8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tga 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den ang] mmeu. 4 3.(auson. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————,—, auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Ir e. 77 f7— 17 e. 1— 1 4 77— 7† 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Haben wir dieſes Licht vor uns, das heißt, ſcheint es in unſerem Wege zu liegen und könnte möglicher Weiſe r den Ort erhellen, nach dem wir unſere Schritte lenken, ſo werden wir uns augenblicklich ein Bild entwerfen von den Bekannten oder Freunden, die uns 3 dort erwarten— ein Bild, das wir um ſo behaglicher 6 1 Hackländer, Tag und Nacht. 8 — 2— uns ausmalen, je finſterer und wilder die Nacht iſt, die uns umgibt. Bei dem milden Lichte des Mondes ſind wir nicht ſo geneigt, den Schein dort vor uns freund⸗ liche Gegenſtände, heitere Geſichter beleuchten zu laſſen; da iſt unſere Seele getheilt und möchte ebenſo gern in der lauen Abendluft verweilen wie eindringen in die Mauern des Hauſes. Ja, da würden wir am Ziele einer nächtlichen Wanderung es nicht ungerne ſehen, wenn der Lichtſchein eine Laube vor dem Haus phan⸗ taſtiſch erhellen würde, die Zweige der Bäume vergol⸗ den, die Blätter zu Smaragden verwandeln, und wenn uns alsdann draußen im Freien ein freundlicher Hand⸗ ſchlag willkommen hieße. Aber Jemanden, der an einem heiteren, duftigen Abend in ſeinem Zimmer ſitzt, in den Schein des Lichtes blickend, dem können wir, ohne großes Unrecht zu begehen, nachdenkliche, vielleicht wohl gar kum⸗ mervolle Züge geben. Wenn wir alſo in der Nacht ſo dahinwandeln, vor uns ſpähend, ob ſich das erſehnte Ziel nicht mit Lichter⸗ glanz oder dem dumpfen Brauſen der Stadt anzeigen will, und wir ſchon im Voraus beim erſten Strahl, der ſich uns zeigt, den traulichen uns ſo wohlbekannten Kreis 8 zu überblicken glauben, ſo erweckt ein Licht, das plötz!. — aus irgend einem Thale aufblitzt, an dem wir entfernt = 4 vorüberſchreiten, das wir hinter uns laſſen, ganz andere, A A meiſtens ernſte, ja häufig traurige Phantaſieen; wir möchten——*. 1 wiſſen, weſſen Züge es beſcheint, wem es leuchtet, was es* beleuchtet. Daß es dort aus der Dunkelheit einſam her⸗ A 1 über blickt, läßt in uns ſchon die Idee des Allein⸗ und 1. Verlaſſenſeins auftauchen. Bleibt es doch hinter uns in der finſtern Nacht, während wir jenem Sammelplatz von Licht und Glanz, von Menſchenſtimmen, Wagengeraſſel, Muſik, Lachen und Plaudern entgegenſchreiten; während —— — — 3— wir uns dem Orte nähern, wo uns Freunde willkommen heißen, wo vielleicht ein herzlicher Händedruck, ein unaus⸗ ſprechlicher Blick uns ſagt, daß man uns lange erwartet. Seitwärts blickend nach dem einſamen Licht iſt es uns, als leuchte es auch einem einſamen Weſen, das vor ihm ſitzt und vielleicht mit gefalteten Händen in die Flamme ſtarrt,— einem Weſen, das zuweilen tief ſeufzend um ſich ſchaut und vergeblich Jemanden ſucht, deſſen glän⸗ zende Augen wohl noch geſtern in eben dieſe Lichtflamme blickten und heute ſchon weit, weit dahin von ſeiner Seite geriſſen iſt. Auch können wir uns beim Betrachten eines ſolchen Scheines des Gedankens nicht erwehren, er leuchte einem ſtillen Krankenlager und ſei zugleich der Umgebung draußen, Wald und Feld, den träumenden Blumen vor dem Hauſe, dem nickenden Rebenlaub am Fenſter, ein Zeichen, daß ſie, wenn auch ſchwer und kurz athmend, die ſchöne Erde noch nicht verlaſſen habe,— ſie, die in Wald und Feld wandelte, die ſchönſte Roſe unter ihren Roſen. So denkend ſchreiten wir weiter und blicken während⸗ dem wahrhaft ängſtlich nach dem Lichtſchein zurück, immer fürchtend, er löſche aus und wir müſſen es alsdann mit⸗ empfinden, wie die Blumen vor dem Hauſe, das Rebge⸗ winde am Fenſter zuſammenſchauern, da ſie in dieſem Augenblicke geſtorben iſt, weil nun ihre weiße Hand nie mehr zwiſchen den Ranken ſichtbar werden, weil nun ihr leuchtendes Auge nie mehr auf den bunten Blumen ver⸗ weilen wird.— Vorbei! vorbei!— wir ſelbſt oder unſere Gedanken vor dem traurigen Bilde, das uns unſere Phan⸗ taſie erſchaffen. Warum ſoll denn dort unten gerade Trauer und Schmerz eingekehrt ſein? Warum ſoll des Todes unerbitt⸗ liche Hand jetzt gerade eine Blüte abgeſtreift haben? Sind wir doch im Frühling und hat der finſtere Schnitter doch — — ———— — 1 =S eigentlich kein Recht dazu, jetzt ſchon ſeine troſtloſen Herbſt⸗ geſchäfte vorzunehmen.— Sind wir doch im Monat Mai Im wunderſchönen Monat Mai, Als alle Knoſpen ſprangen, Da iſt in ihrem Herzen auch Die Liebe aufgegangen. aus den Büſchen, aus dem Graſe ſelbſt, die neben uns friſch aufgeriſſen worden iſt, und einen eige⸗ nicht zu verkennenden Hauch ausſtrömt,— einen Hauch, der vor uns, wenn wir die Augen ſchließen, die erſten Tage des der uns mahnt an ſprießende Gräſer und keimende Knoſpen, an dunkle Wolken, die gewitterhaft den eben noch tiefblauen Himmel überziehen; an warme, dunſtige Regentropfen, die uns und die Erde erfriſchen,— einen Regenſchauer, dem wir mit Wonnege⸗ fühl entgegenſehen, wenn er durch das Thal heranzieht, ein grauer, tief herabwallender Schleier, und ebenſo drüben wieder verſchwindet, gejagt von den heißen Strahlen der Sonne und verfolgt von dem ſpöttiſchen Lachen all' der Tauſende von Gräſern, Blumen und Blüten, ein undank⸗ bares Volk, das nun plötzlich im Brillantſchmuck prangt, nicht mehr der fruchtbringenden Spenderin gedenkt und ſich den heißen Sonnenſtrahle ſtens verzehren werden, Ja, wir ſind im Monat Mai, und zwar nahmsweiſe Monats Mai. Kreis, den unſere Phantaſie t einigem Fug und Recht auf ein zu können, das dort gegeben wird! —Q— Herbſt⸗ at Mai unſere Luft, ſelbſt, eige⸗ einen die t an ken, hen; Erde ge⸗ ein den der — 5— Das Rauſchen des Baches und das Concert der Fröſche würde ſich vor unſerem Ohr willig in eine luſtige Muſik verwandeln.— Aber es iſt ein einſames Licht, ein ſtilles, unbewegliches Licht; es blitzt ſo gleichförmig aus dem Thale herauf; es wird nicht heller noch dunkler. Schauen wir einigermaßen ſternkundig an den Him⸗ mel empor; wenn wir unſere Taſchenuhr nicht zu Rathe ziehen wollen, ſo werden wir finden, daß die Nacht ſchon weit vorgerückt iſt, Mitternacht vorüber; wir ſchreiten der erſten Stunde des neuen Tages entgegen. Sind doch rings umher, mit Ausnahme der ewigen da oben, alle Lichter längſt erloſchen; warum zögerſt du dort unten, ein Gleiches zu thun? Welches Recht haſt du, die Nacht zu ſtören und unſere Gedanken zu beunruhigen?— Ah! wir ſind im wunderſchönen Monat Mai, wo alle Knoſpen ſprangen; vielleicht iſt unten auch ein Herz, in dem die Liebe auf⸗ gegangen; vielleicht erhellt das Licht nur ein einſames Zimmer. Es war ein Zeichen, weithin ſichtbar, wurde weithin geſehen und übte gewaltige Anziehungskraft. Die Beſitzerin des Lichtes, die Bewohnerin des jetzt ſo einſamen Zimmers wandelt zur Stunde im nächtlich dunkeln Garten, wo die Lilas duften, wo Büſche und Blumen auf und nieder nicken, unter dem Auge der ewigen Sterne ihren mitternächtlichen Gottesdienſt feiern, einen Dienſt des Ent⸗ zückens und der Liebe, der mitgefeiert wird von zwei lieben⸗ den Weſen, welche die Soloſtimmen flüſtern in dem allge⸗ meinen Nachtconcert— ich liebe dich!— o wie ich dich liebe! Die Lilas haben etwas Berauſchendes, ſie laſſen uns ſo gern vergeſſen der engen Grenzen, die wir Menſchen ſo beengend um unſer Thun gezogen; und dazu blicken die Sterne ſo beruhigend herab, ſo beredt ohne Worte, ſo ſtill und verſchwiegen, ſo mild und verſöhnlich, daß es— daß es nach gewöhnlichen Begriffen nicht wohlgethan iſt, wenn — 6— ſich zwei junge liebende Weſen um die erſte Stunde der Nacht allein im Garten finden, wo die Lilas duften, wo die Blumen discret ihre Augen geſchloſſen, und wo ihnen Niemand zuſieht als der Sternenhimmel droben.— Nicht zu vergeſſen der Lichtſchein, auch der hat verrätheriſch um die Ecke des Hauſes gelugt, und als ſie nun wieder allein im Zimmer iſt, tief aufathmend und eigenthümlich lächelnd, während das junge Mädchen ſinnend in die Flamme blickt, wobei ſie beruhigt auf die Todtenſtille lauſcht, die über dem ganzen Hauſe liegt, da ſcheint es ihr auf einmal ein⸗ zufallen, daß der Schein ihres Lichtes ja auch draußen ſichtbar war— und o der Grauſamkeit dieſes jugendlichen Herzens!— ſie iſt Tyrannin genug, die Lampe zu löſchen. Verſchwunden iſt des Lichtes Glanz, Nacht überall, erloſchen der helle Schein; und das hat das junge Mäd⸗ chen gethan.— Aber, vergiß nicht, Kind mit dem klopfen⸗ den Herzen in der vollen Bruſt, daß morgen die Sonne aufgeht und dein Haus beſcheinen wird, die Flieder, unter der du geruht, dich ſelbſt dann nicht mehr beſchützt von dem geſtirnten Himmel, der ſich mit geſchloſſenen Augen von dir abwenden wird. Neben uns an der Thalwand raſchelt und rauſcht es, zuerſt in der Entfernung leiſe, dann kommt es näher, und von der Stille der Nacht begünſtigt unterſcheiden wir bald die Schritte eines Mannes, der gerade aus geht, ohne ſich darum zu bekümmern, ob er dem richtigen Pfade folgt, der quer durchbricht, nicht Graben, Hecken, noch Gebüſche ach⸗ tend, mit einem Worte eines Mannes, der auf verbotenen Wegen geht. Eine ziemliche Strecke vor uns erreicht er die Straße, bleibt dort angekommen einen Augenblick ſtehen; vielleicht blickt er nach dem Hauſe zurück, wo eben das Licht erloſchen, vielleicht horcht er auch auf unſere Schritte. Aber nur wenige Sekunden ſteht er ſtill, dann eilt er dort⸗ — — ——————yj—⸗j — 7— hin mit leichtem, elaſtiſchem Gange, und dazu ſingt er ein Lied ohne Worte. Unſer freundlicher und geneigter Leſer, der uns mit gutem Glauben, geduldig, beharrlich und ausdauernd ſchon ſo oft gefolgt iſt, der mit uns durchlebte die verſchiedenſten Verhältniſſe der verſchiedenſten Menſchen, wird uns hoffent⸗ lich nicht zutrauen, daß wir uns erlauben werden, eine unſerer neuen Geſchichten anzufangen mitten in dunkler Racht auf freiem Felde, einen Lichtſchein erblickend, der unter ziemlich eigenthümlichen Verhältniſſen erloſch. Wir ſind offenherzig genug zu erklären, daß dieſe Einleitung von Jedem, den ſie langweilt, unbedingt überſchlagen wer⸗ den kann; ja, wir ſetzen hinzu, daß wir ſelbſt nicht ganz genau wiſſen, wie wir eigentlich zu dieſer Einleitung ge⸗ kommen ſind. Mit kurzen Worten wollten wir nämlich ſagen, das Erblicken eines Lichtſchimmers in dunkler Nacht im freien Felde beſchäftige unſere Phantaſie nicht minder, als wenn wir durch die nächtlich ſtillen Straßen der Stadt wandelnd aus einem geöffneten Fenſter die Klänge einer Muſik vernehmen. Hier aber richten ſich unſere Phan⸗ taſieen ſehr nach der Art der Muſik; den melancholiſchen Tönen einer Flöte hört man mit einem mitleidigen Gefühle zu; man bedauert, daß der Virtuos, der ſich und ſeine Nebenmenſchen alſo quält, nichts Beſſeres als gerade das zu thun weiß; man iſt geneigt, die unglückliche Flöte für ein fühlendes Weſen zu halten, das ſtöhnt und klagt unter den ſie umkrallenden Fingern ihres unbarmherzigen Peini⸗ gers. Glücklicher Weiſe tönen die Flöten nächtlicher Weile aus den vierten Stockwerken herab, in einer Entfernung, in der es ſelbſt einer kräftigen Lunge nicht möglich iſt, ſich allzu bemerklich zu machen; auch ſind wohl ſtille, finſtere Höfe die Orte, wo Flötenconcerte gedeihen, zuweilen aber auch der Zwiſchenſtock irgend eines anſehnlichen Hauſes, in — 8— dem ſich unten ein Spezereiladen befindet. Und das iſt alsdann für die Nachbarn eine Flötenkrankheit mit gefähr⸗ lichen und beängſtigenden Symptomen. Der Dichtung Flamm' iſt alle Zeit ein Fluch ſingt Freiligrath. Und er hat ſehr Recht, denn das poetiſche Gemüth, die lebhafte Einbildungskraft ſehen die gewöhn⸗ lichſten Dinge meiſtens auf eine peinliche Art illuſtrirt; was für einen anderen Menſchen blos unerquickliche Flö⸗ tentöne ſind, ſtellt ſich uns dar als das Bild eines blaſſen jungen Menſchen in niederer Kammer, der mit geſpitztem Maule in die unglückſelige Flöte hineinbläst, während ſeine langen, dünnen, Winters mit Froſtbeulen verſehenen Finger unheimlich wie Spinnenfüße auf den Löchern des Holzes herumkriechen. Auch Guitarrenklänge machen aus den eben angeführ⸗ ten Gründen keine angenehme Wirkung auf uns. Das Geſchnarr der Saiten, die vielen falſchen Töne, die mit unterlaufen, und dann die Lieder, die wir hören müſſen, die alten, bekannten Lieder, die uns ſo Vieles in's Gedächt⸗ niß zurückrufen,— alles das vergegenwärtigt uns zu leb⸗ haft und zu grauſam eine Zeit, wo wir noch halb im Flügelkleide ſteckend das Schönſte auf den Fluren ſuchten und nach der Mädchenſchule gingen, um der Erkorenen unſeres Herzens einen Strauß Roſen und Vergißmeinnicht zuzuſtecken, und das ſehr heimlicher Weiſe, denn wehe unſerer aufkeimenden Liebe, wenn ſie vom Mädchenſchullehrer ent⸗ deckt oder von einem mißgünſtigen Nebenbuhler verrathen wurde. Das war jene flegelig⸗bummelige Zeit, wo wir uns im erſten Schmerz unerwiderter Liebe den erſten Rauſch tranken, um alsdann beim erſten Katzenjammer die erſte Guitarrelection zu nehmen. Wollten doch auch wir mit Saitengekreiſch das berühmte Lied ſingen können: —— ͦ‚Q—— —— * — 9— Dich verlieren,— ſoll ich dich verlaſſen, Dich, die meine Seele ganz erfüllt? das gefühlvolle Lied, dem die Flamme unſeres Freundes, wie er uns„auf Cerevis“ verſichert, nicht widerſtanden habe. Wir glauben, ſo gut wie jeder gefühlvolle Menſch in ſeinem Leben einen Vers gemacht, ſo hat er auch in einer Zeitperiode die Guitarre an ſeinen Buſen gedrückt und die jammervollen Töne, die er den Saiten entlockt, mit ſeinem Innern im Einklange gefunden. —— 1 — ———— meiſt dunkel Die erſte Stunde. o laſſen wir denn a lſo Feld und Wald hinter uns in nächtliche Schleier gehüllt, beachten nicht die aufblitzenden und verlöſchenden Lichter, und wandeln durch die ſtillen Straßen der Stadt, an den Häuſern vorüber, deren Fenſter ſind, aber oft weit ge⸗ öffnet, wo es dann gerade iſt, als athmeten die ſtillen Gebäude in vol⸗ len Zügen die nach dem heißen Tage ſo wohlthätig kühle Nachtluft ein. Langſam ſchreiten wir dahin, und beſchleunigen nur unſere Schritte, wo wir den Ton einer Flöte oder Guitarren⸗Seufzer vernehmen, bleiben dagegen gerne ſtehen, wo zu uns heraus ſo klar und deutlich durch die Stille der Nacht die volltönenden Klänge eines guten 4 — 11— Flügels dringen, den eine kundige Hand ſpielt,— eine kundige Hand, die vom Herzen geleitet wird. Nicht die Lieder feſſeln uns, die gerade Mode ſind, es müßte denn ſein, ſie würden ſo vorgetragen, daß man mit dem Componiſten und Sänger fühlen kann, daß wir mit ihm das Leid und die Freude empfinden, welche ſeine Weiſe ausdrücken ſoll, daß wir mit ihm ziehen ſehnſüchtig nach fernen Ländern, oder daß wir wehmüthig rückwärts blicken auf unſere dahin geſchwundene Jugendzeit. Da haben wir vor uns ſo ein Fenſter, aus dem Piano⸗ forteklänge dringen, wie wir ſie gerne hören; es iſt im zweiten Stock eines anſehnlichen Hauſes, die Jalouſieläden ſind geſchloſſen, doch ſtehen die Glasflügel der Fenſter offen; das ergibt ſich aus der Deutlichkeit des Tones, wie er zu uns herausdringt. Es ſind dort oben mehrere Fenſter er⸗ hellt, vier neben einander, und wenn wir aufmerkſam lauſchen, ſo iſt es uns gerade, als vernehmen wir auch lachende und plaudernde Stimmen und zuweilen das Klingen eines Glaſes; dazwiſchen aber ertönt das Piano, und nicht in ſolchen Weiſen, wie ſie wohl zum freudigen Aneinanderſtoßen der Gläſer paſſen. Hier würde es uns gar nicht wundern, wenn wir auf einmal eins der alten Trink⸗ und Geſellſchaftslieder hörten: Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſere Reben oder: An des Rheines kühlem Strande Steh'n viel Burgen hoch und hehr. Es würde das ganz gut paſſen zu der lauen Mond⸗ ſcheinnacht, zu den fröhlichen Stimmen, zu dem ſo be⸗ zeichnenden Klingen der Gläſer. Aber die Muſik tönt ernſt dazwiſchen; die Meiſterhand, welche aus den lebloſen Taſten dieſelbe hervorzaubert, läßt ſie daherbrauſen in gewaltigen, wilden, wie ſchmerzerfüllten, —-—— — —õõ — — 12— ungeduldigen Accorden, und wenn wir je zuweilen ein Piano vernehmen, ſo iſt es eine leiſe Klage, ein Ausdruck der Schwermuth, wenigſtens der Unzufriedenheit. Sollten die vier erleuchteten Fenſter zwei Wohnungen bilden? Dann wäre es uns erklärlicher, dort den Scherz, die Luſtigkeit, hier Ernſt, ja Trauer walten zu hören. Aber das ſcheint nicht ſo zu ſein; jetzt bemerken wir einen Schatten beim erſten Fenſter, der nun nach einer kleinen Pauſe am zweiten, dann am dritten und vierten ſichtbar wird. Weßhalb uns das Treiben der Leute da oben intereſſirt, wiſſen wir im Augenblick nicht anzugeben. So könnten wir ſprechen, wenn wir minder aufrichtig wären, da wir uns aber nie mit derartigen Verſtellungen abgege⸗ ben, ſo erklären wir dem geneigten Leſer einfach, daß dort oben hinter den vier erleuchteten Fenſtern unſere wahrhaf⸗ tigen aber ſehr einfachen Geſchichten beginnen, und laden ihn ein, uns dort hinauf zu folgen. Sollte aber Jemand nach unſerem gemeinſchaftlichen Spaziergange bis hieher unſere fernere Bekanntſchaft nicht fortzuſetzen wünſchen, ſo können wir nichts thun, als ihm oder ihr bedauernd eine gute Nacht und einen ſanften Schlaf wünſchen. Droben hinter den vier erleuchteten Fenſtern befinden ſich Geſellſchaftszimmer und Salon des Commerzienrathes Duvallet, eigentlich Zimmer der Frau Commerzienräthin; denn er, ſonſt des Hauſes Gebieter, war in dieſen Räumen, die bei feſtlichen Gelegenheiten geöffnet wurden, nur ge⸗ duldet. Die Frau Commerzienräthin verwahrte die Schlüſſel dieſer Appartements bei ſich, hüllte am andern Morgen nach irgend einer großen Geſchichte eigenhändig Sopha und Stühle in Ueberzüge von weißem Baumwollenſtoff, umhing den Kronleuchter mit einem ſogenannten Fliegengarne, ſchloß die Jalouſieläden und pflegte dann zu ſagen, nachdem ſie wohlgefällig ringsum geſchaut:„So, jetzt ſind die Zimmer —“ — 13— auch wieder, wie ſie ſein ſollen.“ Man muß aber aus dieſer Aeußerung nicht den Schluß ziehen, als ſei Madame Duvallet eine Feindin der geſelligen Vergnügungen oder öffne ihr Haus Bekannten und Freunden nicht gerne.— Im Gegentheil; ſo wie ſie bei andern Leuten gerne ge⸗ ſehen war, ſo ſah ſie auch gern andere Leute bei ſich, und neben den nothwendigen, ſich nicht in chronologiſcher Ord⸗ nung folgenden Einladungen zum Thee oder Kaffee trank die Commerzienräthin ihren Kaffee in einem Montagskranz und ihren Thee in den drei wöchentlichen Abendſitzungen des Vereins für alte hülfsbedürftige Jungfrauen, für ver⸗ wahrloste Kinder von Taglöhnern und in der anonymen Geſellſchaft zur Erzielung ordentlicher Dienſtboten weiblichen Geſchlechts, bei welch' letzterer Geſellſchaft ein Tugendpreis geſtiftet worden, der aber in den letzten Jahren verſchiedener Umſtände halber nicht mehr ausgetheilt werden konnte. Die Commerzienräthin war eine große und ſehr corpu⸗ lente Frau; unter ihrem breiten, offenen und freundlichen Geſichte zeigte ſich ein behäbiges Doppelkinn; ihre Taille war im Lauf der Jahre ſo ziemlich verſchwunden, und nur, wenn die gute Frau herzlich und laut lachte, was ſehr häufig geſchah, konnte man allenfalls mit einiger Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſagen, wo ſie in der Jugend ihre Gürtelbänder getragen. Wie es mißvergnügte und finſtere Menſchen gibt, deren üble Laune anſteckend iſt und bei deren Er⸗ blicken einem die ganze Atmoſphäre mit Eſſig geſchwängert zu ſein ſcheint, oder die uns einen zuſammenziehenden Ge⸗ ſchmack wie von Alaun zurücklaſſen, ebenſo gibt es auch Leute, deren Heiterkeit und frohe Laune ſich auf's Ange⸗ nehmſte allen den hiefür empfänglichen Seelen mittheilt, welche mit ihnen umgehen. So eine Natur war Madame Duvallet; ſie ſtrahlte ordentlich Vergnügen und Wohl⸗ wollen aus; ihre lebhaften und einſt ſehr hübſchen Augen leuchteten immer heiter und ſchalkhaft; um ihre Mund⸗ winkel ſpielte ein unausſprechliches Behagen und wetter⸗ leuchtete es bei jedem freundlichen Gruße, ſo daß man bei der kleinſten Aufforderung, bei einem einigermaßen an⸗ regenden Worte eines herzlichen Lachens gewiß ſein konnte. Es gab ſchalkhafte Freunde genug, ältere Bekannte des Hauſes, die ſtets ein Wort in petto hatten, welches Ma⸗ dame Duvallet zum Lachen brachte, wobei dann nichts komiſcher war, als wenn die wohlbeleibte Dame den ſtets mißlungenen Verſuch machte, ſich über ihre eigene Luſtig⸗ keit zu ärgern und ihr Geſicht finſter zu verziehen. Herr Duvallet war von Geburt ein Franzoſe; ſein Vater, aus Frankreich emigrirt, hatte ſich in der deutſchen Reſidenz niedergelaſſen, und um ſich fortzubringen ſowohl Sprach⸗ als Tanzunterricht gegeben. Der jetzige Commer⸗ zienrath war zu Anfang des Jahrhunderts in Deutſchland geboren, lernte mit Leichtigkeit ſowohl die Sprache ſeiner neuen wie die ſeiner alten Heimat; der Vater unter⸗ richtete ihn ſelbſt, beſtimmte ihn zum Handelsſtande und fand auch für den munteren, aufgeweckten Knaben eine Lehrſtelle in einem angeſehenen Kaufmannshauſe. Sowohl im Aeußern wie im Innern war der Com⸗ merzienrath das vollkommenſte Gegentheil von ſeiner Frau; eher klein als groß, war er mager und hatte ſchwarzes Haar, während Madame Duvallet in ihrer Jugend auf ihre ſchönen blonden Locken ſtolz geweſen war. Wenn der Commerzienrath auch gerade keine finſtere Gemüthsart hatte, ſo ſah man ihn doch nicht allzuhäufig lächeln, lachen eigent⸗ lich nie; dagegen war er ſehr mittheilſam, ſprach gut, klar und beſtimmt, und ebenſo waren auch ſeine Befehle im Haus und auf dem Comptoir. Die Bewegungen ſeines Körpers paßten vollkommen zu der Energie, mit der er ſeine Anordnungen traf und darüber wachte, daß dieſe ausgeführt wurden. Was das letztere anbelangte, ſo traute er nur ſeinen eigenen, ſehr ſcharfen Augen, weßhalb denn auch die Commis, Lehrlinge und Knechte in keinem Maga⸗ zin des weitläufigen Hauſes ſicher waren, Herrn Duvallet nicht plötzlich vor ſich ſtehen zu ſehen und zu bemerken, daß ihm ein einziger Blick genügte, um irgend eine kleine Unordnung zu finden, habe ſich dieſelbe auch in die entfern⸗ teſte Ecke des Gewölbes zurückgezogen. Die Ehe des Eommerzienrathes war erſt nach Verlauf von mehreren Jahren mit einer Tochter geſegnet worden, welches Kind Vater und Mutter grenzenlos liebten. Frei⸗ lich hatte Herr Duvallet bei ihrer Geburt achſelzuckend ge⸗ ſagt:„es hätte auch ein Bube ſein können,“ und auch ſpäter zuweilen, als Jahr um Jahr verſtrich, und ſie das einzige Kind blieb, hatte er dies Wort bei ſich wiederholt und mit der ſtillen Bemerkung:„es wäre Schade, wenn das Geſchlecht der Duvallet mit mir ausſterben ſollte. Dieſer Name hatte einen guten Klang in Frankreich; les Duvallets,“ 0 ſprach er alsdann in tiefem Nachdenken vor ſich hin, und konnte wohl leiſe hinzufügen:„les Seigneurs Duvallets. — Ahl wer kann das Schickſal ändern; es iſt doch viel⸗ leicht gut ſo.“ Daß aber der Commerzienrath ſeine ganze Sorgfalt, all' ſeine Zärtlichkeit auf die einzige Tochter concentrirte, zeigte er in der Liebe, in der Umſicht, mit welcher er die Spiele des Kindes zuerſt beaufſichtigte und ſpäter Sorge trug für die Erziehung des heranwachſenden Mädchens. Alice Duvallet war jetzt ſechzehn Jahre alt und ein auffallend ſchönes und dabei gutes und freundliches Mäd⸗ chen von tiefem, weichem Gefühl und großer Herzlichkeit. Sowohl das Innere wie das Aeußere von Vater und Mutter war in ihr zu einem harmoniſchen Ganzen ver⸗ einigt; an ihr ſah man des Vaters feine, ſchlanke Figur, —·—Q¶¶·· — 1 ———— „ ——ℳ—— 4————5— ——— ſeine kleinen, ariſtokratiſchen Hände und Füße, angenehm verbunden mit den runden Formen der Mutter. Von der Letzteren hatte ſie die wunderbarſten hellblonden Haare, während ihr dunkles, feingeſchlitztes Auge, ſowie die zierlich gewölbten, ebenfalls dunklen Brauen an den Vater und deſſen Heimat erinnerten. Auch ihr Inneres hielt auf's Glücklichſte die Mitte zwiſchen beiden Eltern; man konnte ſagen: ein gutes Schickſal theilte ihr von den Eigenſchaften jedes derſelben ſo viel mit, um ihr Gefühl und ihr Herz ſo zu bilden wie es war— ein wunderliebliches Ganze, wohl⸗ thuend, beglückend für ihre Umgebung. Alice hatte den Ernſt, die Energie ihres Vaters, welche aber gemildert waren durch die Heiterkeit ihrer Mutter. Wie dieſe lachte ſie gern, doch bedurfte es ſchon einer in der That komiſchen Veranlaſſung, oder, wo dieſe ſich nicht ergab, die vor Glückſeligkeit funkelnden Augen der Com⸗ merzienräthin, um die Tochter ebenfalls zu einem Ausbruch von Luſtigkeit mit fortzureißen, welche dann aber gleich wieder gehemmt wurde durch einen ernſten Blick des Herrn Duvallet oder ein leiſe ausgeſprochenes:„Aber Alice!“* Daß der Commerzienrath bei gelungenen Speculationen ſowie bei langjährigem Fleiße ein wohlhabender, vielleicht ein reicher Mann geworden ſei, vermutheten Bekannte und Geſchäftsfreunde. In ſeinem Leben, in ſeinen Ausgaben ſah man nichts davon; er hatte ſeit langen Jahren die gleiche Wohnung im zweiten Stocke des elterlichen Hauſes ſeiner Frau inne, ein mäßiges Appartement, das wohl den Bedürfniſſen der Familie entſprach, das aber durchaus in keinem Verhältniß ſtand zu dem Vermögen, das man be⸗ rechtigt war ihm zuzuſchreiben. Wenn Herr Duvallet auch ſein Geſchäft den Anforderungen der Zeit gemäß von Jahr zu Jahr vergrößerte, ſo geſchah das doch nicht in dem Maßſtabe, daß er dazu ſeine bereits erworbenen Capi⸗ — 17— talien hätte aufbrauchen können; wo er ſeine übrigen Fonds placirte, wußte keiner ſeiner Geſchäftsfreunde, und wenn er auch hie und da mit Sachkenntniß und ſicherem Blick in Staats⸗ und anderen Papieren ſpeculirte, ſo war das doch nur vorübergehend zu gewiſſen und meiſtens für ihn günſtigen Zeitpunkten, die ihm dann auch wieder neue Capitalien machten, über deren Verwendung aber, wie ſchon vorhin bemerkt, Niemand, nicht einmal die Commer⸗ zienräthin, die geringſte Kenntniß hatte. Was indeſſen Madame Duvallet anbelangte, ſo machte ihr dieſe Ungewißheit nur inſofern zu ſchaffen, als ſie es lieber geſehen hätte, wenn der Commerzienrath geneigt ge⸗ weſen wäre, auch einen Theil dieſes wohlerworbenen Reich⸗ thums vor den Augen der Welt zu zeigen, ſei es durch eine größere Wohnung im erſten Stocke, durch ein elegantes Ameublement, durch eine eigene Equipage oder dergleichen, — Wünſche, deren Erfüllung Herr Duvallet freundlich aber beſtimmt von der Hand wies, ſo oft Madame auf direktem oder indirektem Wege, vielleicht durch eine gute Freundin, etwas dabon zur Sprache brachte, und man mußte ſchon geſtehen, daß, ſo hartnäckig der Commerzienrath an ſeiner Wohnung im zweiten Stocke feſthielt, er eben ſo wenig dazu zu bringen war, die alten Möbel, welche ſeine Frau von den Eltern ererbt, gegen neue umzutauſchen, deren Vorzug, wie er nicht mit Unrecht behauptete, eben nur darin be⸗ ſtand, daß ſie neumodiſcher und vielleicht unbequemer waren. So ſah man denn in der Wohnung bei Duvallets lauter alte, ehrwürdige Geräthe, gut erhalten und mit ſchönen Stoffen bezogen, aber von einer Form, wie wir ſie uns nur aus der Kindheit erinnern. Daß ſie unbe⸗ quem ſeien, konnte man gerade nicht ſagen, und ſo ein altmodiſches Sopha mit ſeinen weit geöffneten, gut gepol⸗ Hackländer, Tag und Nacht. 2 —— ſterten Armen hatte ſchon ſeine Vorzüge gegen einen ſeiner jungen Nachkommen, bei denen nur zu oft äußerer Glanz und Schein die inneren Vorzüge erſetzen muß. Da nun aber der Commerzienrath zweckmäßige Erfindun⸗ gen der neueren Zeit nicht ausſchloß, und man zum Bei⸗ ſpiel auf einem altmodiſchen Tiſchchen neben dem ehrwürdigen Kachelofen die neueſten Pariſer Carcelllampen ſehen konnte, ſo gewährte die ganze Einrichtung einen etwas wunderlichen Anblick, worüber die gute Madame Duvallet bei ihren Kaffeekränzchen und Theegeſellſchaften manchen kleinen Stich von in dieſem Punkte bevorzugteren Freundinnen hinneh⸗ men mußte, dies aber auch in ihrer unverwüſtlichen Heiter— keit mit dem beſten Humore that, indem ſie ſogar mit der größten Selbſtverleugnung in den Neckereien da fortfuhr, wo die Bekannten aufhörten. Daß aber dergleichen Neckereien vor den Ohren des Herrn Duvallet nicht laut werden durften, glauben wir nicht erſt erwähnen zu müſſen; er hing mit aufrichtiger Pietät an ſeinen alten Möbeln, die ihm, wie er ſagte, ein Bild der vergangenen Zeit gaben, einer Zeit der Arbeit und Mühen, welche ihn aber zum Segen und zum Glücke geführt. Er liebte es überhaupt, die Tage der Vergangenheit auf ſeine eigene Art zu feiern, und wenn er auf Namens⸗ tage, Geburtsfeſte und dergleichen im Allgemeinen nicht viel hielt, ſo hatte er ſich doch einen eigenen Kalender componirt, deſſen wichtige Tage mit unſern großen Feſten von ihm hochgehalten wurden. Wie zum Beiſpiel bei ihm der Tag, an welchem ſeine Eltern das ſchöne Frankreich verlaſſen, nie ohne eine ernſte Erinnerung vorüber ging, ſo gedachte er fröhlich des Tages, an welchem damals die Auswanderer die deutſche Reſidenz betreten. Von allen wichtigen Tagen aber wurde keiner feſtlicher von ihm be⸗ — 19— gangen als der, wo er zum erſten Male das Haus ſeines Principals und ſpäteren Schwiegervaters betreten. Der kleine Franzoſe mochte damals ſechzehn Jahre alt geweſen ſein, und wurde von ſeinem Vater, der, ebenſo an alten Gebräuchen hängend, bis zum Ende ſeiner Tage nie ohne Zopf geſehen wurde, in ſteifer Förmlichkeit in das ſehr achtbare Kaufmannshaus begleitet. Der Sohn war eine Copie des Vaters, trug wie dieſer eine weiße ſteiſe Halsbinde, und hatte ſeinen ſehr niedrigen Hut in förmlichſter Haltung unter dem Arme. Dieſer Anblick mochte ſehr komiſch auf die kleine Tochter des Handelsherrn eingewirkt haben, denn das achtjährige lebhafte Mädchen, die nachherige Madame Duvallet, brach, als ſie des neuen Lehrlings mit der weißen Halsbinde, dem aufwärts friſir⸗ ten Haar und dem Hute unter dem Arme anſichtig wurde, in ein ſo unauslöſchliches Gelächter aus, daß ſie aus dem Zimmer gebracht werden mußte. Nach erfolgter Annahme des Sohnes zu Hauſe wieder angelangt, hatte der alte Herr Duvallet in ſeinen Kalender geſchrieben, daß am beſagten Tage ſein Sohn Francois bei Monſieur So und So präſentiret worden, bei welcher Occaſion die Demoiſelle Tochter eine große Hilarité bezeiget, was als ein gutes Omen zu regardiren ſeie. Der alte Herr hatte vollkommen Recht gehabt, ſofern der Eintritt ſeines Sohnes in das Haus des Handelsherrn der Anfang des Glücks für den jungen Menſchen geweſen war. Francois Duvallet hatte es auch nie an Fleiß und Strebſamkeit fehlen laſſen; er betrachtete ſich nicht als Ar⸗ beiter, deſſen eifrigſtes Geſchäft nach beendigten Comptoir⸗ ſtunden es iſt, die Thüren zu ſchließen und ſeiner Wege zu gehen, ſondern er ſorgte wo er konnte für das Intereſſe des Hauſes, als ob es ſein eigenes wäre, und war beſchäf⸗ tigt früh und ſpät, auf dem Comptoir und im Zollhauſe, in den Kellern ſowie in den Magazinen. Dabei hatte der Sohn des Tanzmeiſters ein ſehr artiges, abgeſchliffenes, ja elegantes Weſen, und wo andere junge Leute ſeines Alters ſteif und blöckiſch waren, da war ſein Benehmen ſo, daß, wenn in Abweſenheit des Principals irgend ein feiner Kunde kam, der auf denſelben wartete, Francois Duvallet zu ihm geſandt wurde, ihn zu unterhalten, oder auch in Geſchäften mit ihm zu reden, was er alsdann mit ſeltener Umſicht und Geſchicklichkeit that. Daß ihm hierbei die vollkommene Fertigkeit in der fran⸗ zöſiſchen Sprache von außerordentlichem Nutzen war, iſt ſelbſtredend; und dieſe Kenntniß veranlaßte den Principal, François Duvallet, ſelbſt als er noch. Lehrling war, auf Reiſen zu ſchicken.— Genug, er blieb auch als jüngſter Commis im Hauſe, er avancirte zum erſten Commis der Magazine, zum Buchhalter, zum Procuraführer und endlich zum Schwiegerſohn, als er die gern lachende und einzige Tochter des Hauſes zur Frau erhielt. Wir haben ſchon früher bemerkt, daß Herr Duvallet mit außergewöhnlichem Glücke gearbeitet; daß er das Vermögen ſeines Schwiegervaters, beziehungsweiſe ſeiner Frau, beträcht⸗ lich vermehrt, daran war kein Zweifel. Herr Duvallet mußte ein ſehr reicher Mann ſein, das verſicherten einſtimmig alle Banquiers der Reſidenz, und wenn auch keiner unter ihnen war, der behaupten konnte, er habe Capitalien für Herrn Duvallet angelegt oder bedeutende Gelder des Hauſes in Händen, ſo war doch ebenſogut keiner unter den Geld⸗ leuten, der ihm nicht einen unbegrenzten Credit gegeben hätte. Der Tag, deſſen wir ſoeben erwähnt, der Eintritt Frangois Duvallets in das Haus ſeines künftigen Schwie⸗ gervaters, war es, welcher heute Abend gefeiert wurde; ihm zu Ehren waren die beiden Zimmer feſtlich beleuchtet, — — 21— und wenn auch an dieſem Abende keine Damen zugegen waren, ſo hatte Madame Duvallet der Wichtigkeit des Feſtes willen doch ihre Möbel von den weißen Ueberzügen befreit. Die weiblichen Bekannten ſeiner Frau bei ſolchen Ge⸗ legenheiten einzuladen, liebte der Commerzienrath nicht. „Die verſtehen es nicht und finden keinen Geſchmack daran, wenn man von der Vergangenheit ſpricht,“ pflegte er zu ſagen;„ja die meiſten der an ſich ſehr würdigen Damen würden es übel nehmen, wenn ich, was die Zeit vor zwanzig Jahren anbelangt, an ihr Gedächtniß appelliren wollte.“ Da Madame Duvallet dagegen nichts einwenden konnte und wollte, ſo hatte der Commerzienrath auch am heutigen Abend die Einladungen ſelbſt beſorgt, und nun ſaßen ſie da um den runden Familientiſch, ſeine langjährigen Be⸗ kannten und erprobten Freunde, einſtens als Schul⸗ und Spielkameraden luſtige, oft übermüthige Burſche, jetzt natür⸗ licher Weiſe geſetzte und höchſt ehrbare Geſchäftsmänner, ernſthafte Beamte und würdige Väter der Stadt. Aus den Reſten des Soupers, welche man noch auf dem Tiſche ſtehen ſah, konnte man entnehmen, daß dieſes ein außerordentlich gutes, ja feines geweſen ſein mußte. Was das Service anbelangte, ſo gehörte es ſowohl wie die übrigen Mobilien einer längſt vergangenen Zeit an und nahm ſich in ſeinen eigenthümlichen Formen, mit den ſchnörkelhaften Verzierungen und der bunten Malerei, ſelt⸗ ſam genug aus, hätte aber dem Auge eines Kenners wohl⸗ thun können, wenn Teller, Gläſer und das Uebrige nur einigermaßen zuſammengepaßt hätten. Wo aber irgend eins der alten Stücke zerbrochen war, da fiel es dem Commerzienrath nicht ein, es durch eins der gleichen Gat⸗ tung erſetzen zu laſſen; er hätte es nicht über ſich ver⸗ — 22— mocht, dieſe Auslage zu machen, und der gewöhnlichſte Teller, das einfachſte Glas mußte die Stelle ſeines reich verzierten Vorgängers vertreten. Die Herren befanden ſich im Wohnzimmer, und auf dem Tiſche, an dem ſie plaudernd und rauchend ſaßen, ſtanden alte beſtaubte Weinflaſchen, ebenfalls Zeugen einer längſt vergangenen Zeit, die aber mit ihrem Inhalte dem feinſten Kenner willkommen geweſen wären. Daß dieſer Inhalt kräftig und erheiternd war, ſah man an den leuch⸗ tenden Blicken der Umſitzenden, hörte man aus ihrem ani⸗ mirten Geſpräch, ſowie aus abgebrochenen Melodieen uralter bekannter Lieder, die plötzlich wie eine Rede illuſtrirend ohne beſondere Veranlaſſung ertönten. Es mochten mit dem Hausherrn acht der Freunde hier verſammelt ſein, zwiſchen denen man als einzige Frau Madame Duvallet mit ſehr heiterem Geſichtsausdrucke be⸗ merkte. Neben ihr ſaß der Stadtrath Scheidel, der ein ſeit vielen Jahren bekanntes Geſprächsthema auf gerade nicht neue Art variirte; er unterhielt nämlich ſeine lang— jährigen Bekannten zum Gott weiß wie vielſten Male von den Gefühlen, die ſein Herz, das eines jungen, der Schreiberei befliſſenen Menſchen, berührt hätten, als er damals mit den ſcharfen Augen eiferſüchtiger Liebe entdeckt, wie Francois Duvallet der erkorene Glückliche ſei. „Die Schreibſtube im Rathhauſe,“ ſeufzte der alte Stadtrath,„wüßte davon zu erzählen; es waren finſtere Gedanken, die mich beſchäftigten, faſt Selbſtmordideen, und wer weiß, was geſchehen wäre—“ „Wenn Sie nicht glücklicher Weiſe zu jener Zeit,“ er⸗ wiederte lachend die Commerzienräthin,„gegenüber Ihren Fenſtern der Schreibſtube des Rathhauſes die künftige Madame Scheidel entdeckt hätten.“ „Ja, aber deren erſter Anblick mich eigenthümlich traurig — — 23— machte,“ verſetzte der Vater der Stadt, nachdem er mit ſehr geſpitztem Munde und halb geſchloſſenen Augen einen langen Zug aus ſeinem Kelchglaſe gethan.„Neben ihr ſtand näm⸗ lich dazumal ein junger Mann, den ich nicht kannte und der vertraulichen Stellung nach für einen begünſtigten Nebenbuhler halten mußte. Alles fühlt der Liebe Freuden, Alles tanzt und lacht und küßt, dacht' ich und zerbiß meine beſte Schreibfeder.“ „Und du ſollſt die Liebe meiden, Weil ein Schwarzer häßlich iſt,“ fiel ihm ſein Nachbar, ein wohlgenährter Fabrikant, in die Rede. „Schwarz war ich allerdings,“ erwiederte der Stadt⸗ rath;„ob ich aber gerade häßlich genannt werden konnte, darüber bitte ich unſere liebenswürdige Nachbarin zu ver⸗ nehmen.“ „Nein, häßlich war der Scheidel gerade nicht,“ nahm ein Anderer der alten Herren das Wort, einer, der ſehr be⸗ dächtig ſprach und zwiſchen jedem Satze einen Zug aus ſeiner Cölner Pfeife that.„Häßlich gerade nicht, er ging ſo mit. Der gute Scheidel war ein mageres, ſchwarzes Ding, von dem man glaubte, es äße ſich nie recht ſatt, oder es mache ſich allzuviel Bewegung. Er hatte etwas von einem ſchwarzen Rattenfänger an ſich und war über⸗ all zu ſehen.— So ſagten nämlich damals alle Mädchen meiner Bekanntſchaft.“ „Ja, in dem Punkt war er ein verfluchter Kerl,“ meinte der Fabrikant,„und,“ ſetzte er hinzu, indem er die Hand an den Mund hielt, als wolle er etwas im Vertrauen mit⸗ theilen, dabei aber nicht im Geringſten leiſe ſprach,„unſere verehrungswürdige Freundin dort kann ſich gratuliren, daß ihr Herz nicht von den Pfeilen ſeiner glühenden Augen — 24— verletzt wurde, als er am Rathhausfenſter vor ſeinem Schreibpulte ſtand, denn er ſoll ſich, was das Herum⸗ ſchnüffeln anbelangt, noch nicht ſtark gebeſſert haben.“ Herr Scheidel wollte in die Höhe fahren, um zu einer großen Rechtfertigung anzuſetzen; doch hatte ſein Blick etwas Triumphirendes, was immer bei ihm ſichtbar wurde, wenn man ihn in Abweſenheit ſeiner Frau für einen Don Juan, Lovelace oder ſonſtigen berühmten Verführer ausgab. „Laß' gut ſein, Scheidel,“ ſprach der Hausherr,„wir, Deine genauen Freunde, wiſſen, daß dieſe Beſchuldigung ungerecht iſt. Seit Du bei Deiner Liebſten und nachherigen Frau Erhörung fandeſt, biſt Du ein exemplariſcher Ehemann geweſen, und ich bin überzeugt, wenn Du ſelbſt einmal in Gedanken gefehlt hätteſt, würdeſt Du das beim nächſten Buß⸗ und Bettag Deiner Frau gebeichtet haben.“ gpwiſchen dieſen Reden, die beim Klingen der Gläſer und dem fleißigen Zuſprechen der ſtaubigen Flaſchen um den Tiſch flogen, drangen aus dem Nebenzimmer die Töne des Pianoforte, wie wir ſie vorhin ſchon auf der Straße gehört, jetzt in kräftig angeſchlagenen Accorden, dann in leiſen Klängen, die ſchmerzlich zu klagen und von tiefen Leiden zu ſprechen ſchienen, zuweilen aber in greller Luſt wie in erzwungener Heiterkeit emporloderten, um dann für den Augenblick mit einer Diſſonanz zu ſchließen. Der alte Herr, der ſo bedächtig ſprach und aus der Cölner Pfeife rauchte, ein Steuereinnehmer, hatte ein dickes wohlgenährtes Geſicht, und der Fabrikant daneben pflegte von ihm zu ſagen, er habe einen merkwürdigen Kopf, denn er könne ſich an die Stirne treffen, wenn er mit der Hand auf ſein Hinterhaupt ſchlage. In der That beſaß er eine ſtattliche Glatze von einer faſt komiſchen Glätte und Politur, welche an beiden Schläfen mit wucheriſchen, drohend empor⸗ ſtehenden, ſtruppigen Haaren bekränzt war. Er that einen —————- * *——B—ÿ—ÿ—ÿ———— ½—-— — — 25— bedächtigen Zug aus ſeiner Pfeife, zeigte dann mit dem Kopfe derſelben auf die Thüre des Nebenzimmers und ſagte: 4 „Was der jetzt wieder, ſo lange er am Clavier ſitzt, zuſammentrommelt! Findet Einer von euch Sinn und Verſtand darin? Das weiß der liebe Gott, wie die heutige Jugend Muſik treibt!“ fuhr er fort, indem er die Achſeln ſehr hoch emporzog;„das iſt ein Gallimathias und ein kunterbunter Durcheinander, daß Einem der Kopf ebenſo wirbelig davon werden muß, wie er den jungen Leuten, die ſich Muſiker ſchimpfen laſſen, ohnehin ſchon iſt.“ „Allerdings, er hat Recht,“ nahm Herr Stadtrath Scheidel das Wort.„In unſerer Jugend haben wir auch Muſik getrieben, und wie man uns verſichert, ſpielten wir gerade nicht ſchlecht; aber dergleichen Faxen, wie man ſie heute machen hört, haben wir ſo einem unglückſeligen Clavier nicht zugemuthet. Wir ſpielten Lieder, aber Lieder, die Jemand ſingen konnte, ohne ſich die Zunge zu ver⸗ renken, eine anſtändige Sonate, ein ruhiges Menuett, über⸗ haupt gelaſſene Melodieen, wobei ſich ein vernünftiger Menſch auch etwas Vernünftiges denken konnte.“ „Da eben liegt's,“ ſagte der Mann mit der hohen Stirne in beſtimmtem Tone,„die Gedanken von damals und jetzt. Unſere Phantaſieen waren ruhig und ehrbar.“ „Höchſtens blickten wir ſehr anſtändig nach den Töch⸗ tern unſerer Nachbarn,“ meinte der Fabrikant mit einem Seitenblick auf Herrn Scheidel. „Ja, ja,“ ſprach Herr Duvallet;„und wenn wir ſangen: Du, du liegſt mir im Herzen, Du, du liegſt mir im Sinn, Du, du machſt mir viel Schmerzen, Weißt nicht, wie gut ich dir bin, — 26— ſo ſprachen wir eben unſere Meinung aus und verriethen unſere Gedanken.“. „Was für Gedanken könnt Ihr denn aber aus dem Miſchmaſch errathen, den der da ſpielt?“ nahm der Steuer⸗ einnehmer wieder das Wort.„Hört doch einmal einen Augenblick zu und ſagt mir ehrlich, wie es euch vor⸗ kommt.“ „Mir klingt es gerade,“ ſagte der Stadtrath,„als wenn unſere ſtädtiſchen Muſikanten in der Neujahrsnacht euffpielen wollten und ſtimmten vorher ihre Inſtrumente.“ „Es iſt ganz natürlich ſo,“ ſprach der Fabrikant,„als wenn man die Spinnmaſchine anlaufen läßt, und Riemen und Räder ſchnurren durcheinander und klappern und rauſchen ohne Sicherheit, bis endlich einmal Alles im Gange iſt.“ 4 „Ja, das iſt der Lauf der Welt,“ meinte kopfnickend Herr Duvallet,„die Zeichen der Zeit: Ueberſtürzen und raſtloſes Jagen, einem glänzenden Ziele zu, das anfänglich hie und da trügeriſch auftaucht und am Ende weder mehr zu erblicken noch viel weniger aber außzufinden iſt.“ „Es iſt doch ſonſt ein ordentlicher Menſch, der Victor,“ ſagte der Fabrikant. „O ja,“ erwiederte der Commerzienrath,„bis auf ſeine Marotte, Muſiker, Componiſt zu werden.“ „Aber er ſoll doch recht viel Talent haben,“ miſchte ſich Madame Duvallet etwas ſchüchtern in das Geſpräch. „Sein alter Lehrer ſagt das, und auch der Kapellmeiſter des Hoftheaters, den ich neulich vertraulich gefragt.“ „Der Kapellmeiſter des Hoftheaters!“ ſprach achſel⸗ zuckend der Steuereinnehmer;„daß ſo Einer ſich natürli⸗ „cher Weiſe freut, wenn wieder einmal ordentlicher Leute Kind zu ihnen übergeht, das finde ich ſo begreiflich wie nur was. Was iſt aber Muſikant und Componiſt? Ich —— —— — 2/7— ſage mir immer und habe mich ſelten geirrt: je ordentlicher und ſolider der Staatsbürger, um ſo mehr Steuern zahlt er. Nun aber frage ich euch, wie ſteht's in dem Punkt mit den Muſikanten und allem dem, was drum und dran hängt?“ „Schon die alten Folianten Warnten uns vor den Schnurranten, Komödianten, Muſikanten,“ recitirte der Stadtrath.„Und was das Volk Einem auf dem Rathhauſe für Mühe macht, davon habt ihr gar keine Idee. Heirathsgeſuche ohne Nachweis eines genügenden Nahrungszweigs, denn die paar tauſend Gulden, die ſo Einer oder ſo Eine verdient, die ſollte man eigentlich von Rechtswegen gar nicht gelten laſſen.“ „Bei Victor iſt es obenhin das Traurige, daß er ein recht hübſches Vermögen beſitzt,“ bemerkte der Hausherr, „und ich fürchte ſehr, das iſt auch der Grund, weßhalb ſeine Lehrer und ſogenannten Freunde Talent bei ihm ent⸗ decken wollen. Ich kann das ja leider Gottes nicht beur⸗ theilen, und das beunruhigt mich. Hätte er wirklich große Fähigkeiten,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„ſo würde ich mich allenfalls darein finden.“ „Vorderhand aber arbeitet er noch auf Deinem Comp⸗ toir?“ fragte der Fabrikant. „Er läßt ſich dort zuweilen ſehen, weil es ſein Vater, mein langjähriger Geſchäftsfreund, vor ſeinem Tode ſo be⸗ ſtimmt und ſein Ausſchreiben aus dem Kaufmannsſtande von meiner Einwilligung abhängig gemacht hat.— Aber was thut er im Geſchäfte? Statt einen Brief zu ſchreiben oder Waaren zu unterſuchen, blickt er zerſtreut zum Fenſter hinaus, ſummt eine Melodie vor ſich hin, oder treibt zum Scandal der Commis und Lehrlinge noch Schlimmeres. Hat er doch neulich zwiſchen die Linien des Hauptbuches —— eine ganze Reihe Noten geſchrieben. Mein erſter Buch⸗ halter wurde bei dem Anblick faſt vom Schlage getroffen. Ja, wenn ich genau wüßte, daß er wirklich große Talente hat!“ ſetzte Herr Duvallet faſt kummervoll hinzu. „Es iſt eigentlich Schade,“ bemerkte der Stadtrath nach einer Pauſe, und während er ſprach, blickte er aus ſeinen Augenwinkeln lauernd auf die Commerzienräthin,„daß ſich der junge Menſch nicht mächtig nachgezogen fühlt von dem großen kaufmänniſchen Genie unſeres hochverehrten Freun⸗ des Duvallet; denn da unſer hochverehrter Freund ſelbſt keinen männlichen Sprößling beſitzt, ſo hätte ſich in dem angegebenen Falle, daß nämlich Victor eine Zierde des Comptoirs geworden wäre, die gleiche glorreiche Geſchichte wiederholen können, welche unſern hochverehrten Freund — dieſen unermüdlichen Arbeiter, dieſen— dieſen treuen Hüter—“ „Der gute Scheidel ſcheint mir zu einer Rede auszu⸗ holen,“ meinte der Steuereinnehmer leiſe gegen den Fabri⸗ kanten. Auch Herr Duvallet ſchien das zu ahnen, und da er ein Feind aller Toaſte war, weil er nicht die Gabe beſaß, ſie zu erwiedern, ſo fiel er ſeinem würdigen Freunde in die Rede, indem er ſagte: „Ach! ich verſtehe Dich; ja, ich will nicht läugnen, daß ich es vielleicht gerne geſehen hätte, wenn Victor den Kaufmannsſtand mit Liebe und Talent ergriffen hätte. Da dem aber leider nicht ſo iſt, ſo freut es mich in der That,“ — dies ſprach er mit leiſerer Stimme,—„daß die beiden jungen Leute ſich völlig wie Bruder und Schweſter betrach⸗ ten, ja, daß Victor eine Theilnahmloſigkeit für Alice zeigt, die mich bei den angegebenen Verhältniſſen glücklich macht.“ „Der Stadtrath ſchien durch das eben Gehörte recht befriedigt zu ſein; er tauchte ſein Kinn behaglich in die Halsbinde; ein freundliches Lächeln umſpielte ſeinen ge⸗ ſpitzten Mund, und nachdem er ſein Glas erhoben und ſeine Blicke feſt auf den Hauswirth gerichtet hatte, ſprach er: „Ich habe da vorhin einen glorreichen Moment in dem Leben unſeres hochverehrten Freundes berührt, auf den zurückzukommen ich nicht unterlaſſen kann; da ich aber weiß, daß unſer hochverehrter Freund und Hauswirth ein Feind vieler Worte iſt, ſo faſſe ich mich auf's Allerkürzeſte, bitte euch aber, die Gläſer zu füllen und ſie mit dem Wunſche auszutrinken, daß wir, die treuen Freunde des Hauſes, noch lange Jahre im Stande ſein mögen, mit unſerem liebenswürdigen Wirthe die Erinnerung des heuti⸗ gen Abends feſtlich und froh zu begehen.“ Damit ſtand der Stadtrath würdevoll auf, faßte zier⸗ lich ſeinen Kelch zwiſchen Daumen und Zeigefinger und ſtieß unter einer freundlichen Verbeugung mit der Com⸗ merzienräthin an, worauf ſich auch die übrigen Herren er⸗ hoben, und einen Moment lang das Klingen der Gläſer ſo ſtark war, daß es ſogar die Muſik aus dem Neben⸗ zimmer übertönte. Dort erſchien in dieſem Augenblicke Alice Duvallet,— in der That eine liebliche Erſcheinung. Man konnte nichts Eleganteres ſehen, als ihre ſchlanke und doch volle Geſtalt, hervorgehoben durch das einfache weiße Hauskleid; ihre elaſtiſchen Bewegungen hatten etwas ungemein Weiches, ja Hingebendes, das aber mit dem ganzen Eindruck, den dieſe prächtige Geſtalt machte, wieder verwiſcht wurde durch die freie, entſchloſſene Haltung des Kopfes und durch den Ausdruck ihres Geſichtes ſelbſt, in welchem aber auch das Weiche und das Harte ſich auf eine liebliche Art miſchten. Die hohe weiße Stirn, das volle blonde Haar und der feine Mund kennzeichneten die Sanftmuth, die lieblichſte Hingebung ſelbſt, namentlich wenn Alice, was aber nicht zu häufig vorkam, den Kopf ſenkte und die Augenlider träumeriſch herabfallen ließ, wobei alsdann ein reizendes Lächeln um ihren Mund ſpielte. Verſchwand aber dieſes Lächeln, um aus irgend einem Grunde einem ernſten Aus⸗ drucke Platz zu machen, ſo öffneten ſich unwillkürlich ihre Lippen, man ſah die ſchneeweißen Zähne hervorblitzen, und wen in einem ſolchen Momente der Blick des ſchwarzen glühenden Auges feſt und ausdrucksvoll traf, der fühlte ſich ergriffen, aber nicht ſelten auch zurückgedrängt von der Gewalt und Hoheit, welche in dieſem Blicke lag. Das junge Mädchen blieb unter der Thüre ſtehen und ſchaute lächelnd auf die Gruppe der alten Herren, die nach dem Zuſammenſtoß mit den Gläſern beſchäftigt waren, dieſe zu leeren. „Unſer Toaſt,“ rief ihr der galante Stadtrath entgegen, „oder vielmehr der Wunſch, der in ihm lag, iſt jedenfalls über den Sternen erhört worden; denn im Augenblicke, wo ich ihn ausſprach, erſcheint uns ein Engel, um die Gewährung unſerer Bitte zu verkündigen.“ „Dieſer alte Scheidel wird nie anders,“ ſagte der Steuer⸗ einnehmer zum Commerzienrath;„man ſollte ihm wahr⸗ haftig das Haus verbieten; er gibt den jungen Leuten ein gar zu ſchlechtes Beiſpiel.“ „Laßt ihn nur,“ ſprach begütigend der Fabrikant, der dieſe Worte vernommen;„es iſt ein wunderſchöner Abend dieſer Abend, und Jeder ſoll nach beſten Kräften froh ſein. Ich möchte gar zu gerne Eins ſingen, weißt du, Duvallet Reich' mir, o Knabe, den Becher, Füll' ihn mit funkelndem Wein, das hat uns die kleine Alice vor Jahren geſungen; aber die erwachſene—“. „O die erwachſene,“ fiel ihm das ſchöne Mädchen lachend in die Rede,„würde es noch ebenſo gerne thun, wenn—“ „Nicht ſchon Mitternacht vorüber wäre,“ unterbrach ſie der Steuereinnehmer kopfſchüttelnd.„Alles hat ſeine Zeit, du alter, luſtiger Knabe. Das hat ja ſchon der hoch⸗ weiſe und höchſtſelige König Salomo geſagt, obgleich er auch ein flotter Burſche war.“ „Ja, eben deßwegen,“ ſprach der Hauswirth mit einem leichten Lächeln,„weil nämlich Alles ſeine Zeit hat, ſo glaube ich, es wäre jetzt der richtige Moment, ein luſtiges Lied zu ſingen.“ „Bravo! Duvallet, ſo iſt's recht!“ rief der Stadtrath; „wenn nur der Victor zu was zu brauchen wäre und uns eins aufſpielte!“ „Man muß es ihm ſagen,“ meinte bedächtig der Steuer⸗ Einnehmer. Und darauf erhob er ſeine Stimme und rief: „He! Victor!“ Das junge Mädchen hatte in dieſem Augenblicke ihr Geſicht dem Nebenzimmer zugewandt; ſie preßte ihre Lippen auf einander und ſchaute forſchend dorthin. Dieſes Nebenzimmer war der Salon der Commerzien⸗ räthin, und auch hier herrſchte die eigenthümliche Möbel⸗ wirthſchaft wie im ganzen Appartement; man hätte ſagen können: hier war dieſelbe am ſchönſten ausgeprägt, da ſich in der Mitte des ziemlich geräumigen Zimmers, umgeben von lauter altväteriſchen Geräthen, Stühlen mit hohen, verſchnörkelten Lehnen, Armſeſſeln mit Leder bezogen, So⸗ phas groß und weit, wie zur Aufnahme einer ganzen Fa⸗ milie beſtimmt,— da ſich zwiſchen dieſen Möbeln eines vergangenen Jahrhunderts, die aber mit einem guten Stoffe überzogen waren, einer der eleganteſten, neueſten Flügel befand, von prachtvoller Arbeit und mächtigem Tone, deſſen ſchwere, wenn auch gefällige Formen, der geſchweifte Ka⸗ ſten von dunklem Palliſanderholz mit den dicken ſtämmigen Füßen, ſo ſonderbar contraſtirten mit den leichten der gan⸗ zen übrigen Einrichtung, mit den fein geſchwungenen Armen der Sophas und Seſſel und den förmlich ſpinnenbeinigen Füßen derſelben. Was ebenfalls nicht hieher zu paſſen ſchien, das war ein großes, prachtvolles Bild an der einen Wand, eine Landſchaft von Girardet, ein Meiſterwerk des berühmten Malers, eine eigenthümliche landſchaftliche Anſicht darſtel— lend; man blickte durch einen halb verfallenen, aber reich, kühn und elegant conſtruirten Thorbogen, der oben am Schlußſtein ein halb verwittertes Wappen zeigte, in einen vernachläſſigten und gänzlich verwilderten Park; kaum war hier die Form der Wege noch ſichtbar; überall hatten wu⸗ chernde Pflanzen von ihnen Beſitz genommen, während mächtige Bäume ihre Zweige ſo tief herabſenkten, daß ſie oft förmliche Barrieren bildeten. Die Landſchaft war im Hochſommer aufgefaßt, hie und da verſuchte die Sonne durch die dichten Laubmaſſen einzudringen, färbte dieſelben goldig und glänzend grün und warf grelle, ordentlich zit⸗ ternde Lichtpunkte auf den theilweiſe bemoosten Boden. Der Hauptweg am Eingange führte gegen eine Brücke, deren Wölbungen, feſt äus Quadern gebaut, allein erhalten waren, während Marmorfiguren, die an beiden Enden ge⸗ ſtanden, herabgeſtürzt waren und von fußhohem Graſe faſt verdeckt wurden. Ein breites Bergwaſſer ſtürzte unter der Brücke dahin, und ſeine wilden, ſchäumenden Wellen zeig⸗ ten an, daß es von einer Anhöhe herabkomme. Dieſe Anhöhe bemerkte man auch zwiſchen den Baummaſſen und ſah, daß ſie ein Landhaus trug, ein kleines Schloß, an dem auch einiges Zerſtörte und Ruinenhaſte zu bemer⸗ ken war. An dem Flügel ſaß der Neffe des Commerzienrathes, — 33— Victor Barring. Er hatte die Lichter, womit Madame Duvallet nie vergaß das Inſtrument zu erhellen, auf den Nebentiſch geſtellt und fand es angenehmer, ſo in leichter Dämmerung ſeinen muſikaliſchen Phantaſieen nachhängen zu können, die er gewandt und geiſtreich dem prächtigen Inſtrumente zu entlocken wußte. Victor war ein junger Mann von vielleicht vierund⸗ zwanzig Jahren, ziemlich groß, ſchlank gewachſen; er hatte blaue Augen, dunkelblondes, ſtark gelocktes Haar, ſeine regelmäßigen und angenehmen Züge hätten ſchön genannt werden können, wenn ſie nicht auffallend bleich geweſen wären, und wenn nicht ſeinen Mund ein Zug des Miß⸗ muthes, ja des Trotzes entſtellt hätte, der auf ſeine Stirne frühzeitige Falten zu zeichnen drohte. Im Gegenſatz zu Allem, was wir bis jetzt in der Wohnung des Commerzienrathes geſehen, war Victor mit ausgeſuchter Eleganz gekleidet; er trug einen blauen Frack, eine weiße Weſte, und wenn auch ſein ebenfalls weißes Halstuch nach Künſtlerart etwas locker umge⸗ bunden war, ſo zeigte doch die Farbe deſſelben an, daß Victor heute Abend abſichtlich eine gewählte Toilette ge⸗ macht. Ob er das zum Familienfeſte des Herrn Duvallet ge⸗ than, ſind wir nicht im Stande anzugeben; er hatte freilich auf eine ähnliche, von einem Lächeln begleitete Frage der Commerzienräthin ziemlich erſtaunt, doch etwas ſpöttiſch zur Antwort gegeben, daß ſich das doch wohl von ſelbſt ver⸗ ſtünde, da er wiſſe, wie ſehr ſein hochverehrter Onkel und Vormund es liebe, wenn ein wichtiger Abend wie der heu⸗ tige in beſtmöglichſtem Glanze und mit ſichtbarer Verehrung von den Angehörigen der Familie begangen werde. Auch hatte er hinzugeſetzt:„Es iſt Schade, daß dieſes Feſt nicht in die Carnevalszeit fällt, ich würde mich alsdann ſchon Hackländer, Tag und Nacht. 3 34 längſt bei Onkel durch ein richtiges Zeit beſtens recommandirt haben.“ „Pfui, Victor!“ hatte ihm darauf Madame Duvallet geantwortet,„ich weiß nicht, warum Du Dich immer herz⸗ loſer bezeigſt, als Du eigentlich biſt.“— Er hatte aber die gute Frau wieder zu beſchwichtigen gewußt, indem er ihr mit Humor, der ihm nicht fehlte, vor Augen geführt, wie er ſich wohl in kurzen Beinkleidern, mit Haarbeutel oder Zopf ausnehmen würde, worauf ſie dann unter herzlichem Lachen Frieden mit ihm geſchloſſen. Alice dagegen, dem Kinde, wie er ſie wohl zu nennen pflegte, hatte er denn doch nicht gewagt, eine Antwort wie der Tante zu geben.—„An meinem Anzuge iſt gar nichts Außergewöhnliches,“ hatte er achſelzuckend geſagt;„ihr ſeid eine elegante Kleidung nun freilich am Herrn Steuerein⸗ nehmer oder dem alten und jungen Scheidel nicht gewöhnt; es war nun einmal meine Idee, mich ein bischen feſtlich anzuziehen, aber man kann es euch nie recht machen.“ Darauf hatte er ſich gleich zu Anfang der kleinen Soirée, obſchon gegen den Willen des Herrn Duvallet, an den Flügel geſetzt und ſchon nach den erſten Tönen die gute Alice nicht nur verſöhnt, ſondern auch an ſich gezogen. Es war überhaupt eigenthümlich, daß das junge Mädchen, das ſelbſt recht gut ſpielte, ſo zu ſagen den Tönen folgte, welche unter Victor's Hand hervorquollen. wöhnlichen Leben die beiden Verwandten in Harmonie zuſammen gelebt, hätte man gerade nicht behaup⸗ ten können; im Gegentheil, es fehlte da nicht an kleinen Neckereien, und wenn Alice auch geſcheidt genug war, um nicht nach Art mancher Mädchen über Alles empfindlich zu ſein, ſo machte ſie doch hievon bei Victor eine Ausnahme, und ein Wort von ihm über den altmodiſchen Stoff ihres Kleides oder über eine Fagon an demſelben, die vor zehn Coſtum der damaligen Daß im ge⸗ allzu großer — 35— Jahren Mode geweſen ſei, konnte ſie veranlaſſen, ihre rei⸗ zenden Lippen zu öffnen, nicht um zu ſprechen, ſondern um unwillkürlich ihre feſt auf einander gepreßten Zähne zu zeigen, und um aus ihren dunkeln Augen einen Blick zu entſenden, der nie ohne Eindruck auf ihn blieb und der ihn einmal zu dem Ausdrucke veranlaßt hatte:„In dieſem Augenblick, Alice, verhüllte ſich dein guter Engel.“ Wenn er ſich aber an das Inſtrument ſetzte und unter ſeinem meiſterhaften Spiel die gewaltigen Klänge, bald wild verlockend, bald grollend und murmelnd, emporſtiegen an das Herz ſeiner aufmerkſamen Zuhörerin, wenn dann zwiſchen den hohnlachenden Accorden leichte, klagende Laute anklangen, weich und ſchmelzend, hingebend und verſöhnend, dann ſetzte ſie ſich leiſe neben ihn, näher, ganz nahe, legte auch wohl die Hand auf ſeine Schulter, zuweilen auch ihre Stirne, und fing nicht ſelten an, ihm mit ſolcher Phantaſie die Tonfiguren ſeiner muſikaliſchen Schwärmereien in begeiſter⸗ ten Worten vorzuführen, daß er erſtaunt lauſchte, bereit⸗ willig auf ihre Bilder einging, und es ſpäter häufig aus tiefer Seele bedauert hatte, daß es ihm nicht möglich ge⸗ weſen, den Flug ihrer Gedanken niederzuſchreiben.—„Das iſt ſehr einfach,“ hatte ſie alsdann mild lächelnd geſagt, „ſchreibe nieder, was du geſpielt, und Jeder, der ein fühlen⸗ des Herz hat, muß daſſelbe empfinden, was ich vorhin aus⸗ geſprochen.“ Dann aber hatte ſich oft mit einem Male ihr ganzes Weſen verändern können; ſie erwachte wie aus einem Traume, verzog ihren ſo lieblichen Mund zu einem faſt verächtlichen Lächeln und ſagte, indem ſie achſelzuckend den Kopf warf:„O Victor, was biſt Du leichtgläubig! Denkſt Du wirklich, es ſei mir ernſt mit dem, was ich da eben geſagt? Fühlſt Du nicht, daß ich mir einmal herausgenom⸗ men habe, mich ein klein wenig über den hohen Herrn ————— luſtig zu machen, der ſo geringſchätzend auf meine tägliche Beſchäftigung herabzuſehen gewohnt iſt?— Und meinſt Du denn wirklich, es ſei ſo ſchwer, Worte an einander zu reihen, die ſich anhören, als ſtecke etwas ganz Beſonderes dahinter?“ In ſolchen Augenblicken hatte er ſie erſtaunt angeſchaut, hatte ſeine Hand zurückgezogen, die er eben im Begriffe geweſen mit Herzlichkeit, ja mit Innigkeit auf die ihrige zu legen, und er hatte ſich nicht enthalten können, alsdann zu antworten:„Das ſind aber nicht nur Worte, willkürlich an einander gereiht, das ſind Gedanken, Gefühle, und wenn dein Herz nicht durch ſie bewegt worden wäre, ſo wäreſt du nicht im Stande geweſen ſie auszuſprechen.“ „O über Deine Einbildung!“ lachte ſie dann laut und fröhlich.„Was mein Herz anbelangt, ſo habe ich dort noch keine Bewegung geſpürt, mein Sinn aber, lieber Vic⸗ tor, wird nur, wie Du oft Gelegenheit hatteſt zu bemerken, von etwas Praktiſchem eingenommen und bewegt; was darüber hinaus liegt, iſt mir ja zu hoch und läßt mich kalt.“ Dann hatte der junge Mann nach einem längeren Still⸗ ſchweigen eingelenkt und zu ihr geſagt, während unter ſei⸗ nen Händen ſanfte, melodiſche Klänge aus den Saiten ertönten: „Sei nicht ſo hart, Alice! Thu' mir nicht den Schmerz, auf die ſchroffen Anſichten Deines Vaters einzugehen; ihn läßt alles das kalt und gleichgültig, was Kunſt heißt, um mich nicht noch härter auszudrücken; er liebt die Proſa des Lebens und findet ſich nur dann wohl, wenn er Alles, worin man Spuren von Geſchmack und einer regen Phantaſie erblicken kann, aus ſeiner Nähe entfernt hat.“ „Und das hat er gethan?“ hatte Alice halb fragend, halb beiſtimmend geſagt, indem ihre Augen eigenthümlich — 37— auf den jungen Mann blitzten.„Deiner Anſicht nach hat er das gethan, und deßhalb findeſt Du unſer ganzes Leben und Treiben ſo alltäglich, ſo ohne Poeſie, ſo ohne Phan⸗ taſie, ſo geſchmacklos.— Ah!“ Das Ah! hatte ſie ziemlich heftig herausgeſtoßen und dabei eine ungeduldige Bewegung nicht unterdrücken können. „Daſſelbe habe ich ſchon oft von euch hören müſſen, Du haſt es mir mit Bitterkeit geſagt, Dein Vater mit einer gewiſſen Art von Mitleiden—“ „Und wir Beide mit großem Rechte,“ hatte das junge Mädchen entſchieden erwiedert, gleich darauf aber mit ſehr weicher Stimme hinzugeſetzt:„Gib zu, Victor, daß ich Recht habe. Du fühlſt Dich hier bei uns unbehaglich, nicht zu Hauſe; Du kommſt aus Gewohnheit, und biſt glückſelig, wenn die kurze Zeit, die Du glaubſt uns widmen zu müſſen, wieder vorbeigegangen iſt. Hier bei uns lang⸗ weilſt Du Dich, biſt zerſtreut; Du denkſt an die andern Cirkel, die Du beſuchſt, oder an die vornehmen, glänzenden Kreiſe— ich weiß das wohl,— und ſtellſt Vergleichungen an, bei denen wir natürlicher Weiſe ſehr zurückſtehen müſſen.“ Darauf hatte Victor gewöhnlich mit einem Achſelzucken geantwortet, vielleicht, weil er tief bei ſich fühlte, daß das junge Mädchen Recht habe. Sie hatte ihre Hand leicht zuſammengedrückt und fuhr dann fort, indem ihre dunklen Augen weit, weit, in unab⸗ ſehbare Fernen zu blicken ſchienen: 4 „Da betritt Dein Fuß weiche Teppiche, wie ſie aus dem Orient kommen, und wie ſie in großen Ballen im Speditionsmagazine drunten liegen. Da iſt Dein Auge geblendet von unzähligen Wachskerzen, von jenen feinen, duftenden Kerzen, die der Vater aus Frankreich bezieht und von denen er ſchon oft geſagt hat, er begreife nicht, wie Jemand ſo verrückt ſein könne, den theuren Stoff in Rauch aufgehen zu laſſen. Da läſſeſt Du Dich nieder zwiſchen blühenden Büſchen und ganzen Maſſen der herr⸗ lichſten Blumen, auf weichen Fauteuils, die freilich ganz anders ausſchauen, als die unſrigen,— da endlich ſchwillt Dein Herz auf, das bei uns wie zuſammengeſchnürt war; es öffnet ſich, es fühlt, es lebt bei den anerkennenden Worten, mit denen man Dich, den Künſtler, empfängt.“ „Das Letzte iſt das einzig Wahre von dem, was Du geſagt,“ hatte er darauf zur Antwort gegeben, indem er das ſchöne, glühende Mädchen betrachtete, deren Augen bei ähnlichen Reden flammten, und deren leicht geöff⸗ nete Lippen die blendenden Zähne durchſchimmern ließen. „Glaube mir, Alice, ich vermiſſe hier bei euch weder Tep⸗ piche, noch Wachskerzen, noch weiche Fauteuils: aber was ich vermiſſe, iſt ein anerkennendes Wort über die Kunſt, die meine ganze Seele erfüllt, und der ich mich, mag man auch noch ſo viele Achſeln darüber zucken, mit Leib und Seele hingegeben. Wenn ich komme, und Du, die wohl weiß, daß es mir nun einmal unmöglich iſt, mit Deinem Vater über Kaffee und Zucker zu reden, öffneſt mir freund⸗ lich den Flügel, ſo ſehe ich ſchon die mitleidige Miene des Herrn Duvallet, und wie es ihm mit einigem Wohlwollen für mich ein wahres Bedauern einflößt, daß ein junger Menſch, der doch von der Natur nicht ſo gar vernachläſſigt iſt, ſeine koſtbare Zeit damit hinbringt, auf dem Fortepiano zu ſpielen und gutes, reines Papier mit ſchwarzen Noten zu beſudeln.— Es iſt wahr,“ hatte er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen fortgefahren,„alles das verſtimmt mich und macht mich fremd hier im Hauſe. Ja, wenn Du nicht wärſt, Alice,“ hatte er dann leiſer geſprochen, ver⸗ ſchwieg aber den Nachſatz, da ſie fragend und traurig zu ihm aufſchaute.—„Und Du weißt das alles,“ hatte er ———,——yy —— — 39— nach einer Pauſe leidenſchaftlich hinzugeſetzt, wobei er mit einem mächtigen Allegro über die Taſten ſtürmte,„alles das weißt Du, und ſtatt mich zu ermuthigen, lachſt Du über mich, und wo Deine Phantaſie einmal ſiegreich durch⸗ brechen will, da preß'ſt Du die Hand auf Dein Herz und befiehlſt, daß es in dem ruhigen, hausbackenen Takte fort⸗ ſchlagen ſoll, den der Herr Commerzienrath nun einmal als Norm aufgeſtellt hat.— Und es wird Dir leicht, das zu thun, denn Du biſt kalt und theilnahmlos, wie— wie—“ „Wie?— wie?—“ war ſie ihm lachend in's Wort gefallen.„Wiederhole es nur, wie Du es ſchon oft ge⸗ ſagt: wie Alle, die blondes Haar haben.“ Nach dieſen Worten, mit welchen ſchon häufig ein ähn⸗ licher Streit der Beiden geendet hatte, flog das junge Mädchen empor, und wenn ſie auch lachte, ſo brauchte man doch nur auf ihre ſeltſam zuckenden Lippen zu blicken, um zu ſehen, daß dieſes Lachen ein ſehr unnatürliches und höchſt erzwungenes war. Auch überließ ſie alsdann den „unartigen Menſchen“, wie ſie ihn nannte, nicht ſich ſelbſt, wie er es ihrer Anſicht nach wohl verdient hätte, ſondern Madame Duvallet wurde von Alice gezwungen, herbeizu⸗ kommen, um dem Uebelthäter tüchtig ihre Meinung zu ſagen. Dazu war aber die Commerzienräthin nicht im Stande, und es dauerte gewöhnlich nicht lange, ſo befand ſie ſich vollkommen auf Victors Seite, der ſie damit zu fangen wußte, daß er von ſeiner Zukunft ſchwärmte und darſtellte, wie dieſelbe ſein könnte, wenn man ihn mit Luſt und Liebe ſeiner Kunſt nachhängen ließe. Je weniger die gute Frau Gelegenheit bekam, das Thea⸗ ter zu beſuchen, um ſo mehr war ſie für dieſes Vergnügen eingenommen. Und dahin führte ſie Victor— natürlicher Weiſe nur in Gedanken— indem er ihr lebendig ausmalte, wie es ſein würde, wenn einmal ſeine erſte Oper, verſteht ſich unter rauſchendem Beifall, gegeben würde, hundertmal nacheinander, immer bei ausverkauftem Hauſe, Madame Duvallet in der Proſceniumsloge, freudig angeſtaunt von dem erregten Publikum, ſie, die Verwandte, die zweite Mutter des jungen Compoſiteurs; neben ihr, ſagte er als⸗ dann mit einem ſeltſamen Lächeln, die geweſene Alice Du⸗ vallet, jetzt die Gemahlin irgend eines reichen Handelsherrn, welche dieſem begreiflich machte, daß es nach ſolchem Erfolg vielleicht der Chre des Hauſes nicht zuwider wäre, den jungen Künſtler wieder anzuerkennen. Ueber dieſe Schilderung hatte Madame Duvallet auf's Herzlichſte gelacht, während ſich Alice auf die Lippen biß, den Kopf empor warf und mit geringſchätzendem Tone ſagte, Victor könne ſich beruhigen, die geweſene Demoiſelle Duvallet würde wohl nicht in den Fall kommen, wegen ſeiner ungeheuren Erfolge den Herrn Victor Barring an⸗ zuerkennen. Einige Male war es vorgekommen, daß das junge Mädchen nach ähnlichen Aeußerungen zur Thüre hinaus⸗ gegangen und in das Privatcomptoir ihres Vaters hin⸗ abgeſtiegen war, wo Victor ſie ſpäter ſitzen ſah mit überge⸗ zogenen Schreibärmeln, die Feder in der Hand und ſo emſig copirend, als gäbe es für ſie auf der Welt nichts Angenehmeres als dieſes Geſchäft. Am Abend des heutigen Tages hatte Victor ziemlich lange auf ſich warten laſſen, ſo daß Alice ihrer Mutter geſagt hatte:„Du wirſt ſehen, Mama, er kommt nicht.“ — Und als er endlich doch erſchien, in der gewählten Toilette, in Frack und weißer Halsbinde, da zuckte es dem jungen Mädchen ſeltſam durch's Herz, und es regte ſich in ihr der Wunſch, er möchte lieber zu Hauſe geblieben ſein, n ei⸗deeeeeeeeeee 8 — 41— um ihr, wie er ſchon oft gethan, am andern Morgen zu erzählen, er habe den größten Theil der Nacht vor ſeinem Flügel geſeſſen und gearbeitet. Warum ſie das wünſchte, wußte ſie ſich ſelbſt nicht genau anzugeben; es war ihr ge⸗ rade, als habe ſich Victor einen Zwang angethan zu kom⸗ men und als zähle er die Minuten, wo er wieder davon eilen könne, vielleicht jenen Kreiſen zu, wo man unter zahl⸗ reichen Wachskerzen auf weichen Teppichen wandelte. „Und wenn es wirklich ſo iſt, was kümmert's mich denn eigentlich?“ hatte ſie darauf trotzig zu ſich ſelber ge⸗ ſagt. Später hatte ſie ſich wohl neben den Flügel geſetzt, doch nicht neben den Spielenden; ſie konnte mit ſeinen Phan⸗ taſieen nicht recht ſympathiſiren; es klang ihr aus den Tönen etwas Fremdes, Abſtoßendes entgegen, etwas Feind⸗ ſeliges, vor dem ſie zurückſchauerte und das ſie aus dem weichſten und melodiſchſten Thema herausfühlte, ein greller unheimlicher Ton, wenn Victor ihn auch noch ſo künſtlich mit leichten Ranken zu umſpinnen ſuchte. Auch war noch ein anderer Zuhörer anweſend, deſſen verſchwenderiſches Lob den Künſtler gewiß nicht erfreute, ſondern vielmehr veranlaßte, baroke, disharmoniſche Sätze in ſein Spiel zu verweben. Dies war Herr Kohler, ein Kaufmann, der ſich ſelbſt penſionirt, und bei ſich ſelbſt zur Ruhe geſetzt hatte. Nach den mühevollſten, unermüdlichſten Arbeiten hatte er genau mit dem fünfzigſten Lebensjahre ſo viel verdient, daß er ſehr anſtändig davon leben konnte. Verheirathet war Herr Kohler nie geweſen, fand auch durchaus keinen Beruf, jetzt noch in den Stand der heiligen Ehe zu treten; er wollte, wozu er früher die Mittel nicht gehabt, nun anfangen ſeine Jugend recht zu genießen. Dies betrieb er als verſtän⸗ diger Mann ſyſtematiſch und hatte vorſichtig genug ſei⸗ nen Hausarzt um Rath gefragt, welche Lebensweiſe er — 412— nunmehr ergreifen ſolle.„Vor allen Dingen aber,“ hatte er dabei hinzugeſetzt,„will ich es mir gut ſein laſſen.“ Herr Kohler, der ziemlich wohl beleibt war, ſehr an Echauffement litt, was ſich an ſeinem etwas zu rothen Geſichte und dem beſtändigen Pruſten kund gab, war hier⸗ auf von ſeinem Arzte vor den Spiegel geführt und von ihm eingeladen worden, gefälligſt einmal aufmerkſam ſein, des Herrn Kohlers, Geſicht zu betrachten. Dann hatte der Aeskulap geſagt:„Wenn Sie unter dem zes ſich wohl ſein laſſen' verſtehen, ſich nun auf die faule Haut zu legen und zu eſſen und zu trinken, was Gutes in Sie hineingeht, ſo können Sie auch zehn Ihrer Lebensrenten in zwölf Monaten verzehren, und wenn Sie das zweimal thun, ſind Sie fertig; Ihnen hilft kein Gott mehr, wir er⸗ leben an Ihnen den ſchönſten Schlag, den ſich ein Arzt nur wünſchen kann. Wollen Sie aber Ihr Errungenes noch lange Jahre genießen, ſo leben Sie verſtändig, eſſen gut, aber nicht zuviel, trinken nicht ſchlecht, aber mäßig; und vor allen Dingen machen Sie ſich die größtmöglichſte Bewegung.“ Das Letztere war dem Herrn Kohler am unangenehm⸗ ſten; er, der ſein ganzes Leben in einem ewigen, unaufhörlichen Kreislauf verbracht, der von Morgens ſechs bis Abends acht, oft aber bis zehn und eilf Uhr auf dem Comptoir, auf der Poſt, auf der Straße, von einer Fabrik zur andern rennend— denn er war früher Geſchäftsreiſender, ſpäter Makler geweſen zugebracht hatte, glaubte es nun als das höchſte Glück betrachten zu können, wenn er von jetzt ab mit der langen Pfeife den ganzen Morgen unter den Fenſtern ſeiner Wohnung liegen und mit einer gewiſſen Schadenfreude ſeine ehemaligen Collegen ſehen könne, wie dieſe als lebendige Preiscourante und Muſterkarten Straße auf und Straße ab liefen, ſo viel Dutzend ewiger Juden. Ja, Herr Kohler hatte ſich durch dieſe Idee poetiſch geſtimmt gefühlt, er hatte die ſchwarze Tafel, die ſo lange Jahre hindurch, zur Notirung von Aufträgen bereit, vor ſeiner Wohnung gehangen, nun hereingenommen, ſie eben⸗ falls feierlich penſionirt, und mit Beziehung auf ſein ſtra⸗ paziöſes Leben und Treiben als Handelsreiſender darauf geſchrieben:„Das Eichhörnchen hat ſo lange mühſam ſein Futter geſucht, daß es nun ausruhen darf im Schatten des errungenen Baumes.“ Was nun dieſes Ausruhen anbelangt, ſo hatte ſich Herr Kohler gewaltig verrechnet, nicht nur dem Aus⸗ ſpruche des Arztes folgend, ſondern da er fand, daß es ihm ſchlechterdings unmöglich ſei, ſeine Stunden in ruhiger Be⸗ ſchaulichkeit hinzubringen. Schon mit dem langen Schlafen wollte es ihm nicht gelingen; um fünf Uhr wachte er auf, und da er ſich in der erſten Zeit einbildete, er müſſe um ſechs Uhr auf die Poſt, um wichtige Briefe ſelbſt in Em⸗ pfang zu nehmen, ſo war es ihm ſchon ein paarmal ge⸗ ſchehen, daß er erſt am Schalter zur Beſinnung gekom⸗ men, als ihm der dienſtthuende Sekretär auf ſeine Frage lächelnd zur Antwort gegeben hatte:„Die Firma J. H. C. von Gottlob Kohler's ſelige Wittib und Sohn iſt einge⸗ gangen.“ Auch war es ihm ſchon häufig paſſirt, daß er, beim Kaffee ruhig die Zeitung leſend und die Nachricht von einer verheerenden Krankheit unter den Seidenraupen findend, augenblicklich davon lief, um befreundeten Firmen noch ſeine bedeutenden Reſte der vorjährigen Ernte anzubieten. Als ſich nun Herr Kohler gewaltſam zur Ruhe zwang, Morgens bis ſieben Uhr im Bette blieb, dann bis zehn Uhr Kaffee trank und die lange Pfeife rauchte, wurde er nachdenklich, melancholiſch, hatte Anwandlungen von Lebens⸗ überdruß und ſtreifte hart an der furchtbaren Klippe vor⸗ — ——— — 44— bei, ſich dem Pietismus in die Arme zu werfen. Er ſuchte einſame Orte bei ſeinen Spaziergängen, und Bekannte, die ihn ſo langſamen Schrittes dahinſchleichen ſahen, behaupte⸗ ten, er ſuche nach einer zweckmäßigeren Coconhaſpelmaſchine, oder er denke darüber nach, wie die rohe Seide am unpar⸗ teiiſchſten für beide Theile zu ſtationiren wäre. Dem war aber nicht ſo; Herr Kohler dachte wohl über etwas nach, aber es war über die Art ſeiner Beſchäftigung, die ihn in der nothwendigen Anſtrengung erhielt, die ihm erlaubte, den ganzen Tag thätig zu ſein und doch ſein eigener Herr zu bleiben. Endlich hatte er dies Räthſel ge⸗ löst zu ſeiner eigenen Genugthuung, zur Zufriedenheit ſei⸗ nes Arztes, zum Staunen ſeiner Freunde. Herr Kohler beſchloß, ein Geſchäft daraus zu machen, das Thun und Treiben ſeiner Mitmenſchen zu beobachten, zu überwachen, nicht in böswilliger Abſicht, um ſich an ihren Fehlern oder Schwächen zu erfreuen— Gott bewahre! nur um ſeine Zeit nützlich hinzubringen. Es war dies ein Gedanke, auf den er ſtolz ſein zu dürfen glaubte und den er auf's Um⸗ faſſendſte in's Werk ſetzte. Hatte er nun doch wieder einen Grund, Morgens um fünf Uhr außzuſtehen, ſeinen Kaffee hinunter zu ſchlingen, um rechtzeitig vor ſechs Uhr auf der Poſt erſcheinen zu können, nicht um ſeine Briefe in Empfang zu nehmen, denn die Firma J. H. C. von Gott⸗ lob Kohler's ſelige Wittib und Sohn exiſtirte ja nicht mehr, nein, um die Abfahrt von zwei Eilwagen und zwei Jour⸗ nalièren zu beaufſichtigen, welche um dieſe Stunde den Poſthof verließen. Darin war Herr Kohler gewiſſenhafter als der Conducteur und der verleſende Sekretär; nicht nur, daß er wiſſen mußte, ob ſämmtliche Wagen beſetzt waren, ob Jeder ſeinen richtigen Platz inne habe, ſo war es ihm nebenbei auch durchaus nicht wie jenen Beamten gleich⸗ gültig, ob Nummer vier zum Beiſpiel nicht eintraf, ſondern Herr Kohler mußte alsdann in ſeine Erfahrung zu bringen ſuchen, warum der betreffende Paſſagier nicht erſchienen war. Dabei nahm der ehemalige Makler den innigſten An⸗ theil an allen ſchmerzlichen Abſchiedsſcenen, ſowie an den freudigen Bewillkommnungen; bei letzteren fühlte er mit, ſchüttelte wildfremden Menſchen zu ihrem großen Erſtaunen freundſchaftlich die Hand; im erſteren tröſtete er Wittwen und Waiſen, gab ſchutzlos abreiſenden Jungfrauen heil⸗ ſame Rathſchläge mit auf den Weg und erwies ſich ebenſo angenehm als nützlich. Da der Menſch aus lauter Gewohnheiten zuſammenge⸗ ſetzt iſt, ſo ſchien nach einiger Zeit die Anweſenheit des Herrn Kohler auf dem Poſthofe für Sekretäre, Conducteure, Poſtillone und Poſtklepper zur Nothwendigkeit geworden zu ſein, und es kam der Fall vor, daß die Eilwagen ihre Abfahrt um ein paar Minuten verzögerten, weil Herr Kohler ſich verſpätet hatte und nicht zur rechten Zeit mit ſeiner Viſitation fertig geworden war. Hierauf ging er aber auch ſtolz im Bewußtſein, ſeine Pflicht erfüllt zu ha⸗ ben, von dannen, um ſeine Uhr genau nach der der Haupt⸗ kirche der Stadt zu richten. Hatte er alsdann die Märkte inſpicirt, um ſich zu über⸗ zeugen, daß in keinem Artikel ein Mangel zu befürchten war, hatte er auch erfahren, um wie viel die Preiſe der einzelnen Victualien ſeit geſtern geſtiegen oder gefallen wa⸗ ren, ſo ging er nach den verſchiedenen Schulen der Stadt, um ſich vom richtigen Beſuche derſelben zu überzeugen, wo⸗ bei wir nicht umhin können zu bemerken, daß ihm die pünktlichen ſowie die faulen Schüler beſſer bekannt waren als dem Lehrer ſelbſt, und daß er es hier an Lob oder eindringlichem Tadel zur Ermunterung oder zur Strafe nicht fehlen ließ. Nachdem die Schulkinder alle in ihren verſchiedenen — ———— —————— — 46— Lokalen verſammelt waren, fand Herr Kohler etwas Muße, nach Hauſe zu eilen, um zu ſehen, ob Briefe für ihn an⸗ gekommen ſeien, und eine halbe Stunde in ſeinen Zimmern zu verweilen, welche Zeit dazu beſtimmt war, Geſchäfts⸗ leuten oder Freunden, die ihn dringend zu ſprechen wünſch⸗ ten, eine Audienz zu ertheilen. Mochte aber auch dieſe Audienz noch ſo wichtig ſein, ſo gab es etwas, was Herrn Kohler veranlaſſen konnte, mitten in der beſten Unterhaltung zerſtreut zu werden, an das Fenſter zu eilen, und die Beſprechung möglichſt raſch abzubrechen. Dies war der Klang einer Militärmuſik oder auch nur das Wirbeln von ein paar einfachen Trommeln, welche anzeigten, daß Militär zu irgend einer Parade oder zum Exerciren ausziehe. Dies zu verſäumen würde Herr Kohler für eine unverantwortliche Gewiſſenloſigkeit gehalten haben, und es war das eines ſeiner vielen wichtigen Ge⸗ ſchäfte, denen er ſich mit wahrer Liebe, ja mit wirklichem Enthuſiasmus hingab. Da ſah man ihn mit geſchultertem Stock und angezogenem Regenſchirm, die Naſe hoch erho⸗ ben, den kleinen Finger an der Hoſennaht— denn ſo war es ihm noch gelehrt worden, als er einſtens bei der In⸗ fanterie gedient— und ſehr auswärts gebogenen Füßen, ſtramm und ſtraff, in einer Linie mit dem Tambourmajor einherkommen. Es that ſeinem Herzen wohl, nach dem Klang des vaterländiſchen Kalbfells zu marſchiren, er fühlte ſich um dreißig Jahre zurückverſetzt und dachte ſich ſo leb⸗ haft in jene glorreiche Zeit zurück, daß er den Stock auf die Schulter nahm, wenn dies Commando in Bezug auf die Gewehre erſchallte, und daß er auf das Commando: rührt euch! verwegen mit ſeinen Armen ſchlenkerte. Herrn Kohler's Vergnügen, dem Exerciren oder der Pa⸗ rade zuzuſchauen, konnte übrigens dadurch geſchmälert wer⸗ den, wenn vielleicht gerade zur ſelben Stunde ein bedeu⸗ — 4— tender Eilwagen abging oder ankam; da ſah man ihn denn oft ſchweißtriefend und mit erhitztem Geſichte und beſtaub⸗ ten Brillen— er trug welche mit blaßblauen Gläſern— auf die Poſt rennen, nachdem er drüben ſeine Pflicht ge⸗ nügend gethan. Indeſſen gab es auch eine Zeit, wo ſowohl das Exer⸗ ciren als der Abgang und die Ankunft einiger Eilwagen verſäumt werden mußte, aber das bei einer Gelegen⸗ heit, wo ſich der ehemalige Mackler tröſtend ſagen konnte, ihn rufen höhere Pflichten, er opfere das Geringere dem Wichtigeren. Dies war nämlich zur Zeit der großen vier⸗ teljährigen Aſſiſenſitzungen, wo Herr Kohler ſchon vorher ſo viel zu thun hatte, daß er beim Beginn derſelben ſicht⸗ lich abgemagert war. Er mußte nämlich die Bekanntſchaft des Präſidenten des Aſſiſenhofes machen, mußte Veran⸗ laſſung nehmen, mit den Geſchwornen einen freundſchaft⸗ lichen Händedruck zu wechſeln, wobei er es für nothwendig hielt, auch noch nebenbei perſönlich die Hauptdiebe und Mörder kennen zu lernen. Sö ausgerüſtet konnte es nicht fehlen, daß Herr Koh⸗ ler im Stande war, den Verhandlungen mit unglaublichem Nutzen zu folgen, und ſich ſein Blick in dieſen Angelegen⸗ heiten ſo verſchärft hatte, daß er häufig im Stande war, den Ausgang einer Verhandlung vorauszuſagen. Wir können nicht umhin zu bemerken, daß Herr Kohler in ſeiner politiſchen Meinung rechts überhing, daß er das conſtitutionelle Leben aus voller Seele haßte und dies ohne alle Frage aus dem einzigen Grunde, weil es ihm nicht möglich war, die nöthige Zeit zu finden, um den Kammer⸗ verhandlungen beizuwohnen. Da nun unſer Freund alle ſeine vielen Geſchäfte mit Umſicht, Sorgfalt und Ausdauer betrieb, und da er dabei raſtlos von einem Ort zum andern eilte, ſo kann man ſich — 48— leicht denken, daß er für Fremde wie für ſeine Freunde eine höchſt ungemüthliche Erſcheinung abgab. Man war nur im Stande, flüchtig im Vorbeirennen einen Hände⸗ druck mit ihm zu wechſeln; beim Eſſen im Gaſthofe mußte er meiſtens nachexerciren, und ſchlang er Alles, was er er⸗ hielt, in fieberhafter Haſt hinunter. Die einzige Ruhe, die er ſich gönnte, und der einzige Moment, wo ſeine Freunde allenfalls im Stande waren, von ihm etwas über die Ta⸗ gesereigniſſe zu erfahren, war, wenn er Abends in die ge⸗ ſchloſſene Geſellſchaft kam, die ihn zu beſitzen das Glück hatte, wenn er ſich ermüdet in ſeinen Stuhl niederließ, nachdem ihm der Kellner den brennenden Fidibus an den großen Porzellankopf gehalten, den er vermittelſt eines ſehr langen Rohres rauchte. Aber auch hier kam er zu keiner gemüthlichen Ruhe, denn der größte Theil des Abends ging damit hin, daß er die vielerlei Fragen beantwortete, die man ihm ſtellte, oder ſein ſchiedsrichterliches Urtheil über Vorfälle des Tages gab. „Herr Kohler!“ rief Einer vom Spieltiſche herüber, „iſt es wahr, daß der Schneidermeiſter Bunz ſeine Frau umgebracht hat?“ „So iſt es, Herr Springer; wir hielten die Legal-In⸗ ſpection heute Nachmittag um drei Uhr.— Ein ſchauder⸗ hafter Fall, der Unmenſch hat ſeine Gattin gezwungen, die die Elle zu ſchlucken.“ „Entſetzlich!“ „Ja freilich entſetzlich.“ „Waren Sie zugegen, Herr Kohler,“ fragte ein Anderer, „als die Geſchichte mit dem Tambour vom achtzehnten Re⸗ gimente paſſirte?“ Der Gefragte nickte ſtumm mit dem Kopfe. „O bitte, wie war das eigentlich?“ „Es war, wie ich nie etwas geſehen. Der Tambour, ——Q—O—Q—OC¶CQA˖/¶—— — — 49— im unerklärlichen Haß gegen ſeinen Offizier, ſprang plötz⸗ lich vor die Front, an ſich auf ſeine Trommel und er⸗ laubte ſich vor dem ganzen Bataillon etwas, was noch nie dageweſen iſt, ſo lange es Tambour und Trommeln gibt.“ „Das wird ſchwer beſtraft werden.“ „So etwas wie vier Wochen Latten.“ „Herr Kohler, wann geht der Eilwagen nach X?“ „Der Eilwagen nach X geht um halb acht Uhr; ein Zweiſpänner, hat vier Sitze und koſtet einen Thaler, zwölf und ein halb Silbergroſchen.“ Daß bei dieſen vielen Beſchäftigungen Herr Kohler glück⸗ ſelig war, wenn er ſeine Nachtruhe finden konnte, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen, müſſen aber hinzufügen, daß dieſe Nachtruhe höchſt problematiſch war, denn es ſchien, als ob ſich in der Reſidenz, wo unſere wahrhaftige Ge⸗ ſchichte ſpielt, die Feuersbrünſte das Wort gegeben hätten, nur in der Nacht auszubrechen. Natürlicher Weiſe fehlte unſer Freund bei keinem ſolchen Ereigniſſe, und wenn er nach überſtandener Gefahr todt⸗ müde und pudelnaß nach Hauſe zurückkehrte, ſo konnte ihn nur das Bewußtſein aufrecht erhalten, daß er dem Brande ſowie den Löſchverſuchen mit Ausdauer und Unerſchrocken⸗ heit zugeſehen. So lebte Herr Kohler„ſtill und harmlos“; er war auf dem Poſthofe, vor der Schule, auf dem Cxercirplatz, bei den Aſſiſen⸗Verhandlungen, kurz beinahe überall, wo ſich müßige Menſchen einfanden, unentbehrlich geworden; er war ſeinen Freunden ein lebendiges Adreßbuch, ein Weg⸗ weiſer, ein Tagblatt, ein Preiscourant. Da geſchah etwas, was beinahe die ganze Lebensrich⸗ tung unſeres Freundes verändert, ihn ſelbſt auf Wochen ja Monate in düſterem Hinbrüten erſcheinen ließ, in einem finſtern Nachdenken, durch das er lange nicht zu einem Re⸗ Hackländer, Tag und Nacht. 4 ſultate kommen konnte.— Es wurden Eiſenbahnen gebaut, es wurden Bahnhöfe errichtet, und das begreiflicher Weiſe nicht im Mittelpunkt der Stadt, ſondern vor verſchiedenen Thoren, ſo daß von einem zum andern eine gute Strecke Weges war. „Wie wird das gehen, Kohler?“ hatte wohl einer oder der andere ſeiner Bekannten zu ihm geſagt:„Die Poſten werden an die Bahnhöfe verlegt und von dort gehen jeden Augenblick Züge nach allen Richtungen ab.“ Kohler hatte mit einem unglaubigen, etwas matten Lächeln geantwortet.„Das geht nicht ſo ſchnell,“ hatte er geſagt;„die Poſt iſt und bleibt doch der Mittelpunkt für allen Verkehr.“ Aber dem war nicht ſo: Hirtenknabe, Hirtenknabe, Dir auch bläst man dort einmal. Die Poſt blieb nicht der Mittelpunkt des Verkehrs; die Haupteilwagenrouten ſchmolzen gleich bei Eröffnung der Eiſenbahn zu einem ſehr obſcuren Nachtdienſt zuſammen; die Poſthalterei wurde mehr als decimirt; ein Poſtillon in ſeinem bunten Anzuge und mit luſtigem Federbuſch fing an ein Ereigniß zu werden; die großen Wagenſchuppen ſchloſſen ſich einer nach dem andern, um nicht mehr geöffnet zu wer⸗ den, und Herr Kohler ſah das mit Entſetzen. Es war rührend anzuſchauen, wie er und der Portier der Poſt in wahrer Herzensangſt den Hof durchſchritten, wo ſchon an verſchiedenen Stellen Gras zu keimen begann. Endlich fing es auch an, im Hauptgebäude troſtlos und unheimlich zu werden; die Briefkaſten ſowie die Behälter mit dem allgemeinen Poſtreglement verſchwanden von den Außenwänden, und Herr Kohler konnte ein leiſes Schluch⸗ zen faſt nicht unterdrücken, als er an der Wand die vier⸗ eckigen Flecke ſah, die ſich an der alternden Mauer gebildet, — — 51— und wahrhaft melancholiſch von vergangenen ſchöneren Tagen zu ſprechen ſchienen. Da an einem ſchönen Morgen— es war ein Früh⸗ lingsmorgen mit brillantem Sonnenſchein— da fand Herr Kohler, als er zur Poſt ging, zum erſten Mal, ſo lange er ſich denken konnte, das große eiſerne Gitterthor verſchloſſen. Ihn ſchauerte.— Auf dem Pflaſter des Hofes lag Stroh umher, ebenſo hing ſolches aus den troſtlos geöff⸗ neten Fenſtern. Herr Kohler war wie betäubt. Der Tra⸗ dition nach ſoll er von außen ſeine glühende Stirne an das kalte Gitter gedrückt haben, während der ehemalige Poſtportier es von innen ſo gemacht. Dann hätten ſich — heißt es weiter— Beider Hände zu einem leiſen Druck vereinigt, zwei Paar Thränen ſeien gefloſſen, und Beide ſeien von dannen gegangen mit verhüllten Angeſichtern. — Wehe! Die Spinne verrichtet Thürſteherdienſte in des Kaiſers Hallen, Die Eule ſtimmt das Feldgeſchrei in Afraſiab's Palaſt an. Glücklicher Weiſe waren Geiſt und Körper unſeres Freundes elaſtiſch genug, um dieſen Schlag nicht nur aus⸗ zuhalten, ſondern ihn auch zu verſchmerzen. Es mußte ein kühner Entſchluß gefaßt werden, und Herr Kohler faßte ihn. Da es nicht möglich war, die Eiſenbahn gleich den Kammerverhandlungen zu ignoriren, ſo mußte er ſich dieſem neuen Element anpaſſen, und er that es mit Erfolg. Daß er bei der Abfahrt jedes Zuges gegenwärtig geweſen, wol⸗ len wir nicht behaupten, aber er that ſein Mögliches, um die Courier⸗ und Schnellzüge nicht zu verſäumen, und brachte es auch hier wie auf der Poſt in Kurzem ſo weit, der Menſchheit nützlich zu werden. So ſah man ihn häufig in den Warteſälen ſtehen, und den eilig Heranſtürzenden den Weg zum Gepäckbureau oder zur Einſteigehalle zeigen. Wie es ihm dabei ſchon vorge⸗ A0 — 08— kommen war, daß ihm ein dankbarer Reiſender einen Sil⸗ bergroſchen in die Hand zu drücken verſuchte, erzählte er mit Stolz als einen Beweis, wie ſehr er ſich bemühe, der Menſchheit nützlich zu ſein.— Dieſe Perſönlichkeit nun, die wir im Gefühl der Verehrung und Freundſchaft dem geneigten Leſer vielleicht etwas zu weitläufig geſchildert, lehnte, wie früher ſchon bemerkt, an dem Flügel in dem Hauſe des Commerzienrathes Duvallet und war für Victor Barring ein ſehr dankbares Publikum. Herr Kohler, der faſt nie in Geſellſchaft ging, verſäumte dagegen auch wieder nicht die jährlich wiederkehrende heutige Soirée ſeines alten treuen Freundes, den er ſich in der weißen Halsbinde, fri⸗ ſirt à la Igel, mit dem kleinen Hute unter dem Arme, noch ſehr wohl denken konnte. „Famos,“ ſagte Herr Kohler zwiſchen dem Spiele Vic⸗ tors.„Ganz delicios! namentlich das Letztere; ganz recht, das da!— Rumibumididibumbumbum! Es iſt gerade, als hörte ich marſchiren; wenn ich die Augen ſchließe, könnte ich verſucht werden mitzulaufen.—— Das da gefällt mir ſchon weniger,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„es iſt auch wunderbar geſpielt; gewiß aus Ihrer Oper?“ Victor ſchüttelte mit dem Kopfe. „Aber es könnte daraus ſein,“ ſprach der Andere mit Beſtimmtheit.„Wiſſen Sie, ſo eine Liebesſcene begleitend; er ſitzt rechts von ihr abgewendet, ſie links von ihm abge⸗ wendet. Didodido— So, jetzt nähern ſie ſich. Ich ver⸗ ſichere Sie, Victor,“ ſagte er nach einem kurzen Stillſchwei⸗ gen ſeufzend,„daß ich einige Anlage zur Dichtkunſt in mir verſpüre. Ich glaube, es ſollte mir gelingen, einen Opern⸗ tert zu machen.“ „So verſuchen Sie es einmal.“ „Ich wüßte auch einige pikante Titel. Was mei⸗ nen Sie z. B. dazu: der letzte Poſtillon— 2, Er — 53— verläßt das Geſchäft, weil man ihm ſein ſchönes Geſpann verkauft hat; er fühlt ſich zu gut, eine ganz gemeine Jour⸗ nalière zu führen. Der Poſthalter, der ihn entläßt, bittet ihn, das verkaufte Geſpann einem Gutsbeſitzer zu bringen, der dort hinten drüben in dem Wald wohnt. Er reitet fort unter irgend einem melancholiſchen Geſang. O ho ho ho! So jung, ſo froh, Der Poſtillon von Longjumeau. Wiſſen Sie, gerade ſo könnte er ſingen, nur ganz an⸗ ders.— Er kommt in den Wald und findet dort eine Chaiſe im Dreck ſtecken, worin eine wunderſchöne junge Dame ſitzt.“ „In der Chaiſe hoffentlich.“ „Verſteht ſich von ſelbſt. Da haben Sie das Schwerſte an der ganzen Oper, die Expoſition. Ueberlegen Sie ſich das einmal.“ „Ich will mir's überlegen,“ erwiederte Victor lächelnd, indem er, auf die Gedanken des Herrn Kohler eingehend, Töne hervorrief, die unſere Phantaſie uns erklingen läßt, wenn wir durch den aufhorchenden, ſo ſeltſam ſummenden Wald dahinſchreiten, ein liebes Bild im Herzen. „Aber nicht wahr, Victor,“ fragte Herr Kohler nach einer Pauſe,„Sie ſchreiben an einer Oper? Eine Dame meiner Bekanntſchaft hat es mir geſagt,“ ſetzte er wichtig hinzu,„die Baronin von Molitor.“ „Die Baronin Molitor?“ fragte erſtaunt der Clavier⸗ ſpieler, indem ſeine Finger und muſikaliſchen Gedanken einen Seitenſprung machten, während dem er raſch auf⸗ blickte und mit Vergnügen zu ſehen ſchien, daß Alice im Nebenzimmer ſich zu ihrer Mutter herabgebeugt hatte und mit derſelben ſprach. „Sie ſelbſt,“ antwortete Herr Kohler, wobei er ſeinen 54 Mund ſpitzte und die blaßblaue Brille mit großer Selbſt⸗ gefälligkeit feſt auf ſeine Naſe drückte.„Die Baronin kam vorige Woche von ihrem Gute; ich war zufällig an der Eiſenbahn und hatte das Glück, ihr beim Ausſteigen be⸗ hülflich ſein zu dürfen.“ „Nun, und dann?“ fragte Victor dringend, während er ſcheinbar gleichgültig ſeine Finger über die Taſten hin— laufen ließ. „Nun, die Baronin ſprach von Dieſem und Jenem; Sie wiſſen, daß ſie einiges Zutrauen zu mir beſitzt, denn eine Zeitlang— damals, nun Sie verſtehen mich?— ver⸗ mittelte ich zwiſchen ihr und dem Banquier ihres Gemahls. Sie ſprach alſo von Ihnen, ſich wohl erinnernd, daß wir Beide genau bekannt ſind, und lobte Sie und Ihre Ta⸗ lente, na, wie man nur was loben kann; ſie redete von einer Oper, welche Sie geſchrieben, und erwähnte dabei einiger Sachen, die Sie ihr vorgeſpielt,— etwas Meiſter⸗ haftes, etwas Unvergleichliches!“ „Sie iſt zu gut für mich,“ entgegnete der junge Muſiker zerſtreut. „Und darauf können Sie ſich etwas einbilden,“ verſetzte Herr Kohler.„Eine Frau, die in ihren Kreiſen den Ton angibt!“ „Ja,“ ſagte Victor kopfnickend. „Eine geiſtreiche Frau.“ „Gewiß.“ „Eine wunderſchöne Frau. Ahl in der That, gewiß wunderſchön!“ ſprach Herr Kohler enthuſiaſtiſch, nachdem er ſeine Fingerſpitzen an die Lippen geführt und die Ge⸗ berde eines Kuſſes gemacht. „Das iſt Alles wahr,“ entgegnete Victor träumeriſch. „und ich muß mich glücklich ſchätzen, daß ſie meiner freund⸗ lich gedenkt.“ — — — 55— „Parole!— auf's Allerfreundlichſte,“ ſagte der Andere. Dann warf er, einen Blick in das Nebenzimmer, lehnte ſich über den Flügel vertraulich zu Victor hinüber, und ſprach mit leiſerer Stimme:„Apropos! ich hätte nicht gedacht, Sie hier zu finden; heute Abend iſt eine große Soirée bei der Baronin.“ „So?“ fragte Victor im gleichgültigſten Tone der Welt, „O Sie junges Krokodil!“ erwiederte Herr Kohler lächelnd;„mir wollen Sie weiß machen, Sie wüßten nichts davon? Und ſehe ich doch an Ihrem Anzuge, daß Sie wenigſtens die Abſicht hatten, anders wohin zu gehen. Kommt man vielleicht hieher in einer weißen Halsbinde?“ „Bin ich nicht da mit einer ſolchen?“ „Nun ja, das wundert mich auch genug. Es iſt eine Soirée, wie ich gehört, welche die Baronin veranſtaltet, Tableaux und dergleichen. Was weiß ich? Es iſt immer irgend ein Amuſement los für die, welche ſich amuſiren wollen.“ „Und Sie?“ „Nun, ich zwinge mich auch, mich zu amuſiren. Aber es will mir nicht immer gelingen. Deßhalb gehe ich ſo ſpät wie möglich.“ Victor zuckte bei dieſen Worten mit den Achſeln, und unter ſeinen Fingern quollen aus den Saiten wilde, trübe, lang nachhallende Accorde hervor. „Da hätte ich geglaubt,“ fuhr Herr Kohler fort,„daß Sie nicht fehlen dürften. Bei dieſen Tableaux muß doch Jemand am Clavier begleiten, und wer könnte das beſſer thun als Sie mit Ihrem Talente und Ihrer Phantaſie?“ „Die Baronin weiß, daß ich bei ſolchen Veranlaſſungen nie ſpiele,“ ſagte ruhig der Künſtler;„vor allen Dingen nicht in großer Geſellſchaft.“ „Hm! Hm!“ huſtete Herr Kohler etwas auffallend, und — 56— als er gleich darauf in ſehr animirtem Tone ſagte:„O bitte, Victor, ſpielen Sie das noch einmal!“ blickte dieſer auf und ſah, daß Alice wieder in das Zimmer getreten war. Sie ſetzte ſich neben den Flügel hin, ſtützte ihren Arm auf denſelben, und legte den Kopf in die Hand, ſo einige Augenblicke dem Spiel des jungen Mannes lauſchend. Aber wie ſchon vorhin bemerkt, konnte ſie heute Abend gar nicht mit ſeinen Phantaſieen ſympathiſiren; es klangen Töne hindurch, die ſie zurückſtießen; was er vortrug, war wie ein düſteres Thal voll unheimlicher Schatten, das nur zu⸗ weilen von einem grell leuchtenden Blitze erhellt wird, wo man dann Weſen gewahrt, die einander erſchreckt anſtau⸗ nen und von denen eins vor dem andern zu fliehen ſcheint. Das war der Zeitpunkt in unſerer wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte, wo draußen der Herr Stadtrath Scheidel ſeinen Toaſt ſprach, wo die Gläſer zuſammen klangen, wo ſich Alice raſch erhob und in's Nebenzimmer ging, und wo man bald darauf die Stimme des Steuereinnehmers vernahm, welcher ſehr laut nach Victor rief. Dieſer hörte anfänglich den Ruf nicht oder wollte ihn nicht hören, und wir glauben berechtigt zu ſein, das Letz⸗ tere annehmen zu dürfen, denn beim zweiten ähnlichen nur lauteren Rufe ſah man ihn finſter ſeinen Blick erheben, und erſt beim dritten gab er zur Antwort: „Was iſt gefällig, Herr Steuereinnehmer?“ „O nicht viel,“ antwortete dieſer wie immer bedächtig, aber mit ſehr lauter Stimme;„wir möchten Sie nämlich ſammt und ſonders gebeten haben, uns etwas Genießbares aufzuſpielen, das heißt für uns Genießbares. Sie haben doch nun wahrhaftig lange genug geſtimmt.“ „Und das nennen dieſe Vandalen ſtimmen!“ ſagte Herr Kohler kopfſchüttelnd, aber leiſe.„Es ſind doch wahr⸗ haftig Burſche ohne alle Poeſie.“ — 07— „Wiſſen Sie, lieber Victor,“ vernahm man jetzt die Stimme des Stadtraths,„was Luſtiges. Tradiridirulala: Meinetwegen das: Wir, wir wollen zum Zi— Za— Zimmermann ſchicken, Zimmermann ſoll den Tanzboden flicken; Tanzboden hat ein Loch.“ „Nein, nein,“ hörte man den Steuereinnehmer ſagen, „das ſind keine Lieder, die ſich für den heutigen Abend ſchicken. Nicht wahr, Duvallet? Mit Deiner Erlaubniß wol⸗ len wir unſer bekanntes und beliebtes Lied vornehmen, wenn es dem Herrn Victor vielleicht gefällig wäre.“ Und alsdann begann er mit ſeiner rauhen, etwas zitternden Stimme: „Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſere Reben, Geſegnet ſei der Rhein; geſegnet ſei der Rhein;— Da wachſen ſie am Ufer hin und geben Uns dieſen Labewein; uns dieſen Labewein.“ „Uns dieſen Labewein,“ ſangen die andern alten Herren in jubelndem Chor kräftig mit. Anfänglich hatte Victor trotzig ſeine Weiſen fortſpielen wollen, da das aber namentlich in der Nähe des Flügels ſeltſam genug klang, ſo hatte ihm Herr Kohler zugeflüſtert: „Der Klügſte gibt nach.“ Auch war Alice näher getreten, hatte ihre geſchloſſene Hand auf das Inſtrument geſtützt und mit einem etwas finſteren Blicke geſagt: „Mein Vater ſingt auch mit, Victor, und die Mutter; ich dächte faſt, Du könnteſt ihnen wohl den Gefallen thun, einzuſtimmen. Du haſt überhaupt lange genug Deinen Phantaſieen nachgegeben.“ „Viel zu lange, willſt Du wohl ſagen, Alice,“ erwie⸗ derte der junge Mann bitter.„Ich weiß wohl, daß ich mit meinen Phantaſieen euch Allen ein Dorn im Auge bin. Ja, wenn ich Menuetts oder Walzer oder alte Ge⸗ ſellſchaftslieder herunterleiern wollte, da wäre ich ſchon der rechte Mann. Ich weiß das wohl.“ Sie zuckte die Achſeln, öffnete ein klein wenig ihre ſchö⸗ nen Lippen und ſagte, indem ſie den Kopf emporwarf: „Du weißt, wie ſehr ich Deine Phantaſieen, überhaupt Deine Kunſt ſchätze und achte. Aber Alles hat ſeine Zeit; Du könnteſt mir zu lieb dem Wunſche unſerer Gäſte nach⸗ kommen; wenn Du aber nicht willſt, ſo laſſ' mich an den Flügel.“ „Dir zu lieb thu' ich, was in meinen Kräften ſteht,“ verſetzte Victor. Darauf trat er an das Pedal, lauſchte eine Sekunde auf den Geſang, und dann fiel er mit lauten und gewaltigen Accorden in der Tonart, welche den alten Herren beliebte, ſo ſicher in die herrliche Weiſe ein, daß ihn augenblicklich ein lauter Applaus dafür belohnte. Auch executirten die Sänger alle Verſe des Liedes und hätten noch mehrere geſungen, wenn deren noch da geweſen wären. Am Schluſſe des Liedes konnte ſich der Steuereinneh⸗ mer nicht enthalten, noch einmal wie zum Danke laut und heftig in die Hände zu klopfen, wobei er den Kopf ſeiner kölniſchen Pfeife auf den Tiſch ſtellte und dieſelbe mit den Zähnen feſthielt.— „Bravo! Bravo!“ rief der Stadtrath;„da kann man doch ſehen, wie angenehm das Clavierſpiel iſt, wenn es auf die rechte Weiſe angewendet wird. Beſten Dank, Mon⸗ ſieur Victor,“ rief er in das Nebenzimmer hinüber. Herr Kohler hatte ſich indeſſen mit ſehr ſpöttiſchem Geſichtsausdrucke über das Inſtrument gebeugt, als Alice das Zimmer wieder verlaſſen hatte, und ſtellte in dieſem Augenblicke den böſen Geiſt vor, wie er im Fauſt hinter Gretchen ſteht und ihr zuflüſtert: Wie anders war Dir’'s? „Wie anders muß es Ihnen doch zu Muth ſein,“ ſagte der ehemalige Makler,„wenn Sie ſich in den feinen — 59— ariſtokratiſchen Kreiſen bewegen, zum Beiſpiel bei unſerer ſchönen Baronin, wo ringsum Todtenſtille herrſcht, wenn Sie einige Ihrer göttlichen Phantaſieen ſpielen, und Sie auch nicht Gefahr laufen, dadurch in Ihren ſchönen Träumen ge⸗ ſtört zu werden, daß ſo ein alter Philiſter verlangt, Sie ſollen: Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben!— ſpielen. Es iſt ein ganz poeſieloſes Volk— ich bin über⸗ zeugt, unſer guter Duvallet, ſo eine brave Haut er auch iſt, thut doch, als habe er auf Sand gebiſſen, wenn Sie den Flügel öffnen.*- Man verſteht Sie nicht hier im Hauſe, es iſt doch traurig.— Die brave Nichte kann nun einmal nicht begreifen, wie man ſo thöricht ſein kann, ein gutes Brod, wie der Kaufmannsſtand bietet, zu verſchmähen, um ein Muſikant zu werden.— Muſikant, wiſſen Sie, Victor, das iſt bei denen der Ausdruck für Alles, vom Schnurranten auf der Gaſſe bis zum Hofkapellmeiſter im Theater. Die kennen keinen Unterſchied.“ „Das iſt ſchon wahr: ſie kennen keinen Unterſchied,“ murmelte der junge Mann ergrimmt zwiſchen den Zähnen. „Alice iſt bei weitem die Beſte,“ fuhr Herr Kohler fort;„Alice hätte anders werden können und müßte anders werden, wenn ihre Umgebung nicht gar zu hausbacken wäre.“ „Alice fühlt tief, ſie hat ein poetiſches Gemüth,“ ſagte Victor nachſinnend. „Das will ich Ihnen durchaus nicht läugnen; aber was kann aus einem poetiſchen Gemüth werden, wenn man alles Mögliche dazu thut, daſſelbe recht alltäglich zu machen! Blicken Sie um ſich; muß die Marotte des alten Duvallet, — ſonſt ſo eine brave ehrliche Seele,— immer um fünfzig Jahre zurück zu ſein, nicht auf das Mädchen einwirken? Und nicht blos ſeine Möbel ſind ſo, oder er ſelbſt hat einen Rock an, wie er zu Anfang des Jahrhunderts Mode war, — 60— nein, auch die gute Frau und Alice müſſen ſich tragen, daß man ſich oft kaum des Lachens erwehren kann.“ „Und doch ſieht Alice vortrefflich aus.“ „Nun, das iſt kein Wunder; nehmen Sie aber auch einmal den vollkommen tadelloſen Wuchs des Mädchens und das bischen Geſicht. Na, da muß ich ſchon bitten! Aber laſſen Sie das angezogen ſein, wie es jetzt Mode—“ dabei pfiff er ſelbſtgefällig—„die Taille bis hier, und die Röcke, daß ſie, kaum zum Zimmer herein können— nun, was denken Sie?“ „Ja, ich gebe das zu,“ ſagte Victor zerſtreut, wäh⸗ rend er pianiſſimo eine chromatiſche Tonleiter abwärts ſtieg. Herr Kohler legte ſeine Rechte auf die Schulter des jungen Mannes, während er mit Daumen und Zeigefinger der Linken ſeine Brille faßte— er pflegte das nur zu thun, wenn er etwas mit großer Beſtimmtheit ausdrücken wollte— und ſprach dann mit ſehr langſamer Stimme: „Setzen Sie Alice, angezogen wie es ſein muß, in den glänzendſten der Salons, die Sie zu beſuchen pflegen, wo die ſchönſten Damen ſind, und wir wollen ſehen, ob eine von ihnen neben ihr beſtehen kann.“ „Jetzt aber iſt es wahrhaftig genug!“ hörte man den Fabrikanten laut und fröhlich rufen. „Laßt uns noch einmal die Gläſer füllen!“ tönte darauf die Stimme des Herrn Duvallet. „Meinetwegen,“ ſprach der Steuereinnehmer,„und um anzuſtoßen mit dem Wunſche, daß wir uns nächſtes Jahr am heutigen Abend wieder froh und heiter zuſammen⸗ finden.“ „Ja, ja,“ antwortete der Commerzienrath mit ſehr vernehmlicher Stimme.„Daß wir uns nächſtes Jahr am heutigen Abend wieder froh und heiter zuſammenfinden. Hier oder anderswo.“ — 61— „Wie ſo anderswo?“ riefen ein paar der alten Herren. „Nun, nun, beruhigt euch,“ verſetzte der Hausherr, „ich meine nicht das Jenſeits. In unſeren Jahren! ich hoffe, das hat noch lange Zeit. Aber ich habe geſagt: an⸗ derswo, weil es mir doch auch einmal einfallen könnte, eine andere Wohnung zu beziehen. Ihr ſelbſt habt mich ja ſchon oft dazu drängen wollen. Wer weiß,“ ſetzte er mit einem Pathos hinzu, das ihm ſehr komiſch ließ,„vielleicht kaufe ich nächſtens ein Rittergut und bewirthe euch dort über's Jahr am heutigen Abend.“ Ah! das ließe ſich hören!“ meinte der Steuerein⸗ 77355 nehmer. „Vortrefflich!“ jubelte der Stadtrath.„Auf ein ſole ches Anderswo ſtoße ich mein Glas an, daß es in—“ er ſchluckte bei dieſem Worte etwas ſchwerfällig—„lauter— — Sche— Scherben zuſammenbricht. Und wenn Du wirk⸗ lich ein Rittergut kaufen willſt, Bruderherz, ſo hat es nichts zu ſagen,— wenn— wir— Dir vorher— all Deinen alten K— K— Kram zuſammen ſchlagen.“ „Das ſollſt Du thun dürfen,“ ſagte Herr Duvallet. mit gutem Humor,„aber morgen, Bruderherz. Heute in der ſtillen Nacht macht es zu viel Spektakel.“ „Alſo,“ rief der Fabrikant,„darauf angeſtoßen und ausgetrunken.“ „Bis zur— Na— Nagelprobe,“ ſprach ſehr ſchwer ſchluckend Herr Scheidel. „Und jetzt kommt das allerbeſte Glas,“ ſagte luſtig Herr Duvallet.„Ihr wißt wohl, zu welchem Lied, das zu Chren des Wirthes ja nicht fehlen darf. Das heißt, wenn euch meine Weine geſchmeckt.“ „Ob ſie uns geſchmeckt, Bruderherz!“ erwiederte der Stadtrath mit tiefer Rührung, wobei er Herrn Duvallet umarmte und auf beide Wangen ſchmatzte.—„Ka— — 62— pital— kapi— tal waren ſie; wer das läugnet iſt ein Phariſäer.“ „Dann iſt es aber auch Zeit zum Aufbruch,“ meinte der bedächtige Steuereinnehmer. „Die Gläſer ſind gefüllt,“ ſagte der Fabrikant.„Fang an Scheidel, aber nicht zu hoch.“ Der Stadtrath wandte ſich etwas ſchwerfällig gegen das Nebenzimmer und ſprach mit ſchwerer Zunge: „Herr Victor, Sie wiſſen, was man noch zum Ab⸗ ſchied ſingt. Fangen Sie an und geben Sie aber Ach⸗ tung, daß Sie uns nicht daraus bringen.“ Dann begann er mit etwas zitternder Stimme zu ſingen: „Jetzt ſchwingen wir den Hut und der Wein, der Wein war gut“ fiel der Chor der alten Herren ſelig und vergnügt ein. „Der Kaiſer trinkt Burgunderwein. Sein ſchönſter Junker ſchenkt ihm ein. Und ſchmeckt ihm doch nicht be—e—e—e- ſſer.“ Alice war wieder in das Nebenzimmer getreten und hatte ſich lächelnd neben den Flügel geſtellt. Victor hatte ohne Weiteres die Weiſe, welche draußen geſungen wurde, aufgenommen, und während er ſie nun variirte, blickte er in die dunklen Augen des ſchönen Mädchens und vertiefte ſich unwillkürlich in den Gedanken, den Herr Kohler vor⸗ hin ausgeſprochen. Und dieſer hatte Recht: wenn er ſich die herrliche Geſtalt dachte, die ſchon ſo wunderbar in dem einfachen, altmodiſchen Hauskleide erſchien, mit all' dem Glanz, all' der Pracht umgeben, welche wohl im Stande iſt, eine Schönheit wenn auch nicht zu ſchaffen doch zu er⸗ höhen, wenn er ſie ſich ſo vorſtellte, umgeben von Spitzen und Blumen, von leuchtender Seide und blitzenden Brillan⸗ — 63— ten, ſo mußte er ſich ſchon geſtehen, daß ſich gewiß Jeder⸗ mann nach ihr wenden, um ſie ſich bemühen müſſe. Die alten Herren draußen hatten nun ſingend wirklich den Hut geſchwungen, bei welchem Liede, da es ja dem Wirthe galt, auch Herr Kohler mitgewirkt hatte, und waren dann abgezogen in höchſt vergnüglicher Stimmung und ſich geſtehend, daß ſie einen heiteren, koſtbaren Abend verlebt. Victor ſchloß den Flügel, trat in das Nebenzimmer, und der Commerzienrath gähnte etwas Weniges, als der junge Mann Abſchied nehmend zu ihm trat. „Wir werden Dich wohl morgen nicht ſehen,“ ſagte er. „O doch, ich werde jedenfalls vorbei kommen, ſei es auch nur, um mich zu erkundigen, wie ihr Alle geſchla⸗ fen habt.“ „Bei uns iſt das, Gott ſei Dank! eine überflüſſige Frage,“ erwiederte lachend die Commerzienräthin.„Heute iſt es freilich ein bischen ſpäter als ſonſt geworden, aber dafür werden wir auch deſto feſter ſchlafen. Die Ruhe des Gemüthes iſt dabei die Hauptſache, und aus der kommen wir nicht heraus. Nicht wahr, Alice?“ „Ja, ſo iſt es,“ verſetzte das junge Mädchen mit etwas leiſer Stimme. Zu gleicher Zeit bückte ſie ſich aber auch, um eine Serviette aufzuheben, die auf den Boden gefal⸗ len war. Der Commerzienrath war an eins der Fenſter getre⸗ ten, hatte in die ſtille Nacht hinausgeblickt und ſagte, als er nun wieder an den Tiſch zurückkehrte: „Es war das ein ſchöner Abend, ein gelungener Abend; ich glaube auch, daß ſich unſere Freunde recht ſehr amuſirt haben. Ihr Beide,“ wandte er ſich an Frau und Tochter,„habt etwas Laſt davon gehabt, namentlich bei unſerer einigermaßen beſchränkten Wohnung.“ — — ͦ- —— — 64— Er ſprach das, indem er einen lauernden Blick auf ſeine Frau warf. „Darin haſt Du Recht,“ antwortete dieſe.„Die beſchränkte Wohnung macht, daß jede Geſellſchaft für uns mit größeren Koſten, jedenfalls mit größeren Mühen verbunden iſt. Hätten wir zwei oder drei Geſellſchaftssimmer,— wie es ſich gehörte,“ ſetzte ſie mit leiſerer Stimme hinzu, „ſo ließe man Alles ſtehen und liegen bis morgen früh; ſo aber, wo das Wohnzimmer bei guter Zeit wieder gerich⸗ tet ſein muß, heißt es jetzt noch aufräumen.“ „Das thäteſt Du auch, wenn Du ſechs Geſellſchafts⸗ zimmer hätteſt,“ ſagte launig Herr Duvallet;„Du hältſt es mit dem Sprüchwort Deiner ſeligen Mutter: Was Abends nur ein Taſt, Iſt Morgens eine Laſt. „Gib das zu, gute Seele. Draußen ſteht das Spül⸗ waſſer ſchon parat, und wenn ich zu Bette bin, und Vie⸗ tor aus dem Hauſe iſt, ſo fangt ihr an zu wirthſchaſten, daß es ein Vergnügen iſt.— Was, Alte, habe ich Un⸗ recht?“ Er tippte lächelnd mit dem Finger auf den dicken Arm ſeiner Gattin.„Bleib einmal ernſthaft, wenn es nicht ſo iſt.“ Das war aber nun der guten Madame Duvallet plat⸗ terdings unmöglich: ſie machte freilich ein paar krampf⸗ hafte Verſuche, ihre hin und her zuckenden Mundwinkel zu beruhigen, aber es wollte ihr das nicht gelingen; ſie platzte in lautes Lachen aus, wobei ſie rief: „Jetzt ſollte ich doch beim lieben Gott weinen über den Undank von dem Manne! Statt mich zu tröſten, ver⸗ ſpottet er mich noch. Aber ſiehſt Du, Alice, das iſt unſer Loos, nichts als Mühe und Arbeit und keinen Dank dafür.“ „Nun, ich wünſche euch beſte Unterhaltung,“ ſagte △ Herr Duvallet;„gute Nacht, Victor!“ Er küßte ſeine Toch⸗ ter auf die Stirne, nahm vom Nebentiſch einen Handleuch⸗ ter und ging in ſein Schlafzimmer. Victor blickte verſtohlen auf ſeine Uhr, was jedoch Alicen nicht entging. „Wenn ich euch noch etwas helfen kann,“ ſagte er, „ſo thue ich es mit Vergnügen.“ „Geh' Du nach Hauſe und zu Bett,“ verſetzte gut⸗ müthig die alte Frau.„Ein Menſch von Deinen aufgeregten ſerven muß ſeine Nachtruhe haben. Oder haſt Du ſonſt noch etwas vor?“ „Ich wüßte nicht,“ erwiederte der junge Mann zö⸗ gernd,„und wenn ihr meine Gegenwart wünſcht—“ „Nein, nein,“ ſprach die Commerzienräthin,„Du ſtörſt uns nur.“ Alice ſagte nichts; ſie war zu der verſchnörkelten Standuhr getreten, die auf der altmodiſchen Kommode ſtand, und während ſie das Werk aufzog, was ſie jeden Abend zu thun pflegte, blickte ſie auf das Zifferblatt. Es war faſt ein Uhr. „Alſo gute Nacht, Tante!“ ſagte Victor,„gute Nacht Alice! Gute Nacht! ſchlaft wohl!“ Er reichte Beiden die Hand und verließ das Zimmer; gleich darauf hörte man ihn die Hausthüre vernehmlich ſchließen. Wie es der Commerzienrath prophezeit, erſchien nun das Dienſtmädchen des Hauſes mit einem großen Kübel voll Spülwaſſer, und Madame Duvallet und die Magd be⸗ gannen emſig die gebrauchten Gläſer und übrigen Gefäſſe zu reinigen, während Alice den Tiſch abräumte, die Stühle auf ihren Platz rückte und die überflüſſigen Lichter aus⸗ löſchte. „Man arbeitet in der Nacht, wenn es ſo ſtill um Hackländer, Tag und Nacht. 5 — 66— uns her iſt, ſo leicht und angenehm,“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe.„Ich glaube, jetzt ſchläft faſt Alles in der Stadt.“ Bei dieſen Worten blickte ſie ihre Mutter fragend an. „O nein,“ erwiederte dieſe,„bei den vornehmen Herr⸗ ſchaften geht das Leben erſt recht an. Jetzt, während wir uns zur Ruhe legen, beginnen ihre Geſellſchaften eigentlich erſt.“ „Alſo kann man noch um dieſe Stunde in ihre Soi⸗ réen gehen?“ Die alte Frau warf einen Blick auf die Uhr, dann verſetzte ſie:„O ja, es ſoll ſogar recht vornehm ſein, ſehr ſpät zu kommen.“ „Vielleicht,“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe, während welcher es ſich ſehr eifrig mit dem Kryſtall beſchäf⸗ tigt hatte,„geht man auch dann ſo ſpät in dieſe Soiréen, wenn man ſich dort nicht beſonders intereſſirt, und doch nicht ganz wegbleiben mag, um nicht unhöflich zu er⸗ ſcheinen.“ „Nein, nein, Kind,“ entgegnete die Commerzienräthin, „ich glaube, wer in eine ſolche Geſellſchaft geht, nur um ſich zu zeigen, der iſt ſo früh wie möglich da.“ „Aber weßhalb denn?“ „Mir erzählte Dein Vater davon, der ſich ja auch An⸗ ſtandshalber ein paar Mal im Winter im Salon des Mi⸗ niſters zeigen muß. Leider hat er an ſo etwas gar keine Freude,“ ſprach ſie mit einem leichten Seufzer,„und da geht er alsdann hin ſo früh wie möglich, macht ſein Com⸗ pliment und bleibt recht nahe an der Eingangsthür ſtehen, um wieder hinaus zu können, ſo bald dort Niemand ſicht⸗ bar iſt, der ihn beobachten könnte. Papa ſagte mir auch, daß, als er einige Mal da bleiben mußte, weil ihm der Herr Miniſter geſagt, er müſſe ihn ſpäter etwas fragen, — 67— die genauen Freunde und Bekannte des Hauſes ſehr ſpät gekommen ſeien.“ Alice that einen tiefen Athemzug und trat an's Fen⸗ ſter, um die Jalouſieläden zu öffnen. „Es iſt ſo dunſtig und warm hier im Zimmer,“ ſprach ſie.—„Ach, die ſchöne, kühle, klare Nacht draußen! Jetzt ſollte man ſpazieren gehen können.“ Sie lehnte ihren Kopf ſeitwärts an die Fenſterſcheiben, ſo daß ihre heiße Stirne die friſche Fläche berührte, und blickte nachdenkend, träumend auf die ſtillen Straßen. Heller Mondſchein ruhte auf dem Pflaſter und zeichnete die eine Reihe der Gebäude in dunkeln ſchattigen Umriſſen: aller Lärm, alles Geſumme des täglichen Lebens war verſtummt, eine tiefe, feierliche Stille lag auf den Häuſern, war ausgebreitet in der kühlen Nachtluft. Nur von den Glockenthürmen herab wurde jetzt die allgemeine Ruhe geſtört:— es ſchlug die erſte Stunde. FeulMahlk- unruhig Schlummernden; da nur ſelten Tritte, oder wo begleitet von dem Aufſtoßen eines eiſenbeſchlagenen Stockes, enn man um die erſte Stunde durch einen großen Theil der Straßen der Reſidenz ging, ſo mußte man ſich ſchon geſte⸗ hen, daß die Nacht hier ihr ſtrenges Recht übte. Da ſah man nur höchſt ſelten an den Fenſtern der Häuſer den Schein eines trübſeli⸗ gen Nachtlichtes, welche hin⸗ ter herabgelaſſenen Vorhän⸗ gen vielleicht einem Kranken leuchtete, oder ſonſt einem hörte man auf dem Pflaſter dieſe erklangen, waren ſie einem der Inſignien des Nachtwächters, der verdroſſen und ſchlaftrunken umherſchlenderte, um die Stunden abzurufen. Es gab aber dagegen auch wieder andere Theile der Stadt, wo man um dieſe Zeit noch erleuchtete Fenſter ſah, wo man plaudernde und lachende Spaziergänger bemerkte, wo man auch das Rollen der Equipagen hörte; es waren das Straßen, wo ſich große Café's befanden, oder wo die Ariſtokratie wohnte, bei deren Feſten und Soiréen es, wie Madame Duvallet vorhin geſagt, zum guten Tone gehörte, recht ſpät zu komemen. Vor uns, am Ende jenes kleinen Platzes, ſehen wir ein Haus mit erleuchteten Fenſtern, deſſen Thor weit offen ſteht und auf einen ebenfalls glänzend erhellten Hof führt, von wo der Eingang in's Haus durch eine breite Treppe mit weit überſtehendem Glasdach bezeichnet iſt, welches letztere eigenthümlich funkelt und ſtrahlt bei dem Glanze zweier mächtiger Gascandelaber, deren weiße Flammen in die Höhe ſprühen und nicht nur das Glasdach über ihnen, ſondern auch ein Netz von Schlingroſen, die an den Seiten und in der Höhe eine förmliche Laube über der Thür bil⸗ den, auf's Phantaſtiſchſte beleuchten. Auf der Treppe des Hauſes ſteht ein wohlbeleibter Portier, in großer Livrée, angethan mit dem breiten Ban⸗ delier, in dem der unbedeutende Degen ſteckt, in den Hän⸗ den den Stock haltend mit dem dicken ſilbernen Knaufe, auf dem Kopfe den goldbordirten Hut, und die ganze Perſön⸗ lichkeit übergoſſen und aufgeblaſen von der Würde, die dem Thürſteher eines vornehmen Hauſes nothwendiger Weiſe zukommt. In dem Hofe halten über ein Dutzend herrſchaftlicher Equipagen, alle mit hellſtrahlenden Lichtern in den Later⸗ nen, eine kleine feierliche Illumination bildend, die ſo vor⸗ trefflich paßt zu dem wohlgenährten bunten Portier und zu dem Lichtmeer, in welches der Veſtibul des Hauſes ge⸗ hüllt iſt. Dieſe Lichtmaſſe coquettirt mit den glänzenden Equipagen, mit den ſtattlichen Pferden, und ſtrahlt wider in den großen, leuchtenden Augen der edlen Thiere, in den reich mit Gold und Silber beſchlagenen Geſchirren. Die Roſſelenker haben es ſich bequem gemacht; wäh⸗ rend die linke Hand mit dem Zügel nachläſſig auf dem Knie ruht, hält die rechte die lange Peitſche mit der zu⸗ ſammengewickelten Schnur; der Knopf des Griffes iſt auf den Schenkel aufgeſtützt. Andere haben ſich auch wohl leicht hintenüber gelehnt, halten die Zügel unter einem Beine, während ſie mit über einander geſchlagenen Armen behag⸗ lich ruhend an der Conſervation Theil nehmen. Die Lakeien der betreffenden Equipagen ſtehen theils bei ihren Wagen, theils umgeben ſie den Portier auf der Treppe, wieder andere halten ſich mit Mänteln und Shawls auf dem Arme im Veſtibul auf. Ein junger Mann erſcheint jetzt unter der Einfahrt, nähert ſich der Treppe, und als ihn der Portier erkennt, nimmt dieſer ſeinen Stock bei Seite und macht dem Ange⸗ kommenen eine Verbeugung, nicht ſehr tief, mit einer leich⸗ ten Miſchung von Vertraulichkeit und Ehrerbietung. „Sind wir ſchon ſehr ſpät daran?“ fragte der Ange⸗ kommene; worauf der Thürſteher erwiederte: „Sie werden immer noch nicht der Letzte ſein, Herr von Barring.“ Dieſer antwortete mit einem leichten Kopfnicken und trat alsdann in eine Garderobe neben dem Veſtibul, wo er ſeinen leichten Sommerpaletot in die Hände des Lakeien warf, und ſich dann vor dem Spiegel Haar und Bart und ſein weißes Halstuch ein wenig ordnete. Unmittelbar hinter ihm war ein Coupé im vollen Laufe der Pferde in den Hof gerollt, und der Kutſcher parirte —= 1— ſo geſchickt vor der Treppe, daß die Thüre des Wagens genau in der Mittellinie derſelben hielt. Ein Lakai riß den Schlag auf und eine junge Dame glitt auf den reichen Teppich, der die ſteinernen Stufen und noch ein Stück des Pflaſters bedeckte. Die Dame, rauſchend in ihrem unendlich weiten Kleide von ſchwerem Seidenſtoff, hielt ein übermäßig großes Blu⸗ menbouquet in der Hand; ſie betrat das Veſtibul in dem Augenblick, als der vor ihr Angekommene aus der Garde⸗ robe kam und ſie mit einer tiefen Verbeugung bei ſich vorübergehen laſſen wollte. „Bon soir! Herr von Barring,“ ſagte die Dame, in⸗ dem ſie lächelnd mit der Hand winkte und einen flüchtigen Blick aus ihren kokett ſchläfrigen dabei aber ſchönen Augen auf den jungen Mann warf.„Gehen Sie oder kommen Sie erſt?“ „Ich komme ſo eben, gnädige Gräfin.“ „Gut, dann können Sie mich begleiten. Geben Sie mir Ihren Arm.“ Victor glitt gewandt auf die linke Seite, um der Dame ſeinen rechten Arm anzubieten. So ſchritten Beide durch das Veſtibul, an deſſen Ende ein Bedienter beide Flügelthüren öffnete und das Paar, welches ſich ſo zufällig zuſammen gefunden, ein⸗ treten ließ. „Die gnädige Gräfin kommen aus einer andern Geſell⸗ ſchaft?“ fragte Victor, während ſie ein elegant möblirtes aber leeres Vorzimmer betraten. „O nein,“ erwiederte die Dame,„ich fühlte mich heute Abend entſetzlich unwohl; ich legte mich früh nieder, war aber nicht im Stande einzuſchlafen, und ließ den Grafen allein hieher gehen. Was ſollte ich mich aber in meinem langweiligen Schlafzimmer mit beängſtigenden Phantaſieen 4 — 72— plagen? Ich bemerkte an der Luft, welche durch die geöff⸗ neten Fenſter drang, daß es draußen göttlich ſein müſſe; auch war es noch ſehr früh, und da ich nicht wußte, was ich machen ſollte, ſo fragte ich bei meinem Orakel um Rath.“ „Und wie ſo das, gnädige Gräfin?“ „Nun, halb und halb hatte ich wohl Luſt hieher zu gehen,“ entgegnete ſie leicht,„wogegen ich anderntheils auch faſt ebenſo gerne zu Hauſe geblieben wäre. In ſolchen Fällen nun befrage ich eins meiner Orakel. Stehen Roſen auf meinem Tiſche, ſo zähle ich an den Knoſpen Ja und Nein; zuweilen laſſe ich mir auch Karten bringen, und wenn das erſte Aß links fällt, ſo bleibe ich zu Hauſe. Auch zähle ich manchmal, wenn ich gerade nichts bei der Hand habe, das: ſoll ich? oder ſoll ich nicht? an den Schnüren meines Kleides ab.— Ich kann Sie verſichern, Herr von Barring, es iſt das eine ſehr empfehlenswerthe Methode, über Unſchlüſſigkeiten hinwegzukommen, und ich rathe Ihnen dazu.“ „Das kann man aber nur bei ſehr gleichgültigen Dingen thun, und nicht bei etwas, wo das Herz mitempfindet.“ „Das Herz?“ erwiederte die Gräfin ſpöttiſch fragend. „Gerade da iſt es gut, wenn wir einen unparteiiſchen Rath⸗ geber haben.“ „Und Sie folgen demſelben jedenfalls?“ „Wenn ich einmal anfrage, unbedingt. Ohne indiscret zu ſein, kann ich Ihnen ſagen, daß es mir zum Beiſpiel heute Abend nicht gleichgültig geweſen wäre, wenn mein Orakel mir befohlen hätte, zu Haus zu bleiben; aber ich hätte ihm unbedingt gefolgt in der Ueberzeugung, daß das vielleicht beſſer ſei.“ „So bin ich dem Orakel dankbar,“ ſagte galant der junge Mann,„daß es ſo und nicht anders geſprochen.“ Die Gräfin lachte laut auf, ehe ſie antwortete: „Das ſind Redensarten, Herr von Barring; Sie ſag⸗ ten das nur, weil es Ihnen gerade in den Kopf kam. Es iſt aber auch gut, daß nichts hinter dieſen Worten ſteckt, ſonſt wäre es ſchlimm für—“ Sie ſah ihn mit einem ſchalkhaften Lächeln an. 3 „Für mich, gewiß für mich! gnädige Gräfin.“ Worauf ſie ziemlich trocken erwiederte:„O nein, für Jemand anders.“ Sie betraten jetzt einen reichen, ziemlich großen Salon, in dem ſich Herren und Damen befanden; von den erſte⸗ ren ſtanden mehrere hie und da zuſammen mit einander plaudernd, andere ſaßen in den verſchiedenartigſten Fau⸗ teuils oder lehnten an die Sophas, mit den Damen lachend und plaudernd, von denen immer zwei, drei oder auch vier einen Mittelpunkt bildeten, der von den jüngeren und älteren Herren umſchwärmt und häufig mit neckenden Worten angegriffen wurde. Selten ſah man zwei oder drei Damen in irgend einer Ecke allein, oder wo dies vorkam, waren dieſelben in ſo eifriger Converſation begriffen, daß ſich ein Unberufener wohl aus dieſem Grunde nicht zu nahen wagte. In dieſem Fall ſchienen aber auch die wichtigſten Themata verhandelt zu werden und auffallender Weiſe entweder mit vergnügt lächelndem Munde, mit heiter glänzenden Augen, oder mit zuſammengezogenen Lippen und finſteren Blicken— Frieden oder Krieg. Aus dieſem Salon führte eine breite Thüre auf eine Terraſſe, über die ein Zelt gebaut war, und welche vermittelſt grünender und blühender Bäume, unzähliger Blumen, phantaſtiſcher Lampen und reizender Sitze, die auf's Zierlichſte zwiſchen den Gebüſchen eingepaßt waren, zu einem wirklich feenhaften Gemache umgeſtaltet worden. Im erſten Salon hatte man den Eintretenden gerade nicht viel Aufmerkſamkeit geſchenkt; nur hie und da winkte ein Fächer grüßend aus einer der Damengruppen hervor, — — — 74— was die Gräfin mit ihrem Blumenſtrauß erwiederte. Wohl hätte man auch einen fragenden Blick bemerken können, der unwillkürlich auf Victor fiel und von einer Andern mit einem leichten Achſelzucken beantwortet wurde. Nur ein paar Herren näherten ſich mit ziemlich lang⸗ ſamen Schritten von einer Fenſterniſche her, und der Eine, eine lange, trockene Figur— er mochte hoch in den Vier⸗ zigen ſein, hatte wenig Haar, trug ſeinen Schnurrbart ſtark emporgedreht, war aber ſehr gewählt und äußerſt ele⸗ gant gekleidet— ſchritt auf die Gräfin zu, blieb eine Sekunde nachläßig vor ihr ſtehen, und ſagte im gleichgültigſten Tone von der Welt: „So, es geht Dir beſſer, Du biſt noch gekommen?“ „Wie Du ſiehſt,“ entgegnete ſie;„es war wahrhaftig zu langweilig allein zu Hauſe.“ „Und Sie hatten Recht,“ ſprach der andere der beiden Herren,„uns noch mit Ihrer Gegenwart zu beglücken.“ Die Gräfin neigte ihren Kopf mit einem freundlichen Lächeln gegen den, der ſo eben geſprochen, und als ſie gleich darauf ihr Haupt wieder erhob und ihre Züge wieder völlig ernſthaft geworden waren, ſagte ſie zu ihrem Gemahl, wel⸗ cher ſeinen langen Schnurrbart zwiſchen den Fingern drehte: „Wo iſt denn Camilla?“ „Sie wird draußen auf der Terraſſe ſein,“ antwortete der Graf.„Soll ich nachſehen?“ „Danke, ich will Dich nicht ſtören. Ich muß doch ſelbſt nachſchauen.“ Damit verließ ſie den Salon und trat unter das Zelt, wo vielleicht acht Damen waren, die in einer maleriſchen Gruppe im Kreis umher auf niederen Fauteuils und Cauſeuſen bei einander ruhten, während von vier Herren zwei auf Tabouretten zwiſchen den Damen ſaßen und die andern vor der Gruppe ſtanden. —Q¶·Q·Qͥͥ··—·—·˖—·—¶¶·ᷓÿñ-pnqa·˖ — — 75— Es war ein vollkommenes und reizendes Bild, dieſe acht ſchönen Mädchen und Frauen in ihren eleganten Toiletten, anmuthig lehnend in den weichen Kiſſen, die vollen Schul⸗ tern und Arme ſo blendend hervorleuchtend, ſo förmlich glänzend unter dem hellen Lichte, das gerade auf die Gruppe fiel und ſich dort ſo gern und bereitwillig zu lagern ſchien. Rings umher nickten die grünen Zweige herab und bildeten mit den ſanften Farben der Blumen— ſanft gegen die hellen Töne der glänzenden ſeidenen Stoffe, gegen den leuchtenden Schimmer der Arme und Hände, gegen das Blitzen der Augen und der Brillanten— eine der zierlich⸗ ſten Einfaſſungen, die man ſich nur denken kann. Aus der Mitte der Damen erhob ſich eine ſchöne, ſtatt⸗ liche Frau, eine prächtige Geſtalt, in der ſich die Formen des Weibes mit der elaſtiſchen Weichheit des Mädchens ver⸗ einigten,— die Herrin des Hauſes, die Baronin Molitor. Sie gab der eben Angekommenen die Hand und reichte dann dem jungen Manne die Fingerſpitzen, die dieſer innig küßte, worauf ſie der Gräfin einen Sitz neben ſich anwies. Beide waren ſehr ſchöne Frauen, aber ganz verſchiede⸗ ner Art. Während Alles an der Baronin, ihre Geſtalt, ihre vollen Formen, ihre klaren, herrlichen Augen, ihre friſchen Zähne, die Röthe auf ihren Wangen, der unaus⸗ ſprechliche Schimmer, der auf ihrem Nacken und ihren Armen lag, ihr volles dunkles Haar, ja alle ihre Bewegungen, ſelbſt der Ton ihrer Stimme das vollkommenſte Bild der Geſundheit darſtellte, einer üppigen Blüte, dabei aber eines jugendlich heiteren Gemüthes, einer vergnügten Natur, eines Weſens voll Herzensgüte und Edelmuth, kurz einer Schönheit, von der man ſagen könnte, ſie ſei die Schönheit eines Engels, hätte man die Schönheit der Gräfin als eine teufliſche Schönheit bezeichnen müſſen. Dieſe war ſchlank, ohne mager zu ſein, und in ihrem ——— Weſen außerordentlich elaſtiſch, gewandt, ruhelos. Sie hatte die zierlichſten Hände und Füße, die man ſehen konnte, eine außerordentlich feine Taille, die ſie zu halten wußte wie Wenige. Was aber die Männer theils anzog, theils ab⸗ ſtieß, und was unſern Vergleich: eine teufliſche Schönheit, vielleicht rechtfertigen könnte, war der Ausdruck ihres Kopfes, ihres Geſichtes, von einer antiken regelmäßigen Schönheit, von einer kalten Schönheit, zu urtheilen nach der Ruhe, die gewöhnlich auf ihren Zügen lag, nach der Bläſſe ihres Teints, aber nicht nach dem Glanze ihrer Augen, wenn ſie dieſelben aufſchlug und hervorleuchten ließ das Erglühen eines Vulkans unter ſeiner Schneehülle. Dieſe Augen aber hatten etwas Reizendes, etwas un⸗ widerſtehlich Anziehendes; in der Art der Spanierinnen öffneten ſie ſich nur ſelten vollkommen, um in ihre ganze Glut ſchauen zu laſſen, gewöhnlich wurden ſie wie ſchläfrig von den Lidern zugedeckt— glänzende Nattern unter den überhangenden dichten Ranken des Urwaldes, gefährlich dem ſich unbedachtſam Nähernden. Schon als die Gräfin den erſten Salon betreten, hatte ſie ihre Blicke aus den halb geſchloſſenen Augen rings um— her geſandt, von Allen unbemerkt, ohne den Kopf dabei zu wenden. Auch hier unter dem Zelte ſchaute ſie um ſich, wobei ſie, um keine Abſicht merken zu laſſen, damit freundliche Grüße an die anweſenden Damen und Herren verband. „Schade, daß Du nicht früher gekommen biſt,“ ſagte die Baronin,„das Concert und unſere kleinen Tableaux ſind vortrefflich gelungen. Hat Dich etwas zurückgehalten?“ ſetzte ſie nach einer Pauſe mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu. „Meine Migräne, ſonſt nichts,“ erwiederte die Gräfin, „und ich wäre auch nirgend anders wohin gegangen, als —,— gerade zu Dir, meine liebe Camilla, wo man ſo ungenirt ſein kann. An der Thüre traf ich Herrn von Barring,“ fuhr ſie mit einem ſo gleichgültigen Tone fort, daß dieſer Ton faſt wie abſichtlich erklang.„Ich mußte ihn aber bitten, mir ſeinen Arm zu geben, ſonſt hätte er mich allein gehen laſſen.— So, ihr habt alſo probirt?“ Bei dieſen Worten blickte ſie abermals forſchend rings umher.— „Und es iſt gut gegangen?“ „Wie ich Dir ſagte: vortrefflich.— Ei, Herr von Barring,“ wandte ſich die Baronin an Victor,„ſeien Sie ſo gut, Ihren Freund aufzuſuchen; er hat nach Ihnen ver⸗ langt; Sie werden ihn im großen Saale finden, er hat die Tableaux mit einer wahren Aufopferung geleitet.“ Victor hatte ſich auf ein Tabouret ſo dicht hinter den Fauteuil der Frau des Hauſes geſetzt, daß ihr weites, bau⸗ ſchiges Kleid von weißer Seide ſein Knie berührte, und daß, als ſie ſich nun umwandte, ihr ſchönes klares Auge unmittelbar vor ſeinem Geſichte erſchien; er fühlte den Hauch ihres Athems, und als er ſich dadurch faſt verwirrt, be⸗ täubt erhob, legte er unwillkürlich ſeine Hand auf die Rück⸗ lehne ihres Seſſels, wodurch ſeine warmen Finger mit ihrer kalten, glatten Schulter in Berührung kamen. Daß ſie nicht zuſammenzuckte, ließ ihn tief aufathmen. Er verließ die Terraſſe, trat in den Salon zurück und ging durch denſelben nach dem großen Saale, zu dem man durch ein kleines Zimmer gelangte. Dieſes war ziemlich dunkel, und auch in dem anſtoßenden großen Gemache brannten nur wenige Lichter. Hier war noch die ganze Einrichtung zur Concert⸗Vor⸗ ſtellung geblieben; im Hintergrunde war eine kleine Bühne aufgeſchlagen, deren emporgezogener Vorhang ein mittelalter⸗ liches Zimmer ſehen ließ, deſſen man ſich beim letzten Ta⸗ bleau bedient. Vor der Bühne ſtanden in mehreren Reihen, — 78— von einer Seite des breiten Saales bis zur andern, ein paar hundert Seſſel, die das ausgewählte Publikum eben verlaſſen. Jetzt aber ruhten hier ein paar Lakeien von des Tages Laſt und Hitze, jeder ſehr bequem über drei Fauteuils aus⸗ geſtreckt, Zähne ſtochernd aus. Beim Anblick des jungen Mannes ſprangen ſie in die Höhe, und auf ſeine Frage nach Herrn Stifter eilte einer der Lakeien voran über die Bühne hinweg nach dem Hintergrunde des Saales, wo ſich, von einem dicken Vorhange bedeckt, große breite Glasthüren befanden, die auf einen geräumigen Balkon führten. „Da finde ich Dich in ſtiller Einſamkeit!“ rief Victor, nachdem ſich der Lakei entfernt und der Vorhang hinter ihm zugefallen war, einer Geſtalt zu, die bei dem ungewiſ⸗ ſen Lichte der Nacht nur undeutlich zu erkennen war, und auf einem Stuhle ſitzend Arme und Kopf auf der Brüſtung des Balkongeländers ruhen ließ. „Ah!“ rief Herr Stifter, indem er ſich umwandte,„Du biſt es? Kommſt ſo ſpät noch?— Du warſt bei Deinen Verwandten?“ „Natürlich, ich war bei dem Commerzienrath; ein Fa⸗ milienfeſt. Wie hätte ich da fehlen können!“ Der am Geländer machte eine heftige Bewegung; er ſeufzte tief auf, dann gab er mit gepreßter Stimme zur Antwort: „Danke Gott, daß Du nichts in Deinem Herzen fühlſt, was Dich veranlaßt, bei einem Familienfeſt der Deinigen zu fehlen, um hieher zu kommen,— hieher, wohin wir nie gehen ſollten.“ „Ci, ei, Du ſcheinſt mir in einer trüben Laune zu ſein, und haſt doch keine Urſache dazu,“ ſprach Victor.„Von der urer leben⸗ gangen. Damit kannſt Du doch wohl zufrieden ſein, denn Du haſt gerade ſo in deinem Berufe gearbeitet, als wäreſt Du ein paar Stunden vor der Staffelei geſeſſen.“ „Wir ſollten nicht hieher gehen,“ wiederholte der An⸗ dere mit dumpfer Stimme,„nie in dieſe Kreiſe gehen.“ Bei dieſen Worten legte er ſeine heiße Stirne, wie um ſie abzukühlen, auf die eiſerne Brüſtung des Balkonge⸗ länders. Den jungen Muſiker, der leicht achſelzuckend ſeinem Freunde zuſah, ſchienen dergleichen Aeußerungen deſſelben nicht zu befremden, denn er entgegnete: „Das haſt Du Dir und mir ſchon oft genug geſagt; mich haben Deine Reden nicht überzeugt, und Du ſelbſt haſt nie nach Deinen Worten gehandelt.“ „Das iſt gerade das Entſetzliche,“ ſprach der Maler, indem er emporfuhr,„daß ich den Abgrund vor meinen Füßen ſehe und doch nicht anders kann, als am Abhange deſſelben gedankenlos hinzuſchlendern. Was Dich anbe⸗ trifft, ſo iſt das etwas ganz Anderes; Du biſt ein freier Menſch, Du haſt Niemanden als Dir ſelbſt von Deinem Thun und Laſſen Rechenſchaft zu geben, und Dein Inneres wird Dich nicht verdammen, wenn Du hieher kommſt, an⸗ gezogen von den ſchönen und doch ſo furchtbaren Augen eines ſchrecklichen Weibes. O, es liegt in ihrem Blicke etwas Dämoniſches, und was ſie einmal gefaßt hat, das läßt ſie nicht fahren, ſie hält es feſt, wie die Spinne ihr Opfer, bis ſie ihm wie dieſe das Herzblut ausgeſogen.“ „Du biſt für mich ein Räthſel,“ entgegnete Victor;„Du haſt mir nie einen Namen genannt, und darnach unaufge⸗ fordert zu rathen, wäre ſelbſt für einen ganz genauen Freund indiscret.“ 1 „Ah, furchtbar!“ rief der Andere, und dabei ſchüttelte er die langen dunkeln Haare aus ſeiner Stirne, wandte — 80— ſich haſtig gegen ſeinen Freund um und ſprach dann mit flehender Stimme: 1 „Victor, Du biſt ſtärker als ich, Du haſt mehr Willens⸗ kraft, Du haſt mir ſchon oft geſagt, Du meineſt es gut mit mir, mit Thereſe und mit meinen armen Kindern. Wenn dem ſo iſt, wenn Du etwas für uns thun willſt, ſo nehme mich von dieſem Orte fort, reiß mich nöthigenfalls mit Gewalt hinweg. Ja, Du wirſt Gewalt brauchen müſſen,“ ſetzte er finſter lachend hinzu,„eine Gewalt, die Du gar nicht anwenden kannſt und willſt.“ „Du biſt wieder einmal ſehr aufgeregt,“ verſetzte der Muſiker, nachdem der Andere ein paar Augenblicke geſchwie⸗ gen.„Aber nimm mir nicht übel, wenn Du Dich von hier fortſehneſt— und ich glaube auch, es iſt beſſer, daß Du gehſt— ſo thue das in Gottes Namen. Was haſt Du überhaupt hier im Dunkeln auf der Altane zu ſitzen? Miſch' Dich in die Geſellſchaft drüben, wo man Dich gern ſieht, wo Du freundlich aufgenommen biſt. Geh' nach Hauſe.“ „Zu ihr und zu den kleinen Kindern,“ ſagte Herr Stifter nachdenkend.„Ja, wenn ſie mich jetzt freundlich empfinge, wenn ſie mir ſagte: erzähle mir, wie es dort geweſen iſt, wo Du herkommſt, wenn ſie ſich freuen würde an der Schilderung, die ich ihr ſo lebhaft machen könnte von dem ſchönen Concerte, von den herrlichen Tableaux, die wir geſtellt.“ „Ja, ja, und von den ſchönen Mädchen und Weibern, die mitgewirkt,“ fiel ihm Victor kopfnickend in die Rede. „Du kannſt am Ende nicht von ihr verlangen, daß ſie ſich das ruhig von Dir ſoll erzählen laſſen und ein Vergnügen dabei empfinden. Ich weiß, daß ſie es nicht gern ſieht, wenn Du in dieſe Geſellſchaften gehſt.“ „Aber ich muß hingehen,“ erwiederte der Maler heftig; „ich thue es der Kunſt zulieb und meiner Exiſtenz. Von — 81— all' den guten Freunden und Freundinnen meiner Frau, die, wie ich wohl weiß, achſelzuckend ſprechen, daß ich mich in dieſen Kreiſen bewege, und die durch ihre hämiſchen Aeu⸗ ßerungen Thereſe gegen mich eingenommen haben, von all' denen fällt es Niemand ein, ſein ordinäres Geſicht von mir malen zu laſſen. Oder wenn das je einmal geſchieht, ſo wird vorher mit mir bis zum Ekel gehandelt, und dann muß ich mich noch all' dieſen hausbackenen Launen fügen. O wie biſt Du zu beneiden, der es nur mit der göttlichen Harmonie zu thun hat!“ „Ja, ich und meine Frau,“ ſprach lächelnd Victor, „wenn ich einmal eine haben werde; denn, um meine Kunſt auszuüben, dazu brauche ich nicht ſtundenlange Tétes à Totes mit den ſchönſten Weibern, brauche auch nicht lebende Bilder zu arrangiren im verführeriſchen Halbdunkel einer Bühne. O ich kann es Thereſe nicht übel nehmen, daß 5 5 ſie eiferſüchtig iſt.“ „So ſprichſt auch Du gegen mich!“ rief der Andere aufbrauſend.„Da iſt wahrhaftig Keiner, Keiner, Keiner, der es ehrlich mit mir meint, der mir die Wahrheit ſagt unumwunden,— gerade zu— meinetwegen verletzend.“ Er machte mit der rechten Hand eine heftige Bewegung, als wolle er nach etwas Unſichtbarem einen gewaltigen Stoß führen. Dann aber vergrub er ſeine Finger in den Haaren, um ſie gleich darauf an ſeinem Geſichte herabfahren zu laſſen. „Du biſt wirklich höchſt eigenthümlich,“ ſprach Victor kopfſchüttelnd,„faſt komiſch. Im ſelben Augenblick, wo ich Dir meine Herzensmeinung ſage, machſt Du mir Vor⸗ würfe, daß ich keine Wahrheit für Dich hätte. Nun gut denn, ich will Dir— nochmals ſchonungslos meine Anſicht wiederholen. Du biſt Künſtler, Maler, nebenbei aber auch Familienvater, und das ſind zwei Eigenſchaften, die, wie ich Hackländer, Tag und Nacht. 6 — 82— Dir zugeben will, ſich für Manchen nicht gut vereinigen laſſen. Du haſt eine charmante, liebenswürdige Frau— eine ſehr hübſche Frau, Ferdinand, und das würde ich Dir rathen nicht aus den Augen zu verlieren,— Du malſt ein famoſes Porträt, Du biſt darin berühmt, geſucht, und Du würdeſt ein Narr ſein, wenn Du nicht die ſchönen Weiber da drüben, entourirt von all' ihrem reizenden Mode⸗ luxus, der ihnen ſo gut ſteht, der Dir pikante Bilder ver⸗ ſchafft, malen wollteſt. Nach der Sitzung aber ſchließe Dei⸗ nen Farbekaſten zu und ebenſo Dein Herz, was Du eigent⸗ lich gar nicht geöffnet zu haben brauchteſt, und wie Du die Farben von der Palette wegwiſcheſt, ſo vertilge auch alle Erinnerung an die Sitzung, die Du ſo eben gehabt.“ „Das habe ich lange gethan und war glücklich dabei, o ſehr glücklich!“ ſagte der Maler mit bewegter Stimme. „Wenn Du nun in einem Hauſe, wo man Dich freund⸗ lich aufgenommen hat, lebende Bilder zu ſtellen haſt,— gut, ſo thue das, und wenn Du fertig biſt wie jetzt, ſo begib Dich heim, erzähle Deiner Frau von dem, was Du gethan, aber ehrlich, ohne Rückhalt.“ „Das habe ich lange gethan, aber ſie hat mir nie ge⸗ glaubt, ſie wußte in meinen offenherzigſten Erzählungen immer etwas zu finden, wo ich, wie ſie ſagte, Geheimniſſe zu verdecken hätte; ſie hat über meine Sitzungen, über meine Theilnahme an den lebenden Bildern und dergleichen, dies und das von guten Freundinnen gehört.“ „Ah! von guten Freundinnen. Es iſt doch ein verdammt wahres Sprüchwort: beſchütze mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden.“ „Es verdroß mich, daß ſie meinen Worten nicht glaubte, und um ſie einigermaßen zufrieden zu ſtellen, mußte ich, da ſie die gute Wahrheit nicht ertragen konnte, die unſchuldigſten Thatſachen verdrehen.“ — 83— „Und darüber kamen dann Aufklärungen, welche die Sache noch unangenehmer machten.“ „So war es. Thereſe, in allen andern Sachen das Muſter einer Frau, der Engel meines Hausweſens, machte mir durch ihre Eiferſucht ſich ſelbſt zuwider und das letztere förmlich zur Hölle; ich litt lange Zeit vollkommen unſchul⸗ dig, und ich will mir das gerade nicht als Verdienſt an⸗ rechnen; denn wie Du mir vorhin geſagt, daß ich thun ſollte, ſo that ich: ich ſchloß meine Sitzungen, mich freuend über die Erfolge in meiner Kunſt. Da— ah! es iſt wie ein böſer Zauber, der mich umſtrickt hat und dem ich er⸗ liegen werde.“ Er erhob ſich raſch von ſeinem Sitze, ſtrich das Haar aus der Stirn und that einen tiefen Athemzug, wobei er in den Garten hinab blickte, deſſen Bäume und Sträuche ſo geheimnißvoll und träumeriſch undeutlich im Mondlichte erſchienen; nur hie und da bezeichnete der zauberhafte Schein des nächtlichen Geſtirns kleine Lichtungen zwiſchen tief dun⸗ keln Schattenpartieen, beglänzte hell die geſchlungenen Kies⸗ wege, verſilberte die Spitze eines Waſſerſtrahls, die ſich ſo hoch erhob, daß ſie vom Schein des Mondes unbehindert erreicht werden konnte. „Laß uns einen Augenblick da hinab gehen,“ bat der Maler ſeinen Freund.„Laß mich Dir mein Herz öffnen; es iſt mir ſo entſetzlich zu Muthe, daß ich mir eine Erleich⸗ terung verſchaffen muß. Und die habe ich, wenn ich Dir ſage, was ich Dir ſagen darf.“ „Gut denn, gehen wir,“ erwiederte Victor; dann warf er einen Blick hinüber nach der Terraſſe mit dem Zelte, deſſen gelb und weißer Stoff ſo eigenthümlich durch die Nacht leuchtete, und deſſen Inneres— man konnte durch eine Oeffnung, die auf eine Treppe nach dem Garten zu führte, hinein ſchauen— mit ſeinen Blumen, ſeinen Wachs⸗ ——— ich ſie malen mußte. — 84— lichtern, den Teppichen am Boden, die über die Gartentreppe herabhingen, ſo feenhaft erſchien, ſo phantaſtiſch ſchimmerte. Die beiden jungen Männer ſtiegen auf einer Wendel⸗ treppe in den Garten hinab, und nachdem der Maler ein paarmal tief und heftig wie mit Entzücken die kühlere Nachtluft eingeathmet, warf er ſich auf eine Bank in der Nähe des oben erwähnten Spingbrunnens und ſprach: „Haſt Du auch zuweilen das Gefühl, als müſſe Dir im nächſten Augenblicke etwas Entſetzliches begegnen? Haſt Du auch Stunden, wo Dein Herz zuſammengepreßt iſt, ſo daß es Dir möglich wäre, ohne eigentlich zu wiſſen warum, Thränen zu vergießen?— Augenblicke, wo Dich jetzt ein fallendes Blatt erſchreckt zuſammenzucken läßt, und wo Du gleich darauf vollkommen geſammelt im Stande wäreſt, einem furchtbaren Feinde entgegen zu treten;— Momente, wo Du die ſtürmiſchen Schläge Deines Herzens fühlſt, wo es Dir in der weiten Natur zu enge wird, wo Du in der Luft nach Luft rufen möchteſt?“ Victor hatte ſich neben ſeinen Freund geſetzt und blickte kopfſchüttelnd zu dieſem empor, der nun wieder aufgeſprungen war und bei den letzten heftig ausgeſprochenen Worten ſeinen Rock weit geöffnet hatte. „Schildere mir nicht Deine Gefühle, Ferdinand,“ ſagte er mit ruhiger Stimme.„Vergiß nicht, daß ich mich nicht in Deine Geheimniſſe dränge; aber wenn Du mir etwas mitzutheilen haſt, oder meinen Rath willſt, ſo werde ich Dir ihn gewiß nicht vorenthalten.“ „Höre mich nur an,“ bat der Andere flehend,„und ſage mir nicht mit ſo harten Worten, daß ich ein Narr, mehr noch, daß ich ein Verbrecher bin. Du weißt, daß Nicht wahr, Du weißt das?“ „Du haſt manche Dame unſerer Bekanntſchaft gemalt. Wie kann ich wiſſen, wen Du meinſt!“ — 85— „Habe ich Dir keinen Namen genannt?“ rief Ferdi⸗ nand wie verwundert.„Wozu auch einen Namen? wozu auch ſie näher bezeichnen, die Einzige, die Wunderbare, bei deren Anblick man keine Andere mehr ſieht? Sie, die herrliche, feine Geſtalt! das ernſte, ſo unausſprechlich re⸗ gelmäßige, ſchöne Geſicht! Ach! und das Auge? Man ſchaut nicht zungeſtraft hinein, das heißt, man empfängt keinen ihrer Blicke, keinen ihrer liebenden Blicke, ohne ihr anzugehören mit Leib und Seele.“ „Beruhige Dich, Ferdinand,“ bat der Muſiker ziemlich ernſt, indem er die Hand auf die Schulter ſeines Freundes legte.„Sei ein Mann, bedenke was Du biſt, wo Du biſt,— und erlaube mir, Dir alsdann zu bemerken, daß ich Dich durch meine Gegenwart nicht zu excentriſchen Kund⸗ gebungen verleiten, aber recht gerne ruhig hören will, was Du mir ruhig ſagen wirſt.“ „Ja, Du haſt Recht,“ ſprach der Andere nach einer Pauſe, während welcher er ſeine Hand vor ſeine Stirne ge⸗ preßt hatte.„Ich habe Dich ja auch nur einen Blick in mein trauriges Innere thun laſſen wollen, damit Du nicht zu hart über mich urtheilen ſollſt. Ich malte ſie alſo, ich ſaß ihr gegenüber, wie ich ſchon manchem ſchönen Weibe gegenüber geſeſſen bin, aber das waren keine Sitzungen, wie man ſie gewöhnlich gibt, welche dieſe wunderbare Frau mir geſtattete: ich arbeitete in ihrem Boudoir, malte wie ganz zufällig ihre Züge, während ſie vor mir ſaß, nach⸗ läſſig in ihrem Fauteuil ruhend, nicht wie um gemalt zu werden, ſondern wie um mich zu unterhalten. Ich hatte noch nie ſo leicht gearbeitet; ihr prachtvolles Auge nahm meine Sinne gefangen, ihre Erzählung mein Herz. Während ſie einen Kranz von Blumen wand, ſprach ſie mir von Spanien, ihrem Heimatlande, gab mir Nachricht von ihren vielen Reiſen, und das ſo einfach und doch wieder lebendig, —— — 86— daß ich glaubte mit ihr zu ziehen durch die weite, herrliche Welt. Dabei blickte ſie mich, den Maler, nur dann an, wenn ich auch von dem Bild hinweg nach ihr hinüber⸗ ſchaute. Es machte mir anfänglich Spaß, ſie in einem Augen⸗ blick zu überraſchen, wo ſie auf ihre Blumen, auf ihr Buch, auf ihre Stickerei ſah, kurz auf das, was ſie gerade in der Hand hatte, aber es wollte mir nie gelingen; und daß es mir nicht gelingen konnte, da ſie es zu ahnen ſchien, wenn ich ihre Blicke ſuchte, das ließ mein Herz ſchneller ſchlagen. O laß mich ſchweigen von dieſen Sitzungen; ich, der ich davor gewarnt worden war, ich, der ich dieſe War⸗ nung verlacht, der ihr übermüthig gegenüber getreten war, lag nach kurzer Zeit beſiegt zu ihren Füßen. Ich zitterte jeden Morgen, befürchtend, man möchte mir die Sitzung abſagen, und wenn ich mein Bild aufgeſtellt hatte, ſo bebte ich wieder vor dem Augenblicke, wo ſie in's Zimmer treten würde, und ſah entſetzt die Möglichkeit, meine künſt⸗ liche Ruhe könne mich verlaſſen und ich ihr zu Füßen ſinken, mit dem Geſtändniß der glühendſten, der wildeſten Liebe.“ „Weiter! weiter!“ „Ja weiter! Mein Bild wurde beendigt; ich hatte die letzte Sitzung; ſie war liebenswürdig, bezaubernd wie im⸗ mer, ihre Blicke ruhten länger in meinem Auge, ſie ſchien nachdenklich, erregt. Endlich that ich den letzten Pinſelſtrich, ich hatte lange genug damit gezögert, und als ich ihn ge⸗ than, konnte ich mich in einem Anfalle von Wehmuth, daß ich ſie nun nicht mehr ſo oft ſehen ſolle, nicht enthalten, den Pinſel, den ich gerade in der Hand hielt, zu zerbrechen. „Iſt das ſo der Brauch bei den Künſtlern? fragte ſie mich. ‚Nicht immer, entgegnete ich; ‚wie man aber ja oft auch ein Glas, aus dem man eine werthe Geſundheit ge⸗ trunken, zertrümmert, daß es zu keinem andern profanen Zwecke mehr dienen ſoll, ſo glaubte ich es auch mit dieſem — 87— Pinſel halten zu müſſen.“ Sie lächelte, und nachdem ſie das Bild lange betrachtet, ſagte ſie: ‚Es iſt ſehr ſchön; was die Belohnung für den Künſtler anbelangt, ſo wird der Graf das Nöthige beſorgen.“ „Der Graf?“ fragte Victor. „Ja, ihr Gemahl,“ verſetzte der Maler, indem er eine ungeduldige Bewegung mit der Hand machte.„Ah! hatte ich die Kühnheit darauf auszurufen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,— ‚ich⸗hatte gehofft, von Ihnen, gnädige Gräfin, ſelbſt belohnt zu werden.— Darauf blickte ſie mich an mit einem Ausdruck in ihren Augen, der mein Inneres erbeben machte. Sie lächelte leicht, aber auf eine unbeſchreibliche Art. Dann ging ſie an ein Nebentiſch⸗ chen, auf welchem in einer Vaſe ein prachtvolles Blumen⸗ bouquet ſtand; ſie griff mit beiden Händen hinein, und während ſie in den duftigen Blumen förmlich umherwühlte, wandte ſie langſam das Geſicht nach mir hin, ihre großen dunkeln Augen blitzten mich einen Moment in voller Glut an, dann ſchaute ſie lächelnd vor ſich nieder, und gleich darauf hörte ich einen leichten Schrei von ihren Lippen tönen. Ich eilte hinzu, ſie hob ihre kleine, feine Hand empor; am Zeigefinger derſelben, zwiſchen welchem und dem Daumen ſie eine kaum aufgeblühte Roſe, meine Be⸗ lohnung, hielt, ſtand ein Tröpfchen Blut. ‚Das iſt nun einmal leicht geſchehen, ſagte ſie, wenn man in Roſen wühlt.“ Nun, ich weiß nicht, reichte ſie mir ihre Hand oder nahm ich dieſelbe ſtürmiſch, gewaltſam, ich drückte ihre Finger an meine Lippen, ich ſaugte den kleinen Bluts⸗ tropfen begierig auf. ‚Das verſüßt den Schmerz,“ ſprach ſie. ‚Aber es iſt gefährlich, von meinem Blute zu ver⸗ ſuchen; nehmen Sie ſich in Acht: es bindet Sie feſt an mich.: „Daß ich ihr zu Füßen fiel und ihr ſagte, ich wuͤßte —— für mich kein höheres Glück, iſt ſo verſtändlich für Jeden, der einmal gefühlt wie ich; aber ich hätte vor dem Worte zurückſchaudern ſollen; ſie hatte Recht, furchtbar Recht. Der Blutstropfen und die Belohnung——— jene Roſe, die ſie mir gab, haben mich unausſprechlich an ſie gekettet.“ Er drückte den Kopf heftig in ſeine Hand, die er auf die Lehne der Bank aufgeſtützt hatte, und ſchwieg ſtille, nachdem er einen tiefen, ſchmerzlichen Athemzug gethan. „Und dieſe Ketten,“ fragte Vietor,„ſie fangen an, Dich zu drücken? Du möchteſt ſie gerne zerbrechen?“ „Ich möchte wohl, aber ich kann nicht!“ rief der An⸗ dere ſchmerzlich aus.„Ich habe ihr die Ruhe meines Herzens geopfert, mein häusliches Glück, die Liebe meines Weibes, das ſanfte Lächeln meiner guten Kinder;— Alles dies, was mich ſonſt beglückte, exiſtirt für mich nicht mehr. — Meine Kunſt, Frieden, Ruhe, Alles iſt emporgelodert in der Glut ihrer Blicke, im verzehrenden Hauch ihres Mundes; ich will ſie fliehen, und wenn ſie ſich von mir abwendet, bin ich grenzenlos unglücklich; ich will ſie nicht wieder ſehen, und wenn ſie ſich einmal bei einer Zuſam⸗ menkunft um Sekunden verſpätet, ſo fühle ich mich un⸗ glücklich, und meine Liebe zu ihr ſchlägt mit aller Kraft empor.— So heute Abend.“ „Wie?“ rief Victor,„heute Abend? Sie iſt alſo hier?“ „Bis jetzt nicht; ich weiß nicht, ob ſie kommt; ſie ſagte nicht Ja, ſie ſagte nicht Nein. Sie thut das oft, um mich zu quälen, um mich an ſie zu feſſeln.“ „So benutze den günſtigen Moment und zerreiße dieſe Feſſeln, die ja entſetzlich ſind, die Dich und andere arme, unſchuldige Weſen in's Verderben ſtürzen müſſen.“ „O Du weißt nicht, welch' eine Seligkeit es iſt, von ihr geliebt zu ſein!“ erwiederte der Maler mit leiſer Stimme. „Wenn ſie ſagt: ‚erwarte mich', ſo iſt es mir, als ſei ich — — 809— mit Ketten an den Ort geſchloſſen, wo ich ſie wiederſehen ſolle.“ „Und das ſagte ſie Dir für heute?“ „Für heute Abend.“ „Und Du hatteſt nicht die Kraft, dieſen Ort vor der bezeichneten Stunde zu verlaſſen?“ „Ich hatte nicht die Kraft.“ „Aber wenn ſie ſelbſt nicht käme?“ „O, ſie kommt, ſie kommt!“ „Deine Geſchichte macht mich ganz verwirrt!“ rief Vic⸗ tor heftig aus;„es iſt wie ein Zauberkreis, in den Du ge⸗ rathen; verlaſſ' ihn, thu' einen beherzten Schritt gerade aus, und Du biſt errettet, vielleicht von ſchwerem Unglück errettet.— Wenn ſie nicht käme!— Nehmen wir an, ſie wird nicht kommen. Hoffſt Du das oder fürchteſt Du Dich davor?“ „O, ich hoffe es,“ verſetzte der Maler mit leiſer Stimme; „habe ich mich doch ſo weit wie möglich von der Geſellſchaft zurückgezogen, denkend, ſie findet mich nicht ſogleich, wenn ſie kommt; ſie glaubt, ich ſei nicht da, ſie verläßt mich vielleicht. Da iſt mir, als bräche ſolchergeſtalt in der Zauberkette, die ſie um mich geſchlun⸗ gen, ein Ring, als fände ich eine Möglichkeit, vor ihr zu fliehen, ſie nie wiederzuſehen.“ Victor blickte kopfſchüttelnd auf ſeinen Freund, der in ſich zuſammengeſunken da ſaß, während er den Arm auf die Lehne der Bank ſtützte und die Finger krampfhaft in ſei⸗ nen Haaren vergraben hielt. „Wenn Du aber nach Erlöſung ſchmachteſt, wenn Deine innere Stimme— und gewiß mit Recht— Dich vor großem Unglück warnt, ſo reiß Dich los, fliehe ſie, vermeide alle Gelegenheit, ſie wieder zu ſehen.“ „Das werde ich auch thun, wenn—“* ——— „Wenn ſie heute nicht kommt,“ fiel ihm Victor mit einem etwas harten Tone in's Wort. „O, ich fühle wohl,“ fuhr der Maler fort,„Du findeſt mein Betragen unbegreiflich, unverantwortlich. Aber Du haſt nicht geliebt, wie ich dies Weib liebe, mit Leidenſchaft, mit Raſerei. Du weißt nicht,“ ſetzte er leiſer hinzu,„wie ſie verdient geliebt zu werden. Du fragſt mich, ob in mir keine Warnungsſtimme laut geworden ſei?— O, nicht eine, aber tauſende, gellende, ſchreiende, die Stimme mei⸗ nes Gewiſſens, die Stimme meines armen Weibes,— die furchtbaren Stimmen, die aus den unſchuldigen Augen meiner Kinder zu mir reden.— Aber vergebens.— Sie hat mir's angethan,“ flüſterte er ſchaudernd.„Glaube mir, Victor,“— bei dieſen Worten faßte er den Arm ſeines Freundes und blickte ſcheu um ſich—„glaube mir, ſie hat ſolche Gewalt über mich, daß es mir oft iſt, als müſſe ich ihre Nähe ahnen, als fühlte ich es, wenn durch die dunkle Nacht ihre ſchrecklich ſchönen Augen auf mich gerichtet ſind.“ „Komm' hinweg! komm' hinweg!“ ſagte Victor dringend, „Du haſt lange genug gewartet.“ Von einem Thurme der Stadt hörte man den Schlag einer Uhr, ſie gab zwei Viertel an— halb Zwei. „Komm'!“ ſprach der junge Muſiker dringend und zum dritten Male.„Sehe es als eine neue Warnung an, als eine Weiſung Deines Schickſals, daß ſie bis jetzt nicht gekom⸗ men iſt. So gern ich ſelbſt bleibe, verlaſſ' ich doch den Garten, wir brauchen nicht durch die Salons zu gehen; die offene Thüre dort hinten im Pavillon läßt uns in's Freie.— Komm'!“ „Noch einen Augenblick!“ bat der Maler.„Nur noch eine halbe Stunde!“ murmelte er leiſe in ſich hinein. Wie erregt er war, ſah man an dem unſteten Zucken ſeiner rech⸗ —;— ten Hand, mit der er häufig an die Stirne fuhr und die er alsdann auf der Bruſt verbarg; man hörte es an ſei⸗ nen tiefen und ſchnellen Athemzügen.—„Gleich folge ich Dir;— bei Gott! ich folge Dir; ich will das Band zer⸗ ißen, das mich mit dämoniſcher Gewalt an ſie kettet.— Aber Du fragteſt mich vorhin, ob mich nicht eine innere Stimme gewarnt hätte?“ „Davon ſpäter, morgen.“ „Ich muß Dir von einem Traum ſagen,“ fuhr der Maler fort,„den ich, ſeit ich ſie kenne, öfters hatte.“ „Du willſt Zeit gewinnen.“ „Nein, nein, gewiß nicht. Was verſchlägt auch eine Viertelſtunde mehr oder weniger?— Mir träumte alſo in manchen Nächten, ich ſähe ſie vor mir, ein weißes Mar⸗ morbild, züchtig in ſtarre, aber wunderbar gearbeitete Schleier gehüllt. Ich bin entzückt von dem tadelloſen Bau der durchſchimmernden Glieder; ich ſchaue ſie an, aber wenn ich ihr entgegenfliegen will, beginnt eine Disharmo⸗ nie in den Linien ihrer Geſtalt, die mich, den Künſtler, verletzt, zurückſtößt. Es iſt, als wende und drehe ſie ſich, als verrenke ſie ihre Glieder gewaltſam und ſchmerzlich. Ihr ganzes Bild erſcheint in einem ſolchen Chaos von weißen Flächen, Strichen, Linien vor mir, daß ich an meinen Kopf faſſe und mit aller Kraft meine Gedanken ſammeln muß, um zu verhüten, daß ſich mein Verſtand nicht auch in ſolch' tolle Fäden und Faſern auflöst und nicht denſelben Wirbeltanz beginne, wie vor mir die mar⸗ morne Figur.— Ich kann nichts thun, als ihren Kopf feſt im Auge behalten, meine Blicke in ihre verſenken; und da fühle ich dann, wie ihre Augen in dem weißen Stein anfangen ſich geſpenſterhaft zu beleben, wie ſie dunkel, glänzend, leuchtend werden. Und wie das geſchieht, be⸗ ruhigt ſich allmälig die übrige Figur; aber der Anblick der⸗ b V V b b V V I V I V V V V V ſelben wird dadurch unheimlicher, geſpenſterhafter; die leben⸗ digen Augen, die mich mit wilder Glut anſchauen aus dem kalten, weißen Marmorgeſicht. Ich bebe davor zurück, dann aber wendet ſie die Blicke von mir und winkt mir zu folgen; ſie ſchwebt voran, ich eile ihr nach, ſchwach, willen⸗ los. So geht es fort mit der Schnelligkeit des Traums über weite Länderſtrecken hinweg, ſie ſcheint vor mir zu fliehen; ich kann ſie nicht erreichen,— lange, lange nicht. Endlich thut ſich das weite Meer vor unſern Blicken auf; bei einer Klippe, die ſenkrecht hinab in die Fluten geht, hält ſie an, nicht mehr lebloſer Stein, ſondern ſie ſelbſt, ihre weiche, warme Geſtalt, winkt mir, in ihre Arme zu eilen, und ich, betäubt von den Schreckniſſen, die mich ge⸗ jagt, fliege entzückt auf ſie zu, ſchlinge meine Arme um ihren Leib, dicht am Rande des ungeheuren Abgrundes, auf dem Gipfel des ſenkrechten Felſen, an dem unten die wilden Wogen zerſchellen. Da Entſetzen! verwandelt ſie ſich auf einmal wieder in ein lebloſes Marmorbild; eiſig kalt und glatt iſt ihr Leib; umſonſt verſuche ich, mich an ihr zu halten; vergebens flehen meine Blicke um Hilfe, ſie hebt langſam die Arme empor und ich gleite an ihr hinab und ſtürze, an die Felſenwand anprallend, in das brau⸗ ſende Meer.“— Damit ſchwieg Herr Stifter, und als der Muſiker, in tiefe Gedanken verſunken, nichts darauf erwiederte, fuhr er fort: „Und das habe ich nicht nur einmal geträumt, ſondern häufig, immer ganz daſſelbe Traumbild, immer das Gleiche mit all ſeinen fürchterlichen Einzelnheiten.“ „So folge dieſer Warnung,“ ſagte Victor erſchüttert, indem er aufſtand.„Komm' hinweg, ohne zurückzuſchauen. — Brich die Feſſel, die Dich an ſie, an Dein Unglück kettet.— Sei ein Mann, Ferdinand!“ Er legte ihm die Hand auf die Schulter, er ſprach freundliche Worte in ihn hinein; er zerriß ſein Inneres, indem er ihm mit wenig Zügen das Bild der Seinigen zu Haus entwarf, wie jeder Schlag der Uhr gleich einem Dolchſtoß das Herz ſeiner Frau treffen müſſe; er ſagte: „Blicke um Dich in die wundervolle Nacht; ſieh den hellen, prachtvollen Himmel, den entzückenden Mondſchein, athme den Duft der Blüten, lauſche dem einförmigen und doch ſo melodiſchen Plätſchern des Springbrunnens und laß in Dein Herz einziehen dieſe gewaltige, wunderbare, tröſtende Harmonie der Ruhe, laß ſie über Dich hinwehen, nehme ſie freundlich auf, und zum Lohn dafür wird ſie Dich be⸗ ruhigen. Du biſt ein fühlender Menſch, ein Künſtler, zer— reiß das unnatürliche Gebäude, welches Dich von den Dei⸗ nigen trennt; wirf Dich in die Arme der Natur. Komm', wir wollen die Nacht durch wandeln, wohin Du willſt, über Berg und Thal, vorüber am rauſchenden Fluſſe, durch die tiefen Schatten des duftigen Waldes; ſei ein Mann, zer⸗ brich das Band, welches Dich hält, folge mir.— Und wenn der neue Tag erſcheint, kehre ich mit Dir in Dein Haus zurück, und es ſoll für mich ein entzückender Morgen ſein, wenn ich ſehe, wie Thereſe dem Wiederkehrenden freu⸗ dig die treue Hand reicht, wie Deine Kinder aus ihrem ſüßen Schlaf, aus ihren unſchuldigen Träumen erwachend, Dich freudig begrüßen werden.— Komm’, komm,, ehe es zu ſpät wird!“ —„Es iſt zu ſpät!“ rief der Maler ſchmerzlich aus, indem er in die Höhe ſprang, ſeine Augen einen Moment mit den Fingern bedeckte und dann mit zitternder Hand den Arm ſeines Freundes faßte.—„Es iſt zu ſpät!“ wiederholte er mit tonloſer Stimme,„o ich ſagte Dir, ſie kommt, ſie läßt mich nicht entfliehen.“ Er wandte ſich raſch gegen die Treppe, die unter das ——y— — 94— V hellerleuchtete Zelt führte, und zeigte mit der Hand dort⸗ V hin—— Dort erſchien, grell angeſtrahlt von dem Lichte, das zwiſchen den Vorhängen herausbrach, die Gräfin Follange, b ſtützte ihre Hand auf das Geländer und blickte in den V V V V V Garten hinaus; dann hörte man ſie lachend ſagen: „So ſind nun dieſe Künſtler einmal; ſtatt ſich in der Geſellſchaft liebenswürdig zu machen, ſitzen ſie dort im Dunkeln und ſind Egoiſten genug, in der wunderbaren Nacht allein zu ſchwärmen. Es iſt aber auch entzückend da draußen; wer geht einen Augenblick mit?“ fuhr ſie V fort, ohne den Kopf umzuwenden. V Da dieſer ſehr ſchwachen Aufforderung begreiflicher Weiſe Niemand Folge leiſtete, ſo ſchritt die Gräfin allein die Treppen hinab in den Garten. V Victor, der ſie kommen ſah, trat mit einem ſchmerz⸗ I lichen Gefühl von ſeinem Freunde zurück, welcher willenlos an der Bank ſtehen blieb. Um der Gräfin nicht zu begeg⸗ nen, ging der junge Muſiker auf einem Umwege nach der Treppe zu, die unter das Zelt führte, und von wo ihm lautes Lachen und Plaudern entgegenſchallte. Ehe er aber hinauf⸗ ſtieg, konnte er ſich nicht enthalten, einen Blick rückwärts zu V werfen, und bemerkte die Gräfin in der Nähe des Platzes, V wo er geſtanden und den er ſo eben verlaſſen. Sie ſprach V mit ſeinem Freunde, wobei ſie aufwärts gegen den Himmel V blickte und ſich ſo geſtellt hatte, daß ein Strahl des Mon⸗ — 99— als ein ſehr eleganter Frack und eine übermäßig große, weiße Halsbinde. „Es iſt möglich, daß ich das habe ſagen wollen,“ ver⸗ ſetzte der Offizier,„oder was Aehnliches, was aber auf jeden Fall meinen Gedanken ebenſo genau bezeichnet hätte; — den Grundgedanken, gnädige Frau,“ wandte er ſich an die Baronin,„der Jeden bewegt, welcher das Glück hat, ſich bei Ihnen zu befinden, daß man, auf Ehre! nirgendwo angenehmer ſein kann als hier.“ Frau von Molitor lächelte freundlich und dankte grüßend mit ihrem Fächer nach allen Richtungen für die vielerlei Beſtätigungen deſſen, was der junge Offizier ſo eben aus⸗ geſprochen. „Die große Kunſt eines vortrefflichen Wirthes,“ ſagte der Marquis, welcher aufrecht zwiſchen den Damen ſtand — er ſetzte ſich nicht gern, um nicht gar zu klein zu er⸗ ſcheinen—„iſt, das, was man ſeinen Gäſten zu bieten hat, ihnen in richtiger Folge mit einer gewiſſen Steigerung zu bieten, und ich muß ſchon geſtehen, darin iſt Frau von Molitor unübertrefflich.“ „Aber, mein beſter Freund,“ ſprach dieſe lachend, „wenn auch Sie anfangen, mir unverdientes Lob gerade in's Geſicht zu ſagen, ſo weiß ich wahrhaftig nicht mehr, wohin ich blicken, geſchweige denn, was ich antworten ſoll.“ „Die Sache ſpricht für Sie,“ meinte der alte Herr, der vorhin geredet.„Betrachten Sie die Liſte Ihrer Ein⸗ ladungen und ſehen Sie, wie viele Prozente Ihnen daran fehlen. Gewiß ſehr wenige. Das macht, man kommt gern zu Ihnen, man findet angenehme Geſellſchaft, man amuſirt ſich auf's Vortrefflichſte. Jetzt möchte ich zum Beiſpiel wahrhaftig in ein Entzücken ausbrechen über dieſe wunderbare Cigarre, welche uns der Marquis präſentirte. Wo er das auftreibt mag Gott wiſſen.“ — 100— „Wenn das nicht leicht zu beantworten iſt, ſo iſt es nichts mehr,“ verſetzte Herr von Fontana.„Spanien, das ſchöne Land—“ „Des Weins und der Geſänge,“ unterbrach ihn der Offizier. „Daran haben Euer Durchlaucht,“ erwiederte der Mar⸗ V quis,„freilich nicht ganz Unrecht; das heißt, man bekommt in Spanien auf gewöhnlichem Wege faſt nur außerordentlich V ſchlechte Cigarren. Wer aber Connexionen in den Colo⸗ nien, bei den Miniſterien oder gar bei Hofe hat, der raucht Aehnliches, wie ich die Chre hatte zu präſentiren.“ „Und das iſt in der That ſo vortrefflich, daß man es V — verzeihen Sie, gnädige Frau— eigentlich im ſtrengſten Nichtsthun genießen ſollte, nachdenkend wie die Orientalen, ohne zu plaudern, nur ſtill für ſich phantaſirend.“ „Das iſt auch meine Idee,“ ſagte die Frau des Hauſes auf's Verbindlichſte und Liebenswürdigſte, indem ſie ſich weit in ihren Fauteuil zurücklehnte und ihren feinen Lip⸗„ pen behaglich ein zierliches Wölkchen blauen, gekräuſelten Rauches entſteigen ließ. „Was wäre hiezu paſſender als die tiefe Stille der Nacht rings umher,“ ſprach der Marquis,„die uns ſo geheimnißvoll umgibt, nur angenehm unterbrochen von dem leichten Rauſchen der Bäume und von dem Plätſchern des Springbrunnens?“ Die Baronin ſuchte mit ihren Augen den jungen Mu⸗ ſiker, der, tief nachdenkend über das, was er vorhin im 4 Garten gehört, ſich etwas zurückgezogen hatte. Doch trafen ſich ihre Blicke, dann ſah man ein leichtes Lächeln um den Mund des ſchönen Weibes ſpielen, ehe ſie ſagte: „Wenn ich eine Zauberin wäre, ſo wollte ich meinen Y Stab ſchwingen und mit einem Male ſüße Muſik vor Ihren Ohren ertönen laſſen. Aber ich bin nur eine ſchwache Sterbliche.“ — — Victor, der den Blick ihrer ſchönen Augen verſtanden hatte, und der glücklich war, ihr etwas Angenehmes erzei⸗ gen zu können, und um zugleich ſeine finſteren Träume zu zerſtreuen, glitt bei der Zeltwand vorbei an den Flügel, welchen ihm einer der Bedienten bereitwillig öffnete. Er ſetzte ſich nieder und bei den erſten leiſen Tönen, die unter ſeinen Fingern in die allgemeine Stille flatterten, hörte man ein freudiges Ah! und Alles lehnte ſich behaglich zu⸗ rück, um dem meiſterhaften Spiele des bekannten Künſtlers zu lauſchen. „Da ſieht man es wieder recht,“ ſagte der junge Offi⸗ zier mit der finſteren Miene,„daß unſere Wirthin eine voll⸗ kommene Zauberin iſt.“ Victor ſpielte hinreißend; er legte die Gedanken, die heiteren und finſteren Phantaſieen, die ihn heute Abend be⸗ ſchäftigt, in ſeine Töne und bezauberte ſeine Zuhörer. Wäre Alice Duvallet da geweſen, ſo würde ſie eigenthümliche Tonfiguren aus ſeinem oftmals ſehr wilden Spiele empor⸗ ſchweben geſehen haben. Ihm, der ſo nach und nach mit rechtem Behagen an dem Flügel ſaß und aus ſich heraus⸗ ſtrömen ließ die verworrenen Gedanken, die ihn den ganzen Abend gequält, der Liebesluſt und Liebesleid, von dem er genugſam vorhin gehört, in den Klängen erſcheinen ließ, welche aus den Saiten hervorzitterten, ihm erſchien das Bild des jungen Mädchens im einfachen, weißen Hauskleide öfter, als dies ſonſt wohl der Fall war. Er gedachte der Worte des Herrn Kohler, daß ſie ſelbſt in dieſem Kreiſe eine außerordentliche Erſcheinung ſein würde, und wenn er ſich ihr reizendes, gerade mit dem ernſten Ausdruck ſo lieb⸗ liches Geſicht vorſtellte, ihren leichten, ſchwebenden Gang, ſo nickte er zufrieden lächelnd mit dem Kopfe, ſo tönte es wie Befriedigung aus ſeinen Weiſen, ſo konnte er, obwohl mit einem leichten Seufzer, zu ſich ſelber ſagen: es iſt — 102— Schade, daß die Verhältniſſe ihres Hauſes ſo ſind, wie ſie ſind. Und wenn er daran dachte, ſo ſah er mit einem Male vor ſich die ganze altmodiſche Wirthſchaft des Herrn Commerzienrathes, dieſen ſelbſt mit dem braunen Rocke, der ſo unendlich lange Schöße hatte, die ſeltſam verſchnörkelten Möbel, die alten Porzellangeſchirre, und dazwiſchen Alice mit ihrem ſteifen Knix, wie er im vorigen Jahrhundert Mode war,— ſie durfte keinen andern machen, der Vater hatte ihn vom Großvater ererbt und ihr beigebracht. Unwillkürlich bewegten dieſe Phantaſieen ſeine Finger⸗ ſpitzen, ſprangen in einfachen Sätzen auf den Taſten um⸗ her, und eingerahmt von luſtigen, hin⸗ und herſpringenden Tönen vernahm man die einfache Melodie: Und als der Großvater die Großmutter nahm, Da war der Großvater der Bräutigam aber meiſterhaft, fugenartig behandelt, ſeltſam verſchlungen in anderen Weiſen, wie ein einfacher, gediegener Goldfaden, der ſich zwiſchen allerlei flitterhaftem Werk durchſchlängelt und ſiegreich ſeine Exiſtenz behauptet. Victor hätte dieſes einfache, aber ſchöne Thema in's Unendliche variiren können, wenn er nicht plötzlich dicht neben ſeiner Hand einen warmen Hauch geſpürt hätte, den ſüßen Athem des ſchönen Mundes, der ihm vorhin ſo an⸗ muthig gelächelt. Ohne ſich umzuſehen wußte er, daß die Baronin hinter ihm ſtand, ſich halb über ihn beugte; ja, es war ihm, als fühle er das Zurückweichen und Vordrin⸗ gen ihres Athems. Und doch war eine leiſe Berührung mit ihr nur vermittelt durch die leicht wogenden Spitzen, die ihren Buſen umgaben, ſowie durch die flatternden En⸗ den einer Bandſchleife, die von einem leichten Luftzug ge⸗ hoben um ſeine Wangen ſpielte. „Bleiben Sie noch, wenn die Andern gehen,“ flüſterte die Dame des Hauſes dem jungen Manne zu. Er nickte leicht mit dem Kopfe, und ſeine Hände än⸗ derten unbewußt das Thema ſeines Spiels. Es trat keine ausgeſprochene Melodie mehr hervor, es war ein Hin⸗ und Herirren der Töne, ein abgeriſſenes Kommen und Gehen der verſchiedenartigſten Klänge. Sie ſprangen kühn hervor, um ſich gleich darauf wieder ſcheu zu verbergen; ſie ſchweb⸗ ten auf, ſchwebten ab— neigten ſich, beugten ſich— eine Hexenzunft, vorbei! vorbei! Nur allein der Baß benahm ſich etwas conſequent; er ſchien zu grollen über die lächer⸗ liche Tändelei ſeiner ſanfteren Geſchwiſter, über das weich⸗ liche Nachgeben, das leichtſinnige Sichgehenlaſſen. Doch während er ſo brummte und ſchalt, ſchien er, obgleich wider⸗ ſtrebend, weicher zu werden; ein warmer Hauch ſchien ſeine ſtarren Formen zu ſchmelzen; nur noch in einzelnen Tönen klang er ernſt, ermahnend, mindeſtens zur Klugheit rathend. Dann verlor er ſich, harmoniſch zuſammenſtimmend mit den weichen leichtſinnigen Tönen, die ihn umſponnen, die ihn verführt; er war ſo nachgiebig geworden, der ernſte Tadler; er floß gezähmt dahin, ein kühler Waſſerfaden unter einer Laube von duftigen Roſen. Auch dieſe ſangen und klangen bald nicht mehr; ruhi⸗ ger ward es in den Zweigen und Blüten; die Töne unter der Hand des jungen Muſikers ſchienen müde zu werden und ſich einzeln allmälig, langſam, erſterbend zu verlieren. Endlich rauſchte es nur noch leiſe durch die Saiten und Man vernahm nur wie verſtohlen Das Geflüſter kluger Myrthen Und der Blumen Athemholen. „Bravo! bravo!“ rief Herr von Fontana, als Victor mit dem letzten Klange, welcher durch die Nacht davonge⸗ zittert, vom Flügel aufſtand und ſich mit einer leichten Verbeugung nach der Treppe zu verlor, die in den Garten ————— ͦ——— — — 104— V führte.—„Bravo!“ wiederholte der Marquis entzückt; „das war eine meiſterhafte Phantaſie, ſo paſſend für dieſe Stunde der Nacht.“ „Eine Ermahnung für uns,“ meinte der junge Mann mit der ungeheuren weißen Halsbinde,„daß die Zeit ge⸗ kommen iſt, wo auch Ruhe und Schlaf ihre Rechte ver⸗ langen.“ „Das wird Dir Herr v. Barring wenig Dank wiſſen,“ bemerkte der Offizier,„wenn Du ſein Spiel einſchläfernd ge⸗ funden haſt. Es war wunderbar, deliciös, aber man ſagt, 4 eine ſolche animirte, aus dem Moment entſpringende Phan⸗ V taſie könne nicht feſtgehalten werden, und der Künſtler ſei ſelbſt nicht im Stande, heute oder morgen das Gleiche zu b 1 ſpielen. Wie ſchade!“ V „Darin haben Euer Durchlaucht Recht,“ gab Herr von V Fontana zur Antwort;„dergleichen Phantaſieen ſind für I den Muſiker ſelbſt ſehr ſchwer feſtzuhalten, es müßte denn 4 ſein, daß Jemand dabei ſtünde, der Note für Note auf⸗ zeichnete.“ b 4„Das wäre bei allem dem ein ſehr langweiliges Ge⸗ ſchäft,“ verſetzte die Durchlaucht, und als ſie ſich bei dieſen Worten erhob, gähnte ſie unter der vorgehaltenen Hand ein klein wenig. Das Aufſtehen des jungen Offiziers war für die übrige Geſellſchaft ein Zeichen, es ebenſo zu machen; man erhob ſich, man rückte die Fauteuils und Seſſel zurück, Fächer klappten zu, die ſchweren ſeidenen Kleider rauſchten, man hörte die an der Thüre ſtehenden Lakeien ſo leiſe als mög⸗ lich die Riegel der großen Doppelthüre öffnen. Victor ſtand auf der Treppe, die in den Garten hinab führte und blickte dort hinaus. Da unten war es ſo ſtill und ruhig, es lag ein ſo wohlthätiger Friede auf den re⸗ gungsloſen Zweigen, daß es dem jungen Manne ordentlich — 105— weh that, wenn er die Hand auf ſein Herz legte und nun an den eiligen Schlägen ſpürte, wie ſehr ſeine Nerven er⸗ regt, wie ſehr ſein Blut in Wallung war.— Die paar Worte, welche die ſchöne Frau ihm vorhin zugeflüſtert, hatten ihn aus dem Gleichmuthe hinausgeſchleudert, in den er ſich durch ſein Spiel mühſam gewiegt. „Bah!“ murmelte er nach einer Pauſe unmuthig,„was iſts auch mit ihrem Wunſch, ich möchte noch ein paar Augenblicke da bleiben! Wer weiß, was ſie mir Gleich⸗ gültiges zu ſagen hat.“ Aber der ſtockende Athem in ſeiner Bruſt ließ ihn, ſelt⸗ ſam lächelnd, dieſe Auslegungen verwerfen; er preßte die Lippen zuſammen, er legte die Hand an die Stirn, er dachte: bin ich jetzt nicht faſt in demſelben Falle wie Fer⸗ dinand vorhin? warum kann ich mir nun ſelbſt nicht rathen, die offene Thüre dort unten zu benützen?— O nein, tröſtete er ſich im nächſten Augenblicke, mein Fall iſt ein ganz anderer. Er dachte an die Frau ſeines Freundes, an deſſen Kinder, und wenn er jetzt die Augen ſchloß, um ſich ſo recht zu vergegenwärtigen, daß er ein vollkommen freier Menſch ſei, daß er Niemand von ſeinem Thun und Laſſen Rechenſchaft abzulegen habe, da mußte er faſt lächeln, als er bemerkte, wie ohne ſeinen Willen mit einem Male Ali⸗ cens Bild ſo klar und deutlich vor ihm aufſtieg, ja, ſo deutlich, daß er jeden ihrer Züge erkannte, den ſtolz empor⸗ gehobenen Kopf mit den dunkeln, lebhaften Augen, die Lippen etwas trotzig aufgeworfen, und unter ihnen die ſchimmernden Zähne. Es war aber nur ein kurzer Moment, daß er die Züge des jungen Mädchens vor ſich ſah; ein anderes Bild trat vor ſeine Seele und machte ſein Herz wieder heftiger ſchla⸗ gen. Wie oft hatte er ſein Auge entzückt auf dieſem herr⸗ lichen Weibe ruhen laſſen; wie unzählige Mal waren ihm — 106— die Formen ihrer Geſtalt bei Liedern, bei Phantaſieen vor⸗ geſchwebt; wie oft hatte er Worte der Begeiſterung, einer jugendlichen Berauſchung an ſie gerichtet, wenn er ihr ferne war, wie hatte er gebebt, wenn er in ihre Nähe kam, wenn der Hauch ihres Mundes ſein Haar ſtreifte, wenn er ihre Hand küſſen durſte, wenn ihr Arm ſo warm, ſo glü⸗ hend in dem ſeinigen lag! Und jetzt? Es gibt Luftſchlöſſer, an denen unſere Phantaſie gern und beharrlich baut, an denen wir mit emſiger Luſt Steine auf Steine fügen, die wir ausſchmücken mit allem Süßen und Schönen, was wir nur zu erdenken vermögen;— es gibt Hoffnungen, von denen wir uns ſagen, daß, wenn ſie einſtens ſich verwirklichen, ſie uns zu namenloſem Glück führen müßten; ſtehen wir aber auf einmal vor dem ferti⸗ gen Schloſſe, winkt uns der Augenblick der Glückſeligkeit, ſo treten wir oft ſchwindelnd zurück, ſei es auch nur, um uns ſelbſt die ſüße Qual der Erwartung zu verlängern.— Iſt es doch wie an einem heißen Tag die wallende, küh⸗ lende Flut. Wir ahnen die Seligkeit, die wir beim Unter⸗ tauchen in die klare Welle empfinden werden, und doch ſträubt ſich der Fuß ſekundenlang vor dem erſten Sprunge da hinab— ein ſelbſtquäleriſches Sträuben, denn wir wiſſen wohl, daß wir nicht mehr zurück können. Das Mur⸗ meln des Waſſers bethört unſere Sinne, der friſche Hauch kühlt ſo wonnig unſere Bruſt.— O wie wundervoll iſt das erſte Eintauchen, das herrliche Niederſinken in der Flut, die im erſten Augenblicke zurückweicht, um uns gleich darauf mit ihren weichen Armen deſto feſter zu umſchlingen! Victor ſuchte ſich an der wunderbaren Stille der Nacht zu beruhigen; er verjagte gewaltſam alle wilden Gedanken; er ſenkte ſeine Sinne in die beruhigende Pracht der mond⸗ beglänzten Blumen und Bäume; er legte dem Murmeln — 107— des Waſſerſtrahls ein paar einfache Worte unter, ſo daß es wie ein Wiegenlied klang; er folgte mit ſeinen Augen dem Monde ſelbſt, der wie ſchlaftrunken tief am Horizonte ſchwebte und eben im Begriffe ſchien, der ſchlummerbedürf⸗ tigen Erde eine gute Nacht zu wünſchen. „Wir ſind die beiden Letzten,“ hörte er hinter ſich ſagen, und der Marquis Fontana trat mit dem Hute in der Hand unter den Ausgang des Zeltes.—„Sie erfreuen ſich auch wohl noch an der wunderbaren Nacht; es iſt wahr, wenn man an die eingeſchloſſene dumpfe Luft unſerer Schlafzim⸗ mer denkt, ſo kann man aus dem Freien gar nicht fort⸗ kommen. Nun, ich habe noch einen ordentlichen Weg nach Hauſe.“ „Sie wohnen vor der Stadt?“ „Während des Sommers, ja; eine kleine Viertelſtunde vor dem Thore. Und den Weg will ich zu Fuß zurückle⸗ gen; hier durch den Garten kürze ich ein paar ſtaubige Straßen ab.— Sie gehen nach der andern Seite?“ „Ja, Herr Marquis.“ „Apropos, lieber Barring,“ ſagte Herr von Fontana, als er ſo nahe getreten war, um ſeine Hand auf den Arm des jungen Muſikers legen zu können;„ich glaube, daß Sie es wiſſen, ja vollkommen davon überzeugt ſind, wie außerordentlich gut wir es mit Ihnen meinen. Ja, wir haben Sie gern, bei San Jago! Wir betrachten Sie als zum Hauſe gehörig. Erlauben Sie mir deßhalb eine in⸗ discrete Frage, eine ſehr indiscrete Frage.— Wollen Sie?“ „Gewiß, Herr Marquis,“ entgegnete Victor.„Und ich verſpreche Ihnen, in keiner Frage, die Sie an mich ſtellen wollen, eine Indiscretion zu ſehen.“ „Bon! Alſo gerade darauf los. Sie erſchienen heute Abend noch mit der Gräfin Follange. War das zufällig oder abſichtlich? Sie ſehen, ich bin immer indiscret.“ —— — 108— Victor lächelte.„Es geſchah das ſo zufällig,“ ſagte er, „wie in der Welt nur etwas vorkommen kann. Ich traf die Gräfin draußen im Veſtibul, ſie verlangte meinen Arm und ſo führte ich ſie in den Salon.“ „Aber ohne Urſache kam ſie nicht ſo ſpät hierher, das kenne ich.“ Der junge Muſiker ſah mit zweifelhafter Miene auf den Frager; doch war der Ausdruck des Geſichtes deſſelben ganz unbefangen. „So viel iſt ſicher,“ wiederholte derſelbe,„ohne Urſache kam ſie nicht ſo ſpät. Dieſe Frau iſt wie ein böſer Geiſt, ein Vampyr, ein ſchreckliches Weſen; wen ſie einmal um⸗ ſchloſſen hält, der kommt ſo leicht nicht mehr von ihr los, bis ſie ihn ſelbſt wegwirft. Glauben Sie mir, lieber Bar⸗ ring, bei dem Antheil, den wir an Ihnen nehmen, hat mich Ihre Antwort auf meine indiscrete Frage außeror⸗ dentlich beruhigt. Im anderen Falle hätte ich es für meine Pflicht gehalten, Sie zu warnen.“ „Ein anderer Fall iſt aber gar nicht denkbar,“ verſetzte Victor mit beſtimmtem Tone. Der Marquis ſchaute ihn einen Augenblick mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln an, dann drückte er ſeine Hand und ſagte: „Unſerer heiligen Schutzpatronin ſei dafür gedankt! Es würde uns das in der That recht weh gethan haben. Und glauben Sie mir, cher monsieur Victor, ſo ganz indiscret, das heißt ohne Nutzen für Sie in dem angegebenen Falle, wäre doch meine Frage nicht geweſen. Ich kenne die Gräfin ziemlich genau—“ „Haben Sie Macht über ſie?“ „Vielleicht auch das, wenn es gälte, einem Freund zu dienen.“ „Intereſſirt es Sie in der That zu erfahren, was ſie hier gewollt?“ „Außerordentlich.“ „Und würden Sie,“ fuhr Victor dringend fort,„im Falle ich Sie darüber aufklären kann, Ihre Macht zu Gun⸗ ſten eines meiner Freunde anwenden, der von der Gräfin in den traurigſten Feſſeln gehalten wird?“ „Eines Ihrer Freunde?“ rief erſtaunt der Marquis. „Ahl jetzt flammt mir eine ganze Beleuchtung auf. Sah ich ſie doch ſchon vor längerer Zeit mit unſerem Profeſſor“ — er ſchaute fragend auf den jungen Muſiker—„Blicke wechſeln.— Teufel auch! iſt der Aermſte dem Lichte zu nahe gekommen?“ „Leider!“ „Ja, ja,“ fuhr Herr von Fontana in entſchiedenem Tone fort,„er war ja hier, um die Tableaux zu leiten. Nachher aber ſah ich ihn nicht mehr.“ „Er war mit mir im Garten.“ „Ah! deßhalb wollte ſie Nachtluft athmen, Mondſchein⸗ geflimmer genießen!— Herzlich danke ich Ihnen für dieſe Auskunft, und will, ſo bald Sie es wünſchen, meine frei⸗ lich nur geringe Macht über dieſes gefährliche Weib zu Gunſten Ihres Freundes verwenden.“ „Und mir erlauben Sie wohl noch eine Frage?“ ſagte Victor.„Haben Sie, Herr Marquis, eine Idee da⸗ von, wo die Gräfin blieb? Ich ſah ſie nicht hieher zurück⸗ kehren.“ „O Niemand ſah ſie hieher zurückkehren!“ lachte Herr von Fontana,„aus dem einfachen Grunde, weil ſie nicht hieher zurückkehrte. Sie befahl ihren Wagen an's Ende des Gartens da drüben, und war grauſam genug,“ ſetzte er ironiſch hinzu,„nicht einmal ihren Gemahl mit nach Hauſe fahren zu laſſen. Der gute Graf hat ſich aber auch vorgenommen, ihr morgen früh eine hübſche Familienſcene zu machen.“ „Und könnte das ein Scandal werden?“ fragte der junge Mann beſorgt. V „Pas du tout!“ gab Herr von Fontana mit lautem Lachen V zur Antwort.„Der Herr Graf Follange werden morgen früh eine Stange Cire à moustache zur drohenden Hal⸗ tung ſeines Schnurrbarts mehr verwenden, werden nach V dem Frühſtück ziemlich aufgeregt erſcheinend in das Boudoir ſeiner Gemahlin treten, dort einigemal haſtig auf⸗ und ab⸗ ſchreiten und auf die Bemerkung ſeiner Gattin, daß ſein langweiliges Auf⸗ und Abgehen ihre Nerven errege, ent⸗ gegnen: er habe ſich nur erkundigen wollen— wie ſie ge⸗ ſchlafen. Damit wird er abziehen, ſeinem Hunde einen Fußtritt geben, und dem Kammerdiener mit einer Maul⸗ ſchelle drohen.—— Doch, verzeihen Sie mir, lieber Freund,“ ſagte der kleine bewegliche Mann in ſeinem gewöhnlichen haſtigen Tone,— er hatte das Vorhergehende mit großem Pathos geſprochen,—„ich plaudere da und plaudere, und bedenke nicht, wie ſpät oder eigentlich wie früh es iſt. Cuerpo de Dios!“ rief er, nachdem er ſeine Uhr hervorge⸗ zogen und auf das Zifferblatt geſchaut,„ſchon drei Uhr! — Leben Sie wohl, ich werde der Sache Ihres Freundes nachſpüren und an ſein Beſtes denken. Da unſere Wege nicht die gleichen ſind, ſo nehme ich Abſchied von Ihnen. — Auf baldiges Wiederſehen denn!— Buenas noches!“ Der Marquis verlor ſich mit leichten Schritten im Dunkel des Gartens. Es war die dritte Stunde der Nacht. Die vierte Stunde. ie Baronin war ver⸗ ſchwunden und hatte ſich auch nicht wieder ſehen laſſen. Victor, draußen auf der Treppe ſtehend, blickte in das Zelt zurück, wo er ein Geräuſch hörte und ſah, daß die Bedien⸗ ten beſchäftigt waren, Fauteuils und Seſſel an ihren Ort zu rücken, die Oeffnungen, die hie und da im Zelte waren, zu ſchließen und die Lichter aus⸗ zulöſchen. Er fühlte die Nothwendigkeit, ihnen aus dem Wege zu gehen und ſchritt langſam die Treppe hinab in den Garten. Hatte er auch recht gehört, was ſie ihm zugeflüſtert? Hatte nicht am Ende ſeine lebhafte Phantaſie, unterſtützt — 112— von gewaltiger Eigenliebe, ein harmloſes Wort mißdeutet? Und wenn dem ſo war, ſpielte er nicht gar, allein zurück⸗ bleibend, eine lächerliche Rolle? Bei dieſem peinlichen Gedanken, den er grauſam genug war, ſich genau auszumalen, fühlte er ſeine Leidenſchaft für die ſchöne Frau mit verdoppelter Heftigkeit emporſchla⸗ gen, empfand er es, welch' unſägliches Glück es ſein müſſe, noch eine Stunde in ſtiller, verſchwiegener Nacht bei ihr ſitzen, nur mit ihr plaudern zu dürfen, ſtolz auf den Vor⸗ zug, den ſie, die vornehme Dame, der Niemand etwas Nachtheiliges nachſagen konnte, die ſich aber von allen Seiten umſchwärmt, angebetet ſah, ihm, dem einfachen Künſt⸗ ler, einräumte. „Wenn ich mich wirklich geirrt hätte!“ murmelte er zwiſchen den feſt zuſammengebiſſenen Zähnen,„ſo wäre das eine gerechte Strafe für die wilden Gedanken, die vorhin durch mein Herz geſtürmt.—— Doch nein, ich habe mich nicht geirrt.“ Er vernahm von der Seite des Hauſes her den Schall leichter Tritte, die ſich durch den Garten näherten; er eilte darauf zu: eine Geſtalt löste ſich von den dunkeln Partieen des Laubwerks ab und trat ihm entgegen. Es war die alte Kammerfrau der Baronin, die, ſobald ſie ſeiner anſich⸗ tig wurde, ſich mit einer leichten Verbeugung umwandte, und ihn, voranſchreitend, an eine kleine Seitenthür brachte, hinter welcher ſich eine mäßig erhellte Wendeltreppe befand, die ihn ſeine Führerin erſuchte zu erſteigen.— Sie ſolgte ihm ſchweigend. Oben angekommen, öffnete die Kammerfrau eine Glas⸗ thüre, die auf einen ſchmalen Gang führte, durch den Vic⸗ tor nach wenigen Schritten in ein kleines Boudoir gelangte, wo ihm die Baronin lächelnd entgegen trat. „Sie werden ſich ſeltſame Gedanken über mich gemacht — — —' haben,“ ſagte ſie, indem ſie dem jungen Manne die Hand reichte, welche dieſer an ſeine Lippen führte,„mein Ver⸗ langen, Sie noch zu ſprechen, und dann, daß ich Sie ohne b weitere Benachrichtigung allein unten ließ. Wie ich aber V aus meinem Fenſter bemerkte, traten Sie, um alles Auf⸗ ſehen bei meinen Leuten zu verhüten, in den Garten. Ich danke Ihnen dafür und muß Ihnen die Verſicherung ge⸗ ben, daß Ihr Betragen das Vertrauen, welches ich ohne⸗ dies zu Ihnen habe, ſehr vermehrt hat.— Setzen Sie ſich.“ Sie ließ ſich auf einen kleinen Fauteuil nieder und wies dem jungen Manne einen Sitz dicht in ihrer Nähe an. „Ich ſehe wohl an Ihren Mienen,“ begann die ſchöne V Frau nach einer Pauſe wieder,„daß Sie überraſcht ſind, ſich zu ſo ſpäter Stunde bei mir allein zu finden, eigent⸗ lich überraſcht durch den von mir ausgeſprochenen Wunſch. V Auch finde ich dieſe Ueberraſchung ganz natürlich. Schmerz⸗ lich aber wäre es mir, wenn Sie mir durch dieſe Zuſam⸗ V menkunft ein Opfer gebracht hätten.“ „Ein Opfer, gnädige Frau?“ ſagte Victor haſtig.„Wie könnte man das ein Opfer nennen? Ich ſinne hin und her, um zu ergründen, durch welches Verdienſt ich zu der V Gunſt, hier bei Ihnen ſein zu dürfen, gekommen bin.“ V„Ah! da ertappe ich Sie auf einem falſchen Gedanken, Herr von Barring!“ rief die Baronin.„Sie fragten eben bei ſich ſelber an: wann habe ich mich dieſer Frau gegen⸗ über ſo weit vorgewagt, daß ſie ſich berechtigt fühlen kann, mir um dieſe Stunde mit kurzen Worten zu ſagen: bleibe V noch da. Aber ſeien Sie ganz ruhig, davon ſpreche ich Sie los,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während das liebenswürdige, wunderbare Lächeln, das ſie um ihre Lippen zu zaubern wußte, wieder ihren Mund umſpielte, V— ein Lächeln, bei dem ſie ihre Augen halb zuſchloß, b bei dem ſie ſich gewöhnlich leicht in den Fauteuil zurück⸗ Hackländer, Tag und Nacht. 8 ——— ————— — 114 lehnte, was gerade ſo ausſah, als denke ſie über etwas Köſt⸗ liches nach, das ihr geſtern oder heute begegnet.„Gewiß nicht,“ ſprach ſie nach einer Pauſe,„Sie haben mir mit Ihrem ſtillen, beſcheidenen Weſen keine Veranlaſſung ge⸗ geben, Victor. Und gerade, da ich Sie mir gegenüber immer gleich, immer ruhig, immer, wenn ich ſo ſagen darf, intereſſelos geſehen, hatte ich den Muth, Sie um eine kleine Unterredung zu bitten und Ihnen in dieſer kleinen Unterredung eine große unbeſcheidene Bitte vorzutragen.“ „Halten Sie einen Augenblick, Baronin!“ rief der junge Mann erregt, indem er ſeine rechte Hand gegen ſie ausſtreckte.„Sie ſagten ſo eben, mein ſtilles, ruhiges Weſen— nennen wir es beim rechten Namen— mein gleichgültiges Weſen veranlaſſe Sie, mich mit Ihrem Ver⸗ trauen zu beehren. Laſſen Sie mich gegen Sie wahr ſein, ehe Sie weiter reden; laſſen Sie mich nicht Ihr Vertrauen empfangen unter der Vorausſetzung, Sie gewährten es einem gleichgültigen Menſchen, Einem, der nicht das wärmſte Intereſſe an Ihnen nimmt. Gewiß, nein, nein!“ ſetzte er heftiger hinzu,„unter der Vorausſetzung kann und will ich Ihr Vertrauen nicht annehmen.“ Sie hatte ihren Fächer vor dem Geſichte entfaltet und wandte hinter demſelben ihre Blicke empor nach dem kleinen ſilbernen Hängleuchter in der Mitte des Zimmers, deſſen Licht ſich lebhaft in dem feuchten Glanze ihrer Augen reflektirte. Sie preßte heftig ihre Lippen auf einander, und man hätte ſehen können, wie ihr Füßchen unter dem Kleide gewalt⸗ ſam gegen den Parketboden des Gemaches trat, ſo daß ſich ihr Sitz um ein Paar Zoll von dem ſeinigen entfernte. „Nehmen wir alſo an,“ ſagte ſie nach einer Pauſe langſam und ſtockend,„daß meine Vorausſetzung falſch ge⸗ weſen ſei;— und, die Wahrheit zu geſtehen, es freut mich, das annehmen zu können, denn das Gemüth eines Freun⸗ —. —ͤͤͤͤͤöͤ des, Jemandes, der es gut mit uns meint, iſt geneigter, auf unſere Klagen zu hören, unſere Leiden mit zu fühlen.“ Weßhalb ihre Worte ihn heftig ergriffen, ſein Herz zu⸗ ſammenpreßten und ihn mühſam athmen ließen, davon konnte ſich Victor im gegenwärtigen Augenblicke nur unklar Rechenſchaft geben. Sein Auge hing ängſtlich an ihren Lippen, und abermals hob er die Hand empor, als ſie wieder anfangen wollte zu ſprechen, und noch einmal ſagte er mit flehender Stimme:„Halten Sie noch einen kleinen Au⸗ genblick Ihre Bitte zurück; glauben Sie nicht, daß ich überlegen, daß ich mich im geringſten beſinnen werde, Alles an die Erfüllung eines Wunſches von Ihnen zu ſetzen; aber“— das Nachfolgende ſprach er ſehr leiſe—„Sie haben Ihre Bitte ſo ſeltſam— eingeleitet, Sie haben ſie an einen Gleich⸗ gültigen, im höchſten Falle an einen Freund zu richten ge⸗ meint— ja, das ſagten Sie,“ fuhr er lebhafter fort, als er eine Bewegung ihrerſeits ſah, und doch darf ich Ihnen nicht verſchweigen, daß ich unter dieſer Vorausſetzung Ihre Worte nicht anhören kann.“ Die Baronin beſann ſich ein Paar Sekunden, dann war ſie klug genug, wenigſtens den Verſuch zu machen, die Unterredung in's Komiſche zu ſpielen, weßhalb ſie laut und herzlich lachte und alsdann entgegnete: „Was ſeid ihr Künſtler doch für ſonderbare, unergründ⸗ liche Menſchen! da halte ich namentlich Sie, Victor, weil Sie ein geſetztes ruhiges Betragen haben, für geſcheidter als viele andere junge Leute; ich ſage das mit kurzen Worten, und meine damit, ich habe Sie nie ſo— nun ja, nie ſo lächerlich gefunden wie ſo Viele, die ſtets mit ge⸗ wählten Redensarten bei der Hand ſind, die gleich außer ſich gerathen, überall ihr Herz mit in's Spiel bringen und dadurch glauben machen, daß ſie wirklich keines beſitzen. Ich ſage Ihnen das, ich will Ihnen ein Compliment damit — 116— machen und Sie depreciren vollſtändig und ſagen: ich bin gerade wie die Andern. O das iſt mir leid!“ Sie ließ ihren Fächer auseinander rauſchen und fächelte ſich Kühlung zu, während ſie ſich ganz in ihren Stuhl zu⸗ rücklehnte. Der junge Mann blickte nachdenklich, mit einer faſt traurigen Miene auf die Baronin, die ihm ſo nahe ſaß, daß er ſeine Hand auf ihren vollen Arm hätte legen kön⸗ nen, die er ſich ſo nahe glaubte, da ſie ihn um eine Unter⸗ redung in dieſer Stunde gebeten, und die nun bemüht war, mit ihren Worten eine künſtliche Kluft zwiſchen ihm und ſich herzu⸗ ſtellen. Am Ende aber hat ſie vollkommen Recht, dachte er. O es iſt ein kluges Weib; wer weiß, was ſie mir zu ſagen hat; wer weiß, ob ihre Gründe nicht triftig ſind, daß ſie ihren Wunſch nur einem Unbefangenen, ruhig ſie Anhö⸗ renden mittheilen will. Jedenfalls, ſprach er zu ſich ſelber nach einem tiefen Athemzuge, iſt es dieſer ebenſo ſchönen als entſchloſſenen Frau gegenüber beſſer, wenn auch nur ſcheinbar, auf ihre Anſichten einzugehen. „Gut denn, gnädige Frau,“ ſagte er entſchloſſen,„re⸗ den Sie unter der Vorausſetzung, die Sie vorhin ausge⸗ ſprochen. Ich will Ihnen als Unparteiiſcher, als ruhiger Freund, wenn Sie wollen, als vollkommen Gleichgültiger zuhören.“ Sie ließ ihren Fächer zufallen und ſah ihn feſt an. „Vorher aber muß ich Ihnen noch ſagen,“ fuhr er fort, indem er ſich zu einem Lächeln zwang,„daß ſchöne Redens⸗ arten, Ekſtaſen, dazu gehören, um Ihnen zu beweiſen, daß man tiefer und wärmer für Sie fühlt als Andere, die ſich begnügten, Ihnen dies durch ein Wort, durch einen beredten Blick, durch den Ton eines Liedes bekannt werden zu laſſen. Gewiß, es war mir das nicht bekannt,“ ſetzte er faſt ſchmerz⸗ lich hinzu. Die Baronin trat abermals mit dem Fuße auf den Boden, doch jetzt ſo, daß ſie ihren Fauteuil ſeinem Sitze etwas näher brachte. Sie neigte ſich etwas vornüber, ſie blickte ihn mit ihren klaren, beredten Augen an; ſie bezau⸗ berte ihn wie die Schlange den kleinen Vogel, denn ſie kam ſeinem Geſichte ſo nah, daß er den ſüßen Hauch ihres Mundes ſpürte. Dabei legte ſie ihre Hand auf ſeine Schulter und ließ ſie auf ſeinem Arm langſam niedergleiten. Er zitterte bei dieſer Bewegung; er bebte bei jedem Zoll, den ihre warmen Finger mehr herabglitten. Er hatte die Kühnheit zu hoffen, ſie würden die ſeinigen be⸗ rühren, er würde ſie dort einen Augenblick feſthalten können. Vergebliches Hoffen! er fühlte ihre warme Hand auf ſeinem Arme feſt liegen; er fühlte einen heißen glühenden Druck, der ihm das Blut zum Herzen trieb. „Sind Sie nicht ein Kind, Victor?“ ſagte Frau von Molitor,„ein unverſtändiges eigenwilliges Kind? Statt mich zu verſtehen, ſtatt es zu achten, daß ich jetzt mit einem Freunde ſprechen will—“. „Jetzt?“ rief der junge Mann leidenſchaftlich und zuckte mit ſeinem Arm. Doch die warme Hand blieb unbeweg⸗ lich liegen. „Jetzt,“ fuhr ſie ruhig fort,„denn ich habe etwas Wich⸗ tiges zu verhandeln, das es nicht erträgt, wenn es— verſtehen Sie mich wohl— unter andern Verhältniſſen tän⸗ delnd beſprochen würde, darum bat ich Sie, mir zuzuhören, wie das ein Gleichgültiger, ein Unbefangener thun würde.“ „Ich ſollte das aber nicht nur ſcheinen,“ gab Victor mit bewegter Stimme zur Antwort;„Sie ſetzten voraus, ich ſei das; ja, Sie ſetzen das noch voraus.“ Seine Augen ſuchten die ihrigen, während er ſo ſprach, wogegen ſie bemüht war, leuchtende verrätheriſche Blicke mit dem Fächer zu verdecken. — 118— „Sie ſind ein thörichtes Kind,“ ſprach ſie mit leiſer Stimme;„Sie hätten verſtändig ſein ſollen und uns Bei⸗ den das erſparen.“— „O wenn Sie wüßten,“ flehte der junge Mann,„wie ver⸗ ſtändig ich ſein kann, wie verſtändig ich ſein würde, wenn—“ „Davon ſehe ich leider nicht viel,“ verſetzte die Baronin mit einem tiefen Seufzer. „Jetzt nicht, ich gebe das zu, aber nachher.“ „Nachher iſt ein ſchlimmes Wort; man muß meine Gunſt verdienen.“ „O nur ein Goldkorn von all' dem Reichthum!“ flehte er, wobei ſein Arm wiederholt zuckte.„O nur ein Gold⸗ korn zum Beweiſe, daß man ſpäter die Anhänglichkeit be⸗ lohnen wird.“ „Von dieſen Goldkörnern,“ ſprach ſie ſtockend, und dabei bebte ihre Stimme ein wenig,„fließt ſelten eins allein, wenn ſie einmal anfangen zu rollen. Wer will da ein Halt gebieten!“ Während ſie ſo redete, war ihre Hand langſam herab⸗ geglitten von ſeinem Arm, und mit fieberhafter Haſt um⸗ faßte er ihre weichen Finger. Er drückte ſie unzählige Mal an ſeine Lippen, er legte ſie an ſeine Stirn, an ſein Herz, und darauf zu ihren Füßen niedergleitend und den Kopf auf ihre Kniee beugend, drückte er ihre Finger in ſein volles Haar. Dadurch hatte er ſich vollkommen in ihre Gewalt gege⸗ ben; denn indem ſie mit ihrer Hand in ſeinem Haar wühlte, drückte ſie ihn ſanft aber mit ſtarkem Arm von ſich weg, hob ihn jedoch ſogleich darauf, wenn auch wie widerſtrebend und betäubt, zu ſich empor, und ſchien erſt wieder zur gänzlichen Beſinnung zu kommen, als ſie ſeine Lippen auf den ihrigen fühlte. Einen kurzen Moment erlaubte ſie, duldete ſie, dann aber trat ſie feſt auf den — — — 119— Boden, warf ihren Fauteuil herum, ſprang in die Höhe und ging raſch an das Fenſter, wo ſie, die impoſante Geſtalt, mit abwehrender Hand ſtehen blieb. Langſam ließ ſie ihren Arm herabſinken und ſagte nach einer für den jungen Mann qualvollen Pauſe, die ſie aber ſo freundlich war durch ihr ſüßes Lächeln zu mildern: „Hatte ich nicht Recht, wenn ich nur einem Gleichgül⸗ tigen, einem Unbefangenen, einem ruhigen, vernünftigen Freunde trauen wollte! O Victor!“ bat ſie gleich darauf mit einer ſchmelzenden Stimme,„wollten Sie das nicht für mich eine kleine halbe Stunde ſein?“ Der junge Muſiker hatte ſich unterdeſſen wieder gefaßt, er ſtrich ſein Haar aus der Stirne und drückte darauf ſeine Finger feſt und krampfhaft an die Augen. Es ſchwin⸗ delte ihm, wenn er daran dachte, was er ſo eben erreicht; er fühlte ſeine Liebe zu ihr heftiger emporlodern, nachdem er ſie vor ſich ſtehen geſehen, die ſchöne, prachtvolle Ge⸗ ſtalt mit gebietender Haltung und abwehrender Hand. „Gewiß,“ ſagte er nach einem kurzen Stillſchweigen, „gewiß will ich jetzt hören als ein treuer, ruhiger, unpar⸗ teiiſcher und doch redlicher Freund. O Camilla!“ ſetzte er ſchwärmeriſch hinzu,„will ich doch Alles thun, was Sie mir gebieten, da ich glaube und hoffe, daß es für mich eine Zukunft gibt.“ „Gut denn,“ erwiederte ſie und näherte ſich ganz un⸗ befangen, ja, ſie reichte ihm ihre Hand, die er achtungsvoll an ſeine Lippen führte. Dann ließ ſie ſich wieder in ihren Fauteuil nieder und er ſetzte ſich ihr gegenüber. Einen Moment hatte ſie ihren Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, dann blickte ſie empor und ſagte: „Ich ſpreche alſo zu einem Freunde, zu einem Manne, der bereit iſt für mich zu handeln, ſei ſelbſt das, was er für mich thun muß, mit Mühe, mit Gefahr verknüpft.“ — 120— „So iſt es bei Gott! Camilla. Ich verſtehe jetzt die heiße Luſt, mit der einſt die Ritter für ihre Damen in Kampf und Tod gingen.“ „So höre alſo, mein treuer Ritter,“ ſagte lächelnd die ſchöne Frau.„Meine Verhältniſſe ſind Ihnen genugſam bekannt, daß ich Ihnen darüber keine Erklärung zu machen brauche, die mir unangenehm wäre. Sie wiſſen, daß ich von meinem Vormunde veranlaßt wurde, mich noch ſehr jung zu verheirathen; ich will dabei nicht ſagen, daß irgend eine Art von Zwang ſtattfand. Ich, ein junges, uner⸗ fahrenes Mädchen, in ſtrengen Penſionen erzogen, wurde plötzlich in die Welt eingeführt, und das heitere, glänzende Leben, was mich da mit einem Male ſtatt dem ernſthaften Treiben in der ſtillen Zelle umgab, beſtach meinen Sinn und gefiel mir außerordentlich wohl. Mein nachheriger Gemahl, obgleich zwanzig Jahre älter als ich, war ein an⸗ genehmer und unterhaltender Mann, eine ritterliche Figur; er erzählte gern von ſeinen Reiſen und wußte in gewiſſer Richtung das junge Mädchen an ſich zu feſſeln, ver⸗ ſtehen Sie mich wohl, in gewiſſer Richtung, denn ich hätte eher an Alles gedacht, als daß er meine Hand fordern würde. Er ſei früher von ſehr finſterer Gemüths⸗ art geweſen,— ein Menſchenfeind, ſagte mir meine Tante, bei der ich lebte, die Schweſter meines verſtorbenen Vaters. Auch war der Unterſchied unſeres Alters ſo bedeutend, daß ich mit ihm umging wie mit einem ältern Freunde. „Er kam viel in unſer Haus, er fuhr uns ſpazieren, er ritt mit mir, und dabei vernahm ich einſtmals eine Aeußerung von ihm, welche mich, wenn doch zuweilen leiſe Zweifel in mir aufſtiegen, wieder vollkommen beruhigte. Es begegnete uns auf einem Ritte in eine abgelegene Ge⸗ gend ein Bekannter, dem der Baron Molitor auf ſeine — — 121— Bemerkung, er gratulire ihm, ihn in ſo angenehmer Geſell⸗ ſchaft zu finden, lachend die Antwort gab: ‚Es iſt das kein Compliment für mich; Du ſiehſt, für wie ſehr alt und un⸗ gefährlich man mich hälte. „Aber es kam mit einem Male anders, ſchnell, uner⸗ wartet. Eines Tages ſagte mir meine Tante, der Baron habe um meine Hand angehalten, und ſie für ihre Perſon ſehe eigentlich keinen vernünftigen Grund, dieſe Verbindung nicht einzugehen. Mein Herz war frei, Victor,“ fuhr die Baronin nach einer Pauſe fort, während ſie mit dem Ta⸗ ſchentuche leicht ihre Stirne berührte.„Ich hatte wohl in verſchiedenen Büchern über die Liebe geleſen, aber ich hatte ſie bis dahin nicht kennen gelernt.“ Dies einfache: bis dahin, begleitet von einem Blitz aus ihren ſchönen Augen, machte den jungen Mann ihr gegen⸗ über erbeben. „Von allen Seiten berathen und doch ohne wirk⸗ lich guten und treuen Rath ließ ich mich nach und nach an die Idee gewöhnen, die Frau des Barons zu werden. Er benahm ſich während dieſer Zeit auſ's Klügſte; er warb nicht um mich, er blieb ſich gleich in ſeinem chevaleresken, achtungsvollen Betragen. Alles, was er in Beziehung auf unſer künftiges Verhältniß that, war, daß er mich auf's Genauſte von der Einrichtung ſeines bisherigen Lebens ſo⸗ wie von den Bequemlichkeiten unterrichtete, die ſein Wohn⸗ ort, ein prächtiges Schloß auf ſeinen Gütern— er wohnte nur ausnahmsweiſe in der Stadt— darbot.— „Ich wurde ſeine Frau.—— „Wir reisten nach Frankreich und Italien; unſere Reiſe dauerte mehrere Monate; darauf kehrten wir nach ſeinem Schloſſe zurück und— nach Ablauf eines Jahres,“ — hier ſtockte die Baronin, fuhr abermals mit dem Tuche über ihr Geſicht und erzählte dann weiter:„nach Ablauf — 122— eines Jahres war ich die Mutter eines reizenden Mäd⸗ chens. O, meine kleine, ſüße Iſabella!“ Dieſen Namen ſtieß ſie mit einem ſchmerzlichen Rufe hervor, dann bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Händen und verharrte ſo ein Paar Minuten lang regungslos. Victor blickte ſie erſtaunt an; er mochte auch dieſen Blick des Be⸗ fremdens noch nicht geändert haben, als ſie ihre Hände langſam niederſinken ließ. Sie faßte ſich gewaltſam und fuhr alsdann fort, indem ſie ihr Auge rings umherſchwei⸗ fen ließ: 1 „Ich weiß wohl, was Ihre Miene ſagen will; Sie ſehen bei mir rund umher Alles öde und leer; Sie haben in dieſen Räumen, die Sie ſo oft betraten, nie den friſchen Ton einer Kinderſtimme gehört, nie das herzliche Lachen eines jener lieblichen Weſen. Und doch iſt es, wie ich Ihnen ſage. Die Bekannten meines Hauſes, die es gut mit mir meinen, ſprechen nicht darüber, und mit denen, welche ſo gern geneigt ſind, über mich und meine Vergan⸗ genheit hämiſch die Achſeln zu zucken, verkehren Sie ja nicht, mein Freund.“ Sie reichte ihm ihre Hand, die er innig an ſeine Lip⸗ pen drückte. „Ja, ich hatte eine Tochter, ein reizendes, liebliches Weſen. O, wie war ich glücklich bei ihr, mit ihr! Wie liebte ich ſie, wie war ſie mir anhänglich, wie tief fühlte ich, daß jetzt zu meiner gänzlichen Zufriedenheit nichts mehr fehle, daß meine Beſtimmung erfüllt ſei! Was den Baron anbelangt, ſo ſchien auch er in ſeinem jetzigen Leben recht glücklich zu ſein; er hatte mich, ſeitdem wir verheirathet, mit einer achtungsvollen Zärtlichkeit behandelt; er hatte mich in einzelnen Fällen, wo ihm das nothwendig ſchien, freundlich ermahnt und belehrt; er hatte über mich gewacht, ich kann wohl ſagen mit väterlicher Aufmerkſamkeit. Von — 123— den finſteren Launen, die ihn früher unerträglich für ſeine Umgebung gemacht haben ſollen, hatte ich bis jetzt nichts bemerkt. Wohl liebte er es, Aeußerungen zu thun, wie zum Beiſpiel: es iſt doch ſeltſam, wie ſich das vollkommenſte Glück, das Menſchen genießen, oft durch Kleinigkeiten in's grenzenloſeſte Unglück verkehren läßt; oder: es iſt eigentlich traurig, daß das hellſte Licht auch den dunkelſten Schatten wirft. O,“ ſagte die Frau ſeufzend, nachdem ſie einige Au⸗ genblicke nachdenkend vor ſich niedergeſchaut,„ich ſollte bald in dieſen Schatten treten! „Auf der Reiſe nach unſerer Verheirathung waren wir ziemlich für uns geblieben. Der Baron ſchloß ſich nie an andere Reiſende an, die wir zufällig trafen, oder wenn das geſchah, nur auf ganz kurze Zeit, vielleicht für eine kleine Partie, für ein einzelnes Diner und dergleichen. Ich hielt das für zufällig, ich gab nicht darauf Acht; mich beſchäf⸗ tigte alles Neue, was mich umgab, ſo ſehr, daß ich ſonſt nichts vermißte; all' die beſtändig wechſelnden Bilder, ver⸗ bunden und erklärt durch die wirklich gediegenen Be⸗ lehrungen meines Mannes, füllten meine Seele aus. „Nachdem wir zurückgekehrt, hatte ich eine Zeit lang zu thun, ehe ich das ungeheure Material zu unſerer Ein⸗ richtung, theils das, was ſich vorfand, theils was der Ba⸗ ron mit einer faſt an Verſchwendung grenzenden Freigebig⸗ keit für mich angeſchafft, ſowie die zahlreichen Geſchenke meiner Freunde und meiner Familie bewältigen, ordnen konnte. Daß dies nicht vorher geſchehen war, fand ich eine vernünftige Anordnung des Barons und ſehr dankens⸗ werth; denn wie viel Schönes und Zweckmäßiges hatten wir auf unſern Reiſen geſehen, in uns aufgenommen und dabei Vieles gelernt, was wir nun Gelegenheit fanden, bei uns wieder anzuwenden. „O es war das eine vergnügte Zeit, eine herrliche Zeit, — 124— ſo dabei thätig zu ſein, wie ſich Zimmer um Zimmer aus dem Chaos von Kiſten und Ballen zu einem wohnlichen Ganzen herausbildeten. War mir doch zu Muth wie dem Vogel, der ſein Neſt baut. Aber warum dieſe Details er⸗ zählen!“ unterbrach ſie ſich ſchmerzlich lächelnd.„Sie ver⸗ bittern meine Laune, ſie ſind durchaus unnothwendig zur Darſtellung deſſen, was ich Ihnen zu ſagen habe.“ „Ich hätte gern noch mehr davon aus Ihrem Munde gehört,“ ſagte Victor,„aber ich verſtehe auch, daß es für Sie ſchmerzlich iſt, dieſe angenehmen Zeiten der Vergan⸗ genheit ſo lebhaft hervorzurufen, wie Sie es in Ihrer Er⸗ zählung thun.“ Die Baronin warf einen Blick auf die Standuhr über dem Kamine, dann fuhr ſie fort: „Ich bin ſchon zu weitläufig geweſen; aber Sie wer⸗ den verſtehen, mein Freund, daß, wenn man einmal anfängt über eine vergangene Zeit zu ſprechen, die für uns von ſo großem Intereſſe war, an die unſer Herz noch unauf⸗ löslich gebunden iſt, wir uns gerne in Einzelnheiten verlie⸗ ren, die einem Andern, Unbefangenen, gleichgültig ſind. „So blieben wir ziemlich ſtill für uns, bis nach der Geburt meiner Tochter, wo ſich der Baron veranlaßt ſah, den verſchiedenartigſten Fragen und Anſpielungen nachzu⸗ geben und ſein Schloß dem Adel der Umgegend, mit dem er früher in freundſchaftlichem Verkehr geſtanden, wieder zu öffnen. So angenehm mir einestheils dergleichen kleine geſellſchaftliche Zerſtreuungen waren, ſo war es mir doch ſeltſam zu Muth, als eines Tags die erſten der glänzenden Equipagen in den Schloßhof fuhren, deren Beſitzer kamen, uns ihre Gegenbeſuche zu machen. Es war mir, als ziehe ein fremdes, unfreundliches Element in unſere bis jetzt ſtille und glückliche Einſamkeit. „Laſſen Sie mich ſchnell hinweggehen über eine Zeit, — — 125— wo ich mit Schrecken, mit Entſetzen bemerkte, wie ſich die Gemüthsſtimmung meines Mannes veränderte, wie er launiſch, finſter, abſtoßend wurde, wie er ſich von mir, ja von ſeinem Kinde zurückzog, wie er für mich ſtatt freund⸗ licher, gemüthlicher Worte, wie bisher, nur ſcharfe, pikante Redensarten hatte,— kurz, wie ich bemerkte, daß ihn die eingebildetſte und furchtbarſte Eiferſucht quäle. Den Ge⸗ genſtand derſelben konnte ich lange nicht ergründen, ſein Benehmen ließ mich auf Dieſen und Jenen rathen. „ hätte nur ich allein die unglückſelige Leidenſchaft meines Gemahls entdeckt,“ fuhr die Baronin fort,„ich hätte mich gern wieder in meine frühere Einſamkeit zurück⸗ gezogen, nur um ruhig für meine arme kleine Tochter leben zu können. Aber auch für Andere war es nicht ſchwer, den Grund ſeiner ſo finſteren Mienen, ſeines abſtoßenden, verletzenden Weſens zu errathen. Unberufene miſchten ſich hinein, es gab Reibungen in der Geſellſchaft; bösartige Menſchen— ſogenannte gute Freunde— machten ſich kein Gewiſſen daraus, unſchuldige Vorfälle zu verdrehen und mit den ſchlimmſten Zuſätzen verſehen zu ſeiner Kenntniß zu bringen.— „Ihnen die Einzelnheiten dieſer entſetzlichen Zeit mitzu⸗ theilen bin ich nicht im Stande. Da es Sie aber vielleicht intereſſirt, ſo wenden Sie ſich an den Freund unſeres da⸗ maligen Hauſes, an den Freund meines jetzigen Hauſes, an den Marquis Fontana. Er ſoll Ihnen einmal Einzelnheiten geben.— „Ich wünſche das, Victor,“ ſagte die Baronin drin⸗ gend, als ſie eine abwehrende Handbewegung des jungen Mannes ſah;„ich wünſche es, ja ich verlange es; es iſt für mich nothwendig, daß Sie durch eine dritte Perſon von allen Details in Kenntniß geſetzt werden. Iſt es doch nicht die Plauderhaftigkeit eines Weibes, was mich veran⸗ — 126— laßt, Ihnen, mein Freund, von meiner Vergangenheit zu ſprechen; thue ich es doch nur als Einleitung zu einer un⸗ geheuren Bitte, die ich an Sie richten werde.“ „Ich hoffe nicht,“ gab ihr haſtig der junge Mann zur Antwort,„daß Sie glauben, mich durch eine Einleitung geneigt machen zu müſſen, Ihnen irgend einen Wunſch, den Sie mir ausſprechen, zu erfüllen.— Sie haben mich zu Ihrem Sclaven gemacht, Camilla,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu, indem er ſich niederbeugte und ſeine heißen Lippen einen Augenblick mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit auf das Spitzengewebe drückte, welches ihren Arm umgab. Dann ſtrich er langſam die Haare aus der Stirne und fuhr mit ernſtem Tone fort, als er ſich wieder empor⸗ richtete:„Wenn Sie, gnädige Frau, es für nothwendig halten, mir um Ihretwillen etwas mitzutheilen— gut, ſo höre ich es an; was mich aber betrifft, ſo glaube ich einem einzigen Ihrer Worte, glaube an Sie, Camilla, unerſchütter⸗ lich, und bin zu Ihrem Dienſt bereit, wo Sie ihn, wo Sie mich benutzen wollen.“ Sie hatte den Kopf in die Hand geſtützt, und als ſie nach längerem Stillſchweigen ihr Haupt emporrichtete, ihr Geſicht wieder ſehen ließ, konnte man bemerken, daß ihre Züge bleich, ihre Augen feucht waren. „Wenn ich Ihnen ſage,“ fuhr ſie alsdann fort,„daß der wirklich finſtere Geiſt meines Gemahls mich zu quälen begann, als Iſabella kaum ein Jahr alt war, und daß ich um des Kindes willen Alles ertrug— pſychiſche, ja ſelbſt körperliche Mißhandlungen, daß ich bei ihr blieb bis zu ihrem vollendeten ſechsten Jahre, ohne in der Zeit andere frohe Augenblicke gehabt zu haben, als die wenigen, in denen er mir vergönnte, mein Kind zu ſehen; wenn ich hinzufüge, daß ſeine Liebe zu mir gänzlich erloſchen war, daß er Alles that, um unſere Trennung zu Stande zu — — 127— bringen, die ich auf's Beſtimmteſte verweigerte,— wenn Sie ſich alles das vorſtellen, eine zuſammenhängende Kette von Quälereien jeder Art, Beleidigungen, Anſchuldigungen, Mißhandlungen, ſo können Sie ſich denken, daß ich zuletzt gezwungen war, ſein Haus zu verlaſſen— mein Kind zu verlaſſen.“. Bei dieſen Worten drückte die Frau heftig ihre Hände vor das Geſicht, ſprang in die Höhe und rief leidenſchaft⸗ lich aus, indem ſie einen raſchen Gang durch das Zimmer machte: „Ja, ich mußte mein Kind verlaſſen, mein einziges, geliebtes, mein kleines, ſchönes Kind! Ich mußte es in ſeinen Händen laſſen, in den Händen eines Wüthenden, eines Mannes, den ich nie geliebt, nie, nie!“ Sie warf heftig ihre rechte Hand empor, als wollte ſie die Finger wie ihre Worte beſchwörend gen Himmel ſtrecken.—„Ja, ich wiederhole es,“ rief ſie mit bebender Stimme,„den ich nie geliebt, den ich nur anfänglich um mich zu dulden vermocht, weil er unter der Maske des ruhigen Wohl⸗ wollens, einer väterlichen Freundſchaft mein Herz einzu⸗ ſchläfern wußte. „Ja, Victor, ich habe eine Tochter; Iſabella iſt jetzt acht Jahre alt; ſie ſoll reizend und liebenswürdig ſein, wie man ſich nur ein kleines Kind zu denken vermag.— So ſagen Leute, die ſie ſahen und die mir davon wieder er⸗ zählten.— Ja,“ fuhr ſie leidenſchaftlich fort,„es gibt Leute, die ſie ſehen, die ihre lieben Händchen faſſen dürfen,— ich nicht!— denen es geſtattet iſt, in ihr klares, kindliches Auge zu ſchauen, ihre ſchöne Stirne zu küſſen, ihren lieb⸗ lichen Mund,— mir iſt das nicht geſtattet,“ ſprach die Baronin mit ſteigender Heftigkeit—„die meine Tochter, mein Kind,— meine Iſabella an ihr Herz drücken, die ihr weiches, duftiges Haar berühren dürfen.— Ich durfte — 128— das nicht,— nicht mehr ſeit zwei unendlich langen Jahren. Ja, Victor!“ rief ſie, indem Thränen ihren Augen entſtürzten, „ſeit zwei Jahren habe ich mein Kind nur ein einzigesmal geſehen, es nur verſtohlen in der Entfernung geſehen. Nicht habe ich ſeine Stirne, ſeinen Mund, ſeine Hände mit Küſ⸗ ſen bedecken dürfen, nicht habe ich den Ton ſeiner Stimme gehört, mit dem es mir zugerufen hätte; denn ſie kennt mich noch, meine kleine Tochter, ſie denkt an mich, ſie ſpricht von mir. Ich weiß das von ihrer Kammerfrau, mit der ich nach langer, vergeblicher Mühe mich endlich in Verbin⸗ dung geſetzt,— das iſt aber auch Alles,“ ſetzte ſie traurig hinzu, während ſie ihre Hände feſt in einander ſchloß,„was mir möglich war, um mich meinem Kinde zu nähern.— O,“ ſagte Frau von Molitor nach einer längeren Pauſe laut weinend,„wäre ich damals, als ich ſie wieder⸗ ſah, nicht ganz allein, ganz ſchutzlos— wäre ich ſelbſt ein Mann geweſen! Mich hätten nicht die Mauern des Parks geſchreckt, hinter denen er ſie verborgen hält; ich hätte ſie in meine Arme genommen und mit mir fort⸗ getragen.“ Sie bedeckte einen Moment ihre Augen mit der rechten Hand, und als ſie dieſe wieder ſinken ließ, ſprach ſie mit einem tiefen Seufzer: „Sie werden mich fragen, warum ich mein Kind ver⸗ laſſen oder warum ich es damals nicht heimlicher Weiſe mit mir genommen?— Dies war bei ſeiner Wachſamkeit ebenſo unmöglich, wie bei ſeiner Rohheit, noch länger in ſeiner Nähe zu bleiben. Er verlangte eine geſetzliche Scheidung, die ich mit Abſcheu verwarf, darauf ſetzte er, als Preis meiner Einwilligung hiezu, die Rückgabe meiner Tochter feſt. Es waren das entſetzliche Verhandlungen, und Freunde, die es gut mit mir meinten, riethen mir, bis zur gänzlichen Auseinanderſetzung ſein Haus zu verlaſſen. —ÿꝑyÿyỹ— — 129— — Aber die Unterhandlungen führten nicht zu einem Reſul⸗ tate. Als ich, wie ich eben ſagte, endlich in eine Scheidung willigte, um dadurch mein Kind zu erhalten, ſchrieb er mir einen inſolenten Brief, worin er ſeine Beſchuldigungen ge⸗ gen mich wiederholte und als deutlichen Beweis, wie recht er gehabt, ſich nicht entblödete anzuführen, daß ich eine Scheidung verlange, um frei zu werden, und thun und laſſen zu können was mir beliebe.— Das aber— hören Sie, Victor, ſo ſchrieb er mir,— werde er Zeit ſeines Le⸗ bens zu verhindern wiſſen, ebenſo, daß Iſabella von Mo⸗ litor— er ſagte nicht ſeine Tochter— in die Hände einer Frau käme, die ihr nothwendiger Weiſe die eigenen ſchlech⸗ ten Grundſätze einflößen müßte. „Als ich dieſen Brief erhalten, ſetzte ich mich in eine Ecke meines Zimmers und las ihn während einiger Stun⸗ den durch, unaufhörlich, von Anfang bis zu Ende, und als ich jedes Wort auswendig wußte, warf ich das Papier zu Boden und trat es unter meine Füße. Dann dachte ich an mein vergangenes Leben, an die entſetzlichen Jahre, die ich bei ihm zugebracht, und grübelte in mich hinein, träumte, phantaſirte, ſprach mit mir ſelber, vergegenwärtigte mir alle Leiden, die ich unſchuldiger Weiſe getragen, und kam zu dem glücklichen Reſultate eines glühenden Haſſes gegen ihn, eines gänzlichen Vergeſſens aller der guten Eigen⸗ ſchaften, die ihn mir einſtens werth gemacht. Und als ich ſo ein furchtbares Fundament gelegt, als ich heiße Thränen des Schmerzes und der Verzweiflung geweint, da ſandte mir Gott einen Lichtſtrahl in meine Seele— den Wunſch, den Willen, den Vorſatz, mein Kind wieder zu erlangen, alle Mittel anzuwenden, es ihm zu entreißen. „Können Sie dieſen Vorſatz tadeln, Victor? Werden Sie einer Mutter, die Sie mit aufgehobenen Händen an⸗ flehte, ihr zur Seite zu ſtehen, daß ſie ihr Kind wieder er⸗ Hackländer, Tag und Nacht. 2 ¶¶—Q—¶A.————— lange, Hülfe verſagen? Werden Sie zurücktreten, wenn ich Ihnen hier ausſpreche: das iſt meine Bitte an Sie, Victor, meine glühende Bitte, helfen Sie mir, mein Kind wieder zu erlangen, leihen Sie meiner unermüdlichen Phan⸗ taſie Ihren kräftigen Arm und dann— Victor, mein Freund, gebieten Sie über mich.“ Das ſchöne, leidenſchaftliche Weib hatte in dieſem Au— genblicke, wie ſich in ein unabänderliches Schickſal ergebend, ihre Hände wehrlos ausgebreitet, den Kopf herab gebeugt und ſank, nachdem ſie die letzten Worte, ſich von ihrer Leidenſchaftlichkeit herabſtimmend, mit leiſem Tone geſpro⸗ chen, zu den Füßen des jungen Mannes nieder, der er⸗ ſchrocken näher ſprang und ſich bemühte, ſie empor zu he⸗ ben. Als ſich bei dieſem Verſuche ihr Geſicht ſeinen Händen näherte, fühlte er die Thränen, welche ihren Augen ent⸗ floſſen. Dabei hatte ſich ihr volles dunkles Haar aufgelöst und ringelte ſich über Nacken und Schultern herab, die Weiße derſelben wunderbar hervorhebend.— Es war ein zauberhaftes Bild, was ſich ſeinen umſchleierten Blicken zeigte, es war ein Augenblick, der ihm das Blut wild durch ſeine Adern ſtrömen machte.— Und dabei flackerte das Licht in der ſilbernen Lampe ſo ängſtlich, warf zuckende Schatten an den Wänden rings umher und drohte gänz⸗ lich zu erlöſchen. Victor beugte ſich zu der prächtigen Geſtalt hinab, die in ſeinen Armen ruhte, und während er ſie langſam emporhob, richtete ſie ihr Haupt auf; ihre feuchten Augen trafen wie fieberhaft glühend ſeine leuchtenden Blicke, und als gleich darauf ihre Augenlider langſam zuſanken, hatte ſie ihre geöffneten Lippen feſt auf die ſei⸗ nigen gedrückt. Nur einen Augenblick ruhte ſie wie leblos an ſeiner Bruſt, nur einen kurzen, für ihn ſo ſeligen Augenblick; V V V I b ivd—ixãxãxãxãxxxꝙ — 131— dann zuckte ſie wie mit ſich ſelbſt und gegen eine fremde Gewalt ringend, erſt ſchwächer, dann ſtärker zuſammen und entwand ſich endlich, ihn ſanft zurückdrängend, ſeinen umſchlingenden Armen. „Nicht ſo, Victor,“ ſprach ſie,„um Gotteswillen! nicht ſo. Laſſen Sie unſer Verhältniß ein freundſchaft⸗ liches bleiben, wie es war, wie es meinem Herzen ſo wohl that, rein und edel, fürchten wir uns vor der Zukunft, vor einer Stunde, in der wir auf den jetzigen Augenblick als einen vergangenen, unwiederbringlichen zurückblickend, vielleicht händeringend beklagen würden, wenn es anders gekommen wäre.— Wenn es gekommen wäre,“ ſetzte das ſchöne Weib mit leidenſchaftlich zitternder Stimme hinzu, „wie es unſere Herzen wünſchen, wie es Dich und mich namenlos glücklich gemacht hätte.— Und nach dieſem Wort fliehe, um Deiner ſelbſt willen, wie ich Dich ver⸗ laſſen muß, um mich vor mir ſelber zu retten.“ „Ah! Camilla, ich laſſe Dich nicht; es gilt die Reue.“ Sie war verſchwunden. Draußen vor den Fenſtern in den dichtbelaubten Bäu⸗ men verſuchte ein Vogel ſchüchtern den erſten Ton zu ſei⸗ nem Morgenliede; es war nur ein leiſer, zwitſchernder Anfang, ein ſchläfriger Verſuch aus dem kleinen Schnabel hervor, der ſich vielleicht gleich darauf noch einmal unter dem Flügel verbarg. Sah man doch im Oſten eben erſt einen hellen Streifen, den jungen Morgen verkündigend; war doch eben erſt die Nacht im Begriff, auf leicht rau⸗ ſchendem Winde zu entfliehen———— —— War es doch erſt die vierte Stunde. ——:’uſſſͤſſſſn enn man gegen Morgen aus der kühleren Nachtluft in ein Schlafzim⸗ mer tritt, ſo bemerkt man recht den 1 Unterſchied der Temperatur, namentlich wenn ein ſolches Schlafzimmer etwas klein und niedrig iſt. Im Verlaufe unſerer wahrhaftigen Geſchichte müſſen wir den geneigten Leſer bitten, uns ☛ in ein derartiges Gemach zu folgen. s.I.„ De Es liegt dieſes im zweiten Stocke eines beſcheidenen, freundlichen Hauſes, an deſſen Giebelwand ſich wilde Reben in maleriſchen Windungen emporſchlingen. Blätter dieſer wilden Reben nicken auch in das Schlafzimmer herein, deſſen beide Fenſter offen ſtehen und nur mit einfachen, weißen Vorhängen verſehen ſind. — 133— Das Zimmer iſt nicht ſehr groß, namentlich nicht beſonders hoch, weßhalb auch die Temperatur hier etwas heiß und gedrückt iſt. Doch befinden ſich vier Betten in demſelben; neben einander an der einen Wand in's Zimmer hinein ſtehen zwei große, während man in der einen Ecke zwei kleine bemerkt. Das Bettwerk in einem der größeren Betten iſt unbe⸗ rührt und zeigt an, daß der Beſitzer daſſelbe nicht benützt; das andere ſieht ſo aus, als ob Jemand, der dort geſchla⸗ fen, plötzlich aufgeſprungen, denn Kiſſen und Decke be⸗ finden ſich in Unordnung; letztere hängt auf den Boden herab. Was dagegen die beiden Kinderbettlädchen anbelangt, ſo ſind ſie ſo vollſtändig beſetzt, als man das zu ſehen ſich nur wünſchen kann. In dem einen liegt ein geſund aus⸗ ſehender, prächtiger Bube, ſo gut wie gar nicht bekleidet, denn ſein unentbehrlichſtes Kleidungsſtück hat ſich ihm bei einigen heftigen Bewegungen, die er während des Schlafes, wahrſcheinlich der Hitze wegen, gemacht, auf's Bedenklichſte verſchoben; ſein lockichtes Haar iſt feucht und hat ſich in einzelnen Spitzen in die Höhe geſtellt; ſeine Augenlider ſcheinen ſo leicht auf die Augen herab gefallen, daß man glaubt, das Summen einer Fliege, deren beim erſten Grauen des Tages genug im Zimmer umher ſchwirren, müßte ihn erwecken. Und doch hört man an den regelmäßigen und tiefen Athemzügen, wie feſt und ſanft er ſchlummert. Komiſch iſt es anzuſehen, mit welch' eigenthümlichem Schlafkameraden er ſein Bettchen theilt. Ein großer Ham⸗ pelmann, mit buntem Tuch bekleidet, deſſen Nähte mit ſil⸗ bernen Litzen beſetzt ſind, der vorn und hinten mit einem großen Höcker begabt iſt, und der eine ganz koloſſale Naſe hat, liegt neben ihm auf dem Rücken, und ſein Geſicht mit den hellen aber ſtarren Augen und dem höhniſch lachend zuſammengekniffenen Mund contraſtirt ſeltſam mit der wun⸗ derbaren Ruhe auf dem Geſichte des ſchlafenden Kindes. Nur zuweilen ändern die Beiden ihre Rollen, wenn nämlich eine Fliege den Knaben beläſtigt und er ſie von ſich blaſend einen Augenblick mit dem Kopfe ſchüttelt; wogegen das un⸗ verſchämte Inſekt, mit der ſchamloſeſten Zudringlichkeit ſich auf die ſpitzige gebogene Naſe des Hampelmanns ſetzend, nicht im Stande iſt, deſſen ewiges, unvergängliches Lächeln zu verſcheuchen.— Der kleine Knabe mag ungefähr vier Jahre alt ſein. In dem andern Bettchen befindet ſich ein ſchon etwas älteres Mädchen, beſſer verhüllt, in einer ungleich weniger trotzigen und herausfordernden Lage. Sie hat die rechte Hand unter ihr Haupt gelegt und lächelt im Schlafe,— ein Lächeln, das nicht einmal aufhört, wenn ſich eine der ſummenden Fliegen nähert. Höchſtens bewegt das kleine Mädchen ein wenig ihren hübſchen Mund oder erhebt ihr eines Händchen, um die Zudringliche zu verjagen. Das ganze Gemach mit den beiden ſchlafenden Kindern und dem nickenden Rebenlaub an den Fenſtern, ja ſelbſt mit den ſummenden Fliegen und dem ewig lächelnden Ham⸗ pelmann würde uns ein höchſt angenehmes, liebliches Bild von Ruhe und Frieden gewähren, wenn nicht unſere Blicke beſorgt an den beiden großen Betten hängen blieben, an dem einen, von dem die Decke unordentlich herabhängt, be⸗ ſonders aber an dem andern, welches ganz unberührt er⸗ ſcheint. Wenn wir weiter um uns blicken, ſo ſehen wir die Thüre in's Nebenzimmer nur angelehnt und bemerken durch die ſo entſtandene Spalte, daß es dort ſchon etwas heller iſt. Wahrſcheinlich haben die Fenſter keine Vor⸗ hänge. Treten wir ein und ſchauen nach. Es iſt ein größeres Gemach, recht hüſch und wohnlich — 135— eingerichtet, wenn gleich einfach und bürgerlich; wir ſehen da einen guten Sopha mit ſechs Stühlen, auch ein paar Lehnſeſſel, ziemlich feine Vorhänge, an der Wand unter ein paar Aquarellen ſowie einigen werthvollen Kupferſtichen das meiſterhaft und effektvoll gemalte Bild einer jungen ſchönen Frau. Die Fenſter dieſes Zimmers ſtehen offen, und der aufdämmernde Morgen im Verein mit einem tief herabgebrannten Lichte erlaubt uns, alle Gegenſtände ge— nauer zu erkennen und zu betrachten, als dies aus dem anſtoßenden Schlafgemache uns möglich war. Unſer Eintritt in dieſes Zimmer gewährt uns aber einen eigenthümlichen Anblick; auf dem Boden bemerken wir ein paar große Körbe mit verſchließbaren Deckeln, die mit Wäſche angefüllt ſind; daneben ſteht ein alter Reiſe⸗ koffer, halb voll mit Kleidungsſtücken, und das, was hier noch zu fehlen ſcheint, ſehen wir auf den Stühlen nebenan ſowie auf dem Tiſche liegen, auf welchem auch das herab⸗ gebrannte Licht ſteht. Was uns aber am meiſten überraſcht, iſt die Geſtalt einer Frau, die auf ihren Knieen vor einem der Stühle liegt, den Kopf in die Hände gedrückt hat und dieſe auf dem Sitze ruhen läßt. Die Frau trägt einen einfachen Morgenüberrock; von ihrem Haar, das ſehr locker um den Kopf geheftet zu ſein ſcheint, iſt eine dicke ſchwarze Flechte losgegangen, die über ihren Nacken herabhängt. Zuweilen zuckt der Körper dieſer Frau zuſammen, als ob ſie Schmer⸗ zen fühlte oder ein heftiges Weinen gewaltſam unterdrücken wollte. Das Letztere ſcheint der Fall geweſen zu ſein: denn als ſie ſich nach kurzer Zeit langſam aufrichtete, wiſchte ſie mit der Hand Thränenſpuren von ihren Wangen. Es war dieſelbe Frau, die wir oben im Porträt geſehen, dieſelben Züge, daſſelbe ſchwarze Haar, dieſelben dunklen Augen. Und doch wie verſchieden von einander Bild und Original! Dort blickte das Letztere heiter und froh, faſt übermüthig in die Welt, die Augenlider waren halb herabgeſenkt und ließen auf dem Beſchauer einen ſchalkhaften Blick ruhen, zu welchem die leicht emporgezogene Oberlippe, von einem an⸗ muthigen Lächeln gekräuſelt, ſo außerordentlich paßte. Auf dem Bilde trug die Frau ein anſchließendes, etwas phan⸗ taſtiſches Gewand von ſchwarzem Atlaß, prall anliegend, volle runde Formen verdeckend; man hätte glauben können, dieſe Bruſt im glücklichen Uebermuthe der Jugend athmen zu ſehen. Wie anders ſtellte ſich heute das Original dar! Der Blick durch Thränen gedämpft, das Haar eilig und nach⸗ läßig um den Kopf befeſtigt, der Mund ſchmerzlich verzogen, zuweilen ein leichtes Zucken um denſelben oder ein krampf⸗ haftes Einklemmen der Unterlippe zwiſchen die Zähne; ſtatt des ſorgfältig gewählten Anzuges ein weiter Morgenüber⸗ rock, eilig zugehakt und davon die Spuren tragend. Die Frau hatte ſich, wie geſagt, von den Knieen er⸗ hoben, aber langſam, mit ſichtlicher Anſtrengung, dann legte ſie die Hand auf die Stirne, drückte dieſelbe einen Augenblick heftig und ſchüttelte dann den Kopf. Nachdem ſie zum Tiſche getreten und auf eine Taſchenuhr geſehen, die dort lag, ſagte ſie mit leiſer Stimme: „Schon vier Uhr vorüber! Und ich habe da ein gutes Stück koſtbarer Zeit verträumt; nun raſch wieder an die Arbeit, ich will zu Ende kommen!— O mein Gott, ja, zu Ende kommen!“ wiederholte ſie mit ſchmerzlichem Aus⸗ ruf, indem ſie in die Höhe blickte.„Nun zum Ende kom⸗ men, damit dies arme Herz nicht ganz niedergedrückt wird und noch etwas guter Glaube an die Menſchheit übrig bleibt.— Muth!“ Sie horchte an die Thüre des Nebenzimmers, und wie — 137— wurde ihr Blick ſo weich, ſo ſanft, welch' liebliches Lächeln ſpielte um ihren eben erſt noch ſo krampfhaft geſchloſſenen Mund, als ſie zurückkehrend ſprach: „Sie ſchlafen ſo ſanft, Gott ſei Dank! ſie fühlen nichts von all' dem Elend, was meine Bruſt zerreißt. Aber vor⸗ wärts! Das Schwerſte zuerſt.“ Dann ſetzte ſich die Frau an den Tiſch, ſtützte den Kopf auf den linken Arm und begann mit fieberhafter Haſt zu ſchreiben. Dabei war es, als ſchrecke ſie häufig zuſam⸗ men, und wenn man genauer hinſah, ſo bemerkte man, wie eine große Thräne um die andere auf das Papier fiel. Endlich war ſie fertig; ſie ſchien das Geſchriebene über⸗ leſen zu wollen, doch nach dem erſten Verſuche warf ſie das Blatt heftig von ſich und wandte ſich dem Koffer zu, um ihn mit den Kleidungsſtücken zu füllen, die auf den Stühlen und Tiſchen umher lagen. Beim Betrachten der einzelnen Sachen, größtentheils wohl Zeugen einer ver⸗ gangenen glücklichen Zeit, hielt ſie zuweilen in ihrer Arbeit inne und preßte dann auf Augenblicke dies und das zwi⸗ ſchen ihre gefalteten Hände, drückte es auch wohl heftig an ihre Lippen. Gleich darauf aber war es wieder, als ſchäme ſie ſich ihrer Schwäche, und dann warf ſie das Ergriffene haſtig von ſich und deckte es eilig mit anderen Sachen zu. Als ſie ſich nun ſichtlich ermattet vom Boden erhob, mußte ſie ſich mit der Hand auf den Koffer ſtützen; ſie ſchwankte dann durch das Zimmer gegen eines der offenen Fenſter hin, dort ließ ſie ſich auf einen Stuhl nieder, vergrub ihre rechte Hand in ihr dichtes ſchwarzes Haar und blickte mit aufgeſtütztem Arme in den dämmernden Morgen hinaus. Das Haus, in welchem ſie ſich befand, lag ziemlich am Ende der Stadt auf einer kleinen Erhöhung; von dem Fenſter aus, an dem ſie ſaß, erblickte man nur wenig von den Häuſermaſſen, nur rechts und links ein paar ſchmale Strei⸗ —-— 138— fen, wo ſehr verlängerte Straßen in das Land hinaus führten. Die unmittelbare Umgebung des kleinen Gebäu⸗ des waren Gärten und andere Wohnungen, die ebenfalls hier zerſtreut lagen; von dem zweiten Stocke, wo die Frau am Fenſter ſaß, ſchaute man weit hinweg über dieſe ein⸗ zelnen Wohnungen, die mehr in der Tiefe lagen, über dichtbelaubte Bäume, über ſaftig grüne Grasplätze, über verſchiedenartige Blumen und Gebüſche, auf einen munter daherſchießenden Bach, und wenn man über denſelben hin⸗ weg das Auge wieder erhob, ſo ſah man dort die Gegend ſanft anſteigen bis zu einem Höhenzuge, welcher mit dichtem Wald bedeckt war, zwiſchen dem man an der höchſten Stelle die grauen Mauerreſte eines zertrümmerten Schloſſes be⸗ merkte. Auf der ganzen weiten Natur, die man von hier über⸗ ſchaute, lag jener feine Duft, flimmerte jenes unbeſtimmte Licht, das vor dem Sonnenaufgange erſcheint, ihn einleitet. — An dem faſt gänzlich klaren Himmel ſtiegen im Oſten einzelne Wölkchen auf, nicht von dem Anſehen, als bär⸗ gen ſie Regen und trübes Wetter in ihrem Schooße,— es waren leicht geſchwingte, weiße, bewegliche Wolken, flat⸗ ternde Bänder, von der Erde emporgeſandt, um das Ge⸗ ſtirn nicht ſo ganz kahl und ohne Gefolge auf der Höhe erſcheinen zu laſſen. Anfänglich zeigten ſich dieſe Wolken grau und farblos am Horizonte, getrieben vom leichten, kühlen Morgenwind, der die Blätter der Bäume fröſtelnd ſich bewegen machte, und der das erſte Lied, der erwachenden Vögel zuweilen unterbrach; bald aber färbten ſie ſich heller und wärmer, wie Strahlen ſchoſſen andere aus der ur⸗ ſprünglichen Schicht empor, da hinten im Oſten wimmelte es von prachtvollen, immer wechſelnden Schleiern und Bän⸗ dern. Auch der Duft, der nun langſam herabzuſinken ſchien, nahm die vielerlei Farben in ſich auf, die nach — 139— und nach auf den Höhen ſichtbar wurden. Es war Bewe⸗ gung, Wechſel der Schatten, aufdämmerndes Licht und Leben überall. Und alles das ſteigerte ſich von Sekunde zu Se⸗ kunde; es war, als rollte die Erde in dieſem Augenblicke gewaltiger, raſcher im ungeheuren Weltall, oder als fühle man eine vermehrte Luftbewegung durch den freudigen Um⸗ ſchwung derſelben, eine Bewegung, die man bei der allge⸗ meinen feierlichen Stille rauſchen hörte durch die Zweige der Bäume, murmeln in dem fließenden Waſſer, tönen in dem nun ſchmetternd erklingenden Sang der Vögel.— —— So eingeleitet, ſo ſehnlich erwartet, ſieht man es nun hinter dem Wald, der den Horizont im Oſten krönt, wie in gewaltiger Feuerlohe aufflammen. Jeder Stamm, jedes Zweiglein wird ſichtbar auf dem glänzenden Gold⸗ grund, mit dem ſich dort der Himmel überzieht. Noch ein Paar Sekunden, und die Poeſie der Erwartung iſt vorüber, der Aufgang der Sonne hat ſtattgefunden, und mit glän⸗ zendem, verzehrendem Feuer blitzt der erſte Strahl des mächtigen Geſtirns über die Berge herüber.—— Die junge Frau am Fenſter fährt heftig zuſammen, als er ihr Auge trifft, ſie aus ihren Träumereien auſſchreckt, ſie blendet. Wie wohl hat ihr die Dämmerung gethan, die melancholiſche Dämmerung, mit der Alles ſo ſanft be⸗ kleidet war, Alles was jetzt vor ihren Augen wie mit einem Schlage verwandelt erſcheint, und nun in jeden Farben, in Gold, Silber, in ſtäubenden Thaubrillanten prangt, ſtrahlt, glänzt, blendet. Goldſchimmer überall, auf dem grünen Raſen, auf den Blättern der Bäume, auf den Gipfeln des großen, mächtigen Waldes, auf dem emporwirbelnden Rauche, auf den Flügeln der aufſteigenden Lerchen,— Goldſchimmer an dem ganzen weiten Himmelsraume.— ——— Haſtig zieht die Frau die Fenſtervorhänge zuſammen und athmet wieder ruhiger auf, als nun das —- 140— grelle Sonnenlicht, das auf die Zerſtörung im Zimmer, auf die Körbe und Koffer am Boden geglänzt, ausge⸗ ſchloſſen iſt. Gleich darauf verſchwindet ſie im Nebenzimmer. Treten wir geſchwinde an den Tiſch und werfen einen Blick auf das geſchriebene Blatt Papier, welches noch da liegt. Es iſt dies eine Indiscretion, die wir unſern Leſern ſchuldig ſind. „Wenn Du dieſe Zeilen liest, Ferdinand, ſo wird Dein Auge wahrſcheinlich von den Dir wohlbekannten Schriftzügen hinweg mit Erſtaunen durch die leeren Zim⸗ mer Deiner Wohnung ſchweifen. Vielleicht aber auch, daß Du bei Deiner jetzigen Gemüthsſtimmung nicht einmal unſere Abweſenheit ſogleich bemerkſt, und ich möchte doch damit anfangen, Dir zu ſagen, daß Du von jetzt ab kein Weib, keine Kinder mehr haſt, die Dein nunmehriges Leben hindern, Deine Schritte hemmen.— Lächle nicht, wenn Du in dieſen Zeilen die richtigen Folgerungen vermiſſen ſollteſt; mein Kopf iſt ſo wüſt und leer, daß ich nicht einmal weiß, ob ich Dir ſage, was ich Dir ſagen will. Verzeihe mir deß⸗ halb, wenn ich Dir ein paarmal wiederhole,— daß ich meine Kinder nehme und Dich verlaſſe, daß ich mit meinen Kindern in die Welt hinaus gehe— nicht um ihnen oder mir ein Leides anzuthun— da ſei Gott vor!— nur um Dich zu verlaſſen, der Du uns lange verlaſſen haſt, und um nicht das Entſetzliche erleben zu müſſen, daß die Kinder mich noch ferner fragen: wo iſt unſer Vater? warum ſehen wir ihn nicht?— Und es haben doch die Kinder ein Recht, das zu fragen; denn ſie können verlangen, daß ihr Vater nicht Tage, Nächte lang von Hauſe wegbleibt, aus welch' entſetzlichen Gründen— das weißt Du— und ich weiß es auch. Vorwürfe will ich Dir keine machen, Vor⸗ würfe macht man nur, um das Andere eines Beſſeren zu ——äᷓᷓaᷓᷓ́õocöyr— — 141— belehren; die Zeit iſt vorbei; ich habe das lange vergebens verſucht. Auch will ich vor der Welt keinen öffentlichen Skandal machen und mich von Dir trennen auf eine Art, wie das ja öfters geſchieht und wie Du auch ſchon in einer Anwandlung böſer Laune angedeutet haſt.— Ich will Dich verlaſſen, Ferdinand, für immer und ewig. Gott wird mir Kraft geben, daß es mir möglich iſt, jede meiner Spuren, ſowie ich Dein Haus verlaſſen habe, für immer zu verwiſchen.—— Du ſollſt nie wiſſen, was aus Deinem Weib, was aus Deinen Kindern geworden iſt.“ Dieſe Stelle war durch Thränen etwas unleſerlich ge⸗ worden. „Die armen Kinder ſind noch klein und werden Deinen Verluſt verſchmerzen, und um ihnen das zu erleichtern, werde ich ihnen ſagen, daß Du— nicht mehr ſeieſt, daß Du geſtorben, für Deine Familie verloren wäreſt.— Wie denn das ja auch in Wirklichkeit der Fall iſt.— Und ſo, Ferdinand, nehme ich denn auch von Dir Abſchied. Es zerreißt mir das Herz, das niederzuſchreiben— auf Nim⸗ mer⸗, Nimmerwiederſehen. Ich will an Dich wie an einen Verſtorbenen denken, und dadurch wird es mir möglich ſein, mich mit den Gefühlen Deiner zu erinnern, die uns Beiden die erſten Jahre unſerer Ehe ſo glücklich machten. — O ſo glücklich! warum ſoll ich Dir das verſchweigen? warum ſoll ich Dir in dieſem Augenblick nicht auch ſagen, Ferdinand, wie ſehr ich Dich geliebt, wie ſehr ich Dich gehaßt, und daß ich jetzt fühle, wie, nachdem ich Dich verloren, die alte, innige, treue Liebe zu Dir wiederkehren wird. So ſcheide ich von Dir mit der Verſicherung, daß es meine heilige Pflicht ſein ſoll, Deinen armen Kindern die Erinnerung an ihren unglücklichen Vater rein zu erhal⸗ ten.— Möge Gott Dir und uns helfen! Thereſe.“ V V I V b V V ——— — 142— Als die Frau des Malers wieder in ihr Wohnzimmer trat, war ſie völlig angekleidet und zwar gänzlich ſchwarz. Wer in ihr abgehärmtes, kummervolles Geſicht ſah, deſſen tiefe Bläſſe durch das dunkle Haar noch mehr hervorgeho⸗ ben wurde, der mußte es gänzlich im Einklange mit dem Traueranzuge finden. Sie legte den Morgenrock, den ſie eben getragen, in den Koffer, ſchloß dieſen wie die beiden Körbe zu, verſiegelte alsdann das Schreiben auf dem Tiſche und machte die Adreſſe darauf. Dann that ſie ein paar Schritte gegen das Schlafzimmer, blieb aber vor der Thüre tief aufathmend ſtehen, und wie ſie ihre beiden Hände auf das Herz preßte, rollten ihr langſam Thräne um Thräne über die bleichen Wangen. „Mit den Kindern zu ſprechen, das iſt die härteſte Aufgabe,“ ſagte ſie zu ſich ſelber;„aber Faſſung! es muß ſein. Vielleicht ſündige ich in dieſem Augenblicke, vielleicht frevle ich an den Herzen der Kleinen, aber ich kann nicht anders— Gott wird mir verzeihen.“ In dem Schlafzimmer hatte ſich nicht viel verändert; das Mädchen lag noch immer ruhig ſchlafend mit dem Kopfe auf dem rechten Arm, der kleine Bube hatte ſich her⸗ umgewälzt und ſein ſchwitzendes Geſicht in die Kiſſen ver⸗ borgen, wogegen der Hampelmann noch immer auf dem Rücken lag und mit ſeinen unbeweglichen, weit offenen Au⸗ gen ſowie dem höhniſchen Lächeln auf den Lippen unver⸗ wandt an die Decke ſtarrte. Die Mutter weckte ihr Töchterchen, indem ſie ſich über deren Bett beugte und einen Kuß auf ihre Stirne drückte. Die Kleine ſchlug die Augen auf, hätte ſie aber wahr⸗ ſcheinlich gleich wieder zufallen fen, wenn ihr nicht an der Mutter etwas aufgefallen wäre, der ſchwarze Anzug und die niederſtürzenden Thränen, welche gerade jetzt reich⸗ licher floſſen. Dies ſehend, wiſchte das Mädchen ihre —— — 143— Augen mit den Händen, öffnete ſie dann weit und ſetzte ſich ſogleich aufrecht in ihr Bett. „Mama,“ ſprach ſie mit einem Ausdrucke des Erſtau⸗ nens,„warum weinſt Du denn eigentlich? Es iſt ja noch ſo früh, daß noch gar nichts geſchehen ſein kann. Wir haben noch nicht einmal Kaffee getrunken und die Lene kann noch keine Taſſe zerbrochen haben.“ „Ueber ſo was weine ich auch nicht, Bertha,“ erwie⸗ derte die Mutter,„ſondern ich bin über etwas ganz Ande⸗ res betrübt, und ich will es Dir nachher ſagen, wenn Du angezogen biſt. Später, viel ſpäter.“— Sie hatte nicht den Muth, ſich weiter zu erklären. „Dein Brud er ſchläft noch,“ fuhr die Mutter nach einer Pauſe fort;„ich habe Dich zuerſt geweckt, weil Du ein geſcheidtes Mädchen biſt, das nicht gleich anfängt zu weinen.“ Die Frau ſagte das mit Beziehung auf ein ſehr verſtändliches Zwinkern in den Augen der Kleinen.— „Weißt Du, Bertha, der Ferdinand iſt noch ein kleiner, unverſtändiger Bube, den habe ich nicht zuerſt wecken dür⸗ fen, denn er würde augenblicklich anfangen zu ſchreien, was Du nicht thuſt. Nicht wahr, mein Kind?“ Nein, Mama, ich weine nicht,“ entgegnete entſchloſſen das Mädchen und wiſchte ſich die Augen heftig mit den Händchen. Dann wieder aufßblickend ſagte es:„Du biſt aber auch ſo ſchwarz angezogen, Mama, wie ich Dich nie geſehen habe.“ „Das iſt ebenfalls, weil ich ſehr betrübt bin,“ erwie⸗ derte die Mutter. „Du biſt ſo ſchwarz angezogen,“ ſprach das Mädchen altklug,„wie Tante Locher hier im Hauſe, als ihr klei⸗ nes Kind geſtorben war, weißt Du, das Bübchen, mit dem Du ſo gern geſpielt. Dir iſt doch nichts geſtorben, denn wir ſind ja Alle da, ich, Du und der Ferdinand. — 144— Sieh, dort liegt der dumme Bub' mit dem Hampelmann neben ſich. Ich glaube, er hat Angſt, allein zu Bett zu gehen.— Du Ferdinand!“ rief ſie mit lauter Stimme. „Laß ihn noch einen Augenblick ſchlafen,“ ſagte die Mutter. Und dann fuhr ſie fort, indem ſie ſich gewaltſam faßte:„Du biſt mir ein rechtes Mädchen, Bertha, Du ſagſt, wir ſeien Alle da, und haſt doch Jemand vergeſſen.“ Das Kind ſchaute ſie mit großen Augen an. „Denkſt Du denn gar nicht an Deinen Vater, Bertha?“ fragte die Frau mit weicher, ſchmerzerfüllter Stimme,„an Deinen Vater, der Dich doch ſo lieb gehabt hat?“ „Ach ja, an den Vater!“ verſetzte das Kind, wobei es ſeine Händchen übereinander legte.„Ja, er hat mich recht lieb ge⸗ habt; er malte mir ſo nette Bilder und machte ſo ſchöne Schiffe und Schlitten aus Papier.— Das war aber früher; in der letzten Zeit hat er mich nicht mehr ſo lieb gehabt. Er kam ja gar nicht mehr nach uns zu ſehen, machte uns auch keine Bilder und Schlitten mehr.“ „Dein Vater war krank,“ ſprach die unglückliche Frau, wobei ihre Thränen den weit geöffneten Augen unauf⸗ haltſam entfloſſen.„Er war ſehr krank, zum Sterben krank!“ „Und iſt er geſtorben?“ fragte plötzlich das Mädchen, „und kommt er gar nicht wieder?— Deßhalb trägſt Du ein ſchwarzes Kleid und weinſt?“ Die Frau des Malers hatte nicht die Kraft, eine Ant⸗ wort darauf zu geben, Ja oder Nein zu ſagen; ſie ſenkte ihren Kopf tief herab und bemühte ſich, dem Kinde die Strümpfe anzuziehen. „Ja, Mutter, da weine ich doch, da mußt Du mich mit weinen laſſen; denn wenn der Vater todt wäre, ſo käme er gar nicht wieder, und das wäre arg, ſehr arg.“ „Das iſt es auch, mein Kind, und wenn Du weinen — 145— willſt, ſo thu' es nur. Aber wecke mir den Knaben nicht auf, und wenn er ja aufwacht, ſo mache Deine Augen zu, damit er Deine Thränen nicht ſieht. Später haben wir noch Zeit genug zum Weinen,“ ſetzte ſie unter einem tiefen, ſchmerzlichen Seufzer hinzu.. Damit hob ſie das Mädchen aus dem Bette, trug es zum Waſchtiſch und machte auf's Sorgfältigſte ſeine kleine Morgentoilette, währenddem ſie alles Mögliche that, um das Kind auf andere Gedanken zu bringen. „Weißt Du, Bertha,“ ſagte ſie,„Du biſt nun faſt er— wachſen, und mußt recht verſtändig, lieb und artig ſein; Du mußt Deinem kleinen Bruder mit einem guten Bei⸗ ſpiele vorangehen, und deßhalb darfſt Du auch nicht wei⸗ nen. Wir gehen jetzt fort aus dieſer Stube, aus dieſem Hauſe, ja aus der Stadt.“ „So, machen wir eine Reiſe, Mama?“ fragte das Mäd⸗ chen ſchon halb getröſtet. „Ja, mein Kind, wir machen eine Reiſe.“ „Mit der Eiſenbahn?“ „Wahrſcheinlich mit der Eiſenbahn.“ „Und wohin?“ „Das weiß ich noch nicht; das muß ich mir erſt über⸗ legen. Ueberhaupt habe ich viel zu überlegen und nachzu⸗ denken, und deßhalb mußt Du mich nicht ſo viel fragen. Aber ſieh,“ fuhr die Mutter ermahnend fort,„jetzt willſt Du ſchon wieder anfangen zu weinen und ich habe Dich doch gebeten, das nicht zu thun.“ „Du weinſt ja auch, Mama.“ „O nein, ich weine nicht mehr,“ entgegnete die Frau des Malers, mühſam unter Thränen lächelnd;„es iſt nur der Sonnenſtrahl, der zum Fenſter herein kommt und der mich in die Augen beißt.“ Sie machte ſich hierauf wieder eifrig daran, das kleine Hackländer, Tag und Nacht. 10 ——————QQOOępQñQO¶Q—·.H—A'— ———õÿ—— 146— Mädchen anzuziehen, zu welchem Zwecke ſie ein dunkles Kleidchen zurecht gelegt hatte. Da es nicht ſchwarz war, ſo knüpfte ſie ein kleines Lilatuch darüber und band dem Kinde ein Schürzchen von derſelben Farbe vor. „So, jetzt biſt Du fertig.“ „Wenn der Vater aber geſtorben iſt,“ ſagte das Mäd⸗ chen, nachdem es eine Zeitlang nachgedacht,„ſo kommt er alſo niemals wieder. Das iſt doch arg, Mama.“ „Ja, es iſt ſehr arg,“ erwiederte dieſe mit leiſer Stimme.„Aber nicht wahr, jetzt ſprichſt Du auch nicht mehr darüber?— Nur jetzt nicht, ſpäter ſoviel Du willſt. Geh' zu Ferdinand, er will wach werden.“ Und wirklich machte der kleine Sohn in dieſem Augen⸗ blicke hiezu einige Anſtalten. Er wälzte ſich wieder herum, ſo daß er nun auf den Rücken zu liegen kam und ſeine erhitzte Wange an die kalte Naſe des Hampelmanns ſtieß, was ihn veranlaßte, ſchlaftrunken mit den Augen zu blin⸗ zeln. Dann ſtreckte er ſich lang aus, gähnte tüchtig und öffnete darauf die Augen, zuerſt ſeinen Nachbar mit Ver⸗ wunderung anſchauend; dann aber den guten Freund er⸗ kennend, begrüßte er ihn mit einem Lächeln, nahm ihn in den Arm, wobei er ſagte:„Komm'’ her, Du dummer Kerl!“ und wollte hierauf den unterbrochenen Morgenſchlaf wieder fortſetzen, als das kleine Mädchen ſeine Hand nahm und zu ihm in weinerlichem Tone ſprach: „Ferdinand, Du ſollſt aufſtehen. Der Vater iſt geſtor⸗ ben und wir müſſen gleich mit der Eiſenbahn fortfahren.“ Glücklicher Weiſe übte dies ſchreckliche Wort keine ſo gewaltige Wirkung auf den ſchläfrigen Knaben; auch eilte die Mutter herbei, um durch ihre Gegenwart und eine ver⸗ nünftige Rede das abzuſchwächen, was das Mädchen un⸗ bedachtſam geſprochen. Etwas aber mußte doch in das Ohr des Kleinen gedrungen ſein, denn er öffnete raſch ſeine — 147— Augen wieder, und als er die Mutter in ſchwarzer Klei⸗ dung vor ſeinem Bette ſtehen ſah, auch Thränenſpuren auf ihren Wangen, das Letztere auch bei der Schweſter, die ſich in dieſem Augenblicke durchaus keine Mühe gab, ihr Wei⸗ nen zu verbergen, ſo verzog er ſogleich ſein Geſicht und ſchluchzte laut auf, ohne eigentlich noch recht zu wiſſen, um was es ſich handle. Die Mutter ſchickte Bertha in's Nebenzimmer, nachdem ſie ſich während des Anziehens des kleinen Buben alle Mühe gegeben hatte, ſeine Gedanken zu zerſtreuen und dieſe auf etwas Anderes, namentlich auf das Vergnügen der bevorſtehenden Reiſe und obendrein mit der Eiſenbahn, zu lenken, wobei eine Hauptbedingung war, daß der Hampel⸗ mann gleichfalls mitgehen dürfe; und ſo verſtand ſich denn Ferdinand dazu, nicht mehr zu ſchluchzen, vorausgeſetzt, daß die Schweſter das auch nicht mehr thue, denn im andern Falle müſſe er ebenfalls mitweinen. Mit Mühe und Noth wurde unter dieſen Hin⸗ und Herreden und Verſprechungen der Kleine angezogen, eben⸗ falls mit einem Lila⸗Halstuch verſehen, und dann in das Wohnzimmer geſchickt. Die Frau nahm von den Bettchen die Nachtkleider der Kinder, ſteckte ſie in einen Reiſeſack und ging dann hinauf, die Magd zu wecken. Als dieſe herunterkam und die ſchwarzen und dunkeln Anzüge der Mutter und Kinder ſah, blieb ſie begreiflicher Weiſe erſtaunt an der Thüre ſtehen, und es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre die Frau des Malers, die doch ſelbſt des Troſtes ſo ſehr bedurfte, zum dritten Male genöthigt geweſen, auch hier welchen zu ſpenden. Es war ihr ſchmerzlich, in das Geſicht des Dienſtmäd⸗ chens zu blicken, an ſie die letzten Worte zu richten, wenn ſie bedachte, daß dieſe es ſein werde, welche ſo zu ſagen eine letzte Vermittlung zwiſchen ihr und ihrem Manne her⸗ —— — ———— ſtelle,— eine Vermittlung, wie das erklärende, nicht be⸗ ruhigende Wort eines Augenzeugen, der beim Dahinſcheiden einer Perſon zugegen war. Sie merkte an dem thränen⸗ feuchten Blick, mit welchem ſie das Mädchen anſah, wie ſich ihr ganzes Fühlen in ihre Augen drängte; ſie empfand wohl, wie ihre Hand zitterte, als ſie dieſelbe ausſtreckte, um ſie zum letztenmal der Dienerin zu reichen. So viel es ihr möglich war, bezwang ſie aber ihren Schmerz, und als ſie ſich nach dem Fenſter gewendet, um dort irgend etwas Gleichgültiges aufzuheben, trat ſie wieder vor das Dienſt— mädchen hin und ſagte ihr:— „Wir haben während der Nacht einen Brief erhalten, der uns gemeldet, daß ein naher Verwandter meines Man⸗ nes geſtorben iſt. Der Herr iſt darauf ſchon vor einer Stunde ausgegangen, und ich will jetzt mit den Kindern auf die Eiſenbahn, wo er uns erwartet. Wir fahren als⸗ dann um ſechs Uhr dort ab; richte Deine Zimmer in Ordnung, mach' die Betten, thu' überhaupt Alles gerade ſo, als wenn ich da wäre; das nöthige Haushaltungsgeld für einige Tage habe ich Dir geſtern ſchon gegeben.“ Die alte Magd nickte ſtumm mit dem Kopfe, doch warf ſie dabei einen ſo ſeltſamen Blick auf die Frau des Hauſes, daß dieſe kaum im Stande war, denſelben aus⸗ zuhalten. „Da drinnen ſind die Kinder,“ ſagte Letztere mit einem Tone ſo gleichgültig, wie er ihr nur möglich war.„Du kannſt ihnen für die paar Tage Adieu ſagen, aber mach' ſie mir nicht weich, denn wenn Du anfängſt zu weinen, ſo machen ſie es gerade ſo.“ Drinnen im Wohnzimmer unterſuchte das kleine Mäd⸗ chen mit altkluger Miene die Schlöſſer an Körben und Koffer, um zu ſehen ob ſie auch feſt ſeien; Ferdinand ſaß auf dem letzteren, den er als Pferd behandelte, mit den Ab⸗ — 149— ſätzen ſtieß und mit einer kleinen Peitſche ſchlug. Als die Magd hereintrat, rief er ihr zu:„Lene, wir verreiſen, aber ich hoffe, daß wir vorher Kaffee bekommen.“ „Den nehmen wir auf der Eiſenbahn,“ erwiederte die Mutter, welche der Magd beſorgt gefolgt war, denn ſie fürchtete ſich vor der Plauderhaftigkeit des kleinen Mäd⸗ chens.—„So,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, „jetzt gebt der Lene eine Hand und einen Kuß und ſagt eihr Adieu. Sie geht dann ſogleich und wird mir einen Wagen holen.“ Die alte Magd, die ſchon mehrere Jahre im Hauſe war, die Vieles hier mit angeſehen und Manches von gu⸗ ten Freunden und geſchäftigen Nachbarn gehört haben mochte, ſchüttelte leicht mit dem Kopf und hatte ihre ganz eigenthümlichen Gedanken. Aber ſie liebte ihre Frau und hatte ſo viele Beweiſe von deren verſtändigem Weſen, ihrer Redlichkeit, ſowie davon, daß Alles, was ſie that oder an⸗ gab, einen vernünftigen Grund hatte, daß ſie auch bei die⸗ ſem Verfahren daſſelbe vorausſetzte und ſich einfach an⸗ ſchickte zu gehorchen. Dabei konnte es aber die Lene nicht ändern, daß es in ihrem Auge zu funkeln begann, als ſie nun die Kinder küßte und von ihnen auf's Herzlichſte Ab⸗ ſchied nahm. Die Mutter hatte ſich weggewandt und blickte zum Fenſter hinaus. Es war nur ein Glück, daß der kleine Bube in dieſem Augenblick ſagte: „Ich werde Dir was Schönes mitbringen, Lene; aber dem Hampelmann mußt Du auch eine Hand und einen Kuß geben, der geht auch mit.“ Das war doch etwas, worüber man, wenn auch mit widerſtrebendem Herzen, lächeln konnte. Und Lene war ſo gutmüthig, das zu thun. „Alſo einen Wagen ſoll ich holen?“ ſagte ſie darauf mit halb erſtickter Stimme zu der Frau des Malers. „Ja, und beeile Dich ein wenig, ich möchte ſonſt zu ſpät kommen. Auch iſt es mir am liebſten, wenn Du einen verſchloſſenen Wagen bringſt.“ Lene eilte davon und auf der Treppe dachte ſie allerlei hin und her, dies und das; es war ihr, als ſage ihr eine innere Stimme:„Hol' keinen Wagen, Lene,— hol keinen Wagen. Laufe was Du kannſt auf's Atelier Deines Herrn und ſage ihm Alles. Da wird er ſein, wie ſchon oft um dieſe Zeit. Lauf ſchnell! lauf ſchnell! es iſt beſſer ſo.“— Und wie ſie ſich auf der Straße befand, war ſie ſchon im Begriff, den Weg zum Atelier einzuſchlagen, da dachte ſie wieder:„Nein, ich thue es doch nicht; die Frau hat mir immer nur Gutes und Verſtändiges befohlen und es hat mich nie gereut, wenn ich ihr gefolgt. Auch diesmal will ich es ſo machen. Das Einzige, was ich mir erlauben kann, iſt, ſo geſchwind es meine alten Beine geſtatten, einen Um⸗ weg zu machen bei dem Atelier vorbei, und wenn ich ihn da zufällig ſehe, da iſt es mir nicht verboten, ihm Alles zu ſagen. O möchte er nur dies eine Mal daher kommen!“ Mit dieſem Wunſch rannte ſie davon, und zwar ſo ſchnell, daß ihr die ihr Begegnenden erſtaunt nachſahen. So viel ſie ſich aber auch umſchaute, ſo erblickte ſie nichts von ihrem Herrn. An dem Fenſter des Zimmers, wo er zu arbeiten pflegte, waren die Vorhänge herabgelaſſen.— „Am Ende habe ich doch diesmal unrecht vermuthet,“ dachte die Magd,„und er iſt wirklich ſchon voraus auf die Eiſen⸗ bahn gegangen. Der liebe Herrgott möge es gnädig ge⸗ ſtatten, daß es nicht anders iſt. Amen!“— Damit ging ſie dem Platze zu, wo die Miethwagen ſtanden. Die Frau des Malers hatte unterdeſſen aus dem — 151— Schreibtiſch eine kleine Börſe genommen, die ſie mit einem trüben Lächeln zu ſich ſteckte.—„Als ich die Goldſtücke hier nach und nach hinein that,“ ſprach ſie zu ſich ſelber, „dachte ich nicht, welchen Gebrauch ich einſtens davon machen müßte.— O mein Gott, wie verſchieden iſt die Wirklich⸗ keit von unſern Phantaſieen!“ Darauf ſuchte ſie einige Briefe und ſonſtige Papiere zuſammen, doch während ſie das that, konnte man eine größere Unruhe als vorher an ihr bemerken. Häufig eilte ſie an's Fenſter des Schlafzimmers und blickte hinaus auf die Straße, um alsdann zurückkehrend eiliger in ihren Pa⸗ pieren zu ſuchen. „Bis jetzt iſt heute Morgen Alles nach meinen Wün⸗ ſchen gegangen,“ ſagte ſie leiſe vor ſich hin;„es wäre entſetzlich, wenn er nun nach Hauſe käme.— Aber ich kann ruhig ſein,“ ſetzte ſie bitter lachend hinzu,„er kommt nicht; wie könnte er es auch über ſich gewinnen, aus den glän⸗ zenden Kreiſen, wo er gefeiert iſt, wo man ihm ſchmeichelt, hieher in dieſe Alltäglichkeit zu kommen, in dieſe haus⸗ backene Wirthſchaft, wo er mich ſieht mit meinem einfachen Anzuge, wo er die Kinder lachen und plaudern, vielleicht auch einmal weinen hört.— Und doch,“ fuhr ſie heftiger fort,„iſt es ſeine Frau, ſind es ſeine Kinder!“ Sie lauſchte abermals, denn es war ihr, als vernehme ſie bekannte Tritte auf der Straße. Doch ſchüttelte ſie gleich darauf mit dem Kopfe, wobei ſie aber ihre Zähne feſt auf einander biß.—„O er kommt nicht!——“ Sie fuhr mit der Hand ſo heftig über das Geſicht, daß es war, als wolle ſie ein entſetzliches Bild verjagen, das vor ihrem innern Auge erſchien.—„Ich kann ruhig ſein, nach ſolcher Nacht kommt er nie nach Hauſe. Was ſoll er auch hier die finſtere Miene ſeiner Frau ertragen? vielleicht ihre Vor⸗ würfe hören? ſich ſo häßlich in ſeinen Erinnerungen ſtören — “ 28 ——y — ——— — — 152— laſſen?— Den Erinnerungen an ein harmoniſches Zuſam⸗ menleben mit ihm ähnlich fühlenden Weſen.“ Die Frau lachte ſchrecklich und laut, dann ſchaute ſie einen Augenblick ſtarr vor ſich hin, nickte mit dem Kopfe und ſprach mit einer zitternden Stimme, die aber mit jedem Worte weicher wurde:„Gegen Mittag wird er kommen, um nach den Kindern zu ſehen, wenn ich— die ſie ihm unter Schmerzen geboren— nicht da bin.— Darum wird er ſich kaum bekümmern; aber die Kinder, nach den Kin⸗ dern wird er verlangen.—— Und wind ſie nicht finden!“ rief ſie mit Heftigkeit,„wird ſie nicht finden!— Auch mich nicht! auch die Kinder nicht!— Niemand!— Niemand! nie— nie mehr, in alle Ewigkeit!“ Die letzten Worte ſchrie ſie, von gewaltigem Schmerze gefaßt, ſo laut hinaus, daß das kleine Mädchen erſchrocken unter der Thüre des Wohnzimmers erſchien. Raſch faßte ſich die unglückliche Frau, trat in das anſtoßende Gemach und ſchaute dort noch einmal um ſich her, jetzt mit trocke⸗ nen, heißen Blicken. Da hing ihr Bild und unter dem⸗ ſelben das ſeinige, klein auf Elfenbein gemalt. Faſt willen⸗ los trat ſie näher, hob die Hände zu ihrem Porträt empor und rief ſich noch einmal mit ganzer Kraft der Seele jene glückſelige Zeit zurück, in der es unter ſeiner Hand ent⸗ ſtanden. Dann fielen ihre Blicke auf die ehemals ſo ge⸗ liebten Züge; ſie ſchien einen Augenblick mit ſich ſelbſt zu kämpfen; dann warf ſie haſtig ihr Taſchentuch über das Miniaturbildchen, nahm es ſo verdeckt von der Wand, wo⸗ bei ſie ſagte:„Ich bin das den Kindern ſchuldig.“ Drunten rollte ein Wagen an das Haus. Lene eilte die Treppen hinan, trug die Körbe und den Koffer hinab und machte dabei die verzweifeltſten Anſtrengungen, ihre Thränen zurückzuhalten. Dies gelang ihr auch ſo lange, bis ſich Alles im Wagen befand, bis ſie Jedem noch ein⸗ —- 153— mal die Hand gedrückt, bis der Wagen davon fuhr. Dann brach die alte Magd in ein convulſiviſches Weinen und Schluchzen aus, und da ſie ſich vor den Leuten auf der Straße ſchämte, ſo ſprang ſie in's Haus hinein, ſchlug die Thüre hinter ſich zu, eilte hinauf in's Zimmer, ſank zwi⸗ ſchen den noch warmen Bettchen der lieben, lieben Kinder auf einen Stuhl nieder und weinte in richtiger Ahnung lange und bitterlich. Es war um die fünfte Stunde. 6 auiescat 5 Die ſechste Stunde. ₰ NS/ ſ—; 3 4 13 eine Kette von auch die Kinder s gibt nichts Undankbareres und Vergeßlicheres als das Herz eines kleinen Kindes. Und es iſt ein Glück, daß dem ſo iſt, denn wenn wir ſchon von Jugend auf alle Leiden, die uns treffen, ſo feſt in uns aufnehmen wollten, wie wir es ſpäter wohl zu machen pflegen, ſo wäre unſer ganzes Leben von früheſter — Jugend an bis zum Tode Schmerz und Trübſal. So hatten denn im Wagen, als kaum das Haus, wo ſie — 155— bisher gewohnt, ihrem Auge entſchwunden, gänzlich ver⸗ geſſen, warum die Mutter ſchwarz gekleidet war und weß⸗ halb ſie ſelbſt noch vor Kurzem bitterlich geweint. Die Mutter dagegen ſaß, ein Bild des Jammers, in eine Ecke gedrückt und ſtarrte mit thränenloſen Blicken die⸗ ſelben Straßen und Häuſer mit ganz anderen, ſchmerzlichen Gefühlen an.— Mit einem Male fuhr ſie in die Höhe, ſchaute eine Sekunde ſtarr vor ſich hin und warf ſich als⸗ dann, die Kinder mit Heftigkeit an ſich ziehend, ſo weit es ihr möglich war, in das Innere des Wagens zurück. Ja, er war es, der dort vorüber ging; an der Ecke blieb er einen Augenblick ſtehen, ſcheinbar unſchlüſſig, ſollte er die Schritte ſeiner Wohnung oder dem Atelier zuwen⸗ den. Sie zitterte, daß er das Erſtere thun werde,— aber nein, nur einen kurzen Moment ſann er nach, dann wandte er ſich nach der Straße, wo ſein Atelier lag. Obgleich ſie etwas frei aufathmete, war doch dieſer An⸗ blick das Fürchterlichſte, was ihr am heutigen Morgen be⸗ gegnen konnte. Glücklicher Weiſe hatten ihn die Kinder nicht bemerkt; ſie waren wohl erſchrocken über die heftige Bewegung ihrer Mutter, doch da ſie nur fürchteten, die Reiſe werde durch irgend etwas Unvorhergeſehenes unter⸗ brochen, ſo beruhigten ſie ſich bald wieder, als ſie ſahen, daß der Wagen ſeinen Weg ungehindert fortſetzte. Bald war der Bahnhof erreicht; geſchäftige Hände hoben die ſchwarzgekleidete, dichtverſchleierte Frau ſowie die Kinder aus dem Wagen und nahmen das Gepäck mit der Frage in Empfang, wohin es befördert werden ſolle? Das war aber eine Frage, an welche die Frau bei dem Drängen, aus dem Hauſe fortzukommen, noch nicht gedacht hatte und die ſie auch jetzt nicht ſo ſchnell zu beantworten wußte. Sie bat, Körbe und Koffer in die Packkammer zu bringen, ſie ſelbſt wolle in den Warteſaal gehen, wo ſie von Jemand aufgeſucht werden würde. In Wahrheit wollte ſie dort nachdenken, wohin ſie ihre Schritte lenken ſolle. Ver— wandte hatte ſie keine im ganzen Lande; ſie war die ein⸗ zige Tochter eines Beamten, der ſich einer langdauernden Krankheit halber mehrere Jahre in der milden Luft Roms aufgehalten hatte. Dort war ſie mit ihrem Manne be⸗ kannt geworden, hatte ihn noch bei Lebzeiten ihres Vaters geheirathet und war nach dem Tode deſſelben nach Deutſch⸗ land zurückgekehrt. Von ihrem kleinen Vermögen war das meiſte bei dem theuren italieniſchen Leben gebraucht wor⸗ den, und was noch übrig blieb, hatte ſie in den erſten Jahren ihrer Che, bevor ſich ihr Mann Namen und Geld erworben, zugeſetzt. Eine kleine Summe, die ſie, wie wir vorhin geſehen, zu ſich geſteckt, hatte ſie ſich mühevoll er⸗ ſpart, und ſie mußte nun daran denken, den Lebensunter⸗ halt für ſich und die Kinder zu erwerben. Doch machte ihr das die geringſten Sorgen, und ſie war feſt überzeugt, wenn die tiefen Wunden ihres Herzens aufhören würden, ihre ganze Denk⸗ und Thatkraft in Anſpruch zu nehmen, wenn eine Heilung derſelben begönne— und ſie hoffte bei dem großen Unrecht, das ihr zugefügt worden, darauf— ſo würde ſie bald im Stande ſein, durch ihre Sprach⸗ und andern Kenntniſſe ſich eine unabhängige Exiſtenz zu ver⸗ ſchaffen. Es war noch früh am Tage und wenig Fremde in dem großen Warteſaal. Ein Kellner, mit der Serviette auf dem Arm, ſchlenderte von dem Buffet, an welchem eine ſtarke, etwas verſchlafen ausſehende Dame in halbem Negligée ſaß— ſie hatte nämlich aufgewickelte Haare und eine Kopfbedeckung, die ein Zwitterding war von Tag⸗ und Nachthaube— nach den verſchiedenen Fremden, die ſich hier und da poſtirt hatten, um ſie durch ſeinen Anblick zu irgend einer Erfriſchung zu veranlaſſen. Dieſer Anblick des — 157— ſchmierigen Kellners wäre aber höchſtens geeignet geweſen, einen innigen Wunſch nach friſchem Waſſer und Seife zu erregen. Ferdinand, der es jedoch, Dank ſeiner Jugend, nicht ſo genau nahm, verlangte dringend nach ſeinem Kaffee, der nun auch für ihn und ſeine Schweſter beigebracht wurde. Madame Stifter hatte ihren Platz in einem Winkel hinter der Thüre gewählt, ſo daß ſie nur Wenige, die den Warteſaal betraten, wenn man ſie nicht etwa aufgeſucht haben würde, bemerkt hätten. Ueberhaupt ſind ja die Paſſa⸗ giere der Eiſenbahn nicht mehr ſo geneigt, mit ihren Mit⸗ reiſenden bekannt zu werden. Haben ſie doch auch keine Zeit dazu, und nehmen ſich öfters ſelbſt alle Gelegenheit; die, welche eine lange Tour machen, denken begreiflicher Weiſe nur an ihre Bequemlichkeit, ſuchen ſich wo möglich ein leeres Coupé und reſerviren die Plätze gegenüber, ſo lange das gehen will, durch Anhäufen von Nachtſäcken, Mänteln und dergleichen; müſſen ſie endlich dieſe Sitze den neu Angekommenen einräumen, ſo geſchieht dies mißmuthig, man iſt verdrießlich, man hält es für unnöthig, mit dem eingedrungenen vis-à-vis eine freundliche Unterhaltung an⸗ zuknüpfen. Leute dagegen, welche nur die Kleinigkeit von zehn oder zwanzig Meilen mit uns durch die Welt dahin ſauſen, exiſtiren eigentlich gar nicht, man ſieht ſie ohne alles Intereſſe einſteigen und wieder verſchwinden. Wie ganz anders war das früher! Da betrat man in aller Gemüthsruhe die alten, rauchigen Poſtpaſſagier⸗ ſtuben gewöhnlich eine gute Stunde vor Abfahrt des Eil⸗ wagens, man ſtürzte nicht nur ſo von der Kaſſe, wo man mit Mühe ſein Billet errungen, an den Warteſaal, ohne rechts oder links zu ſchauen, an die gewiſſe Glasthüre, die der davor poſtirte Beamte verſchloſſen hält, bis die eilige, durſtige Locomotive nach Waſſer ſeufzt, bis die Glocke eilig' —- 158— ertönt, bis die Conducteure eilig die Wagenthüren öffnen, und bis nun der ebenerwähnte Beamte eilig die Flügel⸗ thüren aufreißt, um den eiligen Paſſagier hinaus zu laſſen, der keuchend vor Eile ſeinen Platz in einem Coupé erobert, eilig ſeine ſieben Sachen irgendwo unterbringt, wo ihm dies eben möglich iſt, und wenn er nicht daran verhindert wird von einem andern eiligen Paſſagier, der verdrießlich iſt, weil er in der Eile ein Sechskreuzerſtück verlor, als er am Buffet der Reſtauration eilig ein Butterbrod bezahlte, bis die unterdeſſen getränkte und geſpeiste Locomotive eilig und ruckweiſe den Convoi hinter ſich dreinzieht, eilig zum Bahnhofe hinaus, an Telegraphenſtangen vorbei, eilig über Brücken hinweg, eilig hinaus in die weite, weite Welt. Ja, ſelige Erinnerung dagegen, die ernſte, beſcheidene Paſſagierſtube mit ihrem matronenhaften Anſtrich, grau mit grauen Verzierungen, mit dem alten, abgerutſchten und fettig glänzenden Lederſopha, den ditto Stühlen, mit dem finſteren Beſchwerdebuch und ſeinem Tintenfaß, in welchem die Feder gewöhnlich eingetrocknet war, wenn du ſie brauchen wollteſt, mit der großen Poſtkarte der ganzen Monarchie an der Wand, rechts von derſelben das Portrait des Lan⸗ desfürſten, links das des Generaloberpoſtmeiſters.— Glück⸗ ſelige, ſtille, vergängliche Zeit! Wie war es ſo ruhig in dieſen Räumen! Höchſtens vernahm man das Rollen eines Wagens oder den luſtig ſchmetternden Klang eines Poſt⸗ horns. Und erſt die Paſſagiere! Wie freute man ſich, deren Bekanntſchaft nach und nach zu machen, zu erfahren, wer Nummer Eins und wer Nummer Zwei habe, wer an unſere Seite zu ſitzen komme, wer uns gegenüber. O na⸗ mentlich dieſe Gegenüber waren damals— ſehr damals! von großem Intereſſe für uns. So ein Gegenüber konnte uns die ganze Reiſe verſüßen, die Stunden nur ſo dahin⸗ fliegen machen. Wir denken oft und gern an unſere ver⸗ griffen die Häuſer bei uns vorüber, wenn der Schwager, ſchiedenen Gegenüber in den alten, ehrwürdigen Poſtkutſchen des geſammten deutſchen Vaterlandes. Aber auch mit unſern Nachbarn wußten wir uns zu befreunden, und wenn wir erſt die Stadt, von der wir ausfuhren, einmal hinter uns hatten, wenn der auf dem Pflaſter raſſelnde ſchwere Eilwagen nun auf einmal mit ſo leichtem, behaglichem Dröhnen auf der weichen Chauſſee dahinfuhr; wenn der Conducteur draußen anfing, ſeine Briefſchaften zu ordnen und das für's nächſte Dorf be⸗ ſtimmte Paket herauslangte, um es dem wartenden Bauern⸗ buben in blauer Blouſe recht gewandt in die aufgehaltene weiße Nachtmütze zu werfen, wobei der Bauernburſche ge⸗ wöhnlich ein leichtes, blödſinniges Lächeln auf ſeinen dum⸗ men Zügen ſehen ließ—; wenn alsdann der Poſtillon im Sattel auf⸗ und abhüpfend ſeinen Hut lüftete und ſich am Kopfe kratzte, während er denſelben rückwärts wendete und dem Conducteur von den geſtrigen vierſpännigen Extrapoſten erzählte, die unſinnig viel Trinkgeld gegeben und worin zum mindeſten ein Prinz geweſen ſei;— wenn wir, im Innern des Wagens, natürlich nie ohne Erlaubniß der Damen, unſere Pfeifen und Cigarren angezündet, ſo fingen wir an, Reiſezweck und Reiſeziel gemüthlich gegenſeitig au szutauſchen. In Kurzem wurden wir gute Freunde, Nummer Zwei gab uns von ſeiner Braunſchweiger Wurſt, wir theilten dieſer freundlichen Nummer von unſern Brezeln mit, Nummero Drei ſpendete Aepfel und dergleichen, und Nummero Vier half mit einer gewaltigen Branntweinflaſche aus. Es war vom allerbeſten Ulrichſteiner Fräuzbranntwein, Den ſetzt' er vor den Gäſten. Und ſo rollten wir dahin, geduldig, gemüthlich, behag⸗ lich.— Und doch, wie flogen nach unſern damaligen Be⸗ — 160— um ſich ſehen zu laſſen, durch das Dorf, wo ſeine Liebſte wohnte, im geſammelten Trab der Pferde fuhr, in einem Trabe, der faſt Galopp war, wie unſer Nachbar, der zum Fenſter hinausſchaute, uns beſorgt verſicherte. Wie ver⸗ ging uns oftmals Hören und Sehen, wenn es ſo anhal— tend bergab ging, unter knirſchendem Radſchuh dem Thurme im tiefen Thal entgegen, der zuerſt klein und fernabliegend zuſehends immer höher wuchs,— die Station, wo uns der kluge Conducteur, als wir nach dem Ausſteigen in's Wirthshaus wollten, bei Seite nahm und ſagte:„Wenn Sie jetzt da die Berge hinauf ein Bischen gehen wollen, ſo führt hier rechts der Fußweg; da kommen Sie eine halbe Stunde vor dem Poſtwagen auf die Höhe. Droben aber ſteht ein Wirthshaus mit einem Bier— mit einem Bier“ — dabei ſchnalzte er wohlgefällig mit der Zunge.— Alſo friſch den Fußweg hinauf! Der Conducteur hat ſeinen Zweck erreicht; wir laſſen ihn nicht auf der Station war⸗ ten, der erleichterte Eilwagen fährt raſch den Berg hinauf, und droben müſſen wir ihn für den guten Rath doch un⸗ bedingt zu einem Glaſe Bier einladen. Dieſen Schoppen aber hat er auch durch ſeinen Rath verdient; wenn der Weg auch ein wenig ſteil iſt und wir zuweilen eine Baumwurzel zu Hülfe nehmen müſſen, um aufwärts zu kommen, auch etwas ſchwer Athem holen und warm werden, ſo langen wir doch auf der Höhe an, ehe der Eilwagen noch die Hälfte des Wegs zurückgelegt hat. Das Wirthshaus iſt klein und ländlich, es ſteht am Ab— hange des Berges, hat vor ſich einen ſchattigen Platz mit grob gezimmerten Bänken und Tiſchen, auf welche alsbald die ſchäumenden Gläſer geſetzt werden. Welch' famoſer küh⸗ ler Trunk! Da heißt es austrinken und einſchenken. Und dazu die Ausſicht, die wir rings umher haben! Magni⸗ fique, auf Ehre! Wie die Berge ſich langſam abſtufen bis —— — 161— zu einer weiten Ebene, durch welche wir einen Fluß wie einen ſilbernen Faden dahin ziehen ſehen! Vor uns im Thale ſind ſorgfältig angelegte Felder, Getreideſtücke, Kraut⸗ äcker, kleine Wäldchen, einzelne Buſchpartieen, und weiter⸗ hin verſchwindet alles das in einen unbeſtimmten Duft. Dort aber will Einer mit ſehr gutem Auge mehrere Thürme und eine große Stadt entdecken.„O ja,“ ſagt die Wir— thin,„man ſieht die Hauptſtadt von hier.“ Dieſe Gewiß⸗ heit macht uns ein unbeſchreibliches Vergnügen, und wir behalten ſie als eine Notiz für unſer Tagebuch. Drunten auf der Chauſſee, die ſich in einer großen Schlangenlinie den Berg hinauf windet, erſcheint der Eil⸗ wagen und ſieht aus wie ein Kinderſpielzeug. Die Schellen der Pferde hören wir ganz leiſe klingeln, die Thiere ſelbſt ſehen wir in einem leichten Trabe kopfnickend daher kom⸗ men und an der nächſten Ecke wieder verſchwinden. Bald ertönt das vorhin gehörte Klingeln ſowie das Raſſeln des Wagens näher und näher, und jetzt erſcheint auch der Con⸗ ducteur, der nun ſehr durſtig ebenfalls das vortreffliche Bier verſucht. Er iſt hier ſehr bekannt, er nennt den Haus⸗ hund bei Namen, er kneift das Dienſtmädchen in die Backen, und nachdem er dies alles beſorgt, treibt er zum Aufbruch. Dann geht es wieder abwärts, aber unterdeſſen iſt es heiß geworden, wir Alle in dem Eilwagen legen unſere Häupter in die Ecken und entſchlafen ſammt und ſonders. Aehnliche Phantaſieen und Bilder zogen auch an dem Geiſte der Frau des Malers vorbei. Auch ſie hatte die glücklichſten Reiſen ihres Lebens im traulichen Eilwagen gemacht; ſie war auf dieſe Art durch das herrliche Italien gezogen; ſie war an einem heißen Tage mit Ferdinand nach der Reſidenz gekommen, nachdem ſie, gerade wie vorhin be⸗ ſchrieben, um die Mittagsſtunde auf einem Berge im Schat⸗ ten hochſtämmiger Buchen geraſtet, er ihr die fernen Thäler Hackländer, Tag und Nacht. 11 — 162— gezeigt und dabei geſagt:„Dort werden wir wohnen— und glücklich ſein“. Wenn ſie daran dachte, ſo war es ihr faſt lieb, daß ſie die Stadt mit ihren Kindern nicht wieder in einem Eil⸗ wagen verlaſſen mußte; es hätte ſie zu bitter an jene Zeit erinnert, am Ende wäre ſie gar auf ihrem Wege wieder auf eine Höhe gekommen, von wo ſie rückwärts blickend die Stadt noch einmal geſehen hätte, die Stadt, wo er ihr verſprochen, daß ſie glücklich ſein ſolle—-—— Viel angenehmer war ihr dagegen das kalte, man könnte faſt ſagen herzloſe Treiben in dem Warteſaal der Eiſenbahn, wo Einer beim Andern theilnahmlos vorüber treibt, kaum ſeinen Mitreiſenden flüchtig betrachtend, ſich nur um ſich ſelbſt und ſein Gepäck bekümmernd, in einer ewigen Un⸗ ruhe vorwärts drängend, nur ſein Ich im Auge, ſelbſt einen genauen Freund nur flüchtig grüßend, ohne Rückſicht auf alle Andern, die mit ihm nach dem gleichen Ziele treben. Wir haben ſchon vorhin bemerkt, daß Madame Stifter ſich abſichtlich neben die Thüre des Warteſaals geſetzt hatte, ſo daß ſie im wahren Sinne des Wortes von Nie⸗ mand beachtet wurde. Der ſchmierige Kellner hatte ihr den Kaffee gebracht, hatte dann das empfangene Goldſtück bei der verſchlafenen Dame des Comptoirs wechſeln laſſen, die ſich hierauf veranlaßt geſehen, einen flüchtigen Blick auf die Frau in Trauerkleidern zu werfen;— das war alle Aufmerkſamkeit, die man ihr widmete, und von dem Augen⸗ blicke an, wo der Kellner die leeren Taſſen mit den Löffeln wieder holte, bekümmerte ſich Niemand mehr um ſie. Um den kleinen Buben zu unterhalten, nahm Bertha den Hampelmann vor ſich und kleidete ihn aus, um ihn gleich darauf wieder anzuziehen. Madame Stiſter hatte ein Zei⸗ tungsblatt in die Hand genommen und las aufmerkſam — 163— die Anzeigen durch— ſie war ja jetzt in dem Falle, ſich um Anerbietungen, die ihr paſſen könnten, zu bekümmern. Da war wohl Manches, was ſie intereſſirt hätte; da wur⸗ den vortheilhafte Stellen der verſchiedenſten Art ausge⸗ ſchrieben, von denen ſie die meiſten hätte ausfüllen können, doch waren faſt alle an irgend eine Bedingung geknüpft, welche zu erfüllen ſie nicht im Stande war, oder mit Vor⸗ ausſetzungen verbunden, die bei ihr nicht zutrafen. Bald wurde eine ledige Dame für eine Stelle gewünſcht, oder eine Wittwe ohne Kinder, oder auch vielleicht hie und da einmal eine Frau in reiferem Alter. Endlich aber traf ſie auf eine Anzeige, die der eigen⸗ thümlichen Faſſung wegen ihre Aufmerkſamkeit erregte und welche alſo lautete: „Man ſucht— wenn wir ſagen: man ſucht, ſo iſt dieſer Man der Vater eines legitimen Kindes von circa acht Jahren, eines gut erzogenen Mädchens,— man ſucht alſo für die⸗ ſes Mädchen eine Gouvernante, welche Sprachen und Hand⸗ arbeiten verſteht; welche nicht unter achtundzwanzig Jahren alt ſein darf und am liebſten eine Wittwe ſein ſollte. Da⸗ bei wäre es faſt gleichgültig, ob dieſe Wittwe eins oder am Ende auch zwei Kinder hätte, nur müßte ſie ſich mit guten Zeugniſſen ausweiſen können und ſich darauf gefaßt machen, am Orte ihrer Beſtimmung zurückgezogen wie in einem Kloſter zu leben. Alle Gegenbedingungen ſind auf's Glän⸗ zendſte geſtellt und wollen ſich hierauf Reflektirende und ſich Eignende unter A. B. 4 an die Expedition dieſes Blattes wenden.“ Ein freundlicher Leſer, der in der Langeweile des War⸗ tens dieſes Zeitungsblatt geſtern ebenfalls durchgeſehen haben mochte, hatte mit Bleiſtift dahinter geſetzt:„Das iſt ein Narr, der eine ſolche Anzeige ſchreibt“. So eigenthümlich nun auch der Ton derſelben war, ſo — 164— wußte doch Madame Stifter nicht, was ſie gerade an ihr anſprach, wahrſcheinlich die Forderung, die vielleicht eine Andere zurückſchreckte, am Orte der Beſtimmung wie in einem Kloſter leben zu müſſen, ſowie auch, daß ſelbſt eine Wittwe mit ein oder zwei Kindern nicht verſchmäht würde. Sie ließ die Hand mit dem Zeitungsblatte in ihren Schooß ſinken und verſank in tiefes Nachſinnen, wobei ſie den Schritt, den ſie heute Morgen gethan, nochmals von allen Seiten beleuchtete. Sie bereute ihn nicht, ſie würde in dieſem Augenblicke wieder ſo gehandelt haben; nur konnte ſie ſich nicht verhehlen, daß ſie damit gänzlich losgeriſſen von ihren bisherigen Verhältniſſen, losgeriſſen von allen ihren Freunden, mit ihren Kindern ganz allein in der Welt ſtehe. Denn ſollte dieſer Schritt, den ſie gethan, nicht vor den Augen ihres Mannes lächerlich erſcheinen— und ſie zitterte, wenn ſie hieran dachte— ſo mußte ſie ſich ſo zu verbergen wiſſen, daß er, ſelbſt mit Hülfe der Behörden, die er anzurufen nicht unterlaſſen würde, unmöglich eine Spur von ihr finden konnte. Dazu bedurfte ſie eines Aſyles, wo ſie mit ihren Kindern zurückgezogen wie in einem Kloſter leben konnte— das verſprach gerade jene Zei⸗ tungs⸗Anzeige; das bedingte aber entweder eine Flucht in ferne Länder oder einen mächtigen Schutz; und war der, welcher unter A. B. 4 zu erfragen war, auch wohl im Stande, ihr einen ſolchen Schutz zu gewähren?— Sie ſchüttelte unglaubig, hoffnungslos den Kopf, den ſie darauf tief herabſinken ließ. Da hörte ſie mit einem Male dicht vor ſich eine nicht unangenehme Stimme, welche zu ihr ſprach: „Madame werden mir verzeihen, aber Sie ſollten ſich etwas mehr der Ausgangsthüre nähern, damit Sie und die Kleinen da einen guten Platz erhalten. Der Zug geht ein Viertel vor Sechs und iſt meiſtens ſtark beſetzt.“ — 165— Madame Stifter blickte erſtaunt in die Höhe und ſah einen ſchon älteren Herrn vor ſich ſtehen, ſehr anſtändig gekleidet, mit einem etwas röthlichen Geſichte, dem die blaßblauen Brillen ein beinahe ſeltſames Anſehen gaben, mit ſtarr hinaufgekämmten Haaren, deren Friſur oben nach Art eines Hahnenkammes zugeſchärft war. Dieſer Herr hatte Hut und Stock in der rechten Hand, während er die linke unter dem Schooße ſeines Rockes verborgen hielt. „Es kommen hier auf dem Gepäckbureau zuweilen ſehr ſtarke Confuſionen vor,“ fuhr er mit einer wichtigen Miene fort;„namentlich Damen, die hier nicht ſo bewandert ſind, finden oft zu ihrem Schrecken, daß von ihren Sachen zurück⸗ bleiben oder anderswohin dirigirt werden. Ich würde Ihnen alſo rathen, Madame— Sie verzeihen mir— den betreffenden Schein mit der Anzahl Ihrer Stücke genau zu controliren.— Sie reiſen nach C.?“ „Ich glaube das nicht, mein Herr,“ gab Madame Stifter einigermaßen verlegen zur Antwort. „Ah! Madame, Sie glauben das um halb ſechs Uhr noch nicht, während der Zug um drei Viertel geht?“ ent⸗ gegnete der Herr mit der blaßblauen Brille in einem Tone der Ueberraſchung, der faſt wie der der Entrüſtung klang. Die Frau des Malers, welche nicht anders denken konnte, als der vor ihr ſtehende Herr ſei ein Bahnbeamter, der es unmöglich dulden könne, daß ſie ſich hier aufhalte, wenn ſie den nächſten Zug nicht benütze, ſprach ziemlich verwirrt von Jemand, den ſie erwarten müſſe und daß ſie mit dem nächſten Zuge gehen werde. „Mit dem nächſten Zuge?— Ah! Madame,“ verſetzte der Herr mit einem mitleidigen Lächeln,„der nächſte Zug iſt ein Güterzug mit Perſonenbeförderung in dritter Claſſe, eine außerordentlich langſame Gelegenheit, an Hauderer und poſtantidiluvianiſche Zeiten erinnernd.“ — 166— „Ich bedaure das unendlich,“ gab Madame Stifter ſchüchtern zur Antwort,„aber ich darf, ich kann doch nicht wohl—“ „Jemand vergeblich hieherkommen laſſen! O ich ver⸗ ſtehe das vollkommen,“ erwiederte der Herr mit einem ſehr zuvorkommenden Weſen.„Wenn es Sie aber drängt, um drei Viertel auf Sechs abzureiſen und Sie vielleicht der bis dahin nicht gekommenen Perſon ein Lebenszeichen hin⸗ terlaſſen wollen, ſo ſtehe ich gern zu Befehl, es für Sie befördern zu laſſen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ fragte ſchüchtern die Frau, indem ſie das Zeitungsblatt in ihrer Hand leicht erhob, „Sie ſind wahrſcheinlich Beamter der Bahn, und in dieſem Falle würde ich mir erlauben, Sie zu fragen“—— Sie ſagte das nur, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. Der Herr mit der blaßblauen Brille war einen kleinen Schritt zurückgetreten und unterbrach ſie mit einem faſt ſchmerzlichen Lächeln: „Bitte recht ſehr, Madame; ich habe nicht das Glück, Eiſenbahnbeamter zu ſein. Dieſe Herren ſind kenntlich an einem Uniformrock mit dunklem Kragen, woran ſich ein ge⸗ flügeltes Rad befindet, dabei von ziemlicher Eile und etwas barſchem Weſen.“ „So bitte ich alſo tauſendmal um Verzeihung,“ ſagte die Frau des Malers mit einer Verbeugung, welche wohl anzeigte, daß ſie die Unterredung für beendigt anſehe. Nicht ſo der menſchenfreundliche Kohler— der geneigte Leſer wird unſern Freund hoffentlich erkannt haben. Er ſah auf dem Territorium, auf dem er einiges Recht zu haben glaubte, eine ſchwarzgekleidete Dame mit zwei kleinen Kindern, er ſah dieſe Dame unſicher, unſchlüſſig— das entging ſeinen, durch die blaßblauen Brillen geſchärften — 167— Augen nicht— auf Jemand wartend, vielleicht hülfebe⸗ dürftig; er hielt es für Ritterpflicht, ihr dieſe Hülfe, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, angedeihen zu laſſen, um ſo mehr, als die Dame ja vorhin ſich erlaubt haben würde, ihn etwas zu fragen, wenn er Eiſenbahnbeamter geweſen wäre. Deßhalb hielt Herr Kohler es für das Zweckmäßigſte, den kleinen Knaben mit der linken Hand, die er unter dem Rocke hervorzog, auf den Kopf zu pätſcheln und ſich auf⸗ richtig an dem komiſchen Ausſehen des Hampelmanns zu erfreuen. Dann wandte er ſich wieder an die Fremde und ſagte mit ſehr zuvorkommendem Weſen: „Madame wollten mich vorhin etwas fragen, und ich bitte dies nicht zu unterlaſſen, da ich mir ein außerordent⸗ liches Vergnügen daraus machen werde, Ihnen jede Frage, ſoweit mir das möglich iſt, zu beantworten.“ „Es war nichts Wichtiges, mein Herr,“ gab Madame Stifter zur Antwort, indem ſie die Zeitung abermals er⸗ hob.„Ich wollte nur fragen, in welcher Straße ſich die Expedition dieſes Blattes befindet.“ „Ahl des Allgemeinen Anzeigers.— Ritterſtraße Nr. 16. Ich bin dort bekannt; darf ich vielleicht, ohne unbeſcheiden zu ſein, mir erlauben,“— Herr Kohler, indem er den Rand des Hutes gegen ſeinen Bauch hielt, unterbrach ſich ſelbſt, wie eine freundliche Antwort demüthig erwartend. Madame Stiſter lächelte faſt verlegen, als ſie ent⸗ gegnete: 5 „Es iſt nur eine Grille von mir; ich las da eine An⸗ zeige, die mich intereſſirt.“ „Dürfte ich ganz ergebenſt bitten?“ Die Frau des Malers reichte dem Herrn Kohler das Zeitungsblatt, indem ſie auf die Annonce hinwies, worauf der freundliche Herr eine Sekunde lang noch freundlicher — 168— ausſah, dann aber mit einem Male ſeine Stirne finſter zu⸗ ſammenzog. „Es iſt das, wie ſich nicht läugnen läßt,“ ſagte er mit großer Entſchiedenheit,„eine ſehr ſchöne und würdevolle Anzeige, eine Anzeige, deren Styl man einer verſtändigen Feder zuſchreiben muß, und die es nicht verdient, daß ſie von unberufenen Händen mit ſchnöden Randbemerkungen verunziert wird.“ „Sie meinen die Worte in Bleiſtift? Allerdings, mein Herr, ich finde das ſehr unpaſſend.“ „Auf's Allerunpaſſendſte,“ ſprach Herr Kohler;„aber dieſe Randbemerkung,“ ſetzte er hinzu, indem das frühere freundliche Lächeln wieder ſein röthliches Geſicht verklärte, „darf durchaus nicht zwiſchen Ihre Frage und meine Ant⸗ wort treten. Wenn es Sie intereſſirt, etwas Näheres über dieſe Anzeige zu erfahren, ſo brauchen wir uns deßhalb durchaus nicht auf die Expedition des Blattes zu bemühen. Ich ſelbſt bin im Stande, Ihnen etwas darüber mitzu⸗ theilen.“ Wir müſſen hier unſerer Geſchichte ein wenig vorgrei⸗ fen und dem geneigten Leſer ſagen, daß Herr Kohler, aller⸗ dings im Auftrage, der Verfaſſer dieſer wohlſtyliſirten An⸗ zeige war, weßhalb man es begreiflich finden wird, daß ihn die unbefugte Randbemerkung mit gerechter Indignation erfüllte. Madame Stifter blickte erſtaunt in die Höhe, und da ſie an eine höchſte Hand glaubte, die unſer Schickſal lenke, ſo ſchien ihr das Leſen dieſer Anzeige und darauf das Zu⸗ ſammentreffen mit dieſem Herrn nicht zufällig. „Soviel ich Ihnen mittheilen kann und darf,“ fuhr Herr Kohler nach einer kleinen Pauſe fort,„verhält ſich Alles ſo, wie es hier geſchrieben iſt. Ein reicher und vor⸗ nehmer, etwas älterer Herr ſucht eine Erzieherin für ſeine — 169— Tochter, und am liebſten wäre ihm eine Wittwe— ver⸗ zeihen Sie, wenn ich eine vielleicht noch nicht geheilte Wunde Ihres Herzens berühre— eine Wittwe alſo, ſogar wenn dieſelbe von zwei ſo allerliebſten Kindern wie dieſe da be⸗ gleitet wäre.“ Herr Kohler machte bei den letzten Worten eine ele⸗ gante Verbeugung, die von einer ſo ausdrucksvollen Hand⸗ bewegung gegen Bertha und Ferdinand begleitet war, daß man ſogar hätte glauben können, das Zucken ſeines kleinen Fingers gelte noch obendrein dem ſehr liebenswürdigen Hampelmann. „Und wenn man den Verſuch machen würde, ſich um dieſe Stelle zu bewerben?“ fragte mit einer ängſtlichen Haſt die Frau des Malers. Doch faßte ſie ſich geſchwind wieder und ſetzte hinzu:„Das heißt, wenn Jemand— Sie verſtehen mich wohl, mein Herr?“ „Ich verſtehe Alles,“ gab Herr Kohler mit einem fei⸗ nen Lächeln zur Antwort. Er reſumirte ſich in ſeinen Ge⸗ danken den ganzen Stand der Angelegenheit, die er denn auch, wenn gleich nicht vollkommen, doch ziemlich annähernd traf: Eine junge Wittwe, welche die Stadt verlaſſen wollte, um ſich anderswo ein anſtändiges Unterkommen zu ſuchen, fühlt ſich ergriffen von ſeiner wunderbar ſtyliſirten Anzeige, und eine innere Stimme befiehlt ihr, darauf zu reflektiren. Da erſcheint ihr ein Schutzgeiſt mit blaßblauer Brille in Geſtalt des Herrn Kohler. Und daß er in dieſem Augen⸗ blicke erſchienen, darüber fühlte der ehemalige Makler ein außerordentliches Vergnügen und Wohlbehagen. Er hatte ſchon viele junge Damen, auch hübſche Wittwen geſehen und geſprochen, aber noch keine kennen gelernt, bei deren Anblick er ſich ſo— wie ſollen wir ſagen?— merkwür⸗ dig betroffen fühlte, wie in dem Augenblicke, wo er Ma⸗ dame zum erſten Male angeſehen.— Es ſei ihm gerade — 170— geweſen, erzählte er ſpäter, wie wenn ihm Jemand mit der flachen Hand auf ſein Herz gepatſcht hätte, ſo daß er bei⸗ nahe ordentlich zuſammengeknickt wäre. Dann habe er ein wuſeliges Wohlbehagen empfunden, und wenn er die ſchö⸗ nen Augen der Wittib betrachtet, ſowie ihre Trauerkleider, ſo ſei es ihm gerade zu Muth geweſen, als flimmere es ihm höchſt ſonderbar vor dem Geſichte. Mochte nun die Frau des Malers von dieſem Flim⸗ mern oder überhaupt etwas von Rührung im Blicke des Herrn Kohler bemerkt haben,— genug, ſie faßte ſich ein Herz und ſagte: „Unſer Zuſammentreffen hier, mein Herr, und die Un⸗ terredung, die wir geführt, iſt ſo eigenthümlicher Art, daß ich mir ein Gewiſſen daraus machen würde, dieſelbe abzu⸗ brechen, ohne Ihnen zu ſagen, daß ich ſelbſt wirklich nicht abgeneigt wäre, eine Stelle unter den Bedingungen anzu⸗ nehmen, wie ſie hier in dieſer Anzeige bezeichnet ſind.“ Herr Kohler brachte beide Hände mit Hut und Stock auf dem Rücken zuſammen, neigte ſeinen Kopf etwas auf die Seite und verſetzte mit freundlichem Schmunzeln: „Ich bin überzeugt, meine werthe Frau, daß Sie faſt alle geforderten Bedingungen zu erfüllen im Stande ſind, vielleicht alle— bis auf eine. Es wird, wie Sie ſich er⸗ innern werden, von der Erzieherin eine Zurückgezogenheit verlangt, wie ſie ſonſt nur bei einem klöſterlichen Leben zu finden iſt.“ „Das iſt es ja gerade,“ fiel ihm Madame Stifter haſtig in's Wort,„was mich hauptſächlich anlockt, dieſe Stelle anzunehmen. In meinen Verhältniſſen gewährt es einen Troſt, ſich von dem Treiben der Welt zurückziehen zu können.— Dürfte ich Sie alſo bitten, mein Herr, mir freundlichſt zu ſagen, auf welche Art ich die nähere noth⸗ wendige Auskunft erhalten kann.“ — 171— Herr Kohler nickte bedächtig und ſehr wichtig mehrmals mit dem Kopfe, ehe er erwiederte: „Sie ſind zufällig an den rechten Mann gekommen. Einer meiner Freunde, der Herr Commerzienrath Duvallet — vielleicht haben Sie ſeinen Namen ſchon gehört?“ Madame Sifter verneinte mit einiger Verlegenheit. „Ein charmanter Mann,“ fuhr der ehemalige Makler fort,„redlich und bieder in jeder Hinſicht. Er iſt es, welcher von jenem vornehmen Herrn beauftragt wurde, ihm für eine paſſende Erzieherin ſeiner Tochter zu ſorgen. Sie ſehen demnach, Madame, daß Herr Duvallet dieſe ganze Ange⸗ legenheit in ſeiner Hand hält, und da ich nun ein genauer Bekannter von ihm bin,— ich kann wohl ſagen, Jemand, auf den er etwas hält, ſo werden Sie es vielleicht annehm⸗ bar finden, wenn ich Sie um die Erlaubniß bitte, Sie meinem Freunde, dem Commerzienrathe Duvallet, präſentiren zu dürfen.“ Madame Stifter dachte einen Augenblick nach, und da ihr das Zuſammentreffen mit dieſem Herrn immer wunder⸗ barer, wie von ihrem guten Engel eingeleitet, vorkam, ſo ſagte ſie nach einem kurzen Stillſchweigen: „Ich nehme Ihren freundlichen Vorſchlag dankbar an, mein Herr, und wenn Sie mir die Stunde beſtimmen wollen, wo ich dem Herrn Commerzienraͤth meine Auf⸗ wartung machen kann, mir auch die Wohnung deſſelben angeben, ſo werde ich nicht ermangeln, mich daſelbſt ein⸗ zuſtellen.“ „O was die Stunde anbelangt, Madame, ſo iſt jede gleich. Es iſt ein Geſchäft und das kann man nie zu früh beginnen.“ Er wandte ſich raſch, um auf die Uhr im Warteſaale zu blicken, und als er das gethan, ſagte er eilig mit einer flüchtigen Verbeugung: —-— 172— „Sie werden mich einen Augenblick entſchuldigen, Ma⸗ dame, ich bin in der Sekunde wieder da.“ Damit eilte er gegen die Ausgangsthüre, und ſeine Schritte wurden wahrhaft geflügelt, als jetzt die Glocke, das dritte und letzte Zeichen zur Abfahrt des Zuges gebend, gellend erklang. Herr Kohler kam faſt zu ſpät; er hatte kaum noch ſo viel Zeit, dem Ober⸗Conducteur flüchtig mit der Hand zu winken und einen ſcharfen Blick den Convoi hinauf und hinab zu werfen, um zu ſehen, daß da Alles in Ordnung ſei. Der Maſchiniſt ſtand hinter der Locomotive, der Heizer beugte ſich über den Rand des Tenders, die Thüren der verſchiedenen Wagen waren gehörig verſchloſſen, und als beſonderes Kennzeichen des heutigen Tages bemerkte Herr Kohler hinten zwei Wagen angehängt, mit herrſchaftlichen Reiſeequipagen beſetzt. „Fertig!— fort!“ Herr Kohler machte ein höfliches Rundcompliment:— ſeid umſchlungen Millionen, einen Kuß der ganzen Welt! — Die Locomotive ſtieß einen gellenden Pfiff aus, und fing darauf, als habe ſie ſich zu ſehr angeſtrengt, heftig zu keuchen an, wobei ſie erſt langſam, dann immer geſchwinder auf den vor ihr ſcheinbar bis in's Unendliche dahinlaufen⸗ den Schienen fortrollte. Während Herr Kohler in den Warteſaal zurückkehrte, dachte er über die Präſentation der ſchönen Wittwe nach und hielt es für das Beſte, derſelben keine ſpätere Stunde zu beſtimmen, ſondern ſie gleich zu Herrn Duvallet zu füh⸗ ren. Er wußte, daß dieſer Geſchäftsmann ſelbſt zu einer ſo frühen Stunde, wie die gegenwärtige, gewöhnlich ſchon und allein auf ſeinem Comptoir war, und daß er es liebte, Privatgeſchäfte um dieſe Zeit abzumachen. Auch bedachte der Makler händereibend, wenn es denn doch um dieſe — 173— Zeit noch etwas früh ſei, um ſeinen Schützling dem Herrn Duvallet vorzuſtellen, ſo könne er denſelben ja in einem paſſenden Miethwagen auf einem ſehr weiten Umwege um die Stadt herum führen und ſo bei recht langſamem, an⸗ genehmem Fahren ein gutes Theil Zeit hinbringen. Er machte der Fremden dieſen Vorſchlag, und obgleich ſie An⸗ fangs einwandte, es ſei wohl nicht ganz thunlich, um dieſe Zeit Jemand zu beläſtigen, ſo ſchienen ihr doch die Gründe, die Herr Kohler vorbrachte, triftig genug, um ſich ſeiner Leitung anzuverträauen. Der Hauptgrund, weßhalb ſie ſich beſtimmen ließ, war, daß ſie ein längeres Verweilen hier auf dem Bahnhofe nicht für räthlich hielt. Sie fürchtete von Jemand erkannt zu werden, und nahm auch aus eben dieſen Gründen, und um nicht durch die Stadt fahren zu müſſen, den Vorſchlag des freundlichen Herrn an, auf einem Umwege zum Hauſe des Herrn Commerzienraths zu ge⸗ langen. „In Gottes Namen denn!“ ſagte ſie nach einigem Be⸗ ſinnen,„ich will Ihnen dankbar für die Freundlichkeit ſein, mich dem Herrn Commerzienrathe vorzuſtellen.“ „So darf ich denn wohl um Ihren Namen bitten?“ ſprach Herr Kohler mit angenehmem Lächeln. „Frau Nicolai, die Wittwe eines Muſikers,“ gab Madame Stifter nach einem kurzen Zögern zur Antwort. „Nicolai— Muſiker? Mir nicht bekannt,“ verſetzte der ehemalige Makler, wobei er ſeine Augen hinter der blaßblauen Brille zur Decke erhob.—„Ich kenne ſonſt ſehr viele Leute,— thut aber durchaus nichts. Nicolai— ein ſehr angenehm klingender Name.— Gewiß nicht von hier.“ „Nein, nicht von hier.“ „Das dachte ich mir gleich, thut uber durchaus nichts — im Gegentheil. Wenn es Ihnen demnach gefällig iſt, ſo treten wir unſere Wanderung an.— Indem ich mir — 174— nun erlaube, mich ſelbſt vorzuſtellen, habe ich die Ehre zu ſagen, daß ich Kohler heiße, ziemlich bekannt in hieſiger Stadt bin, und ich darf wohl ſagen, geſchätzt von ange⸗ nehmen Familien.“ Madame Stifter machte eine Verbeugung und ſagte dann mit einem begreiflichen Schrecken, wenn ſie bedachte, ſie müſſe vielleicht in ihren eigenthümlichen Verhältniſſen mit einem fremden Manne und den beiden Kindern zu dieſer Stunde durch die Straßen der Stadt wandeln: „Mit den Kindern wird es etwas beſchwerlich ſein, zu Fuß zu gehen.“ „Ahl wo denken Sie hin!“ rief erſtaunt der freund⸗ liche Herr mit den blaßblauen Brillen.„Wir haben einen ziemlich weiten Weg, und wenn das auch nicht wäre, ſo würde ich mir es doch nicht nehmen laſſen, Ihnen einen Wagen anzubieten. Ihr Gepäck werden wir wohl hier laſſen können?“ „Gewiß, Herr Kohler.“ Die beiden kleinen Kinder, die von dem Sinne der Un⸗ terredung ihrer Mutter mit dem fremden Herrn nicht viel verſtehen mochten, ſchienen nicht eher Neigung oder Intereſſe zu haben, ſich in das Geſpräch zu miſchen, als bis ſie nun ſahen, daß Mama im Begriffe war, den Bahnhof wieder zu verlaſſen, ohne mit ihnen eine Reiſe gemacht zu haben. Bertha ſah einigermaßen erſtaunt aus, und Ferdinand verzog das Geſicht zu einer ſeltſamen Grimaſſe, die der Vorbote jenes krokodillartigen Weinens iſt, wodurch die harmloſe Jugend nicht ſelten ihre Zwecke zu erreichen pflegt. Der würdige Hampelmann dagegen blieb ſich auch in die⸗ ſer Lage des Lebens vollkommen gleich und ſein Geſicht be⸗ wahrte jenes ausdrucksvolle Lächeln, welches ebenſowohl Zeuge eines zufriedenen Gemüthes ſein konnte, als Ver⸗ achtung ausdrücken gegen mangelhafte Zuſtände einer ver⸗ kehrten Welt, in di war. Obgleich Herr Kohler mit Kindern nicht viel Umgang gehabt hatte, ſo bemerkte er doch an dem unverkennbaren Zucken um die Mundwinkel des kleinen Buben, daß hier wohl ein verſöhnendes Mittel angewandt werden müſſe, weßhalb er ſich von der verſchlafenen Comptoirdame, die aber etwas mehr aufgewacht zu ſein ſchien, denn ſie forſchte nach der ſchwarzgekleideten Fremden,— eine Frage, die aber von Herrn Kohler durch ein einfaches Achſelzucken beantwortet wurde,— eine große Düte voll Bonbons ge⸗ ben ließ, die er den Kindern einhändigte und ihnen, als er den Grund ihrer Klagen vernommen, die Verſicherung gab, die Reiſe werde in kürzeſter Friſt und dann mit einem Aufwande von Vergnügen fortgeſetzt werden; auch würden ſie jetzt noch eine gute Strecke um die Stadt herum fahren, was bei einem ſo prachtvollen Morgen kein geringes Amu⸗ ſement ſei. Er gab ſein Wort darauf, reichte Madame Nicolai galant den Arm und trieb die Kinder vor ſich her, indem er ihnen leicht auf den Kopf pätſchelte. Als nun gleich darauf alle Fünf in dem Miethwagen waren, die ſchwarzgekleidete Dame und Herr Kohler auf dem Rückſitze, Bertha, Ferdinand und der Hampelmann auf dem Vorderſitz, und als der ehemalige Makler dieſes Familienbild lächelnd überſchaute, wobei er viel länger als im Verhältniß war auf den Zügen der ſchönen Frau ver⸗ weilte, da kam ihm zum erſten Male der Gedanke, es würde ſich doch nicht unangenehm machen, wenn er ſo mit ſeinem Eigenthum von oder zur Eiſenbahn fahren könnte. Es wurde ihm ganz warm bei dieſem früher noch nie ange⸗ regten Gedanken an eine einſtige Madame Kohler; ja er fühlte ſogar beim Betrachten der beiden hübſchen Kinder ſeinen Buſen von einem allerdings ſehr unmotivirten Stolze ohne ſein Verſchulden gerathen — 176— geſchwellt. Dieſer Stolz aber war einmal vorhanden und ließ ihn freundlich herausfordernde Blicke auf die Begegnen⸗ den werfen; er hätte nur gewünſcht, daß es ſeine reizende Nachbarin ebenſo machen möge, welche jedoch feſt in ihre Ecke gedrückt verharrte. „Jedem Menſchen ſchlägt gewiß eine Stunde, wo ſeine Anſichten einen förmlichen Umſchwung erleiden,“ dachte Herr Kohler;„warum ſoll nicht auch mir dieſe Stunde einmal ſchlagen? Einen Umſchwung fühle ich bereits ſtark ſich in mir regen. Es iſt eigenthümlich— bei dieſem Gedanken lächelte er ſtill in ſich hinein,— daß ich bis jetzt immer eine Averſion vor Wittwen gehabt. Konnte ich ſie doch nie von der Idee des Scheltens und Keifens trennen, hatte immer die Marotte, man müſſe ihnen auf unangenehme Art die Spuren des erſten Cheſtandes anmerken. Und wie Unrecht hatte ich! Eine Wittwe hat auch ihre Vor⸗ züge; ſie quält uns nicht mehr mit einer läſtigen Unerfah⸗ renheit, ſie tritt ſo fertig ein in's Leben. Und wenn ſie, wie die holde Erſcheinung an meiner Seite, gleich zwei allerliebſte Kinder mitbringt, ſo hat man ohne Mühe und Noth ein Hausweſen, das ſich ſehen laſſen kann.— Ja, ja, meine Stunde hat geſchlagen,“ ſchloß Herr Kohler ſeine Betrachtungen mit einem gelinden Seufzer, wobei er ſeine Augen unter ſüßem Ausdrucke gegen Madame Nicolai ver⸗ drehte.— Und es war in dieſem Augenblicke, als wolle die Eiſenbahnuhr ſeine Gedanken beſtätigen, denn als der Miethwagen zum Hofe hinaus fuhr, ſchlug es die ſechste Stunde. FtusAx Alter nach ſchon einige Einſicht in ie Frau Stadträthin Schei⸗ del führte eine ſehr geord⸗ nete Wirthſchaft; ſie war, was man im gewöhnlichen Leben eine rechte Hausfrau nennt. In ihren vier Pfäh⸗ len hatte ſie eine vollkom⸗ mene Autokratie eingeführt, in der ihr Mann, der Herr Stadtrath, nicht einmal als ſanft berathende Behörde zugelaſſen wurde. Ja ihre einzige Tochter, welche dem n die Haushaltung verdient hätte,— ſie gab ſich ſelbſt für ſechsundzwanzig Jahre, doch Hackländer, Tag und Nacht. 12 vor dieſer Zeit Friederike wenigſtens vier Jahren behaupteten kundige Freunde, daß ſchon ein kleines Mädchen von geweſen ſei— hielt ſie vom Betrieb des Hausweſens fern, indem ſie behauptete, es ſei für ein junges Mädchen erſprießlicher, aufmerkſam mit anzuſehen, wie es ſeine er⸗ fahrene Mutter mache, als ſchon in ſo zartem Alter ſelbſt⸗ ſtändig in Küche und Keller herumpfuſchen zu wollen. Was überhaupt die Selbſtſtändigkeit anbelangt, ſo wurde Alles, was von dieſer guten Eigenſchaft im ſtadt⸗ räthlichen Hauſe zu finden war, von Madame Scheidel gänzlich aufgebraucht, welche, wie wir ſchon vorhin andeu⸗ teten, eine vollſtändig unumſchränkte Regierungsgewalt in ihrem Hauſe begründet hatte. Wenn auch Herr Scheidel ſchwache Verſuche gemacht zu Brechung der Knechtſchaft Bande, ſo hatte ihm das doch nicht gelingen können, denn er, damals ein obſcurer Schreibereigehülfe, hatte in das Haus hinein geheirathet; er hatte die Wittwe Federbach zuerſt zur ſimplen Madame Scheidel und erſt lange nach⸗ her zur Stadträthin gemacht. Die Tochter Friederike war ein Zeuge erſter Che und die Stadträthin betrachtete ſie in Gegenwart ihres Mannes häufig mit einem tiefen Seufzer; nicht als ob ſie ſich in Betreff des Daſeins dieſer Jung⸗ frau irgend einen Vorwurf zu machen gehabt hätte, ſondern weil das Kind die Mutter an eine beſſere und jedenfalls glücklichere Zeit erinnerte. Madame Scheidel war eine Freundin aller Ueber⸗ raſchungen; ſie liebte es, ihren Mann auf ſeinem Wege zur Kanzlei zu überraſchen oder um die Stunde, wenn er von dort erlöst wurde; auch in dem Wirthshauſe, wo er zuweilen ſeinen Schoppen zu trinken pflegte und wo ſie ihn plötzlich durch den Kellner herausrufen ließ. Sie über— raſchte ihre Magd im heimlichen Zwiegeſpräch mit Nach⸗ bars Lene, oder des Morgens in ihrer Kammer, wenn die — 179— benachbarte Kirchenuhr eben aushub, Fünf zu ſchlagen. Die Einzige, welche ſich nicht überraſchen ließ, war ihre Tochter Friederike; denn ganz im Vertrauen müſſen wir ſagen, daß dieſe vom Temperamente ihrer Mutter ſo viel geerbt hatte, um ziemlich ſelbſtſtändig zu thun und zu laſſen, was ihr gut dünkte, woher es denn auch kam, daß Mama ſie, ſo viel als nur immer möglich, von den Haushaltungsgeſchäf⸗ ten fern hielt. Der zwanzigjährige Eduard dagegen, der Sohn ihrer zweiten Ehe, war, als ſeinem Vater allzuähnlich, häufigen Ueberraſchungen ausgeſetzt. Auch ſeine Schritte überwachte ſie ſo viel als thunlich; ſie las die ankommenden Briefe, indem ſie dieſelben entweder ſehr kunſtreich auseinander bog, oder indem ſie ſolche unter dem Vorwande öffnete, ſie habe gemeint, die Adreſſe ſei an ſie gerichtet geweſen. Sie liebte es, Rock und Weſte ihres Sprößlings Nachts, wenn er ſchlief, von dem Stuhle an ſeinem Bette zu holen, um— — etwa fehlende Knöpfe anzunähen. Daß ſie dabei auch zufälliger Weiſe ſämmtliche Taſchen viſitirte, war ihr nicht ſo übel zu nehmen. Dieſe Ueberraſchungen dehnte ſie auch auf die Morgen aus, wo der Stadtrath am vorhergehenden Abend etwas länger in ſeiner Geſellſchaft geblieben war, und zwar da⸗ durch, daß ſie den Kaffee, der ſonſt im Frühjahr und Sommer um ſieben Uhr ſervirt wurde, ſchon vor halb Sieben auftragen ließ, und dabei mit den Taſſen und Löffeln ein ſolch' überraſchendes Geklapper anſtellte, daß der Stadtrath wirklich auf's Höchſte überraſcht aus ſeinem Schlafe aufſchreckte.. Auch heute thronte die Stadträthin ſchon um die eben bezeichnete ſehr frühe Stunde an ihrem Kaffeetiſche, ſtrickte an einem ſehr großen baumwollenen Strumpfe und ſprach dazwiſchen mit ſehr lauter Stimme gegen die offen ſtehende — 180— Thüre des Nebenzimmers. Von dort hörte man Waſſer⸗ geplätſcher untermiſcht mit einem gelinden Stöhnen. „Du magſt uns ſagen was Du willſt,“ ſprach Madame Scheidel,„ſo finde ich es nun ein⸗ für allemal unpaſſend, daß der Commerzienrath alte verheirathete Männer zu Gargon⸗Soiréen einladet.— Wa— a— 8?“ fuhr ſie nach einer Pauſe noch lauter fort, als ſie ein Paar Worte, in brummigem Tone geſprochen, zwiſchen dem Waſſerge⸗ plätſcher zu vernehmen geglaubt hatte.„Was ſagſt Du? Es ſei keine Gargon⸗Soirée geweſen?— In der That nicht?—— Ah! das müßte ich mir ausbitten! Alſo waren vielleicht andere Damen da, und Du biſt, da Deine rechtmäßige Frau nicht eingeladen, nicht alſogleich nach Hauſe zurückgekehrt?— O ein ſolches Betragen ſähe Dir ſchon ähnlich; eine ſolche Vernachläſſigung müßte ich mir ſchon gefallen laſſen, wie Vieles, was ich in der Art ſchon erlebt.“ Daß der Stadtrath hierauf etwas zur Antwort gab, müſſen wir unbedingt annehmen, die Worte aber, die er pruſtend und kollernd herausſtieß, waren nur für Madame, die an dergleichen gewöhnt ſchien, verſtändlich. „Alſo war es doch eine Garcon⸗Geſellſchaft?“ fuhr ſie nach einem ſolchen, für uns unverſtändlichen Murmeln fort. „Nun, dann wirſt Du mir erlauben, das von Madame Duvallet ziemlich taktlos zu finden. Denn ſie war natür⸗ lich doch dabei, und auch Fräulein Alice.—— „W.— a— as? Du begreifſt nicht, wie ich über eine Sache ſprechen mag, die alljährlich einmal vorkommt, und weil ich die Eigenheit des Commerzienraths kenne.— Nun, was gehen mich ſeine Eigenheiten an?— ich will auch meinethalben zugeben, es könne einmal vorkommen, daß ein verheiratheter Mann Garcon⸗Soiréen gibt— dann aber frage ich Dich— und darauf wirſt Du mir keine Antwort geben können— warum ladet er Deinen Sohn — 181— nicht auch mit ein?—— So, weil es ein junger Menſch iſt!— Aber war der Barring nicht da?— Allerdings, ſagſt Du. Ja, der paßt freilich beſſer in eure Geſellſchaft; der kann ſchon einen Puff aushalten, und von dem habt ihr nicht zu befürchten, daß er zu Hauſe wieder erzählt, was er dort von euren ſaubern Jugenderinnerungen ge⸗ hört.—— Hahaha! Die kann Jeder hören, meinſt Du!— ſchöne Geſchichten, die da ausgekramt werden, das muß ich ſagen! Dein Kopf war recht voll von dergleichen, denn wenn ich auch that, als ob ich ſchliefe, ſo habe ich doch gehört, wie Du vor Dich hinſangeſt: Wir, wir wollen zu ihr— ja ihr hinſchicken— — Das hätteſt Du nicht geſungen 24 Der geneigte Leſer, welcher zufällig das Lied kennt, auf welches die würdige Madame Scheidel anſpielte, oder ſich deſſelben aus dem erſten Capitel her erinnert, muß es be⸗ greiflich finden, daß die gerechte Entrüſtung den Stadtrath in ſehr mangelhafter Toilette aus dem Schlafzimmer trieb. Er war eben im Begriff geweſen, ſeine Halsbinde umzu⸗ knüpfen, und erſchien nun, dieſelbe in einer Hand ſchwin⸗ gend, während er mit der anderen ein Paar friſch ge⸗ waſchene Vatermörder hielt. „Ich muß Dir bemerken,“ ſprach er in ſehr beſtimmtem Tone,„daß Du, wenn Du etwas ſagen willſt, Dich be⸗ mühen ſollteſt, den Leuten nicht Worte und Lieder im Munde zu verdrehen. Es wird kein vernünftiger Menſch beim Nachhauſegehen ſingen: Wir, wir wollen zu ihr, ja ihr hinſchicken. Ich kenne auch ein ſolches Lied gar nicht.“ „Du hätteſt alſo gar nicht geſungen?“ „Das will ich nicht leugnen, aber wenn ich etwas ge⸗ ſungen habe, ſo war es das bekannte Lied: Wir, wir wollen zum Zi— Za— Zimmermann ſchicken, ——— —Qͥʒ und nur Du, nach Deiner bekannten Manier Alles zu verdrehen und mit Mißtrauen anzuhören, haſt wieder et⸗ was ganz Anderes verſtanden.“ Damit wandte er ſich auf dem Abſatz um und ſchritt in das Schlafzimmer zurück, in gerechtem Zorn Vatermörder und Halsbinde ſchwingend. Madame Scheidel klapperte in ihrer Kaffeetaſſe lauter als gerade nothwendig geweſen wäre; dabei zuckte ſie mit den Achſeln und brummte vor ſich hin:„Wenn Du auch wirklich: zum Zi— Za— Zimmermann’ geſungen haſt, ſo wette ich doch hundert gegen eins, das iſt nur eine ver⸗ blümte Redensart, bei der ihr ganz andere Dinge denkt. Das muß mir ein ſauberer Zimmermann ſein, nach dem man Zi— Za— hinſchickt. Man ſollte euch beſchicken, ihr alten—“ „Statt Dir den Kopf über Sachen zu zerbrechen,“ ſchallte die Stimme des Stadtraths aus dem Nebenzimmer heraus,„die Dich, gelinde geſagt, eigentlich gar nichts an⸗ gehen, ſollteſt Du Dir lieber denſelben bei einander halten, damit Du meine Wäſche auch gehörig nachſiehſt. Habe ich da wieder einen Kragen erwiſcht,“ fuhr er ingrimmig fort, „deſſen einer Bendel nur noch an einem Faden hängt und deſſen obere Kante wie eine Säge ausſieht.“ Bei dieſen Worten ihres Gemahls ſah Madame Schei⸗ del gar nicht verdrießlich aus; vielmehr zuckte es freund— lich über ihre Züge, als ſie nun zur Antwort gab: „Habe ich Dir dieſen Kragen vielleicht hingelegt?— Gewiß nicht. Dann wäre er untadelhaft geweſen.— Aber Du treibſt in letzter Zeit eine ſolche Verſchwendung mit Hemden und Krägen, daß das eine brave Hausfrau in Geduld nicht mehr anſehen kann. Haſt Du nicht geſtern noch einen friſchen Kragen umgebunden?“ „Allerdings!“ rief Herr Scheidel mit dem Muthe der — — 183— Verzweiflung,„weil ich in eine Soirée ging, wo es mir ſehr wohl gefallen. Und heute ziehe ich einen an, weil ich Stadtrathsſitzung habe.“ „So, Du haſt Stadtrathsſitzung?“ rief Madame Schei⸗ del mit lautem Lachen.„Iſt das auch wohl einen friſchen Kragen werth? Ich glaube nicht.— Du lieber Gott! Stadtrathsſitzung. Wenn ich der nur einmal anwohnen könnte, ich würde euch Allen ſagen, wo ihr her wäret.— Apropos, wegen der Stadtrathsſitzung,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,— man ſah nun in der That eine gewiſſe Gereiztheit in ihren Zügen,—„werdet ihr endlich einmal Zeit zu der Entſcheidung bekommen, ob es meinem Bruder erlaubt wird, mit ſeinem Stall in die Straße vorzurücken? Du weißt, wie er mich quält, mit Dir davon zu ſprechen, und wie ich ihm jedesmal zur Antwort gebe, er könne ſich in Geduld faſſen, denn da es meine Familie anginge, ſo würdeſt Du ſehr wenig Luſt haben, Dich darum zu bekümmern.“ „Die Sache liegt vor und wird ſeiner Zeit zur Ent⸗ ſcheidung kommen,“ hörte man den Stadtrath mit großer Ruhe ſagen.„Allerdings bin ich nicht wohl im Stande, das Geſuch meines Herrn Schwagers zu bevorworten, und fürchte ich nur—“* „Was fürchteſt Du?“ unterbrach ihn raſch ſeine Frau. „Ich fürchte gar nichts; ich weiß ganz beſtimmt, daß ihm ſein Geſuch abgeſchlagen wird. Und wenn ihr damit nur einmal vorwärts machen wolltet. Du lieber Gott! man kann nicht von euch verlangen, daß ihr es treffen ſollt, für das Wohl der Stadt zu rathen, aber Füße wollt' ich euch machen, wenn ich was zu ſagen hätte; darauf könnt ihr euch verlaſſen. Schleppt ſich der arme Jakob ſchon ein halbes Jahr auf dem Rathhauſe hin und her; jetzt hat er Hoffnung ſeinen Stall vorrücken zu dürfen, da keine — 184— Hauptſtraße dort hinten projectirt iſt— auf einmal iſt Alles wieder anders, da fällt Einem der hochweiſen Stadträthe ein, daß Einer aus der Sippſchaft dort einen Garten lie⸗ gen hat. Nun ſoll's plötzlich wieder Hauptſtraße werden, damit Grund und Boden dort im Preiſe ſteige.— Doch ich will mich nicht über Sachen ereifern, die doch kein Menſch ändern kann; aber man ſollte jedes Mädchen war⸗ nen, einen Stadtrath zu heirathen.“ Herr Scheidel gab hierauf nichts zur Antwort; nur hörte man ihn zuweilen einen Stuhl rücken, auch war es, als ſtoße er einen tiefen Seufzer aus. „Apropos!“ fuhr ſeine unermüdliche Gattin fort,„man ſagt ja, bei der ſchönen, warmen Witterung, die draußen herrſcht, ſoll das Brod wieder aufſchlagen. Jetzt weißt Du, ich bekümmere mich nie um eure Angelegenheiten, aber ich gäbe doch etwas darum, zu erfahren, welche Gründe ihr habt, das Brod aufſchlagen zu laſſen. Steht nicht draußen Alles ſo ſchön, daß es ſogar das Herz eines Kornwucherers erweichen ſollte?— Ja, eines ſolchen wohl, aber nicht eines Stadtrathes, der zugleich Bäckermeiſter und Getreide⸗ ſpekulant iſt.— Ich ſollte nur einmal etwas zu ſagen haben!“ „Das wäre erſchrecklich für die Stadt,“ ſagte Herr Scheidel, der nun, völlig angekleidet, in das Zimmer trat und an's Fenſter ging, ehe er ſich an dem Kaffeetiſch nie⸗ derließ. „Ein wunderbarer Morgen!“ ſprach er hinausblickend. „Wie die Sonne ſo warm und wohlthuend über Berg und Thal ſcheint!“ Er ſchloß ſeine Hände ein paarmal krampfhaft auf und zu, dann wandte er ſich entſchloſſen um; er ſchien et⸗ was Außerordentliches im Sinne zu haben, ſchluckte hierauf einige Male heftig und ſagte dann zu ſeiner Gattin mit einem ſehr freundlichen Tone: „Wie haſt Du eigentlich geſchlafen, mein Kind?“ Madame Scheidel zuckte mit den Achſeln, nahm eine trübſelige Miene an und gab zur Antwort: „Was kann man da von gutem Schlafe ſagen, wenn man gegen drei Uhr Morgens ſo heftig aufgeſchreckt wird.“ „Gegen drei Uhr Morgens?“ „Nun ja, frage nur nicht ſo erſtaunt. Haſt Du nicht im Schlafzimmer einen Lärm gemacht, als käme ein halbes Dutzend Koſaken zur Einquartirung?“ „Welchen Lärmen ein halb Dutzend Koſaken, die zur Einquartirung kommen, anzuſtellen pflegen, bin ich nicht im Stande zu ſagen. Was mich aber betrifft, ſo weiß ich, daß es nicht drei Uhr ſondern ein Viertel nach Eins war, als ich nach Hauſe kam. Und um von dem Lärmen zu ſprechen, deſſen Du erwähnſt, ſo ſtieß ich allerdings heftig gegen einen Stuhl; mein rechtes Schienbein weiß noch da⸗ von zu erzählen.— Es war gerade, als habe ſich dieſer Stuhl nicht ganz ohne Abſicht mitten in meinem Wege befunden.“ „Am Ende willſt Du wohl gar ſagen,“ fuhr Madame auf,„man habe Dir abſichtlich Stühle in den Weg ge⸗ ſtellt! Das muß ich mir doch alles Ernſtes ausbitten!“ „Laß das gut ſein,“ erwiederte der Stadtrath, indem er mit der Hand abwehrte.„Wozu dieſe ewigen, unange⸗ nehmen Erörterungen! Der Morgen iſt wirklich zu ſchön dazu,— ferner höre ich Deine Tochter kommen, und möchte auch mein Bischen Kaffee in Ruhe trinken.“ „Nun, wenn Du dieſe große Taſſe voll ein Bischen nennſt, ſo iſt es freilich am beſten, man ſchweigt ſtille,“ ver⸗ ſetzte Madame Scheidel, der es nur um das letzte Wort zu thun war. Dies blieb ihr auch, denn der Stadtrath verhalf ſich zu ſeiner gewöhnlichen Portion Zucker und fing darauf — 186— an, denſelben mit dem Löffelchen herumzurühren. Auch ööffnete ſich in dieſem Augenblick die Thür, und die Tochter der Stadträthin, Friederike, trat herein. Dieſelbe trug einen weißen, etwas koketten Morgen⸗ anzug, der mit dem gewöhnlichen Kattunkleide ihrer Mutter, und wir können nicht verſchweigen, auch mit ihrem eigenen Geſichte, einen ziemlichen Contraſt bildete. Am Arme hatte die junge Dame ein zierlich geflochtenes Körbchen, worin die Utenſilien zu einer Weißſtickerei ſowie neue Miniatur⸗ Ausgaben deutſcher Dichter zu ſehen waren, reich gebunden, mit Stahlſtich und Goldſchnitt, der Stolz der Verlagshand⸗ lung und des glücklichen Poeten. Fräulein Friederike trug keine Haube; ſie haßte eine ſolche als Attribut des verhei⸗ ratheten Standes und pflegte mit einem Seufzer, welcher der ſüßen Jugendzeit galt, zu ſagen:„ Wenn mich das Verhängniß einmal fortreißt aus dem Mädchenkreiſe und ich mich dem kalten Eheſtand opfern muß, dann will ich auch mein Haupt verhüllen und mein Haar fürder nicht mehr ſehen laſſen.“— Es iſt keine Verläumdung von uns, wenn wir Friede⸗ rike Federbach dieſe Worte in den Mund legen. Sie liebte es, ſo zu ſprechen, und in ihren Briefen waren ſogar zwi⸗ ſchen ein Paar Zeilen Proſa jedesmal zwei poetiſche Citate von mehreren Strophen eingeklemmt, und meiſtens Verſe, die von verfehlter Jugend, von verſcherztem Glück, von Luſt in Leiden, drohendem Verhängniß und dergleichen mehr ſprachen. Was nun ein derartiges drohendes Verhängniß anbe⸗ langt, ſo war es allerdings in letzter Zeit dem Fräulein Friederike Federbach nahe getreten, und zwar in der Ge⸗ ſtalt eines in reiferem Alter ſtehenden, übrigens wohl⸗ erhaltenen Mannes, der harte Lehrjahre durchgemacht hatte, im Handelsſtande etwas verknöchert war und jetzt, nach —̃OO—pͤᷓ́ᷓ́ᷓÿ—ᷓᷓ́ᷓ́———ę—ę—ꝭ—/OC˖— —y—— — 187— Verluſt ſeiner Haare und ſeiner obgleich mäßig verlebten Jugend, nur mit Hülfe des Vermögens der ſtadträthlichen Tochter ſeinem eigenen Herd eine größere Ausdehnung zu geben hoffte. Wenn der große Schiller ſagt, daß es nur da einen guten Klang gebe, wo ſich das Spröde mit dem Weichen verbindet, ſo mußte das oben erwähnte Paar vortrefflich zu⸗ ſammenpaſſen. Denn größere Verſchiedenheit des Charak⸗ ters als zwiſchen den Beiden war nicht leicht zu finden; ſie, wie ſie ſelbſt ſagte, ein tief poetiſches Gemüth, immer abgeſchreckt, von der rauhen kalten Außenwelt ſich verletzt zurückziehend in ein inneres, wunderbares Gefühlsleben, nur im duftigen Hauche der Phantaſie mit der äußeren, groben und gemeinen Welt zuſammenhängend; er dagegen eine nüchterne, hausbackene Natur mit vom Strudel des Lebens nicht abgeſchliffenen, ſondern abgebrochenen Kanten und Ecken, und ſo ſehr aller Poeſie und Kenntniß deutſcher Dichter bar, daß er Einiges von Göthe und Schiller nur aus einer Makulatur-⸗Ausgabe kannte, die er ſich mühſam als Spezereiladenlehrling aus ganz unſcheinbaren Bruch⸗ ſtücken angelegt, und daß er dagegen von dem geringern Federvieh— ſo unehrerbietig drückte er ſich über den deut⸗ ſchen Schriftſtellerſtand aus— gar keine Ahnung hatte. Zuerſt hatte Friederike im allem Ernſt geſchaudert, als Herr Weller bei der Mutter um ihre Hand ange⸗ halten.— Sie war in ein Gelächter der Verzweiflung ausgebrochen und wäre wohl gar in Ohnmacht gefallen, wenn der Stadtrath und die Stadträthin in dieſem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke nicht zufällig auf dem etwas ſchma⸗ len Sopha geſeſſen hätten. Dann aber raffte ſie ſich auf, flog mit einer kleinen Verzweiflung im Buſen auf ihr Zimmer— zu einer großen fühlte ſie keinen Platz— und rief in ſtummem Schmerze gen Himmel: —-— 188— Da ſteh' ich ſchon auf deiner finſtern Brücke, Furchtbare Ewigkeit. Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke! Ich bring' ihn unerbrochen dir zurücke, Ich weiß nichts von Glückſeligkeit. Dann wurde ſie elegiſch und erinnerte ſich einer Zeit vor verſchiedenen Jahren, wo in einem Stübchen ihr gegenüber ein junger, hübſcher Hauslehrer gewohnt, der beziehungs⸗ weiſe oder nicht beziehungsweiſe Abends zur Guitarre ge⸗ ſungen: Und ſtürzte die Welt zuſammen, Aus ihren Trümmern brächen doch Hervor meiner Liebe Flammen. Noch lange nachher, als der Hauslehrer längſt ver⸗ ſchwunden war und Gott weiß wo in Italien oder Frank⸗ reich conditionirte und dort wahrſcheinlich ebenſo wie hier fühlte, daß ſeiner Liebe Flammen für irgend einen Gegen⸗ ſtand ſelbſt unter den Trümmern der Welt hervorbrechen würden, bildete ſie ſich ein, ihn geliebt zu haben, und von ihm wieder geliebt worden zu ſein. Mit dieſem Gefühl machte die Reſignation der zarten Klage des Mädchens Platz. Sie ſtützte den Kopf auf die Hand, zerzauste etwas Weniges ihre breiten Bandeaux und ſeufzte, das Auge vom Weinen getrübet: Das Herz iſt geſtorben, die Welt iſt leer, Und weiter gibt ſie dem Wunſche nichts mehr. Du Heilige rufe dein Kind zurück, Ich habe genoſſen das irdiſche Glück, Ich habe gelebt und geliebet! Nachdem ihr hierauf die geweſene Madame Federbach in einem paſſenden Augenblick, wenn gleich ruhig doch ſehr unpoetiſch, geſagt, ſie ſei eine koloſſale Gans, deren Zeit vorüber ſei, wo ſie nur zu wählen habe, und der Herr Weller werde von Jedermann für eine äußerſt achtungs⸗ — 189— werthe Perſönlichkeit gehalten, da hatte ſie den furchtbaren Entſchluß gefaßt, ſich ihrem Schickſale zu ergeben und war Heldin genug, dies dem glücklichen Bräutigam ſelbſt anzu⸗ zeigen, hatte aber eine Bedingung an die Erlangung ihrer Hand geknüpft, im Sinne der Ritterfräulein einer früheren biderben Zeit, wenn ſie zu ihrem Erwählten ſprachen: Ich will die Deine ſein, doch bringe mir vorher die Köpfe von ein halb Dutzend Rieſen und die Schwänze einiger furcht⸗ baren Drachen, welche die Gegend umher unſicher machen. Thatſache iſt, daß Herr Weller nach Anhörung dieſer Bedingung ſehr erſtaunt war und ſich kopfſchüttelnd hinweg begab. Friederike hatte von ihm verlangt, er ſolle irgend eine That begehen, daß man von ihm ſpreche, die ihm einen Namen mache. Lange hatte er über dieſe Forderung nachgedacht, und hatte den Sinn derſelben nicht zu faſſen vermocht; ſich bei einem ſeiner älteren Freunde Raths zu erholen, davon hielt ihn ein richtiges Gefühl, die Furcht ausgelacht zu werden, ab. Endlich aber hatte er beſchloſſen, ſich einem jüngeren Freunde anzuvertrauen und erwählte hiezu Victor Barring, den er im Hauſe des Commerzienraths ſowie auch bei der Familie Scheidel öfters geſehen, der ihm geſetzt und ver⸗ ſtändig genug vorkam und der auch mit den Gebräuchen der jetzigen Welt wohl bekannt war. Doch wußte auch der junge Muſiker augenblicklich keinen guten Rath zu geben; freilich ſchlug ihm derſelbe vor, ſein neu zu errichtendes Hand⸗ lungshaus mit einer ganz abſonderlichen Firma zu ſchmücken und auf dieſe Art Aufſehen zu erregen, oder ſich Mühe zu geben, etwas zu erfinden, etwa unfehlbare Huſtenbonbons oder eine vortreffliche, hautreinigende Kräuterſeife, und dies in allen Zeitungen bekannt zu machen; ein anderes, vielleicht für den gegenwärtigen Fall nicht unpaſſendes Mittel, Auf⸗ ſehen zu erregen, möchte auch wohl ſein, wenn er ſeiner — 190= Erwählten den halben Korb, den er erhalten, mit einem ganzen vergelte. Zu allem dem aber konnte ſich das ruhige Gemüth des Herrn Weller nicht entſchließen; er gründete, hoffend auf die Aenderung ihres Sinnes, ſein neues Haus, hoffend miethete er eine größere Wohnung, hoffend vergrößerte er ſeinen Hausſtand, hoffend engagirte er eine Magd, die gut kochen konnte, und hoffend erſchien er, ſo oft es ihm mög⸗— lich war, vor der Erkorenen ſeines Herzens, die aber durch⸗ aus nicht geneigt ſchien, von der einmal geſtellten Bedin⸗ gung abzulaſſen. Friederike trat alſo in das Zimmer, wo die Eltern beim Frühſtück ſaßen. Sie bot Beiden einen guten Morgen, ſtellte das Armkörbchen neben ſich und nahm eine kleine Taſſe Kaffee, wozu ſie eine zierliche Brezel eintauchte. „Wie war es geſtern Abend bei Duvallets?“ fragte ſie darauf den Stadtrath, der ihr zur Antwort gab: es ſei das gewöhnliche alljährliche Feſt geweſen und er müſſe ſchon ſagen, daß man ſich recht gut amuſirt habe. „Und Alice war natürlicher Weiſe auch da?“ fragte ſie dann weiter. „Allerdings; ſie ſorgte mit ihrer Mutter für die Gäſte, ſie ging ab und zu.“ „Und Herr Barring?“ „Befand ſich im Nebenzimmer und ſpielte auf ſeinem Clavier. Er thut das gewöhnlich, wenn die ältern Freunde des Commerzienraths zur Geſellſchaft da ſind. Ein char⸗ manter junger Mann, das kann ich euch verſichern, mit einem außerordentlichen Talente.“ Madame Scheidel rührte haſtig in ihrer Kaffeetaſſe um⸗ her, dann ſagte ſie in etwas wegwerfendem Tone: „Worin ſeine Haupttalente beſtehen, weiß man ſo ziemlich.“ — — 191— „Wenn das nicht in der Muſik iſt,“ meinte unſchuldig der Stadtrath,„ſo weiß ich in der That nicht—“ „O daß Du nicht ſiehſt, was dicht vor Dir liegt, wun⸗ dert mich gar nicht,“ verſetzte ſeine Gattin,„biſt Du doch Stadtrath; die ganze Welt weiß aber, daß dieſer gute Herr Barring unter der Maske der Unbefangenheit und mit dem naiven Sichgehenlaſſen eines Künſtlers ſeiner Couſine Alice die Cour macht. Und er hat Recht, iſt ſie doch die ein⸗ zige Tochter des Commerzienraths, der, wie man ſagt, fabelhaft reich ſein ſoll.“ „Man ſagt,“ miſchte ſich Friederike mit einem leichten Achſelzucken in das Geſpräch. „Ja freilich, man ſagt,“ fuhr die Mutter entſchieden fort;„aber es iſt auch ſo. Nun, Scheidel, haſt Du kein Wort für uns? Habe ich Recht oder Unrecht?“ „Worin, mein Schatz?“ „Nun, daß ſich dieſer Barring an Alice macht.— Das iſt Dir freilich außerordentlich gleichgültig; und doch haſt Du einen Sohn, der ſich auch ganz gut betten könnte, wenn ihm ſein eigener Vater ein Bischen Vorſchub leiſten wollte.“ Der Stadtrath blickte nach dieſen Worten ſeine Frau ſo zerſtreut oder vielmehr ungewiß an, daß man hätte denken können, er beſinne ſich, welchen ſeiner unzähligen Söhne Madame Scheidel wohl meinen könne. „Was ſtarrſt Du mich denn ſo an?“ fragte dieſe ver⸗ wundert.„Habe ich Dir nicht ſchon öſter geſagt, daß man Eduard auf den Gedanken hinleiten müſſe, verſtändig zu werden.“ „O ja, daran habe ich ſelbſt oft gedacht,“ unterbrach ſie der Stadtrath,„und mir auch viel vergebliche Mühe gegeben.“— „Um zu ſehen,“ fuhr Madame Scheidel mit einem 192 „ob es nicht möglich ſei, ſich Alice iſt ein Blick auf zyre Tochter fort, der jungen Duvallet angenehm zu machen. einfaches Mädchen, häuslich erzogen, da kann er ſich wohl blicken laſſen.“ „Eduard!“ ſprach der Stadtrath nach einem kleinen Beſinnen, und man ſah an dieſem Morgen zum erſtenmal ein kleines Lächeln über ſeine Züge gleiten. Er hatte in dieſem Artikel geſtern Abend zu viel verausgabt.„Eduard!“ wiederholte er kopfſchüttelnd;„ich weiß doch nicht recht, ob man dieſe Sache ernſtlich anſehen kann. Ich will über unſeren Sohn gewiß nichts Schlimmes ſagen, aber Du wirſt mir zugeben, er hat noch zu wenig geſetzte Manieren; es iſt noch ſo etwas— wie ſoll ich mich ausdrücken?— Schlankel⸗ haftes in ihm, auch hat er durchaus noch keine Poſition, iſt erſt Volontair in ſeinem Bankhauſe und der Commer⸗ zienrath iſt ein ſehr ſtrenger Geſchäftsmann.“ „Er ſoll ja nicht den Commerzienrath heirathen,“ ſprach die Stadträthin mit einem finſteren Stirnerunzeln. „Aber Alice gleicht in vielen Dingen dem Vater. Habe ich ſie doch ſchon manche Stunde auf dem Comptoir ſitzen und Briefe copiren ſehen.“ „Mit Schreibärmeln,“ und in ſehr geringſchätzendem Tone. „Allerdings mit Schreibärmeln,“ erwiederte der Stadt⸗ rath mit einiger Entrüſtung,„denn wenn ſie die Feder in ſo blickt ſie nicht an die Decke empor, Reim auf Seligkeit zu finden— wie ſagte Friederike naſerümpfend die Hand nimmt, um vielleicht einen es Andere zu machen pflegen.“— Dieſes: wie es Andere zu machen pflegen, hätte der gute Stadtrath ſich ſparen können, denn ſchon bei der An⸗ ſpielung auf einen Reim hatte ſich Friederike auf die Lip⸗ pen gebiſſen und mit einiger Heftigkeit ihre Taſſe vom Tiſch zurückgeſchoben. Wir können nicht unterlaſſen zu 4 3 — 193— ſagen, daß Fräulein Federbach nicht nur ein poetiſches Ge⸗ 12 9— 4 müth beſaß, nicht nur Gedichte gemacht hatte, ſondern ſogar auch ſchon gedrückt worden war. We⸗ „Was Eduard anbelangt,“ fuhr der Herr des Hauſes in begütigendem Tone fort,„ſo ſteht ſein Alter auch in keinem Verhältniß zu dem Alicens. Er iſt Zwanzig und ſie vielleicht Sechzehn. Der Mann ſollte in allen Fällen zehn Jahre älter ſein als die Frau.“ „Und wo das zufälliger Weiſe nicht zutrifft,“ ſagte die Madame Scheidel ſcharf, denn in ihrer Ehe fand beinahe das umgekehrte Verhältniß Statt,„ſollte ſich der Mann min⸗ deſtens bemühen, für zehn Jahre älter an Verſtand zu ſein.“ Aus dieſen an ſich harmloſen Worten hätte ſich vielleicht ein etwas leidenſchaftliches Zwiegeſpräch entwickelt, wenn ſich in dieſem Augenblick nicht die Thür geöffnet hätte und der junge Herr Scheidel eingetreten wäre, etwas langſam in ſeinen Bewegungen und augenſcheinlich ziemlich verdrießlich. Es war das einer jener hochaufgeſchoſſenen, mageren, hellblonden jungen Leute, bei denen man, wenn man ihre ſchlankelhaften Bewegungen ſieht, ſich der Idee nicht erweh⸗ ren kann, es ſei in ihrem Körper ein Faden, der alle Glie⸗ der verbinde, noch nicht feſt genug angezogen und wackele noch Alles ziemlich unſelbſtſtändig an ihm herum. Man findet dieſelbe Erſcheinung bei jungen hochbeinigen Jagd⸗ hunden, die mit einem verwunderungsvollen Anglotzen gern und häufig ein herausforderndes Bellen verbinden, hinter dem aber durchaus nichts Beſonderes zu finden iſt, und dem meiſtens ein ſchüchternes Einziehen des Schwanzes folgt. Herr Eduard war modiſch, faſt elegant gekleidet; er trug etwas auffallend carrirte Beinkleider mit breiten anders⸗ farbigen Galons, eine Weſte, die durch eine ſchwere goldene Kette verziert war, und einen leichten dunkeln Rock; um den Hals hatte er eine jener neumodiſchen ſchauderhaften Hackländer, Tag und Nacht. 3 13 — 194— Binden, die gerade ſo ausſehen, als habe der Betreffende ein Stück alten, ſchwarzen Schleiers gefunden und dieſes ſich um den Hals gewickelt. Er rauchte ſchon zu ſo früher Morgenſtunde eine Ci⸗ garre, und nachdem er eingetreten war, murmelte er etwas vor ſich hin, was vielleicht„guten Morgen“ heißen konnte; dann ſchlenderte er an den Kaffeetiſch, zog mit dem Fuße einen Stuhl unter ſeine Sitzgelegenheit und griff darauf mit der einen Hand recht tief in die Zuckerbüchſe hinein, während er mit der andern ſeinen Cigarrenſtumpen auf den Tiſchrand legte. Ohne vorderhand ein Wort zu ſprechen, rührte er ſei⸗ nen Kaffee um, tauchte eine Brezel ein, welche ihm die Mutter hinſchob, und ſtarrte dabei mit ziemlich nüchternem Blick zum Fenſter hinaus. Endlich nach der zweiten Taſſe, und nachdem er wieder nach ſeiner Cigarre gelangt und ſie noch brennend gefun⸗ den, klärte ſich ſein Geſicht etwas auf und er ſagte, ob zu ſich ſelber oder zu den Gegenwärtigen iſt nicht genau an⸗ zugeben: „Ein famoſes Blatt! Upman Regalia. Das Einzige, was ein geſcheidter Menſch rauchen kann.“ Dann wandte er ſich an ſeine Mutter und fuhr gähnend und in verdrieß⸗ lichem Tone fort:„Ich glaube, man wird jetzt bei euch jeden Tag um eine Stunde früher geweckt; man kann ja gar nicht mehr ausſchlafen. Ihr könnt euch das ſchon ge⸗ fallen laſſen, denn Du und die Ricke— ¹ „Friederike,“ verbeſſerte ihn ſeine Schweſter, indem ſie ihre auf das Buch gehefteten Augen ein klein wenig gegen ihn erhob. „Ihr geht mit den Hühnern zu Bett,“ fuhr Herr Eduard fort, ohne ſich im geringſten um die eben gemachte Einrede zu bekümmern.„Aber Unſereins—“ — 195— „Und wo war denn Unſereins?“ fragte der Stadtrath mit einer Miene, die ſtreng ausſehen ſollte. „Ich?“ ſprach etwas verwundert der junge Herr Schei⸗ del.„Ich war natürlicher Weiſe bei den Kunſtreitern, es war geſtern die zweite Vorſtellung. Sie ſind ganz famos, namentlich Mademoiſelle Eliſe und Laura Rawiſon. Aus⸗ gezeichnet!“ Friederike huſtete leicht vor ſich hin, und die Stadt⸗ räthin ſagte in entſchiedenem Tone: „Daß Du, wie andere junge Leute Deines Alters, an dergleichen Vergnügungen Theil nimmſt, dagegen haben wir gewiß nichts einzuwenden, aber ich halte es denn doch für überflüſſig, daß Du, der Sohn einer anſtändigen Familie, Kenntniß davon haſt, wie Kunſtreiterinnen mit ihren Vor⸗ namen heißen.“ Der Stadtrath hatte ſeine Augenbrauen etwas herab⸗ gedrückt und nahm von der Mutter das Wort, indem er fortfuhr: „Auch habe ich gehört, daß Du ſchon in den Nach⸗ mittagsſtunden auf dem Kaffeehaus zu ſehen ſeiſt. Ich weiß nicht, ob das Deinem Principal angenehm ſein wird.“ „Nun, Kaffee muß er übrigens trinken,“ ſagte Madame Scheidel, worauf Herr Eduard einigermaßen indignirt zur Antwort gab: „Ja, Papa, wenn Du nicht einſiehſt, daß ich Nach⸗ mittags Kaffee trinken muß, ſo thuſt Du mir recht leid.“ „Ueberhaupt,“ nahm die Stadträthin nach einer Pauſe⸗ das Wort,„habe ich durchaus nichts gegen dergleichen Ver⸗ gnügungen einzuwenden, vorausgeſetzt, daß Du ſie in an⸗ ſtändiger Geſellſchaft genießeſt.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, Mama,“ erwiederte der junge Herr Scheidel;„ich habe mir von jeher etwas darauf eingebildet, nur mit Leuten umzugehen, mit denen man ſich — 196— kann ſehen laſſen. Geſtern Abend im CEircus war ich mit dem alten Weller.“ „Mit wem?“ fragte Friederike in ſpitzigem Tone. Herr Eduard wollte ſchon das Prädikat wiederholen, doch fing er einen Blick ſeiner Mutter auf, weßhalb er ſagte: „Nun, mit Herrn Weller, Herrn Chriſtian Weller, Firma: Chriſtian Weller und Compagnie, meinem zukünf⸗ tigen Schwager, wie die Leute ſagen,— ein ganz famoſer, brauchbarer alter Burſch.“ Friederike rückte unmuthig auf ihrem Stuhle hin und her. „Wenn Du mit Herrn Weller gehſt,“ ſprach die Mut⸗ ter,„ſo hat gewiß Niemand etwas dagegen einzuwenden, denn da können wir verſichert ſein, daß Du alle Vergnü⸗ gungen in gehörigem Maß genikßeſt.“ „Ich kann nur ſagen,“ fuhr der junge Herr fort, ohne auf die Worte der Mutter viel Achtung gegeben zu haben, „daß ich mich in Weller eigentlich geirrt habe, er hat Anlage zur Fidelität, nur muß man ihn erſt einmal aus dem Schlamm ſeiner verdrießlichen Laune herausgeriſſen haben.— Apropos,“ wandte er ſich an ſeine Stief— ſchweſter,„Du mußt geſtern wieder einmal guten Humors geweſen ſein. Ja, reiß' nur die Augen auf und ſchau' mich an, weißt Du, Schatz, ich genire mich vor dem Henker nicht, ja nicht einmal vor Dir.“ Der Vater Stadtrath war in das Nebenzimmer ge⸗ gangen, um ſich eine Pfeife zuzurichten und anzuzünden. Als er nun ſo, den kräuſelnden Dampf behaglich vor ſich hinblaſend, wieder in's Zimmer trat, ſchienen ſich die Wol⸗ ken auf ſeiner Stirne etwas zerſtreut zu haben und er fragte ſchmunzelnd: „So, Weller hat ſich bei den Kunſtreitern amuſirt?“ „Ja, nachdem ich ihn mit großer Mühe losgeeist,“ er⸗ wiederte Eduard,„denn der arme Kerl ſaß wie feſtgefroren O[.O——ꝛ—:.,:— n— an ſeinem Pulte, Abends um ſieben Uhr noch, wo doch jedes rechtſchaffene Comptoir geſchloſſen iſt.— Er ſchrieb nicht— las auch nicht; er hatte den Kopf in die Fäuſte gelegt und drückte ſeine Backen ſo hoch hinauf, daß man von ſeinen ohnehin kleinen Augen gar nichts mehr ſah.— Er war ſchauderhaft verdrießlich,“ fuhr Eduard mit einem Seitenblick auf ſeine Stiefſchweſter fort;„ich will nicht ſagen: denn er war hier geweſen, ſondern nur: er war hier geweſen.“ 5 „Mama, ich mid, Dich bitten,“ ſagte Friederike, ohne übrigens von ihrem Buche aufzublicken,„daß Du dem da dieſes nichtsſagende Geſchwätz verbieteſt; er hat ſich durch⸗ aus nicht in meine Angelegenheiten zu miſchen; ich werde ihn gewiß nicht zum Vertrauten machen.“ „Aber Herr Weller hat mir ſein Vertrauen geſchenkt,“ verſetzte Eduard mit affektirtem Hochmuth, und machte um ſo mehr eine komiſche Geberde und theatraliſche Handbe⸗ wegung gegen ſeine Schweſter, als er bemerkte, wie ſich ein leichtes Lächeln verſtohlen über die Züge des Stadt⸗ raths dahin ſchlich.„Ja, er machte mich zu ſeinem Ver⸗ trauten,“ fuhr der junge Mann fort, indem er die rechte Hand auf ſeiner Bruſt barg.„Als ich ihm durch's Fen⸗ ſter zurief: ‚He! was iſt denn da los?“ knurrte er ſtatt aller Antwort. Es ſollte das freilich einen Seufzer vor⸗ ſtellen, aber kein Menſch hätte es dafür genommen.— Gut denn, ich gehe hinein und frage: ‚Weller, was fehlt Ihnen in's Teu—““ „Laß das Fluchen,“ unterbrach die Stadträthin ihren Sohn. „Meinetwegen.— Und darauf ging er los, und ſagte, er ſei hier bei uns geweſen, aber die Behandlung laſſe er ſich nun und nimmermehr gefallen.“ Friederike erhob ſich langſam von ihrem Stuhle und — ͤͤ — 198— ſchien den Familientiſch verlaſſen zu wollen, ohne den Bru⸗ der eines Wortes der Erwiederung für würdig zu halten, und ohne nur die Blicke von ihrem Buche zu verwenden. Die Stadträthin dagegen hatte ſehr aufmerkſam zuge⸗ hört, auch machte ſie ein langes Geſicht bei den Worten ihres Sohnes, es ärgerte ſie am meiſten, daß er vor ſei⸗ nem Vater ſo ſprach. Dann ſagte ſie zu Friederike gewendet: „Du weißt, ich habe immer Deine Partie genommen, aber einmal müſſen dieſe Dummheitin aufhören. Du biſt bei Gott kein junges Mädchen mehſt, das ſich Anſtands⸗ halber ein Paar Jahre Bedenkzeit ausbitten muß. Auch biſt Du geſcheidt genug, um einzuſehen, daß die Zeit vor⸗ über iſt, wo man ſo wähleriſch ſein kann. Was haſt Du an dem Charakter und der Perſon des Herrn Weller aus⸗ zuſetzen?“ „Gar nichts,“ erwiederte Friederike ſo gleichgültig, als ſpräche man von einem Flecke im Mond oder einer neu⸗ entdeckten Inſel. „Iſt er Dir ſonſt zuwider oder haſt Du etwas Auf⸗ fallendes, etwas Nachtheiliges über ihn erfahren?“ „O nein,“ verſetzte ſie in einem Tone, der ſich anhörte, als wolle ſie ſagen: leider nein. „Er hat Vermögen; im Verhältniß der Jahre ſeid ihr nicht ſo gar ungeheuer auseinander.“ Friederike zuckte leicht zuſammen. „In Allem genommen,"fuhr die unerbittliche Mutter fort, „ſollteſt Du froh ſein, noch einen Mann zu bekommen, der dem Herrn Weller ähnlich ſieht.— Haſt Du eine Idee davon,“ wandte ſie ſich an den Stadtrath,„was dieſe Dame für Prätenſionen macht? Ich bin doch, weiß Gott! viel beſcheidener geweſen. Ja, wenn mir Jemand ſagen könnte, was ſie an dieſem armen Weller ausſetzt, was ſie eigentlich von ihm verlangt?“ ——.ͤ —x — 199— „Das kann ich ſagen,“ ſprach der junge Herr Eduard außerordentlich ſchadenfroh. „Und ich will das nicht anhören,“ ſagte Friederike in entſchiedenem Tone, indem ſie auffuhr. Doch glaubte die Stadträthin in dieſem Augenblicke zeigen zu müſſen, wer denn eigentlich Herr im Hauſe ſei. Mit majeſtätiſcher Geberde wandte ſie ſich an ihre Tochter und ſagte:„Du bleibſt!“ und darauf befahl ſie ihrem Sohne Eduard:„Du ſprichſt!“ Der eigentliche Herr des Hauſes ließ ſich behaglich rauchend nieder, denn es kam gar ſo ſelten vor, daß, wo einmal mit Heftigkeit geſprochen wurde, er nicht das Ob⸗ ject geweſen wäre. Eduard ſprach ſo breit und langſam wie möglich; ja, er unterließ es nicht, vorher noch eine friſche Cigarre an⸗ zuzünden, dann hob er an: „Der gute und ſehr brave Herr Weller, Mama, ein Mann, vor dem man auf jedem Comptoir die größte Ach⸗ tung hat— ich weiß das nicht nur von uns— er würde die Zierde jeder Familie ſein, ſagte mir mit zuſammengeſchla⸗ genen Händen, er wiſſe nicht, was Friederike an ihm aus⸗ zuſetzen habe, und da ſie es ihm mitgetheilt, verſtände er es doch noch nicht recht.“ „Alſo hat ſie es ihm geſagt?“ „So etwas der Art,“ verſetzte Eduard, nachdem er ein Paar Züge aus ſeiner Cigarre gethan. Friederike ſchien ordentlich von ihrem Stuhle emporge⸗ riſſen zu werden; aber ein ſtrenger Blick der Mama bannte ſie wieder an ihren Platz. Es war eigentlich komiſch anzuſehen, welche Attitude und Sprache der junge Herr Eduard nun annahm, ehe er in ſeinem Berichte fortfuhr. Er drehte den Arm und ſtreckte die fünf Finger der geſpreizten rechten Hand von ſich, wie — V V — 200— es ſchlechte Schauſpieler zu machen pflegen, wenn ſie einen vornehmen Herrn oder einen affectirten Menſchen darzu⸗ ſtellen haben. Dabei ſpitzte er den Mund, ließ die Augen⸗ lider tief herabfallen und liſpelte mehr als er ſprach, wobei er die Schweſter außerordentlich caricirte:„Sü hatte nömlich ge⸗ meunt, eunen Gatten zu erhalten, deſſen Löben nücht ſo in ganz gewöhnlicher Stülle und Langweiligkeut dahin fleußt.“ „Sprich, wie Dir der Schnabel gewachſen iſt,“ unter⸗ brach ihn heftig die Mutter. „Es iſt auch bequemer,“ meinte Eduard.„Alſo um mich kurz zu faſſen: unſere gute Friederike hat an Herrn Weller auszuſetzen, daß er nur ein ganz gewöhnlicher Kauf⸗ mann iſt, der noch durchaus nichts von ſich reden gemacht, der auch wohl nie dazu kommen wird, irgendwie einen be⸗ rühmten Namen zu erlangen. Weißt Du, Mama, ich kann nicht ſagen, ob ich mich recht ausdrücke, aber meine Be⸗ kannten würden mich ſchon verſtehen; der Weller iſt zu ruhig, wenn Du willſt zu langweilig; er ſollte mehr ver⸗ fluchter Kerl ſein.“ „Du mußt ſchöne Bekannte haben,“ ſprach ſtreng die Stadträthin. „Weller ſchien auch einzuſehen, daß er bis jetzt zu ruhig gelebt,“ fuhr Eduard fort, ohne auf die Einwendung der Mutter zu antworten,„und er meinte im Jammer ſeines Herzens, ja, er habe es jetzt ſatt, nur zu büffeln, ohne was davon zu haben, er wolle auch einmal leben wie andere Menſchen; und darin beſtärkte ich ihn natürlicher Weiſe. Was nitze alles eingezogene Leben? ſagte er, es werde das doch nicht anerkannt.“ Die Stadträthin ſchaute mit einem Blicke des Vorwurfs⸗ auf ihre Tochter. Doch ſaß dieſe nicht ſo zerknirſcht da, als man wohl hätte erwarten können; vielmehr leuchtete etwas in ihrem Blicke wie ein ſchwacher Ausdruck der Zufriedenheit. „Es iſt eigentlich jammervoll zu ſehen,“ nahm Eduard affectirt ärgerlich wieder das Wort,„wie ſich der Weller ein ſchönes Vermögen erworben hat und es eigentlich gar nicht genießt. Morgens nimmt er ein erbärmliches Früh⸗ ſtück in einem ganz obſcuren Kaffeehauſe; Mittags läßt er ſich für zwölf Kreuzer Eſſen tragen und dann raucht er Cigarren, um die Ratten damit zu vergiften— ächte Stinkadores.“ „Welche Sorte?“ fragte der Stadtrath. „Canalleros Regalia,“ gab der leichtſinnige Sohn zur Antwort, dann ſprach er weiter:„Ich habe mich Weller's angenommen und wir wollen ihn ſchon auf den rechten Weg bringen. Zuerſt kaufte ich ihm eine immenſe Cigarre, Upman, von der ich hier rauche—“ „Und was koſtet die?“ erkundigte ſich Herr Scheidel. „Ich weiß nicht ganz genau; ich helfe eben dem vor⸗ trefflchen Weller rauchen, er hat ein ſo gutes Gemüth. Dann gingen wir alſo aus ſeinem dumpfigen Comptoir hinaus, nahmen in der friſchen Luft etwas Maitrank und kamen ziemlich animirt in den Circus. Mama, da hätteſt Du ſehen ſollen, was der alte Weller für Augen machte; es hat ihm das ſo vorzüglich gefallen“— bei dieſen Wor⸗ ten blinzelte er aus ſeinen Augenwinkeln zur Schweſter hin⸗ über—„daß er ſich ein Abonnement für zwölf Vorſtel⸗ lungen genommen hat. Namentlich die Kunſtreiterinnen haben einen außerordentlichen Effect auf ihn hervorgebracht; er iſt früher nie zu dergleichen hingegangen. Unſereins, der das ſchon mehr gewöhnt iſt—“ „Ich möchte, Du wäreſt was Anderes gewöhnt,“ unter⸗ bbrach der Stadtrath ſeinen Sohn, indem er ſich mit einem Blick auf ſeine Frau ein ſehr würdevolles Anſehen zu geben wußte.„Man ſieht es nicht gern, wenn junge Leute dort ſehr häufig hingehen, namentlich der Kunſtreiterinnen wegen.“ — 202— „Ja, es taugt das nicht für jüngere und nicht für ältere Leute,“ meinte Madame Scheidel. „Es fällt mir auch nicht ein,“ erwiederte Eduard,„daß ich für meine Perſon dieſen Reiterinnen zu lieb in den Circus gehe. Du lieber Himmel!“— er zuckte mit einem Ausdruck außerordentlicher Gleichgültigkeit im Geſicht die Achſeln—„ich beſuche die Vorſtellungen nur, weil uns unſer Stallmeiſter dazu ermahnt und uns geſagt, es ſei das eine vortreffliche theoretiſche Schule, um gut reiten zu lernen.“ „Und da gehſt Du auch wohl hinter die Couliſſen?“ fragte der beſorgte Vater mit einem eigenthümlichen Blin⸗ zeln der Augen. „Es hat dort keine Couliſſen,“ verſetzte Eduard ſehr unſchuldig. „Na, Du weißt ſchon, was ich meine, wenn ich Cou⸗ liſſen ſage: die Räume hinter dem Circus, wo die Reiter und Reiterinnen ſich anziehen und aufſitzen.“ „Auf dem Terrain ſcheinſt Du ſehr bekannt zu ſein,“ meinte die Stadträthin. Herr Scheidel ſchmunzelte und ſchien eine Antwort geben zu wollen, die eine kleine Scene hätte nach ſich füh— ren können. Doch beſann er ſich in Anbetracht ſeines Sohnes eines Beſſeren und ſagte: „O nein, ich weiß alles das nur vom Hörenſagen.“ „So ging es mir auch bis geſtern,“ ſagte Eduard, „aber der verfluchte Weller“— dabei warf er abermals einen Blick wie vorhin auf ſeine Schweſter—„der hatte keine Ruhe, und wollte Alles ſoviel möglich en détail ſehen.“ Friederike wandte kein Auge von ihrem Buche, doch hätte man gerade nicht ſagen können, daß ihre Mienen Un⸗ zufriedenheit oder Spannung ausgedrückt hätten. „Ich ließ mich alſo durch einen Bekannten einführen — 203— und vorſtellen und producirte dann meinerſeits den alten Weller. Dabei hatte ich geglaubt, es würde was Rechtes zum Lachen geben; aber ich kann euch verſichern, er be⸗ nahm ſich auf's Allervernünftigſte.“ „Nun, das freut mich,“ ſprach die Stadträthin mit Würde. „Es iſt da eine kleine Italienerin, Signora Marietta, mit der unterhielt er ſich auf's Lebhafteſte in ihrer Landes⸗ ſprache; er ſpricht vortrefflich italieniſch und dadurch wurde er in der einzigen Zwiſchenpauſe ſo bekannt mit ihr, daß wir Andere ordentlich ei— daß wir uns ordentlich darüber verwunderten. Ich kann euch verſichern, der alte Weller thaute auf, daß es eine wahre Freude war.“ „Genug, genug davon!“ ſagte Madame Scheidel.„Ich bin feſt überzeugt, daß Du, wie immer, übertreibſt. Halte uns aber nicht für ſo leichtgläubig, um Deiner Erzählung zu trauen.— Der arme Weller iſt verdrießlich geſtimmt, und er hat ſeine Urſache dazu,“ fuhr ſie mit einem finſtern Blick auf ihre Tochter fort;„da iſt ihm ſo eine kleine Zer⸗ ſtreuung erwünſcht. Was Du uns aber da vom Vorſtel⸗ len, vom Italieniſchreden, von Signora Marietta auſbinden willſt, ſo kannſt Du Dir dafür ein anderes Publikum ſuchen.“ Herr Eduard zuckte lächelnd mit den Achſeln, dann ſtieß er die Cigarrenaſche am Tiſchrande ab und entgegnete: „Ich übertreibe nie, ich erzähle nur Facta; ja ich würde das Aergſte verſchwiegen haben, aber Mama fordert mich heraus. Was ſagſt Du denn dazu, wenn ich durch Augen⸗ zeugen beweiſen kann, daß der alte Weller nicht nur wie ein Raſender applaudirt, ſondern daß er ſogar einen ſchö⸗ nen Blumenſtrauß gekauft und ihn der Signora Marietta in den Schooß geworfen?“ „Oh!“ machte die Stadträthin und ſchaute bedenklich ihren Mann an. — 204— Dieſer, der ſich für einen Augenblick ſeiner thörichten Jugendzeit oder dem, was er in dieſer Alles gethan haben wollte, erinnerte— er pflegte in vertrauten Kreiſen heute noch über intime Bekanntſchaften mit den verſchiedenartigſten Künſtlerinnen zu renommiren— der Stadtrath, wollten wir ſagen, lächelte pfiffig in ſich hinein, doch nur eine halbe Sekunde lang; denn ſowie er das ſehr ernſte Auge ſeiner Frau erblickte, verdüſterte ſich ſein Geſicht augenblicklich und er meinte, das ſei allerdings ein wenig ſtark. Friederike, die das eigentlich am meiſten hätte berühren ſollen, las mit einer bewundernswerthen Aufmerkſamkeit in ihrem Buche; ſie blickte nicht auf, noch um; ja, was ihre Mutter am meiſten verwunderte, ſie gab nicht das geringſte Zeichen von Unzufriedenheit. Ein genauer Beſchauer, der es vermocht hätte, ihr in die Augen zu blicken, würde dort ſogar eine Spur des Gegentheils geleſen haben. Der Stadt⸗ rath erhob ſich, ſtieß die Aſche ſeiner Pfeife zuſammen und begab ſich kopfſchüttelnd in's Nebenzimmer, um ſeinen Rock anzuziehen und Hut und Stock zu nehmen. Er hatte als Mit⸗ glied der Bau⸗Commiſſion einen Augenſchein vorzunehmen. Herr Eduard ſtand ebenfalls auf, zog ſeine Uhr hervor und blickte gähnend auf das Zifferblatt.„Es iſt wirklich zu arg, Mama,“ ließ er ſich hierauf mit finſter zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen vernehmen;„da wird man vor ſechs Uhr geweckt, wenn man müde wie ein Hund iſt, und gar zu gern noch ſchlafen möchte.“ „Morgenſtund hat Gold im Mund,“ erwiederte die Mutter,„und wenn man Deinen engliſchen Sprachmeiſter hört, ſo erfährt man, wie wohlthuend es für Deine Lec⸗ tionen wäre, wenn Du Dich Morgens ein wenig mit dem Lernen abgeben wollteſt. Es iſt nur Schade um all' das viele Geld, was ſo hinausgeworfen wird.— Doch ich will mich jetzt darüber nicht auslaſſen,“ fuhr ſie nach — 205— einer Pauſe fort, während welcher ſie mit ihrem Kaffee⸗ löffel die Brodkrumen auf dem Tiſche heftig zerdrückt hatte.—„Was das Andere dagegen betrifft, ſo bitte ich mir aus, daß Du Deine Hand künftig nicht mehr zu ſol⸗ chen Geſchichten bieteſt, wie die ſehr unpaſſende, die Du vorhin von Herrn Weller erzählteſt. Du ſollteſt nicht ver⸗ geſſen, daß Herr Weller ſo gut wie der Bräutigam Deiner Schweſter iſt.“ „Er ſagt aber, ſo weit ſei er noch lange nicht.“— Die Stadträthin blickte ihre Tochter abermals ſcharf an, und als dieſe ruhig weiter las, bewegte ſie ſich unmuthig auf ihrem Stuhle hin und her.—„Was vermag ich auch über Weller,“ fuhr Herr Eduard fort,„der iſt ſein eigener Herr und wird ſeine zwölf Abonnementskarten auch nicht verge⸗ bens gekauft haben wollen. Was die Signora Marietta anbelangt—“ „Davon will ich nichts wiſſen!“ fiel die Stadträthin ihrem Sohn entrüſtet in die Rede; es ſollte mir noch fehlen, daß in meinem Hauſe über dergleichen— Damen geſprochen wird.“ Nachdem Herr Eduard mit großer Ruhe an ſein Kinn gegriffen hatte, wo er die erſten Anfänge eines Bartes ver⸗ muthete, trat er an das Fenſter, eine Melodie pfeifend, welche in dem munteren Tempo ſehr viel Aehnlichkeit hatte mit denen, die man im Circus zu hören bekommt. Madame Scheidel hob die Kaffeeſitzung auf, indem ſie ſich ziemlich geräuſchvoll erhob, auf alle Fälle erwartend, ihre Tochter werde es ebenſo machen,— wo ſie dann dieſen günſtigen Moment ergriffen hätte, ihr einige paſſende Worte zu lanciren. Friederike aber blieb ruhig ſitzen und blickte nicht einmal in die Höhe, als nun Eduard ihr die Hand auf die Schulter legte und ſagte: „Du mußt auch einmal mit zu den Kunſtreitern gehen; — —- 206— ich möchte das Geſicht von Weller ſehen, wenn er Dich auf einmal erblickte, nachdem er der ſchönen Italienerin ſo recht mit vielem Geräuſch applaudirt.“ Darauf verließ er pfeifend das Zimmer. Die Stadträthin ging ein paarmal heftig auf und ab, dann trat ſie an den Tiſch, an dem ihre Tochter ſaß, ſtemmte ihre rechte Hand ſehr dicht neben das Buch, in welchem die Letztere las, und ſagte mit entſchloſſenem Tone: „Wenn man zu meiner Zeit einen Bräutigam oder Verlobten gehabt hätte, von dem die Stadt erzählt, daß er ſich bei Kunſtreiterinnen herumtreibt, daß er Blumen wirft— und wie ein Narr— wie ein alter Narr,“ ſetzte ſie mit großer Entrüſtung hinzu—„applaudirt, ſo würde das Unſereins nicht wenig alterirt haben. Wir waren aber auch dazumalen vernünftige Perſonen und keine Gänſe; wir wußten es zu ſchätzen, wenn ein Mann bei der Stadt uns zu ſeiner ehrbaren Hausfrau machen wollte. Wir hör⸗ ten auf unſere Eltern; wir hätten uns nicht unterſtehen dürfen, dazumal bei früher Morgenſtunde allerlei flumbrige Bücher zu leſen.— Haſt Du mich verſtanden?“ „O ja, Mama, ſehr genau,“ ſagte Friederike mit dem Tone ſtiller Reſignation. „Wir,“ fuhr Madame Scheidel fort, augenſcheinlich ge⸗ reizt durch dieſen Ton ſtiller Reſignation,„lernten dafür etwas Tüchtiges; wir gaben auf die Ermahnungen unſerer Mütter und betrugen uns darnach; wir ſtanden nicht ſtun⸗ denlang am Fenſter und gafften hinaus und ließen uns angaffen; wir— dazumal— wußten ganz genau, wozu der liebe Gott an einem Tage, wo er gerade nicht viel zu thun hatte, zweierlei Tuch erſchaffen; wir aber“— ſprach ſie mit ſteigender Heftigkeit weiter—„kannten keine Reu⸗ nionen und Landpartieen; wir fegten nicht alle Ballſäle rein unde waren nicht überall zu finden, wo eine Fidel ——— — 207— geſtrichen wurde. Wir aber,“ ſchloß ſie, indem ſie ſich tief aufathmend in die Bruſt warf,„wir waren geſuchte Waare — wir heiratheten— ſo lange es Zeit war, wir— wir verſcheuchten anſtändige Männer nicht von uns durch übertriebene Narrheiten, und wir wurden deßhalb keine alten Jungfern.“ Friederike hatte alles das mit großer Ruhe, ja faſt mit Freundlichkeit angehört bis zu den letzten ſchrecklichen Wor⸗ ten. Dieſe aber raubten ihr für Augenblicke den Gleich⸗ muth und ließen ſie emporſchnellen, als ſei neben ihr der Blitz eingeſchlagen. Doch faßte ſie ſich bald wieder; ſie blickte an den Himmel, zuckte darauf mit einer rührenden Gelaſſenheit die Achſeln und gab zur Antwort: „Unſere Gemüther ſind eben verſchieden, Mama; Du haſt keinen Begriff von Poeſie.“ „Gott ſei Dank, daß ich den nicht habe!“ fuhr die Frau leidenſchaftlich fort.„Was Poeſie! Ich hätte meiner Mut⸗ ter mit Poeſie kommen ſollen. Die gute Frau hätte gar nicht einmal gewußt, was das bedeutet.—— Aber kurz und gut,“ ſprach ſie nach einem längeren Stillſchweigen, während ſie ſtark und mühſam geathmet hatte,„ich gebe Dir noch vier Wochen Zeit“— damit patſchte ſie mit ihrer breiten Hand auf den Tiſch—„noch vier runde Wochen, Dich mit Herrn Weller zu arrangiren. Läßt Du bis dahin von Deinen Narrheiten nicht— gut, ſo weiß ich ſchon, was ich thue.— Und ich thue etwas, was Dir nicht gefällt, darauf kann ſich die Mamſell Tochter mit ſammt ihrer Poeſie verlaſſen.“ Nach dieſen Worten zog ſie heftig an den Bändern ihrer Haube und rauſchte zur Thür hinaus, wobei ſie unter der⸗ ſelben faſt ihre Magd überrannt hätte, die zufälliger Weiſe dort ſtand, gewiß nur in der Abſicht, das Kaffee⸗ geſchirr zu holen. — 208— Friederike hatte ſich wieder ruhig auf ihren Stuhl nie⸗ dergelaſſen; ſie ſtützte den Kopf in die Hand, ſie blickte durch das Fenſter hinauf an die blaue Himmelsdecke, und da neben einem etwas kummervollen Zuge um ihre Lippen ein unverkennbarer Strahl von Zufriedenheit in ihren Augen glänzte und vor ihr das Buch aufgeſchlagen lag, ſo hätte man nur noch die Kaffeetaſſe für einen Todtenkopf anſehen dürfen, um das Bild einer büßenden Magdalene zu haben, in einer Haltung, wie man dieſe häufig abgebildet ſieht. „Wenn das wahr wäre,“ flüſterte ſie nach einer Pauſe zu ſich ſelber,„daß er in den Circus gegangen iſt, daß er nach einer ſchönen Italienerin geblickt, daß er ihr Blumen zugeworfen, ſo wäre doch in dem Manne vielleicht noch ein Funken von Poeſie, der ſich bei richtiger Behandlung ent⸗ wickeln ließe.“ Darauf verſank ſie in ſtille Träumereien.„Wenn er täglich dorthin ginge,“ dachte ſie,„wenn er mit der Sig⸗ nora Marietta italieniſch ſpräche, wenn er ein kleines Ver⸗ hältniß mit ihr anfinge, wenn ihn die Italienerin erhörte, wenn ſie aber unter den Kunſtreitern ſelbſt einen heimlichen Liebhaber hätte, wenn dieſer Liebhaber eiferſüchtig würde, wenn es eine Scene gäbe, einen kleinen Scandal, wenn man in der Stadt davon ſpräche, von Herrn Weller und der ita⸗ lieniſchen Kunſtreiterin, wenn die Leute fragen würden: welcher Weller iſt das? und wenn man darauf antwortete: jener Weller, der Friederike Federbach heirathen will— das wäre doch etwas!“ ſchloß ſie tief aufſeufzend,„eine leichte poetiſche Aufregung, ein kleiner erregender Anfang zu einem wahrſcheinlich ſehr langweiligen und proſaiſchen Leben.“ So flog es durch ihre Phantaſieen wohl um die ſie⸗ bente Morgenſtunde. — daß dieſem Garten nach keiner ie Zimmer, welche Victor Barring bewohnte, lagen im erſten Stock einer der Haupt⸗ ſtraßen der Stadt. Doch hatte er die hintere Seite des Hau⸗ ſes gewählt, wo er fern vom Geräuſch der Straße die Stille einer Einſamkeit dadurch hatte, daß die Fenſter dieſer Woh⸗ nung in einen großen Garten gingen, der wenig oder gar nicht beſucht wurde. Gerade Richtung hin von dem Eigen⸗ thümer beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet wurde, war es, was den jungen Muſiker ſo ſehr anſprach. Das Ganze da Hackländer, Tag und Nacht. 14 —— — 210— unten, parkähnlich angelegt, bildete eine dichte Wildniß aus Gebüſchen und Bäumen, zwiſchen deren Zweigen man kaum im Stande war, mit den Augen die Spuren eines Weges zu verfolgen. Waren doch dieſe ſelbſt nach und nach faſt ganz verſchwunden, und das Gras der anſtoßen⸗ den Raſenplätze, ſowie rankende Pflanzen und wuchernde Mooſe hatten ſich brüderlich in dies neue Eigenthum ge⸗ theilt und es mit der Zeit ganz überzogen. Nur eine lichte Stelle konnte man oben deutlich unterſcheiden, und das war ein größerer freier Platz, den einſtens Steinfiguren umſtanden hatten, die aber jetzt größtentheils herabgeſtürzt waren, hier, auf dem Geſichte liegend, zu ſchlummern ſchie⸗ nen, dort aber mit den ſtarren, weit geöffneten Augen em— por blickten, vielleicht über ehemals und jetzt nachdachten und in ihrer Lage alsdann gewiß nicht zu Gunſten der gegenwärtigen Zeit. In der Mitte des Platzes befand ſich ein ſchöner Spring⸗ brunnen, der einen dicken Strahl hoch über die Zweige der umherliegenden Gebüſche warf; und da ſich dieſes Waſſerwerk faſt allein noch der Sorge des Beſitzers zu er⸗ freuen ſchien, ſo ſandte es fort und fort unvermindert ſeinen plätſchernden Strahl in die Höhe und diente durch ſeine Abflüſſe dazu, die Ueppigkeit der Wildniß rings umher zu erhöhen. Was in dieſem weiten und öden Garten außer Pflan⸗ zen und wilden Blumen von der freundlichen Natur noch beſonders gehegt und gepflegt wurde, das waren unzählige Schaaren Singvögel, die hier ein ungeſtörtes Aſyl fanden, die herrlichſten und ruhigſten Plätze zum Bauen ihrer Neſter, murmelndes Waſſer und Nahrung genug. Dieſer Garten ſtieß an ein altes, palaſtähnliches Ge⸗ bäude, von dem nur einige Zimmer im erſten Stock be⸗ wohnt waren, von wem? das wußte die Nachbarſchaft nicht, — 211— bekümmerte ſich auch nicht darum. Am Thore ſtehend oder auf der Straße ſah man nur zuweilen einen alten mürri⸗ ſchen Bedienten, der knurrig war wie ein böſer Hund, denn alle Antworten, die er gab, ſtieß er heraus mit einem Herumfahren des Kopfes, welches ſein Verlangen kundzu⸗ geben ſchien, einen unberufenen Frager lieber zu beißen als ihm Rede zu ſtehen. Zuweilen, erzählten die Nachbarn, fahre ein dichtverſchloſſener Wagen in den Hof und alsdann ſei Andreas, der alte Bediente, rein wie vom böſen Geiſte beſeſſen und ſpringe ſchon aus der kleinen Oeffnung in dem ſchweren eiſenbeſchlagenen Hofthore mit grimmigen Ge⸗ berden hervor, wenn Jemand Miene machen wolle, ſich nur auf zwanzig Schritte dem Gebäude zu nähern.— Dieſer Wagen bleibe dann höchſtens vier Tage im Hauſe oder vielmehr im Hofe deſſelben und fahre ebenſo ver⸗ ſchloſſen und verhängt wieder von dannen. Victor, der ſich früher einmal nach dem räthſelhaften Bewohner erkundigt, hatte dieſe Einzelnheiten erfahren, ohne großes Gewicht auf die Erzählung von dem verſchloſſenen Wagen zu legen. Einmal aber, als ein Bekannter von ihm ging, der in der andern Straße wohnte und ihm davon geſagt, ſchaute er gleich nachher zufälliger Weiſe aus dem offenen Fenſter in den verwilderten Park hinab, und da er ſeine Blicke durch das dichte Grün über den freien Platz mit der plätſchernden Fontaine hinſtreichen ließ, war es ihm gerade, als bemerke er jenſeits derſelben das Kleid einer Dame, wenn gleich ziemlich undeutlich, da dieſes Kleid von dunkler Farbe war und die Trägerin raſch über einen der kleinen Wege traverſirte, die auf den freien Platz mündeten. Bald nachher glaubte er, obgleich ziemlich entfernt, das fröhliche Lachen eines Kindes zu vernehmen. Doch achtete er ebenſowenig darauf wie früher auf die Erſcheinung des alten Bedienten, der zu⸗ — 212— weilen in den verwilderten Gängen umherſtrich, eine Doppelflinte im Arm trug, mit finſterem Blick nach allen Seiten lauſchte und von ein Paar großen Fanghunden begleitet war, die auch häufig allein, hie und da wie auf etwas lauernd, zu ſehen waren. Wenn des Winters unerbittliche Hand auch hier die Tauſende und Tauſende von friſchen grünen Blättern grimmig überfuhr, ſie roth und gelb werden, dann ver⸗ dorren ließ und ſie endlich auf den Boden niederſchüttelte, ſo öffnete ſich wohl in dem bis jetzt undurchdringlichen Parke eine freiere Ausſicht, aber nur bis in die Nähe des Hauſes, nicht bis zu dieſem ſelbſt; denn dort erblickte man große, immergrüne Tujawände und dichte Tannen⸗ pflanzungen, durch welche hindurch an einigen Stellen ein kunſtreich verſchnörkeltes Eiſengitter, welches den Garten von dem Wohnhauſe ſchied, ſichtbar wurde. Was man von dem Gebäude ſelbſt über die Gipfel der Tannen her⸗ vorragen ſah, war nur eine feſte Mauer und verſchloſſene Fenſterläden; beim Herannahen der ſtrengen Jahreszeit ſchien dort drüben Alles in einen tiefen Winterſchlaf zu fallen, und die Nachbarn auf der Straßenſeite wußten Monate lang nicht einmal, ob der alte Andreas noch in dem Hauſe exiſtire oder nicht; ſelbſt die Hunde ließen ſich alsdann weder ſehen noch hören. Daß Haus und Garten ſeit undenklichen Zeiten der Familie Molitor gehöre, wußte Jedermann, auch vermuthete man, daß es noch im Beſitze des gegenwärtigen Hauptes der Familie, des Barons Maximilian von Molitor, war; denn man hatte nie etwas vom Verkaufe deſſelben gehört, ebenſowenig aber war der muthmaßliche Beſitzer ſeit langen, langen Jahren hier geſehen worden; man wußte, daß er meiſtens ein großes Gut, in einem andern Theile des Lan⸗ des gelegen, bewohne, und daß er zuweilen, nach einer — 213— Beſitzung in Frankreich gehe, welche der Familie durch Erb⸗ ſchaft zugefallen war. In die Reſidenz kam er nie, und ſelbſt wenn wichtige Geſchäfte oder eine Zuſammenkunft mit andern Mitgliedern der großen Familie dies dringend nothwendig machten, ſo ließ er ſich durch Krankheit ent⸗ ſchuldigen und durch einen Bevollmächtigten vertreten. Während des Vormittags lag die warme Sonne auf dem Parke vor den Fenſtern Victors und auf dieſen ſelbſt, weßhalb er vor denſelben Marquiſen hatte anbringen laſſen. Hier war ſein Lieblingsplatz, wo er zu arbeiten pflegte; er hatte den Flügel ſo geſtellt, daß, während ſeine Finger über die Taſten glitten, die Blicke über das dichte Grün der Bäume dahinſchweifen konnten; er liebte es, ſein Auge in die ſanft wogenden Blättermaſſen zu verſenken, während ihn die Klänge, die er hervorzauberte, umtönten, und wenn er alsdann eine Pauſe machte, ſo ſchien es, als nehme die prachtvolle Natur da unten die Melodie auf und führe ſie fort im leiſen Säuſeln der Blätter, im melodiſchen Ge⸗ plätſcher des Springbrunnens. Oft konnte er dergleichen Pauſen lange, lange andauern laſſen; er konnte den Kopf in die Hand ſtützen und in tiefe Träumereien verſinken. Dann dachte er an ein kleines Eigenthum, das er wohl einſtens beſitzen möchte, einen ſchattigen reizenden Garten vor dem Fenſter ſeines Arbeits⸗ zimmers und weit geöffnete Thüren, die auf eine breite Treppe führten, auf denen es hinab ging in den kleinen Park— ſein Eigenthum. Wenn er ſich zurückbog, ſah er Stellen der Kieswege glänzen, beſtreut mit duftenden Blüten und hin und her zitternden Sonnenſtrahlen.— Horch! auch Geräuſch vernahm er, ein Geräuſch, das ihn leicht lächeln machte, das ihn ſeltſam erſchauern ließ; nicht das Plätſchern des Springbrunnens, nicht das Liſpeln der Zweige, nein es — war das leichte Knirſchen eines niedlichen Fußes auf dem Sande. Dann kam es näher, er hörte ein Gewand rau⸗ ſchen— Camilla.— Wohl dachte er einen Augenblick an ſie; doch verblaßte das Bild der ſchönen Frau augenblick⸗ lich; es ſchien zu zerfließen im brennenden Sonnenlichte; in dem friſchen, kühlen Schatten, auf der grünen Blätter⸗ wand, welche er durch die offene Thür erblickte, war es ihm alsdann, als ſähe er ein anderes Bild— Alice, be⸗ ſtrahlt von einzelnen Lichtpunkten, welche ſich durch das dichte Laub geſchlichen, um ihre Wangen, um ihr glänzen⸗ des Auge zu küſſen,— Alice, friſch und duftig wie die Orangenblüte, die über ihrem Haupte herabnickte, die ihre Hand berührte. Unmuthig fuhr er aus dieſen Träumen auf und ſeine Hände ſtürmten über die Taſten dahin, daß es in den Saiten rauſchte wie wilde, höhnende Luſt, wie ein teufli⸗ ſches Lachen, wie ingrimmiger Spott. Vor ſeinem innern Auge geſtalteten ſich alsdann die engen Räume, in denen ſie lebte, die ſeltſame Umgebung, in der ſie ſich gern zu be⸗ wegen ſchien, und wenn er auch dagegen fühlte, wie ſein Herz gewaltſam zu ihr hingezogen wurde, ſo wehte es ihn doch auch erkältend an aus den proſaiſchen Ueberbleibſeln vergangener Zeiten, unter denen ſie ſich ausnahm wie eine koſtbare Blume in einem altmodiſch verſchnörkelten Porcellan⸗ gefäße. Ein andermal machte er ſich dergleichen Gedanken zum Vorwurf.„Was ſchadet's dir denn?“ konnte er ſich ſelbſt ſagen,„daß ſie ſich ſo geduldig in die ſeltſamen Launen ihres Vaters fügt! Es iſt im Gegentheil ein Beweis ihrer Nachgiebigkeit, ein gutes Zeichen für ſpätere Zeiten.— Aber nein,“ klang es dann in ihm,„ſie hat ſich ſo in die Proſa hineingelebt, daß ihr eine andere Umgebung nicht mehr ge⸗ fallen würde. Schwellende Teppiche, weiche Fauteuils, den — 215— Glanz zahlreicher Wachskerzen würde ſie für Verſchwendung erklären, für Dinge, die zum Glücke des Lebens durchaus nicht nöthig ſind.— Und eigentlich hat ſie Recht,“ träumte er weiter und zog die Augenbrauen finſter zuſammen.— —„Aber ich bin nun leider für die Einfachheit verdorben; mich reizt nun einmal eine üppige Verbrämung des täg⸗ lichen Lebens; es ſtachelt meine Phantaſie, es gibt meinem Geiſte Nahrung, es erfindet die neuen Melodieen, von denen die Leute ſagen, daß ſie ihnen angenehm ſeien. Wer das in mich gelegt hat, mag es verantworten.— Warum fühlt ſich mein Auge befriedigt, wenn es, ſtatt über die kahlen Wände eines Zimmers mit dürftigen Gardinen und einfachen Möbeln über eine Sammettapete dahin gleitet, auf dem Glanze goldener Rahmen, die vortreffliche Gemälde umgeben, verweilt, ſich in die weichen, faltigen Seidenſtoffe eines ſchweren Vorhangs verliert, und mit einem behaglichen Gefühl auf den ſchwellenden Formen der verſchiedenartigſten phantaſtiſchen Fauteuils ruht? Iſt es meine Schuld, daß mich das Rauſchen eines ſeidenen Kleides aufmerkſam macht, das Krachen eines Atlaßgewandes entzückt?— Bah!“ rief er aus, indem er aufſprang, nachdem er eine Zeitlang tief nachſinnend die Augen mit der Hand bedeckt,„das Leben iſt kurz, und beſſer die vielfarbigen Wellen deſſelben mit ein Paar tüchtigen, durſtlöſchenden Zügen zu trinken, als ſie langſam, Tropfen für Tropfen, in einem ewigen Schmach⸗ ten aufzehren,— ſich verzehrend.“ Es war noch ſehr früh am Tage. Victor hatte erſt vor Kurzem ſein Frühſtück genommen und ſein Bedienter war eben daran, das reiche, ſilberne Kaffeegeſchirr zuſam⸗ menzuräumen und wegzutragen, als er ſeinen Herrn fragte: „Haben Sie auch die Karte gefunden, die ich neben Ihre Taſſe gelegt? Herr Profeſſor Stifter war ſchon vor — 216— anderthalb Stunden da, Sie ſchliefen noch, ich mochte Sie nicht wecken. Er will ſpäter kommen.“ Victor nahm die Karte, betrachtete ſie von allen Seiten, und da er nichts darauf geſchrieben fand, gab er ſie kopf⸗ nickend dem Diener zurück, der ſie in eine kleine Alabaſter⸗ ſchaale warf, welche zu dieſem Zweck auf einem Nebentiſche ſtand. Hierauf nahm der Muſiker eine Cigarre, zündete ſie an und ſetzte ſich in einen kleinen ſehr niederen Lehn⸗ ſtuhl, der neben einem Flügel und einem orientaliſchen Tiſche mit ſehr kurzem Fuße und breiter, runder Platte ſich befand, auf welchem Notenhefte und Schreibmaterialien lagen. Er nahm eines der erſteren in die Hand, blickte aufmerkſam hinein, las die hier verzeichneten Noten und wandte ſich dazwiſchen an die Claviatur des Flügels, um einen Accord zu greifen oder eine Paſſage zu ſpielen. Ruhig nieder Sinkt die Nacht; Meine Lieder Auf, erwacht! declamirte er leiſe vor ſich hin; dann ſchüttelte er mit dem Kopfe und ſagte halb mißmuthig:„So geht das nun fort, durch ſechzehn Strophen, freilich mit wechſelndem Ryth⸗ mus, aber der Henker mag das für dieſe Situation com⸗ poniren. Ich ſchäme mich wahrhaftig, den armen Dichter nochmals zu plagen; und doch kann ich nicht anders! Die Sache iſt ſo einfach; es treibt ihn Nachts vor ihr Fenſter, dort oben befindet ſie ſich nicht mehr, ſie iſt entflohen; wahr⸗ ſcheinlich mit dem verhaßten Nebenbuhler. Zum Henker auch! da kann er doch unmöglich anfangen zu ſingen: Ruhig nieder Sinkt die Nacht; Da hole der Teufel die elegiſche Stimmung, womit er ihr und dem Publikum zu ſagen gedenkt, wie ſehr er ſie ge⸗ — 217— liebt, wie furchtbar ihn die vermeintliche Untreue ſchmerzt! — Dieſer gute Dichter glaubt, ſie würden ungeheuer rüh⸗ rend an das Herz der Zuhörer dringen, die melancholiſchen Klagen verſchmähter Liebe.“ Er erhob ſich raſch von ſeinem Sitze, trat an den Flü⸗ gel und ſpielte eine weiche, ſchmelzende Melodie.—„Das wäre ein Thema,“ fuhr er fort,„Nacht, Mondſchein, das Plätſchern eines Springbrunnens, die verhallenden Klänge einer abziehenden Serenade, ihr ſo eben von dem glück⸗ lichen Geliebten gebracht— es paßt mir in alle Ewigkeit nicht.“ Abermals griff er in die Taſten und eine wilde, gewaltig klingende Weiſe tönte aus den Saiten hervor.— „Noch einmal— reißt es mich hieher,“ declamirte dann Victor in den Rythmus hinein.„Zum letzten Mal— den Ort zu ſehen,— wo ſie weilte. Ha! dieſe Töne!— Er meint die abziehende Serenade———— Ja, ja, ſo geht's und ich kann ihm nicht helfen, er muß mir das noch⸗ mals abändern.— Ein undankbares Geſchäft,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich in ſeinen Fauteuil warf,„für einen Componiſten einen Opernſtoff zu erfinden; über alle Be⸗ ſchreibung undankbar aber, ihm denſelben zurecht zu machen. Notiren wir geſchwind den Gedanken von eben, der läßt ſich anwenden und prächtig durchführen.“ „Du dum— du— dum!“ ſang er noch einmal. Es wurde ſtark an die Thüre geklopft. „Du— dum— reißt es mich hierher.— Herein denn!“ Die Thüre wurde ſchnell geöffnet und Stifter trat in's Zimmer. Victor, der ihm auf ſeinem Stuhle ſitzend den Rücken zukehrte, winkte ihm mit der Hand und rief:„gleich! gleich! verzeihe mir einen Augenblick,“ darauf nahm er das Noten⸗ blatt in die Höhe und ſchrieb haſtig darauf. — 218— Der Maler, welcher durch dieſen Empfang durchaus nicht überraſcht ſchien, warf ſeinen Hut auf einen Divan an der Thüre, ſtrich ſich mit der Hand das lange Haar aus der Stirne und trat, ohne ein Wort zu ſagen, an's Fenſter, wo er den Arm hoch gegen die Einrahmung ſtützte und ſeinen Kopf darauf lehnte. Vor ſeinen Augen wogte das wunderbare, prachtvolle, ſaftige Grün der Gebüſche und Bäume, die unter einem leichten Wind ordentlich zu athmen ſchienen, die wie in freudiger Bewegung waren un⸗ ter dem herrlichen Glanze des ſchönen Tages. An ſein Ohr ſchlugen dagegen wilde Töne, eine ſchmerzliche Klage aus⸗ drückend;— es flimmerte ihm vor den Augen, er klemmte ſeine Unterlippe ſo heftig zwiſchen die Zähne, daß ſie blutete. „So kann's gehen!“ rief erfreut der Muſiker,„ganz famos! Willſt Du einen Augenblick hören?“ „Ja, ja,“ gab der Andere zerſtreut zur Antwort. „Denke Dir die Situation.“ Stifter nickte mit dem Kopfe. „Sie, die er liebte, iſt ſo eben entflohen.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ rief Stifter, wie aus einem Traume emporfahrend.„Woher weißt Du das?“ „Das iſt doch ſehr einfach: werde ich es doch wiſſen, da es das ganze Publikum bereits weiß.— Der Chor hat es ja geſungen im Finale des zweiten Akts.“ „Ja ſo,“ verſetzte der Maler, indem er ſich über die Augen fuhr,„Du ſprachſt von Deiner Oper?“ Der junge Muſiker blickte bei dieſen Worten in die Höhe und erſchrak, als er ſeinem Freunde in das bleiche Geſicht ſchaute. Die Haare hingen dieſem wild um die Stirn, ſeine Blicke waren matt, erloſchen, und auf den Lippen zeigten ſich Spuren von Blut; am ſeltſamſten aber nahm ſich alles das zu ſeinem Anzuge aus; er war wie geſtern Abend im ſchwarzen Frack, doch war dies Kleidungsſtück —y—Q—-eQ—— — 219— heute ſtaubig, beſchmutzt, und die weiße Cravatte hing ihm aufgelöst, locker um den Hals. „So, ſo,“ wiederholte der Maler, langſam mit dem Kopfe nickend,„Du ſprachſt alſo von Deiner Oper? Ich glaubte, Du wüßteſt es ſchon.“ „Was iſt Dir geſchehen, Stifter?“ rief Victor, indem er näher trat.„Was ſollte ich ſchon wiſſen?“ „O es paßt zur Situation, von der Du mir gerade erzählſt,“ ſagte der Maler mit einem ſeltſamen Lächeln. Und dann ſetzte er mit einer eiſigen Kälte hinzu:„Meine Frau nämlich—“ „Um Gotteswillen! Was iſt mit Deiner Frau?“ „Sie iſt heute Morgen entflohen.“ „A— a— ah!“ „Entflohen— und nicht allein.“— Seine Stimme fing an zu zittern. „Sprich nicht ſo abgebrochen, Ferdinand! Da hinter Dir iſt ein Stuhl, ſetz' Dich, erzähle mir das im Zuſam⸗ menhange. Ah! ahl das iſt ja fürchterlich.“ „Ja, ſie iſt fort,“ ſagte Stifter, mit dem ſichtbaren Bemühen ſich zu faſſen; doch bebten ſeine Lippen ſo, daß man ſeine Zähne zuſammenſchlagen hörte.„Fort— und nicht allein, nein! nein!—— Meine Kinder!“ ſchrie er plötzlich laut auf,„meine Kinder hat ſie mitgenommen! Ah! verflucht!“ Er ſchlug in wildem Schmerz die Hände vor das Geſicht und warf ſich dann auf den Sitz, den Victor eilig hinter ihn geſchoben hatte. Dieſer blieb neben ihm ſtehen, legte ihm die Hand auf die Schulter, und ſprach ſo gut als möglich tröſtend in ihn hinein, wie er ſich vielleicht geirrt, wie ſie nur ausgegan⸗ gen ſei, und wenn ſie wirklich mit den Kindern das Haus abſichtlich verlaſſen habe, ſie wohl nur einen Beſuch in der Nähe mache und in ein Paar Stunden oder doch im Laufe des Tages oder wenigſtens morgen zurückkehren werde. Stifter hörte das kopfſchüttelnd an, ließ hierauf ſeine Hände langſam vom Geſicht herabgleiten, legte ſie zuſam⸗ mengefaltet auf ſeine Kniee, und es war dem Muſiker nicht unangenehm, als er nun bemerkte, wie aus den roth unterlaufenen Augen des Andern ſchwere Thränentropfen über ſeine blaſſen Wangen herab rollten. Dabei fing er an zu ſprechen, indem er ſtarr vor ſich hin blickte, als ſei dort Jemand, an den er ſeine Worte richte.—„Das hätte ſie nicht thun ſollen, ſo fort zu gehen, um nimmer, nimmer wieder zu kehren.— Und dann die Kinder mitzunehmen, — meine Kinder, meine armen Kinder! mir zu entfliehen — und ich hatte keine Ahnung, daß ſie das thun würde!“ Er ſchien ſich auf etwas zu beſinnen.—„O doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ich mußte wohl eine Ahnung davon haben; hat ſie es mir doch vorher geſagt, einmal, mehrmal, öfters. Aber ich habe ihr nicht geglaubt.— Wie konnte ich wiſſen, daß ſie ſo fürchterlichen Ernſt machen würde? Wie konnte ſie ſo ſchlecht ſein, mich zu verlaſſen! Und ich — und ich auch!“ Er vergrub ſein Geſicht abermals in beide Hände, dann rief er ſchmerzlich ſtöhnend aus:„O fort! fort mit dieſen verfluchten Phantaſieen!— Wenn nur der Gedanke nicht ſo entſetzlich wäre, daß ich mein Unglück ſelbſt verſchuldet, daß ſie Recht hatte zu thun, was ſie gethan!“ Er ſprang in die Höhe, er ſchritt einige Mal im Zim⸗ mer heftig auf und ab, dann ſtellte er ſich wieder an das Fenſter, biß heftig an ſeinen Nägeln und ſagte alsdann: „Ich will Dir Alles erzählen. Es iſt freilich nicht viel, und das Reſultat weißt Du.— Ich kam alſo nach Hauſe — Du ſiehſt mich fragend an— ah! Du haſt Recht! Ich erzähle zu unverſtändlich für Dich.— Richtig! wir ſahen —— — — 221— uns geſtern Nacht. Ah!“ machte er, wie ſchauernd,„dort im Garten. O Victor, wenn ich Dir gefolgt wäre! Wenn ich nicht gewartet hätte bis um die zweite Nachtſtunde.— O dieſe Stunde!“ Es blitzte etwas wie Zorn und Haß in ſeinem Auge auf, ſo daß ihn Victor fragend anſchaute. „Dieſe Stunde, Du weißt, mit welchen Seelenleiden— ja mich vor mir ſelbſt ſchämend— ich ſie erwartete, wie ich fliehen wollte und nicht konnte— in dieſer Stunde ſagte ſie mir mit ziemlich ruhigen Worten, mit einem faſt kalten Lächeln, ſie ſei in der That erfreut, mich noch hier zu ſehen. Dann reichte ſie mir leicht ihre Hand und ehe ich— überraſcht, erſtaunt, ihr noch ein Wort zu ſagen vermochte, war ſie im Dunkel des Gartens verſchwunden. „Ich trieb mich herum Stunden lang, ich hoffte immer noch auf ihre Rückkehr, aber ſie kam nicht. Endlich ging ich nach Hauſe. Aber da war es zu ſpät, um den Hahn krähen zu hören, zu früh, um zu Bett zu gehen,“ ſagte er mit gräßlicher Ironie.„Aber,“ ſetzte er düſter hinzu,„mit matter Seele, mit entſetzlich matter Seele. Ich wollte nach meinem Atelier, um mich umzukleiden, ich hatte auch ſchon eine halbe Straße dorthin zurückgelegt, als es mich auf einmal nach Hauſe zog; ſo lebhaft wie nie, erſchreckend lebhaft trat das Bild Thereſens und meiner Kinder vor meine Seele. Und doch konnte ich meine Schritte nicht beſchleunigen; es war mir zu Muthe, wie Jemand, der Kirchenbuße thun ſoll und der langſam dahin⸗ ſchreitet, zwiſchen den gaffenden Häuſern hindurch unter dem erdrückenden Sonnenſtrahl, Schritt vor Schritt und dabei immerfort ſeine Schuld bekennend.—— Und das that ich auch, ich glaube, ich habe es ziemlich laut gethan; denn ein paarmal war es mir, als ob mir Begegnende mich ſeltſam anſchauten. Und wenn ich es auch nicht laut vor den Ohren der Menſchen gethan, ſo erkannte ich doch ———— — 222— in meinem Innern tief und ſchmerzlich mein Unrecht.—— b O Victor, bei Gott im Himmel!“ rief er ſchmerzlich aus, V „wenn ſie mir ruhig entgegen getreten wäre, ſie hätte all' dem Entſetzlichen, was ich ihr zugefügt, nicht Worte zu ge⸗ ben gebraucht; ich hätte es in einem einzigen ſtummen Blick f geleſen; aber wenn ſie da geweſen wäre, wenn ſie mich V nicht einmal angeſchaut hätte, nur da geweſen mit meinen I V V Kindern, ich wäre jetzt ein geretteter Mann.— Aber ſo, b V V nun ſie mich verlaſſen,“ fuhr er mit neu ausbrechender Heftigkeit fort,„nun ſie davon gegangen, mich allein zurück⸗ V gelaſſen hat, nun werde ich wohl nicht anders können, als dorthin zurückkehren, wo ich herkam, oder————* Er ſchaute bei den letzten Worten, die er ſehr leiſe ſprach, in das offene Auge ſeines Freundes, der den Blick feſt auf ihn gerichtet hatte, der darauf an das Fenſter trat, ſeine Cigarre in einem weiten Bogen auf die Bäume ſchleu⸗ derte und dann ſich umwendend ſagte: „Du wirſt Dich erinnern, wie ich geſtern mit Dir ſprach. Ich ſagte, wie ich dachte, und würde heute Mor⸗ V gen daſſelbe wiederholen, wenn es nicht überflüſſig und zu ſpät wäre. Che ich aber mit Dir überlegen kann, was V hier zu thun iſt, theile mir ruhig den ganzen Verlauf der Sache mit.“ V„Du weißt ihn bereits,“ erwiederte der Maler,„ohne V V V ein Paar an ſich unwichtige Nebenumſtände, die ich Dir auch nicht vorenthalten werde. Ich trat alſo in's Haus, V V V V in das ſtille, kleine Haus. Wie bereitwillig hätte ich zehn Jahre meines Lebens dahin gegeben, wenn ich damit die V Erinnerung eines Jahres gänzlich hätte auslöſchen können. V — O wie erfriſchte mich der Schatten der Laube vor der Thür, wie wohl that mir die einfache Treppe; wie lieb er⸗ V ſchienen mir die reinlichen Vorhänge, mit denen die Fenſter des Schlafzimmers verhüllt waren und hinter denen ſie und V V meine Kinder ruhten.— So wagte ich zu hoffen, ich Thor! ich Narr! Ich kam hinauf; in dem kleinen Vorzimmer ſaß die alte Magd auf einem Stuhl und weinte. Als ſie mich ſah, rief ſie aus: O, es iſt ſo, wie ich mir gedacht!— ——— Da wußte ich Alles, Victor, Alles. Und dar⸗ auf trat ich äußerlich ruhig in das Schlafzimmer und ſah das Bett, wo ſie gewiß nur wenig Stunden gelegen, und die Schlafſtelle meiner Kinder, die Bettchen waren beide noch warm.— O dieſe Wärme that mir weh, entſetzlich weh! ich hätte laut aufſchreien mögen. Dann fand ich im Wohnzimmer auf dem Tiſche dies Schreiben an mich.“ Er überreichte den Brief ſeinem Freunde, der ihn ſchweigend durchlas und indem er ihn achſelzuckend zurück⸗ gab, die Frage that: „Und was ſagte die Magd? Konnte oder wollte ſie Dir keine Auskunft geben?“ „O ja, ſie ſprach mir von einem Bahnhofe, wohin The⸗ reſe mit den Kindern gefahren, aber nach welchem? das wußte ſie nicht. Ich warf mich in eine Droſchke, nachdem ich leider zu oft aus dem Schlafzimmer in das Wohnzim⸗ mer und umgekehrt gegangen war— ich konnte mich von den warmen Bettchen nicht trennen,“ ſetzte er düſter hinzu; —„dann fuhr ich nach dem Südbahnhofe.— Keine Spur von ihnen. Von dort machte ich den weiten Weg nach dem Nordbahnhofe und forſchte lange vergeblich.“ „Nun und dann?“ „Wie können ſich auch die Leute um die Tauſende von fremden Menſchen bekümmern, die dort ein⸗ und ausgehen? — Sie kann es doch geweſen ſein.“— Das ſprach er gedankenvoll vor ſich hin.„Endlich fand ich einen Kellner, der mir von einer Dame in Trauer ſagte, die mit zwei Kindern hinter der Thüre des Warteſaals geſeſſen.“ „Von einer Dame in Trauer?“ fragte der Muſiker. —-— 224— Der Andere nickte mit dem Kopfe, indem er die Zähne zuſammenbiß.„Allerdings in Trauer,“ ſprach er darauf; „ſoll ich doch für ſie todt ſein; und daß ich in der That geſtorben, hat ſie den Kindern geſagt.— O ich kenne das!“ „Darnach ſcheint ſie freilich ſehr entſchloſſen zu ſein,“ meinte Victor.—„Reden wir offenherzig, Ferdinand,“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„Wenn wir die Sache genau betrachten—“ „So können wir ihr durchaus nicht Unrecht geben,“ unterbrach der Maler ſeinen Freund.„Ja, ja, darin haſt Du Recht, und das ſehe ich auch ein. Gebe ich ihr denn Unrecht?“ ſagte er nach einem augenblicklichen Stillſchwei⸗ gen mit zitternder Stimme.„Nur hätte ſie in Erinnerung an die ſchönen Tage, die wir zuſammen verlebt, offener, ehrlicher mit mir verfahren ſollen. Sie hätte mir ihren feſten Willen kund thun müſſen, ihren unwiderruflichen Ent⸗ ſchluß, mich mit den Kindern zu verlaſſen, wenn“— Er ſprach den Satz nicht aus, weßhalb der Muſiker, nachdem er einen Augenblick gewartet, ihm erwiederte: „Und wenn ſie Dir das geſagt hätte, Du würdeſt ihr nicht geglaubt haben. Es iſt gerade ſo, als wenn uns ir⸗ gend ein Unglücklicher um zehn Louisd'or bittet, die ihm das Leben retten werden; erhält er ſie nicht, ſo muß er ſich erſchießen.— Du würdeſt ſie ihm gegeben haben, wenn Du vorher gewußt, daß er in der That Ernſt machte.— Nein, nein, Ferdinand, Du haſt mir geſagt, daß ſie es an ähnlichen Andeutungen nicht fehlen ließ.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte der Maler, dumpf vor ſich hinbrütend;„aber ich konnte nicht loskommen. Sie hielt mich mit Zaubergewalt feſt, und ſie hält mich noch.“ „Denke an geſtern Nacht.“ Der Andere ſah ihn mit einem fragenden Blicke an, — 225— dann zuckte er zuſammen, preßte die Lippen aufeinander und entgegnete haſtig: „Das war eine ihrer Launen, ihrer allerdings furcht⸗ baren Launen. Aber iſt es nicht entſetzlich, wenn ich Dir ſagen muß, daß ſie, die doch daran Schuld iſt, daß mich Weib und Kind verlaſſen, mir trotzdem nicht zum Abſcheu werden kann— nein, daß ſie jetzt, wo ich Alles verloren, faſt tröſtlich vor mir ſteht wie ein heller, ſchöner Stern in dunkler Nacht?“ Victor machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung mit der Hand.—„Und wenn Dir auch dieſer Stern ver⸗ bleicht und entſchwindet?“ ſagte er alsdann mit ernſter Stimme. „Wie meinſt Du das?“ fragte der Maler erſchreckt.— „Doch ſoll ich mich über eine Sache ängſtigen, die mir ge⸗ wiß iſt? Jener Stern, dem ich ſo viel geopfert, wird mir nicht verſchwinden, er wird mich leiten in troſtloſer Finſter⸗ niß, er wird mich führen nach einer ſtillen Bucht, nach einem ſichern Hafen und ſich dort in eine helle Lebensſonne verwandeln.“ Er ſprach das haſtig, wie um andere Gedanken zu un⸗ terdrücken, zu verſcheuchen, die ſich ihm gewaltſam auf drängten. Victor hatte ihn kopfſchüttelnd betrachtet, dann ſprach er: „Soll ich Dir noch einmal wiederholen: denke an geſtern Naacht?— Doch Deine Nerven ſind furchtbar aufgeregt; ſetz' Dich nieder, ſuche Dich zu beruhigen, denke um des Him⸗ melswillen nicht an Dinge, wie die eben ausgeſprochenen, die noch troſtloſer ſind als das, was Du mir gerade erzählt.“ Der Maler ſetzte ſich nieder, und als er hierauf zu ſeinem Freunde aufſchaute, that er das mit einem ſehr traurigen Blicke.„Meinſt Du wirklich,“ fragte er,„daß jene Ausſicht ſo troſtlos ſei?“ Hackländer, Tag und Nacht. 15 — 226— „Gewiß, auch wenn ſie richtig wäre.“ „Und warum ſollte ſie nicht richtig ſein?“ „Wer kann einem Gefühl Worte geben, das mächtig in uns ſpricht und von dem wir überzeugt ſind, daß es uns die Wahrheit ſagt?“ „Und was ſagt Dir Dein Gefühl?“ fragte der Maler faſt lauernd. „Es ſagt mir,“ erwiederte Victor, indem er dem An⸗ dern voll in das Geſicht ſchaute,„daß Dein Stern in finſterer Nacht ein trügeriſcher Stern iſt, ein Irrlicht, das plötzlich erlöſchen wird, wenn es Dich ſo verlockt hat, daß für Dich keine Rückkehr mehr möglich iſt.— Und das iſt ja bereits geſchehen,“ fügte er mit leiſerer Stimme hinzu. „Du haſt Dich unbedachtſam der Flamme genähert und biſt, ſtatt ſie zu umkreiſen, hineingeflattert. Freilich haſt Du Dir jetzt kaum die Flügel verſengt, aber biſt Du klüger geworden? Nein, nehme mir nicht übel, Ferdinand, ſtatt Phantaſieen nachzuhängen, wie Du ſie eben ausgeſprochen, würde ich mit aller Kraft darnach ſtreben, mein Verlorenes wieder zu erlangen.—— „Ja, Du haſt Recht, Du haſt Recht, o Gott! ich fühle wie Du Recht haſt; aber während ich dorthin lange, ver⸗ liere ich hier Alles.— Sieh' mich an, Victor, Du hätteſt alle Urſache, mich für den elendeſten, den miſerabelſten aller Menſchen zu erklären, mir ſchonungslos in's Geſicht zu ſchlagen, wenn ich im Stande wäre, mich hier ſo leicht los⸗ zureißen, als Du es wohl für möglich hältſt. O dieſes Weib, dieſes ſchöne, wilde, ſüße Weib hat mich an ſich ge⸗ zogen mit Zaubermacht! Nenne es wie Du willſt, nenne es Unrecht, Sünde, Ehrloſigkeit, Feigheit, ſelbſt bei dem Furchtbaren, was mich betroffen,, kann ich nicht von ihr laſſen, kann ich die Kette nicht brechen, die mich an ſie feſſelt.“ —— — 227— „So muß ſie ſelbſt dieſen Bann löſen,“ ſagte der Mu⸗ ſiker ruhig, wobei er auf das leicht bewegte Blättermeer vor den Fenſtern ſchaute,„und— mir ſagt es ein richti⸗ ges Gefühl, ſie wird das wollen.“ „Und wie ſollte ſie das wollen?— Sie hängt an mir, wie ich an ihr hänge!“ „Zum dritten Male wiederhole ich Dir: denke an geſtern Nacht!“— Bei dieſen Worten ſchlug Victor einen leichten Accord auf dem Flügel an.„Du bildeſt Dir ein,“ fuhr er alsdann fort, indem er ſeine Worte mit eigenthümlichen Klängen begleitete,„ſie— ſie liebe Dich, wie uns ein weibliches Weſen lieben ſoll.— Ja, laß mich es aus⸗ ſprechen, wie Dich Thereſe geliebt,— wie Thereſe Dich noch liebt.“— Die Melodie, die er ſpielte, klang unendlich weich und verfehlte ihre Wirkung auf den Andern nicht, denn er ließ den Kopf langſam herabſinken und verbarg ſeine glü⸗ hende Stirne in beide Hände.—„Aber dieſes Weib,“ fuhr Victor fort,„fühlt nicht ſo, die liebt anders, wohl leidenſchaftlich und gewaltſam wie dies rauſchende Allegro, aber ebenſo unbeſtändig, bald und ſchnell erlöſchend.“ „Nein, nein,“ ſeufzte der Maler,„nur mit ihrem Leben.“ „Sie hat viele Leben, ſie hat ein ſüßes Leben für Dich, ſie wird ein ſüßes Leben haben für den, der Dir folgt.“— „Victor!“ „Für den, der Dir heute, morgen, übermorgen folgt, was weiß ich?“———— Der Muſiker endete ſein Spiel in mehreren faſt disharmoniſch klingenden Accorden und wandte ſich um, als er hörte, wie ſein Freund ſich raſch und heftig erhob.„Du unterbrichſt mich da in einer höchſt gelungenen Phantaſie, in einer Phantaſie, die für Dich eine richtige Prophezeiung war.“ „Eine falſche, eine entſetzlich falſche.“ „Jene Frau,“ ſagte Victor mit ſehr entſchiedenem Tone, „liebt Dich nicht, wie Du Dir einbildeſt. Es hat ihr ge⸗ ſchmeichelt, einen Künſtler von ſo gutem Namen, einen Mann, dem man bis dahin nichts nachſagen konnte— Dich mit Deiner nicht unangenehmen Perſönlichkeit, zu ihren Füßen zu ſehen. Es hat ihr geſchmeichelt, es hat ihr wohl gethan, Deine Leidenſchaft wachſen zu ſehen. Sie nahm Deine ſtürmiſchen Huldigungen hingebend auf, ſie ſchien Deine Gefühle zu erwiedern, weil dieſe enthuſiaſtiſchen phan⸗ taſiereichen Gefühle eines jungen, feurigen Künſtlers ihr pikant, jedenfalls neu waren; ſie hatte ſich, wie ich weiß, in letzter Zeit an kältere, wenn gleich ariſtokratiſchere Hin⸗ gebungen gewöhnt.— Du warſt ihr ein neues Feld, und wie ſie Deine Liebe cultivirt, ſehe ich mit Erſchrecken an dem entſetzlichen Wahn, von dem Du befangen biſt.“ Der Maler war auf ſeinem Spaziergange durch das Zimmer bei dieſer Rede ſeines Freundes plötzlich ſtehen ge⸗ blieben, er ſtemmte die Hand auf einen Tiſch, neben dem er gerade ſtand und ſeine Lippen zuckten.„Ich verſtehe Dich wohl, Victor,“ ſprach er,„und was Du da ſagſt, habe ich mir ſchon hin und wieder ſelbſt vorgehalten, aber ich irrte mich wie Du; es iſt eine wahre, eine hingebende Liebe, die ſie für mich empfindet.— Wenn es ja wirklich ſo wäre, wie Du vorhin behauptet, wenn ich ein Spiel ihrer Launen geweſen, wenn ich, nur um ihrer Leidenſchaft zu dienen, Alles, Alles verloren hätte, wenn ſie nicht be⸗ reit wäre, mir ebenfalls ihre Exiſtenz, ihr Alles zu opfern, — oh!“ ſetzte er mit ſchrecklichem Lachen hinzu,„dann hätte ich keinen Augenblick zu verlieren, um mir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen.“ „Oder,“ fiel ihm Victor kalt und ruhig in die Rede, „dem Schickſal zu danken, das Dir endlich die Augen geöffnet.“ — — 229— „Wenn Alles zu ſpät, Alles verloren wäre!“ „O ja, ſo würde es ſein, wenn Du Dir feiger Weiſe eine Kugel durch den Kopf jagen wollteſt.— Glaubſt Du,“ fragte Victor nach einer Pauſe,„daß ich Dein Freund bin, Dein wahrer, aufrichtiger Freund?“ Der Maler nickte mit dem Kopfe. „Biſt Du überzeugt, daß ich Dir mit jeder Aufopfe⸗ rung helfen werde?“ „Gewiß, Victor, ich habe Dich ſo erkannt.“ „Nun denn, ſo folge meinem Rath und ſei verſichert, daß er heilſam für Dich iſt, daß er Dich retten wird.— Geh' zu ihr hin, ſo bald Du kannſt, ſage ihr, was Dir widerfahren, daß Du jetzt frei ſeieſt, ihr ganz angehören werdeſt. Sei leidenſchaftlich, wie Du es leider eben bei mir warſt, ſprich mit Ueberzeugung, und wenn Du ihr Dein ganzes Innere dargelegt, ſo verlange von ihr— kein Opfer, was ſie Dir bringen ſoll, nur die Verſicherung ihrer dauernden, unwandelbaren Liebe. Vergiß aber nicht, ihr zu ſagen, daß Du ihr jetzt ganz zu eigen ſeieſt.— Dann gib weniger auf ihre Worte als auf ihre Mienen Acht. Es wird Dir nicht ſchwer ſein, mit eiferſüchtigem Argwohn — denn der wird ſich bei Dir gleich entzünden— zu füh⸗ len, ob der Druck ihrer Hand ſo aufrichtig und warm iſt wie geſtern, ob ſich ihre Lippen Dir ſo hingebend nähern werden wie ſonſt.“ „Und dann?“ „Nun, und dann magſt Du erfahren, was Du willſt — Du gibſt mir Dein Wort, mich ſogleich aufzuſuchen und ehrlich mit mir zu reden, Du wirſt dazu geneigt ſein, denn Du haſt dann eingeſehen, wie vortrefflich mein Rath war. Willſt Du?“ Der Maler hatte ſeinen Gang durch das Zimmer wie⸗ der aufgenommen, und wenn er an das Fenſter kam, wäh⸗ —— — ——— — 230— rend ſein Freund ſprach, blieb er dort einen Augenblick tief aufſeufzend ſtehen. „Rede noch länger ſo zu mir,“ ſagte er nach einer Pauſe;„Deine Worte treffen mein Herz, und wenn auch ſchmerzlich, wie mit Keulenſchlägen, ſo rüttelt doch jeder dieſer Schläge an einem ſtarken Bande, das mich feſt ein⸗ geſchnürt hielt. Was Du mir ſagſt, erhellt mein Gehirn, und wenn die Glut, die mein Blut durchtobt, mir auch jetzt noch wie eine Alles verzehrende Feuersbrunſt erſcheint, ſo iſt es mir doch, als ſeien es keine Flammen, was mich er⸗ ſchreckt, ſondern als ſähe ich, wandelnd in finſterer Nacht, das Anbrechen einer neuen Morgenröthe,— als ſei lang⸗ ſam über mich dahin gezogen ein verſengendes Meteor, unter dem ich mich wohl gefühlt, ſo lange es meine Sinne gebannt, deſſen fürchterlichen Druck ich aber jetzt erſt recht empfinde, da es anfängt von mir zu laſſen, und da ich, ſeinem glühenden Hauche folgend, lindernde kühle Lüfte zu verſpüren glaube. Deßhalb ſprich zu mir.“ Er warf ſich in einen Fauteuil und ſtützte den Kopf in ſeine Hand. „Wenn ich vorhin ſagte,“ fuhr der Muſiker fort,„Du habeſt die Flamme nicht nur umſpielt, ſondern Dich auch hineingewagt, ſo hatte ich darin vollkommen Recht, ohne Dir auf Deinem Standpunkte übrigens Vorwürfe darüber machen zu wollen. Was Dich in die gefährliche Welt trieb, wo Du Deine Ruhe gelaſſen, war die leicht begreifliche Neu⸗ gierde, ein Leben kennen zu lernen, das dem Künſtler nicht unbekannt bleiben ſoll. Es gibt aber zweierlei Wege, um dies ungeſtraft doch vielleicht mit einigem Erfolg thun zu dürfen: entweder Du wirfſt Dich, ein rüſtiger Schwimmer, in jenes glänzende, trügeriſche Meer, ſchwimmſt mit den Uebrigen um die Wette, auf's Gerathewohl, wohin es gehen mag, wirſt vielleicht von einem ſtolz vorüberſegelnden ſtatt⸗ — — 231— lichen Schiffe als unbedeutend überfahren oder an Bord genommen, wo Du dann wohl in einer behaglichen oder unbehaglichen Abhängigkeit, je nach Deiner Gemüthsart, auf andere arme Schwimmer herabſchauſt und ſo Dein Leben damit verbringſt, Dich nach jedem Winde zu richten oder die Zeichen und Flaggen aufzuziehen, die Dir gerade befohlen werden.— Vielleicht auch entdeckſt Du irgend ein verzaubertes Eiland, eine wunderbare Fee, die Dich aus den Wellen zu ſich emporzieht, Dir die Krone auf's Haupt drückt, Dich zu ihrem Herrn und König macht, was auch ſchon geſchehen iſt, aber höchſt ſelten. Endlich kann es Dir gehen, wie es Vielen ergeht: Du ſchwimmſt, ſo lange Deine Kraft dauert, um endlich, wenn Dich nicht vielleicht ein günſtiger Wind zurück an das Ufer führt, das Du leicht⸗ ſinnig verlaſſen, unbeachtet unterzugehen. Es wäre mög⸗ lich, daß Dich ein ſolches Ende befriedigte, daß Du bethört von all' dem trügeriſchen Glanz, der Dich umgibt, die Hoff⸗ nung nicht fahren ließeſt und ſelbſt dann noch das Glück zu erblicken glaubteſt, das ſich Dir roſig näherte, wenn die Strahlen der untergehenden Sonne Deine brechenden Augen blenden.“ Dieſe Worte hatte Victor mit leichten Accorden begleitet, doch unterbrach er ſich jetzt und ſagte lächelnd: „Meine Phantaſie führt mich zu weit, das heißt, ich werde zu weitläufig.“. „Für mich nicht, gewiß für mich nicht, Victor.“ „Gut denn, ſo wollen wir alſo den zweiten Weg be⸗ leuchten, den man einſchlagen könnte, um Nutzen aus jener Welt zu ziehen, die ſich mit einer ziemlichen Portion von Uebermuth ‚die Geſellſchaft’ zu nennen beliebt. Du betrach⸗ teſt ſie einfach wie jedes Andere, was Dir zum Vorwurf ihrer Studien dienen kann, als ein Blumenbeet, meinetwe⸗ gen auch als ein Feld voll wucheriſchen Unkrautes, zierlich in ſeinen Formen, aber im Ganzen von zweifelhaftem Nutzen. Sie dient Dir wie eine Partie herrlichen Baum⸗ ſchlags, wie ein verwitterter Stamm, der mit Schmarotzer⸗ pflanzen umgeben iſt, wie die ſanfte Glut der ſcheidenden Sonne, wie der trotzige, blutrothe Schein eines Nordlichts. Du tangirſt dieſe Kreiſe kaum, da Du gewöhnlich beobach⸗ tend bei Seite ſtehſt; Du füllſt Deine Phantaſie, Deine Mappen mit Licht und Schatten, mit dem blendenden Schein, der dort auf dem gewaltig einherſchießenden Waſſer liegt, mit der trügeriſchen, ſchwankenden Decke, welche jenen Sumpf überzieht, der als Rahmen dient einiger wenigen, in lockenden Farben prangenden Waſſerroſen.— Das war Dein Weg, den hätteſt Du einſchlagen ſollen. Du nahteſt aber unbedachtſam dem abſchüſſigen Ufer, obgleich gewarnt, Ferdinand,— vergiß das nicht— und erſt, als Du mit⸗ ten in der Strömung warſt, fiel es Dir ein, daß Du nicht frei und unabhängig ſeieſt, um dem erſten der angegebenen Wege zu folgen; da merkteſt Du wohl, daß es Dir un⸗ möglich ſei rüſtig mitzuſchwimmen, um etwas zu erringen oder unterzugehen, und da wählteſt Du einen Seitenpfad, der am verderblichſten war, der Dich mit Dir ſelbſt, mit Deiner Vergangenheit und Zukunft zerfallen machte.— Wie man nicht ungeſtraft unter Palmen wandelt,“ fuhr der Muſiker nach kurzem Stillſchweigen fort,„ſo kann man auch jenes Leben nicht ungeſtraft genießen, ohne ſich ihm ganz hinzugeben. Das verſuchteſt Du zu thun und die Strafe folgte Dir auf dem Fuße.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe.“ „Wenn Du aus dem rauſchenden Leben der großen Welt in Dein ſtilles, friedliches Haus zurückkehrteſt, ſo er⸗ kaltete Deine Phantaſie, voll von glänzenden Bildern, als Dein Fuß, der eben noch weiche Teppiche betreten, jetzt auf dem Holzboden Deiner Treppe, Deiner Zimmer klang. Nicht —-——— — 233— blos der Künſtler hatte mit in der Geſellſchaft gelebt, auch der Menſch. Und das warſt Du nicht im Stande von einander zu trennen; Du verglichſt die einfachen Wände Deines Zimmers mit jenen glänzend verhängten Räumen, die Du eben verlaſſen; der Schein der Lampe, der Dir bis jetzt ſo friedlich geleuchtet, verblaßte gänzlich, wenn Du an die ſtrahlenden Lichter dachteſt, die ſich dort, wo Du herkamſt, in Gläſern, in Brillanten, vor allem in gefähr⸗ lichen ſchwarzen Augen widerſpiegelten. Du verglichſt die treuen Blicke Deiner Frau mit jenen verzehrenden, die wir kennen; ihre einfachen, herzlichen Worte mit jenen ſchmeich⸗ leriſchen, verführenden Reden, die dem Künſtler galten, und die der Menſch, eitel wie wir Alle ſind, auf ſich bezog.“ „Wahr, ſehr wahr.“ „Was Dir am längſten friſch und jedem Vergleiche Stand hielt, das waren Deine Kinder. O ich kann mir das denken, das urſprüngliche Weſen dieſer friſchen, liebens⸗ würdigen Naturen iſt ja wie der Thautropfen auf dem Blatt einer Roſe, in jeder Stimmung begehrenswerth, ge⸗ nügend, erquickend, mit Nichts vergleichbar und deßhalb allen Vergleich ſiegreich aushaltend.“ „Gewiß, gewiß.“ „Aber nur eine Zeitlang erſchien Dir das ſo; ich finde es, wenn nicht verzeihlich, doch begreiflich. Dann traten in Deiner befangenen Seele ſelbſt die lieben, friſchen Geſichter nach und nach in den Hintergrund vor den klei⸗ nen, unangenehmen Zufälligkeiten, welche das tägliche Leben nun einmal begleiten, die, ich gebe das zu, der Natur eines Künſtlers zuwider ſind und die—“ „Thereſe ſich nie die Mühe gab, mir ſo viel es ihr möglich war zu verdecken.— Es iſt wahr,“ rief der Maler ſchmerzlich erregt,„ich trug das Unrecht in mein Haus, ſie aber that nicht, was ſie thun ſollte, um mich im engen Kreis meiner Wände die andere Welt vergeſſen zu machen. Du mußt mir zugeben, Victor, daß ich gearbeitet habe, wie ein Menſch nur arbeiten kann. Und meine Arbeit wurde belohnt, ſie und mein Name mir reichlich bezahlt. Ich konnte nicht nur ſorgenlos leben, ja ich hätte für meine Verhältniſſe ſehr anſtändig leben können. Und was das an⸗ belangt, ſo rang ich vergebens mit dem ſtarren Sinne meiner Frau. Ich will Dir geſtehen, jenes glänzende Leben, in das mich meine Kunſt hineintrieb, ſagte meiner Phantaſie mehr zu. Biſt Du doch im gleichen Falle, und was Du von Anfang an thun konnteſt, beſchloß auch ich zu thun: in meinem Hauſe nämlich ein Stückchen Umgebung zu zaubern, die mich draußen entzückte; ich wollte bei mir ſtatt des einfachen Holzbodens, um Deine Worte zu ge⸗ brauchen, den Teppich wieder finden, den mein Fuß dort verließ; ich wollte die kahlen Wände meines Zimmers eben⸗ falls reich verhängen mit jenen Sachen, die freilich zum ge⸗ wöhnlichen Leben unnöthig ſind, die aber den Sinn eines Künſtlers erfriſchen.— Auf dieſe Art gedachte ich anfäng— lich mit jener anderen Welt fortzuleben, die mich, ich ge⸗ ſtehe es, in ihren Formen ſo mächtig anzog.— Aber das — ein rettender Ausweg, ſcheiterte an dem— Widerſpruch meiner Frau, die mich nicht begriff. Sie konnte oder wollte es nicht verſtehen, daß es meinem Auge wohl thun müſſe, irgend einen geſchmackvollen Seſſel, vielleicht ein reiches Möbel in meinem Zimmer zu ſehen, an der Wand einen Spiegel, eingerahmt mit dunkel geſchnitztem Eichen⸗ holz oder auch eine alte Waffe, auf dem Tiſche ſonder⸗ bar geformte Krüge, ein Paar alte, hohe Trinkgläſer, bei deren Betrachten ich mir ſo leicht jene Zeit vergegenwär⸗ tigte, wo dieſe Gläſer, angefüllt mit funkelndem Wein, zwi⸗ ſchen bärtigen Männern ſtanden, die über das dunkle Wamms den breiten, feinen Spitzenkragen hinausgelegt hatten, die — 235— auf dem Kopf den breitkrämpigen Hut trugen mit lang herabhängender Feder, während Schwert und Handſchuhe neben der dickbäuchigen Flaſche ſtanden— oh!— Thereſe verſtand mich nicht, wenn ich ein Stück ſchweren, alten Seidenſtoffes mit nach Haus brachte von irgend einer leuch⸗ tenden Farbe und wenn ich dabei nicht beachtet, daß dieſer Stoff fleckig war,— ſie begriff nicht, wie man für ſo ver⸗ legene Waare, wie ſie es nannte, ſein gutes Geld ausge⸗ ben könne; ſie vermochte es nicht zu faſſen, wenn ich ein ſolches Stück Damaſt über einen Stuhl warf, daß es auf den Boden herab rollte, wobei ich mich ſo ſehr an dem Faltenwurf und dem Spiel der Farben ergötzte.“ „Ich verſtehe das,“ ſagte der Muſiker ſeinerſeits. „Ich verſichere Dich, Victor, nicht einmal in meinem Atelier, ſo lange ich es in meiner Wohnung hatte, konnte ich es durchſetzen, daß nicht eine ſogenannte Ordnung meine mir ſo nothwendige maleriſche Unordnung tagtäglich zer⸗ ſtörte. Dadurch wurde ich verdrießlich, mißmuthig, und alle die kleinen Verſchönerungen des Lebens, die ich aus⸗ wärts ſah und die ich mir auch hätte verſchaffen können, erſchienen mir um ſo begehrenswerther, je mehr ich kämpfen mußte ſie zu beſitzen.— Und einen vergeblichen Kampf,“ ſetzte er düſter hinzu.—„Stelle mich dazu an,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„eine ſteile Felſenwand zu erklim⸗ men, wo ich im Stande bin, meine Kraft zu gebrauchen, wo mein Muth mit dem Widerſtande wächst, wo ich, mich mit Händen und Füßen anklammernd, durch den kalten, mir widerſtrebenden Stein förmlich ermuthigt werde,— glaube mir, ich werde nicht nachlaſſen und den Gipfel er⸗ reichen. Aber kämpfe einen Kampf gegen ein Terrain, wo Wort und That keine Federkraft fühlt, die ihr entgegenge⸗ ſtellt wird, wo Alles, was Du ſagſt und thuſt, nicht von dem Gegner friſch zurückprallt oder Dir wieder zugeworfen wird, — 236— ſondern wie in einer weichen Fläche ſtecken bleibt, wo Du auf einem Sumpfe wandelſt, bei jedem Schritte bis an die Knöchel einſinkſt, und dann, wenn Du den Fuß zurückziehſt und glaubſt, wenigſtens einen Eindruck gemacht zu haben, gewahr wirſt, wie der momentan nachgebende Boden wieder aufſchwillt und die alte langweilige Fläche ſich wieder auf's Neue darſtellt.—— Doch verzeihe mir, Victor,“ ſprach der Maler, unmuthig die Hand emporhebend,„ich ſpreche Worte, deren Sinn Dir vielleicht unverſtändlich iſt, den ich aber tief und ſchmerzlich fühle.“ „O nicht doch,“ erwiederte der Muſiker;„ich glaube zu verſtehen, was Du ſagen willſt.“ „Ich kehre in mein Haus zurück,“ fuhr der Andere nach einem minutenlangen, gedankenvollen Stillſchweigen fort,„erfreut über Worte der Anerkennung, die ich draußen erhalten, ich wiederhole ſie beglückt in der Hoffnung, daß man ſie mit mir empfindet.— O nein, und wenn ich dann ſehe, wie ich mich geirrt, ſo fühle ich mich plötzlich abge⸗ ſtoßen, erkältet. Und wenn es nur unbedingte Theilnahmloſig⸗ keit ihrerſeits geweſen wäre, die mich nicht verſtehen konnte und wollte, ſo hätte ich mich am Ende tröſten müſſen.— Aber nein, es war oft wie eine böſe Luſt, meinen Enthu⸗ ſiasmus zu dämpfen und mir achſelzuckend zu ſagen: ‚Wie könnte ich mich auch über das Urtheil von Leuten freuen, die ja doch nur ſo ſprechen, um etwas Angenehmes zu ſagen!— Zum Teufel! Ich bin nicht der, der über jeden Pinſel⸗ ſtrich gelobt ſein will, aber ohne Anerkennung, ohne ein belobendes Wort arbeiten iſt gerade, wie mit verbundenen Augen auf einer Landſtraße den Karren ziehen.— Doch laß mich ſchweigen davon, obgleich ich Tage lang und ge⸗ wiß nicht ohne Grund fortfahren könnte. Was ich geſagt, ſoll nicht dazu dienen, das, was ich gethan, zu entſchuldigen, ſondern es ſoll Dir nur begreiflich machen, in welcher Ge⸗ — 237— müthsſtimmung ich mich befand, als ich mich vielleicht da⸗ durch in etwas verzeihlich jenen Schlingen nahte, die mich nun feſt umgarnt halten, als ich mich, um Dein Bild zu wiederholen, in jenes Meer ſtürzte, das mich— ich fühle es wohl— in ſeine Tiefen reißen wird.“—— ——„Vergiß nicht,“ gab Victor, nachdem der Maler eine Zeitlang geſchwiegen, zur Antwort,„daß ich am Ufer ſtehen werde, ja daß ich mich ſelbſt in die Wellen begeben möchte, um Dir helfend die Hand zu reichen und zu Dei⸗ ner Rettung zu thun, was in meinen Kräften ſteht.“ „Ich danke Dir, Victor; ich wußte wohl, daß mein Vertrauen zu Dir mich nicht täuſchen werde.“ Der Maler erhob ſich von ſeinem Stuhle und reichte dem Freunde die Hand, welche Victor herzlich drückte, und dann ſprach: „Vor allen Dingen ſchweige gegen Jedermann über das, was ſich in Deinem Hauſe begeben, und forſcht Je⸗ mand nach Thereſen und Deinen Kindern, ſo haben ſie eine kleine Reiſe gemacht und werden bald zurückkehren. Theile den wahren Sachverhalt keinem Menſchen mit; es wäre das für Neugierige ein willkommener Scandal; ich muß dies Wort gebrauchen,— und ſie würden dieſen Vorgang ſo lange breit treten und vergrößern, bis er zu einer genügenden Kluft würde, Dich von Deiner Familie auf ewig zu trennen.“ Stifter hatte ſich gegen das Fenſter gewendet und ſagte, ohne umzublicken:„Glaubſt Du wirklich und gewiß daran, Victor, daß ich ſie— wiederfinden werde? O Du kennſt nicht die Härte ihres Charakters.“ „Und hoffſt Du darauf?“ ſprach Victor, ohne die Frage des Freundes zu beantworten. „Ja, ich hoffe darauf,“ rief der Maler, indem er ſich umwandte. Man ſah ſein Auge eigenthümlich funkeln.— — 238— „Ob ich darauf hoffe! Und deßhalb will ich Deinem Rathe folgen; ich will hin zu ihr, ich will ihr mittheilen, wohin mich dieſe unſelige Leidenſchaft gebracht; ich will forſchend in ihr Auge blicken, ich will den Schlag ihres Herzens füh⸗ len, während ich ihr ſage, daß ich nun ganz frei ſei, daß ich ihr angehören wolle bis zum Schluß meiner Tage, daß ich ihr folgen werde bis an's Ende der Welt.“ „So ſprich— ja, ſo mußt Du ſprechen.“ „Und ich fange ſelbſt an zu fühlen, daß es entſetzlich wäre, wenn ſie ſich darauf an meine Bruſt werfen würde, wenn ich aus dem Druck ihrer Hand, wenn ich aus dem Glühen ihrer Wangen erſehen müßte, daß ſie entzückt von dieſer Nachricht iſt.— Und doch,“ ſetzte er leiſe, wie mit ſich ſelber ſprechend hinzu,„iſt ſie berauſchend, hinrei⸗ ßend, wenn ihre Wangen glühen, wenn ihr Blut fie⸗ berhaft durch die Adern rast.— Ah! weg mit dieſen entſetzlichen Bildern!“ Er fuhr haſtig mit der Hand über die Stirne. Der Muſiker legte dem Freunde ſeine Rechte auf die Schulter und ſagte in ſehr beſtimmtem Tone: „Ja, Ferdinand, verjage dieſe Bilder; ſprich offen mit ihr, und ihre Wange wird erglühen, jedoch nicht von der Luſt, in Deine Arme zu ſtürzen.— Aber ehrlich Spiel! das verſprichſt Du mir.“ „Ehrlich Spiel— ſo wahr mir Gott helfe!“ Es war, als wollte die kleine Uhr, die auf dem Kamin ſtand, in dieſe Betheurung mit einſtimmen, denn ihr Räder⸗ werk ſurrte,— ſie ſchlug die achte Stunde. neunke Stunde. geführt, und es war ſo Manch er Maler hatte ſich entfernt, nachdem er ſeine weiße Hals⸗ binde zurückgelaſſen und ſich aus der Garderobe ſeines Freundes mit einer ſchwar⸗ zen verſehen. Victor ſetzte ſich an ſein Inſtrument, doch wollte es ihm nicht recht gelingen, die richtige Stim⸗ mung wiederzufinden. Er dachte an das Geſpräch, was er eben mit dem Freunde es darin, das auf ihn ſelbſt hätte paſſen können, ſo viel Aehnliches mit ſeinen eigenen Ver⸗ hältniſſen, wenn er— einſtens doch noch Alice zur Frau bekäme. —- 240— „Pah,“ ſagte er, den Kopf aufwerfend,„wie kann ich nur plötzlich wieder auf den Gedanken an Alice kommen! Und doch iſt es eigenthümlich, wie oft ich mich auf einem ähnlichen ertappe; daß ich aber vollkommen ruhig dabei, ohne irgend welche Aufregung bin, iſt mir ein Zeichen, daß bei dergleichen Phantaſieen durchaus keine Gefahr iſt. Aber wenn ſich eine ſolche Phantaſie einmal verwirklichen würde, dann bin ich feſt überzeugt, es ginge mir in manchen Be⸗ ziehungen ſo, wie dieſem armen Ferdinand.— Auch Alicen, fürchte ich, wären dicke Teppiche, weiche Fauteuils und ein eleganter Anzug faſt ein Greuel. Oh, es iſt das ſehr trau⸗ rig!— Warum?“ fragte er ſich ſelbſt lächelnd,„was geht es mich an?— Nun ich dachte nur ſo, wenn der Mann, welcher das Glück hat, Alice einmal zu beſitzen, auch in ſolchen Ideen befangen wäre— mir wäre es zum Beiſpiel ein Horreur, wenn ich nach Hauſe käme und meine Frau in Schreibärmeln—— Schade, daß man niemals vereinigt findet ein edles Herz, ein reines Gemüth, vollendete Schön⸗ heit, was Alice Alles beſitzt, und eine elegante Tournure, die Kunſt, das Leben durch alle die kleinen Fineſſen zu ver⸗ ſchönern, eine Kunſt, die Camilla in ſo hohem Grade beſitzt.“ Er war an das Fenſter getreten und blickte auf die Blättermaſſen des Parkes, die ſich dort vor ihm ausbrei⸗ teten.— Camilla!— Wenn ihm auch bekannt war, daß der Garten, den er hier überſchaute, daß das Gebäude, deſſen Dach über den Bäumen emporragte, ihrem Mann, dem Ba⸗ ron von Molitor gehörte, ſo war es ihm doch nie in den Sinn gekommen, in ſeinen Phantaſieen ihre herrliche Ge⸗ ſtalt hieher zu verſetzen; wußte er doch, daß ſie nie dieſen Platz, weder Garten noch Haus, betreten hatte, daß der Baron dieſes Beſitzthum nie geliebt hatte und ſelbſt ſeit langen Jahren fern davon geblieben war. Die Verwil⸗ — V b V V —- 241— um Haus und Garten durchaus nicht bekümmerte und daſſelbe völlig ſeinem Schickſal überließ. Als er ſo am Fenſter lehnte und ſeine Blicke über das Grün hinweg nach dem freien Platz ſchweifen ließ, wo die Fontaine ihren Waſſerſtrahl luſtig emportrieb, da mußte er unwillkürlich aufhorchen, denn es war ihm gerade, als höre er heute wieder, wie ſchon früher ein paar Mal, das laute luſtige Lachen eines Kindes. Ja, ja, es war nicht anders möglich, er konnte ſich darin nicht irren, das Lachen der friſchen jugendlichen Stimme drang zu klar und hell durch die brütende Stille, die auf dem weiten Parke lag.— Glaubte er doch faſt, einzelne Worte zu vernehmen. Es war, als ſpiele Jemand mit dem Kinde, das dort ſo herz— lich lachte, necke es, laufe ihm nach, fange es oder werde von ihm gefangen, denn von Zeit zu Zeit hörte man einen lauten Jubelſchrei. Jetzt— dort hinter dem freien Platze, flatterte etwas wie ein helles Gewand durch die Büſche; mehr konnte er nicht ſehen. Es war nur ein kurzer Augenblick, dann er⸗ ſchien der Weg dort wieder ebenſo öde wie vorher. Auch das Lachen, welches noch zuweilen hörbar wurde, klang ferner und ferner und verlor ſich endlich ganz gegen das Haus zu. Dicht unter ſeinen Fenſtern hörte der junge Muſiker jetzt raſſeln und es war, als bräche Jemand mitten durch die dichten Gebüſche, welche dort die kaum mehr ſichtbaren Wege einfaßten.— Ah, es waren die beiden koloſſalen Hunde, die er früher auch geſehen und die nun zum Vor⸗ ſchein kamen, und am Boden ſchnuppernd kreuz und quer den Garten durchſtrichen. Ihnen folgte der alte mürriſche b Hackländer, Tag und Nacht. 16 Bediente mit ſeinem Doppelgewehr auf der Schulter, der, aufmerkſam hin und her ſpähend, über den Weg heran kam, und in die Höhe blickend den jungen Muſiker an ſei⸗ nem Fenſter bemerkte. In dieſem Augenblick machte der Alte eine Bewegung, als habe er Luſt nach ſeiner Flinte zu greifen, ſchien ſich aber wieder eines Beſſern zu beſinnen; er brummte einen kräftigen Fluch in den Bart und ließ etwas vernehmen, wie von unbefugter Neugier, verſteckten Lauſchern, denen man beſſer thäte, ein Stück Blei in den Hirnkaſten zu jagen. Dieſe Bemerkungen des alten Mannes, halb und halb gegen das Fenſter emporgerichtet, klangen ſo gußerordent⸗ lich brutal und herausfordernd, daß ſie p komiſchen Effect hervorbringen mußten. Victor konnte ſich deßhalb nicht enthalten, beim Anblick des verdrießlichen Haremwächters,— denn ſo kam ihm der Alte in dieſem Augenblicke vor,— laut aufzulachen, was der da drunten aber ſo übel zu nehmen ſchien, daß er alles Ernſtes ſein Gewehr von der Schulter nahm und einen der Hahnen knacken ließ. Jetzt aber lehnte ſich der junge Muſiker, ſo⸗ weit er konnte, aus dem Fenſter und rief dem Alten ſehr ruhig zu:„Wenn Ihre ſehr verſtändlichen Pantomimen in der That mir gelten ſollen, ſo warten Sie einen Augen⸗ blick, bis ich mir auch Schießbedarf herbeigeholt, und dann wollen wir in Gottes Namen ſehen, wer am beſten treffen kann.—— Was fällt Ihnen übrigens ein!“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher ihn der Alte ſtarr an⸗ geſchaut,—„geht es Sie im Geringſten etwas an, oder kann es Sie geniren, wenn ich, der ich doch wohl das Recht habe, zu meinem Fenſter hinauszuſchauen, von dieſem Rechte Gebrauch mache?— Und was das Spioniren an⸗ belangt, ſo könnte man Ihr Umherſchleichen, wobei —᷑—᷑—O—:—’—’—’’˖—ʒ—ↄ—ↄ——— — 243— Sie bis an die Zähne bewaffnet ſind, viel eher ſo nennen und hätten wir alles Recht, uns darüber zu beklagen, daß man vor unſerer Naſe in einer friedlichen Stadt mit gela⸗ denem Gewehr herumzieht.— Ich werde mich übrigens ge⸗ hörigen Orts nach Ihrem Rechte, dies zu thun, erkundigen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ Das Wort„erkundigen“ ſchien auf den Wächter von Allem dem, was der junge Mann geſprochen, den größten Eindruck gemacht zu haben, denn er ſchulterte ſein Gewehr und brummte in den Bart:„Was erkundigen! Wir laſſen nichts über uns erkundigen. Zum Erkundigen muß man in unſere Nähe kommen, und wir möchten wiſſen, wer dazu Luſt hat.“ „J rhaftig nicht,“ erwiederte launig der junge Mann! die Unterhaltung mit dem Währwolf anfing Spaß zu machen. Schon der nähere Anblick deſſelben war eigenthümlich; als er ſo tückiſch hinaufſchielte, ſah man ſeine Augen kaum unter den langen, dichten, überhängenden Brauen, ſeine Stirn war ſtark gefurcht, und um den trotzigen Mund ſpielte etwas wie Trauer und Schmerz. Er ſchien unſchlüſſig, ob er eine Antwort geben oder die Unterhaltung abbrechen oder aber ob er noch dableiben ſolle; endlich pfiff er jedoch den Hunden, warf ſein Gewehr auf die Schulter und ſagte, indem er noch einen wilden Blick an das Fenſter hinauf warf:„Hoffen wir für uns Beide, daß wir uns nicht einmal näher und noch unange⸗ nehmer begegnen.“ Damit verſchwand er in dem Ge⸗ büſche. Victor blickte ihm kopfſchüttelnd nach und beſchäftigte ſich in ſeinen Gedanken damit, einen möglichen Zuſammen⸗ hang zu finden in dem, was er heute Morgen hier gehört und geſehen, dem verwilderten Garten, dem Lachen der friſchen Kinderſtimme und der faſt komiſchen Wuth dieſes alten — —— 1 — 244— Wächters da unten. Es kam ihm faſt vor wie ein Mär⸗ chen der alten Zeit, das in unſern aufgeklärten Tagen ſpielt. Da fühlte er, daß ihm Jemand leiſe auf die Schulter klopfe, und als er ſich raſch umwandte, ſah er Herrn Kohler vor ſich ſtehen. „Verzeihen Sie,“ ſagte der vortreffliche Makler,„ich habe zweimal angeklopft, aber Sie waren ſo vertieft bei Ihrem Hinausſchauen, daß Sie mich nicht hörten und ich mir ſchon ohne ein freundliches Herein die Erlaubniß neh— men mußte, Ihre Thüre zu öffnen.— Werden Sie mir verzeihen?“ „Ohne alle Frage,“ erwiederte freundlich der Muſiker; „ſeien Sie mir beſtens willkommen! Es iſt nur Schade, daß Sie nicht einige Augenblicke früher kamen, Sie hätten eines der merkwürdigſten Zwiegeſpräche mit anhören können.“ „Ein Zwiegeſpräch von dieſem Fenſter in jenen Garten hinab?“ entgegnete Herr Kohler mit einer Miene ſo voll Verwunderung, daß ihn Victor fragend anſah.„Mit Je⸗ mand, der da unten in dem Parke war?“ „Allerdings mit Jemand, der da unten im Parke war,“ gab Victor ziemlich erſtaunt über das ſeltſame Geſicht des Herrn Kohler zur Antwort. Dieſer neigte ſeinen Kopf hin und her, beugte ſich et⸗ was aus dem Fenſter hinaus und ſagte, nachdem er eine Weile umgeſchaut:„Ich habe immer geglaubt, es weile nie Jemand in dem Parke.“ „Und da haben Sie recht, wenn Sie an Jemand den⸗ ken, über den es ſich der Mühe verlohnt zu ſprechen; ſo einſam, wie Sie indeſſen glauben, iſt der Park auch nicht.“ „Nicht?“ fragte Herr Kohler mit einem außerordentlich erſtaunten Geſichte. — 245— „O nein,“ erwiederte der junge Muſiker, der unwill⸗ kürlich lächeln mußte über die ſeltſame Miene des ehemali⸗ gen Maklers.„Da hat's, wie Sie ſehen, wunderſchöne Bäume mit einer Menge von Singvögeln, da gibt's eine prachtvolle Fontaine, da ſieht man zuweilen helle Damen⸗ kleider.“ „Ah!“ machte der Andere, mehr und mehr erſtaunt. „Gewiß,“ fuhr Victor fort,„da hört man das fröhliche Lachen einer luſtigen Kinderſtimme, da ſieht man manchmal einen Wächter mit zwei gewaltigen Hunden, und dieſer Wächter iſt mit einem Doppelgewehr hewaffnet, womit er Leuten droht⸗ die harmlos unter ihrem Fenſter liegen, um friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Ah, der alte Andreas,“ ſagte Herr Kohler. „Sie ſcheinen ihn zu kennen?“ „Oh, oh, oben hin, nur ein klein wenig,“ verſetzte der Makler mit einer gleichgültig ſein ſollenden Miene, deren Unwahrheit dem jungen Muſiker aber nicht entging.„Kin⸗ derſtimmen hört man im Garten?“ fragte darauf Herr Kohler. „Wenigſtens die Stimme eines Kindes,“ ſagte Victor, worauf er in gewöhnlichem Tone fortfuhr:„aber das iſt Ihnen ſo genau bekannt, wie mir ſelbſt, lieber Kohler; ſpielen Sie gegen mich nicht den Verſchloſſenen; Sie wiſſen, wie ich Sie kenne. Jemand, der ſo den ganzen Tag damit verbringt, unter Beihülfe eines außerordentlichen Scharf⸗ ſinns in alle möglichen Verhältniſſe einzudringen, hat doch Kenntniß von dieſem verwilderten Parke mit ſeinem alten Zauberſchloſſe.“ „Da wird der Scharfſinn nicht viel nützen,“ gab der ehemalige Makler, der ſich geſchmeichelt fühlte und deßhalb erweicht wurde, mit wichtiger Miene zur Antwort.„Da hinein,“— er ſtreckte die Hand gegen Park und Gebäude — 246— aus,—„dringt nur Jemand, der das Zauberwort kennt, durch welches ſich doppelt verriegelte Thüren öffnen.“ „Und Sie kennen ja das Zauberwort— ich weiß es beſtimmt,“ ſprach Victor in zuverſichtlichem Tone. Der Andere ſchien unſchlüſſig, was er zur Antwort ge⸗ ben ſolle; ſtatt aber überhaupt eine Antwort zu geben, ließ er ſich in den Seſſel nieder, der noch an dem Fenſter ſtand, zog ſeine Cigarrendoſe heraus und ſprach in einem wehmüthigen, faſt leidenden Tone:„Sie erlauben doch, Herr Barring, daß ich mir eine anzünde?“ „Verſteht ſich von ſelbſt, wenn Sie nicht lieber vor⸗ ziehen, eine von den meinigen zu nehmen.“ „Sie ſind mir zu ſtark,“ erwiederte Herr Kohler, dann ſetzte er mit einem Seufzer hinzu:„namentlich zu ſtark, um ſie heute Morgen zu rauchen; meine Nerven ſind ohnedies ein wenig aufgeregt.“ Er fuhr bei dieſen Worten mit der Hand über ſeine emporſtehenden borſtigen Haare, als ſpüre er irgend einen Druck auf dem Gehirn. Victor ſpielte gleichgültig eine flüchtige Paſſage auf ſeinem Flügel, dann wandte er raſch den Kopf um, blickte den ehemaligen Makler ſcharf an und ſagte in beſtimmtem Tone:„Sie ſind leidend, man ſieht es Ihnen an; nun, wo fehlt es Ihnen?“ „Mir,“ fragte der Andere mit einer affectirten Ueber⸗ raſchung,„was ſollte mir fehlen? Ich bin nicht leidend, ich bin körperlich ſehr geſund.“ Er hatte das„körperlich“ ſo beſonders betont, daß Victor nothwendig fragen mußte:„Aber geiſtig ſind Sie leidend? Geſtehen Sie es nur, Ihnen iſt Etwas zugeſtoßen, was Ihre Nerven außerordentlich afficirte.“ Statt aller Antwort ließ Herr Kohler den Kopf hängen und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Sie werden mich genugſam kennen,“ ſprach der junge — 247— Muſiker,„um zu wiſſen, daß es nicht meine Art iſt, mich in anderer Leute Geheimniß zu drängen. Andererſeits aber kennen Sie auch meine Freundſchaft für Sie und werden mir zugeben, daß ich Ihnen ſchon manchen nicht gerade ſchlechten Rath ertheilte.“ Der geweſene Makler war haſtig aufgeſtanden, hatte die Hände unter die Rockſchöße gelegt und ſchritt im Zim⸗ mer auf und nieder mit einem finſteren Geſichte, das ge⸗ rade dadurch etwas ſehr Komiſches erhielt. Endlich blieb er mit einem förmlichen Rucke in der Gegend des Flü— gels, vor dem Victor ſaß, ſtehen, verbarg die rechte Hand unter ſeinem Rocke auf der Bruſt und ſprach in feierlichem Tone:„Ja, Victor, mir iſt etwas Abſonderliches heute Morgen geſchehen. Sie kennen meine Art, über das Frauen⸗ zimmer im Allgemeinen zu denken, Sie wiſſen, wie ich allen Feſſeln entging, die mir im Verlauf ſo vieler Jahre häufig drohten, ich habe Ihnen oft geſagt,“ fuhr er ele⸗ giſch fort,„wie ich der Liebe ſpottete, wie ſie fern von mir blieb— endlich—“ „Ah! mein lieber Herr Kohler, ſo— endlich hat doch Ihre Stunde geſchlagen, und da Sie das mit einem ſo betrübten Geſichte ſagen, ſo muß ich faſt annehmen, Ihre Neigung ſei auf arge Hinderniſſe geſtoßen.“ „Das iſt es nicht, was mich betrübt,“ meinte Herr Kohler, nachdem er ſeine Cigarre auf's Neue angezündet, „wohl aber, daß mich, einen alten Praktikus, das ſo plötz⸗ lich überfallen konnte. O ich ſage Ihnen, Victor, ſie ſehen, ſie ſprechen und die Leidenſchaft ſich bei mir feſtſetzen war eins.“ „Das ſind die gefährlichſten Symptome. Und ſolches geſchah ſchon heute Morgen?“ „Schon heute Morgen, allerdings,“ ſagte Herr Kohler mit einem tiefen Seufzer,„auf der Eiſenbahn— nach ſechs — — * — 248— Uhr beim erſten Schnellzug nach D.— O dieſe Eiſenbahn!“ fuhr er zum Himmel aufblickend fort;„ich wußte wohl, daß mir da einmal etwas zuſtoßen würde, es hat ſo was Ner⸗ venaufregendes, ſo was Verwirrendes, das ganze Getreibe da; wie anders, wenn ich an die ſtillen Freuden meines harmloſen Poſthofs denke. Doch genug davon; ich kann Sie verſichern, Victor, es war gerade wie in der famoſen Oper. Wie heißt ſie doch? Ah! das Nachtlager von Granada.— Ta— a— dum— ta— a— dum— ta— a— da— a di— dum,“ ſang Herr Kohler,„ihr Blick mir zugewendet—“ „War Blitz und Schlag zugleich,“ fiel der junge Mu⸗ ſiker ein, indem er auf dem Flügel dazu accompagnirte. „Ja wohl,“ ſeufzte der Andere,„war Blitz und Schlag zugleich.“ „Und darf man fragen,“ nahm Victor das Wort, nach⸗ dem er eine Zeitlang auf ſeinem Inſtrument phantaſirt hatte,„wer die Erkorene iſt? ob Hoffnungen da ſind, oder was Sie anzufangen gedenken?“ „Darüber habe ich mir noch ſelbſt keine Gedanken ge⸗ macht,“ entgegnete der ehemalige Makler;„doch, lieber Barring, will ich Ihnen nicht verſchweigen, daß es mich mächtig gepackt hat; ob die Zeit Roſen oder Dornen bringt, wer kann das wiſſen! Vorderhand fühle ich mich ihr auf's Innigſte nachgezogen und vermag nur dann froh zu athmen, wenn ich mich ſo ſehr, als es thunlich iſt, in ihrer Nähe aufhalten kann.“ „Und hier—“ fragte Victor, indem er verwundert umherſchaute,„hier ſind Sie in Ihrer Nähe?“ Herr Kohler trat auf den jungen Mann zu, legte die Hand auf ſeinen Arm und ſagte, indem er ihm feſt in das Geſicht blickte:„Vertrauen denn um Vertrauen— Offen⸗ heit gegen einen guten Rath, den Sie mir für ſpäter nicht — 249— vorenthalten werden. Victor, Sie ſind ein Mann von Welt, ich glaube mich in Ihnen nicht zu täuſchen.—— Ja— ſie, die ich meine, o Gott noch nicht die Meine!— wird in kurzer Zeit hier in unſerer Nähe ſein, wenn auch nur für wenige Augenblicke— dort,“ ſprach er, indem er ſeinen Freund an das Fenſter zog, mit der Hand auf das Haus zeigte, das über den Bäumen hervorragte—„dort in jenem alten Gebäude.“ „Spaſſen Sie, Kohler?“ rief Victor überraſcht.„Alſo hatte ich doch Recht, wenn ich vorhin ſagte, ich ſei ver⸗ ſichert, daß Sie Kenntniß hätten von dem verwilderten Parke da unten mit ſeinem Zauberſchloſſe! Reden Sie die Wahrheit,“ fuhr er dringender fort,„es intereſſirt mich, darüber etwas zu erfahren.“ Einen Augenblick ſchwieg der Andere, dann ſprach er mit affectirt tiefer Stimme, wobei er über die Brillengläſer hinweg in die Augen ſeines jungen Freundes blickte:„Es iſt ein Geheimniß, Victor.“ „A— a— a—h,“ erwiederte der Muſiker mit kaltem Tone und während er, ſeinen Mann kennend, eine ſehr förm⸗ liche Verbeugung machte,„ein Geheimniß, ein Geheimniß! Natürlicher Weiſe wäre es höchſt indiscret von mir, die Mittheilung eines ſolchen zu verlangen.“ „Gewiß nicht, Herr Barring, wenn es das meinige wäre—“ „Laſſen wir es gut ſein,“ gab Victor zur Antwort, in⸗ dem er mit der gleichgültigſten Miene einige Töne auf ſei⸗ nem Flügel anſtimmte.„Was geht es mich eigentlich an, ob end wer oder was hinter jenen alten Mauern ſteckt!“ „O ja, es ſteckt Manches dahinter,“ ſagte Herr Kohler, der unglücklich geweſen wäre, wenn er in dieſem Augen⸗ blicke wirklich hätte ſchweigen müſſen;„da ich Sie aber als einen verſtändigen jungen Mann kenne,“ fügte er mit zu⸗ — — — —— — 250— traulichem Tone bei,„und da Sie doch zur Familie ge⸗ hören—¹ „Zu welcher Familie?“ fragte der Muſiker, indem er ſich Mühe gab, ſein Erſtaunen zu verbergen. „Nun, zur Familie des Herrn Commerzienraths.“ „Was hat mein Onkel mit jenem Hauſe zu thun?“ „Das iſt gerade das Geheimnißvolle, ich handle in ſei⸗ nem Namen und Auftrag.“ „Wo?“ „Dort!“ „Ah!“ machte Victor;„alſo wiſſen Sie auch, wer das alte Haus bewohnt?“ Herr Kohler legte den Finger auf den Mund, wobei er vorſichtig nach allen Ecken des Zimmers ſchaute.„Das iſt gerade das Geheimniß,“ ſagte er,„wer dort wohnt, das heißt, wer ſich dort zuweilen aufhält.“ „Nun denn?“ „Der Baron von Molitor,“ erwiederte Herr Kohler mit flüſternder Stimme. Victor fuhr zurück, als habe er etwas Entſetzliches ge⸗ hört, doch faßte er ſich gleich darauf wieder, preßte die Lippen auf einander und ſagte nach einer längeren Pauſe: „Ah, richtig, ihm gehört ja Haus und Garten.“ „Allerdings, ihm gehört Haus und Garten, dem Frei⸗ herrn von Molitor,— Sie wiſſen, dem Gemahl jener wunderſchönen Dame.“ „Ja, ich weiß, ich weiß,“ gab Victor aus einem tiefen Nachdenken heraus zur Antwort. Er war überraſcht, erſchüt⸗ tert durch dieſe Nachricht; tauſend Bilder drängten ſich ihm gewaltſam auf und drohten ſeinen ruhigen Sinn zu über⸗ fluten. Wie ein düſterer Schatten zog die vergangene Nacht an ihm vorüber, wobei ihm Camilla wie ein leuchtender Blitz erſchien, und er gedachte ſchauernd des Verſprechens, welches — 251— er ihr gegeben. Dabei blickte er hinab auf die Bäume des Parks, deren Zweige unter einem leichten Winde hin und her ſchwankten, ihre Häupter gegen ihn zu ſchütteln ſchie⸗ nen, und es ertönte in ſeinem Ohre wiederholt jenes Lachen der luſtigen Kinderſtimme, jener jubelnde Ruf, der ſich aber mit einem Male in einen Schrei der Furcht, in einen Ruf nach Hülfe zu verwandeln ſchien. Dann erblickte er in ſeinen Träumereien wieder den alten Wächter, mit ſeinen Hunden aus dem Gebüſche tretend, er glaubte zu ſehen, wie Jener das Gewehr nun wirklich auf ihn anlegte, er hörte die Schüſſe knallen, er fühlte ſich von der Kugel ge⸗ troffen und ſagte, während er ſeine Rechte langſam über Stirn und Augen herabgleiten ließ:„Er hätte Recht, er wäre mir zuvorgekommen.“ Mit einem tiefen Athemzuge fuhr er empor und ſchaute, wie um ſein Hinbrüten zu ent⸗ ſchuldigen, mit einem etwas erkünſtelten Lächeln auf Herrn Kohler, der zu ihm ſprach: „Was der Herr Baron für eine Abſicht hat, ſeine kur⸗ zen Aufenthalte hier ſo gar geheim zu halten, davon hab' ich keine Idee, aber Factum iſt, daß ich behaupten möchte, außer den Leuten in ſeinem Hauſe wußten bis vor dieſem Augenblicke nur zwei Menſchen um ſeine Anweſenheit— jetzt wiſſen es drei,“ ſetzte er in einem ſehr wichtigen Tone hinzu,„Sie— Herr Duvallet, ſowie meine Wenigkeit.“ „Und die Baronin?“ fragte Victor, wie mit ſich ſelbſt redend. „Hat keine Idee davon,“ entgegnete der Andere;„ſie am allerwenigſten. Glauben Sie mir, beſter Herr Barring, ich ſchätze die Baronin, ich verehre ſie gründlichſt, ich möchte ihr gerne ſtets Angenehmes erweiſen; nicht das Angenehmſte aber für ſie wäre, wenn man ſie davon in Kenntniß ſetzte, daß der Herr Gemahl ſchon mehrere Tage hinterein⸗ ander hier geweſen und mit ihm—“ hier ſtockte Herr Kohler. — — — ÿ —x—— —— — 8 6 ——— 8 8 — 252— „Nun und mit ihm?“ Der ehemalige Makler deutete mit dem Kopfe nach dem Parke hin, dann ſtreckte er die Hand aus, ungefähr drei Fuß über dem Boden, als wolle er ſo pantomimiſch die Größe eines kleinen Weſens anzeigen. „Ah,“ meinte der junge Muſiker,„die friſche Kinder⸗ ſtimme, die ich gehört!“ „Aber bei Gott, Victor, ich habe nichts geſagt, vergeſ⸗ ſen Sie das ja nicht und überhaupt ſeien Sie um des Himmels willen nicht leichtſinnig; laſſen Sie die Baronin nicht ahnen, daß er ſich zuweilen hier befindet, daß die Kleine auch da iſt. Sie kennen noch beſſer als ich dieſe entſchloſſene Frau, ſie wäre im Stande, einen vergeblichen Verſuch zu machen— nun, Sie wiſſen ſchon was, und das könnte das allergrößte Unglück geben.— Nicht wahr, Sie verſprechen mir auf Ihr Wort, gegen die Baronin von dieſer Angelegenheit zu ſchweigen, überhaupt gegen Jedermann. Darauf müſſen Sie mir feierlich Ihr Ehrenwort geben.“ „Und wenn ich das nicht thäte und wenn ich es nicht thun könnte? wenn ich von dieſer Nachricht Gebrauch machen müßte?“ „So verſprechen Sie mir wenigſtens, dies nur im allerdringendſten Nothfalle zu thun und weder Ihren Onkel noch mich zu nennen.“ „Nun gut, das Verſprechen kann und will ich Ihnen geben, nur im höchſten Nothfalle davon zu reden und unter keiner Bedingung die Quelle erfahren zu laſſen, aus der ich dieſe Nachricht habe.— Sind Sie damit zufrieden? Nur müſſen Sie mir dafür ein Paar Fragen beantworten.“ „Zugeſtanden; wenn ich kann mit Vergnügen.“ „O Sie können, lieber Kohler! Nicht wahr, Sie waren ſchon in dem Hauſe drüben, zu einer Zeit, wo der Baron da war?“ ——— — 253— Herr Kohler zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann aber ſagte er:„Ja— freilich, ich war ſchon dort.“ „Und Sie ſprachen den Freiherrn?“ „Ich ſprach ihn, aber nur im Auftrag Ihres Onkels.“ „Welche Art von Geſchäften hat denn mein Onkel mit ihm?“ „Mancherlei, eigentlich nichts Beſonderes, er nimmt Gelder für ihn in Empfang, macht Zahlungen für ihn und beſorgt ihm auch ſonſt kleine Geſchäfte.“ „Und wenn Sie für Herrn Duvallet dort drüben einen Beſuch machen, ſo braucht es wohl Formalitäten,— oder haben Sie einfach nur nöthig, ſich melden zu laſſen?“ „Und welcher Formalitäten bedarf es!“ gab lachend der ehemalige Makler zur Antwort.„Ich kann Sie ver⸗ ſichern, eine belagerte Feſtung macht nicht mehr Umſtände, einen Parlamentär einzulaſſen. Zuerſt muß mich der Herr Commerzienrath ſchriftlich anmelden, daß ich in ſeinem Auf⸗ trag komme, dann wird mir eine Zeit beſtimmt, wo ich da und da, immer weit genug vom Hauſe entfernt, mich ein⸗ finden ſoll. Dort treffe ich einen der alten brummigen Be⸗ dienten des Freiherrn, der beſchaut mich, und wenn er ſieht, daß ich unzweifelhaft der Kohler bin,— denn ſie kennen mich,“ fügte er mit Wichtigkeit hinzu,—„ſo ge⸗ hen wir mit einander nach dem Hauſe da, und nur in der Begleitung des bekannten Bedienten werde ich einge⸗ laſſen.“ „Und kommt es oft vor, daß Sie Geſchäfte mit dem Baron haben?“ „Faſt jedes Mal, ſo oft er in der Stadt iſt; Sie kön⸗ nen ſich denken, lieber Victor, daß der Commerzienrath keine Luſt und keine Zeit hat, ſich zu ſolchen förmlichen Audienzen herbeizulaſſen. Man kennt mich ſeit geraumer Zeit,“— bei dieſen Worten warf er ſich in die Bruſt,— — 254— „man iſt mit meiner Umſicht und mit meiner Art, delikate Geſchäfte zu traktiren, vollkommen zufrieden.“ „Aber ſchlägt Ihnen nicht das Herz, Kohler,“ ſagte der junge Muſiker lächelnd,„wenn nun die ſchöne Baronin ſo freundlich und liebenswürdig mit Ihnen ſpricht, wie neulich am Bahnhof,— Sie erzählten mir davon!— und wenn Sie Ungeheuer bei ſich ſelbſt jetzt ſagen müſſen, daß Sie im Beſitze eines Geheimniſſes ſind, deſſen Mitwiſſen⸗ ſchaft die arme Frau glücklich machen könnte?“ „Das könnte ſie nicht glücklich machen!“ entgegnete der Makler kopfſchüttelnd;„im Gegentheil, es würde ſie zu einem neuen vergeblichen Verſuche antreiben, der wieder ebenſowenig gelingen könnte.“ „Und zu was für einem Verſuche?“ fragte Victor in anſcheinend gleichgültigem Tone.„Vielleicht zu einem Ver⸗ ſuche, mit ihrem Manne eine Unterredung zu haben? Darin ſehe ich nichts ſo Schlimmes.“ Herr Kohler zog die Augenbrauen zuſammen und pfiff leiſe ein Lied vor ſich hin, wobei er den jungen Mann ſo ſcharf anſchaute, daß dieſer faſt ſeinen Blick niedergeſchlagen hätte. Dann ſagte er:„Mein lieber Freund, es iſt beſſer, wir treiben ein ehrliches Spiel mit einander, Sie ſind mit Frau von Molitor ſehr bekannt, außerordentlich bekannt, auf's Genaueſte liirt, wie ſich die ſogenannte Geſellſchaft ausdrückt— wollen Sie mir nun weiß machen, Sie wiſ⸗ ſen nicht, daß die gnädige Frau nie einen Verſuch machen wird, ihren Herrn Gemahl wieder zu ſehen, dagegen aber ſehr viele Verſuche— ihre Tochter zurück zu erhalten. Wollen Sie mir das vielleicht leugnen?“ Nach dieſen Worten blickte er faſt triumphirend auf den jungen Mu⸗ ſiker, der ihm lachend entgegnete: „Sie haben immer Recht, lieber Kohler, Ihrem Scharf⸗ ſinn entgeht nichts; nun denn, um alſo offen mit einander zu ſprechen, ſollte es denn der Baronin nicht möglich ſein, ihren Zweck zu erreichen?“ „Schwerlich— ja ich möchte ſagen, es iſt unmöglich.“ „Nicht wahr, Sie ſprachen von Verſuchen, die gemacht worden ſind? Wer unternahm denn dieſe Verſuche?“ „Waͤhrſcheinlich irgend ein enthuſiaſtiſcher Verehrer der ſchönen Frau, um ihr gefällig oder dankbar zu ſein.“ Victor biß ſich auf die Lippen. „Faſt vor Kurzem,“ fuhr der Andere fort,„wurde wieder ein ähnlicher vergeblicher Verſuch gemacht, die kleine Baroneſſe zu entführen. Der Plan war nicht ſchlecht an⸗ gelegt, man hatte die Gouvernante des Kindes in's Ver⸗ ſtändniß gezogen, es ſoll ſich ein hoher Herr dabei intereſ⸗ ſirt haben; ſoviel wir indeſſen wiſſen, erwarb er ſich einen Streifſchuß in den Arm und die Gouvernante erhielt ihren Abſchied.“ „Und wo ging das vor ſich?“ „Auf Klippenberg, dem Schloſſe des Freiherrn.— Ja,“ ſetzte Herr Kohler mit einem leichten Seufzer hinzu, „die Gouvernante erhielt ihren Abſchied und jetzt wird eine neue angenommen werden.“ „Ah!“ machte Victor, indem er tief aufathmete;„und dieſe neue Gouvernante,“ ſagte er faſt zögernd,„haben Sie vielleicht dem Freiherrn zu präſentiren?“ „So iſt es,“ entgegnete der ehemalige Makler, doch machte er dabei ein ſeltſam wehmüthiges Geſicht, ſpitzte auf komiſche Art den Mund, ſchloß ſeine Augen und öffnete ſie wieder, ſo daß der Andere nothwendig aufmerkſam werden mußte. „Dieſe Gouvernante,“ ſagte Herr Kohler mit einem abermaligen Seufzer—„die Gouvernante nämlich, die wir präſentiren werden,— iſt eben diejenige— warum ſoll ich es nach Allem dem, was wir ſchon zuſammen geſpro⸗ —— — ———. — — 256— chen, verſchweigen?— iſt diejenige, welche mein Herz geraubt.“ „Alle Teufel!“ rief Victor,„das trifft ſich außerordent⸗ lich ſchön.“ „Vorderhand ſehe ich nichts außerordentlich Schönes darin,“ antwortete der Makler in ſehr traurigem Tone, „ich fand ſie, um ſie gleich wieder zu verlieren, denn was einmal auf Klippenberg ſitzt, das iſt für die übrige Welt ſo gut wie verloren.— Von der Erzieherin,“ deklamirte er,„wird eine Zurückgezogenheit verlangt, wie ſie nur bei dem klöſterlichen Leben zu finden iſt.“ Der junge Muſiker hatte ſeinen Gaſt am Fenſter ſtehen laſſen und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Ja, durch eine ſeltſame Verkettung von Umſtänden ſchien ſich ihm ein Pfad zu zeigen, der ihn bei Erfüllung des Ver⸗ ſprechens, das er der Baronin gegeben, leiten konnte. Wenn die neue Gouvernante, für welche ſich Herr Kohler ſo ange⸗ legentlich intereſſirte, auch von einigem Intereſſe für dieſen würdigen Mann beſeelt war, ſo war es möglich, hier einen Anknüpfungspunkt zu finden, von dem ſich etwas erwar⸗ ten ließ.—„Und die Gouvernante?“ fragte er raſch, in⸗ dem er plötzlich am Fenſter ſtehen blieb,„wann wird ſie dem Freiherrn vorgeſtellt?“ „Heute Morgen noch.“ „Wer ſtellt ſie vor?“ „Ich,“ ſagte Herr Kohler, worauf er leicht mit der Hand über ſein Geſicht fuhr. „Wenn Sie einige Freundſchaft für mich beſitzen,“ fuhr Victor heftig fort,„ſo werden Sie mir einen großen Ge⸗ fallen thun. Veranlaſſen Sie meinen Onkel, daß er mich ſtatt Ihrer zum Freiherrn von Molitor ſchickt, um demſel⸗ ben die neue Erzieherin vorzuſtellen.—— Man könnte dem Baron ja ſagen,“ fuhr er dringender fort, als er das — 257— Kopfſchütteln des Andern bemerkte,„dieſe Erzieherin ſei meine Verwandte, meine Schweſter, was Sie wollen, nur—“* „Wenn ich Sie auf's Beſtimmteſte verſichere,“ unter⸗ brach ihn Herr Kohler,„daß es rein unmöglich iſt, Ihr Verlangen zu erfüllen, ſo könnten Sie am Ende glauben, ich ſei von einer Art von Mißtrauen, von— von Eifrſucht bewegt, aber dies iſt nicht der Fall; die Dame, die ich dem Freiherrn vorzuſtellen die Chre habe, iſt von ſo ruhigem, ſtillem, nachdenklichem Charakter, daß—“ „Ich ihr auf keinen Fall gefährlich werden kann,“ lachte Victor.„Ich danke Ihnen für das Compliment, aber wenn es nicht angeht, daß ich ſie dem Baron vorſtellen darf, ſo könnten Sie wir wenigſtens dazu behülf⸗ lich ſein, dieſe Dame, ehe ſie nach Klippenberg in die klö⸗ ſterliche Einſamkeit geht, meinetwegen in Ihrem Beiſein zu ſprechen.“ „Sehen Sie, lieber Victor, ich bin wirklich ganz un⸗ glücklich, Ihnen ſagen zu müſſen, daß auch das nicht an⸗ gehen wird. Dieſe Dame iſt kürzlich von einem ſchmerz⸗ lichen Ereigniß betroffen worden, ein herber Verluſt hat ihr Herz erſchüttert; ſie flieht die Menſchen, ſie hat ſich kaum herbeilaſſen wollen, mit mir zu gehen— was doch unum⸗ gänglich nothwendig war,“ ſetzte er im Geſchäftstone hinzu —„denn Sie müſſen wiſſen,“ fuhr er dann wieder ziem⸗ lich wehmüthig fort,„ſie iſt Wittwe; vor der Hand flieht ſie, wie geſagt, die Menſchen.“ Der junge Muſiker ſchüttelte unmuthig mit dem Kopfe, dann ſagte er:„Ich ſehe ſchon, mit Ihnen iſt heute nichts anzufangen, lieber Kohler; dieſe erſte Liebe, welche Ihr Herz bewegt, macht Sie unempfindlich für alle gerechten Forde⸗ rungen der Freundſchaft. Nun gut, ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen, aber verſprechen Sie mir, wenn Hackländer, Tag und Nacht. 17 “ — 258— Sie mit Ihrer Wittwe in Relationen bleiben, woran ich nicht zweifle, dieſelbe für Etwas, um was ich ſie vielleicht ſpäter einmal zu bitten hätte, günſtig zu ſtimmen.“ „Victor, Victor,“ verſetzte der ehemalige Makler in ernſtem Tone, wobei er den Zeigefinger der rechten Hand bedeutungsvoll in die Höhe hob,„Sie ſind ein leichtſinni⸗ ger junger Menſch! Wenn die arme Alice, die Ihnen im Grunde ihres Herzens ſo wohl will, es wüßte, in welche gefährliche Unternehmung Sie Luſt haben ſich zu ſtürzen.— Oh, läugnen Sie mir nicht,“ fuhr er in komiſchem Pathos fort, indem er nun beide Hände mit ausgeſpreizten Fingern empor hob,„läugnen Sie mir nicht, daß Sie bis über die Ohren im Netze der gefährlichen Frau ſtehen. Das iſt eine zweite Maria Stuart,— wahrhaftig ich thu' mir auf dieſe Idee etwas zu gute; wie ſagt doch der alte Kerl da— nun wie heißt er?“ ſetzte er hinzu, indem er mit den Fingern ſchnalzte. „Ich weiß wohl, was Sie meinen, lieber Kohler,“ er⸗ wiederte der Andere,„aber das ſagt kein alter Kerl, es iſt die ſchöne ſchottiſche Königin ſelbſt, die ſich herabläßt, den Mortimer zu warnen.“ „Meinetwegen,“ gab der ehemalige Makler zur Ant⸗ wort,„aber was ſie ſagt, paßt ganz vortrefflich hieher, ich habe es zufällig geſtern im Theater noch gehört.“ Dann deklamirte er: Mir fliegt ein böſes Ahnden durch das Herz. Was unternehmt ihr? Wißt ihr's? Schrecken euch Nicht Babington's, nicht Tichburn's blutige Häupter, Auf Londons Brücke warnend aufgeſteckt? Nicht wahr, ich weiß meinen Schiller auswendig?“ ſchloß er triumphirend. „Vortrefflich, lieber Freund, aber ich kann Ihnen nur 9 darauf zur Antwort geben wie Mortimer, daß mich nicht Babington's, nicht Tichburn's blutige Häupter, auf Londons Brücke warnend aufgeſteckt, ſchrecken werden, ſelbſt nicht ein Streifſchuß in den Arm.— Aber Scherz bei Seite, die Freundſchaft werden Sie für mich übrig haben, um mir be⸗ hülflich zu ſein, gelegentlich eine Mittheilung an Ihre ſchöne Wittwe gelangen zu laſſen.“ Herr Kohler war nachdenklich geworden.„Daß ſie nach Klippenberg kommt,“ fprach er zu ſich ſelber,„iſt vorder⸗ hand wichtig, denn nur auf dieſe Art kann ich ſie im Auge behalten. Daß ſie aber ewig dort bleibt, iſt unnöthig, denn ſo lange ſie dort ihr klöſterliches Leben führt, iſt ſie für die ganze Welt, alſo auch für mich verloren. Helfen wir die⸗ ſem jungen Menſchen bis zu einer gewiſſen Grenze bei Ausführung ſeiner verrückten Ideen, ſo wird ſie unbedingt ihre Stelle verlieren, und dann wäre Kohler da, und Kohler würde ſprechen: warum dieſem alten närriſchen Baron die⸗ nen, warum ein klöſterliches Leben führen, da ein anderer Sie liebender Diéner zu Ihren Füßen liegt, der vor Be⸗ gierde brennt, Sie zu bedienen, Ihr Sclave zu ſein und das Leben Ihnen ſo angenehm wie möglich zu machen!— Bei dem Allem würden wir uns dem jungen Menſchen da auf's Höchſte verpflichten.“ „Sie überlegen recht lange,“ ſagte Victor,„es muß Ihnen ſchwer werden einen Entſchluß zu faſſen.“ „Schwer wohl, aber Sie ſollen doch ſehen, wie uneigen⸗ nützige Freundſchaft zu handeln vermag.“ „So kann ich auf Sie rechnen?“ „Wenn Sie einmal auf einem ſo gefahrvollen Unter⸗ nehmen beharren— ja— ich will für Sie thun, was in meinen Kräften ſteht.“ „Und die ſchöne Wittwe?“ „Hoffentlich auch,“ ſprach Herr Kohler mit einem leich⸗ — — 260— ten Seufzer, wobei er ſchwärmeriſch über die blaue Brille hinweg an die Zimmerdecke blickte. „Mit ſolch' einer Hülfe,“ ſagte Victor nach einer Pauſe, „muß das Schwerſte gelingen.“ Der Andere ſchüttelte mit dem Kopfe. „Jedenfalls,“ fuhr der junge Mann fort,„haben Sie mich durch Ihr Verſprechen vielleicht von einer Tollkühn⸗ heit abgehalten. Was meinen Sie, wenn ich mich an dem Fenſter hinabgelaſſen hätte und ſo den Verſuch gemacht, die Kleine, die ich im Garten lachen gehört, zu entführen?“ „Das wäre am Ende für Sie nicht einmal mit einer Gefahr verknüpft geweſen, Sie hätten ſich vielleicht nur lächerlich gemacht.“ „Teufel auch! noch ſchlimmer.“ „Sie wären dem alten Andreas in die Klauen gefal⸗ len, oder wahrſcheinlich vorher noch den beiden Hunden, die Sie jedenfalls tüchtig zerzaust hätten. Dann wären Sie vor den Herrn geſchleppt worden, und der hätte Sie als Friedensſtörer und wegen unbefugten Eindringens in ſein Eigenthum auf die Polizei bringen laſſen.“ „Dafür danke ich; einen Streifſchuß hätte ich mir noch eher gefallen laſſen.“ „Um damit vor Ihrer Dame zu erſcheinen und einen ſüßen Lohn dafür verlangen zu können.“ „Was den Lohn anbelangt,“ meinte Victor,— doch ſchwieg er plötzlich, ohne den Satz zu vollenden, und ver⸗ ſank dafür in tiefes Nachſinnen, woraus er erſt nach einem minutenlangen Stillſchweigen zu erwachen ſchien und dann wie zu ſich ſelber ſprach:„Man ſollte ſich nie für etwas zum Voraus belohnen laſſen; ein ehrlicher Mann iſt da⸗ durch verflucht gebunden.“ Der ehemalige Makler hatte ſeine Uhr hervorgezogen, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, ſagte er im Tone der Ueberraſchung:„Faſt Neune. Da habe ich ge— plaudert und geplaudert und das, was mich eigentlich hie⸗ her geführt, darüber zugleich vergeſſen. Ich hätte eine Bitte an Sie. Herr Weller,— Sie kennen ihn ja, den ſchon etwas ältlichen, freundlichen Herrn und glücklichen Bräuti⸗ gam,— will Sie dieſen Morgen beſuchen und müßte der Zeit nach ſchon da ſein. Er hat ein kleines Anliegen und möchte gerne Ihren Rath darüber hören, da er großes Ver⸗ trauen in Sie ſetzt.“ „Meinetwegen,“ gab Victor einigermaßen ungeduldig zur Antwort.„Was will er eigentlich?“ „Das ſoll er Ihnen ſelbſt ſagen,“ erwiederte lachend der Andere,„aber,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich raſch umwandte und an der Thüre horchte, es iſt gerade wie im Sprüchwort, wenn man den Wolf nennt, ſo kommt er gerennt. An dem Scharren vor der Thüre und— dieſem beſcheidenen Klopfen erkenn' ich unſern Mann. Ich laſſe Sie allein, lieber Victor, aber was ich Ihnen an⸗ vertraut,“— dies ſprach er in einem feierlichen Tone— „bleibt unter uns.“ „Gewiß, beſter Kohler, und ebenſo das Andere, wozu ich Ihrer Hülfe und der der ſchönen Wittwe bedarf.“ Der ehemalige Makler nickte mit dem Kopfe, dann nahm er raſch ſeinen Hut, eilte an die Thüre, und indem er ſie weit öffnete, ſagte er zu Jemand, der davor ſtand:„Nur herein, Herr Weller, Sie ſind beſtens annoncirt und dürfen ohne Rückhalt mit unſerem gemeinſchaftlichen Freund reden.“ aber ſehr freundlich und behäbig ausſehender, ziem⸗ lich wohlbeleibter Mann, der nun in das Zimmer trat, nachdem er vorher den Herrn Kohler vorbeige⸗ laſſen und ihm freundlich dankend mit dem Kopfe zu⸗ genickt. Herr Weller war mehr als ſorgfältig, er war faſt elegant gekleidet, das heißt ſeine Kleidungsſtücke waren nach neueſtem Schnitte gemacht, und erreichten eben dadurch bei der etwas ———O⏑:9An— --—:;—— — 263— pulenten Geſtalt ihres Trägers nicht vollkommen ihren Zweck; ſo hätte jeder Unbefangene für die nicht ganz geraden und ſehr ſtämmigen Beine eine weniger enge Hoſe gewünſcht, auch hätte der Rock füglich weiter ſein können, um eine zu auffallend gelbe Weſte mehr zu verdecken. Alles das aber, wie auch die ſehr ſchmale Halsbinde und die perlgrauen Handſchuhe, in denen er einen Pa⸗ namahut mit breitem Rande und eine zierliche, ſehr ver⸗ dächtig neu ausſehende Reitpeitſche trug, wurde neutraliſirt, wir meinen, das Komiſche wurde ihm faſt benommen durch das freundlich lächelnde Geſicht des Herrn Weller, von welchem ein wahrer Ueberfluß von Gutmüthigkeit dem Be⸗ ſchauenden entgegen glänzte. Man konnte in der That nichts Harmloſeres und Gewinnenderes ſehen, als den Blick dieſer kleinen freundlichen Augen, als den liebenswürdigen Zug um den Mund, als den heitern Glanz von dieſer etwas ſehr verlängerten Stirne. Wenn Herr Weller lächelte, ſo ſtrahlte ſein ganzes Geſicht; wenn er ſprach, ſo mußte man ihn liebgewinnen, wenn er in glückſeliger Aufregung, Andern nützlich zu ſein und ihnen dienen zu können, in eiligem Laufen ſchwitzte, ſo ſahen dieſe Schweißtropfen aus wie lauter Perlen von Behagen und Gutmüthigkeit. Herr Weller näherte ſich ſchüchtern und ſanft lächelnd dem Bewohner des Zimmers. Es war das ein Lächeln, das ausſah, als wolle er für irgend eine That ſich Ver⸗ zeihung erbitten. Hier hätte es aber wegen der Abſicht ſein können, einen Beſuch zu machen, oder wegen der Thatſache, daß Herr Weller überhaupt in der Welt ſei. Denn etwas nur halbwegs annähernd Unangenehmes hatte der gute dicke Herr weder Victor noch ſonſt irgend Jemand auf der weiten Erde überhaupt je zugefügt. Deßhalb reichte ihm auch der junge Muſiker wohlwol⸗ lend ſeine Hand, und als er ihn betrachtet, konnte er ſich — 264— eines ſehr heiteren Lächelns nicht erwehren beim Anblick des ſo gänzlich veränderten Aeußern des guten Spezerei⸗ händlers. Trug derſelbe doch ſogar ſorgfältig gemachte Zeugſtiefeletten, und hatte er nicht am oberen Ende ſeines Panamahutes jene gewiſſe Falte angebracht, die dieſer Art von Kopfbekleidung ein ſo elegantes, man könnte faſt ſagen verwegenes Ausſehen gibt. Vor Allem aber erregte das, was Herr Weller in der Hand trug, die ganz beſondere Aufmerkſamkeit des jungen Muſikers. Herr Weller war mit einem faſt leichtſinnigen Satze über ſämmtliche Stadien der Spazierſtöcke hinweggehüpft und bei der Reitpeitſche angekommen,— ein Inſtrument, das er ſeinem unſchuldi⸗ gen Geſichtsausdruck nach gewiß, ohne die tiefen und ge⸗ fährlichen Bedeutungen deſſelben zu kennen, arglos zwiſchen ſeinen Fingern drehte, wie das unſchuldige Kind ein ſchar⸗ fes Meſſer. Victor Barring bot ſeinem Gaſte einen Stuhl an, auf welchen ſich dieſer etwas mühſam niederließ; ſowie er aber zum Sitzen kam, ſchnellte er ſeine Beine in den unſinnig engen Hoſen mit einer außerordentlichen Behendigkeit von ſich. Er ſchien ihnen durchaus keine Zeit zum Aufplatzen laſſen zu wollen. Dann warf er ſeinen Panamahut leicht und gewandt auf den Boden hin— er hätte ſo etwas Uner⸗ hörtes in früherer Zeit nicht um alle Welt gethan— legte die Reitpeitſche auf den Clavierſtuhl, rieb ſich die Hände und blickte alsdann mit einem Geſichtsausdruck zum Andern empor, als wollte er ſagen:„ich merke wohl, daß Du ge⸗ rade ſo erſtaunt biſt, mich ſo zu ſehen, wie ich ſelbſt es bin, wenn ich mich betrachte oder befühle.“ Doch ließ er gleich darauf ſeine Unterlippé etwas herabhängen, neigte auch den Kopf ein klein wenig, und es fuhr ein Schatten über ſeine Züge. „Lieber Herr Weller,“ nahm der Muſiker endlich das Wort,„wenn mich nicht Alles trügt, ſo bin ich berechtigt, Ihnen meinen beſten Glückwunſch darzubringen. Sie kom⸗ men, mich zu Ihrer Hochzeit einzuladen?“ Dieſe Worte vergrößerten den finſteren Schatten auf dem Geſichte des guten, dicken Mannes, und ſeine Augen ſchauten faſt traurig, als er nach einem Blicke auf ſich ſel— ber ſagte:. „Würde ich denn in dieſem Aufzuge vor Ihnen erſchei⸗ nen?— in dieſem Aufzuge, der, an andern Leuten voll⸗ kommen paſſend, bei mir doch nichts iſt als die Livree der Verzweiflung!“— Aller Morgen⸗Sonnenglanz war jetzt von der ſpiegelglatten Stirne des Herrn Weller ver⸗ ſchwunden, alle heiteren Töne, die ſeine Züge umſpielten, veränderten ſich plötzlich in kaltes Grau, wie die Lichter in der Landſchaft, nachdem des Tages Geſtirn verſchwunden. Er, der vorhin noch in den Farben des Regenbogens ſchil⸗ lerte, erſchien jetzt trübe und fahl wie ein todtes Chamäleon. „Ja, mein beſter Herr Barring,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort,„zu Ihnen, den ich als einen treuen Freund kenne, als Jemand, der es gut mit mir meint und der dabei die Welt mit ihren Ränken und Schwänken ge⸗ nugſam kennt, komme ich nun, um nochmals Ihren Rath zu erbitten.“ „Meinen Rath?“ fragte der Künſtler; dann ſetzte er achſelzuckend hinzu:„Natürlich in der gewiſſen Ange⸗ legenheit?“ „Dies Achſelzucken verſtehe ich,“ bemerkte Herr Weller, und muß Ihnen trotzdem zur Antwort geben: ja, in der⸗ ſelben Angelegenheit. Frage ich mich doch oft ſelbſt,“ ſagte er tief aufſeufzend,„warum ich von dieſer— Angelegen⸗ heit nicht laſſen kann. Habe ich mir doch ſchon tauſend⸗ mal geſagt: es gibt ſchönere, angenehmere und liebenswür⸗ digere Perſönlichkeiten als ſie iſt, als Friederike Federbach. — Und doch!— und doch! O ſagen Sie's mir, Herr Barring, worin liegt es, daß dieſe Grauſame, die mich fol⸗ tert und quält, mein Herz gefangen hält, mich ſelbſt zu ihren Füßen gefeſſelt— ein wehrloſer Sclave—— Sie hören,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort,„ich ſpreche ſchon faſt ebenſo unſinnig, wie ich mich im Aeußern darſtelle.— O Friederike, wie kann Dein Name Friedens⸗ reiche bedeuten!— Aber ich bitte Sie, lieber Herr Victor, ich beſchwöre Sie, löſen Sie mir dieſes Räthſel: Was kettet mich an jene Grauſame?“ Der junge Muſiker hatte die Arme verſchränkt, blickte in den benachbarten Garten hinaus, und wenn ſein Ohr auch die Worte des Andern gehört hatte, ſo hatten ſeine Gedanken dieſelben doch auf einen andern Gegenſtand über⸗ tragen. Die Frage aber, die Jener gethan, tönte in ſeiner Bruſt wieder und ließ ihn nachdenken.—„Ja, was iſt es, das uns zu ihr hinzieht, mächtig, unwiderſtehlich, ob⸗ gleich ihre Hand uns gebieteriſch zurückweist, obgleich ihr Auge uns faſt verächtlich hinwegblitzt?— Eben das— eben das iſt es,“ wiederholte er lauter,„was uns anzieht.“ „Ah! die Grauſamkeit ſelber,“ entgegnete Herr Weller, „ja, ich habe es auch gedacht, denn wenn ſie einmal lieb und freundlich mit mir iſt, ſo fühle ich wohl, daß mich die gewiſſe gereizte Spannung verläßt und dafür ein angeneh⸗ mes Wohlbehagen in mein Herz zieht.— Aber Ihren Rath, lieber Herr Barring— geben Sie mir einen guten Rath.“ Victor fuhr aus ſeinen Träumereien auf, ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht und rief beinahe launig, nach⸗ dem er wieder einen Blick auf die Geſtalt des Andern ge⸗ worfen, der mit gefalteten Händen und krampfhaft ausge⸗ ſtreckten Beinen daſaß:„Ja, betrachten wir die Situativn genau, vor Allem aber, lieber Herr Weller, ſcheint es mir, als hätten Sie— auf dieſe Idee bringt mich die Aende⸗ ———— — ˖—ę—ę—᷑—ÿ—·—— rung Ihres Aeußern— ſchon den Rath von irgend Jemand befolgt. Wenn es keine Indiscretion von mir iſt, ſo laſſen Sie mich etwas darüber wiſſen.“ „Warum ſoll ich Ihnen meine Schwächen verbergen!“⸗ erwiederte der dicke Kaufmann nach einem verlegenen Lächeln. „Ja, ich folgte dem Rathe meines zukünftigen Schwa— beſſer ausgedrückt, dem Rathe ihres Bruders.“ „Ah! der junge Eduard hat ſich Ihrer angenommen!“ „Finden Sie das nicht ganz paſſend?“ fragte Herr Weller demüthig. „Ich will das nicht ſagen— aber weiter!“ „Er behauptete, die weiblichen Herzen im Allgemeinen zu kennen. Daß er das ſeiner Schweſter verſtehe, mußte ich am Ende ſchon glauben. Er verſicherte mich, alle mehr oder minder hätten Luſt an etwas Außergewöhnlichem, etwas Excentriſchem, ja ſogar die wild verlebte Jugend ihres Zukünftigen bringe bei ihnen durchaus keine Abnei⸗ gung hervor,— natürlicher Weiſe, wenn ein dergleichen Lebenswandel nicht fortgeſetzt wird.“ „Ah lich verſtehe. Und ſo veranlaßte er Sie, ein verfluchter Kerl zu werden?— Brauchte er nicht dieſen Ausdruck?“ „Er brauchte ihn allerdings,“ entgegnete etwas klein⸗ laut der Kaufmann,„und er meinte auch, ich hätte Anlagen dazu, ein verfluchter Kerl zu werden.“ Als Herr Weller bei dieſen Worten an ſich hinabblickte, konnte ſich Victor eines leichten Lächelns nicht erwehren. „Ich veränderte alſo meine Kleidung; ich begleitete ihn in's Wirthshaus, ich rauchte wie eine Locomotive, ich abon⸗ nirte mich bei den Kunſtreitern—“ „Sie kauften ſich eine Reitpeitſche.“ „Ja, auch zu dieſer Thorheit ließ ich mich verleiten. Und heute Morgen— in dieſem Aufzuge— vor einer Stunde— ſtellte ich mich Mamſell Federbach vor.“ —— — 268— „Ah!“ machte Victor.„Und Sie wurden nicht freund⸗ lich empfangen?“ „Von ihr auch gerade nicht unfreundlich; doch mußte ich von ihrer würdigen Mutter, Madame Scheidel, einige ſcharfe und ich muß geſtehen, nicht ganz ungerechtfertigte Aeußerungen ertragen. Unter uns, Herr Victor, es gab eine kleine Familienſcene, welche damit endigte, daß die Stadträthin, ſonſt eine geſcheidte Frau, einige— unpaſ⸗ ſende Bemerkungen fallen ließ, wie: daß Narrheit anſteckend ſei; das Schlimmſte, was Einem begegnen könne, ſei die Lächerlichkeit, und dergleichen mehr. Sie wandte alle dieſe Reden an ihre Tochter, aber— nun, Sie verſtehen mich ſchon! Man ſchlägt auf den Sack und den Eſel meint man.— Dann ließ ſie uns allein.“ „Darauf bin ich begierig.“ „Ich war es auch, das heißt, ich bebte ein wenig und mein Herz ſchlug ziemlich heftig.— ‚Herr Weller,“ ſagte ſie alsdann— Friederike nämlich— ‚Sie haben Alles gehört, was meine Mutter geſagt hat, und ich kann Sie verſichern, ich ſelbſt fühle tief, wie ſehr ſie in ihren Bemerkungen Recht hat. Aber’— dabei ſchlug ſie ihre Augen gen Himmel, und ſie hat ſchöne Augen, Herr Vic⸗ tor,“ ſetzte er ſeufzend hinzu—„was kann ich dafür, daß ich nicht bin wie Tauſende meiner Mitſchweſtern, daß ich ein Herz habe, das nach Poeſie ſchmachtet und das ſich nimmermehr zufrieden geben kann im unpoetiſchen Kreis⸗ lauf dieſes Lebens.“— So ungefähr ſagte ſie und fuhr dann fort: ‚Ich hatte mir immer gedacht, daß der— Jüng⸗ ling:— hier ſchluckte Herr Weller— ‚der mich einſtens heimzuführen beſtimmt ſei, um mich werben würde mit zar⸗ ter Liebe, mich verdienen durch eine kühne That. Und wenn ich auch ſah’— das Alles ſagte ſie noch, ich habe mir Mühe gegeben, es zu behalten— ‚wie viel nach und nach von dem duftigen Glanze meiner Jugend entſchwand, wie der Blütenkranz meiner Tage nur noch langſam zu⸗ nahm, ja endlich in ſeinem Wachsthum ſtill zu ſtehen drohte, ſo habe ich doch noch die Kraft behalten, um feſt auf dem Wunſche zu beſtehen, daß, wer mich einmal heim⸗ führt, eine That gethan haben ſoll, die ihn emporhebt über das Niveau der gewöhnlichen Menſchen.“— Während dies Herr Weller erzählte, war es außerordentlich komiſch zu hören, wie er, vielleicht ohne es zu wollen, den klagenden, wehmüthigen Ton ſeiner Geliebten angenommen hatte, was um ſo ſchärfer auffiel, da er nun wieder in ſeine ge⸗ wöhnliche Redeweiſe kam, als er ſagte: „Sehen Sie, Herr Victor, ſo ungeheuerlich ſpricht die⸗ ſes extravagante Frauenzimmer. Ich ſoll eine That thun!“ ſetzte er mit einem traurigen Lachen hinzu,„eine That— ich! Als wenn es überhaupt nicht ſchon That genug wäre, ſie zu heirathen!—— Und als wenn ich nicht ſchon für ſie“— er ſchaute mit ſchmerzerfülltem Blick an ſich hinab —„mehr gethan hätte, als ſich mit der Vernunft eines ge⸗ wöhnlichen Menſchen vereinbaren läßt!— Eine That! Was will ſie für eine That?“ rief er faſt zornig aus;„ich verſichere Sie, Herr Victor, ich bin ein harmloſes Geſchöpf, aber—“ Hier ſtreckte er ſeine kleinen Beine faſt horizontal von ſich ab, verſchränkte die Arme in einander und ließ den Kopf tief herabhängen, wobei ſein ſo gutmüthiges, klares, freundliches Geſicht einen faſt unheimlichen Ausdruck da⸗ durch annahm, daß Herr Weller ſeine Unterlippe auf eine erſchreckende Art vorſchob. „Eine That!“ rief er nach einer längeren Pauſe — veine That! Hätte ich ſie vielleicht umbringen müſſen? — Hätte ich ſie—— hüätte ich Feuer unter ihr Dach werfen ſollen? Wäre es eine That geweſen, eine Schachtel Phosphorzündhölzer unter ihren Kaffee zu rühren?— Sie — 270— ſehen, Herr Victor, es fehlt mir an gräßlichen Ideen nicht. O ich kann Sie verſichern, ich verließ jenes Haus mit einer Wuth, wie ſie vielleicht der Berſerker haben kann, wenn er in ſeiner Berſerkerwuth mit einem andern ihm begegnenden Berſerker furchtbar berſerkert.“ Herr Weller befand ſich augenſcheinlich in außerordent⸗ licher Aufregung, da er ſich ſo entſetzlicher Ausdrücke be⸗ diente. Er zog ſeine Beinchen ein paarmal krampfhaft an ſich, und dann, als er einige vergebliche Verſuche zum Aufſtehen gemacht, ſchnellte er plötzlich von ſeinem Stuhle in die Höhe, verbarg die linke Hand unter den Schößen ſei⸗ nes Rocks und eilte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, nachdem er vorher nicht unerheblich über Panama⸗ hut und Reitpeitſche geſtolpert war. „Verzeihen Sie, liebwertheſter Herr Victor,“ ſagte er nur ſo im Vorbeirennen mit hochgeröthetem Antlitz, wobei er mit der rechten Hand heftig geſtikulirte,„Sie ſind Muſiker, ja Künſtler, Sie haben ein fühlendes Herz, Phan⸗ taſie, Empfindung; Sie können ſich in meine Lage hinein⸗ denken. Ja,“ rief er mit erhobener Stimme,„ich liebe jenes Frauenzimmer; aus welchem Grunde ich ſie liebe, das mag der Teufel wiſſen, aber ich liebe ſie; ich habe um ſie angehalten, die Welt weiß das; ich habe eine größere Wohnung bezogen, habe in derſelben vier Zimmer auf ge⸗ meinſchaftliche Koſten mit meinem Hausherrn tapezieren laſſen, habe mir einen Lehrlings⸗Commis zugelegt, damit ich nicht ſchon gleich in früher Morgenſtunde“— ſetzte er faſt verſchämt hinzu—„in's Comptoir abgerufen werde; von meiner bevorſtehenden Vermählung habe ich geſprochen, — ich habe das Alles gethan, die Welt hat es erfahren, ich habe mich lächerlich gemacht, wenn ich nicht heirathe, und nun verlangt man von mir, ich ſoll noch vor der Hochzeit eine That thun. O das iſt unerhört!“ —- 271— Bei dieſen Worten blieb er mit einem förmlichen Rucke vor dem Muſiker ſtehen, legte demſelben die Fingerſpitzen ſeiner rechten Hand ſanft auf die Bruſt und fuhr dann mit einem wehmüthigen Tone fort: „O Herr Victor, es fehlt mir, wie geſagt, nicht an Phantaſie, eine That zu erfinden, und nicht an Muth, ſie auszuführen. Ich dachte ſchon daran,“ ſetzte er flüſternd hinzu, wobei ſeine Augen ſeltſam zu rollen begannen, „meinen Lehrlings⸗Commis, eine dürre, überhaupt ſehr traurig ausſehende Perſönlichkeit mit ſehr wenig Verſtand, ſo an die vier Wochen lang bei Waſſer und Brod in mei⸗ nen Keller einzuſperren, um eine Art Kaſpar Hauſer aus ihm zu machen. Oder es kam mir auch ſchon der nicht minder ſchreckliche Gedanke, meinen Eſſig Nro. 4, den die geringen Leute kaufen, mit Bitterſalz zu vermiſchen. Ken⸗ nen Sie die Wirkung von Bitterſalz, Herr Victor?— Nun gut! Eine ſolche Handlungsweiſe hätte mich auf die Polizei gebracht, vielleicht vor das Schwurgericht, hätte aber viel⸗ leicht zu gleicher Zeit auch die entſetzlichen Launen jenes unbegreiflichen Mädchens“— er ſagte das mit einem ſchwärmeriſchen Seufzer—„befriedigt. Und eine ſolche Befriedigung iſt es, wornach ich lechze.“ Bei dieſer heftigen Rede des Herrn Weller hatte ſich Victor an ſeinen Flügel niedergelaſſen, und nachdem er, wenn gleich pianiſſimo, die Bäſſe ſeines Inſtrumentes wie grollend hatte ertönen laſſen, fuhr er in leichten, zierlichen Paſſagen über das Inſtrument dahin, wobei er zuerſt in einzelnen verklingenden Tönen, dann aber in faßlicher Folge eine weiche, verſöhnende Melodie anklingen ließ, die, wie er es ſich auch wohl gedacht, ihre Wirkung auf das gute Gemüth ſeines unglücklichen Bekannten nicht verfehlte. Ein tiefer Seufzer rang ſich aus deſſen Bruſt empor; er faltete die Hände auf ſeinem Bäuchlein zuſammen, ſeine Augen ——ͤ—J— 8 6 — 272— vergruben ſich in die Blätterpracht des nachbarlichen Gar⸗ tens, flimmerten dabei ganz eigenthümlich, und er ſagte mit weicher Stimme, während der Andere fort und fort ſpielte: „Als ich ſo über die Straßen dahin flog, Groll und Haß im Herzen, begegnete mir Kohler, unſer Freund Koh⸗ ler, auf dem Wege hieher. Ich legte ihm mein Herz offen dar, ich klagte ihm mein Leid, er wußte mir keinen Rath; aber er munterte mich auf, mit ihm hieher zu gehen zu Ihnen und ſagte, wenige Menſchen kennten ſo das menſch⸗ liche Herz und wüßten ſich ſo leicht zurecht zu finden in allen Verhältniſſen des Lebens, wie Sie; auch ſeien Sie gut und freundlich— und das wußte ich ja ſchon von mir ſelber— und deßhalb kam ich hieher und bin nun da und habe Ihnen Alles ehrlich und offen geſagt.“ Victor ſchloß ſein Spiel mit einem wie hingehauchten Laufe durch mehrere Octaven abwärts, dann blickte er em⸗ por und gab lächelnd zur Antwort: „Ich danke Ihnen recht ſehr für Ihr Vertrauen, mein lieber Herr Weller, und während Sie mir erzählten und während ich aufmerkſam zuhörte, war ich mit Ihrer Ange⸗ legenheit beſchäftigt, das können Sie mir glauben. Aber nehmen Sie mir nicht übel, Sie verlangen eigentlich etwas Unmögliches von mir, ich ſoll Ihnen zu einer That rathen, — ſehen wir meinetwegen davon ab, daß ich das ganze an Sie geſtellte Verlangen wirklich komiſch finde— durch die Sie Aufſehen erregen, ohne ſich lächerlich zu machen. Denn,“ ſetzte er ernſter hinzu,„an der Klippe der Lächer⸗ lichkeit müßte unfehlbar Ihr ganzes künftiges Glück zer⸗ ſchellen. Die Zeiten aber, wo wir auf derlei Thaten aus⸗ gehen konnten, die Zeiten der alten Ritter, wo uns auf jedem Kreuzweg, an jeder Straßenecke irgend ein Abenteuer begegnete, ſei es ein Rieſe, ſei es eine Windmühle, dieſe —-—— ————— — 3 9„7 glorreichen Zeiten ſind vorbei, und wenn Fräulein Feder⸗ bach die Marotte hat, ihre Hand nur zur Belohnung einer That zu geben, die Aufſehen erregt, die Ihnen Gott weiß welchen Namen macht, ſo iſt der einzige vernünftige Rath, den ich zu geben vermag, wenn Sie nämlich— und das wäre das Allergeſcheidteſte zu Entſagung dieſer Hand V nicht die Kraft in ſich fühlen, in Gottes Namen abzuwar⸗ ten, bis Ihnen ein glückliches Ungefähr etwas in den Weg führt, woraus ſich irgend eine nennenswerthe That formu⸗ liren ließe.— Doch was iſt das?“ unterbrach ſich Victor V ſelbſt und blickte nicht minder erſtaunt auf die Seite, als Herr Weller, der ordentlich mit dem Kopf zurückgefahren war, denn durch das noch immer offenſtehende Fenſter war etwas mit ziemlicher Gewalt hereingeflogen, zwiſchen Bei⸗ V den hindurch, etwas wie ein Stein oder dergleichen, das ziemlich heftig auf dem Fußboden ricochettirte und alsdann in der entfernteſten Zimmerecke liegen blieb. „Was war denn das eigentlich?“ wiederholte der junge Muſiker, indem er die Augen dorthin richtete. V„Mir ſchien es ein derber Steinwurf zu ſein,“ meinte der Andere;„es hätte mich um ein Haar auf meine Naſen⸗ V ſpitze getroffen.“ Kopfſchüttelnd ſtand Victor von ſeinem Platze auf und V holte das Wurfgeſchoß— denn etwas dergleichen war es V auf alle Fälle— herbei. Bei näherem Betrachten ergab es ſich als ein Stein von der Größe einer ſtarken Wall⸗ nuß, um welchen Papier herumgewickelt und mit Bindfaden befeſtigt war. Nachdem der junge Mann dieſen abgelöst, entfaltete er den Papierſtreifen mit einiger Bewegung, was man ihm im Grunde nicht verdenken kann; denn mit Briefen um⸗ wundene Steine in's Zimmer geſchleudert haben immer etwas Romanhaftes, in gewiſſer Beziehung etwas Aben⸗ Hackländer, Tag und Nacht. 18 8 H * “ — 274— teuerliches, und dienten ſchon oft zum Anknüpfungspunkte ganz eigenthümlicher Geſchichten. Hier aber mochte nichts der Art vorliegen, denn Victor hatte nicht ſo bald den Zettel entfaltet und geleſen, als ſeine Züge ein Lächeln überflog und er das Blatt kopf⸗ ſchüttelnd Herrn Weller hinreichte. „Es hat Sie faſt näher angegangen, als mich,“ ſagte er lachend, indem er auf die Naſe des Andern deutete, „weßhalb ich es unbillig finde, Ihnen ein Geheimniß daraus zu machen, ſelbſt wenn es eines wäre.“ Herr Weller brachte das Blatt vor ſeine Augen, und nachdem er es überleſen, ſagte er achſelzuckend: „Mein lieber Herr Barring, das könnten Sie allenfalls drucken laſſen; es würde es doch Niemand verſtehen.“ Dann las er laut: „Wenn man Ihnen auch nicht verbieten kann, zu Ihrem Fenſter hinauszuſchauen, ſo rathen wir Ihnen doch wohlmeinend, ſich in Acht zu nehmen. Wir handeln auf Befehl und ſind geſchützt.“ „Es iſt bei alle dem nicht unintereſſant,“ meinte Victor, während er die Arme übereinanderſchlug und ſich an das Fenſter lehnte, um in den Garten hinabzuſchauen. Dann wandte er ſich an den Andern und ſprach:„Sie ſind ein Ehrenmann, Herr Weller, und halte ich es für meine Schuldigkeit, Ihnen kurz zu ſagen, was die Worte auf dem Papier bedeuten ſollen, die für Sie und Jeden unverſtändlich, für mich aber leicht erklärbar ſind.“ Herr Weller machte discreter Weiſe eine abwehrende Handbewegung, doch fuhr der Muſiker mit etwas zuſam⸗ mengezogenen Augenbrauen fort, wobei er die rechte Hand plötzlich wie drohend gegen die Gebüſche erhob: „Nein, nein, ich bin es mir auch faſt ſelbſt ſchuldig, Ihnen, der Zeuge dieſes Steinwurfes war, davon zu ſpre⸗ ——» chen. Ueberhaupt iſt das Volk da unten zu — Haben Sie,“ fragte er nach einer Pauſe, Hauſe des Freiherrn von Molitor gehört?“ Der Kaufmann beſann ſich eine kleine Weile, dann ſagte er: Allem fähig. „je von dem „O ja, es iſt, wenn ich nicht irre, jenes alte Haus dort in der andern Straße, deſſen Garten an Ihre Wohnung ſtößt.“ Victor nickte mit dem Kopfe. „Ein charmantes altes Haus,“ fuhr Herr Weller fort. „Ich ſage Ihnen, Herr Barring, es ſind darunter Keller, die ihre fünfhundert Stück Faß beherbergen können. Wahre Labyrinthe, dieſe Keller, und wegen eben dieſer Keller hatte ich einmal die Ehre und das Vergnügen einer Unterredung mit dem Freiherrn von Molitor. Wenn ich ſage: das Vergnügen, ſo iſt das nur ſo eine Redensart, denn in der That war wenig Vergnügen dabei; der Herr Baron waren ſehr kurz angebunden, faſt grob. Wenn es Sie nicht langweilt, das zu erfahren, ſo—“ „Bitte, ſprechen Sie; es intereſſirt mich ſogar.“ „Nun denn,“ fuhr der Kaufmann fort, mein Aſſocié Spindl machen. Es „dazumal wollte er und ich ein großes Weingeſchäft war ein vortrefflicher Herbſt geweſen, und hatten wir enorme Einkäufe im Sinn. Begreiflicher Weiſe aber ſahen wir uns vorher nach einem paſſenden Lagerplatz um, und dazu waren die Keller unter dem Molitor'ſchen Hauſe wie geſchaffen. Ich wandte mich alſo durch einen guten Bekannten— richtig, durch Ihren Onkel Duvallet— an den Baron Molitor: er beſorgte damals ſchon Geſchäfte für ihn. Kurze Zeit darauf ſagte mir aber Duvallet ganz familiär und unter uns, eigentlich gar nicht im Geſchäftsſtyl: „Sie, Weller, Sie wollen die Keller unter dem Molitor'ſchen Hauſe miethen? Laſſen Sie das Project fallen, der Baron —y — 276— gibt ſie nicht gern her.— Gut! dachte ich im erſten Augen⸗ blicke und ſagte es Spindler. Der aber, mißtrauiſch, wie er immer war, gab mir zur Antwort— Sie müſſen verzeihen, lieber Herr Victor, aber als Kaufmann, wo es ſich um einen Speculation handelt, traut Keiner ſeinem Bruder über den Weg—: ‚das wird dem Duvallet nicht recht ſein; Du dauerſt mich, wenn Du das nicht einſiehſt. Dem haſt Du auf eine Idee verholfen; gib Acht, der miethet die Keller ſelbſt und legt ſie voll Wein. Ein alter ſchlauer Fuchs das!— Ich brauche genau ſeine Worte.— Nun gut, Spindler überredet mich, nochmal an den Freiherrn zu ſchreiben; ich thue das und bitte ihn freundlich, die Sache mit uns, Mann gegen Mann abmachen zu wollen. Ich bekam denn auch bald eine Antwort, etwas kurz abgemeſſen zwar, doch erſuchte er mich in derſelben, mich am gleichen Tage um die und die Stunde bei ihm einzufinden.“ „Nun?“ fragte Victor neugierig, als Herr Weller einen Augenblick ſchwieg. „Nun, ich fand mich denn auch ein, zog die Glocke an dem großen Thor, und dann ging drin ein Riegel⸗ geklirr und Kettengeraſſel los, als komme man in ein Staatsgefängniß, auch öffnete mir ein Kerl, finſter und bärbeißig anzuſchauen wie ein Kerkermeiſter, aber ſo, wie man ſich derart Leute im Mittelalter bei Schlangen⸗ thürmen und krötenangefüllten Burgverließen vorſtellt. Er ſchaute lauernd um mich herum, namentlich ſo un⸗ heimlich hinter mich, ob ſich nicht dort vielleicht noch Je⸗ mand mit mir einſchleiche. Es wurde mir oördentlich ängſt⸗ lich zu Muthe. Dann riegelt und ſchließt und kettet er das alte Hofthor wieder zu und ein anderes, nicht viel freund⸗ licher ausſehendes Subject bringt mich die Treppen hinauf, und wenn dies Subject huſtet, ſo hält es die Hand dicht vor den Mund, um in dem öden Hauſe kein Echo wach — 277 zu rufen.— So ein Echo,“ ſetzte Herr Weller treuherzig hinzu,„würde mich auch wahrhaftig erſchreckt haben; denn einmal losgelaſſen, hätte ich gefürchtet, es käme gar nicht mehr zur Ruhe und würde in dem alten Hauſe forthuſten, immer heftiger und heftiger, bis dieſes von der gewaltigen Erſchütterung über ihm zuſammenſtürzte.“ „Das muß ich ſagen,“ lachte Victor,„Ihre Schilde⸗ rung iſt ſo, daß Einem alle Luſt vergehen könnte, das Molitor'ſche Haus zu beſuchen.“ „Kommt noch beſſer,“ gab Herr Weller zur Antwort, indem er ſanft mit dem Kopfe nickte;„noch viel beſſer.— Ich werde alſo von dem Subject, welches das Echo nicht ertragen kann, durch mehrere Zimmer geführt, finſtere, unheimliche Zimmer; überall waren die Vorhänge herab⸗ gelaſſen, und wo ſich durch ſo eine alte wehende Gardine irgend ein Lichtſtrahl hereinſchlich, da fiel er auf die Ver⸗ goldung eines alten Möbels, und das blitzte Einen an wie mit wirklichen Augen, ſo wie irgend ein fabelhaftes, böſes Thier, welches langſam hinter uns drein ſchleicht, um uns in die Waden zu beißen. Auch roch es in den Zimmern ſo altmodiſch und vermufft, man hätte glauben ſollen, hier⸗ her habe ſich ſeit hundert Jahren keine friſche Luft mehr verirrt.— Endlich kamen wir an ein Cabinet, wo es etwas behaglicher ausſah, das heißt es wäre da behaglicher geweſen, wenn ſich nicht gerade hier der Währwolf des gan⸗ zen Anweſens befunden hätte, der Freiherr ſelbſt, der mit verſchränkten Armen an einem Tiſche ſtand,— eine über⸗ lange dürre Geſtalt mit einem rothen Geſichte, wild aus⸗ ſehendem weißem Haar und ſtruppig gewachſenem Barte. Seine blitzenden Augen ſchienen mich durch und durch ſehen zu wollen und die Lippen hatte er feſt auf einander ge⸗ preßt. Das wäre nun gerade nichts Beſonderes geweſen; aber merkwürdig war es, daß, als er nun ſprach, dieſe 278— Lippen ſich ſo gut wie gar nicht von einander bewegten; daher grollte und murmelte auch Alles, was er ſagte, wie hinter einer Tapetenwand hervor. „Sie ſind Herr Weller?“ Während der Kaufmann ſo ſprach, verſuchte er den murrenden Ton des Freiherrn nachzuahmen, was einiger⸗ maßen komiſch klang. „Zu dienen, Herr Baron.“ „Sie wollen meine Keller miethen?— Die Keller unter dieſem Hauſe? Dabei ſtampfte er mit dem Fuße ſtärker als gerade nothwendig war auf den Boden. „Ich oder vielmehr wir, mein Compagnon und ich, Firma Spindler und Weller, hatte dieſen Wunſch.: „Darauf betrachtete er mich einen langen Augenblick mit recht böſer Miene, beſchaute mich von oben bis unten und ebenſo von unten bis oben und murmelte dann— ja, es war gemurmelt,“ bekräftigte Herr Weller ſeine eigene Rede,—„aber,“ ſetzte er hinzu,„er murmelte ſo aus⸗ drucksvoll, daß ich jede Sylbe gerade ſo verſtand, als wenn ſie mir ein Anderer in die Ohren hineingeſchrieen hätte— „Sie, Monſieur Weller, ſagte er, ‚oder Ihre Firma, oder wer ſonſt Luſt hat, ſoll ſich in's Teufels Namen um ſich ſelber bekümmern und nicht um meine Keller! Haben Sie mich verſtanden, Herr? Was gehen Sie meine Keller an? Laſſen Sie meine Keller unberührt, ſogar mit Ihren Blicken. Nehmen Sie ſich in Acht, vor meinem Hauſe vor⸗ beizuſchleichen und nach meinen Kellern hinabzuſchielen. Ich ſage Ihnen, nehmen Sie ſich in Acht. Lernen Sie nicht den Freiherrn von Molitor genauer kennen.— Meine Keller!— was gehen irgend Jemand meine Keller an? Und wenn Sie mir die Keller geſtrichen voll Dukaten böten, ſollten Sie doch keinen Fuß hinein ſetzen.“ „Nach dieſen Worten nickte er heftig mit dem Kopfe die * — 279— auf und ab und zwar ſo ruckweiſe, als zöge ihn hinten Jemand an einem Strick, dann warf er die rechte Hand in die Höhe und wies mit dem Zeigefinger nach der Thüre.“ „Ah! das finde ich über alle Beichreibung grob und unartig!“ meinte Victor. „Nicht wahr?“ verſetzte Herr Weller.„Mir kam das auch ſo vor; aber ich nahm ihn wie einen Menſchen, bei dem es nicht richtig im Kopfe iſt. Dagegen bin ich über⸗ zeugt, daß ihm mein Achſelzucken ebenfalls nicht unverſtänd⸗ lich blieb. Und wie habe ich die Achſeln gezuckt! Ich wollte, Sie hätten das ſehen können. Pah! Unſereins läßt ſich auch nicht Alles bieten!“ „Ja, ja, es muß das ein eigener Herr ſein,“ ſagte Victor, nachdem er einen Gang durch das Zimmer gemacht. „Um alſo nicht gegen Ihre Offenheit zurückzubleiben,“ fuhr er fort, indem er vor dem kleinen Mann ſtehen blieb,„ſo will ich Ihnen nur ſagen, daß man mir, vielleicht der Frei⸗ herr von Molitor ſelbſt, mit dieſem Zettel will verbieten laſ⸗ ſen, hier zu meinen eigenen Fenſtern hinauszuſchauen.“ „Das iſt aber ungeheuer naiv.“ „Allerdings, aber was wollen Sie machen, wenn da unten Kerle mit geladenen Gewehren vorbeiſpazieren, denen ſo ein Gewehr, während Sie harmlos im Fenſter liegen, zufällig— verſtehen Sie mich recht— zufällig losgeht? Was können die dafür, wenn ich zufällig getroffen werde?“ „Aber dieſes wahnſinnige Benehmen muß doch einen Grund haben?“ „Es hat auch ſeinen Grund, mein lieber Herr Weller,“ ſprach der Muſiker nach einer Pauſe,„und da wir uns durch Zufall auf dieſem eigenthümlichen Terrain gefunden haben, ſo halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu ſagen was ich weiß. Daß ich dabei auf die Verſchwiegenheit eines rechtlichen Mannes baue, brauche ich wohl nicht zu ſagen.“ —y —-— 280— Mit der feierlichſten Miene von der Welt und einem Blick gen Himmel hob der Kaufmann ſeine rechte Hand empor und ſagte mit bewegter Stimme:„Beim Anubis!“ Es war das ein Schwur, den er ſich Gott weiß wo ange⸗ wöhnt hatte, den er aber, wie alle ſeine Bekannten wuß⸗ ten, als außerordentlich bindend erachtete. „Vielleicht erfuhren Sie zufällig, daß von Molitor verheirathet iſt.“ „Ob ich das weiß?“ rief der kleine Kaufmann.„Kenne ich ja doch die Gemahlin des Freiherrn, die Baronin Mo⸗ 6 wenn auch nicht perſönlich, doch von Anſehen. Stehe ich ja ſelbſt in Geſchäftsverbindung mit dieſer liebenswür⸗ digen und hochgeehrten Frau, bin Lieferant ihres Hauſes. — Eine charmante Dame! und ſchön, bei Gott! ſchön.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Victor mit einem leichten Seuf⸗ zer, wobei ſich ſein Auge auf eine Sekunde lang eigenthüm⸗ lich umflorte,—„ſchön und gut.— Sie lebt ſeit Jahren getrennt von ihrem Manne; die Urſachen gehen uns nichts an.— Aus dieſer Ehe iſt eine Tochter da, welche der Frei⸗ herr von Molitor bei ſich hat, und dieſe Tochter— ein Mädchen von acht Jahren, iſt daran Schuld, daß der Frei⸗ herr ſeine Thüre mit Ketten, Schlöſſern und Riegeln ver⸗ wahrt, daß er mich an meinem Fenſter mit Schüſſen be⸗ drohen läßt, daß er Sie, verehrteſter Freund, damals über alle Beſchreibung grob behandelte, als Sie ihm ſeine Keller abmiethen wollten.“ „Ah!“ machte Herr Weller, und obgleich er die Ver⸗ hältniſſe genau aufgefaßt zu haben ſchien, ſo ſah man doch, daß um ſeine eigenthümlich lächelnden Mundwinkel noch allerlei Zweifel ſpielten. „Der Freiherr von Molitor,“ fuhr der Muſiker fort, „lebt nämlich in der Beſorgniß, es laſſe die Baronin kein Mittel unverſucht, um wieder in den Beſittz ihrer kleinen der Freiherr —-— 281— Tochter zu gelangen, und ich glaube nicht, daß dieſe Be⸗ ſorgniß gerade ungerechtfertigt iſt.“ „Und darin hätte die gnädige Frau vollkommen Recht!“ rief eifrig Herr Weller.„Wenn ich mir denke, ein kleines hübſches Mädchen hinter jenen Schlöſſern und Riegeln, bei dem grollenden und murrenden Ungeheuer von einem Vater. Ah! da wäre das Kind doch wahrhaftig beſſer aufgehoben bei ſeiner liebenswürdigen Mutter, in einem ſo charman⸗ ten, freundlich vornehmen Hauſe.“ Ob Herr Weller als Kaufmann in dieſem Augenblicke die nothwendige Vergrößerung dieſes freundlich vornehmen Hauſes berechnete, ſind wir nicht im Stande genau anzu⸗ geben.—„Deßhalb alſo,“ ſprach er nach einer Pauſe wieder,„hatte er Angſt, mir die Keller zu vermiethen?— Ah! bei Gott! dann hatte er nicht ſo ganz Unrecht. Hätte es mir doch wahrhaftig einmal in den Sinn kommen kön⸗ nen, den Verſuch zu machen, das kleine Mädchen zu ent⸗ führen, es mit mir zu nehmen und im Triumphe in die Arme ſeiner Mutter zu legen.— Das,“ ſetzte er nachden⸗ kend hinzu,„das wäre eigentlich ſehr ſchön geweſen;— das— ja das“— ſeine Blicke, die er bei dieſen Worten feſt vor ſich auf den Boden richtete, nahmen einen ſeltſamen Ausdruck an; ſeine Naſe ſchien ſich zu verlängern, ſeine Mund⸗ winkel zuckten ſo ſonderbar;—„das,“ wiederholte er noch⸗ mals, aber kaum hörbar,„ja das wäre eine That geweſen.“ Eine innere Unruhe, die ſich durch ein Geſtikuliren mit den Armen, ſowie durch ein Zucken in ſeinen kurzen Bei⸗ nen offenbarte, ließ ihn nicht ruhig auf ſeinem Stuhle ſitzen; er ſprang in die Höhe und ſtellte ſich neben Victor, der in den Garten hinabblickte. „Und das da,“ ſprach Herr Weller mit einigermaßen gepreßter Stimme,„das iſt jener Garten, der zum Hauſe des Freiherrn von Molitor gehört?“ — 282— Der junge Muſiker nickte mit dem Kopfe.„Dies iſt der Garten,“ antwortete er,„in den hinabzuſchauen es bald lebensgefährlich wird.“ „Und— ſieht man— dort zuweilen— etwas?“ „O ja, bisweilen die kleine Dame, namentlich dort hin⸗ ten an dem großen Baſſin.“ „Und wenn man ihr— zuriefe— etwas näher zu kommen?“ „Da würde ſie wahrſcheinlich erſchrocken davon laufen, und die Wächter, die zuweilen unvorſichtiger Weiſe nach Sperlingen ſchießen, könnten Sie leicht treffen, mein lieber Herr Weller.“ „Aber es wäre ruhmvoll, etwas zu thun, um der Mut⸗ ter ihr Kind wieder zu verſchaffen. Es wäre das— eine That.“ Dies letzte Wort dachte der Kaufmann blos, ſprach es aber nicht aus. Eine Scheu, die er ſich ſelbſt nicht zu erklären wußte, hielt ihn davon ab. „Daran dachten auch andere Leute ſchon,“ meinte Victor träumeriſch. „Von hier aus könnte man einen ſolchen Verſuch wagen,“ ſprach beſtimmt der kleine Kaufmann.—„Wenn auch Gefahr dabei wäre.“ „Wirkliche Gefahren würden Manchen nicht abhalten,“ antwortete Victor;„aber es gibt eine Gefahr, die fürchter⸗ licher iſt, als ſelbſt der gefährlichſte Schuß, die Gefahr nämlich, ſich bei einem ſolchen Abenteuer lächerlich zu machen.“ „Und was wäre am Ende auch daran ſo Schlimmes?“ meinte Herr Weller treuherzig.„Nehmen Sie mir nicht übel, mein lieber Herr Barring, wenn die Abſicht gut und edel iſt, ſo nimmt man am Ende ein bischen Lächerlichkeit mit in den Kauf. Sie werden mir dagegen zugeben, daß, wenn es gelänge, die kleine Dame ihrem tyranniſchen Vater — — — — 283— zu entreißen, dies eine That wäre,— nun, eine glorioſe That.“ Victor hatte ſich nach dieſen Worten raſch zu dem klei⸗ nen Manne herumgewandt, ihn aufmerkſam, aber lächelnd betrachtet, dann ſagte er mit Betonung⸗ „Ah! Herr Weller, eine That— verſtehe ich Sie recht?— Den Teufel auch! Mir ſcheint, Ihre Ideen von vorhin wollen anfangen fruchtbar zu werden. Nehmen Sie ſich in Acht, auf das hin muß ich Ihnen unfehlbar meine Wohnung verbieten.“ „Nun, nun, nicht ſo ungeſtüm!“ erwiederte der kleine Mann mit komiſchem Ernſte.„Geht man ſo mit einem alten Bekannten um? Ich habe Ihren Rath verlangt, Sie wußten mir keinen zu geben; dagegen läßt ſich nichts einwenden, aber mir Ihre Wohnung verbieten, das wäre in der That eine Beleidigung, für die ich Genugthuung fordern müßte.— Doch Scherz bei Seite,“ ſetzte er auf einmal in ganz verändertem Tone hinzu, während er ſich abmühte, ſeine Uhr hervorzuziehen,„ich habe genug von Ihrer koſtbaren Zeit geſtohlen. Wahrhaftig, ſchon zehn Uhr! Welche Menge von wunderbaren Gedanken ſtänden jetzt ſchon auf dem Papier da, wenn ich Sie mit meinen Schwätzereien nicht aufgehalten hätte. Doch mir war es eine Erleichterung, und ich bin Ihnen Dank dafür ſchuldig.“ „Auch mir war Ihre Gegenwart nicht unangenehm, mein lieber Herr Weller,“ ſprach freundlich der Muſiker. „Es gibt Stunden, wo man ſich nicht zum Arbeiten auf⸗ gelegt fühlt und doch aus Pflichtgefühl arbeitet. Da iſt es denn immer beſſer, man wird abgehalten, als daß man was Schlechtes zu Tage bringt. Und damit Sie ſehen, daß ich die Wahrheit ſpreche,“ fuhr er fort, indem er Hut und Handſchuhe nahm,„ſo werde ich mit Ihnen gehen und ———õ————— -——— — 284— Sie durch ein Paar Straßen, ſo weit unſere Wege zuſam⸗ men führen, begleiten.“ „Was mir eine beſondere Ehre ſein wird,“ verſetzte der kleine Kaufmann geſchmeichelt, worauf er Panamahut und Reitpeitſche vom Stuhle nahm und es alsdann aus einem richtigen Gefühl nicht unterließ, die letztere ſachte in ſeinen weiten Aermeln verſchwinden zu laſſen. Dann gingen Beide mit einander fort. Na die würdige Madame Duvallet, Jahre langem Gebrauche gemäß, auch dieſes Mal wieder ihre Geſellſchafts⸗ zimmer nach beendigter Soirée, ſoweit dies über⸗ haupt thunlich war, in Ordnung gebracht hatte, ſo fand ſie denn auch am andern Morgen zu ihrer großen Bequemlichkeit nicht mehr viel hinwegzuräumen und wäre damit ſicher ganz gut vor dem Frühſtück fertig geworden, wenn ſie nicht, als ſie eben in aller Morgenfrühe beginnen wollte, durch ein außerordentlich ſeltſames Er⸗ — 286— eigniß abgehalten und geſtört worden wäre. Kaum hatte ſich nämlich— es war eben erſt ſieben Uhr vorüber— Alice bei ihr eingefunden, kaum hatte ſie mit wahrem Stolze ihre Tochter auf die offene, friſche und heitere Stirn geküßt, und kaum hatte ſie geſagt:„Nun wollen wir machen, daß wir fertig werden, ehe er zum Vorſchein kommt“— er war nämlich der Commerzienrath— und kaum hatte ſie hinzugeſetzt, indem ſie ſämmtliche Fenſter weit öffnete:„Stärkt ein ſolch' wunderbarer, prachtvoller Morgen nict Herz und Sinne, und ſollte man ſich nicht verſucht fühlen, mit all' den luſtigen Vögeln hinauszu⸗ jubiliren zu Gottes Preis und Ehre?“— kaum hatte ſie, wie geſagt, dieſen anmuthigen und guten Gedanken Worte verliehen, dazu eine Schürze von grobem Leinen umgebunden und ein halb Dutzend Waſch-, Spül- und Trockenlappen in die Hand genommen, als draußen auf der Straße das Rollen eines Wagens hörbar geworden war. Dies war nun zu ſo früher Morgenſtunde an ſich in dieſem Stadtviertel ein Ereigniß, wohl im Stande, die Auf⸗ merkſamkeit der Commerzienräthin auf ſich zu ziehen. Wie überraſcht aber war die gute Frau, als ſie nun hörte, wie der Wagen dicht an das Haus anfuhr und hielt, und wie traute ſie kaum ihren Augen, als ſie, zum Fenſter hin⸗ ausblickend— dieſe Fenſter ſtanden ja ohnedies offen— bemerkte, daß drunten Herr Kohler aus dem Wagen ſprang, Herr Kohler, der ledige Herr Kohler— Herr Kohler, der oft mit einem Gemiſch von Stolz und Wehmuth verſichert, er glaube nicht, daß er auf der ganzen Welt irgend eine weibliche Anverwandte habe— und der ſich nun ſanft lächelnd gegen den Wagen verneigte, die Hand ausſtreckte und nicht nur einer ſchwarzgekleideten Dame ausſteigen half, ſondern auch zwei Kindern, von denen das kleinſte, ein Bube, noch obendrein einen Hampelmann im Arme — 287— trug. Auch ein Paar Koffer waren auf den Wagen ge⸗ packt, die ebenfalls in's Haus gebracht wurden, was be⸗ greiflicher Weiſe das Erſtaunen der Commerzienräthin noch vergrößerte. Darauf war Herr Kohler eilfertig die Treppen hinauf⸗ geſprungen, hatte angeklopft und dann mit aufgeregten Zügen und ziemlich ſchwer athmend einen guten Morgen geboten und haſtig nach dem Commerzienrath gefragt, dann in der Geſchwindigkeit, als er zur Antwort erhalten: Herr Duvallet werde bald erſcheinen, um Erlaubniß gebeten, die Dame, welche unten warte, in den Salon führen zu dür⸗ fen, und war hierauf mit einer furchtbaren Eilfertigkeit die Treppen wieder hinabgeſtürzt, um dieſe gleich darauf faſt athemlos wieder hinaufzuhüpfen, der ſchwarz gekleideten Dame voran, die mit ihren Kindern in den Salon trat. — In den Salon, den Madame Duvallet noch nicht einmal vollkommen aufgeräumt hatte, gerechter Gott! wo ſich noch Gläſer und Flaſchen befanden, wo die Möbel noch nicht abgewaſchen, wo auf dem Fußboden noch Brodkru⸗ men zu ſehen waren, wo vielleicht in einer Ecke ein übrig gebliebener Flaſchenpfropfen verrätheriſch lungerte.— Und eine Fremde zu bringen in dieſes Chaos! Und eine Fremde einzuführen bei Duvallet's Morgens bald nach ſieben Uhr, wenn der Salon noch nicht aufgeräumt war!— Kohler mußte noch von geſtern her einen gelinden Rauſch haben oder Kohler mußte übergeſchnappt ſein. Die Commerzien⸗ räthin hätte gern krampfhaft hinauslachen mögen. Aber die Sache war zu ernſt.— Dieſer Kohler! ein Freund des Hauſes, und eben dieſes Haus ſo zu compromittiren! Was aber die gute Madame Duvallet bis jetzt erfahren hatte, war am heutigen Morgen noch nicht Alles; es ſollte noch beſſer kommen. Kohler blieb bei der Fremden im Salon drüben und kam nicht einmal, um Aufklärung zu — — 288— geben oder um ſich zu entſchuldigen; ja der Commerzien⸗ rath ſelbſt machte es nicht viel beſſer. Kohler hatte Letzterem in ſeinem Schlafzimmer die Meldung dieſes Beſuchs ge⸗ macht, und darauf war er zu der Fremden gegangen und hatte mit ihr geſprochen lange, unendlich lange. Es ſchlug acht Uhr, es ſchlug halb Neun,— die Geduld der guten Commerzienräthin ward auf eine harte Probe geſtellt. Wenn es ihr auch am Ende vollkommen gleichgültig war— und das hatte ſie ſich ein Dutzendmal geſagt— wen dieſer Kohler gebracht habe, wer dort im Salon ſei, mit wem der Commerzienrath verkehre, ſo war es ihr dagegen durch⸗ aus nicht gleichgültig, die ſchöne Morgenſtunde und— Gott mochte wiſſen durch was— gehindert zu ſein, ihr Hausweſen in Ordnung zu bringen. Endlich ſetzte ſie ſich mit Alice zum Frühſtück nieder. „So was ſollte ich mir eigentlich ausbitten,“ hatte ſie verdrießlich vor ſich hin geſprochen, und es wäre beinahe möglich geweſen, daß die gute Frau ſeit langen Jahren zum erſten Male wirklich böſe geworden. Glücklicher Weiſe fehlte an dem Silber, welches ſie mehrmals über⸗ zählte, nicht das kleinſte Löffelchen oder Deſſertmeſſer; auch war beim genaueſten Nachſehen nirgendwo ein Fleckchen zu entdecken. Nichts war geſtern Abend zerbrochen worden, die feinen Damaſttiſchtücher zeigten keine Weinflecken, kurz, es war gar nichts vorhanden, woran ſich der Verdruß der Hausfrau hätte emporranken können, um zur feurigen Zor⸗ nesblüte zu erwachſen. Da endlich war der Commerzienrath erſchienen und hatte ſeiner Frau, wie er es gewohnt war, auf ſeine ruhige Art einen guten Morgen gewünſcht, dann in Betreff des Beſuchs im Salon ein Paar Worte zu ihr geſprochen und ſie gebeten, mit hinüber zu kommen. Alice ging auf ihr Zimmer. — 289 Dort war das junge Mädchen ſo gern, dort hatte ſie ihre kleine Welt für ſich; dort konnte ſie ihren Träumereien leben, dort konnte ſie die ganze Stadt überſchauen bis die fernen Berge hinan, und dort auf den Höhen ließ ſie ihr inneres Auge weiter und immer weiter ſchweifen mit einer gewaltigen Liebe und Innigkeit, mit einer un⸗ ausſprechlichen Sehnſucht. Da tauchten Hügel und Berge nach einander auf; da ſah ſie in weiten, mit Duft ge⸗ füllten Thälern leuchtende Flüſſe ziehen, da verfolgte ſie deren Lauf, bis das Land in maleriſchen Buchten, in zacki⸗ gen Vorgebirgen endete und eine große, ſilberglänzende, ſpiegelglatte Fläche vor ihr lag. Warum ſie ſich dorthin ſehnte?— ſie wußte es ſelbſt kaum; vielleicht war es der begreifliche Drang nach einer Wendung ihres bisherigen, wenn auch glücklichen, aber doch ſo einförmigen Lebens; vielleicht waren es aber auch die Nachklänge jener muſikaliſchen Phantaſieen Victors, denen ſie ſo gern zulauſchte und die gerade vor ihr aufzu⸗ rollen er eine ſo wunderbare Fertigkeit hatte.—„Komm', Alice,“ konnte er ſagen,„jetzt wollen wir zuſammen reiſen.“ Und bei dieſen Worten hatte es ſie ſchon häufig ſo eigen⸗ thümlich durchſchauert, daß ſie unwillkürlich zuſammenge⸗ fahren und mit einem ſonderbaren Blick von ihm wegge⸗ rückt war. Recht wehe that es ihr aber alsdann, wenn er auf das hin äargerlich die Achſel zuckte und ſie ein lächer⸗ liches Kind ſchalt. Aber mit einander gereist waren ſie denn doch faſt immer. „Siehſt Du, Alice,“ konnte er während ſeines aus⸗ drucksvollen Spieles ſagen,„jetzt rollen wir auf der lang⸗ weiligen Chauſſee dahin; es iſt heiß und ſtaubig; ah! wie ſind wir ſo glücklich, daß uns der Wald aufnimmt, der ſchöne, duftige, liebe Wald. Hackländer, Tag und Nacht. 19 ———ʒ——C—C⸗————4 — 290— Wer hat dich, du ſtolzer Wald, Aufgebaut ſo hoch da oben! „Ruhen wir träumend unter einer mächtigen Eiche, oder nein!— ich weiß was Beſſeres, Alice. Hörſt Du die Fanfare der luſtigen Jagd; komm', ich bin Dein Stall⸗ meiſter und helfe Dir Deinen Zelter beſteigen. Wohlauf! hoch zu Roß, halloh! ſchöne Jägerin, halloh! bei Peitſchen⸗ klang und Hörnerſchall.“ Oder er hatte in tremulirenden Tönen vor ihr ausge⸗ breitet das weite, weite glänzende Meer, ſilberleuchtend mit dem zitternden, hüpfenden Mondesſtrahl; am Ufer lag das Boot und ſchaukelte leicht auf den Wellen. Da hinein ſtiegen ſie Beide, ganz allein in ſtiller, verſchwiegener Nacht, und die Berge und Inſeln rings umher ſchienen heimlich und discret langſam zurückzutreten oder ſich zum Schlafen in ihre nächtlichen grauen Schleier zu hüllen. Aber das Boot fuhr dahin, leiſe, faſt geiſterhaft, und wo es die Wellen durchſchnitt, ließ es einen leuchtenden Streifen zurück, einen Streifen, der ſich erſt weit von dem Fahrzeuge in tauſend tanzende Sternchen auflöste, in kleine, leuchtende Sternchen, die geſchwätzig den Wellen zu erzäh⸗ len ſchienen von den Beiden, welche dort in dem Nachen da⸗ hinglitten, von dem, was ſie geſprochen, und die ganz, ganz leiſe hinzuſetzten: daß ſich ſo eben in der kühlen Flut zufällig ihre Hände beruhrt hätten. O wie wahr iſt es, daß man nirgends vor Spähern ſicher iſt! Wie wahr iſt der Geſang des Dichters: Da Nachts wir uns küßten, o Mädchen, Hat Keiner uns zugeſchaut; Die Sterne, die ſtanden am Himmel, Wir haben den Sternen getraut. Es iſt ein Stern gefallen, Der hat dem Meer uns verklagt; ☚‿ —— — 291— Da hat das Meer es dem Ruder, Das Ruder dem Schiffer geſagt. Da ſang derſelbe Schiffer Es ſeiner Liebſten vor, Nun ſingen's auf Straßen und Märkten Die Mädchen und Knaben im Chor. Die Zimmer, die Alice bewohnte, lagen auf der hintern Seite des Hauſes, und der Vater hatte ſie für ſeine Toch⸗ ter gewählt, weil vor ihrem Wohnzimmer eine kleine Ter⸗ raſſe war, die ſie zie einem Blumengarten umgewandelt hatte. Alice liebte ihre Blumen und lebte ſo gern unter ihnen. Dies kleine künſtliche Gärtchen mit ſeinem freund⸗ lichen Grün, mit ſeinen mannigfaltigen Blüten war ihr auch wieder ein Stückchen Welt, und ſeine engen Grenzen dehnte ihre lebhafte Phantaſie nach allen Seiten unendlich weit aus. Am liebſten ſaß das junge Mädchen auf einem kleinen Stuhle ſo tief unter ihren Blumen, daß ſie von denſelben rings eingeſchloſſen war und ſo am beſten ihren Gedanken nachhängen konnte, ſie befände ſich in einem wei⸗ ten Walde, der voll der ſeltenſten Blüten prangte. Da lauſchte ſie denn ſo gern auf bekannte Töne, die fern an⸗ klingen ſollten und jetzt ihr Ohr erreichen, auf die weichen, faſt traurigen Töne eines leiſe erſchallenden Waldhorns. Heute Morgen aber träumte ſie nicht auf dieſe Art; ſie ſtand vielmehr an der Brüſtung der Terraſſe und ſchaute in den glänzenden, ſtrahlenden Morgen hinein, der ſo feier⸗ lich über der weiten Stadt ſchwebte, der mit goldſtrahlen⸗ den Flügeln auf den Berghöhen rings umher ruhte, wäh⸗ rend er ſich noch mit weichem Dufte in die Straßen hinabſenkte und auf den Dächern der Häuſer flimmerte; ſchüchtern an manches noch dicht verhängte ſchattige Fen⸗ ſter ſtrich, und dagegen wieder breit, ſonnig und behaglich auf jenem weiten Platze ruhte, wo jetzt ſchon lachende Kin⸗ — 292— der ihr lärmendes Weſen trieben. Sie wußte wohl ſelbſt nicht, weßhalb ſie bei dieſem Hinausträumen das Geſicht ſo gern nach einer und derſelben Gegend hinwandte; es war da eigentlich nichts Beſonderes zu ſehen; vor der hohen Terraſſe, auf der ſie ſtand, dehnte ſich eine ſcheinbar wirre Häuſermaſſe aus, zwiſchen der man erſt in einiger Entfernung ein Paar Straßen zu unterſcheiden vermochte. Eine von ihnen lief gegen einen kleinen Platz, und dann ſah man, umgeben von den Gebäuden der Stadt, einen grünen, dicht mit Bäumen beſetzten Garten, an deſſen Ende ſich ein hoher, zackiger Giebel errhob. Dorthin folgten den Gedanken des jungen Mädchens die hellen, glänzenden Augen; da an dem Grün des Gar⸗ tens hingen ſie eine gute Weile, bis Alice endlich, wie un⸗ muthig, ihren Kopf auf die Seite warf und ſich ein unge⸗ duldiges Ah! zwiſchen den feinen Lippen hervordrängte. Faſt wäre ſie mit ihrem Fuß heftig auf den Boden getreten, doch begnügte ſie ſich damit, ihren Kopf aufzuwerfen und ihn dann auf den Arm zu ſtützen, mit dem ſie ſich an die Seitenwand der Terraſſe gelehnt hatte; dabei fielen ihre Augen auf ein Glas Waſſer, das auf der Brüſtung ſtand und worin ſich ein Bouquet Blumen befand, welches Victor geſtern Abend mitgebracht. Das junge Mädchen hatte ſie ſorgfältig in die Nachtkühle hinausgeſtellt, doch war trotzdem der friſche Schimmer der Blüten ſchon dahin, und hie und da hing eine das Köpfchen welk herab. „Es mag über Nacht mancher Blumenſtrauß verwelkt ſein,“ dachte Alice, und dabei erſchienen vor ihrem Auge die glänzenden, ſtrahlenden Hallen, von denen ſie ſchon oft reden gehört, ſchöne Damen in den eleganteſten Roben, Blüten im duftigen Haar, Blumen, kunſtreich zu ungeheu⸗ ren Bouquets zuſammengebunden, in der Hand. Wenn ſie bei dieſen Bildern verweilte— und ſie that — 293 das häufig, nachdem ſie ſich von Victor, der dieſe Cirkel zuweilen beſuchte, davon hatte erzählen laſſen,— ſo über⸗ ſchlich es ſie nicht wie Neid, ſondern nur wie ein bitteres Gefühl, daß ſie auch nicht ein einziges Mal zuſchauen durfte, wenn er ſich in dieſen glänzenden Kreiſen bewegte. Gewiß, nur ihn wollte ſie ſehen, nicht um ihrer ſelbſt willen— o gewiß nicht! ſprach ſie zu ſich ſelber mit einem zweifelhaften Lächeln— ſondern nur, wie er, der ja auch in ihr ſtilles, beſcheidenes Haus kam, ſich dort in der großen Welt ausnehme. „Vortrefflich!“ hatte Herr Kohler geſagt, den ſie einmal lachend darüber befragte.„Ich verſichere Sie,“ hatte ſich der ehemalige Makler mit Enthuſiasmus ausgeſprochen, „Victor iſt dort ungeheuer gern geſehen; man verwöhnt ihn; er macht Furore mit ſeinem wunderbaren Talent, und wenn er ſpielt, ſo lauſcht Alles entzückt zu, und Herren und Grafen müſſen in dem Augenblick, wo der erſte Ton erklingt, vollſtändig verſtummen.“ Dieſen Worten war die lebhafteſte Phantaſie des jun⸗ gen Mädchens gefolgt und ſie ſah Victor, wie er am Flü⸗ gel ſaß, und ſah, wie eine andere ſchönere, ſtrahlendere Dame den Platz an ſeiner Seite einnahm, den Platz, den ſie, Alice, hier im Hauſe ſchüchtern als den ihrigen betrach⸗ tete. Sie hörte, wie man ihm Beifall zurief, wie Spitzen um ihn wehten, Brillanten rings umher funkelten, und wie glänzende Augen, in ihren Blitzen die Gdelſteine überbietend, ihn herzlicher, liebender anblickten, als ſie das zu thun im Stande war. Auch ſah ſie ihn dieſe Blicke erwiedern, freundlich und gewinnend, nicht mit jenem eigenthümlichen, faſt traurigen Lächeln, womit er ſie betrachtete, wenn ſie einmal aus dem Grunde ihres Herzens ausrief:„Ah, Victor! das war ſchön.“ Faſt hätte Alice Duvallet ſich darüber ärgern können, ———— — ee. — 294— daß ſie ſich am heutigen Morgen, ſo ohne es eigentlich zu wollen, mit ihm beſchäftigte: er hatte das geſtern Abend wahrhaftig nicht verdient. War er doch ſpät genug ge⸗ kommen, hatte er ihr doch kaum eine Hand gereicht und dazu geſagt:„Guten Abend mein Kind!“ und über dieſes: „mein Kind!“ hatte ſie ſich recht geärgert, wie das immer war, wenn er ſie ſo anſprach.— Mein Kind! War ſie denn wirklich noch ſo ein kleines Kind?— Sie war es nicht mehr; das ſagte ſie ſich ſtill, lleiſe und verſchwiegen, wenn ſie bei ſich ganz allein war.— Nein, ſie war es nicht mehr,— jetzt nicht mehr, ſeit einem halben Jahre nicht mehr, als er einmal neben ihr am Flügel geſeſſen, als er wieder mit ihr auf den Schwingen der Töne in weite Länder gereist war, als ſie ihre rechte Hand leicht auf die Taſten des Inſtruments gelegt und angefangen, ihm leiſe und ſchüchtern zu accompagniren. Da hatte er ſich verwundert zu ihr gewendet, da hatte er ſie angeblickt, ſo ſeltſam, daß es ſie durchſchauert hatte, da hatte er ſeinen Arm nur einen kleinen Augenblick um ſie ge⸗ ſchlungen und hatte geſagt:„Das ſtimmt ja wunder⸗ bar, meine gute Alice.“— Ja, ſeit dem Momente war ſie kein Kind mehr, das fühlte ſie wohl, und deßhalb ver⸗ droß es ſie ſo ſehr, wenn gerade er:„mein Kind!“ ſagte. Dann konnte ſie verſtohlen in den Spiegel blicken und unmuthig die Lippen auf einander preſſen, wenn ſie ihren einfachen glatten Anzug ſah, der ihr ſo recht unbedeutend vorkam, wenn ſie an die glänzenden, rauſchenden Roben jener Damen dachte, bei denen er nun ſpäter ſeine Abende zubrachte, nachdem er ſich hier in ihrem Hauſe gründlich gelangweilt. Und das war ihr ein ſo bitteres Gefühl, daß ſie oft Sekunden lang beide Hände auf ihr Herz preßte und dabei nur gewaltſam ihre Thränen unterdrücken konnte —„Thränen, von denen er nicht eine einzige werth iſt!“ „ — — 295— ſagte ſie gleich darauf, wobei ſie den Kopf trotzig in die V b Höhe warf. 6 V Und doch wollte er es nie eingeſtehen, daß er nur halb 8 gezwungen hieher in's Haus ſeiner Verwandtin komme, daß er das nur thue, weil er nicht anders könne, und daß er, der Neigung ſeines Herzens folgend, lieber ganz weg⸗ bleiben würde.— Unter dieſem peinigenden Gefühl hatte das junge Mädchen ſchon unbeſchreiblich gelitten; es war ihr das zuweilen ſo unsrträglich, daß ſie öfters im Begriffe geſtanden, offen mit ihm darüber zu ſprechen, und ſie hatte ſchon hie und da eine Anſpielung gewagt. Aber wenn er dann anſcheinend ſo herzlich lachte und einen Gedanken, V der ihr die Bruſt ſchmerzlich zuſammenpreßte, ſo luſtig ver⸗ warf, da verſtummte ſie und war nicht im Stande, mit ihm weiter zu reden. Und doch, wenn ſie ihn anblickte, ſah ſie wohl, daß bei ihren Worten ein leichter Schatten momen— tan den Blick ſeiner Augen trübte, oder daß ſeine Mund⸗ V winkel ſonderbar zuckten. Seine Antwort:„Du biſt ein närriſches Kind,“ kam ihm alsdann auch nicht vom Her⸗ zen; das fühlte ſie wohl, und wenn er in ſolchen Augen⸗ blicken rauſchende, wilde Töne aus dem Inſtrument her⸗ vorklingen ließ, dann rückte ſie ſcheu zur Seite, und ſein Leben und Treiben kam ihr faſt unheimlich vor; er er— ſchien ihr alsdann wie ein Weſen, dem etwas Schweres, — 4 Finſteres auf der Seele ruht, wie Jemand, der ein zwei⸗ faches, gänzlich verſchiedenes Leben führt, und der am Tage nicht heiter und glücklich ſein kann, weil ſeine nächtlichen, düſteren Träume ihm trotz Tagesglanz und Sonnenlicht in geſpenſterhaften Geſtalten erſcheinen. Dieſe Gedanken, die ahnungsvoll und doch unbewußt ihr Gemüth durchzogen, ließen ihr Betragen ihm gegenüber ihr oft ſo eigenthümlich erſcheinen. Zuweilen war es V ſichtbar, daß ſie ihn mied, vor ihm zurückzuweichen, zu — 296— fliehen ſchien. Ein anderes Mal mußte man es bemerken, wie ihr dunkles, glänzendes Auge ſo feſt, ſo innig an ihm hing, wie es ſie langſam zu ihm hinzog, bis ſie ſich an ſeiner Seite niederließ, bis ſie den Kopf an ſeine Schultern lehnte, bis ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte, als wolle ſie ihn zurückhalten und nicht mehr hinaus laſſen in jene wilde, entſetzliche Welt. So ſtand Alice auf ihrer kleinen Blumenterraſſe, und ſolch' finſtere Gedanken durchzogen ihre Träume trotz des prachtvollen, glänzenden Morgens. O hätte ſie hinausge⸗ konnt in die Weite!— ſo dachte ſie ſeufzend und drückte ihre warme Stirne an die kalte Mauer des Hauſes,— hinaus über jene fernen Berge in den grünen, ſchattigen Wald hinein, bei jedem Schritte vergeſſend ihre kleinen Leiden, bei jedem Schritte ruhiger, glücklicher werdend, bei jedem Schritte fühlend, wie ſich ihr Herz erweitere, wie es lichtvoll und klar in ihm wurde, wie es ſo empfänglich ward zur Aufnahme all' der freundlichen Bilder, welche der tiefblaue Himmel im Verein mit der grünenden, blühenden Erde vor ihrem Auge entſtehen ließ! O hätte ſie hinaus gekonnt, ſtill und ſinnend niederſitzen an das Ufer eines murmeln⸗ den Baches, die zitternden Sonnenſtrahlen verfolgen, die hin und wieder auf dem glänzenden Waſſer umherſprangen; das Murmeln der Flut, die beweglichen Lichter auf der⸗ ſelben hätten ihr allerlei Schönes erzählt und hätten ihr Gemüth beruhigt, ſie ſtill und glücklich gemacht. So aber konnte ſie nicht in Feld und Wald hinaus, ſie konnte ſogar nicht einmal ſortträumen auf ihrer kleinen, ſonnigen Terraſſe, denn ſie mußte dem Rufe der Mutter folgen, die ſie bat, hinein in's Zimmer zu kommen, in den Salon auf der andern Seite des Hauſes, wo es im Ge⸗ genſatz zu der hellen Sonnenſeite hier ſo ſchattig und dü⸗ ſter war, wo obendrein noch die ſchweren, altmodiſchen ℳ½△———— — — 297— Vorhänge die Fenſter halb verhüllten, und wo Alice ein⸗ tretend faſt wieder zurückſchreckte, denn ſie ſah auf dem Sopha eine Frau in tiefer Trauer ſitzen und neben ihr ſtehend zwei kleine, ebenfalls dunkelgekleidete Kinder. Die Commerzienräthin ſtellte der Fremden ihre Tochter vor, und bezeichnete Jene alsdann als Madame Nicolai mit ihren beiden Kindern. Weßhalb das junge Mädchen, kaum in's Zimmer ge⸗ treten, ſchwer und mühſam athmete, darüber konnte ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben; aber es war ihr gerade, als habe man ihr mit dem glänzenden Sonnenlicht auch die Luft entzogen. Und doch ſei es hier recht behaglich kühl, verſicherte Madame Duvallet, gerade ſo, wie man es an einem heißen Tage wie der heutige nur wünſchen könne. Alice hatte ſich, nachdem ſie die Fremde freundlich be⸗ grüßt, ſtill neben ihre Mutter geſetzt, und es war ihr zu Muth, als dürfe man nicht laut reden der Trauer wegen, welche die ſchwarzgekleidete Fremde in's Haus gebracht. Dieſe ſaß da ſo einſylbig und unheimlich, mit dem bleichen Geſichte und dem feſt zuſammengezogenen Mund. Ihr Ge⸗ ſicht war regelmäßig ſchön, aber es lag etwas Hartes in den Zügen derſelben; auch die großen, ſchönen Augen blick⸗ ten kalt und ſtrenge; ein Zucken um ihre Lippen, das jedes⸗ mal erſchien, wenn ſie ſprach, war auch nicht im Stande, einen angenehmen Eindruck hervorzubringen. Das dachte Alice Duvallet, nachdem ſie die Fremde theilnehmend betrachtet. „Madame Nicolai iſt Wittwe,“ ſagte die Commerzien⸗ räthin nach einer Pauſe;„ſie hat das Unglück gehabt, ihren lieben Mann zu verlieren.“ „Und dies Unglück hat Sie vor Kurzem betroffen?“ fragte Alice mit bewegter Stimme. Madame Nicolai ſeufzte tief, dann nickte ſie mit dem Kopfe und erwiederte: „Ja, mein Fräulein; das ſchwere Unglück iſt ganz vor Kurzem über mich hereingebrochen;— doch ſah ich es längſt kommen,“ ſetzte ſie-mit einem eigenthümlichen Tone hinzu, und dabei zuckten ihre Mundwinkel wieder auf die eben erwähnte kalte, unangenehme Art. „So, war Herr Nicolai längere Zeit krank?“ ſagte Madame Duvallet,„und Sie habennihn erſt verloren, nach⸗ dem er viel gelitten?“ „So iſt es, Frau Räthin,“ entgegnete die ſchwarz ge⸗ kleidete Frau.„Wir Beide haben viel gelitten.“— Sie öffnete die Augen weit, und blickte zum Fenſter hinaus an den tiefblauen Himmel.—„Viel haben wir gelitten,— Beide; ich vielleicht am meiſten.“ Die Kinder hatten ſich in Ermanglung eines andern Spielzeugs mit dem bunten Hampelmann abgegeben; das ältere Mädchen ließ ihn Marionetten ſpielen, worüber der Bube luſtig lachte. Eben hatte Hampelmann mit ſeinen ſteifen hölzernen Armen den Knaben auf beide Wangen gepätſchelt und darauf ſeine große Naſe an deſſen rechtes Ohr gelegt, womit ein Ruhepunkt im Spiel der Kinder ein⸗ getreten war, als das kleine Mädchen plötzlich ihren Kopf gegen das Sopha wandte, Madame Duvallet feſt anſah und mit lauter Stimme ſagte: „Papa iſt gar nicht krank geweſen, nicht wahr, Ferdinand? Geſtern Mittag war er noch ganz geſund und heute Nacht iſt er geſtorben, wie Mama ſagt.“ Als das Kind ſo ſprach, fuhr die Mutter ſichtlich zu⸗ ſammen, doch preßte ſie gleich darauf ihre Lippen einen Moment feſt auf einander, und ein trauriges Lächeln zuckte über ihre Züge, ehe ſie zu Madame Duvallet gewendet mit etwas unſicherer Stimme ſprach: —— ——d — 299— „So ſind die Kinder einmal; ſie mengen Alles durch einander, Zeit und Ort, ſie ſind eigentlich glücklich, eine lange Zeit des Leidens geht an ihnen ſpurlos vorüber.“ Das Mädchen ſchaute ſeine Mutter mit großen Augen an, dann fuhr es hartnäckig, wie Kinder zu ſein pflegen, fort: „Papa war gar nicht krank, Mama.— Nicht wahr, Ferdinand?“ Sie fuhr mit ihren kleinen Fingern durch die dichten Haare ihres Bruders.—„Wenn man krank iſt, ſo legt man ſich zu Bette und dann kommt der Doctor und bringt eine große Flaſche voll Medicin mit Gold⸗ papier dran und einen großen Zettel.— Nicht wahr, Ferdinand?“ „Ja,“ ſagte der Knabe,„und da muß man ſeine Zunge zeigen und bekommt lange nichts zu eſſen.— Iſt es nicht ſo, Mama?“ Madame Nicolai hatte ſich wieder vollkommen gefaßt und antwortete mit großer Ruhe, während ſie das Mäd⸗ chen an ſich zog: „Gewiß iſt es ſo, und ſo war es auch bei uns; das habt ihr aber Alles vergeſſen.“ „Nein, Mama, ich habe nichts vergeſſen; der Doctor iſt nicht gekommen und Papa hat auch nicht zu Bett ge⸗ legen.— Nicht einmal heute Nacht.“ „Wer auch ſo glücklich wäre, wie dieſe Kinder!“ er⸗ wiederte die Fremde, indem ſie ein paarmal mit dem Kopf nickte und ihre kleine Tochter feſt an ſich zog.„Freud und Leid hält nicht bei ihnen und ſie mengen Alles durch⸗ einander— es könnte Einem das Herz zerreißen.— Ja, ja, Du haſt Recht, Bertha,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, „geſtern Nacht hat Dein Vater freilich nicht mehr in ſeinem Bette geſchlafen.“— Ein Schauer ſchien bei dieſen Wor⸗ ten ihren Körper zu durchfliegen.—„Er konnte es nicht, weil er da ſchon todt war. Aber jetzt ſei ein gutes Kind und ſprich nicht weiter davon; Du thuſt Deiner Mutter ſo ſehr weh, wenn Du noch mehr darüber ſagſt.“ Sie beugte ſich bei dieſen Worten nieder und küßte ihr Kind herzlich auf die Stirne. Als ſie ſich wieder empor⸗ richtete, ſeh man ihre Augen voll Thränen ſtehen, und Bertha, die ſich bei dieſem Anblicke feſt an ihre Mutter ſchmiegte, verſprach jetzt ganz ſtille zu ſein und nichts mehr zu reden. Hierauf entſtand im allgemeinen Geſpräche eine etwas längere Pauſe. Die Fremde zog dem Knaben ſein Jäck⸗ chen etwas herunter und ermahnte ihn dabei, ruhig zu ſein; denn Ferdinand zeigte viele Neigung, ein kleines Lied zu ſingen, das ihn zu Haus die Magd vor Kurzem gelehrt hatte. Die Commerzienräthin that, wie man in ſolchen Augen⸗ blicken zu thun pflegt: ſie zog an ihren Haubenbändeln, ſtrich auch wohl mit der rechten Hand über das Sopha⸗ kiſſen und ſagte darauf: „Ja, ja, ſo geht's in der Welt; es iſt traurig, daß es ſo geht, aber wer kann es anders machen? Man muß Alles in Geduld hinnehmen.“ Es ſind das Ausſprüche, die unbeſchreiblich allge⸗ mein klingen, die man aber, um ein Geſpräch einzu⸗ leiten oder den Riß einer Converſation auszufüllen, ſehr wohl gebrauchen kann, und deßhalb nicht ohne Wich⸗ tigkeit. Alice hing ihren eigenen Gedanken nach, die heute— ſie wußte ſelbſt nicht warum?— recht trübe, recht drückend waren. Sie hatte auf dem Rande des Sophas den Kopf in die Hand geſtützt und blickte zum Fenſter hinaus. Erſchien ihr doch das dunkle, ſchattige Zimmer mit den ſtark zuſammengezo⸗ genen Vorhängen wie ein Gefängniß, aus dem heraus man —— vergeblich nach Luft und Licht ſchmachtet. Und Luft und Licht, namentlich das letztere, lag ſo verlockend draußen auf der Straße und ſpielte in goldenem Sonnenglanze an den Mauern des gegenüberliegenden Hauſes. Da glänzte der helle Schein neben tief dunkeln Schatten: da drüben funkelte, blitzte und ſtrahlte es, während hier Alles ſo düſter und traurig erſchien, ſo paſſend zu der ſchwarzge⸗ kleideten Fremden mit ihrem bleichen Geſicht, mit den großen, geſpenſterhaften Augen. „Madame Nicolai will eine Stelle annehmen,“ ſprach nun die Commerzienräthin, nachdem die drei Damen eine gute Weile geſchwiegen. Sie ſagte das zu Alice gewendet und offenbar in der Abſicht, die Converſation nicht ganz einſchlafen zu laſſen.„Ja,“ wiederholte ſie,„Madame Nicolai will die Stelle annehmen, die im Hauſe des Frei⸗ herrn von Molitor zu beſetzen iſt; Dein Vater wird Ma⸗ dame Nicolai vorſchlagen, und ich zweifle nicht, daß der Herr Baron auf dieſen Vorſchlag bereitwillig eingehen wird.— Sie kennen den Herrn Baron?“ fragte ſie die Fremde.— Dieſe ſchüttelte mit dem Kopfe, ehe ſie entgegnete: „Nein, ich habe ihn nie geſehen; doch glaube ich,“ ſetzte ſie hinzu, nachdem ſie wie verlegen an ihrem Halstuch ge⸗ zupft,„ich habe von ſeinem Hauſe ſchon reden hören.“ „Nun, das wird gerade nicht das Empfehlendſte gewe⸗ ſen ſein,“ meinte die Commerzienräthin.„Ueber das Haus iſt ſchon ſehr viel geſagt worden, und die Leute, die oben hinaus urtheilen, ſind meiſtens geneigt, dem Herrn von Molitor in Allem Unrecht zu geben. Das kommt wohl daher, weil er, und das iſt nicht zu läugnen, ein har⸗ ter, ja unangenehmer Charakter iſt und weil die Welt ſo gern bereit iſt, einer ſchönen Frau unbedingt Recht zu geben.“ — 302— „Ja ſie ſoll ſchön ſein— ſie ſoll ſehr ſchön ſein, dieſe Frau Baronin von Molitor,“ ſagte die Fremde mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Sehr ſchön— eine reizende, elegante Dame, das iſt nicht zu läugnen,“ verſetzte Madame Duvallet;„ich begreife wohl, daß ſie vielen Männern die Köpfe verrückt hat.“ Alice wußte nicht, weßhalb ihr gerade dies Geſprächs⸗ thema peinlich war und weßhalb es ſie jedesmal ſchmerzlich berührte, ſo oft der Name dieſer Frau von Molitor ge⸗ nannt wurde; und doch wieder war es ihr ſo intereſſant, etwas über dieſe Frau zu hören, und doch war ſie ſchon in den Straßen der Stadt lange vor einem Laden ſtehen geblieben, um dieſe Dame aus ihrem Wagen ſteigen zu ſehen, wobei ſie dann zugeben mußte, daß es allerdings eine ſchöne, intereſſante Erſcheinung ſei. „Wenn man, wie ich ſchon vorhin bemerkt, nicht läug⸗ nen kann,“ fuhr die Commerzienräthin fort,„daß der Frei⸗ herr von Molitor ein Herr iſt von außerordentlich ſchroffer Außenſeite,— ich kann Sie verſichern, mein Mann, der doch mit allen Leuten umgehen kann, hat genug zu thun, um mit dem Baron in Frieden zu bleiben— ſo ſoll da⸗ gegen, wie Alle ſagen, die ihn näher kennen, ſein Cha⸗ rakter von einer außerordentlichen Feſtigkeit und Ehrenhaf⸗ tigkeit ſein.“ „Wornach alſo alle Schuld auf Seiten der Baronin läge,“ ſprach Madame Nicolai;„und was mich anbelangt,“ ſetzte ſie mit Bitterkeit hinzu,„ſo bin ich ſehr geneigt, feſt daran zu glauben.“ „Man muß ihm wenigſtens laſſen,“ verſetzte Madame Duvallet,„daß er vor der Welt zeigt, die eigenthümlichen Verhältniſſe, welche ſein Hausweſen zerriſſen haben, gehen ihm zu Herzen. Er hat ſich ſeit jener Zeit von Allem zurück⸗ gezogen. Wie ſelten kommt er hieher! gewöhnlich lebt er auf —— . ſeinem einſamen Schloſſe, wo er keinen Menſchen ſieht und wo er ſich nur der Erziehung ſeiner Tochter widmet.“ „Aber trotz allem dem iſt es für eine Mutter hart, ihr Kind nicht bei ſich haben zu können,“ meinte Alice, indem ſie, wenn gleich widerſtrebend, die Partei der Baronin nahm.„Es muß ſie das ſehr unglücklich machen; es muß das ihr Herz zerreißen.“ „Wovon man aber ſehr wenig bei ihr bemerken ſoll,“ ſprach die Commerzienräthin achſelzuckend.„Sie verlebt in Luſt und Freude ihre Tage, macht trotzdem, daß ſie eine Frau ohne Mann iſt, ein großes, glänzendes Haus, gibt die größten Geſellſchaften, bei denen es ſehr luſtig zugehen ſoll, und wo man gewiß ſehr wenig davon merken wird, daß die Herrin eigentlich einen tiefen Kummer im Herzen tragen ſollte und graugekleidet Buße thun.— Aber was gehen uns dieſe Verhältniſſe eigentlich an?“ fuhr ſie gleich darauf heiterer fort;„die Baronin Molitor lebt von ihrem Manne getrennt, alſo werden Sie, meine beſte Madame Nicolai, nicht mit ihr zuſammen kommen, und kann es Ihnen gleichgültig ſein, wie ſie iſt. Was den Freiherrn anbelangt, ſo iſt er allerdings eine eigenthümliche Perſön⸗ lichkeit, wenn man aber ſeinen klar ausgeſprochenen Willen befolgt, ſo ſoll es durchaus nicht ſchwer ſein, mit ihm zu leben und ſeine Zufriedenheit zu erlangen.“ „Aber Mama,“ ſagte Alice,„Du wirſt doch zugeben, daß Mamſell Schulz Alles gethan, was in ihren Kräften ſtand?“ „Mamſell Schulz,“ erläuterte die Commerzienräthin, „war Ihre Vorgängerin, und dieſelbe hat ſich gewiß, was ihren Dienſt betrifft, die Erziehung des kleinen Mädchens nämlich, durchaus nichts zu Schulden kommen laſſen. Aber wie wir erfahren, hatte es Mamſell Schulz nicht verſchmäht, mit der Baronin Molitor in Verbindung zu treten. Ich für meine Perſon möchte ihr das gerade nicht ſo hoch an⸗ rechnen, denn die Baronin hat es gewiß an keinem Mittel fehlen laſſen, um ſich die Erzieherin ihrer kleinen Tochter geneigt zu machen. Das war die Klippe, an der Mamſell Schulz geſcheitert iſt, und wohl die einzige im Hauſe, vor der man ſich in Acht zu nehmen hat und die auch gewiß nicht ſo ſchwer zu vermeiden iſt.“ „Und warum verſuchte es die Frau von Molitor, ſich durch die Erzieherin ihrer kleinen Tochter zu nähern?“ fragte die Fremde.„Hat ſie nicht auch ohne das ein Recht dazu?“ „Man kann einer Mutter dieſes Recht wohl nicht ab⸗ ſprechen,“ entgegnete Madame Duvallet.„Aber das ſind gerade die eigenthümlichen Verhältniſſe in jenem Hauſe, daß der Herr deſſelben— und er wird wohl ſeine triftigen Gründe dazu haben— ſeine Frau, die von ihm getrennt lebt, durch alle Mittel, die ihm zu Gebot ſtehen, von ihrer Tochter fern zu halten ſucht.“ „Das iſt hart,“ ſagte die Wittwe, indem ſie ihre eigene Tochter feſter an ſich zog.„Er ſollte der Mutter nicht verbieten, zuweilen ihr Kind zu ſehen.— Ich habe gewiß nicht Urſache,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„dieſen Da⸗ men das Wort zu reden, aber es iſt hart, einer Mutter den Anblick ihres Kindes zu verſagen.“ „Wozu Sie aber aus allen Kräften mitwirken müſſen, meine beſte Madame Nicolai,“ bemerkte achſelzuckend die Commerzienräthin.„Es iſt dies wohl die erſte und Haupt— bedingung, die Ihnen von Seiten des Freiherrn geſtellt werden wird.“ „Und die ich mit dem Dienſte auch werde annehmen müſſen,“ verſetzte die Wittwe, indem ein bitteres Lächeln über ihre Züge flog.„Seien Sie aber dagegen überzeugt,“ fuhr ſie, ſich verbindlich gegen Madame Duvallet verneigend, —————— — 305— fort,„daß ich die Kraft haben werde, eine Bedingung, die ich einmal eingegangen, auch zu halten, und daß ich in dieſem Punkte der Empfehlung Ihres Herrn Gemahls alle 7 Ehre machen werde.“ Bei dieſen Worten hatte ſie ſich emporgerichtet daſſelbe ſtarre, kalte Lächeln zeigte ſich wieden Zügen. Draußen hörte man in dieſen Schritte, welche ſich der Saloum leicht angeklopft, und ohne Hauſes gehörig abgem⸗ Thür, und Victz Die gekehꝛ b — 306— begreiflicher Weiſe auf die beiden Kinder hinabſchaute, hatte das kleine Mädchen ihren Kopf herumgewandt, und zwei leuchtende Augen blickten ihn aus einem friſchen Kinderge⸗ ſichte an, das ihm außerordentlich bekannt vorkam. Und,“ wiederholte er mechaniſch, indem er forſchend aach der ſchwarzgekleideten Dame hinüberblickte— war recht ſpät— und ich dachte mir, Sie an ſehr ermüdet ſein.“ 4 Die zwölfte Stunde. h A ( ſ ==ie Commerzienräthin hatte ——— g⸗ 1 M wohl das Erſtaunen Victor's AN 85— beim Anblick der Fremden ſelbe habe einzig und allein ſeinen Grund darin, daß der Verwandte und Freund des Hauſes hier Jemand ſehe, dem er nicht ſogleich vorgeſtellt wurde, ſo beeilte ſie ſich das zu thun, indem ſie, zu 4 der Fremden gewendet, ihren Neffen als Herrn Victor Barring nannte und dann umgekehrt die ſchwarze Dame als die Frau Wittwe Nicolai präſentirte. — 308— Dieſe Präſentation hätte vielleicht die gleichen Folgen gehabt, welche bei fremden Leuten, die ſich zum erſten Mal ſehen, gewöhnlich ſind: eine ſtumme Verbeugung, ein Paar verbindlich klingende Worte oder etwas Aehnliches,— wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke die kleine Bertha aus den Armen ihrer Mutter losgewunden und laut und freudig ausgerufen hätte:„Herr Barring!“ und wenn ſie nicht daxauf zu ihrem Bruder geſagt hätte:„Siehſt Du, Fer⸗ dinand, der Herr Victor, der immer mit Papa kam und mit uns ſo gern gelacht hat.“ 1 „Ja,“ gab der Knabe trotzig zur Antwort,„ich kenne ihn wohl, aber er iſt auch lange nicht mehr da geweſen; ich mag ihn nicht mehr ſo gut leiden.“ Der junge Muſiker, ohne auf die Ueberraſchung ſeiner Tante und Alicens zu merken, eilte raſch ein Paar Schritte auf die ſchwarzgekleidete Fremde zu, blickte ſie ſcharf an, und rief dann laut: „Ahl ſind Sie es wirklich, Thereſe!— Gott ſei Dank! daß Sie es ſind.—— Verzeihen Sie, Madame Nicolai,“ ſetzte er alsdann mit einem bittern Lächeln hinzu,„daß mich die Ueberraſchung zwang, Sie, die vielleicht von mir nicht gekannt ſein wollten, hier vor dieſen Damen zu erkennen.“ Ein Paar Sekunden lang ſaß die Fremde regungslos da und gab durch keine Bewegung zu verſtehen, daß ſie auf die Begrüßung Victors eingehen wolle; doch ſchien ſie ſich plötzlich beſonnen zu haben, ſie hob langſam ihren Schleier empor, ſie zeigte dem Erſtaunten ihre bleichen, ent⸗ ſchloſſenen Züge mit dem kalten Blicke, und nachdem ſie ihn eine lange Weile feſt angeſehen, ſagte ſie mit leicht zit⸗ ternder Stimme: „Ja, ich bin es, Herr Barring, die unglückliche Frau Ihres Freundes.“ Daß die Commerzienräthin dieſer Erkennungsſcene mit — 309— höchſter Ueberraſchung beiwohnte, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen; da aber ihre Neugierde hiedurch mächtig angeregt wurde, ſo verſchwand neben dieſer jedes andere Gefühl und ſie blickte der Entwicklung mit großer Spannung entgegen. Nicht ſo Alice; was ſie eben geſehen und gehört, be⸗ rührte ſie ſchmerzlich. Sie ſah wohl, daß das Erkennen der Beiden kein freudiges war; es konnte ihr unmöglich der finſtere drohende Blick aus den Augen der Fremden un⸗ bemerkt bleiben, mit dem dieſe Victor anſtarrte, als ſie ihm Antwort gab. Sie hätte ſo gern das Zimmer verlaſſen: ſie wollte ſich von ihrem Sitze erheben und legte ihre rechte Hand auf den Arm der Mutter, wobei ſie dieſe fragend anſah. Als ihr dagegen Madame Duvallet ein Zeichen machte, ruhig zu bleiben, ließ ſie ihren Kopf niederſinken — ſie wollte es vermeiden, in die eigenthümlich glänzen⸗ den Augen der ſchwarzgekleideten Frau zu blicken. „Ich bin wirklich hoch erfreut, Sie hier zu finden,“ ſprach Victor, indem er ſich der Dame näherte und zutrau⸗ lich ihre Hand zu faſſen ſuchte, die ſie ihm aber mit einiger Heftigkeit entzog.„Aber ſagen Sie mir, Thereſe, welch' glückliches Ungefähr brachte Sie gerade hieher zu meinen Verwandten?“ „Das iſt mein Geheimniß,“ erwiederte Madame Nicolai mit einem ſcharfen Tone der Stimme, den ſie aber gleich darauf milderte, als ſie, zu Madame Duvallet gewendet, bittend hinzuſetzte:„Nicht wahr, Frau Räthin, das iſt unſer Geheimniß?— Ich wußte gewiß nicht,“ ſprach ſie gleich darauf weiter und betonte jedes Wort hart und ſchneidend,„daß ich hier bei Verwandten von Ihnen bin, Herr Barring.—— Ich wäre alsdann wahrſcheinlich nicht hieher gegangen.“ Der junge Mann zuckte mit den Achſeln und verſetzte: „Ich ſehe wohl, Sie ſind in einer Gemüthsverfaſſung, —— —— — 310— die ich leider an Ihnen kenne, und die es unmöglich machen wird, ein ruhiges Wort mit Ihnen zu reden.“ „Das kannſt Du doch wahrhaftig der Madame Nicolai nicht übel nehmen,“ ſprach die Commerzienräthin mit herz⸗ licher Stimme und einem Ausdrucke der Rührung in ihren Zügen.„Die arme Madame Nicolai hat vor ganz Kurzem ihren Mann verloren.“ Bei dieſen Worten ſah man eine Sekunde lang ein bitteres Lächeln auf den Zügen Victors. Er hob ſeine rechte Hand empor, während ſich ſeine Lippen haſtig öffne⸗ ten; doch als ob er fühlte, es ſei hier nicht am Platze, etwas vielleicht Unüberlegtes zu ſprechen, fuhr er mit der Hand über das Geſicht und ſagte mit einer verbindlichen Verbeugung gegen die Fremde: „Vielleicht geſtattet Madame— Nicolai, daß ich ein Wort allein mit ihr rede.“ Alice erhob ſich raſch von ihrem Sitze und die Com⸗ merzienräthin blickte fragend auf die Fremde, welche aber mit einer ängſtlichen Geberde beide Hände erhob, und die Damen dadurch zu bleiben bat, worauf ſie dem jungen Manne kalt und ruhig erwiederte: „Ich wüßte nicht, was ich mit Ihnen zu reden hätte.“ „Nun gut denn,“ ſprach dieſer nach einer Pauſe in ſehr entſchloſſenem Tone.„Wenn Sie das, was ich Ihnen zu ſagen habe, nicht allein hören wollen, ſo werde und muß ich mir erlauben, vor meinen Verwandten zu ſprechen. Ich bin das meinem Freunde ſchuldig; ich bin das dieſen armen Kindern ſchuldig, ich bin das Ihnen ſchuldig, Madame.“ Die Angexedete zuckte leicht zuſammen, ſie faltete ihre Hände und ließ ihr Haupt tief auf die Bruſt herabſinken. Da ſie aber hierbei auf ihre Kinder blickte, fuhr ſie plötz⸗ lich in die Höhe und rief mit ſchmerzlicher Bewegung: „Reden Sie meinetwegen, Herr Barring; ſagen Sie, A er — 311— was Sie wollen, aber nicht vor dieſen da.“ Sie zeigte auf die Kleinen.—„Dieſe ſollen das Andenken an ihren verſtorbenen Vater rein und gut erhalten.“ „Wenn Sie ſolche Rückſichten immer gekannt hätten,“ erwiederte Victor mit einer Verbeugung,„ſo wäre Man⸗ ches beſſer. Daß ich dieſelben vollkommen achte, werden Sie von mir überzeugt ſein.“ „Ich will die Kinder mit mir nehmen,“ ſagte Alice ſchnell, worauf ſie tief Athem holen mußte.—„Nicht wahr, Kinder, ihr geht mit mir?“ wandte ſie ſich an Bertha und Ferdinand, indem ſie ſich tief zu ihnen herabbeugte. „Ich gehe nicht,“ verſetzte der Knabe,„ich bleibe bei der Mama.“ „Du ſollſt ja auch nicht weit von mir gehen,“ ſprach dieſe,„nur dort in's Nebenzimmer, wo das ſchöne Fräu⸗ lein Dir etwas zeigen wird.— Sei Du artig Bertha, und befolge hübſch, was ich Dir ſage.“ Das kleine Mädchen reichte Alice die Hand, und nach einigem Zögern ließ ſich auch Ferdinand bewegen mitzugehen, doch unter der Bedingung, daß er im Nebenzimmer blei⸗ ben dürfe und daß man die Thüre nicht ſchließe; er wolle ſeine Mutter ſehen. Alice hatte gehofft, die beiden Kinder auf ihre ſonnige Terraſſe führen zu können; ſie fühlte wohl, daß drin⸗ nen etwas Eigenthümliches verhandelt werden ſolle. Dem wäre ſie ſo gern entgangen und jetzt mußte ſie dableiben, und wenn ſie auch noch ſo eifrig mit den Kindern ſprach und es ihr gelang, deren Aufmerkſamkeit abzulenken, ſo war es ihr doch ſelbſt unmöglich, ihr Ohr vor dem Geſpräche drinnen gänzlich zu verſchließen; Worte und Sätze drangen herüber, manchmal im Zuſammenhang, manchmal zerriſſen, und dann um ſo bedeutungsvoller— ſchmerzlicher anklingend. „Ehe ich mir erlaube,“ ſagte Victor,„zu Ihnen zu reden, wie ich es für meine Schuldigkeit halte und wie es — 312— dringend nothwendig iſt für Ihre Zukunft, für die meines Freundes, für die der Kinder, muß ich die feierliche Er⸗ klärung vorausſchicken, daß ich nicht nur die ganze Größe des Unrechts, welches Ihnen geſchehen, fühle, ſondern daß ich auch noch vor Kurzem ihm mit den Worten der Ueber⸗ zeugung dies Unrecht vor Augen führze und ihn durch die Gewalt der Wahrheit zwang, daſſelbe einzugeſtehen, was er auch der Hauptſache nach that.— Dabei aber werden Sie mir erlauben, daß ich Madame Duvallet, die unſeren Worten voll Verwunderung zuhört, yon der eigenthümlichen Lage in Kenntniß ſetze, in der Sie ſich befinden,— eine Lage, die mich zu Ihrem eigenen Beſten zum Reden zwingt.“ Die Fremde preßte ihre Lippen aufeinander, that einen tiefen Athemzug und zuckte alsdann leicht mit den Achſeln, als wenn ſie ſagen wollte:„Was kann ich machen? ich muß über mich ergehen laſſen, was da kommt.“ So ſehr ſich auch Alice im Nebenzimmer bemühte, mit den Kindern zu ſprechen, und nur auf ihre Antworten hörend ihr Ohr allem Andern zu verſchließen, ſo war es doch, als herrſche rings umher die tiefſte Stille, und als wäre in der ganzen weiten Welt nichts hörbar als die Worte Victors, die laut und klingend an ihr Herz ſchlugen, und die ſie ihres ſeltſamen Inhalts wegen tief durchſchauer⸗ ten.„Madame— Nicolai,“ ſagte der junge Mann mit einer Handbewegung auf die Fremde:„iſt nicht Madame Nicolai, ſondern Madame Thereſe Stifter, die Frau eines meiner Freunde, der nicht vor Kurzem geſtorben iſt, ſondern den ich noch vor wenigen Stunden geſprochen, wo er bei mir war, ſich verzweiflungsvoll beklagend, daß ſeine Frau mit ihren beiden Kindern ihm— entflohen.“— Bei dieſen Worten ging auf dem Geſichte der ſchwarz gekleideten Fremden allmälig eine gewaltige Veränderung vor; ihre Lippen, die ſie feſt aufeinander gepreßt hatte, fingen an zu —— 4 4 — 313— zittern und zogen ſich dadurch immer weiter von ihren glän⸗ b zenden Zähnen zurück, die feſt auf einander liegend ihrem b Geſichte etwas furchtbar Entſchloſſenes, Wildes gaben, wo⸗ zu der unheimliche Glanz in ihren großen, weit aufgeriſſe⸗ nen Augen erſchreckend paßte. Ihre Finger zuckten, als ſie nun mit lautem Tone ausrief: „Ah! er war bei Ihnen, Herr Barring! Bei Ihnen, ſeinem Freunde, ſeinem Begleiter, ſeinem Rathgeber, ſeinem Vertheidiger!— Ahl er— und Sie!—— Doch— verzeihen Sie meine Heftigkeit,“ wandte ſie ſich in unzu⸗ ſammenhängenden Worten, denn der Athem ſtockte ihr in der Bruſt, an die Frau des Hauſes;—„verzeihen Sie— einer Unglücklichen, die von der Erinnerung überwältigt, Ja,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit erzwungener Ruhe b kaum noch weiß, was ſie ſagt, wie ſie es ſagt.—— V fort,„es iſt wahr, was dieſer Herr geſagt: ich habe mit meinen Kindern mein Haus verlaſſen, um einem Manne zu entfliehen, der für mich ſo gut wie geſtorben iſt. Das iſt Alles, Alles wahr.— Aber,“ ſprach ſie mit V erhobener Stimme, indem ſie ihre Rechte drohend empor⸗ hob und dann auf Victor wies,„der da, welcher ſich einen Freund meines Mannes nennt, ſoll ſagen, was mich zwang, mein Hau 3 V meine Heimat zu verlaſſen.— Wiſſen Sie es vielleicht nicht, Herr Barring?“ V „O ich weiß es,“ entgegnete dieſer mit großer Ruhe; V „ich weiß, was Sie Ihre Gründe nennen zu ſolch' ver⸗ Gründe triftig und haltbar ſind, das iſt eine andere Frage.“ 1C. 7—..—:... d zweifeltem Schritt, wie Sie ihn gethan. Ob aber dieſe V Alice erzählte den Kindern im Nebenzimmer in wahrer Seelenangſt ein altes, bekanntes Märchen; ſie hatte ſich auf ein Tabouret weit von der Thüre geſetzt und die Kin⸗ der an ſich gezogen, die dann auch mit Auge und Ohr aufmerkſam an ihrem Munde hingen und begierig dem be⸗ — 314— kannten:„Es war einmal ein reicher König, der hatte eine ſehr ſchöne Tochter, die konnte zaubern“— zulauſchte. Da⸗ bei war es aber ſelbſt wie ein Zauber, daß das junge Mädchen, olbgleich ſie ſo eifrig erzählte, doch immer und immer jedes Wort aus dem Nebenzimmer ſo deutlich ver⸗ nahm, als würde es ihr in's Ohr geflüſtert. „Meine Gründe,“ ſagte die ſchwarzgekleidete Frau in ſchneidendem Tone,—„o Gott! meine Gründe! Sie wiſ⸗ ſen es am Beſten, ob meine Gründe haltbar ſind oder nicht. Es iſt grauſam, von Ihnen das hören zu müſſen. Wer hat beſſer als Sie die genaueſte Kenntniß von dem Thun und Laſſen meines Mannes? Wer ſah ihn Schritt vor Schritt immer tiefer hinabſtürzen von leichten Feh⸗ lern zu ſchwereren Vergehen, von dieſen zu Laſtern und Verbrechen? Wer anders als Sie beſtärkte ihn durch das eigene Beiſpiel in dem wilden Leben, wodurch ſein häuslicher Friede, das Glück ſeiner Kinder zu Grunde ging?— Wer trägt einen großen Theil der Schuld?“ „Wer? fragen Sie mich? wer anders als ich ſoll an all' dem Unheil, das ich allerdings kommen ſah und dem ich mit Ermahnungen und Warnungen vergeblich entgegen zu arbeiten ſuchte, Schuld ſein?— Meinetwegen denn Vorwürfe um Vorwürfe! Nur daß die meinen haltbar ſind. Wer, fragen Sie, trägt mit die Schuld, daß es ſo weit kommen mußte?— Nun denn: Sie ſelbſt mit Ihrem harten, verſchloſſenen Weſen!“ Die ſchwarzgekleidete Frau ſchlug ein ſchreckliches La⸗ chen auf, und Madame Duvallet, ängſtlich geworden durch die Heftigkeit der Beiden, ſagte in bittendem Tone:„Aber, Victor!“ „Sie haben Recht, Tante, ich ließ mich hinreißen. Doch wenn ich mein Wort von eben auch etwas zu haſtig und unvorſichtig herausſtieß, ſo kann ich es doch nicht * * —.315— zurücknehmen, ja ich muß es wiederholen. Wenn Sie damit wandte er ſich an Madame Stifter—„Manches an⸗ ders aufgefaßt hätten, geneigt geweſen wären, kleine Dinge zu vergleichen, und große, wichtige wirklich verletzende zu vermeiden, ſo wäre Alles anders gekommen.“ Man ſah es der Frau an, welch' gewaltſame An⸗ ſtrengungen ſie machte, um ihrer Heftigkeit Meiſter zu wer⸗ den. Es gelang ihr auch inſoweit, daß nur ihre Stimme noch ein wenig bebte, als ſie, ſich zu der Frau des Hauſes wendend, mit gefalteten Händen ſprach: „Es war eine Zeit, wo ich ſo glücklich war, wie es eine Frau nur ſein kann, die ihren Mann herzlich und innig liebt und ebenſo von ihm wieder geliebt wird. Wir lebten ſtill, zurückgezogen und dadurch um ſo glücklicher. Wir erhielten die beiden Kinder, die Sie eben geſehen, und unſere ſorgenfreien, wenn auch beſcheidenen Verhältniſſe ge⸗ nügten mir und meinem Mann. Konnten ſie uns nicht auch genügen, konnte er nicht auch fortwährend glücklich darin ſein?“— Da ſie bei dieſen Worten ihren Blick auf Victor richtete, ſo zuckte dieſer leicht mit den Achſeln. Dann fuhr ſie fort:„Es ſollte aber nicht ſo bleiben; nach⸗ dem wir ein Paar Jahre ſtill und zufrieden gelebt, bemerkte ich wohl, daß unſere kleinen, beſcheidenen Verhältniſſe mei⸗ nem Manne hie und da drückend waren.“ „Erlauben Sie,“ nahm der Muſiker das Wort,„Sie bemerkten das; ich erinnere mich ganz genau, wie Sie mir es damals ſagten; ich kann Ihre eigenen Worte wieder⸗ holen. ‚So oft Ferdinand von einem Beſuche ſeiner Be⸗ kannten oder aus dem Atelier eines Freundes zurückkommt, ſo oft iſt er verſtimmt und hat etwas an unſerem Haus⸗ weſen auszuſetzen.— Das waren Ihre Worte, und als ich Sie fragte: ‚Was hat er auszuſetzen? da entgegneten Sie mir: ‚Wer kann all' die Launen eines Künſtlers behal⸗ ten? Unſer Hausweſen, ich ſelbſt,— wir ſind ihm zu alltäglich und einfach;— wer kann all' dieſen ſonderbaren Wünſchen nachgeben?— Und wenn das wirklich ſonder⸗ bare Wünſche waren, ſo wäre es Ihnen damals ein Leichtes geweſen, denſelben wirklich nachzugeben und ihm nach und nach ein Interieur zu ſchaffen, wie er es gewünſcht und wie es dem Auge eines Künſtlers wohl thut, ja unent⸗ behrlich iſt. An den Mitteln dazu fehlte es Ihnen nicht, aber ich erinnere mich aus der Zeit, Kleinigkeiten—“ „Ja, Kleinigkeiten,“ ſagte die Frau mit Bitterkeit, „unbedeutende, erbärmliche Kleinigkeiten!“ „Allerdings, jedes Einzelne war eine Kleinigkeit, aber Alle zuſammen bildeten eine Kette, die ſich um Ihr häus⸗ liches Glück wand und es tief hinabzog. Wie oft verſuchten wir es ſcherzhaft, Ihre Einwilligung zu erlangen, ſein Atelier auszuſchmücken, wie das andere Künſtler thun, irgend ein altes, maleriſch ſchönes Geräthe aufzuſtellen, die Wand mit einer Waffe zu verzieren, mit einer Statuette, hier oder da eine Draperie anzubringen! Wie nannten Sie dergleichen Sachen, die ihm Freude machten— be⸗ greiflicher Weiſe Freude machen mußten?— Unnützes Zeug nannten Sie es, und wollten nicht begreifen, wie ein ver⸗ nünftiger Menſch dafür ſein Geld ausgeben könne, ebenſo⸗ wenig wie Sie es zu faſſen vermochten, daß er das Be⸗ dürfniß hatte, ſeine Wohnung reicher und behaglicher ein⸗ zurichten, als Sie das von jeher gewohnt waren, und als Sie ſich einmal vorgenommen hatten, daß es bei Ihnen ſein und bleiben ſolle. Von Ihrem Standpunkte aus hat⸗ ten Sie vielleicht Recht, daß ſich nämlich auf einem alt⸗ modiſchen, unſchönen Stuhle ebenſo bequem ſitzt, wie auf einem neuen in gefälliger Form, und daß das einfache Sopha dieſelben Dienſte thue, wie der phantaſtiſch geſchweifte Fauteuil auf ſeinen Meſſingrollen, die Ihnen ein Gräuel waren.“ *ℳ *ℳ — 312— Alice im Nebenzimmer verlor nicht ein Wort, nicht ein einziges Wort. „Aber,“ fuhr Victor mit erhobener Stimme fort, „der Sinn eines Künſtlers iſt nun einmal, vielleicht leider, nicht gemacht, wie der anderer Menſchen. Wie die Pflanze belebenden Thau und Sonnenſchein, ſo braucht er, vor Allem der Maler, eine behagliche angenehme Umgebung; fein Auge muß ausruhen, muß wieder friſche Kräfte ge⸗ winnen an maleriſchen Gegenſtänden, die ihm neue Gedan⸗ ken bringen und ſeine Phantaſie anregen,— er geht lang⸗ ſam zu Grunde in einer alltäglichen, proſaiſchen, hausbacke⸗ nen Umgebung; es kann ihm dort nicht behaglich ſein; ſeine Gefühle erkalten.“ Alice, die alles das hörte, preßte ihre Hände vor's Geſicht und ließ die Kinder warten an der ſpannendſten Stelle ihres Märchens. „Und was Sie eben ſagten,“ nahm nun die Fremde das Wort, und ihr Auge flammte wieder und ihre Lippen hoben ſich zitternd,„wenn es wirklich ſo wäre, das wollen Sie als Entſchuldigung gelten laſſen für das Unglück, das mich durch ihn betroffen! O ich begreife das in Ihrer Stellung, o ich finde es ſo natürlich, daß Sie die Schuld meines Unglücks auf mich ſelbſt wälzen wollen.“ „Das will ich bei Gott nicht!“ rief Victor, ebenfalls in bewegtem Tone;„das will ich nicht. Ich möchte nur ſeine ſchwere Schuld in Ihren Augen einigermaßen ab⸗ ſchwächen, um Sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen, um Sie von dem unglücklichen Entſchluß abzubringen, den Sie ge⸗ faßt und ſchon theilweiſe ausgeführt,— einen Entſchluß,“ ſetzte er entſchieden hinzu,„der in Ihrem leider oft ſo har⸗ ten Gemüthe gereift iſt, den aber ſchwerlich eine andere Frau und Mutter begreifen wird.— Glauben Sie mir, Thereſe, ich nenne Sie bei dieſem Namen, um Sie daran — 318— zu erinnern, daß Sie mich früher als einen treuen Freund betrachteten,— glauben Sie mir, daß ich ihm vor wenig Stunden härtere Dinge geſagt, als er je von einem Menſchen gehört hat, daß ich ihn von ſeiner tiefen Schuld überzeugte; eigentlich unnöthiger Weiſe, denn er ſah ſie ſelbſt ein, ſo daß er nun ſein Unrecht genug kennt, um vor jedem Rückfall bewahrt zu ſein, wenn—“ „Wenn ich,“ rief die Frau mit leidenſchaftlicher Hef⸗ tigkeit, indem ſie emporſprang,„wenn ich auch ferner über mich ergehen ließe, was ich bisher über mich ergehen ließ; wenn ich fortan duldete und litte. Nicht wahr, Herr Bar⸗ ring?— ſo will es Ihre Freundſchaft für mich. O ich habe Ihre Worte verſtanden, Sie ſo wenig wie er begreifen es, daß man in einer ſtillen, geordneten Häuslichkeit glücklich ſein kann. Ja, ihr ſeid Künſtler und glaubt mit dieſem Worte alle Schranken niedertreten zu können. Was iſt euch das Glück eines ſtill zufriedenen Weibes, das Lächeln armer Kinder, die ſelig ſind bei ihren harmloſen Spielen, wenn der Vater ſie zuweilen mit ihnen theilt.— Was iſt euch Alles das? — langweilig, proſaiſch, gegenüber den andern Freuden, die euch draußen erwarten, wenn ihr die beengenden Räume eures Hauſes hinter euch habt!— Dort iſt eure Welt, wo weiche Teppiche jeden Schritt, jede Bewegung dämpfen, wo man flüſternd ſprechen muß, um ſich nicht durch laute Worte zu verrathen, wo hell glänzende, ſtrahlende Lichter nur um ſo tiefere Schatten bilden, wo ihr gefeiert ſeid, ange⸗ ſtaunt durch euer Talent, durch eure hinreißende Unterhal⸗ tungsgabe, die ihr dort zu entwickeln verſteht, wo euer Auge durch nichts Alltägliches verletzt wird, wo ihr, in weichen, ſchwellenden Fauteuils ruhend, die reizendſten, ge⸗ fälligſten Frauen um euch ſeht.—— O ich begreife das vollkommen, das iſt ein anderes, herrlicheres Leben.“ Das junge Mädchen im Nebenzimmer, jede Sylbe ſelbſt ——£ 1— — 319— gegen ihren Willen verſtehend, hatte ſich, als die fremde Dame alſo ſprach, von ihrem Tabouret erhoben und die Kinder, welche das Ende ihres Märchens haben wollten, angſtvoll von ſich abgewehrt. Sie legte ihre rechte Hand an die Stirne, während ſie mit ſtarrem Blick auf die offene Thüre des Nebenzimmers ſchaute und ſo gebannt war durch die ſchrecklichen Worte, welche von dorther ertönten, daß ſie es nicht einmal bemerkte, wie ſchon vor einer guten Weile ihr V Vater eingetreten und erſtaunt über das höchſt Eigenthümliche, was er hörte und ſah, an der Thüre ſtehen geblieben war. V Ob Victor auf die haſtig hervorgeſtoßenen, die größte V 6 Leidenſchaft athmenden Worte der Fremden etwas erwie⸗ V dert, konnte man hier nicht hören; wenn er etwas geſagt, ſo mußte es mit ſehr leiſer Stimme geſchehen ſein— wahr⸗ ſcheinlich hatte er, den Moment begreifend, geſchwiegen, um V die Frau, die ſich in ihrer Heftigkeit ſelbſt nicht zu kennen ſchien, nicht noch mehr zu reizen, doch wenn er deßhalb ge⸗ ſchwiegen, hatte er doch nicht die gewünſchte Wirkung her⸗ vorgebracht, denn wenn ſie auch den Ton ihrer Stimme b etwas dämpfte, ſo ſtieß ſie doch jedes ihrer Worte mit ſol⸗ cher Deutlichkeit, ſolcher Energie hervor, daß man wohl hörte, ihre Reden waren darauf berechnet, es ſolle auch nicht eine Sylbe davon verloren gehen. „Warum ſage ich Ihnen das alles eigentlich?“ ſprach ſie;„wie kann ich mich unterſtehen, etwas gegen Sie auszu⸗ ſprechen, das wie ein Vorwurf klingt? Haben Sie Jemand Rechenſchaft von Ihrem Thun und Laſſen zu geben? O nein, gewiß nicht! Haben Sie nicht vollkommen Freiheit, Ihre Schritte dahin zu lenken, wohin es Ihnen beliebt? Gewiß, Sie haben dieſe Freiheit. Aber er hatte ſie nicht,“ ſetzte ſie lauter hinzu,—„er nicht, aber Sie. Doch wäre es I Ihre Pflicht geweſen, als Freund unſeres Hauſes, wie Sie ſich genannt, ihn zurückzuhalten, ſtatt ihn tiefer hineinzu⸗ V . — 320— führen in jenes verderbliche Treiben.— Aber Ihnen war es angenehm, einen Ihrer Bekannten neben ſich zu haben, ſich ihm zu zeigen in der glänzenden Stellung, die Sie dort einnehmen, wie man ſagt, im Kreiſe jener ſchönen, intereſſanten Weiber, Sie, der Geſuchte, der Gefeierte,— ihm als beneidenswerthes Vorbild dienend— Sie— Sie — ja Sie— der— der— Geliete der gefährlichſten jener Weiber— der Baronin Molitor.“ Alice war einen Schritt zurückgewichen, als die Fremde wieder zu reden angefangen; dann aber hatte ſie ihre Hände erhoben und ſich vorgeneigt, um mit offenem Ohr jedes— jedes der ſchrecklichen Worte aufzufangen.— Sylbe um Syllbe ſchien ſie aber auch ſchwer und gewaltig zu treffen, denn ſie beugte unter der Wucht derſelben langſam ihr Haupt; ihr Körper neigte ſich immer tiefer herab, und bei den letzten ſchrecklichen Worten, welche Jene ausſprach, ſtieß das junge Mädchen einen ſchwachen Schrei aus, preßte die Hände vor ihre Stirn und ſank dann mit dem Kopf auf das Tabouret nieder, vor dem ſie ſtand. Herr Duvallet ſprang hinzu, um ſie in ſeinen Armen aufzufangen, und neben Victor, der mit bleichem Geſichte und zuſammengepreßten Lippen unter der Thüre erſchien, eilte die Commerzienräthin vorbei, um ihr geliebtes Kind aufzurichten und auf ihr Zimmer zu bringen. Madame Duvallet konnte ſich die Urſache dieſes Un⸗ falles nicht gleich ſo vollſtändig und ſo deutlich erklären, wie der Vater Alicens, der dem jungen Mädchen kopfſchüt⸗ telnd nachblickte, während er mit einem ſchmerzlichen Ge⸗ ſichtsausdrucke die Achſeln zuckte und vor ſich hinmurmelte: „Mein armes Kind! Es mußte ſo kommen, und es iſt vielleicht gut, daß es ſo gekommen iſt.“ —— 1 5—— 2 ———