———— 8 5883 — έꝝ ꝑ — 28 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzu 6 —ðℳ⸗⸗-ℳ--——é an —,——— ſiſcher Literatur vor Eduard Ottmann in Bibſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25 2 ——— Leih- und 5 Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 5 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bef Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den aneno mien. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: an — für wöchentlich 2½ Bücher: 4 4⁴ Bücher: her: 6 Bücher: 1 ————— 8 auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1Mr. Mk. 50 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 Auswärtige Abonnenten haben für Kin⸗ und Zurückſendung der Büͤchen guf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ⁸ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich b bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Waſdfen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſondens darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 — Die dunkle Stunde. ˖˖—— Dritter Band. Die Dunkle Stunde von F. W. Hackländer. — Dritter Band. Stuttgart. V Verlag von Adolph Krabbe. 1863. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Inhalt. Vierunddreißigſtes Kapitel. Dunkle Stunden Fünfunddreißigſtes Kapitel. Nach der Hochzeit. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Der Ausbruch einer Verſchwörung Siebenunddreißigſtes Kapitel. Eine ärztliche Conſultation.. Achtunddreißigſtes Kapitel. Bei dem Theater⸗Friſeur....... Ueununddreißigſtes Kapitel. Aufklärungen Vierzigſtes Kapitel. Gaetano........... Seite 31 60 90 122 140 165 Inhalt. Einundvierzigſtes Kapitel. Moſes Goldſtein's dunkle Stunde.. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Familienrath... ..** Dreiundvierzigſtes Kapitel. Nachwirkung dunkler Stunden...... Die dunkle Stunde. —————— Vierunddreißigſtes Kapitel. Dunkle Stunden. Der freundliche Leſer wird ſich vielleicht noch erinnern, daß der Laden der Frau Wittwe Speiteler in der Zeit, welche dem heute ſtatt findenden Hochzeitsfeſte vorausging, auf die ausgezeichnetſte Art geſchmückt erſchien, ja, der Ge⸗ ſchmack der neu angenommenen Ladenjungfer traf noch oben⸗ drein häufig kleine Anordnungen, um ſelbſt eine allenfallſige Monotonie in dieſer wunderbaren Ausſtellung durch tägliche, an ſich unbedeutende Nuancirungen zu verwiſchen. Sie wech⸗ ſelte mit den Blumen, ſie ließ zwiſchen harmloſen geräucherten Bratwürſten feine Erzeugniſſe der Metzgerkunſt, als Würſte in ſilbernen Schalen, oder vergoldete Ferkelfüßchen durch⸗ ſchimmern; ſie beleuchtete Gläſer mit gefärbtem Waſſer Abends von hinten und brachte dadurch unerhörte Effecte zuwege; ſie hörte mit großer Freude die Ausrufungen des Entzückens der vor dem Laden ſtehen bleibenden Straßenjungen, und geſtand ſich aber dagegen am Tage vor der Hochzeit mit Hackländer, Dien unkle Stunde. III.. 1 2 Vierunddreißigſtes Kapitel. Schrecken, daß eine Steigerung für morgen rein unmöglich ſei. Darin hatte ſie Recht: es konnte in dieſem Genre nichts Reizenderes und Lieblicheres geſchaffen werden, und deßhalb war der Beſchluß der Frau Wittwe Speiteler, da eine Stei⸗ gerung unmöglich ſei, für heute, den feſtlichen Tag, gar nichts ſehen zu laſſen, der allergeſcheiteſte. Deßhalb ſah denn auch die Straßenjugend ſchon am heutigen frühen Morgen grüne Vorhänge vor den Fenſtern herabgelaſſen, und ſtatt der Herr⸗ lichkeit, die geſtern noch hier zu ſchauen war, nur eine Reihe von Porzellanvaſen voll blühender Blumen. Auch für die täglichen Kunden war dies ein Wink, heute nicht den Verſuch zu machen, um die Hochzeitsfeier zu ſtören, denn wie vorn die Fenſter durch Vorhänge maskirt, ſo blieb zur Seite auch der Laden geſchloſſen, und der Lehrjunge, der in ſauberer, blauer Jacke, rother Weſte und ſchneeweißer Schürze am Eingange ſtand— er hatte ſpäter die Obliegenheit, mit Hülfe eines der Knechte den Wein aus dem Keller herauf zu för⸗ dern— machte eine entſchieden mißbilligende und verneinende ſtumme Geberde, wenn es trotzdem jemand wagen wollte, ſich der verſchloſſenen Ladenthür zu nähern. Von dem hinteren Theile der Hausflur her, wo alle die ſchaurigen Requiſiten der ehrſamen Metzgerzunft, der mächtige Hackblock mit dem breiten Beil, die blinkenden Klingen der langen und ſpitzen Meſſer, blutige Kübel und auch die weißen Leichname der gemordeten Schweine ſorgfältig entfernt worden waren, drang ein angenehmer feiner Duft hervor, zwiſchen dem der wohlriechende Brodem der Gans und geſchmorter Aepfeln vorherrſchend war. Drang man weiter in jenes Heiligthum und warf einen Blick in die große und ſchöne Küche, ſo ſah man hier alles in unerhörter Thätigkeit, ſo die tige der ißen rden chen orter enes höne ſo Dunkle Stunden. 3 bemerkte man die gewöhnlich unumſchränkte Herrſcherin dieſer Räume mit Kartoffelſchälen beſchäftigt, und ſah andere fremde weibliche Geſtalten die höheren geheimen Myſterien beſorgen, das Ganze aber kommandirt von einer Kochfrau erſten Ranges, die mit hochrothem Geſichte in alle Töpfe ſchaute, hier Zucker und dort Salz beifügte, alle Saucen verſuchte, links in einem Topf rührte, rechts eine Caſſerolle vom Feuer wegſchob, und zwiſchen dieſen verſchiedenen Beſchäftigungen jedes Mal an den Anrichttiſch zurückkehrte, wo ſie einer Flaſche Wein zu⸗ ſprach, von dem ſie jetzt ein Glas trank, um gleich darauf ein anderes mit feinem Zwieback auszutunken. Auf einem Nebentiſche ſah man eine ganze Batterie von Porzellantellern und Geſchirren aller Art aufgepflanzt, deren Maſſe ſich aber zuſehens verringerte, da jeden Augenblick Dienſtmädchen in weißen Schürzen erſchienen, welche das Service in die Speiſe⸗ zimmer des erſten Stockes trugen. Hier ſah man einen Freund des Hauſes, der zugleich königlicher Tafeldecker war, beſchäftigt, ein Werk herzurichten, das ſeinen Meiſter. loben mußte; wenn man die ſelbſtgefällige Miene des Herrn be⸗ trachtete, mit der er die wohl und zierlich geordneten Reihen von Porzellan, Kryſtall und Silber betrachtete, ſo konnte man wohl überzeugt ſein, daß ein Kenner damit zufrieden ſein mußte. In den übrigen Zimmern war es ſtill und leer, denn die näher Betheiligten, ſo wie die Hochzeitsgäſte waren in der Kirche verſammelt, um die Hauptfeier dieſes außer⸗ ordentlichen Tages zu begehen. Was den Anzug der Braut betraf, ſo war es ſelbſt⸗ redend, daß der Schneider Schweizer etwas Außerordent⸗ liches geliefert hatte, aus Kunſt that er, was er konnte, und war ſehr erfreut, als ſeine zeitweilige Gehülfin, Mamſell 8—— ———QC—C—C——-————-õ— Vierunddreißigſtes Kapitel. Roſa, ſich angeboten hatte, beim Anziehen der Braut gegen⸗ g wärtig zu ſein. Letzterer war dies auch doppelt angenehm, 3 denn erſtens kannte ſie die kundige Hand der Gehülfin, und g zweitens liebte ſie deren Perſönlichkeit, ihr offenes energiſches 1 Weſen, ihre vernünftige Art, Sachen und Verhältuiſſe an⸗ 4 zuſchauen. Hatte doch Sophie ihre Mutter dringend gebeten, G ddie Roſa mit zur Hochzeit einladen zu dürfen, hatte ſie ihr 1 ddooch vorgeſtellt, Roſa würde ſich gewiß gut anziehen, ſie ſei d ein ſo hübſches Mädchen und wüßte ſich ſo gut zu benehmen. Dazu aber wollte ſich die würdige Wittwe nicht verſtehen n und antwortete:„Man muß in der Welt Unterſchiede zu ſ machen wiſſen, und wenn es mir auch nicht unlieb war, daß 8 du mit Roſa ſprachſt, als ſei ſie deines Gleichen, ſo haben f wir doch an deinem Hochzeitstage Gäſte, die es dir mit Recht 3 übel nehmen würden, wenn du eine Nähterin mit ihnen an den gleichen Tiſch ſetzen würdeſt.“ l Hatte nun Sophie geglaubt, die Roſa würde erwarten, f von ihr eingeladen zu werden, genug, ſie ſagte ihr während f des Anziehens ein paar Worte, welche wie eine Entſchul⸗ 4 digung klangen, doch küßte die Gehülfin des Schneiders die 1 Braut darauf heiter auf die Stirn und gab ihr zur Ant⸗ wort, daß es ihr unmöglich ſein würde, dem Hochzeitsfeſte beizuwohnen, ſelbſt wenn ſie eine Einladung erhielte.„Es t freut mich,“ ſetzte ſie hinzu,„Sie heute Morgens noch ge⸗ 8 ſehen zu haben, um Ihnen etwas helfen zu können. Wahr⸗ haftig,“ fuhr ſie freundlich lächelnd fort,„Sie ſehen ſehr ſ hübſch aus, Sophie. Mit dem Bewußtſein gehe ich fort, b und bitte Sie noch einmal, meinen herzlichen Glückwunſch annehmen zu wollen.“ Dabei hatte ſie ihr beide Hände ge⸗ reicht, welche die Braut nicht nur haſtig ergriff, ſondern ſich Dunkle Stunden. 5 ⸗ auch mit einer raſchen Bewegung in die Arme des jungen , Mädchens warf, ihren Kopf an deren Bruſt drückte, ſogar d auf die Gefahr hin, den ſchönen Myrtenkranz zu zerknittern, 8 und laut anfing zu weinen. i⸗„Nicht ſo,“ bat Roſa ſanft,„ich habe ſchon von man⸗ , chen Bräuten gehört, daß ſie am Hochzeitstage ein eigen⸗ yr thümlich ſchmerzliches Gefühl bewegt hätte, aber Thränen ei dürfen nicht geſehen werden.“ n.„O, es ſieht ſie auch niemand als Sie, Roſa, und Sie en werden mich verſtehen, ja, Sie müſſen es verſtehen, wie ent⸗ uu ſetzlich unglücklich ich bin.“ nß„Ihre Thränen ſprechen mir davon, und auch wohl en früher Ihre ernſte, kummervolle Miene. Aber ſehen Sie nicht ht zu ſchwarz, Sophie. Gewiß, Ihr Bräutigam liebt Sie, und in ich bin feſt überzeugt, daß dieſe Thränen für lange Zeit Ihre letzten ſein werden. Aber faſſen Sie ſich!“ n,„O, laſſen Sie mich weinen, ich werde mich alsdann zu nd faſſen wiſſen, ſehe ich doch Thränen in Ihren Augen. O, il⸗ Roſa, warum haben wir uns früher nicht näher gekannt, Sie die mit Ihrem feſten Sinn hätten mir geholfen.“ it⸗„Ich höre ſich jemand dem Zimmer nähern,“ gab die ſte Gehülfin des Kleidermachers zur Antwort;„blicken Sie auf, Es trocknen Sie Ihre feuchten Augen, blicken Sie heiter in das ge⸗ Leben, gewiß, Sie können es. Und nun, Sophie, wünſche hr⸗ ich Ihnen frohe Stunden, Sonnenſchein auf Regen,“ ſetzte hr ſie lächelnd hinzu;„in ein paar Tagen ſehe ich nach Ihnen, rt, wenn es mir möglich iſt.“ ſch„Nicht in ein paar Tagen, Roſa, ſehen Sie heute noch einen Augenblick nach mir, ich bitte Sie herzlich darum. Vierunddreißigſtes Kapitel. Kommen Sie nach Tiſche, ehe ich das Haus verlaſſe; nicht wahr, Sie kommen?“ „Wenn es mir möglich iſt, ich will ſehen.“ „Warum ſollte es Ihnen nicht möglich ſein? Es iſt Ihnen möglich; nicht wahr, Sie verſprechen mir, zu kommen?“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ erwiderte die Andere mit einem ruhigen Nicken des Kopfes, und verließ langſam das Zimmer. Sophie blickte ihr nach, und während ſie mühſam nach Faſſung rang, ſprach ſie zu ſich ſelber:„O, wie glücklich iſt dieſes arme Mädchen! Wenn ſie einmal liebt, ſo wird der, den ſie liebt, ihrer werth ſein, und ſie muß glücklich werden. O, nähme ſie dieſen Myrtenkranz und dieſen Schleier, und gäbe ſie mir ihr unſcheinbares Kleid und ihre Freiheit, und ließe mich in das Leben hinausgehen, um mein Brod müh⸗ ſam mit meiner Hände Arbeit zu verdienen.“ Dann war Frau Speiteler erſchienen und hatte die Braut ins Nebenzimmer geführt, wo ſich Brautjungfern und Bräu⸗ tigam befanden. Eine Viertelſtunde nachher waren alle in der Kirche.— „Wie die Zeit vergeht, du lieber Gott,“ ſagte etwas ſpäter die Kochfrau in der Küche, nachdem ſie auf die ſchwarz⸗ wälder Uhr geblickt, die luſtig hin und her pendelnd ſchon ein Uhr zeigte,„ſollte man nicht meinen, ſo ein Ding liefe abſichtlich geſchwinder, wenn man viel zu thun hat? Eilt ein wenig, Liſette, Babette! So, die Suppe näher ans Feuer, gebt den Klöschenteig herüber, ich muß wahrhaftig daran denken, daß es bald losgehen kann; freilich ſoll das Eſſen erſt um zwei Uhr beginnen, aber das hängt alles davon ab, ob es in der Kirche langſam oder geſchwind geht, und das je Dunkle Stunden. 7 hängt wieder davon ab, ob der Pfarrer Hunger hat oder nicht, und ich vermuthe ſtark das Erſtere.— Reich' mir das Salz daher!— Nun, Herr Tafeldecker,“ wandte ſich die unermüdlich hin und her ſchießende Frau an dieſen würdigen Beamten,„ſind wir oben fertig?“ „Alles in Ordnung bis auf den Wein, den ſollte man jetzt aufſtellen.“ „Natürlicher Meiſe,“ rief die Kochfrau faſt erſchrocken, „ich kann nicht alles auf einmal behalten! Ruft mir einmal den Philipp her, und der Ludwig ſoll die Körbe richten, und da, Katharine, ſind die Schlüſſel; geh' Sie mit hinab und laſſe Sie vom rothen und weißen, er ſteht abgeſondert im I Vorkeller, von jedem dreißig Flaſchen bringen. Zähl' Sie auch den Champagner noch einmal nach,“ ſetzte ſie leiſe hinzu, „er ſteht in Eis in dem großen Waſchkübel, es müſſen 24 Flaſchen ſein, eigentlich 25,“ ſagte ſie noch leiſer,„aber es gelten nur 24. Madame Speiteler hat es ſo befohlen, die hat doch auch ein Einſehen, und weiß, wie ſich eine arme Kochfrau plagen muß.“ „Soll ich die 25. gleich mit hinaufbringen?“ fragte Katharine.— „Gott bewahre, drück' Sie ſie noch recht feſt ins Eis; nach dem Anrichten muß man einen recht kühlen Trunk thun können, es iſt jetzt ſchon hier zum Verbraten, jetzt ſpute Sie ſich, Katharine.“ ſ Und damit raſ'te Katharine von dannen, mit den Schlüſ⸗ ſeln klappernd und ſo raſch, als es ihre alten Beine erlaub⸗ ten. Hinter ihr drein verſchwanden in der dunkeln Keller⸗ öffnung Philipp der Knecht und Ludwig der Lehrjunge, mit großen Körben bewaffnet, die ſie wenige Augenblicke nachher 8 Vierunddreißigſtes Kapitel. gefüllt wieder hinauftrugen in den erſten Stock, wo der Herr Tafeldecker die Flaſchen in Empfang nahm und mit einer bewunderungswürdigen Sorgfalt auf dem Tiſche rangirte. Dann rückte er auch noch hie und da an den Couverts und den blumengefüllten Vaſen, welche die Aufſätze vertraten, ließ noch einen Feldherrnblick über die Schlachtreihen gleiten und ſagte alsdann:„ſodele!“ was als Beweis gelten konnte, daß er mit feinem Werke vollkommen ꝛufrieden war. Drunten in der Küche pendelte die Uhr indeſſen immer haſtig fort—and fort; Teller und Caſſerolle klapperten, die Supße brodelte, die heiße Butter in der Pfanne ziſchte und die Kochfrau ſtand befehlend am Heerde und glänzte in ſchwitzender Selbſtwonne beſſer als ihr ſchönſter Feſtbraten. Da vernahm man draußen das Raſſeln von Rädern, und Ludwig, der ſeinen dicken Kopf zur Küchenthür herein⸗ ſtreckte, rief:„Sie kommen, ſie kommen!“ Und wirklich hielt die erſte Equipage vor der Thür, in der ſich aber noch nicht die Hauptperſonen befanden, die, wie bei allen feſtlichen Auf⸗ zügen, faſt zuletzt erſcheinen mußten. Der Lohnbediente, im ſchwarzen Frack, mit weißen baumwollenen Handſchuhen, riß den Schlag auf, und aus demſelben quoll eine Wolke von Gaze und Spitzen, zwiſchen denen ein paar Füße ſichtbar wurden, welche den Wagentritt ſuchten, auch glücklich ſanden und ſich ſo nach und nach zur ganzen zierlichen Geſtalt von einer der Brautjungfern entwickelten. Dann erſchien eine zweitd, dann eine dritte, und zuletzt wurden ein paar beſpornte Stiefel ſichtbar, eine Uniformshoſe und über derſelben der glänzende K Attila eines Huſaren. „Schade darum, daß wir ſchon da ſind,“ bemerkte lächelnd Herr von Marlott;„wir ſaßen ſo hübſch bei ein⸗ en. ern, ein⸗ hielt nicht Auf⸗ im riß von tbar nden von eitd;, tiefel gende I terkte ein⸗ Dunkle Stunden. 9 ander, daß ich gewünſcht hätte, es wäre noch eine Stunde ſo fortgegangen.“ „Wir aber nicht,“ verſetzte eine der Brautjungfern,„nicht wahr, Eugenie? Was meinſt du, Emma?“ Emma ſagte nicht ja und nicht nein, denn ſie empfing eben aus den Händen des Huſaren⸗Offiziers ihr Blumen⸗ bonquet, was eine ziemliche Zeit dauerte und ein ſchwieriges Geſchäft zu ſein ſchien. Eugenie und die Andere waren übrigens zu discret, um darauf zu achten, auch hatten ſie genug mit ihrer Toilette zu thun; ſie faßten ihre Röcke hinten an und ſchüttelten ſie kräftig aus, um ſie wieder gehörig bauſchig zu machen, ſie drückten die Taille ihres Leibchens etwas herab und ſahen nach den Handſchuhen und Armbändern, was ſich durch die Fahrt allerdings alles ein wenig verſchoben hatte. Dabei lachten ſie vergnügt über gar nichts, warfen hier und da einen ſchelmiſch ſein ſollenden Blick auf Emma, wunderten ſich, daß dieſe gar nicht fertig werden wollte, und ſtiegen endlich die Treppe hinauf, eine nach der anderen, jede mit ihrem Reifrocke die ganze Breite einnehmend, und gefolgt vom Huſaren⸗Offizier, welcher ſich ſo dicht als möglich hinter Emma hielt und das junge Mädchen im Aufſteigen freundlich unterſtützte, indem er ſeine Hand an ihre Tallle legte. Nun erſchien unten ein zweiter Wagen— der erſte war, was die Pferde laufen konnten, weggefahren, um weitere Gäſte zu holen— welcher Madame Sgeiteler enthielt, ſo wie ein paar entfernte Verwandte der Familie, den Herrn Kanzleirath Sporer mit Gattin. Dieſe beiden wurden in den oberen Stock beordert, um dort die Honneurs zu machen, während ſich die Hochzeitsmutter ſelbſt in die Küche begab, —.———————— 5 8 5 5.—„ 3—= 8 ne 4 ..— 4 2 5 8 4 4— A 4 S ————— 10 Vierunddreißigſtes Kapitel. um nach dem Wichtigſten zu ſchauen. Jetzt folgte Wagen auf Wagen raſch hinter einander. Der Herr Pfarrer mit der Frau Pfarrerin und der älteſten Tochter, einer Freundin der Braut; dann Verwandte und Freunde des Hauſes, Freunde und Bekannte des Bräutigams, unter letzteren auch Herr von Scherra mit einer Hauptmanns⸗Wittwe und ihren beiden ſehr erwachſenen Töchtern, welche alle drei ſich den einzeln ſtehen⸗ den und wohl bekannten alten Herrn zum Opfer auserleſen hatten. Endlich kam auch das neuvermählte Paar, Herr Henderkopp in weißer Halsbinde, dito Weſte und ſchwarzem Fracke. Aus dem Knopfloche des letzteren dehnte ſich ſo lang und breit als möglich das bunte Band der Medaille heraus. Der Director der Irren⸗Anſtalt ſah ernſt, würdevoll, ja, gerührt aus; er hielt ſeine junge Frau bei der Hand, hatte ſeinen Mund geſpitzt, und um ſeine Lippen ſpielte ein ſo wohlwollendes Lächeln, daß es ſelbſt dann nicht ganz er⸗ loſch, als ſich ihm die Hochzeitsmutter raſch näherte, ihn herz⸗ lich auf beide Backen küßte und ihn ihren lieben Sohn nannte. Ja, er nickte dazu gnädig mit dem Kopfe, und ſeine Miene umdüſterte ſich nicht einmal, als nun in der Hausflur, die zur Küche führte, die Kochfrau erſchien mit ihren ſämmt⸗ lichen Gehülfinnen, die alte Katharine natürlich laut weinend, und als alle der Braut die Hände reichten oder den Arm erfaßten oder auch den Zipfel ihres Shawls und daran ſchüt⸗ telten und drückten, um die Freude ihres Herzens auszu⸗ drücken, während ſie ihre Glückwünſche ſtammelten. Auch Ludwig erſchien und Philipp, und von der Straße herein ein paar Nachbarn und vorübergehende tägliche Kunden, und alle freuten ſich über den ſchönen, glücklichen Tag und prophe⸗ zeiten eine ganze Kette eben ſo glücklicher Jahre, und ſchwatzten ———— ohn eine )-gur, uimt⸗ end, Arm chüt⸗ szu⸗ Auch erein und ophe⸗ atzten Dunkle Stunden. 11 und lachten ſo lange durch einander, daß ſich endlich Frau Speiteler genöthigt ſah, ihre Tochter ſelbſt am Arme die Treppe hinauf zu führen, um die oben verſammelten Gäſte nicht zu lange auf die Hauptperſonen warten zu laſſen. Droben mußte die arme junge Frau einen neuen Sturm von Küſſen und Glückwünſchen aushalten: die Brautjungfern drängten ſich um ſie, und jede ſagte ihr erröthend etwas Schönes, der Huſaren⸗Offizier ſchlug ſeine Sporen klirrend zuſammen, ehe er ſich verbeugte und ihr die Hand küßte, worauf er alsdann bemerkte, ein ſolcher Anblick könne ihn auf Ehre vermögen, bald ans Heirathen zu denken. Dann machte alles vor dem neuvermählten Paare Platz, weil ſich der Herr Pfarrer näherte, eine ſtark beleibte Perſönlichkeit mit einem runden, wohlwollenden Geſichte, der in gutmüthi⸗ ger, ſalbungsvoller Weiſe ein paar Worte des Segens ſprach über den Eintritt des jungen Paares ins elterliche Haus. Die Pfarrerin ſagte ungefähr daſſelbe ins Mütterliche über⸗ ſetzt, und Hermine, die etwas ältliche Tochter dieſes würdigen Paares, begnügte ſich mit einem leichten Aufſchluchzen und einer ſehr bezeichnenden Thräne. Dr. Henderkopp überſchlug alsdann mit ſchneller Berech⸗ nung die Anzahl ſeiner Gäſte und theilte ſeine Wünſche dem Kanzleirath Sporer mit in Betreff derjenigen, welche an den Tiſch des Nebenzimmers zu ſetzen ſeien, wo der, Kanzleirath den Vorſitz führen ſollte. Wenn auch im Ganzen eine hübſche Anzahl recht reſpec⸗ tabler Gäſte bei der Hochzeit zugegen war, ſo ſchien ſich doch das Auge des Doctors zu umwölken, und gewiß nur, weil er daran dachte, welchen Glanz es dieſen Zimmern verliehen hätte, wenn der holländiſche Admiral van Henderkopp oder —— —-———— —— 12 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſein Neffe, der Vice⸗Staats⸗Secretär von Batavia, oder we⸗ nigſtens der Banquier Henderkopp von Rotterdam erſchienen wäre; aber merkwürdiger Weiſe mußten dieſe drei Ehren⸗ männer das Einladungsſchreiben des Doctors nicht erhalten haben, denn keiner hatte auch nur mit einer Silbe ſeinen Glückwunſch geſpendet oder ſich entſchuldigt, daß große Staats⸗ geſchäfte ihn abhielten, bei der Vermählung zu erſcheinen. Vielleicht war aber auch der Grund, warum ſich plötzlich ſein Auge verdüſterte, der Anblick einer korinthenfarbenen Sammtweſte, die bald hier, bald da im Hintergrunde des Zimmers aufleuchtete; zuweilen bemerkte man auch in einer Lücke das rothe, lächelnde Geſicht des Herrn Goldſtein. Ja, er war erſchienen, wie Banko's Geiſt, ein ſo unheimliches Gefühl in das Herz der Hauptperſon dieſes Feſtes träufelnd, daß ſich dieſer veranlaßt ſah, den Kanzleirath Sporer noch⸗ mals mit dem Erſuchen auf die Seite zu nehmen, dem Manne mit der rothen Weſte doch im Nebenzimmer ſeinen Platz an⸗ zuweiſen, daß er von der Haupttafel aus ſo wenig als mög— lich geſehen würde. Endlich waren die nöthigen Glückwünſche und Compli⸗ mente gewechſelt; faſt alle Gäſte hatten der Reihe nach ſchon die Verſicherung abgegeben, daß ſie einer erhebenderen kirch⸗ lichen Feier noch nie beigewohnt, daß der Herr Pfarrer außerordentlich ſchön geſprochen, daß die Kirche bei einer ähnlichen Veranlaſſung noch nie ſo voll geweſen, und daß alle Welt, welche der Trauung beigewohnt, offenbar ergriffen und gerührt geweſen ſei. Frau Wittwe Speiteler führte den Pfarrer an den Ehren⸗ platz des Tiſches, und obgleich ſie ſich darauf demüthig zu⸗ rückziehen wollte, ſo mußte ſie doch nothgedrungen an ſeiner ve⸗ nen en⸗ tten nen ats⸗ nen. lich nen des iner Ja, ches And, noch⸗ anne an⸗ mög— npli⸗ ſchon kirch⸗ arrer einer daß riffen ehren⸗ ig zu⸗ ſeiner Dunkle Stunden. 13 Linken Platz nehmen, während die junge Frau zu ſeiner Rech⸗ ten geſetzt wurde. Dann folgte alles in bunter und lieblicher Reihe, arrangirt von der Kanzleiräthin Sporer, all die Ver⸗ wandten, Freunde und Bekannten. Die verwittwete Haupt⸗ männin und ihre älteſte Tochter wichen nicht von der Seite des Herrn von Scherra; wir glauben faſt annehmen zu dür⸗ fen, daß die Hauptmännin ſelbſt heimlicher Weiſe einen ſeiner Frackſchöße gefaßt hatte,— und ſo kamen alle Drei neben einander zu ſitzen. Gegenüber den Neuverheiratheten befanden ſich die Braut⸗ jungfern und zwiſchen zweien derſelben war der glückliche Huſaren⸗Offizier eingekeilt. Ehe ſich nun alle niederſetzten, wurden noch vergebliche freundſchaftliche Verſuche gemacht, dieſem oder jenem, der im geſellſchaftlichen Range viel⸗ leicht etwas höher ſtand, den beſſeren Platz abzutreten; auch vernahm man Bemerkungen, daß man ſich auf ein außer⸗ ordentliches Diner gefaßt machen dürfe, daß die Weine vor⸗ ausſichtlich excellent wären und daß man noch niemals ein ſolches Arrangement an einer Tafel geſehen hätte— nein, niemals. Dann wurde mit den Stühlen gerückt, mit den Füßen geſcharrt hier und im Nebenzimmer, die Teller klap⸗ perten gelinde, als man ſich der künſtlich zuſammen gelegten Servietten bediente, worauf mit einem Male eine plötzliche Stille eintrat, als ſich nämlich der Herr Pfarrer erhob, um das Tiſchgebet zu ſprechen. Kaum war dieſes vorüber, ſo hob ein Dienſtmädchen den Deckel von der rieſenmäßigen Suppenſchüſſel, und mit dem Dampfe, der ſanft gekräuſelt emporſtieg, erhob ſich auch rings an beiden Tiſchen eine gemeinſchaftliche und heitere Converſation. Wo war Herr Goldſtein? 14 Vierunddreißigſtes Kapitel. Goldſtein war bei dem Verſuche, ſich neben eine der Brautjungfern zu ſetzen, glücklicher Weiſe von dem Kanzlei⸗ rath Sporer abgefangen und ins Nebenzimmer geführt wor⸗ den, wo er zwiſchen der redſeligen Wittwe eines ſeligen Steuerbeamten und einer plauderhaften Clavierlehrerin, einer entfernten Verwandten des Hauſes, untergebracht und im Laufe des Diners von Beiden mit Reden und Fragen förm⸗ lich zugedeckt wurde. Die Kochfrau hatte ſich mit Ruhm überladen, und ein Meiſterſtück ihrer Kochkunſt nach dem andern erſchien auf den Tiſchen, um dort nach beſten Kräften berückſichtigt zu werden. Was den Wein anbetraf, ſo war es zweifelhaft, ob der rothe Affenthaler oder der weiße Markgräfler beſſer ſei; beide aber waren ganz ausgezeichnet, und zwiſchen denſelben wurde von den Kennern lange hin und her probirt, ehe jeder die wich⸗ tige Frage entſchieden hatte, am welchem Weine er ſich nun feſt zu halten habe. Da aber die Damen, wie in den meiſten derartigen Fällen, trotz der Ermahnung ihrer freundlichen Nachbarn und trotz dem wohlwollenden Zunicken der Gaſt⸗ geberin nur zaghaft nippten, ſo ließ dieſe rückſichtsvolle Frau ſchon beim Gemüſe die Champagnerflaſchen aufſtellen und erklärte mit lauter, fröhlicher Stimme, jetzt gar keine Aus⸗ reden mehr annehmen zu wollen, und jede Dame müſſe ſich entſchließen, ihr Glas des ſchäumenden Weins auch auszu— trinken. Das gab nun allerdings Demonſtrationen aller Art, Erſchrecken und Erröthen; namentlich verſicherten die jüngeren Damen, es ſei ihnen rein unmöglich, ein ganzes Glas Cham⸗ pagner zu trinken, gewiß, rein unmöglich, ein paar Tropfen wären genug, ſie zu echauffiren. Da mußte dann kräftig genöthigt und zugeſprochen werden, und in dem Puncte ein den den. othe aber von vich⸗ nun iſten ichen Gaſt⸗ Frau und Aus⸗ ſich uszu⸗ Art, geren ham⸗ opfen räftig uncte Dunkle Stunden. 15 leiſtete Herr von Marlott, der auch ſelbſt mit gutem Beiſpiele voranging, das Unglaubliche. Seinen beiden ſchönen Nach⸗ barinnen hielt er eine gehaltvolle Rede, wobei er ſich nament⸗ lich an die liebenswürdige Emma wandte, und bewies ihnen, daß, wie in allen Dingen, ſo auch namentlich im Champag⸗ nertrinken der erſte Schritt einige Mühe mache, daß der zweite ſchon viel leichter ginge, und daß, wenn man nur erſt einmal gehen gelernt, das Laufen ganz von ſelbſt käme. Wir müſſen geſtehen, daß ſein Zureden nicht ohne Wir⸗ kung blieb, und wenn die jungen Damen nach dem erſten ausgetrunkenen Glaſe ſchon thaten, als müßten ſie hinter ihren Taſchentüchern oder Servietten vor Huſten erſticken, ſo machten ſie doch bei dem zweiten Glaſe, welches ihnen ein⸗ geſchenkt wurde, ſchon viel weniger Schwierigkeiten; über⸗ haupt belebte das Knallen der Champagnerpfropfen, wie überall, ſo auch hier, die Heiterkeit der Unterhaltung, ja, ſelbſt den Stillen und Zurückhaltenden ſchien ein Pfropfen aufgeflogen zu ſein, und ſolche, die früher nur ein ſchüchter⸗ nes Wort zur Unterhaltung beigetragen, ſprudelten jetzt förmlich über vor luſtigen Einfällen und Bemerkungen. Da ſchlug Herr von Scherra mit dem Rücken des Meſ⸗ ſers an ſein Glas, und es trat jene bezeichnende Stille ein, wo man erwartungsvoll aufhorcht, wo man, den Inhalt des Trinkſpruches, der nun kommen wird, kennend, ſchon im Vor⸗ aus beiſtimmend lächelt und dem, den er angeht zunickt. Dieſer aber blickt entweder mit Miene auf den Teller oder er ſchaut ſich menen Gleichgültigkeit rings umeals einbilden, daß es nur mö Toaſtes zu machen. 16 Vierunddreißigſtes Kapitel. Herr von Scherra hatte ſich indeſſen langſam erhoben, ſtützte die rechte Hand auf den Tiſch und blickte rings im Kreiſe umher, ehe er begann:„Meine werthen Anweſenden, verehrte Herren und Damen! Die Veranlaſſung, welche uns zu dieſem frohen Feſte hier zuſammen führt, iſt ſo ſchöner Art, ſo Glück und Segen verheißend, daß es ſelbſt einem ſchlechten Redner, wie ich bin, nicht an Stoff fehlt, um ein paar gut gemeinte und herzliche Worte darüber zu ſagen. Wir feiern die Vermählung eines werthen Freundes mit der liebenswürdigen Tochter einer würdigen Mutter. Wir feiern dieſes Feſt, meine Herren und Damen, mit all' der frohen Zuverſicht auf eine ſchöne Zukunft, mit dem Wunſche und der vollen Ueberzeugung, daß die künftigen Tage, Monate und Jahre unſeres verehrten Paares eine Reihe eben ſo ſchö⸗ ner Feſte wie glücklicher Tage ſein mögen. Meine verehrten Herren und Damen! Füllen Sie Ihre Gläſer, und ehe wir austrinken auf die Erfüllung der Wünſche, die ich vorhin ausgeſprochen, laſſet uns alle dieſe Wünſche in einem ein⸗ zigen Wunſche zuſammenfaſſen, in dem Rufe: Das junge Paar lebe glücklich, heiter und froh, es lebe hoch!——— abermals hoch!— und zum dritten Male hoch!“ Man kann ſich denken, daß dieſer mit Wärme und auf ſo würdevolle Art vorgetragene Toaſt, wie ſie in dieſem Kreiſe vielleicht nur allein dem Herrn von Scherra eigen war, eine Wirkung nicht verfehlte; beſonders machte Herr größtmöglichſten Spektakel, nachdem er vor⸗ Aachbarinnen gezwungen, ihre Gläſer bis inkenz dann füllte er ſein Glas wie⸗ inüber mit einer eleganten zu, füllte es abermals, um dem deſſe einſ der man auf fuhr treff verſ wied auch Klei und griff Mir beng Spr fühl er, zu r raſch als ausg nie gar ben, im den, uns öner nem ein gen. der eiern ohen und nate ſchö⸗ örten wir orhin ein⸗ Paar mals dauf dreiſe eine Herr vor⸗ r bis wie⸗ anten mals, Dunkle Stunden. 17 um darauf durch haſtiges Hinunterſtürzen des edlen Weines dem Herrn von Scherra einen Begriff zu geben, wie tief ihn deſſen Trinkſpruch ergriffen, und dann ließ er ſich nochmals einſchenken, um mit aller Herablaſſung, deren er fähig war, der würdigen Gaſtgeberin ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Wenn man dabei annimmt, daß die meiſten der Anweſenden faſt auf dieſelbe Art, wenn auch nicht mit ſo viel Geräuſch ver⸗ fuhren, daß jeder Stuhl beim haſtigen Aufſpringen des Be⸗ treffenden ein paar Schritte zurückflog, daß Der oder Die verſchiedentliche Stellen des Trinkſpruches mit gerührter Stimme wiederholten, daß man ſogar Schluchzen vernahm, ſo wie auch herzliches Lachen, daß hie und da ein Stuhl von den Kleidern der Damen umgefegt wurde, daß Glüſer klingelten und Teller klapperten, ſo kann man ſich allenfalls einen Be⸗ griff machen von dem freudigen Lärmen, der noch mehrere Minuten nachher das Zimmer erfüllte. Auch aus dem Ne⸗ bengemach eilten alle herbei unter Leitung des Kanzleiraths Sporer, der in Folge ſeiner Alleinherrſchaft und ſeines Ge⸗ fühls für die Familie ſo voll Wein und Rührung war, daß er, bei dem jungen Paare angekommen, nur mit dem Kopfe zu nicken vermochte und froh war, von dem Nächſtfolgenden raſch auf die Seite befördert zu werden. Dieſer Nächſtfolgende war Herr Goldſtein, noch gerötheter als ſonſt, und ſtrahlend vor Vergnügen, weil das Eſſen ſo ausgezeichnet und der Wein ſo wohlfeil war. Hatte er doch nie erlebt ein Hochzeitsfeſt, wie das heutige, und wußte er gar nicht zu ſagen, wie ſehr— Da kam das Schickſal roh und kalt in der Geſtalt der redſeligen Wittwe des ſeligen Steuerbeamten und riß ihm Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 2 — — ——— — — 18 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſeine wahrſcheinlich ſehr geiſtreiche Schlußbemerkung vom Munde hinweg, worauf die Wittwe und die Clavierlehrerin aus hoch aufgezogener Mundſchleuſe mit der Kraft eines lang aufgeſtauten Baches eine unſagbare Flut von Redensarten auf das geduldig ſtill haltende Ehepaar ausgoſſen. Es iſt mit dem Toaſtausbringen wie mit jeder andern anſteckenden Krankheit: kaum iſt der erſte Fall conſtatirt, ſo verbreitet ſie ſich mit raſender Schnelle, plötzlich hier und dort ausbrechend. Ein alter Freund des Hauſes, der Oberreviſor Schwep⸗ ping, bedachte die würdige Hochzeitsmutter und Gaſtgeberin, und erregte faſt einen eben ſo ſtarken Sturm von Beifalls⸗ bezeigungen und Glückwünſchen. Dann erhob ſich der Haus⸗ arzt und faßte den Dr. Henderkopp in ſeiner mediciniſchen Eigenſchaft und als Director der Privat⸗Irren⸗Anſtalt auf. Er ſprach ſehr lange, ſehr wiſſenſchaftlich und ſehr unver⸗ ſtändlich. Schlagwörter, wie z. B. daß die Anſtalt ein Segen für die Menſchheit ſei, wurden ſehr häufig wiederholt und verfehlten unglücklicher Weiſe nie, ein Beifallsgemurmel her⸗ vorzurufen, denn nach jedem ſolchen Beifall fing der Haus⸗ arzt wieder von Neuem an und würde vielleicht bis in die Ewigkeit fortgeſprochen haben, wenn ſein Trinkſpruch nicht, wie auf eine Verabredung, in einem ſolchen Beifallsſturme erſtict worden wäre. Wir glauben annehmen zu müſſen, daß es der junge Huſaren⸗Offizier war, welcher durch ein gänzlich unbegründetes Hoch dem Toaſte des Arztes förmlich den Todesſtoß verſetzte; Hoch und Hoch und wieder Hoch tönte es hinterdrein, und der Hausarzt, um ſeinen glänzen⸗ den Schluß betrogen, ſank mit gemiſchtem Gefühl auf ſeinen Stuhl zurück. vom terin lang erten dern , ſo und wep⸗ erin, alls⸗ aus⸗ ſchen auf. nver⸗ begen und her⸗ daus⸗ n die nicht, urme üſſen, h ein mlich Hoch nzen⸗ eeinen Dunkle Stunden. 19 Es trat jetzt bei dem Hochzeitsmahle jene Periode ein, wo das, was die jungen Damen anfänglich gefürchtet, wirk⸗ lich zu Tage kam, daß ſie nämlich ſehr echauffirt ausſahen; auch lachten ſie häufig ohne beſondere Veranlaſſung, ſtießen unaufgefordert mit ihren Nachbarn an, und bei Emma kam es zuweilen vor, daß ſie bei einer gewagten Bemerkung ihres Nachbars in der Verwirrung ſtatt von dieſem ab, ge⸗ rade zu dieſem ſich hinwandte, wobei es der kühne Huſar nie unterließ, mit einer beiſpiellos ſchnellen Bewegung ſei⸗ nen Arm um ihre Taille zu legen und ſie herzhaft an ſich zu drücken.— Es gab ältere Damen, die ſich mit ihren Nebenſitzenden über längſt vergangene Zeiten unterhielten, und dabei bald auf dieſes, bald auf jenes Ereigniß unaufhörlich anſtießen und unaufhörlich austranken; es gab ältere Herren, deren an ſich ſchon röthlicher Teint anfing, ins Violette überzugehen, und deren Augen etwas gemüthlich Starres hatten, Männer, deren ſonſt feſte Hand einigermaßen beim Auffüllen des Glaſes zitterte, und die auf alle an ſie gerichteten Fragen nur noch ein ſimpelhaftes Lächeln zur Antwort gaben. Herr Dr. Henderkopp, der ſchon ſeit einiger Zeit auf ſei⸗ nem Stuhle unruhig hin und her rückte und ſchon ein paar Male die blaue Brille feſter an die Naſe gedrückt, ergriff jetzt das Meſſer, und nachdem er an ſein Glas geklopft, daß es klingelnd tönte, erhob er ſich raſch, ſteckte ſeine rechte Hand unter die Weſte und räuſperte ſich eine Zeit lang, bis eine allgemeine Stille eingetreten war. „Meine werthen Freunde und lieben Gäſte,“ begann er alsdann mit lauter Stimme,„wenn ich ſage, daß ich gerührt bin von der Feier dieſes ſchönen und wichtigen Tages, ſo —— — Vierunddreißigſtes Kapitel. ſpreche ich die Wahrheit, wenn ich hinzufüge, daß ich mich tief ergriffen fühle von der allgemeinen Theilnahme, von der allgemeinen herzlichen Liebe, ſo drücke ich die Gefühle meines Herzens aus, und wenn ich die Bemerkung ausſpreche, daß ich es für nicht leicht halte, die gediegenen Worte, die an mich gerichtet wurden, in gleicher Weiſe zu erwidern, ſo müſſen Sie mir beipflichten.“ Hier ließ der Redner die Hand aus der Weſte heraus⸗ gleiten und erfaßte die goldene Kette ſeiner Uhr, welche er begann zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger hin und her zu drehen. „Ich verſtehe mich auf Trinkſprüche,“ flüſterte der Hu⸗ ſaren⸗Offizier ſeiner ſchönen Nachbarin zu,„der da wird lang werden;“ mit ſich ſelbſt redend fügte er hinzu:„ſorgen wir daher für eine kleine Unterhaltung. Sein Lackſtiefel diente ſchon längſt zur Fußbank, jetzt ließ er geſchickter Weiſe die Serviette fallen, und als er ſie wieder aufhob, ergriff er mit großer Geſchicklichkeit die Hand des jungen Mädchens, die auf deren Schooße ruhte, und hielt ſie dort feſt. Emma ſchien dies übrigens kaum zu bemerken und nur Sinn für den Redner zu haben, dem ſie ſchwer athmend zulauſchte. „Der liebenswürdigen Freundlichkeit, die man mir als Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft im Allgemeinen, und dieſer verehrten und geachteten hier,“ dabei wandten ſich die blauen Brillengläſer im ganzen Zimmer umher,„im Spe⸗ ciellen gezollt, vermag meine Beſcheidenheit nichts zu ent⸗ gegnen, und bin ich nur im Stande, für die gewiß unver⸗ diente Güte und Herzlichkeit meinen innigſten Dank abzu⸗ ſtatten, aber,“ fuhr er mit erhöhter Stimme fort,„man erwähnte auch in dieſem geſelligen Kreiſe meines geringen mich der ines daß au iſſen aus⸗ ſe er her Hu⸗ lang wir iente die mit die mma für und ) die Spe⸗ ent⸗ aver⸗ abzu⸗ man ngen Dunkle Stunden. 21 Wirkens als Arzt und Pfleger meiner Kranken auf ſo aner⸗ kennende Weiſe, daß ich mir ſchon erlauben muß, darüber ein paar Worte zn ſagen.“ „Hört, hört!“ rief der entzückte Huſaren⸗Offizier, und darauf flüſterte er ſeiner Nachbarin zu:„wenn er nur eine gute Stunde oder ſo etwas fortplaudern würde!“ „Es war von je her der glühende Wunſch meiner Seele, der leidenden Menſchheit zu helfen, und ich kann mit Stolz ſagen, daß ich meine ſchwachen Kräfte denen widmete und widme, die unſerer Hülfe am meiſten bedürfen. Dieſer Re⸗ ſultate, die ich erzielt, kann ich mir wohl erlauben in dieſem Kreiſe von Freunden Erwähnung zu thun, und darf ohne Eigenlob geſtehen, daß es mir ſchon in den ſchwierigſten Fällen gelang, das Licht der Vernunft dort wieder aufleuchten zu laſſen, wo es zu erſticken drohte unter der todten Aſche der firen Idee, des Wahnſinns, ja, der Tobſucht. Es gelang mir durch milde und zweckmäßige ſanfte Behandlung, Kranke, die mir in größter geiſtiger Verwilderung übergeben wurden, ſo weit wieder herzuſtellen, daß von ihrem traurigen Zuſtande höchſtens eine fixe Idee übrig blieb, die auch nach und nach verſchwinden wird und ſo dem Ausgeſtoßenen es ermöglicht, wieder als zurechnungsfähiges Mitglied in die menſchliche Geſellſchaft zurückzukehren. „Manche der Anweſenden werden ſich noch des Generals v. S. erinnern, der in den wüthenden Anfällen ſeiner Raſerei mit jeder Waffe, deren er habhaft werden konnte, über ſeine Wärter herfiel, und den ich durch Ausdauer und Kunſt ſo weit herſtellte, daß von einem Wahnſinn nur noch die Idee übrig blieb, als ſei er dazu beſtimmt, Verſchwörungen anzu⸗ ſtiften und auszuführen; eben ſo des Factors M., deſſen 2 1 — 2— —— —ỹù — 22 Vierunddreißigſtes Kapitel. Begriffe ſich verwirrten durch das tagtägliche Erblicken des Titels ſeiner ſonſt ſo geachteten Zeitſchrift: Zeitblüthen— Blätter für Geiſt, Herz und Publicität, ſo daß er in dieſem ſtereotypirten Satze Druckfehler aufſuchen und finden zu müſſen glaubte. Auch dieſem braven Manne, welcher im ſchlimmſten Stadium ſeiner Krankheit tobſüchtig wurde, ſobald er nur den Titel ſeines Blattes erblickte, kann dieſer ſchon vor Augen gebracht werden, ohne daß er darüber außer ſich geräth, ge⸗ wiß ein großer Beweis beruhigter Nerven.— Der Förſter B., der ſich beſtändig von einer Legion Teufel umringt ſah, hat dieſe alle glücklich beſeitigt,“ fuhr der Doctor nach einer Pauſe mit behaglichem Lächeln fort,„und bemüht ſich nur noch zu⸗ weilen, den letzten zu verſchlucken, was ihm auch hoffentlich mit meiner Hülfe gelingen ſoll. „Daß mich die Anerkennung, die ich außer dieſem erle⸗ ſenen Kreiſe hier nun faſt allerwärts gefunden habe, dazu antreibt, mein beſcheidenes Wirken zum Segen der Menſch⸗ heit nach beſten Kräften fortzuſetzen, brauche ich eigentlich nicht zu ſagen, muß aber hinzufügen, daß eben dieſe Aner⸗ kennung ein großer Sporn für mich iſt, um raſtlos zu wirken; ja, ich darf es mit einem wohlbegründeten Stolz ausſprechen, daß der Ruf der Anſtalt des Dr. Henderkopp ſehr rühmlich in ferne Länder gedrungen iſt; daß mir der würdige Vetter meines Hauſes, der Admiral van Henderkopp, ſchon mehrere Male darüber Glück wünſchte, iſt ſelbſtredend und gehört am Ende eben ſo wenig hieher, als das Gutachten, welches ich auf Verlangen eines zweiten Vetters, des Vice⸗Statthalters von Batavia, dorthin über eine ähnliche Anſtalt ſandte. Aber auch der nähere, und doch wieder fern gelegene Süden, das große und ſchöne Neapel, kennt meinen Namen. Auch von 1 des in— ieſem rüſſen mſten nur lugen „ ge⸗ r B., hat Vauſe h zu⸗ ntlich erle⸗ dazu enſch⸗ ntlich Aner⸗ rken; ichen, mlich setter hrere t am s ich lters Aber das von Dunkle Stunden. 28 dort beſitze ich einen Kranken in meiner Anſtalt, der mir im verwildertſten Zuſtande übergeben wurde, der nicht nur tob⸗ ſüchtig, ſondern, was noch ſchlimmer iſt, faſt blödſinnig war, und den wieder herzuſtellen es meiner Kunſt gelang.“ Herr von Scherra, welcher der Rede des Doctors mit Intereſſe gelauſcht, richtete ſich bei dieſen letzten Worten et⸗ ⸗ was in die Höhe und blickte den Sprecher ſchärfer an. „Ja,“ fuhr dieſer fort,„ſo weit hergeſtellt, daß ihm von ſeiner Krankheit nur noch die fixe Idee übrig geblieben iſt, als gehöre er, der übrigens ganz braver Leute Kind ſein ſoll, einer vornehmen und mächtigen Adelsfamilie dorten an, als ſei er ein Graf oder Marcheſe Gaetano Fontana.“* Hätte das Champagner⸗Glas vor dem Herrn von Scherra aus eigenem Antrieb einen Purzelbaum gemacht, oder wäre die Decke über ihm zuſammengeſtürzt, er hätte nicht erſtaun⸗ ter oder erſchreckter zuſammenfahren können, als bei Nennung dieſes Namens in ſo unheimlichem Zuſammenhange. Selbſt dem Herrn von Marlott ſchien derſelbe bekannt ins Ohr zu klingen, denn er blickte raſch auf und wandte die fragenden Blicke auf ſeinen alten Freund. Glücklicher Weiſe war aber jetzt keine Zeit zu Erörterungen, wir ſagen glücklicher Weiſe, denn Herr von Scherra hätte um alles in der Welt nicht vor ſeinem unbeſonnenen jungen Freunde etwas in Betreff. jenes Namens verlauten laſſen mögen, der im Hauſe des Grafen Lotus einen ſo furchtbaren Klang angenommen hatte. Hatte doch Roſa erſt vor Kurzem mit ihm über dieſe Ange⸗ legenheit geſprochen, und mußte auch er bei der bekannten Gemüthsart des Grafen erbeben, als ſich der Todtgeglaubte nun ſo plötzlich ſeinem innern Auge zeigte— der fröhliche, lebensfriſche, ſorgloſe junge Mann von damals, jetzt hier im 24 Vierunddreißigſtes Kapitel. Irrenhauſe— entſetzlich!—„Arme Francoiſe,“ murmelte er die in ſich hinein,„wie wird ſich dieſe ſchreckliche Geſchichte löſen? und Doch ſie und Roſa ſollen nicht umſonſt ihr Vertrauen in Vo mich geſetzt haben.“ gez Dr. Henderkopp hatte ſeine Lippen mit etwas Wein an⸗ gle gefeuchtet und fuhr alsdann fort:„Ja, meine verehrten W Freunde und lieben Gäſte dieſes Hauſes, was ich bis jetzt geleiſtet, war vom beſten, ſegensreichſten Erfolge gekrönt und ſch macht mir Muth, auch ferner auf dem gewiß ſehr dornen⸗ Si vollen Pfade fortzuwandeln. Es erſcheint Ihnen vielleicht ten nicht ganz paſſend, daß ich bei dieſer heutigen feſtlichen Ver⸗ jed anlaſſung mich ſo ins Einzelne gehend über meine Leiſtungen ausſprach, aber Manchem der verehrten Anweſenden iſt mein wi Wirken noch ziemlich unbekannt geblieben, und auch dieſe St möcht' ich gewinnen, damit ſie meine ferneren Beſtrebungen He unterſtützen möchten mit gutem Wort und guter That.“ die „Was das Letztere anbelangt,“ meinte der Huſaren⸗Offi⸗ ſtü zier gegen die ſchöne Nachbarin gewandt,„müßten wir uns da geradezu einſperren laſſen, um ihm gefällig zu ſein, und me wahrhaftig, ſüße Emma, mit Ihnen ließe ich mich auch dazu. ech geneigt finden.“ G „Wie ſehr ſich meine Beſtrebungen dieſem Zweige der als Wiſſenſchaft zugewandt, ſoll die Welt ſchon daraus erkennen, zu daß ich mich bemühen werde, in irgend einer paſſenden Stadt un des deutſchen Vaterlandes eine Verſammlung der Vorſteher du ſämmtlicher in⸗ und ausländiſcher Irren⸗Anſtalten zu Stande zu bringen, und wir haben ebenſo ein Recht und die Ver⸗ ge pflichtung dazu, wie jede andere Corporation. Verſammeln au ſich doch die deutſchen Künſtler, die deutſchen Turner, die deutſchen Sängervereine und Schützen, die deutſchen Gerber, Dunkle Stunden. die deutſchen Juriſten, ja, die deutſchen Scharfrichter. Zu unſerer Verſammlung würde ich vorſchlagen, daß jeder der Vorſteher der oben benannten Anſtalten einen beſonders aus⸗ gezeichneten Narren mitzubringen habe, um ſo durch Ver⸗ gleichung und Austauſch der Ideen neue Fundamente für die Wiſſenſchaft zu gewinnen. „Und nun,“ ſagte der Doctor mit einem neuen Auf⸗ ſchwunge im Tone,„füllen Sie Ihre Gläſer und trinken Sie mit mir auf das Gedeihen aller Wiſſenſchaft als leuch⸗ tenden Lichtes in den dunkeln Irrgängen dieſer Welt, es gilt jeder Wiſſenſchaft und jeder wiſſenſchaftlichen Beſtrebung.“ „Hoch!“ ſchrie der gefällige Kanzleirath Sporer, der wie alle übrigen aus dem Nebenzimmer ſich hinter dem Stuhle des Sprechers aufgeſtellt hatte,„Hoch und abermals Hoch!“ und da alle erfreut ſchienen, endlich von den Banden⸗ dieſer ſehr langen Rede erlöſ't zu ſein, ſo klang dieſes Hoch ſtürmiſcher als alle übrigen. Dabei iſt noch hinzuzufügen, daß während der Rede des Doctors Mancher im Stillen manches Glas getrunken oder ſich auch auf ſonſtige Art echauffirt hatte, und daß dadurch die Begeiſterung auf den Gipfel geſtiegen war. Faſt alles erhob ſich ſo geräuſchvoll als möglich von den Stühlen, ſtieß die Champagnerkelche zuſammen, ſchrie ſich unverſtändliche Worte in die Ohren, und niemand nahm es dabei übel, wennes Andere ihn durchaus nicht verſtanden hatte. In einer Ecke des Zimmers wurden mehrere Schmollis getrunken, auch dieſe Krankheit wirkt anſteckend wie das Toaſt⸗ ausbringen; in einer andern verſöhnten ſich ein paar lang⸗ jährige Feinde unter reichlichen Thränen und ſtarkem Ver⸗ gießen des edlen Weines. —,— — — 1, 4 „ 4 —— 26 Vierunddreißigſtes Kapitel. Daß der Doctor famos geſprochen, darüber waren auch die einig, welche nicht mehr im Stande geweſen, auch nur einen einzigen Satz dieſer Rede zu verſtehen, ja, dieſe hatten am meiſten Bravo gerufen und durch enthuſiaſtiſche Hört! Hört! den Redner ermuntert, fortzufahren. Hätte der Di⸗ rektor der Privat⸗Irren⸗Anſtalt in dieſem Augenblicke zehn Hände, eben ſo viele Backen und Lippen gehabt, ſo wären ſie in den nächſten zehn Minuten alle beſetzt geweſen, und nicht nur das männliche Geſchlecht warf ſich an ſeine Bruſt, ſondern auch Manche des andern, ſchönern, gab auf die ſtür⸗ miſchſte Art ihren Beifall zu erkennen. Daß Herr Goldſtein in dieſem Augenblick nicht zurück blieb, iſt wohl ſelbſtverſtändlich. Er näherte ſich dem Doc— tor, als endlich um denſelben etwas Platz geworden war, haſtig von der einen Seite, während der junge Huſaren⸗Offi⸗ zier, den ein ſehr ſtrenger, mißbilligender Blick des Herrn von Scherra vermocht hatte, endlich den Platz neben der erkorenen Brautjungfer zu verlaſſen, von der andern Seite herkam, um der Hauptperſon des Feſtes einen freundlichen Händedruck angedeihen zu laſſen. Unglücklicher Weiſe aber traf es ſich, daß dieſer im Augenblicke, als die Beiden ſich etwas ſchwankend, aber unaufhaltſam ihm näherten, von der verwittweten Hauptmännin, welche ebenfalls die Gefühle ihres Herzens nicht länger mehr zu unterdrücken vermochte, raſch rückwärts gezogen wurde, woher es kam, daß Herr Goldſtein den Huſaren⸗Offizier in Ermangelung eines Andern in ſeine Arme drückte. Dieſer betrachtete das fremde, ſüß⸗ lächelnde Geſicht erſtaunt eine halbe Sekunde, und da ihm die freundliche Miene deſſelben, die rothen Backen, die dicken, ſchmatzenden Lippen und die gebogene Naſe durchaus nicht der deite chen aber ſich der ühle chte, Herr dern ſüß⸗ ihm icken, nicht Dunkle Stunden. 27 ſympathiſch vorkamen, ſo warf er ihn einfach auf die Seite, ſo daß Herr Goldſtein, einen Stuhl mit ſich umreißend, faſt auf den Boden niederzuſitzen kam und ſich vor einem gänz⸗ lichen Hinſtürzen nur dadurch bewahren konnte, daß er ſich an die dicken Röcke der verwittweten Hauptmännin feſtklam⸗ merte, welche aber, dieſes Attentat mißverſtehend, ihn dafür mit einer lautklatſchenden Ohrfeige belohnte. Da nun bei gewiſſen Veranlaſſungen eine Ohrfeige eben ſo, wie Toaſt und Schmollis anſteckend zu wirken im Stande iſt, ſo hätte vielleicht großes Unheil entſtehen können, wenn ſich nicht der Kanzleirath Sporer, ein großer ſtarker Mann, in ſeiner Eigenſchaft als Feſtordner vollkommen berechtigt gefunden hätte, den Geſchäftsmann mit der korinthenfarbenen Weſte am Kragen zu nehmen und, ungeachtet dieſer heftig zappelte und geſticulirend demonſtrirte, in das Nebenzimmer abzuführen, wo er ihn ernſthaft ermahnte, ſich ruhig zu ver⸗ halten, indem ſonſt eine weitere Beförderung die Treppe hinab und von dort zur Hausthüre hinaus unzweifelhaft ſei. Die klatſchende Ohrfeige hatte indeſſen auch im andern Zimmer die Wirkung hervorgebracht, daß Frau Wittwe Spei⸗ teler, um das feſtliche Gelage endlich zu beendigen, die auf⸗ wartenden Mädchen mit dem Kaffee erſcheinen ließ. Warum wir der Braut bei der Beſchreibung dieſes Mah⸗ les ſo wenig gedachten, können wir nur damit entſchuldigen, daß ſie gar keine Veranlaſſung gab, von ſich reden zu machen; ſie aß faſt gar nicht, ſie nippte nur hier und da an ihrem Glaſe und ſprach ſo wenig als möglich, das heißt, ſie gab nur ſpärliche Antworten auf die Fragen, welche man an ſie geſtellt. Sie ſaß da, wie in ſich zurückgezogen und wie zu⸗ ſammengedrückt von der Laſt ihres Myrtenkranzes und ihres 28 Vierunddreißigſtes Kapitel. Brautſchleiers. Von einer jungen Frau an dieſem erſten Tage ihres Eheſtandes läßt ſich auch keine laute Fröhlichkeit er⸗ warten und man findet es begreiflich, daß ſie, mit ihren oft gewiß ernſten Gedanken beſchäftigt, mit der Außenwelt ſo recht heiter nicht verkehren mag. Nach der langen Rede ihres Gatten war ſie ohne Aufſehen verſchwunden und hatte zwei der Brautjungfern mitgenommen, während die dritte mit dem jungen Huſaren⸗Offizier noch in eifrigſter Unterhaltung be⸗ griffen war. Doch mochte auch Emma endlich durch die Ab⸗ weſenheit ihrer Colleginnen an ihren Dienſt erinnert werden, beim Auskleiden der Braut behülflich zu ſein, denn unter dieſem triftigen Grunde wollte ſie vorläufig den letzten inni⸗ gen Händedruck mit dem jungen Manne wechſeln, um alsdann den andern nachzueilen. Arthur aber ließ ſeine Beute nicht ſo bald fahren, er hielt es vielmehr für eine außerordentlich günſtige Gelegenheit, dem jungen Mädchen nach in das leere Nebenzimmer zu ſchlüpfen, von wo aus eine Thür auf die Treppe und eine andere in das bisherige Schlafzimmer der Braut führte. Herr von Scherra hatte in dieſem Augenblicke den Dr. Henderkopp in eine Fenſterniſche genommen, und was er dort ernſthaft mit ihm beſprach, iſt nicht ſchwer zu errathen, doch war er hiedurch nicht im Stande, auf ſeinen jungen leicht⸗ ſinnigen Eingeführten ſo zu achten, wie er ſich vorgenommen. Daß Emma, als ihr der eben Genannte folgen wollte, verſichert hatte, wenn er nicht zurück bliebe, ſo würde auch ſie das Zimmer nicht verlaſſen, müſſen wir, um der Wahrheit die Ehre zu geben, eingeſtehen, leider aber waren die Ver⸗ hältniſſe für das erhitzte junge Mädchen zu ſtark, um ihrem Vorſatze getreu zu bleiben, und ehe ſie ſich deſſen verſah, be⸗ ——— Dunkle Stunden. 29 fand ſie ſich, von den Armen des jungen Offiziers umſchlun⸗ gen, ſchon im Nebenzimmer. 8 Der kurze Herbſt⸗Nachmittag war raſch verfloſſen, und obendrein warfen die naheſtehenden Nebenhäuſer ſchon tiefe Schatten durch das einzige Fenſter in dieſes kleine Gemach. Gerade nach dieſem Fenſter aber, das eine tiefe Niſche hatte, über welche ein dunkler Vorhang herabfiel und wo ſich ein altmodiſches Sopha befand, zog Arthur das ſchwerathmende junge Mädchen. „Es kommt jemand,“ ſagte ſie angſtvoll. Doch um ſo inniger zog er ſie an ſich und preßte feſt ſeine Lippen auf ihren widerſtrebenden Mund. Was kümmerte es ihn, ob jemand kam, kannte ihn doch wohl niemand in der ganzen Geſellſchaft, Herrn von Scherra ausgenommen, und der war viel zu discret, um ihm nachzugehen. Aber es trat in der That jemand ins Gemach, doch nicht vom Geſellſchaftszimmer her, ſondern von der Treppe, eine unbekannte Figur, die er nie geſehen, und die ihn deßhalb auch durchaus nichts kümmerte; es war eine weibliche Ge⸗ ſtalt, dunkel und unſcheinbar angezogen, deren Kopf mit einem rothen Tuche halb verhüllt war. Sie wandte ihr Geſicht einen Augenblick den Beiden zu, nur einen kleinen Augenblick, und es war ihm, als hätten ihn ein paar dunkle Augen an⸗ geſchaut, dann ſah ſie wieder gerade aus und ging ruhigen Schrittes der Thür des Schlafzimmers der Braut zu, hinter der ſie alsbald verſchwand. „Sehen Sie wohl,“ ſagte Emma angſtvoll.„Wenn uns jemand erkannt hätte? Aber jetzt bitte ich Sie inſtändig, laſ⸗ ſen Sie mich gehen.“ „Und wenn uns jemand erkannt hätte,“ gab er leicht⸗ 30 Vierunddreißigſtes Kapitel. Dunkle Stunden. ſinnig zur Antwort,„kann ich nicht ein Bräutigam ſein? Und jetzt,“ fuhr er dringender fort,„wollen Sie mich verlaſſen, jetzt, da gerade der Beſuch, welcher ſo eben kam, uns für ein paar kurze, ſüße Augenblicke ſicher macht?— O, gehen Sie meinetwegen,“ ſetzte er mit wohlberechnetem, ſchmerzlichem Tone hinzu,„Sie haben kein Gefühl für mich— o, gehen Sie, gewiß, es iſt beſſer, daß wir uns nie wiederſehen!“ Und abſichtlich ließ er ſie los, da er ſicher war, ſie würde ihm nicht entfliehen.— Und ſie entfloh nicht, ſie entfloh ihm nicht, ſie entfloh nicht ihrer dunkeln Stunde.— Fünfunddreißigſtes Kapitel. Nach der Hochzeit. Nachdem im Geſellſchaftszimmer der Kaffee getrunken worden war, fingen viele der Gäſte, von denen die meiſten Uebermögliches geleiſtet hatten, an, zu verſchwinden, und dann kam es gerade ſo, wie Herr Goldſtein vorausgeſagt: Frau Wittwe Speiteler faßte ihren Schwiegerſohn ſanft bei der Hand und erſuchte ihn, ihr in das gelbe Zimmer zu folgen. Das gelbe Zimmer lag in entgegengeſetzter Richtung von dem, wohin die junge Frau abgegangen war, und ſtieß an das Schlafzimmer der Hauseigenthümerin; es war ihr Schreib⸗ und Wohnzimmer. Hier hingen in breiten goldenen Rahmen ihr eigenes Bildniß wie auch das des ſeligen Herrn Speiteler, Beide in ihrem Hochzeitsſtaate gemalt. Dabei war es eigenthümlich, daß die Blicke des ſeligen Spei⸗ teler die ſeiner Frau zu ſuchen ſchienen, während ſie unbe⸗ Fümmert aber feſt, gerade vor ſich hinaus in die Welt blickte, ein Bild des Lebens, das die Beiden geführt. Unter ihnen 32 Fünfunddreißigſtes Kapitel. in einem Ovalrahmen befand ſich eine Photographie von Sophie. Die Kunſt, ein Portrait durch Oeffnen und Schließen einer Maſchine hervorzubringen, war damals, als die Bilder der Eltern gemalt wurden, noch nicht erfunden. Ob die Kunſt im Allgemeinen dabei gewonnen, iſt eine Frage, die wohl verneint werden kann, wogegen die Art, photographiſche Bilder aufzunehmen, ganz gemäß iſt unſerem jetzt ſich über⸗ ſtürzenden Leben, denn ein Künſtler von denen, die nach der Elle malten, brauchte damals eine ganz unverhältnißmäßige Zeit, um eine Familie von einem halben Dutzend Mitgliedern zu liefern, wogegen ſich jetzt die Maſchine in ſo viel Sekun⸗ den öffnet und ſchließt und man während einiger Morgen— ſtunden im Stande iſt, ganze Generationen auf Glas und Papier zu firiren. Es ſind dies aber meiſtens Aehnlichkeiten, aber keine richtige Abbildung, und der erſtaunte Blick, das hölzerne Lächeln, die möglichſt verdrehte Körperhaltung erin⸗ nern nur zu oft und zu ſtark an die Maſchine. In dieſem gelben Zimmer trug Frau Wittwe Speiteler die Rechnungen in ihre Bücher, hier calculirte ſie und hier ſaß ſie manche Dämmerungsſtunde, um ſich ihrer fernen Tage zu erinnern. Hier hatte ſie auch den Entſchluß gefaßt, den Anträgen des Dr. Henderkopp, welche ihr durch die dritte Hand gemacht worden waren, ein günſtiges Gehör zu leihen, und hier hatte ſie auch nach ziemlich langer Unterredung ihre Tochter Sophie vermocht, die Bewerbungen des Doctors freundlich anzunehmen. Dabei hatte ſie gedacht: die Sophie paßt nicht für einen Geſchäftsmann, wo ſie ſelbſt mit ins Leben eingreifen muß, ſie iſt ganz wie der ſelige Speitelet, der auch eine Perſon brauchte, die ihm ſagen mußte, was er Nach der Hochzeit. 33 zu thun habe. Dabei iſt das Kind anſtändig verſorgt, und es iſt mir doch lieber, wenn man ſie Frau Doctorin nennt und wenn ſie ſich dabei ruhig in ihrem Hausweſen beſchäf⸗ tigen kann, als wenn ſie vielleicht einen Handwerker heirathet und ſich mit Mägden und Geſellen abgeben muß. Hier in dieſem gelben Zimmer ſtand auch die Caſſette, von der Herr Goldſtein geſprochen, und Frau Wittwe Spei⸗ teler, nachdem ſie ihren Schwiegerſohn mit dem wohlberech⸗ tigten Stolze einer Frau, die das Ihrige redlich erworben, vor den Tiſch geführt, auf dem die Caſſette ſtand, öffnete nun dieſelbe und nahm ein Paket Staatspapiere, die Mitgift ihrer Tochter, heraus. Herr Dr. Henderkopp, welcher ſich bemühte, ſo gleich⸗ gültig als möglich auszuſehen, verſicherte, wie er auch ſchon früher gethan, daß es ja mit dieſer Ueberreichung durchaus keine Eile habe, daß dieſelbe in guten Händen ſei, und was dergleichen Redensarten mehr waren. Madame Speiteler aber ſchüttelte ruhig ihren Kopf und erſuchte ihn, die Staatspapiere zu zählen. Stück zu tauſend Gulden, und ſomit die Rechnung im Au⸗ genblicke geſtellt. Den Antrag, eine Quittung darüber ent⸗ gegen zu nehmen, wehrte die gute Frau mit E Es waren zwanzig ntſchiedenheit ab und bat nur ihren Schwiegerſohn, die Papiere ſo ſchnell fals möglich in ſeine Taſche zu ſtecken, damit die Sache ein⸗ für allemal abgemacht ſei.. Das that denn auch der Director der Privat⸗Irren⸗An⸗ ſtalt, wobei er dieſelbe gleichgültige Miene beibehielt und nur dann ſein gewöhnliches wohlwollendes Lächeln ſehen ließ, als er die Bemerkung machte, im Grunde wären die Papiere Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 34 Fünfunddreißigſtes Kapitel. eben ſo gut aufgehoben geweſen, wohl noch beſſer, dort in jener Caſſette—— bei den andern, wollte er hinzuſetzen, denn unter der blauen Brille hinweg hatte ſein ſcharfer Blick wohl geſehen, daß ſich dort noch mehrere der gleichen Art befanden; er unterdrückte aber dieſen Zuſatz als vielleicht nicht ganz paſſend, und litt es herablaſſend, daß die Schwieger⸗ mutter nun ſeine beiden Hände ergriff, ſie herzlich drückte und mit zitternder Stimme ſagte: „Nicht wahr, Herr Schwiegerſohn, Sie machen meine Sophie glücklich? Sie iſt ein gutes und braves Kind und wird Ihnen eine gute, brave und getreue Hausfrau werden.“ — Mehr vermochte ſie in dieſem Augenblicke nicht zu ſpre— chen, denn ſie fühlte, wie ihr die Thränen aus den ſtürzten und über die Wangen hinabliefen: erſten Thränen wieder, ſeligen Speiteler. Ein Anderer an der Stelle des Dr. Henderkopp, den die Rührung vielleicht übermannt, was bei ihm nicht ſo ſehr der Fall war, hätte auf dieſe kurze erwidern vermocht. Augen es waren die die ſie geweint ſeit dem Tode des Rede auch nicht viel zu Ihm verutſachte ſie ein unbehagliches Gefühl, und deßhalb vielleicht ſchwieg er und verbeugte ſich nur ſtumm, wobei er wenigſtens die Hände ſeiner Schwieger⸗ mutter leicht drückte. 2 „So,“ ſagte die Frau nach einer Pauſe, während wel⸗ cher ſie an das Fenſter getreten war und in die Dunkelheit hinausgeblickt hatte,„jetzt wären wir mit den Geſchäftsſachen fertig, und da nun Sophie gewiß umgezogen ſein wird, ſo werde ich gehen und ſie her holen, auch nach dem Wagen ſehen, der Sie Beide nach Hauſe bringt. Ich kann mir den⸗ ken,“ ſetzte die Frau gutmüthig lächelnd hinzu,„daß es für 3 Nach der Hochzeit. 35 Euch nach dem angeſtrengten, wenngleich ſchönen Tage doch angenehm ſein wird, endlich in Eure vier Pfähle zu kom⸗ men, und Gott ſegne dort Euren Eingang, wie hier Euren Ausgang!“ Sie verließ das Zimmer und ließ ihren Schwiegerſohn allein, der in Gedanken verſunken in dem Zimmer hin und her ſchritt. Zuweilen ſchüttelte er den Kopf, und mehr als einmal ſtahl ſich ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt. „Das iſt in der That eine gute und brave Frau,“ ſprach er zu ſich ſelber,„ich hätte es wahrhaftig wagen kön⸗ nen, ihr die ganze Troſtloſigkeit meiner Lage aus einander zu ſetzen———— aber damit hätte ich mir ſelbſt ein Fangſeil über den Nacken geworfen, woran mich die beiden Weiber wahrſcheinlich ſchön hin und her gezogen hätten, mich, den Dr. Henderkopp— nein, nie, nie! Halten wir den Kopf ſo hoch als möglich, eine harte Stirn kommt überall durch!“ Bei dem flackernden Scheine der beiden Lichter, die auf dem Tiſche ſtanden, ſah man deutlich, wie der ſelige Spei⸗ teler in ſeinem breiten Goldrahmen ſeine Frau beſorgt an⸗ blickte, als wollte er ſagen: wenn ich noch lebte oder über⸗ haupt hätte mitſprechen können, ſo würde ich es vielleicht gewagt haben, Einwendungen zu machen gegen— gegen allerlei.— Seine Frau dagegen ſchien, wie gewöhnlich, zu antworten: Ach was, das iſt meine Sache; ich muß das beſſer wiſſen. „Nie hätte ich mir ſo viel vergeben dürfen,“ fuhr der Schwiegerſohn des Hauſes in ſeinem Selbſtgeſpräche fort, „und das, was ich gegen dieſe lumpigen zwanzigtauſend Gulden in die Wagſchale werfe, iſt auch nicht gering zu 36 Fünfunddreißigſtes Kapitel. achten: eine Feſſel für lebenslang, ein vielleicht freudenloſes Daſein.“ Er zuckte zuſammen, als wenn ihn fröre, oder that er es, weil er hörte, wie ſich langſam die Thür öffnete— nur ein wenig öffnete ſie ſich, und ohne daß er jemand ſah, hörte er eine bekannte Stimme ſagen:„Nun darf ich mir wohl erlauben, uns zu gratuliren? Habe ich nicht richtig vorher geſagt, wie alles müßte kommen, und iſt es nicht gekommen, wie ich geſagt?— Alſo auf Wiederſehen.“ Dr. Henderkopp biß die Zähne aufeinander und blickte ſich um, ob nicht etwas im Bereich ſeiner Hände ſei, tauglich, um es dem Geſchäftsfreunde an den Kopf zu werfen. Doch hatte dieſer die Thür wieder hinter ſich zuge⸗ zogen und war verſchwunden, ehe der Andere das Gewünſchte gefunden. Wenn ſich auch, wie vorhin bemerkt, eine große Anzahl der Gäſte ſchon entfernt hatte, ſo vernahm man doch immer noch ein fröhliches Lachen ſo wie ein luſtig geſungenes Lied vom Geſellſchaftszimmer her, denn manche hatten ſich nach dem Kaffee wieder der Weinflaſche zugewandt und ſahen mit großem Behagen, daß der Keller ihrer Wirthin unerſchöpf⸗ lich ſchien. Herr von Scherra hatte ſich, nachdem er den Doctor verlaſſen, vergeblich nach ſeinem jungen Freunde umgeſehen, und verließ nun kopfſchüttelnd und verdrießlich allein das Zimmer. Wer weiß, dachte er, wo ſich dieſer leichtſinnige Menſch wieder herum treibt! Hoffentlich macht er mir keine unüberlegten Streiche. Nun, bei den Brautjungfern wird er glücklicher Weiſe nicht ſein, da dieſe, wie ich gehört, mit der Braut gegangen ſind. en m Nach der Hochzeit. 37 8 Er nahm im Vorzimmer ſeinen Hut und Paletot und ſtieg langſam die Treppe hinab, auf deren unterſter Stufe 3 ihm zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen der Huſaren⸗Offizier 1 in ziemlich aufgeregtem Zuſtande begegnete. e„Ah, famos!“ rief dieſer luſtig,„daß wir uns hier fin⸗ den, ich wollte gerade nach Ihnen ſehen.“ „Nun, ich meine, um mich, der ich oben war, zu finden, . hätten Sie nicht nothwendig gehabt, erſt die Treppe hinab zu ſteigen. Muß ich fürchten,“ ſetzte er in fragendem Tone hinzu,„daß Sie wieder Streiche gemacht?“ „Gewiß nicht,“ entgegnete Arthur heiter;„es iſt wahr⸗ haftig traurig, daß man bei Ihnen immer in ſchlimmem Verdachte ſteht. Finden Sie es denn nicht natürlich, daß man ſich aus dem heißen Zimmer droben hinweg ſehnt, um ein bischen friſche Luft zu ſchöpfen?— Aber wie ich ſehe, wollen Sie ſchon nach Hauſe?“ „Schon? Nun, ich meine, man hätte lange genug geſchwelgt, ich wenigſtens, und unſerer Verabredung gemäß, junger Freund, gehen Sie mit mir und faſſen mir keine küh⸗ nen Gedanken, wie z. B. eine dieſer kleinen Brautjungfern in Ihrem Wagen nach Hauſe zu führen, dagegen habe ich Ihr Verſprechen.“ „Und werde es halten, wie alles, was ich gelobe,“ er⸗ widerte der Huſaren⸗Offizier, wobei er vergnügt mit den Augen zwinkerte;„aber meinen Paletot werden Sie mir geſtatten, zu holen?“ „Gewiß, und werde gern unten auf Sie warten, aber engagiren Sie ſich da oben nicht wieder.“ „Unbeſorgt,“ lachte der leichtſinnige junge Mann,„dazu müßte mir etwas ganz Abſonderliches begegnen; ich habe der —— —;—y — — — 38 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Süßigkeiten genug genoſſen, nur irgend etwas Kräftiges, ganz außerordentliches Pikantes könnte mich vielleicht zum Umſchauen veranlaſſen.“ Nach dieſen Worten ſprang er in großen Sätzen die Treppe hinauf. In einigen Augenblicken hörte ihn Herr von Scherra ſprechen, lachen, dann wieder einige Worte ſprechen, in ſo eindringlichem und bekannt ſüßem Tone, daß der alte Herr unten an der Treppe unwillig mit dem Kopfe ſchüttelte; dann nahm der droben plötzlich einen verdrießlichen Ton an und ſprach ziemlich laut:„Aber erlauben Sie mir, eine höf⸗ liche Frage iſt einer höflichen Antwort werth, wenn ich Sie nun nicht gehen laſſe— ah, das iſt ſtark!“ rief er auf ein⸗ mal entrüſtet. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo eilte eine weib⸗ liche Geſtalt, faſt ohne die einzelnen Treppenſtufen zu berüh⸗ ren, ſo raſch hinab, daß Herr von Scherra kaum Zeit hatte, ſie nur mit einem ganz flüchtigen Blick zu betrachten. Offen⸗ bar gehörte ſie nicht zu den Hochzeitsgäſten und auch nicht zur Dienerſchaft des Hauſes. Sie war dunkel gekleidet, hatte ein buntes Tuch um den Kopf und etwas wie eine Art Shawl um ihre Schultern und um ihr Haupt geſchlungen, ſo daß man vom Geſichte nichts ſehen konnte. Sie flog mit ſolcher Gewalt an dem alten Herrn vorüber, daß ſie ihn wahrſcheinlich umgeriſſen hätte, wenn er mit ihr in Berüh⸗ rung gekommen wäre. Gleich hinter ihr drein ſtolperte auch Arthur die Treppen hinab, drohend, ſcheltend und fluchend. „Auf Ehre, das iſt zu ſtark,“ rief er entrüſtet.„Wenn ich nur eine Idee hätte, wer dieſe wilde Katze wäre, oder wo ſie wohnte, ich hätte wahrhaftig gute Luſt, nochmals umzukehren und jeden im Hauſe nach dieſem brutalen Ge⸗ 2 Nach der Hochzeit. 39 ſchöpfe zu fragen. So was iſt mir doch noch nie vorge⸗ kommen!“ „Wenn es etwas Unangenehmes war, das Ihnen bis jetzt zum erſten Male auf Ihre oft unmotivirten Angriffe begegnet iſt, ſo zeugt das von Ihrem guten Glücke. Aber ich bitte Sie, Arthur, machen Sie ſich mit Nachforſchungen nicht lächerlich. Kommen Sie, ich gebe Ihnen eine gute Cigarre, wonach ich ſchon lange ſchmachte, und wenn Sie wollen, erzählen Sie mir Ihr Abenteuer; ſo eine Mittheilung erleichtert das Herz.“ „Sie hätten ſie wohl aus Freundſchaft für mich auf⸗ halten können.“. „Daß ich ein Narr wäre, wie andere Leute,“ gab Herr von Scherra lachend zur Antwort. „So ein gemeines Geſchöpf,“ ſprudelte der Huſaren⸗ Offizier im Zorne von ſich,„ſollte ſich eine Ehre daraus ma⸗ chen, wenn ein Cavalier ſich herabläßt, ihr ein freundliches Wort zu ſagen.“ „Es ſcheint mir aber, die hat ſich keine Ehre daraus gemacht.“ „Im Gegentheil, Gott verdamme ſie!— Aber kommen Sie, wir wollen gehen, ich will es Ihnen erzählen, und Sie werden entrüſtet ſein, wie weit die Frechheit dieſer Art Ge⸗ ſchöpfe geht.“ „Hier iſt die verſprochene Cigarre, das wird Sie einiger⸗ maßen beruhigen.“ „Denken Sie ſich,“ erzählte der Huſaren⸗Offizier, wäh⸗ rend ſie Arm in Arm die Straßen hinab gingen,„es war ſo eine Perſon aus dem Hauſe, ein Dienſtmädchen nicht,— ich ſchätze, eine Nähterin, eine Schneidermamſell, ich ſah ſie 40 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſchon einmal vor einer halben Stunde in das Zimmer gehen, wo die Brautjungfern die Braut umkleideten.“ „Und von wo ſahen Sie das?“ fragte der alte Herr mit einem lächelnden Seitenblick. „Nu— n-n von der Treppe aus, wo ich gerade hinab ſteigen wollte, um friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Um friſche Luft zu ſchöpfen?“ „Allerdings, es war ſo heiß droben. Damals beachtete ich die Perſon aber nicht, ſo eben dagegen, als ich meinen Paletot anziehen will, ſehe ich ſie durch die Zimmer wieder daher kommen. Ich blicke nach ihr, und nun wiſſen Sie, lieber Scherra, ich bin Kenner und weiß zu beurtheilen, ob und welch' ſolider Kern ſich unter der unſcheinbaren Hülle verbergen mag; da war aber Kern, deſſen kann ich Sie ver⸗ ſichern, ich bemerkte das ſogleich an der leichten und freien Art, wie ſie den Oberkörper bewegte, wie ſie den Kopf trug, vor allem aber an der graziöſen Bewegung ihrer linken Hand, mit der ſie ihr Kleid etwas in die Höhe hob, und dabei hatte ſie einen Gang, weitſchreitend und dabei ſicher auftretend,— ah, ſo was trügt nie!“ 1 „Das alles brauchte Sie aber weder zu kümmern, noch zu beunruhigen.“ „Lieber Scherra, Sie ſprechen, wie man in Ihrem Alter ſpricht. Hätten Sie aber in Ihren zwanziger Jahren, wie ich heute, einem Hochzeitsfeſte beigewohnt, anſtändig gegeſſen und gut getrunken, und wären dabei Stunden lang zwiſchen zwei warmblutigen Brautjungfern eingekeilt geweſen, ſo hätten Sie— „Vielleicht einer der Brautjungfern ein wenig den Hof gemacht,“ unterbrach ihn Herr von Scherra. — Nach der Hochzeit. 41 „Seien Sie ruhig, das iſt geſchehen,“ fuhr der Andere fort;„aber ſo hätten Sie auch nachher die Geſtalt da ein bischen angeſchaut.“ „Nun, wenn Sie ſie bloß angeſchaut haben, ſo weiß ich nicht, wie es möglich iſt, daß ſie ſo in Zorn gerieth.“ „Zuerſt habe ich ſie allerdings nur angeſchaut, als ſie mir aber näher kam und, wie um ihr Geſicht vor mir zu verbergen, ihr Tuch, welches ſie um die Schultern trug, leicht um den Kopf warf, und mich dabei einen Wuchs ſehen ließ, der, das kann ich Ihnen auf Ehre verſichern, nicht ohne war, ſo ſpielte ich Fauſt: Mein ſchönes Fräulein, mein' Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ „Und als ſie ſich das verbat,“ bemerkte lachend Herr von Scherra,„ſo fielen Sie aus Ihrer Fauſtrolle und, an⸗ ſtatt beſcheiden zurück zu treten, griffen Sie zu.“ „Ja, ich faßte ſie um ihre Taille, und bin beinahe gutmüthig genug, trotz ihrer Entgegnung nicht zu bereuen, daß ich es gethan. Ich ſage Ihnen, Scherra, ein wunder⸗ barer Wuchs!“ „Und was entgegnete ſie?“ „Gar nichts,“ erwiderte der Huſaren⸗Offizier, und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu, indem er ſich langſam umſchaute, „ſie ſchlug mich ins Geſicht.“ „Feſt?“ fragte der alte Herr, laut lachend. „Nun, deſſen kann ich Sie verſichern, ſo, daß mir das Feuer aus den Augen ſprang.— Es war ein ſeltſames Aben⸗ teuer, ſolch' eine wilde Katze iſt mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen; ich möchte wiſſen, wo ſie wohnt.“ „Seien Sie vor der Hand mit dem welches ſie Ihnen gelaſſen,“ darf ich's wagen, Andenken zufrieden, gab Herr von Scherra immerfort 42 Fünfunddreißigſtes Kapitel. und ſo luſtig lachend zur Antwort, daß Arthur nun unwill⸗ kürlich mit einſtimmen mußte, und Beide hierauf äußerſt vergnügt ihren Weg fortſetzten.— Kehren wir noch einen Augenblick nach dem Hauſe zu⸗ rück, wo die laute Fröhlichkeit ſich nun aus dem erſten Stocke in die Küche hinab verpflanzt hatte und wo bei den Ueber⸗ bleibſeln des Diners und mancher dreiviertel oder ganz ge⸗ füllten Weinflaſche verſchiedene Hochs auf das Brautpaar und die Hochzeitsmutter ausgebracht wurden. Was dieſe drei Letzten anbelangte, ſo ſchickten ſich Herr und Frau Dr. Henderkopp zur Heimreiſe an und ſtanden Abſchied nehmend vor der Mutter und Schwiegermutter, um⸗ ringt von den drei Brautjungfern, welche verſchiedenartig ihre Gefühle bei dieſer erſten Trennung ausdrückten. Emma, deren etwas geröthete Augen voll Thränen ſtanden, ſchien es am ſchwerſten zu nehmen und warf ſich leidenſchaftlich in die Arme ihrer Freundin, wobei ſie wiederholt verſicherte, ſie werde ſie bald und oft beſuchen, um ſich an ihrem. häuslichen Glücke, das ja jedem Mädchen wünſchenswerth ſein müſſe, zu erfreuen. Frau Wittwe Speiteler hätte gern die vor dem Hauſe haltende Kutſche mit Proviant für ein ganzes Jahr beladen, doch verbat ſich das Herr Dr. Henderkopp freundlich, aber beſtimmt, mußte ſich jedoch dazu verſtehen, wenigſtens ein kleines Körbchen hineinſtellen zu laſſen, welches eine ſtraß⸗ burger Gänſeleber⸗Paſtete enthielt, ſo wie eine Flaſche Cham⸗ pagner, damit doch etwas zum Souper im Hauſe zu finden ſei— daß dort alle Vorrathskammern ohnehin ſchon auf ihre Anordnung angefüllt worden waren, ſchien die gute Frau vollkommen vergeſſen zu haben. alle der ihre und Ihrl der mat und ſich ſol⸗ Kat ihre muf We Neu der hint und raſſe Ver falle ſten und Lud. hätt Sch die Nach der Hochzeit. 43 Nun kam eine ganze Reihe von wirklichen letzten und allerletzten Abſchieden, zuerſt oben auf dem Gange, dann auf der Treppe, dann unten im Hauſe, wo die Kochfrau mit ihren Gehülfinnen, auch die alte Katharine neben Philipp und Ludwig verſammelt waren und aus beſtem Herzen das Ihrige dazu beitrugen, um den Dr. Henderkopp ungeduldig, der jungen Frau aber das Herz ſo ſchwer als möglich zu machen. Es war, als trete dieſe eine Reiſe nach Indien an, und ſei dieſer Abſchied auf Nimmerwiederſehen, bei dem man ſich nothwendiger Weiſe bemühen muß, den letzten Augenblick ſo lange als möglich hinauszuſchieben. Die Kochfrau ſchluchzte, Katharine weinte, die Dienſtmädchen wollten nicht aufhören, ihre Hände darzureichen, und der Kutſcher auf dem Bocke mußte, um ſich vor der kalten Abendluft zu ſchützen, ein Glas Wein nach dem andern trinken, was er auch zur Ehre der Neuvermählten willig that. Dann wurde die junge Frau in den Wagen gehoben, der Doctor ſetzte ſich an ihre Seite und zog den Schlag hinter ſich zu unter nochmaligem Sturm von Abſchiedsworten ‿‿ und Thränen, der Kutſcher ermunterte ſeine Pferde, und fort raſſelte die Kutſche auf dem Pflaſter. Wäre Frau Wittwe Speiteler jetzt, wie es bei ähnlichen Veranlaſſungen ſchon geſchehen ſein ſoll, in Ohnmacht ge⸗ fallen, ſo würde wahrſcheinlich die Flur des Hauſes im näch⸗ ſten Augenblicke mit Kochfrauen, Katharinen, Dienſtmädchen und Brautjungfern überſäet geweſen ſein, und Philipp und Ludwig, um ebenfalls ihr Mitgefühl an den Tag zu legen, hätten vielleicht mit düſterem Blick irgend ein blinkendes Schlachtmeſſer oder ein ſcharfes Beil betrachtet. Da aber die Frau des Hauſes ſtarke Neuven hatte und, nachdem ſie 449 e, Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſich von den Brautjungfern freundlich verabſchiedet, ruhig die Treppen hinanſtieg, ſo zog ſich das dienende Perſonal wieder geräuſchlos in die Küche zurück, um dort die halb⸗ vollen Flaſchen vollends zu leeren. Madame Speiteler ging in ihr gelbes Zimmer hinauf, blieb dort einen Augenblick nachdenklich vor dem Bilde ihres verſtorbenen Gatten ſtehen und ſagte, als rede ſie dieſen an: „Ich habe nach beſtem Ermeſſen gehandelt, du würdeſt es wahrſcheinlich auch nicht anders gethan haben; Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ Die Kutſche rumpelte unterdeſſen durch die Straßen der Stadt und endlich zum Thore hinaus, wobei ſich die Beiden, welche im Inneren ſaßen, jedes mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, ſchweigend verhielten. Dabei hatte ſich die junge Frau wie ängſtlich ſo in ihre Ecke zurückgezogen, daß man ſcharf hinſehen mußte, um ſie zu erblicken. Es war eigenthümlich, daß kurz nach dieſem Wagen eine einſpännige Droſchke durch daſſelbe Thor fuhr und ge⸗ nau denſelben Weg nahm. Wollten wir unſere wahrhaftige Geſchichte hier mit etwas düſterer Poeſie ausſchmücken, ſo würden wir ſagen: den Pfaden der Beiden, welche einem un⸗ gewiſſen Geſchicke, vielleicht einer dunkeln Stunde entgegen gingen, folgte ein hungriger Rabe, ſeinen Schnabel wetzend, der ſeiner Beute gewiß war. Bald ſah Dr. Henderkopp vom Wagenfenſter aus den Hügel vor ſich liegen, auf dem ſich ſeine Anſtalt befand, und erſtaunte, als er über die Mauern derſelben hinweg eine Glut bemerkte, welche das Hauptgebäude röthlich anſtrahlte; er machte ſeine Frau auf dieſe eigenthümliche Beleuchtung aufmerkſam, die erſchreckt und mit zitternder Stimme auf Nach der Hochzeit. 2 †45 eine Feuersbrunſt rieth; doch lächelte er im nächſten Augen⸗ blicke über dieſe Befürchtung und verſicherte, es werde eine Empfangs⸗Feierlichkeit ſein, die Gebhard veranſtaltet. Und ſo war es auch in der That. Als ſie ſich dem Gitterthore näherten, bemerkten ſie im Hofe der Anſtalt zwei Pechpfannen aufgeſtellt, aus denen die röthlichen Flammen loderten; der Wärter ſelbſt befand ſich am Thore, das er eilfertig aufriß, um den Wagen ſeines Herrn einzulaſſen, ſo wie ebenfalls die einſpännige Droſchke, von der er natürlicher Weiſe nicht anders vermuthete, als ſie enthalte noch ein paar der intim⸗ ſten Freunde des Hauſes; dann verſchloß er ſorgfältig das Thor. Am Eingange zur Wohnung des Directors befanden ſich das Dienſtmädchen und der Hausknecht, ſo wie auch der Förſter, welch' letzterer einen großen Blumenſtrauß in der Hand hielt, den er der jungen Frau, nachdem ſie ausgeſtiegen war, mit einer tiefen Verbeugung überreichte, und den ſie mit einem freundlichen Worte annahm. Dr. Henderkopp da⸗ gegen warf einen mißbilligenden Blick auf ſeinen Patienten und ſagte zu Gebhard:„Warum iſt der da nicht auf ſeinem Zimmer? Ich mag es nicht leiden, wenn die Ordnung des Hauſes geſtört wird.“ „Er iſt ſo vollkommen ruhig,“ gab dieſer flüſternd zur Antwort,„daß man ihn bei Tag und Nacht frei herumgehen laſſen kann; ich habe bemerkt, daß er erſt unruhig und auf⸗ geregt wird, ſobald man ihn einſchließt.“ „Sonſt aber iſt alles in Ordnung?“ fragte der Doctor in trockenem, etwas ſcharfem Tone und betonte dieſes ſonſt noch ausdrücklich. 46 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Nachdem Gebhard mit einer ſchweigenden Verbeugung geantwortet, führte der Doctor ſeine Frau ins Haus. Es war übrigens eine anerkennenswerthe Aufmerkſamkeit von dem Wärter, daß er den öden Hof der Anſtalt mit ſeiner ſtillen Capelle und den hohen lichtloſen Mauern der Gebäude durch die ſpielenden Flammen der Pechkränze einigermaßen freundlich belebt hatte, ſonſt wäre der Eindruck, den Frau Dr. Henderkopp von ihrer neuen Heimat erhielt, welche ſie heute zum erſten Male bei Nacht ſah, wahrſcheinlich ein noch troſtloſerer geweſen. Sie blickte jetzt ſchon verſchüchtert in die dunkeln Ecken des Hofes und dann im Hauſe die langen kalten, hallenden Gänge hinab, und fühlte ſich erſt dann nicht mehr gedrückt und wie neu geboren, als ſie in ihr Wohn⸗ zimmer trat, das ihr die ſorgliche Hand ihrer Mutter zum großen Theil mit bekannten Geräthſchaften freundlich ausge⸗ ſchmückt, und wo auf demſelben Tiſche, an dem ſie zu Hauſe ſo oft geſeſſen, auf derſelben Tiſchdecke dieſelbe Lampe brannte, in deren Licht ſie als Kind ſo oftmals ſinnend geblickt. Faſt überſchlich ſie ein frohes Gefühl, nachdem ihr Ge⸗ mahl mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen, ſie allein gelaſſen hatte und ſie ſich nun nach Belieben in dem ange⸗ nehm durchwärmten und freundlich beleuchteten Zimmer unter den guten alten Bekannten umſchauen durfte. Alles da⸗ gegen, was von den Möbeln und Geräthſchaften nicht zu den guten alten Bekannten gehörte, betrachtete ſie mit einer ge⸗ wiſſen ſcheuen Ehrfurcht, und wo ſie es trotz derſelben wagte, die Thür eines Schränkchens langſam zu öffnen, da durch⸗ ſchauerte ſie der Gedanke, es müſſe dort irgend etwas Unge⸗ heuerliches hervorſpringen. Und doch war dem nicht ſoz wo überhaupt ein leeres Plätzchen geweſen, um etwas aufzube⸗ leuch hina ſelbſ ung keit iner ude ßen rau ſie noch t in gen nicht ohn⸗ zum sge⸗ auſe inte, Ge⸗ llein nge⸗ inter da⸗ den ge⸗ agte, urch⸗ nge⸗ wo zube⸗ Nach der Hochzeit. 47 wahren, dahin hatte ihre Mutter eine Kleinigkeit geſteckt, welche die junge Frau finden und ſich daran erfreuen ſollte. Schon mehrere Male war dieſe an die Thür des Neben⸗ zimmers getreten, hatte auch ſchon die Hand auf den Drücker des Schloſſes gelegt, ſie aber wieder ſcheu zurückgezogen, ſo daß ſie endlich ſelbſt anfing, ſich über dieſe kindiſche Furcht Vorwürfe zu machen.„Iſt es mir doch gerade zu Muth,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„als ſei ich im Schloſſe des Blau⸗ barts, und bin ich doch kindiſch genug, zu glauben, es ver— berge jene Thür etwas ganz abſonderlich Entſetzliches. „Wie man nur ſo thöricht ſein kann!“ ſprach ſie endlich raſch entſchloſſen zu ſich ſelber, und öffnete die Thür, um hinein zu blicken. Da war denn auch in der That durchaus nichts Verdächtiges, es war ihr Schlafzimmer, und auch hier wieder fand ſie die ſorgſam waltende Hand ihrer Mutter. Sie trat ans Fenſter und blickte in die Nacht hinaus. ſtanden die hohen Bäume des Gartens, von dem N beleuchtet, ruhig und ſ Da Nonde chweigend waren ihre ſchwarzen Aeſte mit den unzähligen kleinen Zweigen auf dem hellen nächt⸗ lichen Himmel deutlich ſichtbar und do ch wieder mit winter⸗ lichem Dufte umzogen. Es war gerade, als webe die Nacht rieſenhafte Schleier um ſie, unter denen Baum und Strauch, leicht erſchauernd, zur Ruhe gehen wollten. Still war es genugſam rings umher, um ſchlummern zu können, und auch Sophie fühlte das Bedürfniß, nach dem angeſtrengten Tage ihre müden Augen zu ſchließen.— Einige Fenſter von denen ihres Wohnzimmers entfernt, leuchtete ebenfalls durch ein paar andere Licht in die Nacht hinaus. Dort war das Arbeitszimmer des Doctors, wo er ſelbſt mit großen Schritten auf und nieder ging, aber nicht 48 Fünfunddreißigſtes Kapitel. mit einem behaglichen Gefühl der Müdigkeit, auch nicht in der ſanften Aufregung, die uns beherrſcht, wenn wir ein lang angeſtrebtes Ziel endlich erreicht. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und preßte die Finger feſt ineinander. 2 Zuweilen warf er den Kopf heftig in die Höhe und ſchien einen Gedanken feſt halten zu wollen, der ihm aber immer wieder entſchlüpfte. Am Schreibtiſch auf einem Stuhle ſaß Herr Goldſtein, die Blicke auf ein mäßiges Paket Papiere gerichtet, die er auch zuweilen mit der Hand zu berühren ſtrebte, aber ſeine Finger immer wieder zurückzog, ſo oft ſich ſch der Andere auf ſeinem raſtloſen Spaziergange umwandte. er „Warum ſich ereifern,“ ſagte er endlich,„über eine Sache, die wir haben genugſam beſprochen, und die iſt abge⸗ faſ macht worden endgültig? Die Zeit iſt gekommen, wo ich„ wieder erhalten ſoll mein Geld, die Wechſel habe ich quittirt mi in beſter Form, wie es ſich gehört, und ſo oft ich will aus⸗ Ih ſtrecken die Hand nach meinem Eigenthum, ſo oft fahren Sie mich an wie— wie— ja, Gott ſoll mir verzeihen den Ver⸗ ſell gleich— wie ein Hund, der dem andern nicht gönnen will lich den Brocken. Wollen Sie abmachen das Geſchäft, oder ſoll für ich zurück nehmen meine Wechſel, um morgen anzutragen auf ble⸗ Haft für Sie, wie es ſich gehört?“ mit Auf ſeinem Hin⸗ und Hergehen durchs Zimmer hatte ſich der Doctor mehrere Male der Schnur des Glockenzugs ge⸗ nac nähert, war aber eben ſo oft daran vorüber geſchritten; jetzt nen faßte er die Schnur und zog heftig daran. heu „Warum wollen Sie klingeln nach jemand,“ fragte der nerf Geſchäftsfreund ein wenig unruhig,„da wir beide doch voll⸗ Ger kommen genug ſind, um zu reguliren das Geſchäft?“ d ken „Gewiß,“ gab der Doctor in einem ſeltſamen Tone der 4 in ung auf der. en mer ſaß iere ren ſich eine bge⸗ ich ttirt aus⸗ Sie Ver⸗ will ſoll auf ſich ge⸗ jetzt e der voll⸗ e der Nach der Hochzeit. 49 Stimme zur Antwort,„aber nachdem das Geſchäft vollbracht iſt, muß ich Ihnen doch die Treppe hinab leuchten laſſen.“ „Iſt nicht nothwendig,“ erwiderte haſtig der Andere, „durchaus nicht nothwendig. Kenne ich doch die Treppen und Gänge wie meine Taſche, und finde mich ſchon allein in den Hof zu meiner Droſchke, die mich koſtet einen Gulden und zwölf Kreuzer extra. O, ich verliere mein Geld bei dem Geſchäft.“ „Gebhard muß Ihnen aber doch das Gitterthor auf⸗ ſchließen, und wenn ich ihm dazu keinen Befehl gebe, ſo läßt er Sie nicht hinaus.“ „Gott der Gerechte, er ließe mich nicht hinaus!“ rief faſt erſchrocken Herr Goldſtein, doch ſetzte er lächelnd hinzu: „ach gehen Sie, Herr Director, Sie machen einen Spaß mit mir! Der gute Gebhard weiß genau, daß ich nicht gehöre zu Ihren Patienten.“ „Man hat Beiſpiele,“ ſprach der Doctor wie zu ſich ſelber,„daß jemand, der vollkommen bei Verſtand war, plötz⸗ lich verrückt wird— und eingeſperrt werden muß,“ ſetzte er für den Andern unhörbar hinzu.—„Aber wo der Gebhard bleibt, er muß doch mein Klingeln gehört haben?“ Und da⸗ mit ging er wieder an den Glockenzug und riß heftig daran. Aber auch dieſes Mal erſchien der Wärter nicht, und nach einer längeren Pauſe ſagte Herr Goldſtein:„Wie kön⸗ nen Sie heute verlangen den Dienſt ſo pünctlich wie ſonſt, heute an dem frohen, feſtlichen Tage, wo ſich auch die Die⸗ nerſchaft machen wird ihr kleines Privat⸗Vergnügen? Gott der Gerechte! Da ſitzen ſe unten drinn wo beiſammen und trin⸗ ken auf das Glück und Wohlergehen des jungen Ehepaares.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 4 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Doctor war an das Fenſter getreten, ſtützte ſeinen Arm gegen die Mauer und legte den Kopf darauf.„Ja, ja,“ ſprach er ſchmerzlich bewegt zu ſich ſelber,„dieſen Blutſauger zu beſtrafen, muß ja doch nur eine Phantaſie bleiben! Mor⸗ gen, übermorgen, die nächſten Tage müßte ich ihn frei geben, und mein Ruf wäre für immer dahin, jeder müßte meiner Handlungsweiſe die richtigen Motive unterſchieben.“— Er wandte ſich raſch gegen den Schreibtiſch, nahm die Wechſel in die Hand, und nachdem er die Unterſchriften genau ge⸗ prüft, verſchloß er ſie in eine Schublade.„Dort iſt das Geld,“ ſagte er alsdann kurz;„zählen Sie die Papiere, und dann gute Nacht auf Nimmerwiederſehen.“ Die Augen des Herrn Goldſtein glänzten, und während er haſtig die Staatspapiere zu ſich nahm, erwiderte er mit einem freundlichen Grinſen:„Wie kann man nur ſo reden unter Freunden von Nimmerwiederſehen! Werde ich nicht bleiben mein Leben lang Ihr ganz ergebener Goldſtein, der ſtets ſein wird zu Ihren Dienſten— werden Se mer ver⸗ bieten, mich zu erkundigen in den nächſten Tagen nach dem ſchätzbaren Wohlbefinden und nach dem Ihrer Frau Gemah⸗ lin?— Nein, Se werden es nicht verbieten dem Goldſtein, und wenn Se es verböten, ſo würde er doch kommen aus Anhänglichkeit, aus purer Anhänglichkeit!“— Während er ſo redete, und dabei jedes Wort langſam ausſprach, hatte er die Staatspapiere ſorgfältig gezählt und nach allen Seiten betrachtet, und er that das erſtaunlich ſicher und mit einer außerordentlichen Geſchwindigkeit— und dann fügte er hinzu:„Alles in Ordnung, alles richtig, bis auf die Coursdifferenz.“ —+ 0+ A Nach der Hochzeit. 51 „Gehen Sie!“ rief der Doctor barſch, wobei er nach der Thür zeigte. „Wollte ich doch ſagen, bis auf die Coursdifferenz, die wir haben nachgelaſſen“,“ verſetzte geſchmeidig der Andere. „Nun will ich aber gehen in aller Ruhe, Verehrteſter, da ich ſehe, daß Sie ſind ſchlecht gelaunt an Ihrem Hochzeitstage. — Aber auf Wiederſehen— auf baldiges Wiederſehen, denn ich laſſe mich nicht abſchrecken von Ihrem Zorn, der morgen ſein wird verraucht. Leben Se wohl und geſund! Gebhard werd' ich unten aufſuchen bei die Fröhlichen, daß er mir auf⸗ ſchließt das Thor. Eine glückſelige Nacht denn.“ Damit verſchwand er, ſeine Papiere feſt in der Hand haltend, und erſt, als er draußen im halbdunkeln Gange war, ſchob er ſie forgfältig in die Bruſttaſche ſeines grauen Paletots, den er alsdann bis unter das Kinn zuknöpfte. Es fand ſich, wie Herr Goldſtein geſagt; die Gänge und Treppen kannte er wie ſeine Taſche, und war bald im untern Gange, wo er horchend ſtehen blieb, ob er nicht etwa hinter einer Thür die fröhlichen Stimmen der Dienſtleute hörte, die dort beiſammen ſäßen, um den frohen, feſtlichen Tag ihres Herrn zu feiern. Aber da war nicht das Geringſte zu hören, als der Wiederhall ſeiner eigenen Schritte. Wo werden ſe ſein? dachte er bei ſich ſelber; ah, wahrſcheinlich unten im Sou⸗ terrain in der Küche, wo ich zu den Fenſtern im Hof kann hineinſchauen, und mir den Gebhard kann heraus rufen oder den Hausknecht, daß er mir das Thor aufſchließe. Um dieſen Entſchluß auszuführen, ging er dem Ende des Ganges zu, wo dieſer in den Thorbogen mündete, der nach dem Hofe führte. Doch hatte er erſt ein paar Schritte ge⸗ 52 Fünfunddreißigſtes Kapitel. macht, als ſich neben ihm aus einer dunkeln Fenſterniſche dieſes Ganges eine ſchattenhafte Geſtalt ablöſ'te und ihm in den Weg trat, während ſie ihm in feſtem Tone:„Halt! Werda?“ zurief. Herr Goldſtein, heftig erſchrocken, fuhr eilig zurück, ſo weit, als es ihm der ausgeſtreckte Arm des Anrufers erlaubte, der ihn feſt am Kragen gepackt hatte und ſein Werda? etwas lauter wiederholte. Glücklicher Weiſe erkannte Herr Goldſtein die Stimme des Förſters und dachte: Es iſt nur ein kleiner Spaß von dem guten, harmloſen Mann! Worauf er dieſem Gedanken Worte gab, indem er heiter ſagte:„Aha, der Herr Förſter thun gerade wie eine Schildwache— nun, ich weiß mich zu benehmen vis-à-vis von die Schildwachen! Schreit ſie mich an: Halt! Werda?— ſo antworte ich ihr: Gut Freund, und dann läßt ſie mich paſſiren. Alſo: Gut Freund, Herr Förſter.“ „Der Teufel iſt ſein guter Freund,“ gab dieſer barſch zur Antwort,„wohin will Er?“ „Erlauben Sie mir das zu nennen eine komiſche Frage, wo werd' ich wollen hin? Nach Hauſe will ich, nachdem ich habe gute Nacht geſagt dem Herrn Director.— Laſſen Sie mich vorbei, guter Freund!“ Der Förſter zog ſeine Hand zurück und erwiderte ruhig: „Dort oben links geht es in den Hof. Wenn Er aber Miene macht, rechts in den Garten gehen zu wollen, ſo ſchieße ich Ihm mit dieſer Büchſe eine Kugel durch den Kopf.“ Eine Büchſe? dachte Herr Goldſtein auf's höchſte er⸗ ſchrocken, und während er ſich an die andere Seite des Ganges drückte, blickte er ſcheu nach dem Förſter hinüber, und der Nach der Hochzeit. Angſtſchweiß trat ihm plötzlich auf die Stirn, als er be⸗ merkte, daß dieſer in der That das fürchterliche Gewehr im Arm trug. Er vermochte es kaum, davon zu gehen, und that es zaghaft mit langſamen Schritten; er erinnerte ſich, von wil— den Thieren geleſen zu haben, welche ihr Opfer nur dann ergreifen, wenn es eigentlich vor ihnen davon flieht.„Bin — ich— erſt— im— Hof,“ ſprach er zitternd zu ſich ſelber,„ſo will ich laufen an das Küchenfenſter und ſchreien nach dem Gebhard, und werd' ihm dann ſagen, was ein ver⸗ nünftiger Menſch davon hat zu halten, wenn die Narren nächtlicher Weile frei mit geladenen Gewehren umherlaufen! Bei Gott dem Gerechten! Es iſt keine Ordnung in dem Hauſe, und es muß zurückgehen mit dem Mann da oben— daß ich nur paſſe auf und nicht links gehe; bin ich doch feſt überzeugt, der Kerl werd ſchießen auf mich— wenn ich nur in der Angſt nicht vergeſſe, was iſt links. „Gelobt ſei Gott!“ murmelte er nach einigen qualvollen Minuten, als er glücklich den Hof erreicht hatte und die kalte Nachtluft ſeine Stirne kühlte,„das werd ich nicht vergeſſen mein Lebtag!“— Doch ſollten dem unglücklichen Geſchäfts⸗ manne noch bitterere Erinnerungen an den heutigen Abend verbleiben. Als er ſich nach den Fenſtern der Küche wenden wollte, trat ihm plötzlich eine zweite Geſtalt in den Weg, in der er mit noch größerem Erſchrecken den verrückten General erkannte, von dem er wohl wußte, daß es ein finſterer und gefürchteter Charakter war. Dieſer trat leiſe, aber ſehr dicht an ihn heran und murmelte:„Halt!'s Feldgeſchrei! Oder ich ſtech' dich nieder!“ Herr Goldſtein ſank entſetzt gegen die Mauer des Hauſes — 54 Fünfunddreißigſtes Kapitel. und rief, während er mit den Armen von ſich abwehrte: „Welches Geſchrei iſt es, das man verlangt von mir? Wie ſoll ich anders ſchreien, als ich bin gewohnt? Aber thun will ich, was die Narren verlangen von mir!“ Und damit öffnete er den Mund und wollte anfangen zu brüllen, ſo laut er konnte; doch verſchloß ihm plötzlich eine ſtarke Hand den Mund, und als er die Augen gegen dieſen neuen Angreifer richtete, erkannte er den wahnſinnigen Italiener, welcher vor ihm ſtand, und während die Kniee ihm vor Schrecken zuſam⸗ menbrachen, murmelte er:„Ich bin verloren, das ganze Irren⸗ haus iſt losgelaſſen.“ „Er ſoll ſein Maul halten,“ bedeutete ihm der Italiener, und ſetzte, gegen den General gewandt, hinzu:„Wer iſt dieſer Menſch?“ „Keiner der Verſchworenen,“ verſetzte der Gefragte mit großer Wichtigkeit,„vielmehr ſcheint er mir ein Verräther zu ſein; er ſchlich ſich um die Mauern herum, wie das böſe Gewiſſen, und wollte wahrſcheinlich irgendwo hinaus, um uns die Truppen des Tyrannen auf den Hals zu hetzen.“ Herr Goldſtein wußte nicht, ob er lachen oder weinen ſollte; er hätte nach dem Sprichworte, daß man mit den Wölfen heulen müſſe, gern das Erſtere gethan; denn er zwang ſich zu der Annahme, die Patienten des Herrn Dr. Hender⸗ kopp machten ſich einen koloſſalen Spaß mit ihm; wenn er aber von ſeitwärts in das düſtere, glühende Auge des Ge⸗ nerals blickte, welcher dicht vor ihm ſtand, ſo verdunkelten. ſich unwillkürlich ſeine Augen. „Bringen wir ihn dort zur Laterne,“ ſagte der Italiener, „damit wir ihn genauer anſchauen.“. Herr Goldſtein folgte wankenden Schrittes und ſchielte 19 Nach der Hochzeit. 55 dabei ängſtlich nach den Küchenfenſtern im Souterrain, wo aber auch alles eben ſo dunkel war, wie an den übrigen Fenſtern des Hauſes. Der Schein des vor Kurzem aufge— gangenen Mondes drang noch nicht in den Hof, und dieſer wäre deßhalb finſter geweſen, wenn nicht noch einige glühende Pechkränze in den eiſernen Pfannen, welche Gebhard aufge— ſtellt, etwas Helle verbreitet hätten. Hieher wurde nun der Aufgefangene geführt und dort von den Beiden ſorgfältig betrachtet, worauf der General laut ausrief:„Ah, es iſt die Vogelſcheuche von heute Morgen, ein gefährlicher Kerl, ſpio⸗ nirte den ganzen Tag hier herum und hat gewiß eine Liſte ſämmtlicher Verſchworenen bei ſich; wir müſſen ihn unter⸗ ſuchen. Richtig, dort ſteckt ſie,“ ſetzte er triumphirend hinzu, als er, mit der Hand die Bruſt des Herrn Goldſtein berüh⸗ rend, das Paket Papiere fühlte. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo dieſem, trotz der kalten Nacht, der Angſtſchweiß von der Stirne zu fließen be⸗ gann. Hülflos in die Hände von Narren zu fallen, war an ſich ſchon fürchterlich; aber daß dieſe Narren auf die entſetz⸗ liche Idee kamen, Staatspapiere für eine Liſte von Geſchwo⸗ renen anzuſehen, das war doch in der That ſchaudererregend. Und wie er auch um ſich her ſchielte, es war niemand im Hofe zu ſehen, an den er einen Hülferuf hätte richten können. Der Wagen des Doctors, ſo wie ſein Einſpänner waren ver⸗ ſchwunden, und wenn er auch bei dem dämmerigen Lichte der verglimmenden Pechkränze ein paar Geſtalten im Hofe hin⸗ und hergehen ſah, ſo vermehrten dieſe doch nur ſeine Beſorg⸗ niſſe, denn ſie trugen Stangen auf den Schultern, die eben ſo gut Gewehre wie Lanzen ſein konnten. Gott mochte es wiſſen, was hier geſchehen war; aber ſo viel war ſicher, die 56 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Narren waren aus ihren Zellen entwiſcht und ſpielten Herren und Meiſter im Hauſe. „Wer ſind Sie?“ fragte der Italiener, und trotz der Barſchheit des Tones klang doch dem Aermſten dieſe Frage ſo vernünftig, daß er, einige Hoffnung ſchöpfend, ſogleich antwortete:„Wer ſoll ich ſein, verehrteſter Herr? Ich bin Goldſtein, Moſes Goldſtein, der gekommen iſt hieher, abzu⸗ machen mit dem Herrn Director ein kleines Geſchäft— ein armer Handelsmann, der ruhig ſeinen Weg nach Hauſe gehen wollte, als man ihn aufhielt und ihn erklärte unrechtmäßiger Weiſe für einen Spion. Gott der Gerechte, ich ein Spion!“ „Er iſt einer,“ ſagte der General mit dumpfer Stimme, „er hat die Liſte der Verſchworenen hier in ſeiner Taſche.“ „Bei meine Väter,“ entgegnete Herr Goldſtein geſchmei⸗ dig,„ich will erlahmen, wenn es was iſt von Spionirerei! Sind es doch nur Papiere, die ſich beziehen auf das Geſchäft, das ich habe abgemacht mit dem Herrn Director.“ „Zeigen Sie her,“ verſetzte der Italiener in ſo gebieteri⸗ ſchem Tone, daß der Andere keine Widerrede mehr wagte, ſondern mit zitternden Fingern und wankenden Knieen an⸗ fing, den grauen Paletot aufzuknöpfen. Er brauchte dazu ziemlich lange, und dann war der General noch genöthigt, ihm mit einem raſchen Griffe die Papiere aus der Bruſttaſche zu nehmen und dem Herrn Grafen zu überreichen. Goldſtein ſchien in dieſem Augenblicke ſaft- und kraftlos, wie eine ausgepreßte Citrone. Der Urquell ſeines Lebens war ihm entfloſſen, es blieb nichts übrig, als eine zuſammen⸗ gequetſchte Schale. Er verwünſchte das Geſchäft, ſo er hatte gemacht mit dem Doctor, er verfluchte alle Narren der ganzen Welt, er war nahe daran, ſich den Tod zu wünſchen— gewiß, Italiener, nachde Nach der Hochzeit. 57 den kalten, grauſenhaften Tod; denn er mußte ſehen, wie der, den der Andere Herr Graf genannt, ſeine koſtbaren Papiere dicht an die Flamme hielt, und wie der verrückte General, gleich einer hungrigen Beſtie, nur auf die Erlaubniß zu lauern ſchien, ſie hineinzuwerfen und freſſen zu laſſen von dem Feuer. Freſſen zu laſſen Staats⸗Obligationen, deren Nummern er noch nicht Zeit gehabt, einzutragen in ſein Notizbuch— zwanzigtauſend Gulden, ein Vermögen! Was war ihm da noch das Leben— eine Actie, die gefallen war neunzig Per⸗ cent unter ihren Werth!— „Es iſt keine Verſchworenen⸗Liſte,“ ſagte ruhig der Graf, nachdem er die Papiere durchgeſehen, und Goldſtein athmete wieder;„es ſind Staatspapiere von großem Werth— von ſo großem Werth,“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu,„daß es ſchon eine eigenthümliche Veranlaſſung ſein muß, welche ihn bewegen konnte, dieſe große Summe bei Nacht und Nebel hier aus dem Hauſe wegtragen zu wollen.“ „Gott der Gerechte, ſo könnte man glauben, ich ſei ein Dieb, und könnte mir wollen nehmen meine Papiere, für die ich habe zurückgelaſſen gültige Wechſel? Man will mich be⸗ rauben meines redlich erworbenen Geldes— ſo nehmen Sie mir denn auch mein armes Leben. Was ſoll ich thun mit mein Leben ohne Geld?“ „Wenn Sie Ihr Geſchrei nicht mäßigen,“ erwiderte der m er ſich vorſichtig ringsum geſchaut,„kann auch dazu Rath werden, alſo ſchweigen Sie. Sie ſollen Ihre Papiere wieder haben, wenn ſie Ihr Eigenthum ſind, und das ſoll genau unterſucht werden.“ „O, verehrteſter Herr Graf, gnädigſter Herr Graf,“ wandte ſich Goldſtein jammernd und mit einiger Hoffnung an dieſen, 58 Fünfunddreißigſtes Kapitel. da in der tiefen Nacht ſeines Elends der Gedanke wie ein leuchtender Stern in ihm aufblitzte, er habe es hier mit kei⸗ nem Verrückten zu thun;„ſchützen Sie mich und retten Sie mir mein bischen Habe, laſſen Sie mir nichts Schlimmes geſchehen von den Anderen da, und der allmächtige Gott wird es Ihnen lohnen. Schleppen Sie mich hinauf zu dem Director, und der ſoll Ihnen ſagen, daß Sie dort in Ihren Händen halten mein wohlerworbenes Eigenthum.“ „Nuhe jetzt!“ herrſchte der Andere ihn an,„das wird ſich alles finden; ich behalte dieſe Papiere und gebe ſie Ihnen zurück, ſobald Ihr Eigenthumsrecht erwieſen iſt. Ich muß dieſes Haus,“ ſetzte er mit eigenthümlich klingender Stimme hinzu,„welches ſein Dach, wenn auch als das Dach eines Kerkers, über mich ausbreitete, doch vor möglicher Beraubung ſchützen. Ich gehe jetzt hinauf, General, um ein ernſtes Wort mit dem Director dieſer Anſtalt zu reden. Sie übernehmen dieſen da, aber General, Sie haften mir dafür, daß kein Haar ſeines Hauptes gekrümmt wird.“ „Und glauben Sie, gnädigſter Graf,“ flüſterte Goldſtein dieſem mit vor Angſt zitternder Stimme zu,„daß er mir nicht ab wird ſchneiden die Gurgel, wenn Sie mich laſſen allein bei ihm— bei ihm, einem Wahnſinnigen? Sehen Sie, Gott der Gerechte, er hat ein Meſſer in ſeiner Hand, und er ſchaut mich wild an, wie der Metzger ſein Schlachtopfer, das ſchuldloſe Lamm.“ „Gehen Sie mit dem General, er wird mir in allem für Sie bürgen; nicht wahr, General, auf Ihr Ehrenwort?“ „Auf mein Ehrenwort,“ erwiderte dieſer mit dumpfer Stimme;„komm' mit, Unglücklicher!“ Und damit faßte er ihn am Arme und führte ihn hinter rd en uß me ies ing ort nen kein tein mir ſſen Sie, und pfer, illem drt?“ npfer binter Nach der Hochzeit. 59 einen der dicken Strebepfeiler der alten Kirche, wo ſich ein Kehrichtfaß mit einem Deckel befand. Dort ließ er ſeinen Gefangenen niederſitzen und ſchritt dann in einiger Entfer⸗ nung mit über einander geſchlagenen Armen ſchweigend auf und nieder. Herr Goldſtein ſank auf ſeinem Sitze zuſammen, ſo daß ſein Kinn die Bruſt berührte und ihm der Hut nothwendiger Weiſe hätte herunterfallen müſſen, wenn er nicht die Gewohn⸗ j eit gehabt, dieſen etwas ſtark auf dem Hinterkopfe zu tragen. „Komm, Unglücklicher! hat er geſagt,“ ſprach er zu ſich ſelber;„Unglücklicher hat er mich genannt, alſo werden ſie vorhaben mit mir grauſame Dinge, die Narren. Was wer⸗ den ſie mir anthun? Werden ſie mir nehmen das Leben oder ) werden ſie mir ſogar nehmen mein Geld? O Nacht voll Pein, o Nacht voll Jammer, wärſt du hinweggezogen über mein unſchuldig Haupt! Stieg' doch empor die Dämmerung mit ihrem grauen Lichte und ſähe mich ſitzen fern von dieſ em er⸗ chreckenden O rte, meinetweg en fern und ) 3 einſam an der Land⸗ ſtraße, mit durchgelaufenen Sohlen, einen ungeſchälten W denſtock in der Hand! Und wenn ſie auch kommt, die Däm⸗ merung, und läßt zurück ihren grauen Schimmer auf meinem Haupte, das weiß werden wird vor Angſt und Kummer!“ ei⸗ 4 ——— Sechsunddreißigſtes Kapitel. Der Ausbruch einer Verſchwörung. — Nachdem Dr. Henderkopp droben in ſeinem Arbeitszim⸗ mer auf und ab geſchritten war, um ſeine aufgeregten Nerven zu beruhigen, ſuchte er ſeine junge Frau auf, die in ihrem Wohnzimmer ſaß und mit ruhigem, ergebenem Blicke in den Schein der Lampe ſchaute. Der Doctor trat leiſe in das Zimmer, ging zu Sophien hin und legte ſeine Hand auf ihre Schulter.„Du biſt nachdenkend,“ ſagte er in wohlwollen⸗ dem Tone,„du denkſt an dein elterliches Haus, es erſcheint dir hier noch alles fremd, wenn nicht unbehaglich, nicht wahr? Meine liebe Sophie, ſprich mit mir gerade heraus, wie es dir ums Herz iſt; es iſt deine Schuldigkeit, ich kann das von dir verlangen, und wenn du das thuſt, ſo werde ich dir offen und ehrlich auf die herzlichſte Art antworten.“ Sie ſchaute zu ihm empor und ſah ihm ein paar Se⸗ kunden lang feſt in die Augen, wobei ſich die ihrigen mit Thränen füllten. „Gewiß, Sophie,“ fuhr er fort,„ich meine es gut und er vo ſich fůg we biſt Bei hal er auf! liche etwe ohne vera geber offen ſamn kannſ kehren harter nieder im⸗ ven rem den das ihre llen⸗ zeint nicht aus, kann de ich Der Ausbruch einer Verſchwörung. 61 ) ehrlich mit dir; wie ſollte ich auch anders,“ ſetzte er milde lächelnd hinzu,„bin ich nicht dein Mann? Biſt du nicht meine Frau? Sind wir nicht dazu beſtimmt, ein langes Leben in Eintracht zuſammen zu wandeln?“ „Ja, ein langes, langes Leben,“ hauchte ſie kaum ver⸗ nehmlich. „Du ſagſt das in keinem ermunternden Tone,“ meinte er kopfſchüttelnd;„ich weiß wohl, du denkſt nicht ganz ſo von mir und für mich, wie du wohl ſollteſt; aber das wird ſich geben, liebe Sophie, ich werde dir durch Thaten beweiſen,“ fügte er in einem etwas hochmüthigeren Tone hinzu,„daß, wenn du mir eine aufrichtig ergebene und folgſame Hausfrau biſt, ich dir ein Gatte ſein werde, der deine allenfallſigen Befürchtungen vollkommen zu Schanden machen wird. Deß— halb, mein Kind,“ fuhr er in weicherem Tone fort, wobei er ſeine Hand unter ihr Kinn legte und ſo ihr Geſicht etwas auftichtete,„ſchau heiter in die Welt, denk' an eine freund⸗ liche Zukunft, und wenn du einen Wunſch haſt oder irgend etwas an meinem Benehmen auszuſetzen wüßteſt, ſo ſage es ohne Scheu gerade heraus, und ich werde mich genügend verantworten, vielleicht dir hier und da auch einmal Recht geben können.— Nicht wahr, Sophie, geſtehe es frei und offen, bis jetzt fehlt dir das rechte Vertrauen zu mir?“ Sie nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr alsdann zu⸗ ſammen, als habe ſie ſchon zu viel gethan. „Und warum flöße ich dir kein Vertrauen ein, warum kannſt du nicht mit zutrauensvolle kehren?“ forſchte er weiter, wobei harter Blick ſprang, den ſie niederſchaute. m Herzen mit mir ver⸗ aus ſeinen Augen ein aber nicht ſah, da ſie vor ſich — n- 62 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Närrchen,“ ſagte er nach einer Pauſe ſchmeichelnd,„wenn jetzt der Augenblick nicht da iſt, um ſich gerade und offen auszuſprechen, ſo kommt auch keiner mehr. Was ſpricht in deinem kleinen Herzen gegen mich?“ Sie ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, und erſt als er mit ſeiner Frage wiederholt in ſie drang, gab ſie mit leiſer Stimme zur Antwort:„Sie thun ſo— ſo vornehm gegen uns, ſo großartig, daß wir immer meinen, zu tief unter Ihnen zu ſtehen, um je ſo recht vergnügt zuſammen leben zu können.“ „Ei, ei,“ verſetzte er ſcherzend, während er ſich herab— beugte und ſie auf die Stirne küßte,„ſeit wann ſagt man denn zu ſeinem Manne ‚Sie“? Du, meine kleine Frau, ſtellſt dich vornehm gegen mich.“— Gleich darauf richtete er ſich wieder in die Höhe und ſagte in einem Tone wie überſtrö⸗ mend von Wohlwollen für die ganze Welt:„Ich thäte vor⸗ nehm, ich thäte großartig?“— Er ſchüttelte, wie ſchmerzlich von dieſem Gedanken berührt, den Kopf.„Was, mein Kind, berechtigt Euch zu dieſem Gedanken? Daß ich mit Selbſt⸗ bewußtſein meine erworbene Stellung in der Welt feſtzu⸗ halten mich bemühe, daß ich meines inneren Werthes mir bewußt bin, daß ich den würdigen Namen, den ich trage, mit ſo viel Glanz umgeben möchte, als ich es einer ehrenhaften, ächtigen Familie ſchuldig bin, die Hender⸗ vornehmen und m ſt du mich ſo ſonderbar an?“ unterbrach kopp— warum ſieh ich ſelber;„verſtehſt du meine Worte nicht?“ „O, ich verſtehe ſie nur zu gut,“ verſetzte ſchüchtern die kleine Frau,„und gerade weil ich ſie verſtehe, thun ſie mei⸗ nem Herzen weh.“ „Gott ſei Dank, daß du endlich einmal ſprichſt,“ ſagte er ſ Der Ausbruch einer Verſchwörung. 63 er mit einem mitleidigen Lächeln. nicht mehr Sie, und dann habe ich nes Herzens zu brechen.“ „Jetzt nenne mich auch Hoffnung, das Eis dei⸗ „Wir werden uns ja gewiß bemühen, deine hohe Stel⸗ lung in der Welt zu achten, und werden gewiß nichts thun, um deiner reichen und mächtigen Familie Schande zu machen; nur daß wir es gerade immer hören müſſen, wie tief wir unter dir ſtehen, und welches Opfer du uns eigentlich ge— bracht, das läßt, wenn ich es gerade heraus ſ nicht das rechte Vertrauen und die rechte aufkommen.“ Er zuckte mit den agen darf, Anhänglichkeit Achſeln und machte einen Gang durch das Zimmer.„Du wirſt mir aber zugeben,“ ſagte er nach einer Pauſe,„daß ich auch für dich handle, wenn ich die einmal errungene Stellung in der Welt feſthalte und den Leuten zeige, woher ich ſtamme und was ich werth bin.“ „O, den Leuten,“ erwiderte ſie ermuthigter,„kannſt du das ja ſagen und zeigen, ſo oft und ſo viel du willſt, aber uns, oder jetzt vielmehr mir, deiner Frau, ſollteſt du zutrauen, daß ſie gewiß im Stande ſein wird, deinen Werth zu erken⸗ nen und zu ſchätzen.“ Er trat näher zu ihr hin und be ugte ſich auf ſie herab, während er ſeinen n Arm um ihre Schultern legte. Kind,“ ſagte er heiter,„das werde ich dir auch zutrauen, um ſo mehr, da ich endlich einmal deine Wünſche aus deinem eigenen Munde vernommen. Gewiß, ich bin feſt überzeugt, du wirſt meinen Werth erkennen und das deinige dazu beitragen, um den Namen, den ich dir gegeben, würdig zu tragen.“ „Ei, mein Sie zuckte leicht zuſammen, als er ſie hierbei wiederholt ———ÿ 64 Sechsunddreißigſtes Kapitel. auf die Stirn küßte und dann ſeinen Mund ihren Lippen näher brachte. In dem Augenblicke ſich der Thüre näherten, vat⸗Irren⸗Anſtalt ſich ſchnell emporrichtete, ſagte er in un⸗ muthigem Tone:„Dieſer Schlingel von Gebhard, nach dem ben Stunde geläutet, beliebt es ihm endlich, zu kommen? Ich werde ein ernſtes Wort mit ihm reden!“ „Aber nicht am heutigen Tage!“ bat die kleine Frau. Die Schritte hielten vor der Thür, dann wurde ange⸗ klopft, worauf Herr Dr. Henderkopp ein ziemlich barſches „Herein“ rief. Doch wer beſchreibt ſein Erſtaunen, ja, ſein Erſchrecken, als nicht der Wärter hereintrat, ſondern die ihm beſonders unangenehme, ja, gewiſſermaßen von ihm gefürchtete Geſtalt des Italieners, dem der Förſter, ein Gewehr im Arme, folgte, jedoch auf der Schwelle ſtehen blieb. Der Doctor rieb ſich die Augen, als hoffe er, aus einem unangenehmen Traume zu erwachen, doch war es nicht zu verkennende Wirklichkeit, was er vor ſich ſah. Nach der erſten Ueberraſchung, ja, noch unter dem Ein⸗ fluſſe eines nicht zu bewältigenden Schreckens, faßte er den einzig richtigen Entſchluß und verſuchte, mit der ganzen ſchheit des Directors aufzutreten.„Herr!“ rief er dem Eintretenden entgegen,„was ſoll dieſes Betra⸗ gen? Wer gab Ihnen Erlaubniß, Ihr Zimmer zu verlaſſen und hieher zu kommen?— Und Sie,“ wandte er ſich an den Förſter,„was ſoll dieſe dumme Maskerade? Was thun Sie mit dem Gewehre dort? Iſt das der Dank, daß man milde gegen Sie iſt und Sie frei herumgehen läßt? Verfügen vernahm man raſche Tritte, die und während der Doctor der Pri⸗ ich vor einer hal Strenge und Bar — 2 wiel Käl ☛ em zu Ein⸗ den azen rl“ tra⸗ iſſen ) an thun man ügen Der Ausbruch einer Verſchwörung. 65 Sie ſich augenblicklich hinunter und rufen Sie mir Gebhard, damit ich dieſem da zeige, ob er es wagen darf, mich unge⸗ ſtraft hier in meiner Wohnung zu überfallen.“ Auf dieſe Anrede hin ſchluckte der Förſter, als gäbe er ſich gewaltige Mühe, den letzten und widerſpenſtigſten Teufel zu bewältigen, blickte aber zu gleicher Zeit auf den Italiener, welcher ruhig und gemeſſen ſeine Hand gegen ihn ausſtreckte und alsdann einen Schritt vortrat, um, gegen die Dame gewandt, zu ſprechen. „Madame,“ ſagte er ihr in einem verbindlichen Tone, „da ich von dem feſtlichen Ereigniſſe gehört, welches dieſem Hauſe eine Herrin geben ſoll, und Sie hier ſehe, ſo vermuthe ich, daß Sie das Glück haben, die Frau dieſes Mannes zu ſein.— O,“ wandte er ſich gegen dieſen, der eine zweite Einrede auf noch heftigere Art beginnen wollte,„laſſen Sie mich ſagen, was ich zu ſagen habe und was vorläufig nicht an Sie gerichtet iſt; ich bin es dieſer Dame, Ihrer Frau, ſchuldig, mich darüber zu erklären, warum ich, ohne gerufen zu ſein, hier erſcheine, und warum ich auch durchaus keine Veranlaſſung habe, mich weder durch Ihr heftiges Wort noch durch Ihr flammendes Auge beſtimmen zu laſſen, mich eher von hier zu entfernen, als bis ich das für gut finde.“ Der Doctor, dem Zorn und Wuth den Mund ver⸗ ſchloſſen, und der vergeblich zur Thür hinaus wollte, wo ihm der Förſter feſt und beſtimmt den Weg vertrat, riß nun an der Klingelſchnur, die hier im Zimmer hing, heftig und zu wiederholten Malen, worauf ihm der Italiener mit großer Kälte bemerkte: „Sie werden ſich alle dieſe Verſuche, jemand herbei zu Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 5 66 rufen, erſparen, in Ihrem eigenen Hau Hauſes, Ihre Dienerſchaf ſich ruhig verhal nehmlichkeiten aus Sechsunddreißigſtes Kapitel. wenn ich Sie von dem Stande der Dinge ſe unterrichte: ich bin im Beſitze dieſes t iſt drunten eingeſchloſſen und wird ten, da keiner von ihnen Luſt hat, ſich Unan⸗ zuſetzen und Ihnen zu helfen.“ „Alſo ein Complott, eine Rebellion?“ rief der Doctor, während er mühſam Athem holte. as, wie Sie es wollen.“ „Nennen Sie d der Anſtifter dieſer Schändlichkeit, dieſes „Und Sie ſind Verbrechens?“ „Ja,“ rief der Italiener in lautem, „um Ihnen endlich zu beweiſen, was ich Ihnen ſchon oft geſagt, daß ich nicht wahnſinnig bin, und um der Welt zu daß man mich widerrechtlich wie in einem Gefängniſſe — Doch wollte ich dieſe Bemerkungen r er mit einer heftigen Handbewe⸗ ich wollte mich nur bei dieſer was hier geſchehen muß, und als ungerufen vor ihr zu entſchiedenem Tone, zeigen, hier eingeſperrt hält. nicht an Sie richten,“ fuh gung gegen den Doctor fort,„ Dame rechtfertigen über das, warum ich nicht anders konnte, erſcheinen.“ Es wäre ſchwer zu ſagen, welche Empfindungen So⸗ Auftritte bewegten. Sie hatte den Mann, wohl ſchon geſehen, namentlich noch vor wenigen Tagen, und hatte ihn, durch die Bemerkung ihres jetzigen Gatten veranlaßt, für den gefährlichſten der Kranken dieſes Hauſes gehalten, obgleich ſchon damals ihr feines Ge⸗ fühl ihr geſagt, daß der Unglückliche mindeſtens ſehr hart behandelt würde. Sie hatte ſich auch damals dieſer Scene, die ihr unerträglich war, entzogen; jetzt trat derſelbe Mann ſich allerdings feindlich gegen ihren Gatten zei⸗ phien bei dieſem der vor ſie hintrat, vor ſie hin, die fl ꝗ mi So⸗ ann, vor ihres unken Ge⸗ hart Scene, MNann i zei⸗ Der Ausbruch einer Verſchwörung. 67 gend, dabei aber mit großer Ueberlegung ſprechend und gegen ſie die Form der Höflichkeit genau beobachtend. Damals in einem leinenen Anzuge, den Strohhut trotzig auf den Kopf gedrückt, mit finſterem, wildem Blicke, war er ihr unheimlich erſchienen, obgleich ſie ein inniges Mitleiden mit ihm fühlte; nun aber, wo er in einem einfachen, aber anſtändigen dunkeln Anzuge vor ihr erſchien, das Haar ſorgfältig aus der Stirn geſtrichen, den Hut in der Hand, betrachtete ſie ihn wohl erſchreckt, aber mit einer ihr faſt ſelbſt unerklärlichen Theil⸗ nahme, die dadurch nicht vermindert wurde, daß der Doctor ihn bleich, entſtellt und mit zuckenden Lippen betrachtete und ihm haſtig zurief: „Wenn Sie überhaupt etwas zu reden haben, ſo wenden Sie ſich an mich und nicht an meine Frau. Was bezweckt dieſer Ueberfall? Was wollen Sie?“ „Madame,“ ſprach der Italiener, indem er that, als habe er die Worte des Doctors nicht vernommen,„Sie ſehen hier einen Mann vor ſich, den das Schickſal ſchon in der Jugend grauſam verfolgte, den es von der ſchwindelnden Höhe des Glückes hinab in das entſetzlichſte Elend warf, aus einer unabhängigen, glänzenden Stellung in die Hände dieſes Mannes, das Furchtbarſte, was überhaupt jemand treffen kann!“ Der Doctor ſuchte ſich zu faſſen und ſagte nach einigen tiefen Athemzügen mit erkünſtelter Ruhe zu ſeiner Frau: „Geh' auf dein Zimmer, Sophie,'s iſt beſſer, wenn ich mit dieſem da allein zu thun habe.“ „Wünſchen Sie ſich das nicht,“ rief der Andere mit flammendem Auge.„Danken Sie es der Rückſicht, welche mir die Gegenwart dieſer Dame auferlegt, daß ich mit Ihnen —— 68 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ſo ruhig, ſo leidenſchaftslos verkehre! Bleiben Sie, Madame,“ wandte er ſich bittend an die Frau des Directors,„ich be⸗ ſchwöre Sie darum! Nicht nur zu meinem Beſten, ſondern auch zu dem Ihrigen mögen Sie hören, was ich Ihnen zu und ich werde mich bemühen, mich ſo kurz als Auch wünſchte ich vor allen Dingen,“ ächeln hinzu,„daß Sie über⸗ s mit keinem Wahnſinnigen ſagen habe, möglich zu faſſen. ſetzte er mit einem traurigen L zeugt würden, Sie hätten e zu thun.“ Sophie warf einen langen, Gatten, und mochte es nun die Ueberzeugun es in der That mit einem unglücklichen Verfolgten zu thun hätte, oder mochte ſie der gebieteriſche Wink des Doctors verletzen, mit dem er ſie nach dem Nebenzimmer wies, genug, ſie verleugnete zum erſten Male das Gemüth ihres Vaters und es regte ſich etwas in ihr vom Blute ihrer Mutter, als ſie ſagte:„Ich glaube hier auf meinem Platze zu ſein und will Sie hören.“ „Das lohne Ihnen Gott!“ rief der Italiener; dann fuhr er fort:„Sie werden es aus der Weiſe, wie ich Ihre Sprache rede,“— der Graf ſprach indeſſen ein vortreffliches Deutſch, an dem nur ein ſehr geübtes Ohr vielleicht einen Ausländer errathen konnte,—„und auch ſonſt ſchon erfah⸗ ren haben, daß ich ein Fremder bin. Weit entfernt im Sü⸗ den iſt mein Vaterland, wo ich glückliche Tage verlebte, bis ein entſetzlicher Verluſt, an den ich nicht glauben konnte und wollte, mich veranlaßte, meinem entſchwundenen Glücke nach⸗ zueilen um es wieder zu finden. Ich fand es nicht, und hier in der Fremde überfie heit, in deren Folge es allerdings der prüfenden Blick auf den g ſein, daß ſie z Anſchein hatte, und l mich eine wilde, tückiſche Krank⸗ Der Ausbruch einer Verſchwörung. 69 auch vielleicht momentan ſo war, als ſei mit meiner körper⸗ lichen Kraft auch meine geiſtige gebrochen und zerſtrt. Ich fand mich in dieſem Hauſe wieder, und erſt nach und nach, wie meine Beſinnung und meine ruhige Ueberlegung wieder⸗ kehrte, ſah ich die entſetzliche Lage ein, in der ich mich be⸗ fand: ich wurde für wahnſinnig gehalten, und wenn ich von meiner Vergangenheit ſprach, meinen Rang und Namen nannte, ſo wandte man die furchtbarſten Mittel an, um dieſe fixe Idee zu zerſtören— ah, Mittel, Madame, wie ſie nur die raffinirteſte Grauſamkeit zu erdenken vermag, Mittel, die im Stande geweſen wären, mich in der That wahnſinnig zu machen, wenn ich nicht unter unſagbaren Seelenleiden und Kämpfen den Einen Gedanken feſtgehalten hätte, dort meinen feigen Peiniger eines Tages zu Schanden zu machen und ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten!— Der Tag iſt nun gekommen, und obgleich ich hier erſchien, um Rache zu nehmen für alles, was man mir gethan, ſo iſt doch der ſüße Gedanke, meine Freiheit wieder zu erlangen, ſo bewältigend für mich, daß ich an Anderes nicht mehr denken will.“ Dr. Henderkopp hatte den Worten des Anderen, ohne weiter eine große Bewegung zu zeigen, weilen zuckte er die Achſeln, Italiener geendet, ſ zugehört; nur zu⸗ lächelte mitleidig, und als der agte er mit einem Tone der Stimme, dem man einiges erheucheltes Wohlwollen nicht abſprechen konnte: „Ueber dieſen Ihren Wunſch habe ich ſchon längere Zeit mit Ihren Verwandten correſpondirt und dieſen mitgetheilt, daß ich bei Ihrem Widerwillen gegen meine Anſtalt es ſelbſt für beſſer halte, wenn man eine andere für Sie auffände, und daß ich weit entfernt wäre, Sie gegen den Willen J hrer Verwandten hier zurück zu halten.“ 8 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ein ſchmerzlicher Zug zuckte um den Mund des Italie⸗ ners, als er entgegnete:„Und wer ſind dieſe Verwandten? Ich kenne nur ein einziges theures und liebes Weſen, das ſich dieſes Namens gegen mich bedienen konnte, die Marcheſa, ſagten Sie mir einmal, um meine Mutter, und von ihr f mich ganz zu zerſchmettern, ſie weile nicht mehr unter den Lebenden.“ „Und wie immer, ſagte ich Ihnen auch damals die t,“ erwiderte der Doctor mit einer abſichtlichen Kälte; Wahrhei die Frau Marcheſa Fontana, „die Dame, die Sie nannten, ſtarb vor zwei Jahren.“. „Während ihr Sohn im Irrenhauſe feſtgehalten wurde und vergeblich nach ihr ſchmachtete!“ rief der Italiener mit ſo ſchmerzerfüͤllter Stimme und mit einer ſo bezeichnenden Handbewegung gegen den Director, daß Sophie entſetzt ihren Gatten anblickte und darauf ihr Geſicht in beide Hände verbarg. „Sie erſehen u ſprach aus meiner Aeußerung von vorhin, der Doctor nach einer Pauſe, während welcher der Andere wie von tieſem Weh niedergedrückt da ſtand,„daß ich es wahrhaftig nicht bin, der Sie hier zurückhält. Wozu alſo dieſes Attentat?“ „Wozu?“ fuhr der Italiener haſtig fragend empor, „wozu? Um von Ihrer Grauſamkeit nicht in der dunkeln Zelle feſtgehalten und nicht unter den verfluchten Waſſer⸗ ſtrahl gebracht zu werden, wenn ich mit Ihnen, wie ich ſchon oft gethan, mit ruhigen Worten über meine Vergangenheit ſprach, o, mit Worten, die einen Stein hätten bewegen müſſen!“— Der Ausbruch einer Verſchwörung. 71 „Und jetzt wollen Sie mich zwingen, Ihnen zu glauben?“ fragte der Director der Anſtalt höhniſch. „Mir zu glauben? O nein, Ihr Glaube iſt mir voll— kommen gleichgültig. Ich will nur dieſes entſetzliche Haus verlaſſen und vor der Thür deſſelben den Staub von meinen Füßen ſchütteln, ſogar ohne ihm und Ihnen zu fluchen.“ „So gehen Sie, da Sie, wie Sie ſagen, mir die Macht genommen, Sie zu halten.“ „Damit Sie mich morgen als entſprungenen Wahn⸗ ſinnigen reclamiren?“ erwiderte der Italiener mit einem ſchreck⸗ lichen Lächeln.„Und wenn ich auch meine Rache nicht, wie ich mir feſt vorgenommen, im vollſten Umfange an Ihnen ausübe, ſo will ich doch, ehe ich dieſes Haus verlaſſe, von Ihnen ein offenes Schreiben, worin Sie aus ſprechen, daß ich von einer langen, gefährl ichen Krankheit vollkommen ge⸗ neſen, daß Sie mich zwei Jahre feſtgehalten auf den Wunſch meiner Verwandten— und dieſe Verwandten werden Sie namentlich aufführen— in der irrigen Meinung, mein Geiſt ſei geſtört, daß Sie aber leider bekennen müßten, ſich voll⸗ ſtändig geirrt zu haben. Und dabei ſollen Sie es bedauernd ausſprechen, daß ich eine ſo fürchterliche Zeit in Ihrer ſegens⸗ reichen Anſtalt zugebracht.“ „Nein, nein,“ rief der Doctor mit großer Entſchloſſen⸗ heit.„Vollführen Sie Ihr Attentat, thun Sie mit mir, was Sie wollen, aber glauben Sie nicht, daß ich mich zu irgend twas werde zwingen! aſſen, was eine unausſprechliche Schmach werfen müßte auf den Namen meiner Familie, einer Familie, deren Vergangenheit klar und glänzend iſt, wie die Scheibe der Sonne!“— „Auch die Sonne hat ihre Flecken,“ wandte der Italiener — 72 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ein, indem er einen eigenthümlichen Blick auf den Förſter warf, der ſein Gewehr bei Fuß genommen hatte und nun langſam aus dem Schatten der Thüröffnung näher trat, wobei er mit ſeiner tiefen Stimme ſagte:„Und erſt die Fa⸗ milie Hinderkopf aus dem Dorfe Wermersbach— es ge— hörte zu meinem Revier und ich kannte ſie genau, dieſe Familie.“ So furchtbar der Anblick des Italieners, als er ins Zimmer trat, auf den Doctor gewirkt hatte, ſo war dieſe Wirkung doch nicht zu vergleichen mit dem Eindruck, den dieſe einfachen Worte auf ihn hervorbrachten. Er fuhr zu⸗ ſammen, warf einen ſcheuen Blick auf ſeine Frau, und als er bemerkte, daß dieſe die Augen auf ihren im Schooße ge⸗ falteten Händen ruhen ließ, erhob er ſeine Rechte zugleich drohend und abwehrend und ſchüttelte ſie alsdann wie ver⸗ neinend gegen den Sprecher.—„Genug, genug,“ rief er nach einer Pauſe,„genug der Schändlichkeiten! Hier bin und hier ſtehe ich, macht mit mir, was Ihr wollt. Doch glaubt mir, daß, wenn ich auch heute in Eurer Gewalt bin, mor⸗ gen die Stunde kommen wird, wo ich ſtrenge Vergeltung üben kann.“ „Und wofür Vergeltung?“ fragte der Italiener ruhig. „Dafür, daß Sie das gegen mich begangene Unrecht einſehen ſollen und es durch ein paar Worte wieder gut machen? Fügen Sie ſich dieſer beſcheidenen Forderung, und es wird von weiterer Gewalt nicht die Rede ſein.“ „Und was die Familie Hinderkopf aus Wermersbach anbelangt, Ihre Familie,“ ſagte der Förſter,„ſo wird das bischen Schmach und Schande eines freimüthigen Bekennt⸗ niſſes Ihrer Grauſamkeiten gegen uns dieſer Familie nicht ſin w la⸗ 8 Der Ausbruch einer Verſchwörung. 73 ſchaden, ſie iſt daran gewöhnt, die Familie Hinderkopf. Soll ich von Ihrem Bruder Stephan reden?“ „Was iſt es mit dieſer Familie?“ fragte Sophie mit entſchiedener, wenngleich tonloſer Stimme;„was hat ſie mit uns zu thun?“ Der Doctor trat raſch einen Schritt auf den Förſter zu, ihn feſt anſehend, wobei er den Verſuch machen zu wollen ſchien, ob ſein bekannter, ſonſt ſo gefürchteter Blick heute nicht auch einige Wirkung ausüben würde, doch ſah er wohl, daß derſelbe machtlos an dem unbeweglichen Geſichte ſeines Gegners abglitt, denn dieſer wandte ſich ruhig gegen die Fragende und erwiderte ihr:„Es iſt die Familie dieſes Man⸗ nes— eine Familie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, wobei ein jähes, unheimliches Lachen ſein Geſicht momentan wie ein Blitz erhellte,„der ich leider meine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit zuwenden muß, denn der letzte Teufel, den ich nicht hinunterſchlucken kann, ſtammt ja eben aus dieſer Familie.— — O, es iſt traurig, dieſelbe langwierige Arbeit immer wieder von vorn beginnen zu müſſen!“ Und darauf fing er unter ſo furchtbaren Geſichtsverdrehungen zu ſchlucken an, daß die junge Frau, die ihn aufmerkſam angeſchaut, entſetzt ihre Hände vor das Geſicht ſchlug und der Thür des Nebenzim⸗ mers zueilte. Doch vertrat ihr der Italiener raſch den Weg, indem er feſt, aber ehrerbietig ſagte:„Madame, es thut mir leid, aber ich muß Sie dringend bitten, uns nicht zu verlaſſen, es ſind noch einige Sachen aufzuklären, bei denen Ihre Gegen⸗ wart erforderlich iſt. Was jenen unglücklichen Mann anbe⸗ langt,“ dabei deutete er auf den Förſter,„ſo iſt das einer —x 74 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ſeiner uns wohlbekannten Anfälle, der bald vorüber ſein wird und Ihnen keine Beſorgniſſe einflößen darf.“ Für den Doctor aber hätte nichts erwünſchter kommen können, als der Anfall gerade zu dieſer Stunde. Er ſchien um einige Zoll gewachſen zu ſein, während er aufrecht neben dem Tiſche ſtand, ſeine rechte Hand darauf ſtützte und die linke unter ſeiner Weſte verbarg.„Du ſiehſt jetzt wohl, So⸗ phie,“ ſagte er,„mit wem wir es zu thun haben. Gott ſoll dem Gebhard ſeine Nachläſſigkeit verzeihen, ich war zu nach⸗ ſichtig, zu gelinde! Es ſoll das aber für die Zukunft nicht mehr vorkommen.“ „Ihre Worte,“ erwiderte ihm raſch der Italiener,„ſind in den Wind geſprochen und machen keine Wirkung auf uns; die Zeit verrinnt, zund ich muß zu Ende kommen. Das Verlangen, welches ich an Sie ſtellte, iſt die billigſte Genug— thuung für alle Leiden, welche Sie mich erdulden ließen, und nur wenn ich es den übrigen unglücklichen Bewohnern dieſes Hauſes zeige und ihnen dabei ſage, Sie hätten mein Ver⸗ langen erfüllt und ihre Zukunft würde ſich jetzt anders und freundlicher geſtalten, bin ich im Stande, es zu verhüten, daß deren Haß gegen Sie zum Ausbruch kommt.“ „Ich trotze dieſem Haſſe ſo wie Ihren Drohungen, und werde niemals das Verlangte ſchreiben!“ „Gut, ſo zwingen Sie mich, Sie in Gewahrſam zu neh⸗ men, in der Hoffnung, Sie vielleicht bis morgen früh meinen billigen Wünſchen geneigter zu finden. Vorerſt aber habe ich Ihnen hier einige Papiere vorzulegen, welche ich drunten einem Manne abnahm, der mir gerade im Beſitz dieſer Pa⸗ piere verdächtig erſchien.“ Schlag auf Schlag traf das Haupt des Directors der Der Ausbruch einer Verſchwörung. 75 9 ◻ Irren⸗Anſtalt, und kaum ſchien er einer Gefahr entronnen, ſo fiel eine andere wieder um ſo grauſamer über ihn her. „Der Mann,“ ſtotterte er mit einem flüchtigen Seiten⸗ blick auf ſeine Frau,„iſt vollkommen in ſeinem Rechte. Jene Papiere— ich will ſie nicht ſehen,“ ſetzte er raſch mit einer ungeduldigen Bewegung hinzu. „Sie ſind von großem Geldeswerth,“ ſprach gelaſſen der Italiener;„es mußte mir verdächtig erſcheinen, daß er ſich in dunkler Nacht damit entfernen wollte.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Sophie, nachdem ſie einen raſchen Blick auf die Papiere geworfen, welche der Italiener trotz des Widerſtrebens des Doctors auf den Tiſch gelegt und dort ausgebreitet hatte.„O,“ fuhr ſie mit einer heftigen Erregung fort,„ich glaube dieſe Papiere zu kennen und bin überzeugt, daß ſie jenem Manne nicht rechtmäßiger Weiſe angehören können— oder doch?“ fügte ſie mit einem Tone hinzu, der den Zuhörern tief ins Herz ſchnitt. „Das ſind Angelegenheiten,“ flüſterte der Doctor mit unſicherer Stimme,„die nicht hieher gehören, mein Kind; glaube mir, Sophie, ich will dir das alles morgen genügend erklären.“ „Madame kennt dieſe Papiere?“ fragte der Italiener aber trotzdem. „Sie ſind mein Eigenthum.“ „Ah, ich dachte es mir, ich hatte alſo Recht, jenen Men⸗ ſchen feſt zu halten! Und da ſie Ihnen gehören, ſo ſtelle ich ſie Ihnen wieder zurück.“ „Und werden mir wohl noch eine zweite Bitte erfüllen?“ fragte haſtig die unglückliche junge Frau.„Sie werden mir ——— 76 Sechsunddreißigſtes Kapitel. erlauben, mich in Begleitung meines Dienſtmädchens zu mei⸗ ner Mutter zurück zu begeben.“ „Ich bin untröſtlich,“ verſetzte der Italiener auf die ehrerbietigſte Art,„Ihnen dieſen Wunſch nicht erfüllen zu können; wenn ich auch wollte, es ſteht nicht mehr in meiner Macht. Das Thor unten wird von einem Manne gehütet, über den ich nur bedingungsweiſe einige Gewalt habe, dem ich das Wort abnahm, niemand, es ſei, wer es wolle, heute Nacht ſich aus dem Hauſe entfernen zu laſſen. Seien Sie ſo freundlich, Madame, bis morgen von Ihrem Zimmer Beſitz zu nehmen. Veranlaſſen Sie dieſen Herrn da, mir mein billiges Verlangen zu erfüllen, und wir wollen alsdann zu⸗ frieden dieſes traurige Haus verlaſſen.“ „Ueber ihn habe ich keine Gewalt,“ gab ſie wie ſchau⸗ dernd zur Antwort.„Gott ſoll mich auch bewahren, nur einen Verſuch dazu zu machen; Ihrem Wunſche will ich mich aber fügen, denn ich bin in Ihrer Macht und überzeugt, daß ich es mit einem Ehrenmanne zu thun habe.“ „Nehmen Sie meinen Dank für dieſen Glauben, der mich glücklich macht,“ erwiderte der Italiener mit leuchtendem Blick;„er iſt mir aus Ihrem Munde wie eine Bürgſchaft zum Wiedereintritt in ein freies, wenn auch nicht glückliches Leben. Nehmen Sie aber dieſe Papiere zu ſich,“ fügte er hinzu, als die junge Frau ſich raſch umwandte, ich möchte ſie in keiner andern Hand wiſſen, als in der Ihrigen.“ Im nächſten Augenblicke war ſie verſchwunden, und man hörte, wie ſie den Schlüſſel im Schloſſe herumdrehte. Dieſer einfache Klang ſchien den Director der Irren⸗ Anſtalt aus ſeinem tiefen Nachſinnen aufzuſchrecken; er ſtrich haſtig die Haare aus ſeiner Stirn und fragte, nachdem er — Der Ausbruch einer Verſchwörung. 77 tief aufgeathmet:„Und wo iſt jener Mann, dem Sie die Papiere genommen?“ „Der General bewacht ihn.“ „Er thut ihm hoffentlich kein Leid?“ „Bis jetzt nicht,“ erwiderte der Italiener, indem er dieſes bis jetzte ausdrucksvoll betonte.„Auch ihm wird morgen früh die Thür offen ſtehen, ſobald Sie ſich ent⸗ ſchloſſen haben, mir das gewünſchte Zeugniß auszuſtellen.— Dieſes Zeugniß,“ fuhr er in ſehr entſchiedenem Tone fort, „ſoll nicht nur mir von Nutzen ſein, ſondern es ſoll auch die Behörde veranlaſſen, auf Ihre Anſtalt ein wachſameres Auge zu richten, wie bisher. Sie ſehen, ich bin offenherzig, und das ſollte Sie veranlaſſen, gegen mich billig und gerecht zu verfahren.“ Der Director ſchien kaum die Worte des Andern gehört zu haben. Seine finſteren Blicke hefteten ſich ſtarr auf den Fußboden, er entgegnete lange nichts, und wenn ſich auch ſeine Lippen krampfhaft öffneten und ſchloſſen, ſo thaten ſie das nur, um ſchwere Seufzer auszuſtoßen. Zuweilen nickte er mit ſeinem Kopfe vor ſich hin, und ein paarmal zuckten ſeine Augen empor, wobei ſich alsdann ſeine düſtere, ver⸗ ſchloſſene Miene etwas aufheiterte. Endlich ſprach er in ruhi⸗ gem, kaltem Tone:„Ich werde das Verlangte ſchreiben, jetzt gleich auf der Stelle.“ „Das hängt von Ihrem Belieben ab, ich bewillige Ihnen zu dieſem Geſchäfte die ganze Nacht und muß nur ſo grau⸗ ſam ſein, Sie in eine der Zellen drunten einzuſchließen, nur für wenige Stunden,“ ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu. „Ich habe das gelobt, und Sie werden finden, daß es nur eine kleine Wiedervergeltung iſt für die unausſprechlich lange 78 Sechsunddreißigſtes Kapitel. und entſetzliche Zeit, die Sie mich zu Ihrem Vergnügen feſt eingeſchloſſen hielten.“ „Ich bin in Ihrer Macht und muß mich Ihrem Willen fügen.“ „Endlich,“ ſagte der Förſter in mürriſchem Tone,„geht die Sache einmal vorwärts; der General drunten wird hübſch ungeduldig geworden ſein, aber eine Freude werden ſie haben, daß alles ſo abgelaufen iſt. Vorwärts alſo! Nummer 4 iſt ſchon lange bereit.“ Der Director der Irren⸗Anſtalt ſchleuderte einen ingrim⸗ migen Blick auf den Sprecher, dann wandte er ſich an den Italiener, indem er ſagte:„In Ihre Hand gebe ich mich alſo — und darf wohl die Hoffnung ausſprechen, daß Sie über mich und mein Haus wachen?“ „Als wenn Sie es ſelbſt thäten,“ erwiderte der Andere, und nachdem der Doctor noch einen finſtern Blick auf das Nebenzimmer geworfen, verließ er das Gemach, von den Bei⸗ den gefolgt. Drunten wurde er in Nummer 4 eingeſchloſſen und der Förſter ſchob extra noch beide Riegel vor. Allerdings war der General im Hofe ungeduldig gewor⸗ den. Zuerſt hatte er den Verſuch gemacht, Herrn Goldſtein, den er für einen gefährlichen Spion anſah, ins Verhör zu nehmen und deſſen Mitſchuldige bei dieſem offenbaren Ver⸗ rathe heraus zu bringen, doch hatte ihn der zerknirſchte Ge⸗ ſchäftsmann längere Zeit angehört, ohne zu verſtehen, was jener eigentlich wollte, und ihm nur zuweilen in kläglichem Tone geantwortet:„Gott der Gerechte, laſſen Se mich zu⸗ frieden, haben Se mer doch genommen mein Geld! Was liegt mer ferner am Leben? Nehmen Se's auch und dann laſſen Se mich in Ruh! O, Unglücksnacht, waih g'ſchrieen, Der Ausbruch einer Verſchwörung. 79 Unglücksnacht! Was hat gefrevelt gegen die Gebote Moſes Goldſtein, um beſtraft zu werden mit ſolcher Grauſamkeit? Waih geſchrieen!“ Dieſes Waih geſchrieen! betonte er glücklicher Weiſe ſehr leiſe, denn ſonſt hätte ſich der über dieſe Verſtocktheit aufge⸗ brachte General vielleicht veranlaßt geſehen, ihn auf ſehr un⸗ angenehme Art zum Schweigen zu bringen. Als er dagegen ſah, daß mit dem Gefangenen nichts anzufangen ſei, ging er in einiger Entfernung mit übereinander geſchlagenen Armen und zuweilen ſich finſter nach ihm umſchauend, vor ihm auf und nieder, wobei er nicht verfehlte, von Zeit zu Zeit die Wache anzurufen, die er nahe beim Gitterthor aufgeſtellt hatte. Dies war der Factor, welcher ſich indeſſen bei dieſem ganzen Unternehmen nicht beſonders behaglich zu fühlen ſchien. Er ſchoß mit einer fledermausartigen Unſicherheit im Hofe hin und her, wobei er den alten Spieß, den man ihm zur Bewaffnung gegeben, wie einen Spazierſtock gebrauchte, mit⸗ unter auch an die Pechpfanne trat, deren Flamme der Ge⸗ neral zuweilen höchſt eigenhändig mit einigen Pechringen ſpeiſ'te, um hier alsdann bei der neu aufflackernden Glut einen raſchen Blick auf ſein geliebtes Zeitungsblatt zu werfen und ſich zu überzeugen, ob ſich nicht bei dieſen außerordent⸗ lichen Ereigniſſen ein paar tückiſche Druckfehler eingeſchlichen hätten. Das that er aber nur, ſobald der General auf ſei⸗ nem Spaziergange ihm den Rücken zugekehrt; ſo wie jener ſich umwandte, flatterte der Factor mit einem ſcheuen Blick in die tieferen Schatten des Hofes hinein. Was den Telegraphiſten anbelangte, ſo war dieſer dicht an das Gitterthor geſtellt worden, um auf telegraphiſche Weiſe Meldung zu machen, ſobald ſich auf dem Wege drau⸗ . 80 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ßen irgend etwas Verdächtiges zeige. Verſchiedene Male hatte er ſchon ſolches durch heftige Zeichen mitgetheilt, doch wenn der General, aufmerkſam geworden, näher trat, ſo zeigte ſich das Wichtige, das er geſehen haben wollte, vielleicht als der ſcheue Flug eines Nachtvogels oder als ein Licht, welches unten im Thale harmlos auf der Chauſſee vorüberzog. Jetzt aber mit einem Male wurden die Zeichen des Telegraphiſten ſo extravagant und in ſo raſcher Reihenfolge gegeben, daß ſich unbedingt draußen etwas ganz Außerordentliches zutragen mußte. Der General wollte ſich ſchon zu einer Recognos⸗ cirung näher begeben, als in dieſem Augenblicke der Italiener und der Förſter im Hofe erſchienen, und Erſterer ſelbſt an das Gitterthor eilte. Da ſah er nun, daß ſich freilich etwas Außergewöhnliches der Anſtalt näherte; was es war, konnte er im erſten Augenblicke nicht deutlich erkennen; er bemerkte verſchiedene Männer, die langſam den Hügel herauf kamen, von denen einige Laternen trugen, andere aber Dinge in den Händen hatten, die im Scheine der Laternen metalliſch glänzten. „Wir ſind verrathen!“ flüſterte der General, der ihm über die Schulter ſchaute,„unſere Verſchwörung iſt entdeckt, jetzt heißt es muthvoll ſterben.“ „Stille!“ ſagte der Andere in leiſem, aber gebieteriſchem Tone,„wer wird denn gleich den Muth verlieren? Wie kann unſere Verſchwörung entdeckt ſein? Es müßte ja ein Vogel die Botſchaft davon nach der Stadt gebracht haben. Ah!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„jetzt ſehe ich, was es iſt; es ſind Muſicanten, welche den feſtlichen Tag des Directors mit einem Ständchen beſchließen wollen.“ „Sollte die Bande nicht eine Batterie maskiren, welche Der Ausbruch einer Verſchwörung. 81 gegen uns anzieht, um uns zu beſchießen? Es ſind ähnliche Sachen in der Kriegsgeſchichte ſchon vorgekommen, und wir haben einen ſchlauen und hartnäckigen Feind vor uns— dort glänzt wahrhaftig etwas wie ein Kanonenlauf.“ „Glauben Sie meinen Verſprechungen,“ erwiderte der Italiener.„Was Sie da ſehen, iſt die Mündung einer Ophi⸗ kleide; aber ziehen wir uns zurück, es könnte Verdacht erre⸗ gen, wenn man uns hier draußen im Hofe ſähe. Es waren in der That Muſicanten, die ſich langſam der Anſtalt näherten und welche von der Verwandtſchaft der Frau Wittwe Speiteler ausgeſandt waren, um den Director mit ſeiner jungen Frau in einen ſanften Schlummer zu wiegen. Philipp, der Knecht, war mit ihnen ausgeſandt worden, und neben ihnen ging Ludwig, welcher ebenfalls eine Laterne trug und die Sache als einen ungeheuren Spaß zu betrachten ſchien. Er näherte ſich raſch dem Thore und zog derb an der Glocke, daß der Klang derſelben laut im Hofe wieder⸗ hallte und Herrn Goldſtein auf ſeinem Kehrichtfaſſe heftig zuſammenſchrecken ließ. Doch war es ein freudiges Erſchre⸗ cken, welches ihn durchzuckte, als er nun, aufblickend, menſch⸗ liche Weſen ſah, ächte, vernünftige Menſchen, welche Einlaß begehrten. Ein lauter Ruf nach Hülfe lag ihm ſchon auf der Zunge, doch wurde er zurück gehalten aus Furcht vor dem langen Meſſer des Generals, welch' Letzterer ſich neben den Pfeilern des Thores verborgen hatte. Dagegen erhob ſich Herr Goldſtein, alles Geräuſch vermeidend, langſam in die Höhe. Der erſte Zug an der Glocke blieb natürlicher Weiſe eben ſo erfolglos, wie der zweite und dritte, auch hatte der Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 6 82 Sechsunddreißigſtes Kapitel. laute Ruf nach Gebhard, den Ludwig ausſtieß, die gleiche Wirkung. Betroffen ſchauten ſich die Muſicanten an, und einer von ihnen meinte, die da drinnen hätten jetzt ſchon einen feſten Schlaf, worauf ein anderer erwiderte, nach dem guten Abend, den ſie ſich gemacht, ſei das nicht zu verwundern. „Dort iſt übrigens jemand,“ bemerkte ein Dritter, wel⸗ cher den grauen Paletot des Herrn Goldſtein durch die Dunkel⸗ heit ſchimmern ſah.„Heda, guter Freund, will Er nicht ſo gut ſein, näher zu kommen, oder den Gebhard rufen, daß er uns das Thor aufmache?“ Nun mochte der Italiener nicht länger zögern, hinter einem der Pfeiler hervorzutreten:„Meine Herren,“ ſagte er mit ruhiger Stimme,„Gebhard iſt im Augenblicke nicht im Stande, hieher zu kommen, da er drinnen bei einem Kranken beſchäftigt iſt; darf ich mich wohl im Auftrage des Herrn Directors nach Ihren Wünſchen erkundigen?“ „Na, die ſind leicht zu errathen,“ gab einer der Muſi⸗ canten, welcher zuerſt geſprochen, zur Antwort;„wir ſind hinaus geſandt worden, um für den Doctor und ſeine Ge⸗ mahlin eins aufzuſpielen, alſo machen Sie nur immerhin das Thor auf, daß wir hinein können.“ „Das wird nicht gut angehen,“ erwiderte der Italiener, „denn ich habe keine Schlüſſel, und der Herr Director wünſcht auch nicht, daß im Hofe ſelbſt, dicht unter den Fenſtern ſeiner Kranken, laute Muſik ertöne. Wollen Sie alſo nicht lieber da draußen ſpielen, es klingt das auch viel angenehmer und feierlicher aus der Entfernung.“ Ludwig und Philipp ſchauten einander verwundert an, doch meinte ein anderer der Muſicanten:„im Grunde hat er in, Der Ausbruch einer Verſchwörung. 8 nicht Unrecht, und uns kann es gleich ſein, alſo fangen wir meinethalben an.— Choral Nummer 6.“ Und Herr Goldſtein? Er athmete tief und ſchwer, er nahm ſeinen Hut vom Kopfe und wiſchte ſich mit der Hand den Schweiß von der Stirn, welchen ihm die tiefe Erregung ausgepreßt, er näherte ſich mit den kleinſten, ihm nur mög⸗ lichen Schritten dem Gitterthore, mit der Abſicht, ſobald er nahe genug wäre, daſſelbe mit einem gewaltigen Sprunge zu erreichen und dann ſo laut um Hülfe zu rufen, als es ihm nur möglich ſei. Jetzt aber ſchon, ehe er dies nur aus⸗ führen konnte, bewegte er ſeine rechte Hand, mit derſelben Zeichen machend, ſo auffallend, als er nur konnte, gegen Philipp, den er beim Scheine einer Laterne erkannte. Es wurde ihm nicht ſchwer, dies auch ein paar Minuten lang zu thun, ohne daß es von den Andern im Hofe bemerkt wurde, denn mit den feierlichen Klängen des Chorals, wel⸗ cher nun durch die ſtille Nacht erklang und das ſeit lange ſchlummernde Echo im Hofe wach rief, war auch eine feierliche Stimmung über ſämmtliche Verſchworene gekommen. Muſik hatten dieſe ohnehin lange nicht mehr gehört, und jedem rief ſie wehmuthsvolle oder heitere Bilder aus der Vergangenheit hervor. Der Telegraphiſt, der in einem Winkel ſtand und un⸗ geſehen fortfuhr, ſeine Zeichen zu machen, ließ zuerſt den rech⸗ ten, dann den linken Arm ruhig herabhangen und faltete wenige Sekunden danach ſeine Hände zuſammen. Der Ge⸗ neral dachte an die letzte Kirchenparade, die er kommandirt, an die Auszeichnung, die er dabei empfangen, und es erſchien ihm eigentlich jammervoll, ein Verſchworener zu ſein und nie zum rechten Ziele gelangen zu können. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Der Förſter hörte aus den ernſten, getragenen Tönen nur die Waldhörner herausklingen, und bedeckte ſeine Augen mit der Hand, da er ſich durch die Erinnerung an den ſchö⸗ nen grünen Wald aufs ſchmerzlichſte bewegt fühlte. Sogar der Factor flatterte nicht mehr im Hofe umher, ſondern hatte ſein Zeitungsblatt verkehrt genommen, und ſang die Worte des Chorals, den er wohl kannte, langſam vor ſich hin. Am tiefſten ergriffen war wohl der Italiener. Die harte narbige Rinde, welche ſein Herz eingeengt und zuſammen— gepreßt, ſchmolz vor den Klängen der Muſik. Er drückte ſeine heiße Stirn gegen den kühlen Stein des Thorpfeilers er ſchleß die Augen und ſah die funkelnden Kreiſe, welche ſeine Thränen in ihnen hervorriefen. Auch ihm ſchienen jene Töne bekannt, er hatte ſie gehört bei einem heiteren Feſte, in ſeiner geliebten Vaterſtadt, im ſchönen Neapel. Sie nah⸗ men das tiefe Weh, den gewaltigen Schmerz, welche ihn faſt vernichtet, von ſeinem Herzen, und träufelten dafür den Glau⸗ ben an eine beſſere, glücklichere Zeit in ſein wundes Gemüth. Sah er doch die Freiheit vor ſich, lag es doch jetzt ſchon in ſeiner Macht, das eiſerne Thor zu öffnen und hinaus zu eilen— fort, immer fort,— weiter, immer weiter, über Berg und Thal, ſeiner glücklichen Heimat zu, wo er vielleicht nur anzuklopfen brauchte an die Thür eines geliebten Weſens, damit ſie ihm öffne, nicht nur dieſe Thür, ſondern auch ihre Arme. Das alles verſprachen ihm die wogenden Töne, die ſeine Bruſt mit Entzücken ſchwellten und die ihm jauchzend immerfort wiederholten: Ja, du wirſt frei ſein, morgen ſchon, und glücklich?— Vielleicht, vielleicht!— Herr Goldſtein fühlte ſich durch jeden kleinen Schritt, mit dem er ſich dem Thore näherte, ermuthigter, und fing Der Ausbruch ein er Verſchwörung. 85 ſchon an, aus dem Chaos von Tönen eine einzelne klingende Stimme heraus zu hören. Es war: die der Poſaune, die ihm zurief: Du wirſt ſie wieder haben, die zwanzigtauſend Gul⸗ den. Dir wieder geben wird man die zwanz stauſend Gul⸗ den— ja, zwanzig— tauſend— Gulden. Endlich ſchwieg die Muſik, und alle Zie Träumer er⸗ wachten aus ihren Phantaſieen, unſanft aber wurde Herr Goldſtein aus ihnen geweckt, denn als er eben zu einem verzweifelten Sprunge gegen das Gitter an ſetzen wollte, fühlte er ſich plötzlich von einer eiſernen Fauſt gehalten, und ſah erſchreckt um ſich ſchauend in das düſter glühende Auge des Förſters, welcher ihm zuflüſterte:„Noch einen Schritt vor⸗ wärts, noch eine einzige auffallende Bewegung, und ich ſchlage dir den Schädel ein, mag daraus entſtehen, was da wolle! Und ändere augenblicklich deine erſchreckte Fratze,— heiter ſollſt du ſcheinen, luſtig, wie wir! Ha, ha, ha,“ lachte er laut hinaus,„das war eine ſchöne Muſik, nicht wahr?“ Und da⸗ mit ſtellte er ſich Geſicht gegen Geſicht vor den unglücklichen Geſchäftsmann, daß die am Gitterthore deſſen Jammermiene nicht mehr erblicken konnten. Aber geſehen hatten ſie ihn ſch hon; namentlich Philipp und Ludwig hatten ihn geſehen und erkannt, den Herrn Gold⸗ ſtein, der ja auch auf der Hochzeit geweſen war. Aber da ſie wußten, daß er auch ſchon früher zu dem Dr. Henderkopp ins Haus gekommen war und dieſem genau bekannt ſei, ſo fanden ſie leider kein Arges darin, ihn hier im Hofe unter den Pen⸗ ſionären der Anſtalt zu ſehen; wir ſagen leider, und zwar im Intereſſe des Herrn Goldſtein, denn der Muſicant, welcher die Poſaune blies— er fungirte zugleich als Dirigent des Ganzen— hatte ſchon den Kopf geſchüttelt, als er die Narren 86 Sechsunddreißigſtes Kapitel. wie er ſich gegen ſeinen Nebenmann ausdrückte, hier im Hofe frei umher gehen ſah. Wenn er der Wahrheit des hier Vor⸗ gefallenen auch nicht im entfernteſten nahe kam, ſo war es ihm doch ſonderbar erſchienen, daß die, welche eigentlich hinter Schloß und Riegel in ihren Zellen ſein ſollten, ſich ſo ſpät Abends hier noch im Hofe umhertrieben. Aber der Herr Gold⸗ ſtein war ja dabei, ein Geſchäftsmann, über deſſen klare Ver⸗ ſtandeskräfte man durchaus keine Beſorgniſſe zu haben brauchte, das hatte er häufig bewieſen. „Es macht's der Hochzeitstag,“ meinte Philipp;„nun, den armen Leuten kann man das wohl gönnen, daß ſie auch einmal ein bischen Freiheit haben und die Muſik in der Nähe hören dürfen.“ „Ja, und ſie betragen ſich ſo ruhig,“ flüſterte Ludwig, welcher mit der gleichen Neugierde durch das Eiſengitter auf die Wahnſinnigen blickte, als ſchaue er in einen Käfig voll wilder Thiere hinein, es aber gar zu gern geſehen hätte, wenn ſie einiges tolles Zeug und Spectakel gemacht hätten. „Achtung!“ rief nun der Poſauniſt, die Polka Nummer 8.“ Und darauf ging es los in einem lebhaften Takte, luſtig und heiter, klingend und ſpringend, wie nach dem alten, be⸗ kannten Leineweber⸗Lied: „Fein oder grob, Geld gibt's doch. Mir ein Viertel, dir ein Viertel, Schrum, ſchrum, ſchrum!“— Und ſo wirkte ſie auch auf die meiſten der Zuhörer im Hofe: der Telegraphiſt hob Arme und Beine nach dem Takte zuckend in die Höhe und telegraphirte eine unendlich lange Depeſche, die ſeinem Geſichtsausdrucke nach voll Humor und Freude ſein mußte. Der General marſchirte auf und nieder und —,— —— — Der Ausbruch einer Verſchwörung. 87 öffnete zuweilen den Mund, als fände er es für nöthig, den vorbeiziehenden Truppen irgend einen Befehl zuzurufen. So⸗ gar der arme Factor ſchien aus ſeiner gedrückten Stimmung heraus zu kommen, denn er nickte ordentlich vergnügt mit dem Kopfe. Förmlich elektriſirt von der Muſik ſchien übrigens der Förſter zu ſein: ſeine Hände waren noch immer auf die Schultern des Herrn Goldſtein gelegt,— die Außenſtehenden konnten es freilich nicht bemerken, daß er deſſen Rockkragen feſt gepackt hielt. Nach dem Takte der Muſik hob er ab⸗ wechſelnd ein Bein um das andere, ſchaute mit einem luſtigen Grinſen bald rechts, bald links, und ſeine Freude ſteigerte ſich ſo, daß er ſich nicht enthalten konnte, ſeinem unglücklichen Gegenüber eindringlich zuzuflüſtern:„mit getanzt, mit getanzt, wir alle müſſen luſtig ſein, ſehr luſtig ſein, auch du, mein guter Freund!“ Und als der unglückliche Herr Goldſtein gar keine Veranlaſſung hierzu in ſich ſpürte, ſo ſtieß er ihn mit den Fäuſten auf die Schultern und mit den Ellbogen in die Rippen, ſo lange, bis ſich der Geſchäftsfreund des Dr. Hender⸗ kopp zu einigen ungraziöſen Sprüngen genöthigt ſah; doch hatte der Förſter an dieſen ſchwachen Verſuchen noch nicht genug, und als Herr Goldſtein einmal in Bewegung geſetzt war, ſo hob er ihn mit ſeiner rieſigen Kraft faſt in die Höhe und drehte ſich mit ihm im Kreiſe, ſo daß es ausſah, als führten die Beiden einen zierlichen Walzer auf, wobei der graue Paletot nach allen Richtungen emporflatterte. Dabei aber ent⸗ fernten ſich Beide, trotz des Widerſtrebens des einen Theils, immer mehr von dem Gitterthore, und Herr Goldſtein ſah mit Schaudern ein, daß ſeine Partie verloren ſei; er ſah es ein und hörte es auch aus den Aeußerungen der Außenſtehenden. ℳ A Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Seht den guten Herrn Goldſtein,“ ſagte Philipp ſo laut und vernehmlich, daß es durch die Muſik klang,„er freut ſich mit den armen Leuten, ich hätte das wahrhaftig nimmer von ihm gedacht!“— „Mir ein Viertel, dir ein Viertel, Schrum, ſchrum, ſchrum,“ machte die Muſik immer noch luſtig in der gleichen Weiſe während der eben erwähnten Scene und als der Belobte ſchon wieder auf ſeinem Kehrichtfaſſe ſaß, wohin ihn der Förſter dirigirt, und wo er zuſammengeſunken war, förmlich zerknickt vor Angſt, Furcht und Entſetzen. In ſeinem Innern ſah es troſtlos aus— dort draußen Hülfe und Rettung, wenn er ſich hätte verſtändlich machen dürfen durch einen lauten Hülfe⸗ ruf, dort jenſeits des Gitters fühlende Menſchen, die zu ſeiner Befreiung herbei geeilt wären, die nun luſtig nach Hauſe zurückzogen, unter Scherzen und Lachen von einem gelungenen Abend erzählend, während er hier zurück bleiben mußte,— unter Larven die einzig fühlende Bruſt! Er kam ſich vor wie ein Schiffbrüchiger, der aufjubelnd Land geſehen oder ein rettendes Boot, das ſich aber unaufhaltſam wieder entfernte, ohne ihm Hülfe gebracht zu haben. Ja, ſie entfernte ſich von ihm, die Rettung, denn als die Polka zu Ende war, packten die Muſiker ihre Inſtrumente zuſammen, Philipp und Ludwig wünſchten eine gute Nacht in den Hof hinein, und dann zog alles von dannen, lachend und plaudernd. Eine Zeitlang bemerkte man noch die wim⸗ melnden ſchattenhaften Geſtalten und dazwiſchen das Blitzen der Lichter aus den Laternen, zuletzt ſah man nur noch einen ungewiſſen Schein, und dann herrſchte wieder die kalte, ſtille, erbarmungsloſe Nacht. ———— Der Ausbruch einer Verſchwörung. 89 Herr Goldſtein hörte kaum noch, daß der Italiener etwas zu den andern Verrückten ſprach, und daß dieſe alsdann die Pechpfanne umwarfen und das glimmende Feuer auf dem Boden auslöſchten. Er war ſo voll Jammer und Elend, daß er mechaniſch folgte, als man ihn dazu aufforderte, und daß er nur einen tiefen Seufzer ausſtieß, als er nach dem Hauſe geführt wurde und man ihn dort in eine finſtere Zelle ſchloß; ja, er fühlte ſich faſt etwas erleichtert, als nun die ſchwere Thür derſelben mit ihren Riegeln und Schlöſſern ihn von ſeinen Verfolgern trennte,— war doch jetzt wenigſtens ſein Leben geſichert, wenn auch vielleicht nur für eine kurze, arme Friſt. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Eine ärztliche Conſultation. Die Nacht entſchwand und machte dem jungen Morgen Platz, der aber mit einem ſo verdrießlichen, verlebten Geſichte erſchien, daß man ihn eigentlich für einen alten Morgen hätte halten können, der als Stellvertreter eines beſſeren und fri⸗ ſcheren ſchon mehrere Male grämlich die Erde betrachtet. Der Anblick derſelben auf der ſonſt ſo geſegneten Stelle, wo un⸗ ſere wahrhaftige Geſchichte ſpielt, war aber auch heute da⸗ nach, daß man es dieſem Morgen nicht übel nehmen konnte, wenn er ſie mit einem verdrießlichen Geſichte begrüßte. In den Frühſtunden hatte es geregnet, und von den kahlen Aeſten der Bäume und Geſträuche fielen immer noch die ſchweren Tropfen herab, während es unterdeſſen kühler geworden war und ſich ein dichter Nebel erhoben hatte, der alles in ſeinen grauen, ſpinnwebenartigen Schleier hüllte. Es fröſtelte einen, wenn man nur zum Fenſter hinaus ſah. Drunten im Thale huſchte der Dampfwagen mit ſeinem Zuge vorüber, eine dunkle, graue Linie, eingehüllt in Rauch und Nebel; Wagen, 4 ¹ U....„.. Main.— Dann kam die Reaction über ihn, ſchauerlich und Eine ärztliche Conſultation. 91 Reiter und Fußgänger, welche den Weg auf der Landſtraße verfolgten, nahmen, wenn ſie näher kamen, rieſenhafte Dimen⸗ ſionen an, ſo wie der Haſe, welcher ſich dort am Abhange des Berges aufthut, wie ein mäßiger Metzgerhund ausſieht. Es war ein Morgen, bei welchem man allenfalls behaglich in guter Geſellſchaft am Kaffeetiſch ſitzen mag, oder der einem auch nicht unangenehm erſcheint, wenn man in den Wagen ſteigt, um im Süden Gegenden aufzuſuchen, wo Nebel und Regen ſelbſt während der Winterzeit Selten⸗ heiten ſind. Troſtlos aber über alle Beſchreibung iſt es, wenn man einen ſolchen Morgen aufdämmern ſieht durch das kleine, vergitterte Fenſter einer gefängnißartigen Zelle, obendrein mit dem ungewiſſen Gefühle für die nächſte Zukunft. So erging es in der Anſtalt des Dr. Henderkopp dem würdigen Vor⸗ ſtande derſelben, ſo wie dem Herrn Moſes Goldſtein. Letz⸗ terer war obendrein noch in den Frühſtunden vor Erſchöpfung in einen tiefen Schlummer geſunken und hatte geträumt, daß er mit dem größten Gewinne in der Ziehung des öſterreichi⸗ ſchen Lotterie⸗Anlehens herausgekommen ſei, mit baaren zwei⸗ malhundertvierzigtauſend Gulden, wofür er nicht einmal Papier zu nehmen brauchte, ſondern die ihm in neuen, glänzenden Guldenſtücken ausbezahlt wurden— ein reicher Traum, ein ſchöner Traum, ein Traum, welcher ihm Herz und Magen wärmte, denn an der Börſe, die er auch beſuchte, kamen die großen Banquiers, die ihn ſonſt keines Blickes gewürdigt, obgleich meiſtens ‚von unſere Leut,“ um ihm jetzt zu drücken die Hand, und der große Rothſchild ſchickte jemand aparte daher, um ihn einzuladen zum Diner nach Frankfort am 92 Siebenunddreißigſtes Kapitel. fröſtelnd, er erwachte und hatte, wie es dem Geſchäftsfreunde geziemt, augenblicklich ſeine fünf Sinne bei einander und jammerte:„Waih geſchrieen, ich habe nicht gewonnen das große Loos in die öſterreichiſchen, ſondern habe verloren zwanzigtauſend Gulden, die ich ſchon hatte in der Taſche in guten Papieren— waih geſchrieen! Ich bin ein verlorener Mann, ich bin ein ruinirter Mann! Beſſer wäre es geweſen, mein Vater und meine Mutter hätten ſich nicht gegeben ſo große Mühe, um mich eintreten zu laſſen in dieſe verdorbene Welt— waih geſchrieen!“ Was Herrn Dr. Henderkopp ſelbſt anbelangt, ſo ſah er ſchon gefaßter den trüben Morgen aufdämmern; er hatte wenig geſchlummert und war dafür deſto mehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt in ſeiner kleinen Zelle auf und ab ge— gangen. Ein tückiſches Geſchick hatte allerdings das Gebäude in die Luft geſprengt, das er mühſam aufgebaut und mit Lug und Trug zuſammengeleimt. Doch fühlte er ſelbſt ſich noch feſt auf ſeinen Füßen ſtehen und war überhaupt eine von den Naturen, welche nicht geneigt ſind, einem Unfalle ſchnell den Rücken zu kehren, ſondern die Trümmer, welche derſelbe hinterläßt, ſorgfältig und genau unterſuchen, um manchen unverletzten Stein und manchen noch brauchbaren Balken zu entdecken. Er blickte in den Nebel hinaus und ſprach zu ſich ſelber nach einem längeren Nachdenken:„Wenn auch die Brücke, die ich in trügeriſcher Conſtruction aufgebaut, vor meinen Füßen zuſammengebrochen iſt, ſo ſind doch die Fundamente ſtehen geblieben, auf die ich ein neues und hoffentlich ſoli⸗ deres Bauwerk aufführen kann. Henderkopp oder Hinder⸗ kopf,“ fuhr er mit einer ſauern Miene fort,„muß allerdings mi Eine ärztliche Conſultation. 93 Einräumungen machen und alsdann ſehen, wie er langſam die Zügel wieder zu ergreifen vermag, die ſeinen Fingern entſchlüpft ſind— ja, ja, es war eine bösartige Wunde, die ich allerdings künſtlich bepflaſterte, die aber niemals zur Geſund⸗ heit führen konnte, wenn man ſie nicht, wie geſchehen, zu einer Radicalcur gewaltſam aufriß.— Es that weh, verdammt weh, aber ein Tölpel, der verzagt, ſo lange er lebt und ſo lange ihm noch eine Möglichkeit bleibt, ſich nach tiefem Falle wieder aufzurichten.“ Darauf rieb er ſich die Hände, vielleicht weil es ihn fröſtelte, vielleicht aber auch wegen eines nicht ganz unbe⸗ haglichen Gefühls, welches die Fortſetzung ſeines Selbſt⸗ geſprächs in ihm erweckte.„Möchte nur wiſſen,“ ſprach er, „was ſie mit meinem Freunde Goldſtein angefangen, und wie es dieſem armen Teufel geht. Im Ganzen haben ſich die Narren beſſer benommen, als ich ihnen zugetraut, und wenn ich gegen mich ſelber nicht ungerecht ſein will, ſo muß ich mir geſtehen, daß ich ſie ziemlich wieder zu Verſtand ge⸗ bracht; mit dem Herrn Marcheſe läßt ſich wohl noch ein Wort reden, und wenn ich mich bereit zeige, in ſeine Wünſche zu willigen, ſo wird auch er, die künftige Beaufſichtigung meiner Anſtalt betreffend, glimpflich verfahren. Daß er wahr⸗ haftig wieder bei vollem Verſtande iſt, glaube ich annehmen zu können, und ſo mag er denn in Gottes Namen hinziehen, wohin es ihm beliebt.“ Ein leiſes Klopfen an die Zellenthür unterbrach ſein Selbſt⸗ geſpräch. Auch war der Director der Anſtalt nicht wenig erſtaunt, die Stimme Gebhards zu vernehmen, welcher ihm ſagte:„Das iſt eine merkwürdige Geſchichte. Glauben Sie mir aber, Herr Doctor, daß es mir ganz unmöglich war, 4 4—— —“— ——’—-—;’ 94 Siebenunddreißigſtes Kapitel. mich zur Wehre zu ſetzen, als ſie mich einſchloſſen.— Ich war, an nichts Arges denkend, auf meinem Zimmer beſchäftigt.“ „Und man hat Euch frei gelaſſen?“ „So eben, Herr Director, aber der Herr Förſter erzeigt mir die Aufmerkſamkeit, mich mit ſeinem Grwehr auf Schritt und Tritt zu begleiten.“ „Und wie ſteht's im Hauſe? Was macht meine Frau?“ „Die Frau Director ſind noch auf ihrem Zimmer, und ſonſt geht alles ſo ſtill und ruhig, wie man es ſich nur wün⸗ ſchen kann. Der Herr Marcheſe, ich muß ihn ſo nennen, da er es befohlen hat, ſchloß ſelbſt mein Zimmer auf und ſagte, ich ſolle nun meinen Geſchäften wie gewöhnlich nach⸗ gehen, auch dem Hausknecht und der Köchin die ihrigen an⸗ weiſen, es geſchehe das alles mit Ihrer Bewilligung. Als ich ihm entgegnete, es ſei doch ſonderbar, daß Sie ſich frei⸗ willig einſchließen ließen, gab er mir zur Antwort, Sie wollten ein Studium über die Zellenhaft machen, und erſuchte mich darauf, nicht viel mehr zu fragen, ſondern zu thun, wie mir befohlen.“ „So thut das und ſagt dem Herrn Marcheſe, ich laſſe ihn erſuchen, zu mir zu kommen.“ „Der Herr General ſteht am Thore und hat den Schlüſſel zu demſelben; ich werde Ihnen gleich ihr Frühſtück bringen.“ „Ja, auch mein Schreibzeug und Papier.“ „Weiter haben der Herr Director für den Augenblick nichts zu befehlen?“ „Nein, man ſoll mir nur ſagen, was meine Frau macht, wenn ſie ihr Zimmer verläßt.“ „Es ſoll nicht fehlen,“ erwiderte Gebhard, und damit ———ÿ —OO———O— f.“ „ aſſe den ſtück blick acht, amit Eine ärztliche Conſultation. 95 hörte man ſeine Schritte, ſo wie die des Förſters ſich von der Thür entfernen. Der Marcheſe Gaetano Fontana hatte die Nacht in dem Arbeitszimmer des Doctors und in deſſen großem Lehnſtuhle zugebracht, zuweilen ein wenig geſchlummert, häufiger aber noch das Zimmer nach allen Richtungen durchmeſſen; auch ſtand er lange, lange an den Fenſtern des Gemachs, um in die Nacht hinaus zu blicken, und namentlich that er dies in den Frühſtunden, um den erſten Schimmer des anbrechenden Tages zu erhaſchen. Doch ſchlich dieſer an dem heutigen nebeligen Morgen langſam und faul empor, faſt ausgelöſcht von dem ſtrömenden Regen und dann wieder dicht verſchleiert von den aufſteigenden Dünſten. „Soll das ein Bild meiner Zukunft ſein,“ ſprach der Italiener zu ſich ſelber,„oder zeigt ſich der traurige Norden, wo ich ſo viel gelitten, noch einmal in ſeiner ganzen Häß⸗ lichkeit, um mir zu ſagen, daß ich in ihm mein Glück nicht finden werde, um mich zu ermahnen, eilig nach dem Süden zu fliehen?— Unnöthige Mahnung! Jahre ſind verſtrichen, und ſtatt ſie zu finden, die mein Glück ausmacht, fand ich Schlimmeres als Krankheit und Tod. War ſie ein neckendes Gebild meiner Phantaſie? War ſie eines jener himmliſchen Weſen, von denen man ſagt, daß ſie zuweilen die Erde und arme Sterbliche mit ihrer Gegenwart beglücken, um alsdann wieder verſchwindend ihnen alles zu nehmen: Glaube, Liebe, Hoffnung? „Mir geſchah es alſo, und wenn ich zurückkehre in meine ſchöne Heimat, ſo habe ich auch dort nach den Worten jenes Mannes alles verloren, was meinem Herzen nahe ſtand, und muß dagegen gute Freunde und Verwandte kennen lernen, 96 Siebenunddreißigſtes Kapitel. die ſich kein Gewiſſen daraus machten, mich zu einer ewigen Gefangenſchaft zu verdammen, mich auszulöſchen aus der Zahl der Lebenden, mich lebendig zu begraben, um mich bei Lebzeiten ſchon zu beerben. Ja, ich werde ſie kennen lernen, ich werde ein Wort mit ihnen reden,“ ſetzte er mit einem aufflammenden Blicke hinzu,„und dann———— und 7 ⸗ dann—!— Er verſank in ein tieferes Nachſinnen, während er den Kopf in ſeine Rechte ſinken ließ.„Und dann,“ wiederholte er nach einer längeren Pauſe,„werde ich den Ort aufſuchen, wo ſie gewohnt, die Thür, durch welche ſie verſchwand, und werde von da Schritt für Schritt nochmals den Verſuch machen, ſie wieder aufzufinden. Wie ein treuer Hund werde ich trachten, ihrer Spur zu folgen— ach, damals folgte ich ihr zu flüchtig, zu leidenſchaftlich! Ihr Bild, das mir vor⸗ leuchtete in trügeriſchem Schimmer, brachte mich auf Ab⸗ wege und endlich hieher.— Ich kann von ihr nicht laſſen, ich kann nicht, und jetzt, wo ſich die Riegel dieſes traurigen Hauſes öffnen, fühle ich, wie meine heiße Liebe zu ihr wieder mein ganzes Selbſt überflutet. Finden muß ich die geliebte Spur, und wenn ſie mich auch zu ihrem Grabe führt!“ Es wurde leiſe an die Thür geklopft, und ehe der Mar⸗ cheſe noch„Herein“ rufen konnte, war ſie auch ſchon geöffnet, und der General trat in das Gemach, in ſeiner heute aus⸗ nahmsweiſe etwas vernachläßigten Kleidung, ſo wie in den leicht gerötheten Augen die Spuren einer durchwachten Nacht zeigend.„Ich komme zu melden,“ ſagte er,„daß ich einen Gang um die Außenwerke gethan habe und überall die Poſten wachſam und ſorgfältig auf ihrer Hut fand; auch ſchaute ich vom öſtlichen Thurme auf die Stadt herab, um mich zu — Eine ärztliche Conſultation. 97 überzeugen, daß ſich von dort kein Kriegsvolk nahe, welches in feindlicher Abſicht gegen uns ausgeſchickt. Dort aber iſt auch alles ruhig: die Schornſteine dampfen wie gewöhnlich, die Eiſenbahnzüge machen ihren Weg hin und her; es ſcheint, unſere Verſchwörung iſt gelungen, und der Feind hat ſeine Abſicht aufgegeben, dieſe für ihn ſo wichtige Poſition wieder zu gewinnen.“ „So denke ich auch, mein verehrter General,“ erwiderte der Marcheſe und ſetzte nach einem flüchtigen Blicke auf ihn hinzu:„da ſich aber nach dem Geſetze der Natur auch die größten Kräfte abnutzen, wenn man ſie zu lange in Anſpan⸗ nung erhält, und Sie heute Nacht das Uebermögliche geleiſtet haben, ſo werde ich, der ich mehrere Stunden geruht, nun wieder ſelbſt die Ueberwachung der Feſtung übernehmen, und indem ich Sie, Herr General, hiermit als abgelöſ't erkläre, erſuche ich Sie freundſchaftlichſt, ſich in Ihre Gemächer zu⸗ rückziehen zu wollen, um dort für einige Stunden der Ihnen ſo nothwendigen Ruhe zu pflegen. Sie können ſich darauf verlaſſen, daß, ſo wie eine Gefahr droht, ich Sie augenblick⸗ lich ſelbſt davon benachrichtigen werde.“ „Unter der Bedingung und da ich die Feſtung in der vortrefflichſten Hand weiß, ziehe ich mich gern für einige Stunden zurück, denn ich fühle mich ſehr abgeſpannt. Auf Wiederſehen denn, Herr Graf!“ „Bis nachher, mein lieber General!“ ſagte der Marcheſe, indem er ihm die Hand reichte, und fügte, als jener zur Thür hinausging, noch hinzu:„Wenn Sie den Förſter ſehen, ſo ſchicken Sie ihn zu mir herauf.“ Das war nun nicht nöthig, denn der Förſter trat in Hackländer, Die dunkle Stunde. III, 7 8——————————————— 98 Siebenunddreißigſtes Kapitel. das Zimmer gleich nachdem es der Andere verlaſſen; er ſchloß die Thür ſorgfältig hinter ſich zu, und ſeine Mienen zeigten an, daß er etwas Außergewöhnliches zu berichten habe, und ſo war es auch in der That.„Herr Graf,“ hob er an, „draußen am Gitter hält ein Wagen, eine herrſchaftliche Equipage mit Kutſcher und einem Bedienten, und in dem Wagen ſitzt ein Herr, welcher den Dr. Henderkopp zu ſpre⸗ chen wünſcht.“ Der Marcheſe preßte die Lippen auf einander und mur⸗ melte nach einem Augenblicke:„So früh ſchon Beſuche, das iſt ungeſchickt! Ihn abweiſen, würde Verdacht erregen, ihn empfangen, iſt gefährlich, denn wenn er den Dr. Henderkopp perſönlich kennt, ſo müſſen wir den Fremden zu ihm führen, und unſer ganzes Spiel könnte verloren gehen.“ „Der Kutſcher dieſes Herrn,“ erwiderte der Förſter, „war noch nicht hier oben, und eben ſo wenig kannte der Bediente die Anſtalt, denn als er anfuhr, fragte letzterer, ob er richtig ſei, und darauf bog ſich der Herr aus dem Wagen und ſchaute mit neugierigen Blicken in den Hof hinein.“ „Was für ein Mann iſt das, alt oder jung?“ „Er ſcheint mir ziemlich bei Jahren zu ſein, hat ein langes, blaſſes Geſicht und ein düſteres, ſtechendes Auge, mit dem er mich ſcharf anſah, als ich mich am Gitter zeigte.“ Der Marcheſe machte einen Gang durch das Zimmer, dann blieb er vor dem Förſter ſtehen und ſagte kurz und entſchloſſen:„Man muß auf ſein Glück bauen, und ich habe ſo lange Unglück gehabt, daß ich wohl mit einigem Rechte einen gänzlichen Umſchwung annehmen kann. Oeffnen Sie das Gitter, laſſen Sie den Herrn allein in den Hof, Wagen und Bediente ſollen draußen bleiben, und bringen Sie ihn 1 1 Eine ärztliche Conſultation. 99 zu mir; ſagen Sie ihm aber, Sie wüßten nicht genau, ob der Doctor ſchon zu ſprechen ſei. Sie könnten ja etwas von der geſtrigen Hochzeitsfeier fallen laſſen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„aber jedenfalls würde der Aſſiſtenz⸗Arzt oben ſein und den Doctor herbeirufen.— Noch eins,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Sehen Sie nach den anderen Herren und ſorgen Sie dafür, daß ſie ſich in ihren Zimmern ausruhen; dem General habe ich daſſelbe bedeutet, und Sie können wohl ſo freundlich ſein, ſich zu überzeugen, ob er in ſeine Zelle gegangen iſt und ſich auf ſein Bett gelegt hat.“ Als der Förſter die Thür hinter ſich zugezogen, ſprach der Marcheſe zu ſich ſelber:„Ich kann nicht anders, ich muß den Fremden vorlaſſen, werde ja auch nach den erſten Worten ſehen, ob er mich für den Director nimmt oder nicht; eine kleine Aenderung meines Aeußern wird aber jedenfalls nichts ſchaden.“ Er nahm einen Morgenrock des Doctors, der auf einem Stuhle lag, und zog ihn an, trat dann vor den Spie⸗ gel, um nach ſeinem Haare und Barte zu ſehen, die ſich in guter Ordnung befanden, und nahm dann vom Schreibtiſche die blaue Brille des Directors, welche dieſer geſtern Abend dort liegen gelaſſen. Er ſetzte ſie auf und nickte zufrieden mit dem Kopfe, als ihm aus dem Spiegel eine ganz andere Phyſiognomie entgegenſah. Er hatte eben dieſe Vorbereitungen beendigt, als der Förſter die Thür öffnete und den Fremden eintreten ließ. Es war dies ein großer, hagerer Mann von vornehmer Hal⸗ tung, einfach aber elegant angezogen, und der Marcheſe be⸗ merkte mit einigem Erſtaunen, daß ihm die linke Hand fehlte und der Aermel derſelben an einem Knopfe ſeines Rockes befeſtigt war. Auf der linken Seite des Kopfes, von der 100 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Stirn bis zu den Augenbrauen, ſah er eine lange Narbe, die leicht geröthet war. Der Fremde machte eine Verbeugung, trat ein paar Schritte näher und ſagte dann:„Ich habe wohl das Ver⸗ gnügen, den Herrn Dr. Henderkopp, den Director dieſer An⸗ ſtalt, vor mir zu ſehen?“ Dieſe Frage, in ruhigem Tone ausgeſprochen, gab dem Andern völlig ſein Gleichgewicht wieder; er rückte einen Lehn⸗ ſtuhl in die Nähe des Tiſches, erſuchte den Eingetretenen, ſich zu ſetzen, und erkundigte ſich, nachdem er ſelbſt Platz genommen, nach ſeinen Wünſchen. „Sie erlauben mir zuerſt,“ gab jener zur Antwort,„daß ich mich Ihnen ſelbſt vorſtelle: ich bin der Graf Lotus. Daß Sie dieſen Namen ſchon nennen gehört,“ fuhr er mit einem verbindlichen Lächeln fort,„darauf kann ich keine Anſprüche machen. Die Zeit, wo ich etwas Weniges von mir reden machte, liegt lange hinter uns, und der Schauplatz meiner unbedeutenden Thaten ſo weit von uns entfernt, daß ich der⸗ ſelben und dieſes Schauplatzes gewiß nicht erwähnen würde, wenn ich es nicht für nothwendig hielte, Sie, Herr Doctor, mit meiner Vergangenheit bekannt zu machen. Ich diente in Indien im engliſchen Heere, machte dort an der Spitze eines braven Reiter⸗Regimentes die Kriege gegen die Afghanen und Sikhs mit,— ein wild bewegtes Leben, das, wie Sie mir zugeben werden, wohl im Stande iſt, die Nerven zu zerſtö⸗ ren. Auch war ich damals ein lebhafter, junger Menſch, hatte heißes Blut und war gewiß keiner der Letzten, wenn nach angeſtrengtem Tagewerk Abends der Becher im Kreiſe umherging oder wenn wir jenen wunderbaren Tänzen zu⸗ ſchauten, die, obgleich nur vom kalten Mondlicht beſchienen, Eine ärztliche Conſultation. 101 doch heißer auf unſere Sinne wirkten, als wenn wir alles das empfunden unter dem glühenden Strahle der Sonne. Kurz, ich lebte nicht beſſer und nicht ſchlechter, als ein junger Offizier zu thun pflegt, der ſich nicht zu geniren braucht, das Gold mit vollen Händen weg zu werfen, und der den feſten Glauben hat, ſeine Geſundheit ſei unzerſtörbar. „Letztere war aber eher erſchöpft, als meine Kaſſe, und als mich bei einem jener wilden Gemetzel der Säbel eines heimtückiſchen Sikhs ſchwer auf den Kopf traf— Sie wer⸗ den hier das Merkzeichen ſehen, welches dieſer Hieb hinter⸗ laſſen—, ſo fühlte ich, nach langem Krankenlager endlich wieder aufgeſtanden, daß es Zeit ſei, auf dem betretenen Wege einzuhalten; auch konnte ich das heiße Klima nicht mehr vertragen, litt periodiſch an furchtbaren Kopfſchmerzen, die ſich zu einer Heftigkeit ſteigerten, daß ich zuweilen be⸗ wußtlos niederfiel, zuweilen aber auch Stunden und Tage förmlich tobend zubrachte. Auch ſtellte ſich in Augen⸗ blicken, wo die Schmerzen minder heftig waren, das ver⸗ dächtige Symptom des Doppelſehens bei mir ein, und es wurde mir oftmals ſehr ſchwer, irgend einen beſtimmten Ge⸗ danken feſtzuhalten oder ihm zu folgen.— Ich verließ In⸗ dien, kehrte nach Europa zurück und lebte Jahre lang in der friſchen, ſtärkenden Luft der Schweiz, wo meine Kopfſchmerzen nach und nach ſchwächer wurden und mich am Ende in ſo weit ganz verließen, daß ſie ſich hie und da nur noch ein⸗ ſtellten als eine heftige Migraine, womit auch andere Sterb⸗ liche geplagt ſind. Was das Doppelſehen und die Schwäche meiner Gedanken anbelangte, ſo verminderte ſich das eben⸗ falls, wogegen aber ein anderes Leiden bei mir auftrat, das der Schlafloſigkeit nämlich, zuweilen Monate lang anhaltend, — 102 Siebenunddreißigſtes Kapitel. zuweilen, in beſſeren Zeiten, nur eine Nacht um die andere erſcheinend. O,“ ſetzte der Graf ſeufzend hinzu,„das furcht⸗ barſte Leiden, wögegen alle anderen Krankheiten und Schmer⸗ zen gar nicht zu rechnen ſind!“ Der Marcheſe, der dem Grafen ſchweigend zugehört, nickte mit dem Kopfe und ſagte dann:„Dieſes Leiden habe auch ich erfahren und kenne wohl die ewig langen Nächte, wo man ſich auf ſeinem Lager ruhelos von einer Seite auf die andere wirft und vergeblich den Schlaf, der, ein flat⸗ terndes Band, um uns her zu gaukeln ſcheint, zu erhaſchen ſtrebt. Wenn Sie, Herr Graf, für dieſes Leiden die Kunſt des Arztes in Anſpruch nehmen wollen, ſo bin ich leider nicht im Stande, Ihnen große Hoffnungen auf Erfolg zu machen.“ „Das weiß ich wohl,“ verſetzte der Andere,„und habe darin auch ſchon zu viele fehlgeſchlagene Verſuche gemacht, um dieſe auf dem gewöhnlichen Wege zu erneuern. Wenn es aber doch möglich wäre, daß ein Arzt, wie Sie, der ja bei der Ausübung ſeiner Kunſt auch die Krankheiten der Seele ins Auge faſſen muß, doch durch dieſelbe auf den Körper mehr einzuwirken vermöchte, als das mit anderen Heilmitteln möglich iſt, ſo iſt es doch nicht meine Schlaf⸗ loſigkeit, weßhalb ich Ihren Rath und Ihre Hülfe verlange. Hoffentlich,“ ſetzte er mit einer verbindlichen Neigung des Kopfes hinzu,„haben Sie noch von Ihrer koſtbaren Zeit übrig, um mich vollſtändig anzuhören, ſonſt würde ich auch dafür dankbar ſein, wenn Sie die Güte hätten, mir ſpäter eine Stunde zu beſtimmen.“ „Gewiß nicht, Herr Graf,“ erwiderte der Marcheſe; „meine Zeit iſt den Leidenden gewidmet, und wenn Sie nicht Eine ärztliche Conſultation. 103 ſelbſt Urſache hätten, eine andere Zeit zu beſtimmen, ſo bitte ich ungenirt über die meinige zu verfügen; nur in dem Falle, oder wenn Sie es vielleicht vorzögen, mich in Ihre Woh⸗ nung zu berufen, ſo—“ „Nein, nein,“ unterbrach ihn der Andere mit einer haſtigen Handbewegung,„ich bin verheirathet, wie ich Ihnen vielleicht noch nicht ſagte, und meine Frau, welche begreif⸗ licher Weiſe den innigſten Antheil an meinen Leiden nimmt, würde beunruhigt ſein, wenn ſie von einer Conſultation er⸗ führe—— gerade mit Ihnen, Herr Doctor—— ja, mit Ihnen, zu dem ich nun einmal unbedingtes Vertrauen gefaßt habe. Sie ſehen mich erſtaunt an, und dieſes Erſtaunen zeugt mir von Ihrer Beſcheidenheit. Neben dem guten Rufe aber, den Ihre Anſtalt hat, und neben den glänzenden Re⸗ ſultaten, welche Sie ſchon erzielt, iſt es auch noch ganz be⸗ ſonders die anerkennende Weiſe, mit der ein gemeinſchaftlicher Freund, den wir Beide haben, von Ihnen ſprach.“ Der Marcheſe blickte auf und ſeine Lippen bewegten ſich wie zu einer Frage. „Ja, ein gemeinſchaftlicher Freund,“ fuhr der Graf fort, der Sie ſchon in früheren Jahren kannte, und deſſen Lob- er lobt ſelten— mich veranlaßt, zu Ihnen zu gehen und Ihnen mit der Offenheit, die man einem Arzte ſchuldig iſt, meine Verhältniſſe, meinen Zuſtand, meine Befürchtungen darzulegen.“ „Ein gemeinſchaftlicher Freund?“ wiederholte der Mar⸗ cheſe, wobei in dem Klange ſeiner Stimme eine Unruhe un⸗ verkennbar war, die aber dem Anderen, welcher in dieſem Augenblicke auf den Boden blickte, entging.„Darf ich um den Namen dieſes gemeinſchaftlichen Freundes bitten?“ ——— 104 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Gewiß; er bot ſich an, mich ſelbſt hieher zu geleiten, um uns mit einander bekannt zu machen; doch da ich mir gänzliche Offenherzigkeit, wobei mich vielleicht ſelbſt die An⸗ weſenheit meines vertrauten Freundes genirt hätte, zur Pflicht machte, ſo zog ich es vor, allein zu kommen— Sie werden ſich aber dieſes Freundes, des Herrn von Scherra, ohne Zweifel erinnern.“ Es war gut, daß der Marcheſe die blaue Brille des Dr. Henderkopp vorgenommen und daß dieſe ſchützend ſeine Augen verhüllte und ſein Gegenüber nicht den Blick des grenzenloſen Erſtaunens, ja, des Schreckens erkennen ließen, Der falſche Director der Irren⸗Anſtalt, dem der Name des Herrn von Scherra wie ein plötzlicher, gellender Ruf aus jener glücklichen Zeit aus Neapel erklang, und der ſich von ſeinem Beſuche nun als Marcheſe Fontana mit jenem Namen in Zuſammenhang gebracht glaubte, mußte im erſten Augen⸗ blicke denken, daß er erkannt ſei; ja, er war ſchon entſchloſſen, ſich an die Großmuth des Fremden zu wenden, ihm in raſchen Worten ſeine Lage zu enthüllen und um ſeinen Schutz zu bitten, als der Graf ihm glücklicher Weiſe mit ruhiger, lei⸗ denſchaftsloſer Stimme die Bemerkung machte:„Sie ſcheinen ſich dieſes Freundes nicht mehr ſo genau zu erinnern, als Herr von Scherra ſich wohl gedacht? Geſtern noch ſprach er mir von Ihnen und erzählte mir unter Anderem, er habe Ihre Bekanntſchaft gemacht in der Anſtalt des Dr. Hausberg in W., wo Sie damals Aſſiſtenz⸗Arzt waren.“ „A— a— a— ah!“ murmelte der Marcheſe,„dieſer Herr von Scherra war ein Freund des Dr. Hausberg— iſt es derſelbe, den ich damals in Neapel ſah?“ Darauf nickte er mit dem Kopfe und ſagte laut:„Ah, ich erinnere mich, wie Eine ärztliche Conſultation. 105 kann man auch ſo vergeßlich ſein!“ Er holte einen tiefen Athemzug und fuhr dann haſtig fort:„Herr von Scherra muß jetzt ein Mann von etwa Sechszig ſein, eine freundlich liebenswürdige Perſönlichkeit, ein offenes und ehrliches Ge⸗ ſicht und ein eben ſolches Herz.“ „So iſt es; mir iſt er ein treuer und bewährter Freund.“ „Mir war er das auch; o, wie ſein Bild jetzt mit einem Male wieder lebendig vor meine Seele tritt! Wenn ich nicht irre,“ ſetzte er zögernd hinzu,„kam Herr von Scherra da⸗ mals von weiten Reiſen zurück.“ „Vor Jahren ſah ich ihn in Indien, dann blieb er eine Zeit lang in Aegypten und hielt ſich ſpäter ein paar Jahre in Neapel auf.“ „Ja, in Italien— ich— glaube— er— war— in — Neapel.“ „Häufig, er hielt ſich gern in der ſchönen Stadt auf und betrachtete ſie als eine Art Standquartier, von wo aus er größere und kleinere Ausflüge machte.“ „Ja, in Neapel!“ O, wie gern hätte der Marcheſe lei⸗ denſchaftlich ausgerufen: Und Scherra, der Freund meines Hauſes, mein väterlicher Freund war mir ſo nahe und konnte mich nicht erlöſen aus dieſer ſchmählichen Gefangenſchaft, konnte mir nicht helfen, ſie aufzuſuchen, ſie zu finden, und ſo vielleicht noch glücklich zu werden! Faſt überwältigt von die⸗ ſen Gedanken war er abermals im Begriff, den ihm gegen⸗ über ſitzenden Fremden, der ihm ein Edelmann in der guten Bedeutung des Wortes zu ſein ſchien, zum Vertrauten ſeiner ſchrecklichen Lage zu machen, und ihn vor allen Dingen um Nachricht zu bitten, wo es ihm möglich ſei, Herrn von Scherra aufzufinden. Er erhob ſchon ſeine Hand nach der blauen 106 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Brille des Doctors, um ſie von ſeinen Augen wegzunehmen und ſo ſein eigentliches Geſicht zu zeigen, als eine Bemerkung des Grafen ihn plötzlich daran verhinderte. Dieſer hatte einige Minuten ſchweigend da geſeſſen und düſter auf die Finger ſeiner rechten Hand geſchaut, mit wel⸗ cher er leiſe auf den Tiſch trommelte.„Ja, ja,“ bemerkte er wie zu ſich ſelber, doch verſtand es der Marcheſe deutlich, „Scherra war oft und viel in Neapel, und was er einſtens dort erlebt, greift hart in mein Leben.“ Dann richtete er ſich plötzlich wie aus einem Traume auf, rieb mit der Hand über die Stirn und ſagte mit einem trüben Lächeln:„Ich war da ganz in andere Regionen hinein gerathen und im Begriffe, ohne Zuſammenhang von etwas zu reden, was ich Ihnen doch ganz folgerecht mittheilen muß. Doch ehe ich fortfahre, erlauben Sie mir eine Frage, die ſich mir ſchon zu Anfang unſerer Unterhaltung aufdrängte: Sie ſind kein Deutſcher, ich höre das, obgleich Sie unſere deutſche Sprache für einen Ausländer außerordentlich gut accentuiren.“ „Sie haben Recht, Herr Graf,“ erwiderte ihm der Mar⸗ cheſe mit einer höflichen Verbeugung.„Wie Ihnen ſchon mein Name Henderkopp anzeigen wird, bin ich ein Holländer. Meine Mutter,“ ſetzte er raſch hinzu,„war eine Italienerin, weßhalb ich dieſer Sprache mächtiger bin als der deutſchen, und man ſagte mir oft, ein Aeccent des Italieniſchen dringe ſogar durch meine holländiſche Ausſprache— vielleicht iſt es Ihnen aber lieber, wenn wir franzöſiſch reden.“ „Ich war nicht lange genug in Italien, um das mit Sicherheit beurtheilen zu können; aber Sie entſchuldigen meine Bemerkung von vorhin, und wir wollen, wenn es m F G nen ung und vel⸗ 2 er lich, tens e er and Ich im ich ich n zu kein dache Nar⸗ chon nder. erin, chen, ringe ſt es mit digen n es Eine ärztliche Conſultation. 107 Ihnen recht iſt, unſere Unterredung in deutſcher Sprache fortſetzen.“ Der Doctor nickte zum Zeichen ſeines Einverſtändniſſes mit dem Kopfe und der Andere fuhr, den Blick gegen den Boden geſenkt, fort:„Man iſt einem Arzte dieſelbe Wahrheit ſchuldig, wie einem Beichtvater, Ihnen aber doppelt, da Sie gewiſſermaßen beides mit einander vereinigen.—— Nach⸗ dem ſich, wie ich Ihnen ſchon vorher ſagte, meine Geſund— heit wieder befeſtigt hatte, heirathete ich eine junge Dame, deren Geiſt, Herz und Gemüth nicht allein mir alles bot, was uns ein weibliches Weſen nur zu bieten vermag, ſon⸗ dern die auch eine große Künſtlerin war, eine vortreffliche, berühmte Sängerin, deren gutes, liebes, ja, reizend ſchönes Aeußere mit dem Adel ihrer Seele harmonirte, kurz, ein vollkommenes Weſen, das mich denn auch namenlos glücklich machte. Sie iſt eine Deutſche, wie ich, und wenn ſie auch, wie wir Anderen uns oft auszudrücken belieben, nicht von Familie war, ſo wurde ſie doch in kurzer Zeit durch ihre liebenswürdige Perſönlichkeit, durch ihre Güte und auch durch ihre Kunſt das enfant gaàté der ſogenannten vornehmen Ge⸗ ſellſchaft.“ Der Marcheſe hatte, beim Wiederbeginn dieſer Eröff⸗ nungen des Grafen aufmerkſam zuhörend, das Kinn auf ſeine linke Hand gelegt, doch war ſein Geſicht nach und nach durch die Finger durchgeglitten, ſo daß dieſelben jetzt ſeine Stirn unterſtützten. Dabei war es eigenthümlich, daß ſeine Fingerſpitzen ſich zuſammenkrümmten und ſein dichtes, ſchwar⸗ zes Haar faßten. „Nach alle dem,“ fuhr der Graf fort,„brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß wir ein unſäglich glückliches Leben f 108 Siebenunddreißigſtes Kapitel. führten. Leider war unſere Ehe nicht durch Kinder geſegnet, doch verſchmerzten wir die Abweſenheit dieſer koſtbaren Güter des Lebens, weil man ihre Koſtbarkeit in ihrem ganzen Um⸗ 2 fange nicht zu würdigen verſteht, wenn man ſie nicht beſitzt. lie Auch geſtehe ich Ihnen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„daß der d Unterſchied des Alters zwiſchen mir und meiner Frau ſo be⸗ ur deutend iſt, daß es mir nicht ſchwer wird, die Zärtlichkeit„ des Gatten mit dem väterlichen Wohlwollen für eine liebens⸗ me V würdige Tochter zu verbinden, und das macht mich noch eſf glücklicher, denn auf dieſe Art darf ich Frangoiſe doppelt ſtä lieben.“ da Die zuckenden Finger des Marcheſe gruben ſich feſter in . 3 ſie ſein dichtes Haar ein, ſeiner Bruſt entrang ſich ein ſchmerz⸗ un licher Seufzer, der wie das Echo des eben ausgeſprochenen zei Namens klang. Ja, er wiederholte dieſen Namen gleich Il darauf ſo deutlich, daß ihn der Andere verſtand, und ſetzte wa hinzu:„Francesca, ſo hieß ſie!“ „Nach und nach beruhigten ſich meine Nerven auf eine der wunderbare Art,“ ſprach der Graf weiter.„In dem Ihnen Di ſcherzweiſe angedeuteten Verhältniſſe zwiſchen Vater und Toch⸗ W ter ſpielte auch ich häufig die andere Rolle, und wenn mich lich der Schlaf floh, ſo ſaß ſie an meinem Bette und ſang mir erz mit ihrer lieblichen Stimme ſanfte Weiſen, wie man es einem gel Kinde macht, um es einzuſchläfern. Da— da—“ fuhr er tar mit bewegter Stimme fort,„ſchien ein tückiſches Schickſal kar wieder finſter eingreifen zu wollen in mein Leben, das ſich gin ſo freundlich geſtaltet.“ „Francesca verſchwand,“ ſprach der Andere halblaut vor gef ſich hin,„ja, ſie verſchwand, und als Sie eines Abends nach um Hauſe zurückkehrten, fanden Sie ſie nicht mehr.“ ¹ —————n—— gnet, Büter Um⸗ eſitzt. 3 der „ be⸗ chkeit bens⸗ noch ppelt er in nerz⸗ enen leich ſetzte eine yonen Coch⸗ mich mir nem Eine ärztliche Conſultation. 109 „Sagte ich etwas Aehnliches?“ fragte der Graf, indem er die Hand an ſeine Stirn legte und erſtaunt aufblickte. Doch hatte ſich ſein Gegenüber raſch den wilden, ſchmerz⸗ lichen Träumereien entriſſen, die ihn eben beſchäftigt; er hob das Haupt in die Höhe, ſtrich ſeine Haare aus der Stirn und ſagte, wie wenn er über ſich ſelbſt den Kopf ſchüttelte: „Verzeihen Sie mir, Herr Graf, es geht mir bisweilen ſo, daß, wenn ich mich innig, wie eben geſchehen, in die mir inter⸗ eſſante Erzählung eines Anderen vertiefe, ich mir plötzlich Um⸗ ſtände ausmale, die hätten geſchehen ſein können. Es iſt das, wie ich wohl weiß, eine recht fatale Art von Phanta⸗ ſieen, doch mögen ſie Ihnen dagegen beweiſen, wie ſehr ich mich bemühte, mich in Ihre Lage zu finden. Nochmals Ver⸗ zeihung, und indem ich Sie bitte, fortzufahren, verſpreche ich Ihnen, meine Aufmerkſamkeit nur noch auf das zu richten, was Sie mir freundlichſt mittheilen wollen.“ „Dafür werde ich Ihnen ſehr dankbar ſein,“ erwiderte der Graf in einem ſo freundlichen Tone, als wolle er dem Director der Privat⸗Irren⸗Anſtalt ausdrücken, daß er ſeine Worte vollkommen begreiflich finde.—„Unſer gemeinſchaft⸗ licher Freund, Herr von Scherra, dinirte neulich bei uns und erzählte von Neapel, von werthen Bekannten, die er dort gehabt, unter Anderem von dem Hauſe einer Marcheſa Fon⸗ tana, wo er bei ſeinem Aufenthalte dort als genauer Be⸗ kannter des Hauſes zu wohnen pflegte. Die Marcheſa hatte einen einzigen Sohn, Gaetano.“ Der Doctor hatte ſein Kinn abermals mit der Hand gefaßt, und man ſah deutlich, daß er es krampfhaft feſthielt, um es nicht wieder entgleiten zu laſſen und vielleicht aber⸗ mals wieder laut zu träumen. Er preßte ſeine Lippen feſt 110 Siebenunddreißigſtes Kapitel. auf einander, ſo daß man es nicht bemerkte, wie er ſeine Zähne in dieſelben hineinbiß.—„Ruhe, Ruhe und Gelaſſen⸗ heit!“ ſprach er zu ſich ſelber;„ich bin da wahrſcheinlich im Begriff, etwas Furchtbares zu hören, ein entſetzliches Bild der Vergangenheit zu ſchauen, das davonflattern wird, ſobald nur ein Zucken meines Geſichtes verräth, daß ich dem, was ich hören werde, eine größere Aufmerkſamkeit ſchenke, wie meine Stellung als Arzt mir erlaubt.“ Und auf ſeinem bleichen Geſichte zuckte keine Miene. Glücklicher Weiſe war ſein flammendes Auge durch die blaue Brille maskirt. Daß er ſeine rechte Hand langſam unter den Rock ſchob und feſt auf die Stelle preßte, wo er ſein Herz gewaltſam ſchlagen fühlte, daß ſeine Zähne ſich immer tiefer in ſeine Lippen einbiſſen, konnte ſein Gegenüber, welcher unbefangen in ſeiner Erzählung fortfuhr, um ſo weniger be⸗ merken, da der Erzähler ſelbſt tief ergriffen ſchien und mit bebender Stimme ſprach. „Damals machte in Neapel eine deutſche Sängerin un⸗ gewöhnliches Aufſehen— eine große Künſtlerin, verband ſie mit einer wunderbaren Stimme alle Vorzüge des Geiſtes und des Körpers, welche ein weibliches Weſen nur zu ſchmücken im Stande ſind.“ 1 „Das war ſie,“ ziſchte es zwiſchen den Zähnen des fal⸗ ſchen Doctors hervor. Der Graf nickte leicht mit dem Kopfe, während er fort⸗ fuhr:„Und der Sohn der Marcheſa, jener Gaetano Fontana, liebte die deutſche Sängerin und wurde von ihr wiedergeliebt. Die Mutter war gegen eine Verbindung und wußte es dahin zu bringen, daß die deutſche Sängerin, überzeugt von der Untreue ihres Geliebten, ſpurlos von Neapel verſchwand.“ ſeine ſſen⸗ h im Bild bald was wie iene. laue nter ſein mer ſcher be⸗ mit Eine ärztliche Conſultation. 111 „Man hatte ihn verleumdet, man hatte geſagt, er—“ „Sei bereits verheirathet,“ fuhr der Graf fort. „Ah!“ machte der Marcheſe; aber neben dieſem Ausrufe, deſſen Ton einem aufmerkſameren Beobachter, als ſein Gegen⸗ über in dieſem Augenblicke war, entſetzlich geklungen hätte, zuckte in dem unbeweglichen Geſichte immer noch keine Miene, und die blauen Gläſer der Brille ſtarrten mit einer unbe⸗ ſchreiblich kalten Gleichgültigkeit dem Erzähler in das An⸗ geſicht. „Auf welche Art man die deutſche Sängerin von der Untreue ihres Geliebten überzeugte, weiß ich nicht; es iſt genug, ſie verſchwand damals von Neapel, trat nie mehr öffentlich auf und war bald vergeſſen.“ „Sie verbarg ſich wahrſcheinlich irgendwo vor den Nach⸗ ſtellungen jenes ungetreuen Gaetano?“ „So war es; ſie lebte mit ihrer Schweſter.“ „Ah, ſie hatte eine Schweſter?“ „In einem kleinen Dorfe,“ fuhr der Graf kopfnickend fort,„in der Nähe von Zürich, wenig abſeits von der großen Straße nach Italien.“ „Und damals,“ ſprach der Marcheſe mit dumpfer Stimme, „zog ich auch auf dieſer Straße, langſam, ſehr langſam.“ „Sie, Herr Doctor?“ „O ja, ich, Dr. Henderkopp; ich machte zu meinem Ver⸗ gnügen eine kleine Schweizerreiſe und erinnere mich ganz genau, daß ich gerade die Umgebung von Zürich aufs ge⸗ naueſte beͤtrachtete. Es wäre doch ſonderbar, wenn ich viel⸗ leicht damals, auf der großen Straße wandelnd, die Fenſter des Hauſes geſehen hätte, flimmernd im Abendſonnenſtrahl, wo jene Dame gewohnt.“ 112 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Ich war ſo glücklich, jene Fenſter zu ſehen und Ein⸗ tritt zu erlangen in ihre verborgene Einſamkeit.“ „Ah, Sie waren ſo glücklich!“ „Ja,“ ſagte der Graf nach einem tiefen Athemzuge, „ich ſah Frangoiſe, ich war entzückt von ihrer liebenswürdi⸗ gen Perſönlichkeit, ihre Stimme erklang mir wie die Melodie der Engel, welche im Stande ſind, ſelbſt die wilden Dämo⸗ nen der Tiefe zu bändigen.— Laſſen Sie mich kurz über jene glückſelige Zeit hinweggehen.— Nach langem Wider⸗ ſtreben, ich geſtehe es offenherzig, nahm ſie meine Hand, und ich glaube ſagen zu können, ſie lernte mich lieben.“ „Gewiß, gewiß!“ „Wir gingen hieher zurück und unſer Leben war, wie ich es Ihnen vorher geſchildert, bis mit einem Male vor ganz kurzer Zeit—“ „Von jenem Gaetano Kunde kam?“ fragte der Marcheſe bebend,—„bis man erfuhr, daß er noch lebe?“ „Das wolle Gott nicht!“ rief erſchreckt der Graf aus; „o nein, Gaetano iſt todt, er muß todt ſein! Möge er ſtill in ſeinem Grabe ruhen, möge ihm die ewige Seligkeit zu Theil geworden ſein, aber todt iſt er und todt muß er bleiben!“ Beide ſchienen die Rollen gewechſelt zu haben. Der Graf war leidenſchaftlich erregt, ſeine Augen brannten in düſterem Feuer, auf ſeiner Stirn zeigte ſich die Narbe dun⸗ kelroth, ſeine Hand erhob ſich wie beſchwörend in die Höhe, während die des Marcheſe, welche bisher deſſen Kinn unter⸗ ſtützt, ſchwer auf den Tiſch niederfiel und ſich zuſammen⸗ ballte, während die blauen Brillengläfer gleich kalt und unbeweglich ſtarrten, während noch immer keine Muskel in Ein⸗ Eine ärztliche Conſultation. 115 mich auch am Tage ruhelos umher, kurz, ſie erweckt alle Leiden wieder, von denen ich mich für immer befreit glaubte.“ „Nicht die Eiferſucht,“ verſetzte der Andere;„wie kann man auf einen Verſchollenen, auf einen Todten eiferſüchtig ſein? Es iſt die momentane Aufregung, welche Ihr Blut ein Wallung brachte, welche Ihre Nerven aufreizte.“ „Mag es denn ſein, was es will,“ gab der Graf nach einem tiefen Seufzer zur Antwort,„ich leide fürchterlich, ich leide durch die Gedanken an die Vergangenheit, durch die Qualen der Gegenwart, durch eine gänzliche Hoffnungs⸗ loſigkeit für die Zukunft. Ich ſehe ein Geſpenſt mich um⸗ ſchweben, das zuweilen bald hinter mir drein ſchleicht, um mich tückiſch von hinten zu überfallen, das mir bald zur Seite ſchreitet, mich hohnlachend betrachtet und mir zuzu⸗ flüſtern ſcheint: Du entgehſt mir nicht! Das zuweilen vor— auseilt und das ich dann plötzlich wieder erblicke, am Wege ſitzend, auf mich wartend und mich freundlich neben ſich zur Ruhe einladend— o, es iſt das Geſpenſt des Wahnſinns, das mich überallhin verfolgt. „Doch warum ſoll ich Ihnen erzählen von dieſen Aus⸗ geburten einer erhitzten Phantaſie?“ ſetzte er nach einer längeren Pauſe hinzu;„ich muß Ihnen, dem Arzte, Reelleres bieten, obgleich ich Ihnen verſichern kann, daß mir die Ge⸗ ſtalt, von der ich Ihnen eben ſprach, oft entſetzlich körper⸗ haft erſcheint, aber nur in unruhigem Schlummer, in halbwachem Zuſtande, dann allerdings am häuſigſten. Aber wenn ich meine Augen ſchließe, ſo bin ich im Stande, ſie zu jeder Zeit hervorzurufen, und wenn ich mich alsdann anſtrenge, das Phantom zu verbannen und andere, freund⸗ lichere Bilder hervorzurufen, ſo martern mich die unerträg⸗ 116 Siebenunddreißigſtes Kapitel. lichſten Kopfſchmerzen, die nach ein paar Stunden uner⸗ träglicher Pein wieder verſchwinden, um dem quälenden Gefühle des Doppelſehens Platz zu machen.— Das iſt mein Zuſtand; ich habe Ihnen alle Symptome deſſelben geſchildert, ich habe Ihnen offen und wahr die Quellen meiner Leiden angegeben, und ich erwarte jetzt den Aus⸗ ſpruch von Ihnen, ob Sie glauben, daß mir zu helfen iſt oder nicht.“ Für den Marcheſe war jetzt der ſchwierigſte Augenblick gekommen, um die angenommene Rolle glücklich durchzu⸗ führen. Dabei kam es ihm aber ſehr zu Statten, daß er ſelbſt mit dem Director der Irren⸗Anſtalt, wenn ſie beide einmal in gutem Einverſtändniſſe waren, häufig ähnliche Geſpräche geführt, wo ſich der Dr. Henderkopp alsdann gern mit allgemeinen Redensarten behalf und beſonders hervorhob, daß zur Herſtellung eines geſtörten Denkvermögens die erſte Hauptbedingung Ruhe des Geiſtes und des Körpers ſei, daß der Arzt nur nach längerer Beobachtung im Stande ſei, glücklich auf den geſtörten Organismus einzuwirken. Der Marcheſe war, während er ſich daran erinnerte aufgeſtanden und an das Fenſter getreten, wo er in die trübe Winterlandſchaft hinausſchaute und nur von Zeit zu Zeit nach dem Grafen umblickend in abgeriſſenen Sätzen das wiedergab, was er, wie eben angedeutet, von Dr. Hender⸗ kopp gelernt. Wer erwartet überhaupt nach einer erſten Unterredung ſelbſt mit dem berühmteſten und ſogar mit dem weiſeſten Arzte, wenn es ſich nicht gerade um die Unterſuchung eines deutlich ausgeſprochenen körperlichen Leidens handelt, mehr als allgemeine Redensarten, mit der angenehmen Verſiche⸗ Eine ärztliche Conſultation. 117 rung gemiſcht, daß die Kunſt zu helfen wiſſen werde, daß man den Zuſtand des Kranken reiflich überlegen werde und daß man hoffe, bei einer nächſten Unterredung eine tiefere Einſicht über den eigentlichen Sitz des Leidens gewonnen zu haben? So auch der falſche Director der Privat⸗Irren⸗Anſtalt, und da es ebenfalls eine bekannte Thatſache iſt, daß ein Leidender ſich ſchon nach ausführlicher Schilderung ſeiner Krankheit gegenüber einem Arzte, zu dem er Vertrauen hat, erleichtert fühlt, ſo erhob ſich auch Graf Lotus mit einem erſichtlichen Gefühle der Beruhigung und mit dem Aus⸗ ſprechen des Wunſches, vielleicht ſchon morgen eine zweite Unterredung mit ihm, dem Dr. Henderkopp, haben zu können. „Morgen,“ entgegnete dieſer mit großer Geiſtesgegen⸗ wart,„wäre doch noch etwas zu früh, um mich genügend ausſprechen zu können. Wenn ich Sie nicht in der Stadt aufſuchen ſoll,“ ſetzte er mit einer verbindlichen Verbeugung hinzu,„ſo erzeigen Sie mir vielleicht die Ehre, mich von heute in drei Tagen, alſo am nächſten Samstage, um die⸗ ſelbe Stunde hier aufzuſuchen.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Graf, welcher ſich ebenfalls erhoben hatte und auf den Marcheſe zutrat,„ich werde gewiß nicht fehlen; nehmen Sie aber vorläufig meinen herzlichſten Dank für Ihre freundliche Aufnahme.“ Er reichte dem vermeintlichen Doctor ſeine Hand, doch zögerte dieſer eine Sekunde, die ſeinige hineinzulegen, und als er es doch endlich nothgedrungen that, durchzuckte es ihn auf eine eigenthümliche Art. War doch jene Hand, welche jetzt die ſeinige drückte, dieſelbe, die ſich vorhin drohend erhoben, als 118 Siebenunddreißigſtes Kapitel. der Mund des Grafen die furchtbaren Worte ausgeſprochen, Gaetano müſſe todt ſein, Gaetano dürfe nicht leben! Doch behielt der Marcheſe auch jetzt ſeine Ruhe bei, ja, er vermochte es über ſich, freundlich zu lächeln, als er nun den Grafen bis an die Treppe begleitete, wo ihn der Förſter in Empfang nahm und durch den Hof an ſeinen Wagen führte. Der Marcheſe blieb an einem Fenſter des Corridors ſtehen, bis die Equipage ſich gegen die Stadt zu entfernt, dann trat er haſtig in das Schreibzimmer des Di⸗ rectors zurück, preßte beide Hände vor das Geſicht und rief in einem Tone, in dem ſich ſeine ganze, ſo lange mühſam zurückgehaltene Leidenſchaft ausſprach:„Sie lebt, ſie war glücklich an der Seite dieſes Mannes!“ Darauf ſchaute er mit einem wirren Blicke um ſich her und ſchien ſich mit einiger Anſtrengung deſſen zu erinnern, was geſtern und heute hier vorgefallen; dann blickte er ent⸗ ſetzt auf die Eiſenſtangen des Fenſters, auf den trübſeligen Garten der Anſtalt, wo die ſchweren Regentropfen langſam von den dürren Aeſten herabfielen; hierauf erinnerte er ſich mit einem Male der furchtbaren Zeit, die er hier zugebracht, und es tönte in ihm: Fort, fort, damit nicht ein unglück⸗ licher Zufall die Riegel meines Gefängniſſes, die ich mir ſo mühſam geöffnet, wieder vorſchiebe! Fort, fort,— ſie lebt — in meiner Nähe und Scherra iſt hier! O mein Gott, wie dank' ich dir für dieſes Glück! Fort, fort! Und bei dem, was er jetzt noch hier zu thun hatte, be⸗ nahm er ſich in fieberhafter Haſt; ſo bei Entgegennahme jenes Documentes, das ihm die Freiheit ſichern ſollte und welches der wirkliche Director der Irren⸗Anſtalt aufs be⸗ reitwilligſte geſchrieben; ſo bei Freilaſſung des Herrn Gold⸗ Eine ärztliche Conſultation. 119 ſtein, den er mit ſeinen erſchütternden Klagen um die ver⸗ lorenen Papiere an den Dr. Henderkopp wies; ſo bei dem Beſuche, den er der unglücklichen Gattin deſſelben nothge⸗ drungen abſtatten mußte. Die arme Frau hatte begreiflicher Weiſe ihre Hochzeitsnacht in Jammer und unter Thränen zugebracht und pries ſich dabei noch glücklich, daß alles ſo abgelaufen ſei. Sie war im Begriffe, ſich in Begleitung ihres Dienſtmädchens nach ihrem elterlichen Hauſe zurück zu verfügen. Dem Marcheſe war es unmöglich, ihr ſeine Be— gleitung anzutragen; er mußte allein ſein, allein mit ſich und ſeinen Gedanken, wenn er zum erſten Male wieder die entzückende Luft der Freiheit in ſeine lechzende Bruſt einſog. Von dem Director der Anſtalt nahm er einen ruhigen und förmlichen Abſchied. Der General ſchlief nach dem an— ſtrengenden Dienſte der Nacht und träumte gewiß von einer neuen Verſchwörung. Der Förſter, der ihn bis zum Gitterthore des Hofes begleitete und dem er verſprach, bald Genügendes von ſich hören zu laſſen, ſah ihn ohne Neid ſcheiden. Wohin ſollte auch er, der Förſter, in dieſer kalten Winterzeit ſich wenden? Ja, wenn der Frühling wieder erſcheinen würde, Blätter und Knospen zu ſproſſen anfingen, wenn der Kukuk im Gehölze ſänge, dann wolle auch er wieder hinausziehen in die ſtille, heilige Waldespracht. Bis dahin hatte er noch einige Monate Zeit, um mit ſich darüber ins Reine zu kommen, ob es auch ganz ſicher ſei, daß er den letzten, hartnäckigſten der Teufel wirklich hinabgeſchluckt. Als ſich das Gitterthor hinter dem Marcheſe wieder geſchloſſen, blieb dieſer noch einen Augenblick davor ſtehen 120 Siebenunddreißigſtes Kapitel. und legte ſeine Hand wie prüfend an die feſten eiſernen Stangen.„Jetzt bin ich ausgeſchloſſen,“ ſprach er zu ſich ſelber,„und wenn ich wieder hinein wollte, hätte ich viel⸗ leicht die gleichen Schwierigkeiten zu überwinden, die ich bekämpfen mußte, um hieher zu gelangen. Wach' ich denn, oder träume ich? Liegen nicht Jahre zwiſchen jenem Tage, wo man mich hiehergebracht, und heute, wo ich mich ſelbſt befreit? Jahre, in denen ſo viel Furchtbares geſchehen, Jahre, die ich dort an der Mauer ſitzend und in die Ferne ſtarrend auf ſo entſetzliche Weiſe verträumt?— Nun habe ich meine Freiheit wieder, nun weiß ich, daß ſie lebt, daß ſie glücklich iſt! O mein Gott, wäre es nicht beſſer, daß ich zurückkehrte hilkter jenes traurige Gitter, um mich leben⸗ dig begraben zu laſſen? Was kann mir ferner das Leben bieten?“ Und es war gerade ſo, als hielte ihn eine unſichtbare Gewalt an den Eiſenſtangen feſt; er umſpannte dieſelben immer noch mit ſeinen Fingern, ja, er legte ſeine Stirn daran und empfand wohlthuend die Kälte des Metalls. „Aber warum ſoll ich nicht leben,“ rief er alsdann aus, „warum nicht kämpfen bis zum Siege oder bis zum Unter⸗ gange? Sie lebt— ſie iſt das Weib eines Anderen, aber ſie iſt es widerſtrebend geworden, hat ſie mich doch todt geglaubt und liebt mich ja noch!— Ja, ſie lebt und ſie liebt mich, ſie lebt, an einen Mann gefeſſelt, der vielleicht ihre Qual iſt, an ihn, der meinen Tod verlangt und wünſcht! Wohlan, ich nehme die Herausforderung an, käm⸗ pfen wir denn für ein verlorenes Leben, für eine unterge⸗ gangene Liebe!“—. Damit wandte er ſich ab, und als er die Eiſenſtangen grü lebt Eine ärztliche Conſultation. 121 verlaſſen und das Thor und hinter demſelben die ſtillen, traurigen Gebäude der Anſtalt nicht mehr ſehen konnte, da ließ auch die unſichtbare Macht, die Macht jahrelanger Gewohnheit, ihre Beute fahren, und er flog raſch den Hügel hinab der großen Straße zu, die zur Stadt führte. Die Bäume rechts und links an ſeinem Wege waren gerade ſo wie im Garten der Irren⸗Anſtalt, und doch wieder ganz anders, und doch betrachtete er ſie mit entzücktem Blicke, denn es waren freie Bäume, frei wie er, frei wie die Regen⸗ tropfen, die ſein Haupt netzten— denn er trug den Hut in der Hand— die ſein Geſicht kühlten!— Freier däuchte ihm auch der Wind, der um ſeine Schläfe ſpielte, frei war er ja ſelbſt, wie die Leute, die ihm begegneten' und auf ſeinen Gruß freundlich dankten. Ja, er war frei; er hätte nicht nach der Stadt zu gehen brauchen, deren erſte Häuſer ſich nun dicht vor ihm erhoben; er hätte auch einen andern Weg nehmen können und dort⸗ hin, nach Süden wandern, den fernen Bergen zu, und dann immer weiter und weiter, bis ſich ſtatt der kahlen Aeſte der Bäume wieder tiefgrünes, ſaftiges Laub zeige, bis ſich der glänzende Spiegel des heimatlichen Meeres vor ſeinen ent⸗ zückten Blicken aufthue. Geduld, Geduld, wild klopfendes Herz! Auch der Tag wird kommen, auch ihn werde ich mit Freudenthränen be⸗ grüßen! Jetzt aber zieht es mich hinab zur Stadt, wo ſie lebt, wo ſie weint, wo ſie athmet, die meiner gedenkt! Achtunddreißigſtes Kapitel. Bei dem Theater⸗Friſeur. Herr Karl Bander war in Folge ſeines Stuben⸗Arreſtes, den ihm der Arzt wegen ſeiner Verwundung auferlegt, etwas blaß geworden— intereſſant, pflegte ſein Freund, der Choriſt Richter, zu ſagen, ſchmachtend, ungeheuer verführeriſch für jede Dame von Gemüth. Endlich war ihm erlaubt worden, auf dem uns bekann⸗ ten Gange, welcher das Hintergebäude mit dem Vorderhauſe verband, luſtwandelnd etwas friſche Luft zu ſchöpfen, und ein paar Tage nachher, als gerade eine freundliche Winterſonne am Himmel glänzte, durfte der Patient in Begleitung ſeines Freundes während der warmen Tagesſtunden, wie man zu ſagen pflegt, einen kleinen Spaziergang verſuchen. Herr Richter hatte dem Freunde in edler Selbſtauf⸗ opferung von ſeinen eigenen ſpärlichen Gewändern angezogen und umgehängt, damit jener ſich ja nicht erkälten ſolle, und begnügte ſich für ſeine eigene Perſon mit dem dünnen, roth du d 0 m lü ch be de gã ſch Fr ſie ſic Bei dem Theater⸗Friſeur. 123 ausgeſchlagenen Mäntelchen, einem merkwürdigen Stück Gar⸗ derobe, das ſchon häufig auf den berühmten Brettern geglänzt hatte. Ehe Herr Richter Choriſt wurde, war er ſchon im Beſitze dieſes Mäntelchens, zu gleicher Zeit ſelbſtſtändig aus⸗ übender Künſtler bei herumziehenden Truppen und mimte dort von Don Carlos bis herab zu einem Botſchaft bringen⸗ den Knappen alles, was ihm in den Wurf kam. Die Beiden gingen alſo mit einander fort. Das Büb⸗ chen im Vorderhauſe, welches ſie bis zur Treppe begleitete, wäre gar zu gern mitgezogen, doch hatte Meiſter Schweizer durch den Advocaten Berger nach dem neulichen Vorfalle auf der Probe ein für alle Mal die ſtrenge Weiſung erhalten, das Kind nur dann ausgehen zu laſſen, wenn er ſich vorher mit Tante Roſa darüber beſprochen. In das finſtere Treppenhaus hatte ſich durch eine Häuſer⸗ lücke auf der andern Seite ein kleiner Sonnenſtrahl geſchli⸗ chen, den Richter, abwärts ſteigend, mit den muntern Worten begrüßte: „Muntere Frühlingslüfte wehen. Und die Soune ſcheint ſo ſchöne, Scheint ſo ſchöne, ſcheint ſo ſchöne Bei dem Weh'n der Frühlingslüfte.“ „Bis dahin dauert es noch eine Zeitlang,“ meinte Ban⸗ der,„zu lange für meine Sehnſucht. Ich weiß nicht, ich gäbe gerade jetzt viel um eine keimende Knospe, um ein fri⸗ ſches grünes Blatt.“ „Frühlingsſehnſucht, wie der Dichter ſagt!“ gab ſein Freund zur Antwort, und dann blieb dieſer plötzlich ſtehen, ſie waren gerade auf dem erſten Stockwerke angekommen, wo ſich die Wohnung der Hauseigenthümerin befand, und hier 124 Achtunddreißigſtes Kapitel. ſagte Herr Richter flüſternd:„Weißt du auch ſchon, daß wir m wieder da ſind?“ B „Wen meinſt du?“ ſ „Nun, unſere Braut oder vielmehr unſere Neuvermählte, die Frau des Doctors und Directors Henderkopp.“ ſi „Sie wird zum Beſuche da ſein.“ „Hat ſich nichts zum Beſuche; andere, ernſthafte Ver⸗ C hältniſſe, kam am Tage nach der Hochzeit, alſo geſtern Mor⸗ V gen ſchon zurück, fiel ſchluchzend in die Arme ihrer Mutter, na und wenn ich als Chor dabei geſtanden hätte, würde ich ge⸗ un ſungen haben: li „Ungeheures iſt geſchehen, A „Oder nichts geſchehn, was ſchlimmer, ra Denn geſchah es, kam ſie nimmer In das Haus zurück der Mutter. „So hätte ich mich ausgedrückt, vielleicht nicht ſingend, de aber declamirend, in ſpaniſcher Romanzenform, wenn die m Sache im Lande der Donnas paſſirt wäre.“ de „Woher weißt du denn das?“ ar „Ich habe ſo meine Fühlhörner im Hauſe herum, doch kam mir die Sache nicht unerwartet; dieſem ſchleichenden de Privat⸗Irren⸗Anſtalts⸗Director habe ich nie beſonders viel le zugetraut.“ „Und was kann denn geſchehen ſein?“ zi „Das weiß ich begreiflicher Weiſe noch nicht ganz ge⸗ d. nau, Factum aber iſt, ſie kam am Tage nach ihrer Hochzeit S in aller Morgenfrühe ſchon zurück. Frau Wittwe Speiteler bi wüthete etwas Weniges, und eine Stunde darauf erſchien ein Bekannter des Hauſes, Herr Moſes Goldſtein, und dann de ging erſt ein rechtes Gezeter an— es müſſen da draußen wir hlte, Ver⸗ kor⸗ ter, ge⸗ Bei dem Theater⸗Friſeur. 125⁵ merkwürdige Dinge paſſirt ſein. Die Alte ließ den Advocaten Berger kommen, und da der häufig bei Schweizers oben er⸗ ſcheint, ſo hoffe ich ſchon etwas Näheres zu erfahren.“ „Wie mir die friſche Luft wohl thut,“ ſagte Bander, als ſie vor dem Hauſe angekommen waren. „Und erſt der Sonnenſchein, wenn wir aus dieſer finſtern Gaſſe in eine breitere, mittäglich gerichtete Straße kommen. Was meinſt du, lieber Freund, wenn wir unſere Schritte nach dem Theater lenkten? Dort iſt ein famoſer Sonnenſchein, und während ich einen Augenblick in das Haus gehe,— ich ließ dort meine Stimme liegen,— kannſt du dir einige Augenblicke die Ecke anſchauen, wo du durch die vorüber⸗ raſſelnde Equipage ſo unſanft hingeſtreckt wurdeſt.“ „Ja, ja, das wollen wir.“ Und damit gingen ſie den bekannten Weg, und es kam dem ehemaligen Sänger vor, als ſei er hier ſeit Jahren nicht mehr geweſen. Dort war der Platz vor dem⸗Theater und das Gebäude ſelbſt mit dem kleinen Nebenausgange, wo er an jenem Abende ſo ſchmerzlich bewegt gewartet. Dahin gingen die Beiden, und während der Choriſt in das Haus ging, blieb Bander unten ſtehen und verſenkte ſich lebhaft in die Ereigniſſe jenes Abends. Dort hatte ihr Wagen gehalten, da war der junge Offi⸗ zier zu ihr eingeſtiegen, und während darauf die Equipage durch einen rechten Winkel auf dem Pflaſterwege drüben die Straße gewann, war er quer über den kleinen Plat gegangen bis dort an jene Hausecke. Und während er ſo dachte, ſchritt er mechaniſch wieder dorthin und ſtand gleich darauf auf derſelben Stelle, wo er damals in ſeinem Blute gelegen, und wo die mildthätige Fee, 126 Achtunddreißigſtes Kapitel. für ihn unſichtbar, zu ſeiner Hülfe erſchienen war. Er faßte unwillkürlich an ſeine Bruſt, wo er das kleine Battiſttuch verborgen hatte, das er nie von ſich ließ: das feine Gewebe, welches in einer Ecke ein zierliches R zeigte, mit einem Roſen⸗ gewinde umgeben. Wer war die Fee geweſen? Warum, da ſie nicht nur an jenem Abend ſo freundlich in ſein Geſchick eingegriffen hatte, ſondern ihm auch Zeichen gab, daß ſie ihres Schütz⸗ lings nicht vergeſſen, warum, dachte er unzählige Male, ver⸗ ſchmäht ſie, dir ein Lebenszeichen zu geben und dir zu er⸗ lauben, ihr deinen tiefgefühlten, innigen Dank auszuſprechen? — Es iſt das ſo die Art der Feen, hatte Herr Richter ihm häufig auf ähnliche Fragen lachend zur Antwort gegeben, ſie greifen in unſer Leben ein, und dann bleiben ſie gewöhnlich unſichtbar bis zum Schluſſe des Ballets, wo ſie wieder er⸗ ſcheinen, hoch auf ihrem Wolkenwagen vorüberſchwebend im Glanze bengaliſchen Feuers, wenn er und ſie ſich unten am Altare die Hand reichen. So wird ſie dir auch einmal er⸗ ſcheinen, hatte er hinzugeſetzt, bei deiner Vermählung mit irgend einer verwunſchenen Prinzeſſin, oder dir vielleicht den Lorberkranz reichend, wenn dein Name einſtens glänzt unter den dramatiſchen Dichtern unſeres Jahrtauſends. Solche Phantaſieen bewegten ihn, als er an der ver⸗ hängnißvollen Ecke ſtand, und er wünſchte faſt, wenn ihm die gute Fee wieder einmal erſchiene, ſo möge es in einem Augen⸗ blicke ſein, wo ihn ſein Talent über die Reihen der gewöhn⸗ lichen Sterblichen emporgehoben. „So, da bin ich wieder.“ Mit dieſen Worten weckte ihn Herr Richter aus ſeinen tiefen Träumereien. Hab' ich mir doch gedacht,“ ſetzte er launig hinzu,„daß ich dich an — die ter wi Fa mi wi gli wi ter du ha ſch ein ſch zu das Ab Gr zu we „de lan alſ H nic Bei dem Theater⸗Friſeur. 127 dieſer denkwürdigen Ecke finden würde; es geht allen bedeu⸗ tenden Menſchen ſo, daß ſie gern den Schauplatz ihrer Thaten wieder aufſuchen. Aber was meinſt du, wenn wir hier einen Faden fänden, der uns glücklich zu ihr brächte, zur Dame mit der Schärpe und dem Taſchentuche?“ „Die Fee'n hinterlaſſen keine ſichtbaren Spuren, denen wir arme Sterbliche zu folgen im Stande wären, nur ein glücklicher Zufall, nur ein wunderbares Ungefähr kann uns wieder in ihre beglückende Nähe führen.“ „Oder zum Ende vom Liede,“ meinte lachend Herr Rich⸗ ter;„aber nun komm, es iſt gerade nicht nothwendig, daß du an dieſer zugigen Ecke ſtehen bleibſt, wir wollen noch eine halbe Stunde in Gottes freier Natur luſtwandeln, und dann ſchlage ich dir vor, wollen wir bei unſerem Theater⸗Friſeur einſprechen, um unſern etwas verwahrloſ'ten äußern Men⸗ ſchen mit ſeinem ſchönen Innern in harmoniſchen Einklang zu bringen. Ich habe dem Herrn Harper, der da droben das lockige Haar eines nürnberger Zunftmeiſters für heute Abend herrichtet, unſern Beſuch zugeſagt; du weißt, alle Großen belieben ihre Ankuͤnft dem niedern Volke anzeigen zu laſſen, um eines guten Empfanges gewiß zu ſein, alſo wenn es dir recht iſt—“ „Dein Vorſchlag iſt annehmbar,“ entgegnete Bander, „denn ich fühle wohl, daß mein Haar und Bart nach dem langen Zuhauſebleiben einer ſorgfältigen Nachhülfe bedarf; alſo gehen wir noch etwas ſpazieren und dann zu Herrn Harper.“ Da nun auf dem Spaziergange der Beiden durchaus nichts vorfiel, was einer Aufzeichnung im Intereſſe unſerer wahrhaftigen Geſchichte werth geweſen wäre, ſo wollen wir e — 128 Achtunddreißigſtes Kapitel. den Beiden voraus eilen nach dem Etabliſſement des Herrn Harper, das ſchon von Weitem kenntlich war an einem ele⸗ ganten Schaufenſter, durch eine einzige koloſſale Scheibe ge⸗ bildet, hinter der ſich die vielerlei unnützen Nothwendigkeiten befanden, welche uns unentbehrlich geworden ſind, und die uns als ganz überflüſſig erſcheinen, ſobald wir ſie nicht mehr haben können. Der Theater⸗Friſeur Herr Harper hatte die beſte und ausgebreitetſte Kundſchaft und verdiente dies auch in jeder Beziehung, nicht als ob er und ſeine Gehülfen das Haar beſſer geſchnitten und friſirt hätten, als manche ſeiner Colle⸗ gen, nicht als ob ſeine Parfümerieen, Kämme und Bürſten ächter und ſolider geweſen wären, ſondern Herr Harper hatte von der Natur alle Talente empfangen, die nothwendig ſind, um ein großer und bedeutender Friſeur zu werden: ſeine Hand war ſicher und leicht, ſein Auge unparteiiſch und ge⸗ recht, und ſeine Zunge das Vorzüglichſte, was unter Zungen nur gefunden werden konnte. Dieſelbe unterſtützte ſeine Ta⸗ lente in kräftiger Weiſe, und eine Friſur, die bei einem An⸗ dern ſcheußlich geweſen wäre, wußte er als ein Meiſterſtück darzuſtellen. Dabei erfreute ſich Herr Harper eines außer⸗ ordentlich guten Gedächtniſſes und einer großen Erfindungs⸗ gabe, und bei den Unterhaltungen, welche er mit ſeinen Kunden führte, wurden die eben genannten Eigenſchaften auf ſolch' ausgiebige Art benutzt, daß eine die andere ergänzte und verſtärkte, daß der unter dem Puder⸗Mantel ſich auf's beſte unterhalten fühlte, daß er eine Menge Neuigkeiten er⸗ fuhr, ohne die Grenzlinie zwiſchen Wahrheit und Dichtung erkennen zu können. Dabei hütete ſich Herr Harper wohl, irgend einer Sache als etwas zu erwähnen, das er ſelbſt ſeine ge⸗ igen Ta⸗ An⸗ ſtück ßer⸗ ngs⸗ inen auf inzte auf's 1 er⸗ tung vohl, Bei dem Theater⸗Friſeur. 129 gehört und das von ihm weiter berichtet wurde; er half ſich mit dem bequemen ‚man ſagt' oder pflegte auch gern des Gerüchtes zu erwähnen, welches dieſe oder jene Thatſache unter das Publikum gebracht. Sein Etabliſſement war auf's eleganteſte nach der uns bekannten Art eingerichtet: unter großen Spiegeln befanden ſich ſchmale Marmortiſchchen mit den verſchiedenen Tages⸗ blättern, und davor ſtanden runde Lehnſtühle, über deren Lehne der weiße Puder⸗Mantel lag. Die hintere Seite des Ateliers wurde von einem großen Vorhange mit einem Stoff in türkiſchem Geſchmack gebildet, und wenn man hinter den⸗ ſelben blickte, ſo ſah man, daß dieſer orientaliſche Anklang zu dem ganzen Gemache paßte, welches ein wenig in mauriſchem Stile gehalten war, einen Divan hatte, ja, ſogar einen klei⸗ nen Springbrunnen— der Waſſerſtrahl war freilich nur von der Dicke einer Stricknadel— und bemerkte ferner an den herumliegenden Utenſilien, daß hier die Myſterien des Raſirens verwaltet wurden. Daß der Herr Harper Theater⸗Friſeur war und mit dieſem Amte die Ober⸗Aufſicht ſowohl über die Herren⸗ als auch über die Damen⸗Garderoben verband, war für ſeine jungen männlichen Bekannten aus der Stadt ein Anziehungs⸗ mittel mehr für ſein Etabliſſement, nicht als ob er zwiſchen dieſen ſeinen Kunden etwas das Theater Betreffende freund⸗ lichſt vermittelt hätte, Gott bewahre uns vor einem ſolchen Gedanken, er würde ihn mit Entrüſtung zurückgewieſen haben. Indeſſen, mit allen Verhältniſſen der Theater⸗Angehörigen auf's genaueſte vertraut, ließ er darüber wohl zuweilen Be⸗ merkungen fallen und machte Mittheilungen, die aber auch Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 9 130 Achtunddreißigſtes Kapitel. eine gewiſſe Grenze, namentlich für die nicht überſchritten, welche, um uns eines bekannten Ausdrucks zu bedienen, bei Herrn Harper nicht zwiſchen den Zeilen zu leſen verſtanden. So eben aus der Theater⸗Garderobe zurückgekehrt, nahm Herr Harper mit eigener Hand Kamm und Eiſen aus der Hand ſeines erſten Gehülfen, um einen jungen Dragoner⸗ Offizier ſelbſt zu bedienen, was in dieſem Falle immer als ein ganz beſonderes Wohlwollen von Seiten des Herrn Har⸗ per anzuſehen war. Der Offizier hatte ſeine Beine weit von ſich abgeſtreckt und erwiderte die Artigkeit des Princi⸗ pals mit einem gnädigen Kopfnicken und auch ſonſt noch da⸗ durch, daß er ein Mode⸗Journal, welches er aus Langerweile ergriffen, wieder vor ſich auf den Toilette⸗Tiſch legte. Herr Harper, welcher das ſtarke, lockige Haar ſeines Kunden leicht mit den Fingerſpitzen der rechten Hand berührte, während er den Oberkörper ſcharf zurückbog, um aus der Entfernung mit freierem Auge urtheilen zu können, that nach ein paar Sekunden in gemeſſenem Tone den Ausſpruch, daß heute ein paar Schnitte mit der Scheere unumgänglich noth⸗ wendig wären.„Ich weiß wohl,“ ſetzte er mit einem feinen Lächeln hinzu,„daß der Herr Graf ſchwer dazu zu bringen ſind, ſich unter die Scheere zu beugen, aber was nothwendig iſt, iſt nothwendig, und ich kann Sie wahrhaftig dieſes Mal aus meinem Atelier nicht entlaſſen,“ fügte er würdevoll bei, „ohne auf der rechten Seite und etwas nach hinten ein paar Schnitte angebracht zu haben.“ „Thun Sie, was Sie nicht laſſen können,“ erwiderte trocken der Dragoner⸗Offizier,„aber bedenken Sie, daß ich kein Pudel bin und daß es Winter iſt.“ Herr Harper zog die Augenbrauen in die Höhe, ſpitzte Bei dem Theater⸗Friſeur. 131 den Mund und ſchien durch ein leichtes Achſelzucken aus⸗ drücken zu wollen: wem ſagt man ſo etwas, mir, dem Herrn Harper? Dabei hatte er aber auch ſchon das eben angedeu⸗ tete Inſtrument ergriffen, und nachdem er die Scheere einmal klirrend um den Daumen hatte herumfliegen laſſen, wie ein Rad um ſeine Achſe, ließ das Eiſen in ſeiner Hand jenen eigenthümlich klingenden Ton vernehmen, wodurch ſich die Schärfe ſeiner Schneide zeigt, dann ſetzte er das Inſtrument weich auf und that ein paar raſche Schnitte, nicht ohne zwi⸗ ſchen jedem derſelben ziſchend die Luft zerſchnitten zu haben, während welcher Zeit er dann jedes Mal das angefangene Werk aus der Entfernung wohlgefällig betrachtete. „Nun, wie ſieht's drüben aus?“ fragte der junge Dra⸗ goner⸗Offizier,„bleibt's ausnahmsweiſe bei der auf heute Abend angekündigten Vorſtellung?“ „Wer kann das behaupten, Herr Graf, ohne ſich zu compromitiren? So lange die erſte Scene nicht beginnt, kann man nie wiſſen, ob nicht noch eine Aenderung beliebt wird.“ „Es iſt aber wirklich unerträglich mit dieſen ewigen, unaufhörlichen Aenderungen; freut man ſich einmal auf irgend ein claſſiſches Stück oder auf ein beliebtes Ballet, ſo hat der Teufel ſeine Hand im Spiele, und man bekommt ſtattRobert der Teufel’ das ewige Nachtlager zu hören.“ „Namentlich im Winter, Herr Graf. Man muß aber auch gerecht ſein; denken Sie an ſich ſelber, wie oft ſind Sie enrhümirt oder heiſer und würden nicht ſpielen oder ſingen können, wenn Sie ein Künſtler geworden wären.“ „Zum Henker, das iſt auch ganz was andres! Ich habe keine Verpflichtung, mich in Acht zu nehmen, aber wer heißt , 2 3 2——————— 8. 1 4 — 132 Achtunddreißigſtes Kapitel. einen erſten Tenor auf die Jagd gehen, oder wer gibt einer Sängerin das Recht, Soiréen und Bälle zu beſuchen? Die Leute ſollen ſich ſchonen, dafür ſind ſie bezahlt.“ „Der Herr Graf haben allerdings ganz Recht, aber—“ „Wenn ich mich zufällig einmal krank melde,“ unter⸗ brach ihn der Offizier,„ſo muß ich mit der Naſe zu Hauſe bleiben; aber ſehen Sie einmal unſere Madame Darabinsky. Sie leſen, ſie ſei krank, auf dem Zettel, und ſehen ſie wohl⸗ gemuth Abends in ihrer Loge ſitzen und mit dem Publikum kokettiren, daß es nur ſo kracht. Nein, nein, mein Lieber, es iſt kein Dienſt bei dem Theater, keine Zucht von oben; die Einzigen, die noch etwas von Zucht und Dienſt verſtehen, ſind immer noch die vom Ballet⸗Corps, obgleich da auch Aenderungen genug vorkommen.“ „Das macht der militäriſche Umgang,“ erlaubte ſich Herr Harper lächelnd zur Antwort zu geben, worauf der Herr Graf wohlgefällig ſchmunzelte und die Gegenbemerkung machte:„Daran iſt was Wahres— aber Scherz bei Seite, eine vernünftige Anſprache thut ſchon viel, und die Inten⸗ danz ſollte uns eigentlich dankbar ſein, daß wir uns bemühen, in das kleine leichtſinnige Volk ſo viel Subordination zu bringen, es koſtet das Zeit und Mühe. Apropos,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort,„wie ſteht's denn mit der kleinen Marietta? Herr Harper, ſeien Sie ehr⸗ lich; ſie iſt meine Vorgeſetzte geworden, zur Excellenz avan⸗ cirt, da wird ſich der arme Wildlingen eines ſeiner wenigen Haare ausreißen— nun, wie ſteht's damit? So ſprechen Sie doch!“ Herr Harper zuckte mit den Achſeln und nahm dabei ei Bei dem Theater⸗Friſeur. 133 einen Geſichts⸗Ausdruck an, aus dem man heraus buchſtabiren konnte, daß er nicht alles ſagen könne, was er wiſſe. „Es iſt aber ein gutes Avancement für die Kleine, vom Adjutanten zum General!— Nun ſeien Sie kein Kind und laſſen Sie mich was hören; Ihr verzweifelt pfiffiges Geſicht macht mich ganz neugierig. Hat der Wildlingen ſie aufge⸗ geben oder hat ſie den Wildlingen verlaſſen?“ „Sie werden mir zugeben, Herr Graf,“ erwiderte der diplomatiſche Friſeur,„daß ein Adjutant ſeinem General in vielen Dingen zu Dienſten ſein muß, und daß eine ſolche Ergebenheit ſich belohnt. Ich weiß nur, daß das Gerücht ſagt, Mademoiſelle Marietta habe jetzt ein größeres, ſtandes⸗ gemäßes Quartier genommen, und empfange bei ihren kleinen Thees ohne Anſehen der Perſon und des Standes.“ Der Dragoner⸗Offizier lachte ſo erſchütternd, daß Herr Harper erſchrocken mit dem heißen Brenneiſen, das er ſo eben aus der Hand ſeines jüngſten Gehülfen ergriffen, in die Höhe fuhr.„Ich gäbe was darum,“ fuhr der Dragoner⸗Offizier nach einer Pauſe fort,„wenn ich die Drei, den guten Wild⸗ lingen, die Excellenz und die kleine Marietta zuſammen Thee trinken ſehen könnte.“ „So etwas habe ich nicht angedeutet,“ verſetzte Herr Harper mit abſichtlich angenommenem ſehr ernſtem Tone. Der Dragoner⸗-Offizier wollte gerade etwas in ſehr gro⸗ ßer Heiterkeit entgegnen, als er ſich plötzlich ſelbſt unter⸗ brach, durch das Fenſter auf die Straße deutete und haſtig rief:„Dort geht Marlott! thun Sie mir den Gefallen und laſſen Sie ihn einen Augenblick herein citiren.“ Der Friſeur gab ſeinem Gehülfen einen Wink und dieſer ſchoß augenblicklich auf die Straße. ““ 2 —— —⏑ñꝗ—— 134 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Ich bitte aber recht ſehr, Herr Graf,“ ſagte der Prin⸗ 3 cipal,„daß Sie dieſe Geſchichte nicht hier in meinem Beiſein ſe weiter erzählen.“ 3 „Die mit der Excellenz? Gewiß nicht, das habe ich bei⸗ nahe ſchon vergeſſen, es wird mir auf der Parade ſchon wie⸗ 3 der einfallen; nein, nein, ich muß Marlott etwas mittheilen.“ b Jetzt erſchien der Gerufene unter der Thür des Ateliers, 3 und da er wie gewöhnlich nichts Wichtiges zu thun hatte, 1 ſo ließ er ſich ohne Weiteres auf einen Lehnſtuhl nieder, den d ihm der jüngſte Gehülfe geſchäftig hinſchob, worauf er lächelnd 1 fragte:„Biſt du von Harper angeſtellt, Kunden herein zu f rufen? Thut mir leid, ich bin heute ſchon bedient worden.“ „Das ſieht man auf tauſend Schritte,“ verſetzte der Dra⸗ 2 goner.„Wer hat dich überhaupt je unfriſirt auf der Straße 1 geſehen, dich, den Schrecken aller Väter und Ehemänner? Was gibt's denn Neues, Don Juan unter den Huſaren?“ „Du ſcheinſt nicht viel zu wiſſen,“ erwiderte Arthur von Marlott,„ſonſt würdeſt du nicht ſo mit deinen alten Witzen aufräumen und dieſe verlegene Waare noch tief unter dem b Werthe anzubringen ſuchen, denn ich gäbe keinen Pfifferling darum.“ „Sei nicht verdrießlich, ich meine im Ernſte, ob du nichts Neues weißt.“ „Und ich meine alles Ernſtes, du haſt mich herein citirt, um dich bei deinen Verſchönerungsverſuchen unterhalten zu laſſen. Das iſt kein Compliment für Harper.“ V „Nun, mit ihm wirſt du es doch aufnehmen?“ entgeg⸗ nete luſtig der Dragoner, indem er gegen den Friſeur ein b Auge zublinzelte. „Harper,“ ſagte der Huſar, welcher dieſe Aeußerung nicht Bei dem Theater⸗Friſeur. 135 gehört zu haben ſchien,„Sie haben mir Ess Bouquet ge⸗ ſchickt, und ich verlangte doch etwas Neues, the Madeira Bouquet; man muß mit der Zeit vorwärts ſchreiten.“ „Ja, und häufig wechſeln,“ gab der Dragoner zur Ant⸗ wort,„man verräth ſich zu leicht, wenn man immer ein und daſſelbe Parfüm gebraucht; ich weiß davon ſchreckliche Beiſpiele.“ „Du?“ entgegnete Herr von Marlott mit einem deut⸗ lich ausgeſprochenen Tone der Geringſchätzung.„Du kannſt dich noch Jahre lang mit Eau de mille fleurs behelfen, deine Bekanntſchaften werden nichts Außergewöhnliches darin finden.“ „Lieber Freund, du biſt bitter,“ antwortete der Dragoner, „und ich nehme dir das eigentlich nicht übel; ja, ja, es iſt nicht angenehm, wenn man lange Zeit überall wie ein Aal durchgeſchlüpft iſt, dann aber mit einem Male merkt, daß man mit Netzen umgeben iſt.“ „Was willſt du damit ſagen?“ warf Herr von Marlott gleichgültig hin, und ſetzte hinzu, als er bemerkte, daß der Andere den Friſeur anblickte;„genire dich um Gotteswillen nicht vor unſerem Freunde Harper, der weiß eben ſo gut wie ich, was er von deinen Reden zu halten hat; wie ge⸗ ſagt, genire dich ganz und gar nicht.“ „Das würde mir auch ſchon die Freundespflicht verbie⸗ ten; denn du kennſt meine Discretion und kennſt mich, daß ich nie Namen nenne.“ „Beſonders wenn du keine weißt. Auf denn, erfülle deine Freundespflicht.“ „Nun denn, nur um dich zu warnen,— du machſt irgendwo deine kleine Cour, doch bei dir, dem das ſo viel⸗ fach vorkommt,“ ſetzte der Dragoner⸗Offizier lachend hinzu, — 136 Achtunddreißigſtes Kapitel. „muß man ſich deutlicher ausdrücken. Nicht weit von einem Hauſe, welches du häufig beſuchſt,— das heißt die Cour machſt du nicht im Hauſe ſelbſt, da haſt du noch keinen Zu⸗ tritt, ſondern auf einſamen Spaziergängen Abends auf der Straße nach dem Theater, oder bei Familien⸗Feſten, wo du zufällig eingeladen biſt. Du ſiehſt, ich bin gut unterrichtet, und eben ſo entdecke ich an deiner Miene, daß wir uns voll⸗ ſtändig verſtehen.“ „Und wenn dem ſo wäre, was weiter?“ „Von jenem Familien⸗Feſte,“ fuhr der Dragoner in ſehr langſamem und etwas boshaftem Tone fort,„erzählt die Fama, daß es in ſeinen Folgen auch für dich zu einem Fa⸗ milien⸗Feſte werden könnte. Das hätte nun an und für ſich nichts zu bedeuten, aber deine Geliebte hat einen Vater, der in Dingen, welche uns ſehr ſpaßig vorkommen, durchaus keinen Scherz verſteht, und obendrein hat das Mädchen einen Bruder, welcher eben die Hochſchule verlaſſen hat und ſchwin⸗ delhafte Begriffe von Ehre und Gleichſtellung aller Stände cultivirt. Dem Vater iſt etwas geſteckt worden von deinem kleinen Verhältniß, und wie ich aus guter Quelle weiß, hat er ſich irgendwo erkundigt, wie deine Vermögensumſtände ſeien und ob du ein freier Mann wäreſt.“ „Pah, Unſinn!“ „Unſinn allerdings, von dem Alten nämlich, aber du wirſt mir zugeben, daß es von mir ein Freundſchaftsdienſt iſt, dir einen Stein in deinem Wege zu zeigen, an dem du wenigſtens ſtraucheln könnteſt, wenn du auch nicht über ihn fallen würdeſt.— Höchſten Ortes—“ „Na, jetzt laß mich in Ruhe,“ unterbrach ihn ärgerlich der irg Bei dem Theater⸗Friſeur. 137 m der Huſar;„was wird man ſich höchſten Ortes um derglei⸗ ur chen Geſchichten kümmern!“ u⸗„Das kommt alles auf den Vortrag an. Schiller ſagt er irgendwo: u„Der Vortrag macht des Redners Glück,“ et, und du weißt, daß dein Schwiegervater in spe höchſten Ortes l⸗ nicht ſelten zum Vortrage kommt.“ „Ach, laß mich zufrieden,“ rief Herr von Marlott ver⸗ drießlich.„Du biſt ein langweiliger Kerl, und ich ein Narr, hr wenn ich mir deine Worte nur im Geringſten zu Herzen ie nehme!— So, dein Zweck ſcheint mir, iſt erreicht, deine a⸗ wunderbare Friſur iſt fertig und du haſt dabei meine Unter⸗ ch haltung genoſſen. Biſt du zufrieden?“ er„Mit meiner Friſur? Ja,“ erwiderte der Dragoner⸗ 1s Offizier, indem er ruhig aufſtand, einen wohlgefälligen Blick en in den Spiegel warf und dabei ſeinen Waffenrock mit beiden n⸗ Händen feſt in die ſchlanke Taille hinabdrückte;„Harper hat de wie immer ein Meiſterſtück gemacht, eigentlich iſt es kein m Meiſterſtück zu nennen, denn aus dem Kopfe müßte auch ein at Stümper etwas Außerordentliches machen. Dennoch danke e ich Ihnen, Herr Harper.“ „Und das iſt wohl die einzige Belohnung, die Sie von ihm erhalten?“ meinte lachend Herr von Marlott.—„Aber u nun komm, Adonis, und mache Glückliche und Unglückliche.“ 3 ſt Der Huſaren⸗Offizier ging voraus zur Thüre hinaus, doch ſchien ſich ſein Freund nicht ſo leicht von dem Spiegel⸗ glaſe trennen zu können. Er ſetzte vor demſelben ſeinen Helm auf, nahm den Säbel unter den Arm, und ging alsdann, ch um das Bild ſeines ſchönen Selbſt ſo lange als möglich zu genießen, halb rückwärts nach der Thür zu, wodurch es denn 138 Achtunddreißigſtes Kapitel. kam, daß er dort mit einem Herrn zuſammenſtieß, der gerade zufällig hereintrat und der ebenfalls rückwärts blickte, als er auf der Schwelle ſtand. „Je vous demande mille fois pardon, Monsieur,“ ſagte der Eintretende auf eine ſehr höfliche und verbindliche Weiſe, wogegen der Dragoner ſein:„Il n'y a pas de quoi, M'sieur,“ mit einem finſtern Ausdrucke ſagte, ungefähr ſo, als wollte er damit zu verſtehen geben: hole Sie der Teufel! worauf der Fremde ihn mit einem feſten Blicke betrachtete, dann aber ruhig in das Etabliſſement des Herrn Harper trat, während der Dragoner auf die Straße ſchritt. „Es gibt doch ſchrecklich ungeſchickte Menſchen,“ ſprach dieſer zu ſeinem Freunde,„wie kann man nur zu einer Thür herein kommen, während man ſich umſchaut?“ „Ja, oder wie kann man zur Thür hinaus gehen, wäh⸗ rend man rückwärts in den Spiegel ſchaut— da drehe ich die Hand nicht um, wer von Euch der Ungeſchicktere war. Aber,“ fuhr Herr von Marlott nach einer Pauſe, ſtehen blei⸗ bend, fort,„haſt du das Geſicht des Mannes betrachtet, mit dem du ſo unſanft carambolirt?“ „Nein, ich ſah nur im Vorübergehen ein paar ſchwarze Augen.“ „Und ich ſah lange nicht einen ſo merkwürdig wilden und ſo ſtarken Bart, das muß ein wahres Freſſen für die Scheerer ſein, wenn er die Abſicht hat, ihn drinnen abnehmen zu laſſen, und unter dem Hute ſtarrt eine wahre Welt von dichten und ſchwarzen Haaren.“ „Die wohl deinen Neid erregt haben?“ meinte der Dra⸗ goner lächelnd.„Ja, lieber Freund, ich ſage dir, das iſt doch eines Mannes ſchönſte Zierde, und es muß ein unge⸗ he da he ade Bei dem Theater⸗Friſeur. 139 heurer Reiz darin liegen, wenn ſich eine kleine niedliche Hand darin vergraben kann.“ „Wie kann das meinen Neid erregen, was ich ſelber habe? Und ich bin mit meinen blonden wohl zufrieden.“ „Steig' auf den Hügel, Druidenſchar, Sieh' ob der Tag ſich neige, Neuer Mond ſich zeige!“ ſang der Dragoner⸗Offizier, eine weniger grundloſe als bos⸗ hafte Anſpielung, welche indeſſen von Herrn von Marlott mit einem verächtlichen Achſelzucken erwidert wurde, was übrigens dem guten Einvernehmen der beiden Offiziere durchaus keinen Eintrag that, denn wenige Schritte weiter ſah man ſie Arm in Arm lachend ihres Weges dahin ziehen. Neununddreißigſtes Kapitel. Aufklärungen. Der in das Etabliſſement des Herrn Harper eingetretene Fremde nahm dort höflich ſeinen Hut ab und wandte ſich mit der Frage an den Principal, ob er Zeit habe, ſein Haar und ſeinen Bart in Ordnung zu bringen. Herr Harper, der ſchon manchen tüchtigen und ausge⸗ zeichneten Haarwuchs geſehen, war doch erſtaunt über die Fülle, die ihm hier entgegenquoll. Ja, nachdem er den Fremden auf ehrerbietige Art zum Niederſitzen bewogen und ihm den weißen Pudermantel umgehängt, konnte er es nicht unterlaſſen, durch einen leichten Huſten die Aufmerkſamkeit ſeines erſten Gehülfen zu erregen und dann denſelben durch einen dem Fremden unbekannten Wink herbeizurufen. Er hätte es für gewiſſenlos gehalten, dieſe außerordentliche Fülle anzugreifen, ehe er ſeinen jungen Leuten den Anblick derſel⸗ ben gegönnt; der zweite Gehülfe, welcher dem Principal aſſiſtirte, ſtand überhaupt ſchon ſprachlos vor Erſtaunen da. Herr Harper hatte ſich mit Kamm und Scheere be⸗ ken Aufklärungen. 141 waffnet und that nach einem einleitenden Räuspern die Frage:„Euer Gnaden befehlen alſo?“ „Ich wünſche mir das Haar zu einer gewöhnlichen Friſur verſchnitten, nicht zu kurz, wie man es jetzt ohne auffallend zu ſein trägt. Laſſen Sie Ihr Journal ſehen,“ ſetzte er gleichgültig hinzu. Der Gehülfe bot das Journal hin, worauf der Fremde auf eine Figur deutete und das Blatt alsdann, während er ſich in den Stuhl lehnte, mit den Worten zurückgab:„So wünſche ich es.“ „ Und den Bart ebenfalls ſo?“ fragte Herr Harper faſt erſchreckt, denn auf dem Kopfe der Figurine ſah man Wan⸗ gen und Kinn glatt raſirt und nur einen kleinen Schnurr⸗ bart ſtehen geblieben. „Gerade ſo!“ Der Principal ließ mit einem unterdrückten Seufzer die Scheere um den Daumen herumfliegen, und als er hierauf ſeine Arbeit begann, geſchah dies mit einem ſolchen Eifer, ja, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, mit einer Wildheit als wolle er dieſes für ihn unangenehme Geſchäft ſo ſchnell als möglich beendigen. Nach rechts und nach links flogen die ſchwarzen Locken auf den Boden, und der zweite Gehülfe konnte ſich nicht enthalten, hinter dem Rücken des Fremden das wirklich prachtvolle Haar auf einen Haufen zuſammen zu legen. Da der Principal mit Aufbietung ſeiner ganzen Kunſt und Geſchicklichkeit arbeitete, ſo ſchälte ſich bald die Friſur, wie ſie der Fremde gewünſcht, aus dem Wald von Haaren heraus, was er mit einem wohlgefälligen Lächeln zu bemer⸗ ken ſchien, und als nun das Werk ſo weit vorgeſchritten ‿ ——“ 8 142 Neununddreißigſtes Kapitel. war, daß der Kopf in ſeinem neuen Umriß hervortrat, klärte ſich ſogar die bis dahin unzufriedene Miene des Herrn Har⸗ per ſichtbarlich auf, denn das Geſicht des Fremden, mit ſeinen feinen und flachen Schläfen, der hohen und edlen Stirn, dem maleriſch ſchönen Haaranſatze, trat unverkennbar auf's vor⸗ theilhafteſte hervor. Zufriedener ging hierauf Herr Harper an das Abſchneiden des Bartes, indem er hoffte, dieſen, wenn auch kürzer, doch in ſeiner krauſen Dichte um Kinn und Wangen erhalten zu können. Dieſe Hoffnung ſprach er auch in be⸗ lobenden Worten aus, doch ſchüttelte der Fremde den Kopf und erwiderte mit demſelben ruhigen Tone:„Ich wünſche den Bart gerade auch ſo, wie auf der Figurine.“ Der Friſeur legte achſelzuckend die Scheere weg, nahm behutſam den Pudermantel von den Schultern des Kunden und ſagte in einem Tone getäuſchter Erwartung:„So muß ich mir erlauben, Euer Gnaden in das anſtoßende Gemach zu begleiten, wo das Uebrige, wenn es nun einmal ſo ſein ſoll, geſchehen wird; aber,“ ſetzte er mit einem bewundernden Blicke hinzu,„ich verſichere Euer Gnaden, daß Ihr Kopf jetzt ein Enſemble darbietet, wie es ſpäter nicht mehr erreicht werden wird.“ „Das wächſ't wieder, wenn ich es ſo verlange,“ gab der Fremde zur Antwort;„ich liebe die Abwechslung und möchte mich mit einem Male ohne den großen Bart ſehen laſſen, den ich lange genug getragen habe,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu.— „So darf ich mir erlauben, Sie ins Nebenzimmer zu führen?“ In dieſem Nebenzimmer, welches, wie der geneigte Leſer ſich erinnern wird, in orientaliſchem Geſchmacke eingerichtet 7) 1 00 00 ärte Har⸗ inen dem vor⸗ r an auch ngen be⸗ Kopf nſche nahm inden muß mach ſein rnden Kopf reicht ab der nöchte 1, den eufzer ier zu Leſer rrichtet Aufklärungen. 143 war und worin der kleine Springbrunnen plätſcherte, befand ſich ein anderer Gehülfe des Herrn Harper und war gerade mit der nothwendigen Arbeit beſchäftigt, ſein Meſſer auf einem großen Streichriemen abzuziehen. Er befand ſich hier nicht allein, doch ſchien der Kunde, welcher auf dem Divan in der Ecke des Gemaches ſaß, bereits bedient worden zu ſein, und blieb vielleicht noch da, um mit dem Gehülfen zu plaudern oder, was er gerade that, gedankenvoll den kleinen Waſſerſtrahl anzublicken, der ſich ein paar Fuß hoch erhob, dann oben aus einander ſtäubte und in einzelnen dicken Tropfen wieder herabfiel. Dieſer Mann hatte einen Fuß in die Höhe gezogen und nach der Art der Orientalen unter den andern geſchoben, was hier in dem türkiſchen Gemache ganz paſſend erſchien; überhaupt bildete derſelbe mit der phantaſtiſchen Umgebung eine ganz gelungene Staffage. Sein ziemlich weites Beinkleid von blauem Tuche war mit ſchwar⸗ zen Schnüren beſetzt, die Jacke ebenfalls morgenländiſch ge⸗ ſchnitten, vom ſelben Stoffe und der gleichen Farbe. Um den Hals hatte er leicht ein gelbſeidenes Tuch geſchlungen, welches über die rothe Weſte herabfiel, und auf dem Kopfe trug er ein kleines Käppchen von einem Zeuge wie perſiſcher Shawl; um den Leib war eine Schärpe von dunkelrother Seide gewickelt. Vollkommen paßte zu dieſem Anzuge ſein Geſicht; es hatte einen ins Olivenfarbige ſpielenden gelben Teint, aus dem die großen ſchwarzen Augen mit einem merk⸗ würdigen Glanze hervorleuchteten; ſonſt war das ganze Ge⸗ ſicht unbeweglich wie ein Marmorbild, eben ſo die ganze Figur ſcheinbar ohne Leben, wie man ſie ſo in der Ecke des Divans ſitzen ſah. Zwiſchen den Händen hielt er eine Schnur von ſchwarzen Perlen, welche er in langen Zwiſchenräumen 144 Neununddreißigſtes Kapitel. durch ſeine Finger gleiten ließ; neben ihm auf dem Divan lag ein brauner Burnus mit ſchwarzen Quaſten und ein dunkler Filzhut mit breiter Krempe. Juſſuf, der indiſche Diener des Grafen Lotus, liebte dieſes Gemach ganz außerordentlich: es erinnerte ihn in ſeiner phantaſtiſchen Ausſchmückung an ſein Heimatland. Auch war er hier als vertrauter Diener ſeines Herrn, ſo wie auch als fleißiger Kunde und noch beſonders dadurch gern geſehen, daß ſeine fremdartige Erſcheinung für Manchen, der hier eintrat, etwas Anziehendes und Feſſelndes hatte. Für den Fremden, den Herr Harper in dieſem Augen⸗ blicke ſelbſt einführte, ſchien dies indeſſen nicht der Fall zu ſein, denn er warf nur einen ganz flüchtigen Blick auf den Inder und ſetzte ſich alsdann ohne Weiteres und ohne durch irgend eine Veränderung ſeiner Mienen das mindeſte Intereſſe an dieſem zu verrathen, auf den ihm angewieſenen Sitz. Juſſuf ließ ſeine Augen unbeweglich auf dem kleinen Waſſer⸗ ſtrahle der Fontaine haften und ſchob langſam wieder eines der ſchwarzen Kügelchen durch ſeine Finger. Der Fremde hatte ſich ſo geſetzt, daß ſein Geſicht von dem Inder nur in dem daneben hangenden Spiegel geſehen werden konnte.— Nachdem Herr Harper ſeinem hier ſtationirten Gehülfen, nicht ohne nochmals ſein Bedauern dabei ausgedrückt zu haben, die Weiſung gegeben hatte, wie der Bart des Fremden nach deſſen ausdrücklichem Befehl zu behandeln ſei, trat er einen Augenblick vor Juſſuf und ſagte ihm flüſternd:„Schade für den prachtvollen Bart, Sie hätten ihn ſich anſehen ſollen, er würde Ihnen ganz beſonders gefallen haben.“ Dieſe Aeußerung ſchien den Inder zum erſten Male zu van ein ebte in and. ſo urch hen, gen⸗ ll zu den durch ereſſe Sitz. aſſer⸗ eines t von eſehen hülfen, ckt zu emden rrat er Schade ſollen, dale zu Aufklärungen. 145 bewegen, ſeine ſcharfen Blicke auf den Spiegel zu werfen, welcher ihm das Bild des Fremden deutlich zeigte. Dieſe Blicke aber, ſo gleichgültig ſie im erſten Augenblicke dieſes Bild aufſuchten, verſchärften ſich in der nächſten Sekunde auf eine ganz eigenthümliche, ja, auffallende Art; dann fuhr Juſſuf mit der rechten Hand langſam über ſeine geſchloſſenen Augen und ſein Geſicht herab, wie man zu thun pflegt, wenn man ſeine Erinnerung ſchärfen will; doch ſchien ihm das nicht genügend zu gelingen, denn in dem Blicke, welchen er danach abermals auf den Fremden warf, las man etwas Zweifelhaftes, Unbeſtimmtes; doch unterließ er es nicht einen Moment, ihn unter ſeinen geſenkten Augenwimpern hervor forſchend anzublicken. Sein Geſicht hatte dabei einen finſtern Ausdruck, welcher ſich aber nun plötzlich mit einem Male veränderte, als der Gehülfe drüben ſein Geſchäft beendigt hatte. Der Fremde war jetzt um Kinn und Wangen glatt raſirt und nur auf der Oberlippe war ein feiner, ſchwarzer Bart ſtehen geblieben. Damit hatte ſich auch ſeine ganze Phyſiognomie verändert und dieſelbe erſchien mit einem Male jünger und edler. Die Veränderung in den Blicken des Inders, welche ſich momentan gezeigt, war einem blitzähnlichen Aufflammen der Ueberraſchung, ja, des Haſſes ähnlich, verſchwand aber eben⸗ falls wie der Blitz, kaum geſehen wieder, um dem früheren unbeweglichen Geſichtsausdrucke Platz zu machen. Das Ein⸗ zige, was man, als ſich der Fremde gegen ihn wandte, hätte bemerken können, war ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln und ein etwas ſtärkerer Athemzug, als ſeine gewöhnlichen. Dabei hatte er den Daumen ſeiner rechten Hand unter die Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 10 oboooooooſ 146 Neununddreißigſtes Kapitel. rothſeidene Schärpe geſteckt, während er mit der linken die ſe Schnur ſchwarzer Perlen geräuſchlos in die Taſche ſeines V de weiten Kleides gleiten ließ. C Der Fremde beſchenkte den Gehülfen des Herrn Harper, T und gewiß auf eine ſehr freigebige Art, was man an den au tiefen Bücklingen deſſelben deutlich wahrnehmen konnte. Der w Menſch eilte ſogar geſchäftig mit in das erſte Zimmer, wo ſe er ſich des Paletots bemächtigte, während der andere Gehülfe h. den Hut des Fremden und der jüngſte Gehülfe den Stock ſt deſſelben hielt. Herr Harper ſelbſt ſtand, als jener nun hinaus ging, an der Thür ſeines Etabliſſements, rieb ſich ei leicht die Hände und machte, während er um fernere Kund⸗ er ſchaft bat, eine ehrfurchtsvolle, aber doch gemeſſene Ver⸗ beugung. e Der jüngſte Gehülfe hob eine Handvoll des ſchwarzen d Haares vom Boden auf und konnte nicht aufhören, deſſelben e. rühmend zu erwähnen, ein Lob, welchem ſich der Principal d um ſo mehr gedrängt fühlte beizupflichten, als der Gehülfe n des mauriſchen Gemaches die reiche Gabe des Fremden in dieſem Augenblicke auf den Ladentiſch legte. d Daß Juſſuf ſo eben das Etabliſſement geräuſchlos, wie 3 er immer zu thun pflegte, verlaſſen, wurde von den Anweſen⸗ a den um ſo weniger bemerkt, als in dieſem Augenblicke die T Herren Richter und Bander, von ihrem Spaziergange zurück⸗ gekehrt, in das Atelier traten. ſ Herr Harper, welcher im Benehmen gegen ſeine Kunden§ Nuancen anzubringen wohl verſtand, behandelte die beiden 1 eben Eingetretenen mit einer familiären Herablaſſung, beſon⸗ V n ders Herrn Richter, welchen er dem Eifer des jüngſten Ge⸗ 1 hülfen anvertraute, während der andere Gehülfe ſich auf wie eſen⸗ 2 die rrück⸗ nden eiden heſon⸗ Ge⸗ auf Aufklärungen. 147 ſeinen Wink mit dem allerdings etwas verwahrloſ'ten Haar des Herrn Bander beſchäftigte. Er ſelbſt, Herr Harper, Chef der Kunſt⸗Anſtalt, legte ſich ſeitwärts an das kleine Tiſchchen vor dem Spiegel, wobei er ſeine Arme über ein⸗ ander ſchlug und dem ehemaligen Sänger gnädig zunickte, welcher ihm ſagte:„Ja, Herr Harper, dieſes Mal iſt es ſcharf an mir vorüber gegangen, und ein Gedanke mehr, ſo hätte ich nimmer das Glück gehabt, hier bei Ihnen herge⸗ ſtriegelt zu werden.“ „Ja, man ſieht's noch deutlich,“ warf der erſte Gehülfe ein, welcher ſich bei dieſem Kunden ſchon eine Bemerkung erlauben konnte. Herr Richter wandte ſeinen Kopf ſo weit herum, als es ihm das drohend ſchwirrende Eiſen erlaubte, und gab die Bemerkung von ſich, daß Carlo Banderi an jenem Abend eigentlich zu einem Räthſel geworden ſei, denn zweimal durchgefallen, ſei er doch wie ein Prinz nach Hauſe geführt worden. „Davon habe ich begreiflicher Weiſe gehört,“ entgegnete der Principal,„und es war auch das Wenigſte, was man Ihnen nach jenem Unfalle thun konnte; zuerſt fährt man Sie an der Straßenecke um und läßt Sie dann in dem gleichen Wagen nach Hauſe führen.“ „Sie glauben,“ verſetzte Herr Bander raſch,„daß der⸗ ſelbe Wagen, der mich unglücklich ſtreifte, mich ſpäter nach Hauſe zurückgeführt hätte, und daß dieſelbe Dame—?“— Hier unterbrach er ſelbſt ſeine Frage, aber der geſpannte Blick, welchen er auf Herrn Harper richtete, zeigte deutlich das hohe Intereſſe, mit dem er die Antwort erwartete. „Von einer Dame weiß ich vor der Hand noch nichts,“ 148 Neununddreißigſtes Kapitel. erwiderte der diplomatiſche Friſeur,„ſogar daß der Wagen Ihres Unglücks derſelbe geweſen ſei, welcher Sie nach Hauſe geführt, iſt bei mir bloße Vermuthung.“— „O nein,“ ſprach der Andere dringend,„es iſt keine Vermuthung von Ihnen, Sie ſagten es vorhin zu beſtimmt; ſeien Sie nicht verſchloſſen gegen mich, mein lieber Herr Harper, denken Sie doch nur, wie ſehr es mich drängt, dem gütigen Weſen meinen Dank auszuſprechen, das mich vielleicht vom Tode errettete.“ „Nachdem es Sie dem Tode nahe gebracht,— ich meine das wäre eine Rechnung, die ſich ausgliche.“ „Nicht ſo ganz, Herr Harper, nicht ſo ganz,“ erwiderte der ehemalige Sänger erregt;„daß mich der Wagen ſtreifte, war ein Unglück, vielleicht eine Ungeſchicklichkeit des Kut⸗ ſchers, vielleicht meine eigene. Daß ſich aber der Beſitzer des Wagens meiner erbarmte, mich von der kalten Straße aus dem ſtrömenden Regen hinweg nach Hauſe bringen ließ, iſt eine Theilnahme, die meine ganze Erkenntlichkeit hervorruft.“ „Namentlich, wenn der mildthätige Samariter eine Dame war.“ „Bitte, Herr Harper, ſagen Sie mir die Wahrheit,“ bat. der Andere dringend;„daß Sie bei Ihrer ausgebreiteten Bekanntſchaft die Details der für mich ſo wichtigen Ange⸗ legenheit auf's genaueſte erfahren, kann ich mir wohl denken. Seien Sie auch überzeugt, daß ich Ihr Vertrauen nicht miß⸗ brauchen und Sie gewiß durch Plaudereien nicht in Unge⸗ legenheiten bringen werde.“ „Ei, mein lieber Herr Bander,“ verſetzte der Principal mit Würde,„glauben Sie denn, daß, wenn mir in dieſer ei eine erte ifte, Kut⸗ ſtzer raße ngen hkeit eine bat. tteten Ange⸗ nken. miß⸗ Unge⸗ neipal dieſer Aufklärungen. 149 Sache etwas anvertraut worden wäre, irgend eine Gewalt im Stande ſein würde, mich zum Reden zu zwingen? Ah, Sie ſcheinen Harper ſchlecht zu kennen!— Verſchwiegenheit gehört zu den Tugenden, auf die ich mir beſonders etwas einbilde.“ „Wer weiß das nicht? Aber ich verlange auch von Ihnen keinen Namen; ich wünſche nur zu wiſſen, ob derſelbe Wagen, der mich nieder geworfen, mich auch nach Hauſe gebracht? Bitte, ſagen Sie mir darüber Ihre Anſicht.“ „Ich vermuthe, es war derſelbe,“ gab Herr Harper mit einem freundlichen Blicke zur Antwort. „O, Ihre Vermuthung iſt für mich Wahrheit,“ rief der ehemalige Sänger;„wahrhaftig,“ wandte er ſich an Richter, „dieſer Gedanke iſt mir ſchon öfters gekommen.“ „Mir auch,“ erwiderte trocken der Choriſt.„Da ich es im Grunde für ſehr gleichgültig anſah, wer auf ſolche Sa⸗ mariter⸗Weiſe die Rechnung mit dir ausgeglichen— ich ge⸗ brauche hier abſichtlich den Ausdruck des Herrn Harper— ſo ſchwieg ich darüber; du lieber Gott, man ſah dich ſtürzen, ein bischen Gefühl wohnt in jedes Menſchen Bruſt, und da man dich ſpäter noch da liegen ſah, ſo ließ man es darauf ankommen, mit deinem Blute die koſtbaren Kiſſen des Wa⸗ gens beſudeln zu laſſen.“ „Nein, nein,“ warf Herr Harper ein,„ſo muß man nicht urtheilen; ich bin überzeugt, dieſer Unfall muß der Dame außerordentlich zu Herzen gegangen ſein.“ „So könnte ſie es alſo geweſen ſein!“ ſagte Bander ſo leiſe, daß keiner der Umſtehenden ſeine Worte vernahm.„So wäre es ihre Schärpe, ſo wäre es ihr Tuch, das ich hier wie ein Heiligthum auf meiner Bruſt verwahre! Ja, ſie ſah 150 Neununddreißigſtes Kapitel. mich in jener Nacht, ſie erkannte mich, ſie wußte, welches Ge⸗ fühl mich zu dem wahnſinnigen Beginnen trieb— und darauf hin kehrt ſie zu mir zurück, knieet neben mich hin, wie ich erfuhr— ſie knieend auf dem naſſen Straßenpflaſter!— und drückt ihr Tuch auf mein blutiges Haupt— o Räthſel in der Bruſt eines Weibes!“ „Dieſe Dame,“ ſagte Herr Harper, und ſetzte gleich darauf hinzu,„Sie werden mir verzeihen, daß ich keinen Namen nenne,— intereſſirt ſich überhaupt für Sie.“ „Was zu erfahren für uns durchaus von keinem Intereſſe iſt,“ warf der Choriſt ein, „Falſche Sirene, heuchelndes Bild,“ „ſingt Lionel— nicht der ſelige Lionel.“ „Sie erlauben mir, Ihnen zu bemerken, Herr Richter,“ meinte Herr Harper in etwas ſpitzigem Tone,„daß es ver⸗ ſchiedene Arten von Intereſſe gibt, eins, das dem Künſtler gilt, und ein anderes, das man dem Menſchen zuwendet.“ „O armer Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet!“ lachte der unverbeſſer⸗ liche Chorſänger;„damals konnte man es ihr doch wahr⸗ haftig nicht übel nehmen, wenn ſie kein Intereſſe an dir genommen, du warſt nahe daran, ihr eine ganze Scene zu verderben!“— Herr Harper, welcher that, als hätte er dieſe Aeußerung gar nicht vernommen, fuhr in ernſtem Tone fort:„Sie wiſſen, daß man ſich in Gegenwart eines Künſtlers meiner Art durch⸗ aus nicht genirt, beſonders wenn man von der Discretion deſſelben überzeugt iſt. Du mein Gott, ich höre ſo Manches, was eigentlich nur für die Wände oder für den Spiegel be⸗ ſtimmt iſt.“ retion nch es, el be⸗ Aufklärungen. 151 „Die Dame alſo,“ fragte Bander,„wendet mir ihr In⸗ tereſſe zu?“ „Dem Künſtler, ja, dem Schriftſteller.“ „Das läßt ſich allenfalls hören,“ meinte Herr Richter. „Was weiß ſie denn von meiner ſchriftſtelleriſchen Thä⸗ tigkeit?“ „Die Dame weiß darum,“ verſetzte Herr Harper in ſehr beſtimmtem Tone,„und ſprach darüber mit dem Intendanten; ſie erwähnte des Luſtſpiels, welches Sie im Begriffe ſeien zu vollenden, und von dem ſie nicht genug Lobenswerthes ſagen konnte.“ Herr Bander wandte raſch den Kopf nach ſeinem Freunde um, worauf dieſer, der den Blick auffing und verſtand, achſel⸗ zuckend ſagte:„Ich weiß nichts davon, wie eine Dame, von der wir weiter nichts wiſſen, als daß ſie uns in den Schmutz gefahren, Kenntniß von unſerer ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit erhalten hat.“ „Es wäre denn,“ unterbrach ihn Bander,„daß du mit deiner bekannten Neigung, Andern etwas mitzutheilen, auf irgend einer Probe davon erzählt hätteſt.“ „Beim Anubis! Alſo that ich nicht,“ erwiderte feier⸗ lichſt der Chorſänger, wobei er ſeine rechte Hand unter dem Puder⸗Mantel in die Höhe ſtreckte, was von großer Wir⸗ kung war. „Wenn eine ſolche Dame,“ fuhr der Principal fort, „ſich dringend für ein Luſtſpiel intereſſirt und dieſes Intereſſe dem Hoftheater⸗Intendanten im geeigneten Augenblicke kund thut, ſo iſt das eine Sache von großer Wichtigkeit. Ich möchte, was den vorliegenden Fall betrifft, faſt behaupten, daß, wenn Ihr Stück, woran ich nicht zweifle, wirklich gut 152 Neununddreißigſtes Kapitel. iſt, es ſogleich angenommen und aufgeführt wird.— Sind wir ſo weit,“ ſetzte er lächelnd und mit einer Protections⸗ Miene hinzu,„ſo glauben Sie mir, daß ich von dieſem be⸗ ſcheidenen Schauplatze aus beſſer für Ihr Luſtſpiel werde zu wirken verſtehen, als ein Dutzend vorläufiger Zeitungs⸗ Annoncen.“ „Das iſt ein Wort zu ſeiner Zeit an Deutſchlands Für⸗ ſten und Volk, und wie die Valentine ſingt, ſo ſinge auch du, mein Freund: „Feſt an dich klamm're ich mich.“ „Gewiß, Herr Harper,“ ſagte der ehemalige Sänger nach einer Pauſe,„ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Freund⸗ lichkeit und für die Nachricht, die Sie mir gegeben. Sollte es ſich, ohne auffallend zu erſcheinen, thun laſſen, daß Sie 74 jener Dame— „Solche Aufträge nimmt Herr Harper nicht an,“ ſiel ihm Herr Richter raſch ins Wort,„wozu ihn auch bemühen? Du wirſt gemerkt haben, daß Hochdieſelbe nur im Dunkeln und Geheimen für dich zu wirken beſtrebt iſt; laß ihr dieſe Grille, ſie iſt ihr vielleicht ſüß, dieſe Grille.— So,“ wandte er ſich hierauf an den Gehülfen, der ihn bedient, indem er mit einer theatraliſchen Bewegung den Puder⸗Mantel abwarf und ſich ſtolz erhob,„junger Menſch, Sie haben in der Blüthe Ihres Alters ein Meiſterſtück gemacht, fahren Sie ſo fort, und unſere Huld und Gnade wird Ihnen niemals fehlen.“ Er reichte ihm mit einer Geberde, die eines Kaiſers würdig geweſen wäre, die Hand wie zum Kuſſe dar, was der über⸗ raſchte Gehülfe aber falſch verſtand und ſich bemühte, mit einer raſch ergriffenen Bürſte einen Flecken vom Aermel des Chorſängers zu vertilgen, den er zufällig dort bemerkt. —⏑ʒ—— Aufflärungen. 153 Herr Bander, deſſen Friſur ebenfalls beendigt war, machte eine deutliche Bewegung nach ſeinem Geldtäſchchen, worauf Herr Harper ihn mit einem graziöſen Lächeln durch eine nicht zu verkennende Pantomime erſuchte, ſein Schuldner zu blei⸗ ben, ja, dieſer große Mann ſetzte verbindlich hinzu:„Bei der erſten Aufführung Ihres Luſtſpiels werde ich kommen, um Sie gleichfalls um eine Gefälligkeit zu bitten.“ Die beiden Freunde gingen mit einander fort, und nach⸗ dem ſie eine kleine Strecke weit gekommen waren, ſtieß Herr Richter ſeinen Freund mit dem Ellbogen an und ſagte:„Hat dich die Vermuthung des Herrn Harper überraſcht, daß die⸗ ſelbe Dame, deren Wagen dich überfahren, zurückgekehrt ſei, um nach dir zu ſehen? Wahrhaftig, ich vermuthe, es beſchäf⸗ tigt dies ſehr deine Phantaſie, denn du biſt merkwürdig ein⸗ ſilbig geworden. He, mein Freund, iſt es dieſes Factum allein, oder weißt du vielleicht, wer die Dame geweſen?“ „Und wenn ich es wüßte?“ entgegnete Herr Bander, wie aus einem Traume auffahrend. „Nun, dann meine ich, würde es durchaus nichts ge⸗ ſchadet haben, wenn du mir eine Mittheilung darüber ge⸗ macht.“ „Ueber etwas Gewiſſes würde ich das auch nicht unter⸗ laſſen haben. Es war mir zu unglaublich, daß ſie, die ſich meiner ſo freundlich annahm, dieſelbe geweſen ſein könnte.“ „Aha, eine, die dir vorher nicht freundlich begegnet! Es fängt an, mir ſchwach aufzudämmern: gerade heraus, es war Fräulein Roſa, unſere erſte Tänzerin.“ „Und wenn dem ſo wäre,— begreifſt du, warum ſie zu mir zurückkehrte, um mir zu helfen?“ „Das finde ich an ſich nicht ſo unbegreiflich. Sie ſah 154 Neununddreißigſtes Kapitel. dich ſtürzen, ſie konnte wahrhaftig nicht weniger thun, als nachſehen, was für ein Unglück ſie eigentlich angerichtet.“ „Ja, ja,“ ſagte Bander in bitterem Tone,„ſie würde ſich auch vielleicht nach einem Hunde umſchauen, welcher unter die Räder des Wagens gekommen wäre. Es ſchmerzt mich tief, daß ſie es war. Ach, es war mir bisher ein ſo wohl⸗ thuendes Gefühl, ihr Tuch auf meiner Bruſt zu wiſſen! Nun werde ich zu Hauſe daſſelbe ablegen, es iſt mir ziemlich gleich⸗ gültig geworden.“ „Daran thäteſt du nicht unrecht; was ſollen dir auch dieſe Gedanken für eine bisher Unbekannte, da du ſie mit deiner Gewiſſenhaftigkeit in ähnlichen Dingen doch einen Raub an deiner neuen Liebe nennen müßteſt?“ „Laß das bleiben, Richter, darüber verſtehe ich keinen Scherz, und am allerwenigſten von dir, dem ich mein Herz ſo rückhaltlos geöffnet.“ „Sie verdient es auch, daß man ihr gut iſt. Könnte ich doch für ſie durchs Feuer gehen, obgleich ich weder Liebe noch Leidenſchaft für ſie empfinde.“ „Gewiß,“ entgegnete Bander nach einem längeren Still⸗ ſchweigen,„ſeit ich ſie kennen gelernt, erfaſſe ich das Leben wieder mit voller Kraft, ſeit ſie freundlich ermuthigend zu mir ſpricht, ſcheint mir kein Ziel zu hoch, zu ſchwierig zu erreichen. Ich wünſche mir eine tüchtige Brandung, um, mit Gewalt hindurchkämpfend, ein feſtes, glückliches Eiland zu erreichen.—— Wenn nur eines nicht wäre—— eines, das ich doch vielleicht wieder nicht miſſen könnte.“ „Und das wäre?“ fragte Herr Richter lauernd. „Die Aehnlichkeit zwiſchen den Beiden, die furchtbare und doch ſo ſüße Aehnlichkeit.“ bare Aufklärungen. 155 „Pah,“ verſetzte der Andere in nachläſſigem Tone,„ſie iſt wohl groß, aber wenn man Beide neben einander ſähe, ſo würde man doch einen gewaltigen Unterſchied finden.“ „Seit ich die Eine geſehen, iſt mir die Erinnerung an die Andere faſt gänzlich verſchwunden.“ „Dazu kann man dir nur Glück wünſchen.“ „Ich bin nur froh,“ meinte Bander, nachdem ſie eine Zeitlang ſtillſchweigend dahingegangen,„daß die Zeit der Wunder und Märchen vorüber iſt, jene Zeit, wo ſich arg⸗ liſtige Zauberinnen ein Vergnügen daraus machten, die Herzen armer Erdenkinder zu verderben. Denk dir einmal, Richter, wenn ich mich unterſtände, ihre Hand zu faſſen, vor ihr nie⸗ der zu ſinken, ihr meine Liebe zu geſtehen, und ſie würde mich plötzlich höhniſch anlachen, ihr Auge würde glänzen in jenem hochmüthigen ſtolzen Schimmer, mit welchem die Andere auf uns nieder zu blicken pflegte, ihre Lippen würden ſich mit jenem uns ſo bekannten Trotze öffnen und ſie ſpräche: ‚ Ich habe nur ſehen wollen, wie weit der Wahnſinn eines Ver⸗ liebten geht!— Ach, das wäre entſetzlich! Doch nein, nein, das Auge des Mädchens, das ich ſo heiß und innig liebe, kann nicht lügen, ihre weichen Lippen ſind nicht Leſchaſen ein hartes Wort zu ſprechen, ſie—— Mit einem Male verſtummte er und blieb plötzlich ſehen, ſeinen Freund am Arm zurückhaltend, welcher ihn verwundert anblickte. Doch löſ'te ſich die verwunderungsvolle Miene des Herrn Richter im nächſten Augenblicke in ein eigenthümliches Lächeln auf und er konnte ſich nicht enthalten, zu ſagen: „Das iſt doch wahrhaftig wie der Wolf in der Fabel, wenn der Vergleich nicht ſo gar hinkend wäre.“ Auf demſelben Trottoir, wo die beiden Freunde gingen, = 156 Neununddreißigſtes Kapitel. kamen ihnen zwei Damen entgegen, in einfacher aber ſehr eleganter Kleidung, deren ſchwere Seidenſtoffe rauſchend die Steinplatten fegten. Die eine, bei deren Anblick der ehe⸗ malige Sänger unwillkürlich zuſammenfuhr und einen Moment ſtehen blieb, ſprach lebhaft mit der andern, welche mit ruhiger Freundlichkeit zuhörte. Herr Richter zog ſeinen Freund faſt gewaltſam mit fort, wobei er vor ſich hinbrummte:„alberne Kindereien! Keck aufgeſchaut und einfach gegrüßt, wie es ſich für einen ehe⸗ maligen Collegen geziemt.“ Jetzt waren die beiden Damen nahe gekommen, und die, welche ſo lebhaft geſprochen, blickte auf, ſah die begegnenden beiden Männer, welche grüßten, mit einem ruhigen, kalten Blicke an und neigte leicht ihr Haupt. In der nächſten Sekunde waren ſie ſchon vorüber ge⸗ rauſcht, und Bander konnte ſich nicht enthalten, abermals ſtehen zu bleiben und den beiden prächtigen Geſtalten einen Blick nachzuſenden. „Bei Gott, ſie iſt doch ſchön,“ ſprach er leiſe, worauf Herr Richter, der dieſes Wort verſtanden hatte, beifügte: „ja, ſchön und kalt, ein Bild ohne Gnade, wie man im ge⸗ wöhnlichen Leben zu ſagen pflegt.“ „Ohne Gnade?“ ſprach der ehemalige Sänger, und während er hierbei lächelte, zeigte ſich doch ein ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund.„O, ich kann dir verſichern, ſie ver⸗ ſteht es auch, Gnaden auszutheilen— und von ihr begnadigt zu ſein, müßte trotz alledem doch zu den höchſten Wonnen in dieſem Erdenleben gehören.“ „Arme Tante Roſa!“ ſagte Herr Richter kopfſchüttelnd. „Da ſieht man, was eine allerdings tadelloſe Figur, eine d. ne Aufklärungen. 157 graziöſe Haltung und ſo und ſo viel Ellen krachenden Seiden⸗ ſtoffes und krachenden Sammts nicht alles hervor zu bringen im Stande ſind. Schade, daß du nicht auf den Höhen des Lebens geboren biſt und zu den Spitzen der ſogenannten guten Geſellſchaft gehörſt, wie jene beiden Offiziere, ſiehſt du, die ſich jenen Damen ſo zuverſichtlich nähern.“ „Ich ſehe ſie wohl,“ verſetzte Bander,„und kenne den einen von ihnen ganz genau.“ „Wer kennt den nicht?“ erwiderte lachend der Chor⸗ ſänger.„Frage doch bei unſern Colleginnen von der Oper und dem Ballet, frage ſonſt wo herum, wo ein verehrtes Kind in Hut und Schleier beim Dämmerſchein des Abends wandelt.“ „Und ſie weiß das alles nicht?“ „Und wenn ſie auch etwas davon weiß, ſo findet ſie das vielleicht ſelbſtverſtändlich als zum guten Ton gehörig. „Liebe iſt die zarte Blüthe,“ „ſingt Fauſt, nicht der von Goethe, und die nennen alles Liebe, was ſich in ihnen regt.— Aber komm, es iſt langweilig, da zuzuſchauen.“ „Noch einen Augenblick, ich bitte dich!“— „Um die Art ihrer Begrüßung zu ſehen, du willſt etwas dabei lernen?“ „Um mein Herz zu ſtählen, wenn ich die Händedrücke anſehen muß, und die herzliche Begrüßung; doch ſchau hin, das ſieht nicht ſo aus, als ſollte es zu einer der letzteren kommen.“ Auf dem breiten Trottoir, welches längs der Straße hinlief, waren die Offtziere, welche wir unlängſt geſehen, der Don Juan von den Huſaren und der Adonis von den Dra⸗ 2 — 158 Neununddreißigſtes Kapitel. gonern, den beiden Damen entgegen geſchritten. Zu den erſteren hatte ſich Graf Lotus geſellt, welcher auch bei dem heitern Sonnenſchein einen Spaziergang gemacht. Jetzt waren ſie einander ganz nahe gekommen, und man ſah deutlich, wie die Tänzerin ihrem Schwager die Hand reichte, bemerkte aber eben ſo genau, wie ſie den verbindlichen Gruß der beiden Offiziere— der Handſchuh des Dragoners war wie feſt ge⸗ nagelt an ſeinem Helm, während Arthur's Begrüßung kürzer und intimer war— mit einem kurzen Kopfnicken erwiderte, dann ihrer Schweſter und dem Grafen ein paar Worte ſagte, ſich hierauf raſch umwandte, um allein denſelben Weg zurück⸗ zulegen, den ſie gekommen. Da aber dieſer Weg der gleiche der beiden Freunde war, die bis jetzt ſtehen geblieben, ſo unterließ Herr Richter nicht, ſeinen Freund durch ein kurzes„ſo komm doch!“ an das Weitergehen zu mahnen, ja, er ſetzte hinzu:„es würde ganz eigenthümlich ausſehen, wenn wir da ſtehen blieben, um an⸗ zugaffen, wohin eine Dame, die uns eigentlich gleichgültig ſein muß, ihre Schritte lenkt. Komm aber ein bischen ſchneller, wenn ich bitten darf, denn du ſchleichſt wie eine Schnecke, und ſie mit ihrem energiſchen Gang, „Leichtſchreitend wie ein Reh“ ſagt der Dichter, wird uns ſonſt ein⸗ und überholen.“ „Ich wandle wie im Traume,“ erwiderte der ehemalige Sänger nach einem tiefen Athemzuge;„ich möchte raſch davon und kann doch kaum von der Stelle kommen. Das iſt der Zauber, der von dieſem wunderbaren Weſen aus⸗ ſtrömt.“ „Ja, ein Zauber ſcheint es allerdings zu ſein,“ gab Herr Richter mit einem Seitenblick auf ſeinen Gefährten zur Ant⸗ Aufklärungen. 159 wort,„vor ihm ſchmelzen alle guten und feſten Entſchlüſſe, wie Schnee vor der Sonne. Rette dich und komm! Haſt du aber Luſt, mit dem Lichte wieder in gefährliche Berührung zu kommen, arme Mücke, ſo thue das in Gottes Namen, ich bin in dieſem Augenblicke ganz Staberl; wenn ein Opfer fallen ſoll, ſo falle du— ich entfliehe.“ Dabei ſchwenkte er ſeinen Hut und bog unter einem rechten Winkel von dem Trottoir ab; es war aber auch um zu entfliehen die höchſte Zeit, denn ſchon vernahm man das Rauſchen des ſchweren Seidenkleides in nächſter Nähe, und gleich darauf die Frage der ſchönen Tänzerin, welche ſie mit feſtem Tone ihrer tiefen und wohlklingenden Stimme that:„war das nicht Herr Richter, der da eben ſo eilig von Ihnen ging?“ Jetzt durfte und mußte Bander ſtehen bleiben, er mußte ihr in das ſchöne Antlitz ſchauen, er mußte die Glut ihres großen dunkeln Auges aushalten, und er that das alles mit wahrem Heldenmuth und mit dem feſten Vorſatze, ſie nicht ſchön zu finden, nicht bezaubernd, nicht hinreißend; ja, er that noch mehr, denn er wußte wohl, er ging an ihrer Seite, da ſie ihm, nachdem er ihre Frage bejaht, freundlich ſagte: „Wenn es Sie nicht in Ihren Geſchäften aufhält, ſo begleiten Sie mich ein paar Straßen, ich muß nach Hauſe.“ Dann ging er an ihrer Seite, und da ihr Kleid von 'ſehr weitem Umfange war, ſo ſtreifte es ihn zuweilen, was ihm jedes Mal ein Gefühl verurſachte, als müſſe er ſich von dem Trottoir hinunter auf das Pflaſter retten. Das that er aber doch nicht, denn es fiel ihm glücklicher Weiſe ein, daß ein ſolches Benehmen gar zu komiſch geweſen wäre. Herr Richter war ſchon weit, weit davon geeilt, ſchon 160 Neununddreißigſtes Kapitel drüben an einer entfernten Straßenecke, wo er ſich umwandte und dann mit beiden Händen eine gar ſeltſame Pantomime machte. Die Tänzerin, welche ihren raſchen Schritt gemäßigt hatte und nun ziemlich langſam neben Herrn Bander herging, ſagte ihm nach einer längeren Pauſe:„Ich hoffe, daß Herr Richter Ihnen mein inniges Bedauern über Ihren Unfall ausgedrückt, ein Unfall, den ich zufällig erfahren,“ ſetzte ſie in ſehr beſtimmtem Tone hinzu.„Sie ſind vollkommen wie— der hergeſtellt?“ fragte ſie hierauf raſch. „Ja, mein Fräulein,“ entgegnete Bander;„der Arzt erlaubte mir heute zum erſten Male, auszugehen, und ich fühle durchaus keine unangenehmen Nachwirkungen davon.“ Er hätte gern hinzugeſetzt: Ich befinde mich in dieſem Au⸗ genblicke außerordentlich wohl, faſt glücklich!— wenn ihm nicht im Geiſte das höhniſche Geſicht des Herrn Richter vor⸗ geſchwebt hätte. „So freut es mich um ſo mehr, Sie gerade heute zu ſehen, und Ihnen ſo meinen Glückwunſch ſagen zu können zu Ihrem erſten Ausgange und,“ fuhr ſie lächelnd fort,„zu Ihrem Entſchluſſe, das Theater, wo Sie kein Glück gehabt, für immer zu verlaſſen. Hat es Sie geſchmerzt, Ihre Car⸗ riere aufzugeben? Ich hoffe nicht!“ „Die Veranlaſſung war mir unangenehm,“ gab er mit großer Offenheit zur Antwort und ſetzte mit Beziehung hinzu:„Ja, es ſchmerzte mich, den Unfall vor Ihren Augen zu erleben.“ „Ah, den Unfall auf dem Theater! Seien Sie froh darüber, es erſpart Ihnen jahrelange, fruchtloſe Mühe. Und wie ich höre, haben Sie Ihr ſchönes Talent einem anderen, Aufklärungen. 161 gewiß nicht minder würdigen Felde zugewandt. Sie ſchreiben ein Luſtſpiel?“ „Gewöhnlich pflegt man aus einer ſolchen Arbeit ein Geheimniß zu machen. Doch da ich ſchon erfahren, daß Sie um meine Beſtrebungen wiſſen, ſo will ich dieſelben vor Ihnen auch nicht in Abrede ſtellen.“ „Was mich recht ſehr freut,“ erwiderte ſie in einem Tone voll Wärme, daß Bander ſich nicht enthalten konnte, in ihr Geſicht zu ſehen und faſt erſchrak über den ſeelenvollen Ausdruck ihres Auges, ein Ausdruck, den er ſonſt ſo wenig an ihr gewohnt war, ein Ausdruck, der ihm ein anderes Augenpaar ſo lebhaft ins Gedächtniß rief, daß er unwillkür⸗ lich ſeinen Blick wie zur Vergleichung über ihre ganze Ge⸗ ſtalt hinabgleiten ließ. Ja, außerordentlich war die Aehn⸗ lichkeit, namentlich jetzt, wo das Geſicht der Tänzerin einen ſo lieben, gewinnenden Ausdruck angenommen hatte, wo der Ton ihrer Stimme ſo weich klang, faſt gerade ſo zu Herzen gehend, als der Ton der anderen Stimme. Wenn aber auch ſein Auge keinen ſo großen Unterſchied zwiſchen Beiden ent⸗ decken konnte, ſo fühlte er doch in ſeinem Herzen jetzt noch ein anderes, fremdes Gefühl gegen das ſchöne Mädchen an ſeiner Seite, ein Gefühl, das ihm eine gewiſſe Scheu, eine Zurückhaltung auflegte, die er bei der anderen lange, lange nicht in dem Grade empfand. Tante Roſa, obgleich auch in ihrem Benehmen etwas ächt Weibliches lag, etwas Achtung⸗ gebietendes, ſo daß er auch ihre Hand nur mit einer gewiſſen Ehrfurcht zu berühren wagte, Tante Roſa erregte in ihm das Gefühl der Möglichkeit einer gegenſeitigen Anziehung. Wenn er auch zu ihr aufſchaute, wie zu einem ſchönen Sterne, Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 11 162 Neununddreißigſtes Kapitel. ſo erſchien ſie ihm doch wie ein leuchtendes Bild, deſſen ſanfte Strahlen einſtens Einfluß auf ſein ganzes Leben haben wür⸗ den. Die Andere dagegen glänzte ihm aus unerreichbarer Ferne entgegen, in ſchwindelndem Laufe dahinfahrend, ein glühendes, ſtrahlendes Meteor, das, wenn es ſich ſeinem Kreiſe nahe, nur im Stande wäre, ihm Verderben zu bringen. Während er ſo denkend neben ihr dahinſchritt, vernahm wohl ſein Ohr, daß ſie von ſeinem Stücke ſprach. Woher ſie Kenntniß deſſelben hatte, ſagte ſie nicht, und ſo ſehr er auch erſtaunte über die Einzelheiten, die ſie ihm mittheilte, ſo hielt er es doch nicht für paſſend, ſie zu fragen. Er beant⸗ wortete überhaupt faſt nur ihre Anreden, wobei er ſie höchſt ſelten anſchaute, denn wenn er das that, wenn er die ſchwere Seide ihres Kleides, den Sammt ihres Mantels, die Federn ihres Hutes betrachtete, wenn er ſich klar machte, wer neben ihm wandle, ſo entſchwand ihm plötzlich das liebe Bild wie⸗ der, welches der Ton ihrer Stimme, ja, zuweilen der Aus⸗ druck ihres Auges ſo lebendig in ihm wach gerufen, ja, ſo lebendig, daß er manchmal nachſinnend leicht mit dem Kopfe ſchüttelte, wenn er ſich geſtehen mußte, eine ſolche Aehnlich⸗ keit zwiſchen zwei weiblichen Weſen ſei faſt undenkbar. Denn Unglück für ihn, wenn es ſich anders verhielt, wenn ſie, die er liebte, nur eine Phantaſie war, nur ein Spiegelbild jener Andern, vielleicht dieſe ſelbſt!— Doch nein, nein, fort mit dieſen thörichten Gedanken! Sie, die er liebte und die wohl dieſes Gefühl in ſeiner Bruſt erkannt, hatte ihm erlaubt, ihre Hand zu ergreifen, hatte die⸗ ſelbe nicht zurückgezogen, als er ſie leicht an ſeine Lippen gebracht, ja, es hatte ihn durchzuckt, wie ein leichter, ſanfter Gegendruck!— Warum ſollte ſie in ſein Leben getreten ſein, Aufklärungen. 163 um alsdann, wieder verſchwindend, vielleicht nichts zurückzu⸗ laſſen als den kalten Schein, den er ſo oft in den Augen der Andern bemerkt?— Warum, warum? O, wir fragen ſo oft, warum, ohne im Stande zu ſein, uns hierauf eine genügende Antwort zu geben!— Je freundlicher die ſchöne Tänzerin trotz ſeiner ſpärlichen Antworten mit dem jungen Manne ſprach, um ſo mehr und beängſtigender floſſen die beiden Bilder aus einander, und er konnte ſich nicht enthalten, ſeufzend zu denken: O, wenn ich doch meinem Freunde gefolgt und fern geblieben wäre dieſer wunderbaren Sirene!— „Hier ſcheiden ſich unſere Wege,“ ſagte ſie jetzt;„es freut mich, Sie geſprochen zu haben, und ich hoffe, es ſoll das nicht das letzte Mal geweſen ſein. Denken Sie an mich wie an jemand, der gern bereit iſt, Ihnen nützlich zu ſein. Wohl weiß ich,“ ſetzte ſie verbindlich lächelnd hinzu,„daß Ihr Werk ſich ſelbſt Bahn brechen wird, aber vielleicht bedarf es doch einer kleinen Hülfe, um auf dieſe Bahn zu gelangen, und in dem Falle ſeien Sie nicht zu ſtolz, ſich meiner zu erinnern. Um mich praktiſch auszudrücken, ſagen Sie es mir, ſobald Sie Ihr Stück dem Intendanten eingereicht haben. Wenn ich nicht viel über ihn vermag, ſo vermag ich vielleicht doch wenigſtens ſeine Entſchließung zu beſchleunigen, und das iſt immerhin etwas.“ Er dankte ihr mit beredteren Worten, als er es ſelbſt für möglich gehalten hatte; er dankte ihr, halb, wie er der großen Künſtlerin, ſeiner mächtigen Beſchützerin gedankt haben würde, halb, wie er vielleicht in ähnlichem Falle zu Tante Roſa geſprochen hätte, und das erſchien dann ſo warm und herzlich, daß ſie ihm nicht nur freundlich zulächelte— o, mit 164 Neununddreißigſtes Kapitel. Aufklärungen. einem bekannten Lächeln, welches ihm faſt das Herz zerriß! — ſondern daß ſie auch zum Abſchiede ihre kleine Hand in ſeine Rechte legte und daß ſie ſie nicht kalt zurückzog, als er ſie feſt in ſeine zitternden Finger einſchloß. Sie war verſchwunden, und er auf ſeinem Zimmer an⸗ gekommen, verwirrt, betäubt, ohne ſich klar bewußt zu ſein, daß er die hohen und ſteilen Treppen bis zu ſeiner Dach⸗ kammer wirklich erſtiegen. Es war ihm, als habe ihn ein unnennbar ſüßes Gefühl emporgetragen. Vierzigſtes Kapitel. Gaetano. —q—— Herr von Scherra war eine jener wohl geordneten, harmoniſchen Naturen, welche ſich ſelbſt und alles, was ſie thun und treiben, in ein feſtes Syſtem gebracht haben, ein Syſtem, welches dazu beſtimmt war, die Beſchäftigung ihres Tagewerkes zu regeln. Obgleich er durch dieſe glückliche Eintheilung und durch die hiedurch herbeigeführte Ordnung viel Zeit gewann, ſo war er doch mit dieſem Zeitcapital außerordentlich geizig, und wenn ihn etwas verdrießlich ma⸗ chen konnte, ſo wurde dies am leichteſten durch ein unvor⸗ hergeſehenes Ereigniß bewerkſtelligt, welches ſeine Zeiteinthei⸗ lung auf irgend eine Art durchkreuzte. Dies mochte am geſtrigen Abend geſchehen ſein, denn als er von dem Hochzeitsfeſte bei der Frau Wittwe Speiteler nach Hauſe zurückkehrte, reichte er ſeinem Diener den Hut mit einer verdrießlichen Miene, warf ſeinen Paletot ab und eilte an den Schreibtiſch, wo er ſeinem Freunde, dem Grafen it ein paar Worten ſchrieb, es ſei ihm unmöglich, Lo 22. 166 Vierzigſtes Kapitel. heute noch auszugehen. Damit ſandte er ſeinen Diener fort und ſchritt dann einige Male nachdenkend im Zimmer auf und ab, ehe er ſich wieder am Schreibtiſche niederließ, um dem Präſidenten irgend einer gelehrten Geſellſchaft anzuzeigen, daß es ihm unmöglich ſei, der auf morgen anberaumten Sitzung beizuwohnen. „Wer hat da Sinn für etwas Anderes!“ rief er mit einem tiefen Seufzer aus, während er ſeine Feder wegwarf; „wie könnte ich zu Lotus gehen mit der Gewißheit im Herzen, daß jener Unglückliche, der wie ein finſteres Geſpenſt in das Leben meiner Freunde treten wird, in nächſter Nähe iſt, er ſelbſt ein Freund, der Sohn eines lieberen und wertheren Freundes!— O mein Gott, wie gräßlich greift oft das uner⸗ bittliche Schickſal ins menſchliche Leben ein! „Wäre ein Irrthum möglich? Er ſprach von einem Un⸗ glücklichen, der auf dem Wege der Beſſerung ſei und nur noch die fire Idee habe, er ſei der Marcheſe Gaetano Fon⸗ tang. Pah, man kann die fixe Idee haben, ein Kaiſer oder König zu ſein, aber wenn man ſich einen beſtimmten Namen aneignet, ſo muß man doch mit dieſem in irgend einem Zu⸗ ſammenhange ſtehen. Wäre da ein Irrthum möglich?“ wieder⸗ holte er;„möglich, aber nicht denkbar! Jedenfalls muß ich mir morgen Aufklärung verſchaffen, ich muß hinaus zu Henderkopp, ich muß den Sohn meines Freundes im Irren⸗ hauſe aufſuchen— „Und dann?. „Und wenn er es iſt, wenn ich ihn in der That gefun⸗ den, ihn, von dem der Arzt geſagt, daß er auf dem beſten Wege ſei, das Glück der Vernunft wieder zu erhalten, wenn ich ihn hergeſtellt fände, wenn ich ihn, was mene n , 2 Gaerano. 167 augenblicklich jenem traurigen Aufenthalte entriſſe, wenn er erfährt, und das kann ein Zufall herbeiführen, daß ſie, die er ſo heiß geliebt, ſie, um die er ſo Unſägliches gelitten, ſie, die er wahrſcheinlich lange Zeit vergeblich geſucht, in ſeiner Nähe iſt, von mir gekannt— o— o,“ rief er aus,„das iſt ein Chaos, welches zu entwirren mehr als eine menſch⸗ liche Kraft erfordert! Dabei kann ich nicht ſagen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während er mehrmals ſein Zimmer durchmeſſen,„daß mir ein ſolcher Ausgang dieſer furchtbaren Geſchichte nicht vorgeſchwebt hätte, wenn ich an jene Zeit dachte und wenn ich die Spur jenes Unglücklichen träumend verfolgte. „Hätte ich doch dieſen Henderkopp heute Abend für mich haben können— unmöglich! Wie kann man verlangen, daß ſich jemand an ſeinem Hochzeitstage in Beſprechungen ein⸗ laſſen ſoll, von denen ich ihm nicht einmal ſagen kann, wie nahe und ſchmerzlich das Ziel derſelben mein Herz berührt die ich gleichgültig auffaſſen mußte, wie ich auch gethan! „Arme Francoiſe! 7 „Ja, ein Wort, eine Bemerkung durch den Zufall in die Unterhaltung geſchleudert, kann ihr alles entdecken, kann ihm ſagen, daß ſein gefährlichſter Feind, den er in ſeiner ent⸗ ſetzlichen Aufgeregtheit mit grimmigem Haß verfolgt, nicht im Grabe ruht, daß er für ſeine Hand erreichbur iſt!— „Wenn ich auch glaube überzeugt zu ſein, daß beim Eintritt des Unvermeidlichen die Vernunft des Grafen ſtark genug ſein wird, um ihn nicht zu unüberlegten Schritten hinzureißen, ſo bin ich dagegen nicht überzeugt, ob dieſe Vernunft ſelbſt einem ſo fürchterlichen Anprall wird wider⸗ ſtehen können. — ——— 168 Vierzigſtes Kapitel. „An wen könnte ich mich in Neapel wenden, um auf telegraphiſchem Wege etwas über die dort lebenden Ver⸗ wandten Gaetano's zu hören und zu erfahren, in weſſen Händen ſich die Verwaltung ſeiner Güter, ſeines Vermögens befindet?— Doch wozu könnte es nützen, mich dort mit jemand in Verbindung zu ſetzen, in einem Augenblicke einer ſo furchtbaren Kriſis jenes unglücklichen Landes, wo der heu⸗ tige Beſitzer nicht weiß, ob er es morgen noch ſein wird, wo alle beſtehenden Bande aus einander zu fallen drohen, wo mit dem Throne des Königs alle deſſen Anhänger wanken und fallen!“ In dieſem Augenblicke brachte der Diener eine Antwort des Grafen Lotus, worin ihm derſelbe ſein Bedauern aus⸗ ſprach, ſeinen Freund heute Abend nicht mehr zu ſehen. ‚Für morgen Abend,' ſchloß das Billet, ‚wirſt du hoffentlich ſicher zu uns kommen, vielleicht habe ich dir bis dahin Einiges mitzutheilen; Frangoiſe grüßt beſtens.““ Als Herr von Scherra geleſen hatte, bemerkte er auf⸗ blickend ſeinen alten Diener, der im Zimmer ſtehen geblieben war und ihn wie jemand anſchauten der noch eine Mittheilung zu machen hat. „Gab man dir vielleicht noch einen mündlichen Auftrag, oder fragte er dich etwas?“ „Die Herrſchaft nicht— aber der Kutſcher traf mit mir unten an der Treppe zuſammen und erkundigte ſich nach dem Wege zu der Anſtalt eines Dr. Henderkopp, der von Ew. Gnaden gekannt ſei.“ 4. 9 „Nun, und?“ „Zufällig kannte auch ich dieſen Weg und gab ihn dem Gaetano. 169 Kutſcher an; er müſſe morgen früh um neun Uhr dorthin fahren, ſagte er.“ „Ich danke; es iſt gut.“ Herr von Scherra nahm ſeinen Spaziergang durch das Zimmer kopfſchüttelnd wieder auf und ſagte alsdann in ver— drießlichem Tone:„Warum er auch gerade morgen dahin muß, und ſo früh! Mich nochmals zu einer Begleitung an⸗ tragen, kann ich nicht wohl thun, und unnütz, ja, gefährlich für meine Nachforſchungen wäre es, wenn ich zufällig dort mit ihm zuſammenträfe. Ich muß alſo warten, er fährt um neun Uhr hinaus, braucht etwa zwanzig Minuten, bleibt eine Stunde dort,— rechnete er für ſich nach,— alſo kann ich vor elf Uhr nicht hinaus. Nun in Gottes Namen, da Jahre vergangen ſind, werden auch einige Stunden mehr oder we⸗ niger an dieſer Sache nichts zu ändern vermögen!“ Herr von Scherra klingelte, und als der Diener eintrat, befahl er einen Wagen für den Vormittag auf elf Uhr. Der Schlaf, welcher gewöhnlich der treue Freund des gelehrten alten Herrn war, nahm ihn in dieſer Nacht nicht ſo bereitwillig und ſanft in ſeine Arme, wie ſonſt; nur leicht überſchüttete er ihn mit ſpärlichen Mohnkörnern und ließ ihn ſchwere und wilde Träume durchmachen, ſo daß Herr von Scherra nicht ſo friſch und geſtärkt wie ſonſt erwachte. Auch trug die Erinnerung an die Erlebniſſe des geſtrigen Tages nicht dazu bei, ihn aufzuheitern, und ſo kam es denn, daß er ſeinen Spaziergang durch das Zimmer von geſtern mit ernſter und kumſnerboller Miene da wieder aufnahm, wo er ihn geſtern beendigt. Spät war es auch geworden, und nach⸗ dem er in der bewußten Angelegenheit noch Hunderterlei für und wider ſo erſchöpfend als möglich erwogen, ohne zu einem M “ Hr — — 170 Vierzigſtes Kapitel. Reſultate zu gelangen, ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch und ſuchte Tagebücher hervor aus der Zeit jenes neapoli⸗ taniſchen Aufenthaltes, ſo wie Briefe von der Marcheſa Fontana. Der Bediente des Herrn von Scherra war ausgegangen, um nach dem beſtellten Wagen zu ſchauen und Sorge dafür zu tragen, daß derſelbe nicht ſpäter als zur befohlenen Stunde käme. Ins Leſen jener Briefe vertieft, überhörte der alte Herr ein Klopfen an ſeiner Thür, und rief erſt gegen ſeine Ge⸗ wohnheit:„Herein!“ als ſich dieſes Klopfen ſtärker wiederholte. Nachdem das Wort ſeinem Munde entfahren, bereute er es auch, denn er liebte es nicht, in ſeinen Arbeiten geſtört zu werden, ſah überhaupt nicht gern Fremde, die ihm nicht vorher angemeldet waren und denen er nicht eine Stunde beſtimmt hatte. Als ſich nun die Thür öffnete, blickte er von den Briefen, in denen er las, kaum auf und murmelte, etwas ſeitwärts blickend, in verdrießlichem Tone:„Bedaure, außerordentlich beſchäftigt zu ſein und vitte, ſich mit einem Anliegen—“ Dabei hatte er den Kopf langſam ganz herumgewandt und ſah ſich durch den eigenthümlichen Anblick des Mannes, der in ſein Zimmer getreten war, veranlaßt, nicht nur ſeine Rede zu unterbrechen, ſondern ſich auch mit überraſchtem Geſichts⸗ ausdrucke langſam von ſeinem Sitze zu erheben. Wenn Herr von Scherra auch keine Furcht kannte, ſo war doch die Erſcheinung ſo ſonderbarer Art, daß er nach dem Aufſtehen unwillkürlich ſeinen Stuhl zwiſchen ſich und den Fremden brachte. Dem freundlichen Leſer, der unſerer wahrhaftigen Ge⸗ I Gaetano. 171 ſchichte aufmerkſam gefolgt iſt, brauchen wir wohl nicht zu ſagen, wer der Mann mit dem ſtarken Haar und Barte war, doch wird es ihm nicht außerordentlich erſcheinen, daß Herr von Scherra mit Erſtaunen, ja, mit einigem Schrecken auf dieſe ſonderbare Erſcheinung blickte. Wenn ihm auch gerade nicht die Geſchichten von einzelnen älteren Herren in den Sinn kamen, die in ihrer Wohnung unvermuthet überfallen und umgebracht worden waren, ſo war es doch wahrſchein⸗ lich, daß er einer Zudringlichkeit anderer Art nicht entgehen werde, und während er in ſeinem Innern bitter auf die Nach⸗ läſſigkeit ſeines Bedienten ſchalt, daß dieſer die äußere Thür ſeiner Wohnung nicht geſchloſſen, verſenkte er ſeine rechte Hand langſam in die Taſche ſeines Beinkleides, um einer Forderung, die, wie er nicht anders erwartete, an ih ſtellt werden würde, können. n ge⸗ ſo ſchnell als möglich nachkommen zu Der Fremde hatte ſich unterdeſſen mit der Verbeugung und dem Benehmen eines anſtändigen Mannes ihm genähert und richtete ohne etwas zu ſprechen ſein dunkles, blitzendes Auge feſt auf den alten Herrn; er that das mit einem ſo unverkennbar f ragenden Ausdrucke, daß Herr von Scherra, ihn ebenfalls feſt anſchauend, in allen Winkeln ſeines großen Gedächtniſſes herumſuchte, um die Beantwortung der ſtummen Frage zu finden, die offenbar heißen ſollte: Erinnere dich, du haſt mich ſchon irgendwo geſehen. Aber es tauchte kein Geſicht v auf, das er mit dieſ es war eine ſ or ſeinem inneren Auge em in Einklang hätte bringen können; üdliche Phyſiognomie, und der große Reiſende fuhr ſchneller als der Telegraph durch Syrien, Aegypten nach Indien, ja, ſchwang ſich von dort nach Süd⸗Amerika hinüber, ——ÿÿłÿ— . 172 Vierzigſtes Kapitel. ohne daß ihm ein Bild erſchienen wäre, welches auf dieſe Erſcheinung gepaßt hätte. Er verneigte ſich deßhalb auf höfliche Art und ſagte in einem ziemlich kühlen Tone:„Wenn ich vielleicht ſchon das Vergnügen gehabt habe, Sie, mein Herr, irgendwo zu ſehen, ſo muß ich freundlich bitten, meinem Gedächtniſſe nachhelfen zu wollen— dem Gedächtniſſe eines alten Mannes.“ Worauf der Fremde mit einem ausdrucksvollen Blicke im reinſten Italieniſch zur Antwort gab:„Der aber unver⸗ ändert gerade noch ſo vor mir ſteht, wie ich ihn vor nicht vielen Jahren zum letzten Male ſah.“ „Ihrer Sprache nach ſcheint das in Italien geweſen zu ſein,“ entgegnete Herr von Scherra mit erhöhter Aufmerk⸗ ſamkeit, denn er war offenbar betroffen von dem Tone dieſer Stimme, vielleicht weil derſelbe ſo weich und wohlklingend war, vielleicht aber auch, weil er mit einem bekannten Klange an ſein Ohr ſchlug. Das Letztere mußte offenbar der Fall ſein, denn Herr von Scherra trat neben ſeinem Stuhle her⸗ vor, näherte ſich dem Eingetretenen einen Schritt und blickte ihn forſchend, wie bisher, an, ja, er ſchien geſpannt auf die Beantwortung ſeiner Frage. „Allerdings, in Italien,“ ſagte der Fremde. „In Neapel?“ „In Neapel.“ „In der Stadt ſelbſt oder— 24 „Auf dem Landſitze der Marcheſa Fontana,“ ſprach der Fremde mit bebender Stimme, wobei er dem alten Herrn ſeine beiden Hände entgegenſtreckte, dieſelben aber, als dieſer einen Augenblick zauderte, ſie zu ergreifen, zuſammenlegte und mit ſchmerzlichem Tone ausrief:„O, ich muß mich ſehr 4 4 Gaetano. 173 verändert haben! So finden Sie denn in meinen zerſtörten Zügen keine Spur mehr von Gaetano?“ „Ah, Gaetano—— Gaetano!“ Dieſer Ausruf klang wie ein Schrei der Freude und wiederholte ſich zum zweiten Male mit dem Ausdrucke des Schreckens. Wie trat Gaetano vor ihn hin— als ein dem Irren⸗ hauſe Entſprungener? Freigelaſſen konnte er wohl nicht ſein, denn das würde Henderkopp, mit dem Herr von Scherra geſtern jene flüchtige Unterhaltung über den Unglücklichen hatte, nicht verſchwiegen haben; ja, er mußte entflohen ſein! Sein flammendes Auge ſprach dafür, das lange Haar, der wirre Bart, der ängſtliche, ja, ſcheue Blick, mit dem er die Mienen des alten Herrn bewachte. Dieſe Mienen drückten aber auch eben ſo viel Schrecken als Freude aus, und erſt nachdem er ſich geſammelt, trat er näher an den Fremden hin und vermochte es über ſich, ihm die Hand zu reichen, während er fragte:„Und es iſt in der That Gaetano, mein armer, unglücklicher Freund Gaetano?“ „Er iſt es,“ entgegnete dieſer mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes,„und um ſo ärmer, um ſo unglücklicher, da er aus den Worten ſeines alten Freundes entnimmt, dieſer habe Kenntniß gehabt von feinentſezlicen Schickſale und doch nichts gethan, um ihn zu retten— ihn, den Sohn Ihres Freundes, und ſelbſt ein Freund, wie Sie ihm oft geſagt!“— „Wenn ich Kenntniß hatte von dem Aufenthalte Gae⸗ tano's hier in der Nähe,“ erwiderte der alte Herr in geflü⸗ gelter Haſt,„ſo erhielt ich dieſe erſt geſtern Abend durch einen Zufall auf dem Hochzeitsfeſte des Dr. Henderkopp.“ „Ah ja, er folerte geſtern ſeine Hochzeit.“ 174 Vierzigſtes Kapitel. „Und noch in dieſer Stunde wollte ich hinausfahren— im Augenblick wird der Wagen kommen— um mich nach dem traurigen Schickſale eines jungen Mannes zu erkun⸗ digen, der mir ſehr am Herzen liegt und der, wie Dr. Hen⸗ derkopp ſagte, der Marcheſe Gaetano Fontana zu ſein vorgebe.“ „Und wenn ich, der hier vor Ihnen ſteht,“ erwiderte der Andere in ruhigem Tone ſeiner tiefen, wohlklingenden Stimme,„den Beweis zu führen vermag, daß ich wirklich Gaetano Fontana bin, werden Sie mir dann glauben? Wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe fire Idee nur in dem Kopfe jenes Mannes liegt, der an mir unverantwortlich gehandelt, der mich auf Antrieb habgieriger Verwandten in jahrelanger Ge⸗ fangenſchaft hielt, der mich quälte und marterte, wenn ich feſt vor ihn hintrat und ihn zur Verantwortung ziehen wollte, wenn ich ihn fragte, wie er mich, einen vollkommen geſunden und geiſtesklaren Menſchen, unter dem Vorwande des Wahn⸗ finns in Gewahrſam halten könne?“ „O mein Gott,“ rief entſetzt Herr von Scherra,„ſo läge hier wieder einer jener Fälle vor, die wir ſo leicht ge⸗ neigt ſind, für Fabeln zu halten!— Aber wenn dem ſo iſt, wie kamen Sie in jene Anſtalt?“ „In Ihrer Frage,“ erwider Wher Marcheſe,„klingt immer noch ein mir nicht unbegreifliches Mißtrauen. Wie ich aber dahin kam, das ſollte Ihnen, der meine Vergangenheit kennt, doch nicht ſo gar ſchwer ſein, zu verſtehen. Sie wiſſen, was ich verlor, Sie wiſſen, was ich gelitten, trotzdem ich damals immer noch hoffte, ſie wieder zu finden. Wie ſich aber meine Leiden ſteigerten, als ich trotz unermüdlichen Suchens— und ich ſuchte mit der Unverdroſſenheit der Liehe und zugleich mit —— ·—— llte, nden ahn⸗ „ſo t ge⸗ iſt, nmer aber kennt, was imals meine — und h mit ihm das dichte Haar weit Gaetano. 175 der Gründlichkeit des Haſſes— keine Spur von ihr fand, das vermag ich nicht mit Worten auszudrücken, das ver⸗ möchte auch kein Anderer zu faſſen; vielleicht,“ ſetzte er trau⸗ rig lächelnd hinzu,„iſt das, was ich litt, aus dem entſetz⸗ lichen Reſultate meines Suchens und Forſchens einigermaßen zu erkennen: es beſtand in einer furchtbaren, nervenzerſtören⸗ den Krankheit, die mich befiel und die in ihren Nachwirkungen mein Denkvermögen allerdings ſo geſchwächt hatte, daß ich damals wohl für einen Wahnſinnigen gelten konnte.— Doch laſſen Sie mich das in ſeinen Einzelheiten nicht einem Frem⸗ den erzählen,— und der ſind Sie mir, ich ſehe das an dem immer noch zweifelhaften Ausdrucke Ihres Auges,— ſo lange Sie mir nicht erlaubt, Ihnen den Beweis über die Richtig⸗ keit meiner Perſon zu führen. Aber das kann ich nicht mit Documenten belegen, dieſen Beweis kann ich Ihnen nur führen in der Sprache meines Herzens, wenn ich dem Freunde zurückführen darf jene unglückliche Zeit in Neapel, wenn er mir erlaubt, ihm an ſich geringfügige Dinge zu berichten, die ihm aber außer allem Zweifel ſtellen müſſen, wer ich bin. Doch das vermag ich nur einem Freunde,“ flortem Blicke hinzu, vor Ihnen.“ ſetzte er mit um⸗ „und noch ſtehe ich als ein Fremder Abermals ſtreckte er ſeine beiden Hände aus, und jetzt ergriff ſie der alte Herr zitternd, haſtig; er zog den jungen Mann an ſich, er machte dann ſeine Rechte los und ſtrich zurück aus der Stirn, er verſenkte wobei ſeine Lippen zuckten und lange ſuchten, ehe ſie Worte fanden zu dem herzlichen Aus⸗ rufe der Rührung und Freude:„O Gaetano, o Sohn den Blick in ſeine Augen, 176 Vierzigſtes Kapitel. meines lieben Freundes, mir ſo theuer wie ein eigener Sohn, ja du biſt es, du biſt es!“ Er riß ihn ſtürmiſch an ſeine Bruſt, und mit den herab⸗ ſtürzenden Thränen des jungen Mannes miſchten ſich ſeine eigenen, die reichlich floſſen in langer, inniger Umarmung, und die ſich immer wieder erneuerten, ſo oft der alte Herr das Geſicht erhob, um die wohlbekannten, lieben Züge aufs neue wieder zu ſtudiren und in ihnen das Bild des Verloren⸗ gegangenen und Langvermißten endlich wiederzufinden. Als Herr von Scherra nun aufs innigſte überzeugt war, daß es Gaetano, der Sohn ſeines Freundes war, deſſen Hände er drückte, deſſen Haar er berührte, den er mit einem Aufſchluchzen der Rührung in ſeine Arme ſchloß, und als ihm dieſer zwiſchen dieſen Freundſchaftsbezeigungen in abge⸗ riſſenen Worten und doch ſo überzeugend Einzelheiten ſeines früheren Lebens mitgetheilt, ihm Dinge in Erinnerung ge⸗ bracht, welche nur ſie Beide allein wiſſen konnten, ihm Worte wiederholt, welche ſie zuſammen gewechſelt, ihm das Zimmer mit allen Kleinigkeiten beſchrieben, wo Herr von Scherra in Gaetano's väterlichem Hauſe gewohnt, da leuchtete es immer freudiger und glücklicher auf in dem Auge des alten Herrn, und nachdem er ſeinen Gaſt zu einem Lehnſtuhle geführt und ihn durch Auflegung beider Hände auf die Schultern faſt mit Gewalt hineingedrückt, ging er händereibend und mit ſo glückſeliger Miene und in ſo raſchen Bewegungen durch das Zimmer, daß man jeden Augenblick hätte erwarten können, der alte Herr hebe ſeine Füße in immer raſcherem Tempo, und es werde ein förmlicher Freudentanz daraus. Jetzt aber blieb er auf einmal ſtehen, legte die Hand an die Stirn, und als er ſich hierauf raſch gegen Gaetano ◻‿—M er de Gaetano. 177 umwandte, hatte ſein Geſicht einen ernſten, kummervollen Ausdruck angenommen. „Ich Thor,“ ſagte er, langſam auf ſeinen Freund zu⸗ ſchreitend,„ich Thor, der ich mich gleich einem jungen Men⸗ ſchen von einem Augenblicke des Glücks hinreißen ließ und darob vergaß, wie ſehr unſer Leben aus Licht und Schatten gemiſcht iſt, und nicht einmal zu gleichen Theilen, viel mehr Schatten, o, viel mehr! Und ich ſehe mächtig ſchwarze über uns hereinbrechen, nachdem eben erſt das Licht der Freude unſere Augen erleuchtet!— O, das iſt ſchrecklich!“ ſchloß er mit einem tiefen Seufzer. Gaetano hatte der plötzlichen Aenderung in den Mienen ſeines Freundes einen kurzen Moment verwundert zugeſchaut, dann aber ſchien er völlig bewußt in deſſen Ideengang ein⸗ zulenken, worauf er mit dem Kopfe nickte „Ich weiß alles!“ „Was wiſſen Sie?“ fragte erſchrocken Herr von Scherra. „Alles; daß ſie, die ich geſucht, hier in unſerer Nähe weilt, daß Francesca die Frau eines Andern iſt, und wohl glücklich verheirathet.“ „O mein Gott!“ „Iſt ſie nicht glücklich verheirathet?“ fragte haſtig Gaetano. und langſam ſagte: Herr von Scherra hätte um alles in der Welt dieſe Frage nicht bejahen wollen; er umging dieſe Frage, indem er haſtig ausrief:„Was wiſſen Sie von Frangoiſe? Um des Himmels willen, haben Sie ſie geſehen, weiß ſie von Ihnen?“ „O nein,“ verſetzte Gaetauo mit Bitterkeit lächelnd,„wie Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 1 178 Vierzigſtes Kapitel. ſollte ich dazu kommen, mir das Recht zu nehmen, die Gräfin Lotus aufzuſuchen?“— „Aber Sie wiſſen ihren Namen?“— „O, ich weiß noch mehr, und nach dem, was ich weiß, kann ich mir wohl denken, daß ich ihr keine willkommene Erſcheinung ſein würde.“ „Es ſind Jahre ſeit jener Zeit dahin gegangen,“ erwi⸗ derte tief aufſeufzend der alte Herr mit leiſer Stimme, als ſpräche er zu ſich ſelber. „Ja, Jahre des Glücks!“ rief Gaetano mit einem flam⸗ menden Blicke, während er die linke Hand gen Himmel erhob; „und Jahre der Verzweiflung!“ ſetzte er hinzu, während er die Rechte auf ſein Herz drückte. „Gaetano, mein Freund,“ ſprach bewegt Herr von Scherra,„mein Sohn, möchte ich noch lieber ſagen,— laſſen Sie die ſchrecklichen Erinnerungen an vergangene Zeiten in Ihrer Bruſt ſchlummern, rufen Sie nicht hervor jene Bilder des Glücks und des Leidens, kämpfen Sie nieder alle Em— pfindungen, alle Wünſche und Hoffnungen, ſuchen Sie Ihr Herz zu beruhigen, denn was Sie hören werden und hören müſſen, dazu bedarf es eines ruhigen Herzens und kalten Blutes.“ „Um Beides zu haben,“ gab der Andere mit leiden⸗ ſchaftsloſer Stimme zur Antwort,„machte ich eine gute Schule durch. Dr. Henderkopp⸗ der beſtändig fand, daß meine Nerven zu erregt ſeien, daß mein Blut zu heiß wallte, goß kaltes Waſſer darauf, ja, kaltes Waſſer genug, und nicht nur figürlich geſprochen; auch hatte er ein prächtiges Mittel, um allzu üppige Bilder meiner Phantaſie zu verwiſchen und un⸗ klar zu machen— die dunkle Zelle.“ Gaetano. 179 „Armer Gaetano!“ „Es war eine harte Schule, aber ich lernte in ihr ſo vortrefflich, daß ich heute Morgen kaum mit einer Wimper zuckte, als ich plötzlich erfuhr, Francesca, welche ich durch halb Europa geſucht, ſei hier—“ „Durch wen erfuhren Sie das?“ „Lebe hier glücklich auf den Höhen des Lebens, während ich in der Tiefe des menſchlichen Daſeins, in der finſtern, kalten Tobzelle ſaß—“ „Gaetano, wer ſprach Ihnen davon?“ „Sie ſei verheirathet,“ fuhr er mit einer abwehrenden Handbewegung fort,„aber ihr Gemahl, ein vornehmer Herr, ſei nicht glücklich; ihn ängſtigen böſe Träume in ſchlafloſen Nächten, ſeine Nerven ſind aufgeregt, ſeine Gedanken ver⸗ wirren ſich zuweilen, er hat Viſionen, er fühlt irgend ein unglückliches Ereigniß wie ein Geſpenſt um ſich herſchleichen, die unerbittliche Hand eines finſtern Schickſals nach ſich grei⸗ fen, ja, er glaubt den kalten Finger deſſelben zu fühlen, wie er im Begriff iſt, ihn zu faſſen, er fürchtet, ein Todtgeſagter, ein Begrabener werde wieder auferſtehen und ſich drohend vor ihm ſehen laſſen— ja, er fürchtet, Gaetano lebe noch. Gae⸗ tano werde vor ihm erſcheinen, um das Herz jener Frau zurück zu verlangen, die jener nicht glücklich machen konnte, die aber meiner in Liebe gedenkt.“ Er hatte die Sttze mit ſteigender Heftigkeit geſprochen, und während er die letzten Worte in haſtiger Erregung aus⸗ ſtieß, war er aufgeſprungen, und als er nun ſeine Rechte wie beſchwörend gen Himmel hob, ſetzte er mit flammendem Auge hinzu:„ja, ſie hat mich nicht vergeſſen, ſie liebt mich noch, ich muß ſie wiederſehen!“— 180 Vierzigſtes Kapitel. Herr von Scherra hatte bei dieſem Ausbruche der Lei⸗ denſchaft ſeine Hände gefaltet und ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Dann ſagte er kopfſchüttelnd:„Bei alle dem ſcheint mir, Gaetano, die harte Schule, von der Sie eben ſprachen, iſt doch nicht im Stande geweſen, Ihr wildes Blut abzukühlen. Sie wiſſen alſo, wie die Verhältniſſe hier ſtehen. Ich gebe Ihnen zu, es iſt vieles davon gerade ſo, wie Sie ſagten,— nun gut, glauben Sie denn, daß es mög⸗ lich ſei, dieſe eigenthümlichen, verwickelten Verhältniſſe mit einem geraden, gewaltigen Schritte zu durchkreuzen?“ „Nein, das glaube ich nicht,“ erwiderte Gaetano nach einer längeren Pauſe, während welcher er an das Fenſter getreten war und an den Himmel hinaufgeſchaut hatte,„aber ich darf Sie wohl dagegen fragen, finden Sie es unbegreif⸗ lich, wenn mein lange zurückgedrängtes Gefühl auf Augen⸗ blicke alle Bande ſprengt und ſich, wie hier dem Freunde gegenüber, zu äußern wagt? Laſſen Sie mich meine Aeußerung von vorhin wiederholen und glauben Sie mir, ich habe ſchwere Lehrjahre durchgemacht und in ihnen gelernt, ruhig zu ſchei⸗ nen, wenn auch das empörte Blut das Herz zu überfluten droht. Ich hoffe,“ ſetzte er in ruhigem, kaltem Tone hinzu, „Ihnen davon Beweiſe geben zu können.“ „Ich glaube Ihnen, Gaetano, aber geben Sie mir vor allen Dingen Beweiſe Ihres Vertrauens, indem Sie mir ſagen, wer Ihnen die Mittheilung über Francoiſe's Leben gemacht.“ „Das iſt eine eigenthümliche Geſchichte,“ verſetzte Gae— tano mit einem Anflug von Heiterkeit in ſeinen Mienen,„ich werde es Ihnen erzählen, aber thun Sie mir den Gefallen, verehrter Freund, und ſetzen Sie ſich mir gegenüber nieder. —— 4 3 4 — ᷣ393— —sͤͤͤͤſſn Gaetano. 181 Ich bleibe ruhiger, als wenn ich auf⸗ und abgehe und nach der leidigen Gewohnheit des Neapolitaners meinen Bericht durch Pantomimen illuſtrire und ergänze. Zu gleicher Zeit werden Sie auch erfahren, wie ich, der angeblich Wahnſinnige, mich ſelbſt aus der Irren⸗Anſtalt entließ und hier vor Ihnen als ein paſſabel vernünftiger Menſch ſitze.“ Das Rollen eines Wagens auf dem Pflaſter veranlaßte Herrn von Scherra, an die Thür zu eilen, wo er ſeinem Bedienten die ſtrenge Weiſung ertheilte, niemand, wer es auch ſei, herein zu laſſen. Gütiger Gott, ſprach er zu ſich ſelber, dieſer arme unglückliche Graf könnte die Idee haben, mich nach ſeiner Conſultation mit dem Doctor ſprechen zu wollen!—„Ehe ich mich aber zu Ihnen niederſetze,“ wandte er ſich an Gaetano,„muß ich eine Frage an Sie richten, die ich ſchon lange hätte thun ſollen: Haben Sie, ein Ent⸗ flohener, wie Sie ſelhſt ſagen, nicht den Wunſch nach einem ſoliden Frühſtück oder dergleichen? Wenn man franzöſiſchen Abſchied nimmt, hat man gewöhnlich nicht Zeit, vorher an ſolche Sachen zu denken.“ „Was meinen Abſchied anbelangt,“ gab Gaetano lächelnd zur Antwort,„ſo war er, obgleich erzwungen, doch freiwillig, und ich hatte Gelegenheit, wenn ich mich auch auf heimliche Weiſe entfernte, dies doch öffentlich vor aller Augen thun zu können, ſo daß ich mich deßhalb auch nicht zu ſcheuen brauchte, vorher ſo viel zu frühſtücken, als dies mein aller⸗ dings etwas aufgeregter Gemüthszuſtand erlaubte. Ich ſpreche vielleicht in Räthſeln, doch werde ich dieſe Ihnen leichter zu loͤſen im Stande ſein, als es wohl mit dem großen Räthſel meines Lebens wird geſchehen können. Für einen andern Genuß aber, den Sie mir verſchaffen können und den ich 182² Vierzigſtes Kapitel. lange entbehrt, würde ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet 5 ſein, für den Genuß einer guten Cigarre. Es iſt dies auch zugleich ein Ableiter für meine Heftigkeit, wenn ſich dieſe im Verlauf meiner Erzählung wieder bei mir einſtellen ſollte— Sie rauchen ja ſelbſt wohl auch?“ „Sehr wenig, aber für Freunde bin ich immer mit dem„ Nöthigen verſehen und freue mich jetzt doppelt darüber. Darf ich Ihnen etwas geben, was Sie an die Heimat erinnert?“ Der alte Herr war bei dieſen Worten aufgeſtanden und brachte von einem Nebentiſchchen ein Kiſtchen, in dem ſich ziemlich lange, dünne und ſehr dunkel gefärbte Cigarren be⸗. fanden.„Nehmen Sie davon,“ ſagte er alsdann,„ſie iſt. nicht ſchlecht, eine Cavour.“ 4 „Cavour? Welch' eigenthümlicher Name, was iſt das, 5 Cavour?“ 4 Auf dieſe Frage blickte Herr von Scherra ſeinen Gaſt.— mit großem Erſtaunen an.„Sie wiſſen nicht, wer Ca⸗ vour iſt?“ „Ich höre dieſen Namen heute zum erſten Male.“ „Ah, mein Gott, ja!“ rief Herr von Scherra ſich be⸗ ſinnend.„Zeitungen ließ Dr. Henderkopp in ſeiner Anſtalt .— —— 1 wohl nicht zu?“— 5 „Wenigſtens keine politiſchen Blätter, indem er fürchtete, ein allzu reges Intereſſe, das man an den Zeitverhältniſſen 4 6 nehme, könne der Heilung ſchaden.“ b 3 „Er hat nicht ganz Unrecht, aber es iſt eigentlich ein b ſchrecklicher Gedanke.“— v. „Was denn?“ fr „Nun, daß Sie Jahre lang in einer ſolchen Zurück⸗ 2 Gaetano. 183 gezogenheit gelebt und von den Ereigniſſen, welche die Welt umzuwälzen drohen, nichts gehört haben.“ „Ereigniſſe ſo wichtiger Art? Wo denn? O, erzählen Sie mir das.“ „Nein, nein,“ rief abwehrend Herr von Scherra,„da⸗ 6 mit will ich Ihren Kopf jetzt nicht anfüllen und verwirren, „ davon ſpäter. Zuerſt ſind Sie mir Ihre Mittheilung ſchul⸗ dig, die für mich wichtiger iſt als alle Umwälzungen der ganzen Welt.“ —„Nichtig, ich erzählte Ihnen noch nicht, auf welche Art ich Dr. Henderkopp und ſeine Anſtalt verließ. O, es iſt 4 das eine Geſchichte, welche komiſch genannt werden könnte, wenn ſie für mich nicht von ſo ernſten und wichtigen Folgen 8 wäre!“ „Ja, ja, ich bin begierig darauf, das zu hören, aber vor 3 allen Dingen möchte ich wiſſen, auf welche Art und Weiſe Sie Kenntniß von Francoiſe erhielten, von deren Gatten und ihrer Stellung in der Welt.“ „So hören Sie denn, wie ſich Eines ganz naturgemäß aus dem Andern ergab.“— Und nun erzählte Gaetano ſei⸗ nem Freunde die Erlebniſſe des geſtrigen Abends und des heutigen Morgens, und als er mit ſeiner Erzählung geendigt, ſchloß er mit den Worten:„Und nun ſagen Sie ſelbſt, ob es nicht ein Wink des Himmels iſt, der mir gerade dieſen Mann entgegengeführt, ob ich nicht dadurch zu dem Glauben berechtigt bin, daß das Schickſal aufhören wolle, mich zu verfolgen, daß ich in nicht zu ferner Zeit in einen ruhigen, friedlichen Hafen einlaufen werde?“— Der alte Herr war aufgeſtanden und durchmaß wieder das Zimmer nach allen Richtungen, wobei man an ſeinen 184 Vierzigſtes Kapitel. Geberden, die er durch lebhafte Handbewegungen verſtärkte, deutlich ſah, wie ſehr ihn das eben Gehörte beſchäftige. Auf die Frage Gaetano's blieb er mit einem plötzlichen Halt vor dieſem ſtehen und ſagte, indem er die Rechte gegen ihn ſchüttelte:„Ja, Ruhe und Frieden werden Sie finden, mein armer Freund, wenn Sie es vermögen, die Erinnerung an vergangene Dinge gänzlich zu verwiſchen und ein neues Leben zu beginnen— nur in dem Sinne, gewiß, mein theurer Gaetano, nur in dem Sinne!— Francesca und Francoiſe ſind zwei ganz verſchiedene Perſonen; jene wird dem verſtor⸗ benen Freunde eine Thräne der Erinnerung gewiß nicht ver⸗ ſagen, dieſe aber niemals den früheren Geliebten wieder er⸗ kennen. Nicht nur die Jahre allein, welche zwiſchen jenen Tagen und heute liegen, haben das Band zerriſſen, ſondern die Pflicht des Weibes gegen ihren Gatten ſteht drohend zwiſchen Euch und ſpricht ihr unerbittliches: Scheidet!— Mag es Ihr Herz zerreißen, Gaetano, wenn ich Ihnen ſage, Frangoiſe wird dieſer Pflicht gehorſam ſein, ich muß es thun, ich muß durch dieſe ausgeſprochene Gewißheit Ihnen jede Hoffnung ein- für allemal benehmen.“ Gaetano hatte ſeinen Kopf in beide Hände verſenkt, und als er wieder aufblickte, ſagte er mit einem ſchmerzlichen Lä⸗ cheln:„Aus Ihnen ſpricht der Freund jenes Mannes, aus Ihnen ſpricht der kalte Norden! Freund Scherra in Neapel dachte anders.“ „Ich weiß nicht, ob der jüngere Scherra damals anders dachte,“ gab er mit einem leichten Anflug von Humor zur Antwort;„und wenn dem ſo wäre, ſo müßte ich Ihnen viel⸗ leicht erwidern: ländlich, ſittlich! Aber im vorliegenden Falle Gaetano. 185 kann und muß ich Ihnen alles Ernſtes verſichern: Francoiſe iſt eine Deutſche, und eine der beſten und edelſten.“ „Weiß ich das nicht?“ verſetzte dumpfer Stimme,„ſuchte ich ſie deßhal dern auf und liebte ſie— bis zum wahrlich das Recht, ſo furchtbaren Lächeln hinzu. Herr von Scherra trat nahe ihm ſeine Hand aufs Haupt.„Da Sie ſie kannten,“ ſagte er mit großer Wärme,„und ſie ſo unendlich liebten, ſo kann und muß Ihnen auch die Ruhe des armen Weibes, das nicht weniger gelitten als Sie, heilig ſein.“ „O,“ fuhr Gaetano mit bitterem Ausrufe in die Höhe, „ihre Leiden waren in der That mich in den Armen eines Andern, terlicher Treue nur an ſie dachte. Ueberfluß, während ich im Elende war und manche Tage und Nächte in Qual und Marter zubringen mußte. Und doch,“ fuhr er mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in der Stimme fort,„ſollen Sie ſich in mir nicht getäuſcht haben. Fran⸗ V cesca's Ruhe ſoll mir heilig ſein, aber ſehen will ich ſie noch einmal, ſie ſehen und ſprechen, und wenn Sie mir Ihre Hülfe der junge Mann mit b nicht vor allen An⸗ Wahnſinn? Ich habe zu ſprechen,“ ſetzte er mit einem K an ihn heran und legte zu ertragen! Sie vergaß während ich in unerſchüt⸗ Sie lebte in Pracht und dazu nicht leihen wollen, ſo werde ich nicht anders können, 8 als dem Grafen Lotus unter der Maske des Dr. einen Beſuch zu machen.“ „Den Teufel auch!“ rief halb entrüſtet, halb ängſtlich der alte Herr,„dazu wären Sie vielleicht im Stande! Aber glauben Sie, daß ich ſo etwas dulden würde? Nicht aus den Augen werde ich Sie laſſen, nehmen Sie ſich in Acht! Es Henderkopp 186 Vierzigſtes Kapitel. könnte Ihnen bei einem ſolchen Beſuche Schlimmeres begeg⸗ nen, als Sie ſich denken.“ „Der Graf war ſo freundlich,“ fuhr Gaetano mit großer Ruhe fort,„mich darüber nicht im Unklaren zu laſſen, wie ſehr ihm meine Perſon verhaßt iſt, und bei Gott, Offenheit um Offenheit,— ich halte es für billig, daß auch er durch meinen Mund erfährt, wie wenig ich ihn liebe.“ „Um die Stellung dieſer armen Frau unmöglich zu machen?“ „Ich biete ihr eine andere,“ rief der junge Mann heftig, „indem ich mein Eigenthum fordere, denn Francesca iſt mein vor Gott und Menſchen! Uns verknüpfen die heiligſten Bande.“ „Aufgeregt, wie Sie ſind, Gaetano, kann, darf und will ich dieſes Geſpräch mit Ihnen jetzt nicht fortſetzen; laſſen Sie uns Dinge bereden, die uns für heute näher liegen und wichtiger ſind. Sie ſind allerdings Ihrem furchtbaren Ge⸗ fängniß entronnen, und meine Sorge ſoll es ſein, darüber ernſtlich mit Dr. Henderkopp zu verkehren, in Ihrem Intereſſe, ſo wie in dem der Zurückgebliebenen; gut, das überlaſſen Sie mir. In erſter Linie aber muß für Sie geſorgt werden, Sie müſſen auch dem Aeußern nach Ihrem Stande gemäß nach Neapel zurückkehren, wohin es Sie doch gewiß drängt, um dort Ihre Angelegenheiten zu ordnen, die mir nach Andeu⸗ tungen in keiner guten Lage zu ſein ſcheinen.“ „Das iſt allerdings mein Wunſch, aber in zweiter Linie; in erſter muß ich erſt hier ins Reine kommen. Bei Gott, ich will nicht jahrelang gelitten haben, wie ein Hund, um nach Neapel zurückzukehren, dort nach San Antonio zu pil⸗ gern, um in Jammer und Thränen auf der Schwelle ihres Landhauſes niederſitzend mein Haupt mit Aſche zu beſtreuen! Gaetano. 187 4 Ich will Francesca ſehen und ſprechen, um von dieſer Unter⸗ redung meine weiteren Schritte abhängig zu machen. Könn⸗ ten Sie,“ fuhr er mit weicher Stimme fort,„der treue Freund meines Hauſes, ja, mein eigener, dem ich vor jenem furchtbaren Abend mein Herz öffnete und den ich erkennen ließ, wie treu und ehrlich ich es mit Francesca meinte,— könnten Sie wirklich ſo grauſam ſein und mir mit kalter Ruhe den Rath geben, ſie zu verlaſſen, ehe ich ihr geſagt, was ich um ſie gelitten, daß ich ſie nie vergeſſen, daß ich ſie heute noch eben ſo heiß und innig liebe, wie damals?“ „Was ſoll ich Ihnen zur Antwort geben?“ ſagte Herr von Scherra, indem er ſeine Hände zuſammenſchlug und darauf ſeine Finger krampfhaft in einander faltete.„Fühlen Sie denn nicht, daß auch mein Herz ſchmerzerfüllt iſt und zerriſſen, wie das Ihrige, daß ich, der ich Sie liebe, der ich über Ihr Wiederfinden glücklich bin wie ein Vater, dem man einen verlorenen Sohn zurückgebracht, mich nur mit Gewalt würde zurückhalten können, um ihr, die mir ſo unendlich theuer iſt, nicht mit einem Ausrufe der Freude zu verrathen, was ſie nimmer erfahren ſollte?“ „Weil ſie mich noch liebt!“ rief der junge Mann mit funkelndem Auge.„O, ich habe dieſe ſüße Gewißheit heute Morgen aus den Klagen jenes Mannes vernommen, ich höre ſie jetzt aus Ihren Worten in mein Herz tönen, in mein Herz, das dieſelben Worte im Wiederhall jauchzend zurück⸗ gibt!“— „Wollen Sie mich um meinen Verſtand bringen?“ rief der alte Herr in faſt komiſcher Verzweiflung.„Wollen Sie mir eine unheilvolle Gewißheit aufdrängen, die ich mir nicht aufdrängen laſſen will? Wollen Sie die Freude des Wieder⸗ ———— f. ———— 188 Vierzigſtes Kapitel. ſehens dadurch verbittern, nein, gänzlich zerſtören, daß Sie in Verhältniſſe hineinfahren, die, an ſich ſchon verwickelt und traurig genug, durch Ihre Erſcheinung aber unglücklich und unerträglich werden müſſen? Gaetano, mein Freund, ſeien Sie verſtändig, ſeien Sie ein Mann! Zeigen Sie, daß Sie in der allerdings harten Schule des Lebens etwas gelernt haben, und vor allen Dingen vertrauen Sie meiner Freund⸗ ſchaft,“ ſetzte er mit überſtrömendem Gefühle hinzu, indem er dem jungen Manne beide Hände reichte,„und ſeien Sie überzeugt, daß ich gegenüber der unglücklichen Frau für Sie thun werde, was in meinen Kräften ſteht,— das heißt, was mir mein Gewiſſen erlaubt.“— Gaetano riß den alten Herrn nach dieſen Worten ſtür⸗ miſch in ſeine Arme, und als er gleich darauf eben ſo haſtig von ihm wegging, trat er ans Fenſter, um ſeine feuchten Augen zu verbergen.„Ja, eine unglückliche Frau,“ murmelte er mit kaum vernehmlicher Stimme;„aber ſie liebt mich, ſie liebt mich immer noch, und da ich ſie auch liebe, können wir vielleicht doch noch glücklich werden!“— „Wollen Sie jetzt vernünftig mit mir über Ihre Gegen⸗ wart reden?“ fragte Herr von Scherra nun in beinahe ärger⸗ lichem Tone. „So vernünftig, als es mir in meiner Lage möglich iſt, meinetwegen ſogar recht proſaiſch.“ „Gott ſei Dank, wenn wir dazu kommen! Wie ich Ihrem Aeußern anſehe,“ meinte der alte Herr, nachdem er ihn von oben bis unten aufmerkſam betrachtet,„hat Dr. Henderkopp auch was Ihren Anzug anbelangt, Ihrer fixen Idee durchaus nicht gehuldigt.“ damit fährlie ein ge ſchrifte ſehen die ge auch l vorhin bei Se das eit ſpreche um Bi wenn! tung g ich ken. er wird D beendig ſaß Ga der ihn Intereſſ Gaetano. 189 „Gewiß,“ erwiderte Gaetano lächelnd;„er mochte mich nicht mehr ſcheinen laſſen, als wofür er mich hielt.“ „Und daß das geändert wird, dafür werde ich ſogleich Sorge tragen,“ entgegnete Herr von Scherra.„Der Wagen, der ſchon lange drunten auf mich wartet, ſoll mich zu einem berühmten Kleiderkünſtler führen, einem Manne, der auch alles ſonſt dazu Gehörige zu beſchaffen verſteht.“ „Und ſoll ich Sie begleiten?“ „Im Gegentheil, ich bitte ſehr, daß Sie hier bleiben; damit Sie aber keine Langeweile haben und auch Ihren ge⸗ fährlichen Phantaſieen nicht allzu ſehr nachhangen, will ich ein genügendes Material an Büchern, Broſchüren und Zeit⸗ ſchriften um Sie herum anhäufen, woraus Sie mit Erſtaunen ſehen werden, was ſich in der Welt begibt, furchtbare Dinge, die gerade Ihre Heimat betreffen, und woraus Sie denn auch lernen werden, warum man die Cigarre, die ich Ihnen vorhin gegeben und die Sie in Ihrer Exaltation ſchon lange bei Seite geworfen, ‚Cavourt zu nennen beliebt. O, es iſt das eine merkwürdige Geſchichte,“ fuhr er wie mit ſich ſelbſt ſprechend fort, und als er darauf in ſein Nebenzimmer ging, um Bücher und Zeitungen herbeizuholen, dachte er bei ſich: wenn das nicht ſeinem Sinne eine vollkommen andere Rich⸗ tung gibt, ſo ſieht es traurig bei ihm aus. Doch nein, nein, ich kenne Gaetano's gutes und edles Herz und baue darauf, er wird dem Vaterlande ſeine Liebe zuwenden!— Darauf hatte⸗Herr von Scherra ſeine kurze Toilette beendigt, und als der Wagen unten mit ihm davon rollte, ſaß Gaetano droben im Zimmer bereits vertieft in das Leſen der ihm übergebenen Schriften, die von Zeile zu Zeile ſein Intereſſe ſo in Anſpruch nahmen, daß er, den Kopf in die 190 Vierzigſtes Kapitel. Gaetano. Hand geſtützt, da ſaß, die Finger in ſein dichtes Haar ver⸗ grabend, raſtlos ſeine Augen über die Buchſtaben jagen ließ, ſtundenlang, ohne aufzublicken,— äußerlich ruhig, aber im Innern gewaltſam bewegt von den Wogen der Weltgeſchichte, die mit einem Male brauſend und tobend gegen die einſame Inſel brandeten, wo er jahrelang müßig geruht, ſcheinbar von ſpiegelglatter See umgeben. 1 ͤ—⅛e Einundvierzigſtes Kapitel. Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. Das gelbe Zimmer der Frau Wittwe Speiteler ward nicht nur benutzt bei feſtlichen, freudigen Veranlaſſungen, ſondern auch bei ernſten Angelegenheiten; wenn zum Beiſpiel ein Familienrath abgehalten oder wenn über etwas Außer⸗ ordentliches mit Geſchäftsfreunden Berathung gepflogen wurde, ſo pflegte die Wittwe das beſagte Zimmer vorzuziehen, da es ſo gelegen war, daß wißbegierige Nachbarn nicht hineinblicken und lauſchende Dienſtboten mit Leichtigkeit ertappt werden konnten, ehe es ihnen möglich war, ihr Ohr an irgend ein Schlüſſelloch zu legen. Daß es etwas überaus Wichtiges war, was Madame Speiteler wenige Tage nach den oben erzählten Vorfällen in dieſem Zimmer beſchäftigte, brauchen wir dem geneigten Leſer, welcher hoffentlich unſerer Erzählung mit Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt iſt, wohl nicht zu ſagen. Die würdige Dame ſelbſt ſaß an dem Tiſche, welcher in der Mitte des Gemaches ſtand, hatte ihre ſchwere Hand * —* 192 Einundvierzigſtes Kapitel. dort zuſammengeballt aufgelegt, und wenn ſie ſie im Eifer des Geſpräches aufhob und wieder niederfallen ließ, ſo gab das ein artiges Getöſe, welches aber vollkommen zu ihren Worten paßte. Auch bewegte ſie ihren Kopf ſo heftig hin und her, daß der breite Strich ihrer Haube zornig auf und ab wallte, als ſei dieſe Haube ein ſelbſtſtändig fühlendes Weſen, welches den innigſten Antheil nehme an der Schmach, die dem Hauſe Speiteler zugefügt worden ſei. Der Wittwe gegenüber, an der anderen Seite des Tiſches, ſaß ein Herr, den wir als Advocaten Berger vorſtellen müſſen, ein Name, den ſich der geneigte Leſer am Anfange unſerer wahrhaftigen Geſchichte bereits gehört zu haben vielleicht erinnern wird. Der Advocat war ein kleines Männchen mit einem feinen, ſchlauen Geſichte, freundlichen Augen und einem Munde, welcher ſich leicht und gern zu einem Lächeln verzog; er war mit Sorgfalt, faſt elegant angezogen, und da er unter der vornehmen Welt ſeine meiſten Kunden hatte, trug er dinde, um ſtets gehörig gerüſtet zu ſein, wenn er zu irgeno einer hohen Perſon gerufen wurde. Zwiſchen ſeinen Händen hielt er einen Stock mit goldenem Knopfe, den er langſam unter ſeinem Kinn drehte, während er den Kopf herabgeſenkt hielt und die Wittwe nur zuweilen vermittelſt eines leichten Augenauſſchlags betrachtete. An dem Fenſter des Gemaches ſtand Sophie, und die vierte Perſon, welche ſich im Zimmer befand und neben der Thür auf einem Stuhle ſaß, war Herr Moſes Goldſtein. Aber es war nicht mehr der glänzende, fröhliche Goldſtein, in ſeinem Aeußern ſo würdig ſeines Namens, wie wir ihn geſehen bei der Hochzeits⸗Feierlichkeit, heiter, mittheilend, be⸗ weglich. Verſchwunden war die rothſammtne Weſte und die —— Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 193 goldene Kette, verſteckt vielleicht unter dem grauen Paletot, den er bis unter das Kinn zugeknöpft hatte. Er ſaß da zuſammengeknickt, wie Buße thuend in Sack und Aſche; ja, wenn man ſein graues Gewand vielleicht näher betrachtete, ſo war es nicht ganz unmöglich, in dieſem einen Riß von oben bis unten zu entdecken, den er ſich ſelbſt zugefügt im Uebermaß des Schmerzes; und wenn man ſein Geſicht be— trachtete mit dem kläglichen Ausdrucke, vermißte man mit Verwunderung auf ſeinem pechſchwarzen Haare die Aſche, womit er ſein Haupt beſtreut. Zuweilen wollte er reden und dann öffnete er wie ſchnappend ſeinen Mund, doch ſchaute ihn in ſolchen Augenblicken Herr Dr. Berger freundlich lächelnd, aber auch feſt und beſtimmt an und machte zugleich eine be⸗ zeichnende Handbewegung, ſo daß Herr Goldſtein es nie weiter brachte, als bis zum Oeffnen des Mundes. „Wie ich ſchon vorhin geſagt,“ ſprach die Wittwe Spei⸗ teler mit großer Entſchiedenheit,„mein Mann, Gott habe ihn ſelig, war ein lammfrommes Gemüth, aber wenn er dieſe Geſchichte erlebt hätte, ſo wäre ſelbſt er mit gleichen Füßen in die Höhe geſprungen. Ja, wenn ich ihn mir ſo anſchaue,“ ſetzte ſie mit dem nothwendigen Blicke und einem leichten Anfluge von Rührung hinzu,„ſo iſt es mir gerade, als müſſe er dort im Bilde ſeine Hand erheben und mir durch Zu⸗ nicken verſtändlich machen, die Sache ſolle mit einem Male und raſch zu Ende geführt werden. Und da dies auch meine Meinung iſt, ſo wollen wir denn in Gottes Namen das Gerede der Leute auf uns nehmen und die Scheidung einleiten.“ Der Advocat ſchüttelte ſanft mit dem Kopfe, blickte ihr Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 13 2 8 *——* —— 194 Einundvierzigſtes Kapitel. mit großer Ruhe und lächelnd ins Geſicht, wie jemand, der über⸗ zeugt iſt, daß ſeine eigene Meinung, die mit der eines Anderen nicht übereinſtimmt, doch noch die Oberhand gewinnen werde. „Meine liebe Madame,“ entgegnete er,„ich habe Ihnen fchon vorher offen geſtanden, daß ich principiel gegen jede Scheidung bin, und habe Ihnen ſchon geſagt, daß Sie be⸗ denken ſollen, ob es rathſam wäre, mich unter dieſem ehrlich ausgeſprochenen Grundſatze mit Ihrem Vertrauen zu beehren. Was bezweckt eine Scheidung, was nutzt eine Scheidung? Mit einer Scheidung zerreißen wir gewaltſam ein Band, das uns allerdings drückend erſcheinen mag, welches uns aber vielleicht bei ruhiger Ueberlegung nicht ſo ganz als unerträg⸗ liche Kette erſchienen wäre, wie wir beim erſten Anblicke ge⸗ glaubt. Und während wir dieſes Band zerreißen, verurſachen wir einen Scandal— ich muß die Sache beim wahren Na⸗ men nennen— unter deſſen Folgen beide Theile zu leiden haben; eine geſchiedene Frau, mag ſie auch noch ſo ſehr in ihrem Rechte ſein, wird, mit wenigen Ausnahmen, doch immer mit einigem Mißtrauen betrachtet.“ „Aber erlauben Sie mir, Herr Doctor,“ entgegnete Madame Speiteler in gewichtigem Tone,„der vorliegende Fall iſt ſo klar, daß ein Kind einſehen muß, wie das ganze Unrecht allein auf der Seite jenes Mannes iſt; man braucht nur ohne Redensarten dieſe Geſchichte zu erzählen, wie ſie iſt, glattweg, und jeder ſieht, daß wir es mit einem Schur— 4 „Bitte, Madame Speiteler, keine derartigen Benen⸗ nungen!“ unterbrach ſie der Advocat mit einem Seitenblicke auf Herrn Goldſtein;„warum ſich in die Hitze hineinſteigern?“ „Nun, meinetwegen; wie die Sache vorliegt, ſieht jeder, mit wem wir es zu thun haben.“ Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 195 Herr Dr. Berger nickte dreimal bedeutſam mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab:„Allerdings mußte jeder Unbe⸗ fangene einſehen, weß Geiſtes Kind der Herr Dr. Henderkopp iſt; aber da es ſo leicht wird, dies einzuſehen, ſo wird man ſich fragen: wie kam eine kluge Frau, wie die Frau Wittwe Speiteler, dazu, einen ſolchen Schwiegerſohn zu wählen, und wie vermochte ſie es über ſich, die Heirath geſchehen zu laſſen, um dann gleich nach der Hochzeit der ganzen Welt zu ſagen: ſeht, wen ich mir da für meine Tochter auserwählt?“ Sophie hatte ſich bei dieſen Worten herumgewandt, und während ſie ihre Lippen feſt auf einander preßte, augenſchein⸗ lich um ihre Thränen zu unterdrücken, neigte ſie mehrmals zuſtimmend ihren Kopf. „Damit will ich aber nicht ſagen,“ fuhr der Advocat ſo raſch fort, daß er eine heftige Gegenrede der Frau Wittwe Speiteler ſchnell abſchnitt,„daß ſich die Umſtände nicht als ſolche erweiſen können, wo eine Scheidung vielleicht geboten wäre. Ehe wir aber zu dieſem letzten verzweifelten Mittel unſere Zuflucht nehmen, werden Sie mir ſpäter Dank dafür wiſſen, Ihnen den Rath gegeben zu haben, die Angelegenheit aufs gründlichſte in alle Einzelheiten zu zerlegen und aufs ausführlichſte zu beſprechen.“ „So zerlegen Sie denn in Gottes Namen,“ rief die Wittwe ungeduldig,„betrachten Sie die Sache von hinten und von vorn, und Sie werden doch am Ende meiner Mei⸗ nung ſein.“ Der Advocat machte eine Miene des Zweifelns und dann ſagte er mit einer Handbewegung gegen Herrn Goldſtein: „Wir haben da eine andere Sache, die zu erledigen wichtiger 196 Einundvierzigſtes Kapitel. iſt und die vorher abgemacht werden muß, um klares Terrain zu gewinnen.“ „Ach du mein Gott, ja,“ ſeufzte Herr Goldſtein,„denke Se an mich, Herr Advocat⸗Anwalt Dr. Berger! Se werde ſich doch annehme eines armen Geſchäftsmannes, den ſeine Reellität und Gutmüthigkeit gebracht hat in ſchweres Unglück!“ Das Lächeln, mit dem der Angeredete dieſe Rede zu beantworten ſchien, konnte auf verſchiedene Art gedeutet werden, nicht ſo aber die Entgegnung der Frau Wittwe Speiteler. „Was Sie anbelangt,“ rief ſie heftig aus und wandte dabei den Kopf ſo raſch herum, daß ſich ihre Haube auf die oben angedeutete Art als völlig mitfühlend zeigte,„ſo kann ich Ihnen nur das Sprichwort meiner ſeligen Mutter wieder⸗ holen: Pack ſchlägt ſich, Pack verträgt ſich!“ „Pſt, meine liebe Madame Speiteler,“ ermahnte der Advocat. „Ach, laſſe Se unſere verehrte Madame Speiteler doch ſagen,“ bat demüthig Herr Goldſtein, wobei aber ein eigen⸗ thümlicher Blitz aus ſeinen Augen leuchtete;„es wird ſe be⸗ ruhigen, wenn ſe kann ausſchütten ihr Gemüth, und wenn ſe mich auch Pack nennt, wie ſe es eben gethan.“ „Das hat ſie aber nicht gethan,“ unterbrach ihn raſch der Advocat,„ſie ſprach nur im Allgemeinen.“ „Und wenn ſe's auch auf mich bezogen hätte, wenn ſe auch ſpricht noch Schlimmeres über mich, werde ich es doch verzeihen dem Schmerze, welcher tobt in ihrem Herzen.“ „Madame Speiteler wird durchaus nicht Derartiges ſagen,“ erwiderte der Advocat mit großer Entſchiedenheit; „wir behandeln hier Geſchäftsſachen ruhig und kalt, und? ch Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 197 muß alle Leidenſchaft ſchweigen. Wenn es der Madame Spei⸗ teler recht iſt, ſo kommen Sie ein bischen näher zum Tiſche, daß wir Ihre Papiere mit den Angaben des Dr. Henderkopp vergleichen.“ „Se haben alſo geſprochen den Herr Doctor?“ fragte Moſes Goldſtein mißtrauiſch.„Se werden doch nicht Glau⸗ ben ſchenken den Angaben dieſes gewaltthätigen Mannes? Und wenn auch,“ fuhr er fort, indem er ſich raſch dem Tiſche näherte,„kann etwas klarer ſein als die Rechnung zwiſchen dem Doctor und mir? Hat er nicht erhalten zwanzigtauſend Gulden, wie die acceptirten und leider auch quittirten Wechſel ausſagen, die ich da ſehe in Ihr Portefeuille, und die ich eigentlich ſollte wieder haben, wenn es die Großmuth der Frau Wittwe Speiteler nicht vorzieht, mir einzuhändigen die zwanzigtauſend Gulden in Staats⸗Obligationen, die ſchon einmal waren in meinem Beſitze und die mir haben weg⸗ genommen mit Gewalt die Narren draußen?“ Da der Adpocat ſein Portefeuille herausgezogen hatte, welchem er außer den eben erwähnten Wechſeln auch noch andere Papiere entnahm, in welche er ſchaute, ſtatt dem Ge⸗ ſchäftsmanne eine Antwort zu geben, ſo fuhr dieſer, dem es eine Erleichterung zu ſein ſchien, doch wenigſtens reden zu dürfen, fort:„Die verehrte Frau Speiteler wird Gerechtig— keit üben und wird um alles in der Welt nicht laſſen wollen zu Schaden kommen einen armen Geſchäftsmann, der riskirt hat ſein ſauer erworbenes bischen Geld um ein paar elende Percent.“ „Hm, hm!“ machte der Advocat, wobei er lächelnd einen Blick auf Herrn Goldſtein that. „ Ja, ich bin überzeugt,“ fuhr dieſer mit Emphaſe fort, 198 Einundvierzigſtes Kapitet. „möchte ich doch darauf legen die Hand aufs Herz, möchte ich doch ſagen aller Welt, daß ich ſo gewiß bin der Groß⸗ muth der würdigen Frau Speiteler, als daß jetzt ſcheint der Tag, und daß ich ſelbſt leibhaftig hier ſtehe, ein armer, ge⸗ drückter, jammervoller Mann! Sprechen Se's aus, verehrteſte Frau,“ fuhr er fort, nachdem er haſtig nach Athem geſchnappt hatte,„ſprechen Se's aus, würdiger Herr Doctor, daß ich ſoll wieder haben meine ſauer erworbenen zwanzigtauſend Gulden— oder ſoll ich ſe vielleicht nicht wieder haben?— Gott der Gerechte, will man mich zwingen, mein Recht zu ſuchen vor das Gericht, indem man mir zurückgibt die accep⸗ tirten und verfallenen Wechſel? Gott der Gerechte, ſind ſe doch ſchon verfallen um mehrere Tage und werden mer ma⸗ chen Mühe und Noth, wenn ich ſe laſſen will proteſtiren und darauf hin ausfertigen einen Haftbefehl!“ Herr Dr. Berger ſchaute freundlich auf ſein Blatt, be⸗ deckt mit einer Menge von Zahlen, und trommelte leicht mit den Fingern auf die auseinander geſchlagenen Papiere, welche vor ihm auf dem Tiſche lagen. „Ach, Herr Doctor,“ nahm der Geſchäftsmann wieder das Wort, wobei er eine verzweifelte Heiterkeit affectirte,„ich ſehe es an dem wohlwollenden Lächeln, welches ſpielt um Ihre Lippen, daß Se ſagen werden zur würdigen Madame Speiteler: Geben Se ihm wieder ſein Eigenthum, dem armen Goldſtein! Und dann werden Se zu mir ſprechen und wer⸗ den mer machen Vorwürfe über meine Leichtgläubigkeit und werden mer geben den Rath, mich künftig beſſer vorzuſehen, ehe ich unternehme Geſchäfte mit Leuten, die nicht ſind reell und welche können in Gefahr bringen einen armen Geſchäfts⸗ mann. Gott der Gerechte,“ ſetzte er mit einem nach oben —— Moſes Goldſtein' dunkle Stunde. 199 gewandten Blicke hinzu,„ich hätte es mir können denken, man hat mer gewarnt von verſchiedenen Seiten! Doch war es möglich, nicht zu trauen der nobeln Außenſeite des Dr. Henderkopp, nicht zu glauben ſeinen ſchönen Worten, ihm nicht Vertrauen zu ſchenken, großes, koſtbares Vertrauen?“ „Ja, ſehen Sie,“ unterbrach die alte Frau trocken den Redeſtrom des Herrn Goldſtein,„daß er den da auch hat beſtechen und anführen können, iſt mir ein wahrer Troſt, den da, ſo eine ſchlaue, abgeriebene Seele.“ „Der Vergleich zwiſchen ihm und Ihnen iſt nicht ganz richtig,“ meinte kopfſchüttelnd der Advocat,„er ſchenkte ihm eigentlich kein Vertrauen, denn für mehr, als was er ihm gegeben, hatte er gute, gültige, acceptirte Wechſel in der Hand.“ „Hatte er?“ fragte Herr Goldſtein mit einem ſpitzigen Blicke auf die Hand des Herrn Berger, unter der die koſt⸗ baren Papiere lagen—„hatte er? Sagen mer doch lieber wie es wahr iſt und richtig, hat er, gewiß hat er! Sind ſe doch da vor meine Augen die koſtbare Papiercher, ja, wie Se haben geſagt, Herr Doctor, gut, gültig und acceptirt; ſehe ich ſe doch vor mich dort unter Ihre Hand, das Eigen⸗ thum des armen Goldſtein, und er iſt ſo überzeugt als daß der Tag ſcheint, daß man ſe ihm wiedergeben wird ſogleich, wenn man ihm nicht ausbezahlt ſeine zwanzigtauſend Gulden, und daß man dabei ſprechen wird zu ihm: Hier haſt du deine Wechſel, jetzt gehe hin und drangſale mir den Dr. Hender⸗ kopp und plage ihn und zwieble ihn, bis er anſieht den Himmel für eine Baßgeige!“— Dr. Berger ſah den Redſeligen mit einem ſo eigenthüm⸗ lichen Blicke an, daß dieſer etwas kleinlaut fortfuhr:„und = 47 200 Einundvierzigſtes Kapitel. ſo bitte ich alſo, werther Herr Advocat⸗Anwalt und würdige Madame Speiteler, daß Se mer verhelfen möchten zu mein Eigenthum auf die eine oder auf die andere Art— ach ja, Herr Doctor, nicht wahr, mein hochverehrter Herr Doctor?“ „Allerdings,“ entgegnete dieſer ruhig,„Ihr Recht ſoll Ihnen werden, damit wird auch Frau Wittwe Speiteler ein⸗ verſtanden ſein. Ehe wir aber die Sache zu einem endgül⸗ tigen Reſultate brachten, war es nicht mehr als billig, auch die andere Partei zu hören.“ „So haben Se alſo auch gehört den Doctor? Warum haben Se gehört den Doctor? Was ſoll das nützen zu hören den Doctor? Er hat eine glatte Zunge und iſt im Stande, dem Geſcheiteſten zu machen ein X vor ein U.“ „Was das Letztere anbelangt,“ erwiderte der Advocat lächelnd,„ſo kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung ſagen, daß Dr. Henderkopp gar nicht den Verſuch gemacht hat, ſeine allerdings etwas troſtloſe Sache anders darzuſtellen, als ſie ſich wirklich verhält. Er hat mir nur über das Geldgeſchäft mit Ihnen einige Thatſachen mitgetheilt, die ich nicht er⸗ mangeln werde, Ihnen vorzulegen.“ Herr Goldſtein ſperrte ſeine beiden Hände auseinander und von ſich ab und verſetzte mit einer Miene der Gering⸗ ſchätzung:„Thatſachen? Was kann er Ihnen haben ange⸗ geben vor Thatſachen? Die Thatſachen, welche vorausge⸗ gangen, liegen dort in meinen gültigen Wechſeln, und da⸗ neben liegen die zwanzigtauſend Gulden, welche ſchon einmal waren in meinem Beſitz, und welche mer haben weggenommen die Narren, Gott möge ſie dafür verderben!— Ach, Herr Doctor,“ rief er darauf in einem Tone, in dem ſich Furcht und Entrüſtung ausprägten,„kommen Se mer nicht mit Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 201 20 Thatſachen! Was werden ihm nützen vor das Gericht andere Thatſachen, als die ſo klar vorliegen, daß ein Kind darüber kann entſcheiden und man wahrhaftig nicht braucht zu appel⸗ liren an den Urtheilsſpruch eines Salomo oder Daniel! Wird nan ſich vor das Gericht bekümmern um Thatſachen? O nein, o nein, man wird einfach betrachten die Wechſel, und Kenner werden ſagen, die Unterſchrift iſt richtig, und bezah⸗ len muß er oder eingeſteckt wird er.“ „Ja, vor Gericht könnte es ſo heißen, mein lieber Herr Goldſtein,“ gab der Advocat mit ſeiner ſanften Stimme zur Antwort,„aber hier ſind wir nicht vor Gericht, hier ſind wir zuſammengetreten, um eine Uebereinkunft zu berathen.“ „Eine Uebereinkunft?“ rief Herr Goldſtein erſchreckt, „was ſoll mir für Nutzen bringen eine Uebereinkunft? Was könnte das ſein für eine Uebereinkunft? Ich verſtehe nur das Eine: entweder Se geben mer, weil Se Gerechtigkeitsſinn in Ihrem Herzen haben,“ ſetzte er in ſchmeichelndem Tone hinzu,„meine zwanzigtauſend Gulden wieder, die ich ſchon einmal habe gehabt, oder wenigſtens die Wechſel, und dann laſſen Se mich gehen und laſſen mich Aſche auf mein Haupt ſtreuen und abſchütteln auf die Schwelle den Staub von meinen Füßen. Nur ſo kann es geſchehen, aber nichts kann das ſein von Thatſachen oder Uebereinkunft. Gott der Ge⸗ rechte, ich bin ein geſchlagener Mann!“. „Und wenn Sie ſich noch ſo ſehr dagegen ſträuben, mein werther Herr Goldſtein, ſo müſſen Sie doch zuerſt meine Thatſachen anhören, und würde ich Ihnen rathen, dazu einen Stuhl zu nehmen, damit Ihnen bei Anhörung dieſer That⸗ ſachen das Stehen nicht gar zu ſauer fällt.“ 4 „Laſſen Se mich immerhin ſtehen,“ erwiderte der Ge⸗ 202 Einundvierzigſtes Kapitel. ſchäftsmann unruhig mit einer entſchieden abwehrenden Hand⸗ bewegung.„Was Se mer zu ſagen haben, kann ich auch ſtehend anhören, und wenn ich ſoll aus der Haut fahren bei den Thatſachen des Doctors, die nicht werth ſein wer— den eine faule Bohne, ſo habe ich das bequemer, als wenn ich ſitze.“ „Ganz nach Ihrem Belieben,“ gab der Advocat zur Antwort,„und nun erſuche ich die Damen um gute Aufmerk⸗ ſamkeit.“ Herr Goldſtein hob ſeine Schultern ſo hoch und heftig in die Höhe, als wolle er ſie gar nicht mehr an ihren Platz bringen, wohin ſie von der Natur aus gehörten, und als er dies am Ende doch thun mußte, preßte es ihm einen tiefen Seufzer aus, der mit den dumpf gemurmelten Worten ſchloß: „So muß ich denn anhören die Thatſachen, kann ich doch nicht anders!“— Herr Dr. Berger hatte von den Papieren eines hervor⸗ gezogen, welches er dergeſtalt vor ſeine Augen hielt, daß ihm Herr Goldſtein trotz ſeinen Bemühungen nicht hineinſchauen konnte. In dieſes Papier blickend ſagte er nun:„Es war gegen Anfang April vorigen Jahres, als Herr Dr. Hender⸗ kopp, Vorſteher einer Privat⸗Irren⸗Anſtalt, mit Ihnen, Herr Moſes Goldſtein, in Unterhandlungen trat, um eine Anleihe zu erhalten, welche er brauchte, um die etwas verwahrloſ'ten Gebäude ſeiner Anſtalt zu ſeinen Zwecken wieder herrichten zu laſſen. Dieſe Anleihe kam aber erft am 23. Mai zu Stande.“ „Weiter, weiter,“ murmelte der Geſchäftsmann unge⸗ duldig.„Was thue ich mit der Vorrede?“ n Moſes Goldſtein’ dunkle Stunde. 203 „Es handelte ſich um die Summe von achttauſend Gulden.“ „Was ſollen mer achttauſend Gulden?“ rief Herr Gold⸗ ſtein mit einem gutgeſpielten Erſtaunen.„Wo iſt irgend ein Document, welches beſagt, daß ich dem Doctor gegeben habe achttauſend Gulden? Wollen Se mich machen zum ſchlechten Manne, wollen Se mich ruiniren, indem Se ausſprechen, der Dr. Henderkopp ſei mer nicht ſchuldig ge— worden zwanzigtauſend Gulden?— Zwanzigtauſend Gul⸗ den,“ ſetzte er mit gefalteten Händen hinzu,„ein ganzes Vermögen.“ Der Advocat ſah den Juden mit einem leichten Stirn— runzeln an, doch gleich darauf glättete ſich ſein Geſicht wie⸗ der unter dem uns bekannten gütigen Lächeln, mit dem er auch die Worte ausſprach:„Allerdings ſind es zwanzigtau⸗ ſend Gulden geworden, allerdings ein nettes Vermögen! Aber Herr Goldſtein,“ ſetzte er mit einer ſolchen Entſchieden⸗ heit im Tone hinzu, daß dieſem eine neue Einrede auf den Lippen erſtarb,„Sie hören meiner Auseinanderſetzung ruhig zu, Sie unterlaſſen Ihre ewigen Einreden, welche doch zu nichts nutzen, als daß ſie die Damen und mich langweilen, oder ich packe meine Papiere zuſammen, darunter die accep⸗ tirten Wechſel, Madame Speiteler verſchließt ihre zwanzig⸗ tauſend Gulden, und dann ſehen wir uns vor dem Gerichte wieder, wo ich für den Dr. Henderkopp plaidiren werde.“ „Was hör' ich?“ rief Herr Goldſtein mit ſchmerzlich bewegter Affectation.„Sie, ein Mann von dem Namen, von die anerkannte Redlichkeit wollen plaidiren für dieſe ſchlechte Sache, wollten ihr dadurch ſchon geben einen Schim⸗ mer von Gerechtigkeit? Wie wird mer denn? Hab' ich gehört 204 Einnndvierzigſtes Kapitel. recht, Herr Advocat⸗Anwalt Dr. Berger für Henderkopp gegen Moſes Goldſtein? Für den Doctor, der nicht finden ſollte geneigt für ſeine faule Sache den geringſten Ferkelſtecher— verzeih' mer Gott die Sünd', daß ich genommen habe in den Mund ein ſo ſchmutziges Wort, aber wahr iſt es, was ich geſagt, und es muß machen Aufſehen vor das Gericht: Dr. Berger für Dr. Henderkopp gegen Moſes Goldſtein!— „So,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während er auf⸗ athmete, wie jemand, dem ein Stein von der Bruſt genom⸗ men iſt, als er bemerkte, daß der Doctor wirklich Miene machte, ſeine Papiere zuſammenzupacken,„jetzt habe ich ge⸗ ſprochen, wie ich gemußt, und nun werde ich ſchweigen, ge⸗ wiß, ich werde ſchweigen, und ſollte ich hören das Gräßlichſte, was hören kann ein armer Geſchäftsmann, dem man will rauben ſein ſauer erworbenes Gut.“ „Es handelt ſich alſo,“ ſagte Dr. Berger in ruhigem, geſchäftsmäßigem Tone,„um achttauſend Gulden, welche Dr. Henderkopp dem Moſes Goldſtein abverlangte und welche ihm letzterer auch bewilligte.“ „Ohne Pfand, Gott iſt mein Zeuge, ohne Pfand, zwan⸗ zigtauſend Gulden ohne Pfand, denn die lumpige Nachhypo⸗ thek iſt nicht werth einen Kreuzer, elendes, ſchlechtes Druck⸗ papier, man kann nicht daraus machen einen Fidibus.“ „Achttauſend Gulden, welche berechnet wurden mit fünf⸗ zehn Procent.“ „Mit fünf Percent, ſo wahr mir Gott helfe, habe ich es anders gegeben von mir ſchriftlich?“ fragte Herr Goldſtein lauernd.. „Ja, mit fünf Procent, aber per Monat, was freilich in keinem Schein aufgeführt iſt, thut für drei Monate, für ——,— , r welche Zeit Sie überhaupt nur die Schuld contrahiren laſſen wollten, fünfzehn Procent oder jährlich ſechszig Procent. Sie ſehen, ich kann auch rechnen, und werde Ihnen gleich noch glänzendere Beweiſe davon geben. Dieſe achttauſend Gulden zu fünf Procent auf drei Monate thun tauſend zweihundert Gulden Zinſen, hierzu kommt dann noch eine kleine Proviſion von fünf Procent mit vierhundert Gulden, macht im Ganzen ſechszehnhundert Gulden, welche der Empfänger des Dar⸗ lehens baar liegen laſſen mußte.“ „Wie konnte er liegen laſſen etwas in Baarem, da er beſaß keinen Kreuzer?“ „Dieſes Mal haben Sie Recht; für die empfangenen achttauſend Gulden mußte er einen Wechſel von neuntauſend ſechshundert Gulden acceptiren, zahlbar in drei Monaten.“ Frau Wittwe Speiteler hob bei Anhörung dieſer Art, Geſchäfte zu machen, ihre Hände empor und rief mit großer Entrüſtung:„Das iſt ja ein entſetzlicher—“ Sie wollte ſagen Wucher, doch ſchnitt ihr der Advocat dieſes Wort vom Munde, indem er raſch einwarf:„Eine merkwürdige Art, Zinſen zu berechnen, wollten Sie ſagen. Ja, es iſt allerdings ein bischen ſtark, aber wie Sie ſehen werden, iſt dieſes Verfahren mit Conſequenz durchgeführt.“ „Wollten Se nicht ſein ſo gütig, werther Herr Dr. Ber⸗ ger,“ ſagte Herr Goldſtein mit gelaſſenem Tone, aber einem eigenthümlichen Funkeln ſeiner Augen,„mir ſehen zu laſſen ob dieſe Berechnung geſchrieben iſt von meiner Hand oder anerkannt durch meine Unterſchrift?“ „Das bin ich allerdings nicht im Stande,“ verſetzte achſelzuckend der Advocat;„würde auch ein ſchlauer und umſichtiger Geſchäftsmann wie Sie, eine ſolche Berechnung Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 205 — -“ 206 Einundvierzigſtes Kapitel. auf- oder unterſchreiben? O,“ ſetzte er lächelnd mit aufge⸗ hobenem Zeigefinger hinzu,„wir ſind keine harmloſen Kin⸗ der, mein lieber Herr Goldſtein, Sie nicht, ich aber auch nicht!— „Dieſer Wechſel von neuntauſend ſechshundert Gulden,“ fuhr Herr Dr. Berger nach einer kleinen Pauſe im Tone ſeiner gewöhnlichen Auseinanderſetzung fort,„wurde nun nach drei Monaten präſentirt, und da er begreiflicher Weiſe nicht be⸗ zahlt werden konnte, mußte ein neuer Wechſel den alten ver⸗ treten, ebenfalls wieder nach der oben angeführten billigen Berechnung: Fünfzehn Procent aus neuntauſend ſechshundert Gulden, macht vierzehnhundertvierzig Gulden, dazu fünf Procent Proviſion gleich vierhundertachtzig Gulden, zuſam⸗ men tauſend neunhundertzwanzig Gulden, welche wieder liegen gelaſſen werden mußten, das heißt, da hierzu kein Geld vorhanden war, dem neuen Wechſel wieder zugeſchrie— ben wurden, und ſich dieſer alſo nunmehr mit der hübſchen Summe von eilftauſend fünfhundertzwanzig Gulden prä⸗ ſentirte.“ Sophie war mit unhörbaren Schritten hinter ihre Mutter getreten, legte leicht ihre Hand auf deren Schulter, und fragte, während ſie ſich hinabbeugte, flüſternd:„Iſt dem wirk⸗ lich ſo, Mutter? Kann man auf ſo furchtbare Art in Schul⸗ den hinein gerathen? O, das könnte mein Mitleid für ihn erregen!“— Es war gerade, als beantworte Dr. Berger dieſe Frage, ohne ſie jedoch gehört zu haben.„Ja,“ ſagte er,„da kann man wohl ſagen: Gott bewahre uns vor dem erſten Schritt! Der Doctor erhielt alſo achttauſend Gulden, und ſah nach Ablauf von nicht ganz zwei Jahren eine Schuldenmaſſe von Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 207 zwanzigtauſend Gulden auf ſeinen Schultern liegen; hätte er in der That dieſe zwanzigtauſend Gulden von einem— an— dern Geſchäftsmanne zu billigen Zinſen erhalten, ſo hätte er ſich aus ſeinen Verlegenheiten reißen können und ihm und Anderen wäre Manches erſpart geblieben.“ „Aber beweiſen Se mer,“ ſagte Herr Goldſtein trotzig, „daß er nicht erhalten hat zwanzigtauſend Gulden.“ „Er erhielt achttauſend Gulden,“ fuhr Herr Berger in ſehr beſtimmtem Tone fort,„und wie er mir aus ſeinen Büchern bewies, gebrauchte er dieſe mäßige Summe zur Ein⸗ richtung ſeiner Anſtalt und für die laufenden Betriebskoſten. Daß dieſer Betrieb in den letzten zwei Jahren ſo günſtig war, um die Anſtalt fortbeſtehen zu laſſen, ſpricht nicht ge— rade gegen Dr. Henderkopp, wenn ich auch in manchen an⸗ deren Dingen nicht gewillt bin, ſeine Partei zu ergreifen. Aber wir ſchweifen ab, und ich halte es für meine Pflicht, Ihnen, Madame Speiteler, in Gegenwart des Herrn Gold⸗ ſtein das Anwachſen dieſer ungeheuerlichen Schuld mit Zahlen zu belegen. „Der dritte Wechſel nach der eben angeführten Berech⸗ nung betrug ſchon dreizehntauſend achthundert vierundzwanzig Gulden, der vierte am 23. Mai dieſes Jahres, alſo nach Ablauf von zwölf Monaten fällig mit Zugrundelegung eines Capitals von nur achttauſend Gulden— wir wollen das in der Erinnerung behalten,“ ſetzte Dr. Berger in verſchärftem Tone hinzu,—„beträgt ſchon ſechszehntauſend fünfhundert⸗ achtundachtzig Gulden achtundvierzig Kreuzer, alſo mehr wie noch einmal ſo viel, als das urſprüngliche Darlehen. Was meinen Sie dazu, Herr Moſes Goldſtein?“ „Wie kann ich ausſprechen eine Meinung,“ entgegnete — — ——= —— 208 Einundvierzigſtes Kapitel. der Gefragte im Tone gekränkter Unſchuld,„wenn man nicht hören will meine Betheurungen, wenn man nur hört meinen Feind, den Doctor, einen gewiſſenloſen Mann, der mich hat gebracht ins Unglück? Legen Se mer doch vor, wie ich vor⸗ her ſchon geſagt, die Berechnungen, mit denen Sie da kränken wollen mein gutes Gewiſſen, geſchrieben von meiner Hand, oder irgend einen Schein, ein Document, das da beſagt, daß ich dem Doctor hätte geliehen achttauſend Gulden, ſtatt zwanzigtauſend! Sehen Se meine Unſchuld in meine Augen und in mein Betragen, denn wenn ich wäre derart, wie Sie verſuchen mich zu ſchildern vor dieſe reſpectable Frauenzimmer, ſo würde ich einfach ſprechen: Frau Wittwe Speiteler und Frau Tochter, ſeien Se Zeugen vor das Gericht, daß man mich hat wollen darſtellen als einen Erzwucherer! Aber das werde ich nicht thun im Gefühle von meine Unſchuld, ſon⸗ dern werde nochmals wiederholen meine Bitte: geben Se mer die zwanzigtauſend Gulden oder wenigſtens meine Wechſel und laſſen Se mich gehen in Frieden.“ „Wir kommen jetzt zum zweiten Jahre,“ fuhr Herr Ber⸗ ger fort, ohne die Rede Goldſtein's einer Erwiderung zu würdigen;„da ſtellt ſich der fünfte Wechſel auf neunzehn⸗ tauſend neunhundertundſechs Gulden vierundzwanzig Kreuzer, und wie ich von Dr. Henderkopp erfuhr, machte ſein Geſchäfts⸗ mann Schwierigkeiten, ihn für dieſe Summe auszuſtellen, und entſchloß ſich erſt zu einer Verlängerung auf die gewünſchten drei Monate, als ſich der Schuldner bereit erklärte, den be⸗ treffenden Wechſel in vier Abſchnitten von je fünftauſend Gulden auf die runde Summe von zwanzigtauſend Gulden auszuſtellen. So ſind wir binnen anderthalb Jahr von acht⸗ tauſend auf zwanzigtauſend Gulden geſtiegen. Was ſagen m 2*ʃ — Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 209 — Sie dazu, meine Damen? Verdient nicht ein Mann wie Dr. Henderkopp, wenn er auch grobe Fehler begangen hat, ſchon deßwegen unſer Mitleiden, weil er in ſolche Hände fiel?“— Frau Wittwe Speiteler hatte ihre beiden Fäuſte vor ſich auf den Tiſch gedrückt. Wir ſind nicht im Stande, dieſen Ausdruck zu mäßigen, denn ihre zuſammengeballten Finger könnte man mit keinem andern Namen benennen. Auch war im Ausdruck ihrer Augen, die ſie feſt auf Herrn Goldſtein gerichtet hielt, etwas ſo Zorniges und Herausforderndes, daß leicht gebogene oder flach aufgelegte Hände durchaus nicht gepaßt hätten.„Unerhört,“ rief ſie,„das nennt man ja im gewöhnlichen Leben dieſer—“ „Dieſer Herren,“ ſchaltete der Advocat raſch und ge⸗ wandt ein,„Geſchäftsroutine,— wir kennen das!— Wenn es Ihnen aber gefällig iſt,“ wandte er ſich hierauf an die Frau vom Hauſe, welche leiſe, aber ſehr eifrig mit ihrer Tochter ſprach, daß ihre Haubenbänder mitfühlend auf und ab nickten,„ſo wollen wir, um dieſe Angelegenheit nach Recht und Billigkeit zu ordnen, dem Herrn Goldſtein einen an⸗ nehmbaren Vorſchlag machen.“ „Was wird ſein für mich ein annehmbarer Vorſchlag,“ erwiderte dieſer gereizt,„als daß Se mer ausbezahlen meine zwanzigtauſend Gulden oder zurückgeben die Wechſel, damit ich kann einſperren laſſen den ſchlechten Mann ohne Treu und Glauben und ihn kann ſitzen laſſen bis er verkrummt oder erlahmt?“ „Weder das Eine, noch das Andere,“ gab der Advocat mit großer Ruhe und in ſo beſtimmtem Tone zur Antwort, Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 14 210 Einundvierzigſtes Kapitel. daß Herr Moſes Goldſtein erſchrocken zurückfuhr und mit einem fatalen, zweifelhaften Lächeln der Reihe nach alle An⸗ weſenden anſchaute. Als er aber reden wollte, winkte ihm der Advocat mit der Hand und fuhr fort:„Sie müſſen ſich nun einmal entſchließen, die Sachen zu nehmen, wie ſie ſind: weder Frau Wittwe Speiteler, noch ihre Frau Tochter iſt Ihnen das Geringſte ſchuldig; da aber Letztere den Namen des Mannes trägt, mit dem Sie in Geſchäftsverbindung ge⸗ ſtanden, ſo iſt man, ganz freiwillig, nicht abgeneigt, ein Opfer zu bringen, um dieſe Angelegenheit beizulegen; vergeſſen Sie nicht, ganz freiwillig, denn wie der Ehecontract lautet, iſt kein Gericht der Welt im Stande, die Frau des Dr. Hender⸗ kopp haftbar zu machen für die vor der Verheirathung con⸗ trahirten Schulden ihres Mannes.“ „Wenn Se ſo anſehen die Sachen,“ erwiderte der Ge⸗ ſchäftsmann in angenommenem Tone der Entſchloſſenheit, den er in den Augen der Anweſenden noch dadurch zu ver⸗ ſtärken ſuchte, daß er die rechte Hand zwiſchen zwei Knöpfe ſeines Paletots zwängte,„ſo habe ich nichts mehr zu ſagen hier vor Ihnen und auch nichts mehr zu hören in dieſer Angelegenheit. Geben Se mer denn in Gottes Namen meine Wechſel und laſſen Se mer ziehen.“ „Welche Wechſel?“ fragte freundlich der Advocat;„habe ich mit Ihnen Wechſelgeſchäfte, oder hat Ihnen Frau Wittwe Speiteler welche ausgeſtellt?“ „Wie kommen Se mer vor?“ rief Herr Goldſtein zornig; „werden Se doch wiſſen, daß es ſich handelt um die be⸗ wußten Wechſel von Dr. Henderkopp, die Se da haben unter Ihre Papiere!“ „Was ich allenfalls unter meinen Papieren habe, kann Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 211 Sie nicht kümmern, mein lieber Herr Moſes Goldſtein. Das ſind Privatgeſchäfte, die ich mit Herrn Dr. Henderkopp habe, und an den auch Sie ſich gefälligſt halten wollen, da Sie, wie ich höre, nicht geſonnen ſind, unſeren vernünftigen Aner⸗ bietungen Gehör zu ſchenken.“ Nach dieſen Worten faltete er ſeine Papiere und machte Miene, ſie in die Taſche zu ſtecken. „Was,“ rief Herr Goldſtein erſchreckt,„Se wollten mer gewiß und wahrhaftig nicht wiedergeben meine Wechſel? Se wollten dazu die Hand bieten, daß mich auf ſo unverant⸗ wortliche Art beraubt jener ſchlechte Mann?“ „Nennen Sie das, wie Sie es wollen, ich habe nichts mit Ihnen zu thun, als Ihnen im Namen der Frau Wittwe Speiteler einen annehmbaren Vorſchlag zu machen.“ Herr Goldſtein fuhr mit ſeinen Fingern nach dem Kopfe, als wollte er ſich die Haare ausraufen, doch begnügte er ſich damit, ſein Haupt zwiſchen beide Hände zu nehmen und haſtig im Zimmer auf und ab zu rennen. „Bin ich denn gefallen,“ rief er mit kläglicher Stimme, „in die Hände von Räuber? Will man mir nehmen mein bischen ſauer Erworbenes und mich hinausſtoßen in die ſchlimme Welt nackt und hülflos? Habe ich nicht ſchon leiden müſſen genug von jenen ſchlechten Mann und ſeine verfluch⸗ ten Narren? Soll ich hier noch anhören Vorſchläge, die ſo ſein werden, daß ſe mer nicht laſſen mein bischen Verdienſt? Ach, Herr Doctor,“ wandte er ſich an den Advocaten, indem er vor ihm ſtehen blieb,„Se ſind ein Anwalt des Rechts und wollen ſo unrecht handeln an Moſes Goldſtein? Gott der Gerechte, was werden ſein Ihre Vorſchläge? Se werden mer wollen geben für meine guten zwanzigtauſend vielleicht gar nur neunzehntauſend Gulden?“ =— 212 Einundvierzigſtes Kapitel. Der Advocat ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe. „Ich bin ein geſchlagener Mann, nicht einmal neunzehn⸗ tauſend, vielleicht achtzehntauſend fünfhundert? Auch das nicht, Herr Advocat⸗Anwalt? Haben Se ſich vorgenommen, mer zu ruiniren? Sagen Se's gerade heraus, Se wollen mich machen zum Bettler und bieten mer am Ende achtzehn⸗ tauſend Gulden— waih geſchrieen! Ja, verehrter Herr Dr. Berger,“ ſetzte er haſtig mit vor Unruhe zitternder Stimme hinzu,„mit achtzehntauſend Gulden, die Se mer geben wollen, wäre ich gemacht zum Bettler, denn ich habe das Geſchäft nicht gemacht allein, und ich müßte denen, die mir vorgeſchoſſen haben, die Capitalien erſetzen, die vollen zwanzigtauſend Gulden!“— Der Advocat ſah den Andern mit einem ſo lächelnden, humoriſtiſchen Blicke an, daß dieſer, der den Ausdruck wohl verſtand, ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte und nach einem tiefen Seufzer verſtummte. „Sparen Sie ſich die Mühe,“ ſagte Herr Berger,„mit mir auf den Abſtreich zu unterhandeln, und hören Sie, wel⸗ chen Vorſchlag Ihnen Frau Wittwe Speiteler durch mich machen läßt. Glauben Sie mir aber auch, daß uns keine Macht der Erde veranlaſſen kann, Ihnen noch einen Kreuzer mehr zu bewilligen, denn was wir Ihnen bieten, iſt gerecht und billig und vor jedermann zu verantworten.“ Herr Goldſtein hatte ein gelbſeidenes Taſchentuch her⸗ vorgezogen, und nachdem er ſich den Schweiß von der Stirn gewiſcht, legte er die Hände über einander und ſchickte ſich nach einem ſteifen Kopfnicken zu hören an, mit einer Miene, wie ſich uns das Geſicht eines Delinquenten zeigt, der voll⸗ kommen überzeugt iſt, ſein Todesurtheil zu hören, und ſich ——. — Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 213 allenfalls nur noch im Zweifel befindet, ob er gehenkt oder von unten auf gerädert werden ſoll. „Ich höre, ich höre,“ ſagte er in gurgelndem Tone. „Frau Wittwe Speiteler erklärt ſich bereit, Ihnen das Darlehen von achttauſend Gulden in baarem Gelde zu er⸗ ſetzen, zuzüglich ein Drittel Procent Proviſion, wie das ge⸗ bräuchlich iſt, und mit Zinſen von ſechs Procent bis heute gerechnet, damit Sie auch dafür entſchädigt ſind, daß Ihr Schuldner die ſonſt üblichen Zinſen von fünf Procent nicht zur rechten Zeit bezahlte.“ Der Delinquent knickte ſchaudernd zuſammen, ja, in dem Urtheilsſpruche lag, daß er nicht bloß kurzweg gehenkt, ſon⸗ dern von unten herauf gerädert werden ſollte, und dabei müſſen wir eingeſtehen, daß Herr Goldſtein zu ſehr Ge⸗ ſchäftsmann und rechtskundig war, um nicht zu wiſſen, daß von dieſem Urtheil keine Appellation möglich war. Ja, alle Juriſten der Erde hätten einen Proceß für ihn nicht einmal zu dieſem Reſultate bringen können. Hatte er doch keine Beweismittel mehr in Händen, weder Schuldſchein noch Wechſel, nicht einmal mehr die urſprüngliche Schuldver⸗ ſchreibung über achttauſend Gulden. Das Einzige, was ihm blieb, war die erwähnte Nachhypothek, die aber, wie er ganz richtig geſagt, nicht einmal zu Fidibus zu gebrauchen war. „So berechnet,“ fuhr der unerſchütterliche Advocat fort, „macht das an Capital, Proviſion und Zinſen achttauſend fünfhundertundſechs Gulden zweiundvierzig Kreuzer; da Sie aber die runden Summen lieben und Frau Wittwe Speiteler freundlich für Sie geſinnt iſt, ſo bietet man Ihnen netto neuntauſend Gulden, die Sie gleich in Baar empfangen kön⸗ nen und wofür Sie dieſes Document unterſchreiben, in wel⸗ —— — — 214 Einundvierzigſtes Kapitel. chem geſagt iſt, daß der Dr. Henderkopp jeder Verbindlichkeit gegen Sie quitt und ledig iſt.“ Das war ein kleiner Sonnenblick, welcher Moſes Gold⸗ ſtein in dieſer dunkeln Stunde leuchtete, nur ein kleiner, ganz unbedeutender, aber doch war es ein Sonnenblick. Um aber die Anweſenden nicht ſehen zu laſſen, daß der Wieder⸗ ſchein deſſelben ſeine düſtern Züge berührte, preßte er ſeine rechte Hand mit ſeinem gelbſeidenen Schnupftuche vor ſeine Augen und verharrte in dumpfem Schweigen. Madame Speiteler, die, der zunehmenden Beweglichkeit ihrer Mienen nach, ſchon lange gern hätte ſprechen wollen, klopfte, ehe ſie dies that, entſchieden mit ihrer Fauſt auf den Tiſch und ſagte alsdann in einem ſo beſtimmten Tone, daß er den Betreffenden ordentlich anfröſtelte:„So ſoll es ſein, keinen rothen Heller mehr, und keine guten Worte ſollen Sie ihm geben, das anzunehmen. Einfach ſoll er ſagen ja oder nein. Ich habe des Gefaſels ſatt, und wenn er nein ſagt, wie ich faſt hoffe, ſo ſoll er meinetwegen zum Teufel gehen, wohin er gehört!“ Herr Goldſtein ließ Hand und Schnupftuch niederſinken und zeigte den Anweſenden eine entſchloſſene Miene, dann ging er, obgleich etwas wankenden Schrittes, doch ziemlich direct nach dem Stuhle zu, wo er ſeinen Hut gelaſſen, nahm dieſen in die Hand, trat wieder vor den Tiſch hin und ſprach in einem Tone, der feſt klingen ſollte, durch den aber eine tiefe Bewegung zitterte:„Einfach will ich alſo reden, wie es Madame gewünſcht, und einfach will ich ſagen, ich nehme das Anerbieten nicht an, der Gott meiner Väter ſoll mer helfen!“ Damit wandte er ſich um und ging nach der Thür. Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 215 Die Frau des Hauſes blickte einigermaßen erſtaunt in die Höhe, wogegen der Advocat mit einem zuverſichtlichen Lächeln ſeine Uhr hervorzog und zu dem Abgehenden ſagte: „Ich habe noch eine halbe Stunde hier zu thun. Kommen 3 Sie bis dahin nicht wieder, um Ihr Geld in Empfang zu nehmen und das Document zu unterſchreiben, ſo iſt unſer Geſchäft ein- für allemal abgebrochen.“ „Ich werde aber nicht wieder kommen,“ gab Herr Gold⸗ ſtein, der die Thürklinke in der Hand hatte, mit dumpfem Tone zur Antwort.„Aber etwas ſollen Se mer nicht ver⸗ geſſen, Herr Dr. Berger und die Damen, die hier anweſend ſind,— wiederkommen werde ich nicht, aber wiederſehen ſollen Se mich, wiederſehen als Leiche, wenn man mer haben wird gezogen aus dem Waſſer, wohin mich treibt die unverant⸗ wortlich grauſame Behandlung. Und wenn Se es verant⸗ worten wollen jenſeits vor dem großen Richter, ein Menſchen⸗ leben ausgelöſcht zu haben um ein paar Tauſend lumpige Gulden, ſo kann es dem armen Goldſtein recht ſein. Hätten Se mer nicht bieten müſſen nach Recht und Billigkeit fünf⸗ zehntauſend Gulden oder wenigſtens zwölftauſend Gulden, um mich zu erretten vom Tode, oder zehntauſend Gulden, daß mer etwas blieb, um wieder anzufangen ein ganz kleines miſerabliges Geſchäft? Se wollen mer nicht geben zehntauſend Gulden? Gut denn, Gott, der gerechte Richter,“ fügte er mit ſchrecklicher Reſignation hinzu,„ſoll jenſeits abrechnen mit Ihnen!———— Se wollen mer nicht geben die zehntauſend Gulden?“ „Nein, nein!“ rief der Advocat ungeduldig. „So leben Se wohl!“ 8 Herr Goldſtein zog die Thür haſtig hinter ſich zu, und — —— ——— —-ůÿ— 216 Einundvierzigſtes Kapitel. hierauf war es den beiden Damen auffallend, daß der Ad⸗ vocat mit weit ſtärkerer Stimme, als er gewöhnlich zu ſpre⸗ chen pflegte, ihnen ſagte:„Seien wir froh, daß er unſere Bedingung nicht angenommen hat, wir haben neuntauſend Gulden gewonnen, und er wird früh genug einſehen, daß er dieſe neuntauſend Gulden ins Waſſer geworfen; mag er kla⸗ gen, wo er will, er wird kein Recht bekommen.“ „Und nicht wollen Se mer geben neuntauſend fünf— hundert Gulden?“ vernahm man noch einmal die Stimme des unglücklichen Geſchäftsmannes, welcher ſeinen Kopf zur Thür hereinſtreckte und in kläglichem Tone wiederholte:„Bei Gott, nicht einmal neuntauſend fünfhundert Gulden?“ Herr Berger zog in ſehr langſamem Tempo ſeine Uhr heraus und meinte, nachdem er einen prüfenden Blick auf das Zifferblatt geworfen:„Von der Ihnen bewilligten halben Stunde ſind ſchon zehn Minuten verfloſſen; Sie haben ge⸗ rade ſo viel Zeit, um ſich unſer Anerbieten draußen vor dem Hauſe in der friſchen Luft noch einmal zu überlegen. Sind aber die dreißig Minuten vorüber, ſo könnten Sie ſich an⸗ bieten, das jetzt noch gewünſchte Document um neunhundert Gulden zu unterſchreiben, und ich würde es Ihnen im Na⸗ men der Frau Wittwe Speiteler verweigern.“— „Nicht einmal neuntauſend und einige Hundert?“ ſchluchzte der Geſchäftsmann, indem er ſich zu der halb geöffneten Thür⸗ ſpalte hereinwand.„So will man mich denn treten wie einen armen Hund und hält mir dazu einen ärmlichen Brocken vor das Maul, nach dem er ſchnappen muß, weil ſeine Ein⸗ geweide ausgedörrt ſind vor Hunger! Was kann er machen, der arme Goldſtein?“ „Schweigen, das Geld nehmen und unterſchreiben!“ au gã Ro als Moſes Goldſtein's dunkle Stunde. 217 erwiderte der Advocat.„Hier ſind neuntauſend Gulden in wohlgezählten Caſſenbillets und da das Document.“ Herr Goldſtein ſchob ſich langſam und in einer Schlangen⸗ linie gegen den Tiſch hin, wobei er den Kopf bald auf dieſe, bald auf jene Seite hinneigte und ſeine Hände tief in die Taſchen ſeiner Beinkleider vergraben hielt, um dieſe zu zwingen, daß ſie ja nicht zu voreilig nach den winkenden Caſſenſcheinen griffen. Endlich war er dem Advocaten ſo nahe gekommen, daß er ſeinen Entſchluß, das dargebotene Geld zu nehmen, kund thun mußte und dies auch that, indem er mit der Rech⸗ ten die Feder ergriff, während er die ausgebreitete Linke raſch auf die Caſſenſcheine legte; dann durchflog er das Document mit geübtem Auge, ſeußzte tief auf und unterſchrieb raſch ſeinen Namen. Mit einer nicht mindern Gewandtheit überzählte er raſch die koſtbaren Papiere, und ehe man wußte, wie das geſchehen, waren ſie ſchon in der weiten Bruſttaſche des grauen Paletots verſchwunden. Der Advocat hatte die Unterſchrift des Herrn Goldſtein auf dem Documente mit den Unterſchriften auf den Wechſeln prüfend verglichen und faltete dann das erſtere gelaſſen zu⸗ ſammen, um es zwiſchen ſeine Papiere zu legen. Was die Wechſel anbelangte, ſo betrachtete ſie der Ge⸗ ſchäftsmann des Dr. Henderkopp mit lüſternem Blicke und ſagte nach einer kleinen Pauſe, während er ſeinen Kopf ſtark auf die linke Schulter neigte:„So ſind ſe jetzt geworden gänzlich unnütz, dieſe ſchönen, gültigen Wechſel, nur noch eine Rarität für den Liebhaber! Würden Se ſe mer nicht ſchenken als Rarität, um ſe einzukleben in mein Album, um mich zu erin⸗ nern an eine Zeit, die mir hat gemacht vielen Kummer?“ 218 Einundvierzigſtes Kapitel. Der Advocat blickte ſeinen Clienten lächelnd an und verſetzte:„Lieber Herr Moſes Goldſtein, auch wir ſind Lieb⸗ haber von Raritäten, und ich bin überzeugt, Dr. Henderkopp wird dieſe Papiere in Erinnerung an Sie ebenfalls ſorgfältig aufheben.“ Dabei machte er eine nicht zu mißkennende Hand⸗ bewegung, begleitet von einer Neigung des Kopfes, die denn auch Herr Goldſtein verſtand und ſich langſam gegen die Thür zurückzog, nicht aber ohne vorher noch zu ſagen:„Die verehrten Anweſenden, denen ich mich aufs allerbeſte empfehle, werden mer zugeben müſſen, daß ich kullant(coulant) ge⸗ handelt habe, wie nur handeln kann ein Geſchäftsmann von Umſicht, der nicht bloß auf die Vergangenheit ſieht, ſondern auch ins Auge faßt die Zukunft. Und wenn in dieſer Zu⸗ kunft, die für uns alle glücklich ſein möge, die Dienſte des gehorſamſten Goldſtein gewünſcht werden ſollten, ſo wird er ſich bemühen, in anerkannter Brauchbarkeit und Redlichkeit zu wahren das Intereſſe ſeiner Kunden. Leben Se wohl!“ Damit war er verſchwunden. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Familienrath. Als ſich die Thür hinter Herrn Goldſtein geſchloſſen, ſchlug Frau Wittwe Speiteler ihre Hände zuſammen und rief aus:„Ich habe in der That nicht gewußt, daß es ſolche Menſchen gibt. Wenn ich auch hier und da von ihnen hörte, ſo glaubte ich, das ſei Uebertreibung oder es wäre wenigſtens niemand dumm genug, ſich auf dieſe Weiſe in den Abgrund locken zu laſſen.“ „Daß dies auch geſcheiten Leuten geſchehen kann, davon hat uns im vorliegenden Falle Dr. Henderkopp ein genügen⸗ des Beiſpiel gegeben. Aber was wollen Sie, meine liebe Madame? Es iſt das wie der Strohhalm, nach dem der Er⸗ trinkende greift, und nehmen Sie die Sache hier, wie ſie vorliegt, ſo müſſen Sie zugeben, daß ohne das Eintreten der verſchiedenen Zufälligkeiten dem Doctor ſo wie dem Andern das Geſchäft gelungen wäre. Nehmen Sie an, Henderkopp hätte Sie und Ihre Frau Tochter nicht durch ſein abſtoßen⸗ des Weſen verletzt und es wäre nicht ſchon ſo bald zu Auf⸗ — 5 —y 220 Zweiundvierzigſtes Kapitel. klärungen gekommen, wie hätte ſich alsdann die Sache ge⸗ ſtaltet? Sie übergaben das Heirathsgut Ihrer Tochter, zwan⸗ zigtauſend Gulden, vertrauensvoll in ſeine Hände, er bezahlte damit ſeine allerdings ungeheuerlich angewachſene Schuld und hatte ſich von dem Augenblicke an wieder vollſtändig herausgeriſſen— deſſen kann ich Sie verſichern,“ betheuerte der Advocat auf einen Blick des Zweifels und ein Achſel⸗ zucken der Wittwe,—„ſeine übrigen Paſſiva ſind nicht der Rede werth, und ſeine Anſtalt, der allerdings in einzelnen Theilen noch nachzuhelfen wäre, und wozu er auch den beſten Willen hatte, verſprach einen guten Aufſchwung zu nehmen, gewiß, meine liebe Madame Speiteler. Ich ſprach darüber mit Leuten, die das ganz genau verſtehen, und nachdem ich Einſicht in ſeine Bücher genommen, würde ich, ein gewiß vorſichtiger Geſchäftsmann, durchaus keinen Anſtand nehmen, ihm eine nothwendige Summe zu verſchaffen.“ Frau Wittwe Speiteler ſchüttelte langſam und bedächtig ihren Kopf und ſagte alsdann:„Ihren Worten glaube ich, aber es iſt nicht dieſe Geldangelegenheit, welche mich veran⸗ laßt, meine Tochter bei mir zu behalten; pah, was wäre es auch geweſen, wenn man die zwanzigtauſend Gulden voll⸗ ſtändig verloren hätte! Sophie iſt mein einziges Kind und hat mehr als das Doppelte von dem zu erwarten, was ich ihr als Heirathsgut beſtimmte. Glauben Sie mir, ich habe mit dem Manne geſprochen, wie es eine Mutter ja nur mit ihrem eigenen Sohne vermag; ich habe es ihm nahe gelegt, mir zu ſagen, daß er vielleicht Schulden habe und daß ihm ein kleines Capitälchen wohl ſehr dienlich ſein könnte, alte Schäden zu heilen. Sehen Sie, lieber Herr Doctor,“ fuhr die Frau mit bewegter Stimme fort,„wenn man ſeine ich iß Familienrath. 221 — Schwiegermutter anzuſehen beliebt, wie es ſein ſollte, ſo muß man es doch für keine Schande halten, ihr die Hand zu drücken und zu ſagen: da und da fehlt es, helfen Sie mir, denn was Sie an Ihrem Schwiegerſohn thun, kommt an Ihrer Tochter und an Ihren Enkeln wieder herein.— Aber da ſteckte der Knoten,“ ſagte Madame Speiteler, wärmer werdend, in lauterem Tone,„da ſtellte er ſeinen Hochmuth gegen uns hin, kalt, glatt und undurchdringlich wie ſeine blauen Brillengläſer; dann lächelte er, und dieſes Lächeln gab mir jedes Mal einen Stich ins Herz.“ „Ja, ja, Mutter, mir auch,“ ſeufzte Sophie. „Dann lächelte er und machte dazu ein Maul, als wollte er ſagen: ich bedauere, ſolche Anträge von Ihnen hören zu müſſen; dann hob er ſeine Naſe empor, zehn Procent über die Möglichkeit, und ſprach von der reichen und berühmten Familie Henderkopp. Du mein Himmel und meine Güte, ich könnte mir alle Haare herausreißen, daß ich mich von ſo einem Menſchen hinter das Licht führen ließ! Wiſſen Sie, Doctor, wo er herſtammt?“ „Ich weiß das, liebe Frau,“ erwiderte der Advocat be⸗ ſchwichtigend,„und Sie haben auch Recht in allen Dingen, und ich kann nur allenfalls zu ſeinen Gunſten hinzufügen, da er leider einmal A geſagt hatte, ſo mußte er im Alpha⸗ bete fortfahren, wobei es denn ſehr natürlich war, daß, wenn er Gelder brauchte, er ſich zuerſt an den reichen Banquier Henderkopp in Amſterdam, glaube ich, oder Rotterdam, wandte. Hochmuth kommt vor dem Falle, iſt ein wahres Sprichwort, und eben Hochmuth und Eitelkeit ſind die ſchlimmſten Fehler Henderkopp's.“ Frau Wittwe Speiteler hatte ihre Hände zuſammen⸗ — — ————— — 3 — 222 Zweiundvierzigſtes Kapitel. gefaltet in den Schooß gelegt und blickte mit etwas umflor⸗ tem Auge zu dem Portrait ihres ſeligen Mannes empor. „Die Geſchichte,“ ſagte ſie,„bringt mich um alle Reputation; ſeit Sophie zurück iſt, wage ich gar nicht mehr, auszugehen, nicht einmal in die Kirche, denn das Gefrage, was ich ſchon hier im Hauſe anhören muß, und das Mitleidigthun von all den Weibsbildern, aus deren Augen ich doch deutlich leſe, daß ſie mir ſagen möchten: dir iſt dein Recht geſchehen, iſt nicht zu ertragen. Aber ſagen Sie mir, Doctor,“ fuhr ſie nach einer Pauſe lebhaft fort,„warum iſt die Welt ganz anders geworden und warum werden die Menſchen täglich ſchlechter?“ „Das kann ich Ihnen Beides nicht zugeben,“ erwiderte freundlich der Advocat;„unter gleichen Umſtänden hat man wohl vor achtzig Jahren gerade ſo gehandelt wie jetzt.“ „Nein, nein,“ unterbrach ihn eifrig die Wittwe,„da⸗ gegen kann ich Ihnen ein lebendiges Beiſpiel anführen. Der ſelige Speiteler, Gott möge ihm Frieden ſchenken, ſtand vor⸗ mals in gleichem Verhältniſſe zu meinen Eltern, wie der Andere jetzt zu mir; ich, ein junges, naſeweiſes Mädchen, horchte an der Thür, als der Speiteler mit meinem Vater eine Unterredung hatte, nachdem ich meinen Eltern erklärt, wenn ſie mir den Speiteler nicht gäben, ſo nähme ich gewiß und wahrhaftig keinen Andern.“ Der Doctor hob lächelnd ſeinen Zeigefinger in die Höhe, womit er ſagen wollte: darin ſind die Verhältniſſe ſchon nicht ganz die gleichen. „Mein Vater nun,“ fuhr die Frau vom Hauſe fort, de⸗ ren Augen in Erinnerung an dieſe glückliche Zeit förmlich leuchteten,„hatte den Speiteler, wie er mir ſpäter ſelbſt ſie anz lich erte nan Familienrath. 223 erzählte, lächelnd am Kragen gefaßt, ihn ein wenig geſchüt⸗ telt und ſprach zu ihm: ‚Er Sappermenter hat meiner Rieke den Kopf verrückt, Er, ein armer Knecht, der Tochter ſeines Meiſters. Weiß Er wohl, daß ich Ihm jetzt von Rechts wegen ſein Wanderbuch ſollte nach Regensburg viſiren laſſen, wo Er her iſt und wohin man Ihn auf dem Schube bringen müßte?— Schon wollte ich in meiner Angſt die Thür öffnen und dazwiſchen fahren, da hörte ich aber, wie der Speiteler, er ſprach ſonſt nie viel, dieſes Mal wunderſame Courage zum Reden hatte und meinem Vater dies und das von unſerer Liebe, von gegenſeitigem Verſprechen und was weiß ich alles vorſchwätzte, und wie er am Schluſſe ſagte: ‚Ja, es iſt wahr, haben thu ich nichts, als meine beiden geſchickten Hände und in meinem Herzen eine ungeheure Liebe zu der Rieke, von der ich auch nun und nimmermehr laſſen werde.“ Und darauf rief mein Vater lachend: ‚Und ſonſt hat Er gewiß auch noch was, was ich zuerſt wiſſen muß, ehe ich mich auf ein weiteres Wort einlaſſe, Schulden hat Er wahrſcheinlich auch noch einige? Nun ſehen Sie, Herr Doctor, hätte der Speiteler, Gott habe ihn ſelig, damals auch ſo ein geziertes Maul gemacht und zu meinem Vater geſagt: mein lieber Herr, das ſind meine Angelegenheiten, mit denen ich Ihnen gewiß nicht zur Laſt fallen werde,— ja, ich glaube wahrhaftig, er wäre ernſthaft am Kragen genommen worden und vor die Thür gekommen, ehe er ſich deſſen nur verſehen hätte— vor die Thür, wo ich ſtand, und da wäre es noch die große Frage geweſen, ob ich ihn in meinen Armen aufgefangen hätte, oder ihn nicht lieber, da er doch einmal im Schuß war, gleich die Treppe hinab befördert. Aber der ſelige Speiteler ſprach anders, er nannte auf Heller und Pfennig die kleine Summe, — 9 3 8 8* “ 8 e 2 1 5 = —OO‧OZQOQAůOↄ-/aYei——QCO,O— ò 224 Zweiundvierzigſtes Kapitel. die er ſchuldig war, und das habe ich Ihnen nur ſagen wollen 3 — ſo waren dazumal die Zeiten.“ 4 Frau Speiteler ſchwieg mit einem Blicke großen Selbſt⸗ 3 bewußtſeins, wobei ſie mit ihren beiden Händen die Schürze b auf ihrem Schooße glatt ſtrich. Dr. Berger nickte ihr nach dieſer Erzählung wohl bei⸗ 4 ſtimmend zu, aber ohne die Antwort zurückzuhalten:„Das V 1 war alles recht ſchön und ehrlich und gut, aber Sie werden V w mir zugeben, daß die Verhältniſſe zwiſchen dem Schwieger⸗ u ſohne Ihres Vaters und Ihrem eigenen auch nicht annähernd 1 die gleichen ſind. Gewiß bin ich nicht blind für die großen di Fehler Henderkopp's, doch muß ich wiederholen, daß die meiſten ei derſelben aus einem allerdings unbegründeten Hochmuthe ent⸗ 8 ſprangen und aus der Sucht, mehr ſcheinen zu wollen, als be er wirklich iſt.“ fin „O nein, das iſt es nicht allein,“ miſchte ſich Sophie 81 ſchüchtern in das Geſpräch;„er hat ein grauſames und ei ſchlechtes Herz, und als ich das erfahren, habe ich mich ſo ter von ihm abgewandt gefühlt, daß es mich ſchaudert, wenn ich dr ſeinen Namen nur ausſprechen höre, daß ich ihn jetzt haſſe, do was ich früher nie gethan!“ De „Hören Sie, hören Sie,“ gab der Advocat mit aufge⸗ au 6 hobenem Zeigefinger zur Antwort,„man iſt zu leicht geneigt, Al nur nach dem Scheine oder nach dem erſten Eindrucke zu her urtheilen, beſonders über jemand, gegen den man ſchon vor⸗ Th weg eingenommen iſt, und das ſcheint mir leider— leider, für den Doctor nämlich, bei Ihnen der Fall zu ſein.“. als „Was braucht man nach dem Scheine zu urtheilen, wo zer Thatſachen ſprechen!“ erwiderte die unglückliche junge Frau V dn in ſo entſchiedenem Tone, wie man bisher nicht an ihr gewohnt bin Familienrath. 225 geweſen;„kann er die Grauſamkeit und Herzloſigkeit ableug⸗ nen, mit der er im Allgemeinen ſeine Kranken behandelt und mit der er ſich insbeſondere gegen jenen unglücklichen Italiener benommen?“ „Ah, verzeihen Sie, mein—“ erwiderte der Doetor, und ſetzte gleich darauf lächelnd hinzu:„faſt hätte ich geſagt, mein Fräulein, das iſt ein Kapitel, bei deſſen Unterſuchung wir ſo tief ins Wiſſenſchaftliche hineingerathen könnten, daß uns bald der Boden fehlen würde. Die Gelehrten ſind noch nicht darüber einig, neigen ſich aber ſehr der Anſicht zu, daß die Behandlung einer gewiſſen Claſſe von Wahnſinnigen mit einer Feſtigkeit des Willens durchgeführt werden ſoll, die an Härte ſtreift, ſo wie mit einer Energie, welche ein Dritter, der in die Verhältniſſe nicht vollkommen eingeweiht iſt, wohl für Grauſamkeit halten könnte. Glauben Sie mir,“ ſetzte er ernſt hinzu,„es iſt keine kleine Aufgabe, der Vorſtand einer Irren⸗Anſtalt zu ſein, und es kann dieſem oft ergehen wie uns ſelbſt bei der Erziehung geliebter Kinder, deren Un⸗ arten wir lange mit Milde gerügt und die wir uns endlich doch genöthigt ſehen, tüchtig zu beſtrafen. Was aber dem Doctor bis jetzt in ſeiner Anſtalt fehlte, das war eine ſanfte, ausgleichende, weibliche Hand, die er auch gefunden zu haben glaubte, und auch wirklich fand, als das Unglück über ihn hereinbrach.— Er iſt bei all ſeinen Fehlern doch in der That zu beklagen!“ Sophie blickte dem Redner frei und offen in das Geſicht, als ſie ihm erwiderte:„Mir dort einen Wirkungskreis zu gründen, dieſer Gedanke allein hätte mich wieder aufrichten können, nach all dem Niederdrückenden, das über mich herein⸗ brach.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 15 226 Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Es wäre in der That ſo übel nicht geweſen,“ meinte Frau Wittwe Speiteler nachdenklich,„und mir ſelbſt hätte es in meinen alten Tagen Vergnügen gemacht, draußen in dem Garten zu ſitzen, deſſen Verwilderung mit wenig Mühe abzuhelfen geweſen wäre, und den ſonderbaren Käuzen auf ihre komiſchen Grillen tüchtig zu antworten; ich wollte ihm ein Dutzend Wärter erſpart haben.“ „Auch daran hat er vielleicht gedacht,“ ſagte der Advocat geſchmeidig,„doch, wie geſagt, ſein lächerlicher Hochmuth hat alles das und damit ſeine ganze Zukunft zerſchlagen. Da wir das gründlich einſehen,“ fuhr er in einem entſchiedenen Tone fort,„ſo kommen wir alſo, wie Sie ſo dringend ge⸗ wünſcht, auf das Geſchäftliche der Scheidung.“ „Gewiß,“ erwiderte Sophie, doch nicht in ſo beſtimm⸗ tem Tone, als ſie vorher geſprochen.„Ehe Sie aber darüber reden,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort,„muß ich mir erlauben, die Anklage gegen ihn wegen Härte und Grauſam⸗ keit im vollſten Umfange aufrecht zu erhalten; Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, Herr Doctor, wie er jenen armen Italiener behandelte?“ „Auch das weiß ich, leider weiß ich es, Verehrteſte, doch muß ich nochmals wiederholen, der Schein trügt, und auch für die Behandlung Henderkopp's gegenüber dem eben Er⸗ wähnten läßt ſich eine Entſchuldigung finden. Doch iſt das eine kleine Geſchichte, die ich Ihnen erzählen müßte.“ „Henderkopp hat in Ihnen einen vortrefflichen Anwalt gefunden,“ verſetzte Sophie ſpitzig,„es iſt vielleicht gefähr⸗ lich, ſie zu hören.“ „Ah was,“ ſagte ihre Mutter,„der Doctor iſt der lang⸗ jährige Freund unſeres Hauſes, und ich habe ſolche Beweiſe, Familienrath. 227 daß er's gut mit uns meint, daß ich an ihn glaube faſt wie an das Evangelium. Nicht wahr, Doctor, Sie meinen es gut mit uns?“. Sie reichte ihm ihre breite Hand über den Tiſch hin, und während er ſeine feinen Finger hineinlegte, erwiderte er beinahe mit gerührter Stimme:„Zwietracht ſäen und Haß vergrößern iſt außerordentlich leicht, aber nicht das Geſchäft eines braven Mannes, und es freut mich, wenn ich Ihnen als ein ſolcher bekannt bin. Was nun den Italiener anbe⸗ langt,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen in ſeinem gewöhnlichen Tone fort,„ſo habe ich das Wahre an dieſer Geſchichte nicht allein von Henderkopp, ſondern auch von andern ſehr glaubwürdigen Freunden. Dieſer Ita⸗ liener, der ſich Marcheſe Gaetano Fontana nannte, erſchien in hieſiger Stadt vor ein paar Jahren in ganz eigenthüm⸗ lichen, traurigen Verhältniſſen, und zwar in Begleitung eines andern Fremden, der ſich ſeinen Freund nannte, und mit ihm, der damals ſehr krank und elend war, in einem kleinen Gaſt⸗ hof der Vorſtadt abſtieg. Statt aber zu dem Kranken einen der gewöhnlichen Aerzte zu rufen, erſchien dieſer angebliche Freund bei Dr. Henderkopp und erſuchte ihn, den Andern in ſeine Anſtalt aufzunehmen, von dem er ausſagte, derſelbe leide an periodiſchem Wahnſinn, der zuweilen in Tobſucht ausbräche, ſich in ruhigen Zeiten aber in der fixen Idee äußere, als ſei der Kranke der Marcheſe Gaetano Fontana. Natürlicher Weiſe erklärte ſich der Doctor bereit, ihn bei ſich aufzunehmen, und ließ ihn mit aller Sorgfalt zu ſich bringen. Hier zeigte es ſich nun, daß der Kranke ein gefährliches ner⸗ vöſes Fieber hatte, das ihn Monate lang ans Lager feſſelte und von welchem er ſo geſchwächt erſtand, daß es nach ſeiner 228 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Geneſung lange Zeit brauchte, ehe man ihn dazu bringen konnte, Mittheilungen aus ſeiner Vergangenheit in Betreff ſeines früheren Lebens zu machen; ſobald er aber anfing, dieſes zu thun, trat auch ſogleich die fixe Idee, deren jener Freund, welcher ihn gebracht, erwähnt hatte, daß er der Marcheſe Gaetano Fontana ſei, zu Tage. Was nun jenen Freund betrifft—“ „Der mir ein ſchlechter Kerl geweſen zu ſein ſcheint,“ konnte ſich Madame Speiteler, die mit großer Aufmerkſamkeit zugehört hatte, nicht enthalten einzufügen. Kopfnickend fuhr der Advocat fort:„Was Jenen anbe⸗ langt, ſo hatte er eine Summe zurückgelaſſen, welche mehr als ausreichend war, um die Koſten für das erſte Jahr ſeines Aufenthaltes zu beſtreiten, und die Verſicherung gegeben, daß nach Ablauf deſſelben die künftigen, genügenden Zahlungen pünktlich geleiſtet werden würden. Das geſchah denn auch, und zwar kamen ſie von Neapel her, eingeſandt von einem Collegen von mir, dem Advocaten Bertucci, welcher dabei aus der Vergangenheit des Unglücklichen berichtete, derſelbe ſei aus einer ganz ordentlichen Familie, habe aber die fixe Idee, er ſei der Marcheſe Gaetano Fontana. Dieſe fixe Idee, fügte er hinzu, hätte den Kranken ſo wie die Mitglieder dieſer hochachtbaren und vornehmen Familie ſchon in große Verdrießlichkeiten gebracht, weßhalb man den Dr. Henderkopp, den Vorſteher der eben ſo bekannten als berühmten Irren⸗ Anſtalt bäte, den Kranken vorläufig bei ſich zu behalten und alle Verſuche zu machen, ob ſeine gänzliche Wiederherſtellung nicht möglich ſei. Dabei wurde Dr. Henderkopp noch ganz beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß Monate vergehen könnten, ehe die unglückliche fixe Idee bei ihm zum Vorſchein Familienrath. 229 käme, und daß man ſich nicht täuſchen möge, wenn er in dieſer Zeit ſo ruhig und beſonnen ſpräche, wie man es nur von dem vernünftigſten Menſchen verlangen könne.“ „Das iſt allerdings ſeltſam,“ meinte Frau Wittwe Spei⸗ teler,„und da wahrſcheinlich die Gelder für den Unglück⸗ lichen regelmäßig einliefen, ſo mochte ſich der Doctor viel— leicht keine große Mühe geben, einen ſo guten Penſionär zu verlieren.“ „Gewiß, und um ſo weniger,“ ſagte Herr Berger,„da mir Dr. Henderkopp verſicherte, er habe bisher nie daran gezweifelt, daß jener Kranke wirklich an periodiſchen Geiſtes⸗ ſtörungen gelitten habe.“ „Und jetzt zweifelt er nicht mehr daran?“ „Seitdem ihm von der glaubwürdigſten Seite die Be⸗ weiſe zugegangen ſind, daß jener Kranke wirklich der Mar⸗ cheſe Gaetano Fontana iſt, hat er, und ich muß hinzuſetzen, zu ſeinem nicht geringen Schrecken eingeſehen, daß ſich hier einer jener Fälle wiederholt hat, wo ſelbſt die tüchtigſten Aerzte nicht im Stande waren, die Wahrheit von einem entſetzlichen Irrthum zu unterſcheiden, Fälle, deren Anzahl leider groß iſt, von denen mir ſelbſt in meiner Praxis einige vorgekommen, unter anderen, wo ich von jemand vor Zeugen ein gültiges Teſtament aufnahm, worin der Teſtator, der ſo arm wie eine Kirchenmaus war, über Hunderttauſende verfügte.“ „Ja, ja,“ ſagte die Frau nachdenkend,„ich habe in der Komödie einmal was Aehnliches geſehen, wo Einer, der ſelbſt nicht recht bei Troſte iſt, ſeine Frau für wahnſinnig ausgibt, und wo ihm alle Welt und auch ich unbedingt glaubte. Weißt du wohl, Sophie, wie lange es der Freund deines Vaters, 230 Zweiundvierzigſtes Kapitel. der Kaufmann Eckeberg getrieben, und daß er beinahe ſein ganzes Vermögen verſchleudert hatte, ehe man auf die rich⸗ tige Idee kam, daß er ins Narrenhaus gehöre?“ „Aber Er mit ſeiner klaren Ueberſicht, mit ſeinem Wiſſen, deſſen er ſich ſo oft gegen uns gerühmt,“ verſetzte Sophie, „er, der Jahre lang mit Jenem zuſammenlebte, er hätte in dieſem Falle das Wahre vom Falſchen unterſchieden, wenn es ihm nur darum zu thun geweſen wäre.“ Der Advocat zuckte leicht mit den Achſeln.„Ich will Ihnen zugeben,“ ſagte er alsdann,„daß man, dieſe Sache mit großer Strenge genommen, allerdings dem Doctor den Vorwurf machen könnte, als habe er einer andern Perſon zu viel Glauben geſchenkt. Dagegen läßt ſich aber wieder anführen, daß er von der Krankheit des Marcheſe vollkommen überzeugt zu ſein glaubte, und daß, wenn allenfalls leichte Zweifel in ihm darüber aufſtiegen, dieſe wieder verwiſcht wurden durch das heftige, rückſichtsloſe Auftreten des Kran⸗ ken, durch deſſen Zorn, der ſich häufig bis zur Wuth ſtei⸗ gerte, und dem alsdann jedes Mal eine Abſpannung folgte, wo er unzugänglich für jedermann wochenlang jede Geſell⸗ ſchaft, jede Unterhaltung mied, und Tage lang an einer der vergitterten Oeffnungen der Gartenmauer ſitzen konnte, um hinaus ins Weite zu ſchauen.“ „Der arme Mann,“ ſprach Sophie, indem ſie nachdenkend vor ſich niederblickte,„was mag er gelitten haben!“ „Und wo iſt er jetzt?“ fragte Madame Sypeiteler. „Bei einem meiner Clienten, der auch Ihnen bekannt iſt, bei dem Herrn von Scherra, ich glaube, er war neulich bei der Feſtlichkeit anweſend.“ Die Frau vom Hauſe nickte ſtumm mit dem Kopfe. en 2 2 —— u Familienrath. 231 ein Der Advocat hatte ſich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt ch⸗ und bewegte die Fahne einer Feder, die er in der Hand hielt, leicht vor ſeiner Naſe hin und her.„So ſtehen nun die en, Sachen,“ bemerkte er alsdann;„als ein Geſchäftsmann, der zie, es mit ſeinen Parteien gut meint, habe ich Ihnen nach beſtem in Gewiſſen das Für und Wider dargelegt und bin nun bereit, inn Ihre Aufträge Behufs einer Scheidung entgegen zu nehmen. Daß dieſe Scheidung ein unangenehmes Aufſehen erregen —ill wird, brauche ich Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen.“ che„Wir haben eine Probe davon,“ gab Madame Speiteler den verbittert zur Antwort,„und größer als der Scandal ſchon ſon iſt, kann er nicht leicht werden.“ der„O doch, meine liebe Madame,“ entgegnete ſanft Herr nen Berger.„Man flüſtert ſich allerdings hie und da zu, Ihre hte V Tochter ſei am Tage nach der Hochzeit zu Ihnen zurückgekehrt, ſcht zugleich aber erzählt man ſich, daß es draußen aus Anlaß an⸗ der Feſtlichkeiten, wobei man auch den armen Kranken einige tei⸗ Freiheit gegönnt, zu tumultuariſchen Auftritten gekommen ſei, gte, V in Folge deren die junge Frau heftig erſchreckt für einige Tage elle die Anſtalt verlaſſen, nur für einige Tage, bis dort unter der der feſten Hand des Doctors alles wieder ins Reine gebracht um V ſei; eine Lesart,“ ſetzte der Advocat mit einem vielſagenden Lächeln hinzu,„die ich nach beſten Kräften unterſtützte.“ end„Und warum das?“ fragte die Wittwe. „Weil man ſeine Brücken nie gänzlich hinter ſich abbre⸗ chen ſoll, weil der Act der Scheidung ein ſehr ernſter Act unt iſt, und weil, wie ich ganz genau weiß, Henderkopp ſeine lich Verirrungen aufrichtig bedauert.“ „Der etwas aufrichtig bedauern, was er gegen uns ge⸗ than? Gegen eine Familie, die ſo tief unter der reichen Sipp⸗ alankge te Velle. 8„* 8 5 2——8öIYIIIIöI 4 — 2„ 6 —— —y — — — ,“ 4 —* Zweiundvierzigſtes Kapitel. ſchaft von Amſterdam und Rotterdam ſteht? Es wäre zum lachen, wenn man nicht lieber darüber weinen möchte. Hat er vielleicht abermals Luſt, mit meinem Gelde ſeine übrigen Schulden zu bezahlen?“ „Ich glaube das nicht,“ erwiderte Herr Berger,„denn er iſt, wenn auch mit Bedauern, doch ſo vollkommen über⸗ zeugt, Sie und Ihre Tochter aufs gröblichſte verletzt zu haben, daß an eine Ausgleichung in der Art, wie die durch Ihre Antwort angedeutete, wohl nicht zu denken iſt.“ „Mit Bedauern?“ warf Sophie in einem ſßöttiſchen Tone ein. „Daß er allerdings darauf gerechnet hat,“ fuhr der Ad⸗ vocat fort,„ſeine Anſtalt mit dem Vermögen, das ihm ſeine Frau zubrachte, emporzubringen, leugnet er durchaus nicht, und da das jetzt vielleicht aus und vorbei iſt, ſo ſcheint er mir geſonnen, irgend einem Andern die ganze Geſchichte zu übergeben und die Stadt zu verlaſſen, die für ihn ſo unan⸗ genehme Erinnerungen hat. Aus dieſem Grunde iſt er auch bereit, in eine Scheidung zu willigen, ja, um Ihrer Tochter die Unannehmlichkeiten des Rechtsganges zu erſparen und auf ſich zu nehmen, will er mit Ihrer Einwilligung gern der klagende Theil ſein.“ „Hätte er ſich um unſere Wünſche früher etwas beküm⸗ mert und den vernünftigen Rathſchlägen einer Frau, die es gut mit ihm gemeint, Gehör gegeben, ſo ſtände es jetzt ganz anders.“ 1 „Ich ſehe wohl,“ ſagte der Advocat in freundlichem Tone,„daß Frau Sophie meine Bemühungen, dieſe Verbin⸗ dung nicht gleich total zu zerreißen, mit finſteren Blicken belohnt, doch ertrage ich jetzt lieber dieſe finſteren, ungerechten Familienrath. Blicke, als ſpätere Klagen und gerechte Vorwürfe. Es iſt mir nämlich Aehnliches in meiner Praxis ſchon vorgekommen, denn nachdem die erſte Leidenſchaft verraucht iſt, ſieht man häufig ein, welch' unangenehmer Stand der einer geſchiedenen Frau iſt; haben wir doch in der Geſchäftsſprache dafür den fatalen Ausdruck ‚Deſertac, was die Lage einer ſolchen Frau außerordentlich gut kennzeichnet.“ Frau Wittwe Speiteler hatte nachdenklich vor ſich nieder⸗ geblickt, während Sophie wieder an das Fenſter getreten war, dann ſagte die Erſtere:„Ihren Reden nach, Doctor, dünkt es mich, als ſprächen Sie mehr für die Gegenpartei, als für uns.“ „Das nicht, nur hielt und halte ich es für meine Pflicht, Ihnen die Lage genau auseinander zu ſetzen. Daß ich dieſe Ehe nicht mit Freuden zerreißen helfe, daraus brauche ich Ihnen nach alle dem, was ich Ihnen geſagt, wohl kein Hehl zu machen, eben ſo wenig als ich Ihnen auch nicht yyr⸗ ſchweigen darf, daß im vorliegenden Falle eine geſetzliche Scheidung auf große, wenn nicht unüberſteigliche Hinderniſſe ſtößt. Gott ſei Dank, man geht bei einem ſolchen Acte nicht leichtfertig zu Werk und verlangt genügende Gründe, die nicht immer beizubringen ſind— o,“ fuhr er fort, indem er ſeine Hand gegen die Wittwe Speiteler erhob, welche ſprechen wollte,„ich weiß ſchon, was Sie ſagen wollen, aber was Ihnen als vollkommen genügend erſcheint, iſt es doch nicht immer vor dem Geſetza“ Er hatte die Feder, die er in der Hand hielt, weggelegt, zog ſeine Uhr hervor und meinte: „wir wollen aber darüber nicht ſtreiten, die Zeit vergeht, und ich erwarte in einer Viertelſtunde einen Clienten, der mich dringend zu ſprechen verlangte und,“ ſetzte er in ſehr gedehn⸗ — —— 4 4 4 A„ „—. 4 4-7 8 5. 4 8 — 1 — — 4 4 Zweiunndvierzigſtes Kapitel. tem Tone hinzu,„dem in Ihrem Hauſe ein Stelldichein zu bewilligen ich mir erlaubte.“ „So—o—o—o?“ machte die Wittwe, indem ſie den Ad⸗ vocaten mißtrauiſch anſah. „Ja,“ erwiderte dieſer lächelnd. „Hoffentlich doch nicht—“ Der Advocat zuckte die Achſeln. „Den Sie gewiß herbeſtellt?“ fragte Wittwe Speiteler mit leiſer Stimme. „Im Gegentheil,“ antwortete der Advocat eben ſo.„Ich rieth ihm davon ab, als er mir mit Ueberzeugung ſagte, er fühle wohl, daß er, möge auch die Sache gehen, wie ſie wolle, eine perſönliche Rechtfertigung ſeines Benehmens gegen Sie nicht unterlaſſen könne.“ „Eine Rechtfertigung? Ja, das hätte er wohl nöthig, aber ich kann ihn nicht ſehen.“ „Wenn ich Ihnen aber dringend dazu rathe?“ Frau Wittwe Speiteler warf einen bezeichnenden Blick auf ihre Tochter. „Sie können mir glauben,“ ſuhr der Advocat flüſternd fort,„er iſt ſeit jener Kataſtrophe ein ganz anderer Menſch, ſeine Verhältniſſe laſteten wie ein Alp auf ihm, machten ihn unleidlich und nöthigten ihm, ich möchte mich ſo ausdrücken, eine lächerliche Maske auf, ein Benehmen von Arroganz und Hochmuth, wodurch er vor der Welt das Terrain zu behaup⸗ ten glaubte, das ihm langſam unter den Füßen entglitt. Die Luftſchlöſſer ſeiner Eitelkeit ſind vollſtändig zuſammengeſtürzt, und er iſt nicht einmal unglücklich darüber, im Gegentheil, er athmet auf, da er nun einen feſteren Boden unter ſich zu fühlen glaubt, wenn—“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Nachwirkung dunkler Stunden. — Da wir überzeugt ſind, daß manche unſerer geneigten Leſerinnen, welche dieſer wahrhaftigen Geſchichte mit einigem Intereſſe gefolgt iſt, ebenfalls einen Ausruf des Mißmuthes beim Auftreten dieſes Mannes kaum wird unterdrücken kön⸗ nen, und wir weit entfernt ſind, einen ſolchen Ausruf für ungerechtfertigt zu halten, ſo erklären wir feierlich, daß wir nur, um der Wahrheit unſerer Geſchichte keinen Abbruch zu thun, erzählen mußten, daß ſich Dr. Henderkopp wirklich in das Haus ſeiner Schwiegermutter begab, um derſelben einige Worte der Rechtfertigung zu ſagen, und daß wir bei dieſer Scene nur deßhalb mit kurzen Worten verweilen wollen, weil ſie unumgänglich nothwendig iſt zum Verſtändniß des Nachfolgenden, ohne ſie jedoch mit demſelben ſchriftſtelleriſchen Behagen weiter auszuführen, mit dem wir uns bemühen, dem geliebten Leſer von ihm angenehmeren Charakteren zu berichten. Um jedoch der Wahrheit die Ehre zu geben, müſſen wir — ———* 3 7 S——— — 85 —— 4 2—“.— 4— 238 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ſagen, daß in der Erſcheinung des Dr. Henderkopp in dieſem Augenblicke etwas lag, was zu ſeinem Vortheile ſprach, nicht als ob er ſich in demuthsvoller Haltung mit der zerknirſchten Miene eines Sünders genähert hätte, im Gegentheile, er trug ſeinen Kopf nicht weniger aufrecht als früher, doch nahm man an dieſem Kopfe ſelbſt eine angenehme Veränderung wahr: vor allen Dingen hatte er ſeine blaue Brille nicht aufgeſetzt, welche mit ihren undurchdringlichen Gläſern ſeinem Geſichte ſo etwas unheimlich Starres verlieh. Was ſein ziemlich langes Haar anbelangte, welches früher ſo tadellos glatt über ſeine Ohren herabgeſtrichen war, daß man ſich der Vermuthung nicht erwehren konnte, an dieſer Glätte müſſe jedes vernünftige und eindringliche Wort abgleiten, ſo fiel daſſelbe heute mit einer angenehmen Zufälligkeit zu beiden Seiten ſeines Scheitels herab. Seine ſonſt hoch und künſt⸗ lich emporgezogenen Augenbrauen hatten heute ihren gewöhn⸗ lichen Platz eingenommen, und da er ſeinen Mund heute nicht ebenfalls affectirt zuſammenzog, wie er ehedem zu thun pflegte, ſo war auch aus ſeiner Phyſiognomie das unnatür⸗ lich Steife verſchwunden, und dieſe zeigte ſich als ein ge— wöhnliches, nicht unangenehmes Geſicht, das den Eindruck machte, als ſei es empfänglich für eine einfache, gewöhnliche Beſprechung. Wir müſſen geſtehen, daß ſich beim Eintritt des Doctors die Frau vom Hauſe etwas ſteif aufrichtete, und ihre Finger, die auf dem Tiſche ruhten, langſam zuſammenballte, ja, daß ſie den Gruß des Eingetretenen mit einem kaum bemerklichen Kopfnicken beantwortete. Dieſer aber trat mit ein paar Schritten raſch an den Tiſch, blickte aus ſeinen Augen, natürlich ohne jenes bekannte eſem nicht hten trug ahm ung icht nem ſein llos der üſſe fiel den nſt⸗ hn⸗ eute hun tür⸗ ge⸗ ruck iche ors ger, daß hen den nte Nachwirkung dunkler Stunden. 239 übergroße Wohlwollen, auf die Schwiegermutter nieder und ſagte alsdann in ruhigem, faſt warmem Tone:„Der hier vor Ihnen ſteht und Ihnen ein gutes Wort ſagen möchte, iſt nicht der Dr. Henderkopp, der Neffe der berühmten Amſter⸗ damer Familie, ſondern einfach der Dr. Hinderkopf aus Wer⸗ mersbach, der, ehe er ſeine leidigen Angelegenheiten mit Ihnen in Ordnung bringen will, darüber Gewißheit erlangen möchte, ob Sie geneigt ſind, an ihn ohne Groll zurückzu⸗ denken?“ Dieſe Anſprache kam der Mutter Sophiens ſo völlig unerwartet, daß ſie, ſtatt augenblicklich eine Antwort zu geben, auf ihren Geſchäftsmann blickte, welcher aber kluger Weiſe dieſen Blick vermied und nach dem Fenſter hinſchaute, während er mit den Fingern ſeiner rechten Hand leicht auf die vor ihm liegenden Papiere trommelte. Daß aber Frau Wittwe Speiteler endlich doch etwas antwortete, und daß ſie eine viel zu gute Frau war, um einem aufrichtigen und vernünftig vorgetragenen Wunſche der Verſöhnung zu widerſtreben, glauben wir dem geneigten Leſer eben ſo wenig vorenthalten zu müſſen, als daß ein paar Mi⸗ nuten darauf Dr. Hinderkopf einen Stuhl zum Tiſche zog, um ſich mit ſeiner Schwiegermutter und dem Advocaten zu einer längeren Beſprechung niederzulaſſen. Sophie, welche beim Anblick des Doctors mit einer Auf⸗ wallung des Haſſes das Gemach verlaſſen, hatte ſich raſch in ihr Zimmer begeben, mit der Abſicht, dort in eine Sopha⸗ ecke gedrückt ihr trauriges Loos zu beweinen; doch kam ſie nicht ſogleich zu dieſem beruhigenden Mittel, denn als ſie die Schwelle ihres Schlafgemachs überſchritten, ſah ſie ihre Freundin und Brautjungfer Emma vor ſich, welche ſie etwas —,—— — — — — 4 8 “ 240 Dreiundvierzigſtes Kapitel. affectirt in die Arme ſchloß und mit thränenerfüllten Augen anſchaute. „Du mußt mir verzeihen,“ ſagte die treue Freundin, „daß ich nicht ſchon vor einigen Tagen kam, aber die Nach⸗ richt, welche wir von dir erhielten, mit der Erinnerung an jenen unglückſeligen Hochzeitstag, hat uns alle, namentlich mich, ſo tief erſchüttert, daß ich's nicht über's Herz bringen konnte, vor dir, meine arme Sophie, zu erſcheinen.“ Die junge Frau des Dr. Henderkopp hätte nun ihre Freundin krampfhaft ans Herz drücken und unter einem Strom von Thränen furchtbare Mittheilungen machen können über das, was nach dem Hochzeitsfeſte im Verlauf der darauf fol⸗ genden Nacht geſchehen, und ſo erwartete es auch Emma, welche bereit war, mit einem gleich ſtarken Erguß von Thrä⸗ nen das Entſetzlichſte anzuhören, denn Emma war ſehr zu Thränen geneigt. Merkwürdiger Weiſe aber ſchien Sophie keine derartigen Mittheilungen machen zu können, ſie blickte verwundert in die thränenden Augen der Andern, ja, ſie lächelte ein klein wenig, als ſie kopfſchüttelnd erwiderte:„mein liebes Herz, es iſt da gar nichts ſo Furchtbares vorgefallen, als du dir zu denken ſcheinſt.“ Emma hätte nach dieſen Worten ihre Freundin wohl erſtaunt angeblickt, wenn nicht die Bläſſe auf dem Geſichte der jungen Frau ſo wie deren verweinte Augen ihr deutlich geſagt haben würden, Sophie ſpräche anders, als ſie dächte, und man müſſe ihr Zeit laſſen und ihr eingeſchüchtertes Herz mit ſüßem Wort erwärmen, damit es ſeinen Kummer aus⸗ göſſe an dem mitfühlenden Buſen der Freundin. „Komm, ſetzen wir uns,“ ſagte dieſe und zog Sophie Nachwirkung dunkler Stunden. 241 ſanft neben ſich auf das Sopha. Hier drückte ſie ſie noch⸗ mals an ihr Herz, ſtrich ihr das Haar ein wenig aus der Stirn, küßte ſie herzlich auf den Mund und fing dann auf's neue an zu weinen. „Du ſcheinſt mir trauriger geſtimmt als ich,“ ſprach die junge Frau mit einiger Verwunderung;„iſt bei dir etwas vorgefallen, das du mir mittheilen möchteſt?“ „Bei mir? O mein Gott, nein— was ſollte auch bei mir vorgefallen ſein? Ich habe mich nur mit dir beſchäftigt, meine arme Sophie, ich habe immer an die tröſtenden Worte gedacht, welche ich zu dir ſprechen wollte, und das hat mein Gemüth erſchüttert und mich weich gemacht. Wenn du aber den herzlichen Zuſpruch einer Freundin nicht brauchſt, o mein Gott, ſo iſt mir das ja tauſend Mal lieber.“ Sie zog ihren kleinen Mund etwas affectirt zuſammen und lächelte unter Thränen.„Vielleicht auch,“ fügte ſie ein wenig ſpitzig hinzu,„hältſt du mich deines Vertrauens nicht werth oder denkſt dir einen zu großen Unterſchied zwiſchen einer verheiratheten Fraͤu und einem unverheiratheten Mäd⸗ chen. Aber mit Unrecht, Sophie, gewiß mit Unrecht, glaube mir! Ich bin wie Wenige im Stande, dein ganzes Unglück mitzufühlen.“ Um die Lippen der jungen Frau zuckte es ſchmerzlich, und ſie mußte ſich alle Gewalt anthun, um nicht der Freun⸗ din unter herabſtürzenden Thränen ihre ganze jammervolle Lage zu entdecken; und doch that ſie es nicht, ſie preßte ihren Mund zuſammen, ſie drückte ihre rechte Hand feſt auf ihr Herz, aber ihr Auge blieb trocken, und nach einer kleinen Pauſe erſchien abermals ein ſtilles Lächeln auf ihren Zügen, Hackländer, Die dunkle Stunde. III. 16 242 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Sie hatte ſich Einiges aus den Worten des Doctors gemerkt, und ein richtiger Takt bewog ſie dazu, ſchmerzliche Enthüllun⸗ gen, die ihr Herz allerdings ſehr erleichtert hätten, gewaltſam zu unterdrücken. „Ich weiß, worauf du anſpielſt, liebe Emma,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich vollkommen wieder gefaßt;„doch brauche ich dir wohl nicht zu wiederholen, wie ſehr ſich hier die Leute bemühen, in den unſchuldigſten Dingen nur das Gehäſſigſte zu ſehen. Es war allerdings ein unangenehmes Zuſammen⸗ treffen, welches mich veranlaßte, am Tage nach der Hochzeit — die Nacht blieb ich draußen, wie du wohl erfahren haſt, — wieder für einige Zeit hieher zurückzukehren.“ „So, nur für einige Zeit? O, wie mich das freut!“ rief Emma. „Gewiß, nur für wenige Tage; es iſt draußen im Spät⸗ herbſt gebaut worden und da konnte man nicht alles ſo fertig machen, wie es— Henderkopp gewünſcht. Auch paſſirte drau⸗ ßen eine unangenehme Geſchichte, die ich dir, der Freundin, wohl mittheilen darf.“ „Kennen wir uns nicht ſchon ſo lange, liebe Sophie, und wirſt du je an mir zweifeln?“ „Gewiß nicht, auch ſoll die Sache im Grunde kein Ge⸗ heimniß bleiben. Im Gegentheil, es iſt uns allen ſehr recht, wenn du denen, die danach fragen, die reine Wahrheit mit⸗ theilen wirſt.“ „O, erzähle mir das genau, Sophie,“ ſagte das junge Mädchen eifrig;„ich habe mich überhaupt ſo ſehr darauf ge⸗ freut, dich nach deiner Verheirathung zu ſprechen. Ihr fuhrt alſo von hier direct hinaus—“ „Das thaten wir, und draußen waren allerlei Feſtlich⸗ 14 4 Nachwirkung dunkler Stunden. 243 keiten; ſie hatten im Hofe Pechfackeln angezündet und die Leute empfingen mich mit herzlichen Worten, und meine Wohnung fand ich, abgeſehen von den noch nicht ganz vollen⸗ deten Baulichkeiten, ſo angenehm, als ich es nur wünſchen konnte.“ „Wie viel Zimmer haſt du?“ „Für mich ein kleines hübſches Wohnzimmer und dann ein Schlafzimmer.“ „So, nun erzähle mir, wie es weiter ging.“ „Närrchen, was iſt da viel zu erzählen; wir waren von den vielen Feſtlichkeiten ermüdet, doch ehe ich zu Bett gehen konnte, kam der unangenehme Vorfall, den ich dir mittheilen muß und den du dann mit aller Genauigkeit wie⸗ der erzählen ſollſt. Den Penſionären im Hauſe, es ſind einige ſehr widerſpänſtige Leute dabei, hatte man an dieſem Abend mehr Freiheit gegönnt als gewöhnlich, und da kam es zu unangenehmen Auftritten, welche— Henderkopp veran⸗ laßten, lange aufzubleiben, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen.“ „So, er blieb lange auf? Doch nicht die ganze Nacht?“ „Dieſe Auftritte nun,“ entgegnete die junge Frau mit niedergeſchlagenen Augen,„hatten mich ſo erſchreckt, daß ich kindiſch genug war, freilich mit Einwilligung Henderkopp's, am andern Morgen hieher zurückzukehren, um die Mutter zu beſuchen, und da überlegten wir denn, es ſei beſſer, ich bleibe hier, bis die Baulichkeiten draußen vollkommen in Ordnung ſeien. Das iſt die ganze Geſchichte. Und nun ſiehſt du, wie boshaft die Leute ſind, daß ſie daraus ſchon alles Mögliche gemacht haben. O, ich weiß wohl,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, während welcher ſie den zweifelnden 2 2 8 v——. 8 1 . —— 244 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Blick ihrer Freundin feſt ausgehalten,„daß man die unan⸗ genehmſten Dinge geſagt, daß man ſchon von einer Scheidung geſprochen, und was dergleichen Unſinn mehr iſt.“ Emma nickte mit dem Kopfe, als ſie erwiderte:„Ja, man iſt hier gleich bereit, von allem das Böſe hervorzuheben; ach Gott, Sophie, und mit welchem Schein von Wahrheit die Leute das ſagen, ich verſichere dir, wenn du hätteſt hören können, wie man es auf das genaueſte wußte, daß du deinen Mann nach einer heftigen Scene, die noch am Abend eures Hochzeitstages ſtatt gefunden, verlaſſen, dich in ein Zimmer eingeſchloſſen und darauf am andern Morgen hieher zurück⸗ gekehrt wäreſt, ihn nicht mehr geſehen hätteſt und auch nicht mehr ſehen würdeſt, bis vor Gericht, wo man eure Scheidung ausſpräche,— ach,“ ſetzte ſie mit niedergeſchlagenen Augen hinzu,„und es ſeien ſchreckliche Urſachen geweſen!“ „Ja, ſiehſt du, Närrchen,“ erwiderte die junge Frau— junge Frauen brauchen gern gegen Mädchen, wenn ſie auch ſelbſt nicht viel älter ſind, als dieſe, dergleichen Diminutive, —„das wäre noch das Glaublichſte von allen dieſen Lügen; wenn wir ſolche entſetzliche Scenen gehabt hätten, ſo müßten doch auch ſchreckliche Urſachen vorhanden geweſen ſein. Aber glaube mir, das iſt nicht der Fall; ich weiß nichts von ſol⸗ chen Urſachen, noch von ſolchen Scenen, und das kannſt du mir nacherzählen.“ „Gewiß, Sophie?“ „Gewiß, Emma, in vollem Ernſt!“ „Und du biſt nicht zu deiner Mutter zurückgekehrt, um deinen Mann nicht wieder zu ſehen, um dich ſcheiden zu laſſen?“ „Lächerlich!“ verſetzte die junge Frau, und nachdem ſie Nachwirkung dunkler Stunden. 245 3 V ſich einen Augenblick mühſam geſammelt, fuhr ſie fort, ohne g aber dieſes Mal ihre Freundin anzuſchauen:„Und was ihn, meinen Mann, anbelangt, ſo habe ich ihn noch vor wenigen Minuten geſehen, er iſt drüben bei der Mutter.“ , „Gewiß, Sophie?“ t 1„Närrchen, warum ſollte ich ſo etwas ſagen, wenn es n ſich anders verhielte? Aber auch nur mit dir ſpreche ich dar⸗ n über,“ fuhr ſie ernſthaft fort,„indem ich will, daß du die 3 Wahrheit erfährſt und damit du ſie den Klatſchmäulern mit⸗ r I theilen kannſt. Hoffentlich kommſt du jetzt auch bald zu mir — hinaus,“ ſetzte ſie in leichtem Tone hinzu,„wenn nämlich die t V Baulichkeiten beendigt ſind, und bleibſt ein paar Tage bei V mir, damit du dich überzeugen kannſt, daß es in unſerem 1 Hausweſen in jeder Beziehung vortrefflich geht.“ „Wie die Menſchen ſo ſchlecht ſind,“ ſagte Emma mit . einem tiefen Seufzer, während ſie ihr Köpfchen hin und her ) wiegte.„Es iſt wahrhaftig wahr, man kann ſich noch ſo ſehr in Acht nehmen, und doch entgeht man den ſchlimmſten . Nachreden nicht.“ „Du, du!“ erwiderte die junge Frau, während ſie dabei r freundlich drohend ihren Zeigefinger emporhob;„etwas zu 3 ſehr haſt du dir doch den Hof machen laſſen von deinem Huſaren⸗Offizier!“ 3„Von meinem Huſaren⸗Offizier?“ verſetzte Emma, indem ſie das Fürwort etwas ſcharf und fragend betonte;„o, der⸗ gleichen Herren,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„ſind nicht allein bunt wie ein Schmetterling, ſondern auch eben ſo flatterhaft— ich habe ihn ſeit jenem Abende nicht mehr 4 geſehen.“ „Dazu kann ich dir eigentlich nur Glück wünſchen,“ 6 8——— 8 * 34.—— 5 2 1 s: — 5. 5 2 d.. — 1 5 7 2 ☛ 246 Dreiundvierzigſtes Kapitel. erwiderte die junge Frau, welche froh war, das andere Thema glücklich überwunden zu haben, in einem mütterlich klingenden Tone,„denn glaube mir, mein Kind, bei dergleichen Geſchich⸗ ten kommt nie viel Geſcheites heraus.“ Emma biß ſich auf die Lippen und nickte ſchweigend mit dem Kopfe. Nach einer Pauſe aber rief ſie mit einer etwas affectirten Luſtigkeit:„Laſſen wir ihn und alle Offiziere der ganzen Welt; ich bin nur froh, liebe Sophie, daß ich nun im Stande bin, in deiner Angelegenheit den Leuten ſcharf entgegen zu treten, und wie es mich freut, daß alles das ſchändliche Erfindungen und Lügen ſind! Nun ſage mir aber auch,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort, indem ſie einen Arm um den Hals ihrer Freundin legte und ſie ſanft an ſich hindrückte, „nun geſtehe mir aber auch ein klein wenig davon, ob es denn wirklich ein ſo wonniges Gefühl iſt, eine junge Frau zu heißen und einen Mann zu haben, der uns nun mit einem Male ſo recht ſelbſtſtändig macht.“ „Eigentlich weiß ich nicht, was du damit meinſt, Närr⸗ chen,“ gab die junge Frau erröthend zur Antwort;„nun ja, man verheirathet ſich, wie du das ja alles ſelbſt mit ange⸗ ſehen und erlebt haſt.“ „Ach ja,“ flüſterte Emma träumeriſch. „Und dann iſt man eine Frau und hat ſein Hausweſen, und wenn man das einmal gewohnt iſt, ſo glaube ich nicht, daß man einen großen Unterſchied gegen früher merkt.“ „Ach, du biſt glücklich, alles das in rechter Art über⸗ ſtanden und einen Mann zu haben in angenehmen Verhält⸗ niſſen, der doch zu den deinigen paßt.“ „Dafür bin ich aber auch keine gnädige Frau,“ ſagte Nachwirkung dunkler Stunden. Sophie lächelnd,„wie du einmal wirſt, wenn du deinen Hu⸗ ſaren⸗Offizier heiratheſt.“ „Ach, ſcherze nicht ſo grauſam,“ entgegnete Emma mit einem ſchmerzlichen Seufzer;„glaube mir, liebe Sophie, ich habe wegen dieſer Geſchichte ſchon viel Unangenehmes erfah⸗ ren müſſen; er war ſo unüberlegt und nahm alles ſo leicht⸗ fertig. Mein Vater hat davon erfahren, und mein Bruder, der ſich überhaupt gern in Sachen miſcht, die ihn nichts an⸗ gehen, und der nun einmal, wie ſo viele Studenten, die Offi⸗ ziere nicht leiden kann,— ach, Sophie,“ fuhr ſie mit gefalteten Händen und mit einem traurigen Blicke nach oben fort,„mit Ferdinand hatte ich darüber eine furchtbare Scene, ſo daß ich ganz unglücklich bin!“ „Und was will denn dein Bruder eigentlich?“ „Er hat mir gedroht, wenn ich dieſer lächerlichen Cour⸗ macherei, wie er es nennt, nicht ein- für allemal ein Ende mache, ſo werde er dem Herrn von Marlott einen Beſuch machen, ihm einige paſſende Worte ſagen und ſich mit dem⸗ ſelben auf gehörige Art aus einander ſetzen.“ „Nun, und dann?“ „Um Gottes willen, das wäre ja ein Scandal!“ „Aber du erfährſt dann doch, ob er ehrliche Abſichten auf dich hat.“ Emma ſchüttelte mit tief betrübter Miene den Kopf und dann ſagte ſie ſehr leiſe:„So'was darf man aber nicht forciren; wenn Ferdinand in ſeiner übermüthigen Art barſch mit ihm redet, ſo gibt ein Wort das andere, und ich muß unter der Unbeſonnenheit meines Bruders leiden; o mein Gott, ich bin recht, recht unglücklich!“ 4 4 8— *“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Sie lehnte den Kopf an den Buſen ihrer Freundin und weinte bitterlich. „Tröſte dich, mein liebes Herz,“ ſprach dieſe in ihrer ſanften Weiſe;„wie kann man dich im ſchlimmſten Falle für die Unbeſonnenheiten deines Bruders verantwortlich machen, wenn du nur ſelbſt keine begehſt? Und dann, um ernſthaft mit dir zu reden, Emma, wäre es wahrhaftig beſſer, du ließeſt dieſe Geſchichte ein- für allemal fallen; ſo viel ich erfahren, ohne daß ich darum gefragt, ſoll dieſer Herr von Marlott in der That ſehr leichtfertiger Natur ſein.“ „Ach, du haſt gut rathen, du biſt in ſicherem Hafen, du biſt glücklich!“ „Wenn du das jetzt ſagſt, liebe Emma, ſo haben ſich ſeit Kurzem deine Anſichten gewaltig geändert; weißt du noch, wie du mir nicht lange vor meiner Hochzeit voll Schwärmerei ſprachſt vom Glücke einer romantiſchen Liebe, wo ſich Schwie⸗ rigkeiten aller Art aufthürmen, und von der Seligkeit, dieſe durch treue Liebe und Hingebung zu beſeitigen, und wie du mich faſt bedauerteſt, daß ich ein Bündniß knüpfen müſſe ſo nach gewöhnlicher Art, ja, ohne alle Poeſie?“ „O, ich hatte Unrecht, Sophie! Was wir in thörichter Leidenſchaft für Poeſie halten, verwandelt ſich oft unter unſern Händen in herbe Proſa; in unſerer Verblendung ahnen wir nicht den rauhen Wind, der ſo leicht unſerer Liebe duftige Blüthen abſtreift— gewiß, du biſt glücklich, Sophie! Dr. Henderkopp iſt ein ruhiger, beſonnener Mann, der es gewiß gut mit dir meint und dir eine ehrenvolle Stellung in der Welt gibt.“ „Auch darin ſcheinen ſich deine Anſichten geändert zu haben; weißt du noch, Närrchen, wie du die kalten, blauen —,— 9———“““ d fröhlichen Emma abgleiten.“ Nachwirkung dunkler Stunden. 249 Brillengläſer mit den feurigen Augen Arthur's verglichſt und wie du des Doctors Manieren und ſeine Art, zu ſprechen, kalt, hochmüthig und hölzern nannteſt?“ „O, ich hatte Unrecht, gewiß, ich ſehe mein Unrecht ein, und bei der erſten Gelegenheit werde ich es nicht unterlaſſen können, deinem Manne feierlich Abbitte zu thun.——— Was nützt mir ein feuriges Auge,“ fuhr ſie ſchmerzlich be— wegt fort,„wenn es mir nicht allein ſtrahlt, was helfen mir die eleganteſte Tournure, die ſüßeſten Worte, wenn ich ſie mit Andern theilen muß?“ „Haſt du Erfahrungen gemacht?“ „Das wohl nicht,“ ſagte Emma ausweichend,„und ich wollte auch eigentlich nur ſagen: was nützen mir alle dieſe glänzenden Eigenſchaften, wenn ſie mit einer entſetzlichen Flatterhaftigkeit verbunden ſind? Gewiß, Sophie, ich beneide dein Loos, obgleich ich dir alles Gute und Liebe wünſche, hoffe aber dabei, daß in deinem glückerfüllten Herzen doch noch ein kleines Plätzchen bleibt für deine unglückliche Freundin.“ Und bei dieſen Worten neigte ſie abermals ihr Haupt auf die Schultern der jungen Frau und ihre Thränen floſſen reichlicher, als früher. Sanft hob Sophie das an ſie angelehnte Köpfchen em⸗ por, ſchaute ihr in die verweinten Augen und ſagte dann nach einer Pauſe:„An mir und meiner Freundſchaft wirſt du hoffentlich nicht zweifeln; aber ich ſehe dich mit Erſtaunen ſo tief bewegt und bemerke mit Schmerz, daß deine Wangen blaß ſind und deine Lippen krampfhaft zittern; au doch nicht ſo zu Herzen, Kind, was ☚2 Courmacherei? Das vergißt ſich und 250 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „O, es vergißt ſich nicht alles und es gleitet auch nicht alles ſpurlos an uns ab! Gewiß, liebe Sophie, es hat mich tief getroffen!“ „Nun ja, aber deßhalb darſſt du deinen Muth nicht ſinken laſſen, wenn du einmal die Wahrheit erkannt haſt, und mich freut es, daß du ſie erkannt; ſo gehe ihm ernſtlich aus dem Wege und ſetze allen ſeinen Annäherungsverſuchen deinen weiblichen Stolz entgegen. Du wirſt ſehen, Kind, in ein paar Monaten lachen wir herzlich über dieſes Verhältniß, das dir jetzt ſo traurig erſcheint.“ Emma ſchüttelte in tiefer Bewegung den Kopf und flüſterte ſo leiſe, daß es ihre Freundin kaum verſtand:„Wir werden nicht lachen!“ „Auch möglich,“ erwiderte die junge Frau, welche plötz⸗ lich ernſt geworden war, da ſie an ihr eigenes Schickſal dachte;„dann werden wir wenigſtens als treue Freundinnen zuſammen weinen.“ „Ja, du über mich, und mir ſoll es dann immer noch ein Troſt ſein, dich zufrieden und glücklich zu wiſſen.“ Sophie nickte mit dem Kopfe, dann horchte ſie mit einem Male und ſagte:„Ich höre im Nebenzimmer meine Mutter, ſie wird mich ſuchen; verzeihe, wenn ich dich einen Augen⸗ blick allein laſſe, um nach ihr zu ſehen, bald werde ich wie⸗ der hier ſein.“ Darauf verließ ſie das Schlafgemach, und man hörte ie auch die Thür des angrenzenden Zimmers hinter ſich zu⸗ ſchmerzliche Gedanken verſunken, hatte iud betrat nach einigem Zaudern das uf ein Sopha niederließ, welches Nachwirkung dunkler Stunden. 251 dort in einer Fenſterniſche ſtand, wo ſie die Rückkunft der Freundin erwartete, das Herz voll banger Betrachtungen und beſchäftigt mit dem ſo wahren Worte, daß die Stunden ſich folgen, aber nicht einander gleichen.— Um nicht dem Verlaufe unſerer wahrhaftigen Geſchichte unziemlicher Weiſe vorzugreifen, müſſen wir uns vorläuſig enthalten, das Endreſultat der Unterredung zwiſchen der Wittwe Speiteler, ihrem Schwiegerſohne und dem Dr. Berger hier mitzutheilen. Daß dies aber für Dr. Henderkopp kein ganz ungünſtiges war, können wir aus den Worten des Advocaten allenfalls ahnen laſſen, denn als er ſeine Papiere zuſammenpackte und in die Bruſttaſche ſchob, ſagte er:„Sie werden mir kaum glauben, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß ein gütlicher Vergleich, wie er bei uns in Ausſicht ſteht, mir weit lieber iſt, als die Ausſicht auf einige fette juridiſche Verhandlungen; und doch, ſetze ich hinzu, es iſt ſo, und ich bin allemal recht froh, wenn ich quaſi als Friedens⸗ richter agirt habe und von meinen Clienten mit dem Be⸗ wußtſein ſcheide, daß ſie mir mit angenehmen Geſinnungen nachblicken. Heute habe ich darin in Ihrem Hauſe einen ganz beſonders guten Tag,“ fuhr er ſanft lächelnd fort,„denn ich muß mich noch ein paar Treppen höher verfügen, zu einem gewiſſen Herrn Bander, dem ich ebenfalls eine ange⸗ nehme Eröffnung zu machen habe.“ „Führt der auch Proceſſe?“ fragte die Wittwe. „Nicht, daß ich wüßte,“ entgegnete der Advocat;„es handelt ſich hier um etwas Angenehmeres, um eine kleine Erbſchaft, die ihm zugefallen iſt, und die ich ihm in Raten, wie ſie ihm gefällig ſind, anweiſen laſſen darf.“ „Das freut mich für ihn,“ ſagte die Frau vom Hauſe. — 4 — — Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Herr Bander iſt ein ordentlicher Menſch, und wenn er ſich ſo ein bischen frei bewegen kann, ſo wird es ihm auch leich⸗ ter werden, ſeine Scripturen zu beſorgen.“ »En passant,« fuhr Herr Berger fort,„werde ich auch dem Herrn Schweizer einen Beſuch machen, wo meine Er⸗ ſcheinung auch nicht ungern geſehen wird, und ſo habe ich denn heute ein paar angenehme Stunden, die mich entſchä⸗ digen für manches Widerwärtige, das mir ſonſt in der Praxis vorkommt. Alſo Gott befohlen und auf fröhliches Wiederſehen!“ Im Verlage von Ad und in allen Buchhandlungen zu haben: Ausgewählte Geſellſch Edmund Hoefer: Aus dem Volk. Clegant geheftet 1 Thlr. 22 ½ Sgr. oder 3 fl. Rhein. Aus alter und neuer Zeit. Eleg. geh. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 3 fl. Rhein. Schwanwiek. Skizzenbuch aus Norddeutſchland. Eleg. geh. 1 Thlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Bewegtes Leben. Eleg. geh. 1 Thlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Erzählungen eines alten Tambourg. Eleg. geh. 12 Sgr. oder 42 kr. Rhein. — 0. Norien. Lrinnerungen einer alten Frau. 2 Bände geh. 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. Auf deutſcher Arde. 2 Bände geh. 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. Aus der weiten Welt. 2 Bände geh. 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. Die Houoratiorentochter. Eine Erzählung. Geh. 1 Rthlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Lorelei. Eine Schloß⸗ und Wald⸗Geſchichte. Geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 24 kr. Rhein. ſo S torr ee r Die Alten von Puhnerk. Eine Erzählung aus älterer Zeit. Geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 24 kr. Rhein. Geſchichten und Erinnerungen. 8. Geh. 1 Rthlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. olph Krabbe in Stuttgart ſind erſchienen aft. ₰ — 3 8= 8—— 4— ZZZ Im Verlage von Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Der CTannhäuſer. Eine Künſtlergeſchichte von F. W. Hackländer. 2 Bände 8. Eleg. geh. 1 Rthlr. 18 Sgr. oder 2 fl. 48 kr. Rhein. —; Indem der berühmte Verfaſſer dieſes Werk einer ſorgfältigen und liebevollen Erweiterung und Ueberarbeitung unterzog, iſt er dem wun⸗ derbar reichen und poetiſchen Stoffe erſt vollkommen gerecht geworden. Der Tannhäuſer iſt nicht nur Hackländers erſter Verſuch auf dem Gebiete der Künſtlergeſchichte, ſondern auch ein Meiſterſtück, wie nur Hackländer es zu ſchreiben vermochte. Tagebuch-Blätter. Von F. W. Hackländer. 2 Bände 8. Eleg. geh. 1 Rthlr. 18 Sgr. oder 2 fl. 48 kr. Rhein. Inhalt: Italien.— Frankreich.— England.— Ungarn.— Kußland. DDie Verlagshandlung glaubt kaum den vielen Leſern und Verehrern Hackländer’s etwas Willkommeneres und Intereſſanteres bieten zu können, als die Tagebuchblätter dieſes Schriftſtellers. Hier finden wir die Grundzüge deſſen, was wir in ſeinen Werken ſo ſehr bewundern; hier beobachten wir, wie er beobachtet, hier finden wir, wie reich und mannigfaltig ſich das Einfachſte in ſeinen Augen geſtaltet, wie viel des Anmuthigen und Schönen, des Neckenden und Heitern er ſieht, wo wir gleichgültig vorübergehen. ——„„—⸗— 8— —yöö ——— — ——