Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothekk. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uor bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſ ſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 ⅓ Elcher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 1 ME 50 V— 2—f änf; Monat: 1 Mr= T. 1 Mk. 50 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten Halen für Hin⸗ und Zurü ciſendung der Glicher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Francesca und Roſa............. 38 Fünftes Kapitel. 4 Erkundigungen................ 56. Sechstes Kapitel. 4 73 Die erſte dunkle Stunde...... Siebentes Kapitel. Ein gebrochenes Herz............. 88 Achtes Kapitel. In der Dachkammer.............. 109 Inhalt. Neuntes Kapitel. Seite Die Wohnung eines Künſtlers.......... 123 Behntes Kapitel. Vor dem Theater............. 138 Eilftes Kapitel. Auf der Probe................ 149 Zwölftes Kapilel. Frangoiſe und Roſa.............. 166 Dreizehntes Kapitel. Der Graf Lotus............... 181 Vierzehntes Kapitel. Bei einem kleinen Diner........... 194 Fünßehntes Kapitel. Eine dunkle Stunde............. 215 Sechszehntes Kapitel. In der Garderobe der erſten Tänzerin........ 238 Siebzehntes Kapitel. Vor der Oper.......... 261 Achtzehntes Kapitel. Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde........ 276 ₰ 4— — — — G — — — — — — — — ——— Erſtes Kapitel. Von dunkeln Stunden überhaupt. Wenn Du, geneigter und vielgeliebter Leſer, den Titel dieſer ganz wahrhaftigen und getreuen Vorfällen nacherzählten Geſchichte lieſeſt, ſo haſt Du unbeſtreitbar das vollkommenſte Recht, an Dich ſelbſt, deinen Mitleſer, Nachbar oder ſonſtigen Nächſten die Frage zu richten: was iſt eine dunkle Stunde? Glücklich aber biſt Du zu nennen, wenn Dir dieſe Frage aus innerſter Seele quillt und Du in der That keine Ahnung davon haſt, was eine dunkle Stunde iſt. Vielleicht weiß aber auch jener, den Du gefragt, Dir keine genügende Antwort zu geben und behilft ſich, wie man in ähnlichen Fällen, be⸗ ſonders Kindern gegenüber, zu thun pflegt, mit allerlei unbe⸗ ſtimmten Redensarten.— Eine dunkle Stunde?— Was wird eine dunkle Stunde ſein? Eine Stunde, die uns in der Erinnerung durch irgend eine Begebenheit traurig, dunkel, ſchwarz erſcheint, der Gegenſatz zu einer lichten, weißen Stunde, zu einem glücklichen Moment, zu einem frendigen Ereigniß! Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 1 8 2 Erſtes Kapitel. — Das iſt alſo eine dunkle Stunde?— Ungefähr das iſt es, und doch iſt dieſe Erklärung für die vorliegende Geſchichte nicht vollkommen richtig. Die dunkle Stunde in unſerem Leben, hervorgerufen durch irgend einen ſchmerzlichen Vorfall, iſt eigentlich nicht ſo ganz die, welche wir in dieſen Blättern dem geneigten Leſer zu ſchildern den Verſuch machen wollen. Dunkle Stun⸗ den, wie die aus oben angedeuteten Quellen entſpringende, gibt es leider zu viele;— dunkle Stunden, deren Andenken ein nachfolgender lichter Augenblick leicht zu verwiſchen im Stande iſt, dergleichen dunkle Stunden ſind— und mit vol⸗ lem Rechte— zahlreich in jedes Menſchen Leben; ſie bilden den Schatten lichtvoller Tage, ſie ſind die eigentliche Würze, ſie ſind es, die uns einen guten, ungetrübt dahin fließenden Tag erſt recht genießen laſſen. Dunkle Stunden! Wir ſind ſehr verwöhnt. Erſcheint uns doch oft die Verſagung des unbedeutendſten Wunſches als eine dunkle Stunde. Halten wir nicht zum Beiſpiel ein langweiliges Regenwetter, das uns eine Landpartie verdirbt, auf die wir uns Wochen lang gefreut, für eine Kette qual⸗ voller dunkler Stunden? Schauen wir nicht mit zuſammen gepreßten Lippen in den mit einer troſtloſen Emſigkeit herab⸗ rinnenden Regen und fühlen uns unglücklich, wie nie?— Kurzſichtige, Undankbare, die wir ſind! Würden uns ewige Landpartieen mit fortgeſetztem Sonnenſchein nur das geringſte Vergnügen gewähren, wenn uns nicht ein übelgelaunter Re⸗ gentag mit der anderen Seite der Medaille bekannt machen würde? 8 Und undankbar ſind wir, o, entſetzlich undankbar! Höre mich an, junges Mädchen im weißen Kleide mit dem breit⸗ ₰ℳ — Von dunkeln Stunden überhaupt. 3 randigen Strohhut am Arme, die Du mit umflortem Auge ins Regenwetter blickſt und mit zuſammen gepreßten Lippen vom Himmel wenigſtens das Zeichen zu verlangen ſcheinſt, daß es im ſelbigen Augenblicke in der ganzen Welt keine unglückſeligere Creatur gebe,— ja, im ſelben Augenblicke wo auch er an einem anderen Fenſter ſteht im blauen Frack mit gelben Unausſprechlichen, eine Cigarre wüthend zerkauend, — ja, Undankbare, die Du biſt, junges Mädchen? Was Du an dem mürriſchen grauen Himmel hinaufblickend, eine dunkle Stunde nennſt, iſt vielleicht der lichteſte Augenblick Deines Lebens, von Deinem Schutzgeiſt herbeigeführt, um Dir eine wirkliche, vernichtende dunkle Stunde zu erſparen. Und alle Ihr, die Ihr wähnt, von dunkeln Stunden gequält zu werden, ſo oft ſich leichte Wolken vor Eurer hei⸗ teren Lebensſonne zeigen, ſo oft Euch irgend ein, häufig ſogar ſehr unbilliger, Wunſch verſagt wird, ſo oft Eurem Nächſten das geſchieht, was Ihr Euch ſelbſt gewünſcht, ſo oft Ihr ein Amt, eine Auszeichnung, eine Belohnung nicht erhalten, auf die Ihr Anſprüche machen zu können glaubtet, die Ihr vielleicht beim Leſen des Titels dieſer Geſchichten achſelzuckend und naſerümpfend ausruft: Es iſt wohl der Mühe werth, von dunkeln Stunden im menſchlichen Leben zu erzählen, von Sachen, die uns allen täglich begegnen, deren eine der dun⸗ kelſten ich geſtern noch erlebte, als das rothe Band nicht in mein Knopfloch kam, ſondern in das eines Menſchen, der an Wiſſen und Rang tief unter mir ſteht. Oder als ich ſehen mußte, daß jenem die Beförderung zu Theil wurde, die ich lange erſtrebt und ſelbſt nach den Ausſagen meiner Feinde verdient. Oder als mir das Schreckliche geſchah, daß bei einem ver⸗ zweifelten Wettrennen durch ſchlüpfrige Gartenwege er, der 4 Erſtes Kapitel. unbärtige Geck, mit dem ewigen faden Lächeln auf ſeinen dummen Zügen, triumphirend ihren Arm erhielt, während ich, ausrutſchend, mit meiner ganzen Würde, meinem ganzen Anſtande in den Koth fiel, daß es patſchte! Oder als ſie, die ich Jahre lang meiner treuen, ungetheilten Liebe ver⸗ ſichert, gerade zufällig in jene wenig beſuchte Straße kommen mußte, um mich zu ſehen, wie ich der kleinen, bildungsfähi⸗ gen Putzmacherin freundſchaftliche, aber gänzlich mißverſtan⸗ dene Ermahnungen zuflüſterte! Oder Ihr, die Ihr das eine dunkle Stunde nennt, wenn Ihr bei Sturm und Regenwetter Euren Hausſchlüſſel ver⸗ geſſen, oder wenn Euch der Hausmeiſter ungebührlich lange ſtehen läßt, weil Ihr mit ſeinem Sperrgroſchen geknauſert und ihn nicht zuweilen in Geſtalt eines Sechſers gegeben; oder Ihr, die Ihr von dunkeln Augenblicken träumt, wenn Euch der Stiefel drückt, wenn Euer neuer Frack loſe auf den Schultern hängt oder wenn Euer Hemd von wunder⸗ barem Deſſin bauſchig Euren Buſen bedeckt, wenn Gläubiger an Eure Thüre pochen, wenn ſie, mit der Ihr durch das herrliche Band der Ehe verknüpft ſeid, nach dem Texte:„das Treiben der Männer iſt böſe von Jugend auf“ ihre tägliche Gardinenpredigt beginnt, wenn niemand Deinen Namen als Dichter kennen will, obgleich Du doch gedruckt herausgekom⸗ men und nicht nur broſchirt, ſondern auch in Percal gebun⸗ den mit Goldſchnitt zu haben biſt; wenn der Buchhändler Dir als angehendem Schriftſteller mit höhniſchem Lächeln verſichert— und alle Buchhändler pflegen gern höhniſch zu lächeln— es ſei von Deinem Werke, mit dem Du das größt⸗ mögliche Aufſehen zu machen gedachteſt, ein Exemplar mehr zurückgekommen, als er verſandt, ein geſpenſtiges Exemplar, Von dunkeln Stunden überhaupt. das auf unbegreifliche Art entſtanden ſein muß, das er Dir aber mißmuthig unter die Naſe hält; oder wenn Du Jour⸗ naliſt biſt und der Haupt⸗Redacteur, der Eigenthümer des Blattes, für welchen zu ſchreiben Du die Ehre und das unausſprechliche Vergnügen haſt, Dir die geiſtreichſten und pikanteſten Stellen herausſchneidet und dem Papierkorb über⸗ gibt, oder wenn dieſer Haupt⸗Redacteur und Eigenthümer ſelbſt gedankenvoll mit gefalteten Händen in ſeinem Selamlik, wie der Morgenländer ſagt, ſitzt, im verſteckteſten Winkel ſeines Hauſes, ſchmerzzerriſſen und gramdurchwühlt, der zwei Verwarnungen ſich erinnernd, die er erhalten, und denkend der dritten, die wie das Schwert des Damokles über ſeinem Haupte ſchwebt,— alle Ihr habt Unrecht; es ſind wohl trübe Augenblecke, die ihr zu durchleben hattet, aber noch keine dunkle Stunde. Es war vielleicht ein ſtiller, trauriger Tag, aber Euch bleibt die gegründete Hoffnung auf morgen, ein klares heiteres Morgen mit ſtrahlendem Lichte, auf eine Aen⸗ derung, eine Beſſerung, auf eine neue Sonne, die naſſe Wege und Thränen trocknet, auf ein glückliches Ungefähr, das ein⸗ treten kann und auch das Geſtern vergeſſen macht. Ja, geneigter und vielgeliebter Leſer, alles das und vielleicht noch mehr Aehnliches iſt es nicht, woran ich ge⸗ dacht, als ich den Titel der vorliegenden Geſchichte ſchrieb. Und doch erſcheint im Leben eines jeden Menſchen et⸗ was, das man ſeine dunkle Stunde zu nennen berechtigt iſt; entweder iſt ſie Dir ſchon erſchienen oder ſie wird Dir noch erſcheinen. Doch iſt es fern von mir, mit dieſer Aeußerung einen Schatten in Dein vielleicht ſonnenhelles Leben werfen zu wollen. Obgleich Dir die dunkle Stunde gewiß iſt, brauchſt Du ihr doch nicht ängſtlich entgegen zu ſehen; Du brauchſt Erſtes Kapitel. bei dem Gedanken an ſie nicht mit den Wimpern zu zucken, Dein Herz ſoll deßhalb nicht ſchneller und ängſtlicher ſchlagen, wenn Du ihr entgegen ſiehſt; ſie wird Dir vielleicht auch nicht er⸗ ſcheinen, als drohendes, finſteres Geſpenſt, mit unheimlicher Stille ein wildes Wetter verkündend, das Dich darnieder⸗ ſchlägt; ſie kann zu Dir in der lockendſten Geſtalt kommen, unter den verführeriſchen Klängen der Muſik, ſie kann Dich umſtricken in den lauen Düften einer mondbeglänzten Som⸗ mernacht. Aber ſie kommt, ſie kommt gewiß! Sie kann Dir erſcheinen in Geſtalt eines Freundes, eines Rathgebers, der Dir die Augen öffnet, während Du arglos und heiter einem tiefen Abgrunde entgegen gehſt; ſie kann vor Dich hintreten unerbittlich hart und grauſam, Deine ganze Vergangenheit zerſtörend, Deine roſigſten Hoffnungen niederſchmetternd. Aber ſie kommt, ſie kommt gewiß! Sie kann in Deine Tage treten, Deine Lebensuhr kann dieſe dunkle Stunde anzeigen; ſie kann ernſt und vernichtend in Dein Daſein ſchlagen, ſie kann Dich namenlos elend machen, aber ſie kann Dich auch vor namenloſem Elend bewahren. Ja, ſie kommt, ſie kommt gewiß und greift in Dein Leben ein, ernſt, gewaltſam, gebieteriſch. Aber dabei kann ſie zum Guten lenken, was ohne ſie zu Deinem Verderben geführt hätte; ſie kann glänzende, trügeriſche Gebilde Deiner Phantaſie zertrümmern; durch Thränen des Schmerzes, die Anfangs Dein Auge umfloren, glaubſt Du ein wüſtes Chaos zu ſehen, ein brauſendes Meer, das Dich zu verſchlingen droht, deſſen Wogen bedeckt ſind mit zerpflückten Blumen⸗ kränzen, deſſen emporſtürmende Wellen nur ungewiß und zer⸗ riſſen die Regenbogenfarben Deiner zerſtörten Hoffnungen zeigen. Aber der Sturm wird austoben, Dein Blick wird Von dunkeln Stunden überhaupt. 11 In der That,„Wenn“ iſt als erſtes Wort ein ſehr ange⸗ nehmes Wort, es nimmt ſich gedruckt vortrefflich aus, es hat ſo runde behäbige Formen, es klingt ausgeſprochen ſehr gut; es iſt eine Maske, hinter der alles Mögliche zum Vorſchein kommen kann. Es läßt uns ſo behaglich flaniren; es erlaubt uns, ſchon nach den erſten Zeilen ohne Aufſehen rechts oder links abzuſchweifen oder gar den entgegengeſetzten Weg von dem einzuſchlagen, den wir anfangs gewandelt. Können wir nicht zum Beiſpiel ſagen: Wenn am Morgen des 4. Mai der unbewölkte Himmel einen klaren Tag verſprochen hätte, ſo würde u. ſ. w. Da es aber regnete, ſo wird es nicht.—— Oder: Wenn das Gehölz, vor welchem Eliſe bei Beginn unſerer glaubwürdigen Geſchichte ſtand, einen Pfad gezeigt hätte, ſo würde ſie dieſen betreten haben; da ſich aber kein Weg ihren Blicken darbot, ſo wandte ſie ſich um und ſtand plötzlich mit verſchämten Mienen vor einem Jünglinge, der, vom erſten Strahl der Sonne beleuchtet, ihr ſanft zulächelte. Es iſt mir da willenlos ein ſehr pikanter Novellen⸗An⸗ fang entſchlüpft, für welchen ich mich genöthigt ſehe, hiermit feierlich mein Eigenthumsrecht vorzubehalten, indem ich zu gleicher Zeit dieſe vielleicht ſehr unnöthigen Betrachtungen ſchließen will, die, offenherzig geſagt, dadurch entſtanden, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, gleich zu Anfang dieſer wahrhaftigen Geſchichte den theuren Leſer zu erſuchen, mit mir eine weite Reiſe zu unternehmen. Alſo beginnen wir ſo gut wie möglich, indem wir uns durch einige Con⸗ traſte zu ſteigern ſuchen, um nicht wieder, wie man es mir ſchon zum Vorwurf gemacht hat, leichtfertiger Weiſe in die Situation hinein zu ſtürzen. Zweites Kapitel. Bilder aus dem Süden. — Wenn Du geneigter und vielgeliebter Leſer den Anfang dieſer meiner wahrhaftigen Geſchichte leſen wirſt, iſt der Sommer wieder einmal vergangen und der Winter hat ſich eingeſtellt mit ſeinen Leiden und Freuden. In dem vieljäh⸗ rigen Verkehr, den wir mit einander unterhielten— ich mich bemühend, Dich zu unterhalten, Du freundlich geneigt, mich zu leſen, wofür ich Dir außerordentlich dankbar bin,— haben wir die Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbſt und Win⸗ ter, ſchon ſo oft mit einander durchlebt, daß ich wahrhaftig ſchüchtern geworden bin, eine Geſchichte mit den Worten an⸗ zufangen: Es war, als der Blüthenſchmuck des Frühlings, oder: Im Herbſt beim Niederraſcheln des erſten gelb gewor⸗ denen Blattes— und doch kann ich nicht umhin, der Jahres⸗ zeit zu erwähnen, in der wir uns gerade befinden. Tröſten wir uns mit den ewig wechſelnden Zeiten ſelbſt, die ja auch, obgleich immer dieſelben, doch ſtets Neues und Schönes bringen. Wenn ich auch nicht ſo vermeſſen bin, des Letzteren Bilder aus dem Süden. 13 allzuviel von meiner Geſchichte vorausſetzen zu wollen, ſo wird ſie doch hoffentlich einiges des Erſteren bringen, um damit zu Deiner Unterhaltung etwas beizutragen. Mit dem Winter hab' ich nun freilich noch nichts zu thun, allein ſo ſehr ich auch den Frühling liebe und ſo gern ich von ſeinen Blüthen und dem jungen ſproſſenden Laube erzähle, ſo kann ich es doch nicht ändern, ihn und den Som⸗ mer vermag ich Dir jetzt nicht zurückzubringen und Du mußt für diesmal ſchon mit dem Vorläufer des Winters, dem Herbſte, fürlieb nehmen. Dabei will ich Dir aber nicht ver⸗ hehlen, daß ich ſchließlich für Dich eine kleine Ueberraſchung habe, eine Ueberraſchung, die Dir zu Theil werden ſoll, wenn Du nicht ſchon mißmuthig über den Eingang dieſes Kapitels die nachfolgenden Blätter zu überſchlagen gedenkſt. Der Herbſt iſt alſo da; die Aeſte der Bäume, des rauhen Windes noch nicht recht gewohnt, ſchütteln ſich kurz und ver⸗ drießlich, und es iſt gerade, als verſtände man ihr Sauſen und als wollten ſie ſagen: Gemach, gemach, ſo überfällt man die Leute nicht. Die Tage ſind kürzer, die Abende länger und Morgens kann die Sonne erſt Herr werden, Kachdem ſie ſchwer gekämpft mit langweiligen Nebelmaſſen, die frech em⸗ porwallen und die, wenn man ſie Meiſter werden läßt, als das Troſtloſeſte, was es gibt, als Landregen, wieder auf die Erde niederſtürzen. Zu keiner Zeit ſo ſehr, wie zu dieſer, ergreift uns ein reges Verlangen, mit den Wolken zu ziehen, wenn ſie der Nord und Weſt nach Süd und Oſt treibt, wenn wir uns ſo recht als kaltdurchſchauerter Fichtenſtamm fühlen und von Palmen und Orangen träumen. Wie gerne möch⸗ ten wir mit den Störchen und Staaren ziehen durch die trübe nebelige Herbſtluft, oder mit den Schwalben, die am ———— —— — D ,ie rie — 5 14 Zweites Kapitel. längſten bei uns aushalten und uns durch ihr freundliches Zwitſchern einzuladen ſcheinen, dem ſchönen Süden herzliche Grüße mitzugeben. Und was hält uns ab, ihnen zu folgen,— uns, die wir im Stande ſind, auf den Zauberflügeln des Gedankens uns hierhin und dorthin zu bewegen? Schließe die Augen, geneigter Leſer, und vertraue Dich mir an, ohne ängſtliche Ueberlegung, aber auch ohne Furcht und mit etwas Hin⸗ gebung, wie Du mir ja ſchon ſo oft gefolgt biſt. Da Du aber ſelbſt weißt, daß die größten Wirkungen in künſtleriſcher Hinſicht durch Contraſte erzielt werden, ſo ſchaue noch ein⸗ mal an dieſem trüben, regneriſchen Herbſttage um Dich und präge Dir den Anblick der nördlich gelegenen Heimat recht lebhaft ein, wate durch die ſchmutzigen Straßen, drücke Dich dort an dem großen Platze, ehe Du ihn muthig überſchrei⸗ teſt, noch einmal feſt an das Eckhaus, um Dich zu ſtärken, und Dich ſo den Windſtößen, die Dich gleich darauf ergrei⸗ fen werden, mit mehr Kraft entgegenwerfen zu können; faſſe Deinen Regenſchirm kürzer oder laſſe ihn lieber ganz zu, denn die Regenſchauer, die von allen Seiten, jetzt horizontal auf Dich nieder, jetzt vertical an Dich hinpraſſeln, hohnlachen über das ſchwache Fiſchbeingeſtell mit dem undurchdringlich ſein ſollenden Seidenzeug überzogen. Muthig vorwärts, dort gegenüber an der bekannten Hausthüre, die aber ungeſchickter Weiſe feſt verſchloſſen iſt, winkt Dir, Durchnäßter, Waſſer⸗ triefender, die Palme des Sieges. Wenn es Dich tröſten ſoll, ſo betrachte auch Deine Ne⸗ benmenſchen beiderlei Geſchlechts, wobei Du ſehen wirſt, daß die ſchönere Hälfte mit ihren wallenden Röcken, die in der Verhüllung ſo gar oft nicht das richtige Maß finden können, — 2½2—2—— 15 Bilder aus dem Süden. viel ſchlimmer daran iſt, als wir; blicke auf die praſſelnden Dachrinnen, die nächſtens in dem Ueberfluſſe zu erſticken drohen; ſieh, wie die Fenſterläden vom Winde bewegt an ihren Ketten und Schließhaken rütteln; bemerke dort den unglücklichen Hut, den der Wind, Gott weiß, wohin ent⸗ führt; ſchau auf den triefenden Hund, auf das arme Wagen⸗ pferd, wie es den Kopf ſo gut wie möglich vom Winde ab⸗ kehrt und den Schweif einzieht; hebe Deinen Blick empor zur Wetterfahne, die, wie wir aus einer meiner wahrhaftigen Geſchichten wiſſen, auch Gefühl hat, oder zum Hahn eines Kirchthurms, der ſich mit ſchrillendem Tone in einer Minute unzählige Male herumwirbelt, oder höher hinauf zum Him— mel, der mit ſeinen träge dahinziehenden ſchweren Wolken wahrhaft troſtlos ausſieht, ſo matt und langweilig, daß man glaubt, ſeine ſchöne blaue Farbe könne niemals wieder⸗ kehren,— ſo grau in grau ſchattirt iſt er, ſo weit das Auge reicht. Und nun, geliebter Leſer, ſchließe dieſes Auge für kurze Zeit; halte Dich feſt an mich und dann—— blick' um Dich. Verſchwunden iſt Regen und grauer Himmel, verſchwun⸗ den Nebel, Feuchtigkeit und kalte Luft. Du fühlſt Deine Wange angenehm gefächelt von weichem, duftigem Hauche; ein warmer Sonnenſchein wirkt wohlthuend auf Dich,— ein Sonnenſchein, der Dir zu heiß werden könnte, wenn es uns nicht möglich wäre, in den Schatten zu treten. Und was erzeugt dieſen Schatten? Ah! Du blickſt erſtaunt empor und biſt faſt verwundert über dieſe ſtattliche unabſehbare Reihe maſſiver, altersgrauer Paläſte, die in ihrer tiefen Fär⸗ bung ſo trotzig daſtehen auf ihren ſchweren, wohlbehauenen ——— 5— “ ———— 4 16 Zweites Kapitel. Sockelquadern, die ſich hoch in die Luft erheben und dort den Himmel ſo wunderbar tiefblau erſcheinen laſſen. Schau neben Dich; dort wo der Schatten aufhört, ſtrahlt das hellſte, unbeweglichſte Sonnenlicht, kein bald trüberer, bald hellerer, flatterhafter Schimmer, wie Du ihn bei uns oft geſehen, wenn immerwährend, auch an heiteren Tagen, Wolkenmaſſen am Himmel ſpazieren ziehen. Ich ſehe, Du biſt erſtaunt über die fremdartigen Ge⸗ ſtalten, die Dich umgeben, über das ſeltſame Treiben, das an Dir vorüberrauſcht, ja im wahren Sinn des Wortes rauſcht und blendet; denn wenn wir einen Augenblick ſtehen bleiben, vielleicht geſchützt durch einen ſchweren Gascande⸗ laber, ſo kommſt Du Dir vor, wie irgend ein Fels im Meer, an dem eine ewig raſtloſe, ſprudelnde und ſchäumende Bran⸗ dung ſich bricht, an dem ſich ein fort und fort dahinziehen⸗ der Menſchenſtrom lachend, ſchreiend, rufend und ſingend zertheilt. Ich verſtehe Deinen fragenden Blick, und da Du mir vertrauensvoll gefolgt biſt, ſo iſt es meine Schuldigkeit, Dir die reine Wahrheit zu ſagen. Du biſt in Neapel, in der Strada Toledo. Da ich Dich aber nicht hieher geführt, um Paläſte anzuſchauen oder Dich in den verwirrenden Strom des Volkes tauchen zu laſſen, wenn ſich dieſer Strom auch noch ſo bunt und ma⸗ leriſch darſtellt, ſo folge mir von Toledo nach Santa Lucia. Links iſt der königliche Palaſt, ein mächtiger Steinhaufen, etwas ernſt anzuſchauen, und er hat Urſache dazu, ſeine Fen⸗ ſter ſind verſchloſſen, die Vorhänge hinter denſelben zuſam⸗ mengezogen; er macht, was er auch in der That iſt, den Eindruck der Stille und Leere. Gegenüber haben wir die Bilder aus dem Süden. 17 Kirche von San Francesco di Paolo mit ihren gewaltigen Säulenhallen, eine Votivkirche, welche König Ferdinand IV. in Sicilien decretirte, wenn es ihm gelingen würde, wieder nach Neapel zurückzukehren. Doch weiter! Gerade vor uns iſt einer der ſchönſten Gaſthöfe Neapels, das Hotel de Rome. Wenn Du Neapel ſpäter einmal wieder beſuchſt, rathe ich Dir, dorthin zu gehen, denn die Ausſicht von der Terraſſe des Hauſes auf den Golf von Neapel, auf den Veſuv und auf die zahlloſen Städte und Städtchen, Dörfer und Landhäuſer, die den Strand des Meeres umſäumen, iſt entzückend ſchön. Träumeriſch aber wirſt Du hinausſchauen auf das tiefblaue Meer, in welchem vor deinem Blicke die wunderbaren Inſeln Capri, Procida, Ischia wie farbige duftige Blumen zerſtreut liegen. Links liegt Sorrento, das göttliche Sorrento, Taſſo's Geburtsort, rechts der Poſilippo mit ſeinen maleriſchen Formen. Wandern wir Santa Lucia entlang und ſehen hier, ohne uns aufzuhalten, eines der intereſſanteſten Stücke neapolitani⸗ ſchen Volkslebens. Die ganze lange Straße an dem Meere hin iſt wie ein einziger großer Markt, wo ſich Hunderte von Verkäufern zwiſchen Tauſenden von Käufern und Fremden umhertreiben, ihre Waaren zeigen, ſie zum Verkauf anbieten oder auch wohl zu koſten geben; denn von ſämmtlichen Artikeln, die hier ver⸗ handelt werden, kann unbedingt die größere Mehrzahl zu Speiſe und Trank gerechnet werden. Orangen und indiſche Feigen werden hier mit gellender Stimme ausgerufen, dort Schnecken, Caſtanien; in einer langen Reihe ſehen wir zur Linken offene Buden, in denen Auſtern zierlich ausgelegt ſind, Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 2 ———— e————— 18 Zweites Kapitel. die vollen großen Haufen rings bekränzt mit goldgelben Citro⸗ nen. Hinter den Buden bemerkt man Tiſchchen, wo ſich der Neapolitaner niederläßt, um mit großem Wohlbehagen ſeine frutti di mare zu verzehren. Ah, ein inniges Wohlbehagen kann hier nicht fehlen, ſitzt doch der Schmauſende, vor dem Menſchenſtrom geborgen, V„ dicht am Rande des Quai's, an welchen unten hin die in gleichförmigen Pauſen heranrollenden leichten Meereswellen anklatſchen und ihm durch ihre Nähe verbürgen, daß das, was er auf dem Teller hat, friſch und echt iſt. Und erſt noch, wenn er den Blick emporhebt zum alten Veſuv hinauf, der in prachtvollſter Färbung da liegt, hoch auf dem Haupte die Rauchwolke, wie ein Federbuſch geformt, der freundliche Spender des tiefgefärbten Weines hier in der Foglietta! Ziehen wir aber mit dem Strome weiter. Kaum ſind wir im Stande, uns einiger ſehr zudringlicher Weiber zu erwehren, die uns mit Gläſern in der Hand umringen und ihre Körbchen emporhalten, in denen kleine Brodringe liegen: chi vuol beve, chi vuol beve! Der Teufel trinke ihr Schwe⸗ b felwaſſer, um daran Geſchmack zu finden, muß man Neapo⸗ litaner ſein. Glücklicher Weiſe ſind wir jetzt in Chiartamone, wo es ruhiger wird; auch haben wir nicht mehr weit zur Villa Reale, dem königlichen Garten und beliebteſten Spaziergang der Neapolitaner. Es iſt aber auch hier unter den ſchattigen 1 Bäumen über alle Beſchreibung ſchön; von weither brauſt der Lärm der großen Stadt, und in den erſten Stunden des Tages biſt Du mit wenig anderen Naturſchwärmern ver⸗ gleichsweiſe gegen das Getümmel der Straßen ziemlich allein. Dein Fuß tritt auf weiche Sandwege, Orangenblüthen um⸗ Bilder aus dem Süden. 19 duften Dich, Springbrunnen werfen ihren Waſſerſtrahl in die Höhe und Marmorſtatuen blicken geheimnißvoll zwiſchen den tiefdunkeln Blättern immergrüner Bäume und Sträu⸗ cher hervor. Tritt hinaus an das Meer auf die halbrunde Terraſſe, deren Fuß vorſpringend unten von den Wellen beſpült wird. Was ſiehſt Du? Was Du heute ſchon einige Mal erblickt und was nach Tagen, Wochen, Monaten, ſelbſt Jahren immer noch entzückend ſchön für Dich bleiben wird— den Golf von Neapel. Jetzt zu Deiner Linken, da Du weiter entfernt biſt, tritt auch die gewaltige Stadt mehr und mehr hervor. Rechts vor Dir ſiehſt Du das Ziel unſerer Wanderung, den Poſi⸗ lippo, an deſſen Abhängen ſich terraſſenförmig eine Villa über der anderen erhebt, hell ſchimmernd zwiſchen dem dunkeln Grün, jede mit ihren Augen hinausſchauend auf das tief⸗ blaue, weite, unendliche Meer. 1 Auf eines dieſer Landhäuſer führe ich Dich, geneigter Leſer, und ich bilde mir ein, Dich damit nach einem Stücke irdiſchen Paradieſes zu bringen. Laß uns aber unſern Weg langſam verfolgen; ſehen wir doch hier auf jedem Schritt ſo viel des Intereſſanten und Schönen, daß es ſchade wäre, von unſerem Zaubermantel Gebrauch zu machen, um in ra⸗ ſchem Fluge das Ziel unſerer Reiſe zu erreichen. Den königlichen Garten laſſen wir hinter uns und be⸗ treten abermals die Straße, die Mergelina, welche, eine Fort⸗ fetzung von Santa Lucia und der Chiaja, immer am Mee⸗ resſtrande entlang geht und ſo in einem weiten Bogen zur Grotte des Poſilippo führt. Je mehr wir uns damit dem Ende der Stadt nähern, um ſo ruhiger wird das Straßen⸗ leben; ruhig für Neapel, ohne aber auch nur für einen Au⸗ „ ——— 20 Zweites Kapitel. genblick gänzlich aufzuhören oder die Straßen leer laſſend. Wenn auch der Fußgänger hier wenige ſind, ſehen wir um ſo mehr glänzende Equipagen, einfache Carocelli, Reiter zu Pferd und Eſel, oder Landleute der Umgegend, welche Schaa⸗ ren der letztgenaunten nützlichen Thiere mit Säcken und Kör⸗ ben beladen vor ſich hertreiben und ſie durch ein bekanntes Zungenſchnalzen zu neuem haſtigerem Laufe antreiben. Wenn auch auf der Mergelina weniger Handel und Wandel herrſcht, als wir in den anderen Straßen Neapels geſehen, ſo tragen doch die Bewohner hier, meiſtens Fiſcher⸗ familien, unbewußt ſelbſt dazu bei, ihre Häuſer mit den maleriſchſten Gruppen zu verzieren. Da ſie gewöhnlich im Parterre wohnen, in den ſogenannten Baſſi, ziemlich dunkeln und kühlen Räumen, ſo findet man es begreiflich, daß nament⸗ lich an den unvergleichlich ſchönen Abenden Alt und Jung vor die Thüre ſtrömt, um ſich hier beim Nichtsthun und bei der Arbeit der reinen Luft und des goldenen Sonnenlichtes zu erfreuen. Iſt dabei zufällig ein Corſotag, wo die reichen, glänzenden Equipagen des neapolitaniſchen Adels bis zur Mergelina fahren, ſo iſt die Straße nicht nur belebter, als gewöhnlich, ſondern auch reich an den grellſten Gegenſätzen. Hier die mit glänzenden Stoffen, mit Seide und Sammt bekleideten Damen, dort der braune, halbnackte Fiſcherjunge, wie er mit ſeinem zerfetzten farbigen Mäntelchen, ſo gut als es gehen will, die kräftig gebauten Schultern bedeckt. Dabei aber hält er ſeinen Kopf mit dem ſchwarzen gelockten Haa, auf dem keck die rothe Mütze ſitzt, nicht weniger trotzig und herausfordernd, als dort der Cavalier ſeinen feinen ſchwarzen Hut, gewiß nicht vornehmer, aber viel maleriſcher. Laſſen wir ſie dahin ziehen zu Pferd und Wagen; opfern Bilder aus dem Süden. 21 wir dabei ſogar den Blick auf's Meer und wenden uns den Häuſern zu, wo ein ſchönes Bild das andere verdrängt. Kann man ſich etwas Originelleres denken, etwas, das mehr den ſüdlichen Charakter ausdrückt, als die kecken ſchönen Ge— ſtalten mit ihren gebräunten Geſichtern und den leuchtenden Augen, mit ihrer ſpärlichen Bekleidung, von der aber immer wenigſtens ein Stück, ſelbſt noch in ſeinen Reſten, eine helle, ſchillernde Farbe zeigt, ſitzend oder liegend vor den Thüren ihrer Häuſer? Dazu die Allee, unter der wir wandeln, von hellſaftig grünen Akacien, durch welche die Strahlen der langſam ſich ſenkenden Sonne goldig durchbrechen, jetzt hier die Spaziergänger und Gruppen, die an den Häuſern lagern, mit den wärmſten Farben beleuchtend, jetzt andere dort in violette Schattentöne hüllend— eine Reihe von Bildern, prächtig in Licht und Schatten, und ſich darſtellend, als hätte ſie der größte Maler mit allem Aufwande ſeiner Kunſt ſo zuſammen geſtellt. Wenn wir näher hinblicken, ſo löſ't ſich vor unſeren Augen das Ganze in einzelne nicht minder intereſſante Grup⸗ pirungen auf. Sieh' dort die alte Frau mit dunklem, brau⸗ nem, runzligem Geſichte; in der knöchernen rechten Hand hält ſie hoch die Kunkel mit ſchimmerndem Flachs, während die Linke behende auf dem Knie die Spindel dreht. Iſt ſie nicht mit ihren ſilbergrauen Haaren, die in vollen Locken zu⸗ rückgeſtrichen ſind, das ſchönſte alte Weib, das man ſehen kann? Iſt ſie nicht eine wahrhaft claſſiſche Erſcheinung? Zu ihren Füßen liegt ein prächtig ausſehender, vor Geſundheit ſtrotzender Säugling in einem geflochtenen Korbe, ſeiner ein⸗ fachen Wiege, den die Alte mit ihrem Holzſchuh in beſtändig ſchaukelnder Bewegung erhält. Neben dieſen Beiden, d 22 Zweites Kapitel. Großmutter und dem Enkel, ſitzt eine jugendliche, volle Ge⸗ ſtalt: die Mutter, welche an einem Fiſchernetze flickt und von Zeit zu Zeit das dunkle Auge, von langen Wimpern halb verſchleiert, mit träumeriſchem Blicke erhebt. Gewöhnlich ſchaut ſie nur wenig vom Boden auf und erhebt ihre Augen nur bis zu dem Kinde, worauf ein wohlthuendes, liebliches Lächeln ihr ſonſt ſo ernſtes Geſicht erhellt; zuweilen aber be— trachtet ſie ſich auch einen kurzen Augenblick die Spaziergänger. Dort nebenan ſtehen drei braune, kräftig gewachſene Männer im leichten Fiſchercoſtume, mit den hochrothen Mützen auf den ſchwarzen, krauſen Haaren; einer lehnt an der Mauer, der Andere hat ſeine Hände auf die Hüften gelegt und Beide horchen auf die Erzählung des Dritten, die man aber eher ein Geſchrei nennen könnte. Und dabei arbeitet dieſer leb⸗ haft mit den Händen, zeigt nach rechts und nach links, rückt auch wohl die Mütze von einem Ohr auf das andere und muß ſehr überzeugend ſprechen, denn wir ſehen, wie ſich die Züge der Andern energiſch anſpannen, wie ſich ihre trotzigen Lippen öffnen, wie ihre Augen leuchten, und hören nun auch, wie dieſe Beiden jetzt in nicht minder lauten Redensarten eben ſo lebhaft antworten. Dabei erheben auch ſie ihre Fäuſte oder ſpreizen die Finger aus einander, über die dunkeln Ge⸗ ſichter fahren blitzähnliche Streiflichter tiefer Leidenſchaftlich⸗ keit. Es muß hier im nächſten Augenblicke ein furchtbarer Zank ausbrechen— doch auf einmal fliegt eine Orange in die Gruppe hinein und trifft den ärgſten Schreier an der Schulter. Alle Drei wenden ihre Köpfe nach der Straße zu und lachen nun wie auf Kommando ſo laut und herz⸗ lich, daß man ihre ſchneeweißen Zähne zwiſchen den Lippen zervorſchimmern ſieht. Bilder aus dem Süden. 23 Mitten im Wege ſpielt eine Schaar vierzehn- bis ſechs⸗ zehnjähriger Bengel Borelle— ein Ballſpiel mit Orangen, die ſo ſchön ſind, daß ſie bei uns jede Tafel ſchmücken wür⸗ den; zwiſchen ihnen, neben ein paar Geſpielinnen, ſteht ein ſchönes, friſch aufgeblühtes Mädchen, und wenn ſie in dieſem Augenblicke auch noch ſo unbefangen drein ſchaut, ſo weiß der Getroffene doch ganz genau, woher der Wurf gekommen. Die Buben halten hartnäckig die Straße beſetzt, und erſt wenn die daher rollenden Equipagen oder die galoppirenden Pferde der Reiter dicht bei ihnen ſind, machen ſie eine kleine Bewegung auf die Seite und ſtoßen dabei einen kurzen, wie Hohn klingenden Ruf aus. So zeigt ſich bei jedem Schritte ein neues Bild, ein für uns ungewohnter Anblick, ein immer wechſelndes buntes Durcheinander. Hier ſind Fiſcher, die ihre Waaren auf klei⸗ nen Tiſchen feil bieten, andere dort haben ſie in flachen Kör⸗ ben und verfolgen uns eine Strecke Weges mit der Ver⸗ ſicherung eines unerhört billigen Preiſes; ſie werden ver⸗ ſcheucht von luſtig ausſehenden Barcajoli, welche ihnen launig die Verſicherung geben, Excellenza denke bei einem ſo herr⸗ lichen Abend nicht an's Schmauſen, aber in dem Blick von Excellenza zeige ſich die größte Luſt zu einer Meerfahrt. Und darin beweife Excellenza einen außerordentlichen Geſchmack. So verfolgen uns nun dieſe und ſuchen uns für eine Fahrt auf dem Meer durch die wärmſte Schilderung des ſchönen Wetters und des zu erwartenden prachtvollen Abends zu gewinnen. Um den Zudringlichen zu entgehen, und auch, um das ermüdete Auge nach dem ewigen Gewirre auf der Straße am Anblick der großartigen Natur wieder ausruhen zu laſſen, Zweites Kapitel. treten wir, die Allee verlaſſend, einen Augenblick an das Geſtade. Ja, der beredte Barcajolo hat in ſeiner Schilderung Recht. Da liegt das Meer vor uns, dunkelblau und flim⸗ mernd, weit, weit hinaus in einer tiefen und geſättigten Farbe, die ſich am Horizonte in einer kaum bemerkbaren Linie lostrennt vom Himmel, der ſich beinahe eben ſo dunkel aufwölbt und deſſen ſtrahlende Fläche nur hie und da von einigen leichten weißen Wolkenſtreifen unterbrochen wird. Capri in duftigem Violett ruht dort wie hingehaucht, und es ſcheint uns beinahe, als berühre das maleriſch gezackte Eiland das Waſſer nicht, ſondern ſchwebe nur darüber hin, eine farbige phantaſtiſche Wolke. Ein leichter Wind weht über die Waſſerfläche herüber, ſie zu kleinen Wellen kräuſelnd, die, je näher ſie dem Ufer kommen, deſto mehr ſich ſchwingen, heben und ſenken, um endlich ſchäumend und murmelnd an's Ufer zu ſpritzen. Aber auch hier im Anblick der gewaltigen Natur ſiehſt Du Dich von Bildern umgeben, die Deine Aufmerkſamkeit ablenken. Dort liegt ein Fiſcherboot umgeſtürzt am Strande und wird von den dabei beſchäftigten Männern reparirt. Wie kräftig zeichnet ſich die ſchwarze Pechfarbe von dem blauen Meere ab; wie feurig und warm glänzt die der Sonne zugekehrte Seite des Bootes mit ſeinen roth und weiß ge⸗ malten Streifen! Wie zierlich und nett blinken auch die hellen Sonnenlichter auf den weißen Hemden der Bootsleute, die einen langen Schatten auf den röthlichen Sand werfen. Jetzt erhebt ſich eine ſchwarze Rauchſäule zwiſchen dieſer Gruppe, gleich darauf zuckt eine flackernde rothe Flamme empor: das Bilder aus dem Süden. brennende Pech, und vervollkommnet das alles zu einem der ſchönſten und zierlichſten Bilder. Die länger werdenden Schatten der Bäume und Häuſer mahnen uns daran, unſern Weg fortzuſetzen, und bald ſind wir am Fuße des ſchönen claſſiſchen Poſilippo angelangt, der als lang geſtvecktes maleriſches Vorgebirge auf dieſer Seite den Golf einſchließt. Die Fahrſtraße, auf welcher wir hieher gelangt, zieht ſich weiter immer am Ufer des Meeres dahin; doch wir verlaſſen ſie hier, um nach dem Ziel unſerer Reiſe, dem reizenden San Antonio hinauf zu ſteigen, das mit ſei⸗ nen zierlichen Häuſergruppen ſo kokett, ſo leicht und ein⸗ ladend an dem Hügel wie hingeſäet liegt. Vor uns, wo die Fahrſtraße ſich biegt, zeigt ein tiefer Einſchnitt in der Berg⸗— wand, der jetzt ſchon mit bläulichem Dufte angefüllt iſt, die Stelle, wo die Grotte von Poſilippo beginnt und ſich fort— zieht unter dem Berge, der ſich hier über der Grotte in zackigen Felsmaſſen aufthürmt, welche aber unterbrochen ſind von üppigen Caſtanien⸗ und Maulbeerbäumen und auf der Höhe gekrönt erſcheinen mit hohen, faſt ſchwarzen Pinien, deren ſchirmartige, unbeweglich ſtehende Gipfel ſich ſcharf von dem glänzenden Himmel abzeichnen. Etwas links unter ihnen liegt das alte Kloſter San Antonio mit ſeinem grauen Thurme die Höhe beherrſchend; hier wohnen nur einige Franziscaner⸗ Mönche aus adeligen Familien, und es iſt ein Ort, der mit ſeiner ungeheuren Rundſicht wohl ein heiß erſehnter Aufent⸗ halt ſein kann. Etwas tiefer, durch eine Treppe und ein Pförtchen mit dem Kloſter verbunden, liegt die reizende Villa Taglioni, vormals Cedronia, in einfachem und doch ſchönem Style erbaut; ihren Aufgang zieren weiße Stulen, die eine Reben⸗ — 26 Zweites Kapitel. Bilder aus dem Süden. perculate tragen, deren feines Grün und wehende Ranken die ganze Villa ſo fein und maleriſch einrahmen, daß ſie Leopold Robert in ſeiner Rückkehr von Madonna del Arco benutzen konnte. Laß uns beim äußeren Anblick dieſer Villa noch etwas länger verweilen, geneigter Leſer, denn dorthin führe ich Dich beim Anfang dieſer wahrhaften Geſchichte, und dort, hoffe ich, werden wir uns auch ſpäter einmal wieder ſehen. Drittes Kapitel. Die Villa San Antonio. Der Garten der reizenden Villa Taglioni zieht ſich bis an den Fuß des Hügels, und zwiſchen dem reichen Baum⸗ wuchs unterſcheidet man deutlich, verſchieden in Farbe und Geſtalt, Terraſſen, Treppen, Bogengänge, bald röthlich, bald gelblich unter dem grünen Laub hervorſchimmernd; die Wege treten noch heller hervor, ſchlingen ſich hin und her, ſind auf dieſer Stelle ſichthar, um ſich auf einer andern unter Reben⸗ gewinden, dichten Lorbeerhainen und uralten Nußbäumen zu verlieren. Ganz am Ende des Gartens, ins Meer hinaus⸗ ragend, ſteht auf einem vorſpringenden Felſen, den ein unge⸗ heurer Steinbogen ſtützt, ein Pavillon in röthlicher Farbe mit wundervoller Ausſicht. Neben ihm lehnen ſich Terraſſen an den Berg, zu denen in drei verſchiedenen Etagen Wege geleiten; unten tritt einer dieſer Wege in eine gewölbte Halle, aus welcher Treppen hinaufführen; oben iſt ein anderer von einer dunklen Cypreſſen⸗Allee beſchattet, welche von jenem Pavillon wieder dem Hauſe zuführt. Ueber dieſe Allee hinaus 28 Drittes Kapitel. blicken zwei andere Villen, welche ganz oben auf dem Berg⸗ rücken ſtehen, kokett zwiſchen Grün und Bogengängen mit weißen Säulen hervor. Die Lage des eben beſchriebenen Landhauſes hat etwas eigenthümlich Großartiges und doch dabei wieder Geheimniß⸗ volles, was noch dadurch vermehrt wird, daß man bei flüch⸗ tigem Umherſchauen keinen Weg bemerkt, der zu dieſem rei⸗ zenden Aufenthalte führt. Man ſieht wohl am Ende des Gartens gelbliche Mauern hie und da hervorblicken, die man, wenn man aufmerkſam hinſchaut, im Zickzack am Berge hinab⸗ laufen ſieht, bis ſie ſich unten in dem Häuſerlabyrinth ver⸗ lieren. Dort führt die Straße hinauf, und iſt der Anfang derſelben von den Häuſern, die unten den Berg umſtehen, für den Uneingeweihten ſo gänzlich verborgen, daß man glau⸗ ben könnte, ſie ſeien abſichtlich ſo dahin geſtellt, um die Villa zu beſchützen und den Aufgang zu ihr zu verbieten. Haben wir uns aber durch die uns bekannte Häuſerlücke geſchlichen — wir wollen übrigens dem Leſer verrathen, daß dort ein Crucifix ſteht, er alſo ſpäter auch ohne Führer nicht fehlen kann— ſo ſehen wir vor uns einen ſteilen Weg und gehen aufwärts auf einem zwar breiten Pfade, der jedoch nur für Reiter und Fußgänger zu benutzen iſt. Eine Zeitlang wandeln wir zwiſchen den Häuſern da⸗ hin, die hier ziemlich willkürlich vor und neben einander ſtehen, und da wir auf unſerem etwas ſteilen Pfade dem italieniſchen Sprüchwort folgen müſſen, daß, was chi va piano, va sano, ſo haben wir immer noch Zeit, die herrlichen Genrebilder zu betrachten, die ſich auch hier, wie überall in dieſem claſſiſchen Lande, dem Auge darbieten. So ſehen wir an der erſten Ecke eine taverna di Cam- Die Villa San Antonio. 29 pagna, wo unter einer mit Rebenlaub und Blumen bewach⸗ ſenen Veranda Tiſche und Bänke ſtehen, an denen junge Fiſcher oder Campagnoli, hier auch Maſſari genannt, vor einer caraffa di vino nero ſitzen und ihr rothes Pfeifchen rauchen, während die außerordentlich dicke Wirthin des Eta⸗ bliſſements vor der Thür ihres Hauſes auf einem Holzſchemel ſitzt und einen großen ſchwarzen Keſſel vor ſich hat, der über loderndem Feuer ſteht, und in welchem ſie in rauchendem Oel viereckige Stückchen aus Maisteig bäckt und dieſe Delicateſſe noch heiß an Alt und Jung verkauft. Ihre halbnackten brau⸗ nen Kinder balgen ſich in innigſter Verbindung mit dem großen zottigen Haushunde auf dem Boden umher, wobei es ihnen gleichviel iſt, ob ſie unter die Tiſche und Stühle oder unter die Füße der Gäſte rollen. Das ländliche Bild wird vervollſtändigt durch ein paar große ſtattliche Gänſe, die wackelnd und ſchnatternd vor den Balgereien der Kinder und dem Bellen des Haushundes ent⸗ fliehen. Werfen wir einen flüchtigen Blick in das Innere der Veranda, ſo ſehen wir nichts als ein finſteres, ſchwarz⸗ geräuchertes Loch, eine förmliche Räuberhöhle; von der Decke herab hängen verſchiedene Gegenſtände, die uns verdächtig erſcheinen müſſen. Was kann es ſein? Dunkelbraune Keulen, dicke Schnüre und Stricke, gekrümmte Eiſen, Ketten, Netze und dergleichen. Wenn wir aber näher hinblicken, ſo erkennen wir nach und nach, daß das, was wir für Räuber⸗Requiſiten gehalten, harmloſe Schinken, große Schnüre mit Würſten, unſchuldige Speckſeiten ſind. Auf einander gethürmte Gegen⸗ ſtände, die wie Steine ausſehen, ergeben ſich als sopressata und cacio cavallo, Pferdekäſe, den man nach einer langen 30 Drittes Kapitel. und anſtrengenden Fußpartie, vermiſcht mit dem ſchweren rothen Wein, genießen und dann ſogar verdauen kann. Uebrigens ſind die Leute hier freundlich, harmlos und gutmüthig; die Burſchen unter der Veranda rücken ein klein wenig an ihren Mützen, die dicke Wirthin begrüßt uns mit ihrem: buona sera, Cellenza! was eine Abkürzung von Er⸗ cellenza iſt, und ein paar junge Weiber, die halb entblößt, ihren Säugling auf dem Schooße, ſich den Mutterfreuden hingeben, rufen uns ein freundliches Wort nach und machen, noch ehe wir um die Ecke verſchwunden ſind, ziemlich unge⸗ nirt ihre lauten Bemerkungen über uns. Unſer Weg ſcheint nach einer kleinen Biegung durch ein mächtiges Haus verſperrt zu werden, das ſich mit gewaltigem Thorweg gerade vor uns hingelagert hat, aber eben dieſer dunkle Thorweg nimmt uns auf und führt uns weiter. Unter ſeinem Bogen iſt eine kleine Kapelle angebracht, vor dem Bilde der Mutter Gottes ſtehen Blumen, deren bunte Farben eben ſo wie das Geſicht der Madonna nur ſpärlich von der ewigen Lampe beleuchtet wird. Alte Bettler haben hier Poſto gefaßt; vor dem kleinen Altar knieend, oder auch am Ein⸗ zund Ausgange liegend, vergeſſen ſie nie, den durchpaſſiren⸗ den Fremden mit italieniſcher Hartnäckigkeit anzubetteln, wobei ſie indeſſen ihr halbgemurmeltes Gebet nur auf Augenblicke unterbrechen. Jenſeits, im ſanften Lichte des hereinbrechenden Abends ſetzen wir wohlgemuth unſeren Weg fort; immer noch haben wir Häuſer zu beiden Seiten, die mit vier und fünf Stock⸗ werken hoch an der Bergwand emporragen und der ſchon tief ſtehenden Sonne nur ſpärliche Lichtblicke in die halb dunkeln Höfe und Lücken der Gebäude erlauben. Doch wird auch Die Villa San Antonio. 31 dieſes letzte Sonnenlicht noch benutzt; dort ſieht man ſchlanke elaſtiſche Mädchengeſtalten, welche weiße Leinwand, auch wohl ſehr fadenſcheinige, geflickte und zerriſſene, an Seilen auf⸗ hängen und dieſe Seile ſo zu ſpannen wiſſen, daß die Sonne vor ihrem Verſchwinden noch daran hinſtreifen muß. Andere Mädchen und Weiber ziehen Waſſer aus einem tiefen Brun⸗ nen oder bearbeiten Wäſche auf einem Stein. Geſprochen wird dabei nicht ſo viel, wie bei uns, wenn man„au's Brünnele“ geht; aber zuweilen erhebt eine ihre ſchrillende Stimme und ſingt: O dolce Napoli, O suol beato, Ove sorridere Volle il creato, Tu sei l'impero dell armonia. Obgleich wir ſchon ziemlich lange aufwärts geſtiegen ſind, wobei ſich der Weg bald rechts, bald links gebogen hat, ſo ſind wir doch noch nicht im Stande, über die Häuſer hin— weg zu ſehen. Kein Wunder, denn die Höhe verſchiedener dieſer Gebäude iſt enorm; hier iſt ein ſolches Wahrzeichen des Weges nach San Antonio, ein ſieben Stockwerk hohes Haus, wo unten in einem Baſſo ein magerer langer Schuſter die nicht ſehr feinen Chauſſuren der Mergelinerinnen und San Antonierinnen flickt. Seine Tochter Marineta mit keckem, lebhaftem Geſicht und vollem Wuchſe ſtrickt vor der Thür, beſtändig mit anderen Mädchen ſchäckernd und lachend, und die jungen Herren, die hinauf gehen, freundlich, zuweilen auch ſehr herausfordernd grüßend. Hier aber athmen wir freudig aus tiefſter Bruſt auf; das vielfarbige Häuſerlabyrinth— Grau und Gelb iſt jedoch vorherrſchend— bleibt nun hinter uns zurück und ſinkt, da der Weg noch immer ſteil aufwärts führt, mit jedem Schritte weiter in die Tiefe hinab. Den herrlichen, tiefſchattigen Laub⸗haſſen, die wir ſchon an der Straße bewundert, ſind — ———————O——— —— 32 Drittes Kapitel. wir nun ſchon ſo nahe gekommen, daß wir entzückt den bal⸗ ſamiſchen Hauch der Blumen und Blüthen des vor uns lie⸗ genden Gartens auf uns einſtrömen fühlen. Vor uns, ſchon. ziemlich nah, liegt die Villa Taglioni mit ihrem weißen Säulengange und der Zickzackrampe, die jetzt ſo deutlich her⸗ vortritt. Die alten Mauern dieſer Rampe, auf denen der Weg hinanklimmt, blicken zwiſchen dem Grün gar maleriſch hervor, reizend zerklüftet und zerriſſen, in heller warmer Farbe, mit ihren von der Seeluft zerfreſſenen Steinen und den üppigen Schlingpflanzen, die in langen wehenden Guir⸗ landen aus jeder Spalte, aus jedem Riſſe herabhängen. Garten, Villa und Rampe, ja, die ganze Bergſeite, die wir vor uns haben, liegt ſchon in tiefe Abendſchatten eingehüllt, nur oben auf der Höhe ſchimmert und ſtrahlt das Kloſter San Antonio noch im Glanze der ſinkenden Sonne. An der Ecke der dritten Biegung der Rampe, unter dunklen Bäumen halb verborgen, ſteht ein Thürmchen mit ganz bemooſ'tem Dache und einer kleinen verſchloſſenen Thüre. Es iſt dies der heimliche Eingang des Gartens, zu dem nur beſonders Bevorzugte den Schlüſſel erhalten, um Abends noch hinein zu können, wenn das große Thor ſchon geſchloſſen iſt. Eine enge Wendeltreppe führt in das Dickicht der Bäume, und ein ſchmaler Pfad windet ſich hinauff wwiſchen Burhecken und Feigenbäumen an einem großen grauen Felſen und einer dort tief hinein laufenden Grotte vorüber; auf einer ſchmalen ſteinernen Treppe gelangt der Wanderer in den großen Auf⸗ gang mit den weißen Säulen. Dieſer Steg hat beſonders um Mittag im hohen Som⸗ mer einen eigenen Reiz; außen ſind dann die Rampen von den ſenkrechten Strahlen der Sonne blendend beleuchter und Die Villa San Autonio. 33 zum Verſchmachten heiß; tritt man aber ins Thürmchen und hat die Thüre verſchloſſen, ſo umhüllt geheimnißvolles Dunkel das geblendete Auge und einen Moment darauf athmet die Bruſt mit Wonne die balſamiſche kühle Luft ein, die hier im wohlthuenden Schatten junger Mandel⸗ und Maulbeerbäume herrſcht. Duftender Rosmarin, feuriger Goldlack und hohe Stauden Levkojen bilden längs des Weges, in ihrem unge⸗ ſtört wuchernden Wachsthum eine Hecke, deren Duft ſich Morgens wundervoll entfaltet und den vom Seebade kom⸗ menden Spaziergänger neu belebt. Rebengewinde überhängen den Weg bis zur Stiege, wo im kühlen Hauche der Grotte Colocaſien und andere ſaftige Blätterpflanzen ein tiefgrünes Rondel bilden. So ſehr auch der angenehme Schatten uns einladet, in dieſe Grotte zu treten, ſo eilt doch Jeder ſcheu an ihr vor⸗ über, denn wie man ſagt, ſollen hier Schlangen in Menge hauſen. Unbedingt aber dieſem Gerede zu glauben, möchte ich dem geneigten Leſer doch nicht empfehlen, denn wer kann wiſſen, welche Abſicht der erſte Verbreiter dieſes Gerüchtes dabei hatte, die vielleicht ganz unſchuldige Grotte in Verruf zu bringen. Uebrigens henutzen wir den eben geſchilderten kürzeren Weg nicht, ſonderſt gehen im Schatten gemächlich außen über die Rampe hinauf bis zur nächſten Biegung, wo in der Mauer eine Eremiten⸗Zelle iſt, deren Bewohner, ein alter, ziemlich corpulenter Capuciner, vor dem Eingange ſitzt und uns freund⸗ lich grüßend um einen Beitrag für das Licht der Madonna (Tolio della Madonna) erſucht, Das hier ſo plötzlich lebendig gewordene Bild eines Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 3 34 Drittes Kapitel. Einſiedlers, mit dem wir uns ſchon in der Kinderzeit gerne beſchäftigten, macht auf uns einen gleich großen Eindruck, wie das Erblicken der erſten im Freien wachſenden Palmen oder eines mit ſüßen, goldglänzenden Früchten bedeckten Orangenbaumes, der nicht in einem Kübelgefäß vegetirt. Wir möchten uns darüber verwundern, daß der lebendige Einſied⸗ ler— todte von Holz und Blech ausgeführte, haben wir auch bei uns ſchon geſehen— ſo freundlich mit uns ſpricht und lächelnd mit dem Kopfe nickt. Aber es gibt der größeren Wunder in dieſem herrlichen Lande ſo viele! Schauen wir einen Augenblick rückwärts auf das Pa⸗ norama, das ſich nach und nach immer großartiger vor uns Dort ſteht der Veſuv in unausſprechlich ſchöner, Meer zu ſeinen Füßen, dort den maleriſchen ausbreitet. warmer Beleuchtung; wir ſehen das 2 weiter links das gewaltige Neapel; Steinhaufen des Caſtel del' Uovo, die Riva di Chiaja,— alles das zeigt ſich in prachtvoll röthlichem Lichte, mit den unter uns liegenden grauen Häuſern einen ſcharfen Contraſt bildend. Wir ſitzen hier im Schatten, und für uns iſt in dieſem Augenblicke das ganze Licht der untergehenden Sonne auf den ſtrahlenden, in Stahl⸗ und Goldglanz ſchimmernden Golf concentrirt. Hier möchte ich Dich gerne verlaf ſen geneigter Leſer, und Du ſollteſt ſchwärmen in dem entzückend ſchönen Anblick 8 nun von Sekunde zu Sekunde wechſelnden farbigen Tin⸗ „bis die Sonne verſchwunden iſt. Da ich aber hoffe, e es Dir gelingen wird, an einem der nächſten Abende dies Plätzchen allein aufzufinden, ich, dem Du vertrauens⸗ voll gefolgt biſt, es auch für meine Schuldigkeit halte, Dich vor einbrechender Nacht unter Dach und Fach zu bringen, Die Villa San Antonio. 35 ſo ſpende dem Einſiedler eine Kleinigkeit für das Oel der Madonna und laß uns unſern nur noch kurzen Weg bis zur Villa fortſetzen. Noch eine Biegung der Rampe und wir haben die Gren⸗ zen des Parkes erreicht; ein Gitterthor lehnt ſich links an einen Felſen, rechts an ein Häuschen, und durch daſſelbe tre⸗ ten wir in eine Art Vorhof, der hier wie ein heiliger Hain am Eingange eines Tempels den Ermüdeten begrüßt und ihn freundlich überraſcht. Es iſt ein Rondel, auf der einen Seite durch einen Felſen und von einer alten, ganz bewach⸗ ſenen Mauer begrenzt, während auf der andern Seite dieſer kleine heimliche Platz eingeſchloſſen iſt von hohen Akacien, die, ſich über den Weg hinüberlegend, mit gegenüberſtehenden ihre Aeſte kreuzen und ſo das Rondel und den Weg bedachen, an welchem alsdann bemooſ'te Steinbänke zur Ruhe einladen. Der Boden iſt bedeckt mit tauſenden abgefallener Akacien⸗ blüthen, welche die Luft mit ihrem ſüßen Dufte ſchwängern. Rieſenhafte Aloes, deren friſchgrüne Blätter ſo angenehm von den grauen Mauern abſtechen, bilden zu beiden Seiten des Weges eine eigenthümliche Hecke und geben dieſem Eingange etwas ganz Orientaliſches. Blicken wir in die Höhe, ſo bemerken wir vielleicht, daß wir nicht allein ſind; auf der Mauer iſt ein niedliches Gärt⸗ chen angebracht, deſſen rothe Geranien, Oleander und goldene Citronen gar feurig hinter dem Grün hervorſchauen, und doch nicht feuriger als die ſchwarzen Augen eines dunkeln Lockenkopfes, der, halb zwiſchen den Blumen verborgen, neu⸗ gierig auf die Fremden hernieder ſieht. Schreiten wir leiſe weiter, geneigter Leſer, mit dem beſten Willen kann ich Dich in dieſem Augenblicke nicht vorſtellen. Drittes Kapitel. Die ſchwarzen Augen ſind ja auch ſchon verſchwunden, wer weiß, ob ſie einem lebenden Weſen angehörten, oder ob uns nicht bloß eine phantaſtiſche Erſcheinung geneckt. Man er⸗ zählt ſich allerlei von dieſem geheimnißvollen Rondel, ob mit mehr Wahrheit, als von der Schlangengrotte, wage ich nicht zu entſcheiden. Oft ſoll man hier an ſtillen Abenden luſti⸗ ges Lachen, leiſes Plaudern und ſüße Abſchiedsworte vernehmen. In alten Zeiten nämlich, als noch die damals mächtige Familie Cedronia, die nun längſt ausgeſtorben iſt, hier oben reſidirte, war das Rondel, in welchem wir uns gerade be⸗ finden, und weiterhin die mächtige Eingangshalle beim Aus⸗ tritt oder beim Nachhauſekommen der Rendezvousplatz für die Herrſchaft und ihre eingeladenen Gäſte. Hier warteten demüthig die Vaſallen des Conte di Cedronia mit abgezoge⸗ nem Hute und brachten dem gewaltigen Herrn ihre Bitten vor; hier rauſchten bunte ſeidene Gewänder, hier klirrte Schwert und Sporn, hier ſah man goldene Stickereien glän⸗ zen und Federn wehen, hier wieherten die Pferde und wurden von ihren Reitern, den jungen Nobili, verlaſſen, die ſich beeil⸗ ten, den ſchönen Damen beim Abſteigen behülflich zu ſein. Da glänzten die ſchwarzen Augen, da blinkten die ſchimmern⸗ den Zähne unter ſüßem Lächeln, da kam wohl mancher Hände⸗ druck vor und da vernahmen die alten grauen Mauern manch verſtohlen geflüſtertes und gern gehörtes Wort. Laſſen wir hinter uns all dieſe Erinnerungen, das bunte, glänzende Gewühl der Reiter, der Jagdpagen, die dort harrten, den Falken auf der Fauſt, der Diener in reicher Livree, der Knechte mit angezündeten Fackeln, wenn die Nacht hereinge⸗ brochen war. Wir brauchen die letzteren nicht,— uns leuch⸗ tet noch der Widerſchein der ſcheidenden Sonne. Die Villa San Antonio. 37 Wir haben den Säulengang erreicht, der uns ſchon von weitem entgegenblinkte und den wir bei jeder Biegung des Weges wieder ſahen. Er iſt mit Rebengewinden überwachſen und läßt uns auf der einen Seite eine entzückende Ausſicht auf den ganzen Vomero⸗Hügel mit ſeinen zahlreichen Villen, auf das Caſtel San Elmo, auf die Rampen, die wir erſtie⸗ gen, und tief unter uns auf die Häuſer der Riva di Chiaja gewinnen. Rechts erhebt ſich eine hohe Mauer mit tiefen Bogen, über welcher weiße Glocken, dunkelglühende Roſen und Paſſionsblumen wild durch einander wachſend in langen Guirlanden herunterhängen. Noch ein paar Schritte aufwärts und wir ſind an Ort und Stelle. Hier iſt die Terraſſe der Villa Cedronia, mar⸗ morne Statuen blicken von ihren Piedeſtalen auf Dich herab; glaube mir, geneigter Leſer, Du wirſt hier oben willkommen ſein. Siehſt Du, wie die Eingangsthür gaſtlich geöffnet iſt, der Vorplatz ſanft erhellt? Darum für heute— felicissima notte! Viertes Kapitel. Frrncesea und Roſa. Wenn man in der heißen Jahreszeit auf einer dieſer reizenden Villen am Golf von Neapel einen längeren Aufent⸗ halt macht, ſo wird ſelbſt der Ausländer, wenn er auch an⸗ fänglich glaubt, er dürfe keine Viertelſtunde des Tages vorüber⸗ gehen laſſen, ohne in der reichen Natur zu ſchwelgen, ohne ſich bald hier, bald dort umzuthun, doch in kurzer Zeit an— fangen, ſich vollkommen nach der italieniſchen Lebensweiſe zu richten, wenn er auf längere Zeit von ſeinem Landaufenthalte Genuß haben will. Worin wir Deutſche bei einer italieni⸗ ſchen Villeggiatur vielleicht allein ausſchweifend bleiben, iſt das frühe Aufſtehen, welches uns der Italiener gern über⸗ läßt. Denn er, der bis tief in die Nacht den heutigen Tag, den er erſt ſpät beginnt, zu verlängern trachtet, bleibt dafür in der Frühe länger unſichtbar und erſcheint erſt, wenn wir ſchon unſere Frühnaturſtudien beendigt. Und wie belohnend ſind dieſe Naturſtudien hier! Wie wunderbar iſt es, hier dem Erwachen zuzuſehen, mit welcher Francesca und Roſa. 39 Glut, mit welchem Feuer ſchlägt hier der Tag ſein leuchten⸗ des Auge auf! Leider, daß uns ſein Blick verſengt, daß uns ſeine heißen Umarmungen ſchon ſo früh wieder den dunkeln Schatten ſuchen laſſen! Aber wir haben doch einige wunder⸗ bare Momente genoſſen, wir ſahen die Thautropfen an Blu⸗ men und Blatt und Gras nirgends ſo zahlreich, nirgends ſo ſtrahlend, wie hier in der unausſprechlich reinen und klaren Luft, in dem wunderbaren Glanz der italieniſchen Sonne. Und vorher dieſes prachtvolle Farbenſpiel auf dem Meer und am Himmel beim Erſcheinen des jungen Lichtes, der Auf⸗ wand an Tönen von dunklem Grau durch tiefes Violett bis zum glänzenden Purpur, die an jedem Morgen ſeine Wiege umgeben! Hier wird ſie zur vollſten Wahrheit, die roſen⸗ fingrige Eos, und wir ſehen ſie voran eilen, den ganzen weiten Himmel mit ihren glänzenden Blumen beſtreuend. Da aber der Menſch nicht nur von Naturanſchauung lebt, ſo weiß ich ein Plätzchen, wo wir verſteckt zwiſchen Lorber⸗ büſchen weilen, die uns mit ihren in der Morgenluft ſpielenden Zweigen die Ausſicht einestheils verdecken, anderntheils um ſotreizender machen. Da nehmen wir unſere kleine Taſſe ſchwarzen Kaffee’s, zünden uns eine Cigarre an, wenn wir Raucher ſind, und genießen dann, eingerechnet das Geſpräch mit guten Freunden, ein vierfaches Vergnügen. Zu lange wollen wir uns übrigens an dieſem reizenden Plätzchen nicht aufhalten; erheben wir uns daher und ſteigen an das Ufer des Meeres hinab. Dort, wo wir geſtern die umgekehrte Barke ſahen, welche von den Schiffern hergeſtellt wurde, dort treten wir hinaus, und es braucht diesmal keines Ueberredens der Barcajoli; auch ſehen ſie uns ſchon unſern Wunſch an, und einer ſpringt in das Fahrzeug, es mit der 40 Viertes Kapitel. Ruderſtange am Ufer feſthaltend und den andern Arm aus⸗ ſtreckend, um uns hinüber zu geleiten. Da ſchwimmen wir denn im nächſten Augenblicke ſanft ſchaukelnd auf den leiſe ſich hebenden Wogen; es iſt förm⸗ lich, als athmeten die Wellen nur leicht und dabei ſo gleich⸗ mäßig, daß ſich wie ein Uhrwerk unſere Barke jetzt hebt, jetzt ſenkt und nur, wenn wir wenden, die Fluten mit einem etwas ſtärkeren Geräuſch gegen die Seite des Bootes an⸗ ſchlagen. Jetzt ſind wir weit genug draußen und entkleiden uns raſch, um in die kryſtallhelle dunkelblaue Tiefe zu ſpringen, uns den wiegenden Wellen anzuvertrauen, die uns nicht nur tragen, ohne daß wir die geringſte Anſtrengung machen, ſon⸗ dern uns auch, wenn wir ausgeſtreckt auf ihnen ruhen, mit enthümlich murmelnden Tönen allerlei Geheimnißvolles in die Ohren flüſtern. Unſer Barcajolo rudert langſam nach und ſingt auch wohl leiſe ein Lied, uns aber, die wir uns jetzt, vom Schwim⸗ men ausruhend, regungslos mit verſchränkten Armen da lie⸗ gend, von den Wellen tragen laſſen und mit weit offenen Augen um uns ſchauen, erſcheint rings umher alles ſo ganz anders, noch viel prachtvoller gefärbt, noch viel großartiger, als wir es geſtern geſehen. Scheint doch Neapel und der Veſuv und die hellglänzende Kette von Städten zu ſeinen Füßen bis nach Caſtellamare und weiter hinaus bis zu dem ſteilen Geſtade von Sorrent in immer friſcheren, glühenderen Farben aufzuflammen und ſich dabei phantaſtiſch zu drehen, als lebten wir in einem Zaubermärchen. Ah, dort in dem großartigen Reigentanze, welcher Städte und Hügel, Berge und Felſen an uns vorübertreibt, zieht K Francesca und Roſa. 41 auch das majeſtätiſche und zu gleicher Zeit ſo maleriſche und liebliche Capri heran. Dann folgt wieder die ſtille glatte Meeresfläche mit weißen leuchtenden Puncten beſäet: Schiffs⸗ ſegel oder Möwen; und nun ſchwebt Procida heran, dann das prächtige Ischia.— In der That, es könnte uns ſchwind⸗ lig machen, all das unnennbar Schöne, das wir hier in ſo wechſelndem Lichte ſehen, wenn wir, auf dem Rücken liegend, uns von der Flut tragen und ſchaukeln laſſen. Jetzt ruft uns die Geſtalt unſeres Bootsmannes, der hoch auf dem Bord ſeines Fahrzeuges ſitzt und ſein rothes Pfeifchen raucht, aus dem Traume zurück, auch vielleicht etwas Anderes, das in unſerer Nähe erſcheint: ein Fiſch, der ſich blitzartig über die Oberfläche des Waſſers erhebt, in der Sonne einen Au⸗ genblick funkelnd und ſtrahlend. Nun haben wir genoſſen auch dieſes irdiſche Glück, wir rudern langſam an's Geſtade zurück und treten noch lang— ſamer die Wanderung nach unſerem Tusculum an. Die italieniſche Sonne brennt heiß, und ſorgfältig benutzen wir jede Spanne Schatten an Mauern und Gebüſ ſchen; bald ſind wir indeſſen oben und bergen uns nun vor der allgewaltigen und ſtrengen Herrſcherin Sonne, wie jedes andere lebende Weſen, in irgend einem ſchattigen Winkel. Voll und glühend am wolkenloſen Himmel ſtrahlend, geht ſie nun ruhig ihren Weg, die unumſchränkte Alleinherrſcherin in den Stunden des Tages zwiſchen zehn Uhr Morgens bis vier Uhr Nach⸗ mittags. Wagt es doch jetzt kaum ein Blatt, ſich zu bewe— gen, eine Ranke, vorwitzig zu wehen; bleibt doch der Vogel unter ſeinem Laubdache, der Käfer in ſeiner Erdſpalte, und was ſich allenfalls zwiſchen Moos und Geſtein blitzartig umherbewegt, ſind gelenkige, roth und goldig ſchimmernde 42 Viertes Kapitel. Eidechſen, durch deren gepanzerten Rücken die Glut der Sonne nicht dringen kann. Die Roſen halten ihren Duft zurück und laſſen ihre Köpfchen hängen; andere begabtere Blumen ſchließen ihre Kelche und halten während der Mit⸗ tagsglut ihre Sieſta. Ihrem Beiſpiele wollen wir folgen. Unterdeſſen ſchwingt ſich die Sonne höher und immer höher, ſie ſteht über dem Kloſter San Antonio, und das ſchmale Plateau vor der Front der Villa Cedronia iſt nun bedeckt mit einem angenehmen, erfriſchenden Schatten, welcher tief dunkel abgrenzt auf der Steinbaluſtrade, deren Vorſprünge von dem Sonnenlicht noch hell und grell gefärbt ſind. Dieſes Plateau oder Terraſſe, wie man will, theilt ſich in einen Platz dicht am Hauſe und ein ſorgfältig gepflegtes Blumen⸗ gärtchen mit einem Waſſerbaſſin, aus deſſen Mitte ein leben⸗ diger Strahl emporſteigt, der ſich jetzt, wo ſeine Spitze, noch in das Sonnenlicht hineinragend, in tauſend ſchimmernde Brillanten aus einander ſtäubt, doppelt reizend macht. Auch ſein ſanftes Plätſchern iſt ſo ſehr angenehm und ſcheint or⸗ dentlich Kühle rings umher zu verbreiten. Auf dem Plätzchen dicht am Hauſe ſteht ein kleiner Tiſch, und daneben ſitzen auf amerikaniſchen Schaukelſtühlen zwei junge Damen, von denen die eine ein Buch in der Hand hält, das ſie aber ohne zu leſen in ihrem Schooße ruhen läßt. Die andere lehnt ihren Kopf rückwärts und hat ihn mit der Rechten unterſtützt, während ſie die Linke auf die Lehne eines Seſſels gelegt hat. Beide Damen ſind jung und ſchön, beide ſind weiß ge⸗ kleidet, und nur an ihrem Gürtel und an ihren Haaren be⸗ merkt man ein farbiges Band. Die Haare ſind verſchieden Francesca und Roſa. 43 von Farbe; die eine der jungen Damen mit dem Buche in der Hand, hat blondes Haar und dazu eigenthümlicher Weiſe hellbraune Augen; ihre Geſichtszüge ſind weich und außer⸗ ordentlich angenehm. Die andere hat dunkelbraunes, faſt ſchwarzes Haar, dunkle, leuchtende Augen; ihre Geſichtszüge gleichen denen der Blonden, doch iſt der Ausdruck derſelben ernſter, ſtrenger, aber als Ganzes unbedingt ſchöner. „Gott ſei Dank,“ ſagt nun dieſe,„daß die unerträg⸗ liche Hitze heute einmal wieder vorüber iſt. Ich muß dir ge⸗ ſtehen, Francçoiſe, ich könnte mich ſchwer an das Klima hier gewöhnen.“ „Und doch iſt der Sommer ſchon vorüber,“ verſetzte die Angeredete mit weicher Stimme;„als ich hieher kam, war es viel heißer. Die Hitze an ſich ſelbſt macht mir nicht ſo viel zu ſchaffen, aber ich habe eine große Sehnſucht, wieder einmal Schnee zu ſehen, viel Schnee und ſchöne glänzende Eiszapfen. Darauf freue ich mich,“ ſetzte ſie leiſer hinzu. „Ja—a, ja— a,“ gab die Andere zur Antwort, während ſie ſich mit einer raſchen Schwingung ihres Stuhles erhob und ein paar Schritte vortrat;„es iſt unnennbar ſchön hier, aber eigentlich zu ſchön, zu glühend, zu aufreibend; ich ſehne mich nach Schatten, nach tiefem, dunklem Waldesſchatten. Sieh dort hinaus— Glanz, wohin du blickſt, Glut und Licht; das flimmert und ſtrahlt, und ſprüht und glänzt von allen Seiten, und ermüdet ſo nicht nur die Augen, ſondern auch das Herz.“ Sie war mit raſchen Schritten an die Brüſtung des Plateaus getreten, und zeigte ſo in den Schattentönen, die ſich warm auf ihr weißes Gewand legten, und in dem hellen Reflex der Sonne, welche glänzende Streiflichter auf ihre — —Q—-— 44 Viertes Kapitel. vollen Formen warf, eine wunderbar ſchlanke, elaſtiſche, ja prachtvolle Geſtalt. Jetzt wandte ſie ſich raſch wieder um und trat an das Tiſchchen zurück, wo ſie ihre Hand aufſtützte und dann die noch ruhig Daſitzende mit einem wohl ernſten Blicke betrachtete, in dem ſich aber viel Liebe und Theilnahme abſpiegelte. „Morgen iſt deine letzte Vorſtellung,“ ſprach ſie,„und dann—“ „Reiſen wir,“ ergänzte Francoiſe;„gewiß, Roſa, wohin du willſt.“ „Sprich nicht ſo,“ erwiderte dieſe, indem ſie unmuthig den Kopf emporwarf.„Wohin ich will?“ Sie zuckte mit den Achſeln.„Bin ich denn gekommen, um nach meinem Willen zu leben?— Wir reiſen, wohin du willſt— und er.“ Francoiſe ſchaute mit einem Blicke zu Roſa auf, der 74 ernſt, faſt traurig umflort war.—„Wenn aber—“ ſagte ſie— Doch unterbrach ſie die Andere, indem dieſe ihr die Hand ſanft auf das blonde Haar legte:„Laß vor der Hand deine Wenn und Aber ruhen, liebe Frangoiſe; wir haben dieſe An⸗ gelegenheit mit aller Ueberlegung und Geſchicklichkeit wie einen Spielball zwiſchen uns hin und her geworfen, von allen Seiten auf's genaueſte betrachtet und ſind doch nicht klüger geworden. Morgen, übermorgen muß eine Entſchei⸗ dung erfolgen, komme ſie, wie ſie wolle, du mußt ſie ertra⸗ gen und wirſt ſie ertragen; ich ſtehe dir zur Seite und hoffe, daß meine von dir ſo oft gerühmte Energie auf dich influiren ſoll.“ „Gewiß, Roſa, ich werde ſo handeln, wie du es für gut findeſt.“ „Nicht, wie ich es für gut finde,“ entgegnete dieſe faſt 1 Francesca und Roſa. 45 unmuthig,„ſondern wie es die Umſtände geben und wie du es ſelbſt für das Beſte halten mußt.— Aber Eins ſage mir noch,“ fuhr ſie nach einem augenblicklichen Nachſinnen fort, „kannſt du dich auf Jeanette unbedingt verlaſſen?“ „O ja, unbedingt, ſie hat ſich immer als treu und an⸗ hänglich bewieſen.“ „Aber ſie verkehrt viel in der Stadt, zu viel ſogar, wie mir dünkt.“ „Sie hat bei der franzöſiſchen Geſandtin eine Verwandte und beſorgt für mich viele Aufträge.“ „Und durch ſie erhielteſt du die erſten Andeutungen?“ „O nein; jener Brief, den du geleſen, war es, der mit Recht den erſten Funken des Argwohns in mein Herz warf. O, es war ein ſchrecklicher Augenblick für mich! Darauf ſchrieb ich dir gleich nach Marſeille, und wie danke ich dir, daß du ſo bald wie möglich kamſt.“ „Das verſtand ſich ja von ſelbſt, du würdeſt nicht an⸗ ders gehandelt haben.— Aber Jeanette—“ „Wollte bald darauf eine Beſtätigung dieſes Schreibens hier und dort gehört haben.“ „Aber Neapel iſt doch nicht ſo groß, um nicht der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Haſt du deinem Impre⸗ ſario, der ja die Stadt wie ſeine Taſche kennt, nie über dieſe Angelegenheit, natürlich unter gleichgültigen Beziehungen, geſprochen?“ „Nein, ich habe es nicht gewagt; er mußte um mein Verhältniß wiſſen, ich mochte mich ſeinen freundſchaftlichen Fragen nicht ausſetzen.“ „Nun, ich verſtehe das; aber am Ende iſt es wichtig genug, um eine Frage, die wohl nicht ganz angenehm klingt, ———— 46 Viertes Kapitel. verſchmerzen zu können.— Aber Eins begreife ich bei alle dem nicht,“ ſetzte ſie mit großer Energie hinzu, wobei ſie ihren Kopf erhob,„auch ohne dich an deinen Impreſario zu wenden, muß doch Jeder in der Stadt ein großes Haus wie das der Marcheſa Fontana mit allen ſeinen Verhält⸗ niſſen kennen.“ „Ueberall ſonſt, ja,“ entgegnete Francoiſe ſchüchtern,„aber hier in dieſem eigenthümlichen Lande, bei den eigenthümlichen Verhältniſſen iſt das nicht ſo ganz leicht.“ „Nun, und welche Verhältniſſe?“ „Nach dem Tode des Marcheſe Fontana,“ ſagte die An⸗ dere mit niedergeſchlagenen Augen und mit ihrer weichen Stimme,„ging die Marcheſa mit ihrem Sohne nach Sicilien, wo ſie ebenfalls Beſitzungen haben. Dort hätte er ſich— vermählt mit der Tochter aus einer vornehmen Familie, die aber hier bei Hofe nichts weniger als freundlich angeſehen wurde. Und als nun die Marcheſa mit ihrem Sohne hieher zurückgekehrt, ſei die Schwiegertochter noch in Palermo ge⸗ blieben und ſollte erſt hieher kommen, wenn es einflußreichen Freunden gelingen würde, ein gutes Verhältniß mit dem König wieder herzuſtellen.“ Roſa hatte haſtig ihr Haar aus der Stirne geſtrichen, preßte ihre Lippen feſt auf einander und ſprach dann mit etwas heftiger Stimme:„So wie ſo, die Sache wäre nicht ſchlecht angelegt, und du haſt Recht; da müſſen Erkundigun⸗ gen, wie wir ſie anzuſtellen die Macht haben, erfolglos ſein. Aber die Wahrheit muß doch an den Tag kommen, und. wenn ich an deiner Stelle wäre—“ Francoiſe lächelte unbeſchreiblich mild. „So würde ich vor ihn hintreten, ihm ins Auge ſehen Francesca und Roſa. 47 und am Zucken ſeiner Lippen, an ſeinem Blicke merken, ob eine Beſchuldigung, die ich gegen ihn erhöbe, wahr oder nicht wahr wäre.“ „Ich habe alles das gethan, meine gute Roſa; ich habe ihn ehrlich gefragt und er hat mir— ehrlich geantwortet. So glaube ich wenigſtens,“ ſetzte ſie mit einem leuchtenden Blick hinzu,„und mein Herz ſprach für ihn und ſeine Ant⸗ wort. Er ſagte mir:„Es iſt ſo begreiflich, daß man mir den Schatz, den ich in dir beſitze, nicht gönnen will; man will uns aus einander reißen, und da man wohl weiß, daß es nichts helfen würde, wenn man dich, ſei es in welcher Art es wolle, bei mir verdächtigte, ſo greifen ſie mich an und wählen das gewöhnlichſte, aber ich muß es zugeſtehen, ge⸗ wiſſen eigenthümlichen Verhältniſſen nach auch das glaub⸗ würdigſte Mittel.“ „Und wie ſprach er von einer Heirath dir gegenüber? — Oft?— dringend?“ „Wie Jemand mit ſeiner Leidenſchaftlichkeit über ſo etwas ſprechen kann,“ gab Francoiſe mit niedergeſchlagenen Augen zur Antwort.„So oft ich ihn ſehe, ich möchte ſagen jeden Augenblick, gelingt es ihm durch irgend eine Wendung des Geſprächs die Rede auf unſere Verbindung zu bringen. Und daun iſt er außer ſich, jetzt vor Glück, dann vor Schmerz, wie ein Kind, hoffend und fürchtend.“ „Und immer natürlich?“ „Immer, ich habe ihn nie anders geſehen.“ Roſa zuckte heftig mit dem Kopfe, dann trat ſie ein paar Schritte vor, an die Brüſtung der Terraſſe und ſchien ihre Blicke in das wirklich großartige Gemälde, das vor ihren Augen entrollt war, zu verſenken. ——— —yy— 48 Viertes Kapitel. Frangoiſe hatte ſich leiſe erhoben, war an ihre Seite getreten, und legte ihre linke Hand auf die Schulter des an⸗ deren jungen Mädchens. So gaben die beiden herrlichen Ge⸗ ſtalten ein prächtiges Bild. Die mit dem dunklen Haar und dem leuchtenden Auge, ſtolz und hoch aufgerichtet, tief Athem holend, in ihrer Haltung, im Ausdrucke des Geſichtes etwas Strenges, Unnahbares, man möchte faſt ſagen, Abſtoßendes, wenigſtens Ehrfurcht Gebietendes; und die Andere mit den weicheren Zügen, dem auffallend blendenden Teint, dem freund⸗ lichen, zuweilen etwas ſchalkhaften Lächeln um den Mund, doch eine lieblichere Erſcheinung, zu der man ſich unwillkür⸗ lich hingezogen fühlte. Und dieſer Gedanke bewegte Roſa auch wohl mächtig das Herz, als ſie ſo dicht an ihrer Wange den warmen Hauch von Francoiſe's Athem fühlte. Sie wandte ſich haſtig gegen die Schweſter— denn es waren Schweſtern, die beiden Mäd⸗ chen— umfaßte ſie innig mit ihren Armen und hielt ſie ein paar Sekunden lang feſt umſchlungen, an ihr Herz gedrückt. Dann ſagte Roſa, indem ſie ihre heiße Wange auf das kühle Haar der Schweſter legte und ihr alsdann in die thränenden Augen blickte:„Weine nicht, mein Herz, was gut zu machen iſt, werden wir gut machen,— und das Andere,“ fuhr ſie mit einem leichten Achſelzucken fort,„vergleichen, ſo viel das in unſeren Kräften ſteht.“—— „Ein herrliches Bild!“ hörte man in dieſem Augenblicke eine Stimme in reinem Italieniſch, wenn auch etwas in der breiten neapolitaniſchen Mundart, ſagen.„In der That, eines der wunderbarſten Genrebilder, die in uns den Wunſch erregen, ſie gemalt zu ſehen! Tauſend Ducati wären nicht zu viel.“ Francesca und Roſa. 49 Francoiſe ſchrak bei dieſer lauten luſtigen Rede leicht zu⸗ ſammen, während Roſa langſam den Kopf herumdrehte, um den Sprecher mit einem ernſten, fragenden Blicke anzuſchauen. „Ah, Signora Francesca,“ fuhr dieſer fort,„es iſt eigentlich unverantwortlich von Ihnen, ſo weit von der Stadt zu wohnen. Wiſſen Sie wohl, daß ich ſchon eine Menge der koſtbarſten Zeit daran geſetzt habe, um hie und da nach die— ſem ver— nach dieſem ſchönen San Antonio wollte ich ſagen, heraus zu kommen?“ Jetzt hatte ſich auch Frangoiſe umgewandt und trat, ihre Schweſter an der Hand, dem ſo unerwarteten Beſuche entgegen. „Roſa,“ ſagte ſie,„dies iſt Herr Bertolini, der Im⸗ preſario von San Carlo,— Herr Bertolini, dies iſt meine Schweſter.“ Herr Bertolini hatte ſeinen Hut in der Hand, denn er war damit beſchäftigt, ſeine ſchweißtriefende Stirne mit dem Taſchentuche abzuwiſchen. Jetzt drückte er Taſchentuch und Hut gegen die Bruſt und machte dazu eine tiefe Verbeugung, wobei ſein Geſicht deutlich den Ausdruck freudiger Ueber⸗ raſchung, ja einer außerordentlichen Verehrung und Hochach⸗ tung an den Tag zu legen ſich bemühte. Das Geſicht des Impreſario war ein dickes, gutmüthiges Geſicht mit freundlich zuſammengezogenem Munde und recht lebhaften und pfiffigen Augen. Von Farbe war es etwas gelblich, dafür aber auch auf beiden Seiten beſchattet von einem außerordentlich ſtarken pechſchwarzen Backenbart. Von gleicher Farbe war auch das glatt angeſtrichene Haar. Herr Bertolini war, wie viele Italiener guter Stände, trotz des Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 4 — 50 Viertes Kapitel. heißen Tages ſchwarz gekleidet; über ſeine glänzende Atlas⸗ weſte hing eine ſchwere goldene Kette mit einem fauſtdicken Charivari, in welchem die kleine bekannte Korallenhand mit den beiden ausgeſtreckten Fingern in mehreren Exemplaren zu ſehen war. Die Chauſſure: zackirte Stiefel, war untadelhaft, die Handſchuhe ebenfalls, von Farbe ein klein wenig dunkler als das Geſicht. „Beim Bacchus!“ ſagte er mit einer abermaligen tiefen Verbeugung, die ſich noch ſpecieller gegen Roſa richtete,„ich freue mich außerordentlich, die Schweſter einer großen Künſt⸗ lerin zu ſehen, die ſelbſt eine große Künſtlerin iſt. Und Ihre Ankunft, mein Fräulein, gibt mir die ſchönſten Hoffnungen, ja Hoffnungen, die, wenn ſie ſich auch nur zum Theil er⸗ füllen ſollten, mich veranlaſſen würden, dieſes— San An⸗ tonio zwiſchen heute und den nächſten Tagen noch ein paar⸗ mal zu beſuchen und— ich ſchwöre es!— ſogar zu Fuß.“ Das letztere ſprach er mit einem leichten Seufzer und ließ die Blicke an ſeiner eigenen Geſtalt herabgleiten, welche aller⸗ dings für Bergtouren und obendrein in der Sonnenhitze, etwas zu corpulent war. Dann ſchaute er auf's freundlichſte lächelnd von unten zu Roſa hinauf und fragte:„So darf man vielleicht hoffen?“ „Hoffen Sie nicht zu früh,“ gab ihm dieſe mit einer heiteren Miene zur Antwort,„ich bin nur gekommen, um meine Schweſter für ein paar Tage zu beſuchen.“ „Aber ich hoffe bei allen Heiligen,“ ſagte plötzlich mit großem, aber etwas affektirtem Ernſt der Impreſario,„nur zu beſuchen, nicht mit fort zu nehmen. Ich wäre ein rui⸗ nirter Mann.“ „Pah!“ meinte Roſa mit einer leichten Neigung des „2 8 Francesca und Roſa. 51 Kopfes,„wir ſind ja bei euch Italienern doch nur geduldet, wir Deutſche; unſere Stimme hat keinen Schmelz, wir ſelbſt keine Routine und keine Schule, und wenn wir Andern gar anfangen zu tanzen, ſo iſt des für Ihr Publikum rein zum Davonlaufen.“ Der Impreſario drückte abermals Hut und Sacktuch feſt auf ſein Herz, und ſein Blick hatte etwas Flehendes, wäh⸗ rend er mit hoch emporgezogenen Augenbrauen raſch zur Antwort gab: „Sagen Sie das nicht, Signorina, bei Gott! ſagen Sie das nicht. Ja, ich gebe zu, es war vielleicht früher einmal ſo; aber was Ihre Fräulein Schweſter anbelangt, ſo hat ſeit den Zeiten der großen Malibran und der nicht minder glor— reichen Griſi keine Künſtlerin mehr allabendlich das Publikum ſo hingeriſſen, wie es jetzt der Fall iſt, wenn Signora Fran⸗ cesca die Gnade hat, bei ihrem ganz unterthänigen Diener in San Carlo den Leuten zu zeigen, was Stimme und Ge⸗ ſang iſt.— Uff!“ blies er von ſich, halb um ſeine Worte zu verſtärken, halb auch um die Erhitzung zu bezeichnen, unter der er augenſcheinlich litt. „Laſſen wir das, Signor Bertolini,“ ſagte Francoiſe, „und ſetzen Sie ſich hier an die Baluſtrade. Der friſche Seewind, der ſich erhebt, wird Sie abkühlen. Und die Abkühlung wird Sie alsdann meine Worte beſſer aufnehmen laſſen.“ „Sprechen Sie nicht ſo feierlich und entſetzlich,“ erwiderte der Italiener.„Wahrhaftig, ich wäre ein geſchlagener Mann, wenn es mir nicht gelänge, Sie, Allverehrte, dem Publikum zur nächſten Saiſon anzukündigen. Die Concurrenz würde mir den Pacht von San Carlo nehmen.“ —— — Viertes Kapitel. Ein Diener, der an der Hausthüre erſchienen war, hatte auf einen Wink der Herrin die beiden Schaukelſtühle und einen kleinen Fauteuil nach dem Rand der Terraſſe befördert. Die Schweſtern ließen ſich dort nieder, und der Impreſario folgte nach einigen Complimenten ihrem Beiſpiele. Dann ſetzte er ſeinen Hut auf den Boden und fächelte ſich mit dem Taſchentuch Kühlung zu. „Ich bin entzückt von San Antonio,“ ſagte Roſa nach einer Pauſe,„es iſt ein prächtiger lohnender Aufenthalt, und namentlich für ein glückliches und zufriedenes Gemüth. Was mich anbelangt,“ ſetzte ſie hinzu, während ſich ihre Blicke in das tiefe glänzende Blau des flimmernden Meeres verſenkt hatten,„ſo iſt mir alles hier zu weit, zu maßlos; der Golf öffnet ſich ſo ohne alle Schranken, es iſt gerade, als ob uns hier nichts zurückhalten wollte, als wenn wir das alles nur vorübergehend anſtaunen dürften, um ſpäter in einem ruhi⸗ geren Winkel der Erde davon träumen zu können.— Ja, zu viel Schönheit,“ ſprach ſie leiſe vor ſich hin,„zu viel Glanz!“ „Es geht allen ſo, die zum erſten Mal hieher kommen, mein gnädiges Fräulein,“ bemerkte der Impreſario.„Und dann präſentirt ſich auch hier auf San Antonio der Golf und alles, was ihn umgibt, wahrhaft majeſtätiſch und groß⸗ artig. Ich habe ſchon von vielen Reiſenden ſagen hören, was die Signora eben bemerkte; man fühlt ſich beim erſten Anblick von Neapel, nachdem, ich möchte faſt ſagen, der erſte Schreck der Ueberraſchung vorbei iſt, verlaſſen und hei⸗ matlos.“ „So iſt es,“ meinte Frangoiſe,„man möchte ſich ſchüch⸗ L— tern in einen dunkeln Winkel zurückziehen, wie ein Kind ſich Francesca und Roſa. 53 an der Mutter Bruſt verbirgt, nachdem es eine Zeitlang einem ſprühenden und praſſelnden Feuerwerk zugeſchaut.“ „Das verliert ſich aber,“ ſprach Herr Bertolini, wobei er behaglich über ſeine glatte Atlasweſte hinabſtrich.„Man muß nur erſt in das ſprudelnde und friſche innere Leben Neapels eingedrungen ſein, um auch ſeine äußeren Schön⸗ heiten ertragen zu können; man muß in dieſe ungeheuere Poeſie ſelbſt ein wenig Proſa hinein tragen, ſeiner Phantaſie einen Dämpfer aufſetzen, möchte ich mir erlauben zu bemer⸗ ken, das rieſenhafte Rundgemälde, welches hier vor uns aus⸗ gebreitet iſt, in ſeine Beſtandtheile zerlegen. Da oben iſt zum Beiſpiel das Fort San Elmo; von hier aus geſehen bewundern wir die großartige Linie, die ſeine Werke auf dem Bergrücken bilden; der Dämpfer, von dem ich vorhin ſprach,“ ſetzte er mit etwas leiſerer Stimme hinzu,„iſt hier der Ge⸗ danke, daß das Fort charmante Kanonen des ſchwerſten Ka⸗ libers hat, die drohend auf unſer herrliches Neapel herab⸗ blicken, und daß unter dieſen Mauern außerordentlich tiefe und ſehr unangenehme Gefängniſſe ſind. Zu etwas Erheben⸗ derem übergehend, iſt der Anblick des Veſuv einzig in ſeiner Art; wenn man aber an die verd— fatiguante Kletterpartie, wollt' ich ſagen— denkt, um hinauf zum Krater zu gelangen, ſo möchte man ſich den Berg etwas weniger hoch wünſchen. Wieder zum Gewöhnlichen herabſteigend, ſehen Sie da unten die ſchön geſchwungene Linie, die Straße von Santa Lucia; ich glaube, irgend ein Poet hat ſie mit einem reichen Perlen⸗ halsband verglichen, welches die Stadt an ihrem Buſen trägt. Ich verweile gern mit meinem Auge dort, miſche mir aber etwas Proſa in den Anblick, indem ich an die herrlichen frutti 54 Viertes Kapitel. di mare denke, die dort, friſch dem Wellenſchaum entſtiegen, feilgeboten werden.“ „Laſſen wir Ihren Dämpfer und Ihre Proſa weg,“ ſagte Roſa nachſinnend;„da will ich doch lieber unter dem allge⸗ waltigen Anblick der herrlichen Natur mein Herz ſchüchtern, furchtſam ſchlagen fühlen.“ „Und ſollteſt du wohl glauben,“ ſprach Francoiſe,„daß Signor Bertolini ſelbſt Poet iſt? Jede neue Primadonna, die erſcheint, bekommt ihr officielles Gedicht, das ihr der galante Impreſario vom Kronleuchter herabflattern oder in Bouquetten oder Kränzen zuwerfen läßt.“ „Nun, bei Ihnen war das nicht der Fall, verehrteſte Signora,“ gab Herr Bertolini mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zur Antwort.„Da überhoben mich ein Dutzend andere und beſſere Poeten bereitwilligſt dieſer Arbeit. Morgen Abend,“ ſetzte er wehmüthig hinzu,„als bei Ihrem letzten Auftreten— natürlich nur vor der Hand— fürchte ich wahr⸗ haftig für Sie bei dem unermeßlichen Blumenregen, der nicht ausbleiben wird. Man muß wirklich von den Gärtnern pro⸗ tegirt ſein, um für Morgen etwas Ordentliches zu bekommen.“ „O laſſen wir das,“ entgegnete Francoiſe plötzlich ernſt werdend.„Es thut mir wahrhaftig weh, daß morgen der letzte Tag meines Aufenthaltes hier in Neapel iſt.“ „Um Gotteswillen, ſetzen Sie hinzu: vor der Hand!“ rief der Impreſario mit einem wahrhaft komiſchen Ausdruck des Entſetzens in Stimme und Zügen.„Helfen Sie mir bitten, Signora Roſa,“ wandte er ſich an die Schweſter. „Darein miſche ich mich nicht,“ ſagte dieſe feſt und ent⸗ ſchieden.„Frangoiſe muß ſelbſt wiſſen, was ſie zu thun hat.“ Letztere legte, um dem Geſprüch eine andere Wendung Francesca und Roſa. 55 zu geben, ihre Hand auf den Arm des Herrn Bertolini und ſagte:„Ich habe Sie ſo eben nicht ohne Urſache einen Poe⸗ ten genannt; bezeugen Sie mir die Wahrheit und erklären Sie meiner Schweſter, aber ohne Dämpfer und Proſa, das herrliche Rundgemälde hier vor unſeren Blicken. Obgleich ich das alles ſchon Monate lang geſehen, es mir auch ſchon ſehr oft erklärt worden iſt, ſo habe ich doch darin ein ſo ſchlechtes Gedächtniß, daß es mir heute noch paſſiren könnte, Ischia und Capri zu verwechſeln.“ Der Impreſario ſah bei dieſer Aufforderung fragend nach der Signora Roſa hinüber, die ihm einfach ſagte:„Ich bitte darum!“ und dann ihre Blicke wieder über das Meer ſchweifen ließ. „Ich laſſe Sie einen Augenblick allein,“ ſprach Francoiſe, worauf ſie ſich erhob und ins Haus ging. Fünftes Kapitel. Erkundigungen. „Sehen Sie,“ ſagte Herr Bertolini,„hier liegt der Golf in ſeiner vollen Pracht vor uns, einen vollkommenen Halb⸗ bogen bildend, deſſen äußerſte Spitze drüben Cap Miſene iſt, die diesſeitige das Vorgebirge des Poſilipp. Links haben wir das San Antonio⸗Kloſter mit ſeiner hohen Pinie, weiter un⸗ ten die Grotte des Poſilipp und rechts von dieſer den Vo⸗ mero⸗Hügel, an deſſen Abhang amphitheatraliſch eine Villa über der anderen emporſtrebt. Dort iſt die Floridiana und das Belvedere, ein paar reizende Puncte, gehören den beſten Familien Neapels, ſind gaſtfreie Häuſer mit den herrlichſten Diners.— Ah,“ ſetzte er mit einem leichten Schnalzen der Zunge hinzu. 5 „Die Proſa— der Dämpfer,“ ermahnte Roſa. „Richtig,“ ſagte lachend Herr Bertolini;„man fällt leicht wieder in ſeine alten Gewohnheiten. Klettern wir alſt dort über treppenartig hinter und neben einander gebaute Häuſer, den Petrajo, oder auch Salita dei centi grati genannt, Erkundigungen. 57 nochmals zum Caſtel San Elmo hinauf. Gleich daneben reiht ſich Haus an Haus in gelber und gelbröthlicher Färbung, von hier aus geſehen ein völlig unentwirrbares Labyrinth, ein Steinhaufen mit Tauſenden von Fenſtern; vor demſelben ſehen wir eine Reihe blendend weißer Gebäude langſam zum Meere herabſteigend, Pizzefalcone, welche das Vorgebirge bil⸗ den, deſſen Ausläufer Caſtel del Uovo zu ſein ſcheint. Nach⸗ dem wir uns an den Häuſermaſſen müde geſehen, ſchweben wir zum greiſen Veſuv empor. Sein ſtolzes Haupt iſt be⸗ ſtändig von einer pinienartigen Rauchſäule gekrönt und an ſeinem Fuße lagern die Städte Portici und Reſina. Weiter rechts reihen ſich die Küſten von Torre del Greco, Torre del Annunziata, Caſtellamare, Vico, Mela, Sorrento, wie eine Perlenkette und ſchimmern freundlich als weiße Puncte auf dem röthlichen Violett der Berge, deſſen duftige Farbe dem geſchickten Maler ſo unerreichbar, während unſere Arbeiter in Gouache ſchon näher hinkommen. Weiter nach rechts, an der Grenze unſeres Geſichtskreiſes, liegt Capri, das liebliche Eiland, mit ſeinen felſigen Ufern immer deutlicher werdend. Und ſehen Sie, dieſe Reihe der ſchönſten Puncte iſt durch die Flut eines ewig klaren tiefblauen Meeres umſpült, auf deſſen Spiegel unzählige Fiſcherboote ihre weißen Segel aus⸗ breiten. Hier zu unſeren Füßen im Vordergrunde liegt die Villa Reale in immer wärmeren Tönen, die Mergelina mit ihrem Gedränge und Wagengeraſſel und mit den vielen Boo⸗ ten und Netzen, am Ufer zum Trocknen ausgebreitet.“ Roſa nickte mit dem Kopfe und ſagte wie im Traume: „Ja, es iſt alles das hier unſäglich ſchön; man könnte ſich grücklich dabei fühlen. Und Ihnen muß ich geſtehen,“ wandte 4 ſie ſich an den Erzähler,„daß in Ihrer Idee eines Dämpfers 58 Fünftes Kapitel. doch etwas Wahres liegt, wenn auch nicht ſo, wie Sie dieſe Idee ausgeführt. Nachdem Sie mir die Namen der Orte, die wir hier vor uns ſehen, genannt, kommt mir alles das ſchon nicht mehr ſo großartig und erſchreckend fremd vor; ich finde Beziehungen zwiſchen früheren Zeiten, wo man mir von dieſen Orten erzählt, und jetzt; ich kann miy Manches aus⸗ malen, was ich darüber geleſen, ich denke an Bilder, die ich geſehen, ſo namentlich von Sorrent, von deſſen Pianora ich ſelbſt eine kleine reizende Zeichnung beſitze; man ſieht den Ort vor ſich, iſt ſchon an den erſten Häuſern vorüber und hat neben ſich am Wege tiefe maleriſche Spalten, aus denen Oleander emporwachſen, und die überbuſcht ſind mit blühen⸗ den Orangen und Citronen. Dahin flüchte ich mich, wenn mir Licht und Glanz zu viel wird.“ „Richtig,“ meinte lächelnd Herr Bertolini;„auch ein Dämpfer, aber keine Proſa.“ Ein Tritt, der hinter den Beiden hörbar wurde, ließ den Italiener umſchauen, worauf man ein ſchmunzelndes Lächeln auf ſeinen Zügen erſcheinen ſah. Es näherte ſich der Diener, welcher vorhin die Stühle an die Baluſtrade gebracht, und trug jetzt in einer Hand ein Tiſchchen, das er zwiſchen Fräu⸗ lein Roſa und Herrn Bertolini hinſetzte, in der anderen Hand hatte er eine Tablette, auf der ſich ein kleines, zierliches Kaffeeſervice befand. „Sie ſehen, Fräulein Roſa,“ rief der Impreſario mit Enthuſiasmus,„daß Ihre Fräulein Schweſter nicht nur er⸗ haben groß als Künſtlerin iſt, ſondern auch als Hausfrau. Glücklich der— ſo etwas kann man gar nicht denken, ohne ſchwindlig zu werden.— Welche Liebenswürdigkeit, weich, rührende Sorgfalt! Fräulein Francesca weiß, daß mir Thee Erkundigungen. 59 verhaßt iſt, daß Zuckerwaſſer und Limonade auch nicht zu meinen Leidenſchaften gehört, daß ich aber ein grenzenloſer Verehrer von Kaffee bin, von gutem, ſtarkem, duftendem Kaffee. Und um ihrer Güte die Krone aufzuſetzen und mich ordentlich ſchamroth zu machen, läßt ſie dieſes kleine Feuer⸗ zeug dazu ſetzen und die Kryſtallſchale, um—“ Er vollendete den Satz nicht, ſpitzte aber ſeinen Mund, wie ein Karpfen, wobei er mit zuſammen gekniffenen Augen Fräulein Roſa anſchaute. „Nun, um eine Cigarre zu rauchen,“ ergänzte dieſe;„ich finde das ganz begreiflich, und Sie werden ſich doch vor mir nicht geniren wollen. Ich würde Ihnen ſogar ſelbſt Geſell— ſchaft leiſten, aber mir iſt die Luft hier oben ber herannahen⸗ dem Abend zu würzig, zu angenehm. Sie wiſſen, für uns Nordländerinnen hat es etwas Berauſchendes, den Duft von Orangenblüthen ſo in der freien Natur einathmen zu können. Ah, wie das köſtlich iſt!“ Sie that einen tiefen Athemzug. Der Impreſario ſteckte den Zeigefinger der linken Hand in den Mund und hielt ihn alsdann in die Höhe. „Was machen Sie?“ „Ich möchte wiſſen, woher der zarte Lufthauch weht, der die trägen Blätter kaum emporhebt, um mich mit mei⸗ ner Cigarre hinter den Wind zu ſetzen, damit Signorina durch den Rauch derſelben auch nicht im allermindeſten genirt iſt.⸗ Roſa ſchüttelte lachend ihre Hand gegen den Nachbar, worauf ſie ſagte:„Bitte Sie, ruhig an Ihrem Platze zu bleiben, was auch Ihre eigenthümliche Windfahne ſagen möge. Das bischen Rauch Ihrer Cigarre wird nicht im Stande ſein, die Atmoſphäre zu verderben. Fühlen Sie, wie jede Schwingung der Luft einen friſchen Hauch zu uns herüber⸗ 60 Fünftes Kapitel. trägt, gewürzt mit Blumendüften. Man ſollte hier oben gar nicht ſprechen, ja, nicht einmal denken, man ſollte ſich ruhig in ſeinen Fauteuil zurücklehnen, um langſam das wunderbare Bild in ſich aufzunehmen, und dann die Augen ſanft ſchlie⸗ ßen, um ein ganz vollendetes Glück zu träumen.“ „Was Sie da ſagen, verehrtes Fräulein,“ gab Herr Bertolini zur Antwort,„erfüllt mein italieniſches Herz mit Stolz. Aber Sie haben vollkommen Recht: Neapel iſt der ſchönſte Fleck der Erde, und bei Neapel iſt die Villa Cedro⸗ nia unbeſtritten der ſchönſte Punct.—— Göttlich am heu⸗ tigen Abend!“— Zu dieſer Göttlichkeit des heutigen Abends, von welcher der gute Italiener erfüllt war, wirkte neben der Ausſicht im gegenwärtigen Augenblicke auch Kaffee und Cigarre mit; er ſchlürfte den duftigen Trank mit ſolchem Behagen in ſich hinein, daß ſeine Augen ordentlich zwinkerten, und als er darauf den erſten Zug aus der Cigarre that, ſchloß er ſie ganz, um, nach dem Ausdrucke Roſa's, nur in ganz anderer Art, eines vollendeten Glückes zu genießen. Geneigter Leſer, ich bin überzeugt, daß Du in ähnlichen Fällen nicht anders fühlen wirſt, und hoffe, daß, wenn Du ſpäter San Antonio beſuchſt, Dich dort auf die Terraſſe ſetzeſt und auf das unausſprechlich ſchöne Panorama hinabblickſt, Du mir vielleicht Dank wiſſen wirſt, daß ich Dir dieſen klei⸗ nen reizenden Punct ſo ausführlich geſchildert. Roſa warf einen raſchen und forſchenden Blick auf ihren AM 3 Nachbar, und als ſie ihn ſchwelgen ſah in Ausſicht, in Kaffee und Cigarre, da ſchaute ſie wieder vor ſich hin, ſchlug die Arme über einander und ſagte in höchſt gleichgültig klingendem Tone: „Nicht wahr, Herr Bertolini, Sie ſind Neapolitaner?“ w „Vollblut⸗Neapolitaner,“ Großvater und Urgroßvater he auch ſo durchdrungen von den mal zu einer kleinen Reiſe ins Ausland, nach Rom und Mai⸗ land, veranlaßte. Dort ſah ich die mit Schnee und Eis bedeckten Alpen und ſchauderte, als ich bedachte, daß hinter denſelben auch noch Menſchen wohnen. „Das iſt mein Vaterland,“ ſagte lächelnd das junge Mädchen. „Ich muß das glauben,“ verſetzte der galante Italiener; „blühen doch auch in den Gewächshäuſern wunderſchöne ſüd⸗ liche Blumen. Signora müſſen unbedingt von itali oder ſpaniſchen Eltern abſtammen.“ „Das ich nicht wüßte,“ erwiderte Roſa lächelnd;„ich kann Ihnen ebenfalls mit Stolz verſichern, daß mein Groß⸗ vater und Urgroßvater von der reinſten deutſchen Race ſind.“ „So haben wir ein prachtvolles Spiel der Natur, das uns jedenfalls zur Bewunderung nöthigt,“ ſagte der Impre⸗ ſario mit einer tiefen Neigung des Kopfes. „Warum ein Spiel der Natur?“ „Weil zwiſchen Ihnen, Signora, und den Damen einer Familie, in welcher ſich italieniſches und ſpaniſches Blut ver⸗ miſcht hat, eine außerordentliche Aehnlichkeit ſtatt findet.“ „Da Sie alſo Neapolitaner ſind und die Stadt nie verließen, ſo werden Sie ſie und ihre Verhältniſſe genau kennen.“ eniſchen „Ich muß zur Antwort einen etwas gewöhnlichen Aus⸗ druck gebrauchen: wie meine Taſche. Es gibt nichts Be⸗ zeichnenderes.“ Erkundigungen. 61 gab dieſer zur Antwort;„von r die ächteſte und reinſte Race, Schönheiten meines Vaterlandes, daß mich nur die äußerſte Noth in Betreff des Theaters ein⸗ Fünftes Kapitel. „Neapel hat vielen Reichthum?“ „Allerdings, aber auch viel unbemitteltes Volk. Arm kann man ſie gerade nicht nennen, denn da ihre Lebensbe⸗ dürfniſſe ſo außerordentlich gering ſind, ſo kommt ſelbſt der Unbemitteltſte ſelten in die Lage, darben, hungern zu müſſen. Sein Brod, Maccaroni, eine unendliche Menge von Früchten, Wein, wächſ't um ihn her; der Himmel wärmt ihn, und ſelbſt wenn er nicht eigenes Dach und Fach hat, ſo leidet er keine große Noth, da überall ein Mauervorſprung, eine Halle, ein umgeſtürztes Boot zu finden ſind, die ihm Nachtherberge ge⸗ ben; ſeine frutti di mare dritten und vierten Ranges kann er faſt umſonſt haben, und wenn ihm auch dieſe einmal feh⸗ len ſollten, ſo vertreibt er ſich Hunger und Langeweile, indem er eine Handvoll semensi verſpeiſ't.“ „Was iſt das?“ „Es ſind die Kerne der Sonnenblume, nahrhaft, geſund und zeitvertreibend.“ „In Neapel iſt ein großer Adel?“ fragte das Mädchen weiter. „Viel Adel— weniger große und reiche Familien.“ „Kennen Sie die Marcheſa Fontana?“ fragte Roſa raſch, ohne aber dabei ihren Nachbar anzublicken. Dieſer ſchielte mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdruck zu ihr hinüber; offenbar war er überraſcht, dieſe Frage zu hören, denn ein paar Sekunden lang gab er keine Antwort und hielt die Cigarre bei geöffneten Lippen mit ſeinen ſchnee⸗ A A weißen Zähnen feſt. Da aber das junge Mädchen mit und bewegten Geſichtszügen auf das Meer hinausſtarrte, ſo nahn der ſchlaue Italiener ſeine Partei und erwiderte:„Ah, Fon 1 tana— wer ſollte die Familie nicht kennen! Da iſt der Due. 1 Erkundigungen. 63 von Fontana, Palazzo Strada Toledo tana, ihnen gehört die Floridiana, hatte, Ihnen zu zeigen; „da iſt der Conte Fon⸗ die ich vorhin die Ehre da iſt endlich die verwittwete Mar⸗ cheſa Fontana auf ihrem Schloſſe bei San Forio, mit gro⸗ ßen Beſitzungen hier und in Sicilien.“ „Sie hat einen Sohn— Gaetano?“ forſchte Roſa, ſchein⸗ bar mit der größten Unbefangenheit, weiter. Signor Bertolini ſchielte abermals mit ein klein wenig Ueberraſchung in den Zügen zu ihr hinüber, d er ſich, zu ſagen:„Bekannt, ſehr bekannt.“ Das junge Mädchen gab kein Zeichen von Bewegung, fragte dagegen mit langſamer und ſehr deutlicher Stimme: „Und iſt dieſer Marcheſe Gaetano Fontana verheirathet oder nicht?“ ann begnügte Herr Bertolini hatte das Gefühl, als ſetze ihm Jemand eine Piſtole auf die Bruſt; er ſchien einen Augenblick un⸗ ſchlüſſig zu ſein, was er ſagen ſolle; er zuckte mit den Ach⸗ ſeln und ſeine Stimmung wurde unbehaglich, als er nun, nach ſeiner Nachbarin hinüberblickend, ſah, wie dieſe ihre gro⸗ ßen glänzenden Augen feſt auf ihn gerichtet hielt. Unter dem Drucke dieſes Blickes ſagte er nach einer kur⸗ zen Pauſe:„Der Marcheſe Gaetano Fontana gilt bei Leuten, die ſeine Verhältniſſe kennen, für unverheirathet.“ „Warum gilt?“ „Per bacco! verehrtes Fräulein,“ erwiderte der Impre⸗ ſario mit einer etwas forcirten Luſtigkeit,„man muß ſeine Landsleute kennen. Dieſe jungen vornehmen Herren machen oft ganz merkwürdige Streiche.“ „A— a—h! In der That?“ „Vom Marcheſe Fontana,“ fuhr Herr Bertolini fork, 64 Fünftes Kapitel. indem er vor dem kalten, gedehnten Ah plötzlich wieder ernſt wurde,„iſt mir, auf Ehre, nicht das geringſte Nachtheilige zu Ohren gekommen. Er iſt kein leichtſinniger Herr, er iſt kein Schuldenmacher, und wenn ich vorhin ſagte: er gilt für unverheirathet, was allerdings zweideutig klang, ſo bezieht ſich dieſe Aeußerung nur auf ein unbeſtimmtes Gerücht, das mir, wie vielen Anderen, bei einer gewiſſen Veranlaſſung zu Ohren kam.“ „Und dieſes Gerücht?“ fragte das junge Mädchen mit ruhigem, aber feſtem Ton. „Nun— dieſes Gerücht,“ ſagte der Impreſario, indem er den Kopf hin und her wiegte,—„eben ein Gerücht, wie es ſo viele gibt— wie ich feſt überzeugt bin, eine Lächerlich⸗ keit, ſagte: Marcheſe Gaetano Fontana habe ſich in Palermo verheirathet, werde aber ſeine Gemahlin erſt nach Neapel bringen, wenn gewiſſe Differenzen mit dem Allerhöchſten Hofe hier ausgeglichen ſeien.“ „Wer, ſagte man, ſei dieſe Gemahlin?“ „Eine Fürſtin Pallavicini.“ „Ah, bei Gott, man ſpricht ſehr beſtimmt darüber?“ „Beſtimmt nicht— nur gerüchtweiſe.“ „Sie kennen dieſe Fürſtin Pallavicini?“ „Ich ſah ſie in Palermo, und das iſt gerade—“ Der Italiener ſtockte, als habe er zu viel geſagt. Doch faßte Roſa dieſes Wort auf und ſagte haſtiger, — 3 — 1 als bisher:„Was iſt gerade?“ „Eigentlich nichts— 4 „Nun denn?“ „Das Spiel der Natur, von dem ich vorhin ſprach. Sig⸗ f nora ſehen dieſer Fürſtin Pallavicini außerordentlich ähnlich.“ 4 4 h „ 65 4 4 Erkundigungen. 65 Roſa ließ den Kopf in ihre Rechte ſinken, athmete einen Augenblick tief und ſchwer, dann ſtrich ſie leicht mit der Hand über ihre Stirn und ſprach:„Erlauben Sie mir noch eine Frage. Sie ſagten vorhin, das Gerücht über dieſe Verhei⸗ rathung des Marcheſe Gaetano ſei Ihnen zu Ohren gekom⸗ men bei einer gewiſſen Veranlaſſung. Welches war dieſe Veranlaſſung?“ Das junge Mädchen hatte in ihrem Weſen und in ihrer Art, zu ſein, etwas ſo ungemein Ernſtes und Imponirendes, daß ihre Fragen, ſo einfach ſie auch klangen, dem Impreſario ein unbehagliches Gefühl erregten. Ja, das Feuer ſeiner vortrefflichen Cigarre war erloſchen, und ſtatt ſie wieder an— zuzünden, legte er ſie ruhig bei Seite. Er hätte in dieſem Augenblicke gern gewünſcht, daß ihm der Veſuv den Gefallen gethan hätte, etwas weniges außergewöhnliches Feuer empor zu werfen, um dieſe peinliche Unterhaltung abbrechen zu können. Doch ſtand der Berg da, erhaben und majeſtätiſch, wie immer, in der glänzenden, glutvollen Abendbeleuchtung, ließ ſeine feine, ſcharf gezeichnete Rauchſäule aufſteigen, die ſich oben fächerartig über die Sommat ausbreitete und an den Rändern mit dem hellen Himmel faſt verſchmolz.— Aber es kam nichts Außergewöhnliches, und der feſte Blick des Mäd⸗ chens nöthigte ihn, um ſo mehr ihre Frage zu beantworten, als er wohl wußte und fühlte, daß ſie ihn nun einmal nö⸗ thigen wollte, mit ihr über Dinge zu ſprechen, die ihr voll⸗ kommen bekannt waren. „Dieſe Veranlaſſung alſo— 2“ „Bei allen Heiligen!“ platzte der Italiener nach einer längeren Pauſe endlich heraus,„es war dies eine Veran⸗ Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 5 66 Fünftes Kapitel. laſſung, wie ſie Ihnen und der Signora Schweſter häufig genug vorgekommen ſein muß. Welch' immenſe Künſtlerin Signora Francesca iſt, wiſſen Sie ja ſelbſt ganz genau, eben⸗ falls, ob ſie Liebenswürdigkeit mit Schönheit gepaart in ſol⸗ chem Maße beſitzt, um der ganzen Welt den Kopf zu ver⸗ drehen. Wollte ich Ihnen alle die Namen herzählen, die ſich voll Enthuſiasmus an den Triumphwagen unſerer großen Sängerin ſpannten, da müßte ich nicht nur die glorreichſten Familien des Landes nennen, ſondern auch, was ſich von diſtinguirten Fremden in Neapel befindet. Auf meine Ehre, ſo etwas haben wir Alle noch nie erlebt, die offenbare Raſerei aller der jungen Leute und dabei die Ruhe und Kälte unſerer ſo hoch gefeierten und noch höher geachteten Sängerin!“— „Und unter dieſen Verehrern, wenn wir ſie ſo nennen wollen, machte ſich der Marcheſe Fontana bemerkbar?“ „Bemerkbar— ja—a; man muß, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ſagen, recht bemerkbar, aber— Signora Franscesca iſt kalt, wie der Schnee des Veſuvs.“ „Laſſen wir das, Herr Bertolini,“ ſagte das Mädchen mit großer Kälte im Ton ihrer Stimme.„Nehmen Sie überhaupt meine Fragen für müßiges Geplauder. Aber ſehen Sie,“ fuhr ſie raſch und plötzlich verändert und heiter fort, „Sie ſcheinen unſere Unterredung wahrhaftig von einer ſehr ernſten Seite aufgefaßt zu haben, denn im Eifer des Ge⸗ ſprächs ließen Sie Ihre Cigarre ausgehen— etwas Schlim⸗ mes für einen guten Raucher. Bitte, zünden Sie an und ſchauen Sie in die Gegend hinaus, wie prächtig die Lichter und Schatten auf Meer und Landſchaft nun mit jeder Minute wechſeln.“ Der Vordergrund, die Gebüſche vor der Terraſſe und Erku ndigun gen. 67 weiter hinab die Rampen, dann die Häuſer unten und der Weg zur Mergelina lagen ſchon in tiefem Schatten, und mächtig ſchritt dieſer vorwärts, jetzt auch die Villa Reale einnehmend, und immer weiter und weiter gleitend, ſeine Herrſchaft über Meer und Land unaufhaltſam auszudehnen. Die ganze Vegetation glänzt durch die Streiflichter der Sonne prächtig wie im herbſtlichen Schmucke röthlich und gelb an⸗ geſtrahlt; die Landhäuſer des Vomero, ſo wie die des Petrajo ſprühen goldene Strahlen aus ihren beleuchteten Fenſtern. Das Gemäuer der beiden Caſtelle ſcheint reiner Goldocker, und die ruhige See gibt treulich das Bild des Caſtel del' Uovo zurück. Doch auch dieſer Theil geht in Violett über, der Schatten macht Rieſenſchritte; nur der Veſuv und die Gebirgskette von Monte Sant Angelo glühen noch im w ſten Lichte und ſcheinen ſelbſt über zeichnung immer tief ärm⸗ die ihnen werdende Aus⸗ er zu erröthen. Die Eremitage am Veſuv und die Fenſter der Sternwarte Tiefe blaue Schatten zeigen deutlich die Riſſe des Berges, und der braunſchwarze Streifen, der bis an das Ufer hinab kommt, iſt die letztgefloſſene Lava. ſich im Meere zu ſpiegeln, d Farbenpracht, vom glühendſten Roth, zarteſten Violett bis zur dunkelſten Neutraltinte und zum tiefſten Schwarzbl Vordergrunde ſpielt. Nicht eine Welle, nicht ein auf dem ganzen weiten Golfe, der nun wie hingegoſſenes Oel in unerreichbarem Glanze da liegt, ein Bild der Ruhe. Kein Lüftchen weht, alle Blumen und Gewächſe hauchen ihren Duft aus, ehe ſie ihre Kelche ſchließen. 8 4 Das Wagengeraſſel unten in tritt nun ganz deutlich hervor, funkeln wie bei einem Brande. Der ganze Berg beginnt as nun in der wundervollſten au im Kräuſeln der Stadt hat allmältg 68 3 Fünftes Kapitel. aufgehört, und von San Antonio erſchallt das Ave⸗Maria, die vierundzwanzigſte Stunde und den Tagesſchluß anzeigend; unten geſellt ſich die tiefe Glocke von Pie di Grotta, weiter die von San Giuſeppe di Chiaja dazu, und immer mehrere nahe und ferne Glocken tönen leiſe dazwiſchen, bis eine um die andere langſam verhallt und gänzliche Ruhe eintritt. Welchen Frieden träufeln dieſe Glockentöne in unſer Herz und laſſen uns zu gleicher Zeit an ferne Lieben denken! Haben wir doch das Bewußtſein, daß auch ſie mit tauſend und tauſend Anderen dieſen Klängen lauſchen, mitſprechend das ſchöne Gebet: der Engel des Herrn, das ſich nun mit der vorrückenden Sonne von Ort zu Ort ſchwingt, von Mund zu Mund— um den ganzen Erdball herum. Die Spitze des Veſuv, die noch immer leicht geröthet war, ſo wie die des Monte San Angelo werden auch all⸗ mälig finſter, und nur die Rauchſäule hat noch einige blaß⸗ rothe, ungemein zarte Lichtchen, die aber bald verſchwinden. Jetzt wechſelt die Farbe wieder: das Violett wird weniger hart, es verliert ſeine Kälte, und der Vor⸗ und Mittelgrund erlangt nach und nach wieder ſeine Localfarbe, während die Berge immer heller und heller werden, und jetzt— o, des wunderbaren Anblicks!— von neuem mit roſigem, obgleich ſchwächerem Scheine übergoſſen werden— dem Abglanze des gerötheten Himmels, der ſie auch lange noch in einem war⸗ men Tone erhält.—— Frangoiſe hatte ſich vom Hauſe her mit leichten Schrit⸗ ten den Beiden genähert, war hinter die Schweſter getreten und nun wie dieſe im Anſchauen all' der unendlichen Pracht und Herrlichkeit verſunken. Wie eine müde Blume, die vom Abendſchatten getroffen wird, neigte ſie ihr Haupt herab, bis⸗ 4 Erkundigungen. 69 ihre Wange das Haar Roſa's berührte, worauf dieſe ihre beiden Hände erhob, die Rechte der Schweſter faßte und innig drückte.. Ein paar Augenblicke ſpäter ſagte Frangoiſe ſo leiſe flüſternd, daß es dem Nebenſitzenden wie das leiſe Wehen eines Blattes klingen mußte:„Halte ihn noch eine Weile zurück und dann entlaß ihn. Sage ihm, ich ſei nicht aufge⸗ legt zu Geſchäftsſachen, und du wüßteſt meine Abſichten nicht, oder ſage ihm, was du willſt— morgen Abend vor der Vor⸗ ſtellung würde ich moch mit ihm reden.— Ich— ich— will noch einen Gang nach dem Pavillon machen,“ ſ ſchüchtern hinzu und neigte das Geſicht ſeitwärts, klaren Blick ihrer Schw Kopf gegen ſie wandte. Roſa drückte die kleine Hand, die ſie gefaßt hielt, inniger und ſprach mit eben ſo leiſer Stimme zurück:„Willſt du nicht bleiben, Francoiſe, mit mir einige Worte reder du— 2 etzte ſie um dem eſter zu entgehen, welche langſam den a— ehe „O, nein, nein,“ verſetzte die Andere mit zitternder Stimme,„ſpäter, Roſa! Glaube mir, ich werde klug ſein.“ Roſa biß ihre Lippen auf einander und über ihr ernſtes, ſchönes Geſicht flog wie ein finſterer Schatten der Ausdruck eines tiefen Schmerzes. „Wird er kommen?“ fragte ſie eben ſo leiſe. „Ich glaube nicht,“ gab Frangoiſe ausweichend zur Ant⸗ wort.„Er— er war auf Ischia und wollte bei ſinkender Sonne unten vorüber fahren. Ich will ihm nur ein Zeichen geben. Er hat mir geſagt, um dieſen letzten Tag kein un⸗ nöthiges Aufſehen zu machen, wolle er ſich mit der größten Ueberwindung fern halten— da morgen— Fünftes Kapitel. Der Italiener, der jetzt doch wohl hörte, daß die beiden Schweſtern leiſe zuſammen ſprachen, hatte ſich als discreter Mann erhoben und war dicht an die Baluſtrade der Terraſſe getreten. Als er ſich nach einer Weile wieder umwandte, war Francoiſe verſchwunden. Noch ein paar Augenblicke ſchaute Herr Bertolini rings um ſich her, wobei er ſeinen 9 Blick über das junge Mädchen hinſchweifen ließ, das in tiefe Gedanken verſunken, da ſaß und ſich nicht regte; dann nahm er langſam ſeinen Hut vom Boden auf und ſagte mit lauter Stimme:„Ich begreife vollkommen, daß unſere große Sän⸗ gerin nicht Luſt haben wird, bei dieſem wunderbaren Abend an Geſchäfte zu denken. Leider,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„ſind die Damen überhaupt ſchwer dazu zu bringen. Ich lege alſo meine Bitten und Wünſche in Ihre Hand, Signora, und erſuche Sie um ein kleines Fürwort, damit„ ein armer, geplagter Impreſario mit einiger Ruhe in ſeine ſonſt ſo dunkle Zukunft blicken kann. Machen Sie um's Himmels willen, daß alle Kunſtfreunde Neapels nicht tiefe Trauer anlegen müſſen.“ „Allerdings ſcheint meine Schweſter heute Abend nicht geneigt, ſich mit Geſchäften abzugeben,“ verſetzte Roſa;„ja, ſie ſcheint mit Abſicht entflohen zu ſein. Wie ich aber von ihr vernahm, wird ſie morgen früher nach der Stadt fahren, um vor der Vorſtellung auf dem Bureau mit Ihnen zu reden.“ Der Impreſario hatte ſeinen Hut mit beiden Händen gefaßt und drückte ihn mit einer pathetiſchen Bewegung, wo⸗ bei er ſich zugleich tief verneigte, vor die Bruſt; dann erhob er das Geſicht mit einem bittenden Ausdruck, während er ſagte:„Und was wird ſie mit mir reden? O, Signora, könn⸗ ten Sie die Spannung fühlen, mit der ich die Stunde dieſer Erkundigungen. Unterredung erwarte! Gewiß, es ſicher nicht an einem freun 9 könnten Sie das, können,“ gab Roſa zur Antwort Fürwort nicht fehlen. Doch wir Schweſtern gewo und daß wir Beide auf Ueberredunge „Aber Sie ſind nicht gegen mich?“ „Warum das? Gewiß nicht!“ „So erlauben Sie, daß ich weis von Wohlwollen die Hände küſſe.“ Und der galante Jt einer tiefen Verbeugung zurück, verlie und gleich darauf die Villa Cedronia. Roſa hatte ſich wieder in legte ihren Kopf gegen die L an einander, als wo Es war das aber nichts Sichtbares, Flut von Gedanken freundlicher und wieder finſterer Art. teren die Oberhand, das ſah Miene des jungen Mädchens, an de Lippen, und hätte es hören könne zuweilen wie ein tiefes Aufſchluchzen klangen. wann, wie um ihren erhob ſie ihren Kop auf das herrliche Landſchaftsbild, Ihnen ſchon ſi 71 ſo würden Sie dlichen Fürworte fehlen laſſen.“ „Auch ohne dieſe Spannung vollkommen ermeſſen zu „„ſoll es gewiß an meinem kann ich Ihnen verſichern, daß hnt ſind, jede ihren eigenen We g zu gehen, n nichts halten.“ ir dieſen Be⸗ aliener that alſo, trat darauf mit ß alsdann die Terraſſe ihren Stuhl zurückgelehnt, ehne und ſchloß ihre Arme feſt lle ſie ſich mit irgend etwas verhüllen. vielmehr war es eine in die ſie langſam verſank— Gedanken Doch hatten die letz⸗ 4 man deutlich an der düſtern m Zuſammenpreſſen ihrer n an ihren Athemzügen, die Dann und Ideengang gewaltſam zu verändern, f und ſchaute mit weitgeöffneten Au gen das ſo nahe vor ihr lag. Dann ließ ſie ihre Blicke raſch über Neapel wegſchweifen, auch über den Veſuv, wo ſie einen kleinen Moment verweilte, 72 Fünftes Kapitel. Erkundigungen. über Caſtellamare und Sorrent, um dann länger nach Capri zu ſehen. Das Meer war ſo ſtill wie der Himmel, und alles in weiter Ferne rings umher war wie verloren in träumeriſchen Duft, ſo ſtill und weich— es paßte nicht zu ihrer Stim⸗ mung. Aber der Anblick von Capri war ihr ſympathiſch, das ſtand da ſo groß und ernſt, ſo klippenſtarr und fels⸗ zacken⸗gepanzert in der melancholiſchen Wildheit ſeiner Berge und in der ſchroffen Jähe der ſchwindelſteilen Kalkwände von rother Farbe, fürchterlich und lieblich zu gleicher Zeit. Dichter haben Capri mit einer Sphinx verglichen, An⸗ deren erſchien die ſchöne Inſel wie ein antiker Sarkophag, deſſen Seiten ſchlangenhaarige Eumeniden ſchmücken, oben auf aber liegt der blutige Tiberius.— Und Gedanken, welche zum letzteren Bilde paßten, erfüllten das Gemüth des jungen Mädchens. Sechstes Kapitel. Die erſte dunkle Stunde. Frangoiſe hatte die Terr aſſe und die dunkeln Laubgänge des Gartens betreten „in denen ſie dahin eilte. Blicke, welche ihr gefolgt wären, würden ihr weißes Gew Zeitlang zwiſchen den grünen Blättern haben durchſchimmern ſehen. Sie ging bei der Scala del Leone, jener Treppe vor⸗ über, die auf den abkürzenden Weg nach der Mergelina führt, wandte ſich wieder und ſchritt über zwei Stufen zu dem ſchmalen Wege hinunter, der unter den finſtern Cypreſſen, welche wir von unten ſahen, zwiſchen hohen, duftenden Bux⸗ hecken nach dem röthlichen Pavillon der Terraſſe führt, die unmittelbar eine weite Ausſicht auf den Golf gewährt. Dort vor dem Pavillon lehnte ſie ſich an das Mauer⸗ werk, und ſo mußte die weiße Geſtalt neben den jetzt tief⸗ dunkeln Steinen auf weite Entfernung geſehen werden. Und das war auch in Wahrheit ihre Abſicht. Ob es ihr dagegen gelingen würde, unter der Menge von Fahrzeugen, die mit und ohne Segel die weite Bucht and noch eine 74 1 74 Sechstes Kapitel. kreuzten, das Boot zu erkennen, nach dem ſie mit angeſtreng⸗ teſter Sehkraft blickte, und das, wie ſie wohl wußte, eine brennend rothe Fahne führte, war eine andere Frage. „Nein, nein,“ ſprach ſie zu ſich ſelber,„das iſt unmög⸗ lich; ich werde deſto lebhafter und herzlicher an ihn denken. — Vielleicht auch, wenn ich mich ſo innig nach ihm ſehne, leitet der gewaltige Wunſch ihn zu ſehen, mein Auge.— Dort— nein, es iſt ein Fiſcherboot!— O Gaetano!— bald mein Gaetano!“ Sie flüſterte dieſe Worte mit weicher, ſchmelzender Stimme und mit einer unausſprechlichen Innig⸗ keit, ſchrak aber im nächſten Augenblicke heftig zuſammen, da ſie mit einem Male fühlte, wie zwei Hände aus einer der Fenſterwölbungen des Pavillons hervor, an welchem ſie lehnte, ſanft ihren ſchlanken Leib umfaßten. „O mein Gaetano!“ „O ſüße Francesca, verzeihe mir, daß ich mein Wort nicht gehalten, aber es war ſo unüberlegt das Verſprechen, welches ich dir gegeben. Und daß du es mir abverlangteſt, beweiſ't einen grenzenloſen Egoismus. Du willſt nur geſehen ſein, immer hoch ſtehend, hellleuchtend, die Andern ſollen ſo in Maſſe vor dir verſchwinden, auch der arme Gaetano! Du ſchauſt mit deinem wundervollen Blicke ſo auf das Gewim⸗ mel zu deinen Füßen: vielleicht iſt auch er darunter— er, o meine Francesca, der aus Liebe zu dir ſtirbt und die ganze Welt ausgeſtorben wünſchte, um mit dir allein leben zu können!“— „Wie du mich erſchreckt haſt!— Wahrhaftig, ich könnte dir böſe ſein,“ gab ſie zur Antwort. Doch ſtrafte der herz⸗ liche Ton ihrer Stimme dieſe Worte Lügen.„Und wie du nun wieder ſprichſt, ungemeſſen, leidenſchaftlich wie immer! 7 Die erſte dunkle Stunde. Wahrhaftig, ich bin froh,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, wobei ſie einen ſehr ſchwachen Verſuch machte, ſich einen ſehr kleinen Schritt von dem Pavillon und ihm zu entfernen, „daß uns feſte Mauern trennen.“ „O dem kann ſogleich abgeholfen werden,“ lachend und ſchwang ſich leicht und gewandt hinaus auf die Terraſſe. „Du überſpringſt freilich alle Schranken, ich weiß das wohl,“ ſagte ſie und wehrte ihn mit ihren kleinen Händen anmuthig von ſich ab.„Ich will aber heute Abend allein ſein— gewiß, Gaetano, ganz allein ſein.“ „Das iſt nicht dein Ernſt, Francesca,“ entgegnete er mit einer betrübten Mi Niene, die aber wieder heiter wurde, ſowie er in ihr Auge blickte, das voll Freundlichkeit und Liebe glänzte. „Nun, ich will dir denn die Erlaubniß geben, eine kurze Zeit zu bleiben,“ ſagte ſie,„aber ich ſtelle Bedingungen.“ „ Bedingungen?— Und welche?“ „Du ſetzeſt dich an dieſes mich an das andere.“ 75 erwiderte er zu dem Fenſter hier Ende der Bank hier und ich „Und der leere Raum zwiſchen uns Beiden?“ „Wird mit äußerſt ruhigen Geſp rächen ausgefüllt. Gehſt du darauf ein?“ „Ich muß mich wohl deinem ſtrengen Willen fügen, Herrin der Villa Cedronia, Königin von Neapel, ſüße, ſüße Majeſtät!— Aber zuerſt darf ich zu Einleitung des Ge⸗ ſprächs deine beiden lieben Hände küſſen?“ Das mußte ſie ihm wohl erlauben, nur die Hand, ſondern auch jede einzeln als er endlich damit fertig war, und er küßte nicht e Fingerſpitze; ja, zog er das widerſtrebende 76 Sechstes Kapitel. Mädchen einen Augenblick heftig in ſeine Arme, und ſie mußte es geſchehen laſſen, daß er ſeine Lippen eine Sekunde lang feſt auf die ihrigen preßte. Dann aber fuhr er zurück, machte eine komiſche, ſehr tiefe Verbeugung, ſetzte ſich ganz knapp auf das eine Ende der Bank, während er ſagte:„Und nun — ins Exil!— Jetzt werde ich dir ausführlich ſagen, welch' ungeheuren Fortſchritt ich in der letzten Zeit in der deutſchen Sprache gemacht habe, und nur dir zu lieb, ſüße Francesca, denn ſonſt würde keine Macht der Erde es mir möglich ma⸗ chen, dieſe barbariſchen Worte zu lernen.“ Dies ſagte er in einem allerdings wunderlichen Gemiſch von Deutſch, Italieniſch und Franzöſiſch, doch war aus dem, was er in erſterer Sprache ſagte, wohl zu erſehen, welch' außerordentliche Mühe er ſich gegeben. „Mein Sprachmeiſter in Neapel iſt mit mir zufrieden, hoffentlich auch du, meine ſonſt ſo ſtrenge Richterin.“ Sie lächelte ſelig in ſich hinein, als ſie die Töne der heimatlichen Sprache aus ſeinem Munde hörte. „Iſt es aber nicht traurig,“ fügte er heiter hinzu,„daß ich nach all der guten Aufführung, und nachdem ich ſogar Deutſch gelernt, dich nun heute Abend verlaſſen ſoll? „Eigentlich aber,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, wäh⸗ rend welcher er nicht in die vom Abendduft verſchleierte Ge⸗ gend geſchaut, ſondern nur auf ihr Geſicht, und jetzt ſprach der wieder nur in der Sprache ſeiner Heimat,„eigentlich habe ich nicht nöthig, mich ſogleich zu fügen, denn ich kann wohl ſagen, daß ich mit vollem Rechte hier bin.“ „Ah! Das möchte ich hören.“ „Und dieſe Auseinanderſetzung ſoll nicht auf ſich warten — Die erſte dunkle Stunde. 77 laſſen. Excellentiſſima werden ſich ohne Zweifel erinnern, welch' wichtiger Tag morgen für uns Beide iſt.“ „Ich erinnere mich nicht ganz genau,“ ſagte ſie mit einer angenommenen Zerſtreutheit.“ „O Francesca!“ rief er nun plötzlich mit einem g veränderten und ſehr innigen Ausd wüßteſt du in der That nicht?“ „O doch, Gaetano, o doch!“ g weichen Tone zur Antwort, gegen ihn aus, die er ergrif anz ruck der Stimme,„das ab ſie haſtig mit einem und ſtreckte eine ihrer Hände f und natürlicher Weiſe feſthielt. „Meine Berechtigung, heute noch zu kommen, liegt alſo darin,“ ſagte er,„daß doch noch Einiges für morgen zu be⸗ ſprechen iſt. Da deine Schweſter R wird, ſo werden wir jedenfalls in zwei Wagen fahren. Das iſt nun alles beſorgt; du weißt, wo wir die Reiſe⸗Equipagen finden, das Gepäck wird im Laufe des morgenden Tages dorthin beſorgt, und nun— kommt die Hauptſache.“— Er zog ein Papier aus der Taſche.—„Neben den Päſſen, die zu einer Wegreiſe von Neapel ſehr in Ordnung ſein müſſen, und bei uns auch ſind, braucht es noch einen beſonderen Ausweis für's Thor, der gewöhnlich nur am Tage der Ab⸗ reiſe ſelbſt ertheilt wird. Doch hat die hohe Polizei davon eine Ausnahme gemacht und mir die Papiere für dich und deine Schweſter ſchon heute ausgefertigt, keinen Aufenthalt gibt. Habe ich darauf hin nun nicht Recht gehabt, heute noch zu kommen, Hartherzige? Oder hätte ich vielleicht dies wichtige Document durch Jemand ſchicken ſollen?“ „Dieſe Frage iſt nicht dein Ernſt, ſie.„Soll ich oſa mit uns abreiſen damit es morgen Gaetano,“ erwiderte dir wiederholen, wie lieb es mir iſt, dich heute, 78 Sechstes Kapitel. wenn auch nur einen Augenblick, zu ſehen? Ueberhaupt haſt du ja das Verbot deines Beſuchs dir ſelbſt auferlegt.“ „Aber nach ſchwerem Kampf,“ ſchaltete er ein. „Und hatteſt im Grunde gewiß vollkommen Recht, denn ich fühle wohl, daß wir von Spähern deiner Mutter umgeben ſind. Deßhalb bleibe nicht zu lange.“ „O heute Abend hat es keine Gefahr,“ ſprach er mit herzlicher Stimme, wobei er ſanft ihre Hand auf ſeine Schul⸗ ter legte, und ihr ſo unmerklich etwas näher kam.„Ich bin in Ischia geweſen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und habe von dort mein Boot über den Golf hinüber heim geſchickt mit meinem Diener, der zu Hauſe ſagen muß, daß ich heute Nacht auf der Inſel bleibe.“ „Alſo darfſt du nicht nach Haus?“ fragte ſie ein wenig erſchrocken. „Nein,“ gab er lächelnd zur Antwort, indem er ihr wie⸗ der etwas näher rückte.„Wärſt du eine Italienerin, ſo würde ich dir ſagen—“ „Ich will nicht wiſſen, was du mir alsdann ſagen △‿ würdeſt.“ „Da du aber eine kalte, erbarmungsloſe Deutſche biſt, ſo muß ich dir erklären, daß ich mich von hier entfernen werde, ſobald dein ſtrenger Befehl mich dazu zwingt, und daß ich alsdann in Wirklichkeit nach Ischia zurückkehre.“ Es entſtand eine längere Pauſe, in welcher es rings um die beiden Liebenden ſo ſtill war, daß man deutlich das ſchwache Murmeln des Meeres hörte und das ſanfte Wehen des Abendwindes in den Orangenbüſchen, die ein Laubdach über ihren Häuptern bildeten. Zuweilen löſtte ſich eine duf⸗ tende Blüthe und fiel herab. Die erſte dunkle Stunde. 79 „O deine Mutter, Gaetano,“ ſagte das junge Mädchen endlich,„macht mir recht viel Kummer. Wenn das anders wäre, ich könnte grenzenlos glücklich ſein.“ „Das wird ja anders, mein Herz,“ erwiderte er ſchmei— chelnd, indem er leicht ſe inen Arm um ihren ſchlanken Leib legte.„In das, was geſchehen ſein wird, findet ſie ſich, wenn auch anfänglich ſeufzend. Aber dieſe Seufzer werden ſich bald in Lächeln verkehren. O darüber bin ich vollkom— men ruhig.— Gewiß, Francesca, du weißt, wie ſehr ich meine Mutter liebe; ja ich liebe ſie herzlich und innig; würde ich etwas thun, von dem ich überzeugt wäre, daß es ihr wirk⸗ lich ſo tiefes Herzeleid verurſachte?— Nein, nein, glaube mir ſicher, die vollendete Thatſache wird ſie anerkennen und gern anerkennen.“ Francoiſe hatte ihr Haupt ſinken laſſen und ſagte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen:„O Gaetano, wenn du nicht fühlen würdeſt, wie unendlich ich dich liebe „welch' un⸗ geheures Opfer ich dir ſchon gebracht und noch bringe, ich wäre das unglücklichſte Weſen!— Und ich bin ſchon ſo recht unglücklich,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu.—„Ich habe mich an dich angeſchloſſen mit meinem Herzen; ich zwang mich mit aller J Schatten, die man um mich auf hältniß herein ragen zu laſſen. die ich mit aller Kraft, deren ich doch zuweilen ihre hohnlachend entſetzlich empor, und alsdann ruft eine innere Stimme, die ich nicht verachten ſollte, mir zu: ich bin betrogen, ich bin verlaſſen, ich werde verloren ſein.— O, das ſind qualvolle Momente.“ zu weichen, offenen Nacht, keinen der finſtern ſteigen ließ, über unſer Ver⸗ Aber die finſteren Geſtalten, fähig bin, niederhielt, ſtrecken en Häupter rieſengroß und Sechstes Kapitel. Sie zog ihre Hände raſch an ſich und drückte ſie vor das Geſicht. „Schon wieder dieſe ſchwarzen Träumereien, Francesca?“ bat er flehend.„Und heute wieder, ſo nahe der Stunde, die uns auf ewig vereinigen wird! Sage mir, was haſt du ſchon wieder? Wie kommen dergleichen falſche Klänge abermals in dein vertrauensvolles Herz?“ „O es iſt zu vertrauensvoll, ich weiß das ganz genau. Hätte ich das Gemüth meiner Schweſter, ſo würde ich länger geprüft haben.“ „Ah, deine Schweſter!“ gab ex mit einem Aufzucken der Lippen zur Antwort. Dann aber hob er den Kopf ſtolz em⸗ por und ſagte feierlich:„Ich hätte mich jeder Probe unter⸗ worfen und würde ſie beſtanden haben. Das ſchwöre ich dir zu, zum wie vielten Male,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„wird Gott gezählt haben. Ich aber wiederhole dir meinen heiligen Schwur, daß alles klar und recht zwiſchen uns iſt— ſo oft du ihn hören magſt, meine Francesca, mein ſüßes, geliebtes Weib, bei allem, was dem Menſchen heilig iſt, bei unſerem Daſein mit ſeinen Freuden, bei der Ewigkeit mit ihrem furcht⸗ baren Ernſt!“ „Gewiß, Gaetano, gewiß?“ rief ſie fragend aus. Und während ſie ihre beiden Arme um ſeinen Hals ſchlang, blickte ſie ihn mit thränenfeuchten Augen an.„Schwöre nicht,“ fuhr ſie erregt fort,„nein, nein, ich will keinen Schwurz; ich will nur noch einmal dein einfaches, gutes Wort; ich will dir vollkommen vertrauen, und du wirſt dieſes heilige Ver⸗ trauen nicht täuſchen.— Nicht wahr, mein Gaetano, es iſt alles klar zwiſchen uns? Wir dürfen einander angehören? Du biſt frei und unabhängig wie ich? Es darf keine kalte, Die erſte dunkle Stunde. 81 entſetzliche Hand zwiſchen uns erſcheinen? Es darf keine Stimme das Recht haben, uns zuzurufen: Scheidet, ihr habt Furchtbares begangen!—?— O, das wäre mehr als der Tod!“ Sie ſchluchzte laut auf und ließ dann ihr Geſicht auf ſeiner Schulter ruhen.— „Blick' auf, Francesca,“ ſagte Gaetano nach einer län⸗ geren Pauſe, während welcher er dem erregten, heftig ath⸗ menden Mädchen abſichtlich Zeit vergönnte, ſich zu ſammeln. —„Blick' auf,“ wiederholte er mit lächelndem Munde. „Könnte ich dir ſo heiter ins Auge ſehen, wenn mein Herz nicht wahr und ehrlich fühlte? Ob ich mich noch frei und unabhängig nennen kann,“ ſetzte er mit einem leichten Schüt⸗ teln des Hauptes hinzu,„weiß ich wahrhaftig nicht, denn du meine ſüße, fremde Eroberin, haſt deinem Sklaven mächtige Feſſeln angelegt.“ „Nicht ſo, nicht ſo!“ bat ſie, ihm feſt in die Augen ſchauend und mit leidenſchaftlicher Stimme ſprechend.—, Nicht ſo, Gaetano— nicht ſcherzend ſollſt du mir Antwort geben; du weißt, was ich meine, und daran denkend ſollſt du dem armen Mädchen, das dir alles geopfert, ehrlich deinen Blick zuwenden und ihm nochmals wiederholen, während du die Hand auf dein Herz legſt: ich bin frei und unabhängig, mich feſſeln keine Bande.“ „Nun denn, meine Francesca,“ gab er ſanft zur Ant⸗ wort, indem er die Rechte nach ſeiner Bruſt erhob,„mich feſſeln keine Bande, ich bin frei und unabhängig— gewiß und wahrhaftig, ſo wahr mir Gott helfe!“ Dann fuhr er Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 6 Er 82 Sechstes Kapitel. leicht mit der Hand über die Stirn und athmete etwas tiefer als gewöhnlich. „Amen,“ ſprach ſie und litt es geduldig, als er ſie feſt in ſeine Arme ſchloß und ſeine Lippen lange auf ihrem vollen blonden, duftigen Haar ruhen ließ. Nach einer langen ſüßen Pauſe, während welcher ihre Herzen ſchneller geſchlagen, löſ'te ſie ſanft ſeine Hände und behielt ſie in den ihrigen; dann lehnte ſie ihren Kopf an ſeine Bruſt und blickte träumeriſch lächelnd auf den dunkler wer⸗ denden Golf, auf welchem die Bilder wohl wechſelten, aber auch jetzt in der Dämmerung nicht aufhörten. „Sieh dort,“ ſagte ſie,„jenen ſchwarzen Punct oberhalb der Brücke des Caſtel del Uovo; über ihm erhebt ſich jetzt ein grauer Rauchſtreifen— das Dampfboot. Ich hatte es mir immer ſo ſchön ausgedacht, Neapel zu Waſſer zu ver⸗ laſſen und alsdann, während wir den Poſilipp umführen, noch einmal nach dem ſchönen Geſtade hinauf zu ſchauen, um alle die lieben Puncte, an denen wir ſo vergnügt und glücklich waren, zum letzten Mal recht innig ins Auge zu faſſen. Das wäre bei hellem Tage geweſen,“ ſetzte ſie mit einem eigen⸗ thümlich bewegten Ausdruck der Stimme hinzu,„während wir jetzt bei Nacht im finſteren Wagen deinem ſchönen Vater⸗ lande entfliehen.— Doch nein,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, „keine ſolchen Nachtgedanken; laß es Nacht ſein, wenn wir Neapel verlaſſen, folgt doch darauf der ſchönſte und glücklichſte Tag. Nicht wahr, mein Gaetano?“ „Gewiß, gewiß, mein ſüßes Leben.“ „Blicken wir alfo dem Dampfboote ruhig nach,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort.„Sieh, wie es langſam abfährt, dann her ſchneller und kräftiger mit ſeinen Rädern die Fluten Die erſte dunkle Stunde. 83 theilt, zwei lange helle Streifen im Waſſer hinter ſich laſſend. Auf dem Decke bemerkt man ſchwarze Geſtalten; manche gehen hin und her, die meiſten aber drängen ſich ans Steuerruder, um noch einen Blick auf die Stadt zu werfen. Da ſieht man auch weiße Taſchentücher wehen— wir würden es ge⸗ rade ſo gemacht haben, wenn—“ Gaetano nahm ihr die weitere Bemerkung mit einem Kuſſe vom Munde weg; dann ſagte er:„So werde ich dich fortan immer beſtrafen, ſobald du mich quälſt.“ Unterdeſſen machte das Dampfboot drunten auf dem ſchon dunkeln Waſſer anmuthig einen Bogen; ſein Schornſtein ſpie dicke, ſchwarze Rauchwolken aus, zwiſchen denen wie Blitze roth leuchtende Funken erſchienen. Die Beiden hörten jetzt deutlich das Geräuſch der Räder durch die Stille des Abends. Francesca athmete zuweilen ſo tief auf, daß es wie ein Seufzer klang; ſie hatke ihr Haupt rückwärts an die Mauer gelehnt und litt es geduldig, daß er ſeine heiße Stirn an ihre Schulter legte.— Jetzt gab der Golf draußen und die weite Landſchaft eines der großartigſten Schauſpiele, die nur ein Menſchenauge erblicken kann. Die Dämmerung geht allmälig und doch ziemlich ſchnell in tiefe Nacht über. Das Dampfboot iſt jetzt bei Sorrent und verſchwindet dann zwiſchen den Vorgebirgen Campanello und Capri. An den helleren Felswänden dort ſieht man nur noch einen langen Rauchſtreifen wie Nebelduft, der ſich aber auch raſch zertheilt und verſchwindet. Unwill⸗ kürlich werden unſere Blicke zu dem Veſuv empor der anfängt, in unbeſchreiblicher Großarkigkeit zu leuchten.— Jetzt ſieht man nur auf ſeiner Spitze ein ſchwaches Glimmen, das ſich aber mit einem Mal vergrößert, wie ein gezogen, 84 Sechstes Kapitel. Feuer vom mächtigen Windhauche angefacht, rieſenhaft wächſ't, rings umher einen weiten Leuchtkreis erſcheinen läßt, in dem weiß glänzende, glitzernde Schlangenlinien ſichtbar werden, die ſich von Sekunde zu Sekunde mehren, einen Moment feuergarbenartig emporſtreben, dann Myriaden von Funken ausſprühen, um darauf wieder, wie ſie entſtanden, zur rothen Glut und zu einem ſchwachen Glimmen zuſammen zu ſinken. . Es iſt das keine Eruption, ſondern es iſt nur eine Mah⸗ nung des gewaltigen Vulcans, daß es fort und fort in ſeinem Innern ſchafft und kocht und brodelt. Dort, vom Eremiten abwärts erblicken wir jetzt deutlich die letzte Arbeit des Berg⸗ rieſen: zwei Lavaſtröme, die am Tage unter der leichten Schlackendecke ſchwarz gefärbt erſchienen, ſchimmern jetzt in einer dunkeln Glut und wunderbar prächtig durch die Nacht und röthen ſelbſt das Meer zu ihren Füßen. Wohl ſchön iſt dieſer Anblick, ſchauerlich prächtig, faſt unheimlich. Wenden wir jedoch den Blick zur Stadt, indem jetzt bald hier, bald da unzählige Lichter aufflammen, die Häuſermaſſe, von der Nacht bedeckt, wie mit einem ſilberge⸗ ſtickten Schleier überziehend. h Darauf ſuchen wir die früher ſo ruhige Meeresfläche; V auch dieſe ſcheint von der Luſt nach Licht und Glut ergriffen. I Ueberall, wo ein unſerem Auge unſichtbares Boot dahinzieht, zucken geiſterartige bläuliche Phosphorlichter auf, hier in ein⸗ zelnen Sternen, dort in langen glänzenden Streifen. Ah, wer in dieſem Augenblicke in einem leichten Kahne an der Küſte des Poſilipp fahren dürfte und dort dem Spiel d Wellen folgen, wie ſie in den zauberiſchen Grotten blitz und Feuer ſpeien! Es iſt ein ſeltſames, nächtliches Getriebe rings um u Die erſte dunkle Stunde. 85 her; dazu duften die Orangenblüthen ſtärker und die leicht bewegten Blätter erzählen ſich in ihrer eigenen Sprache leiſe üſternd geheimnißvolle Geſchichten, die zwei liebetrunkene Herzen zu verſtehen im Stande ſind.— „O Francesca!“— „Mein Gaetano!“ antwortete ſie mit leiſer, ängſtlicher Stimme.— Und jetzt hat das Meer noch andere Bilder. Dort die glitzernden Phosphorſtreifen zeigen uns ein Boot an, das wir, wenn wir ſcharf hinblicken, endlich zu erkennen im Stande ſind. Seine R uderſchläge ſprühen Diamanten; jede bewegte Welle glänzt von einem eigenthümlichen Lichte. Plötz⸗ lich wird eine dunkelrothe Pechflamme unheimlich flackernd ſichtbar; ſie bewegt ſich bis an die Spitze des Bootes und ihr Licht wirft einen langen dunkelrothen Schein ins Meer. In ihrer Glut tritt das Boot tief ſchwarz hervor, ebenſo eine Geſtalt, die vorn auf der Planke ſteht, eine Harpune in der Hand, aufmerkſam in die Flut blickend. Jetzt fliegt die mörderiſche Waffe ins Waſſer, der, welcher ſie geſchleudert, ſteht einen Augenblick regungslos, bis ein hinter ihm ſitzen⸗ der Schiffer das Boot langſam vorwärts treibt. Es ſind Fiſcher, die mühſeliger Weiſe ihrem nächtlichen Gewerbe nachziehen; ſie fangen die Cefali und geben uns dabei ein prächtiges Schauſpiel. Dort auf dem Meere glüht eine zweite Flamme, in der Ferne eine dritte und vierte, und wo ſich ein ſolches Boot unter raſchen Ruderſchlägen ſcharf wendet, da erſcheint für uns, die wir mit einiger Phantaſie begabt ſind, ein rieſenhafter Rubin, eingefaßt durch einen Strahlenkranz von Brillanten. Ah, auch der bis jetzt dunkle Nachthimmel tritt nun 86 Sechstes Kapitel. 4 mitwirkend in das wunderbare Schauſpiel ein. Dort über Torre del Greco, in dem Einſchnitt, den die Sommat mit dem Berge San Angelo bildet, leuchtet ein heller Schein auf; der untere Theil des Veſuv tritt ſcharf als Silhouette hervor, und langſam, in unbeſchreiblicher Klarheit, ſchwingt ſich der volle Mond empor, die Landſchaft mit blauem Lichte übergießend. Dann ſich im Meere wiederſpiegelnd, wirft er über daſſelbe einen langen blendenden Zickzackſtreifen hin, Schein an Schein, ſich jetzt verbindend, ſich jetzt wieder tren⸗ nend, wie die Welle unter ihm ſteigt und fällt, immer be⸗ weglich, immer auf dem dunkeln Waſſer ſchaukelnd, ſo daß es das Auge mit ſeinem unruhigen Strahlen und Glitzern ordentlich blendet, und das Meer, welches in Nacht und Dunkelheit zuſammenſchauerte, jetzt wieder unendlich groß und erhaben erſcheinen läßt. Die Ufer von Santa Lucia, der Riva di Chiaja ſind Anfangs nur matt erhellt; aber ſchnell treten alle Gegen⸗ ſtände in bläulicher Beleuchtung hervor und ſcheinen beinahe tageshell; überall glänzt ein lichter Streifen oder ein feuchtes Blatt und unterbricht die Schattentöne, die durch das Undeut⸗ liche dem ganzen Bilde eine ungemeine Ruhe verleihen.— — Ja, tiefe Nacht rings umher.— Und man höret nur verſtohlen Das Geflüſter kluger Myrten Und der Blumen Athemholen.—— Welch' raſche Bewegung unterbricht dieſe tiefe Stille mit einem Mal? Ein unterdrückter Schrei, ein leiſe, aber innig geſprochenes Wort— ein tiefer Seufzer, dann das Rauſchen von Blättern, an denen Jemand haſtig vorüberſtürzt.— Dort durch den dunkeln Laubgang, der nach dem Hauſe zurück führt, flieht eine weiße Geſtalt; ihr Gewand ſtreift Die erſte dunkle Stunde. 87 an tief niederhängenden Lorberzweigen, die alsdann empor⸗ ſchrecken und deren glänzende Blätter ſo eigenthümlich im Mondlicht funkeln, daß es iſt, als blickten ſie mit tauſend feuchten Augen zum Himmel empor. Mich dünkt, von Thränen blinke Luna's Glanz; Und wenn ſie weint, weint jede kleine Blume Um einen wild zerriſſ'nen Mädchenkranz. Siebentes Kapitel. Ein gebrochenes Herz. Die weiten und großen Räume des Theaters San Carlo waren an dieſem letzten Abend, an welchem die deutſche Sän⸗ gerin auftrat, mit Menſchen überfüllt— eine ſeltene Erſchei⸗ nung für die Jahreszeit, wo das Publicum der Sperrſitze und des Parterre's noch weit lieber vor den Kaffeehäuſern ſitzt oder Eis bei Doncelli verzehrt, als bei dem wunder⸗ baren, angenehmen Abend draußen im dunſtigen Innern des Hauſes von Lichterglanz und Hitze zu leiden. Was aber das Merkwürdigſte an dieſer italieniſchen Zu⸗ hörermaſſe war: man bemerkte nicht das beſtändige Aus⸗ und Einſtrömen, man ſah nicht das Haus bei einem langweiligen Acte oder bei einem gewöhnlichen Duett oder Terzett oder einem mittelmäßigen Chor leer werden, um ſich erſt wieder zu füllen, wenn ein guter Sänger oder eine gefeierte Sän⸗ gerin zu irgend einer beliebten Arie anſetzte. Auch die Lo⸗ genbeſitzer waren aufmerkſam, wie nie, und wenn ſie, die deutſche Sängerin, der all' dieſe Theilnahme galt, auf der Ein gebrochenes Herz. 89 Bühne erſchien, ſo ſank das laute Ge Gemurmel herab, und wenn Signora Francesca— ihren harten deutſchen Familiennamen konnte kein Italiener behal⸗ ten— mit ihrem lieben, weichen Lächeln vortrat, ſo herrſchte Todtenſtille in dem weiten Hauſe. Dann ſang ſie, wunderbar ſchön, wie ſie nie geſungen, ſtets geſteigert von dem wüthenden Beifallsſturm des Publi⸗ cums, das ſich dann immer mehr begei gleichlichen Geſang, ſo daß eine gegenſeitige Steigerung ſtatt fand, die ſich bei jedem Actſchluß von Seiten des Publicums durch ein nicht aufhören wollendes Hervorrufen Luft machte, ſo wie durch Blumenſpenden, welche ſelbſt hier für Italien in ihrer Maſſe und Großartigkeit ans Fabelhafte grenzten. Dabei vernahm man wenig Händeklatſchen, und nur der Ruf: „brava!“ und„bene!“, tauſendſtimmig anſchwellend, zerriß die Luft, wo nur ein paar Tacte Pauſe dem Publikum er⸗ laubten, ſich hören zu laſſen. Francoiſe trat nach jeder großen Scene erſchüttert, be⸗ täubt, die Lippen zuſammengepreßt und mit Thränen käm⸗ pfend von der Bühne hinter die Couliſſen, wo ihre Kammer⸗ frau eifrig beſchäftigt war, alle, welche ſich hinzudrängten, um ihr enthuſiaſtiſche Worte der Verehrung zu ſagen, von der Erſchöpften abzuhalten. Da ſie in jedem Acte zu thun hatte Zwiſchenzeit nicht in die Garderobe und hatte ſich in der erſten und zweiten Couliſſe ſo geſetzt, daß ſie von dem wei⸗ ten, überfüllten Hauſe nur die beiden Logen ſehen konnte, die ſie intereſſirten. plauder zu einem leiſen ſterte an ihrem unver⸗ „ſo ging ſie in der Das war oben im zweiten Rang ihre Schweſter, gerade unter derſelben Gaetano. Er ſchien allein zu ſein, ohne Mut⸗ 90 Siebentes Kapitel. ter, ohne einen Bekannten. Er ſchien, ſage ich, denn zu⸗ weilen kam es Francoiſe vor, als horche er auf irgend etwas, was ihm aus dem Hintergrunde der Loge geſagt wurde; ja, zuweilen wandte er ſein Geſicht, wenn auch kaum merklich, auf die Seite, nickte wohl ein klein wenig oder ſchüttelte mit dem Kopfe. Beunruhigendes fand ſie gerade nichts darin; wenigſtens wurde es ihr leicht, eingedenk der geſtrigen Unterredung, alle trüben Gedanken zu verſcheuchen.— Wenn Jemand da iſt, ſprach ſie zu ſich ſelber, ſo wird es die Marcheſa ſein, die ſich dem Publicum nicht zeigen will.— Und wenn ſie dabei bedachte, daß ſie am heutigen Abend in der That vortrefflich ſang und daß die Mutter ihres Gaetano ſie hören— ja, und bewundern müßte, ſo fühlte ſie ihr Herz im Buſen ſchwel⸗ len, und das wirkte gerade ſo auf ſie ein, wie der Beifalls⸗ ſturm des Publicums. Ja, es war Jemand bei ihm in der Loge; nur einen Augenblick war ſo eben hinter dem ſeidenen Vorhang, der etwas zugezogen war, ein kleiner weißer Handſchuh erſchienen und die Idee eines Armes, um den Brillanten blitzten und der mit heller Seide und Spitzen umhüllt ſchien. Warum durchzuckte ſie der Anblick dieſer kleinen Hand ſo eiſig kalt? Warum mußte ſie, deren Bruſt ſich heute Abend ſo völlig unbeſchränkt und frei erhob, nun auf einmal einen Moment heftig nach Athem ringen? Warum preßte ſie ihre Hand auf das Herz und fühlte ſich glücklich, mehrere lange Scenen vor ſich zu haben, ehe ſie wieder auftreten mußte? Und wenn ſie ſich nicht geirrt, wenn es wirklich der Arm und die Hand einer Dame geweſen, die dort blitzähnlich er⸗ ſchienen und verſchwanden, wenn— o mein Gott nein!— Ein gebrochenes Herz. 91 flehte ſie, warum dieſe finſtern entſetzlichen Gedanken? Hat er mir nicht geſtern noch feierlich geſchworen, und glaube ich ihm nicht unbedingt? Und jene Frau in der Loge— wird es nicht ſeine Mutter ſein? O, ſie war ſchon mehrmals da; ich habe ſie öfters geſehen. Und was ſollte ſie, wahrſchein⸗ lich noch keine alte Frau, abhalten, Brillanten und helle Seide zu tragen?— Aber wenn es anders wäre?—— O nein, nein, nur jetzt nicht ſo entſetzliche Gedanken!— Liegt denn aber ein Verrath ſeinerſeits ſo gänzlich außer dem Bereich der Möglichkeit?— Nein, nein!— Doch wozu dieſe entſetzliche Selbſtquälerei? Muß nicht der heutige Abend alles entſchei⸗ den?— Und er wird entſcheiden.— Wird er ſich nicht dir zu Liebe losreißen von ſeinem Vaterlande, von ſeiner Fami⸗ lie, dir folgen von dem geliebten heitern Meeresgeſtade hin⸗ weg nach dem für ihn ernſten und kalten Norden?— Ja, wird er? Wenn er aber heute Abend vor dich hinträte, wenn er dir ſagte: ich kann heute Neapel nicht verlaſſen, laß mir Zeit bis morgen, bis übermorgen— wenn er Ausflüchte ſuchte? O nein, nein, fort mit dieſen Gedanken! Fort, fort, er hat es mir feierlich zugeſchworen, daß ich glücklich ſein ſolle— ſein dürfe!— Sie trat einen kleinen Schritt vor aus dem tieferen Schatten in das Halbdunkel zwiſchen den Couliſſen und er⸗ hob ihre Augen nach ſeiner Loge. Ah, auch er ſchaute her⸗ unter, er drückte die Hand feſt auf ſein Herz, ſeine Blicke flammten voll Liebe und Glück. So ging die Vorſtellung vorüber; der letzte, beinahe nicht endenwollende Beifallsſturm brauſ'te gewaltig durch das Haus, und Francoiſe trat erſchöpft in ihre Garderobe, wo die vielen Blumen in Kränzen und Bouquets, die man dort aufge⸗ =—————— —— 92 Siebentes Kapitel. hängt, ſo betäubend dufteten, daß man die Fenſter öffnen mußte. Roſa trat erregt ein, ſchloß die Schweſter in ihre Arme und drückte einen langen und innigen Kuß auf deren weiße Stirn. Francoiſe, die ſich niedergeſetzt hatte, ſchaute mit einem unbeſchreiblich guten und kindlichen Blicke zu ihr empor und fragte beſcheiden:„Nicht wahr, ich habe es ordentlich ge⸗ macht?“ „Du haſt es ſo gemacht“, gab Roſa leiſe zur Antwort, „daß ich tief ergriffen war, wie alle Zuhörer, aber auch ſo, mein Herz, daß dir jetzt die größte Ruhe nothwendig iſt, ſonſt würdeſt du dich unfehlbar aufreiben.“ „Ja, Ruhe und Glück,“ ſagte Francoiſe mit leuchtenden Augen. „Ruhe und Glück,“ wiederholte Roſa mit einem weh⸗ müthigen Blicke, den ſie aber vor der Schweſter verbarg. Signor Bertolini ließ ſich melden und trat ein, in der Hand ein Bouquet aus den koſtbarſten und ſeltenſten Blu⸗ men, unter Aeußerungen des höchſten Entzückens, des Glückes für San Carlo, dann aber unter Ausrufungen des tiefſten Bedauerns und eines leichten Anfluges der Verzweiflung, wenn er bedenke, daß es ihm noch nicht gelungen ſei, einen Contraet für die nächſte Saiſon mit Signora Francesca zu Stande zu bringen, und daß er für ſeine finſtere Zukunft nicht das Geringſte habe, als einige ſehr kleine Hoffnungen. „Aber Eines müſſen Sie mir verſprechen,“ rief er mit einer ausdrucksvollen Pantomime und einem ſchmerzerfüllten Blicke, welchen er der Decke der kleinen Garderobe gönnte, „Eines müſſen Sie mir feierlich geloben: in der nächſten ſ l Ein gebrochenes Herz. 93 Saiſon an keinem anderen wenn Sie San Carlo felice thos aus,„San Carlo infe „Darauf gebe ich Ihnen meine Hand,“ ſ milde, lächelnd, und reichte ihm die kleine Signor Bertolini zuerſt an ſein He und zuletzt an ſeine Lippen drückte,) der Rührung mit einem vielſ ausſtürzte. italieniſchen Theater zu ſingen, oder vielmehr,“ rief er mit Pa⸗ licissimo verſchmähen.“ agte Francoiſe, Rechte dar, welche 3, dann an ſeine Augen vorauf er in überwallen⸗ agenden Blicke zur Thür hin⸗ Francoiſe blickte ihm nach und ſprach ſo leiſe, daß es nur die Schweſter hören konnte:„Der gute Bertolini! Ich hätte gern Abſchied von ihm genommen und will ihm auch heute Abend noch ein paar Zeilen ſchreiben. Es würde ihn tief ſchmerzen, wenn er morgen nach San käme und uns nicht mehr fände.“— Gaetano kam nicht nach dem Schluſſe der Vorſtellung, wie er ſonſt wohl zu thun pflegte, Antonio hinaus und wenn das für heute Abend auch zwiſchen Beiden ſo verabredet war, ſo konnte ſich Francoiſe doch nicht enthalten, ſo oft ſich Jemand der Thür näherte, ihr Auge dorthin zu wenden. Endlich verließen die beiden Schweſtern das Haus als ſie draußen auf der Treppe ſtanden, ſchaute die Sängerin mit einem innigen Blicke zurück und ſagte:„Ich muß doch mit einem guten Gedanken von San Carlo Abſchied nehmen, wer weiß, ob ich ſeine grauen Mauern wiederſehe, dieſe grauen Mauern, in denen ich ſo viel Glück erlebt, in denen ſich ja das ganze Schickſal meines Lebens gewendet.— Lebt wohl, ieder ſehen, ſo will ich es ſollte ich euch w ſetzte ſie innig bewegt hinzu,„wied , und gewiß nicht unter⸗ er auf dieſe Stelle alten Stein zu legen und laſſen,“ zu treten, meine Hand an den k 94 Siebentes Kapitel. mich— hoffentlich froh und glücklich— des heutigen Abends zu erinnern.— Lebt wohl.“ Vor der Thür ſtanden noch Gruppen beiſammen, Ver⸗ ehrer der großen Künſtlerin, riefen ihr Evviva nach und war⸗ fen Blumen in den davonrollenden Wagen. Die Straßen Neapels glänzten und flimmerten voll Lich⸗ ter, die vor den Thüren der Kaffeehäuſer brannten, auf den Schenkbuden der Eis⸗ und Limonadenverkäufer oder an den dampfenden Maccaronikeſſeln und ſonſt überall, wo etwas Trink⸗ und Eßbares verkauft wurde. Die wunderbar laue Nachtluft begünſtigte das Straßenleben, Maſſen von Spazier⸗ gängern wandelten hierhin und dorthin, und die dumpf rol⸗ lenden Räder des Wagens zerriſſen hier auf Augenblicke ein geſungenes Lied, dort das Geklimper einer Mandoline oder die pathetiſchen Worte eines Improviſators, der auf dem Quai beim Scheine einer Papierlaterne in einem Kreiſe auf⸗ merkſamer Zuhörer ſaß. Auf Santa Lucia dasſelbe lebendige Treiben. Eine Nacht wie die heutige iſt der Tag der Neapolitaner; zwiſchen Hun⸗ derten von kleinen Lichtern und Lampen werden Eßwaaren aller Art feil geboten. Welch' buntes Durcheinander: die Haufen goldgelber Orangen, die in allen Farben ſchillernden Fiſche, das zitternde Licht auf den Flaſchen und Gläſern, dazwiſchen die verſchiedenartigſten Töne, die rufenden Stim⸗ men der Verkäufer, Singen und Lachen, der eigenthümlich klappernde Ton der Metallſchalen, mit dem die Eiswaſſer⸗ Verkäufer ihre Waare anbieten, das Summen der auf⸗ und abwandelnden Menge, das dumpfe Rollen der Wagenräder auf den breiten Lavaplatten. Francoiſe blickte nachſinnend auf dieſes bunte, glänzende, Ein gebrochenes Herz. 95 wechſelvolle Getreibe; ſie dachte an ihre Abreiſe in dieſer Nacht, ſie wollte alles das ihrem Gedächtniß noch einmal tief einprägen, ſie wollte Abſchied nehmen von all den Ge⸗ genſtänden, die ihr Auge ſo oft erfreut, von allen zuſammen und von jedem insbeſondere. Roſa hatte ihre Hand in die der Schweſter gelegt, ſie fühlte ſich angegriffen, faſt betäubt von dieſem wilden, nächt⸗ lichen Straßenleben; ihr Herz zuckte ſchmerzlich zuſammen, wenn ſie daran dachte, mit welchen Gefühlen ſie hieher ge⸗ kommen und was ſie hier ſchon erfahren, was die nächſten Tage bringen würden, die ſie nicht mit demſelben Glück, mit derſelben Heiterkeit erwarten konnte, mit der Frangoiſe noch der Zukunft gedachte. Jetzt noch ſeufzte ſie ſchmerzerfüllt und dachte, während ſich ihre Lippen feſt auf einander preß⸗ ten: wenn es ſo kommen wird, wie helfe ich der Unglückſeli⸗ gen über dieſe ſchwere, entſetzliche Stunde? . Sie ließ ihren Blick über die See zu ihrer L inken dahin ſchweifen. Diefe lag da, ſo ruhig und ſtill athmend, ſo behaglich unter dem Siberbande, welches der Mond gleich einer Feſ⸗ ſel über ſie geſchlungen. Sie trug leiſe murmelnd ihre Flu⸗ ten an das Geſtade, die nach einem leichten ſpielenden An— ſchlage dann wieder zurückglitten, um ſichs nach wenigen Au⸗ genblicken abermals dem Lande zu nähern— ein beſtändiges, einförmiges Spiel, dem man doch ſo gern zuſieht und zu⸗ lauſcht.— Ach, ſie erzählen ſo hübſch, die anprallenden Wellen; man muß nur Sinn dafür haben und ſie ver⸗ ſtehen. Me das Straßenleben am Tag, ſo verliert auch das der Nabt von ſeinem lebhaften Charakter, wenn man die 96 Siebentes Kapitel. Chiaja erreicht hat. Die Villa Reale liegt ſchon ganz ein— ſam, der Mond möchte gern eindringen auf die tiefſchattigen Wege und Ruheplätze, aber die Blätter der Bäume leiden das nicht, ſie kennen den lockeren, alles betaſtenden Geſellen wohl und haben das Recht, das ihnen Anvertraute, ſo viel ſie können, vor ſeiner Berührung zu ſchützen.— Dort hat er ſich eingeſchlichen, und wie lüſtern ſchmiegt er ſich an jene Marmorfigur an, Lichter aufſetzend, wo es unnöthig iſt, und Partieen erhellend, welche der Künſtler abſichtlich in Schatten geſtellt. Hier liegen die großen Paläſte ſchon ſtill und träumend da, und die mit ſilbernem Glanz erfüllten Fenſter blicken me⸗ lancholiſch auf die funkelnde See. Aber auch ſie erlöſchen eins nach dem anderen, wie der Mond wechſelnd ſeine Bahn dahinzieht, und in wenig Stunden werden ſich auf den weißen Trottoirplatten dort die zackigen Dächer der Häuſer in ſchwarzen Schattenbildern abzeichnen. Die Mergelina iſt wieder etwas belebter; hier und da erfreuen ſich die Fiſcherfamilien, vor den Thüren ihrer Baſſi ſitzend, der entzückenden Nacht. Vater und Brüder ſind viel⸗ leicht eben nach Hauſe gekommen,— ja, richtig, dort ſind noch ein paar kräftige Geſtalten beſchäftigt, den Nachen ans Land zu ziehen und umzukehren. Die von der Seefahrt Er⸗ müdeten ſitzen rittlings auf einer langen Bank, die Foglietta ſteht vor ihnen, auch Salami und cacio cavalo nebſt Brod, und nun werden die einfachen Abenteuer der Meerfahrt er⸗ zählt. Ein halberwachſener Burſche lehnt an der Mauer des Hauſes, hat den Kopf gegen dieſelbe geſtützt und denf aller⸗ lei, während er aus der kurzen Pfeife raucht. Nebihm, im hellen Licht des Mondes, ſitzt eine jugendlich voll] Mäd⸗ Ein gebrochenes Herz. 97 chengeſtalt; ſie hat den Kopf mit dem edelgeſchnittenen Ge⸗ ſicht erhoben, und ihr großes Auge leuchtet eigenthümlich im Doppelglanze des Mondes und der eigenen ſammtſchwarzen Augenſterne. Sie ſingt: La notta tutte dormeno, E io che buò dormire — Pensanno a Nenna mia Me sent' ascevoli 3 Li quarti d'ora sonano d A uno a doje e tre, n Jo te voglio bene E tu non pienz' a me. d Wir rollen raſch dahin, an mehr ſolchen Gruppen vor⸗ . über, die ſich alle gleichen und von denen doch jede wieder n ein ganz anderes, aber ſtets intereſſantes und belebtes Bild⸗ n chen liefert. n1 Endlich hält der Wagen am bekannten Aufgange zur er Villa Cedronia, der Bediente öffnet den Schlag und die bei⸗ den Schweſtern ſteigen aus. 91„Komm, ſtütze dich auf meinen Arm,“ ſagte Francoiſe ſſi lächelnd zu Roſa, welche ernſt an ihrer Seite dahin ſchritt. A⸗„Ich fühle mich heute ſo frei, ſo leicht, ſo muß es Jemand nd zu Muth ſein, der Schwingen hat und auffliegen kann.“ ns Sie ſchritten über die Rampe hinweg, ſie hatten bald Fr⸗ die Terraſſe erreicht, und freundlicher Lichterglanz drang aus ta der geöffneten Hausthüre hervor und vermiſchte ſich draußen d, eigenthümlich mit dem Scheine des Mondes. Die kleine, er⸗ ſonſt ſo heimliche Wohnung der deutſchen Sängerin, aumu⸗ des thig durch ihr Talent, überall kleine niedliche Plätze zu ſchaf⸗ er⸗ fen und dieſe oft durch die unbedeutendſten Dinge zu ver⸗ *ſ zieren, ſah ſchon recht zerſtört aus. Hier war faſt alles 5 Hackländer, Die dunkle Stunde. I. däd 7 98 Siebentes Kapitel. eingepackt, und was zurückblieb, ſtand begreiflicher Weiſe in Unordnung umher. In dem Vorplatze des Hauſes ſah man ein paar Reiſekoffer, die da bereit ſtanden, um auf den Wagen geſchraubt zu werden; größere Maſſen Gepäck waren ſchon vor ein paar Tagen mit dem Dampfer nach Genua geſchickt worden. Roſa begab ſich in ihr Gemach, und auch Francsoiſe trat in das ihrige, um ihr nach dem abgeworfenen Coſtume leich⸗ ter gewordenes Gewand mit einem ſchwarzen Reiſekleid zu vertauſchen. Ihre Kammerfrau hatte hierzu alles vorbereitet, und ſo wäre die Toilette ſehr raſch von Statten gegangen, wenn nicht Francoiſe einmal über das andere ſich gegen das Fenſter gewandt hätte, den Vorhang ein wenig bei Seite ge⸗ ſchoben, um auf die faſt taghell erleuchtete Rampe zu blicken. „Mademoiſelle nehmen jedenfalls Ihren leichteren Shawl,“ ſagte die Kammerfrau,„und werde ich den Mantel, der in der Morgenfrühe nothwendig iſt, an den Wagen bringen laſſen.“ Lag bei dieſen Worten etwas in der Stimme der Fran⸗ zöſin, was Francoiſe befremdete und ihre Aufmerkſamkeit er⸗ regte?— Sie wandte raſch ihr Geſicht gegen die Dienerin, welche ſich aber in dieſem Augenblicke an einer geöffueten Schublade zu ſchaffen machte. „Biſt du mit deinen Abſchiedsbeſuchen fertig geworden?“ fragte ſie gütig.„Ich habe dir ſo viel Zeit wie möglich ge⸗ laſſen. Ich hoffe ſo und wünſche dir, gute Jeanette, daß du vor deiner Abreiſe hier keine feſten Bande zu löſen gehabt haſt. Oder hätte ich mich geirrt?“ fuhr ſie mit einem Aus⸗ drucke des Erſtaunens fort, als ſie die rothgeweinten Augen des Mädchens erblickte.—„Jeanette, haſt du Kummer?“ ſagte ſie darauf herzlich.„Sei offen, wie du es immer ge⸗ gen mich geweſen.“ Ein gebrochenes Herz. 99 Die Gefragte ſchüttelte mit dem Kopfe, doch ſprach das Auf- und Abwallen ihres Buſens deutlich für eine heftige Bewegung ihres Innern.—„Ich habe keinen Kummer,“ erwiderte ſie mit leiſer Stimme,„gewiß nicht.“ „Aber du haſt geweint?“ „Das leugne ich nicht, die Arbeiten der letzten Tage, die— Aufregung— meiner Nerven;— ich fühle— daß ich— mich lächerlich mache— und wenn mir— Made⸗ moiſelle zürnen ſollten— bei Gott!— ich kann meine Thrä⸗ nen nicht zurückhalten.“ Damit drückte ſie heftig ihre Hände vor das Geſicht und weinte laut und bitterlich. „Meine gute Jeanette,“ ſagte Francoiſe ſchmeichelnd, „weine nur, wenn es dich erleichtert; auch mir ſchnürt der Abſchied von hier das Herz zuſammen, und nur die über⸗ große Spannung, in der ich mich befinde, hält mich aufrecht. Ich bin überzeugt, wenn ich ſpäter im Wagen ſitz auch reichliche Thränen.“ e, weine ich „O möchten es Thränen der Freude ſein, wie Sie ver⸗ dienen!“ rief das Mädchen mit zitternder Stimme. „Ich hoffe es bei Gott, meine gute Jeanette, und du wirſt ſehen, wir alle gehen einer ſtill glücklichen, frohen und heiteren Zeit entgegen.“ Die Franzöſin faltete langſam ihre Hände vor dem Ge⸗ ſicht und ließ dieſelben alsdann an ſich herabgleiten. Ihr Geſicht war bleich, aus ihren weitgeöffneten Augen rannen die Thränen, dann mit einem Male neigte ſie das Haupt, ihre Geſtalt ſchien zuſammenzubrechen, und ſie ſank zu den Füßen ihrer Herrin nieder, nicht willenlos, ſondern in auf⸗ gelöſ'tem, tiefem Schmerze, dem ſie dadurch einen bezeichnen⸗ 100 Siebentes Kapitel. den Ausdruck verlieh, daß ſie die herabhängende Hand der jungen Dame ergriff, ſie an ihre Lippen drückte und krampf⸗ haft mit unzähligen Küſſen bedeckte.—„O,“ ſchluchzte ſie dazwiſchen,„Sie ſind ſo gütig, ſo mild und freundlich gegen alle Welt, daß Ihnen— die Vergeltung— nicht fehlen kann!— Sie müſſen— noch— glücklich werden,— oder es gibt— keine Gerechtigkeit— im Himmel.“ „Das hoffe ich auch,“ verſetzte Francoiſe ſanft lächelnd, „und nicht nur ich, ſondern wir alle.— Beruhige dich, Jea⸗ nette, ſei nicht kindiſch, ſtehe auf.— Was ſoll man davon denken? Hörſt du, es kommt Jemand.“ Und wirklich näherten ſich leiſe Tritte der Thüre; es wurde beſcheiden angeklopft, und als Francoiſe rief:„Nur herein!“ öffnete ſich dieſelbe, und der italieniſche Bediente, der herein ſah, meldete:„Der Herr Marcheſe iſt im Salon.“ Francoiſe eilte dorthin. Gaetano ſtand am Fenſter und blickte in die helle Nacht hinaus. Bei dem Rauſchen des ſeidenen Kleides wandte er ſich um, trat raſch auf das junge Mädchen zu und reichte ihr beide Hände. Sie blickte ihm ins Geſicht und fand etwas in ſeinen Zügen, was ſie befremdete. Wohl lag ein Lächeln um die⸗ ſelben, aber ſeine Augen ſchienen ernſt umflort. „Was iſt, Gaetano?“ rief ſie unwillkürlich mit lauterer Stimme, als ſie gewollt.—„Du haſt mir eine Nachricht mitzutheilen.— Was iſt vorgefallen?“ „Wenig und viel,“ ſagte er achſelzuckend,„nichts und alles.“. „Mein Gott, du erſchreckſt mich!— Müſſen wir uns beeilen? Müſſen wir fliehend Neapel verlaſſen?“ Ein gebrochenes Herz. 101 Er ſchüttelte langſam den Kopf, dann ſchlang er ſanft ſeinen Arm um ſie, um ſie nach einem Sopha zu führen, wo er ſie bat, niederzuſitzen. Er nahm vor ihr auf einem kleinen Stuhle Platz. Francoiſe hielt ihre beiden Hände vor die Bruſt gepreßt und athmete raſch und ſchwer. Sie las in ſeinen Zügen, daß er ihr etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe, und wie die Verhältniſſe nun einmal ſtanden angenehmes faſt gleichbedeutend. „Du bringſt nichts Gutes, „ich leſe das in deinen Zügen.“ „Dann lügen meine Züge,“ wort.„Glaube mir, Francesca, ſtrafen. Allerdings habe ich d überraſchen wird, wie e hat. Aber Schlimmes Es iſt das Beſte, Mutter—“ „war Wichtiges und Un⸗ Gaetano,“ ſprach ſie leiſe, gab er lächelnd zur Ant⸗ oder ich muß ſie Lügen ir etwas mitzutheilen, was dich s mich im erſten Augenblicke überraſcht iſt es nicht, beim allmächtigen Gott! was ſich für uns ereignen kann. Meine „O deine Mutter,“ unterbrach ihn raſch das Mädchen; „wenn die Marcheſa im Spiel iſt, ſo fürchte ich, es handelt ſich für mich um nichts Gutes.“— „Willſt du mich ruhig anhören, Francesca?“ bat er. „Was ich dir mittheile, i ſt in der That wichtig. Doch mußt du mir ſchon ein paar Minuten gönnen; ich k in zwei Worten ausſprechen.“ „Ich höre, Gaetano.“ „Du weißt, Francesca, ſicht ich alles zu unſerer ich mir die nöthigen um o ann mich nicht “ begann er,„mit welcher Um⸗ Abreiſe vorbereitete; du weißt, daß Papiere, Diſpens und alles verſchaffte, gleich in Rom mit dir getraut zu werden.“ 102 5 Siebentes Kapitel. „So ſagteſt du mir.“— „Alles das zu beſorgen war um ſo ſchwieriger für mich, da es im Geheimen geſchehen mußte, und nur durch die Hülfe mächtiger Freunde ward es mir möglich, die ſich täg⸗ lich neu aufthürmenden Schwierigkeiten zu beſeitigen. Doch ſo ſtill und geheim auch dieſe Vorbereitungen getroffen wur⸗ den, ſo bemerkte ich doch ſchon vor einigen Tagen zu meinem Schrecken, daß meine Mutter, wenn auch nur im Allgemeinen, von unſerem Plane in Kenntniß geſetzt war. Sie hatte ihre gut beſoldeten und ſehr geſchickten Späher und⸗ Agenten; man ſah mich hier und dort an auffallenden Orten, bei Be⸗ hörden und Kanzleien; Unterbeamte, die nicht verſchwiegen waren, ließen Worte über mein Vorhaben fallen,— genug, meine Mutter hatte am heutigen Vormittage eine Unter⸗ redung mit mir, bei welcher ich aus ihren Worten erfuhr, daß ihr meine Abſicht, heute Nacht Neapel zu verlaſſen, be⸗ kannt ſei.“ Francoiſe machte eine raſche Bewegung; ihre Geſichts⸗ züge hatten ſich verändert, waren furchtbar ernſt geworden, ſchaute den jungen Mann mit ſtarren Blicken an. „Ihrer klar ausgeſprochenen Darlegung gegenüber,“ fuhr er fort,„konnte und wollte ich nicht leugnen. Ich ſagte ihr . einfach, es ſei ſo, ſetzte aber hinzu, nichts vermöge meinen Entſchluß zu erſchüttern.— O meine Francesca,“ ſprach er nach einer Pauſe mit weicher Stimme,„in dem Augenblicke, wo ich das geſagt, fühlte ich mich feſt gegen eine ganze Welt und bedachte nicht, welche Kraft die Thränen, die flehenden Bitten einer Mutter haben. Hätte ſie mir heftig geantwortet, wie früher bei ähnlichen Veranlaſſungen, hätte ſie Worte über ſie drückte ihre Rechte tief in die Kiſſen des Sopha's und Ein gebrochenes Herz. 103 3 dich, die Geliebte meines Herzens, über mein Weib fallen laſſen, wie es ſonſt ihr ungerechter Zorn, ihr Stolz ihr wohl eingegeben, nichts hätte meinen Entſchluß ändern nichts hätte mich zu einem Verſprechen vermocht.“ „Ah, Gaetano, du gabſt deiner Mutter Verſprechungen?“ Er machte eine Bewegung mit der Hand, als bäte er ſie, ihn nicht zu unterbrechen.„Meine Mutter,“ ſagte er, „war tief ergriffen; erſchüttert, aufgelöſ't in Thränen beſchwor ſie mich, ſie nicht zu verlaſſen, ich, ihr einziger Sohn, ich, ihr Troſt, ihre Stütze!— Und welche Entſchädigung, Fran⸗ cesca, glaubſt du wohl,“ fuhr er mit leuchtenden Augen fort, „daß ſie mir verſprach? Ihre verdoppelte Liebe, ihren Segen und— deine Hand!“ rief er freu können, dig.„Ja, Francesca, ihr Herz iſt erweicht, ſie will dich ſehen.“ „Ah, ſie will mich ſehen?“ fragte das junge Mädchen, ohne ihren ſtarren Blick zu verlieren; und dabei klang ihre Stimme ſchwach und tonlos.—„Sie will mich ſehen, mor⸗ gen oder übermorgen, oder vielleicht in den nächſten Tagen? — Wann es ihr gefallen wird?“ Gaetano ſchaute ſie erſtaunt an.„Ich begreife dich nicht recht, Francesca,“ ſprach er nach einer augenblicklichen Pauſe; „ich höre wohl deine Worte, aber ich ſehe an deinen Blicken, daß du mit deinen Gedanken ganz wo anders biſt.— Höre mich, Francesca,“ bat er ſchmeichelnd. „Ich habe dich ja gehört,“ rief ſie ſchmerzlich bewegt, und ein Thränenſtrom benetzte ihre Wangen;„ich habe dich gehört und verſtanden. Du frugſt mich, wo ich mit meinen Gedanken ſei. Nun, wo konnten ſie ſein, als bei der Fort⸗ ſetzung eines Traumes, der mich ſo glücklich gen Ich athmete frei auf, in Gedanken nämlich, ³ 104 Siebentes Kapitel. hinter mir hatte, als du auf der erſten Station meine Hände ergriffeſt— ſo träumte ich— und nun in voller Wahrheit zu mir ſagteſt: jetzt ſind wir frei und unabhängig— fort, fort, unſerem Glücke entgegen!“ „Und dieſer Traum wird und muß ja zur Wahrheit werden, meine ſüße Francesca; nur ein paar Tage ſpäter vielleicht werden wir Neapel verlaſſen, dafür aber auch be⸗ gleitet von dem Segenswunſche meiner Mutter.— Iſt das nicht eine kleine Zögerung werth?“ ſetzte er im Tone eines leichten Vorwurfs hinzu. Das Mädchen athmete ſchwer und ſchluchzte leiſe, da ſie ihre Thränen mit Gewalt zurückdrängte. Sie nickte mit dem Kopfe; ſie ſagte:„Ja, ja, Gaetano, wenn das alles ſo ge⸗ ſchieht, wenn deine Mutter uns ſegnet, dann iſt freilich alles beſſer und ſchöner.— Wenn aber—“ „Und was, meine ſüße Francesca?“ „Verzeihe mir,“ gab ſie kopfſchüttelnd zur Antwort,„ich bin ſo ſchwach heute Abend, ſo aufgeregt. Die große Rolle hat mich angegriffen, und dann hatte ich auch in der That all' mein Denken, alle meine Wünſche darauf concentrirt, heute Nacht San Antonio und Neapel zu verlaſſen. Du weißt, Gaetano,“ ſagte ſie unter Thränen lächelnd,„wenn wir Frauenzimmer einmal einen Entſchluß gefaßt haben, und er wird nicht ausgeführt, ſo gibt es feuchte Augen.— Da rum verzeihe mir.“ N „Was habe ich dir zu verzeihen, Francoiſe?“ verſetzte er, ihre beiden Hände ergreifend.„Kam ich doch ſelbſt mit ſchwerem Herzen hieher, und war es mir hart, von einem ich kurzen Aufſchub unſeres Glückes zu ſprechen.— mein verſtändiges Mädchen, und wenn du heute N 8 Ein gebrochenes Herz. 105 Nacht geſchlafen haſt, ſo wirſt du morgen früh einſehen, daß ſich nur ſo unſer Glück feſt begründen läßt.“ Sie preßte ihre Lippen auf einander und blickte kopf⸗ nickend zu Boden. „Wie ich mich darauf freue,“ plauderte er vergnügt weiter,„wenn du meiner Mutter gegenüber ſtehen wirſt, wenn ſie dich betrachtet, wenn ſie mir zuwinkt, um mir an⸗ zudeuten, daß ſie auf ihre Schwiegertochter ſtolz ſein muß! Dann wirſt du ſehen, Francesca, gefällt dir auch Neapel wieder, all' das Schöne, das wir dann zuſammen ſehen und genießen.— Und was für Augen Herr Bertolini machen wird, wenn er mit ſeiner Erneuerung des Contractes kommt! O alles das zu ſehen und zu erleben, Francesca, iſt doch beſſer, als Neapel ſo bei Nacht und Nebel zu verlaſſen!“ So bei Nacht und Nebel.— Die Worte ſchnitten in dieſer dunklen Stunde tief in ihre Seele. Bei dieſer Unterredung in einem Salon der Villa Ce⸗ dronia, der ſich zu ebener Erde befand, ſtanden die Fenſter offen, wie dies Abends meiſt der Fall war, und da ſich Roſa — wir wollen geſtehen nicht ohne Abſicht— vor die Thüre des Hauſes geſetzt hatte, ſo war ihr kein Wort des innen geführten Geſprächs entgangen. Dabei ſtellte ſich ihre leb⸗ hafte Phantaſie ſeinen Geſichtsausdruck noch anders vor, als er in Wirklichkeit war; ſie ſah ihn, wie er die arme Schwe⸗ ſter lauernd betrachtete, wie ſein finſter zuſammengezogener Mund lächelte, wenn ſie empor blickte. Sie wog alle ſeine Worte ſchwer ab, und jedes derſelben hatte für ſie einen dop⸗ pelten und gehäſſigen Sinn. Sie hatte ihre Arme über einander gelegt und drückte ſie feſt gegen ihre heftig athmende 106 Siebentes Kapitel. Bruſt. Zuweilen ſchlugen ihre Zähne leicht auf einander, alsdann aber warf ſie trotzig die Oberlippe auf und ihre dunkeln Augen leuchteten. 3 Es kam Jemand die Rampe hinauf— eine weibliche Geſtalt. Es war Jeanette, ſie bewegte ſich in dem Schatten, den der Vorſprung des Daches auf die Terraſſe warf, zu Roſa hin und flüſterte ihr ins Ohr:„Dort auf der Merge⸗ lina hält der Wagen des Marcheſe, und—“ „Sprich weiter!“ Die Kammerfrau ſchüttelte heftig mit dem Kopfe, und als Roſa ſie erſtaunt anblickte, bemerkte dieſe, wie die Augen Jeanetten's voll Thränen ſtanden und wie ſie gewaltſam ihre Zähne aufeinander biß. „Nie, nie werde ich mehr darüber ſprechen,“ ſagte ſie leiſe und flüchtig und eilte, die Hände ringend, ins Haus. Roſa erhob ſich von ihrem Sitze; ſie that einen tiefen Athemzug, dann ſtrich ſie leicht über ihr Haar und richtete ihre großen, dunklen Augen gen Himmel. Alle Bewegung von vorhin war aus ihrem Geſichte gewichen; daſſelbe erſchien im Wiederſchein des Mondes wie das eines edel geformten Marmorbildes: ruhig, ernſt, unbeweglich. Sie trat einen Augenblick in den Vorplatz des Hauſes und erſchien gleich darauf wieder, an ihrer Seite den italie⸗ niſchen Bedienten. Im Dahinſchreiten über die Terraſſe ſchlang ſie ein gelb und roth geſtreiftes Tuch in der Art über ihren Kopf, wie es die Landmädchen zu thun pflegen, und wenn man ſie in ihrem dunkeln Gewande ſo in der Entfer⸗ nung, wenn auch im Mondſcheine, ſah, ſo hätte man die edle Geſtalt ganz gut für eins der Fiſchermädchen der Mergelina halten können. Ein gebrochenes Herz. 107 Sie ging die Rampe hinab, ſchnell aber mit feſtem Schritte, und war in kurzer Zeit unten zwiſchen den Häuſern angelangt, wo man vor dem Aufgange nach San Antonio eine herr⸗ ſchaftliche Equipage halten ſah. Hier blieb das junge Mäd⸗ chen mit hochklopfendem Herzen ſtehen, und zwar ſo nahe vor dem Wagen, daß ſie das Wappenſchild der Fontana und die Livree der Diener in dem hellen Lichte des Mondes deutlich erkennen konnte. Sie ſelbſt ſtand tief im Schatten eines der Häuſer, blickte aber von hier aus aufmerkſam auf die Straße. Der Bediente war weiter vorgegangen, hatte aber kaum die Mergelina betreten, wobei der Klang ſeiner Schritte zwi⸗ ſchen den hohen Mauern deutlich wiederhallte, als man an dem Schlage des Wagens die Geſtalt und den Kopf einer jungen Dame erſcheinen ſah, welche nach dem Ankommenden zu ſpähen ſchien. Obgleich Roſa auf etwas Schreckliches gefaßt war, fühlte ſie doch, wie ihr Blut plötzlich zu ſtocken ſchien, und es war ihr, als könne ſie ein paar entſetzliche Sekunden lang nicht athmen. Die junge Dame im Wagen— ſie hatte ihre Hand auf den Schlag gelegt— ſchaute hinauf nach San Antonio, ſie hatte ein fein geſchnittenes, edel geformtes blaſſes Geſicht und große dunkle Augen, in denen jetzt, als ſie ſich etwas aus dem Wagen herausbeugte, ein Strahl des weißen Lichtes hell erglänzte. Roſa legte ihre Hand an die brennende Stirne, und ſie konnte nicht anders: ſie mußte an das Wort des Impreſario denken, daß es ein Spiel der Natur ſei, wie ſehr die Fürſtin Pallavicini, die jetzige Marcheſa Fontana, ihr ſelbſt ähnlich ſehe. „Zurück, zurück!“ klang es in ihr,„ehe er dich vielleicht hier bemerkte. Er iſt zu ſchlecht, als daß ich ihm entgegen 108 Siebentes Kapitel. Ein gebrochenes Herz. treten ſollte, um ihm mit glühenden Worten meinen Haß ins Geſicht zu ſchleudern. Der Bediente trat gegen das junge Mädchen hin, und ſagte mit geſenktem Haupte und leiſer Stimme:„Es iſt der Wagen des Marcheſe Fontana.“ „Gut,“ gab Roſa kalt und ruhig zur Antwort;„ſo muß man ihm melden, daß er hier unten erwartet wird.“ Eine Stunde ſpäter rollte ein ſchwerbepackter Reiſewagen von vier Pferden gezogen über die Mergelina gegen Santa Lucia. Früher glänzend beleuchtet, angefüllt von einem bun⸗ ten, lebendigen Treiben, lag jetzt alles hier ſtill und öde; die Nacht machte ihr Recht geltend und hatte, da nun der Mond hoch über San Antonio ſtand, ihre ſchwarzen Schatten über die Straße, über den Quai und die noch immer leicht an⸗ ſchlagenden Wellen vorgeſchoben. Von den Lichtern auf dem Meere brannte keines mehr in rother Glut, auch das phos⸗ phoriſche Leuchten hatte aufgehört, da kein Ruder mehr die Flut durchwühlte. Nur die Spitze des Veſuv war noch zu⸗ weilen erhellt von aufſteigender Lohe, die ſich auf Augenblicke majeſtätiſch erhob und dann wieder ſtill in ſich zuſammenſank. — Sonſt war alles ſtill und finſter in dieſer nächtigen dunk⸗ len Stunde. Achtes Kapitel. In der Dachkammer. Durch Contraſte muß der Künſtler das Publicum packen, ſagte mir einſt ein junger Maler mit ſehr langen Haaren, in welchen er, ein zweiter Simſon, ſeine Hauptkraft ver⸗ muthete, als er mir ſein neueſtes Bild zeigte, auf dem zu ſehen war eine vom Sonnenlicht grell beleuchtete weiße Kalk⸗ wand, vor der ein Moor ſpazieren ging mit feuerrother Hals⸗ binde, aus deſſen ſchwarzem Frack ein giftig grünes Tuch hervorſchaute— ja, durch Contraſte, wiederholte er ſchmun⸗ zelud und hatte im Grunde nicht Unrecht, wenn er auch dieſe Contraſte etwas zu grell und ohne mildernde Uebergänge neben einander hinklecks'te. Es iſt das im Leben, wie in jedem Kunſtwerke: wir ſehnen uns nach Regen, wenn wir anhaltenden Sonnenſchein gehabt; wir erfreuen uns an dem erſten fallenden Schnee, der die goldglänzende herbſtliche Landſchaft in einem Momente verändert; wir empfinden die Süßigkeit eines guten Deſſerts am beſten nach einem pikanten Salat, und auf ein kaltes — 110 Achtes Kapitel. Gefrorenes, das wir zu uns genommen, ſchmeckt uns ein ſiedend heißer Kaffee ganz beſonders. Contraſte alſo, die ſich in unſerem gewöhnlichen Leben täglich an einander reihen und daſſelbe ſeine Einförmigkeit verlieren machen, muß der Künſtler auf wohltyuende Art herbei zu führen ſuchen, der Maler durch einen tiefſchwarzen Neger auf weißer Kalkwand, der Schriftſteller, indem er ſei⸗ nen geduldigen Leſer aus den Armen eines engelgleichen Weſens an die Bruſt eines unbeſchreiblich ſchlechten Charak⸗ ters wirft, oder indem er ihn mit ſich führt aus dem heißen Sommer in den kalten Winter, aus dem Palaſt in die Hütte. Beſteht doch unſere ganze Kunſt darin, daß der freundliche Leſer nicht nur den Palaſt ungern verläßt, ſondern ſich auch nach kurzer Zeit heimiſch fühlt in der armſeligen Hütte, wo⸗ hin wir ihn geleitet— Hinter uns ſind verſchwunden Campaniens glückliche Gefilde; rückwärts blickend ſahen wir den Veſuv niederſinken, ſahen das tiefblaue Meer ſich verſtecken vor den mächtigen Alpen mit ihren mit Eis und Schnee bedeckten Häuptern, und auch dieſe Rieſen mußten vor unſeren Blicken unter⸗ tauchen, nachdem wir ſie verlaſſen, hinter andere, weit ge⸗ ringere Größen. Dann ſahen wir wieder deutſches Land und athmeten fröſtelnd deutſche Luft, kalte, herbſtliche, heimatliche Luft, ſeufzend, wenn wir an den ſchönen Süden gedachten. Entgegen zog uns die geſchäftige Schwalbe und lachte zwit⸗ ſchernd über uns, eben ſo der Kranich und der verſtändige Storch. Alle zogen heimwärts, wie wir, aber ihre Heimat iſt dort, wo Brunnen kühlen und Palmen rauſchen, die unſ⸗ rige hier, wo über ſpitze Giebeldächer hinweg aus langen Schornſteinen dichte Rauchwolken in die ſchwere dunſtige Luft — — 2 1 In der Dachkammer. 111 hinaufſteigen; hier, wo kalter Wind uns die Häuſerecken ins Geſicht bläſ't näßt und der Staub faſt erblin theurer Leſer; die Pflicht, nur hat uns hieher in die gro ſo recht boshaft um „wo uns der Regen durch⸗ det. Trage es mit Geduld, Wahrhaftiges Dir mitzutheilen, ße deutſche Reſidenzſtadt geführt. Leider ſind wir augenblicklich nicht einmal im Stande, Dich vor den erſten Gaſthof zu führen o und vornehmen Häuſer, ſteifem Hochmuthe in der Stadt. Wir laſſen dieſe vielmehr hinter uns und tauchen in ein Labyrinth von Gaſſen und Gäßchen, wo kein Rollen von Equipagen unſer Ohr betäubt, wo wir nur das Klopfen des Hammers hören, mit welchem der fleißige Schmied ſein Eiſen bearbeitet, oder das tactmäßige Klappern des Weh⸗ ſtuhls und unter vielerlei ähnlichem Geräuſche das Seufzen einer Säge, die Stimme der Straßenverkäufer, die Schuh⸗ wichſe und Beſen feil bieten, Kindergeſchrei, Hundegebell und ähnliche Töne, die uns nach tagelanger Wanderung durch einen dichten Wald höchſt angenehm, ja, faſt poetiſch erſchei⸗ nen, hier aber, im Uebermaße genoſſen, unſere Nerven anzu⸗ greifen im Stande ſind.. Es iſt eine ſehr enge und kurze Gaſſe, in die wir ge⸗ treten ſind; die Häuſer ſind mit ihren Giebeln nach vorn gekehrt und ſtehen ſo eng zuſammen gedrückt, als ſeien ſie einmal in einer hellen Mondnacht vor irgend etwas erſchro⸗ cken und haben ſich Schutz ſuchend ſo dicht an einander ge⸗ drängt, wie es eine Herde Schafe zu machen pflegt, wenn ſie der Wolf oder ſonſt ein Raubthier umkreiſ't. dieſes haſtige Zuſammenfahren mag es denn der in eines der ſchönen wie ſie neben einander liegen in den eleganten und reichen Vierteln Durch auch gekommen — ———— S— 4 ⁄ 8—— —ʒx—=— — ʃ———— 5 ———— 112 Achtes Kapitel. ſein, daß manches aus dieſer Geſellſchaft etwas das Gleich⸗ gewicht verlor und ſich ſo ſtark vorüber neigte, daß es an verſchiedenen Stellen einem langen Arme nicht unmöglich geweſen wäre, eine drüben hinaus geſtreckte Hand freundlich zu ſchütteln. Weiter iſt dieſe Gaſſe nur dadurch bemerkenswerth, daß faſt ſämmtliche Einwohner eine große Vorliebe für feuchte Wäſche an den Tag zu legen ſcheinen, denn dergleichen ſieht man wie eine helle flatternde Guirlande rings umher, na⸗ mentlich vor den oberen Stockwerken der dunkeln Gebäude, was einem faſt begreiflich wird, wenn man die zahlreichen Kindergruppen in meiſtens ſchmutzigen Hemden, Kitteln und Blouſen von den verſchiedenſten Zuſchnitten und den auf⸗ fallendſten, einſtens friſch geweſenen Farben auf der Straße ſieht, während die Häuſer ſelbſt von Einwohnern förmlich überzuquellen ſcheinen; denn überall, wohin wir die Blicke wenden, bemerken wir Geſtalten unter den Hausthüren und an den Fenſtern, zeigen ſich Geſichter hinter den Fenſter⸗ ſcheiben oder oben aus den Dachläden herausblickend. Wenn man über das Ganze ein Glasdach ſetzen könnte, ſo hätte man etwas wie einen koloſſalen Bienenkorb, nur ſtatt mit dieſen emſigen, ſummenden, aus— und einziehenden Thierchen, mit nicht weniger emſigen und nicht weniger zahlreich aus⸗ und einziehenden Menſchen beſetzt. Selbſt an einer Königin fehlt es hier nicht; dieſe ſehen wir vor dem ſtattlichſten der Häuſer in Geſtalt der Beſitzerin des dort beſindlichen Wurſtladens ſtehen, eine große, breite und ſchwere Perſönlichkeit, faſt rieſenhaft neben den dürftigen und gebückten Weibern, die dort aus⸗ und eingehen, die er⸗ kauften Leckerbiſſen in Papier gewickelt mit ſich forttragend. In der Dachkammer. 113 Die Wurſtkönigin ſteht unter der Hausthür, nach deren Nummer wir ſchon beim Eintritt in die Gaſſe geſpäht. Wir gehen bei der ſtattlichen Frau vorbei, ſehen an den Wänden des halbdunkeln Hausganges die weißen Leichname einiger unglücklichen Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit hangen, daneben den ſchauerlichen Richtplatz dieſer armen Geſchöpfe, den mächtigen Hackblock mit dem breiten Beil und der im Zwielicht blinkenden Klinge des langen und ſpitzen Meſſers. Rechts neben uns erblicken wir blutige Kübel, links Knochen⸗ überreſte; über unſerem Haupte ſchweben ſchwere Ketten von Würſten. Vorbei an allen dieſen Gräueln eilen wir die Treppen hinauf in den erſten, zweiten, dritten und vierten Stock, wo wir an einer Thür mit der Aufſchrift:„Daniel Schweizer, Damenkleidermacher,“ ſtehen bleiben. Dank dem Zauberſtocke, den wir bei uns führen, öffnet ſich dieſe Thür geräuſchlos bei unſerem Erſcheinen und wir treten in ein weites, dunſti⸗ ges Gemach, welches dem Geruche nach, der hier herrſcht, Küche und Werkſtätte zu gleicher Zeit ſein muß, und das von dem Schlafzimmer, einem tiefen finſteren Alkoven, nur durch einen geflickten Kattunvorhang getrennt wird, der wohl das Auge abſperrt, aber nicht das Ohr, denn wir vernehmen die wimmernden Laute eines wahrſcheinlich kranken Kindes und die ſanften Schmeichelworte einer mitleidig klingenden weiblichen Stimme. In der Werkſtätte iſt der Meiſter ſelbſt, der auf dem Tiſche ſitzt, eine kleine gebrechliche Geſtalt, nur von einer Seite ſichtbar, da er faſt ganz umgeben iſt von einer Wolke von Gaze oder einem ſonſtigen feinen weißen Stoffe, einem Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 8 114 Achtes Kapitel. Damenrocke in den bekannten rieſenhaften Dimenſionen, an welchem er beſchäftigt iſt, Bandſchleifen mit Stecknadeln zu befeſtigen, die er darauf mit Kennermiene betrachtet, wobei er den dünnen, ſchmalen Kopf etwas auf die Seite neigt und mit roth unterlaufenen Augen unter der Kneifbrille hervor auf ſein Werk ſchielt. Neben ihm vor dem Tiſche ſitzt ein junges Mädchen auf einem Stuhle, das den Kopf ſo tief auf die Arbeit ge⸗ ſenkt hat, daß der gewöhnliche Beſchauer, der durch das Zim⸗ mer ſchritte, ihre Geſichtszüge nicht hätte unterſcheiden können. Wir werden ſie vielleicht ſpäter noch kennen lernen. Vielleicht iſt es der Mühe werth, ihr Geſicht zu betrachten, denn trotz der dürftigen und abgetragenen Kleidung ſcheint ihre Figur voll und doch wieder ſchlank zu ſein. Wir ſehen das an den breiten runden Schultern, die locker mit einem Tuche ver⸗ hüllt ſind, ſo wie an der ſchlanken Taille, die ohne künſtliche Mittel in ihrer natürlichen Form viel verſprechend erſcheint. Das junge Mädchen betrachtet ein Modekupfer, welches vor ihr auf dem Tiſche liegt, wobei wir ſehen, daß ſie mit ihrer rechten Hand das Haupt unterſtützt und ihre feinen weißen Finger in einer Fülle von dichtem ſchwarzem Haar vergraben hält. Der kleine Damenkleidermacher hebt den Kopf von ſeiner Arbeit auf und horcht einen Augenblick auf das Wimmern des kranken Kindes. „Das arme Wurm,“ ſagt er mit ſeiner ſehr dünnen Stimme,„ſcheint mir wirklich recht krank zu ſein. Wenn ich nachher ausgehe, will ich mich nach dem Doctor umſehen. Man muß das Seinige thun— und dann— wie Gott will.“ Dieſe Worte klangen in dem Munde eines Vaters viel⸗ — In der Dachkammer. 115 leicht etwas hart, doch war die Stimme, mit welcher ſie ge⸗ 1 ſprochen wurden, ſo weich, faſt zitternd, daß man wohl fühlte, Wi wie dem Manne das Klagen der kleinen Kreatur tief zu d Herzen ging. r„Ach ja, ach ja!“ hörte man die Frau ſagen;„wenn ich auch nicht viel darauf halte, was der Doctor ſo einem 1 kleinen Kinde verſchreibt, ſo iſt es doch eine Beruhigung, und es koſtet uns ja nichts, da du den Mantel der Frau Doc⸗ torin zum Flicken da haſt. Man iſt gleich ſo ängſtlich, wenn man, Gott ſei Dank, noch wenig kranke Kinder zu behandeln t gehabt hat. Aber das iſt ſchon wahr, ſie ſind gleich ganz 6 miſerabel, um ſich eben ſo ſchnell wieder zu erholen. Nicht r wahr, Roſa, das wird bei euch auch wohl gerade ſo gehen?“ n Das junge Mädchen hob den Kopf in die Höhe, und während ſie dies thut und ſich etwas umwendet, um nach e dem Kattunvorhange zu blicken, ſehen wir deutlich ihr nicht t nur angenehmes, ſondern ſogar ſchönes Geſicht, Züge, die 8 nicht für ihre Kleidung und Umgebung paſſen. Dieſer ſchlanke it weiße Hals, das edel geformte längliche Geſicht mit den glän⸗ n G zenden Augen, der geraden Naſe und dem kleinen Munde r I wäre, ſich aus einem reichen Pelze hervorhebend, der vor⸗ nehmſten Dame würdig. Ihr Teint iſt etwas bleich, wodurch er die dunkeln Augen noch ſchärfer hervorgehoben werden. Eigen⸗ n thümlich iſt es, daß ſie die Lippen zuſammenpreßt, wodurch in den Mundwinkeln ein leichter, man könnte ſagen, ein Zug n tiefer Angſt entſteht, der ſich aber augenblicklich wieder ver⸗ ch wiſcht, ſobald das Mädchen ſeine friſchen Lippen öffnet und, n. prachtvolle Zähne zeigend, mit einem ſehr tiefen Organ lang⸗ 4 ſam und äußerſt bedächtig ſpricht. „Ich habe es oft bemerkt, Frau Schweizer,“ ſagt ſie nun, 116 Achtes Kapitel. „Mittags friſch und geſund, ſind die Kleinen Abends todt⸗ krank, um am andern Morgen wieder herum zu ſpringen.“ „Das ſpringt morgen früh nicht wieder herum, fürchte ich,“ meinte der Damenkleidermacher, indem er ſeine Brille feſter auf die Naſe drückte und ſeine Nadel einfädelte.„So eilig verlangen wir es ja auch gar nicht. Du meine Güte, wenn dem Kinde überhaupt nur nichts geſchieht.“ Das junge Mädchen hatte ihre Hand leicht zuſammen geballt und auf das Kupfer der Modezeitung, welches vor ihr lag, gedrückt, während ſie unverwandten Blickes und mit geſpannter Aufmerkſamkeit, ſobald die Frau vorhin geſprochen, nach dem Alkoven ſah und von da ab kein Auge mehr von dem Vorhang wandte, der ſich hier und da bewegte, wenn die Frau dem kranken Kinde eine andere Lage gab. „Sehe Sie doch einmal den Kleinen an, Roſa,“ hörte man die Stimme drinnen ſagen. Worauf ſich das Mädchen augenblicklich erhob, faſt von ihrem Sitze emporſprang, gleich darauf aber, als zucke ihr ein Gedanke durch den Kopf, ruhig ſtehen blieb, dann lang⸗ ſam die Modeblätter auf dem Tiſche zuſammen ſchob und hierauf erſt dem Alkoven zuſchlenderte. Während ſie ſo dahin ſchritt, in faſt nachläſſiger Haltung, ſich leicht in den Hüften wiegend, ſah man deutlich ihre hohe, kräftige und ſchöne Geſtalt, und konnte es nur bedauern, daß ihr Anzug eher dazu gemacht war, dieſe zu entſtellen, als zu verſchönern. Dabei hatte ihr Gang, ihre Haltung trotz des nachläſſigen Weſens, mit dem ſie dahin ſchlich, etwas un⸗ verkennbar Ausgezeichnetes. Man hätte ſie für eine vornehme Dame halten können, die ſich das Vergnügen machte, die Welt durch einen unſcheinbaren Anzug zu täuſchen, oder für die In der Dachkammer. 117 erſte Liebhaberin irgend eines Theaters, die gewohnt iſt, nur Prinzeſſinnen darzuſtellen, und die nun die Rolle eines Wei⸗ bes aus dem Volke übernommen hat. Für dieſes paßte wohl das verſchobene Halstuch, das locker hängende, wenig an⸗ ſchließende Kleid, die nachläſſig zuſammen gedrehten dichten Haarflechten; aber durch alles das ſchimmerte für den Kenner ein ganz anderer Kern hindurch. Dieſe lange und feine Taille war offenbar nicht für den unſcheinbaren baumwolle⸗ nen Ueberrock geeignet; dieſe Schultern waren einer anderen Bedeckung, als die des groben bunt karrirten wollenen Tüch⸗ leins gewohnt; dieſes dichte ſchwarze glänzende Haar war abſichtlich zerzauſ't; wenn man es frei herabwallen ließe, ſo würde es ſich mit viel weniger Widerſtreben in kunſtreiche Flechten, in Bandeaux oder dergleichen fügen. Ja, wenn man die hohe, offene Stirn des Mädchens betrachtete, ſo brauchte es wahrlich wenig Phantaſie, um ſie paſſend zu finden für den Schmuck eines Blumenkranzes, ſelbſt eines Diadems. Während ſie nun in nachläſſigem Gange dahin ſchreitet, bemerkt ſie vor ſich auf dem Boden eine Schleife liegen; ſie bückt ſich, um dieſelbe aufzuheben; ehe ſie das aber thut, hebt ſie ihr Kleid mit der linken Hand auf wahrhaft graziöſe Weiſe etwas in die Höhe, und wir, mit den eben angedeu⸗ teten Phantaſien beſchäftigt, erſchrecken beinahe, als wir unter dem dunkeln, faſt unreinlichen Rocke einen ſchneeweißen Strumpf erſcheinen ſehen, den feinſten, zierlichſten Knöchel umſpannend, und unter demſelben ein ſchwarzes Stoffſtiefel⸗ chen, genau anſchließend, von tadelloſer Form. Roſa hebt den Vorhang etwas in die Höhe und geſtattet uns ſo einen Blick in den Alkoven. Dort ſteht ein breites 118 Achtes Kapitel. Bett, das Geſtell vom gewöhnlichſten Holze und der einfach⸗ ſten Tiſchlerarbeit, reinlich aber faſt dürftig überzogen. Neben demſelben befindet ſich ein Kinderbettchen, offenbar aus einer anderen Werkſtatt herrührend; letzteres iſt aus polirtem Nuß⸗ baumholz zierlich gearbeitet, mit ſchwellenden Kiſſen und weichen Decken verſehen, die aber unordentlich durch einander liegen, da die Frau des Damenkleidermachers das Kind von ſeinem Lager empor genommen hat und es auf ihren Knieen ruhen läßt, wobei ſie das Köpfchen ſorgfältig mit ihrem rechten Arme unterſtützt. Das Kind iſt vielleicht vier Jahre alt, hat ein rundes, angenehmes Geſichtchen, neben dem verſchobenen Nachthäub⸗ chen ſind blonde, krauſe Haare ſichtbar. Es liegt da mit geſchloſſenen Augen, die feinen Lippen leicht geöffnet, ſeine Wangen ſind fieberhaft geröthet, ſein Athem geht kurz und ſchwer und zuweilen zucken ſeine kleinen Glieder, namentlich die Arme, wobei es dann jedesmal einen klagenden Laut aus⸗ ſtößt und eine Sekunde lang die Augen öffnet, die aber gleich darauf wieder von den ſchweren Lidern bedeckt werden. Das junge Mädchen hat ſich mit einer Schnelligkeit auf das Kind herabgebeugt, die faſt auffallend abſticht gegen ihre früheren, ſo langſamen Bewegungen; ſie legt ihre kühle, weiße Stirn einen Moment an die heißen Wangen des kleinen Bübchens; ſie erfaßt ſeine glühenden Händchen, ſucht den Puls und zählt die Schläge. „Ja, ja,“ ſagte ſie dann haſtig,„ich fürchte auch faſt, das Kind iſt ſehr krank. Um Gottes Willen, wie das nur ſo ſchnell kommen konnte! Geſtern Abend war es doch noch geſund und munter.“ „Vollkommen geſund,“ erwiderte die Frau in betrübtem In der Dachkammer. 119 Tone.„Das kann mir mein Mann bezeugen. Ich mußte dem Bübchen, als es im Bette lag, die Geſchichte vom Müller und den Thieren erzählen, und ich habe es lange nicht ſo herzlich lachen hören, als Schweizer dazu wie der Hund bellte und wie der Hahn krähte.“ „So iſt es,“ bekräftigte der Meiſter vom Tiſche herüber; „aber du mußt dich deßhalb auch nicht ſo grimmig ängſtigen, Frau. Hat der Kleine doch ſchon ein paarmal einen ähn⸗ lichen Zufall gehabt. Damals kam es von den Zähnen her, und jetzt wird es hoffentlich auch nichts Anderes ſein.“ „Vielleicht, vielleicht,“ verſetzte haſtig das Mädchen. „Doch müſſen wir nach dem Doctor gehen, und das ſo bald wie möglich. Weiß Sie was, Frau, gebe Sie mir das Kind und gehe Sie ſogleich. Es ſind ja nur ein paar Schritte bis zum Spital, wo der Doctor um dieſe Stunde zu fin⸗ den iſt.“ „Sie hat Recht, die Roſa,“ ſagte der Damenkleider⸗ macher,„ſie hat vollkommen Recht; man muß das Seinige gethan haben. Geh' alſo ſogleich, und auf dem Rückwege kannſt du mir für einige Kreuzer weiße Seide mitbringen.“ Das junge Mädchen hatte ſich auch ſchon, während ſie vorhin ſprach, auf das breite Bett geſetzt und nahm das in unruhigem Schlummer liegende Kind ſanft aus den Armen der Frau Schweizer. Sie bettete es weich auf ihrem Schooße, ſie legte ſein Köpfchen an ihre Bruſt und dann winkte ſie der Frau, die vor ihr ſtehen blieb, ein paarmal ſchnell zu, wobei ſihe ſagte:„Geh' Sie nur, geh' Sie, es iſt nothwendig.“ Frau Schweizer nahm ein wollenes Umſchlagtuch von de und warf es um die Schultern, und als ſie in 4 hinaus trat, fiel der Kattunvorhang vor dem 120 Achtes Kapitel. Alkoven herab und ſchied ſo das junge Mädchen und das kranke Kind von den Anderen. Daß Meiſter Schweizer ein alter Mann von vielleicht ſechszig Jahren war, haben wir ſchon vorhin geſehen. Nach dem zarten Alter des Bübchens aber wären wir befugt ge⸗ weſen, die Frau für viel jünger zu halten. Dem war aber nicht ſo, vielmehr mochte die Frau Schweizer nur einige Jahre weniger als ihr Mann zählen; und dabei hatten die Züge des Kindes nicht die Spur einer Aehnlichkeit mit einem der Beiden— ein Räthſel, welches uns indeſſen jetzt durch die Worte des Damenkleidermachers gelöſ't wird. „Sollteſt du,“ ſagte er ſehr leiſe und flüſternd zu ſeiner Frau,„nicht auch geſchwinde bei dem Advocaten Berger vor⸗ bei laufen und ihm mittheilen, daß das Kind ſehr krank zu ſein ſcheint? Du weißt, als er uns den Kleinen übergeben, hat er uns ausdrücklich befohlen, ihn von allem Unvorher⸗ geſehenen, was geſchehen könnte, ſogleich in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ich weiß wohl,“ entgegnete die Frau kopfſchüttelnd. „Ehe wir aber da ein Geſchrei und Aufſehen machen, wollen wir den Doctor fragen, ob das Kind gefährlich krank iſt oder nicht, und dann iſt es immer noch Zeit, den Herrn Berger zu beunruhigen.“— . „Wie du meinſt,“ verſetzte Herr Schweizer.„So geh' denn zum Arzt und vergiß nicht, mir für einige Kreuzer Seide mitzubringen. Laß dir aber ein Strängelchen geben, was nicht verwirrt iſt; man muß den Kaufleuten immer auf die Finger ſehen.“ Damit ging die Frau hinaus, der Meiſter fuhr fofrt ſeine Schleifen aufzuheften und das junge Mädg dem kranken Kinde hinter dem Vorhange. 1 nit In der Dachkammer. 121 Obgleich ſie das Bübchen ſorgfältig in die Arme genom⸗ men, ſo hatte ſie es doch, ſo lange die Frau vor ihr ſtand, anſcheinend nur mit großer Theilgahme, aber lange nicht mit der Liebe und Innigkeit betrachtet, die jetzt in ihren dunkeln Augen glänzte, ſobald der Vorhang vor dem Alkoven nieder⸗ gefallen war. Nun aber beugte ſie ſich tief auf das Kind herab, nun hob ſie es in ihren Armen auf, drückte ihre Lippen auf ſeine Stirn, auf ſeine Augen, auf ſeinen kleinen Mund und ſprach zu ihm mit den herzlichſten Worten, gab ihm die ſüßeſten Schmeichelnamen. Dabei tönte ihr tiefes Organ, obgleich jetzt gewaltſam gedämpft, um ſo klingender und eigen⸗ thümlicher. Das Kind ſchien dieſe Stimme zu kennen, denn es hielt ſeine müden Augenlider ein paar Sekunden offen, ja, es zeigte ſich ein mattes, kurzes Lächeln um ſeinen Mund. „Du liebes Kind,“ ſagte ſie ſchmeichelnd,„du kleiner, ſüßer Eugen, mußt uns das nicht anthun, daß du ernſtlich krank wirſt. Nein, nein, das thut unſer gutes Bübchen nicht. — Morgen biſt du wieder luſtig, und dann bringe ich dir einen großen Wagen, einen Wagen mit Pferden, und damit ſpazierſt du im ganzen Zimmer umher; ja, im ganzen Zim⸗ mer, ſo lange du noch nicht ganz wohl biſt. Wenn aber Eugen wieder ausgehen darf, ſo komme ich mit einem ganz großen Wagen und wir fahren dann hinaus auf den Platz, wo die Bäume ſtehen und wo die Muſik iſt.— Weißt du, die ſchöne Muſik!“ Es war, als ob der Kleine in ſeinem Fieberſchlummer dieſe Schmeichelworte verſtanden, und als ob es ihm wohler ſei an dem Buſen des jungen Mädchens. Er legte ſein Köpfchen feſt an ſie, er ſtreckte ſeine kleinen Hände zwiſchen die Aermel ihres Pleides und drückte ſeine Fingerchen in ihren vollen Arm. 7 ₰ 122 Achtes Kapitel. In der Dachkammer. Sie ſaß, obgleich zuweilen ein leiſes Wort ſprechend, regungslos wie ein Marmorbild, denn ſie glaubte in dem Blick des Kindes zu leſen, wenn ſich auf Sekunden ſeine Augenlider öffneten, daß es ſich behaglich fühle und ruhiger ſchlummern werde. Das Kind dehnte ſich in ihrem Schooße; die Zuckungen ſeiner Glieder wurden ſchwächer und ſchienen endlich ganz aufzuhören; es ſtreckte ſeinen kleinen Körper lang aus, es ſeufzte ein paarmal tief auf, und obgleich das Mädchen an⸗ fänglich angſtvoll dieſem Seufzer lauſchte, ſo flog doch ein entzückendes Lächeln über ihre ſchönen Züge, denn am Ende eines recht, recht langen Athemzuges ſagte der Kleine, wenn auch leiſe, doch vernehmlich:„Liebe Roſa!“— Dann entſchlief er wirklich, die Röthe auf ſeinen Wangen hatte ſich vermin⸗ dert, während er in längeren Zügen athmete. Mit dem Auosdrucke unſäglicher Liebe in den ſchönen Zügen blickte das Mädchen auf das Geſicht des Kindes, und nur einmal fuhr ſie leicht in die Höhe, als draußen die Kir⸗ chenuhr ſchlug. Sie zählte die Schläge und ſprach dann zu ſich ſelber:„O, Gott ſei Dank, es iſt noch nicht ſpät— erſt drei Uhr.“ Draußen im Zimmer huſtete der Damenkleidermacher zuweilen, aber kaum hörbar, und wenn er ſeine Scheere ge⸗ braucht hatte und ſie wieder aus der Hand ließ, ſo legte er ſie behutſam auf einen dicken wollenen Lappen, damit das ſchwere Eiſen kein Geräuſch verurſache. Deßhalb war es auch, als die Frau fortgegangen, ſehr ſtill in dem Zimmer. Ueuntes Kapitel. Die Wohnung eines Künſtlers. Wir haben vergeſſen, dem geneigten Leſer zu ſagen, daß die Wohnung des Damenkleidermachers, die wir eben ſo leiſe wie möglich verlaſſen, nach der Straße zu gelegen iſt. Es iſt das eigentlich von keinem Belang, doch wünſchen wir ſelbſt 1 in den unbedeutendſten Dingen alle Irrthümer zu vermeiden. Vor der Stubenthür befindet ſich, wie oft in alten Häuſern, ein geräumiger Vorplatz, der aber ziemlich dunkel iſt, da er ſein Licht durch eine einzige und obendrein ſehr ſchmale Thüre erhält, welche von dieſem Vorplatz direct ins Freie auf die angelegenen Dächer zu gehen ſcheint. Wenn wir aber an dieſe Thüre treten, ſo finden wir, daß ſie auf einen ſchmalen 3 unbedeckten Gang führt, der uns um das Haus herum nach einem Hintergebäude leitet. . Stellen wir uns auf dieſen Gang, ſo haben wir eine Ausſicht auf die umherliegenden hohen und ſchmalen Ge⸗ bäude, auf altersgraue Dächer, auf geſchwärzte Mauern und Schornſteine, auf zerbrochene und verwitterte Wetterfahnen, 124 Neuntes Kapitel. auf tiefe, enge Höfe, von welchen herein allerlei Geräuſch des täglichen Lebens, obgleich ziemlich gedämpft, an unſer Ohr ſchlägt. Wenn wir ſo die hintere Seite irgend einer Straße be⸗ trachten, deren vorderer Theil meiſtens ſo glatt vor unſeren Augen dahin läuft, ſo erſtaunen wir über die ſeltſamen For⸗ men, die wir hier ſehen, über die eigenthümlichen Auswüchſe, mit denen die armen Häuſer gleich krankhaften Geſchwulſten behaftet ſind. Da iſt, namentlich in dieſen engen Stadt⸗ vierteln, keine regelmäßige Linie mehr, kein rechter Winkel; da ſcheinen die Häuſer in heftigem Streit ſich in den Haaren zu liegen und jedes ſich gewaltſam vorzudrängen, wo es ihm nur immer möglich iſt. Da ergrimmt das ruhige Gemüth eines hausbackenen Architekten, da freut ſich dagegen die Phantaſie des Zeichners und Malers. Wer kann die Formen und Anbaue erdenken, die hier winklig und zackig zu Tage treten! Wer kann die dunkeln und doch dabei maleriſchen Töne erfinden, die wir hier an dem Durcheinander von Mauern und Giebeln ſehen, an den ehrwürdigen dunkelbrau⸗ nen Holzconſtructionen, an dem zerbröckelten, weiß und grau geſtreiften Mauerwerk, an dem eigenthümlichen Schimmer der einſt vergoldet geweſenen Wetterfahnen, und dann an den zufälligen Verzierungen dieſes Comglomerats,— Verzierun⸗ gen, beſtehend aus flatternder Wäſche, wucheriſchen Schling⸗ pflanzen an feuchten Mauern, Blumentöpfen mit üppigem Rosmarin und verkümmerten Geranien; mit menſchlichen Geſichtern aller Altersklaſſen, die aus den tiefen Höfen und den engen Fenſtern hervor nach dem kleinen, gezackt erſchei⸗ nenden Stückchen Himmel blicken, das ſich dürftig über i den Häuptern ausſpannt. Die Wohnung eines Künſtlers. 125 Das ſieht unſer Auge, während wir auf unbedecktem Gang, dem Lauf unſerer Geſchichte gemäß, nach dem Hinter⸗ hauſe wandeln; aber auch unſer Ohr iſt dabei nicht unbe⸗ ſchäftigt. Unter uns ſummt und brauſ't der Bienenſtock noch ärger als vordem, da wir durch die Straßen gewandelt; ſchauen wir doch jetzt noch genauer in das geſchäftige Trei⸗ ben des Stockes, und hören all' die hundertfachen Laute, womit jeder Einzelne ſeinen Honig nach Hauſe trägt oder bereitet. Hier vernehmen wir ein paar kreiſchende Stimmen, accompagnirt von dem Bellen eines Hundes; dort hören wir klopfen auf Holz und Leder, die Töne eines Liedes ſchlagen an unſer Ohr, die in erbittertem Kampf zu liegen ſcheinen mit dem Gequick einer Clarinette zu unſerer Linken, ſowie mit dem jämmerlichen Klagen einer Violine zu unſerer Rech⸗ ten, welche unter der Hand eines Schülers ſtöhnt und ſeufzt, und welche zu beſänftigen ſich der tiefe Klang eines Wald⸗ horns vergeblich abmüht. Am Ende des Ganges, auf dem wir wandeln, befindet ſich ein Zimmer, hoch und luftig gelegen; es hat zwei ziem⸗ lich große Fenſter und zeigt beſcheidene, weiß getünchte Wände, deren einzige Verzierung in verſchiedenen Lithographieen be⸗ ſteht, Bildniſſen berühmter dramatiſcher Künſtler und Künſt⸗ lerinnen, die mit vier Nägeln an der Wand befeſtigt ſind. Es befinden ſich effectvolle Köpfe darunter, und ihrer Hal⸗ tung nach könnte man, auch ohne eine Unterſchrift zu leſen, mit einiger Sicherheit beſtimmen, welches Fach dieſer oder jener Künſtler, dieſe oder jene Künſtlerin, ausfüllte. Dort jenes Bruſtbild, deſſen Kopf mit wohlgerollten Locken etwas verdreht auf dem Halſe ſteht, kühn um ſich ſchauend und zwiſchen den affectirt geöffneten Lippen Zähne 126 Neuntes Kapitel. zeigend, wie man es eben nur auf einem Bilde oder bei einer Marionette zu ſehen gewohnt iſt, um deſſen Mund ein fades Lächeln ſpielt, und deſſen Hals in einer Cravatte ſteckt, welche auf der Bruſt durch eine dicke Buſennadel zuſammengehalten iſt, während bauſchige Manchetten eine Hand einſchließen, deren Finger voller Ringe ſtecken, und die offenbar auf der Lithographie nur angebracht iſt, um Ringe und Hand zu zei⸗ gen,— iſt unverkennbar das Conterfei eines erſten Tenors. Der bärbeißige Mann nebenan mit dem etwas ſtruppi⸗ gen Haar, mit den halb zugekniffenen Augen, der ziemlich nachläſſigen Kleidung und dem verächtlichen Lächeln um die groben Lippen kann nur ein Baſſiſt ſein,— ein tiefer Baß, ein vortrefflicher Baß, ein Künſtler, der ſich den Henker um die Welt kümmert und der ſeines Sieges gewiß iſt, wenn er vor die Lampen tritt. Auch Bildniſſe von Damen, wie früher ſchon geſagt, bemerkt man hier. Dort unverkennbar eine Primadonna Aſo⸗ luta; hoch aufgerichtet daſtehend, ſchaut ſie ſich ſiegreich um; man könnte auf ihren ſtummen Lippen die Frage leſen: Würde es überhaupt noch Geſang geben, wenn mir es beliebte, zu ſchweigen?— O nein, gewiß nicht, glaubt man im ſchelmi⸗ ſchen Auge einer andern Dame zu leſen, die uns freundlich naiv anlächelt, und in deren munterem Blicke, der leich⸗ ten graziöſen Haltung wir alsbald die wunderbarſte aller Soubretten entdecken. Dies Nein iſt begreiflicher Weiſe ironiſch gemeint, und wenn ſie im Kreiſe der Vertrauten über jene: ſpricht, ſo ſagt ſie: Ihre Stimme iſt nicht übel, aber keine Biegſamkeit, keine Coloratur, man braucht aber auch nicht viel gelernt zu haben, um als dramatiſche Sängerin zu * glänzen. Die Wohnung eines Künſtlers. 127 So hängen ſie an den weiß getünchten Wänden, und ein paar dieſer Lithographieen haben eigenhändige Unterſchriften. Seinem— als Beweis der Freundſchaft und Verehrung, oder: Dem verehrten— die dankbare Künſtlerin. Weiter beſindet ſich im Zimmer in einer Ecke ein Bett, in der anderen ein ſehr beſcheidenes Clavier; ein Tiſch und ein paar Stühle fehlen natürlicher Weiſe auch nicht; auf einigen der letzteren liegen Kleidungsſtücke, Bücher, Muſica⸗ lien, alles durcheinander in bunter Unordnung; das Clavier iſt geöffnet, und vor demſelben ſehen wir einen jungen Mann, ziemlich nachläſſig angezogen. Seine Füße ſtecken in weiten Pantoffeln, das Kleidungsſtück, welches den untern Theil ſeines Körpers bedeckt, entbehrt einer angenehmen Straffheit und zeigt herabhängend ſehr unnöthige Falten. Sein Ober⸗ körper ſteckt in einem grauen Sommerrocke, der wahrſchein⸗ lich aus Verſehen ſchief zugeknöpft iſt, wenn nicht etwa zu dem betreffenden Knopfloch der correſpondirende Knopf fehlt, was anzunehmen wir leider ſogar einige Berechtigung haben. Dieſer junge Mann— er mag im Anfang der Zwanzig ſein— iſt nicht allein im Zimmer; ein anderer, ſcheinbar im gleichen Alter, vollſtändig, wenn auch mit wenig Eleganz angekleidet, ſitzt an dem oben erwähnten Tiſche und hat den Kopf herabgebeugt, um in die brennende Lampe einer Kaffee⸗ maſchine zu blicken, die vor ihm ſteht, und welche nicht die nöthige Hitze zu geben ſcheint. „Hier mangelt Spiritus,“ ſprach er.„Wenn ich zu einem ſchlechten Witze aufgelegt wäre, würde ich ſagen, dieſe Lampe hat etwas Menſchliches, etwas Künſtleriſches an ſich. — Und du ſelbſt, junger angehender Künſtler, beſitzeſt du 128 Neuntes Kapitel. etwas Geiſt, das heißt von dieſem, den ich meine, um der Lampt auf⸗ und uns zu einem guten Kaffee zu verhelfen?“ „Dort in dem Wandſchrank iſt die Flaſche,“ verſetzte der Angeredete kurz, worauf er ſich auf das Clavier⸗ niederbeugte, einen Accord anſchlug, dann zurücktrat, ſich ſo hoch wie mög⸗ lich aufrichtete, die Bruſt herausdrückte, und nachdem er mit dem Zeigefinger der rechten Hand leicht einige Takte bezeich⸗ net, mit einer nicht allzuſtarken, aber wohlklingenden Bariton⸗ ſtimme zu ſingen begann: „Der Mufti uns befohlen hat— Befohlen hat— befohlen hat— zu melden dem Kalifen— „Eins— zwei— drei— vier“— zählte er alsdann —„zu melden— eins— zwei— drei— vier— dem— eins— zwei— drei— vier— Kalifen.“ „Der Mufti,“ fiel der Andere in tiefem Baſſe und rich⸗ tigem Takte ein. 8 „Uns befohlen hat, zu melden dem Kalifen.“ „Zu melden— zu melden“ intonirte abermals der Baß ganz richtig. „Zu me—e—el— den— de—em— Kali— i— i-— fen.“ „O Herr!— o Herr!“ fängt nun der, welcher am Tiſche ſitzt, an und ſchreit dabei ſo laut, daß man augenblicklich ver⸗ ſteht, er ſtelle den ganzen Singchor vor und müſſe durch ſein: O Herr! den Kalifen um Aufmerkſamkeit bitten, daß er ein geneigtes Gehör dem ſchenke, was der Andere im Namen des Mufti zu melden habe. Worin aber dieſe Meldung beſteht, erfahren wir vor der Hand nicht; es bleibt im Dunkel des Geſanges, wie ſo Man⸗ ches in einer wohlcomponirten Oper. Der am Clavier läßt nun ſein Notenblatt niederſinken, Die Wohnung eines Künſtlers. 129 blickt ſchwärmeriſch gen Himmel, als wolle er auf den Flü⸗ geln des Geſanges empor flattern, und beginnt abermals und dieſes Mal in ſo hohen Tönen, daß man fühlt, er ſei an den Grenzen ſeiner Möglichkeit angekommen: „Der Mu— u— u-— fti— ti— ti— uns— be— foh—o— len — hat— zu—u— me e— e lden— de—em— Ka—⸗ „Gut, gut!“ ruft der Andere;„famos! Du haſt dein Allah mit dem ganzen Tone des Schreckens herausgeſungen. — Weiter, weiter!— Allah, Allah!“ brüllt er nun als Chor, worauf der am Clavier mit einem Schrei der unverkennbar⸗ ſten Angſt einfällt:„Allaaah!“ und den letzten Ton ſo lange aushält, bis ihm die Augen hervortreten und er faſt blau im Geſichte wird. „Wenn du es heute Abend ſo ſingſt,“ ſagt der junge Mann am Tiſche,„ſo kann dir ein Applaus nicht fehlen. Nimm dich aber bei der Stelle in Acht, daß das dazu gehö⸗ rige Spiel nicht in die Brüche geht. Es iſt, wie du weißt, im entſcheidenden Augenblicke. Du— Sidi⸗ben⸗Abenhamet, Oberhaupt der Ulemas, und wir, dein heiliges Collegium, ſind gekommen, dem Kalifen zu melden, daß ſeine ſtumme Favoritſklavin ihn den Franken verrathen habe.— Du mußt das nicht leichtſinnig nehmen, guter Kerl. Das Auge des Herrn funkelt, und ich kann dir verſichern, der Herr Benzen⸗ berger wird in dieſem erhabenen Momente ſeine Augen nicht ſchlecht funkeln laſſen.— Da thut ſich der Vorhang neben dem Kalifen auseinander, und ſie erſcheint.“ „Ja, ſie erſcheint,“ ſpricht der am Clavier ſeufzend,„in all' iſer Schönheit, in all ihrem Liebreiz.“ Hinder, Die dunkle Stunde. I, 9 130 Neuntes Kapitel. „Bumdurumdum du⸗dum! wirbeln die Pauken;— Trom⸗ petenfanfare,— ſie ſtürzt in einem graziöſen Pas zwiſchen dich und den Herrſcher, den armen Sidi⸗ben⸗Abenhamet mit der Hälfte eines einzigen ihrer glühenden Blicke zu Boden ſchmetternd, und dann pantomimirt ſie dem Herrſcher auf ihre deliciöſe Art eine ganze Geſchichte, worin ſie ihre Un⸗— ſchuld beweiſ't, ſich wieder in Gunſt ſetzt und dich mit jeder Bewegung ihrer ſüßen lieben Beine dem Stricke näher bringt. — Das ſiehſt du voraus, ſo wie Zuleyma erſcheint, alſo dein letztes Allaaah! muß Schrecken, Angſt, unſer ganzes zukünf⸗ tiges Schickſal andeuten. Tritt demnach, ehe du zu dieſem Allah anſetzeſt, unvermerkt mit dem linken Fuße ziemlich be⸗ deutend zurück— ſo!“— Bei dieſen Worten war der junge Mann vom Tiſche aufgeſtanden und that gerade ſo, wie er geſagt. „Siehſt du, guter Kerl,“ fuhr er darauf fort,„dann haſt du einen Halt und biſt nun im Stande, deinen Oberkörper, indem du darauf den rechten Fuß weit nach hinten bringſt, ſo kräftig zurückzuwerfen, als es die erhabene und furchtbare Situation verlangt. Du mußt in den Geiſt deiner Rolle eingehen, wie die denkenden Schauſpieler zu ſagen pflegen; du darfſt um alles in der Welt in dieſem Augenblicke nicht der angehende Sänger Carl Bander oder Carlo Banderi ſein, wie du dich ſpäter zu nennen gedenkſt, du mußt vielmehr ganz in Sidi⸗ben⸗Abenhamet aufgehen; du mußt den Strick um deinen Hals fühlen; du mußt mit einer Wahrheit zurückfah⸗ ren, die das Publikum erwärmt und die, was dir am Ende die Hauptſache iſt, dir einen dankbaren Blick aus den bewuß⸗ ten ſchwarzen Augen verſchafft.“. O Gott ja, dieſe lieben ſchwarzen Augen!“ ſen 8 7— der ſche haſt per, gſt, bare Kolle gen; nicht ſein, ganz um Kfah⸗ Ende wuß⸗ 8 der Die Wohnung eines Künſtlers. 131 junge Sänger am Clavier;„ich fürchte nur, wann ich ſie erblicke, werde ich eher zum Entgegenſtürzen als zum Zu⸗ rückfahren geneigt ſein.— Aber ſage mir die Wahrheit, Richter, findeſt du mich bei Stimme oder nicht?“ „Ich finde dich vollkommen gut bei Stimme,“ erwiderte Richter,„nur halte ich es für nothwendig, daß du jetzt dein Inſtrument zuſchließeſt und Noten und Stimme ruhen läß'ſt. Unſer Kaffee iſt fertig und, dem Geruche nach zu urtheilen, gelungen; ſetze dich alſo hieher, und dann denke ſo wenig oie möglich an den bevorſtehenden Abend.— Wo haſt du einiges Brod?“ Nachdem Carlo, nicht ohne einen leichten Seufzer, ge⸗ than, wie ihm ſein Freund geſagt, ſchlurfte er in ſeinen wei⸗ ten Pantoffeln an den Wandſchrank hin, aus welchem der Andere vorhin die Spiritusflaſche geholt, und⸗ nahnt ein großes Stück Brod und ein Meſſer hervor, welches e Bei⸗ des auf den Tiſch legte, dann einen Stuhl heranzog und ſich ſetzte. Herr Richter ſchenkte den Kaffee in zwei defecte Taſſen, ſchien ſich alsdann nach Milch umzuſchauen, und da er keine bemerkte, nahm epSoiritusflaſche und goß von vrren Inhalt in ſein 7 Kaffee. „Haj du heute dinirt?“ fragte er alsdann. „N in,“ entgegnete der Andere. einen duch nicht, ſuhr Her Michter jort⸗ unchden 3 ſichtigen Schluck aus ſeiner Taſſe gethan und ſich ein gr Stück Brod abgeſchnitten.„Ich pflege am Tage, wo 1 gen muß, ſelten oder nie za Mittag zu eſſen. Wenn tark dinirt, ruinirt man ſich die Stimme und verdirbt Humor.— Was das letztere anbelangt,“ ſetzte er nach 132 Neuntes Kapitel. einer Pauſe, während welcher er ſein Brod verzehrend den Andern aufmerkſam betrachtet hatte, hinzu,„ſo könnte man bei dir glauben, du habeſt immens ſtark geſpeiſ't denn dein Humor ſcheint mir nichts weniger als roſig gefärbt.“ „Und habe ich nicht Urſache dazu?“ erwiderte der junge Sänger.„Setze ich nicht heute Abend mein Alles, meine Zukunft auf's Spiel, auf eine einzige Karte? Wenn es mir mißlingt, was bin ich alsdann?“ Herr Richter zuckte mit den Achſeln.„Du biſt üblen Humors,“ ſprach er darauf,„und es beliebt dir nun einmal, alles ſchwarz zu ſehen. Glaube mir, guter Kerl, ich hoffe, daß du reuſſirſt, daß du Beifall erhältſt, daß dich dann mor⸗ gen Seine Excellenz, der Herr Intendant, auf die Theater⸗ kanzlei beſcheidet und dir einen Contract anbietet.“ „Gebe es der Himmel!“ ſeufzte Carlo.. „Ich hoffe, wie geſagt, ſo. Aber ſage mir, was haſt du alsdann für ein großes Glück errungen?“ 1 „Und das fragſt du noch?“ ſprach der junge Sänger heftig,—„du, der meine Gefühle kennt, du, der du weißt, wie ich für dieſes göttliche Mädchen ſchwärme? Für dieſe t underdere Künſtlerin, für he di⸗a Wethan hat, bie ich mit einem Zauber umſtrickt, den zu Prechent ich nicht im Stande bin!“ „Ja, ein Zauber,“ ſagte der„Ardere kop nickend,.— „der dich, wie der Dichter ſagt, beſtändig in einelm öden 1 Kreiſe wandeln läßt, und rings herum liegt friſche,“ rüne 3 Weide.“ 6. z1 „Und wenn es die Wüſte ſelbſt wäre, in der, ſi verloren! Wächſ't in der Wüſte nicht die Palme?“ in u Die Wohnung eines K ünſtlers. 133 „Ja, ja, die Palme!“ lachte Herr Richter. er mit lauter Stimme: Zu gnädig wäre ſie Für alle Welt, nur nicht für dich Dann ſang — dum!— dum! „Und wenn ich ſelbſt in der Wüſte pfadlos umher irren muß,“ rief der Sänger enthuſiaſtiſch— er ſchien die An⸗ ſpielung ſeines Freundes nicht verſtanden verſtehen zu wollen—„verloren auf nicht vor mir, eine reizende Fata N „Unerreichbar wie dieſe?“ zu haben oder nicht öder Fläche, ſchwebt ſie Korganga— 2⸗ „Ja, unerreichbar für den, der ſchüchtern zurücktritt. Aber dem Muthigen gehört die Welt.“ Herr Richter hob ſeine Taſſe zum Mund, während er leicht mit den Achſeln zuckte.„Gut denn,“ ſprach er nach einer Pauſe;„zugegeben, daß es dich glücklich macht, in dem Dunſtkreis einer angebeteten Tänzerin zu leben. Betrachten wir aber nun einmal deine körperliche Wohlfahrt, um zu ſehen, ob die dann im Falle des N Fiasko machen müßte. theil vermuthe.“ „Was bleibt mir übrig?“ „Dir?— Unendlich viel.“ „Und was, wennes beliebt?“ „Drei wichtige Factoren im menſchlichen Leben: Feder, Papier und Tinte, für wenige Pfennige anzuſchaffen; und nebenbei haſt du Talent genug, um durch Beſudelung des 0 Papiers dich geltend zu machen und ein unabhängiges Leben zu führen.“ Verzeihe mir, wenn ich das Gegen⸗ „Habe ich das nicht ſchon verſucht?“ „Teufel ja, du haſt es verſucht. Aber wie? Du haſt — Kißlingens auch förmlich. 13 Neuntes Kapitel. Gedichte an deine Angebetete gemacht, worüber dieſe vielleicht geſpottet, die ſie wenigſtens ruhig bei Seite geſchoben. Du haſt Tragödien geſchrieben, worüber die Regiſſeure des Hof⸗ theaters in Verzweiflung geriethen.“ „Alſo!“ ſagte der junge Sänger mit einem traurigen Blicke gen Himmel. „Alſo?“ fragte Herr Richter, wobei er einen Augenblick mit Kauen einhielt.—„Alſo?— Wir haben dadurch viel⸗ leicht geſehen, daß Gedichte machen für dich ein unfruchtbares Geſchäft iſt und daß du kein Talent zur Tragödie haſt. Erin⸗ nerſt du dich aber,“ fuhr er in beſtimmtem Tone und ſehr langſam fort,„eines Artikels, ich ſage dir, eines deliciöſen Artikels, den du mir einmal vorgeleſen und der Furore ge⸗ macht hätte, wenn er gedruckt worden wäre?“ „Sprich nicht davon,“ gab Carlo mißmuthig zur Antwort. „Natürlicher Weiſe handelt auch dieſer Artikel von ihr; aber du hatteſt ihn in einem Anfalle von Wuth, von Eifer⸗ ſucht— was weiß ich!— geſchrieben; er beſprach ihre Leiſtungen als Künſtlerin, freilich etwas rückſichtslos, aber wahr— ſehr wahr— unendlich wahr.“ Der junge Sänger machte eine ungeduldige Bewegung. „Weißt du, was geſchehen wäre, wenn man den Artikel hätte drucken laſſen?“ „Sie hätte mich verachtet, ſie hätte mich nie mehr eines Blickes gewürdigt.“ „Im Gegentheil, mein guter Kerl,“ verſetzte Herr Rich⸗ ter mit einem etwas malitiöſen Lächeln,„ſie hätte dich erſt recht angeſehen, ſie hätte ſich wahrſcheinlich in ihren vier Wänden geärgert; ſie hätte einen Vertrauten oder eine Ver⸗ Die Wohnung eines Künſtlers. 135 traute, wenn dir das lieber iſt, gefragt: Das hat Herr Ban⸗ der geſchrieben? Wie kann man Herrn Bander beikommen? Kann man vielleicht Herrn Bander dafür bezahlen, daß er anders ſchreibt?“ „Sie hätte mich einer ſolchen Proſtitution für fähig ge⸗ halten!“ rief Carlo entrüſtet. „Mein guter Kerl,“ ſagte der Andere mit ſehr kaltem Tone,„man hat dergleichen Beiſpiele; es muß auch ſolche Käuze geben. Ich ſelbſt war ſchon ein paarmal in dem Falle, etwas dergleichen zu vermitteln.“ „Alſo ein literariſcher Kuppler, Herr Richter?“ „Wenn du ein reicher Schriftſteller wäreſt, würde ich mich über deine Aeußerung ärgern. Aber da du ein armer Teufel biſt, wie ich, ſo gehe ich ruhig darüber hinweg. Setzen wir alſo den richtigen Fall, ſie hätte erfahren, daß du ein Mann von Grundſätzen und nicht käuflich biſt—“ „Ich hoffe, ſie wird mir dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Gut denn— und hiüätte dich doch erkauft—“ „Wie ſo?“ „Durch ein freundliches Wort; hätte das nicht geholfen, durch einen Blick oder durch zwei Blicke, durch einen Blick der Theilnahme— durch einen Blick der Freundſchaft— durch einen Blick der Liebe.“ „Richter, du ſagſt mir da fürchterliche Dinge.“ „Fürchterlich nicht, aber wahr,“ erwiderte ruhig der Choriſt.„Verſuch's doch noch einmal.“ „Ich ſchreibe keine derartigen Artikel mehr.“ „Nach deinen Erfolgen,“ ſprach der Andere, wobei er einen verächtlichen Blick über die Bildniſſe der Künſtler und 136 Neuntes Kapitel. Künſtlerinnen gleiten ließ, nicht geben. Du, ein freundliches Gemüth, träufelteſt nur Wohlwollen deine ſanfte Feder ſchrieb d waren von deinen Arbeiten befriedigt, dich fürſtlich, ſie ſandten dir i ſogar mit der Unterſchrift: dankbare— Hol' ihn der Teufel.— Siehſt du, ich dein Talent, glaube mir, ich wäre ſchon I armer Choriſt, der ich zu ſein das Glück habe, ich würde fetirt, geſchmeichelt, ich könnte ein Heidengeld verdienen; ich wäre ein ſtark beſoldeter Mitarbeiter irgend eines Journals, ich wäre Doctor Richter.“ Der angehende Sänger hatte geſtützt und blickte finſter vor ſi mit viele ſeinen Kopf in die Hand ch nieder, wogegen Herr Richter m Behagen ſeinen Kaffee mit Spiritus trank, ſich dann erhob und mit lauter Stimme zu ſingen begann: „Der Mufti uns befohlen hat— Befohlen hat, befohlen hat— der Mufti— Mufti— Mufti— Tert habe ich nämlich in meiner Dann fuhr er fort: „Zu melden, ha! zu meld Zu melden, melden Der Mufti— ja, „Dieſen intereſſanten Chorſtimme,“ ſagte er. en, melden,— zu melden dem Kalifen. — der Mufti—— „Jetzt aber, edler Sidi⸗ben⸗Abenhamet, ſchlüp Stiefel, zieh deine Unausſprechlichen den Tempel des Ruhms. ner Rolle brauchſt du S ermunternd, alſo ſingen: f' in deine an und folge mir in Es iſt vier Uhr vorüber; zu dei⸗ ammlung; der Chor würde, dich „kann ich dir freilich ſo Unrecht ein guter Kerl, und Milde in dein Dintenfaß, as nieder, und die Betreffenden gerührt; ſie belohnten hre verzerrten Phyſiognomieen, dem verehrten Karl Bander der Kerl, hätte ange nicht mehr Die Wohnung eines Künſtlers urecht Ja, Sammlung braucht er, Sammlung, b Kerl, 4 Sidi⸗ben⸗Abenhamet—— enfaß, Sidi⸗ben⸗Abenhamet 3 V enden. Braucht Sammlung, Sammlung, Sammlung. nten„Und das wäre noch nicht der ſchlechteſte Text; ich nieen, habe ſchon manchen widerhaarigeren geſungen. Auf denn, der edler Mufti, auf nach Valencia!“ hätte nehr ürde. V ich als, und ter Zehntes Kapitel. Vor dem Theater. Es war im Spätherbſt, einer von den Tagen, wo am frühen Morgen die Nebel durch die Sonne nur theilweiſe herabgedrückt worden waren, wo ſich dieſe, zwiſchen den Hü⸗ geln auf den Thälern lagernd, als ein großer wogender Landſee darſtellen, oder wo ſich die Hügel wie weite Krater mit wallendem Rauche ausnehmen, rieſenhafte brodelnde Keſſel bildend, an deren Rand der weiße gefährliche Qualm auf⸗ ſteigt— gefährlich, weil ſich eben dieſer Qualm langſam an den Hügeln emporzieht und dort auf der für uns nur wenige Stunden klaren und tiefblauen Fläche hellgefärbte Wolken bildet, die von dem leider herrſchenden Weſtwinde langſam gegen Oſten getrieben werden. Morgens, ſo wie auch den erſten Theil des Nachmittags blieb die gleiche Decoration am Himmel ſtehen; das Einzige, was einen Wechſel ahnen ließ, waren laue, dunſtige Wind⸗ ſtöße, welche für Augenblicke die noch ziemlich dicht belaubten o am weiſe Hü⸗ ndſee mit Keſſel auf⸗ n an enige olken gſam tags zige, dind⸗ bten lang — Vor dem Theater. 139 wie ein allgemeiner Seufzer, del Lorch die ganze Natur geht und auf eine baldige traurige Aenderung hindeutet. Und vor dieſen Windſtößen ängſtigten ſich die furchtſamſten der gelb und roth gewordenen Blätter; ſie verließen den Ort, wo ſie Früh⸗ jahr und Sommer über ſo friſch und luſtig geprangt, und flatterten zu Tauſenden und aber Tauſenden auf den Boden herab, die Muttererde, die ſie hervorgebracht, wenn auch nur für kurze Zeit, freundlich ſchmückend. Ja, für recht kurze Zeit, denn am Horizonte ſteigen immer neue und neue Wolkenmaſſen auf, ſchräg über die Erde dahin⸗ ziehend und ſo zuſammengeballt und dampf⸗ und rauchähnlich, daß man hätte glauben können, es ſtehe dort hinter den Gebir⸗ gen ein koloſſaler Behälter voll irgend einer ſiedenden Flüſſig⸗ keit, durch unterirdiſche Feuer immer ſtärker erhitzt. Anfänglich ſahen die Wolken ſo weiß, leicht, durchſichtig, ſo jugendlich aus; ſie ſchifften hoch im blauen Aether, dem klaren Morgen einen klaren Abend verheißend. Bald aber folgten andere, dichtere, grauere Wolken, finſter anzuſchauen, näher an der Erde dahinſtreichend, begleitet von jenen unheimlichen Wind⸗ ſtößen, die zwiſchen den Häuſerecken ſo eigenthümlich ſauſen und heulen und ordentlich einen Regengeruch mit ſich führen. Dieſer unangenehme, verdrießliche, oft ſo pöbelhafte Ge⸗ ſelle— der Regen, läßt denn auch nicht lange auf ſich war⸗ ten und erſcheint in ſeiner unangenehmſten Geſtalt, nicht wie ein nebelhafter Staub, vor dem wir uns nicht ſcheuen und der ſeinem Bruder am Boden das Lebenslicht auslöſcht, auch nicht wie ein ſolider, charakterfeſter Landregen, der die dunk⸗ leren Bergpartieen, namentlich aber die ſchwarzen Fenſteröff⸗ nungen der gegenüber liegenden Häuſer regelmäßig ſchraffirt und vor dem wir den Regenſchirm nur immer nach einer 140 Zehntes Kapitel. Seite halten müſſen, um uns zu ſchützen—, nein, das heu⸗ tige Regenwetter iſt wie ein junger unbändiger Menſch in den blühendſten Flegeljahren. Jetzt glauben wir ſchon, es ſei genug für heute, wir ſchließen unſeren Regenſchirm— auf einmal aber brauſ't er wieder daher und von einer ganz anderen Richtung, vereint mit einem boshaften Winde, der das ungezogenſte Spiel mit Röcken und Schirmen treibt. Man kann ſich vor dieſen Regenſchauern nicht ſchützen; frei⸗ lich verſchwinden ſie eben ſo ſchnell wieder, wie ſie gekom⸗ men, ja, während wir die beiden tollen Geſellen in der Ferne noch wirthſchaften ſehen, zerreißt nicht ſelten über unſerem Haupte auf Augenblicke die dichte Wolkenmaſſe und ein leuch⸗ tender Sonnenſtrahl zuckt glänzend durch, vielleicht lächelnd über uns arme Erdenkinder, die wir wenigſtens drei Viertel unſerer guten, koſtbaren, wenigen Zeit in Dunſt und Nebel gehüllt zubringen müſſen. Es iſt alſo ein herbſtlicher kalter und ſcharfer Regen, deſſen Tropfen ein heftiger Wind, oft von allen Seiten zu⸗ gleich, auf den Dahinwandelnden peitſcht, auf unangenehme Art ihr Geſicht treffend oder ihre Hände, wenn ſie zufälliger Weiſe keine Handſchuhe tragen, wie unſere beiden Freunde, die wir eben in der Wohnung des Einen beſucht und die nun vor uns her gegen das Theatergebäude laviren. Beider Anzug, ziemlich dünn und vielleicht für den ho⸗ hen Sommer zweckmäßig, iſt nicht für dieſe Jahreszeit geeig⸗ net. Das Aeußere des angehenden Sängers erſcheint von Weitem noch am anſtändigſten, ja, man könnte ſagen, ſein dunkler Paletot habe einen faſt eleganten Schnitt, bei näherer Beſichtigung der Stoff an dieſem eleganten Pa⸗ letot ſich als ſo dünn ausweiſ't, daß er ſeinen Träger un⸗ wogegen ten er ver Re wer ecke gen 4 Vor dem Theater. 141 möglich vor den kalten Herbſtregenſchauern zu ſchützen oder ihn warm zu halten vermag. Um aber wenigſtens den für ihn wichtigſten Theil des Körpers nicht all zu ſehr Preis zu geben, hat er einen wollenen geſtrickten Shawl um den Hals geſchlungen und bedeckt mit dem Ende desſelben ſorgfältig ſeinen Mund. Er ſchreitet übrigens in ſichtlicher Reſignation dahin, weicht dem Wetter aus, indem er ſich zuweilen wen— det, um dem heranſtürmenden Regen den Rücken zu bieten, duckt ſich auch hie und da nachgebend und zieht die Schul⸗ tern empor, wie um ſeinem Kopfe oder Halſe einigen Schutz zu verleihen. Herr Richter ſcheint dagegen trotz ſeines ſehr mangelhaf⸗ ten Anzuges dem Wetter trotzig die Stirn bieten zu wollen; er wendet zuweilen ſein Geſicht auffallender Weiſe mit einem verächtlichen Lächeln auf den ziemlich plumpen Zügen dem Regen zu; er knurrt und murrt wie ein böſes Thier, und wenn ihn hie und da unvermuthet an irgend einer Straßen⸗ ecke ein tückiſcher Windſtoß trifft, ſo fährt er nicht ſelten ge⸗ gen denſelben herum und grinſ't mit den Zähnen, als wolle er den unſichtbar Dahinflatternden beißen. Beide haben noch ein ſaures Stück Arbeit zu beſtehen, als ſie ihr Ziel, das Hoftheater⸗Gebäude, ſchon vor ſich lie⸗ gen ſehen und noch über einen weiten Platz, der ſich vor ihnen befindet, gehen müſſen. Hier praſſelt der Regen auf dem Pflaſter, hier hat er ſchon ziemlich große Lachen gebil⸗ det, die man umgehen oder überſpringen muß; hier hat der Wind ein Terrain, auf dem er Alleinherrſcher iſt, was er auch auf ſo unartige Art mißbraucht, daß ſich unſere beiden Freunde durch ſehr beſchleunigte Schritte vor ſeinem Wüthen u ſchützen ſuchen. — — — ———— —— 142 Zehntes Kapitel. Das weite Portal des Hoftheaters hat ſie jetzt ſchützend aufgenommen, und hier ſieht man ſchon Collegen und Col⸗ leginnen, die Regenſchirme ſchließend, mit den Füßen auf den Steinplatten auftretend, um die Stiefel und Schuhe einiger⸗ maßen von Erde und Feuchtigkeit zu ſäubern, dazu über das Wetter läſternd, wobei von Einigen jede Equipage, die im raſchen Trabe der Pferde dumpf rollend und ſpritzend vor⸗ überfährt, zum Gegenſtande laut ausgeſprochener Wünſche wird. „Ha!“ ruft ein ſehr langer und hagerer Choriſt, dem ſein kurzes Mäntelchen locker um die Schultern flattert,„ich hege nicht ſo vermeſſene Wünſche, Pferde und Wagen in meinem Stalle haben zu wollen; wenn ich nur das Zauberſtäbchen einer Fee beſäße, um jeden Morgen, ſobald es mir gut dünkte, aus einem Apfel oder einer Rübe die nothwendige Equipage hervor zu zaubern.“ Während er das ſagt, ſieht er ſo entſchloſſen und finſter aus, als habe er ſtatt eines harmloſen Wunſches etwas ganz Entſetzliches ausgeſprochen. Es iſt das aber nur ſo eine Ge⸗ wohnheit, die ſich von der Bühne in ſein gewöhnliches Leben hinüber gezogen hat; denn dort iſt es, wahrſcheinlich wegen ſeiner langen, dürren Geſtalt, ſein Amt, ſo oft im Chor irgend welche Verräther, Ankläger, Trabanten blutdürſtiger Herzoge oder Leute vorkommen, die mit finſterem, abſtoßendem Weſen unglückliche Schlachtopfer zum unſichtbaren Schaffot oder zum ſehr ſichtbaren Keſſel voll ſiedenden Oeles zu führen haben, der Erſte zu ſein, der bei den erwähnten Veranlaſſungen thä⸗ tig iſt, der überhaupt bei allen auf der Bühne vorkommenden Schreckniſſen, Blut und Gräuelthaten zuerſt die Hand auf⸗ ———,— Vor dem Theater. 143 hebt und immer, wenn gleich nur um einen hundertſtel Tact zu früh ſingt: Seht hin und ſchaudert! „Ja, eine Rübe oder einen Apfel,“ ſagt er nun mit Gra⸗ besſtimme. „Wenn du aber weder das Eine noch das Andere hät⸗ teſt,“ entgegnet ihm lachend ein kurzer und dicker College, welcher die Hände in ſeine Hoſentaſchen geſteckt hat und nach Art verſchiedenen Geflügels auf einem Beine ſteht,„dann würde dir der Zauberſtab der Fee Quinquanquabizka, oder wie ſie ſonſt heißen mag, nicht viel nützen.“ „Es gibt Leute,“ ſagt der lange Choriſt mit dem kalten Lächeln eines Tyrannen, der ſo eben ein Dutzend köpfen ließ und darauf eine Priſe nahm,„denen es an Phantaſie oder ſonſt an noch etwas Höherem mangelt, die nicht im Stande ſind, dem Schwung eines Geiſtes zu folgen, die mit ihrer Naſe beſtändig im Erdboden umherwühlen.“— „Nach Rüben, allerdings,“ erwidert der Andere, indem er unter luſtigem Sprunge ſein Bein wechſelt,„die ein lecke⸗ res Gericht ſind, wenn man ſie gut gekocht erhält, und die Mancher auch eher verſpeiſen würde, ehe er ſich eine Equi— page daraus machte.“ Der lange Choriſt zuckt mit den Achſeln und zieht ſei— nen Mantelkragen feſter um ſich. „Er könnte das noch bequemer haben, mit der Equipage nämlich,“ ſagte einer der Collegen in ſehr trockenem Tone, der mit über einander geſchlagenen Armen an einem Pfeiler des Portals lehnt.„Er ſoll erſter Tenor werden, wozu er alle Anlagen hat, dann wird er bei ſolchem Wetter auch in das Theater gefahren.“ 144 Zehntes Kapitel. „Oder noch beſſer, wenn er Tänzerin wird,“ lachte ein Anderer; die Beine geben aus.„Siehſt du, Staude, wenn du Tänzerin wärſt, da ſäßeſt du jetzt in dem Wagen da, der ſo flott daher kommt.“ Der dürre Choriſt begnügt ſich damit, den beiden Spöt⸗ tern den Rücken zu kehren, ſieht aber dabei mit nachdenklichem Blick auf den Theaterwagen, der ſich raſch nähert, an der Seitenthür hält und ſich mit Beihülfe des Theaterdieners ſeines zahlreichen Inhaltes entledigt. Der Theaterdiener iſt gewiſſermaßen der väterliche Be⸗ ſchützer, der Ohergufſeher, der Rathgeber und Freund der kleinan Tänzerinnen es Balletchors. Er öffnete den Schlag nicht ſogleich, alsnder Wagen hielt, ſondern er beſchwichtigte das ungeduldige Volk mit den Worten:„Seht Ihr denn nicht, daß hier vor der Thür eine ganze Ueberſchwemmung iſt? Habt Ihr Luſt in den Koth zu patſchen? Wartet, ich will mich nach einem Brette umſehen.“ „Du kannſt uns auch hinüber heben, Lindenbach,“ ver⸗ ſetzte eine der Tänzerinnen luſtig;„das macht weniger Mühe und iſt auch für uns bequemer.“ Der alte Lindenbach brummte etwas in den Bart von übermüthigem Zeug und dergleichen, öffnete aber doch den Schlag, griff in den Wagen hinein und hob behutſam eine der leichten Figuren um die andere aus dem weiten Wagen⸗ kaſten. Wenn man zuſieht, muß man erſtaunen, welche Menge von ihnen darin Platz hat, und dabei noch die Unzahl von Paketen und Schachteln, die nach dem lebendigen Inhalte nun ebenfalls heraus befördert werden. Dabei hört man Lachen, Plaudern, ja, zuweilen einen leiſen Schrei, untermiſcht . Vor dem Theater. 145 mit den vielfältigſten Ermahnungen und Vorwürfen an den alten Theaterdiener. „Lindenbach, ich habe noch ein Paket im Wagen.“ „Lindenbach, ich noch eine Schachtel.“ „Lindenbach, ich noch ein Umſchlagtuch.“ „Und ich meine Galoſchen, Lindenbach.“ Worauf Lindenbach der Letzteren zur Antwort gibt:„So, du haſt Galoſchen mitgebracht? Da wirſt du alſo nachher nicht mit uns nach Hauſe fahren. Du gehſt in dem Regen⸗ wetter zu Fuß? Na, mir kann das ſchon recht ſein.“ Es würde noch länger ſo fortgegangen ſein, wenn nicht ſchon zwei oder drei andere Stimmen Lindenbach, Lindenbach! gerufen hätten. „Du zerdrückſt mir ja mein Paket!“ „Du läßt meine Schachteln naß werden!“ Endlich iſt nichts mehr im Wagen; die wilde Schaar ſtürmt unter witzigen Bemerkungen über Lindenbach, der ihnen kopfſchüttelnd nachſieht, die Treppen hinauf, und da ſie ihm mit den Händen nicht mehr zuwinken können, da ſie ja ihre Pakete und Schachteln tragen, ſo thun es die ausgelaſſenſten mit den Füßen, worauf oben alles im zweifelhaften Dunkel verſchwindet. Lindenbach ſchließt den Schlag, und der Wagen fährt davon, um eine neue Ladung zu holen, wieder an dem Por⸗ tale vorbei, wo noch die Choriſten ſtehen und wo ſich immer mehr einfinden, namentlich von den Damen des Chors, die häuslicher Beſchäftigungen halber ſtets etwas ſpäter kommen und die nun eilfertig heranziehen, mühſam den Regenſchirm balancirend, während ſie verzweifelte und oftmals wenig loh⸗ — 1—. 71 Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 10 — Zehntes Kapitel. nende Anſtrengungen machen, ihre Kleider vor der Näſſe des Bodens zu bewahren. „Ah, guten Morgen Fräulein Semmelich! Gut geſchla⸗ fen? Nach der geſtrigen Oper waren Sie heute Morgen ohne Zweifel von der Probe dispenſirt? Ja, wenn man Protec⸗ tionen hat!“ So ſpricht vergnügt lachend der dicke Choriſt, während er ſich halb gegen Fräulein Semmelich, eine friſche runde Perſon, umwendet, und bei dieſer Bewegung gegen eine ältere Collegin bedeutungsvoll ein Auge zukneift. „Kopfſchmerzen, Herr Stern,“ entgegnete die Angeſpro⸗ chene;„da iſt von Protectionen keine Rede. Wenn wir von der Probe wegbleiben, ſo thun wir's nur, indem wir ein ärztliches Atteſt beibringen.“ „Sie hat es auch mit dem Doctor,“ flüſtert die ältere Choriſtin einer anderen, nicht jüngeren zu. Worauf dieſe erwidert:„Es iſt wahrhaftig wenig Ehre mehr, bei dem Theater zu ſein.“ „Früher war das anders. Meinſt du nicht auch, Pauke?“ „Ja früher war das ganz anders,“ ſeufzt M dadame Pauke. „Zu unſerer Zeit, Schelle!“ „Ja, zu unſerer Zeit!“ gibt Madame Schelle ſeufzend zurück. „Ah, bon jour, Richter!“ „Guten Morgen, Herr Bander!“ „Salutis!“ erwidert unſer Bekannter vom vorigen Ca⸗ pitel, der unter die Halle tritt, ſich ſchüttelnd wie ein Hund, ſo daß von ihm wie auch von einem ſolchen die Regentropfen wegfliegen.„Der Teufel hole das Wetter! Das Wetter— Wetter— Wetter! würden wir in einer neueren Oper ſin re 24 Vor dem Theater. 147 gen. Der Teufel hol' das Wetter— der Teufel ja das Wetter! Aber was ſteht ihr hier alle und ſchaut in den Regen hinaus?— Ah, Fräulein Semmelich, habe die Ehre! Immer ſchön und friſch! Meinen Reſpect, Madame Pauke! Apropos, thun Sie mir den einzigen Gefallen und ſpielen Sie heute Abend nicht ſo verflucht natürlich, wie heute Mor⸗ gen in der Probe. Wiſſen Sie, in der Scene des letzten Acts, wo wir als Kreuzritter in den Hof des Harems drin⸗ gen, um die ſchöne Sklavin zu befreien. Sie ſind heute Mor⸗ gen auf mich eingefahren wie eine wilde Katze; ich ſah ſchon den Moment kommen, wo meine arme Naſe mit Ihren lan⸗ gen Nägeln in Berührung kam.“ „Ich habe keine langen Nägel,“ ſagt Madame Pauke ent⸗ rüſtet;„ich bin in dem Punkte—“ „Verleugnen Sie Ihre langen Nägel nicht,“ miſcht ſich der dürre Choriſt mit dumpfem Tone in das Geſpräch,„lange Nägel ſind ſchön und modiſch.“ „Meinetwegen,“ erwidert die Pauke, indem ſie ſich mit einem geringſchätzenden Kopfaufwerfen abwendet.— Der angehende Sänger, Herr Bander, war nicht unter dem Portal ſtehen geblieben, ſondern hatte ſich an eine Sei⸗ tenthür des großen Hauſes begeben, wo er verſchwunden war. „Daß man bei ſchönem Wetter hier ſteht und auf die Straße hinausſieht,“ bemerkt nun Herr Richter,„bis es Zeit in die Garderobe iſt, begreife ich allerdings; aber heute, bei dem Hundewetter, iſt es doch, beim Himmel, droben beſſer — droben im Theater nämlich, meine ich. Wer mich lieb hat, der folge mir.“ „Wenn nur die folgen ſollen, welche ihn lieben,“ ſagt 148 Zehntes Kapitel. Vor dem Theater. verächtlich die Pauke zur Schelle, ſo haben wir heute Abend gar keinen Chor. Das iſt ein unausſtehlicher Kerl.“ „Ein ſchlechtes Subject!“ Herr Richter hatte dieſe Worte nicht gehört, denn er eilte mit raſchen Schritten nach der Seitenthür, und wenn auch nicht aus Liebe, ſo folgten ihm doch alle Uebrigen, denen es unter dem Portal gar zu naß und windig war. Da zogen ſie ein durch die kleinſte, unſcheinbarſte Thür des großen Hauſes, alle die Helden und Heldinnen, die Ritter und Fräulein, die wilden Krieger, die ruhigen Bürger, die Diebe, Räuber und Mörder; da zogen ſie ein, und als ſie hinter der ſchmalen Thür verſchwunden waren, lag das große Haus ringsum öde und leer, der Wind ſauſ'te um die Ecke, der Regen ſchraffirte immer fort, in unregelmäßigen Linien, die dunklen Thür⸗ und Fenſteröffnungen. ſie ße ce, en, Eilftes Kapitel. Auf der Probe. Wie alles in dieſer doppelgeſichtigen Welt, ja noch mit ſchärferem Contraſte als bei hundert andern Gegenſtän⸗ den, hat auch das Theater zwei gänzlich verſchiedene Seiten, die man hier am paſſendſten wohl mit dem Ausdruck„Licht und Schatten“ bezeichnen kann. Die meiſten unſerer geehrten Leſer kennen die erſtere Seite ziemlich genau, haben aber von der letzteren nur ziemlich unvollkommene Begriffe. Schon im Aeußern des Theatergebäudes ſind dieſe Contraſte aufs deutlichſte bemerkbar. Das große Portal mit ſeiner Anfahrt für die Wagen, mit dem gallonirten Portier, mit dem blen⸗ denden Lichterſchein, der aus den hohen Thüren hervordringt, beſonders wenn ſich die ſchweren rothen Vorhänge bewegen, bildet ſchon einen ſchroffen Gegenſatz zu der kleinen Thür, von der wir vorhin ſprachen, vor deren ausgetretener Schwelle ſich ein breiter Regenpfuhl gelagert hat, die uns ſchwarz und traurig anblickt, und wo wir bei näherem Betrachten ſtatt des blendenden Lichtes, ſtatt des breiten Vorhanges den trüben Eilftes Kapitel. SMheim der Oellampe bemerken, die uns naſſe und kothige Treppenſtufen zeigt. Kehren wir zurück und treten durch das Hauptportal in das Veſtibul des Hauſes. Eine behagliche Wärme umfängt uns, zahlreiche Gasflammen auf vergoldeten Wandleuchtern ſtrömen ein fabelhaftes Licht aus, bei deſſen hellem Scheine wir die breiten ſchönen Treppen ſehen, und auf weichen Tep⸗ pichſtreifen aufwärts ſteigen, zugleich mit vergnügt plaudern⸗ den Menſchen, mit elegant gekleideten Herren, deren Anzug tadellos iſt vom lackirten Sti efel an bis zum feinen glänzen⸗ den Hute; mit Damen, welche der gewandte Lakai aus ihrer Equipage, wie aus einer weichen, parfumirten Putzſchachtel genommen, deren vielfache Umhüllungen von feinen Pelzen und Shawls er oben vor dem Corridor der erſten Logen⸗ reihe in Empfang nimmt. Hier haben die Thüren ſo etwas Myſteriöſes und dabei ungemein Behagliches; mit rothem Tuche überzogen, mit unzähligen glänzenden Nägeln beſchla⸗ gen, hört man nie einen Ton, wenn ſie noch ſo heftig zuge— worfen werden. Auf dem Bodenteppiche herrſcht eine ange⸗ nehm erwärmte Luft, ein unbeſchreiblicher, aber nicht widriger Parfum,— ein Parfum, zuſammengeſetzt aus den verſchieden⸗ artigſten Wohlgerüchen, der uns gerade dadurch ſo viel erzählt, der unſere Erinnerung wach ruft, der uns träumen läßt von irgend einer glücklichen, ſüßen Stunde der Vergangenheit oder der Zukunft. In dem engen Corridox rauſchen die ſchweren Seiden⸗ ſtoffe, flattern die Bänder, bauſchen ſich die leichten weichen Kleider, ſtrahlen die Blumen, nicken die Federn, blitzen die Brillanten. Und jede der kleinen Logenthüxen, die dienſteifrig geöffnet wird, verſchlingt ihr Opfer und zeigt, wenn ſie ſich Auf der Probe. 151 wieder geſchloſſen hat, verrätheriſch die kleine Nummer, die, wenn ſie uns bekannt iſt, ſo verführeriſch lächelt, als wollte ſie ſagen: ich weiß, was du ſuchſt— hier bin ich. Mittlerweile hat ſich auch das Parterre gefüllt, ſowie die Logen in allen Rängen, und überall bemerkt man ver⸗ gnügt lachende Geſichter; faſt überall ſieht man Mienen, die uns deutlich ſagen, daß ihre Träger hierher gekommen ſind, um ein paar Stunden angenehm zu verbringen. So iſt es hier am Abend und wenn die Vorſtellung beginnt auf der Lichtſeite des Theaters, die wir nun aber verlaſſen wollen, um uns auch ein wenig auf der andern, der Schattenſeite, umzuſchauen. Vielleicht biſt du, geneigter Leſer, dort oft vorüberge⸗ gangen und haſt einen ſchüchternen Blick durch jene kleine Thür geworfen auf die naſſe und kothige Treppe, die ſchwach erhellt, dir flüſternd zu winken ſcheint, als wolle ſie dir Wun⸗ derdinge erzählen. Aber du darſſt ſie nicht betreten; man hat dir geſagt, daß ein eigenthümlicher Bann, ein Zauber auf ihr ruhe, daß ſie nur für die Eingeweihten gangbar ſei. Und daran iſt etwas Wahres. Wenn dich auch niemand hindert, durch die Thüre einzutreten und die erſte Windung der Treppe zu erſteigen, ſo erblickſt du doch mit einem Male, oben angekommen, das ernſte Geſicht einer alten Hexe, die dich aus einem Ding, gleich einer Niſche, mit ſtechendem Blicke anſchaut— die Pförtnerin zum Himmel und zur Hölle, na⸗ türlich in Hinſicht auf den Ort geſprochen, wo wir uns ge⸗ rade befinden. Betrachten wir ſie uns etwas genauer. Ob⸗ gleich ſie denken, handeln und ſprechen kann wie die übrigen Menſchen, ſind wir doch nicht recht überzeugt, ob die Alte nicht ein Phantom iſt, das nur ſo lange ſeine Pflichten er⸗ Eilftes Kapitel. füllt, als das Theater dauert, um alsdann in eine unbegreif⸗ liche Erſtarrung zu verfallen. Wie ſie heute da ſitzt, ſo be⸗ findet ſie ſich hier allabendlich ſeit langen Jahren, ſeit un⸗ vordenklichen Zeiten,— niemand weiß das anders; ſie ſcheint nach und nach hier eingeroſtet zu ſein; ſie müßte bei Tage eine der ſeltſamſten Erſcheinungen geben, die man ſehen kann, aber da hat ſie ihr Gitter vor ihre Loge gezogen und ſchlum⸗ mert wahrſcheinlich bis zum Abend, wo ſie wieder ſichtbar wird.— Jetzt iſt ſie alſo ſichtbar; ſie drückt ihre Kneifbrille feſter auf die Naſe, ſie öffnet ihren zahnloſen Mund, um dich in ſchnarrendem Tone auszuforſchen, wer du biſt, was du willſt, wohin du willſt, zu wem du willſt, und dich noch mit einer Menge ähnlicher Fragen zu überhäufen, die ſo unver⸗ hofft auf dich einſtürmen, daß du vielleicht mit dem beſten Gewiſſen nur ſchüchtern, vielleicht ſtotternd eine Antwort zu geben vermagſt, und gerade durch dieſe Schüchternheit, dieſes Stottern verdächtig wirſt. Du wünſcheſt Herrn A. zu ſprechen. Herr A. iſt nicht anweſend. Oder den Herrn B. Herr B. iſt dringend beſchäftigt. Oder Herrn C. Herr C. hat ausdrücklich befohlen, niemanden in die Garderobe zu ihm zu laſſen. Du haſt endlich in deiner Verwirrung die unglückliche Idee, nach dem Herrn Hoftheater⸗Intendanten zu fragen. Das Geſicht der alten Hexe verzieht ſich zu einem höhniſchen Lächeln; bei dieſer verdächtigen Frage iſt ſie vollkommen über⸗ zeugt, daß du Contrebande biſt. Du willſt dich ohne Talis⸗ man in jenes Zauberland wagen, du willſt vielleicht eine Auf der Probe. 153 Prinzeſſin entführen, oder du willſt mit einer Tänzerin an der Garderobethür oder hinter der ſechsten Couliſſe plaudern. Wenn du wilrklich dieſe Abſicht hatteſt, ſo mußteſt du wiſſen, daß der Herr Hoftheater⸗Intendant ein paar Stunden vor Beginn des Theaters gewiß nur in den allerſeltenſten Fällen auf der Bühne anzutreffen iſt, und ſollte je ein ſolcher Fall eintreten, er für dich, ja für die ganze Welt, vielleicht mit einer einzigen ſehr ſchönen Ausnahme, unſichtbar iſt. Du haſt dich durch dieſe unvorſichtige Frage compromittirt, die alte Pförtnerin wünſcht dir höhniſch einen guten Abend, du ziehſt dich zurück mit den Gefühlen eines begoſſenen Pudels, 1— du machſt die Fauſt im Sacke, und wenn du unten ange⸗ kommen nochmals rückwärts ſchauſt, ſo ſcheint dir die Treppe noch dringender zu winken und verſpricht dir die allerſchön⸗ ſten Wunderdinge. Vielleicht kann man mit großer Routine die Eroberung dieſes ſchwierigen Terrains praktiſcher angreifen, ohne aber dennoch eines Erfolges gewiß zu ſein. Man ſteigt die Treppe mit ſchallenden Tritten hinan; man räuſpert ſich, man ſummt ein Stück von einer Arie, am beſten aus der Oper, die am Abend ſelbſt gegeben wird; man würdigt den Drachen in ſeiner Höhle keines Blickes, und wenn er ſeine Fragen ſtellt, ſagt man in lautem und ſehr nachläſſigem Tone: Regiſſeur X.— ich ſoll ihn um dieſe Stunde finden. Wo kann er ſein?— Vielleicht läßt ſich die Pförtnerin durch dieſe Sicherheit bewegen, dir Auskunft zu geben, wo du den Herr Regiſſeur X. finden kannſt. Hat ſie aber ihren hartnäckigen Augenblick, ſo wird ſie dir zur Antwort geben: Wenn Sie den Herrn Regiſſeur wirklich ſprechen müſſen, ſo warten Sie einen Au⸗ genblick, bis Jemand vom Perſonal kommt, der ihn heraus 154 Eilftes Kapitel. ruft. Darauf nun kannſt du vielleicht ziemlich lange warten müſſen, und wenn endlich wirklich Jemand vom Perſonal kommt, und dir verſpricht, deine Botſchaft an den Herrn Re⸗ giſſeur X. auszurichten, ſo kannſt du fünf Mal von zehn Mal gewiß ſein, der vom Perſonal wird im Drange anderer wich⸗ tigerer Geſchäfte deine Botſchaft vergeſſen, und mit jeder Mi⸗ nute, welche dich der Herr Regiſſeur auf der Treppe ſtehen läßt, da er ja nichts von dir weiß, wächſ't das Mißtrauen der Alten, ſie brummt in ihren Bart— und das iſt nicht figürlich geſprochen—: der ſoll mir wieder kommen. Unter unſerem Schutze, geneigter Leſer, brauchſt Du aber alle dieſe Winkelzüge nicht; die alte Hexe und wir ſind gute Freunde; wenn ſie uns ſieht, lächelt ſie, und ſollte Dich vielleicht ihr Lächeln geniren, ſo treten wir unſichtbar in die kleine Thür, erſteigen unſichtbar die ſchmutzige Treppe und gehen unſichtbar bei dem Drachen vorüber, der vielleicht in dieſem Augenblicke an einem groben wollenen Strumpfe ſtrickt oder ein Glas Bier an die ewig durſtigen Lippen ſetzt. Ehe wir droben in einer kleinen Thür verſchwinden, welche auf die Bühne führt, werfen wir noch einen Blick auf die ſchmutzige gewundene Treppe, die uns hier herauf geführt — die arme beſcheidene Schweſter jener breiten, prachtvoll mit Teppichen belegten Stiege, die wir vorhin betrachtet. Wie groß iſt in allem der Unterſchied zwiſchen beiden! Auf jener ſehen wir ſtrahlende, ſchöne Geſtalten in elegantem An⸗ zuge, umgeben und gekleidet mit allem Luxus der Welt; heitere Geſichter, glückliche Menſchen, wenigſtens dem Anſchein nach von Vergnügen zu Vergnügen eilend. So eben iſt das allerliebſte pikante Diner beendigt; man wirft ſich in die ſchwellenden Kiſſen des Wagens, um hieher in die Oper zu — ,½,,— Auf der Probe. 155 fahren; man verläßt dieſe wieder, um zwei oder drei glanz⸗ volle Geſellſchaften zu beſuchen.— Und die Leute, die hier auf⸗ und abſteigen, die gleichen Geſchöpfe, die gleichen fühlenden Weſen— mindeſtens drei Viertel von ihnen kommen nicht von einem guten Diner, kommen nicht in warmen Pelzen und Mänteln, kommen nicht fröhlich und guter Dinge. Wie viele von ihnen ſind mit Kummer und Sorge beladen, wovon wir freilich nachher nichts mehr ſehen, wenn ſie heiter lächelnd auf die Lichtſeite dieſer eigenthümlichen Welt treten! Wer lieſ't es auf den Mienen jener armen Choriſtin, daß ihrer zu Hauſe vielleicht ein ſterbendes Kind harrt, daß ſie, die jetzt ſo freundlich lächelt, vielleicht nicht mehr das Lächeln ihres Kleinen ſehen wird, wenn ſie nach Hauſe zurückkehrt? Wer kann das Leid jener Tänzerin beſchreiben, die in einer glänzenden Decoration mit den Geſpielinnen die glückliche Braut umtanzt oder den Geliebten empfängt! Wer kann all' den Kummer, alle Trauer, alle Noth und Sorgen kennen, die ſich hier unter ſtrahlenden Gewändern, unter geſchminkten Wangen, unter erheuchelter Luſt und Fröhlichkeit verbergen!— Und doch ſind ſie heiter und luſtig, dieſe armen Weſen, wenigſtens beim geringſten Sonnenblick, der in ihr Leben fällt oder der golden an ihrem Horizont auftaucht. Es iſt die Hoffnung auf ein Beſſerwerden ihrer Lage, die ſie aufrecht erhält— die Hoff⸗ nung auf neues unbekanntes Glück, worauf alles, vom Lam⸗ penputzer an bis zur Primadonna, wie auf irgend eine Be⸗ fö derung harrt— alles, mit Ausnahme der alten Pfört⸗ nſerin in ihrer Niſche, welche mit der Zukunft abgeſchloſſen hat, woher auch wohl ihre ewig mürriſche Laune kommen zag. Dieſer hofft auf eine Vergrößerung des täglichen 156 Eilftes Kapitel. Lohns, Jener auf eine Gehaltszulage oder auf beſſere Rollen, auf Beifall, auf Hervorruf; die erſte Sängerin, obgleich ſchon in vorgerückten Jahren, auf eine glänzende Heirath, die ihr den Anblick der kleinen gewundenen ſchmutzigen Treppe auf immer entzieht,— die letzte Choriſtin, die Jüngeren des Ballets, die vielleicht keine Ausſicht haben, auf der Leiter des Ruhmes in andere Regionen zu ſteigen, betrachten hoffend die reichen Treppen auf der Lichtſeite des Hauſes und ſehen ſich dort ſchon in Pelz und Sammt gehüllt auf⸗ und abſteigen. Es iſt das ſchon öfters da geweſen, und warum ſollte ein ähnlicher Fall nicht auch wieder einmal und zu ihren Gunſten eintreten können? Doch laſſen wir dieſe Betrachtungen, die mit ihrem ern⸗ ſten, faſt drohenden Hintergrunde doch nicht recht zu dem Drte paſſen wollen, auf dem ſie folgerecht entſprungen ſind. Sie hat etwas Eigenthümliches an ſich, dieſe finſtere Seite des Theaters; der hohe ſchwarze Raum der Bühne hat für die Eingeweihten trotz ſeiner theilweiſen Düſterheit etwas Beruhigendes. Das ſeltſame Leben, das ſich hier entfaltet, das geräuſchvolle Treiben, die ewige Unruhe nimmt manches Herzeleid in ſich auf, verwiſcht manche Thräne, übertüncht manches Leid. Oeffnen wir deßhalb getroſt die kleine Pforte mit ihrem raſſelnden Gewichte und treten wir in einen Raum, der für unſer Auge, welches ans helle Tageslicht gewöhnt iſt, in der erſten Zeit vollkommen finſter erſcheint. Es dauert eine gute Weile, bis wir beim Schein einer einzigen trühen Lampe, deren Licht zwiſchen Latten, Brettern, Seilen und dergleichen wie fernher durch die Stämme eines dichten Wal des leuchtet, anfangen, die Gegenſtände um uns her zu er kennen. Und dann ſcheint es, als befänden wir uns in einer Auf der Probe. 157 völligen Chaos; von allem, was wir auf der Lichtſeite des Theaters zu bewundern gewohnt ſind, bemerken wir hier die Rückſeite. Keine bunten Farben, keine Vergoldung, keine leuchtenden Vorhänge, keine Quaſten und Schnüre. Rechts und links, in der Tiefe und in der Höhe ſehen wir graue, ſtaubige Balken, nacktes, geſchwärztes Mauerwerk, ein Durch⸗ einander von Stricken und gewaltigen Tauen, einen Wirrwarr von Bretterverſchlägen aller Art, Leitern in den ſeltſamſten Geſtalten, Walzen mit langen, unheimlichen Hebearmen, ſon⸗ derbar geformte und gezackte Hölzer, über deren Verwendung wir uns unmöglich eine Idee machen können. In dieſem unheimlichen, faſt geſpenſterhaften Raume huſchen ſeltſame Weſen an uns vorüber, Geſtalten junger und alter Männer, mit unhörbarem Tritt, denn ſie tragen Filzſchuhe an ihren Füßen, Leute, die wohl emſig arbeiten, ohne daß man ſieht, was ſie gerade thun, wogegen man es zuweilen etwas ziemlich derb zu fühlen bekommt, daß hier etwas geſchieht, denn jeden Augenblick wird man geſtoßen und an— gerannt. Man flüchtet ſich hinter eine Couliſſe, hinter einen Vorhang, um hier im Hintergrunde daſſelbe zu entdecken, was man vorhin drüben auf der Seite geſehen: wieder Bal⸗ ken und ausgezackte Bretter, und Latten und Stricke und Walzen und Hebel, hier alles noch großartiger und wüſter, beim Lichte einer röthlich brennenden und qualmenden Lampe erſcheinend. Auch zeigt uns dieſes Licht einen Wirrwarr von Farben an Decorationen, an Decken und Teppichen, an Mö⸗ beln, deren Vergoldung mit ungewiſſem Schein herüberblinkt, ohne uns jedoch irgend welche Formen deutlich erkennen zu laſſen. Von anderen Arbeitern, abermals in Filzſchup 158 Eilftes Kapitel. ſcheinen uns ordentlich zu verfolgen— werden wir nun vor⸗ wärts getrieben; wir fühlen hinter uns eine ſchwankende Leinwand, die herabhängt, wir entdecken einen Ausſchnitt wie eine Thür, wir treten hindurch und ſehen uns mit einem Male in einem Raume, der faſt noch dunkler iſt, als der, welchen wir eben verlaſſen. Vor uns in der Tiefe entdecken wir ein wandelndes Licht, etwas wie einen Irrwiſch, der bald hier, bald da erſcheint, und wo er ſich ſehen läßt, be⸗ leuchtet er im engen Kreiſe um ſich herum bunte Farben, Vergoldung, Draperieen und rothen Sammt. Jetzt flattert das Irrlicht aufwärts, bald erſcheint es zu unſerer Rechten, bald zu unſerer Linken und ſenkt ſich jetzt wieder herab, dicht vor uns andere Lichter entzündend, die ſich alsdann mit Schirmen bedecken und bei deren Schein wir nach und nach Muſikpulte erkennen, auch ſchlafende Violinen, verhängte Pauken, nachdenklich an der Wand lehnende Contrebäſſe— das Orcheſter. Wir ſind auf der Bühne, der große Portal⸗ Vorhang iſt noch aufgezogen, wir haben das öde, gewaltige leere Haus vor uns. Dort erſcheint auch das Irrlicht wie⸗ der, jetzt hoch auf der oberſten Logenreihe, das Irrlicht huſtet, und obgleich dies nur der heiſere Huſten eines alten Weibes iſt, welches nachſieht, ob Sperrſitze und Seſſel in gehöriger Ordnung ſind, ſo klingt es doch in dem großen Raume, als huſte der hochſelige Stentor ſelber mit aller Kraft ſeiner ge⸗ waltigen Lunge. Das iſt die Dämmerung des Theatertages. Und allmälig fängt es an, lichter und heller zu werden; hier und da flammt auf der Bühne eine Gasflamme auf, und ch vorn am Proſcenium wird eine ganze Reihe angezün⸗ anf das Haus vor uns aus ſeinem Schlafe zu er⸗ Auf der Probe. 159 wachen ſcheint. Mit tauſend funkelnden Augen blickt es zu uns herüber, die Sperrſitze ſtehen mit einem Mal aufrecht da und ſchauen uns mit ihren Nummern an; von den Logen ſehen wir deutlich die bunt bemalten und vergoldeten Brü⸗ ſtungen, ſie ſelbſt aber ſcheinen angefüllt zu ſein mit nächt— lichen Schatten, mit geiſterhaften Zuſchauern, die nach und nach verſchwinden werden, wie das Licht heller und heller wird. Der Kronleuchter hoch oben an der Decke ſcheint be⸗ reits ſeine Wichtigkeit zu fühlen, und auf ſeinen Glasſchalen und ſeinen Kryſtallzapfen zittern tauſendfache Lichtpunkte, ſo daß es ausſieht, als ſei dort in der Höhe ein leuchtendes und blitzendes Spitzengewebe aufgehängt. Mit einem Mal verſchwindet das alles vor uns; eine ſchwarze Wolke ſcheint ſich herabzuſenken— der große Portal⸗ Vorhang, der uns den Anblick nimmt auf das erwachende Haus, auf die aufmerkſamen Sperrſitze, auf die Schattenge— ſtalten in den Logen, auf die ſchlummernden Violinen und Contrebäſſe— wird herabgelaſſen.— Dafür aber beginnt nun auf der Bühne ſelbſt ein ganz neues und für uns intereſſantes Leben. Der Gaslampen haben ſich immer mehr und mehr entzündet; der ſchwarze, unheimliche Raum, in dem wir uns befinden, verwandelt ſich in einen dämmernden Palmenhain. Wir ſind mit einem Zauberſchlage von Europa nach Aſien verſetzt, wir ſehen in⸗ diſche Krieger erſcheinen, ernſthafte Muſelmänner, Derwiſche in langen weißen Gewändern, Große des Reiches mit dicken Bäuchen und langen ſchwarzen Bärten. Einige von ihnen haben Brillen auf, andere verſpeiſen Aepfel und wieder An⸗ dere ſieht man bei einer Gaslampe ſtehen und eifrig in einem Notenhefte ſtudiren. 160 Eilftes Kapitel. Mit einem Mal wird der Frieden, der bis jetzt über dem Palmenhain geruht, auffallend geſtört. Wie ein anderes wildes Heer ſtürmen einige zwanzig Tänzerinnen auf die Bühne in phantaſtiſcher Kleidung; die weißen, kurzen, bau⸗ ſchigen Röcke laſſen ſehr viel fleiſchfarbene Tricots ſehen, die reich verzierten, ziemlich tief ausgeſchnittenen türkiſchen Jäck⸗ chen enthüllen dagegen einiges nicht Unbedeutende, wie es die Natur erſchaffen, Beides ein nicht unangenehmer Anblick, was auch die Muſelmänner zu fühlen ſcheinen, denn ſie nicken den Bajaderen ſchmunzelnd zu und erhandeln für eine freundliche Begrüßung oder für einen leichten Klapps auf irgend eine weiße Schulter einen lachenden Dank oder ein mürriſches Geſicht. Dieſem wilden Heere, das hüpfend, ſpringend, lachend und plaudernd augenblicklich den Raum der Bühne überflutet, folgt ein geſetzt und ſehr bleich ausſehender Tänzer; er iſt ——— noch nicht geſchminkt, überhaupt noch nicht vollſtändig ange⸗ kleidet. Während nämlich ſeine Beine ſchon in tadelloſen Tricots ſtecken, iſt ſein Oberkörper mit einer weißen Piqué⸗ jacke bedeckt, und ſein kohlſchwarzes Haar, ſpäter bei Vollen⸗ dung der Friſur ein Glanzpunkt des Künſtlers, ſteckt noch. in Papilloten und iſt mit einem ſeidenen Faden rings am e Kopf feſt gehalten; ſeine Naſe iſt etwas ſcharf gebogen, wo⸗ d durch ſein Geſicht, und nicht mit Unrecht, einen ausgeprägten h orientaliſchen Schnitt zeigt. Der Tänzer, der zugleich Balletmeiſter iſt, trägt eine a⸗ Latte in der Hand, mit der er, in der Mitte der Bühne an⸗ vi gekommen, dreimal heftig auf den Boden ſtößt, worauf augen⸗ blicklich das Plaudern und Lachen in der leichten Schaar ver⸗ ſtummt und jede der Tänzerinnen unter gewiſſen Vorberei⸗ um Auf der Probe. 161 tungen an den Platz tritt, den ſie während des Tanzes ein⸗ zunehmen hat. Dieſe Vorbereitungen beſtehen gewöhnlich in einem ſo heftigen Herabdrücken der Hüfte, daß man glaubt, die betreffende junge Dame wolle oben hinaus ihren eigenen Röcken entfliehen; andere, die ſich vielleicht an eine Couliſſe gelehnt oder auf einen hölzernen Stein geſetzt, um etwas an ihren Schuhen nachzuſehen, ſchütteln hinten ihre Gazekleider aus oder ſuchen dieſelben durch ein außerordentliches Hin⸗ und Herwedeln wieder in die gehörige Lage zu bringen. „Meine Damen,“ ſagt der Tänzer,„es iſt nothwendig, daß wir das Enſemble des letzten Aktes vor der Vorſtellung noch einmal durchmachen. Es ließ in der Probe noch ſehr Vieles zu wünſchen übrig. Faſſen Sie die Lage, in der Sie ſich befinden, recht lebhaft ins Auge; es iſt das nöthig, um etwas Außerordentliches zu leiſten, denn der Künſtler muß ein denkender Künſtler ſein, um wirklich als Künſtler vor dem Publicum zu ſtehen.— Alſo Sie, meine Damen, bef den ſich im Harem des Kalifen,— Sie haben, wie ich hoffe, eine ſchwache Idee davon, was ein Harem beſagen will.— Gut alſo, Sie ſind Odalisken, an blinden Gehorſam gewöhnt — Fräulein Fanny,“ unterbricht ſich der Balletmeiſter, indem er ſich an eine plaudernde Tänzerin wendet,„Sie ſcheinen dieſe Eigenſchaft einer Odaliske noch nicht recht erfaßt zu haben— Gehorſam gegen mich, Ihren Lehrer.“ Sechszehn von den zwanzig Tänzerinnen lachen laut auf, und man hört das Wort Harem einigemal bedeutungs⸗ voll ausſprechen. „Ruhig, meine Damen,“ ruft der Balletmeiſter und ſtößt mit der Latte abermal dreimal auf den Boden.„Man ſollte Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 11 in⸗ 162 Elftes Kapitel. wahrhaftig glauben, man habe es mit lauter unerfahrenen Kindern zu thun! Kein Ernſt, keine Hingebung bei der Ar⸗ beit. Schämen Sie ſich!— Alſo Sie ſind an Gehorſam gegen den Kalifen gewöhnt, Sie ſind Orientalinnen mit Leib und Seele; ſo wie Sie nur den Namen eines Chriſten nen⸗ nen hören, iſt Ihr Herz von Furcht und Abſcheu erfüllt. „Einen Juden darfſt du alſo lieben,“ flüſtert Mamſell Fanny ihrer Nachbarin zu. Der Balletmeiſter begnügte ſich mit einem verächtlichen Achſelzucken, dem ein majeſtätiſches Stirnrunzeln folgte, nach der Schwätzerin hinüber zu blicken. Dann fuhr er fort: „Das Chriſtenheer hat die Stadt erſtürmt, den Palaſt über⸗ rumpelt, weßhalb Sie, meine Damen, nicht lachend und mit den gewöhnlichen vergnügten Geſichtern auf der Bühne zu erſcheinen haben, auch ſich in dieſem wichtigen Augenblick ge⸗ fälligſt enthalten wollen, nach allen Logen des ganzen Hau⸗ ſes zu kokettiren, wie das leider gewöhnlich geſchieht.— Sie ſammeln ſich, Sie fliehen tanzend hierhin und dorthin aus einander, um ſich beim Anblick der ungläubigen Krieger wieder ſchüchtern zurückzuziehen. Die ungeraden Nummern auf beiden Seiten werden von den Barbaren geraubt, aber ich bitte, ſich erſt nach großem Widerſtreben rauben zu laſſen und durchaus keine Hingebung zu zeigen. Die Anderen eilen zurück, händeringend, verzweifelnd, bis an die Stufen der großen Treppe, wo in dieſem Moment der Kalife erſcheint, zu deſſen Füßen ſie ſich hülfeſuchend maleriſch gruppiren. Der Kalife ſingt ſeine große Arie, dann durchbohrt er ſeine Bruſt mit dem Dolche, und ehe er niederſinkt, gleitet eben dieſer Dolch die Treppe hinab in Ihre Mitte.— Meine Damen, es iſt das ein erhabener Augenblick, der ſeine Wirkung nicht 163 Auf der Probe. verfehlen kann. Sie, Mamſell Eliſe, ergreifen den Dolch, Sie haben dabei Gelegenheit, ſich auszuzeichnen, Sie zucken ihn gegen Ihr Herz, die Anderen drängen ſich mit aufge⸗ hobenen Armen heran; auch ſie wollen lieber ſterben, als in die Hände fallen jener chriſtlichen Schaaren, die ob dieſem Heroismus erſchüttert ſtehen bleiben und dadurch ihrem Könige, der hinter den Couliſſen den Purpurmantel umwerfen muß, Zeit laſſen, herbei zu eilen und Sie vor Tod und Schande zu retten.“ „Und ich falle als einziges Opfer!“ lachte Mamſell Eliſe. „Gut denn, dadurch ſeid ihr Andern in meiner Schuld.“ In der zweiten Couliſſe iſt unterdeſſen ein junger Menſch mit einer Violine ſichtbar geworden, der nun auf einen Wink des Balletmeiſters zu ſideln anfängt, worauf das Lattenſtück abermals gebieteriſch auf den Boden pocht und der Tanz be⸗ ginnt. Der Tänzer iſt auf einen Stein im Hintergrunde ge⸗ ſprungen und leitet das Enſemble mit lautem Zuruf.— „Eins! Zwei! Drei! Vier!“ ſagt er,„vorwärts, vorwärts! Lebhaft in den Vordergrund geſtürzt!— Mehr Angſt und Schrecken, meine Damen, wenn ich bitten darf!— Aufge⸗ paßt! Die ungeraden Nummern rechts und links!— Sie wer⸗ den von den chriſtlichen Soldaten ergriffen.— So, ganz gut! — Mehr Viderſtreben, Mamſell Emma!— Sie ſind immer noch zu hingebend, Manmſell Fanny!— Die Anderen gut, die Anderen gut.— Jetzt aber raſch zurück mit allen Zeichen des Entſetzens— eins, zwei, drei, vier,— mehr Entſetzen! — Eins, zwei, drei, vier!— So iſt's recht!— Zeigen Sie hierhin und dorthin.— Dum⸗durum⸗dum-dum⸗dum!— Wer⸗ fen Sie Ihre ſcheuen Blicke in die Couliſſen.— Jetzt zurück! 164 Elftes Kapitel. — So iſt's gut— ſchnell zurück, die Muſik geht zu Ende. — Brrrrum— die Thüren des Palaſtes öffnen ſich— der Kalife tritt auf— Gruppirung. Stürzen Sie nieder, meine Damen!— Mamſell Pauline, Sie gehören nicht dahin, Sie ſind an einem falſchen Platze.— Recht ſo, Fräulein Eliſe, Sie bleiben aufrecht ſtehen.— Nun erſcheint der Kalife auf der Treppe; auf Vier wenden Sie ſich Schutz ſuchend ihm entgegen.— Eins, zwei, drei,— vier!— Gut ſo! Es iſt ordentlich gegangen, ich danke Ihnen. Nachher bei der Auf⸗ führung noch etwas mehr Beweglichkeit, etwas mehr Feuer, und wir haben einen immenſen Applaus.— Ich danke Ihnen.“ Der junge Menſch mit der Violine hat ſich ſehr abge⸗ arbeitet, um das ganze Orcheſter würdig darzuſtellen, und jetzt, nachdem ſich der Balletmeiſter zufrieden erklärt, geht er, wie zu ſeiner eigenen Belohnung, in eine luſtige Polka über, von deren Tönen die unglücklichen Odalisken ſogleich lebhaft ergriffen werden, um zu Zwei und Zwei von der Bühne ab⸗ zutanzen und im Dunkel der Couliſſen zu verſchwinden. Wie es während der Zeit in den Garderoben zugegan⸗ gen iſt, hoffen wir dem geneigten Leſer ein anderes Mal er⸗ zählen zu können. So viel dürfen wir nur für heute berich⸗ ten, daß der angehende Sänger, Herr Bander, in dem neuen kürkiſchen Coſtume ſehr hübſch ausſieht, daß Herr Richter ſich in einen wohlbeleibten Ulema verwandelt hat, und daß der lange dürre Choriſt mit dem hageren ernſten Geſicht und dem kurzen Mäntelchen, der als chriſtlicher Ritter erſcheint, viel Aehnlichkeit mit dem ſcharfſinnigen Edlen von la Mancha hat. Was die Damen des Chors anbelangt, ſo ſind dieſe nicht wieder zu erkennen; verſchwunden ſind neue und alte Mäntel, modiſche und zerknitterte Hüte, verſchwunden der un⸗ Auf der Probe. 165 entbehrliche Muff mit der Notenrolle, die unbedingt aus dem⸗ ſelben hervorſchauen muß; natürliche Vorzüge, auch Watte und Schminke haben das Ihrige gethan, um aus unſchein⸗ baren Europäerinnen blühende Aſiatinnen zu machen; Fräu⸗ lein Semmelich ſieht ſo verführeriſch aus, daß manche der Choriſten, bei denen ſie vorüber kommt, ein gewiſſes Schnal⸗ zen mit der Zunge hören laſſen, und ſelbſt die alte Schelle und die alte Pauke ſind ſo umgewandelt, daß man mit einiger Nachſicht wohl geneigt ſein könnte, ihren erſten Chorgeſang zu verzeihen, der in der heutigen Oper mit den Worten an⸗ fängt: In der Jugend friſchem Prangen Sammeln Blüthen wir und Blumen. Während ſich alles, wie wir es eben berichtet, auf der Bühne und in den Garderoben begeben, lag der Zuſchauer⸗ raum noch immer halb dunkel da, öde und leer. Wir hielten es für nothwendig, unſerer Geſchichte ein paar Stunden vor⸗ auszueilen, und müſſen nun zu dem Augenblicke zurückkehren, wo von den Kirchthürmen die vierte Nachmittagsſtunde ſchlug, wo die Choriſten und Choriſtinnen durch die kleine Seiten⸗ thüre in das Opernhaus verſchwunden ſind, wo der Wind um die Ecken des großen Gebäudes ſauſ'te, und wo der Re⸗ gen in unregelmäßigen Linien immer und immerfort die dunk⸗ len Thür⸗ und Fenſtereinfaſſungen ſchraffirte. Zwölftes Kapitel. Françoiſe und Roſa. Es iſt ein außerordentlich behagliches Gefühl, wenn man ſich bei naßkaltem Wetter von der ſchmutzigen Straße hinweg in einen ſanft durchwärmten, elegant eingerichteten Salon zu verſetzen vermag. Je kürzer die Uebergänge ſind, die man zu machen hat, deſto angenehmer wirkt auf uns das behag⸗ liche Gefühl, weßhalb in dieſem Puncte niemand ſo vortreff⸗ lich daran iſt, wie wir, geneigter und vielgeliebter Leſer. Um friſchweg von der naſſen, unheimlichen Straße in einem angenehmen, eleganten Salon zu erſcheinen, brauchſt Du, an unſerer Hand, nicht erſt nach Hauſe zu gehen, Deine Kleider zu wechſeln und Dich in einen Wagen zu ſetzen, um da und dorthin zu fahren; Du wirſt ſehen, wir haben das viel bequemer. So eben erſt haben wir Dir gezeigt, wie an einem kalten Herbſt⸗Nachmittage der Wind um die Ecken des Theatergebäudes ſauſ't, wie der Regen herunter plätſchert und Tropfen um Tropfen die Waſſerlachen vergrößert, die hier und da entſtanden ſind; kaum warſt Du erſt mitten Francoiſe und Roſa. 167 unter durchnäßten Tüchern und Mänteln, unter triefenden Regenſchirmen, biſt vielleicht von einer vorüberrollenden Equi⸗ page unſanft beſpritzt worden und haſt jetzt, bei der Zauber⸗ macht, mit der wir begabt ſind, nichts zu thun, als das Blatt umzuwenden und Dich in ganz anderen Regionen zu befinden. Wir ſind im reichen Veſtibul eines kleinen, aber ſehr behaglich ausſehenden Hauſes; wir befinden uns unten an einer breiten und ſchönen Treppe, deren Stufen mit Teppichen belegt ſind, die zu unſern Füßen in einer dicken Franſe von vielleicht zwei Fuß Länge auf dem Marmorboden auslaufen. Veſtibul und Treppenhaus zeigt freundliches Grün von Sträu⸗ chern und Bäumen, doch nicht in der Art, wie die Deco⸗ ration für einen einzigen Tag, vielmehr ſind die eben genann⸗ ten Piecen wie der Anfang eines Gewächshauſes, wie der Aufgang zu demſelben behandelt, denn wenn wir die Treppen langſam erſteigen, ſo kommen wir auf einen geräumigen vier⸗ eckigen Vorplatz, deſſen uns gegenüberliegende Wand aus Eiſen und Glas beſteht und welcher ſich uns als der zier⸗ lichſte Wintergarten darſtellt, den ſich eine friſche Phantaſie nur erdenken kann. Oben, gerade gegenüber der Treppe, zeigte die Gewächs⸗ hauswand einen kleinen ausſpringenden Altan, aus fünf rieſenhaften Scheiben von ſo klarem Glaſe gebildet, daß man unwillkürlich ſtehen bleibt und ins Freie zu blicken glaubt. Wo dieſe Scheiben zuſammenſtoßen, ſind ſie kunſtvoll mit tropiſchen und andern Schlingpflanzen bedeckt, daß man keine Fugen ſieht. Rings um dieſen kleinen⸗Altan läuft ein nied⸗ riger Divan, von türkiſchen Stoffen in den lebhafteſten Far⸗ ben bezogen, und in der Mitte erhebt ſich eine Marmorſchale, 168 Zwölftes Kapitel. aus der ein klarer Waſſerſtrahl aufſteigt, um nach erreichter Höhe von vielleicht vier Fuß melodiſch plätſchernd wieder zurück zu fallen. Der Boden des ganzen Glashauſes, ſoweit er zwiſchen den Geſträuchen und Blumengruppen ſichtbar, iſt mit ſeinen indiſchen Matten belegt, die nach kleinen bequemen Etabliſſe⸗ ments führen, nach zierlichen runden Tiſchen, um welche Schaukelſtühle ſtehen, nach einſamen Sophas oder weichen Fauteuils, über welch' letzteren immer irgend ein Korb an⸗ gebracht iſt, aus dem Blumen hervorquellen, oder eine Hänge⸗ vaſe mit ſeltſamen Blättern und phantaſtiſchen Ranken ange⸗ füllt, die auf allen Seiten herabhängen und dem Auge ein Spielzeug bieten, während die Gedanken des hier ruhig Sitzenden vielleicht anderswo beſchäftigt ſind; vier Thüren von polirtem Eichenholze, führen von hier in die Wohn⸗ gemächer. Vor dem Springbrunnen auf dem Altan ſtehen zwei Lakaien in großem Anzug: kurzen Beinkleidern, weißen Strümpfen und Schuhen, weißen goldbeſetzten Weſten und hellblauen Livréeröcken, an deren Kragen man das Wappen des Hauſes ſieht: auf goldenem Grunde eine Lotusblume von einem ſchwarzen Pfeil durchbohrt. Der eine der Lakaien hat die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt und hält eine kleine Orange zwiſchen den Fingern, die wahrſcheinlich von einem der Bäume herabgefallen iſt und die er auſgehoben, während der Andere mit dem Daumen in dem Waſſer der Marmorſchale herumfährt und die Goldfiſche aufjagt, die ſich dort befinden. „Der Kammerdiener hat mir heute Morgen den vom Herrn Grafen eigenhändig geſchriebenen Zettel gezeigt,“ ſagte —-—— Francoiſe und Roſa. 169 der Lakai mit der Orange,„und ich will ſchwören, daß darauf ſtand: Ein Diner zu fünf Perſonen; wahrſcheinlich hat er ſpäter ſelber ſechs daraus gemacht, denn ich kann mir nicht denken, was der Kammerdiener für einen Grund haben ſollte, ein Couvert mehr aufzuſtellen, als ihm befohlen iſt.“ „Alſo haben wir ſechs?“ „Nein, fünf,“ verſetzte der Erſtere,„den Grafen, die Gräfin, Herrn von Scherra, den unvermeidlichen Lieutenant von Marlott und den Doctor Spanger.“ „Der iſt mir beinahe der Liebſte,“ bemerkte der Lakai, welcher die Goldfiſche jagte.„Er iſt ſo zufrieden mit allem, was man ihm ſervirt, bedankt ſich häufig mit einem Augen⸗ blinzeln, nimmt ſich nie etwas gegen Unſereinen heraus und vergißt nie, einem etwas mit großer Delicateſſe in die Hand zu drücken, wenn man ihm den Paletot anziehen hilft.“ „In der That ein charmanter Herr.“ „Ja, ein ſehr charmanter Mann. Und unterhaltend; ich ſtelle mich immer hinter ſeinen Stuhl und höre gar zu gerne, wenn er von ſeinen Reiſen erzählt.“ „Namentlich wenn er mit dem Herrn von Scherra dis⸗ putirt, wo der Herr Graf dann ſeine kurzen trockenen Be⸗ merkungen dazwiſchen gibt,“ ſtimmte der eine Lakai bei, indem er die Orange an ſeine Naſe brachte.„Dabei habe ich mich aber oft gefragt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„warum bei dieſen kleinen Diners ſo häufig der Lieutenant von Marlott eingeladen wird. Haſt du von dem nur ein einziges Mal irgend ein geſcheidtes Wort gehört?“ „Er iſt um des Contraſtes willen da. Ich freue mich jedes Mal, wenn er ſich unterſteht, mit einer Bemerkung in das Geſpräch hinein zu hageln, und ihn dann der Doctor 170 Zwölftes Kapitel. Spanger mit ſeinen großen Augen ſo ſonderbar anſieht, bis der Herr Graf, wie er neulich gethan, ruhig ſagt: Lieber Arthur, das geht über Pferde und Hunde.— Dann iſt er ja auch ein Verwandter des Herrn.“ „Und weiß das Genaueſte zu ſagen,“ fiel der Andere wieder ein,„wenn die gnädige Gräfin zufällig einmal das Geſpräch auf die Toiletten des letzten Balles bringt oder von einem neuen Ballette ſpricht.“ „Apropos vom Ballet,“ ſagte der Goldfiſchjäger mit einem pfiffigen Lächeln.„Ich glaube, Herr von Marlott hat ernſthafte Abſichten auf die Schweſter der gnädigen Frau; es iſt mir unbegreiflich, daß ſo eine geſcheidte, geiſtreiche Dame, und ſchön, wie man nur etwas ſehen kann, mit dem da fürlieb nehmen ſolle.“ „Ja, es iſt erſtaunlich, aber die Liebe iſt blind.“ „Hier ſollte man ſagen, ſie muß taub ſein, denn was der Herr für dummes Zeug in den Tag hineinſchwatzt, das iſt gar nicht zu ſagen.“ „Aber es iſt ein ſchöner Herr.“ „Ah, das muß man ihm laſſen. Wenn man ihn ſo auf einem ſeiner hübſchen Pferde ſieht, da begreift man, daß ihm die Mädchen mit Verlangen nachſchauen.“ „Nicht wahr, er hat kein Vermögen?“ „Sehr wenig. Was er hat, braucht er, um ſeine Pferde zu unterhalten, um die Zinſen ſeiner Schulden zu bezahlen und—“ „O je, o je!“ rief der mit der Orange, wobei er die kleine gelbe Frucht in die Höhe warf und geſchickt wieder auffing.„Wenn ſich davon einmal was hören läßt, dann gute Nacht!“ Francoiſe und Roſa. „Aber ſie hat Vermögen?“ „O ja, ſie hat einiges, und dann legte die Frau Gräfin bei ihrer Vermählung mit dem gnädigen Herrn, mit deſſen Bewilligung oder vielmehr auf deſſen Wunſch, ein großes Capital auf Zinſen, welche ihre Schweſter jetzt ſchon erhält mit der weiteren Beſtimmung, daß ihr auch das Capital zufällt, ſo wie ſie ſich verheirathet.“ „Da kann ſie ja wählen, wen ſie will.“ „Das wird ſie auch thun; aber ich fürchte, ſie wählt den Lieutenant.“ „Sind die Frauenzimmer verblendet!“ „Das weiß der liebe Gott!“— „Ehe ich's vergeſſe, um noch einmal auf das Menu zurück zu kommen,“ ſagte der, welcher bis jetzt die Goldfiſche gejagt hatte, und der nun den Daumen aus dem Waſſer zog, wobei er die Tropfen von ſich abſchlenkerte,„hat's der Kammerdiener tüchtig abgekriegt?“ „Ja, es ſchien mir ſo; auf die Art des Herrn: mit wenigen Worten, aber feſt.“ „So war er ſchlecht gelaunt?“ „Es ſcheint; er warf ſchon heute Morgen mehrere Ci⸗ garren nach einander fort, und als er am Fenſter ſtand, biß er ſich häufig auf die Unterlippe.“ „Ah, ich kenne das. Wahrſcheinlich hat er ſchlecht ge⸗ ſchlafen.“ In dieſem Augenblick vernahm man den leiſen Ton einer Glocke, den aber das geübte Ohr der Lakaien augenblicklich hörte, weßhalb der eine ſeine Orange haſtig in die Taſche ſchob und mit den Worten:„Bei der Gräfin!“ nach der rechten Seite von dannen eilte. “ 72 — 172 Zwölftes Kapitel. Der andere blieb einige Sekunden an dem Springbrun⸗ nen ſtehen, ſchaute durch die großen Glasſcheiben auf das Regenwetter draußen und zog alsdann ſeine Uhr hervor— ſie zeigte die vierte Stunde. Mit einem leichten Gähnen ging er hierauf die Treppen hinunter. Wieenn wir uns nach rechts wenden, der Thüre zu, wo ſo eben der andere Lakai verſchwunden, ſo öffnet ſich dieſe geräuſchlos vor uns. Wir treten in ein einfach gehaltenes Cabinet, das uns in ein Vorzimmer führt, von dem wir in das elegante Schreibgemach einer Dame kommen. Daß das — Ameublement deſſelben, ſo wie die ganze Ausſtattung mit dem gleichen Reichthum und feinen Geſchmack des Beſitzers behandelt iſt, den wir ſchon im Treppenhaus und in dem Wknen Wintergarten bewundert, verſteht ſich von ſelbſt. Dicke Teppiche liegen auf dem Boden, oft drei-, vierfach überein⸗ ander vor den Sophas und Fauteuils, in allen möglichen Geſtalten; die Wände ſind mit Kunſtwerken aller Art ge— ſchmückt; in dem Vorzimmer ſehen wir ausgezeichnete Oel⸗ bilder, in dem Schreibcabinet Aquarelle berühmter Meiſter in Rahmen von dunklem Paliſanderholz, welche Holzart hier zu allen Mobilien verwandt iſt. Von da gelangen wir in das Boudoir der Frau vom Hauſe,— ein kleines, reizendes Gemach, an der Ecke des Gebäudes gelegen; es hat zwei große Fenſter; jedes aus einer einzigen Scheibe beſtehend; vor einem derſelben ſieht man einen Leſe⸗ und Arbeitstiſch, unter dem andern wird die Wand von dem Kamin gebildet, der aus weißem Fayence beſteht und deſſen ſpielende Flammen einen wunderbar heim⸗ lichen Eindruck machen, um ſo angenehmer und behaglicher, da man über ihn hinaus in die weite Landſchaft ſieht,— Frangoiſe und Roſa. 17 92 ein Ausblick, den wir dadurch haben, weil das Haus ſich auf der Höhe der Straße befindet, über einem tiefer liegen⸗ den Stadtviertel, über deſſen Häuſer hinweg unſer Auge in das Freie hinaus ſchweifen kann. Heute iſt die Landſchaft freilich mit grauen Regenſchleiern verhüllt; die Natur des Spätherbſtes fängt ſchon an, ſich trübe und farblos zu zeigen; aber gerade deßhalb kehren wir um ſo lieber in das freundliche Boudoir zurück, laſſen uns behaglich an dem Kaminfeuer nieder und denken, während wir in die Glut deſſelben ſchauen, an die häuslichen Freuden des Winters, an trauliches Beiſammenleben mit angenehmen und lieben Menſchen. In der Ecke des Zimmers befindet ſich ein geräumiges Doppelſopha mit einem runden Tiſche, vor welchem kleine Fauteuils ſtehen,— ein allerliebſter Winkel, über den ſich eine Epheulaube rankt, deren leichte, broncirte Stäbe von Marmorfiguren gehalten werden, die neben dem Sopha auf zierlichen Poſtamenten von dunklem Holze ſtehen. Die Dame des Hauſes iſt nicht in ihrem Boudoir; die Thüre des daran ſtoßenden Schlafzimmers iſt halb geöffnet, und aus ein paar Worten, die wir dort ſprechen hören, ent⸗ nehmen wir, daß die Gräfin bei der Toilette zu ihrem klei⸗ nen Diner iſt. Da wir viel zu discret ſind, um auf dieſer Seite des Hauſes weiter vordringen zu wollen, ſo hätten wir bis zum Erſcheinen der Herrin Zeit genug, die Schätze dieſes reizen⸗ den Boudoirs zu betrachten, ſelbſt den Inhalt der Bücher und Mappen zu unterſuchen, und würden uns auch damit beſchäftigen, wenn wir nicht durch den Eintritt des Lakaien, 174 Zwölftes Kapitel. der vorhin die kleine Orange zwiſchen ſeinen Fingern gedreht, geſtört würden. Dieſer trat nun behutſam in das Gemach, warf einen forſchenden Blick auf die Thüre des Nebenzimmers und drückte dann auf die Feder einer kleinen Glocke, welche auf dem Kamin ſtand. Augenblicklich erſchien ein junges Mädchen, einfach ge— kleidet, das raſch auf den Eingetretenen zuging und ein paar Worte anhörte, die dieſer flüſternd zu ihr ſprach, worauf ſie wieder in das Schlafzimmer zurückeilte. Dann vernahm man von dorther eine helle, wohlklingende Stimme:„Natürlich bin ich zu Hauſe; ſie ſoll augenblicklich kommen. Warum denn dieſe Meldung?“ Wieder erſchien das junge Mädchen im Boudoir und erläuterte die Worte ihrer Gebieterin dahin, daß dieſe nicht begreife, warum das Fräulein erſt noch gemeldet werde. „Sie haben es ſo verlangt,“ flüſterte der Lakai;„Sie wollten wiſſen, ob vielleicht Beſuch da ſei. Ich thue, was man mir befiehlt.“ „Nun ja, dann beeilen Sie ſich jetzt und bitten das gnädige Fräulein zu kommen,“ gab die Kammerjungfer mit ſehr wichtiger Miene zur Antwort, worauf ſie einen Blick in den Spiegel warf, ehe ſie mit tänzelndem Schritt in das Schlafzimmer zurückging. Einen Augenblick ſpäter öffnete der Lakai die Thüren des Boudoirs, man vernahm das Rauſchen eines ſchweren Seidenſtoffes, und eine junge und ſehr ſchöne Dame trat mit einer außerordentlich graziöſen Bewegung etwas haſtig in das kleine Gemach, blieb aber wie erſtaunt eine Sekunde ſtehen, als ſie niemand darin gewahrte. Nur eine Sekunde, dann Frangoiſe und Roſa. 175 wandte ſie ſich in ſchnellem entſchloſſenem Schritte gegen das Schlafzimmer, aus dem aber in dieſem Momente die Herrin heraustrat. Beide ſtanden ſich eine kleine Weile ſtumm gegenüber, dann trat die Gräfin Lotus ein paar Schritte vor, nachdem ſie die Thüre des Schlafzimmers hinter ſich zugezogen. „Was iſt's? Was iſt's, Roſa?“ fragte ſie mit leiſer Stimme.„Dein Beſuch vor dem Theater zu ſo ſpäter Stunde erſchreckt mich. Was iſt vorgefallen?“ „O nichts Schlimmes,“ entgegnete die andere Dame zögernd. „Alſo doch etwas!— Ich beſchwöre dich, Roſa!— Er—“ „Der Kleine iſt ein bischen unwohl.“ „Er iſt gefährlich krank?“— „Das nicht,“ ſagte die junge Dame, die vorhin einge⸗ treten war.„Wäre ich ſonſt hier? Wäre ich in dem Falle von ihm gegangen?“ „Ah! Du mußteſt fort— die heutige Vorſtellung!“ Die Lippen der jungen Dame zuckten eine Sekunde lang verächtlich.„Ich hätte mich eben entſchuldigen laſſen,“ ſprach ſie in geringſchätzendem Tone.„Aber beruhige dich, Fran⸗ goiſe, es iſt bei dem Kleinen nicht mehr und nicht weniger, als wie es oft bei Kindern vorzukommen pflegt.— So ſagt nämlich der Doctor.“ „Alſo der Doctor war bei ihm?“ „Verſteht ſich. Ich hatte das Kind auf dem Schooße.“ „O, wie glücklich du biſt!“ „Und er ſprach von einer leichten Indispoſition, ohne die Quelle davon angeben zu können oder zu wollen. Mor⸗ ——— ——— — 176 Zwölftes Kapitel. gen, ſo meinte der Doctor, würde er wieder luſtig herum⸗ ſpringen. Ich verſprach dem Kleinen, wenn er recht folgſam ſei, Spielſachen und einen großen Wagen zum Spazieren⸗ fahren. Da kannſt du ihn ſehen.“ „Ja, ich muß ihn ſehen,“ ſagte die Gräfin wie zu ſich ſelber mit gepreßtem Tone, wobei ſie ihre Hand auf das Herz drückte, als wolle ſie die wilden Schläge desſelben be⸗ ruhigen, während ſie zugleich einen tiefen Athemzug that. „Setze dich ein wenig, Roſa,“ bat ſie darauf,„wenn auch nur zwei Augenblicke. Du mußt noch ein Weilchen bei mir bleiben.“ Die andere Dame warf einen raſchen Blick auf die Uhr und erwiderte dann:„Einen Augenblick bleibe ich noch, aber laß mich ſtehen, es iſt mir lieber. Setz' du dich nur, Fran⸗ coiſe, meine Nachricht hat dich erſchreckt, aber ich hielt es für meine Schuldigkeit, dich davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Wofür ich dir innig danke, meine gute, gute Schwe⸗ ſter,“ rief die Gräfin, während ſich in ihrem Auge ein leich⸗ ter Flor von Thränen zeigte. Sie ließ ſich in einem der kleinen Fauteuils nieder, die vor dem Kamin ſtanden und blickte mit kummervollem Ge⸗ ſichte zu ihrer Schweſter Roſa empor. Ja, es waren die beiden Schweſtern, die der geneigte Leſer gewiß nicht vergeſſen hat, die Töchter armer Eltern, die längſt geſtorben waren, und die ſich durch ungewöhnliches Talent zu der Stellung emporgeſchwungen hatten, in der ſie ſich jetzt befanden. Francoiſe, noch vor wenig Jahren eine der gefeiertſten Sängerinnen, verließ die Bühne, um ſich mit dem Grafen Lotus zu vermählen. Roſa war als erſte Tän⸗ zerin die Zierde, ja, man könnte faſt ſagen, die Beherrſcherin Frangoiſe und Roſa. 177 des Hoftheaters, denn wenn man anderswo Ballette gewiſſer⸗ maßen als Nebenſache betrachtet, um ſie hier und da zwiſchen Opern einzuſchieben, ſo war hier beinahe der umgekehrte Fall, und man hörte zuweilen von Enthuſiaſten ſagen:„Schade, heute iſt die und die Oper, es konnte leider kein Ballet ſein.“ Roſa, die Jüngere der Schweſtern, mochte vierundzwan⸗ zig Jahre alt ſein, und auch ſie hätte ſchon mehrere Mal Gelegenheit gehabt, eine glänzende Verbindnng einzugehen; doch hatte ſie noch keine Luſt, die Bühne zu verlaſſen. So ſagte ſie wenigſtens und wies unter dieſem Motiv die vor⸗ theilhafteſten Anträge zurück. Sie war ein eigenthümlicher, ſtolzer, faſt harter Charakter. Die Bewunderung, mit der die Männerwelt ſie anſchaute, mit der man ihr Kränze und Huldigungen aller Art zu Füßen legte, nöthigte ihr höchſtens ein oft ſichtbar erzwungenes Lächeln ab, dem nicht ſelten ein finſterer Blick aus den glänzenden Augen folgte, oder das einem verächtlichen Zuge Platz machte, der alsdann häufig um die ſchönen Lippen ſpielte. Auch in ihrem Aeußern zeigte ſich unverkennbar dieſe Feſtigkeit, dieſe Unbeugſamkeit. Man mußte dieſe ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt ſehen, man brauchte nur zu beobachten, wie ſie ihren Kopf zu tragen pflegte, wie ſie um ſich blickte, um zu wiſſen, welch' entſchloſſener Geiſt dieſen ſchönen Körper regiere. Die Natur hatte ihr viel, faſt alles gegeben. Leider, leider! ſeufzten ihre unglücklichen Be⸗ wunderer.— Sie war eine große Künſtlerin, ſie war von einer vollendeten Schönheit, und dabei zeigten die ernſten und edeln Züge ihres Geſichtes Geiſt und Verſtand,— weniger Gemüth und Herz, hörte man hänfig hinzuſetzen, wenn alle dieſe Eigenſchaften enthuſiaſtiſch gelobt worden waren; und Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 12 178 Zwölftes Kapitel. vielleicht hatten die, welche ſo ſprachen, Recht, vielleicht war noch kein Zauberer erſchienen, dem es gelungen war, dieſem Marmor den belebenden Strahl entquellen zu laſſen. Francoiſe war etwa zwei Jahre älter als Roſa, in vie⸗ len Dingen aber der Gegenſatz ihrer Schweſter. Wenn auch die Züge ihres Geſichts denen von Roſa außerordentlich gli⸗ chen, ſo zeigte ſich, was dort Ernſt und Strenge war, hier weich und lieblich. Francoiſe hatte blondes Haar, einen auf⸗ fallend blendenden Teint, ihre Körperformen waren ſtärker, weicher, ihren kleinen Mund umſpielte häufig ein freundliches, wohlthuendes Lächeln und ihre hellbraunen Augen glänzten in ſeltener Gutmüthigkeit und Heiterkeit. Freilich ſchien letz⸗ tere leicht getrübt werden zu können, doch dauerte eine ſolche Umflorung ihres Blickes nie ſehr lange und die hellen Zeichen ihres freundlichen Sinnes drangen bald wieder lebhaft vor. Auch jetzt hatte ſie mit ihrem Battiſttuche kaum die Augen leicht berührt, ſo blickte ſie vertrauensvoll, ja, ſchwach lächelnd zu der Schweſter empor, indem ſie ſagte:„O, meine liebe Roſa, wenn ich weiß, daß du von ihm kommſt, ſo iſt es mir gerade, als hätte ich das Glück gehabt, ihn ſelbſt zu ſehen. Sage mir, haſt du wirklich Befürchtungen gehabt?“ „Das gerade nicht, obgleich er mir heute Nachmittag während einer Stunde recht krank erſchien. Als ich ihn aber in meine Arme genommen hatte und freundlich mit ihm ſprach, da glaubte ich ordentlich zu fühlen, wie ſeine Leiden ſich ver⸗ minderten, wie er immer ruhiger wurde, bis er zuletzt auf meinem Schooße ſanft entſchlief.“ Ein leichtes Beben fuhr bei dieſen Worten der Schweſter durch den Körper der Gräfin. „Und das darf ich nicht empfinden!“ ſprach ſie.„Auf Francoiſe und Roſa. 179 meinem Schooße darf er nicht einſc=hlummern!— O, das iſt hart, das iſt entſetzlich!— Und ich darf mich nicht einmal in einen Winkel ſetzen und darüber weinen, ich muß voll⸗ kommen glücklich ſcheinen; mein Auge darf keine Spur einer Thräne zeigen, um nicht tauſend läſtigen Fragen ausgeſetzt zu ſein, was mir fehle, warum ich nicht heiter ſei.— Und doch muß ich ihn ſehen, bald, bald ſehen,“ ſetzte ſie ſo leiſe hinzu, daß Roſa, welche in dieſem Augenblicke über den Ka⸗ min hinweg ins Freie ſah, nichts davon zu verſtehen ſchien.— „Du haſt Geſellſchaft?“ fragte nach einer Pauſe die Tänzerin. „Wir haben ein kleines Diner, wie gewöhnlich,“ erwiderte die Gräfin.„Paul wollte dich bitten, doch fiel ihm ein, daß du zu thun habeſt. Du kommſt dann nach der Vorſtellung.“ „Iſt ſpäter noch jemand da? Muß ich Toilette machen?“ „Gewiß nicht,“ gab die Gräfin Lotus zur Antwort. „Sollte vielleicht jemand zum Thee kommen, ſo wäre es ein ganz genauer Bekannter, vor dem du dich in keiner Weiſe zu geniren hätteſt.“ „Das iſt mir lieb,“ ſagte die Tänzerin, indem ſie einen Blick an ſich heruntergleiten ließ;„denn du ſiehſt, ich bin zu keiner Soirée angezogen.— Deine Toilette iſt ſchön, Fran⸗ goiſe,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und nachdem ſie die Schweſter aufmerkſam betrachtet.„Du haſt alles von Paris?“ „Ich weiß das nicht genau, aber ich glaube ſo,“ verſetzte die Gräfin.„Madame Henriette hat es mir wie gewöhnlich beſorgt. Mein Mann iſt einer ihrer beſten Kunden.“ „Dein Mann?“ fragte Roſa lächelnd. „Nun ja, er überhebt mich der Mühe, für meinen An⸗ zug zu ſorgen; es macht ihm Freude, für mich zu wählen, ——— —— 180 Zwölftes Kapitel. Francoiſe und Roſa. und da man ſagt, meine Toilette ſei eben ſo reich, wie ge⸗ ſchmackvoll, ſo habe ich Recht, ihm ſeinen Willen zu thun. — Aber ſage mir, Roſa,“ unterbrach ſie ſich plötzlich, wobei ein trüber Strahl aus ihrem Auge trat,„kann man nicht heute Abend noch nach ihm ſehen? O, was gäbe ich darum, wenn ich einen Augenblick fort könnte!“ Die Tänzerin warf einen Blick auf die Uhr.—„ZJetzt ſchläft er,“ ſagte ſie,„und der Arzt hat befohlen, man ſolle ihn ſo ruhig wie möglich laſſen. Auch kann ich nicht wohl mehr in meinem Anzuge hinfahren, ich würde bei den guten Leuten, die mich bis jetzt vollkommen als Ihresgleichen be⸗ trachten, als eine eifrige Schülerin, und die ſich deßhalb in ihrem Betragen gegen das Kind, in ihren Reden durchaus nicht geniren,— Verdacht erregen. Dasſelbe iſt der Fall, wenn ich gleich nach der Vorſtellung hingehe. Du kannſt aber ruhig ſein, ich habe meine Maßregeln ſo gut getroffen, daß mir alles Außergewöhnliche ſogleich in meine Garderobe be⸗ richtet wird, und ich kann dir darüber ſpäter ſelbſt Nachricht bringen. Im Falle ich nicht zu ſpät von dir nach Hauſe fahre, iſt es mir vielleicht möglich, noch einen Augenblick nach ihm zu ſehen. Und daß ich das thue, davon wirſt du hof⸗ fentlich überzeugt ſein.“ „Gewiß, gewiß, meine gute Roſa!“ rief Francoiſe in erregtem Tone.„Was wäre ich ohne dich! Ich müßte vor Angſt und Unruhe vergehen.“ Ihr Auge umflorte ſich wieder leicht, doch ſchaute ſie im nächſten Momente mit ſtarrem Blicke auf ihre Schweſter, die ihr mit der einen Hand haſtig winkte, während ſie horchend mit der anderen nach der Thüre zeigte, die ins Schreibzimmer führte. im Dreizehntes Kapitel. Der Graf Lotus. In der That vernahm man auch gleich darauf ein Ge⸗ räuſch wie von Schritten, die ſich langſam näherten. Dann wurde die Thür geöffnet und Graf Lotus trat in das Boudoir. „Ah, eine angenehme Ueberraſchung,“ rief er mit freund⸗ lichem Tone, als er die junge Tänzerin gewahrte, welche ſich neben dem Kamin, an dem ſie gelehnt, emporrichtete und ihre Hand in die Rechte des Grafen legte, der ſie herzlich ſchüttelte.—„Unſere liebenswürdige Schwägerin,“ ſagte er; „vielleicht eine Ueberraſchung? Kommſt du noch zu unſerem kleinen Diner?“ „Wo denkſt du hin!“ verſetzte Roſa lachend.„Soll ich unſern Intendanten unglücklich machen? Ich komme nur in aller Geſchwindigkeit vorbei, um Francoiſe einen guten Abend zu ſagen. Habe ich ſie doch ſeit zwei Tagen nicht geſehen.“ „Roſa kommt ſpäter zum Thee,“ ſagte die Frau des Hauſes, wobei ſie das Geſicht auf ihren Arm herabbeugte und dort ihre ſchweren Bracelets zu ordnen ſchien. 182 Dreizehntes Kapitel. „Das freut mich in der That,“ erwiderte der Graf; „dann mußt du mir aus beſter Quelle über die Vorſtellung berichten. Ich kann nicht gut ins Theater gehen,“ ſetzte er mit einem traurigen Tone hinzu, und dabei hob er die Hand leicht an ſeine Stirn.„Ich ſpüre das abſcheuliche Regen⸗ wetter wieder einmal in meinem Arme und auch hier oben.“ Die Gräfin blickte beſorgt in die Höhe, und Roſa ſagte, während ſie ihre Hand ſanft auf die Schulter ihres Schwa⸗ gers legte:„Um ſo lieber komme ich ſpäter zu Euch, wenn ich dir einen kleinen Gefallen damit erzeige.“ Der Graf war ein Mann in den Fünfzigern, von hoher Geſtalt, ſehr ſchlank, faſt mager, mit etwas gebeugter Hal⸗ tung. Sein Geſicht hatte gewöhnlich einen ernſten Ausdruck, der indeſſen gemildert wurde durch geiſtreiche klare Augen, die meiſtens offen und nicht unfreundlich erſchienen, häufig aber mit einem finſteren Blicke wechſelten, wobei er alsdann die Lippen feſt auf einander preßte. Die Urſache zu dieſem öfteren Wechſel entdeckte man beim erſten Anblick des Gra⸗ fen; er hatte nur einen vollſtändigen Arm, den rechten; vom linken fehlte ihm die Hand, und er trug dieſen, da er über⸗ haupt ſchwer verletzt war, in dem Aermel des Rockes, der vorn an den Knöpfen deſſelben befeſtigt war. Auch zeigte ſich von der linken Seite der Stirn bis zu den Augenbrauen herab eine tiefe Narbe, beides Verletzungen, welche der Graf im Kriege erhalten. Auf ſeinen vielen und weiten Reiſen war er auch in Indien geweſen und hatte dort an den Ge⸗ fechten der engliſchen Armee gegen die Sikhs Theil genom⸗ men, wo ihn im Handgemenge der Säbelhieb eines feindlichen Reiters getroffen hatte, während ihm eine Flintenkugel die Hand zerſchmetterte. Obgleich beide Wunden vernarbt und ⏑— 2* Der Graf Lotus. 183 geheilt waren, ſo litt er doch häufig, namentlich an dem Hiebe, der ſeinen Kopf ſchwer getroffen, ſo heftige Schmerzen, daß er ſich alsdann in ſein Zimmer zurückzog und dort in Stille und Dunkelheit Stunden lang verblieb. Der Graf hatte lange im heißen Süden gelebt, dort in ſeiner Jugend an dem aufregenden und darauf auch wieder um ſo mehr abſpannenden Leben Theil genommen, und empfand bei ſeiner Rückkehr in die Heimat, daß ſein Nervenſyſtem bedenklich geſtört ſei. Ruhe und ſorgfältige Pflege hatten ihn hier wohl wieder ſo ziemlich hergeſtellt, doch blieb ihm eine außer⸗ ordentliche Reizbarkeit, die ſich namentlich zu Zeiten zeigte, wo er, was häufig vorkam, die Nächte ohne feſten, erquicken⸗ den Schlaf verbrachte. Da brauchte er alle Kraft ſeines Verſtandes, um nicht bei den geringſten Widerwärtigkeiten in maßloſe Heftigkeit auszubrechen, höchſt unangenehm für ihn ſelber, oft unerträglich für ſeine Umgebung. Nachdem er mehrere Jahre auf ſeinen Gütern in Deutſch⸗ land gelebt, hatte er ſeinen Aufenthalt in der Reſidenz ge⸗ nommen und hier Francoiſe gehört und dann ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht. Die weiche, angenehme Stimme der berühmten Sängerin hatte ſeinem Gemüthe wunderbar wohl gethan; er verſäumte weder eine Vorſtellung, in der ſie auftrat, noch eine Probe, in welcher ſie beſchäftigt war. Da ſaß er, in die Ecke ſeiner Loge gedrückt, den Kopf in die rechte Hand geſtützt, oft die Augen geſchloſſen und lauſchte den wunderbar milden Tönen, die ſein Gemüth ſo zauberhaft beruhigten, die ihn in eine tiefe Wehmuth verſenkten, die ſeinen Augen häufig Thränen entlockten. Da fühlte er nach und nach eine Ruhe ſich über ſein ganzes Leben ergießen, da empfand er lange nicht gekannte Müdigkeit ſeines Geiſtes, eine angenehme, 184 Dreizehntes Kapitel. wenn er nach Hauſe zurückkehrte; da verſchwanden nach und nach die wilden Bilder, die gleich zuckenden Blitzen ſein Ge⸗ hirn durchkreuzten, wenn er ſich zur Ruhe legte; da löſ'ten ſich die zackigen, feurigen Linien, die ſeine tollen Träume einrahmten, allmälig in weiche, lichte Kränze auf, in Blu⸗ mengewinde, die ſeine erhitzten Phantaſieen mitleidig zu ver⸗ decken ſchienen; da drang durch alles hindurch der Ton ihrer lieblichen Stimme und bedeckte ihn wie mit duftenden Blüthen, mit einem, wenngleich leichten, ſo doch erquickenden Schlafe.„ Er hatte ſich der ſchönen Sängerin mehr und mehr ge⸗ nähert, er hatte ihr mit ſeiner Hand ſein großes Vermögen angeboten, er hatte viele Schwierigkeiten zu überwinden ge⸗ habt; er hatte endlich ſein Ziel erreicht, Frangoiſe war ſeine Gattin geworden, die Welt war darüber erſtaunt, man hatte ſich in Vermuthungen erſchöpft; man hatte ſich darüber geär⸗ gert, daß er die allbeliebte Künſtlerin der Bühne entzogen, man hatte ſich in boshaften Bemerkungen darüber erſchöpft, daß er das junge blühende Mädchen zur Gräfin Lotus ge⸗ macht; man hatte achſelzuckend auf die Zukunft gedeutet; man hatte von ſehr kurzer Dauer dieſer Ehe geſprochen— man hatte ſich geirrt. Der Graf wußte wohl, welch' koſtbaren Schatz er in ſeiner Gemahlin erworben; er bezwang ſeine tollen Launen, wenn dieſe zuweilen wieder hervorbrechen wollten, und es wurde ihm leicht, dieſe zu mäßigen, denn der Zauber, wel⸗ chen Frangoiſe mit ihrem weichen und milden Charakter, mit dem wunderbaren Klang ihrer Stimme auf ihn aus⸗ übte, ſchwächte ſich nicht ab, er wurde vielmehr ſtärker und kräftiger. Der Graf Lotus. 185 Sie fand ſich aber auch mit außerordentlicher Leichtig⸗ keit, mit einem großen Geſchick in ihre neuen Verhältniſſe. Gut erzogen und gebildet, wie ſie war, wurde es der Sän⸗ gerin leicht, im vollen Umfange des Wortes die Frau des reichen, vornehmen Hauſes, die Gräfin Lotus, zu ſein. Manche der ehemaligen Bekannten des Grafen, die anfänglich abwar⸗ tend entfernt geblieben waren, beeilten ſich bald wieder, näher zu kommen, und da Francoiſe fortfuhr, auch von ihrem gro⸗ ßen Talente den liebenswürdigſten Gebrauch zu machen, ſo galt es bald bei der ſogenannten Geſellſchaft für eine Gunſt, für eine Auszeichnung, bei ihren kleinen Soiréen erſcheinen zu dürfen. Für den Grafen war und blieb, wie ſchon bemerkt, ihr ſtilles, angenehmes Weſen das beſte und wirkſamſte Heil⸗ mittel, und ſie benutzte dieſen Einfluß auf ihn in zarter und rührender Weiſe. Wie oft ſchon war ſie in der Nacht erwacht und hatte im Schlafzimmer des Grafen, welches an das ihrige ſtieß, deſſen Schritte gehört, wenn er ſchlaf⸗ und ruhe⸗ los auf- und abging. Wie war es ihr alsdann eine ange⸗ nehme Pflicht, ſich leiſe zu erheben, ihn mit ſanfter Stimme nach ſeinem Befinden zu fragen und dann mit freundlichem Tone hinzuzuſetzen: Wenn mein großes Kind artig zu Bette geht, ſo will ich es einſchläfern. Darauf hatte er ſich folg⸗ ſam wieder niedergelegt, ſie hatte ſich alsdann neben ſein Lager geſetzt und ihm mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme ein einfaches Lied geſungen, das er gern hörte, deſſen Klänge ſanft ſeine Augen zudrückten und das ſeine finſtere Miene in ein weiches Lächeln auflöſ'te, mit dem er wirklich einſchlief. Aber dann war es oft, als ſeien die finſteren wilden Gedanken, die ihn bis jetzt beunruhigt, tückiſch über ſie her⸗ 186 Dreizehntes Kapitel. gefallen. Wenn ſie auch ihre weichen Melodieen fortſang, ſo trübte ſich doch zuſehens ihr Auge, ſo ſchloſſen ſich ihre Hände krampfhaft, ſo ſah man, daß ſie ſich Gewalt anthun mußte, um nicht ihre Lippen plötzlich auf einander zu preſſen, um ſtatt den Ton des Liedes, das nicht mehr recht fortquellen wollte, einen wilden Schrei des Schmerzes zu unterdrücken. — Sie ſaß da an dem Lager ihres Mannes, den ſie wohl achtete und ſchätzte, für den ſie aber nicht die Liebe fühlte, die uns beglückt, die uns alles Andere vergeſſen läßt. Sie hatte nicht alles vergeſſen, ſie hatte ihr großes Kind, wie ſie ihn genannt, ſanft in den Schlaf geſungen und ſtarrte jetzt mit weit aufgeriſſenen Augen gerade aus, als ſähe ihr Auge ein armes, kleines Kind, das vergebens darauf lauſchte, etwas von der ſüßen Stimme der Mutter zu hören.— Entſetzlich! In ſolchen Augenblicken konnte ſie aufſpringen, mit beiden Händen wild ihr volles Haar aus der Stirn ſtreichen und faſt erſchreckt das bleiche Geſicht des Grafen anſtarren, der ihr alsdann wie ein Phantom erſchien, wie ein Vampyr, der langſam ihr Herzblut ſauge, wie ein böſes Weſen, das ſie aus ihrem Himmel entführt, in eine theilnahmloſe, kalte Welt. Dann floh ſie in ihr Zimmer, ſie ſank dort auf ihr Lager, und zwiſchen ihren Fingern hervor, mit denen ſie krampfhaft ihr Geſicht bedeckte, quollen die heißen Thränen— lange— lange Stunden. ————————————— Der Graf war ein paarmal in dem kleinen Boudoir auf und ab gegangen, während er zu gleicher Zeit bisweilen die Hand an die Stirn legte und dann einen mißmuthigen Blick in das Freie warf, wo der Regen noch immer, ſchein⸗ bar bald von hier, bald von da kommend, bei den Fenſtern Der Graf Lotus. 187 vorüberfuhr und häufig einzelne Tropfen auf die großen Scheiben ſpritzten. Die beiden Schweſtern hatten halblaut gleichgültige Dinge beſprochen, und nun wandte ſich die Tänzerin nach einem abermaligen Blicke auf die Uhr zum Fortgehen; ſie zog ihren Shawl feſter um und bot ihrem Schwager die Hand. „Ich bedaure dich wahrhaftig, mein Kind,“ ſagte dieſer, „daß du bei ſo abſcheulichem Wetter das Haus verlaſſen mußt.“ Worauf ſie lachend erwiderte:„Sieh, ſo ſind die An⸗ ſichten verſchieden; unſer Intendant, der vorhin ein paar Augenblicke mit mir ſprach— er ſah, wie mein Wagen unten an der Thür anfuhr— behauptete hinſichtlich des Wetters gerade das Gegentheil; er meinte, ich brächte ihm auch darin Glück, wenn ich aufträte— das vortrefflichſte Theaterwetter. Und von ſeinem Standpunct aus hat er Recht: ſo ein grauer Himmel, ein naßkalter Abend treibt die Leute in die Oper. Es wird heute voll werden, und da es ſchrecklich wäre, wenn ich irgend jemand nur eine Sekunde warten ließe, ſo muß ich mich beeilen. Es wird im nächſten Augenblicke fünf Uhr ſchlagen. Adieu, Frangoiſe! Adieu, mein lieber Freund!“ Sie reichte den Zurückbleibenden die rechte Hand, Einem nach dem Andern, da ſie ihren linken Arm brauchte, um den Shawl feſt zu halten. Dann verließ ſie mit freundlichem Kopfnicken das Boudoir und betrat wenige Augenblick darauf, gefolgt von dem Grafen, der ihr das Geleite gab, den Winter⸗ garten, wo ſie aber in ihrem eiligen Gange abermals aufge⸗ halten wurde.— Drunten war ein Wagen vorgefahren, die Thür des Treppenhauſes öffnete ſich und ein junger Mann in Huſaren⸗ ——2WGAGGsMeää 188 Dreizehntes Kapitel. Uniform ſprang eilig die erſten Stufen der Treppe hinauf und blieb dann wie überraſcht ſtehen, als er droben die ſchöne Tänzerin ſah. „Ah, der Teufel!“ rief er etwas überlaut.„Auf Ehre, das heiße ich ungeheures Glück haben! Da kommeV ich her, wie der alte Römer ſagt, ſehe und—“ „Wirſt aber in keinem Falle ſiegen, theurer Vetter,“ unterbrach ihn ironiſch lachend der Graf. „Verdammt, wenn ich das ſagen wollte!“ fuhr der Huſar in noch lauterem Ton fort.„In ſolchem Fall iſt es ſehr ſchlimm, wenn man Einen nicht ausreden läßt. Ich wollte nämlich bemerken: ich kam, ich ſah und wurde beſiegt. Das iſt, wie ich mir ſchmeichle, keine ganz leichte Aenderung des immenſe langweiligen Sprichworts.“ „Dann hätteſt du es,“ entgegnete Graf Lotus,„in der Urſprache von dir geben ſollen, um Effect zu machen.“ „In der Urſprache?“ ſagte der Offizier mit einem zwei⸗ felhaften Lächeln, das ſich aber gleich darauf in ein ſehr pfiffig ſein ſollendes verwandelte, wobei er ſein rechtes Auge gegen den Grafen zukniff.„In der Urſprache? Du biſt ein netter Kerl. Als wenn ich in der Urſprache ſo bewan⸗ dert wäre!“ Beim erſten Erblicken des jungen Mannes war ein nicht unfreundlicher Zug auf dem ſchönen Geſichte der jungen Tänzerin erſchienen, welcher aber bald darauf einem leichten Schatten Platz machte, der ſich von ihren dunkeln Augen aus über die regelmäßigen Züge verbreitete. „Aber ein wahres Sch— ein außerordentliches Glück habe ich doch in der That. Ich denke mir, wir finden heute Abend bei unſerem kleinen Diner nur ein paar langweilige Der Graf Lotus. 189 Kerls, den Scherra und den alten Spanger, die mich beide gründlich ennuyiren, und nun ſehe ich die ſchönſte der Roſen vor mir erblühen.“ „Doch kannſt du dieſes Mal, um in deine beliebte Redeweiſe einzugehen, mit dem Jäger aus dem Nachtlager ſingen: „Ich muß ſie einem Andern laſſen, Mir blühet dieſe Roſe nicht.“ „Alle Hagel!“ rief der Huſar erſtaunt, während er noch ein paar Stufen aufwärts hüpfte und dort mit ausgebrei⸗ teten Armen ſtehen blieb,„ich muß wiſſen, wer dieſer Andere iſt. Eher laſſe ich Sie nicht paſſiren.“ „Das königliche Hoftheater, Herr von Marlott,“ ſagte die junge Tänzerin mit einem, wenn gleich kaum ſichtbaren, Zeichen des Unmuths.„ZJetzt aber bitte, laſſen Sie meinen Weg frei; ich habe wahrhaftig keine Zeit mehr zu verlieren.“ „Und bei dir verliert man doch nur ſeine Zeit,“ fügte der Graf ſpöttiſch bei. „Oh!“ machte der Offizier mit einem Geſichtsausdrucke, welcher deutlich anzeigte, daß er ſich vergeblich bemühte, den richtigen Sinn dieſer Worte zu ergründen.—„Zeit verlie⸗ ren!“ rief er alsdann lachend,„ich verliere nie meine Zeit und weiß ſie ſchon zu benutzen.“ Bei dieſen Worten war er vollends die Treppe hinauf geſprungen und ſagte nun mit einer in der That untadel⸗ haften und vollendet eleganten Verbeugung, indem er dem jungen Mädchen ſeinen Arm bot:„Darf ich mir nun erlau⸗ ben, Sie an Ihren Wagen zu führen?“ 4 Die Tänzerin willigte lächelnd ein, und als Beide nun, der Offizier abſichtlich langſam und zögernd, die Stufen .— .— · 8 — 190 Dreizehntes Kapitel. hinabſtiegen, mußte man geſtehen: die Beiden waren ein wunderſchönes Paar. Das mochte auch Graf Lotus denken, als er ſich nun kopfſchüttelnd zurückzog. „Aber in Wahrheit, ſchönſte aller Roſen,“ ſprach der Offizier,„eigentlich ſollte ich ſagen: reizende Couſine, denn wenn auch auf einem ziemlich großen Umwege, ſo habe ich doch das Recht dazu. Ich hätte mich unſinnig gefreut, wenn wir zuſammen dinirt hätten. Daß Sie auch heute gerade tanzen wollen!“. „Tanzen müſſen, ſollten Sie ſagen,“ erwiderte Roſa. „Ach, wer kann Sie zwingen! Beim Henker, den wollt' ich ſehen! Sie, den Liebling des ganzen Publikums, Sie, graziös wie— wie— nun, wie Sie ſelbſt!“ rief er nach einer Pauſe, da er einen paſſenden Vergleich nicht alsbald fand. „Und doch habe ich meinen Dienſt eben ſo gut, wie Sie, Herr von Marlott,“ verſetzte lächelnd die Tänzerin. Worauf dieſer erwiderte:„Dienſt— ſehr gut geſagt, famos geſagt! Aber das heißt: Dienſt als General⸗Feldmar⸗ ſchall, als die Erſte, welche das ganze übrige Corps kom⸗ mandirt, ja, die alles kommandirt— grauſam kommandirt, mindeſtens zwanzigtauſend Herzen, alte und junge. Auch meines iſt darunter— ein ſehr liebenswürdiges Herz, das kann ich Ihnen verſichern.“ „An dem letzteren zweifle ich nicht, Herr von Marlott, und Ihr Herz iſt jedenfalls ein ſehr amuſantes Herz.“— Das ſprach ſie nicht ohne einen leichten Spott, der ihm aber durchaus nicht auffiel.—„Habe ich doch bei Ihrer Unter⸗ haltung kaum bemerkt, daß wir ſchon die Treppen hinab d an meinen Wagen gekommen ſind.“ Der Graf Lotus. 191 „Nicht wahr, mein Fräulein?“ verſetzte geſchmeichelt der ſchöne Huſar.„Ich habe das ſchon oft von Frauen und Mädchen hören müſſen, daß meine Unterhaltung amuſant ſei, und thue mir darauf etwas zu Gute. Man muß Unterſchiede zu machen verſtehen, und dafür, ſchöne Roſa, ſind Sie ge⸗ ſcheidt genug. Wiſſen Sie, über etwas Vernünftiges kann V am Ende jeder Narr ſprechen, aber über gar nichts eine Con⸗ verſation führen, das iſt keine Kleinigkeit.“ „Und das verſtehen Sie,“ gab die Tänzerin zur Antwort, während ein finſterer Blick aus ihrem ſchönen Auge drang. „Ja, das verſtehe ich vollkommen.“ Er hatte den Schlag des Wagens geöffnet und Roſa warf ſich in die Kiſſen deſſelben. ſ„Wenn Sie nicht ein Herz von Marmor hätten,“ ſprach Herr von Marlott,„ſo würden Sie meine unglückliche Lage 2 mit empfinden; Ihr plötzliches Verſchwinden, nachdem ich kaum das Glück gehabt, Sie nur ein paar kleine Augenblicke 1 ſehen zu dürfen. Es iſt auf Ehre unverantwortlich, gerade 4 heute Abend das dumme Ballet!“ 3„Sie ſind nicht ſehr galant.“ ,„Muß ich es nicht verdammt haſſen, da es Sie ſo plötz⸗ h lich von hier wegreißt, und ich alſo heute Abend kein Wort 8 mehr von Ihnen hören werde?“ Die ſchöne Tänzerin ſchien eine kleine Weile mit ſich , ſelbſt zu kämpfen; aus ihren dunkeln Augen zuckte ein eigen⸗ 5 thümlicher Blick auf das offene ſchöne Geſicht des jungen r Offiziers, dann ſagte ſie mit einem Tone, als müſſe ſie ſich 5 zu ihren Worten zwingen laſſen, langſam und zögernd:„Nach der Vorſtellung werde ich noch eine Stunde hier ſein.“ „Und ich werde mir von Vetter Paul die Erlaubniß ver⸗ 192 Dreizehntes Kapitel. ſchaffen, nach dem Theater eine Taſſe Thee im Kreiſe der Familie nehmen zu dürfen.“ Er ſagte das mit einem behag⸗ lichen Lächeln, wobei er auf äußerſt wohlgefällige Art ſeinen Schnurrbart hinaufdrehte. Was übrigens unſer heutiges Diner anbelangt,“ ſetzte er hinzu, indem er darauf mit einem affectirten Seufzer den Wagen ſchloß,„ſo wird meine Unter⸗ haltung keine faule Bohne nutz ſein. „Mein Herz iſt im Hochland, Mein Herz iſt nicht hier. „Mein Geiſt wird bei Ihnen ſein und was übrig bleibt, muß ſich recht fade ausnehmen. Aber ſobald es mir möglich iſt, enthüpfe ich hier und werde in der Loge ſichtbar. Darf ich alsdann auf einen einzigen Blick hoffen, grauſame Schöne?“ „Bedaure unendlich,“ antwortete Roſa,„meine Blicke gehören heute alle meinem Herrn und Gebieter, dem mäch⸗ tigen Kalifen.“ „Ah, wer auch ſo ein Kalif wäre!— Aber einen Kuß auf Ihre ſchöne Hand werden Sie mir doch erlauben, edle Couſine? Sie werden ſchon müſſen, denn ich bin eigenſinnig wie ein Pferd, und wenn Sie ſich hartherzig bezeigen, ſo laufe ich neben Ihrem Wagen her wie ein Betteljunge. Das wird unendliches Aufſehen machen,“ ſetzte er außerordentlich wohlgefällig hinzu. Roſa ließ die Spitzen ihres Handſchuhes an dem Wagen⸗ ſchlage ſehen, auf welche der junge Mann den blonden Schnurr⸗ bart drückte. Dann trat er einen Schritt zurück und grüßte militäriſch, während der Wagen davon fuhr. Die Tänzerin hatte ſich in die Kiſſen gedrückt, zog ihren Shawl mit einer anmuthigen Bewegung feſter um ſich, preßte eine Minute lang die Lippen auf einander und ſtieß dann, unruhig und halblaut hervor:„Was würde ein Anderer da⸗ rum gegeben haben, wenn ich ihm geſagt hätte, er dürfe heute Abend noch eine Stunde in meiner Geſellſchaft ſein! Welch unſägliches Glück hätte aus ſeinen Augen geblitzt! Und dieſer nimmt es hin, wie eine Huldigung, die man ihm darbringen will.“— Sie drückte heftig ihren Fuß auf den Boden und flüſterte dann, während ſie die ſchönen Zähne auf einander preßte:„Fürchterlich, ich darf darüber nicht nachdenken, es iſt zum wahnſinnig werden! Welche traurige Miſchung in dieſem Manne! So ſchön, ſo elegant und ſo — dumm!“ Wieder fuhr ein finſterer Schatten über ihre Züge, und unter dem Shawle preßte ſie die Hand feſt auf ihr Herz. Hackländer, Die dunkle Stunde. I. Der Graf Lotus. 198. Vierzehntes Kapitel. Bei einem kleinen Diner. Der Huſaren⸗Offizier war noch einen Augenblick vor der Hausthüre ſtehen geblieben, hatte ſeinen Schnurrbart wohl⸗ gefällig hinauf gedreht und darauf die Säbelkoppel ſo tief wie möglich in ſeine ſchlanke Taille hinabgedrückt. Er ſchien die Straße hinauf und hinab zu blicken, in Wahrheit aber blinzelte er nach einem gegenüberliegenden Hauſe, wo ſich am Fenſter der Kopf eines jungen Mädchens zeigte, das ſchon vorher über die Stickerei hinaus nach dem Wagen geſchaut hatte und jetzt begreiflicher Weiſe einen flüchtigen Blick auf den Offizier warf. Daß Herr von Marlott mit ſeiner unglaublichen Ge⸗ wandtheit für dergleichen Dinge dieſen Blick ſogleich auffing, um ihn im nächſten Momente mit Zinſen heimzuzahlen, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Das junge Mädchen beugt ſich hierauf tief auf ihre Stickerei nieder, doch war es bei dieſer Arbeit gleich darauf ſehr nothwendig, einen ſeidenen Faden gegen das Licht zu 195 Bei einem kleinen Diner. halten, um deſſen Farbe genau beurtheilen zu können. Da⸗ bei fiel ein zweiter Blick für den Huſaren drunten ab, ein Blick, den freilich die gleichgültigſte Miene begleitete, der aber Herrn von Marlott veranlaßte, ſich das Haus und deſſen Nummer genau zu betrachten, und für den er ſich dadurch bedankte, daß er ſeine Hand abermals an den Schnurrbart brachte, ſich irgend etwas mit demſelben zu ſchaffen machte und dazu einen Blick hinauf lancirte, wie er, von einem ſchö⸗ nen Lieutenant auf ein unerfahrenes, oder ein ſehr erfahrenes Mädchenherz geſchleudert, ſelten ſeine gute Wirkung verfehlt. Auch dieſer Blick wirkte, und mit einem Male war ſie vom Fenſter verſchwunden. Sie hat mich bemerkt, ſagte wohlgefällig lächelnd Herr von Marlott, a marche, nöthigen wir die Belagerten zu einem Ausfalle, indem wir uns in unſere Schanzen zurück⸗ ziehen. Darauf trat er unter die Hausthüre, blieb aber hier wieder ſtehen, indem er kokett ſeine Säbeltaſche emporhob, ein feines Battiſttuch daraus nahm, alles mit großer Um⸗ ſtändlichkeit, und ſich damit die Lippen wiſchte. Ah!— Das junge Mädchen erſchien nach ſeiner richtigen Be⸗ rechnung auf dem bekannten Terrain wieder, und zwar an einem Fenſter, welches der Hausthüre, unter der er ſtand, faſt gegenüber lag. Aber ſie kam nicht, um nach dem Lieu⸗ tenant drunten zu ſchauen— bewahre, gewiß nicht! Sie hatte dort nothwendig an einer Hängevaſe zu thun, die mit Schling⸗ pflanzen gefüllt oben am Fenſter hing. Sie ließ auch ihr Geſicht nicht ſehen; das wurde durch eben dieſe Schlingpflan⸗ zen verborgen, zu denen ſie beide Hände emporhob. * — eu — — ——“ 196 Vierzehntes Kapitel. Sehr gut, ſprach der Huſaren⸗Offizier zu ſich ſelber. Das iſt eine famoſe Taille. Werfen wir noch eine Angel unſerer Liebenswürdigkeit aus, und dann warten wir ab. Schon in der Hausthüre verſchwunden, wandte er ſich plötzlich noch einmal um, legte die rechte Hand auf die Stelle der linken Bruſt, wo er ſein Herz vermuthete, und trat dann in das Haus zurück nach einem der ſchmachtendſten Blicke, deren ein junger Lieutenant fähig iſt. Eine Sekunde lang zeigte ſich der hübſche Mädchenkopf zwiſchen den grünen Ranken, und ſomit ſchien vor der Hand alles aufs beſte eingefädelt zu ſein. Das mochte auch Herr von Marlott denken, denn ehe er die Treppen hinaufſtieg, zog er ſeine Tabletten aus der Taſche des Attila und ſchrieb hinein:„Zu beachten und weiter fortzuführen: Fürſtenſtraße Nr. 44, 1. Stock; hübſcher Kopf, dunkelbraunes Haar, vielverſprechende Taille. Gab Appell und iſt zu cultiviren.“ Nach dieſer richtigen Buchung von Soll und Haben hüpfte der Huſaren⸗Offizier leicht und ge⸗ wandt die Treppe hinauf. Der Lakai, der vorhin mit der Orange geſpielt, öffnete ihm die Thüre auf der linken Seite des Wintergartens, wo das Appartement des Grafen begann und faſt ebenſo einge⸗ theilt war, wie drüben das der Gräfin. Den Eintretenden empfing hier im dritten Zimmer der Duft einer feinen Ci⸗ garre, die vielleicht vor einer Stunde geraucht worden war, und doch noch das Appartement parfumirte. Die Einrichtung der Zimmer war ebenfalls ſehr ge⸗ ſchmackvoll, reich, elegant, zeigte aber im ganzen Effecte, ſo wie in tauſend Kleinigkeiten, die Wohnung eines Herrn ſo wie eines Mannes, der weite Reiſen gemacht und von dieſen ——V—V:ʒ:F„¶ʒ.2ñ2·2:—— Bei einem kleinen Diner. 197 Reiſen eine Menge der intereſſanteſten und ſeltenſten Dinge mitgebracht. Die Fußböden waren mit perſiſchen Teppichen bedeckt, auf welchen in dem Salon, der mit dem Schreib⸗ zimmer der Gräfin correſpondirte, vor türkiſchen und indiſchen Möbeln, ſo wie vor Ruheſitzen in ſeltſamen Formen ſtattliche Löwen⸗, Tiger⸗ und Bärenfelle lagen. An den Wänden hin⸗ gen nebſt prachtvollen Aquarellen ſüdlicher Landſchaften Jagd⸗ trophäen kälterer Zonen, der Kopf eines Sechszehnenders ſo wie der eines rieſenhaften wilden Schweines mit gewaltigen blinkenden Hauern. In einem Glaskaſten befand ſich eine bemerkenswerthe Gewehrſammlung von der ſchwerſten Kugel⸗ büchſe an bis zum feinſten und leichteſten Jagdzwilling. Auf Etagèren und Tiſchen ſah man intereſſante Vaſen, alte Bron⸗ cen, ſeltene reiche Waffen, Statuetten und dergleichen. Ein Geſtell in der Mitte des Zimmers, reich geſchnitzt, von der Form eines Kirchenchorpultes, enthielt in der unteren Ab⸗ theilung eine Menge Kupferwerke, während eins auf dem Pulte ſelbſt aufgeſchlagen war. Der Huſaren⸗Offizier, der hier genau bekannt ſchien, legte in dieſem Salon Säbel und Säbeltaſche ab, die er auf einen türkiſchen Divan warf, darauf eine kleine Tapetenthüre öffnete, die ſich neben dem Gewehrſchranke befand, und von hier auf einem kleinen Gange mit Vermeidung des Winter⸗ gartens in den Salon trat, wo die zum Diner eingeladene Geſellſchaft bereits verſammelt war. Der Hausherr war lächelnd einen Blick auf die Stand⸗ uhr vor dem Spiegel, als Herr von Marlott eintrat, worauf er ſagte: „Nun, das muß ich geſtehen, Arthur, du begleiteſt die 2—— 4——— — e“ 3 3 2 198 Vierzehntes Kapitel. Damen mit einer Umſtändlichkeit an ihre Equipage, die wahr⸗ haft rührend iſt.“ „Er hat ſich wahrſcheinlich überzeugen müſſen, ob der Kutſcher auch glücklich über die nächſte Ecke kommt,“ ſagte Herr von Scherra, ein wohlbeleibter älterer Herr, deſſen Ge⸗ ſicht von ziemlich dunklem Teint um ſo ſchärfer abſtach, da ſein Kopf von dichtem, etwas ſtruppigem weißem Haar be⸗ deckt war.„Der fragliche Wagen iſt nämlich ſchon lange weggerollt, ſo viel wir hörten.“ „Ja, unſere ſchöne Roſa kann ſchon faſt im Theater ſein,“ erwiderte der Offizier, in gleichgültigem Tone.„Daran iſt nicht zu zweifeln.— Schöne Couſine,“ wandte er ſich an die Frau des Hauſes,„ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Tag zu ſagen. Sie ſehen wie immer wunderbar aus. Auf Ehre! ganz wunderbar, wie— wie—“ „Auf das Wie kannſt du dich nach der Suppe beſinnen,“ meinte der Graf.„Sie iſt ſchon lange ſervirt.“ „Wir werden ſie kalt eſſen müſſen,“ ſprach Herr von Scherra.“ „Teufel ja! Es iſt wirklich ſchon zehn Minuten nach Fünf!“ rief Herr von Marlott.„Bitt' tauſend Mal um Entſchuldigung. Aber man muß doch trotzdem geſtehen, daß ich in jeder Lage viel Anregendes habe. Komm ich einmal zu früh, ſo heißt's: ich müſſe entſetzliche Langeweile gehabt haben, komme ich einmal zu ſpät, ſo iſt man beſorgt wegen meines Ausbleibens. Ich finde das ſehr ſchmeichelhaft.— Herr Profeſſor Spanger, darf ich Ihnen meinen Arm an⸗ bieten? Sie allein werden mir Dank wiſſen, denn ich hörte Sie zwei Mal ſagen, eine kühle Suppe ſei dem Magen weit zuträglicher. Vielleicht dient eine kalte Suppe auch gleich “ Bei einem kleinen Diner. 199 dem kalten Kaffee: man wird ſchön danach, und das können wir alle brauchen.“ Der Profeſſor, ein kleiner dürrer Mann mit einer nicht beſonders elegant gemachten Perrücke hätte allerdings in die⸗ ſer Beziehung viel kalten Kaffee gebrauchen können. Seine Stirne war übermäßig breit und vortretend, und der untere Theil des Kopfes, Wangen und Kinn dagegen ſo zugeſpitzt, daß der Kopf faſt die Geſtalt eines gleichſeitigen Dreiecks hatte; er trug eine weiße Halsbinde, einen ſchwarzen, ſchlott⸗ rigen Frack und im Knopfloche desſelben ein rothes Ordens⸗ band. Herr von Scherra führte die Gräfin in das Eßzimmer; die Anderen folgten. 4 Auch hier in dieſem Gemach ſah man die Vorliebe des Grafen für Licht, Blumen und murmelndes Waſſer,— An⸗ klänge an die langen Jahre, welche er im Süden zugebracht. Der Speiſeſalon hatte kein Fenſter, wurde aber aufs ſinnreichſte beleuchtet durch ein daneben liegendes Cabinet, welches mit demſelben durch eine Oeffnung in Verbindung ſtand, die faſt die eine Seite der Wand einnahm. Dieſes Nebenzimmer zeigte eine koloſſale Glaswand, die ins Freie führte und war ebenfalls ein Pflanzenhaus. Hier ſah man klettie Palmen, phantaſtiſche Farrenkräuter, etwas von der üppigen Vegetation der Tropen; ein plätſcherndes Waſſer war auch hier hörbar, und alles dies zuſammen genommen: der Duft der Pflanzen, die angenehme, beinahe feuchte Wärme, das Murmeln des Springbrunnens, das gedämpfte Licht, machten dieſen Salon außerordentlich heimlich. „Wir werden Lichter brauchen,“ ſagte übrigens der Graf, nachdem die Geſellſchaft Platz genommen.„Die Jahreszeit — u — — 200 Vierzehntes Kapitel. 1 iſt leider ſchon ſo weit vorgerückt— es kommen die trüben w Tage des Winters,“ ſetzte er leiſe hinzu. T „Befehlen Eure Erlaucht Lichter?“ fragte flüſternd der 6 Kammerdiener. „Was meinſt du, Francoiſe?“ ir „Ich wäre ſehr für das Licht!“ rief Herr von Marlott, C indem er ſich behaglich die Hände rieb.„Man ſitzt dann ſe feſter bei ſeinem kleinen Diner und wird durch keine Geſchich⸗ a. ten von außen beläſtigt.“ u Die Gräfin machte ihrem Gemahl ein zuſtimmendes Zeichen mit den Augen. ſe „Ich habe immer gedacht, mein lieber Marlott,“ meinte Herr von Scherra,„Sie ließen ſich bei einem guten Diner v durch gar keine äußern Eindrücke ſtören.“ le „O, man denkt doch an dies und das, wenn man vor f ſich dieſe komiſchen Pflanzen ſieht, das Waſſer hört und ſo ein Stück von dem grauen Regenhimmel bemerkt, welchen ich da vor mir zu ſehen die Ehre habe.“ „Die beiden erſtern erinnern mich an angenehme Tage,“ bemerkte der Profeſſor.„Es war in der Heimat jener Pal⸗ men, als ich die Ehre hatte, Euer Erlaucht zum erſten Mal d zu ſehen.“ n „Auch mir erzählen ſie viel Schönes,“ ſprach Herr von Scherra nach einer Pauſe.„Wenn ich ſie ſo ſinnend be⸗ trachte, oder die wunderbaren Farrenkräuter und dazwiſchen 1 die üppigen, ſchlingenden Ranken, ſo iſt es mir gerade, als 8 ſchlüge ich mein Skizzenbuch auf; jedes Blatt, jede Ranke, jede Blüthe hat für mich ihre Geſchichte. Und erſt das mur⸗ melnde Waſſer! Erinnerſt du dich noch, Paul, an die liebens⸗ Bei einem kleinen Diner. 201 würdigen Fontainen in den Gärten von Schubra bei Kairo? Das war ein reizender Ruhepunkt für uns.“ „Ja, ja,“ erwiderte der Graf,„ich erinnere mich wohl.“ „Es iſt wahrhaftig ſchade,“ ſagte der Huſaren⸗Offizier, indem er ſich an die Gräfin wandte,„daß wir Beide, ſchöne Couſine, keine ſolchen Erinnerungen haben.— Aber was ſchwatz' ich da!“ unterbrach er ſich;„Sie haben ja allerdings auch das herrliche ſüdliche Klima genoſſen,—Palmenblätter und Farrenranken und Schlingkräuter, was weiß ich?“ „Ja, etwas davon,“ verſetzte lächelnd die Frau des Hau⸗ ſes.„Auf Sicilien.“ „Ah! Sicilien muß ein famoſes Land ſein!“ rief Herr von Marlott, indem er mit beiden Händen geſticulirte.„Pa⸗ lermo— immenſe! Der Monte Pellegrino mit ſeinen ver⸗ fallenen Klöſtern;— dort,“ recitirte er, „Erhebt das Grabmal ſich Der heiligen Roſalia, Das eine Schaar verdammter Geiſter hütet. Schrumm! Schrumm 1 „Jn, Herr von Marlott, ſo ſingt Bertram im Robert der Teyffel, und es iſt gut, daß er uns ſo au fait geſetzt hat, as Grabmal eigentlich zu ſuchen iſt. Es iſt das ein inn für die Wiſſenſchaft.“ Unterdeſſen hatten die Lakaien den Vorhang an der Wand tabgelaſſen, der in das Pflanzencabinet führte, und der Kammerdiener eine ſchwere ſilberne Girandole mit brennen⸗ den Kerzen auf den Tiſch geſetzt. „Da kommt Marlott's Skizzenbuch!“ ſagte Herr von Scherra lachend, indem er auf die brennenden Kerzen wies. „Ja, ja,“ erwiderte der Huſaren⸗Offizier,„da haben Sie 202 Vierzehntes Kapitel. ganz Recht: beim Anblick ſolcher Lichter fallen mir allerhand Dinge ein, wie Ihnen, wenn Sie Palmen und wie das Zeug alles heißen mag, ſehen. Wahrhaftig, wenn ich mein Skizzen⸗ buch öffnen wollte, da könnte ich Ihnen einige ganz famoſe Geſchichten zum Beſten geben.— Auf einer meiner Reiſen—“ „Alſo ſind Sie auch gereiſ't, Herr Lieutenant?“ fragte der Profeſſor, gewiß nur in der Abſicht, auch einmal ſein Scherflein zu einer gewöhnlicheren Unterhaltung beizutragen. Herr von Marlott machte eine Miene, als nehme er die Frage des gelehrten Profeſſors für eine Neckerei. Doch zeigte deſſen offener Geſichtsausdruck, die gänzlich harmloſe Miene, daß er ſich in vollem Ernſte und in der beſten Abſicht erkun⸗ digt. Trotzdem aber antwortete der junge Offizier mit einem etwas ſcharfen Tone:„allerdings bin ich auch gereiſ't, Herr Profeſſor, habe auch viel Intereſſantes mit nach Hauſe ge⸗ bracht, wenn auch keine Steine und Schmetterlinge.“ „Von der letzten Species nur ſich ſelhſt,“ ſagte Graf Lotus. Der Huſar trank mit Behagen einen Kelch Madſira und ſchloß ſeine Augen leicht, wobei ein Lächeln des Selbſtbewußt⸗ ſeins um ſeine Lippen ſpielte. Nach einer Pauſe ſprach er: eſſante davon erzählen; ja, es wäre darin Stoff zu Novexlen enthalten, wenn ich einmal den Verſuch machen wollte,& ſolche zu ſchreiben. Da war zum Beiſpiel bei meinem A enthalt in Verona eine ganz wunderhare Geſchichte, die ich vielleicht mit einigen Modificationen zum Beſten geben könnte.“ „Halt!“ rief Herr von Scherra, indem er ſein Tafel⸗ meſſer gegen den Offizier ausſtreckte.„Du wirſt meiner An⸗ ſicht ſein,“ wandte er ſich an den Hausherrn,„daß bevor hand Zeug zzen⸗ moſe 1— 4 ragte ſein agen. r die geigte tiene, rkun⸗ inem Herr Bei einem kleinen Diner. 203 Marlott ſeine Geſchichte zum Beſten gibt, er den Titel ſagt, den er ihr als Schriftſteller geben würde.“ „Ja, ja, du haſt ganz Recht,“ erwiderte der Graf mit einem Seitenblick auf ſeine Frau. „Ein Titel— ein Titel?“ fragte der Offizier.„Wozu einen Titel? Habe ich je nach einem Titel verlangt, wenn Sie, Herr von Scherra oder der gute Profeſſor, von euren Reiſen erzählten, von Pflanzen und Blumen, von Steinen und allerhand kriechendem Gezeug?“ „Ah! Das iſt etwas ganz Anderes,“ gab Herr von Scherra zur Antwort.„Wenn wir von unſeren Reiſen er⸗ zählen, da weiß man, um was es ſich handelt. Deßhalb brauchen wir auch unſere Erlebniſſe durch keinen Titel ein⸗ zuführen.“ „Den wir ihm auch erlaſſen können,“ meinte der Haus⸗ herr,„wenn er uns verſichert, daß ſeine Geſchichte ebenfalls von Pflanzen, Blumen, von Steinen oder allerhand kriechen⸗ dem Gezeug handelt.“ „Nein, beim Teufel! Das thut ſie nicht,“ entgegnete faſt entrüſtet Herr von Marlott.„Meine Thema's ſind nicht ſo langweilig.— Es war alſo in Verona—“ „Den Titel, den Titel!“ rief Herr von Scherra mit ko⸗ miſchem Pathos. „Oder geben Sie auf andere Weiſe dem billigen Ver⸗ langen dieſer Freunde nach, mein lieber junger Herr,“ ſagte bedächtig der Profeſſor.„Sagen Sie, um was ſich dieſe Geſchichte dreht.“ „Drehen?— Von Drehen iſt gar keine Rede.“ „Nun denn, Arthur,“ ſprach der Herr des Hauſes la⸗ chend,„was für Perſonen kommen in deiner Geſchichte vor?“ — — ——— 1 —— — 1 ——— Vierzehntes Kapitel. „Nun— nun, das iſt doch ganz einfach, ich— und eine junge Dame. Ich meine, das verſtände ſich von ſelbſt.“ „O weh, o weh!“ machte der Profeſſor. „Arthur, ich muß auf dem Titel beſtehen,“ lachte Herr von Scherra. „Der Teufel hole euch mit eurem Titel! Was kann ein Titel nützen?“ „Er iſt das Geſicht der Geſchichte, die wir nach und nach kennen lernen werden.“ „Ihr ſeid wirklich bodenlos langweilig. Nun meinet⸗ wegen denn! Was kann ich Einzelner gegen drei obſtinate Menſchen machen? Der Titel meiner harmloſen Erzählung würde heißen: Smorzate il lume.“ „Oh,— oh!“ machte Herr von Scherra, indem er laut lachte.„Habe ich Recht gehabt, Paul, daß ich von dieſem jungen Menſchen den Titel ſeiner Geſchichte verlangte?— Verzeihung, Gräfin, für mein lautes Lachen, aber ich glaube nicht, daß wir ihm erlauben dürfen, eine ſolche lichtſcheue Geſchichte hier zu erzählen.“ „Es war ja nur Scherz von ihm,“ entgegnete die Frau des Hauſes, indem ſie ſich mit ihrem milden, freundlichen Geſichtsausdruck gegen den Huſaren⸗Offizier wandte, der ſie ein paar Augenblicke verwundert anſchaute. „Natürlich war es ein Scherz,“ ſagte auch der Graf, „und ein ganz famoſer Scherz. Der Titel wäre in der That nicht ſo übel.“ „Hm!“ machte der Huſaren⸗Offizier, wobei er bald den Einen, bald den Andern anſah, beſonders den Profeſſor, der nun ſagte:„Ein ſchöner Titel, aber—“ „Stoßen wir an auf Verona,“ ſprach der Herr des Hau⸗ Bei einem kleinen Diner. 205 ſes, indem er ſeinen gefüllten Champagnerkelch dem Offizier darhielt,„deine Geſchichte ein anderes Mal,“ ſetzte er flü⸗ ſternd hinzu, worauf er nach einer kleinen Pauſe laut fort⸗ fuhr:„Erinnerſt du dich auch noch des Tages, Scherra, wo wir zuſammen von Indien zurückkehrend in Suez landeten und den köſtlichen Aufenthalt in Kairo machten?“ tiges Grün geſehen zu haben.“ „Da fanden wir unſern guten Profeſſor; er war einer von den gewiſſenhaften Leuten, welche die große Sphinx am Fuße der Pyramiden von Ghize zum Gott weiß wie vielten Male abmeſſen und immer gegen den Vorgänger eine kleine Differenz herausbringen.“ „Ein glücklicher Tag für mich,“ meinte der Profeſſor, „denn ich durfte darauf unſern theuern Freund, den Herrn von Scherra, nach Nubien begleiten, wo wir außerordentlich viel Schönes und Neues ſahen und aufßzeichneten.“ „Du gingſt von Aegypten nach England,“ ſagte Herr von Scherra zum Hausherrn,„und von da in die deutſche Heimat. Ich habe oft an dich gedacht; wir ſprachen viel von dir, wenn wir Beide, der Profeſſor und ich, Abends am heiligen Strome unter unſerem Zelte lagen.“ „Und wie oft erinnerte ich mich dieſer letzten Monate in Kairo! Ich habe heute noch eine Sehnſucht darnach und Francoiſe ſchon oft beſtimmen wollen, mit mir das Wunder⸗ land Aegypten zu ſehen.“ „Würden ſich die gnädige Gräfin nicht vor einer ſolchen weiten Reiſe ſcheuen?“ fragte der Profeſſor. „Gewiß nicht,“ entgegnete dieſe;„das Meer hat mir bis 206 Vierzehntes Kapitel. jetzt nie etwas gethan, und wenn man dort nicht leidet, ſo iſt eine Reiſe nach Aegypten wohl die intereſſanteſte Tour, die man mit Comfort und Behaglichkeit machen kann.“ „Wie wäre es alſo, Profeſſor,“ rief Herr von Scherra launig,„wenn auch wir uns nochmals ein Rendezvous in Kairo gäben? „Sie können das wohl,“ verſetzte der Gelehrte bedächtig, „aber ich— ah!“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„es war damals für mich eine große, wunderſchöne, eine in ihrer Schönheit nie⸗ mals wiederkehrende Zeit.“ „Profeſſor! Profeſſor!“ meinte die Gräfin, indem ſie leicht drohend ihren Zeigefinger emporhob.„Wenn Ihre Hausgötter dieſen Seufzer gehört hätten!“ „Sie würden mir verzeihen, vielleicht ſogar Recht geben, denn es iſt eine nicht zu läugnende Wahrheit, daß alles, was wir genoſſen haben, uns in roſigem Lichte erſcheint, während ſich die Gegenwart meiſtens minder farbig anläßt.“ Der Herr des Hauſes ſah träumend vor ſich nieder, dann ſagte er, während er ſanft mit der Hand hinter dem Stuhle ſeines Nachbars die Schulter ſeiner Frau berührte: „Das läßt ſich auch umkehren und paßt dann ebenfalls häufig. Bei mir wenigſtens.“ Herr von Scherra hob ſein Glas empor, verneigte ſich gegen die Gräfin und ſprach mit Beziehung auf die Worte ſeines Freundes:„Eine Wahrheit, die man in der That nie ſo ſehr empfindet, als wenn man in dieſem freundlichen Hauſe iſt.“. Die Gläſer klangen zuſammen, und Herr von Marlott, der mit Leib und Seele bei jedem Toaſte war, ſtieß mit ſämmtlichen Anweſenden an, wobei er, ohne genau zu wiſſen, Bei einem kleinen Diner. 207 um was es ſich handle, mit Wärme ausrief:„Famos, außer⸗ ordentlich famos!“ „Auch deiner gedachten wir oft,“ ſprach Herr von Scherra nach einer Pauſe zum Grafen,„und ſahen dich im Geiſt zu Hauſe die gewonnenen Schätze aufſtellen und ordnen, wäh⸗ rend wir uns zu Pferd und Kameel immer noch damit be⸗ ſchäftigten, Neues aufzufinden und einzuſammeln. Glaube mir, Paul, nicht ohne einen gewiſſeh. Neid dachte ich daran, ſtellte mir dein behagliches Leben vor, wie du ſo mit begreif⸗ lichem, unendlichem Wohlbehagen eine Kiſte um die andere öffneteſt und dich beim Auspacken dieſes oder jenes Gegen⸗ ſtandes, des Tags, der Stunde, wo du ſie erworben, aufs lebhafteſte erinnerteſt. Ich hörte gewiſſermaßen deine Be⸗ ſprechungen mit Künſtlern und Handwerksleuten, und wenn ich ſo im Geiſte dein kleines Muſeum entſtehen ſah, ſo dachte ich auch an das meinige, und wie ich es einrichten würde. Und dieſes Bauen und Einrichten in der Phantaſie hat mir damals oft viel mehr Vergnügen gemacht als ſpäter die Wirk⸗ lichkeit.“ Graf Lotus hatte vor ſich nieder geblickt und in tiefem Nachſinnen mit der Hand auf dem Tiſchtuch getrommelt. „Und ich,“ ſagte er nach einem kurzen Stillſchweigen, „dachte oft mit gleicher Sehnſucht an euch, an eure neuen Erwerbungen, an die Vervollſtändigung eurer Sammlungen, während die meinigen nur ſchwache Bruchſtücke waren und ſind.“ „Paul hat mir oft aus jener Zeit erzählt,“ meinte die Gräfin.„Damals gingen Sie nach Nubien, und als Sie in Jahresfriſt nach Kairo zurückkehrten, durchforſchten Sie Arabien und Syrien.“ „ So iſt es, Gräfin,“ erwiderte Herr von Scherra.„In * 208 Vierzehntes Kapitel. Damaskus verweilte ich vorzugsweiſe gern und lang, und als ich dort die Bauten der Araber ziemlich genau ſtudirt, drängte es mich, die Spuren von dem Zuge dieſes intelligen⸗ ten Volkes nach Weſten aufzuſuchen und zu verfolgen, und ich kann Ihnen verſichern, daß meine Bereiſung der Nord⸗ küſte Afrika's von Kairo über Barka, Tripolis, Tunis nach Algier mit zu den intereſſanteſten Touren gehört, die ich über⸗ haupt gemacht. Von Tanger ſchiffte ich nach Gibraltar über und verfolgte hier Schritt für Schritt den Zug der Mauren durch ganz Spanien, deren Erbe noch heute überall ſichtbar iſt und zu dem Intereſſanteſten und Schönſten gehört, was das Königreich aufzuweiſen hat. Da ich direct aus Syrien kam, voll der gewaltigen Eindrücke, die Damaskus auf mich gemacht, ſo war ich empfänglicher und befähigter als mancher Andere, die Spuren der Mauren noch im heutigen Leben der Spanier, namentlich der Andaluſier, ſo unverwiſcht wieder⸗ zufinden in Kleidung, in Worten, hauptſächlich aber im Liede. Die reichverſchnürte und mit zahlreichen Knöpfen beſetzte Jacke des Majo würde heutzutage im Libanon ſehr wenig Aufſehen erregen; manche Worte und Ausdrücke der ſpaniſchen Sprache verſtände man wohl jetzt noch in Syrien, und was die ſehr verwandten Geſangsweiſen anbelangt, ſo hörte ich oft genug, wenn ich Abends ſpät auf der wunderbar prächtigen Alameda von Granada luſtwandelte, Töne, Lieder, die ich in ganz gleicher Art von dem platten Dache meines Nachbarhauſes in Damaskus gehört.“ „Granada muß ſchön ſein?“ fragte die Frau des Hau⸗ ſes, nachdem Herr von Scherra einige Augenblicke geſchwiegen. „Es iſt das Paradies der Erde,“ verſetzte der alte Herr leidenſchaftlich.„In einer der maleriſchſten Gegenden, die Bei einem kleinen Diner. 209 ſich eine glühende Phantaſie nur erdenken kann, finden ſich alle Reize des Nordens und Südens vereinigt. Unten im Thale, das vom herrlichſten Waſſer durchſtrömt wird, haben Sie Granaten und Orangen; an den Höhen aufwärts ſtei⸗ gend, finden Sie die ſonſt ſo kahle Natur des Südens ſelt⸗ ſam verwandelt: Sie gehen unter hochſtämmigen Ulmen und Eichen, Sie haben um ſich die üppigſten Roſenbüſche; der Boden iſt im Frühjahre mit unzähligen duftenden Veilchen bedeckt, und wo Sie hinblicken, rieſeln und ſprudeln Ihnen klare Quellen entgegen.“ „So iſt der Berg, auf welchem das Maurenſchloß, die Alhambra, liegt,“ beſtätigte gedankenvoll der Profeſſor. „Ja, gewiß,“ fuhr Herr von Scherra begeiſtert fort,„und eben dieſe Alhambra, dieſe gewaltige, phantaſtiſche Ruine, mit ihren rothen Thürmen aus dem dunkeln Grün hervorblickend, wie herrlich ſchmückt ſie die Gegend, wie ſie da liegt, trotzig auf breiter Baſis, die alte Königsburg! Und wie ſchweift von ihr aus der Blick ſo gern zum lieblichſten Punkte in der Um⸗ gebung von Granada— zur eneralife, die mit ihren Arka⸗ den und Terraſſen ſchneeweiß aus dem faſt ſchwarzen Grün der Cypreſſen hervorſieht und hoch überragt wird von den ſchneebedeckten blitzenden Kämmen der Sierra Nevada.“ Alles ſchwieg einige Augenblicke nach der Schilderung des alten Herrn, die er im Tone der Begeiſterung gegeben. Herr von Marlott war der Erſte, der ſeine Theilnahme an dieſer Schilderung in Worte kleidete, indem er ſagte:„Ich wette Eins gegen Hundert, daß nicht bloß die ſpaniſche Natur unſern Herrn von Scherra ſo enthuſiasmirt; ich bin gewiß, daß er auch an einige reizende Andaluſierinnen denkt, die Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 14 210 Vierzehntes Kapitel. ihm zwiſchen Roſen und Veilchen erſchienen. Ah, man ſagt viel Schönes von den Damen von Granada!“ „Ganz gewiß, man ſagt das,“ verſetzte der alte Herr mit einem ſpöttiſchen Lächeln,„und wenn Sie einmal nach Spanien kämen, Herr von Marlott, da hätten Sie vielleicht die Güte, in dieſer Richtung meine Tagebücher zu vervoll⸗ ſtändigen.“ „Aber die Spanierinnen ſind im Durchſchnitt ſehr geiſt⸗ reich,“ meinte trocken der Profeſſor, ohne zu bedenken, daß ſein unſchuldiges„Aber“ dieſe Bemerkung nicht eben ſchmei⸗ chelhaft für den Huſaren⸗Offizier an die Worte des Herrn von Scherra anknüpfte. Alles lachte, weßhalb ſich der junge Offizier begnügte, mit einem etwas ſtrengen Blick auf den Profeſſor die Achſeln zu zucken. Er beſann ſich auf eine Entgegnung, die vielleicht etwas derb ausgefallen wäre, wenn ihm nicht der Graf die⸗ ſelbe mit der Frage an Herrn von Scherra vom Munde weg⸗ geſchnitten hätte, wie lange er eigentlich in Spanien zugebracht. „Faſt zwei Jahre,“ entgegnete dieſer.„Ich begab mich von Gibraltar auf einem engliſchen Kriegsſchiffe nach Malta und von dort über Sicilien nach Neapel.“ „Das war gewiß ein angenehmer Ruhepunkt für dich,“ meinte der Herr des Hauſes.„Neapel iſt wie gemacht um ſich für die Mühſeligkeiten einer längeren Reiſe zu entſchädi⸗ gen und um, nachdem man Mappen und Bücher geſchloſſen, ſeines Lebens im behaglichen Flaniren froh zu werden.“ „Das habe ich auch redlich gethan,“ erwiderte Herr von Scherra;„da mir aber der beſtändige Lärm der großen Stadt, namentlich Morgens, nicht behaglich war, ſo acceptirte ich Bei einem kleinen Diner. 211 eine Wohnung auf dem Schloſſe eines Bekannten bei San Jorio am Fuße des Veſuvs.“ „Bei wem wohnteſt du dort?“ fragte der Graf. „Bei der Wittwe eines vor Jahren verſtorbenen Freun⸗ des von mir,“ gab der alte Herr zur Antwort,„bei der Marcheſa Fontana, einer würdigen, hochbejahrten Dame.“ Wer von dem Augenblicke an, wo der Erzähler Neapel nannte, die Frau des Hauſes genau beobachtet hätte, müßte bemerkt haben, wie ſich ihre Aufmerkſamkeit verdoppelte, und einem ſehr ſcharfen Beobachter wäre es vielleicht nicht ent⸗ gangen, daß dieſe Aufmerkſamkeit nicht viel mehr als eine Maske war, hinter welcher ſie eine kleine Aufregung verbarg. Als aber Herr von Scherra San Jorio nannte und darauf den Namen Fontana ausſprach, da ſchrack die Gräfin ſichtlich zuſammen, ohne daß übrigens einer der Anweſenden dieſes Zuſammenſchrecken wahrgenommen hüätte. „Mein damaliger Aufenthalt in Neapel,“ fuhr der alte Herr fort,„wird mir unvergeßlich bleiben; denn ich war Zeuge einer Begebenheit, ſo tragiſch, ſo erſchütternd, daß ſie mir nie aus dem Gedächtniß ſchwinden wird.“ „Davon haſt du mir nie erzählt,“ ſagte der Graf.„Wo⸗ von handelt es ſich?“ Es war in dieſem Augenblicke für die Gräfin, deren ſonſt ſo ruhige Züge unverkennbar ein Ausdruck des Schre⸗ ckens überflog, nicht unangenehm, daß ſich Herr von Mar⸗ lott mit Eifer und ziemlich viel Geſchrei in das Geſpräch miſchte, indem er ſagte:„Da ſehe Einer die Ungerechtigkeiten dieſer Welt, die Parteilichkeit von ſogenannten guten Freun⸗ den gegen einander! Als ich vorhin eine äußerſt pikante Ge⸗ ſchichte erzählen wollte, da fiel alles über mich her und ich 212 Vierzehntes Kapitel. ſollte mich mit einem Titel legitimiren. Kaum aber will Herr von Scherra eine Geſchichte aus Neapel erzählen, ſo macht niemand Einwendung und alles ſcheint begierig darauf zu ſein. Liegt darin auch nur eine Spur von Gerechtigkeit?“ „Dieſes Mal hat Arthur nicht ganz Unrecht,“ ſprach die Frau des Hauſes, indem ſie ſich gewaltſam zu einem Lächeln zwang.„Wir ſind alle gewiß ſehr dankbar für das Inter⸗ eſſante, das uns Herr von Scherra zum Beſten geben wird, aber—“ „Bravo, ſchöne Couſine, bravo!“ rief der junge Huſaren⸗ Offizier.„Aber— wollten Sie ſagen, er ſoll auch vorher den Titel ſeiner Geſchichte angeben, das iſt nicht mehr als billig. Und hol mich— hm! Wenn hier Gerechtigkeitsge⸗ fühl waltet, ſo muß er ebenfalls ſagen, wie ſeine Geſchichte heißt.— Danach wollen wir entſcheiden,“ ſetzte Herr von Marlott mit großer Wichtigkeit hinzu, wobei er ſeinen Schnurr⸗ bart aufdrehte,„ob ſeine Geſchichte zuläſſig iſt, oder nicht.“ „Ich habe ja meine Geſchichte, wie Sie es nennen, gar nicht erzählen wollen,“ bemerkte der alte Herr lachend.„Lie⸗ ber Marlott,“ wandte er ſich an dieſen,„beruhigen Sie ſich, ich werde ſie für mich behalten.“ „Nein, nein,“ ſagte der Graf entſchieden,„davon hätten wir alle den Schaden. Sei geſcheidt, Arthur.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte dieſer eigenſinnig,„ich will zuerſt den Titel hören, und dann ſoll die ſchöne Couſine entſcheiden.“ Die Gräfin bezwang gewaltſam ihre Aufregung, doch wenn man ihre kleine Hand genau betrachtete, welche ein Blumenbouquet ergriffen hatte, das ſie mit zu Tiſch genom⸗ men, ſo konnte man ſehen, wie ihre Finger zuckten. — Bei einem kleinen Diner. 213 „Das kann ich mir ſchon gefallen laſſen,“ verſetzte Herr von Scherra,„und wenn meine harmloſe Mittheilung auch b durchaus keinen Anſpruch auf den Rang einer Geſchichte ma⸗ b chen kann, ſo iſt es mir doch möglich, einen Titel dafür zu finden.“ „Den Titel, den Titel!“ rief der Lieutenant. „Nun denn— eine dunkle Stunde.“ „Ah,“ machte Herr von Marlott in ſehr nachläßigem Tone.„Da werden mir die verehrten Anweſenden zugeben, daß mein Titel mindeſtens pikanter war und nicht ſo viel Schauerliches verſprach, als der unſeres verehrten Freundes. Eine dunkle Stunde, das klingt wie Mord und Todtſchlag. Meinen Sie nicht auch, ſchöne Couſine?“ „Es iſt allerdings ein düſterer Titel,“ ſagte dieſe,„und — ich weiß nicht, ob die Begebenheit zu unſerem heiteren kleinen Diner paſſen wird.“ 3 „Ah, was können uns Geſchichten von Perſonen erſchüt⸗ tern, die wir gar nicht kennen!“ ſprach lächelnd der Graf. „Ich möchte wahrhaftig etwas von der dunklen Stunde hören.“ „Man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen,“ wandte Herr von Marlott ein, der es gern geſehen hätte, wenn auch Herr von Scherra durchgefallen wäre.„Aber, wie ſchon vor⸗ hin geſagt, die ſchöne Couſine ſoll entſcheiden.“ „Ja, ja, Frangoiſe,“ rief der Herr des Hauſes mit lau⸗ ter Stimme, wobei er ſeine Frau heiter anſah.„Fehlt dir etwas?“ flüſterte er ihr gleich darauf hinter dem Stuhle ſei⸗ nes Nachbars zu;„du ſiehſt etwas bleich aus.“ „Mir?— Durchaus nichts,“ erwiderte die Gräfin, wäh⸗ rend ſie ihre ganze Kraft zuſammen raffte.„Im Gegentheil, ich ditte Herrn von Scherra um Mittheilung der Begeben⸗ 214 Vierzehntes Kapitel. Bei einem kleinen Diner. heit. Ich will auch etwas von der dunklen Stunde erfah⸗ ren,“ ſetzte ſie mit leiſerem Tone hinzu. „Parteilichkeit, nichts als Parteilichkeit!“ ſagte der Lieu⸗ tenant. Darauf trank er ſeinen Champagnerkelch aus und fing an, in ſeinen Zähnen zu ſtochern, während er ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und dabei noch eine Zeitlang von der gegen ihn begangenen Ungerechtigkeit murmelte. Fünfzehntes Kapitel. Eine dunkle Stunde. „Wir ſind alſo in Neapel,“ ſagte der Graf. „Ja, oder um mich ganz richtig auszudrücken,“ verſetzte Herr von Scherra,„wir ſind auf Caſtel Fontana, einer Beſitzung der Marcheſa, mit prachtvoller Lage. Oberhalb San Jorio an den Ausläufer des Veſuv gelehnt, liegt es ſo erhaben, daß man von der Terraſſe des Haupthauſes all' die großen und kleinen reizenden Ortſchaften überſieht, welche dieſe wunderbare Küſte maleriſch umgürten. Portici, Reſina, Torre del Annunciata, Torre del Greco mit ihren grauen, ſcharfkantigen Häuſern, mit den flachen Dächern, mit den zacki⸗ gen Zinnen, die man an verſchiedenen dieſer Gebäude bemerkt, ſo ſcharf abſtechend gegen das dahinter hervortretende tief⸗ blaue Meer mit ſeinen leichten, ſchneeweißen Segeln, und gegen die klare Luft, die ſo kryſtallhell iſt, daß ſie uns nicht nur die pittoresken Formen von Ischia und Procida aufs deutlichſte zeigt, ſondern auch unſerem Auge erlaubt, fern an 216 Fünfzehntes Kapitel. den Steinmaſſen der Inſel Capri, welche am Horizonte in röthlichem Dufte aufſteigt, Riſſe und Sprünge ſo deutlich zu entdecken, daß wir glauben könnten, nur eine Viertelſtunde davon entfernt zu ſein. Ein kleiner Park, mühſam dem ſtei⸗ nigen Boden abgerungen, umgibt das Schlößchen und hinter dieſem Parke geht es unmittelbar zum Veſuv hinan, deſſen Kegel mit ſeiner grauen unbeweglichen Wolke in Form einer Pinie man deutlich ſieht, und der Einen nie vergeſſen läßt, wo man ſich befindet, und faſt drohend die ſchwarzen Lava⸗ felder erklärt, die unmittelbar hinter dem grünenden Garten beginnen. „Wie ich ſchon bemerkte, bin ich in früheren Jahren mit dem Marcheſe ſehr liirt geweſen; er war ein ſehr unter⸗ richteter Italiener, der es ſich zur Aufgabe gemacht hatte, den vulcaniſchen Boden, auf dem er geboren war und lebte, mit all ſeinen Zufälligkeiten und all ſeinem Wechſel genau zu beobachten und zu ſtudiren. Er führte ein glückliches, beneidenswerthes Familienleben, aber auch ſeine dunkle Stunde kam, die Stunde, von der Horaz ſo ſchön ſingt: „Omnes eodem cogimur; omnium Versatur urna, serius ocius Sors exitura et nos in aeternum Exilium impositura cymbae.“ „In ſeiner Ode an Dellius,“ ſagte der Profeſſor. „Und das heißt in unſere Sprache überſetzt?“ fragte etwas pikirt der Huſaren⸗Offizier, wobei er gegen die Frau des Hauſes gewendet hinzuſetzte:„Man kann doch wahr⸗ haftig nicht verlangen, daß Unſereiner ſein einmal ſo mühſam gelerntes Latein bei einander halten ſoll.“ „Das heißt,“ ſagte der Profeſſor pathetiſch: Eine dunkle Stunde. „All' Eine Straße müſſen wir; allen rauſcht Die Urn' im Umſchwungz; früher oder ſpäter fällt Das Loos des Schickſals, uns zum ewig Währenden Bann in den Kahn zu ſetzen.“ „So ungefähr, ja, wird es heißen, jetzt erinnere ich mich,“ meinte wichtig der Lieutenant. „Eine ſchöne Umſchreibung meines Titels,“ bemerkte Herr von Scherra lächelnd, dann fuhr er fort:„Der gute Marcheſe alſo ſtarb, während wir in Indien waren, und hinterließ einen einzigen Sohn, der damals ſechszehn Jahre alt ſein mochte— ein angenehmer, hoffnungsvoller junger Mann, er hatte uns damals auf unſeren Excurſionen beglei⸗ tet— Gaetano— er war zuvorkommend, liebenswürdig und wißbegierig. Da er das einzige Kind war, konnte man ſich denken, wie ſeine Erziehung von dem gewiſſenhaften Vater geleitet wurde und mit welcher Liebe und Sorgfalt das Auge der Mutter über ihm wachte. Nicht, als ob man ihm da⸗ durch die Freiheiten geſchmälekt hätte, die einem jungen Manne zu ſeiner Ausbildung nothwendig ſind, im Gegen⸗ theil, er lebte in gewiſſen Beziehungen vollkommen frei und unabhängig, und der Marcheſe konnte dies bei ſeinem großen Vermögen dem Sohne ſchon geſtatten. Gaetano hatte im Schloſſe ſein eigenes Appartement, er hatte ſeinen Bedienten und eine kleine leichte Equipage, mit der er auf den breiten Lavaplatten des herrlichen Weges in unglaublich kurzer Zeit nach Neapel fuhr.“ Wie alle am Tiſche, ſo war auch die Frau des Hauſes eine aufmerkſame Zuhörerin, doch hatten die Blicke, mit wel⸗ chem ihre Augen an dem Erzähler hingen, etwas Fremd⸗ artiges, Starres, ja, Unheimliches; zuweilen holte ſie tief 218 Fünfzehntes Kapitel. Athem, den ſie dann in kleinen Pauſen, wie um keine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, aus gepreßter Bruſt von ſich ſtieß. Uebrigens war niemand bei dem Diner, der ſie ſo genau beobachtet hätte, um dieſe kleinen Auffälligkeiten an ihrem Aeußern zu bemerken, am wenigſten der Graf, der in ſeinem Stuhle lehnte und das Geſicht mit der rechten Hand verdeckt hielt, ſcheinbar, weil ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Er⸗ zählung gerichtet war, in Wahrheit aber, weil er an der rechten Seite der Kopfes und an ſeiner Stirn ziemlich hef⸗ tige Schmerzen fühlte. Zuweilen fuhr die Gräfin aus ihrem Hinſtarren auf, blickte mühſam lächelnd um ſich und benetzte alsdann ihre Lippen mit ein paar Tropfen Waſſer aus dem Glaſe, welches vor ihr ſtand. „Als ich nun damals,“ erzählte Herr von Scherra wei⸗ ter,„nach vorheriger Anfrage im Caſtel Fontana erſchien, wurde ich von der Marcheſa aufs herzlichſte, aufs zuvorkom⸗ mendſte empfangen. Begreiflicher Weiſe zitterte eine Thräne in ihrem Auge, als ſie zum erſten Mal wieder nach ihrem Trauerfalle den Freund ihres verſtorbenen Gatten vor ſich ſah. Andererſeits aber gewährte es ihr auch eine Beruhigung, daß ich häufig von ihm ſprach, ſeiner Liebenswürdigkeit, ſeiner vortrefflichen Eigenſchaften erwähnte— ein trauriger Troſt zwar, aber gewiſſermaßen doch ein Troſt.— Und Gae⸗ tano? Ich ſah ihn nicht bei meiner Ankunft, doch fragte ich gleich nach ihm.— Er iſt in Neapel,“ ſagte mir die Mar⸗ cheſe, und ſie ſetzte mit einem eigenthümlichen Tone hinzu: zer iſt jetzt ſehr viel in Neapel,“ wobei ſie einen leichten Seufzer ausſtieß und dann fortfuhr: ‚Wie freue ich mich auch um Gaetano's willen, daß Sie eine Zeitlang bei uns verweilen. Eine dunkle Stunde. 219 „Ihn ſah ich nun am andern Tage beim Frühſtück; aber mit Erſtaunen bemerkte ich, daß es nicht mehr der heitere, glückliche, frohe junge Mann war, als den ich ihn vor ein paar Jahren verlaſſen.“ „Hatte ſich etwas in ſeiner Lage verändert?“ wagte die Gräfin mit zuckenden Lippen zu fragen. „In ſeiner Lage eigentlich nichts.“ „Nichts?“ wiederholte Francoiſe fragend mit tonloſer Stimme und mit nicht verkennbarem Schrecken in den Zügen. Sie trank darauf haſtig den Reſt ihres Waſſers, und als ſich der Kammerdiener ihr näherte, um friſches einzugießen, ſagte ſie ihm flüſternd:„Ich wünſche einen Lichtſchirm, meine Augen ſchmerzen mich.“ Der Lichtſchirm wurde alsbald vor ihr aufgeſtellt, worauf ſie ſich ſo in ihren Stuhl zurücklehnte, daß ein tiefer Schatten auf ihr Geſicht fiel. „Was aber mit Gaetano vorgegangen war,“ ſprach Herr von Scherra weiter,„erfuhr ich durch die Marcheſa nach einigen Tagen, während welcher Zeit ihr Sohn für uns wenig ſichtbar war. Es hatte ihn eine unſelige Leidenſchaft erfaßt zu einer fremden Künſtlerin, die damals, wie man mir ſagte, außerordentliches Aufſehen in Neapel machte.“ „Wie man dir ſagte?“ warf der Graf in das Geſpräch; „denn ſo viel ich mich erinnere, hatteſt du damals ſchon deine Averſion gegen das Theater und gegen alle dergleichen Pro⸗ ductionen?“ „Leider hatte ich ſie und leider habe ich ſie nicht ver⸗ loren,“ entgegnete lächelnd Herr von Scherra.„Hat ſie mich doch unter Anderem des Glücks beraubt, unſere liebens⸗ 220 Fünfzehntes Kapitel. würdige Gräfin ihrer Zeit als Stern erſter Größe bewun⸗ dern zu dürfen.“ „Er war alſo verliebt, dieſer junge Herr?“ ſagte der Huſaren⸗Offizier leicht hin.„Zum Teufel, was brauchte ihm denn das ſo großen Kummer zu verurſachen!“ „Er war nicht nur verliebt,“ ſprach ruhig Herr von Scherra,„ſondern er liebte, ja, er liebte mit aller Kraft eines friſchen jugendlichen Gemüthes, eines reinen, unverdor⸗ benen Herzens.“ „Alſo eine erſte Liebe!“ meinte geringſchätzend Herr von Marlott.„O, darüber kommt man auch hinaus. Wer hat das nicht ſchon erlebt!“ Francoiſe hatte ſich ſchon ein paarmal vornüber gebeugt gegen den Erzähler und die Lippen geöffnet, wobei der Aus⸗ druck ihrer Augen zeigte, daß ſie eine Frage thun wolle. Immer aber hatte ſie wieder geſchwiegen und ſich zurückge⸗ lehnt, ohne dabei ihre ſtarren Blicke auch nur eine Sekunde lang von dem Geſichte des alten Herrn abzulenken. „Die Künſtlerin, eine Fremde, wie mir die Mutter ſagte, eine berühmte Sängerin— ich glaube wenigſtens ſo— war ein braves, unbeſcholtenes Mädchen und weiig geneigt, eine Liebſchaft nach gewöhnlichen Begriffen mit dem jungen Mar⸗ cheſe einzugehen.“ „Ah, ſie ſpeculirte auf eine Heirath!“ lachte Herr von Marlott.„Und das nahm die alte würdige Mutter ſo ge⸗ waltig übel? Ich hoffe aber, daß Signor Gaetano ſeine Unabhängigkeit gezeigt hat, und daß die gnädige Marcheſa ſich am Ende fügen mußte.“ Da ſprach die Gräfin mit leiſer Stimme, wie aus einem in⸗ einem ——— Eine dunkle Stunde. 221 Traume heraus:„Das ging nicht wohl an, denn Gaetano war verheirathet.“ „Habe ich das geſagt?“ fragte Herr von Scherra er⸗ ſtaunt.„Nein, nein, davon ſprach ich nichts. Ich ſagte im Gegentheil, in ſeiner äußeren Lage habe ſich durchaus nichts geändert.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ Das ſprach die Gräfin ſo leiſe, daß es nur der ver⸗ ſtand, an den ſich ihr Herz in furchtbarſtem Weh in dieſem Augenblicke wandte, der ihr die Kraft gab, ſcheinbar ruhig zu bleiben und nichts von dem zu verrathen, was in wildem Schmerz ihre Bruſt zerriß. Nur brach ſie für einige Sekun⸗ den in ſich zuſammen, preßte ihre Hand vor das Geſicht und ließ ein paar Thränen, die ihrem Auge entquollen, in ihrem Taſchentuche verſchwinden. „Nein, verheirathet war Gaetano nicht,“ fuhr Herr von Scherra fort,„aber er hatte in einer Unterredung mit ſeiner Mutter dieſer ſeinen feſten Entſchluß kund gethan, ſich mit jener Künſtlerin zu vermählen, worüber die alte Frau außer ſich war.“ „Lächerlicher Hochmuth!“ ſagte der Huſaren⸗Offizier achſelzuckend. „Lächerlich vielleicht, aber wenn man jene alten Familien kennt, die ihre unverfälſchte Abkunft von Gott weiß welchem alten ſicilianiſchen Könige aufs klarſte documentiren, ſo kann man ſich am Ende den Kummer einer alten Dame denken, deren Sohn unter Prinzeſſinnen wählen kann und doch eine fremde Künſtlerin von unbekannter Familie heirathen will.“ Während Herr von Scherra die letzten Worte ſprach, warf er zuweilen einen Blick auf die Gräfin, und da er ſah, 222 Fünfzehntes Kapitel. daß ſie, den Kopf in die Hand geſtützt, regungslos da ſaß, ſo bedauerte er, eine Erzählung begonnen zu haben, die, wenn auch nur in unbedeutenden Einzelheiten, doch eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit mit derjenigen der ihm ſo hoch verehrten Frau hatte. Er unterbrach ſich deßhalb raſch und entſchloſſen, indem er lächelnd ſagt:„Verzeihung, ich bin für ein kleines heiteres Diner zu ernſt geworden. Wenn es mir geſtattet iſt, will ich meine Geſchichte ein andermal beendigen.“ Francoiſe richtete ſich bei dieſen Worten etwas in die Höhe, doch rief der Huſaren⸗Offizier überlaut:„Nein, nein, Herr von Scherra, ſo kommen Sie nicht durch. Sie nö⸗ thigten mich, eine wunderbare Geſchichte für mich zu behalten, und jetzt, da die Ihrige anfängt, ein ganz klein wenig pikant zu werden, wollen Sie ſich zurückziehen? Ich kann das nicht dulden.“ Dieſes Mal kam der Kammerdiener des Hauſes, ohne es zu wiſſen, der Gräfin zu Hülfe. Das Diner war been⸗ digt, im Nebenzimmer warteten Kaffee und Liqueur ſchon ungebührlich lange, weßhalb er, die Bewegung der Frau vom Hauſe als einen Befehl zum Aufſtehen betrachtend, durch einen nur für die Lakaien ſichtbaren Wink dieſe anwies, ſich hinter die Stühle der Gäſte zu begeben. Die Gräfin zauderte noch einen Augenblick. Sollte ſie das Ende dieſer Geſchichte verlangen— einer Geſchichte, die allein durch den Ausſpruch: er war nicht verheirathet! für ſie ſo entſetzlich zu werden verſprach und deren Ende doch wieder ganz intereſſelos gegen den Anfang ſein mußte?— Konnte das möglich ſein? Gaetano nicht verheirathet?— Und doch, und doch! Hatte ſie nicht Beweiſe für ſeine Treu⸗ loſigkeit? Hatte er ſich nicht geweigert, mit ihr in jener furcht⸗ Ime Smals allerdings erſchüttert, weil ich um die Betreffenden war Eine dunkle Stunde. 223 baren Nacht Neapel zu verlaſſen?— O, die unglückliche Frau fühlte nicht die Kraft in ſich, die Erzählung zu Ende zu hören. Oder ſollte ſie ſich gewaltſam zuſammen nehmen, um alles zu erfahren?— Doch zitternd vor dem Gedanken, ſich vielleicht durch eine Miene verrathen zu können, erhob ſie ſich mit einem Mal raſch entſchloſſen, reichte dem Grafen nach einer Ver⸗ beugung gegen die Herren mit einem ſich mühſam abgerunge⸗ nen Lächeln die Hand und verließ den Eßſalon, um ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen, wo ſie heftig athmend ruhelos auf und ab ſchritt. Sie drückte ihr Taſchentuch in der Hand zuſammen, ſie ſtieß zuweilen einen Seufzer aus, der wie ein unterdrückter Schrei heftigen Schmerzes klang, dann warf ſie ſich in einen Fauteuil, vergrub das Geſicht in ihre Hände, und blieb ſo lange, lange liegen. Die Herren hatten ſich in den Salon des Grafen be⸗ geben, nahmen dort Kaffee und Cigarren und machten es ſich jeder auf ſeine Art bequem, wobei der Huſaren⸗Offizier nicht zu kurz kam, denn er ſtreckte ſich auf einem Fauteuil aus und legte die Beine auf ein Tabouret. Als er ſich ſo in eine bequeme Lage gebracht, zeigte dieſer junge Mann eine große Neugierde, Verlauf und Ende der Geſchichte des Herrn von Scherra zu erfahren. Selbſt der Profeſſor ſchien begierig darauf, und Graf Lotus, obgleich er, ſeine ihn ſchmerzende Stirn mit einem Tuche reibend, auf und ab ſchritt, bat den alten Herrn, ſeine dunkle Stunde zu vollenden. „Ihr ſtellt Euch unter dieſer Geſchichte eigentlich mehr vor, als wirklich daran iſt,“ ſagte dieſer.„Mich hat ſie da⸗ 224 Fünfzehntes Kapitel. 4⁴ und ſo faſt jedes Detail mit erlebte.— Nachdem ſich die Marcheſa überzeugt, daß der Entſchluß ihres Sohnes, jene Künſtlerin zu heirathen, bei ihm feſtſtand, und daß keine Bitten, keine Ermahnungen ihrerſeits ihn vermochten, ihren Worten Gehör zu geben und jenem Mädchen zu entſagen, wandte ſie alle Mittel an, um die Beiden zu trennen. Da ſie den feſten Charakter Gaetano's kannte und es ihr Leben verbittert haben würde, wenn jene Verbindung zu Stande gekommen wäre, ſo war ſie gerade nicht ſerupulös in der Wahl ihrer Mittel, und das iſt's, was ich ihr verdachte und worüber ich ihr auch meine Meinung durchaus nicht verhehlte.“ „Ich bin beim Teufel neugierig, ob ſie nicht am Ende das arme Mädchen vergiften ließ,“ ſagte Herr von Marlott. „Woher war ſie?“ „Ich glaube, ſie war eine Deutſche.“ „Ah, pfui, Herr von Scherra! Gegen eine Landsmännin Partei zu nehmen, ſie nicht zu ſchützen!“ „Und du ſahſt ſie nie?“ fragte der Herr des Hauſes. „Nie,“ erwiderte der Erzähler.„Davor habe ich mich wohl gehütet. Sie ſoll außerordentlich ſchön und liebens⸗ würdig geweſen ſein; und da ich in der That, wie ſich unſer junger ſtürmiſcher Huſar dort ausdrückte, Partei gegen ſie nehmen mußte— war ich doch der Gaſt der Marcheſa und konnte ihr nicht Unrecht geben— ſo nahm ich mich wohl in Acht, in den Fall zu kommen, mich von jener Zauberin, welche ganz Neapel die Köpfe verrückte, beſtricken zu laſſen. Daß ich aber deßhalb ſo blind für die Handlungsweiſe der Mutter Gaetano's geweſen wäre, um die Mittel, welche ſie zur Trennung der Beiden verwandte, gut zu heißen, braucht Ihr darum doch nicht zu glauben. Und dieſe Mittel beſtan⸗ inin 6. mich dens⸗ unſer n ſie und hl in verin, aſſen. ſe der he ſie raucht beſtan⸗ Eine dunkle Stunde. 225 den darin, daß ſie der Fremden von den verſchiedenſten und unverdächtigſten Seiten die Nachricht zukommen ließ, der junge Marcheſe ſei verheirathet, er habe ſeine Gemahlin zu Ver⸗ wandten nach Sicilien geſchickt, um bei ſeiner Bewerbung freie Hand zu haben.— Ob ſie dieſen Nachrichten geglaubt, weiß ich nicht; ich muß aber annehmen, daß ſie denſelben nach und nach Gehör ſchenkte. Gaetano war verſtimmter, aufgeregter, heftiger als je; er ließ bittere Worte gegen die Mutter fallen; er ſah mich, der ich doch gänzlich aus dem Spiele blieb, mit unfreundlichen Blicken an, er that manch Geheimnißvolles, wovon aber die Mutter durch gut bezahlte Späher unterrichtet wurde; er erhob bedeutende Gelder bei einem Banquier, er verſchaffte ſich einen Paß— alles Um— ſtände, die darauf hindeuteten, daß er entſchloſſen ſei, näch⸗ ſtens einen entſcheidenden Schritt zu thun. „Auf ſolche Weiſe ging die Staggione zu Ende; es war am Tage der letzten Vorſtellung in San Carlo, als die Mar⸗ cheſa bei Tiſche den Wunſch ausſprach, heute das Theater zu beſuchen. Sie war in Jahren nicht mehr dort geweſen. Auch mich engagirte ſie dazu, doch bewog mich ein richtiges Gefühl, mich fern zu halten. Eine kleine Begebenheit, von der ich ein paar Tage vorher unfreiwilliger Zeuge war, hatte mich einen Blick in die Mittel thun laſſen, welche die Mar⸗ cheſa anwandte, und die ich, wie ſchon bemerkt, unmöglich billigen konnte. Ich befand mich nämlich eines Nachmittags im kleinen Park der Villa, und ſaß in einem Buche leſend in einer dichten Laube von Lorber, als ich die Marcheſa daher kommen ſah in Begleitung eines jungen Mädchens, von dem ich auf den erſten Blick überzeugt war, daß es keine .. 3„ P Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 15 226 Fünfzehntes Kapitel. Italienerin ſei. Nach ein paar Worten, die ſie in ſehr ge⸗ brochenem Italieniſch ſprach, fand ich auch meine Vermuthung beſtätigt: es mußte eine Franzöſin ſein. Es dauerte nun die Unterredung der Beiden nicht lange, ſo hörte ich, wie das Mädchen der alten Dame eine Frage im beſten Fran⸗ zöſiſch beantwortete, worauf dieſe die Unterhaltung in dieſer Sprache fortführte. Und um was es ſich handelte, erfuhr ich nach den erſten Worten. Das junge Mädchen war die Kammerfrau jener Künſtlerin, und wenn ich auch geſtehen muß, daß ſie eine Zeit lang leidenſchaftliche Einwendungen machte gegen das, was die Marcheſa von ihr wünſchte, ſo ſchien ſie doch endlich nachzugeben; ſie war gerührt, ſie führte ihr Taſchentuch an die Augen, ſie rief mit Heftigkeit aus: „Ahl c'est donc un scelerat!— ah, c'est infame!— ah, gest détestable— infame!“ Darauf ſchluchzte auch die Marcheſa, und ich hörte, wie ſie ſprach: ‚kann man es einer Mutter verargen, wenn ſie ſo großes Unglück von ihrer Fa⸗ milie abwenden will?— Gewiß nicht, gewiß nicht!“— ‚Aber es iſt unmöglich,“ erwiderte das junge Mädchen, zunmöglich! Man hat uns das Gegentheil verſichert.“—„Wer denn?“ fragte heftig die Marcheſa.— Er ſelbſt.— ‚Ahl das finde ich begreiflich; hen Sie denn nicht ein, daß ich auch für das Glück Ihrer Dame ſorge, wenn ich meinen Sohn ver⸗ hindere, einen Entſchluß auszuführen, der ſie beide grenzen⸗ los unglücklich machen muß? Er will Neapel mit ihr ver⸗ laſſen, ſeine alte Mutter, ſeine arme Frau! Wird er es ihr, an die ihn keine heiligen Bande feſſeln, nicht in Kurzem ebenſo machen? Und daß ich das verhindere, muß mir die Signora Dank wiſſen. Und Sie, die mich darin unterſtützen, verdienen den Lohn des Himmels.““ Eine dunkle Stunde. 227 „Scherra, Scherra!“ unterbrach dieſen der Graf, indem er leicht mit dem Finger drohte,„du mußt in einer peinlichen Lage geweſen ſein, als du das hörteſt.“ „Das war ich auch, ich kann's nicht leugnen. Ich ging ernſtlich mit mir zu Rathe, ja ich ſchwankte eine Zeitlang in der Abſicht, die Fremde aufzuſuchen und offen mit ihr zu reden, oder Gaetano von den Schritten ſeiner Mutter in Kenntniß zu ſetzen. Aber denkt euch in meine Lage: ich kannte jene Fremde nicht, im Hauſe der Marcheſa war ich befreundet; ich mußte es am Ende billigen, daß ſie alles anwandte, um einen jungen Mann, ihren Sohn, von einem Schritte abzuhalten, der ſeine ganze Zukunft zu zerſtören drohte. Ich ließ der Sache ihren Lauf, aber ich fühlte mich geängſtigt, gedrückt; ich war in einer Stimmung, wie wir ſie im Süden oft erfahren vor dem Ausbruche eines großen Sturmes. „Daß Gaetano nicht angenehm von dem Wunſche ſeiner Mutter überraſcht war, ihn nach San Carlo zu begleiten, ſahen wir deutlich an ſeinen Mienen; er gab ſich auch gar keine Mühe, das zu verhehlen; er ſprach unverhohlen von fruchtloſen Schwierigkeiten, die man ihm mache, auch von ſeinen beſtimmten Entſchlüſſen, die nichtsszu erſchüttern im Stande ſein würde. „Die Beiden fuhren im Coupé der Marcheſa nach Nea⸗ pel; ich ließ mir ein Pferd ſatteln, ritt zum Eremiten hinauf und beſtieg da wieder einmal den Krater des Veſuv. Es wurde mir leichter da oben; wie die Städte und Dörfer zu den Füßen des majeſtätiſchen Berges allmälig in ſich zuſam⸗ menſanken, während ich hinaufſtieg, und mit den Büſchen und Bäumen, die ſie umgaben ,zuletzt nur noch eine graue, 228 Fünfzehntes Kapitel. undeutliche Verzierung um die gewaltige Bucht bildeten, da verſchwanden auch nach und nach die kleinen Leiden menſch⸗ licher Herzen, die mir vor wenig Stunden noch ſo tief und ſchmerzlich erſchienen waren; da ebneten ſich all die Wider⸗ wärtigkeiten, die mir vordem betäubend und groß erſchienen, ſie verſchwanden, ſie verglichen ſich, ſie gingen für mich unter, beim Anblick des unendlichen Meeres, das mit ſeinem leichten Wellenſchlage gleichförmig und ruhig athmend wie etwas Ungeheueres, Lebendiges, rieſenhaft zu meinen Füßen lag. „Es war ſchon ſpät, als ich die Höhe des Berges er⸗ ſtiegen, der Abend kam mit leichtem Duft heran, die Sonne ſank nieder, übergoß die Spitzen der nahe liegenden Sommat mit ihren letzten Strahlen und zauberte dort im zerklüfteten Geſtein ein unendliches Farbenſpiel hervor. Capri, Ischia und Procida lagen vor mir wie zuſammengeballte Maſſen eines zauberhaften, violetten Stoffes, der von innerlichem Feuer erglüht, welches hie und da in Riſſen und Spalten durch die duftige Oberfläche gewaltſam zu Tage treten will. — Dann war die Sonne verſchwunden und reflectirte nur noch auf der unbeweglichen Rauchſäule des Veſuv, der auf Augenblicke wie ein leuchtender Feuerbuſch erſchien. „Die Nacht kam; bald hier, bald dort ſchimmerte das Meer, überall an den Ufern glänzten Lichter auf— bei Neapel wurde es heller, durchſichtig, ſilbern, die leuchtenden Häuſermaſſen machten die Wirkung, als wolle dort der Mond aufſteigen. Ich blieb droben auf einem Steine ſitzen, ich hüllte mich in meinen Mantel, betrachtend all' dieſe wunder⸗ baren Schönheiten, ſie in mich aufnehmend, in feierlicher Stimmung— andächtig. Es wurde ſpät, ſehr ſpät; vom Hafen herüber vernahm ich den dumpfen Knall einer Kanone. ——·— Eine dunkle Stunde. 229 Es mußte ein Dampfer ſein, der das Signal zur Abfahrt gab; es folgte ein zweiter Schuß, dann ein dritter.— Rich⸗ tig: nach einiger Zeit ſah ich einen ſchwach leuchtenden Punct durch das Meer dahinziehen.— Was mochte das Schiff bergen? Welche Gefühle, wie viel Glück, wie viel Luſt, wie viel erfüllte Hoffnungen, wie viel getäuſchte Erwartungen mochte es in ſeinem Schooße mit ſich davon nehmen!— „Ich hatte den Weg den Berg hinauf ſo oft gemacht, daß mir das auch in der Nacht keine Schwierigkeiten verur⸗ ſachte. Doch war es ſpät, als ich im Caſtel Fontana an⸗ kam,— eigentlich früh: es ſchlug die zweite Stunde nach Mitternacht. Im Schloſſe war alles dunkel und ſtill; nur aus den Fenſtern der Zimmer, die Gaetano bewohnte, drang ein Lichtſchein. Ich erſtieg geräuſchlos die Treppen, konnte aber nicht ſo leiſe gehen, daß er mich nicht gehört hätte. Der junge Mann öffnete die Thüre, als ich an ſeinem Zim⸗ mer vorbei gehen wollte, und bat mich, einzutreten. Er ſah erſchreckend bleich aus, ſchien aber ruhig; doch bemerkte ich nach den erſten Worten, die er ſprach, daß ſeine Ruhe nur eine erkünſtelte war, daß jeder Nerv, jede Fiber an ihm zuckte und bebte. Eines der Fenſter des Gemaches, von wo man auf das Meer gegen Neapel blicken konnte, war geöffnet, und während er mit mir ſprach, trat er in großer Aufregung oft an daſſelbe und blickte hinaus. „Herr von Scherra,“ ſagte er, ‚Sie waren der Freund meines Vaters, Sie bewieſen ſich immer lieb und freundlich gegen mich; Sie ſind ein zu aufmerkſamer Beobachter, als daß Ihnen entgehen konnte, was mit mir vorgegangen, was mich veranlaßte, gegen meine Mutter, die ich liebe und ver⸗ ehre, zum erſten Mal ungehorſam zu ſein. Wenn ich Ihnen 230 Fünfzehntes Kapitel. — ſage, daß ich jenes Mädchen liebe, fuhr er leidenſchaftlich fort, zmit einer Raſerei liebe, die es mich als das kleinſte Opfer erſcheinen läßt, alles hier zu verlaſſen, alles, alles, ſo werden Sie vielleicht über mich lächeln.— Und doch nicht; Sie waren ja auch jung, Sie haben wahrſcheinlich ſelbſt ge— liebt, Sie werden es begreifen, was es heißt, ein Weſen ſo anzubeten, daß wir den Boden küſſen möchten, auf dem ſie wandelt, daß wir die Luft beneiden, die ſie einathmet, daß uns der geringſte Gegenſtand heilig, heilig erſcheint, den ſie mit ihrer Hand berührt, auf dem ihr Auge geruht. Und ſo liebe ich, und ſo werde ich wieder geliebt.“ „Als er das geſagt, drückte er eine Hand vor ſeine Au⸗ gen und ſeinen Körper durchfuhr ein krampfhaftes Zittern. Ich wußte in der That nicht, was ich ihm zur Antwort geben ſollte; er riß mich aus dieſer Verlegenheit, denn ehe ich noch etwas ſagen konnte, fuhr er ruhiger fort:„Ich hätte mich Ihnen ſchon lange gern anvertraut, aber ich achtete Ihre Stellung als Gaſt meiner Mutter; ich wollte Sie nicht in eine Lage bringen, wo Sie hätten wählen müſſen und wo Ihnen dieſe Wahl vielleicht ſchwierig geworden wäre. Jetzt aber, ſagte er, nachdem er ſich heftig auf die Lippen gebiſſen, ‚bin ich am Ende jeder Vorſicht, am Ende jedes Ueberlegens. — Ich habe in der heutigen Nacht,' ſetzte er weicher hinzu, ſchreckliche Stunden verlebt. Mein Gemüth iſt ſo erregt, mein Herz ſo voll, daß ich nothwendig jemand brauche, dem ich mich mittheilen kann, jemand, der mir ein gutes, tröſtliches Wort ſagt, denn ſonſt riskire ich, daß ich noch, ehe der Morgen kommt, den Verſtand verliere.— Das ſprach er mit einem ſo traurig ſchrecklichen Tone, daß es mich in innerſter Seele ergriff.— O könnten Sie fühlen,“ ſuhr er Eine dunkle Stunde. 231 nach einer Pauſe fort, ‚wie es in meinem Blute tobt, wie jeder Schlag meines Herzens gleich dem Streiche eines Ham⸗ mers in meinem Gehirne wiederklingt.— Luft! Luft! Ich muß das Meer ſehen, ich muß nach Neapel hinüber blicken können. Dort, wo ſie weilt, ſie, die für mich die Welt iſt, meine Angebetete, mein Alles, mein geliebtes Weib!' Er eilte wieder ans Fenſter, faßte dann mit den Händen krampfhaft den Stein der Brüſtung, und ich hörte ihn mit dumpfer Stimme murmeln: ‚Wenn ſie aber nicht mehr dort wäre!— O doch, o doch!“ rief er alsdann zu mir zurückkehrend, ‚ſie muß da ſein, ſo kann mich der Himmel nicht verlaſſen haben!' „Daß ich ihn nun, ſo viel es in meinen Kräften ſtand, zu beruhigen ſuchte, könnt ihr wohl denken, aber eben ſo gut, daß ich nur allgemeine Sätze für ihn hatte; wußte ich ja nicht, was vorgefallen war. Endlich vermochte er mir zu ſagen, was geſchehen ſei. Seine aufgeregte Art, zu erzählen, ſeine leidenſchaftlichen Ausbrüche bin ich nicht im Stande wie⸗ derzugeben; für uns genügt ja auch ein einfacher Bericht.“ Der Herr des Hauſes hatte ſich leiſe in einen Fauteuil niedergelaſſen und lauſchte mit großer Aufmerkſamkeit; ſelbſt den Profeſſor ſchien die Sache einigermaßen zu intereſſiren, und ſogar der Huſaren⸗Offizier war auf ſeine Art von Mit⸗ leid durchdrungen, denn er ſagte:„Ich kann mir denken, daß der arme Teufel in einer verdammten Poſition war.— Ja—a—a, man muß ſo was ſelbſt erlebt haben.“ „Mutter und Sohn waren nach Neapel gefahren,“ fuhr Herr von Scherra nach einem ziemlich langen Stillſchweigen fort;„ſie hatte angefangen, über die bewußte Angelegenheit zu ſprechen, ſie hatte ſich ſcheinbar milder gezeigt, ſie hatte geſagt, ſie wiſſe ganz genau, Gaetano habe die Abſicht, nach 232 Fünfzehntes Kapitel. beendigter Theatervorſtellung mit der Signora Neapel, ſein Vaterland, ſeine Mutter zu verlaſſen. Er hatte das nicht geleugnet und feſt hinzugeſetzt: nichts vermöge ſeinen Ent⸗ ſchluß zu erſchüttern. Bei dieſer Freimüthigkeit hatte er aber nicht bedacht, welche Kraft die Thränen, die Bitten einer Mutter haben. Dabei ließ dieſe durchblicken, wie ſie ſelbſt erſchüttert ſei, wie ſie am Ende geneigt wäre, unter zwei Uebeln das kleinſte zu wählen, wie ſie ſich vielleicht entſchließen könne, eine unangenehme Schwiegertochter aufzunehmen, ſtatt den einzigen Sohn zu verlieren. „So kamen ſie in die Oper und während der Vorſtellung blieb ſie an ſeiner Seite, ihm beſtändig zuflüſternd, hinter dem Vorhange ihrer Loge ſitzend; den Zuſchauern unſichtbar konnte nur ein Theil ihres Kleides von der Bühne aus be⸗ merkt werden. „Gaetano ließ ſich erweichen.“ „Ah! Das iſt ſehr ungeſchickt von ihm!“ rief der Hu⸗ ſaren⸗Offizier, wobei er ſein großes Intereſſe an der Erzäh⸗ lung dadurch verrieth, daß er das Tabouret unter ſeinen Füßen wegſchob und ſich in ſeinem Fauteuil aufrichtete.— „Verdammt ungeſchickt! Ich ſehe deutlich, was da kommen wird.“ „Er verſprach der Marcheſa,“ begann Herr von Scherra wieder,„heute Nacht Neapel nicht zu verlaſſen, wenn ſie ihm erlaube, ſeiner Verlobten— denn als ſolche hatte er die Fremde der Mutter feierlich genannt— die frohe Hoffnung zu bringen, daß nun eine heimliche Entfernung nicht mehr nöthig ſei. „Dieſe Erlaubniß hatte die Marcheſa ihm ertheilt und ſich dadurch eines großen Unrechts ſchuldig gemacht. Da ſie Eine dunkle Stunde. aber trotzdem noch nicht genau von der Folgſamkeit ihres Sohnes überzeugt ſchien, ſo hatte ſie darauf beſtanden, ihn nach der Vorſtellung an das Haus der Fremden zu begleiten und dort in ihrem Wagen auf ſeine Zurückkunft zu warten. Berauſcht von der glücklichen Zukunft, die ihm aufzudämmern begann, hatte er nach einigen Einwendungen dies zugeſtehen müſſen und hatte gänzlich arglos der alten Dame einen feier⸗ lichen Schwur geleiſtet, in kurzer Zeit zu dem Wagen zu⸗ rückzukehren, in dem ſie wartend ſaß.“ „Man muß für dieſen jungen Menſchen Partei nehmen!“ rief Herr von Marlott,„denn man ſieht ihm bei allem, was er thut, die Unerfahrenheit an. Die Signora müßte ja kein Weib geweſen ſein, wenn ſie nicht Argwohn geſchöpft hätte, da er, ſtatt mit ihr, wie es verabredet war, davon zu gehen, nur auf ein paar Augenblicke erſcheint, ſchon verlegen ge⸗ macht durch die gnädige Mama, die draußen wartet, die ihn wie ein Kind nicht aus dem Geſichte läßt, um anzuzeigen, daß Hoffnungen vorhanden ſeien.— Hundert gegen Eins wette ich, das iſt keine erbauliche Unterredung geweſen.“ „Darin hat unſer junger Freund Recht. Gaetano ge⸗ ſtand mir, er ſei wie betäubt zu ſeinem Wagen zurückgekom⸗ men, nachdem ihm die Signora ganz anders als bisher er⸗ ſchienen. Es war ihm vorgekommen, als wenn ſie ſeine Freude über die Hoffnungen, die er hegte, nicht genugſam theile. Sie hatte Aeußerungen gethan, die er im erſten Au⸗ genblicke nicht recht beachtet, aus denen ihm aber, als er ſie ſich beim Nachhauſefahren wieder ins Gedächtniß zurückrief, ein furchtbarer Sinn hervorzuleuchten ſchien. Sie war ihm in ihrem Aeußeren ſehr zerſtört vorgekommen, ſo, als ſuche ſie ſich über etwas Unvermeidliches mit übermenſchlicher An⸗ 234 Fünfzehntes Kapitel. ſtrengung zu faſſen. Alles: Blicke, Worte, Aeußerungen, hatte er ſich auf der Fahrt nach Hauſe und während er jetzt ruhelos in ſeinem Zimmer auf und ab ſchritt, in den grellſten Farben zuſammen geſetzt und ſchauderte, als ihm dieſe Zu— ſammenſtellung ein entſetzliches Bild gab. „Wie konnte ich ihn tröſten, ihm rathen?— ‚Und was befürchten Sie denn eigentlich?“ fragte ich ihn.— ‚Daß ſie mich für treulos hält,“ gab er mir zur Antwort, zund Neapel und mich verlaſſen wird.“— ‚Und woher ſollen ihr denn dieſe Vermuthungen kommen? Ah, man hat Sie bei dem jungen Mädchen verdächtigt!' Ich hatte kaum den Muth, das zu ſagen, denn ich wußte ja darum.— Allerdings hat man mich bei ihr verdächtigt,“ entgegnete mir Gaetano leidenſchaftlich. ‚Denken Sie, man hat ihr das Schrecklichſte geſagt, was man über mich ſagen konnte: ich ſei verhei⸗ rathet.’-— ‚Aber wird ſie das glauben?— ‚Ich hoffe nicht, und wenn ſie es glaubte, ſo wären wir Beide die unglück⸗ lichſten Geſchöpfe.“ „So ging unſere Unterredung fort und dauerte ein paar Stunden; ich ſah ſchon, wie ſich im Oſten der Himmel heller färbte, als ſich der arme junge Menſch leidenſchaftlich an meine Bruſt warf und ausrief: ‚Dieſer Tag bringt mir nichts Gutes! Wie war ich geſtern beim erſten Strahl der Sonne ſo glück⸗ lich! Ich ordnete meine Papiere, ich packte meine Effecten.“ — Mit dem Vorſatz, Ihre Mutter heimlich zu verlaſſen,“ un⸗ terbrach ich ihn, worauf er mir erwiderte:„Ja, ſo iſt es, aber um ihr zu folgen, der einzig Geliebten, gegen die ich heilige Verpflichtungen habe.“ „Darauf ſchieden wir,“ fuhr Herr von Scherra nach Eine dunkle Stunde. 235 einer längeren Pauſe fort,„und darnach habe ich Gaetano nicht wieder geſehen.“ „Das heißt, in jener Nacht ſahſt du ihn nicht wieder?“ fragte faſt beſorgt der Herr des Hauſes.„Aber den anderen Tag, in der nächſten Zeit?“ Der alte Herr ſchüttelte den Kopf, blickte eine Weile ſinnend vor ſich nieder und ſagte dann:„Ich habe ihn nie wieder geſehen— niemand, weder ſeine Mutter noch einer ſeiner Freunde ſah ihn wieder, hat je weiter etwas von ihm gehört. Was wir nach ſorgfältigen Nachforſchungen erfuhren, war, daß Gaetano bei Anbruch des Tages nach Neapel ge⸗ fahren, wohin, war leicht zu wiſſen. Aber auf San Antonio, wo die Künſtlerin gewohnt, ging jede weitere Spur von ihm verloren. Sie ſelbſt war mit ihrer Dienerſchaft den Abend zuvor abgereiſ't, wahrſcheinlich auf jenem Dampfer, deſſen Lichter ich von der Höhe des Veſuv geſehen.“ Damit ſchwieg Herr von Scherra; der Graf ſchritt kopf⸗ ſchüttelnd auf und ab, der Profeſſor ließ ein Wort des Mit⸗ leids hören, und Herr von Marlott meinte:„Wer weiß, ob Gaetano ſo ſehr zu beklagen iſt; ich meines Theils nehme an, er hat den ſchönen Flüchtling wieder gefunden, hat ſich mit ihm verglichen, lebt irgendwo heiter und vergnügt und würde über uns lachen, wenn er erführe, welch' wehmüthigen Antheil wir an ſeiner vermeintlich ſo entſetzlichen Geſchichte genommen.— Aber,“ unterbrach er ſich plötzlich, indem er auf die Uhr ſchaute und dann mit gleichen Füßen von ſeinem Fauteuil in die Höhe ſprang,„bei allen Teufeln, es iſt ſieben Uhr lange vorüber, ich werde nicht mehr zur erſten Scene in die Oper kommen; ich werde das Auftreten der göttlichen Roſa verſäumen, ich werde von ihr keinen Blick der Liebe 236 Fünfzehntes Kapitel. erhalten. Ich Unglückſeligſter aller Menſchen! Ich fürchte, Herr von Scherra, Ihre dunkle Stunde wirkt anſteckend.— Adieu, Paul! Leben Sie wohl, meine Herren!“ Damit ſchritt er zur Thür hinaus, um draußen den Säbel und ſeinen Tſchako zu nehmen. Er ſchien ſich jedoch plötzlich auf etwas beſonnen zu haben, denn er ſtürmte wie⸗ der zum Zimmer herein und rief:„Apropos, Paul, deine Frau wird vielleicht erlauben, daß ich heute Abend nach der Vorſtellung eine Taſſe Thee bei Euch nehme; ich werde dir aufs famoſeſte erzählen, was ich in der Oper geſehen.“ Der Graf zuckte lächelnd mit den Achſeln, als er er⸗ widerte:„Meine Frau wird ſo wenig wie ich etwas dagegen haben; ob du aber unſerer Schwägerin willkommen biſt, die ebenfalls erſcheinen will, das iſt eine andere Frage.“ „Wenn ſie mich aber in ihrem Wagen mit hieher nimmt?“ ſprach der Lieutenant mit großem Selbſtgefühl. „Dann habe ich durchaus nichts dagegen einzuwenden.“ „So werden wir alſo kommen,“ verſetzte der Huſaren⸗ Offizier mit der Miene eines Siegers.—„Adieu denn! Auf Wiederſehen, Paul!“ Er hüpfte die Treppen hinab und blieb einen Augenblick unten an der Thür ſtehen, um nach dem gegenüber liegenden Hauſe zu blicken. Dort war das Fenſter, wo er vorhin das hübſche Mädchen geſehen, ſchwach erleuchtet, die Töne eines Pianoforte drangen auf die Straße hinaus; man vernahm die Melodie des Liedes: „Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollſt du mir ſein!“— welche dem Offizier ein leichtes Lächeln entlockte. X X Eine dunkle Stunde. 237 „Wenn die da oben das mit Beziehung ſingt, ſo iſt es nicht ſo übel, erklärlich auf alle Fälle, denn wir ſind ge⸗ wohnt, keinen Blick umſonſt zu vergeben. Auch ſind wir kein undankbares Gemüth, das ſoll die, hoffe ich, noch erfahren.“ Mit dieſen Worten ſprang Herr von Marlott in den Fiaker, der auf ihn wartete, und fuhr in behaglicher, ange⸗ nehmer Stimmung nach dem Hoftheater. Sechszehntes Kapitel. In der Garderobe der erſten Tänzerin. An einem Theaterabend wie der heutige, wo Oper und Ballet zuſammenwirkt, wo das ganze Perſonal beſchäftigt iſt, und wo von der erſten Sängerin an bis zur letzten Choriſtin und Figurantin jedes weibliche, dem Theater angehörige We⸗ ſen irgend ein fühlendes Herz unter dem Publikum weiß, das ſich für ſeine Leiſtung oder auch nur für ſein bloßes Erſchei⸗ nen aufs lebhafteſte intereſſirt— an einem ſolchen Abend hatte die Pförtnerin in der kleinen Niſche an der engen, feuch⸗ ten gewundenen Treppe alle Hände voll zu thun, was jedoch nur figürlich geſprochen iſt, um Contrebande und Ueberläſtige vom Eingang jener geheiligten Räume abzuhalten. Die Alte brauchte in Wahrheit aber nur ihre ſcharfen Augen und ihre flinke Zunge, höchſtens einmal ihre rechte Hand, um ihre Kneifbrille feſter auf die Naſe zu drücken. Sie hatte in der That außerordentlich viel zu thun, denn die, welche wider Fug und Recht die Bühne betreten wollten, enn In der Garderobe der erſten Tänzerin. 239 waren unermüdlich in ſinnreichen Erfindungen, um ſich ein⸗ zuſchwärzen. Aber alle ſcheiterten ſchmählich auf der Mitte der engen Treppe, und mancher, der mit ſelbſtzufriedener, triumphirender Miene hier heraufſtieg, ſchlich einen Augenblick ſpäter ganz demüthig die Treppe hinab— die Alte war eine Klippe, an welcher der kühnſte Muth, die kälteſte Entſchloſſen⸗ heit Schiffbruch litt. „Ei ſiehe da, Herr Baier,“ konnte ſie einem Choriſten ſagen, der mit drei bis vier Collegen, den Anfang einer Arie pfeifend, die Treppe hinanſtieg.„Wen haben wir da? Habe nicht die Ehre, dieſen Herrn zu kennen.“ „Ein angehender Sänger, Frau Beil,“ verſetzt der Cho⸗ riſt, indem er vorüber eilen will. Doch geht es dem ange⸗ henden Sänger nicht beſſer, als ſchon einigen Andern, die das gleiche Mannöver verſucht. Die Pförtnerin ſchüttelt mit einem boshaften Lächeln ihr Haupt und gibt zur Antwort:„Müſſen was Schriftliches vom Chordirector haben, der angehende Sänger. Ah, Herr Baier,“ ſagt ſie achſelzuckend und mit einem Tone der Ge⸗ ringſchätzung.„Sie ſollten doch ſo etwas bei mir nicht ver⸗ ſuchen. Gehen Sie in Frieden,“ wendet ſie ſich an den An⸗ dern, der etwas verblüfft drein ſchaut,„und kommen Sie mir nicht wieder.“ Herr Baier declamirt vielleicht etwas, wie:„Mit des Schickſals Mächten iſt kein ew'ger Bund zu flechten!“ und der angehende Sänger verſchwindet ſchnell. Glücklich, wer endlich oben angelangt iſt, auf einem er⸗ hellten Veſtibul, wo es ſchon behaglicher ausſieht, wo viele Thüren ſind, wo eine Menge Corridors einmünden, einige halb erhellt, andere ganz dunkel, ſich unabſehbar weit in das 240 Sechszehntes Kapitel. Haus hineinziehend, an ihrem Ende mit einer kleinen Lampe beſetzt, die ſich von hier wie ein Irrlicht ausnimmt. Dieſes Veſtibul iſt, wie man ſagen könnte, das erſte Vorzimmer der Bühne, die Thüren, die wir ſehen, führen faſt alle in die Garderobe der Herren, eine etwas größere auf einen Vorplatz, von dem man dann unmittelbar zu den Cou⸗ liſſen gelangt. Aus den Garderoben hören wir kräftige Stim⸗ men Scala ſingen, ſolfeggiren und ſich ſo zur nächſten Arie vorbereiten. In dem Veſtibul befinden ſich einfache Holzbänke, auf denen Krieger des chriſtlichen Heeres ſitzen, deren fleiſchfarbene Tricots eine etwas ſehr röthliche Nuance zeigen, auch ver⸗ dächtige Falten werfen, und deren meiſtens pechſchwarze Bärte mit Schnüren um ihre Ohren befeſtigt ſind. Zuweilen ſitzen dieſe Bärte etwas ſchief auf der Seite, was dem grell roth geſchminkten Geſicht ein ziemlich komiſches Anſehen gibt. Hier herrſcht die friedlichſte Gemeinſchaft, denn neben dem tapfern Kreuzfahrer, der die wuchtige Hellebarde zwiſchen den Knien mit beiden Fäuſten hält und auf dieſe Fäuſte ſein Haupt ſtützt, gelegentlich vor ſich auf die Erde ſpuckend, ſitzt ein biederer Saracene mit unterſchlagenem Arme, und beide unterhalten ſich mit einer chriſtlichen Jungfrau aus der Jetzt⸗ zeit, die, eingehüllt in ein wollenes Umſchlagtuch, einen Waſch⸗ korb am Arme hat und vor ihnen ſteht. Aus den Garderoben kommt hier und da einer der Cho⸗ riſten oder auch wohl der Soloſänger und ſchreitet durch das Veſtibul auf die Bühne, Tänzerinnen in umfangreichen Rö⸗ cken und mit ſchlanken Taillen, die ſie ſo kokett und gewandt hin und her bewegen, daß man glauben könnte, ſie hätten dort ein ganz beſonderes, den übrigen Sterblichen nicht verliehe⸗ In der Garderobe der erſten Tänzerin. 241 nes Gelenk, erſcheinen unter einer anderen Thür und hüpfen auf die Bühne.. Folgen wir ihnen. Im Vorplatz, der uns noch von der Bühne trennt, ha⸗ ben wir es, die Alte auf der gewundenen Treppe als Cha⸗ rybdis angenommen, noch mit einer Scylla zu thun, die ſich uns in der Geſtalt eines Portiers mit Bandelier, Degen und ſilberbeſchlagenem Stocke präſentirt. Der Mann hier aber iſt umgänglicher und drückt ein Auge, nach Befinden auch beide zu. Die hellen und dunkeln Gänge, von denen wir vorhin ſpra⸗ chen, führen zu den Sperrſitzen und zur erſten Galerie, und dort befinden ſich ſchon ein paar Glückliche, die es wagen können, ſich im Zwiſchenact auf der Bühne zu zeigen. Hier hilft ein gewiſſes ungezwungenes Benehmen, auch ein gewähl⸗ ter Anzug ſchon dazu, von dem Portier eingelaſſen zu wer⸗ den. Junge Offiziere in glänzender Uniform huſchen hier zuweilen verſtohlen ein, auch wohl ältere Herren mit Stern und Ordensband, dieſe dem Mann im Bandelier herablaſ⸗ ſend, jene ihm vertraulich zunickend. Wir ſind nun auf der Bühne, da es aber mitten im Acte iſt, ſo wollen wir es vermeiden, mit dem grimmigen Inſpicienten, der, ſo lange der Portalvorhang in der Höhe iſt, nicht den geringſten Spaß verſteht, zuſammen zu treffen, und beeilen uns deßhalb, bis zur achten Couliſſe zurück zu gehen, wo ſich die Helle, die vorn herrſcht, in ein angeneh⸗ mes Halbdunkel verwandelt hat. Vom Orcheſter herauf brau⸗ ſen die Muſikklänge mächtig auf uns ein, die Stimmen der Sänger und Sängerinnen auf der Scene klingen uns er⸗ ſchreckend nah, und wir blicken ſchüchtern um uns, ob nicht Hackländer, Die duunkle Stunde. I. 16 — ———. 242 Sechszehntes Kapitel. irgendwo eine Spalte offen iſt, durch die wir das Publi⸗ kum ſehen und von dieſem vielleicht wieder geſehen werden könnten. Doch iſt alles in beſter Ordnung; von der erſten Cou⸗ liſſe bis zur vierten iſt eine lebendige Mauer, hinter der wir ungeſehen vorüberſchlüpfen. Kreuzfahrer und Türken, Oda⸗ lisken und gefangene Chriſtinnen, lauter junges, geſprächiges Volk, das vor Begierde brennt, einen Blick ins Haus hinaus zu werfen, und immer ermahnt werden muß, nicht über den ſchwarzen Strich zu treten, der ſich am Boden von⸗ Couliſſe zu Couliſſe hinzieht. Dieſe Ermahnungen, jetzt in freundlichem, jetzt in ärger⸗ lichem Tone geſprochen, gehen vom Regiſſeur aus, einem alten, würdigen Herrn mit einem warmen Paletot; er trägt den Hut etwas auf dem Hinterkopfe, ſein Hals iſt mit einem dicken Shawl umwickelt und ſeine Füße ſind mit Filzſchuhen bekleidet, der kalten Luft wegen, die aus dem Podium her⸗ vorkommt. Weiter zurück hinter der fünften Couliſſe ſehen wir Chri⸗ ſten und Chriſtinnen, auf Raſenbänken und Felsſtücken ſitzend, die das hier alles ſchon zu lange mitgemacht haben, um noch einen Blick auf die Scene zu werfen, wenn ſie nicht gerade in den nächſten Takten auftreten müſſen. Hier ſitzen Madame Pauke und Madame Schelle; Beide befinden ſich, nicht vorgerückten Alters halber, ſondern als Opfer ſchreiender Ungerechtigkeit, im grauen unſcheinbaren Gewande gefangener Chriſtenſclavinnen, während unreifes, nichtswiſſendes Volk, wie zum Beiſpiel die unproportionirte, dicke Semmelich als junge Türkin in ſehr ausgeſchnittenem knappem Mieder einherſtolzirt. In der Garderobe der erſten Täuzerin. 243 Die Pauke und die Schelle ſtrickt jede an einem wolle⸗ nen Strumpfe, und die Eine ſagt zur Anderen mit einem geringſchätzenden Achſelzucken:„Geht das nicht da herum, wie ein Pfau? Gott der Gerechte, das war früher doch an⸗ ders, und wer nichts im Hintergrunde zu thun hatte, der blieb hübſch vorn, wo es hell iſt.“ Beide nicken in innigſter Uebereinſtimmung mit den Köp⸗ fen und ſtricken fort, daß die Nadeln klappern. Wir gehen gerade hier vorüber, geneigter Leſer, und ver⸗ nehmen mit einem Mal eine Stimme, die uns unwillkürlich zwingt, ſtehen zu bleiben. Es iſt eine dünne und zitternde Stimme, die Stimme eines Bekannten aus früherer Zeit, und da wir ſo nahe ſind, daß wir die Worte, welche jene Stimme ſpricht, verſtehen können, ſo wiſſen wir auch, wer zuſammengebückt dort auf den Stufen des großherrlichen Thrones ſitzt. „Ihr habt etwas gehört und wißt nicht, was!“ ſagt die Stimme.„Leuchtkäfer gibt es allerdings in Auſtralien, Kerls wie meine Hand ſo groß; aber das iſt das wenigſte. Ich bin einmal Nachts von Melbourne weggeritten— auf einem Reitkameel— es machte ſeine zwanzig Meilen in der Stunde.“ „Doch engliſche Meilen, will ich hoffen?“ fragte eine andere Stimme lachend. „Was engliſche?— auſtraliſche Meilen— zwei deutſche ſind gleich einer auſtraliſchen Meile. Es war finſtere Nacht, als ich wegritt, und auf einmal komme ich auf eine weite Ebene, die taghell beleuchtet iſt.“ „Von Leuchtkäfern, Schellinger?“ „Nein, von Leuchtbüffeln; jedes dieſer merkwürdigen 244 Sechszehntes Kapitel. Thiere hat auf dem Kopfe eine hörnerne Laterne von zwei Fuß Höhe und einer Leuchtkraft von zwanzig Gasflammen.“ „Die ſollte man aber der Erſparniß halber beim Theater anſtellen, dieſe Leuchtbüffel.“ „Würden ſich mit den anderen nicht vertragen,“ entgeg⸗ nete der Theaterſchneider in ſeinem ruhigen, näſelnden Tone.— Gehen wir ruhig vorüber an dieſer Gruppe, es ſind meiſtens Zimmerleute, die den Erzählungen Schellinger's lauſchen und die plötzlich aus einander ſtieben werden, ſo wie die Glocke zur Verwandlung ertönt. Dann ſteigt der Eine auf einem der großen Wagenzüge empor zum Theaterhimmel, dem Schnürboden, während der Andere unter das Podium zur Hölle hinabfährt. Wie geſagt, ſchreiten wir vorüber, aber leiſe, drücken wir uns dort vorſichtig in den tiefen Schatten jener tropiſchen, kunſtvoll gemalten Blätterverſchlingung, über welche einzelne ſchlanke Kokospalmen emporragen, um ſo dem ſpähenden Blicke des Inſpicienten zu entgehen, der ſelbſt einen Habitus der Bühne während des Actes nicht duldet, der ſelbſt jenem alten Herrn mit dem Stern auf der Bruſt und den jungen Offizieren, die zuweilen hier geduldet werden, keinen freund⸗ lichen Blick ſchenkt und ihnen vorkommenden Falles mit ſchar⸗ fer Stimme ſagen wird:„Sie erlauben mir, zu bemerken, daß der Zwiſchenact vorüber iſt.“ Der Inſpicient iſt eine eigenthümliche Figur im Theater, originell in ſeinem ganzen Thun. Was kümmert ihn der In⸗ ſpeetor und Verwalter, von den einzelnen Künſtlern gar nicht zu reden! Was fragt er nach den Regiſſeuren, ja, ſelbſt nach dem General⸗Intendanten, wenn er ſeinen Kommandoſtab, d. h. die kleine hellklingende Glocke, in der Hand hat? Für In der Garderobe der erſten Tänzerin. 245 ihn gibt es nur einen Willen, einen Befehl, ein Geſetzbuch 4— das Summarium— ſo heißt das Buch, welches er ſich r während mühevoller Proben angelegt und in dem er verzeich⸗ 6 net hat: wann, wo, wie und mit welchem Stichwort ein Je— 4 ⸗ ddeer auftreten muß, wo es Tag ſein ſoll oder Nacht, wo hei⸗ — tere Lüfte wehen oder dumpfer Donner grollt, wo Kerzenlicht d oder Mondſchein iſt, wo der Blitz einſchlägt oder der Hagel 8 niederpraſſelt. je Zwiſchen der dritten und vierten Couliſſe ſehen wir ein ꝛe kleines Stehpult; auf demſelben liegt das erhabene Buch, von , dem wir ſprachen, ſo wie eine Klingel. Das alles iſt Tabu m— geheiligt, wie einzelne Indianerſtämme von dem zu ſagen pflegen, was ihr großer Häuptling berührt hat; es iſt un⸗ ir verletzlich, unangreifbar, es wird von den unternehmendſten n, Charakteren des Künſtlerſtandes hier auf den Brettern mit ne Scheu betrachet, niemand wird wagen, ein Blatt dieſes Bu⸗ en ches umzuwenden oder die kleine Klingel zu berühren. Ja, u6 ſelbſt die angehenden kleinen Mimen, welche mit der größten em Fertigkeit gottloſe, alles verhöhnende Straßenbuben ſpielen gen— kleine Schlingel, welche keinen Anſtand nehmen, ſelbſt die nd⸗ Poſaunen der Prieſter der Iſis und des Oſiris als Spuck⸗ ar⸗ näpfe zu gebrauchen oder auf dem Divan des Großſultans ten, oder dem Ruhebette der Valentine von Saint⸗Bris eine Bal⸗ gerei zu veranſtalten— ſelbſt dieſe gehen ſchüchtern um das ter, Pult des Inſpicienten herum und betrachten das Wirken die⸗ In⸗ ſes gewaltigen Mannes aus der Ferne mit Ehrfurcht und icht Hochachtung. nach Von der linken Seite der Bühne wird der wüthende tab, Liebhaber, überzeugt von der Untreue der Geliebten, heraus⸗ Für V gelaſſen. Er dreht ſeinen Schnurrbart in die Höhe, er fährt ₰ lei entgegenzufliegen. 7„ * 246 Sechszehntes Kapitel. durch ſein Haar, daß es ſich emporſträubt, ſeine Blicke fun⸗ keln, er tritt mit dem rechten Fuße vor.—„Noch nicht,“ ſagt ihm der Inſpicient mit der größten Seelenruhe, indem er auf die Bühne horcht, wo der Nebenbuhler gerade noch be— ſchäftigt iſt, einen Brief zu leſen. „Sie wiſſen, was Sie zu ſagen haben?“ flüſtert der Beamte, indem er ſeine Brille feſter au dann ſpricht er in näſelndem Tone:„Ha, Verruchte, es iſt noch nicht ſo ſpät, wie du gewähnt— du biſt entlarvt, Heuch⸗ lerin!— So jetzt gehen Sie.“ Der Liebhaber ſtürzt hinaus, nachdem er ſich noch ein— mal geräuspert, vor das geſpannte, erſchreckte Publikum. „Ha, Verruchte!“ knirſcht er, und ſo weiter, während der Inſpicient auf die andere Seite der Bühne eilt, um dort gegenwärtig zu ſein, damit die treuloſe Geliebte, welche ihren Edgardo in den Garten treten ſah, nicht den richtigen Mo⸗ ment verpaßt, um ihm mit verabſcheuungswürdiger Heuche⸗ „Laßt die Thür nicht ſo haſtig hinter mir zufallen,“ ſagt ſie zu den Zimmerleuten, die dort ſtehen;„das wäre ein ſchöner Scandal, wenn mir meine Schleppe eingeklemmt würde, wie es geſtern der Grippenberger geſchehen. Seh' ich blaß genug aus, Franzel?“ wer Ankleiderinnen, welche hinter ihr ſteht und beſchäftigt iſt, die beſprochene Schleppe in anmuthig bauſchende Falten zu legen. „Iſt mein Haar anſtändig derangirt?“ Alles in Ordnung,“ verſetzt das junge Mädchen, nachdem es einen prüfenden Blick auf die Künſtlerin geworfen.„Ich will die rechte Locke noch mehr zerzauſen.“—„Ha, da iſt er,“ murmelt die treuloſe Geliebte für ſich, und ihr Buſen wallt f die Naſe drückt, und ndet ſie ſich an eine der der ort ren Ko⸗ he⸗ agt ein umt Seh' der die gen. dem „Ich er,“ vallt — In der Garderobe der erſten Tänzerin. 247 in künſtlicher Erregung, als wolle er über ſeine Ufer von weißem Atlas treten.„Doch Faſſung, o mein Edgardo!“ Der Inſpicient, der neben ihr ſteht, wiederholt dieſe Worte, aus dem Buche leſend, nochmals auf die eintönigſte Weiſe von der Welt:„Ha, da iſt er, doch Faſſung, o mein Edgardo!“ „So— hinaus!“ Und ſo iſt er überall gegenwärtig, jetzt an den Seiten⸗ thüren, dann im Hintergrunde, und gleich darauf wieder an einem offenen Fenſter, um hier auch zuweilen mitſpielend in den Gang der Handlung einzugreifen. Sie ſteht z. B. am Fenſter, ihn erwartend. „Bſt, bſt!“ Hört man draußen,— die Stimme des Ge⸗ liebten?— O nein, es iſt der Inſpicient, der hier für ihn eintritt, während ſich der Andere noch in der Garderobe ſei⸗ nen Schnurrbart kräuſelt. Es iſt ein anderes Stück, eine andere Scene, ein kleines harmloſes Luſtſpiel, wo er, da er den Weg durch die Thüre nicht wagen kann, ſich genöthigt ſieht, zum Fenſter hinaus zu ſpringen. Aber, o weh! Schon ſteht er zum Sprunge gerüſtet da, auf einmal hört man das wuthentbrannte Bellen eines bösartigen Kettenhundes.— Eines wirklichen Ketten⸗ hundes?— Nein, es iſt das Organ des Inſpicienten, wel⸗ cher auch hierin Unglaubliches leiſtet, denn wirkliche lebendige Thiere werden nur bei ganz beſonderen Veranlaſſungen auf der Bühne geduldet. Und ſo gehen ſeine Leiſtungen ins Unglaubliche: er be⸗ geht vier Handlungen nacheinander, die in der Wirklichkeit von vier beſoönderen Weſen ausgeführt werden müßten.— Morgengrauen— im einſamen Schloßhof, rechts im Kerker⸗ thurm, durch eine Spalte der dicken vergitterten Mauern 248 Sechszehntes Kapitel. ſchimmert das letzte Flackern eines erſterbenden Lichts, dumpf wie aus einer Tiefe von hundert Fuß vernimmt man Ketten⸗ geklirr— der Inſpicient. Ein herzbrechender Seufzer folgt darauf— der Inſpicient. Eine Uhr zeigt mit gellendem Schlage die vierte Morgenſtunde an— der Inſpicient. Um uns in die gehörige Frühſituation zu verſetzen, hören wir in der Ferne einen Hahn krähen— der Inſpicient kräht mit einer wahren Virtuoſität. Es wird an das Burgthor ge⸗ pocht, drei ſchwermuthsvolle dumpfe Schläge— der Inſpicient hat es gethan. Dann klirrt die Kette abermals, und hier⸗ auf ſagt eine Stimme hinter dem Burgthor: ‚O Gott, noch immer verſchloſſen!’— ebenfalls der Inſpicient, denn der fromme Pilger, welcher ſeinen Herrn ſuchend, von Jeruſalem herpilgerte,— das iſt nämlich der mit Ketten klirrende und im Burgverließ Seufzende— kommt im ganzen Stück nicht mehr vor. Und ſo ſtellt er nicht nur Thierſtimmen und menſchliche Leidenſchaften aller Art vor, läßt nicht nur aus dem Boden oder aus ſchauerlichen Felshöhlen blitzen, wenn die Teufel über eine gefallene Menſchenſeele jubeln— nein, er ſchwingt ſich auch hinauf in die reinen Lüfte, er läßt den Mund der Glocken ertönen, jetzt zu friedlichem Geläute, jetzt zu Brand und Kriegsnoth, er läßt regnen und Winde wehen, blitzen und donnern. Und was das Letztere anbelangt, ſo kann er ſich nicht genug in Acht nehmen, daß die rohe Hand der Zimmerleute, denen er die Ausführung in der Höhe anver⸗ trauen muß, nicht den Einſchlag⸗Donner regiere, wenn es nur in weiter Ferne frühlingsartig murren und grollen ſoll. Und wie verfinſtert ſich ſeine Miene, wenn der Donner nicht auf ſein Stichwort einfällt! In der Garderobeder erſten Tänzerin. 249 „Antworte, bei dem Gott, der da droben donnert,“ ſagt der alte Thibaut, und das Publikum wird dieſe Worte ſchau⸗ dernd mitfühlen, wenn nun wirklich der Donner murrt. Aber vergebens lauſcht der Inſpicient, vergebens blickt er in die Höhe, die Lippen finſter zuſammengebiſſen, vergebens klopft er mit ſeinem Buche die magern Lenden— der Zimmermann droben, der eine Priſe genommen und heftig genieſ't hat, kommt eine Minute zu ſpät. Die Jungfrau drunten benutzt ihre größere Pauſe zu einer ausdrucksvollen Pantomime und der alte Thibaut, deſſen effectvolles Spiel durch die fehlende Mitwirkung des Donners abgeſchwächt wird, murmelt leiſe, aber doch ſo laut in den Bart, daß es die allerchriſtlichſte Majeſtät mit allerhöchſtem Gefolge, ſo wie die Volksmaſſen von Rheims deutlich hören können:„Dieſe verfluchten Eſel!“ Aber auch der Zimmermann entgeht ſeinem Schickſale nicht, mag er ſich im Zwiſchenact noch ſo weit hinten befin⸗ den, um harmlos, als ſei nie etwas geſchehen, lange Draht⸗ ſtifte gerade zu klopfen— der Inſpicient wird ihn finden, er wird ſich zu ihm hinab beugen und ihm mit verhaltener Wuth ins Ohr flüſtern:„So, Knuber, du haſt ſo vortreff⸗ lich gedonnert?“ worauf Knuber ſich entſchuldigend ſagt: „Aber, Herr Inſpicient, ich donnere doch ſonſt gerade nicht ſo ſchlecht.“— Daß ein Mann, der alle dieſe Macht hat, im Himmel, auf Erden, ja tief hinab, wo die Teufel und Kobolde hauſen, der, wenn er einen Künſtler oder eine Künſtlerin veranlaßt, zu früh oder zu ſpät heraus zu treten, den Effect einer gan⸗ zen Rolle ſtört, der das Publikum bei der wirkſamſten Scene Lachen bringen kann, wenn z. B. der ruchloſe Böſewicht ein Opfer erlauernd, ſchaudernd aufbrüllt: Ha, Mitternacht! 250 Sechszehntes Kapitel. aber die Uhr hartnäckig ſchweigen läßt— daß ein Mann, deſſen Gewalt in die höchſten Sphären hinaufreicht, der durch ein zu frühes oder zu ſpätes Anfangen der Ouverture ſogar einen feierlichen Empfang Allerhöchſter Perſonen zu ſchmälern im Stande wäre, daß ein ſolcher Mann gefürchtet iſt, daß ihn alle Mitwirkenden um ſein Wohlwollen erſuchen, iſt leicht begreiflich. Aber in dieſem Punct ergeht es ihm, wie man es von den Leibkutſchern des Czaren erzählt, welche ſo oft ſie die Staatscaroſſe erkletterten, zu hohem Rang empor⸗ ſtiegen. Unten auf der Erde ganz gewöhnliche Stallbedienſtete, hatten ſie, ſo erzählt die Sage, beim erſten Tritt auf das Rad Lieutenantsrang, gingen dann vom Capitain zum Major über, um ſich auf dem breiten Sitze mit dem Charakter als Oberſt nieder zu laſſen. So iſt der Inſpicient außer Dienſt einfach der Herr Bärenbläſer, ein gemüthlicher harmloſer Mann, der ſeinen Schoppen Bier dort trinkt, wo ihn auch die gewöhnliche Menſchheit genießt, und der erſt gerade dann, wie der ruſ⸗ ſiſche Leibkutſcher, zur Macht emporſteigt, wenn er die Theater⸗ treppe hinaufgeht. Die Pförtnerin grüßt ihn noch ziemlich mürriſch, der Portier aber ſchon reſpectvoller, die Zimmer⸗ leute reißen ihre Mützen herunter, wenn er an ihnen vorbei⸗ geht, und iſt er erſt an ſeinem kleinen Stehpulte ange⸗ kommen, ſo iſt er mit einem Male zu einem unerhörten Range emporgeſtiegen; denn er darf ſich unterſtehen, dem jugend⸗ lichen König von Frankreich, Ludwig XIV., zu ſagen, ohne dabei nur an ſeine Sammtmütze zu rühren: Sie haben es, wie mir ſcheint, vergeſſen, daß Sie aus dem Hintergrußde zur Mittelthüre hereinkommen.— Unerhört! Und doch gibt es Orte auf dem Theater, denen in, rch gar ern daß icht nan oft vor⸗ lete, das ajor als Herr inen liche ruſ⸗ ater⸗ nlich mer⸗ rbei⸗ unge⸗ ange gend⸗ ohne n es, rrude In der Garderobe der erſten Tänzerin. 251 ſelbſt der barſche Inſpicient milde und freundlich nähert, die abgezogene Sammtmütze in der Hand, wo er beſcheiden an⸗ klopft und auf freundliches Herein! nicht nur demüthig an der Thüre ſtehen bleibt, ſondern ganz ehrerbietig fragt:„Er⸗ lauben Sie, daß man das Zeichen zum Anfang geben kann?“ Das Gemach, zu welchem der Inſpicient alſo herein ſpricht, iſt ein kleines, aber elegantes Zimmer. Das Ameu⸗ blement beſteht aus einem großen Spiegel, der in ongemeſ⸗ ſener Breite von der Decke bis zum Fußboden reicht, und welchen, ſo wie das ganze Gemach, Gasflammen, auf bron⸗ cenen Armleuchtern brennend, taghell erleuchten. In der Ecke ſtehen ein paar zierliche Fauteuils, hie und da einige Seſſel und auf einem Tiſchchen neben der Thüre liegen nach Umſtänden ein bis ſechs koloſſale Blumenbouquets. Auf dem Boden in der Nähe des Fenſters befindet ſich ein zierlich ge⸗ flochtener großer Korb mit blauer Seide ausgeſchlagen, die Decke deſſelben iſt halb zurückgeworfen und läßt uns ein duftendes Durcheinander gewahren von Battiſt, Mouſſeline, Spitzen und Bändern. Neben dem Spiegel lehnt ein älterer Herr in ſchwarzem Frack und einen Stern auf der linken Seite und lieſ't in einem Papier, welches ihm der Theaterdiener übergeben, der nun draußen vor der Thür auf die Befehle des Inten⸗ danten und Theaterchefs wartet. Auf einem der Fauteuils ſitzt der Lieutenant von Marlott in einer Haltung, wie jemand, der ſich hier ſehr zu Hauſe fühlt. Er hat das rechte über das linke Bein geſchlagen und dehnt ſich in der Erinnerung, in die ihn das gute Diner, von welchem er eben kommt, ver⸗ ſetzt zu haben ſcheint, behaglich aus, wobei er ein kleines aber — 252 Sechszehntes Kapitel. äußerſt zierliches Blumenbouquet mit der rechten Hand hoch emporhebt. Von dieſem Gemache führt eine halb offen ſtehende Thüre in ein Nebenzimmer— die Garderobe der erſten Tänzerin. Zuweilen hört man von dort her ein von weiblichen Stim⸗ men leiſe geſprochenes Wort, auch dann und wann einen eigenthümlich ſchleifenden Ton, ſoß wie das Rauſchen von Seide oder das Krachen eines atlaſſenen Gewandes. „Schönſte Couſine,“ ſagt der Offizier, wobei er ſich über den Fauteuil zur Seite beugt, um einen Blick in das Neben⸗ zimmer werfen zu können, was ihm aber nicht gelingt,„es iſt wahrhaftig nicht meine Schuld, daß ich den erſten Act ver⸗ ſäumt habe. Sie wiſſen wie vortrefflich die Diners bei unſerm guten Paul ſind, aber auch wie langſam ſervirt wird, was allerdings ſeine guten Seiten hat, und als wir endlich fertig waren, kamen Erzählungen aufs Tapet, dabei war denn Herr von Scherra wieder unerſchöpflich wie immer, wenn er auf Neapel zu ſprechen kommt.— Aber zum zweiten Acte bin ich auf meinem Platze, und das iſt doch die Haußtſache. Nicht wahr, Baron?“ Dieſe Frage galt dem Intendanten, welcher ſein Papier zuſammenfaltete, nachdem er mit Bleiſtift einige Worte dar⸗ auf geſchrieben. „Was nennen Sie die Hauptſache?“ entgegnete dieſer lächelnd,„daß Sie auf Ihrem Platze ſind? Oder wollen Sie ſagen, der zweite Act ſei die Hauptſache der Oper?“ „Ich kann Sie verſichern, Baron,“ verſetzte der junge Offizier,„daß Sie wahrhaftig der Einzige ſind, der an mei⸗ ner Redeweiſe immer etwas auszuſetzen hat. Ich bin über⸗ In der Garderobe der erſten Tänzerin. 253 zeugt,“ fuhr er mit lauter Stimme fort,„meine ſchöne Couſine hat mich verſtanden— nicht wahr?“ „Nein,“ hörte man im Nebenzimmer eine klangvolle Stimme. „Nicht?— Beim Himmel,, es iſt doch ſehr einfach, daß ich ſagen wollte, der zweite Act mit Ihrer großen Scene ſei die Hauptſache.“ 12 „Aber dieſer zweite Act wird bald beginnen und es wäre ſchade, wenn Sie eine Note davon verlören,“ klang es aus dem Nebenzimmer zurück. „Wir ſcheinen heute nicht gut gelaunt zu ſein,“ ſagte Arthur mit leiſer Stimme, wobei er lächelnd auf den Inten⸗ danten blickte. Dann fuhr er in ſeinem gewöhnlichen Tone fort:„Ich verſtehe vollkommen, ſchöne Roſa, und würde die⸗ ſer verblümten Aufforderung gemäß augenblicklich das Zim⸗ mer verlaſſen, wenn ich nicht außerordentlicher Geſandter und bevollmächtigter Miniſter Höchſtdero Frau Schweſter wäre.“ Dies Wort ſchien magiſch zu wirken, denn es rauſchte im Nebenzimmer ſtärker und einen Augenblick ſpäter trat Tänzerin in ihren kleinen Salon. Sie ſah blendend ſchön und reizend aus; das Atlasjäckchen ihres türkiſchen Coſtumes, mit unzähligen Knöpfen beſetzt, von ſilberfarbener Seide und roſa Verzierungen, ſo einfach, wie geſchmackvoll, zeigte wahr⸗ haft blendend ihren vollen und doch ſo ſchlanken Oberkörper. Sie trug eng anliegende, unten weite Aermel, unter denen der runde Arm zwiſchen einer Unmaſſe von Spitzen hervor⸗ trat. An den Handgelenken hatte ſie ächt türkiſche Armbän⸗ der, und die Broche vor ihrer Bruſt beſtand aus einem jener herzförmig geſchnittenen mit arabiſchen Schriftzügen bedeckten Edelſteine, die als Amulet im Orient ſehr hoch geſchätzt wer⸗ * * ———— ————— 254 Sechszehntes Kapitel. den. Ihr Kleid war lang und reichte faſt bis an die Knöchel, doch ſo, daß der feine Fuß in ſeiner ganzen Form ſichtbar blieb. Der junge Offizier war emporgeſprungen und rief mit einem ungekünſtelten Erſtaunen:„Bei Gott, Roſa, Sie ſind wunderbar ſchön!“ Ein leichtes, faſt ſchmerzliches Lächeln fuhr über die edeln und ernſten Züge der Tänzerin, als ſie zur Antwort gab:„Sie wiſſen, wie wenig Werth ich auf ein ſolches Wort lege; am allerwenigſten von Ihnen, der das ſo häufig ge⸗ braucht.— Guten Abend, Herr Baron,“ ſagte ſie zu dem Intendanten, während ſie ihm ihre kleine Hand reichte.„Und nun,“ ſprach ſie raſch zu Herrn von Marlott,„was wünſcht meine Schweſter?“ Jeden Andern hätte die auffallend kalte Art, mit der die Künſtlerin den jungen Mann behandelte, etwas aus der Faſſung gebracht. Bei Arthur war dies aber durchaus nicht der Fall. Er lächelte außerordentlich ſelbſtgefällig, ſchlug ſeine Sporen klirrend zuſammen und präſentirte ſein Bouquet, chdem er vorher mit demſelben auf der Bruſt ſalutirt hatte, „ſagte:„Zuerſt erlaube ich mir, als außerordentlicher Geſan und bevollmächtigter Miniſter mein Creditiv zu überreichen.“ „Schickt es mir Francoiſe?“ fragte die Tänzerin, indem ſie die Blumen aus der Hand des jungen Mannes nahm und gegen ihr Geſicht erhob. „Bei Gott, nein,“ gab dieſer zur Antwort,„unſere theuere Gräfin ſchien mir heute Abend nicht in der Laune zu ſein, Blumen, die doch gewöhnlich ein Sinnbild der Freude ſind, durch ihren Geſandten überreichen zu laſſen. Das Bou⸗ quet kommt von Ihrem ganz gehorſamen Diener.“ — ˙ — ͦ— In der Garderobe der erſten Tänzerin. 255 „Und meine Schweſter?“ fragte Roſa, nachdem ſie das Bouquet mit einer leichten Handbewegung auf den kleinen Tiſch hatte fallen laſſen.„Was ſollen Sie mir von Fran⸗ coiſe ſagen?“ „Parbleu, ſchöne Couſine,“ ſprach der Offizier erſtaunt, „Sie haben ſich heute Abend ſchon ſo ſehr in Ihre Rolle hineingelebt— ganz Favoritſultanin, ganz unbeſchränkte Herr⸗ ſcherin. Es ſind ſeltene Blumen, die ich Ihnen gebracht, Veilchen, die Sie ſo ſehr lieben, und die in der jetzigen Jah⸗ reszeit nicht leicht zu bekommen ſind— doch beuge ich mich vor Eurer Hoheit,“ ſetzte er lachend hinzu, indem er ſich tief verneigte und ſeine Arme über der Bruſt kreuzte.„Ich denke, auf Regen folgt Sonnenſchein. „Und nun?“ fragte Roſa ungeduldig, während ein eigenthümlicher Blitz aus ihren Augen fuhr. „Die Frau Gräfin Francoiſe,“ ſprach Arthur mit komi⸗ ſchem Ernſte,„wünſchen Fräulein Roſa heute Abend nach dem Theater bei ſich zum Thee zu beſitzen. Es wird niemand da ſein, als der unterthänige Sklave, der vor Ihnen ſe, wenn Sie demſelben nämlich ein ganz kleines Plätzchen Ihrem Wagen gönnen wollen.“ „Ich bin nach dem Theater müde und will keine Toilette machen.“ „Wozu das auch, ſchöne Couſine?“ „Wenn Fremde da ſind.“ „Gehöre ich denn zu den Fremden?“ Die Tänzerin preßte einen Augenblick ihre Lippen auf einander und unter ihren herabgeſenkten langen Wimpern ſah man ihre Augen aufleuchten, dann ſagte ſie:„Zuweilen— ja. Und ſo heute Abend.“ 256 Sechszehntes Kapitel. „Sehen Sie, Baron,“ wandte ſich der Offizier lachend an den Intendanten,„ſo geht es uns armen jungen Leuten. Will man ſtill und ordentlich ſein, will man ſeine Stunden angenehm und behaglich im Familienkreiſe zubringen, ſo wird man verſtoßen!— Mein Schickſal komme über Ihr Haupt, Grauſame,“ fuhr er nach einer Pauſe in komiſchem Pathos fort;„ſo muß ich denn ſehen, wo ich heute Abend bleibe.“ Die Augenbrauen des jungen Mädchens hatten ſich fin⸗ ſter zuſammengezogen und ſie ließ ihm widerſtrebend ihre Hand, die er ergriff, um ſie langſam und feierlich an ſeine Lippen zu führen, und dann ſeinen krauſen blonden Bart be⸗ dächtig darauf zu drücken. Sie zuckte leicht zuſammen, um gleich darauf ihre Fin⸗ ger raſch wegzuziehen.„Poſſen!“ ſagte ſie finſter, und trat dann raſch zu dem Intendanten hin, der ihr das Papier überreichte, auf das er vorhin einige Worte geſchrieben. „Wir müſſen das Repertoir ändern,“ ſagte er, nachdem ſie geleſen,„und wenn Sie ſo freundlich ſein wollten, die Poche noch zwei Mal zu tanzen, ſo würden Sie mir einen rechten Gefallen erzeigen. Die Tänzerin ſchaute, ohne eine Antwort zu geben, über das Papier hinweg, denn ſie bemerkte, wie die Thüre auf dem Corridor langſam geöffnet wurde und ſich draußen eine ärmlich gekleidete Frauensperſon zeigte, die aber die Thüre raſch wieder zudrückte, als ſie im Zimmer die glänzende Dame und die beiden Herren erblickte. Roſa trat raſch einen Schritt vor, doch erſchien im nächſten Augenblick der Theaterdiener mit einem Brief in der Hand. „Es wurde mir dies,“ ſagte der Mann ſchüchtern,„für eine der Ankleiderinnen, Jungfer Roſa gegeben, ich wußte in In der Garderobe der erſten Tänzerin. 257 der Garderobe keine dieſes Namens.“ Er ſah fragend den Intendanten an, welcher mit den Achſeln zuckte. „Es iſt für mein Mädchen,“ ſprach die Tänzerin in ſo beſtimmtem Tone, daß ihr der Theaterdiener mit einer Verbeu⸗ gung das Billet augenblicklich übergab. Roſa nahm es in ſichtbarer Bewegung, welche aber den beiden Herren entging, da ſich Arthur in dieſem Augenblick dem Intendanten näherte, um ihn zu fragen, wo er nach dem Theater ſeinen Abend zubringen würde, während das junge Mädchen raſch in ihre Garderobe ging, dort das Papier haſtig aufriß, und ſeinen Inhalt, der in wenigen Linien beſtand, überflog, wobei ſich ihre Züge ſichtlich erheiterten. Dann ſagte ſie leiſe zu ihrer Kammerfrau:„Nimm dieſen Brief ſo in die Hand, daß man ihn draußen ſieht, als hätteſt du ihn ſelbſt geleſen, und ſage dem Theaterdiener es ſei recht, du würdeſt morgen kommen.“ Die Kammerfrau that, wie ihr befohlen, und als ſie im nächſten Augenblick wieder zurückkehrte und das Papier ihrer Herrin wieder gab, trat dieſe in den kleinen Salon hinaus, ſich mit einer Bitte um Entſchuldigung an den Intendanten wendend. „Verzeihen Sie mir, Herr Baron,“ ſagte ſie mit ihrer gewinnenden Stimme,„ich habe mir überlegt, was ich Ihnen übermorgen im Zwiſchenakte tanzen könnte. Was meinen Sie zu einer Madrilena? Es braucht ja nicht lang zu ſein, dann könnten wir Freitag, wenn es Ihnen ſo gefällt, die Satanella haben.“ „Ich bin entzückt über Ihre Bereitwilligkeit,“ verſetzte erfreut der Intendant.„Sie helfen mir aus einer wahren Verlegenheit. Zählen Sie bei Gegendienſten ganz auf mich.“ 17 Hackländer, Die dunkle Stunde 1. 258 Sechszehntes Kapitel. „Ja, ja,“ warf Arthur dazwiſchen,„gefällig iſt ſie wohl für alle Welt, nur nicht für mich, ſagt jener arme Page, der von der Königin noch nicht zum Thee eingeladen wurde. Nun, wie ſchon bemerkt, ſchöne Couſine, Sie haben mich auf dem Gewiſſen.“ „Alſo ich ändere ſo das Repertoir?“ fragte der Intendant. „Gewiß, ich ſtehe mit größtem Vergnügen zu Dienſten.“ „Nun denn bis nach dem nächſten Akte. Ich werde Ihnen nachher von oben herab ein ſehr freundliches Wort mitzu⸗ theilen haben.“ Der Intendant reichte ſeiner erſten Tänzerin die Hand, und verließ das Zimmer. Der junge Offizier hatte ſich ebenfalls der Thüre ge⸗ nähert. Dort legte er die rechte Hand auf den Drücker des Schloſſes und ſagte in nachläſſigem Tone:„Schöne Sulta⸗ nin, werden Sie mein Bouquet dort auf dem Tiſche liegen laſſen, oder wird es Ihre Kammerfrau, die Roſa heißt, ohne viel Umſtände in einen Ihrer Körbe packen?“ „Und dann?“ fragte die Tänzerin mit einem ſcharfen Tone, wobei ſie unmuthig den Kopf empor warf. „Dann wäre es ſchade für meine ſchönen Veilchen, und ich wüßte eine beſſere Verwendung dafür.“ Ihre Bruſt wurde durch einen tiefen Athemzug geſchwellt, dann hob ſie ihre Oberlippe etwas ſpöttiſch empor, während ſich ihre Wimpern ſo tief herabſenkten, daß man kaum noch etwas vom Glanze ihres dunkeln Auges ſah, als ſie ſagte: „Dort auf dem Tiſche liegen die Blumen, ich habe ſie nicht verlangt.“ Herr von Marlott zuckte leicht mit den Achſeln, doch wandte er ſich um und ſchritt langſam dem Tiſchchen zu, auf In der Garderobe der erſten Tänzerin. 259 dem das Veilchenbouquet lag.—„Gut,“ meinte er lächelnd, „es iſt wenigſtens ein Glück, daß es noch dankbare Gemüther in der Welt gibt, und nicht ſchwer zu finden.“ Die Tänzerin ſchaute ſeinen Bewegungen zu, wie er ſich langſam dem Tiſche näherte, und wie er die Hand hob, um die Blumen zu ergreifen, und während deſſen that ſie einen tiefen Athemzug um den andern; man hätte den Atlaß ihres türkiſchen Leibchens können krachen hören. Sie öffnete ihre Augen weit und wieder leuchtete ein heller Blitz in den⸗ ſelben, ein eigenthümliches Feuer, etwas wild Leidenſchaft⸗ liches. Dabei hatte ſie ihren Mund wie unter einem leichten Lächeln geöffnet, ſo daß man ihre weißen Zähne ſah, aber es war kein angenehmes Lächeln, es war etwas Starres, Gezwungenes darin, man hätte erwarten können, dieſe feinen Lippen würden ſich im nächſten Augenblicke zu einem heftigen Worte öffnen oder ſich ſtumm und finſter verſchließen. „Halt!“ rief ſie plötzlich, ehe noch ſeine Finger das Bou⸗ quet berührt hatten,„es iſt einmal da, es gehört mein, und ich allein habe das Recht, es zu verſchenken, wenn ich Als ſie ſo in heftigem Tone geſprochen, ſich nieder auf den Boden. Der junge Offizier zeigte trotz ſeines muthes in dieſem Augenblicke doch 4 nens, faſt des Aergers, doch mach gung, daß die Ironie derſelben wieder der Thüre zu, währeng „Es ſind wohl noch Veilchen Sie wandte langſam Auge hatte gänzlich den loren; es blickte weig 260 Sechszehntes Kapitel. dieſem Blick ihre rechte Hand die Schärpe ergriffen hatte, welche um ihre Hüften herabhing, und ſie heftig zerknitterte. „Arthur,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme,„da Sie heute Abend ſo folgſam ſind—“ „Das bin ich Ihnen gegenüber leider viel zu viel,“ ent⸗ gegnete er lachend. „So will ich Sie nach dem Theater mit zu meiner Schweſter nehmen, wenn—“ „Ich nichts Intereſſanteres vorhabe,“ fiel er ihr mit ſei⸗ nem gewöhnlichen Leichtſinn in die Rede. Sie warf mit einer trotzigen Miene den Kopf in die Höhe und ſagte, als hätte ſie ſeine Bemerkung vollkommen überhört:„Wenn Sie nach der Vorſtellung unten auf mich warten wollen; hieher dürfen Sie heute nicht mehr kommen.“ „So ſei es, hohe Sultanin,“ erwiderte er, indem er raſch und vergnügt vor ſie hintrat,„Ihr Sklave wird da unten warten— dieſen Handkuß zum Pfande, daß ich dich wiederſehe, ſagt Schiller in der Schweizer⸗Familie.“ x hüpfte davon, und als ſich die Thüre hinter ihm ge⸗ lickte ſie ihm einige Sekunden nach, wobei ihr gen, leidenſchaftlichen Ausdruck annahm. Sie af die Bruſt, dann aber wehrte ſie mit s Schreckliches von ſich ab und rief: 14 unerträglich Siebzehntes Kapitel. Vor der Oper. Während in der Garderobe der erſten Tänzerin im Zwiſchenakt der Oper das vorging, was wir ſo eben zu ſchildern verſucht, hatte ſich auch die Bühne draußen, ſobald nach dem erſten Akte der Portalvorhang gefallen war, mit all den Leuten gefüllt, welche bisher ruhig oder auch leiſe plaudernd zwiſchen den Couliſſen geſtanden. Die Zimmer⸗ leute ſtellten das Theater für den nächſten Akt, der Hinter⸗ grund des großherrlichen Palaſtes rutſchte herab; es ſtellte eine offene Halle dar, durch welche hinaus von weiter rück⸗ wärts man in reizende Gärten ſchaute, wo die Theater⸗ Zimmerleute einen Springbrunnen feſtſchraubten, welcher bald darauf einen wirklichen Strahl in die Höhe ſenden ſollte. Schwarze Sklaven trugen dicke Polſter herbei, welche zum Thronſitz des großen Sultans zuſammengelegt wurden. Seine Pagen, ſeine Waffen⸗ und Pfeifenträger, ſein Janitſcharen⸗ Aga, die wilden Mameluken und ſonſtigen kriegeriſchen Hor⸗ den mit Schwert und Spieß, ausgeſucht ſchöne Leute in 262 Siebzehntes Kapitel. reichen glänzenden Coſtumes, die Köpfe mit dichten, trotzigen Bärten verziert, wurden vom Statiſten⸗Anführer, der auch Schlachtenlenker genannt wird, neben und hinter dem Throne gruppirt, und dieſer, ein zartes, huſtendes Männlein, zeigte den wilden Kriegerhorden, welche kecke und herausfordernde Haltung ſie anzunehmen hätten, um gewaltig imponirend und ſchützend den Sultan zu umgeben, mit ihren kriegeriſchen Lei⸗ bern eine lebendige Mauer in Waffen bildend. Dabei nahm es ſich komiſch aus, wenn der kleine Mann zuweilen einen rieſenhaften Spieß ergriff, um einem der himmellangen Ja⸗ nitſcharen zu zeigen, wie man ihn wirkungsvoll halten müſſe, oder wenn er einem derben Mameluken den Kopf in die Höhe hob, damit er grimmig und herausfordernd ausſchaue. Der Tänzerinnen leicht geſchürztes Corps flutete von allen Seiten durch die nun aufgeſtellten Galerien, Thorbogen und Palmengruppen herein, und dem Balletmeiſter gelang es nur mit Mühe, ſich einen kleinen Platz auf der Bühne zu erobern, um etwas, was in der letzten Probe nicht beſonders gut gegangen war, nochmals durchzumachen. Natürlich be⸗ fahl er jetzt mit heller Stimme, und wenn er zum Takte des Tanzes zuweilen ſeinen Stock aufſtieß, ſo geſchah dies mit der größten Discretion, denn von dem Treiben auf der Bühne war das zahlreich verſammelte Publikum draußen ja nur durch den dünnen Leinwandvorhang getrennt. Der Regiſſeur in ſeinen Filzſchuhen, im warmen Pale⸗ tot, ſtand mitten in dieſem bunten, ſchillernden, verwirrenden Leben, hier Beifall nickend, dort einen Tadel ausſprechend und die unzählig an ihn gerichteten Fragen nicht immer mit großem Gleichmuth beantwortend. Es iſt aber auch keine Kleinigkeit, noch im letzten Augenblicke vor der Schlacht neue Vor der Oper. Verhaltungsbefehle zu geben, dieſem zu ſagen, wie er ſeine Waffen tragen ſoll, jenen daran zu erinnern, daß er ſeinen Helm verkehrt aufgeſetzt, einem dritten einen Verweis zu geben, der ſeinen Bart ſchief aufgeklebt, und einem vierten aufs ſtrengſte zu befehlen, das Rückenſtück des Harniſches an ſeinen gehörigen Platz zu bringen, ſtatt es auf den Bauch geſchnallt zu tragen. Intendant und Capellmeiſter gehen auch unter den Grup⸗ pen umher, und während der erſtere als Ober-⸗General, der mit der Haltung ſeiner Truppen wohl zufrieden iſt, ſeiner Primadonna und dem erſten Tenor etwas Schmeichelhaftes ſagt, ſich dann theilnehmend nach den Wünſchen einer jungen Sängerin erkundigt, die ihm ſchüchtern in den Weg tritt, dabei im Vorübergehen einer kleinen vielverſprechenden Tän⸗ zerin freundlich zuwinkt, eilt der Capellmeiſter bald hierhin, bald dorthin, ſpendet hier ein:„Vortrefflich gegangen!“ dort ein:„Ganz gut, ganz gut!“ warnt den Chor vor dem En⸗ ſemble Nummer vier im nächſten Akt als einer gefährlichen Klippe, wo man ſich ſehr zuſammen nehmen muß, um nicht ſchmählich zu ſcheitern, und tritt ſchließlich zur erſten⸗Sän⸗ gerin, indem er ihr verſichert, daß ſie ſo friſch bei Stimme ſei, wie nie, daß ſie im erſten Akt außerordentlich gut ge⸗ ſungen habe, daß es im zweiten aber noch brillanter gehen werde und daß ſie am Schluſſe alles unbedingt mit ſich fort⸗ reißen müſſe.„Gewiß, meine liebe Frau,“ ſagt er,„morgen eine wunderbare Vorſtellung— heute, wollt' ich ſagen, ſehr gut, ſehr gut! Man findet nirgends eine ſolche Oper, wie bei uns. Sehr gut, ſehr gut! Können wir anfangen, Herr Bä⸗ renſtecher?“ wendet er ſich an den Inſpicienten. Doch ſchüttelt dieſer würdige Beamte mit dem Kopfe, --— 2 8„— ——— 264 Siebzehntes Kapitel. zieht ſeine Uhr hervor und ſagt:„Der Zwiſchenakt wird wohl noch zehn Minuten dauern, da mehrere vom Chor noch nicht umgezogen ſind und der Benzenberger in der Garderobe noch mit Schminken beſchäftigt geweſen.“ „Erlauben Sie,“ ſprach eine tiefe Baßſtimme hinter den Beiden,„Benzenberger läßt nie auf ſich warten. Da bin ich und ſtelle immer meinen Mann.“ Der Inſpicient greift wie zur Entſchuldigung leicht an ſeine Mütze, und der Capellmeiſter, der ſich raſch herumwen⸗ det, ſagt zu dem Herrn Benzenberger:„Nicht wahr, mein lieber Herr Bärenſtecher—“ „Benzenberger, Herr Capellmeiſter,“ meint der Künſtler mit der Baßſtimme. „Ja wohl, gleichviel, Herr Benzenberger, thun Sie mir nur den Gefallen, in dem Enſemble Nummer zwei— Sie wiſſen wohl: Ha! wer wagt es, ſo vor meinem Blicke zu erſcheinen? um Gottes willen nicht ſo zu eilen, damit der Chor nachkommen kann.“ „Gewiß, Herr Capellmeiſter, ich werde das, trotz der Wuth, welche die Situation bedingt, gelaſſen und majeſtätiſch ſingen; nicht nur jeder Zoll ein König, wie der ſelige Lear, ſondern jede Linie ein Kalife.“ „So iſt es recht,“ verſetzt der Capellmeiſter, indem er darauf im Dunkel eines Palmenwaldes verſchwindet, der zur Damengarderobe führt. Herr Benzenberger, Kalif Soliman, Gott weiß der wie⸗ vielſte, ſteht mitten auf der Bühne, eine rieſenhafte Geſtalt, namentlich jetzt, wo er angethan iſt mit den weiten faltigen tür⸗ kiſchen Gewändern und dem lang herabwallenden Mantel. Sein Coſtume zeigt in den Farben eine große Neigung für bren⸗ Vor der Oper. 265 nendes Roth und tiefes Gelb, beſpickt iſt er mit ſo vielen Waffen, wie möglich; ſein Gürtel beherbergt ein paar Dolche von verſchiedenen Formen, einen Yatagan mit ſilberner Scheide, den er von einem Freunde zu dieſer Rolle zu entlehnen pflegt, und ein paar große Piſtolen, deren gekrümmte Hälſe mit Silber beſchlagen ſind. Außerdem ſchaukelt an ſeiner Linken ein mit falſchen Steinen beſetzter Damascener, auf deſſen Griff er gelegentlich die Hand ſtützt, weniger des Stützpunktes wegen, als um vor dem Publikum ſeine zahlreichen Brillant⸗ ringe in gehörigem Lichte erſcheinen zu laſſen. Auf die Piſtolenhälſe hat der Regiſſeur lächelnd mit dem Zeigefinger getippt und geſagt:„Lieber Herr Benzenberger, das iſt eigentlich ein Anachronismus, denn zur Zeit der Kreuzfahrer war das Pulver noch nicht erfunden.“ „Pah,“ erwidert der Kalif Soliman mit finſterem Stirn⸗ runzeln,„Sie wiſſen auch wohl nicht ſo genau, wann das Pulver erfunden worden iſt! Ich habe viel darüber geleſen; die arabiſchen Fürſten kannten die Kraft des Pulvers ſchon lange vorher, ehe die Abendländer noch eine Ahnung davon hatten.“ „Aber Kuchenreuter mit Steinſchlöſern waren damals doch wohl noch nicht Mode,“ erwidert der Regiſſeur, worauf er ſich achſelzuckend entfernt. Dieſes Achſelzucken wollte andeuten, daß man nach Um⸗ ſtinden einem erſten Sänger ſchon etwas zu gut halten müſſe. Herr Benzenberger legt zur Abwechslung ſeine linke Hand auff die Läufe der fraglichen Piſtole, hebt den Kopf hoch, drückt die Pruſt und intonirt in der erſten Octave C E G C und rückw Arts G E C, worauf er bis zum dreigeſtrichenen G abwärA geht. Dabei ſtand er majeſtätiſch auf der Bühne, 266 Siebzehntes Kapitel. in ſeinem leuchtenden Coſtume anzuſehen, wie jener Nord⸗ landskönig im blut'gen Nordlichtſchein. Doch brach er plötzlich dieſen Ton ab, indem er ziemlich deutlich ausrief:„Bomben und Granaten, wie kann man vergeßlich ſein! Ich wollte ja mit Fräulein Roſa die große Scene geſchwind durchmachen.— Iſt unſere liebenswürdige Tänzerin fertig?“ fragte er den Inſpicienten. Dieſer nickte mit dem Kopfe. „So werde ich ſie her bitten müſſen,“ ſagt der große Kalife mit ſo lauter Stimme, daß es das ganze Balletchor hören mußte, indem er überzeugt iſt, daß ſogleich ein halbes Dutzend kleiner Tänzerinnen in die Garderobe ſtürzen wür⸗ den, um Fräulein Roſa von den Wünſchen des Herrn Ben⸗ zenberger in Kenntniß zu ſetzen, was denn auch ſeiner Be⸗ rechnung nach augenblicklich geſchieht. „Ha, und wo iſt denn der junge Debutant, Herr Ban⸗ der?“ rief er nun, ſich auch an dieſen erinnernd, mit einem Mal aus, wobei er ſich rings umſchaute. Wo Herr Bander war,— ſein Freund, der Choriſt, Herr Richter wußte es wohl, und man ſah dieſen nach dem Rufe des Kalifen augenblicklich zwiſchen den Palmenwäldern ver⸗ ſchwinden. Gegenüber dem Vorzimmer der erſten Tänzerin gelangt man mittels eines kleinen Ganges auf die Bühne, und wer man ſich am Ende dieſes Ganges zwiſchen die Couliſſenwaggſſen drückte, ſo konnte man, ohne ſelbſt geſehen zu werden, bei geöffneter Thür in jenes Vorzimmer blicken. Da ſtand Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet, Herr Bander, fullkeilich mit ſeiner Notenrolle in der Hand, die er aber keines Blickes würdigte, ſondern er ſtarrte in das kleine Zimmer, wo der feilich lickes o der Vor der Oper. 267 junge Offizier ſoeben von der ſchönen Tänzerin Abſchied genommen hatte. Bander hatte wohl bemerkt, wie jener die zierlichen Finger an ſeine Lippen drückte, und ihm war auch der lange Blick nicht entgangen, welchen Roſa dem Davon⸗ eilenden nachſandte. O, was hätte er für den tauſendſten Theil eines ſolchen Blickes gegeben! Welche Opfer hätte er gebracht, um der Angebeteten, der Heißgeliebten die Finger⸗ ſpitzen küſſen zu dürfen!— Ja, heiße Liebe, Anbetung für die ſchöne Tänzerin, das waren die Gefühle, welche ſein Herz durchſtrömten, das waren die unſichtbaren Mächte, welche ihn, einen jungen Mann voll Phantaſie und Talent, auf die Bühne getrieben. Den Freunden hatte er wohl geſagt, eine unüberwindliche Neigung zum Theater bewege ihn hierzu— mochte er ſich doch ſelbſt den andern und wahren Grund nur in ſtillen Augenblicken geſtehen. Ja, er liebte dieſes ſtolze, ſtrenge, unnahbare Mädchen, er liebte ſie mit aller Kraft ſeiner jugendlichen Seele, und wohl um ſo mehr, je größer die Kluft war, die ihn von ihr trennte. So viele Proben er auch ſchon in ihrer Nähe mitgemacht, hatte er doch noch nie die Veranlaſſung finden können, ein Wort mit ihr zu reden, ſie anzuſprechen, wie es andere Unbefangene ſeiner Collegen thaten; dazu hatte er nicht den Muth, auch mochte er ihr nicht eine ganz gewöhnliche Bemerkung machen, eine alltäg⸗ liche Frage ſtellen, und wenn er ſich dagegen, wie er häufig gethan, feſt vorgenommen hatte, den Verſuch zu wagen, mit ihr in ein Geſpräch zu kommen, ſo konnte er doch das rechte Wort nicht finden, wenn er in ihrer Nähe war. Da blickte ſie ſo ſtolz, ſo vornehm und doch wieder ſo unbefangen über ihre ganze Umgebung, für ein freundliches Wort, für ein Compliment wohl mit einem Lächeln dankend, aber mit 268 Siebzehntes Kapitel. einem Lächeln, das wieder jede weitere Bemerkung von ſelbſt abſchnitt. Und trotzdem, daß, je häufiger er in ihre Nähe kam, um ſo ſchmerzlicher das tiefe Weh einer hoffnungsloſen Liebe mit nicht zu beſchreibenden Qualen in ſeinem Herzen wühlte, konnte er es doch nicht laſſen, immer gerade da zu ſein, wo Roſa auftrat oder abging. Da ſtand er mit ſtarren, brennenden Blicken in der Couliſſe, die richtige hatte er ſich bei der Probe genau ge⸗ merkt, und wußte ſich ſo aufzuſtellen, daß der ſchönen Tän⸗ zerin gerade ſo viel Platz blieb, um bei ihm vorüber zu kommen, wobei es denn nicht anders möglich war, als daß er von ihrem Kleide geſtreift wurde, ja, daß zuweilen ihr heißer, ſüßer Athem ſein Geſicht berührte.— Einmal— o des unausſprechlichen Glückes— eilte Roſa nach einem langen, anſtrengenden Tanze von der Bühne ab; ſie war athemlos, erſchöpft und blieb einen Augenblick mit halb geſchloſſenen Augen in der Couliſſe ſtehen, wobei ihre Hand einen Gegen⸗ ſtand ſuchte, um ſich feſt zu halten; da hatte ſie dieſelbe auf ſeinen Arm geſtützt, da hatte ſie ihm lächelnd geſagt:„Er⸗ lauben Sie einen Augenblick, es hat mich furchtbar ange⸗ ſtrengt!“ und da fühlte er ein paar Sekunden durch ſein dünnes Gewand hindurch den heißen Druck ihrer zierlichen Finger. Dieſe Glut immer fort fühlend, war er darauf wie mit einem eroberten Schatze in den dunkelſten Winkel der Bühne gegangen tte ſheu um ſich geblickt und dann innig ſeine Lipper die Stelle des Gewandes gedrückt, wo ſoeben ihre K ge ht. Ja, er hatte ſich das ärmliche baumwol⸗ lene K eid u er einem Vorwande von dem Garderobe«Ver⸗ + ☛ ——— Vor der Oper. walter für einige Tage geliehen, um eine kurze glückliche Zeit hindurch etwas in ſeiner Wohnung, in ſeiner Nähe zu ha⸗ ben, was von dem geliebten Mädchen berührt— geheiligt worden war. Den jungen Offizier, der ſo eben von ihr fortging, der ſ ihre Hand küſſen durfte, dem ſie mit einem langen Blicke nachgeſchaut, kannte er wohl; er hatte ihn ja ſchon oft und 1 mit allen Qualen raſender Eiferſucht in ihrer Nähe geſehen, hatte ſich nach ihm erkundigt und zu einigem Troſt erfahren, 3 daß derſelbe ein Verwandter der Tänzerin ſei, ein ziemlich 1 unbedeutender, fader junger Menſch, deſſen Unterhaltung ihr, 3 dem gebildeten, geiſtreichen Mädchen— dafür war ſie be⸗ r kannt, unmöglich genügen konnte. Hatte er doch auch ſonſt 5 ſeinem Leben nachgeſpäht und von dieſem und jenem Ver⸗ 3 hältniſſe erfahren, das er ziemlich offenkundig betrieben, von , dem auch Roſa wiſſen mußte, und das nicht dazu gemacht 1 war, bei ihr, dem als ſtreng bekannten Mädchen, Sympa⸗ 2 thieen für den jungen, leichtſinnigen Offizier zu erwecken. f Aber der Blick, mit dem ſie ihm nachgeſchaut? Hatte 8 ſein von Eiferſucht geſchärftes Auge nicht geſehen oder wenig⸗ 3 ſtens zu ſehen geglaubt, wie ſich der Ausdruck ihres Ge⸗ n ſichtes verändert, wie ſie ſich vorn übergebeugt, nach ihm n hinſtrebend, als wolle ſie ihn, der, ein luſtiges Lied auf den Lippen, davontänzelte, zurückrufen, noch für einige Augen⸗ 3 it blicke in ihrer Nähe behalten? Hatten ſich nicht ihre Lippen te geöffnet und ihre Bruſt gehoben, von einem langen und tie⸗ e fen Athemzuge geſchwellt? n Er biß die Zähne in ſeine Lippen, denn s di enihm l⸗ rrampfhaft das Herz zuſammen; doch gleich de nuf ußee er 8 gewaltſam die Kette glühender, entſetzlicher G daaken! die 270 Siebzehntes Kapitel. ſeine Seele zu umſchlingen drohten, und zwang ſie, anderen, freundlicheren und verſöhnlicheren Bildern Platz zu machen. War das, was er von eigenthümlichen Blicken an dem ge⸗ liebten Mädchen bemerkt, nicht wieder ein Spiel ſeiner leb⸗ haften Phantaſie geweſen? Hatte ſie nicht dem jungen Offizier nachgeſchaut, wie man gewöhnlich jemand nachblickt, der ſich entfernt, und lag nicht viel eher ein Ausdruck der Langen⸗ weile auf ihrem Geſichte, als der Spannung? Gewiß, es mußte ſo ſein, denn er, Bander, hatte ſchon ſo viel von der Unterhaltungskunſt des Offiziers gelegentlich erfahren, um zu wiſſen, daß dieſelbe für ſie nicht genügen konnte. Eine bekannte Stimme ſtörte ihn in ſeinen Betrachtungen. „He, Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet!“ rief der Choriſt Richter, nachdem er vorſichtig um die Waldcouliſſe herumgeſchaut, hinter welcher Bander ſtand.„So, da ſteckſt du, während der edle Kalif ſeine Naſenlöcher gewaltig aufbläht und nach dir, einem ſeiner niedrigſten Sklaven lebhaft verlangt? Komm aus deinem Lugwinkel heraus auf die Bühne. Herr Benzen⸗ berger wünſcht, ſo viel ich gemerkt habe, in aller Geſchwin⸗ digkeit mit dir noch eine kleine Vorprobe zu halten, was dir im Grunde gar nicht ſchaden kann.“ Der junge Sänger fühlte, wie ſein Herz in dieſem Au⸗ genblicke raſcher ſchlug. Die Thür zu der bewußten Gar⸗ derobe wurde nämlich in dieſem Augenblicke geöffnet und Roſa trat heraus, die kleinen, jüngeren und älteren Colle⸗ ginnen des Ballets, welche ſich dort verſammelt hatten, freund⸗ lich begrüßend. Dann ſchritt ſie mit erhobenem Haupt auf die Bühne. Der gewaltige Kalif trat ihr raſch ein paar Schritte entgegen und neigte ſich tief vor ihr, indem er ſagte:„Der Vor der Oper. 271 große Sultan beugt ſich demüthig vor ſeiner Sklavin. Sie ſehen das Morgenland zu Ihren Füßen, wie Sie vom Abend⸗ lande längſt gewohnt ſind.“ „Das wollten Sie mir ſagen?“ fragte die Tänzerin lächelnd;„deßhalb ließen Sie mich aus der Garderobe rufen?“ Der Kalif trat einen Schritt zurück, legte die Hand mit den vielen Ringen wieder auf den Griff ſeines Säbels und ſprach in tiefſtem Tone:„Beim Propheten, ohne wichtigeren Grund, als um ein ſchon oft gehörtes Compliment bei Ihnen vorzubringen, würde ich es wahrhaftig nicht gewagt haben, die Ruhe Ihres Boudoirs zu ſtören. Mahomed ſei mein Zeuge, gewiß nicht!— Hier handelt es ſich aber darum, ſchönſte aller Roſen, unſere große Scene in aller Geſchwindig⸗ keit noch einmal durchzuprobiren.“ Er trat einen Schritt näher und fuhr in vertraulichem Tone fort:„Es iſt mir wegen Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet, des jungen Debutanten, eines ſehr gebildeten, anſtändigen Menſchen von guter Familie. Bis jetzt iſt er nur das Zwielicht während der Proben ge⸗ wohnt, und wenn nun mit einem Mal die Helle der Gas⸗ flammen auf ihn einwirkt, während obendrein vor ſeinen Augen— Sultan Soliman neigte ſich abermals tief vor ſeiner Sklavin— plötzlich eine ſolche Sonne aufſteigt, da könnte ihm ſchwindlig werden und er unſere ganze große Scene verderben. Wir haben noch ein paar Minuten, nicht wahr, Herr Bärenſtecher?“ „Leider, leider,“ gab der Inſpicient mürriſch zur Ant⸗ wort,„das türkiſche Coſtume zwingt uns zu unerträglich langen Zwiſchenakten.“ „Recht gern,“ ſagte die Tänzerin und fragte dann freund⸗ lich:„Wo iſt denn Ihr Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet?“ 272 Siebzehntes Kapitel. Der Kalif Benzenberger ſetzte den rechten Fuß vor den linken, dehnte ſeine gewaltige Bruſt aus und indem er mit majeſtätiſchem Blicke um ſich ſchaute, machte er mit der rech⸗ ten Hand jene horizontale Bewegung, welche im Morgenlande zu den guten alten Zeiten ein pantomimiſcher Befehl zum Kopfabſchlagen war. Hier aber bezweckte ſie, den jungen De— butanten herbeizurufen, der denn ſogleich in der Geſtalt un⸗ ſeres Freundes Karl Bander mit einer Verbeugung gegen die Tänzerin vortrat. „Ah, wir haben uns ſchon öfters geſehen,“ ſagte dieſe mit ihrer gewinnenden, ſo ſehr zu Herzen gehenden Stimme. „Sie werden heute in einer Solopartie debutiren?“ „Ich habe nur wenige Takte zu ſingen,“ gab Sidi⸗ben⸗ Aben⸗Hamet zur Antwort, und ſo feſt er ſich auch vorge⸗ nommen hatte, ihr frei ins Auge zu ſchauen, ſo konnte er doch dieſen hellen und glänzenden Blick nicht lange ertragen, und indem er ſich an den Baſſiſten wandte, ſagte er:„So klein meine Rolle iſt, ſo ſchwer erſcheint ſie mir, weßhalb ich für eine Probe ſehr dankbar wäre.“ „Nun denn,“ ſprach Roſa.—„Herr Capellmeiſter,“ rief ſie dieſem zu,„geben Sie das Tempo an, wir wollen die dritte Scene probiren, ich bin hinter dem Vorhang und warte, bis Herr—“ „Herr Bander,“ ſagte der Sultan. „Bis Herr Bander geſungen hat: zu melden dem Ka⸗ lifen; dann fällt die Muſik in der Ferne rauſchend ein, die beiden Schwarzen öffnen den Vorhang und ich trete auf. Wenn es alſo gefällig iſt, meine Herren, ſo machen wir das geſchwind.“— Sie wandte ſich auf ihre graziöſe Art um Vor der Oper. 273 und trat mit ſo leichten, elaſtiſchen Schritten hinter den Vor⸗ hang, daß ihr alle voll Bewunderung nachſchauten. Bander fühlte ſeine Kehle ſo zuſammen geſchnürt, daß er ſich nur durch ein leichtes Huſten etwas Luft verſchaffen zu können glaubte. „Pah, mein guter Kerl,“ flüſterte ihm Richter zu,„laß dich das nicht ſo ſehr angreifen, nimm dein Herz in beide 1 Hände und ſinge deinen Part halb ſo gut wie heute Mor⸗ gen, ſo werden wir Ehre mit dir einlegen.“ 4„Hier ſitze ich,“ ſagte Herr Benzenberger, nachdem er ſich, von zwei Schwarzen unterſtützt, würdevoll auf ſeine ſchwellenden Polſter niedergelaſſen. 2 4„Wünſcheſt du, daß die Ulemas mit herauskommen?“ 3 fragte der Choriſt Richter und winkte ſchon ein paar der r Collegen, die auch bereitwillig aus der Couliſſe herantraten. 1„Es kann nicht ſchaden,“ meinte der Kalif,„wenn wir 0 die Situation ſo richtig wie möglich machen. Alſo—— 4 „Tudum— dudumdum,“ ſang der Capellmeiſter, worauf er taktirte:„Eins— zwei— drei—“ ef Bei vier fiel Soliman ein und intonirte:„Man laſſe e ſie, man laſſe ſie— vor uns erſcheinen!“ e, Herr Richter mit dem langen hageren Choriſten waren ſo freundlich, die jetzt folgende einleitende Muſik mit halber Stimme zu murmeln, während welcher der Chor der Ulemas a⸗ mit üher der Bruſt gekreuzten Armen langſam und demüthig ie vorging. Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet ſchritt voraus. ff. Der Kalif hatte den rechten Arm in die Seite geſtemmt as V und ließ unter der buſchigen Braue hervor ſein Auge blitzen m und funkeln, ſo viel es nur immer möglich war. Hackländer, Die dunkle Stunde. I. 18 — 274 Siebzehntes Kapitel. „Der Mufti uns befohlen hat,“ ſang Herr Bander mit halber Stimme, doch brachte er die Töne ziemlich ordentlich hervor—„zu melden dem Kalifen—“ Dieſer richtet ſich mit zornigem Ausdruck in die Höhe, doch ſagt er dabei mit freundlicher Miene:„Jetzt ſechs Takte der Janitſcharen⸗Muſik hinter der Scene, dann kommt Fa⸗ time und Ihr Allah’ mit dem Ausdruck des Schreckens., Alſo— eins— zwei— drei— vier— fünf—“* Der Vorhang hinten wurde aus einander geriſſen und die Sklavin erſcheint, jetzt nicht mehr die Tänzerin Roſa mit dem ruhigen Geſichtsausdruck, nein, ihr Auge flammte, ihre leicht geöffneten Lippen zeigten ihre zuſammen gebiſſenen wei⸗ ßen Zähne, und in der blitzſchnellen Bewegung, mit der ſie plötzlich zwiſchen dem Kalifen und dem zurückprallenden Chor der Ulemas ſtand, lag etwas erſchreckend Ueberraſchendes, etwas unheimlich Schlangenartiges. „Allah!“ klang es im Tone tiefen Entſetzens aus der Bruſt Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamets, ein Allah, aus dem man deut⸗ lich heraushörte: wir ſind verloren! „Bravo, bravo, junger Freund!“ ſagte Herr Benzen⸗ berger kopfnickend;„Sie haben das ganz gut gemacht, müſſen aber Fräulein Roſa zum Dank die Hand küſſen, denn ſie mit dem ſchrecklich ſchönen Ausdruck ihres Geſichts hat Ihnen Ihr Allah als wahren Schreckensruf ausgepreßt. Wunder⸗ bar,“ wandte er ſich an die Tänzerin,„Ihr Blick ſchüchtert ſogar mich, den blutdürſtigen Kalifen, ein.“ „Das ſoll ja auch ſein,“ ſprach die Tänzerin, jetzt wieder mild lächelnd,„denn da ich als Stumme keine Worte zu meiner Vertheidigung habe, ſo muß ich meinen Blick zu Hülfe nehmen.“ — Vor der Oper. 275 3„Und eine mächtige Hülfe, bei Gott!“ verſetzte Sultan Soliman mit einem affectirten Seufzer,„beim Propheten, Sie thun es jedem an, der in Ihre Nähe kommt. Ha, mit welcher Luſt werde ich dieſe verfluchten Kerls, dieſe Ulemas, hängen und ſpießen laſſen! Doch da kommt Herr Bären⸗ ſtecher, die Sache kann angehen. So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf.“ „Platz auf der Bühne!“ ruft der Inſpicient mit leiſer, aber eindringlicher Stimme. Und wie fortgeweht von einem Zauberſtabe verſchwindet alles nach rechts und links in Ge⸗ büſche und Palmenwälder. Die Bühne, ſo eben noch ange⸗ füllt mit dem bunteſten Getreibe, liegt nun mit einem Mal öde und leer; ſtatt des ſchimmernden, glänzenden Lebens, das hier eben noch geherrſcht, ſehen wir nun eine einſame Halle, zu der auf beiden Seiten Palmen hereinnicken, im Mondſchein da liegen, und das einzige Geräuſch, das wir vor der Hand hören, iſt das Plätſchern des Springbrunnens, der ſein Waſſer in die Höhe wirft. ——— ——n Achtzehntes Kapitel. Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde. — Vor dem Portal⸗Vorhange drunten ſetzt der Souffleur ſeine Brille auf, nachdem er ſie vorher ſorgfältig abgewiſcht; das erſte Zeichen mit der Klingel ertönt, alle vom Publikum, welche während des Zwiſchenaktes aufgeſtanden waren, laſſen ſich ziemlich geräuſchvoll auf ihre Sitze nieder; dann hören wir das zweite Zeichen, und nachdem der Capellmeiſter einen Augenblick ſeine rechte Hand mit dem Taktirſtocke, wie Auf⸗ merkſamkeit fordernd, ausgeſtreckt, ſinkt Hand und Stock nie⸗ der und die einleitende Muſik zum zweiten Akt fängt mit einem Pizzicato der Streich⸗Inſtrumente an, das Saitenſpiel zu einer Serenade darſtellend, welche gleich darauf in den mondbeglänzten Hallen der Kalifenburg ertönen wird. Herr Bander hatte ſeinen gewöhnlichen Platz hinter den Couliſſen eingenommen, das heißt ſo nahe als möglich bei ihr, und da er nachher mit der Tänzerin zu gleicher Zeit aufzutreten hatte, ſo war es durchaus nicht auffallend, wenn Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde. 277 er ſich heute unmittelbar in ihrer Nähe hielt. Wie gern hätte er ſie angeſprochen, und ſeine Blicke hingen unausgeſetzt an ihrer ſchlanken Geſtalt, um, wenn ſie zufällig einmal um⸗ ſchaute, es durch ein raſches Vortreten möglich zu machen, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und darauf hin ein paar Worte wagen zu können. Jetzt hatte der Kalif draußen eine große Scene, an de— ren Schluß er gerade abtrat, wo die Tänzerin und Sidi⸗ben⸗ Aben⸗Hamet ſtanden. Kaum hinter den Couliſſen angekom⸗ men, legte er ſeinen kaiſerlichen Anſtand und ſeine großherr⸗ liche Miene ab, um zu ſeiner reizenden Collegin zu ſagen: „Wenn man in einer Scene vor Ihnen auftritt, ſo iſt das undankbare Publikum noch undankbarer, als gewöhnlich; ich finde es aber auch begreiflich, daß ſich alsdann keine Hand rührt. Sie ſparen das für was Beſſeres auf.“ „Sie ſind undankbarer, als das Publikum,“ gab Roſa lächelnd zur Antwort.„Das nennen Sie keine Hand rüh⸗ ren? Hören Sie doch! Wir armen Tänzerinnen ſind für Ausnahmefälle mit dem Beifall vollkommen zufrieden, den Ihr für gewöhnlich dahinnehmt.“ „O ſchöne Heuchlerin!— Doch Scherz bei Seite!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ich ſage auch nur zu Ihnen ſo etwas, einer Dame, von der ich weiß, wie wenig ihr an dem rauſchenden Beifall von da unten gelegen iſt; aber kalt ſind ſie ſchon, die da draußen. Es iſt gut, wenn ſie ſich bei Ihrem Anblick etwas erwärmen. Ah, edler Sidi,“ wandte er ſich an Herrn Bander, der ſich ſchüchtern am Ende der Couliſſe hielt.„Sie thun recht daran, ſich hier in dieſer gefährlichen Nähe zu halten; man muß ſich an alles ge⸗ wöhnen, damit ein armes Herz, das doch vergebens ſchmach⸗ — 5 1 .= 3 3 ———— 278 6 Achtzehntes Kapitel. Ntek, von dem ſüßen Gift aus dieſen Augen nicht zerſtört wird.“ 1.„Sie ſind wahrhaft unverbeſſerlich,“ ſagte die Tänzerin, indem ſie lächelnd ſich umblickte, und während der Kalif nach den oben geſprochenen Worten ſtolz und mit majeſtätiſchem Stirn⸗ runzeln durch die zurückweichenden Reihen der Gartenwachen, Janitſcharen, Ulemas und Verſchnittenen aller Art dahinſchritt, ſagte ſie zu Herrn Bander:„Sie werden finden, es iſt hier eine ganz eigenthümliche Sprache, die man ſich, um ſie zu verſtehen, zuerſt ins Genießbare überſetzen muß.“ Dies war der Augenblick, wo Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet es wagen konnte, vorzutreten. „Und dies iſt ſehr begreiflich, mein Fräulein,“ ſagte er, „herrſchen doch hier dieſelben Gefühle und Leidenſchaften, wie in der anderen Welt, nur zuweilen vielleicht etwas ſchärfer 4 ausgeprägt, und deßhalb iſt die Sprache hier auch wohl bilderreicher— phantaſtiſcher, wenn auch dieſe Phantaſie nicht immer am rechten Orte angewandt wird.“ Sie blickte ihn erſtaunt an, und ein leichtes Wohlwollen überflog ihr Geſicht. Sie war es ſo wenig gewohnt, aus den Kreiſen, denen auch Herr Bander angehörte, ein außer⸗ gewöhnliches Wort in ſo ruhigem, ja, edlem Tone ausſpre⸗ chen zu hören, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, den jungen Mann aufmerkſam zu betrachten und das Geſpräch fortzu⸗ ſetzen, indem ſie ſagte:„Ich möchte Ihnen widerſprechen, daß hier dieſelben Gefühle und Leidenſchaften, wie in der andern Welt herrſchen; hier tauchen welche auf, von denen man jen⸗ ſeits dieſer Mauern gar keinen Begriff hat.“ „Andere Leidenſchaften wohl nicht,“ gab Herr Bander in ruhigem Tone zur Antwort,„aber, wie ich mir vorhin — 4 8 8 9 Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet s dunkle Stunde. erlaubte zu bemerken, Leidenſchaften leidenſchaftlicher aufge⸗ faßt und wiedergegeben.“ „Ein Unterſchied, der mir nicht ganz klar iſt.“ „Den man ſich vielleicht erklärlich machen kann, wenn man zugeben will, daß alles, was uns hier umgibt, ſo viel Schatten und ſo viel Licht, ſo viel Pracht und Herrlichkeit, welche von Muſik, Talent und Schönheit getragen, in un⸗ mittelbarer Nähe auf ein empfängliches Gemüth gewaltig einwirkt und das Herz leidenſchaftlicher fühlen läßt.“ „Ein gefährliches Gefühl,“ erwiderte nachdenkend die Tänzerin,„wenn es hervorgerufen iſt durch dieſe blendende, aber ſo falſche Theaterwelt. Denken Sie, nach einem ſo ſchillernden, brillanten Abendleben, wie Sie es eben geſchil⸗ dert, an die Nüchternheit des andern Morgens. Wir müßten uns ja alle wie Geſpenſter vorkommen, die beim erſten Hahnen⸗ ſchrei unſichtbar werden, wenn wir ja nur etwas von der Welt en Brettern für die wahre Welt halten wollten.“ „Ich gebe zu, daß beim Licht des Tages manches abge⸗ bleicht, fahl erſcheinen würde, das heute Abend ſchimmernd und friſch vor uns ſteht. Aber,“ ſetzte er mit einem flam⸗ menden Blicke auf das ſchöne Mädchen hinzu, viſt denn hier alles Schein und Trug, gibt es hier nicht auch ein Leben, das ſich im natürlichen Kleide ohne Flitter und Gold, ohne Schminke viel herrlicher zeigt, wenn es all den falſchen Glanz abgeſtreift hat? Verzeihen Sie mir, mein Fräulein, Sie haben dort vor Ihrer Bruſt eine einzige, ächte, eben erſt aufgeblühte Roſenknospe, die ſich ſchüchtern verſteckt zwiſchen den gold— durchwirkten Bändern. Würde ſie ſich weniger ſchön aus⸗ nehmen, wenn ſie morgen früh an einem einfachen weißen Kleide ſichtbar wäre?“ auf dieſ ——— Achtzehntes Kapitel. „Wenn auch ein klein wenig Wahrheit in Ihren Wor⸗ ten liegt,“ verſetzte Roſa, die anfing, ſich für den Sprecher zu intereſſiren,„ſo gehen Sie doch von einem falſchen Fun⸗ damente aus, und was Sie als Regel geltend machen wol— len, ſind allenfalls ſpärliche Ausnahmen.“ „Ja, Ausnahmen ſind es,“ rief er enthuſiaſtiſch aus. „Bei Gott, darin haben Sie Recht! Und hier bei dieſem Theater vielleicht nicht einmal Ausnahmen, ſondern nur Eine Ausnahme— Sie, mein Fräulein!“ Roſa hatte den Arm auf ein hervorſtehendes Palmblatt gelegt und den Kopf unendlich anmuthig an denſelben zurück— gelehnt. Dann ſagte ſie lächelnd in freundlichem Tone:„Ich wäre wahrhaftig geneigt geweſen, Sie den erſten Worten nach auch für eine Ausnahme von der hieſigen Regel zu halten, aber nun fallen auch Sie auf einmal in den alten bekannten Ton zurück. Das müſſen Sie vermeiden, wenn wir künftig zu⸗ ſammen plaudern ſollen.“ In ſeinem Auge flammte es auf, er richtete ſich empor und indem er die Hand auf ſein Herz legte, gab er zur Ant— wort:„Ich bin vom Stamme der Ulemas, mein Fräulein, denen etwas prophetiſche Gabe zugeſchrieben wird. Wenn ich nur gewußt hätte, daß Sie mir auf meine, wenngleich wahre, doch etwas triviale Bemerkung die Antwort geben würden, ja, wenn ich dieſe Antwort heiß gewünſcht hätte—“ „Und was würden Sie dadurch gewinnen?“ fragte die Tänzerin nicht ohne Theilnahme in Blick und Stimme. „Die entfernte, mich beglückende Hoffnung, vielleicht ſpäter noch einmal mit Ihnen reden zu dürfen,“ ſagte der Ulema, indem er ſich verneigte, leiſe, aber doch verſtändlich. In dieſem Augenblicke ſegelte Herr Bärenſtecher um die — Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde. 281 Ecke des Palmenwaldes herum, ſein Buch in der Hand und ſprach mit ſeiner näſelnden Stimme:„Ihre Scene wird ſo⸗ gleich kommen, Fräulein Roſa.— Sie, Herr Bander, kommen zwiſchen der dritten und vierten Couliſſe heraus, die Ande⸗ ren ſind ſchon auf ihren Poſten. Sie thäten auch gut daran, junger Mann,“ ſetzte er murmelnd hinzu,„ſich nicht all zu ſehr zu zerſtreuen. Gott der Gerechte, wie iſt die Welt ge⸗ worden! Wenn man früher zum erſten Mal auftrat, ſo wartete man zitternd vor Aufregung hinter der Couliſſe, bis ſeine Scene kam, ließ die Naſe nicht aus dem Notenblatt. Es wäre einem ſolchen Dilettanten gar nicht eingefallen, ſeine Zeit mit der erſten Tänzerin zu verplaudern.“ Roſa hörte von dieſen Worten nichts mehr; ſie war mit einer freundlichen Neigung des Kopfes nach dem Hintergrunde gegangen. Bei Herrn Bander aber riefen ſie eine peinliche Stimmung hervor; er war durch das unverhofft gekommene Glück, mit dem angebeteten Mädchen reden zu dürfen, ſo völlig der Wirklichkeit entrückt worden, daß er, wie aus einem ſüßen Traume auf barſche Art wach gerüttelt, nun ſehr unſanft auf den Boden der Wirklichkeit zurückfiel. Ihn überſiel ein leichtes Fröſteln, denn im erſten Augenblicke wußte er ſo wenig mehr von ſeiner Rolle, daß er ſich kgum noch erinnerte, es gebe überhaupt einen Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet auf der Welt. „Nun, alter Ulema,“ rief Herr Richter lachend unter einem Palmenblatt hervor,„ſind wir zum Dienſt der Muſen ge⸗ richtet, nachdem wir vorher mit der gefährlichſten Sklavin des Großherrn Worte gewechſelt? Guter Knabe, nimm dich in Acht. Wenn es kalte, herzloſe Sirenen gibt, die den Sinn bethören und das Herz ermatten laſſen, ſo iſt es dieſe, trotz⸗ — — 1 — — d — Achtzehntes Kapitel. dem ſie nicht mit der Stimme wirkt, ſondern nur mit ihren gefährlichen Augen und ihrem unvergleichlichen Körper.“ Bander wandte ſich unmuthig ab. Dieſe Worte aus dem Munde des leichtfertigen Collegen verletzten ihn. Wie durfte es jemand wagen, ſo von ihr zu ſprechen? Jede der⸗ artige Bemerkung erſchien ihm eine Entweihung, und wenn er ſich ſagen mußte, daß vielleicht die Mehrzahl der Tauſende, die ihrem Auftreten mit Spannung entgegen ſahen, etwas Aehnliches denken würden, ſo ballte er ſeine Hände zuſam⸗ men und haßte die ſchauluſtige rohe Menge. Doch weg mit dieſen Gedanken! Er zog ſeine Rolle aus den Falten des Gewandes und überſchaute ſie noch einmal flüchtig. Sonderbar, ſein Herz ſchlug heftig und den Athem mußte er faſt mit Gewalt in die Bruſt ziehen. „Sie müſſen ſich an die Spitze des Chores ſtellen,“ ſagte Herr Bärenſtecher,„wir haben von dem Augenblick an, wo die Janitſcharenmuſik einfällt, noch vierundzwanzig Takte. Geben Sie Acht, junger Mann, es handelt ſich um Ihre Zukunft, doch ſeien Sie nicht verzagt,“ ſetzte der gutmüthige Beamte hinzu,„geſtern in der Probe und vorhin iſt es ganz gut gegangen.— Alſo vierundzwanzig Takte! Zählen Sie ein bischen mit, Richter!“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ gab dieſer zur Antwort, „und beim zwanzigſten Takte werde ich ihm einen Pfuff ap⸗ pliciren. Dann gehſt du los, machſt vier große Schritte gegen Herrn Benzenberger und ſperrſt den Schnabel auf.“ Wenn Du, geneigter Leſer, auf der Bühne einen An⸗ fänger herauskommen ſiehſt, der zu melden hat: Gnädiger Herr, ſo eben wurde dieſer Brief für Sie abgegeben, ſo be⸗ greifſt Du nicht, wie es möglich iſt, daß dieſer Anfänger bei Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde. 283 der ſo unbedeutenden Sache ſich ſo linkiſch benehmen kann, und daß er ſtatt mit einem decidirten Schritte aufzutreten, nur hereintrippelt, und ſtatt mit ruhiger Miene laut und deutlich zu ſprechen, zuerſt nach Luft ſchnappt, wie ein Fiſch auf trockenem Sand, und dann vielleicht ſagen wird: Gnä⸗ diger Brief, dieſer Herr da draußen, oder etwas mehr oder minder Gelungenes. Du würdeſt das natürlicher Weiſe beſ⸗ ſer machen. So lieſ't man wenigſtens aus manchem Achſel⸗ zucken und manchem mitleidigen Lächeln aus der Maſſe der Zuſchauer. Glaube mir aber, geneigter Leſer, es iſt für Man⸗ chen ein furchtbarer Augenblick, ſo zum erſten Male vor die gewiſſen Lampen treten zu müſſen, die in der Wirklichkeit in einer ſchönen geraden Linie am Proſcenium flammen, für den aber, welcher ſie in dieſem entſcheidenden Augenblicke ſieht, ganz beſondere Schlangenlinien beſchreiben und mit einer er⸗ ſchreckenden Lebhaftigkeit auf und ab zu hüpfen ſcheinen, hin⸗ ter ſich das Publikum beleuchtend, Kopf an Kopf, wogende, murmelnde Maſſen, ein wild bewegtes Meer, das ſo gerne geneigt iſt, ein neues Opfer zu verſchlingen. Für Herrn Bander war dieſer furchtbare Augenblick ge⸗ kommen, und als er dicht an der Scene, an der Couliſſe ſtehend, hinausſchaute, kam ihm alles ſo ganz anders vor als auf der Probe oder als noch vor wenigen Augenblicken. Jedes der alten bekannten Geſichter von den Sängern und vom Chor ſchien einen andern Ausdruck angenommen zu haben, hatte etwas Fremdartiges, ſchien mit ſtarren Augen nach der Couliſſe zu blicken, wo er ſtand, und ſich mit dem Vorgefühl zu beſchäftigen, es müſſe ſich im nächſten Augenblicke etwas Schreckliches begeben. „Eins, zwei, drei, vier!“ zählte Herr Richter. 8 4 * 8 4 8 —— 8 —— 8— 284 Achtzehntes Kapitel. Selbſt der Kalif, der bis jetzt in finſterem Gleichmuthe dem Tanze der Odaliskenſchaar zugeſchaut, ſchien einen ban⸗ gen Blick auf Herrn Bander zu werfen— ſo kam es dieſem wenigſtens vor— und fuhr mit der Hand über die Stirne, als fühle er ſie auffallend heiß werden. „Fünf, ſechs, ſieben, acht!“ zählte der pünktliche College weiter, und das Herz Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's, welches den Takt der lebhaften Muſik in halben Noten begleitet hatte, ſchlug auf einmal Viertel und ging, während jener fortfuhr: neun, zehn, elf, zwölf zu zählen in haſtigen Achteltakt über. Wenn nur die Janitſcharenmuſik hinter der Scene nicht gar ſo toll gelärmt hätte! So aber übertönte ſie förmlich die Muſik des Orcheſters und ließ ihn kaum die Tonart unter⸗ ſcheiden, in welche er im nächſten Augenblicke einſetzen mußte. Von der Stirne des Debutanten rieſelte der Schweiß herab und verlor ſich tropfenweiſe in dem dicken ſchwarzen Barte, den man um ſein Kinn und ſeine Wangen geklebt, das fühlte er wohl, und trotz der großen Aufregung, welche ſein ganzes Nervenſyſtem erſchütterte, ſtieg auf einmal ein Gefühl in ihm auf, als ob dieſer falſche Bart ſich loslöſen müſſe und von ihm herabfallen, ſo wie er vor Soliman ſtände. Dieſer ſchreckliche Gedanke raubte ihm faſt den letzten Reſt ſeiner Sinne, und es war noch ein Glück für ihn, daß er ſeinen treuen Richter hinter ſich hatte— zwanzig! zählte dieſer nun, und darauf fühlte Bander den angekündigten leich⸗ ten Puff, der ihn vorwärts ſchob. „Hinaus, hinaus!“ flüſterten die Ulemas, und er ſprang von einem tauſend Fuß hohen Thurme in ein wild brauſen⸗ des, an Klippen ſchäumendes Meer hinab. So war das Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamets dunkle Stunde. 285 Gefühl, mit welchem er nach vier ſchlecht ausgeführten Schrit⸗ vor den grimmig blickenden Kalif Soliman trat. Im Schauſpiel kann man ſchon eine Pauſe riskiren, man ne Anrede herausbringt, wohl einen Augen⸗ blick ſtumm daſtehen. Iſt der, mit welchem man zu thun hat, ein routinirter Schauſpieler und dabei ein wohlwollender Menſch, ſo wird er uns durch eine Pantomime unterſtützen, durch eine Handbewegung, welche zum Beiſpiel ſo viel ſagt als: Sprich mein Sohn! Ja er kann noch mehr thun, kr kann für uns ſprechen: ich verſtehe deine Miene, ich leſe aus den verzerrten Zügen deines bleichen Geſichtes, daß die Feinde vor den Thoren ſind. Bei einer Oper aber, wo ten kann, ehe man ei der Takt der Muſik unerbitt⸗ lich fortſchreitet, iſt kein Anhalten, kein Verweilen möglich; die Violinen klingen, die Hörner ſchmettern, der Contrebaß brummt, das tobt und rauſcht durch einander, und es iſt das gerade, als triebeſt du auf wild bewegtem Strome einem Waſſerſturze zu, der dich in der nächſten Sekunde mit hinab⸗ reißen muß in ſeine unergründlichen Tiefen. Selbſt der Capellmeiſter, der Mann, der mit ſicherer Hand und hochge⸗ ſchwungenem Taktirſtock das Ganze regiert und leitet wie der Reiter ein wohldreſſirtes Pferd, muß geſchehen laſſen, was da geſchieht, und wenn ihm ſelbſt eben ſo gut wie dem Sänger da droben der helle Angſtſchweiß auf Es iſt wie in der Schlacht: „Die Pferde ſchnauben und ſetzen an, Liege, wer will, mitten in der Bahn, Sei es mein Bruder, mein leiblicher Sohn, Zerriß' mir die Seele ſein Jammerton, Ueber ſeinen Leib hinweg muß ich jagen, Kann ihn nicht ſachte bei Seite tragen.“ der Stirne perlt.— 5 “ ——— 8 —— 4 —— 3 286 Achtzehntes Kapitel. Und hinter dem Orcheſter ſitzt das Publikum, und lacht und ziſchelt und reckt die Hälſe und lieſ't den Zettel und richtet ſeine tauſend gläſernen Augen gegen das Opfer, wel⸗ ches nun auf der Bühne erſchienen iſt. Das iſt alſo der angehende Sänger? flüſtert ein Nachbar dem andern zu, bleich genug ſieht er aus.— Und ſchlecht angezogen iſt er. — Wie er mit den Armen ſchlottert und mit gebogenen Knieen geht.— Da erleben wir etwas.— Ein ſchönes Ober⸗ haupt der Ulemas; er hat furchtbare Angſt, wie ein ſchlechter Soldat in der Schlacht— der hinter ihm iſt, muß ihn or⸗ dentlich vorſchieben.— Jetzt öffnet er den Mund. „Der Mufti uns befohlen hat,“ hätte nun der unglückliche Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet ſingen ſollen, da er aber nur den Mund öffnete und keinen Ton hervor⸗ brachte, ſo erbarmte ſich der Chor der Ulemas ſeiner und ſang Solo und Chorſtimme alles durcheinander, doch richtig wie es geſchrieben ſtand, und ſo wäre dieſe Scene auch ohne be⸗ ſondere Störung vor ſich gegangen, wenn ſich nicht der un⸗ glückliche Debutant etwas Weniges ermannt hätte, um ſo wie er den Vorhang im Hintergrunde ſich bewegen ſah, ſein Allah! heraus zu ſchreien. Leider aber verfehlte er den Takt und irrte ſich auch, wie man in der muſikaliſchen Welt zu ſagen pflegt, um eine dicke Schwingung in der Tonart. Im Publikum wurde gelacht, und ſelbſt ein ziſchender Ton drang zu den Ohren des unglücklichen Oberhauptes der Ulemas. Da erſchien Fatime, und das Publikum empfing ſeinen Liebling mit einem raſenden Applaus. Hätte ſich der Debutant, durch dieſen Beifallsſturm ge⸗ deckt, leiſe zwiſchen die Reihen der Ulemas zurückgezogen, ſo Sidi⸗ben⸗Aben⸗Hamet's dunkle Stunde. 287 wäre noch alles gut gegangen, doch konnte er es nicht ertra⸗ gen, ſo vor ihren Augen gänzlich zu verunglücken, und was er im Sange gefehlt, hoffte er durch ein ausdrucksvolles Spiel wieder gut zu machen. Deßhalb als er ſein Allah! hinaus ſchrie, trat er, ſo viel Schrecken und Entſetzen auf ſeinen Mienen zeigend, als ihm nur möglich war, mit dem linken Fuße einen ſo ungeheuren Schritt zurück, und trat ſeinen Freund Richter ſo furchtbar auf ein Hühnerauge, daß dieſer, obgleich im Singchor an Selbſtüberwindung gewöhnt, doch ein halblautes: Kreuzdonnerwetter! ertönen ließ und ſei⸗ nen ſchmerzenden Fuß ſo heftig zurückzog, daß er den armen Sidi-⸗ben⸗Aben⸗Hamet nothwendiger Weiſe aus dem Gleich⸗ gewicht bringen mußte. Da dieſes unglückliche Oberhaupt der Ulemas im ſelben Augenblicke aber auch ſchwunghaft mit ſeinem Oberkörper zurückwich, ſo verlor er das Uebergewicht und ſtürzte mit einer entſetzlichen Behendigkeit, den Kopf rückwärts voran, in die Tiefen der Ulemas, die für ihren Chef in dieſem furchtbaren Augenblicke nicht das Geringſte thun konnten. An ein Aufhalten dieſer niederſtürzenden Bombe war nicht im Geringſten zu denken, und erſt als der unglück⸗ liche Debutant unter dem kränkenden Gelächter des Publi⸗ kums zur Ruhe gekommen war, ſcharten ſich die Ulemas dicht um ihn herum, und Herr Richter, ſo wie der lange hagere Choriſt griffen lebhaft zu, um ihn vom Boden emporzuheben und mit ſo wenig Aufſehen wie möglich hinter die Couliſſen zurück zu ſchleppen. Es war noch ein Glück für ihn, ſo wie für die ganze Vorſtellung, daß Roſa gerade auf der Bühne ſtand. Einen Augenblick zuckte etwas wie die Idee von einem Lächeln über ihr ſchönes Geſicht, nicht ſowohl hervorgerufen durch den 3— 1* 1—— 3 —— 2. ——“ 288 Achtzehntes Kapitel. Fall des jungen Mannes als durch den furchtbar verzerrten Geſichtsausdruck des Kalifen Soliman, welchen er zu zeigen genöthigt war, um ein lautes, für den großen Sultan ſehr unanſtändiges Lächeln darunter zu verbergen. Später ſagte Herr Benzenberger zu dem unglücklichen Debutanten:„Und wenn Sie mein Bruder wären, ſo müßte ich Ihnen geſtehen, daß ich nie etwas Komiſcheres ſah, als das förmliche Rad, welches Sie rückwärts zwiſchen die Ule⸗ mas hinein ſchlugen.“ Das Publikum benahm ſich wie häufig bei ſolchen Fällen; ein großer Theil kachte, Wenige ziſchten, aber eine noch ge⸗ ringere Anzahl fühlte ein Mitleiden mit dem jungen Mann, deſſen Laufbahn wenigſtens vor der Hand durch dieſen Fall jählings unterbrochen worden. „Ich habe nie ſo was Hölzernes geſehen,“ ſagte ein junger Lieutenant, der ſelbſt ausſah, wie ein bunt angemal⸗ tes Bleiſtift, und ein Anderer ſetzte hinzu:„Stürzt das Scheu⸗ ſal in die Wolfsſchlucht!“ Damit war die Sache abgemacht, denn Fatime trat nun in ihrer entſchiedenen Haltung vor das Publikum, und der halb lächelnde halb ſpöttiſche Ausdruck ihrer großen dunkeln Augen, mit dem ſie während einiger Sekunden das ganze Haus überſchaute, ließ in allen deſſen Theilen die gewohnte Ruhe und geſpannte Aufmerkſamkeit wiederkehren. Schon nach den erſten ſo eleganten, wie graziöſen Be⸗ wegungen, die ſie machte, war die Scene von vorhin ver⸗ geſſen, und das ganze Publikum wandte Augen und Gedanken ſeinem Lieblinge zu.