5 ꝑ—-—--——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur t von, Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ’G 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 1—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 41 2 4— 7 1„. 11 ¹„—„ 1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.— 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Die dunkle Stunde. Zweiter Band. Die Dunkle Stunde von F. W. Hacklünder. Zweiter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1863. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandelſchen Buchdruckerei in Stuttgart. IJuhaltt. — Neunzehntes Kapitel. Nach der Oper....... Bwanzigſtes Kapitel. Ein Werk der Barmherzigkeit..... Einundzwanzigſtes axittl Francoiſe und Roſa......... Zweiundzwanzigſtes Aupitel Eine ſchlafloſe Nacht..... Dreiundzwanzigſtes aenua Dr. Henderkopp und Familie. Rietnndzwanicſd Aupitel. Eine Luſtſpielſcene..... Aunfundſonmiglie aunia Tante Roſa und Roſa die Tänzerin... Frangoiſe und Roſa...... Sechsnndmarigſies a aeni Seite 1 18 33 55 70 89 135 Inhalt. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Seite Die Anſtalt des Dr. Henderkopp....... 149 Achtundzwarnzigſtes Anpitel. * Von den Kranken des Dr. Henderkopp....... 164 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Im Salon der Gräfin Lotus......... 184 Dreißigſtes Arptel. Die Thugs oder indiſchen Mörderorden....... 203 Einunddreißigſtes Kapitel. . 4— 8 7. — A. Eine nächtliche Unterredung........... 222 Mweimndareißigite Kiapitel Tante Roſa......... 234 Areiunddurisigſtes Aapite. Herr Moſes Goldſtein........ 261 Die dunkle Stnnde. Neunzehntes Kapitel. Nach der Oper. Als Herr Bander hinter der Scene wieder auf ſeine Füße zu ſtehen kam, befand er ſich vor dem Inſpicienten Herrn Bärenſtecher, welcher gelaſſen den Deckel ſeiner Schnupf⸗ tabaksdoſe zuklappte und mit einem viel wohlwollenderen Tone der Stimme, als man von ihm gewohnt war, ſagte:„Das iſt ein Mißgeſchick, mein lieber junger Freund, welches Sie nicht zu ſchwer nehmen müſſen. Wenn es Sie tröſten kann, ſo will ich Ihnen von einer Anzahl unſerer größten Künſtler Beiſpiele von ähnlichen verunglückten Debuts erzählen. Das thut alles nichts, wenn man nur den wahren Funken in ſich fühlt und eine unüberwindliche Luſt zu dieſen fürchterlichen Brettern. Iſt die aber vielleicht bei Ihnen nicht beſonders groß, ſo könnten Sie wohl auch nicht übel daran thun, die⸗ ſen Vorfall als einen kleinen Fingerzeig zu benutzen. Gott der Gerechte! Sie ſind jung und die Welt iſt groß— Herr Löffler,“ unterbrach er ſich ſelbſt, indem er mit halber Stimme Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 1 2 Neunzehntes Kapitel. einem Zimmermann zurief,„ſagen Sie den Andern da hinten, daß man nicht den Platz in der achten Couliſſe verſperrt, da wird ja das ganze Balletchor hinausraſen.“ Bander dankte für die gut gemeinte Rede des Inſpicien⸗ ten und ſtammelte ein paar Worte der Entſchuldigung gegen den Regiſſeur, der auf ihn zutrat. Dieſer zuckte mit den Achſeln und ſagte:„Es iſt ſchlimm, wenn man zum Lachen Anlaß gegeben hat. Was das falſche Singen anbelangt, ſo würde ich mir daraus nichts machen, aber—!— Nun, laſſen Sie ſich keine grauen Haare dar⸗ über wachſen, ziehen Sie ſich aus, Sie dürfen doch heute nicht mehr auf die Scene.“ Dieſem Befehl gemäß ging Bander in die Garderobe und machte dort unter widerſtreitenden Gefühlen ſeine Toi— lette. Unglücklich fühlte er ſich wohl, daß ihm dieſer Unfall gerade vor ihren Augen geſchehen war, daß er ſich vor ihr lächerlich gemacht, und gerade ein paar Minuten nachher, da ſie ſo freundlich mit ihm geſprochen. Was den ächten Fun⸗ ken anbelangte, den Herr Bärenſtecher berührt, ſo mußte er ſich ſelbſt eingeſtehen, daß er dieſen nicht ſo ſehr in ſich ver⸗ ſpürte, um hoffen zu dürfen, ihn in gewaltiger, heiliger Lohe emporflammen zu ſehen. Ihm war ſein Betreten der Bühne nur Mittel zum Zweck geweſen, und oft, wenn ihn ſein Freund Richter auf ein anderes Talent, welches in ihm ſchlum⸗ merte, aufmerkſam gemacht, mußte er ihm Recht geben und fühlte wohl die Kraft in ſich, auf dieſem andern Gebiete der Kunſt etwas Tüchtiges leiſten zu können. Aber Roſa, ſie, die er ſo unbeſchreiblich liebte, daß es Augenblicke gab, wo er ſich mit ſeiner lebhaften Phantaſie ausmalte, es müſſe irgend ein Zauber ſein, der auf ihn eingewirkt und der ihn nur dann ſich ein dann Nach der Oper. 3 ruhig und glücklich ſein ließ, wenn er ſich in ihrer Nähe be⸗ fand! Wie oft ſchon hatte er ſich in der Garderobe des Thea⸗ ters etwas zu thun gemacht, wenn er in Wahrheit nichts dort zu thun hatte, wie oft war er dem Inſpicienten, dem Garde⸗ robier, dem Hausverwalter in kleinen Dingen nützlich ge⸗ weſen, nur um mit ihr, die an ſolchen Abenden beſchäftigt war, die Luft unter einem Dache athmen zu können. Wie konnte er ſich Stunden lang vor dem glänzenden Hauſe auf⸗ halten, wo ſie wohnte, Abends an die erleuchteten Fenſter hinaufſchauen und oft von Weitem dem Wagen folgen, wenn ſie in Geſellſchaft fuhr, um ſich alsdann, nachdem die raſchen Pferde längſt verſchwunden waren, an einer Straßenecke nie⸗ der zu ſetzen und zu träumen von dem dumpfen, behaglichen Rollen eines Wagens, welcher jeden Lärm der Außenwelt abſchnitt und der es bei ſeinem einförmigen Getöne ſo ange⸗ nehm machte, ein heimliches Geſpräch an ihrer Seite zu führen, wenn ſeine Hand an dem feinen Gewebe ihres Shawls ſtreifte, wenn ſeine Wange den duftigen Hauch ihres Mundes ſpürte. Seine ärmliche, in dem Viertel des aärbeitenden Volkes geſegene Wohnung gewährte ihm häufig eine angenehme Ruhe, ein unbeſchreibliches Behagen. Hier war es ihm oft, wenn er in tiefes Sinnen verſunken in dem alten Lehnſtuhle ſaß, als könnten ſeine mächtigen Gedanken, die gewaltſam an ihrer Sphäre zogen, ſie in ſeine Nähe zaubern, da ſchien es ihm, wenn er ſein Auge ſchloß, als vernehme er den Klang eines leichten elaſtiſchen Schrittes auf der Treppe, als höre er an den Wänden des engen Corridors draußen ihre Gewänder rauſchend anſtreifen, als erſchalle in ſeiner Nähe ihre tiefe, wohlklingende Stimme. Ja, oft ſchon hatte es ihn in ſolchen Augenblicken aus ſeinen Träumen aufgeſchreckt; er war aus 4 Neunzehntes Kapitel. ſeinem Zimmer gegangen in das vordere Haus und hatte dort geſchaut und gelauſcht, um nichts zu ſehen, als vielleicht eine der ärmlichen Arbeiterinnen ſeines Nachbars, des Damen⸗ kleidermachers Daniel Schweizer, oder deſſen dünnes, zwirn⸗ fadenähnliches Organ zu vernehmen. Die Zeit iſt vorbei, ſprach er dann zu ſich ſelber, wo holde Feen einen armen Sterblichen, wenngleich incognito, beglücken, wo irgend eine Blumenkönigin erſcheint, mit holder Stimme ſprechend: Deine ſtillesLiebe zu mir, deine Verehrung für die Roſen hat mich gerührt, laß uns glücklich ſein die wenigen Augenblicke, die mir vergönnt in der Sphäre zu leben, der ich nicht angehöre. Dies und Aehnliches bewegte auch jetzt wieder den Geiſt Bander's, als er in der Garderobe Stück für Stück ſeines Ulema⸗Coſtumes ablegte, und er dachte mehr und mehr, daß ſein heutiges Mißgeſchick wohl der Fingerzeug einer gütigen über ihn wachenden Macht ſein könne, die ihn vor anderem größerem Mißgeſchick bewahren wolle. Noch ehe er ſich gänz⸗ lich in den gewöhnlichen Menſchen umgewandelt hatte, war er mit ſich ſelbſt im Reinen und ſagte, als er das letzte Stück ſeines Coſtumes ablegte:„Gute Nacht, Herrendienſt; hoffen wir auf das Glück, noch zwei Worte mit ihr reden zu können!“ Daß er ſo mit ſich ins Reine gekommen war, gab ſei⸗ nem Geiſte die Spannkraft wieder, und ſo war es ihm mög— lich, ſich im Zwiſchenact den Collegen auf der Bühne mit lächelndem Munde zu präſentiren, ja, auf die Scherze mit einzugehen, die ſich dieſer oder jener minder zarte Charakter erlaubte. Der lange und hagere Choriſt mit der Gräberſtimme, der einen Kreuzfahrer darſtellte, ſtand da in maleriſcher Hal⸗ tung an eine rieſenhafte Banane gelehnt und ſagte:„Laßt die gö iſt ine nich die öre. eiſt nes daß igen rem änz⸗ war btück ffen en!“ ſei⸗ nög⸗ mit mit akter mme, Hal⸗ Laßt Nach der Oper. 5 Euch dieſe Kleinigkeit nicht anfechten, guter Bander; was kümmert's einen großen Geiſt, ob das vielköpfige Ungeheuer da unten, welches ſich Publikum nennen läßt, witzelt oder ſpöttiſche Bemerkungen macht? Der Eleganteſte unter ihnen ſoll es verſuchen, einen Brief heraus zu bringen, oder was noch ſchlimmer iſt, ſingend zu melden, wie ich im Robert dem Teufel: ‚Zu dir, Robert der Normandie, bringt dieſen Ruf zur Fehde—“ ha, beim Styr, ſie würden ſich ſchön ausneh⸗ men! Wenn ſie ſich dann ſo ſelbſt ſehen könnten in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle!“ „Komiſch war es bei alledem, lieber Kerl,“ meinte Rich⸗ ter lachend,„als du ſo kopfüber unter die entſetzten Ulemas hineinſchlugſt.“ „Ja, ja, komiſch!“ meinte ein Dritter, der hinzutrat. „Und recht komiſch,“ ſagte der lange Kreuzfahrer,„und ſo iſt's Recht; was man thut, muß man ganz thun; aber die feine Nuancirung in Ihrem Spiel,“ ſetzte er etwas bos⸗ haft lächelnd hinzu,„verſtand doch Keiner von denen da un⸗ ten. Sie wollten pantomimiſch zeigen, daß jeder zu Boden geſchmettert wird, der es wagt, dem Strahl der Augen der göttlichen Fatime entgegentreten zu wollen. Glaubt mir, da iſt ſchon mancher Sterbliche unterlegen, dafür aber auch zehn⸗ tauſendmal glücklich der, dem er einſt in heißer Liebe zu⸗ lächelt.— Ah, dort kommt ſie wieder, ſeht nur hin, Kame⸗ raden, ob das nicht eines der prächtigſten Wunderwerke der Natur iſt, ein herrliches Stück Arbeit, auf das der Schüpfer ſtolz ſein kann. Bei meinem Schwert!“ Er hatte dieſe Worte ſehr poetiſch geſprochen und legte ſeine Rechte an den Griff ſeines langen Ritterſchwertes und blickte dabei ſo herausfordernd um ſich, als warte er nur auf 6 Neunzehntes Kapitel. B Ritterhandſchuh zuſchleudern zu können. Aber die Männer, die umherſtanden, waren alle der An⸗ ſicht ihres hageren Collegen und wandten ihre Augen mit Ver⸗ gnügen der leuchtenden Erſcheinung zu, die aus ihrer Garde⸗ robe trat und ſich der Bühne näherte. Nur eine weibliche Stimme, die der Madame Schelle nämlich, welche hinter der Banane ſaß und an ihrem wollenen Strumpfe ſtrickte, ließ ein mißbilligendes Wort, um einem ſolchen Frevler gleich den ſich vernehmen. „Gewiß, Pauke, wie ich ja ſchon vorhin ſagte, es iſt nächſtens keine Ehre mehr, bei dem Theater zu dienen. Jetzt ſchaut mir einmal die wieder an, könnte ſie nicht gerade ſo gut den leichten Fetzen, den ſie noch anhat, an die Couliſſe hängen und ſo herauskommen? Damit wäre ihr und Man⸗ chem da unten noch beſſer geholfen.“ Worauf die Pauke entgegnete:„Weiß Gott, daß Sie Recht hat, Schelle; ich wäre nicht dazu zu bringen, ſo hin⸗ aus zu treten.“ „Was auch entſetzlich für das Publikum wäre,“ bemerkte der lange Choriſt, indem er um die Ecke ſchaute nach den bei⸗ den Colleginnen hin, die aber beruhigt fortfuhren, zu ſtricken, und durchaus nicht ſo thaten, als gäbe es überhaupt Kreuz⸗ fahrer in der Welt. Ja, da ſchritt ſie hin, und Bander's Auge hing in kaum verdeckter Glut an ihr. Eigentlich ſchritt ſie nicht, ſondern ſie ging mit feſtem Schritte, ruhig und majeſtätiſch, aber jeden Auftritt des Fußes durch eine unbeſchreiblich elegante Bewe⸗ gung markirend. Dabei wiegte ſie ſich leicht und elaſtiſch in den Hüften und ſchaute mit dem ſchönen edlen Geſicht freund⸗ lich nach allen Seiten, während ſie die Lippen leicht geöffnet s iſt Jetzt de ſo uliſſe Nan⸗ Sie hin⸗ nerkte n bei⸗ ricken, Kreuz⸗ kaum ondern rjeden Bewe⸗ tiſch in freund⸗ geöffnet Nach der Oper. hatte und ſie nur zuweilen ſchloß, nachdem ſie geathmet. Einige dunkel blühende Granatblüthen in ihrem ſchwarzen Haar waren der einzige Schmuck, den ſie an ſich trug. „Was meint Ihr, Richter,“ ſagte der lange Kreuzfahrer, „um dieſes wunderbare Mädchen da, wie es geht und ſteht, einen reichen feinen Pelz geſchlungen und nun fort mit ihr in einem dicht verſchloſſenen Wagen, um ſie ans Ende der Welt zu entführen?— Wie?“ Richter nickte lächelnd mit dem Kopfe, worauf er zur Antwort gab:„Wenn du deine üppige Phantaſie nur mit deinen übrigen Gaben in Einklang bringen wollteſt! Du biſt mir ein rechter Don Quixote, ſchwärmſt für die Dulcinea von Toboſo und kannſt glücklich ſein, wenn dich ein geringes Schenkmädchen mit einem zweifelhaften Blicke beehrt.“ „Bah, ſo habe ich doch wenigſtens meine Phantaſie!—“ „Ja, und Andere die Wirklichkeit.“ Bander biß ſich heftig auf die Lippen, als er dieſe Aeu⸗ ßerung hörte, und war ſchon im Begriff, mit bebender Stimme eine Frage zu thun, als ihm der Choriſt mit der üppigen Phantaſie zuvorkam und lachend ſagte:„Kannſt Recht haben, mein Junge, es ergeht mir wie dem kleinen Bettelbuben, der ſein Stück trockenes Brod behaglich vor dem Küchenfenſter des Reſtaurant verzehrt, wo ihm die pikanteſten Speiſedüfte in die Naſe ſteigen. Eine edle Phantaſie, wie die meinige, iſt etwas Göttliches und frei von allem Egoismus. Wenn ich nachher im Regen nach Hauſe patſche und ihr Wagen bei mir vorüberfährt, ſo bin ich im Stande, ohne Neid den Traum von dem reichen Pelze fortzuträumen.“ „Das können Sie freilich ohne Egoismus thun,“ miſchte ſich Bander in das Geſpräch, wobei er ſich Mühe gab, den Neunzehntes Kapitel. Ton ſeiner Stimme vollkommen gleichgültig erſcheinen zu laſſen,„denn daß die in ihrem Wagen allein fährt, darauf würde ich Gift nehmen.“ „Aber ſehr geringes Gift,“ verſetzte der Andere mit einem verſchmitzten Lächeln,„ſonſt würde es Ihnen unbedingt ſchaden.“ „Sie glauben?“ „Wenn ich etwas glaube, ſo brauche ich doch darum meinen Glauben nicht auszuſprechen. Was das Auge ſieht, glaubt das Herz.“ „Na, du wirſt auch nicht viel geſehen haben,“ warf Rich⸗ ter leicht hin.„Madame Pauke hat Recht,“ ſprach er mit einem Blick auf die Bananengruppe,„daß ſie mich vor dir warnt, du haſt eine glatte Zunge. Nicht wahr, Madame Pauke?“ „Ob ich Sie vor dem da gewarnt habe,“ entgegnete die würdige Choriſtin,„weiß ich mich in der That nicht zu er— innern, was aber den erwähnten Fall anbelangt, ſo möchte ich mir erlauben, zu ſagen, daß Sie es ſo wenig wie ich ſchriftlich haben, daß die da nach der Vorſtellung allein nach Hauſe fährt. Wenn wir nur reden wollten, nicht wahr, Schelle?“ Dieſe hob ihre Achſeln ſo hoch empor, als es ihr mög⸗ lich war, worauf ſie mit einigem Geräuſch eine neue Nadel anſtrickte und ſich zu ſagen begnügte:„Darüber ſchweigt man beſſer.“ Ein wilder Beifallsſturm, Händeklatſchen und der Ruf: Bravo, bravo! ſchallte aus dem vollen Hauſe hinter die Couliſſen. „Der, welchen wir meinen, meine verehrten Damen,“ ſagte ſchmunzelnd der lange hagere Choriſt,„ſchaut und hört ———* zu auf nem n.“ um eht, eich⸗ mit dir ame die er⸗ ſchte ich nach ahr, nög⸗ tadel veigt Ruf: die nen,“ Nach der Oper. 9 jetzt mit Entzücken zu und denkt an die nächſte Stunde, wo ſie erhitzt und noch bebend von der gehabten Anſtrengung an ſeine Seite geſchmiegt mit ihm durch die dunkeln Stra⸗ ßen fliegen wird.“ Mehr konnte Bander nicht hören, er ſchützte Kopfweh vor, preßte die Hand vor ſeine Stirn und ging nach dem Hintergrund der Bühne, wo er ſich in einem dunkeln Winkel bei der Requiſitenkammer auf das Polſter niederließ, welches vor einer halben Stunde während ſeines unglücklichen Debuts dem Kalifen zum Sitze gedient, das Polſter, vor welchem ſie geknieet, auf das ſie während eines Augenblickes ihre kleine liebe Hand gedrückt. Bander ſtützte ſeinen Arm auf ſeine Kniee und vergrub den Kopf tief zwiſchen die Finger.—— Ah, wenn er vor⸗ hin glücklich geweſen wäre, wenn er ſeine kleine Rolle glän⸗ zend durchgeführt, wenn man ihm applaudirt hätte, wenn ihr Auge ihn darauf wohlgefällig angeblickt und ſie ihm ein paar freundliche Worte geſagt!— Das hätte ja ſo kommen können, wenn ein großes, eminentes Talent aus ſeiner kleinen Rolle durchgeſchillert, wenn ihm die Collegin ein Wort der Anerkennung gezollt, wenn der Intendant im Zwiſchenacte zu ihm tretend geſagt hätte: Vortrefflich gelungen, Herr Bander, melden Sie ſich morgen um 10 Uhr bei mir, man wird Ihnen eine große Rolle zutheilen.— Dabei hatte ſie freundlich gelächelt und——— im Traume fliegt man raſch und hoch— er hatte die große Rolle erhalten, und ſchon ehe er auftrat, war's im Publikum bekannt geworden, daß man etwas Außerordentliches zu erwarten habe. Das Haus erſchien angefüllt in allen Theilen.— Er trat heraus, nicht mehr befangen, wie damals bei ſeinem erſten Debut, nein, ——— 10 Neunzehntes Kapitel. er war ſich ſeines Sieges bewußt, und mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen begann er den erſten Ton ſeines großen Recitativs. Drunten hielten ſich die Tauſende, die dieſen gewaltigen Tönen entzückt lauſchten, todtenſtill, bis im Ge⸗ ſang und Muſik eine Pauſe eintrat, dann— Ein wiederholter verdoppelter Beifallsſturm durchbrauſſte abermals das Haus———— ihr geltend—— und ließ ihn weiter träumen. In der Leichtigkeit, mit der er ſang, war es ihm auch möglich, gänzlich unbeirrt von Angſt und Spannung ruhig das ganze Haus zu beobachten. Ah, wie viele ſchöne weibliche Köpfe lehnten lauſchend in der Logenbrüſtung, wie viel ſchöne Augen blickten mit ange⸗ ſtrengter Aufmerkſamkeit auf die Bühne, auf ihn.— Was waren ihm all dieſe glühenden Blicke! Er, der große Sänger, ſcherzte mit ihnen, wie mit Muſik und Spiel; er ſchaute triumphirend, gleichgültig an den Tauſenden vorbei, um immer an einer gewiſſen Loge ſchüchtern umzuwenden oder dorthin noch einen ſchnellen Blick zu wagen. Da ſaß ſie nämlich, für die er allein ſang und ſpielte, welcher all die Glut galt, die mit den Tönen ſeiner Bruſt entſtrömte. Zu⸗ weilen mitten im Spiele wagte er es, ihr ein kleines Zeichen zu geben; er legte die Hand auf ſeine Bruſt und bemerkte alsdann mit unausſprechlichem Entzücken, wie ſie ihre Rechte erhob und leicht ihr dunkles Haar aus der Stirn ſtrich. Dann wieder überbot er ſich ſelber, und wenn es am Schluß einer großen Scene Blumen und Kränze regnete, ſo war das nur der ſchuldige Tribut ſeiner außerordentlichen Leiſtung. Was kümmerten ihn aber all die reichen Kränze und Blu⸗ menbouquets? Er hob von alle dem nichts vom Boden auf, als einen kleinen Strauß Veilchen, deren feiner, angenehmer Aln zen ſen Be⸗ ſ'te und er ngſt Ah, der nge⸗ Vas ger, aute Zu⸗ ichen nerkte dechte ſtrich. chluß r das ſtung. Blu⸗ auf, ehmer Nach der Oper. 11 Duft ihm eine ſüße Erinnerung war, denn es waren ihre Lieblingsblumen, ihr Lieblings⸗Odeur. Das alles träumte er in dem dunkeln Winkel neben der Thür der Requiſitenkammer, indem er ſeinen Kopf tief in beide Hände vergrub. Die Oper ging zu Ende, die ſeiner Einbildung nämlich, und ehe er ſich in ſeine Garderobe zurückzog, trat er in das nun ſchon leere Vorzimmer, von wo eine Thür auf den Corri⸗ dor führte, der mit den erſten Logen zuſammenhing. Dort wartete er einen Augenblick, und dann kam ſie, in ihren wei⸗ chen Pelz gehüllt, blieb eine kleine Weile ſtehen und reichte ihm ihre Hand, die er heftig an ſeine Lippen drückte, mehrere Mal heiß und innig, bis ſie dieſelbe ſanft zurückzog und lächelnd ſagte: Bis morgen, mein Freund, ſchlaf wohl! Ah, mit welchem Bewußtſein ging er in ſein Zimmer, um ſich umzukleiden. Sie ſetzte ſich drunten in ihren Wagen und fuhr allein nach Hauſe, ſein Bild im Herzen— ſein Bild ganz allein— allein im Herzen— und ſie allein in ihrem Wagen———— Warum entrang ſich jetzt ſeiner Bruſt ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer? Warum drückte er die Nägel ſeiner Finger ſo feſt in ſeine Haare, daß es ihn ordentlich ſchmerzte?— Sein Traum war zu Ende; er wurde jetzt gewaltſam zerriſſen durch einen wahrhaft betäubenden, nicht enden wollenden Beifallsſturm, der vom Hauſe heraufdröhnte. Ja, ſeine glänzenden Phan⸗ taſieen zerplatzten wie Seifenblaſen; für ihn rührte ſich kein Mund zu einem freundlichen Worte, er hatte keinen glänzen⸗ den Abend verlebt, er fuhr nicht nach Hauſe, Triumph und Glück im Herzen. Von ein paar ſeiner Bekannten, die es gut mit ihm meinten, wahrhaft bemitleidet, von anderen mit 12 Neunzehntes Kapitel. höhniſchen Blicken verfolgt, mußte er das Haus verlaſſen, um in kaltem Regen ſeine dunkle Straße zu ziehen, während ſie in ihrem dumpf rollenden Wagen nach Hauſe fuhr, gehüllt in den weichen Ueberwurf;— aber allein— o gewiß, allein — Tod und Hölle! Ja, allein, ſonſt wäre es ja zum Wahn⸗ ſinnigwerden, neben ihrem Wagen zu ſtehen, von dem Schmutze ihrer Räder beſpritzt zu werden, während ſie und ein Anderer, traulich zuſammen dahinfuhren, träumeriſch an einander ge⸗ ſchmiegt!— Und doch die marternde Seligkeit, wenn es ſo wäre, ſich davon überzeugen zu können.— Und mit welchem Rechte?— O, mit dem Rechte, das ihm tauſend qualvolle Stunden gegeben, in denen er ſchmerzlich gerungen, die ſein Herz verbittert, zerriſſen. Ja, die Vorſtellung war zu Ende; die Statiſten und Choriſten ſtrömten bei ihm vorüber eilfertig den Ausgängen zu, um in der Garderobe in ihre gewöhnlichen Kleider zu gelangen, in ihr kleines Wirthshaus oder auch wohl nach Hauſe in den Kreis einer oftmals ſehr ärmlichen Familie. Einige verließen ſchweigend die Bühne, verdrießlich nach⸗ ſinnend, Andere mit einer Melodie des Finales auf den Lippen; Herr Richter, als er an ſeinem Freunde, ohne ihn zu ſehen, vorüberſchritt, ſang auf irgend eine Melodie der Oper: „So wär' vorüber dieſes Stück, Vorüber, ja, vorüber, Ins Wirthshaus zieh'n wir uns zurück Je länger, um ſo lieber, Je länger, ja, je lieber.“ Draußen hörte man das Publikum murmelnd und ge⸗ räuſchvoll die weiten Räume verlaſſen. Die Gaslichter in den Couliſſen erloſchen bis auf wenige, die noch zum noth⸗ Nach der Oper. 13 dürftigen Beleuchten der Bühne blieben, dann auch die Pro⸗ ſceniums⸗Lampen mit Einem Drucke des Gas⸗Inſpectors an dem betreffenden Hahnen, und nun wurden auch die hundert Lichter am großen Kronleuchter mit einem Male von der Dunkelheit des weiten Raumes verſchlungen— ein fetter Biſſen für die gefräßige Finſterniß. Bander verließ die einſame Bühne, ging durch die Vor⸗ zimmer und Corridore, auf der engen und finſtern Treppe hinab, wo die alte Pförtnerin immer noch ſaß mit den un⸗ heimlich leuchtenden Brillengläſern. Man wußte eigentlich nicht, ob die Alte jetzt, nachdem das Theater geſchloſſen, bis morgen Abend in einen Zauberſchlaf verſunken hier ſitzen bleiben würde, und konnte annehmen, dem ſei ſo, denn bis jetzt hatte ſie weder jemand kommen noch gehen ſehen.—— Drunten war es Nacht, eine finſtere unbehagliche Nacht. Der Regen in dicken ſchweren Tropfen ſchlug ſchräg hernieder und ſpottete der mühſam gehaltenen Regenſchirme. Die Gas⸗ lichter flackerten zuweilen in ihren Glasgehäuſen und dann ſpiegelte ſich ihr Licht in breiten Waſſerlachen wieder, die ſtellenweiſe den aufgeweichten Boden bedeckten. Die Zuſchauer, die zu Fuß nach Hauſe gingen, ſchritten bedächtig auf dem Trottoir dahin, paarweiſe hinter einander, oder machten auch wohl große, haſtige Sprünge, wenn eine eilige Equipage daher rollte. Bander ging dicht am Theatergebäude hin, wo er von dem breiten Dache etwas gegen den Regen geſchützt war, und trachtete, einen der größeren Eingänge zu gewinnen, welcher nicht weit von der kleinen Treppe für das Perſonal lag. Dieſer Eingang hatte ein Vordach, von zwei Säulen getragen, an deren eine er ſich anſchmiegte, um einigermaßen 14 Neunzehntes Kapitel. vor der Näſſe geſchützt, doch in der Nähe bleiben zu können, um einen der abfahrenden Wagen genau zu beobachten. O, ſie fuhr gewiß allein! Als Bander ein paar Sekunden in ſeinem Verſteck war, hörte er, daß auch noch Andere es für gut befunden hatten, ſich dieſes Verſteckes zu bedienen. Er vernahm eine ſchüch⸗ terne Mädchenſtimme, welche ſagte:„Aber jetzt bitte ich Sie herzlich, laſſen Sie mich gehen. Mama hört ganz gut an dem Rollen der Wagen, daß das Theater aus iſt, und be⸗ rechnet ſehr genau, wann ich zu Hauſe ſein kann.“ „Himmliſche Emma,“ hörte der Lauſcher die Stimme eines Mannes,„nur noch einen ſüßen Augenblick. Mama wird ſo geſcheidt ſein, zu denken, daß man bei dem ſchlechten Wetter nur langſam gehen kann. Wenn ich Sie nur nach Hauſe begleiten dürfte!“ ſetzte er zögernd hinzu. „Nein, nein!“ verſetzte ſie angſtvoll. „Wie war ich ſo glücklich,“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher man ſie ſeufzen hörte,„heute Abend von der Straße aus Ihren Geſang zu hören. O, wie gern wäre ich hinaufgeeilt, um aus der Nähe zuzulauſchen.“ Herr Bander erkannte jetzt die Stimme, welche ſprach, es war die des jungen Offiziers, den er vorhin während der Vorſtellung aus der kleinen Garderobe hatte kommen ſehen, deſſelben, dem ſie, wie ihm ſchien, einen langen Blick nach⸗ geſandt.— O, ſie wird allein fahren! dachte er mit einem dankenden Blick, den er an den dunkeln Nachthimmel em⸗ porſandte.. „Darf ich nicht einmal kommen?“ bat Arthur ſchmeichelnd. „Nein, nein, gewiß nicht!———— Das muß wohl überlegt ſein,“ ſprach ſie zögernd. uſe, von bäre ach, der hen, nach⸗ mnem em⸗ elnd. wohl Nach der Oper. 15 „Aber nur nicht zu lange überlegt, ſchönſte Emma,“ ſagte er in etwas leichtfertigem Tone.„Wer lange über⸗ legt, verliert die beſte Zeit. O, laß mich nicht vergebens bitten!“—— „Nein, nein,“ hörte man ſie leiſe mit gepreßtem Tone ſagen,„nein—— nein—— nein! Aber jetzt muß ich fort, gewiß muß ich fort. An der Ecke ſteht mein Dienſt⸗ mädchen im Regen und erwartet mich.“ „O, noch einen kleinen Kuß, Emma!“—— „Nein,“ verſetzte ſie; doch verging eine etwas lange Zeit zwiſchen ſeiner Bitte und ihrer Antwort. Dann riß ſie ſich aber los und eilte mit raſchen Schritten über die Straße dahin. Dies hier unten waren die Vorbereitungen zu einer ſüßen dunkeln Stunde. Jetzt trat der Offizier zwiſchen die Säulen, und nach⸗ dem er dem dahineilenden Mädchen ein paar Sekunden nach⸗ geſchaut, lachte er vergnügt in ſich hinein und murmelte zwi⸗ ſchen den Zähnen:„Was das für ein kleines, wildes, wider⸗ ſpenſtiges Ding iſt! Glück, ich danke dir, daß ich hier zu⸗ fällig wartend ſie traf, die ſchöne Emma muß mir das bei ſolchem Hundewetter hoch anrechnen.—— Aber der Wagen bleibt verdammt lang!“— Bander, der dieſe Worte deutlich hörte, fühlte ein krampf⸗ haftes Zucken in ſeiner Bruſt und biß ſeine Zähne in die Lippen. Dem Theater gegenüber, wo ſich ein kleiner, freier Platz befand, hielt eine Equipage mit zwei leuchtenden Laternen. Jetzt erſchallte von der Thür, auf welche die uns bekannte kleine Treppe mündet, der Ruf eines Theaterdieners— der 3— ———— 16 Neunzehntes Kapitel. Wagen mit den Laternen lenkt ſcharf auf das Haus zu, und Bander ſah eine Dame einſteigen. O, er erkennt ſie wohl. „Der Teufel,“ murmelte der Offizier zwiſchen den Zäh⸗ nen,„es ſähe ihr ähnlich, mich im Stiche zu laſſen, und das hieße zwiſchen zwei Stühlen niederſitzen.— Doch nein, ſie vergaß mich nicht.“ Er hatte Recht, der Wagen fuhr im Schritt längs dem Gebäude an das Portal mit den beiden Säulen, wo die zwei Männer ſtanden, bewegt von den verſchiedenſten Ge— fühlen. Während ſich Bander, von raſender Eiferſucht durch⸗ zuckt, in den tiefen Schatten des Vorſprungs zurückwarf, trat der Offizier raſch auf die Straße, ſchwang ſich leicht in den Wagen und zog den Schlag hinter ſich zu. „Alſo doch!“ ſtöhnte der Andere, und von einem Ge⸗ fühle der Wuth ergriffen, ſchnellte er aus ſeinem Verſteck hervor, um den Wagen zu erreichen, was ihm auch nach einigen raſchen Sprüngen gelang, da die Straße eine Bie⸗ gung machte, während er, quer über den kleinen Platz eilend, ſchneller die nächſte Ecke erreichte. So gelangte er auch an die Seite, wo ſie ſaß. Er knirſchte mit den Zähnen.„Ah, welch marternde Wolluſt wäre es, den erſten glühenden Kuß der Beiden zu erlauſchen! Und wer hindert mich daran? Ja, ich will ihn ſehen,“ keuchte er,„und ſo auf meine Art mitgenießen, will mir das Meſſer bis ans Heft ins Herz ſtoßen.“ Der Wagen rollte eben an ihm hin und war jetzt dicht neben ihm. Bander legte die Hand auf den glänzenden Me⸗ tallbeſchlag an der Thür; das Glück ſchien ihm günſtig: das Fenſter des Wagens war herabgelaſſen. Er ſchwang ſich auf den Tritt, er ſah—— das von ihm angebetete Mädchen dicht Me⸗ das ) auf dchen Nach der Oper. 17 nicht, wie er geglaubt und gefürchtet, ja, im gegenwärtigen Augenblicke gehofft, in den Armen des jungen Mannes, ſon⸗ dern ruhig in ihrer Ecke lehnend und ſich nun bei dem An⸗ blick des fremden Geſichtes, das mit ſtarren Augen herein⸗ blickte, entſetzt und mit einem lauten Aufſchrei auf die Seite werfend. Dieſer Schrei erſchütterte ihn, brachte ihn zu ſich, er fuhr zurück, und als er abſpringen wollte, glitt ſein Fuß von dem ſchlüpfrigen Wagentritte, ſeine Hand ließ den Metall⸗ beſchlag der Thür fahren, und von den raſch rollenden Rä⸗ dern geſtreift, ward er auf die Seite geſchleudert, wobei ſein Kopf mit einem heftigen Anprall auf das Straßenpflaſter niederſchmetterte. Ein Sekunde lang rollte und ſauſ'te es in ſeinen Ohren, wie das Getöſe einer Legion davon rollender Wagen, dann zuckten ſeine Finger rechts und links, irgend etwas zu faſſen, und einen Moment darauf lag er leblos da, benetzt von dem herabſtrömenden Regen, der ſich mit ſeinem rieſelnden Blute vermiſchte. Zwanzigſtes Kapitel. Ein Werk der Barmherzigkeit. m Das Geſicht, welches ſo plötzlich am Wagenfenſter er⸗ ſchienen war und eben ſo raſch wieder verſchwand, hatte die d Tänzerin einen Augenblick erſchreckt, ſo daß ſie, welche ſich v bis jetzt feſt in ihre Wagenecke gedrückt, nun ſich plötzlich 1 gegen Arthur neigte, der als junger Mann voll großer Gei⸗ 7 ſtesgegenwart in ähnlichen ſchwierigen Lagen des Lebens, ſo⸗— gleich ſeinen Arm um ſie ſchlang und ſie ſanft an ſich drückte. a Obgleich ſie ſich im nächſten Moment wieder von ſeinem Arm 2 befreite, ſo hatte ſie doch ein paar koſtbare Sekunden ver⸗ a loren, während welcher der Wagen, von den raſchen, unruhi⸗ ei gen Pferden gezogen, ſchon wieder um die nächſte Ecke il 38 und die Straße hinabeilte. n Sie wollte dem Kutſcher ein Zeichen b augenblicklich halten laſſen, ſie faßte 3 Schnur, welche zu dieſem Zwecke doch ergriff der junge Offizier v b unmuthigem Tone:„Was er er⸗ tte die he ſich lötzlich r Gei⸗ ns, ſo⸗ drückte. m Arm en ver⸗ unruhi⸗ cke, flog Ein Werk der Barmherzigkeit. 19 Sich doch nicht um dieſen unverſchämten Kerl kümmern, der, wie ich hoffe, beim Herabſtürzen tüchtig etwas abgekriegt hat— oder ſoll ich halten laſſen, um ihn der Polizei zu übergeben, wenn bei dieſem Hundewetter jemand von der hei⸗ ligen Hermandad auf der Straße iſt?“ Roſa hatte zuerſt an irgend eine Frechheit, an ein Atten⸗ tat auf ihre Perſon gedacht, als jene ſtarren Blicke ſo plötz⸗ lich vor ihrem Geſichte erſchienen, dann aber durchzuckte ſie mit einem Male ein Strahl der Wahrheit, als ſie ſich plötz⸗ lich jener Augen erinnerte, die den ganzen heutigen Abend, wie ſie wohl bemerkt, und auch ſchon früher manches Mal auf ihrem Geſichte, auf ihrer Geſtalt geruht. Was konnte den Unglücklichen bewogen haben, ihren Wagen zu verfolgen und ſich ihr aufzudrängen? Hatte ihn der Schmerz um ſein verunglücktes Debut ſo alle Schicklichkeit vergeſſen laſſen— hatte er vielleicht eine Hülfe von ihr ver⸗ langt— er hätte ja oben im Hauſe auf ſie zutreten können — ſie mit ihrem guten Herzen würde ihn angehört haben — ſonderbar! Er war ihr als ein ſo ruhiger, ſtiller und anſtändiger Mann geſchildert worden, es mußte etwas ganz Außerordentliches ſein, das ihn zu dieſer ſeltſamen That ver⸗ anlaßt.— Sie dachte nach und ſtrich dann plötzlich, wie von einer großen Unruhe befallen, ihr Haar von der Stirne zurück— ja es fiel ihr ein, daß ſie einmal gehört hatte, er wohne in jenem ärmlichen Stadtviertel, das ihr ſo genau bekannt war— wenn er vielleicht eine Botſchaft an ſie aus⸗ zurichten gehabt?— Jetzt raſſelte der Wagen in jenem eigenthümlichen Tone von dem weichen Mittelwege auf das Pflaſter neben den breiten Trottoirplatten des Hauſes, wobei er eine leichte Zwanzigſtes Kapitel. Schwingung machte und dann plötzlich hielt; der Schlag wurde geöffnet, Arthur ſprang hinaus und ſtreckte dann ſeine Hand hülfreich unter ihren Arm empor. Roſa blieb auf dem Tritte ſtehen, wobei ſie einen der Lakaien, der am Schlage ſtand, fragte:„Was war das vor⸗ hin mit dem Manne, der ſo plötzlich zu mir hereinſchaute? Du haſt es doch wohl geſehen?“ „Gewiß, gnädiges Fräulein,“ gab der Bediente zur Ant⸗ wort,„ſprang er doch wie wahnſinnig vom Trottoir weg gegen den Wagen hin. Er muß aber den Tritt verfehlt und da⸗ für die Achſe des Hinterrades erreicht haben, denn ich ſah ihn gleich darauf auf das Pflaſter niederſtürzen, daß ich meine, er müſſe Arm und Bein gebrochen haben.“ „Gott wolle das verhüten! Sahſt du ihn nicht wieder aufſtehen?“ „Nein, gnädiges Fräulein, er blieb ausgeſtreckt liegen.“ Roſa preßte ihre Lippen auf einander und ſagte zu ſich ſelber in entſchloſſenem Tone: ich muß nach ihm ſehen, wenn ich nur nicht die Indiseretion meines Begleiters zu fürchten hätte. —„Arthur,“ ſagte ſie mit lauter Stimme,„Sie könn⸗ ten mir einen Gefallen thun. Gehen Sie zu Francoiſe hin⸗ auf, und ſagen Sie ihr, ich käme im Augenblick, ich hätte etwas vergeſſen, was ich ihr hätte mitbringen wollen, ich fahre zum Theater zurück und werde in weniger als einer Viertelſtunde wieder hier ſein.“ „In dem Falle werden Sie mir doch erlauben, Sie zu begleiten,“ erwiderte der junge Offizier;„das Theatergebäude wird ſchon geſchloſſen ſein und Sie können doch nicht bei ne Ein Werk der Barmherzigkeit. 21 dunkler Nacht allein den Hausverwalter aufſuchen und Ihre Garderobe öffnen laſſen.“ „Die iſt noch nicht geſchloſſen,“ erwiderte die Tänzerin, „Jeanette braucht eine gute halbe Stunde, um meine Sachen zuſammen zu packen.“ „Gut,“ verſetzte Arthur,„aber auf alle Fälle, und wenn Sie auch einen noch ſo geringen Begriff von meiner Galan⸗ terie haben, werde ich Sie doch nicht allein fahren laſſen.“ „Wenn ich Sie aber ausdrücklich darum bitte?“ entgeg⸗ nete ſie in ruhigem, aber ſehr beſtimmtem Tone. „Aber— ſchöne Couſine—!“ Die dringenden Vorſtel⸗ lungen, welche dem jungen Offizier auf den Lippen ſchweb⸗ ten, verſtummten plötzlich, nicht ſowohl weil ſich Roſa ſchon in die Kiſſen des Wagens zurückgeworfen hatte und den Schlag zugezogen, als weil er auf der anderen Seite der Straße ein Dienſtmädchen mit einer Laterne ſah, die ihrer Herrſchaft, einer jungen Dame, voranleuchtete, welche letztere ſehr langſam und ſehr ſorgfältig die Fußſpitzen aufſetzend über die naſſen Trottoirplatten dahinſchritt. „Wenn Sie denn durchaus befehlen, ſo muß ich als Ihr unterthäniger Sklaye, der gewöhnt iſt, ſich Ihren oftmals ſeltſamen Launen zu fügen, willenlos gehorchen— aber ich kann Ihnen verſichern, ſchöne Roſa, mit gebrochenem Herzen.“ „Nach dem Theater, raſch!“ ſagte ſie, und der Bediente hatte kaum Zeit, ſich neben den Kutſcher zu ſchwingen, ſo raſch wandten die Pferde und eilten den Weg, den ſie ge⸗ kommen, zurück. Einen Augenblick ſchaute der junge Offizier lächelnd dem Wagen nach, wobei er leicht an ſeinem Schnurrbart ſtrich, und dann ſagte er vor ſich hin:„Wer wagt, gewinnt und — — 7— ·— . — 22 Zwanzigſtes Kapitel. ich wäre einer der größten Tölpel auf der ganzen Erde, wenn ich einen ſolchen Fingerzeig vorübergehen ließe.“ Er nahm ſeinen Säbel unter den Arm, daß er nicht klirrte, und ſprang leicht und gewandt über die Straße hinüber zwiſchen das Dienſtmädchen mit der Laterne und die nachfolgende junge Dame. Roſa warf beim Wegfahren raſch ihren ſeidenen Mantel ab, nahm einen einfachen, grauen Plaid, der auf dem Rück⸗ ſitze lag, über die Schulter und zog die dunkle Capuze, die ſie auf dem Kopfe trug, tiefer in ihre Stirne, dann ergriff ſie die Schnur, die der Kutſcher draußen um ſeinen Arm be⸗ feſtigt hatte; der Wagen ſtand augenblicklich ſtill und der Bediente, welcher raſch hinabgeſprungen war, öffnete den Schlag. „Ich will zu jener Stelle hinfahren, wo jener Mann geſtürzt iſt,“ ſagte die Tänzerin,„man kann den Unglücklichen nicht ſich ſelbſt überlaſſen. Wenn aber dort vielleicht Leute ſtehen, ſo laß etwas weiter fahren, dann will ich ausſteigen.“ Der Schlag ſchloß ſich wieder, die Pferde zogen aber⸗ mals an, um wenige Minuten ſpäter zu halten, worauf der Bediente die Herrin ausſteigen ließ. Regen und Wind fegten noch immer durch die Straßen und die zuckenden Gasflammen in den Laternen warfen zit⸗ ternde Streiflichter auf die Waſſerlachen am Boden. Dort lag das maſſenhafte Gebäude des Theaters dunkel ohne eine Spur von Beleuchtung, und Roſa, welche um ſich blickte, erkannte augenblicklich den kleinen Platz vor demſelben, über welchen ſie gefahren war, wo jetzt ihr Wagen ſtand, und dort die Hausecke, wo jener niedergeſtürzt war. Ihrem Befehle gemäß war der Kutſcher eine kleine Strecke weiter gefahren, Ein Werk der Barmherzigkeit. 23 weil dort bei dem Gefallenen einige Leute ſtanden, die eben im Begriffe waren, ihn aufzurichten. Die damit Beſchäftigten ſchienen Polizeibeamte zu ſein und eine ältliche Frau. Letztere hatte ſich auf das Pflaſter nieder gekauert und unterſtützte das Haupt des am Boden liegenden, während ſie in keifendem Tone ſprach:„Das kommt von dem ſchnellen Fahren dieſer vornehmen Leute; nicht ge⸗ nug, daß ſie uns, die wir zu Fuß vorübergehen, mit Waſſer und Koth beſpritzen, nein, ſie machen ſich gar kein Gewiſſen daraus, uns umzufahren, wenn wir auch den Hals brechen. Den armen Teufel hier hat's nicht ſchlecht hingeſchlagen; da hinten an ſeinem Kopfe, wo ich meine Hand halte, fühle ich ordentlich das Blut zwiſchen meinen Fingern durchrieſeln.— Wofür ſeid denn Ihr von der Polizei eigentlich auf der Welt,“ fuhr ſie lauter fort, indem ſie aufblickte,„als um dem Stra⸗ ßenunfug Einhalt zu thun? Ja, ja, aber man weiß wohl, wo man Euch hat und wo Ihr niemals zu finden ſeid.“ „Statt Eures dummen Geſchwätzes,“ gab der Polizei⸗ ſoldat verdrießlich zur Antwort,„ſolltet Ihr dafür ſorgen, dem da eine Binde um den Kopf zu machen, ich will unter⸗ deſſen laufen und nach einer Tragbahre ſuchen, es ſcheint mir wahrhaftig auch nicht, als ob der da, wie ich geglaubt, ſich von ſelbſt aufkrabbelt.“ „Binde machen?“ murmelte das alte, ärmlich gekleidete Weib,„möcht' wiſſen, wovon? Springt nach einer Tragbahre und laßt ein paar Binden mitbringen.“ „Kann das da vielleicht für den Augenblick helfen?“ ſagte eine leiſe Stimme, und als der Polizeiſoldat raſch in die Höhe blickte, ſah er eine weibliche Geſtalt neben ſich ſtehen, “ — — — Zwanzigſtes Kapitel. die der Frau ein Taſchentuch und eine lange ſeidene Schärpe darreichte. Dieſe nahm das feine Gewebe in die Hand und ſagte kopfſchüttelnd:„Das iſt ſo dünn, daß es als Charpie dienen kann, ſchade darum. Nun, im Nothfall thut ſich's ſchon, die Binde kann ſchon beſſer helfen— ſeht nur, daß wir eine Tragbahre kriegen!“ „Könnt Ihr nicht auch einen Wagen gebrauchen?“ ſagte raſch die verhüllte Dame,„hier wäre wohl einer, der den Unglücklichen nach Hauſe brächte.“ „Wo iſt um dieſe Zeit und bei ſolchem Wetter eine Droſchke zu finden?“ murmelte die Alte,„ja die ſind nur zu haben, wenn die Sonne ſcheint.“ „Gleichviel,“ ſagte die Andere dringend,„es iſt ein Wagen da; meint Ihr, man könne den armen jungen Mann aufrichten?“ „Ich glaube wohl, denn ich fühlte ſo eben, wie er tief aufathmet. Da Ihr ſo mitleidig ſeid, was Euch Gott loh⸗ nen möge, ſo helft mir auch die Binde um ſeinen Kopf be⸗ feſtigen, während Ihr,“ ſprach die Alte zu dem Polizeiſolda⸗ ten,„ihn bei den Schultern feſthaltet,— ſo iſt's recht.“ Wer dieſe ſeltſame Gruppe bei Tage hätte ſehen können! Der tiefaufathmende junge Mann von dem Polizeiſoldaten aufgerichtet und unterſtützt, die alte Frau in ihrem verbliche⸗ nen, fadenſcheinigen Anzuge, beſchäftigt ein feines Battiſttuch auf das blutige Haar zu drücken und die junge ſchöne Tän⸗ zerin, ſonſt umgeben von allem erdenklichen Comfort des Lebens, jetzt hier in finſterer Nacht im ſeidenen Kleide, mit dem weichen verwöhnten Knie auf dem naſſen Pflaſter Ein Werk der Barmherzigkeit. 2⁵ knieend und mit ihren feinen Fingern die ſeidene Schärpe zuſammenknüpfend. Sie erkannte wohl ihre ſeltſame Situation, worin ſie ein unerklärlicher Drang ihres Herzens gebracht; ſie hätte lächeln mögen, wenn nicht Thränen in den Augen ſie daran gehindert hätten— Thränen des innigſten Mitleids, die aus ihren langen Wimpern hinabtroffen, als ſie in das bleiche Geſicht des jungen Mannes ſah, den ſie gut erkannte, und deſſen Herz wohl heute Abend von einem tiefen Weh erfüllt war. Jetzt ſchlug er die Augen auf und ſie wandte raſch ihren Kopf auf die Seite; dann ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, verſuchte, ſich aufzurichten, ſank aber wieder in die Arme des Polizeiſoldaten zurück und ſein blutiges Haupt berührte in dieſem Augenblick die Schultern des jungen Mädchens. Doch war es gerade, als habe ihm dieſe Berührung neue Kraft gegeben, denn er ſtützte ſeine rechte Hand auf den Bo⸗ den, während ſeine linke langſam an ſeine Stirne fuhr. Roſa hatte ſich raſch erhoben und war hinter ihn getreten, während ſich auf ihren Wink der Wagen langſam näherte. Der Be⸗ diente hatte den Schlag geöffnet und ſagte nun zu dem Po⸗ lizeiſoldaten, als er bemerkte, daß ſich ſeine Herrin etwas zurückzog:„Wenn wir nur erſt aus ihm herausgebracht ha⸗ ben, wo er wohnt.“ „Dazu brauchen wir kein Kopfzerbrechen und kein Fra⸗ gen,“ ſagte die alte Frau;„ich kenne den Herrn Bander wohl, wohnt er doch in meiner Nähe in der Balkenſtraße bei der Wurſtkönigin, wißt Ihr das?— Armer Herr Bander,“ ſetzte ſie mitleidig hinzu.„Habe ich ihn doch heute Nach⸗ mittag noch ſo wohlgemuth nach dem Theater gehen ſehen! Es ſoll ihm da ſchlecht gegangen ſein, wie mir mein Vetter 26 Zwanzigſtes Kapitel. der Choriſt, vorhin ſagte; es iſt aber ein Jammer, wenn ſo gutes Blut auf's Theater geht.“ „Hört doch auf mit Eurem Geſchwätz,“ ſagte barſch der Polizeiſoldat,„er ſcheint mir wieder ganz bei ſich zu ſein, und wenn wir alſo den Wagen da benutzen dürfen, ſo wollen wir ihn hineinbringen, wenn er nur nicht von dem naſſen Pflaſter ſo gar naß und ſchmutzig geworden wäre— ſollen wir alſo?“ wandte er ſich fragend an den Bedienten. Dieſer ſchaute ſeine Herrin an, welche ſehr entſchieden mit dem Kopf nickte. „Vielleicht könnte er aber auch zu Fuße gehen.“ „O ja,“ ſagte nun Herr Bander mit matter Stimme, „ich kann ſchon wieder gehen,“ und damit machte er einen wankenden Schritt vorwärts. „Nein, nein,“ rief die alte Frau eifrig, während ſie em⸗ por ſprang und ihn unterſtützte,„er kann ſich ja kaum auf ſeinen Füßen halten! Nur nicht lange gefragt; kommen Sie, Herr Bander. Da iſt eine gute mitleidige Dame, die will Sie in ihrem Wagen nach Hauſe fahren laſſen. Gott möge es ihr lohnen!“ Der junge Mann griff mit beiden Händen nach ſeinem Kopfe, und verſuchte, um ſich zu ſchauen, doch ſchien ihn bei dieſer Bewegung ein Schwindel zu befallen und er ſtützte ſich auf die Schultern der alten Frau, welche ihn ſorgſam an den Wagenſchlag führte. Hier faßte der Polizeiſoldat und der Bediente ihn unter den Arm, hoben ihn empor und ließen ihn ſanft auf die weichen Kiſſen des Wagens niedergleiten, worauf die Tänzerin raſch an die Seite der alten Frau trat und ihr etwas in die Hand drückte.„Fahrt mit ihm nach Ein Werk der Barmherzigkeit. 27 Hauſe, da Ihr wißt, wo er wohnt, und ſorgt für ihn, man wird ſich morgen ſorgfältig erkundigen.“ Der Bediente, welcher hinter der Alten den Schlag ge⸗ ſchloſſen hatte, griff fragend an ſeinen Hut und ſchwang ſich dann auf eine haſtige Handbewegung ſeiner Herrin neben den Kutſcher, worauf der Wagen augenblicklich davon fuhr. Roſa blieb noch einen Augenblick auf der Straße ſtehen, dann zog ſie ihren Plaid feſter um ihre Schultern, blickte mit einem eigenthümlichen Lächeln nach dem Theatergebäude hin⸗ über und ſchritt dann langſam dem Hauſe ihrer Schweſter zu. Der ganze Vorfall, den wir eben erzählt, hatte kaum die Zeit einer Viertelſtunde in Anſpruch genommen, kaum fünfzehn Minuten, welche Arthur auf ſeine Weiſe auf's vor⸗ trefflichſte benutzt hatte. Seine neue kleine Eroberung, welche mit vollem und warmem Herzen aus dem Theater kam, wo der ſchöne, glänzende Offizier es nicht unterlaſſen hatte, ihr von ſeiner Loge aus alle erdenklichen Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, in deren Ohren noch ſüß und berauſchend die flüch⸗ tigen Worte nachklangen, welche er ihr nach beendigter Vor⸗ ſtellung unter dem Portale zugeflüſtert, war wohl erſtaunt, aber leider auch erfreut, ihn, deſſen Bild ſie ſich auf dem Heimweg lebhaft vergegenwärtigte, wieder ſo plötzlich vor ſich hintreten zu ſehen. Wie gerne glaubte ſie ſeinen Wor— ten, daß er Sturm und Wetter nicht achtend, vorausgeeilt ſei, um noch für ein paar Augenblicke den Klang ihrer lieben Stimme zu vernehmen. „Mama iſt ruhig in ihrem Zimmer oben,“ flüſterte das gefällige Dienſtmädchen, als Emma mit einem kleinen Er⸗ ſchrecken an dem Hauſe emporblickte und dabei nur ſchwach den Verſuch machte, ſich dem Arme des jungen Offiziers zu 28 Zwanzigſtes Kapitel. entwinden, der ſchnell und kühn ſeine Hand um ihre ſchlanke Taille gelegt. „Schöne Emma, nur eine Minute!“ bat er ſchmeichelnd. „Sie ſind ſo furchtbar raſch gegangen, daß Sie noch unmög⸗ lich zu Hauſe ſein können; gönnen Sie mir ein paar ſüße Augenblicke, wer weiß, ob mir ein glücklicher Zufall bald wieder ſo günſtig ſein wird. Oder verſprechen Sie mir, dem Zufall nachzuhelfen? So lange habe ich mich geſehnt, Sie zu ſehen und zu ſprechen. Wenn Sie wüßten, wie lange ich mich vergeblich bemüht, Ihre ſchönen Blicke auf mich zu ziehen.“ „Wer ſoll Ihnen das glauben?“ entgegnete ſie kopfſchüt⸗ telnd mit einem freundlichen Lächeln.„Wo nehmen Sie die Zeit her, nach mir zu ſchauen? Nein, nein, glauben Sie nicht, mir ſolche Märchen aufzubinden. Gute Nacht, ſchlafen Sie wohl!“ Damit machte ſie ſich von ihrem Begleiter los und ſprang auf die erſte Treppenſtufe ihres Hauſes, wo ſie aber lachend ſtehen blieb. Es iſt das nun aber von allen Stellungen eines Mäd⸗ chens gegenüber einem jungen Manne, dem ſie ſich entziehen möchte, die allergefährlichſte, auf der erſten Stufe zu ſtehen, während er noch auf dem Trottoir bleibt; da ſieht man ſich ſo plötzlich und ſo nah Aug' in Auge, da braucht es nur eines kleines Nachgebens von ihrer Seite, um faſt willenlos an ſeine Bruſt zu ſinken, da iſt ein Entkommen faſt unmöglich, namentlich wenn ein unvorſichtiges Dienſtmädchen das ſchützende Licht der Laterne auslöſcht, und da vermag man ſich nur gewaltſam loszureißen, nachdem man gezwungen worden iſt, mit Hand und Mund die Verſicherung eines baldigen Wie⸗ derſehens zu geben. Hier war es aber vielleicht ein glücklicher Zufall für Ein Werk der Barmherzigkeit. 29 Emma, der es ihr auch nach dem gegebenen Verſprechen mög⸗ lich machte, in ihrer Hausthüre zu verſchwinden, und dieſer Zufall trat in Geſtalt einer verhüllten Dame auf, welche, dicht vorüberſchreitend, einen raſchen Blick unter der tief her⸗ abgezogenen Capuze auf die Beiden warf, um dann, geräuſch⸗ los die Straße überſchreitend, in der Nacht zu verſchwinden. „Nicht um eine Million blieb ich länger hier an der Thür,“ ſagte das zitternde junge Mädchen, indem ſie ſich jetzt ernſtlich bemühte, ihre Hände denen des jungen Offiziers zu entziehen,„wer weiß, wer es war, der mir einen ſo leuch⸗ tenden Blick zugeworfen. Sie konnten die Geſtalt freilich nicht ſehen.“ „Wer könnte das geweſen ſein?“ lachte der leichtſinnige junge Mann.„Jemand, der abſichtslos ſo dicht an uns vor⸗ überging. Süße Emma, nur noch einen kleinen, ſüßen Au⸗ genblick.“ „Nein, nein, gute Nacht!“ „Aber auf baldiges Wiederſehen?“ „Vielleicht.“ Die Thür ſchloß ſich geräuſchlos, und Arthur fühlte jetzt erſt wieder, daß der Regen noch immer herabrieſelte. Er wandte ſich unmuthig nach dem Hauſe ſeiner Couſine und ſagte faſt in vollem Ernſte: Nun, wenn das nicht unverant⸗ wortlich iſt, mich hier im Regen warten zu laſſen, während ſie, Gott weiß wo, in der Welt herumfährt, ſo gibt es gar nichts Unverantwortliches mehr; bin ich doch auf Ehre ſo naß wie ein begoſſener Pudel, und wenn ſie jetzt zurückkäme, ich könnte ſie nicht einmal mit Anſtand mehr hinaufbegleiten. Ah, das ſoll ſie mir büßen, und wenn ſie mir wieder einmal ſagt: ich komme ſogleich wieder, ſo werde ich ihr zur Antwort — — — —— ä — 30 Zwanzigſtes Kapitel. geben: ja, ja, wie nach jener Theater⸗Vorſtellung, ſchöne Roſa; ich verſtehe alles, wie ein Menſch— wahrhaftig, man kann ſich auf niemand mehr verlaſſen, kaum mehr auf ſich ſelber. Unter dieſen halblaut gemurmelten Worten vorwärts ſchreitend, blickte Herr von Marlott noch ein paarmal nach dem Hauſe zurück, das er ſo eben verlaſſen und meinte, ſtille vor ſich hinlächelnd: Das iſt ein angenehmes, warmes Mäd⸗ chen, gut und hingebend, wir müſſen dieſe Bekanntſchaft cul⸗ tiviren. Wenn auch Roſa ſehr liebenswürdig ſein kann, ſo weiß doch der Teufel, woher es kommt, daß ſie die Theater⸗ prinzeſſin nie ganz verleugnen kann; wenn ich einmal denke, jetzt geht ihr das Herz weit auf und ihre Liebe zu mir— denn daß ſie mich liebt, daran iſt gar kein Zweifel— trägt die erwarteten Früchte, ſo blickt ſie mich plötzlich mit ihren großen Augen an und macht eine Bewegung, wie die Herrin zu ihrem Sklaven.— Auf Ehre, zuweilen ganz Theaterprin⸗ zeſſin! Dabei thut dann, ſetzte er ſtehen bleibend hinzu, indem er ſich halb umwandte und ſeine Fingerſpitzen gegen das Haus küßte, ſo eine friſche Natürlichkeit Einem ſo un⸗ beſchreiblich wohl— wenn ich nur in dem verfluchten Regen nicht ſo pudelnaß geworden wäre; ich muß wahrhaftig nach Hauſe gehen und mich umkleiden.— Die verhüllte weibliche Geſtalt, welche vorhin das junge Mädchen an der Treppe erſchreckt, hatte, von Herrn von Marlott ungeſehen, das gegenüber liegende Haus des Grafen Lotus erreicht und ſich dort raſch in den tiefen Schatten einer der Säulen geſtellt, welche das Vordach trugen. Von hier warf ſie einen Blick auf die Straße, ſah, wie ſich der junge Offi⸗ zier entfernte, und drückte dabei ihre Hand heftig auf das pochende Herz. Wer ihr nahe geweſen wäre, hätte ihre leuch⸗ Ein Werk der Barmherzigkeit. 31 tenden Augen ſehen müſſen und bemerken, wie ſie ihre Zähne feſt auf einander biß und ſich dabei ihre Lippen wild und trotzig öffneten; ihr ganzer Körper bebte, und wenn ſie ſich zuweilen etwas vorbeugte und ſich dann wieder ſtolz aufrich⸗ tete, ſo hatten ihre ſonſt ſo ſchönen Züge einen ſo wilden Ausdruck, daß man hätte glauben können, ſie habe die ſo leiſe gemurmelten Worte des Davoneilenden verſtanden, was doch unmöglich war; vielleicht aber mochte ſie, die ihn genau kannte, etwas von ſeinen Gedanken errathen. So blieb ſie hier ſtehen, nicht nur, bis er in der Dun⸗ kelheit verſchwunden war, ſondern bis ſie auch nichts mehr von ſeinem klingenden Tritt und ſeinem klirrenden Säbel vernahm. Dann wandte ſie ſich gegen die Hausthür und zog heftig an der Klingel. Augenblicklich wurde geöffnet, und ſobald der alte Por⸗ tier nicht ohne einiges Erſtaunen die Dame erkannt, zog er raſch eine Klingel, die im erſten Stocke zweimal anſchlug. An der Treppe öffnete ſich ſogleich die Thür, welche in das Veſtibul und den kleinen Wintergarten führte, und der Kam⸗ merdiener des Grafen, durch das zweimalige Anſchlagen der Glocke benachrichtigt, daß jemand gekommen ſei, der beſondere Aufmerkſamkeit beanſpruche, huſchte raſch die Treppen hinab und machte dann eine tiefe Verbeugung, als er der Schweſter der gnädigen Gräfin anſichtig wurde. Auf ſeinem Geſichte zeigte ſich trotz des in Unordnung gerathenen Anzuges der Dame durchaus keine Veränderung, kein Erſtaunen; er war dafür zu gut geſchult, und wenn der Herr Graf vielleicht einmal im Schlafrocke hätte ausgehen wollen, würde er kaum gewagt haben, lächelnd die Bemerkung zu machen, daß der Thermometer kaum ſechs Grad Wärme anzeige. 32 Zwanzigſtes Kapitel. Ein Werk der Barmherzigkeit. „Meine Schweſter iſt zu Hauſe?“ fragte die Tänzerin. „Zu Hauſe wohl,“ entgegnete der Kammerdiener,„doch werden das gnädige Fräulein die Güte haben müſſen, ein paar Augenblicke im Boudoir zu warten; der Herr Graf zog ſich in ſeine Zimmer zurück, da er einige Schmerzen fühlte, und die gnädige Gräfin leſen ihm, wie gewöhnlich in ſolchen Fällen, etwas vor.“ Roſa nickte mit dem Kopfe und ſtieg raſch die Treppen hinauf. Oben öffnete einer der Lakaien geräuſchlos die Thür und, minder wohl erzogen, als der Kammerdiener, zog er ſeine Augenbrauen hoch empor, als er die junge Dame in ihrer Capuze, mit durchnäßtem Plaid und beſpritztem Kleide an ſich vorbeieilen ſah. Es war derſelbe, der vor dem Diner mit der Orange geſpielt und die kleine Frucht, da er jetzt nichts Beſonderes zu thun hatte, aus ſeiner Taſche hervor⸗ geſucht. Er kniff ſein linkes Auge gegen ſeinen Collegen zu, und als der Kammerdiener die Treppe langſam wieder her⸗ aufſtieg, ſagte er mit einem bezeichnenden Lächeln:„Draußen ſcheint es ſtark zu regnen.“ Der Kammerdiener nickte ſtatt aller Antwort ernſthaft mit dem Kopfe und ging links nach dem Zimmer ſeines Herrn, während die junge Dame auf der rechten Seite ver⸗ ſchwunden war. Einundzwanzigſtes Kapitel. Francoiſe und Roſa. Das zierliche Veſtibul ſah jetzt am Abend noch gemüth⸗ licher, ja noch reizender aus, als am Tage. Vor den großen Glasſcheiben des Wintergartens waren grüne Vorhänge herab⸗ gelaſſen und zwiſchen den Blumengruppen in den Ecken ſtan⸗ den Carcel⸗Lampen, deren matte Kugeln ein angenehmes Licht rings umher verbreiteten. Von draußen her hörte man zuweilen den Wind um die Ecke des Hauſes ſauſen und vernahm auch wie die ſchweren Regentropfen gegen das Glas⸗ dach des Wintergartens ſchlugen. Bei der Stille, die im Hauſe herrſchte, vernahm man das Plätſchern des kleinen Springbrunnens deutlicher, wie am Tage. „Ich muß ſchon geſtehen,“ ſagte der Lakai, indem er kopfſchüttelnd nach links blickte,„es iſt das ein eigenes Ver⸗ gnügen, im Regen zu gehen, wenn man einen Wagen zur Verfügung hat.“ Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 3 34 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Beſonders,“ meinte der andere Bediente,„den Wagen zu verlaſſen, wenn man einmal warm darin ſitzt. Dieſe Damen haben doch ganz eigene Gelüſte.“ „Hm,“ ſagte der Erſte,„wenn der Kammerdiener das Wort hörte, ſo würde er dir eine Bemerkung dafür nicht erſparen. Vornehme Perſonen, würde er ſagen, haben keine Gelüſte, man nennt dies in dieſem Falle Phantaſieen. Merke dir das, junger Anfänger.“ Der junge Anfänger mochte vielleicht ein halbes Dutzend Jahre älter ſein als der Andere, doch war er erſt ſeit eini⸗ gen Monaten aus dem Stalle in das Vorzimmer befördert worden und bedurfte deßhalb noch einer ſorgfältigen Er⸗ ziehung. „Eigentlich hätte auch ich den Regen nicht ſcheuen ſollen,“ fuhr der Andere fort, nachdem er ſich auf dem niedrigen tür⸗ kiſchen Divan niedergelaſſen, der die hintere Wand einnahm, „es iſt heute Abend hier verdammt langweilig und mich hätte der Kammerdiener ſchon ein paar Stunden fortgehen laſſen können. Oh—oh—oh—oh,“ machte er, ſich dehnend, und ſtreckte ſich hintenüber in die weichen Kiſſen. Außer den beiden Lakaien war noch eine dritte Perſon anweſend von ſo eigenthümlichem Aeußern, daß wir es für unſere Pflicht halten, dieſelbe dem geneigten Leſer etwas näher zu beſchreiben. Es war dies ein nicht großer, aber ſchlank gebauter Mann von vielleicht dreißig Jahren, der neben dem Divan mit untergeſchlagenen Beinen auf dem Bodenteppiche geſeſſen. Er hatte den rechten Ellenbogen auf das Knie geſtützt und blickte, während er den Kopf auf der Handfläche ruhen ließ, ohne eine Miene zu verziehen, in die ſpielenden Waſſerſtrahlen des kleinen Springbrunnens. Sein Geſicht Frangçoiſe und Roſa. 3⁵ war dunkelgelb oder hell broncefarben, jenachdem der Schein des Lichtes darauf fiel; die Stirne breit, über die lang ge⸗, ſchlitzten, tief liegenden Augen wölbten ſich feine, hochge⸗ ſchwungene Brauen, und an die glatten, etwas mageren Wangen ſchloß ſich ein voller krauſer Bart von einer Schwärze, wie man ihn nur bei den Orientalen findet. Juſſuf war ein Indier, den der Graf Lotus mit nach Europa gebracht, der ihm in gefährlichen Lagen ſeines wild— bewegten Lebens mit ſeltener Treue und Umſicht zur Seite geſtanden und der die glänzendſten Anerbietungen zu einer ſorgenfreien Exiſtenz in ſeiner Heimat zurückgewieſen und es vorgezogen hatte, ſeinem hochverehrten Herrn Tauſende von Mellen nach deſſen fernem Vaterlande zu folgen. Der Graf behandelte ihn auch hier mehr als Vertrauten denn als Diener. Er war der eigen tliche Haushofmeiſter, ohne daß ihm dieſe Stelle ausdrücklich übertragen worden war, und ſorgte dabei für das Intereſſe ſeines Herrn ver⸗ ſtändig und ſo taktvoll, daß er mit der übrigen Dienerſchaft durch keine Veranlaſſung in eine ſchiefe Stellung kam. Wie meiſtens die Südländer, ſprach er ſehr ruhig, nur in gewähl⸗ ten, oftmals ſogar in poetiſchen Ausdrücken, und wenn auch keiner ſeiner Collegen ihm nachſagen konnte, er habe je ein hartes oder verletzendes Wort von ihm gehört, ſo wußte er ſich gerade durch dieſes feſte und ruhige Auftreten ſo in Ach⸗ tung zu ſetzen, daß ſie allen ſeinen Worten und Winken unbedingt folgten und es auch ſogar in ſeiner Abweſenheit nicht wagten, von ihm anders als dem„Herrn Juſſuf“ zu reden. Daß er ſeine ſanfte und gute Herrin faſt noch mehr verehrte als den Grafen ſelbſt, mochte wohl darin liegen, 36 Einundzwanzigſtes Kapitel. daß er, der ſo häufig um die Perſon deſſelben war, wohl bemerkte, welche ſanfte und mildernde Gewalt ſie auf deſſen oft wilde und heftige Laune äußerte, und weil er mit faſt ſchaudernder Ehrfurcht die Kraft ihres himmliſchen Geſanges mit empfand, wenn er ſah, wie dieſe wunderbaren Töne im Stande waren, den finſteren Unmuth von der Stirne ſeines Herrn zu bannen, ja ſeine ſchmerzhaft zuſammengepreßten Lippen zu einem milden Lächeln zu kräuſeln. Wenn er ſie ſingen hörte, blieb Juſſuf wie eine Bild⸗ ſäule ſtehen, kreuzte die Arme über ſeine Bruſt, ſchaute mit dem blitzenden Auge tiefſinnend vor ſich hin, gedankenvoll wohl in die weite, weite Ferne, wo Palmen rauſchen und ſich im ſtillen Strome der Lotus auf ſchwankem Stengel wiegt, und dabei murmelte er, allen unverſtändlich, jene ge⸗ heimnißvollen Worte, die von den Lippen der knieenden In⸗ dier ertönen, wenn ſie am Ganges betend ihre heiligen Ge⸗ birge von den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne beſchienen ſehen. War ſie doch die lebende Sonne ſeines Herrn, die Sonne des Hauſes, ſeine eigene Gnaden ſpendende Sonne. Konnte er doch in der Frühe ſagen, wenn jemand nach der Gebieterin fragte: ‚Das Geſtirn des Tages iſt noch nicht ſichtbarl' oder Abends ſpät, wenn ſie zur Ruhe gegangen war: ‚Unſere Sonne iſt verſchwunden!e— Blitzten doch ſeine Augen unwillig, wenn er im Anhören der wunderbaren Töne ihrer Stimme durch einen rauhen Fußtritt geſtört wurde, und er konnte mit tiefem ſtrengen Tone ſagen: ‚Störe nicht den Frie⸗ den des Hauſes, hörſt du nicht den Engel des Herrn?⸗ Neu eintretende Diener unterließen es wohl im An⸗ fange nicht, über das eigenthümliche Betragen des Indiers Fraucoiſe und Roſa. 37 zuweilen ihre unpaſſenden Bemerkungen zu machen, die er mit dem Ausdruck der tiefſten Verachtung hinnahm; doch achteten in kurzer Zeit auch die leichtſinnigſten Kameraden ſein ruhiges Walten im Hauſe, lernten wohl auch ſeine tiger— artige Gelenkigkeit und rieſenhafte Körperſtärke kennen, von welcher er bisweilen ſpielend, aber ohne jemand ein Leid zu⸗ zufügen, die erſtaunlichſten Proben ablegte. Und dann war es noch etwas anderes, was die unbändigſten Charaktere veranlaßte, den Indier mit Furcht und ſcheuer Ehrfurcht zu betrachten. Der eine der Lakaien nämlich, der ſchon ſehr lange im Hauſe war, hatte bei einem kleinen Souper ſervirt, wo der eben erſt von ſeinen Reiſen zurückgekommene Herr von Scherra anweſend war, und dort eine abgebrochene Un⸗ terhaltung aufgeleſen, wo von Juſſuf die Rede geweſen und wo der Graf, ſo behauptete er nämlich, zugegeben, daß Juſſuf den Thugs oder dem indiſchen Mörderorden angehört habe. Leider konnte der Bediente den Faden der Unterhaltung nicht fortſpinnen hören, da er ab⸗ und zugehen mußte, doch war er ſo glücklich, eine Aeußerung des Grafen zu erlauſchen, als dieſer ſagte, ein Angehöriger dieſer eigenthümlichen Verbrü⸗ derung, deren Eriſtenz hiſtoriſch nachgewieſen ſei, und er ganz beſonders bezeugen könne, vollführe nach Art der alten Aſſaſſinen unbedingt jeden Mord, der ihm von ſeinem Herrn befohlen werde, mit Dolch oder Schlinge, wie es ihm gerade am paſſendſten erſcheine.— Dazu kam noch, daß Juſſuf, wenn er übler Laune war, den Andern zuweilen ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit in der Handhabung ſeines langen zugeſpitzten Meſſers zeigte und den Laſſo mit einer Geſchicklichkeit warf, bei deren Anblick ein furchtſamer Zuſchauer allerdings unwill⸗ kürlich an ſeinen Hals greifen konnte. Einnndzwanzigſtes Kapitel. Der deutſchen Sprache war der Indier nicht ſehr mäch⸗ tig; er gab ſich wenigſtens den Anſchein, als achte er nie auf Geſpräche, welche Andere in ſeiner Gegenwart führten und die nicht beſonders an ihn gerichtet waren, oder als verſtände er ſie nicht. Der Graf ſprach mit ihm in ſeiner Landesſprache und die Gräfin brauchte ihm ſelten ihre Be⸗ fehle oder Wünſche mitzutheilen, denn er ſchien in ihren Au⸗ gen zu leſen und überreichte ihr oft ſchon das Verlangte, ehe ſie nur die Lippen öffnen konnte. Wie er aber ſolchergeſtalt ſeine Sympathieen kund gab, ſo konnte oder wollte er auch ſeine Antipathieen nicht ver⸗ bergen. Zu den Perſonen, die er im beſten Falle mit einer eiskalten Gleichgültigkeit betrachtete, über die er aber nicht ſelten aus ſeinen dunkeln Augen einen Strahl des Haſſes hingleiten ließ, oder deren Fragen er, Unkenntniß der Sprache vorſchützend, häufig ein finſteres Stillſchweigen entgegenſetzte, gehörte vor allen der junge Reiter⸗Offizier, Herr von Mar⸗ lott. Deſſen leichtfertige Art, ſich zu benehmen und zu reden, ſo wie auch ſeine an ſich vielleicht harmloſen Späße, die er ſich gegen den ernſten Indier erlaubt, hatten im Letzteren eine Empfindung des Widerwillens hervorgerufen, die er ſich auch gar nicht zu verbergen ſtrebte. Juſſuf ging dem jungen Manne einfach aus dem Wege, wann er ihn kommen ſah, und auch dieſer ſchien gerade nicht beſonders Luſt zu haben, nach ſeinen erſten übel aufgenommenen Scherzen, ſich weiter mit dem Indier einzulaſſen.„Bah,“ pflegte er zu ſagen, „ſo ein Kerl iſt wenig mehr als eine wilde Beſtie, und wenn mich ein böſer Hund anknurrt, ſo bin ich der Geſcheidtere, wenn ich ihm aus dem Wege gehe.“ Juſſuf kam auch nur Francoiſe und Roſa. 39 ins Zimmer, ſobald Herr von Marlott anweſend war, wenn er ausdrücklich gerufen wurde. Eine andere Angehörige des Hauſes, welcher der Indier nie Beweiſe von Sympathie, höchſt ſelten von Anhänglichkeit, wohl aber von Unterwürfigkeit gab, war Fräulein Roſa, die Schweſter der Gräfin. Sie, das ſchöne, junge Mädchen von guter Familie, reich und unabhängig, war eine Tänzerin — unbegreiflich in den Augen des Indiers; eine Tänzerin, die öffentlich auftrat, um ſich von der ſchauluſtigen Menge bewundern zu laſſen. Der erſte Eindruck, den das auf den Indier gemacht, war unverwiſchbar; wenn er es auch nicht unterlaſſen wollte, der jungen Dame als Schweſter ſeiner angebeteten Herrin, als ſo gerne geſehenem Mitglied des Hauſes ſeine Dienſtwilligkeit und ſeine Ehrfurcht zu bezeigen ſo betrachtete er ſie doch dabei mit einem ſcheuen Widerſtre⸗ ben, mit einem mühſam unterdrückten Widerwillen, daß es Roſa verletzt haben müßte, wenn ſie nicht die Quelle ſeiner Abneigung gekannt hätte, und wenn nicht oft ſein zurück⸗ ſchreckendes Benehmen durch einen Zug von Theilnahme und Anhänglichkeit gemildert worden wäre, ja durch unverkenn⸗ bares Mitleiden, welches er ihr, der ſo ſchönen, reizenden, liebenswürdigen Dame, nicht vorenthalten zu können ſchien, obgleich ſie nur eine Tänzerin war. Als ſie vorhin ins Zimmer trat, hatte er ſich raſch und ehrerbietig vom Boden erhoben, denn er würde ſich nie unter⸗ ſtanden haben, eine äußere Achtungsbezeigung gegen ſie zu unterlaſſen. Dabei fuhr ſein blitzendes Auge über ihre ganze Geſtalt hin, und was keiner der Lakaien bemerkt, das ſah er ſogleich mit ſeinem ſcharfen Blick: einen kleinen Blutflecken an ihrem weißen Halſe. Er ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, 8ſͤͤ —— — — — Einundzwanzigſtes Kapitel. zog ſeine Augenbrauen finſter zuſammen, und ließ dann nach einem langen Athemzug, den er that, einen Augenblick zwi⸗ ſchen den dünnen Lippen hindurch ſeine großen ſchneeweißen Zähne ſehen; dabei hatte er den Kopf wie zum Gruße ge⸗ ſenkt, und als er ihn wieder emporhob, war die junge Dame hinter der Thüre verſchwunden.— Sie ging durch das Vorzimmer und das Schreibgemach ihrer Schweſter geräuſchlos auf dem weichen Teppiche nach dem Boudoir der Gräfin, wo ſie an der Thür einen Augen⸗ blick lauſchend ſtehen blieb und ſchmerzlich bewegt um ſich her blickte, wobei ihre Lippen zuckten und ſich zu einem Lä⸗ cheln zu zwingen ſchienen, als wollte ſie gewaltſam die finſtern Schatten von ihrem bleichen Geſichte verjagen. Doch wenn Hiir das auch zu gelingen ſchien, ſo drückte ſie doch vergebens ihre Hand auf das heftig pochende Herz, und ſchon ihr tiefes und ſchweres Athemholen zeigte deutlich den Sturm in ihrem Innern. Dabei war das Lächeln, welches jetzt um ihre Lip⸗ pen erſchien, ein ſo unausſprechlich ſchmerzliches, daß ſie nach einem raſchen Blick in den Spiegel ſelbſt davor zu erſchrecken ſchien und mit beiden Händen ein paar Sekunden ihr Geſicht verdeckte. Dann ſchüttelte ſie leicht mit dem Kopfe, entfernte die dunkle Capuze und trat näher vor das Spiegelglas, um ihr Haar ein klein wenig zu ordnen und aus der Stirn zu ſtreichen. Ihren Plaid legte ſie nicht ab, ſondern zog ihn noch höher am Halſe zuſammen. Mit einem Mal blieb ſie regungslos horchend ſtehen. Sie vernahm die Stimme ihrer Schweſter, welche durch das Nebenzimmer gedämpft in leiſen Tönen an ihr Ohr ſchlug. Frangoiſe ſang ein Schlummerlied, das verſtand ſie wohl, und wenn Roſa nun ſtarr vor ſich hin auf den Boden blickte, Francoiſe und Roſa. 41 ſo ſah ſie die Schweſter am Lager ihres Mannes ſitzen, wie ſie ihm mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme ihr einfaches Lied ſang, deſſen Klänge er ſo gern hörte und die ihn weich und milde einwiegten, ſo daß er mit einem ſanften Lächeln auf den Lippen einſchlief. War die eigene weiche Stimmung der Tänzerin ſchuld daran, die ihr jenes einfache Lied heute ſo beſonders rührend erklingen ließ, oder war es der Gedanke, der ſie unwillkürlich beſchlich, wie noch ganz anders Francoiſe am Lager eines kleinen Weſens ſingen würde, das mit friſchen, erhitzten Wangen und glühenden Lippen auf ſeinen Kiſſen vor ihr läge, vielleicht auch noch ſelig beſchaut von einem andern Au⸗ genpaar, das mit demſelben Stolze, derſelben Luſt auf die blühende Mutter des reizenden Kindes ſchauen würde. „Warum kommen mir gerade heute dieſe Bilder?“ mur⸗ melte Roſa, welche ſich auf einen der kleinen Fauteuils am Kamin niedergelaſſen hatte und, den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, in die ſpielenden Flammen blickte.„Will dieſe Glut mit ihren eigenthümlichen Figuren und Bildern das Bild jenes leuchtenden Berges in mir wach rufen, den wir noch ſo ſchön an jenem ſchrecklichen Abend geſehen, oder ſind es die Töne des Liedes, welches Francoiſe ſo eben ſingt?—— Ja, ja, es ſind die bekannten Klänge, und ich begreife nicht, wie ſie dazu kommt, ihr armes Herz aufs neue zu zerreißen, indem ſie dieſes einfache Fiſcherlied ſingt mit jenem für ſie ſo entſetzlichen Refrain: „Jo ti voglio bene assai, Ma tu non pensi a me.“ „Ja, ja,“ fuhr ſie nach einer Pauſe in ihrem tonloſen Selbſtgeſpräch fort,„du denkſt nicht mehr an ſie, du haſt nie 3 42 Einundzwanzigſtes Kapitel. ehrlich an ſie gedacht!“ Sie drückte beide Hände vor das Geſicht, dann durchflog ein heftiges Zucken ihren Körper, und ſie ſagte mit tiefer, gewaltſam unterdrückter Stimme:„Sei verflucht, falſcher Italiener!—— „Oh, ich kann mir nicht anders helfen,“ fuhr ſie empor, wild um ſich blickend,„wenn es auch eine Sünde iſt, ſo muß ich's doch hundertmal wiederholen, wenn die Erinnerung an jene furchtbare Zeit über mich kommt: Sei verflucht, falſcher Italiener!—— „Oh, wir hätten glücklich ſein können,“ fügte ſie nach längerem Nachſinnen bei,„oh, ſehr glücklich! Francoiſe, das arme Kind, und ſogar ich,— wären wir doch gewiß nicht mehr zurückgekehrt hieher nach dem kalten Norden, wo die Men⸗ ſchen nur ſprechen, aber nicht empfinden, nur berechnen, aber nicht fühlen, wo es gegen Anſtand und gegen alle Sitte iſt, ein volles, warmes Herz zu zeigen, wo man Gefühle heuchelt, ohne zu fühlen, wo man ſich hingibt, ohne zu lieben. „Jo ti voglio bene assai, Ma tu non pensi a me.“ „Ja, ja, er denkt nicht an mich, aber auch ich will ihn aus meinem Herzen vertilgen, und wo ſein Bild ſtand, ſoll Haß und Rache erglühen— nein, nur Haß,“ fuhr ſie nach einem verächtlichen Lächeln fort;„warum auch Rache, warum ein ſo ſchönes, wohlthuendes Gefühl an jemand verſchwenden, der dieſes und jedes anderen Gefühles unwerth iſt? „Still, mein Herz, ſprich nicht für ihn,“ flüſterte ſie in einem entſchloſſenen und doch ſchmerzlichen Ausdruck, und dabei drückte ſie beide Hände gegen ihre Bruſt. Ein leichter Schritt im Nebenzimmer ließ ſie aufſchauen, und da ſie die Schweſter erkannte, ſtrengte ſie ſich an, ſie id das und Sei ihn ſoll nach trum nden, ie in und auen, , ſie Frangoiſe und Roſa. 43 ruhig und lächelnd anzuſchauen; doch verſchwand dieſer er⸗ künſtelte Ausdruck augenblicklich wieder von ihrem Geſichte, als ſie ſah, wie Francoiſe ſo entſetzlich bleich war, wie ihre Augen Spuren von Thränen zeigten, wie ihr zerſtörtes, dich⸗ tes blondes Haar Spuren ihrer eigenen Finger zeigte, welche darin gewühlt,— als ſie ſie mit wankenden Schritten näher kommen ſah, und als ſie erſchreckt ſehen mußte, wie die ge— liebte Schweſter, nachdem ſie mit tonloſer Stimme geſagt: „er ſchläft,“ das Haupt langſam auf die Stirn Roſa's nieder⸗ ſinken ließ, und dann zuſammenbrechend und krampfhaft wei⸗ nend auf den Teppich des Bodens niederglitt. „Um Gottes willen, was iſt dir, meine liebe Francoiſe, was iſt dir begegnet?“ Statt zu antworten, umklammerte die Gräfin mit ihren Armen die Schultern der Schweſter, welche ſich tief herab⸗ gebeugt hatte, und drückte ihr Geſicht feſt an deren Bruſt. „Du haſt dich wieder ſelbſt aufgeregt,“ ſagte Roſa nach einer längeren Pauſe mit weicher Stimme,„ich habe es hier wohl gehört, wie du jenes Lied geſungen, das du doch ſuchen wollteſt, zu vergeſſen, wie du mir auch feſt verſprochen.“ Francoiſe ſchluchzte krampfhaft. „Warum riefſt du auch jene Zeit hervor und machteſt die alten traurigen Geſchichten lebendig durch den Klang jenes Liedes? Zuweilen denke auch ich jener Zeit, aber ich verjage jene Gedanken und laſſe ſie nicht zur Geltung kommen.— Sage mir, Schweſter, iſt dir etwas begegnet, das dich wieder ſo lebhaft an jene Zeit erinnert?“ „Ja, Roſa, ja, entſetzlich lebhaft.“ „So haſt du wieder in Briefen geleſen, in Briefen, die ich dich ſchon ſo oft, ſo dringend bat, zu vernichten?“ “ — —— —,— —— — Einundzwanzigſtes Kapitel. „O nein, o nein.“ „Oder haſt du gar,“ ſetzte ſie vorwurfsvoll hinzu,„ſein Bild wieder hervorgeſucht und betrachtet?— Ja, Francoiſe, das iſt es, ich fühle es ja hier, wie deine wildbewegte Bruſt ſich gegen die meinige drückt. Arme Francoiſe, dieſer kalte, 4 trübe, troſtloſe Herbſtabend war wohl dazu gemacht, um Erinnerungen an warme, duftige Mondſcheinnächte in dir wach zu rufen, aber du darfſt das nicht, du mußt vergeſſen, du haſt es dir und mir und— ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu— dem armen Kinde heilig gelobt.“— Die Gräfin zuckte heftig und ſchmerzlich zuſammen. „Wie kannſt du auch nur ſo an ihn denken, an einen falſchen Meineidigen, der ſo viel Unglück über dich gebracht, an einen feigen Verräther— er ſei verflucht!“ „Halt ein, Roſa, halt ein, mit deinen entſetzlichen Re⸗ den!“ fuhr die Gräfin heftig empor und blickte dabei wild ihrer Schweſter ins Geſicht, während ſie ſich zu bemühen ſchien, ihre Haare haſtig aus der Stirn zu ſtreichen, dabei aber dieſelben durch ihre krampfhaft zuckenden Finger noch mehr verwirrte—„halt ein, fluche ihm nicht!“ Waren es dieſe Worte oder war es der entſetzlich jam⸗ mervolle Anblick Francoiſens, welche auf Roſa's Zügen plötz⸗ lich einen ſo gewaltigen Schrecken erſcheinen ließen; ſie öffnete ihre Augen ſtarr und weit, ſie legte die rechte Hand auf die Stirn der Schweſter, während ſie ihren Hals mit dem linken Arm umſchlang, als wolle ſie dieſelbe im gleichen Augenblicke von ſich ſtoßen und an ſich ziehen.„Du biſt im Begriffe,“ murmelte ſie,„mir etwas Fürchterliches zu ſagen. Wie jetzt, habe ich dich nur einmal geſehen, du weißt wohl, damals.“ „Und heute iſt mein Herz zerriſſener,“ rief das unglück⸗ Frangoiſe und Roſa. 45 liche Weib, laut weinend.—„Doch was iſt mit dir ge⸗ ſchehen, Roſa,“ fuhr ſie nach einer Pauſe im Tone des Schreckens fort. Der umhüllende Plaid war bei der heftigen Bewegung von den Schultern der Tänzerin gefallen und zeigte an ihrem Halſe, ſo wie an dem weißen Kragen über ihrem blauſeidenen Kleide und an dieſem ſelbſt unverkennbare Blutſpuren. „Es iſt nichts, Francoiſe,“ ſagte Roſa dringend,„ſprich, was du mir zu ſagen haſt, kümmere dich nicht um mich, es iſt wahrhaftig nichts.“ „Doch, doch, du verheimlichſt mir etwas Furchtbares. O ſieh meine entſetzliche Aufregung, fühle, wie mein Blut ſtürmt, quäle mich nicht.“ „So beruhige dich, Francoiſe,“ gab Roſa zur Antwort, indem ſie ihre Schweſter an ſich zog und ſie innig küßte, „beruhige dich nur, mir iſt wahrhaftig nichts Schlimmes widerfahren, und wenn du mir verſprechen willſt, ruhiger zu werden und mir mit Ueberlegung mitzutheilen, was dir wider⸗ fahren iſt, ſo will ich dir vorher raſch mein kleines Aben⸗ teuer erzählen. Ich war Samariterin,“ fuhr ſie, mühſam lächelnd fort, als ſie ſah, wie Frangoiſe heftig mit dem Kopfe nickte.„Doch horch, vernahmſt du kein Geräuſch im Neben⸗ zimmer?“ „Nein, nein, es kann auch niemand ſein, der Graf iſt ruhig und feſt eingeſchlafen; es war Wind und Regen, welche gegen die Fenſter ſchlagen. Erzähle mir!“ „Als ich aus dem Theater fuhr,“ begann die Tänzerin, doch ſprach ſie leiſe und machte Pauſen zwiſchen ihren Wor⸗ ten, während ſie nach dem Nebenzimmer horchte, wo ſich aber nichts mehr hören ließ,—„ſtreifte mein Wagen einen armen 46 Einundzwanzigſtes Kapitel. Fußgänger und warf ihn nieder. Ich erkannte ihn, denn er gehörte zum Theater und hatte heute Abend ſchon bei ſeinem erſten Debut Unglück gehabt. Daß er mich dauerte, kannſt du dir denken, Frangoiſe. Herr von Marlott, der bei mir im Wagen war—“ „Arthur?“ „Ja, Herr von Marlott, verhinderte mich daran, den Kutſcher ſogleich halten zu laſſen und zu ſehen, ob der arme junge Menſch keinen bedeutenden Schaden genommen. Als ich aber hier ans Haus kam und den Bedienten ſagen hörte, er ſei auf dem Pflaſter liegen geblieben, ſo eilte ich augen⸗ blicklich zurück, um ihm wo möglich Hülfe zu verſchaffen, ob— gleich ich dir verſichern kann, daß der Kutſcher nicht im ge⸗ ringſten an dem Unfalle ſchuld war; er warf ſich wie ab⸗ ſichtlich zwiſchen die Räder des Wagens.“ Francoiſe ſchien nur mit halbem Ohre zu hören. Sie hatte ihren Arm auf die Kniee der Schweſter geſtützt und ihren Kopf auf die Hand gelegt. „Ich fand ihn noch auf der Straße,“ fuhr Roſa fort, „und da ich in Gemeinſchaft mit einer alten Frau Hand au⸗ legte, um ihn aufzurichten, ſo kam es, daß ſein Blut dieſe traurigen Spuren zurückließ. Ich ſah es übrigens erſt, als ich hier vor den Spiegel trat, und wenn du mir erlaubſt, gehe ich zu deiner Toilette, um ſie zu entfernen— ſie fan⸗ gen wahrhaftig an, mir fühlbar zu werden,“ ſetzte ſie mit einem leichten Schauder hinzu, nachdem ſie mit ihren Finger⸗ ſpitzen ihren Hals berührt. „Nein, nein,“ rief Francoiſe,„bleibe jetzt, ich fühle, daß ich mich ſo weit geſammelt habe, um dir, wie du es verlangt, Sie und fort, au⸗ dieſe als ubſt, fan⸗ mit ger⸗ daß ungt, Frangoiſe und Roſa. 47 mit Ueberlegung das Entſetzliche mittheilen zu können, was ich gehört, was mich niedergeworfen.— Gaetano—“ „Nenne den Namen nicht,“ erwiderte die Tänzerin mit einer abwehrenden Bewegung der Hand,„denke nicht an ihn; und wenn dir in tiefer, ſtiller Nacht dieſes unheimliche Bild erſcheinen will, ſo bete, bete, und er wird vor deinem Gebete verſchwinden, wie der Böſe ſelbſt.“ „So war es bis jetzt, meine Roſa. Ich dachte faſt über ihn, wie du, faſt ſo ſtrenge. O, mein Gott,“ ſagte ſie mit weicher Stimme,„ein Band, welches uns verknüpfte, ließ ſich ja doch von kalter Ueberlegung, vom Gefühle ſeiner Schuld nicht gänzlich zerreißen. O, meine geliebte Schweſter,“ fuhr ſie in ſteigender Heftigkeit fort und dabei ergriff ſie Roſa's beide Hände, ſchlang ſie um ihren Hals und drückte ſich dann feſter an ihr Herz.„Blicke nicht ſo ernſt und finſter auf mich nieder, durchbohre mich nicht ſo mit deinen leuchtenden Blicken, meine Roſa, wie ich es gethan!“ Und als ſie das ſagte, tropften ihre Thränen unaufhaltſam aus den weit geöff⸗ neten Augen, ihren ſonſt klaren Blick verwirrend. „Gaetano—“ Die Tänzerin, erſchreckt von dem unerklärlichen Benehmen der ſonſt ſo ruhigen Frau, zog ſie haſtig an ſich und blickte ſie geſpannt, fragend an, beinahe willenlos das gleiche Wort wiederholend:„Gaetano?“ „Hat nicht ſo furchtbar an mir gehandelt, als wir ge⸗ glaubt,“ rief Francoiſe ſchluchzend in wild ausbrechendem Schmerz,„hat mich nicht betrogen— Gaetano war nicht verheirathet.“ „Francoiſe, du biſt wahnſinnit „O, wäre ich es, Gott verzeihe mir die Sünde, wäre — — — 48 Einundzwanzigſtes Kapitel. ich es! Spräche die Phantaſie des Wahnſinns oder des Fie⸗ bers aus mir— mir gleich, ich ſähe ein Ende vor mir, wenn auch ein entſetzliches Ende; aber ich bin nicht wahnſinnig, meine liebe Schweſter, es klingt auch keine Fieberphantaſie aus meinen Reden. Was ich dir eben ſagte, iſt einfache und furchtbare Wahrheit.“ „So iſt er wieder erſchienen, ſo hat er gewagt, zu dir zu dringen?“ „O nein, ich würde ihn nicht vorgelaſſen haben oder vor ihm geflohen ſein.“ „So haſt du Briefe von ihm erhalten und geleſen?“ „Ich würde ſeinen Betheurungen nicht geglaubt haben.“ „So gab er dir ſonſt irgend ein Lebenszeichen?“ Francoiſe ſchüttelte mit einem ſchmerzlichen Blicke gegen den Himmel das Haupt. „Kann er wohe noch leben,“ ſagte ſie in einem Tone, der, obgleich ruhig und gefaßt, der Schweſter doch tief ins Herz ſchnitt,„da er im Gefühle ſeiner Unſchuld Jahre lang ſtumm blieb, ſtumm wie das Grab, in welchem er ruht?“ „Wenn du nicht wahnſinnig biſt, Francoiſe,“ ſtieß die Tänzerin mühſam hervor, ſo ſind deine Reden danach, mir den Verſtand zu verwirren.— Du ſahſt ihn nicht, du er⸗ hielteſt keine Briefe von ihm, auch ſonſt kein Lebenszeichen, was iſt dir denn begegnet, Schweſter? Todte erſcheinen nicht, oh nein, oh nein,“ ſie zuckte ſchaudernd zuſammen—„fühle ich nicht, wie du?“ fuhr ſie nach einem tiefen Athemzuge fort.„Warum mich denn ſo entſetzlich quälen mit deinen ver⸗ wirrten Reden, mit deinen abgeriſſenen Ausrufungen? Um des Himmels willen beſchwöre ich dich, faſſe dich, ſei ruhig und ſage mir, was iſt dir begegnet?“ — ◻ dex Francoiſe und Roſa. 49 Nachdem Francoiſe mehrmals vergeblich verſucht, ihrer Stimme zu gebieten, die ſich bei jedem Verſuche in ein krampfhaftes Schluchzen auflöſ'te, nachdem Roſa ihr Geſicht auf das Haupt der Schweſter gelegt und deren weiches blon⸗ des Haar mit reichlichen Thränen benetzt, und nachdem ſie dabei ihrer Schweſter mit weicher, inniger Stimme wie einem hülfloſen Kinde zugeſprochen und ihr geſagt, daß ſie auch ferner wie bisher alles mit ihr theilen werde in treuer, ſchwe⸗ ſterlicher Anhänglichkeit— Freud' und Leid, und daß es ja nur durch ruhige Ueberlegung und Beſprechung möglich ſei, etwas ſo Entſetzlichem, wie ſie eben erwähnt, zu begegnen, da erſt fing die unglückliche Frau an, ruhiger zu werden, und war im Stande, ihrer Schweſter zu erzählen, was ſie bei dem heutigen Diner von Herrn von Scherra gehört, was dieſer alte zuverläſſige Mann mitgetheilt von einer jungen deutſchen Sängerin in Neapel, die zu dem Marcheſe Gae⸗ tano Fontana in einem Verhältniß geſtanden, welches zu ſtören und aufzulöſen die Mutter des Marcheſe alle Schritte gethan, wie ihr dies auch gelungen ſei, da ſie wahrſcheinlich die Nachricht verbreitet, Gaetano ſei bereits verheirathet, und auf dieſe Art das Band zwiſchen ihm und der Geliebten zerriſſen. Roſa's Hände, mit denen ſie die ihrer Schweſter hielt, zitterten heftig, und:„Gaetano war nie verheirathet?“ fragte ſie mit kaum vernehmlicher Stimme. „Nie, ſagte Herr von Scherra, der ihn genau kannte.“ „Und jene Dame, die ich in jener Nacht mit eigenen Augen in ſeinem Wagen ſah, wer war ſie denn, was ſagte Herr von Scherra?“ Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 4 2 65 ——— —————„ —— ꝗ-: A “ 50 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Darüber vernahm ich nichts von ihm; oh, meine Roſa, wie hätte ich können ruhige Zuhörerin bleiben bei einer Ge⸗ ſchichte, deren Anfang mich gleich ſo Ungeheures wiſſen ließ!“ „Aber Herr von Scherra erzählte ſeine Geſchichte ruhig zu Ende?“ „Gewiß, und eine lange Geſchichte. Mir ſchien die Zeit eine Ewigkeit zu ſein, während ſie drüben in dem Zimmer des Grafen blieben und ich hier in dieſem kleinen Gemach faſt vergeblich nach Faſſung ringend mit zuſammengepreßten Händen auf⸗- und abſchritt. Ich durfte ihn ja keine trübe Miene, keine Thränenſpur im Auge ſehen laſſen.“ „Arme, arme Schweſter!—— Oh warum war ich nicht anweſend! Glaube mir, ich hätte lächelnd ausgehalten, um alles zu erfahren— und wir müſſen alles erfahren,“ ſetzte ſie mit einem entſchloſſenen Tone hinzu.„Wer war ſonſt noch bei dem Diner anweſend?“ „Arthur.“ Roſa machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, wobei ſie mit finſterem Blick einen Moment die Lippen feſt auf einander preßte.—„Nichts von ihm, wie könnte ich über eine ſo furchtbar ernſte Begebenheit auf eine ſo leicht⸗ ſinnige Art mir von ihm berichten laſſen? Schade, daß er es angehört.“ „Oh, Arthur hat das bald wieder vergeſſen.“ „Wie alles!— Aber Herr von Scherra muß meine un⸗ ſchuldige Neugierde befriedigen,“ ſagte ſie mit feſtem ent⸗ ſchloſſenem Tone.„Er muß mir unſere eigene Geſchichte erzählen, und ich werde ihm mit großer Ueberraſchung zu⸗ hören.— O, das kann ich, Francoiſe, wenn ich will.“ ich ht⸗ un⸗ ent⸗ chte zu⸗ Francoiſe und Roſa. 51 „Ja, du kannſt es, aber mich traf jedes Wort wie ein Dolchſtoß, ich glaubte, zu vergehen.“ „Meine arme Francoiſe,“ verſetzte die Tänzerin ſchmei⸗ chelnd, während ſie ihrer Schweſter die verwirrten Haare aus der Stirne ſtrich,„faſſe dich, nimm all deine Kraft zuſam⸗ men; bedenke deine Stellung. Wenn es dir auch ſchrecklich iſt, dich mit dem Gedanken vertraut zu machen, den du vor⸗ hin gegen mich ausſprachſt, daß den armen Unglücklichen das ſtille Grab deckt, ſo iſt es doch der einzige, aus dem für dich ein Troſt erwächſ't. Die Zeit wird kommen, wo du ruhiger an ihn denkſt, wo du ihn beweinen darfſt, und dabei, meine Francoiſe, will ich dir redlich helfen,— glaube mir, ſo furcht⸗ bar es mir auch im erſten Augenblicke erſchien, ihn ſchuldlos zu wiſſen, ſo athme ich doch jetzt ſchon freier auf, wenn ich an ihn denke, und wenn mir ſein Bild nicht mehr als etwas Verabſcheuungswerthes vorſchwebt, ſondern als ein Weſen, das mit Milde auf uns herabblickt, und das alles Unrecht vergeſſen wird, beim Anblick deines grenzenloſen Schmerzes, beim Anblick meines tiefen Leides.“— „Amen!“ hauchte es flüſternd durch das kleine Gemach.— Roſa fuhr entſetzt empor und ſagte wild um ſich blickend mit gepreßter Stimme:„Sprachſt du das Wort, Francoiſe?“ „Welches Wort? ich hörte nichts.“ „Sagteſt du Amen,— meine Schweſter?“ „Ich dachte ſo bei deinen tröſtenden Worten, vielleicht ſprach ich es auch unbewußt aus, wenn du es nicht ſelbſt ſagteſt.“ „Nein, nein, ich nicht,“ erwiderte eifrig die Tänzerin, und dabei blickte ſie forſchend um ſich und ſetzte nach einer Pauſe hinzu, während welcher ſie die umſchlingenden Arme —— — — — —— 5² Einundzwanzigſtes Kapitel. ihrer Schweſter ſanft gelöſ't und ſich langſam erhoben:„Laß mich einen Augenblick in deinem Nebenzimmer nachſehen, ich weiß wohl, es iſt kindiſch, daß ich mir einbilde, von dort her ein Geräuſch gehört zu haben, da der Graf ſchläft, aber laß mich nachſehen, es beruhigt mich.“ Francoiſe, die ſich ebenfalls erhoben hatte, nickte ſchmerz⸗ lich lächelnd mit dem Kopfe, als ſie ruhig entgegnete:„Sieh nach, Roſa, wenn es dir gefällt, du wirſt dort alles lautlos und ſtill finden.“ Darauf ließ ſie durch eine Feder, auf welche ſie drückte, den Vorhang über dem Kamin in die Höhe ſchnellen, und es ſchien ihr wohl zu thun, in die ſtürmiſche Nacht hinaus zu ſchauen, zu ſehen, wie die wild aus einander geriſſenen Wolken vom ſcharfen Wind öſtlich gejagt wurden, zu hören, wie der Wind ſauſ'te, und wie er die fliehenden Regentropfen an die Scheiben des Fenſters jagte, wo ſie dann thränen⸗ gleich an der glatten Fläche hinabrannen. Oh, es war eine trübe Nacht, ein Nacht voll Thränen! Roſa kam leiſen Schrittes aus dem Schlafzimmer zurück und ſagte:„Du hatteſt Recht, Francoiſe, es iſt in deinem Schlafzimmer und im angrenzenden Gemach alles ruhig und ſtill. Gott ſei Dank, daß er wenigſtens ſchläft— laß auch uns jetzt Ruhe ſuchen. Lege dich nieder, liebe Schweſter, und thue dir Gewalt an, deine wilden finſtern Gedanken nieder⸗ zukämpfen. Denk an morgen, und daß man dich fragen wird, warum du ſo bleich ausſiehſt, woher die Thränenſpuren kommen, woher deine gerötheten Augen.“ „Oh, hätte ich dein Temperament, deine Ruhe, deine Faſſung!“ „O ja,“ verſetzte Roſa mit einem eigenthümlichen Lä⸗ en! ück em und uch und der⸗ gen rren eine Lä⸗ Francoiſe und Roſa. 53 cheln,„äußerlich erſcheine ich oftmals ſehr ruhig, ſehr gefaßt, ich kann mich bezwingen und das ſollteſt auch du noch ler⸗ nen, Francoiſe; es iſt das ſo nothwendig in dieſer traurigen Welt.— Gute Nacht, mein Herz, gute Nacht, meine liebe Schweſter!“ „Ich ſehe dich doch morgen in der Frühe?“ erwiderte dieſe faſt ängſtlich;„du mußt zu mir kommen, du mußt um mich ſein, mit mir ſprechen, mich nur mit deinem ruhigen, entſchloſſenen Blick anſchauen, ſonſt fürchte ich mich.“ Sie warf einen ſcheuen Blick nach dem Nebenzimmer, fügte dann aber raſch hinzu, als wollte ſie keine Antwort ihrer Schweſter hören:„Du haſt doch deinen Wagen unten?“ „Ausdrücklich wieder herbeſtellt habe ich ihn nicht; finde ich ihn unten, ſo iſt es gut, iſt er aber nicht da, ſoll es mir noch lieber ſein; es wird mich mehr zerſtreuen, ja faſt be⸗ ruhigen, durch die ſtürmiſche Nacht zu Fuße nach Hauſe zu gehen.— Gute Nacht, Francoiſe!“ „Gute Nacht, Roſa, Gott beſchütze dich!“ Die Tänzerin glitt geräuſchlos zum Gemach hinaus durch das Schreibcabinet und Vorzimmer auf das Veſtibul, wo der Lakai, der ſeine Orange noch zwiſchen den Fingern hielt, laut und vernehmlich den Schlummer des Gerechten ſchlief. Unten öffnete der Portier und wollte ſich entſchul⸗ digen, daß der Wagen nicht da ſei, er habe auch keinen Be⸗ fehl erhalten, ihn wieder her zu beſtellen. Roſa ging nach einem freundlichen Worte in die finſtere Nacht hinaus, während Francoiſe droben in ihrem Zimmer eine Zeit lang vergeblich auf das Rollen des Wagens lauſchte.—— „Sie iſt zu Fuß fort,“ ſagte ſie endlich,„o Roſa iſt — —— — —— 54 Einundzwanzigſtes Kapitel. glücklich, ſie darf ihren Thränen freien Lauf laſſen, und da⸗ bei fliegen ihr die kühlenden Regentropfen ins Geſicht, und ſo bleibt es unentſchieden, ob ſie in der That geweint. Sie darf durch die Straßen wandeln allein mit ihren Gedanken, kann dort bei dem unſcheinbaren Hauſe ſtehen bleiben, um nach einem einſamen Lichtſchimmer zu ſpähen, der ſeine liebe, ſüße Wange beleuchtet, kann alles das thun, da ſie frei iſt, — frei— frei— während ich in einem glänzenden Käfig gefangen bin, während mich, wohin ich ſehe, Gold umgibt, abermals Gold und wieder Gold— goldene Ketten und Banden.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine ſchlafloſe Nacht. Der Schlaf war mitleidiger, als es ſich die arme Frau gedacht. Er umgaukelte weich und linde das Lager, auf das ſie ſich unter ſtrömenden Thränen geworfen; er ließ ihr ſanfte, tröſtende Muſik erklingen, unerklärliche, beruhigende Töne, er ließ ihr Haupt umſchweben weiche, duftende Nebel, ſeine wunderbaren Vorläufer, und ſchloß ihr dann tröſtend mit ſanftem Finger die ſchweren und müden Augenlider. So that der Schlaf hier, während er bei einem andern Lager ganz in der Nähe, im anſtoßenden Gemache, anders verfahren, während er dort ebenfalls müde Augenlider, die ſich ſo innig nach Schlaf ſehnten, mit einigen armſeligen neckenden Schlummerkörnern bewarf, welche, leuchtend und unruhig zitternd durch das Gehirn rollend, ſtatt feſten er⸗ quickenden Schlafes jenen leichten, ermüdenden Halbſchlummer hervorbrachten, wo man ſeine eigenen Athemzüge fühlt, wo man ſich ſelbſt zuflüſtert: glaube nicht, daß du ſchläfſt, wig andere glückliche Menſchenkinder, du kannſt ja aus tiefem, ——— — —— — —— .— 56 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. lebendigem Traume deine Augen weit öffnen, ſchauen, hören, um gleich darauf wieder andere tolle Traumgeſtalten um dich gaukeln zu ſehen— ja, du kannſt ſchauen und hören und vielleicht decken deine ſchweren Augenlider in der nächſten Sekunde wieder deine müden Augen, wenn nicht zufällig ein Ton, ein Wort an dein Ohr ſchlägt, das deine ohnedies ſchon aufgeregten Nerven zum Zerſpringen anſpannt und alle deine Sinne mit einer erſchreckenden Klarheit umgibt. So war es dem Grafen Lotus geſchehen, in deſſen leich⸗ ten und unruhigen Schlummer plötzlich ein Ton drang, der ihn zum Wachen aufſchreckte— o, zum klarſten, erbarmungs⸗ loſeſten Waßzen. Er hörte die Gräfin ſchluchzen, er hörte ſie mit ſchmerzerfüllter Stimme Worte ſprechen, deren Klang ihm, wenn er ſie auch nicht verſtand, anzeigte, daß ſie aus zerriſſenem Herzen kamen— ja, aus dem Herzen ſeiner Frau, die noch vor Kurzem mild und ruhig lächelnd neben ſeinem Lager geſeſſen und deren Hand nicht gezittert, als ſie die⸗ ſelbe ſanft auf ſeine Stirn gelegt. Ja, ſie ſprach, ſie ſprach Worte des Jammers und des Unglücks, und es war wohl begreiflich, daß ihn dieſe Töne nicht ruhig auf ſeinem Lager ließen; belauſchen wollte er ſie nicht, darum erhob er ſich in derſelben Art, wie er immer zu thun pflegte, doch wurde er nicht gehört, ſelbſt kaum, als er das Schlafzimmer ſeiner Frau durchſchritt. Dort aber an der Thür, als er eben den Griff des Schloſſes anfaſſen wollte, um ſie geräuſchvoll ganz zu öffnen, vernahm er Worte, die das Blut gewaltſam gegen ſein Herz ſtrömen ließen, ſo daß die Pulſe ſeiner Schläfen wild zu pochen an⸗ fingen und daß es ihm nur gelang, den Athem kurz und mühſam in ſeine Bruſt zu ziehen.— Er vernahm alles— Eine ſchlafloſe Nacht. 57 alles— alles, und als er hörte, wie Roſa die Schweſter in ihrem grenzenloſen Unglück tröſtete, war er es, der mit heiſerer Stimme Amen dazu geſagt. Ja— Amen, ein Wort, das man ausſpricht mit danken⸗ dem Blick, mit glückſelig geöffneten Lippen, nach einer über⸗ ſtandenen großen Gefahr, wo alles glücklich beendigt iſt, das man aber auch hervorſtößt tief aus gebrochenem Herzen zwi⸗ ſchen zuſammen gebiſſenen Zähnen, wenn alles verloren iſt — alles, alles dahin, was uns lieb und theuer war.—— Eine gute Stunde nach dieſem Vorfall erhob ſich der Graf abermals von ſeinem ruheloſen Lager. Wie er wäh⸗ rend dieſer Zeit unter den fürchterlich marternden Gedanken gelitten, zeigte wohl die furchtbare Bläſſe ſeines Geſichts, die tiefen Furchen auf ſeiner hohen weißen Stirn, auf der jetzt die Spuren jenes Säbelhiebes dunkelroth zu ſehen wa⸗ ren. Seine rechte Hand, mit der er ſich bemühte, den ſeidenen Schlafrock über die Schultern zu werfen, zitterte heftig und benahm ſich dabei oft ſo ungeſchickt, daß er die verſtümmelte Linke zu Hülfe nehmen wollte, um gleich darauf von dieſem vergeblichen Bemühen unter einem bittern Lächeln abzuſtehen. Er war ſo an ihre Hülfe gewöhnt, daß er ſich vorkam wie ein armes unbeholfenes Kind. Als er endlich ſein Ge⸗ wand über der Bruſt befeſtigt hatte, that er einen tiefen, tiefen Athemzug und trat in die Thür ihres Zimmers, wo er ſie beim Scheine der Nachtlampe auf ihrem Lager ruhen ſah. Er legte den Arm an das Holzgetäfel, drückte ſeine Stirn dagegen und blieb ſo regungslos, ſie anſchauend, ſtehen. „Wie ſie bei all dem Jammer glücklich iſt, ſo im ruhi⸗ gen Schlaf ihr Leid vergeſſen zu können,“ murmelte er,„das heißt, wenn ſie nicht von böſen Träumen beunruhigt wird! — — — —j — 58 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. — Doch nein, ihre Athemzüge ſind ruhig und gleichmäßig, ja, ich glaube faſt, es ſpielt ein Lächeln um ihre Züge.— O, ſie kann lächeln,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe flü⸗ ſternd mit heiſer klingender Stimme hinzu,„ſind es doch wahrſcheinlich glückſelige Bilder, Bilder der Liebe, Bilder einer ſüßen Vergangenheit, welche ſie umſchweben. „Ah, ſie iſt glücklich, ſie ſchläft und hat ſüße Träume. Sie hat kein Recht, ſich zu beklagen, ſie nicht! Wer ſchläft, vergißt Leid und Schmerz. Ich,“ fuhr er fort, indem ſein Blick düſter aufflammte und ſein Körper erzitterte,„ich ſchlafe nicht, ich liege müde auf meinem Lager, ein Fraß wilder, giftiger Gedanken, mich läßt kein ſanfter Schlummer Leid und Schmerz vergeſſen. Wer weiß ſogar,“ ſetzte er mit einem entſetzlichen Lächeln hinzu,„ob ich einſtens im Grabe ruhig ſchlafen werde, oder ob ich auch da noch bevorzugt bin, von düſtern, unheimlichen Träumen unterhalten zu werden. „Doch fort mit dieſem thörichten Vielleicht! Im Grabe iſt Ruh', und die hat ja auch wohl jener gefunden, der ſeine gierige Hand aus der Ewigkeit herüberſtreckt, um mir mein Liebſtes zu rauben, das einzige ſchätzbare Gut meines reichen und doch ſo armſeligen Daſeins. Ja, er iſt todt, er muß todt ſein— er ſoll todt ſein, oder— „An Scherra muß ich mich wenden,“ murmelte er nach einem tiefen Seufzer, während deſſen er krampfhaft und un⸗ ruhig mit der rechten Hand ſeine Stirn und ſeine Augen betaſtete und darauf ſeine Finger an den Mund brachte, an deren Nägeln er, ſtarr vor ſich niederſehend, unruhig kaute. „Scherra muß mir das genau und umſtändlich erzählen, er muß ſich aufs ſorgfältigſte nach dieſem— Gaetano erkun⸗ digen; er muß nach Neapel ſchreiben— nach Palermo— Eine ſchlafloſe Nacht. 59 g, überall hin— überall, er muß mir zu Liebe ganz Italien, — ja, die ganze Welt durchforſchen, um— ſein Grab zu finden, ü⸗ denn er muß todt ſein; o—o—o— oh,“ fuhr er, wie vor ſei⸗ ch nen Gedanken erſchreckend, auf,„todt muß er ſein, oder—“ er Während er mit zuckenden Lippen und unheimlich glän⸗ zenden Augen dieſen Phantaſieen, bald leiſe mit ſich ſelbſt le. flüſternd, bald dumpf in ſich hinein murmelnd, nachhing, ft, während die Muskeln ſeines hagern, bleichen Geſichtes krampf⸗ in haft ſpielten und ſich zuweilen ſein ganzer Körper zuſammen⸗ fe bog, wie niederſinkend unter der Wucht der Gedanken, lag , ſie auf ihrem Lager, ein Bild der ſüßeſten Ruhe, des tiefſten nd Friedens; ihre rechte Hand ruhte unter ihrem Haupte und m hatte ſich dort in der Fülle ihres reichen, blonden Haares ig vergraben, ihre Augenlider erſchienen leicht geſchloſſen, ſo on ſanft zugefallen, als hätten ſie ſich in tiefer Ermüdung bei der leiſeſten Berührung des Schlummergottes geſchloſſen, be während dagegen wieder ihre gleichförmigen und tiefen Athem⸗ ne züge ihren feſten Schlaf bekundeten. Ihr vorhin noch ſo ein bleiches Geſicht erſchien jetzt leicht erhitzt und dadurch wun⸗ en derbar roſig angeſtrahlt. Dabei verklärte ein mildes Lächeln uß ihre noch kürzlich ſo ernſten, ja, düſtern Züge, und dieſes Lächeln hatte ihre Lippen ſanft geſchloſſen und ließ zwiſchen. ich ihnen hindurch die glänzenden Zähne ſehen. in⸗ Die linke Hand hatte ſie auf ihre Bruſt gelegt, und een nach den Fingern dieſer linken Hand ſtarrte der Graf, indem an er ſich an der Thür feſthaltend, ſo weit als möglich vor⸗ te. beugte. Zwiſchen Daumen und Zeigefinger ſchlang ſich eine er kleine fadendünne Goldkette durch, die unter ihrem Kopfkiſſen in⸗ verſchwand. „Was ſagte doch Roſa von einem Bilde, welches Fran⸗ 60 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. coiſe bei ſich führe? Ich habe nie etwas davon bemerkt, habe aber auch niemals jene Goldkette geſehen, die dort ſo ver⸗ rätheriſch hervorlauſcht. Ah, Madame, es ſcheint mir, daß Sie ſich nicht damit begnügen, ſüße Erinnerungen in Ihrem Herzen zu begraben, ſondern daß Sie auch ſichtbare Zeichen einer beſſeren, glücklicheren Zeit bei ſich verbergen!— Ich muß jenes Bild haben,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu,„ich muß ſehen, Francoiſe, wer ſo unausſprechlich glücklich iſt, von dir ſo heiß geliebt zu werden!— Nehmen wir uns in Acht, ſeien wir vorſichtig, wie auf der Tigerjagd!“ Und nach dieſen Worten wand er ſich ſo raſch, ſo ge⸗ räuſchlos, ſo ſchlangenartig nach dem Lager ſeiner Frau hin, daß er ſich auch einem aufmerkſameren und ſcheueren Weſen, als das argloſe Weib war, unbemerkt hätte nahen können. Dann griff er mit ſicherer Hand die kleine Kette an, zog ſie langſam unter dem Kopfkiſſen hervor und über ſeine Züge glitt ein triumphirendes Lächeln, als derſelben ein ſehr klei⸗ nes flaches Medaillon folgte. Noch war aber das Ende der Goldkette leicht um den Zeigefinger der ſchlafenden Frau ge⸗ wunden, und ſtatt den Verſuch zu machen, auch dieſe zu löſen, berührte er mit der eiskalten Spitze ſeines Fingers die warme Hand der Gräfin, wodurch er erreichte, was er gewollt: ſie machte eine zuckende Bewegung mit der Hand, wodurch die Goldkette von dem Zeigefinger herabglitt; dann wandte ſie leicht den Kopf auf die andere Seite und flü⸗ ſterte im Schlafe:„Du irrſt, es ſind Regentropfen, aber keine Thränen.“ . Mehrere Sekunden lang betrachtete er mit ſtarrem Blick die Schlafende, dann ſagte er mit dumpfer Stimme:„Amen, mögen auch keine Thränen folgen.“— — Eine ſchlafloſe Nacht. 61 Geräuſchlos, wie er gekommen, ging er in ſein Zimmer zurück und ſchloß und verriegelte die Thür hinter ſich. In ſeinem Schlafgemach angekommen, entzündete er auf einem ſilbernen Leuchter ein Bouquet Wachslichter, und als es tag⸗ hell um ihn geworden, ließ er ſich langſam in einen Fauteuil nieder, den er zum Tiſche gerollt, und ſchickte ſich an, den goldenen Deckel des Medaillons aufſpringen zu laſſen. Doch ehe er dies ausführte, hielt er einen Augenblick inne, ſtützte die Stirn auf die rechte Hand und ſprach:„Warum ſoll ich's thun? Wird ein Bild nicht ſchrecklicher in meinen Phan⸗ taſieen erſcheinen, als ein körperloſes Weſen, als ein Ding, das ſich Gaetano nennt? Ja, es nicht anzuſehen, wäre ver⸗ nünftiger gehandelt, aber der Teufel,“ rief er heftiger aus, „betrage ſich immer vernünftig; ich will es ſehen!“ Er drückte auf die Feder des Deckels, dieſer ſprang auf und der Graf betrachtete mit gierigem Blick das kleine Bild, welches ſich ſeinem Auge darbot. Lange betrachtete er es, hielt es bald weit von ſich weg, brachte es dann wieder näher an die Augen und murmelte endlich:„Ein ſchöner Kopf, ein prächtiger Kopf, ſchade da⸗ rum, daß er im Grabe fault———— laſſen wir ihn verſchwinden.“— Er erhob ſich mühſam aus ſeinem Stuhle, ging nach einem Seitentiſchchen, wo eine kleine, zierlich gearbeitete Caſſette ſtand, die er öffnete und das Bild hinein verſchloß. Als dies geſchehen, ging er lange Zeit in tiefe Gedanken verſunken in ſeinem Zimmer hin und her, wobei er ſich zu— weilen mit langſamen Schritten dem kleinen Tiſchchen, auf dem die Caſſette ſtand, wieder näherte, ſich aber jedesmal — —— —õÿxx —— 62 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. haſtig umwandte und nach der anderen Seite des Ge⸗ maches eilte. „Als ich ſie zu meinem Weibe nahm,“ ſprach er zu ſich ſelber, nachdem er längere Zeit vor ſich hin gebrütet,„hätte ſie mir die Wahrheit ſagen ſollen, die volle Wahrheit ſagen müſſen; doch iſt das auch der einzige Vorwurf, den ich ihr machen kann, und den ich ihr doch nicht einmal machen werde— gewiß kein Wort des Vorwurfs— wenn— doch nein, nein, fort mit ſolchen entſetzlichen Gedanken!— Gab ſie mir doch nie Veranlaſſung zum Mißtrauen!— Ihn deckt das Grab, ſein Bild ſoll verſchwunden bleiben und dafür werde ich ihr, wenn ſie es wünſchen ſollte, meine Gründe angeben.“ Der Graf blieb einen Augenblick mitten im Zimmer ſtehen, drückte die rechte Hand gegen ſeine Stirn und rief in ſchmerzlichem Tone:„O, wer jetzt ſchlafen könnte! Gab ich mir doch mit allen Gründen der Vernunft, der Milde, des Mitleidens alle Mühe, meine finſteren, entſetzlichen Ge⸗ danken niederzukämpfen, aber wenn ich einen Moment inne halte, ihnen beruhigt zuzuſprechen, ſo ſpringen ſie an mir empor, die Zähne fletſchend gleich wilden, blutgierigen Beſtien — ſchrecklich, wenn er lebte— wenn er lebte! Ich muß je— mand haben, der mit mir ſpricht, der mir hilft, meine Phan⸗ taſieen nieder zu kämpfen; ich will Juſſuf wecken, er ſoll mir von Indien erzählen.“ Der Graf öffnete die Thür ſeines Nebenzimmers und ſchritt von dort über einen kleinen Corridor in ein auf der anderen Seite daran grenzendes Cabinet. Dort war es ſo dunkel, als es in einem Zimmer nur ſein kann, wo kein Licht brennt und wo nur die zweifelhafte Helle des Nachthimmels Eine ſchlafloſe Nacht. 63 einen Gegenſtand, irgend ein Möbel oder ſonſt einen Körper als noch ſchwärzere Schatten erſcheinen läßt. Hier ließ der Graf einen leiſen Ton vernehmen, der wie das Ziſchen einer Schlange klang, worauf ſich augenblicklich in der Ecke des Zimmers, wie von einer Feder emporgeſchnellt, eine Geſtalt erhob und wonach man ein Geräuſch hörte, als werde raſch ein Dolch aus einer Scheide gezogen. „Ich bin es, Juſſuf, folge mir!“ Der Indier warf raſch einen weißen Mantel über und ſchritt, ohne ein Wort zu verlieren, hinter ſeinem Herrn bis nach dem Schlafzimmer, wo ſich der Graf in ſeinem Fauteuil niederließ und den Diener bedeutete, ſich auf einen kleinen Divan, der an der Wand ſtand, zu ſetzen;„oder wenn es dir lieber iſt,“ fügte er lächelnd hinzu,„auf den Teppich des Bodens,“ da er bemerkte, wie Juſſuf dieſen betrachtete.— „Ich kann nicht ſchlafen und du ſollſt mit mir plaudern.“ „Ich hatte gehofft, Herr, Ihr vergäßet heute Nacht alle Freuden und Leiden in ſüßem Schlummer, denn es erklang ja die wunderbare Stimme, die Euch gewöhnlich Ruhe gibt.“ „Ich ſchlief auch ein, doch weckte mich irgend ein Zufall, und ſo ſollſt du es denn dieſes Mal verſuchen, mir einen guten Traum zu verſchaffen.“ „Herr, meine Zunge iſt rauh und ohne Wohlklang.“ „Der Himmel ſoll mich bewahren,“ erwiderte der Graf lächelnd,„Geſang von dir zu verlangen, du ſollſt mit mir ſprechen, mir etwas erzählen.“ Der Indier neigte zum Zeichen des Gehorſams ſein Haupt, ehe er zur Antwort gab:„Wollt Ihr, Herr, etwas hören von unſeren Zügen in Afghaniſtan, von unſeren blu⸗ tigen Gefechten mit den Shiks? Ah eine ſchöne Zeit!“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Nein, nein, dieſes Mal nichts davon.“ „So werde ich es verſuchen, vor Eure Augen zu führen die Bilder, wie wir den Tiger gejagt in den Jungeln am Ganges.“ „Nichts davon, Juſſuf.“ „Oder den Elephanten auf Ceylon?“ Der Graf ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, dann ließ er ihn in ſeine rechte Hand niedergleiten und ſtarrte lange vor ſich hin.„Wenn er noch lebte,“ murmelte er, unverſtändlich für den Andern,„ſo wäre all mein Glück dahin, ſo hätte die wildeſte, finſterſte Nacht den einzigen Sonnenſtrahl aus⸗ gelöſcht, der mein armes Leben erhellt; o, wenn er noch lebte!— Nein, nein, Juſſuf,“ rief er nach einer Pauſe, „erzähle mir nichts von unſeren Kriegszügen, nichts von unſeren Jagden, ich will etwas Wilderes, Unheimlicheres hören.“ „Um Euch Schlaf zu bringen, Herr?“ fragte der Indier verwundert. „Ja, um mir ſpäter vielleicht Schlaf zu geben, um Auf⸗ regung mit Aufregung niederzukämpfen, um Leid und Schmerz mit Unheimlicherem zu verjagen. Erzähle mir von den Thugs.“ „Herr!“ rief der Indier, und ſeine Augen flammten; ein convulſiviſches, faſt unmerkliches Zittern durchflog ſeinen Körper und er gab mit dumpfer Stimme zur Antwort: „Dieſen Namen hat mein Ohr ſeit Jahren nicht mehr ver⸗ nommen— o, es hoffte ihn auch nicht mehr zu hören, er ſollte nicht mehr ertönen vor den Ohren Juſſuf's— war nicht ſo die Abrede, Herr?“ ſetzte er mit fragendem Tone und einem lauernden Blicke hinzu. en um Eine ſchlafloſe Nacht. 65 „Die Verabredung war nicht ganz ſo,“ entgegnete ruhig der Graf.„Weißt du noch, als dein Gooror dich mir em⸗ pfahl, der alte Bhurtotes, der furchtbare Erdroßler im Dienſte der Göttin Kalee Davey?“ „Ja, deſſen Blut floß auf Euern Befehl.“ „Auf den Ausſpruch des Gerichtes, Juſſuf, den ich ge⸗ zwungen war, vollziehen zu laſſen, faſt ſo, wenn auch ganz anders, wie Ihr gezwungen waret, die Ausſprüche der finſtern Göttin zu vollziehen; es war eine Nothwendigkeit, denn er durfte nicht leben, hatte er doch über 200 Mordthaten ein⸗ geſtanden.“ „Ja, ja, es war ein großer und berühmter Burka,“ murmelte der Indier, und bei dieſer Erinnerung belebten ſich zuſehends ſeine Augen. „Wie er mir ſagte,“ fuhr der Graf nach einer längern Pauſe fort,„bewieſeſt du bei der Vollziehung eurer furcht⸗ baren Gelübde und bei euren Thaten um den Ausſprüchen der Göttin Kalee gehorſam zu ſein, einen ſeltenen Grad von Kaltblütigkeit und Gewandtheit.“ „Es iſt ſo, Herr,“ gab der Indier zur Antwort, nach⸗ dem er einen eigenthümlich murmelnden Ton ausgeſtoßen. „Ich war nicht lange unter den Sotahs, das ſind Leute, die den Auserwählten ins Netz locken— zu den Lughas, die wie Ihr wißt, die Todten forttragen und mit der heiligen Hacke ſein Grab graben, gehörte ich nur kurze Zeit— und als ich Shumſeeas geworden, welche die Pflicht haben, dem zum Tode Beſtimmten Hände und Füße zu halten, erbarmte mich der Unglückliche, da der Erdroßler ſelbſt ſeinen Dienſt ſchlecht verſah, und ich vollzog ſein Amt, um das Opfer 5 Hackländer, Die dunkle Stunde II. —— 66 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. auf die kürzeſte und ſicherſte Weiſe in den Himmel zu be⸗ fördern.“ „Du ſelbſt biſt aber nicht der Sohn eines Thugs?“ „Nein, Herr, ich wurde als vierjähriger Knabe bei einem großen Opfer verſchont, an dem die Göttin meine Eltern und Verwandten verſchlang.“ „Und hatteſt du keinen Abſcheu vor dem Dien iſte der Kalee?“ „Abſcheu?“ fragte der Indier verwundert,„gewiß nicht, Herr; man gab mir ſchon als Kind von dem heiligen Zucker, und ich fand den Dienſt der Göttin ſüß und ehrend, wie alle meine Freunde und Bekannten, die zu dem Orden der Thugs gehören. Leider blieb ich nicht lange unter den Burkas, man machte mich zum Tillas, und ich begleitete als Wegweiſer oder Dolmetſcher die Karawanen, unter denen ſich unſere Opfer befanden.— Aber, Herr,“ ſetzte Juſſuf nach einer längeren Pauſe, während welcher der Graf nachſinnend vo ſich hingeſchaut, hinzu,„erlaßt mir dieſe Erinnerungen, ſie iſt ja vorbei, jene glänzende Zeit. Hier wo die Sonne ſo ſelten ihre erwärmenden Strahlen ſchickt, wo keine Palmen gedeihen noch der ſüß duftende Lotus, wo die Sterne nur mit bleichem, unſicherem Lichte ſchimmern, vernimmt man kein Zeichen der großen Göttin Kalee⸗Davey.“ „Nein, nein, man vernimmt es nicht,“ verſetzte raſch der Graf, wie aus einem tiefen Traume aufſchreckend,„es wäre entſetzlich, wenn man es vernähme.“ „Entſetzlich? O nein,“ verſetzte der Indier mit funkeln SoH den Augen.„Welche Wonnen müſſen dem nach ſeinem Tode beſtimmt ſein, den die Göttin durch ein Zeichen begnadigte, d9 daß ſie ihm hieher folgte über Länder und Meere, um ihn Eine ſchlafloſe Nacht. 67 zu erwärmen und zu begeiſtern in dieſer kalten, dunkeln Welt!“ Der Graf hatte ſich erhoben und blieb nach einem Gange durch das Zimmer an einem der Fenſter ſtehen, wo er den Vorhang aufhob und in die finſtere Nacht hinausſchaute. „Ja,“ ſagte er, wie zu ſich ſelber, indem er ſeine einzige Hand auf das Herz drückte,„es iſt hier ſo froſtig und dunkel und würde unerträglich ſein ohne ihre belebende Wärme— ihre ſüße Wärme, die ich theilen ſollte mit jemand, o nein — o nein. Was nützt ihm, der im Grabe liegt, jene Wärme? Die Hitze des Veſuv würde nicht im Stande ſein, ſeine kal⸗ ten Glieder zu beleben. Der im Grabe ruht? Und doch zieht es mich immer zu ihm hin. Noch einmal will ich ihn anſchauen, um nicht zu vergeſſen das Bild desjenigen, dem Francoiſe ihre erſte, vielleicht ihre einzige Liebe zugewandt.“ Raſch wandte er ſich um, öffnete mit zitternder Hand die Caſſette und ließ noch einmal die Feder des Medaillons ſpielen. Lange betrachtete er hierauf das kleine Bild, und während er es betrachtete, verfinſterten ſich ſeine Blicke immer mehr und die Narbe auf ſeiner bleichen Stirne ſchwoll dun⸗ kelroth an. Daß der Indier im Zimmer war, ſchien er ganz ver⸗ geſſen zu haben.„Wenn du nochlebteſt,“ rief er aus,„es wäre fürchterlich! Todt mußt du ſein, todt, todt!“ Und er ließ das Medaillon, ohne den Deckel zu ſchließen, wieder in die Caſſette zurückfallen. 1 Wieder trat er an das Fenſter, legte die heiße Stirne an die kühlen Scheiben.„Kalt, kalt, hier und dort,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„o mein Gott, gib mir nur Ruhe Ruhe.“ — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Er ſeufzte tief auf und fuhr dann, an Juſſuf gewandt, fort:„Um die Nacht ſind wir faſt betrogen und auch den kleinen Reſt derſelben wollen mir meine zuckenden Nerven ſtreitig machen, ich fühle das— gib mir Opium!“ „Ihr habt mir verboten, daß ich Euch ein Pulver mi⸗ ſchen ſoll,“ entgegnete der Indier. „Ja, ja,“ rief der Graf unmuthig,„aber heute brauche ich es, um nicht wahnſinnig zu werden; miſche mir ein Pul⸗ ver, wobei ich einſchlafe; erzähle mir von unſern Zügen durch Kaſchmir.“ Der Indier richtete ſich raſch vom Boden auf und ging aus dem Zimmer, während ſein Herr den ſeidenen Schlafrock von ſeinen Schultern herabgleiten ließ, hierauf die Thür, die er vorhin verriegelt hatte, leiſe wieder öffnete, um in das Nebenzimmer zu lauſchen, und ſich alsdann langſam und ſcheinbar ruhig auf ſeinem Bette ausſtreckte. Juſſuf kam nach einigen Augenblicken wieder und reichte dem Grafen eine kleine Kryſtallſchale mit einer trüben Flüſſig⸗ keit, die jener raſch leerte und ſich wieder auf das Kiſſen zu⸗ rücklegte, wobei er ſeine beiden Arme unter den Kopf ſchob. „Löſche die Lichter, nur die kleine Nachtlampe ſoll bren⸗ nen bleiben, und erzähle mir von Kaſchmir.“ Juſſuf ließ ſich vor dem Bette auf den Boden nieder, und that wie ihm befohlen. Mit leiſen monotonen Worten ſprach er in blühenden Bildern von Kaſchmir, von den klaren Fluten des Dſchelum, der kühlend durch die Stadt fließt, von dem Berge Takt⸗Soliman, der ſie überragt, der ihr die murmelnden Bergquellen ſendet, und von dem ſchönen Thale rings umher voll Roſen, Lilien und Tänzerinnen. ◻¶ ☛ ●ĩ●—,ͥ— Eine ſchlafloſe Nacht. 69 Ein ſeltſames Lächeln überflog zuckend die Züge des Schlafenden.. Der Indier horchte noch eine Zeit lang, und als ſein Herr keine Bewegung machte, welche ein Erwachen deſſelben andeutete, beugte er ſich über ihn hin, beſchaute ihn lange und aufmerkſam und wandte ſich dann dem Tiſche zu, wo die Caſſette mit dem kleinen Bilde ſtand. Auf dieſes warf er einen langen, forſchenden Blick, und murmelte dann:„Ver⸗ geſſen werde ich es niemals, das Geſicht dieſes Mannes, welches das Herz meines Herrn mit ſo tiefem Schmerz er⸗ füllt, dem er den Tod gewünſcht. „Möge dein Schlummer ſanft ſein und fröhlich dein Er⸗ wachen,“ ſprach er alsdann leiſe gegen den Schlafenden ge— wandt, wobei er ſeine beiden Hände erhob und hierauf das Gemach verließ. — — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Dr. Henderkopp und Familie. Wenn ſchon die gewöhnliche Ausſtattung des Wurſt⸗ kadens der Frau Wittwe Speiteler(der Wurſt⸗K önigin, die Firma hieß eigentlich: Joſua Speiteler, ſelige Wittib) vom Herbſt bis zum Frühjahr ein Glanzpunkt der Balkengaſſe war, ein Stolz für die häufig vorübergehenden Bewohner dieſer Straße, ein Triumph für ſämmtliche Straßenjungen dieſes mit Kindern reich geſegneten Stadtviertels, welche hier beim Anblick all' der Herrlichkeiten, ihren an ſich ſchon un⸗ ſchärfen pfleg⸗ ten, ſo war doch in dieſen letzten Tagen hinter den zwei großen Spiegelſcheiben, die ſich auf dem alten, finſtern Hauſe rechts und links von der verwitterten, narbigen Hausthüre mäßigen Appetit verrätheriſcher Weiſe noch zu ausnahmen wie klare Brillengläſer auf der Naſe eines ver⸗ ſchrumpften alten Mannes, ſo Ungeheures geſchehen, ja ein ſolcher Glanz, ein ſolcher Reichthum entwickelt worden, daß die Vorübergehenden, welche von der Veranlaſſung zu einer ſo ungewöhnlichen Ausſtellung keine Ahnung hatten, kopf⸗ Dr. Henderkopp und Familie. 71 ſchüttelnd die alte Firma über der Hausthüre betrachteten, ob dort nicht vielleicht ein neuer Name prange, und eiſt junger rüſtiger Nachfolger des Joſua Speiteler ſelige Wittib ent⸗ ſchloſſen ſei, den eleganteſten Laden ähnlicher Art in den reichſten Stadtvierteln keck ein Paroli zu biegen. Aber da oben in der Firma hatte ſich ſo wenig geändert als im Allgemeinen in der Perſon der regierenden Wurſt⸗ königin ſelbſt, die auch in corpulenter Majeſtät, blühend wie der Vollmond, wenn er eben erſt aus der Nebelſchichte des Horizontes emporgetaucht, nach wie vor hinter ihrem Laden⸗ tiſche ſtand, und in behaglichem Schmunzeln und mit einem mehr oder minder ſreundlichen Wort ihre verſchiedenartigen Kunden bediente. 8 Genauere Bekannte wollten bemerkt haben, daß ſie ſeit einem Vierteljahre ſelten mehr ihre alten geblümten Kattun⸗ kleider trug, ja daß ſie ſich ſogar zu einer ſeidenen Schürze verſtiegen hatte, und daß die handbreiten Streifen und Spitzen ihrer Haube ſtets blendend weiß waren, außerordentlich ge⸗ ſtärkt und mit bunten Bändern verſehen, welche nicht ſelten über ihren fetten Nacken hinabflatterten. Dabei ſchwebte häufig, auch wenn ſie ſich allein im Laden befand, ein Lä⸗ cheln der ausgeſprochenſten Zufriedenheit um ihre Lippen; die Knechte ſprachen mit Begeiſterung von dem Wohlwollen der ſonſt ſo ſtrengen Meiſterin, und der Lehrjunge hatte im Schlachthauſe erzählt, daß er die Wurſt⸗Königin, und noch dazu am hellen Tage, habe ſingen hören: „Guter Mond, du gehſt ſo ſtille Durch die Balkengaſſe hin.“ Und die Veranlaſſung von alle dem? Da wir es von jeher verſchmäht haben, die Aufmerk⸗ 72 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſamkeit unſerer geliebten Leſer auf eine unerlaubte Art zu ſpannen, wie es manche andere Erzähler zu thun für noth⸗ wendig halten, ſo wollen wir auch hier geradezu mit der Sprache herausgehen, und bitten zu dieſem Zweck den ge⸗ neigten Leſer, durch die offene Thüre einen Augenblick in den Laden hinein zu lauſchen, wo vor der Wurſt⸗Königin ein alter Herr ſteht mit einer ärmlichen fuchſigen Perücke auf dem Kopfe, einfach, aber ſauber angezogen, irgend ein pen⸗ ſionirter Beamter, der ſich täglich etwas Wurſt zu ſeinem Abendbrode holt. Zu dieſem hören wir Frau Wittwe Spei⸗ teler die denkwürdigen Worte ſagen:„Alſo Sie kennen mei⸗ nen zukünftigen Schwiegerſohn, den Herrn Doctor und Di⸗ rector? Nicht wahr, es iſt das ein außerordentlicher Mann?“ Ja, geneigter Leſer, die Veranlaſſung zu dem außeror⸗ dentlichen Glanze, in welchem ſich während der letzten Tage der Wurſtladen in der Balkengaſſe befand, war die Verlobung der einzigen Tochter mit dem berühmten Doctor Henderkopp, Director einer Privat⸗Irren⸗Anſtalt, Mitglied mehrerer ge⸗ lehrten und ungelehrten Geſellſchaften, Beſitzer der Medaille für Kunſt und Wiſſenſchaften, welche ihm erlaubt war, an einem rothen Bande da zu tragen, wo andere Leute ihren Orden zu zeigen pflegen. Die Vermählung ſollte in acht Tagen ſtatt finden, die Familie und Freundſchaft war dazu aufgeboten, und zu dieſer höchſt ehrenvollen Umwandlung der Fräulein Sophie Spei⸗ teler in Frau Directorin Henderkopp wurden mit einem hal⸗ ben Dutzend Näherinnen in einem paar Stuben im erſten Stocke, ſo wie in Küche und Keller von der würdigen Wittwe ſelbſt ganz außerordentliche Vorbereitungen getroffen. Was wir von dieſen Vorbereitungen genießen können, Dr. Henderkopp und Famitlie. 738 iſt freilich vor der Hand nur die Ausſtellung des Ladens, die ſchon der Mühe werth iſt, einige Minuten angeſchaut zu werden. Wie in der Welt alles von einem ſoliden Mittel⸗ punkte ausgeht, ſo auch hier, und obendrein hatte jedes der großen Spiegelgläſer ſeinen Mittelpunkt für ſich und bildete ſo eine eigene Ausſtellung; auf der linken Seite mehr für derbere Gaumen und Mägen berechnet, auf der Rechten mehr für zartere Weſen, die ein feines Schweineknöchelchen einer vor Geſundheit und Fett ſtrotzenden Wurſt vorzuziehen pflegten. Dort bei den derberen Genüſſen bildete ein künſtlich aus Fett modellirtes Schwein den eben erwähnten Mittelpunkt: ſeine Hauer, Klauen, ja ſogar die Naſe waren vergoldet, und im geöffneten Munde trug es einen Lorberzweig, wahrſchein⸗ lich als zarte Anſpielung der Lorbern, welche ſich Dr. Hender⸗ kopp durch ſein verdienſtvolles Wirken geſammelt. Dieſes Schwein ruhte auf einem Piedeſtal, an dem man in Haut⸗ Relief verdienſtvolle Leute aus der ehrſamen Metzgerzunft ſah, welche eine ungeheure Wurſt trugen, unter der geſchrie⸗ ben ſtand: „Wir tragen beim Feſte die Rieſenwurſt, Drum haben wir auch ſo großen Durſt.“ Von dieſem Mittelpunkte aus breiteten, ſich nach allen Seiten die Genüſſe, welche das nützliche Thier, das wir un⸗ verdienter Maßen wegen ſeiner genialen Unſauberkeit verach⸗ ten, zu gewähren im Stande iſt: angeſchnittene und ganze Schinken, deren Schwarten durch künſtliche Einſchnitte ſich auf wunderbare Weiſe tätowirt darſtellten, kühle, glänzende Sulzen und Hachés mit rothen und gelben Rüben, Gurken, rothem ſpaniſchem Pfeffer, Peterſilie und zierlichen weißen —— 74 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Zwiebeln, moſaikartig ſo prachtvoll hergerichtet, daß ſelbſt einem nicht hungrigen Beſchauer das Waſſer im Munde zu⸗ ſammenlaufen mußte; unten, zwiſchen Wurſt⸗Guirlanden in allen Farben, in gelb, weiß, hell⸗ und dunkelbraun, ſtand ein trotziger farcirter Schweinskopf ſo kühn und mit ſolchem Erfolge herausfordernd, daß man ſich unwillkürlich nach Meſſer und Gabel umſah, um ihm zu Leibe zu gehen. Alles dies war poetiſch verbunden und die allenfallſigen Lücken aus⸗ gefüllt durch friſche Immergrün⸗Kränze und blühende Blu⸗ men in Töpfen. So die linke Seite des Ladens.— Wenden wir uns jetzt zu der rechten, und es wäre wahrhaftig keine Entweihung, wenn über der verbindenden Hausthür die Worte ſtänden: „Wo Hartes ſich mit Weichem bindet, Da gibt es einen guten Klang.“ War links das Reelle, ſo war rechts das Ideal, dort die ſtrotzende Kraft, hier die weiſe Hingebung im Mittel⸗ punkte der großen Spiegelſcheibe, repräſentirt durch ein Lamm, zierlich aus weißer Butter gefertigt, welches auf ſeinem Kopfe als rührende Anſpielung einen Myrtenkranz trug, über deſſen Rücken eine himmelblaue Decke herabhing mit den Buchſtaben S. und E., Sophie und Edmund, und deſſen Fußgeſtell eine ländliche Scene zeigte, das Einfangen eines fetten Hammels auf giftig grüner Wieſe, aus deſſen Munde,— aus dem des Hammels nämlich,— die Worte zu kommen ſchienen: „O, daß ſie ewig grünend bliebe, Die Wieſe mit dem grünen Triebe Wer hierin nicht augenblicklich die ſo zart verdeckte Anſpielung herausgeſchmeckt hätte, wäre wahrlich ein Barbar 144 . geweſen. ckte bar Dr. Henderkopp und Familie. 75 Ach und wie paßte hier alles zu dem weißen Butter⸗ lamme. Die ſanft geringelten feinen Würſtchen, die zierlichen Ferkelfüßchen, obgleich etwas waſſerſüchtig angeſchwollen, Kalbs⸗ und Schweinerouladen mit den ſchönen Farben, grün, weiß und roth: Unſchuld, Liebe, Hoffnung, die ja ſo voll⸗ kommen das Bild und den Verlauf einer glücklichen Ehe repräſentiren. Vergeſſen wir vor allen Dingen hier nicht der ſchlanken Würſte in ſilbernen Hülſen mit blauen Bändern zu einer ſtrahlenden Guirlande vereinigt, die kleinen zitternden Sulzen aus Formen hervorgegangen, welche ihnen Roſen und Vergißmeinnicht aufgeprägt. Betrachten wir insbeſondere als Seitenſtück zu dem obenerwähnten trotzigen Schweinskopfe hier das allerliebſte kleine Spanferkel in künſtlichen Roſen gebettet, das ſanft geringelte Schwänzchen mit einem rothen Band verziert, das kleine ſüße Maul aufgeſperrt— durch eine zierliche Citrone— ja ſehen wir nach dort und hier, und wer ein fühlendes Herz im Buſen trägt, wird auch zwi⸗ ſchen Schweinskopf und Spanferkel der beiden Fenſter den rührend⸗ſinnigen Zuſammenhang nicht vermiſſen, der ſich dem zarten Gemüthe eines empfänglichen Metzgerknechtes vielleicht unbewußt entwand. Daß auch hier Blätter und Blumen zur Ausfüllung nicht fehlten, verſteht ſich von ſelbſt, doch waren auch darin die beiden Gedanken durchgeführt. Wie dort zackigen Farren⸗ kräutern ſchwere Aſtern entblühten, ſah man hier die zierlich herabhängenden Blumen der Fuchſien; wie ſich dort eine brennende Nelke zwiſchen dunklem Immergrün ſchreiend her⸗ vorthat, ſah man hier zwiſchen feinen Mimoſen die letzte weiße Roſe. Frau Wittwe Speiteler war in dem Augenblicke, von 76 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. dem wir hier reden, nicht in dem Laden. Ein Ladenmädchen wirthſchaftete an ihrer Stelle, ſie ſelbſt war in ihre Privat⸗ wohnung im erſten Stock gegangen, nicht hinten hinaus zu den Näherinnen, ſondern vorn hinaus in ihr Staatszimmer, wo man die alten Damaſtmöbel ihres weißen Kattun⸗Ueber⸗ zuges entledigt hatte, wo man die beiden künſtlichen Blumen⸗ ſträuße in den zwei Vaſen ſorgfältig abgeſtaubt hatte, wo die Luft allerdings etwas moderig roch, wo aber friſch gewaſchene Vorhänge dem an ſich düſtern Zimmer einen feſtlichen An⸗ ſtrich verliehen. Dort ſaß Frau Wittwe Speiteler, angethan mit einem etwas knapp gewordenen blauſeidenen Kleide, die dicken Hände, an denen man einige Ringe bemerkte, ſo breit und quatſchelig auf der ſchwarzſeidenen Schürze ausgelegt— als wollten ſie eine Fortſetzung der Ladenausſtellung bilden. Neben ihr, auf einem auffallend nahe gerückten Stuhle befand ſich Fräulein Sophie Speiteler, ein kleines ſchmäch⸗ tiges Weſen, welches ſo gar nichts von der robuſten Haltung und dem energiſchen Auftreten der Mutter hatte. Sophie hielt gerne die Hände über dem Schooß gefaltet und liebte es, ihre blauen Augen niederzuſchlagen. Sie war das einzige Kind der kurzen, aber an ſich glücklichen Ehe ihrer Mutter mit ihrem Vater und das vollkommene Ebenbild des letztern, ſo weit nämlich eine Tochter dem Vater ähnlich ſehen kann. Von ihm hatte ſie das Hände⸗Falten, wozu er gern zu ſeuf⸗ zen pflegte, auch das Augen-Niederſchlagen, und außer vielem Andern auch noch die Gewohnheit, daß ſie ſchreckhaft zuſam⸗ menfuhr, wenn die Mutter ſich heftig räuſperte. Freilich nannte Frau Wittwe Speiteler dieſe Schüchtern⸗ heit ein angenommenes Weſen und behauptete, hei ihr, ſo Dr. Henderkopp und Familie. 77 wie bei ihrem ſeligen Manne ſei das Sprichwort anwendbar: Stille Waſſer ſind betrügeriſch. Im Uebrigen war Sophie in alles Wiſſen einer bürgerlichen Haushaltung eingeweiht, war, wie ihre Mutter ſelbſt zu ſagen pflegte, was Schön⸗ heit anbelangt, vor Ah! und vor Pfui! bewahrt und hatte das nicht unbeträchtliche Vermögen beider Eltern zu er⸗ warten— ein Magnet, der ihren Bräutigam mächtig an⸗ gezogen. Gegenüber den beiden Damen, in ſicherer, ſelbſtbewußter Nachläſſigkeit nur die Hälfte des Stuhles einnehmend und den rechten Arm über die Lehne herabhängen laſſend, ſaß Herr Dr. Henderkopp, ein Mann von dem glücklichen Alter zwiſchen dreißig und vierzig; er war ſchlank und ſeine Ge⸗ ſtalt hatte nichts Außerordentliches, ſie war nicht dick und nicht mager, wie man deren unzähligen begegnet, ohne ſich zu der Frage veranlaßt zu fühlen, wer das wohl ſein könne; auch trieb ſein Kopf nicht beſonders zu ſolchen Forſchungen an: er hatte ein gewöhnliches, blaſſes, etwas dickes, voll⸗ kommen glatt raſirtes Geſicht mit einem auffallend ſpitzen Kinn, eine gewöhnliche Naſe, ſchlichtes, hellblondes, über die Ohren herabhängendes Haar, einen gewöhnlichen, etwas gro⸗ ßen Mund, ganz gewöhnliche graue Augen und zwei nicht ſehr auffallende, gewöhnliche Ohren. Um aber dieſer Ge⸗ wöhnlichkeit ſeines Geſichtes, deren er ſich wahrſcheinlich be⸗ wußt war, etwas Piquantes zu verleihen, trug er hellblaue Brillengläſer von gewöhnlichem Fenſterglas, hob die Augen⸗ brauen gern hoch empor, was ihm aber ſtatt eines gedanken⸗ vollen, oft ein lächerlich erſtauntes Anſehen gab, und liebte es, wenn er über etwas nachdachte, ſeinen Mund zuſammen zu ziehen und pianiſſimo zu pfeifen oder vielmehr ziſchend — — — ——— 78 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. die Luft zwiſchen den Lippen hervorzuſtoßen, wobei er dann gern ſeine Augen ſchloß, um in ſeinen tiefen Betrachtungen durch den Anblick der übrigen gemeinen Welt nicht geſtört zu werden.— Doch wurden wieder dieſe Erſcheinungen, welche den tiefen Denker verkündigen ſollten, etwas gemildert durch ein wohlwollendes Lächeln, welches faſt beſtändig ſeine Züge erheiterte und ſagen zu wollen ſchien: O, dieſe komiſche, alberne Welt, wie hoch fühle ich mich über ihr erhaben, und doch, welch' Mitleid bewegt ſich in meinem großen Herzen über dieſe gemeine, im Staube kriechende Alltäglichkeit! Er hatte den linken Fuß über den rechten gelegt und bewegte ſeinen tadelloſen Stiefel taktmäßig auf und ab. Eben ſo wenig, wie an dieſem Stiefel war auch an dem ganzen Anzug des Doctor Henderkopp das Geringſte auszuſetzen. Er ging gewöhnlich ganz in Schwarz gekleidet, und wenn er zuweilen einmal in Beinkleidern und Weſte eine Farben⸗ nuance machte, ſo war dies in Grau oder Braun. Er ſcheute alle hellen Farben, und nur aus dem Grunde, weil ſie dem Ernſt und der Würde in dem Aeußern eines Mannes Ein⸗ trag thäten. Was er ſich vielleicht im Sommer erlaubte, war ein grauer Strohhut mit ſchwarzem Bande, doch trug er auch dieſen nur innerhalb der Grenzen ſeiner Anſtalt; was er dagegen zu zeigen nie unterließ, war das rothe Band ſeiner Medaille, welches er als Schleife im Knopfloche ganz mit dem Anſtande eines wirklichen Ordens trug, häufig ſo⸗ gar doppelt an Rock und Paletot. Würdig und ernſt war auch ſein ganzes Auftreten, man ſah ihn nur einherwandeln mit feſtem, feierlichem Schritte, das Haupt entweder betrach⸗ tend dem Himmel zugekehrt oder nachſinnend der Erde. Frau Wittwe Speiteler ſchien eben etwas geſagt zu haben, ind ben zen en. enn en⸗ ute dHem fin⸗ bte, rug veu, Dr. Henderkopp und Familie. 81 Welt mit allgewaltiger Liebe umfaſſendes Lächeln zeigte „ſchweigen wir darüber— abgemacht!“ Fräulein Sophie Speiteler ſchien förmlich niedergedrückt. zu ſein von der Größe des Glückes, welches ſich ſo ſtrahlend vor ihren Augen aufthat; zuweilen ſeufzte ſie, aber faſt un⸗ hörbar, und blickte auch wohl ihre Mutter an, die mit Be⸗ wunderung auf den Schwiegerſohn ſchaute, welcher Worte ſprach, ſo ſchön und wohlklingend, ſo vornehm und ſo ſtolz, daß ſie kaum ein Drittel davon verſtand und durch dieſes Drittel momentan vollkommen überzeugt wurde, welche Ehre es für ihre Tochter, Frau Dr. Henderkopp zu werden, die Nichte eines reichen Banquiers, eines Vice⸗Staats⸗Secretärs, und die Großnichte eines Admirals. 7 „Wie geſagt,“ nahm der zukünftige Schwiegerſohn nach einem kurzen Stillſchweigen das Wort wieder auf,„reden wir vor der Hand nicht mehr von dieſen Verhältniſſen, die Sache iſt arrangirt, und Sie können verſichert ſein, daß die Frau Director Henderkopp, wenn ſie es verſtehen wird, ſich die Liebe und Achtung ihres Mannes zu erhalten, von der bedeutenden und vornehmen Familie deſſelben nach jeder Rich⸗ tung hin anerkannt werden wird; reden wir von gewöhn⸗ lichen Dingen, von dem, was unter den gegebenen Verhält⸗ niſſen doch erwähnt werden muß.“ Eie abermaliges Achſelzucken, von einem bezeichnenden Lächeln begleitet, bewies deutlich, wie ſehr ſich Doctor Hen⸗ derkopp über die gewöhnlichen Alltäglichkeiten des Lebens erhaben finde. „Ach ja, lieber zu etwas Reellem; glauben Sie mir, lieber Herr Schwiegerſohn, man kommt doch immer wieder Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 6 82 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. darauf zurück, und ſo vernünftig und ſchön auch alle die vor— trefflichen Worte klingen, die wir von Ihnen zu hören ge— wohnt ſind, ſo iſt doch auch wahrhaftig das ſolide Funda— ment— bei dieſen Worten patſchte ſie mit ihrer zuſammen gelegten rechten Hand in die offene Fläche der linken, wobei ſie ſehr raſch und bezeichnend wiederholt den Daumen über den Zeigefinger ſchob— doch gewiß nicht zu verachten.“ Doctor Henderkopp machte lächelnd eine abwehrende Be⸗ wegung mit ſeiner Rechten. „Papperlapapp,“ rief gutmüthig die Wittwe, welche jetzt wieder feſten Boden unter ihren Füßen fühlte,„einmal muß man darüber reden, und da es Ihnen unangenehm iſt, dann lieber ſo raſch, als möglich. Sophie erhält bei ihrer Ver⸗ heirathung zwanzigtauſend Gulden in Staatspapieren, die Sie übernehmen können, wann Sie wollen, und wenn ich 441 einmal ſterbe— „Sprich nicht davon, Mutter,“ ſagte die Braut in einem ängſtlichen Tone,„wahrhaftig lieber gar nichts haben, als durch eine ſolche Veranlaſſung!“ „Ach was, Kindereien,“ entgegnete Madame Speiteler, wobei ſie im Gefühle von Kraft und Geſundheit vergnügt um ſich blickte,„auch davon muß man reden, es iſt der Lauf der Welt, junge Leute können ſterben, alte müſſen ſterben; aber wenn es an mir liegt,“ fuhr ſie mit einem ziemlich ſchallenden Gelächter fort,„ſo ſoll das nicht ſo bald geſchehen, und der Herr Schwiegerſohn,“ ſie klopfte ihm fühlbar mit ihrer dicken Hand auf die Schulter,„ſoll noch etwas warten müſſen, ehe er mindeſtens noch einmal ſo viel bekommt, als ſeine Mitgift.“ Doctor Henderkopp ſchien unzart berührt durch den der⸗ -—.—,„ Ho der⸗ Dr. Henderkopp und Familie. 83 ben Ausdruck von Luſtigkeit der alten Dame. Er machte ein Geſicht, als habe er mit einem ſchlechten Zahn auf ein feſtes Sandkorn gebiſſen, und blickte ſcheu um ſich, ob auch niemand die Vertraulichkeit geſehen, welche ſich Madame Speiteler gegen ihn herausgenommen. Sophie ſchien Blick und Pantomime verſtanden zu haben. Sie preßte ihre Lippen auf einander und ſenkte den Kopf noch tiefer hinab. Nicht ſo die alte Dame; dieſe erhob heiter ihr Haupt, ſchlug in ihre Hände, daß es laut patſchte, und ſagte mit freudeſtrahlendem Geſichte:„Gewiß, Sophie, das ſoll ein ganz angenehmes Leben werden. Drunten die Frie⸗ derik' im Laden läßt ſich ganz gut an, ich bekomme dadurch Zeit genug und beſuche Euch, ſo oft ich kann; dann ſitzen wir draußen zuſammen in dem Garten und ich helfe dir in der Haushaltung.“ „Ach ja, Mutter, das ſoll mich recht freuen,“ entgegnete Sophie aus Grund ihres Herzens. Doctor Henderkopp hielt ſeine Hand vor den Mund und hüſtelte leicht, wobei er ſüß lächelte.„Gewiß,“ ſagte er mit ſüßer Stimme,„liebe Madame, werden Sie uns beſuchen, zuweilen, wenn wir gerade zu Hauſe ſind; da aber meine Frau,“ fuhr er wichtig fort,„vorausſichtlich eine ausgebrei⸗ tete Bekanntſchaft haben wird, ſo wollen wir uns alsdann über die Tage verſtändigen, wo wir für Sie zu Hauſe ſein werden, damit Sie keinen Fehlgang machen.“ „Werde ich mir daraus etwas machen?“ rief die Wittwe luſtig.„Sehen Sie mich an, mir kann Bewegung nur nütz⸗ lich ſein, und wenn ich Euch auch nicht zu Hauſe treffe, nun, ſo ſehe ich nach der Wirthſchaft und warte, bis Ihr nach Hauſe kommt.— Später,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie hände⸗ 84 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. reibend mit einem glückſeligen Blick vor ſich niederſtarrte, „ſind dann noch andere Geſchäfte— genug, genug,“ unter⸗ brach ſie ſich,„ich werde gewiß willkommen ſein mit meinem großen Korbe voll Rauchfleiſch, delicaten Würſtchen und Ferkelfüßchen.“ Doctor Henderkopp ſchien zwiſchen ſeinen ſchlechten Zäh⸗ nen noch immer das fatale Sandkorn zu ſpüren.„Ja, ja,“ meinte er alsdann mit einem ſauren Geſichte,„das wird ſich alles finden, vor der Hand möchte ich aber noch ein paar Worte reden über die Einladungen zu der Hochzeits⸗Feierlichkeit. Wollen Sie denn nicht, meine liebe Madame,“ ſetzte er in fragendem Tone hinzu,„meinem Wunſche gemäß dieſe Feier⸗ lichkeiten klein und ſtill, zum Beiſpiel mit einer Trauung im Hauſe oder in der kleinen Kirche meiner Anſtalt und einem Dejeuner von ein paar guten Freunden vor ſich gehen laſſen?“ Sophie ſchaute zum erſten Mal in die Höhe und rich⸗ tete einen ängſtlichen Blick auf ihre Mutter, die einen Zoll zu wachſen ſchien und ihren Kopf mit ſolcher Energie emporhob, daß die breiten Spitzen ihrer Haube ſich ordentlich zu ſträu⸗ ben ſchienen wie das erzürnte Gefieder eines Truthahns. „Nein, Herr Schwiegerſohn,“ ſagte ſie in ſehr entſchiedenem Tone,„darüber, meine ich, hätten wir zur Genüge hin und her geſprochen, mein einziges Kind wird nicht nur ſo im Haus, im Verborgenen getraut, ſondern in der Kirche vor unſerem heiligen Altar! Dann wird hier ſo zahlreich zu Mittag gegeſſen, als dieſes Zimmer Platz hat; ſechs und zwanzig Leute können wir unterhringen, davon gehen ab wir drei, der Pfarrer, die Pfarrerin und ihre Tochter, macht ſechs, und drei Brautjungfern, macht neun, bleiben ſiebzehn, Dr. Henderkopp und Familie. 85⁵ wovon ich Ihnen für Ihre Verwandtſchaft und Freunde zehn Plätze überlaſſen habe und nur ſieben für mich behalte, was doch wahrhaftig aller Ehre werth iſt. Sollte ſich der Herr Admiral oder der Herr Banquier, wie Sie gemeint haben, vielleicht doch noch mit ein paar guten Freunden einfinden wollen, ſo wäre es allerdings eine große Ehre für mich und meine Tochter und könnten wir in dem Falle dort im Neben⸗ zimmer einen Tiſch decken für ein paar jüngere Leute aus der Freundſchaft, die ſich daraus nichts machen würden.“ Dr. Henderkopp ſchien nach einigen Anſtrengungen eine bittere Pille glücklich hinabgewürgt zu haben, und nachdem ſich die Wolken auf ſeiner Stirne verzogen, lächelte er wieder in unverwüſtlicher Heiterkeit und erwiderte: „Ja ſo, ein Tiſch im Nebenzimmer wäre für alle Fälle ein Ausweg; ich hoffe, Sie werden mich nicht mißverſtehen, meine liebe Ma⸗ dame, aber die Familie Henderkopp, welche außer ihren Krei⸗ ſen wenig Bekanntſchaften ſucht, noch macht, eben ſo einige meiner vornehmen Freunde, die anderen Schichten der Ge⸗ ſellſchaft ziemlich ferne ſtehen, werden es dankbar erkennen, wenn die Hochzeit ihres Vetters und Freundes nicht allzuſehr gemiſcht iſt.“ „Verzeihen Sie mir,“ unterbrach ihn die Wittwe,„wir wollen darüber weiter keine Worte verlieren, Sie und Sophie „zehn, ich ſieben, ſo wird es recht ſein, nicht wahr?“ „Machen wir zwölf und fünf, meine liebe Madame, da⸗ bei ſind Sie ja noch immer im Vortheil, und das Verhält⸗ niß ſtellt ſich, Sophiens Freunde, die ja auch die Ihrigen ſind, abgerechnet, wie ſechs zu dreizehn.“ Er hatte wohl bei ſich überlegt, daß es ihm keine beſon⸗ ——— —— — — —— — —— — 86 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. dere Mühe machen würde, über die ſechs Plätze ſeiner Braut nach eigenem Gutdünken zu verfügen. Glücklicher Weiſe ſchien Madame Speiteler ſich den Be⸗ griff des Wortes„gemiſcht“ nicht beſonders klar gemacht zu haben, auch begegnete ſie einem bittenden Blicke ihrer Toch⸗ ter und ſagte deßhalb in ihrer gutmüthigen Weiſe:„Nun meinetwegen denn, darauf ſoll es mir nicht beſonders an⸗ kommen, ich kann ja immerhin noch im Nebenzimmer decken laſſen, und wenn uns auch eine Thüre trennt, ſo wollen wir doch mit Gottes Hülfe an dieſem ſchönen und feierlichen Tage recht vergnügt ſein.“ Vor der Hand entſprach das Ausſehen der Braut dieſer Vorausſetzung der Mutter durchaus nicht; ſie erhob ſich mit einer ziemlich gedrückten Miene, als der Bräutigam nun aufſtand, und reichte ihm faſt widerſtrebend ihre Hand. „So bleibt es denn dabei,“ ſagte dieſer in ſalbungs⸗ vollem Tone,„daß unſere Hochzeit heute über zehn Tage ſtatt finden wird. Die nothwendigen dreimaligen Verkün⸗ digungen von der Kanzel werden morgen noch einmal beſorgt werden, die Papiere ſind in Ordnung, und ſo,“ ſetzte er mit ſeinem milden Lächeln hinzu,„ſteht denn unſerem Glück nichts mehr im Wege.“ Sophie hatte ſich plötzlich gegen ihre Mutter gewandt, hatte ihre Arme um deren Hals geſchlungen, und da es der guten Frau vorkam, als höre ſie ihr Kind leiſe ſchluchzen, ſo füllten ſich auch ihre Augen mit Thränen. Kann man es einer Braut wohl übel nehmen, wenn ihr Herz ernſte Gefühle erfüllen, in dem Gedanken an den Tag, wo ſie aus dem Vaterhauſe ſcheiden, wo ihr Leben ſich fortan in fremden und ſo geheimnißvollen Kreiſen bewegen Dr. Henderkopp und Familie. 87 ſoll? Ihre Bruſt durchzittert ein Gefühl wie Luſt, mit Schmerz gepaart, denn ach, wie oft gleicht der Hochzeitstag einer dun⸗ keln Stunde! Der zukünftige Schwiegerſohn des Hauſes, der als ein feiner Mann wohl fühlte, daß es indiscret ſei, hier bei Aus⸗ tauſch der mütterlichen und kindlichen Gefühle der Dritte im Bunde ſein zu wollen, er, der trotz der wichtigen Auseinan⸗ derſetzungen ſchon mehrmals nach der Thüre geſchielt, drückte jetzt ſeinen Hut mit beiden Händen gegen die Bruſt, neigte ſeinen Kopf und liſpelte mit weicher Stimme:„Auf Wieder⸗ ſehen denn, theure Sophie! Adieu, meine liebe Madame!“ Beide aber waren nicht in der Stimmung, darauf etwas zu entgegnen, vielleicht hörten ſie dieſe⸗Worte gar nicht ein⸗ mal, das Mädchen hing bebend in den Armen ſeiner Mutter, und die rauhe, ſtarke, oft ſo rückſichtsloſe Frau, der es übri⸗ gens nicht an einem gefühlvollen Herzen fehlte, drückte ihre Lippen feſt und innig auf die Stirne ihres Kindes, und ſagte mit feſter Stimme:„Sei geſcheit, Sophie, mein Mädchen, wir haben das ja gehörig überlegt und du biſt ja recht aus freien Stücken damit einverſtanden. Du magſt ja deinen Bräutigam gut leiden, liebſt ihn wohl auch ein wenig, und da er gewiß ein würdiger und braver Mann iſt, ſo wirſt du glücklich ſein; dann,“ ſetzte ſie mit einem bezeichnenden Lä⸗ cheln hinzu,„dann haſt du ja auch mich, ich werde dir feſt zur Seite ſtehen, darauf kannſt du dich verlaſſen. Heitere dich jetzt auf, betrachte alles wie ein vernünftiges Mädchen, wenn ich auch begreiflich finde, daß du dich jetzt ernſt geſtimmt fühlſt. Du lieber Gott, mir iſt es gerade ſo ergangen. So muß man ſich doch nicht unterkriegen laſſen, und denke, daß wir alle Hände voll zu thun haben.“ — ——— — — 1 — — —— ö— 88 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Sophie preßte einen Moment ihr Taſchentuch gegen die Augen, und blickte dann tief nachſinnend durch die Fenſter an den Himmel empor. Ach, ihr war ſo Manches in dem Benehmen ihres Bräutigams aufgefallen, was ſie mit Schmerz erfüllte, doch ſtahl ſich durch ihre trüben Gedanken ein aller⸗ dings nicht ſehr frohes Lächeln auf ihre Züge, aber es war doch ein Lächeln, das aufblitzte, wenn ſie bedachte, wie er der Meinung ſei, daß ſie ſo gar nie und bei keiner Veran⸗ laſſung einen eigenen feſten Willen haben werde. Sie glaubte, das beſſer zu wiſſen, wenn nur dieſe Selbſtkenntniß keine Täuſchung war. „Soll ich dir etwas helfen, Mutter?“ fragte Sophie nach einer Pauſe, als Letztere ſich an eine der ſchweren Eichen⸗ holzcommoden, die im Zimmer ſtanden, begeben und die Schubladen, trotz ihres knarrenden Widerſtrebens, leicht heraus⸗ zog, um dort nach weißer unzerſchnittener Leinwand zu ſehen. „Jetzt nicht,“ gab die Mutter zur Antwort,„ich habe Einiges zu überlegen, und will dir ſpäter ſagen, wie wir's machen wollen. Gehe einen Augenblick hinauf zum alten Schweizer und ſieh nach deinem Brautkleid, das wird dich zerſtreuen. Wiederhole ihm noch einmal, daß er mir an Band und Spitzen gar nichts ſparen ſoll.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eine Luſtſpielſcene. Folgſam, wie immer, verließ Sophie, ohne weiter ein Wort zu entgegnen, das Zimmer und ſtieg langſam in den vierten Stock hinauf, wo ſie an der Thür des Damenkleider⸗ machers langſam anklopfte. „Herein!“ rief eine friſche Kinderſtimme. Die Braut trat in das ärmliche Gemach, wo der alte Meiſter, wie faſt immer, zuſammengebeugt auf ſeinem Ar⸗ beitstiſche ſaß. Neben ihm befand ſich das kleine Bübchen, welches wieder vollkommen wohl zu ſein ſchien, denn wenn es auch noch ein wenig bleich ausſah, ſo blickten doch ſeine klaren Augen friſch um ſich her, und es lächelte freundlich, als das junge Mädchen in das Zimmer und an den Tiſch trat. Das Kind hatte eine der großen Scheeren in der Hand, zwiſchen derer Schneiden es ſorgfältig ein Stückchen Zeug legte und dann den Verſuch machte, mit beiden Händ⸗ chen die ſchweren Eiſen zuzuklappen, wobei der Schneider nie unterließ, mit ſeiner dünnen, näſelnden Stimme auszurufen: 90 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Aufgepaßt, Finger weg!“ Dieſe Ermahnung durfte auch nie fehlen, und darin ſchien bei dem Kleinen gerade das Hauptvergnügen zu beſtehen, denn ehe das Kind die Eiſen zuklappte, blickte es immer erſt ſchelmiſch lächelnd zu dem alten Manne auf. „Aha,“ ſagte dieſer, als er das junge Mädchen eintreten ſah,„Jungfer Sophie kommt, nach ihrem Kleid zu ſehen; Frau, reich mir einmal den Stoff herüber und Bänder und Spitzen.“ „Es iſt noch nicht zugeſchnitten?“ fragte die Braut. „Wo denkt Ihr hin, Jungfer Sophie?“ Er hatte ſeine Kneifbrille von der Naſe genommen und neben ſich hingelegt, worauf er ſie lächelnd mit ſeinen beiden Augen anblickte. „Wir haben ja zehn Tage, und ſo delicater weißer Atlaß darf nicht lange Zeit herumgezerrt werden. Das nimmt man die letzten vier Tage vor, ſchneidet's zu und macht's fertig, ohne es wieder aus der Hand zu legen. Ihr glaubt doch nicht etwa, wir werden Euch in Verlegenheit bringen?“ Dieſes„Euch“ betonte er ſo ausdrucksvoll, daß das Bübchen, welches unterdeſſen die Kneifbrille aufgeſetzt hatte, dieſes Wort begierig auffaßte und ernſt und gravitätiſch ſagte: „Nein, wir laſſen Euch nicht im Stich, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Ja, kleiner Prinz,“ bemerkte lächelnd der Meiſter,„du wirſt uns helfen und dann kann es nicht fehlen.“ Das junge Mädchen war näher zum Tiſche getreten, hatte ihren Arm um den Hals des kleinen Knaben geſchlungen und küßte ſein blondes, lockiges Haar.„Gott ſei Dank,“ ſagte ſie,„daß es dir wieder gut geht, ich habe recht Angſt um dich gehabt, als du krank wurdeſt.“ Eine Luſtſpielſcene. „Und warum haſt du Angſt gehabt?“ fragte das Kind. 3„Nun, wenn man ſehr krank iſt, ſo kann man ja auch n ſterben müſſen.“ n„O, ich ſterbe nicht ſo leicht und eher nicht, bis meine Mutter da iſt; Tante Roſa hat's geſagt und ich hab's gehört.“ n„Was wird ſie geſagt haben, kleiner Schelm?“ ſprach ; der Meiſter, und dabei ſchlug er ihm ſanft auf die Wange, d ſo daß die Kneifbrille herabfiel, worüber das Kind fröhlich lachte und die Brille wieder aufſetzte, die ihm dann der alte Mann auff dieſelbe Art wieder herabſchlagen mußte. de Die Frau des Schneiders hatte unterdeſſen den Atlaß t, ausgebreitet, Band und Spitzen daneben gelegt, und Sophie e. erklärte ſich nach kurzem Beſinnen und Betrachten mit allem ß einverſtanden. Sie hatte ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen, ie den ihr die Meiſterin gebracht, und ſchien, die Hände in den ie Schooß gelegt, noch etwas plaudern zu wollen. ht„Wie geht es denn Eurem Miethsmann?“ fragte ſie V nach einer Pauſe;„nicht wahr, der Arzt meint, es ſeien keine 18 V ſchweren Verletzungen?“ e, V„Nicht gefährlich, wohl aber ſchwer,“ erwiderte die Frau e: V des Schneiders, welche am Tiſche ſtand und die Seide, die hr Bänder und Spitzen wieder ſorgfältig zuſammenpackte;„er ſagte, der Herr Bander habe einen harten Kopf, ſonſt wäre du es vorbei mit ihm geweſen.“ „Habe ich auch einen harten Kopf?“ fragte das Bübchen. n,„Nein, keinen harten, aber zuweilen einen böſen Kopf,“ en erwiderte lächelnd die Frau. 2„Es kommt das von dem raſenden Fahren her, was die gſt vornehmen Leute nun einmal nicht laſſen können,“ meinte der. Schneider achſelzuckend,„neulich wäre es mir auch faſt paſſirt, =— 1 8— ———— ————— 92 Vierundzwanzigſtes Kapitel. daß mich ſo ein Wagen umgefahren hätte. Gerechter Gott, um mich ſelbſt wär's am Ende kein großer Schaden geweſen, aber ich hatte ein Roſaſeidenkleid in der Schachtel— denkt nur, wenn ich das hätte erſetzen müſſen!“ „Liegt der Herr Bander zu Bette?“ fragte das junge Mädchen. „Nein, auf dem Sopha,“ ſagte der Knabe in beſtimmtem Tone,„wenn du ihn ſehen willſt, will ich ihn dir zeigen.“ „Das würde ſich nicht ſchicken,“ ſagte Sophie, nachdem ſie das Kind auf ſeine friſchen Lippen geküßt,„wenn ich zu einem jungen Herrn aufs Zimmer ginge.“ „Warum würde ſich das nicht ſchicken? Tante Roſa hat ihn ja auch geſehen,“ meinte das Kind. Die Frau des Schneiders gab dem Kinde einen leichten Klapps, wobei ſie ſagte:„Du biſt ein kleiner Schwätzer; Tante Roſa hat nur draußen an der Thür geſtanden, um zu hören, was der Arzt ſagte. Der arme junge Menſch hat ſie in ſeinem Unglück ſehr inteteſſirt.“ „Und wen ſollte er nicht intereſſiren?“ warf der Meiſter dazwiſchen,„zwei Unglücke an Einem Abend. Hatte er doch geglaubt, er müſſe ein großer Sänger ſein, und wenn man ihn ſo hörte, klang es auch gar nicht übel; aber auf dem Theater ſingen, iſt doch etwas ganz Anderes.“ „So,“ rief das Kind, indem es die ſchwere Scheere auf den Tiſch niederlegte,„jetzt will ich meinen Freund Bander beſuchen und meinen Freund Richter; ſie machen mir Schlitten und Pferde, und einen großen Drachen, wenn nächſtens der Wind wieder geht.“ Damit erhob es ſich auf dem Tiſche, ſpreizte ſeine Hände weit aus einander und ließ ſich laut ge m Eine Luſtſpielſcene. 93 lachend in die geöffneten Arme der Frau Schweizer fallen, die ihn herzlich küßte und dann auf den Boden niederließ. „Ehe du aber ins Zimmer gehſt, mußt du vorher an⸗ klopfen,“ rief ſie ihm nach, als er aus der Thür hinausging, worauf er vom Gange her erwiderte:„Ja, aber mit dem Fuße, das klingt beſſer.“ So that er denn auch, als er über den langen Gang hinweggeſchritten war, von dem man in die benachbarten tiefen Höfe hineinblickte, und an die Stubenthür gelangte, hinter welcher Herr Bander und Herr Richter wohnten. Den dort Befindlichen ſchien dieſe Art zu klopfen auch ſehr bekannt und der Beſucher angenehm, denn es wurde nicht nur als⸗ bald gerufen:„Komm herein, kleiner Böſewicht!“ ſondern auch die Thür von dem Herrn Richter geöffnet, welcher hin⸗ zuſetzte:„So, mein Sohn, wenn auch kein ſüßes Saiten⸗ ſpiel in deiner Macht ſteht, ſo biſt du doch vielleicht im Stande, durch liebliches Geplauder Saul's finſtern Geiſt zu erheitern.“ „Ja, Saul iſt finſter, finſter, finſter, Ihn plagt ein tückiſches Geſchick!“ „So ungefähr müßte es in ähnlichem Falle in einer Oper von dem edlen Judenkönige heißen.“ Herr Bander lag ausgeſtreckt auf einem Sopha, welches ihm der Vermiether dieſer ärmlichen Wohnung, der Schneider⸗ meiſter Schweizer, aus freiem Antriebe hingeſtellt, über wel⸗ chen Fall unbegreiflicher Großmuth und Aufmerkſamkeit Herr Richter eine halbe Stunde lang Recitative geſungen hatte. Ja, es war noch Unglaublicheres geſchehen, denn der alte Meiſter, welcher ſich ſonſt um ſeine Miethsleute nie viel be⸗ kümmert hatte, nöthigte dem Kranken einen warmen Haus⸗ — —— — * — — —— 94 Vierundzwanzigſtes Kapitel. rock, ſo wie ein Paar neue Pantoffeln um beiſpiellos wenig Geld mit kaum nennenswerthen Abſchlagszahlungen faſt mit Gewalt auf, und ſo ruhte der Verwundete, behaglich einge⸗ hüllt, die Füße mit dem kurzen Mäntelchen ſeines Freundes bedeckt, und ſtreckte lächelnd ſeine Hand dem ſchönen friſchen Knaben entgegen, welcher nicht unterließ, augenblicklich zu fragen:„Wie geht es dir heute, Bander? Iſt es dir recht, daß ich gekommen bin?“ „Du weißt wohl, daß du mir ſtets willkommen biſt,“ ſagte der Kranke, wobei er ſeine Hand ausſtreckte und den blonden Kopf des Knaben pätſchelte. „Haſt du Schmerzen?“ fragte dieſer. „Nein, mein Sohn, Gott ſei Dank.“ „Du wirſt alſo nicht ſterben?“ „Ich hoffe, dieſes Mal nicht,“ entgegnete lachend Herr Bander. „Nein,“ fuhr das Kind mit einem wichtigen Tone fort, „dieſes Mal wirſt du nicht ſterben, weil du einen harten Kopf haſt.“ „Wer hat dir das geſagt, kleiner Medicus?“ fragte Herr Richter unter lautem Lachen, indem er näher trat. „Alle haben es geſagt,“ erwiderte das Bübchen, wäh⸗ rend es die Beiden mit großen Augen anſah,„alle, der Meiſter Schweizer und die Frau und die Sophie unten und Tante Roſa; nein,“ verbeſſerte er ſich aber im gleichen Augenblicke, „Tante Roſa hat es nicht geſagt, die war gar nicht da, heute nicht, und den erſten Tag, wo du auf dem Bette lagſt und die Augen zu hatteſt und ſo bleich warſt, und wo der Mann mit dem Eiſen neben dir ſtand, der dir am Kopfe krabbelte, da hat ſie auch nichts geſagt— aber ſie hat geweint.“ err Eine Luſtſpielſcene. 95⁵ „All' ihr Heiligen, ein Abenteuer!— Kann ich dafür, daß mich die Damen vom Hofe verfolgen überall, ſchrumm, ſingt Raoul; kleiner Mann, wer iſt Tante Roſa?“ „Sei ſtille, Richter, du machſt das Kind ja confus mit deinen dummen Recitativen; wenn du überhaupt nur endlich vernünftig werden wollteſt!“ „Ich habe noch lange hin, bis zu vierzig Jahren,“ ver⸗ ſetzte der unverbeſſerliche College. „Sage mir, lieber Sohn,“ fragte der Kranke den Knaben mit ſanfter Stimme,„wer iſt denn Tante Roſa?“ „Nun, Tante Roſa iſt eben Tante Roſa.“ „Wohnt ſie bei Euch?“ „Nein, aber ſie kommt, ſo oft ſie kann, und bringt mir Gutes und Spielſachen.“ „Iſt Tante Roſa ſchon eine alte Frau?“ „Alt? Das weiß ich nicht, aber ſie iſt größer als ich, größer als Sophie und größer als die Frau Schweizer, ge⸗ wiß, ſo groß;“ er ſtreckte ſein Aermchen aus, ſo hoch er konnte. „Aber ſie iſt nicht alt, wie die Frau Schweizer?“ „Beim Cid,“ ſagte Herr Richter mit allen Zeichen von Ungeduld,„wenn man geſcheit ſein will und iſt es doch nicht! Du willſt wiſſen, ob Tante Roſa alt oder jung iſt; laß mich den Kleinen fragen.“ „Dabei wird was Geſcheites herauskommen,“ ſagte der Verwundete achſelzuckend. Herr Richter hatte eine theatraliſche Stellung angenom⸗ men, ſeine rechte Hand unter die Weſte geſteckt und ſagte mit einer Stimme, die ſüß klingen ſollte:„Lieber Eugen, wem gibſt du am liebſten einen Kuß, der Frau Schweizer, der Sophie oder deiner Tante Roſa?“ — 8„—— . 96 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Knabe verſetzte mit einem Blick, als wolle er ſagen, dieſe Frage beantworte ſich doch von ſelbſt:„Nun, meiner Tante Roſa.“ „Und warum, kleines Kußmaul?“ „Warum? Nun, Tante Roſa iſt Tante Roſa, und hat ſo klare, freundliche Augen, ich ſtreichle ihr gern das Geſicht, weil es ſo fein und glatt iſt, und am liebſten ſchlafe ich ein, wenn ſie mich auf den Schooß nimmt und an ſich drückt, da iſt es wärmer, als in meinem Bettchen.“ Herr Richter ſchaute ſeinen Freund mit einem Blicke an, als wollte er ſagen: wirſt du jetzt meinen Scharfſinn bewun⸗ dern? und als jener reden wollte, forderte er⸗ihn durch eine wahrhaft majeſtätiſche Handbewegung zum Schweigen auf und fuhr gegen den Knaben gewandt fort:„Was hat denn deine Tante Roſa für Kleider? Iſt ſie angezogen wie Frau Schweizer?“ „Du fragſt einmal dumm,“ ſagte der Knabe mit Ent⸗ ſchiedenheit,„Frau Schweizer hat ihr graues Kleid immer an, aber Tante Roſa hat unter ihrem dicken Tuche oft ſo was Gutes und Feines, oft ſo was Glattes, das kracht.“ „Aha, Atlaß,“ ſagte Herr Richter offenbar befriedigt von ſeinem außerordentlichen Scharfſinn. „Oder auch was Anderes, das fühlt, das fühlt ſich ſo arg weich und warm an, daß ich gerne darüber ſtreiche.“ „Sammt!“ „Zuweilen hat ſie auch ein Kleid, und das iſt mir das liebſte, das hat eine dicke Schnur mit einer großen Quaſte, und mit der darf ich ſpielen.“ „Du kleiner glücklicher Schelm,“ meinte Herr Richter ——:— Eine Luſtſpielſcene. 97 mit einem behaglichen Lächeln,„und dieſe Schnur ziehſt du wohl auseinander?“ „Halte gefälligſt dein Maul,“ ſagte der Kranke ernſt, „laß jetzt deine Fragen ſein, und wenn du etwas Geſcheites thun willſt, ſo feuchte meine Umſchläge an, ſie ſind ganz trocken geworden.“ „Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen,“ entgegnete der College, that aber ſo, wie ihm geheißen, denn er nahm die Umſchläge vom Kopfe ſeines Freundes, benetzte ſie mit einer Feuchtigkeit, welche er aus einer Flaſche darauf goß, und legte dann die Leinwandlappen wieder auf das Haupt des Kranken, und alles das machte er mit einer wahrhaft rührenden Sorgfalt, rückte auch die Kiſſen zurecht, und als Herr Bander Luſt zeigte, ſich etwas aufzurichten, nahm er ihn ſanft unter den Armen und hob ihn in die Höhe. „Du, Richter,“ ſagte der Patient nach einer Pauſe,„hat unſere Wäſcherin noch nicht das Tuch zurück gebracht, welches mir eine mitleidige Hand an jenem unglücklichen Abend um den Kopf gebunden?“ Der Gefragte ſchüttelte mit dem Kopfe.„Es war ſo voll Blut,“ ſagte er alsdann,„daß unſere edle Wäſcherin, Frau von Kärcher, behauptete, das müſſe langſam und ſorg⸗ fältig behandelt werden, beſonders da es von ſo außerordent⸗ licher Feinheit ſei.“ „Denk aber daran, und daß ſie es uns ſo bald als mög⸗ lich zurück gibt; ich will es wie eine Reliquie aufheben.“ „Ja, wir wollen es unter Glas und Rahmen thun, und davor ſitzen, uns mit unſerer heißen Phantaſie die Finger Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 7 98 Vierundzwanzigſtes Kapitel. vergegenwärtigen, welche das Tuch um dein verletztes Haupt gewunden. Was die ſeidene Schärpe anbetrifft, mit der man dich ebenfalls geſchmückt, ſo habe ich ſie auch der Frau von Kärcher zum Reinigen gegeben. Dieſe ſah leider nicht we⸗ niger troſtlos aus, und es war wahrhaftig jammerſchade um das feine ſeidene Gewebe; möchte nur wiſſen, wer der Schutzengel geweſen iſt? Frau von Springer, die dich ge⸗ bracht—“ „Wer?“ fragte der Kranke ärgerlich. „Nun, die Springer, laß mir dieſe Grille, oder wenn es dir ſo lieber iſt, unſere Obſtfrau an der Ecke, die Springer, eine brave Frau, welche mir einen mäßigen Credit bewilligt, da ſie wohl weiß, daß ich als edler Spanier bezahlen werde, ſobald ich bei Geldern bin. Du, lieber Freund,“ unterbrach er ſeinen pathetiſchen Ton durch ſeine gewöhnliche Sprech⸗ weiſe,„das muß ein famoſes Gefühl ſein, wenn man ſo ohne alle Heuchelei und Selbſttäuſchung mit vollem Munde, ſo recht fett ſagen kann: meine Gelder, meine Kaſſe, ich werde die Summe auf einen meiner Banquiers anweiſen, a— a— a— ah!“ Er wiſchte ſich den Mund ab, als habe er etwas ſehr Saftvolles genoſſen.„Wenn ich aber dieſes Ge⸗ fühl auch nicht habe,“ fuhr er nach einer Pauſe heiter fort, „ſo beſitze ich dafür Zufriedenheit, und weiß mich nicht nur zu begnügen, ſondern habe auch Phantaſie genug, mir bei ganz ordinären Genüſſen die wunderbarſten Dinge einzubil⸗ den, ſo zum Beiſpiel: Wenn ich jetzt meinen Pfeifenkopf mit einem in der That miſerablen Kraut ſtopfe und den Dampf von mir blaſe, ſo wird es mir gar nicht ſchwer, das glück⸗ ſelige Gefühl zu haben, als rauche ich eine immenſe Havannah, eine ächte unverfälſchte Puros.“ Eine Luſtſpielſcene. 99 „Die habe ich dir nun nicht anzubieten,“ verſetzte der Kranke lächelnd,„wenn du aber mit meinen Cigarren für⸗ lieb nehmen willſt, greif zu, dort ſtehen ſie.“ Herr Richter ſchüttelte langſam mit dem Kopfe, während er fortfuhr, ſeine Pfeife zu ſtopfen, und erwiderte dann: „Behalte deine Cigarren für deine Geneſung und für die famoſen litterariſchen Arbeiten, die wir zu unternehmen ge⸗ ſonnen ſind. Du biſt ein ganz fertiger Verſchwender; die Vierteljahrsgage, welche dir von einer hohen Theaterintendanz als linderndes Pflaſter für Gemüth und Kopf zugeſandt wurde, wird früher zur Neige gehen, als dir ſelbſt lieb iſt. Deßhalb ſpare, mein guter Freund, rauche du hie und da von deinen Cigarren und laſſe mir meinen Portorico extra⸗ fein.— Haſt du Luſt, etwas zu ſchreiben, oder iſt vielleicht dein Kopf wüſt und leer?“ „Ja, ſchreib etwas,“ ſagte das Kind, das ſich neben ſeinen kranken Freund in die Kiſſen des Sopha's gedrückt hatte;„ſage ihm, wie neulich,“ wandte es ſich direct an Herrn Bander,„ſo allerlei Sachen, die er dann nieder ſchrei⸗ ben muß, das iſt ſo luſtig.“ „Na, luſtig finde ich das Schreiben gerade nicht,“ meinte Herr Richter,„aber was thut man einem Freunde nicht zu lieb?“ Herr Bander ſtarrte finſter vor ſich hin:„Iſt das nicht auch,“ ſprach er nach einer Pauſe,„wieder ein verfehltes Unternehmen, wie ſchon ſo Vieles, was ich angefangen? O, ich werde nie auf eine beſcheidene Höhe des Lebens kommen. Ich rolle abwärts— abwärts— tief hinab.“ Herr Richter hatte ein kleines Tiſchchen, welches neben dem Claviere ſtand und worauf Schreibmaterialien lagen, Vierundzwanzigſtes Kapitel. etwas näher gerückt, einen Stuhl davor geſtellt und ſich auf denſelben niedergelaſſen. Als er hierauf an der Feder herum⸗ ſchnippelte, ſagte er:„Wie du undankbar biſt! Biſt du bis⸗ her nicht immer die Treppe hinaufgefallen? Als ein armer Handlungsbefliſſener fielſt du in das Spirituoſen⸗Gewölbe hinein, was von dir durchaus kein geiſtreicher Einfall war, brachſt den Arm und fandeſt an deinem Schmerzenslager einen ſogenannten wohlwollenden Kunſtmäcen und Freund, der deine Stimme wunderbar fand, der dir kärgliche Mittel verſchaffte, viel zu wenig zu lernen, und erhobſt dich alsdann zu jenen fatalen Brettern, wo du immerhin, auch nach dei⸗ nem Durchfall, im Chor immer noch als Stern erſter Größe hätteſt glänzen können. Du fielſt aber auf deinen glücklicher Weiſe harten Kopf, wie unſer kleiner, geſcheiter Freund dort geſagt, und biſt nun endlich zu der herrlichen Idee gekommen, deine Kräfte ſo anzuwenden, wie du es ſchon früher hätteſt thun ſollen, Feder und Papier zu mißbrauchen und ein Schriftſteller zu werden, im Speciellen ein Luſtſpieldichter, zu dem du, wie ich feſt überzeugt bin, ganz außerordentliche Anlagen haſt.“ „Es gab auch Leute,“ erwiderte der Kranke düſter,„die mir einredeten, ich hätte eine vortreffliche Stimme, und wenn ich aufträte, ſo müßte ich die ungetheilte Bewunderung des Publikums erringen.“ „Das waren ſchlechte Freunde,“ verſetzte Herr Richter ſehr entſchieden.„Haſt du von mir je dergleichen gehört? Habe ich dir nicht im Gegentheil immer geſagt, deine Stimme ſei paſſabel und du müßteſt noch viel lernen? Nur ein ein⸗ ziges Mal glaubte ich dich aufzurichten und ermuthigen zu müſſen, das war an jenem Tage, nicht wo du mir Treue Eine Luſtſpielſcene. 101 geſchworen, wie Hans Heiling ſingt, vielmehr an jenem Tage, dem jener verhängnißvolle Abend folgte, wo— „Der Mufti uns befohlen hat— Befohlen hat— befohlen hat— zu melden dem Kalifen,“ ſang er mit voller Kraft jene fatale Stelle, und fuhr dann kopfſchüttelnd fort:„Es iſt immer ein Unglück, wenn man Anfängern eine Rolle gibt, und iſt doch oft nicht anders möglich, wo ſie nur einmal und unbedeutend zu thun haben, und zum Beiſpiel im zweiten Acte keine Gelegenheit, um durch etwas Glanzvolles die Scharten auszuwetzen, welche ſie im erſten Acte erlitten.— Dein Unglück, lieber Freund—“ „Laſſen wir das,“ unterbrach ihn Herr Bander raſch, „bleibe es in der Vergangenheit und ſei vergeſſen! Laß' mich dafür deinen Worten von vorhin glauben, als habe ich jenen Fall gethan, um mich darauf glänzend zu erheben. Wahr⸗ haftig, lieber Freund, wenn ich ſo allein nachgrüble, ſo denke ich immer, es ſei vielleicht eine gute Fee geweſen, die mir an jenem Abend erſchienen, die mein Haupt mit ihrer Zauber⸗ ſchärpe umbunden— vergiß' nur nicht,“ unterbrach er ſich ſelber,„daß wir ſie bald wieder bekommen, die Schärpe näm⸗ lich. Was die Fee anbelangt, ſo hoffe ich, daß es mir mit ihr geht, wie in den Märchen gebräuchlich; ſie wird mir noch in ein paar Verkleidungen erſcheinen, ich muß die Feuer⸗ und Waſſerprobe durchmachen und dann—“ „Fällt der Chor ein,“ ſagte Herr Richter luſtig: „Baſſa Selim lebe lange, Ehre ſei ſein Eigenthum, eine holde Scheitel prange cl. r— Voll von Fn von Ruhm:— n alter Vater, der zufällig zun. Dann legt irgend ei 102 Vierundzwauzigſtes Kapitel. Vorſchein kommt, eure Hände in einander, und ſie lispelt, wie am Schluſſe jeder ächten und gerechten italieniſchen Ko⸗ mödie: Padre mio, madre mia, noi siamo felice, date ei la vostra benedizione! Worauf der edle Vater mit tiefer Stimme zur Antwort gibt: Si, carissima mia figlia, la virtu à sempre recompensata!“ „Das klingt gerade ſo, als wenn Tante Roſa zuweilen mit der andern ſchönen Frau ſpricht, die mich ſo gern hat,“ ſagte das Kind wie zu ſich ſelber, indem es dabei in ſeiner Beſchäftigung fortfuhr, die Bänder an den groben Ueber⸗ zügen des Sophas auf⸗ und zuzuknüpfen. „Was iſt denn das für eine Dame?“ fragte Herr Rich⸗ ter, durch dieſe Worte aufmerkſam gemacht. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte der Knabe kopfſchüttelnd, „aber ich ſehe ſie oft, ſie hat mich lieb, und ich habe ſie auch lieb, nur weint ſie oft, wenn ſie mich küßt— und ſie küßt mich ſehr viel, ſagt dann auch: o mein liebes Kind, o mein ſüßer Eugen.“ Herr Richter wechſelte raſch einen Blick mit dem Kran⸗ ken, der aber eine lebhafte, verneinende Bewegung mit der Hand machte, und dann ſeinem Freunde, der wieder eine Frage ſtellen wollte, in die Rede fiel:„Laß das ſein, frage das Kind nicht aus, nimm lieber dein Papier zur Hand, wir wollen verſuchen, noch eine Scene zu ſkizziren.“ „Ja, es iſt beſſer, wenn du endlich einmal ſchreibſt,“ ſagte das Bübchen mit großer Entſchiedenheit,„ſo erfahren wir was Neues.“ Herr Bander richtete ſich aus ſeinen Swauf. Ich abe ier Rophaecke ni habe dder den Titel nachgedachk, Anfangs ſträubte ücj Iagegen, aber ich glaube, er läßt ſich doch gebrauche Eine Luſtſpielſcene. „Und?“ „Des Teufels Diener.“ „Nicht ſo übel.“ „Es iſt freilich eine Aehnlichkeit da mit den Memoiren des Teufels oder des Teufels Antheil.“ „Wo kann man am Ende nicht eine Aehnlichkeit finden? Es iſt ja, wie Ben⸗Akiba ſagt, ſchon alles da geweſen. Skizzire nur den Plan, damit wir klar ſehen, ob was zu machen iſt. Nir hat der Gedanke nicht übel gefallen.“ „Ein junger, leichtſinniger Manm ein Roué,“ dictirte Herr Bander langſam,„reich, von. Luter Familie, in Geſin⸗ nungen nicht unnobel, von Heczen nicht ſchlecht, der ein junges Mädchen—“ „Liebt,“ ergänzte Herr Richter, indem er ſeine Feder über das Papier fligſgen ließ,„das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Befindet ſich in der erſten Scene in einer furchtbaren Verlegenheit. Er iſt in Geſellſchaft, in einem vornehmen Hauſe, wo eße Rückſichten ſchuldig iſt, hat vielleicht geſpielt, oder noch höeſſer, hat einer ſchönen Frau, der er den Hof macht, verſſprochen, ihr dieſe oder jene wichtige Nachricht vden Auskunft zulu verſchaffen; es iſt ihm alles daran gelegen, ſein Wort haltſſen zu können; er tritt von dem Hauptſaal in ein Vorzimmerg, die Bühne, und vertraut dort einem Freunde die furchtbare erlegenheit, in der er ſich befindet— was er will muß ich nch erfinden, es wird das aber nicht ſchwer ſein; — der Frſeund iſt en. Tathlos wie er.⸗ „Wäre der junge le ihm auvertr kann ja ſein 104 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „O ja, das ginge auch; er muß den Brief herbeiſchaffen, oder kann ſich nicht mehr ſehen laſſen. „Er iſt ein junger Diplomat, der obendrein ſeiner Ge⸗ ſandtin den Hof macht, der Brief iſt ihm von einem Courier für den Geſandten übergeben worden, er hat ihn, wie er glaubt, in ſeinen Paletot geſteckt, aber nicht gefunden. Seine Excellenz, der außerordentliche Geſandte und bevollmächtigte Miniſter,— man ſieht ihn in weißer Halsbinde, Band und Stern orbentlich vor ſich, wie er im Nebenzimmer ſteht, mit halbem Ohr auf ein Geſpräch lauſcht und erwartungsvoll nach der Thür blickt, durch welche ſein Legationsſecretär hereintreten muß, um den Bräkf zu übergeben—“ „Aber dieſer Brief iſt verlorem.“ „Ungeheure Verlegenheit,“ ſagte Herr Richter ſchreibend. „Der Freund entſchließt ſich, nachs Hauſe zu eilen, um dort Schreibtiſch und alle Taſchen zu durchgitöbern, der Andere bleibt in bodenloſer Verlegenheit auf der Scpene zurück.“ „Auf— der— Scene— zurück,“ mhiederholte der Schreibende. „Da tritt ein ſchwarzgekleideter Herr, der blis jetzt, von den Beiden unbeachtet, an einem Fenſter gelehnt, näher.“ „Gut, gut,“ ſagte Herr Richter,„es iſt düßas ein ſehr eleganter, etwas magerer Mann, bleich mit ſchwaßrzem Haar, ruhig, aber entſchloſſen in jeder Bewegung.“ „So iſt es.— Erlauben Sie einem Unbekahunten, ſich Ihnen mit ein paar vertraulichen. Wonten zu nählern⸗ ie mir aber, Ihnen jetzt de gef ber, jetzt Eine Luſtſpielſcene. 105 „Erlauben Sie, aber ich habe wahrhaftig nicht die Ehre— „Der Fremde lächelnd,“ dictirte Herr Bander weiter, —„wie ich Ihnen ſchon bemerkte, wir werden uns näher kennen lernen, halten Sie aber weder mich noch meinen Rath für indiscret.— Der junge Menſch, ungeduldig nach der Thür blickend: Nun, ich höre Sie. „Wenn man ſich an einem fremden Orte zu Verlegen⸗ heiten bekennt, ſo iſt es beſſer, ſich umzuſchauen, ob keine unliebſamen Zeugen da ſind. „Der junge Mann in kaltem Tone: Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich wohl weiß, wie leicht man be⸗ lauſcht werden kann, deßhalb ſprach ich mit meinem Freunde ſo leiſe, daß niemand meine Worte verſtehen konnte. „Oder es müßte jemand ſehr ſcharfe Ohren haben. „Der junge Mann zweifelhaft lächelnd—“ Herr Richter unterbrach ſein Schreiben einen Augenblick, indem er ſagte:„Geben wir dem jungen Manne einen Vor⸗ namen, damit ich nur den Anfangsbuchſtaben deſſelben hinzu⸗ ſetzen brauche. Sagen wir Edgar, das klingt romantiſch.“ „Meinetwegen, alſo.“ „Halt einen Augenblick, ich habe noch eine Kleinigkeit; es iſt unbedingt nothwendig, daß der Geſandtſchaftsſecretär, wenn er mit ſeinem Freunde ſpricht, dieſen bei Seite zieht, um ſich zu ſchützen, daß er nicht gehört wird; es tritt dann um ſo ſchärfer und auffallender hervor, daß der Unbekannte, des Teufels Diener, doch verſtanden hat, was die Beiden geflüſtert.“ „Ganz richtig,— aber weiter.“ „Edgar, zweifelhaft lächelnd,“ fuhr nun Herr Bander 1. 8 1 — — — —, — 5 d = 106 Vierundzwanzigſtes Kapitel. zu dictiren fort, nachdem Herr Richter die Feder eingetunkt: „Und Sie wollen gehört haben, was ich meinem Freunde mitgetheilt? „Vielleicht, vielleicht auch ſonſt erfahren, gleichviel. Da ich aber Antheil an Ihnen nehme, ſo geſtatten Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Ihr Freund vergeblich nach Hauſe geeilt iſt — den Brief, um den es ſich handelt— „Edgar erſtaunt: Mein Herr, wie können Sie wiſſen? „Der Unbekannte ruhig: Den Brief, um den es ſich handelt, für Seine Excellenz den Grafen R. beſtimmt, haben Sie verloren. „Edgar: Das wäre entſetzlich. „Verloren, und ich, indem er den Brief hervorzieht und übergibt, war der glückliche Finder. „Edgar freudig erſchreckend: Verzeihen Sie meine ra⸗ ſchen Aeußerungen von vorhin; ja, er iſt es: Handſchrift, Siegel, das geheime Correſpondenzzeichen. Wie ſoll ich Ihnen danken? „Der Unbekannte ruhig aber verbindlich: Da wir uns ſpäter genauer kennen lernen, ſo werden wir auch Zeit zum Danken finden, jetzt aber verlieren Sie keine Zeit, der In⸗ halt dieſes Briefes i*ſt ſehr wichtig. „Edgar erſtaunt: Sie wüßten darum? „Der Unbekannte ihn ſanft forttreibend: Vielleicht, aber eilen Sie, dort ſehe ich Seine Excellenz nahen. „Edgar, ehe er mit allen Zeichen des Erſtaunens davon eilt: Werde ich Sie wieder hier finden, mein Herr? „Gewiß,— eilen Sie!— Edgar ab. „Dritte Scene.— Die Geſandtin und die Herzogin P. treten auf. —2— 2—— — 2½ 2S———— uns zum In⸗ aber avon Eine Luſtſpielſcene. 107 „Die Geſandtin: Glauben Sie mir, Herzogin, es muß etwas ſehr Wichtiges ſein, gab doch mein Mann ſelbſt Sei⸗ ner Durchlaucht zerſtreute Antworten, während er nach der Thür blickte, ja, er ließ ihn wahrhaftig mit einer leichten Verbeugung ſtehen, ſobald Edgar den bewußten Brief brachte. „Die Herzogin: Werden Sie etwas erfahren? „Die Geſandtin: Ich hoffe u. ſ. w., u. ſ. w.“ „Natürlich,“ meinte Herr Richter lächelnd,„wird ſie etwas erfahren durch Edgar; die Herzogin muß auf das kleine Verhältniß anſpielen. Du lieber Himmel, ſie wird ja, auf Gegendienſte hoffend, allen möglichen Vorſchub leiſten, nach dem bekannten Sprüchwort: manus manum lavat.— So, jetz' kannſt du weiter machen, meine Seite iſt trocken.“ „Was heißt das, was du eben geſagt haſt?“ fragte das Bübchen gähnend. „Das iſt ein lateiniſches Sprichwort,“ erwiderte Herr Richter, indem er mit dem Aermel eine noch etwas feuchte Stelle auftrocknete,„und heißt in richtiger deutſcher Ueberſetzung: Schlägſt du meinen Juden, ſo ſchlag ich deinen Juden.“ „Laß deine Poſſen,“ ſagte Herr Bander unmuthig,„du bringſt mich aus meinem Concept.“ „Nun denn, weiter im Text.“ „Vierte Scene,“ fuhr Herr Bander fort zu dictiren,— „der Freund Edgar's ſtürzt athemlos herein, er hat den be⸗ wußten Brief in der Hand, wie er die Damen aber ſieht, verbirgt er ihn raſch, indem er ihn in ſeinen Hut wirft, und will an den Damen vorbeieilen. Die Herzogin freundlich lächelnd: Ich hoffe, Herr von Werden, daß Sie ſich wegen Ihres ſpäten Kommens gründlich bei mir entſchuldigen werden. „Herr von Werden: Ich bitte Eure Durchlaucht, mir zu 108 Vierundzwanzigſtes Kapitel. verzeihen, aber ich hatte heute Abend ſchon die Ehre, mich Eurer Durchlaucht vorzuſtellen. Freilich war Eure Durch⸗ laucht ſo umgeben, daß Sie unmöglich Ihres ganz gehor⸗ ſamen Dieners anſichtig werden konnten. „Die Geſandtin: Herr von Werden hat Recht, ich ſah ihn ſchon vor einer Stunde im Salon. „Die Herzogin: So that ich Ihnen Unrecht u. ſ. w. Kehren wir in den Salon zurück, geben Sie mir Ihren Arm. „Die Geſandtin bei Seite: Ah ſo, die Herzogin wird mein Geheimniß bewahren.— Alle drei ab; indem Herr von Werden der Herzogin den Arm bietet, läßt er, ohne deſſen gewahr zu werden, den Brief aus ſeinem Hute fallen, der Unbekannte lächelt triumphirend und hebt ihn auf, indem er ſagt: Das iſt über alle Erwartung gelungen; ein feſter Faden angeknüpft und ſomit das Schwerſte geſchehen. Glück und Verſtand ſollen uns weiter helfen. Er geht ab. „Findeſt du das ziemlich gut, Richter?“ unterbrach ſich der Dictirende;„ich meine, es wäre ſpannend?“ „Ganz famos,“ erwiderte der Andere;„jetzt kommen natürlich in der folgenden Scene die beiden jungen Leute zurück, der Eine ſucht den Brief, den er aus ſeinem Hut geworfen, der Andere will ihm begreiflich machen, daß er ja zu Hauſe habe gar keinen Brief finden können, da er be⸗ wußtes Schreiben von einem Unbekannten erhalten, der es gefunden und ihm zurück gegeben; und daß das Schreiben, welches er von dem Unbekannten erhalten und dem Geſandten übergeben, ächt ſei, darauf will er ſchwören, denn er kennt ja Siegel, Handſchrift und hat auch nicht vergeſſen nach dem geheimen Zeichen auf dem Umſchlag zu ſchauen.“— Der Knabe hatte ſeinen blonden Kopf in die Kiſſen des nie feh die tho ben leb die ben vor ſehe ſen die ann Ant Tüc gar N N Eine Luſtſpielſcene. 109 Sophas gedrückt und ſchläfrig mit den Augen geblinzelt, jetzt ſagte er:„Aber das iſt langweilig, was Richter da ſchreiben muß, da höre ich noch lieber, wenn er ſingt.“ „Behüte Gott!“ erwiderte der Choriſt lachend,„daß hier das Sprichwort eintrifft: Kinder und Narren ſagen die Wahrheit.“ „Vielleicht hat er doch Recht,“ meinte Herr Bander düſter,„ich glaube, mir fehlt die Kraft, ein gutes Luſtſpiel zu ſchreiben.“ Herr Richter hatte die Feder neben ſich hingelegt, ſtreckte ſeine Beine gerade aus und ſteckte die Hände in die Hoſen⸗ taſchen.„Der Himmel gebe,“ ſagte er hierauf,„daß es dir nie an einem edlen, aufopfernden und geiſtreichen Freunde fehlt, wie ich bin, welcher deiner Zaghaftigkeit als Sporn dient. Wer eine ſolche Scene ſkizzirt, wie du ſo eben ge⸗ than, der hat die Berechtigung, ein gutes Luſtſpiel zu ſchrei⸗ ben. Was fehlt dir auch? Du kannſt einen natürlichen und lebhaften Dialog machen, du haſt die Theaterverhältniſſe und die Bühne ziemlich kennen gelernt, und wenn du beim Schrei⸗ ben oder Dictiren den Grundſatz feſthältſt, die Scene immer vor Augen zu haben, die handelnden Perſonen förmlich zu ſehen und ſprechen zu hören, ſo wird es dir mit meiner immen⸗ ſen Hülfe ſchon gelingen, was Ordentliches zu arbeiten, wie die Journaliſten von ihren Freunden zu ſagen pflegen.“ „Und wenn ich etwas Ordentliches mache, wer wird 88 annehmen, wer wird es aufführen?“ „Jede Intendanz,“ gab Herr Richter entſchieden zur Antwort,„und jede Theater⸗Direction, wenn du wirklich was Tüchtiges übergibſt. Verkannte Genie's und Talente gibt es gar nicht, und jetzt, wo alle deutſchen Schauſpiel⸗Regiſſeure 110 Vierundzwanzigſtes Kapitel. auf gute Stücke hungrig wie die Wölfe ſind, werden ſie nichts Neues bei Seite legen, was wirklichen Gehalt hat. Freilich führt man von fünfzig Stücken, die geſchrieben wer⸗ den, kaum ein halbes Dutzend auf, aber gib dir einmal die Mühe, den größten Theil dieſer eingeſandten Meiſterwerke durchzuſehen. Ich war ſo glücklich, einen Blick in dieſen Wuſt zu thun, da ich, wie du weißt, ein halbes Jahr auf der Theaterkanzlei zur Aushülfe im Schreiben mißbraucht wurde. — Legen wir unſere Geſchichte aber jetzt bei Seite,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er ſah, daß ſein Freund ſich zurückgelegt hatte und die Augen ſchloß,„du biſt ermüdet, man muß nichts übertreiben.“ „Was das anbelangt, haſt du Recht,“ gab Herr Bander zur Antwort;„ſei ſo freundlich, nochmals meine Umſchläge zu erneuern, und dann will ich verſuchen, ein wenig zu ſchlafen.“ „Thue das,“ erwiderte der Choriſt;„ich habe ohnedies eine kleine Theaterprobe niedern Genres. Es iſt kein fröh⸗ licher Landmann oder ein biderber Ritter, den ich in der Oper darzuſtellen habe, auch nicht ein Hofherr oder Mörder im Schauder⸗Trauerſpiel, ſondern es hat mich getroffen, einen Ballet⸗Cavalier darſtellen zu müſſen im Gefolge eines ſehr verliebten Prinzen, und ich muß ſchon im erſten Tableau ſechsmal ſchaudern, achtmal pantomimiſch ein höhniſches La⸗ chen andeuten und viermal mit dem rechten Arme jene weg⸗ werfende Bewegung machen, welche deutlich ſagt: Geh hin, junges Scheuſal, ich verachte dich.— Unſeren kleinen Prinzen bringe ich zum Schweizer hinüber, laſſe die Vorhänge herab und ſehe in einer Stunde wieder nach dir.“ Nach dieſen Worten ſorgte er noch einmal für die hin, nzen erab die Eine Luſtſpielſcene. 111 Wunden ſeines Freundes, nahm den Kleinen an die Hand und ſummte im Abgehen, um dem lächelnden Knaben eine Freude zu machen: „Ja, ſchlafen will er, ſchlafen, Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet; Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet Will ſchlafen— ſchlafen— ſchlafen.“ Damit ſchlich er leiſe aus dem Zimmer. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. — Draußen auf dem Gange, der von dem Hinterhauſe ins Haupthaus führte, blieb der Knabe ſtehen und ſagte zu ſeinem Begleiter:„Weißt du auch, was du mir neulich ver⸗ ſprochen?“ Worauf Herr Richter mit großer Heiterkeit zur Antwort gab:„Mein lieber Prinz, ich habe in meinem Leben ſchon viele Verſprechungen gemacht, die ich nicht immer im Stande geweſen bin, zu erfüllen. Fürchten wir, daß auch die dir gegebene darunter mit einbegriffen ſei.“ „Aber was man verſpricht, das muß man auch thun, und du haſt es mir feſt verſprochen, daß du es halten wirſt, denn ſonſt mag ich dich nicht mehr und ſehe dich auch gar nicht mehr an.“ „Das wäre allerdings eine furchtbare Strafe; aber wollen Eure Hoheit, mein gnädigſter Herr und Prinz, ſich nicht deut⸗ licher zu erklären belieben, was ich eigentlich verſprochen? —— Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 113 Vielleicht ließe ſich ein Arrangement treffen, und ich liebe in Verſprechungen milde Arrangements.“ „Du haſt mir verſprochen, mich einmal mitzunehmen auf die Theaterprobe und mich dort die großen Schwerter und Schilde ſehen zu laſſen.“ „Dich einmal mitzunehmen, habe ich verſprochen, mein Prinz? Ja, ſiehſt du, das iſt eine ſehr vage Bezeichnung. Einmal kann heute ſein, morgen, oder übers Jahr.“ Der Knabe ſchüttelte heftig ſeinen Kopf und ſagte mit entſchiedenem Tone:„Du ſollſt mich aber heute mitnehmen, und ſo ſollſt du es mir verſprochen haben.“ „Eine eigene Art, Verſprechen zu deuten,“ lachte Herr Richter;„nun, am Ende könnte ich deinen Wunſch erfüllen; aber, wird Herr Schweizer nichts dagegen einzuwenden ha⸗ ben? Du weißt, es bedarf ſeiner Erlaubniß, ob du mit jemand ausgehen darfſt.“ „Wir wollen ihn lieber nicht fragen!“ erwiderte raſch der Kleine. „Entſchuldigen Sie, mein Prinz, ich glaube, es wäre doch beſſer, wenn wir ihn von dieſem Wunſche in Kenntniß ſetzten, er hat ſo zuweilen ſeine eigenen Anſichten, und ſchon um meines kranken Freundes willen möchte ich mit unſerem würdigen Miethsherrn nicht gern in Differenzen kommen.“ „So laß uns ihn fragen,“ ſagte der Knabe entſchloſſen. Damit faßte er den Choriſten bei der Hand und zog ihn in die Wohnung des Schneiders, wo die Bitte vorgetragen, aber erſt nach einigem Hin⸗ und Herreden bewilligt wurde. Der Schneider hatte die Brille abgenommen und den trüben Blick fragend auf ſeine Frau gerichtet.„Können wir Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 8 — — 114 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. das wohl erlauben?“ meinte er.„Was Sie, Herr Richter, anbelangt,“ ſetzte er gegen den Choriſten gewandt hinzu,„ſo ſind wir überzeugt, daß Sie gute Aufſicht über das Kind führen und ihm nichts geſchehen laſſen— wenn es nur recht iſt, daß wir ihn ins Theater auf eine Probe gehen laſſen.“ „Bitte, bitte recht ſchön,“ ſagte der Knabe. „Verboten iſt es uns nicht, ihn auf eine Theaterprobe gehen zu laſſen, davon hat Herr Berger nie etwas geſagt.“ „Daran hat er auch wohl nicht gedacht,“ ſprach Herr Schweizer,„aber es iſt ja nichts Schlimmes dabei.“ „So darf ich?“ rief der kleine Knabe jubelnd. „Wenn Herr Richter verſpricht, dich nicht aus den Augen zu laſſen, und du folgſam ſein willſt, ſo kannſt du ſchon mit⸗ gehen,“ entſchied die Frau.„Aber wie lange kann es dauern?“ „O, eine Stunde oder höchſtens anderthalb.“ „Und Sie bringen ihn wieder hieher ins Zimmer?“ „Auf Cavaliersparole,“ verſetzte Herr Richter, indem er die rechte Hand feierlich in ſeinen Buſen ſteckte und den rechten Fuß, einer Theater⸗Attitude entſprechend, vorrückte,„auf Cavaliersparole, denn ein ſolcher bin ich laut des morgen⸗ den Theaterzettels.“ Frau Schweizer hatte dem Knaben im Nebenzimmer ein Mäntelchen angezogen, auch einen hübſchen Hut aufgeſetzt, und nun gingen die Beiden mit einander fort, wobei Eugen auf der Treppe nicht unterließ, ſeiner Freundin Sophie, welche ihm begegnete, triumphirend zu berichten, daß er auf die Theaterprobe gehen dürfe und daß er ein Ritterſchwert und einen Ritterhelm ſehen werde. Am Theatergebäude war es leerer, als bei gewöhnlichen Proben. Das Ballet war ſchon längſt droben verſammelt, Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 115 1 und die Herren und Damen vom Chor, welche oben beſchäf⸗ — V tigt waren, ſchlichen einzeln und verdrießlich die kleine halb⸗ d b dunkle Treppe hinauf, und Madame Schelle, welche mit der b Madame Pauke zuſammentraf, meinte mit einem Seußzer, es 1 ſei bald bei dem Theater nicht mehr auszuhalten; täglich die V längſten Opernproben, die ein quäleriſcher Capellmeiſter nur e V ausdenken könne, nebſt den ermüdendſten Vorſtellungen, wozu b 4 man freilich engagirt wäre; auch könne man es ſich ſchon er V gefallen laſſen, hier und da im Trauerſpiel eine anſtändige Hofdame vorzuſtellen, man habe ja die Geſtalt und Würde dazu;„aber,“ fuhr ſie ingrimmig fort,„da bei dem Ballet en mitzuwirken, das ſollte man einer ehrbaren Frau ſchon gar t⸗ I nicht zumuthen. Denke Sie ſich nur, Pauke, was mich heute 2 Morgens der boshafte Schelle fragt: ob ich auch morgen Abend in einem kurzen Röckchen herauskommen würde?“ „Empörend!“ murmelte dumpf die Pauke.„Der Mei⸗ neben den beiden Choriſtinnen, und als dieſe ſich nach dem naſeweiſen Frager umwandten, hörten ſie zu ihrem nicht ge⸗ ein ringen Aerger Herrn Richter antworten: „Nein, das ſind ein paar alte Hexen, natürlicher Weiſe im Ballet; im Leben dagegen iſt es die hochachtbare Frau lche von Schelle und die Frau von Pauke.“ Daß ſie ihren Collegen ſelbſtverſtändlich keiner Entgeg⸗ nung würdigten, war gewiß; doch grollte die Pauke, als ſie im Halbdunkel der Bühne verſchwanden:„Sie hat Recht, Schelle, es iſt wahrhaftig nächſtens keine Ehre mehr, auf dem er I nige wollte auch ſeine ſpaßhaften Bemerkungen machen, aber ten I ich habe es ihm faſt unter der Naſe weggeſchnitten.“ ruf„Sind das Ritterfrauen?“ fragte eine helle Kinderſtimme b 116 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Theater zu dienen. Was hat der freche Richter da für einen Buben bei ſich?“ „Weiß Gott,“ flüſterte die Schelle,„das genirt ſich am hellen Tage nicht mehr, mit ſolchen Ablegern herum zu ſpa⸗ zieren!— Zu unſerer Zeit—“ „Ja, zu unſerer Zeit— aber wird nicht von oben herab alles geduldet? Zu unſerer Zeit ſollte ſich eine unter⸗ ſtanden haben, Monate lang ſo mir nichts dir nichts weg⸗— zubleiben.“ „Und dann wieder mit zu ſingen und zu tanzen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.“ „Damals hätten die Ordentlichen das ſchon gar nicht geduldet.“ „Die Ordentlichen?“ klingelte giftig die Schelle,„hat's denn bei denen noch Ordentliche? Ich kenne keine.“ „Ich auch nicht, das weiß der liebe Himmel.“ Der Schlund der halbdunkeln Bühne hat die beiden klagenden Hexen verſchlungen, und wer ſich die Mühe hätte geben wollen, nachzuforſchen, würde ſie gleich darauf geſehen haben, am Fuße einer Palme ſitzend, und unter niederhangen⸗ den Bananenbüſchen Strümpfe ſtrickend. Was ein Ballet iſt, weißt Du vielleicht, geneigter Leſer, aber gewiß ziemlich ungenau, und wir unſerestheils würden uns in nicht geringer Verlegenheit befinden, wenn wir Dir mit kurzen Worten darüber eine genügende Aufklärung ver⸗ ſchaffen müßten. Man könnte allenfalls ſagen, ein Ballet ſei die Zuſam⸗ menſtellung einer Menge völlig unzuſammenhängender Dinge, Situationen und Leidenſchaften, bei denen es Ver⸗ Perſonen, ftige Folgerung zu verlangen, wegenheit wäre, eine vernün bei en⸗ den Dir er⸗ aum⸗ ge, Ber⸗ gen, Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 117 bei denen ein Contraſt den andern wieder aufhebt, bei denen dem Zuſchauer zugemuthet wird, die unglaublichſten Dinge als ganz natürliche anzunehmen— ein Ballet iſt ein Ding, wo die himmliſchen Heerſcharen und die Bewohner der Unter⸗ welt dicht neben einander wohnen, wo Dolch und Giſtbecher ganz alltägliche Dinge ſind, wo Du aus dem ſtarrenden Winter plötzlich in den heißen Sommer verſetzt wirſt, wo man mit einem Lächeln auf den Lippen ſtirbt, da man gewiß iſt, im nächſten Tableau durch einen ſanften Kuß wieder auf⸗ geweckt zu werden, wo gute Feen, Dämonen und Hexen ganz gewöhnliche Dinge ſind, wo alles das harmoniſch verſchmol⸗ zen wird durch die Klänge der ſüßen Muſik, und wo es wunderſam anzuſehen iſt, wie Freude und Schmerz, Luſt und Jammer höchſt ausdrucksvoll dargeſtellt wird durch das Ge⸗ zappel mehrerer Dutzend rechter und linker Beine. Im Trauerſpiel begnügt ſich gewöhnlich der Held mit einem Schauder, der uns ſchaudern macht, im Ballet ſchaudern ſämmtliche Anweſende gefühlvoll und taktmäßig, eins— zwei — drei— ha, Entſetzen! In einer wohlconditionirten Oper ſinkt die Geliebte allein dem Geliebten an die Bruſt, im Ballet dagegen wirkt eine Umarmung anſteckend: ſämmtliche Tänzerinnen drücken einander an ihre Buſen, die Tänzer ſchütteln ſich gerührt die Hände, und wenn in dieſem Au⸗ genblicke zufällig, wie das oft vorkommt, eine Fee mit Genien vorüberfliegt, ſo umſchlingen dieſe ihre Herrin mit Roſen⸗ gewinden oder lehnen ihre Häupter mitfühleriſch an einander. Hier iſt alsdann alles Glut, Liebe, Hoffnung, Umarmung, Tricots und bengaliſche Flammen. Trotzdem bei einer Probe im Orcheſter alle Lampen wie bei einer Vorſtellung angezündet ſind, ſo ruht doch jetzt auf — — —y *— ſſ 118 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. genen Muſikraume eine gewiſſe Düſterheit, anze weite Haus hinter llt iſt und die Finſter⸗ cht, die paar Lam⸗ dieſem niedrig gele welche wohl daher kommt, daß das g dem Orcheſter von keinem Lichte erhe niß, die rings in dem großen Raume herrſ pen im Orcheſter, zudringlich ſich ausdehnend, zu erſticken droht. Die Muſiker ſtehen und ſitzen hinter ihrem Pult oder haben ſich in Gruppen zuſammengethan und plaudern lebhaft und ziemlich laut mit einander, da ſie jetzt in der Probe nicht zu befürchten haben, von irgend welchem Publikum gehört zu werden. Zuſchauer ſind ja keine da, und das einzige le⸗ bende Weſen, welches ſich in dem großen und düſtern Raume bewegt, iſt die alte Frau, die man mit dem ſchwach blinken⸗ den Lichtchen in ihrer Laterne oben hoch in der dritten Ga⸗ lerie herumſchweifen ſieht, wo ſie die Sitze abbürſtet oder ſonſt was in Ordnung bringt. Zuweilen nieſ't ſie auch wohl einmal oder huſtet laut, da ſie an einem beſtändigen Schnupfen leidet, und dann ſchallt es aus allen Logenräumen ſo laut wieder, daß die Muſiker lachend in die Höhe ſehen, auch wohl einer„Helf Gott!“ hinaufruft. Die meiſten der Künſtler hier unten haben Hüte und Mützen auf dem Kopfe, die ſie auch während der Probe nicht ablegen. Jetzt iſt auch der Orcheſter-Dirigent erſchienen, nicht der Capellmeiſter, denn dieſer hält es nur bei ganz be⸗ ſonderen Veranlaſſungen nicht unter ſeiner Würde, im Ballet Der Dirigent ſetzt ſich auf ſeinen Stuhl, ſchlägt die Partitur auf und ſchickt ſich an, von dem Balletmeiſter oder auch von den erſten Tänzern und Tänzerinnen, die von der Bühne herab mit ihm ſprechen, kleine Wünſche in Em⸗ pfang zu nehmen: dieſes Tempo ſoll ein bischen raſcher genom⸗ n werden, jenes viel langſamer, hier wird ein Ruhepunkt zu dirigiren. me ‿——,— 12——— —+——— ———.,—,— —2 X% ⏑⏑ 8—— Hᷣ⏑ ⏑—O— —— ——:y—J5 Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 119 gewünſcht und dort bittet man, die Muſik zu beſchleunigen, da es ſonſt nicht möglich ſei, bei einem Adagio den gewünſch⸗ ten Effect hervorzubringen. Der Balletmeiſter, wenn er ebenfalls Tänzer iſt, trägt Beinkleider, welche feſt um die Knöchel ſchließen, dazu Tanz⸗ ſchuhe, die weiße Piqué⸗Jacke, und hat jenen langen Stab in der Hand, mit dem er den Takt auf den Boden ſchlägt. Beſitzt er langes Haar, ſo bindet er einen ſeidenen Faden um den Kopf, damit ſeine Friſur bei den oftmals heftigen Sprüngen nicht gar zu ſehr in Unordnung kommt. Das Coſtume der Tänzerinnen iſt eigentlich unbeſchreiblich, keinen⸗ falls in ein Syſtem zu bringen, denn bei der Probe geſtattet man alle möglichen Phantaſieen, da ja hier eigentlich kein uneingeweihter profaner Blick zugelaſſen iſt. Alte Tanz⸗ ſtrümpfe und defecte Schuhd, ſehr geſteifte, und deßhalb furchtbar abſtehende Tanzröcke, ſo wie weiße Mieder, welche den Armen eine recht freie Bewegung geſtatten, ſind vor⸗ herrſchend, die Friſur, wie man ſie im gewöhnlichen Leben trägt, was einen komiſchen Anblick gewährt, zugleich mit den goldenen und ſilbernen Armſpangen, welche gewöhnlich zur Probe nicht abgelegt werden. Die erſten Tänzerinnen haben ſchon ein etwas gewählteres Coſtume, doch auch nach ſeinen Grundzügen dem eben beſchriebenen gleichend; nur ſind ſie bis zu ihrem erſten Auftreten in Shawls oder weite Mäntel gehüllt, die irgend ein dienſtbares Weſen, oder eine würdige Theatermutter hinter der Couliſſe in Empfang nimmt, kurz bevor der Tanz beginnt. Was die prima Ballerina assoluta anbelangt, ſo hat dieſe ihre eigene Garderobe nahe bei der Bühne, und wird von dem Inſpicienten oder auch vom Ballet⸗ meiſter benachrichtigt, daß ſie aufzutreten habe. Dieſe trägt —— — — ——— 120 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. wo möglich bei der letzten Probe ſchon einen Theil ihres Coſtumes, um gewiſſe Stellungen und Effecte beſſer beur⸗ theilen zu können. Wir ſind bei dem Hochzeitsfeſte in einer prachtvollen, zauberiſch erhellten Halle. Der alte ehrwürdige Fürſt, ein etwas verſoffener Choriſt, der früher Tänzer war, und die Mutter der Braut, eine Pantomimiſtin, welche deßhalb in einem alten, verſchoſſenen Merinokleide agirt, drücken ihre Tochter abwechſelnd in die Arme, da ihr Entzücken ohne Schranken iſt, daß der benachbarte reiche Königsſohn ſie heim führen wird, während der ganze Chor Luſt und Freude theilt und durch einen Schritt vorwärts und zwei Schritte rückwärts anzudeuten ſcheint, daß er ſich ebenfalls an dieſer Umarmung betheiligen würde, wenn es der Reſpect nicht verböte; dabei zeigen die Tänz einnen durch eine ſanfte Bie⸗ gung des Oberkörpers, verbunden mit einem unbeſchreiblichen Ausbreiten der Arme, aufs Undeutlichſte an, wie ſehr der Bräutigam zu beneiden iſt. Dieſer aber, geſtützt auf ſeinen Mentor und erſten Ca⸗ valier, einen Herrn, welcher bei der Vorſtellung pechſchwarzes Haupt⸗ und Barthaar haben, um den Mund ein teufliſches Grinſen, und ſich durch unheimliches Rollen ſeiner Augen auszeichnen wird, ſo wie umgeben von ſeinen Rittern und Hofherren, gibt in der erſten Scene des Ballets ſonderbare Beweiſe von Zerſtreutheit und von einem faſt gänzlichen Miß⸗ kennen ſeiner Stellung als Bräutigam: er hebt die Augen finſter gen Himmel, er ſeufzt zuweilen bedeutend und macht jene pantomimiſchen, ſehr complicirten Geſten, welche dem Eingeweihten deutlich ſagen: Die Luſt und Freude, welche hier herrſcht, iſt nicht in meinen umnachteten Buſen gedrungen. ———„——.— —„1————y—— —A* Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 121 O nein, ſeht mich mit verbiſſenem Ingrimm dem Befehle meines ſtrengen Vaters gehorſam, um dieſe verhaßte Braut werben, für die keine Stimme in meinem Innern klingt, während ein anderes ſüßes Bild dieſes arme Herz erfüllt.— Bei dieſem letzten Gedanken verklären ſich ſeine Züge, ſein Geſicht grinſ't Liebe, und der Mentor, welcher die Gefühle ſeines Zöglings kennt, ſeufzt herzzerbrechend und fährt mit dem Daumen und dritten Finger ſeiner rechten Hand an beiden Backen hinunter, was in der Balletſprache ungefähr heißen will: „Schön wie der Mond, der einſam wallt, So ſchön biſt du, doch auch ſo kalt.“ Natürlicher Weiſe iſt damit nicht die Braut gemeint, ſondern eine uns noch unbekannte Schöne, die der Königs⸗ ſohn im Verborgenen liebt, eine unerlaubte Liebe, welche der verrätheriſche Mentor begünſtigt. Aber fort mit dieſen finſtern Leidenſchaften, mit dieſer Diſſonanz in der Balletharmonie, welche die Contrebäſſe im Orcheſter durch ein gelindes Murren darſtellen; Freude herrſcht in dieſen Hallen, Tanzen und Singen. Die Braut mit einem gewinnenden Lächeln, nähert ſich dem Bräutigam, nachdem ſie ihrer erſten Geſpielin durch ein ſanftes Zittern ihres Körpers und einen himmelnden Blick angedeutet, wie ſie ſo unbeſchreiblich glücklich ſei; ſie faßt die Hand des Erwählten, und als dieſer bei der ſanften Berüh⸗ rung zuſammenzuckt, als ſich mühſam durch die finſtern Schat⸗ ten ſeiner Züge ein froſtiges Lächeln ſtiehlt, als der verruchte Mentor bedeutungsvoll den Zeigefinger auf ſeinen Mund legt und als der ganze Chor deutlich genug ſein Erſtaunen zu erkennen gibt, daß jene heiße Liebe ſo kühl erwidert wird, 8 ——— — 122 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. da erſt zieht ein eiſiger Hauch durch ihr argloſes, heißes Balletgemüth. Aber die Trompeten ſchmettern, die Trommeln wirbeln, der erhabene Vater mit der ehrwürdigen Mutter ſitzt bereits auf dem Throne, beide haben in Uebereinſtimmung der See⸗ len ſo eben eine Priſe genommen, und darauf pantomimirt er: Laßt ſie vor unſer erhabenes Angeſicht treten, die Tänzer und Springer, wir ſind gewillt, uns ein paar Minuten lang von ihnen zerſtreuen zu laſſen. Das iſt der Augenblick, wo das Corps de ballet bei rauſchender Muſik freudig durcheinander wirbelt, als wollten ſie ihr Glück ausdrücken, vor dem hohen Gebieter erſcheinen zu dürfen, und zugleich das Publikum auffordern, etwas Unerhörtes zu erwarten. Sie haben geendigt, ſchwänzeln rechts und links an die Couliſſen hin, unterſuchen ihre Tanz⸗ ſchuhe, ziehen ihre Mieder vorn etwas in die Höhe und die Röcke hinten etwas hinab, und dies iſt bei der Aufführung der große Augenblick, wo ſämmtliche Chortänzerinnen ver⸗ nichtende oder zündende Blicke in das Publikum hinabſchleudern. Ein Pas de cing, das hierauf folgt, erfüllt uns mit Freude und Wohlbehagen; die nächſte Nummer, ein Pas de trois, ſteigert uns zur Bewunderung, und ein Pas ſerieux des Balletmeiſters mit der zweiten Tänzerin würde uns zum Entzücken treiben, wenn wir dieſes Gefühl nicht noch zurück⸗ hielten, da wir wiſſen, daß auch im Ballet das Beſte immer zuletzt kommt und daß ſie noch nicht dageweſen iſt. Nachdem nun am Ende des Pas ſerieux dem Publikum Zeit zum Applaus gegönnt iſt, welche hier dazu benutzt wird, daß der Muſik⸗Dirigent den zweiten Violinen zuruft, ſie hätten wieder einmal unter dem Affen gegeigt, und der großen ——„ — —— Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 123 Trommel bemerkt, es ſei doch wahrhaftig in der Partitur kein Bärentanz⸗Tempo verzeichnet, vernimmt man droben hinter den Couliſſen eine rauſchende Muſik und der Haus⸗ hofmeiſter des Palaſtes verdeutlicht ſeinem Herrn durch einige Armverdrehungen und Grimaſſen, draußen vor dem Thore des Schloſſes ſei eine Zigeunerbande erſchienen und wünſche nichts Sehnlicheres als vor den Augen des hohen Braut⸗ paares ſich zeigen zu dürfen. Auf dem Geſichte des Men⸗ tors tritt ein teufliſcher Zug hervor und die Augen des Bräutigams zwinkern ahnungsvoll. Sie tritt auf, gefolgt von Zigeunern und Zigeunerinnen, und da ſie, wie es in ihrer Rolle vorgeſchrieben iſt, der an⸗ weſenden hohen Verſammlung einen anmuthsvollen und freund⸗ lichen Gruß ſpendet, deſſen Schlußbewegung auch noch über das Orcheſter hingleitet, ſo murmeln die fühlenden Herzen unter ihnen einen halblauten freundlichen Gruß ihrem und des Publikums Liebling. Herr Richter, welcher ſich unter den Cavalieren des jungen oppoſitionellen Königsſohns befand, hatte ſeinen kleinen Schutzbefohlenen in die erſte Couliſſe auf einen mit baum⸗ wollenem Moos bewachſenen hölzernen Stein geſetzt und ihn unter Androhung der furchtbarſten Dinge, die ihm je ge⸗ ſchehen könnten, ermahnt, ſtill zu ſitzen und ſich nicht zu rühren, und ſo ſaß denn hier der kleine Knabe, ganz betäubt von dieſer nie geahnten Wunderwelt, und blickte mit ſeinen großen glänzenden Augen in das Gewirr der Geſtalten, die ſich ſo ſonderbar herumdrehten und ſo närriſch durcheinander ſprangen nach dem Takte dieſer rauſchenden Muſik. Mit einem Male überflog ein eigenthümliches Lächeln die Züge des aufmerkſamen Knaben, er ſtreckte ſeinen Hals —— — — —— — 2 ——— 124 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. empor, er erhob wie freudig überraſcht ſeine Händchen, ja, er ſchien aufſtehen und ſich unter die Tanzenden miſchen zu wollen. Glücklicher Weiſe winkte ihm in dieſem Augen⸗ blicke Herr Richter, der gerade Wuth und Schmerz panto⸗ mimirte, drohend mit aufgehobenem Finger und ſo abſcheu⸗ licher Grimaſſe, daß er förmlich vor Schreck erſtarrte; nur ſeine Augen zeigten doppeltes Leben und folgten mit unge⸗ theilter Aufmerkſamkeit jener phantaſtiſchen Geſtalt, die flim— mernd hin und her ſchwebte, ſich auf und nieder neigte, nun mit einem Male ruhig da ſtand, und ſich dann, hoch auf⸗ athmend, gerade gegen ihn zu bewegte. „Ja wohl,“ ſprach das Kind zu ſich ſelber,„das iſt freilich meine Tante Roſa, aber ſo habe ich ſie noch nie an⸗ gezogen geſehen, auch nie ſo luſtig, bei uns iſt ſie immer ſo ernſt und ſtill.— Sollte es aber doch wohl nicht Tante Roſa ſein?“ Jetzt war ſie ſeinen Blicken entſchwunden, nicht als ob ſie auf die andere Seite der Bühne gegangen wäre, nein, ſie war ſo nahe zu ihm hingetreten, ſo ganz nahe und dicht, daß ihre vielen Röcke das kleine Bühchen, welches im Halb⸗ dunkel der erſten Couliſſe ſaß, faſt eingehüllt mit einer Wolke von Flor und Spitzen. Neben ihr ſtand ein ältlicher Herr, der zu ihr ſagte, daß er ganz entzückt ſei von ihrem Tanze, und noch Aehnliches mehr, was das Kind nicht verſtand und behielt, jetzt aber gab ſie etwas zur Antwort, und als der Knabe die Stimme hörte, da glaubte er gewiß zu ſein, daß ſeine Tante Roſa vor ihm ſtände, und zupfte leicht an ihrem Rocke und nannte ihren Namen. Wie der Blitz fuhr die Tänzerin herum, ſo ſchnell, daß ſie faſt den ältlichen Herrn auf die Seite geſtoßen hätte, nahm ſich auch gar keine Zeit, —,——,— Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 125 um Entſchuldigung zu bitten, ſondern blickte wie vor Schrecken erſtarrt auf das Bübchen, welches ſie aus den großen klaren Augen lächelnd, ſo heiter und ſo freundlich anſah, und ge⸗ rade im Begriffe war, aufzuſpringen, um, wie es gewöhnlich that, in ihre Arme zu fliegen. Sie aber blieb regungslos ſtehen, ja, nachdem ſie mit der Hand langſam über ihr Geſicht hinabgefahren war, wich ſie etwas zurück und ſah ſo ernſt, ja, ſo drohend aus, daß der Knabe förmlich irre an der Erſcheinung wurde, welche fremd und kalt vor ihm ſtand. Nein, es war doch nicht ſeine Tante Roſa, gewiß nicht,. ſo hatte ihn dieſe nie angeſchaut, o nein, o nein! Wenn es ja Tante Roſa geweſen wäre, ſo hätte ſie ihre Arme geöffnet wäre auf ihn zugeſtürzt, hätte ihn an ſich gedrückt und hätte ihn hundert Mal geküßt, während ſie geſagt: Mein guter, mein herziger Eugen!— Nein, nein, ſie war es nicht, wie hätte ſich auch Tante Roſa ſo ſonderbar angezogen und wäre hieher auf das Theater gegangen, um zu tanzen! Er war eigentlich froh, daß ſie es nicht war, nach dem ſtrengen Blick, den die Tänzerin auf ihn geworfen. So hätte ihn ſeine wirkliche Tante Roſa gewiß nicht einmal angeſchaut, wenn er ein Loch in eines der Kleider des Meiſters Schweizer geſchnitten hätte, gewiß nicht. Aber, wie ſchon geſagt, es machte ihn zufrieden, daß ſie es nicht war, und er freute ſich darauf, der ächten Tante Roſa heute Abend ſagen zu können, er habe auf der Theater⸗ probe jemand geſehen, die wäre bis auf die Kleider ihr ſo ſehr ähnlich geweſen. Nein, dieſe hier war nicht Tante Roſa, denn ſie ſagte jetzt zu dem ältlichen Herrn, der ſie etwas fragte, mit ruhiger, 1 ——— 126 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. kalter Stimme:„Es iſt nichts, ich erſchrak nur,⸗ als ich ſo dicht neben mir jenes fremde Kind erblickte.“ „Es hat wohl in der heutigen Vorſtellung zu thun?“ fragte der Intendant des Hoftheaters mit ſo lauter Stimme, daß der Balletmeiſter, der Maſchiniſt und der Inſpicient her⸗ beiſtürzen und die Verſicherung abgeben mußten, es käme in dem ganzen Ballete nicht die Idee eines Kindes vor, und dieſes da ſei ihnen überdies vollkommen fremd. Durch dieſe Fragen und Antworten veranlaßt, hatte ſich ein ziemlicher Kreis von Zuſchauern um den Knaben verſam⸗ melt, und es fing ihm an unbehaglich zu werden, weßhalb er ſehr erfreut war, als ſich nun Herr Richter mit raſchen Schritten näherte, ſeinen Hut demüthig vor dem Intendanten abzog und gehorſamſt berichtete, er habe das Kind, welches in ſeinem Hauſe wohne, auf inſtändige Bitten deſſelben mit auf die Theaterprobe genommen; er, Richter, fühle wohl, daß er ſich hiedurch gegen die Beſtimmungen vergangen und bitte, dieſen kleinen Fehler gütigſt entſchuldigen zu wollen. Der Intendant des königlichen Hoftheaters, der ſich zu— fällig in einer guten Laune befand, begnügte ſich damit, dem Choriſten zu ſagen, er werde wohl fühlen, wie entſchieden Unrecht er gethan, alſo zu handeln, und er, der Intendant, erwarte zuverſichtlich, daß der Choriſt ſich künftig ähnliche Verletzungen der beſtehenden Theatergeſetze nicht mehr zu Schulden kommen laſſe. Damit löſ'te ſich der neugierige Kreis auf, und als nun ſeider zweite Act des Ballets begann, wo die Cavaliere des treuloſen Bräutigams nichts zu thun hatten, nahm Herr Richter ſeinen Schützling hinter die Couliſſen und ſagte ihm lachend:„Du biſt ein netter Kerl, daß du bei deiner erſten A zu⸗ em den nt, iche zu nun des Herr ihm Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 127 Theaterprobe nicht Beſſeres zu thun weißt, als auf ſolche Art die Aufmerkſamkeit meines hohen Chefs auf dich zu ziehen. Aber nun ſage mir, mein Bürſchlein, was hat's denn eigent⸗ lich gegeben?“ Eugen, der von der eben ſtatt gefundenen Scene ganz überraſcht war und deſſen Augen ſich mit Thränen gefüllt, ſchluchzte ein wenig und ſagte alsdann mit weinerlicher Stimme:„Ich habe nichts gethan, als die große ſchöne Frau, die ſo dicht neben mir ſtand, an ihrem weißen Rock gezupft.“ „Na, erlauben Sie mir, mein Prinz,“ erwiderte Herr Richter,„eine erſte Tänzerin, der man nicht vorgeſtellt iſt, an ihrem Rock zu zupfen, das iſt immer ſchon etwas, und weiſ't auf gute natürliche Anlagen hin; aber warum zupften Eure Gnaden gerade dieſe Dame an ihrem Rocke? Da wären andere geweſen, die ſich nicht viel daraus gemacht hätten, warum denn gerade dieſe?“ „Weil ich glaubte, es ſei meine Tante Roſa, denn ſie ſieht ihr ſehr ähnlich.“ „O, o, mein Prinz,“ gab Herr Richter lächelnd zur Antwort, wobei er ſein Haupt hin und her wiegte,„Aehn⸗ lichkeiten aufſuchen, zumal auf der Bühne, iſt eine ganz un⸗ dankbare und zuweilen gefährliche Sache— und ſieht jene Dame, die da mit dem rothſeidenen Leibchen, in der That deiner Tante Roſa ähnlich?“ „Ja, ſehr, aber ich weiß, daß ſie es nicht iſt.“ „Das hätte ich dir gleich ſagen können,“ lachte der Choriſt,„deine Tante Roſa mag eine ganz gute und hübſche Perſon ſein— und ich werde mich bemühen, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen,“ ſagte er bei Seite—„aber da ſie mit — — —= — — 2 8bE 128 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. — dem Schneider Schweizer verkehrt, ſo wird ſie nicht von denen ſein, welche, wie die da— er zeigte auf die Tänzerin — in eigener Equipage fahren und Dienerſchaft haben, welche feinere Kleider tragen und welchen es beſſer geht, als unſer Einem. Das da, mein Junge,“ ſchloß er mit wichtiger Miene und mit einem Blick auf die berühmte Künſtlerin,„iſt eine vornehme, reiche Dame, und ich möchte dir ein bischen Verwandtſchaft mit ihr wohl gönnen. Doch nun komme, ich bringe dich in die Requiſitenkammer, da bleibſt du, bis die Probe vorüber iſt, und kannſt dich dort mit Waffen und wunderbaren Gegenſtänden nach Herzensluſt unterhalten.“ „Biſt du mir böſe, Richter?“ fragte das Kind. „Ganz und gar nicht, aber nun komm, ſonſt erhalte ich einen Rüffel Nummer zwei; ſie ſchauen immer noch nach dir.“ Und ſo war es in der That, wenn ſich auch die erſte Tänzerin auf der andern Seite der Bühne befand und dort, ihrer Rolle nach, Blicke mit dem treuloſen Bräutigam hätte wechſeln müſſen, ſo ſchaute ſie doch häufig nach der erſten Couliſſe hinüber, nach der Stelle, wo der kleine Knabe ge⸗ ſeſſen, nun aber verſchwunden war. Als Herr Richter wieder aus der Requiſitenkammer zu⸗ rückkam— er hatte dort das Bübchen vor einen Haufen alter Schwerter hingeſetzt, die es eines nach dem andern nicht nur in die Hand nehmen, ſondern auch damit in der Luft herumfuchteln durfte— trat er zwiſchen die erſte und zweite Couliſſe und war höchlich erſtaunt, als er ſah, wie Fräulein Roſa, die ſich nach beendigtem Tanze in ihren Shawl ge⸗ wickelt hatte, zu ihm hintrat und mit freundlichem Blick ſagte: „Nicht wahr, Sie waren es, welcher den kleinen Knaben, der vorhin hier ſaß, mit zur Probe gebracht?— Sie haben ihn ich v.* rſte ort, ätte ſten ge⸗ zu⸗ ufen nicht Luft veite alein l ge⸗ agte: „ der i ihn Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 129 doch nicht allein nach Hauſe gehen laſſen,“ ſetzte ſie fragend, mit einem Anflug von Aengſtlichkeit in der Stimme hinzu— „ein ſo kleines Kind?“ „Gewiß nicht, Fräulein, das Kind iſt mir anvertraut worden, und es wäre von mir gewiſſenlos, ihn allein gehen zu laſſen; er iſt dort in der Requiſitenkammer und ſpielt mit alten Degen.“ „Wo er ſich am Ende verletzen kann,“ ſetzte die Tänzerin wie mit ſich ſelbſt redend hinzu, doch ſo laut, daß Herr Rich⸗ ter zu erwidern ſich veranlaßt ſah:„O nein, das iſt ein geſcheiter Bube, der faßt ein Schwert an, wie ein erwachſener Menſch, auch würde ich ihm nicht erlauben, mit etwas zu ſpielen, woran er ſich verletzen könnte; dafür haben wir den kleinen Prinzen viel zu lieb.“ „Wen?“ fragte lächelnd die Tänzerin. „Nun, Fräulein,“ antwortete heiter der Choriſt,„ich habe ſo Augenblicke, und Gott ſei Dank, nicht wenige, wo meine gute Laune durch die kühle und bittere Rinde dieſes Erdenlebens wacker hindurch ſchlägt, und dann nenne ich den kleinen, hübſchen Buben zuweilen Prinz oder Euer Gnaden; er lacht darüber und kann ſo herzlich lachen.“ Die Tänzerin nickte mit dem Kopfe, als wollte ſie ſagen: Ja, das kann er!—„Aber,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe ſtockend und langſam hinzu:„Wem gehört das Kind eigentlich?“ Der Choriſt zog ſeine Achſeln hoch empor und ſagte: „Das Kind iſt ein Pflegebefohlener unſeres Zimmernachbars und Miethsherrn, des Schneiders Schweizer, aus deſſen Ver⸗ wandtſchaft es aber keineswegs ſtammt, ſo viel wiſſen wir; Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 9 ——— 130 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. etwas Näheres ſcheint Schweizer nicht mittheilen zu wollen, und deßhalb fanden wir uns auch nicht veranlaßt, weiter danach zu forſchen.“ „Sie ſagen immer, wir,“ ſagte die Tänzerin mit einem Anflug heiterer Laune.„Sie ſprechen wohl von ſich ſelber, wie es fürſtliche Perſonen zu machen pflegen?“ „Nein, dieſes Mal nicht, das Wir iſt ganz reel zu ver⸗ ſtehen, es betrifft meine Wenigkeit und einen Zimmer⸗Ka⸗ meraden, Herrn Bander, deſſen Sie ſich wohl erinnern wer⸗ den, Fräulein Roſa, Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet—“ „Ach ja,“ ſagte die Tänzerin, ſinnend vor ſich niederblickend. „Eine traurige Erinnerung,“ entgegnete Herr Richter, trüb lächelnd,„der arme Kerl!“ Dann ſang er leiſe: „Der Mufti uns befohlen hat, Zu melden dem Kalifen,“— „aber ſeine Meldung fiel ſchlecht aus und er glänzend durch, woran auch Sie ein wenig ſchuld hatten, Fräulein Roſa,“ ſetzte er mit einem pfiffigen Lächeln und kopfnickend hinzu. „Wie ſo, ich?“ „Es war, wie immer, wenn Sie auftreten; Sie kamen, ſahen, oder vielmehr wurden geſehen, und ſiegten, und mein armer Freund Banderi, wie er ſich genannt haben würde, wenn er ein großer Sänger geworden wäre, Carlo Banderi nach meinem Rathe, verlor bei Ihrem Anblick ſo vollſtändig ſeine Faſſung und Stimme, daß er die letztere noch nicht wieder gefunden hat, das heißt, er iſt entſchloſſen, nie mehr auf dieſen falſchen Brettern hier zu ſingen—— ach, mein Fräulein, ich zitterte für ihn und ſagte es ihm auch voraus, er würde Ihren Blick nicht aushalten können.“ „Bitte, reden wir keinen Unſinn, Herr Richter,“ er⸗ c, er⸗ Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 131 widerte die Tänzerin in einem Tone, der ſehr ernſt klingen ſollte. „Ja, Unſinn iſt es allerdings,“ fuhr der unermüdliche Freund Carlo Banderi's fort,„das habe ich ihm ſchon tau⸗ ſend Mal geſagt, ich habe ihm auch vorgeſungen, wie der große Saraſtro in der Zauberflöte ſingt: 4„Zur Liebe kann man ſie nicht zwingen!“— „'s hat aber alles nichts geholfen, und ich muß es einmal gerade heraus ſagen,— wenn Sie auf der Scene waren, Fräulein Roſa, ſei es bei der Probe oder der Vorſtellung, da ſtand er hinter der Couliſſe, und ich dachte, wie wahr es iſt, wenn der Dichter ſingt: „Mit deinen ſchönen Augen Haſt du mich zu————“ „Bitte, bitte, Herr Richter,“ unterbrach ihn die Tän⸗ zerin,„ich kenne den Vers ſehr wohl.“ „Zu Grunde gerichtet,“ murmelte der Choriſt in tiefem Baſſe und mit einer tiefen Verbeugung. „'s iſt wahrhaftig ein Jammer,“ verſetzte lachend die Tän⸗ zerin,„daß es ſo ſchwer hält, hier hinter den Couliſſen ein vernünftiges Wort zu reden; Ihr Freund wurde an demſelben Abend von einem vorüber rollenden Wagen niedergeworfen und ſchwer verletzt?“ „So iſt es.“ „Wie geht es ihm?“ „Danke für Ihre gütige Nachfrage, ſo ziemlich. Er hat viel Blut verloren, und damit, wie ich hoffe, auch etwas von ſeiner thörichten Leidenſchaft,“ ſagte der unverbeſſerliche Choriſt. „Weiß er, welcher Wagen es geweſen iſt, der ſo unvor⸗ ſichtig war, ihn zu überfahren?“ 13² Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Er ſprach darüber nie Vermuthungen aus; wie ſollte er's auch wiſſen, in finſterer Nacht, wo keine Sterne leuchten?“ „Sagen Sie ihm,“ ſprach die Tänzerin nach einer Pauſe, doch ſtockte ſie einen Augenblick, fuhr aber dann raſch fort: „ja, ſagen Sie ihm, ſein Unfall hätte mir ſehr leid gethan, und wenn ich bei der Intendanz für irgend einen Wunſch, den er hat, ein gutes Wort einlegen kann, will ich es recht gern thun.“ „Verzeihen Sie mir,“ gab Herr Richter kopfſchüttelnd und in ſehr ernſtem Tone zur Antwort,„das werde ich ſo frei ſein, ihm nicht zu ſagen; er fängt an, mit ſeinem un⸗ ruhigen Herzen ein wenig ins Gleichgewicht zu kommen— ich hoffe, mein Fräulein, daß ruhige Ebbe bei ihm eintritt, um mich poetiſch auszudrücken. Warum alſo durch ein unvor⸗ ſichtiges Wort eine wilde Springflut erregen, die alle Dämme einreißen würde, welche unſere beiderſeitige Vernunft aufge⸗ baut hat?“ Die Tänzerin that, als hätte ſie dieſe Bemerkung nicht gehört; ſie zog ihren Shawl feſter in die Taille und ſprach nach einer kleinen Pauſe:„Der kleine närriſche Knabe, warum hat er vorhin mein Kleid berührt?“ „Wollte ich Unſinn ſprechen, ſo würde ich ſagen— „Bitte, keinen Unſinn!“ „Nun denn, der Kleine behauptete, Sie, mein Fräulein, ſähen einer Verwandten von ihm außerordentlich ähnlich,“ erwiderte Herr Richter völlig unbefangen,„ſeiner Tante Roſa; der Name allerdings würde zutreffen.“ „Aber auch nur der Name,“ entgegnete heiter lächelnd —„Doch warten Sie einmal,“ ſetzte ſie nach Geſicht mit der Hand 4 die Tänzerin. einer Pauſe hinzu, während ſie ihr um ein, ch,“ oſa; elnd nach Tante Roſa und Roſa die Tänzerin. 13³ verdeckte,—„es iſt mir gerade, als hätte ich von einer ſol⸗ chen Aehnlichkeit ſchon einmal gehört.“ „Wirklich, Fräulein Roſa?“ „Ja, man ſprach mir davon, es ſei eine Näherin oder Putzmacherin, die mir wahrhaft auffallend ähnlich ſehen ſoll, Geſicht und Geſtalt.“ „Der Unſinn würde ſprechen: das muß ein wunderſchö⸗ nes Mädchen ſein!“ „Ich hatte mir ſchon längſt vorgenommen, die Bekannt⸗ ſchaft dieſer Mademoiſelle Roſa zu machen, es würde mich ſehr anſprechen, mein Ebenbild zu ſehen. Ja,“ ſetzte ſie nach⸗ ſinnend hinzu,„dieſe Aehnlichkeit ſoll ganz außerordentlich ſein, ſogar in Gang, Haltung und Sprache.“ „Nur wahrſcheinlich in der göttlichen Kunſt nicht,“ meinte Herr Richter.— In dieſem Augenblicke flüſterte der Inſpicient, der näher getreten war:„Wenn es Ihnen gefällig wäre, Fräulein Roſa, Ihre Muſik muß gleich beginnen.“ „Ja, ich muß ſie kennen lernen,“ ſetzte die Tänzerin, ihren Shawl abwerfend, hinzu. „Und auch ich werde mich bemühen, die Bekanntſchaft der Tante unſeres kleinen Prinzen zu machen.“ „Warum Sie?“ „Im Intereſſe meines Freundes,“ erwiderte der Choriſt mit eiſner eleganten Verbeugung. „Wie beliebt, Herr Richter?“ „Nun, vielleicht als Gegengift wider Sie, mein Fräulein.“ Statt aller Antwort zuckte die Tänzerin mit ihren ſchö⸗ nen Schultern und umſpannte darauf mit den Händen ihre Taille. e, um das rothſeidene Mieder tiefer auf ihre Hüften ———— 28öoooöooͤͤoͤͤoͤoͤſͤſſͤſſ — — — — — 134 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. hinabzudrücken, und trat dann auf die Bühne mit ihrem ſo ſtolzen, ſo eleganten und ſo elaſtiſch weichen Schritt. „Wenn es mir auch Ernſt wäre mit dem Gegengift,“ ſeufzte Herr Richter mit einem Blick auf die wegſchwebende herrliche Geſtalt,„ſo würde es mir wahrſcheinlich wenig nützen. Da hinan wird Tante Roſa ſchwerlich reichen.“ Hierauf ſteckte er die Hände in die Taſchen ſeiner Bein⸗ kleider, und während er um die Couliſſen herum nach dem Hintergrunde tänzelte, ſang er halblaut vor ſich hin: „Er kann nicht von ihr laſſen, nein, Nicht laſſen, nein, nicht laſſen, nein, Er kann nicht von ihr laſſen!“ tten Königs und Höchſtſeiner Gemahlin erweicht hat und Beide Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Françoiſe und Roſa. Die Probe nahm nun in Ruhe und Ordnung ihren Fortgang, und das Sujet des Ballets ſtellte ſich jetzt bei der halben Dunkelheit, ſo wie bei dem Mangel an Coſtumen noch viel verworrener dar, als dies bei der wirklichen Vor⸗ ſtellung ſtatt findet. Es war, wie alle romantiſch⸗tragiſchen Ballets, eine alte Geſchichte, die immer neu bleibt: ſie liebt ihn, er liebt ſie nicht, ſondern eine Andere, die ihn auch wie⸗ der liebt, und da es nicht minder unheilvoll iſt, wenn zwei junge Damen Ein Männerherz zu beſitzen wünſchen, als wenn, wie es in dem alten Liede heißt: zwei Buben Ein Mädchen lieb haben, ſo entwickelten ſich hier die furchtbarſten Scenen der Liebe, der Rache, der Eiferſucht. Dazwiſchen er⸗ ſcheint der augenverdrehende Mentor als ein wahrer Teufel, der ſeine Luſt daran findet, dem Vater des oppoſitionellen Königſohnes alles mögliche Herzeleid anzuthun, und als die⸗ ſer endlich am Schluſſe, wo ſich das Herz des eben erwähn⸗ —— ———— 136 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. in die Verbindung ihres Sohnes mit jener Zigeunerin, die ja ein geraubtes fürſtliches Kind ſein könnte, willigen, ein kleines, wahrſcheinlich erlogenes Einverſtändniß derſelben mit einem hübſchen Zigeunerbengel aufdeckt, tritt der unglückliche Bräutigam in das Stadium der Raſerei und tanzt mit der verlaſſenen Braut ein wahnſinniges Pas de deux, wonach die entrüſtete Zigeunerin ſtolz entſagend von dannen zieht, indem ſie in den ſchönſten Pantomimen und einem wunderbaren Tanze nicht undeutlich zu verſtehen gibt, es würde ihr nicht im Schlafe einfallen, ſich mit einer ſolchen verrückten Familie zu verbinden. Während hierauf unten auf der Scene der Bräutigam ſich erdolcht, nachdem die Braut in ein Aſil für Geiſtes⸗ ſchwache abgeführt worden iſt, erſcheint die Zigeunerin noch einmal hoch im Hintergrunde, im Begriffe, ſich in die Wäl⸗ der zurückzuziehen, gibt den vor Schrecken erſtarrten Gruppen ihren Segen und dem Publikum die Lehre mit nach Hauſe, daß alle unnatürlichen Verbindungen zu keinem guten Ende, höchſtens zu einem erträglichen Balletſchluſſe führen können.— Herr Richter, der nun der Requiſitenkammer zuging, wunderte ſich hierauf höchlich, daß die erſte Tänzerin, ſtatt augenblicklich in ihrer Garderobe zu verſchwinden, wie ſie ſonſt immer zu thun pflegte, ihm nochmals in den Weg trat und freundlich zu ihm ſagte:„Jetzt werden ſie wahrſcheinlich mit Ihrem kleinen Freunde nach Hauſe gehen; laſſen Sie ihn aber künftig von der Probe weg, damit Sie mit der Inten⸗ danz keine Verdrießlichkeiten bekommen.“ Der Choriſt verneigte ſich ſ chweigend, und als ſie ihn hierauf verlaſſen, ſprach er zu ſich ſelbſt: Das iſt auch neu, daß ſich unſere erſte Tänzerin um die möglichen Verdrießlichkeiten eines Frangoiſe und Roſa. 137 armen Chorſängers mit der hohen Intendanz zu bekümmern ſcheint— Zeichen und Wunder,“ murmelte er kopfſchüttelnd, „doch darf ich wahrhaftig meinem verrückten Carlo Banderi davon nichts mittheilen, ſonſt bildet ſich der arme Kerl ein, Fräulein Roſa nehme Antheil an mir, weil er mein Freund iſt.“ Der kleine Bube war noch immer in der Requiſitenkam⸗ mer und mochte ſich auch jetzt noch ſchwer von all den Herr⸗ lichkeiten trennen, die hier um ihn aufgehäuft waren und ſeine jugendliche Phantaſie erhitzten. Um ihn zu tröſten, ſagte Richter:„Wenn du zu Hauſe recht artig biſt, ſo werde ich dir ſelbſt ein ſolches Ritterſchwert anfertigen, von Holz, die ſind leichter und angenehmer.— Aber jetzt komm, wir gehen nach Hauſe.“ Damit gingen ſie die dunkle ſchmale Treppe hinab, die jetzt wieder ganz einſam war, denn alle Collegen und Colleginnen, die bei der Probe beſchäftigt waren, hatten nach dem letzten Geigenſtrich eilfertig das Haus verlaſſen, wobei Madame Schelle der Madame Pauke anvertraute, ſie habe Hammelfleiſch mit weißen Rüben und ſei in furchtbarer Sorge darüber, ob ihr kleines, unbehülfliches Laufmädchen das erſtere nicht habe verbrennen und die letzteren nicht habe verſchmoren laſſen; worauf die Pauke wehmüthig ſeufzend entgegnete:„Ja, und das alles wegen einer ſo lumpigen Balletprobe— nein, es iſt wahrhaftig nichts mehr bei dem Theater.“ Herr Richter ließ, unten an der Treppe angekommen, ſeinen Schützling einen Augenblick von der Hand los, um ſein eigenes dünnes Mäntelchen oben zuzuhaken, worauf der wilde Knabe zur Thür hinausſprang, und faſt ein Unglück gehabt hätte, denn wie er vor das Gebäude hüpfte, fuhr ein elegantes Coupé ſo raſch vor, daß der Kleine um ein Haar — —— — 9 — — 138 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. unter die Pferde gekommen wäre, die, ſcharf parirend, ihn über und über mit Straßenſchmutz beſpritzten. „He, mein Freund,“ rief der Choriſt, der eilfertig hin⸗ zugeſprungen war und das Kind zurückriß, in großer Ent⸗ rüſtung dem Kutſcher zu,„iſt es auch eine Art, ſo toll zu⸗ zufahren, daß die Leute faſt gerädert werden? Meint Er viel⸗ leicht, Seinesgleichen ſei alles erlaubt?“ Der Bediente, der neben dem Kutſcher ſaß und eilfertig herabſprang, um den Wagenſchlag zu öffnen, war ſchon im Begriffe, eine barſche, derbe Antwort zu geben, als an dem Fenſter des Coupé's der Kopf einer Dame ſichtbar wurde, deren ſchöne Züge plötzlich die tiefe Röthe eines heftigen Er⸗ ſchreckens zeigten, und welche haſtig und mit bewegter Stimme ſagte:„Der Herr hat ganz Recht, und Ihr ſeid zu unvor⸗ ſichtig; ich kann dieſes raſche Fahren an Gebäuden nicht lei⸗ den; zwingt mich nicht, es dem Grafen zu ſagen.“ Der Lakai hatte demüthig ſeinen Hut abgenommen und murmelte mit tief geſenktem Haupte etwas, wie: er wolle es dem Kutſcher mittheilen und es ſolle gewiß nicht mehr vor⸗ kommen. „Gehen Sie jetzt hinauf und ſagen meiner Schweſter, ich ſei da und wolle ſie nach Hauſe führen.“ Herr Richter, der von der ſeltenen Schönheit der Dame und von den milden, weichen Zügen ihres Geſichts überraſcht war, hatte ſeinen Hut abgenommen und ſagte:„Es hat in dieſem Falle wohl nichts zu ſagen, die paar Spritzen bürſten wir ſchon hinweg; aber es hätte leicht ein Unglück geſchehen können, und, um die Wahrheit zu ſagen, ich wäre lieber ſelbſt unter die Pferde gekommen, als hier mein kleiner Freund.“ Dabei blickte er die Dame an und mußte ſich nur wun⸗ — N 7 4 Geplauder des Knaben vorkomme. Frangoiſe und Roſa. dern, daß das ſchöne große Auge derſelben ſo unverwandt auf dem Knaben ruhte, der aber auch ſeinerſeits die fremde vornehme Frau mit großer Verwunderung, aber freundlich lächelnd anſchaute. Er ſtieß ihn leicht mit dem Arme an und flüſterte ihm zu:„Nimm deinen Hut ab und mache dei⸗ nen Gruß, daß wir weiter kommen.“ Eugen that, wie ihm geheißen, und als der ſcharfe Wind hierauf die blonden Locken des Knaben emporhob, rief die Dame aus ihrem Wagen faſt ängſtlich:„Setze dein Hütchen auf, mein liebes Kind, du wirſt dich erkälten.“ Der Choriſt machte eine abermalige Verbeugung, und als er den Knaben bei der Hand nahm und weiter ging, ſah er zu ſeinem Erſtaunen, daß ſich die Dame förmlich aus dem Wagen herausbog, um ihm mit ängſtlicher Miene nach⸗ zublicken; auch verminderte ſich ſein Erſtaunen durchaus nicht, als der Kleine, nachdem ſie ein paar Schritte entfernt waren, heiter zu ihm aufblickend, ſagte:„das iſt die Dame.“ „Welche Dame?“ „Nun, die andere Dame, die ich bei Tante Roſa ſchon geſehen habe.“ „Kerl, hör' auf,“ rief Herr Richter faſt ärgerlich;„ich glaube wahrhaftig, dir hat die Theaterluft den Kopf verrückt, wie das ſchon geſcheiteren Leuten paſſirt iſt.“ „Es iſt aber doch die Dame,“ ſagte das Kind hartnäckig. „Welche Dame denn, beim Cid?“ „Die andere ſchöne Frau, die mich ſo gern hat, und die auch ich lieb habe; oft weint ſie, wenn ſie mich küßt.“ „Wenn ſie dich küßt? Die da?“ Er klopfte ungeduldig an ſeine Stirn, als wolle er damit anzeigen, wie ihm das — —ͤͤſ —. — 140 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, es iſt die Dame, ich habe ſie wohl gekannt und ſie mich auch; oft, wenn ſie mich küßt, weint ſie und ſagt dann:„O, mein ſüßes Kind, mein lieber Eugen.“ Der Choriſt war ſtehen geblieben und betrachtete kopf⸗ ſchüttelnd ſeinen kleinen Freund, welcher mit ſo zuverſichtlicher Miene zu ihm außblickte, daß er ſich nicht enthalten konnte, zu ihm zu ſagen:„So wahr mir Gott helfe, entweder, klei⸗ ner Schelm, du haſt mich zum Beſten, oder es iſt das das ſeltſamſte Abenteuer, welches man in dieſer poeſieloſen Welt nur erleben kann.“ Gehen wir jetzt nach Hauſe, denken wir unterwegs nach, ſprach er zu ſich ſelber, was wir von dieſen Räthſeln unſerem armen Carlo Banderi anvertrauen mögen; ſein Kopf und Herz iſt ſchwach und krank, er kann keine ſtarke Medicin vertragen, nur Kühlendes— recht Kühlendes. Spreche ich ihm von dem Antheil, den die ſchöne und ſtolze Tänzerin an ihm zu nehmen ſchien, ſo regt das ſein Blut auf— ja, ja, das geht nicht. Aber von Tante Roſa kann und will ich ihm erzählen— es wäre ja wahrhaftig mög⸗ lich, wie ich im Scherze geſagt, daß ich in dieſer wirklich ein Gegengift fände wider ſeine thörichte Leidenſchaft zu dem glänzenden Phantom da oben, zu jenem ſtrahlenden Irrlicht, das ſchon manchen armen Teufel von richtigen und vernünf⸗ tigen Wegen abgebracht. Unter dieſen Betrachtungen erreichte Herr Richter ſeine Wohnung und war froh, ſeinen Schützling wieder wohlbe⸗ halten abliefern zu können.— Der Wagen mit der ſchönen eleganten Dame hielt noch immer an dem kleinen Seitenportale des Hoftheaters, und als ſie ſelbſt den Knaben, dem ſie unverwandt nochgeſchaut, nicht mehr erblicken konnte, lehnte ſich die Gräfin Lotus in Frangoiſe und Roſa. 141 die Ecke des Coupé's zurück und erwartete ihre Schweſter, die auch wenige Augenblicke darauf erſchien. Ehe ſie einſtieg, ſagte die Gräfin:„Wenn es dir recht iſt, Roſa, ſo fahren wir zu dir,“ worauf die Tänzerin dem Lakaien einen hierauf bezüglichen Befehl gab. Der Wagenſchlag wurde geſchloſſen, und der Wagen fuhr raſch davon. „Was war denn das, Roſa,“ fragte Francoiſe haſtig, während ſie die Hand ihrer Schweſter ergriff,„Eugen im Theater? Um Gotteswillen, wie mich das erſchreckt hat! Wie kam er hieher? Wußteſt du, daß er oben war? War er bei dir?“ Roſa, welche dieſe Fragen ihrer Schweſter wohl erwar⸗ tet hatte und ihre Aengſtlichkeit vorausſah, wenn ſie die volle Wahrheit gewußt hätte, ſagte ruhig:„Nun ja, Eugen war bei mir; das arme Kind hatte ſo ſehr gebeten, das Theater einmal zu ſehen, daß ich für beſſer hielt, ihn auf eine Probe kommen zu laſſen, ſtatt zu erlauben, daß er einer Vorſtel⸗ lung beiwohne.“ „Und iſt ſein Begleiter zuverläſſig?“ „So zuverläſſig als nur irgend jemand. Er iſt ein An⸗ geſtellter des Theaters, wohnt porte-à-porte mit Schweizer und hat den freundlichen Knaben lieb.“ „O mein Gott, wie wäre das auch anders möglich,“ ſagte die Gräfin mit einem innigen Tone der Stimme, wäh⸗ rend ſich ihre Augen mit Thränen füllten;„du mußt mich nicht auslachen, liebe Schweſter,“ ſetzte ſie wehmüthig lächeng hinzu,„daß ich wieder ſo aufgeregt bin, aber glaube den letzten Tagen iſt viel auf mich eingeſtürmt.“ Die Tänzerin drückte die Hand ihrer 142 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſchaute ſie mit einem ruhigen, aber herzlichen Blicke an.„Sieh nur keine Geſpenſter, Francoiſe,“ ſagte ſie,„und was meinen lieben, herzigen Eugen anbelangt, ſo denke nur, daß ich über ihn wache, wie eine Mutter nur über ihr eigenes Kind wachen kann.“ „Gott lohn es dir in deinem ganzen Leben aber du biſt ja auch ſchon hier dafür belohnt. Welch namenloſes Glück, ein ſo liebes Kind warm ans Herz drücken zu können, ſein Lächeln zu ſehen, ſeine Stimme zu hören, von ihm mit ſüßen Schmeichelworten angeredet zu werden!— Was habe ich da⸗ gegen? Ein reiches, glänzendes, aber ödes Haus und einen Gatten,“ ſetzte ſie mit ganz leiſer Stimme flüſternd hinzu, „den ich anfange, zu fürchten.“ „Ah, Francoiſe, keine Uebertreibung.“ „Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht übertreibe; aber du wirſt hören und mir Recht geben.“ „Da ſind wir an meinem Hauſe, liebe Schweſter,“ ver⸗ ſetzte ruhig die Tänzerin;„laß deinen Schleier herab und zwinge dich, etwas mit heiterem Tone zu ſprechen, die Leute ſind gar zu neugierig. Schicke dann deinen Wagen fort.“ „Nein, nein, ich will ihn dalaſſen, ich will jeden Grund zu irgend welchem Argwohn vermeiden; hätte ich ſonſt nicht auch,“ rief ſie leidenſchaftlich aus,„mein liebes Kind in den Wagen genommen und ſeinen ſüßen Mund mit Küſſen be⸗ deckt?“ „Ruhig, Francoiſe!“— Die Tänzerin wohnte im erſten Stock eines anſehnlichen 6. Ihre Wohnung war bequem und elegant eingerich⸗ erade ein beſonders koſtbares Ameublement zu zei⸗ n war behaglich, dunkle ſchwere Vorhänge und — ᷣ ieh ien ber hen biſt ück, ſein ißen da⸗ inen nzu, r du ver⸗ und Leute t.“* Brund nicht n den en be⸗ nlichen gerich⸗ zu zei⸗ ge und Frangoiſe und Roſa. 143 dunkle Möbelſtoffe auf dunklem Eichenholze. Reizend war eine Epheulaube, die das einzige breite Fenſter des Gemachs umſpannte, wo ein paar kleine Fauteuils neben einem ſchönen Tiſchchen mit eingelegtem Marmor ſtanden, einem Geſchenk aus Florenz. Die gegenüber liegende Wand zierte das einfach aufgefaßte Portrait der Gräfin, von einem berühmten Künſt⸗ ler gemalt. Der Hintergrund dieſes Bildes erinnerte an die Villa San Antonio; man ſah über der Terraſſen⸗Einfaſſung hinweg das tiefblaue Meer und in der Ferne die maleriſch zerklüftete Küſte von Sorrent in ihrer warmen hellröthlichen Färbung. „Ich ſah dich geſtern nur einen Augenblick,“ ſagte Fran⸗ goiſe, nachdem ſie ſich auf einen der kleinen Fauteuils nieder⸗ gelaſſen. „Ja, du ſagteſt mir von dem Medaillon, das du unter dein Kopfkiſſen gelegt und nicht wiedergefunden habeſt.“ „Ich glaubte, es habe ſich doch irgendwo verloren und ich würde es wiederfinden.“ „Nun?“ „O, ich fand es nicht wieder, da es vorher ſchon jemand gefunden hatte.“ „Du erſchreckſt mich, Francoiſe.“ „Da dich meine Worte erſchrecken, Roſa, ſo kannſt du dir meinen Zuſtand denken— der Graf hat es gefunden.“ Die Tänzerin fuhr leicht zuſammen und ſchaute ihre Schweſter mit einem Laute des Schreckens an.„Oh— oh— oh—oh,“ machte ſie alsdann,„dieſes unglückſelige Medaillon! Hätteſt du es mir nur gegeben, wie ich dich ſo oft darum gebeten.“ „Es war die einzige Erinnerung an jene glückliche Zeit,“ 144 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. e mit einer rührenden Innigkeit zur Antwort; Kind, liebe Schweſter, ich konnte es nicht über's Herz bringen, auch das Bild ſeines Vaters weg⸗ zugeben— des unglücklichen Mannes,“ rief ſie in Schmerz ausbrechend,„der ja nicht ſchuldig iſt, wie wir erfuhren,— o, nicht ſchuldig, meine gute Roſa! Der vielleicht elend zu Grunde gegangen iſt, deſſen liebendes, treues Herz vielleicht im Schmerze brach, während wir ihn ſchuldig glaubten und ihm geflucht.“ Roſa hatte die Hände gefaltet und ſchüttelte leicht mit dem Kopfe. „Ja, ja,“ fuhr die Schweſter heftig fort,„wir haben ihm geflucht, ich wenigſtens in Nächten der Qual und des ich habe ſeiner nur in Verwünſchungen gedacht, gab Francoiſ „dir gab ich ja mein Jammers, ja, des Vaters meines Kindes!“ „Das haſt du nicht geth an, Francoiſe,“ erwiderte die Tänzerin, indem ſie ſich gewaltſam zwang, ruhig zu erſcheinen. „Du hatteſt immer entſchuldigende Worte für ihn, du haſt ihn vertheidigt, wenn ich ihn ſchwer anklagte; wir ſind ſchwache Menſchen, und der Schein zeugte gegen ihn.“ „O, wenn ich nur Scherra ſehen könnte,“ klagte die Gräfin ſchluchzend,„meinen alten, ruhigen, würdigen Freund! Wenn er mir nur das Ende jener furchtbaren Geſchichte mit⸗ theilen wollte!“ „Ich hätte ihn aufgeſucht,“ ſagte Roſa,„aber es noch nicht möglich, denn in leidenſchaftlichen Momenten, meine gute Schweſter, muß ich ruhig und kalt für dich denken. Wir dürfen kein Aufſehen erregen, um deiner und des Kindes willen. Glaube mir, ich ſuche baldigſt eine Gelegenheit, mit Herrn von Scherra zu ſprechen.“ war d— die nen. ihn ache die und! mit⸗ war meine Wir eindes t, mit Francoiſe und Roſa. 145 „Auch ich halte das für ſehr nothwendig, denn ich fürchte, dieſe Geſchichte wird Folgen haben, wo wir die Hülfe dieſes bewährten Freundes dringend gebrauchen.“ „Laß das jetzt, du haſt mir Wichtigeres mitzutheilen.“ „O, mein armer Kopf, ich menge alles durcheinander! Doch ich will mich zwingen, dir zu ſagen, was du wiſſen mußt.— Der Graf fand das Medaillon; an jenem entſetz⸗ lichen Abend überfiel mich ein wohlthätiger und tiefer Schlaf, während er wie ſo oft ruhelos durch ſeine Zimmer ſchritt— o, er iſt ein armer unglücklicher Mann, und ihn ſo ſehen zu müſſen, auch das zerreißt mein Herz!— er nahm das Me⸗ daillon zu ſich, er hat es geöffnet und Gaetano's Bild ge⸗ ſehen.“ „Weiter, Francoiſe, weiter!“ Vorgeſtern und geſtern ſprach er kein Wort darüber, aber ich ſah wohl, daß ihn etwas furchtbar quälte, ſeine Nächte waren faſt ganz ohne Schlaf, ſeine Züge bleich und abgeſpannt, wie nie, und wenn er mich mit den roth unter⸗ laufenen Augen zuweilen lange anſtarrte, ſo merkte ich wohl an dem wechſelnden Ausdrucke ſeines Blickes, daß ſeine Ge⸗ danken ſich in die Weite verloren. Dann preßte er die Lippen heftig auf einander, ſein Mund zuckte krampfhaft und über ſein ſo ſtarres Geſicht flog es, als wenn er weinen wollte — o, meine Roſa, der Anblick hat mich entſetzlich erſchüttert.“ „Suche dich zu beruhigen, Francoiſe, o, du weißt wohl, wie ich mit dir fühle.“ „Geſtern Nacht,“ fuhr die Gräfin, nachdem ſie ſich etwas geſammelt, mit tonloſer Stimme fort,„war ich an ſeinem Bette aus Erſchöpfung eingeſchlummert, und wachte auf, als Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 10 146 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ich fühlte, daß er ſeine kalte Hand auf meine Stirn legte. Ich regte mich nicht, denn ich hörte ihn halblaut zu ſich ſelbſt reden. —,Wenn er todt iſt,“ ſagte er mit einer Stimme, wie ich ſie nie vernommen, o, mit einer Stimme, die mir das Blut in den Adern erſtarren machte, zwenn er todt iſt, ſo habe ich nichts dagegen, daß ſie ſich ſeiner erinnert. Wenn er aber noch lebt und ich ihn auffände, dann ſoll Juſſuf mir helfen' —— Ah— ah— ah— ah,“ machte die unglückliche Frau ſchaudernd. Die Tänzerin hatte ſinnend dageſtanden, ſie hatte wohl die Worte ihrer Schweſter gehört, aber dazwiſchen ſchien ſie auch an etwas Anderes gedacht zu haben.„Erinnerſt du dich,“ ſagte ſie mit einem Male haſtig,„wie du mir an jenem Abende von Gaetano ſprachſt, daß du überzeugt ſeieſt, er ſei geſtorben, daß er im Grabe ruhe— erinnerſt du dich?“ „O ja, ich werde dieſer furchtbaren Nacht ſo wenig ver⸗ geſſen, wie der Worte, die ich geſprochen.“ „Du glaubteſt, der Graf ſchliefe?“ „Gewiß, ſah ich ihn doch eingeſchlafen.“ „So war er erwacht und hörte aus dem Nebenzimmer unſere Unterredung, und wenn es ſo iſt, wie ich überzeugt bin,“ ſetzte ſie mit Entſchloſſenheit hinzu,„ſo iſt es beſſer; es muß dir ein nothwendiges Geſtändniß erleichtern.“ „Du haſt Recht, Roſa,“ gab die Gräfin, kaum vernehm⸗ bar, zur Antwort,„es hat es mir erleichtert.“ „So ſprachſt du mit ihm?“ fragte die Schweſter erſchreckt. „Geſtern Nacht.“ „Und geſtandeſt du ihm alles— alles? Francoiſe, um Gottes willen, du haſt dich unglücklich gemacht, dein Kind!“— „Ich habe ihm nur geſagt,“ verſetzte die Gräfin,„daß Frangoiſe und Roſa. 147 ich Gaetano geliebt, daß er meine erſte, aber heiße Liebe geweſen, daß ich ſeit Jahren nichts mehr von ihm gehört, daß er todt ſei.“ „Und der Graf?“ „Er antwortete, nachdem er mich lange mit ſtarren Au⸗ gen betrachtet, in einem Tone, ſo entſetzlich kalt, ſo unheim⸗ lich: ‚Und wenn er vielleicht doch noch lebte? Madame— l“ — O Roſa, Roſa,“ fuhr ſie nach einer Pauſe der furcht⸗ barſten Aufregung fort,„ich muß dir ja alles ſagen, ich darf dir nichts verſchweigen! Dann ſprach der Graf unzuſammen⸗ hängende, aber ſchreckliche Worte, wobei er mich mit verwirr⸗ tem Blick betrachtete, und als ich hierauf ſeine Hand ergriff und flehend ſeinen Namen rief, ſagte er mit einem ſeltſamen Lächeln: ‚Sei ruhig, mein Kind, gewöhnlich kommen die Todten nicht wieder, wenn dem aber doch ſo wäre, ſo wer⸗ den wir dich zu ſchützen wiſſen, ich und Juſſuf.““ „Francoiſe!“ rief Roſa entſetzt,„um des Himmels Wil⸗ len, du glaubſt doch nicht—“ „Laß mich ausreden! Als das vorbei war, legte er ſich in tiefer Erſchöpfung nieder, und erſuchte mich, ihm ein Lied zu ſingen. O, meine Schweſter, ich mußte ſingen, ich hatte die Kraft, es zu thun.— ,Es iſt ja nur ein böſer Traum, nicht wahr, mein Kind?“ flüſterte er mehrere Male, bevor er einſchlief. Glücklicher Weiſe traf heute Morgens Scherra mit dem Arzte bei uns zuſammen; ich mußte dem Letzteren einige Andeutungen geben, doch beruhigte er mich; zes ſei,“ ſagte er, zeine gewaltige Nervenaufregung, die er ſchon mehrere Male glücklich bewältigt.“ Scherra blieb bei uns, und zwang mich, zu meiner Zerſtreuung, wie er ſagte, auszufahren.“ „ nd wie iſt der Graf heute?“ „O, Gott ſei Dank, beſſer, faſt heiter; er ſcherzte mit 148 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. mir über dieſe furchtbare Geſchichte, und ſagte mit dem gut⸗ müthigen Ausdrucke ſeines Geſichtes, den ich ſo ſehr an ihm liebe: ‚Das kommt davon, mein Kind, wenn man nicht zur rechten Zeit aufrichtig iſt, aber trotzdem biſt du mein gutes und treues Weib!e— Und,“ ſetzte die Gräfin mit gefalteten Händen und thränenfeuchtem Blick hinzu,„Gott im Himmel, der mein Herz kennt, weiß, daß ich das bin.“ Roſa war ein paarmal durch das Zimmer geſchritten, und ſagte nach einer Pauſe:„Du fährſt wieder zu dir zurück? Gut, ich begleite dich und bleibe heute bei Euch. Vielleicht kann ich dort Scherra einen Augenblick allein ſprechen, er iſt ein würdiger Mann und erprobter Freund, ich muß ihm Eini⸗ ges vertrauen; ich wollte noch nach dem Knaben ſehen, aber beruhige dich, er iſt gut aufgehoben.“ „Wie glücklich bin ich, daß du mit mir gehſt,“ ſagte die Gräfin.„O, wenn du doch die Wohnung in unſerem Hauſe annehmen wollteſt, die dir der Graf ſchon ein paarmal an⸗ geboten!“ „Und dann?“ fragte achſelzuckend die Tänzerin,—„ge⸗ wiſſermaßen gebunden ſein, und nicht mehr für ihn ſorgen können? Nein, nein, es iſt beſſer, wie es iſt! Wenn du mich brauchſt, bin ich zu deiner Hülfe da.— Nun komm!“ Sie ordnete ein klein wenig an ihrer Toilette, nahm ihren Shawl, und dann verließen die beiden Schweſtern das Haus. gut⸗ ihm zur zutes teten imel, itten, rrück? lleicht er iſt Eini⸗ aber te die Hauſe al an⸗ —„ge⸗ ſorgen u mich nahm rn das Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. Es war einer jener herrlichen Tage im Spätherbſt, wo ſich die Natur noch einmal in all ihrer Pracht zeigt, in ſol⸗ chem Sonnenglanz, in ſolcher Wärme, als halte ſie es ſelbſt für unmöglich, daß vielleicht wenige Tage ſpäter kalter Wind und Regen, ja, vielleicht Schneegeſtöber die gelben und rothen Blätter, welche heute noch die Landſchaft ſo herrlich zieren, unbarmherzig von den Bäumen fegen würden. Es war einer jener Tage, die wir mit dem Namen Alt⸗ weiberſommer bezeichnen, wo die Wieſen nach vorhergegange⸗ nem Regen noch einmal aufleuchten in ſmaragdener Pracht, wo weiße Spinnenfäden mit den Sonnenſtrahlen buhlen und langſam durch die laue Luft ziehen. Die Raſenplätze, an denen Bäume ſtehen, erſcheinen durch die herabgefallenen Blätter wie prachtvolle Teppiche, wo auf grünem Grunde gelbe und rothe Puncte eingewirkt ſind, in deren Mitte ein leuchtendes Bouquet prangt von Aſtern und Dahlien in prächtigen Farben. Die alten mächtigen Stämme der Bäume 150 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. mit ihren gefärbten Laubmaſſen glänzen in der Zufriedenheit eines glücklichen Alters, ihre kahl gewordenen Häupter blicken ſo ergebungsvoll gen Himmel, als ſeien ſie jeden Augenblick des Schnees gewärtig, der ſie bedecken wird, und doch lächeln ſie aus den bunten Blätteraugen auf die Erde hinab, nach den ahnungsloſen Blumen, die nicht daran zu denken ſcheinen, daß vielleicht ſchon in der nächſten Nacht ein Reif auf ſie fallen wird, vor deſſen rauhem Gruße ſie ihre Köpfe verwelkt hangen laſſen werden, oder die alten Rieſen necken eine ſpät erblühte Roſe, indem ſie leicht ihre Aeſte ſchütteln und ein gelbes Blatt auf ſie hinabflattern laſſen. Die Berge erſcheinen röthlich⸗violett, alle Schatten tief⸗ blau, und kleine Schlöſſer, Kapellen und Landhäuſer glänzen ſo aus dem ſie umgebenden Grün hervor, als hätten alle, dieſem letzten Herbſttage zu Ehren, ein ganz beſonderes Feier⸗ kleid angezogen. Und erſt der tiefblaue, gänzlich unbewölkte Himmel in ſo wunderbarer klarer Färbung, daß man dort auf der An⸗ höhe, wo die alten Linden ſtehen, jedes Zweiglein, jedes Blatt deutlich erkennt, wie es ſich ſcharf von der ſtrahlenden und doch ſo ruhigen Fläche abhebt. Er iſt „So klar und feierlich, So ganz, als wollt er öffnen ſich.“ So ein Herbſttag iſt auch ein Tag des Herrn, und wenn es einmal geſchieden ſein muß von dieſer ſchönen Erde, ſo wäre ein ſolcher Tag wünſchenswerth, wo man auf ſo natür⸗ liche Art zugedeckt wird von herabflatternden Blumenblättern und von gelbem und rothem Laube, in dem der Fußtritt ſo freundlich raſchelt, wenn man hingeht, ein geliebtes Grab aufzuſuchen. Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 151 Wir wollen dieſen ſchönen Herbſttag dazu benutzen, um vor das Thor der Stadt zu gehen, nur eine Viertelſtunde weit, durch ein ſchmales Bergthal, deſſen Windungen bald die Häuſermaſſen hinter uns verdecken. Droben auf der Höhe blicken wir in ein prachtvolles Panorama. Hinter Rebenlaub und niederen Gebüſchen ſtre⸗ ben auf einer Seite die Kirchthürme der Stadt empor, wäh⸗ rend wir auf der anderen weit in das Land hinaus ſchauen auf grünende Wieſen, auf ſproſſende Winterſaaten, auf freund⸗ lich leuchtende Dörfer, auf den Fluß mit ſeinen lieblichen Krümmungen, auf die lang ſich hinziehende Eiſenbahnlinie mit dem rauchenden Dampfroß, und auf den weiten blauen Himmel, der ſich ſo gleichmäßig und glänzend blau rings umher auf unſern Horizont niederläßt, in ſo gänzlich wolken⸗ loſer Fläche, welche nur dort gegen Süden leicht unterbrochen iſt durch eine langgeſtreckte Schaar von Zugvögeln, die das ſchöne Wetter zu ihrer Reiſe benutzen. Noch einen langen Blick in die Gegend wollen wir thun, und dann treten wir durch eine Holzeinfriedigung auf einen kleinen Platz, der von mächtigen Linden beſchattet und ſo dicht mit herabgefallenen Blättern bedeckt iſt, daß wir kaum den Weg unterſcheiden können, der uns zu ſchweren, etwas unförmlichen Thorpfeilern führt und an, ein verſchloſſenes, ſtarkes eiſernes Gitterthor. Da wir nicht nöthig haben, die Oeffnung des Gitter⸗ thores zu erwarten, ſondern unſer Wunſch genügt, um uns hinter daſſelbe zu verſetzen, ſo befinden wir uns auch ſchon im nächſten Augenblicke in einem weiten Hofraum, der von verſchiedenartigen Gebäuden begrenzt iſt und durch eine tiefe oöooſohh“ — ——— —— — 152 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 4 Stille, ſo wie durch wucherndes Gras zwiſchen dem Pflaſter etwas öde und trübſelig erſcheint. Zur linken Hand haben wir eine kleine Kirche mit nie⸗ derem viereckigem Glockenthurm, deren Außenwände leider mit hellgelber Kalkfarbe angeſtrichen ſind, was dem Gebäude wohl ein reinliches Anſehen gibt, aber alle Spuren der alten, nicht unkünſtleriſchen Architektur verwiſcht und, was hier für unſer Auge noch übrig geblieben iſt, das zierliche Maßwerk der hohen Bogenfenſter, ſo fremdartig und plump unter der dicken, ſtörenden Tünche erſcheinen läßt. Rechts haben wir, mit der Kirche gleichlaufend, ein Oekonomie⸗Gebäude, und wenn man die Kirche und dieſe Gebäude die Flügel des Hau⸗ ſes nennen könnte, ſo iſt daſſelbe vor uns geſchloſſen durch ein langgeſtrecktes, zweiſtöckiges Bauwerk mit kleinen, ſehr gleichförmigen Fenſterreihen und der Idee eines Kreuzganges, der ſich mit ſeinen Ueberreſten und Bogen nach der Kirche zu hinzieht. Dieſer Kreuzgang, ſo wie die Anſicht des eben erwähn⸗ ten Landhauſes, laſſen uns leicht errathen, daß dies ehemals ein Kloſter war, und ſo iſt es auch. Benediectiner hatten ſich hier auf dieſer Anhöhe, von wo ſie einen wunderbaren Blick in die herrlichen Thäler hatten, angebaut, und die gelehrten Herren lebten und lehrten hier in ſtiller Beſchaulichkeit, bis auch ſie vom Sturme der Zeiten aus ihren ſtillen Räumen verjagt wurden, bis zum letzten Male das Kirchenglöcklein zur Frühmette klang und die weißen Geſtalten ſich in ihrem kleinen Chor verſammelten. Auf einmal waren ſie ſpurlos verſchwunden, verweht wie der Klang eines ernſten Muſikſtücks, verblaßt wie die Geſtalten eines lebhaften Traumes, und nach ihnen nahmen Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 153 die Gräuel der Verwüſtung von Kloſter und Kirchlein Beſitz. An den Bogenfenſtern des letztern zertrümmerten muthwillige Hände die bunten Scheiben, und der Raum, wo ſich noch vor Kurzem die Andächtigen verſammelt, bot das traurige Bild eines Heu- und Stroh⸗Magazins. Auch das ging vor⸗ über; das Stroh traten die im Hofe angebundenen Reiter⸗ pferde unter die Hufe, während ſie das Heu verſpeiſ'ten, und als darauf die kaiſerlichen Küraſſiere oder die ſchwediſchen Dragoner wieder von dannen gezogen waren, blieb es lange Zeit hindurch ſtill und öde in Kirche, Kloſter und Hof. Darauf kamen wieder ordentliche Zeiten. Der Staat nahm ſich ſeines Beſitzthums an, ließ daſſelbe reſtauriren, übergab das Kirchlein der Gemeinde des naheliegenden Dor⸗ fes, das Oekonomie⸗Gebäude einem Cameralbeamten, und das ehemalige Kloſter wurde einem apanagirten Fürſten der könig⸗ lichen Familie zum Sommerwohnſitz angewieſen. Das waren wieder ſchönere Tage, da vernahm man in den bisher ſo ſtillen Hofräumen das Raſſeln der Equipagen, das Stampfen und Wiehern der Pferde, und hörte luſtige Hörner⸗Fanfaren, wenn der Fürſt an ſchönen Herbſttagen, wie der heutige, hinauszog auf das edle Waidwerk. Doch auch das blieb nicht immer ſo. Der alte Fürſt kam zum Sterben, und ſeine Söhne, junge, lebensluſtige Prinzen, wußten Beſſeres zu thun, als ihre Sommertage in dem alten Schloſſe zuzubringen; der Eine diente hier, der Andere dort im Heere, und da ſie dergeſtalt auf den väterlichen Sommer⸗ Aufenthalt verzichteten, ſo nahm der Staat denſelben wieder in ſeinen Beſitz und errichtete dort, verſuchsweiſe, eine land⸗ wirthſchaftliche Lehranſtalt. Da ſich aber die Wälder nach und nach auf allen Seiten ſchüchtern zurückgezogen hatten, —- 154 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. auch die Aecker, welche das Kloſter umgaben, von keiner außerordentlichen Güte waren, ſo kam dieſe landwirthſchaft⸗ liche Schule zu keinem rechten Gedeihen, und wieder kamen lange, öde Zeiten für das ehemalige Kloſter. Freilich blieb die Kirche im Beſitz der Gemeinde, auch zog in das Oekono⸗ mie⸗Gebäude der Cameral⸗Verwalter wieder ein, doch das lange Haus gewährte viele Jahre hindurch den troſtloſen An⸗ blick verſchloſſener Fenſterläden. Auf einmal las man in den Zeitungen, die wunderherr⸗ liche Lage des Kloſters Wieſenbronn, die milde Luft, welche hier fächle, die außerordentliche, das Gemüth zuſehens be⸗ ruhigende Ausſicht auf grüne Wälder, ſaftige Wieſen und friedliche Thäler haben den Unterzeichneten veranlaßt, dort ein Privat⸗Aſil für Geiſteskranke zu errichten und es ſich zur Lebensaufgabe zu machen, die geſtörten geiſtigen Fähigkeiten derſelben durch ſanfte Behandlung und liebevolle Pflege wie⸗ der herzuſtellen; der ergebenſt Unterzeichnete, geſchult und gebildet in den bedeutendſten europäiſchen Anſtalten gleicher Art, wolle den Unglücklichen ein Vater ſein, und nur die Liebe zur Wiſſenſchaft veranlaſſe ihn, die Kranken, welche man ihm anvertrauen werde, zu den untenſtehenden, ganz beiſpiellos billigen Bedingungen aufzunehmen. Der Unterzeichnete hieß Dr. Henderkopp, und wenn wir unſern geneigten Leſer, bei unſerm Eintritt in den Hof, nicht auf die große Meſſingplatte am Gitter mit ſeinem Namen aufmerkſam machten, ſo geſchah dies nur in der freundlichen Abſicht, um ihm eine Ueberraſchnng zu bereiten. Das alte lange Haus glänzt in weißer neuer Farbe, die Läden ſind geöffnet, aber bevor wir ſein Inneres betreten, wollen wir durch einen weiten Thorbogen, der neben der , Die Anſtalt des Dr. Honderkopp. 155 Kirche gerade vor uns liegt und unter dem langen Hauſe hin wegführt, in den großen Garten gehen. Wenn auch alle Umwandlungen des Kloſters, deren wir oben erwähnt, an dieſem nicht ſpurlos vorüber gegangen waren, ſo war er doch in ſeinem Charakter noch gut erhalten, denn die Baum⸗ gruppen und Alleen, welche die ehrwürdigen Benedictiner gepflanzt, von ihren Nachfolgern ziemlich geſchont, waren nun zu mächtigen Stämmen herangewachſen, die mit weit ausgebreiteten Aeſten ſchattige Plätze in Menge darboten. Nebenbei gaben ſie aber dem Garten etwas Düſteres und Melancholiſches, wozu noch kam, daß die Steintreppen und Terraſſenmauern nicht mehr ſorgfältig unterhalten und auch die Wege nicht ſo von Unkraut und Gras gereinigt waren, wie es wohl wünſchenswerth geweſen wäre. Am trübſelig⸗ ſten zeigte ſich ein ziemlich tief liegendes Parterre, welches mit Roſen umpflanzt war, deren hohe Stämme und lange Ranken ſehr den Schnitt eines verſtändigen Gärtners ver⸗ miſſen ließen. Daß einige der Kranken ſehr unregelmäßige landwirthſchaftliche Verſuche anſtellten, dort ein Stück Land umgruben, hier einen neuen Weg anzulegen verſuchten, ohne dabei auf Zweckmäßigkeit oder Symmetrie die geringſte Rück⸗ ſicht zu nehmen, machte den Platz für das Auge nicht erfreu⸗ licher. Dieſes Parterre mußte man durchſchreiten, um nach dem gegenüber liegenden höhern Theil des Gartens zu ge⸗ langen, wo es jetzt im Spätherbſte, da die Bäume ſchon viel Laub verloren hatten, welches in gelben Maſſen den Boden bedeckte, etwas freundlicher ausſah, ohne daß ſelbſt hier ei⸗ gentlich ein Aufenthalt geweſen wäre, genügend heiter, um ein umdüſtertes Gemüth wieder aufleben zu laſſen. Zur Unterhaltung der Kranken ſah man hier eine Kegel⸗ — — — ——— — — — — — — 156 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. bahn, eine Schaukel, ſo wie Tiſche und Bänke, roh aus Holz gezimmert, letztere namentlich zahlreich um ein kleines Waſſer⸗ becken, welches durch einen Strahl geſpeiſ't wurde, der, in einen Stein gefaßt, aus dem weit geöffneten Munde eines grotesken menſchlichen Antlitzes hervorſprang. Dr. Hender⸗ kopp war der Anſicht, daß dieſes gleichförmige Plätſchern des Waſſers beruhigend auf die Kranken einwirke, und war dies vielleicht eine richtige, jedenfalls wohlfeile Einrichtung. Hier hingen auch an langer eiſerner Kette zwei hölzerne Becher zum beliebigen Gebrauche. Rings um den Garten herum liefen die noch gut erhal⸗ tenen Mauern des ehemaligen Kloſters, um einem etwaigen Entweichungs⸗Verſuche der Penſionäre vorzubeugen, und zu gleichem Zwecke, ſo wie auch um etwaige Differenzen zu ſchlichten, befand ſich ein handfeſter Wärter im Garten, der übrigens von ſeiner Amtsgewalt ſelten oder nie Gebrauch zu machen genöthigt war, denn da ſich Dr. Henderkopp nur mit leicht zu behandelnden Kranken abgab, ſo befand ſich hier eine ziemlich ruhige und harmloſe Geſellſchaft. Dieſe dem geneigten Leſer flüchtig zu ſkizziren, halten wir dem Verlaufe der Geſchichte gemäß für nothwendig. An dem eben erwähnten Waſſerbecken ſaß ein kräftig gebauter Mann in vorgerückten Jahren in grauer Juppe mit grünem Kragen, eine einfache Jagdmütze von gleicher Farbe auf dem ſchon etwas ergrauten, ſtarken und buſchigen Haare. Er blickte zu einer prachtvollen Buche empor und ſagte in ruhigem, ganz leidenſchaftsloſem Tone zu dem Wärter, der neben ihm ſtand:„Ich habe es ja ſchon vor vier Wochen geſagt, daß ich fürchte, dieſer ſchöne Baum werde abſterben; ich, ein alter und erfahrener Förſter, muß das wiſſen. Steh Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 157 dort oben, wie die Zweige nicht gleichförmig kahl werden, ſondern zwei der ſtärkſten Aeſte durch die Laubmaſſen hindurch bis auf den Hauptſtamm ihre Blätter verloren haben, die werden dürr oder ſind es jetzt ſchon und greifen das Mark des Stammes an.“ Der Wärter, welcher die Hände in ſeinen Hoſentaſchen ſtecken hatte, blickte gleichgültig in die Höhe und erwiderte: „Sie mögen Recht haben, wenn man die Erlaubniß bekäme, ſollte man ihn umhauen; das gäbe Luft und ein gutes Quan⸗ tum Brennholz.“ Der Förſter ſenkte den Kopf ein wenig auf die Seite, maß den Stamm mit prüfendem Blick und meinte:„Ich werde mich nicht um zwei Scheite verrechnen, wenn ich Euch ſage, daß der Stamm ſeine ſechs Klafter gibt, aber das Herz im Leibe thut einem weh, wenn man ſo einen Rieſen um⸗ hauen läßt.“ „Na, etwas mehr Luft und Licht könnten wir hier ſchon gebrauchen.“ „Habt Ihr meine Baumpflanzung geſehen?“ fuhr der Andere nach einer Pauſe fort;„es iſt eine Freude, zu ſchauen, wie geſund die Stämmchen dieſes Jahr ſtehen, das Laub will gar nicht von den Zweigen fallen, ſo kröftig war es heraus⸗ gewachſen.“ Raſchelnde eilige Fußtritte hörte man, und der Förſter, der raſch auf die Seite blickte, machte ein finſteres und dabei unruhiges Geſicht. Es näherte ſich ein langer, hagerer Mann, mehr hüpfend als gehend, gut gekleidet, den dunkeln Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, die Hände hinten in die Rocktaſchen geſteckt, aus welchen eine große Menge ge⸗ druckten Papiers hervorſah. Er lächelte auf eine freundliche — — — — — —— — — — 158 Sieben undzwanzigſtes Kapitel. Art, und als er ſo tänzelnd neben den Beiden angekommen war, begrüßte er ſie freundlich durch zweimaliges Kopfnicken, blieb dann auf einmal gerade vor dem waſſerſpeienden Stein⸗ kopfe ſtehen, zog vor dieſem den Hut ab und ſagte, nachdem er ſich faſt bis zur Erde verneigt:„Ich werde mir ſpäter die Freiheit nehmen, die Fortſetzung Ihrer wunderbaren Vor⸗ leſung zu hören, jetzt ſind wir leider nicht allein. Ich habe die Ehre, Sie unterthänigſt zu grüßen.“ Nach einer aber⸗ maligen tiefen Verbeugung hüpfte er eben ſo tänzelnd, wie er gekommen, davon. „Der Narr!“ ſprach der Förſter mit finſtern Blicken, in denen jetzt ein unheimliches Feuer loderte;„Ihr werdet ſehen, Gevatter, daß ich Recht habe, vollkommen Recht, wie ich Euch ſchon oft geſagt, er iſt gerade der Teufel, den ich mit aller Gewalt nicht hinunter ſchlucken kann, und im Schlucken von Teufeln habe ich was geleiſtet, das müßt Ihr mir zugeben.“ Der Wärter, der dem Kranken in die Augen blickte, zog raſch ſeine Hände aus den Hoſentaſchen und klopfte ihm freundlich auf die Schulter.„Ach was,“ ſagte er in mun⸗ terem Tone,„denken wir nicht an ſo was. Kommen Sie, zeigen Sie mir Ihre Baumpflanzungen! Alſo die Blätter wollen nicht herabfallen? Das müſſen ja merkwürdig geſunde Stämmchen ſein.“ Statt daß der Andere ſich aber erhob, um die Stämm⸗ chen zu beſehen, die er vorhin ſo gelobt, verzerrte er jetzt ſein Geſicht auf eine gräuliche Art, öffnete den Mund, ſchloß ihn wieder, ſchluckte unzählige Male mit großer Anſtrengung und drückte dabei die Hände vor ſeinen Leib. Zuweilen hielt er einen Augenblick inne, ſah nach dem Wärter, und wenn Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 159 er ihm alsdann zunickte, war ſein Blick etwas ruhiger. Auch murmelte er in ſolchen Zwiſchenmomenten:„Seht Ihr, wie hart es geht? Neunhundert Teufel habe ich bereits nieder⸗ geſchluckt.“ Dann aber fing das Schlucken und Würgen mit dem tollſten, faſt komiſchen Geſichtsverdrehen aufs neue an, und dazwiſchen ſtöhnte er nach längerer, angeſtrengter Arbeit: „Neunhundertneunzig— ein— zwei— drei— vierundneunzig —— achtundneunzig—— neunundneunzig— o mein Gott, es gelingt mir nicht, ich bringe den tauſendſten nicht hinab und muß deßhalb immer von vorn anfangen! Iſt das nicht ein grenzenloſer Jammer? Wenn ich einmal den tauſendſten hinabwürgen könnte, ſo hätte ich Ruhe, aber ſo muß ich im⸗ mer wieder von vorn anfangen.“ Er hielt erſchöpft inne und ließ den Kopf betrübt auf die Bruſt hinabſinken. „Na, laſſen Sie es gut ſein,“ meinte in ſeine Ideen eingehend der Wärter, welcher dieſen Anfällen häufig genug zugeſehen hatte,„nächſtens gelingt es doch einmal.“ Der Förſter ſchüttelte betrübt ſeinen Kopf, worauf er ſeufzte:„O, ich habe dieſes ſchon ſo unzählige Male verſucht, und kann es immer nicht zu Stande bringen; neunhundert⸗ neunundneunzig ſitzen hier unten, aber an dem tauſendſten mag ich ſchlucken, wie ich will, ich fühle, wie er mir wider⸗ ſtrebt, wie ich ihn nicht feſt halten kann, und wie er hohn⸗ lachend davonflattert. Wißt Ihr auch,“ ſprach er nach einer Pauſe leiſer und flüſterte geheimnißvoll weiter, während er den Wärter an ſeine Seite zog,„wißt Ihr auch, wer der tauſendſte iſt?— Entweder der Narr da oder der Doktor ſelbſt. Glaubt einem ehrlichen Manne, der es genau weiß, — — —— — — 160 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. glaubt mir, aber ſprecht nicht darüber. Ich habe ſchon lange den Gedanken gehabt, den Doctor einmal vorzunehmen und mit Honig zu beſtreichen, erſtens, daß er ſüß werde— puh, er iſt ſo gallenbitter— und zweitens endlich, daß er glatt werde, damit ich ihn doch einmal hinabwürgen könnte.“ Nach dieſen Reden blieb er eine Zeitlang ſtill in ſich gekehrt ſitzen, den Oberkörper vornüber gebeugt, die Hände gefaltet, wobei er den Kopf langſam hin und her ſchüttelte; dann zog er einen tiefen Seufzer, wie man zu ſagen pflegt, aus dem tiefſten Grunde ſeines Herzens und ſprach, langſam aufſtehend:„Da iſt nun einmal nichts zu machen; kommt, gehen wir nach der Baumſchule!“ Der Wärter wollte dieſer Aufforderung folgen und mit ihm nach dem anderen Ende des Gartens gehen, als ein neuer Patient ſchüchtern herangeſchlichen kam und auf einige Schritte Entfernung mit tief geſenktem Kopfe und faſt komiſch aufwärts gerichteten Augen mit einem bittenden Ausdruck in denſelben ſtehen blieb; auch hatte er ſeine Hände zuſammen⸗ gelegt und bewegte ſie demüthig auf und ab, wie kleine Kinder zu thun pflegen, wenn ſie ein inniges Begehren aus⸗ 1 8 9 7 drücken wollen. Der Wärter ſchüttelte ſeine Hand verneinend gegen ihn Nein, nein, es iſt noch zu früh, das tele⸗ und rief ihm zu:„2 graphiſche Bureau kann noch nicht geöffnet werden; auch iſt die Luft zu neblig, man ſieht in der Entfernung die Zei⸗ chen nicht.“ „O ja, man ſieht ſie,“ verſetzte der Kranke heftig,„ge⸗ deut⸗ wiß, man ſieht ſie, man wird ſie ganz deutlich ſehen, lich, wie noch nie; und dann iſt es hohe Zeit, daß en, denn eine ungeheure Menge wartet ſo die Bu⸗ reaux aufgemacht werd Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 161 draußen, um ihre Depeſchen aufzugeben. Natürlicher Weiſe gehen die Ihrigen vor,“ ſetzte er raſch hinzu,„ja, gewiß gehen ſie vor! Bitte, geben Sie mir Ihre Depeſche und laſſen Sie mich den Telegraphen in Bewegung ſetzen.“ Der Förſter hatte etwas in den Bart verrückten, unausſtehlichen Kerlen. gemurmelt von und ging darauf, die Hände auf den Rücken gelegt, mit ſtrammen, feſten Schritten allein davon. „Na,“ ſagte der Wärter nach einer Pauſe, indem der Andere in einem fort pantomimiſch ſprach und flehte,„ich will gern erlauben, daß die Bureaux geöffnet werden und auch ſelbſt eine wichtige Depeſche aufgeben; aber wollen Sie denn nie zu der Einſicht gelangen, daß der Zeichen⸗Telegraph eine veraltete Einrichtung iſt? Geben Sie doch dem Herrn Doctor ein gutes Wort, daß er Ihnen einen elektriſchen Te⸗ legraphen einrichten läßt.“ Der Kranke, ohne ſeinen Kopf zu erheben, ſchüttelte den⸗ ſelben raſch hin und her und ſagte dann mit einer Geſchwin⸗ digkeit und Zungenfertigkeit, die ſeine Worte kaum verſtehen ließen:„Der elektriſche Telegraph hat durchaus den Erwar⸗ tungen nicht entſprochen, die man von ihm gehegt, er iſt dem Verderben ausgeſetzt, in der Erde durch Näſſe und Trocken⸗ heit, durch Regenwürmer und Eidechſen, durch Maulwürfe, die gern davon profitiren möchten, durch den Blitz, der noch tauſend Klafter tiefer hineinſchlägt, und durch andere natür⸗ liche und ſeltſame Umſtände, deren Herzählung Sie mir ge⸗ ſtatten mögen, zu unterlaſſen. In der Luft— hier ſchöpfte er heftig Athem— ſind die Vögel, fliegende Drachen, böſe Buben, Revolutionäre, Krieg, Feuer, Brand und Waſſer Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 11 — — — 162 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. höchſt gefährlich; was nun gar die unterſeeiſchen Telegraphen anbelangt, ſo—“ „So ſind wir darüber einverſtanden,“ ſagte ruhig der Wärter, während der Andere abermals heftig den Athem an ſich zog,„daß ſie nicht praktiſch ſind.“ „Fiſche und Meerungeheuer, vor allem Klippen und Sandbänke—“ der Wärter;„alſo laſſen wir in „Gewiß, gewiß,“ rief Gottes Namen denn den optiſchen Telegraphen ſpielen. Hier chmieriges, graues Papier iſt meine Depeſche— er zog ein ſ aus der Taſche— aber wenn dieſe Depeſche zu Ende iſt, wird geraſtet, haben Sie mich verſtanden? Sonſt ſchließe ich die Bureaux für immer zu.“ Ein Strahl von Freude flog über des unglücklichen Telegraphiſten, eines Mannes, gehen der optiſchen Telegraphen penſionirt und darauf ge⸗ müthskrank wurde. Er ergriff haſtig das Papier und eilte an eine Stelle der Gartenmauer, wo ſich ein Auftritt befand, vermittels deſſen man in die weite Landſchaft blicken konnte; dort ſtellte er ſich hin, legte die erhaltene Depeſche vor ſich auf die Mauer und telegraphirte mit den Armen und mit dem Kopfe, wobei er Verrenkungen neue, bisher noch unbekannte Körpergelenke ſchließen ließen. Der Wärter nahm eine große Schnupftabaks⸗Doſe aus der Taſche und ſchickte ſich an, einen Gang durch ſein Revier zu machen; doch hatte er kaum zwei Schritte gethan, als ein neuer Kranker zu ihm hintrat, ſeinen Schritt nach dem des Wärters regelte und ein Zeitungsblatt vorwies, das er in der linken Hand hielt, und worauf er mit der rechten wieder⸗ holt ſchlug, wie um Aufmerkſamkeit zu erregen. Er hatte ein die eingefallenen Züge der beim Ein⸗ zum Vorſchein brachte, die auf 3 Die Anſtalt des Dr. Henderkopp. 163 ernſtes, vertrocknetes Geſicht, auf der großen knöchernen Naſe eine ſchwere Brille, und da er die Augenbrauen hoch empor zog, ſo wie die Lippen feſt zuſammen preßte, ſo gab ihm dies das Ausſehen eines Mannes, der nach langen Forſchungen zu einem befriedigenden Reſultat gelangt iſt. „Nun,“ fragte der Wärter, indem er langſam weiter ging,„ſind noch Druckfehler zu finden?“ „Ich habe ſie gefunden,“ erwiderte der Kranke mit einer tiefen Stimme,„obgleich das ganz unbegreiflich iſt in einem ſtereotypirten Satze, von dem der geſtrige Abzug correct und ohne Fehler war; Geiſt und Herz ſind ganz in Ordnung, aber in der Publicität da fehlt es; da finde ich hartnäckige Druckfehler, und was das Eigenthümliche iſt, wenn ich ſie in dieſem Augenblicke corrigirt habe, ſind ſie im nächſten ſchon wieder da— unbegreiflich— unerhört! Rathen Sie mir, was ich machen ſoll!“ „Da iſt guter Rath allerdings theuer,“ meinte der Wär⸗ ter,„aber zum Glück kommt da der Herr Dr. Henderkopp, der iſt ein ſehr gelehrter Herr und wird auch noch ein Mittel für Sie ausfinden.“ Der Druckfehlerfänger machte bei Nennung dieſes Na— mens ein ſehr ſaures Geſicht, ſchüttelte heftig mit dem Kopfe, und als er ſich hierauf langſam nach dem Hauſe umſchaute, von wo der eben Erwähnte die Treppen hinabſtieg, brachte er ſein Zeitungsblatt dicht vor die Augen, und während er eifrig in demſelben zu ſtudiren ſchien, verlor er ſich mit ra⸗ ſchen Schritten zwiſchen die Bäume des Gartens. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Von den Kranken des Dr. Henderkopp. In der That war es Dr. Henderkopp in eigener Perſon, welcher in Begleitung ſeiner Braut und ſeiner zukünftigen Schwiegermutter zu dem verwahrloſ'ten Roſenparterre hinab⸗ geſtiegen war. Die letztere hatte ſich ſeit langen Jahren zum erſten Male zu einem modiſchen Hut entſchloſſen, welcher ihr aber unbequem zu ſitzen ſchien, denn ſie zog bald die rechte, bald die linke Schulter in die Höhe und auch häufig bald hier, bald da an dem ſteifen Hutrande. Sophie ſah ziemlich bleich aus und hatte trotz des neuen ſchwarzſeidenen Kleides, des ſchönen grünen Shawls und des weißen zierlichen Sei— denhutes doch nicht die Haltung, die man berechtigt iſt, von einer glücklichen Braut zu verlangen; auch hing ſie, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, ziemlich locker am Arme ihres Bräutigams. Es ſchien kein rechter Zuſammenhang zwiſchen Beiden zu ſein, und ſtatt an den blauen, klaren Himmel hin⸗ auf zu blicken, betrachtete ſie eifrig das vergilbte Laub, wel⸗ ches unter ihren Füßen raſchelte. Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 165 „Das Gärtchen hier ſieht ziemlich verwahrloſ't aus,“ ſagte die Wittwe Speiteler in gutmüthigem Tone,„es hat et⸗ was Trauriges, was ſich aber leicht ändern ließe; man müßte nur die Wege beſſer putzen, das Unkraut entfernen, auch die Roſen ſollte man ziemlich zuſammenſchneiden. Ich will Ihnen was ſagen, Herr Schwiegerſohn,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie eine der langen Ranken in die Höhe gehoben und kopfſchüttelnd betrachtet,„nächſtes Frühjahr zur Zeit des Roſenſchnitts komme ich ſelbſt hieher und werde das Geſchäft beſorgen, denn Sie können ſich darauf verlaſſen, ich verſtehe es aus dem Fundament, habe ich doch nicht umſonſt den Garten meines Vaters unter Aufſicht gehabt.“ Der Direktor der Privat⸗Irren⸗Anſtalt hatte leicht ſeine Augen geſchloſſen und gab zur Antwort, nachdem er eine un⸗ erkennbare Melodie leiſe vor ſich hin gepfiffen.„Meine liebe Madame, wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir das alles der Zukunft vorbehalten. Gewiß bin ich gern geneigt, freundliche Aenderungen zu treffen, doch müſſen ſich dieſe Aenderungen mit den Zwecken der Anſtalt vereinbaren laſſen. Hier zum Beiſpiel werden Sie bemerken, daß es den Kranken der An⸗ ſtalt erlaubt iſt, Gartenbeete umzugraben und Wege nach ihrem Gutdünken anzulegen.“ „Das ſehe ich wohl,“ erwiderte eifrig die Wittwe;„aber nehmen Sie mir nicht übel, Herr Schwiegerſohn, man ſollte die Narren anhalten“— ſie ſprach dieſes Wort in ihrer gutmüthigen Weiſe, ohne etwas Böſes dabei zu denken— „das Umgraben und Anlegen mit etwas Ordnung zu machen.“ Dr. Henderkopp zog ein ſaures Geſicht und verſetzte in ſcharfem, verdrießlichem Tone:„Dieſen Namen, Madame, höre ich ſehr ungern; man nennt dieſe Art von Kranken —— — —= — — ——= — 166 Achtundzwanzigſtes Kapitel. wohl Gemüthskranke, aber nicht Narren; es ſoll dies hier kein Narrenhaus vorſtellen.“ Sophie, die ſchon längſt unter dem Vorwande, eine ſpäte, kümmerliche Roſe zu pflücken, den Arm ihres Bräutigams losgelaſſen hatte, ſchauerte leicht zuſammen und ſenkte ihren Kopf tief hinab auf dieſe Roſe, deren halbverwelkte Blätter bei einer leichten Berührung ihrer Finger zu Boden flatterten. „Ich habe damit nichts Unangenehmes ſagen wollen,“ rief Frau Speiteler, die ſich nicht leicht aus der Faſſung bringen ließ, heiter aus;„aber in der Sache habe ich doch Recht. Nicht wahr, Sophie, wir wollen das ſchon arran⸗ giren?— „Gewiß, Mutter.“— „Wenn es Ihnen gefällig iſt, wollen wir jetzt weiter gehen,“ ſprach der Direktor der Anſtalt, und bot ſeiner Braut den Arm, welche ſich auch willenlos von ihm führen ließ. Oben an der Treppe trat ihnen der Wärter entgegen und meldete dem Direktor, daß es nichts weſentlich Neues gäbe.„Der Förſter,“ ſagte er in gleichgültigem Tone,„hat wieder einmal einen Anfall gehabt, und der Telegraphiſt iſt dort hinten in voller Arbeit.“ Sophie folgte mit ihren Augen dem Finger des Wär⸗ ters, und als ſie oben an der Mauer einen Mann ſtehen ſah, der auf ſo eigenthümliche und heftige Art die Arme und den Kopf verdrehte, trat ſie dicht an ihre Mutter heran und blickte dieſer fragend, ängſtlich in die Augen; war doch ſelbſt das Lächeln der unerſchütterlichen Frau bei dieſem Anblick ein gezwungenes, und klang es doch beſorgt, als ſie fragte: „Thut der Mann dort, der ſo heftig mit den Armen um ſich chlägt, nie jemand etwas zu Leide?“ G. Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 167 Sie hatte ihre Frage an den Wärter gerichtet, der ihr ruhig zur Antwort gab:„O nein, jetzt iſt er ziemlich ruhig geworden, und wenn er es gar zu toll treibt, ſtecken wir ihn einen Tag in die Zwangsjacke oder in die Tobzelle, da wird er gleich geſchmeidig.“ Der Direktor ſchüttelte mit finſterer Miene ſeinen Kopf und erwiderte:„Das ſollte überhaupt häufiger geſchehen; Ihr faßt mir den da viel zu gelinde an.“ Der Wärter zuckte die Achſeln und entgegnete:„Er bat ſo demüthig, daß ich nicht ſcharf mit ihm umgehen mochte; auch erlaubte ich ihm nur, eine einzige Depeſche zu telegra⸗ phiren, er muß gleich fertig ſein.“ „So laßt ihn endigen.— He da oben!“ rief der Doctor in ſo lautem und hartem Tone, daß der Telegraphiſt an der Mauer ſich umwandte, und als er die erhobene Hand des ſtrengen, gefürchteten Herrn erblickte, augenblicklich von ſeinem Steine herabſprang und, die Hände toll um den Kopf ſchwin⸗ gend, mit großen Sätzen davonlief. „Sie ſehen, meine liebe Sophie, wie ſchnell man mir hier gehorcht,“ wandte ſich der Direktor der Privat⸗Irren⸗Anſtalt mit dem ſüßeſten, wohlwollendſten Lächeln von der Welt an ſeine Braut;„ſo muß es aber auch ſein, wenn ich winke, müſſen ſie aus Furcht zuſammenfahren.— Was macht unſer widerſpänſtiger Graf?“ wandte er ſich an den Wärter;„hat ihn die dunkle Zelle ein wenig über ſeine Stellung hier im Hauſe aufgeklärt?“ „Es ſcheint ſo,“ gab der Wärter zur Antwort;„freilich ſprach er kein Wort mit mir, als ich ihn herausließ; er be⸗ trachtete mich nur, wie er ſo oft zu thun pflegt, mit ſeinen großen dunkeln Augen und ſchlich ſich in den Garten.“ 4 168 Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Und wo iſt er jetzt?“ „Wo er immer zu ſein pflegt, dort bei der Baumpflan⸗ zung des Förſters, da ſitzt er an dem vergitterten Mauer⸗ fenſter und ſtarrt in die Gegend hinaus.“ „Ich werde zu ihm gehen,“ verſetzte der Doctor in be⸗ ſtimmtem Tone,„und den Verſuch machen, ihm zu beweiſen, daß Widerſetzlichkeiten hier im Hauſe nicht zuläſſig ſind und daß es mir durchaus nicht darauf ankommt, die dunkle Zelle durch alle Grade hindurch bis zur Zwangsjacke zu verſtärken; es iſt das ein bösartiger und verſtockter Kamerad, der an⸗ gebliche Herr Graf.— Darf ich bitten, mich zu begleiten?“ wandte er ſich an die beiden Damen. „Ich möchte lieber hier bleiben,“ flüſterte Sophie ihrer Nutter zu; doch verſetzte dieſe: „Ei was, man muß ſich in der Welt an alles gewöhnen, und da es ſpäter zu deiner Lebensaufgabe gehört, mit dieſen — Herren umzugehen, ſo mußt du einen allenfallſigen Wider⸗ willen zu überwinden ſuchen. Ueberdies bin ich ja auch da!“ „Aber du biſt nicht immer hier,“ flüſterte leiſe die Braut. „Darf ich bitten?“ fragte Dr. Henderkopp, der ein paar Schritte vorausgegangen war und nun ſtehen bleibend ſich umſah. Mutter und Tochter folgten denn auch dieſer Bitte; die erſtere ſchaute aufmerkſam nach allen Seiten hin und es er— ſchien ihr äußerſt ſonderbar, verſchiedene Geſtalten zwiſchen den Bäumen zu entdecken, die, ſo wie ſich der Direktor der Anſtalt zeigte, von ihren Sitzen auffuhren oder hinter dicke Stämme huſchten, um ſich zu verſtecken. Die ſind gehörig im Reſpect, ſprach ſie zu ſich ſelber, und wenn ſie dabei an ihre Knechte dachte, welche ſie, eine Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 169 ſo reſolute Frau, ſo ſchwer in der Botmäßigkeit und Ehr⸗ furcht erhalten konnte, ſo ſtieg ihre Achtung vor dem zu⸗ künftigen Schwiegerſohne bedeutend. Madame Speiteler aber dachte nicht daran, daß ſie in ihrem Hauſe in der Balkengaſſe weder Schläge noch Hunger, weder Dunkelarreſt noch Zwangs⸗ jacken anwenden durfte— Dinge, welche hier an der Tages⸗ ordnung waren und die armen Kranken ungefähr mit dem⸗ ſelben freundſchaftlichen Gefühle gegen den Doctor beſeelten, welches ein Thier in ſeinem Käfige empfindet, wenn es, durch ziemlich ähnliche Mittel überwältigt, in die vorgehaltenen Eiſenſtangen beißt. Während die Drei ſo dahin ſchritten, floß der Mund des Direktors über von lehrreichen Bemerkungen über dieſen und jenen Kranken, ließ auch einen oder den anderen derſel⸗ ben, der gerade in ſeine Nähe kam, durch den Wärter an⸗ halten, ſo auch den armen Druckfehlerfänger, der ihn durch ſeine großen Brillengläſer erſchreckt anblickte und, haſtig auf ſein Zeitungsblatt ſchlagend, raſch die Worte hervorſtieß: „Sehr viel Druckfehler, ungeheuer viel Druckfehler, auch in Geiſt und Herz, nicht bloß in Publicität— erſtaunlich, ſchrei⸗ ben letzteres vorn mit einem weichen, hinten mit einem harten B.— O, unverantwortlich— unverantwortlich.— Hm?“ machte er plötzlich fragend, indem er dem Doctor ſein Zei⸗ tungsblatt vor die Naſe hielt und ihm von unten herauf in die Augen ſchaute. „Es iſt ſchon gut, mein Freund,“ bemühte ſich Herr Henderkopp in ſanftem Tone zu ſagen,„ſuchen Sie die Druck⸗ fehler nur auf und corrigiren Sie fleißig, Sie werden ſehen, daß Sie nach und nach immer weniger finden.“ Der Druckfehlerfänger entfloh eilig, als ihn der bleierne 170 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Glanz der blauen Brille nicht mehr feſthielt, wie der Blick der Schlange das ſchüchterne Reh. „Er macht ſich bedeutend beſſer,“ ſagte der Wärter leb⸗ haft,„vor einer Stunde fand er nur noch Druckfehler in Publicität, ich glaube doch, wir kommen ſo weit, daß er keine mehr finden wird.“ „Es iſt der Factor einer großen Druckerei,“ erklärte der Doctor,„der bei ſeinem mühſeligen Geſchäft endlich ſo weit kam, überall Druckfehler zu ſehen. Dazu kam noch der täglich überwältigende Anblick des Kopfes ſeines Journals, was auch höchſt nachtheilig auf ſeinen Geiſt einwirkte, und ſo fing ſeine Krankheit damit an, daß er in dem ſtereotypirten Satze eines Werks Druckfehler ſuchte und zu finden glaubte.“ Bei dieſen Worten waren ſie weiter gegangen und hat⸗ ten die Baumpflanzung erreicht, wo der Förſter emſig be— ſchäftigt war, den Boden um die Stämmchen zu lockern und Zwiſchen dieſer Arbeit den ſchwachen feſte Stützen zu geben. der am Ende der An⸗ ſprach er mit einem andern Manne, auf einer Bank ſaß und durch eine vergitterte Oeff⸗ pflanzung ſchimmernde nung in der Mauer auf die im Sonnenglanz ſ Landſchaft blickte. Obgleich der Sitzende dem Anderen den Rücken zukehrte, ſo ſchien er doch auf deſſen Worte zu lau⸗ ſchen, denn zuweilen nickte er wie beiſtimmend mit dem Kopfe. Als der Doctor mit den beiden Damen näher trat, zog der Förſter ſeine Mütze herunter, warf ſie hoch in die Luft unbekümmert darum, wo ſie niederfiel, und brummte dann mit finſterer Miene ſeinen Gruß, ohne weiter die Arbeit, die er vorhatte, zu unterbrechen. Der Direktor nickte leicht mit dem Kopfe und ging zu dem, der an der Mauer ſaß, den er mit den Worten an⸗ n ◻ᷣ Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 171 redete:„Nun, wie ſteht's heute, mein Freund, ſind wir freund⸗ lich und gehorſam?“ Es erfolgte keine Antwort, und als dieſe auch bei einer zweiten ähnlichen Anſprache ausblieb, berührte der Doctor mit ſeinem Spazierſtocke leicht die Schulter des hartnäckig Schweigenden. Doch ſprang dieſer jetzt in die Höhe, wiſchte heftig mit der Hand über ſeine Schulter, drehte ſich raſch gegen den Fragenden um und beſchaute ihn mit blitzenden Augen von oben bis unten. Es war dies eine eigenthümliche Geſtalt und ein noch eigenthümlicheres Geſicht. Sein Alter konnte man ſchwer auch nur annähernd ſchätzen; ein krauſer, ſchwarzer, voller Bart, ſo wie langes, gleichfalls ſchwarzes Haar hüllten ſeinen Kopf ſo vollſtändig ein, daß man außer der hohen, bleichen Stirn und der geraden, wohlgeformten Naſe nur einen kleinen Theil der Wangen ſah und von den blaſſen Lippen ſehr wenig, da er ſie feſt aufeinander gepreßt hielt. Wenn graue Streifen in ſeinem Haupthaar von reiferen Jahren zu zeugen ſchienen, ſo ſprach ſich dagegen in dem leuchtenden Glanz der Augen, ſo wie in der, wenngleich magern, doch ſchön gebau⸗ ten und elaſtiſchen Körpergeſtalt die Kraft der Jugend aus. Sein Anzug ſchien verwahrloſ't und doch wieder gewählt: er trug Schuhe mit weißen Strümpfen, nachläſſig angezogene Sommerbeinkleider, einen grauen leinenen Rock, den er auf der Bruſt nicht zugeknöpft hatte, und ſeinen Hals umſchloß locker ein langes ſchwarzes ſeidenes Tuch, deſſen beide Enden vorn über ein rothes wollenes Hemd herabfielen. Als er ſaß, hielt er auf den Knieen einen Strohhut, den er jetzt langſam auf ſein langes, dichtes Haupthaar ſetzte und durch einen leichten Schlag dort feſtdrückte. Hierauf kreuzte er ruhig —— 172 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſeine Arme über die Bruſt und blickte dem Direktor der Privat⸗Irren⸗Anſtalt feſt in das Geſicht. „Wir ſcheinen doch noch übel gelaunt zu ſein,“ wandte ſich dieſer an den Wärter, welcher achſelzuckend daneben ſtand; „wir ſcheinen unſere ſüdliche Tigerlaune zu haben, wir wol— len wahrſcheinlich wieder eingeſperrt werden?“ Dieſe Worte ſprach Dr. Henderkopp mit einer boshaften Behaglichkeit, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß er ſelbſtgefällig dabei lächelte.„Wie befinden ſich der Herr Graf?“ Auf dem Geſichte des alſo Angeredeten zeigte keine Spur von Bewegung an, daß er die Worte ſeines Quälers verſtanden, nachdem aber ſeine Augen, welche allein und ſehr deutlich ſprachen, noch ein paar Sekunden die blauen Brillen fixirt hatten, nahm der Kranke mit einer ſichern und zierlichen Handbewegung ſeinen Strohhut ab, wandte ſich gegen die beiden Damen und redete ſie mit tiefer, wohlklingender Stimme an:„Mesdames, j'ai Thonneur de vous saluer. Si Monsieur le Docteur avait eu seulement une idée de bienséance, il me vous aurait présenté. „Laſſen wir das, mein Freund,“ unterbrach ihn raſch der Doctor.„Sie wiſſen, daß ich es Ihnen ein- für allemal verboten habe, Fremde, die meine Anſtalt beſuchen, mit Ihren fixen Ideen zu beläſtigen. Seien Sie folgſam, gehorſam, das allein iſt im Stande, Ihnen hier einen angenehmen Auf⸗ enthalt zu verſchaffen. „Agréable— jamais, c'est'enfer sur la terre, et vous Docteur, ôtes—“ „Der letzte Teufel, den ich nicht niederſchlucken kann,“ brummte der Förſter in den Bart. Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 173 „Gebhard,“ rief der Doctor ſo laut und gebieteriſch dem Wärter zu, daß er die Bemerkung des ruhig Arbeitenden überhörte und auch der andere Kranke verſtummte,„ich ſehe, die dunkle Zelle hat noch keine Wirkung gethan, wir wollen die Douche ein wenig ſpielen laſſen. Ich will doch einmal ſehen, ob ich dieſen widerſpänſtigen Herrn nicht zum Gehor— ſam zwingen kann. Ja, ja, die Douche, Gebhard, und fort⸗ gefahren, bis ich ſelbſt komme und ſage: genug.“ Ein paar Sekunden lang zuckte eine ungeheure Wuth über die Züge des Kranken, er fuhr mit ſeinen Armen aus⸗ einander und faßte mit ſeinen Fingern in die leere Luft, als ſuche er irgend eine Waffe zu erfaſſen und ſeinen Quäler damit zu Boden zu ſchlagen. Auch ſchien ihm der Förſter dabei behülflich ſein zu wollen, denn dieſer ſchleuderte die Hacke, mit welcher er gearbeitet, in ſeine Nähe, doch trat Gebhard mit ſeiner kräftigen breitſchultrigen Geſtalt dicht an ihn heran und hob drohend den Zeigefinger ſeiner ſchweren Fauſt in die Höhe. Der Kranke bedeckte einen Augenblick ſein Geſicht mit beiden Händen, und als er dieſe wieder hinabſinken ließ, war er noch bleicher als vorher, ſeine Lippen zuckten und ſtießen abgebrochen und mühſam die Worte hervor:„O, meine Damen, bitten Sie für mich! Nicht Douche, um Gottes willen nicht Douche!— Sie macht wahnſinnig meinen armen Kopf! Ich will ruhig ſein— ſehr ruhig— bis—“ Ein ſeltſames Gefühl hatte ſelbſt die feſten Nerven der Wittwe Speiteler erſchüttert, und als ſich ſchon bei den erſten Worten der eben ſtatt gehabten Unterredung Sophie vom Arm ihrer Mutter losmachte, um leiſe den Weg, den ſie ge⸗ kommen waren, zurückzukehren, mochte ſie ſie nicht zurückhal⸗ 174 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ten. Sie ſelbſt dagegen blieb ſtehen, ja, ſie ſtemmte unter der ungewohnten ſchwarz-⸗ſeidenen Mantille ihre Arme in die Seite, wobei ſie unmuthig auf den Doctor blickte und feſt entſchloſſen war, wenn er eine Gewaltthätigkeit gegen den armen Kranken, für den ſie ſich intereſſirte, zur Ausführung bringen laſſen wollte, für den Letzteren recht energiſch Partei zu ergreifen. Doch kam es dieſes Mal nicht ſo weit. Der Doctor ließ die blauen Beillengläſer eine Zeit lang feſt und unver⸗ wandt auf dem Geſichte ſeines Opfers ruhen, und begnügte ſich dann damit, dem Wärter zu ſagen:„Alſo laſſen wir's für jetzt gut ſein, aber bei der erſten Unart, bei der erſten noch ſo geringen Widerſetzlichkeit Douche und Drehſtuhl. Der Burſche da wäre im Stande, meine ganze Autorität in Frage zu ſtellen.— Wo iſt Sophie?“ ſetzte er fragend, indem er ſich umblickte, hinzu. „Sie iſt dort hin gegangen,“ gab Madame Speiteler zur Antwort,„da ſitzt ſie auf der Bank unter den hohen Bäumen.“ „Wir wollen ſie aufſuchen,“ ſagte Herr Henderkopp miß⸗ muthig den Kopf ſchüttelnd, und während ſie dem bezeichne⸗ ten Orte zuſchritten, fuhr er in erhöhtem ſcharfem Tone fort: „Es will mir das an Sophie durchaus nicht gefallen, daß ſie ſo gar keinen Antheil an meinen Schöpfungen zu nehmen ſcheint. Meine liebe Madame, Sie werden begreifen, daß man, um die Ehre zu haben, Direktorin einer ſo berühmten Anſtalt zu werden, das zimperliche ſchüchterne Weſen ablegen muß; meine Gattin muß gewiſſermaßen meine Stelle ver— treten können, mich wenigſtens unterſtützen, ſo weit man es überhaupt von einer Frau verlangen kann.“ Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 175 „Allerdings, mein lieber Herr Schwiegerſohn,“ meinte Madame Speiteler,„ſoll ſie ſich bemühen, ihre Pflicht zu thun, aber eigentlich iſt ihr Wirkungskreis doch nur im Wohnhauſe, in Küche und Keller; um auch anderswo in Ihrer Anſtalt mit der ſo nothwendigen Energie aufzutreten, 4 dazu werden Sie wohl ſchwerlich eine brauchbare Frau finden. Sehen Sie mich an, ich kann wahrhaftig ſchon einen Puff vertragen, aber einen armen Teufel, der ſeiner Sinne nicht recht mächtig iſt, körperlich abſtrafen zu ſehen, dazu könnte ſelbſt ich mich ſchwerlich verſtehen.“ „So, ein armer Teufel?“ fragte der Director der Privat⸗ Irrenanſtalt mit Verwunderung.„Das iſt ein verſtockter Burſche, der gehört, unter uns geſagt, eher ins Zuchthaus) als in eine reſpectable Anſtalt wie die meine; er hat ſich durch Schwindeleien aller Art, durch falſche Papiere und mit einer unerhörten Frechheit in den Beſitz eines erlauchten Na⸗ mens und unermeßlichen Vermögens ſetzen wollen, ungerechnet ſonſtige verbrecheriſche Abſichten, mit denen er ſeinen Ge⸗ 1 burtsort verließ und auf Reiſen ging. Seine Verwandten, die ihm folgten, fanden ihn hier in einem allerdings jämmer⸗ lichen Zuſtande und brachten ihn als einen tobend Wahn⸗ ſinnigen zu mir. Meiner Kunſt, Madame, gelang es, ihn ſo weit wieder herzuſtellen, daß es möglich war, ihn in mei⸗ nem ruhigen und ſo überaus anſtändigen Hauſe zu behalten. Glauben Sie ja nicht, daß ich, wie er jetzt iſt, Unmögliches von ihm verlange, wenn ich mich beſtrebe, ihn von ſeiner firen Idee abzubringen. Hat er doch Stunden, Tage, wo er mit größter Ueberlegung handelt und ſpricht, wo ich förm⸗ lich ſeine Abſicht durchmerke, mir beweiſen zu wollen, daß ich es mit einem vernünftigen Weſen zu thun habe. Stelle 176 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ich mich aber einmal an, als gehe ich in ſeine Ideen ein, ſo kommt im Handumdrehen der ganze alte Wahnſinn wieder zu Tage: er verlangt Geld, um abreiſen zu können, und iſt ein vornehmer Herr, der von verbrecheriſchen Verwandten, die ihn um ſein Vermögen betrügen wollen, hier feſtgehal⸗ ten wird.“ „Und kennen Sie dieſe Verwandten?“ fragte Madame Speiteler, die ſich von ihrer innigen Theilnahme für jenen Unglücklichen nicht ſo leicht abbringen ließ;„wäre es denn nicht vielleicht möglich, daß ihm ein großes Unrecht geſchehen?“ Herr Henderkopp nahm jene ſelbſtgefällige, lächelnde Miene an, welche ſagen zu wollen ſchien, ſo will ich mich denn herablaſſen, und dir den Beweis führen, daß zwei mal zwei vier iſt.„Das, meine liebe Madame,“ ſagte er hierauf, „iſt eine alte Geſchichte, die ſich in unſerer Praxis zu oft wiederholt hat, um einen Kenner zu täuſchen. Fragen Sie die meiſten meiner Penſionäre, wenn ſie ſich nicht gerade im Stadium der Tobſucht befinden, und ſie werden Ihnen zur Antwort geben, ſie ſeien die geſcheiteſten Menſchen der ganzen Welt und nur hieher gebracht worden, weil irgend jemand ein grauſames Vergnügen daran finde, ſie ihrer Freiheit zu berauben.“ „Daß dies aber doch bisweilen der Fall ſein kann, lieſ't man in Büchern,“ verſetzte die Wittwe. „O ja, in England ſoll dergleichen ſchon vorgekommen ſein, aber bei uns in Deutſchland, wo die väterliche Für⸗ ſorge des Staates nur erprobten Männern die Aufſicht über ſo wichtige Anſtalten, wie die meinige iſt, zu erlauben hat, iſt ein ſolcher Fall nicht denkbar, rein unmöglich.“ Der Doctor ſagte dieſe letzten Worte mit ſolcher Beſtimmtheit Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 177 und machte dabei eine ſo entſchiedene Bewegung mit der Hand, als wollte er dieſes Geſprächsthema ein- für allemal abgeſchnitten wiſſen, daß es die würdige Wittwe für beſſer hielt, nicht länger über eine Sache zu ſprechen, wo ihrerſeits weibliches Mitgefühl allein gegen langjährige Erfahrung und außerordentliche Kenntniſſe doch nur mangelhaft ſtritten. „Sie müſſen das begreiflicher Weiſe beſſer wiſſen,“ ſagte ſie, während ſie langſam der Bank zugingen, auf der ſich Sophie niedergelaſſen hatte.„Wenn es Ihnen nun gefällig iſt, Herr Schwiegerſohn, ſo wollen wir jetzt den Theil des Hauſes noch einmal durchſehen, wo wir beſſer bekannt ſind und allenfalls ein Wort mitreden dürfen; nicht wahr, So⸗ phie, das iſt dir auch lieber?“ „O gewiß, Mutter,“ verſetzte die gedrückte und beküm⸗ merte Braut, und ſo ſchritten denn die Drei dem Hauſe zu, um dort Küche und Keller zu beſichtigen. Wie es oft bei dem ſcheuen Wild im Walde vorkommt, daß es bei dem Rufe der Treiber und dem Knallen der Ge⸗ wehre nach allen Richtungen auseinanderſtiebt, um ſich ſpäter wieder leiſe ſchleichend zuſammenzufinden, wenn die Jagd nicht mehr zu ſehen und zu hören iſt, ſo war es hier der gleiche Fall im Garten der Privat⸗Irren⸗Anſtalt des Herrn Dr. Henderkopp. Kaum war der Director und der Wärter aus dem Geſichtskreiſe der Kranken verſchwunden, ſo näherte ſich einer nach dem andern ſchüchtern der Bank, auf der der Mann mit dem Strohhute wieder Platz genommen hatte und ſich an einem Sonnenſtrahl zu erheitern ſchien, den das ſinkende Geſtirn des Tages durch die Mauerſpalte ſandte, ſo Stämme als Blätter mit dieſem letzten Kuſſe nochmals feſt⸗ lich vergoldend. Hackländer, Die dunkle Stunde II. 12 -—— 8 178 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Förſter, der ſich noch einmal vergeblich bemüht hatte, den letzten Teufel niederzuſchlucken, hatte ſeine Hacke auf die Bank geſtellt und ſtützte ſich mit beiden Armen darauf. „Laſſet es Euch nicht kümmern, wenn er auch mit Douche und Drehſtuhl droht,“ ſprach er mit einem pfifſigen Lächeln, „beide gehen nicht mehr, an der verfluchten Douche habe ich das Bleirohr zuſammengebogen und in das Getriebe des Drehſtuhls einen Stein geſteckt. Ha, ha, ha,“ lachte er, „dieſe dummen Kerle wollen klüger ſein als wir.“ Eine andere Geſtalt, die wir bisher noch nicht geſehen, näherte ſich mit feſten Tritten, wobei dieſelbe jedoch nicht unterließ, ſich vorſichtig nach allen Seiten umzuſchauen, zu welchem Zwecke ſie alle paar Schritte ſtehen blieb. Es war dies ein großer und kräftig gewachſener Mann von militäri⸗ ſcher Haltung, gut angezogen; ſeinen dunkelblauen Rock hatte er bis unter das Kinn zugeknöpft und in einem der Knopf⸗ löcher zeigte ſich ein rothes Ordensband. Sein breites, kno⸗ chiges Geſicht war durchfurcht, und namentlich auf der Stirn zeigten ſich tiefe Falten. Unter buſchigen Augenbrauen blickten ſtechende, graue Augen finſter hervor, ein langer und ſtarker Schnurrbart ließ von dem beſtändig unruhig zuckenden Munde wenig ſehen. Er näherte ſich ebenfalls der Bank, aber nicht in geradem Wege, vielmehr ging er in großen Kreiſen immer näher und näher, wobei er zuweilen, wie um ſich zu verber⸗ gen, hinter einen der dicken Baumſtämme trat. Dies that er beſonders, wenn ſich einer der andern Kranken ſcheu und vorſichtig jenem Theile des Gartens näherte, wo ſich der Mann mit dem Strohhute befand. Alle Penſionäre des Dr. Henderkopp waren mit auffallender Unruhe in Bewegung, mit Ausnahme des Telegraphiſten, der ſich ruhig an die Treppe — —— — — — — ☛ —. Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 179 geſtellt hatte, welche zu dem tiefer gelegenen Roſengarten und von da ins Haus führte. Der finſtere Mann mit dem Ordensbande war endlich neben dem Förſter angelangtv; hier kreuzte er ſeine Arme auf der Bruſt und ſprach mit dem gedämpften Tone einer ſonſt ſtarken Stimme:„Ohne eine geregelte Verſchwörung geht es nun einmal nicht, und ich bin der Mann dazu, ſie zu leiten. Ah, welche Complotte ſind mir ſchon gelungen!— Denkt an die letzten Tage des Kaiſers Paul, denkt an die Höllen⸗ maſchine, die leider zu früh erplodirte, gedenkt vor allen Dingen meiner Beihülfe bei dem Tode des großen Cäſar, und geſteht, daß ich der Mann dazu bin, eine Verſchwörung zu leiten und dieſes kleinliche, ſchauderhafte Neſt hier in die Luft zu ſprengen.“ Der mit dem Strohhute wandte langſam ſein Geſicht herum und antwortete, wie wir es ſchon vorhin hörten, wieder auf Deutſch und mit großer Ruhe:„Alle Sachen da, die Ihr nennt, Signore Generale, paſſen nicht auf dieſe Verhältniſſe. Es iſt hier nicht Kaiſer Paul, nicht der große Napoleon, nicht der viel größere Cäſar, ſondern nur ein ganz miſerabler Menſchenquäler.“ „Aber ein Cäſar in ſeinem Reich,“ veßſetzte der General, indem er den Zeigefinger hoch emporhob und die Augen weit aufriß,„ein mächtiger Cäſar. Er hat Prätorianer, er hat Ketten und Bande zu ſeiner Verfügung, nur eine gute Ver⸗ ſchwörung kann ihn ſtürzen.“ „Oder auch ein feſter Schlag mit dieſer Hacke auf ſeinen dicken Kopf,“ meinte der Förſter, und ſetzte dann mit einem unheimlichen Grinſen hinzu:„Dann würde ich dieſen tücki⸗ —— 180 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſchen Teufel mit Honig überziehen, hinabſchlucken, und alle Qual hätte ein Ende.“ Auch der Druckfehlerfänger hatte ſich genähert und ſtand da mit weit vorgeſtrecktem Halſe, wobei er ſeine Hände, die das Zeitungsblatt hielten, zuſammengelegt auf dem Rücken ruhen ließ. Der mit dem Strohhute ſchüttelte langſam ſein Haupt und ſagte mit großer Ruhe:„Eine Verſchwörung, Signor Generale, iſt allerdings nothwendig, aber wir müſſen an eine neue, ganz beſondere denken, die eben erwähnten paſſen nicht hieher. Und Eure Hacke,“ wandte er ſich in entſchie⸗ denem Tone an den Förſter,„darf dabei nicht zum Vorſchein kommen. O, das muß ſehr fein gemacht werden, wir wollen nicht Mörder und Todtſchläger ſein, wir ſind arme Ge⸗ fangene, die ihre Freiheit wollen, nicht wahr?“ „O ja, o ja,“ ſeufzte der Förſter kopfnickend,„ich will zurück in meine ſchönen, großen Wälder, vielleicht daß mir da der tauſendſte Teufel ſo recht in den Schuß hineinläuft — prrrdauz, da liegt er!“ Er hatte ſeine Hacke wie ein Gewehr angeſchlagen und ſcheinbar losgedrückt. „Und ich werde auf den Marktplatz gehen,“ ſprach der General,„auf die Rednerbühne ſteigen, dort zum Volke ſpre⸗ chen: Und Brutus war ein ehrenwerther Mann.“ „Und ich,“ flüſterte der ehemalige Factor,„habe ein gro⸗ ßes Engagement für Geiſt, Gemüth und Publicität; für jeden Druckfehler einen Gulden, macht vierzigtauſend Dukaten im Jahrez; ich vertraue dabei ganz auf Ihre Hülfe, erlauchter Herr Graf.“— „Das alles wird zu erreichen ſein,“ entgegnete dieſer, „nur müßten Sie, meine Herren, ſich gänzlich allen den ——⏑:—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—öñ— — ——— 4—— Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 181 wichtigen Anordnungen fügen. Wiſſen Sie noch, Signor Ge⸗ nerale, womit ich Sie beauftragt habe?“ Der General legte mit nachdenklicher Miene ſeine Hand an die Stirn, dann ſagte er:„Nachdem die Hauswachen und Prätorianer in ihre Kaſernen conſignirt ſind, begebe ich mich an das Hauptthor des Palaſtes und ſchlage einen jeden nie⸗ der, der aus demſelben heraustreten will.“ „Nicht niederſchlagen, General,“ verſetzte eifrig der An⸗ dere,„nur nicht hinauslaſſen.“ „Richtig, richtig, wer ſich aber widerſetzt, wird nieder⸗ geſchlagen, dazu bin ich der Mann.“ „Gut,“ gab der mit dem Strohhute zur Antwort;„der Herr Förſter hat die ſchwierigſte Partie, auf ihn müſſen wir uns unbedingt verlaſſen können.“ „Und das könnt Ihr, bei Gott!— Hört, ob ich meine Rolle noch auswendig weiß: Wenn der Gebhard in ſeinem Zimmer iſt, ſo ſchiebe ich von außen ſo leiſe als möglich den Riegel vor und drehe den Schlüſſel im Schloſſe zweimal herum. Der wird aufſchauen, wenn er gefangen iſt; zum Fenſter hinaus kann er nicht, das hat verflucht dicke Eiſen⸗ ſtangen. Dann gehe ich hin und ſchließe alle Eure Zimmer auf.“ „Worauf ich allein ein Wort mit dieſem verdammten Dottore reden werde,“ ſprach der Mann mit dem Stroh⸗ hute, wobei er ſeine rechte Fauſt ingrimmig ballte. „Immer kommt es mir vor,“ warf der Factor hier ſchüchtern ein,„daß dieſer Doctor, der uns unverantwortlich plagt, ein großer Druckfehler in der Schöpfung iſt, den wir hinauscorrigiren müſſen.“ „Ja, das wollen wir,“ fuhr der Graf fort,„thue jeder nur ſeine Schuldigkeit. Herr Förſter,“ wandte er ſich noch⸗ —————— 182 Achtundzwanzigſtes Kapitel. mals an dieſen,„bedenkt, daß auf Euch alle unſere Hoff⸗ nungen ruhen und daß man Euch nicht einſchließt, Ihr dürft bei Tag und Nacht frei im Hauſe umher gehen; deßhalb thut mir den Gefallen, macht nicht zu viele Verſuche, Eure Teufel niederzuſchlucken. Denkt daran, wann Ihr frei werdet, könnt Ihr den tauſendſten Teufel nach Belieben aufſuchen.“ 5 „O, ich werde nicht lange zu ſuchen brauchen,“ erwi⸗ 5 derte eigenthümlich lachend der Angeredete,„den haben wir in der Nähe; ich brauche ihn nur noch mit Honig zu be⸗ ſtreichen, er ſchmeckt mir ſchon im Voraus. Doch ruhig,“ unterbrach er ſich auf einmal in verändertem Tone,„dort der verrückte Telegraphiſt gibt uns eine Depeſche, der Geb⸗ hard kommt vom Hauſe herüber.“ „Trennen wir uns alſo für heute,“ ſprach der General finſter, aber mit Würde;„lebt wohl, edle Verſchworene, auf 4 dem Marktplatz bei Cäſars blutiger Leiche ſehen wir uns wieder.“ Nach dieſen Worten huſchte der Druckfehlerfänger eil⸗ fertig ins Gebüſch, und man hörte ihn murmeln, daß es bei alledem ſchwer ſei und bleibe, die nöthigen Druckfehler zu finden, und daß nicht einmal mehr Verlaß ſei auf eine ſtereo⸗ typirte Ausgabe. Der Wärter Gebhard, welcher in der That vom Hauſe herüber kam, verwies es dem Telegraphiſten, daß er ohne Erlaubniß arbeite; ſonſt bemerkte er durchaus nichts Unge⸗ bührliches an ſeinen Untergebenen. Hätte er freilich ſehen können, wie der General hinter jedem dicken Baume ein ſchar⸗ fes Meſſer hervorzog und die Spitze deſſelben ſorgfältig prüfte, oder hätte er die Geberden verſtanden, mit welchen der Förſter ſeine Hacke ſchwang und in den Boden hineinhieb, oder hätte er vor allen Dingen die Gedanken zu errathen vermocht, 0 —— Von den Kranken des Dr. Henderkopp. 183 welche in dem Geherne des Mannes mit dem Strohhute toh⸗ ten, ſo würde e er nicht ſo ſorglos ſeine kleine Pfeife in Brand geſetzt und nicht ſo behaglich an dieſem wunde rſchönen, heitern Abend bläuliche Rauchwolken in die Luft hin aus geblaſen haben. Obgleich aber der Mann mit dem Strohhute, den die Anderen wohl nur im Scherze Herr Graf genannt, mit offenen Augen in die ſonnenbeglänzte Landſchaft hinausblickte, wäh⸗ rend er den Kopf auf den rechten Arm geſtützt hielt, wobei ſich ſeine Finger vergruben in die dichten, ſchwarzen Haare, waren ſeine Gedanken nicht bei dieſem wunderbaren Wechſel von Schatten und Licht, ja, er ſtarrte unverwandt noch immer die fernen Gebirge an, als dieſe ſchon ihre warme, violette Färbung verloren hatten und von tiefem Blau Grau übergingen; und dabei in kaltes zeigte nicht die leiſeſte Verän⸗ derung auf ſeinem Geſichte, kein Zucken der Lippen, kein Wechſeln des Blicks, daß er es empfinde, die Sonne ſei heute wieder einmal untergegangen und ihr folge finſtere Nacht. Ja, als jetzt ein kalter Abendwind das welke Laub am Boden bewegte und durch ſeine dünne Sommerkleidung fröſtelnd zog, ſchauerte ſein Körper wohl zuſammen, aber ſein Blick blieb ſtarr und unverwandt in die Ferne gerichtet. Innerhalb der Mauern eines Irrenhauſes ſaß er und träumte.—— Neunundzwanzigſtes Kapitel. Im Salon der Gräfin Lotus. —— Der kleine Salon der Gräfin Lotus nahm ſich nie rei— zender aus, als wenn im Kamin ein helles Feuer loderte und die Flamme deſſelben ohne jede weitere Beleuchtung den Raum wunderlieblich, faſt magiſch erhellte. Es war dann gerade, als kokettirten dieſe Flammen mit den Teppichen am Boden, mit den grünſeidenen Vorhängen, welche die hohen Spiegelſcheiben verdeckten, mit der kleinen Epheulaube in der Ecke des Zimmers, vor allem aber mit den zierlichen Mar⸗ morfiguren, welche das Dach dieſer Laube trugen. Es war köſtlich anzuſehen, wie die Flammen des Kamin⸗ feuers in ihrer beweglichen Weiſe bald dieſem, bald jenem der genannten Gegenſtände ihre warme, ja, glühende Auf⸗ merkſamkeit ſchenkten. Jetzt ſchienen ſie es ein paar Augen⸗ blicke lang nur auf den dunkeln Smyrnaer Teppich zu ihren Füßen abgeſehen zu haben, und ſtrahlten eine ſolche Glut auf ihn hin, daß er in ſeiner Freude und Erregung ol dieſen heißen Küſſen ſchönere Farben und zierlichere Deſſins ſehen nie rei⸗ loderte ung den ar dann hen am e hohen in der Mar⸗ Kamin⸗ jenem de Auf⸗ Augen⸗ nihren Glut dieſen ſehen 186 Neu nundzwanzigſtes Kapitel. von der Anhöhe herunter leuchtete, weglichen Augen, und von ſtarren, unbe⸗ als die boshaften Flammen triumphirend erwiderten: Ja, ſie iſt vorbei, die Zeit des Sommers, unſeres Nebenbuhlers, wir herrſchen wieder, unſer Reich beginnt! Damit ließen ſie die Fenſtervorhänge wieder im Dunkeln und ſchienen mit ganz beſonderer Liebe auf die Epheulaube nd die Marmorfiguren. ketztere ſchienen es übel genommen zu haben, daß die des Feuers zuerſt mit dem Teppich und den Vorhängen oſ't, und blickten, als nun der volle Schein if ſie fiel, ſtarr und unbeweglich, es gerade die Kälte, welche die B Spiel mit den bleichen der Flammen wie bisher. Doch war egehrlichen ein ſo kokettes „zurückhaltenden Marmorbildern trei⸗ ben ließ, welche ſie veranlaßte, die Köpfe derſelben für einen Augenblick roſig zu beſtrahlen, ſich dann hinauf zuſ um der dunkeln Blättermaſſe einen und dann, wieder langſ dern der Statuen zu ſpielen; ein heitere und Schatten, dem ſelbſt der Stein widerſtehen vermochte und ſich allmälig zu beleben und zu bewegen ſchien. War es doch, als erhielten die leeren Augen⸗ höhlen Glanz und Verſtändniß, als öffneten ſich die feinen Lippen und als zeigten die langen Gewänder wechſelnde Falten.— chwingen, feurigen Kuß zu ſpenden am hinabgleitend, mit den Gewän⸗ s Spiel mit Licht 9 auf die Länge nicht zu Dort, wo wir heimiſch ſind, iſt es ſo unnennbar ſchön, das glückliche Land ein tief in uns wiederklingt, wenn ßen Marmorfelſen, würzigen Lüfte, klang es aus dem Stein, daß uns in der E es Weh erfaßt, d der Mond auf der uns geboren. die unſere rinnerung an aß es ſchmerzhaft geht über dem wei⸗ Dort ſind die linden, Jugend umſpielt, die, mit den Im Salon der Gräfin Lotus. 185 ätte glauben können, ließ, als ſelbſt am Tage; ja, man h. ſammen⸗ dieſe einzelnen Flocken bunter Wolle, aus denen er zu geſetzt war, fingen an, ſich aufzublähen, und wollten eine Erzählung beginnen aus dem fernen Süden, von dem kleinen Dorfe, wo ſie erz eugt, wo ein ganzes emſiges Dorf die bun⸗ ten Fäden zuſamr nengewoben und geſtickt, während herange⸗ zogene ernſthaſte Beduinen, die in dem Dorfe Raſt halten wollten, die lange Pfeife im Munde, zuſchauten; während bei den Arbeitenden vorüberzogen die Kameele mit dem gra⸗ chen Schritt und dem nickenden Haupte, die edeln prüngen und der geduldige Eſel mit ackeln zum abſeits gelegenen Brunnen, ſchlanke Frauengeſtalt die Amphora der Schulter hielt, wie Rebecca vor vitätiſ Pferde in muntern S melancholiſchem Ohrenw wo eine hochgewachſene, heute noch eben ſo auf ſo viel Hundert Jahren. Darüber wiegten hohe, ernſthafte Palmen ihre ſchlanken, zierlichen Blätter und—— ten die erzählenden Farben, denn die Unmuthig verſtumm flatterhaften Flammen brachen jetzt den kniſternden Holzblöcken und ließen, grünen Fenſtervorhang wie durchſichtig erſcheinen. als ſeufze es tief aus der Seide, und mit dem Tene⸗ der ſich hören läßt, wenn man mit der Hand über ſie ſtreicht, flüſterte ſie leiſe, wie der nächtliche H ſei, wie die Sterne funkeln und wie ſich der junge Mon einer weißglänzenden, haarſcharfen Sichel zeige. ſehr kalt, die Scheiben beklagten ſich darüber, un Thälern ſtiegen verrätheriſche Dünſte auf, als eiſiger Reif auf die noch übrigen Blur niederfallen würden. Gerade ſchienen ſie e deres berichten zu wollen von einer weiße anderswo durch zwiſchen hoch aufſtrahlend, den Es war, immel draußen ſo klar d in Kalt ſei es, d aus den die morgen früh nen und Blätter twas Anziehen⸗ n Mauer, die dort “ glänze then mit ſ b herrli morft du d das verſte und um ihre währ beug bleie der gab zur Blü micl unſ har wie Ha for en, en⸗ ine nen Sun⸗ nge⸗ ilten rend gra⸗ edeln mit unen, phora a vor ſthafte un die wiſchen nd, den 's war, ne., der ſtreicht, ſo klar Nond in tt ſei es, aus den gen früh d Blätter Anziehen⸗ „die dort Im Salon der Gräfin Lotus. 187 glänzenden Blättern der Orange koſend, deren duftende Blü⸗ then auf uns niederwarfen. O, das göttliche tiefblaue Meer mit ſeinen roſig gefärbten Zauberinſeln!—= „Nichts iſt ſo im Stande, mich recht lebhaft nach dem herrlichen Neapel zurückzuverſetzen, als der Anblick jener Mar⸗ morfiguren, die dort auf unſerer Terraſſe ſtanden; erinnerſt du dich wohl, Roſa?“ Das ſprach eine klangvolle Stimme, vor deren Tone das ſchattenhafte Geplauder der lebloſen Gegenſtände plötzlich verſtummte; die beweglichen Flammen ſchienen zu erſchrecken und zogen ſich für einen Augenblick ſcheu in ſich zuſammen, um gleich darauf mit einer Veränderlichkeit ohne Gleichen ihre ganze Glut derjenigen zuzuwenden, welche die eben er⸗ wähnten Worte geſprochen. Die Gräfin ſaß an der Seite ihres kleinen Kamins und beugte ſich etwas vor aus dem tiefen Fauteuil, ſo daß ihr bleiches Geſicht purpurn übergoſſen war von dem Scheine der ſpielenden Flammen. „Noch mehr tritt mir das Bild Neapels vor die Seele,“ gab Roſa, die ihr gegenüber an dem Kamingeſims lehnte, zur Antwort,„wenn ich den Duft einer Orange oder deren Blüthe rieche. Da möchte ich die Augen ſchließen und um mich gaukeln laſſen den ſchönſten Golf der Welt mit ſeinen unſäglich ſchönen Formen, mit ſeiner blendenden und doch ſo harmoniſchen Färbung. Hat es dich nicht oft gedrängt, ihn wiederzuſehen?“ Francoiſe ſchüttelte leicht und melancholiſch ihr ſchönes Haupt. „Was mich anbelangt,“ fuhr die lebhaftere Schweſter fort,„ſo regt ſich in mir in jedem Herbſte eine kaum zu be⸗ 188 Neunundzwanzigſtes Kapitel. wältigende Luſt, nach dem Süden zu ziehen, und ich beneide aus tiefſtem Grunde meines Herzens die klugen Vögel, welche dem welken Laube, den traurigen Regen⸗ und Schneetagen ausweichen und an ſchönen, lichten Herbſttagen aufbrechen und auf ihren Wanderungen nach ſchöneren, glücklicheren Ländern über uns dahinziehen. Wer mit ihnen ziehen könnte, ſo frei, ſo feſſellos, wie ſie! Glückliches Volk,“ ſetzte ſie lau⸗ nig hinzu,„ſie brauchen keine Eiſenbahn und kein Gepäck!“ „Und nehmen alles mit, was ſie lieben,“ bemerkte die Gräfin ſchwermüthig. „Daß auch in uns die Sehnſucht nach wärmeren, ſüd⸗ lichen Ländern gelegt iſt, will ich mir nun einmal nicht ab⸗ ſtreiten laſſen. Im Frühling und Sommer wird es dir nicht einfallen, einem Zugvogel folgen zu wollen, aber im Herbſte beneide ich jeden, den ſein Geſchick dorthin führt, wo auch du einſtens ſo gern warſt, und ſo glücklich. Mein hochwohl⸗ geborner Intendant hat nicht Unrecht, wenn er darüber klagt, daß ich im Spätherbſt unverträglich ſei. Es iſt wahr, er hat Recht, ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn er mir um dieſe Zeit in oder ohne Gnaden meinen Abſchied bewilligte; ja, ich hätte ihm ſchon längſt an einem trüben Octobertage ſeinen Contract zurückgeſchickt, wenn—“ „Ich nicht da wäre,“ fiel ihr Francoiſe ſanft in die Rede,„nicht wahr, meine gute Roſa?“ „Nun, das verſteht ſich von ſelbſt; aber wir könnten ja zuſammen eine Luftveränderung verſuchen und für den Winter fortgehen.“ „Alle?“ fragte die Gräfin mit einem bedeutungsvollen Tone. „Gewiß alle,“ fuhr Roſa in einem ſo muntern Tone — — — — — ——— Im Salon der Gräfin Lotus. 189 fort, daß derſelbe ihrer Schweſter auffallen mußte, und als dieſe fragend aufblickte, bemerkte ſie, wie die Augen Roſa's nach dem dunkeln Nebenzimmer blickten, und verſtand ſie voll⸗ kommen, als ſie hinzuſetzte:„Hat nicht der Arzt geſagt, daß meinem Schwager ein Winter in milderer Luft ſehr wohl thun würde?“ „Allerdings,“ verſetzte Frangoiſe,„nur iſt er nicht dazu zu bewegen.“ „Was ich auch wieder begreiflich finde, wenn man in einer ſo wunderbar freundlichen und behaglichen Umgebung lebt, wie ſie dieſes kleine Haus bietet.“ Eine hohe, dunkle Geſtalt hatte ſich an der Thür des Nebenzimmers gezeigt und mit langſamen Schritten genähert, und da in dieſem Augenblicke die Flamme des Kamins, viel⸗ leicht aus Neugierde, vielleicht auch aus Theilnahme für ihren Herrn, der manche nächtliche Stunde hier geſeſſen und ſie genährt, hoch emporloderte, ſo erkannte man deutlich den Grafen Lotus mit ſeinem bleichen und ernſten, aber nicht unfreundlichen Geſichte. „Meine liebe Schwägerin,“ ſagte er mit wohlwollendem Tone,„es iſt nicht allein das freundliche Haus, welches mich abhält, im Herbſte auch einmal mit den Zugvögeln von dan⸗ nen zu ziehen. Das ließe ſich wohl erſetzen durch warmen Sonnenſchein und den Anblick immergrüner Bäume; nein, was mich zurückhäkt, iſt hauptſächlich, daß mein Inneres ſo geworden iſt, daß es beſſer zuſammenſtimmt mit einem trüben deutſchen Winter, als mit dem heitern Glanze eines ſüd⸗ lichen; auch ſchlafe ich beſſer bei Eis und bei Schnee, als bei lauer Luft.“ Bei den letzten Worten hatte er einen Fauteuil vor den 190 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Kamin gerollt, ſich in der Nähe ſeiner Frau niedergelaſſen und mit einem herzlichen Ausdrucke ſeines Geſichtes ſeine Hand leicht auf ihren Arm gelegt. „Ich brauche dir wohl nicht zu ſagen, lieber Schwager, wie ſehr mich die Mittheilung Francoiſe's gefreut, daß es in den letzten Tagen mit deinem Schlafen erträglich geht.“ „Erträglich, ja,“ gab er zur Antwort,„nur iſt der Be⸗ griff dieſes Wortes einer großen Ausdehnung fähig; ich habe in dem Puncte ſchon viel ertragen, aber ungerecht wäre es, wenn ich gerade jetzt klagen wollte. Ich ſchlief in den letzten Nächten mehrere Stunden ſanft und ruhig, und das iſt alles, was ich brauche; wahrhaftig, Roſa, ich könnte wieder an⸗ fangen, meine Exiſtenz eine behagliche zu nennen, wenn mich nicht etwas Anderes quälte.“ Er ſchwieg nach einem tiefen Seufzer; Francoiſe blickte ängſtlich zu ihrer Schweſter auf, die aber mit dem unbe⸗ fangenſten Tone fortfuhr, zu ſprechen:„Was bekümmert dich denn ſo außerordentlich? Weißt du noch, wie du mich ein verſtändiges uͤnd energiſches Mädchen genannt und verſichert haſt, es ſei dir eine Beruhigung, mit mir über deine Ver⸗ hältniſſe zu reden, mir anzuvertrauen, was dich quäle? Wenn du alſo deine Geſinnungen gegen mich nicht geändert haſt, was mir, nebenbei geſagt, ſchmerzlich wäre, ſo laß mich hören, ob dir nicht zu helfen iſt.“ Francoiſe drückte ihr Taſchentuch an den Mund und ſchaute mit beſorgtem Blick über daſſelbe hinweg auf das Geſicht des Grafen, der mit düſterem Sinnen in die Glut des Kaminfeuers ſtarrte und dann kopfſchüttelnd ſagte:„Zu helfen, liebe Roſa, wird mir ſchwerlich ſein, denn das Ge⸗ fühl, welches mich drückt und quält, iſt ein alter Feind, der Im Salon der Gräfin Lotus. 191 mich nach jahrelanger Ruhe immer wieder tückiſch überfällt. Zum erſten Male,“ fuhr er nach einem tiefen Athemzuge mit dumpfer Stimme fort,„mußte ich unter ſeinen Angriffen leiden, als der Hieb jenes niederträchtigen Shiks meinen Kopf getroffen. Das war eine traurige Zeit, wo ich bei furcht⸗ barer Hitze lange Tage und Nächte im halbdunkeln Zimmer lag, wo meine Augen alles doppelt ſahen, o, ſo ausgeſprochen doppelt, daß man es hätte komiſch nennen können. Ich erin— nere mich ſehr gut, wie ich damals immer vier Arme und vier Hände vor mir auf der Bettdecke liegen ſah; dazu kam noch ein unerträgliches Gefühl, daß es mir nämlich bei dem eifrigſten Bemühen nicht möglich war, einen Gedanken nur kurze Zeit feſtzuhalten, er entſchlüpfte mir, wie der glatte Aal aus der Hand, und entflatterte in ſeltſamen Bildern und Farben in unerreichbare Weiten, und das Gefühl habe ich jetzt auch wieder zuweilen.“ „Doch nicht das Doppeltſehen?“ fragte Francoiſe be⸗ ſorgt;„davon haſt du mir ja nichts geſagt.“ „An dem Doppeltſehen leide ich allerdings nicht voll— kommen ausgeſprochen, doch wenn ich zuweilen einen Gegen⸗ ſtand feſt anſehe, ſo muß ich alle meine Sehkraft zuſammen⸗ nehmen, daß er mir nicht zu zwei aus einander fließt, und dieſes Zuſammennehmen thut meinem Kopfe weh. Was aber das Entſchlüpfen meiner Gedanken anbelangt,“ fuhr er mit einem düſtern Blicke fort,„ſo habe ich ſehr darunter zu lei⸗ den, und ich bin überzeugt, es muß Euch das durch meine abſpringende Redeweiſe ſchon aufgefallen ſein.“ „Wenn ich ehrlich ſein darf, Schwager,“ verſetzte Roſa in heiterem Tone—. „So wirſt du mir Recht geben,“ unterbrach ſie der Graf. 192 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Nein, nein, das wollte ich nicht ſagen,“ erwiderte die Tänzerin lebhaft,„ſo muß ich mir die Bemerkung erlauben, daß du dich mit ſolchen Phantaſieen unnöthig plagſt und daß ſie bei dir zur fixen Idee werden. Glaube mir, ich habe auch Zeiten, wo mir vielerlei Gedanken wie Blitze durch den Kopf fahren, wo einer den andern verdrängt, wo ich vom Hundertſten ins Tauſendſte komme, und häufig nicht im Stande bin, den Anfang meiner oft lächerlichen Combinationen wieder⸗ zufinden.“ „Du willſt mich beruhigen, liebe Roſa, du und die gute Fraugoiſe. Auch ſie hat mir ſchon in gleicher Weiſe Troſt geſpendet, aber ich weiß am beſten, daß mein Zuſtand ein ganz anderer iſt, denn ich ſelbſt fühle nur zu deutlich den Unterſchied zwiſchen meinen guten und ſchlimmen Tagen.“ „Deine Nerven ſind zuweilen aufgeregt,“ ſprach die Gräfin mit ſanfter Stimme,„und darunter leideſt du, lieber Paul, und in ſolchen Augenblicken ſchließeſt du dich zu ſehr gegen die äußere Welt ab. Sei mittheilend, namentlich gegen uns, die wir dich ſo ſehr lieben; ſprich deine Gedanken aus, laß uns mit dir fühlen, mit dir leiden.“ „Und wenn dir einmal ein Gedanke hartnäckig entſchlü⸗ pfen will,“ ſagte Roſa heiter,„ſo rufe mich zu Hülfe, und ich werde mich bemühen, die widerſpänſtigen wieder einfangen zu helfen.“ Der Graf reichte ſeiner Schwägerin mit einem trüben Lächeln die Hand und entgegnete:„Ich kenne wohl Eure Freundſchaft und Liebe zu mir, und weiß ſie wahrhaftig auf's höchſte zu ſchätzen. Ja, es iſt mir oft zu Muthe, als wag⸗ ten ſich die finſtern Geſtalten, die mich oft umdrängen, nicht in meine Nähe, wenn Eure guten, klaren Augen auf mir n n Im Salon der Gräfin Lotus. 193 ruhen. Und doch,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„iſt nicht alles, wie es ſein ſollte, und ich hatte mir ſchon vor⸗ genommen, mit einem erfahrenen Manne über meinen Zu⸗ ſtand zu ſprechen.“ „Mit wem denn, Paul?“ fragte Francoiſe raſch. Der Graf zuckte die Achſeln und erwiderte, während er nachdenklich in die Glut des Kamins blickte:„Mit meinem Arzte, das kann nichts nützen, ich habe dieſen Gegenſtand ſchon hundert Mal mit ihm beſprochen; er tröſtet mich, ſo gut er kann, und wenn ich ihn endlich mit meinen Fragen in die Enge treibe, ſo kommt er mit gelehrten Ausdrücken, die ich nicht verſtehen kann, und das will er gerade, wie ich ſchon bemerkte.— Man hat mir da von einem jungen Manne geſprochen,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort, während welcher er zuerſt ſeine Frau und dann Roſa forſchend angeſehen, „der bei leichten Störungen des— wie ſoll ich's nur gerade nennen?— nun gerade heraus— des Denkvermögens ſchon außerordentliche Erfolge erzielt haben ſoll.“ „Aber das iſt nicht dein Fall,“ warf die Tänzerin raſch ein. „Bis jetzt wohl nicht, aber es könnte mein Fall werden, und um das zu verhüten, möchte ich den Rath jenes Mannes hören; es iſt ein Dr. Henderkopp, welcher einer Anſtalt für Erkrankte der eben geſchilderten Art, wie man mir verſichert, mit großem Geſchicke vorſteht.“ „Ach, Paul,“ flüſterte die Gräfin mit einem ängſtlichen Blick auf ihre Schweſter, die ſie aber durch einen Wink mit ihren Augen zu ſchweigen bat und dann ſelbſt ruhig entgeg⸗ nete:„Einen ſolchen geſchickten Mann zu Rathe zu ziehen, Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 13 —ꝛꝛn— 194 Neunundzwanzigſtes Kapitel. darin ſehe ich durchaus nichts, was man dir abrathen könnte, im Gegentheil, ich finde, du haſt ganz Recht, das zu thun. Sprich mit ihm vertrauensvoll, und es wird dich beruhigen, wenn er dich von der völligen Grundloſigkeit deiner Befürch⸗ tungen überzeugt.“ Der Graf nickte eine Zeit lang ſchweigend mit dem Kopfe, ehe er erwiderte:„Wenn ich einem ſolchen Manne zu gleicher Zeit mein vergangenes Leben mit ſeinen Leiden und Freuden offen und klar darlege, mache ich es ihm mög— lich, meinen Seelenzuſtand zu verſtehen, indem ich einem un⸗ befangenen, unparteiiſchen Verſtande mit einem Male ein klares Bild meiner ſelbſt vorlege, wogegen unſer Arzt, der alles das ſchon kennt und unzählige Male mit mir beſpro⸗ chen hat, nie geneigt war, auf Einzelheiten Gewicht zu legen, die mir wichtig genug vorkommen. Wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf, er ſteht mir zu nah, er iſt zu ſehr mein Freund, um meinen ganzen Zuſtand ſcharf überblicken zu können.“ „Ich habe den Namen dieſes Dr. Henderkopp nie ge⸗ hört,“ ſagte Roſa, worauf der Graf lächelnd erwiderte:„Das glaube ich wohl, glückliche Künſtlerin, was ſollteſt du dich auch in der Blüthe deiner Jahre um Leute bekümmern, welche Anſtalten vorſtehen, deren Name allein Euch Frauen ſchon erſchreckt? Namen, die allerdings in unſerem ernſten Deut⸗ ſchen etwas abſtoßend klingen, für welches aber die leichtere franzöſiſche Sprache einen beſſer klingenden Ausdruck, maison de santé erfunden hat. Und dieſes maison de santé, von dem hier die Rede iſt, kannſt du hier von deinem Fenſter aus ſehen, Francoiſe; es liegt gerade vor dir auf dem Hügel nach Feltheim zu und zeigt deutlich ſeine lange, weiße Mauer.— Erinnerſt du dich?“ Im Salon der Gräfin Lotus. 195 „Ach ja,“ erwiderte die Gräfin beklommen,„ich habe es für einen Kirchhof gehalten.“ „Das iſt es auch in gewiſſer Beziehung, meine Liebe. Glaube mir, hinter jenen weißen Mauern liegt manch' heiße Phantaſie, liegen manch' kühne Entwürfe begraben, dort wurde ſchon manches reiche Gemüth zur Ruhe gebracht.— Scherra ſprach mit mir davon, er lernte den Doctor auf ſeinen Reiſen kennen.— Oft, wenn ich hier an dieſem Fen⸗ ſter ſtehe, blicke ich hinüber und freue mich, wie das Kirch⸗ lein, das man über die weiße Mauer hervorragen ſieht, ſo reizend mitten im Grün der Bäume liegt. Von dort kann man auch deine Fenſter ſehen, meine liebe Francoiſe, und das allein ſchon könnte mir einen Aufenthalt dort lieb und werth machen.“ 3 „O, ſprich nicht ſo, Paul,“ erwiderte die Gräfin tief ergriffen,„nein, du mußt nicht ſo ſprechen, es iſt Unrecht von dir, das zu ſagen.“ „Selbſt im Scherze thut es uns weh,“ meinte Roſa. „So ſeid Ihr Weiber nun einmalz; ſelbſt die muthigſten, worunter ich dich, Roſa, rechne, haben doch nicht Muth genug, einem drohenden Feinde feſt ins Auge zu ſehen, und doch iſt es nothwendig, denn nur ſo iſt man im Stande, einen Schlag, der uns vernichten könnte, abzuwehren. Aber um Euch zu beruhigen, ſetze ich hinzu, daß das ja nur ſehr weit gezogene Vorausſetzungen ſind. Doch werdet Ihr wenigſtens gegen meine Abſicht nichts einwenden, mit jenem Arzte ein vernünftiges Wort zu reden. Oder hätte ich es heimlich thun ſollen, ohne mit Euch darüber zu ſprechen? Seht, wie Ihr Weiber ſeid! In jenem Augenblicke verlangt Ihr Offen⸗ heit, und wenn man offen mit Euch ſpricht, ſo macht Ihr Neunundzwanzigſtes Kapitel. in dieſem Momente ſolche Einwendungen, daß man bereut, es gethan zu haben.“ Die Thür des Salons war bei den letzten Worten des Grafen geöffnet worden, und der Kammerdiener, der auf der Schwelle erſchien, meldete den Herrn von Scherra, der ſich im Vorzimmer befände. „Sehr willkommen,“ rief der Hausherr;„wenn man es dem guten Scherra nur einmal abgewöhnen könnte, ſich immer ſo förmlich anmelden zu laſſen!— Dann ſoll man auch Licht bringen, Scherra liebt das Licht, viel Licht.“— Er war haſtig aufgeſtanden, um ſeinem Freunde entgegen zu gehen. Francoiſe und ihre Schweſter, welche beide im Grunde ihres Herzens froh waren, daß das Geſpräch von eben, wel⸗ ches ihnen peinlich und ſchmerzlich war, unterbrochen wurde, wechſelten einen langen, bedeutungsvollen Blick bei dem letz⸗ ten Aufleuchten der Flamme des Kaminfeuers, die nun bei dem hereinbrechenden hellen Licht ihre Kraft verlor und dar⸗ über unmuthig, wie vor Zorn roth erglühend, in ſich zuſam⸗ men zu ſinken ſchien. „Guten Abend, meine Damen, guten Abend, Paul!“ rief Herr von Scherra, der trotz ſeiner Wohlbeleibtheit raſch in das Gemach trat, mit ſeiner freundlich wohlwollenden Stimme,„bei dem froſtigen Herbſtabend draußen kenne ich keinen angenehmern Contraſt als das Flackern des Kamin⸗ feuers und die freundlichen Augen meiner ſchönen Gönnerin. Du ſiehſt,“ wandte er ſich launig an den Hausherrn, nach⸗ dem er jeder der Damen eine ſeiner Hände gereicht,„du ſiehſt, daß wir das in der Jugend Gelernte und oft Geübte noch lange nicht vergeſſen haben.“ Im Salon der Gräfin Lotus. 197 „Das weiß Gott,“ lachte der Graf,„dir blüht im Aeu⸗ ßern wie im Innern ewige Jugend.“ „Unter dem Schnee des Winters,“ verſetzte freundlich Herr von Scherra, indem er ſeine Rechte bedeutungsvoll auf ſein dickes, ſchneeweißes Haar legte;„aber nun genug der Complimente! Theure Gräfin, wie befinden Sie ſich? Hoffent⸗ lich haben Sie den klaren Tag zu einem Spaziergange benutzt?“ „Gewiß, ich war draußen; Roſa und ich ließen uns vor die Stadt fahren und ſpazierten dort eine Stunde in dem angenehmen Sonnenſchein.“ „Und du, mein Freund?“ wandte ſich Herr von Scherra an den Grafen,„du haſt wahrſcheinlich wieder einmal das Haus nicht verlaſſen. O, es iſt das eine leidige Gewohnheit, ſich ſo einzuſperren.“ „Nicht wahr?“ pflichtete ihm eifrig die Gräfin bei,„wir haben ſo gebeten, er möge mit uns fahren, oder möge hinaus reiten und uns draußen treffen, aber alles vergebens.“ „In einem ſolchen Falle, meine Gnädigſte,“ ſagte Herr von Scherra,„müſſen Sie befehlen, aber nicht bitten. Der gute Paul iſt oft wie ein Kind, das lieber zu Hauſe ſpielt— er thut das mit ſeinen Erinnerungen— als ſich in Gottes herrlicher Natur ergeht; iſt er aber einmal draußen, dann thaut er auf und unterhält ſich beſtens, nicht wahr, mein Freund?“ „Ich glaube, daß du Recht haſt.“ „O, ich bin davon überzeugt, und deßhalb, liebe Gräfin, müſſen Sie dieſem unartigen Kinde künftig befehlen.“ „Darf ich das?“ fragte Frangoiſe ihren Gemahl mit freundlichem Lächeln, wobei ſie ihre Hand ſanft auf ſeine Schulter legte. — ——— .— —— — —xx——x—* 8—*“ 5 — 1. 3— 198 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „O ja, Francoiſe, thue es einmal, ich möchte dabei auch ſehen, wie dir das Befehlen anſteht.“ „Nun, nach der Erlaubniß,“ rief Herr von Scherra luſtig, „hoffe ich, werden Sie künftig ein ſcharfes Regiment führen; armer Paul, du biſt verloren, unſere gute Gräfin mit ſo kräftiger und lieber Unterſtützung,— er verbeugte ſich gegen Roſa,— ſind eine Achtung gebietende Macht.“ Der Kammerdiener hatte unterdeſſen auf einem runden Tiſche, der in der Mitte des Zimmers ſtand, das Theeſervice aufgeſtellt, und nachdem er ſich überzeugt, daß das Waſſer in dem ſilbernen Keſſel leiſe zu ziſchen und zu ſingen anfing, den Salon wieder verlaſſen. Roſa war an den Tiſch getre⸗ ten, um den Thee zu bereiten, wobei ihr Francoiſe half, in— dem ſie gefüllte Taſſen zuerſt Herrn von Scherra, dann ihrem Manne brachte, welche ſich beide vor dem Kamin niederge— laſſen hatten. Zu dem Erſtern ſagte ſie dabei:„Dieſe iſt für Sie nur zur Einleitung, Sie bekommen vortreffliche Trauben, ein Biscuit und ein paar Tropfen Marſala.“ „Ja, ja,“ ſprach der Graf heiter,„du biſt einmal das enfant gâté meiner Frau.“ „Nicht wahr? Und du findeſt es begreiflich, daß ich gern meine Abende bei Euch zubringe. So bei lieben Bekannten freundlich empfangen zu werden, iſt eine von den wenigen Süßigkeiten eines Junggeſellenlebens.“ „Wenn aber dieſer Junggeſelle ſelbſt heirathen könnte,“ meinte Francoiſe lächelnd,„um dann auch bei ſich einen heimlichen Kaminwinkel zu bilden—“ Herr von Scherra verſetzte, ſein Haupt ſchüttelnd;„Die⸗ ſes Junggeſellenleben führt uns zu leidigen Gewohnheiten, die wir ſchwer wieder ablegen können. Wenn der Abend 199 Im Salon der Gräfin Lotus. — ſ kommt, hält es mich nicht mehr zu Hauſe, und es treibt mich, liebe Freunde aufzuſuchen, wo ich gern meine Abende ver⸗ bringe. Ich verſtehe vollkommen die Lage jenes alten Gar⸗ 3 cons, der eine geliebte Freundin, die er täglich beſuchte, nur deßhalb nicht heirathete, weil er dann nicht mehr gewußt 1 hätte, wo er ſeine Abende zubringen ſollte.“ Roſa hatte ein paar kleine Tiſchchen neben das Kamin⸗ 1 feuer geſetzt, um dort die Taſſen aufzuſtellen.„Es iſt ſchade,“ e ſagte ſie,„daß Sie in dieſem Punkte ſo unverbeſſerlich ſind, r ich glaubte, Sie hätten alle Eigenſchaften, ein vortrefflicher Hausvater zu werden.“ 4„Davon bin ich durchaus nicht überzeugt, Fräulein Roſa. 2 Allerdings können mich Freunde und Gewohnheiten Jahre lang 1 an einen Ort feſſeln, aber wenn alle Welt glaubt, ich ſei 2 feſtgewurzelt, ſo treibt es mich auf einmal wieder fort in die r Ferne, und es erwächſ't mächtig die alte Reiſeluſt.“ „Du haſt doch im gegenwärtigen Augenblicke nicht der— gleichen vor?“ fragte der Hausherr in faſt beſorgtem Tone. 8„Beſtimmtes nicht,“ entgegnete Herr von Scherra,„doch wenn ich meine Tagebücher durchblättere, oder aus ihnen ar⸗ beite, wie ich auch heute mehrere Stunden gethan, ſo tauchen ferne Gegenden, wo ich gern verweilte, wieder ſo friſch und n lebendig vor mir auf, daß ich an mich halten muß, um nicht auf der Stelle einen Befehl zum Einpacken zu geben.“ 6„Ueber Aehnliches ſprachen wir vorhin auch, aber nicht n à cause der Tagebücher— leider haben wir keine ſolchen— ſondern beim Erblicken glückſeliger Zugvögel, die ſo frei und e⸗ feſſellos glücklichere Gefilde aufſuchen können.“ n,„Was meinſt du dazu?“ wandte ſich Herr von Scherra an den Hausherrn.„Hätteſt du nicht auch wieder einmal 200 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Luſt, Zugvogel zu ſpielen, und noch einmal den Nil oder den heiligen Ganges zu beſuchen?“ „Dorthin zieht mich's eigentlich nicht,“ erwiderte der Graf, und Roſa ſetzte raſch hinzu:„Lieber Herr von Scherra, ich muß bitten, nicht ſo egoiſtiſch zu ſein, wenn Sie über Reiſen reden, und auch an uns zu denken.“ „Erwünſchteres könnte uns nichts kommen,“ verſetzte der Angeredete galant;„dann freilich wäre es nichts mit Nil und Ganges, aber wohin ſonſt? Italien? Neapel? Ich fürchte, der gute Veſuv hat ſeine beweglichen Landsleute angeſteckt und wir haben dort in nächſter Zeit einen Ausbruch zu erwarten, wie noch nie etwas Aehnliches dageweſen. Du haſt doch heute die Zeitung geleſen?“ wandte er ſich an ſeinen Freund,„Garibaldi iſt ausgeſegelt, und ich wette zehn gegen eins, er wird in Sicilien landen.“ Francoiſe, welche wohl wußte, daß ein Geſpräch über Politik höchſt aufregend auf den Grafen wirkte, neigte ſich gegen Herrn von Scherra und bemerkte lächelnd,„Sie ſollen mir nicht umſonſt geſagt haben, daß ich zuweilen befehlen möchte; ich mache jetzt davon den erſten Gebrauch und befehle, daß in meinem Salon nicht über Politik geſprochen wird.“ „Da haben wir's,“ rief Scherra mit komiſchem Ernſt, „aber im Grunde hat die Gräfin Recht. Man ſoll am freundlichen Kaminfeuer, bei einer guten Taſſe Thee, in Ge⸗ genwart von liebenswürdigen Damen, mit Freunden, die noch dazu entgegengeſetzter Meinung, wie wir, ſind,“ ſetzte er mit einem leichten Augenblinzeln gegen den Grafen hinzu,„nicht politiſiren, es iſt das ein unfruchtbares Geſchäft. Und es iſt dies wahrhaftig auch nicht meine Abſicht; nur um in den Augen der liebenswürdigen Fräulein Roſa nicht als Egoiſt Im Salon der Gräfin Lotus. 201 zu erſcheinen, wollte ich die Frage an dieſelbe ſtellen, ob man, trotz einer Umwälzung in Italien, als Fremder dort unge⸗ hindert auftreten könnte?“ „Wie ich die Italiener kennen lernte,“ verſetzte der Graf, „bin ich der Anſicht, man würde nicht beläſtigt werden, auch glaube ich an keine dauernde Umwälzung. Worauf begründet ſich auch das Recht der piemonteſiſchen Regierung,“ ſetzte er eifrig hinzu, während ſich ſeine Augen belebten,„die Lombar⸗ den, Toscaner, Römer und Neapolitaner auf ihre Art glück⸗ lich zu machen, und durch unrechtmäßiges Vertreiben ihrer angeſtammten Fürſten zu einem Ganzen verſchmelzen zu wollen, was doch nie zuſammenhalten kann und wird? Dieſe piemonteſiſche Regierung,“ fuhr er heftiger fort,„die—“ „Halt, halt!“ rief Herr von Scherra in komiſchem Ernſte. „Sind wir ſchon wieder mitten drinn, und ſoll ich jetzt den alten Streit erneuern, indem ich dir aus einander zu ſetzen verſuche, daß die Italiener wohl ein Recht haben, eine große und freie Nation zu bilden, und daß es dir ſelbſt, um von etwas Praktiſchem zu reden,“ ſetzte er lachend hinzu,„außer⸗ ordentlich angenehm ſein würde, wenn du ſpäter einmal vom Lago Maggiore nach Sicilien reiſen kannſt, ohne alle paar Quadratmeilen genöthigt zu ſein, deinen Paß zu zeigen und theure Sporteln zu zahlen, damit dich irgend ein italieniſcher Beamter, der dich gar nicht kennt, für einen unbeſcholtenen und ehrlichen Mann erklärt? Meine Damen, ich muß dieſem ſtrengen Verfechter alles Beſtehenden die Erinnerung an einen Morgen in Livorno zurückrufen, auf deſſen Rhede wir Mor⸗ gens um 4 Uhr ankamen, um nach zehn Stunden gänzlich unmotivirten Wartens endlich ans Land gelaſſen zu werden. Hat dieſer gute Graf damals nicht das Lob der kleinen ita⸗ 202 Neunundzwanzigſtes Kapitel. lieniſchen Regierungen in den verſchiedenſten Sprachen der Welt geſungen, leider auch auf italieniſch, weßhalb es uns auch faſt begegnet wäre, daß man uns, endlich in der Stadt Livorno angekommen, ohne viele Umſtände eingeſteckt hätte?“ „Ich will wahrlich dieſen Chicanen und elenden Neckereien nicht das Wort reden, aber das ſind Mißbräuche, die ſich abſtellen laſſen.“ „Die man aber nicht abſtellen wird; man hatte wahr⸗ haftig lange genug Zeit, das zu thun.“ Roſa ſchüttelte unmuthig ihren Kopf; ſie ſah voraus, daß es bei der reizbaren Gemüthsverfaſſung des Grafen in der nächſten Minute zu heftigen Worten kommen werde; ſie blickte Francoiſe fragend an, die es aber nicht wagen durfte, den Herrn von Scherra, der ſich auch noch obendrein etwas von ihr abgewandt hatte, durch einen Wink zu bitten, daß er das Geſpräch abbrechen möge. Glücklicher Weiſe öffnete der Kammerdiener in dieſem Augenblicke die Thür und ließ Arthur von Marlott eintreten, der mit ſo geräuſchvollem und ſelbſtgefälligem Behagen erſchien, daß auch die lauteſte Unter⸗ haltung unterbrochen werden mußte. Dreißigſtes Kapitel. Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. „Das heiße ich einmal Ahnungs-Vermögen entwickeln und Glück haben!“ rief der Huſaren⸗Offizier, während er nach allen Seiten ſein Compliment machte, mit großer Luſtig⸗ keit,„Ahnungs⸗Vermögen, weil ich mir halb und halb dachte, ich würde hier einen warmen Kamin und ein kleines, ver⸗ nünftiges Souper finden, und Glück, daß ich mich nicht getäuſcht. „Sie erlauben doch, ſchöne Couſine, wandte er ſich an die Gräfin,„daß ich mich in Ihrem angenehm durchwärmten Salon häuslich niederlaſſe? Es iſt draußen verdammt kalt,“ ſetzte er fröſtelnd hinzu. Wir können hier unmöglich verſchweigen, daß der Hu⸗ ſaren⸗Offizier ſich ziemlich lange in der Straße vor dem Hauſe aufgehalten hatte. „Man kann doch,“ fuhr er heiter fort,„nicht jetzt ſchon im dicken h herumlaufen.“ 204 Dreißigſtes Kapitel. „Wenn es einen friert, warum nicht?“ meinte Herr von Scherra trocken.— Der junge Offizier machte gegen den Sprecher eine Be⸗ wegung mit den Schultern, als könne er nicht umhin, ihn wegen ſeiner hausbackenen Anſichten zu bemitleiden; dann rollte er mit vielem Geräuſch einen Fauteuil herbei, ließ ſich hineinfallen, und erſt nach längerem Händereiben, während er mehrmals verſichert, daß es in der That verflucht kalt ſei, wandte er ſich an Roſa, um ihr auf ſeine Ehre die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß für die morgende Theater⸗Vorſtellung jetzt ſchon kein einziger Platz mehr zu bekommen ſei.„Der Intendant,“ fuhr er geſchwätzig fort,„hat geſtern Abends im Club verſichert, daß Ihre Vorſtellung für morgen Abends, ſchöne Grauſame, entſchieden Ihre beſte ſei.“ „Ich bitte Sie, Herr von Marlott, verſchonen Sie mich,“ ſagte unmuthig die Tänzerin. „O,“ verſetzte er ſeufzend mit einer Miene, die ernſthaft ſein ſollte, wobei er mit der rechten⸗Hand von ſich abwehrte, „der Himmel ſoll mich bewahren, zu Ihnen dergleichen zu reden, edle, aber grauſame Couſine; aber Ihrer liebenswür⸗ digen Schweſter, unſerer theuren Gräfin, werden Sie mir nicht verbieten wollen, mitzutheilen, daß in der geſtrigen Theaterprobe das ganze Theaterperſonal außer ſich geweſen iſt über die Auffaſſung Ihrer Rolle. Ja,“ wiederholte er, ſich ernſt umſchauend,„bei unſerer großen Tänzerin, Fräulein Roſa, kann man von Auffaſſung einer Rolle ſprechen, und daß ſie in ihrem Zigeuneranzuge wunderbar ausgeſehen, be⸗ darf eigentlich gar keiner Erwähnung.“ „Wenn Sie ſo fortfahren,“ erwiderte Roſa gereizt und verdrießlich,„ſo zwingen Sie mich wahrhaftig, nach Hauſe Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 205 zu gehen oder wenigſtens den Schutz des Hausherrn anzu⸗ rufen.“ „Der wird auch nicht auf ſich warten laſſen,“ ſagte der Graf;„ſei doch geſcheut, Arthur, ſprich lieber von deinen Kameraden und Pferden, was doch auch ein ſchon oft dage⸗ weſenes Kapitel iſt.“ „Es iſt traurig, daß Ihr es nicht ertragen könnt, wenn ich meiner ſchönen Couſine die aufrichtigen Gefühle meines Herzens darlege,“ meinte der Huſaren⸗Offizier, wobei er mit der heiterſten Miene von der Welt die Anweſenden der Reihe nach anſah;„aber wenn es Euch gefällig iſt, kann ich auch von etwas Anderem reden, nur nicht von meinen Kameraden, die ſind langweilig; auch nicht von meinen Pferden, von de⸗ nen leider im gegenwärtigen Augenblicke nicht viel Rühmens zu machen iſt.“ „Darf man ſich denn auch darnach erkundigen, wo du herkommſt?“ „Das iſt vielleicht eine Gewiſſensfrage,“ warf Herr von Scherra ein. „Ganz und gar nicht,“ ſagte Athur von Marlott,„ich komme direct von der Straße— ja, von der Straße,“ ſetzte er mit einem ſehr behaglichen Geſichtsausdrucke hinzu,„es war da recht froſtigz vorher aber war ich auf unſerem Jockei⸗ club und ſah dem Spielen zu.“ Die Tänzerin hatte ſich ihrer Schweſter genähert und ſprach, auf den⸗Rand ihres Fauteuils gelehnt, angelegentlichg mit ihr. „Es, wurde ſehr hoch geſpielt,“ fuhr der junge Offizier fort,„verdammt hoch, und Lieutenant von Bonnet gewann, wie gewöhnlich.“ 206 Dreißigſtes Kapitel. „Und du ſpielteſt nicht?“ fragte der Graf. „Nie gegen Bonnet, dieſer Kerl hat ein zu unverſchäm⸗ tes Glück, und ich habe keine Luſt, mit meinem Wenigen ſeine Einkünfte zu vermehren.— Apropos, lieber Herr von Scherra, ich habe Sie ſpäter um einen rechten Freundſchafts⸗ dienſt zu bitten.“ „So laſſen Sie hören, was ich mit meinen ſchwachen Kräften für Sie thun kann.“ „Später, ſpäter,“ verſetzte luſtig der Huſaren-Offizier, „jetzt muß ich meine theure Couſine Roſa noch um eine Taſſe Thee bemühen, wenn nicht etwas Solideres da iſt,“ ſetzte er, um ſich ſchauend, hinzu. „Scherra bekommt ein Glas Marſala,“ ſagte der Graf; „ich glaube, wenn du dich gut aufführſt, wird für dich auch was da ſein; iſt's nicht ſo, Roſa?“ Die Tänzerin war an den Tiſch gegangen und gab von dort her lachend zur Antwort:„Wenn das von der guten Aufführung unſeres theuern und verehrten Couſins abhängt, ſo glaube ich, daß ſein Souper ſehr ſchmal ausfallen dürfte, denn er ſcheint mir in der Laune zu ſein, wo ſeine Auffüh⸗ rung mir nicht gefallen kann.“ Der Huſaren⸗Offizier hatte ſchmunzelnd ſeine feinen Stiefel betrachtet, wobei er ſeine Sporenräder leiſe zuſam⸗ menklingen ließ. Gerade wollte er irgend etwas Unüberlegtes entgegnen, als ſein Blick auf den Aermel ſeines Attila fiel und er dort auf dem dunkeln Tuch einen kleimen rothen, wol⸗ lenen Faden bemerkte. Er nahm ihn raſch zwiſchen ſeine Finger, betrachtete ihn ein paar Sekunden, behaglich lächelnd, und ließ ihn alsdann auf den Teppich niederfallen, nachdem er ihn zuvor zu einem kleinen Kügelchen zuſammengodreht. n Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 207 Dieſer rothe, wollene Faden ſchien auf ſeinen Ideengang ein⸗ zuwirken, denn nachdem er einen Augenblick über irgend etwas nachgedacht, erhob er ſich raſch von ſeinem Sitze und trat an den Tiſch, wo Roſa eben für Herrn von Scherra einen Kelch mit dem edlen, goldgelben ſicilianiſchen Weine füllte. Hier überflog ſein Auge raſch die anmuthige Geſtalt des jungen Mädchens, und darüber wurde ſein Blick ernſt; er berührte mit ſeiner Hand leiſe ihren Arm und ſagte: „Geben Sie mir immerhin auch ein paar Tropfen, Roſa, ich werde ſie nachträglich durch eine muſterhafte Aufführung verdienen.“ Das junge Mädchen ſah ihn forſchend an, und als ſie bemerkte, daß von ſeinem Geſichte jene Luſtigkeit verſchwun⸗ den war, deren etwas roher Ausdruck ſie beſtändig verletzte, ſagte ſie in freundlicherem Tone:„Gut denn, ſo will ich Ihnen wieder einmal trauen. Sie ſehen, wie verſöhnlich ich bin, und daß ich viel mehr auf Sie halte, als ich eigentlich thun ſollte; aber jetzt ſeien Sie auch vernünftig.“ „Nach Möglichkeit, ſchöne Couſine. Gott, wenn Sie wüßten, daß es nur an Ihnen läge, mich zu einem vollkom⸗ men vernünftigen Menſchen zu machen, ſo würden Sie ſich einmal recht viel Mühe mit meiner Erziehung geben.“ „Glaub' ihm nicht,“ rief der Graf,„mit der Erziehung wäre keine Ehre einzulegen.“ Der Huſaren⸗Offizier hatte ſich einen Stuhl an den Tiſch gezogen, ſo nahe als möglich dem ſchönen Mädchen, und während er ein Biscuit in den Marſala tauchte, verſetzte er kopfſchüttelnd:„Ihr thut mir alle Unrecht. Weiß der Himmel, woher es kommt, daß ich ein ſo zweideutiges Re⸗ ———] — 208 Dreißigſtes Kapitel. nommee habe; aber ich tröſte mich mit der hochſeligen Königin von Schottland: auch ich bin beſſer, als mein Ruf.“ Francoiſe hatte ſich ebenfalls erhoben und war auch an den Tiſch getreten, wo ſie ihren Arm um den Hals ihrer Schweſter legte und dem Geplauder des jungen Offiziers zuhörte, der behaglich ſpeiſ'te und in der That etwas ver⸗ nünftiger geworden zu ſein ſchien, denn er berichtete von einer Gemälde⸗Ausſtellung, wo er heute geweſen, und von dieſem oder jenem Bilde, welches ihm beſonders gefallen. Herr von Scherra war am Kamin ſitzen geblieben, trank Tropfen für Tropfen ſeinen Marſala und ſchien ſich eben ſo ſehr, wie an dem Geſchmack deſſelben, an der Farbe des edeln Weines zu erfreuen, der bei der Glut des Kaminfeuers wie flüſſiges Gold funkelte.„Ich las neulich wieder,“ ſagte er, zu dem Grafen gewandt,„Nachrichten über die Thugs oder indiſchen Mörderorden. Es iſt mir das ſehr intereſſant, und es wäre mir wichtig, über Einiges, das mir unklar ge⸗ blieben, belehrt zu werden. Sollte ich den Juſſuf,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„nicht einmal in dieſer Richtung befragen dürfen?“ Der Graf ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und blickte eine Zeit lang in die glühenden Kohlen, ehe er zur Antwort gab:„du würdeſt ihn ohne Nutzen befragen, ſein Mund wäre gegen dich ſtumm wie das Grab, verlaß dich darauf.“ „Würde er auch dir eine Auskunft verweigern?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht; er ſpricht nicht gern von ſeiner Vergangenheit.“ „Es iſt ſchade,“ meinte Herr von Scherra;„aber du ſelbſt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„der du zugegen warſt und betheiligt bei der Unterſuchung gegen die indiſchen Mörder⸗ ——— ire ern du erſt er⸗ — Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 209 orden, könnteſt mir Einiges ſagen, was mir in jenen Berichten undeutlich bleibt.“ „Aufrichtig geſagt,“ verſetzte der Graf mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln,„geht es mir faſt, wie Juſſuf, auch ich ſpreche nicht gern über jene Geſchichten.“ „Das heißt, du magſt Neugierigen nicht gern darüber mittheilen, und darin haſt du vollkommen Recht; aber mir würdeſt du es nicht abſchlagen, mich in meinen Forſchungen zu unterſtützen.“ Der Graf hatte ſich gegen das Kaminfeuer gebeugt und ſtieß mit der Zange zu wiederholten Malen in die brennenden Holzſtöße, ſo daß Myriaden von Funken leuchtend aufflogen. „Von ihren Geheimniſſen,“ ſagte er alsdann,„weiß ich auch nicht viel; ſollte ich dir aber etwas Intereſſantes mitzutheilen im Stande ſein, ſo würde ich dir gern einige Fragen beant⸗ worten, im Falle ich das nämlich zu thun vermag.“ „Ich möchte aber nicht, daß es unangenehme Erinnerun⸗ gen in dir hervorriefe.“ „Was du mich fragen wirſt, wird wohl keine unange⸗ nehmen Erinnerungen in mir erwecken. Du biſt auf dieſem Welttheil wohl der einzige Menſch, der Kenntniß davon hat, was Juſſuf war, und haſt auch die Gründe gebilligt, warum ich den Indier in meine Dienſte nahm.“ Er ſagte das, wie in halber Zerſtreuung, mit gedankenvollen Blicken, welche er in die Glut des Feuers verſenkte. „Gibt es noch von dieſen Mörderorden in Indien?“ fragte Herr von Scherra nach einer Pauſe. „O ja, es gibt deren noch, aber lange nicht mehr ſo zahlreich, wie damals, wo ſie mit vollem Rechte eine grauen⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 14 Dreißigſtes Kapitel. hafte Plage genannt werden konnten; geſtanden doch manche der eingefangenen Mörder, daß ſie das Handwerk 25 bis 30 Jahre getrieben, jährlich ihren Raubzug zurückgelegt und an manchen Tagen 10 bis 20 Perſonen ermordet hätten.“— „Wie man hört, meine Damen,“ ſagte drüben am Thee⸗ tiſche der Huſaren⸗Offizier in lautem, ſehr wichtigem Tone, „ſo ſoll die diesjährige Saiſon außerordentlich glänzend wer⸗ den, man wird bei Hofe Comödie ſpielen und tanzen.“— „Dabei ſind aber keine Fälle bekannt, daß ſie Blut ver⸗ goſſen?“ forſchte Herr von Scherra weiter. „Nein,“ erwiderte der Graf,„hatten doch die eigent⸗ lichen Mörder auch den Beinamen„Buttoat“ oder Erwürger, welche das Palu, ſo heißt das Tuch zum Erdroſſeln, drei Fuß lang und leicht zuſammen gedreht mit einem Knoten am Ende am Gürtel trugen. Der Buttoat folgte der Perſon, die ermordet werden ſollte, warf ihr das Tuch über den Hals und kreuzte dann mit außerordentlicher Kraft die Arme, wor⸗ auf alles vorüber war. Die entſetzliche Geſchicklichkeit dieſer Leute war ſo groß, daß, ehe das Opfer noch zu Boden fiel, das Leben erloſchen war.“— „Mit Hof⸗Concerten,“ lachte Arthur,„bitte ich, mich zu verſchonen; es kommt auch dieſe Ehre ſelten an mich, denn ich kann nicht umhin, dort ein ſolches Bild von Langeweile zu geben, daß es, wie mir ſeine Excellenz der Oberhofmeiſter verſicherte, förmlich anſteckend ſein ſoll und ſchon Veranlaſſung gegeben zu einem Allerhöchſten Gähnen.“ „Und doch haben Sie oft verſichert,“ meinte Roſa,„daß die Muſik Ihnen Vergnügen macht.“ „Doch nur die Tanzmuſik, nicht wahr, Arthur?“ ſagte lächelnd die Gräfin. 1 ☛ nac Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 211 „Allerdings kann ich mich in der Branche von Tanzmuſik und Tanz unbedingt für einen Kenner ausgeben. Fragen Sie die grauſame Roſa, ob ich nicht bei jedem Ballete von Anfang bis Ende nur Auge und Ohr bin.“ „Wie kann ich das wiſſen? Sie werden doch nicht ſo eitel ſein, vorauszuſetzen, daß ich nach Ihnen ſehe, um Ihre Aufmerkſamkeit zu beurtheilen?“ „Nicht immer, begreiflicher Weiſe, ſchöne Couſine, aber zuweilen erhalte ich doch meinen Blick, ach, ſo einen kleinen Blick der Freundſchaft, mit Liebe verbrämt!“— Die beiden Schweſtern lachten, und Roſa ſagte:„Er iſt unverbeſſerlich, es hilft wahrhaftig nichts, wenn man ſich die Mühe gibt, ihm Vernunft zu predigen. Geſtehen Sie, Herr von Marlott,“ fuhr ſie fort, nachdem ihre Blicke plötz⸗ lich den Ausdruck des freundlichen Lächelns verloren hatten, „daß Sie den ganzen lieben Tag nie an etwas Ernſtes den⸗ ken und immer nur überlegen, wie Sie ſich in der nächſten Stunde am beſten amuſiren wollen.“ „Das Letztere zugeſtanden, thun Sie mir im Erſten Un⸗ recht; ich denke oft an etwas Ernſtes, und zwar an Sie, ſchöne Roſa, ohne daß mich aber dieſes Denken je etwas genützt. Sie haben nun einmal eine ſchlechte Meinung von mir und wollen nicht davon ablaſſen.“ „Trotzdem er alles thut,“ warf die Gräfin heiter ein, „um dich in deiner Meinung zu beſtärken. Du haſt Recht, er iſt unverbeſſerlich.“— „Etwas möͤchte ich noch wiſſen,“ ſprach Herr von Scherra nach einer längeren Pauſe,„ob die Thugs nämlich ſich von Andern gebrauchen ließen, um eine bezeichnete Perſon aus der ut zu ſchaffen?“ 212 Dreißigſtes Kapitel. Der Graf blickte mit einem Ausdrucke zu ſeinem Freunde auf, als habe er die Frage nicht recht verſtanden. „Ich meine,“ fuhr dieſer fort,„ob ſie ſich in der Art gebrauchen ließen, etwa wie die italieniſchen Bravi— ob ſie auf Beſtellung und für Geld mordeten?“ Der Graf fuhr langſam mit ſeiner Hand über die Au⸗ gen, ehe er mit leiſer Stimme zur Antwort gab:„Das Letz⸗ tere thaten ſie wohl niemals, und was das Andere anbe⸗ langt, ſo weiß ich dir auch darüber keine genaue Auskunft zu geben. So viel iſt ſicher, daß ſie bei ihrem entſetzlichen Gewerbe vorgaben, nur dem Rufe ihrer finſteren Göttin Kalee zu folgen. Dieſer Ruf oder die Vorzeichen waren verſchie⸗ dener Art, z. B. das Geſchrei des Wolfes, der Eule, auch das Zuſammenſchlagen von Stein und Eiſen, ſobald dies auf ihrer rechten Seite ertönte. War ihre Aufmerkſamkeit da⸗ durch erregt, ſo überließen ſie ſich allerdings dem Einfluß ihrer Vorgeſetzten oder auch vielleicht dem von Perſonen, die ſie hoch verehrten.“ Bei dieſen letzten Worten ſtieß der Graf die Holzblöcke im Kamin zuſammen und ſprach ſo leiſe, daß Herr von Scherra Mühe hatte, ihn zu verſtehen. Da dieſer auch hieraus ab⸗ zunehmen ſchien, daß die Fortſetzung dieſes Geſpräches ſeinem Freunde nicht angenehm ſei, ſo lehnte er ſich in ſeinen Fau⸗ teuil zurück und blickte nach den beiden Damen, denen es Spaß zu machen ſchien, den jungen Offizier bei ſeinem Sou⸗ per wechſelweiſe zu bedienen. „Da ſieht man es wieder einmal,“ rief er mit komiſchem Ernſte,„welchen Vorzug die Jugend hat— dieſer undank⸗ bare Offizier wird von ſchönen Händen gefüttert, während ich vergeblich nach einem Tropfen Marſala ſchmachte. x ——— Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 213 „Falſch, Herr von Scherra,“ lachte Arthur.„Nur aus Discretion, um Ihr ernſtes und gewiß ſehr intereſſantes Ge⸗ ſpräch mit Paul nicht zu ſtören, zogen wir uns hieher zurück, und ich wurde, wie ſchon oft, das Opfer meiner Gefälligkeit, denn ich habe allerdings ſtark ſoupirt.“ „Sie nennen das ein Opfer, was andere, minder be⸗ günſtigte Sterbliche vollkommen glücklich machen würde. Ich werde mich auch, um in Ihrer Redeweiſe fortzufahren, ein wenig opfern,“ ſprach Herr von Scherra, aufſtehend. „Im Falle nämlich Arthur noch etwas übrig gelaſſen hat,“ ſagte der Graf, indem er dem Beiſpiele ſeines Freun⸗ des folgte, ſich ebenfalls von ſeinem Fauteuil erhob und an den Tiſch trat. „Mit dieſer Aeußerung, beſter Paul,“ verſetzte Arthur, „machſt du allein deiner hochverehrten Frau, unſerer liebens⸗ würdigen Wirthin, ein ſchlechtes Compliment. Daß du mich als ein Muſter von Unerſättlichkeit hinſtellſt, will ich dir ver⸗ zeihen, und wie ſehr du der vortrefflichen Gräfin Unrecht gethan, davon magſt du dich durch den Augenſchein über⸗ zeugen. Rücken wir alſo zuſammen, und fahren wir in un⸗ ſerem höchſt angenehmen Geſchäfte fort.“ „So war es eigentlich nicht gemeint,“ lachte Herr von Scherra, und ſetzte, nachdem er auf ſeine Uhr geſehen, bei: „es iſt ſpät genug, um einen kleinen Abſchiedstrunk zu thun, und ich bitte zu dieſem Behufe Fräulein Roſa noch um ein Glas Marſala.“ „Es iſt traurig,“ meinte der Huſaren⸗Offizier,„daß dieſer gute Herr von Scherra nie die ächte und gerechte (Ruhe hat.“ „Beim Souper, wollen Sie ſagen?“ 214 Dreißigſtes Kapitel. „Da und auch ſonſt.“ „Nun erlauben Sie, lieber Herr von Marlott,“ verſetzte der alte Herr,„es gibt Gelegenheiten, wo ich ſchon beweiſe, daß es mir an der nöthigen Ruhe nicht fehlt; aber wenn es elf Uhr vorüber iſt, ſo iſt es wohl nicht zu früh, an's Nach⸗ hauſegehen zu denken, beſonders da Paul vor Mitternacht zur Ruhe gehen ſoll und muß.“ „Ja, daran habe ich nicht gedacht,“ gab der Huſaren⸗ Offizier zur Antwort und ſetzte, zu dem Hausherrn gewandt, nachdem er ſeinen Bart ſorgfältig mit der Serviette abge⸗ wiſcht hatte, hinzu:„Wie geht es dir jetzt eigentlich mit dem Schlafen, ich denke beſſer, nicht wahr? Das freut mich ganz außerordentlich, wahrhaftig, ganz außerordentlich, obgleich ich mir eigentlich von den Leiden der Schlafloſigkeit keinen rech⸗ ten Begriff machen kann.“ „Denk dir einmal, Arthur,“ erwiderte der Graf gut gelaunt,„du ſeiſt ſo recht hungrig und durſtig; dieſe Ge⸗ fühle kennſt du doch?“ „O, was das anbetrifft, ſo kenne ich auch andere,“ ant⸗ wortete der Huſaren⸗Offizier etwas piquirt. „Alſo du ſeiſt hungrig und durſtig, hätteſt die beſten Speiſen und Getränke um dich ſtehen, und unſichtbare Hände verhinderten dich, zuzulangen.“ „Das wäre allerdings entſetzlich.“ „So iſt es mit meiner Schlafloſigkeit,“ ſprach der Haus⸗ herr ſehr ernſt;„ich bin ſchläfrig zum Umſinken, die Augen fallen mir faſt zu, der Schlaf, der alle Geſchöpfe erquicke umgaukelt mich, daß ich ihn faſt glaube mit den Händ ergreifen zu können, und wenn ich die Augen ſo recht mü ſchließe und denke, er ſenke ſich ſanft auf mich nieder, ſo Redensart, ſondern ein Wunſch, der von Herzen kommt.— Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 215 flattert er wie hohnlachend davon in alle Weiten— doch reden wir nicht davon,“ ſchloß der Graf mit einer abwehren⸗ den Handbewegung. „Das iſt auch meine Meinung,“ ſagte Herr von Scherra, „ich kenne auch ähnliche Zuſtände und habe mich immer be⸗ müht, Abends auf andere Gedanken zu kommen und ſo die Furcht zu überwinden, die man vor ſeinem eigenen Bette hat.“ Der Graf hatte ſeine eine Hand ſanft unter den Arm ſeines Freundes geſchoben, und ſagte, ihn etwas bei Seite ziehend, mit leiſer Stimme:„Haſt du dich nochmals nach jenem Arzte erkundigt? Räthſt du mir, ihn zu einer Conſul⸗ tation zu beſuchen?“ „Warum nicht, es wird dich beruhigen.— Dr. Hender⸗ kopp— bei dieſem Namen wandte ſich der Huſaren⸗Offizier raſch gegen Herrn von Scherra, wobei er für ſich ſelbſt mit dem Kopfe nickte, wie jemand, der ſich auf etwas beſinnt— war Aſſiſtenz⸗Arzt bei einem meiner wertheſten Freunde,“ ſetzte Herr von Scherra ſeine Rede ruhig fort, ohne die Be⸗ wegung Arthurs zu ſehen,„welcher ſeine Kenntniſſe lobte und mit ſeinen eifrigen Studien zufrieden war. Die Anſtalt, die Dr. Henderkopp jetzt ſelbſt führt, habe ich allerdings nur flüchtig geſehen, doch was ich ſah, hat mir nicht mißfallen. Wenn du willſſt, begleite ich dich hin.“ „Nein, nein, ich danke dir,“ entgegnete der Graf raſch, faſt ängſtlich,„das mache ich lieber allein ab; nicht, daß ich's heimlich thun wollte, im Gegentheil, ich werde dir genau re⸗ feriren, was er mir geſagt.“ „Wie du willſt, mein guter Paul. Und nun,“ er reichte ihm die Hand,„ſchlaf' wohl,— es iſt das bei mir keine 216 Dreißigſtes Kapitel. Gehen Sie mit, junger Weltenſtürmer?“ wandte er ſich an Herrn von Marlott. „Gewiß,“ entgegnete dieſer;„doch, ehe ich es vergeſſe, darf ich Sie wohl fragen, ob Sie nicht eben den Namen des Dr. Henderkopp nannten?“ „Allerdings; aber wie kommen Sie auf dieſen Namen?“ „O,“ machte lachend der junge Offizier,„in Betreff dieſes Wortes habe ich Sie ſpäter um eine Gefälligkeit zu erſuchen.“ „Darauf wäre ich begierig,“ verſetzte lächelnd der alte Herr;„ich wüßte nicht, was mehr aus einander ginge, als Dr. Henderkopp und Sie.“ „Zugeſtanden, und doch haben auch die verſchiedenartig⸗ ſten Menſchen gemeinſchaftliche Annäherungspuncte,“ meinte Herr von Marlott, und ſetzte gegen die Damen gewandt hinzu:„Meine ſchönen Couſinen, ich habe die Ehre, Ihnen eine gute Nacht zu wünſchen.“ Francoiſe reichte ihm freund⸗ lich die Hand, die er bedächtig an ſeine Lippen führte, dabei aber zu Roſa hinüberſchielte und dann ſagte:„Francoiſe hat doch ein gutes und verſöhnliches Gemüth und läßt mich ſelten ohne ein Zeichen ihrer Güte ſcheiden, aber Sie—“ „Schon gut, Herr von Marlott,“ lachte die Tänzerin, „ich bin um Ihren ruhigen Schlaf beſorgt. Wie oft haben Sie mir ſchon verſichert, daß ich Ihnen mitternächtige qual⸗ volle Stunden verurſacht.“ „Und auf Ehre, das iſt wahr! Selbſt im Traume noch umſchwebt mich dein Bild! ſingt jener glückſelige junge Menſch in der Nachtwandlerin, indem er, ach, mit ganz anderen Ge⸗ fühlen ſcheidet, als ich. Gute Nacht dann, Paul! Ich wünſche dir von Grund meines Herzens einen feſten Schlaf.“ „Gute Nacht, meine Damen,“ ſagte Herr von Scherra, Die Thugs oder indiſchen Moͤrderorden. 217 hug und damit verließen Beide das Gemach, während der Haus⸗ herr an der Glocke zog, die neben dem Kamin hing. Draußen im Veſtibul ſtand der Kammerdiener des Gra— fen Lotus und präſentirte den beiden Herren Cigarren auf einem ſilbernen Teller, während einer der Lakaien ein bren⸗ nendes Wachslicht bereit hielt. Ein anderer der Bedienten half Herrn von Scherra ſeinen Ueberrock anziehen, und bot alsdann auch dem Huſaren⸗Offizier den ſeinigen, welchen deſſen Reitknecht gebracht. „Das iſt wunderbar,“ meinte Herr von Marlott,„daß mein theurer George ſich um ſolche Kleinigkeiten, wie meinen Paletot, bekümmert; ich fürchte, er hat wieder allerlei Streiche gemacht, weßhalb er ſich bemüht, mich bei guter Laune zu erhalten, es iſt mir das immer verdächtig.“ Er brannte ſeine Cigarre an und folgte dem alten Herrn, der ſchon die Treppe hinabgegangen war.— Es war eine kalte, ſternenklare Nacht. Der Offizier ſchaute an den Himmel empor und heftete dann ſeine Blicke auf das gegenüber liegende Haus, wo aber kein Lichtſchimmer mehr zu ſehen war. „Sie ſchläft und träumt von mir,“ trillerte er nach einer bekannten Weiſe, worauf er dem alten Herrn freundlich ſeinen Arm bot. Nachdem ſie ein paar Schritte gegangen waren, ſagte Herr von Marlott:„Ich habe Sie in der That um eine kleine Ge⸗ fälligkeit zu bitten, welche, was Ihnen allerdings ſonderbar vorkommen wird, jenen Dr. Henderkopp betrifft. Sie kennen ihn, wie ich weiß, und könnten etwas für mich thun.“ „Ich muß wiederholen, daß ich begierig bin, auf welche 218 Dreißigſtes Kapitel. Art ich Ihnen bei dem Director der Privat⸗-Irren⸗Anſtalt nützlich ſein kann.“ „Nun, in dieſer Eigenſchaft freilich nicht,“ lachte der Huſar,„Gott ſoll mich in Gnaden bewahren; aber wie ich ganz genau weiß, wird ſich der Doctor in den nächſten Ta⸗ gen verheirathen.“ „So iſt es; wenn ich aber hinzuſetze, daß ſeine Braut ein ganz unbeſcholtenes Mädchen iſt, die ſehr eingezogen lebt, und, wie ich glaube, keine militäriſchen Bekanntſchaften hat, ſo ⸗ „Machen Sie mir mit dieſer Aeußerung durchaus kein Compliment, ſprechen vielmehr eine Befürchtung aus, die ich aber dadurch zu entkräften vermag, daß ich Ihnen mein Ehrenwort darauf gebe, daß ich die Braut des Doctors in meinem Leben nicht geſehen habe, und auch kein beſonderes Verlangen darnach trage, ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Gut denn; aber meine Bemerkung können Sie mir nicht übel nehmen, denn ich weiß, um was es ſich bei Euch jungen Leuten gewöhnlich handelt.“ „Haben auch dieſes Mal nicht Unrecht, verehrter Herr und Freund. Ich will ehrlich ſein; es betrifft in der That ſo eine kleine, liebenswürdige Bekanntſchaft, die ich gemacht habe und zu eultiviren gedenke.“ „Und dazu ſoll ich die Hand bieten?“ „O, unbeſorgt,“ ſagte der Huſar mit einem affectirten Seufzer,„es iſt eine reine, unſchuldige Liebe.“ „Das glaube Ihnen der Henker, aber was uolen Sie denn eigentlich?“— Statt auf dieſe Frage ſogleich eine Antwort zu gche zog Herr von Marlott ſeinen Begleiter etwas auf die Se en Sie Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 219 um eine raſch daherrollende Equipage vorüber zu laſſen.„Es iſt der Wagen des Grafen,“ ſprach er nach einer Pauſe, ihm nachſchauend,„Roſa fährt nach Hauſe. Nicht wahr, das iſt doch eine prächtige Erſcheinung?—— Aber um wieder auf meine Bitte zu kommen, ſo iſt ſie im Grunde nur eine Klei⸗ nigkeit, die Ihnen nicht ſchwer wird, mir zu erfüllen, eine Einladung zu jener Hochzeits-Feierlichkeit— laſſen Sie mich ausreden, Verehrteſter, ehe Sie, wie ich an Ihrem Kopfſchüt⸗ teln merke, mit Gründen gegen mein Verlangen aufmarſchiren. Dieſer Dr. Henderkopp,“ fuhr er eifrig fort,„den ich perſön⸗ lich zu kennen nicht das Vergnügen habe, ſpricht, wie ich er⸗ erfahren, gern von ſeinen vornehmen Verwandtſchaften und Bekanntſchaften, und es iſt ihm und auch der verehrlichen Schwiegermama alles daran gelegen, daß die Geſchichte mit gehörigem Pompe vor ſich geht. Dazu will ich nun mein Scherflein beitragen, und Sie werden mir zugeben, verehr⸗ teſter Herr und Freund, daß es keinen geringen Schlagſchatten hinwerfen wird, wenn ich zur kirchlichen Trauung in meinem Wagen vorfahre und mich in meiner Uniform zwiſchen den ſchwarzen Fräcken präſentire. Daß der Doctor nur einige Plätze für Leute von Diſtinction reſervirt hat, habe ich eben⸗ falls erfahren, und—“ „Aber ſagen Sie mir ums Himmels Willen,“ fragte heiter der alte Herr,„woher erfahren Sie denn eigentlich alles das?“ „Soll ich ehrlich gegen Sie ſein?“ „Nun, ich hoffe.“ „Ich habe alles das von einer der Brautjungfern, o, ich ſage Ihnen, von einem liebenswürdigen, kleinen, friſchen, runden Geſchöpfe, die mir außerordentlich zugethan iſt.“ „Aha, in reiner, unſchuldsvoller Liebe?“ 220 Dreißigſtes Kapitel. „So iſt es, auf Taille! Und nachdem ich ſo ehrlich und offen war,“ ſetzte er ſchmeichelnd hinzu,„bin ich feſt über⸗ zeugt, bei meinem lieben und bewährten Freunde Scherra keine Fehlbitte gethan zu haben, nicht wahr, alter Freund? Du lieber Himmel, Sie waren ja auch jung und haben auch Ihre kleinen Geſchichtchen gehabt! Bitte, ſchlagen Sie mir die Kleinigkeit nicht ab.“ „Was kann ich denn eigentlich für Sie thun? Den Dr. Henderkopp um eine Einladung für Sie bitten? Wenn er es mir aber abſchlägt?“ „O, o,“ rief der Huſaren⸗Offizier erfreut,„er ſchlägt es Ihnen nicht ab! Alſo Sie wollen?“ „Meinetwegen denn, aber unter Bedingungen.“ „Nur keine zu harten.“ „Daß ich die junge Dame unter meinen Schutz nehmen darf, und daß Sie ſich nicht einfallen laſſen, ſie nach der Feſtlichkeit in Ihrem Wagen nach Hauſe bringen zu wollen.“ „Mir ſcheint,“ ſagte der Huſaren⸗Offizier, pfiffig lächelnd, „daß Sie auch ſchon kleine Verhältniſſe mit Brautjungfern hat⸗ ten— es iſt hart, aber es ſei. Sie bitten alſo für mich?“ „Ich werde mit dem Dr. Henderkopp ſprechen.“ „Bitten!“ „Nun ja, aber Sie verſprechen mir, ſich vernünftig auf⸗ zuführen?“ „Wie immer.“ „Nein, nicht wie immer, ſondern wie es ſich fur meinen Schützling geziemt.“ „Der Ihnen von ganzem Herzen dankbar iſt.“ „Wer weiß, ob Sie dazu Urſache haben.“ Die Thugs oder indiſchen Mörderorden. 221 „Gewiß, denn ich verdanke Ihnen einige frohe, lichtvolle Stunden.“ „Licht gibt Schatten, mein junger Freund, und wenn uns der Schatten beſchattet, ſind wir nicht ſelten geneigt, das vorausgegangene Licht zu verwünſchen.“ „Aber mit Unrecht,“ ſagte der Huſar in leichtfertigem Uebermuthe,„wer kann immer Sonnenſchein verlangen? Ihm folgt naturgemäß der Regen. Soll ich die hellen Augenblicke haſſen, weil auf ſie vielleicht eine dunkle Stunde folgt?“ „Möge Ihre Philoſophie Sie nie im Stiche laſſen,“ bemerkte etwas ernſt Herr von Scherra.„Und nun gute Nacht, denn hier bin ich an meiner Wohnung.“ „Ich darf alſo auf Sie zählen?“ „Wie auf eine dunkle Stunde.“ „Meinetwegen auch, ich trotze ihr.“ „Gute Nacht denn!“ Damit ſchieden die Beiden. Einunddreißigſtes Kapitel. Eine nächtliche Unterredung. Während Herr von Scherra die Klingel an ſeinem Hauſe zog, blickte er ſeinem jungen Freunde nach und ſprach lächelnd zu ſich ſelber:„Da geht er hin und iſt glücklich bei ſeinem Leichtſinn, und ſein Leichtſinn verzeihlich bei ſeiner Jugend; für ihn hat der Tag faſt vierundzwanzig Stunden des Ge⸗ nuſſes. Iſt es uns früher zeitweiſe nicht auch ſo ergangen? Jetzt ſucht er vielleicht noch ein Kartenſpiel auf, oder— bei dieſen Worten trat Herr von Scherra in die mittlerweile geöffnete Hausthür— wenn er nach Hauſe kommt, meldet ihm ſein Bedienter—“ „Es iſt drinnen eine Dame, die Sie zu ſprechen wünſcht,“ ſagte der Kammerdiener des Herrn von Scherra, und traf damit zufälliger Weiſe, aber ſo genau den Gedankenſtrom ſeines Herrn, daß dieſer lächelnd zur Antwort gab:„Ja, ſo dachte ich, leichtſinniges Volk!“ „Ob die Dame unter die leichtſinnigen zu zählen iſ Eine nächtliche Unterredung. 223 gnädiger Herr, das weiß ich nicht ſo genau, aber da iſt ſie einmal und—“ „Wer iſt da?“ fragte der alte Herr faſt beſtürzt. „Eine junge Dame, die ſo eben kam und im Zimmer auf Sie wartet, da dieſelbe Sie, gnädiger Herr, ſprechen will und muß, wie ſie ſagte.“ „Bin ich denn hier in meiner Wohnung?“ fragte kopf⸗ ſchüttelnd Herr von Scherra.„Was ſchauſt du mich ſo ſonderbar lächelnd an? Ich hoffe nicht, daß du irgend einen Spaß mit deinem Herrn vor haſt. Wer iſt in meinem Zimmer?“ „Eine junge Dame.“ „Und fragte nach—?“ „Nach Ihnen, nach dem Herrn von Scherra.“ „Da ſieht man,“ meinte der alte Herr kopfſchüttelnd, „daß man nie nach dem Scheine urtheilen ſoll! Was ich bei Arthur als natürlich vorausſetzte, geſchieht bei mir, und doch gewiß nur im allerunſchuldigſten Zuſammenhange.— Sehen wir, wer die Dame iſt.“ Er trat in ſein Wohnzimmer und ſah dort bei der ſchwa⸗ chen Beleuchtung einer mit einem Schirm bedeckten Lampe eine weibliche Geſtalt, welche raſch auf ihn zutrat, und die, als er ſie mit einem ernſten, ſchüchternen und zugleich fra⸗ genden„Mein Fräulein“ anredete, heiter erwiderte:„Ich bin es, lieber Freund, Roſa. Daß ich Ihnen unerwartet komme, glaube ich, hoffentlich aber zürnen Sie über mein Kommen nicht, ich muß mit Ihnen reden.“ „Hätte ich gewußt, daß mir das Glück zu Theil werden ſoll, Sie, mein verehrtes Fräulein, bei mir zu ſehen, ſo würde ich gewiß nur ein freudiges Erſtaunen haben blicken laſſen, 224 Einunddreißigſtes Kapitel. und das will ich jetzt nachholen und Ihnen zum herzlichen Empfang ſtatt einer Hand meine beiden reichen. So, und nun bitte ich Sie, ſich zu ſetzen.“ Roſa ließ ſich auf dem kleinen Sopha des alten Herrn ganz ungezwungen nieder und nahm Capuze und Schleier von ihrem Kopfe. Herr von Scherra ſetzte ſich vor ihr auf einen Stuhl, legte ſeine Hände auf die Kniee und betrachtete mit wohl⸗ wollendem Lächeln die ſchöne Erſcheinung. „Und nun zur Sache,“ ſagte die Tänzerin,„die Zeit iſt ſo vorgerückt, daß ich mir und Ihnen jedes einleitende Wort erſparen muß.“ Um ſie nicht zu unterbrechen, nickte der alte Herr mit dem Kopfe und nahm alsdann einen aufmerkſamen Aus⸗ druck an. „Vor ein paar Tagen,“ fuhr ſie fort,„war ein kleines Diner bei meinem Schwager. Sie waren dort, Herr von Marlott, Profeſſor Spanger; ich konnte nicht da bleiben, da ich nothwendig im Theater zu thun hatte.“ „Was wir alle ſehr bedauerten,“ ſagte der galante Zuhörer. „Während des Diners ſprach man von Reiſen, von fer⸗ nen Ländern, Sie erwähnten Neapels und erzählten eine Geſchichte, die ſich während Ihres Aufenthaltes dort zuge⸗ tragen, und welche Sie, da Sie die Handelnden genau gekannt, ſchmerzlich berührt.“ „ So iſt es, mein Fräulein,“ entgegnete Herr von Scherra, deſſen Aufmerkſamkeit, welche bisher nur der liebenswürdigen Perſönlichkeit ſeines Gaſtes zugeſchrieben werden konnte, ſich mit einem Male ſteigerte.„Ich erzählte von einem jungen 1 ——., Eine nächtliche Unterredung. 225 Manne, deſſen Vater ich gekannt und geliebt, und der mir ſelbſt ſeiner vortrefflichen Eigenſchaften wegen werth und theuer war— von dem jungen Marcheſe Gaetano Fontana.“ Roſa nickte mit dem Kopfe und dabei preßte ſie ihre Lippen heftig aufeinander, ja, ihr Geſicht nahm einen ſo ſchmerzlichen Ausdruck an, daß Herr von Scherra ſie mit dem größten Erſtaunen betrachtete. Er fuhr mit ſeiner Hand über die Augen, er blickte das junge Mädchen ſtarr an.— „Bei Gott,“ murmelte er, ſo leiſe, daß ſie es kaum verſtand, „ſollte denn meine Erzählung die Frau Gräfin näher inter⸗ eſſirt haben, als ich gedacht? Sie war ja auch in Neapel, um des Himmels Willen, ſollte—“ Die Tänzerin hatte ſich geſammelt und verſetzte nach einem tiefen Athemzuge:„Wie ich vorhin ſchon ſagte, wir haben keine Zeit zu einleitenden oder vorbereitenden Worten. Ihre Erzählung enthielt Thatſachen aus dem Leben meiner armen Schweſter.“ Herr von Scherra ſprang raſch in die Höhe und blickte entſetzt auf das junge Mädchen.„Das iſt ja ein fürchter⸗ licher Zufall,“ rief er aus,„und Francoiſe, unſere gute, liebe, unſchuldige Frangoiſe mußte das mit anhören! Ach, jetzt erinnere ich mich, bemerkt zu haben, daß ihr meine Erzäh⸗ lung nicht behaglich erſchien; ich glaube auch, daß ich dieſer Bemerkung Worte lieh und vorſchlug, meine traurige Ge⸗ ſchichte ein andermal beendigen zu dürfen, ſie aber lehnte es ab.“ „Weil ſie einen Vorwand fand, ſich zu entfernen, und weil ſie das Furchtbarſte aus Ihrer Geſchichte, die Gewiß⸗ heit, daß Gaetano damals nicht verheirathet geweſen, bereits Hackländer, Die dunkle Stunde. II, 15 —,— 226 Einunddreißigſtes Kapitel. erfahren. Sie können ſich die Lage meiner armen Schweſter denken; ich brauche Ihnen, dem vertrauten Freunde unſeres Hauſes, kein Geheimniß daraus zu machen, daß das Verhält⸗ niß Francoiſe's mit Gaetano ein inniges geweſen, daß ihre ganze Seele an ihm hing, und daß es ihr nur dadurch mög⸗ lich wurde, im Verlaufe der Zeit etwas Ruhe und Troſt zu finden, daß ſie in Gaetano einen treuloſen, unwürdigen Ver⸗ räther ſah.“ „O, mein Gott, das war er nicht! Mit Beiden wurde ein furchtbares Spiel getrieben, wie ich jetzt vollkommen be⸗ greife. Was iſt zu thun, Fräulein, wie kann ich Ihnen in dieſer entſetzlichen Angelegenheit nützlich ſein?“ Das junge Mädchen zuckte mit den Achſeln.„Zu thun wird darin wohl nichts mehr ſein,“ ſagte ſie mit einer er⸗ ſchreckenden Ruhe.„Alles, was Francoiſe und ich von Ihnen, unſerem Freunde, wünſchen, beſteht darin, uns mittheilen zu wollen, ob in dem, was Sie damals erzählten, als meine Schweſter fortgegangen war, noch etwas Wichtiges enthalten war, und ob,“ ſetzte ſie ſtockend hinzu,„Ihnen etwas über das fernere Schickſal Gaetano's bekannt wurde. Ich, für meine Perſon,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„ſtellte, nach⸗ dem wir Neapel verlaſſen, und auch ſpäter noch Nach⸗ forſchungen an, ohne je etwas von ihm zu erfahren.“ „Ich kann Ihnen nichts Beſſeres ſagen,“ gab Herr von Scherra nach einem längern Stillſchweigen zur Antwort. „Nachdem jene, mir damals unbekannte Künſtlerin, meine arme Freundin Francoiſe, Neapel verlaſſen, verſchwand auch der unglückliche junge Mann. Daß ich ſchon ſeiner Mutter zu Liebe alles aufbot, um Spuren von ihm zu entdecken, werden Sie mir glauben. Auf San Antonio war er noch Eine nächtliche Unterredung. 227 geſehen worden, da aber ging jede weitere Spur von ihm verloren, und ſo viel ich mir auch auf meinen vielen Reiſen durch Italien, Deutſchland und Frankreich Mühe gab, etwas von ihm zu erfahren, waren doch alle meine Schritte ver⸗ geblich, eben ſo wie die ſeiner armen Mutter, welche bis zu ihrem Tode begreiflicher Weiſe nie die Hoffnung aufgab, ihren einzigen Sohn wieder zu ſehen.“— „Die Marcheſa ſtarb?“ „Vor anderthalb Jahren, und bis zu ihrem Tode ſtand ich mit ihr in Correſpondenz. Sie zeigte mir ihre erfolg⸗ loſen Schritte an, ich ihr die meinigen; wir beklagten Beide in Gaetano einen Verſtorbenen, und ſo wird es auch ſein,“ ſetzte er mit ſchmerzerfülltem Tone hinzu,„ein Herz wie das ſeinige, das ſo innig und heiß geliebt, mußte brechen bei dem ungeheuren Verluſte. Aber eines, Roſa,“ rief er leidenſchaft⸗ lich aus,„iſt mir unklar, unbegreiflich, wie Sie, mit Ihrem ruhigen Verſtande, an die furchtbare Schuld jenes unglück⸗ lichen jungen Mannes glauben konnten, wie Sie, bekannt mit dem italieniſchen Charakter, Einflüſterungen, Verdäch⸗ tigungen Gehör geben konnten, da Sie doch ahnen mußten, daß dieſe Verdächtigungen von einer ſtolzen, unerbittlichen Mutter herrührten!“ „Sie machen mir Vorwürfe, lieber Freund,“ erwiderte Roſa trübe lächelnd,„die jetzt, aber in viel ſtärkerem Maße mein Gewiſſen belaſten, jetzt, wo die Verhältniſſe anfangen, furchtbar klar zu werden. Damals aber hätten Sie gewiß nicht anders gefühlt und gehandelt, wie wir. Lange, lange widerſtanden wir, ſelbſt ich, jenen Verdächtigungen und Ein⸗ flüſterungen, bis jener entſetzliche Abend kam, wo, ich will das nicht leugnen, alles zur Flucht meiner Schweſter mit 228 Einunddreißigſtes Kapitel. Gaetano vorbereitet war, zu einer Flucht, wozu ſich Fran⸗ coiſe lange nicht verſtehen wollte, wozu ſie nur endlich zag⸗ haft ihre Zuſtimmung gab, da ſie nicht länger im Stande war, ſeinen wilden, leidenſchaftlichen Bitten zu widerſtehen, und da ich mich an ihrer Seite befand. Gerade am Abend, der dieſem Tage voranging, wurden wir, anſcheinend von einer Seite, welche durchaus kein Intereſſe an einer derarti⸗ gen Verdächtigung haben konnte, aufs beſtimmteſte davon unterrichtet, daß der Marcheſe Gaetano Fontana verheirathet ſei, auch wurde der Name ſeiner Frau genannt, eine Fürſtin Pallavicini aus Palermo.“ Herr von Scherra ſchüttelte traurig lächelnd mit dem Kopfe. „Meine Schweſter zweifelte; was mich anbetrifft, ſo geſtehe ich offenherzig, ich hielt ihn eines ſolchen Frevels fähig— möge es mir Gott verzeihen— ich liebe die Ita⸗ liener nicht. Nun kam er, und ſtatt wie er früher gethan, auf die Abreiſe zu dringen, ſprach er von Verſprechungen, die er ſeiner Mutter gegeben— Verſprechungen,“ wieder⸗ holte Roſa, indem ein leuchtender Blick aus ihren Augen ſchoß,„Verſprechungen ſeiner Mutter, als ob er nicht gegen meine arme Francoiſe frühere und heiligere zu halten ge⸗ habt hätte.“ „Er gab dieſe Verſprechungen, ich weiß das ganz ge⸗ nau, aber erſt, nachdem die Mutter ihm feierlich gelobt, ſich der von ihm erflehten Verbindung nicht länger widerſetzen zu wollen.“ „Der Verbindung ihres Sohnes, des Marcheſe Gaetano Fontana mit einer fremden Sängerin von gar keiner Fa⸗ milie?“ verſetzte Roſa in ſcharfem Tone;„und glauben Sie, Eine nächtliche Unterredung. 229 die ſtolze Dame, welche ihre Abkunft von ſicilianiſchen Kö⸗ nigen herleitete, würde ihr Gelöbniß gehalten haben?“ „Sie vielleicht nicht, aber Er hätte ſein Wort gehalten, liebe Roſa; ich kannte Gaetano, ich blickte in ſein liebendes und treues Herz. Glauben Sie mir, mit ihm iſt viel zerſtört worden, ich darf wohl ſagen, ich liebte ihn, wie einen Sohn.“ „Schrecklich für mich, daß Sie das ſagen können, und entſetzlich für meine arme Schweſter!“ rief Roſa in tiefem Schmerze aus.„Welch' unſeliges Verhängniß, das ein Band zerreißen mußte, welches das Glück Beider gegründet hätte! — Doch Sie müſſen mich zu Ende hören, ich muß vor Ihnen, der Gaetano geliebt, wenigſtens eine Entſchuldigung verſuchen. Der Nachricht, daß der Marcheſe verheirathet ſei, wurde hin⸗ zugefügt, die Fürſtin Pallavicini, ſeine Gemahlin, ſähe mir ähnlich— und das war nicht zu leugnen,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe mit bebender Stimme hinzu,„denn in ſeinem Wagen, der unten in der Straße hielt, während er droben bei meiner Schweſter war, in dem Wagen des Marcheſe Fon⸗ tana— o, ich kannte das Wappen genau,— ſah ich ſelbſt jene Dame, ihn erwartend, die mit mir allerdings eine flüch⸗ tige Aehnlichkeit hatte.“ 2 „In ſeinem Wagen?“ rief Herr von Scherra, indem er, gewaltſam erregt, raſch aufſtand. „In ſeinem Wagen, eine junge, und ich bin gezwungen, hinzuzuſetzen, ſchöne Dame, die ihn ſehnlichſt erwartete.“ „O, da iſt ein entſetzliches Spiel getrieben worden! Gott verzeihe es denen, welche die Hand dazu boten!“ „Dazu ſage ich Amen,“ erwiderte Roſa in kaltem Tone. Der alte Herr hatte die Hände zuſammengefaltet und ging mit raſchen Schritten ein paarmal im Zimmer auf und ab. 230 Einunddreißigſtes Kapitel. „Laſſen wir die Vergangenheit,“ ſagte Roſa nach einem peinlichen Stillſchweigen,„kann doch keine Klage, keine Reue das Geſchehene ungeſchehen machen. Beſchäftigen wir uns mit der Gegenwart, und ſeien Sie uns darin, wie immer, ein treuer, wohlmeinender Freund.“ „Unſeliges Geſchick, unſeliges Geſchick!“ Die Tänzerin nickte mit dem Kopfe, dann fuhr ſie fort: „Und den Umfang dieſes unſeligen Geſchickes kennen Sie noch nicht einmal. Sie wiſſen, welche treue und aufopfernde Gattin meine Schweſter dem Grafen iſt. Sie hatte ihr Ge⸗ fühl für ihre heiße erſte Liebe in ſich zurückgekämpft, nur zuweilen und ſehr ſelten trat das düſtere Bild Gaetano's wie ein Blitz in einer Sturmnacht vor ihre Seele und ließ ſie erſchreckt zuſammenbeben. Ietzt aber, wo ſie erfahren, daß Gaetano unſchuldig war, daß ſein Herz nur für ſie ſchlug, und wo ſie überzeugt iſt, daß dieſes treue Herz aufhörte, zu ſchlagen— jetzt, o mein Gott, jetzt—“ „Ich verſtehe, ich verſtehe!“ rief der alte Herr mit einer abwehrenden Handbewegung.„Unglückliche Frau!“ „Ja,“ ſagte die Tänzerin, tief erſchüttert und dem Wei⸗ nen nahe,„um ſo unglücklicher, da mir der Friede ihres Hauſes zerſtört ſcheint— der Graf weiß um alles.“ „Sagen Sie das nicht, Roſa, um des Himmels willen, ſagen Sie das nicht! Woher kann er es wiſſen? Doch nicht durch meine Erzählung? Ich hätte keine Ruhe mehr.“ „Nicht unmittelbar durch Ihre Erzählung, aber durch die Mittheilung derſelben, welche meine Schweſter mir machte, und welche der Graf, ohne daß wir es wußten, mit anhörte. — Sie ſehen mich vorwurfsvoll an; ich weiß wohl, daß Sie ſagen wollen, dieſe Mittheilung hätte an einem geeigneteren Eine nächtliche Unterredung. 231 Orte ſtatt finden können. Es war nach jenem Diner, ich traf Francoiſe in furchtbarer Aufregung, der Graf hatte ſich zu Bette begeben und ſchlief, wie meine Schweſter ſagte, ein Wort gab das andere, und er, der erwacht war, hörte vom Nebenzimmer zu.“ „Und woher wiſſen Sie, daß er alles gehört?“ „Francoiſe hatte vor einigen Tagen mit ihrem Gatten eine Unterredung, worin er ſie um Aufrichtigkeit bat.— Sie kennen ihr weiches Gemüth, ſie ſagte ihm alles.“ Herr von Scherra ging haſtig im Zimmer auf und ab, er legte zuweilen ſeine Hand an die Stirn, er focht mit den Armen, er ſchüttelte mit dem Kopfe, er ſtieß Worte hervor, wie:„das iſt arg, das iſt entſetzlich! Für Beide gleich ent⸗ ſetzlich! Ich weiß, wie der Graf Ihre Schweſter liebt, ich weiß, wie ſie ſein Alles iſt— ſein Stern in finſterer Nacht — ſein Arm— ſein Schutz— ſein Troſt— alles, alles — o mein Gott, ich kenne ſein zerſtörtes Gemüth, das iſt ja, um mit ihm wahnſinnig zu werden!“ Roſa ſchaute mit ihrén großen, klaren Augen ſcheinbar ruhig zu ihm empor, obgleich ſchwere Thränentropfen, haſtig einander jagend, über ihre Wangen hinabrollten. „Der Graf wird mit mir reden,“ fuhr der alte Herr fort, „was ſoll ich ihm ſagen, welchen Troſt ſoll ich ihm geben?“ „Sagen Sie ihm die Wahrheit, und einen ſchrecklichen Troſt wird er Ihnen ſelbſt entgegen bringen: Gaetano iſt todt, ſo ſagt er, ſoll todt ſein, muß todt ſein— und dieſer Gedanke, ſo furchtbar er auch iſt, iſt doch der einzige, der uns vor Verzweiflung bewahren kann.“ Herr von Scherra ſeufzte aus tiefer Bruſt, und als er ſich wieder auf dem Stuhle vor der Tänzerin niederließ, 232 Einunddreißigſtes Kapitel. drückte er während einiger Sekunden ſein Taſchentuch vor die Augen. „Ich habe nicht geglaubt,“ ſagte er alsdann, ſchmerzlich lächelnd,„daß dieſer Abend mir noch ſo Trauriges brächte; ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung, meine theure Roſa. Wer kennt wohl das treue, ehrliche Gemüth Ihrer Schweſter beſſer, als ich! Laſſen Sie mich ruhig überlegen, was zu thun. iſt, laſſen Sie mich erwarten, ob der Graf mit mir ſpricht und was er mir ſagen wird. Seien Sie überzeugt, liebes Kind, daß ich mit aller Umſicht eines väterlichen Freundes, der ich Ihnen ja bin, mit mir zu Rathe gehen werde, was geſchehen kann. Sollte etwas vorfallen, was mir zu erfahren nützlich iſt, ſo laſſen Sie es mich wiſſen.“ „Und wenn Gaetano noch lebte?“ „Roſa, Roſa,“ gab er erſchreckt zur Antwort,„rufen Sie dieſes Geſpenſt nicht aus ſeinem Grabe!“ Sie erhob ſich raſch, trat einen Augenblick ans Fenſter und blickte in die Nacht hinaus.—„Es iſt ſpät geworden,“ ſagte ſie alsdann,„ich habe Sie um ein paar koſtbare Stun⸗ den Ihres Schlafes gebracht, verzeihen Sie mir auch das, wie ſo vieles Andere.“ Er war ihr langſam gefolgt, legte ſeine Hände auf ihre Schultern, und nachdem er ſie langſam herumgewandt, was ſie willenlos geſchehen ließ, küßte er ſie langſam auf die Stirn und ſprach:„Ich bewundere Sie, Roſa, und habe Sie herzlich lieb; Sie ſind ſo gut, ſo aufopfernd, ſo treu und— „So unglücklich,“ unterbrach ſie ihn raſch. Dann drückte ſie haſtig ſeine beiden Hände, nahm ihren Schleier vom Sopha und wollte das Zimmer verlaſſen. „Halt, mein Kind,“ rief Herr von Scherra,„in dieſer or Eine nächtliche Unterredung. 233 nächtlichen Stunde wollen Sie doch nicht allein gehen—. erlauben Sie mir, meinen Hut zu nehmen, ich werde Sie ſelbſt begleiten.“ „Nein, nein,“ ſagte ſie, mit dem Kopfe ſchüttelnd,„das werde ich nimmer geſchehen laſſen, gewiß nicht!— Sie kennen meinen Eigenſinn,“ ſetzte ſie, unter Thränen lächelnd, hinzu. „So darf wenigſtens mein Bedienter mit Ihnen gehen, ich ſehe ſchon, Sie wollen einen alten Mann, wie ich bin, ſchonen.“ „Auch der nicht,“ gab ſie raſch zur Antwort;„ich danke Ihnen herzlich für Ihre Fürſorge, ich werde allein gehen; was hätte ich auch zu befürchten? Habe ich doch einige trau⸗ rige Geſellen bei mir, die mich ſchützen, begleiten und alles von mir abwehren— meinen Kummer und meine Thränen. Gute Nacht, lieber Freund!“ „Ich muß Sie ziehen laſſen,“ ſagte Herr von Scherra achſelzuckend.„Gute Nacht denn, liebe Roſa, und Gott ge⸗ leite Sie!“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Tante Roſa. ſa Wir erfuhren bereits, daß Herr Karl Bander und der Choriſt gl Herr Richter neuerdings ein gemeinſchaftliches Wohnzimmer hatten, in welchem der Erſtere ſchlief, und da ſich der ge— B neigte Leſer wohl denken kann, daß bei demſelben nothwen⸗ z diger Weiſe auch ein Gelaß ſein mußte, wo der Letztere ſein S Haupt niederlegen konnte, ſo nehmen wir keinen Anſtand, F dieſes Gelaß in ſeiner ganzen Unbedeutendheit dem Leſer vor⸗ ta zuführen— es ſtieß nämlich an beſagtes Wohnzimmer und war nichts als ein Raum unter der ſchiefen Neigung des tr Daches, wo ſich für das Bett des Herrn R Richter nothdürftig di Platz fand. Es erforderte jedoch von Seiten des Beſitzers dieſer er Bettſtelle einige Geſchicklichkeit, um ſein Lager zu gewinnen, in ohne dabei den Kopf an die Sparren und Platten des Daches di zu ſtoßen, und es war dies dem Herrn Richter ſogar ein r6 paarmal bei unruhigen Träumen paſſirt. Er war daher auf S die ſinnreiche Idee gekommen, eiz atLaictaüceeng,. das er in einem Winkel da priſt nmer r ge⸗ wen⸗ ſein ſtand, vor⸗ und g des ürftig dieſer innen, Haches er ein er auf ein anderes Bild durch ſeinen Traum, und er malte ſich deut⸗ Tante Roſa. 235 über ſein Lager auszuſpannen, einestheils, um bei vorkom⸗ menden Gelegenheiten durch Anſtoßen an dieſe weiche Decke erinnert zu werden, daß ſich hinter derſelben harte und kan⸗ tige Gegenſtände befänden; anderntheils aber auch, um wenn er morgens wachend von den Mühen des Schlafes ausruhte, ſeiner Phantaſie einen Spielraum zu gönnen und ſich eine Zeltwand vorzuſtellen, hinter der ſich ſchlanke Palmen und duftende Orangen erhöben, wo Sklaven und Sklavinnen harrten und erwartungsvoll auf das dreimalige Händeklatſchen des erhabenen Gebieters lauſchten. „Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet iſt müde, müde, müde! Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet wünſcht noch nicht aufzuſtehen!“ ſang er dann vielleicht und träumte von fernen, ſonnenbe⸗ glänzten Wunderländern. Konnte er in ſolchen Augenblicken ſeinen Freund Carlo Banderi veranlaſſen, ihm die Pfeifenſpitze zwiſchen die Lippen zu ſtecken und Feuer auf den Tabak zu legen, ſo kannte ſeine Wonne keine Grenzen, und für einen ſolchen Beweis von Freundſchaft verpflichtete er ſich gern, einige Stunden Die⸗ tando an dem unſterblichen Luſtſpiele zu ſchreiben. Daß ſich bei heftigem Nordweſtwinde zuweilen Regen⸗ tropfen oder Schnee unter die Dachplatten geſchlichen und die Zeltwand fleckig gefärbt, machte ihm keinen Kummer, ja, er behauptete an ſolchen Tagen, wenn das trübe Licht ſich in der Dachkammer kaum bemerklich machen konnte, wenn die Dachbedeckung unter der Gewalt des über ſie dahinfah⸗ renden Windes klapperte und ſtöhnte, wenn das Sauſen des Sturmes förmlich fühlbar wurde, daß alles dies nicht im Stande ſei, ſeine Phantaſie niederzudrücken; es ging dann —ÿÿ—— 8 8 8 5 —* 2 236 Zweiunddreißigſtes Kapitel. lich die brandenden Wogen aus, die tückiſch an den Funda⸗ menten des Leuchtthurmes rüttelten, deſſen Wächter zu ſein er die Ehre hatte. „Warum verkürzen dieſe glückliche Zeit?“ erwiderte er auf die Ermahnungen ſeines Freundes, endlich aufzuſtehen. Zu Anfang dieſes Kapitels unſerer wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte war übrigens jene glückliche Zeit ſchon vorüber, und wenn ſich Herr Richter in ſeinem Schlafcabinet befand, ſo träumte er nicht von Palmenwäldern oder brandenden Wogen, ſondern man vernahm, wie er auf Holz klopfte und Bretter zuſammenbrach, wobei er ſeinem Freunde, der im Wohnzim⸗ mer auf⸗ und abſchritt, zurief:„Als jener tapfere Spanier, jenen noch tapferen Krieger des Alterthums nachahmend, an der mexicaniſchen Küſte ſeine Schiffe verbrannte, hatte er nicht einmal den Nutzen, ſich an ihrem Feuer die Pfoten wärmen zu können, einen Vortheil, den ich vor ihm voraus habe.“ „Wenn ich auch an deine blühende Phantaſie gewöhnt bin,“ erwiderte der ehemalige Sänger,„ſo möchte ich doch wiſſen, wie du eine alte, wurmſtichige Kiſte mit jenen Schiffen zu vergleichen geſonnen biſt?“ „Sehr einfach, indem ich dieſe Kiſte, welche einſt meine Habſeligkeiten barg, verbrenne, ſchneide auch ich mir gewiſſer⸗ maßen den Rückzug ab, und ich kann nicht von dannen gehen, wie ich gekommen. Entweder alſo ich muß mich zu einem anſtändigen Koffer aufſchwingen, oder ich muß heimwärts ziehen, ein Hemd in meiner Rocktaſche, einen Gott im Herzen und einen Rock auf dem Leibe.“ „Ich fürchte das Letztere.“ d „Ich auch,“ hallte es aus der Bodenkammer zurück,„das e er oten raus öhnt doch iffen neine iſſer⸗ ehen, inem bärts erzen d „das 8 Tante Roſa. 237 ſoll uns aber nicht verhindern, uns mit dem Holz der alten Kiſte einen warmen Nachmittag zu machen. Probe und Vor⸗ ſtellung gibt's heute nicht, der Nebel, der geſtern in die Höhe ſtieg, kommt heute als ein feiner Regen nieder, „Drum laß uns ſtill genießen, Was unſer Haus beſchert, Genießen, ja, genießen, Was uns das Haus gewährt.“ Nach dieſen Worten erſchien der Sänger, auf dem einen Arm etwas klein gemachtes Holz und unter dem andern eine Waſſerflaſche tragend. Glücklicher Weiſe war die Menge des Holzes in nicht zu großem Mißverhältniß mit dem winzigen Ofen, und der Choriſt bemerkte richtig:„wenn wir ſparſam mit unſerem Holze umgehen, ſo können wir wenigſtens ſechs Mal nachlegen, ſchließen hierauf die Ofenklappe „Und wollen froh genießen, Was uns das Haus beſchert.“. Bander ſchritt noch immer im Zimmer auf und ab, und ſeine trübe Miene erheiterte ſich auf Augenblicke bei dem Frohſinne ſeines Freundes. Wenn er dann aber wieder an das Fenſter trat und auf den hartnäckig herabrieſelnden Re⸗ gen blickte, ſo ſchüttelte er mißmuthig den Kopf und ſagte: „Ich könnte mich ſelbſt ausſchelten, daß das Wetter einen ſolchen Einfluß auf mein Gemüth ausübt.“ „Vielmehr auf deinen Kopf,“ meinte Herr Richter,„und der Arzt fand das bei deiner ſchweren Verwundung ganz na⸗ türlich; nebenbei betrachteſt du jeden Regentropfen als einen Riegel, welcher unſer Haus zuſchließt und keinen Beſuch einläßt.“ „Ich erwarte keine Beſuche; wer ſollte mich auch beſuchen?“ 238 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Du erwarteſt keine, aber du hoffſt auf welche. Haben wir nicht die Kühnheit gehabt und die zwei erſten Acte un⸗ ſeres unſterblichen Luſtſpieles dem hochgeborenen Herrn Hof⸗ theater⸗Intendanten geſchickt, und erwarteſt du nicht das Rollen einer Equipage, das Anklopfen an die Stubenthür und das langweilige Geſicht eines Bedienten, der ſich bei dir erkun⸗ digt, ob du geneigt ſeieſt, deinen verehrten Gönner zu em⸗ pfangen?“ „Unſinn!“— „So, mein Feuer brennt, der Kaffeetopf iſt bei der Hand, der Mokka gemahlen und—“ Bander hatte ſich gegen das Fenſter gelehnt und unter⸗ brach, den Kopf wendend, den Redefluß ſeines Freundes mit der Frage:„Biſt du vielleicht geſtimmt, ein vernünftiges Wort zu reden?“ „Dazu bin ich immer geſtimmt; ob aber dein vernünf⸗ tiges Wort vernünftig ſein wird, iſt eine andere Frage. Ich fürchte, nicht ganz, wenn dieſes vernünftige Wort das⸗ ſſelbe iſt, um welches ſich ſeit zwei Tagen alle deine Recen drehen.“— „Du kannſt ja nicht wiſſen, was ich ſagen will.“ „Hm, das zu wiſſen iſt nicht zu ſchwer; ſoll ich ohir ſagen, wie deine Rede beginnen wird?“ Der Choriſt richtecte ſich neben dem Ofen in die Höhe, und indem er ſich bemüh die ernſtere Sprechweiſe ſeines Freundes zu carikiren, fultar er fort:„Richter, wirſt du zu mir ſprechen, wie iſt es mößſg⸗ lich, daß ſich zwei Weſen ſo ähnlich ſehen können?— Gſſsei ehrlich,“ ſetzte er mit einem gewöhnlichen Tone hinzu,„wuoll⸗ teſt du das nicht ſagen?“ Der Andere zuckte mit den Achſeln und ſchwieg eine 51 7 Tante Roſa. 239 Augenblick, ehe er zur Antwort gab:„Und wenn ich das in der That ſagen wollte, wäre es unvernünftig? Habe ich nicht Recht, dieſe Frage unzählige Male aufzuwerfen, und gerade dir gegenüber, der du mir bewieſen haſt, daß ein ſolches merkwürdiges Spiel der Natur allerdings mög⸗ lich iſt.“ „Ja, ich habe es dir bewieſen,“ verſetzte der Choriſt trocken, indem er ſich niederbeugte, den Kaffeetopf vom Bo⸗ den aufnahm und aus der Flaſche, die er aus der Schlaf— kammer mitgebracht, auffüllte. „Und du biſt feſt überzeugt, daß du dich nicht geirrt?“ „Feſt überzeugt. Die Tante unſeres kleinen Prinzen war ja, wie du ſelbſt weißt, hier im Hauſe, als ich fort ging, und wenige Straßen von hier ſah ich unſere erſte Tänzerin im Wagen vorbeifahren.“ „Du kannſt dich dennoch geirrt haben.“ „Na, erlaube mir, ich werde doch meine verehrte Col⸗ legin kennen; und obendrein nickte ſie mir freundlich zu, denn ſie erinnerte ſich wahrſcheinlich unſeres Geſprächs hinter den Couliſſen.“ Herr Bander drückte ſeine rechte Hand vor die Augen, wie um ſeine Gedanken zu ſammeln, und blieb ſo ein paar Minuten ſtehen, dann ſagte er:„Aber zugeben mußt du mir, daß eine ſolche Aehnlichkeit unerhört iſt.“ „Sie iſt allerdings groß, aber nicht ſo, wie du ſie dir ausmalſt. Wahrhaftig, lieber Junge,“ fuhr er in ſeinem ge⸗ wöhnlichen luſtigen Tone fort,„unſer kleiner Prinz iſt ge⸗ ſcheiter, wie du; er war auf einen Augenblick überraſcht, als er unſere prima ballerina ſah, aber nur einen Augenblick, alsdann ſagte er: ‚Nein, das iſt doch nicht Tante Roſa!’ Ich 240 Zweiunddreißigſtes Kapitel. wollte nur, du könnteſt Beide einmal neben einander ſehen oder auch nur kurz nach einander, wie ich neulich, da ſpringt der Unterſchied ſchon in die Augen. Tante Roſa iſt etwas ſtärker und auch um die Idee kleiner, der Klang ihrer Stimme iſt viel tiefer, auch tritt ſie mit dem linken Fuße etwas ſchwer auf, was du vielleicht mit deinen verliebten Augen nicht be— merkt haſt.“ „Das könnte Verſtellung ſein,“ meinte der Andere nach⸗ denklich. „Na, du bildeſt dir nichts Geringes ein,“ erwiderte Herr Richter lachend;„du denkſt wohl, eine Fee komme verkleidet zu dir, dem kranken Königsſohne, um dein Herz zu gewin⸗ nen, das wäre vielleicht der Anfang zu einem pikanten Mär⸗ chen, aber im wirklichen Leben kommt ſo etwas nicht vor— Teufel, da habe ich mir die Finger verbrannt! Dieſer Ofen entwickelt eine Hitze, welche man einem ſo armſeligen Möbel nicht zutrauen ſollte. Willſt du nicht ſo gut ſein und auch ein bischen mit helfen bei Bereitung unſeres famoſen Kaffee's? Dort auf dem Tiſche liegt der Mokka— die blaue Düte, in der gelben iſt Zucker— nein, nein, beruhige dich, die Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Beiden iſt nicht ſo ungeheuer, auch hat Tante Roſa ganz andere, derbere Ausdrücke.“ „Das muß ich mir ausbitten,“ ſagte Herr Bander, in⸗ dem er die verlangte blaue Düte brachte,„gerade in ihrer Redeweiſe liegt etwas ſo Verſtändiges, Sinniges, Edles und Wohlthuendes—“ „Hör' auf, hör' auf!“— „Was ich ſelbſt bei der großen Künſtlerin nicht in dem Maße fand.“ „Alſo doch ein Unterſchied,— nun, ſiehſt du wohl?“ de da Tante Roſa. 241 Glaube mir, theuerſter Carlo, wenn die Beiden hier neben einander ſtänden, da würdeſt du, was die Aehnlichkeit anbe⸗ langt, über dich ſelbſt lachen. Aber, alle Wetter,“ rief er zurückfahrend,„hol mich der— unſer Kaffeetopf hat ein Loch! Das iſt eine ſaubere Beſcherung! Reich' mir das Handtuch — o weh— o weh, das halte, wer kann!“ Dieſe Aeußerungen galten einem Waſſerſtrahle, der zu⸗ erſt tropfenweiſe, dann aber immer ſtärker aus dem ver⸗ roſteten Gefäße herausſpritzte, ſich über den heißen Ofen ergoß und dieſen dadurch in eine förmliche Dampfwolke einhüllte. „Das iſt ein elendes Geſchirr,“ rief Herr Richter ent⸗ rüſtet und ſteckte ſeinen abermals verbrannten Daumen in den Mund.„Aber du ſtehſt auch dabei,“ wandte er ſich ärgerlich an ſeinen Freund,„wie der Prinz in der Komödie; jetzt fehlte nichts, als die gütige Fee, die ſtatt unſeres zer⸗ brochenen Kaffeetopfes uns ein ‚Kaffeetiſchchen deck dich’ be⸗ ſcherte.“ „Da iſt ſie ſchon,“ ſprach Bander leiſe, aber in einem ſo plötzlich veränderten Tone, daß ſich der Choriſt mitten in ſeiner Bemühung, den immerfort ausſprudelnden Kaffeetopf zu entfernen, umwenden mußte und in der geöffneten Thür das junge Mädchen ſtehen ſah, von dem ſo eben die Rede geweſen war. Sie hielt den kleinen Knaben an der Hand und bemühte ſich vergeblich, deſſen lautem und luſtigem La⸗ chen Einhalt zu thun. 1 „O, Richter, was machſt du?“ rief Eugen;„willſt du deinen Ofen auslöſchen? Sieh, Tante Roſa, er hat Waſſer darauf gegoſſen, wie das dumm iſt!“ „Pfui, Eugen,“ ſagte das junge Mädchen mit einer ſehr Hackländer, Die dunkle Stunde. II. 16 242 Zweiunddreißigſtes Kapitel. tiefen und wohlklingenden Stimme,„ſo ſpricht man nicht, und vor allen Dingen nicht mit Freunden.“ „Ja, wenn der kleine Unfug ſo fortmacht, ſo iſt es näch⸗ ſtens mit unſerer Freundſchaft am Ende,“ erwiderte Herr Richter, halb lachend, halb ärgerlich. „Ich will das Fenſter öffnen,“ ſagte Bander haſtig,„der Dampf wird Ihnen beſchwerlich ſein, mein Fräulein.“ „Ich wäre dafür, das Fenſter nicht zu öffnen,“ brummte Herr Richter,„Waſſerdämpfe beläſtigen niemand, im Gegen⸗ theil, ſie machen eine angenehme, dunſtige Wärme.“ „Der Anſicht bin ich auch,“ ſprach das junge Mädchen, die einen Schritt näher getreten war, während Eugen die Thür ſchloß. „So, Richter,“ ſagte dieſer alsdann,„ich habe deine Thür zugemacht, jetzt biſt du wieder zufrieden, denke ich.“ „Es iſt ein bischen Hexerei dabei,“ meinte der Choriſt, indem er den Kaffeetopf, der nun ausgelaufen war, mit um— wickelter Hand vom Ofen nahm und ſorgfältig betrachtete, „da ſchaue ich mir die Augen aus und ſehe kaum einen klei⸗ nen Riß, während doch das Waſſer in Strömen herausge⸗ floſſen iſt und einen Dampf verurſachte, der noch im Zimmer umherirrt.“ „Du riefſt die Geiſter an,“ verſetzte Carlo vergnügt, „und ſie erſcheinen immer in Wolken und Nebel, ſogar die gütigen Feen.“ „Damit kann ich nicht gemeint ſein,“ ſagte Tante Roſa, „für eine Fee bin ich ein bischen unbeholfen und ſchwer; auch iſt es ein gar zu materieller Grund, wegen deſſen ich mir die Freiheit nahm, Sie zu ſtören. Eugen, der, wie es zuweilen vorkommt, Langeweile hatte, verlangte von mir, ich — der nte en⸗ ſen, die eine ciſt, im⸗ ete, lei⸗ Sge⸗ mer ügt, die oſa, ver; ich e es ich Tante Roſa. 243 ſolle ihm einen zerbrochenen Nußknacker wieder herſtellen, und da ich ihm meine Unfähigkeit, dies zu thun, erklärte, ſo bat er mich, ich ſolle Herrn Richter darum erſuchen.“ Das junge, blühende Mädchen, an der Hand den lä⸗ chelnden Knaben, der nun ſeinen Nußknacker hoch emporhielt, ſtand ſo unbefangen und freundlich lächelnd vor den beiden jungen Leuten, daß es wahrhaftig ein Vergnügen war, ſie nur ſehen zu dürfen; dabei hatte ſie etwas Schüchternes, was ihr außerordentlich gut ſtand, etwas Weiches im Blick ihrer glänzenden Augen, einen ſo gutmüthigen Zug um den friſchen Mund, daß Carlo, der ſie entzückt betrachtete, ſich geſtehen mußte, allerdings ſei die Aehnlichkeit zwiſchen ihr und der Tänzerin groß, aber der Ausdruck des Geſichtes, der bei Fräu⸗ lein Roſa immer etwas Kaltes, Strenges und Abſtoßendes hatte, doch ein ganz anderer. Und mit der Figur war es wahrhaftig der gleiche Fall; ſo ſchlank und elegant, wie die der Tänzerin erſchien, war die des jungen Mädchens hier allerdings nicht. Richter hatte Recht, Tante Roſa war etwas ſtärker und kleiner; freilich hielt ſie ſich nicht ſo aufrecht, wie die Andere, aber dadurch erhielt die Geſtalt eine wohlthuende und angenehme Rundung, es war etwas Weiches und Hin⸗ gebendes darin; vor jener wich man bewundernd zurück, dieſe zog unwiderſtehlich an. O, wie gern hätte ſich der ehemalige Sänger anziehen laſſen, näher und näher, wie gern wäre er dem faſt unwiderſtehlichen Zuge ſeines Herzens gefolgt, wäre vor ihr niedergeknieet, hätte ihre kleine, feine Hand mit un⸗ zähligen Küſſen bedeckt, hätte ihr in das ſchöne, klare Auge ſteſchaut, und wäre vor Seligkeit vergangen, wenn ſie, ſich Abwendend, ihre andere Hand leicht auf ſeinen Kopf gelegt, fals er ihr zugeflüſtert: zich liebe dich.“ ——⸗——V ℳC——— 244 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Träume, die davon flatterten, wie die Waſſerdämpfe des zerſprungenen Topfes! Im nächſten Augenblicke war die Luft im Zimmer wieder rein und klar, und die Gedanken im Kopfe des Herrn Bander wieder ruhig und beſonnen. „Während Richter an ſeinem Nußknacker flickt, werden Sie wohl die Güte haben, Fräulein, ſich ein wenig bei uns niederzulaſſen, hier auf dem Sopha, wenn ich bitten darf.“ Er räumte eilfertig Bücher, Muſikalien, Schreibpapier und ſonſtige Gegenſtände auf die Seite, um einen genügenden Platz für ſeinen ſchönen Gaſt zu machen. Als ſich Tante Roſa, ohne viel Umſtände zu machen, dem angebotenen Sitze näherte, ſchaute er ihrem Gehen zu und mußte ſich eingeſtehen, daß ſie allerdings mit dem linken Fuße etwas ſchwer auftrat; ungraziös erſchien dies aber durchaus nicht, im Gegentheil, es verlieh ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung etwas Pikantes. Als das ſchöne Mädchen nun auf dem ärmlichen Sopha ſaß— daſſelbe beliebte in allen Fugen zu krachen, wenn ſich jemand deſſelben bediente— als ſie nun offenen Auges um ſich her blickte und dieſes Ideal einer verwahrloſ'ten Jung⸗ geſellen⸗Wirthſchaft ſah, da konnte ſie ſich nicht enthalten, ſo herzlich zu lachen, daß man ein paar Sekunden lang ihre ſchneeweißen Zähne ſah. Herr Bander, der neben dem Tiſche ſtand und mit Ent⸗ zücken ſeinen Gaſt betrachtete, rieb ſich vergnügt die Hände und lachte ebenfalls. Das Gleiche that auch Herr Richter, der über den zerbrochenen Nußknacker hinweg die Beiden be⸗ trachtete und dabei ſeine eigenen Gedanken hatte, und endlich das Bübchen dieſen allgemeinen Ausbruch des V Tante Roſa. 245 des gnügens bemerkte, ſchrie es vor Lachen laut auf und mußte uft in ſeine Hände klopfen, um ſich ſelbſt zu beruhigen. pfe„Es iſt nicht recht, daß Sie ſo lachen,“ meinte Tante Roſa, nachdem ſie ſelbſt wieder ernſt geworden war,„es muß den Ihrem Kopfe weh thun.“ ins„O, jetzt thut mir gar nichts mehr weh,“ rief Carlo f. mit einem glückſeligen Blicke;„ich glaube, jetzt könnte kom⸗ und men, was da wollte, nichts wäre im Stande, mich trübe den zu ſtimmen, Eines allerdings ausgenommen, und das wird leider auch geſchehen, wenn Sie nämlich wieder fortgehen, een, Fräulein.“ zu„Darin hat er Recht,“ miſchte ſich Herr Richter ins ken Geſpräch;„es macht einen Effect an dieſem trüben Herbſt⸗ ber V tage, als ſei die Sonne nicht nur durch die Wolken gebro⸗ Er⸗ chen, ſondern als ſtehe ſie gerade vor unſerem Fenſter und lache freundlich zu uns herein.“ öha V Das junge Mädchen ſchüttelte lächelnd ihren Kopf und ſich V entgegnete:„Darüber müßte ich mir eigentlich eine Erklärung um ausbitten, aber ich will es nicht thun,“ ſetzte ſie raſch mit ng⸗ einer abwehrenden Handbewegung gegen Herrn Bander hinzu, ſo da ſie bemerkte, wie dieſer ſich anſchickte, ihr haſtig etwas Dre zu erwidern.„Sagen Sie mir lieber, wie es mit Ihrer Ver⸗ wundung ſteht oder ſtand, ehe ich kam,“ ſetzte ſie heiter lä⸗ aut⸗ chelnd hinzu. nde„Es geht im Allgemeinen ſehr gut,“ gab Carlo zur ter, Antwort,„ehe Sie nämlich kamen, Fräulein; jetzt iſt mir he⸗ Kopf und Herz wahrhaftig ſo voll, daß ich über meinen Zu⸗ 9. ſtand nichts Genaues zu ſagen im Stande bin.“ 38„Ja, ja,“ meinte Herr Richter, der ſich mit Wiederher⸗ ſtellung des Nußknackers beſchäftigte,„wir können im Allge⸗ ——=—y,— 246 Zweiunddreißigſtes Kapitel. meinen nur das variiren, was ich eben ſagte, nämlich daß es für uns unausſprechlich behaglich iſt, ein ſo liebenswür⸗ diges weibliches Weſen in unſeren vier Wänden verehren zu dürfen.“ „Woher wiſſen Sie, daß ich liebenswürdig ſein kann?“ „Das verräth ſchon Ihr Aeußeres,“ verſetzte Herr Rich⸗ ter,„und darin trügt der Schein nicht. Auch hat der kleine Prinz ſchon ſo viel Schönes und Liebes von Ihnen erzählt, daß wir Sie ſchätzen mußten, ehe wir Sie noch geſehen. Sehen Sie,“ fuhr der Choriſt fort, nachdem er den Zopf des Nußknackers mit einigen tüchtigen Schlägen wieder einge⸗ richtet,„wenn Sie eine vornehme Dame wären, ſo wäre es unbeſchreiblich fade, Sie ſo Ihr Lob hören zu laſſen; da Sie aber unſeres Gleichen ſind, ſo haben wir pielleicht ein Recht, unſere Herzensmeinung ohne alle Nebenabſichten auszu⸗ ſprechen.“ „Ja, unſeres Gleichen,“ wiederholte Carlo mit leiſer Stimme, wobei ſeine Augen vor Vergnügen leuchteten. „Ihres Gleichen?— Nicht ſo ganz,“ lachte Tante Roſa, „Sie ſind Künſtler, und ich nur eine arme Näherin.“ „Na, was die Künſtlerſchaft anbelangt, ſo hat das für uns auch ſo ſeine Haken; ein Choriſt, wie ich, wird von der Couliſſen⸗Ariſtokratie nicht dazu gerechnet, und Freund Ban⸗ der, der bei ſeinem erſten künſtleriſchen Verſuche verunglückt iſt, wird erſt zeigen, ob es ihm beim zweiten gelingt.“ „Und dieſer zweite Verſuch,“ fragte das junge Mädchen, „ſoll ebenfalls auf dem Theater gemacht werden?“ „O nein, o nein!“ rief Carlo mit einer entſchiedenen Kopfbewegung;„die Bretter haben mir nichts Gutes gebracht; ich irg ten Tante Roſa. 247 ich bin, um ehrlich zu reden, ſo durchgefallen, wie es nur irgend möglich iſt.“ „Und bei dieſem Durchfall brach ſein Herz,“ warf der Choriſt mit einem raſchen Blick auf Tante Roſa leicht ein. „Schwätzer,“ ſagte Carlo unmuthig,„hören Sie nicht auf ihn, es paſſirt ihm häufig, allerlei Zeug zu fabeln,— es iſt beſſer, wenn du ſchweigſt.“ Herr Richter mochte es aber gerade unter den gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen für beſſer finden, nicht zu ſchweigen; denn als ihn das junge Mädchen mit großen Augen forſchend anſah, fuhr er mit ungewöhnlicher Ruhe fort:„Ja, es brach ſein Herz, denn er fiel durch vor den Augen einer Dame, die er liebte.“ „Richter, das iſt perfid,“ rief Bander empört. „Aber die Wahrheit,“ fuhr ſein unerſchütterlicher Stuben⸗ genoſſe hartnäckig fort;„warum ein Geheimniß daraus ma⸗ chen? Ja, ich ſetze noch hinzu, die Dame, die er liebte, ſieht Ihnen, mein Fräulein, außerordentlich ähnlich; ja, ſo ähnlich, wie eine blühende Roſe vom gleichen Strauche der anderen.“ „Laſſen Sie ihn doch,“ ſagte begütigend das junge Mäd⸗ chen zu Herrn Bander, als ſie bemerkte, wie dieſer ſich über die Aeußerung ſeines Freundes kaum zu faſſen vermochte; „es iſt ja nichts Beleidigendes für mich, und,“ ſetzte ſie lä⸗ chelnd hinzu,„wohl nicht ohne allen Grund.“ „Aber eine Sache, die weit hinter mir liegt.“ „In der unendlichen Weite von zehn Tagen,“ warf Herr Richter ein,„und ſehr nachwirkend, wie wir ſehen.“ achdem er dies geſagt, ließ er mit einem äußerſt pfiffigen ächeln die Kinnladen des Nußknackers ein paarmal zuſam⸗ menklappen. 248 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Tante Roſa ſpielte mit einer Feder, die neben ihr auf dem Tiſche lag, und ſprach dabei, aber ohne aufzublicken: „Die Dame, von der die Rede iſt, glaube ich zu kennen; ich hörte ſchon oft von einer großen Aehnlichkeit zwiſchen mir und ihr.“ „Eine Aehnlichkeit,“ rief Carlo raſch,„die in der That erſtaunlich iſt, bei der Sie aber offenbar gewinnen, mein Fräulein. Verzeihen Sie dieſe Worte, ſie kommen aus mei⸗ nem Herzen und ſind aufrichtig gemeint.“ „Denken Sie, was das heißen will, mein Fräulein,“ meinte trocken der Choriſt,„er zieht Sie der Dame vor, die er liebte! In den glücklichen Jahren meiner Jugend hätte es einen famoſen Kettenſatz gegeben, über deſſen Reſultat ich mich nicht näher auslaſſen will.“ „Spare dir dieſe Mühe,“ entgegnete Carlo, und fuhr dann, gegen das junge Mädchen gewandt, fort:„Aber dieſe Aehnlichkeit iſt in der That überraſchend; je mehr ich Sie betrachte, finde ich das; abgeſehen von einigen Verſchieden⸗ heiten, von denen ich mir aber ſelbſt keine Rechenſchaft geben kann, glaube ich nicht, daß ſich Zwillingsſchweſtern ähnlicher ſehen könnten.“ „Leider bin ich keine Zwillingsſchweſter der vornehmen Tänzerin, ſonſt hätte ich vielleicht einen andern Lebenspfad betreten.“ „O, wünſchen Sie ſich nicht jenen anſcheinend ſo glän⸗ zenden, der nur auf Schein und falſchem Schimmer beruht, der die Sinne betäubt und das beſte Herz langſam zu Grund richtet.“ „Dieſe Reden ſollte ich mir eigentlich verbitten,“ ſagte Herr Richter. die Pegann Tante Roſa nach einer kleinen Pauſe, augenſcheinlich Tante Roſa. 249 „Ja, der das Gemüth verbittert und der uns ſo gern die falſche Welt jener Bretter ins wirkliche Leben hinüber⸗ tragen läßt,“ ſprach Carlo aufgeregt.„Mir ſind dieſe Orte furchtbar verhaßt geworden mit ihren falſchen Thränen und falſchen Brillanten.“ „Sie haben dort bittere Erfahrungen gemacht?“ fragte Tante Roſa in ſanftem Tone. „Mein Fräulein,“ konnte ſich Herr Richter nicht ent⸗ halten, mit einem gewiſſen Pathos einzufallen,„es war ſeine erſte Liebe!“— „Nun ja denn, Schwätzer, es war meine erſte Liebe; es war der Glanz eines mitternächtigen glutſprühenden Nord⸗ lichtes, den ich anbetete, da ich ihn in meiner Verblendung mit der roſigen Morgendämmerung verwechſelte. Ach, mein Fräulein, jener heiße, ſinnbethörende Traum liegt hinter mir, und es iſt mir jetzt gerade zu Muthe, als fühlte ich das er⸗ friſchende Wehen einer ſtärkenden Morgenluft.“ Herr Richter hatte gute Luſt, wieder eine höchſt unpaſ⸗ ſende Bemerkung einzuwerfen, doch als er ſah, wie ſein Freund das offene, ſtrahlende Auge mit einem ſo glückſeligen Aus⸗ ruck auf das junge Mädchen heftete, und wie dieſe mit einem ltſamen Zucken um den Mund angelegentlich ſich die Feder i der Hand betrachtete, ſo verſchluckte er ſeine Bemerkung nd begnügte ſich, dem kleinen Knaben, der ihn aufmerkſam betrachtete, zu ſagen:„Träume ſind Schäume, mein Sohn, aber Morgenluft erfriſcht das Herz, wenn man gut geſchla⸗ Knn hat.“ „Ihren Aeußerungen nach ſcheinen Sie alſo keine Luſt zmehr zu haben, Ihre Laufbahn am Theater zu verfolgen,“ 250 Zweiunddreißigſtes Kapitel. in der Abſicht, das Geſprächsthema zu ändern;„welche Plane haben Sie nun für die Zukunft gemacht?“ „ Ich habe einen alten Plan, den ich nie hätte verlaſſen ſollen, wieder aufgenommen und mich der Schriftſtellerei zu⸗ gewandt, wozu ich große Neigung habe; ob auch ein Talent, iſt eine andere Frage.“ „Er hat, er hat,“ ſprach Herr Richter. „Sie werden ſich vielleicht wundern,“ fuhr das junge Mäͤdchen in herzlich natürlichem und freimüthigem Tone fort, „daß ich mich ſo gerade heraus nach Sachen erkundige, die man ſonſt nur mit vertrauten Bekannten beſpricht; da Sie aber meinen kleinen Freund dort ſchon früher und auch mich ſo freundlich aufgenommen, und da Sie auch vorhin aus⸗ ſprachen, die gleiche Lebensſtellung erlaube uns ſchon, unſere Herzensmeinung frei auszuſprechen, ſo werden Sie es mir nicht übel nehmen, daß ich meine Frage gethan.“ „Im Gegentheil,“ bemerkte Herr Bander vergnügt,„Ihre Frage verräth eine Theilnahme, die mich ſehr glücklich macht; ja, ich will den Verſuch machen, ob ich in der That Talent zur Schriftſtellerei habe, und ſchreibe deßhalb an einem Luſt⸗ ſpiele. Sie ſehen, wer einmal in die Nähe jener glänzenden Flamme, Theater genannt, als arme Mücke gerathen iſt un ſich ſogar ein wenig die Flügel verbrannt hat, kann es doe nicht laſſen, um das trügeriſche Licht herum zu flattern.“ „Ein Luſtſpiel?“ entgegnete nachdenklich das junge Mäd⸗ chen;„ich glaube, Sie haben ſich da keine leichte Arbeit aus⸗ geſucht, denn wie man mir ſagte, gibt es nichts Schwereres, als ein gutes Luſtſpiel zu ſchreiben.“ „Aber wir werden ein gutes Luſtſpiel ſchreiben,“ ſagte Herr Richter in ſehr beſtimmtem Tone. Er hatte ſich auf ane ſſen zu⸗ ent, unge fort, die Sie mich aus⸗ iſere mir Ihre acht; alent Lu ſ Tante Roſa. 251 einen Stuhl niedergelaſſen, den kleinen Knaben zwiſchen die Kniee genommen und probirte das wieder hergeſtellte Maul des Nußknackers, indem er daſſelbe auf eine wirklich erſchre⸗ ckende Art aufriß und dann ſcharf wieder zuknacken ließ. Carlo blickte lächelnd zu ſeinem Freunde hinüber und ſagte:„Ja, wir ſchreiben ein Luſtſpiel, denn erſtens iſt Rich⸗ ter die Hand, welche niederſchreibt, während ich dictire, und dann verdanke ich auch manche glückliche Wendung ſeinen verſtändigen Andeutungen.“ „Alſo dictiren Sie Ihre Arbeiten?“ „Ich mache den Verſuch, und namentlich für einen Dia⸗ log ſcheint es mir leichter, als wenn ich die Worte ſelbſt niederſchreiben müßte. Während ich auf und ab gehe, bin ich im Stande, mir die Perſon, mit der ich ſpreche, ſo leb⸗ haft zu vergegenwärtigen, daß es mir gerade iſt, als ſpräche ich wirklich mit ihr, und ich glaube, daß dadurch die Unter⸗ haltung natürlicher und ungekünſtelter wird. Auch gibt mir Richter zuweilen eine Antwort, die mich, wie ſchon eben be⸗ merkt, auf neue Ideen bringt.“ „Da könnte man ja gleich,“ meinte Tante Roſa,„einen Dialog niederſchreiben, den zwei Perſonen in den betreffenden Verhältniſſen mit einander hielten.“ „Allerdings,“ warf Herr Richter kopfnickend ein,„wenn die Perſonen danach wären und wenn ſie es über ſich ver⸗ möchten, ſich in der nothwendigen Kürze zu faſſen, ſonſt gnade Gott dem armen Schreiber und dem armen Publikum.“ Bander's Augen leuchteten vor Vergnügen, als er hier⸗ auf zur Antwort gab:„Wir ſollten einen Verſuch machen, wie ihn Fräulein Roſa vorgeſchlagen; Sie, mein Fräulein, 252 Zweiunddreißigſtes Kapitel. müſſen aber die Unterhaltung mit mir führen und Richter müßte ſie niederſchreiben.“ „Und was ſoll denn ich thun?“ ſprach dann raſch der Knabe, der ſich einigermaßen zu langweilen ſchien. „Du läſſeſt deinen Nußknacker Nüſſe aufknacken, ich habe noch eine Hand voll in meinem Vermögen.“ Das junge Mädchen ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und erwiderte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen: „Sie ſagten vorhin, Perſonen und Verhältniſſe müßten paſ⸗ ſend erſcheinen, das iſt aber hier gewiß nicht der Fall.“ „O doch, o doch,“ rief der junge Schriftſteller eifrig, „es handelt ſich in meinem dritten Acte um eine Dame, die ſich gegenüber einem jungen Manne, der ſie liebt, nicht zu erkennen geben will, die aber in einer Verkleidung unter ihrem Stande erſcheint.“ Eine plötzliche Röthe flog über das Geſicht der Tante Roſa; ſie nahm die Spitzen der Federfahne zwiſchen ihre wei⸗ ßen Zähne und bemühte ſich, ſo unbefangen als möglich auf⸗ zublicken, als ſie entgegnete:„Die Verhältniſſe paſſen über⸗ haupt ſchon ganz und gar nicht.“ „Zugegeben, aber je beſſer die Dame ihre Verkleidung zu wahren weiß, um ſo pikanter iſt es für unſern Dialog. O, mein Fräulein,“ ſetzte er bittend hinzu,„es wäre gar zu unterhaltend und lehrreich, einen ſolchen Verſuch zu machen.“ „Wo denken Sie hin! Wie ſollte ich dazu kommen, einen verſtändigen Dialog zu führen?“ „Im Gegentheil, davon bin ich überzeugt,“ erwiderte haſtig Herr Bander,„ſo wie auch von Ihrem warmen, ge⸗ fühlvollen Herzen— ja, eine Innigkeit des Gefühls ſtrahlt 1ο⏑ Tante Roſa. 253 aus Ihren Augen, Herzlichkeit und Geiſt! O, es müßte ein ſprühender Dialog werden!“ „Es iſt nun einmal ſeine Grille,“ meinte Herr Richter; „laſſen Sie ihm dieſe Grille, o, ſie iſt ſo ſüß, dieſe Grille!“ „Richter ſchreibt und wir Beide reden zuſammen; o, ich ſpreche ſo gern mit Ihnen, mein Fräulein!“ War es die Neuheit der Situation, oder war es ein natürliches Verlangen, ihre glänzende, elegante Art, ſich aus⸗ zudrücken, einem hohen Stande angehörig, durch die unſchein⸗ bare Hülle ihres jetzigen Anzuges durchbrechen zu laſſen, was das junge Mädchen vermochte, nichts mehr gegen den Vor⸗ ſchlag zu erwidern, obgleich ihr leichtes Kopfſchütteln zeigte, daß ſie nicht ganz damit einverſtanden war? Herr Richter hatte ſich vor ſein Schreibheft an ſeinen Tiſch geſetzt, nachdem er vorher dem Knaben die verſprochene Hand voll Nüſſe und damit für einige Zeit Beſchäftigung gegeben. Tante Roſa hatte ſich von dem Sopha erhoben und ſagte, während eine leichte Röthe ihr Geſicht überflog:„Aber dabei ruhig ſitzen zu bleiben, iſt mir unmöglich; auch dürfen Sie mir nicht ſo forſchend ins Geſicht ſehen, das würde ja auch auf dem Theater nicht ſo angehen— ich weiß es nicht, aber ich meine ſo.“ „Das hängt von der Situation ab,“ ſprach Herr Richter in belehrendem Tone;„man betrachtet ſich, man wendet die Blicke ab, man nähert ſich ſehr ſtark, man wendet ſich viel⸗ leicht wieder ab, bis man zu einem glücklichen Reſultate ge⸗ langt— meine Feder iſt eingetunkt, mein Papier liegt be⸗ reit, es kann losgehen.“ „Nein, es geht wahrhaftig nicht,“ ſagte Tante Roſa noch — — 87——— —————— 8 254 Zweiunddreißigſtes Kapitel. einmal,„ich wüßte in der That nicht, was ich Ihnen ant⸗ worten ſollte, es bringt mich in Verlegenheit.“ „Ganz der Situation angemeſſen,“ trug Herr Richter pathetiſch vor.„Sie, mein Fräulein, die junge Gräfin von St. Alban, haben ein Rendezvous bewilligt, und jener junge Menſch dort, ein beſcheidener Legations⸗Secretär, Vicomte de Neufville, der Sie anbetet, tritt Ihnen in den Weg, um Sie von einem übereilten Schritte abzuhalten; alſo: erſte Scene, der Vicomte raſch auftretend.“ Herr Bander that ſo, wie er als Vicomte de Neufville thun mußte, trat bis auf ein paar Schritte vor die junge Dame hin, die ſich verlegen abwandte, und ſagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:„Verzeihung, Gräfin, daß ich Ihnen gefolgt, ſchenken Sie mir einige Augenblicke, hören Sie mit Ihrem Herzen, was ich Ihnen zu ſagen habe, und Sie werden nicht mehr im Stande ſein, Ihre Hand ſo drohend, ſo kalt gegen mich auszuſtrecken— o, dieſe Hand, wenn ich ſie faſſen und an meine Lippen drücken dürfte!“ Herr Richter warf in ruhigem Tone ein:„Das Letzte muß er unbedingt bei Seite ſprechen, und was Sie anbe⸗ trifft, Fräulein Roſa, ſo kann ich Ihnen verſichern, daß ich etwas darum gäbe, wenn ich die wunderbare Art, mit der Sie Ihre Hand gegen ihn ausſtreckten, ja, Ihre ganze Hal⸗ tung zu Papier bringen könnte. Daraus könnten unſere jungen Schauſpielerinnen'was lernen.“ „Unterbrich uns nicht immer.“ „Nur ſo viel, als nöthig; jetzt weiter.“ 1 „Wenn ich Ihnen verwegen erſcheine,“ fuhr Herr Ban⸗ der fort,„ſo iſt die Lage ſchuld daran, in der ich mich be⸗ finde. Ich ſehe den Abgrund zu Ihren Füßen, ich muß Sie ei Tante Roſa. 255 nt⸗ zurückreißei mit Gewalt der Ueberredung, ich muß es thun auf die Gefahr hin, von Ihnen als ein Ueberläſtiger ge⸗ ter ſcholten zu werden; ich bin ein verzweifelnder Spieler, der on ſein ganzes Vermögen auf eine einzige, letzte Karte ſetzt.“ ige Herr Richter hatte Recht; hätte jemand auf der Bühne de durch Haltung und Geſichtsausdruck ſo wunderbar den Kampf Sie V auszudrücken vermocht, wie es hier dieſes junge Mädchen ne, that, ehe das erſte Wort über ihre Lippen kam, er wäre mit einem rauſchenden Beifallsſturm belohnt worden; und nun ille dazu der ruhige Blick, mit dem ſie ihn anſchaute, der kalte ige Ton, in dem ſie ſprach:„Sie irren, mein Herr, ich habe vor nicht das Glück, Sie zu kennen, und wenn ich Ihnen die ich b eigenthümliche Art, eine Dame anzureden, verzeihen ſoll, ſo ren b könnte es nur dann geſchehen, wenn Sie ſich augenblicklich ind I entfernten.“ ſo„Ich Sie nicht kennen, ich, der Ihr Bild in ſeinem 4r nd, V Herzen trägt, ich, an dem der Schatten Ihrer Geſtalt nicht unerkannt vorbeiſchlüpfen würde!— Glauben Sie nicht, daß tte V dieſe ärmliche Kleidung, daß dieſer dunkle Schleier Sie vor be⸗ V meinem Auge verbirgt! Ja, und wäre die neidiſche Hülle, ich die Sie um ſich geworfen, noch tauſend Mal undurchdring⸗ der licher, ich würde es an dem Stocken meines Athems, an al⸗ dem Klopfen meines Herzens fühlen, daß ich in Ihrer ere Nähe bin.“ „Nicht ganz ſchlecht,“ meinte Herr Richter, während er eifrig ſchrieb. Das zunge Mädchen hatte ſich hoch emporgerichtet; ſie ſchien einige Zolle gewachſen zu ſein, ihr Auge flammte, die herausfordernde Haltung ihres edeln Körpers war hinrei⸗ ßend ſchön. an⸗ be⸗ —õ—ͤ——— 256 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Und wenn Sie mich erkannt, wenn es wirklich ſo iſt, daß die Gräfin von St. Alban vor Ihnen ſteht, wer gibt Ihnen ein Recht, meine Schritte zu erſpähen und mir in den Weg zu treten?“ „Das Recht, mein Fräulein,— ja, nicht nur das Recht, ſondern auch die Pflicht, die ich jedem Unglücklichen zuwenden müßte, den ich mit geſchloſſenen Augen einem Abgrunde zu⸗ eilen ſähe, ja, die Pflicht, die mich zwingt, einem Verzwei⸗ felnden den Giftbecher aus der Hand zu reißen, einen Le⸗ bensmüden vom fer des Fluſſes zurückzuziehen! O, Gräfin, Sie fragen, wer mir ein Recht gibt, Ihre Schritte zu er⸗ ſpähen, Ihnen in den Weg zu treten? Dieſes Recht gibt mir vor allen Dingen meine Liebe zu Ihnen, ja, meine hingebende, heiße, uneigennützige Liebe. Treten Sie nicht von mir zu⸗ rück, ſchauen Sie mich nicht ſo verwundert an, ich kann nicht mehr zurück, das Wort iſt ausgeſprochen: ja, ich liebe Sie mit aller Leidenſchaft, mit aller Luſt, mit aller Qual eines jugendlichen warmen Herzens!“ „Ei, Herr Bander,“ meinte Tante Roſa lächelnd,„Sie ſagen das mit einem ſolch' lebhaften Ausdruck, als wollten Sie nicht nur dictiren, ſondern ſelbſt Komödie ſpielen.“ „Noch mehr,“ murmelte der junge Schriftſteller,„ich fühle, was ich geſagt, und es iſt,“ ſetzte er mit einem trüben Lächeln hinzu,„wenigſtens in meinem Stücke nothwendig, daß die ſtolze Gräfin von St. Alban von meinen Worten erſchüttert wird: ſie ſieht ein, daß ſie in ihrem Herzen eine Liebe genährt, deren Gegenſtand ihrer unwürdig iſt.“ „In der That, ſie ſieht das ein,“ gab das junge Mäd⸗ chen mit einem gänzlich veränderten Geſichtsausdruck zur Antwort,„o, ſie ſieht das ein.“ ———— v — Tante Roſa. 257 „Daß dieſer Gegenſtand, ein ſchöner und eleganter Mann, ihr gleichſtehend in geſellſchaftlichem Range, dieſe Neigung nicht verdient.“ „Das ſieht ſie alles ein, alles, alles— und was wird ſie thun?“ „O, ſie wird fühlen,“ rief Carlo enthuſiaſtiſch,„wie ſich an der edleren Leidenſchaft, die ihr entgegenflammt, auch ihre Liebe entzündet, ſie wird dankbar dafür ſein, daß er ſie ge⸗ warnt, ſie wird dem jungen Manne, der ihr zu Füßen fällt, die Hand entgegenſtrecken und ihm erlauben, dieſelbe zu küſſen.“ „Aber das iſt kein Dialog mehr,“ rief Richter faſt un⸗ muthig,„das könnte man höchſtens flüchtig ſkizziren nennen, aber,“ ſetzte er mit einem Seitenblick auf die Beiden lächelnd hinzu,„wie ich ſehe, eine Skizze mit Illuſtrationen.“ Carlo hatte nämlich im Feuer ſeiner Auseinanderſetzungen die Hand des Mädchens ergriffen, dieſelbe feurig geküßt, wor⸗ auf ihm Tante Roſa ihre Finger lachend entzog.— „Laſſen wir die Scene auf ſich beruhen,“ ſagte ſie heiter, „ich bin der Anſicht, daß ein derartiges Zuſammenarbeiten des Dialogs doch nicht das Richtige iſt; ich habe es ja vor⸗ her geſagt,“ fuhr ſie gutmüthig fort,„auch werden Sie ein⸗ ſehen, daß ich nicht im Stande bin, Ihre Reden ſo zu beant⸗ worten, wie es nothwendig iſt. Wenn Sie mir aber etwas Urtheil zutrauen, ſo geben Sie mir das fertige Manuſcript und ich will Ihnen meine Meinung, die Meinung eines ein⸗ fachen Mädchens darüber ſagen.“ „Zwei Acte dieſer Arbeit, welche bereits fertig ſind,“ verſetzte Herr Richter,„legten wir dem Herrn Hoftheater⸗ Intendanten zur vorläufigen Beurtheilung zu Füßen.“ Hackländer, Die dunkfle Stunde. II. 17 ——————— 58 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Das hätte ich nicht gethan,“ meinte Tante Roſa,„man muß eine derartige unfertige Arbeit nicht aus'der Hand geben.“ „Ein Daniel, gewiß ein Daniel!“ rief der Choriſt.„Das Gleiche habe ich auch geſagt, und dieſe Ihre weiſe Anſicht allein müßte uns veranlaſſen, Ihnen das Manuſcript, ſobald es fertig iſt, vorzuleſen.“ „Gut, wenn Sie ein ſolches Vertrauen in mich ſetzen, ſo will ich es nach beſten Kräften zu rechtfertigen ſuchen.“ „Ich will mich beeilen,“ ſagte Carlo in herzlichem Tone, „daß wir bald fertig werden. O, die Belohnung, Sie wie⸗ der zu ſehen, um Ihnen meine Arbeit vorleſen zu dürfen, iſt ſo groß, daß ſie mich zur äußerſten Anſtrengung antrei⸗ ben muß.“— „So, meine Nüſſe ſind alle gegeſſen,“ miſchte ſich der Knabe auf ſeine Art in die Unterhaltung, und damit legte er die Ueberbleibſel auf das Schreibheft ſeines Freundes Richter. „Eugen, du biſt nicht artig,“ ſagte Tante Roſa,„macht man es ſo ſeinen Freunden, die uns Wohlthaten erzeigen?“ „Es iſt der Lauf der Welt,“ meinte lachend Herr Rich⸗ ter;„der Kerl hat die ſüßen Kerne gegeſſen und gibt mir die leeren Hülſen zurück; ich bin nur froh, daß er ſie nicht auf den Boden geworfen hat.“. „Und mir ſcheint, Sie verziehen das Kind,“ ſagte das junge Mädchen,„Eugen aber weiß, was ſich ſchickt,“ wandte ſie ſich ernſt an den Knaben,„und wird die Schalen in den Ofen werfen.“ Der Kleine ſchaute ehrfurchtsvoll auf den ſtrengen Blick des jungen Mädchens, und that augenblicklich, wie ihm geheißen. „Jetzt laß uns gehen,“ ſagte ſie hierauf, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte,„wir haben die beiden Herren lange Tante Roſa. 259 genug aufgehalten. Man muß nie,“ ſetzte ſie lächelnd, aber doch im Tone einer mütterlichen Ermahnerin hinzu,„irgendwo zu lange bleiben, ſonſt wird es nicht gerne geſehen, daß man wiederkommt.“ „O, mein Fräulein,“ rief eifrig Herr Richter, der auf⸗ geſtanden war und eine tiefe Verbeugung machte,„glauben Sie mir, hier bei uns iſt ein düſteres, nebelbedecktes Land, dem eine glänzende Sonne aufgeht, wenn Sie erſcheinen.“ „So meine ich auch,“ ſagte Carlo in ernſtem Tone,„nur möchte ich's mit andern Worten ausdrücken: Wenn Sie uns erſcheinen wie eine gütige Fee, ſo meine ich, das Leben habe wieder einen rechten Werth für mich, und wenn ich mit aller Kraft meines Geiſtes arbeite, ſo habe dieſe Arbeit einen ſchö⸗ nen und edlen Zweck.“ „Darauf weiß ich nichts Paſſendes zu erwidern,“ ver⸗ ſetzte heiter das junge Mädchen, und kann Ihnen nur ſagen, daß ich mit meinem kleinen Pflegling hier gern wiederkommen werde, und daß wir, wenn es Ihnen recht iſt, alle mitein⸗ ander gute Nachbarſchaft halten wollen.“ Sie ſagte das ſo freundlich grüßend, während ſie mitten im Zimmer ſtand, in ihrem unſcheinbaren dunkeln Kleide, mit der Haltung und dem Anſtand einer Königin; als ſie aber hierauf das Zimmer verließ, war ihre Figur etwas gebückt, ihr Gang war etwas ſchwankend, als mache es ihr Mühe, mit dem linken Fuße feſt aufzutreten.— „Eine Fee,“ rief Herr Richter, als ſich die Thür hinter ihr geſchloſſen,„gewiß eine Fee, die uns Glück und Segen bringt! Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn die Feder, die ſie in ihrer ſchönen Hand gehalten, ſich in Gold ver⸗ ———— 8 4 1 260 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Tante Roſa. wandelt, wenn unter ihrem Blicke unſer armer Geranium⸗ ſtock dort am Fenſter neue Blüthen getrieben hätte.“ Carlo hatte ſeine Augen mit der Hand bedeckt, und als er ſie wieder niederſinken ließ, blickte er lange ſinnend vor ſich nieder, ehe er zur Antwort gab:„Der Druck ihrer Hand müßte meine armen Gedanken in goldene, ſtrahlende verwandeln, ja, müßte Wunder thun, wie ihr Blick ſchon gethan, der in meinem Herzen eine unausſprechlich ſchöne Blüthe getrieben.“ —— —— Dreiunddreißigſtes Kapitel. Herr Moſes Goldſtein. Das Arbeitscabinet des Dr. Henderkopp, Directors der Privat-Irren-Anſtalt, war an der hintern Seite des weiß angeſtrichenen Haupthauſes ſo gelegen, daß man von den Fenſtern deſſelben das vertiefte Roſenparterre, ſo wie den da⸗ hinter liegenden Garten überſehen konnte. In der Jahreszeit, von der wir gerade reden, war dieſes Ueberſehen dadurch ſehr erleichtert, daß ein tüchtiger Reif, der Berg und Thal, Gras und Laub mit einer feinen, zier⸗ lichen, weißen Rinde überzogen hatte, den Blattſtielen ihre letzte Lebenskraft geraubt, und daß die Blätter an dem be⸗ treffenden Tage beim leiſeſten Wehen des Windes maſſenhaft auf den Boden niederflatterten. Dadurch war es denn mög⸗ lich, daß man den ziemlich geräumigen Garten in ſeiner ganzen Ausdehnung überſchauen konnte, ſogar bis zu jener vergitterten Mauerlücke hin, an welcher der vorgebliche Graf meiſtens zu ſitzen pflegte, um in die Gegend hinauszuſtarren. Dr. Henderkopp ſtand an einem Fenſter ſeines eben 262 Dreiunddreißigſtes Kapitel. erwähnten Arbeitscabinets und blickte hinaus, aber nicht nach dem Garten, wo die meiſten ſeiner Kranken oder Penſionäre, wie er lieber zu ſagen pflegte, von ihrem unſteten Weſen getrieben, eilfertig an einander vorüberhuſchten und das Ter⸗ rain nach allen Richtungen durchſchritten, ſondern ſah an den Himmel empor, wo trübe Wolken, Ueberbleibſel des geſtern emporgeſtiegenen Nebels, eilfertig gegen Oſten zogen. Der Himmel ſah regneriſch aus, es war froſtiges, windiges Herbſt⸗ wetter, und die alten Bäume drüben im Garten ſchüttelten mißmuthig ihre Häupter. Nachdem der Doctor eine Zeit lang den trüben Himmel betrachtet, welcher ſich in ſeiner trüben, verdrießlichen Miene wiederzuſpiegeln ſchien, legte er die Hände auf dem Rücken zuſammen und ſchritt geſenkten Hauptes in dem Zimmer auf und ab. Er dachte nach, er ſtellte Betrachtungen an über ſeine Vergangenheit und Zukunft, und dazu hatte er heute mehr Veranlaſſung als an jedem andern Tage, denn es war heute ſein Hochzeitstag. Er wollte in jene große Gemeinſchaft derer eintreten, die mit vor Liebe oder aus anderen minder edlen Urſachen geblendeten Augen in die große Spielurne greifen, um ſich eines von den Looſen heraus zu ziehen, die äußer lich alle gleich ausſehen, aber unter trügeriſcher Decke eine Niete eben ſo gut wie einen Gewinn enthalten können, und wenn man zufällig eine Niete zieht, ſo muß man ſie behalten und mit ihr wandeln ein ganzes langes Leben hindurch. So dachte auch Dr. Henderkopp, und wenn er ſo dachte, ſo preßte er ſeine Lippen feſt aufeinander, daß ſie kaum ſo viel Raum ließen, um einen dicken Seufzer durch zu laſſen. Zuweilen zuckte er die Achſeln, als wollte er ſagen, da iſt Herr Moſes Goldſtein. 263 nun einmal nichts zu machen, nehmen wir die Sache vom philoſophiſchen Standpuncte und ſuchen wir ihr eine gute Seite abzugewinnen. Dieſer Gedanke war im Stande, ihn etwas aus ſeinem Trübſinne aufzumuntern, ja, er verſtieg ſich bis zu einem leiſen Pfeifen, doch war es bezeichnender Weiſe ein Moll⸗Tonart, die ſeinen Lippen entſchlüpfte. „Wie dem auch ſei,“ ſprach er halblaut vor ſich hin, „wenn es auch eine bittere Pille iſt, ſo präſentirt ſie ſich mir doch ſtark vergoldet, und ich bin in gewiſſer Beziehung ſo krank, daß ich nach einem bittern Kern nicht fragen darf.“ Er war bei dieſen letzten Worten, vielleicht zufällig, viel— leicht abſichtlich, in die Nähe ſeines Schreibtiſches gegangen, auf den er nun die rechte Hand ſtützte und auf ein Blatt Papier blickte, welches bedeutſame Zahlenreihen zeigte. Nachdem er ſich daran ſatt geſehen,— ſein Geſicht zeigte eine überdrüſſige Miene,— zog er an einer Klingel, die über dem Schreibtiſche hing, worauf nach ein paar Augenblicken der Wärter Gebhard ins Zimmer trat. Der Doctor hatte ſeinen Spaziergang im Zimmer wie⸗ der aufgenommen und ſagte ohne aufzublicken:„Nichts Neues im Hauſe?“ Der Wärter ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„Im Hauſe iſt alles beim Alten; die Herren ſind ruhig und gehen ihren Beſchäftigungen nach, der Förſter hat ſchon ſeit zwei Tagen keinen Anfall mehr gehabt und benimmt ſich überhaupt ſo ruhig und anſtellig, daß ich ihn zu kleinen Dienſtleiſtungen verwenden kann, die er auch bereitwillig übernimmt und glück⸗ lich ausführt.“ „Und der Italiener?“ „Hat ſich geſtern in der Dunkelzelle ruhig verhalten, und 264 Dreiun ddreißigſtes Kapitel. ich glaube, man könnte ihn wohl an dem heutigen feſtlichen Tage,“ dies ſprach der Wärter mit einer tiefen Verbeugung, „zu den Andern laſſen.“ Bei dem Worte ‚feſtlichen Taget ſchien ſich wieder ein Sandkorn zwiſchen den Zähnen des Doctors zu befinden. „Dieſer Italiener,“ fuhr er barſch heraus,„iſt ein wider⸗ ſpänſtiges, bösartiges Geſchöpf, ein Subject, das nun einmal nicht einſehen will, ich nicht ſo gut für ihn bezahlt würde, ich hätte ſchon l lange ſeine Verwandten erſucht, Ihr werdet ſehen, Gebhard, legen wohl eine Ausnahme machen. mheiten.“ „Was der Herr daß es verrückt iſt. Wahrhaftig, wenn mich von ihm zu befreien, denn er bringt uns noch in Unge⸗ Doctor da ſagen, iſt vollkommen richtig, doch an dem heutigen Tage,“ bat der Wärter,„könnten wir Gefährlich iſt er eigentlich doch nicht, und der Förſter hat mir verſprochen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.“ „Meinetwegen denn, aber ſeid beſorgt dafür, daß er mit dem General nicht zuviel zuſammen kommt, deſſen fixe Idee, ſich zu verſchwören, ihn anſtecken könnte. Wer ſteht uns da⸗ für, daß die beiden Narren, wenn ſie auch ſonſt nichts aus⸗ führen können, nicht einmal den Verſuch machen, das Haus in Brand zu ſtecken? Dem Italiener traue ich alles zu.“ „Heute werden ſie auf ihre Art vergnügt ſein,“ gab Gebhard beſänftigend zur Antwort. „Des Herrn Doctors Frau Schwiegermutter haben der Köchin aufgetragen, ein ganz beſonders gutes Mittagsmahl zu machen und haben dazu ſchöne Sachen geſchickt, auch ein ganzes Deſſert von Obſt. Wir müſſen doch auch dieſen ſchönen Tag nach Kräften feiern,“ ſetzte er ſchmunzelnd hinzu. —— ꝗ— — — 5 Herr Moſes Goldſtein. „Feiert ihn meinetwegen, wie Ihr wollt,“ erwiderte der Doctor mit zuſammengezogenen Augenbrauen,„aber ich mache Euch verantwortlich, Gebhard, daß alles in Ordnung vor ſich geht. Was mich anbetrifft,“ fuhr er mit einem Seufzer fort,„ſo habe ich einen harten Tag vor mir, die Geſchichte in der Kirche, dann ein langes und wahrſcheinlich langweiliges Diner; ich ſehe es ſchon voraus, daß ich vor ſinkender Nacht nicht zurück ſein werde— wenn ich nur ſchon vier Wochen älter wäre!“ ſetzte er halblaut hinzu. Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach die Rede des Doctors, und als er ärgerlich dorthin blickte, meinte der Wärter:„es wird die Köchin ſein.“ „Herein denn!“ Die Thür öffnete ſich langſam, aber es war nicht die Köchin, die hineinſchaute, es war jemand, bei deſſen Anblick Dr. Henderkopp ein Geſicht machte, als habe er zwiſchen je— dem Zahn ein Sandkorn, und ſei gezwungen, herzhäͤft darauf zu beißen. Dieſer Jemand war ein Mann, von dem man ſagen konnte, er ſtehe in der Blüthe der Jahre. Auf einer unter⸗ ſetzten, kräftigen Geſtalt erblickte man einen dicken Kopf, mit etwas wulſtigen rothen Lippen, mit Wangen, die in einer Röthe prangten, als ſeien ſie eben erſt geſchminkt worden, mit einer ſcharf gebogenen Naſe, verſchmitzten leuchtenden Augen, hochgeſchwungenen, tief dunkeln Augenbrauen, und einem ſtarken, kohlſchwarzen, lockigen Haare; alle Linien an dieſem ausgezeichneten Kopfe waren rund oder doch wenig⸗ ſtens ſtark gerundet. Die lebhafter Farbenzuſammenſtellung deſſelben in Roth und Schwarz zeigte ſich auch in ſeinem Anzuge, denn er trug ſchwarze Beinkleider, eine korinthen⸗ 266 Dreiunddreißigſtes Kapitel. farbene Sammtweſte, auf welcher eine dicke goldene Kette glänzte, und einen ſchwarzen Frack; auf dem Arme hatte er dagegen einen Paletot von hellgrauem Tuche; den Hut hielt er in der Hand. Wenn auch dieſe Geſtalt gebückt und ſchleichend ins Zimmer trat, ſo zeigte das ſelbſtgefällige und behagliche Lä⸗ cheln auf ſeinem Geſichte, daß er ſich durchaus nicht in Ver⸗ legenheit befand; und der Ton, mit dem er ſprach, beſtärkte letztere Vermuthung. „Da bin ich denn, verehrteſter Herr Doctor,“ ſagte er mit einem leichten Anſtoßen der Zunge,„zu gehöriger Zeit, und angethan, wie man es nur hätte erwarten können von einem Hochzeitsgaſt.“ Was Dr. Henderkopp zur Antwort gab, war nicht ge⸗ nau zu verſtehen; eben ſo wohl aber als ein freundlicher Gegengruß hätte es heißen können: Hol' Sie der Teufel! Auch ſprach für das Letztere die barſche Art, mit welcher er ſich hierauf an den Wärter wandte und ihm ſagte:„Laßt uns allein!“ Als ſich die Thür hinter dieſem geſchloſſen, warf der vorhin Eingetretene ziemlich ungenirt ſeinen Paletot auf einen Stuhl, ſetzte den Hut daneben und ging auf den Doctor zu, während er freundlich lächelnd ſagte:„Soll ich nochmals gratuliren zu dem frohen, feſtlichen Tage, froh und feſtlich für uns alle, auch für mich, ja, ganz beſonders für mich, denn nun kommt doch einmal ins Reine das ſchwebende Geſchäftchen, ſo wir mit einander gemacht ſchon ſeit gerau⸗ mer Zeit.“ „Ihre Gratulationen können Sie ſich ſparen,“ verſetzte unmuthig der Director der Irren⸗Anſtalt,„und was die Hoff⸗ —“— Herr Moſes Goldſtein. 267 nung anbelangt, ſo theile ich Sie wahrhaftig mit Ihnen, und mit den gleichen Gefühlen, die einen Verdammten beſeelen, wenn er einſtens Hoffnung auf Erlöſung hat.“ „A— a-— a—ah, verehrteſter Herr Doctor,“ erwiderte der Andere mit einer ſchalkhaften Neigung des Kopfes auf die linke Seite,„bin ich denn anzuſehen als ein Quälgeiſt, der gekommen iſt, Sie zu plagen, oder bin ich nicht immer er⸗ ſchienen wie ein guter Freund, wie ein Engel in der Noth, der kam genau zur rechten Zeit, Ihnen vorzuſtrecken klin⸗ gende Gelder, wenn Sie nicht mehr haben gewußt weder aus noch ein?“ „Das weiß Gott,“ ſeufzte der Doctor,„die rechte Zeit, wann Sie kommen mußten, um mir das Meſſer an die Kehle zu ſetzen, daß ich Ihnen Zinſen und Commiſſion be⸗ willigen mußte, die Sie niemals vor Gott verantworten können!“ Herr Moſes Goldſtein zog ſeine Schultern ſo hoch die Höhe, wie es ihm nur immer möglich war, und erwiderte, einige Augenblicke in dieſer Stellung verharrend:„Was werde ich nicht können verantworten vor Gott? Habe ich an Ihnen gehandelt als ein Wucherer oder habe ich mit Ihnen gethan als werther Geſchäftsmann, der da gezwungen iſt, zu nehmen Zinſe von ſeine Zinſe, wenn ihm dieſe Zinſe nicht werden bezahlt? Haben der Herr Doctor wohl einmal eingehalten Ihre Verſprechungen. mich zu bezahlen, Capital oder Zinſen? Niemals, ſo wahr mir Gott helfe, und ſo iſt aufgelaufen das Capital zu der Höhe, wie es jetzt da ſteht auf der Ab⸗ rechnung.“ Er zeigte mit dem Finger auf die Zahlenreihen des Papiers, welches auf dem Schreibtiſche lag. „Ja, aufgelaufen,“ erwiderte der Doctor mit zuſammen —— “—.= 4 K *— 268 Dreiunddreißigſtes Kapitel. gebiſſenen Zähnen,„achttauſend Gulden auf zwanzigtauſend „Gulden in anderthalb Jahren.“ „Nicht in anderthalb Jahren,“ gab Herr Goldſtein eifrig zur Antwort,„in faſt zwei Jahren, von dem Tage an gerech⸗ net, wo unſere Verhandlung begann.“ „Deſſen zu erwähnen, ſollten Sie ſich doch wahrhaftig ſchämen. Sie unterhandeln mit mir ein halbes Jahr lang, ehe ich Geld erhalte, und laſſen mich dann von jener Zeit die Zinſen zahlen.“ „Soll der Geſchäftsmann nicht haben für ſein Riſico einen Gewinn? Wie ſähe es aus mit meiner Schuldforderung, wenn Sie nicht machten dieſe reiche Heirath? Wäre ich doch ein ruinirter Mann. So aber haben Sie den Profit, Geld und eine ſchöne Frau.“ Der Doctor ſchaute mit einem troſtloſen Blick an den grauen Herbſthimmel und verſetzte mit einer abwehrenden Handbewegung:„Wozu dieſes Gerede? Sie halten mich umklammert mit gültigen Documenten———— Sie werden Ihr Geld haben, heute noch—— wenn es mir ein⸗ gehändigt wird,“ ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Ich rechne darauf heute,“ entgegnete Herr Goldſtein lebhaft.„Werden Sie doch erhalten die Mitgift von Ihrer Frau, zwanzigtauſend Gulden— er ſagte das mit einem Ausdrucke, als verſpeiſe er eine ſaftige Pfirſiche— in guten Staatspapieren, viereinhalbprocentigen, ſo gut wie baares, klingendes Geld, ſo daß wir nichts haben zu thun,“ ſetzte er mit einem pfiffigen Blicke hinzu,„als zu berechnen die kleine Coursdifferenz, die ſein wird zu meinem Schaden, trotz der fälligen Zinscoupons. Weiß ich doch ganz genau,“ fuhr er geſchwätzig fort,„daß die Frau Wittwe Speiteler Sie nach ———ÿ,. — A Herr Moſes Goldſtein. 269 dem Diner wird laſſen kommen in ihr gelbes Zimmer, wo ſteht ihre Geldſchatulle, und daß Sie Ihnen einhändigen wird die zwanzigtauſend Gulden, was macht gerade Ihre Schuld an mich, wenn man noch hinzuzieht die Bagatelle von wegen der Coursdifferenz.“ Wir müſſen hier bemerken, daß der Director der Privat⸗ Irren⸗Anſtalt ſeine Brille mit den blauen Gläſern, welche ſeinem Blicke etwas Farbloſes, Unheimliches verliehen, nicht aufgeſetzt hatte, und man deßhalb ſehen konnte, wie ſein Auge flammte. „Herr Moſes Goldſtein,“ rief er mit einer vor Zorn zitternden Stimme,„ich will Ihnen jetzt mein letztes Wort ſagen: Sie erhalten die bewußten zwanzigtauſend Gulden, aber das ſchwöre ich Ihnen zu, daß, wenn Sie noch eine Silbe verlieren über Coursdifferenz oder ähnliche Schindereien, ſo erkläre ich vor dem Altar, daß ich es als bankerott, für gewiſſenlos halte, mich zu verheirathen.“ Der Jude ſtreckte ſeine Hände von ſich ab, als ſähe er plötzlich vor ſich etwas Entſetzliches erſcheinen, und erwiderte darauf im Tone des höchſten Schreckens:„Würden Sie ſein im Stand, ſo etwas zu thun? O nein, Sie würden nicht, o nein, Sie werden nicht, o nein, Sie können nicht! Wie, werden Sie wollen gehen in das kalte Schuldgefängniß, ſtatt in das warme Brautgemach?“ „Erbärmlicher Kerl!“ begnügte ſich der Doctor zu ſagen, und fuhr nach einem tiefen Athemzuge fort:„Warum mich ee Ihresgleichen ercſern? Mich däucht, Herr Moſes Gold⸗ ſtein, unſere Rechnun iſt abgeſchloſſen, Sie erhalten Ihr Geld, dort iſt die Thül“ Der alſo Angeredet legte ſeine Hände zuſammen, bemühte 270 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſich, bewegt auszuſchauen, und ſagte mit ſanfter Stimme: „Handelt man ſo mit Leuten, die einem gezeigt haben, daß ſie ſind geſinnt gut und freundſchaftlich—— und billig— — wahrhaftig, Herr Doctor!— billig?— Wären Sie ge⸗ fallen in andere Hände, ſo würden nicht ausreichen die armen zwanzigtauſend Gulden, auch nicht mit der Coursdifferenz, die ich in Gottes Namen verlieren will. Sie haben mir gewieſen die Thür, aber ich werde nicht gehen, ich werde nicht können gehen, denn Sie wiſſen, daß wir ſtipulirt haben, ich ſei ein Hochzeitsgaſt, ſo gut wie jeder Andere, und darum habe ich mich auch ſo feſtlich angezogen. Haben wir das nicht ſtipulirt?“ „Sie haben allerdings das zudringliche Verlangen an mich geſtellt.“ „Zudringlich nicht,“ lächelte vergnügt und ſelbſtgefällig Herr Goldſtein,„nur eine bittere Nothwendigkeit, denn ich bin Geſchäftsmann und muß gehen ſicher mit meinem Gelde. Klar und deutlich haben mer's ſtipulirt: ich bin bei der Hoch⸗ zeit als gern geſehener Gaſt und Freund, ich dinire mit an der großen Tafel und werde ausbringen meinen Toaſt ſo gut wie jeder Andere; im Hauſe werde ich bleiben bis zu dem wichtigen Augenblicke, wo Ihnen Frau Wittwe Speiteler wird übergeben die Mitgift von ihre Tochter, dann begleite ich Sie hieher, verſteht ſich von ſelbſt, in einem eigenen Wa⸗ gen, den ich mir werde laſſen kommen auf meine Koſten, und wenn wir wieder hieher werden zurückgekommen ſein, über⸗ nehme ich hier in dieſem Zimmer die panzigkaufend Gulden während ich Ihnen behändige Ihren Schuldſchein, den ich hier trage in meiner Bruſttaſche, naſdem ich denſelben vor Ihren Augen quittirt.“ im as an Herr Moſes Goldſtein. Herr Dr. Henderkopp ſchaute den Sprecher an, wie je⸗ mand, der mit ſeinen Gedanken ganz wo anders iſt; plötzlich aber ſchien er ſich über die Gegenwart zu beſinnen, und nach⸗ dem er die letzten Sätze ſeines Geſchäftsfreundes mit großer Ruhe angehört, erwiderte er:„Wozu wiederholen, was mir leider bekannt iſt! Sie haben Ihr Mißtrauen gegen mich ſo weit getrieben, dieſe erniedrigenden Bedingungen gegen mich zu ſtellen; ich bin in Ihrer Hand, wenn ich nicht vielleicht vorziehe, einen Scandal zu machen,“ ſetzte er mit einem Auf⸗ flammen ſeines Blickes hinzu. „Sie werden nicht,“ warf Herr Goldſtein ein. „Aber,“ fuhr der Andere fort,„wenn ich dieſer meiner Schuld gegen Sie vollkommen quitt und ledig bin, ſo kann ich als Gegengefälligkeit vielleicht erwarten, daß—“ „Ich wieder bereit ſein werde, Ihnen zu dienen. Gott der Gerechte, warum das nicht, gegen gute Zinſen und Pro⸗ viſion!“ „Laſſen Sie mich ausreden— daß Sie ſich nie mehr bei mir ſehen laſſen, und ſo iſt der Wunſch meines Herzens, vergeſſen Sie ihn nicht.“ „Ich werde ihn aber vergeſſen,“ rief Herr Goldſtein jovial;„was ſollte ich behalten in meinem Gedächtniß, was Ihnen doch kein Ernſt iſt? Sie werden wieder brauchen den Goldſtein, Sie werden rufen nach Goldſtein, und Goldſtein wird ſich beeilen, zu erſcheinen mit offenen Händen, die er immer hat für ſeine Freunde— aber nun machen Sie mir nicht mehr ſo traurige Geſichter— die Sache wird ſein ab⸗ gemacht in zehn Stunden oder zwölf, Sie werden einziehen in dieſe hübſche Wohnung, frei von Schulden mit Ihrem Weibchen, in dieſe wahrhaftig nette Wohnung,“ fuhr er fort, 272 Dreiunddreißigſtes Kapitel. während er ſchmunzelnd ſich rings umſah.„Es hat ſich hier auf Ehre ſchon recht gemacht, mit werthvollen Mobilien, an⸗ geſchafft von der Frau Schwiegermutter, eine brave Frau das! Hier iſt das Arbeits⸗Cabinet von dem Herrn Director, und gleich da neben an— darf ich wohl hineinſchauen gleich da neben an?“ Der Doctor ſchien ſich am heutigen feſtlichen Tage voll⸗ kommen als Schlachtopfer anzuſehen und mit Reſignation über ſich ergehen laſſen zu wollen, was das Schickſal über ihn verhängen werde. Er zuckte die Achſeln, that einen tiefen Athemzug und wandte ſich, ohne den Herrn Goldſtein einer Antwort zu würdigen, wieder dem Fenſter zu. Dieſer aber ſchien das Stillſchweigen für die Erlaubniß anzunehmen, das Nebengemach beſehen zu dürfen, denn er öffnete ohne Weiteres die Thür deſſelben und verſchwand in dieſer, um erſt nach einigen Minuten, welche der Zu— rückgebliebene in tiefem Nachſinnen vollbracht, wieder zu er⸗ ſcheinen. „Alles in Ordnung,“ rief der Geſchäftsmann mit fröh⸗ licher Miene,„ein Aufenthalt für glückliche Menſchen; da gleich neben an das Eßzimmer, dann der Salon für die Frau Gemahlin, und gleich daneben das Schlafzimmer, heimlich und verſchwiegen— Doctor, Sie ſind auf Ehre ein glück⸗ licher Mann. Schöne Betten, ganz neu von polirtem Nuß⸗ baumholz, und ſeidene Kuwerter,'s iſt wahrhaft fürſtlich!— Aber, Gott der Gerechte,“ unterbrach er ſich plötzlich, nach⸗ dem er ſich umgeſchaut,„ſchon zehn Uhr und Sie erſt halb zum feſtlichen Tage angezogen? Machen Sie, Verehrteſter, daß Sie hineinkommen in Ihren Frack, und dann fahren wir in der Stadt.“ 1₰———— 2——,— +-& Herr Moſes Goldſtein. 273 „Wir?“ fragte der Doctor gereizt. „Nun, Sie werden doch mitnehmen Ihren Geſchäfts⸗ freund, wenigſtens bis ans Stadtthor?— Laſſen Sie Ihren Groll fahren; warum Groll haben auf mich, mein lieber Henderkopp? Werden Sie doch noch oft brauchen Ihren treuen Goldſtein. Ziehen Sie ſich an, ich werde unten am Thore auf Sie warten, nachdem ich vorher einen Blick in den Garten gethan und geſchaut, ob ich nicht kann ſehen einen oder den anderen von Ihren ſpaßigen Herren Penſio⸗ nären; es macht mir immer Vergnügen, mit ſo einem Ver⸗ rückten zu reden.“ „Bekümmern Sie ſich nicht um meine Kranken,“ ver⸗ ſetzte der Doctor barſch,„und laſſen Sie mich jetzt allein, damit ich mich anziehen kann.“ „Gerade, wie ich Ihnen geſagt,“ gab der unverwüſtliche Geſchäftsmann zur Antwort,„ich werde hinunter ans Thor gehen und auf Sie warten.“ Er nahm bei dieſen Worten ſeinen langen Paletot vom Stuhle, und als er ihn bedächtig anzog, verſchwand unter dieſer grauen, unſcheinbaren Hülle der glänzende Kern des Herrn Goldſtein, nur die rothen Wangen und glänzenden Augen blieben noch übrig, deren Schimmer er vor der Thür dadurch milderte, daß er ſeinen Hut tief in die niedrige Stirn drückte. Seine Hände verſenkte er in die weiten Taſchen des Ueberrocks und ging darauf, ſorgfältig nach allen Seiten blickend, die Treppen hinab in den Hof, dann durch den Thorbogen gegen das Roſenparterre, wo er an der Treppe, die zu dieſem hinabführte, lächelnd ſtehen blieb, da er be⸗ merkte, daß der General ihm entgegen kam. Hackländer, Die dunkte Stunde. II. 18 274 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Dieſer blieb einen Augenblick mit finſterem Geſichte vor ihm ſtehen, maß ihn von oben bis unten, und als er vor⸗ übergehen wollte, ſagte Herr Goldſtein, der ſich behaglich von einem ſeiner geſpreizten Beine auf das andere wiegte: „Nun, wie ſteht's, Herr General, was machen die Verſchwö⸗ rungen, werden wir nächſtens was erfahren, wie umgekommen iſt der große Cäſar, oder wie Sie haben ſprengen wollen das engliſche Parlament? Wenn Sie mich einmal brauchen kön⸗ nen, ſo ſagen Sie's frei heraus, auf Ehre, ich helf' bei'ner Verſchwörung.“ „Sehen Sie lieber zu,“ gab ihm der finſtere Mann zur Antwort,„daß Sie nicht mit in die Luft fliegen, Vogel⸗ ſcheuche.“ „Vogelſcheuche hat er geſagt?“ rief der Andere luſtig, „ſehe ich aus, wie'ne Vogelſcheuche? Gott der Gerechte, er iſt ſehr verwirrt, der arme General!“ Dieſer aber trat bei der Aeußerung des Herrn Goldſtein ſo dicht auf ihn zu, daß ſich letzterer gern einen Schritt zu⸗ rückgezogen haben würde, wenn ihn nicht zu gleicher Zeit die derbe Fauſt des großen und ſtarken Mannes feſt an einem ſeiner Handgelenke gepackt hätte; auch öffnete er ſchon den Mund, um nach Hülfe zu rufen. Der General brachte ſein Geſicht ſo nahe an das des Andern, daß zwiſchen beiden Naſen kaum ein Blatt Papier Platz gehabt hätte, betrachtete ihn ein paar Sekunden lang mit ſtechendem Blick und murmelte dann, während er den gefaßten Arm los ließ und von ſich wegſchleuderte, kopfnickend und mit dumpfer Stimme:„Wir ſehen uns wieder.“ Dann ſchritt er langſam an ihm vorüber. — ‚— Herr Moſes Goldſtein. 275 Den Herrn Goldſtein überflog ein ſo umheimliches Ge⸗ fühl, daß er nicht mehr daran dachte, ſich noch ferner in dem Garten nach den anderen Penſionären des Dr. Henderkopp umzuſchauen; auch ſah er dieſen ſo eben im Hofe erſcheinen, und beeilte ſich, um ſeinen Platz im Wagen nicht zu ver⸗ lieren, der ſo eben am Gitterthor vorfuhr. Als der Director der Privat⸗Irren⸗Anſtalt ſeinen Ge⸗ ſchäftsfreund auf ſich zukommen ſah, hatte er einen eigen⸗ thümlichen Gedanken.„Wäre es nicht erſprießlich und ko⸗ miſch zugleich und dabei ein Act der Gerechtigkeit, wenn ich Gebhard einen Wink gäbe, er ſolle dieſen zudringlichen Kerl, deſſen Geiſteskräfte mir etwas geſtört erſcheinen, unter irgend einem Vorwande ſanft auf die Seite ziehen und in die Tobzelle einſperren? Gäbe man ihm von vorn herein eine kräftige Douche, ſo könnte das bis morgen früh auf ſeinen moraliſchen Zuſtand ſo eingewirkt haben, zugleich mit dem ahnenden Verluſte ſeines Geldes, daß der erſte Irrenarzt der Welt, ja, eine ganze Facultät von Irren⸗ ärzten ſeinen Zuſtand als ſehr gefährlich finden würden, wenn ich ihnen dieſen jungen Mann da mit der rothen Sammtweſte als einen gewiſſen Moſes Goldſtein vorſtellte, der die fixe Idee hat, ich ſei ihm zwanzigtauſend Gulden ſchuldig— es wäre ein koloſſaler Spaß und vielleicht heute Abend ausführbar, wenn mein guter Freund die Schuld⸗ urkunde quittirt hat.“ Dieſe angenehmen Betrachtungen, denen ſich der Doctor überließ, während ſich der Andere Schritt für Schritt näherte, berührten ſein verfinſtertes Gemüth ſo wohlthuend, daß ſich auf ſeine Züge ein leiſes Lächeln ſtahl, welches ſich 276 Dreiunddreißigſtes Kapitel. bis zu einem freundlichen Kopfnicken gegen Herrn Goldſtein ſteigerte. Dieſer ſah die Umſtimmung zu ſeinen Gunſten und ver⸗ fehlte als praktiſcher Mann nicht, den Verſuch zu machen, einigen Nutzen daraus zu ziehen.„Habe ich doch gewußt,“ ſagte er heiter,„daß der Zorn auf den armen Goldſtein nicht kann ſein ein anhaltender, daß Sie überhaupt nicht können haben einen Groll an dem feſtlichen Tage und auf Ihren ergebenen Freund. Steigen Sie ein, Doctor, ſteigen Sie ein,'s iſt auf Ehre die höchſte Zeit; freue mich auch für die Braut auf Ihr freundliches Geſicht, und für mich, es ſind beſſere Gedanken, die Sie haben gefaßt gegen Goldſtein, gegen Ihren treuen Goldſtein.“ „Ich dachte wirklich an Sie,“ erwiderte der Doctor gütig, nachdem ſich Beide im Wagen niedergelaſſen, und in⸗ dem er die blauen Brillengläſer auf ihn richtete, fuhr er fort:„Ich ſah Sie im Geiſte ſo recht lebhaft vor mir, wie Sie ſich abmühen und abwinden, und dachte dabei an Ihre Zukunft; ich glaube und hoffe, Sie werden eine feſte und geſicherte haben.“ „Denken wir nicht an die Zukunft, denken wir an die Gegenwart. Was werd' ich haben für eine große Zukunft? Mit Mühe und Noth werd' ich mir verdienen einen arm⸗ ſeligen Kreuzer Geld, um vielleicht etwas zu haben in mei⸗ nem Alter; jetzt bin ich noch ſo arm, wie Hiob;“ damit ſpielte er mit einer ſchweren goldenen Kette. 1 „Als ein ſo praktiſcher Geſchäftsmann kann es Ihnen unmöglich fehlen, und wenn Ihnen meine Kundſchaft etwas eintragen kann,“ ſagte der Doctor milde lächelnd,„ſo wird Herr Moſes Goldſtein. 277 ſie Ihnen erhalten bleiben.“— Die Tobzelle, dachte er bei ſich, liegt nach dem kleinen Hofe hinaus, und kann man ihn da mit voller Sicherheit ſchon ein paar Tage ſpectakeln laſſen.—„Vergeſſen Sie,“ fuhr er lauter fort,„die heftigen Worte von vorhin, man iſt nicht immer gut aufgelegt, ſelbſt unter Freunden.“ „Sie ſehen mich entzückt, Doctorchen, von Ihren herz⸗ lichen Geſinnungen. So iſt es recht am heutigen feſtlichen Tage. Laſſen wir ihn froh beginnen und fröhlich endigen.“ „So wollen wir,“ gab der Doctor mit ruhiger Stimme zur Antwort;„was das Geſchäftliche anbelangt, ſo bleibt es bei der Verabredung: Sie erhalten heute Abends Ihr Geld und übergeben mir dagegen meinen Wechſel quittirt. Dabei hätte ich aber noch eine Bitte.“ „Laſſen Sie hören, Doctorchen; im Voraus bewilligt, wenn es nicht betrifft Abzüge.“ „Gewiß nicht, nur eine kleine Discretion, die ich von Ihnen erwarte. Wenn man erfährt, daß Sie heute Mor⸗ gens bei mir waren und daß Sie heute Abends wieder zu mir hinauskommen, ſo könnte man ſich allerlei zuſammen⸗ ſtellen, was der unangenehmen Wahrheit ziemlich nahe käme. Deßhalb bitte ich Sie, nach dem Diner zu ein paar Leuten zu ſagen, Sie beabſichtigten heute Abend eine kleine Reiſe gerade in entgegengeſetzter Richtung, als zu mir hinaus; Sie verſtehen mich, lieber Goldſtein, nur um keine Ver⸗ muthungen aufkommen zu laſſen; um acht Uhr ſind Sie als⸗ dann bei mir draußen, Sie nehmen bei meiner Frau eine Taſſe Thee und wir machen in meinem Arbeitszimmer unſere Geſchäfte ab.“ 278 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Wenn es nichts weiter iſt, beſter Doctor, ſo können Sie ſich auch darin auf den Goldſtein verlaſſen; es iſt das ein Stein, wie von Gold, ein Herz, wie von Diamant, überhaupt um zu ſagen, ohne Unredlichkeit, ein koſtbarer Kerl.“ Der Sprecher rieb ſich heiter die Hände und blickte ſeinen Nachbar an, der ruhig vor ſich hin ſummend und dabei milde lächelnd zum Wagenfeſter hinaus auf die ver⸗ ſchleierte Landſchaft ſah. Durch eine Biegung des Weges war es dem Doctor möglich, rechts neben ſich auf der Höhe die hohen, weißen Mauern ſeiner Anſtalt zu erblicken.„Ein Gefängniß,“ murmelte er mißmuthig zwiſchen den Zähnen, „ein Kerker, und ich von heute an in doppelten Banden!“ Seine Augen blickten von dem Hügel hinab und folgten einem Wagenzuge, der ſchon in ziemlicher Ferne mit dam⸗ pfender Locomotive gegen Süden fuhr und eben im Be⸗ griffe war, zwiſchen einer durchſchnittenen Hügelkette zu verſchwinden.„Es würde gar keinen Verdacht erregen,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort,„wenn ich morgen ſchon die Papiere zu Geld machte und dann ein bischen in die Welt hinausreiſ'te.“ Es iſt ein behagliches Gefühl, an eine Vergnügungsreiſe zu denken, man läßt dieſes behagliche Gefühl gern nach außen dringen, woher es auch wohl kam, daß das Geſumme des Dr. Henderkopp in eine verſtändliche Melodie überging, und er pfiff die Weiſe des Liedes: „Es kann ja nicht immer ſo bleiben Hier unter dem wechſelnden Mond,“ 4— Herr Moſes Goldſtein. 279 bis die Hufe der Pferde auf dem Pflaſter klapperten und er mit ſeinem Wagen am Eingange der Stadt hielt. Hier verabſchiedete ſich Herr Goldſtein dem Vertrage gemäß, mit dem feſten Verſprechen, ſich pünctlich zu Anfang des Hoch⸗ zeits⸗Diners einſtellen zu wollen. ——. 8 ————— ————x— ——— ——— 6 8 8 —