——-n Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſ von Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2— cher Literatur Leih- und Ceſebedingungen. 1. ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: Su 9 5 für wöchentlich 2. Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 41 9 Ir : 2„„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Braut des Advocaten........... 66 Dreiundſechszigſtes Kapitel. 4 In der goldenen Zwiebel........ Vierundſechszigſtes Kapitel. Der mauriſche Garten............. 121 Fünfundſechszigſtes Kapitel. Der Thurm von Conca........ Sechsundſechszigſtes Kapitel. Ein Gefecht in den Bergen. Siebenundſechszigſtes Kapitel. Die Nacht des Gefangenen. Achtundſechszigſtes Kapitel. In der Vicaria..... Neunundſechezigſtes Kapitel. Meiſter Beppo's dunkle Stunde Siebzigſtes Kapitel. Licht nach dunkeln Stunden. 169 191 220 239 258 Die dunkle Stunde. ͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤöͤͤZ“ — Neunundfünfzigſtes Kapitel. Im Hotel de Rome. Die Barke, welche an jenem Morgen Gaetano und Bander an das Ufer gebracht, hatte auch noch einer Menge anderer Paſſagiere zur Fahrt dorthin gedient, und ſo kam es denn, daß man hier, in dem verhältnißmäßig kleinen Raume zuſammenſitzend, Geſichter bemerkte, welche man ſich während der vergangenen Tage an Bord nicht geſehen zu haben erin⸗ nerte. So erging es auch Bander, und zwar auf eine für ihn ſo überraſchende Art, daß er einen lauten Ruf des Er⸗ ſtaunens kaum unterdrücken konnte. Als er ſchon im Boote ſaß und zufällig aufwärts blickte, ſah er einen Mann die Schiffstreppe herabkommen, der durch ſein eigenthümliches Aeußere mit keinem Anderen verwechſelt werden konnte und deſſen braune Geſichtsfarbe ſelbſt hier im Süden, wo es dunkel gefärbte Teints genug gab, ſogleich auffallen mußte. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrämpigen Hut und hatte nachläſſig über die rechte Achſel einen braunen Beduinen⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 1 —— —— — ——— — — “ ‿ 2 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Mantel mit ſchmaler, rother Einfaſſung geworfen. ſah Bander dieſes Geſicht, ſo erinnerte er ſich augen! dieſer Geſichtszüge und wußte, daß er jenen Indier vo. habe, der in der kleinen deutſchen Reſidenz, von wo er ¹ kam, Aufſehen genug erregt hatte und von dem jedes Ki. wußte, daß er zum Haushalte des reichen Grafen Lotus gehöre. Sollte dieſer ſelbſt auf dem Schiffe geweſen ſein, viel⸗ leicht mit der Gräfin, vielleicht ſogar mit Roſa? Er war im erſten Augenblicke der Aufregung empor⸗ geſprungen, um noch einmal auf das Verdeck zu blicken, doch bedurfte es nur einer kleinen ſich ſelbſt achſelzuckend zu lächeln. Reiſe⸗Geſellſchaft während der zwei Tage, die er auf dem Schiffe zubrachte, entgehen können? Und dann erinnerte er ſich jetzt auch, daß der Marcheſe auf dem Schiffe von einem Mulatten oder Indier geſprochen, der ihm in Rom ſeine Dienſte angetragen; alſo hatte er das Haus des Grafen verlaſſen, da er ſich eine andere Herrſchaft geſucht. Wer dieſe Herrſchaft in Deutſchland aber geweſen, das dem Mar⸗ cheſe mitzutheilen ſchien Bander wichtig genug. Als die Barke das Ufer erreicht, beeilte er ſich deßhalb, zuerſt ans Land zu kommen, und ging dann raſch ein paar Schritte in die Straße hinein, wo er Gaetano erwartend ſtehen blieb. Hier näherte er ſich ihm mit den Formen einer gemeſſenen, freundlichen Höflichkeit, indem er mit lauter Stimme ihm in engliſcher Sprache guten Aufenthalt in Neapel wünſchte und dann, als Jener die dargereichte Hand nahm, raſch auf Deutſch hinzuſetzte:„Den Indier, von dem Sie ſprachen, habe ich erkannt, er diente im Hauſe des Ueberlegung, um über Wie hätte ihm eine ſolche V — —„ —— So——ʃ— — — O er d Ki. Lotus viel⸗ npor⸗ icken, über ſolche dem te er inem ſeine rafen Wer Nar⸗ alb, daar tend iner uter Im Hotel de Rome. 3 Lotus; vielleicht wäre es intereſſant, ihn nicht aus Augen zu laſſen.“ So tief ſich auch Gaetano von dieſen Worten erregt hlte, ſo verrieth doch nicht das geringſte Zucken in ſeinem Geſichte, daß Bander etwas Anderes als das Allergewöhn⸗ lichſte mit ihm geſprochen. Er nahm ruhig ſeinen Hut ab und erwiderte den Gruß des Davongehenden auf eine leichte, elegante und doch förmliche Art, dann wandte er ſich dem Kai wieder zu, um wie alle Uebrigen auf die Gepäck⸗Barke zu warten, welche im Begriffe war, zu landen. Ohne nach der Seite hin zu ſchauen, wo der Indier ſtand, hörte Gae⸗ tano doch, wie dieſer ſich ihm näherte und, dicht herange⸗ kommen, in franzöſiſcher Sprache ſagte:„Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich mich hier in Neapel nochmals an Sie wende; Sie hatten die Güte, mir in Rom zu ſagen, wenn Sie keinen paſſenderen Diener fänden, würden Sie an mich denken. Mir ſcheint,“ fuhr er fort, indem er einen Blick rings umher warf,„Sie haben nicht gefunden, was Sie ſuchten. Würden Sie es deßhalb mit mir nicht verſuchs⸗ weiſe wagen? Was ich zu leiſten im Stande bin, ſagte ich Ihnen ſchon damals in Rom.“ Der Marcheſe blickte den Anderen, während er ſprach, mit prüfendem Blicke an und mußte ſich eingeſtehen, wie er auch ſchon in Rom gedacht, daß er es mit einem Geſichte zu thun habe, deſſen Züge durchaus nichts Abſtoßendes hatten; das ſchwarze Auge glänzte faſt milde, und der Klang der Stimme war wie bei den Indiern gewöhnlich ſanft und ſchmeichelnd. „Sie ſind ein Indier?“ „Ja, mein Herr, aus Singapore.“ ä m ——= 4—— —— — —-—— ——— 8 Neunundfünfzigſtes Kapitel „Wie kamen Sie nach Europa?“ „Mit meinem Herrn, dem ich in Indien in Europa über vierzehn Jahre diente.“ „Wer war dieſer Herr?“ „Graf Lotus.“ „Ein Engländer?“ „Ja, mein Herr, der aber ſein Vaterland, nachdem er aus Indien heimgekehrt, nicht beſuchte.“ „Daß Sie ſo lange bei Einem Herrn gedient, ſpricht für Sie, obendrein, weil dieſer Herr ein Engländer war.“ „Wenn Sie mich näher kennen lernen, wird noch Man⸗ ches für mich ſprechen; verſuchen Sie es mit mir.“ „Gut, es ſei ſo; über unſere Bedingungen werden wir wohl einig werden, ich nehme Sie in meine Dienſte.“ Der Marcheſe erhob ſeine rechte Hand, als wollte er ſie dem Indier darreichen, doch ſagte dieſer, einen Schritt zurücktretend: „Verzeihen Sie mir, Sie ſind jetzt mein Herr und wer⸗ den auch ohne das an mir einen unterwürfigen und gehor⸗ ſamen Diener haben. Ich heiße Juſſuf, Herr.“ Bei dieſen Worten hatte er ſeinen Kopf einen Augen⸗ blick tief herabgeneigt und dann ſich eben ſo raſch wieder emporgerichtet, worauf er ſagte:„Wollen Sie mir Ihr Ge⸗ päck bezeichnen, Herr, und mir angeben, wohin es gebracht werden ſoll.“ „Kennen Sie Neapel?“ „Ziemlich, ich war kurze Zeit mit meinem früheren Herrn hier.“ „Gut, nehmen Sie dieſen Zettel, auf dem meine Ge⸗ er vir Im Hotel de Rome. 5 cke verzeichnet ſind, und laſſen ſich mit denſelben ins l de Rome führen.“ „Ich kenne es, es liegt am Meere.“ „Beſtellen Sie zwei gute Zimmer.“ „Für?“ fragte der Indier mit einem eigenthümlichen Aufleuchten in ſeinem Blicke. „Für den Herrn von Saint⸗Alban; hier iſt meine Karte.“ „Gut, Herr, es wird geſchehen, wie Sie befohlen.“ Der Marcheſe grüßte leicht mit der Hand, wandte ſich um und verſchwand im nächſten Augenblick im Gedränge, welches den großen Molo bedeckte. Juſſuf blickte ihm ein paar Sekunden nach, und wäh⸗ rend er das that, zogen ſich ſeine Augenbrauen finſter zu⸗ ſammen und um ſeinen Mund zuckte ein Zug von Unbehag⸗ lichkeit.„Mißtrauiſch iſt er nicht,“ ſprach er alsdann zu ſich ſelber,„ich wollte faſt, er wäre es etwas mehr geweſen; einem fremden Menſchen, wie ich ihm bin, alles das anzu⸗ vertrauen, was hier auf dem Zettel ſteht! Um deſto leichtere und gefahrloſere Arbeit werde ich haben.“ Der Marcheſe Fontana oder vielmehr der Herr von Saint⸗ Alban, für den er hier in Neapel angeſehen ſein wollte, ſchlenderte langſamen Schrittes durch das Gewühl von Men⸗ ſchen, Wagen und Thieren aller Art, welches den Hafen be⸗ deckte, und wurde nicht ſelten von einem der ihm Begegnen⸗ den oder Vorüberſtrebenden derb auf die Seite geſtoßen, woran er aber ſelbſt die Schuld trug, denn ſo lange er längs dem Meere ging, ſchweiften ſeine Blicke über die tiefblaue Flut, die er zur Linken hatte, nach dem Poſilippo hinüber, wo von den zahlreichen Villen für ihn nur eine hell aus dem dunklen Grün hervorleuchtete. Mehrere Male blieb er ſtehen , 8 — —ſ“ —— 8——— 6 Neunundfünfzigſtes Kapitel. und war im Begriffe, eine Barke zu beſteigen, um Mergelina zu fahren, doch zog er ſich gewaltſam, ſchien, von dieſem Vorhaben ab, und als ihm endlich dell' Uovo den Blick nach dem Vorgebirge des Poſilippo zog, warf er ſich in einen Carrozello und befahl dem Ku⸗ ſcher, nach dem Largo di Caſtello zu fahren. Dort angekommen, blieb er einen Augenblick ſtehen und warf ſeine Blicke rings umher. Schon bei dem Fahren durch die Straßen hatte er be— merkt, daß es heute nicht mehr das alte, luſtige Neapel war, wie er es vor ein paar Jahren verlaſſen; wenn ſich auch das Straßenleben nicht eben vermindert hatte, ſo ſchien ihm doch, als ſei daſſelbe ſtiller geworden, weniger geräuſchvoll wie damals, als rufe zum Beiſpiel der Waſſer⸗Verkäufer ſein erfriſchendes Eiswaſſer mit weniger gellender Stimme und ſetze ſogar das kleine Faß, worin er ſeine Waare hat, mit weniger Energie in Bewegung; war es ihm doch, als riefen die Verkäufer von Früchten die Namen derſelben nicht mehr mit derſelben durchdringenden Stimme, wie früher, als führen die Wagen in langſamerem Tempo, kurz, als pulſire das Leben der bewegten Stadt matter und ſchläfriger. Zwi⸗ ſchen dem Gewühle der Menſchen bemerkte er eine Menge für ihn faſt unbekannter Uniformen, bei deren Anblick er ſich erſt erinnern mußte, daß es piemonteſiſche oder eigentlich italieniſche waren: ſtattlich einherſchreitende Berſaglieri, be⸗ quem flanirende Nationalgardiſten und unzufrieden aus⸗ ſchauende Garibaldianer in ihren rothen Hemden. Nicht nur an Gebäuden, wo früher die weiße bourboniſche Flagge ge⸗ flattert, ſondern auch an einer Menge anderer ſah Gaetano jetzt die italieniſche Tricolore; er warf ſeinen Blick auf den aus ki 7 Im Hotel de Rome. königlicha Palaſt, und die Verödung deſſelben, die geſchloſ⸗ ſenen Fenſterläden, die Spuren von Stroh und Gras unter den Finfahrtsthoren wollten ihm faſt traurig erſcheinen— das jetzige Neapel war ſein Neapel nicht mehr. Wie hatte ee ſich für ihn verändert, wie war alles daraus verſchwun⸗ gen, was ihm lieb und theuer war, was das Leben reizend und begehrungswerth machte! Man konnte es ihm nicht ver⸗ argen, daß er die Stimmung ſeines Innern auf das öffent⸗ liche Leben und Treiben übertrug und daß, wo er dort Trauer und Schmerz empfand, er hier nicht im Stande war, heitere, fröhliche Bilder zu erblicken. Er ging langſam Toledo hinauf, er betrachtete die Häuſer, wo befreundete Familien gewohnt; über den rieſen⸗ haften Thor⸗Portalen ſchaute er vergeblich nach den bekann⸗ ten Wappen, ſie waren meiſtens verſchwunden, und wo nicht eine kleine dreifarbige Fahne flatterte, ſah er auf unverſtänd⸗ liche Inſchriften oder auf ihm gänzlich unbekannte Zeichen. An anderen Häuſern zeigten die zugeſperrten Thore und verſchloſſenen Fenſterläden, daß ſie von ihren ehemaligen Eigenthümern nicht mehr bewohnt ſeien und in troſtloſer Einſamkeit vielleicht von ihrer glänzenden Vergangenheit träumten. Andere hatten ihre einſtige Beſtimmung auffallend verändert. Dort, wo ſich Gaetano des rieſenhaften Thür⸗ ſtehers wohl erinnerte, der ernſthaft ſeinen ſilbernen Stock auf das Pflaſter ſtieß, wenn der junge Marcheſe eintrat, lehnten jetzt Soldaten unter lautem Lachen und derben Scherzen an den Thor⸗Einfaſſungen, während oben zu den Fenſtern andere ihrer Kameraden herausſchauten und mit den Vorübergehenden allerlei Kurzweil trieben. Gaetano wandte ſich endlich wieder um und ging zum ——— 8 ——,——— —, —jjjjj—— ——— 9 ———᷑ ᷣ3ꝑ— —õ— h ———B—-:——— 8 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Hotel de Rome, an deſſen Thür er Juſſuf traf, ſa, wie den Wirth ſelbſt, welcher mit vielen Bücklingen den Hern von Saint⸗Alban in ſeinem Hauſe willkommen hieß; er wis ihm Zimmer an im erſten Stockwerk des Hauſes mit der Ausicht auf den Golf, und nachdem Gaetano den Gaſthofs Beſiter wie ſeinen Diener entlaſſen, warf er ſich in einen Lehnſtul und träumte, nach dem Poſilippo hinüberblickend, mit offenen Augen den gleichen, traurigen Traum, der ſeine Seele ſchla⸗ fend und wachend beſchäftigte. Es war ihm nicht unlieb, daß nach dem Verlaufe einer guten Stunde Juſſuf ihn aus ſeinen Phantaſieen riß, indem er ihm einen Herrn meldete, der, auf dem gleichen Schiffe mit ihm angekommen, um die Erlaubniß bäte, die dort an⸗ geknüpfte Bekanntſchaft erneuern zu dürfen. Auf einen Wink des Herrn von Saint⸗Alban trat Ban⸗ der in das Zimmer, und als ſich Juſſuf hierauf wieder ent⸗ fernte, erhob ſich Gaetano raſch und trat dem Freunde beide Hände reichend entgegen, während er ſagte:„Ich darf Sie wohl nicht fragen, lieber Carlo, wie Ihnen Neapel gefällt, es wird Ihnen ergehen, wie Jedem, der zum erſten Male hieherkommt, Sie werden überraſcht und geblendet ſein; ja, man muß zuerſt etwas abgeſtumpft werden für dieſe betäu⸗ bende Menge von Licht und Glanz, man muß es über ſich vermögen, ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen, wie die Schnecke in ihr Haus, und erſt nach und nach die Fühlhörner wieder herausſtrecken. Wer ſich zu raſch und ohne Ueberlegung in dieſen wildſchäumenden Strom wirft, der wird, mag er auch ein noch ſo rüſtiger Schwimmer ſein, wohl mit der Flut fortgeriſſen, aber er erreicht die Inſel nicht, nach der er ge⸗ — Im Hotel de Rome. 9 ſtrebt und von wo er ruhig um ſich blickend alles, was an ihm vorübertreibt, nach und nach in ſich aufnehmen kann.“ Er ſagte dies mit glänzenden Augen und einem erreg⸗ ten Tone der Stimme, den er aber im nächſten Augenblicke herabſtimmte und ruhig lächelnd fortfuhr:„Verzeihen Sie mir, lieber Freund, meine Nerven ſind etwas ſtark angeſpannt, und daher kam es auch wohl, daß ich ſtatt trocken und nüch⸗ tern, wie ein ächter Cicerone thun ſoll, ſo bilderreich und aufgeregt mit Ihnen ſprach.“ „Aber was Sie mir ſagten,“ entgegnete Bander,„habe ich ſelber ein wenig empfunden und fühle die Wahrheit des Geſagten; ich ließ mich nach Santa Lucia hinübertreiben und war in der That froh, mich endlich unter die ſtillen, grünen Bäume der Villa Reale retten zu können; wie iſt's auch dort ſo unſäglich ſchön, ja, überall, wohin das Auge blickt, blendend, hinreißend! An der Mergelina nahm ich mir eine Barke, und fuhr hieher zurück. Sie werden kopfſſchüt⸗ telnd ſagen, lieber Gaetano, daß ich gleich im erſten Augen⸗ blicke mit zu vollen Zügen getrunken, und Sie haben Recht, ich bin betäubt, verwirrt.“ „So ſetzen Sie ſich her zu mir an das offene Fenſter und verſenken Ihre Augen in dieſe gewaltige, auf und ab wogende Flut, es hat das etwas Wohlthuendes und Be⸗ ruhigendes, und laſſen Sie dann Ihre Blicke ſchweifen dort hinüber zum Poſilippo.“— „Ich habe dieſes herrliche Vorgebirge ſchon heute Mor⸗ gen bei der Anfahrt bewundert und ſpäter bei meinem klei⸗ nen, einſamen Ausfluge auf dem Meere,“ ſagte Bander nach einem längeren Stillſchweigen;„es muß göttlich da oben ſein.“ 8 —— 6 6 4 8 3 — — ——— ———— ——— —————õ— 10 Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Unſäglich ſchön, wenn man glücklich iſt— aber blicken Sie dorthin nach jener Villa, deren Gebäude ſich ſo leuch⸗ tend aus dem tiefdunkeln Grün hervorheben; ſehen Sie dort, der aufſteigende Weg ſieht von Weitem dem Bogen einer Waſſerleitung ähnlich. Folgen Sie demſelben, und in der Verlängerung dieſes Weges ſehen Sie am Rande des abſchüſſigen Felſens einen kleinen Pavillon; haben Sie ihn gefunden?“ „Ich ſehe alles, was Sie mir ſagten.“ „Das Hauptgebäude ſteht in gleicher Linie mit dieſem Pavillon, etwas rückwärts, und iſt von zwei mächtigen Cy⸗ preſſen überragt; ſehen Sie auch dieſes?“ „Ganz deutlich,“ gab Bander zur Antwort. „Es iſt die Villa San Antonio; dort lebten Francesca und Roſa, brauche ich Ihnen mehr zu ſagen, theurer Freund, um auch Ihre Blicke zu veranlaſſen, daß ſie ſich voll Sehn⸗ ſucht nach jenem kleinen Fleck Erde richten?“ Carlo reichte Gaetano ſtumm ſeine Hand, die dieſer herzlich drückte und dann mit einem tiefen Seufzer ſagte: „Ich fürchte mich, wieder dorthin zu gehen, und doch zieht es mich ſo mächtig hinauf, daß ich mich gewaltſam zwingen muß, um ruhig hier zu bleiben, um nicht an den Strand hinab zu eilen und auf einer Barke den gleichen Weg zu machen, den ich voll Glück und Seligkeit ſo oft zurückgelegt.“ „Es iſt wahr,“ erwiderte der Andere nach einem län⸗ geren Stillſchweigen,„die Vergangenheit hat für Sie furcht⸗ bare Erinnerungen, aber wer verbietet Ihnen, hoffend in die Zukunft zu ſchauen? Ihnen iſt noch zu helfen— mir nie,“ ſetzte er düſter hinzu;„das Weſen, welches von Ihnen angebetet wird, ſteht nicht nur klar da und engelrein, ſon⸗ — Im Hotel de Rome. zu arm, um das erſchütternde Gefühl auszudrücken, welches in dem Gedanken liegt, von dieſem wunderbaren Mädchen geliebt, mit ihr vereinigt zu werden!“ Bei dieſen letzten Worten hatte er ſich raſch erhoben und lehnte ſich an das Fenſter, von wo er auf die wogende Flut hinabblickte. „Hoffen auch Sie,“ ſprach Gaetano mit inniger Stimme. „Hoffen— worauf?“ entgegnete Bander in ſchmerz⸗ lichem Tone;„der Himmel ſchenke ihr ein langes und glück⸗ liches Leben, doch wenn ich einſt erfahre, wo ihr Grab zu finden iſt, werde ich dort hineilen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden— der Tod reinigt und einigt alles.“ Im Geſpräche der Beiden entſtand eine längere Pauſe, und als Gaetano endlich annehmen durfte, daß die tiefe Aufregung ſeines Freundes ſich wieder gelegt, trat er zu ihm, legte ihm ſanft ſeine Hand auf die Schulter und ſagte: „Der Blick in dieſe glückſelige Gegend, in dieſes Gemälde voll Glut und Glanz beruhigt leider nicht, ich weiß es aus Erfahrung. Er erfüllt uns mit einer ſehnſuchtsvollen Weh⸗ muth, es iſt ſo, wie ich vorhin andeutete; nur ein glück⸗ liches Menſchenherz vermag alle dieſe Schönheiten zu ertra⸗ gen, wenn auch der Dichter ſo treffend ſagt: Es fiel ein Stück des Himmels auf dieſes Land. Aber der Himmel iſt nicht efreehe, Sonnenglut und Meeresleuchten blen⸗ det, ntfer Herz mit ſeinen irdiſchen Mängeln ſehnt ſich immer wieder nach ſchattiger Einſamkeit— auch ich bin nur zu geneigt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mich meinen Phantaſieen hinzugeben, und da das auch, wie ich ſehe, bei Ihnen der gleiche Fall iſt, ſo wollen wir uns gegen⸗ ſeitig aus dieſem Traumleben erwecken und daſſelbe nicht zu — öe — — ————— — —— — 14 Neunundfünfzigſtes Kapitel. ſtörend auf unſere eigentlichen Lebensverhältniſſe einwirken laſſen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Bander,„laſſen Sie mich Ihnen helfen, wenn es Ihnen möglich, und während ich für Sie denke und handle, vergeſſe ich meinen eigenen und furchtbaren Schmerz.“ „Gewiß baue ich auf Ihre Hülfe,“ erwiderte Gaetano, „doch können Sie mir leider nur ſehr mittelbar helfen. Sie ſind meine Reſerve, die thatkräftig für mich eintritt, wenn ich vielleicht nicht im Stande bin, mir aus irgend einer Schlinge, die man mir legen wird, herauszuhelfen. Deßhalb iſt es vor allen Dingen nothwendig, daß ich Sie von allen meinen Schritten in Kenntniß ſetze. Zuerſt muß ich mich erkundigen, wer von den Freunden meines Hauſes noch in Neapel iſt, und wen unter dieſen ich hoffen darf, unverändert wieder zu finden. Auch über mich ſelbſt muß ich Auskunft erhalten,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„ich muß erfahren, was man von dem Marcheſe Gaetano Fontana ſpricht, in wie weit er ſich compromittirt hat und ob er es wagen darf, ſich in ſeiner Heimat zu zeigen. Was das Letztere, die Erkundigungen über mich ſelber anbelangt, ſo hoffe ich darin am ſchnellſten und ſicherſten durch die Hülfe Richters zum Ziele zu gelangen. Auf den Maſſaro Rafaele kann ich mich unbedingt verlaſſen, und derſelbe iſt intelli⸗ gent und ſchlau genug, es mit Brancaccio, der leider zu den beſten Advocaten Neapels gehört, wenigſtens an Vorſicht und Verſchlagenheit aufzunehmen; Sie werden das ſchon be⸗ merken an der Art, wie er ſich mir nähern wird, ohne Auf⸗ ſehen zu erregen.“ Daß der Marcheſe in ſeiner Vorausſetzung Recht hatte, Im Hotel de Rome. 15 bewies ſich am folgenden Tage, wo die beiden Freunde ſich dieſes Mal in dem Zimmer Bander's zuſammen befanden und dort am Fenſter lehnend auf das Gewühl der Straße hinabblickten. Alles zog da an ihnen vorüber, ohne daß ſich in dieſem bunten Getreibe längere Zeit etwas vorfand, was im Stande geweſen wäre, ihre beſondere Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Endlich ſtellte ſich ihnen gegenüber ein Mann in der gewöhnlichen Tracht der um Neapel wohnenden Land⸗ leute mit ſeinem Eſel auf, welcher von einem kleinen bar⸗ füßigen Buben an dem Halfterſtricke geführt wurde. Der Maſſaro, der ſeine rothe Mütze keck auf das rechte Ohr ge⸗ ſetzt hatte, bot mit lauter Stimme ſeine Orangen zum Ver⸗ kaufe an, die er als von ganz außerordentlicher und beſon⸗ derer Güte anpries, weil ſie auf dem Vomero gewachſen ſeien, wo, wie ja der ganzen Welt bekannt, die ſüßeſten und ſaf⸗ tigſten Früchte zu finden ſeien;—„auch billig,“ rief er mit gellender Stimme,„billiger als alles, was eine Chriſtenſeele bis jetzt gekauft! Oh che bella, che bellissima cosa!“ Man ſollte nicht glauben, daß ſie um Neapel gewachſen wären, „ecco qui Palermo!“ Womit er andeuten wollte, daß bei Palermo keine beſſere Frucht wachſe. Dieſe Aufſchneiderei trug aber alsbald den gehörigen Lohn eines vorüberziehenden Concurrenten ein, welcher ihm urief:„Maledetta anima d'orancio, meinſt du, Kürbiskopf, heine ſaueren Dinger vom Vomero ließen ſich mit den erſten Früchten der Welt, mit denen von Sorrent vergleichen? Hier, ſie ſind wohlfeiler als die deinigen, Orangen und 9 Mandeln! Doch was ſage ich, lauter Zucker, es ſchmilzt Einem uf der Zunge!“ —ͤͤ — ——— 8 — öe —— — — — Neunundfünfzigſtes Kapitel. So zog dieſer vorbei, den Anderen an Stärke der Stimme und des Lobes ſeiner Artikel überbietend, doch blieb der Maſſaro mit der rothen Mütze lachend an ſeinem Platze ſtehen und rief ihm nur ein lautes„un cazzo matto“ nach, worrauf er wieder luſtig umherſchaute, nach wie vor ſeine Früchte anpreiſend, indem er jetzt ſeine Augen zu den Fenſtern des Hotels de Rome erhob und launig hinzuſetzte:„Da ſehe ich ein paar fremde Cavalieri, die gewiß noch nie Orangen vom Vomero gegeſſen; die von Sorrent kann man überall haben, aber vom Vomero, das iſt'was ganz Apartes, und noch obendrein vom ſchönſten Punkte des Vomero, aus der Ge⸗ gend von Avenella, von der Maſſeria di Fontana— ſüß wie Zucker, und ſpottwohlfeil!“ „Rufen Sie ihm zu, näher zu kommen,“ ſagte Gaetano zu ſeinem Freunde, worauf dieſer dem Orangen⸗Verkäufer winkte, welcher laut zur Antwort gab:„Im Augenblicke ſollt Ihr bedient ſein, Eccellenza, ich will nur ein Dutzend der ſchönſten für Euch ausſuchen.“ Darauf ſtellte er ſich an den Korb, welcher die Waare enthielt, las die vorhin bezeichnete Anzahl heraus und händigte ſie dem Buben mit den Worten ein:„Da, überbringe ſie den fremden Eccellenzen droben— doch nein,“ rief er gleich darauf, als ob er ſich eines Beſ⸗ ſeren beſonnen hätte,„du weißt nicht, wie man mit Cava⸗ lieri umgeht, ich will das lieber ſelbſt beſorgen; bleib du unterdeſſen da ſtehen und gib auf den Eſel Achtung, daß er nicht davon läuft, darfſt auch die Waare ausrufen, ſo laut du kannſt, das übt deine Zunge und erweitert die Bruſt— luſtig geſchrieen!“ Während er noch die letzten Worte ſprach, hatte er ſich ſchon nach dem Thore des Gaſthofes umgewandt und ſagt ke der blieb Platze nach, rüchte n des he ich vom haben, dnoch r Ge⸗ ß wie retano käufer e ſollt id der n den cchnete Jorten en— 3 Beſ⸗ Cava⸗ eib du daß er o laut uſt— er ſich ſagt Im Hotel de Rome. 14 dem Kellner, der dort ſtand und Miene machte, ihn nicht eintreten laſſen zu wollen:„Seht mir einmal den an! Bin ich vielleicht Einer, der ungerufen kommt? Fragt die beiden Cavalieri da oben im Fenſter, ob ſie nicht von meiner Waare verlangt, Orangen vom Vomero, die beſten der Welt; Euren Hotels würde es auch gut anſtehen,“ ſetzte er launig hinzu, indem er gegen den Kellner ein Auge zukniff,„wenn Ihr zuweilen von meinen koſtbaren Früchten nähmet!“ Dann ging er hinein und traf mit dem dieſem Volke eigenen Scharfſinne im erſten Stocke die richtige Zimmerthür, ohne zu fragen. Bander hatte ſchon das Zimmer geöffnet und ließ den Maſſaro eintreten; dieſer aber blieb noch auf der Schwelle ſtehen, und als er einen Augenblick voll in das Geſicht des anderen Herrn geblickt, der ihm raſch ein paar Schritte ent⸗ gegentrat, legte er die umgekehrte Hand, in welcher er die abgezogene Mütze hielt, ſo vor das Auge, als blende ihn die Sonne; in Wahrheit aber war ihm plötzlich das Waſſer in die Augen getreten, als er ſich ſeinem lieben Herrn gegen⸗ über ſah. „Rafajele,“ rief ihm dieſer entgegen, indem er ihm ſeine Rechte reichte,„ſehen wir uns endlich wieder?“ Ehe der vorſichtige Neapolitaner hierauf antwortete, blickte er nach Bander hinüber und hob ſeine linke Hand, um ihm die Orangen darzureichen, die er in ein kleines Tuch gebunden hatte. Der Marcheſe, welcher Blick und Bewegung verſtand, beeilte ſich, ihm zu ſagen:„Es iſt das einer meiner beſten Freunde, vor dem ich kein Geheimniß habe; er weiß, wer ich bin, und auch, wer du biſt.“ Dann wiederholte er in Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 2 8 Neunundfünfzigſtes Kapitel. herzlichem Tone ſeine Frage von vorhin, worauf ihm Ra⸗ fajele erwiderte:„Es iſt lange her, daß wir Euch nicht ge⸗ ſehen, faſt zu lange; haben doch Manche von denen, die gern von Euch ſprechen, gefürchtet, wir würden Euch gar nicht wiederſehen.“ „Alſo hat man mich hier noch in gutem Andenken?“ „Das will ich meinen! Und es gibt hier von Euren Leuten genug, welche Anderen, die nicht gut von Euch ſprä⸗ chen, tüchtig den Schädel zerklopfen würden. Aber ſagt mir, lieber Herr,“ fuhr er nach einer Weile treuherzig fort,„bleibt Ihr jetzt wieder bei uns, übernehmt Ihr Eure Güter wieder und kann ich zu Eurem Empfang droben auf der Maſſeria di Fontana morgen ein fettes Lamm ſchlachten laſſen?“ „Wohl werde ich hier bleiben, lieber Rafajele, doch muß das Lamm noch ein wenig fetter werden; ich habe mit dir darüber reden wollen, da ich deine Treue kenne und auch überzeugt bin, daß du mein Intereſſe gewahrt haſt, daß deine Augen und Ohren beſtändig offen waren und daß du mir frei heraus ſagen wirſt, was ich wiſſen möchte. Setze dich, Rafajele!“ „Laßt mich beſſer ſtehen, lieber Herr,“ entgegnete der Pachter;„ich bin ſo voll Freude, Euch wiederzuſehen, daß meine Beine ordentlich zucken und ich es auf keinem Stuhle aushalten könnte. Wenn Ihr wüßtet, wie wir uns ſo unaus⸗ ſprechlich gefreut, auch die Frau, als der Maler, den Ihr zu uns geſchickt, den Zettel auf den Tiſch legte, und als ich erſt heute Morgen von ihm erfahren, daß Ihr da ſeid und wo ich Euch finden kann.“ „Aha, unſer Freund Richter hat geplaudert?“ „Eigentlich nicht,“ erwiderte der Neapolitaner mit einem — Im Hotel de Rome. 19 pfiffigen Geſichtsausdrucke,„er redete nicht von ſich ſelbſt, aber ich habe ihn reden machen; cospetto di Dio! Es war dies eigent⸗ lich kein mühſeliges Geſchäft, aber die Freude, Herr! Nein, ſeid Ihr es denn wirklich ganz undwie ehemals? Santissima Madonna! Haben wir doch faſt gefürchtet, Euch niemals wieder zu ſehen.“ „Ja, guter Rafajele, es ſind einige Jahre, daß ich ab⸗ weſend war, beſinnſt du dich noch auf jene Zeit? Was ſagte man damals über mein Verſchwinden?“ Der Maſſaro kratzte ſich etwas auffallend am Kopfe und verzog das Geſicht, ehe er zur Antwort gab:„Nun, man ſchwatzte ſo Allerlei, Dieſe das, Jene jenes, ich kann es nicht alles ſagen, denn Manches würde gegen den Reſpect ſein.“ „Und meine gute Mutter?“ rief Gaetano ſchmerzlich bewegt aus, indem er die Hand vor die Augen legte. „Ja, das war traurig,“ antwortete der Pachter mit einiger Bewegung; die gute, gnädige Marcheſa verließ San Antonio und zog für eine Zeit lang nach Fontana hinauf, dort aber, ſagte ſie, wären ihre Erinnerungen noch trauriger; wenn ſie meine Marietta ſah— ihrer erinnert Ihr Euch wohl noch, Herr, die Euch damals, ein kleines Ding, nicht von der Seite ging— ſo weinte ſie immer und zog auch bald nach Neapel hinunter, dort—“ „Ich weiß, ich weiß,“ unterbrach ihn Gaetano raſch, indem er heftig mit der Hand winkte,„laß uns für heute darüber hinweggehen, mein guter Rafajele. Was geſchah denn,“ ſetzte er zögernd hinzu,„als meine gute Mutter nicht mehr in Neapel wohnte?“ „Was da geſchah?“ erwiderte der Andere achſelzuckend. „Dann kam eine tolle, bewegte Zeit, von der Ihr draußen auch wohl gehört habt.“ Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Aber vorher, ſo lange es noch ruhig war, was geſchah denn auf den Gütern?“ „Wie ſie ſagten, hatte die gnädige Marcheſa ihren Geſchäfts⸗ mann, den Advocaten Signor Brancaccio, mit großen Vollmach⸗ ten verſehen, um nach Euch ſuchen zu laſſen und das Vermögen in Eurer Abweſenheit zu verwalten; pel sangue d'un can cattivo, verzeiht mir, Herr, aber die gnädige Frau Mutter hatte, glaube ich, ſchon Geſcheiteres gethan. Was wird auf den Gütern geſchehen ſein? Der Advocat beſuchte uns alle der Reihe nach, las uns die erhaltene Vollmacht vor, woraus wir erkennen ſollten, daß wir nun den eigentlichen Herrn vor uns hätten, und cospetto, er handelte danach! Die meiſten Pachter wurden entlaſſen oder abgefunden.“ „So iſt auch Antonio nicht mehr auf San Giorgio?“ „Gewiß nicht! Es blieb Keiner, von dem er nicht wußte, daß er mit ihm in Ein Horn blaſen würde.“ „Aber du?“ fragte Gaetano und ſetzte mit einem freund⸗ lichen Lächeln hinzu,„du wirſt mich ſo weit kennen, daß dieſe Frage kein Mißtrauen bedeutet.“ „Ja, bei mir hat es einen anderen Haken. Ehrlich geſagt, Don Brancaccio hat, der Madonna ſei es geklagt, Gefallen an meiner Marietta gefunden und will ſie heirathen. Als ich darin klar ſah, gnädiger Herr, zuckte es mir in der Hand, ihn zum Fenſter hinauszuwerfen, doch war die Frau, Ihr erinnert Euch ihrer wohl noch, dieſes Mal klüger, als ich, und da ich einſah, daß ſie Recht hatte, mußte ich mich zum Heucheln bequemen.“ „Gewiß hatte ſie Recht,“ ſagte Gaetano eifrig,„ich hoffte auf dich und deine Treue; wenn auch du entfernt wurdeſt, ſo wäre ja niemand mehr da geweſen, der mit Im Hotel de Rome. 24 verſtändigem Auge über mein ſchönſtes und größtes Gut ge⸗ wacht hätte; die Frau hatte Recht, Rafajele. Marietta iſt wohl groß und hübſch geworden?“ „Man ſagt, ſie ſei ſehr ſchön,“ erwiderte der Maſſaro, „und ich glaube faſt, daß dem ſo ſein kann; was aber noch beſſer iſt, ſie benimmt ſich klug, wie ihre Mutter, und haßt den Advocaten wie den Teufel.“ „Und was ſagte dieſer von mir?“ „Er ſagte, in dem fremden Lande, wohin Ihr gegangen, hätte Euch eine ſchwere Krankheit befallen, Euren Sinn ver⸗ wirrt und man müßte Euren Tod fürchten. So ſprach er anfänglich; vor einiger Zeit aber, als ich ihn nach Euch befragte— und Ihr könnt mir glauben, ich that das oft, obgleich er dabei jedes Mal ein Geſicht macht, als beiße er in eine ſaure Melone— da meinte er, wenn Ihr auch nicht geſtorben wäret, ſo würde es doch beſſer für Euch ſein, wenn Ihr nicht ſo bald dächtet, hieher zurückzukehren; Ihr hättet Euch in Correſpondenzen eingelaſſen mit denen, die jetzt fort ſind, und wenn Ihr trotz alledem doch erſchienet, ſo könnte es Euch ſchlimm ergehen.“ Der Marcheſe wechſelte mit ſeinem Freunde einen raſchen Blick des Einverſtändniſſes und verſetzte darauf:„Ich brauche dir wohl nicht zu ſagen, daß er, was Beides anbelangt, ge⸗ logen hat.“ „Das Lügen iſt begreiflich,“ ſagte der Pachter.„Darauf⸗ hin gab uns der Advocat einen guten Rath, welcher darin beſtand, Euren Namen gegen niemand zu nennen, um uns nicht ſelbſt verdächtig zu machen. Das war nun freilich bei der armen Frau das beſte Mittel, ſie einzuſchüchtern.“ ————— ö —¾— —— “ υ —-— Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Wie ſo?“ fragte Gaetano, welcher die letzte Aeußerung des Anderen nicht recht verſtanden hatte. „Eine traurige Geſchichte, von der auch ich nicht gern rede, obgleich ich nicht gerade furchtſam bin; aber Ihr müßt es doch einmal erfahren, und da iſt es beſſer, durch mich. Ihr erinnert Euch wohl noch meines Schwagers, Don Alonzo. Er war früher Sergeant bei den königlichen Carabinieri, und was für ein Sergeant! Daraufhin wurde er Forſt⸗Schutz⸗ wächter in Sora, dem Geburtsorte der Frau; hätte es vor einem Jahre, als es hier los ging, in dem Heere nur noch einige Dutzend ſolcher Sergeanten gegeben, wie er war, ſo hätten ſie es den rothen Hemden ſchon ein bischen ſauer ge⸗ macht. Was wollt Ihr aber thun, wenn Ihr ein noch ſo braver Soldat ſeid, wenn Eure Mannſchaft, ſtatt zu feuern, die Gewehre wegwirft, davon läuft oder gar zum Feinde übergeht? Corpo di Baccho! Obgleich mich die Sache eigent⸗ lich nichts anging, ſo habe ich mich doch geſchämt, wie ein Conte. Nun, eine Hand voll braver Leute, die wie Don Alonzo dachten, warfen ſich in die Berge, nach und nach kamen noch andere dazu, die das Herz auf dem rechten Flecke hatten, und da ſie den Krieg nicht im Großen fortſetzen konn⸗ ten, ſo betrieben ſie ihn im Kleinen und treiben ihn noch ſo — brave, tüchtige Leute, und eine der beſten Banden befeh⸗ ligt Don Alonzo; freilich ſchämen ſich die Anderen nicht, ſie Briganti zu nennen, aber zwiſchen Denen und einem Brigante iſt gerade ein ſolcher Unterſchied, wie zwiſchen einer ſüßen Orange und einer faulen Feige.“ „Und dem Advocaten iſt es bekannt, daß dein Schwager in den Bergen iſt?“ „Auf ein Haar, Eccellenza, und das hat auch wieder Im Hotel de Rome. 27 brave Pachter und ſetzte nach einer Pauſe mit einer Ver⸗ beugung hinzu:„Jetzt muß ich nach meinem Eſel ſehen, um nicht zu lange hier zu bleiben und den Maulaffen da unten einen Grund zu Vermuthungen und zum Geſchwätze zu ge⸗ ben; der Advocat, den Ihr wahrſcheinlich in den nächſten Tagen ſehen werdet, braucht ja nicht zu wiſſen, daß ich ſchon bei Euch war.“ „Darin haſt du mich richtig verſtanden, braver Rafa⸗ jele!“ erwiderte ihm der Marcheſe,„und ich ſah das ſchon an der klugen Art, wie du mich aufgeſucht. Verſtehe mich recht, ich traue dem Advocaten in keiner Richtung; er hat in dem fremden Lande, wo ich war, ſchlecht an mir ge— handelt, und wird nicht verfehlen, hier mit allen Mitteln meine Plane zu durchkreuzen. Ich bin überzeugt, daß er mich bei der neuen Regierung verdächtigen wird, und wenn ich auch ein gutes Gewiſſen habe, ſo erfuhr ich doch von den gegenwärtigen Zuſtänden genug, um mich ſo viel als möglich ſicher zu ſtellen. Freilich habe ich Freunde, die im Rothfalle für mich handeln werden, worunter ich auch dich rechne, aber dieſe Freunde können nur für mich handeln, indem ſie ſo lange unabhängig von einander bleiben, bis ein gemeinſchaftliches Zuſammenwirken nöthig iſt; ſo wie, glaube mir, Brancaccio erfährt, daß ich hier bin, wird er jeden meiner Schritte beobachten laſſen, weßhalb es nothwendig iſt, daß du mich vor der Hand hier nicht mehr auſſuchſt. So wie ich deinen Rath und deine Hülfe brauche, erhältſt du Botſchaft, entweder durch den Herrn, der oben bei dir iſt und der häufig in die Stadt kommen wird, oder auch durch meinen Freund hier, deſſen Worten du eben ſo zu 28 Neunundfünfzigſtes Kapitel. folgen haſt, als ſpräche ich ſelbſt zu dir.— Haſt du mich verſtanden, Rafajele?“ „Auf's genaueſte,“ erwiderte der Maſſaro,„ja, Herr, noch beſſer, als Ihr Euch einbildet; ſagte ich doch neulich zu der Frau: Haſt du gehört, was der Advocat über unſern Herrn ſprach? Gewiß weiß Don Brancaccio, daß er, näm⸗ lich Ihr, Herr, wieder zu uns zurückkommt, und in dem Falle hängt er ihm Eins auf, daß ſie ihn, nämlich Euch, Herr, augenblicklich wieder aus dem Lande ſchicken oder ein Quartier in der Vicaria geben, wenn ſie es nicht gar vor— zögen, Euch einzuweichen.— So werde ich mich denn, Eurem kleinſten Winke lauſchend, ruhig zu Hauſe verhalten, und dabei glaube ich Euch nicht ſagen zu brauchen, daß Ihr auf den Rafajele in jeder Hinſicht rechnen dürft.“ „Nein, das brauchſt du mir nicht zu ſagen,“ rief Gae⸗ tano mit herzlichem Tone der Stimme, wobei er dem Maſſaro ſeine beiden Hände darreichte—„und jetzt lebe wohl, nimm meinen Dank für deine treue Anhänglichkeit.“ „Und unſer Landſchafts⸗Maler bleibt droben bei uns?“ fragte der Maſſaro. „Noch für einige Tage, wenn es dir recht iſt— du kannſt ihm unbedingt vertrauen, er gehört zu meinen Freunden.“ „So nehme Euch die Madonna in ihren Schutz, und laßt bald was Gutes von Euch hören.“ Als ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, fragte Bander ſeinen Freund:„Was wollte er mit dem Worte einweichen ſagen?“ »Mete annamuollo, gut italieniſch: mettere a mollo, oder einweichen iſt der Ausdruck des Volkes, um jemand in h Im Hotel de Rome. 29 die Kerker des Caſtells dell' Uovo zu ſetzen. Es ſind dies in Felſen gehauene, unter dem Spiegel des Meeres gelegene Löcher, die, wie man ſagt, früher zu Gefängniſſen benutzt wurden; übrigens Barbareien einer früheren Zeit, die jetzt aufgehört haben.“ „Und die Vicaria?“ „Iſt der große Gerichtshof Neapels, ehemals ein Palaſt der normänniſchen Könige, der Ort, wo Proceſſe verwirrt und geſchlichtet werden, zugleich das Hauptgefängniß der großen Stadt. Wenn Don Brancaccio gut manövrirt, ſo wäre es immerhin möglich, daß mir dort ein Quartier an⸗ gewieſen würde; er braucht mich nur mit einiger Glaub⸗ würdigkeit politiſcher Umtriebe zu Gunſten der vertriebenen Königsfamilie zu verdächtigen, doch wird er es kaum wagen, da ihm jeder gültige Beweis mangelt.“ „Lieber Freund,“ antwortete Bander, nicht ohne einige Beſorgniß im Tone der Stimme zu verrathen,„ich will nicht indiscret ſein, Sie über Ihren Aufenthalt in Rom zu be⸗ fragen, denn ich weiß, wie ſehr Sie für das Glück und die Größe Ihres Vaterlandes ſchwärmen, aber waren Sie dort auch vorſichtig im Umgange mit Bekannten?“ „Ich will nicht läugnen,“ erwiderte der Marcheſe,„daß ich dort Freunde meines Hauſes traf, deren Anſichten über die Zuſtände Italiens den meinigen ſo ſchroff entgegenſtan⸗ den, daß ich nach der erſten Unterredung die Unmöglichkeit einer Ausgleichung mit ihmen einſah. Wollte man aber wörtlich hieher mittheilen, was ich dort geſprochen, ſo bin ich gern bereit, für jede Aeußerung Rede zu ſtehen.“ „Für jede Aeußerung, die man unverfälſcht wieder⸗ holte,“ antwortete Bander, das vorletzte Wort betonend; 30 Neunundfünfzigſtes Kap. Im Hotel de Rome. „ſchon daß Sie über Rom hieherkamen, iſt im Stande, Argwohn zu erregen.“ „Darin haben Sie nicht Unrecht; doch wenn wir auch Manches gehört von ziemlich willkürlichem Verfahren, ſo halte ich das für Uebertreibung. Jene Zeiten ſind vorbei, wo man auf Verdacht hin eingeſperrt und Jahre lang feſt⸗ gehalten wurde. Daß ihm mein Hierſein im höchſten Grade unangenehm iſt und daß ich ihm bei der erſten Unterredung meine Abſicht, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen, nicht ver— heimlichen werde, verſteht ſich eben ſo von ſelbſt, als ich überzeugt bin, daß er alle Minen gegen mich ſpringen laſſen wird. Bin ich aber nicht auch gerüſtet, darf ich nicht auf Ihre Hülfe rechnen, wenn es ihm je gelingen ſollte, mir einen Platz zwiſchen vier feſten Mauern zu verſchaffen? — Unbeſorgt!— Anfänglich war es allerdings meine Ab⸗ ſicht, hier zuerſt im Verborgenen gegen ihn zu wirken, doch nun habe ich mich feſt entſchloſſen, ihm geradezu auf den Leib zu gehen, ihm Stirn gegen Stirn entgegen zu treten, und Sie werden ſehen, das Recht ſiegt.“ „Rechnen Sie auf mich, lieber Gaetano,“ ſagte Bander mit Wärme;„ſuchen Sie Ihren Advocaten auf; ich werde unterdeſſen meinen Paß bei der engliſchen Geſandtſchaft deponiren.“ „Morgen oder übermorgen,“ erwiderte ihm der Mar⸗ cheſe,„den heutigen Tag ſoll kein Mißton ſtören; ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen„Naſſen Sie uns einen Wagen nehmen und folgen Sie mir hinaus zum Campo Santo, ans Grab meiner unvergeßlichen Mutter.“ — Sechszigſtes Kapitel. Der Advocat und ſein Client. Der Advocat Signor Nicola Brancaccio oder Don Nicola, wie man in der dritten Perſon von ihm ſprach, be⸗ wohnte das erſte Stockwerk eines ziemlich anſehnlichen Hauſes in der Strada della Porta Capuana, welches ſein Eigenthum war. Seine Wohnung war nicht übermäßig groß, doch wohl gelegen in der Nähe der Vicaria, und auch mit ver⸗ ſchiedenen, ihm ſehr nothwendig und bequem dünkenden Einrichtungen verſehen; ſo mit einer eiſernen Thür, ver⸗ mittels welcher man auf die Haupttreppe des Hauſes gelangen konnte, dann aber noch mit einer Nebentreppe, welche direct in den erſten Stock führte und von manchem Clienten der eben erwähnten Haupttreppe vorgezogen wurde. Sämmtliche Fenſter waren mit ſtarken, kunſtreich gearbeiteten Gittern verſehen. Dabei lag das Haus auf der Schattenſeite der Straße, hatte hohe, gewölbte Zimmerräume und konnte der ganzen Einrichtung nach für äußerſt wohnlich, ja, behaglich gelten. — — ——— ‿ Sechszigſtes Kapitel. Der Luxus an koſtbaren Geräthen, Teppichen und ſo weiter war aufs ſorgfältigſte vermieden; die erſteren beſtan⸗ den meiſt aus ſoliden, alten Erbſtücken, und von den aus rothen, lackirten Ziegeln beſtehenden Fußböden waren im Winter nur einige mit Strohmatten bedeckt. Statt dieſer mangelnden äußerlichen Koſtbarkeiten beſaß aber der Advocat in einem kleinen, ſehr feſt bewahrten Zimmer eine große eiſerne Kiſte, angeblich, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte, zum Aufbewahrungsorte werthvoller, ihm anvertrauter Documente beſtimmt, nach dem Glauben der Leute aber angefüllt mit ld und Silber. Doch iſt dieſes eine Anſicht, deren Rich⸗ ti it wir nicht zu bemeſſen im Stande ſind, denn Signor Brancaccio, welcher genau wußte, wie hoch ein Zinsfuß nier getrieben werden durfte, ehe er Wucher genannt wurde, ar ein viel zu vorſichtiger und ſchlauer Geſchäftsmann, um Gold und Silber unbenützt in eiſernen Kaſſen verſchloſſen zu halten. Daß Don Nicola nicht verheirathet war, haben wir bereits erfahren; ſein Hausweſen beſorgte ſein alter Diener Michele, welcher aber, da ſein Herr meiſtens außer dem Hauſe aß, nicht viel zu thun hatte und daher, faſt den ganzen Tag Tabak rauchend, auf der oberſten Stufe der Haupttreppe ſaß, um Unbekannte, die ſich nicht vorher eine Audienz bei dem vielbeſchäftigten Advocaten verſchafft, abzu⸗ weiſen und den bekannten Clienten die Thür zu öffnen. Die kleine Treppe führte direct in das Arbeitszimmer Don Nicola's, war ebenfalls mit einer eiſernen Thür ver⸗ ſchloſſen und hatte eine Oeffnung, durch welche ſich der Advocat jeden Anklopfenden genau betrachtete und nur die ihm wohlbekannten Geſichter einließ. Ein kleines Gemach, 1 —— 33 Der Advocat und ſein Client. der Secretär des Rechtsgelehrten befand, en Schreib⸗Cabinette deſſelben wo gewöhnlich drei oder vier in welchem ſich lag zwiſchen dem eben erwähnt und einem größeren Zimmer, Schreiber emſig beſchäftigt waren. Don Nicola war ſo eben aus einer Gerichtsſitzung von der Vicaria zurückgekommen, und während er ſeinem erſten Schreiber, Don Giovanni, einem alten, kümmerlich aus⸗ ſehenden, gebückten Männchen, einige dringende Aufträge gab, legte er ſein Advocaten⸗Gewand, den ſchwarzen, weiten Ueberwurf, einen Mantel von derſelben Farbe und die Per⸗ rücke ab, ohne welches er vor dem Tribunale nicht erſcheinen durfte, machte es ſich in einem abgetragenen Hausrocke be⸗ quem und überreichte alsdann ſeinem erſten Schreiber verſchie⸗ dene Papiere, wobei er zu den zu beſorgenden Ausfertigungen die nothwendigen Erläuterungen angab. Signor Brancaccio war ein Mann, ahr überſchritten hatte und den man nicht ſchön nennen konnte. Seine Geſtalt war etwas über Mittelgröße und hager; er hatte ein gelbes, blattriges Geſicht, düſtere, ſchwarze Augen, welche unruhig forſchend unter den dichten Augenbrauen hervorblickten. Seiner hohen, ſtark zurück⸗ fallenden Stirn ſchloß ſich eine leichte Glatze an, welche er aber durch das ſorgfältig vom Hinterhaupte nach vorn ge⸗ kämmte ſchwarze Haar zu verbergen ſuchte. Die Unruhe ſeines lauernden Blickes theilte ſich auch allen ſeinen Bewegungen mit; ſo ſchien es ihm zum Beiſpiel unbehaglich, auf einem Platze ruhig zu ſtehen, und er drehte ſich bald nach dieſer, bald nach jener Seite, ſtützte auch in raſcher Abwechſelung ſeinen Körper bald auf den rechten, bald auf den linken Hackländer⸗ Die dunkle Stunde. V. der offenbar das fünfzigſte I “ —— — “ — — — “ — — ———— — ꝗ ——— Nicht wahr, Don Giovanni, fehlen laſſen?“ 4 Sechszigſtes Kapitel. Fuß, wobei ſeine Hände in einer immerwährenden Bewe⸗ gung waren. Bald ſtrich er mit der rechten, linken ſein Haar gegen die Stirn vor, Hände auf dem Rücken zuſammen, und d Finger vor das Geſicht, um aufmerkſam ſeine Nägel zu be⸗ trachten. Er ſprach viel und gewandt und ſeine S war laut und gellend, Reden her, die e bald mit der bald legte er beide ann brachte er ſeine timme eine Angewöhnung von den vielen r vor dem Tribunale zu halten pflegte. „In dem Proceſſe Zappi,“ ſagte er zu ſeinem Schreiber, „iſt mir eine außerordentliche Nuance gelungen; ſtatt mir die Mühe zu machen und ſelbſt den Beweis zu führen, daß der ſtreitige Weg auf unſerem Eigenthume iſt, gelang es mir, das Tribunal zu veranlaſſen, daß es ihm aufgab, das Gegentheil zu beweiſen. Da haben Sie die Acten, laſſen Sie es beruhen, bis er beweiſ't, was er nicht beweiſen kann. Zanetti in Ravello ſcheint ſich zu einem Vergleiche herbeilaſſen zu wollen; er wird die von mir ſechstauſend Ducati zahlen, und wenn er dann die fragliche Waſſerkraft benutzen zu können glaubt, ſo wird ihm der Müller in Sanfreſe einen neuen Proceß an den Hals werfen. Leider ſteht die gute Signora Mattei im Begriffe, ihren Erbſchafts⸗Proceß zu verlieren“— er ſagte das mit einem freundlichen Lächeln, welches offenbar ſein Bedauern Lügen ſtrafte—„die gute Dame iſt aber auch ſ ſo noch reich genug und gegen mich, ihren Rechts⸗Anwalt, ſo knickerig, daß es eine Schande iſt; es iſt eigenthümlich, daß ſich bei den Acten das fragliche Document nicht wieder gefunden hat. wir haben es am Suchen nicht verlangten Der alte Schreiber, der ſeine Blicke gewöhnlich auf das ewe⸗ der deide eine be⸗ ume elen Der Advocat und ſein Client. 35 Papier in ſeiner Hand geheftet hielt, nickte jetzt ſeinem Chef mit einem Ausdrucke von Schlauheit zu und erwiderte: „Bei uns kann es nicht ſein; haben wir ja auch den Em— pfang dieſes ſo wichtigen Actenſtückes nicht beſcheinigt, was ſicher geſchehen wäre, wenn wir es in die Hand bekommen hätten.“ „Gewiß,“ gab Don Nicola zur Antwort, während er ſich ans Fenſter ſtellte, aber anſtatt hinauszuſchauen ſeine Nägel betrachtete.„Die Mattei verliert achtzehntauſend achthundert Ducaten, welche ihre Gegner gewinnen; ja, ja,“ ſetzte er zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu,„das Document iſt ſeine zehntauſend Ducaten unter Brüdern werth.— Apro⸗ pos, Don Giovanni,“ wandte er ſich nach einem längeren Stillſchweigen gegen ſeinen Schreiber um,„habt Ihr je von einem Namen gehört wie Saint⸗Alban? Mir iſt hier in Neapel keine ſolche Familie bekannt.“ „Mir auch nicht,“ erwiderte der Schreiber kopfſchüttelnd. „Es muß ein Fremder ſein,“ ſagte der Advocat in gleichgültigem Tone;„Einer des Namens verlangt ſchriftlich von mir eine Unterredung; er wird in der nächſten Zeit kommen, Michele ſoll ihn in Euer Cabinet führen, und dann kommt und ſagt mir, was für eine Art von Mann es iſt.“ Der erſte Schreiber entfernte ſich ſtillſchweigend mit ſeinen Papieren und Don Nicola ließ ſich in einem großen, mit Leder überpolſterten Stuhle nieder, auf deſſen Lehne er die Hände legte und, an den Himmel hinaufſchauend, in Gedanken verſank; doch war auch hierbei keine Ruhe auf ſeinem Geſichte zu leſen; ſeine Mundwinkel zuckten nach rechts und nach links, er nickte zuweilen mit dem Kopfe, ——. —— — ö——— — ———-—— — 36 Sechszigſtes Kapitel. und wenn er dabei lächelte, ſo ſchloß er eine Sekunde lang ſeine Augen und ſeine Finger trommelten auf der Lehne des Stuhles. „Der Herr von Saint⸗Alban iſt draußen,“ meldete nach einer Weile der erſte Schreiber. „Wie ſieht er aus? Kennen Sie ihn?“ „Ich habe ihn nie geſehen, es iſt ein junger, ſchöner Mann, ruhig in ſeinen Bewegungen, von vornehmem Aeußern, er kam mit der Equipage des Hotels de Rome.“ Don Nicola nickte befriedigt mit dem Kopfe und deutete darauf, während er ſich erhob, durch eine Handbewegung an, der Fremde möge eintreten. Wenn der Advocat irgend einen ihm Unbekannten empfing, pflegte er das am Fenſter ſtehend zu thun und ſich erſt auf die Anrede des Eintreten⸗ den herumzuwenden. „Habe ich das Vergnügen, den Herrn Advocaten Bran⸗ caccio zu ſehen?“ ſagte eine tiefe, wohlklingende Stimme, deren Ton dem Rechtsgelehrten ſo bekannt vorkam, daß er ſich raſcher herumwandte, als es ſonſt ſeine Gewohnheit war. Mit der rechten Hand hatte er die Fenſterbank erfaßt, und es war gut, daß er im Augenblicke, als er den Frem⸗ den anſtarrte, ſich auch mit ſeiner linken Hand ſtützte, denn ſonſt hätte es ihm geſchehen können, daß er trotz ſeiner bekannten Geiſtesgegenwart ein wenig in die Kniee geſun⸗ ken wäre. Vor ihm ſtand der Marcheſe Gaetano Fontana. „A— a— a— ah!“ rief der Advocat, nachdem er ſich von ſeinem erſten Schrecken ein wenig erholt und nicht nur eine verzweifelte Anſtrengung machte, freudig zu lächeln, ſondern G 3 ) — 4 1 Der Advocat und ſein Client. 37 auch dem ruhig Daſtehenden mit vorgeſtreckten Händen ent⸗ gegen zu gehen. Gaetano machte eine abwehrende Handbewegung und ſagte mit ruhiger Stimme:„Wenn es Ihnen gefällig iſt, ſetzen wir uns, das Stehen während unſerer wahrſcheinlich nicht ganz kurzen Unterredung könnte Ihnen ſauer werden.“ „Bei der Madonna und allen Heiligen!“ rief der Ad⸗ vocat,„ſind Sie's denn wirklich, oder iſt's Ihr Geiſt?“ „Ich bin es ſelber, und noch obendrein mit meinem vollſtändigen Geiſte, Signor Brancaccio— aber, wie ge⸗ ſagt, ſetzen wir uns.“ Er ſtieß die letzten Worte etwas heftig hervor und wandte ſich raſch nach einem Stuhle, um einem Attentate des Rechtsgelehrten zu entgehen, welches in nichts Geringerem beſtand, als in dem allerdings ſchwachen Verſuche, den jungen Mann mit einer wohlgeſpielten Rüh⸗ rung in ſeine Arme zu ſchließen, wobei Don Nicola mit ſchluchzender Stimme hervorſtieß:„Der Herr Marcheſe, der verloren geglaubte Sohn eines Vaters, der mich ſeinen Freund nannte!“ Gaetano hatte die Lehne ſeines Stuhles mit der linken Hand erfaßt und begnügte ſich, die freche Rede des Advo⸗ caten mit einem flammenden Blicke zu beantworten, dann wiederholte er mit ſtrenger Stimme:„Setzen wir uns!“ Der Advocat, deſſen Gemüthsbewegung ſich in ver⸗ mehrter Unruhe des ganzen Körpers deutlich ausdrückte, nahm dem jungen Manne gegenüber Platz und ſchnappte einige Male wie ein Fiſch auf trockenem Sande nach Athem. „Wiſſen Sie, woher ich komme?“ begann der Marcheſe ſeine Unterredung, wobei er ſo ruhig ſprach, daß es den Anderen fröſtelnd überlief. ——— — emee Sechszigſtes Kapitel. „Wie iſt es mir möglich, Herr Marcheſe, das ſo genau zu wiſſen? Gott ſei gelobt, daß Sie überhaupt da ſind.“ „Ich komme aus Deutſchland, aus einer Stadt, in der Sie würdige Freunde beſitzen— ich war dort in einem Irrenhauſe— denken Sie ſich, iſt das nicht komiſch? Ich, der ich vor Ihnen ſitze und der ich gewiß ſo wenig ein Narr bin wie Sie ſelber, war ein paar Jahre im Irren⸗ hauſe!“ „Unglaublich!“ ſtöhnte der Advocat. „Gewiß unglaublich! O, das habe ich gewiß hundert Mal, tauſend Mal gedacht, wenn ich an den eiſernen Git⸗ tern meiner Zelle rüttelte oder wenn ich meinen Kopf gegen die Thür meines Kerkers rannte, dieſen Kopf hier, der ver⸗ rückt ſein ſollte und doch klug genug war, um zu ſehen, daß er das Opfer einer furchtbaren Schurkerei war.“ „Un— glaub— lich!“ „Ich wäre vielleicht noch in dieſem Irrenhauſe einge⸗ ſperrt, wie die übrigen Narren,“ fuhr der Marcheſe mit einer entſetzlichen Kälte fort,„wenn es mir nicht gelungen wäre, mich ſelbſt zu befreien.“ „Gott ſei Dank!“ wagte der Advocat zu ſagen. „Wenn man jemand ins Irrenhaus ſperrt, ſo ſind zwei Fälle denkbar: daß man den Eingeſperrten nämlich für einen Narren hält, eine große Dummheit, wenn derſelbe kein Narr iſt,— oder daß man den Eingeſperrten ſeiner Freiheit beraubt hat, um ihn im Kerker zu halten oder um ihn vielleicht langſam zum Narren zu machen, was eine Schurkerei und Schlechtigkeit iſt, gegen welche ein einfacher Mord zu entſchuldigen wäre.“ Der Ausdruck zauf glühenden Kohlen ſitzen’ war für 4 , 1 39 Der Advocat und ſein Client. den Zuſtand, in dem ſich Don Nicola befand, viel zu gelinde; er zog mühſam den Athem an ſich, er blickte auffallend rechts und auffallend links, um nicht in die unheimlich ſtarren, auf ihn gerichteten Augen ſeines Gegners ſehen zu müſſen. Daß er den Marcheſe Gaetano Fontana vor ſich habe, das unterlag nicht dem geringſten Zweifel; daß derſelbe im Irrenhauſe geweſen und dort nach den Berichten des Dr. Henderkopp mit vollem Rechte als ein Wahnſinniger behandelt worden war, konnte nicht geläugnet werden; daß er mit Gewalt oder Liſt entſprungen, hatte der Marcheſe ſelbſt geſagt. Ob er, der vor ihm Sitzende, jetzt in der That bei vollem Ver⸗ ſtande war, dies blieb vor der Hand noch ein Räthſel, welches ſich aber vielleicht im nächſten Augenblicke auf die entſetzlichſte Art für ihn, den Advocaten, auflöſen konnte. Hatte er doch von Irrſinnigen gehört, welche eine Zeitlang ruhig, ja, gemüthlich ſprachen und dann auf einmal den Hals des unglücklichen Opfers, welches ſie ſich erkoren, umklammerten, um es zu erwürgen, noch ehe Hülfe mög⸗ lich war. Bei dieſen Gedanken fühlte er ſein Haar ſich lupfen und den Angſtſchweiß von der Stirn rinnen. Und wenn auch der ihm gegenüber ſitzende junge Mann mit dem ſtarren Blicke kein Wahnſinniger war, ſo hatte er ihm doch ſo furchtbare Dinge mit der eiſigſten Ruhe, wahr⸗ ſcheinlich als Einleitung zu einem gewaltthätigen Verfahren geſagt, daß man es dem Advocaten nicht übel nehmen konnte, daß er ſich nach irgend einer Hülfe umſchaute. Was ihm aber ſo ganz den Boden zwiſchen den Füßen weggezogen hatte, war das zermalmende Gefühl ſeiner Schuld und Nichtswürdigkeit, ſo wie die unerhörte Ueberraſchung, 1 40 Sechszigſtes Kapitel. den jungen Mann vor ſich zu ſehen, den er ſich nicht an⸗ ders als wohl verwahrt hinter Riegeln und Gittern denken konnte. Ein unbegreiflicher Zufall hatte ſein künſtlich auf— geführtes Gebäude umgeworfen. Wie hätte er annehmen können, daß der Marcheſe entfliehen würde, oder daß man ihn entließe, ohne ihn, den Advocaten, davon in Kenntniß zu ſetzen! Er knirſchte mit den Zähnen, als er daran dachte, wie reich er den Dr. Henderkopp für die Pflege ſeines Ge⸗ fangenen belohnt, und dieſer hatte nicht einmal die Rückſicht gehabt, ihn von der Flucht des jungen Mannes in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Wäre er nur vor ein paar Tagen benach⸗ richtigt worden, er würde ſchon ein feines Netz angeſponnen haben, um es dem wahrſcheinlich arglos Ankommenden über den Kopf zu werfen. Dieſe und ähnliche Gedanken durchfuhren wie Blitze das Gehirn des Advocaten, während ſein Gegenüber aus der Taſche ſeines Ueberrockes ein Paket Briefe hervorzog und einen derſelben dem Advocaten hinreichte, wobei er, ohne den ruhigen, kalten Ton ſeiner Stimme im Geringſten zu verändern, ſagte:„Leſen Sie, Sie ſind Geſchäftsmann genug, um in dieſem Papiere eine vollgültige Beſtätigung Ihrer Schurkerei zu finden. Erkennen Sie die Schrift?“ Don Nicola, der einen ſcheuen Blick auf das Papier geworfen und zugleich einen ſeiner Briefe an Doctor Hen⸗ derkopp erkannte, ſtotterte, ſtatt beſtimmt zu antworten: „Der Schein— allerdings— Herr Marcheſe— iſt gegen Ihren ergebenen, Geſchäftsmann, die vielen Beweiſe jedoch von“— Ergebenheit, Treue wagte er doch nicht zu ſagen— „die ich in meinem langen Verkehre mit Ihrem Hauſe an den Tag legte, ſollten Sie beſtimmen—“ Der Advocat und ſein Client. 41 „Mit Ihnen in derſelben Art abzurechnen, wie Sie Ihre Rechnung gegen mich geſtellt,“ antwortete der junge Mann mit einem ſo furchtbaren Aufleuchten ſeiner Blicke, daß der Advocat erſchrocken in die Höhe fuhr. Sein Geſicht er⸗ bleichte, ſeine blauen Lippen zitterten und er griff mit un⸗ ſicherer Hand auf dem Tiſche herum, an dem er ſaß, um dort die Klingel zu ergreifen und durch ein Zeichen Hülfe herbeizurufen. Ehe er dieſes aber bewerkſtelligen konnte, hatte der Marcheſe mit ſtarker Hand ſeinen Arm ergriffen und warf ihn durch eine leichte Handbewegung in ſeinen Stuhl zurück, wo er ächzend zuſammenknickte.— „Laſſen Sie dieſe Kindereien!“ herrſchte er ihm zu,„bei unſerer Abrechnung brauche ich keine Zeugen; ein Dutzend Ihrer Schreiber, wenn ſie jetzt auf der Schwelle ſtänden, würde Ihnen doch keinen Schutz gewähren; Sie ſind in meiner Hand, Elender, und wie Sie ſehen,“ damit zog er einen blitzenden Dolch hervor,„iſt dieſe Hand ſo bewaffnet und— glauben— Sie— mir— ſo ſtark und ſicher, daß ich nur meinen Arm auszuſtrecken brauchte, und Sie hätten nicht mehr die Zeit, ein Vaterunſer anzufangen. Doch be⸗ ruhigen Sie ſich,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während er den Dolch wieder in ſeine Bruſttaſche ſteckte,„der Mar⸗ cheſe Gaetano Fontana ſteht zu hoch, um mit ſolch einem erbärmlichen Geſchöpfe, wie da eines vor ihm ſitzt, eine derartige Abrechnung zu halten. Freilich hatte ich auf der Hieherreiſe zuweilen andere Gedanken,“ fuhr er fort, indem er jedes Wort zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen her⸗ vorſtieß;„wenn ich da an alles dachte, deſſen Sie mich beraubt, an all das unſägliche Elend, welches Sie mich — “ e — —.— —— — 8 7— 42 Sechszigſtes Kapitel. jahrelang in der entſetzlichſten Kerkerhaft erdulden ließen, ſo malte ich mir den Augenblick mit Wolluſt aus, wo ich mit meinen Händen Ihren Hals umklammern würde und Sie langſam, langſam erwürgen,— ſchade, daß eine ſolche genußreiche Arbeit nicht tagelang dauern könnte! Es wäre leider zu raſch abgemacht, ein ſolch gemeines Leben zu neh⸗ men,“ ſchloß er achſelzuckend. Als der Advocat ſah, daß das ſcharfe, blitzende Eiſen vor ſeinen Blicken verſchwunden war, und als er bemerkte, daß der Marcheſe, nachdem er wild ausbrechend das eben Geſagte ihm zugeſchleudert, nun wieder ſich ſelbſt bezwingend mit verſchränkten Armen vor ihm ſaß, ſchöpfte er aus tiefſter Bruſt Athem, faltete alsdann die Hände und ſeine Lippen murmelten ein Dankgebet, daß dieſer furchtbare Augenblick ſo glücklich vorübergegangen.. Um aber etwas zu erwidern, was der junge Mann, der ihn mit zuſammengepreßten Lippen wieder anſtarrte, zu er⸗ warten ſchien, ſchluckte er mehrmals, huſtete leicht und konnte doch nur mühſam einzelne Worte hervorbringen, da ihm die Kehle wie zugeſchnürt war. „Zu entſchuldigen,“ ſagte er,„iſt allerdings meine Leicht⸗ gläubigkeit nicht, mit der ich dem Berichte über Sie, gnä⸗ digſter Herr Marcheſe, Glauben ſchenkte. Wie kann ich armer Mann aber, hunderte von Meilen von jenem Orte entfernt, wiſſen, was dort geſchah?“ „Reden Sie, reden Sie!“ erwiderte der Marcheſe mit einem entſetzlichen Lächeln;„ich bin doch begierig, wie ein berühmter Advocat, wie Sie, ſich vertheidigen wird.“ „Nachdem Sie verſchwunden, gnädigſter Herr Marcheſe, und alle Nachforſchungen nach Ihnen vergeblich waren, er⸗ LI m 0) . Der Advocat und ſein Client. 43 wählte Ihre Mutter, die Frau Marcheſa, Gott habe ſie ſelig, einen zuverläſſigen Mann, den ſie Ihnen auf der ſchwa⸗ chen Spur, die man endlich von Ihnen zu finden geglaubt, nachſandte.“ „Wer war dieſer Mann?“ „Das weiß ich in der That nicht,“ antwortete der Ad⸗ vocat ſo raſch und entſchieden, daß Jener deutlich fühlen mußte, dieſe Antwort ſei eine durchdachte und vorher überlegte. Gaetano zuckte mit den Achſeln und ſchaute ein paar Sekunden lang ſein Gegenüber mit einem Lächeln an, wel⸗ ches füglich als Ausdruck der tiefſten Verachtung gelten konnte, dann zuckte er die Achſeln und ſagte, indem er ſich zwang, ruhig zu bleiben:„Fahren Sie fort in Ihrer— Erzählung; der zuverläſſige Mann alſo, den meine Mutter auf meine Spur ſandte und den Sie, der Geſchäftsmann meiner ſeligen Mutter, welcher ſich ſonſt auch um das Geringſte beküm⸗ merte, nicht kannten—“ „Gewiß nicht, Herr Marcheſe, ich will darauf einen Schwur leiſten.“ „Was würde es Ihnen verſchlagen, ob Sie einmal mehr oder weniger falſch ſchwören?“ „Sie behandeln mich härter, als ich es verdiene, Herr Marcheſe!“ „Laſſen Sie ins Teufels Namen einmal Ihre unnützen Betheuerungen!“ rief der Marcheſe unwillig.„Glauben Sie, ich hätte Luſt, eine Converſation mit Ihnen zu machen? Ich bin hier zur Abrechnung, und wir wollen nur Thatſachen und Zahlen ſprechen laſſen.“ Don Nicola ſchluckte heftig, während er ſeinen Kopf niederduckte, wie jemand, der dadurch anzeigen will, daß ihm ——- —— 85 — 4 Sechszigſtes Kapitel. unverzeihliches Unrecht geſchieht, dann fuhr er fort:„Jener Mann fand alſo endlich Ihre Spur und berichtete darüber an die Frau Marcheſa, nicht an mich, Gott iſt mein Zeuge!“ er hob raſch ſeine Rechte empor;„ob er wahr berichtet, wie konnte ich das wiſſen? Was er aber berichtete, war wohl dazu gemacht, das Herz der armen gnädigen Frau zu brechen.“ „Gefühlloſes Ungeheuer!“ murmelte der junge Mann zwiſchen den Zähnen.„Und wenn ich fragen darf,“ ſagte er in barſchem Tone,„was berichtete jener zuverläſſige Mann?“ „Man habe Sie, Herr Marcheſe, heftig erkrankt gefun⸗ den, und als die Kraft jener Krankheit endlich nachgelaſſen, habe es ſich gezeigt—“ „Daß ich wahnſinnig ſei?“ Der Advocat neigte mechaniſch ſein Haupt und ſtreckte dabei ſeine Hände wie in ſtiller Ergebung von ſich. „Dann übergab man mich der Pflege eines gewiſſen Doctors Hen— der— kopp.“ „Hen— der— kopp, ja, ſo hieß er, welcher der Frau Mar⸗ cheſa als ſehr tüchtig in ſeinem Fache gerühmt wurde.“ „Ah, als ſo außerordentlich tüchtig, einen Unglücklichen hinter Schloß und Riegel zu halten und ihn vielleicht lang⸗ ſam zum Narren zu machen!— Ah, als vollkommen be⸗ fähigt, mit einem anderen ſchlechten Kerl unter Einer Decke zu ſpielen— ein Ehrenmann, dem es wohl auch nicht darauf angekommen wäre, ſeinem Kranken, wenn derſelbe nun ein⸗ mal durchaus kein Narr werden wollte, Gift zu reichen, um ſeinem würdigen Geſchäftsfreunde gefällig zu ſein! Hatten Sie denn nie daran gedacht, Dummkopf von einem Advo⸗ caten, daß ich doch eines Tages loskommen müßte und mich dann veranlaßt ſehen könnte, vor Sie hinzutreten und Ihnen ein Der Advocat und ſein Client. ein Meſſer ins Herz zu ſtoßen, wie Sie es verdienen? Wa⸗ rum Ihre Schurkerei halb gethan, was doch ſonſt nicht Ihre Sache iſt? Warum nicht noch ein paar tauſend lumpige Ducaten mehr daran gewandt, um mich gänzlich verſtummen zu laſſen, nachdem Sie mir alles geraubt, was mich ſo glück⸗ lich hätte machen und was ich als ein Recht hätte beanſpru⸗ chen können,— o, dieſe troſtloſen Erinnerungen— fort, ſie könnten mich weich machen! Nur die eine Frage beantworte mir, Schurke, ehrlich und wahr, wenn es dir möglich iſt: warum dein Werk nur halb gethan?“ Der Advocat, welcher den höchſten Punkt des Erſchre⸗ ckens hinter ſich hatte und wieder Muth ſchöpfte, nachdem er bemerkt, wie der Marcheſe ſeinen Dolch eingeſteckt, ſah ein, daß er es mit einem Manne zu thun habe, deſſen Heftigkeit, durch die Erinnerung an furchtbare Leiden erregt, ihm doch im Grunde nicht gefährlich werden könnte und der nichts gegen ihn zu unternehmen im Stande ſei, wenn dieſe erſte, allerdings ſehr peinliche Unterredung einmal glücklich vor⸗. übergegangen. Er war es ſich zu ſehr bewußt, in ſeinen Briefen an Henderkopp nichts ihn ſelbſt Compromittirendes geſchrieben zu haben, da er ſich immer nur als Mittelsperſon dargeſtellt. Daß ihn aber anderentheils das unerwartete Auftreten des Marcheſe mit ſeinen gerechten Anſprüchen völlig aus dem Gleichgewichte brachte, war nicht zu läugnen; hatte er doch darauf gehofft, daß der Erbe der Fontana'ſchen Güter wenigſtens noch einige Jahre in ſicherem Gewahrſam gehalten werde, und jetzt ſah er ſich demſelben allein gegenübergeſtellt. Mit einigen Anverwandten des Hauſes, die Anfangs gemein⸗ ſchaftliche Sache mit ihm gemacht, war er ohne viele Mühe fertig geworden, und obendrein hatte ſich einer derſelben, der —————* 8 — — — 46 Sechszigſtes Kapitel. am meiſten Betheiligte, politiſch ſo bloßgeſtellt oder war, um die Wahrheit zu ſagen, von dem Advocaten ſo compromittirt worden, daß er ſein Vaterland flüchtig verlaſſen mußte und nicht daran denken konnte, zurückzukehren. Während der Advocat raſch dergleichen Gedanken in ſeinem Kopfe formte, hatte er die rechte Hand vor das Ge⸗ ſicht gedrückt und ſaß abſichtlich zuſammengeſunken und wie zerknirſcht vor dem jungen Manne, mit ſeinen bleichen, zer⸗ ſtörten Geſichtszügen ein Bild des Jammers, der Demuth und der Unterwerfung. Nach einer längeren Pauſe nahm er das Wort und ſprach mit leiſer, jedoch nicht unſicherer Stimme:„Sie haben da, Herr Marcheſe, Beſchuldigungen auf mich gehäuft und Sie ſehen, wie mich dieſelben nieder— gedrückt,— nicht im Gefühle einer ungeheuren Schuld, denn meine ganze Schuld beſteht darin, daß ich die gnädige Frau Marcheſa nicht veranlaſſen konnte, mich ſelbſt nach Deutſch⸗ land zu ſchicken, wo dann, das ſchwöre ich Ihnen bei der heiligen Jungfrau, alles anders gekommen wäre.“ Gaetano hatte vorhin, als der Advocat in Nachdenken verſank, die Briefe wieder hervorgezogen und durchflog einige raſch nach einander.„Gewiß,“ rief er jetzt aus,„wären Sie mir damals, wo ich noch nicht ſo ruhig war, als ich jetzt bin, vor die Augen getreten, es wäre anders gekommen! Denn ich, damals ein armer, eingeſperrter, namenloſer Wahn⸗ ſinniger, ein unglücklicher, hülfloſer Menſch, hätte Sie unfehl⸗ bar zu Boden geſchlagen, während in dieſem Augenblicke,“ 3. 6 3. 71 ſetzte er wieder mit vollkommener Ruhe und mit Hoheit in Blick und Stimme hinzu,„der Marcheſe Gaetano Fontana vor Ihnen ſteht, deſſen Hand zu rein iſt, um ſie durch die Berührung eines Menſchen Ihresgleichen zu beſudeln.“ um tirt und in Ge⸗ wie ger⸗ uth hm rer Der Advocat und ſein Client. 47 „Gott ſei Dank!“ ſeufzte Don Nicola in ſich hinein; „dieſer Augenblick wird vorübergehen, und dann, Herr Mar⸗ cheſe, ſprechen wir weiter mit einander.“ Während er dieſes dachte, leuchtete ein unheimlicher Blitz unter ſeinen Augenbrauen hervor, den aber der demü⸗ thige Ausdruck ſeiner Stimme verdeckte, mit welcher er ſagte: „Und dieſe Beſchuldigungen, welche Sie gegen mich ſchleu— dern, Herr Marcheſe,— eine allerdings entſetzliche Ver⸗ gangenheit preßt ſie Ihnen aus,— begründen Sie auf die Ausſagen des Mannes, der Sie, Ihre Frau Mutter und mich betrogen!“ „Und dieſe Briefe?“ rief Gaetano. „Dieſe Briefe kann und werde ich nicht abläugnen; legen Sie aber dieſelben jedem beliebigen Tribunale vor, und man wird aus ihnen erſehen, daß ich nur im Auftrage handelte und mit einem Manne verkehrte, der, wie ich ſchon vorhin ſagte, ein Betrüger war.“ Der Marcheſe biß die Lippen auf einander und faltete die Briefe abſichtlich ſo langſam und ruhig zuſammen, ehe er ſie wieder in ſeine Taſche ſteckte, um ſeine Herrſchaft über ſich nicht zu verlieren; dann erwiderte er:„Ich hätte aller⸗ dings bedenken ſollen, mit wem ich es zu thun habe; mög⸗ lich, daß ich Ihnen vor einem Tribunale Ihre Schurkereien nicht beweiſen kann, denn die Antworten auf dieſe Schreiben werden natürlich nicht mehr exiſtiren?“ „So iſt es, Herr Marcheſe!“ „Ich war davon überzeugt. Laſſen Sie uns alſo den erſten Theil unſerer Unterredung endigen, indem ich Ihnen ſage, daß die Ueberzeugung Ihres ehrloſen, ſchurkiſchen Be⸗ tragens mich veranlaſſen wird, aufs vorſichtigſte und behut⸗ — ͤͤͤͤſſ —— — —. —— —P:— 48 Sechszigſtes Kapitel. ſamſte gegen Sie zu verfahren, wenn ich Sie zu einer ge⸗ nauen Rechnungs⸗Ablage nöthige. Leider kann ich Sie nicht mit den gleichen Waffen bekämpfen, die Sie gegen mich an⸗ gewandt.“ Don Nicola öffnete nach einem tiefen Athemzuge ſeine Augen, um den jungen Mann wie im Bewußtſein ſeiner gänzlichen Ehrlichkeit und Schuldloſigkeit frei anzublicken, worauf er zur Antwort gab:„Auf dieſem Terrain werden Sie mich finden.“ „Sie werden einſehen,“ fuhr der Marcheſe fort,„daß ich nicht im Stande bin, die Rechnungs-⸗Ablage über die Einkünfte meiner großen Güter perſönlich von Ihnen ent⸗ gegen zu nehmen. Ich habe deßhalb die ausgedehnteſte Voll⸗ macht in der eben bezeichneten Richtung dem Advocaten Cerdoni übergeben.“ „Meinem perſönlichen, bitteren Feinde?“ erwiderte Don Nicola mit einem leichten Zucken ſeiner Mundwinkel. „Demſelben, und er wird mit Ihnen verhandeln, als ob ich es in eigener Perſon wäre.“ „Ich erwarte ihn.“ Da der Marcheſe bei dieſen letzten Worten aufgeſtanden war, ſo folgte der Advocat dieſem Beiſpiele, faßte aber krampfhaft die Lehne ſeines Seſſels, an welcher er ſich hielt, und machte dabei faſt willenlos eine Neigung mit dem Kopfe, als der junge Mann, ohne ihn ferner eines Blickes zu wür⸗ digen, mit langſamen Schritten das Zimmer verließ. Während der kurzen Zeit, wo Don Nicola Brancaccio an ſeinem Stuhle ſtand und horchend auf die hinter dem jungen Manne wieder geſchloſſene Thür blickte, hatten ſich ſeine Geſichtszüge furchtbar verändert; ein fahles Gelb ſtahl ſich r einem klapp geſch trepp mit zu e deut mit ein ſollſ ber tung hinſ dur wen ſein ſam ſo Ge das mit Der Advocat und ſein Client. 49 ſich von der Stirn bis zum Kinn, die Augen leuchteten mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke des Haſſes und ſeine Zähne klapperten hörbar auf einander. Er vernahm, wie die Thür der Schreibſtube draußen geſchloſſen wurde, hierauf ebenfalls die, welche zur Haupt⸗ treppe führte, und dann warf der Advocat ſeine rechte Fauſt mit ſolcher Gewalt weit von ſich ab, wobei ſich ſein Geſicht zu einem ſo dämoniſchen Ausdrucke verzerrte, daß man daraus deutlich entnahm, in ſeinem Innern rege ſich der Wunſch, mit dieſer wüthenden Bewegung ſeines Armes dem Marcheſe ein Meſſer in das Herz ſtoßen zu können. „Abrechnung,“ ſtieß er keuchend hervor,„ja, Abrechnung ſollſt du haben!“ Er klingelte haſtig, und als der alte Schrei⸗ ber in das Gemach trat und ſich in ſeiner demüthigen Hal⸗ tung, die Augen auf den Boden geheftet, vor ſeinen Chef hinſtellte, wandte ſich dieſer ab, um durch einen raſchen Gang durch das Zimmer ſo viel Gewalt über ſich zu erlangen, um wenigſtens ſcheinbar mit Ruhe reden zu können. Als er ſich auf dieſe Art ziemlich geſammelt und vor ſeinen Schreiber hintrat, beſchaute er eine Zeitlang aufmerk⸗ ſam die Nägel ſeiner rechten Hand, ehe er ſagte: „Und wer glaubt Ihr wohl, Don Giovanni, hat mich ſo eben mit ſeinem Beſuche beehrt?“ Ohne aufzublicken, ja, ohne ſeine gebückte Haltung im Geringſten zu verändern, entgegnete der Gefragte:„Wer kann das wiſſen, Don Nicola? Vielleicht findet Ihr für gut, es mir zu ſagen; es war eine ſcharfe Unterredung.“ „Vernahm man Worte?“ „Ich für meine Perſon einzelne.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 4 50 Sechszigſtes Kapitel. „Und die Schreiber?“ gen „Waren fort. Ich gab ihnen Aufträge, da ich fürch⸗ für tete, die Stimme des Beſuchers möchte noch heftiger werden.“ „Daran thatet Ihr ſehr wohl, denn die Reden, die er vol ſich gegen mich erlaubt, brauchte niemand zu hören— der gel Marcheſe Gaetano Fontana.“ Dieſe Worte ſprach der Advocat recht langſam, um den Eindruck derſelben auf den unbeweglichen Schreiber zu ver⸗ äl ſtärken. Dieſer ſchien denn auch überraſcht zu ſein und zeigte dieſes dadurch, daß er ſeine müden Blicke einen Moment ſtarr auf das Geſicht ſeines Herrn richtete und dann leicht mit dem Kopfe ſchüttelte. le „Der Marcheſe Gaetano Fontana,“ wiederholte der Advocat. „Kommt unerwartet und ſchnell,“ ſagte der alte Schrei⸗ ber,„man hätte uns davon in Kenntniß ſetzen ſollen. Mir ⸗ ſcheint, der deutſche Doctor iſt kein beſonderer Galantuomo.“ „Ein Schurke iſt's,“ rief entrüſtet Don Nicola,„und dabei ein feiger Hund, wie ich denke! Läßt mir da mir nichts dir nichts einen ſolchen Menſchen entſpringen, und wenn das Unglück einmal geſchehen iſt, ſetzt er ſich nicht einmal hin und telegraphirt, was geſchehen! Iſt das eine Art, mit reellen Geſchäftsleuten, wie wir ſind, umzugehen?“ „Und obendrein wird er wohl noch wahnſinnig ſein,“ 11 meinte der Schreiber mit einem melancholiſchen Lächeln. „Toll genug war er wenigſtens mir gegenüber, bei San Gennaro! Hätte irgend ein Unbefangener ſeine Reden gehört, er müßte es mir bezeugen, daß dieſer junge Menſch immer noch ins Tollhaus gehört.“ „Hm!“ machte der alte Schreiber, indem er einen Au⸗ — —————44— —0— er —— genblick den Kopf bedächtig hin und her w für eine Sekunde aufſchaute. vollſtändig verſtanden. geh Der Advocat und ſiein Client. iegte und dann Der Advocat hatte dieſen Blick, ſo kurz er war, doch „Nein, nein,“ ſagte er alsdann,„das t nicht, daran könnten wir ſchei ern.“ er Macheſe Gaetano Fontana?“ „Und war es in der That d ſenden wieder erkannt, etwas „Ich hätte ihn unter Tau aͤlter geworden iſt er.“ „Und hat er ſcch legitimirt?“ Pah, wie ſollte er? Er iſt älter geworden,“ wiederholte und ſcheint gute Ratygeber zu haben; er ver⸗ at zu dieſem Zwecke unſeren Vollmachten verſehen.“ „ der Advocat,„ langt Rechnungs⸗Ablage und h Freund, den Advocaten Cerdoni, mit „Da muß man zuvorkommen.“ „Das iſt auch weine Anſicht, aber wie?“ „Ueberlegen wir es genau. Zuerſt muß man erfahren, an wen er ſich hält und wie er umgeben iſt— wo er wohnt, wiſſen wir ja, er kam mit der Equipage des Hotels de Rome.“ Der Advocat blickte nachdenkend an den blauen Himmel hinauf und ſchien zu überlegen. „Da war der Vetter dieſes Herrn Marcheſe,“ fuhr der der wollte uns auch Geſchichten machen, alte Schreiber fort,„ der weiten Welt ſitzen und jetzt wird er wohl irgendwo in ſich nach dem ſchönen Neapel ſehnen.“ „Ihr habt Recht, Don Giovanni,“ erwiderte der Ad⸗ vocat,„erkundigen wir uns genau, was er thut und treibt. Die Form der Höflichkeit, die man ge Augen ſetzen ſollte, verlangt, daß ich ihm einen Gegenbeſuch mache; ich will ſchon dafür ſorgen, daß ich es heute oder ſpäteſtens morgen erfahre, wann er ausgeflogen iſt, denn gen niemand aus den 50 tete ſich Ma Eint ſtärk dieſes ſtarr mit Advo . 1 ber,„ ſchein dabei dir ni Unglü und te Geſchä „ meinte / 8 Gennan er müß noch in „H 52 Sechszigſtes Kapietel. Der Adv. u. ſ. Client. begreiflicher Weiſe mag ich ihm nicht ſogleich wieder begeg⸗ nen. Mein Gevatter, der Beeſitzer des Hotels, wird mir ſchon mit guter Auskunft an die? Hand gehen.“ Der alte Schreiber mickte mit dem Kopfe, dann ſagte er ſehr langſam:„Der T ſetter dieſes Herrn Marcheſe wun⸗ derte ſich außerordentlich, als er in einer Nacht aufgehoben und fort transportirt wufrde; ich hoffe, dieſer ſoll ſich auch verwundern.“ „Gott wolle es! Aber wir müſſen umſichtig zu Werke gehen.“ 8 „Das wird nie verſäumt,“ verſetzte der alte Schreiber, und dann zog er ſich auf einen Wink des Advocaten lang⸗ ſam in ſeine Schreibſtube zurück. Der des Hote ſchon ſei geweſen ſehen, di die Meh Hauſe ſt derbaren ſuchen. Ein angekom nach ein ihn ang meinſche zuweiler auf den Ausſich ent. der begeg⸗ mir ſchon ann ſagte deſe wun⸗ ufgehoben ſich auch zu Werke Schreiber, ten lang— Einundſechszigſtes Kapitel. Iuſſuf. — Der Herr von Saint⸗Alban war, wie er dem Wirthe des Hotels de Rome eines Tages geſprächsweiſe mitgetheilt, ſchon ſeit mehreren Jahren nicht mehr im ſchönen Neapel geweſen und freute ſich nun ſehr, alle dieſe Orte wieder zu ſehen, die er früher ſo reizend gefunden. Er machte es, wie die Mehrzahl der Fremden, die den Tag über wenig zu Hauſe ſind und bald zu Wagen, bald zu Schiffe die wun⸗ derbaren Umgebungen der herrlichſten Stadt der Erde be⸗ ſuchen. Ein junger Mann, der mit ihm auf demſelben Dampfer angekommen war, ſeinem Paſſe und auch ſeinem Ausſehen nach ein Engländer, hatte ſich nach Verlauf einiger Tage an ihn angeſchloſſen, und Beide machten nun die Ausflüge ge⸗ meinſchaftlich. Häufig waren ſie auf dem Poſilippo, fuhren zuweilen nach Reſina und Torre del Greco, ritten auch wohl auf den Vomero hinauf, um dort in Camaldoli die entzückende Ausſicht zu genießen. Wenn der Engländer allein ausging, —————yyy— ——ÿ— — Einundſechszigſtes Kapitel. ſo begleitete ihn der Lohnbediente nach dem ehemaligen Mu- seo borbonico, jetzt Museo nazionale, wo er eifrige Studien zu machen ſchien. Der Herr von Saint⸗Alban lebte wie ein Mann, der über gute Mittel zu verfügen hat; er bewohnte ein paar der beſten Zimmer des Hotels, fuhr häufig in der Equipage des Hauſes, ſpeiſ'te öfters auf ſeinem Zimmer mit dem Eng⸗ länder, alles Dinge, welche man beim offenen Italiener zum großen Luxus rechnen kann. Dabei verlangte er nach Ab⸗ lauf der erſten acht Tage ſeine Rechnung und bezahlte, ohne dieſelbe beſonders genau in ihren Einzelheiten zu betrachten. Seine Dienerſchaft beſtand aus einem Kammerdiener, welcher dem Wirthe und den Kellnern intereſſanter erſchien, als der Herr ſelbſt. Man hatte bald aus ihm herausgebracht, daß er ein Indier ſei, der Italieniſch ein wenig verſtand, obgleich nicht ſprach. In den erſten Tagen hätte man ihn für ſtumm ge⸗ halten, denn er behalf ſich mit Winken und Pantomimen, und es war ihm ein Leichtes, ſich darin der Dienerſchaft des Hauſes, welche faſt nur aus Neapolitanern beſtand, ver⸗ ſtändlich zu machen; denn kein Volk der Welt iſt ſo im Stande, einen Blick zu verſtehen, eine Geberde, einen Wink, wie das neapolitaniſche. 3 Als Juſſuf endlich anfing zu reden, machte er übrigens davon einen ſehr mäßigen Gebrauch, und er konnte ſtunden⸗ lang unter der Thür des Hotels ſtehen, ohne auf die vielen Fragen ſeiner redſeligen Collegen eine Antwort zu geben. Der Ober⸗Kellner des Hotels, der ein gereiſ'ter Mann und ſogar ſchon in Rom geweſen war, verſicherte, der Indier habe jedenfalls in irgend einem Harem als Stummer gedient ————————— ent — — ö—— Juſſuf. 55 und könne es ſich nun ſchwer angewöhnen, wieder wie andere ehrliche Menſchen zu reden, eine Vermuthung, die ihn übri⸗ gens noch intereſſanter machte und den Anderen zu vielen Fragen Veranlaſſung gab, die er aber meiſtens nur durch Kopfſchütteln und Achſelzucken beantwortete. Seinem Herrn ſchien er unbedingt ergeben zu ſein und war von einer Sorgfalt und Pünktlichkeit, daß der Herr von Saint⸗Alban ſeinem jungen Freunde, dem Engländer, ver⸗ ſicherte, er habe nie einen beſſeren Diener gehabt. Eigenthümlich war es dabei, daß er nur ungern, ja, mit Widerwillen das Haus verließ. Einige Male hatte ihn ſein Herr auf irgend einen kleinen Ausflug mitgenommen und war dabei ſo freundlich geweſen, ihn an einem kleinen ländlichen Mahle Theil nehmen laſſen zu wollen, was aber der Indier beharrlich verweigerte; und als man ihm endlich Wein und Brod aufgedrungen, indem man ihm befahl, es zu nehmen, hatte der Engländer bemerkt, wie er das Brod, als er ſich ungeſehen glaubte, weit von ſich warf und den Wein auf den Boden ſchüttete. Bander legte übrigens keinen Werth auf dieſe Ent⸗ deckung, da ihm die Eigenthümlichkeiten der Indier in Be⸗ treff von Speiſe und Trank wohl bekannt waren und da auch Gaetano wiederholt verſicherte, er habe nie einen beſſeren und, wie er überzeugt ſei, anhänglicheren Diener gehabt, als dieſen. Dabei war auch Juſſuf nicht eigennützig, er hatte die mäßigſten Forderungen geſtellt, und da Geld und Koſt⸗ barkeiten überhaupt keinen Werth für ihn zu haben ſchienen, ſo paßte er auch in dieſer Richtung vollkommen für den neuen Herrn; denn der Marcheſe vergaß faſt beſtändig ſeine Brieftaſche, die einen großen Werth in Banknoten enthielt, —- 8 .. —— 56 Einundſechszigſtes Kapitel. einzuſchließen, oder ſeine Börſe, die voll Gold war, zu ſich zu nehmen, oder eine Schatulle, in der er wichtige Papiere hatte, aus den Augen ſeines Dieners zu entfernen, ja, der Schlüſſel zu dieſer Schatulle befand ſich meiſtens in ſeiner Börſe. Nachdem wir alles dieſes und damit die Wahrheit zu Gunſten Juſſuf's geſagt, hätte es einem unbefangenen Beob⸗ achter allerdings ſeltſam erſcheinen müſſen, daß der Indier, als ſein Herr eines Morgens mit dem Engländer nach Pompeji gefahren war und abermals ſeine Börſe zurückge⸗ laſſen hatte, vor dem Tiſche ſtand, auf welchem dieſe lag, und das Gold, welches zwiſchen dem ſeidenen Netzwerke her⸗ vorfunkelte, gierigen Auges betrachtete. Einen Moment be⸗ deckte er ſeine Augen mit der rechten Hand, dann wandte er ſich nach den Thüren, welche das Zimmer hatte, und ſchloß alle nach einander zu, zuerſt die, welche zur Treppe führte, dann die ins Nebenzimmer und dann die dritte, welche auf den breiten Balcon vor dem Hauſe mündete, der über dem Meere gelegen war und von wo man eine entzückende Ausſicht auf den weiten Golf hatte. Letztere Thür, eine Glasthür, hatte eine bewegliche Fenſterſcheibe, die ſich nach außen zu öffnete und welche des Luftzuges wegen beſtändig offen ſtand, doch fiel von innen vor derſelben ein grüner Vorhang hinab, welcher jeden Unberufenen hinderte, in das Zimmer zu ſchauen. Hierauf trat Juſſuf wieder an den Tiſch, nahm die Börſe ſeines Herrn in die Hand, zog den Ring auf der einen Seite zurück und nahm von dort, zwiſchen dem Golde hervor, den kleinen Schlüſſel zur Schatulle, öffnete dieſelbe und legte mit der größten Ruhe ein Papier um das andere, Juſſuf. 57 welches er hier vorfand, auf die Seite, bis er ziemlich tief ein ) 3 kleines goldenes Medaillon fand, das er herausnahm, die r Feder deſſelben ſpielen ließ, und als der Deckel aufſprang, r mit finſterem Blicke ein kleines Miniatur⸗Portrait betrachtete, welches ſich zeigte. 1 8 Lange heftete er ſeine Augen darauf und ſprach dann . kopfnickend zu ſich ſelber:„Ja, ja, es iſt das Bild der Herrin, das er ſo oft anſchaut und an ſeine Lippen drückt. Verflucht 9 ſeien dieſe Lippen, welche Kummer und Trauer in das Haus 3 brachten, wo ich ſo glücklich und zufrieden war! Verflucht er ſelbſt, der das Herz des Weibes ſtahl, die meinem armen, unglücklichen Herrn alles iſt! Der jenes Licht auszulöſchen 4 trachtete, welches ihm in der Nacht ſeiner Krankheit allein e Troſt und Erquickung bot! Verflucht ſei er, und geſegnet das d* Gebot meines Herrn, welches mich wie die finſtere Göttin e„ ſelbſt an ſeine Ferſen heftet!“ e Nachdem er das Medaillon geſchloſſen und wieder an T V ſeine Stelle gelegt, ballte er ſeine linke Hand um das rothe 34 Palu, welches ihm zum Gürtel diente:„Schande über mich,“ e fuhr er dann in dumpfem, grollendem Tone fort,„daß ich h mich benommen wie ein Sotah, ich, deſſen Hand bis jetzt 1 g nie gezittert! Die Göttin möge mir verzeihen und tödtlich 5 treffen jene verruchte Fauſt, die mich an der Ausübung mei⸗ s„ ner heiligen Pflicht verhindert— „— Ihn im Schlafe treffen darf ich nicht, und fern von ie dieſem Hauſe auf einſamen und engen Wegen, wo es mir er ein Leichtes geweſen wäre, ihn zu treffen, bewacht ihn der de Andere mit einer ſo ängſtlichen Sorgfalt, als ahne er, daß be jenem Haupte Unheil drohe— „Darum Geduld! Aus den Augen laſſe ich ihn nicht —.—— —— — — —— — ——— . Einundſechszigſtes Kapitel. mehr, und die Zeit wird ſchon kommen, wo ich ihn ſicher verderben kann!“ Nach dieſen Worten, die er halblaut vor ſich hinſprach, deckte er die Papiere über das Medaillon, ſchloß die Schatulle zu und hatte auch eben den Schlüſſel wieder in die Börſe geſteckt, als er draußen auf dem breiten Balcone, der an dieſer ganzen Seite des Hauſes hinlief und auf den ſich auch die Thüren der benachbarten Gemächer öffneten, Stimmen vernahm, welche ſich dem Klange nach der Glasthür des Gemaches, in dem er ſich befand, näherten. Er blieb einen Augenblick horchend ſtehen, dann trat er mit leiſen Schritten dicht neben jene Glasthür, um ſie, wenn die Sprechenden ſich entfernt hätten, wieder zu öffnen. Jetzt vernahm er die Stimme des Wirthes, welcher ſagte:„Ihr habt Euch lange nicht bei uns ſehen laſſen, Gevatter Don Nicola,“ worauf eine andere Stimme antwortete: „Geſchäfte, Gevatter Don Francesco, eine Ueberhäufung von Geſchäften.“ „Die Euch wohl ſchmecken! Ihr habt nächſtens die größte Praxis von Neapel; was müßt Ihr für ein Geld einnehmen!“ „Es geht ſo an, doch hat man auch auf allen Seiten Verluſte und die Speſen ſind beträchtlicher, als Ihr ſie Euch nur denken könnt. Jeder, der für uns eine Hand rührt, will fürſtlich belohnt ſein; ſie meinen, das Geld fiele bei uns zum Schornſteine herein.“ „ungefähr iſt es auch ſo,“ erwiderte der Gaſtwirth lachend. „Nun, ich klage auch nicht. Jeder muß in den jetzigen ſchweren Zeiten zufrieden ſein, wenn er nur ſein behagliches 0 4 Juſſuf. 59 Auskommen hat, und daran fehlt es Euch auch nicht, Ge⸗ vatter Don Francesco; habt Ihr doch hier einen Palaſt mit einer Ausſicht, wie man ihn nicht zweimal in Neapel findet.“ „Was thue ich mit dem Palaſte und der ſchönen Aus⸗ ſicht! Das alles genießen andere Leute, und ich muß noch obendrein froh ſein, wenn es uns ſo wohl wird, daß wir uns mit ein paar kleinen Zimmern begnügen müſſen; denn wenn ich auf meinem Balcone ſitzen kann und dem Rauche des Veſuvs zuſchauen, dann raucht der Küchen⸗Schornſtein ſchlecht und die Ausſicht in meinen Geldbeutel iſt betrüben⸗ der Art. Leider Gottes war es in den letzten Jahren nicht brillant.“ „Euer Haus iſt nicht voll?“ fragte die andere Stimme. „Richt zur Hälfte und wenig reiche Familien; ich habe viele einzelne Herren, die immer nach den wohlfeilſten Zim⸗ mern fragen und denen meine Reſtauration zu theuer iſt.⸗ Der Gaſtwirth ſchloß mit einem bezeichnenden Seufzer. „Da fällt mir ein,“ ſagte der Andere nach einer Pauſe, „daß ich jetzt, wo ich gerade hier bin, einen Gegenbeſuch machen kann, dem Marcheſe Gaetano Fontana. Nun, das iſt doch keiner von denen, die wohlfeile Zimmer wollen und dem Eure Reſtauration zu theuer iſt?“ „Wie ſagtet Ihr, Don Nicola, wen wolltet Ihr bei mir beſuchen?“ „Nun, den Marcheſe Gaetano Fontana, den Sohn der verſtorbenen Marcheſa, welcher San Giorgio, Fontana und noch andere ſchöne Beſitzungen gehörten.“ „Ah, deren Geſchäftsmann Ihr waret? Der wohnt nicht bei mir.“ „Wie, der wohnt nicht bei Euch? Er war bei mir und—“ ——jj —2—- Einundſechszigſtes Kapitel. „Sagte er, er wohne im Hotel de Rome?“ „Das gerade nicht, aber er kam in dem Wagen Eures Hotels, Don Francesco.“ „Das verſtehe ich nicht! Im Wagen des Hotels fah⸗ ren allerdings nur Leute, die bei mir wohnen. Wie ſah er aus?“ „Ein junger, hübſcher Mann, elegant gekleidet, mit ſchwarzem Haar und Bart und etwas bleichen Geſichtszügen.“ „Wer könnte das ſein?— Ein junger Mann— laßt mich nachdenken, Don Nicela! Der Engländer auf Numero 14 i*ſt ſelbſtredend blond— und kam in meinem Wagen? Wann war das?“ „Letzten Mittwoch, Morgens um elf Uhr.“ „Letzten Mittwoch? Laßt mich nachdenken, wer in dem Wagen ausgeflogen iſt— ah, der Herr von Saint⸗Alban.“ Juſſuf, welcher noch immer an der Glasthüre ſtand, auf das Weggehen der Beiden wartend und dem das Geſpräch bis jetzt vollkommen gleichgültig geweſen war, horchte auf, als der Name ſeines Herrn genannt wurde. „Herr von Saint⸗Alban?“ wiederholte die eine Stimme im Tone der Verwunderung.„Und das iſt ein ſchöner, junger Mann, elegant gekleidet?“ „Mit bleichen Geſichtszügen und ſchwarzem Haar und Bart,“ ergänzte ihn der Gaſtwirth;„ich erinnere mich, der fuhr am vergangenen Mittwoch gegen halb elf Uhr im Wa⸗ gen des Hotels aus. Und das wäre der Marcheſe Gaetano Fontana?“ „Daran iſt eben ſo wenig ein Zweifel, als daß Ihr mein verehrter Gevatter Don Francesco ſeid, der Beſitzer des ſchönen Hotels de Rome.“ Juſſuf. 61 „Ei— ei—ei, Don Nicola, und weßhalb führt der junge Mann hier bei uns nicht ſeinen ſchönen Namen?“ „Darüber bin auch ich erſtaunt, wenn er nicht vielleicht Urſache hat, dieſen Namen zu verbergen, Gevatter; denket an die Zeit, in der wir leben. Wo kam er her?“ „Wie ich zufällig erfuhr, aus Deutſchland, doch war er auch im Rom.“ „Aha, er war in Rom, jetzt löſen ſich mir auf einmal alle Räthſel. Erinnert Ihr Euch noch des Don Giuſeppe di Fontana, der auch in Rom war, darauf hier ſein Weſen trieb und froh ſein mußte, daß er nur ausgewieſen und nicht erſchoſſen ward? Jener, der Don Giuſeppe nämlich, war ein ſanfter Charakter im Vergleiche zu dieſem; ich ſage Euch, Gevatter, das iſt ein rabiater Kopf, es ſollte mich wundern, wenn er nicht von hier aus direct in die Berge ginge und eine Bande um ſich verſammelte.“ „Jeſus Maria!“ rief der Gaſtwirth erſchrocken,„ſo'was könnte mir fehlen! Habe ich nicht damals genug Aergerniß, Verdruß und Schaden gehabt, als ſie behaupten wollten, der Borges ſei ein paar Nächte in meinem Hauſe geweſen, und es war doch kein wahres Wort daran; der arme Teufel, den ſie ſo ſchmachvoll im Stiche ließen, hat nie daran gedacht, die Stadt zu beſuchen; auch nach dem General Chiavone haben ſie'mal leiſe bei mir herumgefühlt.“ „Der hätte es ſchon eher gewagt, bequem an Eurer Table d'hôte Platz zu nehmen.“ „Wäre mir lieber, als alle die Anderen, aber ſo etwas, Don Nicola, bringt einem honnetten Gaſtwirthe nur S den; einige Familien zogen damals aus, und als ic 62 Einundſechszigſtes Kapitel. bei den Piemonteſen beſchwerte und Schadenerſ ſo lachten ſie mich aus, die—“ „Zt, Gevatter! So'was kann man denken, aber man ſagt es nicht. Was jedoch unſeren jungen Herrn anbelangt, den hätten wir alſo gefunden; er nennt ſich hier Herr von Saint⸗Alban, war auch in Rom, ſchau— ſchau— und lebt auf einem ſehr anſtändigen Fuße?“ „Das thut er wohl, aber bei San Gennaro! Ich will ihn ausquartiren! Meint Ihr nicht auch, Gevatter Don Nicola?“ „Nur nichts übereilt! Verlaßt Euch auf mich! Haltet mich in Kenntniß von allem, was er thut und treibt, wohin er geht, welche Beſuche er macht oder empfängt, und Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, Ihr ſollt frühzeitig genug er⸗ fahren, wann Ihr gegen ihn handeln müßt. Iſt er zu Hauſe?“ „Nein, er iſt nach Pompeji.“ „Und ſeine Dienerſchaft?“ „Er hat nur einen einzigen Diener, einen Indier glaube ich, einen Kerl mit gelbem Geſichte. Dort ſind die Zimmer, die der Herr Marcheſe bewohnt.“ „Iſt der Bediente wohl zu Hauſe?“ „Ich glaube nicht. Nur wenn er ausgeht, ſchließt er dort die Glasthür; wenn Ihr wollt, klopfe ich einmal an.“ „Thut das, Gevatter.“ Darauf trat der Hausherr an die Glasthür, klopfte ein paar Mal laut an, und als drinnen alles ſtill blieb, ſchob er mit der Hand den grünen Vorhang etwas zurück und rief t, daß das ganze Zimmer ſchallte:„Signor Juſſuf zu Hauſe?“ erfolgte keine Antwort, und darauf nahmen die atz verlangte, 7 de re Juſſuf. 63 Beiden auf dem Balcone ihr Geſpräch wieder auf, welchem der Indier im Zimmer gleich nach den erſten Worten ein noch aufmerkſameres Ohr lieh, als es bisher geſchehen. „Alſo er war bei Euch, Don Nicola?“ fragte der Gaſtwirth. „Das verſteht ſich wohl von ſelbſt; bin ich doch der Geſchäftsmann der Frau Marcheſa, welche mir vor ihrem Tode ausgedehnte Vollmachten übergab. Dieſer junge Herr hat nichts von ſeiner Mutter, er iſt von einer Rohheit, einer AAnmaßung, daß Einem die Haare zu Berge ſtehen; unter uns geſagt, hat er ſich in Deutſchland, wo er ein paar Jahre war, ſo aufgeführt, daß die Nachrichten über ihn viel zum Tode der Frau Marcheſa beigetragen haben.“ „Bei San Gennaro, ich bin froh, daß Ihr mir das ſagt!“ „Er bezahlt doch pünktlich?“ „O, daran fehlt's nicht! Er bezahlt, was wir ihm be⸗ rechnen.“ „Draußen war er ein Verſchwender und jetzt wird er ebenfalls das Geld zum Fenſter hinauswerfen. Glaubt mir, Gevatter, ein gefährlicher junger Menſch! Denkt nur, über was für Mittel der zu verfügen hat! Wenn er heute eine Anweiſung von hunderttauſend Ducaten verlangt, ſo darf ich keinen Anſtand nehmen, ſie ihm auszufertigen. Der verſtor⸗ bene Marcheſe, ſein Vater, war ein genauer Freund König Ferdinand's. Dieſer kommt von Rom und tritt hier unter einem falſchen Namen auf; was iſt davon zu erwarten, he, Gevatter? Ich will es Euch ſagen, daß er hieher geſchickt iſt, um neue Unruhen anzuzetteln; die Madonna ſtehe uns bei, — als ob wir nicht ſchon an den alten genug hätten!“ „Wißt Ihr, was ich an Eurer Stelle thäte, Don Nicola? — ———y— 64 Einundſechszigſtes Kapitel. Ich würde den jungen Herrn vornehmen, würde ihm meine Vermuthungen über ihn frei und offen mittheilen, würde ihm ſagen, wie es hier ſteht, und daß er die Ausſicht hat, bei dem geringſten Beweiſe mit Pulver und Blei tractirt zu werden. O, Gevatter, ſie verſtehen keinen Spaß, dieſe Piemonteſen!“ „Wer weiß das beſſer, als ich? Haben ſie doch neulich in Ravello den vierzehnjährigen Sohn des Wirthes zur Gol⸗ denen Zwiebel erſchoſſen, weil er draußen mit einer Vogel⸗ flinte getroffen wurde.“ „Wer kann da helfen? Sie ſollen ſich in Acht nehmen, wenn es Einem verboten iſt, Waffen zu tragen; aber es wäre Chriſtenpflicht, den jungen Marcheſe zu warnen.“ „Den kennt Ihr ſchlecht, der würde Euch die ſchönſten Grobheiten ſagen. Glaubt Ihr denn nicht, daß ich ihm ins Gewiſſen geſprochen habe, wie ein Vater? Aber einmal und nicht wieder! Ich waſche meine Hände, und wenn ſie ihn feſtnehmen, ſo werde ich mich wahrhaftig nicht für ihn ver⸗ wenden, wie ich es für ſeinen Vetter gethan. Meinetwegen können ſie ihn erſchießen, ſobald ſie wollen, das iſt ein Tauge⸗ nichts, der je eher je beſſer aus der Welt kommt.“— Der Indier, der dieſe Worte hörte und auch verſtanden hatte, hielt ſich unbeweglich aber mit leuchtenden Augen hinter der Glasthür und murmelte, als der draußen das eben Er⸗ wähnte geſagt:„Unſer Ziel iſt das Gleiche, mit dem Manne könnte ich einen und denſelben Weg gehen; bin ich dochen mehr im Stande, das heilige Palu über ihn zu werfen, mir an jenem verfluchten Abende die Göttin genommen. „Was ich aber mit Euch redete, Don Francesco,! dt unter uns, miſcht Euch nicht hinein und ſeid dagegen— r⸗ ſichert, daß ich Euch von allem Nothwendigen in Kenntniß ſetzen fügte nen wiſſe Beſi ſes; und „Es Alb⸗ die Bre nich den fren Pr. ſche und mer 6⁵ Juſſuf. e M ſetzen werde. Wenn der Herr von Saint⸗Alban zurückkommt,“ n fügte er im Abgehen hinzu,„ſo ſagt ihm, ich habe ihm mei⸗ i nen Beſuch machen wollen. Dann noch Eines: Laßt es mich 1. wiſſen, wenn ſein Diener einmal allein zu Hauſe iſt.“ 4 Eine Stunde nach dieſem Vorfalle begegnete Juſſuf dem h Beſitzer des Hotels zufällig auf der großen Treppe des Hau⸗ ⸗ ſes; der Indier ſchien von draußen hereingekommen zu ſein ⸗ und wollte grüßend vorübergehen, als ihm der Wirth ſagte: „Es war vorhin jemand da, welcher den Herrn von Saint⸗ 1, Alban ſprechen wollte; hier iſt ſeine Karte; Ihr habt wohl 8 die Güte, ſie heute Abend zu übergeben.“ Juſſuf nahm die Karte in die Hand und las: Nicola n Brancaccio, worauf er den Wirth fragend anſah. 1s„Das iſt ein Advocat,“ erläuterte dieſer,„und wohnt nd nicht weit vom Mercato, ein kluger und ſehr gelehrter Mann, yn den ich Euch empfehle, Signor Juſſuf,“ ſetzte der Wirth r⸗ freundlich lächelnd hinzu,„wenn Euch'mal jemand einen en Proceß an den Hals wirft, was hier in Neapel leicht ge⸗ je⸗ ſchehen kann.“ Der Indier dankte mit einer leichten Neigung des Kopfes en und ſtieg alsdann langſam die Treppe hinauf nach den Zim⸗ er mern ſeines Herrn. r⸗ 112 bt kländer, Die dunkle Stunde. V⸗ — — — — — — —— —— 5 8 —-———-—-'——— — Zweiundſechszigſtes Kapitel. Die Braut des Advocaten. — Don Nicola ging von dem Hotel de Rome auf den Largo di Caſtello, nahm dort einen Carrocello und fuhr nach Hauſe. Statt aber die Treppe nach ſeiner Wohnung hinauf zu ſteigen, zog er drei Mal an der Glocke, worauf Michele herabkam, die brennende Pfeife in der Hand, die er aber beim Anblicke des Herrn in die Taſche ſteckte. „Rufe Battiſta,“ ſagte dieſer,„und folgt mir nach Avenella hinauf, dort werde ich euch an dem gewöhnlichen Platze erwarten.“ Hierauf beſtieg der Advocat ſeinen kleinen Wagen wieder und fuhr nach der Sallita dell' Infrascata, wo er ſich auf einen Eſel ſetzte und gegen Antignano hinaufritt. Don Nicola Brancaccio ſchien hier ein häufiger Kunde zu ſein, deſſen Gewohnheiten man kannte, denn der Eſel⸗ treiber hatte ſich beeilt, beim Anblicke des Herrn ein ſtatt⸗ liches Thier heran zu ziehen, ohne daß die Anderen Miene machten, ihm dieſe Beute zu beſtreiten. Anſtatt auch, wie Die Braut des Advocaten. ſie gewöhnlich thaten, den Eſel durch einen lauten Zungen⸗ ſchlag zum raſchen Laufe anzutreiben, hielt er ihn am Halfter zurück und veranlaßte ihn auf dieſe Art, langſam den Berg hinauf zu ſteigen. Der Advocat ſaß zuſammen⸗ gekrümmt auf dem Sattel, die Kniee ſeiner langen Beine ziemlich hoch hinaufgezogen, und vertiefte ſich in ſeine Be⸗ trachtungen. Dieſe waren nicht gerade zu angenehmer Art. Das ſo plötzliche Erſcheinen des jungen Marcheſe hatte auf ihn die gleiche Wirkung ausgeübt, wie ein Blitzſtrahl aus heiterer Luft, der glücklicher Weiſe hart an uns vorbeigefahren, dem aber noch gefährlichere folgen können— er verlangte Rech⸗ nungs⸗Ablage, das war leicht geſagt, aber ſchwer gethan. Zu einem ſolch rieſenhaften Geſchäfte wie eine Rechnungs⸗ Ablage dieſer weitläufigen Güter mit ihren zahlloſen Pro⸗ ceſſen mußte man gehörig Zeit haben, und die ſchien der Marcheſe nicht bewilligen zu wollen; hatte er doch in dem Advocaten Cerdoni, dem perſönlichen Feinde Don Nicola's, einen furchtbaren Treiber aufgeſtellt, der ihn gewiß nicht zu Athem kommen ließ. Ueberhaupt hatte ſich Signor Bran⸗ caccio eine ſolche Rechnungs⸗Ablage bisher nur gedacht ge⸗ genüber von lachenden Erben, die es vielleicht nicht ſo genau nahmen, oder im ſchlimmeren Falle vor dem Mar⸗ cheſe, wenn dieſer, durch Jahre lange Kerkerhaft mürbe und geſchmeidig gemacht, dieſe Angelenheit vielleicht freund⸗ ſchaftlich behandelt und ſeinen Namen ohne viel zu fragen dahin geſetzt hätte, wo es ihm der anerkannt tüchtige und redliche Geſchäftsmann des Hauſes— mit dieſem Prädicate ſchmeichelte ſich Don Nicola der Welt gegenüber— bezeichnet. Statt deſſen war ihm der Marcheſe auf den Leib gerückt. — 85 —— — —— — ——— , υ ——— — — — — 68 Zweiundſechszigſtes Kapitel. in einer Art, die man füglich mit dem Ausdrucke bezeichnen konnte: jemand die Piſtole auf die Bruſt ſetzen, und hatte einen ſolchen Haß, eine ſolche Rachſucht an den Tag gelegt, daß der Advocat das Schlimmſte erwarten mußte. Wenn er aber auch vielleicht nicht beſorgte, daß ihm bei einer Rech⸗ nungs⸗Ablage Sachen nachgewieſen wurden, welche ihn in unangenehmen Conflict mit dem Criminal hätten bringen können, ſo konnte er doch zum ſchleunigen Erſatz großartiger Einkünfte, welche in ſeine Caſſe gefloſſen waren, angehalten werden, und auf alle Fälle ging das vortheilhafte Geſchäft auf einen Anderen über. Grund genug, daß Don Nicola, während er langſam aufwärts ritt, grimmig ſeine linke Fauſt ballte und zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen Flüche und Verwünſchungen hervorſtieß gegen die Rückkunft des zungen Mannes, gegen dieſen ſelbſt und namentlich gegen Dr. Henderkopp, der ſich eine Beute, die ihm ja ſo nutzbringend war, hatte entgehen laſſen. So ſehr auch der Advocat die Schritte, welche gethan werden mußten und konnten, von allen Seiten betrachtete und überlegte, um an einem Abgrunde, der ſich vor ihm geöffnet, vorbei zu ſchlüpfen, ſo kam er doch immer wieder zu dem Reſultate, daß ſeine einzige Rettung darin beſtände, wenn es möglich wäre, den Marcheſe verſchwinden zu laſſen. Mit Zeit gewonnen war hier ſchon viel gewonnen, aben wie? Das war eine Frage, die er mit Sicherheit noch nicht zu löſen im Stande war. Hätten ſeine Gedanken die Kraft zu tödten gehabt, ſo wäre der junge Mann ſchon lange eines zehnfachen Todes geſtorben; hatte er das doch ſchon allein durch die Art und Weiſe verdient, wie er gegen ihn gen, den jungen Marcheſe verſchwinden zu laſſen. 4 „ Die Braut des Advocaten. 69 aufgetreten. Das Naheliegendſte war, ihn auf die gleiche Weiſe zu verderben, wie er Don Giuſeppe Fontana ins Verderben geſtürzt hatte,— dieſer hier aber ſchien umſich⸗ tiger, energiſcher, und traute dem Advocaten vor allen Dingen nicht; es war alſo ſchwerer, an ihn zu kommen. Wenn er ſich dieſe Schwierigkeiten auch nicht verhehlte, ſo kam er in ſeinen Gedanken doch immer wieder darauf zurück und wiederholte ſich die beiden ſchlagenden Gründe einer Verdächtigung: er war in Rom und trat hier unter einem anderen Namen auf, ſo daß dann nach Verlauf eines halb⸗ ſtündigen tiefen und ernſten Nachdenkens Don Nicola zu der Anſicht gekommen war, es ſei für ihn das einzige Mittel, ſowohl einer allzu ſtrengen Rechnungs⸗Ablage zu entgehen, dals auch um für die erlittene Beſchimpfung Rache zu erlan⸗ Dieſer endlich feſtſtehende Entſchluß, ſo wie das ſanfte Schaukeln auf dem Rücken des geduldigen Eſels beruhigten langſam die Nerven des Advocaten und erheiterten ſein Ge⸗ müth in gleichem Maße, wie er über das Häuſermeer der Stadt emporſtieg und nach und nach eine freiere Ausſicht gewann. In Antignano machte der Eſel einen leichten Verſuch bei ſeinen dort befindlichen Kameraden ſtehen zu bleiben und als er durch einen tüchtigen Hieb ſeines Treibers dara verhindert wurde, ſtieß er im Weitergehen ein klägliches Geſchrei aus. Bald hatte Don Nicola Avenella erreicht und ſah an dem Wege, welcher nach der Maſſeria di Fontana führte, Michele und Battiſta bereits ſitzen, die einen kürzeren Weg 70 Zweiundſechszigſtes Kapitel. eingeſchlagen hatten und ſo als rüſtige Fußgänger voraus⸗ Do geeilt waren. gen Der Herr wechſelte mit ſeinen Dienern nur einen leichten dar Blick des Einverſtändniſſes und ritt an ihnen vorüber. Hätte er ſich umgeſchaut, ſo würde er bemerkt haben, daß ſie ihm uunt in einiger Entfernung folgten und ſich ſpäter bei dem ver⸗ per laſſenen Schloſſe der Fontana ſo auf der Terraſſenmauer Le lagerten, daß ſie das Lorberwäldchen mit dem Hauſe des bie Pachters im Auge hatten. Bei der Unſicherheit, die ſich zu⸗ weilen in der nächſten Nähe von Neapel äußerte, war eine 3 derartige Vorſicht dem Advocaten um ſo weniger übel zu ſia nehmen, als er beſtändig in der Furcht lebte, der verwegene ſo Alonzo möchte Veranlaſſung nehmen, ihn mit einem zweiten 3 a Beſuche zu erfreuen. Dabei können wir nicht unterlaſſen,. einzugeſtehen, daß eben ſo viel die Leidenſchaft Don Nicola's ſe für Marietta als auch die Furcht vor dem berühmten Partei⸗ gänger ihn bewogen, die Familie des Pachters wohlwollend, zu faſt freundſchaftlich zu behandeln. Er ritt denn auch mit einer plötzlich angenommenen ſehr heitern Miene durch das Gitterthor an dem Lorber⸗ ha walde, das ihm der barfüßige Junge eilfertig geöffnet, und ha ls er die Frau des Rafajele wie gewöhnlich ſpinnend unter em Vordache ſitzen ſah, ſpendete er der Padrona einen de reundlichen Gruß und glitt ſo behende und leicht als es N ihm möglich war von dem Eſel herab, denn er hatte droben auf der Gallerie die ſchöne Marietta bemerkt, welche es bei n ähnlichen Gelegenheiten ſchon einige Mal nicht unterlaſſen ſe hatte, ihm Vorſicht anzuempfehlen, daß er aus dem Sattel ſteigend keinen Schaden nehme. Auch heute nickte ſie ihm ſe auffallend zu und rief in heiterm Tone hinab:„Piano, Die Braut des Advocaten. 71 2 aus⸗ Don Nicola, piano! Wenn man ſo ſcharf reitet, als Ihr gewöhnlich zu thun pflegt, da muß man vorſichtig abſitzen, 4 hten damit das erhitzte Thier nicht ſcheu wird.“ atte Rafajele war mit abgezogener Mütze näher getreten ihm und ſagte, auf ſeine Tochter deutend:„Die wird nicht eher ver⸗ verſtändig, Don Nicola, als bis Ihr ſie einmal feſt in die auer Lehre nehmt, und dann werdet Ihr ſchon Mittel finden, des dieſe übermüthige Zunge zum Schweigen zu bringen.“ zu⸗„Daran ſoll's nicht fehlen,“ erwiderte ſchmunzelnd der eine Advocat, indem er in die Höhe ſchauend ſeinen Blick mit zu ſichtlichem Wohlgefallen auf der ſchlanken und doch wieder gene ſo vollen Figur des jungen reizenden Mädchens ruhen ließ. iten„Mir ſcheint,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Marietta ſſen, 1. hat eine Ahnung von meinem Kommen gehabt. Iſt's nicht la's ſo, Carina?“ rtei⸗„Gewiß, Don Nicola,“ gab das übermüthige Mädchen tend zur Antwort;„als ich heute Morgen vor das Haus trat, lief eine dicke, häßliche Spinne über meinen Weg, und wie enen Ihr wißt, bedeutet das jedes Mal einen Beſuch; auch ber⸗ hat heute Nacht der Hund geheult, daß es nicht zum Aus— und halten war.“ mter„Ja, ja, Ihr habt Recht, Rafajele, man muß bald inen dazu thun, um ſie zu bändigen, und ich weiß ein prächtiges 3 es Mittel, das die tollſten Mädchen zahm gemacht hat.“ oben„Wenn Ihr es anwenden wollt,“ rief Marietta höh⸗ bei niſch,„ſo wird die Kraft dieſes Mittels nicht ſehr groß iſſe ſein. attel„Ich denke, du ſchweigſt jetzt ſtill,“ rief der Pachter zu ihm ſeiner Tochter hinauf,„ſtatt deiner loſen Reden ſollteſt du ano, —— 72 Zweiundſechszigſtes Kapitel. lieber herabkommen und für Don Nicola einige friſche Fei⸗ gen bringen.“ 1 „Laßt ſie nur droben,“ entgegnete der Advocat mit einem ſüßlichen Geſichtsausdrucke;„will ich doch ſelbſt einen Augenblick hinaufſteigen und nach meinem Zimmer ſehen.“ „Euer Zimmer?“ rief Marietta, welche dieſe Worte gehört hatte;„mit Verlaub, Signor Brancaccio, ich habe ſeit einigen Tagen das Zimmer für mich ſelbſt in Beſchlag genommen; ich wohne jetzt da, und wenn Ihr darin nicht einen Beweis der Anhänglichkeit ſeht, ſo verdient Ihr nicht, daß ich Euch jemals wieder mit meinen Augen, die ſo ſchön ſein ſollen, wie alle Menſchen ſagen, anſehe.“ „Birba!“ gab der Advocat zur Antwort, indem er ihr mit dem Finger hinaufdrohte, doch ſah man ſeinen Mienen deutlich an, es ſei ihm lieb, daß Marietta ſein Zimmer zu dem ihrigen gemacht.„Gut, gut,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu,„man muß dieſem Trotzkopfe ſchon ſei⸗ nen Willen thun, doch will ich nachſehen, welche Art von Unordnung ſie in meinem Zimmer angeſtellt.“ „Das wollt Ihr ſehen,“ ſagte das junge Mädchen mit leuchtenden Augen, indem ſie ſich leicht über die Brüſtung vorbeugte,„Ihr, Don Nicola Brancaccio, wollt in meinem Zimmer etwas ſehen? Da möcht' ich doch wiſſen, wie Ihr das anſtellen wollt, um hinein zu ſehen.“ „Natürlich werde ich zuerſt hineingehen.“ „Ihr wolltet in ein Zimmer gehen, welches ich bewohne? O, dies iſt Euer Scherz,“ ſagte Marietta in ſolch entſchloſ⸗ ſenem Tone, wobei ſie ſich hoch aufrichtete, daß der Advocat verwundert nach Rafajele blickte, der mit den Achſeln zuckte, worauf ſich die Frau des Pachters beeilte, zu ſagen:„Ihr Die Braut des Advocaten. 73 kennt ja ihre Grillen, es ſind freilich die Grillen eines jungen, übermüthigen Mädchens. Laßt ſie herabkommen— wie ich Marietta kenne,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu, „ſo finge ſie die ſchönſten Händel an, wenn Ihr in ihr Zimmer dringen wolltet— die Mädchen ſind nun einmal ſo.“ „Sangue di Dio!“ rief jetzt Rafajele mit einem erkün⸗ ſtelten Zorne ſeiner Tochter zu,„mache, daß du herunter⸗ kommſt und vernünftigere Reden angibſt, ſonſt—“ Marietta wandte ſich lachend um, ſchloß behutſam ihr Zimmer ab, worauf ſie den Schlüſſel deſſelben ſichtbar vor den Augen der Umſtehenden in ihr Mieder hineingleiten ließ, dann ſang ſie, die Treppe hinabſchlendernd, eines ihrer tollen Lieder: Figliulo cu chi Phai, cu chi l'hai Che quanno vide a me te vruccolie? La manco cosa che te credarrai Ca io moro pe te: vai in pazzia Vaje dicenno, ca lassata m'hai! E chi te votta che te raciulie? Nzorate: che te puozze annegrecare, Fatte le fatte tuoje, lassa me ire.“ „Ich möchte doch wiſſen,“ ſagte der Advocat, indem er ſich neben der Frau des Pachters niederließ, in faſt ärger⸗ lichem Tone,„wo das Mädchen nur alle dieſe Schelmen⸗ lieder her hat; hier herauf kommt doch niemand, der der⸗ gleichen ſingt; die Padrona iſt eine viel zu verſtändige Frau, um je dergleichen in ihrer Jugend gelernt zu haben, oder gibt vielleicht Rafajele ſeiner Tochter derartigen Unterricht?“ „Corpo di Diana,“ erwiderte der Maſſaro,„ich hätte Beſſeres zu thun, als ihr ſo was vorzuſingen; woher der⸗ gleichen aber die jungen Mädchen haben, das mag Gott 74 Zweiundſechszigſtes Kapitel. wiſſen! Ich glaube, Don Nicola, es liegt in der Luſt, denn bevor einem unreifen Ding noch das Mieder zu eng wird, ſingt ſie ſchon von Liebe und anderen Tollheiten.“ „Dagegen wäre nichts einzuwenden,“ ſagte der Advocat kopfſchüttelnd,„aber die Tarantelle, welche das junge Mäd⸗ chen ſingt, hört man ja kaum auf dem Molo und ſind mir gegenüber ganz unpaſſend.“ So Unrecht hatte er mit dieſer Aeußerung nicht, denn was Marietta ſo eben geſungen, hieß frei überſetzt ſo viel als:„Sag' mir, ſchöner Junge, was willſt du von mir? Was gibſt du mir ſo zärtliche Liebesblicke, wenn du mir begegneſt? Glaubſt du vielleicht, daß ich dich liebe, daß ich ſterbe für dich? Da biſt du ein Thor. Du ſagſt, du hätteſt mich verlaſſen? Aber was berechtigt dich zu ſolchem Wahne? Heirathe immerhin, geh' zum Henker, bekümmere dich um dich und laß mich in Ruh!“ „Ich möchte Zehn gegen Eins wetten,“ meinte der Pachter,„ſie weiß nicht, was ſie ſingt; wenn die Schnitter heraufkommen, da ſchnappt ſie vielleicht hier und da einige Verſe auf, aber ich will's ihr unterſagen.“ „Sie meint es gewiß nicht böſe,“ ſprach begütigend die Mutter und ſetzte dann gegen ihre Tochter gewandt, die langſam herankam, in nachdrücklichem Tone hinzu:„ZJetzt ſei ordentlich, Marietta, man ſollte doch wahrhaftig meinen, du habeſt endlich einmal deine Kinderſchuhe ausgetreten— reiche Don Nicola deine Hand.“ Das junge Mädchen hob langſam ihre Hand in die Höhe, ſchüttelte dieſelbe hoch in der Luft, ſo daß die weiten weißen Aermel von ihrem ſchönen vollen Arme herabfielen, doch legte ſie ihre kleinen Finger ſehr bedächtig, ohne dieſel⸗ — ‿ 4 Die Braut des Advocaten. g ben aber im Geringſten zu krümmen, auf die Handfläche 3 des Advocaten. Dabei ſchaute ſie ihm von unten herauf mit dem Ausdrucke der unbeſchreiblichſten Schelmerei in die 4 Augen und ſagte, ohne im Geringſten verlegen zu ſein: r„Glaubt es nur, Don Nicola, was meine Kinderſchuhe an⸗ belangt, ſo habe ich dieſelben längſt ausgetreten verlaſſen; 1 auch fühle ich mich nächſtens ſo geſetzt, ſo ruhig und ſo alt, I als Ihr es nur von mir verlangen könnt— wir werden 2 prächtig zu einander paſſen.“ r„So ſetze dich zu uns und ſei verſtändig.“ 1„Gewiß,“ gab ſie zur Antwort, und als ſie ſich hier⸗ 4 aif niederließ, waren alle ihre Bewegungen ſo phlegmatiſch, neomiſch ernſt und gemeſſen, daß ihr Vater die Lippen auf nander beißen mußte, um nicht laut hinaus zu lachen. So ſaßen die Vier eine Zeit lang ſchweigend bei ein⸗ der; Marietta blichte auf den Boden, und nur zuweilen tterleuchtete ein muthwilliges Lächeln auf ihrem Geſichte, un ſie ihren Bräutigam von der Seite anſah, der mit hagen friſche Feigen und Salami verſpeiſ'te, auch zuweilen in mit Waſſer vermiſcht aus ſeinem Glaſe trank, welches das junge Mädchen auffüllte und hinſchob, aber nur Widerſtreben und nachdem die Mutter ſie unter dem he am Rocke gezupft. Der Advocat dachte nach, ob es gerathen ſei, von der 8 inft des jungen Marcheſe zu ſprechen; die Anhänglichkeit jele's an ſeinen Herrn war ihm wohl bekannt, und er auch von der Familie des Pachters überzeugt zu laubte, daß ſie das Glück einer Verbindung der Tochter zm, dem reichen und angeſehenen Manne, wohl zu i wußte, ſo konnte man doch nicht wiſſen, wie ſich der — ——— — 76 Zweiundſechszigſtes Kapitel. Maſſaro zu ihm ſtellen würde, wenn er erführe, der Mar⸗ cheſe ſei nicht nur nach Neapel zurückkehrt, ſondern habe ſogleich angefangen, ihn, den Geſchäftsmann der Familie, in einen Proceß zu verwickeln. Er beſchloß deßhalb, vor der Hand zu ſchweigen, dagegen aber den Termin ſeiner baldigen Verheirathung endlich einmal feſtzuſetzen.„Mag dann kommen, was da will,“ dachte er mit einem lüſternen Blicke auf das ſchöne junge Mädchen,„ſo iſt dieſe Sache doch abgemacht.“ Er war deßhalb eben im Begriffe, Marietta ihr nahes Glück zu verkündigen, als er aufblickend einen jungen Mann durch das Lorberwäldchen auf das Haus zu⸗ kommen ſah, der ſo bekannt und ungezwungen that, als ſei er nicht zum erſten Male hier. Ans „Hm,“ hüſtelte Don Nicola ſo laut und vernehmlich, daß alle und auch Richter, der keine Ahnung von dem Gaſte hatte, aufblickten, und als er ihn jetzt bemerkte, plötzlich Miene machte, ſtehen zu bleiben. Rafajele, der das Peinliche der Lage einſah, ſich aber ſogleich wieder faßte, rief dem Zögernden mit lauter Stimme zu, näher zu treten; dann ſagte er mit dem unbefangenſten Tone von der Welt gegen den Advocaten gewandt:„Es iſt das ein Landſchafts⸗Maler, ein Fremder, der zuweilen hier heraufkommt, um bald hier, bald da zu zeichnen; er wohnt in Neapel, und wenn es ihm gar zu heiß wird, da ſetzt er ſich zu uns unter die Veranda, und es iſt wahrhaft komiſch“— dies ſprach er mit lauterer Stimme—„wie er ſich Mühe gibt, ſich verſtändlich zu machen, denn er kann nur ein paar Worte Italieniſch.“ Don Nicola blickte dem Ankommenden mißtrauiſch en c Die Braut des Advocaten. gegen, und als dieſer den Hut vor ihm abzog, nickte er ſchweigend mit dem Kopfe. Wir wiſſen, daß Richter kein allzu großer Held im Italieniſchen war, doch die Art, wie er jetzt nicht ohne Abſicht ſagte, er danke ſehr, daß man ihm erlaubt, hier zuweilen im Schatten niederzuſitzen, und komme, Abſchied zu nehmen, da er von heute an geſonnen ſei, ſich den Po⸗ ſilippo genauer anzuſehen, war in ſo furchtbar verdrehten und kaum verſtändlichen Worten geſetzt, daß ſelbſt der Ernſt des Geſchäftsmannes davor kaum Stich zu halten vermochte. Ein Glas Wein, welches man ihm bot, nahm der Landſchafts⸗Maler dankend an, dann reichte er Rafajele die Hand, ſchwang ſeinen Hut leicht gegen die Padrona und Marietta, ſagte noch einmal Addio und ging ohne umzu⸗ blicken den Weg zurück, den er gekommen war. Es war ein Glück, daß der Pachter in dieſem Augen⸗ blicke ſeine Tochter ins Haus ſchickte, um friſches Waſſer zu holen, denn Marietta hatte eine Bewegung gemacht, als wolle ſie dem jungen Manne folgen, und als ſie in das Dunkel des Hauſes getreten war, ſandte ſie ihm einen Blick nach, welchen ihr Bräutigam glücklicher Weiſe nicht ſah. Als ſie mit dem friſchen Waſſer wieder herauskam, hatte ſie die Lippen feſt zuſammengepreßt und ihre dunkeln Augen ruhten einen Moment mit dem Ausdrucke des Haſſes auf dem Geſichte des Advocaten; plötzlich aber flog ein muth⸗ williges Lächeln über ihre ſchönen Züge, und während ſie ſich wieder niederließ, ſagte ſie:„Es iſt ſchade, daß der Maler nicht mehr herkommt, ich mochte ihn wohl leiden, auch ſang er ſo ſchöne Lieder.“ Zweiundſechszigſtes Kapitel. „Wovon du vielleicht Einiges gelernt haſt?“ fragte Don Nicola nicht ohne Bitterkeit im Tone. „Wo denkt Ihr hin?“ antwortete Rafajele im Namen ſeiner Tochter,„wenn er geſungen hat, ſo war es in ſeiner barbariſchen Sprache, und auch das hat ſie nur von Weitem gehört.“. „Es iſt mir lieb, wenn ſie es nur von Weitem gehört hat,“ erwiderte der Advocat trocken,„ich für meine Perſon mag ſolche Herumſtreicher nicht leiden; mag der Henker wiſſen, wie ſich der hier heraufgefunden hat— kam er öfters?“ „Zwei dder drei Mal— auch habt Ihr ſelbſt gehört, Don Nicola, daß er jetzt nach dem Poſilippo hinüber will.“ Der Advocat nickte ein paarmal mit dem Kopfe, dachte über etwas nach und ſagte dann, indem er ſeine Nägel be⸗ trachtete:„Wenn es Euch recht iſt, Padrona, ſo wollen wir jetzt etwas Näheres beſtimmen über den Zeitpunkt unſerer Hochzeit. Marietta hat vorhin ſelbſt geſagt, daß ſie ver⸗ ſtändig genug für mich ſei, und damit ſie am Ende nicht gar zu verſtändig wird, iſt es beſſer, daß ich ſie ſo bald wie möglich in mein Haus führe.“ „Darin habt Ihr Recht, Signor Brancaccio,“ erwiderte das junge Mädchen, indem ſie höhniſch die Lippen aufzog und ihren rechten Arm herausfordernd in die Seite ſtemmte; „beſtimmt immerhin den Tag unſerer Hochzeit, aber vergeßt nicht, daß zu einer Heirath Zwei gehören und daß mir der Tag, den Ihr anſetzt, vollkommen conveniren muß; wann wäre denn ungefähr dieſer Tag, in zwei Jahren oder in drei?“ Ihre Mutter ſah ſie mit einem bittenden Geſichtsaus⸗ drucke an und ſagte, als die Tochter denſelben mit einer Die Braut des Advocaten. 79 ſchelmiſchen Geberde erwiderte:„Wir alle wiſſen, daß du nur Poſſen treibſt, Kind Marietta, und Signor Brancaccio weiß es auch, aber Poſſen, die man zu lange forttreibt, wer⸗ den albern, und ein Mädchen wie du, die ans Heirathen denkt, ſoll nicht mehr albern ſein— ſei verſtändig.“ Bei den letzten Worten hatte ſie die Hand ihrer Tochter langſam von der Hüfte entfernt und drückte ſie innig und bezeichnend, ehe ſie dieſelbe wieder losließ; doch gab das wilde, trotzige Mädchen nicht ſobald nach, nicht einmal zum Schein, wie ſie wohl wußte. „Will ich denn heirathen?“ fragte ſie, indem ſie den Kopf heftig aufwarf,„denke ich doch noch nicht einmal da⸗ ran! Mich will man heirathen, ehe ich noch Ja dazu geſagt, und will einen Tag dazu beſtimmen, ohne mich darum zu fragen. Eilt doch nicht ſo, Don Nicola; wir ſind Beide eigentlich noch viel zu jung zum Heirathen, und über Nacht kann uns ein anderer Sinn kommen.“ Rafajele ſchüttelte mißmuthig mit dem Kopfe und ſagte gegen den Advocaten gewandt, der dem übermüthigen Mäd⸗ chen finſter zuſchaute:„Laßt ſie nur ihre Narrenspoſſen machen, wir wiſſen am beſten, was dahinter ſteckt.“ „Nein, Ihr wißt's nicht, Vater,“ erwiderte Marietta mit komiſchem Ernſte, wobei ſie ihre Hand aufs Herz drückte;„Ihr wißt nicht, was dahinter ſteckt, Ihr wißt nicht, daß ich liebe.“ Die Frau des Pachters blickte erſchrocken zu ihrer Tochter 1 auf, und ſelbſt der Vater ſah mit verwunderten Augen zu ihr hin; der Advocat fuhr in die Höhe, als habe ihn ein Scorpion geſtochen, und rief aus:„Was ſagt das tolle Mädchen, ſie liebe?“ f —— e — — Zweiundſechszigſtes Kapitel. „Daran iſt doch nichts Arges,“ gab Marietta zur Ant⸗ wort.„Wäre ich weniger aufrichtig, ſo würde ich ſagen: ſoll eine Braut nicht ihren Bräutigam lieben, und obendrein einen Bräutigam wie Ihr, Don Nicola?“ „Nun denn bei der Madonna di Piedigrotta,“ ſprach der Advocat mit einem unbehaglichen Gefühl,„ſo ſage denn, wen du liebſt.“ „Wenn Ihr es durchaus wiſſen wollt, ſo ſage ich es Euch,“ erwiderte muthwillig lachend das junge Mädchen und ſetzte hinzu, während ſich ihre ſchönen Augen ſchwärmeriſch zum Himmel erhoben,„ich liebe unſern König Francesco secundo, den ſie uns leider vertrieben haben, woran auch Ihr ſchuld ſeid, Don Nicola; ja, den liebe ich und wollte lieber ſeine Frau ſein, als Königin von ganz Italien.“ Der Advocat hatte offenbar etwas Unangenehmeres zu hören erwartet und ſein ſcharf zuſammengezogener Mund öffnete ſich jetzt zu einem leichten Lächeln. „Seht Ihr, ſie kann die Narrenspoſſen nicht laſſen,“ ſagte Rafajele;„aber jetzt mache, daß du hineinkommſt,“ wandte er ſich gegen ſeine Tochter;„bei ernſten Dingen, die wir zu verhandeln haben, kann man deinen Vorwitz nicht gebrauchen.“ Marietta wandte ſich lachend gegen das Haus und ſagte noch im Abgehen:„Auch der General Garibaldi wäre mir anſtändig; doch hat er Unglück mit ſeinen Weibern, ſie ſagen, daß ſie ihm wegſterben, wie er ſie geheirathet hat, und ſterben möchte ich doch nicht, dann noch eher als Eure Frau.“ „Vorria, che curduana arreventasse, E n'mano a li scarpare mene jesse! zure Die Braut des Advocaten. Jesse no masto e tutta me tagliasse, Scarpetella de donna me faeese!“ ſang ſie mit ihrer hellklingenden, fröhlichen Stimme, wäh⸗ rend ſie im Hauſe verſchwand. Don Nicola blickte ihr mit einem leichten Seufzer nach und meinte:„Sie wird ſchwer zu erziehen ſein, man muß ihr einen feſten Willen zeigen, worauf der Pachter zur Ant⸗ wort gab:„Es iſt eine bekannte Thatſache, daß die luſtig⸗ ſten Mädchen die beſten und geſetzteſten Frauen werden, und was Marietta anbelangt, ſo iſt kein Falſch in ihr und ſie wird eine vortreffliche Frau ſein.“ „Denken wir aber daran, ſie bald dazu zu machen,“ verſetzte der Advocat kopfſchüttelnd;„ſie fängt ſich zu ſehr an zu fühlen, und wenn auch ihr Herz, wie ich überzeugt bin, noch rein und unſchuldig iſt, ſo iſt doch die Verführung groß in der verdorbenen Welt.“ Die Frau wollte eben etwas erwidern, doch ſchwieg ſie auf einen nur ihr bemerkbaren Blick Rafajele's, worauf dieſer ſagte:„Ihr wißt, Don Nicola, wie wir die Verbindung mit Euch uns zum Glück und zur Ehre ſchätzen, auch Marietta, deſſen kann ich Euch verſichern. Da wir nun auch überzeugt ſind, daß Ihr alles am beſten zu richten verſteht, ſo ſetzt einen Termin, welchen Ihr wollt, und wir werden damit einverſtanden ſein.“ „Sagen wir heute über vierzehn Tagen,“ erwiderte der Advocat. „Was meinſt du, Frau?“ Die Gefragte zuckte mit den Achſeln und meinte, nach⸗ dem ſie einen abermaligen Blick ihres Mannes deutlich ver⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 6 ———— 82 Zweiundſechszigſtes Kapitel. ſtanden:„Wenn es noch in dieſem Sommer ſein ſoll, ſo kann ich als Mutter verlangen, daß die Hochzeit nicht vor ſechs Wochen ſtatt findet.“ „So bleibt's denn dabei,“ ſagte der Advocat, indem er gufſtand und den beiden Eltern Marietta's die Hand reichte, „Von heute über ſechs Wochen.“ Unterdeſſen war das junge Mädchen auch wieder unter die Veranda getreten und hatte eine ganz veränderte, weit heiterere, ja, faſt glückliche Miene. Als Don Niccola jetzt auch ihr die Hand anbot, legte ſie die ihrige, ohne ſich eine Sekunde zu beſinnen, feſt hinein und ſagte in gutmüthigem Tone:„Nichts für ungut, Don Nicola, ich weiß wohl, daß ich ein dummes Ding bin, habe aber das Beſtreben, mich zu beſſern.“ „Wobei dich die Madonna in ihren Schutz nehme,“ ſagte der Advocat, während er ſich an ſeinen Eſel begab, welchen der Treiber auf einen Wink Rafajele's herbeigeführt; dann ſetzte er ſich auf und ritt in Begleitung des Maſſaro durch das Oliven⸗Wäldchen davon, nicht ohne ſich noch ein paarmal nach ſeiner Braut umzuſchauen, welche nur durch ein ernſtes Wort ihrer Mutter dazu vermocht werden konnte, ihm mit der Hand grüßend nachzuwinken. Kaum aber war die letzte Spur von dem Reiter zwiſchen den Gebüſchen verſchwunden, ſo erhob ſie ihre linke Hand in die Höhe, als halte ſie ein Tambourin, ſchlug mit der rechten dagegen und drehte ſich blitzſchnell einige Male im Kreiſe herum, während ſie nach der Weiſe der Tarantella „pecora mia, broccolo mio“ und ähnliche Thorheiten ſang. Die Mutter blickte beſorgt empor und ſagte kopfſchüt⸗ telnd:„Du haſt gut lachen und ſingen, du denkſt an gar u ſ 1 2 —-—— Die Braut des Advocaten. 83 nichts. Wenn nun der Signor Brancaccio unterwegs Don Enrico findet, dem ich Unklugheit genug zutraue, ſo lang⸗ ſame Schritte als möglich zu machen, und ihn mit zur Stadt nach deſſen Gaſthof nehmen will?“ „O, liebe Mutter,“ lachte Marietta,„Don Enrico iſt klüger, als Ihr glaubt; nachdem er vorn fortgegangen, iſt er von hinten ins Haus zurückgekehrt. Kommt nur heraus,“ rief ſie luſtig in die Stube hinein,„alles iſt fort, der Eſel und der Advocat. Gott ſei Dank, jetzt kann man endlich wieder frei aufathmen!“ Und das that ſie denn auch mit ſolcher Gewalt, daß ſie ihr Mieder faſt zu zerſprengen drohte, während ſie ihre leuchtenden Augen auf Richter wandte, der nun aus dem Hauſe hervortrat. Bald kehrte auch Rafajele zurück, und als er ſich wie⸗ der an dem Tiſche niederließ, ſagte er mit einem ſehr komi⸗ ſchen Geſichtsausdrucke:„Alſo in ſechs Wochen haſt du einen Schwiegerſohn, Signora Padrona,“ worauf die Frau achſel⸗ zuckend ſagte:„Ich kann das nicht ſo leicht nehmen, wie du; du weißt, wie gewaltthätig der Signor Brancaccio iſt und wie viele Macht er hat.“ „Aber auch wir ſind mächtig, nicht wahr, Marietta?“ „Das will ich meinen!“ rief luſtig das Mädchen und ſetzte zu Richter gewandt hinzu, der ſie mit einem ernſten, faſt trüben Blicke betrachtete:„Sechs Wochen iſt eine lange Zeit, da kann allerlei geſchehen. Der Veſuv kann ſo arg toben, daß wir ausziehen müſſen; der General Garibaldi kann mich zur Frau verlangen oder gar der Re Galantuomo, und da müßte ſogar der Signor Brancaccio zurückſtehen. Jetzt aber kommt zu unſeren Seidenraupen, daß wir ihnen Futter geben, die werden ordentlich Hunger bekommen haben.“ —— “ ——-— —õ——— —————==—— „ Zweiundſechszigſtes Kapitel. Nach dieſen Worten zog ſie Richter mit ſich fort, indem ſie ihn am Arme faßte, und als ſie einige Schritte gegangen waren, legte ſie ungezwungen ihre Hand auf ſeine Schulter und dann verſchwanden Beide im Anbau. „Bleibt Don Enrico noch lange bei uns?“ fragte die Frau in einem Tone, der faſt beſorgt klang. „Das hängt alles davon ab, daß unſer Herr, der Mar⸗ cheſe, eines Tages heraufkommt und auch dieſes Gut wieder übernimmt, hoffentlich baldigſt. Frau, ich glaube, du ver⸗ lierſt dann einen reichen Schwiegerſohn; was den da anbe⸗ langt,“ Rafajele winkte mit den Augen nach dem Anbau, „ſo mag ich ihn wohl leiden, und auch du wirſt nichts da⸗ gegen haben, wenn der Freund unſeres Herrn noch länger da bleibt.“ Daß Richter von dem gleichen Wunſche beſeelt war, brauchen wir dem geneigten Leſer wohl kaum zu ſagen; ſein Herz, welches in dieſer göttlichen Natur alle Feſſeln eines früheren eingeengten Lebens abgeſtreift, hatte hier ein neues Frühlingsdaſein begonnen. Wie oft ſprach er ſinnend das Wort des Dichters vor ſich hin von dem wunderſchönen Monat Mai, wo nicht nur alle Knospen ſprangen, ſondern wo auch in ſeinem Herzen die Liebe aufgegangen. Wie unend⸗ lich glücklich fühlte er ſich, wenn er in ihr wunderbares Auge blicken konnte, und daß ſie ihm das durchaus nicht verwehrte, ja, daß ſie ihn lächelnd betrachtete, wenn er ſeinen Blick in den ihrigen verſenkt, fachte ſeine Leidenſchaft nur noch hef⸗ tiger an; daß ſie aber dabei ſo ganz unbefangen neben ihm lebte, daß ſie ihm ruhig ihre Hand ließ, daß ſie ſich auf ſeine Schultern ſtützte, daß ihr kühles Haar häufig ſeine heiße Wange ſtreifte, wenn ſie ſich raſch niederbeugte, um in „—— 5 Die Braut des Advocaten. 85 1 ſeine Zeichnungen zu ſehen, daß ſie Stunden lang bei ihm auf ſeinem Zimmer ſitzen konnte und daß er ſie dort häufig ſchlummernd in dem großen Lehnſtuhle traf, wenn ſie in den heißen Stunden Sieſta hielt, das alles nahm er für ein un⸗ bedingtes Vertrauen in ſeine Redlichkeit, was es denn auch in der That war, und er hatte in ſeinem Herzen voll roman⸗ 4 tiſcher Poeſie feſt beſchloſſen, dieſes Vertrauen und mit ihm das Kind ſeines Wirthes, ſo wie die Braut eines Anderen zu achten und zu ehren. Wenn er oft ſeufzend vor ſich hin ſang: „Ihr Blick mir zugewendet, war Blitz und Schlag zugleich,“ ſo vergaß er nie, in wehmüthigem Tone hinzuzufügen: „Ich muß ſie einem Andern laſſen, Mir blühet dieſe Roſe nicht!“ 8* Zuweilen nahm Don Enrico einen gewaltigen Anlauf, 8 um ſich der gefährlichen Nachbarſchaft wenigſtens zeitweiſe zu entziehen, und dann ging er nach Neapel hinunter, be⸗ ſuchte die Freunde dort, machte auch wohl mit beiden einen kleinen Ausflug oder ließ ſich von Bander in die reichen Kunſtſchätze der Stadt einweihen. Doch ließ es ihn nie lange drunten, und eine einzige Nacht, die er nach einer Theater⸗Vorſtellung im Hotel de Rome zugebracht, wurde — ihm faſt zur Ewigkeit, und er konnte ſich nicht enthalten, ſie dadurch abzukürzen, daß er, um den prachtvollen Sonnen⸗ Aufgang nicht zu verlieren, ſchon vor vier Uhr den Vomero hinanſtieg und dann auch glücklicher Weiſe ſo früh nach Fontana kam, daß er den erſten Blick aus den glänzenden Augen Marietta's erhielt, als ſie, ihr Zimmer verlaſſend, ſich bei ſeinem endlichen Erſcheinen ſchmollend abwandte. So vergingen Tage und Wochen, ohne daß ſich weder — 86 Zweiundſechszigſtes Kapitel. im Hotel de Rome noch auf der Höhe des Vomero ſonder⸗ lich Merkwürdiges begab. Gaetano hatte häufig Verhand⸗ lungen mit Cerdoni, welcher allerdings ſchmunzelnd und die Hände reibend ſeine feſte Ueberzeugung ausſprach, daß es möglich ſein werde, dem Collegen Brancaccio hart an den Leib zu gehen.„Doch,“ ſetzte er hinzu,„wir haben es mit einem gar ſchlauen Fuchſe zu thun, der es verſuchen wird, uns zu entſchlüpfen, wo wir es am wenigſten erwarten. Vor allen Dingen will er Zeit gewinnen; das ſieht man ſchon daraus, daß er eine Friſt von vier Wochen verlangt, um Wie er ſich aber auch ſträubt,“ ſagte Cerdoni,„heran muß er, und wenn ich ihn einmal feſt gepackt habe, ſo will ich ihn ſchütteln, daß er nach San Gennaro ſchreien ſoll.“ Bander war meiſtens in der Geſellſchaft ſeines Freun⸗ des, und wenn dieſer ſeinen Geſchäften nachgehen mußte, ſo holte er ihn gewöhnlich an dem Orte ab, wo Jener zu thun hatte; auch waren Beide viel zu Hauſe, wo ſie von dem Wirthe, welcher das Incognito des Herrn von Saint⸗Alban zu achten ſchien, mit einer ausgezeichneten Höflichkeit behan⸗ delt wurden.— Was Juſſuf anbelangte, ſo lebte er ſtill und in ſich gekehrt, wie bisher, verließ ſelten das Haus, und wenn dies ja hier und da geſchah, wahrſcheinlich nur in Ge⸗ ſchäften ſeines Herrn. Denn wie der Lohnbediente des Ho⸗ tels, der eine Art geheimer Polizei ausübte, dem Wirthe ver⸗ ſicherte, ſehe man den Indier nirgendwo als manchmal aus dem Hauſe des Advocaten Brancaccio kommen, was auch ganz natürlich war, da er gewiß Botſchaften ſeines Herrn dem Geſchäftsmanne überbringen mußte. — -—.,.—0 ſonder⸗ rhand⸗ nd die aß es n den s mit wird, Vor ſchon um igen, unte. muß ich eun⸗ ſo zun em an Advocaten. 8⁷ or dem Hauſe der Maſſeria di Re Frau und Tochter, wie auch Don Enrico dei einem einfachen Nachteſſen, welches aber durch Frohſinn und Heiterkeit gewürzt war, als der kleine bar⸗ füßige Junge, der nebenan auf einem Baumſtumpfe kauerte und ſein Brod verzehrte, plötzlich ſeinen Kopf erhob, gegen die Straße horchte und dann zu dem Pachter ſagte:„Pa⸗ drone, es kommt ein Reiter über das Feld in vollem Galopp, und ich höre deutlich, daß es kein Eſel iſt, auf dem er ſitzt.“ „Er hat Recht,“ ſ der Hufſchlag eines Pferdes.“ „So gehe raſch und öffne das Gitterthor.“ „Auch wenn es ein Fremder iſt?“ fragte raſch der Knabe. „Auch dann; ſten Falles nicht viel können wir doch nichts machen.“ Der Knabe rannte nach dem Thore und kam gleich an der Seite des Reiters zurück; es war Bander, te Züge nicht viel agte Richter horchend,„es klingt wie wenn er allein iſt, ſo wird er uns ſchlimm⸗ ſchaden, folgen ihm aber mehrere, ſo darauf der ſehr bleich ausſah und deſſen erreg Gutes verſprachen. Rafajele trat beſorgt hinzu, gte er leiſe: und als er ihm Zügel und Steigbügel hielt, fra„Was hat es Schlimmes da unten gegeben?“ Bander forſchte einen Augenblick um ſich her und winkte mit dem Kopfe nach jenem barfüßigen Knaben hin, der nach hters augenblicklich in den Anbau ver⸗ einer Weiſung des Pas ſchwand.„Gaetano,“ ſagte er alsdann mit vor Aufregung zitternder Stimme,„iſt heute Mittag verhaftet worden.“ 88 „Santiſſima Madonna!“ 1 Wunden Chriſti willen, was hat's „Rede um Gottes willen, Bander! höchſter Beſtürzung und Spannung. „Was iſt viel darüber zu ſagen! häufig Vormittags in Geſchäften be ich ihn, aus dem Museo nazionale kommend kehren ins Hotel zurück; vor dem Wagen, und als wir ins Haus treten ſtörten Geſichter der Diener aus einander ſtieben, aber niemand, hineintreten, Soldaten. „Kaum ſind wir im Zimmer, ſo teren die Thür; haftsbefehl vor. da, G und ich Zweiundſech⸗ der uns ein Wort ſagt, eine Warnung zuflüſtert. ich begleite den Marcheſe begleite ihn an den Wagen. Wirth des Gaſthofes und ſpricht mit bek die Hoffnung aus, daß die Sache nich möge, worauf der Marcheſe ihn läch auf ſein Zimmer. agke ſelben hält ein verſ Wie wir bemerken wir einen Beamten der Polizei und ſchließt einer der letz⸗ der Beamte zeigte dem Marcheſe einen Ver⸗ Beſtürzt wie wir waren, ſtand ich ſprachlos getano aber faßte ſich raſch und ſagte zu mir: Befehl iſt in beſter Form ausgef einer Regierung leben, die ſich wird, ſo folge ich getroſt.“ „Der Beamte der Polizei Marcheſe unter dem Arme hatte, Handbewegung auf die Thür; „Der ertigt, und da wir unter mit Willkür nicht befaſſen welcher die Caſſette des deutete mit einer höflichen Gaetano nimmt einen Mantel Drunten ſteht der ümmertem Geſichte ts auf ſich haben elnd verſichert, er Richker in Gaetano war wie i ſeinem Advocaten, wo abholte; wir chloſſener ſehen wir die ver⸗ „ welche bei unſerem Anblicke als hätten ſie Geſpenſter geſehen— niemand, der uns Wir gehen die Treppe hinauf, A 2—— wi we A Ae Die Braut des Advocaten. 89 wünſche nur, daß alle Leute mit ſo gutem Gewiſſen ins Gefängniß gingen, wie er, noch hinzuſetzt: ‚Auf baldiges Wiederſehen!' und in den Wagen ſteigt, der mit ihm davon fährt.“ „Wohin?“ fragte Rafajele haſtig. „Nach der Vicaria,“ entgegnete Bander. „Und wo war Juſſuf?“ fragte Richter. „Im erſten Augenblicke dachten wir Beide nicht an ihn, als ich aber, allein zurückgeblieben, nach ihm fragte, ſagte mir der Wirth, auch er ſei verhaftet worden, dann winkte er mir in ſein Schreibzimmer, und als er die Thür hinter ſich zugeſchloſſen, ſchlug er wie entſetzt die Hände zuſammen und ſagte in kläglichem Tone: ‚O, Signor Bander, wer hätte das denken können!““ „Und was denn?“ rief Richter in höchſter Spannung. „Das war auch meine Frage, worauf mir der Wirth zur Antwoͤrt gab, der Polizei⸗Beamte ſei im Hauſe erſchie⸗ nen und habe ihm befohlen, ihn auf das Zimmer des Mar⸗ cheſe Gaetano Fontana, der ſich Herr von Saint⸗Alban nenne, zu begleiten. Nachdem dieſes geſchehen, habe der Beamte die Caſſette, welche er unter dem Arme mit ſich fortgetragen, bezeichnet und ſie von einem Manne, den er bei ſich hatte, öffnen laſſen. Nach kurzem Durchſuchen un— wichtiger Papiere ſei man endlich auf ein Paket geſtoßen, welches der Beamte geöffnet und in dem ſich des Marcheſe Correſpondenz mit Rom, Proclamationen des Königs Fran- cesco secundo, Befehle an die Häupter des Brigantaggio, Ausweiſe über die Stärke und Hülfsmittel derſelben und Aehnliches gefunden.“ „Unmöglich!“ rief Richter. —;— *— 90 Zweinndſechszigſtes Kapitel. Rafajele war gelb geworden wie eine unreife Citrone. „O, das iſt ſchlimm,“ ſagte er,„das iſt ſehr ſchlimm! War der Herr Marcheſe in Rom?“ „Allerdings war er dort,“ erwiderte Bander;„aber unmöglich iſt es, daß er ſich dort in Verbindungen einge⸗ laſſen.“ „Und man fand dieſe Papiere wirklich in ſeiner Caſſette?“ „Das iſt nicht zu läugnen. Ihr könnt Euch denken, daß ich nicht müßig war; ich eilte auf die engliſche Ge⸗ ſandtſchaft, ich erzählte den Fall, man zuckte mit den Achſeln und verſicherte, das ſei ein ſchlimmer Fall; ich ging auf die Geſandtſchaft Frankreichs— Gaetano hatte einen franzöſi⸗ ſchen Paß; dort rieth man mir, mich um dieſe Sache nicht allzu ſehr zu bekümmern, um nicht ſelbſt in Unannehmlich⸗ keiten zu kommen. Ich ſuchte den Advocaten Cerdoni auf und erzählte ihm das Vorgefallene ſo ausführlich, als ich konnte, ich verlangte ſeine Hülfe, ſeinen Rath— er über⸗ legte nicht lange, um mir zu ſagen, daß dieſes ein höchſt gefährlicher Handel ſei; ‚daß der Marcheſe in Rom war,“ ſagte er, ‚zeigt das Viſa ſeines Paſſes; daß er unter einem falſchen Namen mit einem fremden Paſſe hier erſchien, macht ihn verdächtig; daß man dieſe compromittirenden Briefe bei ihm gefunden, bringt die Behörde hier zur Gewißheit, daß ſie es mit einem höchſt gefährlichen Emmiſſär zu thun hat, — die Fontana's ſind ohnehin in Turin nicht gut ange⸗ ſchrieben. Glauben Sie mir' ſagte er in beſorgtem Tone, ‚die Sache kann einen übeln Ausgang nehmen.: „Sie glauben doch nicht, erwiderte ich dem Advocaten, daß der Marcheſe, deſſen Geſinnungen für ſein Vaterland Sie gewiß eben ſo gut kennen, wie ich, unabhängig, wie er hat, uge⸗ one, aten, land ie er Die Braut des Advocaten. 91 iſt, reich, hiehergekommen, um die wichtigſten Angelegenheiten zu ordnen, die Unklugheit haben würde, ſich zu ſo etwas gebrauchen zu laſſen? „Er ſchüttelte mit dem Kopfe; ‚ich glaube ſo wenig da— ran, als Sie; aber wer iſt im Stande, die vorliegenden gravirenden Beweiſe hinweg zu disputiren?“ „Aber dieſe Beweiſe ſind falſch! rief ich entrüſtet. „Zugeſtanden, mit vollkommener Ueberzeugung; aber woher wollen Sie beweiſen, daß ſie falſch ſind? Glauben Sie mir,“ fuhr der Advocat zutraulich fort, zich durchſchaue die ganze Geſchichte beſſer als Sie. Wie ſehr zur unrechten Zeit für gewiſſe Leute der Herr Marcheſe hier auftrat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, und man hat es gut angefangen, ihn zu verderben; aber bei San Gennaro, wie kann man ſo unklug ſein, auf ſeinem Tiſche ſeine Caſſette ſtehen zu haben, deren Inhalt man nicht wenigſtens einmal jeden Tag unterſucht!““ „Der junge Herr kennt Land und Leute nicht mehr,“ ſagte Rafajele mit tiefem Schmerze. „Und was rieth der Cerdoni?“ frug Richter. „Er wiederholte mir nur, was er, wie er behauptet, dem Marcheſe häufig gerathen, Neapel ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen und ſeinen Proceß von irgend einem beliebigen Orte aus durch mich führen zu laſſen.“ „Ein vortrefflicher Rath, wenn man in der Vicaria ſitzt,“ ſagte Rafajele achſelzuckend. „Und gäbe es keine Möglichkeit, die Pforten ſeines Ker⸗ kers zu öffnen?“ „Das wäre früher vielleicht angegangen, aber die Ver⸗ hältniſſe haben ſich da unten bedeutend geändert.“ — —— — 92 Zweiundſechszigſtes Kapitel. „Aber etwas muß geſchehen.“ einf „Wer ſieht das nicht ein?“ erwiderte Rafajele nach der V einem langen Nachdenken;„ſie verſtehen keinen Spaß und 1 machen gern kurzen Proceß.“ d „Ich bin rathlos und fürchte das Schlimmſte,“ ſagte Bander;„die Verhältniſſe dieſes Landes kenne ich zu unge⸗ dul nau, und was mir Leute, denen ich vertrauen kann, über du ähnliche Fälle ſagten, hat mich aufs tiefſte erſchüttert. Wir all V haben unſerem Freunde verſprochen, ihm zu helfen, wir dürfen 18 A die Hände nicht müßig in den Schooß legen.“ „Pel sangue d'un can cattivo!“ rief Rafajele;„auf zun 1 Eure Art helfen zu wollen, iſt gerade, als wenn man das un Feuer eines brennenden Hauſes ausblaſen wollte, man würde ſas nur ſein eigenes Maul verbrennen! Gewiß werden ſie kurzen Proceß machen, freilich nicht ſo, als wenn ſie einen armen Teufel draußen auf der Landſtraße mit einer Vogel⸗ 1 Au flinte antreffen, wo es heißt: ‚eins— zwei— drei,“ und 3 1 1 5 todt liegt er. Sie werden bei dem Namen des Gefangenen 8 das Ding großartiger und pünktlicher betreiben, aber bei A 1 San Gennaro! das Ende wird daſſelbe ſein. Denke nur, e V Frau,“ wandte er ſich gegen die Pachterin, welche die Spin⸗ u del ruhen ließ und die Hände zuſammengefaltet in ihren 4* 4 Schooß gelegt hatte,„an den Conte di San Severino. Da de war in acht Tagen alles vorbei.“ 4 ol 4„Aber helfen müſſen wir ihm!“ rief Richter außer ſich; „ja, helfen oder mit ihm zu Grunde gehen; wäre es nicht ſe 1 eine Schmach, den Freund, der uns alles war, in der Noth d zu verlaſſen?“ n. „Und wenn Ihr Euren Kopf am Thore der Vicaria ra Die Braut des Advocaten. 93 einſtießet, ſo würde ihm das doch nicht viel helfen,“ meinte der Pachter. „So nennt Ihr ein Mittel zur Hülfe,“ ſagte Bander dringend;„Ihr, der die Verhältniſſe ſo genau kennt und Eurem Herrn ſo ergeben ſeid.“ „Weiß die Madonna, daß ich's bin! Und ehe wir es dulden, daß ſie ihm den Proceß machen, müſſen wir freilich alles verſuchen. Früher wäre es nicht ſo ſchwierig geweſen, jemand aus der Vicaria zu holen, aber jetzt—“ bei den letzten Worten ſchaute er ſeine Frau feſt an, welche ihm ſeinen Blick zurückgab. Dabei dachte er über etwas nach, nickte ein paar⸗ mal mit dem Kopfe, zuckte auffallend hoch die Achſeln und ſagte dann:„Per Baccho! Verſuchen muß man's immerhin.“ „Und was, und was?“ fragten Richter und Bander. „Ihn herauszuholen und fortzuſchaffen; meinſt du nicht auch, Padrona?“ Die Frau nickte ihm haſtig zu, worauf er fortfuhr: „Wenn das jemand glücklich durchführt, ſo thut es nur der Alonzo; aber wie ſo ſchnell an ihn kommen und ihn dann vermögen, daß er den Kopf in die Schlinge ſteckt?—— Und doch muß es verſucht werden, nicht wahr, Padrona?“ „Gewiß,“ ſagte eifrig die Frau,„verſuchen muß man's, dem Alonzo alles erzählen, und dann wird er ſchon ſagen, ob es möglich iſt und ob er etwas thun kann.“ „Wie aber zu ihm kommen? Ihm eine ſchriftliche Bot⸗ ſchaft ſchicken, iſt zu gefährlich, und da du dir denken kannſt, daß Brancaccio ein feſtes Auge auf mich hat, ſo iſt es un⸗ möglich, daß ich ſelbſt gehe.“ Aber einer von uns?“ frug Richter. 7* „Noch unmöglicher! Der nächſte Gensd'armerie⸗Poſten, —— 94 Zweiundſechszigſtes Kapitel. ja, die erſte Patrouille der Nationalgarde, die Euch in jenen Bergen begegnete, brächte Euch zurück, wenn ſie Euch nicht ein bischen piemonteſiſches Blei zu koſten gäben.—— Du darfſt auch das Haus nicht verlaſſen— aber was meinſt du, wenn wir Marietta nach Ravello zu deiner Schweſter ſchicken würden?“ „Marietta allein?“ fragte Richter beſorgt.„Das würde Keiner von uns zugeben.“ „O, der geſchieht kein Leid!“ gab Rafajele ruhig zur Antwort;„es iſt auch nichts natürlicher, als daß ſie vor ihrer Hochzeit nochmals ihre Verwandten beſucht; das ſagt man ihm, wenn er erfährt, daß ſie nach Ravello iſt, und kommt's dann auch meinetwegen zu einer Erklärung mit deinem Schwiegerſohn, in Gottes Namen denn. Was kann es überhaupt noch Schlimmeres geben, als daß ſie uns den guten Marcheſe in die Vicaria geſteckt haben!—— Dabei bleibt's,“ ſchloß der Pachter mit Entſchiedenheit, als er be⸗ merkte, daß ſeine Frau unruhige Blicke auf ihr Kind warf. „Oder haſt du Angſt, Marietta?“ „Ich?“ fragte das junge Mädchen mit einem gering⸗ ſchätzenden Tone;„wovor ſollte ich mich fürchten? Beppo nimmt mich in ſeiner Barke mit nach Amalſi, von da gehe ich in Begleitung der Marktweiber über Atrani nach Ravello.“ „Deiner Zia Tereſina kannſt du dich unbedingt anver⸗ trauen, ſie wird ſchon jemand haben, der Alonzo zu ſinden weiß, ihm das Nöthige mittheilt und dir ſeine Entſcheidung zurückbringt.“ „Gewiß,“ gab Marietta nachdenklich zur Antwort;„aber wenn's möglich iſt, ſuche ich meinen Zio Alonzo ſelbſt auf, ich habe ihn lange nicht mehr geſehen.“ inder / ſei ihn reſin Rie faß in rul zu wi wo Die Braut des Advocaten. 95 „Du wäreſt im Stande dazu,“ ſagte der Pachter lachend, indem er das kecke Mädchen mit Wohlgefallen betrachtete; „ſei unbeſorgt,“ wandte er ſich hierauf an ſeine Frau, die ihn mit unruhigen Blicken betrachtete,„deine Schweſter Te⸗ reſina wird ſchon wiſſen, was geſchehen ſoll.“ „Und wann ſoll ich gehen?“ frug Marietta. „Gleich morgen, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Und glaubt Ihr denn, Don Rafajele,“ ſagte nun plötzlich Richter, indem er an den Maſſaro herantrat und ſeine Arme faßte,„daß wir es dulden werden, daß Marietta ſich für uns in irgend eine Gefahr begebe, während wir vom ſicheren Orte ruhig zuſchauen? Ich meines Theiles bin entſchloſſen, es nicht zu thun, komme es auch, wie es kommen mag.“ Er hatte dabei etwas von der Haltung angenommen, wie ſie in irgend einer Oper einem beliebigen Rittersmanne wohl anſtand, der im Begriffe iſt, ſein gutes Schwert zu ziehen für Ehre und Recht. „Es geht nicht,“ ſagte in dieſem Augenblicke auch Ban⸗ der,„wir können Marietta's Aufopferung nicht annehmen.“ „Gewiß nicht,“ rief Richter,„und wenn ſie gehen will, um für unſern Freund zu handeln, ſo will ich ſie begleiten.“ „Cospetto di Diol“ rief der Maſſaro launig,„in dieſer Begleitung läge vielleicht allein das Gefährliche der ganzen Geſchichte.“ „Auch darin ſehe ich keine Gefahr,“ meinte das junge Mädchen mit einem heitern Blicke;„Don Enrico iſt Galan⸗ tuomo und ich bin Marietta.“ „Laßt mich ſie begleiten, Don Rafajele,“ rief Richter; „nicht als ob ich auf Schritt und Tritt hinter ihr drein laufen wollte, nur in ihrer Nähe möchte ich ſein, um ſie, wenn es —— 96 Zweiundſechszigſtes Kapitel. D. B. d. A. Noth thäte, zu ſchützen; ich ginge morgen früh zu Lande und träfe ſie in Amalfi.— Auffallendes kann einmal gewiß nichts darin liegen, daß ein Landſchafts⸗Maler wie ich die herrliche Gegend von Atrani und Ravello betrachten will.“ „Im Grunde hat Don Enrico nicht ſo Unrecht,“ ſagte der Maſſaro nach einer Pauſe;„um keinen Verdacht zu er⸗ regen, müßte Marietta doch ein paar Tage bei ihrer Zia bleiben, und er könnte dann ſogleich mit dem Eiſenwege zurückkehren, um uns einen Beſcheid zu bringen— was meinſt du, Frau?“ „Unſer Vorhaben iſt ſo gut, daß man wohl alle Mittel dazu anwenden muß. Marietta hat Recht, Don Enrico iſt ein Galantuomo, und ich bin gewiß nicht unruhiger, wenn ich ſie unter ſeinem Schutze weiß.“ „Marietta ſelbſt ſoll entſcheiden,“ ſagte Richter, indem er ſie mit einem innigen Blicke betrachtete. „Das habe ich ſchon gethan,“ erwiderte das junge Mäd⸗ chen mit leuchtenden Augen,„als ich Euch für einen ehrlichen Mann erklärte; und in dem Glauben reiche ich Euch meine Hand und ſage: wir gehen mit einander.“ Bander hatte das ſchöne Mädchen mit inniger Theil⸗ nahme betrachtet, und als ſie eine kleine Weile nach den eben geſprochenen Worten ihre Hand langſam aus der Richter's gleiten ließ, nahm er dieſelbe, drückte ſie ſanft und ſagte: „Nehmen Sie noch obendrein die Bürgſchaft eines Ihnen allerdings Fremden für ſeinen Freund; er hat ein ehrliches und treues Gemüth, Sie können ihm unbedingtes Vertrauen ſchenken.“ ande und iß nichts herrliche t,“ ſagte ht zu er— hrer Zia liſenwege us meinſt le Mittel enrico iſt r, wenn , indem ge Mäd⸗ ehrlichen ch meine r Theil⸗ den eben Nichter's d ſagte: s Ihnen ehrliches ertrauen Dreiundſechszigſtes Kapitel. In der goldenen Zwiebel. Am andern Morgen, noch ehe die Sonne ſich blicken ließ, war Marietta ſchon reiſefertig; ſie ſtand mit einem kleinen Bündelchen unten an der Treppe, die zum obern Stocke hinaufführte, und rief Richter einen freundlichen Ab⸗ ſchied zu, welchen er dadurch beantwortete, daß er eilig hinabſtieg und ſich ihr wenigſtens bis Avenella zur Beglei⸗ tung anbot. Da der Maſſaro, welcher ſeine Tochter auch bis dahin brachte, von wo ſie mit einer bekannten Frau nach Neapel hinunter zu gehen hatte, nichts dagegen einwandte, ſo gingen ſie nach einem herzlichen Abſchiede von der Padrona mit einander fort. Die Kirche von Camaldoli und das Schloß Capodi⸗ monte glänzten ſchon im erſten Strahle der aufgehenden Sonne; Rafajele ging voraus, ſich in ſeinen Feldern um⸗ ſchauend, und Marietta folgte plaudernd mit Don Enrico. Schade, daß der Weg ſo kurz war, denn er hatte ſo viel Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 7 — — — 2— — 82 ͤ — 8 — — — 98 Dreiundſechszigſtes Kapitel. zu fragen, beſonders über die Marine von Amalfi, wo er ſie heute Nachmittag wiederſehen ſollte, über die Fahrt dorthin, über Beppo, der das Glück hatte, ſie begleiten zu dürfen, ſo wie über eine Menge anderer Dinge, und ſie hatte bei der Antwort auf dieſe vielen Fragen wieder Ge⸗ genfragen zu thun und dem Buben Rathſchläge zu erthei⸗ len, ſo daß ſie Avenella dicht vor ſich ſahen, ehe ſie es nur gedacht. Der Abſchied, den ſie hier nahmen, war kurz und herzlich; ſie reichte ihm ihre beiden Hände, und als ſie dabei ihr Bündelchen fallen ließ und ſich alsdann Beide zu gleicher Zeit bückten, um es wieder aufzuheben, ſtreiften ganz zufällig ſeine Lippen ihre Haare, was ihm ein ganz ſonderbares Gefühl verurſachte. Marietta rief Addio und eilte ihrem Vater nach, und als Don Enrico hierauf lang⸗ ſam zurückging, blieb er alle paar Schritte, ſtehen, um— in die Gegend hinaus zu ſchauen, die jetzt in einer wahren Verſchwendung von Sonnenlicht glänzte; von Marietta ſah er ſchon längſt nichts mehr, denn die neidiſchen Rebenge⸗ winde, welche an der Straße hingen, hatten bei der erſten Biegung derſelben ihr weißes Kopftuch und ihr rothes Röck⸗ chen verſchlungen. Langſam ging er wieder aufwärts, und der Pfad, den er ſo eben noch ſo wunderbar ſchön gefunden, kam ihm jetzt öde und langweilig vor; er hatte faſt wieder daſſelbe Gefühl des Alleinſeins, wie an jenem Tage, als er das verlaſſene Schloß der Fontana zum erſten Male geſehen. Obgleich die Sonne hell und prachtvoll herüberglänzte, rings umher ein herrliches Farbenſpiel entzündend, ſo kam ihm doch heute die Beleuchtung matter vor, als gewöhnlich, und die Bergformen nicht ſo ſchön und maleriſch. Am liebſten ———,—, In der goldenen Zwiebel. 99 betrachtete er von der Höhe aus das dunkle Meer und ſuchte dann mit den Augen die Richtung von Neapel nach Amalfi. Als er endlich vor dem Hauſe des Pachters wieder an⸗ kam, ſaß dort die Frau an ihrem gewöhnlichen Platze und ſpann; ihre Geſichtszüge waren ernſt, faſt traurig, und als ſich Don Enrico neben ſie ſetzte, ließ ſie die Spindel in ihrem Schooße ruhen und ſprach von Marietta, was ſie ſonſt eigentlich nie that. Ihre Tochter fehle ihr überall, ſagte die Mutter, was wohl lächerlich ſei, da ſie ja erſt vor einer halben Stunde fortgegangen und ja auch ſonſt oft Stunden lang draußen im Wäldchen oder bei ihren Seiden⸗ raupen geweſen ſei. Dieſe fütterte Don Enrico heute Morgen allein, und als er ihnen die Maulbeerblätter hinſtreute, ſo horchte er unwillkürlich gegen das Haus hin, ob ſich dort kein mun⸗ terer Geſang vernehmen laſſe, oder blickte nach der Thür, zwiſchen der Marietta's ſchlanke Geſtalt und ihr liebes, ſchönes Geſicht nicht erſchien. Er hätte gern den barfüßigen braunen Jungen zum Plaudern bei ſich gehabt, doch war dieſer ſchon vor einer Stunde nach Antignano gelaufen, um dort einen Brief in Empfang zu nehmen, den Bander her⸗ aufſchicken wollte und in welchem ein amtlicher Ausweis für Richter's Ausflug ſein ſollte, damit ſich derſelbe vorkommen⸗ den Falles beſtens legitimiren könne. Es war Don Enrico eigentlich unangenehm, daß er auf dieſen Brief warten mußte, denn er hätte gern ſo ſchnell als möglich den jetzt für ihn ſo einſamen Ort verlaſſen, und malte es ſich dagegen reizend aus, an der Marine von Amalfi ſitzen und dort jeder ankommenden Barke zuſchauen ſſpgf— — 8 f — Dreiundſechszigſtes Kapitel. zu können, und endlich in einer derſelben Marietta zu er⸗ blicken. Lange brauchte er ſich indeſſen nicht zu gedulden, denn es mochten kaum ein paar Stunden vergangen ſein, ſo kam Rafajele in Begleitung des barfüßigen Jungen zurück. Letzterer hatte den Brief, und Richter machte ſich ſogleich reiſefertig. Der Pachter erzählte der faſt ängſtlich forſchenden Frau, daß er Marietta einer guten Bekannten, die nach Neapel herunterging, empfohlen, und daß dieſelbe jetzt ſchon faſt drunten ſein müſſe.„Was Euch anbelangt, Don Enrico,“ wandte er ſich an ſeinen Gaſt,„ſo gebe ich Euch den Jun⸗ gen da mit, der Euch über Capodimonte bei Ponti Roſſi vorbei um die Stadt herum nach Ponte della Maddalena bringt, wo Ihr Euch auf die Eiſenbahn begebt und von Caſtellamare aus auf einem guten Pferde in einigen Stunden Amalfi erreichen könnt. Es iſt beſſer, als wenn Ihr heute Morgen in der Stadt geſehen werdet, und dann macht Ihr auch einen Weg, ſo ſchön, wie Ihr nie etwas Aehn⸗ liches geſehen.“ Richter nahm ſich kaum Zeit, ein Stück Brod und einen guten Schluck Wein zu nehmen, dann warf er ſeine Taſche über die Schulter, ergriff den Stock und trennte ſich nach einem herzlichen Händedrucke von beiden Leuten. „Wenn Ihr nach Ravello kommt,“ rief ihm der Maſſaro nach,„ſo geht Ihr in die ‚goldene Zwiebel', ein ſehr an⸗ ſtändiges Gaſthaus, und wenn die Wirthin Schwierigkeiten macht, Euch aufzunehmen— ſie iſt ein bischen eigener Art — ſo ſagt nur, Ihr ſeid mit den Maſtaſi in Ravello be⸗ kannt— es iſt Marietta's Tante.“ Darauf verließ Don Enrico den Garten. In der goldenen Zwiebel. Der barfüßige Junge eilte voran, und ihm folgte Richter gegen Capodimonte. Er hatte ſich vorgenommen, heute, um ſeinen Marſch nicht aufzuhalten, ſo wenig als möglich ſeine Blicke in das prachtvolle Rundgemälde zu verſenken, welches ſich hier bei jedem Schritte mehr und mehr vor ihm auf⸗ that; doch wer, deſſen Gemüth für landſchaftliche Schönheiten empfänglich iſt, vermag in dieſem Paradieſe zu wandeln, ohne unwillkürlich ſtehen zu bleiben, gefeſſelt von immer neuen, überraſchenden Erſcheinungen? Und erſt auf dieſem Wege, welcher der reizenden Abwechslungen ſo viele bot: bald ſah er den großen, gewaltigen Meerbuſen mit allen ſeinen Schönheiten, ein Bild von betäubendem Glanze, ſo daß er ordentlich froh war, jetzt eine ſchattige Schlucht zu erreichen, durch die es hinabging und wo er ſeine Augen wieder beruhigen konnte an der üppigſten Flora, an den herrlichſten Blumen, die ſich ihm abwechſelnd mit majeſtä⸗ tiſchen, dicht belaubten Caſtanienwäldern zeigten— Feuer⸗ lilien und Nelken, purpurne Antirrhinen, duftende Vale⸗ riana wechſelten neben ſeinem Pfade mit einander ab. Dann ging's wieder aufwärts, und ein neues unſäglich ſchönes Bild feſſelte ſeine Schritte: dort vor ihm ſtrebte neben dem rauchenden Veſuv prachtvoll die Somma empor mit ihrem breiten maleriſchen Gipfel, aus ſteilen, gezackten, ſchwarzen Lavawänden beſtehend, die ſich in einer wunder⸗ baren Linie an grüne Waldungen ſchloſſen, mit denen der Berg allmälig in die Ebene Campaniens niederſinkt. Hier auf der Höhe war ein Kloſter; er hätte unter anderen Ver⸗ hältniſſen unbedingt hier verweilt— wie zauberiſch leuchte⸗ ten aus einem Hain von Fruchtbäumen die luftigen Hallen hervor, und welch herrlichen Blick hatte man von hier aus 8 ———— ͤ ͤ — —— T— — 102 Dreiundſechszigſtes Kapitel. nieder in die Ebene, die einem unermeßlichen Fruchtgarten glich! Wälder von Pappeln, Ulmen, um welche die Rebe Guirlanden wand, dazu Mais und Weizen in Fülle, die ihn faſt wehmüthig an die deutſche Heimat erinnerten, und dicht daneben wieder die glänzende Citrone des Südens, die glühende Granatblüthe— überall und überall, wohin der Blick ſich wandte, ein Meer von Laub, Weinranken, Blumen und Sonnenglanz! Neben ihm aus dem Hänuſermeere der großen Stadt drang das Geräuſch des täglichen Lebens wie das Murmeln einer fernen Brandung an das Ohr des Wanderers, und wenn ſein Blick über die Häuſermaſſe hinſchweifte, ſo gedachte er jenes armen Freundes, der nicht wie er in Luft und Sonnenglanz wandeln durfte, dem heute Abend kein freund⸗ liches Wiederſehen bevorſtand— und dann beſchleunigte er ſeine Schritte. Bald hatte er denn auch Ponti Roſſi er⸗ reicht, und da er nun eine gerade Straße nach Ponte della Maddalena hatte, ſo entließ er den barfüßigen Jungen mit einem herzlichen Gruße an Rafajele und die Frau. In kurzer Zeit erreichte er die Eiſenbahnſtation und brauchte nicht lange zu warten, bis ihn der brauſende Dampfwagen gegen Caſtellamare führte. Es würde die Grenze dieſer Blätter überſchreiten, wollten wir auch nur annähernd all der Schönheiten erwähnen, welche Richter hier auf dem Wege nach Amalfi ſah; es genügt uns zu wiſſen, daß Don Enrico in der erſten Nachmittagsſtunde auf dem Sattel eines tüchtigen Pferdchens gegen Amalfi hinritt, wobei ſein Blick über die bräunlichen Bergkuppen und über die von anmuthigen Ortſchaften bedeckten Thäler hinſchweifte auf das hohe Meer; wir müſſen aber geſtehen, daß er eben ſo In der goldenen Zwiebel. 103 ſcharf nach den Barken mit den weißen Segeln ſchaute, die ein günſtiger Wind in der Richtung von Neapel hieher⸗ trieb, als auf die See von Päſtum und die zackigen Berge Calabriens. Nachdem er, unten am Landungsplatze angelangt, ſeinen Führer ſo fürſtlich belohnt, daß dieſer gegen alle Gewohn⸗ heit nicht noch ein Trinkgeld verlangte, erkundigte ſich Don Enrico nach der Ankunft der Barken von Neapel, die am Morgen von dort abgefahren, und erfuhr, daß die ſchnell⸗ ſegelndſte nicht vor Ablauf einer Stunde zu erwarten ſei. Da er ſich unterwegs weder Raſt noch Erquickung gegönnt, ſo folgte er bereitwillig der Verlockung einer zierlichen, buntbemalten Schenke dicht am Meere, deren Veranda, mit einem geſtreiften Segeltuche bedeckt und von Weinreben über⸗ wuchert, ihm ein ſchattiges Plätzchen bot. Da ſaß er, unter einem wohlthuenden, behaglichen Gefühle der Ruhe ſeiner Müdigkeit vergeſſend. Unter ihm lag der weiße Strand der Marine mit ſeinen Segelkähnen, die, ſich ſanft auf den ſmaragdgrünen Wellen wiegend, wie in ätherklarer Luft zu ſchweben ſchienen. Vor ihm auf dem Tiſche, der aus ſchwarzer Lava geſchnitten war, dampfte eine Schüſſel Maccaroni, hier in Amalfi die beſten des ganzen Königreiches. Und dann brachte der Wirth einen Nachtiſch, wie man es bei uns nur an fürſtlichen Tafeln kennt: tiefrothen Lacrymä Chriſti, ſaftig dunkle Feigen und goldene Orangen— wie ſollte er ſich da nicht in glück— ſeliger Erwartung zurücklehnen und wachend träumen! Draußen flimmerte die Sonne ſo warm, Luft, Stille, das leiſe Athmen des Meeres, der eintönige Geſang eines Fi⸗ — — Dreiundſechszigſtes Kapitel. ſchers und die Fülle des duftigen Laubes machte ihn ſchlaf⸗ trunken. Ihm träumte, er ſei in der Oper und habe wunderbar geſungen— Ricteri, primo tenore assoluto—, nach we⸗ nigſtens ſechsmaligem Hervorrufen ſei der Portalvorhang endlich zur Ruhe gekommen. Es war eine Oper, deren erſter Act auf einer wonneſamen Inſel in irgend einem Meere ſpielte, wo er, der Fürſt dieſer Inſel, unter blühen⸗ den Orangenbäumen, die geliebte Prinzeſſin Braut erwar⸗ tend, entſchlummerte. So ſchloß der erſte Act; aber wehe, der zweite Act bildete keine Fortſetzung dieſes fürſtlich idyl— liſchen Stilllebens! Schon im Zwiſchenacte, als Einleitung des erſten Actes in den zweiten, hörte man entfernte Kano⸗ nenſchüſſe, Trommeln und Pfeifen, kriegeriſche Muſik. Der Fürſt auf der einſamen Inſel, Ricteri oder Don Enrico, öffnet nach tiefem Schlummer die Augen und blickt ſchlaf⸗ trunken um ſich. Wie hat ſich die Decoration geändert! Iſt das derſelbe ſtille Landungsplatz, auf deſſen durchſich⸗ tigen Wellen ſo eben nur noch einzelne Fiſcherkähne ſchau⸗ kelten? Iſt er, welcher jetzt erſtaunt um ſich blickt, der Fürſt der Oper? Träumt er von Seeräubern, die das glückliche Eiland überfallen wollen, oder iſt er in der That nur Don Enrico, der nach Amalfi gekommen, um dort ein ſchönes junges Mädchen zu erwarten, für welches ſein Herz in Liebe ſchlägt?— Nein, er träumte nicht mehr; er ſprang raſch auf ſeine Füße, er rieb ſich die Augen, er betrachtete die Veranda der Schenke, wo er ſich niedergelaſſen hatte und einge⸗ ſchlummert war, dann warf er ſeine erſtaunten Blicke wieder auf das Meer. Da ſah er eine große Menge Barken, theils In der goldenen Zwiebel. 105 ſchon mit nackten Maſten am Ufer liegend, theils noch mit vollen Segeln ſich dem Strande nähernd; in denſelben Fiſcher mit rothen Mützen und Mädchen und Weiber mit weißen Kopftüchern.— War Marietta unter ihnen, oder hatte er ihre Ankunft verſchlafen? Statt aber augenblicklich an den Strand hinab zu eilen, blieb er ſtehen, gefeſſelt von einem andern Schauſpiele, das er vor ſeinen Augen ſah. Da lag kaum ein paar Büchſenſchüſſe vom Lande entfernt ein langer, ſchwarzer Dampfer, neben deſſen kurzem, dickem, ſchiefge⸗ ſtelltem Schornſteine praſſelnder weißer Giſcht herausſpritzte. Am Hauptmaſte und am Hintertheile flatterte die italieniſche Tricolore, und das Verdeck des gewaltigen Schiffes war mit Soldaten bedeckt, welche theils über Bord ſchauten, theils im Begriffe waren, an den Wänden hinab zu ſteigen und ſich in dem Boote niederzulaſſen, welches ſie ans Land brachte; ein paar dieſer Boote waren ſo eben gelandet, einige ſchwammen noch gegen das Ufer, während andere eben vom Schiffe abſtießen. Auf dem Verdecke des Dampfers ſpielte eine Muſikbande, und die Zurückbleibenden riefen ihren Ka⸗ meraden laute Evviva's nach. Don Enrico ſchüttelte mit dem Kopfe, und bei dieſer ſo plötzlich veränderten Decoration war es ihm wohl nicht übel zu nehmen, daß er alles das anfänglich für einen Traum gehalten; jetzt aber, da er ſich von ſeinem Erwachen überzeugt und auf dem Strande das bunte Durcheinander ſah von Einwohnern aus Amalfi jedes Standes und jedes Alters, von den halbnackten Kindern an bis zu den alten Fiſchern, welche erſtaunt die fremden Uniformen und die bunten Farben des neuen Italiens zu betrachten ſchienen; dann das belebte Treiben der Soldaten, die ihre Gewehre 106 Dreiundſechszigſtes Kapitel. zuſammenſtellten, ſich auch wohl in dem weißen Sande lagerten, die aber beſonders die Weiber und Mädchen um— ſtanden, welche den Barken entſtiegen— da regte ſich in dem Herzen Richter's ein Gefühl der Eiferſucht, und nach⸗ dem er ſeine Zeche bezahlt, nahm er Stock und Taſche und eilte nach dem Strande, indem er ängſtlich nach Marietta ſpähte, ohne ſich aber den Barken allzu ſehr zu nähern. Am Ufer war ſie noch nicht, er hätte ſie augenblicklich herausgefunden; auch ſah er ſie nicht in den Fahrzeugen, die bereits angelegt hatten. Dort aber, einige tauſend Schritte in der See, ſchoß eine Barke daher, das weiße lateiniſche Segel vom Winde ſcharf gegen das Waſſer ge⸗ drückt: da ſtand die ſchlanke Mädchengeſtalt, mit der einen Hand hatte ſie den Maſt erfaßt, mit der andern bedeckte ſie die Augen, um ſchärfer nach dem ſonnenbeglänzten Ufer hinüberſchauen zu können— vielleicht nach ihm; ſein Herz that ſchnellere Schläge, er konnte ſich nicht enthalten, ſein Taſchentuch hervorzuziehen und ſich etwas auffallend die Stirn zu wiſchen. Ja, ſie hatte ihn bemerkt, ſie machte ihm ein leichtes Zeichen mit der Hand. Jetzt flog die Barke, deren Segel raſch niedergelaſſen worden waren, bei einem der mit Soldaten angefüllten Boote vorüber, und das laute Evviva, mit welchem dieſe das auffallend ſchöne Mädchen begrüßten, ließ einigen Haß gegen die piemonteſiſche Uniform im Gemüthe Richter's aufſteigen. Beide Boote landeten faſt zu gleicher Zeit, doch das mit den Soldaten um ſo viel früher, daß einige raſch hin⸗ ausſpringen konnten, um die ſchöne Neapolitanerin in der Nähe zu betrachten. Eine Deutſche, dachte Richter bei ſich, würde verſchämt In der goldenen Zwiebel. 107 3 die Augen niederſchlagen, während Marietta ſtolz wie eine n Königin mit erhobenem Haupte und lächelnd zwiſchen den 5⸗ Soldaten hindurchſchritt. Es war ihm noch ein Troſt, daß ein paar handfeſte Weiber und auch der Steuermann der ta Barke, der genannte Signor Beppo, dicht hinter ihr wie . eine Ehrenwache ſchritten. Als ſie in ſeine Nähe kam und 8 ihn Marietta mit einem nur ihm verſtändlichen Blicke gegrüßt, u, hörte er den Schiffer zu einem am Wege ſtehenden Buben nd ſagen:„Spring hinein in den Ort und hole den beſten Eſel, „ den du finden kannſt, er iſt für meine Nichte, die nach Ra⸗ 3 vello will; am Thore gegen Atrani finden wir dich.“ Der un Bube ſchoß wie ein Pfeil davon und das Mädchen ſchritt ſie mit ihrer Begleitung langſam vorüber. fer Da ihr Don Enrico nicht ſo raſch folgen durfte, ſo be⸗ erz trachtete er ſich noch eine Zeitlang das militäriſche Getreibe ein am Landungsplatze; es mochte eine Kompagnie piemonteſi⸗ die ſcher Infanterie ſein, ſo wie einige zwanzig Mann Berſag— hte lieri, die man von dem Dampfer ausgeſchifft hatte und die ke, ſich nun raſch formirten und dann unter Trommelſchlag nach em Amalfi abmarſchirten. ute Das Kriegsſchiff draußen auf dem Meere ließ jetzt ſtatt gen weißen Dampfes ſchwarze Rauchwolken aufſteigen, auch ver⸗ ri nahm man deutlich das einförmige Oho-—i, während ſie den 4 Anker aufwanden. Das war bald geſchehen, und dann fing das der ſchwarze Koloß mit ſeinen Schaufel⸗Rädern zu ſchlagen in⸗ an, daß der weiße Schaum rückwärts flog, und ſetzte ſich der gegen Salerno zu in Bewegung. Jetzt ſchritt aum Richter langſam dem Städtchen zu und imt hatte in Kurzem dae Thor, welches gegen Atrani führt, er⸗ reicht. Von Marietta und ihrer Begleitung war hier nichts ———— 108 Dreiundſechszigſtes Kapitel. mehr zu ſehen, da der Weg hoch am Geſtade hin von einem kleinen Theile der piemonteſiſchen Infanterie bedeckt war, wäh⸗ rend der größere Theil in Amalfi geblieben war. Richter ſchritt tüchtig zu und kam faſt zu gleicher Zeit mit den Soldaten nach Atrani. Dieſe hielten ſich nur einen Augenblick auf und wandten ſich dann, zur unangenehmen Ueberraſchung Rich⸗ ter's, ebenfalls in die Berge hinein, auf deren Höhe, wie man ihm geſagt, Ravello lag. In Gedanken mit Marietta beſchäftigt, die, hoffte, auf ihrem Eſel ſchon weit voraus war, beachtete er olle Lage von Atrani. Die kaum die großartige und prachtv eigenthümliche, ans Mauriſche erinnernde Bauart der Häuſer mit ihren offenen Loggien, alle in weißer Farbe, wirkte hier ſo maleriſch auf dem ſchwarzen Grunde der Felſen. Dieſe ſind vielfach geſpalten, und zwiſchen ihren gigantiſchen Maſſen ſieht man ſchmale, tiefgrüne Thäler, deren Ränder mit alten Thürmen und Caſtellen gekrönt ſind. Durch eine tiefe Schlucht, vom Waſſer durchbrauſ't, welches Mühlen trieb, ging der Weg aufwärts, und dieſer war ſo ſchmal, daß die Soldaten ihre Glieder auflöſen mußten und häufig nur zu Zweien, häufig aber auch nur Einer hinter dem Anderen mit größter Langſamkeit gehen konnten. Daher kam es auch, daß Richter, den es aus be⸗ kannten Gründen raſcher vorwärts trieb, bald mitten unter dann beeilte, die Spitze der kleinen Colonne zu erreichen. Daß er dabei den Neckereien der Sol⸗ daten nicht entging, iſt ſelbſtredend; auch fand er es bei den gegenwärtigen Zeitverhältniſſen wohl begreiflich, daß, als er bei einem finſter blickenden Offizier, deſſen kohlſchwarzer Bart hinausſtand und der drohend zu beiden Seiten des Geſichtes wie er ihnen war und ſich — ‿ iſ't, eſer öſen nur ehen be⸗ inter einen Sol⸗ i den ls er Bart d der In der goldenen Zwiebel. 109 in der Mitte der Colonne marſchirte, vorüberkam, dieſer ihn durch einen Corporal nach dem Ziele ſeiner Reiſe und nach ſeinen Papieren fragen ließ. Wir wiſſen bereits, daß ſich Richter auf's beſte legiti⸗ miren konnte, und ſo ließ man ihn denn auch ungehindert weiter ziehen; auch beeilte er ſich um ſo mehr, den Sol— daten voranzukommen, da er ſchon einige Male droben in der Schlucht das rothe Kleid Marietta's zu ſehen ge⸗ glaubt hatte. 6 Die Piemonteſen, welche mit ſehr wenig Gepäck ver⸗ ſehen waren, marſchirten nach ihrer Bequemlichkeit, ſingend, lachend oder plaudernd, und mit ziemlicher Sorgloſigkeit, da man Berſaglieri rechts und links auf den Höhen der Schlucht, ſo wie vor und hinter der Abtheilung ſah. Zwei Tamboure gingen an der Spitze derſelben und ihnen um einige Schritte voraus ſah man einen Offizier, der merk⸗ würdiger Weiſe auf einem Eſel ritt. Er ſaß quer auf dem Sattel, hatte ſeinen Säbel auf den Knieen liegen und ſchien der großartigen Landſchaft um ihn her keinen Blick zu gönnen. Der Treiber, dem der Eſel gehörte, lief hinten drein und hatte ſeinen rechteu Arm auf die Kruppe des Thieres gelegt. Richter hatte die Beiden eben erreicht und wollte grü⸗ ßend vorübergehen, als der Eſel einen Fehltritt that, ſo daß der ſorglos Sitzende beinahe heruntergefallen wäre. „Corpus di Dieu!“ rief dieſer in zornigem Tone und ſetzte zum höchſten Erſtaunen Richter's in beſtem Deutſch hinzu: „Nimm dich in Acht, verdammter Schlingel, daß ich auf dieſem elenden Wege nicht noch den Hals breche! Corpus di Dieu! Das wäre mir ein ſauberes Ende!“ Richter blickte ihn an, und es war ihm, als habe — 8 — mo—·— —— —— —õÿÿ —— 110 Dreiundſechszigſtes Kapitel. er das Geſicht früher ſchon geſehen. Keinesfalls war er ein Italiener, und er hätte darauf ſchwören mögen, der pie⸗ monteſiſche Offizier ſei ſo wie er jenſeits der Alpen zu Hauſe. Das kam nur auf einen Verſuch an, und Richter zog ſeinen Hut und grüßte mit einem deutſchen Worte. Einen Augenblick betrachtete ihn der Offizier mit un⸗ verkennbarem Erſtaunen, dann aber, als er den Gruß zu⸗ rückgab und hinzuſetzte:„Ich glaube, ich habe einen Lands⸗ mann vor mir,“ flog ein wehmüthiger Zug über ſein nicht unſchönes Geſicht. Richter bejahte dieſes, und nachdem er dem Anderen zuerſt, wie er es für höflich hielt, ſich als Landſchafts⸗Maler und das maleriſch gelegene Ravello als ſein heutiges Reiſe— ziel bezeichnet, gab der Offizier zur Antwort:„Nach dieſem elenden Neſte gehen wir auch,“ und ſetzte nach einer Pauſe hinzu:„Sie werden ſich wundern, einen Deutſchen in dieſer Uniform zu finden. Leider bin ich auch nicht der Einzige, ſondern es iſt eine Menge da, die es für erſprießlicher hiel⸗ ten, ihr Vaterland zu verlaſſen und hier den Krieg mitzu⸗ machen. Aber was für ein Krieg iſt das?“ fuhr er mit einem Seufzer fort;„da kriechen wir jetzt ſchon monatelang in dieſen Schluchten hin und her und haben es mit Kerls zu thun, die Räubern ſo ähnlich ſehen, wie ein faules Ei dem andern. Vorgeſtern kamen wir nach Neapel, und da hoffte ich einmal, ein paar Wochen bleiben zu können— kein Gedanke daran! Geſtern kommt der Befehl, ſich auf einem dieſer rauchigen Dampfer einzuſchiffen und die Küſte bis Salerno zu durchſtreifen, wo ſich wieder einer ihrer Hauptkerle mit ſeiner Bande zeigen ſoll.“ Da der Offizier weder ſeinen Namen nannte, noch ſeine In der goldenen Zwiebel. 111 Heimat, ſo fand auch Richter keine Veranlaſſung, danach zu fragen, und erwiderte, daß es allerdings hier eine eigene Art von Kriegsführung ſein müſſe.„Für mich, der ich ein Maler bin,“ ſetzte er hinzu,„hätte dieſes Leben ſchon etwas ungemein Anziehendes.“ „Das danke Ihnen der Teufel!“ unterbrach ihn der Andere;„Sie füllen Ihre Mappe mit dem Schönſten, was Sie finden, und dann ſetzen Sie ſich auf ein Dampfboot und fahren nach Hauſe, wenn es Ihnen hier nicht mehr gefällt. O, es iſt ſchön da draußen!“ ſeufzte er.„Was habe ich hier von dieſen ſogenannten romantiſchen Schluchten, von den Häuſern mit ihren Veranden, von den Orangen und dem blauen Meere? Die Schluchten klettere ich mühſelig auf und ab, immer erwartend, daß eine Kugel hinter einem Felsſtück hervor mir den letzten Troſt gibt; die Häuſer, von außen ſo ſchön, ſind innen finſter und unreinlich; die Oran⸗ gen machen mir Leibſchmerzen, und wenn ich das blaue Meer ſehe, ſo forſche ich nur nach einem Dampfer, der mich mitnehmen könnte. Sie werden erſtaunt ſein,“ fuhr er nach einer Pauſe gutmüthig fort,„daß ich ſo mit Ihnen plau⸗ dere, aber ich kann Ihnen nicht genug ſagen, wie glücklich ich bin, einen Galantuomo, wie ſie's hier nennen, zu finden, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann. Von der Sprache des Landes habe ich leider nicht allzu viel pro⸗ fitirt; ich mag mir keine Mühe damit geben, da ich das Leben hier nicht weiter treiben will, als bis nach dem Schluſſe irgend eines Feldzuges, wenn man das hier Feldzug nennen kann. Sie gehen alſo auch nach Ravello?“ „Für heute, ja, und bleibe auch morgen wohl in der Umgegend.“ ———. — —— —õ—— —* — ——— e —j— — Dreiundſechszigſtes Kapitel. „Nun, da hoffe ich ſehr, Sie machen mir heute Abend das Vergnügen auf eine Bottiglia lacrymus Christo. Der Wein und die Weiber iſt das einzige Gute, was ſie hier haben, aber die letzteren ſind wie die wilden Katzen. Da ritt noch ſo eben vor mir ein derartiges Exemplar, ſie mußte mit ihrem Eſel ziemlich nahe an dem meinigen vorbei, und da ich dabei den Verſuch machte, ihre Taille ein wenig zu unterſuchen, ſo hätte ich faſt die ſchönſte Ohrfeige geerntet. Da lobe ich mir unſere guten deutſchen Mädchen— das heißt, ich lobte ſie mir früher— doch kann man auch bei denen bittere Erfahrungen machen! Aber hübſch war die Italienerin, Sie müſſen ſie auch geſehen haben.“ Richter konnte ſich nicht entſinnen, doch hatte er auch viel von dieſem heftigen Charakter der Italienerinnen gehört und erzählte ein paar ſchauerliche Beiſpiele, wo ſie gegen den Angreifer von den ſilbernen Pfeilen ihres Haares oder gar von einem Meſſer Gebrauch gemacht. „Passons-Ià-dessus,“ gab der Offizier gleichgültig zur Antwort;„es iſt hier ein ſchlechtes Terrain für Unſereins, namentlich in den Bergen; die Garibaldianer mit ihren rothen Hemden waren beſſer daran. Alſo heute Abend ſehen wir uns und plaudern von Deutſchland?“ „Gewiß,“ erwiderte Richter,„und es wird mir wohl gelingen, den Herrn Major aufzufinden.“ Die beiden ſil⸗ bernen Franſen an den Epauletten des Offiziers brachten Richter darauf, ihn mit dieſem Titel anzureden. Doch lachte der Andere und ſagte:„Mit dem Major hat's gute Wege! Ich bin einfacher Oberlieutenaut und werde es auch wohl nicht viel weiter bringen; nicht als ob ich meinen Dienſt vernachläſſigte oder nicht einer der Erſten wäre vertr mach einer Chef ihm wo wär: sonc Dier Stit habe noch lach und Qu In der goldenen Zwiebel. 113 wäre, wenn es um uns her knallt; aber ſie können's nicht vertragen, daß ich gern Geld ausgebe und es mir bequem mache. Daß ich jetzt zum Beiſpiel dieſen ſteilen Weg auf einem Eſel hinaufreite, hat meinem ſchwarzen Kompagnie⸗ Chef ſchon einen bittern Augenblick gemacht, doch ich kann ihm nicht helfen! Aber wir müſſen uns doch verabreden, wo wir uns heute Abend finden. He, Luigi!“ rief er rück⸗ wärts gewandt:„Quanto siciamus questo ventura dove sono in quartiero?— He, Luigi?“ wiederholte er, als ſein Diener mit der Antwort einen Augenblick zögerte. Doch rief gleich darauf eine rauhe, etwas verſoffene Stimme aus der Abtheilung auf Deutſch heraus:„Was haben Sie wiſſen wollen, Herr Oberlieutenant? Luigi iſt noch zurück.“ „Das iſt auch ein Landsmann,“ ſagte der Offizier lachend,„ein Schwabe, diente früher bei den Schweizern und iſt nun Sergeant in unſerer Kompagnie. Wie mein Quartier in dem Neſte da oben heißt?“ rief er ihm zu. „Die zgoldene Zwiebel’, Herr Oberlieutenant.“ „Cipolla d'oro,“ wiederholte der Offizier achſelzuckend; „das iſt eines von den wenigen Worten, die mit einer an⸗ ſtändigen Sprache Aehnlichkeit haben, unter Zibola kann man ſich allenfalls Zwiebel denken, und d'oro iſt wie das franzöſiſche or. Suchen Sie mich dort alſo auf, wenn es Ihnen gefällig iſt; ich freue mich ſehr, ein paar Stunden mit Ihnen zu verplaudern, und ich will Ihnen auch meine Karte geben, daß Sie mit meinem Namen nach mir fragen können.“ Bei dieſen Worten nahm er eine kleine Geldtaſche, die Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 8 114 Dreiundſechszigſtes Kapitel. an ſeiner Seite hing, vor ſich an den Sattel des Eſels, ſchloß auf und reichte unſerem Wanderer die erwähnte Viſiten⸗Karte. „Leider kann ich keine andere dagegen auswechſeln,“ ſagte Richter;„ein einfacher Maler, wie ich, hat noth⸗ wendigere Papiere mit ſich zu führen; doch heiße ich Richter und werde von der Erlaubniß Gebrauch machen, Sie auf⸗ zuſuchen.“ Da er jetzt deutlich in der Höhe vor ſich das rothe Kleid durch die grünen Büſche ſchimmern ſah, ſo nahm er Abſchied von dem Offizier, deſſen Eſel ſehr langſam ging, und eilte raſch bergan, um früher als das Militär Ravello zu erreichen, hauptſächlich aber um noch einen Blick aus Marietta's dunklem Auge zu erhaſchen. Ehe er die Viſiten⸗Karte, welche ihm der Andere gegeben, in die Taſche ſchob, las er den Namen auf derſelben, den er ſich erinnerte, ſchon gehört zu haben, eben ſo, wie es ihm immer klarer wurde, daß er das Geſicht des Offiziers ſchon geſehen. Arthur von Marlott— der Adonis von den Huſaren, einer der glänzendſten Reiter⸗Offiziere der Reſidenz, der von allen Cirkeln Geſuchte, jetzt piemonteſiſcher Infanterie⸗Offi⸗ zier, auf einem Eſel die Höhe gegen Ravello hinaufreitend —— ſo wechſeln Zeiten und Verhältniſſe!— Beim raſchen Aufwärtsſteigen war Don Enrico in kurzer Zeit der kleinen Karawane vor ſich ſo nahe gekommen, daß er ſeine Schritte verkürzen mußte, um Marietta nicht jetzt ſchon zu überholen; er that das, indem er ſich nun einen Blick gönnte auf den prachtvoll, maleriſchen Weg, den er ſchon zurückgelegt hatte und den er noch vor ſich ſah. Ueber Felsgeſtein und durch bedeckte Gallerieen hindurch wand ſich der ſchwierige Pfad, bald durch Thalwände eingeenat, bald — In der goldenen Zwiebel. 115 rechts und links bekränzt von Weingärten mit Johannis⸗ brod⸗Bäumen und Kaſtanien. Und als er ſich umwandte, welch entzückender Blick auf das Meer! Ueber braune, mit Thürmen gekrönte Felſen ſchaute er auf die blaue See hin⸗ unter, die in unendlich reizender Klarheit, ſcheinbar von maleriſchen Bergkuppen eingeengt, hinter dem Grün des Vordergrundes förmlich aufleuchtete. Wieder langſam emporſteigend, ſah er vor ſich ein ver⸗ laſſenes Kloſter, Kreuzgang und Fenſteröffnungen in reizend⸗ ſtem mauriſchem Bogen⸗Stile, und drüben als Gegenſatz eine wohlerhaltene, in Oleander und Roſen vergrabene Villa. Noch eine Strecke weiter, dann ſah er einſam in der grünen Bergöde das alte Ravello liegen und blickte erſtaunt hin, als er eine völlig arabiſche Stadt, Thürme, Häuſer, in den phantaſtiſchen mauriſchen Arabesken gebaut, vor ſich hatte. Nach einigen ſchnelleren Schritten ging Don Enrico an dem ſchönen Mädchen vorüber und erhaſchte jetzt in der That einen Blick aus ihren Augen, der ihn mit Seligkeit erfüllte. Als er vorbeiſchritt, hörte er ſie fragen:„ob das Haus Maſtaſi weit hinein in die Stadt läge?“ Das Wort Maſtaſi hatte ſie ſcharf betont. Ohne ſich umzuſchauen ſchritt er nun rüſtig der Stadt zu und hatte die alterthümlichen Thore derſelben bald er⸗ reicht; mit Marietta durfte er nicht einziehen, und in Be⸗ gleitung der Soldaten mochte er ſich auch nicht ſehen laſſen, um ſo mehr, als ſich ſchon am Thore eine Menge Ein⸗ wohner verſammelt hatte, namentlich Kinder und Weiber, um die Soldaten, deren Trommelſchlag man bereits durch die Schlucht herauftönen hörte, einziehen zu ſehen. Nach einigen Fragen hatte er die ‚goldene Zwiebel' erreicht, ein 116 Dreiundſechszigſtes Kapitel. altes, großes, mauriſches Haus aus ſchwarzen Tuffen ge— baut und maleriſch mit Arabesken geſchmückt, von denen aber ein großer Theil verwittert und herabgefallen war. Oberhalb des edel geformten Eingangsthors dieſes ehemaligen Palaſtes, der einſt beſſere Tage geſehen, hing das Wirths⸗ hausſchild, eine koloſſale vergoldete Zwiebel, und unter der⸗ ſelben hatte ſich der Hausherr aufgepflanzt, eine breite, fette Geſtalt, der mit neugierigem Geſichte gegen das Thor ſchaute. Außer Kniehoſen, farbigen Strümpfen und Schuhen beſtand die Bekleidung ſeines Körpers nur aus einem Hemde, das auf der Bruſt offen und über die Arme zurückgeſchlagen war; der dicke Kopf mit dem ſtruppigen Haar war mit einer rothen Mütze bedeckt. Der Wirth warf einen prüfenden Blick auf den Wanderer und beantwortete deſſen Frage, ob er für die Nacht ein Zimmer haben könnte, mit kurzem Achſel⸗ zucken und den Worten:„Geht hinein und erkundigt Euch bei der Padrona.“ Don Enrico trat in das Haus, und nachdem er hinter dem Thorwege durch einen kleinen, von arabiſchen Säulen getragenen Hof gegangen, kam er in eine hohe, geräumige Halle, in deren Hintergrunde auf dem Boden ein mächtiges Feuer brannte und wo eine finſter blickende Frau beſchäftigt war, einen brodelnden Keſſel zu überwachen. Auf der Bank neben dem Feuer ſaßen ein paar ältere Männer, von denen der eine, in Hemd⸗Aermeln wie der Wirth, das Feuer nährte, indem er zuweilen Reiſig⸗Stengel hineinſchob, während der Andere gemüthlich zuſchauend, trotz der Hitze der Küche und des Tages, in Mantel und Hut daſaß. Eine dritte Perſon lehnte an der Wand und hielt eine jener zweihenkligen, mit 3 4 — 1 „— — In der goldenen Zwiebel. 117 Wein gefüllten Vaſen aus gebrannter Erde in der Hand, aus der er zuweilen einen tüchtigen Schluck that. Beim Eintritt Richter's verſtummte das Geſpräch, welches lebhaft geführt worden war, und als er ſich gegen die Frau— 1 am Herdfeuer wandte— daß ſie die Padrona des Hauſes war, zeigte ihre ganze Geſtalt, ſo wie die gebieteriſche Art, mit der ſie den Kochlöffel ſchwang— und um ein Nacht⸗ lager bat, erhielt er die kurze Antwort:„Wie kann ich 1 wiſſen, ob ein Zimmer für Euch bleibt, da, wie ſie ſagen, 1 Piemonteſen anrücken?“ „Und wo die ‚Goldene Zwiebelt nicht vergeſſen wird,“ ſagte der mit dem Hut und dem Mantel. Draußen in der Nähe hörte man ſchon den Trommel⸗ ſchlag, worauf ſich die Frau von dem Feuer erhob und an den Eingang der Halle trat, wo Richter ſtand. Sie mochte in den Dreißigen ſein, wohl auch jünger, wenn vielleicht Kummer und Sorgen die tiefen Furchen in ihr ſonſt nicht unſchönes Geſicht gegraben. Die dunklen Augen leuchteten mit einem unheimlichen, ja, etwas wilden Ausdrucke, und die dünnen Lippen preßten ſich feſt auf einander.„Ja, ja,“ ſagte ſie, gegen das Innere der Halle gewandt,„Don Ce⸗ ſare, das iſt derſelbe verfluchte Klang ihrer Trommeln, und wenn ich ihn höre, dann dreht ſich mir das Herz im Leibe herum. A— a— a—ah!“ ſie ſchrie förmlich auf und bedeckte dann ihre Ohren mit beiden Händen. „Laßt's gut ſein, Padrona, was iſt daran zu ändern? Seid eine ſtarke, muthige Frau, wie Ihr ja immer wart.“ Sie ließ ihre Arme wie gelähmt an beiden Seiten des Körpers wieder niederfallen und ſagte im Tone der Er⸗ ſchöpfung, wie nach einem furchtbaren Schmerze, der ſie ge⸗ 3 3 8 3 G 118 Dreiundſechszigſtes Kapitel. waltig erſchüttert:„Habt wohl Recht, Don Ceſare, aber ich bin die Mutter, ich habe ihn geboren und erzogen, und wofür? Santissima Madonna, für ihre vermaledeiten Ku⸗ geln! Ein armer Bube von vierzehn Jahren,“ ſetzte ſie laut weinend hinzu,„der keinem Thiere je etwas zu Leide ge⸗ than!“ Dann nach einer längeren Pauſe trocknete ſie haſtig ihre Thränen mit der Schürze:„Ja, Don Ceſare, ich will ruhig ſein und ſtark, aber der Klang dieſer Trommeln macht mich wahnſinnig! Möge Gott ſie verdammen!“ murmelte ſie zwiſchen den Zähnen. Richter war beſtürzt von dieſer Heftigkeit in den kleinen Hof hinausgetreten und wollte eben ſachte davongehen, als ihn die Frau mit rauher Stimme anrief:„Und Ihr, ſeid Ihr auch mit denen da gekommen, vielleicht ein Schreiber oder ſo etwas, den ſie nachwendig haben, um irgend einem armen Teufel das Todes⸗Urtheil zu verfaſſen?“ „Ihr irrt Euch, Signora,“ gab Richter ruhig zur Antwort;„mich gehen die da draußen nicht im Geringſten an; ich bin ein Maler, wie häufig welche hieherkommen. Daß ich Euch gerade in übler Laune treffe, thut mir leid, ich muß alſo wohl gehen, um mich nach einem anderen Nachtlager umzuſchauen; vielleicht ſeid Ihr ſo gut, mir zu ſagen, in welcher Straße ich die Caſa Maſtaſi finde.“ „Was wollt Ihr dort?“ fragte die Frau barſch, indem ſie ihn von oben bis unten betrachtete. „Nun, einfach Signora Tereſa bitten, mir ein anderes Gaſthaus zu bezeichnen, wo man den Fremden beſſer empfängt.“ „So kennt Ihr die Maſtaſi's?“ „Ich hoffe ſie morgen kennen zu lernen, aber der Schwa⸗ ger der Signora Tereſa, Don Rafajele auf der Maſſeria — — u n In der goldenen Zwiebel. 119 Fontana bei Neapel, hat mir Euer Haus bezeichnet und geſagt, ich ſollte Euch nur den Namen ſeiner Schwägerin nennen, um bei Euch gut empfangen zu werden. Er hat ſich geirrt und ich gehe ſchon.“ „Bleibt!“ ſagte die Frau, und als ſie ihren Mann zum Hofe hereinkommen ſah, der ſich von Weitem ſchmunzelnd die Hände rieb, dann aber eine ernſte Miene annahm, als er den finſteren Blick der Padrona bemerkte, rief ſie dieſem zu:„Der Herr möchte ein Zimmer haben, bringe ihn auf Numero 4.“ „Aber Donna Ritta, die Piemonteſen!“ „Aber Don Cuorno,“ erwiderte die Frau höhniſch la⸗ chend,„was gehen dich und mich die Piemonteſen an? Wer iſt die Padrona dieſes Hauſes, ich oder il Ré Galantuomo?“ „Vielleicht geben wir ihm Numero 16, auch ein ſchönes Gemach,“ ſagte der Wirth, indem er langſam ſeine rothe Mütze abnahm; doch antwortete ihm die Frau:„Geht, geht, und macht mich nicht böſe! Numero 4, wie ich geſagt, und daß du mir höflich mit dieſem Herrn biſt,“ worauf ſie zu Richter gewandt hinzuſetzte:„Kehrt Euch nicht an die dum⸗ men Reden dieſes Mannes. Wenn der Sirocco weht, weiß er überhaupt nicht, was er ſagt.“ Damit kehrte ſie zu ihrem Küchenfeuer zurück.— Richter befand ſich kurze Zeit darauf in einem heiteren Gemache, das nach dem Garten zu lag und einen Blick auf dicht belaubte Orangen⸗ und Limonenbäume bot, deren ent⸗ zückender Duft zu dem offen ſtehenden, zierlich geformten mauriſchen Fenſter hereindrang. Hier hätte er wochenlang weilen mögen, natürlicher Weiſe vorausgeſetzt, daß auch Marietta in Ravello blieb. — — 82 120 Dreiundſechszigſtes Kap. In d. goldenen Zwiebel. Der Gedanke an das junge Mädchen ließ ihn nicht lange im Hauſe verweilen, und es traf ſich glücklicher Weiſe, daß er im kleinen Hofe die Padrona fand, die mit finſteren Blicken dem Einzuge der piemonteſiſchen Offiziere und einer Anzahl Soldaten in ihr Haus zuſah. Bereitwillig bezeichnete ſie ihm die Richtung der Straße, in der das Haus Maſtaſi lag, ſo wie dieſes ſelbſt aufs genaueſte, und ſagte ihm noch: „Wenn die vordere Thür verſchloſſen iſt, ſo umgeht das Haus, und dann findet Ihr an der hinteren Seite deſſelben zwiſchen Oleander verſteckt eine kleine Thür, die meiſtens offen ſteht.“ Don Enrico beſchloß, dieſe kleine Thür aufzuſuchen, und malte ſich mit ſeiner lebhaften Einbildungskraft den glückſeligen Zuſtand aus, in dem er ſich aber noch nicht be⸗ fand: ein glücklich Liebender, der von der Geliebten erwartet wird und heimlich zu ihr ſchleicht, wobei er ſich in die ro⸗ mantiſche Situation verſetzte, an einer mauriſchen Eingangs⸗ Pforte zu warten, deren zierliche Arabesken von Roſen und Orangen und Oleanderbüſchen eingerahmt ſeien. Vierundſechszigſtes Kapitel. Der mauriſche Garten. Nach der genauen Beſchreibung der Wirthin zur ‚gol⸗ denen Zwiebel' hatte Richter denn auch, nachdem er eine Zeitlang durch die Straßen Ravello's flanirt war, das Haus Maſtaſi endlich entdeckt, und indem er deſſen mauriſche Archi⸗ tektur mit Kennerblicken zu muſtern ſchien, ſpähte er nach den dicht verhängten Fenſtern, ob ſich dort keine winkende Hand ſehen laſſe. Lange war ſein Forſchen vergeblich, und erſt, als er eben gehen wollte, in der Abſicht, ſpäter vorbeizukommen, ſah er den weißen Vorhang ſich bewegen und entdeckte da das Geſicht Marietta's, welche ihm mit den Augen einen Wink gab, den er unmöglich mißverſtehen konnte. Er wan⸗ derte gleichgültig am Hauſe vorbei, bog dann links in eine ſchmale Seitengaſſe, die von hohen, dunklen Mauern gebildet wurde, über welcher man die glänzend grünen Blätter von Orangen⸗ und Limonenbäumen hervorblicken ſah. Er folgte der Mauer, die zum Hauſe Maſtaſt gehörte, —— —õÿyy—— —y—— ——————:;/;— —— 122 Vierundſechszigſtes Kapitel. und wo ſie endete, bog er abermals links und kam dann an die beſchriebene kleine Pforte. Sie befand ſich unter einem noch wohlerhaltenen, reich verzierten mauriſchen Thurme, der im erſten Stocke ein gekuppeltes Fenſter hatte, deſſen beide hufeiſenförmige Bogen durch eine ſchlanke Säule getrennt waren. Der Thurm war ebenfalls aus faſt ſchwarzem Tuff⸗ ſtein gebaut und hätte ſich ernſthaft, faſt feindlich ausgenom⸗ men, wenn ihn nicht grüne Weinranken umſponnen, Oleander und Roſenzweige freundlich bekränzt hätten, und wenn in dieſem Augenblicke, als Don Enrico davor ſtand, in dem zierlichen Fenſter droben nicht Marietta in ihrer ganzen wunderbaren Schönheit erſchienen wäre und nach ihm heraus⸗ geſchaut hätte. Er kam ſich vor, wie einer jener fahrenden Ritter des poetiſchen Maurenlandes, wie einer der tapferen Abencerragen, der vor dem Kiosk ſeiner Dame erſchien, um ihr in einer gefühlvollen Serenade ſeine heiße Liebe zu geſtehen; er hätte ihr auch wahrſcheinlich etwas dergleichen geſungen, wenn nicht das Mädchen eben ſo raſch, als ſie erſchienen, verſchwunden wäre, um ihm unten die kleine Thür zu öffnen. Als er im Garten war, ſchob ſie den Riegel wieder vor. Don Enrico ſtaunte über die Wunder wie aus 1001 Nacht, die er ſich nicht hätte träumen laſſen hinter dieſen alten, ſchwarzen Mauern zu finden. Es war ein mauriſcher Garten aus der beſten Zeit, mit jenem ſinnigen Geſchmacke angelegt, der den arabiſchen Baumeiſtern der alten Zeit ſo eigen war, der ſich zur Aufgabe ſtellte, die Sinne zu um— ſtricken, eine tiefe Ruhe und Behaglichkeit auf das menſchliche Herz einwirken zu laſſen und daſſelbe durch tauſend bunt er⸗ glänzende phantaſtiſche Linien wie in einem Zaubernetze ge⸗ Der mauriſche Garten. 123 fangen zu halten, um es in einem wonneſamen Traumleben die Seligkeit des Paradieſes fühlen zu laſſen. Von dem Thore, durch welches Don Enrico eingetreten, durch den ganzen Garten hindurch bis zu dem vorderen Hauſe führte ein breiter Gang, den eine rieſenhafte Lorberlaube überwölbte und wo ſich zahlreiche Sitze aus weißem Marmor befanden, die zur beſchaulichen Ruhe einluden, zu ſüßen Träumereien, denen man ſich ſo gern hingibt, wenn der Blick auf leicht fließendem, ſanft murmelndem Waſſer ruht. Und ſo war es hier. Drüben am Hauſe ſtieß die Laube an eine offene Halle, in deren Mitte ein kleiner Springbrunnen klares Waſſer überſprudeln ließ, das daun auf dem Boden der Lorberlaube über bunte, zierlich eingelegte Steine abfloß, wunderſam ſpiegelnd, wo ein Sonnenſtrahl durch das dichte Laub brach, und geſchwätzig murmelnd, als wolle es dem lauſchenden Ohre von geheimnißvoller Märchenwelt erzählen. Rechts und links von der großen Laube ſchienen die Orangen⸗, Limonen⸗, Roſen⸗ und Oleander⸗Gebüſche eine ungepflegte Wildniß zu bilden, doch war dem nicht ſo. Wenn man den mittleren Weg verließ und ſich rechts und links in das grüne Blättermeer verlor, ſo betrat der Fuß wohlerhal⸗ tene, gut geebnete Wege, die zu irgend einem Verſtecke, einem Rondel, einer kleinen Laube und dergleichen führten. Marietta weidete ſich mit kindlicher Freude an dem Er⸗ ſtaunen ihres Freundes und ging mit ihm langſam am Hauſe entlang, wo er die mauriſche Halle bewunderte, in der edelſten Form erbaut und geſchmückt mit der noch unver⸗ wiſchten prachtvollen, bunten Ornamentik, welche ihr der arabiſche Baumeiſter gegeben. Hier rauſchten die Waſſer ſo ſtark, daß es kaum möglich war, ein leiſe geſprochenes Wort —— — Q,—ʒ—ʒ—˖—————. ———— 124 Vierundſechszigſtes Kapitel. zu verſtehen; hier war alles auf ein träumeriſches Nach⸗ denken berechnet. Deßhalb verließ das junge Mädchen auch die Halle bald wieder und führte Don Enrico auf einem der kleinen Seitenpfade vor eine Laube, wo ſie ſich an ſeiner Seite niederließ, die Hände in ihrem Schooße zuſam⸗ menlegte und ihn lächelnd mit ihrem kindlich leuchtenden Blicke betrachtete. „Der Erlebniſſe des heutigen Tages,“ ſagte er endlich nach einer kleinen Pauſe,„ſind zu viele, um ſie wohlgeordnet bei ſich unterbringen zu können; ich fühle mich von Wundern und Räthſeln umgeben, zu deren Löſung Ihr mir behülflich ſein müßt. Vor alken Dingen aber, was denken die Maſtaſi zu unſerem Unternehmen?“ 3 1 „Die Zia iſt eine kluge Frau,“ erwiderte das junge Mädchen,„gerade wie meine Mutter auch, nur noch ent⸗ ſchloſſener, und da ſie mit meinem Oheim häufig verkehrt, ſo hält ſie es nicht für ſchwer, denſelben aufzuſuchen und mit ihm über die Sache zu reden. Doch habt Ihr wohl gehört, daß die Piemonteſen angekommen ſind, und das er⸗ ſchwert einigermaßen die Sache, da ſie es darauf abgeſehen haben, Don Alonzo zu fangen oder wenigſtens zu verjagen.“ „So iſt er in der Nähe?“ „Er iſt nicht weit von hier. Wenn man des Morgens früh ausgeht, kann man des Abends bei ihm ſein.“ „Und was meint die Signora Tereſa, auf welche Art ſollen wir ihn benachrichtigen, wer ſoll ihn aufſuchen?“ „Darin liegt eben die Schwierigkeit,“ erwiderte Ma⸗ rietta;„denn wer von den Einwohnern Ravello's die Stadt verläßt, wird mit argwöhniſchen Blicken betrachtet werden.“ „So will ich ihn aufſuchen,“ ſagte Don Enrico raſch en we Der mauriſche Garten. 125 entſchloſſen;„als Landſchafts⸗Maler habe ich wohl das Recht, )— weiter in die Berge vorzudringen, um dort ſchöne Anſichten 1 für meine Mappe zu ſammeln.“ 1 Marietta ſchüttelte mit dem Kopfe, dann erwiderte ſie: „Allein könnt auch Ihr nicht gehen, Ihr würdet den Weg 1 4 nicht finden, und wenn Ihr ihn fändet und zum Ziele kämet, ſo könnte es Euch Gefahr bringen, von den Leuten Don 7 Alonzo's angehalten und vor ihn ſelbſt gebracht zu werden; t er kennt Euch nicht und würde Euch mißtrauen. Deßhalb n mmaeint die Zia, die nicht ſo ängſtlich iſt, wie meine Mutter, h ich ſolle mit einer Frau von Corſano, die zufällig hier iſt, ſi morgen früh in die Berge gehen, und dieſe Frau würde mich ſchon an den rechten Ort bringen.“ e„Das wolltet Ihr unternehmen, Marietta?“ fragte f⸗ Richter faſt erſchrocken.„Und allein mit jener Frau? Nim⸗ “,* mermehr!“ d„Glaubt Ihr, ich fürchte mich?“ fragte das junge Mäd⸗ l chen, indem ſie ſtolz ihr Haupt erhob;„was könnte mir ge⸗ ⸗ ſchehen, wenn ich einmal Ravello hinter mir habe? Jeder in n den Bergen, der mir begegnete und dem ich von meinem 4 Vorhaben ſagte, würde ſich bemühen, mir den rechten Weg zu zeigen, denn man verehrt und liebt den Don Alonzo. Hier 18 iſt Keiner, der ihn verrathen würde, deßhalb wird es den Piemonteſen auch ſchwer werden, wenn ſie ihm etwas an⸗ rt haben wollen.“ Richter ſchüttelte nachdenkend mit dem Kopfe, dann ſagte a⸗ er:„Es iſt möglich, daß die Gefahr nicht mehr ſo groß dt wäre, wenn Ihr Ravello hinter Euch hättet, das iſt aber 4 nicht ſo leicht, wie Ihr Euch denkt. Die Piemonteſen wer⸗ den heute Abend ihre Vorpoſtenkette um die Stadt ziehen, 126 Vierundſechszigſtes Kapttel. und von denen werdet Ihr morgen früh unbedingt zurück⸗ gewieſen werden.“ „Wäre das möglich?“ fragte Marietta mit einem finſteren Blicke;„ſollte ich, der ja niemand etwas zu befehlen hat, mit einer anderen Frau nicht nach Corſano gehen dürfen? Wer gäbe ihnen ein Recht, mich aufzuhalten?“ „Die unruhigen Zeiten, in denen wir uns befinden, der Kriegszuſtand, welcher über dieſe Provinz verhängt iſt.“ Marietta ſah ihn fragend an, ſie ſchien ihn nicht genau zu verſtehen, denn ſie ſchüttelte leicht mit dem Kopfe. Er fuhr fort:„Ich wüßte vielleicht ein Mittel, um von hier in die Berge zu kommen, aber ich weiß nicht, ob es Euch genehm iſt, denn in dem Falle könntet Ihr mit jener Frau aus Corſano nicht allein gehen, ſondern müßtet mich mitnehmen.“ Ein freudiges Lächeln zog bei dieſen Worten über die ſchönen Züge des jungen Mädchens.„Ihr wolltet mich wirklich begleiten, Don Enrico?“ fragte ſie mit leuchtenden Augen. „Dieſe Frage kommt nicht aus Eurem Herzen,“ gab er mit weicher Stimme zur Antwort;„Ihr wißt wohl, daß ich Euch nicht allein ließe, und wenn uns dort, wo Ihr hinwollt, wirklich Gefahr drohte; denkt nur, wie feige es von mir wäre, Euch allein gehen zu laſſen! Für wen wollt Ihr die Hülfe Eures Oheims nachſuchen? Für meinen Freund!“ „Ach ſo, deßhalb wollt Ihr mich begleiten!“ erwiderte ſie mit einer enttäuſchten Miene. „O, nicht deßhalb, bei Gott, nicht deßhalb! Ich will Euch nicht verlaſſen, weil ich ſo unendlich gern bei Euch bin. der nau von e es wen einen derte will bin. Der mauriſche Garten./ 127 O, Ihr wißt das wohl, ich will mit Euch g gehen, Wai ich, ohne Euch zu ſehen, doch keine Ruhe hätte, weil— Zu guter Zeit fiel ihm noch plötzlich ein, 8 er die Braut eines Anderen vor ſich habe, und er war ehrenhaft genug, ihr ſtatt einer glühenden Liebeserklärung, die ihm auf der Zunge ſaß, zu ſagen:—„weil ich allein das Mittel habe, Euch derrch die piemonteſiſchen Vorpoſten zu bringen.“ Macretta hatte ihre Augen niedergeſchlagen, dann ſagte ſie:„So, Ihr wißt ein Mittel? Welches iſt es?“ Sie erhob chre dunkeln, ſchwimmenden Augen nach einem tiefen Athem⸗ zuge in die Höhe und ſchaute ihn durchdringend an. Er mußte an ſich halten, um dieſes wunderbar. ſchöne Mädchen nicht an ſein Herz zu reißen; ſie, die ſonſt ſo luſtig, ſo übermüthig, ſo trotzig ſein konnte, ſaß mit einem Male ſtill und in ſich gekehrt neben ihm wie zuſammenſchauernd vor Erwartung; tiefe, haſtige Athemzüge hoben ihre Bruſt; dabei rauſchten die Waſſer ſo geheimnißvoll und die Orangen⸗ blüthen dufteten faſt betäubend. „Einer der angekommenen Offiziere,“ ſprach Richter mit gepreßter Stimme,„iſt ein Deutſcher, wie ich, und wird wohl ſo gefällig ſein, mir einen Anajpenz zu geben, daß ich in die Berge kann.“ „Aber ich?“ „Wenn ich ein Italiener wäre, ſo würde ich ihm ſagen, wollte eine Schweſter, eine Verwandte begleiten; ſo aber ich ihm geſtehen, daß ich einem jungen Mädchen folgen das mein Herz mächtig an ſich⸗zieht—“ ch würde die Wahrheit ſprechen—“ nas iſt die Wahrheit, Marietta, und wenn J 128 I Vierundſechszigſtes Kapitel. allein gehen wolltet, ich folgte Euch doch nach; könnte ich zurückbleiben?“— „Könnte ich allein gehen?“ rief ſie mit einem glänzen⸗ den Blicke———„laßt mich Euch's ſagen, Don Enrico, da aus Eurem Munde das Wort nicht hervor will, daß ich Euch liebe, und daß auch Ihr mich liebt, daß ich Euch ge⸗ liebt habe, als ich Euch zum erſten Male ſah, daß ich da fchon deine Marietta geweſen wäre, wenn du kalter, herz⸗ loſer Deutſcher es gewollt hätteſt!— Ja, ich liebe, liebe dich!“ Dieſe Worte ſprach ſie mit einer ſolchen Innigkeit, mit ſolch wilder Hingebung, daß es ihn mit der Wonne höchſter Seligkeit durchzuckte; er ſchlang ſeine Arme heftig um ſie, und als ſie nun erzitternd an ſeine Bruſt ſank, hob ſie den lieblichen, ſanft geöffneten Mund, wie ihn zum Kuſſe ein⸗ ladend, in die Höhe; lange ruhten ſeine Lippen auf den ihri⸗ gen, während ſich ſeine Blicke in ihre glänzenden Augenſterne verſenkten. Mit einem ſeligen Tiefaufathmen wand ſich das junge Mädchen endlich aus ſeinen Armen, doch blieb ihr Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, und als er ſie lächelnd fragte: „Nicht wahr, Marietta, wir gehen morgen mit einander?“ erwiderte ſie mit ſüdlicher Leidenſchaft:„Nicht nur morgen ſondern immer, immerfort mit einander durch das gan⸗ Leben hindurch!“ „So liebſt du mich wirklich? Sage es noch einma „Tauſendmal, wenn du es hören willſt; ich mög dir Stunden lang wiederholen, daß ich dich liebe, und och am Ende, ich hätte es dir noch gar nicht ge ſſe es dir noch einmal wiederholen.“ was dir folg es Sto wied dein blick tete ches habe mane O, 1 anſch mein preſſe drücke ſpran die S Gewa nach daſſell T Waſſer noch g im Si Lu nte ich änzen⸗ enrico, aß ich ſch ge⸗ ich da herz⸗ liebe t, mit öchſter m ſie, ie den e ein⸗ ihri⸗ ſterne junge Haupt ragte: der?“ örgen gan Der mauriſche Garten. 129 „Aber was liebſt du an mir, Marietta? Ich glaube nicht, daß ich ſchön bin.“ „Ob du ſchön biſt, Enrico, weiß ich nicht, auch nicht, was ich an dir liebe, aber ſo viel fühle ich, daß fortan in dir mein ganzes Lebensglück ruht. Sage mir, ich ſoll dir folgen und meine Eltern, meine Heimat verlaſſen, ich werde es gern thun, ich werde mit dir gehen, wohin du willſt! Stoße mich elfmal von dir, ich komme das zwölfte Mal wieder, winke mir mit der Hand, und ich ſinke wie jetzt an dein Herz. Und das iſt nicht wenig,“ fuhr ſie zu ihm auf⸗ blickend fort, wobei es aus ihren ſchwimmenden Augen leuch⸗ tete und ſtrahlte;„ich habe manchen Wink geſehen und man⸗ ches ſüße Wort gehört, dem ich hätte folgen ſollen, aber ich habe darüber gelacht, ich habe darüber geſpottet, ich habe manches Herz betrübt— aber dafür hat es mich jetzt auch. O, mein Enrico, könnte ich dir meine Liebe in einem Worte anſchaulich machen— ich liebe dich ſo, daß ich alles Blut meines Herzens tropfenweiſe auf brennende Lorber⸗ und Cy⸗ preſſenreiſer träufeln laſſen könnte!“ Er wollte ſie heftiger, inniger, ungeſtümer an ſich drücken, doch entwand ſie ſich ſeinen Armen wie ein Aal, ſprang raſch in die Höhe, legte ihm ihre beiden Hände auf die Schulter, und ſo hatte das ſtarke Mädchen es in ſeiner Gewalt, ihn von ſich zu halten oder ihn an ſich zu ziehen nach ſeinem Belieben, was es wiederholt that; und wenn es daſſelbe that, küßte es ihn jedes Mal herzlich. Die Orangenblüthen dufteten betäubender und das Waſſer murmelte durch die Stille, welche ringsum herrſchte, noch geſchwätziger als früher; die Nacht wollte kommen, im Süden ohne Uebergang, ohne Dämmerung. Aackländer, Die dunkle Stunde, V. 9 hier , ——— — 130 Vierundſechszigſtes Kapitel. „Jetzt iſt es genug, Enrico,“ ſagte das junge Mädchen und trat einen Schritt zurück. „Nur noch einen einzigen Kuß!“ bat er. „Keinen mehr— heute nicht und morgen nicht und übermorgen nicht, ja, nicht eher, als bis wir auf Fontana ſtehen vor den Eltern. Morgen ſuchen wir den Zio auf, wir Beide als Bruder und Schweſter, haſt du mich ver⸗ ſtanden, Enrico? Kein Wort der Liebe, keine Tändelei, bis wir in Neapel zurück ſind— das verſprichſt du mir auf deine Ehre!“ „Ich muß es dir wohl verſprechen, liebe Marietta,“ ſagte er nach einer Pauſe,„aber für dieſes Verſprechen ſollſt du mir noch einen einzigen Kuß zur guten Nacht geben, nur einen einzigen, ich verlange nicht mehr.“ Faſt ſchmollend bot ſie ihm ihre Lippen hin, und er hatte dieſelben kaum berührt, als ſie ſich losriß und ihm voran dem kleinen Thore zueilte; ſie öffnete den Riegel und drückte ihn ſanft, aber haſtig hinaus. „Aber du jagſt mich fort, Marietta,“ ſagte er,„ohne daß wir für morgen genau abgeredet.“ „Ich dächte, das braucht es bei Eurem Scharfſinne nicht, Don Enrico, wenn Ihr das Glück habt, mich ſuchen zu dürfen,“ antwortete ſie ſchalkhaft lächelnd im Gefühle ihrer Sicherheit, da jetzt Thor und Riegel zwiſchen ihnen Beiden war und ſie mit ihm durch die kleine, vergitterte Oeffnung ſprach.„Ihr befindet Euch bei Tagesanbruch vor dem Thore, ehe wir zu den häßlichen Vorpoſten kommen; da ſetzt Ihr Euch am Wege nieder und wartet auf mich und auf das Almoſen eines meiner Blicke, vielleicht nehm' ich Euch mit, wie ich gerade gelaunt bin; doch nun geht mit Gott.“ ——— 5 —————— —— — Der mauriſche Garten. „Gute Nacht, Marietta.“ „Gute Nacht, mein Enrico.“ Der ſüße Ton ihrer Stimme verwiſchte ihre Neckerei von eben, die ihn faſt verletzt hätte; ſie verſchwand, und er ging wie ein Betrunkener durch die dunkle Straße davon. Es kam ihm vor, als habe er alles das nur geträumt; es war ihm, als wenn er nach irgend einer phantaſtiſchen Oper des Guten etwas zu viel gethan hätte und alsdann wilde Träume ſein Blut beunruhigten. War es doch eine förmliche Märchenwelt, die ihn umgab: der unvergleichlich ſchöne mauriſche Garten, das reizende Mädchen darin, welches ihn liebte und ihm das unter heißen Küſſen unzählige Male wiederholte!— Wahrhaftig, Richter fürchtete, er werde plötz⸗ lich erwachen unter dem Zelte ſeiner ehemaligen Dachwohnung im Hauſe der Frau Wittwe Speiteler. Aber er erwachte nicht, ſo viel er ſich auch ſeine Augen rieb und ſo aufmerkſam er auch um ſich ſchaute. Ueber ſei⸗ nem Auge ſpannte ſich jetzt der tiefdunkle Nachthimmel glän⸗ zend in unſäglich ſchöner Sternenpracht. Er hatte die beleb⸗ teren Straßen des Städtchens wieder erreicht und ſah wieder Lichtſchimmer und plaudernde, lachende Menſchen; auch tönte wohl von fern her ein Lied, von einer ſchönen Stimme vor⸗ getragen und belauſcht von glänzenden Mädchenaugen, die aus den Fenſtern herausſchauten; piemonteſiſche Soldaten ſchritten paarweiſe durch die Straßen, der Kühle nach dem heißen Marſchtage genießend; andere aßen unter der Veranda eines Gartenhauſes und ließen die Foglietta mit rothem Weine häufig hin und her gehen, wobei ſie der Heimat ge⸗ dachten, vielleicht auch zur Erinnerung an dieſelbe einen Vers anſtimmten, während aus weiter Ferne deutlich hörbar in 132 Vierundſechszigſtes Kapitel. der ſtillen Nacht die klingende Mandoline und der raſſelnde Ton eines Tambourins herüberſchallten. Don Enrico hatte bald ſeinen Gaſthof erreicht, wo er den dicken Wirth wieder an der Thür fand, der, jetzt ſehr höflich geworden, ihm nach ſeinem Zimmer leuchten wollte, doch ließ er ſich das Gemach des piemonteſiſchen Offiziers, der ihm ſeine Karte gegeben, zeigen, und als er dort eintrat, fand er den Herrn von Marlott, der, wie er ſagte, ihn ſchon lange erwartet hatte. „Ihr ſeid eine merkwürdige Art von Menſchen, Ihr Künſtler; wenn ich nach einem Marſchtage ins Quartier komme, namentlich bei dieſer Viehhitze, ſo mache ich es mir bequem, und wenn nicht einmal unglückſeliger Weiſe die Trommel erſchallt oder das Lärmhorn, ſo brächten mich keine zehn Pferde aus meinen Mauern. Machen Sie es ſich be⸗ quem und dann wollen wir Eins plaudern; ſehen Sie, dort iſt noch ein ganz behaglicher Lehnſtuhl; überhaupt findet man in dieſen kleinen italieniſchen Neſtern mehr Comfort, als man erwartet. Haben Sie ſchon zu Nacht gegeſſen? Ich empfehle Ihnen Rosti de Lammfleiſch, ganz famos, mit ſaftigen Li⸗ monen; man bekam es bei uns nicht beſſer, auf Ehre!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu;„dazu haben wir hier einen capitalen Lacrymus, wie ſie's nennen, den ich mir mit Eis kühle, und das iſt ein Luxus, den man, bei Sanct Januarius, in einer kleinen Stadt bei uns vergeblich ſuchen würde— und doch iſt es ein wahres Hundeleben, das wir hier führen. Glauben Sie mir, lieber Herr, es geht mir wie dem Ritter, der das Liedchen von der Reue ſang; kaum hatte er es zu Ende gebracht, ſo fing er es gleich wieder von vorn an zu ſingen. He, Luigi!“ ſchrie er, und als der Gerufene kam, Der mauriſche Garten. 133 befahl er:„Rosti de Lammfleiſch und noch eine Bottiglia Lacrymus!“ Arthur von Marlott hatte ſich ſeinen großen Lehnſtuhl mit dem Kopfkiſſen des Bettes ausgepolſtert und ſaß ſo behaglich als möglich, wobei er jedes ſeiner Beine auf einem anderen Stuhle ruhen ließ; die Uniform hatte er abgeworfen und dafür ein leichtes graues Sommer⸗Röckchen angezogen. Nachdem Richter gegeſſen und noch einen tüchtigen Schluck aus ſeinem Glaſe gethan, bot ihm der Offizier eine treffliche Cigarre.„Havanna,“ ſagte er,„ich kann die Rattenſchwän⸗ zelei nicht leiden;“ und dann ſprach er:„Jetzt ſagen Sie mir auch, verehrteſter Herr, aus welchem Theile unſeres ge⸗ ſegneten Deutſchlands Sie eigentlich ſind.“ Richter nannte mit Betonung den Namen der Reſidenz und freute ſich, als er die mächtige Wirkung gewahrte, welche derſelbe auf ſein Gegenüber hervorbrachte. Herr von Marlott richtete ſich haſtig in ſeinem Stuhle auf, nahm die Cigarre aus ſeinem Munde, welcher ein paar Sekunden vor Erſtaunen offen blieb. Dann rief er:„Bei Jupiter, ſo wären wir ſogar die ſpeciellſten Landsleute? Wie iſt Ihr Name, lieber Herr? So ſehr ich mein Gedächt⸗ niß auch abmartere, erinnere ich mich nicht, Sie jemals ge⸗ ſehen zu haben.“ „Ich aber,“ erwiderte Richter lächelnd,„erinnere mich jetzt wohl wieder des eleganten Huſaren⸗Offiziers. „O, ſtille davon!“ bat der Andere in einem faſt weh⸗ müthigen Tone;„der Unterſchied zwiſchen damals und jetzt iſt zu groß, als daß ich mich der Vergangenheit mit Freuden erinnern könnte.“ Das ſagte er mit einem tiefen Seufzer. 134 Vierundſechszigſtes Kapitel. „Wie kommt es aber,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß ich Sie nie geſehen?“ „Geſehen haben Sie mich vielleicht häufig, aber nicht beachtet; ich wirkte mit auf jenen Brettern, welche die Welt bedeuten ſollen, was aber eigentlich kein Compliment für die Welt iſt.“ „Sie waren am Theater? Bei der Oper oder beim Ballet?“ „Ich war ein kleiner Sänger, mein Name iſt Richter.“ „Da iſt es möglich, daß ich mich Ihrer nicht erinnere. Wären Sie beim Ballette geweſen,“ ſagte der junge Offizier mit einem Seufzer,„ſo würde ich Sie wahrſcheinlich erkannt haben; ich wandte dem Ballette große Aufmerkſamkeit zu— o, es war eine ſchöne Zeit!— Aber wie kam es, daß Sie die Heimat verließen?“ „Ich begleitete einen Freund, einen Schriftſteller von großem Talente; man gab ein Stück von ihm, welches ſich gerechten und großen Beifall errang.“ „Wie hieß das Stück?“ „Des Teufels Diener; der Name des Schriftſtellers iſt Bander.“ „Ah, ich erinnere mich, doch ziemlich undeutlich, es fiel für mich in eine etwas verdrießlich bewegte Zeit. Apropos,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort, nach⸗ dem er ſich an etwas erinnert zu haben ſchien,„Bander heißt Ihr Freund, Sie heißen Richter? Waren Sie nicht in einer eigenthümlichen Angelegenheit bei einem meiner Bekannten, einem Herrn von Scherra?“ „So iſt es, Herr von Marlott.“ Der mauriſche Garten. „Ich habe nie recht erfahren, wie ſich die Sache eigent⸗ lich verhielt; war ſie von Bedeutung?“ „Durchaus nicht,“ ſagte Richter nach einer kleinen Pauſe. Er hielt es für beſſer, Gaetano's nicht zu erwähnen und ſo fernere Fragen abzuſchneiden.„Bander hatte eine Empfeh⸗ lung an Herrn von Scherra; Sie wiſſen, ein junger Schrift— ſteller, auch wenn er Talent hat, kann heutigen Tages mäch⸗ tige Protectionen nur zu gut brauchen.“ Der Offizier nickte mit dem Kopfe und fragte dann: „Hatten Sie Bekannte beim Ballette?“ „Ich kannte wohl das ganze Perſonal mehr oder weniger.“ „O, es iſt doch ein vortreffliches Ballet, ausgezeichnete Tänzer und Tänzerinnen!“ „Von den letzteren kannte ich nur eine, welche dieſes Prädicat wirklich verdiente.“ „Fräulein Roſa!“ Beide ſprachen dieſen Namen zu gleicher Zeit aus und Herr von Marlott ſetzte ſeufzend hinzu:„O, ſie war eine einzige Erſcheinung, ich kannte ſie und ich—“ Er warf ſich heftig in ſeinen Lehnſtuhl zurück, bedeckte ſeine Augen eine Sekunde mit der Hand und rief dann mit einem erzwungen luſtigen Tone:„Passons-là-dessus! Was hilft es, ſich mit der glänzendſten Vergangenheit eine traurige Gegenwart vollends zu vergiften!“ Dann ſang er: „Als ich noch Prinz war von Arkadien!“ Doch unterbrach er dieſen Geſang ſogleich wieder und ſetzte hinzu:„Dieſer Kerl hat gar kein Recht, ſich zu be⸗ klagen, denn es iſt ihm möglich, Lethe zu ſaufen, ſo viel er —=ü—— 136 Vierundſechszigſtes Kapitel. mag, und ſo alles Unangenehme zu vergeſſen. O, wenn auch mir jeden Tag eine Flaſche Lethe zu Gebote ſtände!— Doch in Ermanglung derſelben halten wir uns an den Lacrymus; in reichlicher Quantität genoſſen, übt er auch zuweilen lethiſche Wirkung aus. Stoßen wir an auf die Heimat und was wir dort Freundliches und Liebes zurückgelaſſen!“ Beide tranken und darauf fuhr der Offizier fort:„Den Geſang haben Sie alſo gänzlich an den Nagel gehängt und wollen einer anderen und beſſeren Kunſt leben? Es iſt das geſcheit von Ihnen. Sie ſind Landſchafts⸗Maler?“ „Ich bemühe mich, es zu werden.“ „Ein glückliches Loos,“ ſagte Herr von Marlott nach einer Pauſe, während er ſein Geſicht aufwärts zur Decke erhob und den blauen Dampf der Cigarre in die Höhe ſtei⸗ gen ließ;„ein beneidenswerthes Loos! Sie gehen, wohin es Ihnen beliebt, Sie bleiben, ſo lange Sie wollen, Sie eignen ſich zu, was Sie ſchön finden, und wenn es Ihnen hier nicht mehr gefällt, ſo kaufen Sie ſich einen Platz auf dem Dampfer und reiſen nach Hauſe zurück.— Sehen Sie mich dagegen an: wie Sie vorhin ſagten, erinnern Sie ſich meiner von früher her— als ich noch Prinz war von Arkadien,“ wiederholte er mit einem ſchmerzlichen Blicke—„als Arthur von Marlott, wie man ſagte, das Bild eines Huſaren⸗Offi⸗ ziers war, Tonangeber unter der Garde⸗Reiterei, die letzte und höchſte Inſtanz bei allen möglichen Sports und ſonſti— gen Vorkommniſſen des Junggeſellen-Lebens, Don⸗Juan zu Pferde, Habitué des Hoftheaters vor und hinter den Cou⸗ liſſen, privilegirter Tänzer der höchſten und allerhöchſten Prinzeſſinnen, und alles das verloren in Folge einer einzigen dunklen Stunde! Der mauriſche Garten. 137 „Die Sache ſelbſt wird Sie nicht intereſſiren, ſie war, auf Ehre, nicht der Mühe werth, und ein Anderer, der mehr Glück gehabt hätte, wäre mit einem blauen Auge durchge⸗ rutſcht, mich aber hielten ſie teufelmäßig beim Eſſen und ich mußte die Zeche mit Wucherzinſen bezahlen. Es handelte ſich natürlicher Weiſe um ein Mädchen, der ich— Sie ver⸗ ſtehen mich ſchon, die mich liebte und in Folge davon Frau von Marlott werden wollte. Wer weiß, ob ich nicht beſſer gefahren wäre, wie mancher Andere, aber man muß doch etwas auf ſeine alte Familie halten, und wenn man einmal einen Faux pas der Art macht, ſo möchte ich doch wenig⸗ ſtens die Entſchuldigung jenes alten franzöſiſchen Marquis acceptiren, der eine reiche Bürgerliche heirathete pour fumer ses terres. Wie geſagt, die Sache ging ſchief, was ich um das junge Mädchen eigentlich nicht verdient hatte, denn ich fühlte mehr als gewöhnliche Leidenſchaft für ſie, und ich kann nicht läugnen, ſie verdiente es. Doch passons-là-dessus! Man ſtellte mir die Alternative, meinen Abſchied zu nehmen oder mich zu einem Reiter⸗Regimente in der Provinz ver⸗ ſetzen zu laſſen. Wer aber bei den Garde⸗Huſaren diente, geht nicht gern in die Provinz; ich nahm alſo meinen Ab⸗ ſchied mit dem Entſchluſſe, zu meinem Vergnügen zu reiſen, aber dazu hatte ich kein Talent und nicht genug Geld; ich ging nach Paris, wurde dort in guten Häuſern empfangen, ſah aber wohl ein, daß ich mit meinen Mitteln nur eine kleine Rolle ſpielen konnte. „Da es nun bei den jungen Leuten in der Hauptſtadt Frankreichs Mode war, für oder wider den Papſt nach Ita⸗ lien zu gehen, ſo ließ ich mich auch dazu beſtimmen. In einer luſtigen Abendgeſellſchaft würfelten wir auf Rom und —— — — — — ———— 138 Vierundſechszigſtes Kapitel. Neapel, und da mich das Loos traf, unter der Fahne des Rô Galantuomo zu dienen, ſo ging ich mit guten Empfeh⸗ lungen nach Turin und wurde als Oberlieutenant hieher in den Süden geſchickt. Wie ſind wir aber ſchon herumgehetzt worden! Krieg führen kann man dieſe ganze Geſchichte nicht nennen, die anſtrengendſten Märſche, ſchlechte Verpflegung, eine Kugel aus dem Hinterhalte oder fuſilirt werden, wenn man gefangen wird— auf Ehre, ich habe die Geſchichte ſo dick wie möglich, und wenn es anſtändig wäre, während eines Feldzugs den Abſchied zu nehmen, ſo würde ich ſo bald als möglich nach dem Norden zurückkehren! In Ravello iſt es noch ganz erträglich, aber wie oft haben wir unter freiem Himmel die Nacht zugebracht, nach einem Marſche in der Gluthitze, wie oft fanden wir nur ſchlechtes Waſſer und mußten ein Stück Brod eſſen, das wir zufällig mitgenommen!— Endlich gedachte ich, einmal eine Zeitlang in Neapel bleiben zu kön⸗ nen. Gott bewahre, da geht der Tanz hier in den Bergen wieder los, und nun ſollen wir Jagd machen auf den ver⸗ fluchten Chiavone, der im Grunde ein ganz ordentlicher Kerl ſein ſoll. Nun, man thut ſeine Schuldigkeit, doch kann ich Ihnen wohl ſagen, daß es mir wahrhaftig leid thäte, wenn ich ihn erwiſchte und todtſchießen laſſen müßte. Der Major mit dem Bataillon bleibt in Amalfi, unſere Kompagnie wurde hieher nach Ravello geſchickt, und wahrſcheinlich brechen wir morgen Abend gegen die Berge auf, Montalbinus, glaube ich, nennen ſie es; da ſind eine Menge Klöſter, kleine Ort⸗ ſchaften, ein Terrain voll Schluchten und Engpäſſen, wo ſich die Herren Räuber befinden ſollen. „Doch trinken wir einmal, ich habe Ihnen nun Vieles F Der mauriſche Garten. 139 erzählt, und wahrſcheinlich für Sie ſehr langweiliges Zeug, ſo daß mir die Zunge am Gaumen klebt.“ Richter leerte auf dieſe Aufforderung ſein Glas, und dann dehnte ſich Herr von Marlott gähnend in ſeinem Lehn⸗ ſeſſel, wobei er ſagte:„Ich habe meinen Capitano auch auf ein Glas Wein eingeladen; es iſt gerade kein angenehmer Geſellſchafter, finſter und ſchweigſam, aber eben mein Vor⸗ geſetzter, dienſtfertig wie ein junger Lieutenant. Ehe er ſich Ruhe gönnt und einen ſoliden Trunk, muß er ſich vorher überzeugen, wie ſeine Kompagnie untergebracht iſt; nun, von ſeinem Standpunkte aus hat er Recht, will er doch ſeine Carriere machen,“ ſetzte er laut gähnend hinzu. „So erlauben Sie mir wohl, ehe der Hauptmann kommt,“ ſagte Richter nach einigem Beſinnen,„Ihnen eine Bitte vor⸗ zutragen, deren Erfüllung von Ihnen vielleicht abhangen mag. Ich möchte morgen auch in die Berge, und der Land⸗ ſchaftsmaler,“ fügte er mit einem bezeichnenden Lächeln hinzu, „hat noch ſeine Nebenabſichten. Zufälliger Weiſe habe ich die Bekanntſchaft eines ſehr hübſchen jungen Mädchens ge⸗ macht, das morgen mit einer älteren Frau nach Corſano zu Verwandten geht; da nun auch mein Weg dahin geht—“ „Ah, von wegen des hübſchen jungen Mädchens?“ lachte Herr von Marlott. „So habe ich ihr meine Begleitung und meinen Schutz angetragen,“ fuhr Richter kopfnickend fort. „Und da wollen Sie von uns eine Escorte? Marſchiren Sie lieber mit der ganzen Kompagnie.“ „Zu viel Ehre für mich,“ lachte Richter,„dieſe Beglei⸗ tung wäre doch zu zahlreich und könnte mir hinderlich ſein, ſtatt mir zu nützen; meine Bitte aber geht dahin, mir ein — 5 —— “ — ——— ———— 140 Vierundſechszigſtes Kapitel. paar Worte zu geben, die mich morgen früh mit Tages⸗ anbruch die Vorpoſten paſſiren ließen.“ „Sie haben doch einen Paß bei ſich?“ fragte der Offi⸗ zier in gleichgültigem Tone;„mir wäre das natürlich ganz egal, aber der Capitano examinirt gern die Leute, die ihm unterwegs begegnen.“ „So that er auch heute Nachmittag ſchon mit mir, und mein Legitimationspapier, das ich ihm einhändigte, ſchien vollkommen zu genügen.“ „Dann wird die Sache keine Schwierigkeiten haben, zumal ich für Sie, den Landsmann, gern ein verbürgendes Zeugniß ausſtelle.“ Luigi öffnete die Thür, und der Offizier mit dem ſchwar⸗ zen Barte und der finſtern Miene, von welchem Richter heute Nachmittag angehalten worden war, trat mit einem kurzen Gruße in das Zimmer. Herr von Marlott erhob ſich trotz des Winkens ſeines Vorgeſetzten aus ſeiner bequemen Lage und ſtellte Richter als ſeinen Landsmann, einen anerkannt tüchtigen Maler, vor, der gekommen ſei, um dem Signor Commandante eine Bitte vorzutragen. Der Hauptmann ließ ſich auf dem ihm beſtimmten Platze nieder, und nachdem er den Inhalt der Bitte erfahren, blickte er den Bittſteller ſcharf und prüfend an. „Der Herr Kommandant,“ ſagte Richter nach einer Pauſe, „hat bereits Einſicht von meinem Paſſe genommen.“ „Und ich bin bereit, für meinen Landsmann jede Bürg⸗ ſchaft zu übernehmen— es iſt eine kleine Herzens⸗Angelegen⸗ heit im Spiele,“ flüſterte Marlott ſeinem Vorgeſetzten dabei lächelnd zu. X kön X Der mauriſche Garten. 141 „Haben Sie Ihrem Bekannten auch mitgetheilt,“ fragte der Hauptmann,„daß er in den Bergen, wohin er ſich be⸗ geben will, auf Briganti ſtoßen kann, ja, wahrſcheinlicher Weiſe ſtoßen wird?“ „Was werden ſie von einem harmloſen Wanderer wollen?“ „Der uns um einige Stunden vorausgeht und ein Fremder iſt,“ erwiderte der Hauptmann kopfſchüttelnd;„das könnte Ihnen gefährlich werden, doch das iſt nicht meine Sache.“ „Verliebte haben Glück,“ ſagte Herr von Marlott in leichtſinnigem Tone. „Geben Sie mir ein Papier, und ich will ihm einige Zeilen ſchreiben,“ entſchied der Hauptmann, worauf Luigi Schreibmaterial brachte und dann das Gewünſchte ausge⸗ fertigt wurde, welches Richter ſorgfältig in ſeiner Bruſttaſche bewahrte. Herr von Marlott ſchien froh zu ſein, als dieſes Ge⸗ ſchäft nun beendigt war und er ſich wieder ganz dem Ver⸗ gnügen hingeben konnte; Luigi mußte noch einige Foglietten holen, der finſtere Hauptmann ließ ſich eine Puro des Ober⸗ lieutenants gefallen und kam trotz ſeines ernſten Geſichts⸗ ausdrucks nach einiger Zeit mit Hülfe des ſtarken Weines ſo weit in die Fröhlichkeit hinein, daß er bei dem furcht⸗ baren Italieniſch ſeines Untergebenen herablaſſend lächelte und ſpäter ſogar mit Wohlbehagen den deutſchen Liedern zuhörte, welche Herr von Marlott und Richter theilweiſe mit wehmüthigem Gefühle ſangen. nebe Taſ Str mil nich war wã füh V Fünfundſechszigſtes Kapitel. gek b auf Der Thurm von Conca. nich 3 Be ein Am andern Morgen mit Tagesanbruch verließ Richter den Gaſthof, von deſſen Bewohnern noch niemand ſichtbar ſie war, als die Wirthin ſelbſt, die aus der Halle hinter dem 52 En 3 4 Hofe hervortrat und ihm das Thor nach der Straße öffnete. ter 1 Wenn auch ihr Geſicht heute eben ſo ernſt und traurig wie geſtern ausſah, ſo blickten doch ihre Augen nicht feindſelig for und der Ausdruck ihrer Stimme hatte ſogar etwas Wohl⸗ ha 1 wollendes, als ſie ſagte:„Ihr geht in die Berge? Möge es 4 Euch die Mutter Gottes gute Wege führen, da hat es keine ve Gefahr für Euch; wenn Ihr denen da drüben begegnet, ſo nu ſagt, Ihr habet in der ‚goldenen Zwiebel' gewohnt und das be Blut des San Pantaleo flöſſe immer noch nicht. Fragen 4 E I ſie nach den Piemonteſen,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu,„ſo er⸗ P widert nur, es ſeien ihrer genug und in Amalfi noch mehr. ve Ich ſehe Euch doch wieder?“ V Richter verſprach, wenn es ihm möglich ſei, die ‚gol⸗ ſa dene Zwiebel’ wieder aufzuſuchen, und nachdem er in einem V T 8 52 Der Thurm von Conca. 143 neben dem Hauſe liegenden kleinen Kaffeehauſe eine gute Taſſe Kaffee getrunken, ſchritt er durch die dämmerigen Straßen dem Thore zu. Seine Beſorgniß, hier ſchon einen militäriſchen Poſten zu finden, beſtätigte ſich glücklicher Weiſe nicht, ſonſt hätte er innerhalb der Stadt ſchon auf Marietta warten müſſen. So kam er unangefochten ins Freie und wählte ſich auf gut Glück einen Weg, der nach der Höhe führte, ſtatt eines anderen, der abwärts ging. Droben an⸗ gekommen, wo er die Stadt überſehen konnte, ſetzte er ſich auf einen Stein, um auf Marietta zu warten. Sie blieb nicht lange aus und ſchon in kurzer Zeit ſah er ſie mit ihrer Begleiterin vor dem Thore erſcheinen und denſelben Weg einſchlagen, den er gegangen war. Als ſie ihn erreicht und freundlich begrüßt hatte, ſagte ſie zu der älteren Frau, die bei ihr war:„Das iſt Don Enrico, von dem ich Euch geſagt, der im Hauſe meiner El⸗ tern wohnt und mit mir gehen wird.“ Die Begleiterin Marietta's blickte ihn einen Augenblick forſchend an, dann lächelte ſie freundlich und erwiderte:„Da haſt du dir eine ſchmucke Begleitung gewählt, Kind! Wenn es in ſeinem Innern ſo ehrlich ausſieht, wie ſeine Miene verſpricht, wirſt du dich wohl auf ihn verlaſſen können; und nun laßt uns gehen, wir haben einen ziemlich weiten und beſchwerlichen Weg. Dort,“ fuhr ſie fort,„kann Don Enrico die Kraft ſeines Schutzes gleich beweiſen; ich ſehe Piemonteſen, die Luſt zu haben ſcheinen, uns den Pfad zu verlegen.“ Sie hatte Recht, denn von einem Doppel⸗Poſten Ber⸗ ſaglieri näherte ſich einer der ſchmalen Straße und rief den Wanderern ein lautes Halt! zu. .„.“. — 2— — ——— —-— 23u-——— 144 Fünfundſechszigſtes Kapitel. Richter ging ihm entgegen, ihm der Hauptmann geſchrieben, Büchſe über die Schulter warf ruhig ihres Weges zu gehen. Darauf ſchritt die Alte v rietta folgten ihr. Frei Worte mit einander, zeigte das Papier, welches worauf der Soldat ſeine und die Reiſenden erſuchte, oraus und Richter und Ma— lich wechſelten ſie nur gleichgültige ſie zeigte ihm eine ihm unbekannte Blume oder ein ſeltſam gefärbtes Moos, er machte ſie auf die dunklen mauriſchen Thürme aufmerkſam, welche hier und da trotzig auf den Höhen ſtanden, und erzählte ihr dann von den Arabern, jenen Morgenländern, die lange Zeit hier ge⸗ hauſit und an den zierlichen Bauwerken ſo ſchöne Spuren ihres Wirkens zurückgelaſſen. Doch leuchtete zwiſchen dieſen einfachen Reden zuweilen ein Blick zu ihm herüber, verſtohlen an den geſtrigen Abend erinnerte. auch alles, denn wenn er verſuchte, ſ der wie Das war aber anft ihre Hand zu er— greifen, ſo flatterte ſie ihm davon, wie ein ſcheuer Vogel, und ging dann wohl in langem Geſpräche neben der Al— ten hin. Der Weg führte bald aufwärts, bald abwärts, doch ſtiegen ſie im Laufe des Vormittags tro die Höhe; gegen Mittag erreichten weithin fortziehenden Ebene, an deren Abhang ſich ihr Pfad fortſchlängelte. Marietta, die zuerſt oben war, brach, um ſich herſchauend, in einen Ausruf des Erſtaunens aus, denn die Berge, welche bisher die Fernſicht beſchränkten, hatten ſie nun unter ſich gelaſſen und ſahen rückwärts blickend über Felſen und Bäume hinweg tief unten in weiter Ferne das blitzende Meer. Dahinter erhob ſich traumhaft verſchwommen die Küſte Calabriens mit ihren leuchtenden Bergſpitzen, die tzdem bedeutend in ſie den Rücken einer ſich — Der Thurm von Conca. 145 majeſtätiſch emporragende Punta di Conca und das maleriſche Capo Dorſo bei Magiori. Die Alte, welche von einer ſchönen Ausſicht nicht viel deutete ins Land hinein und ſagte:„Doͤrt, wo Ihr den ſchwarzen Berg ſeht, der wie ein Zuckerhut aus⸗ ſieht, werdet Ihr finden, was Ihr ſucht; wir ſteigen jetzt hinab in das Valle di Tramonte, und da wollen wir bei einer Bekannten eine Stunde ausruhen.“ Nach einem beſchwerlichen Marſche in der heißen Sonne war es den Beiden nicht unangenehm, als ihnen die Alte bald darauf tief unter ihrem Wege das Dach einer Pachter⸗ Wohnung zeigte, wo ihre Bekannte wohne und wo ſie in jeder Beziehung gern geſehen ſein würden. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde hatten ſie das Haus erreicht und folgten der Frau, die ſchon oft hier geweſen zu ſein ſchien, durch einen kleinen eingehegten Gemüſegarten nach der Hausthür, die unverſchloſſen war und wo ſie in die Hausflur traten, welche nach der Sitte des Landes zu Küche und Wohnzimmer diente und rückwärts gegen einen Oliven⸗ garten offen war. Mitten in dieſem Raume ſaß eine ſchöne junge Frau auf einem niedrigen Stuhle und ſpann von dem Rocken, der in ihrem Gürtel ſteckte. Ein kleines Kind lag rbe auf der Erde und ſpielte mit ihren Pfoten nach dem Kinde wenn daſſelbe ſie an ihrem zu halten ſchien, nackt vor ihr in einem Ko einer großen Katze, die mit langte und behaglich ſchnurrte, weichen Felle zupfte. „Da ſeid Ihr ſchon wieder zurück?“ ſagte die junge Frau;„Ihr habt ſchnell gemacht.“ „Ich wollte nach Amalfi,“ erwiderte die alte Frau,„fand Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 10 —— ä — 146 Fünfundſechszigſtes Kapitel. es aber beſſer, meinen Weg dorthin ein anderes Mal zu nehmen; in Ravello und drunten hin bis ans Meer iſt alles voll Piemonteſen.“ „Sanctissima Madonna!“ rief erſchrocken die junge Frau, und wollte haſtig etwas hinzu ſetzen, doch verſtummte ſie mit einem Blick auf Richter und Marietta. „Ihr könnt frei heraus ſprechen,“ ſagte die Alte,„das junge Mädchen iſt vom Hauſe Maſtaſi und hat eine Bot⸗ ſchaft nach dem Thurme von Conca.“ „Gott lohne es ihr, wenn die Botſchaft einen guten Erfolg hat und irgend einem Hülfsbedürftigen zum Nutzen gereicht; es ſieht nicht zum beſten aus da in den Bergen.“ „Wie ſo?“ fragte die Alte.„Ihr erſchreckt mich, iſt etwas geſchehen?“ Statt ſogleich zu antworten, wandte ſich die junge Frau mit der Frage an Marietta, wer denn ihr Begleiter ſei, und als ihr die Alte ſchmunzelnd ein Zeichen machte, fuhr ſie fort:„es iſt wohl dein Bräutigam?“ „Noch nicht,“ gab Marietta zur Antwort, indem ſie lachend den Kopf ſchüttelte,„aber was noch nicht iſt, kann werden. Jedenfalls braucht Ihr Euch aber vor Don Enrico eben ſo wenig in Acht zu nehmen, wie vor mir; wir haben das gleiche Ziel und hoffen es zuſammen zu erreichen.“ kichter nickte dem jungen Mädchen bei dieſen Worten, in denen er einen Doppelſinn ahnte, herzlich zu, worauf die junge Frau ſichtlich beruhigt fortfuhr:„Er kann ſich auf einen Theil der Leute nicht ſo verlaſſen, wie es nothwendig wäre; es iſt freilich viel Geſindel, was hinzuläuft, aber beſſer wäre es, wenn ſie ganz weg blieben, und daher kommt es auch, daß er ſich ſchwer zu einem Angriff entſchließen wird.“ 8 Der Thurm von Conca. 147 „Dazu werden ſie ihm auch keine Zeit laſſen,“ entgeg⸗ nete die alte Frau;„wie ich Euch vorhin ſagte, ſind ſie in Ravello und Amalfi und jetzt wahrſcheinlich auch in Salerno, wohin ſie mit einem ihrer Rauchſchiffe gefahren ſind.“ „Wenn ſie nur die Marine von Vietri nicht ſcharf be⸗ ſetzen, ſo hat's nichts zu ſagen, denn das bleibt immer noch der Ausweg zur See; aber ich fürchte, es wird bald zu Ende gehen.“ Sie ließ ihre Hände im Schooße ruhen und ſchüt⸗ telte traurig mit dem Kopfe.„Doch ich vergaß,“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken aus tiefem Nachdenken auf,„daß Ihr wahrſcheinlich hungrig und durſtig ſeid; da, junges Mädchen, gebt ein wenig auf meinen Kleinen Achtung— das kann Euch auch für Eure Zukunft nicht ſchaden— ich hole ein Töpfchen Milch von der Ziege und ein friſch ge⸗ backenes Brod; ſetzt Euch und macht's Euch bequem.“ Sie erhob ſich, nahm einen blanken zinnernen Topf von dem Geſims über dem Kamine herunter und beugte ſich als⸗ dann auf das Kind herab, dem ſie mit einem innigen Blicke der Liebe ſagte:„Und du wirſt fein artig ſein, Petruccio, vamit ich keine Klagen über dich höre.“ In wenigen Augenblicken kehrte ſie mit Milch und Brod zurück und ſetzte Beides ihren Gäſten vor: es war eine nicht zu verachtende Erfriſchung, und als nach derſelben die junge Frau Marietta einlud, ſich in einen Winkel zu ſetzen und ein wenig auszuruhen, ſo folgte dieſelbe dieſer Aufforderung, während ſich Don Enrico hinter das Haus begab und ſich dort im Schatten eines breitäſtigen Oliven⸗ baumes niederlegte. Die beiden Frauen, welche ſich unterdeſſen eifrig beſpra⸗ chen, gönnten den jungen Leuten dieſe Sieſta, und die Alte —— —— — — ö — —— 8 —— — — ——y ———— — — 88 halten wollen, ſo ſagt nur, Ihr wolltet zum Thurme von ———— 148 Fünfundſechszigſtes Kapitel. erweckte ſie erſt nach einer Stunde aus dem tiefen Schlum⸗ mer, in den Beide verſunken. „Wir müſſen weiter,“ ſagte ſie,„um nicht zu ſpät in den Abend hineinzukommen;“ dann nahmen alle Drei herz⸗ lichen Abſchied von ihrer freundlichen Wirthin. Der Weg war nicht mehr ſo beſchwerlich, wie am Vor⸗ mittage, die tiefer ſtehende Sonne beläſtigte ſie nicht mehr ſo ſehr und das Thal von Tramonte, das ſie jetzt aufwärts ſtiegen, war durch das friſche, murmelnde Bergwaſſer ange⸗ nehm und kühlend. Als ſie eine Stunde lang fortgeſchritten waren, die alte Frau ſpähend voraus, die Beiden plaudernd hinter drein, blieb die erſtere ſtehen, als ſie an einen ſchma⸗ len Pfad kamen, der rechts die Thalwand hinaufführte, und ſagte:„Hier müſſen wir ſcheiden; weiter darf ich Euch nicht begleiten, um nicht in Verdacht zu kommen, als machte ich mit Euch gemeinſchaftliche Sache. Ihr habt ungefähr eine kleine Stunde zu gehen, dann führt Euch das Thal, in dem wir uns befinden, nach dem Dorfe von Conca; es ſind nur ein paar Häuſer, welche um das Kloſter San Antonio lie⸗ gen. Dort braucht Ihr Euch aber nicht aufzuhalten und auch nicht viel zu fragen, denn den Frati im Kloſter iſt nicht recht zu trauen. Deßhalb kann ich auch nicht mit Euch gehen, um keinen Verdacht auf mich zu laden. Bis jetzt gehe ich als unverdächtig hin und her und kann ſo meinen Freunden dienen; ſähe man mich aber mit Euch und erführe ſpäter, wo ich geweſen, ſo gäbe es Gerede, was ich ſcheuen muß. Bei dem Kloſter San Antonio geht Ihr an der Kirche vorüber und kommt an eine Schlucht, der Ihr abwärts folgt. Sollte Euch da jemand Bewaffnetes begegnen und Euch an⸗ Der Thurm von Conca. 149 Conca. Was Euch anbetrifft, Don Enrico, ſo zeigt nur ſogleich, daß Ihr unbewaffnet ſeid, und laßt Euch gutes Muthes begleiten, vergeßt aber vor allen Dingen nicht, das Papier zu zerreißen, welches Ihr heute Morgen dem Berſag⸗ lieri gezeigt; da in den Bergen könnte es Euch Unannehm⸗ lichkeiten machen. Und nun lebt wohl und möge Euch San Pantaleo in ſeinen Schutz nehmen.“ „Habt Dank für Eure freundliche Begleitung,“ rief Richter der alten Frau nach, die alsdann eilig die Thal⸗ wand hinanſtieg und bald hinter den Felſen ſpurlos ver⸗ ſchwunden war. Die beiden jungen Leute ſchritten eine Weile ſtumm neben einander dahin; endlich ſagte Don Enrico:„ZJetzt ſind wir allein, Marietta, in dieſem einſamen Thale, ſo allein, als wenn es ſonſt niemand mehr auf der Welt gäbe, und ich freue mich darüber, denn die Gegenwart einer Dritten hat mich doch ein wenig in dem ſtillen Glücke ge⸗ ſtört, an deiner Seite gehen zu dürfen— gib mir deine Hand.“ „Die Schweſter dem Bruder,“ erwiderte das junge Mädchen und legte vertrauensvoll ihre kleinen Finger in ſeine Rechte; dann gingen ſie wieder ſtumm neben einander hin, und es war, als ſpräche die leiſe Berührung ihrer Hände mehr, als es tauſend Worte vermochten. Sie fanden es ſo, wie die alte Frau ihnen geſagt. Nachdem ſie noch eine kleine Stunde fortgewandert, hatten ſie die Höhe des Thales erreicht und ſahen das Kloſter San Antonio vor ſich liegen. Dort am Wege war die Kirche, und, wie von gleichem Gefühle getrieben, traten Beide, Hand in Hand, dort hinein. Richter bemerkte nicht, daß ihn Ma⸗ —.————— — —— — — 150 Fünfundſechszigſtes Kapitel. rietta ſcharf beobachtete und daß ein freudiges Lächeln über ihre ſchönen Züge flog, als ſie ſah, daß er von dem geweih⸗ ten Waſſer neben der Thür nahm und ſich alsdann vor dem Muttergottesbilde tief verneigte. Die Kirche war leer, bis auf einen der Mönche, der langſam durch den mittleren Gang ſchritt und die Beiden flüchtig betrachtete. Den Ermahnungen der alten Frau folgend, fragten ſie nicht nach dem Wege, den ſie noch zu machen hatten, ſon⸗ dern als ſie die Kirche wieder verlaſſen, gingen ſie die Schlucht hinab, welche ihnen ihre Führerin bezeichnet. Unterdeſſen war es ſchon ſpät geworden. Rückwärts blickend, ſahen ſie nur noch, wie ein letzter Strahl der Sonne das goldene Kreuz des Kloſters beleuchtete, und der enge Weg, den ſie hinabſtiegen, füllte ſich raſch mit den tiefen Schatten der Dämmerung. „Bald wird es Nacht werden,“ ſagte Richter in einiger⸗ maßen beſorgtem Tone,„und wenn wir auch einen alten Thurm finden, ſo möchte ich doch, daß wir jemand begeg⸗ neten, der uns ſagte, ob es gerade der Thurm iſt, den wir ſuchen; eine nähere Bezeichnung hätte uns die Begleiterin wohl zukommen laſſen können.“ „Ich vertraue ganz ihrer Umſicht,“ erwiderte das junge Mädchen,„und da ſie uns keine nähere Erklärung gab, ſo bin ich überzeugt, daß wir auch keine gebrauchen.“ „Dein unbedingtes Vertrauen entzückt mich,“ ſagte Don Enrico;„es zeugt für dein offenes und ehrliches Herz; ver⸗ traue mir aber auch und ſtütze dich auf meinen Arm, daß dir die ſpitzen Steine nicht wehe thun, die du bei der Dunkel⸗ heit kaum mehr vermeiden kannſt— ſo Marietta, lehne dich feſt an mich. O, wenn du wüßteſt, welch ſüßes Gefühl mich Der Thurm von Conca. 151 ber durchzuckt, da du mir erlaubſt, dich zu unterſtützen und zu eih⸗ führen!“ dem Wieder gingen ſie eine Zeitlang dahin, Eines dicht ans bis Andere geſchmiegt, und es war ihm, als fühle er das Herz ang des jungen Mädchens heftiger, faſt ängſtlich ſchlagen. Die V 4 Nacht war jetzt hereingebrochen, und die Schlucht vor ihnen 1 ſie mit ihren ſteilen Felſenwänden und die überhangenden Zweige— ſon⸗ mächtiger Kaſtanienbäume bildeten mit dem Wege, auf dem ucht ſie gingen, häufig eine einzige ſchwarze Maſſe; nur hier und da unterſchieden ſie über ſich den Himmel durch das Funkeln irts einzelner Sterne. nne„Es wäre doch unangenehm, wenn wir den Thurm 6 nge nicht fänden,“ ſagte Don Enrico nach einer längeren Pauſe, 1 efen„und auf irgend einem Steine die Nacht bis zur Morgen⸗ dämmerung zubringen müßten,— es iſt ja nur ein Scherz, ger⸗ Marietta,“ fuhr er haſtig fort, als er fühlte, wie ſich das lten junge Mädchen bei dieſen Worten von ihm loswand;„doch geg⸗ iſt es nöthig, daß ich den Verſuch mache, einen freieren Ueber⸗ wir blick zu gewinnen. Bleibe einen Augenblick ſtehen, ich will erin die Thalwand hinaufklettern und verſuchen, ob ich droben etwas ſehen kann.“ inge„Das würde ſchwer halten bei der Finſterniß!“ hörten „ſo ſie plötzlich eine rauhe Stimme neben ſich ſagen. Marietta zuckte heftig zuſammen, und Richter, welcher. Don ſeinen Stock wie zur Abwehr erhob, blickte zur Seite und ver⸗ ſah neben ſich an der Wand der Schlucht die Geſtalt eines daß Mannes, in einen weiten Mantel gehüllt, welcher auf dem nkel⸗ Kopfe einen Hut mit breitem Rande hatte, der das Geſicht dich vollſtändig verbarg.. „Allerdings iſt die Nacht zu finſter, um etwas zu ſehen,“ ——— “ — — — —— 1 ——— — ————— 152 Fünfundſechszigſtes Kapitel. erwiderte Richter in entſchloſſenem Tone,„und deßhalb wäre es ſehr freundlich von Euch, wenn Ihr die Güte hättet, uns, da wir in der Gegend fremd ſind, eine kleine Auskunft zu ertheilen.“ „Ihr ſcheint mir nicht nur in der hieſigen Gegend un⸗ bekannt zu ſein, ſondern auch in der übrigen Welt, und ver⸗ flucht wenig von deren Gebräuchen zu wiſſen,“ entgegnete der Mann im Mantel mit einem Anfluge von Spott in ſeiner Stimme;„denn ſonſt wüßtet Ihr wahrſcheinlich, daß hier in dieſen Bergen etwas Krieg getrieben wird.“ „Und wenn wir doch davon wüßten?“ fragte Richter. „So ſeid Ihr ſehr unklug, Euch bei Nacht und Nebel in eine Gegend zu wagen, wo Ihr auf jemand ſtoßen könntet, der ein Loſungswort verlangte; bedankt Euch bei San Pan⸗ taleo, daß Ihr gerade auf mich geſtoßen ſeid, einen ruhigen, beſonnenen Veteranen. Wäret Ihr einem Recruten in die Hände gelaufen, ſo hättet Ihr jetzt vielleicht Euer Gehirn mit Blei ausgefüttert, und das wenigſtens wäre ſchade für die Signora, die Ihr da am Arm habt. Daß ſie jung und flink iſt, entnahm ich vorhin aus ihrer Bewegung; denn auf meine Anſprache fuhr ſie zuſammen wie ein Reh, das dicht neben ſich die Schweißhunde anſchlagen hört— doch genug der Reden, wo hinaus wollt Ihr?“ „Wir ſuchen den Thurm von Conca.“ „Alle Teufel!“ ſagte der Fremde lachend,„was habt Ihr überhaupt und beſonders in der Nacht im Thurm von Conca zu ſuchen? Meint Ihr vielleicht, es wäre ein Gaſthof, wo ein junges reiſendes Paar vortreffliche Betten findet?“ „Was wir im Thurme von Conca wollen, iſt unſer Ge⸗ heimniß. und hahe ich koine Kuſt o Rion auf dor(tveha ne Der Thurm von Conca. 153 jemand anzuvertrauen; wollt Ihr uns hinbegleiten, ſo er⸗ fahrt Ihr vielleicht, daß wir dort gewiß keinen guten Gaſt⸗ hof ſuchen.“ „O, mein Lieber, es iſt ſchon ziemlich ſchwer, nur unangefochten in die Nähe des Thurmes zu kommen; hinein dringen aber nur wenige Leute, und das nur von ganz be⸗ ſonderer Art.“ „So ſeid wenigſtens ſo freundlich, Herr, uns den Weg dorthin zu zeigen, ich bitte Euch herzlich darum,“ bat Marietta. „So einer Bitte iſt ſchwer zu widerſtehen; Eure ange⸗ nehme Stimme paßt ſo viel verheißend zu Eurer flinken Bewegung von vorhin, daß ich, der gerade auf dem Wege nach dem Thurme iſt, Euch dorthin begleiten will. Aber folgt mir jetzt, es wird immer dunkler zwiſchen den Bergen, und wir wollen keine Zeit verlieren; in einer Viertelſtunde könnt Ihr dort ſein, wenn Ihr Glück habt, auch in den Thurm dringen; ob Ihr aber wieder herauskommt, iſt eine andere Frage, geht mich auch nichts an.“ Damit warf der Fremde ſeinen Mantel von der linken auf die rechte Schulter, hing die Büchſe, die er ſchußgerecht in der Hand gehalten, über die Achſel und ſchritt dann mit raſchen, feſten Schritten vorwärts, ohne ſich umzuſchauen, aber wie jemand, der überzeugt iſt, daß ſeinem Worte Folge geleiſtet wird. „Da hilft nun kein Zaudern mehr,“ ſagte Don Enrico leiſe zu dem jungen Mädchen, das ſich ängſtlich an ihn ſchmiegte.— „Dort iſt der Thurm von Conca,“ ſagte der Fremde, nachdem ſie eine ſchwache halbe Stunde auf einem vielfach ——— ——òò——₰— 154 Fünfundſechszigſtes Kapitel. gewundenen, kaum bemerkbaren Pfade an der rechten Seite der Schlucht empor gegangen waren und, nun wieder hinab⸗ ſi ſteigend, in einen engen Thalkeſſel kamen, der durch wild K auf einander gehäufte Felstrümmer gebildet war, über wel⸗ h chen ſich nur hier und da noch in zackigen Gräten höhere e — Spitzen des Gebirges dunkel⸗ſchwarz von der helleren Nacht⸗ n luft abhoben; kein Baum, kein Strauch, ja, kein Grashalm J war hier zu entdecken. u „Seht Ihr den Thurm?“ fragte der Fremde,„ich wette, 1 nein, und doch iſt er uns ſo nahe, daß ihn eine matte Büch⸗ ſenkugel erreichen könnte.“ d Richter ſtrengte vergebens ſeine ſcharfen Augen an, um n hier eine Spur von Menſchen und Menſchenwohnungen zu e entdecken, und erſt als der Fremde ihm ganz genaͤu mit dem z b Finger die Stelle bezeichnet, unterſchied er in der Tiefe des Keſſels eine regelmäßige, viereckige Maſſe. In dieſem Au⸗ 1 genblicke erhob ſich vom Thurme ein wildes Hundegebell, eigentlich ein in grimmiger Wuth bis zum heiſeren Heulen b geſteigertes Bellen, wie von wilden Beſtien, die mit Mühe zurückgehalten werden, um auf eine Beute, die ſie wittern, ſ loszuſtürzen. Der Fremde that einen gellenden Pfiff, und 1 alsbald hörte das Bellen und Heulen auf; dann ſagte er zu den Wanderern, die ihm erwartungsvoll folgten:„Bleibt einen Augenblick da ſtehen, ich muß unterſuchen, ob da unten die Luft rein genug iſt für ſo unerwarteten Beſuch. Wenn Euch jemand anruft, ehe ich wiederkomme, ſo antwortet nur: Vietri.““ Damit verſchwand er raſchen Schrittes in der Nacht und ließ die Beiden in einer keineswegs ſehr behaglichen Stimmung zurück. zu dem des Au⸗ vell, ulen tühe tern, und r zu leibt nten Jenn nur: Kacht ichen Der Thurm von Conca. Es war Richter ſchon mehrmals vorgekommen, während ſie dahin ſchritten, als habe er in der Entfernung den Klang von Schritten, ſo wie das Klirren von Waffen ge⸗ hört, und jetzt, als der Fremde fortgegangen war, vernahm er dieſe Töne wieder und raſch ſich nähern. Es waren auch nur wenige Minuten vergangen, ſo ſahen ſie ſich mit einem Male von einigen wild ausſehenden, bewaffneten Männern umgeben, die nicht wenig erſtaunt zu ſein ſchienen, hier zwei Fremde zu finden. „Werda?“ rief der Erſte, der näher trat, und ein An⸗ derer ſetzte hinzu:„Die Loſung, oder ihr habt keine Zeit mehr zu einem Nachtgebet!“ Dabei hörte Richter das Knacken eines Gewehrhahns und beeilte ſich, das Wort Vietri aus⸗ zuſprechen; auch Marietta, deren bis jetzt ſo ruhige Haltung anfing in Furcht überzugehen, ſprach dieſes Wort ebenfalls mit lauter Stimme. „Ei, ei,“ ſagte einer der Männer, während er dicht herantrat,„was haben wir da für ein feines Stimmchen? Schaut doch her, eine allerliebſte kleine Pfeife, bei der es ſich wohl der Mühe verlohnt, den Verſuch zu machen, ob man darauf ſpielen kann.“ „He, braver Junge,“ ſagte ein Anderer,„das iſt vom Himmel gefallen wie eine wilde Mandel! Paßt auf, was ich mir aus der Schale für einen ſchneeweißen Kern ſchäle!“. Er hatte ſeine Hand nach Marietta ausgeſtreckt, allein noch ehe Richter's aufgehobener Stock auf die verwegenen Finger niederfallen konnte, klatſchte auf ſeiner Wange eine gewaltig ſchallende Ohrfeige, welche ihm Marietta, die über — ——-n——õm ———— ——— 156 Fünf undſechszigſtes Kapitel. der Beleidigung ihres jungfräulichen Stolzes aller möglichen Folgen vergaß, verſetzt hatte. Wer weiß auch, was geſchehen wäre, denn der Ge⸗ troffene, den das Gelächter ſeiner Kameraden in Wuth ver⸗ ſetzte, zog ſein Meſſer und war eben im Begriffe, auf das junge Mädchen loszuſtürzen, als die Stimme des Fremden plötzlich ſagte:„Was ſind das für Dummheiten? Schickt man Streifwachen aus, daß ſie ſich an Wanderern ver⸗ greifen, die das Loſungswort kennen? Fort, ſage ich euch!“ Und da der Andere einen Augenblick zögerte und ſein bli⸗ tzendes Meſſer nicht gleich einſchob, ſo packte ihn der, welcher ſo eben geſprochen, mit einer Hand am Kragen und warf ihn ſeitwärts zwiſchen die Felſen. „Wenn die Ohrfeige, die du erhalten haſt, auch ſtark war, denn ihr Klang war ächt,“ fuhr der Fremde ruhig fort,„ſo ſollteſt du doch wiſſen, daß Frauenhände nicht be⸗ leidigen können; alſo macht, daß ihr hineinkommt, ſonſt ſprechen wir noch ein ernſteres Wort zuſammen.“ Die Streifwache zog ihrer Wege, worauf der Fremde zu Marietta gewandt fortfuhr:„Ihr aber, Signora, könntet auch was Geſcheiteres thun, als gleich zuſchlagen. Opfert dem San Pantaleo eine Kerze, daß ich zur rechten Zeit dazwiſchen kam. He, was ſtarrt Ihr mich ſo trotzig an? Ich glaube, Ihr möchtet auch mit mir Händel anfangen, wenn ich meine Finger nach Euch ausſtreckte! Aber ſo ge⸗ fallt Ihr mir, ich mag trotzige Weiber wohl leiden— doch jetzt kommt, ihr ſeid an eurem Ziele.“ Richter konnte ſich der peinlichſten Empfindungen nicht erwehren: ſeine Zuverſicht, ja, ſeine gänzlich furchtloſe Stim⸗ mung war von ihm gewichen und hatte ſich ſeit der rohen Der Thurm von Conca. 157 Behandlung, die jener freche Geſelle ſich gegen Marietta zu Schulden kommen ließ, in Zaghaftigkeit, ja, in Furcht ver⸗ wandelt. Wenn ſie jenen Mann, den ſie ſuchten, nicht trafen, wenn ihr Beſchützer von ſo eben auch am Ende Wohlgefallen an dem ſchönen Mädchen fand, wie ſollte er ſie vor roher Behandlung ſchützen, auch wenn er zehn Leben, wenn er ſie hätte, für ſie hingäbe? Marietta's zuverſicht⸗ licher Muth hatte ihn zu einem Abenteuer verleitet, das er ſich jetzt in ſeinen Folgen nur auf das entſetzlichſte und ſchmerzlichſte ausmalen konnte. Daß dieſe Parteigänger der vertriebenen Königsfamilie zügelloſe Banden waren und daß ihre Art, Krieg zu führen, ſtark an das Räuberhandwerk ſtreifte, hatte er zu oft gehört, um es nicht am Ende zu glauben; wie aber Frauen hier ſchon behandelt worden waren, daran konnte er nur mit Schauder denken. Das junge Mädchen ſchien ſeine Gedanken zu verſtehen, denn ſie drückte feſt ſeinen Arm und flüſterte ihm zu:„Un⸗ beſorgt, Enrico, ich habe eine Ahnung, daß alles gut geht.“— „Da wären wir,“ ſagte der Fremde,„hier iſt der Thurm von Conca; dahin habt ihr gewollt, und wenn es euch jetzt reut, ſo iſt's zu ſpät; was eingeſchenkt iſt, muß auch ausgetrunken werden, und wer nicht verlieren will, der ſpiele nicht.“. Er pfiff leiſe, daß es klang wie das Ziſchen einer Schlange, und gleich darauf kam an der Mauer des Thur⸗ mes eine Leiter herunter, welche nach einer Oeffnung führte, die ungefähr im dritten Theile des Thurmes angebracht war. Der Fremde ſtellte den Fuß derſelben unten feſt und be⸗ fahl den Beiden, dort hinauf zu ſteigen, und zwar mit — 3—“ ————— — 3 ——— — 8— —-— ——,— — — 158 Fünfundſechszigſtes Kapitel. einer ſo gebieteriſchen Geberde, daß eine Weigerung unmög⸗ lich war. Richter ſtieg zuerſt hinauf, und als er und Marietta und einige Zeit nachher auch der Fremde durch die eben er⸗ wähnte Oeffnung in ein Gewölbe gelangt waren, zog Letzterer die Leiter nach ſich und ſchloß die Oeffnung, indem er einen ſchweren Quaderſtein mit einem Hebeeiſen hineinhob. Dann ſtiegen alle Drei eine ſteile, enge, in der Dicke der Mauer angebrachte Treppe hinauf. Dieſe mündete auf eine eiſerne Thür und führte in ein rundes Gewölbe, welches, den ganzen inneren Raum einnehmend, von einem dicken Pfeiler in der Mitte getragen wurde; in eiſernen Haken an den Wänden ſteckten flammende Kienfackeln. Die tiefe Dunkelheit draußen hatte die Augen der beiden Wanderer ſo verwöhnt, daß ſie, ſo plötzlich in die Helle eintretend, einige Augenblicke brauchten, ehe ſie im Stande waren, ſich im Gewölbe umzuſchauen; was ſie aber alsdann ſahen, war auch gerade nicht geeignet, ihnen große Beruhi⸗ gung einzuflößen: rings umher ſtarrten alle Wände von Waffen; Gewehre, Säbel, Piſtolen, Meſſer waren überall aufgehängt und angelehnt, und eine große Anzahl Männer lagerten, in ihre Mäntel gehüllt, theils ſchlafend, theils leiſe mit einander plaudernd, am Boden. Einige wandten die Köpfe beim Eintritt der Fremden und ſchauten ſie mit ſinſtern Blicken an; ein leiſer Fluch oder eine ſpöttiſche Be⸗ merkung über Marietta ſchien unterdrückt zu werden durch die Gegenwart des Fremden, der hier ſo ſicher auftrat, daß man wohl fühlte, er ſpiele in dieſer Umgebung keine unter⸗ geordnete Rolle. Das dachte auch Marietta, und nachdem ſie beim Ein⸗ treten heftete Geſta könne drauß zu u Facke ſo ſch kräfti ſchlan und paar von Blich krauf ſeine die geha piſto Hem ſeine wele Knie tend ſelbe dem Zur dieſ ertr mög⸗ rietta n er⸗ zterer einen Dann kauer ſerne anzen n der nden eiden Helle tande dann ruhi⸗ von derall inner heils udten mit Be⸗ durch daß uter⸗ Ein⸗ Der Thurm von Conca. 159 treten einige ſcheue, raſche Blicke rings umher geworfen, heftete ſie jetzt ihr glänzendes Auge auf den Fremden, deſſen Geſtalt und Züge ſie bis jetzt noch gar nicht hatte betrachten können, da er in ſeinen Mantel gehüllt war und auch die draußen herrſchende große Dunkelheit verbot, irgend etwas zu unterſcheiden; jetzt aber, als er in das grelle Licht der Fackeln trat, zeigten ſich ſeine Geſtalt und ſeine Züge um ſo ſchärfer und ausdrucksvoller. Er war von ausgezeichnet kräftigem Wuchſe, mehr als mittlerer Größe, aber von ſchlanker, eleganter Figur. Seine Geſichtszüge waren ſchön und edel; unter den buſchigen Augenbrauen begegneten ein paar große, glänzend ſchwarze Augen mit einem Ausdrucke von neugierigem Wohlwollen dem forſchenden, unruhigen Blicke Marietta's; die feinen Lippen waren von einem dichten, krauſen Barte umgeben, der das ganze untere Geſicht bedeckte; ſeine Kleidung beſtand aus einer Blouſe von braunem Tuche, die um den Leib durch einen ſtarken Ledergürtel zuſammen⸗ gehalten war, an dem links ein Säbel, rechts eine Dreh⸗ piſtole von ausgezeichneter Arbeit hing; um den weißen Hemdkragen hatte er loſe ein rothſeidenes Tuch geſchlungen; ſeine weiten Beinkleider beſtanden aus ſchwarzem Sammt, welche in Stiefeln von weichem Leder ſtaken, die bis an die Kniee gingen und mit Sporen verſehen waren. Dabei hatte ſeine ganze Erſcheinung etwas ſo Gebie⸗ tendes und doch zugleich wieder Vertrauen Erweckendes, daß ſelbſt Don Enrico wieder freier aufathmete und ſich bemühte, dem jungen Mädchen durch einen leiſen Druck der Hand Zuverſicht einzuflößen, was aber nicht nothwendig war, denn dieſe, welche den langen Blick des Fremden nicht nur ruhig ertragen, ſondern ihm denſelben eben ſo forſchend wieder —j 160 Fünfundſechszigſtes Kapitel. zurückgegeben, preßte jetzt ihre Lippen auf einander, als wollte ſie ein Lächeln nicht zum Ausbruche kommen laſſen, welches in ihren Augen aufblitzte. Der Fremde hatte ſich jetzt raſch gewandt, und nach dem anderen Ende des Gewölbes ſchreitend, ſagte er: „Damit man endlich erfährt, was euch zum Thurme von Conca geführt, folgt mir ins Nebengemach, hier iſt kein Aufenthalt für euch und keine Gelegenheit zur Erörterung.“ Dieſes Nebengemach war ein erkerartiger Anbau an dem Thurme, von dem eben beſchriebenen Gewölbe durch einen ſchweren wollenen Vorhang getrennt, den der Fremde hinter den Beiden zufallen ließ. Neben einem kleinen Tiſche, der ſich hier befand, blieb er ſtehen, ſtützte die Rechte feſt auf und ſagte in ernſtem, faſt drohendem Tone:„Und nun redet, wenn es euch gefällig iſt; wen ſuchet ihr und was wollt ihr?“ Ehe noch Richter etwas erwidern konnte, hatte ſich das junge Mädchen dem Fremden raſch einen Schritt genähert, blickte ihn feſt an und ſagte kurz und beſtimmt:„Euch ſuchen wir, Don Alonzo Chiavone; ich bin Marietta, die Tochter Eurer Schweſter bei Neapel, und bin gekommen, Euch den Wunſch meines Vaters und meiner Mutter mit den herz⸗ lichſten Grüßen auszurichten.“ Der Fremde hatte keine Miene verzogen, als das junge Mädchen ſo ſprach, doch trat er ihr jetzt einen Schritt näher, faßte ihre rechte Hand, während er mit ſeiner linken ſanft ihr Kinn aufhob, um ihr ins Geſicht zu ſchauen. Das that er aber mit einem Ausdrucke von durchdringen⸗ dem Scharfſinne, ja, mit furchtbarem Ernſte, und erſt als Marietta ſeinen Blick zuverſichtlich und feſt aushielt, mil⸗ derte ſie Augen! einen la was ſie gebliebe „Ich b Tochter kennbar ſchelmiſ fajele. Freilich den W hellen nicht Herz es ge Männ Kreiſe biſt b ſo ga er la⸗ Blick ſage ich n iſt, vielle er g tigen in d H , als aſſen, nach e er: 2 von kein ung.“ dem einen iinter der tauf nun was das hert, ichen chter den herz⸗ unge hritt nken uen. gen⸗ als Der Thurm von Conca. 161 derte ſich der Ernſt ſeiner Züge und aus ſeinen finſteren Augen brach ein milderer Strahl hervor. Er warf noch einen langen, prüfenden Blick auf Don Enrico, der, ahnend, was ſich hier begeben würde, neben dem Vorhange ſtehen geblieben war, und rief dann mit lauter, fröhlicher Stimme: „Ich bin Alonzo und, bei San Pantaleo, du biſt die Tochter meiner guten Schweſter Annina! Das iſt unver⸗ kennbar der Schnitt ihres Geſichtes und in demſelben der ſchelmiſche Blick der heiteren Augen meines Schwagers Ra⸗ fajele. Aber biſt du ein hübſches Mädchen geworden! Freilich, verſprochen haſt du immer etwas, als du noch in den Windeln lagſt mit deinem trotzigen Mäulchen und deinen hellen Augen! Ja, ja, bei San Pantaleo, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, und deßhalb haſt du auch das Herz auf dem rechten Flecke! Der Beweis dafür iſt, daß du es gewagt haſt, den Thurm von Conca aufzuſuchen, den Männer, und noch dazu muthige Männer, gern in einem Kreiſe von ein paar Miglien umgehen, daß du gekommen biſt bei Nacht und Nebel, Don Alonzo aufzuſuchen— und ſo ganz allein—— eigentlich nicht ſo ganz allein,“ fuhr deer langſamer fort, indem er einen zweiten, noch prüfenderen Blick auf den jungen Mann warf—„nicht allein, aber ſage mir, Kind Marietta, wen haſt du da eigentlich bei dir, ich werde nicht recht klug daraus? Daß es kein Italiener iſt, das ſieht ein Halbblinder auf tauſend Schritte; iſt es vielleicht ein Bavareſe, der bei uns eintreten will? Da kommt er gerade nicht zu guter Zeit, denn ich ſtehe im gegenwär⸗ tigen Augenblicke nur noch mit einem Fuße hier und muß in den nächſten Tagen daran denken, mich hinüberzuſchwingen Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 11 162 Fünfnundſechszigſtes Kapitel. auf die andere Seite. Bei San Pantaleo und bei San dein Gennaro, den Schutzpatronen alles fließenden Blutes, ſie ſchl laſſen Einem nächſtens gar keine Ruhe mehr!“— Weo „Gut, daß du mich daran erinnerſt, Zio Alonzo, aber Br ich hätte es auch ſo nicht vergeſſen; geſtern ſind ſie nach Amalfi und Salerno gefahren, ein ganzes großes Schiff voll, und haben überall Soldaten ans Land geſetzt.“ ein „Ich weiß das alles ſchon, liebes Kind,“ gab Chiavone du zur Antwort und ſetzte hinzu, ohne ſeinen durchdringenden Blick von dem Begleiter des jungen Mädchens zu laſſen: ſch „Aber ſtelle mir den Fremden da vor; bei unſerer guten Sache, ich muß doch wiſſen, wen ich in meinen Mauern ha habe; darüber gehſt du ſo leichtſinnig hinweg, wie es über⸗ G haupt die Weiher zu machen pflegen.“ N „Verzeihe, Zio,“ gab Marietta zur Antwort,„daß ich dir nicht gleich ſagte, dieſes iſt Don Enrico, der bei uns ni im Hauſe wohnt, ein Freund meines Vaters und auch ein ſo Freund unſeres guten Herrn, des Marcheſe Gaetano Fon⸗ te tana, der nach Neapel zurückgekommen iſt, nachdem er in ko Rom geweſen war, und den ſie nun in die Vicaria geſetzt 2 haben. Don Enrico hat mich aus freien Stücken begleitet ſo und hat es ſehr gern gethan, und that es, weil jeder An⸗ ſi dere, der mich begleitet haben würde, Verdacht erregt hätte, b und weil es mir auch viel lieber war, daß mich Don Enrico V d begleitete, als jeder Andere.“ „Hollaho,“ rief Chiavone lachend,„das geht ja im. Galopp! Wenn es nur nicht durchgeht mit dir, Kind Ma— rietta! Bei San Pantaleo, läuft da die Dirne mit einem v fremden Menſchen im Lande herum, meine Nichte, die Nichte des Generals Chiavone! Gott und alle Heiligen mögen es i San es, ſie „aber 2nach Schiff avone genden aſſen: guten auern über⸗ g ich uns hein Fon⸗ r in eſetzt eitet An⸗ itte, rico im Na⸗ em hte es Der Thurm von Conca. 163 deiner Mutter verzeihen! Die kennt den Blick deiner Augen ſchlecht, ſonſt hätte ſie dir einen alten Capuciner mitgegeben. Was ſind das für Geſchichten? Und obendrein biſt du ja Braut, wie ich gehört habe—“ Das junge Mädchen zuckte unmuthig zuſammen. „Braut des ganz vortrefflichen Don Nicola Brancaccio, eines elenden Hundes, den Gott verdammen möge! Willſt du dieſen Kerl wirklich heirathen, Kind?“ „Eher in den Veſuy ſpringen!“ rief Marietta leiden⸗ ſchaftlich. „Aha, ich merke ſchon!“ ſagte Chiavone lachend;„da haſt du deine Pilgerfahrt unternommen, um dich ſelbſt ins Gerede zu bringen und die Heirath unmöglich zu machen? Nicht ſo unklug, bei San Pantaleo! „Nun,“ wandte er ſich mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken an Richter,„da das Mädchen ſo für Euch gut ſpricht, ſo ſeid mir willkommen im Thurme von Conca! Hereinge⸗ kommen wäret Ihr glücklich, aber wie Ihr wieder hinaus⸗ kommt, das iſt eine andere Frage; hoffentlich habt Ihr Muth und es wird Euch nicht darauf ankommen, für ein ſolches Mädchen, wie meine Nichte, etwas zu wagen, die ſich nichts daraus macht, mit Euch ins Gerede zu kommen; bei meinem Leben, wenn Ihr ein ſolches Glück verdient, dann müßt Ihr ein ganzer Kerl ſein!“ „Hoffentlich würde ich es verdienen, General,“ erwi⸗ derte Richter,„wenn ſich die Sache wirklich ſo verhielte, wie Ihr geglaubt! Signorina Marietta iſt nicht mit mir von Neapel weggegangen, um mit mir in’ Gerede zu kom⸗ men, ſondern um das zu vermeiden, 4 uns erſt in Ravello getroffen; ein wichtiger( führt uns zu —— 1 164 Fünfundſechszigſtes Kapitel. Euch. Es gilt, meinen lieben und verehrten Freund, den Marcheſe Gaetano Fontana zu retten, der nach Neapel kam, um ſein Vermögen und ſeine Güter den räuberiſchen Händen des Advocaten Brancaccio zu entreißen, und den ſie in die Viearia geſetzt haben, weil er in Rom war und weil ſie ihn für einen Anhänger des vertriebenen Königs halten.“ „So ſagte das Mädchen vorhin,“ entgegnete Don Alonzo nachdenkend;„die Vicaria iſt ein feſter Ort, und wenn ſie etwas auf ihn bringen können„ſo kann's ihm ſchlecht ergehen.“ „Das ſollt und müßt Ihr gerade verhüten, Zio Alonzo, deßhalb ſind wir ja hier, um Euch zu bitten, dem Marcheſe zu helfen.“ „Bin ich denn Gouverneur von Neapel?“ erwiderte Chiavone mit einem kurzen Lachen,„oder habe ich über Millionen zu verfügen, um ihn loszukaufen? Allerdings ſollte man ihm helfen, wenn ſie ihn wegen der guten Sache eingeſteckt haben.“ „Niemand als Ihr kann das,“ verſetzte entſchloſſen das junge Mädchen;„ſo ſagt mein Vater und auch die Mutter, Ihr hättet Bekanntſchaften überall in Neapel und vor Eurem mächtigen Willen ſprängen auch die Thore der Vi⸗ caria auf.“ „Oho!“ machte Chiavone, indem er den Kopf aufwarf und dabei ſeine Rechte in den krauſen Bart vergrub.„Es iſt da drunten nicht mehr wie früher,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„und das iſt eine Sache, die überlegt ſein will. Laßt uns vor allen Dingen etwas zu Nacht ſpeiſen, guter Raih kommt über Tiſch, und darin hat dein Vater und deine Murter ſchon Recht, wenn General Chiavone ge —2 —4,, Der Thurm von Conca. 165 etwas für eine gute Sache thun kann, ſo unterläßt er es gewiß nicht, müßte er auch ſeine eigene Haut zu Markte tragen.“ Nach dieſen Worten klatſchte er in die Hände und es dauerte nicht lange, ſo wurde der Vorhang an der Thür aufgehoben und einer der Leute, die ſich in dem Nebenge⸗ mache befanden, trat herein.“ „Aha, es iſt mir recht, daß gerade du kommſt, Carlino,“ ſagte Don Alonzo;„ſchau dir dieſes junge Mädchen an, nach der du deine unſauberen Finger ausgeſtreckt, und wenn ich dir alsdann ſage, daß es meine Nichte Marietta iſt, ſo wirſt du deinem Schutzpatron, wenn du überhaupt einen haſt, eine pfündige Kerze geloben und das Gelöbniß auch halten, weil du noch im Stande biſt, mit ganzem Schädel einherzugehen. Jetzt hole einige Flaſchen Wein und ſiehe, was man zu eſſen hat.“ Der Angeredete grinſ'te, was aber bei ihm ein freund⸗ liches Lächeln vorſtellen ſollte, und zog ſich rückwärts zur Thür hinaus. 4 „Es iſt ſonſt ein guter Kerl, wie die Uebrigen, die ich hier um mich habe, ein bischen rauh von Manieren und ſo tappig wie ein Bär, wenn er Honig wittert; aber was kann man da machen, jede Sau hat ihren Martinstag! Doch jetzt ſetzt euch bequem, Stühle hat's hier allerdings nicht, doch werdet ihr müde genug ſein, um auch dieſe Holz⸗ bänke angenehm zu finden.“ Alle Drei ließen ſich darauf an dem grob gezimmerten Tiſche nieder, der von Carlino nach kurzer Zeit mit ein paar Flaſchen Wein, Brod und Salami beſetzt wurde. Dabei war es faſt komiſch anzuſehen, wie Carlino ſich — 8 —W— ͦ-— ——— 3 1 —— — — —— .———— 166 Fünfundſechszigſtes Kapitel. bemühte, der Signora Padrona alle möglichen kleinen Auf⸗ merkſamkeiten zu erzeigen, ſo zwar, daß, als er hinaus⸗ gegangen war, Chiavone ſagte:„Der Schlag, den du ihm ertheilteſt, hat ihn dir vollſtändig zum Sklaven ge⸗ macht.“ Sie aßen und tranken mit vollem Appetit, und nach⸗ dem hierauf der General und Don Enrico ihre Cigarren angezündet, verfiel der Erſtere in tiefes Nachſinnen, wobei er es nicht zu bemerken ſchien, daß Richter die Hand Marietta's ergriff und ſie küßte.“ Nach einiger Zeit blickte Don Alonzo auf und ſagte: „Ich habe mir Eure Angelegenheit ein bischen überlegt. Schwer wird es zu machen ſein, aber es iſt vielleicht nicht gerade unmöglich. Der Marcheſe kam alſo von Rom und war wohl früher im Auslande? Hat er einen fremden Paß?“ „Ja, einen franzöſiſchen,“ gab Richter zur Antwort. „Das iſt ſchon gut. Auf der Rhede von Neapel liegt eine franzöſiſche Corvette. Im Falle man ihn nun aus der Vicaria erlöſ'te, müßte er ſich an Bord dieſes Schiffes flüchten; herausgeben werden ſie ihn nicht ſo leicht, und was ſeine Angelegenheit betrifft, wegen der er nach Neapel kam, ſo könnte er auch vom Auslande her ſein Recht ver⸗ folgen. Wie Ihr da vorhin ſagtet, ſind die Piemonteſen in Amalfi?“ „Und in Ravello.“ „Infanterie oder Nationalgarden?“ „Infanterie und Berſaglieri.“ Chiavone ſchüttelte unmuthig mit dem Kopfe.„Die⸗ kleine ſo verſtohlen als möglich Berſ iſt; und nach tro un Der Thurm von Conca. 167 d mir die unliebſten, weil es die bravſte Truppe ſein?“ ein Bataillon Infanterie Berſaglieri ſin iſt; wie viel können es ihrer wohl „Im Ganzen, wie ich hörte, und eine Kompagnie Berſaglieri.“ Chiavone blickte nachdenkend vor ſich hin und ſagte nach einer längeren Pauſe:„Ich werde mich ſchwerlich hier halten können, und es wäre Unſinn, ſo der Uebermacht trotzen zu wollen.“ „So viel ich hörte, und einige zwanzig Mann Berſ heute gegen hier ausgerückt ſein.“ „Allerdings ſind ſie das, ich habe genaue Kundſchaft, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn es morgen mit dem Früheſten hier in der Umgegend losginge. Er⸗ ſchrick nicht, Marietta, du wäreſt im königlichen Schloſſe zu Neapel nicht ſicherer als im Thurme von Conca; den. haben die Piemonteſen ſchon oft geſucht,“ fügte er lachend hinzu,„und nie gefunden, was ſie zu finden hofften; auch dieſes Mal ſollen ſie, denke ich, das Nachſehen haben. Den größten Theil meiner Leute habe ich nach Vietri dirigirt, wo ich mich ſelbſt mit ihnen einſchiffen wollte; da is noch einen Beſuch in Neapel zu machen habe,“ freundlich lächelnd hinzu,„ſo werde ich wahr“ Ravello und Amalfi dorthin gehen.“ „Das wagtet Ihr, General?“ „Es wäre nicht das erſte Mal u. nicht das letzte Mal ſein; aber Kinde. legt euch zur Ruhe, wir können harten Tag haben. Don Enrico Winkel ſind Schaffelle, auf dene wird eine Kompagnie Infanterie aglieri, die in Ravello liegen, 168 Fünfundſechszigſtes Kap. D. Thurm v. Conca. wird, wie der Papſt im Vatican; für dich, mein Kind, habe ich auf der anderen Seite ein kl einem guten Riegel, komm!“ Ehe Marietta dieſer Aufforderung Folge leiſtete, reichte ſie Don Enrico ihre beiden Hände, die dieſer haſtig ergriff und an ſeine Lippen führte; dann folgte ſie dem General Chiavone, der ſchon vorausgegangen war und ſie nach einem kleinen Erkerzimmer auf der anderen Seite des Gewölbes brachte, wo ſich am Boden ein Strohſack mit einigen Schaf⸗ fellen befand und auch die Thür mit dem verſprochenen Riegel. Es war dies das eigene Schlafzimmer des Generals. Ehe er von dem jungen Mädchen Abſchied nahm, küßte er herzlich ihre beiden Augen, Marietta verriegelte ihre Thür und legte ſich alsdann auf das einfache Lager, wo ſie, von der Müdigkeit überwältigt, faſt entſchlummert war, ehe ſie nur ihr Ave Maria beendigt. eines Kämmerchen mit wie ihr Mädchen es gern habt; nun Stra Erker rietto floſſe einig ſich zuree Tag ſie hora aber dure hier Laut a. Kind, t mit nun eichte griff reral nem lbes haf⸗ gel. ßte hür on ſie Sechsundſechszigſtes Kapitel. Ein Gefecht in den Bergen. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, ehe ihre Strahlen die enge Schlucht, den finſteren Thurm, den Erker und das Lager mit glänzendem Lichte trafen, wo Ma⸗ rietta von den Anſtrengungen und Aufregungen des ver⸗ floſſenen Tages ausruhte. Sie ſprang auf, und es bedurfte einiger Minuten, ehe ſie ihre Erinnerungen geſammelt und ſich in ihrer eigenthümlichen, fremdartigen Umgebung hier zurecht gefunden hatte. Nachdem ſie ſich aber aller Einzelheiten des vergangenen Tages erinnert, ſich auch vollkommen bewußt geworden, wo ſie war, und ihren Anzug einigermaßen geordnet hatte, horchte ſie an der Thür. Alles im nebenan liegenden Gewölbe war ſtill, ehe ſie aber öffnete, blickte ſie durch das enge Gitterfenſter hinaus, durch welches die Sonne ihre Strahlen hereinwarf; auch hier ſah ſie kein lebendes Weſen, auch hier hörte ſie keinen Laut. Die Umgebung, ſo weit ſie dieſelbe überblicken konnte, —y— —— 170 Sechsundſechszigſtes Kapitel. beſtand aus kahlen Steinmaſſen, durch einander geworfenen Felſentrümmern, über denen der tief dunkelblaue Himmel eines heißen Tages lag. Sie ſchob den Riegel ihrer Thür zurück und trat vor⸗ ſichtig in das Gewölbe; auch hier war alles leer und ſtill, von den Bewaffneten, die geſtern dieſe Räume erfüllten, war nirgends mehr eine Spur zu ſehen. Auf der anderen Seite bemerkte ſie den Vorhang, hinter dem ſie geſtern mit ihrem Oheim und Don Enrico geſeſſen; dorthin wandte ſie ihre Schritte, und als ſie ihn aufhob, ſah ſie Richter vor ſich, der beim Geräuſche ihrer Schritte von ſeinem Lager aufgeſprungen war und ſich auch im Augenblicke der Gegen⸗ wart nicht recht erinnern zu können ſchien, dann aber, als Marietta nach einem freundlichen Morgengruße ihn auf die auffallende Ruhe und Stille des ganzen Gebäudes auf⸗ merkſam machte, mit ihr beſchloß, den Ort, wo ſie ſich befanden, näher zu unterſuchen. Im ganzen Thurme war übrigens, außer den Beiden, niemand zu ſehen noch zu hören; ſie fanden den Eingang, durch den ſie am Abend vorher hereingeführt worden waren, verſchloſſen, ſtiegen dann mehrere enge Treppen auf und ab, die in der Dicke der Mauer nach einigen dunklen Ecken und Gewölben führten, denen ähnlich, wo ſie die Nacht zugebracht hatten. Bei einer derartigen Unterſuchung fanden ſie an den Wänden des runden Gewölbes, wo ſie zuerſt eingetreten waren, Spuren mauriſcher Verzierung, und unten an den Mauern noch hier und da glaſirte Ziegel, deren durch ein⸗ ander laufende, farbige Linien ehemals eine bunte, phanta⸗ ſtiſche arabiſche Zeichnung gebildet hatten. Auch was ſie von der Bauart der Fenſter und Schießſcharten ſahen, zeigte enen imel vor⸗ ſtill, lten, eren mit e ſie vor ager gen⸗ als f die auf⸗ ſich war ) zu bend dann der rien, den reten den ein⸗ anta⸗ 8 ſie zeigte Ein Gefecht in den Bergen. 171 ſich in arabiſchem Bauſtil, und ſo war denn kein Zweifel daran, daß ſie ſich in einem von den Sarazenen erbauten Thurme befanden. Nach langem Suchen fand Richter eine kleine Treppe, welche ihn und Marietta oben auf die Zinnen des Thurmes führte. Damit hatten ſie nun zwar das helle Tageslicht und den blauen Himmel, ſo wie einen Ueberblick der unwirthbaren Schlucht erlangt, aber weiter nichts; alles war öde und kein lebendes Weſen zu ſehen; nur ein paar Raubvögel zogen ihre Kreiſe in der dunkelblauen Luft, bald höher, bald tiefer, und wenn ſie ſich dem Rande des Felſen⸗ keſſels näherten, ſo trafen einzelne unheimliche Töne das Ohr der ängſtlich Lauſchenden und unterbrachen die Tod⸗ tenſtille. Als ſie von oben herabſahen, bemerkten ſie, daß der Thurm früher zu einem größeren Gebäude gehört haben mußte, doch war dieſes bis auf ein paar ſtehengebliebene Säulen, die durch einen zierlichen Bogen in Hufeiſen⸗Form zuſammengehalten waren, und wenige Mauerreſte in Trüm⸗ mer geſunken, wahrſcheinlich mit Gewalt zerſtört worden, bei welcher Gelegenheit man den Thurm vielleicht als Warte erhalten hatte. An einer Seite ſtand derſelbe ſo nahe an der Felſen⸗ wand der Schlucht, daß Richter bemerkte, wenn es gälte, zu entkommen, würde es am Ende wohl möglich ſein, vom Mauerkranze hier oben auf einen der Abſätze zu ſpringen, der ſich der Wand des Thurmes am meiſten näherte. Hier befand ſich ein kleines Erkerthürmchen, das wie ein Schwal⸗ benneſt zwiſchen die Zinnen hineingeklebt ſchien und an dem eine Vorrichtung angebracht war, welche einer ſchmalen Zug— brücke glich, um vermittels ihrer die gegenüberliegenden 172 Sechs undſechszigſtes Kapitel. Felſen zu erreichen. Als Richter in der Hoffnung, etwas zu finden, um dieſe Zugbrücke bewegen zu können, das Thürmchen umſchritt, ſah er auf der anderen Seite in eine Mauerecke geſchmiegt, und zwar ſo, daß ſeine Beine über den Mauerrand herabhingen, Carlino ſitzen, der beſchäftigt war, ein Stück Brod und Speck zu frühſtücken und ihn pfiffig lächelnd von der Seite anblickte; ſeine Büchſe hatte er auf den Knieen liegen und ein paar Piſtolen im Gürtel ſtecken. Marietta, die ebenfalls herbeikam, ſagte:„Du hätteſt auch wahl zum Vorſchein kommen können, als du uns auf der anderen Seite ſprechen gehört,“ worauf Carlino langſam ſeinen Kopf ſchüttelte und nach einiger Ueberlegung ſagte: „Dazu hatte ich keinen Befehl, und mehr zu thun, als mir befohlen, könnte mich mit dem Sir Generale in Unannehm⸗ lichkeiten bringen, die man gern vermeidet,“ „Und was iſt dir befohlen?“ fragte Richter. „Hier zu ſitzen und dort drüben auf die Felſenſpitze zu ſehen; von da erhalte ich ein Zeichen, ob ich die Brücke herablaſſen ſoll oder nicht.“ „Und was wurde dir wegen uns befohlen?“ „Wenig auf eure Fragen zu antworten und euch zu erſuchen, wenn ihr Hunger und Durſt hättet, von dem Weine zu trinken und von dem Brode zu eſſen, das drunten auf dem Tiſche ſteht.“ „Wer kann in der Frühe Wein trinken?“ ſagte Ma⸗ rietta verächtlich;„kannſt du mir irgend ein Glas Waſſer verſchaffen? Dort drüben in dem Felſen hat's eine wun⸗ derbare Quelle, laß die Zugbrücke herab, daß wir hingehen können.“ — bei kom ich ſelb Do To ent wir än; D. twas das eine über iftigt ihn hatte ürtel itteſt auf gſam gte: mir ehm⸗ pitze lücke zu eine auf Ma⸗ iſſer dun⸗ ehen — Ein Gefecht in den Bergen. „Geht nicht an, ich käme in ſchöne Geſchichten!“ „So gehe du und hole mir friſches Waſſer, ich will es bei meinem Oheim verantworten.“ „Es geht nicht an, die Verantwortung könnte zu ſpät kommen, um mir was zu nutzen; doch geduldet euch nur, ich erhalte ſicherlich mein Zeichen und wahrſcheinlich von ihm ſelber, dann könnt ihr mit ihm reden, ob ihr hinaus dürft. Doch horch! Habt ihr nichts gehört?“ Richter hatte wohl etwas vernommen wie den ſchwachen Ton eines Hornes, und gleich darauf etwas wie einen weit entfernten, dumpf klingenden Trommelwirbel. „Aha,“ meinte Carlino,„es wird früher losgehen, als wir es uns gedacht.“ „Und was wird geſchehen?“ fragte das junge Mädchen ängſtlich. „Nun, ein bischen auf einander ſchießen, zum Hand⸗ gemenge wird er es wohl ſchwerlich kommen laſſen, denn das Ganze iſt nichts wie ein Scheingefecht, um den Unſrigen einen ruhigen Abzug zu gewähren; an dem Thurme hier werden ſie ſich ihre Schädel einrennen.“ „So werden wir hier eine Belagerung aushalten?“ fragte Richter mit flammendem Blicke, doch ſetzte er hinzu, als er das Erſchrecken und den vorwurfsvollen Blick des jungen Mädchens ſah:„Ich wünſche das gerade nicht, liebe Marietta, aber wenn es ſo käme, würde ich mich freuen, deinem Oheim zur Seite ſtehen zu können.“ „Und was würde bei einer Belagerung aus uns?“ fragte Marietta den Soldaten. „Dafür laßt nur den Sir Generale ſorgen; den Thurm von Conca können ſie belagern und nehmen, aber dabei —— —— 1— ——— 8 5 — ſ— ö — 174 Sechsundſechszigſtes Kapitel. werden ſie von uns nicht viel zu ſehen kriegen. Doch ſchaut dort nach der Felſenſpitze, da iſt er ſelbſt.“ Richter blickte nach der Richtung hin, die Carlino be⸗ zeichnete, und ſah jetzt eine Art Fußpfad, der in vielen Windungen, an manchen Stellen auf in den Felſen gehaue— nen Stufen ſich an der Steinwand hinaufzog, und jetzt er⸗ ſchien oben am Rande derſelben jemand und rief mit dem Hute winkend einen Gruß hinunter. „Es iſt Don Alonzo,“ rief Marietta,„er kommt zu uns!“ Und ſo war es auch. Sie ſah Chiavone eilig den Pfad herabſteigen, und bald ſtand er ihnen gegenüber auf dem Vorſprunge und rief:„Gewiß haſt du ſchon tüchtig auf mich geſcholten, Kind Marietta, daß ich mich heute früh davon machte, ohne dir guten Morgen geſagt zu haben, aber es ging nicht anders, ich muß überall ſein, um nachzuſehen. Dieſes Mal,“ fuhr er lachend fort,„haben ſie mir alle Wege abgeſchnitten und handeln jetzt wahrſcheinlich ſchon um das Fell des Bären, aber, bei San Pantaleo! Sie ſollen meine Tatzen fühlen und dann doch noch das leere Nachſehen haben. Haſt du ſchon gefrühſtückt, Kind?“ fuhr er fort. „Carlino bot mir Wein an, aber dazu konnte ich mich nicht entſchließen.“ „Ja, Signorina, Kaffee und Chocolade gibt es bei uns nicht.“ „Aber doch wohl friſches Waſſer dort oben von jener kleinen Quelle, die man hier rauſchen hört?“ „Ah, dort willſt du deinen Durſt und deine Neugierde löſchen? Möchteſt wohl ein bischen ins Thal hinabſchauen? ſchaut no be⸗ vielen ehaue⸗ ttzt er⸗ t dem nt zu Pfad f dem fmich davon ber es ſehen. alle ſchon Sie leere fuhr mich 3 bei jener gierde auen? Ein Gefecht in den Bergen. 175 Meinetwegen! Da ich weiß, daß du muthig und folgſam biſt, ſo will ich dich mit deinem Begleiter ein wenig hin⸗ auslaſſen.“ Er winkte Carlino, und dieſer ſprang auf, zog einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete das Schloß, welches die Kette hielt, an der jenes zugbrückähnliche Gerüſt befeſtigt war, ließ dieſes nieder und zeigte grinſend auf die ſchwan⸗ kende Brücke, während Chiavone ſie aufforderte, raſch her⸗ überzukommen. Marietta ſtand einen Augenblick unſchlüſſig, die jähe Tiefe und den ſchwankenden Steg betrachtend. „Was, Kind Marietta, biſt du am Ende doch furcht⸗ ſam? Laß doch ſehen, ob dein Füßchen ſo ſicher und feſt auftritt, als dein weißes Händchen zuſchlägt! Oder ſoll ich dich herübertragen? Warte!“ Ehe er aber noch ausgeredet hatte, war das junge Mädchen leicht und raſch über den Steg geeilt und ſagte lächelnd:„Ich glaube, daß mancher Mann ſich beim erſten Male eine Sekunde bedächte.“ „Bei San Pantaleo, du haſt Recht und biſt eine wackere Dirne; ich habe manchen beherzten Burſchen geſehen, der hier ſtutzte, und nicht nur zum erſten Male, ja, es gibt manche, die eben ſo gern ins tollſte Feuer zurückkehren, als den Luftſprung machen; doch ſchau, dein Begleiter macht dir alle Ehre!“ Richter, der dem Zwiegeſpräche zugehört, betrat feſten und langſamen Schrittes die gefährliche Brücke und ſchaute in die furchtbare Tiefe, über die er hinſchritt. „Mich freut Euer Wort, General,“ ſagte er,„und es käme jetzt nur auf Euch an, mich mit einer Büchſe zu be⸗ 176 Sechsundſechszigſtes Kapitel. waffnen und mitgehen zu laſſen, ich glaube, ich würde Euch keine Schande machen.“ „Davon bin ich überzeugt,“ gab Don Alonzo mit einem herzlichen Blicke auf das junge Mädchen zur Antwort,„ich kenne das Blut der Chiavone; Marietta würde Euch nicht gewählt haben, wenn es anders wäre. Doch um hier zu fechten, muß man alle Schleichwege ganz genau kennen; wir, die hier auf jedem Pfad und in jeder Schlucht zu Hauſe ſind, werfen uns zehnmal auf ihre langen, anrücken⸗ den Colonnen, und kehren eben ſo oft, ohne daß ſie uns erreichen können, in das ſichere Verſteck zurück. Aber jetzt kommt! Dort droben iſt die Quelle und etwas höher ſollt ihr auch einen Blick in das Valle di Tramonte werfen, von wo ſie heranziehen.“ 4 Don Alonzo folgend, der ihnen auf dem mühſamen Pfade raſch voranſchritt, erreichten ſie den Rand des Felſen⸗ keſſels und gingen dann noch einige Minuten in einer höher liegenden Schlucht fort bis an eine Stelle, wo ſie ſich etwas erweiterte und wo eine Quelle zwiſchen Felſen hervorquoll und Moos und Gras ringsum ernährte. „Da, trinkt!“ ſagte Chiavone raſch, dann richtete er ſich in die Höhe und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. „Bei San Pantaleo,“ rief er,„es geht wahrhaftig ſchon los!“ Denn drunten aus dem Thale herauf klangen die Hör⸗ ner lauter, hörte man den Trommelwirbel beſſer und einige Schüſſe deutlicher. „Jetzt hört mich an,“ rief Chiavone,„und befolgt meine Worte wie ein Evangelium, denn ſonſt würde es Unglück geben. Da vor uns ſeht ihr eine Felſenſpitze, bis dahin dürft ihr gehen und hinabſchauen; bleibt aber nur ſo lange, bis die einen vo wandte rietta; ſ thut wo Zielſcheil von Sa die nur da drüb wie die San Pa beſſer, n Druck a hinein, „N Alonzo geſagt, ſollte ie könnte.“ Ih geöffnet 4 / 6)Nwl t zu hren N 3 et ürde Euch mit einem ort,„ich kuch nicht hier zu kennen; lucht zu anrücken⸗ ſie uns Aber jetzt her ſollt fen, von ühſamen Felſen⸗ er höher h etwas vorquoll eer ſich ſamkeit. g ſchon die Hör⸗ einige meine Unglück dahin lange, Ein Gefecht in den Bergen⸗ 177 bis die Schüſſe näher klingen, oder noch beſſer, bis ich euch einen von meinen Leuten hinaufſchicke. Ihr, Don Enrico,“ wandte er ſich an den jungen Mann,„haftet mir für Ma⸗ rietta; ſie ſoll hinter der Felſenſpitze bleiben, und auch Ihr thut wohl daran, wenn Ihr Euch nicht oben hinauf als Zielſcheibe ſtellen wollt; ich habe Urſache, unſeren Freunden von San Antonio zu mißtrauen, ſie könnten auf Pfaden, die nur Einheimiſchen bekannt ſind, ein Dutzend Berſaglieri da drüben in die Schlucht führen, und dieſe Kerle ſchießen wie die jungen Teufel. Alſo auf Wiederſehen— doch, bei San Pantaleo!“ rief er, ſich nochmals umwendend,„es wäre beſſer, wenn Ihr in den Thurm zurückgingt, ich fühle einen Druck auf dem Herzen, der mir nichts Gutes weiſſagt; gehe hinein, Marietta, und ſei nicht kindiſch.“ „Nur einen Augenblick laß uns dort hinauf, Zio Alonzo,“ bat das junge Mädchen.„Haſt du nicht ſelbſt geſagt, in mir wäre das Blut der Chiavone? Eigentlich ſollte ich von dir ein Gewehr verlangen, daß ich mitziehen könnte.“ Ihre Augen leuchteten, als ſie das ſagte, und der trotzig geöffnete Mund zeigte die ſchneeweißen Zähne. b Du biſt eine tolle Dirne— San Pantaleo ſtehe dir be“ ſagte Chiavone, indem er davoneilte.„Aber bleibt At zu lange da oben, denn ſie dringen raſch vor,“ rief er, hrend er in der Schlucht verſchwand, noch einmal zurück. Marietta konnte ſich nicht verhehlen, daß ihr Herz hef⸗ ar klopfte, als ſie mit Richter an die bezeichnete Felſen⸗ e trat. Welch a. zegenſatz bildete das, was .1 178 Sechsundſechszigſtes Kapitel. borgenheit des kleinen Thales, in dem die Quelle rauſchte und von welchem ſie ſich nur wenige Schritte entfernt hatten! Zu ihren Füßen öffnete ſich das Valle di Tramonte, ein üppiges Thal mit dichtbelaubten Kaſtanienbäumen, immer⸗ grünen Eichen, die Ränder der anfänglich ſteil abfallenden Schlucht mit rieſigen Aloeſtauden bedeckt, deren ſtachliche Blätter von bläulich⸗grüner Farbe hell abſtachen zwiſchen den dichten Gebüſchen von Ginſter, Myrthen, Lorber und Ros⸗ marin; die Felſen, welche von hier terraſſenförmig abfielen, waren mit verfallenen Thürmen und Caſtellen gekrönt und lagen ſchwarz auf den grauen Steinwänden, zwiſchen deren Spalten üppiges Grün hervorwucherte und ihnen eine ma⸗ leriſche Färbung verlieh. Auch Klöſter und Ortſchaften ſah man auf ſteilen Höhen in wilder Felſeneinſamkeit weiß her⸗ vorleuchten aus üppigem Weinwuchſe und ſchattigen Ka⸗ ſtanienhainen, und weit von ihnen war alles das begrenzt durch den blitzenden, ſchimmernden Gürtel des unendlichen Meeres. Zu einer andern Zeit hätte Richter entzückt dieſes Pano⸗ rama betrachtet, jetzt aber blickte er ernſt, faſt beſorgt hinab; denn wie Chiavone ſchon geſagt hatte, näberte ſich das Schießen auffallend raſch und folgte beinahe ununterbdochen auf einander; auch bemerkte man zwiſchen dem Grün s Thales hin und her eilende Geſtalten und ſah das Biich von Waffen im Sonnenlicht; der Rauch der Flinten wa der die Stellungen der fechtenden Parteien anzeigt gerade in die Höhe und bildete einen förmlichen No der Blättermaſſe. tige ſpit und d hätte denn d wildes regten er au äußer ſo we dicht vielle auf e Valle man dem drin⸗ führ helle dem der Fede rauſchte tt hatten! inte, ein immer⸗ fallenden ſtachliche ſchen den nd Ros⸗ abfielen, önt und en deren ine ma⸗ ften ſah eiß her⸗ en Ka⸗ begrenzt ndlichen 3Pano⸗ hinab; ſch das Fochen ün s Biic wä tige ſpit g Ein Gefecht in den Bergen. 179 und der ihm nun feindlich gegenüber ſtand. Wie ſehnlich hätte er ein Gewehr gewünſcht, um mit hinabeilen zu können, denn das Tönen der Hörner, das Knallen der Gewehre und wildes Geſchrei, das man zuweilen von drunten vernahm, regten ſein Blut auf und erhitzten ſeine Phantaſie. Wenn er auch, der Mahnung Chiavone's eingedenk, nicht auf die äußerſte Felſenſpitze trat, ſo ſtrebte er doch an ihrer Spitze ſo weit vorwärts, wie es ihm möglich war, und ſtand nun dicht an einem Abhange, der, aus leichtem Gerölle beſtehend, vielleicht fünfzig bis ſechszig Fuß ziemlich ſteil hinabführte auf eine von Felſen gebildete Terraſſe, welche ſeitswärts das Valle di Tramonte überhing. Näher und näher kamen die Schüſſ man erkannte jetzt deutlich die Leute Chiavone's, die, nach⸗ dem ſie, hinter Steinen und Bäumen gedeckt, auf die vor⸗ dringenden Piemonteſen geſchoſſen, den Befehlen ihres An⸗ führers gehorchend, langſam gegen die Anhöhe zurückwichen; heller blinkten die rothen Epauletten der Piemonteſen zwiſchen dem grünen Laube hervor, und rechts und links ſah man der Infanterie um hundert Schritte voraus die flatternden Federbüſche der Berſaglieri. Richter hatte mit der linken Hand den Felſen erfaßt, um ſich an dem jähen Abhange, den er betreten, halten zu können, nachdem er Marietta zugerufen, er hielte es jetzt an der Zeit, ſich nach dem Thurme zurückzuziehen. Vorher hatte er kein Wort mehr mit dem Mädchen gewechſelt, ſo ſehr war er in Anſpruch genommen von der Kampfſcene, die ſich zu ſeinen Füßen entwickelte, und wer je in gleichem Falle war, wird es begreiflich finden, daß er mit hoch⸗ e und der Lärm, und 180 Sechsundſechszigſtes Kapitel. klopfendem Herzen, mit leuchtendem Blicke ſchwer athmend ſenkt 3 hinunterſchaute. nen In dieſem Augenblicke eilten einige Leute Chiavone's ſich 4 die Schlucht herauf und winkten ſchon von fern den Beiden naro zu, ſich nach dem Thurme zurückzuziehen, andere folgten Bei ihnen, Einer mit verbundenem Arme, ein Anderer mit blu⸗. Ihr tigem Kopfe. „Bei San Gennaro, es iſt heiß hergegangen!“ rief nend V dieſer, indem er ſich das Blut von der Stirne wiſchte;„aber den 4 V wir ſind ihnen nichts ſchuldig geblieben.“ — Wieder Andere eilten die Anhöhe herauf, und Einer, flog b der ſein Gewehr in der linken Hand trug, ſagte:„Es iſt den nur gut, daß ich meinen Streifſchuß nicht ans Bein bekom⸗ dur men habe, ſonſt würde mir unſere Brücke Mühe machen.“ ſah „Komm, Enrico!“ ſagte jetzt Marietta in ängſtlichem da Tone,„es iſt Zeit, daß wir dieſen Ort verlaſſen;“ ſie wandte heri ſich etwas um den Felſen herum, neben dem Richter ſtand; Chi ehe dieſer aber ein Wort gehört zu haben ſchien und eine Antwort gab, ſtieß das junge Mädchen einen gellenden ſelb 1 Schrei aus und war eben im Begriffe, vorwärts gegen den als Abhang hinzuſtürzen, als ſie ſich von einer kräftigen Fauſt V Ba erfaßt fühlte und die rauhe Stimme Carlino's erkannte, V der ihr zurief:„Zurück, Signorina, wenn Euch Euer Leben auf lieb iſt!“ V „Laß mich, laß mich!“ rief das junge Mädchen in ver⸗ An zweiflungsvollem Tone. b wo „Nur keine Kindereien!“ fuhr der Soldat fort, indem er ſie mit ſtarker Hand zurückzog;„da drüben iſt es nicht ſtre mehr geheuer, ſeht Ihr dort den Dampf, keine hundert Schritte mehr von hier, und da— habt Ihr je eine Büch⸗„d ———— hmend one's heiden lgten blu⸗ rief aber er⸗ 181 Ein Gefecht in den Bergen. ſenkugel ſo nahe aufſchlagen ſehen, wie dieſe? Die ging kei⸗ nen Schuh breit von Eurem Kopfe weg. Da drüben haben ſich Berſaglieri hingeſchlichen, und wir haben, bei San Gen⸗ naro, keinen Augenblick mehr zu verlieren. Kommt, ſage ich! Bei San Gennaro, ich muß Gewalt brauchen, und wenn Ihr auch wieder zuſchlagt, wie geſtern.“ Damit faßte er das ſich heftig ſträubende und laut wei⸗ nende Mädchen gewaltſam am Arme feſt und riß ſie hinter den Felſen. Und wohl keine Sekunde zu früh, denn in der nächſten flogen zwei Büchſenkugeln nach der Stelle hin, wo die Bei⸗ den eben noch geſtanden. Es war, wie Carlino geſagt: nur durch eine ſteile, obgleich nicht ſehr tiefe Schlucht getrennt ſah man drüben die Berſaglieri herumklettern, ſich hier und da hinter einem Baume oder einem Steine verbergen, um herüber zu ſchießen auf die einzelnen davon eilenden Leute Chiavone's, die eilig dem Thurme zuſprangen. Jetzt hörte man auch die gewaltige Stimme Don Alonzo's ſelbſt, der mit einer Leichtigkeit den Abhang heraufſprang, als habe er ebenen Boden unter den Füßen, und dabei jeden Baumſtamm, jeden Steinblock zur Deckung benutzte. „Bei San Pantaleo!“ rief er,„was macht ihr hier noch außen? Steht es ſo um meine Befehle?“ „O, Sir Generale,“ rief Carlino,„ich habe ſie nur mit Anwendung aller meiner Kraft hinter den Felſen gebracht, wo ſie vor der Hand ſicher iſt.“ „Und warum das, Signorina?“ fragte Chiavone in ſtrengem Tone;„wer bei mir iſt, muß gehorchen!“ „Dort, dort!“ rief Marietta in verzweiflungsvoller Angſt; „dort iſt er hinabgeſlürzt!“ 8—-—— 2 — ————-ʒ—— 4 4. — 2— ———jyõ ⸗ =— ——— — 182 Sechsundſechszigſtes Kapitel. „Wer denn?“ „Don Enrico; er trat zu weit vor, um beſſer ſehen zu können.“ „Der Narr, das iſt ſeine eigene Schuld!“ ſagte heftig Don Alonzo;„warum folgte er dem nicht, was ich ihm be⸗ fahl— traf ihn eine Kugel?“ „Ich weiß es nicht,“ jammerte das junge Mädchen;„als ich ihn zurückrufen wollte, ſah ich ihn taumeln und dann hinter dem Abhange verſchwinden.“ Chiavone bog ſich um den Felſen herum und warf einen raſchen Blick auf die gegenüberliegende Schlucht, wo man die Berſaglieri langſam die Thalwand hinabklettern ſah; dann winkte er Carlino, der nun den Arm Marietta's los ließ und behende und unhörbar wie eine Schlange um das Felsſtück herumkroch, der Stelle zu, wo Richter geſtanden. Nach ein paar Sekunden kam er zurück und ſagte mit leiſer Stimme:„Da iſt nichts zu machen.“ „Sie haben ihn erſchoſſen?“ fragte Don Alonzo, wäh⸗ rend Marietta, mit ſtarrem Blicke die Antwort erwartend, neben Carlino in die Kniee ſank. „Nicht erſchoſſen, aber mir ſcheint, ſie trafen ihn an die Schulter, und durch die Gewalt des Schuſſes verlor er das Gleichgewicht und rollte hinunter— verdammt ungeſchickt, er fiel gerade zwiſchen die Piemonteſen hinein, und ſie haben ihn; es möchte ihm ſchon gleich ſchlimm ergangen ſein, wenn ihn nicht zufälliger Weiſe ein Offizier beſchützt hätte.“ „Verflucht!“ rief Chiavone; doch wie um ſich ſelbſt ge⸗ ſühllos zu machen bei dem Jammer des jungen Mädchens, ſetzte er in rauhem Tone hinzu:„Meine Schuld iſt es nicht, bei allen Heiligen! Wer heißt ihn auch, ſich da draußen hin⸗ ————— —+— 2——),. — Ein Gefecht in den Bergen. 183 ſtellen und ſich ganz gegen meine Befehle zur Zielſcheibe machen? Doch iſt jetzt hier keine Zeit zu klagen und zu weinen, ſehen wir, daß wir unſere eigene Haut retten. Sei vernünftig, Marietta, noch iſt nicht alles verloren. Iſt er doch unbewaffnet und kann doch jedes Kind ſehen, daß er nicht zu uns gehört. Fort jetzt, ehe die da drüben näher kommen!“ Es war die höchſte Zeit, denn einzelne der Berſaglieri ſah man ſchon an der diesſeitigen Thalwand der Schlucht emporklettern. Chiavone beugte ſich raſch nieder, hob das mit gefalteten Händen am Boden knieende Mädchen in die Höhe, nahm ſie mit Rieſenkraft in ſeine Arme und trug ſie eilenden Laufes dem Thurme zu. Dort am Rande der Fels⸗ ſchlucht ſtreckten ſich ihm die Hände mehrerer ſeiner Leute entgegen, um ihn mit ſeiner Laſt zu unterſtützen, und ſo ge⸗ langte er feſten Schrittes über die ſchwankende Brücke, hinter ihm Carlino, der den leichten Steg emporriß und diesſeits an ſeine Ketten befeſtigte. Marietta blickte mit ſtarrem Auge düſter vor ſich hin, ſchluchzte zuweilen tief auf, folgte aber, ohne ein Wort zu ſagen, wie willenlos, als Chiavone befahl, ſie hinab in das untere Gewölbe zu bringen. Laut erſchallten jetzt die Hörner und Trommeln rings um den Thurm, und bald erſchienen die Piemonteſen von allen Seiten, voran die Berſaglieri, oben auf der Höhe, um, wie ſie hofften, zugleich mit den Parteigängern des vertrie⸗ benen Königs in den Thurm dringen zu können. Doch ſtutz⸗ ten ſie an der jähen Tiefe und auch an dem Gewehrfeuer, welches die Leute Chiavone's hinter den Zinnen des Thurmes 0 8 ͤ —— 184 Sechsundſechszigſtes Kapitel. und aus den Schießſcharten unterhielten, und wichen zurück, um hinter Steinen und Bäumen Deckung zu finden. Der General ſelbſt war von der Plattform des Thurmes verſchwunden, und jetzt erſchien einer ſeiner Leute, neben der Zugbrücke einen weißen Lappen hin⸗ und herſchwingend, der als Parlamentär⸗Fahne dienen ſollte. Da auch in dieſem Augenblicke das Feuer aus dem Thurme aufhörte, ſo verſtanden die Piemonteſen ſogleich, daß die Beſatzung zu unterhandeln wünſchte, und ein Offizier der Berſaglieri trat furchtlos bis an den Rand der Schlucht. Der mit der weißen Fahne rief hinüber:„Wie Ihr ſeht, ſind wir hier in dieſem Thurme eingeſchloſſen, unſer dreißig, die Meiſten unverwundet, aber gut mit Waffen und Schießbedarf verſehen; will man uns mit Zurücklaſſung der letzteren freien Abzug bewilligen, ſo wollen wir die Zugbrücke niederlaſſen und Euch den Thurm übergeben.“ „Ich habe darüber nicht zu beſtimmen,“ rief der Offizier der Berſaglieri herüber;„unten bei der Infanterie komman⸗ dirt ein höherer Offizier, doch will ich einen meiner Leute hinabſchicken und Befehle einholen laſſen, obgleich ich euch zum Voraus ſagen kann, daß nur eine Uebergabe auf Gnade und Ungnade angenommen werden wird. Haltet euch aber ſo lange ruhig.“ „Daran ſoll's nicht fehlen,“ erwiderte der im Thurme, indem er den Stock mit dem weißen Lappen neben ſich lehnte. „Aber ſprecht ein gutes Wort für unſeren Vorſchlag, der nicht gemacht worden wäre, wenn der General da wäre.“ „So iſt Chiavone nicht in Thurme?“ „Leider nein! Er fiel drunten im Thale zu Anfang des Gefechtes. Wenn Ihr Euch dort umſehen wollt, ſo müßt urück, rmes n der „ der dem daß der ucht. ſind die darf eien ſſen zier ran⸗ eute uch ade ber Ein Gefecht in den Bergen. 185 Ihr ihn finden bei einem Muttergottesbilde, das zwiſchen drei alten Kaſtanienbäumen ſteht.“ Der Offizier der Berſaglieri ſprach hierauf emſig mit zweien ſeiner Leute, die darauf ſeitwärts auf einem ſchmalen, halsbrechenden Pfade in die Schlucht hinabkletterten. Während ſich dies oben begab, hatte Chiavone in dem unteren großen Gewölbe Marietta mit freundlichen Worten aufzurichten geſucht und ihr tröſtend geſagt, wie er der An⸗ ſicht ſei, daß ihrem Begleiter nichts beſonders Schlimmes zuſtoßen würde, obgleich er im Inneren dieſer Anſicht nicht war.„Sie werden ihn ſcharf ins Verhör nehmen,“ fuhr er fort,„und nach Neapel ſchicken, wo ſeine Freunde ſchon ſeine Unſchuld beweiſen werden. Deßhalb ſei muthig, Marietta, kämpfe deinen Schmerz nieder und folge mir; wir haben noch einen ziemlich beſchwerlichen Weg vor uns, um aus den Hän⸗ den der Piemonteſen zu kommen, die uns ſchon als gute Beute betrachten, welche ſie nur zu ergreifen brauchen. Komm, ſei vernünftig, Kind!“ Sie nickte ſchweigend mit dem Kopfe, ohne ſich aber von der hölzernen Bank zu rühren, auf welche ſie nieder⸗ geſunken war. Dort ſaß ſie, die Hände in ihrem Schooße gefaltet, den Körper vorn übergebeugt, faſt als wolle ſie den Thränen zuſchauen, die langſam aus ihren Augen tropften. „Komm, Marietta!“ „Er iſt mir zu Liebe in ſein Unglück gegangen,“ flüſterte ſie,„ja, ja, in ſein Unglück, denn wenn ſie ihn noch nicht erſchoſſen haben, ſo werden ſie's nächſtens thun— vier— und— zwan— zig— Stunden— geben— ſie— Friſt— ſo— hat man— mir— geſagt— und— ſelbſt— der König— könne nicht— begnadigen— ſelbſt— wenn— —— — —— ——; — n —CQ— 186 Sechsundſechszigſtes Kapitel. er wollte,— und warum ſollte er wollen— was geh' ich ihn an— und Don— Enrico? „O, Zio Alonzo,“ fuhr ſie laut jammernd fort, indem ſie ihre gefalteten Hände emporhob,„das iſt ein großes, großes, großes Unglück, und ich kann es mir nie vergeben, daß ich ſchuld daran war! Was wird der Vater dazu ſagen und die Mutter, und was ſein Freund, unſer armer Herr!“ Chiavone war mit ſichtbaren Zeichen der Ungeduld an die Schießſcharte, welche zum Fenſter diente, getreten, ſchaute aufmerkſam hinaus und ſagte alsdann zurücktretend:„Kind, ſei vernünftig und höre mich ruhig an; ich habe mich geſtern nicht geweigert, dem gefangenen Marcheſe zu helfen, der mich im Grunde ſehr wenig angeht; glaubſt du denn, daß ich für deinen Begleiter, der leider deinem Herzen näher ſteht, als gerade nothwendig iſt, nicht auch thun werde, was in meinen Kräften? Aber um helfen zu können, muß man handeln, und wenn du hier ſitzen bleiben willſt, ſtatt mir zu folgen, und unnütze Thränen vergießen, ſtatt mich anzuhören, wie es einem muthvollen Mädchen geziemt, ſo muß ich eben die Sache gehen laſſen, wie ſie geht.“ „O, Zio Alonzo, bei der Madonna del Carmine be⸗ ſchwöre ich dich, iſt denn noch Hülfe möglich? Sage mir die Wahrheit.“ „Warum ſollte ſie nicht möglich ſein? Bei San Pan⸗ taleo, ich will thun, was in meinen Kräften ſteht, aber du mußt meine Fauſt nicht lähmen; faſſe Muth, Marietta, und folge mir! Ich muß dich und dieſe braven Leute hier in Sicherheit bringen, denn das wirſt du doch einſehen, wenn wir hier wie in einer Mäuſefalle gefangen ſitzen bleiben, ſo —— ——— ) ich ndem oßes, eben, dazu rmer d an Haute dind, ſtern mich für als einen und und e es die be⸗ die —.—— — Ein Gefecht in den Bergen. 187 bin ich nicht im Stande, weder für den Marcheſe noch für den Anderen etwas zu thun——“ Dies war der Augenblick, wo das Schießen plötzlich aufhörte, und alle Bewaffnete, welche ſich im Thurme befan⸗ den, kamen die enge Treppe herunter und verſammelten ſich im Gewölbe um ihren Anführer. „Pietro hat es ihnen geſagt,“ wandte ſich Carlino an den General,„wie alles, was Ihr befohlen; Ihr läget drun⸗ ten erſchoſſen in der Schlucht und wir verlangten freien Ab⸗ zug ohne Waffen.“ „Den ſie nicht bewilligen werden,“ antwortete Chiavone, „worauf ich rechne. Hört mich an: Unſere Leute unter Sca⸗ retti und Modelo ſind in Sicherheit, und auch wir werden es bald ſein; eure Waffen leget drunten am bekannten Orte ab, Pietro wird die vorhandenen Gelder unter euch verthei⸗ len. Zerſtreut euch in die Berge und harrt für unſere gute Sache aus, bis ihr wieder von mir hört. Vergeſſet aber nicht, ſo viel als möglich auszubreiten, daß Chiavone er⸗ ſchoſſen ſei, Einer oder der Andere muß ſagen, er habe mich ſelbſt geſehen; du, Francesco, nimmſt hier meinen Säbel und läßt ihn morgen oder übermorgen bei den bezeichneten drei Kaſtanien zufällig finden. Ihr alle,“ fuhr er mit er⸗ hobener Stimme fort,„werdet mir das Zeugniß geben, daß ich für euch gethan, was in meinen Kräften ſtand, und daß ich mein Leben hundert Mal Preis gab, um das eure zu be⸗ ſchützen. Glaubt auch eurem Führer, daß ich mich nach dem Augenblick ſehne, der uns wieder vereinigen ſoll; San Pan⸗ taleo und Conca ſoll die Loſung ſein, unter der wir uns wieder finden werden. Und nun lebt wohl!“ Er reichte den Nächſtſtehenden ſeine Hände, und auch 8 — 188 Sechsundſechszigſtes Kapitel. die Uebrigen drängten ſich herzu, um wenigſtens ſein Kleid zu berühren, ehe ſie auf der Fortſetzung der Treppe, die in der Mauerlücke von oben herabkam, abwärts in der Tiefe des Thurmes verſchwanden. Nach einigen Minuten war Chiavone mit dem jungen Mädchen allein, die ſich nun erhob, ihr ſchwarzes Haar aus dem bleichen Geſichte ſtrich und ſich bereit erklärte, folgen zu wollen, wohin man ſie führe. „Etwas tief in die Erde hinab,“ ſagte freundlich lächelnd Don Alonzo,„dann aber wieder ans Tageslicht. Doch was war das?“ Eine bedeutende Gewehrfeuer⸗Salve krachte von allen Seiten gegen den Thurm, man hörte die Kugeln gegen die Steine anſchlagen, und eine, welche durch die enge Schieß⸗ ſcharte des Gewölbes gedrungen war, prallte an der Wand ab und drang tief in die Bank, auf der Marietta eben geſeſſen. „Was iſt das, Pietro?“ rief Chiavone dem Manne ent⸗ gegen, der früher auf der Plattform geweſen und nun eilig in das Gemach trat. „Sie begrüßen die Fahne von Francesco secundo,“ ſagte dieſer lachend;„es war ein Hauptſpaß. Da Ihr, Sir Ge- nerale, erſchoſſen ſeid, ſo bot ich die Uebergabe des Thurmes unter Bedingungen an, welche aber der kommandirende Offi⸗ zier drunten nicht für gut fand anzunehmen. Auf Gnade oder Ungnade, hieß es, und wir wiſſen, was das zu bedeuten hat; vierundzwanzig Stunden Zeit, und dann neun Mann vorgerückt!'s eilt aber noch nicht. Auf dieſe tröſtliche Ant⸗ wort rief ich ihm ein paar Worte zu, die ihm nicht ſchmecken⸗ mochten, und zog, als ich ſicher hinter den Steinen war, die ——-—— Flag! Herze hund führe um welch ange Mar der Leite einer brac wie von Wir Wir deſſe run Late führ der viel Sc in ma Ro Kleid die in Tiefe ungen aus en zu helnd was allen n die hieß⸗ Land eben ent⸗ eilig agte Ge- mes ——— Ein Gefecht in den Bergen. 189 Flagge unſeres Königs auf. Danach ſchießen ſie nun nach Herzensluſt, laufen auch um den Thurm herum, wie Jagd⸗ hunde um ein Stachelſchwein.“ „Gut, Pietro,“ ſagte Chiavone ruhig;„gehe voran und führe die Signorina, welche dir folgt; ich beſchließe den Zug, um meine Wohnung zu ſichern.“ Pietro ging voran auf der gewundenen Steintreppe, welche tief hinabführte und ihr Licht durch hier und da angebrachte ſchmale Schießſcharten erhielt, zu deren einer Marietta hinausſchauend bemerkte, daß ſie faſt den Boden der Schlucht erreicht hatten, wo am geſtrigen Abend die Leiter niedergelaſſen worden war. Sie befanden ſich jetzt in einem Gewölbe, ähnlich dem, in welchem ſie die Nacht zuge⸗ bracht, und von hier führte eine andere Treppe in einen, wie es ſchien, in den Felſen gehauenen Keller, deſſen Wölbung von einem rieſenhaften Steinpfeiler getragen zu werden ſchien. Wir ſagen getragen zu werden ſchien, weil dieſer Pfeiler in Wirklichkeit in der Luft ſchwebte, indem der untere Quader deſſelben auf die Seite geſchoben war und im Boden ein rundes Loch frei ließ, in welches Pietro, nachdem er eine kleine Laterne angezündet, hinabſtieg, das junge Mädchen behutſam führend, indem er ihr die Hand reichte. „Folge getroſt, Marietta,“ hörte ſie die Stimme Alonzo's, der hinzuſetzte:„Ich komme im Augenblicke nach.“ Die Leiter, auf der ſie niedergeſtiegen waren, endete mit vielleicht dreißig Sproſſen, und dann ſah Marietta beim Scheine der Blendlaterne, welche Pietro trug, daß ſie ſich in einer kleinen Felſenhöhle befanden. Von oben vernahm man jetzt ein eigenthümliches Geräuſch wie von knarrendem Räderwerke, das in Bewegung geſetzt wurde. Chiavone, der — —— —— —— —— — —— — — 190 Sechsundſechszigſtes Kapitel. E. Gefecht i. d. B. vermittels eines großen eiſernen Hebels dieſes Räderwerk ſpielen ließ, brachte auf dieſe Art den weggerückten rieſen⸗ haften Quader wieder an ſeinen Ort und folgte dann den Beiden. Bei Marietta angekommen, reichte er ihr die Hand, Pietro ſchritt mit ſeiner Laterne voraus und alle Drei ver⸗ ſchwanden in einer Felſenſpalte, die ſeitwärts in der Höhle mündete. 2 9 B. derwerk rieſen⸗ nn den Hand, eei ver⸗ Höhle Siebenundſechszigſtes Kapitel. Die Nacht des Gefangenen. — Carlino hatte den Unfall, welcher Richter betroffen, rich⸗ tig geahnt; der unglückliche Begleiter des jungen Mädchens hatte ſich auf dem jähen Abhange neben dem Felſenſtücke, um beſſer ſehen zu können, ſo weit vorgewagt, daß er ſich vor dem Herabrutſchen nur dadurch zu bewahren vermochte, daß er ſich mit der Hand an den Felſen hielt. Da ſtreifte eine Kugel ſeinen Oberarm, und bei dem Schmerze zuſammen⸗ fahrend, verlor er ſeinen Halt und rutſchte unaufhaltſam den Abhang hinab zwiſchen die vordringenden Piemonteſen, wo ihn nur ein Wunder von dem Tode errettete, indem ein raſch herbeiſpringender Offizier ihn vor den Bayonnetten der auf ihn eindringenden Soldaten ſchützte. Richter wurde gefangen genommen, ihm die Hände gebunden und alsdann von einer Patrouille abwärts transportirt. Vergebens ſchaute er ſich nach Herrn von Marlott um, von dem er, wenn auch keine Hülfe, doch eine beſſere Behandlung erwartete, als die, welche ihm von den Soldaten zu Theil wurde. ———— —— ——nunnBnßͤͤͤͤͤͤ — = — — 192 Siebenundſechszigſtes Kapitel. Unten im Thale angekommen, wurde er ſcharf bewacht und blieb ſo mehrere Stunden in Ungewißheit über ſein ferneres Schickſal. Daß ihm daſſelbe in den finſterſten Bil⸗ dern erſchien, war begreiflich; denn er wußte zu gut, wie bei dieſem Kriege jede Partei mit ihren Gefangenen verfuhr. Bald nach ſeiner Gefangennehmung hatte das Schießen dro⸗ ben aufgehört, es erfolgte alsdann noch eine einzige ſcharfe Salve, worauf er erſt nach längerer Zeit wieder das Blaſen der Hörner vernahm, welches die Truppen ſammelte und zu⸗ rückführte. Seine Wunde am Oberarme ſchmerzte ihn ſehr, obgleich ſie nicht tief war; gern hätte er ſein Schnupftuch darum gebunden, doch hinderten ihn ſeine gefeſſelten Hände daran, und die finſteren Blicke der Soldaten ſchreckten ihn ab, ſich an ihr Mitleid zu wenden. Endlich, nach einigen qualvollen Stunden, ſah er ſeit⸗ wärts im Thale von Tramonte eine Infanterie⸗Colonne vor⸗ überziehen, und gleich darauf erſchien auch der piemonteſiſche Hauptmann, welcher ihm in Ravello den Begleitſchein ge⸗ ſchrieben. Daß das Geſicht deſſelben heute noch finſterer und abſchreckender erſchien, war den Umſtänden angemeſſen. Er würdigte den Gefangenen keines Wortes und begnügte ſich, mit einem langſamen, ſehr bezeichnenden Kopfnicken den Be⸗ fehl zu deſſen ſicherer Transportirung nach Ravello zu geben. Die Verwundung betreffend, ſo meinte er kalt, es ſei nicht der Mühe werth, danach zu ſehen, da ja doch bald alles vor⸗ über ſein würde. Unter dieſen wenig tröſtlichen Ausſichten ſetzte ſich Richter mit der Infanterie⸗Colonne in Marſch und zog den Weg zu⸗ rück, den er geſtern mit Marietta gegangen. Was ihn dabei am meiſten folterte, war die Ungewißheit über das Schickſal des ge die ſich veranl den, men. junge Solde reihe, gen, heißer und dieſe ſein ſo h⸗ wan ſchri ſtatt lider wie den in! ſein bewacht ber ſein ten Bil⸗ wie bei verfuhr. ten dro⸗ ſcharfe Blaſen und zu⸗ en ſehr, upftuch Hände ken ihn er ſeit— ie vor⸗ teſiſche in ge⸗ er und 1. Er te ſich, in Be⸗ geben. nicht § vor⸗ kichter eg zu— dabei hickſal Die Nacht des Gefangenen. 193 des geliebten Mädchens, ſo wie die furchtbare Vermuthung, die ſich ihm, durch das Geſpräch der Soldaten hier und da veranlaßt, aufdringen mußte. Chiavone ſei erſchoſſen wor⸗ den, hörte er ſagen, und der Thurm von Conca eingenom⸗ men. Was war aus Marietta geworden? Wehe, wenn das junge Mädchen in die Hände dieſer vom Gefechte aufgeregten Soldaten gefallen war! Er konnte die entſetzliche Gedanken⸗ reihe, welche dieſe Vermuthung in ihm erzeugte, kaum ertra⸗ gen, und fühlte häufig, wie ſeine Augen feucht wurden. Seinen Hut hatte er verloren, die ſengende Sonne eines heißen italieniſchen Sommertages brannte auf ſeinem Kopfe und wühlte förmlich in der Wunde ſeines Armes. Doch all dieſe körperlichen Schmerzen hätte er gern ertragen, wenn nur ſein Seelenzuſtand nicht ein ſo furchtbarer geweſen wäre. Glücklicher Weiſe drückte gegen Mittag die Sonnenglut ſo heftig auf ihn, daß er förmlich betäubt wurde und daß er wankend wie ein Träumender zwiſchen den Soldaten einher⸗ ſchritt. Ja, ein paarmal war ihm plötzlich, als umgebe ihn ſtatt des hellen Sonnenlichtes finſtere Nacht, ſeine Augen⸗ lider ſchloſſen ſich erſchöpft, und wenn er alsdann wieder wie aus tiefem Schlummer erwachte, ſo fand er ſich von den Fäuſten der Soldaten erfaßt, die den halb Ohnmächtigen in die Höhe zogen und derb ſchüttelnd wieder zum Bewußt⸗ ſein brachten.— Ein einziges freundliches und doch wieder ſo ſchmerzliches Bild trat bei dieſer Wanderung vor ſeine Seele, das war der Anblick jener Pachter⸗Wohnung, wo er mit Marietta geruht und wo, als die Truppen einen Augenblick Halt machten, ihm vergönnt wurde, im Schatten eines Baumes vor der Haus⸗ thür niederzuſinken. Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 13 194 Siebenundſechszigſtes Kapitel. Die junge, ſchöne Frau trat mit ihrem Säuglinge auf V Ma dem Arme unter das Haus, und aus dem plötzlichen Starr⸗ Nen werden ihres Blickes erſah Richter wohl, daß ſie ihn erkannt. Arm Ohne aber weiter dergleichen zu thun, ſetzte ſie das Kind dara raſch auf den Boden nieder und brachte ein Gefäß friſchen 8 d. 3 den? Waſſers aus dem Hauſe, womit ſie den Gefangenen erquickte.. Die Soldaten ließen dies unter rohen Scherzen geſchehen, nen 1 doch als die Frau auch ſeine Verwundung unterſuchen wollte, den ſagte der die Abtheilung befehligende Sergeant:„Laßt das der gut ſein, Gevatterin, in der Lage ſchadet eine Wunde nichts, der die wird ihm morgen um dieſe Zeit nicht mehr wehe thun.“ Es war gegen Abend, als die Truppen und mit ihnen den V Richter Ravello wieder erreichten. Er war kaum noch im Nu Stande, ſich auf ſeinen Füßen aufrecht zu erhalten, und als Me er das Thor wieder vor ſich ſah, durch welches er gewandelt, Lc um Marietta zu erwarten, ja, als er in jene Seitenſtraße blickte, wo ſich der Garten befand, in dem er ſo glücklich Fu geweſen, kam ihm alles das vor wie traumhafte Bilder einer den längſt vergangenen, glücklichen Zeit, und als er hierauf wie⸗ u der unter den Thorbogen des Gaſthofes trat, ſah er nur noch, wie ihm die Wirthin mit unverhohlenen Zeichen des Ent⸗ 97 ſetzens entgegentrat, und dann ſank er zuſammen, indem eine ge 3 wohlthätige Ohnmacht ſeine Sinne umfing. di Als er wieder zu ſich kam, fand er ſich in jener Halle, ei wo er am erſten Abend eingetreten und wo auch heute wieder S das große Feuer brannte, hinter dem die Wirthin mit ihren Kochtöpfen beſchäftigt war. Er ſelbſt ſaß auf einer Bank, ſein Kopf lehnte an der Wand, und neben ihm ſtand ein 3 Mann, der ihm die Stirn mit ſcharfen Eſſenzen gerieben. 4 Als er die Augen aufſchlug und tief dabei ſeufzte, hörte er die ge auf Starr⸗ rkannt. Kind riſchen ſuickte. hehen, vollte, zt das nichts, hun.“ ihnen ch im d als ndelt, ſtraße icklich einer wie⸗ noch, Ent⸗ eine alle, jeder hren ank, ein ben. die Die Nacht des Gefangenen. 195 Wirthin ſagen:„Das iſt gar kein Wunder, bei dieſer Hitze und dem Blutverluſte, und da Ihr einmal mit dem armen Menſchen beſchäftigt ſeid, ſo ſeht auch die Verwundung ſeines Armes an und legt ihm ein Pflaſter und einen Verband darauf, ich zahle es; wer hat nun etwas dagegen einzuwen⸗ den?“ Sie blickte mit einem fragenden Ausdrucke in den finſte⸗ ren Augen trotzig um ſich her, wobei ſie die rechte Hand mit dem Kochlöffel in die Seite ſtemmte. „Da das gerade nicht verboten iſt,“ ſagte ein Sergeant der Piemonteſen, der am Feuer ſaß und mit dem Inhalte der Kochtöpfe kokettirte,„ſo will ich nichts dagegen einwen⸗ den, obgleich es nach meiner Anſicht eigentlich von keinem Nutzen iſt.“ Nach einem energiſchen Winke der Frau machte ſich der Mann neben Richter, der ein Barbier war, daran, die Aermel von deſſen Rocke aufzuſchneiden und nach der Verwundung zu ſehen. Dieſe war allerdings nur eine tüchtige Fleiſch⸗ wunde, die nicht einmal die Knochenhaut geritzt, und als der Betreffende ſie ausgewaſchen, ein gutes Pflaſter darauf gelegt und daſſelbe mit einer Binde befeſtigt, ſagte er:„Das könnte unter anderen Umſtänden in acht Tagen wieder vollſtändig geheilt ſein.“ Glücklicher Weiſe erfaßte Richter den furchtbaren Sinn dieſer Worte nicht, da er gerade begann, mit gierigen Zügen ein Glas Waſſer mit Wein auszutrinken, welches ihm die Wirthin ſo wie auch etwas zu eſſen darreichte. Nachdem er ſich alſo geſtärkt, blickte er in der Halle umher und ſah, daß er auf's ſorgfältigſte bewacht wurde. Außer dem Sergeanten, der am Feuer ſaß, befanden ſich in der Halle, und zwar unmittelbar neben ihm auf der Bank 196 Siebenundſechszigſtes Kapitel. ſitzend, zwei Infanteriſten, die ihre Flinten zwiſchen den ——— Knieen hielten, während ein Dritter vor der Halle mit ge⸗ di ſchultertem Gewehr auf- und abging. Man ſah ihn deut⸗ lich, wenn er aus der Dunkelheit der Nacht in den Licht— gea ſchein trat, welchen die Heerdflamme bis vor die Thür warf. wie Seine Bande hatte man Richter abgenommen, und als er Me gegeſſen und getrunken, durchſtrömte ihn ein behagliches Ge⸗ unf fühl, welches ihn aber gleich darauf das ganze Schreckliche Ga ſeiner Lage um ſo genauer erkennen ließ. ron Die Wirthin unterhielt ſich mit dem Sergeanten über die Vorfälle des Tages, und ſo erfuhr Richter, daß Chiavone da zu Anfang des Gefechtes erſchoſſen worden ſei, daß man ſeine 1 Leiche bei drei Kaſtanienbäumen, welche ein Muttergottesbild 1 umſtanden, gefunden hatte; daß ferner der Thurm von Conca 3 vermittels einer Nothbrücke, die man vom Rande des Felſen⸗ keſſels auf die Zinne deſſelben geſchlagen, genommen worden de ſei; daß man aber räthſelhafter Weiſe von den Räubern 3 die ſich in den Thurm geflüchtet, keinen einzigen gefunden, n „trotzdem,“ ſetzte der Sergeant hinzu,„daß wir alle Ge⸗„ 4 w mächer des Thurmes bis hinunter in den Kellerraum auf's 4 genaueſte durchſuchten. Wir haben eine Beſatzung dort ge⸗ 2 I laſſen, und es iſt wohl möglich, daß ſie nach ein paar Tagen. 1 b 3 der Hunger aus ihren unauffindbaren Verſtecken heraus⸗ 4 treiben wird.“ 1 „Ich glaube, es iſt Hexerei im Spiele,“ ſagte die Wir⸗ 1 thin, wobei ſie den Kopf bedächtig hin und her wiegte;„es iſt ſchon einmal vorgekommen, daß eine Truppe dieſer Räuber verfolgt wurde und daß man ebenfalls keine Spur mehr von ihnen fand. Man ſagt, den Thurm von Conca habe einmal ein arabiſcher Zauberer gebaut, und wer in demſelben das den at ge⸗ deut⸗ Licht⸗ warf. ls er Ge⸗ kliche über vone ſeine Sbild onca lſen⸗ rden vern den, uf's ge⸗ gen ius⸗ Die Nacht des Gefangenen. 197 richtige Wort ausſpräche, dem öffneten ſich die Felſen, worauf der Thurm gebaut iſt.“ „Daran kann ich nicht glauben,“ erwiderte der Ser⸗ geant,„obgleich Keiner von uns auch nur eine Idee hatte, wie man aus dieſem Gebäude mit ſeinen ſechs Fuß dicken Mauern, das wir rings umſtellt hatten, entkommen könne; nun, wir wollen ſehen! Hoffentlich ſprengen wir das Ganze in die Luft, und da wird man auch ihre Schlupf⸗ winkel finden.“ Richter hörte mit einem innigen Ge daß die Leute Chiavone's entkommen ſeien, vermuthlich alſo auch Marietta mit ihnen. Hätte er nur darüber Gewißheit gehabt, ſo würde er ſeinem Schickſale ruhiger entgegengeſehen fühle des Dankes, haben. Worin dieſes Schickſal beſtand, darüber konnte er nach den Aeußerungen des Sergeanten nicht im Zweiſel ſein. „Der Capitano,“ ſagte dieſer im Verlaufe ſeines Geſpräches mit der Wirthin, welche ihm nicht ohne Abſicht immer neue Fragen ſtellte und dabei beſtändig das Glas auffüllte, wel— ches er in der Hand hielt,„iſt ſelbſt zur Meldung nach Amalfi hinunter, und wahrſcheinlich kommt der Major mit Tagesanbruch ſelbſt zum Standrechte herauf; ſie machen ein bischen mehr Umſtände mit dem da, weil er ein Ba⸗ vareſe iſt.“. „Und dann?“ fragte die Wirthin. „Und dann?— Folgt ſich alles ſo einfach und natür⸗ lich, wie das Klingeln einer Meſſe; er iſt im Gefechte ge⸗ fangen genommen worden und weiß ganz genau ſelbſt, was er zu erwarten hat.“ In dieſem Augenblicke trat Luigi in die Halle und über⸗ — ——— —— 198 Siebenundſechszigſtes Kapitel. brachte dem Sergeanten den Befehl des Lieutenants, den —j——— jungen Menſchen anſehe, ſo iſt es mir gerade, als ſähe ich mein unglückliches Kind wieder auf derſelben Bank ſitzen! Hätte ich damals einen rechten Mann gehabt, ſo wäre er vielleicht noch zu retten geweſen!“ Gefangenen zu ihm zu bringen. Die Soldaten neben Richter 85 erhoben ſich, der Sergeant, nachdem er ſeinen Czako aufge⸗ Je ſetzt, ging voraus, und als alle Vier die Halle verlaſſen — hatten, ſchloß ſich die Schildwache im Hofe ihnen an.„r 1 Kaum waren ſie unter der Thür des Vorderhauſes ver⸗ G ſchwunden, als der dicke Wirth der„Goldenen Zwiebelt ſich V b V in die Halle ſchlich, ſeiner Frau ſich gegenüberſetzte, und di nachdem er vorſichtig rings herum geſchaut, mit leiſer 9 Stimme und beſorgtem Tone ſagte:„Der Carlino und der b Pietro ſind da.“ 5 1„Und was weiter?“ fragte die Wirthin. 1„Ich traue der Geſchichte nicht, ſie haben'was vor.“ d „Und wenn ſie'was vorhaben, was geht's dich an? Nicht wahr, Schwachkopf, wenn die Piemonteſen'was vor⸗ 6 haben, da reibſt du deine Hände, öffneſt ihnen Thür und. Thor,— aber ich ſage dir,“ fuhr ſie in leiſem, aber ſo ein⸗ 3 6 dringlichem Tone fort, daß es nur wie ein Ziſchen klang, V -„nimm dich zuſammen und ſei, was du immer warſt, ein’ Nichts von einem Manne; ſchaue nicht rechts und nicht links, ſondern blicke nur in meine Augen und folge meinen Winken mit einer Gewiſſenhaftigkeit, als ſtände deine Selig⸗ 6 keit auf dem Spiele. Ach,“ fuhr ſie nach einer Pauſe in klagendem Tone fort, während ſie ihren Kopf zwiſchen beide Hände nahm und tief herabſenkte,„den ganzen Tag klang es mir in den Ohren, wie damals, und wenn ich den armen den hter ifge⸗ ſſen ver⸗ ſich und — Q⏑Qʒ⏑—;⏑—-———n:n ·„— Die Nacht des Gefangenen. 199 „Du biſt wahnſinnig, Frau,“ entgegnete der Wirth, „was geht dich auch der Fremde an? Ueberlaß ihn ſeinem Schickſale; willſt du dir unnöthig deine Finger verbrennen? Ich gebe mich dazu nicht her.“ „O, das weiß ich,“ gab ſie verächtlich zur Antwort; „was verlangt man auch von dir? Nichts ſollſt du thun, dein Wo iſt der Carlino?“ Geſchäft, das du den ganzen Tag treibſt. T „Er lehnt draußen am Thore, raucht und betrachtet ſich die Soldaten, als wenn er niemals aus Ravello hinaus⸗ gekommen wäre.“ „Das iſt ein Burſche, der das Herz auf dem rechten Flecke hat.“ „Vorhin war auch die Maſtaſi da und lamentirte über das Mädchen; was geht das uns an, was hat es auch da draußen zu ſchaffen?“ Die Frau ſah ihren Mann mit einem gehäſſigen Blicke an, dann nickte ſie mit dem Kopfe und ſtierte vor ſich hin, wie jemand, der über etwas nachdenkt. Nach einer längeren Pauſe ſagte ſie:„Pietro und Carlino ſollen hieher in die Küche kommen; es haben viel und ich will doch einmal ſehen, ob man mir fangen, wie ich will. Rufe geringere Menſchen hier ihr Nacht⸗ eſſen genommen, verbieten kann, die Gäſte zu emp ſie! Haſt du mich verſtanden?“ Der Wirth erhob ſich achſelzuckend und verließ die Halle, um gleich darauf mit den bezeichneten zwei Männern zurück⸗ zukehren. „Dort in dem Winkel ſetzt euch an den Tiſch,“ ſagte chiedenem Tone,„ihr ſollt gleich euer s in meinem Weinberge aus?“ Antwort, die Frau in ſehr entſ Nachteſſen haben; wie ſieht' „O, nicht ſo ganz ſchlecht,“ gab Carlino zur ☛——y — —-ͤ—— ——— „ 1 1 .* 4 5 A 5 N 4 5 4 1 an dieſen in deutſcher Sprache;„auf ein Haar hätten Sie 200 Siebenundſechszigſtes Kapitel. indem er grinſend ſeine Zähne zeigte;„es hat ein Hagel⸗ wetter gedroht, aber es iſt noch gnädig vorübergegangen.“ „Wir kamen etwas früher herein,“ unterbrach ihn die derbe Stimme Pietro's,„da wir nicht wußten, ob es viel⸗ leicht hier im Hauſe etwas für uns zu arbeiten gibt; ſagt's nur, Padrona, wenn Ihr was habt, wir ſind zu allem bereit.“ „Es kann wohl ſein, daß man euch noch braucht. Haltet euch vor der Hand ruhig, eßt und trinkt und dann begebt euch ſpäter auf die Strohmatte, welche dort zuſammengerollt im Winkel liegt.“ „Wird man uns aber heute Nacht hier laſſen, wo der Gefangene, den ſie eben abführten, verwahrt wird?“ „Iſt hier nicht Platz genug für alle, für den Gefangenen, für mich, für euch? Wenn ſie Einem alle Zimmer des Hauſes beſetzen, ſo werden ſie uns doch noch Platz in unſerer eige⸗ nen Küche gönnen!“ „Hoffentlich, Padrona,“ ſagte Pietro;„auf alle Fälle gehen wir nicht eher, als bis Ihr uns verabſchiedet.“ Richter war unterdeſſen mit ſeiner Escorte in das Zim⸗ mer geführt worden, wo er den vorgeſtrigen Abend mit Herrn von Marlott zugebracht. Auch jetzt war dieſer wieder anweſend, lag auch wieder auf ein paar Stühlen, ſah aber ermüdet und verdrießlich aus. Seine rechte Hand ruhte neben ihm auf dem Tiſche und war verbunden. „Laßt die Leute draußen,“ ſagte er zu dem Sergeanten, „und ſetzt Euch dort in die Ecke auf jenen Stuhl. Da könnt Ihr den Gefangenen im Auge behalten.“ „Das ſind ſchöne Geſchichten!“ wandte er ſich darauf —— /— ———õ mich man Tru Din höre und lan, tior Ihr fern gef der ——;——ᷣH H H Hᷣᷣ—ᷣꝓ9 Die Nacht des Gefangenen. 201 mich tüchtig bloßgeſtellt; ſagen Sie mir, werther Lands⸗ mann, plagt Sie denn der Teufel, um durch piemonteſiſche Truppen hindurch zu den Räubern zu gehen? Vor allen Dingen ſetzen Sie ſich und laſſen Sie mich Ihre Antwort hören.“ 1 „Hoffentlich halten Sie mich nicht einer ſolchen Tollheit und Undankbarkeit fähig,“ erwiderte Richter, indem er ſich langſam niederließ.„Es iſt traurig genug, daß die Situa⸗ tion, in der ich mich befand, gegen mich ſpricht. Ich kann Ihnen aber mein Ehrenwort geben, daß ich nicht im ent⸗ fernteſten daran gedacht, mit jenen Leuten, bei denen ich gefangen genommen wurde, Partei gegen Sie zu nehmen.“ „Aber man hat Sie mit den Waffen in der Hand er⸗ griffen, heißt es im Bericht.“ „So ſagt dieſer Bericht eine Lüge, die, wie ich weiß, mich das Leben koſten kann. Auf meinen Streifereien ge⸗ rieth ich in die Gegend eines höchſt maleriſchen Thurmes aus der arabiſchen Zeit, wurde dort von Leuten, die ich nicht kannte, in jenen Thurm gebracht und war am anderen Morgen unklug genug, von einem gefährdeten Standpunkte aus dem Gefechte zuzuſchauen; dort erhielt ich einen Streif⸗ ſchuß an den Oberarm, der Schmerz ließ mich das Gleich⸗ gewicht verlieren, der Sturz raubte mir die Beſinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatten mich Ihre Leute er⸗ griffen.“ Herr von Marlott ſchüttelte mit einem ungläubigen Lächeln den Kopf, dann ſagte er:„Wenn ich vorausſchickte, daß es mir in der Seele leid thut, einen Landsmann ſo furchtbar in der Patſche ſitzen zu ſehen, darf ich wohl hin⸗ zufügen, daß Sie mit dieſer Erzöhlung vor keinem Stand⸗ 202 Siebenundſechszigſtes Kapitel. rechte der ganzen Welt durchkommen; verzeihen Sie mir, — yy-ᷣᷣ——— wenn ich nach Befund der Umſtände urtheile. Angenommen, ſich: Sie hätten ſich zum Thurme von Conca verirrt, Sie wären V dort von den Briganten gefangen genommen worden, ſo wäre Herr 3 es ſehr die Frage geweſen, ob man Sie in Anbetracht, daß verte 3 Sie von einer Gegend herkamen, in der wir uns befinden, denn nicht augenblicklich erſchoſſen hätte. Gefangen gehalten hätte recht man Sie jedenfalls, und kein Parteigänger, am wenigſten Hab der ſchlaue Chiavone, würde Ihnen erlaubt haben, gemüthlich 1 V V dem Gefechte zuzuſehen. Das werden Sie begreifen.“ liche „Leider ſehe ich das ein, muß aber doch auf meiner des 4 Ausſage beharren.“ V den „Dazu haben Sie wahrſcheinlich Ihre Gründe, die ich achten muß; wenn Sie aber dem Rathe eines Mannes folgen Me wollen, der Antheil an Ihnen nimmt, weil Sie ein Landsmann Be und anſtändiger Menſch ſind, ſe thun Sie ſich ſelbſt den dn Gefallen und erfinden Sie morgen vor dem Standrechte eine ni andere Geſchichte; doch wird Ihnen ſelbſt die glaubwürdigſte ü nichts nutzen, denn dem Berichte nach will man geſehen haben, ſte daß Ihnen die Waffe entfiel, ſobald Sie der Schuß ge⸗ b D troffen.“ V ſe „Dieſe Waffe war ein harmloſer Stock,“ verſetzte Richter; ie V„doch wenn ich Ihnen auch für Ihren freundlichen Rath zu lo Dank verpflichtet bin, ſo kann ich doch nicht anders ſagen, G 1 als wie ich eben gethan.“ k „Sie wollen nicht? Gut denn, ſo machen Sie das 1 mit ſich ſelber aus; ich achte natürlicher Weiſe Ihr Ge⸗ 1 heimniß, vergeſſen Sie aber nicht, daß Ihr Leben auf dem Spiele ſteht.“ b — mir, nen, ären väre daß den, ätte ſten hlich iner eine iſte ben, verteuf denn gar keine Enthüllungen zu ma recht veranlaſſen könnten, Sie nach Haben Sie dort keine Freunde?“ lichen Beſinnen; —— — Die Nacht des Gefangenen. 203 Richter zuckte mit den Achſeln und blickte finſter vor ſich nieder. „Was ich für Sie thun kann, ſoll geſchehen,“ fuhr Herr von Marlott fort,„aber's iſt blutwenig; ſie ſind hier elt expedit bei dieſen Veranlaſſungen. Haben Sie chen, welche das Stand⸗ Neapel zu ſchicken? „Ich habe keine,“ ſagte Richter nach einem augenblick⸗ er bedachte wohl, daß er die Angelegenheit des Marcheſe verſchlimmern würde, wenn er in ſeiner be⸗ denklichen Lage deſſen Namen ausſpräche. „Der Hauptmann iſt nach Amalft,“ ſagte Herr von Marlott nach einer Pauſe,„und ich übertrete ſchon meine Verhaltungsbefehle, indem ich mich mit Ihnen unterhalte, doch iſt mir das gleichviel; meines Bleibens wird ohnehin nicht mehr zu lange ſein. Ich habe da einen artigen Hieb über die rechte Hand bekommen und werde wohl ein paar ſem glorreichen Feldzuge davon tragen. ſteife Finger von dieſ Doch ſagten ſie noch obendrein, ich hätte Glück bei dieſer fte Kerl, mit dem n Affaire gehabt, denn der rieſenha ſchlug und der mir unterlag, da es mir ge⸗ Gebrauch zu machen, ſei ei nun, wie ihm wolle, es ſaubere ich mich herum kang, von meiner Drehpiſtole Chiavone ſelbſt geweſen. Dem ſ kann mir niemand abſprechen, daß ich mich tüchtig gerauft und meinem Namen Ehre gemacht; vielleicht verleihen ſie mir irgend eine Tapferkeits⸗Medaille und laſſen mich nach Hauſe gehen.“ „So ändert ſich unſer Schickſal,“ ſagte Richter mit trübem Blicke;„vorgeſtern noch beneideten Sie mich darum, 4 8 —.—— —— ö 204 Siebenundſechszigſtes Kapitel. daß es mir frei ſtände, meinen Weg zu nehmen, wohin ich wollte, heute ſteht Ihnen die Rückkehr in die Heimat offen, während mich ein ewiges Hierbleiben erwartet.“ „Was mich in der Seele dauert,“ ſagte der gutmüthige Offizier;„und wenn ich Ihnen auch hier nicht mehr nützlich ſein kann, ſo haben Sie doch vielleicht in Deutſchland Freunde, denen ich Ihre Grüße überbringen will.“ „Ich glaube nicht, daß ſich auch dort jemand beſonders für mein Schickſal intereſſiren wird, deßhalb laſſen Sie mich lieber ſpurlos verſchwunden ſein. Sie werden nie in die Lage kommen, nach mir gefragt zu werden.“ Richter hatte ſich bei dieſen letzten Worten erhoben, denn er fühlte wohl, daß es Unrecht ſein würde, den freund⸗ lichen Offizier durch ſeine längere Gegenwart in ein falſches Licht zu bringen. „Muth, mein Freund!“ ſagte dieſer, indem er ihm die linke Hand reichte;„morgen in der Frühe ſehen wir uns wieder, und was ich zu Ihren Gunſten ſprechen kann, das ſoll gewiß geſchehen.“ Nachdem er hierauf dem Sergeanten, ſo gut er ſich im Italieniſchen ausdrücken konnte, den Ge⸗ fangenen empfohlen und beſonders eingeſchärft hatte, es ihm nicht an Eſſen und Trinken und einem guten Lager fehlen zu laſſen, winkte er ihm nochmals freundlich zu, und Beide ſchieden. In die Halle zurückgekehrt, ſah Richter, daß die Bank, auf der er bis jetzt geſeſſen, von zwei Männern eingenom⸗ men war, die ihre kurzen Pfeifen rauchten und mit der Wirthin plauderten; dabei hatten ſie ihre Köpfe ſo tief her⸗ abgeſenkt, daß man ihre Geſichter nicht ſehen konnte. „Ihr werdet wohl nichts dagegen haben, Herr Sergeant,“ ———— Die Nacht des Gefangenen. 205 wandte ſich die Frau des Hauſes an dieſen,„daß meine beiden Knechte dort im Winkel die Nacht zubringen? Wie Ihr wiſſet, iſt das ganze Haus voll wie ein Ei, und wenn man den Tag über im Felde gearbeitet hat, ſo will man doch irgendwo ſein Haupt niederlegen können. Was Euren Gefangenen anbelangt, ſo habe ich dort einen Strohſack für ihn hingelegt, und da hinten an der Wand iſt eine Bank, wo ſich Eure beiden Leute niederlaſſen können. Wenn Ihr ruhen wollt, ſo iſt dort ſeitwärts vom Gefangenen eine Matte für Euch.“ „Für mich braucht's nichts dergleichen,“ erwiderte der Sergeant, nachdem er einen forſchenden, faſt mißtrauiſchen Blick durch die ganze Halle hatte ſchweifen laſſen;„ich werde auf und ab gehen, bis ich und meine beiden Leute hier ab— gelöſ't werden.“ „Ganz nach Eurem Belieben,“ gab die Wirthin zur Antwort;„und ihr,“ wandte ſie ſich an die beiden Solda⸗ ten,„macht's euch dort auf der Bank ſo bequem als möglich. Wenn der Herr Sergeant euch einen Tropfen Wein zum Anfeuchten der Kehle erlaubt, ſo trinkt ein Glas, es iſt gern gegeben, und ihr habt es bei dem heißen Tage wohl ver⸗ dient; reich' ihnen die Flaſche, Pietro.“ Obgleich der Sergeant davon nichts wiſſen wollte, er— hob ſich doch Pietro von ſeinem Sitze und trug eine große, mit Stroh umflochtene volle Flaſche Wein zu den Soldaten hin, und als dieſe ſie achſelzuckend, aber mit wenig Energie von ſich wieſen, ſetzte er ſie neben der Bank auf den Boden nieder und ging dann wieder zum Feuer. Richter, der in der That ermüdet war, folgte einem ——— * —— — —— —— — ——y— —— 206 Siebenundſechszigſtes Kapitel. Winke aus den finſteren Augen der Wirthin und warf ſich auf das Lager, welches ihm dieſelbe anwies. „Ihr habt einen harten Dienſt, Herr Sergeant, nach einem ſo heißen Tagewerke,“ ſprach ſie darauf;„wie lange müßt Ihr die Wache thun?“ Der Sergeant gab keine Antwort.— Der Gefangene hatte ſich noch nicht lange niedergelegt, als ſeine tiefen, regelmäßigen Athemzüge anzeigten, daß er feſt entſchlafen war, wenigſtens that er ſo. „»Poverino,“ ſagte die Frau mit einem Blicke auf ihn, „der arme Teufel iſt ſo erſchöpft und müde, daß ihn ein Kind bewachen könnte; ich bin überzeugt, der ſchläft bis zum hellen Morgen; ich möchte auch wohl vor meiner ſchlimmen Stunde ein ſo gutes Gewiſſen haben.“ Der Sergeant ging in einem großen Kreiſe durch die Halle, und ſo zwar, daß er zuweilen an der Eingangsthür den Poſten im Hofe beobachten konnte und daß er andern⸗ theils auch den Gefangenen und deſſen beide Wächter, die hinter ihm ſaßen, im Auge behielt. Letztere hatten es ſich ſo bequem gemacht, als es ihr Dienſt erlaubte; ſie ſaßen auf der Bank und lehnten ſich mit dem Rücken an die Wand der Halle, deren unterer Theil rings umher aus zuſammengefügtem Eichenholze beſtand, während ſich oben nur ein paar kleine, ſtark vergitterte Fen⸗ ſter befanden. Auch hatten ſie die Weinflaſche, die Pietro in ihrer Nähe gelaſſen, langſam an ſich gezogen, als der ſtrenge Sergeant einmal mit der Schildwache im Hofe ſprach, und brachten ſie abwechſelnd an ihren Mund, ſo oft er ihnen den Rücken kehrte. Daß nach geſtilltem Durſte einer nach dem anderen zuweilen einnickte, wobei er ſich, was die — Wachſe nach d Serge darauf er der G ihm ſ eilte wie ſ und die 8 an ſe und ſetzte in il woh verh woh freu f ſich nach ange legt, iß er ihn, mein bis einer die thür dern⸗ die ihr mit Theil and, Fen⸗ jetro der rach, t er iner die — Die Nacht des Gefangenen. 207 auf ſeinen Kameraden verließ, war e wohl erklärlich, und wenn der ihre blinzelnden Augen ſah und fangenen betrachtete, ſo gönnte Wachſamkeit anbelangte, nach dem heutigen Tagewerk Sergeant, daran denkend, darauf den ruhigſ chlafenden Ge er den armen Teufeln die paar Minuten Ruhe. Einmal ſtöhnte Richter im Schlafe; wahrſcheinlich that ihm ſein verwundeter Arm weh, und in dieſem Augenblicke eilte die Wirthin mit Carlino an ſein Lager, um, mitleidig, wie ſie waren, nach ihm zu ſehen. Letzterer hielt die Lampe, und zwar ſo, daß ſie ſein eigenes Geſicht beleuchtete; als die Frau ſich auf den Gefangenen niederbückte, um die Hand an ſeinen Verband zu legen, flüſterte ſie ihm zu:„Schweigt und rührt Euch nicht, es könnte Eurer Wunde ſchaden,“ ſetzte ſie freilich hinzu, aber Richter hatte bei einem Blicke in ihre lebhaften, ausdrucksvollen Augen den richtigen Sinn wohl verſtanden. Es war auch gut, verhalten, ſonſt hätte e wohl nicht unterdrücken können, freundlich grinſendes Geſicht ſah. „Was gibt's?“ fragte der Sergeant. daß ſie ihn ermahnt, ſich ruhig zu r einen Ausruf der Ueberraſchung als er jetzt in Carlino's „Ihr werdet doch wohl nichts dagegen haben, daß ich rmen Teufels ſehe, der ſo kläg⸗ nach der Verwundung des a lich im Schlafe geſtöhnt; ſetzt Euch einen Augenblick auf⸗ recht,“ wandte ſie ſich hierauf an den Gefangenen,„daß ich nach Eurem Verbande ſehe. Euer Arm thut Euch wohl recht weh?“ „Sehr!“ gab Richter zur Antwort; er ſ nicken der Frau zu verſtehen. „Es iſt beſſer, wenn Ihr Euren 9 chien das Kopf⸗ dock ganz auszieht, — rr—— ——— 208 Siebenundſechszigſtes Kapitel. der Aermel drückt Eure Wunde. Pietro,“ wandte ſie ſich an dieſen,„gib die wollene Decke her, die kann er über ſich ziehen, wenn es ihn gegen Morgen friert. Und nun haltet einen Augenblick ſtill, daß ich nach Eurer Verwundung ſehe. — So, ſtreckt den Arm aus und wendet Euren Kopf ein klein wenig. Carlino, komm' mit der Lampe etwas näher.“ Letzterer that, wie ihm geheißen, und da er, um beſſer leuchten zu können, auf das Strohlager des Gefangenen knieete, war es vielleicht zufällig, daß er ſeinen Mund deſſen Ohr ganz nahe brachte. Der Sergeant war wieder an die Thür der Halle ge⸗ gangen und blickte in den nächtigen Hof, die Soldaten an der Wand ſahen mit ſchlaftrunkenen Augen auf ihren Ge⸗ fangenen—'s war ſo warm in der Halle, denn die Wirthin hatte in einem fort das Feuer unterhalten. Da flüſterte Carlino dem Gefangenen in einem Tone zu, daß es wie ein Räuſpern und Huſten klang:„Schaut auf die Bank vor Euch bei der Ablöſung.“ Pietro hatte ſich reckend und gähnend das Zimmer ver⸗ laſſen, um nach dem Hunde auf der hinteren Seite des Hauſes zu ſehen, der ſchon einige Mal außergewöhnlich laut angeſchlagen hatte. Als er zurückkam, war die Wirthin mit Erneuerung des Verbandes fertig geworden und fragte: „Warum bellt der Hund?“ worauf Pietro mit einem be⸗ zeichnenden Blicke achſelzuckend antwortete:„Zur Vorſicht haben ſie auch dort noch einen Poſten aufgeſtellt, und ſo oft er in die Nähe des Thieres kommt, fährt es wie toll in ſeine Kette.“ Man bemerkte auf dem Geſichte der Frau den Aus⸗ druck unangenehmer Ueberraſchung.— einer ßen wand das woh ohn ſche heft We der ſie ſich ber ſich thaltet ig ſehe. opf ein näher.“ n beſſer ngenen deſſen lle ge⸗ ten an en Ge⸗ Virthin Tone Schaut er ver⸗ ite des ch laut Lirthin fragte: em be— Vorſicht und ſo die toll Aus⸗ 209 Die Nacht des Gefangenen. eine Kette durchreißt,“ ſprach ſie nach einer längeren Pauſe,„ſo könnte dem Soldaten, der drau⸗ ßen ſteht, ſein Gewehr verflucht wenig nutzen; ſieh nach, Pietro, ob die Kette gut eingehängt iſt. Wie viel Uhr „Wenn er aber ſ iſt es?“ „Vieino a mezzanotte,“ erwiderte Pietro. „So iſt es recht, geh hinaus; und du, Carlino,“ wandte ſie ſich an dieſen,„du kannſt friſches Waſſer holen, das in dem Kruge hier i So kam die Mitternachtsſtunde wohl begriff, daß Carlino, den er auge ohne Abſicht mit ihm geſprochen und daß derſelbe wahr⸗ ſcheinlich ſeine Befreiung verſuchen wolle, fühlte ſein Herz heftig und unruhig ſchlagen. Er hatte ſich der erhaltenen o gelegt, daß er die Bank, auf der die beiden Soldaten ſaßen, im Auge behielt, ſondern er zog auch ſein rechtes Bein ſo über das linke, wobei er den rechten Arm aufſtützte, daß er im Stande war, bei irgend einer Veranlaſſung raſch aufzuſpringen. Jetzt hörte er, wie der Poſten draußen im Hofe ab⸗ gelöſ't wurde und dann erſchien der Sergeant am Eingange der Halle mit den beiden Soldaten, welche beſtimmt waren, die bisherigen Wächter des Gefangenen zu erſetzen. Dieſe, augenſcheinlich erfreut, daß es ihnen vergönnt war, ihre Waffen abzulegen und ſich in der Wachtſtube, dem Thore eingerichtet war, auszuſtrecken, er⸗ dem Eingange der Halle, ihre Intruction ſt ganz warm geworden.“ heran, und Richter, der ublicklich erkannt, nicht Weiſung zufolge nicht nur ſ welche neben hoben ſich raſch und gingen nach wo der Sergeant den neu Aufziehenden ertheilte. 14 Hackländer, Die dunkle Stunde. V. — 3 3 5 3 1 4 4 3 1 4 4.— 4 1 1 6 i 4 S 5 1 ß 4z 5 210 Siebenundſechszigſtes Kapitel. ‿ In dieſem Augenblicke vernahm Richter, der faſt athem⸗ los lauſchte, daß die Stelle der Holzwand, gegen welche die Soldaten bisher gelehnt, leiſe krachte, und bemerkte jetzt, daß ſich dort in dem Getäfel eine Fallthür befand, die ſich langſam öffnete. Glücklicher Weiſe ſetzten die Soldaten in dieſem Augenblicke die Kolben ihrer Gewehre auf den Stein⸗ boden und der Sergeant war zu ſehr in die Ertheilung ſeiner Inſtructionen vertieft, um das Geräuſch der leicht knarren⸗ den Thür zu hören. Die Wirthin, welche noch eine Sekunde vorher mit ſtarren Augen auf den Gefangenen geblickt, warf jetzt raſch einen gewaltigen Arm voll feuchten Reiſigs mit Stroh ver⸗ miſcht auf das Heerdfeuer, ſo daß ſich ein dicker Qualm entwickelte, über den ſich der Sergeant huſtend beklagte. Richter war emporgeſprungen und hatte noch nicht die Bank erreicht, als er ſich von den kräftigen Armen Carlino's gefaßt fühlte, der ihn hinaus in ein ſtallähnliches Gelaß riß. Draußen hörte er einen Hund wie wüthend anſchlagen. einen Schuß fallen und dann den lauten Schrei eines Men⸗ ſchen. Jetzt krachte es auch hinter ihm drein, er hörte ein paar Kugeln pfeifend in die Wand ſchlagen, aber alles das nur in dem Zeitraum einer Sekunde. „Fort, fort!“ rief Carlino,„es gilt unſer Leben, und lieber den Hals gebrochen, als in ihre Hände zurückfallen.“ Das Gelaß, in dem ſie ſich befanden, führte ins Freie und dort auf eine ſteile Rampe, welche Carlino in zwei Sätzen hinabflog, dabei Richter feſt an der Schulter haltend. Unten erreichten ſie eine Terraſſe, über deren Mauerrand ſich Car⸗ lino hinabſchwang, indem er ſeinem Begleiter zurief:„Mir nach, und im Namen der Madonna zugeſprungen!“ QOꝭ———— einen ſprin beme Nan und chen folg don Ker athem⸗ lche die kte jetzt, die ſich aten in Stein⸗ g ſeiner knarren⸗ her mit etzt raſch roh ver⸗ Qualm agte. nicht die gLarlino's s Gelaß aſchlagen. nes Men⸗ hörte ein alles das ben, und ickfallen.“ ins Freie dei Sätzen d. Unten ſich Car⸗ ef:„Mir 14 1 „ Die Nacht des Gefangenen. 211 ch, daß ſich Richter, wenn auch nur eine unbekannte Tiefe zu Doch hörte er droben das Rufen von Stimmen, bemerkte den Glanz von Lichtern, und ſo ließ er in Gottes Namen ſeine rechte Hand los, mit der er die Mauer hielt, und ſtürzte hinab. Unten fiel er in Geſträuch und auf wei⸗ chen Boden, und als er wieder aufſprang, um Carlino zu dieſer mit gedämpfter Stimme:„Bei der Ma⸗ donna del Carmine! Ihr habt Urſache, ihr eine tüchtige daß wir mit ungebrochenen Gliedmaßen fort! Folgt mir dicht Es war begreifli einen Augenblick, bedachte, in ſpringen. folgen, rief Kerze zu geloben, die Mauer hinter uns haben. Fort, auf den Ferſen, und wenn ich ſpringe, ſo ſpringt Ihr auch.“ Die Mauer, von der ſie ſo eben herabgeſprungen waren, t von einem helllodernden Feuer beleuchtet, und ſſe in die finſtere Nacht hinaus. dunkel, daß an ein Zielen Dem Gefangenen voraus ſprang Car⸗ Gräben und Hecken und wechſelte dabei häufig die Richtung, indem er bald rechts, bald links flog. Daß es dabei nicht ohne leichtes Anſchrammen, ohne ſchmerzhaftes Straucheln und Stoßen abging, verſtand ſich von ſelbſt; doch biß Richter die Zähne zuſammen und ach⸗ tete in dieſer furchtbaren Lage nicht auf die Schmerzen ſeiner Wunde, deren Verband ſich gelöſ't. „Es kommt Waſſer, aber nicht tief, nur mir nach!“ rief Carlino, indem er über eine kleine Mauer hinabſetzte und man darauf deutlich das Plätſchern des naſſen mentes hörte. Ohne ſich zu beſinnen folgte Richter 9 wurde jetz darauf knallten abermals Schü Glücklicher Weiſe aber war es ſo nicht zu denken war. lino über Mauerſtücke, ——-—————— — —— ——— 212 Siebenundſechszigſtes Kapitel. ſteckte bald knietief in einem Graben, der übrigens mehr Schlamm als Waſſer enthielt. „Es iſt ein überwölbter Canal,“ flüſterte ſein Begleiter, „der unter Wall und Mauern durchführt; wenn wir ihn hinter uns haben, können wir neuen Athem ſchöpfen.“ Langſam wateten ſie hindurch, um hier kein unnöthiges Geräuſch zu machen, und erreichten nach kurzer Zeit das Ende des Canals und damit die Umgrenzung der Stadt. Hier ſtürzte das ſchlammige Waſſer in eine Schlucht hinab, der Carlino eben im Begriffe war zu folgen, als er mit einem Male den Gefangenen am Arme packte, mit Rieſen⸗ kraft zu ſich niederriß in den tieferen Schatten der ſteil em⸗ porſteigenden Mauer und ihn hier gewaltſam feſthielt. Rich⸗ ter begriff das eigenthümliche Verfahren im nächſten Augen⸗ blicke, denn auf einem ſchmalen Wege, der ſich längs der Mauer hinzog und in einem Brückenbogen dicht über ihren Häuptern vorüberführte, ſah und hörte er eine piemonteſiſche Patrouille herankommen, deren Mannſchaft zuweilen ſtill ſtand, um zu horchen. „Das Schießen droben,“ ſagte der Führer derſelben,„hat was zu bedeuten, und es war mir ſo eben, als hörte ich vor uns in der Tiefe etwas im Waſſer plätſchern. Schaut ſcharf aus, ob wir nichts ſehen.“ Die Beiden in der Oeffnung des Canals bemerkten jetzt deutlich, wie ſich die Soldaten um den Rand der Brücke ten. Sollten ſie zurück und ſich abermals durch das Ge⸗ —Waſſers verrathen, ſollten ſie an der Wand des ſtehen bleiben und auf die Finſterniß der mein rufe er i nich leich der wa mehr gleiter, ir ihn thiges it das Stadt. hinab, er mit Kieſen⸗ il em⸗ Rich⸗ lugen⸗ gs der ihren teſiſche ſtill „„hat ch vor ſcharf gerkten Brücke 1s Ge⸗ id des ß der Die Nacht des Gefangenen. 213 „Es iſt mir gerade ſo, als ſähe ich dort drunten etwas,“ meinte einer der Soldaten. „So nimm dein Ziel und ſchieße, nachdem ich ange⸗ „ bemerkte der Führer der Patrouille, und dann rief „Chi va la? Wenn du auch vielleicht ben und ſchickt viel⸗ rufen, er mit lauter Stimme: nichts triffſt, ſo hört man uns doch dro leicht draußen herum eine Streifwache.“ Als auf den Anruf natürlicher Wei erfolgte, knallte ein Schuß, das Blei ſchlug dicht an den Köpfen der Beiden in das Mauerwerk, und Carlino flüſterte, den Mund an das Ohr ſeines Gefährten gedrückt:„Das war der Knall einer Büchſe, es ſind Berſaglieri— verdammt — doch da iſt nichts zu machen! So weit gekommen, ginge ich um alle Seligkeit nicht mehr zurück. Vorwärts, in die Schlucht hinab! Aber es kann Hals und Beine koſten.“ Nach dieſen Worten wollte Carlino hinabſpringen, als einer der Soldaten droben ſagte:„Es war nichts, der Teufel wäre ruhig ſitzen geblieben, wenn ſo eine Kugel neben ihm einſchlüge. Ich habe ein ſcharfes Auge.“ „So wollen wir vorwärts gehen,“ ſagte der Führer der Streifwache;„dort führt der Weg abwärts, und wir können näher an das Waſſer kommen.“ Die Beiden im Canale hörten die Patrouille über die Brücke weiter ziehen, und erſt nach einiger Zeit ſagte Car⸗ lino:„Ich weiß einen weit näheren Weg aufwärts, von dem dieſe Bettler keine Ahnung haben, ſonſt wären ſie ge⸗ rade über unſeren Köpfen hinabgeſtiegen; den wollen wir einſchlagen und darin dem ſchlauen Thiere, dem Fuchſe nach⸗ ahmen, deſſen Bekanntſchaft ich häufig in den Abruzzen ge⸗ macht, der auf ſeiner Fährte umkehrt, wenn er von allen ſe keine Antwort —— —y——— 214 Siebenundſechszigſtes Kapitel. Seiten umſtellt iſt. Unterhalb des Weges, über den die Berſaglieri eben daher kamen, führt ein ſchmaler, aber ebener Fußpfad, auf dem wir unſere Beine gebrauchen können. Sollten wir von oben angerufen oder ſogar auf uns geſchoſſen werden, ſo ſchlagen wir uns links in die Schlucht und ſehen, wie wir an den Felswänden hinabkommen; denn Ihr werdet mit mir einverſtanden ſein, Signor Straniero, daß wir lie⸗ ber alles wagen, als unter den gegebenen Umſtänden in die Küche der ‚goldenen Zwiebelt zurückkehren.“ „Gewiß bin ich damit einverſtanden,“ flüſterte Richter zurück,„und ſage Euch meinen heißen Dank für Eure auf⸗ opfernde Begleitung; glücklicher Weiſe bin ich nicht am Fuße verwundet, denn wenn ich den Arm zum Laufen brauchen müßte, würde es nicht beſonders gehen.“ „Thut er Euch weh?“ „So ziemlich.“ „Kann mir's denken,“ ſagte Carlino,„und gerade deß⸗ halb möchte ich den Weg durch die Schlucht vermeiden, wo Ihr in den Fall kommen könntet, Euren Arm tüchtig zu gebrauchen.“ Er horchte in die Nacht hinaus und fuhr dann fort:„So jetzt ſind ſie weit genug, um uns nicht mehr zu hören, wenn auch unter unſeren Füßen ein Stein abbröckeln ſollte. Gebt mir Eure rechte Hand und folgt mir.“ Vorſichtig ſich umſchauend, verließen Beide hierauf den Canal, und Carlino, Richter hinter ſich dreinziehend, ſtieg die Trümmer einer kleinen Treppe empor, welche von unten auf die oben erwähnte Brücke führte. Neben derſelben ſpal⸗ tete ſich der Weg in zwei, in einen breiteren, auf dem die Patrouille herabgekommen, und in einen ſchmalen Fußpfad, ziem Lauf zu 1 ziem Rich hin Lär dra gar als n die bener nnen. poſſen ſehen, verdet r lie⸗ n die ichter auf⸗ Fuße uchen Die Nacht des Gefangenen. 215 ziemlich eben, wie Carlino geſagt, den nun Beide in raſchem Laufe einſchlugen. Ohne ſich Raſt zu gönnen oder auch nur ihren Lauf g es ſo eine halbe Stunde fort, zuerſt Rückwärts blickend, bemerkte jetzt ziemlich weit zu vermindern, gin ziemlich ſteil, dann abwärts. Richter, daß die Häuſermaſſen Ravello's hinter ihnen lagen. Was ihn allein beunruhigte, Lärmen der Trompeten und das Wirbeln der Trommeln, n Töne durch die Stille der Nacht deutlich zu ihnen dere drangen. Begreiflicher Weiſe brachten dieſe Signale die ganze Umgegend in Allarm und machten ihren Weg un⸗ ſicher. Dieſe Anſicht ſprach er auch gegen Carlino aus, als dieſer endlich an einer abſchüſſigen Stelle, wo ſich der Weg zwiſchen Felſen und Gebüſchen verlor, athmend ſtehen blieb. „Daran iſt nicht zu zweifeln,“ an ſie ihr Handwerk einigermaß ſchon Boten unterwegs nach Amalfi, Minuri, um die Küſte zu beſetzen; doch macht mir Sorge. Wir verlaſſen jetzt dieſen Weg und ich führe Euch ad hinab, der auf keiner ihrer Karten ſteht und den auch keiner der Führer, die ſie haben, weiß. Vorher aber laßt mich noch einmal nach Eurem Verbande ſehen und dann werde ich Euch einen dicken Stock ahicnien 5 if den Ihr Euch ſtützen könnt.“ Kachdem er alſo gethar, der Der— und Richter einen tüchtigen Stab in die Hand gegeben, wandten ſie ſich unter einem ſcharfen rechten Winkel vom bisherigen Wege ab, und nach einigem Suchen hatte Carlino den Ziegenpfad aufgefunden, der allerdings mühſam und ſteil war das gab dieſer zur Antwort, en verſtehen, ſo ſind Atrani und das keine „und wer auch jetzt einen Ziegenpf angezogen —— ———— — 8 — ——— — ———— a 1 1 1 ͤͤͤ 216 Siebenundſechszigſtes Kapitel. abwärts ging, vielleicht auch halsbrechend und gefährlich, doch war die Nacht immer noch ſo dunkel, daß Richter kaum den nächſten Gegenſtand unterſcheiden konnte und nichts Beſſeres zu thun wußte, als, dem Rathe ſeines Begleiters folgend, ſo dicht hinter ihm zu bleiben, daß Carlino's breite Figur ihm beim Hinabrutſchen häufig als Stützpunkt diente. Dabei ſchritt dieſer mit einer Sicherheit hinab, die unbe⸗ dingtes Vertrauen einflößen mußte, obgleich ſein ſchweres Athmen zuweilen verrieth, welche Anſtrengungen er machen mußte, um ſich und die Laſt im Rücken vor dem Hinabſtürzen zu bewahren Schon ſeit einiger Zeit hatten ſie das ſelbſt durch die Nacht leuchtende Meer vor ſich geſehen und erblickten daſ⸗ ſelbe jetzt ſo dicht vor ihren Füßen, a es war, als ſeten ſie auf einer mehrere Hundert Fu men, welche ſenkrecht in die Tiefe hre „Rechts haben wir Atrani, links Minuri,“ ſagte Car⸗ lino,„und wenn wir noch eine halbe Stunde tüchtig ge⸗ gangen ſind, ſo können wir uns in Sicherheit betrachten, doch iſt dieſer Weg nicht gerade zu den angenehmſten zu zählen; er führt durch eine höhlenartige Schlucht abwärts, wo uns ſelbſt das bischen Licht fehlen wird, welches wir hier noch haben. Doch werdet Ihr geſehen haben, daß Ihr Euch auf mich verlaſſen könnt; gebt mir jetzt Euren Stock und faßt meinen Abgründe haben wir keine zu be⸗ fürchten, doch könnte es eine Rutſchpartie geben, die aber dann das Gute hat, daß ſie uns nur ſchneller abwärts führt. — Kommt jetzt, wenn Ihr nicht zu ſehr ermüdet ſeid.“ „Die Ermüdung wird ſpäter kommen,“ meinte Richter, „jetzt fühle ich nichts davon, da meine Nerven zu aufgeregt ſind.“ rlich, aum ichts iters reite ente. nbe⸗ heres chen rzen die daſ⸗ eien om⸗ Die Nacht des Gefangenen. 217 Sie ſetzten hierauf ihren Weg fort, der ſie, wie Carlino geſagt, in eine Höhle brachte und dann allerdings auf Sand und leichtem Geröll ſehr ſteil abwärts führte. Auch die Rutſchpartie kam vor, von der Carlino geſprochen, und Richter mußte dabei die Rieſenkraft und Gewandtheit ſeines Begleiters bewundern, der ihn um den Leib faßte und ihn, während er ſelbſt hinabglitt, aufrecht erhielt, wobei er die Richtung in der Finſterniß, die ſie umgab, nur durch das Gefühl finden konnte. Endlich dämmerte es ſchwach von unten herauf, und zugleich hörte man das ſchwache Rauſchen der Meeresflut, welches wie Muſik in den Ohren des Flüchtlings klang. „Hier bleibt einen Augenblick ſtehen,“ ſagte Carlino, „damit ich ſehe, ob drunten alles in Ordnung iſt; gegen das, was wir geleiſtet haben,“ ſetzte er lachend hinzu,„ſind die paar Schritte hinab Kinderſpiel, und wenn ich Euch rufe, ſo folgt mir.“ Bald erfolgte auch dieſer Ruf, und Richter kletterte aller⸗ dings mit etwas wankenden Schritten den Felſenpfad vollends hinab, welcher unten in eine nach dem Meere zu offene ge⸗ räumige Höhle mündete, die von den leiſe plätſchernden Fluten angefüllt war. Hier lag eine Barke und in derſelben ſtand Carlino, beſchäftigt, Ruder und Maſte an ihren Platz zu bringen. „Die Madonna iſt uns günſtig,“ ſagte er,„wir haben einen friſchen Landwind, der uns wie mit Dampf in den Golf Steigt ein, damit ich das Boot flott hinaustreiben wird. ſetzt Euch am Steuerruder nieder und machen kann— ſo, haltet es gerade ſo, wie es jetzt ſteht.“ Unter dieſen Worten hatte er ſeine Jacke abgeworfen, ——— ——;; 4 218 Siebenundſechszigſtes Kapitel. die Ruder ergriffen und die Barke mit ein paar tüchtigen Ruderſchlägen in das Meer hinausgetrieben. Richter fühlte ein unnennbar wohlthuendes Gefühl ſeine Bruſt durchziehen, als die friſche Seeluft ihn umſpielte und als ſein Begleiter ihm verſicherte, daß ſeine Verfolger jetzt das Nachſehen haben würden— und wenn ihrer ein Dutzend von Atrani und Minuri ausfahren möchten.„Mein Boot kenne ich, und mit dem Winde, den wir haben, blieſe uns San Pantaleo bis nach Sicilien hinüber.“ Nachdem ſie etwa hundert Ellen vom Ufer entfernt waren, richtete er den Maſt auf, zog das Segel in die Höhe, und alsbald legte ſich der ſcharfe, vom Lande kommende Nordoſtwind hinein, ſo daß ſich das leichte Schiffchen an⸗ muthig auf die Seite neigte und wie ein Pfeil durch das Waſſer ſchoß, während die Wellen rauſchend vor dem Kiele aufſchäumten. „So, Signor Straniero, jetzt können wir unſer Nacht⸗ gebet ſprechen und uns bei der heiligen Jungfrau bedanken. Es war keine Kleinigkeit, und da Ihr an ſo was nicht ge⸗ wöhnt, auch vom Blutverluſte erſchöpft ſeid, ich aber die Augen offen behalten muß, um das Schiff jetzt zu ſteuern, ſo legt Euch ins Boot hinein, da auf die Strohmatte, und ſchließt getroſt Eure Augen.“ Richter, der jetzt anfing, ſeine furchtbare Ermüdung zu fühlen, folgte dieſem Rathe, worauf ihn Carlino ſorgfältig mit einem Mantel zudeckte; dann wollte er ſich gerade am Steuerruder niederlaſſen, als er ſich auf einmal vor die Stirn ſchlug und ſagte:„Jetzt hätte ich das Beſte bald vergeſſen, ich habe einen Gruß an Euch von der ſchönen Signyrina, die mir ſo ſanft die Backe patſchelte.“ d —— Die Nacht des Gefangenen. 219 „Wo iſt ſie?“ rief Richter, der eben aufſpringen wollte, doch drückte ihn ſein Begleiter ſanft mit der Hand nieder, indem er ſagte:„Sie iſt in Sicherheit, wie Ihr; auf dieſe gute Nachricht legt Euch jetzt nieder, deckt Euch mit dem Gruße zu, ſchlaft und träumt.“— Ob er ſchlief und träumte?— — — ——r ——I wo ſi nehme Leute und b mäßi bäud Achtundſechszigſtes Kapitel. erba In der Viecaria. We — dr 1 Wer nach Neapel kommt, vergeſſe ja nicht, jenes Viertel ihn der Stadt aufzuſuchen, welches La Vicaria heißt und in bre welchem der gleichnamige Gerichtshof, der zugleich als Ge⸗ Gr ſängniß dient, liegt. Es war dies vor alten Zeiten ein wi riſtotratiſches Stadtviertel, und noch heute ſieht man dort un die ſchünſten, maleriſchſten und finſterſten Paläſte des ehe⸗ we maligen Neapel. Freilich ſind von den in Stein gehauenen dit Wappen über den Thorbogen— italieniſche, ſpaniſche, deut⸗ ſche— viele unſerer jetzigen Zeit unbekannt, denn von den E Geſchlechtern, welche ſie führten, ſind manche ausgeſtorben, WR während andere das Land verließen, wenn die Herrſcher de gewechſelt, zu deren Hofhaltung ſie gehörten. Bei dem Um⸗ 2 fange des jetzigen Neapel iſt dieſes Viertel ganz dem Mittel⸗ de punkte der Stadt entrückt, denn es liegt an der Porta Ca⸗ N puana, und es iſt auch nicht mehr das Quartier vornehmer 8 Leute. Vor den alten Paläſten halten keine eleganten Equi⸗. b pagen mehr, und an den Fenſtern und auf den Balconen, 3 iertel ein dort ehe⸗ ienen deut⸗ den rben, rſcher Um⸗ ittel⸗ Ca⸗ hmer Equi⸗ onen, —-— In der Vicaria. 221. wo ſich früher neben damaſtenen Vorhängen ſchöne, vor⸗ nehme Neapolitanerinnen dem Volke zeigten, ſieht man jetzt Leute aus dem Volke, verkümmerte Geranien und Granaten und flatternde Wäſche. Der Gerichtshof La Vicaria, von Wilhelm dem Erſten, dem Normannen, zu ſeinem Palaſte erbaut, liegt auf einem mäßigen freien Platze, ſo daß man das feſte, trotzige Ge⸗ Seine grauen, aus Quadern bäude rings umgehen kann. für das hohe Alter des erbauten Mauern zeugen deutlich Gebäudes; an einer Seite deſſelben, die auf den Platz geht, wo ehemals die Hinrichtungen ſtattfanden, bemerkt man an der Mauer weiße, verwitterte Kalkſtreifen, hinter denen ſich die blutigen Ueberbleibſel aus früherer Zeit verbergen; über ihnen hangen eiſerne Körbe, worin die Schädel großer Ver⸗ brecher aufbewahrt wurden. Im erſten Stockwerke ſind die Gefängniſſe, und hinter den ſtark vergitterten Fenſtern ſehen wir bleiche, eingefallene Geſichter mit verwahrloſ'ten Bärten, und hier und da kommt eine magere Hand zum Vorſchein, welche ein Körbchen an einer Schnur herabläßt, um auf dieſe Art ein Almoſen zu erflehen. Zum zweiten Stockwerke führen rechts und links vom Eingange breite Treppen, welche am Gerichtstage mit einer Menge Volkes bedeckt ſind, das emſig auf und ab ſteigt, denn dort oben werden die Gerichtsverhandlungen abgehalten. Dort ſind große Säle, der Tummelplatz der Advocaten mit den Notaren und Schreibern, welche ſich gewöhnlich an der Wand aufhalten und dort auch ihre hölzernen Sitze haben. Der übrige Raum wird von den Clienten ausgefüllt, und der Lärm von den Tauſenden von Stimmen, die hier durch einander ſchreien, iſt ſo betäubend, daß man dieſen Ort . —“ — ———— — —— —— 222 Achtundſechszigſtes Kapitel. gewohnt ſein muß, um im Stande zu ſein, mit ſeinem nächſten Nachbar eine Unterhaltung zu führen. Dazwiſchen rufen Verkäufer mit gellender Stimme alle Arten von Waaren aus, und da es ihnen trotz ihrer gewaltigen neapolitaniſchen Lungen doch oft nicht möglich iſt, die Billigkeit und Vor⸗ trefflichkeit der Artikel, welche ſie verkaufen wollen, anzu⸗ 1 preiſen, ſo heben ſie dieſelben, an große Stöcke gebunden, hoch über die Köpfe der Menge empor und zeigen, ſo wie ſich ein Kaufluſtiger blicken läßt, pantomimiſch die Größe der Kaufſumme. Aus den eben erwähnten Räumen, welche dem eigent⸗ lichen Gerichtsſaale als Vorzimmer dienen, flüchtet man ſich gern in dieſen, wo man ſich bei den Verhandlungen wieder etwas erholen kann und zu gleicher Zeit, wenn man der Sprache des Landes kundig iſt, die glänzende Beredſamkeit, 9 g t glänz die trügeriſche Sophiſtik der neapolitaniſchen Advocaten be⸗ wundern darf. Da es aber nicht im Intereſſe unſerer Geſchichte liegt, dem geneigten Leſer eine Schilderung dieſer Gerichtsverhand⸗ lungen zu entwerfen, ſo begnügen wir uns damit, ihn raſch in die eben geſchilderten Räume geführt zu haben, und bringen ihn nun durch den Gerichtsſaal nach der Haupt⸗ treppe zurück, wo wir in einer Fenſterniſche zwei Männer . mit einander reden ſehen. Der Eine betrachtete gerade ſeine Nägel und blickte mit finſter zuſammen gezogenen Augen brauen auf die Straße, während der Andere, der dicht vo V ihm ſtand, ſeine Augen nicht von den Steinen des Fuf bodens erhob. „So weit ſtänden die Sachen gut,“ ſagte der Letzter „der Gerichtshof hat entſchieden, daß die Verrechnung m ————ö — 5——. dem Me erſt zu Jener „¹ caccio erſter Augen leiſe E „ beſter ſchlim Viele einem doch und alsde der Male ich i ins Gio Mä Her 3 chel for f rinem iſchen naren iſchen Vor⸗ anzu⸗ nden, wie Pröße gent⸗ ſich ieder der keit, be⸗ liegt, and⸗ raſch und aupt⸗ nner In der Vicaria. 223 dem Marcheſe und die Uebergabe der Güter in andere Hände eß, wegen welches erſt zu geſchehen habe, nachdem der Proc s Gefängniß geſetzt worden, beendet iſt.“ a ſagte der Advocat Don Nicola Bran⸗ caccio mit ſo ungeduldigem Ausdrucke der Stimme, daß ſein erſter Schreiber beinahe unwillkürlich einen Moment die Augen zu ihm aufſchlug, wobei ſich auf ſeinen Zügen der leiſe Schein einer Verwunderung zeigte. „Was dieſen Proceß ſelbſt anbelangt, ſo habe ich aus beſter Quelle erfahren, daß er für den Marcheſe ein gar ſchlimmes Ende nehmen wird, denn obgleich man ſchon ſo Viele der hohen Ariſtokratie in beinahe ähnlichen Fällen mit auen Auge hat durchſchlüpfen laſſen, ſo finden ſich die ihr Vermögen und Leben wagen, Jener in Meinetwegen, 77— einem bl doch immer Narren, und man wird an dieſem ein Beiſpiel ſtatuiren.“ Der Advocat that einen tiefen Seufzer und murmelte alsdann zwiſchen den feſt verſchloſſenen Zähnen:„Hätte ihn ehe er einen Fuß hier ans Land ſetzte! der Teufel geholt, as nützt es mir, wenn Maledetta anima della cucuzza! W ich ihn auf dem Mercato ſehe, nachdem er mir den Dolch ins Herz geſtoßen, denn das könnt Giovanni, er und ſeine Helfer ſind ſ Mädchen verſchwunden iſt.“ Jetzt blickte der⸗ alte Schreiber in der That zu ſeinem r mit einem verwunderungsvollen Lä⸗ Ihr mir glauben, Don chuld daran, daß das Herrn auf, und ſoga cheln dem Geſichte. begreift Ihr nicht,“ fuhr Don Nicola heftig for war mir an meine Seele gewachſen und ich liebte f das Licht meiner Augen. Sei er verdammt für Känke! Bei der Madonna del Carmine! Hätte ich ——— ————ᷓ A — — ——— —-—y— — 224 Achtundſechszigſtes Kapitel. gewußt, daß er mir ſo ins Leben greifen würde, ich wäre glimpflicher mit ihm verfahren. Was nützen mir hundert⸗ tauſend Ducaten, wenn ich vor Wuth und Eiferſucht berſte!“ „Aber was ſind ein paar Mädchenaugen gegen hundert⸗ tauſend Ducaten?“ „Darüber wollen wir nicht ſtreiten,“ entgegnete Don Nicola mit einem tiefen Seufzer,„aber was mich am aller⸗ tollſten bei der Geſchichte macht, iſt, daß ich niemand dafür anfaſſen kann.“ „Als ihn.“ „Ja, als ihn— als ihn— als ihn!“ erwiderte der Advocat, indem er die geballte Fauſt erhob,„und wenn es mich mein halbes Vermögen koſten ſollte, ſo will ihn ver⸗ derben!“ Mit dem Strome der Menge, die ab und zu aus dem Gerichtsſaale wogte, kam jetzt ein Mann, dem Viele, die ihn kannten, ehrerbietig Platz machten und dem einige Stim⸗ men nachflüſterten:„Das iſt Don Ercole Cerdoni, unſer beſter Advocat und ein ſehr braver Mann.“ Bei ſeinem Anblicke wandte ſich der in der Fenſterniſche Stehende haſtig um, worauf Don Ercole, welcher die Bei⸗ den wohl bemerkt, mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln vorüber⸗ ſchritt. Dieſes Lächeln aber verſchwand wieder, als er die Treppe hinabging; ſeine Miene nahm einen ernſten Ausdruck an und er ſchaute faſt düſter, als er das Stockwerk erreicht hatte, wo ſich die Gefängniſſe befanden. Hier blieb er einen Augenblick vor einer verſchloſſenen, ſchweren, eiſernen Thür ſtehen, hinter der man ein paar Schildwachen auf und ab wandeln ſah, dann zog er an einer Klingel, die hell durch den langen Gang tönte und einen der Carcerieri herbeirief, welcher Obglei ſchleun renden freund Clien Recht doch karte Antr alsd der herr ließ zur h wäre undert⸗ derſte!“ undert⸗ e Don aller⸗ dafür rte der enn es n ver⸗ is dem le, die Stim⸗ unſer erniſche e Bei⸗ brüber⸗ er die usdruck erreicht r einen Thür und ab l durch beirief, In der Vicaria. 225 welcher von einem Zimmer aus der Ecke des Ganges kam. Obgleich dieſer Anfangs langſam der Thür zuging, ſo be⸗ ſchleunigte er doch ſeine Schritte, als er den Einlaß Begeh⸗ renden erkannte, und ſagte am Gitter angekommen mit freundlicher Miene:„Ah, Don Ercole, Ihr wollt nach Eurem Clienten ſehen. Obſchon ich wohl weiß, daß⸗ Ihr als ſein ſtand die Erlaubniß dazu habt, ſo muß ich Euch Rechtsbeiſ doch des ſtrengen Befehles wegen bitten, mir Eure Einlaß⸗ karte zu zeigen.“ „Laßt mich nur erſt eintreten, worauf der Schließer aufm alsdaun durch den Gang hinabwandelten. Als ſie aus dem Bereiche der Schildwachen waren, griff der Advocat lächelnd in ſeine Weſtentaſche, ſuchte dort etwas d des Carcerieri gleiten hervor, das er in die geöffnete Han ließ, und ſagte:„Mein Lieber, ich hatte heute meinen Kopf ſo voll, daß ich das Papier wahrhaftig vergaß, wenn ich aber wiederkomme, ſo zeige ich es Euch zweimal nach ein⸗ ander, das wird alsdann wohl den gleichen Dienſt thun.“ „Gewiß, Don Ercole,“ gab der Schließer geſchmeidig zur Antwort, indem er ſich verbeugte, alsdann ſein Schlüſſel⸗ bund nahm und dem Advocaten voranſchritt. Nachdem er an mehreren Thüren vorbeigegangen war, ſchob er an einer die ſchweren Riegel zurück, öffnete alsdann das Schloß und ſagte, als der Advocat eingetreten:„Ich weiß, Don Ercole, Ihr zieht es vor, mit dem Gefangenen ohne Zeugen zu reden, und laſſet Euch deßhalb gern ge⸗ fallen, daß ich hinter Euch zu ſchließe. Wann ſoll ich wieder⸗ kommen, um Euch abzuholen?“ 15 e Stunde. V. a gab der Advocat zur Antwort, achte und die Beiden Hacklaänder; Die dunfl — 8 9 226 Achtundſechszigſtes Kapitel. „In einer halben Stunde, denke ich.“ Die Riegel wurden zugeſchoben, der Schlüſſel im Schloſſe drehte ſich knirſchend herum, und der Advocat befand ſich in einem kleinen Zimmer, dem Marcheſe Gaetano Fontana gegenüber, der ſich raſch und mit freundlicher Miene von ſeinem Stuhle erhob, der am Fenſter ſtand. Dieſes Fenſter ging auf den inneren Hof der Vicaria, der von den vier Flügeln des mächtigen Gebäudes gebildet wurde. Ausſicht hatte der Gefangene hier nicht viel; wohin er ſeine Blicke erhob, ſah er die hohen, grauen Mauern des Gefängniſſes mit vergitterten Fenſtern, die häufig noch mit Holzblenden verſehen waren, welche dem dort Eingeſchloſſe⸗ nen nur geſtatteten, ein kleines Stück des tief blauen Him⸗ mels zu ſehen. In der Mitte des Hofes lag auf einer kleinen Erhöhung der bekannte Löwe aus weißem Marmor, der hier ſymboliſch die gleichen Maße und Gewichte bewacht, auf denen er ruht. Die ſehr ärmliche Ausſtattung des Gefängniſſes be⸗ ſtand aus einem einfachen Bett, welches eine Wollen⸗ Matratze mit Decke enthielt, ferner aus zwei Stühlen und einem Tiſche, auf dem ſich einige Bücher befanden; letztere eine Wohlthat, welche der Advocat ſeinem Clienten verſchafft. „Ich muß nach Ihnen ſehen, Signor Marcheſe, obgleich ich Ihnen über das, was unſere beiden Proceſſe anbelangt, keine tröſtliche Aenderung zu ſagen weiß. Sie haben die Ausfertigung des Tribunals erhalten, wonach es die Ab⸗ rechnung mit Brancaccio und die Uebergabe der Güter bis zur Beendi ung Ihres anderen Proeceſſes aufſchiebt. gung Ih) — als lloſſe ch in tana von aria, ildet ohin des mit als ich nach jener gräßlichen Zeit, die Sie kennen, meine In der Vicaria. 229 öffnet, das mich mit eiſernen Banden feſthält,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu,„während ſie— ſie frei geworden iſt von Feſſeln, die gewöhnlich härter und feſter binden, als Gitter und Ketten! O, dieſe Mauern, dieſe Riegel und Schlöſſer, die es mir verwehren, jubelnd hinaus und zu ihr zu eilen, dieſe furchtbaren Riegel, die ſich vielleicht erſt dann für mich öffnen werden, wenn mein letzter Tag anbricht, wenn mein Leben endigt, nachdem ſich noch alles gut und herrlich geſtalten konnte!— Verzeihen Sie mir,“ fuhr er nach einer langen Pauſe mit einem traurigen Lächeln fort, während er ſich mit der Hand über die Stirn wiſchte,„daß ich Ihnen von meinen troſtloſen Gefühlen rede, ſtatt Sie mit dem Inhalte dieſes Schreibens bekannt zu machen.“ „So weit es unſere Angelegenheiten betrifft,“ antwortete der discrete Advocat.„Faſſen Sie ſich vor allen Dingen, lieber Marcheſe, bemeiſtern Sie Ihre Aufregung und theilen Sie mir ohne Leidenſchaft mit, wie ich Sie ohne Leidenſchaft, wenngleich tief mitfühlend, anhören werde. Setzen Sie ſich, lieber Freund, ich bitte Sie darum.“ Gaetano ließ ſich widerſtrebend auf einem Stuhle ſeinem Rechtsfreunde gegenüber nieder, und nachdem er einen tiefen Athemzug gethan hatte, ſagte er:„Dieſer Brief iſt von einem Herrn von Scherra, meinem väterlichen Freunde, einem Manne, dem ich viel verdanke; er war der Freund meines Vaters und meine Mutter ſchätzte ihn hoch.“ „Er war hier in Neapel und kennt Ihre Verhältniſſe?“ fragte der Advocat. „Ganz genau; doch fand ich ihn in Deutſchland wieder, —— —— — 230 Achtundſechszigſtes Kapitel. Freiheit erlangte. Ich ſprach Ihnen von einer Dame, die ich liebte——“* „Deren wir hier uns noch alle mit Entzücken erinnern.“ „Einer edlen, tugendhaften Frau, die, mich treulos wäh⸗ nend, ihre Hand einem Manne gab, den ſie achtete und dem ſie eine aufopfernde, pflichttreue Gattin war.“ „Dieſer Mann iſt todt?“ „Ja, Graf Lotus iſt geſtorben, wie mir Scherra meldet — Francesca iſt frei—— und ich—!—“ Dieſe letzten Worte ſagte er unter dem Eindrucke eines Schmerzes, der ſo ungeheuer war, daß er ihm den Schluß ſeines Satzes einige Sekunden verſagte.—„Und ich,“ fuhr er dann fort, „ſitze hinter feſten Mauern, und wenn ich auch meinen Kopf an dieſen Steinen zerſtieße, ſie würden mich doch nicht hin⸗ auslaſſen, um zu ihr zu eilen und ihr zu Füßen fallen zu können.“ Der Advocat hatte die Arme über einander geſchlagen und nickte einige Male mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab:„Das iſt allerdings eine furchtbare Verwicklung. Armer Marcheſe, hoffen Sie— es iſt das freilich unter den gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen ein trivialer Troſt, aber ich weiß keinen beſſeren,— ja, hoffen Sie, mein lieber Freund, das Schickſal wird doch endlich müde werden, Sie zu verfolgen. Herzlich bitte ich Sie, faſſen Sie ſich,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort und reichte Gaetano ſeine Hand, als er bemerkte, wie dieſer die Lippen mit einer 5 ternden Bewegung zuſammenbiß und wie deſſen Augen feucht wurden.„Sie haben gezeigt, daß Sie ein Mann ſind, der Ungeheures zu ertragen vermag, blicken Sie auch jetzt wieder als ſel⸗ don’ drohenden Ereigniſſen muthia entgegen, laſſen — — 2— In der Vicaria. Sie uns unſere Ruhe bewahren, ſie iſt nothwendig, um wirkſam zu überlegen,“ Gaetano nickte mit dem Kopfe, dann hob er den Brief empor und ſprach ruhig, doch mit bewegter Stimme:„Scherra ſchreibt mir alſo, Graf Lotus ſei geſtorben, und zwar in Gegen⸗ wart ſeines älteren Bruders, der von England herübergekom⸗ men ſei, um bei dem Ende ſeines Bruders gegenwärtig zu ſein. Scherra, der ſich auch hier wieder als edlen Freund bewies, übernahm es, die Angelegenheiten des Verſtorbenen zu ord⸗ nen, und ermöglichte es ſo der Gräfin, daß ſie die Stadt und ein Haus, welches nur traurige Erinnerungen in ihr hervorrief, alsbald verlaſſen konnte; ſie ging mit ihrem Schwager nach England.“ „Die Familie Lotus ſtammt wohl von daher?“ „So iſt es; der Verſtorbene, der Graf Paul Lotus, war der jüngere Bruder und diente lange Jahre in Indien, wo er ſein ererbtes Vermögen bedeutend vergrößerte. Da er indeſſen in Zwiſtigkeiten gerathen war mit den Directoren der oſtindiſchen Compagnie, ſo hatte er keine Luſt, ſeinen Aufenthalt in England zu nehmen, reiſ'te und ließ ſich dann in Deutſchland nieder. Sein älterer Bruder, Lord William Clifton, der Inhaber der Familiengüter, war lange zur See und lebt jetzt unverheirathet auf einem ſeiner Schlöſſer, Lotushall, nach ſeinem Bruder, den er innig liebte, ſo geheißen.“ „Dieſe Nachricht, mein lieber Marcheſe,“ ſagte der Ad⸗ vocat nach einem längeren Nachſinnen,„iſt in ſo fern von Wichtigkeit für mich, als ich jetzt meine Bemühungen ver⸗ doppeln muß, wenn das nänlich möglich iſt, um Ihren Proceß zu beſchleunigen— o, wäre dieſe Nachricht vor ein » paar Monaten gekommen, und hätten Sie vermocht, ſchleunig 1 1 1 7 1 1 1 232 Achtundſechszigſtes Kapiel. wieder abzureiſen! Alsdann Ihre Angelegenheiten hier zu ordnen und unſern gemeinſchaftlichen Freund etwas derb zu rütteln, wäre die Arbeit eines Kindes geweſen! Was aber Ihren zweiten Proceß anbelangt—“ „So finde ich ein paar Notizen im Briefe,“ unterbrach ihn Gaetano raſch,„die vielleicht für uns nicht ohne Nutzen ſind; ich beachtete ſie bis jetzt nicht, da nur die eine Nach⸗ richt für mich von großer Wichtigkeit war. Scherra ſchreibt mir: ‚Der Tod des Grafen Lotus erlaubt mir, auch Ihnen eine Mittheilung zu machen, von der es jedoch zweifelhaft iſt, ob Sie ihr ein Intereſſe abgewinnen können. Sie er⸗ innern ſich des Indiers Juſſuf, des Kammerdieners und, man könnte ſagen: Vertrauten des Grafen, einer eigen⸗ thümlichen Perſönlichkeit, die ich, da ich ſeine Vergangenheit kannte, häufig mit einem unheimlichen Gefühle betrachtete. In ſeinem aufgeregten Zuſtande, vielleicht im Traume— der Indier ſaß, wie ich weiß, Nächte lang am Bette ſeines Herrn— ließ der Kranke wahrſcheinlich Aeußerungen fallen, aus denen Haß gegen Sie, mein lieber Gaetano, hervor⸗ leuchtete; vielleicht hielt er Sie, und gewiß mit vollem Un⸗ recht, für ein Hinderniß ſeines vollkommenen Glückes, für einen finſteren Schatten auf ſeinem Lebenswege, der hinweg geräumt werden müſſe, und der Indier, der dieſe Andeu⸗ tung auf ſeine Art auffaßte und ſich für verpflichtet hielt, die Hand zur Erfüllung zu bieten, war es, der in jener Nacht den Mordanfall auf Sie ausübte, deſſen Ausführung von Ihren Freunden verhindert wurde.““ „Ah,“ rief der Advocat freudig aus, wobei ſeine Augen leuchteten,„das iſt derſelbe Menſch, der Ihnen in Rom und hier ſeine Dienſte ſo dringend anbot?“ Vllen In der Vicaria. 233 „Derſelbe.“ „Der verſchiedene Male aus dem Hauſe meines ver⸗ ehrten Collegen kommend geſehen wurde, ohne daß er je in Ihrem Auftrage dort geweſen wäre?“ „Derſelbe— bei Gott, da iſt ein Zuſammenhang!“ „Den wir benutzen müſſen. Wie Sie wiſſen, wurde der Indier am gleichen Tage mit Ihnen verhaftet, doch auf V Ihre Verwendung wieder freigegeben und blieb von da an in Ihrem Gaſthofe— Sie wollten es ſo.— Laſſen Sie mich überlegen, was da zu thun iſt. Ihn auf dieſen Brief hin aufs neue feſtnehmen zu laſſen, geht nicht gut an, es wäre dazu eine gerichtlich beglaubigte Erklärung Ihres Freun des nothwendig— es iſt nicht mehr das alte Neapel,“ ſetzte er lächelnd hinzu.—„Doch hätte es auch gar keinen Nutzen, ihn feſtzunehmen, da ihn Brancaccio ſicher dazu be⸗ 6 ſtimmen wird, bis zum Ende des Proceſſes zu bleiben. Niemand als dieſer Indier hat die verdächtigen Papiere in— die Caſſette gethan.“ „Der Anſicht bin ich auch; aber glauben Sie nicht, daß es nothwendig wäre, die gerichtlich beglaubigte Erklä⸗ rung meines Freundes Scherra ſobald als möglich kommen b zu laſſen?“ Don Ercole hatte ſeine Stirn in die Hand geſtützt und ſagte nach einem längeren Beſinnen:„Ich werde an ihn ſchreiben, doch finde ich vielleicht einen kürzeren Weg, um dieſem Indier ein feſtes Quartier anweiſen zu laſſen. Wenn wir nur viel dadurch gewinnen, denn wie werden wir im Stande ſein, den Beweis zu führen, daß der, welcher Sie ermorden wollte, auch die Papiere unterſchob? Daß ich ſo gut wie Sie überzeugt bin, daß er das wirklich gethan, —.—— ———— 234 Achtundſechszigſtes Kapitel. bedarf keiner Erklärung, aber das Gericht kann anderer An⸗ ſicht ſein wollen. Sie waren in Rom, Sie haben dort mit ſehr compromittirten Leuten verkehrt, Sie kamen mit einem fremden Paſſe unter fremdem Namen hier an. Das ſind Anhaltspunkte, die man mit großem Vergnügen feſthalten wird; ich ſage: mit großem Vergnügen, und darf Ihnen nicht verhehlen, daß Ihr Proceß gerade deßhalb nicht gut ſteht, weil man eine Schuld gegen Sie auffinden will und weil man gern Einen der hohen Ariſtokratie, zu der Sie ja gehören, für alle Uebrigen möchte leiden laſſen.“ Gaetano war aufgeſtanden und ging mit trüben Blicken auf und ab.„Ich hatte mich faſt an dieſe Mauern gewöhnt, ich ſah ruhig und ohne Ungeduld dem Ende meines Pro⸗ ceſſes entgegen, ob ich hier war oder anderswo; ja, hätte man mir ein Gemach angewieſen, meinetwegen in Caſtel dell' Uovo mit einer Ausſicht auf meinen geliebten Golf, ich hätte mich faſt glücklich fühlen können, aber nun— o, ich kann Ihnen nicht ſagen, Don Ercole, wie die vier Mauern mein Gehirn drücken!— Wenn ich ſpäter allein bin, werde ich verzweiflungsvoll rütteln an den Gitterſtäben dieſes Fenſters, die ich bis jetzt lächelnd betrachtete— die faſt glückliche Ruhe meines Herzens iſt verdrängt worden durch einen einzigen ungeſtümen Gedanken, durch einen ein⸗ zigen Wunſch, den ich mit Wildheit ausſpreche: Freiheit— Freiheit—— Freiheit, um zu ihr eilen zu können! „Sagten Sie mir nicht,“ fuhr er in bittendem Tone fort, indem er neben dem Advocaten ſtehen blieb,„daß Sie einen Verſuch machen wollten, ob es nicht durch Beſtechung möglich ſein würde, meinen Kerker zu öffnen?“ Don Ercole ſchüttelte mit dem Kopfe.„Wenn ich das — In der Vicaria. 235 wirklich geſagt habe,“ erwiderte er,„ſo verſprach ich zu viel; ich wiederhole Ihnen: es iſt nicht mehr das alte Neapel. So leicht es iſt, Ihnen für Geld jede Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen, ſo unmöglich iſt es, jemand, der die Macht hat, ſelbſt durch eine große Summe zu veranlaſſen, Ihnen bei einem Fluchtverſuche behülflich zu ſein. Ihr Schließer kennt mich; es wird ihm nicht einfallen, mich zu unterſuchen; ich könnte Ihnen alſo auf die leichteſte Art Feilen zuſtecken, um die doppelten Gitter Ihres Fenſters zu durchſchneiden. Was hülfe das aber? Sie würden in den Hof gelangen, wo zahl— reiche Wachen herumgehen und wo jede der hohen Mauern des Gebäudes Ihres Entkommens ſpottet.“ „Bieten Sie dem Schließer eine Summe an, die ihn glücklich macht.“ „Ihre Schließer ſind ächte Neapolitaner, keiner will ſeine ſchöne Stadt verlaſſen, und wenn er nach einem ſol— chen Vorfalle hier bliebe, würde man ihm ſicher eine feſte Wohnung anweiſen und obendrein die gemachte Beute weg⸗ nehmen.“ „Alſo kein Ausweg, keine Rettung?“ „Aber auch keine Verzweiflung, wenn ich bitten darf, beſter Marcheſe; laſſen Sie die Sonnenſtrahlen, die Ihnen das Schreiben Ihres Freundes gebracht hat, nicht dazu dienen, daß ſie Ihnen die Finſterniß Ihres Gemüthes noch ſchwärzer ausmalen, laſſen Sie dieſelben wie Strahlen der Hoffnung auf Ihr Herz wirken— vertrauen Sie Ihren Freunden.— Sehen Sie, wie ich vergeßlich bin,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Signor Bander, der trotz aller meiner Bemühungen keine Erlaubniß zum Beſuche der Vi⸗ raria erhalten konnte, läßt Sie aufs herzlichſte und innigſte 238 Achtundſechszigſtes Kapitel. In der Vicaria. der Schließer in ſeinen Mußeſtunden zu ſitzen pflegte, um ſich am Straßenleben zu ergötzen, auch mit dieſem Bekannten ein paar Worte zu wechſeln, einem anderen freundlich zuzu⸗ nicken. Neben dieſem Zimmer befand ſich ein Alcoven, wo ſein Bett ſtand. In Kraft unſerer Allwiſſenheit müſſen wir dem geneig⸗ ten Leſer geſtehen, daß die Vermuthung Don Ercole's, als habe der Gefängnißwärter von dem Collegen des Advocaten ein hübſches Geſchenk erhalten, vollkommen richtig war, ja, es war ihm nach beendigtem Proeeſſe deſſelben noch ein reicheres verſprochen worden, und da es den Amtspflichten des Schließers nicht entgegenlief, ſo hatte er es nicht nur angenommen, ſondern ſogar beſchloſſen, der Thür des gefan⸗ genen Marcheſe und deren Riegeln und Schlöſſern alle nur mögliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit zu widmen. —— ‿ — Neunundſechszigſtes Kapitel. Meiſter Beppo's dunkle Stunde. Wenige Tage nach dem ſo eben geſchilderten Beſuche ſter Beppo von einer Beſichtigung Don Ercole's kam Meiſ der ihm anvertrauten Gefängnißzellen zurück, wobei er, wie er immer zu thun pflegte, in dem Zimmer Nummer vierzig ſtärker als in jedem anderen gegen die Stäbe der Fenſter⸗ gitter ſchlug, um ſich durch den Klang zu überzeugen, daß hier nirgends eine durchfeilte Stelle ſei. Dabei aber müſſen wir ſagen, daß er ſich der größten Höflichkeit gegen ſeinen Gefangenen befliß und ihm auch billige Wünſche, als Bücher, häufiges Wechſeln der Bettwäſche, friſches Eiswaſſer und dergleichen mehr, ſelbſtverſtändlich gegen gute Bezahlung, bereitwilligſt erfüllte. Als er hierauf Schloß und Riegel verſchloß und dem letzteren, wie er hier nie unterließ, noch einen kleinen Nachdruck gab, rief er der Schildwache, die ſchläfrig auf und ab ſchlenderte, ein ermunterndes:„Senti- nella allerte!“ zu, den gegenſeitigen Anruf der Schildwachen bei Nacht. Dann ging er in ſein Zimmer zurück und ſetzte — —— ꝗ—— —y—- —¾— ——õ—— 236 Achtundſechszigſtes Kapitel. grüßen; ebenſo Signor Richter, wie mir Jener ſagte. Was den Letzteren anbelangt, ſo ſei er ſeit einigen Tagen nicht nach Neapel gekommen. Die Anweiſung auf Ihren Ban⸗ quier übermachte ich, wie Sie befahlen, dem Signor Bander.“ Gaetano nickte dankend mit dem Kopfe, und man ſah, daß er ſich Gewalt anthat, um Faſſung zu erringen. Nach einem längeren Stillſchweigen ſagte er:„Lieber Don Ercole, bleiben Sie ſo viel es Ihnen möglich iſt in Verbindung mit meinen beiden Freunden; es ſind gute, brave Menſchen, und mir herzlich zugethan.“ „Zweifeln Sie nicht daran, ſchon deßhalb, weil dieſe Freunde auch die meinigen ſind. Und wenn ich mich jetzt entfernen muß— ich höre den Schließer nahen—, ſo laſſen Sie mich in dem Glauben ſcheiden, daß Sie feſtes Vertrauen zu mir haben, und ſeien Sie ebenſo überzeugt, daß ich mich raſtlos bemühen werde, wie ich überzeugt bin, daß meine Bemühungen nicht fruchtlos ſind.“ In dieſem Augenblicke öffnete der Carceriere die Thür und machte das Zeichen mit dem Kopfe, dem der Advocat, dem alles daran gelegen ſein mußte, des Schließers gute Laune zu erhalten, augenblicklich Folge leiſtete. Nach einem herzlichen Händedrucke ſchied er von dem Marcheſe, der Car⸗ ceriere ſchloß die Thür ſorgfältig wieder, und als ſie mit einander den Gang entlang ſchritten, ſagte Don Ercole: „Da in Nummer vierzig habt Ihr einen Unſchuldigen, Mei⸗ ſter Beppo, und es wird nicht lange dauern, bis das auch betreffenden Ortes klar wird.“ „Das ſoll mich recht freuen,“ erwiderte der Schließer, „denn der Marcheſe iſt trotz alle dem ein Galantuomo. Aber,“ ſagte er mit einem pfiffigen Lächeln,„die Anderen — .— — 237 In der Vicaria. meinen, es ſei nicht ſo gewiß mit ſeiner Unſchuld, im Ge⸗ gentheil hieß es, dieſes Mal hätten ſie den Richtigen ge⸗ fangen; ich habe jedoch darin keine Meinung und thue nur, was mir befohlen.“ „Wer ſind denn die Anderen, die ſo gegen den Marcheſe reden?“ „O Der und Der,“ antwortete Meiſter Beppo,„Dieſer und Jener, ich weiß die Namen wahrhaftig nicht mehr.“ Beim Weitergehen dachte der Advocat:„Es ſoll mich gar nicht wundern, wenn man hier nicht ſchon etwas Hübſches geſpendet hat, damit der Marcheſe recht ſicher gehalten wird. Es ſähe das meinem Collegen ſchon ähnlich, und da dies wahrſcheinlich ſo iſt, ſo wäre es unnütz, ſich durch ein An⸗ gebot verdächtig zu machen.—„Addio, Meiſter Beppo,“ ſagte er, als ſich das ſchwere Gitter hinter ihm ſchloß,„thut in Betreff meines Clienten, was Ihr mit Eurem Gewiſſen vereinigen könnt, und wenn er etwas wünſcht, was Ihr ihm gewähren dürft, ſo thut es und rechnet auf meine be⸗ ſondere Dankbarkeit.“ „Ihr wißt, Don Ercole, daß ich ſtets zu Euren Dien⸗ ſten bin,“ gab der Schließer zur Antwort, und dann ging er den Weg zurück, den er gekommen, wobei er leiſe mit ſeinem Schlüſſelbunde klirrte und ein ſo behagliches Geſicht machte, als höre er mit Vergnügen dieſe eigenthümliche Muſik. Das Zimmer Meiſter Beppo's befand ſich in der Ecke des Gebäudes und war ein weit geräumigeres Gemach als die Zelle in die wir ſo eben den geneigten Leſer geführt. Es alte freilich nur ein einziges Fenſter, welches aber auf reien Platz führte, an dem die Vicaria liegt, und wo ——— 240 Neunundſechszigſtes Kapitel. ſich an das vorerwähnte Fenſter, um den Reſt einer guten Bottiglia Wein auszutrinken.6— Doch kam er nicht ſo leicht damit zu Stande, denn der Poſten eines Carceriere in der Vicaria zu Neapel iſt kein Ruhepoſten: die Vielen, welche hier in leichter oder ſchwerer Haft ſitzen, haben mancherlei Bedürfniſſe, und da es ihnen nicht ſchwer gemacht wird, dieſelben zu befriedigen, ſo war die Klingel an der großen Gitterthür in häufiger Bewegung. Dem Einen wurden Lebensmittel gebracht, dem Anderen Kleidungsſtücke, Der hat nach dem Arzt verlangt, Jener nach dem Beichtvater. So hatte denn auch Meiſter Beppo an dem eben er⸗ wähnten Tage, es war in ſpäter Nachmittagsſtunde, kaum zwei Gläſer von ſeiner Flaſche getrunken, als ihn der Ton der Klingel ſchon wieder an die Gitterthür rief. Er ſah draußen einen Capucinermönch ſtehen, welcher ihm ohne ein Wort zu ſprechen ſeinen Erlaubnißſchein zum Betreten der Gefängniſſe der Vicaria durch das Gitter in die Hand drückte und dann, als der Schließer dieſes öffnete, mit langſamen Schritten eintrat. „Zu wem wollt Ihr, ehrwürdiger Bruder?“ fragte er, verdrießlich darüber, daß ihn jemand von ſeiner Flaſche ab⸗ gerufen, von dem auch nicht ein halber Carlino zu erwar⸗ ten war. „Mich ſenden Verwandte eines jungen Mannes hieher, des Luigi Spinelli,“ gab der Capuciner zur Antwort.„Wie Ihr wiſſet, Meiſter Beppo, iſt er wegen Schulden in Haft, und ehe man ihn aus derſelben erlöſen will, bin ich beauf⸗ tragt, ihm vorher tüchtig ins Gemüth zu reden.“ „So— ſo,“ erwiderte der Schließer, indem er den Capu den es al tritt Vier Zeit um Tag dem das bea ſein ſeir der guten nn der ſt kein hwerer ihnen o war egung. nderen er nach en er- kaum r Ton Er ſah ne ein en der drückte gſamen gte er, he ab⸗ erwar⸗ hieher, „Wie Haft, beauf⸗ er den Meiſter Beppo s dunkle Stunde. 241 Capuciner mißtrauiſch von der Seite anſah;„bei dem wer⸗ den Eure ErmahnungeVt auch nicht viel fruchten, mir kann es aber gleichgültig ſein; Ihr habt die Erlaubniß zum Ein⸗ tritt in die Gefängniſſe und demgemäß will ich Euch eine Viertelſtunde bei dem Spinelli einſchließen.“ „Eine Viertelſtunde iſt zu meinem Zwecke eine ſehr kurze Zeit, doch wird mir die Madonna beiſtehen.“ „Die Hülfe der Madonna braucht Ihr allerdings, um dem ins Gewiſſen zu reden, und wenn Ihr einen ganzen Tag Zeit hättet. Doch geht nur voran, ich folge Euch auf dem Fuße.“ Woher es kam, daß Meiſter Beppo dem Capuciner nicht das Vertrauen ſchenkte, welches deſſen ehrwürdiges Gewand beanſpruchen konnte, wiſſen wir nicht, doch mußte dem ſo ſein, denn der Schließer forderte mit einem leichten Winke ſeiner Augen eine der Wachen auf, ihm zu folgen. Der Capuciner, der nichts davon zu merken ſchien, ſchritt der erhaltenen Anweiſung gemäß voran, dicht hinter ihm, und in einer Entfernung v Schritten folgte langſam die Schildwache. Als der Erſtere in der Ecke angekommen war, wo ſich die Wohnung Meiſter Beppo's befand, blieb er ſtehen und ſagte:„Um dem Verlangen der Verwandten des jungen Spinelli beſſer genügen zu können, wäret Ihr, Meiſter Beppo, vielleicht geneigt, mir über deſſen Betragen in der Vicaria ein paar aufrichtige Worte zu ſagen; die Familie,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„hat mich beauftragt, Euch dafür erkenntlich zu ſein. Ihr kennet dieſe Familie, wie ich hörte, ziemlich genau.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. V. on vielleicht zehn 16 der Schließer war — —— —— Neunundſechszigſtes Kapitel. „O ja, ich kenne einige von ihnen.“ „Wäret Ihr nicht mit dieſer Familie, wenn auch in ziemlich entferntem Grade, verwandt? Ich meine, es wurde mir ſo geſagt.“ „Ich glaube, ja; wir hangen durch eine kleine, ſehr weit⸗ läufige Vetterſchaft zuſammen; die Familie zählt auch ſehr anſtändige Mitglieder unter ſich.“ „Gerade dieſe haben mich hieher geſandt,“ ſagte der Capuciner, indem er ſeinen Mund dem Ohre des Schließers vertraulich näherte. „An mich?“ „Hauptſächlich an Euch, nebenbei aber auch an Luigi.“ „So tretet ein, ich folge Euch.“ Der Capuciner ging voran in das Gemach und blieb in beſcheidener Haltung an der Thür ſtehen, welche der Schließer dadurch offen erhielt, daß er ſich, als geſchähe dies ohne beſondere Abſicht, mit dem Rücken gegen die Schneide der Thür lehnte und mit derſelben langſam hin und her balancirte. „Jſt's gefällig, Euch zu ſetzen?“ ſagte er zu dem Capu⸗ einer, der ſich, dieſer Weiſung Folge gebend, auf einem Sche⸗ mel in der Nähe der Thür niederließ. Draußen hörte man die Schildwache in gemeſſenen Schritten auf und ab gehen. Der Capuciner hatte ſeine gefalteten Hände zwiſchen die Kniee niedergelegt, und den Oberkörper ſtark vorn überge⸗ beugt, ſagte er nach einer ziemlich langen Pauſe:„Wie Ihr vorhin andeutetet, Meiſter Beppo, und wie es auch in der That iſt, ſo hat dieſer junge Luigi Spinelli recht tolle Streiche gemacht.“ A, 4 3 1 ſch in wurde weit⸗ ſehr 2 der eßers nigi.“ blieb der chähe die hin apu⸗ Sche⸗ ſenen n die erge⸗ Ihr der reiche⸗ Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 243 „Und dafür ſitzt er jetzt auch mit Recht.“ „Ja, aber er kann nicht ſein ganzes Leben ſitzen blei⸗ ben,“ gab der Pater mit milder Stimme zur Antwort;„man muß doch auch etwas thun für die Beſſerung dieſes Men⸗ ſchen, damit ſeine Seele nicht verloren gehe und damit er vielleicht noch ein nützliches Mitglied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft werde.“ „Das geht mich eigentlich nichts an; ich bin Car⸗ ceriere der Vicaria, und da dieſes keine Beſſerungs⸗Anſtalt iſt, ſo habe ich auch keine Verpflichtung, über ſo etwas nach⸗ zudenken.“ „Als Carceriere der Vicaria allerdings nicht, aber als Chriſt, als Menſch, ja, als Verwandter des jungen Mannes, der um ſo tiefer hinabſinkt, je länger er ſich hier in ſchlechter Geſellſchaft aufhält.“ Meiſter Beppo machte eine ungeduldige Bewegung; was der Capuciner ſagte, war ihm gerade kein anziehendes Ge⸗ ſpräch, und dann ſprach dieſer auch ſo langſam, als begänne ex eine Predigt. „Daß ich mich alſo kurz erkläre,“ ſagte Letzterer,„die Familie, von der ich geſchickt bin, hofft auf Eure Mitwirkung; ſie iſt geſonnen, die Schulden des Luigi Spinelli zu bezahlen, wenn dieſer dagegen Verzicht leiſtet auf die Erbſchaft ſeiner Großmutter.“ 1 „Aha!“ machte Meiſter Beppo, indem ein pfiffiges Lä⸗ cheln über ſeine Lippen flog und er anfing zu begreifen, was die ehrenwerthen Mitglieder der Familie Spinelli eigentlich wollten. Er trat einen Schritt von der Thür hinweg in das Zimmer hinein und meinte, indem er ſich am Kinn kratzte:„So viel ich weiß, beträgt die Erbſchaft das Vier⸗ —,— 244 Neunundſechszigſtes Kapitel. fache der Schuldenmaſſe; o Padre, Ihr ſeid eigentlich ein Advocat!“) Der Angeredete ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und entgegnete in ſanftem Tone:„Wie und was die Erbſchaft iſt, weiß ich nicht, und ich ſehe nur darin, daß man den jungen Menſchen aus ſeiner Haft befreit, ein Mittel, ihn zu beſſern und wieder fähig zu machen, unter ſeinen Mitbürgern anſtändig zu leben— und, wie ſchon vorhin bemerkt, dazu wünſcht die Familie Eure Mitwirkung.“ „Hm,“ machte der Schließer,„das wäre allerdings das Beſte für Luigi, und wenn man auf eine vernünftige Art mit ihm redete, ich glaube, er ergriffe den Vorſchlag.“ „Wenn Ihr ſo mit ihm redet, gewiß,“ ſprach der Capu⸗ äner. indem er auf das Ihr einen ganz beſonderen Nachdruck legte,„die Familie Spinelli erwartet es von Euch und, ich wiederhole es, wird erkenntlich ſein.“ „Wird erkenntlich ſein,“ erwiderte Meiſter Beppo achſel⸗ zuckend,„wir kennen das!“ Kutte geſteckt und zog gleich darauf ein ziemlich ſchmieriges rothes Taſchentuch hervor, das zu einem mehr als fauſtdicken Der Capuciner hatte langſam ſeine Hand unter die Knoten zuſammengebunden war und das er auf der Hand wiegend dem Schließer entgegenhielt, wobei er ſagte:„Einen Abſchlag auf dieſe Erkenntlichkeit— fünfzig Ducati, es ſollen aber hundert werden, wenn Luigi den gemachten Vor ſchlag annimmt.“ Der Schließer ſchüttelte auf eine eigenthümliche Art den Kopf, indem er bald dem Capuciner ins Geſicht ſah, bald auf ſeine Hand, worauf das ſehr verſprechende Taſchentuch — . 4 M Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 245 zuſammengewickelt lag.„So was will überlegt ſein,“ erwi⸗ derte er nach einer Pauſe. „Dazu ſehe ich keinen Grund,“ verſetzte der Capuciner; „will man Euch denn zu etwas Unrechtem verleiten, will man Euch durch dieſes Geld beſtechen, etwas zu thun, das Eurem Amte zuwiderläuft? Seht mein Kleid an und ſchaut mir ins Geſicht, ich wäre wahrlich der Letzte, dazu meine Hand zu bieten. Kommt, Meiſter Beppo,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich langſam erhob und an den Tiſch trat, der am Fenſter ſtand,„laßt die Familie Spinelli nicht umſonſt ihr Vertrauen in Euch geſetzt haben und laßt mich keinen ver⸗ geblichen Gang machen.“ Er ließ das Sacktuch auf der Tiſchplatte niederfallen, wobei ſich ein angenehmer Klang hören ließ, und dann be⸗ gann er langſam den Knoten zu löſen. Da er aber zufällig auf die Seite des Tiſches gekommen war, wo ihn der offen ſtehende Fenſterflügel hinderte, ſo ſchloß er dieſen mit einer langſamen Handbewegung. Meiſter Beppo war noch immer unſchlüſſig, er ſchien mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, doch als ihm jetzt aus dem geöffneten Tuche das Gold entgegen blinkte, trat er raſch näher und fragte in beſtimmtem Tone:„Und Ihr verlangt ſonſt nichts von mir?“ „Nichts als Luigi nachher einen Augenblick ſehen zu dürfen.“ „Dazu habt Ihr die Erlaubniß des Capo Carceriere, und folglich könnte ich, auch wenn ich wollte, nichts dagegen einwenden.“ Der Capuciner war eben im Begriffe, das Geld von dem Tuche auf die Tiſchplatte zu ſtreifen, als er mit einem —= —jjjj4—= ———— 6 —;—— Neunundſechszigſtes Kapitel. Male horchend innehielt und zu dem Schließer ſagte:„Wenn ich nicht irre, klingelt es draußen an der Gitterthür, nehmt das Geld, ehe wir geſtört werden.“ In der That hörte man draußen das Knirſchen eines Schlüſſels im großen Schloſſe und den ſeufzenden Ton der trockenen Angeln, als ob die Thür ſich drehte. Der Schließer warf einen Blick auf die luſtig pendelnde Uhr, die neben dem Alcoven hing, und ſagte dann:„Es iſt nichts, der Caporale von der Wache wechſelt die Poſten.“ „So nehmt das Geld, daß wir fertig werden,“ ſagte der Capuciner, wobei der Ton ſeiner Stimme etwas dumpfer klang, als vorhin. Meiſter Beppo, der ſich noch einige Augenblicke un⸗ ſchlüſſig hinter den Ohren kratzte, auch mit dem Kopfe ſchüt⸗ telte und die Achſeln zuckte, that endlich, wie ihm geheißen, er nahm das Geld vom Tiſche und ſchloß es in eine Com⸗ mode, die neben dem Fenſter ſtand, während er halblaut murmelte:„Ich kann es ſchon thun, ich kann mit dem Luigi reden, daß er ſo klug iſt und den Vorſchlag annimmt, der ihn aus der Vicaria entläßt. Wenn er einmal draußen iſt, müſſen ſich die Verwandten doch ſeiner annehmen.“ Dabei aber unterließ er nicht, häufig rückwärts nach dem Capuciner zu ſchauen, der aber ruhig neben dem Tiſche ſtand, die linke Hand darauf geſtützt und den Daumen der rechten in ſeinen Gürtel geſteckt hatte. Jetzt wandte ſich Meiſter Beppo wieder um, trat nahe an den Pater hin und ſagte mit einem freundlichen Geſichte: „Ich weiß, daß ich kein klingendes Gegengeſchenk machen darf, aber einen Schluck Wein werdet Ihr nehmen und eine Salami nicht verſchmähen, die ſo lang iſt. daß ſie kaum in — Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 247 n Eurem Kutten⸗Aermel Platz hat, und was für eine Sorte t Salami!“ Dabei brachte er den Daumen und Zeigefinger ſeiner rechten Hand vor den Mund und bezeichnete die vor⸗ V 8 1 treffliche Qualität der Wurſt durch ein heftiges Schmatzen. r Wenn man das runde, wohlgenährte Geſicht des Schlie— r ßers ſah, ſo konnte man ihm eine Kennerſchaft in ſolchen n Dingen wohl zutrauen; er hatte überhaupt den Grundſatz, e ſo gut zu leben und ſich es ſo bequem zu machen, als ihm nur möglich war; darum gab er ſich auch bei der gegenwär⸗ e tigen Hitze nicht mit Hoſenträgern ab, wie ſeine offenſtehende r Sammtjacke deutlich zeigte; um den Hals hatte er ein gelbes ſeidenes Tuch durch einen Knoten vorn zuſammengebunden, 2 daß es ſeinen fetten Hals durchaus nicht genirte. „Und nun, ehrwürdiger Padre,“ ſagte er,„wenn es , 4 Euch gefällig iſt, wollen wir zu Luigi gehen, nachdem wir einen Schluck Wein getrunken.“ t 3 Es bleibt immer eine weiſe Einrichtung, obgleich ſie i Dieſen Schaden, Jenen Nutzen bringt, daß der Menſch nie r weiß, was ihm im nächſten Augenblicke bevorſteht, und nicht , immer etwas, was mit ſeinen Wünſchen übereinſtimmt; es i iſt das oft ein bedeutender Contraſt. So bei dem Schließer, r der ſchon den Geſchmack des Weines in ſeinem Halſe ſpürte und dem dieſer Hals ſelbſt in der nächſten Sekunde ſo zuge⸗ dreht wurde, indem der Capueciner ſeine gewaltige Fauſt mit n 4 Blitzesſchnelle unter das gelbe Halstuch brachte und dann e herumdrehte, daß nur ein leiſe röchelnder Laut ſeiner Kehle : entfuhr. Dabei war die Capuze des Mönches zurückgefallen, und ſtatt der Tonſur bemerkte man ein volles, buſchiges Haupthaar, eine hohe, gehietende Stirn, und unter der⸗ 248 Nennundſechszigſtes Kapitel. ſelben leuchteten die eben noch ſo ſanften Augen in einem wilden Glanze. „Hört mich an,“ ſprach der vermeintliche Capuziner mit geflügelter Eile,„und nehmt jedes meiner Worte zu Herzen; ich bin hieher gekommen, um den Marcheſe Fontana mit Eurer Hülfe aus dem Gefängniſſe zu befreien;— ich weiß, was ich wage, bin aber auf alles gefaßt. Seht hier dieſes Meſſer,“ bei dieſen Worten zog er mit der linken Hand eine gewaltig blitzende Klinge hervor,„und überlegt raſch, wie Ihr handeln wollt. Daß Ihr jetzt nicht ſchreien könnt, weiß ich, ſeid aber verſichert, daß Euch dieſes Meſſer bei dem erſten lauten, verdächtigen Worte, das Ihr ausſtoßt, wenn ich Eu⸗ ren Hals loslaſſe, das zweite Wort erſparen wird. Habt Ihr mich verſtanden?“ Der Schließer, deſſen dunkelrothe Geſichtsfarbe anfing, ins Bläuliche überzugehen, nickte mit dem Kopfe, worauf der Capuciner das Halstuch etwas lockerte und ſein Opfer gegen die Thür hinzog, die er darauf langſam mit der linken Hand zudrückte und den innen befindlichen Riegel vorſchob; dann ließ er den Hals Meiſter Beppo's los, deſſen Körper ein ſolches Zittern überflog, daß ſeine Kniee wankend zuſammen⸗ ſchlugen. Der Mönch lehnte mit dem Rücken gegen die Thür und betrachtete ihn ein paar Augenblicke mit einem kalten Lächeln, ehe er fortfuhr:„Ihr wißt nun, wie wir Beiden mit einander ſtehen, und ich dagegen weiß eben ſo genau, daß, wenn Ihr trotz meiner Drohung draußen im Gange einen Hülferuf ausſtoßt, mich die Wache augenblicklich ergrei⸗ fen wird und hinwegführen— von Eurer Leiche.“ Meiſter Peppo ſchauderte bei dieſem Worte abermals ⁸☛△ B die G kö 4‿ Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 249 zuſammen, indem er das blitzende Meſſer und dabei den furcht⸗ baren Ernſt in dem Geſichte ſeines Gegenübers betrachtete. „Thut nun, was Ihr nicht laſſen könnt, nehmt Euren Schlüſſel und kommt, aber raſch, denn ich habe Eile.“ Mit wankenden Schritten, zuſammenſchlagenden Zähnen nahm der Schließer den Schlüſſelbund von der Wand und trat wieder an die Thür. „Wenn ich jetzt bitten darf,“ ſagte der Capuciner,„ſo geht Ihr dicht an meiner rechten Seite, und um Euch das zu erleichtern, werde ich Euren linken Arm faſſen,— er that das mit einem eiſernen Griffe— zeigt aber kein ſo jammer⸗ volles Geſicht, denn bei San Pantaleo, Meiſter Beppo, deſſen Blut eben ſo leicht fließt, wie das San Gennaro's, wenn mir ein Wink von Euch, eine verdächtige Miene die Schildwache draußen auf den Hals zieht, ſo ſeid Ihr ein Kind des Todes, das ſchwöre ich Euch, ſo wahr ich Chia⸗ vone heiße!“ Bei Nennung dieſes gefürchteten Namens und nach einem ſcheuen Blicke auf den Träger deſſelben ſank der Schließer mit einem tiefen Seufzer ein paar Zoll in ſich zuſammen. „Kommt, kommt, keine Umſtände!“ ſagte der Andere mit rauher Stimme;„haltet Euch dicht an mich, Meiſter Beppo, machet ein freundliches Geſicht oder, bei San Pan⸗ taleo, ich erdroſſele Euch auf der Stelle und beendige mein Geſchäft ohne Eure Hülfe.“ Wäre die Lage nicht ſo furchtbar ernſt geweſen, ſo hätte die verzweifelte Anſtrengung des Schließers, ſein entſetztes Geſicht in freundlichere Falten zu legen, komiſch erſcheinen können, aber er that es, er that es um ſo bereitwilliger, —— Neunundſechszigſtes Kapitel. als er bei einer zufälligen Berührung des Aermels ſeines Nachbars das häßliche kalte Eiſen fühlte. Sie traten zur Thür hinaus, der Mönch mit der wieder vorgeſchlagenen Capuze, der Schließer ſo aufrecht, als es ihm nur möglich war, Seite an Seite, in gleichem Schritt, unbeachtet von den Schildwachen, denen es eine gewöhnliche Erſcheinung war, den Schließer mit einem Capuciner gehen zu ſehen. Bei der Thür Nummer vierzig blieben ſie ſtehen, Meiſter Beppo öffnete mit zitternden Fingern und wollte dann den Capuciner vorangehen laſſen, was dieſer aber mit einem freundlichen Lächeln ablehnte, ihn dagegen erſuchte, den Schlüſſel aus dem Schloſſe zu ziehen. In der Zelle angekommen, ſchloß der Capuziner alsdann die Thür, nahm den Schlüſſelbund in die Hand und wandte ſich hierauf gegen den Marcheſe, der ihm mit erſtaunter Miene entgegentrat. „Wundert Euch nicht lange, Signor Marcheſe, einen Mönch zu ſehen, den Ihr nicht verlangt, der auch weder gekommen iſt, Eure Beichte zu hören, noch Euch zum Tode vorzubereiten. Freunde, die Ihr habt, beſtimmten mich, Eure Rettung zu verſuchen, und hier bin ich und hoffe, bei San Pantaleo, ſie ſoll gelingen. Wenn es Euch gefällig wäre, Meiſter Beppo,“ wandte er ſich an dieſen,„ſo legt Euer gelbes Halstuch ab und Eure Sammtjacke, und Ihr, Signor Marcheſe, coſtumirt Euch damit, um dieſem Manne ſo ähn⸗ lich als immer möglich zu ſehen.“ Der Marcheſe wußte nicht, wie ihm geſchah, und blickte die Eingetretenen zweifelnd nach einander an, ob die Worte des Einen im Ernſte gemeint ſeien oder ob man eine Komödie —— ˙—— Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 251 85 mit ihm ſpielen wolle. Als er aber in das feſt blickende er Auge des Capuciners ſah und die Jammergeſtalt Meiſter e6 Beppo's bemerkte, welcher ſich, unfähig, länger ſtehen zu bleiben, auf das Bett des Gefangenen niedergelaſſen hatte, z während er mit zitternder Hand ſeine Halsbinde lö'ſte und 6 en 6 die Sammtjacke von ſeinen Schultern fallen ließ, ſo rief er aus:„Da Ihr, den ich nicht kenne, zu wiſſen ſcheint, wie er ich mich nach meiner Freiheit ſehne, ſo will ich keinen Au⸗ en 3 genblick länger ſäumen, Euch zu folgen; was kann mir Schlimmeres geſchehen, als in dieſen Kerker zurückgebracht in zu werden!“ e1„Thut ſo,“ gab der Capuciner zur Antwort,„und beeilt n Euch ſo viel als möglich; in Kurzem fängt es an zu däm⸗ te V mern, und da möchte ich aus dem Hauſe kommen.— So, 3 4 Signor Marcheſe, das gelbe Tuch iſt richtig umgebunden, die Jacke aber müßt Ihr ein wenig über die Schulter herab⸗ 3 werfen und die Arme mehr auf dem Rücken halten, es iſt er ſo Gebrauch bei Meiſter Beppo; auch rathe ich Euch, die de. Hoſenträger etwas zu verlängern, denn Eure ſtrammen Bein⸗ ne kleider könnten Verdacht erregen— ganz gut ſo! Nun ein un bischen mit krummen Knieen gegangen und ſeine Frau wird e, Euch in einiger Entfernung für ihn ſelber halten.“ er Der Schließer ſtieß einen tiefen Seufzer aus, augen⸗ d 6 ſcheinlich hatten die ſo furchtbar auf ihn hereinſtürmenden n Ereigniſſe ſein an ſich nicht ſtarkes Faſſungsvermögen etwas erſchüttert; er machte gar keinen Verſuch mehr, irgend etwas — zu entgegnen, ja, als der Capuciner nun einen Strick unter 1 ſeiner Kutte hervorzog, um ihm damit die Hände zu binden und dieſe alsdann an das Bett zu befeſtigen, hielt er ſo ge⸗ ie—. duldig beide Fäuſte hin, daß Jener nicht umhin konnte, ihm ——— 252 Neunundſechszigſtes Kapitel. im Tone der Entſchuldigung zu ſagen:„Es iſt das für un⸗ ſere Sicherheit nothwendig; ich kann mich nicht der Gefahr ausſetzen, daß Ihr ans Fenſter eilt und von dort die Wache alarmirt. Auch werdet Ihr mir erlauben, Euch mit einem kleinen gelinden Knebel zu verſehen, wogegen Ihr mein Ehren⸗ wort habt, das Wort eines vollkommenen Galantuomo, daß ich Eure Schlüſſel noch vor Nacht hieher zurückſchicken werde. Gebt alſo den Umſtänden nach und haltet Euch ruhig.“ „Und mir könnt Ihr es nicht übel nehmen,“ ſagte der Marcheſe, indem er zu ihm trat,„daß ich Euer Mißgeſchick zu meinen Gunſten ausbeute. Hört mich aber an und be⸗ haltet meine Worte: Mag die Sache für Euch auslaufen, wie ſie will, einmal werden die Verdrießlichkeiten, die Ihr wegen meiner erleiden müßt, zu Ende gehen, und dann be⸗ gebt Euch zum Advocaten Don Ercole Cerdoni, wo Ihr erfahren werdet, wie ſehr ich Euch erkenntlich bin.“ „Und nun fort!“ drängte Chiavone.„Dies hier iſt der Schlüſſel, dreht langſam und bedächtig auf und draußen ohne Uebereilung wieder zu— ich begreife, daß Eure Hand zittert.“ Der Schließer hatte alles mit ſich geſchehen laſſen; jetzt ſchloß ſich die Thür des Gefängniſſes hinter ihm, und wäh⸗ rend der Capuciner anſcheinend theilnahmlos am Ende des Ganges ſtehen blieb, drehte der Marcheſe den Schlüſſel herum und ſchob die Riegel vor, ſo langſam, als ihm das nur mög⸗ lich war. Dann ſchritten Beide, dicht neben einander gehend, den Gang hinab, wandten ſich an der Thür Meiſter Beppo's links, und hier flüſterte der Capuciner ſeinem Begleiter zu: „Der ſtärkſte Schlüſſel iſt der zur Gitterthür. Dort laßt Ihr mich hinaus, und wenn ich zwei Stufen hinab bin, 7 „ Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 253 ruft Ihr mir nach, als hättet Ihr mir noch etwas zu ſagen, 3 verſchließt das Gitter und ſchlendert mit mir langſam die 3 Treppe hinab.“ 4 Gaetano brachte aus ſeiner wild athmenden Bruſt ein 6 kaum vernehmliches„Ja“ hervor. Die Schildwachen, an — denen ſie vorbeikamen, ſchritten, ohne ſie zu beachten, vor⸗ 3 4 über, nur die letzte am Gitterthor hatte ihr Gewehr bei Fuß genommen und ſchien den Carceriere aufmerkſam anzublicken. Kaum vermochte dieſer den Schlüſſel in das Loch zu ſtecken, und als der Mönch nach einem frommen Gruße langſam hinausging, mußte ſich Gaetano einen Augenblick an den eiſernen Stäben halten und brauchte ein paar Sekunden, ehe „ ihm ſeine wie zugeſchnürte Kehle erlaubte, die Worte her⸗ vorzuſtoßen:„Wartet einen Augenblick, ehrwürdiger Vater, ich möchte Euch noch ein Wort ſagen.“ Dann trat er vor 4 das Gitter, ſchloß es hinter ſich ab, und während er darauf an der Seite des Capuciners mit dieſem ſprechend die Treppe hinabging, klirrte der Schlüſſelbund auffallend in ſei⸗ ner Hand. Drunten ſtanden die Soldaten der Wache vor dem Ein⸗ gange der Vicaria, um die kühle Luft des Abends zu genie⸗ ßen. Glücklicher Weiſe war die Dämmerung ſchon einge⸗ treten und man ſah alles rings umher nur noch in unbe⸗ ſtimmten Umriſſen. 8„Ei, Signor Carceriere,“ ſagte der kommandirende Ser⸗ geant, als die Beiden an ihm vorübergingen,„wollt Ihr mit dem fremmen Vater noch einen Spaziergang machen? Bleibt mur nicht zu lange aus, damit wir zur Zeit unſere Runde machen können.“ „Unbeſorgt,“ brachte der Marcheſe mühſa * Neunundſechszigſtes Kapitel. „Wie wird er auch lange ausbleiben,“ bemerkte ein an⸗ derer der Soldaten,„er hat nicht einmal eine Mütze auf.“ Bei dieſen Worten ſchaute ihm der Sergeant ſcharf nach, aber glücklicher Weiſe fiel ihm erſt ein paar Sekunden ſpäter ein, daß Meiſter Beppo, mit dem er noch an dieſem Nach⸗ mittage eine Stunde geplaudert, damals kein ſo ſtarkes Haar hatte. Aber ein. paar Sekunden ſind für den, der ſie zu be⸗ nutzen verſteht, eine Ewigkeit. Der Capuciner hatte den Arm ſeines Begleiters gefaßt, zog ihn haſtig um die nahe befind⸗ liche Ecke des Gebäudes, ſprang dort mit ihm in einen offenen zweiſpännigen Wagen, deſſen Kutſcher alsdann augenblicklich in vollem Trabe der Pferde davon fuhr. Rückwärts blickend, ſagte Chiavone:„Das ſo eben war die letzte und fürchter⸗ lichſte Klippe. Dort an der Ecke ſteht der Maulwurf von Sergeant und ſchaut uns nach; wir werden früher einen Alarm haben, als ich vorher dachte, doch mögen ſie kom⸗ men!“ Er rief dem Kutſcher ein Wort zu, welcher links um die Ecke bog, dann rechts um eine andere, hierauf eine lange Straße hinabfuhr, dann wieder rechts, dann links bog, und endlich ſo dicht an einem Hauſe hielt, daß Beide hineinſpringen konnten, ohne von Jemand bemerkt zu werden. Hierauf ver⸗ ſchwand der Wagen im raſchen Laufe der Pferde. Der Capuciner öffnete eine Thür im Erdgeſchoſſe, zog ſeinen Begleiter in ein kleines Gemach, worauf er eilfertig ſeine Kutte abwarf, unter der er die Kleidung eines wohl⸗ habenden Landmannes aus der Umgegend der Stadt anhatte. „Werft Eure Jacke und Euer Halstuch ab und nehmt dieſen Pa⸗ letot, der Euch paſſen wird, dort iſt auch ein Hut, wie er ſich zug eignet, und folgt mir ohne Säumniß.“ —— g g Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 255 Sie verließen das Haus durch eine Hinterthür, die auf eine enge Straße führte und von der ſie durch ein Labyrinth von Gäßchen bald an den großen Molo gelangten, wo Chia⸗ vone, ohne ſich durch die Dunkelheit beirren zu laſſen, auf eine kleine ſteinerne Treppe losging, die zum Waſſer hinab⸗ führte. Hier that er einen leiſen Pfiff, der augenblicklich auf gleiche Weiſe von einem Schiffer in einer Barke drunten beantwortet wurde. „Hier trennen wir uns, Signor Marcheſe,“ ſagte er alsdann zu dieſem;„möge Euch San Pantaleo ferner in ſeinen Schutz nehmen, und damit wird er jetzt keine ſchwere Arbeit mehr haben.“ „Wie ſoll ich Euch danken, mein edler Retter, deſſen Name ich nicht einmal weiß!“ rief der Marcheſe, indem er mit beiden Händen die Rechte ſeines Befreiers ergriff und herzlich drückte. „Namen thun nichts zur Sache, und was den Dank anbelangt, ſo ſeid Ihr ihn Euren Freunden ſchuldig, von denen der Eine, ohne daß es meine Schuld war, ein bischen Todesangſt ausgeſtanden. Laßt Euch von denen erzählen— und nun lebt wohl!“ Damit machte er ſeine Hand los, wandte ſich um und war raſch in der Dunkelheit verſchwunden.— „Wenn es Euch gefällig iſt, Herr, ſo kommt,“ ſagte der Schiffer in der Barke. Der Marcheſe ſtieg ein und fragte:„Wohin fahren wir?“ „Ich habe den Befehl, Euch auf die franzöſiſche Corvette Espérance zu bringen.“ Aber wird man mich dort aufnehmen?“ * „Dafür laßt den ſorgen, der Euch hiehergebracht.“ —õ—ÿ—ÿ—ÿ—ͦÿ—— —— ——— ——— ———— ————— ————;—:—————:—ꝛx:n- 256 Neunundſechszigſtes Kapitel. Nach dieſen Worten tauchte er ſeine Ruder ins Waſſer, legte ſich ſcharf hinein und das Boot flog wie ein Pfeil über das dunkle Waſſer hin; eine Strecke vom Ufer wandte es um, damit der Ruderer die Richtung, in der er fahren mußte, ſehen konnte. „Weiß die Madonna!“ brummte dieſer nach Verlauf einiger Minuten,„dort gerade vor uns lag doch die fran⸗ zöſiſche Corvette mit einem rothen Lichte an ihrem Hauptmaſte nach dem Eintritte der Dämmerungz jetzt führt ſie eine blaue Laterne und ſcheint dem Molo näher zu liegen.“ Er beugte ſich tief hinab, um den dunklen Rumpf des Schiffes gegen den helleren Himmel beſſer unterſcheiden zu können. „Es iſt die Figur der Corvette,“ ſagte er alsdann,„ob⸗ gleich mir der Bord ein bischen niedriger vorkommt. Wenn ich nur wüßte, warum ſie ihre Laterne gewechſelt hat.“ „Fahrt in die Nähe,“ ſagte Gaetano,„und dann werdet Ihr ſchon erfahren, ob es das Schiff iſt, welches wir ſuchen.“ „Könnte aber auch gegen einen piemonteſiſchen Kreuzer fahren,“ meinte Carlino, denn dieſer war der Schiffer,„der uns ein Examen beſtehen ließe, woher wir kämen und was wir Beide in dunkler Nacht auf dem Golfe machten; ſie ſind in letzter Zeit hier verflucht neugierig geworden.— Nach⸗ mittags lag drüben am Poſilippo ein anderer fremder Dam⸗ pfer, der heute Morgen angekommen iſt, vielleicht hat dieſer ſich hieher gelegt und der Franzoſe iſt weiter in den Golf gegangen.“ „Fahrt in Gottes Namen gegen die blaue Laterne.“ „Auf Eure Verantwortlichkeit, Herr,“ entgegnete Car⸗ lino;„das heißt, Ihr müßt es mir ausdrücklich befehlen.“ „Gut, ich befehle es!“ auf d niger Later eines zurie unſer in er ſagt die Dor engl wie mit aus Leid „B˖ Meiſter Beppo's dunkle Stunde. 257 „Soll bald gethan ſein,“ ſagte launig der Schiffer, wor⸗ auf das Boot raſch ſeinen Weg wieder fortſetzte und in we⸗ niger als einer Viertelſtunde dem Dampfer mit der blauen Laterne ſo nahe gekommen war, daß man deutlich die Stimme eines Wachthabenden an Bord vernahm, welcher der Barke zurief:„Boot ahoy, wohin? Wen bringt Ihr?“ „Das ſind Engländer,“ ſagte Carlino;„bleiben wir in unſerem Cours oder ſuchen wir den Franzoſen auf?“ Gaetano hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben und fragte in engliſcher Sprache:„Wenn es Euch gefällig iſt, Sir, ſo ſagt uns, welches Schiff wir vor uns haben. Wir ſuchen die franzöſiſche Corvette Espérance.“ „Der Franzoſe liegt um ein paar Striche mehr öſtlich. Dort könnt Ihr ſeine rothe Laterne ſehen; dies hier iſt die engliſche Dampf⸗Yacht Der Lotus.“ Gaetano entblößte unwillkürlich ſein Haupt und blickte wie fragend zu den Sternen auf, deren mildes Licht ſein Herz mit ſolchen Hoffnungsſtrahlen erfüllte, daß er freudig gerührt ausrief:„Es will Tag werden nach der tiefen Nacht meiner Leiden!“ Dann ſetzte er zu dem Schiffer gewandt hinzu: „Bringt mich an Bord.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 1 ——————ͤͤͤͤ—, — Siebzigſtes Kapitel. Licht nach dunkeln Stunden. Wir bitten den geneigten Leſer, der uns ſchon ſo oft freundlich gefolgt iſt, uns auch jetzt an Bord der Dampf⸗ Yacht ‚Der Lotus’ zu begleiten, und führen ihn direct in den Damenſalon des Schiffes, der mit einem Reichthum und einer Eleganz ausgeſtattet war, wie man ihn nur auf dieſen Fahrzeugen, dem Eigenthum reicher engliſcher Fa⸗ milien, findet. Koſtbare Holzarten, Bronzen, werthvolle Ge⸗ mälde, Spiegel in reicher Vergoldung, ſchwellende Teppiche, Möbel von gediegener Pracht und ausgeſuchter Bequemlich⸗ keit erfüllten den über alle Beſchreibung zierlichen Raum. In der Mitte deſſelben befand ſich ein ovaler Tiſch, der mit den verſchiedenen nöthigen und unnöthigen Beſtandtheilen eines Theeſervices, alle Stücke in getriebenem Silber ge⸗ arbeitet, beſetzt war. Das Waſſer ziſchte mit jenem freund⸗ lichen Tone, welcher uns willkommen zu heißen ſcheint, wenn wir die dunkle Nacht draußen mit dem hell erleuchteten, behaglich eingerichteten Zimmer vertauſchen. ge⸗ und⸗ benn tten, 259 Licht nach dunkeln Stunden. Möge dieſes Gefühl auch die Herzen unſerer freund⸗ lichen Leſer durchziehen, und möge es ihnen, nachdem ſie die Cajüte des„Lotus“ betreten haben, zu Muthe ſein, als ſeien ſie unter lauter guten Freunden. Denn in der That iſt es ſo, und wir preiſen den glück⸗ lichen Zufall, der es uns möglich machte, hier faſt am Schluſſe unſerer wahrhaftigen Geſchichte, ohne der Wahrheit Ge⸗ walt anzuthun, Perſonen wie durch ein Wunder zuſammen⸗ führen zu können, die wir Hunderte von Meilen von ein⸗ ander entfernt glauben ſollten; und doch iſt dieſe Sache nicht ſo wunderbar, als ſie uns vielleicht erſcheint, was zu erklären wir in unſerer Geſchichte um einige Wochen zurück⸗ gehen müſſen. Wie der geneigte Leſer durch Herrn von Scherra's Brief bereits erfahren, begleitete die Gräfin Lotus nach dem Tode ihres Gemahls den Bruder deſſelben nach England, wo ſie auf Lotushall, dem herrlichen Landſitze deſſelben, ein paar Wochen in ſtiller Erinnerung verbrachte. Hier in der reizenden Umgebung und ländlichen Stille war es ihr mög⸗ lich, ihrer letzten traurigen Vergangenheit mit mildem Schmerze zu gedenken; ja, hier konnte ſie ihrem Herzen nicht verbieten, zuweilen weniger düſter in die Zukunft zu blicken, und wenn ſie auch den Verſuch machte, ihre Gefühle gewiſſenhaft nie⸗ derzukämpfen, ſo wollte ihr dies doch nicht gelingen, denn ihn, an den ſie ſo mächtige Bande feſſelten, liebte ſie noch immer mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Ihre Schweſter Roſa hatte ſie begleitet, und daß auch Eugen nicht zurückblieb, bedarf wohl keiner Erwähnung. Roſa hatte es vor ihrer Abreiſe nach England nicht unter⸗ laſſen, den Schwager ihrer Schweſter von der Vergangen⸗ 2* „f—— ——— 260 Siebzigſtes Kapitel. heit derſelben in allen ihren Einzelheiten in Kenntniß zu ſetzen, wobei es ſie glücklich machte, in dem Herrn von Lotushall einen ſo vorurtheilsfreien Beurtheiler der Lage ihrer Schweſter zu finden, daß ſie vollkommen überzeugt war, ihm in jeder Beziehung feſt vertrauen zu können. Er war um viele Jahre älter als ſein Bruder und konnte ſich nach einiger Zeit ſchon erlauben, den beiden Schweſtern ſein ſcherzhaftes Bedauern auszudrücken, daß es ihm ſein Alter und ſeine Unliebenswürdigkeit nicht geſtatte, die Erbſchaft ſeines Bruders in vollem Umfange anzutreten. Da kam eines Tages ein Brief von Scherra an Roſa, worin der bewährte Freund des Hauſes ſchrieb, er habe von Bander die Mittheilung über das Unglück Gaetano's erhalten, und anfragte, ob ſie es nicht für zweckmäßig hielte, daß er ſelbſt augenblicklich nach Neapel reiſe. Roſa ſetzte natürlicher Weiſe den Schwager ihrer Schweſter von dieſem Schreiben ſogleich in Kenntniß, und dieſer praktiſche Mann, der alle Ver⸗ hältniſſe richtig anſah und zu beurtheilen im Stande war, machte mit der ihm eigenen Energie ohne viele Ueberlegung einen anderen Vorſchlag, in Folge deſſen die Gräfin auf die ſchonendſte Weiſe von der Welt durch Roſa von dem, was ſich begeben, in Kenntniß geſetzt wurde, worauf in einigen Tagen die Meldung einlief, daß die Dampf⸗Yacht Sr. Herr⸗ lichkeit zur Abfahrt bereit liege. Ein prachtvolles Wetter begünſtigte die Fahrt, und ſo kam es denn, daß der ‚Lotus⸗ am Morgen eines wunderſchönen, klaren Tages in den Golf von Neapel einlief. Zur gleichen Stunde, als dies geſchah, ſaß auf der e des Hotels de Rome, die aufs Meer hinausging, Terraſſ der in einen bequemen Schlafrock gehüllt ein junger Mann, ar, ung die vas igen derr⸗ etter btus“ Golf der ging, ehüllt Licht nach dunkeln Stunden. 261 war und ſich behaglich in einem weichen Lehnſtuhle dehnte, während ſeine Füße auf einem niedern Tabouret ſtanden und er mit der linken Hand eine vortreffliche Havannah⸗ Cigarre hielt. Der geneigte Leſer wird mir das Berichten dieſer Ein⸗ zelheiten als der vollen Wahrheit gemäß verzeihen, denn ein junger Mann, der ein Raucher iſt, wird ſich nach ſeinem Frühſtücke ohne eine gute Havannah⸗Cigarre ſchwerlich auf der Terraſſe des Hotels de Rome aufhalten, und daß er die Cigarre mit der linken Hand hielt, kam daher, weil ſeine rechte, die er in einer Schlinge trug, verbunden war. Er intereſſirte ſich außerordentlich für das Ein⸗ und Auslaufen der Schiffe, und um deren Nationalität beſſer unterſcheiden zu können, hatte er auf einem Stuhle neben ſich einen ſo⸗ genannten militäriſchen Feldſtecher liegen, den er bei dieſer Gelegenheit ſogleich vors Auge nahm, um das eingelaufene Schiff genau zu betrachten. Als er eine Zeit lang hingeſchaut, mußte er an dem kleinen, zierlichen Dampfer etwas Anßerordentliches bemerken, denn ſein Geſicht nahm einen Ausdruck ganz beſonderer Auf⸗ merkſamkeit, ja, des Erſtaurens an. Er brachte ſein vor⸗ treffliches Glas ein paarmel vor die Augen, ſchüttelte mit dem Kopfe, worauf er zu ſich ſelber ſprach:„Das wäre ja ein wunderbares und glückliches Zuſammentreffen, beim Anubis! So was plegt gewöhnlich nur in Märchen vor⸗ zukommen— nun, oir ſind ja hier im Lande der Wunder — he, Juſſuf!“ Der geneigte Lſer mag füglich erſtaunen, den Indier nach dieſem Rufe ſogleich auf der Terraſſe erſcheinen zu ſehen; doch wenn er ſich erinnert, daß Juſſuf dem Herrn —— ö 262 Siebzigſtes Kapitel. von Marlott genau bekannt war und daß dieſer den ehe⸗ maligen Diener des Grafen Lotus ohne Herrn im Hotel fand, ſo wird er es begreiflich finden, daß der verwundete Offizier ſich die Dienſte des Indiers gefallen ließ, welche dieſer aus Anhänglichkeit an ſeinen alten Herrn aufs ange⸗ legentlichſte anbot.— Von dem Herrn von Saint⸗Alban, der mit der Regierung in Mißhelligkeiten gekommen, war nur vorübergehend die Rede geweſen, da der vermeint⸗ liche Franzoſe dem Herrn von Marlott vollkommen gleich⸗ gültig war. „Juſſuf,“ ſagte dieſer,„ſchau aufs Meer hinaus; dort⸗ hin neben den Poſilippo hat ſich ein Dampfer hingelegt, der eben eingelaufen iſt und deſſen Pavillon ein Wappen zeigt, das mir außerordentlich bekannt iſt und deſſen auch du dich erinnern wirſt— nimm mein Glas, wenn du es brauchen kannſt.“ „Ohne Glas ſehe ich beſſer, Herr,“ gab der Indier zur Antwort, deſſen Geſicht, indem er nach der bezeichneten Richtung blickte, ebenfalls einen Ausdruck des Erſtaunens, ja, der Freude zeigte.—„Oe ich dieſes Wappen kenne, Herr! Iſt es nicht die Lotusblume?“ „Ganz richtig, und ſie zeigt ſich auch zwiſchen goldenen Blättern an der Spitze des Fahrzerges.“ „Dieſes Fahrzeug, Herr, iſt ei Engländer und wird wohl dem Bruder des Grafen gehören.“ „Darüber müſſen wir Gewißheit haben, Juſſuf, ſo bald als möglich; ſtößt dort nicht in Boot von dem Schiffe?“ „Eine neapolitaniſche Barke, Herr; s werden Beamte der Hafenbehörde ſein.. „2 von M hatte, etwas — ſcht Vermu fahre iſt, un ſetzte Schiff ſchickt, Schre Juſſu ſah n auf Dam größ ſtieg auge aus hinz der den ehe⸗ m Hotel rwundete „welche fs ange⸗ t⸗Alban, en, war dermeint⸗ gleich⸗ 1s; dort⸗ ingelegt, Wappen ſen auch n du es Indier eichneten taunens, e, Herr! goldenen ind wird ſſuf, ſo don dem Beamte Licht nach dunkeln Stunden. 263 „Bei Gott, ich ſehe Leute an Bord,“ ſagte Arthur von Marlott nach einer Pauſe, während welcher er verſucht hatte, ſeinem Fernrohr durch eine leichte Drehung noch etwas mehr Schärfe zu geben.—„Damen, beim Anubis! — ſchwarz gekleidet, das gibt mir zu denken, Juſſuf.“ „Es iſt eigenthümlich, Herr.“ „Gewiß, höchſt ſeltſam. Ehe wir aber unſere Zeit mit Vermuthungen erſchöpfen, eile hinab, nimm eine Barke und fahre an Bord des Dampfers. Frage, wer auf dem Schiffe iſt, und wenn es— doch nein, das iſt ja nicht möglich,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu;„frage alſo, wer ſich auf dem Schiffe befindet, und wenn ie wiſſen wollen, wer dich ſchickt, ſo gib ihnen meine Karte— du weißt ſie in meinem Schreibtiſche zu finden, nimm aber von den Karten in dem rothen Etuis“— auf dieſen war Herr von Marlott nämlich noch als Huſaren⸗Offizier aufgeführt—,„mit der anderen Herrlichkeit iſt's ja doch, Gott ſei Dank, vorbei.— Eile, Juſſuf!“ Der Indier verſchwand augenblicklich, und bald darauf ſah man ihn in einer Barke mit zwei tüchtigen Ruderern auf dem Golfe; in vielleicht zehn Minuten hatte er den Dampfer erreicht, uͤnd Arthur von Marlott, der ihm mit größter Anſtrengung nachblickte, bemerkte, wie er an Bord ſtieg und wie ihm die beiden ſchwarzgekleideten Damen augenblicklich und raſch entgegentraten. „Bei meiner Ehre, ſie ſind's!“ rief Herr von Marlott aus, und als er noch einnal hingeblickt, ſetzte er freudig hinzu:„Ja, es iſt kein Zweifen mehr, ſie blicken hieher und der Dampfer grüßt mich!“ In demſelben Augenblicke fuhr nämlich eine kleine weiße — ——— ———— 8 —— 264 Siebzigſtes Kapitel. Flagge raſch an dem Maſte hinauf und entfaltete ſich droben in dem friſchen Lufthauche. Er war von ſeinem Lehnſeſſel aufgeſprungen, eilte in ſein Zimmer und kleidete ſich ſo raſch an, als ihm ſein ver⸗ wundeter Arm erlaubte. Daß er einen dunkeln, bürger⸗ lichen Ueberrock nahm und nicht die italieniſche Uniform, trotzdem dieſelbe mit der Tapferkeits⸗Medaille geſchmückt war, wird man begreiflich finden. Eine ſtarke Viertelſtunde ſpäter halfen ihm ein paar Matroſen ebenfalls an Bord, da es ihm ſchwer wurde, mit ſeiner verwundeten Hand die Treppe allein hinaufzuſteigen. Welches Wiederſehen! Der geneigte Leſer wird uns die Einzelheiten deſſelben erlaſſen, da es im Intereſſe unſerer Geſchichte liegt, ihn ſelbſt erſt ſpäter, wie wir oben angedeutet, an Bord z9 führen. Nur ſei es uns noch erlaubt, mitzutheilen, daß eine der ſchwarzgekleideten Damen mit Juſſuf eine Unterredung hatte, der auch Se. Herrlichkeit der 9 liam Clifton anwohnte, und in Folge deren 7 des Schiffs⸗Kommandeurs, des Flotten⸗Offiziers ent Sey⸗ mour, in See gelaſſen wurde, mit ſau deten Ma⸗ troſen bemannt, und daß dieſes als do⸗ in Vogel dem Lande zuflog. In den Sternſchot⸗ einen Fahrzeuges befanden ſich Se. Herrlichkeit ſel⸗ Re der Kommandeur der Dampf⸗Yacht. Vorn an d. Fpitze des Bootes ſaß Juſſuf mit einem heiteren Geſchtsausdrucke, als man ſeit lange an ihm geſehen. Am Lande angekomman, verfügten ſich die drei eben Genannten auf die englicſhe Geſandtſchaft und fuhren von dort in dem Wagen der Geſandtſchaft zum Gouverneur der Stad fluge lichke ſpäte krönt fung früh gekl Ver Her und oben e in ver⸗ rger⸗ orm, war, väter ihm ollein elben ihn Ma⸗ dem euges ndeur ſaß n ſeit eben von r der Licht nach dunkeln Stunden. 265 Stadt, den ſie aber nicht trafen, da er von einem Aus⸗ pät Abends zurückerwartet wurde, wo Se. Herr⸗ ann wiederholte und derſelbe, wie wir von einem vollkommenen Erfolge ge⸗ fluge erſt ſ lichkeit den Beſuch d ſpäter hören werden, krönt war. Kehren wir nach dieſer kurzen, nothwendigen Abſchwei⸗ „Lotus“ zurück und begeben uns in die wo wir die beiden ſchwarz⸗ heute Morgen auf dem fung an Bord des, früher erwähnte kleine Cajüte, gekleideten Damen finden, die wir Verdecke bemerkt und welche eben im Begriffe ſind, ſich von Herrn von Marlott ſeine wunderbaren Erlebniſſe zu Waſſer und zu Lande erzählen zu laſſen. Die Gräfin Lotus ſaß am Tiſche und beſchattete mit der Hand ihr Geſicht, die guten, lieben, freundlichen Züge, die wir dem geneigten Leſer früher geſchildert, welche ſich in ihrer Schönheit und in ihrem herzlichen Ausdrucke gleich geblieben waren und nur etwas bleicher erſchienen, als da⸗ mals, wo wir ſie zum letzten Male ſahen. Sie ſchien nur den Erzählungen ihres Vetters zu lauſchen, ihr Ul und ſie athmete ſchwerer als gewöhnlich. and von der Stirn herab, ſie erhob horchend um ſich; doch ſenkten ſich dem Ausdrucke getäuſchter zerſtreut Herz war vo Zuweilen glitt ihre H den Kopf und blickte wie ihre Blicke jedes Mal wieder mit Erwartung. Herr von Marlott ſchien ſo eben mit ſeiner Erzählung zu Ende gekommen zu ſein, denn indem er ſich in die weichen Kiſſen des Sopha's zurücklehnte, ſagte er mit einem affectirten Seufzer:„Und damit, ſchöne Couſine, ſcheint mein⸗ militäriſche Laufbahn auch hier beendet zu ſein. Hoffentlich wird Ihr Herz, grauſame Roſa,“ wandte er ſich A 266 Siebzigſtes Kapitel. an dieſe,„jetzt endlich einmal eine ſtille Regung für mich fühlen.“ „Des Mitleids, gewiß, Herr von Marlott, und daran habe ich es ja auch früher nie fehlen laſſen.“ „So iſt es mir ein Troſt, daß Sie mich wenigſtens damals ſchon für bemitleidenswerth hielten, und ich war es in der That. Was verlor ich nicht alles mit einem Male: für die Ausſicht auf eine glänzende Zukunft tauſchte ich ein gebrochenes Herz ein!“— Frangoiſe lächelte und ſagte dann mit ihrer ſüßen Stimme:„Aber dieſes Herz, Arthur, hat ſich wieder erholt; von dornigen Roſen zerriſſen, heilten Sie es mit den Lor⸗ bern des Sieges.“ „Schön geſagt und tief empfunden,“ gab Herr von Marlott zur Antwort,„wie alles, was von Ihnen kommt! — O, hätte Roſa nur einen kleinen Theil Ihres weichen Herzens!“ „Danken Sie Gott, daß dem nicht ſo iſt,“ ſagte das ſchöne junge Mädchen, wobei ſie den Sprecher mit ihren leuchtenden Augen ernſt anblickte;„mein weiches Herz, wenn ich ein ſolches gehabt hätte— und Ihr— leichter Sinn hätten für uns Beide zu einem traurigen Reſultate geführt.“ Arthur wollte verletzt etwas darauf erwidern, doch be⸗ merkte die Gräfin, ihn unterbrechend:„Roſa hat nicht ganz Unrecht, lieber Vetter; kaum ſeht ihr euch nach ziemlicher Zeit wieder, ſo tauſcht ihr gleich beißende Redensarten aus.“ „Ei, ſchöne Couſine,“ antwortete der ehemalige Huſaren⸗ Offizier,„ich möchte den ſehen, der ſich wie ich ſo unbändig darauf gefreut, ſeine leidensvollen Erlebniſſe erzählen zu können und dafür einen Blick der Theilnahme und—“ ſtatt Othello, und durch Licht nach dunkeln Stunden. 267 ch ein weiteres Wort auszuſprechen, huſtete er kluger orgehaltenen Hand und fuhr dann fort: wenn er nun er⸗ no Weiſe hinter der v „— zu finden, und der unverletzt bliebe, fahren muß, daß ihm ein ſchwacher Augenblick nie verziehen wird. Doch gleichviel,“ ſetzte er mit ſeinem angebornen Leichtſinne hinzu,„legen wir dieſe getäuſchte Hoffnung zu andern getäuſchten Hoffnungen. Ich hatte es mir ſo ſchön vor der reizenden Roſa zu ſitzen, ein zweiter ausgemalt, Erzählungen meiner Kriegsthaten ihr felſenhartes Herz zu rühren.“ „Schön geſagt,“ erwiderte das lich lächelnd,„aber Gott bewahre mich vo Ende der Desdemona.“ „Ein Ende wie ein anderes,“ „ſie ſtarb, wie ich es mir nur wün Felde der Ehre.“ „Horch,“ ſagte die Gräfin,„ſie ru Nach dieſen Worten erhob ſie ſich, Athemzug und wiſchte ihre weiße Stirn mit d tuche, während ſie der Cajütenthür zuſchritt, die ſich nach einigen Augenblicken öffnete, worauf ein hochgewachſener ältlicher Herr eintrat. Er glich zu ſehr dem verſtorbenen als daß jemand, der dieſen gekannt und Jenen ſah, nur den mindeſten Zweifel hegen konnte, er habe den Bruder deſſelben vor ſich. Se. Herrlichkeit, obgleich viel älter, ſah übrigens kräftiger und geſunder aus, und aren bedeckt war, ſo wenn auch ſein Haupt mit weißen Ha ine freundlichen Augen wie die eines jüngeren junge Mädchen freund⸗ r Othello und dem ſagte Arthur übermüthig, ſchen könnte, auf dem fen ein Boot an.“ that einen tiefen em Taſchen⸗ Grafen Lotus, glänzten doch ſe Mannes. 268 Siebzigſtes Kapitel. „Allein?“ rief die Gräfin mit einem Tone des Schreckens. „Ganz allein, was den Erwarteten anbelangt,“ ſagte Se. Herrlichkeit achſelzuckend:„es iſt in der That eine ganz merkwürdige Geſchichte, die ich Ihnen ſo raſch und ſo kurz als möglich mittheilen will. Von dem Gouverneur bei mei⸗ nem zweiten Beſuche aufs freundlichſte aufgenommen, gelang es mir ohne viele Mühe, auf Juſſuf's Zeugniß geſtützt, den ganzen ſchlechten Handel des Advocaten Brancaccio und die Unſchuld des Marcheſe zu beweiſen, worauf Se. Excellenz, über deſſen Benehmen und Gerechtigkeitsgefühl ich nur Rüh⸗ mendes ſagen kann, zwei Befehle ausfertigte. Die Beſorgung des einen wurde mir anvertraut, und ich ſäumte nicht, mich ſo raſch als die Pferde laufen konnten, in das berühmte und berüchtigte Gefängniß der Vicaria zu begeben. Dabei war ich ſo glücklich, in dem Bureau deſſelben den Capo Carce⸗ riere zu finden, an den der Befehl Sr. Excellenz lautete. Dieſer Herr befand ſich übrigens in einer ganz außerordent⸗ lichen Aufregung und war beſchäftigt, die Wache ſo wie die Jammergeſtalt eines Schließers zu vernehmen, daß ich eine Zeitlang warten mußte, ehe er mir Gehör ſchenkte. Kaum aber hatte er einen Blick in mein Papier geworfen, als er verſchiedene Madonnen und Heilige anrief und mir nach allerlei ſonſtigen Ausrufungen, deren Sinn ich nicht verſtand, die Auskunft gab, der Gefangene, Marcheſe Fontana, habe ſich vor einer Stunde ſelbſt—“ „Um Gottes willen, was?“ rief die Gräfin angſtvoll. „Selbſt befreit, unter Umſtänden, wie in keinem Ge⸗ fängniſſe der Welt je etwas Aehnliches vorgekommen, und zwar mit Hülfe des bekannten Bandenchefs Chiavone.“ — — ——— ——— ——————..— —————n— Licht nach dunkeln Stunden. 269 „O— o—o—oh,“ machte Herr von Marlott in ungläu⸗ 1 bigem Tone;„erlauben mir Eure Herrlichkeit, Chiavone iſt wohl nicht mehr im Stande, jemand zum Entkommen aus dem Gefängniſſe behülflich zu ſein, denn bei dem Gefechte vor ein paar Tagen tödtete ich ihn, wie ſchon früher be⸗ merkt.“ „In dem Falle ergeht es mir wie dem Capo Carce⸗ riere: mein Verſtand ſteht mir ſtill, ich weiß nicht, was ich denken ſoll.“ „Und der Marcheſe?“ fragte die Gräfin. „Beruhigen Sie ſich, theure Schwägerin; glücklich aus dem Gefängniſſe entkommen, wird ihm hoffentlich nichts Schlimmes zugeſtoßen ſein!“ „Aber er wird mit dem, der ihn befreit, Neapel ver⸗ 1 laſſen haben und in die Berge geflohen ſein.“ 14„Mit Chiavone ſicherlich nicht,“ ſagte Herr von Mar⸗ lott, und wandte ſich dann flüſternd zu Roſa, welche aber ſeinen Worten keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. „Sie führten mich in die Zelle des Gefangenen, ſie zeigten mir verſchiedene Gegenſtände, die er zurückgelaſſen, Kleider, Bücher, das abgeriſſene Couvert eines Briefes, auf dem ſein Name ſtand, und der Schließer, dem das Unglück geſchehen war, erzählte mir und ſeinem Chef den Vorfall nochmals aufs allergenaueſte. Ich konnte nichts thun, als das Gefängniß verlaſſen, erlebte aber an der Thür deſſelben noch etwas, was die Wachmannſchaft und ſämmtliche Schlie⸗ ßer aufs neue in Aufregung brachte: ein kleiner barfüßiger Junge nämlich, ein Kind aus der Nachbarſchaft, hatte einen gewaltigen Bund Schlüſſel gebracht und dem Sergeanten — ——— ——— 8 Siebzigſtes Kapitel. der Wache mit einer freundlichen Empfehlung des Generals Chiavone übergeben.“ „Das iſt bei alle dem etwas ſtark!“ rief Herr von Marlott entrüſtet;„es freut mich in der That, daß der Marcheſe entkommen iſt, und es mag ein braver Kerl ge⸗ weſen ſein, der ihm dabei geholfen, aber unverſchämt finde ich es doch von dieſem, ſich den Namen eines Mannes bei⸗ zulegen, der nicht mehr exiſtirt, eines Mannes, der von meiner Hand gefallen, und für welche That ich decorirt wurde. Aber ſo ſind die Italiener, ſie können die Groß⸗ ſprecherei nicht laſſen, ſelbſt dann, wenn ſie dadurch in Gefahr kämen, erſchoſſen zu werden!— Chiavone leben, den ich todt vor mir liegen ſah!“ ſetzte er in verächtlichem Tone mit ſehr ausdrucksvollem Achſelzucken hinzu. Se. Herrlichkeit hatte die Gräfin an ihren Platz zurück⸗ geführt, wobei er leiſe und freundlich mit ihr ſprach und ihr dann den Umſchlag des Briefes gab, den man in des Gefangenen Zelle gefunden. „Es iſt Scherra's Hand,“ ſagte Francoiſe zu ihrer Schweſter, die ſtumm mit dem Kopfe nickte.— Das war der Augenblick, wo vom Bord des Dampfers die Barke Carlino's angerufen wurde.— Es gibt Situationen, geneigter Leſer, die man unmög⸗ lich beſchreiben kann, die ſo gewaltig und ergreifend ſind, daß jede Schilderung derſelben unangenehm, langweilig und matt erſcheinen muß; wer kann den flammenden Blitz malen oder die leuchtende Sonne, ja, wer iſt ſogar nur im Stande, dir das ſanfte Flimmern der Meeresflut anſchaulich zu machen, wenn du es nicht ſchon geſehen, oder den fußen Geruch der Roſe, wenn du ihren Duft nicht ſchon genoſſen? Licht nach dunkeln Stunden. 271 Haſt du aber Aehnliches, was der Erzähler dir zu ſchildern unternimmt, ſchon erlebt und gefühlt, ſo male ſie in dir aus, die Seligkeit einer ſolchen hellen Stunde, eines ſolchen Augenblickes des Glückes, wie ihn nach jahrelanger Tren⸗ nung Gaetano und Francesca erlebten.—— Se. Herrlichkeit hatte mit leiſen Schritten die Cajüte verlaſſen, ihm war Herr von Marlott nach einigem Wider⸗ ſtreben und Achſelzucken gefolgt, nur Roſa blieb auf ihrem Lehnſeſſel ſitzen und betrachtete, den Kopf in die Hände ge⸗ ſtützt, mit freundlich leuchtenden Augen die Beiden. Zu⸗ weilen, als Gaetano von ſeinen Schickſalen erzählte und wie ihn alle Hoffnung verlaſſen, trübte ſich für Sekunden ihr Blick, doch nur durch den Schleier herabrollender Thrä⸗ nen, wobei es eigenthümlich ausſah, daß trotz dieſes Aus⸗ druckes der Wehmuth doch ein glückliches Lächeln um ihre Lippen ſpielte. Sie hatte mit den Andern das kleine Gemach verlaſſen wollen, doch war ſie auf Francesca's Wunſch geblieben; hatte doch die Schweſter kein Geheimniß vor ihr, wohl aber hatten die beiden Schweſtern ein Geheimniß vor Gaetano, ein ſ 8, beſeligendes Geheimniß, über deſſen Offenbarung ſie l und emſig nachgedacht, ein beglückendes Geheimniß, das jetzt mit einem Male von ſelbſt löſ'te, als Eugen 7 ind ajüte trat, ſich in die Arme der Gräfin ſchmiegte, 4 und er ihre feuchten Augen ſah, die Frage an ſie rich⸗ 1 tete Varum haſt du geweint, liebe Mutter?“ s bedurfte nur eines Blickes in das ſchöne, offene 4 des Knaben und auf die niedergeſenkten Augen der 1b zutter, über deren bleiches Geſicht eine tiefe Röthe flammte, n Gaectano zu veranlaſſen, den Knaben heftig an ſich zu 4 S———— ——— 272 Siebzigſtes Kapitel. ziehen, ihm haſtig die Haare aus der Stirn zu ſtreichen, ſeine Züge zu betrachten und dann laut weinend ſein Haupt auf das des Knaben zu drücken. Von dieſem Anblicke überwältigt, hatte Roſa die Cajüte verlaſſen und ſich auf das Verdeck begeben, wo ſie ſich nie⸗ derſetzte, und heitere, ſo wie traurige Bilder der Vergan⸗ genheit um ihr inneres Auge gaukeln ließ. Nicht lange nachher betrat Gaetano mit Francesca und Eugen das Verdeck des Dampfers, und Francesca ſuchte die Schweſter auf, zog ſie an ihr heftig klopfendes Herz und hielt ſie ſo lange innig umſchlungen, bis der Marcheſe ihre Hand ergriff und ihre Blicke durch ein einziges Wort auf die Felswand des Poſilippo lenkte, die in unbeſtimmten nächtigen Umriſſen nur durch helle Punkte erkennen ließ, wo ſich Häuſer und Villen befanden. Doch verbarg ſie nach einem flüchtigen Hinſchauen ſchaudernd ihr Geſicht an Roſa's Schulter, wo⸗ bei ſie leiſe ſagte:„So glücklich ich auch vielleicht noch werden kann, ſo bin ich doch nicht im Stande, die ſchreck⸗ lichen Erinnerungen zu vergeſſen, die für mich an jenen Orten haften.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele,“ gab der Marcheſ⸗ zur Antwort;„Neapel erſcheint mir nach allem, was wir hier gelitten, nicht mehr als meine Heimat. Ich fühle mich hier einſam und verlaſſen, wir müſſen uns in einem anderen Lande eine neue, ungetrübte Exiſtenz ſchaffen.“ 1 Wir könnten eigentlich hier unſere wahrhaftige Geſchichte für beendigt anſehen, doch wollen wir nicht wieder den Vor⸗ wurf auf uns laden, als ſuchten wir den freundlichen und viel⸗ geliebten Leſer für Perſonen zu intereſſiren, um dieſe alsdande Licht nach dunkeln Stunden. plötzlich verſchwinden zu laſſen, ohne uns um ihre weiteren Schickſale zu bekümmern, und müſſen demnach der Wahrheit gemäß berichten, daß am anderen Tage nach dieſem denk⸗ würdigen Abende zwei Perſonen den Bord des Schiffes be⸗ traten, welche von Eugen, der ſich gerade mit Fiſchen be⸗ ſchäftigte, unter gewaltigem Jubelrufe empfangen wurden. Waren es doch ſeine beiden alten Freunde Bander und Richter, die von der Maſſeria di Fontana herbeigeeilt wa⸗ ren, wohin ihnen der Marcheſe bei Tagesanbruch Botſchaft geſandt. Das Erſcheinen Richter's, der, wenn auch mit verbun⸗ denem Arme, ſonſt übrigens wohlbehalten erſchien, erlaubt uns, die Zeit des geneigten Leſers zu ſchonen, indem es ſich nun von ſelbſt verſteht, daß Don Enrico, nachdem ihn Car⸗ lino vor einigen Tagen glücklich nach Neapel gebracht, ohne weitere Abenteuer die Wohnung Rafajele's wieder erreicht hatte, wo er Marietta fand, die bei ſeinem Anblicke ihre Freude mit ſüdlicher Glut ſo unverhohlen und heſtig äußerte, daß der Maſſaro ſo wie ſeine Frau über ihre Tochter durch⸗ aus nicht im Unklaren bleiben konnten und ſie lächelnd ge⸗ währen ließen. Was Bander anbelangte, ſo hatte er ſeinen Freund augenblicklich aufgeſucht, ſobald er durch Rafajele deſſen Ankunft erfahren, und war auf Anrathen dieſes Letzteren einige Tage droben geblieben, um durch ſeine Anweſenheit in Neapel als Freund des Marcheſe keinen neuen Argwohn uu erregen und ſo vielleicht den Plänen zu deſſen Befreiung hinderlich zu ſein. Eugen hatte die Hand Richter's ergriffen und zog dieſen Hackländer, Die dunkle Stunde. V. 18 — ——— 274 Siebzigſtes Kapitel. unter freudigen Ausrufungen die Treppe hinab nach der Cajüte, wo ſich Francesca und Roſa befanden. Letztere erbleichte ſichtlich beim Anblicke Richter's, und indem ſie die Anweſenheit eines Anderen ahnte, der ihrem Herzen ſo nahe ſtand, konnte ſich das ſonſt ſo ſtarke Mäd⸗ chen einer Erſchütterung nicht erwehren, die ſo heftig und gewaltig war, daß ſie mit einem flehenden Blicke auf ihre Schweſter, und nachdem ſie Richter ihre Hand gereicht, die dieſer bewegt an ſeine Lippen drückte, das kleine Gemach verließ. Als Bander hierauf in Begleitung Gaetano's ebenfalls erſchien, blieb er, unfähig, ein Wort zu ſprechen, an der Thür der Cajüte ſtehen, und ſeine Sinne verwirrten ſich faſt, als ihn der Marcheſe ſanft vor Francesca ſchob und mit bewegter Stimme ſagte:„Die Wittwe des Grafen Lotus i*ſt erfreut, Sie endlich kennen zu lernen, Sie, meinen lieben, theuren Freund und Beſchützer unſeres Kindes!“ Bander fühlte, überwältigt von dieſem Augenblicke, den innigſten Wunſch, der ſchönen Frau mit den weichen, lieben Zügen, mit den guten, feuchten Augen zu Füßen zu ſinken, und wir glauben auch, er führte dieſen Wunſch aus, denn nachdem er ihre beiden Hände ergriffen und dieſe innig ge⸗ küßt, ſchlang er ſeinen Arm um Eugen und fand ſich in der That knieend auf dem Teppiche des Bodens. Da hörte er leiſe neben ſich ſeinen Namen ausſprechen, und als er, ergriffen von dem tiefen, bekannten Klange der Stimme, raſch emporſprang, befand er ſich Roſa gegenüber. Dieſe blickte die Anweſenden mit ihren dunkeln, leuchtenden Augen, aus denen das reinſte Entzücken, die höchſte Selig⸗ keit ſtrahlte, ſo ruhig als möglich der Reihe nach an, als 275 Licht nach dunkeln Stunden. wollte ſie ſagen: Was ich thue, das geſchieht mit Ueber⸗ legung; eure Augen, ja, die der ganzen Welt dürfen es ſehen!— Darauf ſank ſie erröthend an die Bruſt des geliebten Mannes. Die Thür der Cajüte war in dieſem Augenblicke durch Arthur von Marlott leiſe geöffnet und beim Anblicke dieſer Gruppe mit einem ſehr erſtaunten Geſichte eben ſo leiſe wieder geſchloſſen worden, da er wahrhaftig im erſten Au⸗ genblicke nicht wußte, wie er ſich dieſer Thatſache gegenüber benehmen ſollte. Se. Herrlichkeit, welche gerade die Cajüte verließ, half ihm indeſſen über dieſe quälenden Zweifel hin⸗ weg, indem er ihn am Arme nahm und auf das Verdeck führte, wobei er ſagte:„Ein ſolcher Anblick, mein lieber Vetter, hat etwas Peinigendes für einen alten Mann, wie ich bin, ſo wie für einen jungen Krieger, wie Sie ſind, dem der Lorber des Krieges nicht geſtatten will, die ſüßen Blüthen eines friedlichen Lebens um ſein Haupt zu ſchlingen. Kom⸗ men Sie mit mir ans Land, ich will noch einige Geſchäfte ſelbſt beſorgen, damit der ‚Lotus' ſo bald als möglich wieder nordwärts dampfen kann.“ „Was den Lorber des Sieges anbelangt,“ entgegnete Arthur in verdrießlichem Tone, indem er ſeine verwundete Hand zeigte,„ſo wird es wahrſcheinlich bei den paar ärm⸗ lichen Blättern bleiben, die ich das Glück hatte, mir zu erringen. Peſt und alle Teufel!“ fluchte er plötzlich in ſich hinein,„ſo können dieſe Weiber ſich verſtellen— o— o— o! Ich fürchte faſt, das einzige Herz, welches mich verſtanden und das mich wahrhaft geliebt, beſeſſen und wieder verloren zu haben.“ — 276 Siebzigſtes Kapitel. „Und iſt Ihre Verwundung in der That ſo bedeutend?“ fragte Lord Clifton mitleidig. „Sie wird mir zwei ſteife Finger hinterlaſſen, und da ſie meine rechte Hand betroffen hat, ſo werde ich den Säbel nicht mehr führen können. Pah, was iſt da zu machen,“ fuhr er in einem leichten Tone fort,„grämen werde ich mich darüber nicht, indem ich die Geſchichte hier ſo ſatt hatte, als man nur etwas haben kann!“ „Das begreife ich vollkommen; dieſer eigenthümliche Krieg ſieht ſich aus der Ferne anders an, als er in der Wirk⸗ lichkeit iſt.“ „Ganz richtig, und da das wohl niemand ſo fühlen kann, als ich, ſo verſchaffte ich mir einen mehrmonatlichen Urlaub, den ich in einen Abſchied zu verwandeln gedenke. — Was ſind unſere Plänel“ ſetzte er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen mit einem ſo ernſten Geſichte hinzu, als man ſelten an ihm gewohnt war;„als ich geſtern Mor⸗ gen das Zeichen des ‚Lotus' ſah, war mein Herz vor Freude bewegt, und als ich hierauf alle die wiederfand, welche ich ſo raſch und unüberlegt verlaſſen, da malte ich es mir mit den entzückendſten Farben aus, Eurer Herrlichkeit Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch zu nehmen und mit Ihnen über England nach Hauſe zurückzukehren.“ „Und was hindert Sie daran? Seien Sie verſichert, Ihre Geſellſchaft, lieber Vetter, wird uns allen herzlich will⸗ kommen ſein.“ „Was mich daran hindert?“ gab Arthur mit einem bit⸗ teren Lachen zur Antwort;„nun, die ſüßen Blüthen eines friedlichen Lebens, die ich nicht im Stande bin, um meine Stirn zu ſchlingen.“ üb kön fel hät ſche thu übe wir ſich uns Art freu den bis ben ſein von dock gebe hind kand une Licht nach dunkeln Stunden. 27 „Aha, ich verſtehe, lieber Arthur! Doch ſo viel ich über die Geſchichte hörte, hätten Sie darauf vorbereitet ſein können.“ „Den Teufel auch! Mir zeigte ſie beſtändig ein ſo felſenhartes Herz, daß ich eher an meinen Tod geglaubt hätte, als an das Wunder, das ſich hier begeben zu haben ſcheint.“ „Vor einem Wunder muß man ſich beugen, lieber Ar⸗ thur, wie überhaupt vor ſo manchem, was das Schickſal über uns verhängt. Seien Sie vernünftig, und wenn Sie wirklich die Abſicht haben, dieſes Land zu verlaſſen, ſo bietet ſich Ihnen doch wahrhaftig keine beſſere Gelegenheit, als mit uns zu fahren.“ „Eine herrliche, eine entzückende Gelegenheit,“ ſeufzte Arthur,„das iſt nur zu wahr! Herzlichen Dank für Ihr freundliches Anerbieten, ich will es mir überlegen. Wann denken Sie Neapel zu verlaſſen?“ „Hoffentlich heute Abend noch; Gaetano verſprach mir bis dahin mit ſeinen Geſchäften vollends im Reinen zu ſein.“ Der Marcheſe erſchien jetzt mit Richter und dem Kna⸗ ben; Letzterer hatte die Hand ſeines Freundes erfaßt und ſein dankbares Gemüth forſchte bei Richter nach Nachrichten von allen ihren ehemaligen gemeinſchaftlichen Bekannten, doch wußte ihm dieſer natürlicher Weiſe wenig Auskunft zu geben, da er die Heimat früher verlaſſen. Arthur von Marlott, der nachdenkend über das Meer hinweggeſchaut, wandte ſich jetzt um, und ſein Erſtaunen kannte keine Grenzen, als er mit einem Male und ſo ganz unerwartet den Flüchtling von Ravello vor ſich ſah. „Das iſt wahrhaftig ein Tag der Wunder!“ rief er aus; 278 Siebzigſtes Kapitel. „ſagen Sie mir um des Himmels willen, wie kommen Sie hieher, und ſo wohlbehalten? Nach den Berichten unſerer Leute ſind Sie zehnmal erſchoſſen worden, und Ihre Gebeine ſollten von Rechts wegen in irgend einer unzugänglichen Schlucht bleichen. Sind Sie's denn in der That?“ „Gewiß, Herr von Marlott, ich bin es, wohlbehalten bis auf die kleine Verwundung, die ich aber damals ſchon hatte, als Sie mich ſo freundlich und theilnehmend be⸗ handelten.“ „Hole der Henker dieſe Theilnahme! Ich hätte Sie wahrhaftig vor dem Erſchießen nicht retten können! Ja, wenn mein Hauptmann nicht eine ſo giftige Feuerzange ge⸗ weſen wäre! Aber glauben Sie mir,“ ſetzte er vertraulich hinzu,„es war kein Menſch glückſeliger, als ich, als mir Ihr Entkommen gemeldet wurde, und erſt die Wuth und der Jammer des Capitano! Ich hätte mich todtlachen können, mußte aber ein ernſtes Geſicht machen, denn mein würdiger Chef hatte mich ſo in Verdacht, Ihnen ein bischen behülflich geweſen zu ſein.“ „Kam die Wirthin des Hauſes durch meine Flucht in Ungelegenheit?“ fragte Richter angelegentlich. „Es ging bei ihr allerdings ſcharf am Eingeſtecktwerden vorbei, doch war der Major ſo vernünftig, zu erklären, daß man mit Weibern keinen Krieg führe, und ſonſt konnte man niemand etwas beweiſen; der dicke Wirth zur ‚goldenen Zwiebel’ wurde ſchlafend in ſeinem Bette gefunden und die beiden Kerle, die Ihnen geholfen haben, waren mit Ihnen ſpurlos verſchwunden. Was endlich den Hund unſeres Wirthes anbelangte, der einen unſerer Soldaten tüchtig an der Kehle packte, ſo entging er einer Kugel nur dadurch, als Schl „Lotu Matr kette; die k fande Emp tend, mung Dort tend des d Cypre wo F Hauch Blick der S nien e letzten wie ei hin de Bürgſe T auf de Schiffe keit hit denen id die Ihnen nſeres küchtig durch, Licht nach dunkeln Stunden. 281 als behagliche Exiſtenz des jungen Paares droben auf dem Schloſſe der Fontana geſorgt werden ſolle. So war denn der Abend gekommen, und am Bord des Lotus’ vernahm man unter dem taktmäßigen Geſange der Matroſen das Klirren der ſich langſam aufwindenden Anker⸗ kette; aus dem Schornſteine ſtiegen dunkle Rauchwolken in die klare Abendluft empor, und alle unſere Bekannten be⸗ fanden ſich auf dem Halbdecke des Schiffes, mit gemiſchten Empfindungen die maleriſche Wand des Poſilippo betrach⸗ tend, die, jetzt in tiefe, ernſte Schatten gehüllt, zu der Stim⸗ mung manches der erregt klopfenden Herzen zu paſſen ſchien. Dort oben lag die Villa San Antonio, heller hervorleuch⸗ tend aus dem dunkeln Grunde der Orangen, Citronen, des Lorbers und der ſchwarz aufſteigenden, majeſtätiſchen Cypreſſen. In dem Lichte des Abends wehte es von dem Orte, wo Francesca ſo ſehr geliebt und ſo ſehr gelitten, wie ein Hauch der Trauer auf ſie herab und ließ ſie gern ihren Blick in die Höhe erheben, wo über dem alten Kloſter auf der Spitze des Berges, hoch über den rieſigen, dunkeln Pi⸗ nien ein weißes Gewölk am Himmel ſchwamm, welches, die letzten Strahlen der ſinkenden Abendſonne empfangend, nun wie eine prachtvolle Feuerroſe aufblühte, im Widerſchein weit⸗ hin den Golf entzündete und vergoldete und ihr wie die Bürgſchaft für eine lichte, glückliche Zukunft erſchien. Der kleine Dampfer ſchwankte jetzt, ſeiner Kette ledig, auf der wogenden Flut kaum merklich hin und her; der Schiffs⸗Kommandant trat mit einer Frage vor Se. Herrlich⸗ keit hin, welche dieſer bejahte, worauf Richter, der ſich ver⸗ 282 Siebzigſtes Kapitel. gebens bemühte, ein ernſtes, man möchte ſagen: gleichgül⸗ tiges Geſicht zu machen, heftig anfing, mit den Augen zu zwinkern, und höchſt ſonderbare Grimaſſen ſchnitt, um die Gefühle zu verbergen, welche nun plötzlich und mit aller Macht über ihn herfielen. Hätte er in dieſem Augenblicke zwei Dutzend Hände gehabt, ſo würden ſie doch nicht aus⸗ gereicht haben. Von den Männern ſchob ihn einer dem anderen zu, und nachdem Bander ihn mit feuchten Blicken lange in den Armen gehalten, ſchlang Eugen ſeine Arme auch weinend um den Hals ſeines Freundes und konnte nur dadurch einigermaßen beruhigt werden, daß Richter das feierliche Verſprechen gab, ihn noch im Laufe des Jahres zu beſuchen. Gaetano legte dann die Rechte auf ſeine Schulter und führte ihn ſanft an den Bord des Schiffes. Hier ſagte der Marcheſe:„Sie werden ſich erinnern, mein lieber Freund, daß es Ihr eigener dringender Wunſch war, hier bleiben zu dürfen, und ich bitte daher nicht zu vergeſſen, daß mein Haus ſtets, wo ich mich auch aufhalten mag, für Sie— und noch ſonſt jemand offen iſt, und daß ich das Verſprechen, welches Sie Eugen gaben, als eine Verpflichtung betrachte, die Sie auch gegen uns erfüllen müſſen.— Und nun behüte Sie Gott, mein lieber, guter, theurer Freund, Seien Sie glück⸗ lich und laſſen Sie uns an Ihrem Glücke Theil nehmen, indem Sie uns bald und umſtändlich darüber berichten.— Adien Richter!“— Wie Don Enrico in ſeine Barke gekommen war, wußte er ſelbſt nicht ganz genau, aber jetzt ſtand er aufrecht in derſelben und wurde aus ſeinen tiefen Träumereien geweckt x x Licht nach dunkeln Stunden. 283 durch die heftig ſchwankende Bewegung des kleinen Bootes, das ſich nach rechts und nach links neigte, indem der davon dampfende ‚Lotus⸗ das Waſſer mit ſeinen Schaufelrädern auf⸗ wühlte. Richter blickte mit offenen, ſtarren Augen dem da⸗ von eilenden Fahrzeuge nach, von deſſen Bord weiße Tücher ihm nochmals einen herzlichen Abſchied zuwinkten; aus ſeinen Augen tropften dicke Thränen, und er wußte ſelbſt nicht, wie er dazu kam, leiſe vor ſich hin zu ſingen nach einer Weiſe, die ihm plötzlich durch den Kopf ſummte: „Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet Entflieht auf leichtem Kiel, Auf leichtem Kiel entfliehet Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet.“ Wir könnten jetzt noch viele Einzelheiten darüber hinzu⸗ fügen, wie Richter eine Stunde ſpäter gedankenvoll durch die Schlucht hinter Avenella hinaufſtieg, und wie ſich ſein ernſtes Gemüth erheiterte, als er dort am Wege Marietta ſitzend fand, die mit einem lauten Aufſchrei des Entzückens an ſeinen Hals flog, dann ihren Arm in den ſeinigen ſchob, ſich innig an ihn ſchmiegte und ihm luſtig plaudernd mittheilte, wie ihr Herz geſchlagen, als ſie von oben geſehen, wie der Dampfer den Golf verlaſſen. „Du zweifelteſt doch nicht an mir?“ fragte er ſie. „ An dir nicht, mein Enrico,“ gab das Mädchen mit einem leuchtenden Blicke zur Antwort,„aber deine Freunde haben gewiß den Verſuch gemacht, dich zu überreden, mit ihnen zu gehen.“ „Nein, gewiß nicht,“ gab Richter „ſie wiſſen mich in guten Händen.“ lachend zur Antwort; * — ————- 284 Siebzigſtes Kapitel. „Und was glaubſt du darüber?“ „Daſſelbe, meine ſüße Marietta.“ „O mein lieber Enrico!“— Doch wollen wir uns mit Vorſtehendem und dem Zu⸗ ſatze begnügen, daß auf Anordnung des Marcheſe und unter Don Enrico's Oberleitung das Schloß der Fontana raſch in wohnlichen Stand verſetzt wurde und daß nach einigen Mo⸗ naten Herr und Frau Richter auf dem Balcon deſſelben ſaßen, und wenn ſie nach Amalfi hinüberblickten, ſich gern jener Tage erinnerten. Don Ercole Cerdoni war ein inniger Freund des jun⸗ gen Paares geworden und hatte die Verwaltung der Güter der Familie Fontana übernommen und in Richter's Hände übergeben. Da ſich bei der Abrechnung einige bedeutende Differenzen herausſtellten, auch ſonſt Dinge zur Sprache kamen, die et⸗ was zweideutiger Natur waren, ſo verlängerte ſich der Aufent⸗ halt Don Nicola Brancaccio's in der Vicaria auf eine für dieſen ſehr unangenehme Weiſe. Der ‚Lotus' hatte unterdeſſen ſeine Fahrt nach England fortgeſetzt und war dort glücklich in dem Hafen von Ply⸗ mouth vor Anker gegangen, von wo die Reiſenden alsbald nach Lotushall aufbrachen, in deſſen Nähe der Marcheſe und Bander ein kleines Cottage bezogen und ſelbſtredend tägliche Gäſte auf dem Schloſſe bei Sr. Herrlichkeit, bei Francesca und Roſa waren. Dieſes Cottage, welches Gaetano ange⸗ kauft, lag bei dem kleinen Dorfe, das zu Lotushall gehörte, und in der kleinen, reizenden Kirche deſſelben wurden nach Verlauf der geeigneten Zeit an Einem Tage, ja, in Einer Stunde rer ein Hoffnu heit ein Stund Herzen A zuge n eine ſt˖ zurückg beerber hatte ehema er die nehme wurde 1 Beſue nie ge lott b beglei kopp einige ihre dazu Spei ſichti mane terſtü m Zu⸗ unter aſch in n Mo⸗ ſaßen, n jener 's jun⸗ Güter Hände erenzen die et⸗ Aufent⸗ ine für ngland n Ply⸗ alsbald 2ſe und tägliche ancesca dange⸗ gehörte, en nach Einer Licht nach dunkeln Stunden. 285 Stunde zwei glückliche Brautpaare getraut, welchen der Pfar⸗ rer eine ſehr ſchöne Rede hielt, worin er unter Anderm die Hoffnung ausſprach, daß dieſe beiden Paare, deren Vergangen⸗ heit eine ernſte und leidvolle geweſen ſei, künftig vor dunkeln Stunden bewahrt bleiben möchten, wozu wir aus vollem Herzen Amen ſagen. Arthur von Marlott, der aus ſeinem italieniſchen Feld⸗ zuge neben der Tapferkeits⸗Medaille für Erlegung Chiavone's eine ſteife Hand davongetragen hatte, war nach Deutſchland zurückgekehrt, um ſich ſeinem alten, reichen Onkel, den er zu beerben hoffte, in günſtige Erinnerung zu bringen. Dieſer hatte unglücklicher Weiſe aber wieder geheirathet, was den ehemaligen glänzenden Huſaren⸗Offizier ſo tief verletzte, daß er die Reſidenz verließ und die Stelle eines Steuerein⸗ nehmers annahm, für die er von alten Bekannten protegirt wurde. Unſere letzten Nachrichten über ihn lauten, daß er auf Beſuch bei Henderkopp's geweſen, deſſen Anſtalt ſich zu einer nie geahnten Höhe erhoben hatte, und daß Herr von Mar⸗ lott bei dieſer Gelegenheit von einer kleinen, blonden Frau begleitet geweſen ſei, welche die Frau des Doctors Hender⸗ kopp freudig erregt in ihre Arme ſchloß, worauf Beide nach einigen Thränen zu der Anſicht kamen, daß der Himmel ihre Geſchicke gütig und freudig gewendet habe.— Auch dazu ſagen wir im Geiſte Amen, wie es Frau Wittwe Speiteler in Wirklichkeit that, die als eine rüſtige und um⸗ ſichtige Frau ihren Schwiegerſohn kräftig in der Lenkung mancher ziemlich unbeugſamer Charaktere der Anſtalt un⸗ terſtützte. —yyy 286 Siebzigſtes Kapitel. Licht n. d. Stunden. Was nun endlich Juſſuf anbelangt, für deſſen Schickſal ſich mehrere meiner verehrten Leſerinnen, wie ich das durch Schriftſtücke beweiſen kann, angelegentlich intereſſirt, ſo kehrte derſelbe, im Teſtamente ſeines verſtorbenen Herrn reichlich bedacht, nach Indien zurück, wo er, dem Glauben ſeiner Väter getreu, vielleicht in dieſem Augenblicke vor einer Lotus⸗ blume knieet und ſich dabei wahrſcheinlich ſeiner edeln und gütigen Herrin erinnert.—