigte, im Thale drunten, nach der Richtung zu, in der ſich die Eiſenbahn befand, ſah man auch das Bergwaſſer wieder, was um den Hügel herum ſtrömte und unter einer mächtigen Brücke hinweg eilte, die, aus ſtarken Quadern gebaut, die graue Farbe des Alters zeigte. An ihrem Ende, am Saum des oben erwähnten Waldſtreifens, erhob ſich ein reich, kühn und elegant conſtruirter Thorbogen, wahrſcheinlich den Ein⸗ gang zum Schloſſe auf dem Hügel bildend. Nachdem Herr Kohler ſich ſo die Einzelnheiten der bei⸗ den Schlöſſer eine Zeit lang genau betrachtet, entſchloß er ſich, ſeinen Spaziergang weiter fortzuſetzen, und da es ihm eigentlich gleichgültig war, wohin er ſeine Schritte richtete, ſo wollte er den Verſuch machen, den Park des ihm zu⸗ nächſt gelegenen alten Schloſſes anzuſehen. Hatte ihm die freundliche Wirthin doch geſagt, derſelbe ſei ſeit Kurzem ebenfalls zugänglich. Der breite Pfad, welcher an der Stelle, wo der Spa⸗ ziergänger geruht, aus dem Walde trat, führte von hier aus über einen flachen Hügel ziemlich gerade nach der dichten Waldpartie, welche das alte Schloß verdeckte. Herr Kohler folgte ihm, und ſobald er auf die Höhe des eben⸗ erwähnten flachen Hügels gelangt war, ſah er, daß ſein Weg gerade auf ein mächtiges Thor zuführte, das ihm bis jetzt nicht ſichtbar geweſen war. Er näherte ſich langſa⸗ men Schrittes und nahm ſich dabei Zeit, ſeine Umgebung in's Auge zu faſſen. Rechts und links an das Thor ſchloſſen ſich mächtige Mauern, denen man ihr hohes Alter anſah, lange Strecken waren mit uralten Epheuſtämmen be⸗ kleidet; dort ſenkten ſich über den Rand Schlinggewächſe herab, und in der Nähe des Thores war aus einer Spalte ſogar ein Baum aufgewachſen, deſſen knorrige Wurzeln und ziem⸗ licher Umfang am beſten für die lange Zeit ſprachen, die verfloſſen war, ſeit ihn ein Windſtoß oder der Schnabel eines Vogels als Samenkorn dorthin gepflanzt. Die ſchweren Eiſengitter des Thores ſtanden offen,— ſie waren nicht nur zweifelhaft geöffnet, nein, völlig, weit, wie zum Eintritt ladend. Herr Kohler ſchritt über eine kleine Brücke, unter wel⸗ cher ſich ebenfalls ein murmelndes Waſſer hinzog, und trat, nachdem er vergeblich die Felder eines im Thorbogen be⸗ findlichen halb verwitterten Wappenſchildes zu enträthſeln verſucht, in den Park, der hier, was den Wuchs der ſtärk⸗ ſten Bäume ſowie die Dichtigkeit der Gruppen anbelangte, —yy= — 206— völlig einem Walddickicht ähnlich ſah. Nur dem Wege, der ſich hindurch ſchlängelte, ſah man an, daß hier ſchaf⸗ fende Hände walten; denn er war ſorgfältig geebnet, rechts und links mit kleinen Abzuggräben verſehen; kein Gras⸗ halm wuchs auf demſelben, und eine feine Sandſchicht brei⸗ tete ſich gleichförmig über ihn aus. Der Spaziergänger fühlte ſich recht behaglich in dieſer ſtillen Einſamkeit. Wie ruhig und friedlich war es hier, wie angenehm ſchattig und kühl! Und wie wunderbar färbte die ſchon tief ſtehende Sonne Baum und Strauch! Wie leuchteten die Stämme unter ihren glühenden Strah⸗ len, wie freigebig ſtreute ſie Gold zwiſchen den zitternden Blättern; wie zauberte ſie lodernde Wunderblumen dahin, funkelnde Smaragde, wo ohne ihren Kuß nichts zu ſehen geweſen wäre als Blätter und einfache Blüten an hohen Stielen, wie ſie im Walde emporwachſen. Herr Kohler war nicht unempfänglich für die Schön⸗ heiten der Natur, für die Wunder eines klaren Sommer⸗ abends, und genoß dieſen um ſo mehr, als er ſich nicht er⸗ innerte, ſeit langer Zeit etwas Aehnliches erlebt zu haben. Wenn er jetzt ſo an die Stadt dachte, an die mit Staub durchdrungene Atmoſphäre, an das brennende Pflaſter, an die langweiligen Häuſerreihen, ſo holte er tiefer Athem und ſchlürfte mit Vergnügen die würzige Waldluft. Auch die Stille, welche ihn umgab, that ihm ſo wohl, und ſelbſt das Läuten der Eiſenbahnglocke, das Pfeifen der Locomotive und der freundliche Ruf der Conducteure:„fertig! fort!“ klang in ſeiner Erinnerung nicht mehr ſo angenehm wie früher, und er mußte ſich geſtehen, daß es doch möglich ſei, alles das zu vergeſſen, namentlich, dachte er,— momentan düſter geſtimmt,— bei dieſem undankbaren Menſchenge⸗ ſchlechte, das langjährige Sorgfalt und Mühe durch augen⸗ blickliches Vergeſſen belohnt.—„Ja, auch ich werde ver⸗ — 207— geſſen ſein, morgen, vielleicht bin ich es heute ſchon, und wer weiß, ob ſich in wenigen Tagen noch ein einziges von all' den Schulkindern, die ich ſo oft beaufſichtigt und freund⸗ lichſt ermahnt, meiner erinnert!“ Bei dieſem Gedanken lächelte Herr Kohler recht ſchmerz⸗ lich, doch ſchritt er achſelzuckend weiter. Der Abend war zu ſchön, das Gefühl des Friedens in der Landſchaft zu überwältigend, um eine Verſtimmung lange andauern zu laſſen. So erheiterte ſich auch bald wieder die Stirne unſeres Freundes, ſeine Lippen ſpitzten ſich und es dauerte nicht lange, ſo pfiff er gemüthlich die Melodie des ſchönen Liedes: O wie wohl iſt mir am Abend, Wenn zur Ruh' die Glocken läuten. Ja, er ließ ſich ſogar behaglich nieder, als ſich ihm eine Bank am Wege präſentirte, und nahm dann auf ein Paar Momente ſeine blaue Brille ab, um das Grün der Blätter beſſer auf ſeine Augen einwirken zu laſſen.— Doch nur auf ein Paar Sekunden entwaffnete er ſo ſeine Augen; hörte er doch plötzlich, wenn auch entferntes, doch herzliches Lachen munterer Kinderſtimmen und lautes Halloh, wie man es in den Wald hinein ſchreit, um das lauernde Echo zu necken. „Halloh!— Halloh!“ erklangen die friſchen Stimmen, und„Halloh!“ tönte es leiſe aus dem Walde zurück. Herr Kohler hatte ſich wieder mit ſeiner Brille bewaff⸗ net, drückte die Gläſer feſt gegen ſeine Augen, worauf er ſich von der Bank erhob und abermals vorwärts ſchritt. Es erſchien ihm nicht paſſend, hier in fremdem Eigenthum vielleicht ſorglos ausruhend angetroffen zu werden; es dünkte ihm ſchicklicher, ſich dem Beſitzer mit freundlicher Miene zu nähern, dann ſeinen Hut abzuziehen und zu ſprechen:„Ich heiße Kohler, und die offen ſtehende Thür — — — 208— des ſchönen Parkes bewog mich einzutreten. Bitte tau⸗ ſendmal um Entſchuldigung und gütige Nachſicht.“ So denkend folgte er dem Wege, der ſich jetzt langſam aufwärts zog, wobei der Spaziergänger ſah, daß ſich der Wald vor ihm mit jedem Schritt mehr und mehr lichtete. Jetzt wand ſich der Pfad um einen mächtigen Felsblock herum, der auf ſeiner rechten Seite lag, und zwiſchen deſſen Spalten ein klares Waſſer hervorſprudelte, das in eine na⸗ türliche Mulde ſtrömte, über deren Rand es herabfloß und dann wieder im Boden verſchwand,— ein artiger Anblick, der den ehemaligen Makler um ſo mehr erquickte, als er von dem friſchen Waſſer trank und ſich geſtehen mußte, ſeit langer Zeit nichts Erfriſchenderes genoſſen zu haben. Seinen Weg wieder aufnehmend, ging er noch etwa fünfzig Schritte weiter, beſtändig und zuletzt ziemlich ſteil auf⸗ ſteigend, und blieb dann plötzlich ſtehen, erſtaunt, angenehm überraſcht durch den Anblick, der ſich ſeinen Augen dar⸗ bot. Das Walddickicht hörte hier mit einem Male auf, und zwar wie abgeſchloſſen durch einen gewaltigen grünen Bogen, den zwei mächtige Eichen, welche rechts und links am Wege ſtanden, bildeten. Dieſſeits des Bogens bemerkte man das Licht der Sonne kaum, da es gedämpft und ge⸗ brochen ward durch die dichten Laubmaſſen; jenſeits aber ſtrahlte es voll und glänzend über die Lichtung hin, ver⸗ goldete die Mauern des Schloſſes, ſpiegelte ſich luſtig in den Fenſterſcheiben deſſelben, und zeigte dem erſtaunten Herrn Kohler eine Dame, die, obgleich ſelbſt im Schatten ſitzend, von ihm auſ's Deutlichſte geſehen werden mußte, da ſie ſich mitten in der Lichtung befand. Sie hatte Blu⸗ men und Blätter auf ihrem Schooße und ſchien einen Kranz oder einen Strauß daraus zu winden. Jetzt hörte auch der Spaziergänger wieder das luſtige La⸗ chen der Kinderſtimmen näher und näher kommen, und ſah — 209— zwei kleine zierliche Mädchen, von einem jüngern Knaben etwas ſchwerfällig gefolgt, drüben aus dem Gebüſche her⸗ vorſpringen. Sie trugen in den Händen Waldblumen und kleine Zweige, welche ſie der Dame in den Schooß legten, um dann unter lautem Halloh wieder davon zu ſpringen. Und dieſe Dame! Das Erſtaunen des ehemaligen Maklers wuchs, je länger er ſie betrachtete. Dieſe Hal⸗ tung,— dieſer Wuchs— wäre ſie ſchwarz gekleidet ge⸗ weſen, er hätte keinen Augenblick gezweifelt, daß ſie es ſei, die ſchöne, ernſte Wittwe, der er damals auf dem Bahn⸗ hofe jenen kleinen Dienſt geleiſtet, und deren Bild ſich jetzt wieder durch Waldeinſamkeit, durch maleriſche Schatten, durch glänzende Sonnenlichter, durch bunte Katzen und Gott mochte wiſſen durch was ſonſt Alles noch mächtig em⸗ por arbeitete und immer klarer vor ſein inneres Auge trat. Und je mehr dies geſchah, um ſo ähnlicher wurde es auch der Geſtalt jener Dame, die dort oben ſaß mit ihren Blu⸗ men beſchäftigt. Jetzt bückte ſie ſich herab, um etwas Grün vom Boden aufzuleſen. Dadurch kam ihr Kopf in den Sonnenſchein, und da ſie auch zu gleicher Zeit ihr Geſicht etwas gegen Herrn Kohler wandte, ſo erkannte dieſer— ja, da konnte kein Zweifel ſein— die ſchöne Wittwe vom Bahnhofe. Es würde der Wahrhaftigkeit unſerer Geſchichte ſchaden, wenn wir nicht geſtehen wollten, daß Herr Kohler, nachdem ſein erſtes Staunen, ſeine grenzenloſe Ueberraſchung ſich etwas gemildert hatte, mit einigen ſehr anſtrengenden Sätzen aufwärts ſprang, daß die Dame, von dem Geräuſch erſchreckt, aufblickte und eine Bewegung machte, als wolle ſie fliehen, ſich aber durch Herrn Kohler dadurch beſchwichtigen ließ, daß er plötzlich ſtehen blieb und heftig athmend ſeine Arme über die Bruſt kreuzte, wie er es in der Oper, namentlich aber im Ballet von Sclaven geſehen hatte, die ſchon aus Hackländer, Tag und Nacht. II. 14 — 210— der Ferne ihre völlige Unterwürfigkeit der Gebieterin an⸗ zuzeigen befliſſen ſind. Zugleich ſchien auch die Dame ihren Beſchützer vom Warteſaal wieder erkannt zu haben, denn ſie lächelte ein klein wenig, ließ ſich wieder ruhig auf ihren Sitz nieder, den ſie ſchon halb und halb verlaſſen, ja ſie winkte freund⸗ lich mit der Hand. Daß Herr Kohler ſchnell näher trat, verſteht ſich von ſelbſt, ebenſo daß er von dem raſchen, unbedachtſamen Auf⸗ wärtsſteigen bei ſeiner Corpulenz noch ſo außer Athem war, daß er nur unzuſammenhängende Worte hervorbringen konnte, als: Vergnügen,— Ueberraſchung— unverhofft — herrlicher Spaziergang— mit ſchönſtem Ziel. In dieſem Augenblicke näherten ſich auch die Kinder wieder, und der Knabe und das Mädchen der Madame Nicolai erkannten augenblicklich den freundlichen Herrn, der ſich ihrer damals ſo liebreich angenommen hatte und ihnen ſogar das Vergnügen einer Fahrt im Wagen verſchafft. Das andere Mädchen, Blumen und Blätter in beiden Hän⸗ den haltend, blieb ein Paar Schritte entfernt ſtehen,— wie konnte ſie ſich auch des Fremden erinnern, den ſie nur einmal und zwar unter ſehr ſeltſamen Umſtänden geſehen. Mußte doch ſelbſt Herr Kohler genau nachſinnen, ehe es ihm klar wurde, wann und wo er dies liebliche Geſichtchen bemerkt, dieſe leuchtenden Augen, die ihn damals wie jetzt erſtaunt und fragend angeblickt. Und als ſich der ehemalige Makler nun darauf beſon⸗ nen und ſich klar gemacht, daß er die kleine Baronin Mo⸗ litor vor ſich habe, da fühlte er, wie ſich ſein Geſicht un⸗ willkürlich verlängerte, wie trotz des warmen Abends ein gelinder Froſt ſeinen Rücken überflog, da erinnerte er ſich des ſchrecklichen Augenblicks bei dem Freiherrn von Molitor und ihm fiel mit einer unangenehmen Lebhaftigkeit ein, was — 211— man ſich Alles davon erzählt, wie der edle Baron Leute zu empfangen und zu mißhandeln pflege, die ſein Eigen⸗ thum betreten. Er blickte ſogar ſchüchtern rückwärts nach der Richtung, wo er das Thor vermuthete, von dem er aber überzeugt war, daß es ſeine ſchweren Eiſengitter lang⸗ ſam und geräuſchlos geſchloſſen, nachdem er ſo leichtſinniger Weiſe den gefährlichen Park betreten. O Wittwen! Wittwen! „Ich muß wirklich recht ſehr um Verzeihung bitten,“ ſprach Herr Kohler, nachdem er eine ziemlich lange Pauſe zum kräftigen Athemholen benützt,„hier eingedrungen zu ſein, hier— wo— wenn— ſich Fräulein von Molitor befindet— auch der Herr Baron nicht ferne ſein wird und wahrſcheinlich ſehr unangenehm vermerken die Freiheit, die ich unwiſſend mir genommen.“ Der ehemalige Makler ſah ſchon im Geiſte in der näch⸗ ſten Sekunde einige handfeſte Kerle aus den Gebüſchen hervorſpringen, ihn faſſen, in die tiefſten Keller ſchleppen und anketten vielleicht an der Seite jener unglücklichen, wahrſcheinlich vor Hunger und Durſt wahnſinnig geworde⸗ nen Gouvernante, die ſich unbedingt an ihm vergreifen würde.— Wie eine ſüße Muſik klang es deßhalb in ſeine Ohren, als ihm die ſchöne Wittwe ſagte: „Seien Sie unbeſorgt, Herr Kohler, hier hat ſich Man⸗ ches und auch auf erfreuliche Art geändert. Dieſer Park iſt nicht mehr verſchloſſen wie früher, man beläſtigt gewiß keinen fremden Spaziergänger, und wird ſich ſogar freuen, Sie wiederzuſehen, da Sie ja ſchon mehrere Male mit dem Herrn Baron zu thun hatten, alſo ein Bekannter des Hau⸗ ſes ſind. Nehmen Sie Platz, ruhen Sie aus und erzählen Sie mir, woher Sie ſo unvermuthet kommen, was Sie hieher geführt.“ Als ſie ſagte, er ſei ein Bekannter des Hauſes, hatte ———— ——— — 212— ſie ihn ſanft angeblickt, und ihrer Aufforderung, Platz zu nehmen, konnte er nur dadurch entſprechen, daß er ſich zu ihren Füßen auf dem weichen Mooſe niederließ. Er that das denn auch ſo maleriſch, als es ihm möglich war, wo⸗ bei er ſeinen rechten Arm auf den Baumſtamm legte, auf dem ſie ſaß. So konnte er von unten herauf in ihre Augen blicken, was in gewiſſen Fällen äußerſt vortheilhaft iſt, und dann berichtete er, wie ihn ein gewiſſes Etwas von der Stadt weggetrieben, wie ihn dieſes Etwas in die Ferne gezogen, wie er drunten in der„bunten Katze“ abgeſtiegen, wie es ihn dort nicht habe ruhen laſſen, ſondern hieher gedrängt, wie man dem Zuge ſeines Herzens nie wider⸗ ſtehen könne, und wie ihn dieſer glücklich geführt an den ſchönſten Platz zu ihren Füßen. Sie hatte ihm aufmerkſam zugehört, ſie hatte ſogar während ſeiner Erzählung kopfſchüttelnd gelächelt, und hatte, was ihm ein ſehr günſtiges Zeichen ſchien, die Kinder aber⸗ mals in das Parkdickicht geſchickt, um noch mehr Grün und noch mehr Blumen zu holen. Sie ſchien ihm auf eine an⸗ genehme Art antworten zu wollen; ja ihre Lippen öffneten ſich ſchon, da vernahm er plötzlich über ſeinem Haupte eine Stimme, die in ſcharfem, wenn auch nicht unfreundlichem Tone ſagte:. „So hat er ſich endlich eingefunden?— Das iſt er alſo, Frau Thereſe?“ Die Dame blickte ſchnell in die Höhe, worauf ſie lachend mit dem Kopfe ſchüttelte, und der erſchrockene Kohler, der mit einem Satze auf ſeinen Beinen war, ſah den Freiherrn von Molitor vor ſich ſtehen, um deſſen Mund ein ſeltſa⸗ mes Lächeln ſpielte. Sie ſchüttelte mit dem Kopf.„Frau Thereſe,“ fuhr dieſer nach einer kleinen Pauſe fort,„nun, ich konnte mir faſt ſelbſt denken, daß dieſer es nicht iſt. Aber doch ——:——— —-—— — 213— ein bekanntes Geſicht— ja, ich glaube mich zu erinnern. Wir ſahen uns vor einiger Zeit in der Stadt, denke ich. Und jetzt,“ ſprach er, nachdem er mit ſeinem dürren Zeigefinger Herrn Kohler faſt berührt,„iſt er wohl gekom⸗ men, Ihnen gute Nachrichten zu bringen. Seien Sie nicht eigenſinnig,“ ſagte er leiſer;„denken Sie daran, wie oft Sie mich zum Frieden ermahnt, wie ich Ihnen glaubte, wie ich Ihnen gefolgt bin und wie ich mich jetzt wohl und glücklich dabei befinde.— Ah' Sie ſind ein Kind, Frau Thereſe! Ich muß mich Ihrer annehmen.“ Er hob hierauf den Kopf etwas ſtolz in die Höhe und ſprach weiter, indem er ſich direct an Herrn Kohler wandte:„Sagen Sie ihm, er ſoll nur kommen, es ſei Alles hier vergeben und ver⸗ geſſen. Uebrigens heiße ich Sie willkommen auf Klippen⸗ berg.“ Der ehemalige Makler, welchem bei dem ſo unerwar⸗ teten Anblick des Freiherrn unwillkürlich wieder allerlei Schauerliches eingefallen: Burgverließe, gefeſſelte Gouver⸗ nanten, Keulen, grimmige Fanghunde und zerriſſene Hoſen, zeigte ein einigermaßen einfältiges Lachen, als der Freiherr von Dingen ſprach, die ihm völlig unverſtändlich waren. „Nun?“ fuhr Jener etwas ungeduldig fort,„kamen Sie nicht, um Frieden zu ſtiften?— Ich hoffe ſehr.“ Herr Kohler, der wohl wußte, daß man in ähnlichen Fällen am beſten thue, Allem ſehr bereitwillig beizuſtim⸗ men, beeilte ſich dies mit einem außerordentlich freundlichen Lächeln zu thun, ja, er grinste förmlich vor Vergnügen, als er zur Antwort gab: „Allerdings bin ich hieher gekommen, um Frieden zu ſtiften. O Frieden ſtiften iſt ein ſchönes Werk?— Aber—“ Die Dame wollte etwas bemerken, doch legte ihr der Freiherr ſanft ſeine Hand auf die Schulter und ſagte: „Ruhig, Frau Thereſe, Sie haben mir feierlich gelobt, mich Ihre Sache ordnen zu laſſen. Wiſſen Sie, damals, als Klippenberg auf allen Seiten geöffnet wurde, als ich, weil Sie es ſo wollten, ſelbſt zur Eiſenbahn fuhr,— ah!— ja — ahl“ ſetzte er mit einem eigenthümlich gedehnten Tone hinzu,„damals— und Sie— hatten Recht, und jetzt berufe ich mich auf Ihr Verſprechen, ihn“— darauf wandte er ſich gegen Herrn Kohler—„zu holen, ihn— den Mann dieſer ſo braven und guten Frau.“ „Trauriger Wahnſinn!“ dachte der Makler,„wie dies Wort die arme Wittwe verletzen muß!“ Verletzt ſah dieſe nun gerade nicht aus, obgleich ſich eine tiefe Röthe auf ihrem Geſichte zeigte, auch ſenkte ſie einen Moment ihre Blicke zu Boden, um gleich darauf ihren Freund vom Bahnhofe voll und feſt anzuſchauen, worauf ſie ſagte: „Ja, laſſen wir alles vergangene Traurige vergeſſen ſein.— Vergeſſen auch Sie,“ ſetzte ſie mit einem leichten Lächeln und einer Verbeugung gegen Herrn Kohler hinzu, „daß es eine Wittwe war, der Sie Ihre freundlichen Dienſte leiſteten.“ „So wären Sie keine Wittwe?“ fragte dieſer mit einem etwas herabgeſtimmten Tone und einem komiſchen Hängen⸗ laſſen ſeiner Unterlippe.„A— a— ah!— Trau' der Teufel dieſen Weibern!“ ſetzte er in Gedanken hinzu.„Wer weiß, wenn ich zur ‚bunten Katze⸗ zurückkehre“— ſeine Ideen beſchäftigten ſich ſogleich mit dem freundlichen Wirths⸗ hauſe—„ob ſich mir nicht da auch irgend ein vierſchröti⸗ ger Bengel als Gemahl der runden Wittwe präſentirt. O Welt voll Trug und Schein!“ „Es ſcheint Ihnen in der That nicht angenehm zu ſein, daß ich meinen Wittwenſchleier abgelegt,“ nahm die Dame das Wort, als ſie bemerkte, wie ſich die Züge des ehema⸗ ligen Maklers finſter überzogen hatten.„Zürnen Sie mir aber deßhalb nicht,“ fuhr ſie bittend fort,„und wenn Sie ſich als Freund beweiſen wollen, ſo—“ „Eilen Sie nach Klippenberg,“ unterbrach ſie der Frei⸗ herr,„begeben ſich dort zum Schullehrer des Ortes, Sie werden da Herrn Stifter finden, ſagen Sie ihm, was ſich hier begeben und bringen ihn hieher.“ Bei dem Namen ,Stifter“ erinnerte ſich Herr Kohler der Adreſſe eines Briefes, der ihm von jener fremden ſchö⸗ nen Dame auf der Eiſenbahn mit der Bitte übergeben worden war, ihn durch Vermittlung Victors an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen.— Er beugte ſich tief herab, was aus der Pantomime in's Genießbare überſetzt ſo viel ſagen wollte, als: Fordere, befiehl, ich folge— der Sclave harrt auf ſeiner Herrin Wink. Darauf nahm der Freiherr von Molitor eine kleine ſil⸗ berne Pfeife aus der Rockeaſche, pfiff zweimal laut ſchallend gegen das Haus, worauf ſich von dorther ein Reitknecht in vollem Trabe näherte und ſchon von Weitem ſeinen lakir⸗ ten Hut abzog, um in gehöriger Verfaſſung die Befehle des geſtrengen Herrn entgegen zu nehmen. „Es iſt nach Klippenberg eine halbe Stunde,“ ſagte dieſer nachdenkend,„kürzer noch, wenn man ſcharf reitet. Sind Sie Reiter?“ wandte er ſich plötzlich an Herrn Koh⸗ ler, der ordentlich zuſammenſchrak und dieſe Frage ſo eifrig verneinte, daß ſich ein kurzes Lächeln wie unwillkürlich auf den Zügen des Barons zeigte.—„So laß' denn hurtig einen leichten Jagdwagen einſpannen und fahre dieſen Herrn nach Klippenberg.— Kommen Sie, Herr—“ „Kohler,“ ſagte der ehemalige Makler mit einer ver⸗ bindlichen Verbeugung. Dann warf er einen Blick auf die geweſene Wittwe, einen vielſagenden Blick, und nach einem tiefen Seufzer beeilte er ſich, dem Freiherrn von Molitor nachzukommen, der mit großen Schritten über die Wieſe — *—. 216— gegen das Schloß ging. Der Jagdwagen war zum Er⸗ ſtaunen ſchnell eingeſpannt; Herr Kohler mußte die Pünkt⸗ lichkeit des Dienſtes hier bewundern.— Er ließ ſich auf dem weichen Sitze nieder und zog ehrfurchtsvoll ſeinen Hut vor dem Beſitzer des Schloſſes, der zum Kutſcher ſagte: V „Dieſer Herr wird ſich nicht lange in Klippenberg auf⸗ V halten und dann mit einem andern Herrn hieher zurück⸗ kehren. In einer Stunde kannſt Du wieder hier ſein, merke Dir das. Es iſt jetzt acht Uhr.“ — ie lange Victor auf der alten Terraſſenmauer geſeſſen, nach⸗ dem der Reiterzug drüben ver⸗ ſchwunden war, das wußte er nicht; er ſaß da und träumte, ſprang auch zuweilen in die Höhe, ſchritt auf der Platt⸗ form umher, lehnte auch wohl an dem Mauerreſte und blickte in die Gegend hinaus, deren Färbung ſich langſam aber ſichtlich veränderte und die, wie man aus Allem ſah, ſich anſchickte, nächtliche Ruhe und Frieden behaglich über ſich ergehen zu laſſen. — 218— Ruhe und Frieden! Wem ſie doch auch zu Theil würden bei bewegtem Gemüthe, wenn ſich der Abend niederſenkt! Wenn aber das geräuſchvolle Treiben des Tages vielleicht im Stande iſt, trübe Gedanken zu übertönen, ſo treten dieſe doch wieder in ihr volles Recht bei der Stille des Abends. Da blicken wir in ſchmerzlicher Sehnſucht hinaus in die Ferne und denken lebhafter an das, was wir verloren. Wird es auch in dieſem Augenblicke nicht mehr umherge⸗ trieben von dem Strudel des Tages, ruht es doch vielleicht jetzt, an die kalte Mauer gelehnt oder an den Stamm eines Baumes, und ſchaut herzlich denkend hieher, mit den Augen des Geiſtes weite, weite Strecken durchfliegend. Ja, die Ruhe des Abends berührt uns ſchmerzlich, wenn wir einen Verluſt zu beklagen haben. Das Einſchlummern der Natur, das Größerwerden der Schatten, das Verſchwin⸗ den des Lichtes und jener rothen, warmen, duftigen Fär⸗ bung, die langſam in Violett, dann aber plötzlich in kaltes Grau übergeht, macht uns erſchauern und erinnert uns an das Ende aller glückſeligen Tage, die wir verlebt, an jene Stunde, wo auch der Glanz unſeres Lebens verblichen, wo ein trübes, kaltes Grau unſere Zukunft umſchleiert. Der junge Muſiker blickte unter ſolchen Gedanken in das Thal hinab und ſah mit ſchmerzlicher Freude, wie dort ein Lichtſtreifen um den andern verſchwand, ſich auflöste in Abendluft oder in Nebel unterzugehen ſchien, wie ſich aller Glanz, der übrig geblieben war vom ſcheidenden Tage, langſam und doch deutlich ſichtbar die Bergwände hinauf zog, unaufhaltſam gefolgt von dem tiefen Schatten der Nacht, die Schluchten und Thäler ſchon finſter und trotzig erfüllten, als noch droben die Spitzen der Berge vom letzten Strahl der ſcheidenden Sonne übergoſſen waren. Und wie ſich drunten die Wohnungen der Menſchen ſo ſehr beeilten, die Herrſchaft der Nacht anzuerkennen! V b V V— 219— Wie aus zahlloſen Schornſteinen der blaue Dampf empor⸗ V wirbelte, ſo die Abendnebel verdichtend! Wie zwiſchen dieſen hindurch nun hier ein Licht aufblitzte, dann dort ein an⸗ deres, drüben wieder eins, immer neue, gerade als wollte die Erde mit dem Himmel wetteifern, auf deſſen dunkelge⸗ wordener Fläche nun ebenfalls leuchtende Punkte erſchienen, zuerſt nur einzeln hie und dort, dann mehrere, ganze ge⸗ waltige Gruppen, mit dem Blicke nicht mehr zu umfaſſen. Aber die Sterne leuchteten am heutigen Abend matt und unbeſtimmt, denn der Mond erſchien beinahe voll am Himmel. Schon vor einbrechender Dämmerung hatte man ihn geſehen in Geſtalt eines weißen, runden Flores, der V an Dichtigkeit und Glanz zunahm, wie das Licht der Sonne ſchwächer wurde, und jetzt hell und klar am Himmel leuch⸗ V tete, über Alles da unten auf der weiten Erde, über Glück⸗ liche wie über Traurige ſeinen milden köſtlichen Schein V ausgießend. Ja, das Licht des Mondes hat etwas Tröſtliches, und V wenn wir mit gefalteten Händen in die Ddämmerung hinaus V ſchauen, fühlen wir alle glücklichen Träume enttäuſcht zu uns zurückkehren und ſich, wie Schutz ſuchend, um unſere ſchmerzlich bewegte Bruſt lagern; wenn wir im Tone tief⸗ V ſten Kummers einen Namen ausrufen möchten, fragend, warum das Weſen, das dieſen Namen trägt und das uns glücklich machte, uns entriſſen wurde; wenn wir finſter V dahin brüten, machtlos gegen unſere wilden Gedanken, die V zugleich mit den Schatten der Nacht rings um uns empor ſteigen, uns umlagern, uns zu bedecken drohen— da iſt es mit einem Male, als hörten wir den bekannten Ton V einer lieben Stimme, als vernähmen wir in der Einſamkeit V einer Wildniß plötzlich den weichen, zitternden Klang eines V Waldhorns, wenn drüben zwiſchen den ſchwarzen Tannen des Waldes der erſte Mondſtrahl in unſer Auge dringt. 1 1 4 8 1— 1 8 8 1* 4 5 4 1 8 „ 4 1 1 4 5 8 Athmen wir doch freier und freudiger, immer freier, faſt glücklich, je höher die leuchtende Scheibe emporſteigt— es iſt die ewige, herrliche Verſöhnung nach durchlebter finſte⸗ rer Nacht. O wir klammern uns feſt an das glänzende Geſtirn; wir fühlen uns von ihm emporgetragen, erhoben über das kleinliche Getreibe, das wir tief unter uns laſſen, — vereinigt endlich wieder mit den Weſen, die wir lieben, deren Gedanken ja auch aus weiter Ferne vom Monde em⸗ por getragen werden und dort oben am klaren Himmels⸗ gewölbe ſich mit unſern Wünſchen und Hoffnungen ſelig vereinigen.— Jetzt hörte Victor das Rollen eines Wagens, das in der Stille der Nacht von fernher an ſein Ohr drang. Er achtete nicht darauf, nicht einmal als das Geräuſch näher und näher kam, ja nicht einmal, als er es jetzt unten an der Terraſſenmauer vernahm und gleich darauf die Hufe der Pferde und das Knarren der Räder auf dem Pflaſter⸗ wege, der zum Hauſe des Schullehrers führte. Ferdinand Stifter hatte ſich längere Zeit damit unter⸗ halten, auf der Terraſſe hin⸗ und herſchreitend ſich in ſeine Gedanken zu vertiefen, denn eine Unterhaltung mit ſeinem Freunde, mit dem er mehrmals verſuchte, ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen, wollte ihm nicht gelingen. Victor gab nicht un⸗ freundliche, aber kurze Antworten; er vermochte es nicht, am heutigen Abend auf die Ideen Ferdinands einzugehen, die ausnahmsweiſe beſonders freudiger Natur waren und gute Hoffnungen für die Zukunft ausſprachen, von denen Victor nicht das Geringſte in ſeinem Herzen fühlte. So blieb denn auch der Maler für ſich allein, ging auf und ab, genoß den ſchönen Abend nicht ohne hie und da den Verſuch zu erneuern, ſeinen Freund zum Sprechen zu be⸗ wegen, obwohl immer vergeblich. Da vernahm auch er das Rollen des Wagens, und — — — 221— als es näher und näher kam, als er hörte, wie die Pferde auf dem ſteilen Pflaſterwege ſchnaubten, da trat er an den Eingang der Terraſſe und ſah einen Jagdwagen halten, aus dem ein ihm unbekannter Herr langſam herauskletterte. Dieſer unbekannte Herr lüpfte ſeinen Hut, machte dem ihm Entgegentretenden eine Verbeugung und ſagte:„Ein wundervoller Abend, dieſer Abend da! So außerordent⸗ lich angenehm zum Fahren; nur muß es bei ſchlechter Straße nicht ſo ſchnell gehen, wie bei uns eben jetzt. Mir ſind meine Beine einigermaßen ſteif geworden.— Sie ent⸗ ſchuldigen.“ Darauf fing der unbekannte Herr an, einige hef⸗ tige Kniegelenkbewegungen zu machen, nach deren Beendi⸗ gung er fortfuhr:„Sie erlauben mir eine Frage: habe ich vielleicht die Ehre, den Herrn Schullehrer des Ortes vor mir zu ſehen?“ „Das nicht, ich bin aber ein Gehülfe deſſelben,“ lautete die Antwort. „Hm, hm!“ machte Herr Kohler und überlegte einen Augenblick, ob er nach Stifter fragen ſolle. Da er ſich aber der angenehmen Hoffnung hingab, daß ſein guter Freund Victor, der ja mit dem Maler zuſammengereist war, ebenfalls hier ſein müſſe, ſo nannte er, obwohl etwas zögernd, deſſen Namen, wobei er den Wunſch ausdrückte, denſelben, wenn es möglich ſei, ſogleich zu ſprechen. Wir müſſen geſtehen, daß die Anhänglichkeit des ehe⸗ maligen Maklers an ſeinen jungen Freund, den Muſiker, ſo groß war, daß er eine große Erregung in ſich verſpürte, ja ein freudiges Herzklopfen, als ihn der Gehülfe des Schul⸗ lehrers bat, ihm zu folgen. Beide ſchritten nun eilig über die Terraſſe, und als Herr Kohler die Geſtalt Victors erblickte, der noch immer nachdenkend auf der Mauer ſaß— er erkannte ihn im hellen Mondlichte ſogleich— ſprang er auf ihn zu, faßte 1 —— — 222 den höchlich Ueberraſchten bei den Schultern, ſchüttelte ihn etwas Weniges, aber ſehr kräftig, und rief laut und fröhlich: „Was ſind das für Geſchichten, mein theurer Victor! Iſt das nicht ein ungeheures Glück zu nennen!— Für mich nämlich— natürlicher Weiſe nur für mich.— Fahre ich da auſ's Gerathewohl in die Welt hinaus, laſſe ſo viel Wichtiges dahinten, werde auf einer vortrefflichen Station bei der ‚bunten Katze’ abgeſetzt, finde da eine außerordent⸗ lich charmante Wirthin, mache mit ihr einen Spaziergang — nein, nein!“ unterbrach er ſich ſelbſt, nachdem er Athem geſchöpft—„nicht mit ihr, ſondern nur nach ihrer Anlei⸗ tung, gerade in den Park des fürchterlichen Freiherrn hin⸗ ein, finde die ſchwarzgekleidete Wittwe wieder, die aber nicht mehr ſchwarz gekleidet iſt, auch keine Wittwe mehr, werde in einen Jagdwagen gepackt und hieher ſpedirt, um Sie— nein, den Mann jener Wittwe zurück zu bringen.— Stifter, ja Stifter heißt er. Auch habe ich einen Brief an ihn. Doch das muß ich Ihnen Alles ausführlich erzählen.“ Hier ſchöpfte Herr Kohler abermals tief Athem, dann ſchlug er ſeine Hände zuſammen und rief aus:„Gerechter Gott! was das alles für Streiche ſind!“ Der junge Muſiker, der ſich überraſcht erhoben hatte und dabei vergebens verſucht, den Redeſtrom ſeines guten Bekannten zu unterbrechen, mußte dieſem ſeine beiden Hände laſſen, die derſelbe ergriffen und zuweilen herzlich ſchüttelte, und er kam auch nicht einmal zu einer Antwort, als Herr Kohler nun endlich ſchwieg, denn der Gehülfe des Schullehrers, welcher beſcheidener Weiſe ein Paar Schritte zurückgetreten war, näherte ſich nun mit einem Male und ſagte mit bewegter Stimme: „Sie nannten ſo eben meinen Namen; darf ich bitten, mir zu ſagen, in welchem Zuſammenhang derſelbe oder vielmehr ich mit einem Briefe ſtehe, deſſen Sie ebenfalls erwähnten— einem Briefe, der mich, wenn ich nicht irre, zurückrufen ſoll?“ „Aha! Alſo Ihren Namen habe ich genannt!“ verſetzte luſtig Herr Kohler, wobei er ſein Geſicht dem Frager zu⸗ wandte, was einen eigenthümlichen Effect gab, da die blauen Brillengläſer im Schein des Mondes ſeinen ſonſt ſo harm⸗ loſen Augen einen katzenartigen Schimmer verliehen.— „Alſo Ihren Namen? richtig! Herr Stifter! richtig!— Allerdings ſoll ich Sie zurückrufen; man erwartet Sie mit Sehnſucht. Und der Brief“— hier ließ er Victors beide Hände los und fuhr mit der Rechten nach der Bruſt⸗ taſche—„ja, wo haben wir dieſen Brief?— richtig, da iſt er, hier!“ Er händigte dem Gehülfen des Schullehrers das Schreiben der Gräfin Follange ein, und da er glaubte, ſeinen Auftrag auf's Allerbeſte erfüllt zu haben, ließ er den Maler ohne Weiteres gehen, der nach dem Hauſe eilte, um die empfangenen Zeilen zu leſen. Herr Kohler ſetzte ſich nun auf die alte Mauer neben Victor, wandte den Kopf nach der vom Mond ſo wunder⸗ bar klar beglänzten Ebene und that ein Paar tiefe Athem⸗ züge, wobei er ſich mit der Hand Luft zufächelte, um, wie er ſagte, den würzigen Duft des Abends einzuziehen. Er fühlte ſich ganz poetiſch geſtimmt, und man konnte ihm das nach den ſich überſtürzenden Ereigniſſen, von denen er heute Zeuge geweſen war, nicht übel nehmen. Dieſe Ereigniſſe in möglichſter Kürze und ſo klar wie möglich Victor vorzutragen, bemühte ſich der ehemalige Makler vergeblich; es kam da alles bunt durcheinander, er erzählte ſo vielerlei von ſchwarzen Katzen und bunten Wittiben, daß der junge Muſiker häufig Herrn Kohlers Redeſtrom unterbrechen und ihm mancherlei Querfragen ſtellen mußte, ehe er mit ihm, und gewiß auch zu Victors 2*—— 1* — 5- — 224— höchſtem Erſtaunen, in den Park des Freiherrn von Moli⸗ tor gedrungen war und dort zu den Füßen der vermeint⸗ lichen Wittwe ſo grauſam enttäuſcht wurde. „Dafür aber,“ ſagte Herr Kohler in elegiſchem Tone, „bleibt mir wenigſtens das Bewußtſein, an einer guten That, an der Vereinigung zweier Weſen, die ſich lieben, mitgewirkt zu haben.“ Worauf ihm Victor entgegnete: „Gewiß, lieber Kohler, und über dieſe Wiedervereini⸗ gung, die eine dauernde ſein wird, werden ſich die Engel im Himmel freuen und Ihnen ein gutes Haben in Ihr Conto des himmliſchen Hauptbuchs ſchreiben.“ „Amen!“ ſagte Herr Kohler, den ſeine Erzählung ſelbſt gerührt hatte und der es als eine beſondere Fügung des Schickſals anzuſehen begann, daß er die Stadt verlaſſen und ſo der Schutzengel der beiden Leute geworden war. „Aber eins ſagen Sie mir noch, Kohler,“ forſchte dringend der Andere,„man ſagt, der Freiherr ſolle ſich beſſer befinden.“ „Mir erſchien er in der That von außerordentlicher Ge⸗ ſundheit: ſein Weſen war raſch und entſchloſſen wie immer, doch glänzten ſeine Augen nicht mehr ſo unheimlich, und unter uns geſagt, er ſprach wie jeder andere vernünftige Menſch, ſehr geſcheidt— namentlich zu der Frau Stifter, die, wie ich auch ſchon früher hörte, eine große Gewalt über ihn ausüben ſoll.“ „Ja, ja,“ erwiederte Victor zerſtreut, dann ſetzte er leiſer hinzu:„Sie ſoll auch hauptſächlich die Schuld daran ſein, daß eine Wiedervereinigung ſtattgefunden zwiſchen dem Baron und ſeiner Frau.“ „Pah!“ machte Herr Kohler erſtaunt,„ſo wäre die Baronin auf Klippenberg?“ „Es muß ſo ſein.——— Doch jener Brief?“ fragte Victor nach einer kleinen Pauſe plötzlich, um das — 225— Geſprächsthema zu ändern;„ſchrieb ſie ihn ſo lange Sie drüben waren oder—“ „Ich bin grauſam getäuſcht,“ vernahmen die Beiden den Maler, der leiſe aus dem Hauſe gekommen und neben ſie getreten war.„Ich Thor, der ich glauben konnte, Feſ⸗ ſeln, die wir uns ſelbſt angelegt, ſeien auch durch unſeren eigenen Willen nur ſo leicht wieder abzuſchütteln! Nein, nein, das hält uns feſt, feſt— unerbittlich feſt.“ „Was haſt denn Du? Wie ſoll ich Deine Worte verſtehen?“ „Hatteſt Du nicht auch geglaubt, es ſei Thereſe, die mir endlich das lang erwartete Zeichen zukommen laſſe, die mich zur Rückkehr auffordere, indem ſie mich ihren Aufent⸗ haltsort wiſſen ließ?“ „Nun ja, es iſt auch ſo.“ „Es iſt eine Täuſchung; ich las den Brief, den mir dieſer Herr überbrachte. O Victor, er kommt von ihr!“ „Von Thereſe?“ „Nein, von der Gräfin. Sie hat die Stadt verlaſſen, zwiſchen ihren Zeilen liest man, daß dies unfreiwillig ge⸗ ſchehen; ſie mußte dem Grafen auf ſeine Güter folgen, ſie hofft von dort erlöst zu werden, rechnet auf mich und be⸗ ſchwört mich, zu ihr zurückzukehren. Iſt es nicht entſetzlich, ſo getäuſcht zu werden?“ „Allerdings, aber es iſt ein Glück, wenn Dir die Taäuſchung wirklich entſetzlich vorkommt. Auch ich bin über⸗ raſcht, fühle aber ſogleich, daß hier ein Mißverſtändniß zu Grunde liegt. Dieſer Herr— unſer vortrefflicher Freund Kohler— iſt gewiß nicht von der Frau Gräfin Follange abgeſchickt; darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Laß mich nur eine Frage an ihn thun.— Wo erhielten Sie den Brief, den Sie eben übergaben?“ „Von einer ſchönen Dame im Warteſaal des Bahnhofs der Reſidenz.“ Hackländer, Tag und Nacht. II. 15 I 1 8 4 F „Und wo fanden Sie Ihre ſchöne Wittwe?“ „In der bunten Katze,“ erwiederte Herr Kohler etwas gedankenlos, verbeſſerte aber dieſen Fehler gleich darauf haſtig, indem er hinzuſetzte:„Verzeihen Sie meine Zer⸗ ſtreutheit; die ſchöne Wittwe, die Sie meinen, die eigentlich keine Wittwe iſt, fand ich im Park des Freiherrn von Mo⸗ litor ſammt ihren beiden Kindern.“ „Mit ihren beiden Kindern!“ ſagte eine tiefe Stimme in bebendem Ton. „Und ſie und der Freiherr beauftragten mich, ſchleu⸗ nigſt hieher zu fahren, den Herrn Stifter aufzupacken und nach Klippenberg zu bringen. Darin beſteht meine eigent⸗ liche Commiſſion, meine diplomatiſche Sendung könnte man ſagen, die ich auch erfüllen werde.— Was den Brief an⸗ belangt,“ ſetzte er in gutmüthigem Tone hinzu,„ſo ſchwor ich, ihn abzugeben, und ein Schwur iſt heilig, ſagt ſogar der verrückte Herzog von Ferrara in der Oper.“ Der Maler hatte ſich Herrn Kohler genähert, legte ihm eine Hand auf die Schulter und ſagte in leiſem, aber be⸗ wegtem Tone: „Gott weiß, wie ich Ihnen danke, Herr Kohler! Aber laſſen Sie uns keine Minute zögern.— O wie ich mich mit einem Male ſo unausſprechlich glücklich fühle!— Kommen Sie, ich eile meinen Hut zu holen und bin im Augenblicke zurück.“ Er wollte davon eilen, blieb aber plötzlich ſtehen und ſprach zu ſeinem Freunde:„Und Du, Victor?— Du kommſt doch natürlich auch mit? Was wollteſt Du allein hier!“ „Das kann ich Dir allerdings nicht ſagen,“ erwiederte der junge Muſiker in ſehr ruhigem Tone.„Darum werde ich Dir aber doch nicht folgen. Man hat Dich gerufen; man wartet Deiner Rückkehr mit offenen Armen;— wer — 227— bekümmert ſich um mich?— Vielleicht,“ ſetzte er mehr zu ſich ſelber als zu den Andern ſprechend hinzu,„ſagt man heute Abend beim Souper: ‚da drüben habe ich Jemand geſehen, der ſah dem— nun, wie heißt er gleich?— richtig, dem Victor außerordentlich ähnlich.— So?— Dann rollt die Converſation eine andere Woge über mich und meinen Namen; ich verſchwinde ſpurlos, und man er⸗ innert ſich vielleicht dann wieder meiner, wenn ich ſpäter einmal mit ſtolzer Flagge in irgend einen Hafen einlaufer oder von den empörten, trügeriſchen Wellen des Lebens an's Ufer geworfen werde,— ein zu Grunde gegangener Schiffbrüchiger.— Aber Du,“ ſprach er in dringendem Tone zu ſeinem Freunde,„eile Dich, faſſe das Glück, wenn es Dir lächelt; es iſt nicht lange bereit, ſich umarmen zu laſſen.“ „So kehre ich morgen zurück,“ ſagte der Maler und eilte in's Haus. Herr Kohler hatte ſich erhoben und beugte ſich zu Vic⸗ tor hinüber, wobei er ſprach:„Und ich, mein lieber Victor, werde morgen meine Entdeckungsreiſen wieder beginnen; ich bin überzeugt, auch für Sie eine ſtille, glückſelige Inſel zu finden.“— „Ja, ja, wo alle Plätze bereits beſetzt ſind!“ rief Victor in bitterem Tone;„überlaſſen Sie mich meinem Schickſal, lieber Freund; bringen Sie Stifter nach Klippen⸗ berg und laſſen ſich morgen bei mir ſehen; dann wollen wir von vergangenen Zeiten plaudern,— luſtig und heiter,“ ſetzte er mit Anſtrengung hinzu.———— Nach einer kleinen Weile vernahm man, wie der Wagen langſam den Berg hinabfuhr; man hörte die Eiſen der Pferde auf dem ſchlechten Pflaſter klappern, die Räder zu⸗ weilen an einzelnen Steinen ſchrammen, worauf dann die Achſen und das ganze leichte Gebäude des Wagens krachten. ———— —-— 228— Victor horchte aufmerkſam hin, und es war ihm zu Muthe, als müſſe er, ſo oft es eine Sekunde ſtill war, den Ramen ſeines Freundes rufen, ihn bitten anzuhalten, und als treibe ihn eine unerklärliche Gewalt, dem Wagen nach⸗ zueilen. Und doch konnte er nicht von der Stelle. Wohin ſollte er auch?— Wenn auch ſeine Phantaſie jenem glänzenden, eleganten Reiterzuge folgte, und wenn er ſie, begleitet von den Dienern in glänzender Livree, über die verſchlungenen Wege eines Parkes ſprengen ſah, dann vor einem pracht⸗ vollen Landhauſe halten, einem Landhauſe, paſſend zu den koſtbaren Pferden, ihrer einfachen und doch ſo reichen Be⸗ ſchirrung, paſſend zu der ſchönen, ſchlanken Herrin— wenn ſich alsdann das Innere des Schloſſes vor ihm aufthat, geſchmackvolle Räume, glänzend erhellt,— wenn er ſich im Geiſte dort eintreten ſah, ſo überlief es ihn kalt und unheimlich, indem er ſich die Blicke des Erſtaunens und einer ganz begreiflichen Verwunderung vorſtellte, mit denen er empfangen werden würde.— Der Wagen rollte jetzt am Fuß der Terraſſenmauer, doch hörte man immer noch an dem Klappern der Hufeiſen, daß die Pferde im Schritt gingen. Der Weg da unten war gar zu ſchlecht und ausgefahren. Freilich beſchäftigte wohl im nächſten Augenblicke ein an⸗ deres Bild Victors Träume; er ſah jetzt die ſchlanke Figur der ſchönen Reiterin vor ſich; dort ſtand ſie an einem Fenſter ihres Landhauſes und blickte zu demſelben Mond empor, der auch ſein mildes Licht über ihn auf der hier einſamen Terraſſe ausgoß. Sie ſchien einem Geräuſche von Tritten zu lauſchen, die näher kamen; und dann war er es ſelbſt, der aus dem dunkeln Gebüſche trat und unter einem Aus⸗ ruf der Freude von ihr erkannt wurde, ſo wie er in das helle Mondenlicht trat. — 229— Soweit gekommen, zerriß plötzlich der Faden ſeiner Phantaſie wieder und es war ihm, als klinge ein leiſes, höhniſches Lachen in ſeine Ohren. Doch hatte er ſich auch darin getäuſcht: was er vernahm, war das nun gleichför⸗ mige und raſche Rollen der Räder auf dem Kieſe des Feld⸗ weges, den Pferde und Wagen jetzt erreicht, und auf dem erſtere luſtig davoneilten. Er ſah auch jetzt auf derſelben Straße, auf dem ſie vor Kurzem dahingeritten, den Wagen wieder. Raſch eilte dieſer die Höhe hinan, jetzt war er oben; man bemerkte ihn noch einmal, ſich dunkel von dem hellen Nachthimmel abhe⸗ bend, Victor glaubte ſogar die Geſtalten der beiden Freunde ſehen zu können,— noch eine Sekunde, und er war ver⸗ ſchwunden, ſpurlos in der Nacht verſchwunden. Victor athmete tief auf und ihn überkam ein entſetz⸗ liches Gefühl des Alleinſeins; er war ſo ganz verlaſſen, ſo ganz allein; es ſchauerte ihn ordentlich vor der tiefen Stille der Nacht, die rings umher in ihr Recht getreten war,— einer Stille beinahe ſo tief, daß ſie das leiſeſte Flüſtern eines leichten Luftzuges über die Gräſer der Wie⸗ ſen, durch das Laub der Bäume vernehmen ließ. Und was nützte ihn in ſeiner Einſamkeit die unzählige, glänzende Bevölkerung des Himmels, die Sterne, welche ſo gleichmüthig, in ihrer heiteren Ruhe faſt verletzend auf ihn herabblickten?— Der Mond, mit dem er vielleicht hätte Gedanken austauſchen können über vergangene Tage, ihm erzählen von den vielen, vielen Augenblicken, wo Victor es nicht beachtet, wenn ihr Auge, unter jenem ſanften Strahle glänzend, ſo ausdrucksvoll auf ſeinen, auf Victors geruht, — ſelbſt der Mond hatte ihn verlaſſen und erfreute dort einen langen, phantaſtiſch zerriſſenen Wolkenſchleier mit ſei⸗ ner anſcheinend ſo unmittelbaren Gegenwart, ſo daß der Wolkenſchleier vor Entzücken hell aufleuchtete. ——— — 230— Es war um ihn her ſo nächtig, ſo troſtlos dunkel wie in ſeinem Innern, und er ſenkte ſeinen Kopf in beide Hände, um mit aller Kraft des Geiſtes freundlichere Bilder der Vergangenheit vor ſeinem innern Auge erſtehen zu laſſen, was ihm auch gelang; und nach und nach wie aus wallen⸗ den Nebeln, Anfangs ſchwach und undeutlich, dann aber hell und klar, trat Alicens Bild vor ſeine Seele und blickte ihn aus ihren lieben Augen wie damals ſo treu und innig an, auch ſprach ſie mit ihm, nachdem ſie ihn lange ſo gut, ſo lieb betrachtet, und dadurch den finſtern Bann gelöst, der ſein Herz umfloſſen; aber ſie ſprach nicht mit Worten, nur durch ihre klugen, ſeelenvollen Blicke:„Kennſt Du mich ſo wenig, Victor,“ ſagte ſie,„daß Du glauben konn⸗ teſt, ich hätte Dich, an dem meine ganze Seele hängt, ver⸗ geſſen? ich könnte Dich verlaſſen, ohne Dich nicht geiſtig zu umſchweben, ohne nicht in meinen Gedanken bei Dir zu ſein, ohne nicht zu Dir zurückzukehren, um Dir zu ſagen, daß ich es nicht ertragen kann, Dich nicht zu ſehen, Deine Stimme nicht zu hören?“— Das und tauſendmal mehr las er in ihrem klaren Auge, ohne eine Sylbe zu verneh⸗ men, und er, dem es noch vor wenigen Sekunden geſchienen, als gäbe es für ihn keine glückliche Zukunft mehr, fühlte ſich auf einmal wieder von einer ſeligen Hoffnung erfüllt. — Und ſo wahr, ſo deutlich, ſo lebhaft ſah er ſie vor ſich, daß er, ſchwer aufathmend, ihren leichten, elaſtiſchen Tritt zu vernehmen glaubte, mit dem ſie ihm früher ſo oft ge⸗ naht, daß er ihre Nähe zu empfinden wähnte, ja, ſo leb⸗ haft, daß es ihn plötzlich durchſchauerte, denn es war ihm, als lege ſie, ſanft wie ſie oft gethan, ihre Hand auf ſeine Schulter.———— War es möglich, das mit einer noch ſo aufgeregten Phantaſie ſo wahr zu fühlen, oder war er eingeſchlummert, und es träumte ihm, er fühle, wie ſie an ſeiner Seite ſtehe, daß ſie ihm die Hand wirklich auf — 231— die Schulter lege, daß ſie weich und innig ſeinen Namen ausſpreche:„Victor, ich bin's.“ Da richtete er ſich langſam in die Höhe, er ließ die Hände von ſeinem Geſichte herabgleiten, er blickte auf, und noch erfüllt von dem, was er ſo eben gedacht, noch ſelig geſtimmt von ihrem lieben, guten Blicke, ſchrak er nicht zu⸗ ſammen, wie dies ſonſt wohl geſchehen wäre, als er nun wirklich das geliebte Mädchen neben ſich ſtehen ſah, als er nun deutlich ihre Hand auf ſeiner Schulter ruhen fühlte, als er ihre unvergeßlichen Augen erkannte, und als ſie nun in Wirklichkeit ſo zu ihm ſprach, wie er ſo eben geträumt.— Doch fühlte er ſich ſo bewegt, ſo ergriffen, daß er nicht im Stande war, eine Sylbe zu antworten; auch klang ihm ihre Stimme ſo neu, ſo ſüß, ach ſo entzückend, als ſie nun fortfuhr: „Nachdem ich Dich heute Abend hier geſehen, Victor, und Deine Stellung achtend, Dich nicht erkennen durfte, was mir tiefen Schmerz verurſacht, mußte ich noch einmal zu Dir zurückkehren. Nichts auf der Welt hätte mich zurück⸗ gehalten; doch bin ich nicht heimlich zu Dir gegangen; mein Vater weiß es und er hat mich auch mit keinem Worte davon abgehalten, vielmehr hat er mir theilnehmend von Deiner jetzigen Lage erzählt, und das trieb mich doppelt an, zu Dir zu eilen, um Dir zu ſagen, daß— daß—“o Victor!“ unterbrach ſie ſich mit einem ſchmerzlichen Beben der Stimme,„es iſt nicht Recht von Dir, daß Du uns gar keine Nachricht gegeben.“ Der junge Mann hatte ihre Hand ſanft von ſeiner Schulter genommen und hielt ſie zwiſchen den ſeinigen.— „O mache mir keine Vorwürfe, Alice!“ bat er innig;„ich habe genug unter einem eigenthümlichen Schickſale gelitten, das mich zwang, euer Haus zu meiden, das mir grauſam verbot, Dich wieder zu ſehen, und gerade in einem Augen⸗ — 232— blicke, wo Deine neuen Verhältniſſe eine Annäherung mei⸗ nerſeits unmöglich machten.“ „Recht, Victor,“ ſagte ſie mit ganz, ganz leiſer Stimme. „Und deßhalb, mein lieber Freund, wußte ich ja auch im Voraus, daß Du Dich wieder nähern würdeſt, und deßhalb kam ich ja zu Dir, Victor. Konnte ich Dir beſſer beweiſen, wie ſehr ich mich darnach geſehnt, Dich wieder zu ſehen?“ „Und Dein Vater, Alice?“ „O er gab mir Recht, Victor; er ſagte, da ſich ſo Vieles geändert, wolle er es mir nicht verbieten, daß ich zu Dir gehe, um mit Dir freundlich zu ſprechen. Einem Unglück⸗ lichen, meinte er, müſſe man bereitwilligſt Troſt bringen— und Hülfe,“ ſetzte das Mädchen leiſe hinzu. „Und er nannte mich einen Unglücklichen?“ „Ja, Victor,— aber Du mußt ihm das nicht übel nehmen; Du kennſt ja ſeine Anſichten von geſellſchaftlicher Stellung.—— Biſt Du denn wirklich ſo unglücklich?“ fragte ſie nach einer Pauſe, während welcher es ihm Ver⸗ gnügen zu machen ſchien, in der Dämmerung, welche Beide umgab, ihre lieben Züge zu ſtudiren.—„Biſt Du es wirk⸗ lich, Victor?“ wiederholte ſie darauf. „Ja, Alice,“ ſagte er nach einem tiefen Athemzuge,„ich war es,—o ſehr, ſehr unglücklich! Und ich bin es erſt vor Kurzem geworden, vor ein Paar Stunden oder ſo etwas, als eine ſtolze, elegante Reiterin dieſe Terraſſe verließ, mit einem vornehmen Gruße den armen Schullehrergehül⸗ fen begnadigend.“ „Ja, ja, Victor,“ gab Alice eifrig zur Antwort,„das war, weil Du es ſo wollteſt und ich Deine Stellung, Dei⸗ nen Willen achtete. Hätte ich denn,“ ſetzte ſie mit einer rührenden, kindlichen Leidenſchaft hinzu,„ausrufen ſollen, ich bin's ja, Victor, ich— ich Alice!— wie ich ſo gerne gethan hätte?“— — 233— „Wie Du ſo gerne gethan hätteſt?— gewiß Alice?“ unterbrach ſie der junge Mann entzückt. „Gewiß; ſahſt Du denn nicht, daß ich mein Pferd ab⸗ ſichtlich einen Sprung machen ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen?“ „Ach ja!“ erwiederte er mit einem Seufzer, worauf er zerſtreut fortfuhr:„Du biſt in der kurzen Zeit eine vortreff⸗ liche Reiterin geworden, Alice, eine vollendete vornehme Dame.— Ja, wenn man ſo ausgezeichnete Lehrmeiſter hat,“ ſetzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.—„Der arme Schullehrergehülfe hat das ſchmerzlich empfunden, als er vorhin vor Deinem bäumenden Pferde ſtand und Dir als⸗ dann nachblickte, wie Du im glänzenden Gefolge dahin zogſt.“ „Haſt Du mir wirklich nachgeblickt, Victor?“ rief ſie in heiterem Tone.—„Ich ſah Dich wohl hier oben ſitzen. — Da mußt Du auch bemerkt haben, wie ich Dir von der Höhe drüben herüber winkte; ich konnte nicht mehr an mich halten,“ plauderte Alice mit einer reizenden Natür⸗ lichkeit weiter. Es war recht auffallend und mein Beglei⸗ ter fragte mich auch darüber aus.“ „So, Dein Begleiter?— wer war denn das?“ „O, ein benachbarter Gutsbeſitzer,“ entgegnete ſie in gleichgültigem Tone,„der zuweilen zu meinem Vater kommt, ſehr höflich und ergeben iſt und gerne mit mir ausreitet.“ „Das glaube ich wohl,“ ſprach der junge Muſiker mit dumpfem Tone,— worauf er nach einer ziemlich langen Pauſe fortfuhr:„Und nun, Alice?“ —„Und nun, Victor?“ wiederholte ſie ſchüchtern ſeine Frage. Es lag etwas Fremdes, etwas Störendes zwiſchen die⸗ ſen beiden jungen Herzen, die ſich, wenngleich unbewußt, —y———— — 234— ſchon ſeit längerer Zeit in inniger Liebe angehörten; es wehte ein erkältender Hauch zwiſchen ihnen hindurch; ſie waren bei einem Moment angekommen, der entſcheidend für ihre Zukunft wirken mußte, der im Leben der meiſten Men⸗ ſchen einmal eintritt, der Herzen zuſammenführt, oder ſie auf immer ſcheidet. Den Beiden hier, die es nicht wagten, ſich ihre innige Liebe zu geſtehen, ja die faſt bereit waren, im nächſten Augen⸗ blicke mit einem kalten Händedruck zu ſcheiden, kam ein alter guter Freund zu Hülfe, ein lieber und treuer Freund, zu dem wir ſchon ſo oft ſehnend emporgeblickt, der uns auch nie ohne irgend einen tröſtlichen Gedanken läßt— der leuch⸗ tende Mond nänlich, der jetzt zur rechten Zeit hinter ſeinem Wolkenſchleier hervorglitt, wohl ſein volles glänzendes Licht über Berg und Thal ausgoß, aber ganz insbeſondere die Beiden auf der Terraſſe mit lächelndem Munde zu fragen ſchien:„Aber, Kinder, wie kann man ſo thöricht ſein?“ Und Beide blickten zu dem alten, guten Freunde em⸗ por, Beide hatten denſelben Gedanken, dann ſchaute Eins in des Andern Auge mit jener Innigkeit, die ſo unwider⸗ ſtehlich anzieht und wieder zuſammenbindet, was ſich löſen wollte. „Alice, meine Alice!“ Ein gleiches Wort ſprachſt Du gewiß auch ſchon aus, freundlicher Leſer, und Dich durchzuckte das Gefühl der ſeligſten Wonne, als Du im gleichen zitternden Tone der Stimme eine Antwort erhielteſt. „O Victor!“ Darauf fand der nächſte Augenblick die Beiden neben einander auf der alten Mauer ſitzen. Victor hatte ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib gelegt, Alice lehnte ihren Kopf auf ſeine Schulter, und zuweilen ſchauerte ſie zuſammen, aber nur leicht und vorübergehend; denn er erzählte ihr — 235— mit den Worten herzlicher Liebe, wie er hiehergekommen, was er gethan und gedacht, was er gefühlt und gelitten, und wiederholte ihr, wie namenlos unglücklich er vor we⸗ nigen Stunden geweſen. Und als er geendet, legte ſie ihre Hand an ſein Haar und ſagte ihm, wie der Vater ſchon längſt gewußt, daß er, Victor, hier im Dorfe ſei; wie er ihr davon in ganz gleich⸗ gültigem Tone geſprochen, wie ſie darauf gefühlt habe, daß ſie glühend roth werde und wie ſie, um ihre hervorſtürzen⸗ den Thränen zu verbergen, in den Garten geeilt ſei. Da habe ihre Mutter ſie gefunden und auf freundliche Art ge⸗ tröſtet.—„Heute nun,“ ſprach ſie weiter,„als ich heim⸗ kehrte, begegnete ich meinem Vater, der, wie er immer thut, mir entgegengekommen war'; ich erzählte ihm, daß ich Dich geſehen, vielleicht etwas haſtig und aufgeregt, denn ich ſah meinen Begleiter lächeln, und der Vater ſagte ebenfalls la⸗ chend: zich ſei ein närriſches Mädchen und mir ſei nicht zu helfen.— Aber er ſchien nicht böſe, und deßhalb wagte ich es, ihn dringend nach Dir zu fragen und da erfuhr ich denn die ganze für Dich ſo traurige Wahrheit.“ „Und welche traurige Wahrheit, mein liebes Herz?“ fragte Victor erſtaunt. „Nun, daß Du Dein Vermögen verloren und ſo arm geworden ſeieſt, daß Du hier im Dorfe die Stelle eines Schullehrergehülfen habeſt annehmen müſſen.“ Victor ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe, doch unter⸗ brach er ſie nicht; ſie ſprach ſo lieb, ſo erregt. „Als ich das hörte, konnte ich mich nicht mehr halten und ſagte zu meinem Vater, es möge nun Alles ſein, wie es wolle, Du ſeieſt einmal mein Verwandter, und ich wolle nicht leiden, daß Du ſo hier im Dorfe ſeieſt. Er zuckte die Achſeln und verſetzte: ‚Gut, wenn Du das nicht willſt, Alice, ſo laß Dich zu Victor begleiten, um ihn daran — 4 4 1 4 — 236 zu erinnern, daß ich ihm verſprochen, er werde mir ſpäter zu jeder Zeit willkommen ſein.“— Darauf wandte ich mein Pferd um, nahm einen der Leute mit mir, und als ich davon galoppirte, glaube ich noch gehört zu haben, daß mein Vater und der Andere luſtig hinter mir drein lachten. Das hat mich aber gar nicht bekümmert,“ ſetzte ſie mit komiſchem Ernſte hinzu.—„Und nun bin ich hier, Victor, und Du ſollſt nun ſogleich mit mir hinüber reiten.— O ich hatte mich auf dem Wege hieher ſo gefreut, es iſt ſo ſchön bei uns drüben.“ Victor hatte aufmerkſam ihrer Erzählung zugelauſcht; er hatte wohl begriffen, warum Alicen's Vater, der das treue, liebende Herz ſeiner Tochter kannte, ihr eine kleine Unwahrheit geſagt, er fühlte ſich doppelt glücklich, er hob leicht das Geſicht des ſchönen Mädchens empor, er küßte ſie auf ihr volles blondes Haar, auf ihre Stirn, auf ihre lieben Augen. Sie athmete tief und mühſam und ſagte mit gepreßter Stimme:„Daran dachte ich nicht, Vietor— Gott iſt mein Zeuge. Ich wollte Dich nur täglich wieder ſehen, ich wollte mit Dir plaudern, mit Dir lachen, mich mit Dir zanken.“ „Alles das, alles das, meine ſüße Alice; ich weiß wohl, daß Du ſo dachteſt.— Aber,“ fuhr Victor entzückt fort, indem er ihre beiden Hände ergriff und ſie innig an ſeine Lippen führte,„biſt Du unzufrieden darüber, daß es jetzt ſo gekommen iſt, und willſt Du nicht, daß ich es Deinem Vater und Deiner Mutter glücklich und reuig ſage?“ Statt aller Antwort neigte ſie ſich raſch gegen ihn; ihre Lippen fanden ſich zum erſten Male, worüber droben am Himmel der Mond ſo wohlgefällig lächelte, daß ſich etwas davon in ſeine Strahlen miſchte und dieſe ſich in einem Gefühle des Wohlbehagens rings um das glückliche 03„ — 237 liebende Paar ausbreiteten, ſo daß ſelbſt die alte verfallene Terraſſe ein freundliches Anſehen gewann. Und wieder ſchlug die Uhr der Dorfkirche.— Dies⸗ mal aber that ſie neun Schläge. O mit welchen anderen, mit welch' ſeligen Gefühlen lauſchte jetzt Victor den tiefen Klängen, welche die neunte Stunde anzeigten. 2 Wmiiiiiii EI W . D —— 2 Bu 4 finnl 1 ſagte:„O wie M nn ꝛD. d 1 T EEiiiii T ff W 6 ich mich darauf freue, Victor, wenn die Mutter Dich wieder ſieht! Auch der Vater— gewiß er meint mit Dir. es ſo gut Und das Glück, das mich erfüllt, wenn ich Dir morgen früh das Haus und den Park zeigen kann, und wenn — 239— wir dann hinaus in den Wald fahren, kann ich gar nicht auch nur annähernd ausdrücken.“ „Gute Alice! und ich will mich freuen wie ein Kind.“ „Jetzt wollen wir aber nach Hauſe, Victor. Sage Deinem alten Schullehrer gute Nacht— auf Nimmerwieder⸗ ſehen!“ ſetzte ſie mit Laune hinzu.—„Doch nein, Victor, ich ſcherzte nur, das weißt Du wohl; morgen gehen wir zuſammen herüber und löſen, wie es gut und recht iſt, Deine Verbindlichkeiten.— Nicht wahr, mein Freund?“ Statt aller Antwort küßte ihr Victor die Hand, dann eilte er in's Haus. Alice trat an den Eingang der Terraſſe, blickte in die Straße des Dorfes und ſchlug drei Mal ihre Hände zuſammen. Gleich darauf hörte man ein leiſes Ge⸗ räuſch und vernahm alsdann das Klappern der Hufeiſen auf dem Pflaſter. Das vorſichtige Mädchen, welches Victor überraſchen wollte, war einen andern Weg zurückgeritten und hatte die Pferde in dem tiefen Schatten der Kirche ſtehen laſſen, woher es denn auch kam, daß ſie ſich mit ihrem leichten, elaſtiſchen Schritt ungehört der Terraſſen⸗ mauer nähern konnte. Dem Bedienten, der die Pferde führte, ſagte ſie einige Worte, worauf dieſer kopfnickend den Hut lüpfte und zur Antwort gab:„Ich thue das ſehr gern, gnädiges Fräu⸗ lein. Auch iſt der Fußweg gar nicht ſo weit. Ich gehe durch's Dorf zurück, vor demſelben über den Hügel, bei der bunten Katze und Eiſenbahnſtation vorüber, und bin vielleicht noch vor dem gnädigen Fräulein zu Hauſe.“ Victor war zurückgekommen und half Alice in den Sattel. Dann ſchwang er ſich auf das Pferd des Dieners, und Beide ritten ſchweigend den ſteilen Berg hinab. Victor horchte auf das Kurren der Hufeiſen auf dem Pflaſter, und er verſetzte ſich in jenen Augenblick zurück, wo er droben auf der alten Mauer ſitzend denſelben Ton gehört, ſo — 240— allein, ſo unglücklich, während er jetzt ſo überglücklich, ſo ſelig war. Auch das junge Mädchen dachte Aehnliches, denn als ſie ihn darauf mit ihren leuchtenden Augen anblickte, ſag⸗ ten Beide wie aus Einem Munde: „Wie eine kleine Spanne Zeit ſo viel ändern kann!“ Und das Gleiche dachten Beide wieder, als ſie ſanft die Höhe hinan galoppirten, das eine der Pferde ſo dicht neben dem andern, daß Victor Alicen's Hand ergreifen konnte; daß er, ſich zu ihr hinüberbeugend, es fühlte, wie ihr Haar, vom ſcharfen Ritte etwas gelöst, um ſeine heißen Wangen 3 ſpielte; daß er den ſüßen Hauch ihres Mundes ſpürte, als —— ſie ſich lebhafter athmend auch etwas zu ihm hinüber neigte. Und rings um das einſame glückliche Paar glänzte das Mondlicht auf Thal und Hügel, überzog Alles mit ſeinem — phantaſtiſchen Scheine, jede Unebenheit angenehm ausglei⸗ chend, Buſch und Wald mit flimmerndem Duft überziehend und dadurch überall eine weiche, träumeriſche Stimmung 3 1 hervorbringend. Schweigend ritten ſie dahin, Hügel auf, Hügel ab, ohne mit Worten viel zu ſprechen, deſto mehr ö aber mit ihren Blicken, die Keines von dem Andern ab⸗ wandte. So waren ſie angelangt auf der letzten Anhöhe, wo es hinabging in das Thal, in welchem das kleine Bergwaſſer floß, von dem wir früher Veranlaſſung nahmen zu erzäh⸗ len und neben welchem ſich das Geleiſe der Eiſenbahn b V hinzog. Hier hielten Beide einige Augenblicke und ſchauten hinab, denn drunten eilte gerade ein Zug vorüber, voran die funkelnde Locomotive, ſo falſch nach beiden Seiten hinausſchielend mit ihrem weißen und rothen Auge; hoch 17 über den ſchwarzen Schornſtein den hellbeſtrahlten Dampf wie das Panier irgend einer böſen Geiſterſchaft ſchwingend, — 241— und hinter ſich dreinreißend die vielgliederige Wagen⸗ ſchlange wie glänzend gefleckt durch den Schein der erleuch⸗ teten Fenſter— ein unheimliches Bild ging es durch ihre ſtillen Träume. Alice hatte ſich auf den Hals ihres Pferdes niederge⸗ beugt, und als nach einigen Augenblicken das Rauſchen und Sauſen ſchwächer geworden war, fragte ſie ſchüchtern aufblickend: „Iſt es vorüber?— Du wirſt mich auslachen, Victor, wenn ich Dir ſage, daß ich, die ich doch ſonſt nicht ängſt⸗ lich bin, ſo einen vorüberraſenden Zug nicht ohne ein ge⸗ heimes Grauen anſehen kann. Wenn ich ſelber mitfahre, weiß ich nichts davon.“ „Und ich,“ gab Victor zur Antwort,„denke bei dieſem Anblicke immer an die vielerlei Gefühle, an die ſo verſchie⸗ denen heiteren und traurigen Gedanken, mit denen ſich jeder der Mitfahrenden beſchäftigt. Als ich zum Beiſpiel neulich hierher ſuhr, da dachte ich nur an ein wunderbares Mäd⸗ chen, das ich zuletzt auf einer Terraſſe ſitzen ſah, umſpielt von Sonnenglanz— eine weiße Roſenknoſpe zwiſchen an⸗ dern Blüthen.— Kennſt Du die weiße Roſenknoſpe, meine Alice?“ Sie legte ihm ihre Hand auf den Arm und ſtatt ſeine Frage zu beantworten, ſagte ſie: „Meine Gedanken bei der Fahrt hieher will ich Dir ſpäter einmal mittheilen; ſie waren recht trübe, und jeden Augenblick entſtrömten mir Thränen. Ich durfte ſie aber meinen Vater nicht ſehen laſſen, denn er machte ein gar ernſthaftes Geſicht und hatte ſich ſchon einmal mißbilligend darüber ausgeſprochen.— Aber jetzt—“ „Weinſt Du nicht mehr, meine Alice.“ „Und Du ſollſt keine blaſſe Roſenknoſpe mehr ſehen.“ „Und alles Ungewitter,“ ſagte Victor,„was uns be⸗ Hackländer, Tag und Nacht. II. 16 * „* — 242— drohte, ſoll, ſo wollen wir zu Gott hoffen, mit dem funken⸗ ſprühenden Zuge davongeeilt ſein.“ „Amen!“ ſprach Alice mit leiſer Stimme, dann athmete ſie tief auf und ſagte nach einer Pauſe:„Weißt Du was, Victor, wenn es Dir recht iſt, ſo gehen wir von hier zu Fuß nach Hauſe. Die letzte Strecke bergauf, bergab, iſt zum Reiten doch nicht angenehm. Meinſt Du nicht?“ „Ein vortrefflicher Vorſchlag,“ antwortete der junge Mann. Er ſchwang ſich leicht aus dem Sattel und fing alsdann Alice in ſeinen Armen auf, worauf er ſie langſam zur Erde niedergleiten ließ. Sie legte ihren Arm in den ſeinigen, Victor nahm die Zügel der Pferde, welche langſam folgten, als die beiden jungen Leute den Berg hinabgingen. Unten überſchritten ſie die Bahnlinie, dann führte ſie ihr Weg noch eine Strecke bei dem ſchäumenden Bache vorbei, und darauf gelangten ſie auf dieſelbe breite Straße, welche Herr Kohler, vielleicht eine halbe Stunde entfernt, weiter oben verlaſſen hatte, um nach dem alten Schloſſe zu gehen. Alice und Victor gingen ſehr langſam; ſie hatten ſich ſo viel zu erzählen, ſie mußten ſo oft ſtehen bleiben, um in die mondbeglänzte Gegend zu blicken oder hinauf an den klaren Himmel. Und doch näherten ſie ſich endlich der alten Brücke, unter welcher der Bach dahinfloß, jener Brücke, an deren anderer Seite ſich ein kühn und elegant conſtruirter Thor⸗ bogen erhob,— der Brücke, bei deren Anblick Victor über⸗ raſcht ſtehen blieb und ausrief:„O Alice! Das iſt das Original jenes Bildes, welches in der Stadt über dem Flügel hing, weißt Du, welches wir hundertmal be⸗ trachteteſt.” „Und bei deſſen Anblick wir unſerer kindiſchen Phan⸗ —ꝭ—;—O——O—O—O—V—C—’—’—’—’—O—O—O—O—OQOQ—Oę—˖˖— —ꝭ—;—O——O—O—O—V—C—’—’—’—’—O—O—O—O—OQOQ—Oę—˖˖— — 243— taſie den Lauf ließen,“ verſetzte das junge Mädchen.„Ich wähnte hinter dem alten Thorbogen die gute Fee zu fin⸗ den, die mir von ihren köſtlichen Geſchenken mittheilen würde; Du wollteſt— ein kühner Ritter— die kleine Prinzeſſin befreien, die dort von dem Rieſen gefangen ge⸗ halten werde, die Du alsdann zu Deiner Gemahlin machen wollteſt und Dich zum König.— O ihr lieben Träume der Jugend!“ ſetzte ſie mit weicher Stimme hinzu. „Träume, die zur Wahrheit werden: Du biſt meine Prinzeſſin, Du machſt mich zu einem glücklichen König. O wenn ſich nur noch ein Rieſe fände, mit dem ich vorher kämpfen und Dich verdienen dürfte!“ Sie waren wieder einmal ſtehen geblieben und Alice ſchaute den lieben Freund an, während ſie ihre beiden Hände auf ſeinen Arm drückte.— Hinter ihnen ſchüttelte ſich eines der Pferde, daß das Sattelzeug klang und klirrte, riß ſie ſolchergeſtalt aus ihren Träumereien und ließ ſie in den Park eintreten. Geneigter Leſer, wenn wir ſagen, daß es kurze und lange Stunden gibt, ſo wirſt Du uns trotz des Wider⸗ ſpruchs, der ſcheinbar in dieſen Worten liegt, beipflichten. Es gibt deren von ſehr verſchiedener Länge, wenn wir ſie mit dem Maße unſerer verſchiedenen Wünſche und Hoff⸗ nungen meſſen. Wie oft ſagen wir: die Stunde hat eine Ewigkeit gedauert! und ein anderes Mal wieder: wie ge⸗ ſchwind iſt dieſe Stunde entflohen!— Hier hätten wir nun eine von denen, die mit unbegreiflicher Schnelligkeit vor⸗ überrauſchen. Du, geneigter Leſer, oder Du, verehrte Leſe⸗ rin, haſt gewiß ſchon ähnliche erlebt oder wirſt ſie noch erleben und es alsdann begreiflich finden, warum nicht nur Alice und Victor, ſondern wie wir hoffen wollen auch Dir ſelbſt ſo raſch vorüberflog— dieſe zehnte Stunde. ———— A*. 2 ————— 3. 1 1 1 ——õÿÿ—— em Jagdwagen, an der Seite es Malers ſitzend, dem Parke des Freiherrn von Molitor näherte, um ſo höher ſtieg die Bewegung ſeines Herzens und verwandelte ſich dieſelbe in förmliche Rührung, wenn er bedachte, daß der Himmel ihn zum unmittelbaren Werkzeug auserkoren, zwei Herzen, die ſich getrennt, wieder ver⸗ einigen zu helfen, um das & ———— —— Glück von ein Paar Mitmenſchen wieder herzuſtellen.— Während er ſo dachte, blickte er links hinüber, wo, wie ihm der Kutſcher ſagte, die Eiſenbahnſtation lag, und wo ſich auch— das ſetzte ſein Herz hinzu— das Wirthshaus zur„bunten Katze“ befand. Aber es war eigenthümlich, daß der Gedanke an die freundliche, runde Wirthin ſeine Rührung noch erhöhte. Ja, das ging ſo weit, daß, wenn er ſich verſchiedene, mögliche Vereinigungen ausdachte, ſeine Lippen ordentlich zitterten und ſich jener komiſch⸗melancho⸗ liſche Zug um den Mund zeigte, der einem Thränen⸗ geträufel voranzugehen pflegt. Um aber ſeinen Nachbar von dieſem Seelenzuſtande nichts merken zu laſſen, ſpitzte der ehemalige Makler ſeine zitternden Lippen faſt gewalt⸗ ſam, und da er gerade in die hellbeſtrahlte Landſchaft hinaus ſah, ſo pfiff er vor ſich hin: Guter Mond, du gehſt ſo ſtille Durch die Abendwolken hin. So fuhren ſie dahin, und wenn auch die raſchen Pferde im ſcharfen Trabe vorwärts gingen, ſo däuchte es doch dem Maler, als wollte ſich der Waldſaum dort drüben, wo der Park des alten Schloſſes anfing, durchaus nicht nähern. Und doch ſtiegen die dunklen Baummaſſen, die im zweifel⸗ haften Mondlichte anfänglich wie niedere Sträucher ausge⸗ ſehen, immer höher und höher auf. Dort ſah Herr Kohler auch ſchon den breiten Weg, auf dem er nach ihrer An⸗ ordnung gewandelt; da waren auch die beiden Grenzpfähle — noch ſchärfer trabten die Pferde vorwärts, und jetzt er⸗ ſchien auch das Gitterthor am Eingang des Parkes, von hinten röthlich angeſtrahlt durch die Glut der Flamme einer Pechpfanne, deren Schein den Kutſcher auf dem verſchlun⸗ genen und finſteren Pfade zurecht wies. Wie erfreute ſich das Auge des Malers an dieſer phan⸗ 4 . — 246— taſtiſchen Beleuchtung! Wie beobachtete er die wilden, glühenden Lichter, da einen wehenden Glutmantel um den uralten Stamm eines Baumes werfend, hier jedes Stein⸗ chen des Bodens hell beſtrahlend, dort in unzähligen Lich⸗ tern und Funken zwiſchen dichtem Laubwerk hervorbrechend. Während ſie ſo aufwärts fuhren, erzählte Herr Kohler mit leiſer Stimme die Einzelnheiten ſeines nachmittäglichen Spazierganges und illuſtrirte dieſe Erzählung, indem er die verſchiedenen Stellen zeigte, wo er ſich niedergeſetzt, wo er von dem Halloh des Echos aufgeſchreckt worden,— wo er das fröhliche Lachen der Kinderſtimmen vernommen.— Ah! der Kinderſtimmen! Wo er den klaren Brunnen betrachtet,— ja dort war es— und das herabfließende Waſſer ſchimmerte röthlich im Glanze einer neuen Pechpfanne, deren Flammen an der Biegung des Weges loderten.— Von hier aus hatte er auch ſie geſehen. Ja ſie,— ſie. Daß der Maler ein aufmerkſamer Zuhörer geweſen, können wir nicht behaupten, finden es aber auch begreiflich; nur zuweilen war er mit ſeinen Gedanken bei den Worten ſeines Nachbars; dann aber blickte er ungeduldig auf die Pferde, die den ſteilen Weg hier langſamer hinauf gingen. — Wie gern wäre er dem Wagen entſprungen und vor⸗ ausgeeilt, ſie zu ſuchen! Aber er war wie in einen Zauber⸗ kreis getreten, den er nach ſtrenger Vorſchrift durchwandern mußte, und Alles in demſelben war ſo eigenthümlich, ſo ſonderbar, ſo ehrfurchtgebietend.— Zuerſt die raſche, nächt⸗ liche Fahrt durch die klare, mondbeſchienene Gegend, jetzt der Contraſt des finſteren Parkes in der Beleuchtung der grelllodernden Flammen; droben das alte, impoſante Schloß, welches nun mit hellen Fenſtern hervortrat und ſich ſchwarz auf dem glänzenden Nachthimmel abzeichnete. Noch einmal zogen die Pferde ſcharf an; die Räder, welche bis jetzt dumpf gerollt, knirſchten auf einem Kies⸗ wege, dann hielt der Wagen vor einem erleuchteten Portal, an welchem zwei Diener die Ausſteigenden ehrfurchtsvoll begrüßten, worauf einer derſelben Herrn Kohler meldete, daß ihn der Freiherr von Molitor erwarte, und der an⸗ dere Herrn Stifter bat, ihm zu folgen. Der ehemalige Makler konnte es nicht unterlaſſen, ehe ſie von einander ſchieden, ſeinem Gefährten gerührt die Hand zu drücken. Der Lakei ſchritt dem Maler voran durch ein Veſtibul, dann durch einen hellerleuchteten Gang, ſowie eine kleine, gewundene Treppe hinan von äußerſt eleganter und zier⸗ licher Conſtruction, deren Stufen mit Teppichen bedeckt waren. Im erſten Stock angekommen ging der Bediente quer über einen ziemlich großen Ruheplatz, öffnete eine breite Flügelthür und erſuchte Herrn Stifter mit einer Verbeu⸗ gung einzutreten. Dieſer folgte dem Winke und befand ſich im nächſten Augenblick in einem Vorzimmer, worauf er hörte, daß ſich die Thüre hinter ihm ſchloß. Der Maler blieb erſtaunt ſtehen und blickte ein Paar Sekunden lang forſchend in dem leeren Zimmer umher, er hatte ſich ſeinen Empfang hier auf dem Schloſſe des Frei⸗ herrn etwas anders vorgeſtellt,— angenehmer wohl ge⸗ rade nicht— und doch anders. Hatte er doch geglaubt, Thereſe ſogleich zu ſehen, was ihm lieb geweſen wäre, um die erſte, vielleicht etwas trübe Unterredung, ſo raſch wie möglich mit einem freundlichen Wort, mit einem herz⸗ lichen Händedruck zu beendigen. Andererſeits dagegen ver⸗ urſachte es ihm ein wohlthuendes Gefühl, daß man ihn auf ſo vornehm ruhige Art, ohne alles Aufſehen empfangen und hier ſich ſelbſt überlaſſen.— Hilf dir weiter. — 248— Das leere, einfach möblirte Zimmer, die tiefe Stille, die ringsum herrſchte, die Abgeſchloſſenheit von der Außen⸗ welt, die durch nichts geſtört wurde,— denn die Fenſter⸗ vorhänge waren zugezogen und man ſah nichts von der mondbeglänzten Gegend,— alles das gewährte ihm Zeit genug, ſich vollkommen zu ſammeln und dem in der That nicht angenehmen Augenblick, der ihm bevorſtand, entgegen zu gehen. Gewiſſermaßen bangte ihm davor, ſo ſehr er ſich auch anderntheils freute, Thereſe wieder zu ſehen, und ob er gleich überzeugt war, daß auch ſie freundlich geſinnt ſei.— War ſie aber Herrin eines Wortes, einer Miene? — wollte ſie es ſein? Wollte ſie ihn in der Abſicht em⸗ pfangen, Alles zu vermeiden, was einen peinlichen Eindruck würde hervorrufen können?— würde ſie das ohne ein Wort des Vorwurfs thun?— In dieſem Falle müßte ſie ſich ſehr geändert haben. Das beunruhigte ihn; nicht als ob er gefürchtet hätte, daß ein vorwurfsvolles Wort ihrer⸗ ſeits vielleicht ein bitteres von ſeiner Seite nach ſich ziehen werde— nein, er hatte ſich gelobt, Allem aufzubieten, damit dieſe erſte Unterredung, wenigſtens ſoweit es an ihm liege, einen wohlthuenden Eindruck hinterlaſſe.— O wenn ſie auch ſo dachte!— Aber wie oft ſchon war er mit ähn⸗ lichen Geſinnungen vor ſie hingetreten, mit offenem, ver⸗ ſöhnlichem Gemüth, in der Hoffnung, ein ehrliches Wort, gerade ausgeſprochen, zu hören,— ſogar ein Wort des Vorwurfs, aber in herzlichem, gewinnendem Tone. Er hätte das Bitterſte der Art ertragen, aber nicht in jener kalten, höhniſchen Weiſe, mit jenem finſtern, unheimlichen Blick, der ihn zurückſchreckte, ſo oft er ihm entgegenblitzte. Doch warum ſich durch ſolche Gedanken aufregen! wozu neue Schatten in die heitere, freudig erregte Stimmung bringen, in der er ſich befand, mit welcher er dem nächſten Augenblick entgegenſah! — 249— Die Thüre des Nebenzimmers war nur angelehnt; er öffnete ſie und trat in ein ebenſo großes Gemach wie das war, aus welchem er ſoeben gekommen. Die Einrichtung aber war hier eine ſo ganz andere, eine ſo außergewöhnliche, daß er im höchſten Erſtaunen auf der Thürſchwelle ſtehen blieb. Er war in das Atelier eines Malers getreten, aber in ein Atelier, wie es ſeine erregteſte Phantaſie entworfen, wie er ſich wohl zu Zeiten ausgemalt, daß ein ſolches zu beſitzen ihn glücklich machen würde. Wohin er ſeine ſtau⸗ nenden Blicke ſandte— überall ſah er jene maleriſche Un⸗ ordnung, welche die Gedanken erfriſcht, welche neue Ideen entſtehen läßt. Wo ſollte er anfangen, um Alles genau zu betrachten?— Dort an dem hohen, breiten, jetzt eben⸗ falls verhängten Fenſter, neben dem eine koloſſale Staffelei ſtand, auf derſelben ein großer Rahmen mit ſo einladend weißer Leinwand, daß ihn ein Gelüſte anwandelte, den Hut auf die Seite zu werfen und irgend eine Figur zu ebauchiren?— Wenn es nur nicht Nacht geweſen wäre! — Neben der Staffelei war auch der Malkaſten zu ſehen mit Stock und Palette. Nun aber erſt die andern Um⸗ gebungen! Das Möbel von dunklem, geſchnitztem Eichen⸗ holz, mit Leder bezogen, ſo wohlgefällig, ſo lieb, gediegen und doch nicht die Harmonie ſtörend; dazu hie und da die ſhawlartigen Teppichvorlagen, hin und wieder am Boden auch ein Bärenfell.— Die Wände ein dunkles Braun⸗ roth mit einigen gewiß guten Bildern; in den Ecken ein Paar Statuen mit Blumen umgeben;— dort aber eine ganze Seite des Zimmers, eine vollſtändige reiche Samm⸗ lung der maleriſchſten und phantaſtiſchſten Waffen, zierlich und geſchmackvoll geordnet, glänzend in Gold, Silber und Stahl, durchwoben mit Schnüren und Quaſten in allen Far⸗ ben, hoch überragt von ein Paar ächten, verblichenen Standarten, und dieſe wie es ſchien rechts und links ——ᷓ——yÿy—q — — — — —————— — 250— bewacht von einer Ritterfigur, in ihr koſtbar eingelegtes Eiſen⸗ kleid gehüllt, mit geſchloſſenem Viſir und heraldiſch ächtem Helmzeichen. So war im Allgemeinen die Einrichtung dieſes Ge⸗ maches, welches erhellt wurde von drei Lampen mit matt weißen Kugeln, die in der Mitte des Zimmers zierlich vereinigt an einer ſtarken broncenen Kette herabhingen. Der Maler hatte alles das mit immer größerem Erſtaunen betrachtet und konnte dabei nicht fertig werden, auf die vielfachen einzelnen Gegenſtände: Vaſen, ſeltſame Krüge, muſikaliſche Inſtrumente, ſchwere Stoffe, welche hier auf den Tiſchen lagen oder an Seſſeln und Sopha's lehnten, einen raſchen Blick zu werfen.— Er wußte nicht, was er davon denken ſollte, er ſchien einer verzauberten Welt nahe zu ſein und das um ſo mehr, als rings um ihn her eine Stille herrſchte, die beinahe etwas Beängſtigendes hatte. Noch einmal hielt er beim Durchſchreiten des Gemachs eine flüchtige Rundſchau auf alle die Gegenſtände ſeiner Sehnſucht, die hier aufgeſtellt, angehäuft waren, dann trieb es ihn vorwärts, der andern Thüre zu, hinter welcher er endlich eine Löſung ſo vieler Räthſel zu finden hoffte. Und doch fand er ſie auch hier noch nicht ſogleich; denn er kam in ein kleines, ſchwach erhelltes Gemach, deſſen andere Thür aber nur angelehnt war und welcher er ſich nun mit klopfendem Herzen näherte. Er öffnete dieſe Thüre, er trat in ein einfach aber ele⸗ gant möblirtes Wohnzimmer, deſſen ganze Einrichtung etwas außerordentlich Behagliches und Anmuthiges hatte, wie er mit einem einzigen Blicke ſah. Nur mit einem ein⸗ zigen Blicke, denn alsdann blieben ſeine Augen gleich auf einem kleinen Fauteuil haften, in welchem ſie ruhte, die er geſucht, die er nun wieder gefunden— ein Wiederfinden, dem er mit begreiflicher Aufregung und Spannung entge⸗ ———————— 4 ———————— gen geſehen. Daß Thereſe ruhig da ſaß in dem kleinen Fauteuil, mit einem Buche in der Hand, daß ſie bei ſeinem Eintritt freundlich aufblickte, ihm heiter zulächelte, das er⸗ ſchien ihm ſo außergewöhnlich, ſo befremdlich, daß ihm im erſten Moment der Gedanke kam, er träume vielleicht ſeit ein Paar Stunden einen ſchönen Traum, aus dem er nächſtens erwachen werde in dem kleinen Schulmeiſterhauſe zu Klippenberg. Und doch— es konnte kein Traum ſein; es war ihre Stimme, welche herzlich zu ihm ſprach:„Guten Abend, Ferdinand! Biſt Du da?“— Ja es war ihre Stimme, wie ſie in guten, lieben Augenblicken geklungen. Ach! er hatte dieſen Ton beinahe vergeſſen,— und ihre ganze Er⸗ ſcheinung. Hatte es nicht etwas Fremdartiges— aber etwas ſo angenehm und lieb Fremdartiges, die wohnliche Einrichtung des Zimmers, Thereſens wenn gleich einfacher, ſo doch faſt eleganter Anzug, dazu ein Buch in ihrer Hand, Herzlichkeit in ihren glänzenden Augen, Heiterkeit auf ihrer ſchönen Stirne, die er ſo oft finſter zuſammen⸗ gezogen geſehen, wenn er nach Hauſe kam und ſie fand, trotz ſeiner Bitten und trotz ſeiner Verſicherung, daß eine ſolche Sparſamkeit keine Sparſamkeit ſei und ihren Ver⸗ hältniſſen nicht angemeſſen, ſitzend bei einem herabge⸗ brannten Lichtſtümpchen, nähend, als gälte es einen Tage⸗ lohn zu verdienen, ihn und ſeinen„guten Abend“ als⸗ dann kaum beachtend, oder vielleicht, was noch ſchlimmer war, ihre Näharbeit bei Seite werfend, um mit erhobenem Kopfe und einem ſehr kalten Gruß in das Nebenzimmer zu eilen. War es denn in der That dieſelbe Frau, die ſich jetzt mit ſtrahlendem Angeſichte erhob, ihm ſchnell entgegen trat, ſeine beiden Hände ergriff, dann in ſeine Arme ſank und ſeinen herzlichen Kuß ebenſo innig erwiederte!— Ja, ſie —————iiiii war dieſelbe, und doch eine ſo andere, daß es ihm vor Glück und Freude ſchwindelte. Wie athmete Ferdinand ſo ſelig auf, ſo von einem ſchweren Druck befreit, wie Jemand, der aus einer dumpfi⸗ gen Tiefe plötzlich in ein reine, klare Luft emporſteigt, die er nach überſtandenen traurigen Stunden jetzt in vollen gierigen Zügen einſaugt. „Und die Kinder?“ fragte er nach einer ſeligen Pauſe. „Sie ſchlafen ſchon,“ gab Thereſe zur Antwort,„und nach dem Umherſpringen in der friſchen Luft hier außen ſo feſt, daß ſie uns nicht hören werden, wenn wir an ihre Bettchen treten. Komm' nur.“ Und damit gingen ſie Arm in Arm in ein anſtoßendes Schlafzimmer, wo die beiden Kinder ruhten. Dieſe lagen da, wie wir ſie ſchon einmal geſehen,— dort der geſund ausſehende prächtige Bube, auch diesmal der Wärme wegen ſehr wenig Gebrauch von ſeinem unentbehrlichſten Klei⸗ dungsſtücke machend, mit feuchtem, lockigem Haar, mit re⸗ gelmäßigen Athemzügen, die anzeigten, wie tief und feſt er ſchlummere, während dagegen wieder die Augenlider ſo leicht über ſeinen Augen lagen, daß man hätte glauben können, das Summen einer Fliege müſſe ihn erwecken;— hier das ältere Mädchen, ſchon beſſer verhüllt, die Hand unter das Haupt gelegt und im Schlafe lächelnd. Wie hätte ſich da der Vater enthalten können, die bei⸗ den Kinder auf ihren friſchen, blühenden Mund zu küſſen, worauf Bertha einen tiefen Athemzug that, der kleine Fer⸗ dinand aber ſich herum warf, jedoch nicht erwachte, trotz⸗ dem er mit ſeinem Kopfe an die lange Naſe des unver⸗ meidlichen Hampelmanns ſtieß, der auch diesmal wieder ſein Lager theilte. Die beiden Eltern waren wieder mit leiſen Schritten in das Wohnzimmer zurückgegangen und Thereſe ſagte: —- 253— „Du haſt Dein Atelier geſehen?“ Worauf ihr Gatte erſtaunt und mit einiger Verwir⸗ rung zur Antwort gab: „So?— mein Atelier?— Gewiß! gewiß!— Aber ich bitte Dich, Thereſe, ſage mir—“ „Das wirſt Du Alles ſeiner Zeit erfahren,“ unterbrach ſie ihn lächelnd;„vorderhand handelt es ſich um zwei lebensgroße Portraits des Barons von Molitor und ſeiner lieben und vortrefflichen Gemahlin, die Du hier malen ſollſt und wozu Dein Atelier, wie Du geſehen, bereits eingerichtet iſt. Dann ſpäter, wenn wir nach der Stadt zurück⸗ kehren“— „O davon ſprich nicht, Thereſe,“ entgegnete er eifrig, und küßte ſie herzlich auf ihr duftendes Haar.„Warum der Dunkelheit erwähnen, wenn man im Licht wandelt! — O es wird hier— bei Dir unbeſchreiblich ſchön ſein.“ „Gewiß, Ferdinand?“ ſagte ſie mit fragendem Ton, und dieſer fragende Ton war das Einzige, was wie ein Anklang an vergangene traurige Zeiten erſchien. „Gewiß, Thereſe,“ erwiederte er, wobei er die Hand auf ſeine Bruſt legte, und wobei ſeine Blicke ſo wahr und ehrlich ſtrahlten, daß ſie mit ſchwimmenden Augen beglückt an ſeine Bruſt ſank. Ein leichtes Klopfen an der Thüre ging dem Eintritt eines Dieners des Hauſes voraus, welcher die Baronin an⸗ meldete, die demſelben auf dem Fuße folgte. Daß die vollendete Weltdame den Maler gerade ſo empfing, als habe er ſie geſtern in der Stadt unter den gleichen Ver⸗ hältniſſen verlaſſen, verſteht ſich von ſelbſt; die ſchöne Frau ſah heiter, zufrieden, nicht unglücklich aus, ja ſie verſicherte mit ſtrahlendem Auge, daß ſie ſich glücklich fühle hier auf dem Lande, im Beſitze ihrer kleinen, geliebten Tochter.„Wir Alle,“ ſetzte ſie nicht ohne Beziehung, aber in ihrem leich⸗ — 254— ten, gefälligen Tone hinzu,„wir Alle, die wir hier und drüben wohnen, haben das Recht und werden die Kraft haben, in angemeſſener Heiterkeit und gegenſeitigem, freund⸗ ſchaftlichem Verkehr die Zeit unſeres Aufenthaltes hier zu verleben. Es hat ſich ja auch Alles ſo wunderbar glück⸗ lich geſtaltet, daß es Unrecht wäre, wollten wir vergange⸗ ner Tage anders gedenken, als mit dem Gefühle des Dankes, gegen ein gütiges Geſchick, das Alles zum Beſten gelenkt. — Nach dieſen, wenn Sie wollen feierlichen Worten,“ ſetzte ſie launig hinzu,„kann ich Ihnen nur ſagen, daß man Ihnen für jetzt noch keine Ruhe gönnen wird. Der gute Duvallet hat unſern Beſuch verlangt und die Wagen ſind eingeſpannt, um hinüber zu fahren. Heute Abend müſſen wir ihm ſchon den Gefallen thun. Kommen Sie alſo.“ „Und meine Toilette!“ fragte Thereſe. „Vortrefflich,“ erwiederte die Baronin,„es iſt ein Familienfeſt.“ „Aber die meine!“ ſagte der Maler, indem er auf ſei⸗ nen Rock von allerdings etwas ſeltſamem Schnitte blickte. „Wird ſo paſſend ſein zu andern, die Sie dort finden ſollen, daß es eine Sünde wäre, etwas daran zu ändern,“ lachte die ſchöne Dame, worauf ſie mit freundlichem Gruß zur Thüre hinaus rauſchte. Nachdem es hierauf die Frau des Malers nicht unter⸗ laſſen hatte, noch ſo viel an ihrem Anzuge zu verbeſſern, als in der Geſchwindigkeit möglich war, und nachdem ſie einen leichten Shawl und Hut genommen, verließen Beide ihre Wohnung, dabei die Kinder unter der Obhut der alten Magd laſſend, die ebenfalls aus der Stadt herüber gekom⸗ men war, und jetzt erſchien, um ihren Herrn freundlich zu begrüßen. Auf einer andern breiten Treppe ſtiegen ſie alsdann — 255— zum Veſtibul hinab, wo der eben davon rollende Wagen des Freiherrn von Molitor, in dem ſich auch die Baronin befand, dem kleinen Coupé Platz machte, das nun vorfuhr, um ſie aufzunehmen. Mit einem außerordentlich angenehmen und behaglichen Gefühl ſchmiegte ſich Ferdinand in die Kiſſen des Wagens, und während er abermals denſelben Weg durch den Park fuhr, bei den lodernden Pechpfannen vorbei, ſprach er ſei⸗ ner Frau herzlich und liebevoll von den Empfindungen, die ihn beſtürmt, als er vor Kurzem dieſelbe phantaſtiſche Be⸗ leuchtung geſehen.„Mir erſcheint das Ganze wie ein ſchöner Traum,“ ſagte er,„und da mir alles das ſchon jetzt, eingehüllt in nächtliches Dunkel, ſo reizend und ſchön vorkommt, wie muß es erſt morgen beim Licht des Ta⸗ ges ſein, eine angenehme Arbeit vor mir, die ich in der herrlichſten Umgebung mit Luſt und Liebe ſogleich beginnen werde.“ „Und wie vergnügt die Kinder ſind!“ ſagte Thereſe, während ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte.„Du wirſt Dich freuen, lieber Ferdinand, zu ſehen, wie gut ihnen die vortreffliche Landluft bekommt und wie brav ſie bei dem Hauslehrer lernen.“— „Und dieſes ganze Leben im Schloſſe,“ fragte der Maler zögernd,„gefällt Dir alſo wirklich, meine gute Thereſe? Du fühlſt jetzt, daß von allen den an ſich unbedeutenden Aeußerlichkeiten doch welche nothwendig ſind, unſer Leben auszuſchmücken?“ „Ja, bei einer Phantaſie wie die Deinige.“ „Gott ſei gedankt dafür, mein gutes Weib!“ rief er entzückt aus,„Du ſollſt erfahren,—“ „Siehſt Du dort auf der Anhöhe,“ unterbrach ſie ihn mit lauter Stimme,„die erleuchteten Fenſter? Das iſt das neue Schloß, das Haus des Herrn Duvallet.“ — 256— Er küßte ihr freundlich und dankbar die Hand, welche ſie in der ſeinigen ruhen ließ, worauf Thereſe fortfuhr: „Früher ſtand dort ein ruinenhaftes Gebäude, welches vor langen langen Jahren von einem aus der Familie Duvallet erbaut worden. Nachdem aber dieſe Familie während der Revolution verarmte und die wenigen Ueberlebenden derſel⸗ ben auswandern mußten, ging es in andere Hände über, und erſt der Commerzienrath kaufte das ganze Terrain wieder zuſammen und ließ das neue Schloß erbauen, wie es jetzt daſteht. Es wird Dir gefallen, Ferdinand, obgleich es eine ganz andere, neuere, ja man könnte ſagen freund⸗ lichere Einrichtung hat als der Landſitz des Freiherrn von Molitor.— Gleich ſind wir da; jetzt ſenkt ſich ſchon der Weg, dann erreichen wir eine Brücke mit einem alten Thorbogen, der von der frühern Zeit noch übrig geblieben iſt und hinter welchem ſogleich der Park anfängt.“ So war es denn auch; noch einige Minuten und die Hufe der Pferde klirrten auf dem Pflaſter, womit die alte Brücke bedeckt war. Aber nur wenig Augenblicke, dann hörte man den Wagen dumpf unter dem breiten Thorbogen rollen, worauf die Räder ſo ſanft über weichen Sandboden dahin glitten, daß ſich der Wagen auf ſeinen Federn or⸗ dentlich angenehm ſchaukelte. Schon die Anlage hier zeigte, wie auch Madame Stifter vorhin geſagt, daß das neue Schloß in einem ganz andern Style angelegt ſei als die nachbarliche Beſitzung. Hier waren es breite Wege, wohl auf beiden Seiten mit Gebüſch beſetzt, doch keine düſteren Laubgänge bildend, welche den Wagen aufnahmen, und ſanft, faſt unmerklich aufwärts führten. Obgleich das Mond⸗ licht ziemlich hell eindrang, ſo war doch auch hier für Be⸗ leuchtung geſorgt, aber ſtatt des lodernden Pechs in alten Eiſenpfannen ſah man auf ſchlanken Kandelabern zierliche, hellſtrahlende Gaslaternen. Mehrmal wand ſich der Weg — 257— im Zickzack die Anhöhe hinan, und je näher man dem Schloſſe kam, deſto deutlicher erblickte man die blitzenden Lichter deſſelben. Jetzt ließ der Wagen die Bäume hinter ſich und fuhr im Bogen um einen weiten mit Blumen⸗ b beeten bedeckten Grasplatz, die in zierlicher Anordnung einen Springbrunnen umgaben, deſſen Waſſer in einem hohen, breiten Strahle rauſchend und ſpritzend in die Luft V flog— eine wunderbare Lichtbildung darſtellend, wenn man auf Augenblicke durch die feine Waſſergarbe die Lichter im Schloſſe oder die helle Mondſcheibe durchleuch⸗ ten ſah. Der Wagen hielt vor einer breiten Treppe, die auf eine durch herabhängende Lampen hellerleuchtete Veranda führte.— Da war auch ſchon Herr Duvallet ſelbſt, welcher den beiden Ankommenden aus dem Wagen ſteigen half und 1 ſie unter Bezeugung herzlicher Freude die Treppen hinauf⸗ führte. Oben wurden ſie von der Commerzienräthin em⸗ pfangen, in deren an ſich ſchon beſtändig heiterem Geſichte V es heute Abend ſo vergnüglich zuckte, daß Jeder, der ſie anſchaute, unwillkürlich mitlachen mußte.— Da erſchien V auch Herr Kohler, mächtig gerührt; man hörte das an der Art, wie er ſich räuſperte, und ſah es an ſeinen Bemü⸗ hungen, ſeine Brille, deren blaue Gläſer ſo ſeltſam im V Mondlicht funkelten, feſt an die Augen zu drücken. Er er⸗ V griff beide Hände des Malers, ſchüttelte ſie herziich und ſagte: V„Iſt das nicht ein prächtiger Abend, ſo ein Abend wie aus einem Märchen, wo die wunderthätige Fee ihren Zau⸗ berſtab mit aller Macht gebraucht! O ich bin ſo glück⸗ ſelig,— beinahe gar nichts mehr fehlt.“ Bei dieſen letz⸗ ten Worten blickte er in die mondbeglänzte Gegend hinaus, aber nach der Richtung hin, wo ſich die„bunte Katze“ befand. Hackländer, Tag und Nacht. II. 17 — 258— Der Maler hatte ſich unterdeſſen von den Händen des Herrn Kohler losgemacht und war mit dem lauten Aus⸗ rufe:„Victoy! Du biſt es!“ auf ſeinen Freund zugeeilt, der aus dem Schatten des Hauſes/trat, um die Angekom⸗ menen ebenfalls zu begrüßen. „Jetzt aber in's Haus!“ ſprach Herr Duvallet mit einer Luſtigkeit in Ton und Haltung, wie man ſie nicht an ihm gewohnt war.„Wie kann ich,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„für mein Souper einſtehen, wenn es um eine Stunde verſpätet aus der Hand des Künſtlers kommt.“ Damit eilte er voran bis zur Hausthüre, wo er mit komiſcher Behendigkeit ſeine Gäſte nöthigte, einzutreten. Nur vor Alice, die ſich neben Victor geſtellt hatte, ihre linke Hand auf deſſen Schulter legte und träumend in die klare Nacht hinaus blickte, ſchlüpfte er, ungeduldig gewor⸗ den, in's Haus, wobei er ſogar die Baronin Molitor hin⸗ ter ſich zurückließ, die an der Balluſtrade der Veranda ſtand und nun zu den beiden jungen Leuten trat. Das junge Mädchen verändexte ſeine Stellung nicht, nur reichte ſie die Rechte der Herantretenden, während ſie den Kopf erhob und die ſchöne Frau mit einem innigen Blick der Zuneigung betrachtete. „Alice,“ ſagte dieſe,„meine gute, ſüße Alice! Gott, der mein Herz ſieht, weiß, wie ich mich über den heutigen Abend freue. Und wie will ich zum Himmel flehen, daß die Folgen deſſelben für Dich ſegensvoll ſind.“— Sie berührte mit ihren Lippen die reine Stirne des ſchönen Mädchens, wobei ſie mit ſo leiſer Stimme ſprach, daß es Alicen war, als habe ſie ſelbſt dieſen Gedanken:„Du haſt meinethalb gelitten, ich will es Dir vergelten, ſo wahr mir Gott helfe!“ Damit ging ſie raſch in's Haus, wohin ihr die beiden jungen Leute folgten. — 259— Wie war aber die Einrichtung dieſes Hauſes ſo ver⸗ ſchieden von der der Zimmer, welche der Commerzienrath in der Stadt bewohnt! Wie zeugte ſchon die Diſpoſition der Gemächer von Eleganz und feinem Geſchmack. So der große, in ſeiner Einfachheit ſo vornehme Speiſeſaal, wel⸗ cher durch ein Vorzimmer, das nach dem Treppenhaus und der Küche führte, mit der oben erwähnten Veranda durch weite Flügelthüren in Verbindung ſtand. Wie paſſend war dazu das gediegene Ameublement im neueſten Ge⸗ ſchmack, das reich verzierte Buffet, die geſchnitzten Stühle, die Tafel ſelbſt, beladen mit Silber und Kryſtall, in deſſen ſchweren, eleganten Formen ſich die zahlreichen Lichter wiederſpiegelten. Wir müſſen dabei geſtehen, daß ſich der Commerzien⸗ rath an dem Erſtaunen Victor's förmlich weidete und daß Madame Dupallet ſich die größte Mühe gab, ihr Lachen zu mäßigen, es wenigſtens ſcheinbar auf ganz unbedeu⸗ tende Dinge zu übertragen. So zum Beiſpiel auf den freilich etwas ſehr beſcheidenen Anzug ihres Neffen oder auf die Friſur des Herrn Kohler, die, wie ſie verſicherte, am heutigen Abend doch ein wenig gar zu herausfordernd in die Höhe ſtarrte. Endlich nahm man Platz an dem Tiſch in einer bunten Reihe; ſo ſaß der Freiherr von Molitor neben der Com⸗ merzienräthin und der Frau Thereſe, was ihm ganz be⸗ ſonders zu behagen ſchien. Ueberhaupt hatte ſein Geſicht einen ganz andern Ausdruck angenommen; der ſeltſam ſtechende Blick ſeiner Augen erſchien auffallend gemildert; auch hielt er die Zähne nicht mehr feſt übereinander ge⸗ preßt, vielmehr öffnete er den Mund wie andere Menſchen, wenn er ſprach. Und das, was er ſprach, klang jetzt ganz anders als die Reden, welche man noch vor wenigen Mo⸗ naten von ihm vernommen. Wenn auch Jemand, der in ——.— - — 260— die Verhältniſſe uneingeweiht war, in den Ausdrücken des Freiherrn von Molitor unbedingt noch manch' Seltſames finden mußte, ſo kamen doch jetzt die finſteren Anſichten, mit denen er früher ſeine Umgebung geplagt, höchſtens noch als ſeltſame Erzählungen zum Vorſchein, in de— nen es allerdings von Verließen, Ketten, Wachen, Keulen und Spießen wimmelte. Doch brauchte es nur eines feſten Blickes der Frau Thereſe, welche, wie wir bereits wiſſen, vom erſten Augenblicke an eine eigenthümliche Macht über ihn ausgeübt, oder auch eines freundlichen Wortes der Baronin, um ihn plötzlich abbrechen zu machen, was er dann meiſtens mit den Worten that:„So beſagt das letzte Capitel der Rittergeſchichte, wie ſie uns die Chronik aufbewahrt.“ Nachdem wir nun die Perſonen unſerer wahrhaftigen Geſchichte, für welche der geneigte Leſer ſich vielleicht in⸗ tereſſirt, bei einem vortrefflichen Souper vereinigt ſehen, in einer Stimmung, deren Behaglichkeit uns wohl Bürge ſein kann für künftige glückliche und gute Tage, die denn auch nicht ausgeblieben, ſo wollen wir nur noch hinzufügen, daß der Commerzienrath gegen eine Verbindung Victors mit Alicen unter bewandten Umſtänden nicht viel einzuwenden hatte, wogegen er aber das vernünftige Verlangen ſtellte, der junge Muſiker ſolle vorerſt noch ein Jahr in der Hauptſtadt des Landes, der großen Weltſtadt, wohin auch er ſpäter ſich zu begeben gedächte, ſeiner Kunſt leben, um den Namen Barring in einem guten Klange bekannt zu machen. Verſchiedene Tiſchreden, bei denen ſich namentlich Herr Kohler mit einem Aufwande von gerührter und rührender Beredſamkeit auszeichnete, glauben wir übergehen zu dür⸗ fen und wollen nur noch hinzufügen, daß, als endlich die Stühle gerückt wurden und Alle ſich auf die Veranda be⸗ — 261— gaben, um noch eine Weile die köſtliche Nachtluft zu ge⸗ nießen, fernher durch die Stille der Nacht die tiefen, uns wohlbekannten Klänge der Dorfuhr herüberſchallten, welche die eilfte Stunde anzeigten. f Aununnwunnännumunnium err Duvallet, in allen Theilen ein vortrefflicher und au merkſamer Wirth, unterlie , in Anbetracht des ihm be cRcuren ß 4 d dr 2 muu hA 3 in — 263— kannten, aufregenden und ermüdenden Tagewerks der mei⸗ ſten ſeiner Gäſte, alle freundſchaftlichen Einwendungen, als der Freiherr von Molitor bald darauf nach ſeinem Wagen verlangte. Und ſo ſah man denn in kurzer Zeit die bei⸗ den Equipagen mit dem zitternden Schein ihrer Laternen durch den Park davon fahren, ja man hörte die Räder bald nachher auf der Brücke drunten rollen, und dann er⸗ blickte man drüben wieder einzelne leuchtende Punkte, die ſich hüpfend zu entfernen ſchienen, Irrlichtern gleich. Victor ſtand mit Alicen am Eingange der Veranda und ſchaute dem verſchwindenden Wagen nach.„Wenn wir dann zurückkommen,“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe, wobei ſie ihren Kopf auf Victors Schulter lehnte,„ſo werden wir alsdann hier bleiben. OD es iſt da reizend! Du wirſt ſehen, welch' ſtilles und glückliches Leben man hier führen kann.“ „Und wie ich mich darauf freue, meine ſüße Alice! Ich finde es eigentlich recht traurig, noch einmal in die Welt hinaus zu müſſen.— Nicht ſo, mein Herz?“ „Ja— a,“ erwiederte ſie ſtockend;„aber der Vater meint, es müſſe ſo ſein, und er hat gewiß Recht.“ „Wohl hat er in gewiſſer Beziehung Recht; und was mich allein vollſtändig zu tröſten vermag, iſt der Gedanke an den Augenblick, wo wir hier wieder einkehren werden.“ „Wird es gewiß ein ſolch' ſchöner Augenblick ſein?“ „Gewiß, Alice,“ verſetzte der junge Mann aus vollem Herzen. Und als ſie hierauf ihren Kopf erhob, um in ſeine Augen zu ſchauen, und ſeinen Blicken folgte, die an dem klaren Nachthimmel hafteten, ſahen beide dort oben zu glei⸗ cher Zeit einen Stern herabſchießen— das untrüglichſte Zeichen, daß das, was ſie ſo eben gedacht, in Erfüllung gehen werde. Und es ging auf's Allerſchönſte und auf's Allerbeſte in Erfüllung. Daß Herr Duvallet ſowie auch die Commerzienräthin ihrem langjährigen Freunde und Bekannten, Herrn Kohler, eines von den vielen Gaſtzimmern des Landhauſes für die Nacht anboten, verſteht ſich von ſelbſt. Doch müſſen wir zu gleicher Zeit geſtehen, daß der ehemalige Makler dieſes freundſchaftliche Anerbieten mit einer Hartnäckigkeit aus⸗ ſchlug, die unerklärlich geweſen wäre, wenn— wenn— ſo ſagte wenigſtens Herr Duvallet lachend, er nicht feſt überzeugt wäre, Herr Kohler habe in der„bunten Katze“, von der er unvorſichtiger Weiſe etwas zu häufig geſprochen, der hübſchen runden Wirthin allzutief in ihre gefährlichen Augen geſehen.— Vergeblich zog der ehemalige Makler ſeine Achſeln ſo hoch empor, als ihm dies möglich war, und wollte ſich mit der unſchuldigſten Miene von der Welt das Anſehen geben, als habe er die Wirthin der„bunten Katze“ durchaus nicht beachtet, ſondern nur einen Hausknecht geſehen, der ihm ſeine Sachen auf's Zimmer beſorgt.— Der Commerzien⸗ rath drohte ihm mit komiſchem Ernſte, indem er ſeinen Zeigefinger erhob, und ſagte: „Kohler! Kohler! nehme Er ſich vor den Wittwen in Acht! abſonderlich vor der da drunten. Er iſt noch immer ein recht präſentabler Mann, Kohler, hat auch ganz den Anſchein, wie ein Mann von gutem Vermögen, der Er denn auch iſt, und nach ſolch' einem wirft die da drunten ihre Angeln aus.— Es ſollte mir wahrhaftig leid ſein, Ihn einmal noch als gebeugten Kreuzträger zu ſehen. Wie ge⸗ ſagt, nehm Er ſich in Acht!“ Kohler machte dabei ein Geſicht wie Jemand, der ſich zu einem Spaziergang mit der Geliebten anſchickt und dem man beim heiterſten Himmel ein Donnerwetter prophezeit. — 265— Er lächelte ungläubig, und mit der bekannten, ſelbſtzufrie⸗ denen Miene ſprach er:„Ich meine bewieſen zu haben, daß ich es verſtehe, wie man mit Wittwen umgehen muß. Ja, ja, mein lieber Duvallet, wer den alten Kohler auf ſei⸗ nem Neſte einfangen will, der muß früh aufſtehen.“ Darnach ſuchte Herr Kohler ſeinen Hut, und da er ziemlich erheitert war, ſo nahm er von Alice und Victor Abſchied, indem er ihnen noch eine große Rede hielt, und zwar eine Rede, welche Vater Duvallet gewaltſam endigen zu müſſen glaubte, und dies auf die angenehmſte Weiſe von der Welt that, indem er nämlich ſeinem Freunde eine vorzügliche Cigarre in den Mund ſteckte. Hierauf ließ es ſich der vortreffliche Hauswirth nicht nehmen, ſeinen ſcheidenden Gaſt bis zur Grenze des Parks, der Brücke am Fuße des Hügels, zu begleiten, wozu ſich auch Madame Duvallet anſchloß und dabei ſo außer⸗ ordentlich zum Lachen aufgelegt ſchien, daß ſie und der alte Hausfreund auf ihrem Wege mehrmals ſtehen blie⸗ ben, um ein herzliches Gelächter gründlich austoben zu laſſen. Selbſt der ſonſt ſo ernſthafte Commerzienrath fühlte ſich heute Abend ſo freudig erregt, daß er unwillkürlich mit⸗ ſchmunzeln mußte und ſeine Ermahnungen zur Ruhe und zu geſetztem Betragen blos in den Worten beſtanden:„Frau, Frau! bei Deinem Lachen bin ich nur froh, daß uns Nie⸗ mand Fremdes hört.“ Und ſo war es ja auch; rings umher herrſchte tiefe Stille, man vernahm höchſtens einmal in einer Pauſe das Rauſchen eines leichten Nachtwindes zwiſchen den ſchlum⸗ mernden Blättern und das verſtohlene Murmeln des Waſ⸗ ſers unter der alten Brücke. Hier trennte ſich Herr Kohler von ſeinen freundlichen Wirthen, nachdem ihm der Commerzienrath den Weg be⸗ zeichnet, um zu den beiden Grenzpfählen zu gelangen, denn — 266— von da an wußte der ſcheidende Freund ſchon weiter zu finden. Jetzt ſchwingen wir den Hut, Der Wein, der Wein war gut, ſang er, wie er auch damals in der Stadt beim Abſchied⸗ nehmen gethan, wobei ſich Madame Duvallet nicht enthal⸗ ten konnte, ihm ein helles Lachen nachzuſchicken, denn die Stimme des Sängers klang etwas heiſer; auch ſang er ziemlich falſch, und dabei ſah es ſo äußerſt komiſch aus, wie er mit geſchwungenem Hut davon hüpfte, neben ihm ſein langgeſtreckter, ebenfalls mithüpfender Schatten. „Gute Nacht, Kohler!“ „Gute Nacht, Duvalle— e— e— t!“ Bald waren die Grenzpfähle erreicht, und der nächt⸗ liche Wanderer konnte ſich nicht enthalten, einen Augen⸗ blick auf die Bank niederzuſitzen, um noch einmal zurückzu⸗ ſchauen nach den beiden Landhäuſern, wo er die Freunde gelaſſen. Dort, wo das alte Schloß lag, ſchimmerte ein einſames, mattes Licht; vom neuen aber ſah man noch deutlich die erhellte Veranda und vom Mondlichte ange⸗ ſtrahlt das Gebäude ſelbſt. „Das war ein merkwürdiger Tag,“ ſprach Herr Kohler zu ſich ſelber, indem er ſeinen Hut aufſetzte, den er bis jetzt in der Hand getragen.„Wie ſich aber Alles da bei den braven Leuten ſo prächtig gefügt hat! Man könnte glauben, es wäre ein Roman, wenn wir nicht ſelbſt Alles das miterlebt hätten.— Nun, der Himmel möge ihnen auch für die Zukunft ſeinen Segen geben, möge ſie ſo glück⸗ lich machen, wie ſie es verdienen, und füge es dabei auf's Schönſte, daß ſie ihres treuen Freundes, dieſes guten, recht⸗ ſchaffenen Kohler's, immer mit herzlicher Liebe gedenken mögen.“ So beſchäftigte ſich Herr Kohler eine kleine Weile mit — 267— der Vergangenheit, ſowie mit dem ferneren Geſchick ſeiner Freunde, in welches er wohl das ſeinige ein wenig mit ver⸗ flocht, um dann aber im Weiterſchreiten ganz zu der eige⸗ nen Zukunft überzugehen. Die Gedanken hieran führten ihm begreiflicher Weiſe das Bild der„bunten Katze“ vor Augen, und der Schild dieſes vortrefflichen Wirthshauſes floß ſo mit der runden Wirthin zuſammen, daß es ihm oft war, als ſähe er bald die„bunte Katze“, ſeinem Pfade in zierlichen Courbetten folgend, dann wieder, als leuchteten die munteren Augen der runden Wirthin ſelbſt aus den dunkeln Gebüſchen am Wege hervor. „Dieſer alte Duvallet,“ fuhr er in ſeinem Selbſtge⸗ ſpräche fort,„hat gut reden mit ſeinen Warnungen. Hat er doch keinen Begriff davon, daß einem andern ehrlichen Menſchen das beſtändige Alleinleben auch nachgerade lang⸗ weilig werden kann.— Dieſer Commerzienrath ſcheint es freilich vergeſſen zu haben, daß auch er einſt der Liebe Seligkeiten empfunden.— Mich zu warnen, indem er dieſe harmloſe Wittwe verdächtigt! Ja, wenn ich meine Augen auf irgend ſo ein junges, naſeweiſes Ding geworfen hätte, da hätte er ein Recht mit ſeinen ſogenannten freundſchaft⸗ lichen Vorſtellungen. Aber dieſe Wittwe, eine geſetzte und doch höchſt angenehme Perſon— wahrhaftig, wenn ich mir das recht überlege, ſo ſind doch dieſe Leute rechte Egoiſten und keiner wahren Freundſchaft fähig.— Oder iſt es ihnen vielleicht unangenehm, wenn ſie in ihren ſoge⸗ nannten Schlöſſern Anſtands halber doch noch an ihren Freund, den kleinen Kohler, denken müſſen, der freilich nicht ſtolz und vornehm auf der Höhe wohnt, ſondern tief im Thale, im Hauſe zur„bunten Katze“.— O daß dieſe arme Welt ſo wenig Reelles hat!“ ſeufzte der ehemalige Makler, dann aber blieb er plötzlich erſtaunt ſtehen, denn indem er zufällig neben ſich hinabblickte, ſah er unten in der Tiefe *— — 2688— einen ſeltſam roth leuchtenden Punkt. Im nächſten Augen⸗ blick aber mußte er lachen über ſeine eigenen Phantaſieen von Gott weiß welcher fabelhaften Erſcheinung, die dem leuchtenden Punkt zu Grunde liege, denn es fiel ihm glück⸗ licher Weiſe ein, daß ſich dort ja die Eiſenbahn befinde, und daß das, was er ſah, das Licht eines Weichenwärters ſein müſſe. So war es auch. Nachdem er ein paar hundert Schritte gemacht, ſah er vor ſich die Eiſenbahnſtation hell erleuchtet und gegenüber derſelben das Ziel ſeines heutigen Spazierganges, die„bunte Katze“. Jetzt ſtieg er den Weg abwärts, den er heute Nach⸗ mittag in entgegengeſetzter Richtung gewandelt, kam wieder an den rauſchenden Waldbach, und ſah nun auch, daß das rothe Licht die Eiſenſchienen erhellte und ſich neben einem Bahnwärter befand, der ihm zurief:„Wenn Sie noch mit dem Courierzug fort wollen, ſo müſſen Sie ſich eilen, auf den Bahnhof zu kommen.“ Dieſe Vorausſetzung traf nun nicht zu, doch machte das Wort:„Courierzug“ die Schritte des Herrn Kohler beſchleu⸗ nigen. Sollte er das für ihn ſo große Vergnügen, die Paſſagiere aus⸗ und einſteigen zu ſehen, namentlich bei ſo maleriſcher nächtlicher Beleuchtung, verſäumen?— Gewiß nicht, er wäre dies nie im Stande geweſen, namentlich aber am heutigen Abend nicht, wo ſein Herz von ſanften Gefühlen erwärmt war. Bald hatte er den Bahnhof erreicht, und da er, wie der geneigte Leſer weiß, in dieſen Lokalitäten ſehr zu Hauſe war, ſo gelangte er in kurzer Zeit, natürlich mit Vermei⸗ dung des geſchloſſenen Warteſaals, auf die andere Seite des Stationsgebäudes, und wollte eben an die Schienen treten, um nach dem erwarteten Courierzuge auszuſpähen, als er dicht am Hauſe eine lachende Stimme vernahm, die — 269— ihm bekannt vorkam, und deren Klang ihn raſch in den Schatten des Gebäudes zurücktreten ließ. Herr Kohler, der von Natur nicht neugierig war, fühlte hier plötzlich die Luſt, den Grund jenes lauten Lachens zu erfahren. Und er brauchte ſein Gehör nicht zu ſehr anzuſtrengen, um zu vernehmen, daß zwei weibliche Stim⸗ men hier in einer für ihn nicht unintereſſanten Unterredung begriffen waren. Das Lachen der bekannten Stimme hatte aufgehört, dann ſagte eine andere ihm unbekannte: „Ich kann Sie verſichern, Frau Wirthin, ich ſah Sie heute Nachmittag mit dem fremden Herrn auf dem Balkon ſtehen, und dachte mir gleich: was das für ein Paar wäre! — Hat er gute Koffer bei ſich?“— „O ja, gut und recht ſchwer. Aber laſſ' Sie Ihre Reden, Frau Steffen. Ich kann Sie verſichern, der paßte kaum für mich.“ „Freilich nicht mehr jung, aber das hat nichts zu ſa⸗ gen, der Selige war noch älter.“ „Ich ſage Ihr, der paßt nicht für mich, das ſcheint ſo ein Herumtreiber zu ſein; es iſt eilf Uhr vorüber, und er iſt noch nicht einmal zu Haus.“. „Und da hätten Sie noch Angſt,“ ſagte Frau Steffen lachend,„wenn Sie den ſcharf in Zucht nehmen?— O Frau, darüber muß ich lachen.“ „Meint Ihr?“ „Ja, ja,“ fuhr die Andere vergnügter fort;„es wäre eine Freude zu ſehen, wie Sie den zurecht brächten.— Kenne ich doch Ihre Hand.“ Und nun lachten die beiden Weiber ſo laut und mit ſo außerordentlichem Behagen, daß dem Horcher die Haut ſchauderte. Faſt hätte er ſein Hierſein verrathen, ja er war ſchon im Begriffe, mit einem ſehr freundlichen:„Gu⸗ ten Abend!“ hervorzutreten,— da brauste der Courierzug — 270— pfeifend und ſchnaubend um die nächſte Biegung der Bahn hervor, die Glocke des Bahnhofs fing an zu lärmen, die Thüren der Warteſäle wurden geöffnet, und auf dem Trot⸗ toir erſchienen die Reiſenden, welche den raſchen Zug be⸗ nutzen wollten, um noch in kurzer Zeit in die Stadt zu gelangen. Und als Herr Kohler nun um die Hausecke herumtrat, ſah er, daß die Wirthin zur bunten Katze ver⸗ ſchwunden war. Daß er ihrem Geſpräche zugelauſcht, kam ihm beinahe wie ein Traum vor, und doch fühlte er faſt ſchmerzlich in ſeinem Herzen, daß es Wahrheit geweſen,— eine bittere Wahrheit. Doch blickte er dankbar zu den Sternen empor, daß ſie an ſein Ohr gedrungen. Der ehemalige Makler ſchien aber am heutigen Abend durch den Klang bekannter Stimmen überraſcht werden zu ſollen. Denn jetzt riß ihn eine aus ſeinen Träumereien, die in ziemlich unangenehmem und kreiſchendem Tone ausrief: „Aber Waſſer wird doch hier zu bekommen ſein! Man muß ſich nur Mühe geben wollen und nicht zu lahm ſein.“ Und nun ſah er den, der nicht zu lahm ſein ſollte, wie ein geſcheuchtes Reh dem Stationsgebäude zuhüpfen, und er erkannte den kleinen Mann mit den kurzen Beinen und dem behäbigen Körperumfange.—„Weller! was Teufel! wo kommen Sie her?“ „Ach, Kohler, Gott ſei Dank! daß ich Sie finde. Die Frau will Waſſer haben, und ich, der ich die Bahnhöfe ſo ſchlecht kenne, weiß hier keines zu finden. Helfen Sie mir, Kohler.“ „Weller! mit wem ſprichſt Du?“ rief die kreiſchende Stimme aus einem offenen Fenſter des Waggons. „Mein Gott! mit unſerem guten Kohler, er iſt erfreut, Dich zu ſehen.“ „Haſt Du Waſſer?“ — 271— „Nein, noch nicht,“ erwiederte Herr Weller ziemlich laut, indem er zuſammenſchrak, dann ſetzte er leiſer hinzu:„Ich bitte Sie, lieber Freund, gehen Sie einen Augenblick in den Waggon, der Zug hält ja gewiß noch einige Zeit, und ſagen Sie ihr, man könne hier unmöglich Waſſer bekommen. Ihnen glaubt ſie, von mir ſagt ſie immer,“ ſprach er ſeufzend, „es ſei böſer Wille und ich wolle ihr auch nicht das Ge⸗ ringſte zu Gefallen thun. Ja, von mir ſagt ſie das, Koh⸗ ler, von mir, der doch ſo viel für ſie gethan.“ „So, ſo,“ gab der ehemalige Makler zur Antwort. Um aber ſeinem Freunde gefällig zu ſein, wie er es immer war, trat er auf den Wagen zu, aus dem die kreiſchende Stimme ſich hatte vernehmen laſſen.— Ja, da ſaß ſie, Madame Weller, geborene Friederike Federbach, und als er, der alte Bekannte, näher trat, that ſie als ob ſie ſich freue, ihn wiederzuſehen, und bat ihn, einen Augenblick hereinzukom⸗ men. Der Conducteur an der Treppe des Waggons ſprach von ein Paar Minuten, die der Zug noch halten würde, und ſo glaubte es denn Herr Kohler wagen zu können, der jungen Neuvermählten einen flüchtigen Gruß zu ſagen. Als er ſich ihr gegenüber geſetzt und etwas Poetiſches geſagt von den flüchtig dahingeſchwebten, ſüßen Wonnen der Flitterwochen, antwortete ſie mit einem unterdrückten Seuf⸗ zer, und meinte, es ſei eigentlich Unrecht, ein zartes Ge⸗ müth, wie das ihre, in den Drang und Sturm rauher Wirklichkeit hineinzureißen. Dabei war ihre Stimme nicht mehr ſo kreiſchend wie vorhin, als ſie nach ihm rief, der ihres Lebens Schirm und Hort war, vielmehr hatte ſie wieder jenen ſchmachtend weinerlichen Ton angenommen, mit dem ſie in ihren poetiſchen Stunden damals im väter⸗ lichen Hauſe zu ſagen pflegte: wünſchen Sie noch etwas Kaffee? was aber der Stimmung eben dieſes Tones nach ebenſo gut hätte heißen können: wann werde ich ausge⸗ litten haben?— Sie hatte ihren Arm auf das Fenſter des Waggons geſtützt und blickte nach dem Monde, der am heutigen Abend ſchon ſo Vieles hatte mit anſehen müſſen, und der auch jetzt nicht einmal ſein Geſicht verzog, als ſich Madame Weller wahrſcheinlich mit der Frage an ihn wandte: warum ſie denn eigentlich geboren ſei? Waſſer brachte ihr Ungeheuer von Mann immer noch keines, und wie er ihre Seele verſchmachten ließ, ſo war es ihr auch gewiß, daß er den Verſuch machen werde, ihren Körper verdurſten zu laſſen. Sie war feſt davon über⸗ zeugt, wenn ſich drüben bei dem Bahnhofgebäude ein gan⸗ zes Dutzend Brunnen, jeder mit vierzig Fuß Waſſerhöhe befände, Herr Weller würde ſie alle ausſchütten, wenn ihm das möglich wäre, ehe er nur einen Tropfen zu ihrer Er⸗ quickung herbei brächte. Das dachte die geweſene Friederike Federbach, und Aehnliches ſprach ſie aus, freilich nicht wie wir in gemeiner Proſa, ſondern in Citate berühmter Dichter gekleidet und dabei wurde ihre Stimmung ſo elegiſch, daß ſie, als nun die Stationsglocke das erſte Signal gab, förmliche Grabgedan⸗ ken hatte und mit ſtarr aufwärts gerichteten Augen ſprach: „Schwermuthvoll und dumpf erſchallt Geläute Vom bemoosten Kirchenthurm herab.“ Der ehemalige Makler wäre ſo gerne dieſer elegiſchen Stimmung der alten Neuvermählten und dem Waggon ent⸗ flohen, denn er wußte, daß mit einem Courierzuge nicht zu ſpaſſen iſt. Aber Madame Weller hielt ihn feſt, theils mit Worten, theils aber auch mit Anwendung wirklicher Ge⸗ walt; denn wenn der wie auf Kohlen ſitzende Kohler ein⸗ leitende Abſchiedsworte ſprach, wie unter Anderem: Wenn ich alſo in nächſter Zeit— oder: beim flüchtigen Aufent⸗ halt auf einer Eiſenbahnſtation iſt es unmöglich— oder: ausgeruht von den Beſchwerden einer Reiſe bin ich über⸗ = 273— zeugt— vielleicht auch: die Zeit drängt, aber bei meiner Rückkehr— ſo ging ſie auch zu Thätlichkeiten über, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte, und vielleicht erwie⸗ derte: Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder— oder auch: Ich habe die Jugend verträumt. Dergleichen nun unter gewöhnlichen Verhältniſſen an⸗ hören zu müſſen iſt ſchon ſehr langweilig; wenn man aber Aehnliches genießen ſoll, untermiſcht mit Klagen über mangelndes Waſſer bei brennendem Durſte und geſpickt mit allerlei ſonſtigen Seufzern, nachdem eine unerbittliche Eiſenbahnglocke ſchon lange zum zweiten Mal geläutet hat, ſo iſt dies eine peinliche, ja ſchweißtreibende Situation, na⸗ mentlich an einem warmen Sommerabend wie der heutige. Vergeblich hoffte Herr Kohler, daß der Conducteur ein⸗ treten würde und ſich mit fragendem Blicke umſchauen; vergeblich ſpähte er ſogar nach der Wirthin zur„bunten Katze“, und obgleich er ſie zu haſſen begann, ſo wäre ihm doch ihr Anblick im jetzigen Momente ſehr erwünſcht ge⸗ weſen; er hätte ausgerufen: hier bin ich, retten Sie mich! und ſie, deren Hand bekannt war— daran dachte er ſchau⸗ dernd— wäre mit der dünnen Friederike Federbach fertig geworden und hätte ihr die gute Beute nicht gelaſſen. Jetzt kam Herr Weller athemlos vom Stationsgebäude her; er trug etwas in ſeiner Hand, und ſeine Gemahlin, die gierig hinausſchaute, fing ſchon an, die Lippen abzu⸗ lecken. Da— ſo kann ein hartes, unerbittliches Schickſal oft mit den ſüßeſten Gefühlen der Menſchen auf tückiſche Art ſpielen— traf kurz vor dem Waggon ein ebenſo wohl⸗ genährter Reiſender, wie Herr Weller war, in ebenſo haſti⸗ gem Laufe mit dieſem zuſammen: der Zuſammenſtoß war furchtbar, und in der nächſten Sekunde hörte man ein Glas auf dem Boden klirren.— Die einſtige Friederike Feder⸗ Hackländer, Tag und Nacht. II. G 18 — 274— bach ſank mit einem leichten Aufſchrei in die Kiſſen ihres Sitzes zurück, wobei ſie wie ohnmächtig that und dabei ihre rechte Hand krampfhaft an Herrn Kohler's Rockkragen legte, der gerade im Begriff war, dieſen paſſenden Mo⸗ ment zum Entfliehen zu benutzen. „Steigen Sie ein! ſteigen Sie ein!“ rief draußen der Conducteur. Und das galt offenbar dem Herrn Weller, der nun in ſehr gebeugter Haltung unter der Thüre des Wagens erſchien. „Fertig!— fort!“ „Um Gottes willen, Madame! ich gehöre ja nicht auf den Zug,— ich— ich—— Zu ſpät!“ rief Herr Koh⸗ ler; denn zu dem Fenſter hinausblickend ſah er, wie ſich ſcheinbar das Stationsgebäude rechts, der Gaſthof zur „bunten Katze“ links langſam zurückſchoben,— langſam aber unaufhörlich. Auch hörte er, wie jetzt die Eiſenbahn⸗ glocke das dritte Zeichen gab.— Zu ſpät nach dem Regle⸗ ment,— viel zu ſpät.— Und:„Zu ſpät!“ rief auch der Conducteur, an den ſich Herr Kohler mit einer dringen⸗ den Aufforderung zum Anhalten wandte. „Vom Anhalten eines Courierzuges kann unter gar kei⸗ nen Verhältniſſen die Rede ſein,“ meinte der Beamte.„Wir halten aber noch einmal, ehe wir zur Reſidenz kommen, und zwar in Miſtbach. Wenn Sie dort ausgeſetzt zu ſein wünſchen“— Der ehemalige Makler hätte die Nennung dieſes an ſich ganz unſchuldigen Ortes in ſeiner Aufregung faſt für eine Beleidigung genommen, doch begnügte er ſich, haſtig die Achſeln zu zucken und dem Herrn Weller in einem nicht freundſchaftlichen Tone zu ſagen:„Das habe ich Ihnen zu verdanken.“ Es war dies eigentlich hart von Kohler, denn der arme Weller befand ſich ſo in keiner beneidens⸗ werthen Lage. Seine Gattin, nachdem ſie aus ihrer ſchein⸗ ——— 3 ——————— — 275— baren Ohnmacht erwacht, hatte ihm einen niederſchmettern⸗ den Blick zugeworfen und that dann, als ſei er durchaus nicht mehr in der Welt. Sie hüllte ſich in das Bewußt⸗ ſein ihres Elends, verbrämt mit Poeſie, und ſprach zum armen, geduldigen Mond ſo viele unſinnige Worte hinauf, daß dieſer gern früher untergegangen wäre, wenn er nur gekonnt hätte. So riß denn das Schickſal den Herrn Kohler hinweg von der„bunten Katze“, von der runden Wittwe, hinweg aus dem Kreiſe ſeiner Freunde. Und wenn ihm auch alles das anfänglich wie ein ſchreiendes Unrecht, ihm vom Schick⸗ ſal zugefügt, wenn ihm auch in ſeinen Träumereien das Rollen der Räder, das Sauſen der Locomotive, das Raſſeln des ganzen Zuges wie ein hölliſches Hohngelächter erſchien, ſo dauerte es doch nicht gar zu lange, und die gleichför⸗ mige Bewegung der Wagen ebnete langſam die ſtürmiſche Flut ſeiner Gedanken. Nur zuweilen, wenn die Locomotive einen gellenden Pfiff ausſtieß, oder wenn der Zug raſſelnd und dröhnend durch einen Tunnel flog, oder krachend und polternd über eine Brücke hinweg, da wallte es wieder hef⸗ tig in ihm auf, und das gellende Pfeifen, das Raſſeln, Dröhnen, Krachen und Poltern ſchien ihm hohnlachend er⸗ zählen zu wollen von dem ſüßen Aufenthalt in der„bun⸗ ten Katze“, von der angenehmen runden Wirthin, die ihm ja mit ihren lebhaften Augen nur beziehungsweiſe gefähr⸗ lich werden konnte, und die ihm unſchädlich war, wenn er ſich nur vor ihrer Hand in Acht nahm. Und das Schick⸗ ſal hatte ihn vor dieſer Hand gewarnt— gewarnt— ge⸗ warnt.— Wie gut war es dagegen für ſeinen Gemüths⸗ zuſtand, daß ſeine weiche, träumeriſche Stimmung ſogleich wieder die Oberhand gewann, ſobald Brücke und Tunnel wieder hinter ihnen zurückblieben und ſie auf gerader Bahn durch die vom Mond beſchienene Ebene ſanft dahinflogen. ———— ———————— — 276— V V Da klang das Rollen der Räder ſo eigenthümlich, ſo in einem beſtimmten Takte, ſo ganz im Rythmus eines bekannten b Liedes, daß es war, als tönten aus dieſem ſo regelmäßig b ſich wiederholenden Klirren und Rauſchen auch die Worte jenes Liedes hervor, und er vernahm ſie ſo außerordentlich deutlich, wenn es auch gurgelnde Stimmen waren, die aus V ihm unſichtbaren Kehlen zuflüſterten: Schlaf, Kohler'chen, ſchlaf, Deine Mutter hütet die Schaf, Dein Vater hütet die Lämmelein, Schlaf mein liebes Kohler'chen ein, ¹ Schlaf, Kohler'chen, ſchlaf! —— Dabei hatte ſich Herr Weller an ſeine Seite ge⸗ V ſetzt und erzählte ihm in murmelndem Tone von der Liebe V Leid und Luſt, wie das Erſtere wohl in dieſem armen Leben überwiegend ſei, und wie ſo Manches beim näheren Unter⸗ V ſuchen anders erſcheine als beim erſten flüchtigen Betrachten..4 . Schlaf, Kohler'chen, ſchlaf. Wie ſchon Paulus geſagt: daß Heirathen gut ſei, aber nicht Heirathen beſſer, und daß, wer bis zu einem gewiſſen Alter gewartet, auch ſich künftig enthalten ſolle, an der Hand einer Gattin das Leben zu durchſchreiten, denn man könne nicht immer genau voraus wiſſen, wie der Gemüths⸗ zuſtand dieſer Gattin ſei. Deine Mutter hütet die Schaf. Wie ſich aber jeder Chriſtenmenſch unter gewiſſen Bedingun⸗ 1 gen vor alten Jungfern und Wittwen in Acht nehmen ſolle. b V Sie ſeien keine Lämmelein. Wie es eigentlich unbegreiflich wäre, daß ſo Mancher der— Zerſtörer ſeiner eigenen Ruhe werde; denn ſich einmal in die Pflege gegeben irgend einem Gemüthe, wie Unzählige V das irdiſche Daſein verſchönern,— ſo liebevoll, ſo auf⸗ merkſam, ſo heiter, ſo froh, ſo verträglich, ſo zu keinem 6 —— 8 1 — 277— Mißtrauen geneigt, ſo ruhig, ſo verſöhnend,— ſei ein harter Riegel vorgeſchoben zu dem ſüßen Schlaf mein liebes Kohler'chen ein. Wie— ferner vergebliches Zurückbleiben— Thaten ge⸗ than— zur Erringung— all' des Glückes— aber die ſchwerſten Thaten— mit unglaublicher Freude thun wollen — wenn—— wenn jene Erringung— o wenn wenn— wenn— Schlaf, Kohlerchen, ſchlaf. Und damit war Herr Kohler wirklich eingeſchlummert und ihm träumte ein furchtbarer Traum. Er ſei auf ein⸗ mal der Selige geworden der„bunten Katze“ und ſie ver⸗ ſuchte an ihm ihr ſanftes, krallenbewachſenes Pfötchen. „So, Kohler'chen, Du willſt ſchlafen? So, mein Schatz, Du willſt ausgehen, wenn es Dir beliebt?— Ei, mein Engel, und nach Haus kommen, wenn es Dir gut dünkt? — ſo, Du haſt noch immer nicht verlernt, Dich unter den Töchtern des Landes umzuſchauen?— Du willſt heiter ſein, da es mir einfällt zu trauern, und verſuchſt zu lachen, wenn ich Kopfweh habe?— Ja, Kohler, Du haſt's ge⸗ wollt, Du zarte Blüte! Hahaha! Kohler! Rüttele Du nur an Deiner Kette. Der bunten Katze biſt Du verfallen mit Leib und Seele!“— O es war ein entſetzlicher Traum, und dazwiſchen hörte er höhniſches Lachen, hölliſches Ge⸗ johle, und dann war ihm plötzlich zu Muthe, als würde er von der ganzen Welt ausgepfiffen. —— und es pfiff wirklich ſo laut und gellend, daß der ehemalige Makler darob erwachte,——— aber freudig, mit einem entzückenden Gefühle. Dort vor ſich ſah er im Mondſchein glänzen die bekannten Thürme der Stadt, und nun gleich darauf hier bei dem Fenſter vor⸗ übergleiten Häuſer, Mauern, ja einzelne Bäume, die er ſo oft geſchaut. Er war nicht der bunten Katze verfallen, ſein Schauder war Täuſchung geweſen, dagegen entſetzliche Wahrheit ein tiefer Seufzer ſeines Nachbars Weller. Als nun der Zug anhielt, wie froh erhob er ſich von ſei— nem Sitze, während der Andere zu ihr hinſchlich, die ihn noch immer keines Blickes würdigte. Wie trat Herr Kohler nach einem flüchtigen Gruße ſo munter in die klare Nacht⸗ luft hinaus. Ja, da lag er vor ihm, der ſo wohlbekannte, heimlich trauliche Bahnhof! Wie ſchienen ihn ſo freundlich zu begrüßen die grünen und rothen Augen der verſchiedenen Weichen, die weißen flackernden Lichter der Gaslampen! Wie war es, als ſagten ihm Willkommen die erleuchteten Fenſter der verſchiedenen Bureaus und der Reſtauration, ja ſogar die geöffneten Thore der Locomotivſchuppen!— Und erſt die lebenden Weſen! Das Bahnhofperſonal vom Inſpector bis zu den Gepäckträgern hinab, winkten ſie ihm nicht Alle zu ſo herzlich, ſo freudig, als ſei er nach einer jahrelangen Abweſenheit zurückgekehrt!— Gewiß, Kohler fühlte ſein Herz von einem unnennbaren Gefühl geſchwellt, als er ſich wieder hier ſah mitten im Kreiſe aller Getreuen. — Und jetzt blickte er raſch in die Höhe, denn es war ihm, als rufe eine bekannte Freundesſtimme, da er nun den un⸗ vergeßlichen Klang der Eiſenbahnuhr hörte, welche die zwölfte Stunde ſchlug. Ja, die zwölfte Stunde. Darauf ging Herr Kohler nach Hauſe, ohne den neuen Nachtſack, ohne den neuen Koffer;— das alles war in der„bunten Katze“ geblieben, aber wenn auch ſeine Hände leer waren, ſo war ſein Herz um ſo voller, be⸗ wegt von einem freudigen Gefühl, wenn er an das Glück ſeiner Freunde dachte, als die Bilder der ver⸗ floſſenen Stunden in bunter Reihe wieder vor ſein inneres Auge traten. —— — 279— Und wenn nun der geneigte Leſer auch mit einem freund⸗ lichen Gedanken der vierundzwanzig Stunden unſeres Buches gedenkt, ſo wünſcht ihm der ergebene Verfaſſer aus dank⸗ barem Herzen für diesmal eine gute Nacht, jetzt— in der zwölften Stunde. 4 8* .„ 2 ————— —ÿÿ— 4 S. “ 3 1 8 — ee