———* 2 Leihbibliothek V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Eduard Oftmann in Gießen, 1 24 . Leih- und Leſebedingungen. 5 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliöthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 * jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hintterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher. 4 4 Bücher:. 6 Büc her: — 2 Mk. auf 1 Monat: M Mk. Pf. 1N. 50 50 Pf 2 Mk.— f. 3 7 Auswärtige Ropuenten haben für Hin. und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 3. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſerte Bücher(namentlich be ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — —— 2 8₰ San an. — — —— Die dunkle Stunde. Vierter Band. Die Dpunhle Stunde von F. W. Hackländer. Vierter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1863. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Inhal. Vierundvierzigſtes Kapitel. Eine juridiſche Conſultation Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ein unſichtbarer Beſchützer * 4* Sechsundvierzigſtes Kapitel. Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Auf der Hoftheater⸗Bibliothek ***«** Achtundvierzigſtes Kapitel. Eine Leſeprobe. Neunundvierzigſtes Kapitel. Dunkle Stunden wirken nach Fünßzigſtes Kapitel. Ein Opfer dem Schickſal * 1* Seite 17 40 59 91 131 Inhalt. Einundfünßigſtes Kapitel. Vor dem Luſtſpiele... Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. Dreiundfünßigſtes Kapitel. Roſa's dunkle Stunde... Vierundfünßzigſtes Kapitel. Es will Frühling werden.... Fünfundfünßigſtes Kapitel. Nach Neapel............ 5 Sechsundfünßigſtes Kapitel. Eine diplomatiſche Sendung..— Die Maſſeria di Fontana....... Achtundfünßigſtes Kapitel. Marietta Siebenundfünßigſtes Kapitel. 142 166 180 210 23⁵ 258 Die dunkle Stunde. Vierundvierzigſtes Kapitel. Eine juridiſche Conſultation. Ein paar Stockwerke höher als das gelbe Zimmer der Frau Wittwe Speiteler ſaß der⸗Damenkleidermacher Daniel Schweizer wie immer, und beſonders um dieſe Jahreszeit, auf ſeinem Arbeitstiſche, phantaſtiſch umgeben von buntem, ſchwellendem Seidenſtoffe, Spitzen, Bändern und Blumen, aus welchen die kleine, gebrechliche Geſtalt des alten Schweizer mit den hagern Wangen und den roth unterlaufenen Augen eigenthümlich genug hervorſtieg; der Winter mit ſeinen Soi⸗ réen und Bällen war die Zeit ſeiner Ernte, und da galt es fleißig zu ſein, um über die knappere Sommer⸗ und Herbſt⸗ zeit gut hinüber zu kommen. An einem Ende des langen und breiten Tiſches, aber etwas entfernt von demſelben, befand ſich Frau Schweizer, welche Kartoffeln ſchälte, und an einer entgegengeſetzten Ecke ſaß Tante Roſa, welche den kleinen Eugen auf ihrem Schooße 1 Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 2 5 8 —³— 2. 1 s* Vierundvierzigſtes Kapitel. hatte und ihn die Buchſtaben wiederholen ließ, welche ihm ſein Lehrer zu lernen aufgegeben. Eine Zeitlang vernahm man nichts als dann und wann das Klappern des Bügeleiſens, das leiſe Hüſteln der alten „Frau, und ſonderbar ausgeſprochene Buchſtaben, die ſich der Kleine anſtrengte, zu barbariſchen Silben zuſammenzuſetzen, welche offenbar einer bisher noch unbekannten Sprache ange⸗ hörten, und die ſich Tante Roſa meiſtens vergeblich bemühte, in gutes Deutſch zu verwandeln. „Wenn der ſo früh anfängt und tapfer fort macht,“ ſagte der Schneider nach einer Pauſe,„ſo muß es ein Ge⸗ lehrter werden, ein Pfarrer oder dergleichen, wenn er nicht vorzieht, mein Handwerk zu erlernen. Was meinſt du?“ ſetzte der alte Mann hinzu, indem er freundlich nach ihm hin blinzelte. „Nein, das mag ich nicht,“ erwiderte das Kind,„aber auch kein Pfarrer werden; ich will werden, was mein Freund Richter iſt, auf das Theater gehen, dort ſchöne Kleider an⸗ ziehen und mit Schwertern und Piſtolen ſpielen.“ „Behüt' uns Gott davor,“ ſagte die Frau des Kleider⸗ machers.„Unſer Handwerk iſt auch nicht viel, aber doch noch beſſer, als ſich da jeden Tag zur Schau ſtellen.“ „Wenn Eugen größer iſt,“ miſchte ſich Tante Roſa in das Geſpräch,„ſo ſoll er vor allen Dingen etwas Rechtes lernen, und dann kann er werden, was er will.“ „Auch Soldat?“ fragte das Kind. „Offizier, warum nicht?“ „Oder Kutſcher, das wäre mir noch lieber.“ „Haben wir Euch ſchon geſagt,“ nahm der Schneider nach einem längeren Stillſchweigen wieder das Wort, indem er ſie vor hörig men Mäde recht „biſt Tante indem noch kleider Verar es nu hinzu, werde Aufm nes a Buchſ heißt: / „ einma gewöh Erleich / e ihm wann alten h der ſetzen, ange⸗ rühte, acht,“ Ge⸗ nicht du?“ ihm „aber reund r an⸗ eider⸗ doch ſa in echtes reider ndem Eine juridiſche Conſultation. 3 er ſich an das Mädchen wandte,„daß der Herr Dr. Berger vor ein paar Tagen hier war und davon ſprach, die Ange⸗ hörigen Eugens beabſichtigten, das Kind von uns fortzuneh⸗ men und ganz zu einem Lehrer zu thun?“ „Bis jetzt ſpracht Ihr mir nicht davon,“ erwiderte das Mädchen in unbefangenem Tone,„doch hat er wohl ſo Un⸗ recht nicht.“ „Was iſt das, meine Angehörigen?“ fragte Eugen; „biſt du das nicht, Vater Schweizer, und die Mutter und Tante Roſa?“ „O ja, wir gehören auch dazu,“ verſetzte die Letztere, indem ſie einen Blick auf den alten Mann warf,„doch auch noch Andere, wie du ſpäter erfahren wirſt.“ „Mir thut es einestheils recht leid,“ fuhr der Damen⸗ kleidermacher fort,„während wir anderntheils einer großen Verantwortung, die auf uns ruht, los werden. Mich ſoll es nur wundern,“ ſetzte er leiſer gegen ſeine Frau gewandt hinzu,„ob wir nicht ſpäter etwas Näheres über ihn erfahren werden.“ „Jetzt gib Achtung, Eugen,“ ſagte Tante Roſa, um die Aufmerkſamkeit des Buben von den Worten des alten Man⸗ nes abzuwenden, indem ſie mit einem ihrer Finger einen Buchſtaben bezeichnete,„das heißt M, und U dahinter heißt: Mu.“ „Mu macht die Kuh,“ wiederholte Eugen. „Euch, Fräulein Roſa, wird es auch leid thun, wenn er einmal nicht mehr hier iſt; Ihr habt Euch ſo an das Kind gewöhnt und er ſich an Euch, daß das für uns eine große Erleichterung war.“ „Ich will aber gar nicht von hier fort,“ ſagte der B —— 5 ==“ 2 4 Vierundvierzigſtes Kapitel. Knabe, indem er alle Drei der Reihe nach ſcharf anblickte; „oder wenn ich fortgehe, ſo ſollt ihr alle drei mit, beſonders du, Roſa.“ „Ich hoffe wohl, wenn das möglich iſt,“ erwiderte lachend das junge Mädchen;„aber denke nur, wenn du einmal größer wirſt, da kann ich doch nicht immer bei dir ſein.“ „Aber noch bin ich nicht groß und will auch gewiß lieber klein bleiben, wenn du mir verſprichſt, daß du dann nicht von mir gehſt.“ „Haſt du mich denn ſo lieb?“ „O, das weißt du wohl, meine gute Tante, ſo lieb, ſo viel lieb, daß ich es dir gar nicht ſagen kann! Und auch du haſt mich lieb, das weiß ich, nicht wahr, recht arg lieb? Und weil du mich ſo lieb haſt, brauche ich jetzt auch keine Buchſtaben mehr zu lernen. Du erzählſt mir etwas,“ fuhr er lachend fort, wobei er das Buch zuſchlug,„oder weißt du, was noch beſſer wäre, laß uns einen Augenblick zu Bander hinübergehen.“ „Nein, nein,“ gab das junge Mädchen raſch zur Ant⸗ wort,„da ſtörſt du, Herr Bander arbeitet.“ „O, es ſtört ihn nicht, wenn ich da bin. Ich gehe hinter ihm im Zimmer auf und ab, wenn er dem Richter ſo allerlei komiſche Sachen ſagt, die der alsdann auſſchreibt; vielleicht arbeiten ſie aber auch nicht mehr. Wenn du willſſt, gehe ich an die Thür und höre.“ Während er dies mit großem Eifer ſagte, hatte er ſich von dem Schooße des jungen Mädchens herabgleiten laſſen und ſchon ein paar Schritte gegen die Zimmerthür zu ge⸗ macht, als er mit einem Male ſtehen blieb, weil dort leiſe angeklopft wurde. kleide gewar laſſen ſcheit, angek Mäde hoben ihm z ( Gang Stube und e der ſie gebäut er den herzlic Freun wir a und do er mir heilige wollen anzuze Lehrer getroffe blickte; ſonders lachend größer ß lieber n nicht lieb, ſo ruch du g lieb? h keine “ fuhr ißt du, Bander ar Ant⸗ e hinter allerlei ielleicht gehe ich er ſich laſſen zu ge⸗ ert leiſe Eine juridiſche Conſultation. 5 „Es wird der Herr Dr. Berger ſein,“ ſprach der Damen⸗ kleidermacher mit leiſer Stimme, und ſetzte dann zu Roſa gewandt flüſternd hinzu:„Thun Sie mir den Gefallen und laſſen Sie ihn zu Bander hinüber. Der Bube iſt ſo ge⸗ ſcheit, daß er mehr begreift, als nothwendig iſt.“ Bevor dieſe Worte geendet waren und ehe der, welcher angeklopft hatte, noch eintreten konnte, hatte ſich das junge Mädchen raſcher als gerade nothwendig geweſen wäre, er⸗ hoben, den Kleinen bei der Hand genommen und war mit ihm zur Thür hinausgeeilt. Es war in der That der Advocat, der draußen auf dem Gange ſtand und nun bei dem Anblicke Roſa's, welche die Stubenthür hinter ſich zugemacht hatte, freundlich lächelnd und ehrerbietig grüßend ſeinen Hut zog. „So, jetzt ſpring' hinüber,“ ſagte Roſa zu dem Knaben, der ſich raſch von ihrer Hand losmachte und nach dem Hinter⸗ gebäude eilte.. „Es iſt wirklich rührend,“ ſprach der Advocat, nachdem er dem jungen Mädchen die Hand, welche ſie ihm dargereicht, herzlich gedrückt,„wie man Sie immer ſo als mütterliche Freundin auf Ihrem Poſten findet!“ „Iſt dieſes arme Kind nicht das höchſte Gut, welches wir auf der Welt haben? Ich betrachte es wenigſtens ſo, und da ich ſo glücklich bin, viel um ihn ſein zu dürfen, ſo iſt er mir unwillkürlich ſo zu eigen geworden, als hätte ich noch heiligere Rechte auf ihn, als dies der Fall iſt.— Doch Sie wollen zu Schweizer,“ unterbrach ſie ſich raſch,„um ihm anzuzeigen, daß Sie beauftragt ſind, das Kind nun bei einem Lehrer unterzubringen, und daß Sie eine paſſende Wahl getroffen?“ Vierundvierzigſtes Kapitel. „So iſt es, mein Fräulein.“ „Und dann,“ fuhr ſie lächelnd fort,„wollen Sie dort hinüber?“ „Gewiß, doch iſt mir der Gedanke gekommen, ob es nicht vielleicht beſſer wäre, die Sache als Erbſchafts⸗Ange⸗ legenheit zu betrachten. Was ich von dem jungen Manne erfahren habe, ſo—“ „Nun, was erfuhren Sie von ihm?“ unterbrach ſie ihn raſch. „O, im Allgemeinen und Speciellen nur Gutes,“ ver⸗ ſetzte der Advocat;„er iſt von einer braven, wenn auch mit⸗ telloſen Familie, dabei ein junger Menſch von vielem Talent, und dem noch obendrein zu ſeinem Glücke durch ſein trau— riges Debut die Augen geöffnet worden ſind, daß es nicht jedem gelingt, auf dieſen gefährlichen Brettern zu glänzen.“ Er machte bei den letzten Worten eine kleine Verbeugung gegen das junge Mädchen, welches dieſelbe aber nicht zu be— merken ſchien, da ſie im gleichen Augenblicke wie ängſtlich nach der Thür des Kleidermachers ſah. „Ich habe noch Einiges mit Ihnen zu reden,“ ſagte ſie alsdann raſch,„und kann nicht gut warten, da ich noch zu thun habe. Schweizer weiß, daß Sie angeklopft haben, und es könnte ihm eigenthümlich erſcheinen, daß ich hier mit Ihnen rede. Sagen Sie ihm mit ein paar Worten, Sie hätten noch im Hauſe zu thun und würden ihn gleich beſuchen; fragen Sie auch nach mir, daß er glaubt, ich ſei mit dem Kleinen gegangen.“ Herr Berger nickte mit dem Kopfe, und während er that, wie Roſa ihm geſagt, verlor ſich dieſe im Halbdunkel des Vorplatzes, ſeine Zurückkunft erwartend.— vocal „daß er ſe mach vertre ich n Man. junge Docu Abſpr wider zu ar! vortre als M Doch ſich vr ſtellte 2 Augen falls hin ke bie dort ob es 8⸗Ange⸗ Manne ſie ihn “ ver⸗ ich mit⸗ Talent, n trau— s nicht änzen.“ eugung zu be⸗ ugſtlich agte ſie noch zu m, und Ihnen hätten ſuchen; nit dem er that, kel des Eine juridiſche Conſultation. 7 „Es ſchien ihm recht geſchickt zu ſein,“ ſagte der Ad⸗ vocat, als er nach ein paar Minuten wieder zu ihr trat. „daß ich jetzt keine Unterredung mit ihm beginnen wolle; er ſetzte Bandſchleifen auf ein Kleid, das ihm zu ſchaffen machte. Die Frau wollte, wie immer, redſelig werden, doch vertröſtete ich ſie auf die nächſte Viertelſtunde, und hier bin ich nun.“ „Sie meinten vorhin, das da drüben mit dem jungen Manne als Erbſchafts⸗Angelegenheit zu betrachten?“ „Das iſt meine Anſicht, und ich wollte hinzuſetzen, junge Leute, wie er, würden es mit den dazu gehörigen Documenten nicht ſo genau nehmen; oder meinen Sie anders?“ „Ja, ich glaube, es wäre rathſamer, es bei unſerer erſten Abſprache zu laſſen. Ich habe dazu meine Gründe.“ „Die ich jedenfalls achte, auch ohne ſie zu kennen,“ er⸗ widerte der Advocat verbindlich;„es iſt leicht, mit Ihnen zu arbeiten, Fräulein Roſa, und ſchade, daß an Ihnen ein vortrefflicher Geſchäftsmann verloren gegangen iſt.“ „Ich danke Ihnen für das Compliment; ich hoffe auch als Mädchen meine Intereſſen ſo ziemlich wahren zu können. Doch jetzt das Wichtigere,“ ſetzte ſie raſch hinzu, indem ſie ſich vorſichtig umſchaute;„Sie haben ihn geſehen?“ „Allerdings; Herr von Scherra ließ mich rufen und ſtellte mich ihm vor.“ „Nun?“ rief Roſa ungeduldig. Der Advocat zuckte leicht mit den Achſeln und zog die Augenbrauen etwas in die Höhe, während er ſagte:„Jeden⸗ falls ein vornehmer Herr, und über die Identität kann ohne⸗ hin kein Zweifel herrſchen, da unſer bewährter Freund, Herr 8 Vierundvierzigſtes Kapitel. von Scherra, ihn nicht nur anerkennt, ſondern mit einem faſt väterlichen Wohlwollen betrachtet.“ „Weiter, weiter!“ „Wir beſprachen Geſchäfts-⸗Angelegenheiten, über das Verfahren, wie er in Neapel, deſſen Geſetze er nicht ſo genau kenne, gegen ſeine angenehmen Verwandten aufzutreten habe.“ „Und auf hieſige Verhältniſſe kam nicht die Rede?“ „Nur im Allgemeinen; es wurde begreiflicher Weiſe kein doch that er ein paarmal leidenſchaftliche Name genannt, f dieſer ihm Aeußerungen gegen Herrn von Scherra, worau beſänftigend erwiderte.“ „Er kam Ihnen alſo leidenſchaftlich, energiſch vor?“ „Ein ächter Italiener, von gutem Blute.“ „Sie wiſſen, wie ſehr wir Ihnen unſer ganzes Ver⸗ trauen geſchenkt,“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe, indem ſie ihre Hand auf den Arm des Advocaten legte.„Sie kennen auch die entſetzlichen Verhältniſſe, Klippen rechts, Klippen links, ſo daß ein Scheitern kaum zu vermeiden. Wie ſehr ich auch Scherra achte und ehre, ſo iſt er doch zu ſehr Partei, als daß wir uns ſchmeicheln könnten, ihn ganz auf unſerer Seite zu haben.— Was nun meine arme Schweſter anbelangt, ſo haben Sie ſie ja geſprochen und wiſſen wohl, ihre Seelenleiden ſind der Art, daß ſie in dieſer Angelegen⸗ heit keiner ſelbſtſtändigen Gedanken fähig iſt und ich ſie leiten und führen muß.“ „So iſt es,“ ſagte bekümmert der Advocat;„da ich aber auch den Herrn Grafen ſah, deſſen Zuſtand auch anfängt, mir Beſorgniſſe einzuflößen, ſo fühle ich genau, daß die gute Gräfin ſich in keiner beneidenswerthen Lage befindet.“ aber weiche dem tracht ſo kör verrat daß e deren ander⸗ ſo ſin alles geneig macher 9 mit de ſo iſt darf i und d als S hüllten der ar Vater ben S fort,, hem faſt der das d genau nhabe.“ de7* eiſe kein haftliche eſer ihm or?“ zes Ver⸗ er Pauſe, te.„Sie n rechts, den. Wie h zu ſehr ganz auf Schweſter ſen wohl, lngelegen⸗ ſie leiten da ich aber anfängt, ß die gute et.“ Eine juridiſche Conſultation. 9 „In einer entſetzlichen, obgleich ſie die Wahrheit ahnt, aber nicht weiß.“ „Sie ſprachen mit ihr nicht darüber?“ „Ich hatte bis jetzt nicht den Muth dazu, ich fürchte ihr weiches Gemüth. So lange ſie von nichts weiß, wird ſie dem Grafen gegenüber, der ſie mit finſterem Argwohn be⸗ trachtet, unbefangen erſcheinen; wenn ſie aber etwas erfährt, ſo könnte ſie ſich in einem unbewachten Augenblicke ſelbſt verrathen. Und doch muß ich mit ihr reden, muß ihr ſagen, daß er da iſt. Rathen Sie mir, was ſoll ich thun?“ „Wie kann ich Ihnen rathen, Ihnen, deren Energie, deren richtiger Takt mich ſchon ſo oft entzückt?“ „Er muß durch Scherra alles erfahren haben, es iſt nicht anders möglich. Und da ich ſeine Leidenſchaftlichkeit kenne, ſo ſind wir nicht ſicher, daß er nicht plötzlich erſcheint und alles mit einem brüsken Schritte zerreißt.“ „Und um das zu verhüten, wäre die Frau Gräfin vielleicht geneigt, ihn ein einziges Mal zu ſehen, um ihm klar zu machen, daß für ihn nicht das Geringſte zu hoffen ſei?“ Roſa legte ihre Rechte an die Augen und ſchüttelte leiſe mit dem Kopfe.„Wenn Frangoiſe auch ihre Pflicht kennt, ſo iſt ſie doch ein Weib, wie wir andern auch, und dabei darf ich Ihnen wohl geſtehen, daß ſie ihn nie vergeſſen hat, und daß ſie ſich ſelbſt ſchaudernd neulich eingeſtehen mußte, als Scherra mit ſeiner unglückſeligen Erzählung den ver⸗ hüllten Schleier zerriß, daß ſie ihn noch liebe, ja— ihn, der der an ihr gefrevelt— inniger als je liebe— ihn, den Vater ihres Kindes. O, es iſt furchtbar—!— Und glau⸗ ben Sie,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit zitternder Stimme fort,„daß ich, die ruhiger und feſter bin als meine Schweſter, Vierundvierzigſtes Kapitel. ich, welche keine Liebe für ihn fühlte, ihm mit kalter Ent⸗ ſchloſſenheit gegenüber treten könnte, daß ich nicht nach den erſten Worten, die er zu mir ſpräche, mit ihm weinen würde?“ „Gut denn,“ erwiderte der Advocat in ruhigem Tone, „ſo ſehen Sie ihn und weinen Sie mit ihm, ſagen Sie ihm alles, was Sie ihm ſagen können, aber die Wahrheit vor allem. Decken Sie ihm ſchonungslos alle Verhältniſſe auf. Sagen Sie ihm, er könne ihre Schweſter nicht wiederſehen, aber führen Sie das Kind zu ihm und ſagen Sie zu ihm: Hier iſt dein Sohn.“— „Das rathen Sie mir?“ fragte Roſa erſchrocken. „Und würde er es nicht an ſein Herz reißen, in ſeine Arme nehmen?“ „Das hoffe ich— aber auch nicht wieder von ſich laſſen, unſern lieben, kleinen, ſüßen Eugen! Und Sie glauben,“ fuhr das junge Mädchen mit funkelnden Augen fort,„ich würde mir das Kind nehmen laſſen? Nie— nie— nimmermehr!“ „Wie ich die Sachen anſehe, wird er ein ſo thörichtes Verlangen nicht an Sie ſtellen. Verzeihen Sie mir übrigens, meine gute Fräulein Roſa, wenn auch mein Herz gewiß warm für Sie fühlt und ich auch aller Romantik noch nicht ganz fremd geworden bin, ſo kann ich doch den Geſchäftsmann nicht ganz unterdrücken, und deſſen Rath muß es ſein, das Kind ſeinem Vater zuzuführen, daß er es ſehe, anerkenne, adoptire.“ „Das iſt freilich geſchäftsmäßig geſprochen,“ entgegnete das junge Mädchen in einem Tone, der kalt, ja, faſt verächt⸗ lich klang.„Glauben Sie denn, ich wolle ſeine Adoption? Uns gehört das Kind, mir und meiner Schweſter, und ich allein wäre ſchon im Stande, ſeine Zukunft ſicher zu ſtellen.“ nur leicht trotzi wort als in de ſam, ſatze beugt Sie meine Rath Sche ausre nicht nach Hand mache will, 1 uns.“ 2 entſch eer Ent⸗ lach den vürde?“ n Tone, Sie ihm heit vor iſſe auf. derſehen, zu ihm: . in ſeine hlaſſen, a,“ fuhr würde rmehr!“ börichtes brigens, ß warm ht ganz ftsmann in, das eerkenne, tgegnete verächt⸗ voption? und ich ſtellen.“ Eine juridiſche Conſultation. 11 „Daran zweifle ich nicht im Geringſten, doch wird es nur noch ein paar Jahre angehen, daß man das Kind ſo leichthin den kleinen Eugen benennt.“ „Und wenn ich ihn ſelbſt adoptire?“ fragte ſie mit einem trotzigen Anflug der Stimme. „Dazu wären Sie im Stande,“ gab er lächelnd zur Ant⸗ wort—„aber—“ er betonte dieſes Aber ſo ausdrucksvoll, als es ihm nur möglich war. „Ich hätte Ihr Aber verſtanden, auch ohne den Ton, in dem Sie es ausſprachen. Doch kennen Sie mich genug⸗ ſam, daß es ſchwer iſt, mich von einem feſt gefaßten Vor⸗ ſatze abzubringen.“ „Da ich das weiß,“ erwiderte er mit einer tiefen Ver⸗ beugung,„ſo darf ich wohl die Hoffnung ausſprechen, daß Sie dieſen Vorſatz noch nicht feſt gefaßt haben, und daß Sie meiner Bitte nachgeben, welche für jetzt darin beſteht, meine Rathſchläge von ſo eben ruhig zu prüfen und mit Herrn von Scherra zu beſprechen— bitte, Fräulein Roſa, laſſen Sie mich ausreden und glauben Sie meinen Worten. Scherra nimmt nicht Partei gegen Sie, das weiß ich ganz genau.“ „Ihm das Kind zuführen,“ ſprach das junge Mädchen nach einem längeren Nachſinnen,„hieße uns förmlich in ſeine Hand geben.“ „Nein, es hieße nur verſuchen, etwas wieder gut zu machen, was man, mag man die Sachen anſehen, wie man will, doch an ihm verſchuldet hat.“ „Darüber mag er mit ſeiner Mutter rechten, nicht mit uns.“ „Ihnen gegenüber, Fräulein Roſa, muß ich gerade ſo entſchieden reden, wie Sie es ſelbſt zu thun pflegen, um nicht Vierundvierzigſtes Kapitel. zu ſehr im Nachtheile zu ſein. Deßhalb ſage ich, er konnte von Ihnen Vertrauen erwarten, da er ſich deſſelben nicht unwürdig gezeigt,— nicht als ob ich Ihnen über das, was vorgegangen, irgend einen Vorwurf machen will, Gott ſoll mich bewahren! Ein unglückliches Zuſammentreffen von Um⸗ ſtänden trägt allein die Schuld, aber da Sie wiſſen, was er in den verfloſſenen Jahren gelitten, ſo bin ich der An⸗ ſicht, man ſolle ihn ſo rückſichtsvoll und ſo ſchonend als mög⸗ lich behandeln, und das iſt, wie ich überzeugt bin, auch Ihre eigene Anſicht.“ Roſa blickte mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in die Höhe, und während ſie ihre Lippen auf einander preßte, drückte ſie ihre Finger krampfhaft zuſammen.„Das ſollten Sie mir nicht ſagen,“ rief ſie alsdann, und ihre Worte klangen wie ein Weheruf;„fühle ich denn nicht ſein Unglück, ſo tief es nur jemand fühlen kann? Darf ich handeln, wie ich will? Muß ich nicht bei allem, was ich thue, die Lage meiner un⸗ glücklichen Schweſter im Auge behalten, und muß ich Ihnen nicht, um ganz rückſichtslos, ehrlich und aufrichtig zu ſein, erklären, daß Sie Recht haben, ja, mehr noch als das, muß ich nicht zugeſtehen, daß, wenn er das Verlangen an mich ſtellte, ſein Kind behalten zu wollen, ich ihm dagegen keine vernünftigen Gründe anzugeben wüßte?“ „O, Fräulein Roſa,“ gab der Advocat im Tone der Bewunderung zur Antwort,„Sie ſind ein prachtvoller Cha⸗ rakter! Bei aller Weisheit des Weibes fehlen Ihnen die Schwächen Ihres Geſchlechtes, und deßhalb iſt es mir eine Luſt, eine Sache mit Ihnen zu überlegen.“ Sie that einen tiefen Athemzug, worauf ſie entgegnete: „So müßte es ſich abwickeln, wenn ich das Kind vor ihn führt bliebe ſchloſ ſind, Schr Herr Schre mung Dam gedeu einen wiß verſuc heften voll; Exiſte er wit ſtellen 9 „Und deſſen vollem T haftig, zu bek konnte n nicht S, was ott ſoll on Um⸗ 1, was der An⸗ s mög⸗ ch Ihre in die drückte en Sie klangen ſo tief h will? ner un⸗ Ihnen zu ſein, 8, muß m mich n keine dne der er Cha⸗ ten die nir eine egnete: vor ihn Eine juridiſche Conſultation. 13 führte.— Wenn ihm aber deſſen Exiſtenz ein Geheimniß bliebe?“ fragte ſie nach einer Pauſe in leiſem Tone. „Nach dem, was ich von ihm gehört, ſcheint er ent⸗ ſchloſſen, die Verhältniſſe der Perſonen, welche ihm ſo theuer ſind, aufs genaueſte zu unterſuchen. Daß er noch keine Schritte gethan, Sie zu ſehen, liegt allein darin, weil ihm Herr von Scherra das Ehrenwort abgenommen, auch dieſen Schritt nicht ohne ſeine Zuſtimmung zu thun, eine Zuſtim⸗ mung, die er ihm aber nicht lange wird verweigern können. Dann werden Sie ihn bei ſich ſehen.“ „Ich zittere vor dem Augenblicke!“ „Sie werden alſo mit ihm reden, wie Sie vorhin an⸗ gedeutet. Sie nehmen ihm jede Hoffnung, ohne ihm irgend einen Erſatz zu bieten— wird er ſich damit begnügen? Ge⸗ wiß nicht; er wird anfangen, Ihnen zu mißtrauen, er wird verſuchen, die Gräfin zu ſehen, er wird ſich an Ihre Spur heften, vielleicht ohne zu wiſſen, warum, ſagen wir: ahnungs⸗ voll; er wird, und ſei es auch durch einen Zufall, von der Exiſtenz des Knaben erfahren, den Sie ſo häufig beſuchen, er wird die Wahrheit fühlen, er wird Sie darüber zur Rede ſtellen!“ Roſa lächelte ſchmerzlich, während ſie fragend erwiderte: „Und dann?“ „Nun, alsdann wird er Ihnen das Geheimniß, mit deſſen Enthüllung Sie ihn hätten beſchwichtigen können, mit vollem Rechte zum Vorwurfe machen.“ „Das Geheimniß dieſes Kindes— meines Kindes?“—— Der Advocat trat erſtaunt einen Schritt zurück.„Wahr⸗ haftig,“ rief er alsdann,„Sie wären im Stande, ſich dazu zu bekennen?“ 14 Vierundvierzigſtes Kapitel. „Und warum nicht,“ erwiderte ſie mit einem verächtlichen Aufwerfen ihrer Unterlippe.„Glauben Sie, ich würde mich vor dem fürchten, was man Welt nennt? O, fragen Sie doch dieſe wohlwollende Welt, wie oft ſie mir ſchon tauſendmal Schlimmeres zugetraut, wie oft ſie ſchon achſelzuckend von mir geſagt: eine Tänzerin! Und es ſollte mir ſchwer werden, an dieſer miſerablen Welt die kleine Bosheit auszuüben, daß ſie glaubt ein Recht zu haben, von mir achſelzuckend zu reden, während ich mir doch ſelbſt bewußt bin, ſo unendlich erhaben über Tauſenden und wieder Tauſenden dieſes Geſindels zu ſtehen?— Ah, ich verachte das ganze Getriebe gründlich, und wenn ſie mir Abends zujauchzen, wenn ſie mich mit ihren lachenden Augen anſchauen, ſo gäbe ich etwas darum, wenn ich ihnen manche meiner Pantomimen mit Worten verdeut⸗ lichen könnte; wenn ich mich auch kurz abwendend, was jedes Mal einen raſenden Beifall hervorruft, ihnen ins Geſicht ſchleudern könnte, was ich über ſie denke! Nein,“ fuhr ſie in ſanfterem Tone fort,„wenn eine ſolche Nachricht unter ihre guten, lieben Herzen führe, welche Wonne über das alberne Gefrage, das entſtehen müßte, über ihre faden Vermuthungen, über ihre moraliſche Entrüſtung!“ „Das iſt alles recht ſchön und gut,“ meinte Herr Ber⸗ ger,„aber es gibt auch Leute genug, die ſich für Sie anders intereſſiren, und dieſen wären Sie doch wenigſtens einige Rückſicht ſchuldig. Denken Sie nur an das Haus Ihres Schwagers, ja, denken Sie an die geſellſchaftliche Stellung Ihrer Schweſter!“ „O, daß man an alles das denken muß,“ verſetzte die Tänzerin düſter,„daß man ſich einfangen ließ in goldene Käfige, ſie und ich, daß wir nicht davonfliegen können nach unſere aufſuc „ alle TW Nein, hinzu, Minut mein! welcher einen Er iſt ( 2 des N. „ſtatt dert W zu erre nächſter wartun zers, um die in Ihre urſachen nachden „wenn ſich im wunder! Sie ver „J hier ine ichtlichen rde mich Sie doch uſendmal kend von werden, ben, daß zu reden, erhaben ndels zu gründlich, mit ihren m, wenn verdeut⸗ vas jedes 8 Geſicht uhr ſie in nter ihre s alberne athungen, Herr Ber⸗ ie anders as einige us Ihres Stellung rſetzte die n goldene inen nach Eine juridiſche Conſultation. 15 unſerem eigenen Willen, freie Zugvögel, ein beſſeres Klima aufſuchend!“— „Es wäre ſchlimm,“ meinte der Advocat lächelnd,„wenn alle Welt auf ſolche Art ihre Reiſegelüſte befriedigen dürfte Nein, nein,“ ſetzte er, ſie bei der Hand faſſend, gutmüthig hinzu,„bleiben wir vorläufig hier, und jetzt noch ein paar Minuten bei unſerer Sache; thun Sie mir den Gefallen, mein verehrtes Fräulein Roſa, und überdenken Sie den Rath, welchen ich Ihnen gegeben, noch einmal ganz genau, ehe Sie einen Entſchluß faſſen; laſſen Sie Scherra zu ſich kommen. Er iſt und bleibt doch Ihr treueſter und bewährteſter Freund.“ „Ja, ja, ſo wird es kommen,“ gab ſie nach einer Pauſe des Nachdenkens mit einem tiefen Seufzer zur Antwort; „ſtatt eines einzigen, geraden und energiſchen Schrittes hun⸗ dert Winkelzüge, um dafür vielleicht ein viel ſchlechteres Ziel zu erreichen— nun, wie Gott will! Aber etwas muß in nächſter Zeit geſchehen, dieſen fieberhaften Zuſtand der Er⸗ wartung ertrage ich nicht länger! Sie gehen jetzt zu Schwei⸗ zers,“ fuhr ſie in ruhigem Tone fort,„und dann hinüber, um die andere Angelegenheit zu ordnen. Ich fühle mich tief in Ihrer Schuld wegen der vielen Mühe, die wir Ihnen ver⸗ urſachen!— Noch eines,“ fügte ſie bei, während der Advocat, nachdem er ihre Hand geküßt, ſich zum Weggehen anſchickte, „wenn Sie mich drüben zufällig ſehen ſollten, und es läßt ſich im Geſpräch machen, ſo thun Sie mir den Gefallen und wundern ſich recht über die Aehnlichkeit mit mir ſelbſt.— Sie verſtehen mich doch?“ „Ich denke ſo,“ verſetzte Herr Berger heiter:„Sie ſind hier incognito, und mein Zeugniß ſoll dazu dienen, daſſelbe 16 Vierundvierzigſtes Kapitel. zu verſchärfen. O, Sie ſollen ſehen, ob ich mich auf der⸗ gleichen Fälſchungen verſtehe!“ „Daran habe ich nie gezweifelt. Vielleicht ſehe ich Sie morgen bei mir?“ „Ich werde die Ehre haben, nach Ihnen zu ſehen.“ Nach dieſen Worten und einer ehrfurchtsvollen Verbeu⸗ gung wandte ſich der Advocat nach den Zimmern des Damen⸗ kleidermachers, klopfte dort an und war im nächſten Augen⸗ blicke hinter der Thür verſchwunden. Roſa ging mit langſamen Schritten nach der Gallerie, welche zum Hinterhauſe führte, und blieb dort an das Ge⸗ länder gelehnt eine Zeitlang ſtehen, wobei ſie auf das geſchäf⸗ tige Treiben in den tiefen Höfen vor ſich hinabblickte. Eÿ Jungge ſo kurz Bander Fall: de ſter, der dieſelben ein gän derung Grau g ordnung Platze, ſondern aus nich Wäſche, als es ſ Hackle auf der⸗ e ich Sie ehen.“ Verbeu⸗ Damen⸗ n Augen⸗ Gallerie, das Ge⸗ s geſchäf⸗ kte. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ein unſichtbarer Beſchützer. Es iſt eigenthümlich, wie ſich in einer ungeordneten Junggeſellen⸗Wirthſchaft eine ſchaffende weibliche Hand in ſo kurzer Zeit bemerklich macht. In dem Zimmer Karl Bander's war dies ſo augenſcheinlich als nur möglich der Fall: die Wände mit ihren Lithographieen, die kleinen Fen⸗ ſter, der nicht ſehr glatte Fußboden, die alten Möbel waren dieſelben geblieben, doch wenn man hereintrat, mußte auch ein gänzlich unbefangenes Auge hier eine gewaltige Verän⸗ derung wahrnehmen. Früher erſchien hier alles Grau in Grau gefärbt, lauter Schatten ohne freundliche Lichter, Un⸗ ordnung in allen Ecken, kein Stuhl an ſeinem gehörigen Platze, keiner dazu benutzt, wozu er eigentlich geſchaffen war, ſondern jeder in möglichſter Verwirrung irgend einen durch⸗ aus nicht auf ihn paſſenden Gegenſtand tragend: Kleider, Wäſche, Schuhe, Strümpfe. Und um dieſes ſo unmaleriſch, als es ſich nur thun ließ, dort aufbewahren zu können, hatte Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 2 18 Fünfundvierzigſtes Kapitel. man andere Sachen, welche früher dieſe Plätze innegehabt, Bücher, Muſicalien, Papiere aller Art, einfach auf den Bo⸗ den geſtreift und dort liegen laſſen. Die Geräthſchaften, deren ſich Herr Richter zum Kaffee⸗ machen bediente: ein blecherner Topf, eine Flaſche Weingeiſt, die mit einem Papierſtöpſel zugemacht war, gemahlener Kaffee und etwas Zucker in Papier, befanden ſich wie zur Schau geſtellt auf einem der Fenſtergeſimſe, und man konnte eigent⸗ lich noch froh ſein, daß dieſe Utenſilien die Blicke ablenkten von den kleinen, vergilbten, ſtaubigen Fenſtervorhängen, an denen man obendrein Merkmale ſah, daß ſie bei den Schrei⸗ bereien des Herrn Richter als Dintenwiſcher gedient. An ein Waſchen der Kattunüberzüge der Stuhlſitze war nie auch nur im entfernteſten gedacht worden, und würde eine ſolche Bevorzugung vom Stubenboden und den ſchillernd angelaufenen Fenſterſcheiben wohl übel bemerkt worden ſein. Was Herr Richter zur Reinigung der ſtaubigen und in ihrem Unmuth verdrießlich krachenden Dielen des Fußbodens allen⸗ falls that, war ſein Bemühen, alle vierzehn Tage einmal mit einem alten, defecten Beſen einen ſolchen Staub aufzuwirbeln, daß ſich in einem Zeitraum von einer halben Stunde niemand dieſer alſo geſchwängerten Atmoſphäre nähern durfte, ohne einen furchtbaren Huſten zu riskiren. Herr Richter meinte aber, in dieſer maleriſchen Unord⸗ nung ſei Poeſie zu finden, und wenn er ſich dieſelbe mit väterlichem Wohlwollen betrachtete, ſo pflegte er zu ſagen: „So muß es bei dem großen Fauſt ausgeſehen haben, und wenn ich mich mit all dem Firlefanz plagen wollte, der ihm im Kopfe geſteckt, ſo ſollte es mir nicht ſchwer geworden ſein, in dieſ als ſei D nung d vielmel mit zw als die gangen was il Seife a Je um ſo trüben Kern h als die friſchen beiden Glanz ſtaubt: und der Kattuni in lebhe ſich das lich dar in der zu betre He Verwan der geö Glauben negehabt, den Bo⸗ n Kaffee⸗ Veingeiſt, er Kaffee r Schau te eigent⸗ ablenkten ngen, an n Schrei⸗ at. lſitze war nd würde ſchillernd rden ſein. in ihrem ens allen⸗ inmal mit zuwirbeln, 2 niemand fte, ohne en Unord⸗ eſelbe mit zu ſagen: ben, und , der ihm orden ſein, Ein unſichtbarer Beſchützer. 19 in dieſe poetiſchen Räume einen paſſenderen Teufel zu citiren, als ſein hinkender Mephiſto war.“ Da trat aber eines Tages an dieſe Poeſie der Unord⸗ nung das vernichtende Schickſal, nicht drohend kalt, ſondern vielmehr friſch und lebenswarm in der Geſtalt Roſa's, welche mit zwei Beſen führenden alten Schickſalsſchweſtern erſchien, als die beiden Bewohner einmal für längere Zeit ausge⸗ gangen waren, um dieſem wüſten Chaos ein Ende zu machen, was ihr auch nicht ohne großen Aufwand von Waſſer und Seife gelang. Je größer und ſchwerer die Arbeit der Putzerinnen war, um ſo augenfälliger und glänzender ſchälte ſich aber aus der trüben und ſchmutzigen Schale ein heller und glänzender Kern hervor, und als der Boden in reinlicher Helle prangte, als die Fenſterſcheiben freundlich blinkten und dann noch mit friſchen und weißen Vorhängen geſchmückt wurden, die, von beiden Seiten etwas kokett zurückgeſchoben, ſchalkhaft den Glanz des Glaſes durchblicken ließen, als die Wände abge⸗ ſtaubt und abgerieben waren, und als die Sitze des Sopha's und der Stühle, um das ganze Werk zu krönen, mit neuen Kattunüberzügen, welche Roſa hatte machen laſſen und die in lebhaften Farben prangten, überzogen wurden, da ſtellte ſich das Ganze als ſo wohl gelungen, behaglich und wohn⸗ lich dar, daß ſich das junge Mädchen nicht enthalten konnte, in der Sophaecke ſitzend ihr Werk mit großer Befriedigung zu betrachten. 3 Herr Richter war es, welcher, nach dieſer feenhaften Verwandlung zuerſt nach Hauſe zurückkehrend, erſtaunt in der geöffneten Thür ſtehen blieb und einen Augenblick des Glaubens war, er ſei fehl gegangen; ja, wenn das Haus 4 8. 20 Fünfundvierzigſtes Kapitel. auf dieſer Seite noch mehr Zimmer gehabt hätte, ſo würde er wahrſcheinlich mit einer Verbeugung gegen den unſicht⸗ baren Bewohner und einer leiſe gemurmelten Bitte um Ent⸗ ſchuldigung zurückgetreten ſein; ſo aber riß er ſeine Augen weit auf, trat kopfſchüttelnd in das Gemach, und als er in der Mitte deſſelben angelangt war, blieb er mit abgenom⸗ menem Hute, was gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit war, ſtehen und betrachtete alles rings umher mit großem Erſtaunen. „Unbekannte, fremde Räume Bieten ſich dem Blicke dar, Ja, dem Blicke bieten ſich Unbekannte, fremde Räume, Fremde Räume, fremde Räume— „würde der Chor in einer hieher paſſenden Oper ſingen,“ murmelte er alsdann und näherte ſich mit einiger Scheu dem glänzenden Kattunüberzuge des Sopha's, den er neugierig betaſtete. Auf einmal kam ihm die Idee an ſeine eigene Schlafhöhle, und er näherte ſich der Thür zu derſelben nicht ohne einige Beſorgniß, was dort aus verſchiedenen Gegen⸗ ſtänden wohl geworden ſein könnte, die ihrem Ausſehen nach dem alles vertilgenden Weſen hätten verfallen ſein dürfen, an die ſich aber für ihn Erinnerungen hefteten, welche ihm ſelbſt alte Lumpen und Trümmer werth machten. Deßhalb war er denn auch froh, zu ſehen, daß die alles verwandelnde Fee nicht unter jenen Dachwinkel gedrungen war: hier herrſchte die blühendſte Unordnung, wie zuvor, wodurch der Bewohner dieſes Winkels auf die richtige Vermuthung kam, daß die Umgeſtaltung des anderen Zimmers perſönlich ſei⸗ nem Freunde gelte, und er ſchöpfte hieraus die für ihn be⸗ ruhige Herrn A über d ſtaunt, ſammer Entzüc D kleinſte ſteller ja, es ſelben des D ſogenan beholfen „8 Bander heiterer „8 Choriſt pelter 6 lich; w Dunſtkr ob ihre Wohnlie möglich. „ dere;„ wohlthu ſchwinde ſo würde n unſicht⸗ um Ent⸗ ne Augen als er in abgenom⸗ ar, ſtehen taunen. ſingen,“ Scheu dem neugierig ine eigene lben nicht en Gegen⸗ ſehen nach in dürfen, velche ihm Deßhalb wandelnde var: hier odurch der hung kam, önlich ſei⸗ ir ihn be⸗ Ein unſichtbarer Beſchützer. 21 ruhigende Gewißheit, daß Feenhände ſich nicht um ſeine, des Herrn Richter's, Angelegenheiten bekümmerten. Als Bander ſpäter nach Hauſe kam, war er hoch erfreut über die Umwandlung, welche er hier ſah, doch weniger er⸗ ſtaunt, als ſein Freund, da er im erſten Augenblicke den Zu⸗ ſammenhang ahnte und deßhalb jede Spur ihrer Hand mit Entzücken betrachtete. Die Sorgfalt derſelben hatte ſich aber auch bis auf die kleinſten Details erſtreckt, und ſo fand der angehende Schrift⸗ ſteller ſeine Papiere in einer zierlichen Mappe geſammelt, ja, es war noch weißes Papier beigefügt, und neben der⸗ ſelben ſtand auf dem Tiſche ein hübſches Schreibzeug ſtatt des Dintenfaſſes von der allergewöhnlichſten Form, eines ſogenannten Stechers nämlich, womit die Beiden ſich bisher beholfen. „Findeſt du dieſe Umwandlung nicht köſtlich,“ fragte Bander ſeinen Freund,„weht dir nicht aus alle dem ihr heiterer, freundlicher Geiſt entgegen?“ „Ja, ſie wird es wohl geweſen ſein,“ entgegnete der Choriſt,„und daß du deßhalb dieſe Metamorphoſe mit dop⸗ pelter Seligkeit betrachteſt, finde ich außerordentlich begreif⸗ lich; wenn es nur ihr eigenes Zimmer wäre, ihr eigener Dunſtkreis, in dem du dich wohlbehagen könnteſt! Wer weiß, ob ihre eigenen Apartements nicht die unſeren bedeutend an Wohnlichkeit und Eleganz übertreffen; ſo einer Fee iſt alles möglich.“ „Laß' deine erborgten Anſpielungen,“ erwiderte der An⸗ dere;„ich liebe faſt das Räthſelhafte in ihrem Weſen, ihre wohlthuende, beglückende Erſcheinung, die kommt und ver⸗ ſchwindet, ohne daß ich weiß, woher und wohin, die mich in 22 Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſüße Träume des Glückes wiegt, welche vielleicht in nichts zerflößen, wenn es mir vergönnt wäre, den Schleier ihres Geheimniſſes zu lüften.“ „Du ſprichſt wunderlich,“ meinte Richter, indem er ſeinen Freund erſtaunt anſchaute;„daß ihr Poeten es nicht über euch gewinnen könnt, das Gewöhnliche auch als etwas Ge⸗ wöhnliches zu nehmen, und daß ihr immer etwas hinter dem Berge annehmen müßt, wo wir anderen armen Sterblichen uns mit der Gegenwart begnügen!“ „O, dieſe Gegenwart wäre ſchön,“ ſagte Bander nach⸗ denkend,„wenn ſie bleibend wäre! Aber die Stunden und Tage rollen vorüber und zede Minute bringt uns ein wech— ſelndes Bild— ſagte ich dir doch,“ unterbrach er auf einmal ſelbſt den Strom ſeiner Gedanken,„daß ich neulich die große Ehre hatte, mit der Anderen gehen zu dürfen.“ „Du haſt mir freilich davon erzählt,“ erwiderte der Choriſt,„doch ſah ich dich Glücklichen ja auch, als ich, entfliehend, an der Straßenecke mich umwandte. Für dich würde es auch beſſer geweſen ſein, wenn du mit mir ge⸗ flohen wäreſt.“ „Ich glaube, du haſt Recht,“ ſprach Bander in beküm⸗ mertem Tone. „Nicht wahr, ſie that dir weh durch ihr gewöhnliches abſtoßendes Benehmen?“ fragte Herr Richter lauernd. „Damit hätte ſie mir nicht ſehr wehe gethan, im Gegen⸗ theil, ſie war herzlich und freundlich, wie nie; ſie ſprach von meinen Angelegenheiten, ſie bot mir ihre Verwendung beim Intendanten an, ſie reichte mir ihre Hand—“ „Das iſt viel auf einmal, und du kamſt berauſcht hier oben an.“ 1 Roſa. ſie do 1 1 mir zu ho wenn größt „ich k Pauſe — nie doch ſprech hierar unſere licher, als d ich di Heiter deſt, ſchreil dich! auch Werke Zeit behag in nichts leier ihres n er ſeinen nicht über etwas Ge⸗ hinter dem Sterblichen nder nach⸗ unden und ein wech⸗ auf einmal die große biderte der ,als ich, Für dich iit mir ge⸗ in beküm⸗ wöhnliches und. in gen⸗ ſprach von dung beim auſcht hier Ein unſichtbarer Beſchützer. 23 „Ich eilte zu unſerem Nachbar und fragte dort nach Roſa. O, es hätte mir in dem Augenblicke ſo wohl gethan, ſie dort zu ſehen, aber ſie war nicht da.“ Herr Richter nickte ſchweigend mit dem Kopfe. „Als ſie mir das nächſte Mal wieder erſchien, gab ich mir alle erdenkliche Mühe, die beiden Bilder aus einander zu halten; es wollte mir ſchwer gelingen, und heute noch, wenn ich an jene Begegnung denke, verfließen zu meinem größten Schmerze beide Bilder in einander.“ „Roſa die Tänzerin und Tante Roſa,“ ſagte der Choriſt, „ich kenne aber auch nichts Aehnlicheres, als dieſe Beiden.“ „Wenn du ſagſt: dieſe Beiden,“ fuhr Bander nach einer Pauſe mit Wärme fort,„ſo biſt du nicht falſch gegen mich — nicht wahr, Richter, wozu auch? Die Wahrheit müßte ja doch an den Tag kommen, eine Wahrheit, die mich unaus⸗ ſprechlich elend machen müßte!“ „Schlag' dir dieſe Gedanken aus dem Kopfe,“ hatte hierauf der Andere geantwortet;„überhaupt wäre es für unſere Arbeit, die ſich jetzt ihrem Ende nähert, weit erſprieß⸗ licher, wenn du dich mehr mit den Bildern deines Luſtſpieles als denen deiner Phantaſie beſchäftigen wollteſt. Deſſen kann ich dich verſichern, mein guter Kerl,“ ſetzte er mit großer Heiterkeit hinzu,„die Verpflichtungen, welche du mir ſchul⸗ deſt, ſind ungeheuer; nicht nur, daß ich deine Dialoge nieder⸗ ſchreiben muß, ſo wirſt du mir auch noch zugeben, daß ich dich häufig bei denſelben aufs günſtigſte inſpirire und daß auch etwas von Richter's Geiſt in deinem unſterblichen Werke lebt. Aber jetzt Scherz bei Seite, laß uns die edle Zeit nicht vertrödeln, und wenn der jetzt ſo zierliche und behagliche Anblick unſeres Apartements künſtlich auf dich ——— 24 Fünfundvierzigſtes Kapitel. einwirkt, ſo ſchraube dich noch einige Stufen höher und laß uns eintreten in das Cabinet des Geſandten, dritter Act, vierte Scene.“ Der Choriſt hatte ſich bei dieſen Worten an den Tiſch geſetzt, die Mappe aufgeſchlagen und die Papiere zurecht gelegt. Was das neue Dintenzeug anbelangte, ſo konnte er ſich nicht enthalten, es bei Seite zu ſchieben und den alten Dintenſtecher hervor zu ſuchen, den er auch glücklich in einer Schublade entdeckte; er ſtieß ihn in den Tiſch, ſchraubte den Horndeckel ab und ſagte:„Bei alle dem würde es mir ſündhaft erſcheinen, dieſes treue Möbel, das uns bisher ge⸗ dient, ſo mir nichts dir nichts bei Seite zu ſchieben; jedes Werk, das wir ſchaffen, ſoll, wie man ſagt, aus einem Guſſe ſein, und darunter können wir hier nur die Dinte verſtehen. „Nur auf, du muntere Jugend, Das Schifklein iſt bereitet, Zum frommen Werke ſchreitet, Ein friſcher Oſtwind weht! „ſinge ich als junger Edelmann in Zampa, und das ſind Worte, die auch hieher paſſen können, in einem Chorgeſange darf man es ſo genau nicht nehmen.“— Dergleichen Unterredungen wie die eben angeführte, hielten die beiden Freunde öfters mit einander, und man muß das Verdienſt des Herrn Richter, welches darin beſtand, den angehenden Schriftſteller von ſeinen Phantaſieen ab und der Arbeit zuzuwenden, gebührend anerkennen. Dieſe gedieh denn auch ſo raſch als möglich, und an dem Tage, ja, in derſelben Minute, als draußen auf dem Gange Tante Roſa mit de Zimme 7 einmal mit de die La⸗ unbänd gedruck in die „1 iſt?“ fr geſchrie tereſſele C A beſſer, hielteſt; nicht v Act ein Mann einem ihn eine geſöhnt len; er abſchwä dageweſ „U „V er eher Zufriede Ba und laß itter Act, den Tiſch e zurecht te er ſich den alten ücklich in ſchraubte ſe es mir isher ge⸗ ; jedes us einem die Dinte das ſind orgeſange ggeführte, und man mbeſtand, n ab und eſe gedieh , ja, in nte Roſa Ein unſichtbarer Beſchützer. 25 mit dem Advocaten ſprach, ſchrieb Herr Richter drinnen im Zimmer die letzten Worte des Luſtſpiels nieder. „So,“ ſagte er wohlgefällig,„das habe ich mir immer einmal gewünſcht, ein unſterbliches Werk zu vollenden, und mit der regen Phantaſie, die ich beſitze, konnte ich mich in die Lage eines Autors verſetzen, der die letzte Zeile eines unbändigen Romans niederſchreibt; ich habe das ſchon bei gedruckten Werken anderer großen Männer gethan, um mich in die Wonne einer ſolchen Situation zu verſetzen.“ „Und glaubſt du wirklich, daß unſere Arbeit gelungen iſt?“ fragte Herr Bander;„mir kommt alles das, was wir geſchrieben,“ ſetzte er traurig hinzu,„ſo unbeſchreiblich in⸗ tereſſelos, ja, fade vor.“ „Ich bin ſehr erfreut von deiner Beſcheidenheit; es iſt beſſer, als wenn du dein eigenes Werk für etwas Großes hielteſt; beruhige dich aber. Wenn du auch meinem Urtheile nicht viel zutrauſt, ſo habe ich doch den erſten und zweiten Act einem ſcharfen Kritiker zur Durchſicht gegeben und den Mann dabei ahnen laſſen, das Ganze ſei Bearbeitung nach einem berühmten franzöſiſchen Schriftſteller, und das hat ihn einigermaßen mit der Vortrefflichkeit unſerer Arbeit aus⸗ geſöhnt und ihn veranlaßt, dieſelbe unparteiiſch zu beurthei⸗ len; er meinte, wenn ſich der dritte Act nicht ungeheuer abſchwäche, ſo würde das ein Luſtſpiel, wie lange keines mehr dageweſen.“ „Und du glaubſt dieſem Urtheile?“ „Warum nicht? Wie ich meinen Mann kenne, würde er eher zu wenig als zu viel ſagen, und meine vollkommene Zufriedenheit kannſt du auch zu etwas anſchlagen.“ Bander ſchritt ein paarmal im Zimmer auf und ab, —— Fünfundvierzigſtes Kapitel. dann blieb er an derr kleinen Fenſter ſtehen, lehnte den Arm an die Mauer daneben, ſtützte den Kopf auf denſelben und erwiderte:„Gott gebe, daß du Recht haſt, daß das Stück gefällt, angenommen wird und Ehre und Geld einträgt.“ „Viel auf einmal, aber Eines entſpringt folgerecht aus dem Andern.“ „Meine Baarſchaft iſt ziemlich zuſammengeſchmolzen, und wenn auch dies fehlſchlagen würde, ſo wäre ich am Ende meiner Hoffnungen.“ „Nur nicht kleinmüthig! Du, der im Umſchwunge be⸗ griffen iſt, kannſt ſchon etwas wagen auf die Dauer beſſerer Tage; bis zu Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet ging es ſtark mit dir abwärts, aber mit dieſer unſterblichen Leiſtung befandeſt du dich auf der Thalſohle deines Unglücks, und allerlei Zufällig⸗ keiten fingen an dich emporzuheben. Dazu rechne ich vor allen Dingen meine glorioſe Hartnäckigkeit, welche dich be⸗ ſtimmte und drängte, das berühmte Luſtſpiel anzufangen: dann iſt aber auch für deine glückliche Zukunft eben ſo wich⸗ tig das Eingreifen der guten Fee in dein Leben. Du hängſt einmal an Aeußerlichkeiten, guter Kerl, und dich beſticht der angenehme Glanz, mit dem nun unſere bisher ſo ärmliche Spelunke prangt; nimm auch das denn für eine Bürgſchaft beſſerer Tage und ſei überzeugt, daß dein Stück gefallen wird, und daß auch ſonſt noch etwas geſchieht, was dich über dem Waſſer hält. Wahrhaftig, mich ſollte es gar nicht wundern, wenn der Poſtbote käme und dir einen Sack mit tauſend Louisd'or brächte, welche ein Verehrer deiner zukünftigen Muſe dir ſchon anticipando in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken zu Füßen legte— horch, es hat geklopft, wer weiß, ob ich nicht Recht habe.“ „ zenden barin fangen — 77 Choriſ ein Co in Pa 6 / in ver „eine etwas chen a ſeript „ Roſa P tiefe C jungen mir vo Hoffne muß; C f kopfnic „auch B den Arm ſelben und das Stück iträgt.“ gerecht aus olzen, und am Ende wunge be⸗ ner beſſerer rk mit dir efandeſt du ei Zufällig⸗ ſne ich vor che dich be⸗ unzufangen: en ſo wich— Du hängſt beſticht der ſo ärmliche Bürgſchaft fallen wird, ch über dem ht wundern, mit tauſend rftigen Muſe Ausdrücken veiß, ob ich Ein unſichtbarer Beſchützer. 27 „Nein, den Schritt kenne ich,“ rief Bander mit glän⸗ zendem Auge, und eilte die Thür zu öffnen und die Nach⸗ barin einzulaſſen, die mit freundlichem Lächeln und unbe⸗ fangen wie immer in die Stube trat. „Ganz Unrecht habe ich doch nicht,“ meinte lachend der Choriſt,„und wer weiß, ob Tante Roſa auf der Treppe nicht ein Couvert gefunden hat mit den bewußten tauſend Louisd'or in Papier.“ „Du biſt ein unerträglicher Schwätzer,“ erwiderte Bander in verdrießlichem Tone. „Was hat er denn?“ fragte Roſa. „O, nichts Reelles,“ gab der Schriftſteller zur Antwort, „eine ſeiner kindiſchen Phantaſteen! Aber hier iſt vielleicht etwas Beſſeres,“ fügte er hinzu, indem er das junge Mäd⸗ chen an den Tiſch führte und ihr das fertig gewordene Manu⸗ ſcript zeigte;„wir ſchrieben ſo eben die letzte Scene.“ „Und ich wünſche Ihnen dazu alles Glück,“ ſagte Tante Roſa mit Herzlichkeit. Bander, der ihr gegenüber am Tiſche ſtand, und wie in tiefe Gedanken verſunken in die großen, ſchönen Augen des jungen Mädchens blickte, ſagte nach einer Pauſe:„ich komme mir vor wie ein Spieler, der alles, was er beſitzt, all ſeine Hoffnung, ſeine ganze Zukunft auf eine einzige Karte ſetzen muß; ſchlägt es mir auch dieſes Mal fehl—“ „Dann gute Nacht Herrendienſt,“ ſchaltete Herr Richter kopfnickend ein. „Dann habe ich alles verloren.“ „Und wenn es gelingt,“ ſagte Roſa mit leiſer Stimme, „auch vielleicht alles gewonnen.“ Bei dieſen Worten leuchtete es eigenthümlich auf in den Fünfundvierzigſtes Kapitel. Blicken Bander's; haſtig wollte er eine Frage thun, doch hatte ſich Roſa raſch umgewandt und ging nach der Ecke des Zimmers, wo Eugen beſchäftigt war, kleine Bleiſoldaten, die er von ſeinen zwei Freunden zum Geſchenk erhalten hatte, aufzuſtellen; er war die ganze Zeit über faſt unbemerkt ge⸗ blieben, denn als er vorhin die Thür leiſe geöffnet und Richter mit Schreiben beſchäftigt ſah, ſchlich er ſich zu ſeinen Spielſachen, um, wie ihm ſchon früher angedeutet, in jener Arbeit nicht zu ſtören. Auch war die Erſcheinung der Tante Roſa hier kein ſo außergewöhnliches Ereigniß mehr, daß ſie ihn veranlaßt hätte, ſeine Aufſtellungen zu unterbrechen. Als das junge Mädchen zu ihm hintrat, blickte er auf und ſagte:„ſo, Tante Roſa, jetzt ſetze dich zu mir her und ſieh meine ſchönen Soldaten. Wenn du Achtung geben willſt, ſo laſſe ich ſie marſchiren, oder du kannſt mir helfen— da, die Huſaren ſind für dich.“ „Warum gibſt du denn die Huſaren gerade deiner Tante?“ fragte Bander, der gefolgt war. „Weil ſie am ſchönſten ſind und ſo luſtig ausſehen.“ „Aber deine Tante liebt ja nicht das Luſtige, ſie ſieht meiſtens ernſt aus.“ „Das kannſt du doch nicht ſagen; hier iſt die Tante immer vergnügt, und nur wenn ſie bei der andern ſchönen Frau iſt, dann macht ſie gern ernſte Geſichter— weißt du, Tante, die andere ſchöne Frau, die mich küßt und mir ſchöne Sachen gibt! Ja, ſie hat blonde Haare,“ fuhr er wie mit ſich ſelbſt ſprechend fort, indem er mit ſeinen kleinen Fingern den Kopf eines zinnernen Pferdes gerade bog. „Du ſprichſt wieder einmal merkwürdiges Zeug durch⸗ einande bückend 9 Dame? „, die ich ſagte d im Ein ihr Ge B Mal ge was de darüber den Ko lockiges Zeit ur Huſaren „die ka und ela Gehens in einen den Reg falls da leſen de kleinen D'e lautes ſich auf cher ihn gung d hun, doch r Ecke des ldaten, die lten hatte, ſemerkt ge⸗ öffnet und zu ſeinen t, in jener der Tante zr, daß ſie rechen. ckte er auf ir her und eben willſt, fen— da, er Tante?“ sſehen.“ e, ſie ſieht die Tante ern ſchönen weißt du, mir ſchöne er wie mit ien Fingern geug durch⸗ Ein unſichtbarer Beſchützer. 29 einander,“ ſagte das junge Mädchen, wobei ſie ſich herab⸗ bückend den Kleinen auf ſeine Stirn küßte. „Wen meint er denn eigentlich mit der blonden, ſchönen Dame?“ fragte Bander. „Genau weiß ich es nicht, vielleicht eine meiner Kunden, die ich zuweilen beſuche und wo ich ihn mit hinnehme.“ Sie ſagte das in einem unbefangenen Tone, der aber nicht ganz im Einklange ſtand mit der tiefen Röthe, die nun auf einmal ihr Geſicht überflog. Bander fühlte ſich unbehaglich berührt, was ihm jedes Mal geſchah, wenn er, wie es oft vorkam, bei Roſa auf et⸗ was derartig Räthſelhaftes ſtieß, doch ließ ſie ihm keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie umfaßte mit ihren beiden Händen den Kopf des Knaben, drückte ihr Geſicht auf ſein blondes, lockiges Haar und ſagte freundlich:„Ja, ich habe noch etwas Zeit und will dir helfen, die Soldaten aufzuſtellen, aber die Huſaren mag ich nicht,“ ſetzte ſie ſchalkhaft lächelnd hinzu, „die kannſt du für dich behalten. Damit knieete ſie leicht und elaſtiſch, wie alle ihre Bewegungen mit Ausnahme des Gehens waren, auf den Boden nieder und fing an, die ihr in einem unordentlichen Haufen übergebene Infanterie nach den Regeln der Kriegskunſt aufzuſtellen. Bander wollte eben⸗ falls dabei helfen, indem er auf das Glück hoffte, beim Aus⸗ leſen der verſchiedenen Waffengattungen hier und da ihre kleinen Finger berühren zu können. Doch hatte er ſich kaum niedergebückt, als er durch ein lautes Herein! des Herrn Richter geſtört wurde, und nun ſich aufrichtend unter der Thür einen Herrn ſtehen ſah, wel⸗ cher ihm unbekannt war und der mit einer verbindlichen Nei⸗ gung des Kopfes ſämmtliche Anweſende auf einmal grüßte. 30 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Der Choriſt, welcher an dem Tiſche ſitzen geblieben war, um in dem Manuſcripte noch etwas nachzuſehen, nahm ſeine Feder quer in den Mund und blickte erwartungsvoll nach dem Fremden hin. Dergleichen unbekannte Geſichter, beſon⸗ ders mit einer ernſten, geſchäftsmäßigen Phyſiognomie, oben⸗ drein wenn ſie, wie dieſer da, Papiere unter dem Arm tru⸗ gen, erregten in ihm immer ein unbehagliches Gefühl von Mahnungsverſuchen, die leider faſt immer vergeblich waren, oder von Vorladungen, denen es meiſtens ſehr ſchwer war, den Gehorſam zu verſagen. Bander war dem Unbekannten entgegengetreten und dieſer hatte ſich ihm mit den Worten genähert:„Wenn ich die Ehre habe, Herrn Bander vor mir zu ſehen, ſo erlaube⸗ ich mir, mich Ihnen als den Advocaten Dr. Berger bekannt zu machen.“ Obgleich der ehemalige Sänger in der eben angedeuteten Richtung ein beſſeres Gewiſſen als ſein Freund Richter hatte, ſo war doch ſeine Verbeugung, mit der er ſich zu ſeinem Namen bekannte, nicht ohne einige Verlegenheit, denn Advo⸗ caten, die ſo ungerufen vor uns erſcheinen, haben immer etwas Unheimliches, Myſteriöſes, und wir ſind gern geneigt, mit ihnen unter vier Augen zu verhandeln, da man nicht immer genau wiſſen kann, welche Botſchaft ein ſolcher Ver⸗ mittler des gewöhnlichen Lebens und der ewig lauernden Gerechtigkeit uns vorzutragen hat. Da Bander nun, wie wir wiſſen, außer der Schlafhöhle ſeines Freundes Richter kein anderes Gemach zur Verfügung hatte, als das, in dem er ſich gerade befand, ſo erſuchte er den Advocaten durch eine gefällige Handbewegung und einen Blick a⸗ geſetzte St geſpräch gleich l wie ich ſind, ſ kleine 2 Bander De eine Ce ſprang mit gre wo er einlud, Sc verſuchte ſo hatte erhoben dargebo „Guten lange ni „A vocat, o biſt auch mir geh frage.— dieſen,, eine erfr ieben war, nahm ſeine svoll nach ter, beſon⸗ mie, oben⸗ Arm tru⸗ Gefühl von lich waren, hwer war, treten und „Wenn ich ſo erlaube ger bekannt ngedeuteten ichter hatte, zu ſeinem denn Advo⸗ aben immer ern geneigt, man nicht olcher Ver⸗ lauernden Schlafhöhle Verfügung erſuchte er z und einen Ein unſichtbarer Beſchützer. 31 Blick auf Roſa und den Kleinen, in die von dieſen entgegen⸗ geſetzte Ecke des Gemaches zu treten. Statt ſich aber auf dieſe Art zu einem heimlichen Zwie⸗ geſpräch anzuſchicken, ſagte der Advocat mit freundlicher, ob⸗ gleich lauter Stimme:„Wenn die verehrlichen Anweſenden, wie ich nicht anders vermuthen kann, Freunde von Ihnen ſind, ſo wird es ihnen gewiß nicht unangenehm ſein, die kleine Botſchaft erfreulicher Art, welche ich für Sie, Herr Bander, habe, mit anzuhören.“ Dem Choriſten rollte bei dieſer angenehmen Aeußerung eine Centnerlaſt vom Herzen, er warf ſeine Feder raſch hin, ſprang auf und trug den Stuhl, auf dem er ſelbſt geſeſſen, mit großer Behendigkeit an die andere Seite des Tiſches, wo er alsdann mit einer freundlichen Bitte den Advocaten einlud, Platz zu nehmen. So eifrig auch Roſa den kleinen Knaben anzuhalten verſuchte, die Aufſtellung der Soldaten nicht zu unterbrechen, ſo hatte Eugen doch beim Eintritt des Fremden ſeinen Kopf erhoben und ſagte, als dieſer auf dem ihm von Herrn Richter dargebotenen Stuhle Platz genommen, mit lauter Stimme: „Guten Tag, Herr Berger, wie geht es dir? Ich habe dich lange nicht mehr geſehen.“ „Ah, mein Bürſchlein,“ entgegnete der freundliche Ad⸗ vocat, ohne irgend ein Erſtaunen an den Tag zu legen,„du biſt auch da? Dir geht es gut? Freue mich, dich zu ſehen, mir geht es auch nicht ſchlecht, danke für die gütige Nach⸗ frage.— Und nun alſo, Herr Bander,“ wandte er ſich an dieſen,„ich bin gekommen, um Ihnen, wie ſchon angedeutet, eine erfreuliche Mittheilung zu machen.“ — öhZooöͤͤſͤſͤſͤſͤͤſͤſſ“ „ ⸗ 2 32 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Siehſt du?“ flüſterte der Choriſt, der dicht hinter ſei⸗ nem Freunde ſtand, dieſem zu,„wir ſteigen aufwärts.“ „Sie haben einen Beſchützer,“ fuhr Herr Berger fort, „jemand, der ſich für Sie intereſſirt, und der es Ihnen leicht machen möchte, Ihr Talent als Schriftſteller, worauf er große Stücke hält, zur Geltung zu bringen. „Der ſoll dein Luſtſpiel protegiren,“ meinte Herr Richter launig. „Das wird er gewiß nach beſten Kräften thun,“ fuhr der Advocat fort,„doch handelt es ſich um mehr.“ „Bei Gott, wir ſteigen,“ flüſterte der Choriſt. „Ehe ich mich weiter erkläre, muß ich vorausſchicken, daß Ihr Beſchützer nie von Ihnen gekannt ſein will und wird, und bitte ich mir deßhalb das Verſprechen zu geben, alle Nachforſchungen nach ihm, die doch fruchtlos ſein würden, zu unterlaſſen.“ „Darf ich nicht vorher wiſſen,“ unterbrach ihn der Schriftſteller,„in welcher Art ſich der Beſchützer, von dem Sie reden, für mich zu intereſſiren gedenkt?“ „O ja, und ich werde mich dabei der nothwendigen geſchäftsmäßigen Kürze bedienen, da ich hier alle Vorreden und Einleitungen für überflüſſig halte. Ihr Beſchützer hat mich beauftragt, Ihnen jährlich tauſend Gulden auszahlen zu laſſen, und zwar ſo lange, bis ich, Dr. Berger, die voll⸗ kommene Ueberzeugung habe, daß für⸗ Ihr ſehr geſteigertes, ſchriftſtelleriſches Einkommen eine ſolche Unterſtützung von keinem Belange mehr iſt.“ „Das ſind tauſend Gulden auf Lebenszeit,“ rief der Choriſt mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens.„Sehen Sie mir feſt ins Geſicht, Herr Dr. Berger,“ fuhr er darauf 2* ängſtlic mit me Advocc lich ein Wohm treiben V ihm d zum 2 alter Novell bietun noch Leſers der W Entfal den zu blickte vocate ſelben humor Blicke um 9 vertie von ſie es legen! Ein unſichtbarer Beſchützer. 33 ängſtlich fort,„und geſtehen Sie mir, daß Sie Ihren Spaß nter ſei⸗ 3. mit meinem Freunde treiben.“ err fort,„Ich würde mich deſſen nicht unterſtehen,“ erwiderte der en leicht Advocat kopfſchüttelnd und mit großer Ruhe;„es wäre wahr⸗ er große lich ein undankbares Geſchäft, jemand Unbekanntes in ſeiner Wohnung aufzuſuchen und einen ſolchen Scherz mit ihm zu Richter treiben.“ Bander ſtand im erſten Augenblick ſprachlos da; auch „ fuhr ihm drängte ſich derſelbe Gedanke auf, man habe ihn hier zum Beſten.— Dieſe Eröffnung in unſerem proſaiſchen Zeit⸗ alter war gar zu ausſchweifend, ja, bei Entwerfung einer en, daß Novelle könnten Einem allenfalls ſolche phantaſtiſche Aner⸗ bietungen in den Sinn kommen, und dann ſchriebe man ſie d wird, n, alle noch auf die Gefahr hin nieder, vom guten Glauben des vürden, Leſers im Stiche gelaſſen zu werden. Aber daß jemand in der Wirklichkeit erſchien, um einem jungen Schriftſteller zur hn der Entfaltung ſeines Talentes ein Jahrgehalt von tauſend Gul⸗ on dem den zu bieten, ſo etwas war noch nie da geweſen!— Bander blickte deßhalb auch, ohne etwas ſprechen zu können, den Ad⸗ endigen„ vocaten zweifelnd an, und das ruhige, ehrbare Ausſehen deſ⸗ orreden ſelben, deſſen jetzt ernſte Miene, auf der nicht eine Spur eines zer hat humoriſtiſchen Anflugs zu ſehen war, an der ſeine erſtaunten szahlen Blicke ohne eine Wirkung abglitten, veranlaßten ihn, ſich wie ie voll⸗ um Rath bittend nach Roſa umzuſchauen, welche aber ſo gertes, vertieft in die Aufſtellung der Soldaten war, als habe ſie g von von der ganzen Unterredung nichts gehört, oder als wolle ſie es abſichtlich vermeiden, in dieſen eigenthümlichen Ange⸗ ief der legenheiten irgend eine Aeußerung zu thun. „Sehen F Als der junge Schriftſteller ſich endlich ſo weit geſam⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 3 darauf 34 Fünfundvierzigſtes Kapitel. melt hatte, um mit Ueberlegung antworten zu können, ſagte er achſelzuckend:„Meine grenzenloſe Ueberraſchung wird Ihnen nicht unerwartet kommen, und da ich ſie offen und ehrlich gegen Sie äußere, ſo bezeuge ich Ihnen damit, daß ich Ihren Worten vollkommen Glauben ſchenken will. Da Sie aber jedenfalls an mich Bedingungen zu ſtellen haben, ſo möchte ich dieſe zuerſt hören, ehe ich mich dieſem unbekannten Be⸗ ſchützer auf Gnade oder Ungnade übergebe.“ Der Advocat ſann einen Augenblick nach, dann ſagte er mit demſelben ruhigen und ehrlichen Geſichtsausdrucke, wie bisher:„Bedingungen wüßte ich keine, die Ihnen geſtellt würden. Sie empfangen die Ihnen ausgeſetzten Gelder in Raten, wie Sie ſie wünſchen, und quittiren einfach dafür; dabei ſind Sie nicht einmal an die hieſige Stadt gebunden, und wenn es Ihnen morgen beliebt, eine Reiſe anzutreten, ſo haben Sie mich nur anzuweiſen, an welchem Orte Ihnen die künftigen Zahlungen geleiſtet werden ſollen.“ „Das iſt faſt zu feenhaft, um daran zu glauben!“ rief Herr Richter, der ſich noch immer nicht faſſen konnte;„ich komme mir vor, wie in der Komödie, und da hat es ſelbſt der große Scribe in ſeinem ‚Glas Waſſer’ nur einmal ver⸗ ſtanden, dem Publikum einen ſolchen Beſchützer glaubwürdig erſcheinen zu laſſen— ah, das bringt mich auf einen Ge⸗ danken: wäre am Ende der Beſchützer auch hier eine Be⸗ ſchützerin?“ Ein leichtes Lächeln flog über die Züge des Advocaten, dann ſagte er:„Ich muß wiederholen, daß die einzige Be⸗ dingung, welche ich zu ſtellen habe, die iſt, auch nicht ein⸗ mal den fruchtloſen Verſuch zu machen, Ihren Beſchützer zu ermitteln.“ „N Richter wir ger ein Bei ſchon n „1 7* Eine 2 dieſe g T ganz ſ hinter Richte wodur fall, ſich za nach erhobe eine v der R Umfar wird ohne ſetzte ſollte Beſch würde n, ſagte d Ihnen ehrlich ch Ihren Sie aber möchte nten Be⸗ ſagte er cke, wie geſtellt belder in h dafür; ebunden, zutreten, e Ihnen en!“ rief te; vich es ſelbſt mal ver⸗ bwürdig nen Ge⸗ eine Be⸗ dvocaten, zige Be⸗. icht ein⸗ hützer zu Ein unſichtbarer Beſchützer. 35 „Natürlich, ſeinen Willen muß man ehren,“ meinte Herr Richter,„und wenn er gar keine Bedingungen ſtellt, ſo haben wir gerade dadurch ſchon ſo viel erfahren, daß es in der That ein Beſchützer und keine Beſchützerin iſt; dieſe Gewißheit iſt ſchon wichtig.“ „Und woher haſt du dieſe Gewißheit?“ fragte Bander. „Nun, weil eine Beſchützerin, wie im ‚Glaſe Waſſer,“ Eine Bedingung auf alle Fälle ſtellen würde.“ „Und welche, wenn ich fragen darf?“ meinte Dr. Berger. „Nun, die Bedingung, ſich nicht zu verheirathen; wird dieſe gemacht oder nicht?“ Der Advocat lächelte, doch war ſein Lächeln nicht mehr ganz ſo frei und ungezwungen, wie vorher; er huſtete leicht hinter der vorgehaltenen Hand, und da in dieſem Augenblicke Richter durch eine ſehr triumphirende Haltung und Miene, wodurch er ſich ſelbſt Lob ſpendete für ſeinen geſcheiten Ein⸗ fall, die Aufmerkſamkeit ſeines Freundes faſt gewaltſam auf ſich zog, ſo benutzte Dr. Berger dieſen Moment, um raſch nach dem jungen Mädchen hinzublicken, die jetzt ihren Kopf erhoben hatte und durch ausdrucksvolles Schütteln deſſelben eine verneinende Geberde machte. „Wenn ich ſagte: ohne alle Bedingung,“ fuhr hierauf der Rechts⸗Anwalt fort,„ſo bitte ich das in ſeinem vollen Umfange zu verſtehen. Das Anerbieten des Jahrgehaltes wird dem Herrn Bander aus den edelſten Gründen gemacht, ohne allen Rückhalt, ohne jede Bedingung. Ja, ich glaube,“ ſetzte er heiter hinzu,„wenn es Ihnen in den Sinn kommen ſollte, ſich in der nächſten Zeit zu verheirathen, daß der Beſchützer Ihnen den beſten Glückwunſch dazu ſpenden laſſen würde.“ 36 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Ja, ja, es iſt ein Beſchützer!“ meinte Herr Richter, indem er ſich mit einer Miene der Enttäuſchung am Kopfe kratzte. Ihm wäre es viel poetiſcher und romantiſcher vorge⸗ kommen, wenn es eine Beſchützerin geweſen wäre, die ſich ſeines Freundes angenommen, irgend eine Gräfin, eine Prin⸗ zeſſin, mindeſtens ein reiches Edelfräulein, die alsdann noth⸗ wendiger Weiſe eine Freundin haben mußte, welche im Laufe der Begebenheit nicht ſchwer zu überzeugen ſein würde von den großen, wenngleich noch verborgenen Eigenſchaften Rich⸗ ter's und ihm gelegentlich ihre Hand und ihr unermeßliches Vermögen reichte. Pah, das war ſo unmöglich nicht!— Der Choriſt warf einen Blick in den kleinen Spiegel und nahm die Haltung an, mit der er in der Oper die Edelleute dar⸗ zuſtellen pflegte. „Noch immer erwarte ich Ihre Antwort,“ ſagte indeſſen Herr Berger zu dem jungen Schriftſteller, welcher nachſinnend am Tiſche ſtand und aufmerkſam ſeine Fingerſpitzen betrachtete, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man ſehr unſchlüſſig iſt. „Bei meinen Vorfahren,“ rief Herr Richter mit Emphaſe, „welche gewiß außerordentliche Leute waren, er bedenkt ſich nur deßhalb, um die Annahme dieſes herrlichen Vorſchlages in die gehörigen Worte des Dankes zu kleiden! „Des Dankes, ja, des Dankes, Der unſ're Bruſt durchzieht, Des Dankes, ja, des Dankes, Dem unſer Herz erglüht.“ „So würden wir ungefähr in der Oper uns ausdrücken, wenn wir zu einem Gaſtmahle geführt werden, wo in leeren Bechern gemalter Wein blinkt und hölzerne Hühner mit pappdeckelnen Torten abwechſeln.“ R hin; er chen u Zukunf T Unterh und a das Ge hin ni raſchen heit de blick v genau, „ ſie ken er nac iſt gar ganz Verſch einand Band mir e großn fügte zeihen Stun Zuku ichter, Kopfe vorge⸗ die ſich Prin⸗ noth⸗ 1 Laufe de von Rich⸗ eßliches — Der b nahm te dar⸗ indeſſen ſinnend fachtete, iſſig iſt. mphaſe, nkt ſich ſchlages n, wenn Bechern deckelnen 0 Ein unſichtbarer Beſchützer. 37 Roſa hatte ihren Kopf erhoben und ſchaute nach Bander hin; er fing dieſen Blick auf und ſich raſch gegen das Mäd⸗ chen umwendend ſagte er:„In Ihre Hände will ich meine Zukunft legen, ſagen Sie für mich Ja oder Nein.“ Tante Roſa, auf dieſe Art gewaltſam in den Kreis der Unterhaltung gezogen, erhob ſich aus ihrer knieenden Stellung, und als ſie hierauf genöthigt war, dem Advocaten voll in das Geſicht zu blicken, konnte dieſer ihrem Wunſche von vor⸗ hin nicht beſſer begegnen, als daß er ausrief:„Welch' über— raſchende Aehnlichkeit!“ Und dies that er mit ſolcher Wahr⸗ heit des Ausdrucks, daß Bander, alles Andere für den Augen⸗ blick vergeſſend, ihm erwiderte:„So kennen Sie die Dame genau, welcher ſie ſo ähnlich ſieht?“ „So genau, wie jeder Verehrer der großen Künſtlerin ſie kennt,“ gab der Advocat verbindlich zur Antwort, worauf er nach einer Pauſe hinzuſetzte:„Gewiß, dieſe Aehnlichkeit iſt ganz außerordentlich, und nur wenn man dieſe junge Dame ganz genau betrachtet, ſo möchte man glauben, einige kleine Verſchiedenheiten zu bemerken; ich gäb' was d'rum, ſie neben einander ſehen zu können.“ „Das iſt ſchon lange mein ſehnlichſter Wunſch,“ ſagte Bander mit einem herzlichen Blicke auf Roſa.„Es würde mir eine Gewißheit geben, die mich glücklicher machte, als das großmüthige Anerbieten meines geheimnißvollen Beſchützers.“ „Ueber das wir aber endlich ins Reine kommen müſſen,“ fügte der Advocat hinzu, indem er die Uhr hervorzog;„ver⸗ zeihen Sie dem Geſchäftsmanne, welcher genöthigt iſt, ſeine Stunden zu zählen.“ „Ich bitte, Fräulein Roſa, entſcheiden Sie über meine Zukunft,“ ſprach der junge Schhriftſteller mit einer Innigkeit 38 Fünfundvierzigſtes Kapitel. im Tone ſeiner Stimme, die ſo mächtig in dem Herzen des jungen Mädchens wiederklang, daß ſie ihre Augen niederſchlug. „Wenn ich Ihr Schweigen richtig deute,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und ich bin überzeugt, daß Sie fühlen, wie ich, ſo rathen Sie mir nicht dazu, ein Anerbieten anzu⸗ nehmen, welches mir gerade durch dieſe Annahme Verpflich⸗ tungen auferlegt, die ich vielleicht doch nicht zu erfüllen im Stande bin. Mißdeuten Sie meine Worte nicht,“ wandte er ſich mit einer bittenden Geberde an den Advocaten,„und glauben Sie mir, daß ich das großmüthige Anerbieten in ſeinem ganzen Umfange zu würdigen weiß, aber laſſen Sie mich Ihnen offen geſtehen, daß ich im Augenblicke nicht im Stande bin, daſſelbe anzunehmen; nicht, als wenn ich es gänzlich ablehnen wollte, aber ich wünſche nur, daß Sie mir Zeit vergönnen, es in kurze Ueberlegung zu ziehen.“ Herr Richter, welcher ſich voll Unwillen über den Leicht⸗ ſinn ſeines Freundes, wie er das Benehmen deſſelben nannte, mit einer theatraliſchen Geberde in die Haare fuhr, war ſo überzeugt, daß der Advocat dieſe lächerliche Vornehmthuerei mit ſcharfen Worten rügen werde, daß er dies ſelbſt zu thun demnach für überflüſſig hielt und ſich damit begnügte, den rechten Fuß auffallend vorzuſetzen und darauf die Arme lang⸗ ſam über einander zu ſchlagen, während er mit finſter zu⸗ ſammengezogenen Augenbrauen in das Geſicht des Advocaten ſchaute. Dieſer aber hatte einen Blick des jungen Mädchens auf⸗ gefangen und ſagte nun mit einem leichten Achſelzucken:„Es iſt gewiß nicht die Abſicht Ihres Beſchützers und noch we⸗ niger die meinige, Sie zu einem ſchnellen Entſchluſſe zu drängen, indem ich Ihnen ſagen würde: entſchließen Sie ſich, oder n wer ſo näheren Ihrem heute, denſell und 2 ich mi ſten m Mitth wider freund gegen empfe der V verlie rzen des erſchlug. er nach fühlen, en anzu⸗ gerpflich⸗ üllen im wandte en,„und dieten in ſſen Sie nicht im in ich es Sie mir en Leicht⸗ nannte, „war ſo zmthuerei zu thun gte, den me lang⸗ inſter zu⸗ ldvocaten hens auf⸗ ken:„Es noch we⸗ hluſſe zu Sie ſich, Ein unſichtbarer Beſchützer. 39 oder wir brechen die Unterhandlung ab. Im Gegentheil, wer ſollte nicht einſehen, daß ehrenhafte Gründe Sie zu einer näheren Ueberlegung veranlaſſen? Thun Sie alſo ganz nach Ihrem Belieben, faſſen Sie einen Entſchluß, wann Sie wollen, heute, morgen, über acht Tage, und laſſen Sie mich alsdann denſelben wiſſen. Hier iſt meine Karte mit Hausnummer und Angabe der Stunden, wann ich zu ſprechen bin, wobei ich mir erlauben muß, Ihnen zu ſagen, daß es mir am lieb⸗ ſten wäre, wenn Sie mir zu Ihnen gelegener Zeit perſönliche Mittheilung über die angeregte Sache machen wollten.“ „Was ich gewiß nicht ermangeln werde, zu thun,“ er⸗ widerte mit froher Stimme der Schriftſteller, dem es bei der freundlichen Art des Geſchäftsmannes, ſeine Weigerung ent⸗ gegen zu nehmen, wie ein Alp von der Bruſt fiel. „Und ich habe bis dahin die Ehre, mich beſtens zu empfehlen,“ erwiderte der Advocat auf die höflichſte Art von der Welt, indem er eine Verbeugung machte und das Zimmer verließ. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. „Ha—ha-—ha!“ lachte Herr Richter aus voller Bruſt, als die Thür ſich wieder geſchloſſen, und zwar ſo affectirt und laut, daß Bander ihm einen mißbilligenden Blick zuwarf und der Knabe bei ſeinen Bleiſoldaten förmlich zuſammen⸗ ſchrak;„ha—ha—ha!“ wiederholte er dieſes dramatiſche Lachen, ohne ſich durch die Miene ſeines Freundes im gering⸗ ſten ſtören zu laſſen;„ſagen Sie mir, Fräulein Roſa, ob in dieſem Wahnſinn Methode iſt? Sagen⸗Sie mir oder viel⸗ mehr dieſem großen Herrn da, daß Sie ſein Betragen eben ſo hochmüthig als lächerlich finden!“ „Wenn ich dich bitten darf,“ ſagte Bander unmuthig,„ſo laß deine Phraſen. Ich weiß ſelbſt, was ich zu thun habe.“ „Nein, das weißt du nicht, und das iſt es gerade, was dir deine Freunde klar machen müſſen: Fräulein Roſa und ich. Sehen Sie, wie er da ſteht in ſeiner ganzen Größe; ſollte man nicht glauben, er brauche nur dem erſten Banquier der Stadt ſeine Geſchäfts⸗Unterſchrift zu ſchicken? Sollte man ſeines Ja, als ic 3 keine den 9 der C beſchä mit d blickte liche! ein 2 Aehn als 1 mehr daß d findeſ ſich dings aus, im v Tiſch zen 2 Küch Ecke der p ſcheu⸗ er Bruſt, affectirt k zuwarf ſammen⸗ amatiſche i gering⸗ oſa, ob der viel⸗ gen eben hig,„ſo habe.“ de, was oſa und Größe; hanquier Sollte Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 41 man nicht glauben, in ſeiner Taſche oder in der Schublade ſeines Schreibtiſches ſei klingende Münze genügend vorhanden? Ja, man ſollte es glauben, und doch kennt niemand beſſer als ich den troſtloſen Zuſtand unſerer Finanzen!“ Bander, der wohl wußte, daß im jetzigen Augenblicke keine noch ſo vernünftige Vorſtellung im Stande ſein würde, den Redeſtrom des Choriſten zu hemmen, ging ruhig nach der Ecke, wo der Knabe und Roſa waren, Beide immer noch beſchäftigt, die Bleiſoldaten zu ordnen. Dort lehnte er ſich mit dem Arme an die Wand, ſtützte den Kopf darauf und blickte auf die Beiden herab. „Spielſt du vielleicht Komödie,“ fuhr der unverbeſſer⸗ liche Richter fort,„und ſoll dieſer ehrenhafte Rechts⸗Anwalt, ein Mann von ſo humanem Aeußern, wie ich nie etwas Aehnliches geſehen, dich mit der erhabenen Meinung verlaſſen, als mache es für dich keinen Unterſchied, tauſend Gulden mehr oder weniger jährlich zu beſitzen, ſo muß ich dir ſagen, daß du dich durchaus nicht auf der Höhe der Situation be⸗ findeſt, und daß dieſer Ehrenmann keiner von denen iſt, die ſich etwas weiß machen laſſen. Schau um dich her; aller⸗ dings ſieht es bei uns in letzter Zeit behaglich und ſauber aus, das iſt aber auch alles, und unſer ganzes Apartement im vierten Stock mit ſeinen wackeligen Stühlen, defectem Tiſche, ruinirtem Fußboden und Wänden, ja, mit ſeiner gan⸗ zen Armſeligkeit ſpricht deutlich dafür, daß hier Schmalhans Küchenmeiſter iſt.“ Nachdem er einen finſtern Blick auf die Gruppe in der Ecke des Zimmers geworfen, fuhr er in einem Tone fort, der wie Hohn klang:„Vielleicht haſt du dich aber auch ge⸗ ſcheut, unſerer verehrten Nachbarin gegenüber zu thun, als . 42 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſeien tauſend Gulden jährlich für dich kein Gegenſtand der Beachtung, und dabei haſt du, glaube ich, ganz beſonders falſch gerechnet, denn ich halte Fräulein Roſa für ein viel zu verſtändiges Mädchen, als daß ſie deine Handlungsweiſe nicht vollſtändig abſurd fände. Doch wozu mich ereifern?“ fuhr er mit großer Würde fort;„ich will lieber meinen Hut nehmen und ein bischen friſche Luft ſchöpfen, vielleicht ver⸗ geſſe ich dabei, daß es ſo viel Unſinn in der Welt gibt!“ Er fuhr haſtig in ſeine Schlafhöhle hinein. Bander, der ſich durch die Worte ſeines Freundes pein⸗ lich berührt fühlte, verharrte trotzdem ruhig in ſeiner Stel⸗ lung an der Wand, wobei er ſich aber nicht enthalten konnte, einen tiefen, hörbaren Athemzug zu thun. Roſa, welche wieder neben dem Knaben auf dem Boden knieete, erhob langſam ihren Kopf, aber ſo langſam, als überlege ſie dabei, ob es rathſam ſei, ihm in die Augen zu blicken. Weßhalb er während dieſer Sekunden ſein Herz ſchneller ſchlagen fühlte, wußte er ſich ſelbſt nicht zu erklären, aber es war ſo, und er zitterte faſt vor dem Momente, wo ſie ihn anſehen würde. Endlich war er da, dieſer Augenblick. Sie hatte langſam ihren Kopf erhoben und ſchaute ihn voll an. Ihre dunkeln, glänzenden Augenſterne brannten faſt in die ſeinigen, während ein unausſprechlich liebes Lächeln um ihren ſchönen Mund ſpielte. Wie ihm dabei der Gedanke kam, daß ſeine Lippen von den ihrigen nur durch eine Spanne Entfernung getrennt ſeien, vermochte er ſich nicht genau anzugeben, aber dieſer Gedanke jäaͤgte ſein Blut in fieberhafter Haſt durch ſeine Adern. Warum wagte er es nicht, ſich dieſen ſüßen Lippen zu nä und d um ei keit z. ihres” kurzer ihr K dafür und i das z ſich a rade ſeine ſtändi chen Oſten ein l die Stirr ſah, wie d der Fami and der ſonders ein viel igsweiſe eifern?“ nen Hut cht ver⸗ ibt!“ ss pein⸗ r Stel⸗ konnte, Boden m, als igen zu chneller aber es ſie ihn . Sie oll an. in die n ihren een von getrennt r dieſer h ſeine Lippen Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 43 zu nähern? Eine unerklärliche Scheu hielt ihn davon ab, und dabei mußte er ſeine Zähne feſt auf einander preſſen, um einen lauten Ausruf der Liebe, des Glückes, der Selig⸗ keit zu unterdrücken— ſo gewalttig hatte ihn der Blick ihres Auges getroffen. O, es war ein unbeſchreiblicher, aber kurzer Blick, denn in der nächſten Sekunde ſchon ſenkte ſich ihr Haupt wieder zu dem ſpielenden Knaben hinab, aber dafür erhob ſie ihre kleine, rechte Hand, die er raſch faßte und mit unzähligen, ſüßen Küſſen bedeckte. Es war vielleicht gut, daß man in dieſem Augenblicke das zornige Schnauben des Herrn Richter vernahm, als er ſich anſchickte, ſein Schlafgemach zu verlaſſen. Es klang ge⸗ rade ſo, als wenn der Oger, menſchenfreſſeriſchen Angedenkens, ſeine Höhle verläßt. Hand und Mund trennten ſich aber, ehe der Oger voll⸗ ſtändig zum Vorſchein kam. Dieſer hatte ſein kurzes Mäntel⸗ chen mit dem rothen Futter umgeworfen und trug es mit Oſtentation auf ſpaniſche Art drapirt; in der Hand hatte er ein langes Meerrohr, und wenn man ihn ſo, den Hut in die Stirn gedrückt, mit feierlichen Schritten, majeſtätiſchem Stirnrunzeln und zuſammengekniffenen Lippen daher kommen ſah, ſo konnte er einem erſcheinen wie ein edler Hidalgo, wie der Chef eines vornehmen alten Geſchlechts, deſſen Haupt der Gram über die Schande irgend eines Gliedes dieſer Familie tief gebeugt hatte. „Trauernd tief ſchien Don Diego, Wohl war Keiner je ſo traurig; Gramvoll dacht' er Tag und Nächte Nur an ſeines Hauſes Fall.“ 44 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Auch der Ton der Stimme Don Diego⸗Richter's paßte vor⸗ begnüg trefflich zu ſeinem ſchmerzdurchwühlten Geſichte. rückzuſe „Es iſt Zeit,“ ſagte er im tiefſten Baſſe,„daß ich mich Beliſar nach anderen Freunden umſehe, Freunden, die es gewiſſenhaft R mit ſich ſelbſt meinen und die ſich ſelbſt und Anderen zum Kleiner Schaden nicht vom Teufel des Hochmuths geritten werden. Schrift Zuerſt aber werde ich meine Suppe eſſen und die gewöhnlich klären, ſor fade Brühe mit meinen Thränen würzen. Komm' brauche Knabe,“ wandte er ſich an den Kleinen,„auch du wirſt ſchieber Hunger haben, ich werde dich zu deinem Pflegevater bringen, bin, de denn die Zeit iſt da, wo alle vernünftigen Menſchen zu eſſen hältniſ pflegen. Es gibt freilich gewiſſe Weſen,“ ſetzte er mit einem ſind. G grimmigen Seitenblick auf Bander hinzu,„welche es ver— auch ſe ſtehen, von himmliſchem Thau oder von Nektar und Am⸗ theure broſia zu leben, die ſonſt keine ſchnöden Bedürfniſſe haben„ und alles, was daran erinnert, mit Hohn von der Hand daß S weiſen.“ ich ehr Während Bander lächelnd den Kopf ſchüttelte, war der leicht V Knabe raſch aufgeſtanden und ſagte:„Auch ich habe Hunger„ und gehe mit dir, Richter, wenn du noch mehr ſo dummes Ausſch Zeug ſprechen willſt, wie ebenz das höre ich gar zu gern.“„ „Dieſes Mal iſt es kein Scherz, ſondern blutiger Ernſt,“ ich wa entgegnete der Choriſt;„reiche mir die Hand, o Knabe, 7 und führe mich durch die Gaſſen Stambuls! Ich komme mir rathen vor, wie der ſelige Beliſar, und möchte in Sack und Aſche und trauern.“ faſt.“ „So iſt's ſchön,“ rief Eugen lachend, und als er ſich ſichtsa hierauf an die Hand ſeines Freundes Richter hing, blickte er eigene ihm erwartungsvoll in das Geſicht, hoffend, daß er noch mir!“ 20 mehr ſo komiſche Sachen zu hören bekommen werde; doch zte vor⸗ ch mich ſſenhaft en zum werden. böhnlich Komm u wirſt rringen, u eſſen einem es ver— d Am⸗ haben r Hand vwar der Hunger ummes gern.“ Ernſt,“ Knabe, me mir d Aſche er ſich ickte er er noch ; doch Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 45 begnügte ſich Richter damit, auf der Schwelle nochmals zu⸗ rückzuſchauen und mit dumpfer Stimme zu ſagen:„Ganz Beliſar— komm', Knabe!“ Roſa hatte eine Bewegung gemacht, als wollte ſie dem Kleinen folgen, doch hielt ſie ein bittender Blick des jungen Schriftſtellers zurück.„Ich muß mich Ihnen gegenüber er⸗ klären,“ ſagte er,„obgleich ich wohl nicht zu befürchten brauche, daß Sie meiner Weigerung ähnliche Gründe unter⸗ ſchieben, wie Richter es gethan, und obwohl ich überzeugt bin, daß Sie nicht von mir glauben, ich wünſche meine Ver⸗ hältniſſe glänzender von Ihnen angeſehen, als ſie wirklich ſind. Das heißt, meine materiellen Verhältniſſe, wenn mir auch ſonſt begreiflicher Weiſe alles daran liegt, vor Ihnen, theure Roſa, im günſtigſten Lichte zu erſcheinen.“ „Ihre Weigerung verſtand ich auch vollkommen, ohne daß Sie mir beſondere Gründe dazu angeben; aber wenn ich ehrlich ſein darf, ſo muß ich doch hinzufügen, daß viel⸗ leicht gerade meine Anweſenheit Ihre Weigerung unterſtützte.“ „Ihr Schweigen, als ich Sie befragte, gab vielleicht den Ausſchlag.“ „O, in dem Falle,“ gab ſie raſch zur Antwort,„müßte ich wahrhaftig bedauern, dageweſen zu ſein.“ „So würden Sie mir alſo doch zur Annahme deſſen rathen, was mir, ich muß geſtehen, auf ſo uneigennützige und großmüthige Art geboten wird? Mir widerſtrebt es faſt.“ Er ſprach das mit einem ernſten, faſt traurigen Ge⸗ ſichtsausdrucke.„O, ich möchte mich ſo gern gänzlich durch eigene Kraft emporbringen, denn ich fühle dieſe Kraft in mir!“ Tante Roſa hatte ſich vom Boden erhoben und ſtellte 46 Sechsundvierzigſtes Kapitel. die Schachtel mit den nun wohlverpackten Zinnſoldaten auf den Tiſch, wohin er ihr mit langſamen Schritten folgte. Sie ſchien es zu vermeiden, den jungen Mann anzublicken, ja, es ſchien ihr ſchwer zu werden, ihm auf die gleiche ernſte Art, wie er mit ihr ſprach, zu antworten. „Sie nehmen alles das zu tragiſch,“ ſagte ſie nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, während ſie ihre Hand auf den Tiſch ſtützte und ihre Augen auf die Etiquette der Zinn⸗ ſoldaten heftete. „O, könnte ich alles leichter nehmen, alles, was mein Herz zuſammendrückt und beunruhigt, ich wäre vielleicht glücklicher!“ „So verſuchen Sie es mit etwas leichterem Sinne! Sie ſind jung, haben Talent, Ihnen ſteht die Welt offen, greifen Sie hinein ins volle Menſchenleben, ohne viel zu prüfen und zu wählen, werfen Sie von ſich, was Sie drückt, die Erinnerungen an vergangene bittere Stunden, an eine ver⸗ fehlte Exiſtenz—— wer iſt ſo glücklich, in dieſem Leben nicht ein paarmal von vorn anfangen zu müſſen?“ Seine Augen ruhten leuchtend auf ihrer Geſtalt, ſeine Bruſt hob ſich unter ſchweren Athemzügen, ſeine Lippen preß⸗ ten ſich mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke auf einander, wäh⸗ rend ſie ſo in tändelndem Tone mit ihm ſprach. Endlich erwiderte er mit leiſer, weicher Stimme:„O Roſa, alles das, deſſen Sie erwähnen, iſt es ja nicht, was mich wie mit eiſer⸗ nen Banden am Boden feſthält, was mich ſo glücklich und wieder ſo unglücklich macht, was im Stande wäre, mich hinauf zu tragen auf die ſchwindelndſten Spitzen dieſes Le⸗ bens, was aber wahrſcheinlich ſchuld ſein wird, daß ich un⸗ bekannt in der Tiefe bleibe.“ glänzer meinen Talent die Ho S einem war, j 1 men, Ziel!“ als ſie der er ihre C noch mit de des A „ beiden ſprech gefrier Wund bare mit d weiche früher mich tten auf te. Sie „ja, es ſte Art, h einem and auf er Zinn⸗ as mein vielleicht Sinne! lt offen, viel zu e drückt, eine ver⸗ n Leben tt, ſeine en preß⸗ er, wäh⸗ Endlich lles das, nit eiſer⸗ lich und e, mich ieſes Le⸗ ich un⸗ Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. „Ihr Talent, Ihre Kunſt?“ gab ſie zur Antwort. „Nicht das, nicht das,“ erwiderte er eifrig,„ſondern ein glänzendes Ziel, die köſtlichſte Belohnung, wie ich ſie nur in meinen kühnſten Träumen denke und wonach ich mit meinem Talente, wenn ich ſolches habe, ringen und ſtreben möchte, die Hoffnung auf—“ Sie wandte ſich ſo raſch herum und ſchaute ihm mit einem Male ſo feſt in das Geſicht, daß er nicht im Stande war, jetzt den angefangenen Satz zu vollenden. „Die Hoffnung auf einen großen und berühmten Na⸗ men, nach dem Sie ringen und ſtreben werden, das iſt Ihr Ziel!“ Dabei glänzte ihr Auge, die feinen Lippen blieben noch, als ſie die eben erwähnten Worte ausgeſprochen, von einan⸗ der entfernt und ließen die weißen Zähne durchſchimmern, ihre Geſtalt hatte ſich um einige Zoll erhoben, und das eben noch ſo einfache und anſpruchsloſe Mädchen ſtand vor ihm mit der Haltung einer Königin, deren Mund und flammen⸗ des Auge zum Siege ausruft. „A— a— a—ah!“ machte er zurückfahrend, indem er ſeine beiden Hände von ſich abſtreckte.„So könnte ſie zu mir ſprechen, deren obgleich ſchöner, doch kalter Blick das Blut gefrieren läßt, das wunderbare, entzückende Phantom, welches Wunden ſchlägt, die niemals heilen!— Entſetzlich, Roſa— ——— wenn ſich auf dieſe Weiſe das für mich ſo furcht⸗ bare Räthſel löſen ſollte!“ Sie that einen tiefen Athemzug, dann fuhr ſie leicht mit der Hand über ihre Augen und ſagte mit ihrem früheren weichen Lächeln, und neben ihm am Tiſche wieder zu ihrer früheren Stellung zuſammenſinkend:„Sehen Sie, wie ich mich zu begeiſtern vermag, wenn ich an Ihre Zukunft — —— —————————— “ 8 2 A ——— 48 Sechsundvierzigſtes Kapitel. denke! Entnehmen Sie daraus mein innigſtes Intereſſe für Sie.“ „Nur ein Intereſſe?“ gab er raſch zur Antwort.„Nach Ihrem Blicke von vorhin, an deſſen Seligkeit ich mein Leben lang zehren werde, nach der Glut Ihres Auges, die mich gewaltig traf, nach dem Druck Ihrer Hand, der mich für einen Augenblick zum Glücklichſten der Welt machte,— o, ſeien Sie ehrlich und wahr gegen mich, wie ich es gegen Sie bin!— Nach alle dem, für deſſen Wahrheit ich in den Tod gehen würde, doch nur Intereſſe? O nein, Roſa, das iſt unmöglich— das muß unmöglich ſein!— Woher ſonſt das Zittern Ihrer Hand? Woher ſonſt das Beben Ihres Körpers?— O,. ich fühle es mit ganzer Seligkeit, und laſſe Sie nicht, bis ich Wahrheit von Ihren Lippen höre!“ Er hatte den rechten Arm um ihren ſchlanken Leib ge⸗ ſchlungen, er hielt mit ſeiner linken Hand ihre zitternden Finger, er drückte ſie mit voller männlicher Kraft an ſich. Nur in ihre Augen konnte er nicht blicken, nur von ihren Lippen konnte er nicht leſen, da ſie von dieſem Augenblicke erſchreckt und überraſcht ihr Haupt tief auf ſeine Bruſt nie⸗ derſinken ließ.—— Wie lebendiges Feuer ſtrömte es aus der weichen vollen Form ihres Körpers in ſeine Adern über, und in geheim⸗ nißvoller aber doch ſo natürlicher Wechſelwirkung erwärmte ſich auch das junge Mädchen in ſeinen umſchlingenden Armen und an ſeinem wildklopfenden Herzen. Sie ſchauerte und bebte an ſeiner Bruſt, ihr Körper ſchien an dem ſeinigen niedergleiten zu wollen, und wenn er ſie alsdann kräftig auf⸗ recht hielt und an ſich drückte, ſo war es ihm, als halte er eine wi ſeinen 2 Ra ihren K von der unbeſchr glänzend „Küſſe Na des Hin lang, de ruhten, und ſag darreich wieder, „O haſt mi wunderl gehalten Seligkei zu verla ſitzen w und dos — O trauen, cheln,„ Warum Hackle itereſſe „Nach Leben ge mich ich für — o, gegen in den a, das rr ſonſt Ihres nd laſſe keib ge⸗ ternden an ſich. n ihren enblicke uſt nie⸗ vollen geheim⸗ wärmte Armen rte und ſeinigen tig auf⸗ halte er Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 49 eine wilde, aufflackernde, ſeine Sinne verzehrende Glut in ſeinen Armen. Raſch und energiſch, nicht langſam wie vorhin erhob ſie ihren Kopf, ihre ſchwimmenden Augen waren halb geſchloſſen von den wie müde niederſinkenden Lidern, ihre durch ein unbeſchreibliches Lächeln geöffneten Lippen ließen die weißen glänzenden Zähne durchſchimmern, und dabei flüſterte ſie: „Küſſe mich, küſſe deine Braut!“—— Nach dieſem Ausruf, der für Bander alle Seligkeiten des Himmels in ſich ſchloß, erlaubte ſie nur eine Sekunde lang, daß ſeine fieberhaft brennenden Lippen auf den ihrigen ruhten, dann riß ſie ſich gewaltſam aus ſeinen Armen los und ſagte mit tiefer Stimme, während ſie ihm ihre Hand darreichte:„Und nun, Karl, laß mich gehen, wir ſehen uns wieder, wenn wir beide ruhig ſind.“ „O, nur jetzt verlaß mich nicht,“ bat er flehend,„du haſt mich ſo groß, ſo glücklich gemacht, daß ich eine ſolche wunderbare Ruhe in mir fühle, wie ich ſie nie für möglich gehalten. Du haſt mir ja ein Geſchenk gegeben, an deſſen Seligkeit und Größe ich Jahre lang zehren könnte, ohne mehr zu verlangen, bei deſſen Erinnerung ich dir ruhig gegenüber ſitzen will, in dein liebes Auge ſchauend, ſelbſt ohne zu reden, und doch dabei unter deinem Blicke vor Entzücken ſchauernd! — O Roſa, gehe nicht ſo von mir, ſchenke mir dein Ver⸗ trauen, und bleibe noch!“— „Ja, du haſt Recht,“ ſagte ſie mit einem milden Lä⸗ cheln,„ich kann dir und mir vertrauen! Ja, du haſt Recht! Warum auch Augenblicke, die in dieſer Geſtalt nie wieder⸗ 4 Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 4“ “ — Sechsundvierzigſtes Kapitel. kehren, ſo gewaltſam zerreißen? Setze dich mir gegenüber und laß uns über deine Zukunft plaudern.“ „Ueber unſere Zukunft,“ erwiderte er, während ſie ſich auf das Sopha niederließ und er neben demſelben ſtehen blieb. Minutenlang blickte er ihr in das dunkle Auge, ehe er fortfuhr:„Jetzt, nachdem du mich ſo reich beſchenkt, wirſt du mir auch nicht mehr rathen, jenes Anerbieten an⸗ zunehmen.“ „Um darüber jetzt ruhig und vernünftig zu reden,“ gab ſie zur Antwort,„ſind unſere Herzen zu voll.“ „Bei Gott, du haſt Recht,“ rief er mit jubelnder Stimme, „laß uns jetzt zuſammen plaudern wie ein paar glückliche Kinder, die ſich unverhofft in einem wilden, großen Walde gefunden, die Hand in Hand neben einander ſitzen und ſich ihre Schickſale erzählen!“ „Kinder,“ verſetzte ſie lachend,„haben meiſtens noch keine großen Schickſale erlebt, und das Gleiche wird auch mit uns der Fall ſein. Was mich anbetrifft, ſo bin ich wenigſtens nicht im Stande, dir Seltſames und Ungeheuerliches zu er⸗ zählen, was ich ſpäter vielleicht in einer deiner Novellen gedruckt wiederfinden könnte; auch deine Vergangenheit kenne ich ſo ziemlich genau.“ „O, plaudern wir doch darüber,“ gab er im Tone eines vollkommen glücklichen Menſchen zur Antwort.„Von deinen Lippen klingt alles das ſo ſchön; laß mich dir von meiner Vergangenheit erzählen, was du noch nicht weißt.“ Sie ſah ihn fragend und lächelnd an. „Von jener dunkeln Stunde, wo ich glaubte, ganz un⸗ glücklich zu ſein, wo jene ſchimmernde, trügeriſche Welt auf der Bühne mich ausſtieß, mich, dem die Weihe zu jener Kunſt ſetzte er ſehen h dir die ihren g „L vor ſich „1 übel n tender, als ſie kum tr iſt ſchö R Kopf d augenb zeihen, Endun gen? vergeſſ Liebe. Tone — mi ſelber ſehen ihr fol C eine kl gefähr gleicht gegenüber id ſie ſich en ſtehen luge, ehe beſchenkt, dieten an⸗ den,“ gab Stimme, glückliche en Walde r und ſich noch keine ) mit uns wenigſtens hes zu er⸗ Novellen theit kenne Tone eines Con deinen don meiner 7 ganz un⸗ Welt auf 2 zu jener gleicht, wie ich und Andere, du haſt das ja ſelbſt gehört, nie Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 51 Kunſt fehlte! Hätteſt du mich damals geſehen— o nein,“ ſetzte er haſtig hinzu,„ich bin froh, daß du mich nicht ge⸗ ſehen haſt! Aber dein Spiegelbild ſah mich, jene, die mit dir die räthſelhafte Aehnlichkeit hat, ſie blickte mich an mit ihren großen dunkeln Augen, halb erſchrocken, halb ſpöttiſch.“ „O, ſpöttiſch gewiß nicht,“ erwiderte Roſa, indem ſie vor ſich niederblickte,„darin thuſt du ihr gewiß Unrecht.“ „Und wenn ſie es that, kann ich es ihr im Grunde nicht übel nehmen, was war ich in ihren Augen? Ein unbedeu⸗ tender, talentloſer Dilettant, deſſen Lächerlichkeit ſie zudeckte, als ſie nun nach ſeinem Falle ſo ſiegesgewiß vor das Publi⸗ kum trat, ein blendendes Irrlicht, das ſie immer iſt— o, ſie iſt ſchön in ſolchen Augenblicken!“ Roſa hatte ihren Arm auf den Tiſch geſtützt und den Kopf darauf gelegt.„Carlo,“ ſagte ſie, und fuhr nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort,„du mußt mir ſchon ver⸗ zeihen, daß ich deinen Namen mit der weicheren italieniſchen Endung ausſpreche— ja, was wollte ich dir denn nur ſa⸗ gen? Ich glaube faſt, du wirſt die ſchöne Tänzerin doch nie vergeſſen können, und ich bin nur das Spiegelbild deiner Liebe. Wenn ſie ſich dir heute näherte, mit dem gefährlichen Tone ihrer Stimme— ich gebrauche deine eigenen Ausdrücke — mit ihren großen, dunkeln, glänzenden Augen, wie du ſelber ſagſt, wenn es dieſes trügeriſche Irrlicht darauf abge⸗ ſehen hätte, dich zu verlocken, ich bin überzeugt, du würdeſt ihr folgen, ohne nach mir umzuſchauen!“— Er blickte nachſinnend vor ſich nieder, und es verging eine kleine Weile, ehe er zur Antwort gab:„Sie könnte mir gefährlich werden, weil ſie dir gleicht, ja, ſo unausſprechlich Sechsundvierzigſtes Kapitel. etwas Aehnliches geſehen. anders, wie du.“ „So erkläre mir den Unterſchied,“ verſetzte ſie lächelnd, „daß ich mich bei dieſer großen Aehnlichkeit in Acht nehmen kann, ihr vollkommen ähnlich zu werden.“ „O nein,“ entgegnete er froh geſtimmt,„dein weiches Gemüth, dein herzliches, liebevolles Weſen hat kein Talent dazu, ſo zu ſein; ſie iſt glänzender, prächtiger und gerade darum abſtoßend. Kennteſt du ſie genauer, würdeſt du mir Recht geben. O, ihre wirklich herrliche Haltung iſt unnach⸗ ahmlich.“ „Du machſt mir Luſt, den Verſuch zu wagen, ihr zu gleichen,“ ſagte Roſa, indem ſie aufblickte. „Und dann der Ausdruck ihres Geſichts ſo ähnlich dem deinigen und doch ſo verſchieden— ſage mir, Roſa,“ unter⸗ brach er ſich plötzlich,„haſt du nie nachgeforſcht, ob Ihr nicht doch am Ende noch aus einer Familie ſtammt? Du weißt, Enkel und Urenkel gleichen oft auf merkwürdige Art gemein⸗ ſchaftlichen Ahnherren.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe und entgegnete:„nein, nein, Carlo, zwiſchen uns kann von einer Verwandtſchaft nicht die Rede ſein. Wenn ich in meiner Unbedeutendheit auch von Ahnen in gewiſſem Sinne nicht reden darf, ſo kennt doch— meine Mutter unſere Familie rückwärts genau genug, um zu wiſſen, daß dergleichen Abzweigungen mit ſo berühmter und glänzender Spitze nicht exiſtiren.— Aber ich glaube, du wollteſt mir noch etwas über ihr Geſicht ſagen, über den Ausdruck deſſelben?“— „Ah ja,“ erwiderte er gedankenvoll,„dieſer energiſche, Und doch iſt ſie wieder ſo ganz kühne, und vielleicht eben darum ſo abſtoßende Ausdruck — wen iſt, ſo m ſamer 2 „U dieſen 2 ihren K über ihr ſie ſich lich zu gefiele, gelbild Er er ſchwi weiſe, 2 in deine die ich weiß ich mir dan Bühne „W Gefühle. nicht ein „A energiſch wobei i trotzig i mern ſa „A Schrecke Ihr r ſo ganz lächelnd, dt nehmen in weiches in Talent nd gerade ſt du mir ſt unnach⸗ n, ihr zu lich dem a,“ unter⸗ Ihr nicht Du weißt, rt gemein⸗ e:„ nein, dandtſchaft eutendheit ,ſo kennt au genug, berühmter glaube, du über den energiſche, esdruck— Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 53 — wenn das Auge, wie man ſagt, der Spiegel der Seele iſt, ſo muß in ihr eine gewaltige Seele, ein feſter, unbeug⸗ ſamer Wille wohnen.“ „Und doch ſind Verhältniſſe im Stande, ihn zu beugen, dieſen Willen,“ ſprach ſie wie zu ſich ſelber. Dann hob ſie ihren Kopf empor, ſtrich ſich mit der rechten Hand haſtig über ihre Stirn und fuhr mit heiterer Stimme fort, indem ſie ſich erhob:„ich möchte doch einmal verſuchen, ihr ähn⸗ lich zu ſehen, und wenn meine Nachahmung dir vielleicht gefiele, ſo würde ich dich öfter mit meinem glänzenden Spie⸗ gelbild erfreuen.“ Er blickte ſie mit ernſtem Geſichtsausdrucke an, und als er ſchwieg, fuhr ſie fort:„Du haſt mir, freilich bedingungs⸗ weiſe, Talent für's Theater zugeſprochen, das heißt, du haſt in deinem Luſtſpiele von den Dialogen niederſchreiben laſſen, die ich mit dir gehalten, als Herzogin oder Geſandtin, was weiß ich. So laß mich's einmal praktiſch verſuchen, und ſage mir dann ehrlich deine Meinung, wie ich mich wohl auf der Bühne ausnehmen könnte.“ „Wozu das?“ entgegnete er mit einem unbehaglichen Gefühle.„Die Zeit liegt hinter mir, und ich möchte ſie auch nicht einmal im Scherze zurückrufen.“ „Aber ich will,“ verſetzte ſie in plötzlich verändertem, energiſchem Tone, wobei ſie ihren Kopf in die Höhe warf, wobei ihre Augen leuchteten und wobei ſie ihre Lippen trotzig öffnete, ſo daß man ihre weißen Zähne durchſchim⸗ mern ſah. „A— a— a—ah,“ machte er mit einem Ausdrucke des chreckens, und trat ein paar Schritte von ihr zurück. Ihre Geſtalt war förmlich wie durch Zauber verwandelt, 54 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ihr etwas gebeugter Nacken hatte ſich ſtolz aufgerichtet und trug den Kopf edel und frei, ihre eingebogenen Schultern, welche zu ihrer nachläſſigen Haltung und ihrem ſchleppenden Gange ſo vortrefflich paßten, bogen ſich auseinander und ließen die prächtig gewölbte Bruſt ſehen.—— Als ſie nun dabei mit ihren Händen die Taille umſpannte, ſchien dieſe. ſich um einige Zoll zu verlängern und förmlich aus den Hüften heraus zu wachſen.—„So trat ſie wohl vor dich hin, das glänzende Irrlicht?“ ſagte ſie mit tiefer, wohlklingen⸗ der Stimme,„ſo wäre ſie im Stande, dich zu verlocken?— Und nun ſage mir,“ fuhr ſie in dem gewöhnlichen Tone fort, „war ich in meiner Darſtellung meinem glänzenden Spiegel⸗ bilde ähnlich?“ „Zum Erſchrecken,“ rief er mit beklommenem Tone, dann hob er raſch ſeine Rechte empor und ſtreckte ſie ihr wie ab⸗ wehrend entgegen.„Iſt es Täuſchung oder Wahrheit? Biſt du dieſelbe, die ich wähnte vorhin in meinen Armen zu hal⸗ ten, oder biſt du ein furchtbares Räthſel, deſſen Auflöſung mich unglücklich machen müßte?“ „Ich bin dieſelbe, welche ich vorhin war,“ erwiderte ſie mit ihrem früheren weichen Lächeln, und als ſie darauf mit dem milden Blick ihrer Augen und dem ſchwankenden Gange auf ihn zutrat, verwandelte ſich ihre Geſtalt abermals, und ganz nah vor ihn hintretend, legte ſie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern, blickte ihn mit herzlicher Liebe an und ſagte innig:„ich bin deine Roſa.“ Er ſchaute über ihre Schulter hinweg mit faſt ängſtlichem Geſichtsausdrucke nach der Stelle, wo ſie ſo eben geſtanden; es war ihm, als müſſe die Andere dort auch noch ſi — ſein, ihr ſpöttiſche „S nimm ſie mich fre haben, d ich hätte wäre ni tung zu befehlen, ſo oft g zu mache „T „Glaube Minute ben, wi wird mit „Et indem ſt ſeine Hä für heutt verlaſſen Ru doch kon ſtehen, herzlich „M Tone,„ der Han vorgefal ichtet und Schultern, lleppenden inder und ls ſie nun chien dieſe. aus den l vor dich ohlklingen⸗ locken?— Tone fort, n Spiegel⸗ done, dann )r wie ab⸗ theit? Biſt en zu hal⸗ Auflöſung widerte ſie darauf mit den Gange mals, und iden Hände be an und ängſtlichem geſtanden; och ſi Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 55 ſein, ihn ſtreng und feſt anblickend und ſich alsdann mit ſpöttiſcher Miene wegwendend. „Schaue nicht ſo düſter,“ bat das junge Mädchen,„und nimm ſie dir nicht zu Herzen, meine unſchuldige Spielerei; mich freut es nur, in deinen Bewegungen gefunden zu haben, daß du Talent in mir entdeckſt. Glaubſt du denn, ich hätte mich für deine ſchöne Tänzerin nicht intereſſirt? Ich wäre nicht häufig in das Theater gegangen, um ihre Hal⸗ tung zu ſtudiren? Siehſt du, Carlo, du haſt ſpäter nur zu befehlen, und ich trete in der That als Fee auf, wie du mich ſo oft genannt, um dir vielleicht einen heiteren Augenblick zu machen.“ „Thue das nie, niemals wieder!“ verſetzte er dringend. „Glaube nicht, Roſa, daß du mir dadurch eine glückliche Minute verſchafft,— gewiß nicht— verſprich mir, zu blei⸗ ben, wie du biſt!— Ah,“ murmelte er in ſich hinein,„es wird mir ſo ſchon ſchwer genug, die Andere zu vergeſſen!“— „Etwas habe ich doch erreicht,“ ſagte ſie ſchalkhaft lächelnd, indem ſie ihre Hand von ſeiner Schulter herabgleiten ließ, ſeine Hände raſch ergriff und herzlich drückte:„wir ſcheiden für heute ruhiger als wenn ich dich vor einer Viertelſtunde verlaſſen hätte.“. Ruhiger wohl, aber nicht glücklicher, dachte Bander, doch konnte er ihren freundlich bittenden Blicken nicht wider⸗ ſtehen, und hob ihre Finger an ſeine Lippen, um dieſelben herzlich zu küſſen. „Morgen erſcheine ich wieder,“ ſagte ſie in glücklichem Tone,„hoffentlich als deine gute Fee, und wenn ich dich vor der Hand noch um Stillſchweigen bitte über das, was hier vorgefallen, ſo tröſte doch den edeln Beliſar, indem du ihm 56 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſagſt, du wolleſt jenes Anerbieten deines mächtigen Beſchützers gewon ſorgfältig überlegen. Adieu Carlo!“ Galle „Lebe wohl, Roſa!“ Roſa Er brachte ſie bis an die Thür, und als ſie mit einem noch freundlichen Gruße über die Gallerie davon eilte, blieb er ſtehen und ſah ihr mit umflortem Auge nach. hren „Das war ſeltſam,“ ſprach er alsdann zu ſich ſelber. ihre „Mir ſchwindelt der Kopf, wenn ich verſuche, mir dieſe Tuch Scene wieder lebhaft zurückzurufen— nein, nein, das iſt ja heral nicht möglich, und doch— o mein Gott, und doch!— Aber reicht was ſollte ſie veranlaſſen, ein ſolch' entſetzliches Spiel mit ſich mir zu treiben?— Bloße Weiberlaune?— Vielleicht Rache, daß ich damals mich erkühnt, ſie mit Jenem zu belauſchen, fortg als wenn ich durch mein zerriſſenes Herz und durch jenen nehir Fall, der mich dem Tode nahe brachte, nicht ſchon genug liege beſtraft worden wäre?———— Ah, ich muß Gewißheit haben, Gewißheit um jeden Preis! Sollte es mir denn ſo zuſar unmöglich ſein, ſie und ihr Spiegelbild zu vergeſſen? Und die; 6 wenn ich auch bei dem Verſuche zu Grunde gehe, Gewißheit muß ich haben!“ Raſch verließ er die geöffnete Thür, unter welcher er Kon bisher verweilt, und ging an ein Käſtchen, wo er neben den für 6 wenigen werthvollen Sachen, die er beſaß, auch jenes Batiſt⸗ tuch verwahrte, das ihm die Unbekannte in jener Nacht auf ſehen ſeinem blutenden Haupte befeſtigt. Bis zu jenem Tage, wo ten, zeer die Gewißheit erhalten, welche Hand es geweſen, die ihn war zuerſt niedergeworfen und dann wieder aufgerichtet, hatte er am es wie eine Reliquie auf ſeinem Herzen getragen, ſobald er ieſe aber Roſa näher kennen arnt, war es ihm gleichgültiger ſchützers it einem blieb er h ſelber. nir dieſe as iſt ja — Aber piel mit ot Rache, lauſchen, rch jenen in genug hewißheit denn ſo en? Und Bewißheit belcher er teben den es Batiſt⸗ NRacht auf Tage, wo , die ihn hatte er ſobald er chgültiger Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 57 geworden. Dieſes Tuch ergriff er und eilte damit über die Gallerie auf den Vorplatz vor die Wohnung Schweizer's, um Roſa noch anzutreffen, die, ehe ſie das Haus verließ, doch noch nach dem Knaben geſehen hatte. Lange brauchte er nicht zu warten, ehe ſie kam. Mit ihrem groben wollenen Shawl, den ſie gewöhnlich trug, war ihre ganze Geſtalt verhüllt, um den Kopf hatte ſie ein rothes Tuch, deſſen Ende an der rechten Seite ihres Geſichts herabhing. Als ſie Bander bemerkte, ſchien ſie erfreut und reichte ihm mit einem raſchen Blicke auf die Thür hinter ſich die Hand. „Ich wollte dich noch einen Augenblick ſehen, ehe du fortgingſt,“ ſagte er, mühſam Athem holend, mit kaum ver⸗ nehmbarer Stimme,„auch haſt du dein Taſchentuch bei mir liegen laſſen,— hier iſt es.“ Sie nahm das Tuch in ihre Hand. Er hatte es ſöo zuſammengelegt, daß die Bezeichnung deſſelben ihr ſogleich in die Augen fallen mußte. „Es iſt doch das deinige?“— Flüchtig blickte ſie es an, und gab dann in heiterem Tone zur Antwort:„ja, es iſt das meinige, ich danke dir für deine Freundlichkeit— alſo bis morgen.“ Es war auf dem Vorplatz zu dunkel, als daß ſie hätte ſehen können, wie furchtbar ſich ſeine Geſichtszüge veränder⸗ ten, wie bleich ſie wurden bei dieſen einfachen Worten. Sie war ſchon längſt die Treppen hinabgeeilt, als er noch oben am Geländer ſtand, in das düſtere Haus hinabblickend und auf den Schein des rothen Kopftuches ſtarrend, bis auch dieſes ſeinem Auge entſchwunden war. 58 Sechsundvierzigſtes Kapitel. T. R. u. R. d. T. 6„Einem Irrlichte gleich!“ ſprach er mit einem Tone, der wie ein Weheruf klang.— Dann ging er langſamen Schrittes über die Gallerie V in ſein Zimmer zurück, ſetzte ſich dort auf dieſelbe Stelle, wo ſie ſo eben noch geſeſſen, und vergrub ſein Geſicht in beide Hände. ſinſte chen, Ohr Rohr Nach über Einf ſo v⸗ ſo g. Verg entg ſcheit wen ſchon — , der allerie Stelle, cht in Siebenundvierzigſtes Kapitel. Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. Herr Richter war noch durch einige Straßen, ganz finſterer Spanier, gewandelt mit affectirt drapirtem Mäntel⸗ chen, ſeinen einfachen bürgerlichen Hut mehr auf das rechte Ohr gedrückt als gerade nothwendig war, und das ſpaniſche Rohr ſo weit als es ihm möglich war, von ſich abſtreckend. Nach und nach ſiegte aber ſein innerer gutmüthiger Kern über die durch den vorher erwähnten betrübenden äußeren Einfluß gehärtete Schale, und da er ſah, wie um dieſe Stunde ſo viele andere Gottesgeſchöpfe ihr tägliches Futter ſuchten, ſo gedachte er auch nicht mehr ſo ausſchließlich der jüngſten Vergangenheit, ſondern wandte ſich der duftenden Zukunft entgegen, und ſein friedlicher, vergleichender Sinn würde wahr⸗ ſcheinlich wieder vollkommen heiter geſtimmt worden ſein, wenn es nicht in dem Koſthauſe, das er zu beſuchen pflegte, ſchon wieder ſaure Nieren und weiße Rüben gegeben hätte — ſchon wieder! Daſſelbe war erſt vor drei Tagen gereicht n 6 * m —— ,) —— 60 Siebenundvierzigſtes Kapitel. worden, und nun ſchon wieder daſſelbe, und obendrein ſaure Nieren! Wie wahr es iſt, daß äußere Einflüſſe den Menſchen ſo leicht beſtimmen, und daß große Wirkungen durch kleine Ur⸗ ſachen herbeigeführt werden, ſo auch hier: hätte dem guten Richter nach alledem, was er erlebt, vielleicht Ochſenbraten und Kartoffel⸗Gemüſe gelächelt, ſo würden die Wogen ſeines Unmuths ſich nach und nach gelegt haben und wären viel⸗ leicht in das ſanfte Plätſchern übergegangen, welches der Genuß eines ſich heute ausnahmsweiſe erlaubten Schoppen Weines verurſachte— aber ſaure Nieren, ſie erbittern das Gemüth, ſie laſſen keine heitere Stimmung aufkommen, und weiße Rüben, im Winter ein ſo fades, unſchmackhaftes Eſſen!— Herr Richter aß, weil er Hunger hatte, aber er ſpeiſ'te nicht mit dem rechten Appetit. Er conſumirte mehr Brod als nothwendig war, und als er ſich nach dem Mittageſſen noch ein Stück Käſe auf das Ausnahmsconto und einen Schoppen Wein geben ließ, geſchah dieſes nicht unter der Wirkung des beruhigenden Gefühles, wohl geſpeiſ't zu haben, ſondern es geſchah in der Idee, auch hier wieder bitter ge⸗ täuſcht worden zu ſein— ſaure Nieren! Er kam ſich vor, als ſei ſein Inneres von der Säure des ganzen großen Keſſels durchdrungen, der für ein paar Dutzend Koſtgänger ausgereicht hatte, und als er ſo in ſäuer⸗ lichem Nachgeſchmack da ſaß, da gedachte er mit Bitterkeit des Auftrittes von vorhin zu Hauſe, und während er die Arme übereinander ſchlug und finſteren Blickes zum Fenſter hinaus auf die ſchwarze Brandmauer eines gegenüberliegen⸗ den Hauſes blickte, da murmelte er ingrimmig in ſich hinein: Komn Juder lichen — T veran ein gi ausſet dich 1 mein kleine öffnen 2 nichts ſie ſo erſten ſeinen ganzer dem C lich zu nur 1 hältni der§ tragen lieber Kann werde meine Wein ſaure hen ſo ne Ur⸗ guten braten ſeines n viel⸗ es der Hoppen en das n, und khaftes ſpeiſ'te Brod ageſſen einen ter der haben, ter ge⸗ Säure npaar ſäuer⸗ tterkeit er die Fenſter liegen⸗ hinein: Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 61 Kommſt du mir ſo, ſo komme ich dir ſo, ſchlägſt du meinen Juden, ſo ſchlage ich deinen Juden, wie der Lateiner im ähn⸗ lichen Falle ſo treffend ſagt: aut Caesar, aut Stiefelknecht! — Treibſt du die Komödie ſo weit, daß du meinen Freund veranlaſſen willſt, tauſend Gulden jährlichen Gehaltes, die ein großmüthiger und edeldenkender Beſchützer ſeinem Talente ausſetzt, für nichts zu achten und zu ſchweigen, wenn er dich um deine Meinung fragt, ſtatt ihm zu ſagen: greif' zu, mein Freund und ſei nicht blöde!— ſo ſpiele auch ich meine kleine Scene, und will ihm ſchon zur rechten Zeit die Augen öffnen.. Was hat er auch von der ganzen Wirthſchaft? Es iſt nichts Solides und nichts Reelles! Hatte ich doch geglaubt, ſie ſolle einen guten Einfluß auf ihn ausüben, und zum erſten Male, wo ſie das könnte, beſtärkt ſie ihn noch in ſeinem unmotivirten Hochmuthe. Ich traue überhaupt der ganzen Geſchichte nicht. Was bedeutet die Mauſchelei mit dem Schweizer? Und in welchen Verhältniſſen ſteht ſie eigent⸗ lich zu dem Bürſchlein, das an ſich ein ganz guter Kerl iſt, nur nicht als eine kleine Beigabe zu einem ernſtlichen Ver⸗ hältniſſe— Und daß es zu einem ſolchen ernſtlichen Verhältniſſe vor der Hand nicht kommen ſoll, dazu will ich das meinige bei⸗ tragen und will auf Schritt und Tritt bei ihm bleiben, mich lieber krank melden, als die Beiden mit einander allein laſſen. Kann ich ſie aber unter vier Augen zu ſprechen kriegen, ſo werde ich mir kein Gewiſſen daraus machen, ihr tüchtig meine Meinung zu ſagen. Unter dieſen und ähnlichen Gedanken ſchlürfte er ſeinen Wein aus und ging alsdann ſeiner Wege, auf welchem es ℳ 62 Siebenundvierzigſtes Kapitel. ein glückliches Ungefähr wollte, daß er mit ſeinem Freunde Bander zuſammentraf, welcher ihm ſchon auf einige Schritte Entfernung zurief, er habe ſo eben von dem Intendanten des Hoftheaters die höchſt erfreuliche und ehrenvolle Aufforderung erhalten, ſein Luſtſpiel einzureichen.„Und das zu thun, bin ich gerade im Begriffe,“ ſetzte er hinzu. Sie gingen mit einander fort, und die ſchönen Hoff⸗ nungen, welche der junge Schriftſteller für ſein Werk hatte und ausſprach, beſtärkten Herrn Richter in ſeinem ſo eben gefaßten Vorſatze. „Eigentlich ſollteſt du bei dieſer Nachricht vergnügt aus⸗ ſehen,“ meinte er, indem er ſeinen Freund ſcharf anblickte,„aber. du machſt ein Geſicht, wie der ſelige Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet, als er nach jenem denkwürdigen Vorfalle in die Garderobe ſtürzte.“ „Es iſt ein wichtiger Gang, den ich thue,“ gab Bander zur Antwort,„ein Gang, entſcheidend wahrſcheinlich für mein ganzes Leben, und das läßt mich vielleicht ernſter ausſehen, als gewöhnlich.“ 3 „Ich denke, iſt nicht ein wenig Reue dabei?“ fragte der Choriſt lauernd,„Reue über das vorhin Vorgefallene?“ „Auch das vielleicht,“ erwiderte der Andere ſeufzend, „wenigſtens war es ein bedeutender und ſchwerer Moment meines Lebens.“ „Nun denn, ſo ſei in des Himmels Namen vernünftig und nimm das Angebotene an.“ „Das will, wie ich dir ſchon einmal ſagte, überlegt ſein, eine Uebereilung wäre nie wieder gut zu machen.“ „Du biſt unverbeſſerlich.“ „ — bis denken Inten T chefs darübe bei de im Ge C der A Ausnce ters. nicht ſtimmt zu thi denen oder j 5 unbeke beim wirſt Hand, ſo wie unber und tigen „,— „das a Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 63 inde„Ich fürchte das faſt ſelbſt— doch hier bin ich am Ziele ritte— bis nachher.“ des„Ich werde zu Hauſe auf dich warten; du kannſt dir rung denken, wie begierig ich bin, zu erfahren, wie dich der Herr bin Intendant aufgenommen.“— Dieſe Aufnahme von Seiten des hochgebietenden Theater⸗ Hoff⸗ chefs war nun ſo günſtig und vielverſprechend als möglich, hatte darüber konnte der angehende dramatiſche Schriftſteller ſchon eben bei den erſten Worten, mit denen er empfangen wurde, nicht im Geringſten in Zweifel ſein. aus⸗ Es iſt überhaupt eigenthümlich, daß man nirgends in ‚aber der Welt ſogleich ſo au fait geſetzt wird, wie mit wenigen amet, Ausnahmen von dem Chef eines großen oder kleinen Thea⸗ erobe ters. Dieſe Herren haben für die angenehmen und für die nicht angenehmen Vorfälle ihres Geſchäftslebens, ja, für be⸗ ander ſtimmt ausgeſprochene Kategorieen von Leuten, mit denen ſie mein zu thun haben, zwei ganz verſchiedene Phyſiognomieen, mit ſehen, denen man empfangen wird, wenn man ſich als zu dieſer oder jener Claſſe gehörend melden läßt. te der Kommſt du als junger, angehender Schriftſteller mit 4 unbekanntem Namen, ſo kannſt du überzeugt ſein, daß du fzend, beim Eintritt in das Zimmer des Theaterchefs dieſen finden oment wirſt in einem Fauteuil ſitzend, die brennende Cigarre in der Hand, wie er vor ſich auf dem Tiſche eine Menge Manuſcripte, ünftig ſo wie als Manuſcript gedruckte neue Werke berühmter und unberühmter Verfaſſer liegen hat. In einem wird er leſen t ſein, und wird dich über die Blätter hinweg mit einer gleichgül⸗ tigen oder gar verdrießlichen Miene anſchauen. —.„Ah, Herr Bittermann, Sie bemühen ſich ſelbſt, mir das angekündigte Luſtſpiel zu bringen? Ehe Sie es mir aber 64 Siebenundvierzigſtes Kapitel. überreichen, bitte ich Sie, ſich nicht der Hoffnung hinzugeben, daß es mir oder meinem Regiſſeur möglich ſein wird, Ihr Manuſcript vor Ablauf einiger Monate zu durchblättern. Bemerken Sie gefälligſt,“ ſetzt er mit einer anmuthigen Hand⸗ bewegung hinzu, ‚daß ich hier an Nummer zweihundert und vierzig bin, und daß die letzte eingelaufene dramatiſche Arbeit die Nummer achthundert und zwanzig trägt. Ermeſſen Sie danach ſelbſt, wann an Sie die Reihe kommt.“ Vielleicht lispelſt du, den Hut demüthig auf den Bauch gedrückt, etwas von möglicher, freundlicher Berückſichtigung, worauf ſich das Geſicht des Theaterchefs in ernſtere Falten legen wird, und du zur Antwort erhältſt: ‚wenn es Ihnen ſo außerordentlich eilt, ſo würde ich Sie doch bitten, es zu⸗ erſt bei einem andern Theater zu verſuchen.“ „O nein, gewiß nicht,“ ſtotterſt du. Du biſt überzeugt, daß dein Manuſeript hier in den beſten Händen iſt, du willſt nur noch ganz gehorſamſt bitten, einen jungen Autor, deſſen ganze Zukunft vom Gelingen ſeines Werkes abhängt— dieſe Phraſe wird nämlich unter hundert Fällen neun und neunzig Mal gebraucht— möglicher Weiſe zu protegiren; darauf bedeutet dir ein gnädiges Kopfnicken, daß du dich zurück⸗ ziehen kannſt. Vielleicht haſt du das Glück, während du deinen Rückzug im Taumel der Verlegenheit bewerkſtelligſt, noch einen Stuhl umzurennen, oder dem Wachtelhund des Theaterchefs hinter dir auf die Pfote zu treten; auch kann dir die Thür aus Unvorſichtigkeit ſchallend zuſchlagen, alles Dinge, die indeſſen deinem Stücke weder hinderlich noch för⸗ dernd ſein werden. Iſt es ein wirkliches Manuſcript, ſo wird es der Chef dort liegen laſſen, wo du es hingelegt, ſpäter bekommt es dann und e Mögli andern in Bet daß d und d Numnm unter Ausna dein T wohl i Augen Klingt vorhan und ar durchſie Durchſ ten mit nuſcrip es erhä viellei Je ſchon ſe wie er ganz ei Theater Theater Würfell Hackl ugeben, 8, Ihr lättern. Hand⸗ ert und Arbeit en Sie Bauch tigung, Falten Ihnen es zu⸗ erzeugt, ꝛ willſt deſſen — dieſe neunzig darauf zurück⸗ end du ſtelligſt, nd des h kann , alles dch för⸗ r Chef nmt es Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 65 dann vielleicht von dem Secretär die Nummer achthundert und einundzwanzig und verſchwindet vor der Hand ſpurlos. Möglich, daß du eine zweite Abſchrift deines Werkes einem andern Theater eingereicht, wo es durch irgend einen Zufall in Betrachtung gezogen, für gut befunden und gegeben wurde, daß deſſelben alsdann in den Zeitungen lobend erwähnt wird, und daß ſich vielleicht in Folge davon der Theaterchef der Nummer achthundert und einundzwanzig erinnert und ſie unter vergilbten Papieren hervorſuchen läßt; doch ſind das Ausnahmen, auf die man nicht rechnen darf. Haſt du aber dein Werk gedruckt eingereicht, ſo nimmt es der Chef dann wohl in die Hand, lieſ't den Titel, und dieſes iſt der große Augenblick, welcher vielleicht über deine Zukunft entſcheidet. Klingt er pikant oder anregend, ſo wäre eine Möglichkeit vorhanden, daß der Leſer die erſte Scene flüchtig überfliegt, und auch dort durch irgend etwas gefeſſelt, das ganze Heft durchſieht oder es wenigſtens einem ſeiner Regiſſeure zur Durchſicht zutheilt; ſpricht aber von all' den eben angeführ⸗ ten mildernden Umſtänden keiner für dein unglückliches Ma⸗ nuſcript, ſo ergeht es ihm wie ſeinem geſchriebenen Bruder: es erhält die unvermeidliche Nummer und taucht eben dort vielleicht auf ewig ins Meer der Vergeſſenheit. Jemand, der bei Einreichung von Theater⸗Manuſcripten ſchon ſehr viel Unglück gehabt und immer unverdienter Weiſe, wie er mir feierlich verſichert, erzählte mir einmal, es ginge ganz eigenthümlich zu beim Durchſehen und Ausſuchen neuer Theater⸗Manuſcripte unbekannter Autoren. Da ſetzt ſich der Theaterchef mit den Regiſſeuren zuſammen, ſie nehmen einen Würfelbecher mit drei Würfeln und legen dazu drei Dutzend Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 5 1 — 1 — — —=—ÿÿ 66 Siebenundvierzigſtes Kapitel. neue Stücke auf den Tiſch, numerirt von eins bis ſechsund⸗ dreißig; jeder wirft einen Paſch und nimmt ſich analog der geworfenen Augen das betreffende Manuſcript zur Durchſicht. — Das iſt aber Verleumdung, und ich kann aus Erfahrung verſichern, daß dem nicht ſo iſt. Der Theaterchef theilt jedem ſeiner Regiſſeure eine Partie Stücke zu, und dieſer wird nun daraus die Werke zur Aufführung empfehlen, worin er ſelbſt oder ſeine guten Freunde eine bedeutende, effectvolle Rolle haben, verſteht ſich von ſelbſt, wenn das Stück nicht unwürdig iſt. In einzelnen Fällen, wo der Autor bekannt iſt oder ſein Werk ſchon anderswo mit Erfolg gegeben, lieſ't auch der Theaterchef höchſtſelbſt das Manuſcript durch und beſtimmt die Vertheilung der Rollen, ein Fall, wie er im Verlauf un⸗ ſerer wahrhaftigen Geſchichte vorliegt und auf den wir zu⸗ rückkommen. Der Intendant des Hoftheaters empfing den jungen Schriftſteller, wie wir bereits bemerkten, auf eine zuvorkom⸗ mende und deßhalb möglichſt viel verſprechende Art. Wir brauchten Letzteres eigentlich gar nicht anzuführen, weil es eine zu bekannte Thatſache iſt, daß, wenn ein Theaterchef einen Dichter oder Künſtler auf eine zuvorkommende Art empfängt, er eines Erfolges ſicher ſein kann. „Setzen Sie ſich, Herr Bander,“ ſagte der Chef des Hoftheaters, und obgleich er ſelbſt ſtand und ſtehen blieb, ſo hatte der junge Schriftſteller ſchon ſo viel Lebensart, um ſich, dem erhaltenen Befehle gemäß, ohne weitere Complimente auf dem ihm angedeuteten Stuhle niederzulaſſen. Darauf ſetzte ſich der Chef ebenfalls in ſeinen Fauteuil, nahm ein Lineal in die Hand, mit dem er gern zu ſpielen pflegte, und compe ſei, u um es verun⸗ winne Veran ſoll n Zettel 2 angeh ſales? iſt ſo nahme 2 ſein] wo er ten zu haft ſe ſei, ja nicht e T zugehe die no werde es Ih anſetze mir bi zu ver ſechsund⸗ nalog der Durchſicht. Erfahrung eilt jedem eſer wird worin er effectvolle Stück nicht oder ſein auch der bbeſtimmt erlauf un— en wir zu⸗ en jungen zuvorkom⸗ Art. Wir u, weil es erchef einen empfängt, -Chef des en blieb, ſo et, um ſich, omplimente n. Darauf uil, nahm len pflegte, Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 67 und ſprach es auf die wohlwollendſte Art aus, daß er von competenter Seite aus ſehr für das Luſtſpiel eingenommen ſei, und daß er deßhalb Herrn Bander habe kommen laſſen, um es ſelbſt aus ſeiner Hand zu übernehmen.„Für Ihren verunglückten Verſuch bei der Oper,“ fuhr er in einem ge⸗ winnenden Tone fort,„bin ich ohnedies gern bereit, Ihnen Veranlaſſung zu einer glänzenden Revanche zu geben, und es ſoll mich freuen, Ihren Namen dieſes Mal am Kopfe des Zettels zu leſen.“ Wenn der Intendant eines Hoftheaters ſo mit einem angehenden Dichter ſpricht, ſo muß dieſer Dichter ein koloſ⸗ ſales Talent ſein oder außerordentlich protegirt, und nebenbei iſt ſo viel gewiß, daß er verpflichtet iſt, für eine ſolche Auf⸗ nahme ſeinen tiefgefühlten Dank zu ſtammeln. Das that denn auch Herr Bander, und als er hierauf ſein Manuſcript hervorzog und der große Augenblick kam, wo er es in die Hände des Mannes legte, der ihm die Pfor⸗ ten zum Tempel des Ruhmes öffnen wollte, da ſprach er leb⸗ haft ſein Bedauern aus, daß ſein Manunſeript nicht gedruckt ſei, ja, daß er in der Geſchwindigkeit, mit der er herbefohlen, nicht einmal für eine ſaubere Abſchrift habe ſorgen können. Der Intendant war ſo gütig, darüber lächelnd hinweg⸗ zugehen, und als er das Heft durchblätterte, ſagte er:„Für die nothwendigen Abſchriften und das Ausſchreiben der Rollen werde ich noch acht Tage geſtatten, alſo können wir, wenn es Ihnen genehm iſt, auf nächſten Donnerſtag eine Leſeprobe anſetzen. In der Zwiſchenzeit werde ich Sie noch einmal zu mir bitten, um Ihre Anſicht über die Beſetzung der Rollen zu vernehmen.“ Bander war gerührt, überwältigt, geblendet von all dieſer — —————— .—— —. 4— —.—— —— — S 8 68 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Freundlichkeit; er, der heute Morgen kaum daran gedacht hatte, daß ſein Stück angenommen werden könnte, ſah dieſe Hoffnung jetzt auf ſo glänzende Art erfüllt, daß die Leſeprobe ſeines Stückes ſchon in ganz kurzer Zeit angeſetzt und daß der Intendant in ſeiner Freundlichkeit ſo weit gegangen war, ſein Urtheil in Betreff der Beſetzung der Rollen zu hören. Er wußte nicht, auf welche Art er ſich nach all dem Glücke bei dem Chef des Theaters, der ſich nun von ſeinem Fauteuil erhoben hatte, verabſchiedete, ob er ſeine Gedanken gehörig ausgeſprochen oder nicht. Er fand ſich mit einem Male vor der Thür des Apartements ſtehend, während er ſchwindelnd nach Athem ſchnappte. Er eilte wie berauſcht nach Hauſe, um ſeinem Freunde dieſe glückliche Nachricht mit⸗ zutheilen, ja, er war von derſelben ſo total eingenommen, daß er erſt dann wieder an die Ereigniſſe des heutigen Mor⸗ gens und an Roſa dachte, als ſein Blick zufällig auf das Käſtchen fiel, woraus er vor einer Stunde das bewußte Tuch genommen. Der Intendant hatte ſich, ſobald ihn der junge Mann verlaſſen, an ſeinen Schreibtiſch geſetzt und folgendes Billet geſchrieben: „Mein hochverehrtes Fräulein! „Als genügende Antwort auf Ihre liebenswürdigen Zeilen von ſo eben, brauche ich Ihnen wohl nur zu ſagen, daß ich das bewußte Manuſeript in meinen Händen habe, daß ich es flüchtig, aber doch mit einer gewiſſen Genugthuung durchblättert und auf nächſten Donnerſtag eine Leſeprobe davon angeſetzt. Iſt es möglich, Ihren Wünſchen entſchiedener und raſcher nachzukommen, und darf ich das Gleiche in Betreff 5 der a pünkt. einige daß führte lich z zu ir, bewir das. einige gehen es zu und hinau trotz loſe L mome durch das 2 bliche viellei Freili gedacht ſah dieſe Leſeprobe und daß gen war, hören. all dem in ſeinem Gedanken nit einem ährend er berauſcht richt mit⸗ enommen, igen Mor⸗ g auf das zußte Tuch ige Mann des Billet Swürdigen ohl nur zu in meinen hmit einer uf nächſten ſt. Iſt es ind raſcher in Betreff Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 69 unſeres neuen, großen Ballets hoffen?— Gewiß, denn ich kenne Ihre freundliche Bereitwilligkeit, was den Dienſt anbelangt. Empfehlen Sie mich der Gräfin Lotus und laſſen Sie mich die Hoffnung ausſprechen, Sie bei dem morgenden kleinen Diner dort zu ſehen. „Ihr ganz ergebener ꝛc.“ Wir können dem geneigten Leſer ſagen, daß während der anberaumten acht Tage die Rollen des neuen Stückes pünktlich abgeſchrieben wurden, daß der junge Dichter noch einige Unterredungen mit dem Chef des Theaters hatte und daß während dieſer Zeit Herr Richter ſeinen Vorſatz aus⸗ führte, den er damals bei ſeinem Diner gefaßt,— es näm⸗ lich zu verhüten, daß es zwiſchen Bander und Tante Roſa zu irgend einer Erklärung komme, was er einfach dadurch bewirkte, daß er ſeinen Freund nicht aus den Augen ließ und das Zimmer hütete, wenn das junge Mädchen, was noch einige Male geſchah, mit dem Knaben ſich einfand. Bander hätte einer ſolchen Vormundſchaft allenfalls ent⸗ gehen können, doch bebte er zurück vor dem Augenblicke, wo es zwiſchen ihm und Roſa zu einer Erklärung kommen mußte, und war glücklich, dieſen für ihn erſchreckenden Moment hinausſchieben zu können. Wenn auch ſeine unglückliche und, trotz alledem, was zwiſchen ihnen vorgefallen war, hoffnungs⸗ loſe Liebe zu ihr nicht ſchwächer geworden, war es ihm doch momentan bei der Aufregung, welche ihn glücklicher Weiſe durch ſein Stück beherrſchte, möglich, ſich ſelbſt einzureden, das Bild des geliebten Mädchens ſei zurückgetreten, ſei ver⸗ blichen, wobei er hoffte, daß ein glänzender Erfolg es ihm vielleicht ermöglichen könnte, ſich ganz von ihr loszureißen. Freilich kamen dazwiſchen auch wieder Augenblicke, wo ihr 70 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Bild ſo lieblich und glänzend, ſo mild und hingebend vor ſeinem inneren Auge erſchien, daß er wohl fühlte, er werde es nicht vergeſſen können, daß ſeine Lippen auf den ihrigen geruht, daß ſie ihm geſagt: ‚Küſſe mich, küſſe deine Braut!’ Daran knüpfte er wohl haſtig die kühnſten Hoffnungen mit flatternden, glänzenden Fäden ſeiner Phantaſie, die aber alle wieder zerriſſen und davonflogen vor einem einzigen nüch⸗ ternen Gedanken der Wirklichkeit— Roſa die Tänzerin und er! Doch war es eben wieder ein ſolcher erkältender Gedanke, der ihn ſeine Hand ingrimmig zuſammenballen ließ, der ihm aus dem Innerſten ſeines Herzens die Worte auspreßte: „Fahre hin, falſches Bild, das ein frevelhaftes Spiel mit meinem Herzen getrieben! Hatteſt du eine Luſt daran, mich zu quälen, ſo werde ich auch wohl die Kraft finden, dich zu vergeſſen!“ Wir könnten nun ferner im Verlauf unſerer wahrhaf⸗ tigen Geſchichte dem geneigten Leſer ganz einfach ſagen, die Leſeprobe fand ſtatt und— doch haben wir ſchon oft den Vorwurf ertragen müſſen, als liebten wir zuweilen die nicht motivirten Abkürzungen, und glauben deßhalb doppelt im Intereſſe dieſes freundlichen Leſers zu handeln, wenn wir ihm, der uns ſchon ſo oft muthig durch die Dämmerung wie durch den Glanz des Theaters gefolgt iſt, auch einen Blick gewähren in die Myſterien einer Leſeprobe. Das Gemach, welches hierzu benutzt wird, liegt der Bühne entgegengeſetzt am anderen Theile des weitläufigen Gebäudes und ſtößt an die Theater⸗Bibliothek, einen ſtillen und friedlichen Raum, wo auf langen Regalen hinter grünen Merino⸗Vorhängen all die Ausgaben der dramatiſchen Werke ſtehen, welche vor langen Jahren auf der Bühne geglänzt, Rock in Fil hinter wo m tigt, bereie von] eigent poſter hinwe Freiſt man Buch längſt dinne zum den 2 dieſes Limm dieſe end vor rwerde ihrigen Braut!“ gen mit ber alle n nüch⸗ rin und Bedanke, der ihm Spreßte: piel mit n, mich dich zu ahrhaf⸗ gen, die oft den die nicht dpelt im enn wir ung wie ten Blick liegt der tläufigen en ſtillen r grünen en Werke geglänzt, Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 71 heute vergeſſen und verſchollen ſind, neben anderen, aus deren Reihe die kundige Hand des Bibliothekars jetzt noch dann und wann eines hervorſucht, um es dem Chef vorzulegen, damit bei der Armuth an neueren guten Stücken trotz der achthundertundeinundzwanzig Nummern mit einem älteren und renommirten Stücke ein neuer Verſuch gemacht werde. Der Bibliothekar iſt ein alter Mann, der einen grauen Rock trägt, mit einem dunkeln Schreibärmel am rechten Arm, in Filzſchuhen einherſchleicht und der alle Minuten einmal hinter der vorgehaltenen Hand hüſtelt. Sobald die Theaterkanzlei geöffnet wird, bis zum Abend, wo man ſie wieder ſchließt, iſt er hier zu finden und beſchäf⸗ tigt, ſeine Bücher einzutragen und zu ordnen, ſo wie Schrei⸗ bereien zu beſorgen, die auf das Einlaufen und Zurückſenden von Manuſcripten Bezug haben. Zu viel hat der alte Mann eigentlich nicht zu thun und es iſt ſein Amt eine Art Ruhe⸗ poſten, zu dem er von der Verwaltung der Herren⸗Garderobe hinweg befördert wurde. Um ſich auch trotz ſeiner vielen Freiſtunden den Anſtrich großer Geſchäftigkeit zu geben, ſieht man ihn nie auf einem Stuhle ſitzen, ſondern wenn er ein Buch nimmt, und dies enthält dann gewöhnlich ein altes, längſt vergeſſenes Stück, worin ſeine Freunde oder Freun⸗ dinnen eine Rolle ſpielten, ſo hockt er auf der Treppe, die zum Herabholen der Bücher beſtimmt iſt, um ſich dadurch den Anſchein zu geben, als leſe er nur ſo im Vorübergehen. Auf dieſer Treppe ertheilt er auch den andern Beamten dieſes großen Hauſes Audienz, und da der Bibliothekar, Herr Limmer, ein Mann iſt, der viel geſehen und erfahren, ſo ſind dieſe Audienzen zahlreich und betreffen nicht nur den Dienſt 72 Siebenundvierzigſtes Kapitel. allein, ſondern ſein koſtbarer Rath wird auch bei Vorkomm⸗ niſſen des Privatlebens gern in Anſpruch genommen. Der neue Garderobe⸗Verwalter, der ihn abgelöſ't, übri⸗ gens auch ſchon ein alter Knabe, gibt ſich immer noch gern das Anſehen, als betrachte er den Bibliothekar als ſeinen obern Chef, als ein Orakel, und darin hat er gewiſſermaßen Recht, denn das Gedächtniß des Herrn Limmer iſt wie ein Lagerbuch, und er weiß noch ganz genau anzugeben, wie der Pontifer maximus bei der erſten Aufführung der Veſtalin angezogen war, was doch ſchon geraume Zeit her iſt, und erinnert ſich, daß dazumal der Wagen Saraſtro's von ein paar ſehr künſtlich hergeſtellten Löwen gezogen wurde. Klagen des Garderobe⸗Verwalters über die ſtets ſteigen⸗ den Forderungen der jüngeren Künſtler, ja, der Choriſten, nimmt er achſelzuckend entgegen, und tröſtet vielleicht ſeinen Nachfolger, wenn dieſer ihm einen ganz beſonderen Fall von Uebermuth erzählt, indem er ſagt:„Das alles iſt bei mir auch ſchon vorgekommen; ſehen Sie, Lieber, wenn ſo Einer vom Leben zu uns hereingeſchneit wurde, ſo Einer, der ſich einer guten Familie rühmt, der vielleicht vom Schreibtiſch weglief oder von der Hochſchule, und der die Lippen ſpöttiſch aufzog, wenn ſeinem, freilich uns noch unbekannten Verdienſte gegenüber die Coſtumes nicht von Sammt und Seide waren, wenn die Tricots für ihn nicht eben aus der Fabrik kamen, oder wenn er nicht an jedem Abend ſein friſches Schminktuch erhielt, da ließ ich mich in gar keine unnöthigen Erörterungen ein, ſondern dachte nur, laſſen Se ihn nur ſeine Hörner ab⸗ ſtoßen, den werden mer och noch kurz kriegen! und ich kann Se verſichern, mer hawen ſe noch alle kurz gekriegt.“ Dabei ſaß der alte Limmer, während er ſo ſprach, auf in ein mit e lachſt, Auf der Hoftheater⸗Bibliothek. 73 rkomm⸗ ſeiner Treppe, hatte ſein ſpitzes Kinn in die Hände geſtützt und wiederholte kopfnickend:„Alle hawen mer ſe noch kurz , übri⸗ gekriegt, ſind mer doch ſchon verſchiedene Generationen durch ch gern die Finger gegangen. Ich ſage Euch, mein lieber Freund, ſeinen V Weltenſtürmer, nur ſo dem Dutzend nach, ſahen ſich in der rmaßen Garderobe um, wann ſie kamen, die Oberlippe verächtlich wie ein b aufgezogen, und verlangten immer was Beſſeres, erkundigten wie der ſich nach der Gage des erſten Tenors und meinten achſel⸗ Veſtalin V zuckend: wann ich einmal ſo weit bin, werde ich andere For⸗ t, und derungen ſtellen— und alle hawen mer noch kurz gekriegt; von ein— fragten auch wohl, ob nicht für ganz beſondere Talente vielleicht die Stelle eines Ober⸗Regiſſeurs beſetzt würde— ſteigen⸗ aber alle hawen mer ſe kurz gekriegt;— oder meinten, bei oriſten, ganz was Beſonderem ſollte die verehrliche Hoftheater⸗Inten⸗ ſeinen danz auch Plätze auf der erſten Gallerie bewilligen— hawen all von ſe alle kurz gekriegt;— und wenn ſie einmal ein Jahr oder bei mir zwei Jahre da waren, da nahmen ſie gern mit alten Tricots -Einer fürlieb und mit den Lumpen, wie ſie unſere ſchöne Garderobe der ſich zu nennen beliebten, und aßen ihr Stück Wurſt aus der reibtiſch Hand und gingen geduldig im Regen nach Haus, ohne rück⸗ ſpöttiſch wärts zu ſchauen.— Ja, ja, mein Lieber, dieſes Haus iſt erdienſte dazu gemacht, um jemand kurz zu kriegen, das verzehrt, das waren, conſumirt, das frißt Jugendkraft und Schönheit— iſt es kamen, uns vielleicht anders gegangen? ninktuch„Als ich daher kam, war ich ein ganz verflucht hübſcher erungen Kerl und hatte dichte, krauſe, blonde Locken, wie man ſie ner ab⸗ heute ſelten mehr zu ſehen kriegt, und dachte mir auch: ſo ch kann in ein paar Jährchen, dann biſt du oben drauf, ziehſt dich 1 mit einem tüchtigen Erſparten ins Privatleben zurück und ach, auf lachſt, wenn du bei dem düſtern Hauſe vorbeigehſt.“ 74 Siebenundvierzigſtes Kapitel. A. d. H.⸗Biblioth. b 19 Herr Limmer ſchüttelte mit dem Kopfe, als er fortfuhr: „Und es hat mich auch nicht losgelaſſen, es hat mich auch kurz gekriegt, und läßt mich nicht mehr fahren. Ja, wenn ich Abends nach Hauſe ſchleiche, da muß ich immer vom Platze drunten zurückblicken auf die dunkeln Fenſter meiner Bibliothek, und es iſt mir gerade, als riefen ſie mir zu: Gute Nacht, Limmer, vergiß nicht, morgen früh wieder zu kommen! Wahrhaftig, ich fühle oft an meinen Fuß, ob ich da nicht einen Faden habe, der mich nur ſo weit flattern läßt, als er lang iſt, und deſſen kann ich Euch verſichern,“ genthümlichen Lächeln zum Garderobe⸗ d der alte Lim⸗ ſagte er mit einem ei Verwalter,„wenn der Faden einmal reißt un mer am andern Morgen nicht mehr kommt, da möchte ich das curioſe Blinzeln von den Fenſtern hier ſehen und möchte 1 wie es dort hinter den alten Merinovorhängen probe Tuche befind dirent wohl hören, ziſchelt. Aber wie ich geſagt, bleibt es wahr: Kurz gekriegt werden mer alle!“—— um d 3 6 Papie — und 6 Freun faſt f dies f Künſt der ve Herr zwiſch polter th. fuhr: auch wenn vom 4 neiner ir zu: der zu ob ich attern Achtundvierzigſtes Kapitel. hern,“ erobe⸗ Eine Leſeprobe. e Lim⸗ hte ich möchte In dem Zimmer neben der Bibliothek, wo die Leſe⸗ hängen proben gehalten werden, ſteht ein großer Tiſch mit grünem ekriegt Tuche behängt, an deſſen oberem Ende ſich ein Lehnſtuhl befindet, und vor dieſem ein Schreibzeug, der Sitz des präſi⸗ direnden Regiſſeurs; vor allen andern Stühlen, die zahlreich um den Tiſch herum ſtehen, liegen auf demſelben weißes Papier und zu jedem ein Bleiſtift, damit die Leſenden Notizen und Bemerkungen machen können. 6 Der Vorſitzende bei der heutigen Leſeprobe unſeres Freundes Bander iſt Herr Regiſſeur Schmelzer, ein ernſt, faſt finſter ausſehender Mann in den beſten Jahren; es iſt dies freilich hier ein ſehr dehnbarer Begriff, denn dramatiſche Künſtler befinden ſich immer in den beſten Jahren, da jedes der verſchiedenen Rollenfächer eine andere Altersclaſſe bedingt. Herr Schmelzer, der Helden und Väter ſpielt, behauptet, zwiſchen Vierzig und Fünfzig zu ſein; er hat ein tiefes, etwas polterndes Organ, iſt aber in Wirklichkeit nicht ſo bärbeißig, 76 Achtundvierzigſtes Kapitel. wie er dem Charakter ſeiner Rollen gemäß ſich angewöhnt hat, zu ſcheinen. „Junger Mann,“ ſagte er zu dem dramatiſchen Schrift⸗ ſteller,„ich habe mit Bedauern Ihrem Mißgeſchick neulich angewohnt und kann Ihnen verſichern, daß, wenn meine Collegen von der Oper redlicher gegen Sie verfahren wären, Ihnen dieſer Unfall nicht zugeſtoßen ſein würde; man hätte Ihnen ſagen ſollen, daß Ihre Stimme nicht ausreichte, um ſich von der Bühne herab hören zu laſſen; im Zimmer ein Lied vorzutragen, das iſt was ganz Anderes, aber— aber— Nun, gehen wir darüber hinweg. Glauben Sie mir, junger Freund— bei dieſen Worten faßte er die Hand Bander's mit einer Heimlichkeit, als ſei er das Haupt irgend einer Verſchwörung und wolle ſich einem Andern, ohne daß es der Tyrann auf ſeinem Throne ſähe, zu erkennen geben—, glau⸗ ben Sie mir— während er das ſagt, rollt ſein Auge finſter und ſeine Stimme klingt tief und ausdrucksvoll— Sie haben den beſſeren Theil erwählt, es iſt da oben doch nichts mehr. Die wahre Kunſt vermag nicht durchzudringen, nur Intriguen gelingen und Protection muß das wahre Talent erſetzen, ah — ſchauderhaft!“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Herr Regiſſeur, für Ihre dankenswerthe Aufrichtigkeit,“ erwiderte der junge Schriftſteller,„und da ich überzeugt bin, daß Sie mir die⸗ ſelbe auch bei meinen neuen Leiſtungen nicht vorenthalten werden, ſo bitte ich Sie dringend, mir ein aufrichtiges Wort zu ſagen über das Stück, das Sie ja geleſen haben, Herr Regiſſeur.“ Herr Schmelzer nickte dreimal mit dem Kopfe, ehe er ſagte:„Geleſen, und ich mache mir ein Vergnügen daraus, oöhnt chrift⸗ eulich meine pären, hätte e, um er ein ber— junger inder's beiner es der glau⸗ finſter haben mehr. triguen zen, ah ur, für junge nir die⸗ athalten es Wort 1, Herr „ehe er daraus, Eine Leſeprobe. 77 es in Scene zu ſetzen. Das, junger Mann, aus meinem Munde zu hören, könnte Ihnen ſchon genügend ſein, doch ſetze ich gern hinzu, das Stück iſt gut und wird aller Voraus⸗ ſicht nach Erfolg haben.“ Bander, in überwallendem, freudigem Gefühl, dies aus competentem Munde zu hören, faßte mit beiden Händen die Rechte des Herrn Schmelzer und drückte ſie innig, worauf dieſer große Mime, gerührt von dieſen Beweiſen des Dankes, ſeinen linken Arm um die Achſel Banders legte und ſein Haupt eine Sekunde lang auf deſſen Schulter hinabneigte und ihm auf dieſe Weiſe durch Applicirung des Theaterkuſſes ſein ächtes und gerechtes Wohlgefallen aufs deutlichſte zu er⸗ kennen gab. Als Herr Schmelzer aus dieſer Attitude ſeine gewöhn⸗ liche Stellung wieder eingenommen, ſagte er:„Ich habe noch mehr für Sie gethan, als Ihr Werk durchgeleſen, ich habe ein paar nothwendige Striche angebracht, mir ein paar Kürzungen erlaubt und einige Sachen mit Notabene's ver⸗ ſehen, ja, etwas, das Ihnen vielleicht kleinlich erſcheinen wird, durch Ausradiren aus bereits abgeſchriebenen Rollen verſchwinden laſſen. Letzteres war aber von höchſter Wich⸗ tigkeit.“ „Habe ich mir vielleicht einen unziemlichen Ausdruck er⸗ laubt?“ fragte der junge Schriftſteller erſchrocken;„jedenfalls aber,“ ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu,„bin ich Ihnen für alle Aenderungen, die von Ihrer Hand nur Verbeſſerungen ſein können, ſehr dankbar.“ „Sie ſind ein verſtändiger junger Mann,“ erwiderte der große Mime geſchmeichelt,„und ich bin feſt überzeugt, Sie werden Ihren Weg machen. Um Ihnen aber zu beweiſen, . 8. — — 2 — — 1 8 8* 2 8 — 78 Achtundvierzigſtes Kapitel. daß ich nicht nur denkender Künſtler, ſondern auch ſehr den⸗ kender Regiſſeur bin, ſo will ich Sie auf meine Aenderungen aufmerkſam machen, deren Richtigkeit Ihnen in die Augen ſpringen muß. Die Geſandtin in Ihrem Stücke iſt die Rolle unſerer erſten Liebhaberin, eine vortrefflich gezeichnete Weltdame, jung, ſchön, eroberungsſüchtig, hat noch ihre klei⸗ nen Verhältniſſe, was alles außerordentlich wahr und gut geſchildert iſt. Aber, mein junger Freund, Sie laſſen im zweiten Act, ich glaube in der dritten Scene, die Herzogin erzählen, ſie, die Geſandtin, habe ihre Tochter beſucht, welche ſich in der Penſion befinde. Nun erlauben Sie mir, eine Tochter in einer Penſion iſt doch mindeſtens zwölf bis vier⸗ zehn Jahre alt, da nun aber eine erſte Liebhaberin auf dem Theater nie aus den Zwanzigen herauskommt, ſo iſt dieſes mütterliche Verhältniß zu einer vierzehnjährigen Tochter eine Unmöglichkeit. Deßhalb änderte ich das im Intereſſe Ihres Stückes ſo ab, daß die Geſandtin erzählt, ſie habe ihr Töch⸗ terchen beſucht, welches ſich zur Erholung auf dem Lande befinde; das Töchterchen kann nun fünf bis ſechs Jahre alt ſein, und die Dehors ſind gerettet— Stichfeld⸗Holzelfinger würde es abſurd finden, ihr eine Tochter von vierzehn Jahren zuzumuthen.“ „Aber in der Wirklichkeit—“ erlaubte ſich Herr Bander zu ſagen, worauf ihn Herr Schmelzer haſtig unterbrach: „Lieber junger Freund, die Bretter, welche die Welt bedeuten, ſind aber für die meiſten unſerer Damen und Herren kein Spiel der Wirklichkeit, ſondern eine Vergnügungs⸗ und Ver⸗ ſchönerungs⸗Anſtalt.“ In dieſem Augenblicke rauſchte ein ſchwerer ſeidener Stoff ins Zimmer, welcher eine hübſche junge Dame umgab, die ihren wur halt Wür ſtelle tend ſie e öffne des Herr ſehen dari dieſe mir ten- nehn Spr welc eine Mut dem zu n ſchrie den⸗ ngen ugen t die hnete klei⸗ d gut n im zogin velche eine vier⸗ dem dieſes eine Ihres Töch⸗ Lande re alt finger hahren zander brach: heuten, n kein d Ver⸗ Stoff b, die Eine Leſeprobe. 79 ihren blonden Kopf, ſo wie ſie der beiden Herren anſichtig wurde, etwas in die Höhe hob und affectirt in das vorge⸗ haltene Schnupftuch huſtete. „Fräulein Sprudelich,“ ſagte der Regiſſeur mit großer Würde,„erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Bander vorzu⸗ ſtellen,— Herr Bander, der ſich glücklich ſchätzt, eine bedeu⸗ tende Rolle ſeines Stückes in Ihren Händen zu wiſſen.“ Die Künſtlerin nickte etwas ſteif mit dem Kopfe, worauf ſie eine Sekunde ihre Augen ſchloß, dieſelben hierauf wieder öffnete und ſpöttiſch lächelnd fragte:„Eine bedeutende Rolle des Stückes wäre mir zugetheilt worden? Ich bin überzeugt, Herr Bander, den ich ſchon früher das Vergnügen hatte, zu ſehen, war es nicht, der mir dieſe bedeutende Rolle zutheilte, darin erkenne ich meinen Feind, den Lord. Gewiß ſind in dieſem, wie man ſagt, ſehr guten Stücke andere Rollen, die mir beſſer gepaßt hätten; die Blech hat eine Herzogin erhal⸗ ten— ja natürlich, zu einer ſolchen Rolle muß man ein vor⸗ nehmes, edles Weſen haben.“ „Geſtatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, Fräulein Sprudelich,“ entgegnete der Regiſſeur,„daß die Herzogin, welche man der Fräulein Blech allerdings zugetheilt hat, eine Frau von mindeſtens vierundzwanzig Jahren iſt— eine Mutter.“ „O, es gibt auch Mütter von achtzehn Jahren.“ „Daß dieſe hier älter ſein muß, dafür müſſen Sie mit dem Verfaſſer rechten; ich bin nicht im Stande, ſie jünger zu machen, natürlicher Weiſe ſie mit einem kleinen ſ ge⸗ ſchrieben.“ Fräulein Sprudelich zuckte mit den Achſeln und ſprach nach einem neuen Huſten⸗Anfalle:„Jede Andere würde bei 80 Achtundvierzigſtes Kapitel. meinem Katarrh nicht zur Probe kommen, aber ich kann es nun einmal nicht laſſen, auf das umfaſſendſte meine Pflicht zu thun; auch jetzt wieder,“ ſetzte ſie hinzu, inden ſie ihre Uhr hervorzog,„ich war Punkt zehn Uhr da. Natürlicher Weiſe kommen die Künſtler und Künſtlerinnen erſten anges eine Viertelſtunde ſpäter: man läßt ſich gern erwarten. Apro⸗ pos,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, während ſie den Regiſſeur ans Fenſter zog,„ich möchte gern in meiner Rolle ein paar Kleinigkeiten ändern; ein junges Mädchen kann doch nicht ſagen: er hat mich geküßt.“ „Wenn es aber die Wahrheit iſt?“ meinte der verſtän⸗ dige Regiſſeur.„O, liebenswürdige Clementine,“ ſetzte er mit einem höchſt freundlichen Blick hinzu,„es wird doch wohl wahr ſein!“ „Sie ſind ein unausſtehlicher Menſch!“— „Leider in Ihren Augen!“ „Dann heißt es auch einmal,“ fuhr ſie flüſternd fort: „Mein Buſen wallt; das werde ich mir ändern, was meinen Sie?— Wenn Sie lachen, ſo ſpreche ich keine Silbe mehr mit Ihnen.“ „Ich bin ernſt, wie ein Philoſoph, und ſage Ihnen, wie Sie wiſſen, immer die Wahrheit; auch das können Sie ſagen, denn es iſt die Wahrheit.“ Unterdeſſen waren noch mehrere Andere ins Zimmer getreten, Herren und Damen, aber leider von untergeord⸗ netem Range, denn ſie hielten ſich in der Nähe der Thür auf, und nur eine hübſche Choriſtin, welche ſich zuweilen bis zur Kammerjungfer verſtieg und Meldungen von drei bis vier Worten zu machen hatte, wagte ſich ein paar Schritte ins Zimmer herein. J zu erb dienter Er ni dame Norde nicht ſtellte nahm gnädig viel m ſo erg möglic höchſt feld⸗H ſchien, Fenſter Andere ders: vorneh an der haupt man ſit chem 1 A delich lich ur Hac in es flicht ihre icher unges Apro⸗ iſſeur paar nicht rſtän⸗ ste er doch fort: neinen mehr I, wie ſagen, mmer geord⸗ Thür en bis ei bis chritte Eine Leſeprobe. 81 Richter's lange Geſtalt war ebenfalls unter der Thür zu erblicken, denn er hatte es durchgeſetzt, daß er als Be⸗ dienter im Hauſe der Gräfin melden durfte: es ſei ſervirt. Er nickte Bander freundlich zu, der alsbald zu ihm hintrat. Endlich kamen auch die Künſtler erſten Ranges, Ma⸗ dame Stichfeld⸗Holzelfinger mit dem Herrn Süder und Herrn Norder, zwei Künſtlern, die ſich, wie das zuweilen vorkommt, nicht beſonders ausſtehen konnten. Alle dieſe Herrſchaften ſtellte der Regiſſeur dem jungen Schriftſteller vor, und es nahm die erſte Liebhaberin eine tiefe Verbeugung mit einem gnädigen Kopfnicken hin, Herr Norder that ebenfalls nicht viel mehr in der Begrüßung, und da Herr Süder dies ſah, ſo ergriff er die Rechte Bander's, ſchüttelte ſie ſo heftig wie möglich und ſagte ihm, er freue ſich ſehr, de rfaſſer dieſes höchſt geiſtreichen Stückes kennen zu lern Fräulein Sprudelich, welche mit der Madame Stich⸗ feld⸗Holzelfinger in keinem beſſeren Verhältniſſe zu ſtehen ſchien, als die beiden obengenannten Collegen, hatte ſich ans Fenſter geſtellt und blickte auf den Platz hinaus, worauf die Andere auf eine nicht laut ausgeſprochene Bemerkung Nor⸗ ders: es ſcheine ihm, der Verfaſſer habe den Ton, der unter vornehmen Leuten herrſche, nicht beſonders getroffen, die ſehr an den Haaren herbeigezogene Bemerkung machte: um über⸗ haupt zu wiſſen, was guter Ton und Lebensart ſei, müſſe man ſich in anſtändiger Geſellſchaft bewegen, was aber Man⸗ chem und Mancher unmöglich ſei. Auch Fräulein Blech erſchien, und da Fräulein Spru⸗ delich doch jemand haben mußte, mit der ſie ſich angelegent⸗ lich unterhalten konnte, ging ſie ihr freundlich entgegen, führte Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 6 82 Achtundvierzigſtes Kapitel. ſie raſch ans Fenſter und zeigte ihr auf dem Platze irgend etwas ganz Gleichgültiges, was aber in ihrer Pantomime als etwas beſonders Merkwürdiges behandelt wurde.„Wenn wir ſie gar nicht anſehen,“ damit meinte Fräulein Sprudelich ihre Collegin,„ſo ärgert ſie ſich verdienter Maßen; hat ſie doch neulich ausgeſprochen, es komme mir zu, ihr einen guten Morgen zu ſagen, und dann werde ſie ſchon ſehen, was ſie darauf zu erwidern habe.“ „Haben Sie in dem Stücke eine gute Rolle?“ fragte Fräulein Blech,„meine Herzogin iſt nicht ſo übel.“ „Was werde ich haben,“ erwiderte die Andere in nach⸗ läſſigem Tone,„ein junges Mädchen, Rollen, die man mir immer zutheilt, eine Liebesintrigue ohne alles tiefere In⸗ tereſſe! Ich kann Ihnen verſichern, liebe Blech,“ ſetzte ſie affectirt hinzu,„ich freue mich wirklich darauf, wenn ich ein paar Jahre älter ſein werde, um dann auch etwas Pikanteres zu bekommen.“ Das Lächeln, mit welchem die Herzogin dieſe Bemerkung beantwortete, war nicht ganz ohne herbe Beimiſchung, auch wollte ſie etwas erwidern, doch Fräulein Sprudelich fuhr raſch fort:„auf meiner Rolle ſteht Clementine D'Albert, Nichte der Geſandtin, und paſſen Sie auf, wie ich mich ver⸗ ſprechen werde.“ „Wenn es den Herrſchaften gefällig iſt,“ ſagte nun der Regiſſeur mit lauter Stimme,„ſo können wir anfangen. Es iſt ſchon ein Viertel nach zehn Uhr,— ſetzen wir uns!“ Er ſelbſt nahm am Ende des Tiſches auf dem Lehnſeſſel Platz, ihm zur Rechten und Linken ſetzten ſich die Künſtler und Künſtlerinnen erſten Ranges, wie Fräulein Sprudelich geſagt hatte, und dieſe ſelbſt begab ſich an das untere Ende des Gru gab: denh das lichen war auffl grüß ſich der, erbär von den Er h mit lauter an! befehl froſtizg ten, d ſandte Fräul leiſer irgend omime „Wenn udelich hat ſie mguten vas ſie fragte n nach⸗ an mir re In⸗ tzte ſie ich ein anteres ierkung , auch h fuhr Albert, ich ver⸗ tun der en. Es §!“ hnſeſſel Lünſtler rudelich e Ende Eine Leſeprobe. 83 des Tiſches, wo ſie auf die Frage des Herrn Süder über den Grund ihrer ungeheuren Beſcheidenheit lachend zur Antwort gab:„Erlauben Sie mir, darin finde ich gar keine Beſchei⸗ denheit, denn wo ich mich befinde, bilde ich mir ein, daß es das obere Ende des Tiſches iſt.“ Ein ältlicher, etwas ſtarker College, mit rundem freund⸗ lichem Geſichte, ſo wie ein anderer, welcher lang und dürr war, und deſſen finſterer Geſichtsausdruck ſich nicht einmal aufklärte, als ihn alle Anweſenden mit großer Ehrerbietung grüßten, waren ſpäter eingetreten. Der ſtarke Mann hatte ſich neben dem Herrn Süder niedergelaſſen und ſagte:„Bru⸗ der, ich halte nicht viel von dem Stück, ich habe eine ganz erbärmlich kleine Rolle, nur vier Bogen— die Schriftſteller von heut zu Tage verſtehen ihren Vortheil nicht.“ Der hagere, finſtere Mann ſchob ſich einen Stuhl neben den Regiſſeur, ſo daß er außer der Linie der Uebrigen ſaß. Er hatte ſeine Rolle aus der Taſche gezogen und tippte da⸗ mit leicht auf die Schulter des Regiſſeurs, der hierauf mit lauter Stimme rief:„Alſo, meine Herrſchaften, fangen wir an! Oder hat irgend jemand vor der Hand noch etwas zu befehlen, damit wir nachher nicht geſtört ſind?“ „Ich finde es ſehr warm hier,“ meinte Herr Norder. „Im Gegentheil,“ ſagte Herr Süder,„ich finde es faſt froſtig da,“ worauf die beiden Herren einen Blick austauſch⸗ ten, der gerade nicht freundſchaftlich genannt werden konnte. Ein paar jüngere Schauſpieler, der Attaché des Ge⸗ ſandten, ſo wie deſſen Freund hatten ſich in der Nähe von Fräulein Sprudelich niedergelaſſen und unterhielten ſich mit leiſer Stimme über einige pikante Stadtneuigkeiten, bis die — ö“ 84 Achtundvierzigſtes Kapitel. junge Dame ſagte:„Nun iſt's genug, der große Mime hat empt ſchon einige Male einen finſtern Blick auf uns geworfen.“ ſich „Er ſieht überhaupt nicht roſenfarben aus.“ wohl „Gerade ſo als ob er Mänſe gefrühſtückt hätte.“— In einer Ecke des Gemachs am Fenſter ſaß Herr Bander V Nich mit einer Abſchrift ſeines Werkes in der einen und einem fortfe Bleiſtift in der andern Hand. Herr Schmelzer hatte ihm das angerathen, um ſich allenfallſige gute Bemerkungen der Künſt⸗ warf ler aufſchreiben zu können. mein Draußen im andern Zimmer hockte Herr Bibliothekar V Limmer auf ſeiner Treppe und ſchickte ſich an, das Stück V genei ebenfalls zu hören, wobei er leiſe vor ſich hinſagte:„Ich bin b im L doch neugierig darauf, ob die den Schriftſteller nicht och kurz V Inte kriegen?“ zweck Herr Richter lehnte in der Thür und hielt ſeine Rolle und von einem Viertelsbogen mit großer Wichtigkeit in der Hand. ſich d „Des Teufels Diener,“ las der Regiſſeur,„Luſtſpiel in heiter drei Acten.“ Sym „Eine Künſtlerkomödie erſten Ranges,“ flüſterte Fräulein ſtellen Sprudelich ihrem Nachbar, dem Attaché zu,„denn es ſpielt unend alles mit, was gut und theuer iſt.“ „Perſonen,“ fuhr Herr Schmelzer fort. weſen „Der Geſandte,“ ſagte Herr Norder. ſehr „Die Geſandtin,“ flüſterte Madame Stichfeld⸗Holzelfinger. Mam „Der Marquis— hier,“ ſagte der finſtere Mann mit Schri einer Grabesſtimme. würdi „Der Herzog von Albufera“— Süder. ihm ſ es re „Die Herzogin“— Fräulein Blech. „Clementine, die Tochter der Geſandtin,“ rief Fräulein ein C Sprudelich mit lauter Stimme, worauf die erſte Liebhaberin hander einem n das Künſt⸗ thekar Stück ich bin h kurz Rolle Hand. viel in äulein ſpielt finger. in mit räulein haberin Eine Leſeprobe. 85⁵ empor fuhr, der Collegin einen zornigen Blick zuwarf und ſich darauf mit den Worten:„Erlauben Sie, das muß doch wohl ein Irrthum ſein?“ an Herrn Schmelzer wandte. „Gewiß,“ ſagte dieſer,„es heißt ja deutlich: Clementine, Nichte der Geſandtin; bitte, mein Fräulein, wir wollen ruhig fortfahren.“ „Auch das iſt immer noch ein albernes Verhältniß,“ warf die Geſandtin in einem gereizten Tone ein—„doch meinetwegen.“ Es kann nun durchaus nicht unſere Abſicht ſein, dem geneigten Leſer ein Stück zu verrathen, das er wahrſcheinlich im Laufe der Zeit zu ſehen bekommen wird, es würde ſein Intereſſe abſchwächen, ohne für unſere wahrhaftige Geſchichte zweckdienlich zu ſein; wir können nur im Intereſſe derſelben und beſonders in dem unſeres jungen Freundes ſagen, daß ſich die Leſenden nach und nach animirten, daß eine gehobene, heitere Stimmung immer mehr zu Tage trat, und daß dieſe Symptome des Gefallens ſeines Stückes den jungen Schrift⸗ ſteller, welcher klopfenden Herzens auf jedes Wort lauſchte, unendlich glücklich machten. Als der erſte Act beendigt war, ergingen ſich die An⸗ weſenden in recht beifälligen Aeußerungen, was immer ein ſehr gutes Zeichen iſt, und der Regiſſeur ſagte zu dem finſtern Manne:„Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen jetzt den jungen Schriftſteller vorſtelle,“ worauf der finſtere Mann ernſt und würdig die ehrfurchtsvolle Begrüßung Bander's erwiderte und ihm ſagte:„Ihr Stück iſt nicht übel angelegt, und wenn wir es recht in die Hand nehmen, ſo möchte ich demſelben faſt ein Gelingen vorausſagen.“ Der zweite Act begann und ſteigerte die Stimmung. Hier 2 ſſ1ͤͤ — — „ — 2—“ 3 ————— 86 Achtundvierzigſtes Kapitel. kam nichts Bemerkenswerthes vor, als daß Herr Richter mit ſeiner Meldung: Es iſt ſervirt, aufzutreten hatte. Dieſe drei Worte aber ſprach er mit ſo unerhörtem Pathos und ſo dröh⸗ nender Stimme, daß Herr Schmelzer ihm ſagte:„Bitte, Herr Richter, brüllen Sie Ihre Worte nicht ſo furchtbar, Sie thun ja gerade, als hätten Sie zu melden, daß das Haus brenne.“ „Ich möchte gern gehört werden,“ gab der Choriſt zur Antwort,„doch werde ich mich bemühen, mein Organ zu mäßigen.“ „Thun Sie das,“ erwiderte der Regiſſeur,„in einem vornehmen Hauſe ſpricht die Dienerſchaft ſehr leiſe; wenn das Publikum Sie erſcheinen ſieht, ſo weiß es ohnedies ſchon, was Sie wollen; alſo es iſt ſervirt, der Geſandte bietet der Herzogin den Arm— alle ab— der Vorhang fällt.“ Bei der Pauſe zwiſchen dem zweiten und dritten Act geſchah das Unerhörte, daß der Bibliothekar Herr Limmer langſam von ſeiner Treppe herabkroch und dem jungen Schrift⸗ ſteller winkte, zu ihm heraus zu kommen.„Was die draußen über Ihr Stück ſagen,“ meinte er alsdann kopfnickend,„iſt alles ſchön und gut, aber ſie thun es nur, weil ihre Rollen brillant ſind; ich aber, der ohne alle Nebenabſicht iſt, gebe Ihnen jetzt ſchon, nachdem ich den zweiten Act gehört, die Verſicherung, daß Sie ein hübſches Stück geſchrieben haben. Fällt aber der dritte Act nicht ab, und wiſſen Sie das In⸗ tereſſe des Publikums zu feſſeln und zu ſteigern, ſo werden Sie mit Ihrem Luſtſpiel einen großen Erfolg haben; denken Sie an mich, Sie werden das Publikum kurz kriegen.“ Bander ergriff gerührt die Hände des alten Mannes und drückte ſie herzlich, worauf ſich dieſer wieder zurückzog, und der dritte Act begann. Bibli zücken nen in ſo als Ganz Herr die§ ihm d 6 ſichte Schul „Es junger Actes gange mich, ja im zücken Künſt Schau dere k geſchle Da ſ wohl was v ter mit eſe drei o dröh⸗ „ Herr ie thun renne.“ riſt zur gan zu einem un das ſchon, tet der 4 en Act Limmer Schrift⸗ raußen d,„iſt Rollen t, gebe rt, die haben. as In⸗ werden denken .ℳ MNannes rückzog, Eine Leſeprobe. 87 Was dieſen anbetraf, ſo ſchien er alle Erwartungen des Bibliothekars zu erfüllen, denn Bander bemerkte mit Ent⸗ zücken, wie ihm dieſer bei jeder neuen Scene zuwinkte. Auch alle die leſenden Künſtler und Künſtlerinnen ſchie⸗ nen wirklich getragen von dem vortrefflichen Werke und laſen in ſo erregter Stimmung, daß manche Scene gerade ſo ging, als würde ſie auf der Bühne geſpielt. Am Schluſſe des Ganzen murmelte ſelbſt der finſtere Künſtler ſein Bravo, Herr Schmelzer ſchüttelte dem jungen Schriftſteller kräftig die Hand, und ſelbſt Madame Stichfeld⸗Holzelfinger reichte ihm die ihrige zum Kuſſe dar. Der dicke Schauſpieler, mit dem runden vergnügten Ge⸗ ſichte, legte ihm ſeine rechte, gewichtige Hand derb auf die Schulter, ſah ihn mit einem freundlichen Blicke an und ſagte: „Es iſt wahrhaftig ein gutes Stück, nur hätte ich gewünſcht, junger Mann, daß Sie mir in meiner Scene des zweiten Actes nach dem Dialog mit dem Geſandten vor meinem Ab⸗ gange einen kleinen Monolog eingelegt hätten, verſtehen Sie mich, nur wenig, vielleicht zwei Seiten.“ „Wenn Ihnen viel daran gelegen iſt, ſo kann ich das ja immer noch thun,“ erwiderte Bander, der in ſeinem Ent⸗ zücken jedem einzelnen Wunſche der betreffenden Künſtler und Künſtlerinnen gern Rechnung getragen hätte. „Nein, nein, laſſen wir es jetzt nur,“ gab der dicke Schauſpieler zur Antwort,„doch erfüllen Sie mir eine an⸗ dere kleine Bitte,“ fuhr er fort, nachdem er ſeine Rolle auf⸗ geſchlagen, etwas darin geſucht und gefunden hatte.„Hier! Da ſage ich zum Geſandten: Euer Excellenz verdanke ich wohl die mir gewordene Auszeichnung? Würde es Ihnen was verſchlagen, wenn wir dieſe Auszeichnung näher beſtimm⸗ 8 — 88 Achtundvierzigſtes Kapitel. ten, wenn ich zum Beiſpiel ſagte: Euer Excellenz verdanke ich wohl das mir gewordene Großkreuz? Verſtehen Sie mich recht, junger Mann, dieſes Wort gibt mir alsdann Veran⸗ laſſung, einen ſchönen Stern auf dem Fracke zu tragen, und ſo ein Stern ziert den Mann und die Rolle; man fühlt ſich ſchon gehobener, wenn man würdig decorirt auftritt. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“ „Ich gewiß nicht— wenn es Ihnen Vergnügen macht,“ erwiderte Bander raſch. „Vergnügen gerade nicht,“ verſetzte der Andere ernſt und würdevoll,„es geſchieht nur, um Ihr Stück ſo ſchön als möglich auszuſchmücken.“ „Wofür ich Ihnen unendlich dankbar bin.“ „So werde ich mich der Mühe dieſer Aenderung unter⸗ ziehen.“ Eiliger, als ſie gekommen waren, hatten alle Anweſen⸗ den das Zimmer nun verlaſſen, und in kurzer Zeit war Bander mit ſeinem Freunde Richter allein. „Was meinſt du, guter Kerl,“ ſagte der lange Choriſt, „du haſt jetzt doch ein anderes Gefühl im Buſen, als es nach der letzten Probe Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet hatte? „Der Mufti uns befohlen hat, Befohlen hat, befohlen hat, Zu melden dem Kalifen. „Dein Stück wird gefallen und muß gefallen; wenn ich auch auf das Urtheil von allen denen da nicht beſonders viel gebe— der alte Limmer hat Recht, jeder ſchätzt das Stück nach ſeiner Rolle— ſo iſt es doch ſchon wichtig, daß ſie alle von dem Luſtſpiel befriedigt ſind. Wenn es auch im Theater⸗ geſetz vorgeſchrieben iſt, man ſolle über ein neues Stück kein nach man und Her bis noch und von genn Ban aus einer rdanke e mich Veran⸗ n, und hlt ſich Haben nacht,“ iſt und sön als unter⸗ mweſen⸗ it war Choriſt, es nach denn ich ers viel 8 Stück ſie alle Theater⸗ ück kein Eine Leſeprobe. 89 nachtheiliges Gerede ins Publikum bringen, ſo iſt doch nie⸗ mand verboten, ein ſolches über den Schellenkönig zu loben, und das werden ſie alle thun, denn ſie ſpielen Geſandte und Herzoge, haben Sterne, Ordensbänder, und die Damen drei bis vier Paar Toiletten— mein Liebchen, was willſt du noch mehr? Obendrein protegirt der Intendant dein Stück, und du kannſt verſichert ſein, daß wir in den nächſten Tagen von allen Seiten hören, dem Publikum ſtehe ein großer Kunſt⸗ genuß bevor: das neue Stück des talentvollen Schriftſtellers Bander habe in der Leſeprobe ſo ſehr gefallen, daß man eines ausgezeichneten Erfolges ſicher ſein dürfe.“ „Gebe Gott, daß man ein Recht hätte, ſo zu ſprechen!“ „Und dann?“ fragte lauernd der Choriſt.—„Ich habe einen Mann gekannt,“ fuhr er fort, als der Andere ſchwieg, „der ſich nach einem großen Erfolge auf dem Theater nur deßhalb mit aller Kraft ſeiner Seele ſehnte, um einen Blick aus ihrem dunkeln Auge zu erhaſchen— iſt der Mann nicht geſcheiter geworden?“ „Alles um uns herum ändert ſich,“ erwiderte Bander mit einem ſchmerzlichen Ausdruck,„warum ſoll ſich unſer Herz allein in ſeinem Fühlen und Denken gleich bleiben?“ „Gebe Gott, daß du zur Erkenntniß kommſt und zu Dr. Berger gelangſt— aber nun laß uns gehen, es iſt zwölf Uhr durch, und Herr Limmer draußen, der ſeinen Ueberrock bereits angezogen hat, wird ungeduldig.“ „Was meinen Sie,“ wandte ſich der Choriſt zu dem Bibliothekar,„werden wir den hier och noch kurz kriegen?“ „Das bleibt Keinem aus,“ erwiderte der alte Mann kopf⸗ nickend,„Ihnen hab' ich doch wenigſtens richtig prophezeit?“ „Beim Cid!“ gab Herr Richter lachend zur Antwort, 2 — — 90 Achtundvierzigſtes Kapitel. Eine Leſeprobe. „das muß wahr ſein! Denn als ich in dieſes verdammte Gebäude kam, da war ich des feſten Glaubens, in einem Jahre hier zu glänzen als primo Basso assoluto, in eigener Equipage zu fahren und ſchöne Diners zu geben— was iſt mir von dieſen ſchönen Träumen geblieben?“— Da niemand auf dieſe Frage eine Antwort gab, ſetzte der Choriſt mit einem feſten Rucke ſeinen Hut auf den Kopf und ſang im Abgehen: „Aus dem Leben mit Schlachten verkettet, 4 Aus dem Kampfe mit Lorber umlaubt, Hab' ich nichts, hab' ich gar nichts gerettet Als die Ehr' und dies alternde Haupt.“ Graf , 4 Scha zuſtel Glut umhe ſich ſ träun Wette Fenſte fuhr, muthi ( hatte deren nur e ammte einem eigener vas iſt , ſetzte n Kopf Neunundvierzigſtes Kapitel. Dunkle Stunden wirken nach. Nicht immer zeigte ſich das Kaminfeuer im Salon des Grafen Lotus geneigt, freundliche Bilder zu zeigen oder durch Schatten und Licht Geſchichten angenehmer Stimmung dar⸗ zuſtellen. Häufig glühten die verkohlten Holzblöcke in finſterer Glut ohne mildernden, hellflackernden Schein und blickten umher mit düſtern Augen, die zuweilen trotzige Blitze von ſich ſprühten, um dann wieder ſtill und mißvergnügt fortzu⸗ träumen. Zu ſolcher Zeit harmonirten ſie vollkommen mit dem Wetter draußen, wenn der Wind dicke Regentropfen an die Fenſter warf und zuweilen heulend durch den Kamin hinab⸗ fuhr, den Verſuch machend, das träge Feuer aus ſeiner miß⸗ muthigen Ruhe aufzuſcheuchen. Es war Abend, die grünen Vorhänge vor den Fenſtern hatte man herabgelaſſen, und eine Lampe auf dem Tiſche, deren weiße Kugel mit einem Schirm verdeckt war, gewährte nur ein zweifelhaftes, mattes Licht. An dem Kamine ſaß 92 Neunundvierzigſtes Kapitel. der Graf auf einem niedrigen Fauteuil; vornüber gebeugt, hatte er den Kopf in ſeine Hand geſenkt und ſprach zuweilen leiſer, zuweilen lauter mit ſich ſelbſt oder auch mit einem Andern, welcher ſich im Zimmer befand, doch alsdann in ſo allgemeinen Ausdrücken, daß dieſer ſelten und dann meiſtens nur kurze Worte erwiderte. Dieſer Andere war Juſſuf, der in ſeiner gewöhnlichen aufrechten Haltung neben dem Tiſche ſtand, mit ſeiner ganzen Figur im Schatten der verhüllten Lampe, wobei es übrigens eigenthümlich ausſah, daß ein Lichtblick, welcher ſich oben zwiſchen den künſtlichen Blumen des Schirmes hervorſtahl, auf ſeine Augen fiel und dieſe grell beleuchtete. „Wenn ich auch annehmen will,“ murmelte der Graf, „daß man da draußen am Ende ſelbſt mit zum Narren wer⸗ den kann, ſo wäre es doch lächerlich, dieſem Doctor nicht zu glauben, das heißt dem ächten, der heute bei mir war; und dabei ſprach er ſo vernünftig, als ein geſcheiter Mann nur ſprechen kann. Was hätte er auch für eine Urſache, mir ein Märchen aufzubinden? Habe ich ihn nach jenem verfluchten Geſpenſte gefragt?— Nein, nein, aus freien Stücken er⸗ zählte er mir, wen ich an jenem Morgen da draußen geſpro⸗ chen— o, meine Ahnung, die ſo furchtbar wahr geworden! — Er lebt— er lebt, und ich fühle in meinem armen Kopfe nicht mehr die Kraft, all dem Entſetzlichen kräftig zu begegnen, das über mich und auch über ſie herein⸗ brechen muß! „Ah,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, nach welcher er ſich aufrichtete und raſch mit der Hand übek die Stirn fuhr, „wenn ich noch der von damals wäre, ſchnell im Denken, raſch im Handeln, ah, Juſſuf, damaſs als wir den Tiger jagten ſtürzer . 4 4₰ keine gehöri 2 in raf Auger gewor in die zen m Ruhe „ erſchie Glocke warme ſo hof Freiher 4 eine ge antlitz „ Mal d mir fü „ Antwo „ 7 dabei b einen 2 beugt, weilen einem in ſo feeiiſtens nlichen ganzen prigens h oben orſtahl, Graf, n wer⸗ icht zu r; und nn nur nir ein fluchten ken er⸗ geſpro⸗ vorden! armen kräftig herein⸗ lcher er n fuhr, Denken, n Tiger Dunkle Stunden wirken nach. 93 jagten und es mir einen r 5 ii ie⸗Gefahr hinein zu ſtürzen mit kaltem Bkuteef feſtemt Ange und ſtarker Hand!“ Die Augen des Inders leuchteten auf, doch perrieth ſonſt keine Bewegung der Figur im Schatten, daß er ſeinen Herru⸗ gehörig verſtanden habe. „Jetzt iſt alles anders, das Blut überflutet mein Gehirn in raſchen, wilden Strömen, dann flimmert es mir vor den Augen und meine Hand zittert, ſelbſt mein Wille iſt ſchwach geworden, er hat keine Ausdauer mehr, und wenn ich mich in dieſer Sekunde gern noch einmal ins bewegte Leben ſtür⸗ zen möchte, ſo ſehne ich mich in der nächſten nach Ruhe— Ruhe— Ruhe! „Und ich war ſo ruhig, ſo ſtill und glücklich, mein Leben erſchien mir wie ein heiterer Sommerabend mit melodiſchem Glockengeläute unter dem ſanften Kuſſe einer alles belebenden⸗ warmen Sonne,— das war ſie, meine Frangoiſe,— und ſo hoffte ich einzuſchlummern, und hätte ihr dann ja die volle. Freiheit gegeben. „Warum denn mußte dieſes finſtere Gewölk auſſigen eine graue, trübe Fläche, die mir ein verzerrtes J Menſchen⸗ antlitz zeigt, das ich glühend und tödtlich haſſe? „Ja, ich haſſe ihn, Juſſuf, und wenn ich dir tauſend Mal dieſes Wortt ich haſſe ihn, ausſpreche, ſo wirſt du mit mir fühlen und ihn ebenfalls haſſen!“ „So iſt es,“ gab der Inder mit tonloſer Stimme zur Antwort,„ich haſſe ihn, den mein Herr haßt!“ „Bis zum Tode, Juſſuf?“ „Bis zum Tode!“ gab der Andere zur Antwort, und dabei hob er langſam ſeine Rechte in die Höhe und legte ſie einen Augenblick flach auf ſeinen Kopf. Als er ſie hierauf 94 Neunundvierzigſtes Kapitel. wieder hinabſinken ließ, ſtand er wiefrüher, wie ein Schatten⸗ bild, nur ſeine Augen lanzten unheimlich im Widerſchein der Lampe. 1 „Du machſt ein erſchreckendes Zeichen,“ ſagte der Graf nach einem momentanen Stillſchweigen, wobei er ſeltſam lächelte;„wären wir noch in Indien, ſo würde ich für das Leben desjenigen, an welchen du dabei gedacht, keinen Kauri geben.“ „In Indien wie hier bin ich der Sklave meines Herrn,“ murmelte Juſſuf, und ſetzte mit kaum vernehmlicher Stimme hinzu:„es iſt mir ſchon ſeit einigen Nächten, als vernähme ich ein Zeichen der finſtern Göttin Kalee.“ „Ja, ja, ich ſehe, du trägſt das Palum um deine Hüf⸗ ten! Was nutzt es dich gegen ein körperloſes Weſen— für dich körperlos—? Und mich wird Gott nicht ſo verlaſſen, ihm Geſtaltung zu geben, ich gewiß nicht.“ Jetzt fuhr ein Lächeln wie ein ſcharfer Blitz über die dunkeln Züge des Inders und leuchtete in ſeinen Augen nach. „Die große Göttin,“ ſagte er,„zeigte ihrem Eingeweihten auch ohne Worte den Pfad, welchen er zu wandeln hat; ich haſſe den, Herr, den du haſſeſt, und ich kenne ihn.“ „Das wäre entſetzlich,“ erwiderte der Graf in dumpfem Tone,„wenn es wahr wäre, und noch furchtbarer, wenn die finſtere Göttin dich auf eine falſche Fährte geleitet hätte!“ „Juſſuf hat ſein Auge offen, und wo er nicht ſieht, da fühlt ſein Herz!“ Es entſtand eine lange Pauſe, während welcher man nichts vernahm als das leiſe Picken der Uhr auf dem Kamin und draußen das Heulen des Windes. Zuweilen ſchien es, als fahre das zuſammengeſunkene Feuer wie aus einem Halb⸗ ſchlur reſten hatte jetzt; träun mit d der In hinzu, wollte ſie die „ „ mußte 1 ſo leiſ ſtehen ſchaue mir ni heit. Pfad könnte tung l ihr in hatten⸗ rſchein Graf eltſam ir das Kauri derrn,“ btimme nähme e Hüf⸗ — für n, ihm ver die a nach. weihten dat; ich umpfem enn die tte!“ neht, da er man Kamin hien es, n Halb⸗ Dunkle Stunden wirken nach. 95 ſchlummer empor und zeigte alsdann auf den Kohlenüber⸗ reſten kleine, tanzende blaue Flämmchen. Der Graf war wieder in ſich ſelbſt zuſammengeſunken, hatte ſein Geſicht abermals mit der Hand bedeckt und ſprach jetzt zu ſich ſelber:“„Ich glaube, ich habe geſchlafen und ge— träumt; wie man nur ſo lebhaft träumen kann! Sprach ich mit dir, Juſſuf?“ fragte er den Inder. „Nein,“ erwiderte dieſer in entſchiedenem Tone. „Welche Zeit iſt es?“ „Neun Uhr vorüber.“ „Meine Frau bleibt lange aus, meine ich.“ „In dem Theater wird es bis zehn Uhr dauern,“ gab der Inder zur Antwort,„und dann,“ ſetzte er in einem Tone hinzu, der faſt wie ein Vorwurf klang,„die gnädige Gräfin wollte ja nicht ausgehen, du, Herr, haſt es ja verlangt, daß ſie dich verlaſſen ſollte.“ „Und ſie iſt im Theater?“ „Ja, Herr, dein Diener Friedrich hat ſie hinbegleitet und mußte auf ihren Wunſch dort bleiben.“ „Ich zittere, wenn ich ſie anſehe,“ murmelte der Graf ſo leiſe, daß ſelbſt Juſſuf's feines Ohr dieſe Worte nicht ver— ſtehen konnte.„Ich zittere, wenn ich in ihr offenes Auge ſchaue, immer fürchtend, es ſei umflort, getrübt, es leuchte mir nicht mehr entgegen, wie bisher, in voller Unbefangen⸗ heit. Sie weiß noch nichts von dem Geſpenſte, das ihren Pfad umſchleicht, gewiß, ſie hat keine Ahnung davon; das könnte mich beruhigen, wenn ich nicht die gerechte Befürch⸗ tung hätte, heute, morgen müßte dieſer wilde, finſtere Geiſt ihr in den Weg treten, ihre Ruhe vernichten, mein Daſein “ —.— 8 2 — 96 Neunundvierzigſtes Kapitel. vergiften. Fort muß er, fort aus meinen Augen, fort aus der Welt!“ Seine Stimme hatte ſich bei dieſen Gedanken unwill⸗ kürlich geſteigert und damit ſeine Leidenſchaftlichkeit, die ihn aus ſeinem Fauteuil auffahren und in ſchnellen Schritten durch das Gemach gehen ließ. Als er bei Juſſuf vorüberkam, blieb er vor ihm ſtehen, legte die rechte Hand auf deſſen Schulter und ſagte nach einer längeren Pauſe mit weicher Stimme:„Wir haben doch glückliche Zeiten zuſammen ver⸗ lebt, du, mein Freund, und ich und wir alle mit einander, damals, als wir noch auf der Höhe des Lebens ſtanden; jetzt ſind wir abwärts gegangen, und ich bin ſchon ſehr nahe dem ſtillen, ruhigen Thale.“ „Im Thale wohnt ſich's auch gut,“ gab der Inder ruhig zur Antwort,„und wenn trübe Schatten unſere Augen ver⸗ düſtern, ſo müſſen wir hoffen, daß auch dieſe wieder vor⸗ überziehen.“ „Nie, nie werden ſie vorüberziehen! Es hat ſich ein finſterer Geiſt an meine Ferſen geheftet, er wandelt hinter mir, und ich fühle wohl, daß ich ihn einmal, mich plötzlich umwendend, in ſeiner ganzen ſchrecklichen Geſtalt vor mir erblicken werde.“ „Willſt du mir nicht deinen Feind nennen?“ fragte der Inder lauernd, wobei er langſam das rothſeidene Tuch, wel⸗ ches er um ſeinen Leib geſchlungen hatte, mit der linken Hand anfaßte. „Nie, nie!“ rief der Graf entſetzt,„ich fürchte deine Treue!“ „Alſo hältſt du mich doch für treu und ergeben, Herr?“ fragte der Inder mit einem eigenthümlichen Lächeln. 7 lohnu ſchon Male f/ 2 muth gabſt auch Herr; das je und ie laſſe 1 5 tete ſe ſich in freund mehrm gerung dafür anders unbeug nicht b „ iſt dem ernſtlie ſagen: nicht d Hack aus nwill⸗ te ihn ritten erkam, deſſen veicher n ver⸗ b ander, ; jetzt de dem ruhig n ver⸗ r vor⸗ ich ein hinter lötzlich or mir gte der h, wel⸗ linken te deine V Herr?“ b Dunkle Stunden wirken nach. 97 „Dafür habe ich ſo große Beweiſe, daß ich keine Be⸗ lohnung weiß, um dieſen Beweiſen gerecht zu werden.“ „Und doch wüßte ich eine Belohnung, die du mir auch ſchon verſprochen, die du mir anboteſt, die ich aber mehrere Male zurückwies; jetzt, Herr, möchte ich ſie annehmen.“ „Welche iſt das?“ „Laß mich in meine Heimat zurückkehren. Deine Groß⸗ muth hat mich für meine geringen Dienſte reich belohnt, du gabſt mir die Mittel, um dort drüben ſorgenfrei und vielleicht auch glücklich zu leben. Sieh mich nicht ſo verwundert an, Herr; ich verſtehe wohl deinen fragenden Blick, warum ich das jetzt ausführen will, was du mir zum Oeftern angeboten und ich zum Oeftern verweigert; gewiß, Herr, ich bitte dich, laſſe mich in meine Heimat zurückkehren.“ Der Graf war einen Schritt zurückgetreten und betrach⸗ tete ſeinen Diener allerdings mit Erſtaunen, doch miſchte ſich im nächſten Augenblicke in ſeine Züge ein wohlwollendes, freundliches Lächeln, und er ſagte raſch:„Ja, ich bot dir mehrmals die Heimreiſe an, und wie ich damals deine Wei⸗ gerung achtete, ohne die Angabe eines beſonderen Grundes dafür zu verlangen, ſo kann und will ich auch jetzt nicht anders, als deiner Bitte willfahren; kenne ich doch deinen unbeugſamen Charakter und weiß wohl, daß du mir doch nicht bleiben würdeſt, wenn ich dich auch zurückhalten wollte.“ „Sage das nicht, Herr,“ erwiderte Juſſuf,„mein Wille iſt dem deinigen unterthan, und ich würde bleiben, wenn du ernſtlich wollteſt, das heißt in dem Falle würdeſt du mir ſagen: Juſſuf, ich gebrauche deine Dienſte. Das iſt aber nicht der Fall, und Juſſuf, wenn auch im Hauſe nicht ungern Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 7 — 98 Neunundvierzigſtes Kapitel. geſehen, iſt doch dir und den Deinigen nutzlos. Ja,“ ſetzte er mit langſamer und ausdrucksvoller Stimme hinzu,„es könnte die Zeit kommen, wo Juſuuf dir hinderlich wäre, ge⸗ wiß, Herr, dieſe Zeit wird kommen, wo du wenigſtens denken wirſt: Hätte ich ihn doch damals in ſeine Heimat entlaſſen! Glaube dem Worte des treueſten deiner Diener, dir ſo treu und anhänglich, daß er dich nur dann verlaſſen wird, wenn er ſelbſt überzeugt iſt, er könne dir durch ſein Bleiben nur Nachtheil bringen, könne dir aber nützen, wenn er ſeine Schritte gegen Oſten wende.“ „Ich habe ſo viel Vertrauen zu dir, Juſſuf, daß ich es auf letztere Bedingung hin wagen kann, dir die Erlaubniß zu ertheilen, in deine Heimat zurückzukehren.“ „Die ich benutzen darf, ſobald es mir gut dünkt?“ fragte der Inder. „Nicht ſo ganz; ſobald du mit deiner erprobten Treue und Anhänglichkeit, von der ich durchdrungen bin, überzeugt biſt, daß dein Weggehen mir nützlich iſt; der Fall wird aber ſchwerlich eintreten.“ „Er iſt nicht ſo unmöglich, Herr. Denke einmal nach, du wollteſt dieſe Stadt verlaſſen, um vielleicht unerkannt irgendwo zu leben,— wäre dir in dem Falle Juſſuf nicht hinderlich? Würde nicht jeder, der dich gekannt, ſobald man mich ſähe, ſagen: ſein Herr, der Graf Lotus, iſt nicht fern? Ich weiß nicht, ob du die Abſicht haſt, deinen Wohnort zu wechſeln, um unerkannt irgendwo zu leben, aber es könnte ja doch einmal ſo geſchehen.“ Bei dieſer letzten Rede des Inders war der Graf an den Kamin getreten, blickte in die düſtere Glut des Feuers und konnte ſich nicht enthalten, ſeinem Diener Recht zu geben. mere vorh wem es v ich e eintr Hauf und Schr wänd wand ihren ſagte nicht ſchickt unter nicht „und “ ſetzte zu,„es äre, ge⸗ 3 denken ztlaſſen! ſo treu d, wenn ben nur er ſeine ß ich es rlaubniß 2“ fragte en Treue überzeugt vird aber nal nach, unerkannt iſſuf nicht bald man icht fern? ohnort zu es könnte Graf an ees Feuers tzu geben. Dunkle Stunden wirken nach. 99 „Es könnte allerdings die Zeit kommen,“ ſprach er zu ſich ſelber,„wo es mir nöthig wäre, Nachforſchungen zu ent⸗ gehen, und dabei müßte mich allerdings die Gegenwart Juſſuf's verrathen.“ „Herr,“ ſprach der Inder nach einer längeren Pauſe, „du gabſt mir Erlaubniß, in meine Heimat zurückzukeh⸗ ren?“— „Unter Bedingungen,“ ſagte der Graf, aus ſeinen Träu⸗ mereien auffahrend,„nur unter Bedingungen, Juſſuf, wie vorhin ſchon geſagt. Nur dann gebe ich dir dieſe Erlaubniß, wenn du überzeugt biſt, daß dein Weggehen nothwendig, daß es von Nutzen für mich und mein Haus iſt— darauf kann ich es ankommen laſſen, eine ſolche Nothwendigkeit wird nie eintreten.“ Drunten hörte man einen Wagen rollen und vor dem Hauſe halten, dann wurde die Thür geöffnet und geſchloſſen, und gleich darauf vernahm man im Vorzimmer den leichten Schritt eines Damenfußes und das Rauſchen ſeidener Ge⸗ wänder. Der Graf behielt ſeine Stellung am Kamin bei und wandte nur ſein Geſicht den Eintretenden entgegen. Es waren Francoiſe und Roſa. Die Gräfin ſchritt auf ihren Gemahl zu, legte ihre Hand auf ſeine Schulter und ſagte mit ihrer weichen, lieben Stimme:„Es war wahrhaftig nicht der Mühe werth, Paul, daß du mich ins Theater ge⸗ ſchickt, ich hätte mich hier in deiner Geſellſchaft gewiß beſſer unterhalten; es war ein langweiliges Stück und wurde auch nicht eben kurzweilig geſpielt.“ „Du ſahſt doch vergnügte Geſichter,“ erwiderte der Graf, „und Lichterglanz, hier iſt es ſtill und düſter.“ — — 100 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Das weiß Gott,“ rief Roſa, die nun auch hinzutrat und ihrem Schwager freundlich die Hand ſchüttelte.„Nimm mir nicht übel, es iſt hier troſtlos dunkel, ich glaube, du unterhielteſt dich mit deinem zuſammengeſunkenen Kaminfeuer. Lieber Graf, wie kann man ſich aber auch ſo in ſich ſelbſt zurückziehen und in ſo melancholiſchem Dunkel den Abend ganz allein zubringen? Hätte ich das gewußt, ſo würde auch ich bei dir geblieben ſein, wir hatten wahrhaftig beide keine Luſt, ins Theater zu gehen.“ Der Graf blickte im Zimmer umher.„Bin ich denn allein?“ fragte er leiſe— die hellen Augen des Inders waren neben der Lampe auf dem Tiſche nicht mehr zu erblicken, er war verſchwunden, ohne daß jemand der Eintretenden ſeine Anweſenheit oder ſein Weggehen bemerkt hätte. „Wenn du nun erlaubſt,“ ſagte Roſa heiter, während ſie ihren Hut und Shawl auf einen Divan in der Ecke legte, „ſo werde ich mich bemühen, deinem Salon ein wohnlicheres Anſehen zu geben; ich würde wahrhaftig traurig, wenn ich hier ſo im Dunkeln ſitzen ſollte.“ „Thue, was du willſt, liebe Roſa,“ erwiderte der Herr des Hauſes,„dein Element iſt Heiterkeit und Licht. Von beiden bringſt du ſogar immer etwas mit, und wenn du ein⸗ trittſt, fühlt man ſich ohne Weiteres ſchon beſſer aufgelegt.“ „Danke für das Compliment, ich will verſuchen, es zur Wahrheit zu machen.“ Sie klatſchte in ihre Hände, und als einer der Lakaien eintrat, befahl ſie Lichter und feinge⸗ ſpaltenes Holz. Bis beides kam, nahm ſie den verhüllenden Schirm von der Lampe und ſagte, als ſich hierauf der Schein des Lichtes rings umher vertheilte, nach einem abſichtlich außerordentlich tiefen Athemzuge:„ſo, jetzt iſt mir's ſchon wohl dunk ſie g geger wie nun feuer Vern Achtr werde handl wird lehrt; animi wiede noch die F 1 Roſa der ſe Gräfir Kamir ihr na wo di Sorge einem zutrat Nimm e, du ffeuer. ſelbſt Abend ſe auch keine denn waren ken, er n ſeine ährend e legte, licheres enn ich r Herr Von du ein⸗ gelegt.“ es zur 2, und feinge⸗ lllenden Schein ſichtlich s ſchon Dunkle Stunden wirken nach. 101 wohler. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ſo ein Halb⸗ dunkel bedrückt mir die Bruſt.“ Die Gräfin war ins Nebenzimmer gegangen, und als ſie gleich darauf wieder erſchien, ſetzte ſie ſich ihrem Gatten gegenüber an das Kaminfeuer, und beide ſahen lächelnd zu, wie die ſchöne Tänzerin auf den Teppich niederknieend ſich nun bemühte, mit einer eleganten Geſchicklichkeit das Kamin⸗ feuer ſelbſt zu behandeln. „Selbſt die Glut hier iſt mißmuthig geworden über die Vernachläſſigung, die ſie erfahren,“ meinte ſie lächelnd;„gebt Achtung, was wir hier gleich für freundliche Geſichter ſehen werden.— Friedrich, den Blaſebalg! „So,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„bei guter Be⸗ handlung gebe ich den letzten Funken noch nicht verloren, er wird und muß ſich vergrößern, wie hier der Augenſchein lehrt; ſeht, wie er ſeine bereits verloren geglaubten Brüder animirt, und wie man ordentlich merkt, daß alle froh ſind, wieder in ihr warmes gemüthliches Daſein zurückzukehren— noch etwas Holz, Friedrich!— Ah, ſeht her, da flackert ſchon die Flamme.“ Bei der nun in der That neu aufflackernden Glut warf Roſa einen raſchen Blick auf das Geſicht ihres Schwagers, der ſeinerſeits ſeine Augen forſchend auf dem Antlitz der Gräfin ruhen ließ. Francoiſe aber ſah lächelnd auf das Kaminfeuer und auf die Schweſter zu ihren Füßen, und ſagte ihr nach einer kleinen Pauſe:„Paul hat Recht, wo du biſt, wo du handelſt und wirthſchafteſt, da kann Kummer und Sorge nicht auffkommen— o, wie du glücklich biſt, Roſa!“ „Und fühlſt du dich unglücklich?“ fragte der Graf mit einem forſchenden Blicke auf ſeine Frau. 102 Neunundvierzigſtes Kapitel. Sie ſchaute ihn mit ihren offenen, herzlichen, unbefange⸗ nen Augen an, während ſie zur Antwort gab:„Ich für meine Perſon fühle mich durchaus nicht unglücklich, und wollte das auch nicht mit meiner Aeußerung von ſo eben geſagt haben. Ich beneidete nur Roſa um ihr Talent, An⸗ dere heiter zu ſtimmen, das fehlt mir gänzlich.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Graf in gutmüthigem Tone, „darin muß ich dir widerſprechen; gewiß, meine liebe Fran⸗ coiſe, du thuſt dir ſelbſt Unrecht. Haſt du mir nicht manche düſtere Stunde erhellt? Haſt du mir nicht manchen qualvollen Augenblick erträglich gemacht? Glaube mir, ich vergeſſe das nie, und wenn auch Roſa ein heiteres, ſprühendes, glänzen⸗ des Licht iſt, eine ſtrahlende Sonne, ſo biſt du wie der milde, ſüße Mond, der beruhigende Wehmuth in ein krankes Herz zu träufeln verſteht.“ „Denkſt du in der That ſo von mir, Paul,“ rief die Gräfin freudig mit einem leuchtenden Blick ihrer Augen,„ſo will ich mein Wort von vorhin gern zurücknehmen, denn dich heiter und glücklich zu ſtimmen iſt ja mein innigſtes Beſtre⸗ ben— biſt du doch mein Gemahl, meine Welt!“— „So iſt's recht!“ rief Roſa.„Solche Aeußerungen ent⸗ zücken mich, und Ihr müßt mir zugeben, daß ich die un⸗ mittelbare Urſache derſelben bin, das heißt, mein Verlangen nach Feuer und Licht hat dieſe angenehme Wirkung hervor⸗ gebracht. Glaube mir, Paul, wenn man, wie du vorhin, in düſterem Zimmer ſitzt, am verglimmenden Kaminfeuer, da ſchleichen ſich ſchwere und unheimliche Kobolde an unſer Herz und flüſtern uns allerlei zu mit trauriger häßlicher Melodie, da ſehen wir Schatten unſer Leben verfinſtern, die alle ver⸗ ſchwinden beim heiteren Strahl des Lichts. Schaue um dich, iſt es halbe guten bin i Füße den ich ſe könnt Woh Antli dir, ſchrei zehren weit Feuer ſollte ger w tern. „ 7. mich Weſen denken fange⸗ h für und deben „An⸗ Tone, Fran⸗ nanche wollen ſe das änzen⸗ milde, 3 Herz rief die en,„ſo nn dich Beſtre⸗ en ent— die un⸗ rlangen hervor⸗ chin, in ter, da ſer Herz Nelodie, ille ver⸗ im dich, Dunkle Stunden wirken nach. 103 iſt es jetzt nicht hier im Salon total anders wie vor einer halben Stunde? Du ſelbſt blickſt heiter, die Augen meiner guten Francoiſe ſtrahlen, und deine ſchöne Schwägerin, das bin ich nämlich, ſitzt hier als glückſeliges Edelfräulein zu den Füßen des heiteren königlichen Paares. Und der Platz hier, den ich mir ausgeſucht, hat noch ganz beſondere Vortheile: ich ſehe ſo recht in die Glut, in das praſſelnde Feuer, und könnte Euch die wunderſchönſten Flammenmärchen erzählen.“ „So erzähle, leuchtende Fee,“ ſagte der Graf, der mit Wohlgefallen auf das von der Kaminglut roſig beſtrahlte Antlitz des ſchönen Mädchens blickte. „Fee höre ich mich gern nennen,“ ſagte dieſe nachdenkend. „Doch haſt du eben ſo ſehr etwas vom Salamander an dir, von dem fabelhaften nämlich, wie ihn die Märchen be⸗ ſchreiben,“ ſagte der Graf. „Wie ſo?“ fragte Roſa. „Du hältſt in jedem Feuer aus, es iſt keine Glut ver⸗ zehrend genug, um dein diamant⸗hartes Herz anzugreifen.“ „Wer weiß!“ itggegnete die Tänzerin, wobei ſie mit weit geöffneten,d In, glänzenden Augen in die Glut des Feuers blickte. „Wenn di⸗ ſollte es mich ger würde un wer weiß ernſtlich zu nehmen wäre, ſo ſchreiblich freuen; ein angenehmer Schwa⸗ Familienkreis auf unterhaltende Art erwei⸗ nicht auch, Francoiſe?“ „Gewiß ich habe es Roſa ſchon hundert Mal geſagt.“ „Halt rief dieſe launig.„Die Feen, wozu Ihr mich rechn ind ganz eigenthümliche Geſchöpfe, geiſtige Weſen, die ſt immer gleich an eine materielle Verbindung tern. Meinſ. denken, ſ Hihr diamantenes Herz einmal getroffen wird. — —— 104 Neunundvierzigſtes Kapitel. Ach, dieſe Feen ſind unglückliche Geſchöpfe,“ ſetzte ſie kopf⸗ ſchüttelnd hinzu,„die oft von den Eigenſchaften eines geringen Sterblichen heftig berührt werden und Verbindungen ſchlie⸗ ßen, die bei den ſtreng geordneten Rangelaſſen des Geiſter⸗ reichs nicht immer Billigung finden.“ „Das ſind aber alsdann Sterbliche,“ ſagte der Graf, „die, wenn auch von geringem Stande, durch große geiſtige Vorzüge ſich auszeichnen, und für meine liebe Roſa, ja, auch für uns wäre mir eine ſolche Verbindung lieber, als wo Helmſchmuck und Wappen einen hohlen Schädel mitleidig verdecken.“ Francoiſe beugte ſich zu ihrer Schweſter herab und ſprach, während ſie mit einem Finger leicht deren Schulter berührte: „ich glaube, du biſt jetzt ſchon im beſten Zuge, uns ein Märchen zu erzählen. Paul hat Recht, dein verſchloſſenes Herz, fürchte ich, wird nie einem Gefühle der Liebe den Ein⸗ gang öffnen.“ „Du kennſt mich ſchlecht, Frau Schweſter,“ lachte die Tänzerin,„ſage lieber, ich prüfe etwas lange, ehe ich mir geſtehe, das Richtige gefunden zu haben, und der Schwager hat vollkommen Recht in dem, was er vorhin ſagte. Was nützen mir Stand und Rang? Ich möchte mich mit keinem hohlen Kopfe verbinden, wenn er ſelbſt die neunzackige Krone tragen dürfte! Doch ſind wir da für ein Märchen etwas ernſt geworden,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„und ich möchte Euch gern ein luſtiges erzählen, wenn ich nicht fürch⸗ ten müßte, im beſten Zuge unterbrochen zu werden.“ „Wovon und durch wen?“ fragte der Graf. „Von Scherra,“ entgegnete Roſa, und fuhr fort, indem ſie ihre Augen auf die Schweſter richtete;„er kam heute in —— 8 dein wol Hau Frar gemg nicht d enke bei ſ ſache mich freun frage zur 2 Wa ſſ ganz zeugt. Gräft 7 ziehen „Du um ir räftig i Roſkei 2 e kopf⸗ eringen Geiſter⸗ Graf, geiſtige a, auch als wo nitleidig b ſprach, rrührte: ins ein loſſenes den Ein⸗ ichte die ich mir ſchwager Was t keinem ge Krone n etwas „und ich ht fürch⸗ t, indem heute in 8 Dunkte Stunden wirken nach. 105 deine Loge, um dir zu ſagen, daß er ſpäter hieher kommen wolle.“ „Gut, ſo ſoupiren wir zuſammen,“ meinte der Herr vom Hauſe.„Findeſt du nicht, Francoiſe,“ ſagte er zu ſeiner Frau,„daß ſich der gute Scherra in letzter Zeit etwas rar gemgicht hat? Auch Arthur war in den vergangenen Tagen nicht da,— nun, das gibt mir weniger oder gar nicht zu denken. Wer weiß, wohin er ſeinen Lauf nimmt!“ „Ueberall anderswo hin iſt mir recht,“ ſagte Roſa, wo⸗ bei ſich ihre Blicke ein klein wenig verfinſterten. „Du biſt zu hart gegen ihn, und gewiß ohne alle Ur⸗ ſache,“ meinte die Gräfin.„Ich verhehle es nicht, daß es mich gefreut hätte, wenn du den Bewerbungen Arthur's freundlicher geneigt geweſen wäreſt.“ Roſa warf ihrer Schweſter einen ſtrengen und zugleich fragenden Blick zu, worauf der Graf für ſeine Schwägerin zur Antwort gab:„Nein, nein, Roſa hat Recht, Feuer und Waſſer paſſen nicht zuſammen, und wenn Arthur auch ein ganz guter Reiter⸗Offizier ſein kann, ſo bin ich doch über⸗ zeugt, daß er ein ſchlechter Ehemann wird.“ „Du hätteſt viel über ihn vermocht, Roſa,“ verſetzte die Gräfin. „Du meinſt, ich hätte ihn zu etwas Ordentlichem heran⸗ ziehen können?“ fragte Roſa in einem ſpöttiſchen Tone. „Du lieber Gott, den Verſuch hätte ich ja gern gemacht, doch um irgend ein Gebilde hervorzubringen, muß wenigſtens ein räftiger Stoff vorhanden ſein. Faſſe in die Luft und mache irgend etwas Weſenhaftes daraus; du wirſt die Unmög; Roſkeit einſehen.“ „Aber dein zurückſtoßendes Weſen geht ihm nahe,“ 106 Neunundvierzigſtes Kapitel. Francoiſe;„er iſt in der letzten— zuweilen ſo ſtill, ja, auffallend ernſt, es beſchäftigt ihn etw. „Dieſes Etwas, liebe Schweſter, bir. ver nicht ich, darauf kannſt du dich verlaſſen; glaube mir, u⸗ das, was du mein zurückſtoßendes Weſen nennſt, weiß er ich voll⸗ kommen zu tröſten.“ N „Der Wolf in der Fabel,“ rief laut der Graf, i. dem er gegen das Vorzimmer lauſchte, wo man Tritte und zwiſchen das Klirren eines Säbels vernahm. „Nun denn, Adieu Märchenwelt und ruhige Beſcha⸗ lichkeit!“ rief die Tänzerin in faſt unmuthigem Tone, woö rend ſie mit einem leichten, eleganten Aufſchwung in d nächſten Sekunde auf ihren kleinen, zierlichen Füßen ſtand Herr von Scherra und Arthur traten in das Zimm letzterer nicht ohne noch unter der Thür ſtehend zu verſiche daß er nur unter der Bedingung ganz in den Salon kom werde, wenn ihm die liebenswürdigſte aller Gräfinnen⸗ Couſinen eine tüchtige Strafpredigt halte für ſein unverz liches Wegbleiben in den letzten Tagen. Hätte Francoiſe ſo boshaft ſein können, wie Schweſter, ſo würde ſie die Frage ausgeſprochen haben, jener ſchon auf den Lippen ſchwebte,— ob er, Herr von lott nämlich, in der That während der letzten Tage hageweſen ſei. Die Gräfin aber war zu gutmüthig und ſagte Sie wiſſen wohl, Arthur, daß wir über Beſuche nicht rechnen; wenn Sie kommen, freut es uns; wenn Sie Gru uäben, einmal eine Zeitlang wegzubleiben, ſo achten wir die „Ja, Gründe,“ ſeufzte der Offizier, mit einem die die Tänzerin,„Gründe genug! Aber wie jener ihn ih Lippen nie, de man f Er iſt D Achſeln fir der näre, vergebl CTheilnc auſan „S Dunkle Stunden wirken nach. 107 Mann in der Komödie, ſo ſage ich auch, es ſoll mich kein Menſch zwingen, einen Grund anzugeben, denn Gründe ent⸗ lockt man Keinem mit Gewalt.“ „Wir achten die Gründe deines Wegbleibens auch ohne ſie zu kennen,“ verſetzte heiter Graf Lotus,„und trotz alle⸗ dem und alledem ladet dich meine Frau zu einem kleinen Stuper ein.“ „Es kommt doch keine Geſellſchaft?“ fragte der Huſar. „Mir ſcheint, er iſt ein Einſiedler geworden,“ nahm Herr von Scherra, der die Frau des Hauſes freundlich begrüßt hatte, jetzt das Wort,„oder er iſt ernſtlich verliebt, denn er hält ſich abſeits von den Genoſſen und ſtreift allein umher, als wollte er das Schönſte auf den Fluren ſuchen, wenn es nicht noch ſo gar öde wäre.“ Roſa hatte dem Couſin noch nichts geſagt, doch ließ ſie ihn ihre Hand nehmen, die er wie immer bedächtig an ſeine Lippen führte; dann ſagte ſie:„Ernſtlich verliebt iſt Arthur nie, das heißt, wenn ich es ernſtlich verliebt nennen darf, daß man ſeine Wünſche auf einen einzigen Gegenſtand richtet. Er iſt Philanthrop und liebt im Allgemeinen.“ Der junge Huſaren⸗Offizier zuckte auffallend hoch die Achſeln, worauf er ſagte:„Wer den Schaden hat, braucht fir den Spott nicht zu ſorgen! Und, wenn es denn wahr näre, daß ich im Allgemeinen umherſchweife, um mich für vergebliche Hoffnungen zu entſchädigen, ſollte das nicht Ibre Theilnahme und Mitleiden erregen? Antworten Sie mir, aauſamſtes aller Herzen.“ „Sie mißkennen mich, Herr von Marlott,“ erwiderte a in ruhigem Tone.„Wenn Ihnen mein Mitleid oder 108 Neunundvierzigſtes Kapitel. meine Theilnahme in irgend etwas dienen kann, ſo bin ich gern bereit, es an Sie zu verſchwenden.“ „Dann wird es wahrſcheinlich zu ſpät ſein zte Arthur,„überhaupt wird mich das Almoſen Ih it⸗ leids nie entſchädigen können für die Gabe eines n Gefühls, die Sie mir in Ihrer Grauſamkeit hartnäckid weigern.“ „Es iſt wahrhaftig Zeit, daß wir zum Souper geh⸗ ſagte Graf Lotus lachend.„Arthur ſpricht ſo entſchier elegiſch, daß es am Ende anſteckend wäre für unſere gur Laune.— So kummervoll ſah ich ihn nie,“ wandte er ſich an Herrn von Scherra,„wir müſſen ihm Champagner und Troſt einflößen, damit er heiter und genießbar wird, denn ein melancholiſcher Huſaren⸗Offizier iſt das Unverdaulichſte, was es auf der Welt gibt.“ „Darf ich mir erlauben, Sie in den Speiſeſaal zu füh⸗ ren?“ ſprach Arthur zu der Frau des Hauſes,„denn da icht hier keine Vorbereitungen ſehe,“ fügte er, ſich umſchauend, hinzu,„ſo wird wohl drüben ſervirt ſein.“ „So iſt es,“ antwortete Frangoiſe,„doch bitte ich die Herren, allein vorauszugehen, ich werde mit Roſa ſpäten folgen, um unſere Taſſe Thee zu trinken.“ „So komm denn, junger Unglücklicher, und begnüge dih nit mir!“ Mit dieſen Worten nahm der Graf den Arm dch— ien Offiziers und ging hinter Herrn von Scherra des er vorgeſchoben hatte, aus dem Zimmer. D. an Schweſtern blieben allein im Salon? und währen Gräfin neben dem Fauteuil ſtand, vor ſie ſich ſo eben„, ging Roſa gegen die Thür, welche die Herren ſo verſchwunden, und blieb dort Aug. ſchlo Auge und bleibe ſeine würde herzlic Zeit k laſſen, Kindes „ Pläne „6 ſo; dor er jetzt fachen, hoben 1 dieſes L lebhafter mit and nicht m Treiben müſſen.“ ckig geh⸗ tſchien ere gur e er ſich ner und d, denn aulichſte, zu füh⸗ n da ich ſchauend, ee ich die ſa ſpäter nüge dih Arm de rra dor dieſes Lehrers hat einen große Treiben der Jugend aus Dunkle Stunden wirken nach. 109 Augenblick horchend ſtehen. ſchloß ſich hinter ihnen, Augenblicke für uns.“ „Die Thür des Speiſezimmers “ ſagte ſie alsdann,„wir haben einige „Gewiß,“ ſagte Frangoiſe,„wenn der Graf mit Scherra und Arthur iſt, und wenn er weiß, daß du bei mir biſt, ſo bleiben wir ungeſtört— du haſt mir was zu ſagen?“ „Allerlei. Zuerſt das Wichtigere, was dich betrifft.“ „Eugen iſt wohl?“ „Gott ſei Dank, ja, wohl und ſo lebhaft wie möglich.“ „Ich beneide immer dein Glück, ihn ſehen zu können, ſeine liebe Stimme zu hören! Ach, wie unausſprechlich ſelig würde es mich machen, wenn ich ihn nur einmal ſo recht herzlich wieder in meine Arme drücken könnte— wird dieſe Zeit kommen?“ „Sie wird auch kommen, darauf kannſt du dich ver⸗ laſſen, und dann ſollſt du durch die Güte und Liebe deines Kindes für alle Entbehrungen gewiß reich entſchädigt werden.“ „O, ſprich mir von ihm, erzähle mir, ob du unſere Pläne ausgeführt.“ „Ganz genau, ſo wie wir ſie überlegt, und es iſt beſſer ſo; dort wo er war, konnte, er nicht mehr bleiben, und wo er jetzt iſt, bei einem Lehrer in der Vorſtadt, fachen, guten und braven Manne hoben und fühlt ſich auch dort einem ein⸗ „iſt er vortrefflich aufge⸗ ganz heimiſch. Die Wohnung n Garten, und das hat dem gefallen; er kann ſich dort Alters herumtummeln und braucht hinauf zu ſteigen, um das luſtige der Vogelperſpective betrachten zu lebhaften Knaben augenblicklich mit andern Kindern ſeines nicht mehr vier Treppen müſſen.“ 110 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Darin hat mich das arme Kind immer gedauert,“ ſagte die Gräfin nachdenkend und ſetzte nach einer Pauſe hinzu: „hat der Lehrer, bei dem er iſt, ein gutes, freundliches Ge⸗ ſicht, hat er ein heiteres Auge?“ „Wie du es dir nur wünſchen kannſt— nun, du ja nächſtens ſehen. Auch für deine Beſuche hie und da iſt das Schulhaus in der Vorſtadt wie gemacht.“ „Hat der Lehrer mehrere Kinder?“ „Nein, er iſt kinderlos, und deßhalb bin ich überzeugt, daß er und namentlich ſeine Frau in kurzer Zeit mit voller Liebe an Eugen hangen werden.“ „Und die Frau war freundlich mit ihm „Das kannſt du dir doch wohl denken; Eugen mit ſei⸗ nem offenen und ehrlichen Weſen nimmt jedermann für ſich ein. Wirſt du wohl glauben, daß er den Dr. Berger und mich ruhig in der Stube ließ und mit der Frau des Leh⸗ rers hinausging, um nach deſſen Tauben, Hühnern, Kanin⸗ chen und was weiß ich ſonſt noch, zu ſchauen, und als wir endlich fortgingen, waren alle drei ſchon dicke Freunde ge⸗ worden.“ „Wie mich das freut, wie mich das glücklich macht! Und du glaubſt, daß ich nächſtens, ohne Aufſehen zu erregen, zu ihm hinausfahren kann?“ „Gewiß, es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich dich hierbei begleite, und dann kannſt du dir von Eugen den Garten zeigen laſſen, während ich mich mit dem Schullehrer und ſeiner Frau unterhalte.“ Francoiſe, die leicht auf den Sitz ihres Seſſels n geknieet war, hatte den Kopf nach einer Pauſe:„Wenn ich nur wü wirſt ihn 2 . ieder⸗ in die Hand geſtützt und ſagte üßte, Roſa, was mir ſe ſchwer ich do mehr; los, es liches Furcht R ſie mi „Deine harten lich, de Schatt vorüber kommer hinaus licher ſ „2 Gräfin du haſt mich. Blätter den frit Herz neo zu deine geliebte Schmer; ich kann kem entf Bei Arme un “¹ ſagte hinzu: des Ge⸗ virſt ihn d da iſt verzeugt, it voller mit ſei⸗ für ſich rger und des Leh⸗ , Kanin⸗ dals wir eunde ge⸗ acht! Und rregen, zu ich hierbei en Garten lehrer und jels nieder⸗ und ſagte vas mir ſe Dunkle Stunden wirken nach. 111 ſchwer und ſo traurig auf dem Herzen liegt! Früher konnte ich doch zuweilen fröhlich ſein, aber jetzt kann ich es nicht mehr; ich werde meine finſteren, drückenden Gedanken nicht los, es iſt mir immer, als ſchwebe etwas unnennbar Schreck⸗ liches um mich her, als müſſe mir einmal plötzlich etwas Furchtbares erſcheinen.“ Roſa trat zu ihrer Schweſter hin und erwiderte, indem ſie mit der Hand ſanft über deren blondes Haar fuhr: „Deine Nerven ſind aufgeregt, arme Francoiſe, du haſt einen harten Winter gehabt, und dann finde ich es auch begreif⸗ lich, daß die traurigen Phantaſieen des Grafen ihre ſchwarzen Schatten auch über dein Gemüth werfen. Das wird aber vorübergehen oder doch beſſer werden. Der Frühling wird kommen, ach, auch ich erwarte ihn ſehnlichſt, du wirſt mehr hinaus kommen, wir werden vielleicht reiſen und dann glück— licher ſein.“ „Du, Roſa, wirſt und ſollſt alles das haben,“ gab die Gräfin mit einem ſchmerzlichen Lächeln zur Antwort,„und du haſt das Beſte verdient in deiner liebevollen Sorge um mich. Dir lächelt der Frühling, dich freuen Blumen und Blätter, du ſchwärmſt hinaus in die erwachende Natur, in den friſch duftenden Wald, empfänglich für alles, da dein Herz noch für Glück und Freude offen iſt! Du wirſt reiſen zu deiner Erholung und bedarfſt deſſen. Aber Roſa, meine geliebte Schweſter,“ fuhr ſie plötzlich mit einem Tone des Schmerzes fort,„du mußt mich nicht auf lange verlaſſen, ich kann ohſne dich nicht ſein! Du biſt es ja, an deren ſtar⸗ kem entſchlioſſenem Weſen ich mich aufrecht halte.“ Bei d eſen Worten hatte ſie ſich emporgerichtet und ihre Arme um pen Hals ihrer Schweſter geſchlungen. 112 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Wie kommſt du auf ſolche Gedanken?“ fragte Roſa faſt verwundert;„haſt du je eine Aeußerung von mir gehört, als wollte ich dich verlaſſen?“ „Im Ernſte nicht, wohl aber im Scherze, und wenn du ſo etwas ausſprichſt, ſo haſt du deine Gedanken dabei.“ „Wann hütte ich ſo etwas ausgeſprochen?“ „Vorhin, liebe Roſa, als du dem Grafen ſagteſt: wer könne es wiſſen, ob nicht auch die Stunde käme, wo dein Herz ſich der Liebe öffnete! Das war der Sinn der Rede, wenn du auch andere Worte ſprachſt.“ „Ach ja, ich erinnere mich,“ ſagte die ſchöne Tänzerin nachdenkend, wobei ſie einen Moment ihre Augen mit der Hand verdeckte;„und das hat dich, liebe Francoiſe, erſchreckt?“ „Aufrichtig geſagt, ja, da mir ein geheimer Sinn aus deinem Worten herausklang.“ „Und welcher, liebe Schweſter?“ „Daß du dich bei einer einſtigen Wahl durch keine Convenienzen und Verhältniſſe binden laſſen würdeſt, daß es dir bei einer Wahl auf Rang und Stand durchaus nicht ankäme.“ „Und hätte ich Unrecht, ſo zu denken?“ „Wie kann ich das ſagen? Aber ich fühle tief, daß deine Wahl, danach ſie wäre, vielleicht einen Riß in unſer herz⸗ liches Zuſammenleben machen könnte.“ „Daß meine Wahl nie auf einen Unwürdigen fallen würde, brauche ich dir wohl nicht zu ſagen,“ Jerwiderte die Tänzerin mit einem etwas ernſten Blicke. „Kennſt du mein Herz ſo wenig, liebe Roſt, um mich mit einer ſolchen Aeußerung zu verletzen? Kann ine Schwe⸗ ſter von Rang und Stand reden,“ ſetzte ſie Miſer hinzu, „ſell wortk unſe Du ßen Verh bewe Ungl „wür druck⸗ nahe erhiel nothn Frem kräftig mir ſe liegen ſetzte ſtarken G gelöſ't ſelben 2 Roſa faſt hört, als wenn du bei.“ teſt: wer wo dein der Rede, Tänzerin n mit der rſchreckt?“ Sinn aus urch keine rdeſt, daß chaus nicht , daß deine unſer herz⸗ digen fallen rwiderte die a, um mich ine Schwe⸗ iſer hinzu, Dunkle Stunden wirken nach. 113 „ſelbſt wenn ſie unter der neunzackigen Krone glücklicher ge⸗ worden wäre? An mich dachte ich ja nicht, als ich ſagte, unſere Verhältniſſe könnten ſich ändern.“ „Glaube mir, ich verſtehe dich, meine gute Francoiſe! Du meinſt, der Graf würde eine Verbindung, die ich ſchlie⸗ ßen könnte, nach dem dieſelbe wäre, nicht gern ſehen; unſer Verhältniß könnte erkalten, ſich ſogar löſen.“ „Und wenn ich ſo dächte,“ rief die Gräfin ſchmerzlich bewegt,„wenn zu all meinen Leiden auch noch ein ſolches Unglück über mich käme?“ „In dieſem Falle,“ erwiderte Roſa mit großer Feſtigkeit, „würdeſt du deine Schweſter nicht verleugnen.“ „Aber dieſe Schweſter,“ rief Françoiſe mit dem Aus⸗ drucke der Angſt in ihren Zügen,„könnte mir nicht mehr ſo nahe ſtehen, wie bisher; deine Liebe, die mich bisher aufrecht erhielt, dein Schutz, der mir und meinem armen Kinde ſo nothwendig iſt, würde mir fehlen. Du, bedingungsweiſe eine Fremde in dieſem Hauſe geworden, könnteſt nicht mehr that⸗ kräftig eingreifen in mein Leben; ich, rathlos, ohne die Kraft, mir ſelber zu helfen, müßte der Wucht meines Schickſals er— liegen.———— Aber was nützen mich meine Worte,“ ſetzte ſie in troſtloſem Tone hinzu,„wenn du mit deinem ſtarken, ſtarren, treuen Herzen liebſt!“ Sie hatte ihre Arme von dem Halſe ihrer Schweſter gelöſ't, und während ſie ihre Rechte auf der Schulter der⸗ ſelben liegen ließ, blickte ſie ihr ängſtlich forſchend ins Geſicht. Die Tänzerin that einen tiefen Athemzug, ehe ſie ſagte: „Wir ſind da durch Umwege auf ein Geſpräch gekommen, welches ich im Begriffe war, geradezu anzuknüpfen.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 8 ——————, 114 Neunundvierzigſtes Kapitel. „O, ich fühlte das, Roſa, und da ich es in all ſeinen Conſequenzen fühlte, hat es mein Herz mit Angſt und Furcht erfüllt.“ „Sollteſt du in allen dieſen Conſequenzen Recht haben?“ fragte die Schweſter, indem ſie mit düſterem Blicke nachſin⸗ nend vor ſich niederblickte;„Paul hält nichts auf Rang und Stand. Wie oft ſagte er es zu mir, ja, und er bewies es mir auch, daß ihm der innere Werth eines Menſchen gilt, nicht die mehr oder minder hohe Stufe, welche ihm der Zu⸗ fall ſeiner Geburt angewieſen hat.“ „Ja, bei Bekannten vielleicht, ſelbſt bei Freunden; aber bei jemand, den er zu ſeiner engeren Familie zählen müßte, denkt er anders.“ „Habe ich dir denn ſchon geſagt,“ verſetzte Roſa in einem ſpottenden Tone,„ob mein Erwählter kein Prinz des Hauſes iſt? Und dann: ſind wir von Rang und Stand? Sind wir,“ ſetzte ſie verächtlich hinzu,„das, was man von Ge⸗ burt nennt, haben wir blaues Blut in den Adern?“ „Du übertreibſt, liebe Schweſter,“ gab die Gräfin, wenn auch mit leiſer Stimme, doch entſchieden zur Antwort. „Nein, ich übertreibe nicht, Frangoiſe, und dann erlaube mir eine Frage: habe ich es je ausgeſprochen, daß ich mich in die Familie deines Gemahls drängen will?“ „Leider wirſt du das mit deinem ſtarren Sinn nie aus⸗ ſprechen! Leider, Roſa, wirſt du dich nicht bekümmern um die eben erwähnten Verhältniſſe, leider für mich, für deine unglückliche Schweſter, für mein armes Kind! Du wirſt deine Bahn gehen, wie du dir es vorgenommen, du wirſt mich verlaſſen, und ich kann es dir nicht einmal verargen! Aber ich, der du ſo oft betheuert, ſie nicht verlaſſen zu wollen, wie aus benz mit Fenſ Die Tiſch glän; pen ſich, konnt und geſuc wora Artht ſeinen Furcht ben?“ achſin⸗ g und ies es n gilt, er Zu⸗ ; aber nüßte, einem Hauſes Sind n Ge⸗ wenn rlaube ) mich e aus⸗ en um deine tdeine t mich Aber vollen, 7 Dunkle Stunden wirken nach. 115 werde allein ſtehen, ſelbſt unſäglich unglücklich ſein und meine Umgebung, mein Kind mit in das Unglück hinabziehen.“ Roſa ſchaute vor ſich nieder, und während ihre Augen finſter blickten, zuckte es wie unwillkürlich ſchmerzlich und wehmüthig um ihre Lippen.„Liebte ich ſo, wie man mich liebt,“ murmelte ſie nach einer Pauſe, ohne daß ihre Schwe⸗ ſter die Worte verſtehen konnte,„ſo würden alle Gegenreden fruchtlos an mir abgleiten— und doch fühle ich für ihn, tief, tief!“— Sie ſeufzte, und der ſchmerzliche Zug um ihren Mund gewann ſo ſtark die Oberhand, daß ſich ihre Augen mit Thränen füllten.„Und ich weiß,“ ſagte ſie alsdann, „daß auch ich ihn lieben würde, denn er iſt ſo gut und edel ———— ſo faͤhre denn hin, es war nur ein Traum, wie ein anderer!!———— Den kleinen Speiſeſalon des Grafen kennen wir ſchon aus einem der früheren Kapitel. Die Oeffnung in das Ne⸗ benzimmer, wodurch er ſein Licht erhielt, war heute Abend mit Vorhängen bedeckt, und da man hier keine ſtörenden Fenſter ſah, ſo war das kleine Gemach um ſo heimiſcher. Die brennenden Kerzen auf ſilbernen Leuchtern, die auf dem Tiſche ſtanden, ſpiegelten ſich mit ſanftem Glanze in großen, glänzenden Blättern ſüdlicher Pflanzen wieder, welche Grup⸗ pen in der Ecke des Salons bildeten. Auf der Tafel befanden ſich, wie man zu einem kleinen, leichten Souper wünſchen konnte, wenige auserwählte Gerichte, meiſtens kalte Küche und Champagner in Eis. Der Graf führte den Huſaren⸗Offizier lächelnd mit aus⸗ geſuchter Ceremonie an den Tiſch, ließ ihn dort niederſitzen, worauf er und Herr von Scherra Platz nahmen.„Du ſiehſt, Arthur,“ ſagte er alsdann,„wir ſind ganz unter uns; das —— 5 116 Neunundvierzigſtes Kapitel. habe ich aus Rückſicht für dich ſo arrangirt, deine umwölkte Stirn deutet auf irgend einen geheimen Kummer, den du uns hoffentlich mittheilen wirſt, ſobald der ſprudelnde Wein die Eisrinde deines Herzens geſprengt und deine Zunge ge⸗ löſ't hat. Aber laß es nicht gar zu traurig ſein, was du uns mitzutheilen haſt, denn ich möchte meine heitere Stim⸗ mung gern behalten.“ Während Herr von Marlott auf dieſe Worte hin, ohne etwas darauf zu entgegnen, mit finſterer Miene eine der Flaſchen entkorkte, ſagte Herr von Scherra zu ſeinem Freunde: „Ich freue mich, dich ſo wohl und heiter zu ſehen, und hoffe, wir beiden Aelteren wollen dieſem jungen Menſchen zeigen, daß wir uns von kleinen Widerwärtigkeiten, die ja jeder im Leben durchzumachen hat, nicht niederdrücken laſſen.“ „Das wäre alles ſchön und gut,“ meinte der Graf nach⸗ denkend,„wenn ich es nur wieder einmal ſo weit bringen könnte, daß meine Heiterkeit nachhaltig wäre. Es iſt etwas Eigenes darum! Zuweilen fliegt ſie an mich hin, wie ein Sonnenſtrahl an einem trüben Tage plötzlich durch die Wol⸗ ken bricht, und dann gibt es für mich momentan keine Schat⸗ ten mehr, keine trüben Gedanken, mein Herz iſt angefüllt von Glückſeligkeit, und es iſt mir, als fühlte ich die Gewiß⸗ heit, noch einmal recht glücklich zu werden.“ „Dazu haſt du nicht weit hin,“ entgegnete Arthur mit einem ſehr ernſten Geſichtsausdrucke;„kann es eigentlich einen Menſchen geben in glücklicherer und angenehmerer Stellung, als du? Du haſt dein Leben redlich genoſſen, du haſt alle Jugendthorheiten hinter dir, und die liebenswürdigſte und beſte Frau der Welt läßt dir keinen Augenblick Zeit, an deine Vergangenheit in der oben angeregten Art zu denken. Par⸗ Auge Hatt leid Paſte ihr ſe ein p darül ſamm zu ſa haupt oder! den k Graf, chen auszu mit inen ung, alle und deine Par⸗ Dunkle Stunden wirken nach. 117 bleu, ihr Beiden habt gut reden, auch Scherra mit dem weißen Haar und mit der unerſchütterlichen Ruhe ſeines Gemüthes — ah, Ihr ſeid in der That zu beneiden!“ Nach den letzten Worten ſtürzte er ein Glas Champag⸗ ner hinunter. „Sollte man nicht glauben, mein junger Freund,“ ſprach Herr von Scherra mit ſeinem feinen Lächeln,„als wäre in einer gewiſſen Nacht— o, ſie wird Ihnen entfallen ſein,“ ſetzte er auf einen fragenden Blick des Huſaren hinzu,„denn es paſſirte dort gerade nichts Merkwürdiges— Sie ver⸗ langten meine Verwendung zu einer Einladung.“ „Teufel, ja, ob ich mich erinnere!“ „Damals verſprachen Sie ſich einige frohe, lichtvolle Augenblicke, ich aber warnte Sie vor dunkeln Stunden. Hatte ich damals vielleicht Recht? Es ſollte mir wahrhaftig leid thun.“ Arthur von Marlott griff eine ſtraßburger Gänſeleber⸗ Paſtete mit einer Haſt und Ausdauer an, als wollte er an ihr ſeinen verſteckten Grimm auslaſſen, und erſt nachdem er ein paar Minuten mit derſelben beſchäftigt, fand er die Zeit, darüber eine Antwort zu geben:„Ob davon etwas im Zu⸗ ſammenhange ſteht, bin ich wahrhaftig nicht indiscret genug, zu ſagen. Auch ſoll mich der Teufel holen, wenn ich über⸗ haupt weiß, ob hämiſche, ſpöttiſche Bemerkungen von rechts oder links mit irgend etwas in Zuſammenhang gebracht wer⸗ den können.“ „Was dergleichen Bemerkungen anbelangt,“ meinte der Graf,„ſo warſt du bis jetzt nicht der Mann, um derglei⸗ chen ruhig hinzunehmen, ohne dir eine Erklärung darüber auszubitten.“ ——————.— 118 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Zum Henker, Vetter Lotus, das kommt ſehr darauf an, das wer ſolche Bemerkungen macht; ich hätte dich früher einmal daß ſehen mögen, wenn du als Oberſt einem jungen Lieutenant Couf dergleichen Freundlichkeiten geſagt, und dieſer hätte gegen dich ein Air annehmen wollen.“ zur „Ja, in dem Falle ſind Bemerkungen freilich ſehr unan⸗ genehm.“ „Das will ich glauben; oder wenn man von alten Da⸗ der men, deren Töchtern man die Ehre erzeigt, mit ihnen zu V denke tanzen, ſpitze Redensarten einſtecken oder mitleidiges Lächeln auffe ertragen muß.“ nur „In alle dem ſcheinſt du alſo Unglück gehabt zu haben?“ V den „Raffinirtes, berechnetes, ganz ungeheures Pech, Unglück à dessin!“ von eine „Er kam, er ſah, er ſiegte,“ meinte lächelnd Herr von Scherra,„und als er einen wunderbaren Vogel gefangen zu haben glaubte, ſah er ſich ſelbſt mit einem hübſchen Netz mit umgeben! Ich habe davon munkeln gehört.“ Nahf „Da ſiehſt du nun, Arthur,“ ſagte der Graf,„wie zu⸗ rückgezogen ich lebe. Nicht eine Silbe von dergleichen kam paſſe mir zu Ohren.“ V „Scherra iſt wahrhaftig zu liebenswürdig,“ bemerkte„Se 6 verdrießlich der Huſaren⸗Offizier;„wie er die Sache darſtellt, V Chef müßte alle Welt davon reden, und doch iſt es noch lange ſo barer 6 arg nicht; oder hörten Sie etwas Beſtimmtes über dieſe An⸗ V die( gelegenheit?“ I „Allerdings; man nannte mir im ſtrengſten Vertrauen Herr eine junge Dame, deren Eltern ſehnlich wünſchen, daß ſie Frau von Marlott werde. Dieſe junge Dame hat einen zur ſollen ſtrengen Vater, einen angeſehenen Beamten, der nicht ſelten an, mmal nant dich nan⸗ Da⸗ n zu cheln en?“ glück von n zu Netz e zu⸗ kam nerkte ſtellt, ge ſo e An⸗ rauen aß ſie einen ſelten Dunkle Stunden wirken nach. 119 das Ohr Seiner Majeſtät hat und nicht gewillt zu ſein ſcheint, daß man ſeine Tochter, und ſei es auch nur durch auffallende Courmacherei, compromittire.“ „Ei der Tauſend, Arthur,“ ſagte der Graf,„willſt du zur Vermehrung unſerer Familie beitragen?“ 17 „In allewege,“ ſagte Herr von Scherra kopfnickend. „Ich heiße das eine lächerliche Zumuthung,“ ſprudelte der junge Offizier hervor,„daß man gleich ans Heirathen denken ſoll, wenn man mit einem Mädchen'mal ein bischen auffallend ſpricht! Auch fällt es mir nicht ein, an ſo etwas nur zu denken. Wahrhaftig, wie man ſich ſo etwas einbil⸗ den kann, iſt mir rein unerklärlich.“ „So was bildet man ſich ſehr leicht ein,“ meinte Herr von Scherra.„In dem Punkte haben die jungen Damen eine gewaltig üppige Phantaſie.“ „Zu ihrem eigenen Schaden,“ meinte Herr von Marlott mit Entſchiedenheit,„und man muß ſolchen Thorheiten keine Nahrung geben!“ „Alſo der Chef war es,“ ſprach der Graf,„der dir einige paſſende Worte über dieſe Geſchichte ſagte?“ „Höher hinauf,“ gab Arthur mürriſch zur Antwort. „Se. Excellenz der Herr Kriegs⸗Miniſter, unſer allgewaltiger Chef, war ſo gütig, mir zu ſagen, er habe von ſehr acht⸗ barer Seite etwas über mich vernommen, und man wünſche, die Geſchichte möchte ohne Scandal geebnet werden.“ „Dieſes ‚man wünſche’ klingt ſehr verdächtig,“ meinte Herr von Scherra. „Allerdings, aber wenn ſie mich ärgern,“ gab der Huſar zur Antwort,„ſo thue ich, was ich ſchon längſt hätte thun ſollen, und erkläre mich endlich frei und offen gegen meine E 2 —— 2=— 120 Neunundvierzigſtes Kapitel. angebetete Roſa; ich fühle immer mehr, daß ich meine Lei⸗ denſchaft zu ihr doch nicht unterdrücken kann.“ „Ob bei ihr aber der gleiche Fall vorherrſcht? Dieſe Frage kann man wohl aufwerfen,“ erwiderte der Graf mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. Arthur blickte mit einem nicht zu verkennenden, ſehr be⸗ ruhigten Geſichtsausdruck über den Rand ſeines Glaſes hin⸗ weg den Zweifler an, und nachdem er den Kryſtallkelch wie⸗ der vor ſich niedergeſtellt, kräuſelte er leicht und gewandt ſeinen blonden Schnurrbart und verſetzte mit zufriedenem Lächeln:„Was das anbelangt, ſo irre ich mich nicht.“ „Möglich vielleicht,“ gab der Graf mit einem gedanken⸗ vollen Blicke zur Anwort,„aber ſehr unwahrſcheinlich. Um mich eines trivialen Ausdrucks zu bedienen, mein guter Ar⸗ thur, ſo haſt du die ſchöne Roſa zu lange ſchmachten laſſen, haſt es auch zuweilen verſäumt, ihr dein ſonſt ſo brillantes Inneres zu zeigen. Wahrhaftig, ich hörte ſchon Aeußerungen von ihr über glänzende Schalen mit nicht ganz ſicherem Kerne, die mich in deinem Intereſſe ſtutzig machten.“ „Pah, Roſa liebt mich, ich weiß das ganz genau.“ „Stolz wie ein Spanier,“ ſprach Herr von Scherra. „Aber Hochmuth kommt vor dem Falle,— dieſes Sprich⸗ wort muß man füglich gleich daneben anführen.“ „Neckt mich nicht,“ erwiderte der Huſaren-Offizier mit blitzenden Augen,„ich bin in einer Stimmung, wo mich der⸗ gleichen Widerſpruch gerade dazu antreibt, Euch zu beweiſen, wie ſehr ich Recht habe— auf Parole, ich hätte wahrhaftig Luſt, Eure Zweifel niederzuſchlagen, und jetzt, wie ich da bin, zu den Damen zu gehen und Francoiſe vor ihrer Schweſter um ihre Fürſprache zu bitten.“ ern Lei⸗ Dieſe mit r be⸗ hin⸗ wie⸗ dandt enem nken⸗ Um »Ar⸗ aſſen, antes ungen herem 4 herra. prich⸗ r mit ) der⸗ beiſen, haftig a bin, weſter Dunkle Stunden wirken nach. 121 „Das wäre ſo toll, daß es dir ähnlich ſähe,“ meinte ernſt der Graf. „Was wäre darin ſo ſonderbar Tolles?“ verſetzte Ar⸗ thur ſehr aufgeregt;„ich bin feſt überzeugt, Roſa erwartet eine ſolche Erklärung ſchon lange, und in der Lage, wo ich bin, kann ich mir allein helfen, wenn ich ſolchergeſtalt die Brücke hinter mir abbreche.“ Herr von Scherra blickte erſtaunt auf den jungen Mann, der ſich langſam erhoben hatte, ſeine Uniform ſcharf in die Taille zog und einen wie es ſchien ſehr befriedigten Blick in den gegenüber hangenden Spiegel warf.„Ihr Beide habt mir von je her,“ ſagte er alsdann,„ſtets und mit Unrecht eine richtige Combinationsgabe abgeſprochen, und ich will Euch nun beweiſen, wie ſehr Ihr Euch getäuſcht. Daß Vetter Lotus nichts dagegen einzuwenden hat, wenn ſeine Schwä⸗ gerin mir ihre Hand gibt, davon bin ich nicht nur überzeugt, ſondern ich weiß auch ganz genau, daß er in dem Falle mor⸗ gen früh zu ſeinem Freunde, dem Kriegs⸗Miniſter, fahren wird, um ihm unſere Verlobung anzuzeigen. Wirſt du das nicht für mich thun, Paul?“ „Wenn Roſa deinen Antrag annimmt,“ erwiderte der Graf, der ſehr ernſt geworden war,„ſo kannſt du dich darauf verlaſſen, daß ich den Kriegs⸗Miniſter in deinem Intereſſe beſuchen werde.“ 1 „So rufe ich Victoria,“ antwortete der Huſaren⸗Offizier in ganz entſchiedenem Tone,„denn das muß alsdann die andere unangenehme Geſchichte augenblicklich niederſchlagen. — Nun, habe ich richtig combinirt oder nicht?“ Er ſchaute die beiden Herren mit einem triumphirenden Blicke an. Herr von Scherra zuckte mit den Achſeln, und der Graf 82 — — — 122 Neunundvierzigſtes Kapitel. lichen Tone der Stimme:„Wenn ſagte mit einem eigenthüm und wenn du mir du denn willſt und nicht anders kannſt, nicht glauben magſt, daß du im Begriffe biſt, eine neue Thor⸗ heit zu begehen, ſo ſuche die Damen auf, nimm aber deinen Säbel und deine Mütze mit.“ „Und wozu?“ fragte Arthur mißtrauiſch. „Nun, es macht ſich beſſer, wenn du ordonnanzmäßig auftrittſt— folge mir, Arthur!“ „Damit du ſiehſt, daß ich mich Vernünftigen füge, ſo will ich es thun.“ ſeinen Säbel und ſeine Mütze vom Divan, worauf er beide hingelegt, und verließ das Zimmer mit elaſtiſch klingendem Schritte. „Der begeht wieder einmal eine große Dummheit,“ be⸗ merkte der Graf, ihm nachblickend,„aber er ſoll ſich nur ſeine Hörner abrennen, es ſchadet ihm wahrhaftig nicht. Mir thut's nur leid um meinen guten Humor. Der iſt da⸗ hin, unwiderbringlich dahin, kein Sonnenſchein mehr, welcher mein Inneres erhellt! Rings um mich her trübe, finſtere Wolken!“— Die Züge des Grafen hatten ſich, während er dies o eigenthümliche Art verändert, daß ihn ſorgniß anblickte; er preßte ſeine Lippen feſt auf einander und ſeine Augenbrauen hatten ſich ſo tief herabgedrückt, daß ſie gänzlich ſeine Blicke beſchatteten, und wenn zuweilen einer derſelben zuckend zu ſeinem Freunde hinüberfuhr, ſo geſchah dies mit einem ſo unheimlichen Aus⸗ drucke, daß Herr von Scherra faſt ängſtlich nach einem paſ⸗ ſenden Geſprächsthema ſuchte, welches geeignet wäre, die beginnende Aufregung ſeines armen Freundes zu dämpfen. deinem Willen in allem Damit nahm er ſprach, auf eine ſ Herr von Scherra mit Be Er ſchm ſeine über Abe Gat Tiſa den ſchie pfleg heut Stit mit chen Ant liche ſo g Her! dad er il „Ge eing wun muß daß gibt enn mir por⸗ nen äßig llem m er beide ndem 4 He⸗ ) nur nicht. ſt da⸗ velcher inſtere r dies aß ihn e ſeine ten ſich atteten, Freunde n Aus⸗ em paſ⸗ re, die ämpfen. Dunkle Stunden wirken nach, 123 Er kannte genau dieſen Zuſtand des Grafen, er wußte, wie ſchmerzlich es für ihn ſelbſt war und wie unangenehm für ſeine Umgebung, wenn ſo der finſtere Geiſt, wie er es nannte, über ihn kam. Die gute Gräfin hatte ſich auf einen heiteren Abend gefreut, und wenn ſie nun herüberkam, ſah ſie ihren Gatten da ſitzen, die zuckenden Finger vor ſich auf dem Tiſche zuſammengeballt, das Haupt tief herabgeſenkt, unter den zuſammengedrückten Augenbrauen finſtere Blicke hervor⸗ ſchießend. Was der Graf bei ähnlichen Anfällen wohl zu thun pflegte, ſich in ſein Zimmer zurückzuziehen, dazu ſchien er heute nicht Willens.„Er geht hinüber,“ ſagte er mit dumpfer Stimme,„und da ich ihn nicht für ſo dumm halte, gleich mit dem Wahnſinn zu beginnen, wird er einige Zeit brau⸗ chen, ehe er ſeinen lächerlichen Antrag ſtellt. Nun, Roſa's Antwort wird kurz ſein, aber Francoiſe in ihrer unergründ⸗ lichen Milde wird ihm tauſend beruhigende Worte ſagen, und ſo gewinnen wir Zeit.“ Er richtete ſich mit einem tiefen Seufzer auf und ſchaute Herrn von Scherra feſt an. „Du wirſt dir wohl im Ernſte nicht deine gute Laune dadurch verderben laſſen,“ ſagte dieſer erprobte Freund, indem er ihm ſanft ſeine Hand auf die zuckenden Finger legte. Der Graf ſchüttelte mit dem Kopfe und antwortete: „Gerade nicht dadurch; aber wenn man ſo roh in das Leben eingreift, das mich berührt, ſo iſt es doch wohl nicht zu ver⸗ wundern, wenn ſich meine Stimmung trübt. Eigentlich aber muß ich dieſem unbeſonnenen jungen Menſchen Dank wiſſen, daß er meine heitere Laune zerriſſen, und mir ſo Veranlaſſung gibt, da wir allein ſind, ein ernſtes Wort mit dir zu reden, 2 — — —“— 1. . 4.— — 124 Neunundvierzigſtes Kapitel. Scherra, das ich ſchon ſeit einiger Zeit auf dem Herzen habe, das aber bis heute nicht recht über meine Lippen wollte. Und doch muß es geſagt ſein.“ Der alte Herr blickte den Sprecher einen Augenblick verwundert an, doch ſchien er in der nächſten Sekunde ſchon das Wort zu kennen, das jener an ihn richten würde, denn er neigte leicht ſein Haupt gegen ihn und ſagte:„So laß es mich hören, dein ernſtes Wort, ich habe es erwartet. Aber thue mir die Liebe und halte die Ueberzeugung feſt, daß ich in allem als dein treuer Freund und als treuer Freund deines Hauſes gehandelt habe und ſtets handeln werde.“ „Erinnerſt du dich,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort,„daß du vor längerer Zeit hier in dieſem ſelben Zimmer eine Geſchichte erzählteſt, der ich damals, ſchon ohne die Perſonen zu kennen, mit Intereſſe folgte?“ „Ich erinnere mich deſſen genau.“ „Was du damals nicht wußteſt, ich bin davon über⸗ zeugt, weißt du jetzt ſo gut, wie ich ſelber, daß die in jener Geſchichte handelnden Perſonen aufs innigſte mit mir ver⸗ flochten ſind. Ich will keine Namen nennen,“ ſagte der Graf mit furchtbarer Anſtrengung,„ich darf keine Namen nennen, denn ſonſt würde mein Blut die künſtlichen Dämme über⸗ fluten, die ich ſeinem Andrange mühſam entgegenſtelle. O, dieſes Blut pocht wild hier an meinem Herzen und hier an meinen Schläfen! Ich muß mich bezwingen, um mit dir davon zu reden, als ſpräche ich über ganz gleichgültige Per⸗ n— das wirſt du verſtehen, denn du biſt mein Freund.“ „Da ich dein Freund bin und da ich dich verſtehe, ſo laß mich dir ſagen, daß es unnütz iſt, eine furchtbare Ver⸗ ſone gang ſiche wede erwi dach bald nicht mach gekor Graf nicht wenn ohne er fü aller! ſchwi dir d nen Herze und nieder ich n liches Anſpr liche habe, Alte. blick ſchon denn „ laß artet. feſt, reuer ndeln Pauſe mmer ie die über⸗ jener er ver⸗ r Graf kennen, über⸗ e. O, hier an nit dir ge Per⸗ reund.“ ehe, ſo re Ver⸗ Dunkle Stunden wirken nach. 125 gangenheit zurückzurufen. Ich kann dir die feierliche Ver⸗ ſicherung geben, daß dieſe Vergangenheit nicht eingreifen ſoll weder in deine Gegenwart, noch in deine Zukunft.“. „Das war die Hoffnung, die mich bei Verſtand erhielt,“ erwiderte der Graf mit einem düſtern, unſtäten Blicke.„Ich dachte mir, was einmal tief in der Erde ruht, wird nicht ſo⸗ bald zum Vorſchein kommen, und Phantome ſchrecken mich nicht, ich habe Bekanntſchaften von ihresgleichen ſchon ge⸗ macht.— So dachte ich, ſo hoffte ich, aber es iſt anders gekommen, wie du weißt—“ „Ja, wie ich weiß,“ ſagte Herr von Scherra, da der Graf eine Antwort zu erwarten ſchien. „Er iſt erſchienen, den ich todt geglaubt— ja, ich will nicht heucheln!— den ich todt gewünſcht.— Er lebt, und wenn er ſichtbar in mein Leben eintritt, ſo wird er mein ohnehin ſchon ſo unglückliches Daſein zerſtören.“ „Aber wenn ich dir die feierliche Verſicherung gebe, daß er für dich und für eine Andere ein Schatten bleibt, eine allerdings furchtbare Erinnerung, aber weſenlos, daß er ver⸗ ſchwinden wird, ohne dich ferner zu beunruhigen,— genügt dir das, und wirſt du mir dagegen verſprechen, ihn aus dei⸗ nen Gedanken zu verbannen, und dir und ihr, die deinem Herzen am theuerſten iſt, nicht ferner das Leben mit finſterer und fruchtloſer Phantaſie zu vergiften?“ Als der Graf ſchweigend und gedankenvoll vor ſich niederblickte, fuhr Herr von Scherra fort:„Er, deſſen Name ich nicht ausſprechen will, hat ein entſetzliches und ſchreck⸗ liches Daſein geführt. Wie jeder Andere mit berechtigten Anſprüchen an ein glückliches Leben, hat er nur die unglück⸗ liche Seite deſſelben kennen gelernt. Du und er, ihr ver⸗ 126 Neunundvierzigſtes Kapitel. du warſt glücklicher und ſollſt es bleiben. Gönne ihm wenigſtens Luft und Licht, er wird Beides fern von dir genießen; vergiß ihn wachend, und ſo wird er auch ſchlafend dich im Traume nicht mehr beun⸗ ruhigen.“ „Wird auch ſie ihn vergeſſen?“ fragte der Graf nach einem längeren Stillſchweigen;„wird er mir nicht in ihrem kummervollen Blicke fort und fort erſcheinen?“ „Für ſie iſt er todt und ſoll es bleiben.“ „Dieſe Gewißheit, wenn ich ſie hätte, ließe mich wieder aufathmen.“ „Ich gebe ſie dir unter Verpfändung meines Wortes; laß ſie dir nicht rauben durch deine finſteren Phantaſieen. Daß meine unglückliche Erzählung von damals ſie aufs tiefſte erſchüttern mußte und in ihrem Herzen ſo furchtbare Erinnerungen wieder aufleben ließ, das wirſt und mußt du begreiflich ſinden, ſo wie auch daß damals ihr Auge getrübt erſchien, und daß du vielleicht auf ihrem bleichen Geſichte laſeſt, welch ſchweren Kampf es ſie koſtete, dieſe Vergangen⸗ heit, die ſich ihr nach meiner Erzählung plötzlich ganz anders geſtaltete, aus ihrem Gedächtniſſe zu verwiſchen. Sie rang und kämpfte heldenmüthig, wie es nur eben dieſes gute, große und edle Herz zu thun im Stande iſt.“ „Das iſt alles wahr, alles wahr— aber ſchrecklich, daß ein Irrthum ſie um ein glückliches Leben bringen mußte — furchtbar, daß ich nun zwiſchen ihr und Jenem ſtehen muß, in meinem Daſein die Beiden trennend, die ſich gewiß noch lieben!“— „Ich will das von ſeiner Seite nicht aber ſie anbelangt, ſo gedenkt ſie ſeiner wie eines Verſtor⸗ folgtet das gleiche Ziel, abſtreiten. Was ben nich ſie übe dief blie Fre ſtar lieb una wie nich fühl uner du Abe ten, trau Lich „Laf einſt Hier dein lang der Sche ſt es wird und beun⸗ nach ihrem vieder ortes; aſieen. aufs htbare ußt du getrübt Beſichte gangen⸗ anders ie rang , große Frecklich, n mußte n ſtehen h gewiß . Was Verſtor⸗ Dunkle Stunden wirken nach. 127 benen, der er ja auch in Wahrheit für ſie iſt, und du wirſt nicht ſo ausgeſucht grauſam ſein, es ihr zu mißgönnen, daß ſie durch Aufklärung jenes Irrthums jetzt vielleicht milder über ihn denkt, als ſie früher gethan, daß ſie vielleicht mit dieſen Empfindungen ſein Bild betrachtet.“ Der Graf hatte ſein Geſicht in die Hand verſenkt und blieb ſo ſchweigend einige Minuten. Als er darauf ſeinen Freund wieder anblickte, hatten ſeine vorhin ſo harten und ſtarren Züge eine rührende Weichheit angenommen.„Ich liebe ſie ſo ſehr,“ ſagte er alsdann mit ernſter Stimme,„ſo unausſprechlich, ſie iſt meinem armen Daſein ſo nothwendig, wie die Luft, die ich athme, ich kann ihrer Güte und Liebe nicht entbehren für die kurze Friſt, die mir, wie ich wohl fühle, noch beſchieden. Vielleicht erſcheine ich dir in dieſer unendlichen Liebe wie ein Kind, mein guter Scherra, denn du hatteſt nicht das Glück, ein ſolches Weſen zu beſitzen. Aber du kennſt ſie ja, du ſiehſt ihr ſanftes, liebevolles Wal⸗ ten, du weißt, welchen Einfluß ſie auf mich ausübt, auf mein trauriges Gemüth! Sie iſt mein Glück— mein Heil— mein Licht— mein Alles!“— „Amen,“ erwiderte Herr von Scherra tief erſchüttert. „Laß mich mit meiner erprobten Freundſchaft für deine Ruhe einſtehen, laß mich wachen über dein und Francoiſe's Glück. Hier haſt du meine Hand, ich werde wachen über dich und dein Haus.“ Die beiden Männer reichten ſich die Hände zu einem langen und feſten Druck.—— Draußen auf dem Corridor hörte man Schritte, einer der Lakaien öffnete die Thür und die Gräfin mit ihrer Schweſter traten in den Speiſe⸗Salon. Frangoiſe ging um 82 — — — 128 Neunundvierzigſtes Kapitel. den Tiſch heru pflegte, und es war ihr Blick ſeine Schwägerin betrachtete u was gerötheten Augen ſah. ſchien, ſah ſcheinbar unbe⸗ genthümliche m nach dem Platze, wo ſie gewöhnlich zu ſitzen ſehr lieb, daß der Graf mit ſeinem aufmerkſamen nd ſo nicht ihre eigenen et Roſa, die ein wenig blaß er mmer aus und erwiderte das ei gers mit einem freundlichen Kopfnicken daß ſie und Francoiſe ein wenig lange „Doch weißt du ja vom Hörenſagen,“ daß Plaudereien zwiſchen zwei Da⸗ e Damen Schweſtern ſind, fangen wie i Lächeln ihres Schwa und der Bemerkung, ausgeblieben ſeien. ſetzte ſie launig hinzu,„ men, und noch dazu wenn dieſ kaum ein Ende nehmen können.“ „Beſonders wenn man ſo wich der Graf Lotus mit Beziehung, worauf Roſa m Achſeln zuckend entgegnete:„wichtig, wie man das nimmt. Was ſich gern ſo darſtellen möchte, iſt oft gerade das Unbe⸗ deutendſte.“ „Sehr richtig im vorliegenden Fa tige Thema's hat,“ ſagte it den bemerkt,“ ſagte Herr von Scherra,„aber lle könnte mich faſt das Unbedeutende dauern.“ „Ja,“ meinte der Graf,„wenn man ſo Außerordent⸗ liches zu errringen glaubt, und muß ſich mit gar nichts be⸗ gnügen— aber wo iſt Arthur geblieben?“ Roſa warf einen raſchen Blick des Einverſtändniſſes auf ihre Schweſter, worauf die Gräfin antwortete:„Arthur war einen Augenblick bei uns, er ſchien roſig gelaunt zu ſein, und als ich ihn aufforderte, mit uns wieder zu Euch herüber zu gehen, lehnte er es ab, und iſt, wie ich glaube, nach Hauſe.“ „In dieſem Falle war es doch gut,“ meinte der Graf zen nem icht nbe⸗ liche icken ange gen, 4 Da⸗ ſind, ſagte den immt. Unbe⸗ „aber utende ordent⸗ öts be⸗ dniſſes Arthur nunt zu u Euch glaube, er Graf Dunkle Stunden wirken nach. 129 lächelnd zu Herrn von Scherra,„daß ich ihm anempfahl, Säbel und Mütze mitzunehmen, und dir, Roſa, that es gewiß nicht weh, ihn ziehen zu laſſen.“ „Ich fühle darüber keinen beſonderen Schmerz, aber auch kein großes Wohlbehagen,“ gab die Tänzerin zur Antwort, während ſie ſich neben ihrer Schweſter niederließ und ſich eine Taſſe Thee einſchenkte;„Arthur hat zu extravagante Manieren, er kennt nur entweder— oder. Schade um ſein gutes Herz, an welchem ich nie zweifelte, daß daſſelbe von ſeinem Kopfe ſo wenig unterſtützt wird.“ „Er ſchien niedergedrückt geſtimmt,“ ſagte die Gräfin, „es that mir leid, daß wir ihn ohne einen rechten Troſt gehen laſſen mußten.“ „Und mir würde es ſehr leid gethan haben, wenn das anders wäre,“ erwiderte der Graf mit einem Blicke auf ſeine Schwägerin.„Bei allem, was mir theuer iſt,— wenn eine ſolche Roſe einmal gefaßt werden ſoll, ſo iſt das Koſtbarſte dazu kaum gut genug, und ſo denkt ſie ſelbek ebenfalls.“ „Gewiß,“ ſagte die Tänzerin ohne aufzuſchauen;„vor der Hand aber iſt mir die Freiheit lieber als jegliche Art von Faſſung, möchte dieſelbe auch noch ſo koſtbar ſein.“ Noch eine Zeitlang flog das Geſpräch über dieſen Gegen⸗ ſtand ſo wie über andere gleichgültige Dinge hin und her, doch war Roſa nicht ſo recht wie ſonſt bei der Unterhaltung. Häufig vor ſich niederblickend, zeichnete ſie mit der Spitze ihres Meſſers unſichtbare Figuren auf den Teller, gab hie und da ſpär⸗ liche Antworten, und wenn Francoiſe, wie ſie häufiger als ſonſt that, ihre Hand ſanft auf den Arm ihrer Schweſter legte, ſo blickte dieſe ſie wohl lächelnd an, doch war in dieſem Lächeln ein weicher, faſt ſchmerzlicher Ausdruck nicht zu verkennen. Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 9 — 4. —Oöxx— 130 Neunundvierzigſtes Kapitel. hnlich erhob ſie ſich auch, wobei ſie über Früher als gewö den Wunſch ausſprach, nach Hauſe Müdigkeit klagte, und zu gehen. „Sie werden mir erlauben,“ daß ich Sie in meinem Wagen, mich wartet, nach Hauſe bringe. Ein alter Freund wie ich darf ſich ſo etwas ſchon erlauben, und ich würde mich glück⸗ lich ſchätzen, wenn Sie meine Begleitung annähmen.“ Roſa nahm das Anerbieten, das ſie auch ſchon früher mehrmals nicht abgelehnt hatte, ſo auffallend raſch an, daß der alte Herr ſie faſt verwundert anblickte. Der Graf Lotus, der ſich wie gewöhnlich Abends ſehr fühlte, hatte den Kopf in die Hand geſtützt und die beſonders ſagte hierauf Herr von Scherra,„ der unten auf abgeſpannt träumte ſtill v heute Abend jede erfreut ſchien, daß dieſelbe ſ treueſten Freundes des Hauſes annahm. Bald nachher lag das Speiſezimmer einſam und ſtill; das Veſtibul war von einer ſchwachen Nachtlampe beleuchtet, und in dem Dämmerſchein deſſelben, ſo wie in der Ruhe, welche rings umher herrſchte, ſchien der bewegliche Waſſer⸗ ſtrahl des Springbrunnens noch geſchwätziger zu werden, als er am Tage zu ſein pflegte; ſein Plätſchern erklang wie ein die wir etwas von dieſem erzählendes Murmeln, und wir, Naturlaut verſtehen, ſind überzeugt, daß er Märchen berich⸗ tete, welche Bezug hatten auf die Erlebniſſe des heutigen Abends, Märchen, von denen die Betreffenden ſelbſt in ihrem Schlafe bald mit ſanften Phantaſieen, bald mit wilden Bil⸗ dern umgaukelt wurden. or ſich hin, wogegen die Gräfin, Miene ihrer Schweſter genau beobachtete, o bereitwillig die Begleitung des daß halti nacht blend huſch den? gen? nach ände zuwe genei von füllt, ſem gegel über Hauſe von nauf ie ich glück⸗ früher 3 daß s ſehr zt und onders achtete, ing des nd ſtill; leuchtet, r Ruhe, Waſſer⸗ den, als wie ein n dieſem n berich— heutigen in ihrem lden Bil⸗ Fünfzigſtes Kapitel. Ein Opfer dem Schickſal. Roſa hatte ſich ſo tief in eine Ecke des Wagens gedrückt, daß Herr von Scherra in dem Glauben, ſie wolle eine Unter⸗ haltung vermeiden, es auf ſeiner Seite eben ſo machte, und nachſinnend die Gaslaternen anblickte, welche mit ihrem hell blendenden Lichte ſcheinbar an den Wagenfenſtern vorüber⸗ huſchten. Plötzlich aber legte die Tänzerin ihre Hand auf den Arm ihres Nachbars und ſagte mit dem feſten und ruhi⸗ gen Tone ihrer Stimme:„Wie ich bemerke, fährt Ihr Wagen nach meiner Wohnungz; laſſen Sie den Kutſcher die Richtung ändern und zu Ihnen fahren, wenn Sie nichts dagegen ein⸗ zuwenden haben; ich bin am heutigen Abend gerade dazu geneigt, dort jemand zu ſehen und zu ſprechen.“ „Brauche ich Ihnen wohl zu ſagen,“ erwiderte Herr von Scherra raſch,„daß mich Ihr Wunſch mit Freude er⸗ füllt, daß er, den Sie dort ſehen und ſprechen wollen, die⸗ ſem Augenblicke ſchon längſt mit der größten Sehnſucht ent⸗ gegenharrt?“ 2 — — 13² Fünfzigſtes Kapitel. Er beugte ſich raſch zum vordern Fenſter des Wagens und gab dem Kutſcher die nöthigen Befehle; dann ſich wieder zurücklehnend, ſagte er:„Sie werden mich ſelbſtverſtändlich darin unterſtützen, daß wir ihm die Unmöglichkeit vorſtellen, Francoiſe im gegenwärtigen Augenblicke zu ſehen; es iſt das eine Unmöglichkeit, und daß es ſo iſt, wurde mir heute Abend furchtbar klar.“ „Der unglückliche Mann!“ rief Roſa bewegt;„ja, er muß das Land verlaſſen, ohne meine Schweſter geſehen zu haben! Zählen Sie ganz auf mich, ich bin von der Noth⸗ wendigkeit dieſes harten Verlangens eben ſo innig überzeugt, wie Sie ſelbſt.“ Der Wagen hielt vor der Wohnung des Herrn von Scherra; er ſtieg mit der jungen Dame aus und Beide gingen langſam die Treppe hinauf. Ein paarmal blieb die Tänzerin ſtehen, legte ihre Hand auf das Geländer der Treppe und that einen tiefen Athemzug. Herr von Scherra, der dies bemerkte, ſagte ihr ermuthigende Worte.„ aſſen Sie ſich,“ flüſterte er ihr zu;„glauben Sie mir, Sie werden ihn ruhiger finden, als Sie ſich denken, wenn auch ſeine Erinnerung an damals friſch und lebendig geblieben iſt. Der harte Druck der letzten Jahre hat ihn ſtiller gemacht, fügſamer.“ „Das gebe Gott,“ ſagte Roſa,„denn der Gaetano von damals würde mir eine furchtbare Stunde machen.“ Oben in ſeiner Wohnung angekommen, ſagte Herr von Scherra ſeinem Diener, nachdem er die Thür geöffnet, raſch einige Worte, worauf dieſer davoneilte und der Herr des Hauſes alsdann ſeinen lieben Gaſt bat, in ſein Wohnzimmer zu treten. —— igens dieder adlich ellen, t das Abend a, er den zu Noth⸗ zeugt, n von Beide ieb die er der ſcherra, Faſſen werden ch ſeine ben iſt. gemacht, ano von derr von et, raſch derr des nzimmer — Ein Opfer dem Schickſal. 133 Roſa warf raſch einen ſcheuen Blick rings umher und athmete leichter auf, als ſie das Zimmer leer fand. Herr von Scherra trat an den Tiſ ch und nahm dort von der K ugel der Lampe den grünen, verhüllenden Schirm weg, ſo daß ſich das Zimmer augenblicklich mit hellem Lichte füllte; er mochte wohl überlegen, warum er das that, und Roſa nickte ihm ſchweigend beiſtimmend zu; ſie hätte ſich ge— fürchtet, Gaetano ſo auf einmal in dem noch eben hier herr⸗ ſchenden Halbdunkel vor ſich zu ſehen. Sie hatte ihre Hand auf die Lehne des Stuhles geſtützt und drückte ihre Finger krampfhaft zuſammen, als ſie jetzt hörte, wie die Thür, die in das Nebenzimmer führte, geöff⸗ net wurde. Gaetano ſtand vor ihr. Sein ſonſt ſo helles Auge flimmerte umwölkt, ſeine Lippen zuckten krampfhaft, er verſuchte es im erſten Augen⸗ blicke dieſes Wiederſehens vergeblich, zu ſprechen. Roſa faßte ſich gewaltſam und ſagte mit bebender Stimme: „So ſehen wir uns wieder!“— Er ſchüttelte das Haupt, drückte ein paar Sekunden lang die Rechte vor die Augen und antwortete alsdann: „Ja, ſo ſehen wir uns wieder, nach einem furchtbaren Zwi⸗ ſchenraume von einigen Jahren, die aber in ihren Leiden für mich eine Ewigkeit geweſen ſind.———— Und iſt alles dies am Ende nicht gar ein Traum?“ rief er nach einer Pauſe leidenſchaftlich aus;„dort ſteht mein Freund Scherra, hier vor mir ſehe ich Ihre bekannten Züge, Roſa, und um mich herum ſehe ich die vier feſten Mauern eines Gemaches! Nirgend bemerke ich etwas von einem Chaos, nirgend etwas von einer eingeſtürzten Welt! Und doch ſoll alles das wirk⸗ Fünfzigſtes Kapitel. während auf dieſer Erde alles dies in aufe blieb, während die Jahres⸗ Meer unaufhörlich murmelnd das wir von San Antonio Während ich nirgends e nur mein Herz allein Herz allein lich vorgefallen ſein, ſeinem gewöhnlichen Kreisl zeiten ſich folgten, während das an jenes Geſtade ſchlug, auf hinabblickten— einſtens ſo glücklich! eine gewaltige Veränderung ſehe, wurd von unſäglichem Weh betroffen, hat nur meit einen entſetzlichen Verluſt zu beklagen!“ „Nicht Ihr Herz allein, Gaetano,“ entgegnete Roſa, „auch unſere Welt wurde zerſtört, auch unſere Zukunft zer⸗ trümmert!“ „Aber die Trün wobei ſeinem Auge ein ſtattlich und glänzend aus; und prachtvolles Gebäude halten“ „Ich verſtehe den Vorwurf, der in dieſen Worten liegt, und vermag ihn nicht zu entkräften, da es mir nicht möglich iſt, Sie einen Blick in unſer Herz, namentlich in das meiner armen Schweſter thun zu laſſen.“ „O Francesca!“ rief er in wildem, haſtigem Tone, wo⸗ bei er ſeine zuſammengefalteten Hände gegen ſeine Stirn er⸗ hob,„ſie vermochte es, zu glauben, ich hätte treulos an ohne mich zu hören, ſie ihr gehandelt, ſie verdammte mich, r Ein Wort hingereicht hätte, uns allen ſes namenloſe Elend zu erſparen!“ ſer Schuld, wenn unſere Hand⸗ ich auf mich nehmen; umer Eurer Welt,“ warf er haſtig ein, ſcharfer Blitz entfuhr,„ſehen recht man könnte dieſe Trümmer für ein ganzes entfloh mir, wo nu und beſonders mir die „Den größten Theil die lungsweiſe dieſen Namen verdient, muß ja, ehrlich und ohne Rückhalt geſprochen: ich nach alle dem, was ich geſehen und gehört, Francoiſe zu dem Schritte beſtimmte, den ſie gethan.“ war es, die 8 in jres⸗ nelnd tonio gends allein allein Roſa, t zer⸗ g ein, recht er für mliegt, nöglich meiner ie, wo⸗ tirn er⸗ nlos an ren, ſie is allen en!“ e Hand⸗ nehmen; es, die e zu dem Ein Opfer dem Schickſal. 13⁵ „Das möge Ihnen Gott verzeihen, Roſa!“ rief der Ita⸗ liener mit leidenſchaftlicher Heftigkeit;„ich kann es Ihnen nicht vergeben, und wenn Ihnen meine Vergebung zum Glücke Ihres Lebens fehlte! O, ich wußte es damals ſchon, Fran⸗ cesca's warmes Herz wurde durch Ihren kalten Verſtand be⸗ herrſcht. Sie combinirten richtig, und die deutſche Gräfin iſt heute gewiß glücklicher, als es die italieniſche Marcheſa vielleicht je geworden wäre, in Ihren Augen wenigſtens! Denn Sie, Roſa, haßten mich vom erſten Augenblicke an, wo wir uns kennen lernten.“ „Damals haßte ich Sie nicht,“ gab das ſchöne Mädchen in ruhigem Tone zur Antwort,„aber ich liebte Sie auch nicht; ich fühlte nicht ſo warm für Sie, wie ich jetzt für Sie fühle, nachdem ich Ihre Anhänglichkeit an uns, nachdem ich Ihr furchtbares Unglück erfahren.“ „Sie hielten mich für fähig, Ihre Schweſter, meine Francesca, zu verrathen?“ „Ja!“ ſagte ſie kurz und beſtimmt. „Aber erſt dann hielten Sie mich deſſen fähig,“ erwi⸗ derte er in flehendem Tone der Stimme,„als Sie das furcht⸗ bare Spiel, das man mit uns getrieben, die Beweiſe meiner Schuld deutlich vor Augen zu haben glaubten?“ „Dieſe Beweiſe beſtimmten allerdings meinen Glauben. O,“ ſetzte ſie in ſchmerzlichem Tone hinzu,„ſie waren ſo klar und unwiderlegbar, daß ſelbſt Frangoiſe, welche Sie ſo unaus⸗ ſprechlich liebte, davon überzeugt werden mußte, wie viel mehr noch ich!“ „Ja, Sie, Roſa, die mich ohnedies haßte; doch ſprechen wir nicht mehr darüber,“ fuhr er mit einer abwehrenden Handbewegung fort,„reden Sie mir lieber von ihr, die mich 136 Fünfzigſtes Kapitel. gewiß nicht vergaß, auch ſelbſt dann nicht, wenn es ihr viel⸗ leicht gelang, glücklich zu werden.“ „Ja, ſie iſt bedingungsweiſe glücklich,“ ſagte die Tänzerin ſo beſtimmten und dabei kalten Tone, daß Herr mit einem von Scherra, welcher, am Fenſter ſtehend, dieſe Unterredung anblickte. mit anhörte, ſich umwandte und die Sprecherin erſtaunt „Wenn ich auch in Ihren Augen kalt und herzlos er⸗ ſcheine,“ ſagte dieſe nach einer kleinen Pauſe,„ſo werden Sie mir dagegen eine andere gute Eigenſchaft nicht abſprechen: die der Offenheit nämlich, einer wahrheitgetreuen Offenheit. Ja, Francoiſe iſt jetzt bedingungsweiſe glücklich, nachdem ſie lange elend und unglücklich war. Wie Sie von ihr geliebt wurden, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, auch nicht, wie das Herz meiner armen Schweſter unter dem Gedanken litt, Sie falſch und treulos zu wiſſen.— Ob Herr von Scherra Ihnen davon erzählt, durch welches Ungefähr wir Kenntniß erhielten von Ihrer Unſchuld, weiß ich nicht; o, es war ein Zufall, der ſo plötzlich und überwältigend vor meine Schweſter trat, daß ſie zuſammenbrach! Das war ein Wendepunkt in ſonſt ſo düſtern Leben. Wie vor Francoiſens Augen Ihre Schuld verſchwand, ſo ſtieg Ihr Bild in der Erinnerung wieder hell und glänzend auf, und mit dem zurückgekehrten Glauben an Sie, an Ihre Treue und Liebe, kam meine arme Schweſter, obgleich zum Bewußtſein des furchtbaren Unglücks, welches ſie betroffen, doch auch wieder zu der ſüßen Befrie⸗ digung, an Sie, Gaetano, mit der ganzen Kraft ihrer Liebe ihrem denken zu dürfen.“ „Und ſo denkt ſie meiner?“ rief der Italiener haſtig, indem er mit ſeinen beiden Händen die Rechte Roſa's ergriff. „O, wenn ſie meiner wirklich ſo gedenkt,“ ſetzte er leiden⸗ jel⸗ erin derr ung ckte. hen: heit. ſie liebt wie litt, Herra atniß r ein veſter kkt in lugen erung ehrten arme glücks, Zefrie⸗ Liebe haſtig, ergriff. leiden⸗ —.,——— Ein Opfer dem Schickſal. 137 ſchaftlich hinzu,„warum ſah ich ſie nicht ſchon längſt, warum hielt man mich ſo hartnäckig von ihr zurück?“— Er warf einen raſchen Blick auf Herrn von Scherra, dem jetzt der Augenblick gekommen zu ſein ſchien, um zu Ro⸗ ſa's Unterſtützung näher zu treten, was er denn auch that. „Francoiſe iſt die Frau eines Andern,“ ſagte die Tän⸗ zerin nach einer Pauſe,„Francoiſe denkt an Sie, Gaetano, mit jener heiligen und reinen Liebe, wie man ſie nur für Abgeſchiedene im Herzen trägt. Und nur weil ſie ſo denkend im Stande iſt, Sie in ihr inniges Gebet einzuſchließen, deß⸗ halb hat ſie Augenblicke, wo ſie glücklich iſt in der Erinnerung an vergangene Zeiten. Meine Schweſter,“ fuhr das Mäd⸗ chen mit erhobener Stimme fort,„weiß nicht, daß Sie leben, daß Sie hier ſind, und wenn ſie in herzlicher Liebe Ihrer gedenkt, ſo gelten dieſe guten und reinen Gedanken einem geliebten Verſtorbenen.“ Gaetano hatte die Hände der Sprecherin losgelaſſen und ſtarrte ſie mit einem Ausdruck des Entſetzens an. „Ah, ich bin todt,“ ſagte er mit dumpfer Stimme,„das Grab hat ſich über mir geſchloſſen, wie es der Herr Graf, ihr Gemahl, gewünſcht! Und glauben Sie vielleicht, Scherra,“ wandte er ſich an dieſen,„daß ich die Rolle eines Lebendig⸗ begrabenen ſpielen werde, daß ich todt ſcheinen will dem ein⸗ zigen Weſen gegenüber, von welchem träumend nur der Ge⸗ danke, daſſelbe einſtens noch heiß und lebendig in meine Arme zu ſchließen, mich in der That vor dem wirklichen Wahnſinn bewahrt hat? Halten Sie mich dieſer thörichten Entjagung für fähig?“ „Ja, dieſer Ergebung halte ich Sie für fähig,“ erwiderte Herr von Scherra, indem er ſeine Hand auf die Schulter 2 “ — 4 138 Fünfzigſtes Kapitel. ſeines jüngeren Freundes legte;„ich kenne Gaetano's gutes und großes Herz, ich brauche ihm nur zu ſagen, daß er durch ſein plötzliches Hervortreten ein armes, ſo ſchon unglückliches Weib namenlos elend machen würde, und ich bin überzeugt, er wird unſern Bitten nachgeben.“ Aber ſie iſt nicht arm und elend!“ rief der Italiener 7* in ſchmerzlicher Bewegung.„Sie iſt reich und glücklich, ſie und nur von mir ver⸗ ſteht im Sonnenglanze des Lebens, langt man, daß ich mein Haupt demuthsvoll den wilden Stürmen darbieten, daß ich zurücktreten, entſagen ſoll, um einem anderen Beneidenswertheren den Platz abzutreten, der mir gebührt!“— „Gaetano, Sie kennen mich ſo weit,“ gab ihm das junge Mädchen mit ruhiger Stimme und einem feſten Blick zur Antwort,„daß Sie mich wohl nicht für fähig halten, Ihnen in dieſem ernſten Augenblicke eine Unwahrheit zu ſagen, und obendrein hebe ich noch meine Hand zum feierlichen Schwur auf, um zu bekräftigen, was ich jetzt gegen Sie ausſprechen will.“ Und ſie that alſo. „Francoiſe iſt nicht glücklich, aber ſie trägt das Unab⸗ änderliche mit Geduld und Ergebung; ſie denkt an Sie mit jenem Gefühl, das ihr erlaubt iſt, weil ſie Sie nicht mehr unter den Lebenden wähnt. Aber ſeien Sie verſichert, daß bei dem Pflichtgefühl meiner Schweſter ſich dieſes Gefühl verwandeln müßte, ſo wie Sie lebend vor ſie träten. Ja, glauben Sie mir, Gaetano, wie ich Ihnen ſchon ſo eben ge⸗ ſagt,— Francoiſe, die jetzt nur unglücklich leidet, würde von dem Augenblick an namenlos elend ſein.“ Der Marcheſe blickte düſter vor ſich auf den Boden und ſeine haſtigen und tiefen Athemzüge zeigten ſeine gewaltige DA—— U inge zur hnen und zwur vill.“ inab⸗ 2 mit mehr daß zefühl Ja, en ge⸗ e von n und oaltige Ein Opfer dem Schickſal. 139 Aufregung.„Ja, ja,“ murmelte er in beinahe unverſtänd⸗ lichem Tone,„Sie mögen Recht haben. Vielleicht iſt Fran⸗ coiſe unglücklich, ich glaube es faſt, nach dem, was ich gehört und geſehen. Und noch größeres Unglück droht über ſie herein⸗ zubrechen. O, es iſt entſetzlich, an der Seite des Wahnſinns leben zu müſſen, wer weiß das beſſer als ich!“— Er drückte ſeine Hände haſtig vor das Geſicht, wandte ſich um und trat ans Fenſter, wo er einige, für die andern Anweſenden bange Minuten regungslos ſtehen blieb. Roſa glitt in den Seſſel hinab, neben welchem ſie ſtand, und verbarg das Geſicht in ihr Taſchentuch. Als ſich nun Gaetano wieder umwandte und abermals zum Tiſche und in den hellen Schein der Lampe trat, zeigten ſeine Züge eine furchtbare Abſpannung, aber der Ausdruck ſeines Geſichtes war ruhig, ſeine Augen blickten ernſt und milde. „So will ich Ihnen denn beweiſen, Roſa,“ ſagte er mit einem leichten Beben in der Stimme,„daß ich Francoiſe's Liebe werth war und dieſes unſchätzbaren Gutes auch werth geblieben bin. Ich werde thun, was Ihr verlangt, ich werde dieſes Land verlaſſen, ohne ſie wiedergeſehen zu haben, die ewig, einzig und heiß geliebt wird, für die ich ertrug, was kein Menſch ertragen. Aber,“ ſetzte er mit einem aufflam⸗ menden Blick hinzu,„ich will nicht plötzlich losgeriſſen ſein von Euch, es ſoll ein Faden zwiſchen uns beſtehen, ein Band, das ſie nicht beengen wird, das aber unzerreißbar iſt. Sie, Roſa, ſollen mir verſprechen, an der Seite Ihrer Schweſter zu bleiben und mir Nachricht zu geben vom Verlaufe ihrer Tage, mir zu ſagen, wenn ſie ruhiger geworden iſt, vielleicht* auch glücklicher, oder wenn ein hartes Schickſal gewaltig über ſie hereinbricht. Wenn ich jetzt entſage,“ fuhr er mit feier⸗ 2 4 — — ‿‿ 1 2 . 8—.. —— — — 140 Fünfzigſtes Kapitel. lichem Tone fort,„ſo thue ich es nur, indem ich meine innig geliebte Françoiſe in Ihre Hand, Roſa, lege, und indem Sie mir die Erlaubniß bewilligen, mag ſich unſer Schickſal nun wenden, wie es will, Sie einſtens zu fragen: ſtanden Sie ihr treu ſchützend zur Seite, thaten Sie alles, um die Erin⸗ nerung an den Geweſenen in dem Herzen Ihrer Schweſter ungetrübt zu erhalten?— Verſprechen Sie mir, das zu thun?“ „So wahr mir Gott helfe, ich verſpreche es Ihnen,“ erwiderte Roſa, indem ſie ihre Hand erhob und ſie langſam in die dargebotene Rechte des jungen Mannes legte. „Und dazu ſage ich Amen,“ ſprach Herr von Scherra, „und Sie ſollen es erfahren, daß ich als Ihr treuer Freund meiner armen Francoiſe und meiner guten Roſa ſchützend zur Seite ſtehen werde.“ „So habe ich denn mit meinem vergangenen Leben ab⸗ geſchloſſen,“ ſagte der Marcheſe mit einem traurigen Lächeln. „Die Liebe meiner Jugend, meine ſeligſten Erinnerungen ruhen unter ſchwarzen Schleiern, und ich will mich nun einer äl⸗ teren Geliebten zuwenden, die auch ein heiliges Anrecht an mich hat, meinem unglücklichen, zerriſſenen Vaterlande, das meinen Kopf und meinen Arm verlangt.— Und ſomit en⸗ digen wir dieſe für uns alle ſchmerzliche Unterredung. Leben Sie wohl, Roſa!“ Er faßte die beiden Hände des jungen Mädchens, zog ſie haſtig an ſich und ſagte, nachdem er ſie auf die Stirn geküßt:„Dieſen Kuß überbringen Sie ihr. Wenn Sie ein⸗ mal meiner, des Verſchwundenen, des Verlorenen gedenkt, ſo ſagen Sie ihr unter einem Kuſſe freundliche, tröſtende Worte, und flüſtern ihr zu: Gaetano, der dich heiß geliebt, der dich — — Ein Opfer dem Schickſal. 141 nie vergeſſen, der dir treu bis zum Tode war, gedenkt deiner gewiß in herzlicher Liebe.“— Nach dieſen Worten, die er mit zitternder Stimme ge⸗ ſprochen, wandte er ſich um und verließ das Zimmer. „O, welch' unſeliges Geſchick,“ rief Herr von Scherra aufs ſchmerzlichſte bewegt aus,„das ſich vernichtend an jene dunkle Stunde knüpft! Glauben Sie mir, Roſa, das Opfer, welches er ihr bringt, würde ein ſchwächeres Herz zerbre⸗ chen!“— „Ich weiß es,“ erwiderte ſie, träumeriſch vor ſich nieder⸗ blickend,„aber opfern wir nicht alle dem unerbittlichen Schick⸗ ſal? Feſt will ich es halten, mein ihm gegebenes Verſprechen, rathend und ſchützend werde ich, wie auch bisher, meiner Schweſter zur Seite ſtehen—— ihr fortan mein Leben weihend—— o, Scherra, o mein treueſter Freund,“ rief hierauf in wilden Schmerz ausbrechend, laut weinend das ſtarke Mädchen,„auch ich bringe dem Schickſal meine Opfer!“ * ⸗ 8 Einundfünfzigſtes Kapitel. Vor dem Luſtſpiele. Man ſagt, daß die größten Männer und berühmteſten dramatiſchen Schriftſteller ſich in unausſprechlicher Aufregung befanden, wenn ein neues Stück von ihnen zum erſten Male über die Bretter ging; manche waren gar nicht im Stande, einer ſolchen Aufführung beizuwohnen, hielten ſich verſteckt zu Hauſe oder irrten um das Theatergebäude herum, wie der große Leſſing, der ſich bei der erſten Vorſtellung ſeiner „Miß Sara Sampſon“ ängſtlich bei einer am Eingange des Theaters ſitzenden Obſtfrau erkundigte, ob ſie kein höhniſches Lachen gehört; andere ſchauten ihrem eigenen Werke wie im Traume zu, wie in halber Betäubung, Schweißtropfen auf der Stirn, oder verließen das Haus mit allen Zeichen der Angſt, ſobald ſich irgend einer der Mitwirkenden zum erſten Male verſprach, in der feſten Ueberzeugung, daß ein ſchal⸗ lendes Gelächter des Publikums dabei ausbrechen würde, lachten auch wohl ſelbſt krampfhaft bei ganz unpaſſender Veranlaſſung, wobei ihnen dann das unwillige Ziſchen des S geg. glei Lip. freu bei eſten gung Male ande, rſteckt wie ſeiner e des iſches ſie im n auf en der erſten ſchal⸗ würde, ſſender en des Vor dem Luſtſpiele. 143 in ſeiner Aufmerkſamkeit geſtörten Publikums als tröſtender Balſam erſchien. Man ſagt von Cherubini, er habe bei der erſten Aufführung eines ſeiner Werke in ſeiner Loge ruhig den Takt markirt, während Auber in großer Aufregung ſein Taſchentuch, welches er in der Hand hielt, während der Vorſtellung in lauter kleine Stücke zerpflückte. Wenn in einem Theater dunkle Hinterlogen ſind, ſo bilden dieſe gewöhnlich ein Aſil für den Schriftſteller, um ſein Stück zum erſten Male über die Bretter ſchweben zu ſehen. Sind ſolche nicht vorhanden, ſo geſtattet ein freund⸗ licher Intendant oder Theater⸗Director ein Plätzchen auf der Bühne, gewöhnlich in der erſten Couliſſe bei dem Verſchlage, wo die Seile des Portalvorhanges auf⸗ und ablaufen, wo der würdige Beamte, der dieſes Geſchäft zu verſehen hat, mancher Darſtellung zuſchaut, und wo ſich in dem rothen Harlequinsmantel kleine Löcher mit fettiger Einfaſſung be⸗ finden. An dieſem unvergeßlichen Tage der erſten Vorſtellung hat der Dichter des neuen Stückes ſchon die erſte große Aufregung beim Erblicken des Theaterzettels: auf dieſem ſeinen Namen gedruckt zu ſehen, iſt ſchon etwas ganz An⸗ deres, als dieſen Namen auf dem Titel eines Buches zu erblicken. Das Buch dringt langſam in die Leſerkreiſe ein, und es vergehen vielleicht Wochen, Monate, bis hier tau⸗ ſend Augen unſern Namen leſen; auf dem Theaterzettel da⸗ gegen haften dieſe Tauſende von Augen faſt alle in der gleichen Morgenſtunde, und die zu dieſen Augen gehörigen Lippen murmeln deinen Namen mit freundlichem oder un⸗ freundlichem Ausdrucke, je nachdem es kommt, und Abends bei der Vorſtellung wird dieſes Verhältniß zwiſchen Buch und 144 Einundfünfzigſtes Kapitel. dramatiſcher Arbeit noch ſchärfer hervortreten: auf Hunderte, vielleicht auf Tauſende wirken in gleichem Augenblicke deine Worte, deine Gedanken anregend, zündend, dich glücklich machend, dich begeiſternd oder auch dich vernichtend, wenn dein Werk einen anderen Eindruck hervorgebracht, als du gedacht und gehofft. Dir ſelbſt aber tritt daſſelbe auf der Bühne ſo ganz anders vor die Seele, als es dir erſcheint in den ſchwarzen, grauſamen Buchſtaben auf den glatten Seiten deines Buches. Das Theater zeigt dir deine Geſtalten verkörpert und wirft dir deine Gedanken in lebendiger Sprache entgegen. Bei richtigem Gefühl und bei nicht zu großer Einbildung von dir ſelbſt muß es dir hier bei deiner erſten Scene ſchon klar werden, ob du Weſen geſchaffen, die Lebensfähigkeit beſitzen, oder ob du vielleicht nur ſchattenhafte Figuren hervorge⸗ bracht haſt, die beim erſten Hahnenſchrei, hier bei Beleuch⸗ tung der Scene, undeutlich werden und geſpenſterhaft ver⸗ ſchwinden. Hat, wie oben erwähnt, der Dichter Erlaubniß, die Bühne zu betreten, ſo wird er vor Beginn ſeines Stückes ſchon in der Garderobe ſein, um hier im Aeußern die Be⸗ kanntſchaft der Perſonen ſeiner Schöpfung zu machen, und um jetzt ſchon zu ſehen, ob ſie mit ſeinen Vorſtellungen zuſammentreffen. Dabei kann er ſich vielleicht ein freund⸗ liches Wort erlauben, um hier eine Phyſiognomie etwas weniger markirt erſcheinen zu laſſen, dort einen Andern, der zu jugendlich ſein möchte, zu etwas graumelirtem Haar zu bewegen. Unmittelbar vor der Vorſtellung iſt übrigens nicht viel zu machen, da alles daran liegt, die Künſtler bei guter La tückes e Be⸗ und ungen reund⸗ etwas n, der tar zu zt viel guter Vor dem Luſtſpiele. 145 Laune zu erhalten, und da jeder von dieſen überzeugt iſt, ſchon aus eigenem Antriebe das vollkommen Richtige gewählt zu haben.— Auch in der Bruſt unſeres Freundes Karl Bander wogten die eben geſchilderten Empfindungen aufs heftigſte und ließen ihn vor Aufregung und Unruhe kaum zu ſich ſelber kommen. Herr Richter hatte in feierlicher Stimmung ſchon früh am Morgen einen ganz beſonders tüchtigen Kaffee gebraut und dazu von Weißbrod diejenige Sorte eigenhändig geholt, welche ſein Freund vorzüglich liebte. Nachbar Schweizer hatte ein prachtvolles Blumenbouquet gebracht, angeblich aus eigenem Antriebe, doch als es Bander in Empfang nahm und die zierlich zuſammengefügten Blüthen beſchaute, überſchlich ihn eine tiefe Wehmuth, da er die Geberin ahnte, und er ſetzte ſich, den Strauß betrachtend und wie mit den einzelnen Blumen redend, in die Ecke ſeines Sopha's. Er hatte Roſa ſeit einigen Tagen nicht geſehen, und als ſie zum vorletzten und letzten Male hier war, blieb Richter in ſeiner Nähe, ſo daß er nur die gewöhnlichſten Dinge mit ihr ſprechen konnte; doch war ihm das lieb und er fürchtete den Augenblick kommen zu ſehen, wo ſein Freund ſich entfernen würde. Roſa war unbefangen geweſen, ſie hatte von ſeinem Stücke geſprochen und ihm geſagt, daß man viel Gutes darüber gehört und daß ſie mit aller Welt eines glänzenden Erfolges ſicher ſei. Ernſter wie gewöhnlich war ſie ihm allerdings erſchienen, auch blieb ſie nicht lange, und es war ihm vorgekommen, als verwickle auch ſie abſichtlich ſeinen Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 10 —— 146 Einundfünfzigſtes Kapitel. Freund in das Geſpräch, um dieſen zu bewegen, ſie nicht allein bei Bander zu laſſen. Daran dachte Bander heute wieder, als er ſein Geſicht an die Blumen drückte und das Bild der Geberin wieder ſo lebendig vor ſeine Seele trat. Dieſen Gedanken lieh er Worte, worauf ihm Richter kurz angebunden ſagte:„Wahrſcheinlich iſt ſie geſcheit genug, um einzuſehen, daß ſie dich in deinen künſtleriſchen Beſtre⸗ bungen doch nur genirt; es wäre das allerdings zum Ver⸗ wundern, da ſie neulich nicht geſcheit genug war, um dir in Betreff der bewußten tauſend Gulden einen verſtändigen Rath zu geben. Nun, ich hoffe, wenn der heutige Abend ſo gut ausfällt, als wir es erwarten, dann wird auch bei dir die Klugheit zum Durchbruch kommen, und der gefeierte Schriftſteller alsdann im Gefühle ſeines Werthes den unbe⸗ kannten Beſchützer nicht verſchmähen.“ „Ich glaube das Gegentheil,“ erwiderte Bander;„iſt es mir gelungen, was Gutes zu ſchaffen— und weiß Gott,“ ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu,„ich glaube noch immer nicht an ein ſolches Glück— ſo werde ich wohl im Stande ſein, auch ohne Beſchützer meinen Weg zu gehen.“ Herr Richter parodirte den Seufzer ſeines Freundes auf eine komiſche Art und ſagte mit deſſen Ausruf:„Weiß Gott, du biſt ein unverbeſſerlicher Egoiſt, du denkſt nur an dich ſelber und an dein perſönliches Wohlergehen.— Junger Menſch,“ fuhr er fort, indem er ſeine Hand unter die Weſte ſteckte und würdevoll vor ſeinen Freund hintrat,„bedenkſt du nicht, daß ein Schriftſteller, wie du ſein wirſt, der aber trotz alles Geiſtes eine der unleſerlichſten Pfoten ſchreibt, die mir vorgekommen, daß du eines anſtändigen Secretärs be⸗ nicht zeſicht der ſo eichter genug, Beſtre⸗ 1 Ver⸗ m dir ndigen Abend ich bei feierte unbe⸗ ;„iſt Gott,“ e noch ohl im hen.“ des auf Gott, an dich Junger Weſte bedenkſt er aber ibt, die ärs be⸗ Vor dem Luſtſpiele. 147 nöthigt biſt, der mit tauſend Gulden jährlich nicht zu hoch ſalarirt wäre? Oder glaubſt du, der arme Choriſt Richter ſei nicht mehr werth, als für eine Gage von dreißig Gulden monatlich, die er vom königlichen Hoftheater erhält, noch nebenher bei dir Schreiberdienſte zu thun? Geh', Egoiſt!“ „Wahrhaftig, da haſt du Recht,“ rief Bander raſch aufſpringend, wobei er das koſtbare Bouquet auf den Tiſch warf,„mein guter, ehrlicher und treuer Freund! Deine ſcherzhaft gemeinten Worte greifen mir mit tiefem Ernſte ans Herz. Ja, ich war ein Egoiſt, ich dachte nur an mich ſelber, aber glaube mir, mein Herz wußte nichts von dieſem ſelbſtſüchtigen Gedanken.“ „Davon bin ich überzeugt,“ ſagte Richter, indem er die Kaffeetaſſen auf den Tiſch ſtellte und ein Papier entfaltete, in welchem ſich der Zucker befand;„hätte ich nicht gewußt, daß dir ſogar ein Gefallen damit geſchähe, wenn ich dir meine Vorleſung über Egoismus hielt, ſo würde ich es haben bleiben laſſen. Es war auch wahrhaftig wegen meiner ſelbſt nicht ſo ernſthaft gemeint. Wenn auch meine Laufbahn beim Theater nicht den glänzenden Fortgang nahm, den ich An⸗ fangs geträumt, wenn ſie mich auch kurz gekriegt haben, wie der alte Limmer ſagt, ſo bin. ich doch der künſtleriſchen Tret⸗ mühle ſchon ſo gewöhnt, daß ich in derſelben faſt behaglich mit herumlaufe; auch nutzen mir ein paar Gulden mehr oder weniger nichts.—— Ja, es wäre was Anderes, wenn du einmal ein ganz gewaltiger Kerl würdeſt und das Mittel fändeſt, zu deiner Ausbildung auf Reiſen zu gehen; dabei würde mir ſchon die vorhin zart erwähnte Secretärsſtelle anſtehen. Aber jetzt laß uns den Kaffee trinken, ehe er kalt wird.“ 148 Einundfünfzigſtes Kapitel. „Ja, das wollen wir,“ entgegnete Bander,„und dabei Projekte ſchmieden, die uns zerſtreuen und heiter ſtimmen.“ Damit ſetzten ſich die beiden Freunde an den Tiſch nieder, und der Choriſt legte das Blumenbouquet ſorgfältig neben den Theaterzettel. „Mit Blumen, ja, mit Blumen Will ich dein Werk bekränzen, Und zwiſchen dieſen Blüthen Soll hell dein Name glänzen, ſo würde ich als Chor in irgend einer Scene einer hierzu paſſenden Oper ſingen,“ ſagte Herr Richter, und ſetzte hinzu, indem er den Strauß aufmerkſam betrachtete:„du mußt dieſe koſtbaren Sachen nicht ſo roh umherwerfen, wie du es ge⸗ than. Sieh, das iſt etwas ganz Außergewöhnliches, weiße Camelien und Veilchen— Frühlingsahnung erweckend! Ach, wenn ich das rieche, ſo kommt mir immer jener Frühling in Erinnerung, wo ich zum erſten Male die kleine Stadt ver⸗ ließ, welche die Ehre hatte, mich in ihren alten, grauen Mauern geboren zu ſehen. Damals machte ich eine Fußtour von einigen Meilen, aber es war meine erſte Reiſe, und darum wird ſie mir unvergeßlich ſein. Kaum hatte ich die Stadt hinter mir, ſo lagerte ich mich im Schatten einer alten Eiche, deren Tauſende von friſchen, jungen Blättern mit der linden Luft buhlten, und freute mich, rückwärts ſchauend, meiner jungen Freiheit. Da duftete es ringsum nach Veilchen, und wenn ich auch ſpäter unter den verſchie⸗ denſten Verhältniſſen den gleichen Geruch empfand, ſo denke ich doch heute noch bei Veilchenduft immer an jene Ruhe unter der alten Eiche.“ „Du haſt da vorhin einen wunderbaren Gedanken an⸗ gereg wort imme und beneit meint dem rechne deinen er ſich ſeinen Feſttag meln unterb 14 „ den Fi Luſtſpie 95 fangen He ſeine A trefflich nach de u B Iden ad Gr opfſchi en erſte dabei men.“ nieder, neben hierzu hinzu, t dieſe es ge⸗ weiße ! Ach, ing in dt ver⸗ grauen ußtour , und ich die einer lättern kwärts ngsum erſchie⸗ » denke Ruhe ken an⸗ Vor dem Luſtſpiele. 149 geregt,“ gab der junge Schriftſteller nachſinnend zur Ant⸗ wort.„Ja, wer ſo reiſen könnte, weit in die Welt hinaus, immer Neues und Herrliches ſehend und ſich ſo im Schauen und Genießen am leichteſten bildend, der wäre wahrlich zu beneiden!“— „Und warum ſollen wir das nicht können, alter Junge?“ meinte Herr Richter mit einem behaglichen Ausdrucke, nach⸗ dem er langſam ſeinen Kaffee geſchlürft.„Laß mich einmal rechnen, und vor allen Dingen unterbrich mich nicht mit deinen engherzigen Bemerkungen— nicht wahr?“ unterbrach er ſich aber ſelber, indem er mit einem fragenden Ton gegen ſeinen Freund fortfuhr:„Du läßt mir an deinem heutigen Feſttage ſchon'mal das Vergnügen, meine Phantaſie tum— meln zu können, ohne mich jeden Augenblick philiſtrös zu unterbrechen?“ Bander nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Wir haben alſo,“ fuhr der Choriſt fort, indem er an den Fingern herzählte,„zuerſt den Ertrag eines vortrefflichen Luſtſpiels.“ „Das Fell des Bären, ehe man dieſen Bären noch ge⸗ fangen hat.“ Herr Richter zuckte mit einem lauten Zungenſchnalzen ſeine Achſeln, dann fuhr er fort:„Der Ertrag des vor⸗ trefflichen Luſtſpiels, für das dir Michaelsſohn in Berlin nach der erſten Vorſtellung hier etwas Erkleckliches in Bauſch us Bogen bieten wird. Wir haben ferner die tauſend ahlden unſeres großmüthigen Beſchützers— ja, dieſe tau⸗ d Gulden,“ wiederholte der Choriſt hartnäckig, trotz des opfſchüttelns ſeines Freundes.„Ferner concipirſt du in en erſten Tagen unſerer Reiſe ein neues dramatiſches Werk,“ 150 Einundfünfzigſtes Kapitel. welches wir auf der erſten mehrwöchentlichen Raſt, die wir halten, etwa in irgend einer Stadt der Schweiz oder am Comer⸗See ausarbeiten. Ich, dein Secretär, verſuche mich nebenbei aber auch ſelbſtarbeitend; ich ſchreibe an die Redac⸗ tionen der Augsburger Allgemeinen Zeitung, der Kölniſchen Zeitung, des Auslands, der Illuſtrirten Zeitung über Land und Meer und biete ihnen meine Dienſte als reiſender Cor⸗ reſpondent an; ich führe mich mit einem kleinen, pikanten Artikel ein, drücke mich deutlich aus, in welcher Richtung ich für jedes der verſchiedenen Blätter ſchreiben werde, und du wirſt ſehen, ich werde bald in den Stand geſetzt ſein, etwas Ordentliches zu unſeren Reiſekoſten beizutragen.“ „Der Gedanke iſt wahrhaftig nicht ſo ganz ſchlecht,“ meinte Herr Bander träumeriſch. „Schlecht?“ rief Herr Richter mit einem Aufwande von Pathos, indem er in die Höhe ſprang,„nicht ſo ganz ſchlecht, haſt du geſagt? O, er iſt großartig, himmliſch, weltenſtür⸗ mend. Mit dieſem Gedanken iſt mir mein armſeliger Theater⸗ Contract vor die Füße gerollt. O welche Wonne, zum letzten Male jene finſteren Räume betreten zu dürfen, wo alles un⸗ wahr iſt: die Steine von Holz, die Bäume von Leinwand, das Sonnenlicht eine traurige Lampe, der erquickende Regen ſtaubige Erbſen in einer blechernen Schale. Freilich kann ich nicht verlangen, mit einer großen Rolle abzutreten, aber glanzvoll auf meine Art möchte ich doch jene verwünſchten Bretter verlaſſen. Denk' dir zum Beiſpiel in einer Anm he⸗ Rolle: Herr, dein Feind naht, Don Ramiro, der Tapit wo ich aber ſtatt deſſen ſagen würde: Herr, bleibe ruhige deinem Palaſte, ich bringe dir ſichere Nachricht, daß K Feind, der tapfere Don Ramiro, ſo eben geſtorben † Dami Publit 22 und d Nimm Ideen mit m wirſt uns e in ihre rief er „So D genomt dann ſe ergebe, einen 7 tern lä Freie z „A ihn zerr St und mi erſt ſag Zerreiße glückliche was du als der am mich dac⸗ ſchen Land Cor⸗ anten htung und ſein, 1 lecht,“ de von hlecht, enſtür⸗ heater⸗ letzten es un⸗ ud, das Regen h kann n, aber ünſchten nm e⸗ Tapig 1 ruhige aß K ben Vor dem Luſtſpiele. 151 Damit wäre das Stück ſchon im erſten Acte zu Ende und Publikus könnte nach Hauſe gehen.“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher Kerl.“ „Aber praktiſch, das wirſt du mir nicht abſprechen wollen, und dabei großartig, was ich dir auch empfehle zu ſein. Nimm nur einen herzhaften Anlauf, laß deine hausbackenen Ideen und deine ſüßen Schwärmereien hinter dir, verlaß mit mu dieſes düſtere Haus, die beengende Stadt, und du wirſt ſehen, wie weit und glücklich dein Herz wird, wenn uns einmal Gottes herrliche Natur umfängt und liebreich in ihre Arme nimmt.— Alſo kann ich auf dich zählen?“ rief er enthuſiaſtiſch aus, indem er ihm die Hand reichte.— „So ſchlage ein!“— Der junge Schriftſteller hatte das Bouquet in die Hand genommen und betrachtete die Blumen lange und innig, dann ſagte er:„Ehe ich mich dir auf Gnade oder Ungnade ergebe, muß ich zuerſt mit ihr im Reinen ſein.“ „O weh, dann bleibe ich ewiger Choriſt! Sie hat dir einen Faden um den Fuß geſchlungen, an dem ſie dich flat⸗ tern läßt und der dich zurückhält, wenn du hinaus ins Freie ziehen willſt.“ „Auch ein ſolcher Faden iſt zerreißbar, und ich werde ihn zerreißen.“ Statt gleich zu antworten, ſeufzte Herr Richter ſo tief und mit ſo viel Geräuſch als es ihm möglich war. Dann erſt ſagte er:„Hoffen wir— nicht auf deine Kraft im Zerreißen dieſes Fadens, ſondern auf einen großen und glücklichen Erfolg heute Abend, der dir zeigen ſoll und wird, was du eigentlich werth biſt, wahrhaftig tauſend Mal mehr als der Spielball zu ſein eines noch ſo ſchönen und liebens⸗ — 152 Einundfünfzigſtes Kapitel. würdigen Weibes.— Ueber was von Claque ich allenfalls gebieten kann, werde ich auf die obere Gallerie befördern, bedenkend, daß jeder Applaus, jeder Hervorruf uns einem ſchönen Ziele näher bringt. Apropos,“ unterbrach er ſich ſelber in ſeinem pathetiſchen Tone,„um von Claque, Ap⸗ plaus und Hervorruf zu reden, haſt du Freibillete für heute Abend erhalten?“ „Ich habe keine verlangt, ich wüßte nicht für wen. Aber der Herr Intendant war ſo freundlich, mir ein Dutzend Parterre⸗Plätze zu ſchicken; dort in dem rothen Umſchlag werden ſie liegen.“ „Die werde ich zu mir nehmen,“ entgegnete der Choriſt. „Bis auf eines, ich möchte dem armen Schweizer gern eines zum Geſchenk machen.“ „Geben wir ihm zwei, nämlich eines für ſeine Frau, oder vielleicht drei,“ ſetzte er mit einem lauernden Blick hinzu,„haſt du nicht auch an Tante Roſa gedacht?“ „O, ſie wird im Parterre keinen Platz nehmen,“ ſagte — 2 Bander mit einem trüben Lächeln. „Woher weißt du das ſo genau?“ „Erlaß mir die Beantwortung dieſer Frage. Es wird eine Zeit kommen, wo ich dir, dem treuen, erprobten Freunde, denn das biſt du mir in der That, nichts vorenthalten werde.“ „Ich verſtehe alles, wie ein Menſe kopfnickend und in gutmüthigem Tone einmal das große Räthſel aufklären wi du Philoſoph genug, um dieſe Aufk tragen.“ gte Herr Richter un, wenn ſich hoffe ich, biſt gruhig zu er⸗ „So nimm zwei Billete für Sch rs,“ ſagte der hauſt Imn falls dern, inem ſich Ap⸗ heute wen. tzend chlag oriſt. gern Frau, Blick ſagte wird unde, halten tichter n ſich „biſt u er⸗ te der Schriftſteller nach einer Pauſe,„und da fällt mir etwas ein. Wir müſſen an Herrn Nach dieſer Unterredung und nach beendigtem Kaffee, wozu heute ausnahmsweiſe eine ganz vortreffliche geraucht wurde, verließ Herr Richter die gemeinſchaftliche Wohnung, um noch einige und, wie er ſagte, ſehr wichtige Gänge zu thun. Bander blieb allein zurück, hoffend und fürchtend, ſie werde kommen, aber Stunde um Stunde verging, ohne daß Roſa erſchien. Mit einem leichten Seufzer ſprach der junge Mann zu ſich ſelber:„es iſt beſſer ſo,“ und dann nahm auch er ſeinen Hut, um das Zimmer zu verlaſſen. Erſt nach, be⸗ endigtem Theater hatte er ſich vorgenommen, zukehren, und als er ſo dachte, Herzen:„dann werde ich wiſſen, ob ſich mein gewandt.“ Vor dem Luſtſpiele. 153 wenn er es thun will. Ich werde ſelbſt zu ihm gehen und mich nach Befehlen erkundigen.“— hieher zurück⸗ meinte er mit beklommenem Leben glücklich Den Blumenſtrauß ſtellte er ſorgfältig in ein Glas mit Waſſer, und nachdem er dieſes genau in die Mitte des Tiſches gerückt, betrachtete er es lange und dachte dabei: „welche Gedanken werden meine Bruſt bewegen, euch, ihr Blumen, heute Abend wiederſehe?“ wenn ich Auf der Gallerie, welche ſein Zimmer von dem Vorder⸗ hauſe trennte, blieb er lauſchend einen Augenblick ſtehen. Immer war es ihm, als vernähme er ihren elaſtiſchen noch Theater⸗Friſeur Harper denken, er gab uns beim letzten Beſuche, den wir ihm machten, nicht undeutlich zu verſtehen—“ „Daß er für dein Stück wirken wolle, und bei Gott, das kann dieſer würdige Mann wie Keiner, Cigarre 154 Ein undfünfzigſtes Kapitel. Schritt. Auch im Veſtibul horchte er, um zu vernehmen, ob das junge Mädchen nicht die Treppen heraufkäme. Aber in dem weiten Hauſe war alles ſo ſtill, daß er den Meiſter Schweizer in ſeiner Werkſtätte deutlich huſten hörte. Dort⸗ hin ging er, nachdem er einen Augenblick gezaudert, gewiß nur in der Abſicht, mit dem alten Manne ein freundliches Wort zu ſprechen und ihm zu ſagen, daß Richter zu der heutigen Vorſtellung Karten bringen werde. Wie es nun kam, daß er ſich in der Werkſtätte in allen den halbdunkeln Winkeln umſah, ob Tante Roſa nicht in einem derſelben ſäße, wußte er ſich ſelbſt nicht an⸗ zugeben, aber er that nicht nur das, ſondern er fragte auch nach ihr. Der Damen⸗Kleidermacher hatte beim Eintritt des jungen Mannes ſeine ſchwere Scheere neben ſich auf den Tiſch gelegt. Jetzt nahm er ſeine Kneifbrille von den blöden Augen und ſagte kopfſchüttelnd mit einem trüben Lächeln:„ſeit der Kleine fort iſt, war ſie nur noch einmal da.“ „Aber ſie hat Euch nicht vergeſſen?“ fragte Bander raſch. „Wie man das Vergeſſen nimmt,“ erwiderte der alte Mann.„uUnſerer kleinen Dienſte, die wir dem guten Eugen vielleicht thaten, hat ſie, oder vielmehr der Advocat wohl nicht vergeſſen, denn er hat uns dafür auf's reichſte belohnt; vergeſſen dagegen hat ſie uns in ſo fern, als es uns jetzt gerade gefreut hätte, wenn ſie häufiger gekommen wäre, um uns von dem guten, lieben Kinde zu erzählen. Was mich betrifft,“ fuhr der arme, ſchwächliche Schneider mit angenom⸗ mener Gleichgültigkeit fort,„ſo bin ich ſchon aus ſtärkerem und feſterem Stoffe, aber das alte Weib da heult mir die Ohren voll und thut gerade ſo, als wenn man ihr ihr Eigenes weg⸗ gen ſich Ha die ohr bar lern Am der ich, ſage die thut ſchei ſtem kann junge Roſa ihren ſelbſt heute in die en, ber ſter ort⸗ wiß hes der in o ſa an⸗ auch igen legt. agte fort aſch. alte ugen vohl hnt; jetzt um mich nom⸗ und hren weg⸗ Vor dem Luſtſpiele. 155 genommen hätte— thörichtes altes Weib!“ murmelte er in ſich hinein, und doch wiſchte er ſich mit der umgekehrten Hand über die naſſen Augen. „Hätte man uns das Kind gelaſſen,“ ſagte die Frau, die nun ſchluchzend zum Vorſchein kam,„ſo hätten wir es ohne Koſtgeld behalten, es war uns ſo ans Herz gewachſen.“ „Das verſtehſt du nicht,“ erwiderte der Schneider in barſchem Tone,„der Knabe hat es jetzt beſſer, wohnt ſchöner, lernt alles, was nöthig iſt, und ſo mußte es kommen.— Am Sonntag machen wir uns ein Vergnügen,“ fuhr er zu der Frau gewandt fort,„da gehen wir hinaus, du Alte und ich, und beſuchen den Kleinen.“ „So wißt Ihr, wo man ihn untergebracht hat?“ „Allerdings wiſſen wir es, dürfen es aber niemand ſagen.“ „Ich glaube, ich laſſe dich allein gehen,“ ſagte betrübt die Frau;„denn wenn ich ſein liebes Geſichtchen ſehe, ſo thut es mir nur um ſo weher, wenn ich wieder von ihm ſcheiden ſoll.“ „Darin haben Sie Recht,“ meinte Karl Bander in ern⸗ ſtem Tone.„Wenn man doch nicht bei einander bleiben kann, ſo iſt es beſſer, man ſieht ſich auch nicht wieder.“ Danach ſprachen die Drei eine Zeitlang kein Wort; der junge Mann blickte träumend auf den Stuhl, wo Tante Roſa ſo oft geſeſſen, die Frau des Kleidermachers war hinter ihrem dunkeln Vorhange verſchwunden, und Meiſter Schweizer ſelbſt hatte ſeine Scheere wieder zur Hand genommen.„Aber heute Abend,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„gehe ich in die Komödie und ſehe, was Sie gemacht, und werde mei⸗ u — —— 156 Einundfünfzigſtes Kapitel. nen Nachbarn erzählen, daß wir auf Einem Boden wohnen und uns ganz genau kennen.“ „Wenn mein Stück gefällt, werdet Ihr das thun.“ „O, auch im anderen Falle, ich ſchäme mich meiner Freunde durchaus nicht.“ „Nun, ſo wollen wir das Beſte hoffen! Adieu, Meiſter, auf Wiederſehen!“ Bander zog die Thür hinter ſich zu und ſchritt zögernd die Treppen hinab; immer glaubte er den Tritt ihres Fußes, das Rauſchen ihres Kleides vernehmen zu müſſen, und wenn er nichts dergleichen hörte, ſo freute er ſich, daß es ſo war. Jetzt war er unten im Hauſe, jetzt trat er über die Schwelle, und jetzt mit einem Male fiel es ihm doch ſchmerzlich auf die Seele, daß er ſie gerade am heutigen Tage nicht geſehen. War ihm doch, als flüſterte ihm eine innere Stimme zu: ſie wird dir in dieſen Räumen nie mehr begegnen. Daß ihm die Zeit bis zum Anfange des Theaters lang⸗ ſam entſchwand und dann mit einer ihm unbegreiflichen Schnelligkeit fortrollte, wird jeder verſtehen, der ſich in ähn⸗ licher Lage befunden. Als ehemaliges Mitglied der Bühne betrat er ſchon ſo früh als möglich die Herrengarderoben und wurde von den darſtellenden Künſtlern freundlich und ehrend empfangen. Ja, auch einige ſeiner ehemaligen hohen Collegen von der Oper kamen hieher, um ihm herzlich die Hand zu drücken, ſo der große Kalif Benzenberger, der ihm die Verſicherung gab, er habe von competenter Seite ein ganz außerordentlich gutes Urtheil über das heutige Stück erfahren.„Man wird Sie herausrufen,“ ſagte dieſer wür⸗ dige Künſtler, indem er ernſthaft ſeine Stirn runzelte.„Blei⸗ ben Sie in dieſem Falle nicht an der Seitencouliſſe kleber, ſond zu k erſch nicht fahren mit g ſtellen meine J ſtecher, man m. Beamte den Por ſchön ſie haben, u Die von freut Stück. 42 iner ſter, ernd ßes, enn war. elle, auf hen. :. ſie ang⸗ ichen ähn⸗ ühne roben und pohen Vor dem Luſtſpiele. ſondern beſtreben Sie zu kommen— Sie ha 157 ſich ſo viel als möglich, in die Mitte ben doch einen Frack an?“ „Gewiß nicht,“ erwiderte der junge Schriftſteller faſt erſchrocken,„wie ſollte ich dazu kommen? Denke ich doch nicht im Entfernteſten daran, daß mir eine ſolche Ehre wider⸗ fahren wird, deren Sie eben erwähnt!“ „Sie werden herausgerufen, mit großer Entſchiedenheit,„und ſtellen zu wollen, ſo hoffe ich, daß Sie bei einem Hervorruf meine nicht gerade ſchwache Stimme vernehmen ſollen.“ Jetzt kam die Zeit, wo ſich der Inſpicient, Herr Bären⸗ ſtecher, in und vor den Garderoben erkundigte, wie weit man mit dem Anziehen ſei. Im Vorbeigehen ſagte dies Beamte zu dem jungen Schriftſteller:„Schauen Sie werden erfreut ſa ſchön ſich das Haus füllt. Sieen haben, und es freut mich Die Bruſt d von freudig Stück tr “ ſagte Herr Benzenberger ohne mich dabei voran⸗ den Portalvorhang 3 158 Einundfünfzigſtes Kapitel. nahme und iſt nicht ganz weg vor Entzücken, wie er es ge⸗ wöhnlich bei einem neuen Stücke zu ſein pflegt.“ ein „Ja, ja, ſie erwarten, daß der Vorhang aufgeht,“ er⸗ eim widerte der junge Schriftſteller ſeufzend,„um mit wahrem b wfe Heißhunger über das Werk des unbekannten Autors herzu⸗ I er fallen. Ich komme mir wahrhaftig vor, wie der Fechter in de ob ich nicht in weniger als einer pa hier auf dieſen Brettern aus⸗ glü⸗ ſtatt der Arena, und wer weiß, halben Stunde moraliſch todt geſtreckt liege.“ „Oder ob nicht der haſt vollgültig eingeſetzt, Lorberkranz für dich bereit iſt; du das Glücksrad fliegt herum, möge V zu es dir einen tüchtigen Gewinn bringen!—— So— nun V wuß dieſer geiſtreichen Bemerkung will ich mich jetzt von dir V alles den. Dort ſchleicht der Regiſſeur Schmelzer heran, derte d als gewöhnlich, und ich habe nicht Luſt, eom avon ihm an mich ſtellen zu laſſen. geſeh Marſtellung?“ anges; man ſieht Auto und aauend, könne c. ihn ſträub ſtellt Bande kein 2 erſt n nichts holend es ge⸗ “ er⸗ ahrem herzu⸗ hter in s einer in aus⸗ iſt; du , möge — nun von dir r heran, icht Luſt, zu laſſen. man ſieht gauend, Vor dem Luſtſpiele. 159 einigen hundert Füßen, ehe dann tiefe, erwartungsvolle Stille eintrat. Dieſe tiefe Stille hatte etwas Wohlthuendes, aber auch wieder etwas Beengendes für den lauſchenden Schriftſteller; er ſaß wie auf Kohlen, als der Legations⸗Secretär, Vicomte de Neufville, raſch aus dem Nebenzimmer tretend, eine Kunſt⸗ pauſe machte, ehe er begann; auch verſprach ſich dieſer un⸗ glückliche junge Menſch ſchon in der erſten Zeile, indem er ſtatt Salon Boudoir ſagte. Bander fürchtete ſchon, im Publikum ein Hohnlächeln zu vernehmen, weil er, der unſchuldige Neuling, noch nicht wußte, was man in ähnlichen Fällen dem Publikum alles zu bieten vermag. War es doch von all den Hun⸗ derten da drunten jedem vollkommen gleichgültig, ob der Vi⸗ comte de Neußfvoille die Herzogin im Boudoir oder im Salon geſehen hatte. Das aber iſt ja gerade die Qual eines zuhorchenden Autors, daß er ſein Stück auswendig weiß bis zu Komma's und Gedankenſtrichen, daß er in der Einbildung, ein Satz könne, müſſe und ſolle nur gerade ſo geſagt werden, wie er ihn niedergeſchrieben, ſein Haar ſich augenblicklich empor⸗ ſträuben fühlt, wenn ihn der denkende Künſtler auf den Kopf ſtellt oder herumdreht. Bei ſolchen Vorfällen, die häufig genug eintraten, lauſchte Bander jedesmal athemlos ins Haus hinunter, ob ſich dort kein Ton des Mißfallens vernehmen laſſe, und beruhigte ſich erſt nach einigen Sekunden wieder, wenn er von unten herauf nichts vernahm, als das gewöhnliche und ſich immer wieder⸗ holende Geräuſch des großen Pablikums: Huſten, das Schar⸗ 160 Einundfünfzigſtes Kapitel. ren eines Fußes, das Rücken eines Stuhles, das Klirren eines Säbels. Endlich hatte er ſich daran gewöhnt und ertrug es ge⸗ duldig, häufig andere Worte zu hören, als er dem Künſtler in den Mund gelegt. Jetzt aber drückte eine andere Qual ſchwer wie ein Alp auf ſeinem Herzen: da war gleich in der zweiten Scene eine heitere Wendung, ein paar witzige Worte, die unbedingt ein zuſtimmendes Lachen hervorrufen mußten. Als dieſe Stelle kam, lauſchte er mit angehaltenem Athem — umſonſt, drunten im Publikum vernahm man nichts Außer⸗ gewöhnliches; die Stelle, von der er ſich ſo viel verſprochen, war ſpurlos vorübergegangen, und der arme Schriftſteller in ſeinem Winkel ſchien der Einzige geweſen zu ſein, der die witzige Bemerkung krampfhaft belächelt— o, dieſes Publi⸗ kum! Wie möchte man es ermuntern und beleben, wie be⸗ greift man die Möglichkeit, daß es kalt bleiben kann bei einer Scene, die uns ſo heiter und glücklich angelegt ſchien, bei der wir ſelbſt lächelten, ſo oft wir ſie laſen! O, ver— möchten wir, es aus ſeiner trägen Ruhe außzurütteln, dieſes kalte, langweilige, phlegmatiſche Publikum! Sollte man nicht glauben, gerade der Schluß dieſer Scene müßte mit einem herzlichen Lachen, mit einem Ausdruck des Beifalls belohnt werden? Auch eine zweite Stelle, von der wir uns Außer⸗ ordentliches verſprachen, geht ſpurlos vorüber— o, dieſes Publikum! In deiner Seelenangſt begreifſt du nicht, daß es dem neuen Namen und dem neuen Werke gegenüber mißtrauiſch iſt, daß vielleicht die von dir geſchilderten Situationen ihm neu ſind, daß deine Sprache fremd und ungewohnt klingt und und merk Vern wärn wort und mit gekrät ein lo 3 Rede für di 6 Schri bei de ſeinen man zeigt nach d dauern gebroch „ Stimm Verſchl treten mit ein D Hack trren 3 ge⸗ aſtler Qual n der Jorte, ßten. lthem ußer⸗ ſchen, ſteller er die Publi⸗ ie be⸗ in bei ſchien, „ver⸗ dieſes nicht einem helohnt Außer⸗ dieſes es dem rauiſch en ihm klingt Vor dem Luſtſpiele. 161 und daß es ſchon ſehr viel gethan, da es deiner Expoſition und dem Anfange deines erſten Actes mit ungetheilter Auf merkſamkeit zulauſcht. Dieſer erſte Act naht ſich mit ſeiner pikanten, geiſtreichen Verwicklung ſeinem Schluſſe. Die Zuhörer ſind etwas er⸗ wärmt, horchen in dieſem Augenblicke geſpannt auf die Ant— wort eines ihrer Lieblings⸗Schauſpieler, die Antwort gefällt und klingt an. Wie eine kalte, ſpiegelglatte Waſſerfläche jetzt mit einem Male von einem leichten Lufthauche angenehm gekräuſelt erſcheint, ſo bewegt das bis jetzt ſtille Publikum ein leiſe dahinflatterndes Beifallsgemurmel. Der Athem ſtockt dir in der Bruſt: wird die nächſte Rede zünden, wird ſich keine mitleidige Hand finden, welche für dich und dein Stück freundlich eintritt?— Ein kurzes, kräftiges und herzliches Lachen ertönt. Der Schriftſteller holt einen tiefen Athemzug, wie jemand, der bei der Gefahr des Ertrinkens plötzlich feſtes Land unter ſeinen Füßen fühlt— man lacht lauter und anhaltender, man rückt unruhig auf ſeinen Plätzen hin und her, man zeigt vergnügte Augen und heitere Mienen, und jetzt, wo nach dem erſten Act der Vorhang niederfällt, zeigt ein lange dauernder und ſchallender Applaus, daß das Stück ſich Bahn gebrochen.— „Gewonnen!“ ruft Herr Richter mit lauter, herzlicher Stimme ſeinem Freunde zu, der wie betäubt hinter dem Verſchlage ſitzen geblieben iſt, und erſt auf die Bühne zu treten wagt, nachdem der Regiſſeur, Herr Schmelzer, ihn mit einem freundlichen Glückwunſche hierzu aufgefordert hatte. Die Decoration wird nun geändert; aber die Damen Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 11 162 Einundfünfzigſtes Kapitel. ziehen ſich um, weßhalb ein längerer Zwiſchenact gemacht werden muß. Die Künſtler ſtehen auf der jetzt halbdunkeln Bühne beiſammen, und der Geſandte, Herr Norder, ſagte: „Bei der erſten Scene hatte ich wahrhaftig etwas Angſt, das Publikum nahm alles verflucht kühl auf.“ „Kühl kann man doch nicht ſagen,“ meinte der Herzog, Herr Süder,„im Gegentheil, ich habe ſie ſeit langer Zeit nicht ſo aufmerkſam geſehen, und wie pünktlich ſie da waren! Sogar von der erſten Gallerie wurde man nicht durch Auf— und Zuklappen der Sperrſitze geſtört.“ „Bis zur vierten Scene,“ miſchte ſich Herr Regiſſeur Schmelzer in das Geſpräch,„wußte ich nicht, was ich daraus machen ſollte. Lieber, junger Freund,“ wandte er ſich an den Schriftſteller, der ſchüchtern in einiger Entfernung ſtehen geblieben war,„bedanken Sie ſich noch ſpeciell bei Ihrem vortrefflichen Marquis. Als er ſagte: znun, ſo werden es zwei Briefe mit der gleichen Adreſſe geweſen ſein,“ da fuhr es wie ein zündender Funke in das Publikum hinein.— „Finden Sie nicht auch,“ fragte er Herrn Norder,„daß unſer verehrter College das mit einer wunderbaren Mimik geſagt?“ „Ausgezeichnet, wie immer,“ erwiderte der Geſandte, worauf der Herzog, Herr Süder, achſelzuckend ſagte:„Man muß aber dabei nicht vergeſſen, daß das Komiſche an dieſer Stelle eben in der Situation lag. Ich war zum Voraus überzeugt, das Publikum würde bei dieſer Stelle anfangen, warm zu werden.“ „Das Publikum will eben zu rechter Zeit gepackt ſein,“ ſprach ein langer und finſterer Mann mit einer tiefen, etwas näſelnden Stimme,„und es iſt die Kunſt des Schauſpielers, das zu dar gen voll näh dem Ihr gen Sti mich wen Sch um gard Büh ſetzte zuder des trete denern gaber anda hätte Herr kam, emacht unkeln ſagte: Angſt, derzog, r Zeit vwaren! Auf⸗ giſſeur daraus ich an ſtehen Ihrem den es a fuhr in.— „daß Mimik ſandte, „Man dieſer Boraus angen, ſein,“ etwas vielers, Vor dem Luſtſpiele. 163 das Publikum zur rechten Zeit und an der rechten Stelle zu faſſen. Freilich verſteht das nicht jeder, aber es zu thun, darin liegt gerade die Befähigung eines Künſtlers.“ Der Intendant des Hoftheaters, welcher in dieſem Au— genblicke erſchien, ließ den Kreis der Künſtler mit ehrfurchts⸗ vollen Verbeugungen aus einander treten; der freundliche Chef näherte ſich dem jungen Manne und ſprach in wohlwollen⸗ dem Tone:„Sie ſehen, daß ich mich nicht geirrt, als ich Ihnen ſagte, ſchon der erſte Act müſſe entſchieden durchſchla⸗ gen, und ich glaube, man kann Ihren Erfolg mit dieſem Stücke als einen vollkommen gelungenen bezeichnen, was mich herzlich freut.— Nur keine zu langen Entre-⸗Acts, wenn ich bitten darf,“ wandte er ſich an Herrn Regiſſeur Schmelzer, welcher bei dieſen Worten von der Bühne eilte, um nach dem Inſpicienten zu ſehen, der nach der Damen⸗ garderobe gegangen war, um dort ein wenig zu treiben. Endlich ertönte ſeine Klingel wieder. Die auf der Bühne Verſammelten traten hinter die Couliſſen, Herr Bander ſetzte ſich in ſeinen Verſchlag, und der zweite Act begann. Wie wir uns ſchon bei der Leſeprobe erlaubt haben an⸗ zudeuten, ſo ſteigerte gleich die erſte Scene die Stimmung des erwärmten Publikums; von einem kleinen, ſporadiſch anf⸗ tretenden Applaus war keine Rede mehr, und die Zuhörer, denen das Stück zuſehens immer beſſer und beſſer gefiel, gaben ihren Beifall in langen, rauſchenden Lagen kund. Nach dem zweiten Acte war der Applaus ſo lang und andauernd, daß es nur ein paar kräftiger Stimmen bedurft hätte, um ihn zu einem Hervorruf zu ſteigern; doch bemerkte Herr Benzenberger, welcher im Zwiſchenacte auf die Bühne kam, ſehr richtig, wenn ein Hervorruf glanzvoll ſein ſolle 164 Einundfünfzigſtes Kapitel. und von großer Wirkung, ſo müſſe er nicht von ein paar Le ſchüchternen Schreiern hier und da ausgehen, ſondern man F müſſe fühlen, daß dieſer allgemeine Ruf aus dem Herzen des lei geſammten Publikums komme. Wenn man mich hervor⸗ un ruft,“ ſetzte er würdevoll hinzu,„ſo bin ich deſſen nicht an⸗ ders gewohnt, und Sie werden ſehen,“ ſchloß er, indem er ſic dem Schriftſteller auf die Schulter klopfte,„daß es am der Schluſſe Ihres Stückes gerade ſo ſein wird. Nur nichts ihr derart tropfenweiſe. Das muß hervorfluten, wie aus einer geöffneten Schleuſe.“ Und ſo war es denn auch am Schluſſe des Luſtſpiels; man hätte ſagen können: einſtimmig jubelnd verlangte das Publikum den glücklichen Schriftſteller zu ſehen. Und als der Regiſſeur, Herr Schmelzer, ihn aus ſeinem Verſchlage hinter dem Portalvorhange abholte, dann hinten herum an die Mittelthür der Decoration führte, hielt es dieſer wohl⸗ wollende und freundliche Beamte für nöthig, den ſo ſtürmiſch V Hervorgerufenen zu ermahnen, ja mit großer Ruhe geradeaus zu gehen, nicht rechts und nicht links nach der Couliſſe hin⸗ zudrängen, denn Bander ſchien wie betäubt von ſeinem Glücke. Seine Augen blickten ſtarr vor ſich hin, er athmete ſchwer und mühſam und konnte ſich kaum aufrecht erhalten.— Son⸗ derbar, daß es ihm heute aus der ganz entgegengeſetzten Urſache gerade ſo zu Muthe war, als wie er damals in der Rolle des Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet vor die Lampen treten mußte. Und dieſe ſonſt ſo feſt ſtehenden Lampen tanzten auch jetzt wieder in Schlangenlinien vor ſeinen Augen, drunten die Lichter und das Publikum erſchienen ihm wie ein wogen⸗ des Meer, das ihn zu verſchlingen drohte. Und als ein paar man des rvor⸗ an⸗ m er am ichts einer iels; das als hlage n an vohl⸗ niſch eaus hin⸗ ücke. hwer Son⸗ tzten 3 in reten auch nten gen⸗ ein Vor dem Luſtſpiele. 165 Lorberkranz, von freundlicher Hand geworfen, dicht vor ſeine Füße niederfiel, fuhr er faſt erſchrocken zurück und wäre viel⸗ leicht geflohen, wenn ſich der Portalvorhang nicht langſam und beruhigend zwiſchen ihn und ſeine Verehrer geſenkt. Darauf that er einen tiefen Athemzug, blickte ſcheu um ſich und wußte jetzt erſt wieder ganz genau, daß er ſich auf der Bühne befand, daß ſein Stück gefallen und daß man ihn herausgerufen habe. ☛‿ 4 5 ——— — — gel die no hei noe gel von — Zweiundfünfzigſtes Kapitel. 3 V im Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. Ch . 6 V reie um Bander war immer noch wie im Traum, er hörte das ſcht Publikum brauſend abziehen, lachend und plaudernd, die abe unberechenbare Menge, die ihn vor Kurzem tief in den Staub dan geworfen, die ihn heute auf den Schild emporhob. Wie es ſagt eigentlich kam, daß ihm heute wieder jener unglückliche Abend V war ſo lebhaft vor die Seele trat, wußte er nicht, aber es war um ſo, und trotzdem er heute erreicht, was er damals vergeblich b angeſtrebt, fühlte er ſich kaum glücklich. Die Spannung kom ſeines Herzens hatte aufgehört, alle ſeine Gedanken zu er⸗ V Tar füllen, die bis zum jetzigen Augenblick ſeiner Arbeit gegolten V hatten, und wieder erſchien ihm ihr Bild in eben ſo weiter, Sti unerreichbarer Ferne, als daſſelbe damals dem armen Sidi⸗ raſe ben⸗Aben⸗Hamet erſchienen war. verr Ja, die Vorſtellung war zu Ende, heute wie damals. kann Die Künſtler und Künſtlerinnen verließen haſtig die Bühne, ſten um in die Garderoben und in ihre gewöhnlichen Kleider zu dali e das , die Staub Jie es Abend 3 war geblich nnung zu er⸗ golten veiter, Sidi⸗ aimals. Zühne, der zu Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 167 gelangen. Das Publikum hatte die weiten Räume verlaſſen, die Gaslichter fingen an zu erlöſchen, und er träumte immer noch wie damals denſelben Traum, und heute war er Wahr⸗. heit geworden. Der Intendant, der nach Hauſe ging, trat noch einmal zu ihm auf die Bühne und ſagte:„Vortrefflich gelungen, Herr Bander, beſuchen Sie mich morgen Mittag vor zwölf Uhr. Seine Majeſtät der König hat mir befohlen, Ihnen für Ihr gelungenes Werk eine außerordentliche Be⸗ lohnung zu überreichen.“— Dabei hatte ſie freundlich gelächelt. Dieſes Mal nicht im Traume, ſondern in Wirklichkeit; ja, ſie ſtand neben dem Chef des Hoftheaters, der ſie ehrfurchtsvoll grüßte. Sie reichte dem jungen Schriftſteller ihre Hand aus dem dicht umhüllenden Shawl hervor; ſie ſagte:„Es war ſehr, ſehr ſchön, und ich fühlte mich glücklich für Sie!“ Ja, ſie lächelte, aber es war kein heiteres Lächeln, und nachdem der Inten⸗ dant die Bühne verlaſſen, trat ſie dicht auf Bander zu und ſagte, wobei das Lächeln ganz von ihren Zügen verſchwunden war:„Sie ſind vielleicht ſo freundlich, mich morgen früh um zehn Uhr zu beſuchen, ich muß Sie dringend ſprechen.“ Er antwortete ihr mit einem leiſen:„Ja, ich werde kommen;“ worauf ſie ihn verließ— Roſa die Tänzerin und Tante Roſa.——— „Und nun gute Nacht, Herrendienſt!“ rief eine luſtige Stimme hinter ihm, die ſeines Freundes Richter, der ſich raſch aus dem eleganten Lakaien in den ärmlichen Choriſten verwandelt.„Wenn du deine Lorbern nicht allein tragen kannſt,“ ſetzte er heiter hinzu,„ſo will ich dir helfen, wenig⸗ ſtens den Kranz dort aufzuheben, der noch immer unbeachtet daliegt.“ 5 — — 168 Zweinundfünfzigſtes Kapitel. „Ja, wir wollen ihn zur Erinnerung mitnehmen,“ ent⸗ gegnete Bander, aus ſeinem Traume erwachend. „Mitnehmen nicht,“ lachte der Choriſt,„aufheben will ich ihn bis morgen in der Garderobe. Es würde komiſch ausſehen, wenn wir ins Wirthshäuſel zögen mit einem Lor⸗ berkranze auf dem Kopfe, und dahin zieht's meine Seele ſtark. Komm, mein Freund! Im Vertrauen geſagt, ſo habe ich, deine Sorgloſigkeit kennend, für den heutigen Abend einige Gulden zuſammengeſpart, denn ich möchte heute unſer gewöhnliches Koſthaus vermeiden, ſchon der ſauren Nieren wegen, und dann auch um keinem Bekannten zu begegnen. Ich weiß ein vortreffliches kleines Wirthshaus mit einem Erker, wo ein Tiſch mit zwei Stühlen Platz hat— dahin, dahin will ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!— „Gute Nacht, ihr dunkeln Räume,“ declamirte er hierauf mit Pathos,„lebt wohl, ihr erlöſchenden Gasflammen, auch du, alter ſtaubiger Vorhang, den ich ſeufzend ſo oft empor⸗ fliegen ſah und deſſen Niederrauſchen ich ſtets mit Wonne begrüßte! Lebt wohl, ihr hölzernen Berge— alle und ihr gemalten Waſſerfälle, auch ihr Bäume mit ewig trockenem Laube und ihr Blumen ohne Duft! Ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl ſagt mir, als ſollte ich euch alle, ihr reizenden Gegen⸗ ſtände, nicht wiederſehen. Komm, mein Freund! Dort zieht ſchon die nächtliche Runde auf, und der Wächter wird uns wegweiſen. „Zieht, ihr Krieger, zieht von dannen In die ruhigen Kabanen, Und des holden Friedens Glück Kehre nun mit euch zurück!“ ſang er mit volltönender Stimme, während Beide das Haus verließen.— blie ob Lin zu erle wiſ den Rie ſo erit zu wir Plo gan Ga daß gan nich wen war Roſ vor ſage Wa mit Rul ent⸗ will niſch Lor⸗ beele habe bend mſer heren nen. inem ahin, erauf auch por⸗ onne d ihr enem Ge⸗ egen⸗ zieht uns Haus Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 169 Auf dem Platze draußen blieb der Choriſt einen Augen⸗ blick ſtehen und ſagte zurückſchauend:„Ich möchte wiſſen, ob die dunkeln Fenſter dort oben mir auch, wie dem alten Limmer, zurufen möchten: Vergiß nicht, morgen früh wieder zu kommen. Ja, wenn ſie es thäten, müßte ich mir doch erlauben, dieſem Wunſche nicht Folge zu leiſten, da ich ge— wiß bin, daß du, wenn du morgen zu dem Intendanten gehſt, dem geſtrengen Herrn ſagen wirſt: Da ich und mein Freund Richter uns entſchloſſen haben, ein wenig die Welt zu ſehen, ſo werden Euer Hochwohlgeboren wohl nichts dagegen zu erinnern wiſſen, dieſem vortrefflichen Chorſänger den Abſchied zu bewilligen.“ Das Erkerzimmer, deſſen Herr Richter erwähnt, war wirklich ein behagliches Plätzchen, zum Ausruhen und zum Plaudern wie geſchaffen. Doch plauderte Richter eigentlich ganz allein, er recapitulirte das ganze Stück, lobte es im Ganzen und Einzelnen und war dabei der feſten Ueberzeugung, daß nach einem ſo glänzenden Anfang ein eben ſolcher Fort⸗ gang von ſelbſt kommen müßte. Was Eſſen und Trinken anbelangte, ſo wurde das auch nicht vergeſſen, namentlich nicht von Seiten des Choriſten, wenn auch Bander zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt war, um es ſeinem Freunde gleich zu thun. Er freute ſich, Roſa morgen wieder ſehen zu dürfen, und doch bangte ihm vor dieſer Unterredung. Was konnte ihm Roſa die Tänzerin ſagen, was er nicht viel lieber von Tante Roſa gehört hätte? War es wohl denkbar, daß ein verwandelndes Schickſal ſo mit einem Male alle Glücksgüter auf ihn häufen würde, Ruhm und Liebe? Konnte er glauben, Roſa die Tänzerin 5 170 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. werde das ſüße Verſprechen erfüllen, welches ihm Tante Roſa gegeben? „Stoße wenigſtens mit mir an, wenn du auch nicht trinken willſt,“ ſagte Richter luſtig,„unſer Herr Förſter ſoll leben! Das Wohl des Dienſtherrn wirſt du wohl trinken?“ Bander benetzte ſeine Lippen, und in dem gold⸗glänzen⸗ den Weine, der im Widerſchein der Gasflamme leuchtete, glaubte er momentan eine leuchtende, auch von der Liebe beſtrahlte Zukunft zu erblicken— wenn ſie jenes Verſprechen doch erfüllte, wenn ſie ihm ſchüchtern entgegenträte, nicht mit jenen trotzigen, aufgeworfenen Lippen, die ſeine Luſt und ſeine Qual waren, wann er ſie auf der Bühne geſehen; wenn ſie ihm die Hände reichte und zu ihm ſpräche: Ich habe genug an jenem glänzenden und gehaltloſen Leben, ich habe deinen liebenden Sinn, dein treues Herz erkannt, Roſa die Tän⸗ zerin ſoll zurückbleiben, Tante Roſa will dir folgen und will mit dir theilen ein Leben reich an Glück und an Liebe!— O, wenn ſie ſo ſpräche, wenn ſie ihm alsdann erlaubte, trunken vor Seligkeit und Liebe zu ihren Füßen niederzu⸗ ſinken und alsdann jauchzend aufſpringend, ſie an ſein Herz zu drücken! „Jungfer Agathe ſoll leben!“ ſagte der unermüdliche Richter, deſſen Augen luſtig funkelten.„Auf das Wohl deiner Braut wirſt du doch trinken!“— Küſſe mich, küſſe deine Braut, hatte ſie geſagt, aber noch jetzt brannte ſeine Lippen jener erſte Kuß— der erſte — hoffentlich nicht der letzte; halten wir ihn feſt, dieſen glückſeligen Gedanken!— Haſtig trank er ſein Glas aus und leerte es abermals, da es ihm ſein geſchäftiger Freund raſch auffüllte. ged laß mac lich ſen ſchöꝛ Sag Aben die zu g durch deren münd — ſie nug inen Tän⸗ will 1— ubte, erzu⸗ Herz bliche einer aber erſte dieſen aus reund Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 171 „So gefällſt du mir,“ rief dieſer;„lange genug hat es gedauert, ehe es endlich bei dir zum Durchbruch kam. So laß uns denn anſtoßen auf eine heitere, glückliche Zukunft.“ „Auf eine heitere, glückliche Zukunft!“ wiederholte Bander. „Und auf unſer Vorhaben, die Welt zu ſehen.“ „Alles, alles, was du willſt und was uns glücklich macht!“ „Da du ein ſo guter Kerl biſt, ſo will ich auch ernſt⸗ lich an ſie denken, die doch feſt mit deinem Herzen verwach— ſen— an Tante Roſa.“— „Ja, auf ihr Wohl und auch auf das von Roſa der ſchönen Tänzerin.“ „Meinetwegen ein volles Glas!“— „Selbſt wenn beide eine und dieſelbe wären?“ „Meinetwegen auch dann,“ lallte Richter.— „Und nun wollen wir nach Hauſe gehen,“ ſagte Bander, indem er die Neige des Weins in das Glas ſeines Freundes goß,„ich fühle mich müde und abgeſpannt und ſehne mich nach Ruhe.“ „Der Ruhe könnte ich allenfalls entbehren, doch folge ich der eiſernen Nothwendigkeit unſeres leeren Geldbeutels. Sagen wir: Fortſetzung folgt, denn ich muß wenigſtens drei Abende haben, um deinen Erfolg würdig feiern zu können.“— Es war ſpät geworden, als ſie nach Hauſe gingen, und die Straßen lagen einſam und ſtill. Um zu ihrer Wohnung zu gelangen, mußten ſie einen wenig belebten Stadttheil durchſchreiten, der an eine öffentliche Promenade ſtieß, an deren einer Seite ein paar der ſchönſten Straßen der Stadt mündeten.— „Wahrfcheinlich findet der hochweiſe Stadtrath in ſeinem 2 “ 172 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Privat⸗Kalender heute Mondſchein verzeichnet,“ brummte Herr Richter, als ſie unter die Bäume traten, wo es aller⸗ dings ziemlich dunkel war;„es iſt hier ſo finſter, wie in einer Kuh.“ „Dieſer Vergleich iſt kein Compliment für dich,“ ent⸗ gegnete Bander.„Man könnte dich fragen: woher kommt dir dieſe Wiſſenſchaft— aber halt!“ unterbrach er plötzlich den heiteren Ton ſeiner Entgegnung,„hörteſt du nichts?“ „Nichts, als das Murmeln eines Springbrunnens, der die Langeweile der Nacht damit verbringt, ſich ſelbſt Ge⸗ ſchichten zu erzählen.“ „Nein, nein,“ rief der Andere im Tone des Schreckens, „és iſt etwas Anderes! Ich beſchwöre dich, bleibe einen Au⸗ genblick ruhig ſtehen— nun, hörſt du noch nichts?“ „Beim Himmel, und etwas recht Verdächtiges, dort zu unſerer Rechten, und zwar nicht weit von der Fontaine!“ „Raſch dorthin, du von rechts, ich von links, das iſt ja ein entſetzlicher Klang, gerade, als erwürge man einen Menſchen!“ Damit flogen die beiden jungen Leute in der angegebe⸗ nen Richtung fort, und Richter war noch nicht weit gekom⸗ men, als er aus dem Dunkel eine Geſtalt ſich ablöſen ſah, die eilig an ihm vorüber huſchte. Er machte einen verzwei⸗ felten Sprung, um ſich auf ſie zu werfen, erreichte auch mit den Fingern der ausgeſtreckten Hand das tuchene Kleid des Davonſtürzenden, doch wandte ſich dieſer mit einer ſchlangen⸗ artigen Behendigkeit. Richter ſah während einer Sekunde die Klinge des langen Meſſers vor ſeinen Augen funkeln, hatte aber, gleich zurückfahrend, doch die Geiſtesgegenwart, den nach ihm geführten Stoß mit dem Stocke abzuwehren und ſchw Kop raſch geeilt ſeinen Man Athen Geſic das( bring er au Schre „ „ zurück nes n. netter wäre. im W 4 5 ernſt; 8 Ir fallenen auf, ſe ſtens a mmte einen egebe⸗ gekom⸗ n ſah, rzwei⸗ h mit d des ungen⸗ ekunde inkeln, mwart, vehren Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 173 und dann denſelben ſauſend über den Davoneilenden zu ſchwingen, wobei er fühlte, daß der Stock krachend auf deſſen Kopf niederfiel. Dann war alles verſchwunden, und er hörte raſche, eilende Fußtritte. Bander war von der anderen Seite nach der Fontaine geeilt, und als der Choriſt nun auch dort ankam, fand er ſeinen Freund auf einer Bank ſitzend, in ſeinen Arme Mann haltend, der nach ſ nur noch n einen ekundenlangem, ſchwerem, tiefem Athemholen langſam ſeine Rechte erhob und damit über ſein Geſicht fuhr. „Schöpfe mit der Hand etwas Waſſer, daß wir ihm das Geſicht waſchen, das wird ihn raſcher wieder zu ſich bringen. Biſt du mit dem Anderen zuſammengetroffen?“ „Ich ſchlug ihn über ſeinen harten Schädel, und wenn er auch nicht zuſammenfiel, ſo wird er doch eine ordentliche Schramme davontragen.“ „Begreifſt du dieſe Geſchichte?“ „O, die iſt ſehr einfach,“ entgegnete Richter, indem er zurückkam und die Stirn und die Lippen des fremden Man⸗ nes mit dem kalten Waſſer netzte.„Das war ein kleiner, netter Mordanfall, der wahrſcheinlich ohne uns gelungen wäre. Da ſiehſt du, wie ſegensreich es iſt, wenn man lange im Wirthshauſe bleibt!“ „Laß dieſe Bemerkungen jetzt, die Sache hier iſt zu ernſt; er erholt ſich ſehr langſam.“ „Aber er erholt ſich,“ gab Richter, der ſich auf den Ge⸗ fallenen niedergebeugt hatte, zur Antwort.„Er ſeufzt tief auf, ſeine Augenlider beginnen zu zucken, er wird ſie näch⸗ ſtens aufſchlagen.“ . — — 174 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Und ſo war es in der That. Der Fremde öffnete ſeine Augen, und als er die beiden ihm unbekannten Menſchen ſah, zuckte er, vielleicht einen zweiten mörderiſchen Streich erwartend, unwillkürlich zuſammen. „Unbeſorgt, mein lieber Herr,“ rief Richter, welcher dieſe Bewegung verſtand, mit freundlicher Stimme;„danken Sie Gott, daß wir zufällig hier vorüberkamen, leider jedoch um einige Sekunden zu ſpät, denn ſonſt würde es mir viel— leicht doch gelungen ſein, dieſem Gaudieb ſeinen Dickſchädel einzuſchlagen.“ Der Fremde richtete ſich mit der Beihülfe Bander's ſo weit auf, daß er auf die Bank zu ſitzen kam; dann blickte er verwundert um ſich und ſagte, nachdem er ein paarmal vergeblich zu ſprechen verſucht:„Das kam wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel. Wo bin ich denn eigentlich?“ „Auf der Steinthor-Promenade, wenn Ihnen dieſer Name bekannt iſt,“ antwortete Richter. „O ja, und auch der Ort; dort iſt ja die Fontaine, es iſt mein gewöhnlicher Spaziergang, weil ich das Murmeln des Waſſers ſo ſehr liebe.“ „Ein Spaziergang, der Ihnen heute Abend hätte ſchlecht bekommen können,“ meinte Herr Richter. „A— a— a- ah, ich habe nicht geglaubt, daß dergleichen in dem ruhigen Deutſchland vorfällt!“ „Das iſt aber auch der erſte Fall, von dem ich gehört,“ ſagte Bander;„und wie kam es denn? Wurden Sie plötzlich überfallen, wollte man Sie vielleicht berauben?“ „Das weiß ich nicht genau anzugeben. Die Sache ver⸗ hält ſich ſo: Ich wohne in einer der benachbarten Straßen, und da ich am Tage nicht gern ausgehe, ſo benutze ich die St ein da hab ſein Abe und hier zula auch Plö⸗ gebe dem ſiund erlät führ! hielt linke ſehen iſt v Richt vor und à Polize gern den S eine chen eich ſcher nken doch viel⸗ ädel s ſo lickte rmal trahl dieſer e, es meln hlecht eichen hört,“ ötzlich e ver⸗ raßen, ich die Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 175 Stunden der Nacht, um friſche Luft zu ſchöpfen. Schon einige Male kam es mir dabei vor, als folge mir jemand; da ich aber in der hieſigen Stadt wenig Bekanntſchaften habe, ſo ſchien mir eine ſolche Verfolgung unabſichtlich zu ſein, und ich kümmerte mich weiter nicht darum. Heute Abend war ich nun mehrere Male unter den Bäumen hin und her gegangen, und ſetzte mich alsdann auf die Bank hier, um dem geſchäftigen Plaudern des Waſſerſtrahles zu⸗ zulauſchen. Ich verſank dabei in tiefes Nachſinnen, was mich auch wohl das Heranſchleichen jenes Elenden überhören ließ. Plötzlich fühlte ich meinen Hals wie mit einer Schlinge um— geben, ich faßte ſie, ſuchte meinen Hals mit aller Kraft von dem, was ihn umgab, zu befreien, verlor aber dabei die Be⸗ ſinnung und muß zu Boden geſtürzt ſein.“ „Das war der Augenblick, wo wir herbeiſprangen,“ erläuterte Herr Richter,„und ſo glücklich waren, die Aus⸗ führung jenes Bubenſtücks zu verhindern.“ „Die Schlinge, welche er mir um den Hals geworfen, hielt ich krampfhaft feſt,“ ſagte der Fremde, indem er ſeine linke Hand erhob,„hier iſt ſie; ein eigenthümlicher Laſſo, ſehen Sie, er hat eine gute Länge, vielleicht drei Fuß, und iſt von Seide.“ „Es ſieht eher aus wie eine Schärpe,“ meinte Herr Richter, nachdem er es genau betrachtet.„Das müſſen wir vor allen Dingen gut aufheben, es könnte zur Entdeckung und Beſtrafung des Verbrechers führen.“ „Vor allen Dingen,“ ſagte Bander,„muß man die Polizei davon benachrichtigen, und wir ſind natürlicher Weiſe gern bereit, Ihnen als Zeugen zu dienen. Zuerſt aber wer⸗ den Sie uns erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu geleiten; 176 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Ihr Arm zittert, und es könnte Sie eine abermalige Schwäche überfallen.“ „Ihr Anerbieten nehme ich dankbar an, da ich mich in der That von dem Vorfalle noch abgeſpannt fühle. Sie erlauben mir vielleicht, mich auf Ihren Arm zu ſtützen, während Sie mich nach Hauſe begleiten. Ich werde dann dort ſo glücklich ſein, meine Herren, Ihre Namen zu er⸗ fahren.“ Der Fremde erhob ſich bei dieſen Worten etwas müh⸗ ſam und ſtützte ſich auf den Arm Bander's, während Richter an der andern Seite ging und die zuſammengewickelte Schärpe trug. Bald hatten ſie die Promenade hinter ſich, bogen in eine der Straßen, die hier mündeten, ein, und nach wenigen Minuten blieb der Fremde vor einem Hauſe ſtehen, wollte aber durchaus nicht dulden, daß ſich die Beiden, wie es ihre Abſicht war, hier entfernten.„Ich bitte Sie drin⸗ gend,“ ſagte er,„einen Augenblick mit mir hinauf zu gehen; mein Freund, bei dem ich wohne, wird ſich ebenfalls glücklich ſchätzen, Sie zu ſehen.“ Schon war die Thür des Hauſes durch den Bedienten des Herrn von Scherra geöffnet worden, welcher ziemlich erſtaunt drein ſchaute, daß die beiden ihm Unbekannten ſo ſpät in der Nacht den Marcheſe begleiteten. „Ihr Herr iſt noch nicht zu Bette?“ fragte dieſer, und als der Diener die Antwort gab, er ſitze noch bei ſeinen Büchern, ſchritten alle Drei die Treppen hinauf. Herr von Scherra, der in ſeinem Schreibzimmer war, ſah mit nicht geringer Verwunderung die Begleitung ſeines Gaſtes, und dieſe Verwunderung ſteigerte ſich zum Aus⸗ bruche des Schreckens, da ihm der Marcheſe den Vorfall von! die E derſel einen faſſen Band ſamm innere March einen ich, in allen / ſem e ſo kön bin ül zu hab / Scherr zureiſer auch i Hack üh⸗ ber elte ich, nach hen, wie rin⸗ hen; klich nten nlich n ſo und einen war, eines Aus⸗ orfall Nach dem Lnſtſpiel— ein Trauerſpiel. 1717 4 von vorhin mittheilte. Förmlich entſetzt aber blickte er auf die Schärpe, welche ihm Herr Richter darreichte, als er in derſelben Juſſuf's Palu erkannte. Gewaltſam drängte er einen Ausruf zurück und mußte die Lehne ſeines Seſſels faſſen, ſo furchtbar wirkte dieſes Ereigniß auf ihn. „Wir haben den Herrn auf ſeine Bitte begleitet,“ ſagte Bander,„und wiederholen, daß wir gern bereit ſind, ihm nöthigenfalls als Zeugen zu dienen.“ Herr von Scherra wehrte mit der Hand ängſtlich von ſich ab; er hatte völlig das Gleichgewicht verloren, was ihm ſonſt nie vorkam. Er brauchte einige Minuten, um ſich zu ſammeln, und dann zitterte ſeine Stimme immer noch vor innerer Aufregung, als er ſagte:„Das iſt ein entſetzlicher und förmlich räthſelhafter Vorfall; wird es nützlich ſein, die öffentliche Aufmerkſamkeit darauf zu lenken?“ „Daran habe auch ich ſchon gedacht,“ erwiderte der Marcheſe,„und da ich geneigt bin, dieſes Verbrechen für einen ganz gewöhnlichen Raubanfall anzuſehen, ſo möchte ich, im Begriffe, das Land für immer zu verlaſſen, lieber mit allen gerichtlichen Weitläufigkeiten verſchont bleiben.“ „Da ich ſo glücklich war,“ ſagte Herr Richter,„die⸗ ſem elenden Kerl tüchtig eins über den Kopf zu hauen, ſo könnte das leicht zu einer Entdeckung führen, denn ich bin überzeugt, ihm eine ordentliche Schmarre beigebracht zu haben.“ „Eine derartige Unterſuchung,“ erwiderte Herr von Scherra haſtig,„würde Sie allerdings daran hindern, ab⸗ zureiſen, und wenn ich die Sache genau überlege, ſo muß auch ich mich zu der Anſicht bekennen, daß es ein gewöhn⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 12 178 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. licher Raubanfall war, bei dem Ihre Perſon gar nicht in Betracht kam.“ Der Marcheſe blickte gedankenvoll in das Geſicht ſeines alten Freundes, und da er einen leichten Wink in den Augen deſſelben zu verſtehen ſchien, ſo wandte er ſich an die beiden Herren, die ihn herbegleitet, mit der höflichen Bitte, ihm ihre Namen nicht vorzuenthalten. Als Bander den ſeinigen mit einer leichten Verbeugung genannt, blickte Herr von Scherra auf und ſagte mit einem etwas erzwungenen Lächeln:„So habe ich wohl das Ver⸗ gnügen, den Verfaſſer des heutigen Stückes vor mir zu ſehen? Ich freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, wenn ich auch wünſchen möchte, daß es durch eine andere ange⸗ nehmere Urſache geſchehen wäre.“ „Und mir erlauben wohl die beiden Herren,“ antwortete der Marcheſe mit Wärme,„Ihnen jetzt nochmals meinen herzlichſten Dank auszuſprechen. Werden Sie mir wohl ge— ſtatten, Sie, meine Lebensretter, morgen aufzuſuchen, nur in der Abſicht,“ ſetzte er verbindlich hinzu,„um Ihnen vielleicht ſagen zu können, daß bei mir keine Spur von dieſem Ueber⸗ falle zurückgeblieben und daß Ihr ſchönes und edles Werk vollkommen gelungen iſt?“ Die vier Männer ſchüttelten ſich herzlich die Hände, was von Seiten des Herrn Richter mit großer Gravität geſchah; dann verließ er mit Bander Zimmer und Haus uud ſagte auf der Straße zu ſeinem Freunde:„Wenn das nicht ein glorreicher Abend war, würdig, daß er in den Annalen der Häuſer Richter und Bander mit goldenen Buchſtaben verzeichnet ſteht, ſo will ich wahrlich ein Ka⸗ meel ſein.“ ſein lan, ſeid Juſ in nes gen den ihre ung nem Ver⸗ zu denn nge⸗ rtete inen ge⸗ r in eicht eber⸗ Werk inde, vität Haus das den denen Ka⸗ Nach dem Luſtſpiel— ein Trauerſpiel. 179 Der Marcheſe, abgeſpannt und ermüdet, hatte ſich in ſein Zimmer zurückgezogen, wogegen Herr von Scherra noch lange an ſeinem Schreibtiſche ſitzen blieb, vor ſich das roth⸗ ſeidene Palu und beſchäftigt mit der furchtbaren Frage, ob Juſſuf's Hand hier allein im Spiele geweſen? Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Roſa's dunkle Stunde. Roſa hatte in der Frühe des anderen Morgens einige Zeilen an Herrn von Scherra zu ſchreiben verſucht; doch warf ſie die Feder weg, da ſie ihre Gedanken mit den Worten, die nun auf dem Papier ſtanden, nicht in Ein⸗ klang bringen konnte. Sie nahm ein⸗Buch, aber ſtatt zu leſen, blickte ſie über die Blätter hinweg an die Epheulaube ihres Fenſters, vor welchem ſie ſaß, und von dieſer glitten ihre Blicke an den blauen Himmel empor, der klar und voll Sonnenſchein in das Gemach blickte. Sie war in dem⸗ ſelben nicht allein; ihr gegenüber auf einem Schemel ſaß Eugen, welcher beſchäftigt war, einen Bilderbogen zu zer⸗ ſchneiden. „Da du nicht ſchreiben willſt,“ ſagte der aufmerkſame Knabe,„auch nicht leſen, denn ich ſehe, das Buch iſt in deinen Schooß gefallen, ſo wäre es am beſten, wenn du mir etwas erzählteſt.“ „Wenigſtens will ich mit dir plaudern,“ entgegnete ling zum auf Fra lich ben gute eige nige doch den Ein⸗ zu lube tten voll dem⸗ ſaß zer⸗ ſame ſt in n du gnete erzählen!“ Roſa's dunkle Stunde. 181 raſch die Tänzerin;„es iſt wahrhaftig beſſer, als ſich mit ſeinen unfruchtbaren Gedanken herumzuſchlagen.“ „Erzähle mir lieber etwas.“ „Und wovon?“ „O, mir iſt alles recht: vom Müller, der mit ſeinen Thieren auszog, oder vom Rieſen, der den kleinen Däum⸗ ling freſſen wollte; kurz, alles iſt mir recht.“ „Muß es denn gerade ein Märchen ſein?“ „Du kannſt mir auch eine wahre Geſchichte erzählen; zum Beiſpiel,“ fuhr das Kind fort, indem es die Scheere auf ſeinen Knieen ruhen ließ und aufblickte,„von der ſchönen Frau da oben, die aus ihrem goldenen Rahmen ſo freund⸗ lich herausſieht und die ich wohl kenne.“ „Weil ſie dir ſchöne Spielſachen und Zuckerzeug gege⸗ ben hat?“ „Und weil ſie mich küßt und zu mir ſagt: mein lieber, guter Eugen, mein einziges, ſüßes Kind! Warum ſagt ſie eigentlich ſo?“ „Weil ſie dich lieb hat.“ „Aber du haſt mich auch lieb und haſt noch nie geſagt, ich ſei dein einziges Kind!“ „O doch, das habe ich auch ſchon geſagt und werde es noch häufiger ſagen, wenn es dir recht iſt; jetzt aber will ich dir etwas Anderes erzählen.“ „Von der ſchönen Frau da oben?“ „Nein, aber von jemand, den du auch recht lieb haſt — von Herrn Bander.“ „Richter iſt mir lieber,“ gab das Kind mit großer Entſchiedenheit zur Antwort,„von dem ſollſt du mir auch —ͤ — — — — — Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Das ſoll auch geſchehen; aber von Bander wollte ich dir nur ſagen, daß er hieher kommt und mich beſucht und daß du auch ein wenig mit ihm plaudern darfſt. Du haſt ihn doch gern?“ „O ja, recht gern, aber Richter iſt mir lieber, weil er ſo luſtig iſt und immer lacht. Bander iſt ernſthaft und weiß nicht ſo ſchöne Spiele.“ In dieſem Augenblicke trat die Kammerfrau Roſa's ein, um einen Fremden anzumelden. Die Tänzerin nickte ſchweigend mit dem Kopfe, indem ſie ihre Lippen auf einander preßte, und dann dem Knaben mit leiſer Stimme die Weiſung gab, näher zu ihr zu kom⸗ men. Eugen ſtand augenblicklich auf und ging mit ſeiner Scheere und ſeinem Bilderbogen zu Roſa hin, die ihn mit dem rechten Arm umſchlang und leicht an ſich drückte. Bander trat in das Zimmer und ſchien im erſten Augen⸗ blick überraſcht, ſeinen kleinen Freund hier zu ſehen. Roſa lächelte ihm freundlich entgegen, wobei ſie ſagte: „Sie ſehen, ich habe alles gethan, was möglich iſt, damit Sie hier bei mir von bekannten Geſichtern empfangen werden.“ Der junge Mann verbeugte ſich ſchweigend und nahm auf den Wink Roſa's in einem kleinen Lehnſtuhle Platz, den die mit ihm eingetretene Kammerfrau für ihn hingeſtellt. Es ſchien für Beide ſchwer, einen paſſenden Anknüpfungs⸗ punkt zur weiteren Unterhaltung zu finden, und ſo war Bander froh, als ihm Eugen mit der Frage zu Hülfe kam:„Was macht Richter, warum haſt du ihn nicht mit⸗ gebracht?“ „Richter befindet ſich wohl und hat noch heute Morgen von der da nich mir ſtoc Tan — zu zeri ein wer ſich doch weit fühl von unbe fänd Kna ich und haſt l er veiß ein, dem aben kom⸗ einer mit gen⸗ agte: damit ngen nahm „den t. ungs⸗ war Hülfe mit⸗ orgen Roſa's dunkle Stunde. 183 von dir geſprochen; auch läßt dich Meiſter Schweizer grüßen, der mir geſagt, es ſei jetzt ſo ſehr ſtill in ſeiner Werkſtatt, da du nicht mehr dort ſängeſt, keine Stühle umwürfeſt und nicht mehr mit der Scheere klapperteſt.“ „Haben Sie die alten Leute beſucht?“ fragte Roſa. „Ich war geſtern dort und muß geſtehen, es kam auch mir bei ihnen recht ſtill und einſam vor.“ „Auch Sie vermißten Eugen?“ „Ja ihn— und Anderes,“ ſetzte der junge Mann ſtockend hinzu.—„Auch Schweizer fand das, er ſprach von Tante Roſa und ſagte, wie leid es ihm thue, ſie nicht mehr zu ſehen.“ „O, er wird ſie wiederſehen,“ erwiderte raſch die Tän⸗ zerin.„Sie hat ſeiner nicht vergeſſen, wie ſie überhaupt ein gutes Gedächtniß für alles hat, was ihr lieb und werth iſt.“ Der junge Mann hatte einen Augenblick ſchweigend vor ſich niedergeblickt, dann ſchaute er Roſa an und ſagte:„Und doch bedingt manche Veränderung Vergeſſen, wenigſtens in ſo weit, daß wir nach dieſer Veränderung nicht mehr ganz ſo fühlen, wie vorher.“ „Ich nicht,“ erwiderte ſie haſtig,„wenn Sie nämlich von einer äußerlichen Veränderung reden, die das Innere unberührt läßt!“ „Dieſes Wort könnte mich glücklich machen, wenn—* „Nun, wenn— reden Sie aus.“ „Nun, wenn es auch mir gegenüber ſeine Anwendung fände.“ Statt zu antworten, beugte ſich die Tänzerin auf den Knaben hinab, küßte ihn auf die Stirn und ſprach zu ihm: 8 95 e. 184 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „So, mein Kind, du haſt den Herrn Bander jetzt geſehen und darfſt ihm ſagen, daß du ihn in den nächſten Tagen beſuchen wirſt, ihn und Herrn Richter, und bitteſt ihn ſchön, dem guten, alten Herrn Schweizer und ſeiner Frau deine Grüße zu ſagen— willſt du?“ „Gewiß will ich das,“ erwiderte der Knabe mit ſeiner gewöhnlichen Entſchloſſenheit, und darauf ging er zu Bander hin, reichte ihm ſeine Rechte und wiederholte faſt die gleichen Worte, welche ihm Tante Roſa vorgeſagt. „Das werde ich alles ausrichten,“ ſagte der junge Mann mit herzlicher Stimme, und dann beugte auch er ſich auf das Kind hinab und küßte es ebenfalls auf die Stirn, genau auf dieſelbe Stelle, wo Roſa's Lippen einen Augenblick vorher geruht. „Jetzt darfſt du hinaus zu Margarethe gehen, ſie ſoll mit dir ſpielen, ich rufe dich dann ſchon wieder herein.“ Das Kind ſchlug noch einmal tüchtig in die dargebotene Hand Bander's, daß es klatſchte, und verließ hierauf herzlich lachend das Zimmer. Roſa erhob ſich lebhaft von ihrem Stuhle. Man ſah ihr an, daß ſie tief bewegt war. Sie machte einen Gang durch das Gemach und blieb dann neben Bander ſtehen, dem ſie ihre Rechte ſanft auf die Schulter legte.„Wo ſoll ich an— fangen und wie ſoll ich anfangen,“ ſagte ſie mit weicher Stimme,„um nicht einen zu ſchroffen Gegenſatz zu jenem Augenblicke hervorzubringen, in welchem wir uns damals verließen?“ „Traurig für mich,“ gab er ihr zur Antwort,„wenn überhaupt zwiſchen damals und jetzt ein Gegenſatz ſtatt finden ſoll; aber ich ahne ſo etwas, und die Umgebung, in ihr ſich aus ſie glei der tent ſpre uns wir erge mac mir ſſehen Lagen ſchön, deine ſeiner ander eichen Mann h auf genau enblick ie ſoll . botene erzlich ah ihr durch em ſie ch an⸗ veicher jenem amals „wenn ſtatt ng, in Roſa's dunkle Stunde. 18 83 welcher ich Sie heute wiederſehe, beſteht in dem böſen Traume, in den mich die Annahme Ihres Taſchentuchs verſetzte.“ „Welches Taſchentuchs?“ fragte ſie erſtaunt. „O, eines Tuches,“ erwiderte er mit einem herzlichen und zugleich wehmüthigen Ausdruck in Stimme und Auge, „das mich einſtens reich gemacht, das ich wie einen Talis— man auf meiner Bruſt verwahrte, ein Tuch, das in jener ſchlimmen Nacht meine blutige Stirn umwand, das ich, Sie verſuchend, Ihnen zurückgab, das Sie annahmen, das ſo an Ihnen zum Verräther wurde und mich alsdann zu meinem tiefen Schmerze erkennen ließ, in welcher Doppelgeſtalt Sie mir erſchienen.“ Die Tänzerin gab einige Minuten lang keine Antwort; ſie hatte ſich dem Fenſter genähert, ihren Arm gegen die Wand geſtützt und ihren Kopf darauf gelegt. Man ſah an ihren ſchweren und doch haſtigen Athemzügen, daß ſie mit ſich ſelbſt kämpfte und daß es ihr nicht leicht werde, das auszuſprechen, was ſie ſagen wollte.—„Und wenn,“ ſagte ſie endlich, ſich umwendend,„dieſe Doppelgeſtalt von dem gleichen Gefühle beſeelt war?“ „O ja,“ erwiderte er mit Bitterkeit,„von den Gefühlen der Einen, die mir immer erſchien, wie ein ſchönes, leuch⸗ tendes Meteor— verzeihen Sie mir, wenn ich gerade heraus ſpreche— die mir vorkam, wie ein trügeriſches Irrlicht, das uns vom Wege ab und ins Verderben locken kann, wenn wir ihm rückſichtslos folgen, wenn wir uns ihm unbedingt ergeben! Es ſei fern von mir, Ihnen damit Vorwürfe machen zu wollen. Der glänzende Stern, als welcher Sie mir damals erſchienen, hatte ja wohl nichts weniger im 186 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Sinne, als ſeinen Strahl auf mich, den unbedeutenden Menſchen fallen zu laſſen.“ „Vielleicht, weil dieſer Stern wußte,“ verſetzte ſie,„um in Ihrer Bilderſprache fortzufahren, vielleicht, weil er fühlte, daß er in der eben geſchilderten Geſtalt für Sie etwas Ab— ſtoßendes hatte, näherte ſich Ihnen das Weſen, welches Meteor, Phantom oder Stern vorſtellte, unter einer anderen Geſtalt.“ „Wie es Götter und Göttinnen in alten Zeiten und gute und böſe Feen zu machen pflegten, wenn ſie ſich den armen Sterblichen nahten, um ſie zu berücken?“ fragte der junge Mann.„O, Sie konnten das gefahrlos thun,“ ſetzte er mit einem traurigen Lächeln hinzu,„denn Sie wußten wohl, mit der Enthüllung ſank Glaube und Liebe zuſammen.“ Roſa biß ſich auf die Lippen, und es flammte in ihren Augen eigenthümlich auf, als er ſo ſprach. „So glauben Sie denn,“ erwiderte ſie,„das alles ſei nur ein Spiel geweſen, eine Laune, ein unwürdiger Zeit⸗ vertreib? O, ich bedauere Sie, wenn— wenn—, doch wozu der Umſchreibungen, des Rückhaltes,“ rief ſie raſch und entſchloſſen, während eine tiefe Röthe über ihr ſchönes Geſicht flog,„wenn ein Wort, das ich, vom Augenblick hingeriſſen, geſprochen, nicht mit der vollen Wahrheit ſeines Ausdrucks und Gefühls Ihr Herz traf!“ „O, es traf mein Herz,“ erwiderte er nach einem tiefen Athemzuge,„es traf mein Herz ſo gewaltig, daß dieſes Herz nie wieder von ſich laſſen kann und wird die Erinnerung an jenen ſeligen Augenblick. Glauben Sie mir, Roſa,“ ſagte er raſch ſich erhebend,„daß es nur die Erinnerung an jenen Augenblick war, welche mich vermochte, Sie heute wieder⸗ mir gew kein los Extr. keine Ihre Ihre mend Jene fähig chend Mäde lichj iden „um hlte, Ab⸗ lches deren und den e der ſetzte ußten nen.“ ihren es ſei Zeit⸗ doch raſch hönes enblick ſeines tiefen 8 Herz ng an ſagte jenen vieder⸗ Roſa's dunkle Stunde. 187 zuſehen, auch wenn ich gleich darauf bedachte, daß es nur die Gewalt eines unbewachten Momentes war, welche Sie, die kalte und ſtolze Künſtlerin, an meine Bruſt ſinken ließ.“ „Glauben Sie das nicht,“ verſetzte ſie mit tiefer Be⸗ wegung.„Sie nannten mich ſtolz und kalt— gut; unter Vorausſetzungen bin ich beides, wie vielleicht wenige meines Geſchlechts. Und da ich dieſe Eigenſchaften zugleich mit der vollkommenſten Selbſtbeherrſchung beſitze, ſo mögen Sie über⸗ zeugt ſein, daß nicht die Gewalt eines ſchwachen Moments mich jetzt zu etwas vermögen könnte, was ich in der n ächſten Sekunde bereue.“ „So war es alſo ein trauriges Spiel, welches Sie mit mir getrieben? O, ein Spiel, für Sie ſo leicht, ſo ſicher zu gewinnen, da ich Ihnen mein Herz offen darlegte, da ich kein Hehl daraus machte, wie innig, wie heiß, los ich Sie liebe!“ „Und zwiſchen den beiden genannten, gleich traurigen Ertremen,“ entgegnete ſie mit bebenden Lippen,„finden Sie keinen vergleichenden Mittelpunkt, der im Stande wäre, Ihren Glauben an mich herzuſtellen und die Erinnerung Ihres Herzens zu einer glückſeligen zu machen?“ „O, ich wüßte wohl einen,“ antwortete er mit fl mendem Auge, wie grenzen⸗ am⸗ „und wie glücklich würde er mich machen! Jene Roſa, die wie ein guter Geiſt bei uns erſchien, wäre fähig, mir einen ſolchen wunderbaren, ſüßen und verglei⸗ chenden Weg zu zeigen—“ „Und jene Roſa iſt die wahre,“ fiel ihm das ſchöne Mädchen raſch, erregt ins Wort.„Jene Roſa könnte glück⸗ lich ſein, während die andere, das glänzende, leuchtende, 4 ‧* 8 — — 188 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. wandelnde Phantom, vielleicht dazu beſtimmt iſt, einſam und allein ihre excentriſchen Bahnen zu wandern.“ Bander ſah ſie mit dem Ausdruck der Verwunderung an. „Was hindert Sie denn,“ fragte er nach einer Pauſe, „die Rolle der andern aufzugeben und als jene Roſa, die ich ſo unausſprechlich liebe, glücklich zu ſein?“ „Was mich hindert?“ rief die Tänzerin in ſchmerzlicher Erregung,„dasſelbe, was Sie vorhin ſchon als Unheil be⸗ zeichneten— daß die Doppelgeſtalt beider doch nur ein ein⸗ ziges, armes, unglückliches Weſen iſt, ſcheinbar unabhängig, ſcheinbar frei, aber doch von Verhältniſſen gefeſſelt, umſonſt ankämpfend gegen unzerreißbare Bande.“ „Und das wird das Ende dieſer Unterredung ſein,“ ſagte der junge Mann in anſcheinend kaltem Tone, durch den aber tiefer Schmerz klang.„So werden wir uns tren⸗ nen auf Nimmerwiederſehen.“ Roſa zuckte zuſammen, ſie preßte die linke Hand feſt auf ihr Herz, ihre Lippen öffneten ſich leicht und ließen die feſt aufeinander gebiſſenen weißen Zähne ſehen.„Nein, nein,“ rief ſie alsdann mit dem Ausdruck eines herben Schmerzes, „ſo trennen wir uns nicht! Ich will nicht, daß Sie von mir gehen mit dem für mich unerträglichen Gefühl, als habe ich mit Ihnen ein grauſames Spiel getrieben, deſſen mein Herz gewiß nicht fähig iſt. Nein, nein, mein Carlo, ich liebe dich wahr und innig, und wenn ich mich auch jetzt wieder wie damals in deine Arme werfe, ſo thue ich es, indem ich dir zu gleicher Zeit zurufe: ich kann doch nicht die Deinige ſein!“ Und nach dieſen Worten that dieſes ſtarke, energiſche und willenskräftige Weſen, wie es geſagt; ſie warf ſich an ſein ihre wild eine gelö hefti niede jetzt die Wehe ihren mich geſagt laß u nicht nicht fern v er mit Worte deiner genug die ich Roſa, es mit mein zu Si und er und g an. Jauſe, „ die Zlicher eil be⸗ n ein⸗ ängig, nſonſt ſein,“ durch tren⸗ d feſt en die nein,“ nerzes, ie von „ als deſſen Carlo, ch jetzt ich es, hnicht ergiſche ſich an Roſa's dunkle Stunde. ſeine Bruſt, ſie umſchlang ihn mit ihren Armen, und während ihre Lippen heiß die ſeinigen ſuchten, fühlte er ihr Herz wild gegen ſeine Bruſt klopfen.— „Danach komme meinetwegen der Tod,“ ſprach er nach einer langen Pauſe, als ſie ihre Arme von ſeinem Halſe gelöſſt, als ſie ihre Hände vor das Geſicht preßte, und heftig weinend neben dem jungen Manne auf einen Fauteuil niederglitt;„ja, er komme,“ fuhr dieſer fort,„wenn du jetzt noch den Muth haſt, mir zu wiederholen, daß du nie die Meinige werden kannſt.“ „Nie, nie!“ rief ſie, daß es klang, wie ein lauter Weheruf. Dann faßte ſie leidenſchaftlich ſeine Rechte mit ihren beiden Händen und bat in flehendem Tone:„Höre mich an, Carlo. Wenn du mich wirklich ſo liebſt, wie du geſagt, ſo forſche nicht weiter. Sei genügſam wie ich und laß uns zehren von zwei glückſeligen Augenblicken! Dringe nicht in mich, ich kann nicht die Deinige ſein, ich kann dir nicht folgen. Mich halten ſtarke und unzerreißbare Bande fern von dir.“ „Du haſt mir geſagt, daß du mich liebſt,“ entgegnete er mit leuchtendem Blick,„und ich habe die Wahrheit dieſer Worte gefühlt in deinem klopfenden Herzen, an dem Drucke deiner heißen Lippen. So nenne mir denn die Bande, die ſtark genug ſind, mich von dir fern zu halten. O, es gibt keine, die ich nicht zu zerreißen im Stande wäre! Glaube mir Roſa, das Glück macht ſtark, und ich fühle mich jetzt fähig, es mit einer ganzen Welt aufzunehmen, wenn es gilt, dich mein zu nennen.“ Sie hatte ſeine Hand losgelaſſen, ſie blickte zu ihm auf, und er erſchrak, als er ihre bleichen, abgeſpannten, vom 190 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. furchtbaren Kampfe ihres Innern ſo gänzlich veränderten Züge ſah. „Frage mich nicht,“ erwiderte ſie mit tonloſer Stimme, „die Antwort, die ich dir geben muß, ſtürzt dich aus all deinen Himmeln, ſie wird deine Liebe zu mir zerreißen, wie der Hauch des Mundes einen Sonnenfaden. Deßhalb frage nicht,“ bat ſie ängſtlich,„laß uns ſcheiden glücklich in der Erinnerung, daß uns auch fern von einander eine reine, heilige Liebe verbindet.— Forſche nicht, Carlo— laß uns ſcheiden!“ „Roſa, Roſa,“ rief er mit vor tiefer Bewegung zitternder Stimme aus, indem er ſeine Hand in die Höhe hob,„ſoll ich mich, ehe du ſprichſt, durch einen feierlichen Schwur binden, daß das, was du mir auch ſagen wirſt, mich nicht beſtimmen kann und wird, von dir zu laſſen?“ „Thue es nicht, um des Himmels Barmherzigkeit willen thue es nicht, und dringe nicht in mich! Denn wenn ich die Worte ausſpreche, die uns trennen müſſen, ſo würde ich es dir auch unmöglich machen, deinen Schwur zu halten.“ „Du ſprichſt mit ſo erſchreckender Wahrheit,“ murmelte er mit einem ſcheuen Blick,„daß mir der Athem in der Bruſt ſtockt und ich mich überzeuge, daß du kein frevelhaftes Spiel mit meiner Liebe und meinem treuen Herzen treibſt.“ „Deßhalb laß uns ſcheiden,“ bat ſie haſtig.„Denke mit Liebe an mich, wie ich deiner gedenken werde.“ „Nein, nein, ich kann nicht, lieber will ich das Furcht⸗ barſte erfahren!“— Die Tänzerin erhob ſich mühſam von ihrem Sitze, ihre bleichen Züge zeigten eine furchtbare und rückſichtsloſe Entſchiedenheit. Während ſie ſagte:„Du haſt es gewollt— ſchl auf daß bitt es ſich der halt locki, frau auge und ſtänd junge ohne mind. derten mme, s all „wie frage n der reine, 3 uns rnder „ſoll chwur nicht willen in ich de ich ten.“ rmelte Bruſt Spiel Denke Furcht⸗ Sitze, htsloſe ollt— Roſa's dunkle Stunde. 191 aber glaube mir, Carlo, es trennt uns für immer!“ vermied ſie es, den jungen Mann anzuſehen, und trat mit wankenden Schritten zum Tiſche, wo ſie eine Glocke erklingen ließ. Der Ausdruck ihres Geſichts, ihr faſt kraftloſes Dahin⸗ ſchleichen, ihre haſtigen und unregelmäßigen Athemzüge übten auf Bander einen ſo gewaltigen und beängſtigenden Eindruck, daß er im Begriffe war, auf ſie hinzuſtürzen und ſie zu bitten, die heutige Unterredung als beendigt anzuſehen; doch es war zu ſpät— zu ſpät!— Kaum war der helle Ton der Glocke verklungen, als ſich die Thür öffnete und die Kammerfrau Margarethe auf der Schwelle erſchien, den kleinen Knaben an der Hand haltend, der nun ſogleich auf Roſa zueilte. Während ſie ihm die rechte Hand auf ſein blondes, lockiges Haar legte, winkte ſie mit der andern ihrer Kammer⸗ frau, ſie zu verlaſſen, worauf ſich die Thür des Gemachs augenblicklich wieder ſchloß. Die Tänzerin hatte einen Moment ihre Augen geſchloſſen und ihre Lippen feſt aufeinander gepreßt, wie um ſich voll⸗ ſtändig zu ſammeln. Dann wandte ſie ihre Blicke auf den jungen Mann und ſagte mit ruhiger, leidenſchaftsloſer Stimme, ohne auch nur durch das geringſte Zucken ihrer Augen die mindeſte Bewegung zu verrathen:—„Dies iſt mein Sohn!“— Vierundfünfzigſtes Kapitel. Es will Frühling werden. Im Verlaufe unſerer wahrhaftigen Geſchichte, bei welcher wir nicht viel Gelegenheit hatten, uns mit dem geneigten Leſer im Freien zu ergehen, iſt der Winter vergangen und dieſem der allbelebende Frühling gefolgt, Blumen und Blätter aus tiefem Schlummer erweckend und mit ſeinem wunder⸗ lieblichen Lächeln und ſeinen berauſchenden Düften arme Menſchenherzen tröſtend.— Ja, es will Frühling werden! Dieſer Ruf dringt wie ein Jubelſchrei durch die ganze Natur und läßt alles, was da lebt, alles, was der Einwirkung erquickenden Regens und warmen Sonnenſcheins fähig iſt, friſch und hoffend aufathmen. Blicken wir um uns her, und wir ſehen deutlich auch an ſcheinbar lebloſen Dingen die Kraft des Frühlings. Haucht nicht die friſch geackerte Erde einen ſo eigenthümlichen Duft aus, daß wir aus dieſem ſchon das Erwachen der Lebens⸗ kräfte fühlen würden, auch wenn wir nicht wüßten, in wel⸗ cher Ber läß: Tag erza ſuch den, erfre ſamt wen! beug daſſe Hau wirke der k den laube Höhe auf a nen ſehen nen u mit fe zu Zy bräun! heute ſo ſind zierlich Hach lcher gten und ätter nder⸗ arme wie was egens ffend auch aucht Duft bens⸗ wel⸗ Frühling werden. 193 Es will chem Monate wir uns gerade befänden? O, er hat etwas Berauſchendes, dieſer erſte, jungfräuliche Duft der Erde, er läßt uns eben ſo ſchwelgen in der Erinnerung an vergangene Tage, wie in der Hoffnung auf zukünftige! Sein Bouquet erzählt uns vorahnend vom Dufte der Veilchen, vom Auf⸗ ſuchen dieſes beſcheidenen Blümchens, und von kleinen Spen⸗ den, mit welchen wir ſchon in manchem Frühjahre Herzen erfreuten. Er plaudert uns von friſcher, dunkler Waldein⸗ ſamkeit, von Maiblumen und deren gefährlichem Einſammeln, wenn unſer Haar, indem wir uns zu den Blumen nieder⸗ beugen, eine erhitzte Wange ſtreift, deren Beſitzerin gerade daſſelbe Blümlein mit uns pflücken wollte. Ja, der friſche Hauch der Erde, wenn wir ihn nachſinnend auf uns ein⸗ wirken laſſen, ſpricht uns von den klaren Maitrank⸗Bowlen der kommenden Monate, und läßt uns jetzt ſchon ſitzen, vor den Sonnenſtrahlen geſchützt unter einer ſchattigen Reben⸗ laube, oder wenn es Abend werden will hoch auf des Berges Höhen, niederblicken auf die in Duft ſchwimmenden Thäler, auf aufleuchtende Fenſter freundlicher Häuſer, auf den ſilber⸗ nen Strom zu unſern Füßen. Ja, es will Frühling werden! Aus dem verdorrten Raſen ſehen wir tauſend neue Halme ſprießen, die Gebüſche erſchei⸗ nen uns von fern geſehen wie mit Schleiern überzogen, wie mit feinen Fäden überſpannt, welche ſich netzartig von Zweig zu Zweig ſchlingen. Dieſe Schleier erſcheinen uns zuerſt in bräunlicher Farbe, dann werden ſie lichter, und wenn ſie heute einen feinen, grünlichen Schimmer angenommen haben, ſo ſind morgen ſchon, wie durch Zauberwort, die kleinen, zierlichen Blättchen hervorgeſprungen. Wenn in der Mittags⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV, 13 194 Vierundfünfzigſtes Kapitel. ſtunde die warme Sonne ſcheint, ſo liegt auf der Erde ein feiner Duft von ganz anderer Farbe und Geſtalt, wie ſein herbſtlicher Zwillingsbruder, der, faul und ſchwer niederſinkend, uns durchnäßte und erkältete. Dieſer hier, ein Frühlings⸗ hauch, iſt leichter und lieblicher Art: er ſtrebt nicht nach der Erde, um auf ihr zu vergehen, ſondern ſchwingt ſich auf gen Himmel, wo er ſich wonnetrunken auflöſ't an dem tiefen Blau deſſelben, vielleicht kleine, weiße Wölkchen bildend oder gar keine Spur zurücklaſſend, wenn nicht vielleicht die ſchim— mernden Sonnenfäden, welche durch die klare Luft ſchweben, verdichtete Frühlingsfäden ſind. Ja, es wollte Frühling werden, voller, reicher, üppiger Frühling, und man ſah das wohl nirgends deutlicher, als in dem Garten der Privat⸗Irren⸗Anſtalt des Herrn Dr. Hen⸗ derkopp, namentlich an dem Roſenparterre hinter dem Hauſe, welches wir kaum wiedererkennen in ſeiner veränderten, auf⸗ geräumten und geputzten Geſtalt. Da hatte man von den ehemaligen Wegen, welche dieſes Parterre kunſtgerecht durch⸗ ſchnitten, Moos und Gras entfernt, hatte die Erde um die vorhandenen Roſenſtöckchen ſauber aufgelockert, hatte die ab⸗ geſtorbenen durch jungen Nachwuchs erſetzt, überall weiße Stäbe geſteckt, an welche die Roſen feſtgebunden wurden, und ſo dem ganzen, bisher ſo melancholiſchen Parterre ein ſo freundliches Anſehen gegeben, daß es als zu augenfälliger Lichtpunkt in dem ganzen Garten faſt aufgefallen wäre, wenn man nicht auf dem ganzen Terrain die kundige, fleißige Hand geübter Gärtner erkannt hätte. Da waren überall die Wege ebenfalls vom Unkraut ge⸗ reinigt, und wo ſich große Steine auf denſelben befanden, hatte man dieſe entfernt und ſie zu Einfaſſungen verwandt. ſchrã La ch gelre Zauk platte topp überli ſen Z. heit a T alten, neue, kel, die ſtalt a liche S de ein e ſein nkend, lings⸗ ch der uf gen tiefen d oder ſchim⸗ weben, ppiger r, als r. Hen- Hauſe, n, auf⸗ on den durch⸗ um die die ab⸗ l weiße en, und ein ſo nfälliger te, wenn ige Hand raut ge⸗ befanden, ſerwandt. 2 Es will Frühling werden. 195 Die Steintreppen und Terraſſen, Herbſte in ſehr verwahrloſ'tem Zu ſorgfältigſte hergeſtellt worden und boten, namentlich die Terraſſen, jetzt ſcharfe, dem Auge wohlthuende Linien. Auch unter den mächtigen Bäumen des Gartens war mit Kunſt und Umſicht gelichtet worden und dadurch dem HGan ſchwermüthige, peinliche und been Kurz, das Ganze hatte ſich ſo angenehme Art verändert, ment lange nicht geſehen, dann mit aufrichtigem welche wir im vergangenen ſtande geſehen, waren aufs zen der gende Eindruck genommen. auf eine höchſt auffallende und daß jemand, der das Etabliſſe⸗ zuerſt verwundert ſtehen blieb und Wohlbehagen durch den Garten ſchritt, der jetzt ſo lachend und freundlich geworden war, daß er ordentlich zur Heiterkeit aufforderte. Dazu das erſte friſche und ſaftige Grün der Blätter, der Pflanzen und des Graſes, ſchräg hereinfallende, luſtig ſpielende Sonnenſtrahlen, heiteres Lachen von eine m entfernteren Theile des Gartens: der Ein⸗ geirelene, o früher ſchon hier war, fühlte ſich verſucht, an Zauberei zu glauben, um ſo mehr, da er auf der Meſſing⸗ platte neben dem Gitterthore den Namen des Dr. Hender⸗ kopp geleſen. Durchſchreiten wir das Roſenparterre, ſteigen die gegen⸗ überliegende, jetzt bequeme Steintreppe hinan und laſſen die⸗ ſen Zuſtand des Gartens in ſeiner Ordnung un heit angenehm auf uns einwirken. Drüben unter den Baum † alten, roh gezimmerten Bänke neue, hübſche eiſerne Gartenmöz kel, die ſich hier befand, hatte ſtalt angenommen, und die ſc liche Spuren wir hier überall 196 Vierundfünfzigſtes Kapitel. gewiß mit Ueberlegung, das ſteinerne, groteske menſchliche Antlitz, aus deſſen ſteinernem Munde der klare Waſſerſtrahl in das davor befindliche Baſſin floß. Statt dieſes verzerrten Geſichtes, welches ſo manche erſchreckende Nachahmung hier gefunden, ſah man jetzt den ruhigen, verſtändigen Kopf eines Löwen, welcher nicht einmal einen gierigen Ausdruck zeigte, ſondern dem es ein wahres Behagen zu ſein ſchien, fort und fort das ſprudelnde Waſſer ſpenden zu können. Folgen wir dem heitern Lachen, das uns faſt bis zur Einfaſſungsmauer des Gartens führt, wo wir ein Rondel finden, eingefaßt mit blühenden Sträuchern, mit einem gro⸗ ßen Tiſche in der Mitte, der rings umher von Bänken um⸗ geben iſt. Es iſt dies die Stelle, wo Gaetano gern zu ſitzen pflegte, um durch das vergitterte Fenſter in der Mauer träu⸗ mend in die weite Landſchaft hinauszuſchauen. Von denen aber, die jetzt um den Tiſch ſitzen, ſcheint keiner die mindeſte Neigung zu haben, zu erfragen, was ſich jenſeits der Mauer⸗ begibt. Jeder unſerer alten Bekannten hier iſt vielmehr be⸗ ſchäftigt, das gewaltige Butterbrod zu verzehren, welches er vor ſich hat, oder Milch aus ſeinem Glaſe zu trinken, wel⸗ ches ihm von der Frau Wittwe Speiteler, die hier wie eine Königin unter ihren Vaſallen thront, eingeſchenkt wird. Nur 2 ſitzt vom Tiſche abgewandt, nicht als ob er nne neus⸗Verſchwörung anzuzetteln, ſondern chäftigt, indem er einen großen änden hält, welches Frau Dr. ,der eben ſo herzlich gelacht, allein erlaubt war, Zeitungen e Druckfehler zu finden, mit⸗ ſei e niede müſſ nur wie muß, Der manc hard Frau erkund hliche ſtrahl errten g hier eines zeigte, t und is zur Kondel gro⸗ n um- ſitzen träu⸗ denen rindeſte Mauer hr be⸗ hhes er „wel⸗ ie eine Nur ob er ondern großen au Dr. gelacht, ttungen 1, mit⸗ Es will Frühling werden. 197 getheilt, wie es ſo merkwürdig ſei, ſeeiſches Telegraphen⸗Kabel h wieder eines zerriſſen, daß gar kein unter⸗ alten wolle; hier und dort ſei und er hoffe es noch zu erleben, daß man wieder zu den optiſchen Zeichen ſeine Zuflucht nehmen müſſe. Mit freundlichem Lachen bewegte hierauf Telegraphen⸗Beamte, einen ſchüchternen Blick auf die gegen— überſitzende Frau werfend, verſuchsweiſe Arme und Beine. Doch ſagte Madame Speiteler mit e entſchiedenen Tone: der ehemalige inem ruhigen, aber ſehr „Mein lieber Freund, es iſt wahrhaftig beſſer, wenn Sie dieſe unnöthigen Verſuche vor der Hand bleiben laſſen. Iſt es ſo, wie der Herr Factor ſagt, ſo wird bald die Director ſämmt⸗ ſtenheit ernennen wird; ſo müſſen Sie ſich künftig auf zweig legen, und daran wollen wir mit der Zeit ſchon denken; habe ich Recht, Förſter?“ „Das will ich meinen,“ erwiderte dieſer, indem er mit ſo entſchiedener Miene ſeine Hand auf den Tiſch legte, als ſei er bereit, jeden, der anderer Meinung ſei, augenblicklich niederzuſchlagen. Telegraphiren müſſen endlich einmal ganz aufhören. Könnte ich es Euch nur anſchaulich machen, wie mir mein Brod ſchmeckt und wie leicht ich es hinunterbringe, da ich nicht mehr befürchten muß, daß ihm unterwegs der tauſendſte Teufel begegnet! Der Kerl iſt beſeitigt oder unſchädlich gemacht— wie ſo mancher Andere,“ ſetzte er mit einem Seitenblicke auf Geb⸗ cher mit ſehr geſchmeidigem Weſen neben die Frau des Directors trat, um ſich nach ihren Befehlen zu erkundigen. Zeit kommen, wo man Sie zum licher optiſchen Telegraphen der Chri dringt aber der Draht durch, einen anderen Erwerbs „Die Narrheiten mit dem hard hinzu, wel —— 2 “ * — 198 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Das Ausſehen der jungen Frau hatte ſich, wenn uns dieſer Vergleich erlaubt iſt, eben ſo vortheilhaft verändert, als das des ganzen Etabliſſements. Von ihrem Geſichte waren die gedrückten und kummervollen Züge verſchwunden, ſie blickte frei um ſich her, ſie ſchrak nicht mehr zuſammen, wenn man ein Wort an ſie richtete, am allerwenigſten, wenn der Sprecher ihr Gemahl war. Dr. Henderkopp hatte gethan, wie er ſich an jenem denk⸗ würdigen Morgen, eingeſchloſſen in einer Zelle ſeiner eigenen Irren⸗Anſtalt, vorgenommen: er hatte auf dem Fundament des alten, ſchadhaften und nun eingeſtürzten Gebäudes mit Hülfe ſeiner Schwiegermutter ein neues, ſolides errichtet, und als er die erſten harten Biſſen niedergeſchluckt, fühlte er ſich ſelbſt erleichtert und ſah ein, daß man weiter komme mit nachgiebiger Offenheit und Ehrlichkeit, als mit Hinterliſt und gänzlich unmotivirtem Hochmuthe. Dagegen ſchien aber auch Sophie, die wirklich eine vortreffliche Hausfrau war, alles Vergangene vollſtändig vergeſſen zu haben und auch nie den Verſuch zu machen, die traurigen Erinnerungen ihres Hoch⸗ zeitstages zu einer Kette zu gebrauchen, um ihren Herrn und Gemahl niederzuhalten oder um das Scepter des Hauſes zu führen. Sie überließ dieſes Geſchäft ihrer Mutter, welche, wir müſſen es geſtehen, das Regiment des Hauſes mit Um⸗ ſicht und Kraft führte, wobei ſich aber eben ſo wohl der Director der Anſtalt ſelbſt, als auch ſeine Kranken vortreff⸗ lich befanden. Frau Wittwe Speiteler, die gänzlich hierher aufs Land gezogen war, hatte ihr Geſchäft in der Stadt einem jungen, ſtrebſamen Anverwandten übertragen, der den alten guten Ruf deſſelben nicht nur vortrefflich bewahrte, ſondern auch uns dert, ſichte nden, men, venn denk⸗ enen ment mit chet, te er mit und auch alles den Hoch⸗ derrn auſes elche, Um⸗ der teeſf Land ngen, zuten auch Es will Frühling werden. 199 der Firita durch Erfindung einer neuen Wurſtgattung neuen Glanz verlieh. Um nochmals zu dem Tiſche im Garten zurückzukehren, können wir nicht verſchweigen, daß neben der Frau des Doc⸗ tors deren Freundin Emma ſaß, die häufig zum Beſuche er⸗ ſchien, um ſich an dem Gedeihen der jungen Wirthſchaft, wie ſie ſagte, herzlich zu erfreuen. Die Freude drückte ſich aber meiſtens in einem etwas melancholiſchen Lächeln aus, welches übrigens ganz zu den kummervollen Zügen ihres Geſichtes paßte; auch pflegte ſie ſeufzend hinzuzufügen:„Ach, wie gut iſt es dir ergangen! Wie Recht hatteſt du, liebe Sophie, einen ruhigen, geſetzten Mann zu nehmen, und ſo die Ver⸗ nunft mit walten zu laſſen, wo wir armen, leichtgläubigen Mädchen ſo oft nur das Herz ſprechen laſſen! Ach, mein armes Herz, wenn's doch nie geſprochen hätte!“ Die junge Frau kannte genug von den Verhältniſſen ihrer Freundin, um ihre Troſtesworte den Umſtänden gemäß in die allerzarteſten Formen zu kleiden. Emma hatte aller⸗ dings in ihrer kurzen Liebe nicht das Glück gefunden, das ſie und jede in gleichen Verhältniſſen mit allzu großer Sicher⸗ heit erwartet. Wie konnte er, der ihr ſo heiße Liebe, ſo unwandelbare Treue geſchworen, ſich nur einen Augenblick bedenken, ſie, nachdem ſie einmal ihr Jawort gegeben, jauch⸗ zend im Uebermaße des Glücks vor den Altar zu führen? Und er hatte ſich bedacht, dieſes Ungeheuer in Huſaren⸗Offi⸗ ziers⸗Geſtalt, er hatte ihr gegenüber zögernd geſprochen von einer vornehmen, adeligen Familie, von ſeiner Abhängigkeit gegenüber einem alten, adelsſtolzen, reichen Oheim; er hatte Bedenken geäußert, ob eine Verbindung ſo raſch und über⸗ haupt zu bewerkſtelligen ſei. Emma war dabei natürlicher —— 200 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Weiſe in Ohnmacht gefallen, hoffend, er werde ſie durch Schmeichelworte wieder zum Bewußtſein zurückrufen, er werde flehend vor ihr niederknieen, worauf ſie ihm mit heißer Liebe dann alles verzeihen werde. Aber auch das kam anders, als es ſich ihr junges, gefühlvugges Herz gedacht. Er über⸗ ließ ſie ihrer Ohnmacht und war verſchwunden, als ſie ihre Augen wieder geöffnet. Da kam über ſie ein finſterer, ver⸗ zweiflungsvoller Moment, in welchem ſie ſich ihrem Bruder entdeckte, der nichts Eiligeres zu thun wußte, als das Un⸗ paſſendſte, was unter ſolchen Umſtänden nur geſchehen kann, nämlich durch Drohungen zu erzwingen, was nicht einmal vernünftiger Ueberlegung gelungen wäre. Herr von Marlott glaubte die Sache ungeheuer ridicul zu finden, und that dies auch, bis er eines ſchönen Morgens vom Oberſten ſeines Regiments die niederſchlagende Nachricht erhielt, daß er allerhöchſtem Befehle gemäß von den Huſaren der Garde zu einem obſcuren Grenz⸗Regimente verſetzt ſei, wobei ihm noch mündlich eröffnet wurde, Herr von Marlott habe ſich innerhalb acht Tagen in ſeiner neuen Garniſons⸗ ſtadt zu melden, wenn er nicht vielleicht vorzöge, um ſeinen Abſchied einzukommen. Es gibt eine Art, jemand die Wahl zwiſchen zwei Dingen zu laſſen, und Einem zu gleicher Zeit die Freiheit des Wählens zu benehmen. So auch hier, weßhalb der Don Juan von den Huſaren ſeine ſchimmernde Uniform ablegte. Einen Augenblick glaubte Emma ihren Wünſchen hie⸗ durch näher gerückt zu ſein, doch mußte ſie ſich nur zu bald überzeugen, daß der Riß, welcher ſie von Arthur trennte, nun zu einer förmlichen Kluft geworden war. Wir können nicht umhin, es hier lobend zu erwähnen. ihr der der von mit tor⸗ etw Ge etw auft licht mit frül zens Emn Veil durch verde Liebe ders, über⸗ ihre ver⸗ uder Un⸗ kann, umal dicul gens richt aren ſei, rlott ons⸗ einen zwei iheit Don Ite. hie⸗ bald unte, nen, Es will Frühling werden. 201 daß ſich unter dieſen traurigen Verhältniſſen nicht nur Sophie ihrer Freundin aufs liebevollſte annahm, ſondern daß auch deren Mutter, ſie als ein Opfer der Schändlichkeit der Män⸗ nerwelt betrachtend, ſie unter ihren ſpeciellen Schutz nahm, was für das arme junge Mädchen, gegenüber einem ſtrengen Vater und racheſchnaubenden Bruder, von großem Nutzen war. Das Garn war abgevickelt, und als der General einen Dank dafür einnahm, daß er, ein ſo berühmter Krieger, es nicht verſchmähte, freundlich ſeine Hand zu reichen zu dieſen kleinen, häuslichen Verrichtungen, entgegnete er würdevoll, auch Hercules habe es nicht verſchmäht, nach Ausführung ſeiner großen Thaten den Spinnrocken zu ergreifen. Die junge Frau hatte ſich erhoben und ging, den Arm ihrer Freundin in den ihrigen geſchlungen, durch den Garten dem Hauſe zu, wo ihnen in dem Roſen⸗Parterre der Director der Anſtalt mit Herrn von Scherra begegnete. Beide kamen von dem Hauſe her, Henderkopp erklärend und der alte Herr mit beifälliger Miene zuhorchend. Das Aeußere des Direc⸗ tors hatte ſich verändert, aber das nicht zu ſeinem Nachtheil: etwas Finſteres, Geſpanntes, ja, Zurückſtoßendes in ſeinem Geſichte war verſchwunden, und ſein Lächeln, das früher etwas Starres und Gezwungenes hatte, leuchtete jetzt auf eine aufrichtige, wohlwollende Art. Aber die größte und glück⸗ lichſte Veränderung ſeines Geſichts war die, daß er die Brille mit den blauen Gläſern abgelegt, den Schild, hinter dem er früher ſeine Blicke, ſo wie den wahren Ausdruck ſeiner Her⸗ zensmeinung zu verbergen ſtrebte. Beim Anblicke des Herrn von Scherra erinnerte ſich Emma, ſie habe links im Bosquet eine Gruppe blühender Veilchen bemerkt, von denen ſie einige pflücken und mitnehmen 202 Vierundfünfzigſtes Kapitel. wolle; wenigſtens ließ ſie unter dieſem Vorwand den Arm ihrer Freundin los und verſchwand im Gebüſche. Sophie ging dem alten Herrn frei und ungezwungen entgegen und reichte ihm, ohne die Augen niederzuſchlagen, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, ihre Hand. „Sie werden es vielleicht nicht freundlich von mir fin— den,“ ſagte Herr von Scherra,„daß ich eine ziemliche Zeit verſtreichen ließ, ohne Ihnen einen Beſuch zu machen.“ „Woran ich die Schuld trage,“ fiel ihm der Director ins Wort,„indem ich meinen verehrten Freund bat, die Anſtalt nicht eher zu beſichtigen, bis ſegensreiche Früchte eines neuen, gemeinſchaftlichen Wirkens zu ſehen ſein würden. Und nicht wahr, Sophie,“ fügte er lächelnd hinzu, indem er die kleine Frau an ſich zog,„wir wirken jetzt gemeinſchaftlich, du, ich und deine Mutter? Letztere führt eigentlich das Re⸗ giment in Haus, Küche, Keller und Garten, und wie Sie vorhin geſehen haben, gedeihen meine Penſionäre ſichtlich unter ihrer Pflege.“ „Zu einem ſolchen Wiederanfange,“ ſagte der alte Herr gerührt,„gebe der Himmel ſeinen Segen und guten Fort⸗ gang; mich freut es in der That, lieber Henderkopp, daß ich erſt jetzt zu Ihnen kam, um ſo glückliche Reſultate zu ſehen. Rechnen Sie auf meine Empfehlung Ihrer Anſtalt. Jetzt kann ich Ihren Namen rückhaltslos aufs günſtigſte ausſprechen.“ Nach dieſen Worten beurlaubte ſich Herr von Scherra von dem Director und ſeiner Frau, die ihn bis zum Gitter⸗ thor der Anſtalt begleiteten. Auch hier im Hofe ſah alles pünktlicher und ordentlicher aus, hatte alles einen gewiſſen Anſtrich von Wohlhabenheit; alle trümmerhaften Spuren ein ihm Ge und eine leich unte Offi nich dun. Arm ophie und ſonſt fin⸗ Zeit ector die üchte rden. m er tlich, Sie htlich Herr Fort⸗ daß te zu iſtalt. ſtigſte herra bitter⸗ alles wiſſen puren Es will Frühling werden. 203 früherer Zeit waren verſchwunden, auch das Kehrichtfaß, auf welchem Herr Moſes Goldſtein in jener denkwürdigen Nacht geſeſſen und finſtere Bilder geſchaut— Herr Moſes Goldſtein, der übrigens ſo klug war, nie ſeines angeblichen Verluſtes zu erwähnen, ſondern der, wenn je jemand auf dieſe fatale Geſchichte zu ſprechen kam, mit ſchmunzelnder Miene und pfiffigem Lächeln die Pantomime des Einſeifens machte.— Herr von Scherra ging ruhigen Schrittes nach der Stadt zurück, umgeben von Frühlingsluft und Frühlingsgrün, doch lebten ſeine Gedanken nicht in dieſer wunderbarſten aller Jahreszeiten, ſie beſchäftigten ſich vielmehr mit den ver⸗ floſſenen Tagen des Winters, ja, ſie waren ernſt und trüb geſtimmt. Er blickte das Thal hinab auf die Tauſende von blühenden Obſtbäumen und ſchaute faſt ſehnſüchtig der Rauch⸗ wolke zu, welche die dahineilende Locomotive dort in dem Bergeinſchnitt aufſteigen ließ. „Wahrhaftig,“ ſprach er zu ſich ſelber, gich ſehe nicht ein, was uns hier feſthält. Ich muß mit Paul reden, auch ihm würde es gut thun, andere Luft zu athmen, andere Geſichter zu ſehen.“ Unter ähnlichen Gedanken hatte er die Stadt erreicht und bog eben in eine der belebteren Straßen ein, als er hier einem Bekannten begegnete, bei deſſen Anblick er ſich eines leichten Lächelns nicht erwehren konnte. Es war Arthur von Marlott, der ehemalige Don Juan unter den Huſaren, der einſtens ſo glänzende und ſchöne Offizier, der aber, ſeit er die Uniform abgelegt, ſich durchaus nicht zu ſeinem Vortheile verändert hatte. Seine Civilklei⸗ dung war wohl gewählt und elegant, doch hatte er zu lange. 204 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Zeit nichts dergleichen getragen, um ſich bürgerlich unge⸗ zwungen darin bewegen zu können. Unter dem blauen Pa⸗ V letot behielt er noch immer die militäriſche Art des Gehens und Bewegens bei, und obgleich er keine Sporen mehr trug, ſo liebte er es doch, nach wie vor ſeine Abſätze ſo häufig als möglich aneinander zu ſchlagen— ach, und es klingelte nicht mehr! Auch klirrte kein Schwert mehr an 6 ſeiner Linken; ſtatt des pelzbeſetzten Kragens mit den gol⸗ denen Schnüren hatte er ſich eine ſteife, ſchwere Hals⸗ binde zugelegt, den Kolpak mit dem Reiherbuſch erſetzte ein höchſt proſaiſcher ſchwarzer Cylinder, und da er obendrein, um das Gefühl des Unrechts, das ihm geſchehen, recht deutlich hervorzuheben, ſeinen ſchönen militäriſchen Schnurr⸗ bart abgeſchnitten, ſo erſchien er jetzt wie— ein einſtens prachtvoller, glänzender Hahn, dem alle ſchönen Federn ausgegangen. Es war eigentlich ein recht trübſeliger An⸗ blick, weßhalb auch das Lächeln auf dem Geſichte des wohl— wollenden Schetra nur einen kleinen Augenblick dauerte, und er dem jungen Manne freundlich ſeinen Arm bot, den dieſer auch annahm, um ihn eine Strecke zu begleiten. „Ich habe es wohl bemerkt,“ ſagte der ehemalige Hu— ſaren⸗Offizier,„daß Sie bei meinem Anblick frappirt waren. Sie hatten mich in dieſem verd— Civil noch nicht geſehen. Es iſt allerdings ſo elegant wie möglich, aber die hieſigen bürgerlichen Schneider ſind Pfuſcher, keiner verſteht es, für einen gut gewachſenen Menſchen, wie ich bin, zu arbeiten. Alles das weite Zeug verdeckt meine Geſtalt, ich muß mir wahrhaftig Mühe geben, eine eigene Uniform für mich zu finden. Nun, ich gehe nächſtens nach Paris, da wird man meine Intentionen vielleicht verſtehen.“ nurr⸗ ſtens edern An⸗ vohl⸗ und dieſer Hu⸗ aren. ehen. efigen eiten. mir ch zu man Es will Frühling werden. 203 „Alſo haben Sie ſich wirklich entſchloſſen, uns zu ver— laſſen?“ fragte der alte Herr.„Ich dachte immer noch, Sie würden Ihr Abſchiedsgeſuch nicht einreichen.“ „Unter uns im Vertrauen geſagt,“ entgegnete Arthur, „hätte ich es auch nicht gethan, wenn mein Herr Oberſt ſich nicht ſo verflucht bockbeinig benommen hätte, ja, bockbeinig,“ ſetzte er überlaut hinzu;„ich werde mich jetzt den Teufel darum ſcheren, die Dinge beim rechten Namen zu benennen, und wenn es einen Oberſten oder General betrifft. verflucht bockbeinig, und das wegen einer ſolchen Ja, Bagatelle! Du lieber Himmel, wenn alle dergleichen Geſchichten an die große Glocke gehängt würden, dann müßte ſich Seine Ma— jeſtät veranlaßt ſehen, ſämmtliche Reiter⸗Offiziere nach den Provinzen zu ſchicken— Sie werden mir zugeben, daß viel Unglück dabei iſt.“ „Ja, viel Unglück,“ gab der alte Herr nachdenkend zur Antwort,„Unglück für Beide.“ Der ehemalige Huſaren⸗Offizier ſah ihm einen Augen⸗ blick zweifelhaft ins Geſicht, dann ſagte er:„Ja ſo, ich ver⸗ ſtehe Sie; nun erlauben Sie mir, dieſe beiden Unglücke ſind doch kaum zuſammen zu nennen. Ich gebe zu, daß ich geſcheiter hätte ſein ſollen.“ „So, das geben Sie alſo wirklich zu? Alſo geſtehen Sie Ihr Unrecht ein?“ Herr von Marlott zuckte die Achſeln, dann erwiderte er in einem etwas ernſteren Tone:„Die glänzende Uniform hat etwas verflucht Leichtſinniges an ſich. Ich habe an⸗ fänglich viel über die Geſchichte gelacht, jetzt aber, wenn ich mich im blauen Paletot betrachte mit einem recht ſoliden bürgerlichen Ausſehen, das können Sie mir nicht abſprechen, 1 — — “ 206 Vierundfünfzigſtes Kapitel. ſo fühle ich mich doch zuweilen ernſter geſtimmt und wünſchte, dieſe lamentable Geſchichte wäre mir nicht paſſirt.“ „Wenn Sie alſo Ihr Unrecht einſehen, ſo machen Sie es wieder gut.“ Der ehemalige Huſaren⸗Offizier blieb ſtehen, wobei er den alten Herrn erſtaunt anblickte und erſt nach einer län⸗ geren Pauſe kopfſchüttelnd ſagte:„Vor zwanzig Jahren hätten Sie anders geſprochen, und vielleicht ſchon nach zehn Jahren denke ich anders. Man hat einen Scandal gemacht und ich bin das Opfer davon geworden. Stellen Sie ſich in meine Lage, Scherra. Viel Neigung, die Hand zu küſſen, die uns züchtigt, habe ich ſchon als Kind nicht gehabt, und hätte jetzt gute Miene zum böſen Spiel machen ſollen, mich nach ſo einem verdammten Neſt verſetzen laſſen und all den Spott ertragen— ich bitte Sie, nach einem ſo miſe⸗ rablen Grenzorte, wo außer den Kameraden vielleicht nicht ein halbes Dutzend Menſchen iſt, die man Sie anreden kann, wo es Luxus iſt, mehr als zwei Reitpferde zu halten, wo Makao und Landsknecht noch ſo ſtümperhaft geſpielt wird, und wo es kein Theater gibt, geſchweige ein Ballet?— „Aber wie kann man ſo dumm ſein,“ unterbrach er ſeinen Redeſtrom, indem er abermals ſtehen blieb, ſeinen Arm aus dem ſeines Freundes zog und die Hände zuſam⸗ menſchlug:„Wie iſt es möglich, vom Beſten zuletzt zu reden, um von Künſtlerinnen im Allgemeinen und von der edlen Tanzkunſt im Speciellen zu ſprechen! Was macht meine charmante Couſine und deren ſtolze Schweſter?“ „Die Frau Gräfin befindet ſich ganz wohl,“ verſetzte ruhig und ſehr ernſt Herr von Scherra,„und hat ſchon zu vo mi ſel Ar bei er län⸗ ahren zehn macht te ſich üſſen, „ und mich d all miſe⸗ nicht reden alten, wird, ach er ſeinen uſam⸗ reden, edlen meine rſetzte on zu Es will Frühling werden: 207 wiederholten Malen ihr Bedauern darüber ausgeſprochen, daß Sie ſich gar nicht mehr ſehen laſſen.“ „Auf meine Ehre, das finde ich luſtig,“ gab Arthur lachend zur Antwort,„nach einem Refüs, wie ich ihn, Gott ſei Dank, erhielt, noch zu prätendiren, daß man nach wie vor Beſuche macht und den ganz ergebenſten Couſin ſpielt! — Aber ſagen Sie mir ehrlich, Scherra, das heißt, wenn Sie bei mir nicht hinter dem Berge halten wollen,— was haben Sie zu dem Gerüchte geſagt, das langſam aber un⸗ aufhaltſam alle Schichten der Bevölkerung durchdringt?“ „Mein lieber Arthur,“ gab Herr von Scherra mit großer Ruhe zur Antwort,„ſprechen wir nicht darüber. Sie wiſſen, ich habe in manchen Dingen meine feſte Anſicht, von der ich ſelbſt dann nicht abzubringen bin, wenn man mir das Gegentheil faſt beweiſ't.“ „Das heißt, Sie glauben an die Tugend eines weib— lichen Weſens ſogar dann noch, wenn dieſes weibliche Weſen ſelbſt nicht mehr daran glaubt— auch nicht bitter! Uns Anderen ſind die Schuppen von den Augen gefallen, wir ſehen jetzt vollſtändig klar.“ „Ich bitte, verſchonen Sie mich, Arthur!“ „Sie hat es klug angefangen und wunderbar geheim gehalten; jeder kleine Prinz von—“ „Wenn Ihnen an meiner Freundſchaft etwas gelegen iſt, Arthur, ſo laſſen Sie die Sache fallen, mich überzeugen Sie doch nicht.“ „Meinetwegen, aber Sie werden mir erlauben, Ihnen mein Bedauern auszudrücken über dieſes wunderbare Geſchöpf, ſo ſchön, ſo elegant, ſo klug, und doch nicht klug genug! Ein Geheimniß, das ſo vortrefflich bewahrt iſt, gibt man 2 8 “ * 208 Vierundfünfzigſtes Kapitel. nicht leichtſinnig Preis. Stellen Sie ſich vor, Roſa hätte meinen Antrag angenommen oder ſich mir auf eine ver⸗ nünftige Art offenbart—“ „Nun?“ fragte der alte Herr erſtaunt,„Sie wären zurückgetreten?“ Herr von Marlott zuckte mit den Achſeln, bewegte ſeine rechte Hand ſo und ſo hinüber und herüber und erwiderte: „Das iſt mein Geheimniß.“ „Hier trennen ſich unſere Wege,“ ſagte Herr von Scherra in trockenem Tone, nicht ganz mit alleiniger Beziehung auf die Straße nach ſeiner Wohnung, zu welcher ſie eben ge— langt waren.„Leben Sie wohl und—“ „Beſſern Sie ſich,“ ergänzte Arthur lachend,„ich ſehe dieſen Wunſch Ihrem Geſichte an— ſei es darum! Ich will ſehen, was zu machen iſt, und bitte Sie nur, nicht allen Glauben an mich zu verlieren. Bin ich doch noch jung, und wenn einmal nach Ihrer Theorie meine dunkle Stunde ſchlägt, ſo komme ich wahrſcheinlich auch noch zur Einſicht.“ Herr von Scherra ſetzte ſeinen Weg nach Hauſe fort und ſagte mit einem leichten Seufzer:„Ein Anderer, Beſ⸗ ſerer glaubte zu leicht ihren furchtbaren Worten und trat zurück———— wie ſchade für zwei ſo gute und große Herzen!“— In ſeinem Zimmer angekommen, ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb an ſie, mit welcher er ſich eben in Gedanken ſo lebhaft beſchäftigt: „Meine liebe Roſa! „Von Gaetano erhielt ich Briefe aus Mailand; er verweilt dort vor der Hand, um den rechten Pfad 82 ätte ver⸗ tren fad Es will Frühling werden. 209 aufzufinden in dem ihn umbrauſenden Meere von Er⸗ eigniſſen und Leidenſchaften. Aufs freundlichſte erwähnt er ſeiner beiden Begleiter, die er ſich ſelbſt gewählt, die ich ihm nach beſtem Gewiſſen empfohlen, und deren Geſellſchaft ihm ſchon jetzt unentbehrlich geworden ſei, Sie, meine liebe Roſa, läßt er aufs innigſte grüßen, wie eine Schweſter. Auch Bander ſchrieb mir vier Seiten lang, doch bin ich nicht im Stande, daraus einen Auszug zu machen; ich lege Ihnen das Schrei— ben bei, leſen Sie es durch, ich bitte Sie darum. „In der Hoffnung, Sie heute Abend bei Paul und Ihrer Schweſter zu ſehen, bin ich wie immer un—⸗ wandelbar „Ihr treuer Freund Scherra.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 14 — —— —— — — = —— — 4 — — n e. — V un Fünfundfünfzigſtes Kapitel. lie in Nach Neapel. ſich in In einer jener prachtvollen Nächte, wie man ſie in den heit Frühlings⸗ und Sommer⸗Monaten an den Geſtaden des ſich mittelländiſchen Meeres kennt, hatte der Dampfer ‚General eine Garibaldit den Hafen von Civita-Vecchia verlaſſen und fuhr dun tigt faſt ohne Bewegung, nur mit jenem eigenthümlichen Zittern, welches die ſtarken Maſchinen dem Schiffskörper mittheilten, ſich über die im wahren Sinne des Wortes ſpiegelglatte See eine gegen Süden. von Ja, man konnte heute den Ausdruckt: eine ſpiegelglatte Nac See— in der That mit vollem Rechte anwenden, natür⸗ friſc licher Weiſe mit Ausnahme des leichten Aufſprudelns des friſch Waſſers vor dem ſchlank zugeſpitzten Vordertheil des Schiffes— Tag und der leichten Schaummaſſen, welche die Räder hinter ſich nicht aufwarfen. Dabei war das phosphoriſche Leuchten des Waſ⸗ troſe ſers ſo ſtark, daß es ſchien, als ſchwimme das Schiff in vorü in il leuchtenden Schleiern, deren Enden in funkelnde Spitzen aus⸗ ) 1 6 n den n des eneral fuhr tttern, eilten, 2 See glatte natür⸗ 8 des Waſ⸗ iff in naus⸗ — Nach Neapel. 211 liefen, und die hinter dem Dam ſilberne Schleppe bildeten, welche folgte, ſo weit das Auge blicken konnte. Dazu war der volle Mond aufgegangen, be⸗ leuchtete rings umher alles faſt taghell und buhlte mit dem glänzenden Waſſer, ſo daß ſich die weiten, glatten Flächen in ſehnſüchtiger Aufregung langſam und gleichförmig wie erwartungsvoll athmend hoben und ſenkten. Auf dem hell beglänzten Verdecke zeichneten ſich Maſten und Taue in ſcharfbegrenzten Schattenlinien, und der lief ſo ruhig und ſo o in dem weißen pfer eine lange, leicht bewegte, Dampfer hne alle Bewegung, daß dieſe Schatten Mondlicht kaum merklich ſich ſich nur dann nach und nach verſcho in ſeinem Laufe eine kleine Aende bewegten und ben, wenn das Schiff rung machte. In einer ſolchen Nacht iſt alles an Bord des Schiffes heiter und vergnügt: die Paſſagiere des oberen Deckes, welche ſich hier behaglich auf ausgebreiteten Decken und Mänteln eingerichtet haben, beneideten die der Cajüten nicht um ihre dumpfen Schlafcabinen und ſahen die tigten Schadenfreude ebenfalls das Ve ſich hier auf einer Kanone, einem Tauringe ſo ſe mit einer gerechtfer⸗ rdeck beſteigen, um es auf einer Bank oder auch auf bequem als möglich zu machen; wenige von denen, die auf dem Garibaldie fuhren, blieben in dieſer Nacht im Schiffsrane Mar ‧8 e friſch und ſchön, die Nachtluft. friſchend, und erreichte man nicht ſchon vor anbrechendem Tage den Golf von Neapel, von deſſen Schönheit Jeder nicht das Geringſte verlieren mochte? Selbſt von den Ma⸗ troſen ſuchten nur wenige die Coje cuf, nachdem die Wache vorüber war, die meiſten blieben oben ſitzen, ließen den Tabak in ihren kleinen, irdenen Pfeifen erglühen und ſtimmten auch ren arhen n, — — — 82 1— — Fünfundfünfzigſtes Kapitel. wohl halblaut einen Geſang an, deſſen Worte von la bell' Italia handelten oder von Napoli la magnifica. die Der Kapitän des Schiffes, der ſich beſonders der ſchö⸗ V He 1 nen Nacht und der raſchen Fahrt zu freuen ſchien, ging in V die Begleitung eines der Paſſagiere mit ſo großen und eiligen fild Schritten auf dem Verdecke hin und her, daß man an dem einen Ende des Schiffes nothwendig glauben mußte, derſelbe gen habe an dem andern etwas ganz abſonderlich Wichtiges zu b wol thun, was aber durchaus nicht der Fall war, denn wenn er 3 den an die Prora kam, ſo legte er einen Augenblick die Hand die über die Augen und blickte vor dem Schiffe ſcharf ins Meer, V Zwi und wenn er auf der Poppa umdrehte, lenkte er häufig mit raun ein paar Schritten auf das Compaßhäuschen zu, blickte nach V Kohl dem Strich, in dem das Schiff fuhr, und ſagte bei dieſem Anhalten einmal zu dem Steuermanne:„Wenn der Tag ſaßer aufdämmert, ſo halte ſo nahe gegen das Land wie möglich; geſtri bei der ruhigen See können wir auf Steinwurfweite um zufäll — Ischia herumfahren.“ Dabei rauchten er und ſein Begleiter in er beharrlich Cigarren, und dieſe zwei glühenden Punkte der Bord beiden gleichförmig Daherſchreitenden ſahen von Weitem wie anfän ein paar Feueraugen aus.. bis de Von den meiſten Paſſagieren, die auf dem Schiffe wa⸗ dem 2 ren, haben wir nicht Urſache, viel zu Herichten: es war da 1 ſich B die gewöhnliche Bevölkerung eines Paſſagierdampfers, wie rauche ſie an dieſen Küſten iſt, dem Laufe der jetzigen Zeit nach hin un etwas ſtark militäriſch gefärbt, Berſaglieri, die zum Erſatz ziger ihrer Bataillone nach Neapel gingen, zurückkehrende National⸗ uns ni garden, die in Genua, Mailand, Bresia oder ſonſt wo ge⸗ Bander weſen waren und nun von ihrem erſten Kriegszuge voll er⸗ kleidet, lebter oder erträumter Thaten nach Hauſe zurückkehrten und und ha milie, Nach Neapel. 213 a bell' 1 die, ſchon im Voraus in der Seligkeit ſchwelgend, die ſchöne r ſchö⸗ Heimat wiederzuſehen, den jungen Soldaten von der Linie ing in V die wunderbarſten Dinge von Campaniens prächtigen Ge⸗ eiligen filden erzählten. n dem Unterdeſſen lief das Schiff in ſeinem ſanften und ruhi⸗ erſelbe gen Gange dahin, leiſe ſchütternd, zuweilen ſchwarze Rauch⸗ ges zu wolken, auch hier und da Myriaden von Feuerfunken aus enn er 3 den berußten Schornſteinen blaſend; dann und wann erklang Hand die Schiffsglocke in einzelnen Schlägen, und in regelmäßigen Meer, V Zwiſchenräumen klirrte und raſſelte es aus dem Maſchinen⸗ ig mit V raume hervor, wenn dort die unerſättlichen Oefen mit friſchen e nach V Kohlen geſpeiſ't wurden. dieſem Am Fuße des Rauchfanges gegen das Hinterdeck zu r Tag ſaßen plaudernd drei Männer bei einander, die ſich auf der öglich; geſtrigen Fahrt von Genua her und heute in Civita⸗Vecchia te um zufällig zuſammen gefunden hatten. Zwei von ihnen waren gleiter in erſtgenannter Stadt, Jeder in einer beſonderen Barke, an te der Bord gekommen, hatten ſich bei der gemeinſamen Abendtafel m wie anfänglich ohne gegenſeitige Mittheilung gegenüber geſeſſen, bis der Eine, zufällig ein deutſches Wort ausſprechend, von fe wa⸗ dem Anderen als Landsmann erkannt wurde. Darauf hatten var da ſich Beide einander genähert und waren dann, ihre Cigarren „ wie rauchend, bis zum Schlafengehen plaudernd auf dem Verdeck t nach hin und her ſpaziert. Beide jungen Männer in den zwan⸗ Erſatz ziger Jahren ſind dem Leſer genugſam bekannt, und bleibt tional⸗ uns nur übrig, etwas über ihr verändertes Aeußeres zu ſagen: vo ge⸗ Bander war einkents in einen granwollenen Reiſeanzug ge⸗ oll er⸗ kleidet, er trug eine leichte Mütze, Schuhe mit Gamaſchen n und und hatte ganz das Ausſehen eines Mannes aus guter Fa⸗ milie, der zu ſeinem Vergnügen die Welt durchſtreift; ſein — 214 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. blondes, lockiges Haar kräuſelte ſich ſorgfältig gepflegt unter t ſeiner Kopfbedeckung hervor, und ſeinen Schnurrbart trug d er einfach nach beiden Seiten der feinen Oberlippe hinaus⸗ 3 geſtrichen. 6 8 Richter hatte nach ſeiner Art etwas mehr auf ſeine Per⸗ 3 ſönlichkeit gewandt: er trug hohe Stiefel von weichem Leder ſ über einem Beinkleide von etwas auffallend carrirtem Stoffe, L dazu eine Tyrolerjuppe ohne Weſte, und auf dem Kopfe hatte 2 er einen ſogenannten Calabreſer von grauer Farbe keck gegen das rechte Ohr geſetzt. Sein etwas hageres Geſicht war d von der heißen Sonne ziemlich gebräunt und gab ihm, ver⸗ bunden mit dem ſchwarzen Schnurrbarte, deſſen Spitzen er W ſcharf aufwärts gedreht trug, mit einem ziemlich langen 3 Knebelbarte, einen ſüdlichen Anſtrich, ſo daß man ihn dem 1 Ausſehen nach für einen Italiener hätte halten können, eine 1 Täuſchung, die ihm gefiel und die er, wo es möglich war, d dadurch ſorgfältig zu erhalten ſuchte, daß er nie den Mund d zum Sprechen öffnete, denn wo er gezwungen wurde, dies n doch einmal zu thun, gab er ein ſolches Gemengſel barbariſch b ſe lautender Worte von ſich, daß ſelbſt dem höflichſten Italiener 31 ein leichtes Lächeln um die Mundwinkel zuckte. Bander hatte 3 ihm ſchon oft den Rath gegeben, ſein bischen Latein, das 4 noch von der Schule her hier und da in ſeinem Gedächtniſſe L zerſtreut war, zuſammen zu leſen, um es mit einer anderen Endung als Italieniſch zu verwerthen. 2 Der dritte der Männer, die jetzt am Fuße des Rauch⸗ 8 fanges bei einander ſaßen, hatte das Schiff im Hafen von S Civita⸗Vecchia betreten: der Marcheſe Gaetano Fontana, V 1 welcher mit der Eiſenbahn von Rom gekommen war. Gae⸗ d — ——1 Nach Neapel. 2157 tano hatte ſich auch in ſeinem Aeußern am wenigſten ver⸗ ändert; er war einfach ſchwarz gekleidet. Auch er hatte ſich um ſeine beiden Reiſegefährten durch⸗ aus nicht bekümmert, ja, wenn man bemerkt hätte, mit wel— cher Gleichgültigkeit er ſie anſah und an ihnen vorbeiging, ſo mußte man auf die Vermuthung kommen, es ſeien ihm gänzlich unbekannte Perſonen. Daß dieſem Benehmen eine Abſicht zu Grunde lag, brauchen wir wohl nicht zu ſagen. Gaetano hatte ſich auf dem Verdecke des Schiffes lange mit dem Kapitän unterhalten, hatte ihm von ſeinen trefflichen Cigarren angeboten und mit ihm über die Verhältniſſe des Vaterlandes geſprochen. Zufällig war Richter in die Nähe gekommen und bat den Kapitän in einem furchtbaren Italie⸗ niſch um Feuer, worauf dieſer ihm lachend ſeine Cigarre bot und dann, ſeinen Spaziergang mit dem Marcheſe fortſetzend, dieſem auf ſeine Frage antwortete:„Es iſt ein Deutſcher, der in Genua an Bord kam, ein Künſtler, der nach Neapel will, um dort ſeine Studien zu machen; mich freut es nur,“ ſetzte er hinzu,„daß wieder Reiſende anfangen, unſere Schiffe zu benutzen. Bei aller Liebe zu unſerer guten Sache iſt man doch auch Geſchäftsmann und wünſcht ſich andere Fahrten, als ſo immer hin und her zu dampfen, alle Räume des Schiffes mit Militär angefüllt.“ Als kurze Zeit nachher Gaetano wieder in die Nähe Richter's kam, redete er ihn vor dem Kapitän in deutſcher Sprache an, und ſo auf ganz natürliche Weiſe wurden die Drei mit einander bekannt. Da der Marcheſe, wie er ſagte, zu ſeiner Uebung gern Deutſch redete, ſo bedienten ſie ſich dieſer Sprache und plauderten um ſo unbefangener mit einander, da Bander ſeine Ueberzeugung ausſprach, daß 216 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. ſonſt niemand auf dem Schiffe ſei, der ihre Unterhaltung verſtände. „Darin haben Sie nicht ſo ganz Recht,“ meinte der Marcheſe,„es iſt jemand auf dem Schiffe, der Deutſch ver⸗ ſteht, und zwar eine Perſon, von der Sie es am allerwenig⸗ ſten erwarten; möglich aber, daß ſie Ihnen nicht zu Geſicht gekommen iſt, und von Letzterem bin ich überzeugt, denn ſie müßte Ihnen zum mindeſten aufgefallen ſein.“ „Iſt es eine Perſon männlichen oder weiblichen Ge⸗ ſchlechts, die meiner Aufmerkſamkeit entgangen wäre? Es ſollte mich wundern, denn in Genua war ich ſchon an Bord, ehe noch ein anderer Paſſagier das Schiff betrat, und in Civita⸗Vecchia verließ ich Abends den Schiffsrand nicht, bis der letzte Ballen eingeladen war; es iſt ja meine Schuldig⸗ keit, alles zu beobachten und das Merkwürdige in mein Notiz— buch einzutragen, daß ich dem Gedächtniß unſeres guten Bander bei ſpäterer Ausarbeitung kräftig nachhelfen kann; nicht wahr, lieber Freund,“ ſetzte er launig hinzu,„du haſt dich an mir nicht verkauft? Wie ſagt Muley Haſſan in Fiesco: es ſoll den Löwen nicht gereuen, daß er die Maus pardonnirte.“ „Ihr Citat paßt, Ihnen unbewußt, vollkommen hieher,“ erwiderte Gaetano;„die Perſon, von der ich vorhin ſprach, iſt ein Individuum, wie der Mohr von Genua, wenn auch kein Neger, ſo doch ein Mulatte oder ein Inder.“ „Und der ſollte meinem ſcharfen Blicke entgangen ſein?“ fragte Richter zweifelnd. „Es muß ſo ſein, ſonſt würdeſt du dich ja erinnern,“ ſagte Bander;„ich habe auch kein derartiges Geſicht geſehen.“ „Und die Kleidung?“ fragte Richter, Nach Neapel. 217 „Nicht auffallend,“ gab der Marcheſe zur Antwort,„ein⸗ fach und dunkel; auf dem Kopfe hat er einen dunkeln Hut mit breitem Rande, auf dem Arme trug er einen braunen Beduinenmantel.“ „Ich könnte mich ärgern, daß mir das entgangen,“ ſprach Richter in komiſchem Zorne,„und will nur zu meiner Entſchuldigung ſagen, daß ich mit meinen beiden Augen voll⸗ auf zu ſehen hatte, um all das poetiſche Material zu bewäl⸗ tigen, das an der Schiffswand hinaufſtieg oder dort empor⸗ gezogen wurde.“ „Aber woher vermuthen Sie, daß er Deutſch ſpricht?“ forſchte Bander weiter. „Es iſt das keine Vermuthung von mir, ſondern Ge⸗ wißheit,“ ewiderte der Marcheſe;„in Rom ſuchte ich nach einem zuverläſſigen Diener, und der Wirth des Gaſthofes, wo ich wohnte, ſtellte mir dieſen Mann vor; doch wenn ich auch gegen farbiges Blut gerade nicht eingenommen bin, ſo hatte ich doch meine guten Gründe, mich mit dem ſonſt günſtig Empfohlenen nicht einzulaſſen, obgleich ſein Beneh⸗ men, ſeine Art zu ſprechen nicht ungünſtig war. Bei dieſer Gelegenheit entwickelte er mir auch ſeine Sprachkenntniſſe im Franzöſiſchen, Engliſchen und dann auch im Deutſchen; Italieniſch behauptet er nicht zu verſtehen, doch würde es ihm, meint er, nicht ſchwer werden, ſich auch darin in Kur⸗ zem verſtändlich zu machen. Vielleicht hätte ich ihn zu mir genommen, doch wiſſen Sie wohl, daß mir alles daran ge⸗ legen ſein muß, bei meinem Erſcheinen in Neapel jedes Auf⸗ ſehen zu vermeiden.— Erfahrungen, die ich in Rom gemacht,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„haben mich in dieſem Vorſatze noch mehr beſtärkt; es thut mir ſehr leid, daß wir — „ 218 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. in der erſten Zeit dort getrennt leben müſſen. Sie Beide haben mich wiederholt Ihrer Freundſchaft verſichert, und es kann daher wohl kommen, daß ich bei den verwickelten Ver⸗ hältniſſen, die ich in meiner Heimat finden werde, Ihre freundliche Hülfe in Anſpruch nehmen muß.— „Was ich gefürchtet,“ fuhr er flüſternd weiter,„und worüber ich in Mailand Andeutungen erhielt, wurde mir in Rom zur Gewißheit: man denuncirte mich als einen der gefährlichſten Anhänger des vertriebenen Königs, und ſo ge⸗ lang es dem Geſchäftsmanne, auf den ich mein ganzes Ver⸗ trauen geſetzt, den größten Theil meines Vermögens in eine ſolche Verwaltung zu nehmen, die einer Beſchlagnahme voll⸗ kommen ähnlich ſieht. Doch nun offen aufzutreten und bei Gericht mein Recht in Anſpruch zu nehmen, hieße mein Spiel rettungslos verloren geben.— Beweiſe darüber, daß und ob ich im Intereſſe meines früheren Königs gehandelt, iſt freilich niemand im Stande, beizubringen, doch laſſen ſich Beweiſe machen, und man hat mir in dieſer Richtung furcht⸗ bare und abſchreckende Beiſpiele mitgetheilt. Sie wiſſen, mit welch' glühenden Wünſchen für die Wohlfahrt meines Vater⸗ landes ich den heimatlichen Boden betrat, Sie wiſſen, mit welcher Begeiſterung ich an ein einiges und großes Italien denke. Aber Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß eben ſo wenig als ich geſonnen bin, mich blindlings in einen Kampf für die mir allerdings theure Vergangenheit einzulaſſen, ich mich rückhaltlos der neuen Zeit in die Arme werfen möchte, die es geduldet, daß man mich ungehört ver⸗ dächtigte, die meinen Anklägern Recht ſprach, ohne mir eine Vertheidigung zu erlauben. Doch hier iſt nicht der Ort, um dieſes näher zu erörtern,“ ſetzte er ſich umſchauend hinzu, —— —,——— —.— Nach Neapel. 219 und fuhr dann mit einem freundlichen Lächeln fort:„Laſſen wir Vergangenheit und Zukunft für jetzt ruhen und uns nur mit der Gegenwart beſchäftigen. Dort im Oſten beginnt der Tag aufzudämmern, und wenn auch mein Herz bei dem Gedanken ſchneller ſchlägt, in wenigen Stunden das unver⸗ gleichlich ſchöne Stück Erde wieder zu betreten, die ich mit Stolz meine Vaterſtadt nenne, wenn auch mein Blut bei dem Gefühle, jene Orte wiederzuſehen, wo ich gelebt und gelitten, heftiger durch meine Adern ſtrömt, ſo bin ich doch gefaßt genug, um Ihnen, meinen lieben Freunden und werthen Reiſe-Geſellſchaftern, die Honneurs meines Landes zu machen.“ Das Boot hatte ſchon vor einer halben Stunde die Richtung ſcharf nach Süden eingeſchlagen und näherte ſich ſo viel als möglich dem Lande. Ja, der Morgen kam, man fühlte es an dem friſchen Lufthauche, man ſah es an dem langſamen Verſchwinden der Sterne, die allmälig erbleichten, undeutlich wurden und dann in den helleren Farbentönen des Himmels, die ſich langſam von Oſten aufſchwangen, vergingen. Man ſah es an dem Monde, der ſchon ſeit einiger Zeit die Kraft verloren hatte, Schatten zu erzeugen, deſſen Bild ſich in dem mehr und mehr erglänzenden Waſſer nicht mehr wiederſpiegelte, deſſen Licht ausgelöſcht ſchien und der nur noch am Himmel ſchwebte, anzuſehen wie ein rund⸗ geformtes, weißes Wölkchen. Je heller der Himmel wurde, um ſo tiefblauer wurde die Farbe des Meeres, und wie vor dem werdenden Lichte Mond und Sterne verſchwanden, ſo drunten das Phosphorleuchten auf der langſam ſinkenden und ſteigenden Flut. Die allgewaltige Herrſcherin des Tages duldete keinen 220 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. anderen Glanz neben ſich; goldige, purpurfarbene Strahlen, untermiſcht mit dem blitzenden Leuchten ihres Diadems, ſen⸗ dete ſie voraus, um die ſchlummernde Erde durch den ſanften Schimmer der Morgen⸗Dämmerung auf ihr majeſtätiſches Kommen vorzubereiten. Was wir auf unſerer linken Seite und weit vor dem Schiffe für einen Nebelſtreifen hielten, wird nun deutlicher, beſtimmter, zackiger, farbiger, es iſt die Küſte Neapels, es ſind die wunderbaren Formen der glücklichen Geſtade, welche mit ihren Felſenarmen liebend den ſchönſten Golf der Erde umfaſſen. Dort vor uns über einer leichten Nebelſchicht, die nur ungern hinwegzuziehen ſcheint, leuchtet ein Bergkegel auf, wunderbar beſtrahlt— es iſt die Spitze des Epomeo, und in Kurzem treten die Formen der wunderbaren Inſel deut⸗ lich hervor. „Ischia,“ ſagte Gaetano, der ſich mit ſeinen Freunden vorn auf die Spitze des Schiffes begeben hatte und unver⸗ wandten Blickes vor ſich hinſtarrte, wie um der Erſte zu ſein, der die Einzelheiten ſeiner ſchönen Heimat erblickt. „Ischia,“ wiederholte er in tiefem Athemzuge. In Morgenduft gehüllt, ſcheint ſie wie hingehaucht auf dem ſtillen Waſſer langſam vorüber zu ſchweben, während ſich die Felſenſpitzen ihrer Berge zierlich gezackt von dem blauen Morgenhimmel abheben. Ueber dem Epomeo ſchwebt eine leichte Wolke, von unten roth goldig beſtrahlt, einer Krone ähnlich, die das Haupt des Berg⸗Rieſen umgibt. Ischia trennt den Golf von Neapel von dem von Gaeta und iſt ſelbſt nur durch eine ſchmale Meerenge von Procida geſchieden. Zwiſchen dieſen beiden Felſen⸗Inſeln erſcheint das —, —,, — Nach Neapel. 223 „Aha,“ ſagte Richter, um doch auch etwas von ſeinen geſchichtlichen Kenntniſſen an den Mann zu bringen,„dort über jene Bucht wollte das wahnſinnige Stiefelchen eine Brücke bauen.“ „Camaldoli ragt dort hervor. O, welche tauſend ſüße und ſchmerzliche Erinnerungen erwecken jene Berge mit dem dichten Laubwerke in mir!— Sehen Sie dort links vom Poſilippo jene Stelle, wo Waſſernebel emporſteigen, welche zu verjagen oder niederzudrücken die Sonne noch nicht hin— länglich Kraft hat— der Lago d'Agnano.“ Jetzt fuhr das Schiff an der äußerſten Spitze des Vorgebirges Poſilippo vorüber; hohe, majeſtätiſche Felſen erheben ſich ſteil vom Waſſer in die Höhe und ſind von mächtigen Grotten durchbrochen, hier ſich weit gegen das Meer öffnend, dort Gallerieen bildend, auch halb abgelöſ'te, drohende Felsſtücke zeigend, die gewiß noch ihr Grab in der ſchäumenden Meeresflut finden werden; hier und dort ragen ähnliche, abgelöſ'te Stücke aus dem Waſſer hervor, graues Geſtein, aus welchem die beſtändig anprallenden Wellen die ſeltſamſten Formen gebildet. Dicht vor den Füßen des mächtigen Poſilippo liegt das kleine, niedliche Niſida, wach⸗ ſam ins weite Meer hinausſchauend, wie ein Hund zu den Füßen ſeines Herrn. Vorbei! Vorbei! Dort ſind die Ruinen der Villa des Lucullus, an dem Punkte, wo der Sage nach die ſchaum— geborene Göttin dem Waſſer entſtiegen iſt; einen ſchöneren Punkt hätte ſie ſich allerdings nicht wählen können. Neben dem langgeſtreckten Poſilippo dampft das Schiff dem inneren Golfe zu. Wer vermag aber ſo im Vorüber⸗ fliegen all die unausſprechlichen Schönheiten dieſes reizenden 4 — 2 —— 224 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Gebirges zu umfaſſen, dieſes maleriſchſten aller maleriſchen Küſtenpunkte Neapels? Für unſere Freunde war es ſchwer, ſich hier zurechtzu⸗ finden, denn ihr Cicerone war verſtummt; er hatte den Vormaſt des Schiffes mit ſeinem Arme umſchlungen, ſeine Stirn auf den Arm gelegt und blickte unverwandt nach einem Punkte, der anfänglich unkenntlich weiß durch das Laub⸗ werk ſchimmerte, ſich aber nach und nach zu einer Villa mit Terraſſen und Laubgängen verdeutlichte, San Antonio.— Bander, der von Herrn von Scherra die Schickſale Gae⸗ tano’s wußte, ließ ihn träumen, obgleich er ihm lieber die Hand ſanft auf die Schulter gelegt und ihm mit herzlichen Worten geſagt hätte, wie innig Gaetano's und ſeine eigene Vergangenheit ſich berührte. Wozu aber durch einen Aus⸗ tauſch ſchmerzlicher Gefühle alte, leicht vernarbte Wunden aufreißen? Warum von einer Vergangenheit reden, die in tiefe Trauer gehüllt hinter ihnen lag? Warum einer Zukunft gedenken, die ohne Hoffnung war? Beſſer, er befolgte das Beiſpiel Richter's, der mit vollem Herzen der Gegenwart huldigte, der hinauf auf die Bank am Schiffsrande geſprungen war und der laut jauchzend den herrlichen Poſilippo ſcheinbar an ſich vorbeiziehen ließ, der ſich ſelbſt und Andere mit enthuſiaſtiſchen Ausrufungen auf all dieſe Schönheiten aufmerkſam machte. Ruine reiht ſich hier an Ruine, Dörfer mit weißen Mauern, mit gelbbraunen Felſen von Cactus und Aloe um⸗ wuchert, von grünen Ranken eingeſponnen, dann wieder braune, wilde Tuff⸗Felſen, Citronen⸗Gärten, Tulpen⸗Bäume — Granaten— ſeltſam gebaute Landhäuſer mit offenen Veranden— dort ein größeres Dorf, Marochiana nennt es — ſchen htzu⸗ den ſeine inem aub⸗ Villa d.— Gae⸗ die chen gene Aus⸗ nden e in unft llem gank den der auf ßen um⸗ 2der ume nen es — Nach Neapel. 225 der Kapitän, auf einem vorſpringenden Felſen liegend, von dem eine Straße auf kühn gewölbten Bogen nach einem anderen Felſen führt— Villen neben und über einander— dort ein kleines Schlößchen, eine niedliche Spielerei, mit mittelalterlichen Zinnen, zwiſchen denen Kanonen hervor⸗ blinken, Palmen, Cypreſſen, terraſſirte Gärten, Grotten, Treppen, hangende Brücken, hoch oben hell leuchtende Klo⸗ ſtermauern unter dem ſchützenden Dache ſchwarzer, rieſen⸗ hafter Pinien. „»Il Vesuvio,“ ſagt der Kapitän, mit einem Ausdrucke von Rührung in ſeinem wettergebräunten Geſichte, und der ernſte, majeſtätiſche Berg, dunkel und doppelt gezackt, von dem wir ſo viel gehört, den wir uns ſchon lange zu ſchauen geſehnt, ſteht vor uns mit ſeiner weißen, unbeweglichen Rauchwolke, leuchtend im Glanze eines herrlichen Morgens. Das Meer iſt ſo ruhig und klar, die weißen Segel der zahlloſen Schifferboote ſchimmern in der Sonne, die Villen und Dörfer des Poſilippo erſcheinen immer dichter und gehen zuletzt in die compacten Häuſermaſſen der Stadt über, die hier mit der Mergelina beginnt. Links haben wir den Palaſt der Königin Johanna, eine ſchwermüthige, maleriſche Ruine, deren meerumſpülten Fuß das friſcheſte Gras und purpurfarbiges Moos überkleidet. Jetzt erſcheint uns die Villa Reale als eine lange Reihe von Bäumen, und das Schiff iſt nun in den eigentlichen Golf von Neapel einge⸗ laufen. Vor uns liegt die majeſtätiſche Stadt, hinter ihr der Vomero, an deſſen ſteilem Abhange bis hoch hinauf ein Chaos von Gaſſen, Gäßchen und Häuſergruppen ſchwebt und deſſen Höhe mit dem Caſtell San Elmo und dem Klo⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 15 — — ——— — 226 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. ſter Martino, jenem fürſtlichen Bau der Benedictiner⸗Mönche, gekrönt iſt. Etwas mehr nach Capodimonte und rings um die Stadt herum ſehen wir Hunderte von Villen zwiſchen Reben, Pinien, Cypreſſen, mitten in ihren Gärten voll der üppigſten Fruchtbarkeit. Die weißen und gelben Kuppeln der Kirchen Neapels, die glatten Dächer der Häuſer mit ihren dunkelgrünen Granatbüſchen, die hohen Mauern der Villen, hier und da Palmen und andere Gewächſe des Südens, das alles gibt der Gegend ein ſo fremdes Aus⸗ ſehen, daß man ſich in den Orient verſetzt glaubt. Immer aber blicken wir mit Bewunderung zum Veſuv empor, welcher in ſeiner ganzen Größe in zarten Duft ge⸗ hüllt vor uns ſteht. An ſeinem Fuße Portici, Reſina, Torre del Greco wie eine leuchtende Perlenſchnur, und davor das Meer ſo glatt und hell, daß ſich das ganze wunderbare Panorama in ihm wiederſpiegelt— und kein Ende all dieſer unſäglichen Schönheiten. Wie eine Kette von Laubwerk und goldenen Früchten, hier und da durch ein Stückchen Brillant⸗ ſchmuck unterbrochen, ſchlingt ſich das Geſtade zu unſerer Rechten fort. Wir ſehen Caſtellamare dicht am Geſtade, dann das göttliche Sorrent hell leuchtend auf rothbraunen Felſenwänden, umgeben von Orangen⸗ und Citronen⸗Gärten, dann Maſſa, weiterhin ſchroff abfallend das Cap der Mi⸗ nerva, endlich Capri, wie eine ſeltſam geſtaltete Wolke goldig violett gefärbt am Saume des Horizontes, und alles das umgibt ein leiſe zitterndes, von Sonnenſtrahlen blitzendes Meer, über dem der tiefblaue Himmel lacht. Die drei Freunde ſtanden im Anſchauen verſunken auf der Spitze des Schiffes. Bander's Herz ſchlug gewaltig beim Anblicke dieſer von Minute zu Minute wechſelnden, un⸗ ausſprechlich ſchönen Landſchaft. Er fühlte ſich glücklich, er athmete aus tiefſter Bruſt— war es die höchſte Luſt, welche das Waſſer in ſeine Augen trieb, oder war es ein ſchmerz⸗ liches Gefühl, welches ihn trotz aller dieſer Herrlichkeit beim Anblicke Neapels durchzuckte, welches ihn berührte wie ein Hauch der Trauer, wie ein mahnender Ruf der Erinnerung an ſeine Vergangenheit? Gaetano, welcher noch lange rückwärts geſchaut nach jener hellleuchtenden Villa des Poſilippo und der alsdann ſeine Blicke forſchend über das Ufer der Chiaja und Santa Lucia gleiten ließ, als müſſe er dort etwas ſehen, erwachte nun mit einem tiefen Seufzer aus ſeinen ſchmerzlichen Träumen und ſagte zu Bander:„Mir iſt zu Muthe, wie jemand, der nach langer Abweſenheit den Friedhof ſeiner Heimat betritt und dort zugleich die Stelle aufſucht, wo das Liebſte, was er beſeſſen, begraben liegt. Ich werde hier,“ ſetzte er traurig hinzu,„manchen Stein, manches Erinne⸗ rungsmal finden, wo ich mich ſtill niederlaſſen werde und wo mich keine Inſchrift zu mahnen braucht an das, was ich beſeſſen und verloren.“ Richter war von den Dreien der Einzige, der die glück— liche, ſchöne Gegenwart friſch und heiter auf ſich einwirken ließ. Wie ergötzte er ſich an den beſtändig wechſelnden Bil⸗ dern und Scenen, die nun immer näher und mannigfaltiger vor ihn hintraten; wie gefielen ihm dieſe eigenthümlichen Häuſer, die das ächte Bild einer ſüd⸗italieniſchen Stadt bo⸗ ten, mit ihren zahlreichen Balconen voll flatternder Wäſche, mit Menſchengeſichtern und Blumen beſetzt; wie imponirte ihm der Maſtenwald der unzähligen Schiffe, wie lachte er über das lärmende Leben des Hafens, in den ſie nun einge⸗ Nach Neapel. 227 228 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. fahren waren! Der Marcheſe hatte den Arm Bander's erfaßt, und als er mit dieſem nach dem Hinterdecke des Schiffes ging, bat er auch Richter, ihm nach ſeiner Cabine zu folgen, die er ſich auf dem Verdecke hatte geben laſſen. Dort angekommen, ſagte er, nachdem er die Thür ge⸗ ſchloſſen:„Wir haben nun das Ziel unſerer Reiſe erreicht und wollen ſehen, was uns die nächſte Zeit bringt; ich nehme eure Hülfe, meine lieben Freunde, in Anſpruch, und zu dieſem Zwecke iſt es nothwendig, daß wir uns, wie ich Ihnen ſchon in Mailand ſagte, für einige Zeit trennen, nicht aber, ohne in fortwährendem Rapport mit einander zu bleiben. Bander, der mit ſeinem engliſchen Paſſe am we⸗ nigſten zu befürchten hat und am ſicherſten und unbefangen— ſten auftreten kann, folgt mir ins Hotel de Rome, wo ich in den nächſten Tagen ganz zufällig, wie geſtern hier auf dem Schiffe geſchehen, ſeine Bekanntſchaft machen werde. Ihm werde ich von allen meinen Schritten genaueſte Rechen⸗ ſchaft geben, um es ihm möglich zu machen,“ ſetzte er mit einem ſeltſamen Lächeln hinzu,„meine Spur zu verfolgen, wenn ich, was wohl vorkommen kann, eines Tages ver⸗ ſchwunden bin. Sie ſehen mich fragend an,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„glauben Sie mir, ich kenne den Charakter derjenigen meiner Landsleute, mit denen ich ſehr unange— nehme Dinge zu verhandeln haben werde, ſo genau, daß ich überzeugt bin, ſie werden vor wenigen Mitteln zurück⸗ ſchrecken, um ſich meiner zu entledigen und dieſen unange⸗ nehmen Verhandlungen zu entgehen— nicht wahr, Bander, ich kann auf Sie zählen?“ Dieſer reichte dem Freunde gerührt die Hand, und ſein im darſt vor Ritte die F die S ſo ſch mit e mir 1 Richte Nach Neapel. 229 Blick ſprach mehr als es Worte zu thun im Stande ge⸗ weſen wären. „Daß ich auf Ihre Geſellſchaft, lieber Richter— ich hoffe aber, nicht auf lange— verzichten muß, ſchmerzt mich um ſo mehr, da mir Ihr glücklicher Humor, Ihre heitere Laune manche angenehme Stunde verſchafft. Ich habe lange mit mir überlegt, ob es rathſam iſt, Sie bei Ihrer wenigen Kenntniß der italieniſchen Sprache ſich gewiſſer⸗ maßen ſelbſt zu überlaſſen, doch kenne ich Ihre Entſchloſſen⸗ heit und ſah ſchon oft mit Beruhigung, wie Sie das Leben ſo praktiſch und ſicher erfaſſen, daß ich wohl keine Furcht zu haben brauche, es könnten Ihnen Dinge vorkommen, denen Sie nicht gewachſen wären. Zugleich bin ich über⸗ zeugt, daß Ihre freundliche, oft ausgeſprochene Bereitwillig⸗ keit, mir einen Dienſt leiſten zu wollen, nicht bloß Redens— art war, und da jetzt die Zeit gekommen, wo Sie mir Ihre Freundſchaft in dieſer Richtung beweiſen können, ſo werden Sie es leichter nehmen, ſich für wenige Zeit von uns Beiden zu trennen.“ Richter hatte ſich ſtramm aufgerichtet, wie er es ehemals im Theater zu thun pflegte, wenn er einen Rittersmann darſtellte, auf den der betreffende König oder ſonſtige Fürſt vor allen mit Vertrauen blickte, wenn ihm der ſchwarze Ritter der feindlich geſinnten Partei den Fehdehandſchuh vor die Füße warf. Während Richter den rechten Arm keck in die Seite ſtemmte, drehte er mit der linken Hand an ſeinem ſo ſchon genug aufwärts ſtrebenden Schnurrbarte und ſagte mit einem Tone voll ruhiger Würde:„Sie ſollen ſich in mir niemals getäuſcht haben, verehrter Herr und Freund. Richter wird ſein Herzblut verſpritzen für die gekränkte Un⸗ —— ——————— — 4 —— — — —— 230 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. ſchuld jeglichen Geſchlechts, Richter wird entſchloſſen, klug und umſichtig handeln, und wenn Richter auch noch nicht allzu tief in die Geheimniſſe der italieniſchen Sprache ein⸗ gedrungen iſt, ſo wird er ſich von dieſen Wälſchen nicht ſo leicht über den Löffel barbieren laſſen— hier ſeine Hand darauf, die Hand eines Mannes, welcher Feder und Schwert geführt hat, letzteres freilich nur in theatraliſcher Nachbildung.“ Gaetano faßte lächelnd die Hand des ehemaligen Chor⸗ ſängers und drückte ſie herzlich, indem er ſagte:„Ich baue feſt auf Sie und muß mir nur noch erlauben, Ihnen einige kleine Andeutungen über den Weg zu geben, den Sie ver⸗ folgen ſollen, ſo wie über Ihr Verhalten während der nächſten Zeit. Sie wiſſen, daß meine Mutter um Neapel herum große und reiche Güter beſaß, die auf mich, als auf ihren Erben, übergegangen ſind, jetzt aber, wie ich Ihnen ſchon früher ſagte, durch die Schlechtigkeit unſeres bisherigen Geſchäftsmannes, deſſelben Schurken, der mich im Verein mit Doctor Henderkopp Jahre lang in Deutſchland gefangen hielt, mit Beſchlag belegt worden ſind, indem er im Verein mit andern meiner Feinde vorgegeben, als agitire ich in Rom gegen die Einigkeit meines Vaterlandes, ich, der ja nichts ſehnlicher wünſcht, als daſſelbe groß, mächtig und frei zu ſehen. Wie viel ich dieſen Beſchuldigungen gegenüber gewagt habe, mich hier in Neapel ſehen zu laſſen, kann ich heute noch nicht beurtheilen, doch ſei es, wie es will, ich werde in den nächſten Tagen jenem Geſchäftsmann, dem Advocaten Brancaggio, wahrſcheinlich unvorbereitet vors Auge treten, um zu ſehen, was die freche Stirn eines Schurken gegen⸗ über einem wahren Mannesworte zu beſtehen vermag. Habe Ma einen Nach Neapel. 231 ug ich mich bei dieſer Veranlaſſung vielleicht zu weit vorgewagt, cht ſo rechne ich auf Sie, Bander, der dann ſeine Schritte für In mich thun wird. Was nun Sie, mein lieber Richter, an⸗ cht belangt, ſo werde ich mir erlauben, Sie nach einer unſerer ine Beſitzungen zu dirigiren, deren Pachter uns von je her treu Inb V ergeben war; mit meiner geliebten Mutter brachte ich die her erſten Jahre meiner Kindheit dort zu; es iſt das die Maſſeria di Fontana bei dem Dorfe Avenella in der Richtung des or⸗. Caſtells San Elmo gelegen, das dort über die Straße uie V hereinragt. Werden Sie dieſe Namen behalten?“ ige V„Ich zweifle nicht daran,“ erwiderte Richter,„doch werde ed ich ſie mir auch für alle Fälle der Noth in mein Schreibbuch der notiren.“ pel Er nahm daſſelbe aus ſeiner Taſche und wollte eben auf— den Bleiſtift herausziehen, als ihm der Marcheſe entgegnete: Ven„Laſſen Sie das Aufſchreiben lieber bleiben, es iſt beſſer, gen wenn Sie im Taſchenbuche weder den Namen Avenella ein noch Fontana mit ſich herumtragen, Sie werden beide ſchon gen behalten.“ ein„Gewiß, namentlich Avenella,“ entgegnete Richter, om„brauche ich doch nur an die weiße Frau von Avenell zu hts. denken, um ihn nicht zu vergeſſen.“ zu V„Ich rechne darauf,“ fuhr Gaetano fort.„Sobald Sie agt V gleich nach uns das Schiff verlaſſen haben, nehmen Sie ein alte V Carriozello und laſſen ſich nach der Sallita dell' Infrascata rde führen.“ ten b„Sallita dell' Infrascata,“ wiederholte Richter mehrere hen, V 1 Male nach einander, um ſich dieſen Namen einzuprägen. en⸗ V„Dort finden Sie Eſel zu vermiethen, von denen Sie einen beſteigen, um hinauf nach Antignano zu reiten.“ 232 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. „Antignano— Antignano,“ ſagte Herr Richter. „Von dort aus gehen Sie zu Fuß nach Avenella und laſſen ſich, in dieſem Dorfe angekommen, eine höher gelegene ſchöne Ausſicht bezeichnen, worauf man Ihnen die Maſſeria di Fontana angeben wird.— Glauben Sie, um dorthin zu gelangen, Italieniſch genug ſprechen zu können?“ „Wir waren in der Schule Lateiner,“ ſagte Richter mit. Stolz,„und wenn ich einem Worte dieſer Sprache a, o oder i anhänge, ſo glaube ich, man wird mich mit meiner weichen deutſchen Ausſprache mindeſtens für einen Toscaner halten.“ „Richter, Richter,“ ermahnte Bander ſeinen geſchwätzigen Freund,„laß' deine Phantaſieen und höre lieber zu. Wie ich aus dem Fenſter der Cabine bemerke, verlaſſen ſchon Paſſagiere das Schiff, und unſer Freund Gaetano wird nicht gerade der Letzte ſein wollen.“ „Ich bin gleich mit den wenigen Inſtructionen, die ich zu geben vermag, zu Ende,“ ſagte der Marcheſe.„Bei der Maſſeria di Fontana angekommen, ſetzen Sie ſich vor den Garten hin und betrachten die Ausſicht.“ „Ich werde meine Mappe hervornehmen und anfangen zu zeichnen, denn ich reiſe als Landſchafts⸗Maler.“ „Wie ich die Gaſtfreundſchaft meiner Leute kenne, wird man Sie einladen, im Hauſe auszuruhen, und wenn der Abend kommt und Sie nach Hauſe zurückkehren wollen, ſo wird Rafaelo, der Pachter, Ihnen ein Nachtlager anbieten. Sollte beim Ernſte der Zeiten, in denen wir leben, der Pachter ſich übrigens nicht getrauen, Sie bei ſich aufzu⸗ nehmen, ſo haben Sie hier etwas, das Ihnen helfen wird.“ Bei dieſen Worten zog Gactano ein beſchriebenes, unſchein⸗ bares und zerknittertes Papier aus der Taſche und fuhr danr Sie genu zur drob⸗ ſtreif ſchaff Sie wird es ſie Lang licher unter Fonte da o Auch Band Orte Zukur Händ denn noch es un Band nach zu ort 2 ſänger mit di en Nach Neapel. 233 dann fort:„Wickeln Sie Ihre Cigarren hinein und werfen Sie es dort wie zufällig auf den Tiſch. Rafaelo kann genugſam leſen und wird Ihnen darauf ſein beſtes Zimmer zur Verfügung ſtellen. Sie nehmen das an und bleiben droben als Landſchafts⸗Maler, wie Sie eben ſelbſt ſagten, ſtreifen durch die Umgegend und erwarten irgend eine Bot⸗ ſchaft, die ich oder Bander Ihnen zukommen laſſe oder die Sie vielleicht von Rafaelo erhalten. Der kluge Neapolitaner wird beim Erblicken des Papiers ſogleich wiſſen, um was es ſich handelt.— Daß Sie, lieber Freund, da oben keine Langeweile haben,“ ſetzte der Marcheſe mit einem freund⸗ lichen Blicke hinzu,„dafür will ich Ihnen bürgen, denn unter den ſchönen Punkten von Neapel iſt die Maſſexia di Fontana einer der reizendſten— o, wie glücklich könnte man da oben ſein— in welchem Paradieſe könnte man leben! Auch wir,“ wandte er ſich mit einem tiefen Athemzuge an Bander,„werden hoffentlich in nicht gar zu ferner Zeit jene Orte beſuchen, wo ich als glückliches Kind von einer heiteren Zukunft träumte.“ Nach einer Pauſe reichte er Richter beide Hände und ſprach in bewegtem Tone:„So wüßte ich Ihnen denn nichts mehr zu ſagen, lieber Freund, und ſpreche nur noch den Wunſch aus, daß wir uns bald und ſo heiter, wie es uns das Schickſal erlaubt, wiederſehen mögen!“ „Wenn Sie alſo nichts mehr zu beſtimmen haben,“ ſagte Bander nach einer Pauſe,„ſo will ich mich mit Richter nach der großen Cajüte zurückziehen, um dort unſer Gepäck zu ordnen.“ „Das iſt gleich geſchehen,“ ſagte der ehemalige Chor⸗ inder„du wirſt, wie wir es abgeredet, meine Siebenſachen mit dir nehmen, denn was ich an Wäſche für die nächſten 234 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Nach Neapel. Tage brauche, habe ich ſchon geſtern Abend in meine kleine Ledertaſche gepackt; wenn ich dieſe um die Schulter hänge, meine Mappe und meinen Feldſtuhl unter den Arm nehme, ſo möchte ich den ſehen, der mich nicht für einen ächten und gerechten Landſchafts⸗Maler nimmt; auch habe ich alles Ernſtes vor, das Talent zum Zeichnen, welches ich ſchon früher in mir entdeckte, nach Kräften auszubilden.“ „Wenn dazu die Tradition des Ortes, nach dem Sie gehen,“ warf der Marcheſe ein,„etwas beizutragen vermag, ſo ſind Sie droben an der richtigen Stelle, denn bei Avenella, wo er geboren, und bei der Maſſeria di Fontana ſammelte Salvator Roſa Skizzen zu ſeinen prachtvollen Bildern.“ „Ich will ihm nacheifern,“ lachte Richter,„vielleicht kann auch ich einſtens ſagen: anche io sono pittore, und damit Gott befohlen; vor der Thür der Cabine ſind wir einander vor der Hand drei ganz fremde Menſchen.“ „So ſoll es ſein; laß uns gehen, Richter.“ Die beiden Deutſchen verließen das kleine Gemach, ſchlenderten, die herrliche Stadt betrachtend, nach der großen Cajüte und trennten ſich dort nach einigen förmlichen Worten, die ſie in Gegenwart der Schiffskellner zu einander ſprachen. und Leder war auch den danke als einme ten, dieſen einige herur Ande fühlte hagli wiſſer kleine änge, ehme, und enſtes er in Sie mag, iella, nelte kann amit nder nach, oßen ten, hen. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Eine diplomatiſche Sendung. Richter, der zuerſt wieder auf das Verdeck hinaufſtieg und ſich dort auf eine der Bänke am Schiffsrande, ſeine Ledertaſche, Wanderſtab und Feldſtuhl neben ſich, niederließ, war von ganz eigenthümlichen Gefühlen bewegt; wenn ihn auch die augenblickliche Trennung von ſeinen beiden Freun⸗ den etwas ſchmerzte, ſo tröſtete er ſich doch mit dem Ge⸗ danken, daß man ſich ja in Kurzem wiederſehen werde, und als den Gefühlen der Freundſchaft von ihm auf dieſe Art einmal ihr Recht angethan war, konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, es ganz unbeſchreiblich angenehm zu finden, hier auf dieſem ſchönſten Punkte von Gottes prachtvoller Erde für einige Zeit in voller Freiheit und ganz nach ſeinem Belieben herumſchwärmen zu dürfen. Wenn ihm die Geſellſchaft der Anderen auch gerade keine beengenden Feſſeln anlegte, ſo fühlte er ſich doch häufig durch den Ernſt Gaetano's unbe⸗ haglich, und Bander konnte es nun einmal nicht laſſen, ge⸗ wiſſermaßen den Mentor ſeines Freundes ſpielen zu wollen. —õK —— 236 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Er lachte nun behaglich in ſich hinein, als er das Ge⸗ wimmel der bunt angeſtrichenen Boote erblickte und bei ſich betrachtete, daß er unter den vielen nach Belieben wählen könne, um ſich ans Land ſetzen zu laſſen. Als Gaetano bei ihm vorüberſchritt und ihn freundlich, wenn auch fremd grüßte, erwiderte er ſeiner Rolle gemäß deſſen Gruß mit einem ſteifen Kopfnicken und winkte Bander, als er dieſen auf der Schiffstreppe ſtehen ſah, recht herab⸗ laſſend einen Abſchied mit der Hand zu. Er verfolgte die Barke, welche Beide mit ihrem Gepäcke nach dem Ufer trug, bis ſie in dem Menſchengewühle am Ufer verſchwunden waren; dann erhob er ſich gravitätiſch, warf die Ledertaſche leicht über ſeine Schulter, nahm Stab und Feldſtuhl unter den Arm und ſchritt langſam die Schiffs⸗ treppe hinab, wo er ſich außerordentlich an einem Heere halbnackter Fiſcher mit rothen Mützen amuſirte, die ſich mit ihren Kähnen um das Dampfboot drängten, ‚una barca, Signore, una barca, Eccellenza!“ aus heiſeren Kehlen ſchreiend. Richter gab einem von denen den Vorzug, die ihn mit Eccellenza angeredet, und beſtieg den Nachen, der ihn mit wenigen Ruderſchlägen an das Ufer brachte. Als er hier ſeinen Schiffer mit einer kleinen Silbermünze fürſtlich belohnt zu haben glaubte, erlebte er den erſten leichten Schatten in dem glanzvollen Lichtbilde, das ihm Augen und Ohren ein⸗ nahm. Der Schiffer legte mit verächtlicher Geberde das Geldſtück auf die flache Hand und fragte in ſehr beſtimmtem Ausdrucke, ob das alles ſei für ſeine große Mühe? Richter's Herz war zu voll und glücklich, um dieſe un⸗ verſchämte Frage zu beantworten, wie ſie es verdiente. Warum, dachte er bei ſich, dieſen guten Kerl, der mich ſo raſch an Neal reich doch doch hina⸗ doch Düft kame mert rings Schi boote Dam Bark geklei Waſſ Lande bunt ſteuer auf ei an T und boots ein p ſchwa treibt waltig der g Eine diplomatiſche Sendung. 237 Neapels göttliches Ufer brachte, nicht zufrieden ſtellen? Er reichte ihm alſo noch ein Geldſtück und wunderte ſich dann doch ein wenig, als der Schiffer, ſtatt zu danken, mit den Achſeln zuckte und murmelte:„à poco per una Eecellenza.“ Gleich vergaß er aber dieſe Ungenügſamkeit; war er doch in Neapel, ſchaute er doch in das blaue, glänzende Meer hinaus, fühlte er doch die heiße italieniſche Sonne, roch er doch den Duft von Orangen und Citronen neben anderen Düften des Hafens, die ihm übrigens minder angenehm vor⸗ kamen. Er ſetzte ſich auf einen Stein und blickte unbeküm⸗ mert um die ihn umgaffende Menge in das ſeltſame Leben rings um ihn her. Da lag der Maſtenwald der zahlloſen Schiffe vor ihm, da ſah er die rauchenden Schlote der Dampf⸗ boote; das, mit dem er angekommen, ließ ziſchend den weißen Dampf ausfahren. Dort fuhren roth und blau bemalte Barken, übervoll von Menſchen, die in die hellſten Farben gekleidet waren, und Geſang und Gelächter ſchallte über das Waſſer. Hier ſtößt ein Nachen voll ſchwarzer Prieſter vom Lande und dient zur Schattirung anderer Fahrzeuge, die mit bunt geſtreiften Zelten überſpannt ſind. Ein Kauffahrer ſteuert heran und ſenkt, da er nahe iſt, die Segel. Dort auf einem dunkeln, ſchlanken Kriegsſchiffe klettern die Matroſen an Tauen und Strickleitern der ſchief geſtellten Maſten auf und nieder, raſch gehorchend der gellenden Pfeife des Hoch⸗ boetsmannes. Ganz nahe dem Ufer ſieht er auf dem Waſſer ein paar Schiffe umgelegt, ihre Rieſenleiber werden mit ſchwarzem Theer beſtrichen, nachdem ſie kalfatert ſind; auch treibt man Nägel in die Kupferbekleidung, und von den ge⸗ waltigen Hammerſchlägen gegen die hohlen Bäuche ſchallt der ganze Hafen wieder. Dort ſind die Verdecke anderer 4 — “ 238 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Fahrzeuge mit weißer Wäſche und rothen Matroſenhemden wie mit einer bunten Guirlande umſäumt; da wird gekocht, man ſieht den grellen Feuerſchein unter der ſchwarzen Pfanne, aus welcher weißer Qualm aufſteigt. Hier ſitzen junge Leute in einer flachen Barke bei vollen Gläſern unter einem Zelte, indeſſen mit den bunten Franſen die laue Luft ſpielt. Neben den breiten Klängen des neapolitaniſchen Dialekts vernimmt man reineres Italieniſch aus den nördlichen Provinzen, und daneben flucht ein engliſcher Steuermann in ſeiner hier ſo barbariſch klingenden Sprache. Um die fremden Fahrzeuge herum ſchwimmen neapolitaniſche Knaben im Waſſer, wobei ſie Stunden lang mit ihren braunen Leibern in der warmen Flut bleiben; für einen Gran klettern ſie auf das Verdeck des Schiffes, ſtürzen ſich von dort oder vom Kai jubelnd hinab und ſchwimmen wie Tauchenten lange Strecken unter dem Waſſer davon. Iſt aber das Waſſer vor dem Hafen durch alles dieſes ſchon belebt zu nennen, ſo iſt es um ſo mehr noch das Ufer des Molo ſelbſt, und Richter, der eine Zeitlang kopfſchüttelnd in das Getreibe blickte, brauchte eine ziemliche Zeit, ehe es ihm gelang, in dem unbeſchreiblichen Lärmen und Durch⸗ einander einzelne beſtimmte Gruppen zu erfaſſen. Er hatte ſich auf ſeinem Steinſitze langſam herumgewandt, um alles rings umher wie ein Panorama an ſich vorüberziehen zu laſſen. Was trat ihm hier nicht alles vor Augen, welche fremde, phantaſtiſche, maleriſch bewegte und doch wieder ſo bekannte Welt! Wie oft hatte er von den bärtigen Capu⸗ cinern geleſen, die im Freien ihre Predigten halten, wie oft hatte er dergleichen gemalt geſehen,— hier ſah er nun einen wirklichen, lebendigen vor ſich; dort, nicht weit von ihm, ſtand rige, nacke benei barfi Hoſer große er ſie verdr ſchäd Quac faſt 1 lichſte malig in de ſchwe erſt v Einen aus Rhytl felle ihm lieri federn 2 ergötzt emden kocht, fanne, Leute Zelte, Neben nimmt „ und ier ſo zeuge wobei irmen erdeck belnd unter dieſes Ufer ttelnd he es zurch⸗ hatte alles n zu velche er ſo Lapu⸗ e oft einen ihm, Eine diplomatiſche Sendung. 239 ſtand er auf einem etwas erhöhten Punkte, eine breitſchult⸗ rige, herkuliſche Geſtalt, mit gewaltigem, braunem Stier— nacken, mit einer Stimme, um die ihn jeder Volksredner beneidet haben würde. Neben dem Capuciner ſtand ein kleiner barfüßiger Bube, der wenig mehr als ein Paar zerriſſener Hoſen auf dem Leibe hatte. In ſeinen Händen hielt er ein großes hölzernes Kreuz, und man ſah ihm an, wie wichtig er ſich in ſeiner Stellung fühlte. Doch ein anderes Bild verdrängte dieſes: neben einem Tiſchchen, auf dem ein Todten⸗ ſchädel zwiſchen ungeheuren Medicinflaſchen liegt, ſteht ein Quackſalber und preiſ't ſeine Arzneien an und zeigt ſo dieſem faſt noch im Naturzuſtande befindlichen Volke aufs handgreif⸗ lichſte Leben und Tod neben einander. „Dulcamara in höchſt eigener Perſon!“ lachte der ehe⸗ malige Chorſänger. Auch dieſer hatte, wie ſein Spiegelbild in der Oper, in welcher Herr Richter öfters mitgewirkt, eine ſchwefelgelbe Weſte unter einem bouteillengrünen Fracke. Hier erſt verſtand unſer Freund recht, wenn jener ſang: „Ach, die Lieb' zum Vaterlande Iſt mir tief ins Herz geprägt.“ Richter ſummte dieſe Melodie vor ſich hin, und wie es Einem ſo gehen kann, er brachte ſie ſo leicht nicht wieder aus dem Kopfe, und alles ſchien ſich ihm hier nach dieſem Rhythmus zu bewegen: dort der Pudel, den der in Ziegen⸗ felle gekleidete Mann aus den Abruzzen tanzen ließ, neben ihm auf der Straße das Marſchiren eines Trupps Berſag⸗ lieri mit ihren breiten Hüten und ihren wehenden Hahnen⸗ federn. Was ihn aber unter all dieſem Getreibe am meiſten ergötzte, das waren die Puppen⸗Kaſten mit ihren langnaſigen, = — n — — 240 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. grell geſchmückten, ſchlottrigen Figuren, die er hier zum erſten Male unter freiem Himmel agiren ſah, umringt von einem zahlreichen Volkshaufen jedes Alters und Geſchlechtes. Und wie außerordentlich verſtand es der Puppenſpieler, hinter dem bunt geſtreiften Leinwand⸗Vorhange ſeine Stimme zu verändern! Wie klang es jetzt ſo täuſchend als das Keifen eines alten Weibes oder als die ſchnarrende Stimme Polici⸗ nello's oder in ſüß flehenden Tönen der verfolgten Unſchuld oder als das polternde Murren des Puppen⸗Satans! Letz⸗ terer beſonders ſpielte mit einer haarſträubenden Natürlich⸗ keit, und wenn er das auserkorene, unglückliche Schlacht⸗ opfer an dem Genick faßte, und mit ihm in die Unterwelt hinabfuhr, ſo war die Wirkung dieſes vortrefflichen Spieles auf die Umſtehenden ſo groß, daß ſich die Nächſten ordent⸗ lich vor Angſt niederdukten, wobei ſie ſchüchtern nach dem alles verhüllenden Vorhange ſchauten, hinter dem man noch lange das durchdringende Jammergeſchrei des zur Hölle Er⸗ pedirten vernahm. Richter, der in ſeiner früheren Carriere in der Oper „Die Stumme von Portici,“ dritter Act, häufig ſelbſt mit dem Puppen⸗Kaſten agirt, trat dem Collegen näher und er⸗ götzte ſich ungemein an dem lebendigen Spiele der Mario⸗ netten; überhaupt konnte er es kaum über ſich gewinnen, ſich von dieſem buntbewegten Straßenleben loszureißen, und nur der Gedanke, öfters hieher zurückzukehren, ſo wie auch die Befürchtung, der Weg nach Avenella und nach der Maſſeria di Fontana ſei vielleicht zu weit, um bei noch längerem Zö⸗ gern dort bei guter Zeit anzukommen, bewog ihn, weiter zu ziehen. Den Büchern, den Kupferſtichen, die in großer An⸗ zahl zum Verkaufe auf den Mauern der Kais ausgebreitet nac falt Au ben Wie rant war ſich vern gua es erſten einem Und hinter me zu Keifen Polici⸗ iſchuld Letz⸗ ürlich⸗ hlacht⸗ erwelt pieles rdent⸗ h dem noch te Ex- Oper ſt mit id er⸗ Kario⸗ I, ſich d nur ch die aſſeria n Zö⸗ ter zu r An⸗ preitet Eine diplomatiſche Sendung. 241 waren, ſchenkte er nur einen flüchtigen Blick und ließ ſich, ohne vor der Hand nach dem Wege zu fragen, durch den immerwährenden Menſchenſtrom, der an ihm vorüberzog, nach der inneren Stadt zuführen. So toll und mannig⸗ faltig, wie übrigens hier die bunteſten Bilder vor ſeinem Auge wechſelten, und ſo wild und geräuſchvoll ſich das Trei⸗ ben des Volkes darſtellte, hatte er es ſich doch nicht gedacht. Wie oft gerieth er in Gefahr, von einem Laſtträger über⸗ rannt, von einem Kohlenwagen überfahren zu werden; kaum war er hier auf die Seite geſprungen, ſo hörte er dicht hinter ſich klappernde Pferdehufe auf den glatten Marmor⸗Platten, vernahm klingendes Schellengeſchirr und ein gellendes ‚guarda! guarda! Indem er ſich an eines der Häuſer drückte, gelang es ihm, den großen Rädern des raſch daher kommenden Corricolo zu entgehen; dieſes zweirädrige Gefährt an ſich war ein ächt neapolitaniſches Bild,— von einem einzigen Pferde ſcharf im Trabe gezogen, trug es nicht weniger als zwölf Perſonen, die theils im eigentlichen Sitze oder auf der Gabel⸗Deichſel ſaßen, theils hinten aufſtanden, theils in einem Netze unter der Achſe lagen. Das Fuhrwerk wurde kutſchirt von einem dicken Mönche, der neben einer vollbuſigen Bäuerin auf der Sediola ſaß, während der Kutſcher, dem Wagen und Pferd gehörten, zu den Füßen des Geiſtlichen kauerte und das Thier mit lautem Geſchrei und Klatſchen der Peitſche anfeuerte. Vorbei— vorbei! Richter warf ſich in einen neuen Menſchenſtrom, und wo ſich dieſer in mehrere Arme theilte, da folgte er dem ſtärkſten derſelben und hatte ſo das Glück, in nicht gar zu langer Zeit nach der Pulsader Neapels, nach der Hauptſtraße Toledo Hackländer, Die dunkle Stunde. IV, 16 — rEnn 44——= 11 “ 85 242 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. zu kommen. Hier konnte er ſich aber nicht enthalten, lachend den Kopf zu ſchütteln und ſich eine ruhige Stelle unter dem Thorbogen irgend eines der koloſſalen, altersgrauen Paläſte zu ſuchen, um von dort aus das merkwürdige Treiben eine halbe Stunde lang zu betrachten. Zu alle dem kommt noch die Mannigfaltigkeit der Trachten: neben den Neapolitanern der beſſeren Claſſe, die meiſt in dunkeln Anzügen gehen, die rothen Mützen und Leibbinden der Fiſcher und Lazzaroni, die ſeidenen Kopftücher, die bunten Mieder und grellfarbigen Kleider der Weiber vom Lande; piemonteſiſche Soldaten mit rothen und gelben Epauletten, buntfarbige Nationalgarden, Berſaglieri mit wehendem Federbuſche, hochrothe Garibaldi⸗ Hemden; dazwiſchen Mönche aller Orden, in braunen, wei⸗ ßen, ſchwarzen, blauen Kutten, buntſcheckige Domeſtiken, rieſenhafte Thürſteher in purpurfarbenem Anzuge— ein immer wechſelndes Kaleidoſkop. Damit aber auch das Ohr nicht leer ausgehe, ſo be⸗ müht ſich jeder der vorübergehenden und fahrenden, jeder der ſtabilen und umherwandernden Verkäufer, den größtmöglichen Lärm zu machen: ‚Oh che bella cosa!— pesci, pesci!— Oh che bella pizza!— gelati, Signori, gelati, un gran il bichiere!— galli, galli! belli porto gallile tönt es vor und hinter uns, gellt es rechts und links. Dazwiſchen bietet uns ein Fiaker ſchreiend ſeinen Wagen an: ‚Carrozza, Eccellenza, earrozza!“ oder brüllt, wenn er im Gedränge fährt: guarda! guarda! Neben uns ruft ein Bettler, dem wir zufällig einen Blick ſchenken, indem er die Hand erhebt: Misericordia! muojo di fame.“ Aus einem Volkshaufen heraus hören wir die quiekende Stimme Policinello's; in einer Seitenſtraße wird das Tambourin geſchlagen und Tarantella getanzt, doch drin⸗ denn ſchre⸗ Mili vorül Lärm befolg Infrc unſer⸗ dem ſelbe und Vierte durch durch dampft Fügun und lie der Ti mit ſei auszuſſ herſchie kurzer und ro Schüſſe Weine 8 2₰ malig küche, Eine diplomatiſche Sendung. 243 dringen von dieſer Muſik nur einzelne Töne zu uns herüber, denn Schloſſer, Kupfer⸗ und Blechſchmiede hämmern, Eſel ſchreien, und zum Ueberfluſſe zieht auch noch eine Bande Militär mit Trommelgelärm und wilder Muſik an uns vorüber. Richter fühlte ſich freilich betäubt von dieſem tollen Lärm und dachte jetzt erſt daran, den Rath Gaetano's zu befolgen und ſich in einem Carocello nach der Sallita del Infrascata führen zu laſſen. Der umſichtige Kutſcher, der unſerem Freunde gleich den Fremden anſah und mit dem dem Neapolitaner eigenen Scharfſinne vorausſetzte, daß der⸗ ſelbe ſo eben von einem der anlangenden Dampfer komme und wahrſcheinlich Hunger habe, hielt nach einer ſtarken Viertelſtunde vor einem kleinen Gebäude, deſſen Eingang durch eine mit Rebenlaub umrankte Veranda geziert war, durch welche ein Blick in das Innere gedeckte Tiſche und dampfende Schüſſeln erkennen ließ. Richter folgte dieſer Fügung des Schickſals, wie er glaubte, belohnte den Kutſcher und ließ ſich, in das Innere des Hauſes tretend, an einem der Tiſche nieder, wo er durchaus nicht nöthig gehabt hätte, mit ſeiner angeborenen Würde das einzige Wort mangiare auszuſprechen. Augenblicklich wurde er von einem eilig um⸗ herſchießenden, ziemlich ſchmierigen Kerl bedient und ſah in kurzer Zeit ſeinen Tiſch mit weißem Brode, friſchen Feigen und rohem Schinken beſetzt, dem ſich gleich darauf eine Schüſſel Maccaroni fritta und eine Flaſche dunkelrothen Weine zugeſellte. Abhaglich ſchmunzelnd verglich unſer Freund ſein ehe⸗ maligſ deutſches Koſthaus mit dieſer neapolitaniſchen Gar⸗ küche, welcher Vergleich zu Gunſten des Südens ausfiel. 244 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Dort hatte er, obgleich Stammgaſt, nach ziemlich langem Warten mäßig warme ſaure Nieren bekommen, während ihm hier mit der Schnelligkeit des Gedankens famoſe, wunderbar duftende Maccaroni ſervirt wurden, dazu ſeine Leibſpeiſe, roher Schinken und, wie er vermuthete, zum Nachtiſche friſche Feigen. Daß dieſe ſüße Frucht in Neapel als eine Art Vor⸗ ſpeiſe zu dem geſalzenen Fleiſche gegeſſen wurde, was zuſam⸗ men ganz delicat ſchmeckt, lernte er erſt nach und nach kennen. Auch der Preis, den er nach beendigtem Mahle für dieſes und die ausgetrunkene Flaſche Wein zahlen mußte, war über⸗ raſchend billig, und als hierauf Richter eine lange, ſchwarze, einheimiſche Cigarre angezündet, fühlte er ſich aufs ange⸗ nehmſte geſtärkt und trat mit dem Gefühle eines Mannes vor die Trattoria, der ſich nun in der Stimmung befindet, es mit jedem beliebigen Abenteuer aufzunehmen. Alſo nach Avenella hinauf und zu der Maſſeria di Fontana, ſprach er zu ſich ſelber und hätte faſt an Zauberei geglaubt, als er ſich im nächſten Augenblicke von einem halben Dutzend jugend⸗ licher Eſeltreiber umringt ſah, welche ihm ihre Thiere unter dem Geſchrei:„Un cincio, Eccellenza, per andar a Antig- nano!“ anboten. Mit Umſicht wählte er den ſtärkſten Eſel aus, der Cin⸗ ciaro hielt den Steigbügel, und Richter ſchwang ſich mit einer Leichtigkeit in den Sattel, welche ihre Wirkung auf den angenommenen Eſeltreiber nicht verfehlte, denn derſelbe riß grinſend ſein Maul auf und nickte dem Reiter freundlich zu, dann verſetzte er dem Eſel einen tüchtigen Hieb ashf das Hintertheil, was aber das Thier zu einem ſolchen Ssahh ver⸗ anlaßte, daß der Reiter um ein Haar herabgefalleegſpäre. Richter öffnete ſchon den Mund, um ſich dieſe unſanft ſand⸗ gem ihm erbar peiſe, riſche Vor⸗ ſam⸗ unen. dieſes über⸗ varze, ange⸗ annes ndet, nach ch er ls er gend⸗ unter Eine diplomatiſche Sendung. 245 lung ſeines Reitknechtes für die Zukunft zu verbitten, als dieſes der Eſel mit gräßlichem Geſchrei that und zugleich in einem ſehr lebhaften Trabe die Infrascata hinauf eilte. Faſt hätte der Reiter ſeine Cigarre aus dem Munde verloren, doch hielt er ſie glücklicher Weiſe mit den Zähnen feſt, und als er ſich erſt einmal an die ſtoßenden Bewegungen des Eſels gewöhnt, bemühte er ſich, eine Haltung anzunehmen, welche die ihm Begegnenden auf einen guten Reiter ſchließen laſſen ſollte; er klemmte ſeine Waden feſt an den Sattelgurt, und während ſeine Linke nachläſſig mit den Zügeln ſpielte, ſtemmte er ſeine Rechte würdevoll in die Seite. Da nun auch die Straße der Infrascata nach einigen hundert Schrit⸗ ten anfing, ziemlich ſteil aufwärts zu ſteigen und deßhalb von dem keuchenden Eſel kein Attentat mehr zu befürchten war, ſo fing der Reiter an, ſich wieder behaglicher zu fühlen und betrachtete mit Muße ſeine Umgebung. Die Straße war ziemlich breit, die Häuſer ſceß und dem Anſcheine nach von den mittleren Claſſen der Bürgerſchaft ſtark bevölkert die unentbehrlichen Balcone mit Bli der Wäſche behangen, mit raze meiſtens mit heruntergelaſſene verſehen. Vom unterſten bemerkte Richter an Tla öffentlich entwickeln. Mädchen und 2 246 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. begreifen können, wie die Mädchen und Weiber ſchlafend ihre Friſur nicht verderben, auch iſt dieſes wohl nur bei dem hieſigen ſtarken, feſten und in derbe Flechten geordneten Haare möglich. Auf den Balconen ſieht man Frauen nähend und ſonſt ein häusliches Geſchäft betreibend oft in ſehr tiefem Negligé. An Läden jeder Art fehlt es auf der Infrascata nicht, denn hier verſehen ſich die Landbewohner des Vomero mit den nöthigen Lebensmitteln. Botegaro, basticiero, speza- jolo, herbajolo und frutajolo und wie die vielen jolos noch heißen mögen, die mit Eßwaaren, Gemüſen und Früchten handeln, haben ihre Läden ſo hübſch als möglich eingerichtet und in denſelben ihre Waaren ſo appetitlich, als es nur angeht, ausgebreitet. Sogar dort die dicke Kohlenhändlerin an der Ecke mit ihrem dichten, krauſen, aufs beſte friſirten zare hat ihre Kohlenkörbe mit einer angenehmen Symme⸗ geſtellt, und wenn man auch ihre ſich im Staube der gare herumbalgenden Kinder füglich für kleine te, ſo zeigt doch die Mutter ein buntes, und glänzende Ringe an ihren dicken, Neben ihr iſt ein Fleiſcher, der ken Kälber und Lämmer zier⸗ einer Wein⸗Cantine, wel⸗ na mit der kleinen bren⸗ ige Bauernburſche mit die Schweizer⸗ . oſer. ihre dem jeten hend efem iiht, mit 6Za- noch hten chtet nur erin rten me⸗ der eine tes, ken, der ier⸗ vel⸗ ren⸗ mit zer⸗ Eine diplomatiſche Sendung. 247 ſprünglichen Kaffeehauſe vorbei: vier Stangen tragen ein Zeltdach, welches die darunter aufgeſtellten Tiſche vor der Sonnenglut ſchützt; weiter ſehen wir einen kleinen Markt⸗ platz mit friſchem Gemüſe, Eiern und Geflügel, auf einer Seite grenzt an denſelben ein Militär⸗Spital, auf der an⸗ deren ein Nonnen⸗Kloſter, deſſen enge Fenſter nach der Straße zu mit Blenden verſehen ſind, vor dem ſich aber ein pracht⸗ voll angelegter Garten mit Blumen, in den herrlichſten Far⸗ ben prangend, ausdehnt. Wie lockend, wie ſchön hat ein Obſthändler die Straße weiter hinauf ſeine prachtvollen Früchte geordnet, Korb an Korb in den bunteſten Farben neben einander gereiht; ſeine einfache Bude iſt mit einer großen Tenta vor dem heißen Sonnenblicke geſchützt, ſeine ſchlanke, ſchwarzäugige Tochter, die ſo herausfordernd graziös auf der Straße ſteht, ruft unſern Reiter an, einen kleinen Halt zu machen, was Richter auch wohl nicht verſchmäht haben würde, hätte der Cincello trotz alles Reißens mit den Zügeln nicht die entſchiedenſte Abneigung an den Tag ge⸗ legt, ſich von der directen Verfolgung ſeines Weges zu ent⸗ fernen. Richter nahm dieſes als einen Wink des Schickſals und begnügte ſich damit, der intereſſanten Neapolitanerin mit der Hand einen freundlichen Gruß zuzuwerfen und ſie und ihre Früchte mit einem langen Anſchauen zu beglücken. Es war aber auch der Mühe werth, deßhalb den Kopf umzuwenden: da ſah man die letzten rothen Kirſchen neben vollen Körben pyramidaliſch geordneter grüner Feigen, gold⸗ gelbe Aprikoſen von außerordentlicher Größe an der Seite röthlich ſchimmernder, wolliger Pfirſiche; dort percuschi, — ——— 3 9— 4 u1, — — — 4 „ *— 2 — 248 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. fichi dIndia, Nüſſe, Mandeln, ſogar ſchon Trauben und ganze Berge grüner und gelber Melonen. So reich, lebendig abwechſelnd geht die Straße fort, anfänglich dicht an einander gereihte himmelhohe Häuſer zu beiden Seiten, dann treten Mauern dazwiſchen oder grüne Gärten, und wo die Straße nicht mehr anſteigt, ſondern auf der Höhe des Berges fortgeht, werden der Häuſer weniger, der Gärten mehr; Rebengewinde hangen über altersgrauen Mauern oder kunſtloſen, aus Stangen beſtehenden Veranden rechts und links am Wege herab, Feigenbäume wechſeln mit Pappeln, und ſo kommt unſer Reiter in einem guten Trabe des Eſels, den ſchreienden und ſo das Thier beſtändig an⸗ treibenden Cinciaro hinter ſich, nach Antignano, das ihm von Gaetano bezeichnete Dorf. Es liegt auf dem Vomero⸗Hügel und beſteht aus ein paar unbedeutenden Gaſſen, aus einem kleinen Platze, der meiſtens mit Müßiggängern aller Art, mit Bettlern, Car⸗ rocellen, Eſeltreibern nebſt ihren Thieren, Kindern, Hüh⸗ nern und Schweinen dicht beſetzt iſt, und aus einer häß⸗ lichen Kirche. Der Eſeltreiber lenkte das Thier mit der Zunge ſchnal⸗ zend und indem er es am Schweife ergriff, wobei er den⸗ ſelben heftig kneipte, nach dem Kaffeehauſe an dem kleinen Platze, und durch dieſe anregende Behandlung ſo wie ein unerträgliches Gebrüll ſeinerſeits, worein der Eſel ſeine noch lauteren Klagetöne miſchte, kamen die Drei in vollem Galopp dort an, mitten hinein zwiſchen eine Gruppe Villeggiant di Vomero, die ſich hier dem für die Italiener ſo ſüßen Nichtsthun ergaben. Faſt hätte der Eſel mit der letzten verzweifelten Kraft-Anſtrengung einen handfeſten Bauern⸗ „ — bu Ar hef ger als bet per ſtel her um zun ſtan die trei entg Cig.⸗ beze klein hint Sta einen war Aver Mau nach ander Eine diplomatiſche Sendung. 249 burſchen umgerannt, da aber dieſer, wie zur Abwehr, den Arm erhob, ſo machte der Cincello eine ſo plötzliche und heftige Schwenkung, daß Richter nothwendig das Gleich⸗ gewicht verlieren mußte und ſchneller auf den Boden kam, als er ſich noch vor einigen Augenblicken gedacht. Auch betrat er dieſen Boden mit einem anderen Theile des Kör⸗ pers, als man gewöhnlich zu thun pflegt, was bei den Um⸗ ſtehenden ein herzliches Lachen, vermiſcht mit einigen Evviva's, hervorbrachte. Richter war zu groß und fühlte ſich auch zu glücklich, um ſich über dieſen Vorfall zu ärgern; er machte gute Miene zum böſen Spiele und lachte, als er wieder auf ſeinen Beinen ſtand, nicht minder herzlich, als die Gruppe der Leute, in die er hineingeprellt war. Selbſt nicht einmal den Eſel⸗ treiber ließ er dieſes glanzloſe Ende ſeines Spazierrittes entgelten, er belohnte ihn reichlich, zündete ſeine erloſchene Cigarre wieder an und ließ ſich die Richtung nach Avenella bezeichnen, dann ſchritt er an der Kirche vorüber, über den kleinen Platz weg, innerlich erfreut, die lachende Gruppe hinter ſich zu haben. Gleich hinter Antignano ſah er, wie man ihm in letzterer Stadt geſagt, eine ſchöne Villa vor ſich liegen, umgeben von einem großen Garten, der mit ſtattlichen Gittern eingefaßt war, die Villa Portiglione, bei der ſich die Straße nach Avenella abzweigt, nach welchem Dorfe der Weg zwiſchen Mauern auf der Höhe des Berges hinläuft. Richter fragte einen Eſeltreiber, der ihm hier begegnete, nach der Maſſeria di Fontana—„oder nach irgend einer anderen Bella Viſta des Vomero Hügels,“ ſetzte er mit 250 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. angenommener Gleichgültigkeit hinzu,„wo er ſich ein wenig ausruhen könne, ehe er nach Neapel zurückkehre.“ „Dort iſt Avenella,“ erwiderte ihm der Eſeltreiber; „ehe Ihr in das Dorf kommt, nehmt Ihr die Straße zur Rechten, welche Euch direct nach der Maſſeria di Fontana führt.“ Richter dankte und verfolgte den ihm angegebenen Weg, der ſich anfänglich zwiſchen kleineren Maſſerien, Villen und offenen Feldern hinſchlängelte und ihn endlich in einen Hohl⸗ weg führte, deſſen hohe, faſt überhängende ſteile Erdwände mit üppig wuchernden Schlingpflanzen bedeckt waren, die als Guirlanden auf die Straße herabhingen, während oben Feigen und Maulbeerbäume mit rankenden Rebengewinden faſt eine Laube bildeten, aus der hohe, ſchlanke Pappeln emporwuchſen. Das üppige Grün gab der Landſchaft einen feſtlichen Charakter, während der Weg ſelbſt, der unter dem Laubdache dahinzog, etwas Ruhiges und Melancholiſches hatte; auch verliert der Weg bei dieſer Färbung nicht, denn er erſcheint etwas weiter oben vollſtändig zwiſchen Erdreich und Felſen eingezwängt. In letztern, an ſie gelehnt, ja, theilweiſe in ſie hineingebaut, ſtand eine alte Taverne, aus unbehauenen Sandſteinen gebaut, ein roher Steinhaufen, welchen der Rauch, die Feuchtigkeit der Erde, Regen und Schmutz dunkel gefärbt, während die von den Felſen her⸗ unterrankenden und auf dem flachen Dache langſam fort— gekrochenen Pflanzen dieſem von oben ein etwas freund⸗ licheres Anſehen gaben. Da die große, breitgewölbte Thür weit offen ſtand, ſo ließ ſie den Spaziergänger einen Blick in das dunkle, rauchige Innere thun, doch konnte ſein Auge hier nur mit Mühe unen rückn vern einen ſo ge der 2 nach mit hellen geſag und voller 5 2 ſteiler gearbe verſch wenig eeiber; ze zur ntana Hohl⸗ vände , die oben inden ppeln einen dem iſches denn dreich „ja, aus ufen, und Eine diplomatiſche Sendung. 251 etwas unterſcheiden und verweilte gern auf einem röthlich myſtiſchen Lichte, von einer trübe brennenden Lampe aus⸗ gehend, das vor dem Madonnenbilde brannte. Neben der Taverne ſtand ein großer ſteinerner Ziehbrunnen, deſſen vermürbte Stein⸗Einfaſſung ſo wie die Conſtruction des alten Rades Spuren hohen Alters zeigte. Richter verfolgte langſam ſeinen Weg, der hinter der Taverne ziemlich ſteil aufwärts ſtieg. Auf der Höhe ange— kommen, blieb er mit einem Ausrufe des Entzückens ſtehen, denn hier hatte er ſo unerwartet, umgeben von rankenden Rebengewinden, eine Ausſicht auf ein Stückchen des tief— blauen Meeres mit der in Duft und Licht gehüllten wunder⸗ baren Inſel Capri. Gern hätte er ſich hier niedergelaſſen, um in dieſer unendlich ſchönen Fernſicht zu ſchwelgen oder auch zuweilen rückwärts zu blicken nach der wie verlaſſen daliegenden Ta⸗ verne, die im Schatten der überhängenden Felſen jetzt von einem zarten Streiflichte der ſinkenden Sonne beleuchtet, ein ſo ganz anderes Bild gab, wenn er nicht bemerkt hätte, daß der Weg, auf dem er ſich befand, immer noch anſteigend nach einem großen Gebäude geführt haben würde, das ſich mit ſeinen mächtigen, maleriſchen Maſſen ſcharf von der hellen Luft abhob, und wenn ihm nicht eine innere Stimme geſagt hätte, er habe dort die Maſſeria di Fontana vor ſich und von der Höhe, auf welcher ſie lag, eine noch pracht⸗ vollere Ausſicht zu gewärtigen. Nach jenem ſchloßähnlichen Hauſe führte ein breiter, ſteiler Aufgang, der an einem feſt verſchloſſenen, kunſtvoll gearbeiteten eiſernen Gitter endigte, welches eine Schwelle verſchloß, deren ſproſſendes Gras anzeigte, daß ſeit langer —— 252 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Zeit kein Fuß über ſie gewandelt. Ein mächtiges Portal, reich aus grauem Marmor gehauen, wölbte ſich über dieſe verlaſſene Schwelle und zeigte oben an ſeinem ſchweren Schlußſteine das Wappen der Fontana. Auch an dieſem Marmor hatte der Regen ſeine Spuren hinterlaſſen, und wuchernde Pflanzen, die von den Bogen herabhingen, bildeten ein zweites, natürliches Gitter, den, der ſich nahte, ungaſt⸗ lich zurückweiſend. Zu dieſem Eingange paßte das ſo finſter und öde da⸗ ſtehende Gebäude; verſchloſſen ſind die Läden, die Mauern ſcheinen vom Sturme beſchädigt, die hohen Schornſteine blicken kalt und ungaſtlich herab, der Regen hat die ſteiner⸗ nen Verzierungen an den Thüren und Balconen ſchwarz ge⸗ färbt und die feinen Eiſenſtangen der Baluſtraden mit dickem Roſte belegt; üppiges Gras bedeckt das Steinpflaſter zwiſchen dem Haupt⸗Portale und den Umfaſſungs⸗Gittern. Kopfſchüttelnd ſtand Richter vor dieſem melancholiſchen, unheimlichen Anblicke und verſprach ſich nicht viel von einem Nachtlager in dieſem allem Anſcheine nach ungaſtlichen Hauſe. Seine anfängliche Abſicht, ſich vor demſelben niederzuſetzen und zu erwarten, daß ihn jemand hereinriefe, ſchien ihm bei der Oede, die ihn hier umgab, unausführbar. Glücklicher Weiſe kam er auf den Gedanken, ſich das Schloß auch von der anderen Seite zu betrachten, und folgte deßhalb einer Mauer, die ſich an das Umfaſſungs⸗Gitter anſchloß. Sie war aus rothen Backſteinen erbaut, der Bewurf an den meiſten Stellen zerbröckelt herabgefallen, zierliche Pflänzchen, Löwenzahn und Epheu umwuchſen ihren Fuß, während rothe Blüthen auf hohen Stängeln oben von der Mauer neben dürrem wucherndem Graſe freundlich herabnickten; ein ſchlankes und diente zu W vortal, dieſe weren dieſem und ldeten ngaſt⸗ de da⸗ auern ſteine einer⸗ rz ge⸗ dickem iſchen ſchen, einem Hauſe. iſetzen m bei klicher ) von einer Sie den zchen, rothe neben ankes Eine diplomatiſche Sendung. 253 Akazienbäumchen hatte zwiſchen Steinen Wurzel gefaßt und ſchien ſich mit ſeinen hellen, zarten Blättern unter den Schutz eines mächtigen Nußbaumes begeben zu haben, der mit ſeinen grauen Aeſten und kräftig grünen Blättern weit hinauf in die glänzende Abendluft reichte und leiſe rauſchend wohl gern von der glänzenden Vergangenheit des mächtigen Hauſes, das er beſchattet, hätte erzählen mögen. Richter folgte nachdenklich dieſer Umfaſſungs⸗Mauer und kam in kurzer Zeit an ein anderes kleines Portal, deſſen hölzerne Thür, obwohl gebleicht und morſch, doch zu leben⸗ den Weſen zu führen ſchien; denn hier war auf der Schwelle kein Gras zu ſehen und die dürren Blätter, welche noch vom vergangenen Herbſte her hier lagen, waren zu beiden Seiten des ſchmalen Weges aufgeſchichtet. Auch bemerkte er noch andere Spuren von Menſchenhand: die den Weg beſchattenden Lorberbüſche waren hier und da, wo ſie zu weit überhingen, beſchnitten, dazu entdeckte er auf dem Sande des Weges hier und da ein Strohhälmchen. „Wenn ich der Chor irgend einer hierauf bezüglichen Oper wäre,“ ſprach Richter kopfſchüttelnd zu ſich ſelber, „würde ich vielleicht ſingen: „Endlich fängt es an zu tagen, Laßt uns froh den Eintritt wagen, Feſt vertrauend unſ'rer Kraft! und dann mit gezogenem Schwerte vorwärts! Oder ich be⸗ diente mich vielleicht auch des Terzettes des Fra Diavolo: „Vorſichtig leiſe ſchleich' ich herbei! „Hier aber halte ich es für paſſend, die richtige Mitte zu wählen, durch dieſe offene Pforte einzutreten und mich 254 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. dabei vorſichtig leiſe nach allen Seiten umzuſchauen. In dieſem Italien ſoll eigentlich niemand recht zu trauen ſein,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort, während er die Schwelle überſchritt,„nirgends ſo, wie hier, lauſcht die Schlange unter Roſen— auch möchte ich nicht gern mit einem jener wilden Schäferhunde anbinden, die, wie man ſagt, hier auf den Maierhöfen gehalten werden und ſchlim⸗ mer als die Beſtien des Waldes ſein ſollen.“ Er hatte ſeinen derben Knotenſtock feſt mit der Rechten gefaßt und huſtete im Vorwärtsſchreiten mit aller Kraft der Lungen, daß es weithin ſchallte. Rings umher aber blieb alles ruhig, nur der Wind, der leicht über die Höhe ſtrich, koſ'te mit den Blättern der hohen Bäume zu ſeiner Rechten und wahrſcheinlich erzählte er ihnen flüſternd allerlei verliebtes Zeug. „Es iſt doch ſonderbar,“ dachte Richter,„wie man ein an ſich ſo prachtvolles Gebäude, wie das Schloß dort, ſo gänzlich ſich ſelbſt zu überlaſſen vermag! Bei uns in Deutſch⸗ land hätte es ſchon lange ſeine Beſtimmung gefunden.“ Zu ſeiner Linken ſchaute er Theile des mächtigen Ge⸗ bäudes hier und da zwiſchen Gebüſchen hervorragen, und ſah wohl, daß der Weg, auf dem er ging, in einem großen Bogen nach dem hinteren Theile des Schloſſes führen würde, und ſo war es auch. Ueberraſcht blieb er ſtehen, als er am Ende ſeines ſchmalen, geſchlungenen Pfades nun mit einem Male auf einer großen Terraſſe ſtand, welche rück⸗ wärts an das Gebäude ſtieß, aber noch traurigere Spuren der Oede und Verlaſſenheit zeigte, als das verſchloſſene Portal des vorderen Einganges. Das ſteinerne Geländer der Terraſſe, von ſchöner Arbeit, war an den meiſten Stellen zerb⸗ welc reich Unkr gepr⸗ ligen zeicht dem zerbr aus thüm welch führte Geſtr zu en des F tenden lichen 1 Brunn verſtüt geſpan letzend neben dechſe ein pa lichen ten Vo Mund A In ſein,“ r die t die mit man hlim⸗ chten der Eine diplomatiſche Sendung. 255 zerbrochen und mit Moos bedeckt; Vaſen von antiker Form, welche die Ecken und Treppen⸗Aufgänge ſchmückten, einſt reich mit Blumen geziert, ſtanden leer oder wucherndes Unkraut hatte ſich eingeniſtet, wo ehemals duftende Blüthe geprangt. Eine rieſenhafte Aloe war allein von der dama⸗ ligen Zeit noch übrig geblieben und ihr bräunlich⸗grünes Blatt zeichnete ſich ſcharf auf dem gelben Stein der Mauer, vor dem ſie ſtand, ab. Die ſteinernen Sitze der Terraſſe waren zerbrochen oder von ihren Unterſätzen herabgeworfen, und aus jeder Steinfuge ſproßte dichtes Gras. Einen eigen⸗ thümlich troſtloſen Anblick gewährte die breite Marmortreppe, welche von hier aus in das erhöhte Parterre des Schloſſes führte: ſchattig gelegen, gaben ihre feuchten Fugen kleinen Geſträuchen und üppigem Unkraut Gelegenheit, ſich kräftig zu entwickeln, und es ſah aus, als hätten die wilden Pflanzen des Feldes dicht geſchart die Treppe betreten, um der brü⸗ tenden Einſamkeit in dem verlaſſenen Hauſe einen nachbar⸗ lichen Beſuch zu machen. Unten vor dieſer Treppe ſtanden im Kreiſe um eine Brunnenſchale Statuen aus Marmor, die jetzt geſchwärzt und verſtümmelt waren. Einem Amor, der früher den Boge⸗ geſpannt, fehlen jetzt die Arme dazu; er wird keine er⸗ letzenden Pfeile mehr entſenden; das Haupt der Venusliegt neben ihrem ſchönen Körper am Boden; eine zierlihe Ei⸗ dechſe läuft behende um die Stirn der Göttin und hlt jetzt ein paar Sekunden am Ohre, als wolle ſie ihr eine freun⸗ lichen Troſt zuflüſtern oder ſie warnen vor dem unerſchäm⸗ ten Volke der Ameiſen, welche den zierlichen, leicht göffneten Mund des Marmorbildes umſchwärmen. Auch hier tiefe Stille, ſo traurig zu all dieſen Bildern 256 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. der Vergangenheit paſſend; ein einziges Blumenparterre am Fuße der Terraſſe, welches durch ein zerbrochenes Dach⸗ rinnenrohr mitleidig mit herabrinnenden Regentropfen ge⸗ tränkt wird und ſich ſo kümmerlich erhält, bildet eine bunte, maleriſche Unordnung. Die Pflanzen ſind wild durch ein⸗ ander gewachſen: Fuchſien, Roſen, Goldlack, Levcoyen, dunkel⸗ blühende Geranien, und dazwiſchen auf hohen Stängeln rothe und weiße Malven, die anderen Pflanzen überragend. Richter ſchritt ohne ſich aufzuhalten durch die Terraſſe hin. Zu jeder anderen Zeit hätte er ſich wahrſcheinlich bei dieſem maleriſchen Bilde der Zerſtörung aufgehalten, jetzt aber fühlten ſich die Blicke des einſam Wandelnden durch einen leichten Rauch angezogen, der vor ihm aus einem Lorberwäldchen emporſtieg, welches von der Terraſſe des Schloſſes durch breite Fruchtfelder getrennt war; er athmete förmlich erheitert auf und beeilte ſich, durch einen ſchmalen, geſchlängelten Weg, der durch hohe Mais⸗ und Hanffelder führte, dorthin zu gelangen, wo er vermuthen konnte, menſch⸗ liche Weſen zu finden. Ueber ſeinem Haupte rankten ſchwer tragende Rebenguirlanden, die von Baum zu Baum gezogen wren, in nie geſehener Fruchtbarkeit. In kurzer Zeit hatte er ds Lorberwäldchen erreicht und ſtand vor einem kunſt⸗ loſen gitterthore, welches allerdings verſchloſſen war, doch ſchien eie inwendig hangende Klingel anzuzeigen, daß auf ihren Ru gaſtlich geöffnet würde. Wie vir aber bereits wiſſen, lag das nicht in der Ab⸗ ſicht Richtr's, ſo ohne alle Umſtände einzudringen. Daß er hier die Jaſſeria di Fontana vor ſich habe, deſſen war er ficher, un um ſeine Rolle, wie er ſich vorgenommen, zu Ende zu ſielen, beſchloß er, ſich auf einen breiten Stein zu am Hach⸗ ge⸗ unte, ein⸗ nkel⸗ othe raſſe bei jetzt urch nem des nete len, lder wer gen atte Eine diplomatiſche Sendung. 257 ſetzen, der neben dem Eingange lag. Zuerſt aber ſchaute er aufmerkſam durch das Gitterthor und ſah, daß ein hoher, gewölbter, aus zierlich gebogenen Lorberbüſchen beſtehender Laubgang gerade auf das Haus zuführte, welches nicht allzu weit vom Eingange lag, von dem er aber, da es rings von Grün umgeben war, nur ein Stück gelblich leuchtender Mauer und einen geringen Theil eines Fenſters ſehen konnte. Richter nahm die Ledertaſche von ſeiner Schulter, ſetzte ſich auf den vorhin bezeichneten Stein und beſchloß, mit Ruhe zu warten, bis irgend ein glücklicher Zufall ihn unter den ſchattigen Lorbergang führen werde. Das leiſe Knurren eines Hundes erſcholl zuweilen von daher, und er konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſe Töne höchſt angenehm an ſein Ohr ſchlugen. Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. Siebenundfünßzigſtes Kapitel. Die Maſſeria di Fontana. Es iſt eigenthümlich, wie unſere heiterſte Stimmung ſich in eine gedrückte, angeſpannte, erwartungsvolle verwan⸗ deln kann, wenn wir fernab vom Geräuſche der Welt, be⸗ ſonders in uns unbekannten Ländern, auf Stätten wandeln, wo man die Spur von Menſchen findet, die hier einſt wahr⸗ ſcheinlich froh und heiter gewandelt, bis ſie vielleicht ein trau⸗ riges Geſchick ereilt, was uns die Trümmer der Denkmäler an einſt blühenden Wohnſitzen zu erzählen ſcheinen. Nicht die tiefe Stille des Waldes iſt im Stande, uns ſo zum Ernſte umzuſtimmen, wie ein verlaſſenes Haus, auf deſſen Schwelle Gras ſproßt und das mit geſchloſſenen Fenſterläden in einem traumreichen Schlummer da zu liegen ſcheint. So war es Richter auch ergangen. Das Gefühl von Heiterkeit und Wohlbehagen, mit dem er die Infrascata hinaufgeritten und das ſich ſchon bei ſeinem Sturze etwas vermindert, war nach und nach einer geſpannten Erwartung gewichen und hatte ſich beim Anblicke des öden Schloſſes in nung wan⸗ be⸗ deln, dahr⸗ rau⸗ näler Nicht zum eſſen äden von cata was ung 8 in Die Maſſeria di Fontana. 259 ein ſolches Gefühl der Verlaſſenheit verwandelt, daß er für die großartige, herrliche Natur, die ſich bei jedem Schritte, den er aufwärts gethan, immer prachtvoller um ihn her ent⸗ wickelte, kein Auge mehr hatte, eine beklemmende Stimmung, die ihn faſt hatte aufjauchzen laſſen beim Anblicke der zwi⸗ ſchen den Lorberbüſchen fein emporkräuſelnden Rauchſäule und jetzt beim Klange des ihm ſo melodiſch vorkommenden Hundegebells. Wir wollen damit durchaus nicht geſagt haben, als hätte Richter nur die mindeſte Furcht empfunden, gewiß nicht, und als er nun hier auf dem Steine ſaß, rings um ſich her die wunderbare Landſchaft und ſich der Nähe von Menſchen bewußt, hatte er in der Erinnerung an die zu⸗ letzt verlebte halbe Stunde ſich eine ähnliche Frage ſelbſt gethan und ſie mit den Worten aus der Oper ſingend beantwortet: „Ich Furcht? Nein, nein, Ich bin Marcell, ich bin Marcell!“ Er nahm ſeine Mappe hervor, legte ſie geöffnet auf ſeine Knie und nahm einen Bleiſtift heraus, als wollte er zu zeichnen anfangen. Wenn er aber dazu auch befähigter ge⸗ weſen wäre, als er wirklich war, ſo hätte er doch beim erſten ruhigen Blicke den Muth verloren, um nur den Verſuch zu machen, etwas von dem, was er ſah, in kalten Bleiſtiftlinien aufs Papier zu werfen. Vor ihm, etwas zur Rechten, lag das verlaſſene Schloß der Fontana mit ſeiner Terraſſe, welche in der dort herrſchenden Zerſtörung allerdings einen unend⸗ lich maleriſchen Anblick gewährte. Die gezackten Formen des Gebäudes hoben ſich, von der Abendſonne röthlich angeſtrahlt, leucht id ab von dem tiefdunkeln Himmel, bildeten aber trotz —— 260 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. ihrer Schönheit nur die eine Seite eines Rahmens, um einen Fernblick auf den Golf von Neapel mit dem rauchenden Ve⸗ ſuv, ſchimmernd im violett⸗roſigen Lichte des Abends, wo möglich noch zu erhöhen. „Da würde ein viel beſſerer Mann, ein ächter und ge⸗ rechter Künſtler Stift und Farbe ruhen laſſen,“ ſprach Herr Richter zu ſich ſelber,„wenn ihm vergönnt wäre, dieſes irdiſche, farbenglühende Paradies zum erſten Male zu ſchauen — glücklich, wer das ſehen darf— glücklich ich ſelber!“ Er verſchränkte die Arme auf ſeiner Mappe und ſchwelgte in dem, was er ſah. Da lag vor ihm die glückſelige Ebene Campaniens, von den Bergen von Sarno bis zu den Apenninen wie ein uner⸗ meßliches Gartenland, ähnlich einem ungeheuren Parke, der von weißen Straßen durchſchnitten iſt, den Kirchen und Schlöſſer, Klöſter und Villen bedecken, aus dem hellblinkende Städte wie Inſeln aus einem ſaftig grünen Meere hervor⸗ leuchten, und neben all dieſem ſo wunderbar Schönen ruht dort der Veſuv in ſtiller Majeſtät mit der zarten Farbe ſeiner Aſche in bräunlichen und bläulichen milden Tönen, ſo groß⸗ artig und doch ſo ſanft und weich, eingerahmt von der grü⸗ nen Ebene, aus der Caſtanienwälder aufſtreben, ſich Guir⸗ landen gleich in einzelnen Schluchten fortſetzen, und ſo die ſchönen Linien des Kegels maleriſch auf einer Seite einfaſſen, während auf der anderen die glänzende, blaue Meeresfläche wie leiſe athmend ruht und der ſegelbedeckte Golf am Hori⸗ zont durch das unausſprechlich reizend geformte Eiland Capri mit ſo prächtiger Färbung begrenzt iſt. Immer aber kehrt der Blick zu dem dampfenden Veſuy zurück, der wie ein Dämon er —y der nen nen den ſaß hin. eine den wiel hier in d um dem Schr Gitt die denn einfa tete, freun mit war. Ende ſich ſelbſt einen Die Maſſeria di Fontana. 261 der Zerſtörung dieſes irdiſche Paradies drohend und mah⸗ nend überragt. Obgleich Richter tief verſunken im Anblick all des Schö⸗ nen war, ſo hatte er doch leiſe Fußtritte gehört, die ſich aus dem Lorberhaine nach der Thür bewegten, neben welcher er ſaß, und hatte auch mit einem flüchtigen Blicke, den er hinüberwarf, das braune Geſicht eines Knaben bemerkt, der einen Moment ſeinen Kopf gegen die Gitterſtäbe drückte und den Fremden betrachtete. Darauf aber war er eben ſo leiſe wieder fortgeſchlichen, als er ſich genähert hatte. Schon gut, dachte Richter, man weiß doch, daß jemand hier außen iſt, und wenn, woran ich nicht zweifle, Weiber in dem Hauſe ſind, ſo wird ſie die Neugierde ſchon hertreiben, um nach der unbekannten Erſcheinung zu ſchauen. Darin hatte er ſich auch nicht geirrt. Kurze Zeit nach⸗ dem der Knabe verſchwunden, hörte er, wie ſich abermals Schritte näherten, und vernahm auch gleich darauf, daß das Gitterthor geöffnet wurde. Bei dieſem Geräuſche hatte er die vollkommenſte Berechtigung, ſich umzuſchauen, was er denn auch alsbald that, und neben dem Knaben, der, ſehr einfach gekleidet, mit bloßen Füßen da ſtand und ihn betrach⸗ tete, war eine ältere Frau mit einem ernſten, aber nicht un⸗ freundlichen Geſichte, welche in der Tracht des Landes, aber mit einer in die Augen fallenden Wohlhabenheit gekleidet war. In der einen Hand hatte ſie den Spinnrocken, deſſen Ende in ihrem Gürtel ſtak, in der andern die Spindel, welche ſich luſtig drehte und den Faden aufrollte, den die Frau ſelbſt während des Gehens zu ſpinnen nicht aufhörte. Richter hatte ſich umgewandt, nickte der Frau ſo freund⸗ 262 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. lich zu, als es ihm möglich war, und ſagte, während er leicht den Hut lüftete„buon giorno!“ „Altretanto, Signore!“ gab die Frau zur Antwort, wo⸗ bei ſie ihn aber ſo aufmerkſam und fragend betrachtete, daß Richter ihr auf Italieniſch die Urſache ſeiner Anweſenheit ſo gut als es ihm möglich war erläuterte, indem er ihr ſagte, er ſei ein Fremder, den der ſchöne Abend zu einem Spa⸗ ziergange ermuntert, der langſam hier heraufgeſtiegen ſei und ſich hier an dieſer prachtvollen Ausſicht niedergeſetzt. Dann zeigte er auf ſeine Mappe, wobei er pantomimiſch zu ver⸗ ſtehen gab, er habe verſuchen wollen, das weite Panorama aufzunehmen, und drückte durch Kopfſchütteln aus, er habe den Verſuch wieder aufgegeben. „So ſeid Ihr ein Maler?“ erwiderte die Frau und ſetzte hinzu:„Ja, es kommen Viele hier herauf, um Zeich⸗ nungen zu machen. Richter konnte hier nicht unterlaſſen, eine ihm ſehr ge⸗ läufige italieniſche Phraſe anzubringen und ſagte deßhalb mit großer Würde:„Si, Signora, anche io sono pittore.“ Dann fragte er nach dem Namen des verlaſſenen Schloſſes, ſo wie nach dem Hauſe, das er in dem Lorberwäldchen be⸗ merkt, woher, wie er hinzufügte, die Signora eben zu kom⸗ men ſchien. „Allerdings,“ gab dieſe zur Antwort,„das iſt unſer Wohnhaus, die Maſſeria di Fontana, und das Schloß da drüben iſt eine der vielen Villen der ehemals ſo reichen und mächtigen Familie.“ „Es iſt eigentlich überflüſſig, daß Ihr ſagt: der ehemals reichen und mächtigen Familie, denn daß die Familie nicht mehr reich und mächtig iſt, ſieht man dem verlaſſenen Hauſe — wol gen „ab mil die geſt Ant Ihr und eine tanz in daß Sin küm den finde wie genu lärm geber „wie wohl 2 Die Maſſeria di Fontana. 263 wohl an. Es iſt ſchade darum, es muß da einſt prachtvoll geweſen ſein.“ „Schade um das Haus, o ja,“ erwiderte die Frau, „aber noch trauriger iſt es, daß dieſe große und reiche Fa⸗ milie nicht mehr im Stande iſt, ihr Landhaus zu bewohnen, die Villa hier oben, wo ſie ſo gern wäre.“ „So iſt die Familie aus dem Lande gezogen oder aus⸗ geſtorben?“ fragte Richter mit angenommener Gleichgültigkeit. „Wer kann das wiſſen,“ gab die Frau achſelzuckend zur Antwort;„vielleicht Beides.“ „Euch aber ſollte das nicht unbekannt ſein, denn wie Ihr mir vorher ſagtet, gehört ja Euer Haus zum Grund und Eigenthum Fontana's.“ Die Frau nickte mit dem Kopfe und ſagte erſt nach einer Pauſe, während welcher ihre Spindel haſtig herum⸗ tanzte:„Und doch weiß ich es nicht; es iſt in letzter Zeit in dieſem Lande ſo Vieles und ſo raſch anders geworden, daß Einem förmlich der Kopf wirbelt und man ſeine fünf Sinne kaum zuſammenhalten kann, um ſich darum zu be⸗ kümmern, was Einem am nächſten liegt.— Wenn Ihr über den Vomero geht oder auch die Straße des Poſilippo, ſo findet Ihr viele prächtige Villen, die eben ſo verlaſſen ſtehen, wie dieſe da. Was kann man machen? Wir wohnen weit genug von der Stadt, um nur hier und da durch Trommel⸗ lärmen und Schießen zu erfahren, daß ſich'was Neues be⸗ geben hat; kümmern thut's uns nicht viel.“ „Wenn die Familie Fontana,“ meinte Richter nachdenkend, „wieder einmal hier herauf ziehen wollte, ſo wäre das Schloß wohl bald wieder in Stand geſetzt, und die ſoliden Fenſter⸗ 264 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. läden und die eiſernen Thore haben ſein Inneres wohl ge⸗ V nügend beſchützt.“ „O ja, das Innere iſt gut genug erhalten, und wir hätten auch das Aeußere ein bischen freundlicher hergeſtellt, wenn es uns erlaubt worden wäre.“ „Wer kann denn etwas verbieten oder erlauben über das Eigenthum einer Familie, die nicht mehr vorhanden iſt?“ „Wenn man auch von der Familie im Augenblick nicht viel weiß, ſo doch deſto mehr von dem großen Reichthum derſelben; man hat ſich von drunten her— ſie machte bei dieſen Worten eine Bezeichnung mit dem Kopfe gegen Neapel — der Güter der Fontana aufs umſtändlichſte angenom⸗ men, und der ehemalige Geſchäftsmann des Hauſes hat alles V 2 in ſeiner Hand behalten.“ dem „Wahrſcheinlich ein umſichtiger und ſehr braver Mann?“ gebra Die Frau nickte mit dem Kopfe und ſagte:„Es iſt bei 4 alle dem ein Glück zu nennen, daß es in ſeiner Hand ge⸗ Signo blieben iſt; hat doch die Marcheſa, Gott habe ſie ſelig und verleihe ihr einen ſchönen Stuhl im Himmel!— viel auf ihn V ſchalkk gehalten, und eben ſo unſer junger Herr. Wo ſich dieſer V uns ſ aufhielt, ſo lange er noch am Leben war, wußte Jener auch 2 allein.“ V menen „Alſo iſt der junge Herr todt?“ V anzude „Sie ſagen ſo; Gott mag wiſſen, ob es wahr iſt.“ V Der kleine barfüßige Knabe hatte ſich dicht bei der V nun d Frau gehalten und den Anzug des fremden Mannes mit einer. großer Aufmerkſamkeit betrachtet. Jetzt wandte er ſich auf Sattel einmal um, deutete mit der Hand auf das Maisfeld und zenden ſagte:„Rafajele.“ im Ge Richter ſo wie auch die Frau wandten den Kopf dort⸗ dem gebracht:„ Richter lüf Signore.“ „Buona sera,“ gaͤ ſchalkhaft lächelnd hinzu:„ uns ſo bald wieder ſehen.“ Auf dieſe Worte hin betrachtekt menen etwas genauer, doch ſchüttelte er anzudeuten, er erinnere ſich nicht, ihn ſchon ge Rafajele glitt von ſeinem Eſel herab, deſſen 8 nun der kleine barfüßige Junge ergriff, mit der Behe einer Katze ſich zwiſchen die beiden Körbe ſchwang, du Sattel befeſtigt waren, worauf der Eſel, durch einen ſchnaͤ zenden Zungenſchlag angetrieben, mit ſeinem kleinen Reiter im Galopp dem Hauſe zurannte. ——„Ihr re; ſeid Ihr Eure Wohnung e, ſo beantwortete ſie And da er von dem Hotel de ſo bezeichnete er dieſes als den Frt. Rus, aber theuer,“ ſprach der Colone;„es eiſtens Franzoſen oder Engländer. Zu wel⸗ den Nationen gehört Ihr?“ Bu keiner von beiden,“ gab Richter zur Antwort,„ich in Deutſcher.“ „Hm,“ machte Rafajele kopfſchüttelnd, als wollte er damit andeuten, daß ihm dieſe Bezeichnung doch gar zu all⸗ gemein ſei. „So ſeid Ihr ein Oeſterreicher?“ fragte er alsdann. Die Maſſeria di Fontana. „Nein.“ „Oder ein Baier?“ „Auch das nicht.“ „Nun ſeht,“ ſagte Rafajele,„es freut mich, daß Ihr weder ein Oeſterreicher noch ein Baier ſeid, denn auf dieſe beiden Nationen iſt man da unten nicht gut zu ſprechen; es könnte Euch Ungelegenheiten machen— mir wäre es freilich einerlei. Aber,“ ſetzte er nach einer Pauſe mit einem lauern⸗ V den Geſichtsausdrucke hinzu,„Ihr müßt doch eine Heimat haben?“ „Die habe ich auch,“ erwiderte Richter und ſetzte mit Stolz hinzu:„und eine ſehr ſchöne. Habt Ihr nie von einem Fluſſe gehört, der der Rhein heißt?“ „Ihr„Nein, niemals,“ entgegnete der Neapolitaner. id Ihr.„Das thut mir leid um Euch,“ antwortete Richter mit hnung Humor,„ſo habt Ihr von dem Schönſten nicht gehört, was es in Deutſchland gibt, von einem Fluſſe, wo ſchöne Dörfer ete ſie neben reichen Städten liegen, wo ſich die Schlöſſer ſo nahe btel de ſtehen, daß man von einem zum andern hinüber guten Mor⸗ s den gen rufen kann, wo ungeheuer viel Wein wächſ't— ein ſo koſtbarer Wein, daß die Flaſche auf einen Ducaten und „es darüber zu ſtehen kommt, und wo das liebenswürdigſte wel⸗ und gebildetſte Volk der ganzen Welt wohnt— da bin ich geboren.“ „„ich Bei den letzten Worten nahm Richter ſeinen Hut vom Kopfe, ſchwenkte ihn dreimal über ſich in der Luft, winkte tte er dann mit demſelben irgendwo hin, wo er ſich einbildete, daß all⸗ Deutſchland liegen müſſe, und begann, überwältigt von ſei⸗ nen Erinnerungen an die theure Heimat, mit ſeiner vollen, ſchönen Stimme ein bekanntes Lied zu ſingen: Siebenundfünfzigſtes Kapitel. „Mein Herz iſt am Rhein, in dem heimiſchen Land, Mein Herz iſt am Rhein, wo die Wiege mir ſtand, Wo die Jugend mir liegt, wo die Freuden mir blüh'n, Wo die Liebſte mein denket in wonnigem Glühn. Und wo ich geſchwelget in Liebe und Wein: Wo ich bin, wo ich geh', Wo ich bin, wo ich geh', Mein Herz iſt am Rhein, iſt am Rhein!“ Rafajele lauſchte mit ſichtlichem Wohlbehagen den fri⸗ ſchen Tönen dieſes deutſchen Liedes, und als der Sänger geendigt und wie zum Fortgehen bereit ſeine Ledertaſche auf ſeine Schulter nahm, ſagte er ihm gutmüthig:„Glaubt Ihr denn, Herr Deutſcher, daß ich Euch ſo von der Schwelle meines Hauſes weggehen laſſe, ohne Euch irgend einen Trunk oder ein Stück Brod vorgeſetzt zu haben? Terteifel!“ rief er lachend und ſetzte hinzu:„Nicht wahr, Ihr ſeid er⸗ ſtaunt, zu hören, daß ich Deutſch kann? Ja, als die Schweizer noch da waren, kamen ſie öfters hier herauf, und da war das dritte Wort immer: Terteifel! Davon hab' ichs gelernt.“ „Wenn Ihr noch mehr lernen wollt, Signor Rafajele,“ meinte Richter,„ſo will ich Euch zum Danke für Eure freundliche Einladung, die ich übrigens annehme, etwas Beſſeres lehren, wie der Teufel!“ „Gut, wir wollen ſehen,“ erwiderte der Neapolitaner; „aber ehe wir hineingehen, müßt Ihr mir ſagen, wie Ihr heißt; muß ich Euch doch vor meinen Weibsleuten mit einem chriſtlichen Namen anreden können; ich heiße Rafajele und bin hier oben Pachter auf der ſchönen Maſſeria di Fontana, leider ohne zu wiſſen,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, „wo alſo, brach herve habt mir k er er im überb betrat Laubr Kein ſeinem Laubg . 2 aer- enem flben, end. Das icht be nit dem n fri⸗ änger e auf t Ihr welle einen fell⸗ d er⸗ die und ichs le,“ rure was ier; Ihr nem und na, zu, Die Maſſeria di Fontana. 269 2 „wo eigentlich meine Herrſchaft— aber laſſen wir das; alſo, Euer Name?“ „Mein Name iſt Richter.“ „Ein ſeltſamer Name,“ gab Rafajele zur Antwort, und brachte, als er verſuchen wollte, ihn nachzuſprechen, etwas hervor, wie Rigde oder ſo etwas Aehnliches.„Aber Ihr habt doch auch einen chriſtlichen Vornamen?“ fragte er. „Allerdings: Heinrich oder Enrico.“ „Ah, da nehmen wir lieber den Vornamen; ſo folgt mir denn ins Haus, Don Enrico!“ Dieſes, Don' klang unſerem Freunde nicht unangenehm; er erinnerte ſich einiger Dons, die er dargeſtellt, wenn er im Gefolge irgend eines ſpaniſchen Königs Gnadenketten überbracht oder arme Schlachtopfer zum Blutgerüſte begleitet — Don Enrico. Er fand, daß man in Italien außeror⸗ dentlich höflich ſei. Hinter Rafajele, der das Thor öffnend ihm voranſchritt, betrat er den Lorberhain und empfand hier unter deſſen Laubmaſſen gegen die Hitze draußen eine angenehme Kühle. Kein Sonnenſtrahl drang durch die dichte Wölbung über ſeinem Haupte, aber deſto heller leuchtete am Ende des Laubganges das Haus des Pachters hervor. Dieſer hatte ſich, als er eben die Schwelle überſchritt, ggen ſeinen Gaſt umgewandt und faßte nun plötzlich mit enem Ausdrucke does Erſtaunens im Geſichte den Arm deſ⸗ blben, ihn ſo füßr den Augenblick zum Stillſtehen nöthi⸗ end. Gleich daraluf ließ er ihn aber wieder los und ſagte: Das war ganz goiigenthümlich, Don Enrico; Ihr habt es icht bemerkt, denßſt es ging raſch wie der Blitz; als Ihr nit dem rechten Füuße die Schwelle des Thores überſchrittet, 270 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. ſchoß dort am Boden zwiſchen den Stämmen des Lorbers hervor eine kleine, grünſchillernde Schlange; es iſt eine ganz ungefährliche Art, wir haben überhaupt keine giftigen hier,— die kam alſo dort hervor, wand ſich rings um Euren Fuß und verſchwand dann wieder im Grünen.“ „Ich habe nichts bemerkt,“ ſagte Richter,„nicht einmal ein Raſcheln gehört.“ „Das glaube ich wohl, ich würde auch nichts geſehen haben, hätte ich mein Auge nicht zufälliger Weiſe auf Euch gerichtet gehabt, um zu ſehen, mit welchem Fuße Ihr meine Schwelle zuerſt überſchrittet; es iſt das von Vorbedeutung und wichtig.“ „So ſeid Ihr abergläubiſch?“ „So möchte ich es nicht nennen, aber es gibt im Thun und Treiben der Menſchen an ſich ganz gewöhnlich ſcheinende Dinge, die aber, wie ich ſicher glaube, einen Zuſammenhang haben mit der Stunde, die vor uns liegt, oder mit unſerer Zukunft.“ „So hätte die Schlange, die ſich um meinen Fuß wand, auch eine Bedeutung?“ „Das will ich meinen,“ erwiderte Rafajele mit lachen⸗ dem Geſichte,„und wohl kein unglückliches, denn die Schlange iſt ein heilbringendes und verehrtes Thier. Was es aber ſagen will, daß ſie Euch beim Ueberſchreitaen meiner Schwale begrüßte, darüber muß ich meine Frau belfragen, die verſte ſich auf dergleichen Dinge— ſeht, da iſtz unſer Haus, genehm und hübſch kühl gelegen.“ Zwei alte, mächtige Maulbeerbäumef, welche am( des Laubganges ſtanden, rahmten mit iheem helleren das Haus des Pachters ein und gaben eiin reizendes in Die war verſ Maꝝ alte ſamn der um dene war dunk über Hanf durch die E hatte mit Scher Haus halle, ihm 1 dunke. J mit b nur e kleines welche beſtim Lorbers ie ganz hier,— en Fuß einmal geſehen f Euch meine eutung Thun einende enhang unſerer wand, lachen⸗ hlange 3 aber chwaͤle verſt 8, 4 — Die Maſſeria di Fontana. 271 in welchem Licht und Schatten aufs anmuthigſte wechſelten. Die graugelben Sandſteine, aus welchen das Haus gebaut, waren noch hier und da mit weißem Mörtel beworfen, an verſchiedenen Stellen wie verwittert und bildeten ſo auf der Mauer eigenthümliche Schraffirungen und Zeichnungen. Eine alte, ſolide Treppe, ziemlich roh aus dunklen Steinen zu⸗ ſammengefügt, führte von außen auf einen offenen Gang, der wie in den meiſten italieniſchen Landhäuſern dieſer Art um den oberen Stock herumlief und von welchem verſchie⸗ dene Thüren in das Innere des Gebäudes führten. Maleriſch war dieſer Gang verziert durch Guirlanden von gelben und dunkelrothen Wälſchkorn⸗Kolben, durch weiße Wäſche, welche über das Geländer herabhing, durch Haufen von grünem Hanf, durch Töpfe der verſchiedenſten Art, namentlich aber durch einen trefflichen Nelkenſtock, deſſen feurige Blumen auf die Stufen der alten Treppe herabnickten. Der dem Ankommenden zugekehrte Theil des Parterres hatte zwei große gemauerte Bogen. Der eine derſelben war mit Strohmatten und Reiſern behangen und bildete eine Scheuer; hinter dem zweiten größeren war der Eingang ins Haus durch eine weite Thür und gewährte eeine Art Vor⸗ halle, in welcher ſich ein ſteinerner Waſchtrog befand; neben ihm war der Backofen angebaut, welcher die gewölbte Decke dunkel ſchwarzbraun gefärbt hatte. Rechts vom Hauſe befand ſich ein alter Ziehbrunnen mit bemooſ'ten, verwitterten Steinen, maleriſch, wie man nur etwas ſehen kann. Daneben führte eine Thür in ein kleines Gebäude, welches als Stall benutzt wurde, vor welchem ſich ein großes Rondel, zum Dreſchen des Kornes beſtimmt, ausdehnte. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Der Platz vor dem Hauſe zwiſchen dieſem und den alten Maulbeerbäumen war mit feinem Graſe bedeckt und mitten hindurch führte ein breiter, reinlicher Sandweg von der Lorber⸗Laube zum Eingange des Hauſes, wo die Frau, die Richter zuerſt geſehen, ſpinnend auf einem Stuhle ſaß. Zu ihren Füßen lag ein mächtiger, zottiger Hund, der leiſe knurrend ſeinen Kopf erhob und dann, als er ſeinen Herrn erkannte, mit dem buſchigen Schweife den Boden ſchlug. Der Eſel graſ'te auf dem Platze vor der Scheuer, eine Schar Hühner ſuchte in dem ſteinernen Rondel nach übrig gebliebenen Körnern, und an der Mauer des Hauſes lehnten Garten⸗Geräthſchaften verſchiedenſter Art. Nur hier und da drang ein glühender Strahl der ſinkenden Sonne durch die Laubmaſſen anderer rieſenhafter Maulbeerbäume und beleuchtete das Haus mit warmen Lich⸗ tern, neben welchen lange violette, ſich ſanft bewegende Baumſchatten ſo ſcharf und beſtimmt abſtachen. Die Stroh⸗ matten an der Scheuer ſchimmerten gelblich⸗roth im wärm⸗ ſten Tone; die Gallerie über den tiefen, faſt ſchwarzen Schatten des Haus⸗Einganges ſtand in vollſtem Lichte, aus dem hervor die Blumen der Nelken wie glühende Kohlen leuchteten. Während die angebaute Treppe einen langen, gezackten Schatten auf die linke Seite des Platzes warf, glänzten rechts die herabfallenden Tropfen des aufgezogenen Waſſer⸗Eimers wie Brillanten im Sonnenlichte; hinter dem Hauſe erhob ſich eine rieſenhafte Pinie, welche ihre Krone ſchirmartig über das Dach ausbreitete und ſich wie mit Goldduft überſtreut, prachtvoll von dem dunkelblauen Him⸗ mel abhob. Alles das gab ein ſo ſchönes, harmoniſches, milde zu⸗ d den t und g von Frau, e ſaß. leiſe Herrn chlug. eine übrig hnten l der hafter Lich⸗ gende troh⸗ ärm⸗ arzen aus ohlen ngen, warf, genen dem drone mit Him⸗ ſammenſtimmendes Bild der Ruhe und Glückſeligkeit, daß Richter überraſcht ſtehen blieb und unwillkürlich ausrief: „Lieblicheres hab ich noch nie geſehen!“ Rafajele führte ſeinen Gaſt an den Eingang des Hauſes, holte einen Stuhl und bat ihn, ſich ſeiner Sachen zu ent⸗ ledigen und Platz zu nehmen. „Ich habe Don Enrico mitgebracht,“ wandte er ſich an ſeine Frau,„und du wirſt wohl ein paar Feigen und Sa⸗ lami für ihn haben, damit er etwas zu ſich nimmt, ehe er den langen Weg nach Neapel wieder antritt. Wo iſt Marietta?“ Die Frau hatte dem Gaſte freundlich zugenickt und ſagte dann ihrem Manne:„Marietta wird bei ihren Seiden⸗ raupen ſein, laß ſie nur dabei. Du weißt wohl, ſie hat es nicht gern, wenn man ſie in ihrer Arbeit ſtört; ich ſelbſt will für Don Enrico etwas holen.“ Darauf ging ſie ins Haus und brachte bald darauf mit Hülfe des barfüßigen Knaben, der mit ſeinen großen Augen den Fremden als etwas außerordentlich Wunderbares anſtarrte, ein kleines Tiſchchen heraus, welches ſie mit einem ſchneeweißen Tuche bedeckte und dann Feigen auftrug, weißes Brod, ſo wie in dünne Scheiben geſchnittene Salami. Rafajele war indeſſen auch verſchwunden und brachte eine zweihenklige Vaſe von terra cotta nach einer ſchönen, antiken Form, in welcher ſich ſchwarz⸗rother Wein befand. „Kann jemand in ſchönerer Umgebung und trefflicher zu Nacht ſpeiſen, als ich?“ rief Richter enthuſiaſtiſch aus. „Ich hätte nicht gedacht, meinen Tag ſo glücklich beſchließen. zu können, ein König würde mich beneiden.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. Iv. 18 Die Maſſeria di Fontana. 273 ——— 3 8. 274 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. „Doch iſt es mir lieb, daß der König keine Veranlaſſung dazu findet,“ entgegnete der Pachten in trockenem Tone, „wir ſind hier beſſer unter uns; aber jetzt greift zu, Don Enrico, und ſeid verſichert, daß alles das und noch mehr Euch von Herzen gegeben wird. Laßt Euch auch nicht ſtören, wenn ich mit meiner Frau von der Schlange ſpreche,“ ſetzte er lächelnd hinzu, und dann erzählte er, was ſich auf der Schwelle des Gartens mit ſeinem Gaſte begeben. Die Frau hörte ſo aufmerkſam zu, daß ſelbſt die bis jetzt nie raſtende Spindel bewegungslos in ihrem Schooße lag.„Ei, ei,“ ſagte ſie alsdann, während ein freundlicher Zug ihr ſonſt ſo ernſtes, faſt düſteres Geſicht für eine Se⸗ kunde beleuchtete,„das war eine ſchöne Begrüßung.“ „Und was hat ſie zu bedeuten?“ fragte der junge Mann. Die Frau zuckte mit den Achſeln und wechſelte einen Blick mit ihrem Manne, der ſie eben ſo erwartungsvoll anſchaute, wie Don Enrico, ehe ſie langſam zur Antwort gab:„Die Bedeutung dieſes Grußes verändert ſich nach der Perſon desjenigen, an welche er gerichtet; für Euch, da Ihr uns in kurzer Zeit wieder verlaßt, heißt er ſo viel, als Ihr ſeid von uns gern geſehen und werdet noch ſpäter an dieſes Haus zurückdenken.“ „Darin hat mir die Schlange die Wahrheit verkündet, denn Ihr könnt verſichert ſein, daß ich des herzlichen Em⸗ pfanges in dieſem wunderbaren Paradieſe mein Leben lang eingedenk ſein werde.“ Er hatte bei dieſen Worten, die er in innigem Tone ausſprach, ſeine Hand über den Tiſch ſeiner Wirthin dar⸗ gereicht, welche faſt zögernd die ihrige hineinlegte und ihn dab ſung one, Don nehr nicht he,“ auf bis oße cher Se⸗ nge nen voll vort der Ihr Ihr eſes det, Em⸗ ang one au⸗ Die Maſſeria di Fontana. 29 dabei mit den großen dunkeln, etwas umflorten Augen for⸗ ſchend betrachtete. „Ich habe nicht gewußt,“ rief Rafajele lachend,„daß dem Einen ein ſolcher Gruß etwas Anderes bedeuten kann, als dem Anderen; aber habe ich Euch nicht geſagt, Don Enrico, daß das mit der Schlange ein gutes Vorzeichen wäre?“ „Mich freut's in der That,“ entgegnete Richter,„denn ich fühle mich ſo heimiſch bei Euch, als ſei ich ſchon lange hier oben geweſen.“ „Nun, ich hoffe, Ihr kommt noch öfters herauf. Apro⸗ pos,“ ſetzte er launig hinzu,„dann geht aber zu Fuße, es iſt nicht zu weit, oder wenn wir uns einmal verabreden können, ſo laß ich Euch auf meinem Eſel reiten, das iſt ein beſſeres Thier, als die Beſtie von drunten.“ Richter, welcher in das wunderbare Spiel der dunklen Schatten und blitzenden Sonnenlichter der Laubmaſſen blickte und mit ſo behaglichem Gefühle den linden und erfriſchenden Hauch der Abendluft einathmete, welcher um ſeine Wange ſtreifte, bemerkte auf einmal eine ſchlanke Mädchengeſtalt, die aus dem Anbau jenſeits des Brunnens herkam, einen Augenblick ihren Kopf gegen die Gruppe vor der Thür wandte und dann hinter dem Hauſe mit ruhigen Schritten verſchwand. „Marietta!“ rief der Pachter, worauf ihm ſeine Frau ein Zeichen mit den Augen machte, ſich erhob und ins In⸗ nere der Wohnung ging. „Ihr trinkt aber gar nichts,“ wandte ſich hierauf der Pachter an ſeinen Gaſt, indem er ihm die irdene Vaſe 276 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. hinſchob,„gewöhnlich lieben doch die Deutſchen einen guten Trunk.“ „Ich kann das von mir eigentlich nicht ſagen; mein Durſt iſt bald gelöſcht, und dann mag ich keinen Wein mehr. Auch finde ich den, den man hier trinkt, zu feurig und ſtark, er läuft Einem wie flüſſiges Feuer durch die Adern. Wenn Ihr aber erlaubt, ſo zünde ich mir eine meiner Cigarren an.“ „Thut ſo,“ erwiderte der Pachter,„ich werde Euch mit meiner Pfeife Geſellſchaft leiſten.“ „Nehmt doch eine von meinen Cigarren, Ihr habt mich ſo trefflich bewirthet, daß Ihr nicht verſchmähen dürft, mit mir zu rauchen; ſie ſind nicht ſchlecht, ich brachte ſie von draußen mit.“ Richter wickelte die beiden letzten Cigarren, die er in dem bewußten Papiere bei ſich trug, aus demſelben und ließ es dann wie abſichtslos auf dem Tiſche liegen. „Das iſt was Gutes,“ ſagte Rafajele, nachdem er ein paar Züge gethan;„Ihr habt den Vortheil,„draußen beſſere und wohlfeilere Cigarren rauchen zu können.“ „Aber Eure langen ſchwarzen Cigarren ſind auch nicht ſchlecht.“ „Ja, wenn man daran gewöhnt iſt, mir iſt meine Pfeife lieber.“ Von der Cigarre Richter's war etwas Aſche auf den Tiſch gefallen, und er blies dieſe ſo geſchickt hinweg, daß ſich das Stückchen Papier mit erhob und dann dicht vor ſeinem Wirth zu liegen kam. Dieſer blickte es zuerſt mit großer Gleichgültigkeit an, auf einmal aber ſchien etwas von der Schrift auf demſelben iten nein Sein rrig die eine mit nich mit von in ind ein ere cht ine Die Maſſeria di Fontana. 277 ₰ ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln; er nahm es in die Hand, ehe er es aber näher vor die Augen brachte, ſprach er zu Don Enrico:„Habt Ihr das da mitgebracht?“ Richter blickte flüchtig darauf hin, dann erwiderte er: „Es kann nichts Bedeutendes ſein, zerreißt es nur, es hat mir zum Cigarren⸗Einwickeln gedient.“ Die Frau war unterdeſſen auch wieder unter das Vor— dach des Hauſes getreten und hatte ſich an ihren Platz ge⸗ ſetzt. Ihr ſchob der Colone das Papier zu, wobei er ſie mit einem eigenthümlichen Blicke betrachtete, den ſie nach einem raſchen Blicke auf die geſchriebenen Zeilen durch eiu leichtes Kopfnicken erwiderte, dann aber das Papier auf beiden Seiten aufmerkſam betrachtete. Richter merkte von alle dem begreiflicher Weiſe nichts. Er hatte ſein Geſicht zu dem jetzt tiefblauen Abendhimmel erhoben und betrachtete mit großem Intereſſe einzelne leichte Wölkchen, die, von der ſinkenden Sonne beſtrahlt, jetzt wie in Goldſchimmer getaucht erſchienen. „Man weiß nicht, was hier ſchöner iſt,“ wandte er ſich alsdann gegen ſeinen Wirth,„der Morgen oder der Abend, doch bin ich eigentlich für den Morgen, denn die jetzt ein⸗ tretende dunkle Nacht wirft einen ſchwarzen Schleier über alle die Herrlichkeiten und gemahnt mich zum Auſbruche— ich brauche doch eine gute Stunde bis zur Stadt.“ „Gewiß,“ entgegnete der Pachter,„und da die Sonne ſchon hinter dem Rande des Poſilippo verſchwunden ſein muß, ſo haben wir in kurzer Zeit finſtere Nacht.“ „Ganz richtig,“ erwiderte der junge Mann,„was man bei uns Dämmerung nennt und was uns ſo angenehm hin⸗ überleitet in die Nacht, kennt man hier nicht. Wie in ſo 278 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. vielen Dingen bildet auch hier wieder Licht und Schatten einen ſchroffen Contraſt.“ Bei dieſen Worten that Richter nicht, als ſähe er die Zeichen, vermittels deren ſich Rafajele mit ſeiner Frau an⸗ gelegentlichſt unterhielt, ja, er that ſehr erſtaunt, als ſein Wirth ihm nun ſagte:„Wenn ich Euch rathen darf, Don Enrico, ſo würdet Ihr heute Abend nicht mehr nach der Stadt zurückkehren; die alten, guten Zeiten,“ ſetzte er etwas leiſer hinzu,„wo man mit einem Sack voll Zechinen ohne Gefahr von Salerno übers Gebirge nach Neapel gehen durfte, ſind nicht mehr, und wenn es auch in der letzten Zeit hier oben ruhig war, ſo kann doch der Teufel trauen, und ich würde es mir nie verzeihen, wenn ſie Euch im Hohlwege unten angefallen hätten.“ „Ja, er hat Recht,“ ſagte nun auch die Frau,„bleibt bei uns, Don Enrico. Ihr werdet ſehen, wir ſind im Stande, Euch auf eine ganz behagliche⸗Art unterzubringen. Da Ihr ein Maler ſeid, werdet Ihr Euch ja doch mehr auf der Höhe herumtreiben, als unten in der Stadt. Gebt einmal Achtung, wie prachtvoll hier oben die Sonne aufgeht.“ Richter, welcher vorher ſchon langſam ſeine Ledertaſche an ſich genommen und ſeinen Stock erfaßt hatte, legte Beides wieder zögernd auf den Tiſch, wobei er ſagte:„Es über⸗ raſcht mich, Ihr braven Leute, daß Ihr mir, einem völlig Fremden, ſo bereitwillig ein Nachtlager anbietet; da es aber, wie ich bemerke, aus gutem Herzen kommt, ſo nehme ich es dankbar an.“ „Man kann einander fremd ſein und ſich gewiſſermaßen doch ſchon kennen,“ erwiderte Rafajele mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln, wobei ſein gewöhnlicher, ſchlauer, ja, and n0 hatten er die u an⸗ 3 ſein Don ) der etwas ohne gehen etzten auen, h im bleibt d im ngen. mehr Gebt geht.“ taſche zeides über⸗ völlig aber, ch es naßen eigen⸗ „la, Die Maſſeria di Fontaua. 279 verſchmitzter Geſichtsausdruck ſcharf hervortrat;„nehmen wir an, Ihr hättet da draußen bei Euch einen guten Freund, der ſchon hier geweſen und über den wir uns nun angenehm unterhalten könnten— wäre das nicht genug, um Euch zu bitten, daß Ihr ein paar Tage dabliebet?“ „Darin iſt viel Wahres,“ entgegnete Don Enrico, und ſetzte mit einem vielſagenden Blicke auf den Pachter und ſeine Frau hinzu:„wenn ich mein Gedächtniß anſtrenge, ſo ſollte es mir faſt gelingen, mich an jemand meiner Bekannt⸗ ſchaft zu erinnern, der früher hier war und oft und gern von Neapel ſprach.“ Rafajele warf einen Blick auf den kleinen Platz vor dem Hauſe, dann ſtreckte er die rechte Hand gegen ſeinen Gaſt aus, und als dieſer die ſeinige hineinlegte, drückte er ſie kräftig:„Ihr bleibt alſo bei uns, Freund Don Enrico, und morgen, wo wir einen kleinen Spaziergang zuſammen machen wollen, reden wir über Enre Bekannten in der Heimat.“ „Gebe Gott,“ ſagte die Frau mit leiſer Stimme,„daß es Angenehmes iſt, was wir über ihn hören werden; hätte ich einen einzigen Sohn, ich könnte ihn nicht lieber haben.“ „Das iſt alſo abgemacht,“ rief der Pachter hände⸗ reibend aus,„jetzt kommt, daß ich Euch Euer Zimmer zeige, Ihr werdet müde ſein und ſollt, wie ich denke, präch⸗ tig ſchlafen.“ Die Frau des Pachters hatte eine brennende Ampel von der bekannten antiken Form aus dem Hauſe geholt, und als ſie dieſelbe ihrem Manne einhändigte, der vor⸗ anſchritt, um dem Gaſte zu leuchten, ſagte ſie:„felicissima notte.“ 4 Ueber die alte Steintreppe ſchrittäder Colone ſeinem 280 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Gaſte mit der Ampel leuchtend voran und führte ihn oben auf der Gallerie nach der hinteren Seite des Hauſes, wo er eine Thür öffnete, zuerſt hineintrat und dann das Licht hoch emporhebend mit wohlgefälligem Tone ſagte:„Nun, wie gefällt Euch das, läßt ſich hier nicht wohnen?“ Das Zimmer war auch in der That zierlicher eingerichtet, als es das Aeußere des Hauſes hätte vermuthen laſſen und als Richter trotz der Wohlhabenheit, die er bei ſeinen Wirthsleuten bemerkt, erwartet; der ſteinerne Fußboden war mit einer Matte bedeckt, am Fenſter neben der Thür ſtand ein Tiſch mit dem zur Toilette nöthigen Porcellan und Glas, vor welchem ſich ſogar ein ſtrohgeflochtener Armſeſſel befand. Das breite Bett im Hintergrunde war mit ſchnee⸗ weißer Leinwand überzogen und hatte grüne Zanzarieren, ein Luxus zum Schutze gegen die Mücken, den man ſelten auf dem Lande in derartigen Häuſern antrifft. An der Wand fehlte ein Spiegel nicht und auf dem kleinen Tiſchchen in der Ecke befand ſich auf einem kleinen Leuchter ſogar eine Wachskerze. Richter fühlte ſich durch alles dieſes und beſonders noch durch die überall herrſchende Sauberkeit aufs behaglichſte angeſprochen, und nachdem er ſeine Ledertaſche, Feldſtuhl und Stock abgelegt, reichte er dem Wirthe beide Hände mit der Verſicherung, daß er ihm keinen größeren Gefallen habe erweiſen können, als ihm hier oben Quartier zu geben.„Was iſt drunten die Stadt mit ihrem Menſchengewühle, mit ihrem Staube, mit ihrer Hitze, mit ihrem unerträglichen Lärm gegen dieſe friſche, göttliche Einſamkeit hier oben!“ rief er enthuſiaſtiſch aus, worauf ihm Rafajele freundlich lächelnd eine gute Nacht wünſchte und ihn allein ließ. ſchön der C umral Reben merkte A Gedan ſchäftig mit de Die Maſſeria di Fontana. 281 Richter konnte ſich nicht enthalten, noch einmal auf die Gallerie hinauszutreten und etwas von dem herrlichen Dufte des Abends zu athmen.„Lorberbüſche und Orangenblüthen,“ — ſprach er zu ſich ſelber,„biſt du nicht ein glücklicher Kerl? So mit einem Male von gar nichts Bewohner einer himmliſchen Villa am Meerbuſen von Neapel geworden zu ſein! Es iſt jetzt neun Uhr, und wenn ſie dort, wo ich her— komme, heute Abend eine große Oper in der Arbeit haben, ſo ſingt jetzt vielleicht der Chor: Zum Kampf! Er führet uns zum Sieg! Nicht Zwietracht mehr! Hinaus zum Kampfe, Zum Kampf! Er führet uns zum Sieg! „Kerkerluft und paradieſiſche Seligkeit— ah, wie das ſchön iſt!“ Er verſchränkte die Arme, trat an die Brüſtung der Gallerie und ſchaute hinaus in die weite Ferne, wo er umrahmt von jetzt ſchwarz erſcheinenden, ſanft wehenden Rebenlauben ein Stückchen der mild erglänzenden See be⸗ merkte. Als er ſich ſpäter in ſein Zimmer zurückzog, waren ſeine Gedanken getheilt zwiſchen der Heimat und hier und be⸗ ſchäftigten ſich eben ſo mit ſeinem vergangenen Leben, als mit der Gegenwart, wenn er ſang: „O, ſenke ſüßer Schlaf dich nieder Auf ihre müden Augenlider, Und gieße Balſam in das arme Herz.“ — — Achtundfünfzigſtes Kapitel. Marietta. Als Richter am andern Morgen nach einem geſunden und feſten Schlaf erwachte und auf die Gallerie vor ſeinem Zimmer trat, hätte er laut aufjauchzen mögen über die wunderbare Pracht des Morgens, der goldſtrahlend und in Brillanten funkelnd über der Erde aufgegangen war. Drüben ſchimmerte das Meer im tiefſten Blau, während Capri jetzt in den hellſten Tönen den Hintergrund ſchloß. Der Himmel ſtrahlte in nie geſehener Klarheit, von dem Garten herauf dufteten die Lorberbüſche, die Citronen⸗ und Orangenblüthen, der Nelken⸗ und Reſeden⸗Flor mit einer faſt betäubenden Kraft. Dabei waren Bäume und Büſche bedeckt mit Myriaden von Thautropfen, und über alles das, was Richter hier ſah und empfand, hätte er faſt außer ſich kommen mögen vor Ent⸗ zücken, es war förmlich eine feenhafte Welt für ihn: drunten lagen in Körben aufgeſchichtet die farbigen Melonen und die zackigen Artiſchoken neben goldglänzenden Aprikoſen; daneben ſtand der zottige Hund aus den Abruzzen und etwas weiter Enr nicht wiſſe und geſch eine „glü derbe Natu Jahr hat, komn Origi ſeines ſunden ſeinem er die und in drüben ri jetzt immel herauf üthen, Kraft. n von h und Ent⸗ runten nd die meben weiter Marietta. 283 entfernt graſ'te der Eſel auf einem großen Raſenplatze hinter dem Hauſe. Don Enrico war raſch mit ſeinem Anzuge fertig, und die heutige Aenderung in demſelben war, daß er ſtatt der ſchweren Stiefel leichte Schuhe anzog und ſich im Vorbei⸗ gehen eine der dunkelglühenden Nelken brach, die er ſich auf den Calabreſer ſteckte; dann ging er die Treppe hinunter und wurde am Fuße derſelben von ſeinem Wirthe mit einem freundlichen guten Morgen begrüßt und mit der Bemerkung, er wundere ſich, ihn ſchon ſo früh auf zu ſehen, worauf ihm Richter in einem Recitativ erwiderte: „Bei Hirten wird's früh Tag.“ „Wie es mit Eurem Frühſtück ausſehen wird, Don Enrico,“ ſagte hierauf der Pachter,„das weiß ich noch nicht ganz genau; was Ihr gewohnt ſeid, Kaffee oder Thee, wiſſen meine Weibsleute nicht beſonders gut zuzubereiten, und da hat denn die Frau für Euch ein Glas Milch vor⸗ geſchlagen; ſeid Ihr damit zufrieden?“ „Nur zufrieden?“ rief Don Enrico in einem Tone, der eine gerechte Entrüſtung über dieſe Frage ausdrücken ſollte, „glückſelig bin ich darüber, ganz entzückt über ein ſo wun⸗ derbar ländliches Frühſtück, und das in dieſer prachtvollen Natur, lieber Freund Rafajele! Wer wie ich über zwanzig Jahre im Dampfe der Städte und Hauche der Grüfte gelebt hat, der wirft ſich, wenn er endlich Gelegenheit dazu be— kommt, entzückt an das Herz der Mutter Natur und ſaugt Originalſtoff aus ihrer Bruſt.“ Wir glauben nicht, daß der ehrliche Pachter dieſe Rede ſeines Gaſtes verſtanden, in der obendrein deutſche Worte ———OVVV—V———— 284 Achtundfünfzigſtes Kapitel. mit lateiniſchen und italieniſchen abwechſelten; dagegen ſah er in dem freudeſtrahlenden Angeſichte deſſelben, wie gut es ihm hier oben gefiel, und führte ihn lächelnd an den Platz, auf welchem ſie geſtern Abend geſeſſen und wo die Pachterin beſchäftigt war, das Frühſtück auf den Tiſch zu ſtellen. Für Richter war friſche Milch da und weißes Brod; Rafajele zog eine große, ſaftige Zwiebel vor, zu der er etwas Speck und ſpaniſchen Pfeffer nahm, und die Pachterin hatte eine Schüſſel Suppe vor ſich ſtehen. Auch ſie bot ihrem Gaſte einen freundlichen guten Morgen, und dann ließen ſich alle nieder im Schatten des Hauſes und eines der rieſenhaften Maulbeerbäume, während rings um ſie her die jetzt ſchon heißen Sonnenſtrahlen blendend leuchteten. Der große, zottige Hund war ebenfalls hinter ſeinem Herrn mit an den Tiſch getreten, und als Richter das prachtvolle Thier bewunderte, ſagte Rafajele:„Es iſt das ein tüchtiger Wächter; ich möchte in der Nacht keinem Fremden rathen, über den Zaun zu ſteigen, er würde unfehlbar zerriſſen; reicht ihm ein Stück Brod, Don Enrico, daß er Euch kennen lernt, und kraut ihm dabei furchtlos ſein Fell.“ Richter that, wie ihm geheißen, und nachdem der Hund ſeinen Herrn einen Augenblick betrachtet, nahm er das Brod von dem Fremden und wedelte ein wenig mit ſeinem Schweife, als dieſer ihn auf den breiten Kopf pätſchelte. „Wenn er Euch einmal genauer kennt, ſo begleitet er Euch in die Stadt,“ ſagte der Pachter,„und dann können ſchon einige handfeſte, unerſchrockene Kerle kommen, wenn ſie Euch was anhaben wollen.“ „Braucht es in der That jetzt hier in dieſem ſchönen 0 — Land allein und drunt natür wiede wie ſi und d dem bischer Glaub die Be gegen werthe 6 1 tiefen „ ren,“ ſe da ſchit unſchult Hört'n dieſem ben es ſpaßen, geſchafft zu verke darüber. en ſah gut es Platz, chterin Für afajele Speck e eine Gaſte h alle haften ſchon ottige Tiſch derte, ich Zaun Stück kraut Hund Brod veife, et er anen venn znen Marietta. 285 Lande dergleichen Vorſichtsmaßregeln, wenn man Abends allein ausgeht?“ Rafajele zuckte mit den Achſeln und erwiderte:„Mir und uns hier oben iſt bis jetzt nichts paſſirt, doch kann man drunten alle Tage von Ueberfällen und Einbrüchen hören; natürlich wird auch übertrieben.“ „Bei uns lieſ't man in der Zeitung, es hätten ſich hier wieder förmliche Räuberbanden gebildet, die Brigantaggio, wie ſie es nennen.“ „Die bezeichnen alles mit dem Worte Brigantaggio, und doch iſt zwiſchen dieſem und jenen Halunken, welche dem Wanderer ſein Geld abnehmen und auch wohl ein bischen todtſchlagen, ein Unterſchied wie Tag und Nacht. Glaubt mir, Don Enrico, unter den Leuten, welche ſich in die Berge geworfen haben, um auf eigene Fauſt einen Krieg gegen die Piemonteſen zu führen, gibt es ganz achtungs⸗ werthe und tüchtige Männer.“ „Das weiß die Madonna,“ warf die Frau mit einem tiefen Seufzer hin. „Es iſt ein grauſamer Krieg, den ſie mit einander füh⸗ ren,“ ſagte Rafajele;„wo ſie gegenſeitige Gefangene machen, da ſchießen ſie ſie ohne Gnade todt; ich möchte von dem unſchuldig vergoſſenen Blute nichts auf dem Gewiſſen haben. Hört'mal unſere alten Leute darüber reden, wie es jetzt in dieſem geſegneten Lande zugeht: die Spanier ihrer Zeit trie⸗ ben es toll genug, die Franzoſen ließen auch nicht mit ſich ſpaßen, doch hatten ſie in kurzer Zeit wenigſtens Ordnung geſchafft, mit den Oeſterreichern war auch nicht am beſten zu verkehren, aber jetzt— na,'s iſt beſſer, man ſpricht nicht darüber.“— Er blickte ßei dieſen Worten um ſich her, neigte “ .—₰ 3 * r o— — — 286 Achtundfünfzigſtes Kapitel. darauf den Kopf zu ſeinem Gaſte und ſchloß mit leiſer Stimme:„In dem Lande hier haben jetzt die Gebüſche Ohren; ſprecht nie mit fremden Leuten über etwas derglei⸗ chen, denn wenn Ihr ſelbſt ſagt ‚Gott ſei Dank,“ ſo finden ſich Zeugen genug, die dieſes Wort in ‚O weh' verkehren.“ Richter war nachdenkend geworden, denn jetzt erſt bei den Worten ſeines Wirthes fiel ihm Gaetano wieder ein und der gefährliche Weg, den dieſer zu gehen habe. Er ſelbſt hatte in der herrlichen Umgebung faſt vergeſſen, daß es hier ſchroff einander gegenüberſtehende Parteien gab und daß auch er in den Fall kommen werde, ſich für eine der⸗ ſelben zu erklären und vielleicht thatkräftig einzutreten. Mit ſeinem leichten Sinne dachte er aber gleich darauf: kommt Zeit, kommt Rath, und wollte eben mit ſeinem Wirthe ein anderes Geſpräch beginnen, als er hinter ſich das Rauſchen eines Gewandes vernahm und aufblickend ein junges Mäd⸗ chen gewahrte, das aus dem Hauſe getreten war und deſſen Erſcheinung ihn ſo überraſchte, daß er unwillkürlich aufſtand und, ſich tief verbeugend, ſeinen Hut abzog. „Das iſt Marietta, meine Tochter,“ ſagte die Pachterin und fügte nach einer Pauſe hinzu:„Und das iſt Don Enrico, ein Maler, der geſtern Abend gekommen iſt und ein paar Tage bei uns bleiben wird.“ Marietta nickte flüchtig mit dem Kopfe und ſetzte ſich dann ſo an die Seite ihrer Mutter, daß ſie den Gaſt etwas weniger als die linke Seite ihres Geſichtes ſehen ließ. Dieſer, welcher ſich auch wieder niedergelaſſen hatte, mußte ſich geſtehen, daß er in ſeinem Leben nichts Reizen⸗ deres erblickt; er hatte doch auch ſchon ſchöne Mädchenaugen geſehen und in den vortheilhafteſten Coſtumen, ja, viele in demſe Tänz ſter Chor⸗ dante jetzt Mäde ſein i den T D dabei vollere griechi Augen Wie ziehend um in Träum wölbte lange, des Bl ſchwand bei jede blau⸗ſch Flechten geſteckt der tiei wollene Bande, verziert leiſer büſche rglei⸗ inden en.* ſt bei wein Er daß und der⸗ Mit immt e ein ſchen Näd⸗ eſſen ſtand terin rico, paar ſich was atte, zzen⸗ ugen e in — Marietta. 287 demſelben, in welchem jetzt Marietta erſchien, darunter manche Tänzerin, die als Fenella aufgetreten war, von vollkommen⸗ ſter Schönheit, vor der nicht nur er und ſeine Collegen vom Chor, ſondern ſelbſt das ganze Perſonal bis zu dem Inten⸗ danten hinauf bewundernd geſtaunt; aber alle, die er bis jetzt geſehen, reichten nicht im entfernteſten an dieſes junge Mädchen.— Und doch, eine Einzige trat jetzt blendend vor ſein inneres Auge— Roſa, die Tänzerin, ſie allein hätte den Vergleich mit Marietta ausgehalten. Marietta war von ziemlich großem und ſchlankem Wuchſe, dabei fein und kräftig gebaut; zierlichere Hände und einen volleren Arm konnte man nicht ſehen, und nun erſt das rein griechiſche Profil ihres Geſichtes, die dunkeln, träumeriſchen Augen— nein, Aehnliches gab es nicht, dachte Richter. Wie waren dieſe Augenſterne ſo tief und ſchwarz, ſo an⸗ ziehend, daß man nur immer in ſie hätte hineinſehen mögen, um in der dunkeln Nacht derſelben nach den wunderbaren Träumen eines ſolchen Mädchenauges zu forſchen! Hochge— wölbte Brauen, beinahe etwas zu dicht und buſchig, und lange, ſeidene Wimpern erhöhten den Eindruck und die Macht des Blickes. Der etwas dunkle Teint ihres Geſichtes ver⸗ ſchwand vor der leichten Röthe ihrer Wangen, deren Schmelz bei jedem tieferen Athemzuge zu wechſeln ſchien. Ihr krauſes, blau⸗ſchwarzes Haar umhüllte halb aufgelöſ't in Locken und Flechten ihr Haupt, während eine ſilberne Nadel keck hinein⸗ geſteckt war und mild glänzte neben der feurigen Glut einer der tiefrothen Nelken. Marietta trug über einem rothen wollenen Rocke eine weiße geſtickte Schürze mit farbigem Bande, ihr ſchwarzes Sammtmieder, vorn leicht mit Gold verziert und eben nur ſo hoch, um den vollen runden Buſen — ¹ 288 Achtundfünfzigſtes Kapitel zu ſtützen, den aber ihr weißes, leinenes Hemd, welches über die Schultern in Falten gezogen war, nur ahnen ließ; um den entblößten Hals hatte ſie eine Korallenſchnur mit einem Hörnchen als Amulet, während ein gelbſeidenes Halstuch, vorn locker in einen Knoten geſchlungen, über den Nacken herabgerutſcht war und dieſen nur leicht bedeckte. Richter hätte gar zu gern ein Wort an ſie gerichtet, doch ſo ſehr er ſich auch Mühe gab, eine fehlerloſe italieniſche Phraſe zuſammenzuſetzen, ſo glaubte er doch keine zu finden, die ihm für das junge Mädchen elegant genug däuchte. Da auch ſie keine Luſt zu haben ſchien, den Fremden anzureden, ſo kam Don Enrico am heutigen Morgen nicht dazu, ihre Stimme zu vernehmen, denn nachdem ſie ihrer Mutter etwas zugeflüſtert, erhob ſie ſich wieder und ging quer über den Platz vor dem Hauſe nach dem nebenliegenden Anbau. Richter konnte ſich nicht enthalten, ihr mit bewundern⸗ dem Erſtaunen nachzublicken und mußte ſich geſtehen, daß ihre Geſtalt, ſo dahin gehend, leicht ſchreitend wie ein Reh, noch mehr gewann. Jede ihrer Bewegungen war graziös, und ein gewiſſes Wiegen des ſchlanken Oberkörpers in den Hüften drückte jene verführeriſche Elaſticität aus, die man an den Spanierinnen ſo ſehr bewundert und welche auch manche Neapolitanerin mit ihren vielleicht ſtammverwandten Schwe⸗ ſtern gemein hat. Dabei war alles an Marietta's Anzug ſo nett und ge⸗ wählt, wie Richter nie etwas Aehnliches geſehen. Unwill⸗ kürlich fielen ihm immer wieder Vergleiche aus der Oper ein, aber auch da erinnerte er ſich bei Keiner, nicht einmal bei Roſa, dieſe Harmonie geſehen zu haben. Mit alten, ächten Spitzen waren Marietta's weiße Hemdärmel, die nur bis 3über ; um einem stuch, kacken ichtet, niſche nden, Da eden, ihre twas den dern⸗ daß Reh, Marietta. 289 zum Ellbogen reichten, beſetzt, kein häßlicher Reifrock ver⸗ unſtaltete ihren Wuchs und der kurze rothe Rock zeigte die zierlichſten Füßchen in blendend weißen Strümpfen auf aller⸗ liebſten Holzpantoffeln mit hohen Abſätzen. Jetzt war ſie in dem Anbau verſchwunden, und Richter hätte ſich gern darüber geſchämt, daß er dem Mädchen ſo unpaſſend ſtarr nachgeblickt, als ihm ſein Wirth lächelnd ſagte:„Nicht wahr, Marietta kann ſich ſehen laſſen?“ „Und ſie iſt ſo gut und brav, als ſchön,“ meinte die Mutter. „Dabei luſtig und heiter, wie der Vogel auf dem Zweige,“ unterbrach ſie der Vater;„wenn ſie Euch erſt einige Tage geſehen hat und dann mit Euch überhaupt ſprechen will, ſo wird ſie Euch keine Antwort ſchuldig blei⸗ ben, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, und ſingen thut ſie den ganzen Tag— hört nur, da fängt ſie ſchon an, und alles durch einander, wie es ihr gerade in den Kopf kommt.“ „Chi videre vo lo sciore, Lo sbranore De la loggia e de la zecca, Chi vedere vo la vera Primavera, Lassa tutte e bega Cecca Cecca mia, Ca non dica la boscia.“ hörte man das junge Mädchen in einer heiteren Tanzweiſe ſingen mit etwas tiefer, aber doch ſehr wohlklingender Stimme. „Klingt das nicht wie die Mandoline?“ ſagte lachend der Vater;„wahrhaftig, man brauchte nur mit den Caſtag⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. IV. 19 290 Achtundfünfzigſtes Kapitel. netten einzufallen oder das Tambourin dazu zu ſchlagen, ſo könnte man die luſtigſte Tarantella tanzen.“ „Und wie tanzt ſie die!“ ſprach die Mutter mit einem viel ernſteren Blicke als nothwendig geweſen wäre.„Keine kann es ihr darin gleich thun!“ „Na, das lernt ſich alles von ſelbſt und will nicht viel bedeuten,“ erwiderte Rafajele;„aber auch in manchen an⸗ deren, nützlicheren Dingen iſt Marietta den meiſten ihres Alters voraus.“ „Ja, ja,“ ſprach die Pachterin mit einem tiefen Seufzer, worauf ſich Rafajele heftig am Kopfe kratzte und mit einem verdrießlichen Geſichte ſagte:„Laß das gut ſein für jetzt und fange nicht wieder an, es iſt ja noch nicht aller Tage Abend; sciosciala, cavola,“ fügte er achſelzuckend hinzu. „Du wirſt ſo lange die gleichen Redensarten führen,“ murmelte die Frau mit finſterm Blicke,„bis er eines Mor⸗ gens heraufkommt und kurzweg befiehlt, uns den anderen Tag bereit zu halten.“ „Oho, man befiehlt mir nur ſo! Ich möchte wenigſtens den ſehen, dem ich auf einen ſolchen Befehl Folge leiſtete, es ſei denn, daß unſer junger Padrone wiederkäme, und der würde, wie ich überzeugt bin, ſo was nicht befehlen.“ „Bis unſer junger Padrone, den Gott und die heilige Jungfrau ſchützen mögen, aber wieder erſcheint, kann ſich genug begeben, was im Stande iſt, mir das Herz zu brechen; o Rafajele, wenn es wirklich deine Abſicht iſt, auf ſeine Vorſchläge nicht einzugehen, ſo ſage es ihm aber gerade heraus. Doch das thuſt du nie; von dir ſieht er nur die abgezogene Mütze, den abgezogenen Hut, und hört nur: o ja, wahrſcheinlich, es kann nicht fehlen, es wird ſich ſchon — Marietta. 291 machen, und dergleichen mehr. O über die Schwäche von euch Männern! Ließeſt du mich einmal mit ihm reden, ſo wüßte er bald, woran er wäre.“ „O über die Klugheit von euch Weibern!“ ſpottete der Pachter nach;„ſagten wir ihm ein Mal gerade heraus, was wir über ihn und jene Sache denken, ſo wüßten auch wir bald, woran wir wären, darauf kannſt du dich verlaſſen. Weißt du nicht, daß er faſt unumſchränkt die Verwaltung der reichen Güter der Familie Fontana in der Hand hat? Bedenkſt du nicht, daß er uns mit einem Federſtriche von Haus und Hof vertreiben kann, und haſt du es vergeſſen, daß er wohl weiß, wie dein Bruder heißt?“ Bei dieſen letzten Worten, welche Rgfajele ausſprach, ſchrak die Frau zuſammen und warf einen ängſtlichen Blick nach ihrem Gaſte hinüber, der ſich aber als discreter Mann beim Beginn dieſes Zwiegeſprächs der Eheleute erhoben und ein paar Schritte in der Richtung nach dem Anbau ge⸗ macht hatte. „Sei doch geſcheit,“ fuhr der Pachter nach einer Pauſe gutmüthig fort;„haben wir nicht ſeit geſtern gegründete Hoffnung auf eine mächtige Hülfe— o, wenn ich daran denke, könnte ich vor Freude hinausſchreien!— und ſollen wir kurz vor einer bevorſtehenden, ſo glücklichen Wendung jenem Kerl die Augen öffnen, daß er uns noch ſchnell zer⸗ tritt, ehe wir vielleicht im Stande ſind, ihm Eins zu ver⸗ ſetzen? Im Gegentheil, Frau, wir wollen doppelt höflich gegen ihn ſein, ihm ſchmeicheln, und wenn er heute käme und verlangte, morgen ſolle die Hochzeit ſein, ſo ſage ich: gut. Dang kaunſt du als Mutter und Frau ihm begreiflich machen Es nicht, aber in acht Tagen oder ſo. ⁸⁴ T 292 Achtundfünfzigſtes Kapitel. — Wenn ich nur Marietta veranlaſſen könnte, etwas ge⸗ linder mit ihm zu verfahren; aber was hat ihm dieſe nicht ſchon für Redensarten an ſeinen dicken Kopf geworfen!— Gib dich zufrieden, ſo viel hört er in ſeinem ganzen Leben nicht mehr, als ihm deine Tochter geſagt— gegen den Stachel kann man nicht lecken,“ ſetzte er vertraulich hinzu, „und wer den Veſuv ausblaſen wollte, der würde ſich nur das Maul verbrennen. „Ich ſage dir,“ fuhr er flüſternd fort,„was dieſe Ad⸗ vocaten da unten für eine Macht haben, davon kannſt du dir keinen Begriff machen; früher da ging es über unſere Geldbeutel her, und wenn ſie ſich in etwas Anderes miſchen wollten, ſo wurden ſie von oben herunter tüchtig aufs Maul geklopft; es iſt kein Geheimniß, daß manche von ihnen lange Ighre hinter der Mauer der Vicaria oder im Waſſerkeſſel des Caſtel dell' Uovo geſeſſen haben, und das geſchah ihnen Recht, weil ſie uns das Fell über die Ohren zogen, wo ſie konnten. Aber heute, wo ſie öffentlich reden können, was ſie wollen, und in die Zeitungen drucken, was ihnen in den Sinn kommt, da fürchten ſie ſich ſogar in Turin vor ihnen, thun ihnen ſchön und glauben alles, was ſie ſagen. Die Mädonna mag's ändern, wenn es ihr möglich iſt, aber wahr bleibt's! Hätte unſer früherer König Geld genug, um die Advocaten zu kaufen, da könnten ſie all das Gepuff und die Metzeleien in den Bergen bleiben laſſen und viel ſchneller zum Ziele kommen.“ Die Pachterin warf einen raſchen Blick auf Don Enrico, der in gemeſſenen Schritten auf dem Platze herumſchritt, auf welchem im Herbſte das Getreide gedroſchen wurde, dabei aber nicht unterließ, nach dey 8 W Ach, S 2 Marietta. 293 ge⸗ des Anbaues zu ſchielen, von woher immer noch Marietta's icht luſtiger Geſang erſcholl, dann fragte ſie:„Trauſt du dem — Fremden auch nicht zu viel? Seit Neapel eine Provinzſtadt ven geworden iſt, wird es denen da oben im Norden leicht, uns den Spione aus aller Herren Länder zu ſchicken.“ 3u,„Haſt du nicht ſelbſt den Zettel geleſen, den er geſtern ur auf den Tiſch warf, und warſt du nicht eben ſo ſehr als ich überzeugt, daß er aus einer befreundeten, lange vermißten 1 d⸗ Hand kommt?“* du„Allerdings, aber deßhalb vergiß doch nicht, vorſichtig 8 re zu ſein; du trauſt dem da unten eben ſo wenig als ich. 3 en Könnte er dir nicht auch eine Falle ſtellen, um uns un⸗ 3 ul bedingt in die Hand zu bekommen, ſchon um Marietta's 1 ge willen?“ 4 el Rafajele ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, ehe er erwie n derte:„Don Enrico hat ſo wenig von einem Spione, wie e ein Artiſchoke von einem Meeraal, überhaupt haben dieſe 8 Deutſchen ſehr wenig Anlage zur Verſtellung; grob können n ſie ſein, das haben wir an den Schweizern erlebt, aber , dabei ſind ſie aufrichtig und ehrlich, und beſonders der da. — Gleich nachher werde ich mit ihm einen Spaziergang r machen, und wenn wir zurückkommen, werde ich wiſſen, 1 was ich zu wiſſen brauche. Sei du nur recht höflich mit d ihm und nenne ihn Cavalliero, ich habe ſchon bemerkt, daß er das gern hört— ſchau, wie er dort hinblickt, wo deine Tochter iſt,“ ſetzte er lachend hinzu;„hoffentlich wird Ma⸗ rietta keine Abneigung gegen ihn faſſen, wie ſie ſonſt ſo gern zu thun pflegt.“ „Ich glaube nicht, wenn er artig und zurückhaltend gegen ſie iſt.“ —ͤÿ— 294 Achtundfünfzigſtes Kapitel. „Das wird er ſein, auf den Deutſchen kann man ſich in dieſer Beziehung ſchon verlaſſen; ja, wenn es ein Fran⸗ zoſe wäre!“ Die Pachterin nickte mit dem Kopfe, dann gab ſie zur Antwort:„Wenn zwiſchen euch Beiden einmal die Rede auf Marietta kommt, ſo kannſt du ihm wohl ſagen, daß ſie Braut iſt und nächſtens heirathen wird.“ Rafajele lächelte pfiffig, als er erwiderte:„Hoffentlich aber wird er nicht Zeuge ſein, wie ſie mit ihrem Bräutigam plaudert.“ „Das iſt gerade ein Punkt, an den ich noch nicht ge— dacht und den du auch vergeſſen haſt; was machen wir, wenn er in den nächſten Tagen zufällig heraufkommt?“ Der Pachter kratzte ſich am Kopfe und ſann einen Au⸗ Zenblick nach, ehe er verſetzte:„Den Teufel auch, das iſt wahr, daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht!“ „Das Beſte iſt wohl,“ ſagte die Frau,„ja, das Einzige, wir laſſen ihn unſern Gaſt nicht ſehen. Gepäck hat Don Enrico nicht viel, und wenn er ihn gar zu Geſicht bekommen ſollte, ſo iſt er halt ein Maler, wie ſich viele hier herum— treiben, der in das Haus kam, um ein wenig auszuruhen. Was ſein Zimmer droben anbelangt, ſo ſage ich ihm einfach, Marietta hätte es ſich ausgewählt, und da weiß er ſchon, daß er fern davon bleiben muß.“ „So iſt's recht,“ antwortete Rafajele lachend,„darin wird er vielleicht eine Anhänglichkeit der Tochter an ihn ſehen und ſich zufrieden geben.“ „Beſſer aber iſt's immer,“ meinte die Frau, indem ſie ihren Kopf nachſinnend hin und her wiegte,„wenn er ihn nicht ſieht.“ ſie Marietta. 295 „Das kann ich auch mit ihm bereden,“ erwiderte der Pachter;„ich brauche ihm ja nur zu ſagen, der Bräutigam Marietta's ſei ganz entſetzlich eiferſüchtig; jetzt will ich aber gehen und einen Gang mit ihm machen.“ Damit erhob er ſich und rief ſeinem Gaſte, der noch immer mit großer Aufmerkſamkeit die Umgebung des Hauſes betrachtete, ſich aber nun ſogleich auf ſein Zimmer begab, um dort ſeinen Hut und Stock zu holen. Droben konnte er's nicht unterlaſſen, ſich einen Augenblick vor den kleinen Spiegel zu ſtellen und vor demſelben ſeinen Calabreſer auf⸗ zuſetzen, ſo wie die Spitzen ſeines Schnurrbartes in die Höhe zu drehen. Auch ſchien er mit dem, was ihm der Spiegel gezeigt, nicht unzufrieden zu ſein, denn als er das Gemach wieder verließ und die Treppe hinabgeſtiegen, ſchwang er luſtig ſeinen Stock in der Rechten und ſang: „Kommt ein ſchlanker Burſch gegangen, Blond von Locken oder braun, Ei, nach dem kann man wohl ſchau'n.“ Auf den Spaziergang, den er hierauf mit ſeinem Wirthe machte, haben wir keine Veranlaſſung, ihm zu folgen oder das Geſpräch der Beiden wiederzugeben, da es ſich in dem⸗ ſelben nur um uns ſchon längſt bekannte Dinge handelte. Der ſchlaue Italiener hatte erfahren, was er wiſſen wollte, und begab ſich nach der Zurückkunft ſogleich in das Schlaf⸗ zimmer zu ſeiner Frau, wo er mit derſelben eine lange Unter⸗ redung hatte, während Richter dieſen Augenblick benutzte, um eine kleine Entdeckungsreiſe rings um das Haus zu unter⸗ nehmen und auch im Vorbeigehen ganz zufällig in jenen Anbau zu ſchauen, wohin vor ein paar Stunden das junge Mädchen gegangen war. Daß ſie jetzt wehl nicht mehr dort — “ 296 Achtundfünfzigſtes Kapitel. ſein konnte, verſtand ſich von ſelbſt, was hätte ſie auch ſo lange dort machen ſollen? Die Thür des Anbaues war an⸗ gelehnt, er öffnete ſie, und nachdem er hineingetreten, ſah er, daß das junge Mädchen allerdings nicht mehr da war, doch bemerkte er hier ihm bis jetzt ganz fremdartige Dinge, die ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch nahmen, daß er näher trat und mit Intereſſe hinblickte. In dem mäßig erhellten, ſtallähnlichen Raume zeigten ſich Brettergeſtelle, mehrere über einander, auf einigen waren flache Körbe, in denen Tauſende von grauen Seidenwürmern auf jungen, grünen Maulbeerblättern herumkrochen und unauf⸗ hörlich fraßen, auf anderen ſah man Reiſigbüſchel, zwiſchen deren feinen Zweigen unzählige, mattglänzende, gelbe und weiße Cocons hingen. Es war eine Seidenzucht⸗Anſtalt, wie man ſie um Neapel in den meiſten Bauernhäuſern findet und ſomit hier etwas ganz Gewöhnliches, für den jungen Mann aber ſo neu, daß er ſich auf eine Holzbank vor den Brettergeſtellen niederließ und das Getreibe der kleinen Thier⸗ chen mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete. Es erſchien ihm ein mühſeliges und langweiliges Geſchäft, wenn er bedachte, wie viele Tauſende dieſer kleinen Spinner zu einigen Ellen Seidenzeug nöthig ſeien, über deſſen Urſprung man ſo ſelten nachdenkt. Das Freſſen dieſer Geſchöpfchen, ſo winzig ſie auch waren, verurſachte ein förmliches Geräuſch wie ein entfern⸗ tes Summen, und wenn er davon wieder die Augen auf die Reiſigbüſchel wandte, ſo kamen ihm dieſe mit ihren frucht⸗ ähnlichen, glänzenden Geſpinnſten ſo appetitlich vor, daß er gern ſelbſt abgepflückt hätte und wohl begriff, wie ſich nied⸗ liche Finger mit dieſer Arbeit beſchäftigen konnten. Ein leiſes Knurren hinter ihm ſtörte ihn in ſeinen Be⸗ 1 Marietta. trachtungen, und als er ſich raſch umwandte, ſah er unter der geöffneten Thür Marietta ſtehen, an ihrer Seite den zottigen Hofhund, welcher ihn mit einer bedenklichen Grimaſſe anſchaute; doch ſchlug ihn das junge Mädchen mit ihrer flachen Hand auf den breiten Kopf und ſagte mit befehlender Stimme:„Ruhig, Pluto!“ worauf ſich das gewaltige Thier dicht an ſie ſchmiegte, während er mit einem leichten Wedeln des Schweifes nach ihr aufblickte. Richter hatte ſich erhoben, nahm ſeinen Hut mit einer zierlichen Handbewegung vom Kopfe und ſagte, während er ſich tief verbeugte:„Verzeiht mir, Donna Marietta, daß ich mir erlaubte, hier hereinzutreten.“ Die Tochter des Pachters hielt mit der linken Hand einen Korb voll grüner Maulbeerblätter, den ſie graziös auf ihre Hüfte aufgeſetzt trug. Sie blickte dem Fremden ein paar Augenblicke forſchend ins Geſicht, dann aber öffnete ſie lächelnd ihre feinen Lippen und erwiderte, indem ſie ihre ſchneeweißen Zähne ſehen ließ:„Was habe ich zu verzeihen? Ihr ſeid der Gaſt meines Vaters, und der wird gewiß nichts dagegen haben, wenn Ihr unſere Seidenwürmer anſchaut. Aber warum ſeht Ihr mir ſo ſtarr ins Geſicht?“ Der junge Mann, der eine Antwort auf die letztere Frage ſchuldig blieb, fuhr mit der Hand über die Augen, als wolle er auf dieſe Art ſeinen Augen eine andere Rich⸗ tung geben, dann entgegnete er:„Es iſt möglich, daß Euer Herr Vater nichts dagegen hat, wenn ich mir die Seiden⸗ würmer betrachte, was mit großem Intereſſe geſchehen iſt, doch möchte ich auch mit ſeiner Erlaubniß nichts thun, was Euch perſönlich unangenehm wäre, Donna Marietta!“ Das ſchöne junge Mädchen ſchüttelte mit dem Kopfe. 298 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Wir zweifeln, ob ſie Richter's Phraſe vollkommen verſtanden, denn trotzdem er ſich bemüht, dieſelbe ſo italieniſch als mög⸗ lich zu geben, waren ihm doch einige lateiniſche Wörter mit untergelaufen, die ihr gewiß unverſtändlich waren. Dann ging ſie ein paar Schritte vorwärts, und als ſie dicht vor den Geſtellen ſtand, ſagte ſie, ſich umſchauend:„Bei Euch zu Lande habt Ihr wohl keine Seidenwürmer, Don Enrico?“ „Es gibt wohl auch dergleichen bei uns, wie ich in den Zeitungen geleſen,“ verſetzte Richter, indem er ſanft ſeinen Schnurrbart kräuſelte;„geſehen habe ich noch keine, es iſt wohl auch nicht der Rede werth; denn wenn man dort von der Seiden-Ernte irgend eines Dilettanten, der ſich damit abgibt, hört, ſo iſt ein halbes Dutzend Pfund ſchon was Unglaubliches; es iſt bei uns nicht warm genug für die Seidenraupen⸗Zucht.“ „Ja, es muß bei Euch recht kalt ſein, wie ich ſchon ge⸗ hört,“ erwiderte Marietta;„nicht wahr, Ihr habt das ganze Jahr Eisberge und Schnee? Da möchte ich nicht leben.“ „Nun, ſo arg iſt es gerade auch nicht, obgleich es hier viel ſchöner iſt; wir haben Monate lang eine Hitze, die der von Neapel nicht nachſteht.“ „Ei, ſeht doch!“ rief das junge Mädchen. „Und Wein haben wir auch die Hülle und Fülle.“ „Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſ're Reben!“ ſang Richter lachend, und überſetzte darauf, was er geſungen, wobei er hinzuſetzte:„Der Rhein iſt ein großer Strom, an dem ich geboren bin.“ „Und jetzt ſeid Ihr hieher gekommen, um allerlei Dinge bei uns abzuzeichnen? Könnt Ihr mich nicht auch einmal zeichnen?“ ——— Marietta. 299 „Das wird ſchwer gehen,“ verſetzte Don Enrico nach einem augenblicklichen Stillſchweigen etwas kleinlaut;„ich male nur Landſchaften, Häuſer, Bäume, höchſtens Blumen; freilich als eine liebliche Blüthe könnte ich—“ „Es iſt ſchade,“ unterbrach ihn das junge Mädchen raſch,„daß Ihr mich nicht malen könnt!“ Dann fügte ſie mit einem ſchalkhaften Lächeln hinzu:„Ich glaube, ich wäre im Stande geweſen und hätte Euch erlaubt, mich zu malen. Ihr müßt nämlich wiſſen,“ ſetzte ſie mit hoch erhobenem Kopfe hinzu,„daß ich es noch nie jemand erlaubt habe, ein Bild von mir zu machen.“ „O, wie ärgerlich,“ ſeufzte der arme Landſchaftler in ſich hinein,„daß ich nicht den Muth habe, ſie beim Worte zu nehmen! Wie könnte ich ſo ungeſtört vor ſie hinſitzen und ihr in die brennenden Augen ſchauen! Vielleicht aber iſt es auch ſo beſſer.“ „Nun, wenn Ihr mich nicht malen könnt,“ ſprach das junge Mädchen, während ſie ſich bemühte, die Raupen mit Futter zu verſehen,„ſo könnt Ihr mir wenigſtens helfen, indem Ihr mir den Korb haltet; da nehmt, und geht hinter mir drein und haltet mir ihn hübſch zur Seite, daß ich nicht ſo weit herumzulangen brauche.“ „Wenn es Euch einerlei iſt, Donna Marietta,“ erwi⸗ derte Richter vergnügt,„ſo reiche ich Euch lieber die einzel⸗ nen Blätter hin, Ihr habt es dann noch bequemer.“ Dabei hatte er den verwegenen Nebengedanken, zuweilen ihre Finger oder gar ihren Arm leicht berühren zu können. Das Geſchäft ging in der Art auch ganz hübſch vor ſich. Don Enrico folgte dem jungen, ſchönen Mädchen mit dem Körbchen, und zwar ging er ſo nahe hinter ihr, daß, wenn ſie ſich einmal 300 Achtundfünfzigſtes Kapitel. etwas haſtig umdrehte, ſie ſeinen Arm mit der Hand berührte. Dazik ſang ſie luſtige Tanzweiſen, wie er auch heute Morgen ſchon vernommen, und endlich ſagte ſie:„Da Ihr ein Deut⸗ ſcher ſeid, ſo will ich beſonders etwas für Euch ſingen.“ Dann begann ſie: „Comme abballano bello ste doje sore, Una à Tudesca e n'auta Taliana Una tene lo zuccaro, E n'auta porta li bellize m'mano. Una leva lommo da la forca 2 E n'auta la jostizia fa tremmare.“ 2⁴ Umſonſt gab ſich Don Enrico Mühe, das, was ſie ſang, zu verſtehen, theils ſprudelte die muntere Tanzweiſe ſo raſch und flüchtig aus ihrem Munde, daß er die Worte faſt nicht unterſcheiden konnte, und wenn er auch einmal eines deutlich verſtand, ſo war daſſelbe ſo in neapolitaniſchem Dialekte, daß er den Sinn deſſelben nicht faſſen konnte. Als ſie geendigt, fragte er deßhalb:„Warum habt Ihr geſagt, Donna Marietta, daß Ihr dieſes Lied f wollet?“ „So habt Ihr die Worte nicht verſtanden?“ „Keine Silbe.“ „Sonderbar,“ entgegnete ſie mit einer wegwerfenden Kopfbewegung.„Andere verſtehen mich außerordentlich gut, denen brauch ich nur zu winken, ja, nur die Augen aufzu— ſchlagen.“ „Das zu verſtehen, würde mir am Ende auch ſchon ge⸗ lingen, aber vergeßt nicht, Donna Marietta, daß ich kein Neapolitaner bin und es mir ſchon große Mühe macht, nur das Italieniſch zu verſtehen, wie man es aus Büchern lieſ't; ür mich ſingen wer ich Eue eti ſpre mer verſ Lied ſein auch mich Ant Sch lien Sch Gal polit ande was keln jung dieſe „daf män Marietta. te. wenn Ihr aufrichtig ſein wollt, müßt Ihr mir geſtehen, daß ich auch dieſes ſchlecht genug ſpreche.“ 1„Ich bin immer aufrichtig,“ ſagte ſie lachend,„und muß ,„ Euch Recht geben; wäre ich keine Neapolitanerin,“ ſetzte ſie etwas hochmüthig hinzu,„ſo würde ich, wenn Ihr zu mir ſprecht, nicht wiſſen, was Ihr mir ſagen wollt, aber ich merke ſchon an dem Tone Eurer Worte, was Ihr mir gern verſtändlich machen möchtet; ſchade übrigens, daß Ihr mein Liedchen nicht verſtanden habt.“ „Das bedaure ich auch, und Ihr könnt wohl ſo gut ſein, es mir in andern Worten deutlich vorzuſagen; es iſt auch ſchade, wenn ich es nicht verſtehen ſoll, da Ihr es für 1 mich geſungen.“ „So paßt auf,“ gab das ſchöne Mädchen luſtig zur Antwort;„ich ſang vorhin: Wie ſchön tanzen dieſe beiden 4 Schweſtern, die eine iſt eine Deutſche, die andere eine Ita⸗ lienerin; eine hat Zucker im Munde, die andere trägt alle Schönheiten in der Hand; jene erlöſ't den Menſchen vom Galgen, dieſe macht ſelbſt die Gerechtigkeit zittern.“ Als ſie das Lied, welches ſie nur gewohnt war, in nea⸗ politaniſchem Dialekte ſchnell und luſtig zu ſingen, jetzt in * anderem Italieniſch langſam vortragen mußte, ſchien ſie et⸗ was befangen, denn ihre Wangen hatten ſich mit einer dun⸗ keln Röthe bedeckt und ihre Augen leuchteten, ſo daß ſich der junge Mann nicht enthalten konnte, ſo tief wie möglich in dieſe gefährlichen Sterne zu blicken. „Ich danke Euch,“ ſagte Don Enrico raſch aufathmend, „daß Ihr mir ein Lied geſungen, in welchem einer Lands⸗ männin von mir ſo freundlich gedacht iſt; es hat eine hübſche 302 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Weiſe, und wenn Ihr mir ſie noch ein oder zwei Mal vor⸗ ſingt, ſo lerne ich ſie auswendig.“ „Das will ich recht gern thun,“ gab das junge Mäd⸗ chen zur Antwort,„aber nicht jetzt, es langweilt mich, immer daſſelbe zu ſingen, ein anderes Mal. Aber ſagt mir doch, Don Enrico,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während ſie den rechten Arm auf die Hüfte ſtemmte und ihm in das Geſicht ſah,„warum ſchaut Ihr mich immer ſo ſtarr an? Merkt Ihr an mir etwas, was Euch nicht gefällt?“ „Im Gegentheile!“ rief er entzückt aus;„ich ſehe Euch deßhalb an, weil Ihr ſo wunderbar ſchön ſeid, ja, ſo ſchön, wie ich nie etwas Aehnliches geſehen, ſo ſchön, daß—“ „Hier ſtockte Herr Richter, denn er fürchtete zu viel ge⸗ ſagt zu haben, und ihm bangte davor, daß ſie ſich jetzt viel— leicht ſchmollend abwenden und ihm, wenn auch afeectirt, ärgerlich ſagen würde: Ach, gehen Sie mir weg; meinen Sie vielleicht, ich würde Ihnen glauben? Doch ſagte Marietta nichts dergleichen, auch war in ihrem Geſichte nicht eine Spur zu leſen, als habe ſie etwas ihr Ungewöhnliches ge⸗ hört und ſei erſtaunt darüber; nein, ſie blickte ihn vielmehr mit derſelben Ruhe an, wie bisher, als ſie erwiderte:„Ich weiß, daß ich ſchön bin, das hat man mir ſchon oft genug geſagt und ich ſehe es in meinem Spiegel, wenn ich mich darin betrachte. Nur möchte ich wiſſen, Don Enrico, warum auch Ihr mich ſchön findet? Ich habe immer geglaubt, die Deutſchen zögen die blonden Mädchen vor. Da müßt Ihr nach Mailand gehen und nach Venedig, man ſpricht viel von den blonden Lombardinnen.“ „Wo kann man prachtvolleres Haar ſehen, als das Eurige, Donna Marietta?“ rief der junge Mann enthuſia⸗ I Marietta. 303 ſtiſch aus;„gerade dieſe wunderbare Farbe, völlig blau⸗ ſchwarz, iſt es, die mir unendlich gefällt! Und dann nicht nur das Haar allein, alles, alles an Euch iſt ſo ohne allen Vergleich ſchön, daß man nicht ſatt werden kann, Euch zu betrachten: die Form Eures edlen Geſichtes, Euer dunkler, weicher Teint, Euer— Wuchs, Eure kleinen Hände und zierlichen Füße.“ „Das iſt wahr,“ gab ſie mit der größten Ruhe zur Antwort, indem ſie ihre niedlichen Fingerchen betrachtete, „meine Hände und Füße ſind auffallend klein, ein Erbtheil meiner Großmutter, die eine Spanierin war.“ „Ah, eine Span Don Enrico wie im Tone der Begeiſterung. „Deßhalb habe ich auch einen Fehler das junge Mädchen mit völlig er Unbefangenheit fort, als Don Enrico ſie mit einem unverkennbaren Ausdruck des Erſtaunens betrachtete; ;„ich werde zu ſtark, wie ſie ſagen.“ Bei dieſen Worten umſpannte ſie mit beiden Händen ihre Taille und that einen ſo tiefen Athemzug, daß der junge Mann ſie völlig verblüfft anſchaute und nur ein lang zogenes„A— a— a— ah“ zur Antwort geben konnte. „So,“ ſagte ſie hierauf, indem ſie der Thür zuſchritt, „jetzt haben die ihr Mittageſſen und wir können an das unſrige gehen.“ Dann nahm ſie den flachen Korb wie ein Tambourin hoch in die linke Hand, ſchüttelte ihn und ſang, indem ſie mit der rechten Hand gegen den Korb ſchlug: es iſt das an mir,“ fuhr ge⸗ Vorria che foss'io ciaola e che volasse ) 7 A sta fenesta, a dirte na parola, Ma non che me metisse a na gajola!“ Singend und tanzend war ſie vorausgeſprungen, und 304 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Marietta. als ſie faſt das Haus erreicht hatten, wandte ſie ſich lachend um und ſagte:„Das habt Ihr auch wieder nicht verſtanden, Don Enrico, ich wette, was Euch gefällig iſt! Wollt Ihr V vielleicht auch wiſſen, was das heißt?“ b „Wie gern!“ rief ihr der junge Mann zu. „Nein, nein,“ gab ſie luſtig zur Antwort,„es paßt nicht für Euch, wie das Andere, es kam mir nur ſo j den Sinn.“ „Wenn es auch nicht für mich paßt, ſo könnt Ihr mir doch ſagen, was es bedeutet, ich lerne gern etwas Neues.“ „Nun, meinetwegen denn! Es heißt: ich wollte, daß ich ein Vöglein wäre und flöge an dein Fenſter, dir ein Wört⸗ chen zu ſagen, aber du in einen Käfig ſtecken.“ „Leider wird das für mich nicht paſſen,“ ſeufzte Don Enrico;„und doch wieder, ich fürchte ſehr, daß ich ans Fen⸗ ſter geflogen bin und in einen Käfig geſteckt werde. Sei es, wie es ſei, ich könnte es mir ſchon gefallen laſſen; das iſt eines der wunderlichſten Weſen, die ich in meinem Leben 4, geſehen. 1, ——