— eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöf ſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Li Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rütkg be eines Feliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. 8—r Zeit zines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannes Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe defeben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Büchert 6. Büe her: —— ruf 1 Monat: 4 8 Mt.— Pf N Mk. 5— 3 4— 5. Auswärtige Ab onnenten haben für Sin. und Zusückſendung der Bücher auf Sihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Indem Madame Schoppelmann ihren Kaffee bereitet, erfahren wir aus fortgeſetzten Geſprächen während dieſes Geſchäfts, daß eine ſchöne Tochter ſchwer zu hüten iſt..... Drittes Kapitel. Madame Schoppelmann erhält einen Beſuch, bei welcher Ver⸗ anlaſſung wir eine merkwürdige Epiſode aus ihrem Leben zu hören bekommen.— Ein ziemlich lehrreiches Kapitel Niertes Kapitel. Worin neue Perſonen vorkommen, wie das zu Anfang einer Geſchichte meiſtens der Fall iſt, auch Unterredungen ver⸗ ſchiedener Art, jungen Leuten aufs Beſte zu empfehlen 21 34 46 Engen Stillfried. Hackländer, Eugen Stillfried. I. 4 18 Erſtes Kapitel. daß kein Gärtner ein ſolches gut zuſammengeſetztes Bouquet anzu⸗ fertigen im Stande ſei, wie ihre Katharina. Es war alſo noch ſehr früh am Morgen; das Holz auf dem Heerde praſſelte, der Waſſerkeſſel ſummte, und Madame Schop⸗ pelmann vervollkommnete dies zu einem Terzett, indem ſie eine gewaltige Kaffeemühle handhabte und den Schwengel derſelben raſſelnd herumdrehte. Nahe beim Eingange ſaß der älteſte Sohn, Fritz, der Fuhrmann; er hatte beide Arme auf den Tiſch geſtemmt und ließ das Haupt darauf ruhen. Er war vollſtändig angezogen, und ſeine ſchweren Schuhe und Leder⸗Gamaſchen, ſowie das dunkelbraune Wamms, dicht mit Staub bedeckt, zeigten deutlich an, daß er heute Nacht über Land geweſen war. Jetzt richtete er ſich langſam in die Höhe, ſchob ſeine kleine Ledermütze auf das rechte Ohr und ſagte:„Da iſt nichts zu machen, die Anderen verderben uns alle Preiſe. Ich hätte Euch die Artiſchoken gern mitgebracht und auch beſſere Melonen; aber ein ſolches Sünden⸗ geld dafür hinlegen, das habe ich nicht über's Herz bringen können.“ „Und wer hat ſte dir denn wieder vor der Naſe weggekauft?“ fragte barſch die Mutter. „Nun, wer denn ſonſt, als unſer Nachbar, der alte Sün⸗ der! Kam mir ſchon hohnlachend aus der Gärtnerei entgegen und unterſtand ſich, mir zu ſagen, wenn ich Artiſchoken oder Melonen wolle, könne ich ſie von ihm kaufen. Das Vieh! Aber der lauft mir noch einmal des Nachts in den Weg.—— Wenn ich nur Alles ſo genau wüßte!“— Mit dieſen Worten ſchlug der Fuͤhr⸗ mann ingrimmig auf den Tiſch, und dann ſpie er vor ſich nieder auf die Erde. Die Mutter ſchien ihren Zorn über den verfehlten Melonen⸗ und Artiſchokenkauf an ihren Kaffeebohnen auslaſſen zu wollen, — „ —— Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 19 denn ſte drehte darauf los, daß die armen, halbzerquetſchten Bohnen die verzweifeltſten Verſuche machten, der Kaffeemühle zu entſpringen. „Und du haſt deinen Bruder nachher nicht mehr geſehen?“ fragte die Frau.„Weißt du nicht, ob er auf das Schloß Wolfs⸗ berg gegangen iſt? Ich habe es ihm wenigſtens ſo anbefohlen; man läßt dort die großen Teiche ab, und ich brauche für die näch⸗ ſten Tage ſo viele Karpfen und Aale, als ich bekommen kann!“ „Ich glaube, er gieng dorthin,“ erwiederte der Fuhrmann. „Auch wollte er ſich nebenbei nach Feldhühnern umſehen.“— Dabei lächelte er verſchmitzt in ſich hinein. „Was das Umſehen anbelangt,“ nahm die Mutter ſehr ernſt das Wort,„ſo hoffe ich nicht, daß er ſich in den Feldern umſteht. Hat gewiß wieder ein Gewehr bei ſich verſteckt! Ich will's ihm ſchon ſagen, wenn er nach Hauſe kommt. Habe wahr⸗ haftig keine Luſt, jede Woche wegen euch vor Gericht geladen zu werden! Das ſag' ich dir ein für alle Mal, und du kannſt dir's merken und deinem Bruder mittheilen: wenn ſte euch wegen eurer Geſchichten einmal ernſtlich einſperren, da thue ich keinen Schritt, weder mit guten Worten, noch mit Geld, und wenn ſie euch bis zum letzten Tage ſitzen laſſen!“— Dabei ſtreckte die Frau ihren dicken, musculöſen Arm weit von ſich, als wolle ſte ſagen:„Das iſt abgemacht!“ Der Kaffee ſchien auch gemahlen zu ſein; denn ſie zog die Schublade der Mühle heraus, und nachdem ſte ſich überzeugt, daß alle Bohnen gehörig zerrieben ſeien, ſchüttete ſte das Mehl in eine auf dem Heerde ſtehende rieſenhafte Kaffekanne. Der Sohn hatte ſeinen Arm wieder auf den Tiſch geſtützt und murmelte während deſſen etwas in ſich hinein von ewigen Plagereiei und Schindereien, und daß das ſchlechte Volk es nicht unterlaſſen könnte, ſie beſtändig anzugeben.„Wenn ich aber oder 2* —— Zweites Kapitel. „Da hätte man viel zu ſagen!“ gab der Bruder achſelzuckend 6 zur Antwort; vich weiß nichts und will nichts wiſſen!“ 6 V„Was willſt du nicht wiſſen und was weißt du?“ fragte haſtig Katharina. Der Bruder aber dachte, daß es beſſer ſei, vor der Hand den beiden Frauenzimmern gegenüber an einen klugen Rückzug zu denken, und verſuchte dieſen zu bewerkſtelligen, indem er ſagte: „Nun, ich will mich gerade in nichts Genaueres einlaſſen; das ſollte mir fehlen!“ „Sprich gerade heraus!“ entgegnete das Mädchen,„ſag', 1 was du willſt und was du weißt!“— Darauf riß ſte eifrig an b dem Schnürriemen und zog dann ihren Ueberrock zuſammen, um dem Bruder auch in ihrem Aeußeren gerüſteter entgegen treten zu können. „Laß mich in Frieden!“ ſagte dieſer.„Nun ja, wenn man den ganzen Tag gereizt wird und es nur über uns beide hergehen ſoll, das kann man ſich auch nicht immer gefallen laſſen und das wollen wir auch nicht. Und daß dagegen die Katharine Euer b Schooßkind iſt, das weiß die ganze Welt, und daß ſte thun und treiben kann, was ſie will, das weiß wieder die ganze Welt. Aber warte nur!“ „Und worauf ſoll ſie warten? du böſes Maul!“ entgegnete Madame Schoppelmann und rührte langſam in dem Kaffee, den V ſte vorhin aufgegoſſen. b Das Mädchen aber, kräftig und feſt wie ein Mann und dabei geſchmeidig wie ein Aal, näherte ſich mit größter Lebhaftig⸗ V keit dem Tiſche, an dem der Bruder ſaß, legte ihre volle, aber feine Hand auf denſelben, beugte den Oberkörper vor und ſah ihm feſt in die Augen.„Es iſt das ſchon öfter vorgekommen, daß du und dein ſauberer Bruder den Verſuch machten, der Mutter — Eine ſchöne Tochter iſt ſchmer zu hüten. 23 allerlei Spinnen in den Kopf zu ſetzen, und immer hinter meinem Rücken. Auch heute haſt du wohl gedacht, die Katharine iſt noch lange nicht bei der Hand, ſonſt wäreſt du nicht mit deinen bös⸗ artigen Redensarten losgegangen, darauf könnte man ſchwören. Aber jetzt rathe ich dir im Guten, Fritz, ſage gerade heraus und unumwunden, worauf du vorhin angeſpielt; denn ich bin doch wahrhaftig neugierig, endlich einmal zu erfahren, was ich für einen Lebenswandel führe!“ „Das möchte ich auch wiſſen!“ ſetzte die Mutter hinzu. ſchloſſenen Stimme, und näherte ſich in ihrer ganzen breiten Geſtalt, beide Arme in die Seiten geſtemmt, ebenfalls dem Tiſche. „Laßt mich in Frieden!“ ſagte barſch der Fuhrmann;„von Lebenswandel habe ich auch gar nicht geſprochen.“ „Wovon denn?“ fragte heftig Katharina und beugte den Kopf ſo herab, daß ihre großen, dunkeln Augen wenige Zoll von den grauen, unſteten ihres Bruders entfernt waren und ihn feſt zu bannen ſchienen. Er fuhr zurück und lehnte ſich dann in ſeinen Stuhl, wobei er ein außerordentlich luſtiges Lachen erheuchelte, indem er hoffte, ſich ſo aus der Affaire zu ziehen. Doch waren die beiden Damen nicht geſonnen, ihn dieſes Mal ohne gründliche Beichte entwiſchen zu laſſen. Katharina, welche dieſer beſtändigen Sticheleien hinter ihrem Rücken müde war, wußte ganz genau, um was es ſich eigentlich handle, und war überzeugt, wenn der Bruder auch wirklich etwas vorbringen würde, daß ſie doch im Stande ſei, ſich vor der Mutter heraus⸗ zureden und damit den ewigen Neckereien ein plötzliches und raſches Ende zu machen. — — Zweites Kapitel. Der Bruder aber brach, durch die lange Weigerung, ſeine Anklage vorzubringen, dieſer ſelbſt die Spitze ab, und die Mutter mußte natürlicher Weiſe denken, wenn er wirklich etwas wüßte, ſo würde er ſich nicht ſo lange ſperren, damit heraus zu rücken. Und doch bedurfte es noch mancher außerordentlich heftigen Auf⸗ forderung von Seiten der Schweſter, ſowie eines nicht ganz ge⸗ linden Schlages der Mutter auf den Tiſch, um den einigermaßen V eingeſchüchterten Fuhrmann zu bewegen, das, was er wußte, von ſich zu geben.„Es iſt die alte Geſchichte,“ ſagte er achſelzuckend, „die Ihr aber nie glauben wollt, Mutter, ſo oft man Euch auch ſchon davon geſprochen— der Blumenhandel von Katharine.“ „ und was geht dich mein Blumenhandel an?“ ſagte ver⸗ ächtlich das Mädchen und richtete ſich mit ihrer anſehnlichen Ge⸗ ſtalt ſtolz in die Höhe.„Bekümmere dich um deine Gänſe und Enten!“ „Ja freilich,“ entgegnete lachend der Bruder,„geht mich 6 dein Blumenhandel nichts an; ich bin auch, Gott ſei Dank! keiner von jenen jungen Offizieren zu Fuß und zu Pferd, die das Pflaſter auf dem Markt zu Schanden trampeln, mit Schleppſäbel und Federhut, und dann bin ich ja auch nicht die ſchöne Katharine, wie ſie dich heißen. Ha! ha! Und noch viel weniger gäbe ich nur einen Groſchen um das beſte Bouquet von dir, und wenn du... es mir auch ſelbſt an den Rock ſtecken thäteſt.“ 3„Wem iſtecke ich Blumen an den Rock?“ ſagte heftig und erhitzt das Mädchen;„wem? du Läſtermaul!“ „Nun, nun,“ entgegnete der Bruder,„das thuſt du freilich 3 nicht Vielen, aber wenn ich auch ſo ein—— junger Menſch wäre, mit dem braunen Frack, hohen Hemdkragen und darunter e ein violet ſeidenes Tuch, und wenn ich ſo ein blaſſes, lieder⸗ liches Geſicht hätte, wie gewiſſe Leute mit hinaufgewichstem blon⸗ Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 25 dem Schnurrbart, da käme es dir nicht darauf an, mir eine Roſe ins Knopfloch zu ſtecken. He, Jungfer Schoppelmann? he, ſchöne Katharine?“ „Von wem ſpricht denn der Bub' eigentlich?“ ſagte die Mutter und ſtieß ihre Tochter mit dem dicken Ellbogen an den Arm.„Das ſind auch gewiß nur wieder von ſeinen dummen 1 Phantaſieen! Nicht wahr, Katharine?“ Die Sache mußte doch nicht ſo ganz auf der Phantaſte des Bruders beruhen; denn als er ſo von dem braunen Frack und dem blonden Schnurrbart ſprach, zuckte das Mädchen ganz leiſe zuſammen, und die glühende Röthe ihrer Wangen wich einer augenblicklichen Bläſſe, die, auf der hohen Stirn anfangend, ſich mit Blitzesſchnelligkeit bis auf die heftig athmende Bruſt fortſetzte. „Nun, Katharine,“ wiederholte die Mutter,„was will er b damit ſagen? Leg' ihm ſeine böſen Reden!“ „Sie wird ſie mir nicht legen!“ ſagte triumphirend der Bruder und trommelte mit ſeinem Meſſer auf den Tiſch.„Siehſt du, Kätherle, es iſt beſſer, wenn du nicht ſo herausfordernd thuſt!“ „Und was willſt du damit ſagen?“ rief die Mutter und ſtützte beide Arme auf den Tiſch;„was ſoll das heißen?“ —„Ja, das möchte ich auch wiſſen,“ ſagte Katharina,„was und wen er damit gemeint hat!“ „Was und wen?“ lachte der Fuhrmann.„Was? den ) Blumenhandel, und wen? einen gewiſſen Herrn Eugen;z die ⸗ r Jungfer Katharine kennt ihn ſchon.“ „Du kennſt ihn ſchon?“ ſagte die Mutter und blickte die Tochter bedenklich an. 4 —-— . 3 . 4 Zweites Kapitel. Doch Katharina lachte ſtatt aller Antwort laut hinaus, und es gelang ihr, recht unbefangen zu lachen.„Eugen! Eugen!“ ſagte ſie alsdann;„nun ja, das iſt möglich, daß einer von den vielen Herren, die von meinen Blumen kaufen, Eugen heißt, auch daß er vielleicht oft kommt, ſich Sträuße zu holen.“ „So oft,“ rief der Bruder dazwiſchen,„daß die ganze Stadt davon ſpricht. „Ei, Katharine,“ ſagte die Mutter ſehr ernſt,„da fällt mir auch etwas ein, was man mir neulich geſagt— ich weiß nicht mehr recht, welche von den Weibern es war— ja, ja, die ſagte mir wahrhaftig etwas Aehnliches. Nimm dich in Acht, Katharine, vor dem Gerede der Leute und vor deiner Mutter! Jetzt komme ich auf einmal wieder klar auf die ganze Geſchichte; ja, ja, es iſt ſchon was Wahres daran, was der Fritz ſagt.“* „Nicht wahr, Mutter?“ „Und ich werde dir den ganzen Blumenhandel noch legen,“ fuhr dieſe fort.„Meiner einzigen Tochter was nachſagen zu laſſen, das ſollte mir fehlen! Ja, ja, wer hat es mir nur geſagt? Katharine, nimm dich in Acht! Ich glaube— wenn ich mich nicht ganz irre— es hieß, der nichtsnutzige Sohn der verwitt⸗ weten Staatsräthin Stillfried ſtreiche den ganzen Vormittag um deine Körbe herum.“ „So iſt's, Mutter,“ ſagte der Fuhrmann,„der liederliche Herr Eugen, der iſt's! Und daß an der Sache was Wahres iſt, könnt Ihr deutlich an Eurer Jungfer Tochter abnehmen. Hat ſie nicht vorhin gethan, als wenn ſte mich freſſen wollte, und jetzt iſt ſie mäuschenſtill geworden?“ Das Maädchen warf den Kopf trotzig in die Höhe und ließ auf den Bruder einen Blick unbeſchreiblicher Verachtung blitzen. Dann ſagte ſte:„Es iſt freilich am beſten, wenn man deine Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 27 dummen Reden unbeantwortet läßt; ich will mich auch gar nicht darum kümmern. Sag', was du willſt, und wenn dir die Mutter am Ende wie gewöhnlich glaubt, ſo kann ich auch nichts dagegen haben. Ich werde doch thun und laſſen, was mir gefällt, denn ich bin kein Kind mehr und weiß ſchon, was ich zu thun habe.“ — Damit wandte ſte ſich vom Tiſche weg und gieng wieder ins Nebenzimmer, deſſen Thüre ſie eben ſo heftig, als ſie ſie geöffnet, wieder hinter ſich zuſchlug. „Seht Ihr, wie ſie trotzig iſt, obgleich ſie mir nichts Rech⸗ tes zu antworten weiß!“ ſagte der Bruder;„ja laßt der nur allen Willen, und Ihr werdet genug Freude an ihr erleben!“ Madame Schoppelmann gab keine Antwort, ſondern gieng an den Heerd, nahm von dort die große Kaffeekanne und ſetzte ſie auf den Tiſch; dann langte ſte vom Kamingeſims einige Taſſen herunter, die ſte daneben ſtellte, nahm aus einem Wandſchrank einen Teller, worauf ein friſches Stück Butter in einem Kohl⸗ blatte eingewickelt lag, und ſtellte das nebſt einem großen Stück Brod daneben. Aber obgleich ſte das Geſpräch von vorhin nicht laut fortſetzte, ſo ſah man doch ihrem Mienenſpiel an, daß ſie dieſe Geſchichte nicht ganz gleichgültig aufnahm, ſondern viel⸗ mehr eifrig darüber nachdachte. Zuweilen ſchüttelte ſie den Kopf, ſeufzte auch wohl gelinde auf, und als ſie das Frühſtück herge⸗ richtet hatte, ließ ſie ſich mühſam auf einen breiten, ſchweren Stuhl an dem Tiſche nieder und legte, ſtatt zuzulangen, die Haͤnde in den Schooß. „Haſt du,“ fragte ſie nach einer Pauſe,„deine Schweſter vorhin nur necken wollen, wie es unter euch Mode iſt, oder ſagt man wirklich in der Stadt etwas über ſie und jenen Herrn Eugen?“ Zweites Kapitel. „Allerdings ſagt man etwas!“ entgegnete beſtimmt der Bruder und goß ſich eine Taſſe Kaffee ein.„Und man ſagt ſogar recht viel über Herrn Eugen und Jungfer Katharine, über die ſchöne Kathaxina, wie die Leute ſie nennen.“ „Ueber mein Kind!“ ſagte ernſt die Mutter.„Aber Katha⸗ rine,“ fuhr ſie nach einer Pauſe eifriger fort und ſchüttelte die Hand,„weiß gewiß nichts davon, ſie iſt ganz unſchuldig. Doch dem Herrn Eugen ſollte man das legen.“ „Ja, wenn ich's ihm nur legen dürfte!“ ſagte der Fuhr⸗ mann und ſchnitt ſich ein ungeheures Stück Brod ab; nich wollte es ihm ſo legen, daß er ſich ſelbſt mit legen müßte. Soll ich ihm vielleicht einmal in den Weg laufen und ein Wort mit ihm ſprechen?“ „Nein, nein,“ ſagte die Mutter, vdas iſt keine Sache für deine Hände. Gott ſoll mich bewahren! Darin will ich ſchon meine eigenen Gänge machen. Der Katharine will ich den Kopf ſchon zurecht ſetzen, und wenn die Frau Staatsräthin eine recht⸗ ſchaffene Dame iſt, ſo wird ſie mit ihrem Sohne das Gleiche thun. Laß mich nur machen.“ Der Bruder wollte noch Einiges entgegnen, doch bat ihn Madame Schoppelmann, jetzt gefälligſt ſein Maul zu halten, denn ſie wolle ihren Kaffee in Ruhe trinken. Nach einigen Augenblicken kam auch Katharina wieder aus dem Nebenzimmer hervor, jetzt vollſtändig angezogen, einfach, in einer Tracht, die zwiſchen denen der Dienſtmädchen guter Häuſer und der Bürgerstöchter die Mitte hielt. Von jenen hatte ſie das ſchwarze nette Mieder entlehnt, von dieſen den langen Rock, und der Schnitt des ganzen Kleides paßte ſo gut zuſammen und war in den Farben ſo geſchmackvoll gewählt, daß Jedermann, der dieſer vollen, prächtigen Geſtalt mit dem friſchen, blühenden „ I b Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 29 Geſichte begegnete, unwillkürlich ſtehen bleiben und zu ſich ſelbſt ſagen mußte: Das iſt in der That ein ſchönes Mädchen! Die Familie, durch den vorherigen Streit etwas verſtimmt, wechſelte während des Kaffeetrinkens nicht ein einziges Wort, und es wäre ſolcher Geſtalt im Gewölbe ſehr ſtill geweſen, wenn nicht in dieſem Augenblicke ungefähr ein Dutzend Weiber nach und nach eingetreten wären, die ſich auf den Steinen am Heerd und den davorſtehenden Stühlen ziemlich geräuſchvoll nieder⸗ ließen. Obgleich dieſe Weiber Colleginnen, wenn gleich ärmere und unbedeutendere Colleginnen der Madame Schoppelmann waren, ſo wagte doch keine, die feierliche Kaffeeſtunde durch eine laute Frage an jene Frau zu unterbrechen, vielmehr begnügten ſich alle mit einem ſtummen Gruße, der von Madame Schoppel⸗ mann ebenſo ſtumm, wenn gleich etwas vornehmer, erwiedert wurde. Unter ſich dagegen ſprachen die Weiber bald leiſe, bald lauter, und es herrſchte eine lebhafte Unterhaltung, welche ſich natürlicher Weiſe nur um ihr Geſchäft, den Gemüſe⸗ und Obſt⸗ handel, drehte. Jetzt hatte Madame Schoppelmann ihren Kaffee mit der bedeutenden hierzu gehörigen Menge von Brod und Butter zu ſich genommen⸗ ſie rückte ihre Haube zurecht, erhob ſich dann ſchwerfällig von ihrem Sitze, wobei ſie ihre beiden Arme auf den Tiſch ſtützte, daß er krachte. Dann trat ſte mit einer gewiſſen Würde und Feierlichkeit an den Heerd in den Kreis jener Weiber, die ſich darauf ehrfurchtsvoll von ihren Sitzen erhoben. Nach einer kleinen Pauſe, während welcher die Weiber erwartungsvoll zu Madame Schoppelmann aufblickten, ſetzte dieſe den rechten Arm in die Seite und fragte mit einer ſehr wichtigen Stimme:„Wie chaut's heute Morgen auf dem Markte aus?“ 30 Zweites Kapitel. „So, ſo!“ entgegnete eines der Weiber;„es iſt im All⸗ gemeinen nicht zu viel und nicht zu wenig da, gerade was die Stadt braucht.“ So köͤnnte man alſo,“ entgegnete Madame Schoppel⸗ mann,„die Preiſe vom vorigen Dienſtage im Allgemeinen feſt⸗ halten?⸗ „Wahrhaftig, man könnte ein wenig anziehen,“ erwiederte die Gefragte, und die Anderen nickten mit dem Kopfe und mein⸗ ten auch, es wäre nicht unthunlich, die Preiſe etwas zu erhöhen. „Sie wird am beſten wiſſen, Frau Schoppelmann,“ ſagte eine Zweite,„daß es in dieſer Woche eine Menge Geſchichten in der Stadt gibt; ein paar große Hochzeiten weiß ich, einige tüch⸗ tige Kindtaufen ebenfalls.“ „Und in den beiden erſten Gaſthöfen,“ ergänzte Madame Schoppelmann,„ſind heute und morgen große, extra beſtellte Diners. Ja, ja, das iſt ſchon wahr.— Wie ſieht's draußen mit der Butter aus?— Es kann nicht übermäßig viel da ſein.“ „Daran fehlt's wirklich,“ antwortete die, welche zuerſt ge⸗ ſprochen,„es fehlen mehrere von den gewöhnlichen Lieferanten.“ „Denen ich ihre ganze Ladung im Voraus abkaufte,“ ſagte ſtolz die dicke Frau und blickte ehrfurchtgebietend um ſich.„Und da demnach der Vorrath nur gering ſein kann, ſo können wir mit der Butter ſchon um einige Kreuzer aufſchlagen.“ Die Weiber lächelten vergnügt und ſchauten die Frau Schoppelmann mit Mienen an, welche deutlich ſagen wollten: „Welch eine Frau!“ „Mit den Eiern,“ fuhr dieſe fort,„iſt es gerade ſo; es können unmöglich zu viel auf dem Markte ſein.— Sie ſollen's zahlen!“ „Natürlich!“ murmelten vergnügt die Weiber. Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 31 „Alſo Butter und Cier,“ fuhr die Herrin dieſer Viktualien⸗ börſe in beſtimmtem Tone fort,„werden un einen Kreuzer theurer gehalten, als am letzten Markttage, und danach richten ſich Obſt und Gemüſe. Was die kleineren Früchte: Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, anbelangt, ſo beruft man ſich auf die Hagelwetter der vergangenen Woche, ſowie auf die Faul⸗ heit der Bauernkinder, die gar nichts hereinbrächten. Was die neuen Kartoffeln und die Gemüſe betrifft, ſo vergeßt mir die Kartoffelkrankheit und die Würmer nicht. Es kann nichts ſcha⸗ den, wenn ihr in jeden Korb ein paar Schnecken werft, nament⸗ lich in den Salat, und ſie den Köchinnen zeigt. Es ſeien dieſes Jahr unzählige, ſagt man, und ſie freſſen alles Grüne ab, wie O& es eben aus dem Boden heraus kommt. Dafür aber ſucht eure Waare ſorgfältig aus, und wenn man euch vorwirft, ihr wäret 4 theurer als am vorigen Markttage und als manche Andere, die nicht zu uns gehört, ſo beruft euch erſtens auf mich und dann auf die Güte eurer Sachen. Aber laßt mich nie erfahren, daß Jemand unter der Hand wohlfeiler verkauft und ſo das ganze Geſchäft ruinirt!— Hat jemand die Frau Weber geſehen?“ „O, das iſt eine verſtockte Frau!“ ſagte eines der Weiber; „denkt nur, als ich hieher gieng, rief ſte mir zu: Geht nur zu eurer Frau Schoppelmann und macht dort eure Geſchichten aus, ich thue doch, was ich will, ich verkaufe nach meinen eigenen Preiſen, und wenn ich auch darüber zu Grunde gehen ſoll! Ja, geht nur zur Schoppelmann!“ 3„Das kann ihr geſchehen!“ ſagte dieſe.„Hat ſte nicht neu⸗ lich die verrückte Idee gehabt und einige Haſen zum Verkaufe ausgelegt, kleine, miſerable Dinger, und wollte ſie um ſechsund⸗ dreißig Kreuzer verkaufen! Die meinigen— ſchöne, ſchwere— a waren zu achtundvierzig angeſetzt; aber ich habe ſie an dem Tage 32 Zweites Kapitel. zu vierundzwanzig gegeben, und Madame Weber hat die ihrigen ſelbſt eſſen können.“ „Ja, ja!“ jubelten die Weiber;„ſo iſt es ihr ergangen, und wir wollen ſte ſchon noch kriegen!“— Damit erhoben ſte ſich von ihren Sitzen, um an ihr Geſchäft zu gehen. „Haltet mir eure Preiſe feſt und macht mir keine Geſchich⸗ ten!“ Mit dieſer Mahnung entließ die Oberin des Gemüſemark⸗ tes ihre Colleginnen und hob die Börſe auf. Die Weiber verließen die Halle und giengen durch den Hof auf die Straße, nicht ohne unterwegs neugierige und auch wohl neidiſche Blicke auf die großen Haufen Gemüſe, auf die zahl⸗ reichen Hühner und Enten und auf die fetten Ferkel zu werfen. Der Fuhrmann hatte unterdeſſen ebenfalls ſein Frühſtück beendet, ſtopfte ſich eine Pfeife und gieng in den Hof, nach ſeinen „Pferden und ſeinem Geſchirr zu ſehen. Katharina holte aus dem Nebenzimmer einen großen, zier⸗ lich geflochtenen Korb, den ſte mit Beihülfe der Mutter mit dem feinſten und ſchönſten Obſt anfüllte; oben hinauf legte ſie ihre Blumenſträuße; die Mutter gab ihr Verhaltungsbefehle, ermahnte ſte, die beiden Mägde draußen, die vorläufig bei den Gemüſen und Früchten waren, wohl im Auge zu behalten und nicht weg⸗ laufen zu laſſen. Dann half ſte ihr den ſchweren Korb empor⸗ heben; Katharina nahm ihn leicht und gewandt auf ihren Kopf, und als ſie ſo dahinſchritt, das ſchöne Mädchen mit der ſchlanken Taille, mit der rechten Hand zierlich den Rand des Korbes hal⸗ tend, mit der linken ihre Röcke ein klein wenig erhebend, damit ſte auf dem Hofe nicht beſchmutzt würdd ſo hätte man glauben können, ſte thue das alles nur zu ihrem rgnügen, um ihre kräftigen und doch eleganten Körperformen ſehen zu laſſen, oder ſte ſei aus einem Bilde hervorgegangen, auf welchem der Maler — Eine ſchöne Tochter iſt ſchwer zu hüten. 33 mit kunſtreicher Hand das Ideal eines weiblichen Weſens mit den glühendſten Farben hingezaubert. Auch die Mutter ſah ihr mit einem Gefühle des Stolzes und der Befriedigung nach, und dann ſchüttelte ſie mit dem Kopfe, wenn ſie an jene Rede ihres Sohnes dachte. Auch fiel ihr jetzt klar und deutlich ein, daß man ſchon früher von dieſer Sache geſprochen, ſte gewarnt und ihr dabei geſagt, ſie ſolle die ſchöne Katharina hüten, denn jener Herr Eugen, einer der lockerſten Pflaſtertreter der Reſtdenz, beſchäftige ſich in ſeinen immerwährenden Freiſtunden damit, ihrer Tochter auffallend die Cour zu machen. „Wir wollen das ſchon arrangiren!“ ſagte die Frau für ſich und begab ſich daran, ihr Kaffeegeſchirr zu ſpülen und Kannen und Taſſen, Butter und Brod wieder an ihrem gehörigen Ort unterzubringen. Doch war ſie mit dieſem Geſchäfte noch nicht ſehr weit ge⸗ kommen, als ein neuer Beſuch bei ihr eintrat. Hackländer, Eugen Stillfried. I. Drittes Kapitel. Madame Schoppelmann erhält einen Beſuch, bei welcher Veranlaſſung wir eine merkwürdige Epiſode aus ihrem Leben zu hören bekommen.— Ein ziemlich lehrreiches Kapitel. . Dieſer neue Beſuch, ein Frauenzimmer in der Tracht der Buürgertöͤchter, war eine lange, dürre Geſtalt, angethan mit einem Kattunkleid von zarter hellblauer Farbe. Auf dem Kopfe trug ſte eine Haube, mit Roſabaͤndern verziert, und in der Hand hatte ſie einen Sonnenſchirm von blaſſem, ſeegrünem Seiden⸗ zeuge, an den Händen aber weiße baumwollene Handſchuhe. Das Geſicht dieſer Geſtalt paßte eigentlich durchaus nicht zu den eben genannten jugendlichen, friſchen Farben, wäre vielmehr in einer Umhüllung von Grau und Schwarz weit beſſer an ſeinem Platze geweſen. Es war ein langes, mageres Geſicht, mit dün⸗ nen, wenig gerötheten Lippen und großen, faſt glanzloſen Augen von einer Farbe, als hätte man Vergißmeinnicht in Milch gekocht. Dieſes Frauenzimmer trat ziemlich lebhaft, ja ſogar auf⸗ geregt in das Gewölbe der Frau Schoppelmann. Es war eine Eine merkwürdige Epiſode. 35 jener Aufregungen, von denen man wünſcht, daß ſte von unſeren Nebenmenſchen gleich bemerkt werden, eher eine künſtliche, als eine wirkliche. Die Dame in dem blauen Kleide, die offenbar mit der Gemüſehändlerin befreundet war, warf ſich, wie erſchöpft, in einen Stuhl und ſeufzte einige Mal aus tiefſter Bruſt. Doch wurde es ihr nicht ſo leicht, die Aufmerkſamkeit der Madame Schoppelmann, wie ſie wohl gewünſcht, ſogleich zu erregen. Dieſe würdige Frau war zu ſehr mit ihrem Geſchirr be⸗ ſchäftigt, überhaupt von einer zu großen Gemüthsruhe, um zu bemerken, daß ihr Beſuch ſehnlich gewünſcht, ſte möchte ſogleich fragen:„Um Gottes willen, was iſt Ihnen denn begegnet?“ Erſt nachdem jene wiederholt einige tiefe herzbrechende Seufzer gethan, dabei ſehr auffallend geſchaudert, wandte ſich die Ge⸗ müſehändlerin, die ihr gleich Anfangs einen guten Morgen ge⸗ boten, von dem Heerdfeuer ab, um ſie zu fragen, ob ſie nich ganz wohl ſei. 5 Statt aller Antwort ſchüttelte die blaue Dame ihr mageres Köpfchen, ließ es dann nach der Gegend der Bruſt zu ſinken und ſagte:„O lieber Gott!“ „Nun, was ſoll's denn, Jungfer Strebeling?“ fragte ver⸗ wundert die Gemüſehändlerin, welche, mit dem Abtrocknen ihrer Kaffeekanne beſchäftigt, zufälliger Weiſe über dieſelbe hinaus⸗ ſchaute und auf dieſe Art das Manöver der ſehr ehrenwerthen Jungfrau bemerkte.„Nun, ſo ſprechen Sie doch! Was iſt Ihnen denn ſo gar Grauſames begegnet?“ „O lieber Gott!“ entgegnete die Andere und ſeufzte abex mals tief auf. „Nun, ſo reden Sie doch gerade heraus! Hat man Ihnen was gethan, iſt Ihnen was geſtohlen worden, haben Sie mit 3* 36 Drittes Kapitel. Ihrer Frau Schweſter Streit gehabt?— So ſprechen Sie doch! Nun?2 „O lieber Gott!“ wiederholte das geängſtigte blaue Weſen; aber in dem Ton und der Stimme, womit ſte dieſen Ausdruck wiederholte, lag es deutlich, daß es das nicht ſei, was ihr zartes Gemüth beängſtige. „Haben Sie Kopfſchmerzen?“ „O liehet Gött!“ „sſt Ihnen denn überhaupt was paſſirt?“ „O lieber Gott!“ „Und wollen Sie etwas ſagen?“ „O lieber Gott!“ „ Nun, ſo reden Sie ins Kukuks Namen! denn ich bin wahrhaftig nicht im Stande, Ihr Gefaſel zu errathen! Oder wenn Sie nichts ſagen wollen, iſt mirs auch recht. Ich kann das Gewinſe ſo nicht recht vertragen, Jungfer Strebeling, das wiſſen Sie; alſo wenn Sie mich damit verſchonen wollen, iſt mirs ganz recht.“ „O lieber Gott!“ gab die alte Jungfer verſchämt zur Ant⸗ wort und hielt den meergrünen Sonnenſchirm vor ihr gelbliches Geſtcht, welches dadurch eine wunderbare Schattirung erhielt. Die dicke Frau aber beſchäftigte ſich, ohne ſich um ihren Beſuch weiter zu bekümmern, mit dem Ausſpülen ihrer Taſſen, und die rappelten in dem Kübel durch einander, und das Waſſer plätſcherte, oder es ziſchte zuweilen laut auf, wenn die Frau in ihrem Amtseifer etwas auf den heißen Heerd ſpritzte. Sie that gerade, als ſei Niemand gegenwärtig, und ihr, die ſie die Jungfer Strebeling genau kannte, mochte es auch wohl einerlei ſein, eine von deren lamentablen Geſchichten zu vernehmen. ! ☛ ⸗ Eine merkwürdige Epiſode. 37 Die Jungfer Strebeling war nämlich bekannt dafür, daß ſie das Leben ſtets von der Schattenſeite auffaſſe, und daß ihr der Tag als verloren erſchien, ihr ungenießbar vorkam, den ſte nicht mit ihren Thränen beträufelt. Dabei wußte ſie nicht immer, weßhalb ſie weine; denn in Ermangelung eines wirklichen Schmerzes weinte ſte über einen trüben Sommertag, über eine todte Fliege, über ein lautes Wort der Nachbarſchaft und der⸗ gleichen mehr. Sie war eine ehrbare alte Jungfeng hoch in den Vierzigen; ihr Vater, ein ſeliger Schneidermeiſter, hatte ihr ein kleines Vermögen hinterlaſſen, von dem ſie leben konnte, aber dabei ſo wenig Vorzüge des Körpers, daß es noch ne einem männlichen Weſen eingefallen war, von der Jungfer Strebeling die kühne Vermuthung aufzuſtellen, als ſei auch ſie zur Liebe ge⸗ ſchaffen. Sie hatte eine verheirathete Schweſter, ein unzartes Weſen, mit der ſie nicht gern verkehrte; denn dieſe hatte ihr eines Tages die abſurde Zumuthung gemacht, ſie, die Jungfer Stre⸗ beling nämlich, möchte doch die Güte haben, einen Knopf an den Hoſen ihres Schwagers feſtzunähen. Schaudernd wa ſie nach Hauſe entwichen, und das eben Erzählte, ſowie ähnliche, wenn auch minder ſtarke Angriffe auf ihre Sittſamkeit hatten ihre zarte Seele ſo in den leichten Körper hineingeſchüchtert, daß ſie am liebſten allein war, und daß ſie in dieſer Einſamkeit ſich als die größte Seligkeit ausmalte: ach, wenn ich doch katholiſch geboren wäre und in ein Kloſter gehen dürfte! Ihr— davon war ſie feſt überzeugt, könne nach jahrelanger Buße der Heiligenſchein nicht entgehen, und ſchon jetzt kam ſie ſich wie ein vollkommen reiner, geſchlechtsloſer Engel vor. Das einzige Sündhafte oder vielmehr Irdiſche, was dieſem geläuterten Weſen noch anklebte, war eine geringe weltliche Eitelkeit in Betreff ihrer Kleidung. Nicht als ob ſte Aufwand und Lurus gemacht hätte— Gott be⸗ Strebeling, ausziehen, eine andere Wohnung nehmen?“ 38 Drittes Kapitel. wahre! aber ſte konnte ſelbſt Tage lang darüber weinen, nachdem ſte ein buntfarbenes Kleid gekauft, oder glänzende Bänder für ihre Haube, und konnte durchaus nicht begreifen, woher dieſe ſündhafte Neigung komme.— Ach, gewiß nur von den vielen bunten Lappen, die ihr Vater, der ſelige Schneidermeiſter, in die Hölle fahren ließ, und ſie begriff ſelbſt nicht, weßhalb ſie ihr Aeußeres nicht vor den Blicken der Welt analog ihrem Inneren darſtellte: Grau in Grau ſchattirt. Jungfer Strebeling— ſie hatte von ihrer gefühlvollen Mutter in der Taufe den zarten Namen Clementine erhalten — hatte heute Morgen wirklich etwas auf dem Herzen und mußte jetzt ſich ſchon entſchließen, damit aus freien Stücken heraus zu rücken; denn ſie bemerkte wohl, wie Madame Schoppelmann nicht die geringſte Anſtalt machte, ſte nochmals darum zu befragen. „Ach,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„ich war bis jetzt ſo gern hier in dem Hauſe bei Ihnen zur Miethe, werthe Madame Schop⸗ pelmann, auf meinen beiden kleinen, heimlichen Zimmern hinten heraus, wo man nichts bemerkt, als die lieben grauen Mauern des Rebenhauſes, darüber ein Stückchen blauer Himmel, wenn es nicht gerade regnet, und das goldene Kreuz der Spitalkirche, freundlich darüber hinglänzend— in hoc signo.“ „In was?à fragte die Gemüſehändlerin. „O lieber Gott, ich mein's ja nur ſo!“ fuhr Clementine fort;„aber ich war in dieſem Hauſe ſo gern, ſo unendlich gern, daß es mir Schmerz machen würde, es verlaſſen zu müſſen. u „Aluf dieſe Anrede hin, die der dicken Frau unerwartet kam, ließ ſie die eine Hand mit dem Spüllappen herunter ſinken, ſtemmte die andere in die Seite und ſagte in lang gedehntem Tone:„Wa— a— 8? Sie wollen unſer Haus verlaſſen, Jungfer Eine merkwürdige Epiſode. 39 „Das habe ich eigentlich noch nicht geſagt,“ entgegnete Clementine mit ängſtlicher Stimme;„vielmehr meinte ich, es würde mir außerordentlich ſchwer fallen, wenn ich dieſes Haus verlaſſen müßte.“ g „Ja ſo!“ entgegnete beruhigt die Gemüſehändlerin.„Aber ins Kukuks Namen! wer will Sie denn zwingen, dieſes Haus zu verlaſſen? Jemand, der ſo ruhig iſt, wie Sie, und ſeine Miethe ſo pünktlich bezahlt, der wird gewiß von keinem Haushe⸗ ſitzer moleſtirt.“ „O lieber Gott!“ entgegnete die alte Jungfer;„aber andere Umſtände zwingen mich.“ „ „Andere Umſtände?“ ſagte erſtaunt die Gemüſehändlerin; doch lachte ſie gleich darauf ſo laut und gewaltſam hinaus, daß Clementine zuſammen fuhr und eines der kleinen Ferkel welches ſich unter dem Kaffeetiſche beſchäftigte, erſchrocken und grunzend in den Hof hinaus fuhr.— „Nun, kommen Sie endlich zur Welt mit Ihrem dummen Zeug!“« ſagte nach einer Pauſe die gutmüthige dicke Frau.„Was hat's denn gegeben?—— Na, ſo reden Sie einmal frei von der Leber weg!“ „O lieber Gott!“ ſagte nach einer längeren Pauſe ſchüchtern die alte Jungfer.„Neben meinem Schlafzimmer war bis jetzt ein anderes Zimmer, das längere Zeit leer ſtand.“ „Richtig, das grüne mit dem Alkoven.“ „Da hinein zog vor acht Tagen eine Choriſin des Saf. Theaters.“ „Ganz richtig, ganz richtig! eine ledige Perſon.“ Statt zu antworten, ſchuttene Clementine verſchämt mit dem Kopfe. * 40 1 Drittes Kapitel. „Es iſt doch eine ledige Perſon,“ fuhr Madame Schoppel⸗ mann fort,„was ſoll denn Ihr Kopfſchütteln bedeuten?“ „Sie muß doch wohl nicht ganz ledig ſein,“ ſagte die ge⸗ ingſtigte Jungfrau mit unſicherer Stimme,„denn ich höre zu⸗ weilen eine Männerſtimme ſprechen.“ „Nun ja doch!“ entgegnete ruhig Madame Schoppelmann; „ſie iſt abe boch ledid Das wird nur ihr Liebhaber geweſen ſein.¹ „„Madame ühanpelmann. n ſagte Clementine empfind⸗ ich und mit gerechter Entrüſtung. *„Et freilich,“ entgegnete die dicke Frau,„und davon wollen Sie ſo ein Aufheben machen? Das wird Sie doch wohl nicht fireN „O, das ſtört mich ſehr!“ ſagte die alte Jungfer, nach⸗ dem ſie ſich Muth gefaßt, dieſe Worte lauter auszuſprechen;„das ſtört mich recht ſehr, das kann ich nicht ertragen!“ „Nun, nun, liebes Kind,“ ſagte die Gemüſehändlerin,„das iſt der Lauf der Welt, und am Ende haben Sie ſich doch geirrt. Man muß nicht immer das Aergſte von den Leuten glauben. Ich will mit der Choriſtin ſprechen, ſie ſoll ihr dummes Zeug laſſen; aber geben Sie Acht, Jungfer Strebeling, Sie haben ſich gewiß geirrt!“ Clementine ſchüttelte wehmüthig ihr Köpfchen, doch war dieſer Gegenſtand für ſte zu zart, um ihn nochmals zu berühren. Auch nahm ſtie es als einen ſüßen Troſt, daß ſie ſich in Betreff der Männerſtimme vielleicht doch geirrt haben könnte. Aber daß ſie heute Morgen geſehen, mit ihren beiden Augen geſehen, wie eben jene Choriſtin auf der Treppe, auf der gemeinſchaftlichen Treppe, die auch ihr Fuß betreten mußte, einen jungen Mann geküßt, das erzählte ſie jetzt der Gemüſehändlerin, und es that Eine merkwürdige Epiſode. 41 ihr in innerſter Seele weh, daß Madame Schoppelmann über dieſe ſchreckliche Geſchichte nicht außer ſich gerieth, vielmehr ruhig ihre dicken Achſeln zuckte und ſagte 8 „Ja, mein liebes Kind, man kann in dieſer Welt nicht nach allen Fliegen ſchlagen. Etwas Unangenehmes gibt es in jedem Hauſe, und hei mir iſt es doch wahrhaftig ſehr ſtill, ſehr behag⸗ lich!— Denken Sie ſich nur, Jungfer Strebeling, wenn Sie in eine Straße zögen, wo z. B. das Militär voͤrbei zieht, wo die Unteroffiziere herumflankiren, wo die Offiziere zu Pferd bei den Fenſtern vorbeireiten und in alle Häuſer hiuein ſchauen, wo Sie den ganzen Tag die wilden Trommeln und Regimentsmuſiken hören müßten, wo Ihnen vielleicht gegenüber ein unternehmender Ladendiener wohnte, der Ihnen Abends neugierig⸗ins Fenſter blickte!“ Clementine ſchauderte. „O, wenn Sie in ein Haus zögen, wo viele junge Herren zur Miethe wohnen, die Nachts um zwölf Uhr nach Hauſe kom⸗ men, oder die bei ſich ſpielen und trinken und dazu allerhand läſterliche Lieder ſingen! Ja, das ſollten Sie erſt erleben! Und wo der Hausherr ſich um gar nichts bekümmert, oder noch oben⸗ drein darüber lacht, wenn die jungen Leute den Nebenwohnenden allerlei Schabernak aufführen.“ „Und das kommt zuweilen vor,“ fragte ſchüchtern die alte Jungfer,„daß ſolche ſchreckliche Leute ein ehrbares Frauenzimmer beläſtigen?“ „O, das kommt ſehr oft vor,“ antwortete wichtig die Ge⸗ müſehändlerin;„und wiſſen Sie, Jungfer Strebeling, Sie ſind eine zarte Perſon, Sie können ſich nicht helfen. Aber ſehen Sie einmal mich an, ich war freilich nicht immer ſo dick, wie jetzt, aber nehmen Sie meine Katharine. Nun, ich war vielleicht in 42 Drittes Kapitel. den Jahren noch einmal ſo ſtark, und wer von mir eine Ohrfeige bekam, der wußte davon zu erzählen. Nun, alſo denken Sie ſich, mich ſogar ließen ſie nicht in Frieden! Ich habe damals in einem Hauſe in der Lederſtraße gewohnt, ledig wie Sie— ehe ich nämlich den ſeligen Schoppelmann heirathete— und da wohnten neben mir auch ſo ein paar Galgenſtricke, und jeden Sonntag Morgen kam der ſelige Schoppelmann, mich zum Spaziergang abzohdlen, und das wußten dieſe Gauner. Was thun ſie einmale Sie gehen des Samſtags Nachts, als ich ſchon lange zu Hauſe⸗ war, her, und einer ſtellt mir vor meine Kammer⸗ thür ne Stlefel neben meine Schuhe, und da mag man ſagen, was man will, das ſieht verdächtig aus. Und den anderen Moßgen warte ich auf den ſeligen Schoppelmann, und er kommt nicht, und ich wartenoch eine Stunde, und er kommt immer nicht. Und wie ich endlich zum Fenſter hinausſchaue, da ſteht er an der Straßenecke mit einem langen Geſicht, wie Butter an der Sonne, und ſchaut immerwährend mein Haus an. Ich winkte ihm natürlicher Weiſe, aber ich mußte ihm lange winken, bis er endlich kam, und dann machte er ein Geſicht— nun, das will ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen— und ſagte mit ganz trotzigem Tone, als ich ihn fragte, warum er heute Morgen nicht gekommen, mich abzuholen: Margarethe, ſagte er, ich war ſchon einmal da, aber vor deiner Thüre ſah ich etwas, was mir durchaus nicht gefallen wollte— wiſſen Sie, Jungfer Stre⸗ beling, die Stiefel nämlich neben meinen Schuhen— und ich erwiederte ihm ganz ruhig: Schoppelmann, Er iſt ein Narr, ver⸗ . ſiehl Er mich? und wir wollen ſchon ſehen, wem die Stiefel ge⸗ hören! Weiß Er was, fang Er einmal tüchtig an, mit mir zu ſchreien und zu ſchimpfen! Und das that denn auch der ſelige Schoppelmann, ſo gut als möglich; aber darin konnte er nie Eine merkwürdige Epiſode. 43 etwas leiſten. Und als er ſo eine Zeit lang fortgeſchrieen und endlich ſtill wurde, hörte ich ſie im Nebenzimmer lachen, und dann machte einer langſam drinnen die Zimmerthür auf und ſchlurfte in den Strümpfen auf den Gang hinaus bis vor meine Stube, um ſeine Stiefel wieder zu holen. Ich aber hatte meine Stuben⸗ thür ein ganz klein wenig geöffnet und ſtreckte langſam die ge⸗ öffnete Fauſt hinaus; und wie ich ſie nun ſo plötzlich wieder zu⸗ mache und darin etwas Lebendiges zappeln fühm, ſo ziehe ich es zu mir herein, und was war es, Jungfer Strebeling?— ſo ein kleiner miſerabler Ladenſchwengel! ein gebrechliches Ding, kaum vier Fuß hoch, und ſah aus wie ein geſpaltener Rettig⸗ und war blaß und zitterte, wie ich es vor mich hinſtellte, und die Sktel hielt er in ſeiner Hand, und ich fragte ihn: Wem gehüren di 6 Stiefel, du Ding? und er antwortete: Mir— mir— ich will Sie aber gewiß in meinem ganzen Leben nicht mehr plagen, Jungfer Margarethe! Und darauf lachte der ſelige Schoppelmann und ſagte: ⸗Es iſt abgemacht, Margarethe, ſei ſo gut und wirf das Ding vor die Thür!— Und draußen lag er mit ſammt ſeinen Stiefeln.— Ja, ſehen Sie, Jungfer Strebeling, ſo was gkſchah mir als lediger Perſon in fremden Häuſern, und jetzt denken Sie ſich, was das wilde Volk erſt mit Ihnen anfangen würde!“ Bei dieſen Worten ſtellte ſich die Gemüſehändlerin in ihrer ganzen, breiten, koloſſalen Geſtalt wie zum Vergleich vor die alte Jungfer hin und gab damit den eben geſagten Worten den voll⸗ kommenſten Nachdruck. Dieſe beiden weiblichen Weſen verhielten ſich aber auch in der That zu einander, wie ein dicker Laubfroſch mit heller, weit hinſchallender Stimme zu einer dünnleibigen, ängſtlich flatternden, leiſe ſumſenden Muͤcke. „Nein, mein liebes Kind,“ ſagte der Laubfroſch— wir wollten ſagen: die Gemüſehändlerin— und legte ihre fleiſchige, Drittes Kapitel. ſchwere rechte Hand vertraulich auf die Schulter der armen Mücke, daß ſie faſt zuſammenbrach;„laſſen Sie ſich dergleichen gar nicht anfechten! Das mit der Choriſtin ſind Kleinigkeiten, wiſſen Sie, da kann man nichts machen; aber wenn Ihnen einmal Jemand ernſtlich in den Weg träte und Ihnen nur das Geringſte zu Leid thun wollte, da kommen Sie zur Frau Schoppelmann, die nimmt es nicht blos mit einer Choriſtin auf, ſondern das kann ich Ihnen verſichern, ſelbſt mit dem ganzen Hoftheater, wenn es nothwendig wäre. Da ſeien Sie ganz ruhig.“ „O lieber Gott!“ ſeufzte Clementine nach einer Pauſe, ndas weiß. ich ganz genau und erkenne es auch dankbar an, wie Sie mich in jeder Hinſicht beſchützen. Aber hier— damit zeigte ſte auf ihr Herz— thut einem doch ſo etwas ſehr weh. Ach, ein Mädchen fühlt ſo zart in dem Punkt!“ „Verſteht ſich!“ ſagte gutmüthig die dicke Frau;„aber man muß Jedermann ſeine Freiheit laſſen. Man muß an ſich ſelbſt denken; wer weiß, wer weiß, Jungfer Strebeling, es iſt noch nicht aller Tage Abend, auch Sie werden ſchon noch einmal einen Liebhaber auf die Treppe begleiten!“ „O lieber Gott, Frau Schoppelmann!“ „Denken Sie an mich!— Tanzen kann ich freilich nimmer, aber tüchtig eſſen und trinken werde ich gewiß noch auf Ihrer Höchzeit. Na, laßt die Geſchichte gut ſein! Mit der Choriſtin werde ich übrigens auch ein ernſtes Wort reden; jetzt muß ich aher auf meinen Markt und nach meinen Sachen und meinem dnde ſehen.— Brauchen Sie ſonſt was, Jungfer Strebeling? 8s Obſt?“⸗ „Nur einige Blumen,“ ſagte die zarte alte Jungfer,„und die will ich mir ſelbſt bei der Katharine holen.“ Damit ſchwebte ſie zur Thüre hinaus. Eine merkwürdige Epiſode. 45 „Das wird ſie recht freuen!“ rief ihr die Gemüſehändlerin nach. Dann verſchloß ſie ihre Schränke, band ſich eine friſche weiße Schürze vor, rief ihrem Sohne, dem Fuhrmann, in den Stall hinein, er ſolle recht auf das Haus Acht haben, und gieng alsdann auf den Markt und ihren Geſchäften nach. Wohin ſie unter anderem gieng und worin dieſe Geſchäfte beſtanden, wird der geneigte Leſer im nächſten Kapitel erfahren. Viertes Kapitel. Worin neue Perſonen vorkommen, wie das zu Anfang einer Geſchichte meiſtens der Fall iſt, auch Anterredungen verſchiedener Art, jungen Leuten aufs Beſte zu empfehlen. In der Steinſtraße derſelben Reſtdenz, von der wir in den vorigen Kapiteln ſprachen, ſtand ein altes, ohrwürdiges Haus, welches das ſeltene Glück oder Schickſal gehabt hatte, daß es ſeit unvordenklichen Zeiten, wo es entſtanden, derſelben Familie, deren Stammvater es erbaut, verblieben war. Es ſah aber auch außerordentlich ſtolz und reſpektabel aus dieſes Gebäude. Vorn an der Straße präſentirte es einen rieſen⸗ haften Nebel, der mit zackigen Seitenwänden und in den kühnſten V Schnörkeln bis zur Spitze hinauf ſtieg, wo eine große, ſeltſam geformte Wetterfahne das Ganze krönte. Das Haus war von V unteſt bis oben maſſiv aus Stein gebaut, hatte unten kleine vergitterte Fenſter, die ein ſehr weites Treppenhaus beleuchteten, welches nach der Straße zu von einem großen Thor verſchloſſen V wurde. An dieſem Thore hatte die Phantaſie des Baumeiſters 2 Unterredungen verſchiedener Art. 47 in der Mitte einen außerordentlich großen Thurklopfer angebracht, der, mit einer Reihe von Zähnen verſehen, einem aufgeſperrten Maule glich, und dazu hatte er oben auf beiden Flügeln zwei runde Einſchnitte machen laſſen, die wie Augen ausſahen, was dem Thore vollkommen das Anſehen eines Rieſenhauptes gab. Namentlich Abends, wenn das Treppenhaus innen beleuchtet war, glänzte das Licht ſo unheimlich aus dieſen beiden Augen⸗ öffnungen, daß ſämmtliche Straßenjungen ſich ordentlich davor fürchteten und nur in einem großen Bogen bei dem alten Hauſe vorbei giengen. Alsdann ſchielten aber auch die beiden feurigen Augen in der That ſo ſonderbar den Voruͤberwandelnden an und ſchienen ihm zu folgen, ſo weit er das alte Thor im Geſicht behalten konnte. Im Innern war dieſes Haus nach alten Begriffen wohn⸗ lich, ja prächtig eingerichtet. Die Treppen, welche in die oberſten Stockwerke führten, waren maſſto aus Eichenholz, und Geländer und Pfoſten beſtanden aus kunſtreich geſchnitzten Figuren. Die Zimmer waren hoch, einige ſogar gewölbt, die Dacken reich mit Stuccaturarbeiten verſehen, die Wände mit alten Ledertapeten bedeckt, und Fußböden und Getäfel beſtanden aus hartem, ganz dunkelbraun gewordenem Holze. Dies alles zugleich mit der Stille, welche über dem alten Hauſe ruhte, gab ihm etwas Oedes, ja Unheimliches, und wenn Jemand die Treppen hinaufſchritt und ſich zufaͤlle⸗ räu⸗ ſperte, ſo klang das durch das ganze Haus, und in allen Ecken und Wiatan niesten unſichtbare Naſen im hohlen Echo nach. Still war dieſes Haus über alle Beſchreibung, und aus dem einzigen Grunde, weil in allen den weitläufigen Stockwerken nur eine einzige Dame wohnte, die jetzige Beſitzerin, die ver⸗ wittwete Staatsräthin Stillfried. Dieſe— eine Dame hoch I Viertes Kapitel. den Fünfzigen— hatte ihre Zimmer im zweiten Stock und lebte ſehr ruhig und eingezogen. Ihre Dienerſchaft wohnte theils unten, theils im vierten Stock, und da dies meiſtens alte und lang⸗ gediente ruhige Leute waren, ſo machten ſie in dem ſtillen Hauſe eben ſo wenig Spektakel wie ihre Gebieterin. Der alte Staatsrath Stillfried war ſchon vor langen Jahren geſtorben. Er hatte einen einzigen Sohn hinterlaſſen, und die Wittwe, eine ſehr ſchöne, ſtattliche Frau, ſchien große Luſt zu haben, ſich wieder zu verheirathen. Die ganze Stadt be⸗ zeichnete auch ſchon ihren zweiten Mann, und das war ein da⸗ mals junger Advokat, der ſchon zu Lebzeiten des ſeligen Staats⸗ rathes in deſſen Hauſe wohlgelitten war. Aber es kam zu keiner zweiten Heirath. Das Warum, ſo ſehr es die Köpfe aller Neu⸗ gierigen beſchäftigte, wurde nicht bekannt, und das war mancher alten Klatſchſchweſter um ſo unangenehmer und unerklärlicher, weil, trotzdem, daß die Staatsräthin ihren Hausfreund nicht heirathete, dieſer doch nach wie vor ins Haus kam, und weil ſelbſt nach langen Jahren das freundſchaftliche Verhältniß zwi⸗ ſchen den Beiden durchaus nicht abzunehmen ſchien. Der Doktor Werner, welcher unterdeſſen zum Juſtizrath ernannt worden war, verwaltete das Vermögen der Staatsräthin, wie er ſchon zu Lebzeiten ihres Gemahls gethan, nach wie vor, ſpeiste wöchent⸗ lich verſchiedene Mal in dem Hauſe, fuhr mit der alten Dame ſpazieren, kurz, er galt ſowohl bei der Dienerſchaft als auch bei den Leuten der Stadt, die ſich darum bekümmerten, für das Fak⸗ totum der Staatsräthin und für den Allgewaltigen dieſes reichen Hauſes. Wenn wir vorhin von der Verwaltung des Vermögens ſprachen, ſo verſtehen wir natürlicher Weiſe nur das eigene Ver⸗ mögen der Staatsräthin, welches ſte mit in die Ehe gebracht, 4 8 Unterredungen verſchiedener Art. 49 das aber an ſich ſehr anſehnlich war. Das Erbe des Vaters war einem einzigen, nun majorenn gewordenen Sohne ausbezahlt worden und belief ſich auf eine Rente von vielleicht zehntauſend Gulden jährlich. Obgleich der Juſtizrath Werner, wie ſchon geſagt, in dem Hauſe der Staatsräthin unumſchränkt ſeine Befehle ertheilte und überhaupt handelte, wie es ihm geſiel, ſo kann man dagegen nicht behaupten, daß ihn die Dienerſchaft deßhalb hiezu berechtigt hielt oder ihm gern und willig dieſes Recht zuerkannte. Wenn ſte auch ſeinen Befehlen Folge leiſten mußte, ſo geſchah es mit großem Widerwillen, den ſich die Aelteſten dieſer Dienerſchaft, ergraute, erprobte Leute, zu verhehlen auch durchaus keine Mühe gaben. Die Staatsräthin hatte den zweiten Stock ihres Hauſes, deſſen Zimmer früher ſo beſtanden wie die des erſten Stockes, für ſich wohnlicher einrichten laſſen. Die alten dunklen Tapeten hatten freundlicheren, helleren Platz gemacht, die ſchweren Möbel waren mit leichten, nach neuerem Geſchmacke vertauſcht worden; kurz, die ganze Wohnung hatte man nach unſeren Begriffen elegant und comfortabel⸗ hergeſtellt. Die großen Fenſter mit ihren tiefen Niſchen hatte man allerdings nicht ändern können; doch verwandelte der Geſchmack der Staatsräͤthin dieſe früher etwas finſteren Winkel in angenehme Ruheplätze, und auf einem derſelben⸗ welcher einen freien Blick über einen großen Theil der Stadt geſtattete, war ihr Lieblingsſitz, wo ſich denn auch die alte Dame den größten Theil des Tages aufhielt. Es war ein kühles heimliches Plätzchen, die dicken Mauern des Hauſes er⸗ laubten der Sonne nur, ſich von außen auf die Scheiben zu lagern und, ſtatt in übermäßiger Hitze einzudringen, dieſes Plätze chen ſanft zu erwärmen. Ein weicher violetſammtner Fauteuf Hacklander, Eugen Stillfrieb. J. 4— 4 — —— —— ee — —— 50 Viertes Kapitel. ſtand in der Vertiefung dieſes Fenſters, vor demſelben ein kleiner Tiſch, worauf Bücher und Zeitungen lagen, mit welchen ſich die Staatsräthin beſchäftigte, wenn ſie es müde war, auf die Straßen hinab zu ſchauen oder auf die Berge, die, mit Wäldern gekrönt, rings die Stadt umgaben. Die Dienerſchaft der Staatsräthin führte ein äußerſt be⸗ hagliches Kben; ſie war nicht zahlreich und beſtand nur aus einem alten Kutſcher, einem Manne an die Sechszig, einem eben ſo alten Bedienten, der bei dem ſeligen Staatsrathe die Stelle eines Kammerdieners verſehen, einer Köchin und einem Stuben⸗ mädchen, welches letztere zugleich die Verpflichtung hatte, der Staatsräthin vorzuleſen, oder, ſo oft die alte Dame dies aus⸗ drücklich verlangte, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Dieſe ſämmtliche Dienerſchaft betrachtete ſich wie eine Fa⸗ milie und führte neben einem, wie ſchon geſagt, behaglichen auch ein ſehr einträchtiges und auf dieſe Art äußerſt vergnügtes Leben. Die große Küche im unteren Stockwerk des Hauſes war das Hauptquartier derſelben, und auch an dem Tage, an welchem unſere Geſchichte beginnt, finden wir ſte ſämmtlich dort ver⸗ ſammelt. Sonſt ſind gewöhnlich die Köchinnen außerordentlich eiferſüchtig und laſſen durchaus keine Entheiligung des Terrains zu, auf welchem ſie ihre Kunſt zu entfalten pflegen. Mit der alten Martha des ſtaatsräthlichen Hauſes dagegen war das ganz anders und wenn ſie ſo ganz allein in der Küche war, ſo befand ſte ſich in übler Laune, und kein Geſchäft gieng ihr recht von der Hand. Wenn aber, wie heute, ihre ſämmtlichen Getreuen um ſie her gruppirt oder beſchäftigt waren, ſo flog das Fleiſchmeſſer dder die Spickgabel in ihrer Hand, die Kartoffeln ſchälten ſich faſt von ſelbſt, und man hätte meinen können, das Geflügel ſei in einer ganz unerklärlichen Mauſer begriffen, denn die * — Unterredungen verſchiedener Art. 51 Federn ſtäubten nur ſo davon, und im Umſehen war es kahl und glatt. Martin, der Kutſcher, ſaß hinter der Thüre unten der alten Schwarzwälderuhr und flickte mit Beihülfe des Stubenmädchens an einer alten Pferdedecke, deren Riſſe und Löcher er mit aller⸗ hand buntfarbigem Zwirn aufs Kunſtreichſte zu vertilgen ſuchte. Er hatte eine Schwäche, einen Aberglauben für ſeine langge⸗ brauchten Stallrequiſtten, und hätte ſich um Alles in der Welt nicht dazu entſchließen können, ſeinen Pferden etwas ganz Neues aufzulegen. Ja, wenn er im Laufe der Zeiten einmal neue Geſchirre bekommen hatte, ſo mußten wenigſtens ein paar gebrauchte Riemen oder eine alte Stange mit hineingeſchnallt werden, ſonſt wäre Martin nicht auf den Bock geklettert. Der alte Jakob, zu Lebzeiten des Staatsrathes deſſen Kammerdiener und einziger Vertrauter— denn das zwiſchen dem Staatsrath und dem Doktor Werner anfangs beſtandene genaue Verhältniß hatte ſich in ſpäterer Zeit ziemlich gelöst— ſaß auf einem hölzernen Küchenſtuhle und hatte die heutige Nummer der Zeitung beendigt. Das Stubenmädchen aber half der Köchin Erbſen für den Mittagstiſch herrichten. „So, a ſagte der Kutſcher nach einem längeren Stillſchwei⸗ gen, während deſſen man nichts vernommen, als das Krachen der Erbſenſchoten und das Picken der Uhr, vjetzt hältgſe Ge hihe vieder für ein paar Monate.“ „Es wäre doch beſſer,“ meinte Jakob,„wenn Ihr b. einmal neue kaufen wolltet, Meiſter Martin. Weiß der Herr. wie lange ich nun ſchon die blau und ſchwarz geſtreiften Decken kenne! Das muß ja dem Vieh gar nicht mehr recht warm geben.“ 52 Viertes Kapitel. „Er hat ja ganz neue,“ entgegnete das Stubenmädchen lachend,„und die ſchnallt er den Pferden oben auf die alten Decken hinauf.“ Dieſe Bemerkung wurde von Seiten des Kutſchers mit einer Miene voll Geringſchätzung, ja faſt Verachtung beant⸗ wortet. Er zuckte die Achſeln und ſagte:„Na, Jungfer Nanett, Ihrer Jugend muß man ſchon etwas zu Gut halten.“ Das Stübenmädchen, bei Weitem die Jüngſte dieſer ehr⸗ würdigen Geſellſchaft, wurde in ſolchen ſtreitigen Fällen immer noch wie ein unmündiges Kind behandelt. Sie war vor etwa zwanzig Jahren in einem Alter von ſechszehn in das Haus ge⸗ kommen und die übrige Dienerſchaft konnte oder wollte nicht be⸗ greifen, daß man in zwanzig Jahren um eben ſo viel älter wird. Nach einer längeren Pauſe ſagte Jakob zum Kutſcher: „Geſtern habe ich zufällig unſeren jungen Herrn geſehen.“— Und auf dieſes Wort hin legte die Köchin ihre Arbeit aus der Hand und ſchaute fragend auf den alten Bedienten. „Ja, geſtern bin ich ihm begegnet,“ fuhr dieſer fort, nes iſt doch Jammerſchade um den Herrn.“ „Jammerſchade?“ ſagte die Köchin leidenſchaftlich;„o es iſt herzzerreißend, wenn man von guten Bekannten hört, was der unglückliche junge Menſch für Streiche treibt, und ich kann Euch verſtchern, man muß viel über ihn hören! Du gerechter Gott, was wäre aus dem Herrn nicht alles geworden, wenn der ſelige Staatsrath am Leben geblieben wäre! es gab kein folg⸗ ſameres und geſcheidteres Kind, als den kleinen Eugen. Und wenn man jetzt hört, was ſie alles in der Stadt über ihn ſagen, da muß es einem ordentlich weh thun, daß man ihn einmal anders gekannt.“ Unterredungen verſchiedener Art. 53 „Dummes Geſchwätz! brummte Jakob;„nun ja, man ſpricht genug über ihn, aber was kann man denn ſo Böſes von ihm ſagen? Jugend hat keine Tugend, und ein junger Menſch, der mit vierundzwanzig Jahren über zehntauſend Gulden jährlich zu befehlen hat, ſchlägt leicht über alle Stränge. Das iſt einmal nicht anders. Und was ihr Frauenzimmer einander erzählt, das iſt gar nicht einmal der Rede werth. Wenn er auch hie und da einem Mädel nachlauft, pah Sarum drehe ich keine Hand um.“ „Nun, recht iſt das doch gerade auch nicht antwortete die alte Köchin. „Aber das Schlimmſte iſt,“ ſagte Martin,„daß er nichts thut und nichts treibt, daß er all' das Viele, was er gelernt hat, wieder vergißt, und daß er kein ordentliches Geſchäft an⸗ fängt, ſondern ſein Geld auf eine wirklich erſchreckende und leicht⸗ ſinnige Art durchbringt. Zehntauſend Gulden jährlich, die alle in den Wind hinaus gehen, und er hat nicht einmal Wagen und Pferde!“. „Aber dafür deſto mehr gute Freunde“ ſagte bitter lachend der alte Diener,„die wie Blutegel an ihm hangen und ihn förm⸗ lich ausſaugen; denn was der junge Menſch von einer Freigebig⸗ keit iſt, von einer Herzensgüte und...“ „Von einem Leichtſinn,“ ergänzte Martha und ſchlug ge⸗ waltig und ingrimmig auf ein großes Stück Fleiſch los,„das iſt gar nicht an den Himmel zu malen.“ 1 Draußen wurde die große Hausglocke gezogen. Jakob, der ſich darauf hin ſchon halb von ſeinem Stuhle erhoben hatten ließ ſich langſam wieder nieder, zog eine kleine ſilberne Doſe aus der Taſche, nahm bedächtig eine Priſe und ſagte, nachdem er einen Viertes Kapitel. Blick auf die Schwarzwälderuhr geworfen:„Ah ſo! er wird es ſein! Da preſſtrts mir gar nicht.“ „Mir auch nicht,“ ſagte der Kutſcher und faltete ruhig ſeine Decke zuſammen. „Und mir erſt recht nicht,“ meinte lachend das Stuben⸗ mädchen. „Er muß das Warten ſchon gewohnt werden,“ brummte die Köchin und machte ein ungeheures Gepolter, indem ſie mit dem Stücke Holz, das ſie in der Hand hielt, mehr auf den Tiſch als auf das Fleiſch ſchlug. Draußen wurde aber zum zweiten Mal und heftiger ge⸗ klingelt. 2 „EG wirds doch nicht ſein,“ ſagte jetzt Jakob, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand und ſich der Küchenthüre näherte: ſo heftig ſchellte er niemals. Das geht alles langſam und ruhig, feierlich und abgemeſſen.“ „Ja, esemuß Jemand anders ſein,“ meinte die Köchin, „für ihn iſts noch zu früh. Geſchwind, Nanett, mache Sie die Hausthüre auf! Bleibe Er ſitzen, Jakob, das Mädel hat junge Beine.“ Nanette eilte gehorſam dieſem Befehle zur Küche hinaus, zog draußen den ſchweren Thürflügel auf und begleitete die Per⸗ ſon, welche zweimal geſchellt und welche halblächelnd meinte, man ſolle in einem ordentlichen Hauſe Niemanden zweimal ſchellen laſſen, nach der Küche. Dieſe Perſon aber war Niemand anders, als Madame Schoppelmann, die ſich nun in der Küche in ihrer ganzen Breite aufpflanzte und mit einem lächelnden Geſtcht ihre, dem Stuben⸗ mädchen ſo eben ertheilten Vorwürfe wiederholte.„Ei, ei!a ſagte ſie lachend,„da iſt die ganze Familie beiſammen und läßt Unterredungen verſchiedener Art. 55 mich zweimal ſchellen, und ſo eine arme, alte Perſon, wie ich bin, der das Stehen unendlich ſauer wird, muß draußen vor der Hausthüre warten, bis es den gnädigen Herrſchaften gefällig iſt. Das iſt ja ganz entſetzlich. Ja, Jakob,“ fuhr ſie lachend fort,„man wird alt, und da gilt man bei dem Mannsvolk nichts mehr. Ich weiß noch ſehr genau die Zeit, wo der damalige junge Jakob vier Treppen auf einmal herab ſprang, um der Jungfer Margarethe die Thüre aufzumachen. He! iſt bem nicht ſo?“ „Das kann ich in der That nicht läugnen,“ ſagte ebenfalls lachend der alte Diener.„Aber Ihr müßt gerecht ſein, Frau Schoppelmann: wie hätten wir Euch um zehn Uhr erwartet? Ihr kommt nie ſo ſpät, und wenn Ihr dagegen Morgens um acht Uhr an der Hausthüre ſchellt, ſo dauert es gewiß nie eine Ninute, bis man Euch herein läßt.“ „Ja, ja, Kinder, das iſt ſchon wahr,“ ſagte die Gemüſe⸗ händlerin;„aber laßt mich niederſttzen. Das Stehen und Laufen wird mir, abſonderlich in der Hitze, außerordentlich beſchwerlich. 4 „Nanett, gib den großen Stuhl her!“ befahl die Köchin; und als ſich hierauf Frau Schoppelmann auf dieſen großen Stuhl niederließ, krachte derſelbe bedeutend und ſtöhnte laut auf, obgleich er aus dem dickſten, ſolideſten Eichenholze ge⸗ macht war. Die Gemüſehändlerin hatte ihren Anzug von heute Morgen durch eine Haube mit dunkelbraunen Florbändern beſetzt, ſowie mit einem ſchwarzen Umſchlagtuch vervollſtändigt, und trug in ihrer Hand ein weißes, zierlich geflochtenes Körbchen voll der größten und ſchönſten Erdbeeren. „Ei, ei,“ ſagte lachend die Köchin und zeigte auf dieſes Körbchen,„ſolche Erdbeeren habt Ihr uns lange nicht beſorgt, und Ihr wißt doch, Frau Schoppelmann, daß unſere Herrſchaft oſſſſſſſſſſ — ͦ— man noch auf der Treppe, die in den erſten Stock führte; war 56 Viertes Kapitel. die Erdbeeren außerordentlich liebt.— Sie ſind doch für uns? — Nanett, nimm der Frau die Erdbeeren ab!“ Die Gemüſehändlerin aber wehrte das Stubenmädchen mit der Hand von ſich ab und ſagte:„Dieſe Erdbeeren ſind für Euch und nicht für Euch, wie man will, d. h. ich habe ſie aller⸗ dings für die Frau Staatsräthin beſtimmt, doch will ich ſie ihr zum Geſchenk machen, möchte ſie aber auch dafür ſelbſt übergeben.“ „Ah, das iſt was Anderes!“ entgegnete die Köchin;„dann müßt Ihr Euch hinauf bemühen, Frau Schoppelmann, die Frau Staatsräthin ſind oben in ihren Zimmern.“ „Und will der Herr Jakob die Freundlichkeit haben, mich der Herrſchaft droben anzumelden?“ ſagte die Gemüſehändlerin und machte den Verſuch, ihren breiten Kopf auf dem dicken Halſe nach dem alten Bedienten, der faſt hinter ihrem Rücken ſaß, herum⸗ zudrehen. Doch gelang ihr dies nur unvollkommen, vielmehr befiel ſte bei dieſer unnatürlichen Bewegung ein heftiger Huſten, den Jakob achtungsvoll für die alte Bekannte ruhig vorübergehen ließ und in dieſer Zwiſchenzeit aus ſeiner ſilbernen Doſe aber⸗ mals eine Priſe nahm. „Ah, geh' Sie nur hinauf,“ ſagte freundlich und ſehr herablaſſend die Köchin,„die Frau Staatsräthin wird ſich ein Vergnügen daraus machen, Sie einen Augenblick zu ſehen.“ „Wer weiß?“ ſagte pfiffig lächelnd die dicke Frau und er⸗ hob ſich mühſam von ihrem breiten Stuhle. Jakob gieng ihr voraus, und Beide ſtiegen die Treppen des ſtillen Hauſes hinauf. Drunten in der Küche huſtete der alte Kutſcher, pickte die Schwarzwälderuhr und klopfte die Köchin ihr Fleiſch. Das hörte Unterredungen verſchiedener Art. 57 man aber dort oben angekommen, ſo vernahm man von allem dem nichts mehr, und eine tiefe Ruhe und Einſamkeit lag auf dem weitläufigen Gebäude. Auf dem kleinen, heimlichen Ruheplatz in der Fenſterver⸗ tiefung, von der wir oben ſprachen, ſaß die alte Staatsräthin in ihrem weichen Fauteuil, und eine Zeitung, in der ſie vorhin geleſen, war mit der rechten Hand, welche ſte bis jetzt gehalten, in ihren Schooß geſunken und von da herab unbeachtet auf den Boden gefallen, indem die Morgenlekture der alten Dame wahr⸗ ſcheinlich durch andere Sachen, die ihren Geiſt beſchäftigten, unterbrochen worden war. Sie lehnte ſich in ihren Fauteuil zurück und ſchaute unverwandten Blickes durch das Fenſter auf die Straßen der Stadt und die im Sonnenſchein funkelnde und lachende Gegend, die ſich hinter dem Häuſermeer vor ihren Blicken ausbreitete. Sie trug ein ſchwarzes, ſeidenes Kleid, eine leichte Mantille von demſelben Stoff und derſelben Farbe, um den Hals ſchlang ſich ein kleiner, weißer Kragen, und ihr feines, bleiches Geſicht ſtach kaum von dem weißen Stoffe ab. Ihr Haar war ergraut und bedeckt mit einem Netz aus dunkelblauen Seiden⸗ 3 fäden, das unter dem Kinne zugebunden war. Die Staatsräthin, welche früher ſehr ſchön geweſen war, erſchien heute noch als eine ſtattliche, gut ausſehende Frau. Ihr Körper, voll und rund, ſah nur faſt zu kräftig aus für die blei⸗ chen, krankhaften Züge ihres Geſichts, für den leidenden, ſchmerz⸗ lichen Ausdruck in demſelben. Doch war dieſer kränkliche Aus⸗ druck nicht Theilnahme erweckend: man fühlte ſich von dieſem Ge⸗ ſichte nicht angezogen. In den hellen, klaren Augen und um den kleinen, meiſtens feſtverſchloſſenen Mund lag ein unbeſchreiblicher Zug von Feſtigkeit, ja Härte, der aber vollkommen zu der Redeweiſe der alten Dame paßte. Wir haben früher ſchon geſagt⸗ 58 Viertes Kapitel. daß die Staatsräthin in einem Alter von ſtark fünfzig Jahren war. Oftmals ſah ſie dafür ſehr gut aus, ja man hätte ſie für weit jünger halten können; ein anderes Mal dagegen erſchien ſte wie eine vollkommen alte, ſtumpfe, abgelebte Frau. Madame Schoppelmann war durch Jakob, den Bedienten, gemeldet worden und ſtand ehrerbietig an der Thüre des Zim⸗ mers. Eine Handbewegung der Staatsräthin lud ſte ein, näher zu treten. Die Gemüſehändlerin trat darauf hin an die Fenſter⸗ niſche und überreichte der alten Dame das Körbchen mit den ſchönen Erdbeeren. „Ich danke ſehr,“ ſagte dieſe,„daß Sie ſich meiner er⸗ innert; dieſe Erdbeeren ſind in der That von einer ſeltenen und ausgezeichneten Schönheit.“ „Ja, es ſind ausgeſuchte,“ entgegnete die Gemüſehänd⸗ lerin;„ich habe mir gedacht, wenn ich einmal etwas ſelbſt zu Ihnen bringe, ſo muß es ſchon was Rechtes ſein.“ Die alte Dame nickte ernſt, aber wohlwollend mit dem Kopfe. „Es macht mir in der That ein großes Vergnügen,“ fuhr Madame Schoppelmann fort,„wenn ich der Frau Staatsräthin mit etwas aufwarten kann, was Ihnen angenehm iſt. Es iſt freilich nur eine Kleinigkeit, aber ich habe ſonſt nichts gewußt; Blumen lieben die gnädige Frau nicht beſonders, ſonſt hätte ich mir ſchon erlaubt, ein ſchönes Bouquet zu bringen.“ „Ich danke recht ſehr!“ antwortete die alte Dame und ver⸗ ſuchte eine der Erdbeeren. „Nun, es iſt mir ganz recht,“ ſagte die Gemüſehändlerin, „daß ich Euer Gnaden wieder einmal ſehe und in ſo gutem Wohl⸗ ſein; mir ſcheint doch, die Frau Staatsräthin befindet ſich gegen⸗ wärtig recht wohl.“ ₰ Unterredungen verſchiedener Art. 59 „Es geht ſo, meine gute Frau, ich kann nicht klagen.“ „Ci, was das Klagen anbelangt,“ ſagte lächelnd die dicke Frau,„ſo glaube ich das recht gern; das Klagen kommt uns zu, gnädige Frau, Leuten wie ich, die den ganzen Tag feſt hin⸗ ſtehen und arbeiten müſſen, von Morgens bis in die Nacht hinein immer zu thun, immer Geſchäfte, Angenehmes und Unange⸗ nehmes, wie es gerade fällt. Aber man thut's ja gern, ſo lange man weiß, wofür man arbeitet, und wenn man ſieht, daß Segen dabei heraus kommt.“ „Ja, ja, es iſt ſo,“ ſagte ernſt die Staatsräthin.„Das Klagen nützt nicht viel.“ „Nein, das Klagen nützt in der That nicht viel,“ wieder⸗ holte Madame Schoppelmann.„Euer Gnaden haben da einen ganz richtigen Grundſatz. Ich klage auch eigentlich nie, Gott ſoll mich bewahren! und ich wollte auch gar nichts klagen, nur ſo ein paar Worte ſprechen, wenn es die Frau Staatsräthin nicht un⸗ gnädig aufnehmen wollten.“ 8 „Mit mir wollten Sie ſprechen?“ fragte ruhig die Staats⸗ räthin.„Wenn ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen kann, das in meiner Macht ſteht, ſo ſoll es gern geſchehen.“ Madame Schoppelmann war mit der feſten Abſicht in das Haus gekommen, etwas von ſehr delicater Natur mit der Staats⸗ räthin zu ſprechen. Sie, die um eine ganze Legion paſſender oder unpaſſender Worte, wie es gerade kam, nicht verlegen war, hatte es ſich außerordentlich leicht vorgeſtellt, mit der alten Staats⸗ räthin, der Mutter jenes Herrn Eugen, eine gewiſſe Sache ganz ruhig zu beſprechen. Sie war in dem beſten Glauben geweſen, daß die alte Dame es ihr ſehr Dank wiſſen müſſe, wenn ſie ihr über jenes Verhältniß einmal mit voller Wahrheit die Augen öffne. Freilich wußte ſie ganz genau, wie geſpannt hier Mutter ———— 60 Viertes Kapitel. und Sohn zuſammen ſtanden, daß letzterer nicht im elterlichen — Hauſe wohne, daß er vollkommen als ſein eigener Herr lebe und 1 ſich vielleicht gar nicht einmal nach mütterlichen Ermahnungen v 6 ſehne, noch viel weniger aber Luſt haben würde, dieſelben irgend⸗ ſ V wie zu befolgen. Das wußte ſte, wie geſagt, ganz genau; doch 1 ſeit ſie dieſen Morgen von Hauſe fortgegangen war, hatte ſie 1 5 auf dem Markte noch Einiges erfahren, was ſie in dem Vorſatze I beſtäͤrkte, mit der Staatsräthin ein ernſtliches Wort zu ſprechen. 5 Ihr Sohn, der Fuhrmann, hatte theilweiſe Recht gehabt mit e ſeiner Anklage gegen die Schweſter, und wenn die Mutter auch 3 von ihrer Tochter überzeugt war, dieſe würde ſich nie etwas Un⸗ rechtes zu Schulden kommen laſſen, ſo ſprach man doch auf dem 8 Markte und in der Stadt davon, die ſchöne Katharina habe. b wirklich ein genaues Verhältniß mit dem Sohne der Staats⸗ 1 räthin Stillfried. Daß aber die Leute hierüber die Achſeln zuckten und lachten, 1 das wußte die Mutter nicht; denn ihre Bekannten hatten ihr ge⸗ ſagt:„Die Katharine weiß ſchon, was ſte treibt; er iſt ein lediger, reicher, unabhängiger Menſch, und wenn er das Mädchen abſolut heirathen will, ſo könnt Ihr wohl nichts dagegegen haben.“ Dies war nun ein Grund weiter, weßhalb Madame Schoppel⸗ mann es für ihre Pflicht hielt, mit der Staatsräthin ein Wort über dieſe Geſchichte zu ſprechen. Doch ſtand ſte lange vor der alten Dame, ohne den Anfang zu dieſem Worte finden zu können. Madame Schoppelmann kam ſelten oder nie in Verlegenheit: hier aber befand ſie ſich in 1 einer ſehr großen. Sie hatte ſchon das Geſpräch mit der Staats⸗ räthin auf ungebührliche Weiſe in die Länge gezogen, hatte ſich mehrere Mal über das gute Ausſehen derſelben gefreut, hatte die allerliebſten Wachtelhunde gelobt, die knurrend und augenſchein⸗ ger, olut en.“ pel⸗ Vort ang ann h in ats⸗ ſich die 61 Unterredungen verſchiedener Art. lich mit böſen Abſichten ihre dicken Beine umkreisten, hatte ſogar von ihrer Tochter Katharina angefangen, ohne Sinn und Ver⸗ ſtand und ohne weiter fortfahren zu könnenz denn die Staats⸗ räthin gab auf Alles, wenn gleich keine unfreundlichen, doch ziem⸗ lich kurze Antworten. 8 Ihr letzter Nothanker in dieſer Verlegenhhai war punter vieken 4 Miniaturbildern, die in der Fenſtervertiefung hiengen, das Pahtrait 4 eines kleinen blondgelockten Kindes, das mit ſeinen klaren blauen Augen die Betrachtenden ſo freundlich anblickte. „Ach,“ ſagte ſte nach einer Pauſe, und nachdem ſie das Bildchen längere Zeit aufmerkſam angeſehen, ndas iſt der kleine Herr Eugen; wie das vor langen Jahren ähnlich war! ich erinnere mich deſſen noch ganz genau.“ Die Staatsräthin preßte ihre Lippen feſter auf einander, maß die Frau mit einem ſonderbaren Blick, ohne jedoch eine Sylbe zu antworten. 3 „Ja, ja, das iſt der Eugen,“ fuhr die Gemüſehändlerin mit lauterer Stimme fort, wie um ſich ſelbſt Muth zu machen, „das kann gar niét fehlen. Ach, ich habe ihn ſo gut gekannt— wie viel Aepfel hat mir der kleine Schelm hier und auf dem Markt abgelockt! Und was iſt der ſeit jener Zeit groß und hübſch ge⸗ worden! Nicht wahr, gnädige Frau?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte finſter die alte dame.„In zwanzig Jahren kann man was erleben!“ Dieſe Worte ſollten Gleichgültigkeit ausdrücken, aber ſie klangen wie der bitterſte Hohn. Jetzt oder nie! dachte Madame Schoppelmann: einmal muß ich doch ſprechen, und wenn ſie es auch nicht gern hört, was ich ganz deutlich bemerke, ſo muß die Sache doch heraus.— * 4 62 Viertes Kapitel. „Ja, ja, gnädige Frau,“ fuhr ſie fort,„über den Herrn Eugen hätte ich ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen. Nicht über den kleinen Eugen dort, ſondern über den jetzigen, groß ge⸗ wordenen.“ „Damit kann Sie mich verſchonen!“ ſagte ſehr ernſt die Staatsräthin. „Ja, was das Verſchonen anbelangt,“ entgegnete die dicke Frau,„das wäre mir auch ſchon recht; ich wäre auch gern mit Manchem verſchont, und muß doch als Mutter Vieles anhören, was mir gerade nicht angenehm iſt. „Aber ich ſehe nicht ein, weßhalb ich Sachen anhören ſoll, die mir unangenehm ſind!“ antwortete die Staatsräthin und ſah die Gemüſehändlerin bei dieſen Worten mit einem feſten und ziem⸗ lich unfreundlichen Blicke an.„Laſſ' Sie das gut ſein, Frau Schoppelmann!a fuhr ſie nach einer Pauſe mit minderer Strenge fort,„wenn ich Ihr, wie geſagt, ſonſt wo dienen kann, ſo bin ich für eine langjährige Bekannte gern zu Befehl; aber was den Herrn Eugen Stillfried anbelangt...“ „Ihren Sohn, Ihren einzigen Sohn...« Die Staatsräthin zuckte mit den Achſeln und zog dabei den Mund in die Höhe als wollte ſie ſagen: Wie zudringlich doch dieſe gemeinen Leute ſind! Dann entgegnete ſie nach einer Pauſe mit kalter, ganz ſtrenger Stimme:„Sie, meine gute Frau, geht hier in dieſem Hauſe ſeit ſo vielen Jahren aus und ein, daß ich wohl vorausſetzen kann, Sie ſei mit den... eigenthümlichen Verhältniſſen deſſelben vollkommen bekannt. Da dieſes der Fall iſt und ich auch nicht glauben kann, daß Sie mir abſichtlich eine unangenehme Stunde bereiten will, ſo bitte ich recht ſehr: laſſen wir dieſes Geſpräch fallen!“ icke mit Unterredungen verſchiedener Art. 63 „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ antwortete nach einer kleinen Pauſe der Ueberraſchung die Gemüſehändlerin,„verzeihen Sie recht ſehr und erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß es freilich ſehr angenehm iſt, unangenehme Dinge nicht hören zu müſſen. Das geht mir in meinem Stande— verzeihen Sie, gnädige Frau— wahrhaftig gerade ſo. Aber das läßt ſich nicht immer machen, und ich bitte um Entſchuldigung, aber ich bin nun einmal hierher gekommen, um der Frau Staatsräthin etwas mitzutheilen, der Frau Staatsräthin als Mutter ihres Sohnes nämlich, was mir, als Mutter meiner Tochter ſchwer auf dem Herzen liegt.“ Die alte Dame hatte, nachdem ſie eben geſprochen, ihren Kopf gleichgültig abgewandt und blickte eifrig und, wie es ſchien, ganz theilnahmlos zum Fenſter hinaus. aufmerkſamer Beobachter wohl gewahren können, daß letzten Worte der Gemüſehändlerin ihre Augenwimpern klein wenig zuckten. Doch hätte ein ſehr bei dem ein ganz „Ja wohl,“ fuhr Madame Schoppelmann fort, nachdem ſte Athem geſchöpft,„als Mutter meiner Tochter, und wenn ich auch ganz genau weiß, daß die Frau Staatsräthin mit Ihrem Herrn Sohn in einem Verhältniß ſtehen, wie ich als eine ge⸗ wöhnliche Bürgersfrau mit meinem ganz ſchlichten Verſtand nicht gut begreifen kann, ſo bleibt es doch einmal Ihr Sohn, das können Sie mir nicht abſtreiten, gerade ſo, als wie die Katharine meine Tochter bleibt.“ „Aber was geht mich Ihre Tochter an?“ ſagte nach einer Pauſe die alte Dame, wie es ſchien, ziemlich ärgerlich und unge⸗ duldig. Doch las man hiervon nichts auf ihrem unbeweglichen Ge⸗ ſichte; nur der Ton ihrer Stimme erſchien einigermaßen gereizt. „Was meine Tochter Sie angeht?“ ſagte die Gemüſehänd⸗ 64 Viertes Kapitel. v — lerin, und ihre Stimme erhob ſich ein wenig; auch zuckte ſie mit ihren beiden Armen, und ihre dicken Fäuſte, die des Herabhangens ſchon lange müde ſein mochten, ſchienen ſich nach dem gewöhn⸗ lichen Stützpunkte, ihrer Hüfte, zu ſehnen. Doch unterließ die Frau auf den Augenblick noch eine ſolche reſpektwidrige Haltung. „Was meine Tochter Sie angeht?“ wiederholte ſie:„ei, gerade ſo viel und ſo wenig, wie mich Ihr Sohn.“ „Nun, wenn Sie das einſteht, liebe Frau,“ entgegnete die Staatsräthin mit erzwungenem Lächeln,„ſo können wir dieſes Geſpräch auf jeden Fall abbrechen; denn mir iſt es vollkommen gleichgültig, was Ihre Mamſell Tochter macht, und ebenſo wenig iſt es mir intereſſant, etwas Nähexes über den Herrn Eugen Stillfried zu vernehmen.“ Jetzt begann die Geduld und Ruhe der Gemüſehändlerin auf die Neige zu gehen.„Erlauben Sie mir,“ antwortete ſie, und ihre Stimme ſieng an laut und ſchneidend zu werden,„er⸗ lauben Sie mir, Frau Staatsräthin, ich verlange wahrhaftig nicht nach der Ehre, daß Euer Gnaden ſich für die Jungfer Ka⸗ tharine Schoppelmann intereſſiren ſollen, aber es iſt denn doch in dieſem Punkte ein großer Unterſchied zwiſchen mir und Ihnen. Sie bekümmern ſich nicht um das Treiben Ihres Herrn Sohnes, weil Sie nichts davon hören und wiſſen wollen. Ich aber muß mich darum bekümmern, da dieſes Treiben mich oder vielmehr meine Tochter etwas genauer angeht. Genug?— hier hatte ihre Stimme die gehörige Stärke erlangt, und ihr röthliches Geſicht begann einen bläͤulichen Schimmer anzunehmen—„genug, Ihr Söhn, der Herr Eugen Stillfried, lauft meiner Tochter Katharine auf allen Wegen und Stegen nach, was ich nicht leiden will, und ich habe es einmal für meine Schuldigkeit gehalten, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen. Er iſt und bleibt doch einmal Ihr Herr * Unterredungen verſchiedener Art. 65 Sohn, und Sie ſo wenig wie... andere Leute ſind im Stande, dies abzuläugnen.“ „Ei, Frau Schoppelmann,“ ſagte die alte Dame mit der vollkommenſten, wieder erlangten Ruhe,„Sie ereifert ſich zu ſehr.“ „Da muß man ſtch ereifern!“ fuhr die dicke Frau fort. „Zum Teufel! gnädige Frau, nehmen Sie mir es nicht übel, aber Sie behandeln mich in einer ſo wichtigen Sache als ſei ich eine Bettlerin und wolle einen Kreuzer geſchenkt haben. Das iſt aber durchaus nicht der Fall und ich bin nur gekommen, Ihre Anſicht zu vernehmen.“ „Ich glaube Ihr ſchon geſagt zu haben, daß ich über den Herrn Eugen Stillfried durchaus keine Anſichten mehr habe.“ „Aber über Ihren Sohn, Madame!“ „Ich habe keinen.“ „Aber über jenen jungen Herrn, der Ihren Namen trägt.“ „Man hat hier in der Stadt ſchon lange gelernt, die Namen von den Perſonen zu trennen,“ ſagte die Staatsräthin im Tone tiefer Verachtung. „Alſo Anderes,“ entgegnete von dieſer Hartnäckigkeit be⸗ ſtürzt und überraſcht die Gemüſehändlerin,„haben Sie mir nichts hierüber zu ſagen? So bin ich alſo ganz vergebens gekommen?“ „In dieſer Angelegenheit ja, meine beſte Frau,“ entgegnete unbefangen und ruhig lächelnd die alte Dame.„Für dieſe wirk⸗ lich vortrefflichen Erdbeeren ſage ich Ihr nochmals meinen herz⸗ lichſten Dank; ſie ſind außerordentlich gut.“— Bei dieſen Worten nahm ſie eine aus dem Körbchen und verſpeiste ſte an⸗ ſcheinend mit großem Appetit— doch zitterte ihre Hand. Die Gemüſehändlerin überlief ein leichtes Fröſteln, und es begann ihr bel dieſer Frau unheimlich zu werden. Sie zuckte ihre Hackländer, Eugen Stillfried. I. 5 2* — — 66 Viertes Kapitel. Achſeln ſo ſehr wie möglich, zog ihr Umſchlagtuch feſt an ſich und ſagte: räthin. „Ich habe meine Schuldigkeit gethan, Frau Staats⸗ Seien Sie verſichert, ich werde mich um meine Tochter bekümmern, und jetzt auch in gewiſſen Angelegenheiten aufs Sorgfältigſte um Ihren Herrn Sohn. Erſcheint mir die Sache unrichtig, ſo werde ich gegen zudringliche junge Leute, die den Verſuch machen, die Ruhe meines Hauſes zu ſtören, ſchon irgendwo Schutz und Hülfe finden. Geht aber die Sache auf anſtändigem und redlichem Wege zu— Sie werden mich ver⸗ ſtehen, Frau Staatsräthin?“ Dieſe Pauſe, welche die Gemüſehändlerin hier abſichtlich machte, benutzte ſte, um forſchend auf die alte Dame zu blicken, die aber ſo aufmerkſam zum Fenſter hinausſah und ſo theilnahm⸗ los ſchien, als ſei außer ihr Niemand im Zimmer. „Wenn alſo,“ fuhr Madame Schoppelmann mit lauter Stimme fort,„Herr Stillfried ſolide und redliche Abſtchten auf meine Tochter hat, ſo ſehe ich in dieſem Falle nicht ein, weßhalb ich deren Glück im Wege ſtehen ſoll, und werde alsdann recht gern erlauben, daß der Herr Eugen Stillfried die Jungfer Ka⸗ tharine Schoppelmann zu ſeiner Frau nimmt.— Ich habe die Ehre, mich der Frau Staatsräthin beſtens zu empfehlen!“ Damit gieng die dicke Frau, jetzt ihres Theils außerordent⸗ lich ſtolz und hochmüthig, zur Thüre hinaus. Kaum aber waren ihre Schritte auf der Treppe verklungen, ſo ſprang die Staats⸗ räthin heftig von ihrem Fauteuil in die Höhe, ſtieß ihn mit dem Fuße zurück und eilte mit gefalteten Händen im großen Zimmer auf und ab. Aus ihren Augen blitzte ein wildes Feuer, den Kopf hatte ſie ſtolz erhoben, doch bebten ihre Lippen. Bald wurde ihr Schritt minder haſtig, bald blieb ſte an dieſem Fenſter, bald an jenem einen Augenblick ſtehen; das Feuer ihrer Augen erloſch Unterredungen verſchiedener Art. 67 unter hervorbrechenden Thränen, ſie preßte die rechte Hand feſt auf ihr Herz und ſank endlich mit einem lauten Ach, das wie ein ſchneidender Wehruf klang, in ihren Fauteuil zurück. Das Körb⸗ chen mit den Erdbeeren war vom Tiſch auf den Boden gerollt, die Früchte lagen hie und da auf dem Fußboden und wurden von den kleinen Wachtelhunden aufs eifrigſte verzehrt. Eine kleine halbe Stunde mochte die Staatsräthin, in tiefes Nachſinnen verſunken, in ihrem Fauteuil geruht haben, und während dieſer Zeit hatte ſte vollkommen das Ausſehen einer achtzigjährigen Frau; dann aber glätteten und veränderten ſich ihre Züge mit einer wunderbaren Schnelligkeit, ihre Lippen preßten ſich wieder feſt auf einander, das Auge wurde ruhig, klar und kalt wie früher, und ſie zog mit feſter Hand die Klingel, welche in das Bedientenzimmer führte. Jakob erſchien unter der Thüre. „„Sagen Sie der Köchin,“ befahl die Staatsräthin mit ruhiger, ſanfter Stimme,„es ſei mein Wille, künftig nichts mehr von jener Frau, die eben hier war, zu kaufen. Ich will ſie nicht mehr in meinem Hauſe wiſſen; man ſoll einen anderen Lieferanten anſchaffen. 4 „Die Frau Schoppelmann ſoll nichts mehr für die Küche beſorgen?“ fragte der alte Bediente mit einem wahren Schrecken, worauf die Dame entgegnete:„So iſt es, Jakob, nicht das Ge⸗ ringſte mehr— ſagen Sie es der Köchin.“ Jakob eilte die Treppen hinab, ſichtlich erregt von dem Be⸗ fehle, den er ſo eben erhalten und den er drunten dem ſämmtlichen Dienſtperſonal wiederholte. Die Köchin war außer ſich und wollte hinauf, um Gegen⸗ vorſtellungen zu machen. Doch Jakob, der das Geſicht der Staatsräthin ſchon länger als dreißig Jahre ſtudirt hatte, hielt 5 8 68 Viertes Kapitel. ſte von dieſem fruchtloſen Verſuche ab. Ihm war es nicht ent⸗ gangen, daß die Dame droben trotz der Ruhe ihres Aeußeren ſich in einer großen Gemüthsbewegung befand. Er zuckte die Achſeln und bat die alte Martha ruhig zu ſein— in dieſer Angelegenheit ſei wenigſtens für heute nichts zu ändern. Da wurde abermals die Glocke an der Hausthüre gezogen, und Jakob, der ſehr ernſt geſtimmt war, öffnete ſogleich. Fünftes Kapitel. Worin des Helden unſerer Geſchichte ausführlicher erwähnt wird, wenn auch gerade auf keine ſchmeichelhafte Art. Es trat ein langer, magerer Herr in den Hausflur; den Hut auf dem Kopfe begrüßte er den alten Bedienten mit einem flüchtigen Kopfnicken. Jakob dankte ihm mit einer tiefen, ſtum⸗ men Verbeugung. Dceer lange Herr warf einen flüchtigen Blick in die halbge⸗ öffnete Küche und ſtieg ohne eine Frage langſam die Treppen hinauf. Jakob blieb unten zurück. Dem Herrn mochte es von dem Gehen draußen in dem heißen Wetter warm geworden ſein; denn während er die Treppen hinauf gieng, zog er ein weißes Sacktuch aus der Taſche und fächelte ſich damit Kühlung zu. Auch huſtete er nebenbei einige Mal ziemlich laut, und als das Echo in dem großen, weiten Hauſe dieſes Geräuſch dumpf und ſeltſam tönend wiederholte, blickte er wie ärgerlich um ſich und beeilte ſeine Schritte, um in den erſten —— Fünftes Kapitel. Stock zu gelangen. Hier blieb er einen Augenblick ſtehen, dann wandte er ſich nach der Treppe zu, die in den zweiten Stock führte, zog aber den erhobenen Fuß von der erſten Stufe wieder zurück und blickte einen Augenblick forſchend in den langen Corridor, in welchem die weiten, unbewohnten Gemächer des erſten Stockes lagen. Er zog die Augenbrauen finſter zuſammen und ſah einige Sekunden unverwandt nach dem Ende dieſes Corridors— dort ſchien eine Thüre halb offen zu ſtehen, während alle anderen feſt verſchloſſen waren. „Ich werde doch noch dieſen alten nichtsnutzigen Bedienten nächſtens entlaſſen müſſen,“ ſagte der lange Herr.„Ich glaube, dieſer Hallunke arrangirt es immer ſo, um mir einen unange⸗ nehmen Augenblick zu machen. Ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn jene Thüre offen ſteht!“.— Nach dieſen Worten, die er finſter und halblaut vor ſich hinſprach, und ſich dann um⸗ ſchaute, um ſich zu überzeugen, daß ihn Niemand gehört, gieng er mit haſtigen Schritten den langen Corridor hinab bis an jene halb offen ſtehende Thüre, um ſie zu verſchließen. Doch ehe er dies that, konnte er ſich, obgleich mit ſichtbarem Widerwillen, nicht enthalten, für einen Augenblick in jenes Zimmer hinein zu blicken. Es war ein großes Gemach, und da die Läden der Fenſter, welche verſchloſſen waren, nur ſpärliches Licht und gar keine Wärme einſtrömen ließen, ſo war es in demſelben ſehr kühl und ſo finſter, daß man die Gegenſtände, welche ſich darin befanden, kaum zu unterſcheiden vermochte. Es drang dem Eintretenden eine kalte, kellerartige Luft entgegen. Das Zimmer, hoch und gewölbt, war mit dunkelbraunen Tapeten verſehen, ein alter Teppich bedeckte den Boden, ſchwere Seidenvorhänge hiengen von den Fenſtern herab, alte Stühle und einige Tiſche ſtanden an den Worin des Helden der Geſchichte. ausführlicher erwähnt wird. 71 Wänden, und zur linken Seite, neben der Thuͤre, bemerkte man ein großes und breites Bett, mit einem dunklen Ueberwurfe bedeckt, der auf allen vier Seiten bis auf den Boden herab hieng. Wie alle lange Zeit verſchloſſenen Zimmer, in welchen man die Möbel altern, die Stoffe morſch werden ließ, hatte auch dieſes etwas Unheimliches. Wenn man die Thüre öffnete, ſo drang von dem helleren Corridor plötzlich Licht und Luft herein und kämpfte mit der Finſterniß, die ſich aber aus ihrem Beſitzthume nicht voll⸗ ſtändig vertreiben ließ. In den Ecken blieben tiefe Schatten liegen, und dazu machte ſich der Luftzug, der zugleich mit herein drang, an die alten Fenſtervorhänge und bewegte die ſchweren Stoffe, daß ſie langſam und wie unmuthig über dieſe Störung hin und her wankten. Altmodiſche, goldene Rahmen funkelten plötzlich aus allen Ecken, und ein trüb angelaufenes Spiegelglas, das ſich neben dem Bette befand, erhellte ſich auf einmal und zeigte dem langen Herrn, der die Thürklinke feſt mit der Hand umſchloß, ſein Bild in ganzer Größe, und es war, als beuge ſich jenes Spiegelbild auf das Bett herab und ſchaue angelegentlich auf dieſes ſeit ſo langen Jahren verlaſſene Lager. Dieſes Gemach aber, das der lange Herr nun eilfertig, und wie erſchreckt von ſeinem Bilde im Spiegel, hinter ſich zuzog, war vor ſo und ſo vielen Jahren das Schlafzimmer des ſeligen Staatsrathes geweſen. Der Herr drehte den Schlüſſel zweimal im Schloſſe herum, ſchritt eilig durch den Corridor an die Treppe und ſtieg den zwei⸗ ten Stock hinauf. Die Wachtelhunde der Staatsräthin bellten laut auf, als ſtie ſeine ſchweren Schritte hörten, und erweckten dadurch ihre Herrin aus tiefem Nachſinnen, in das ſte abermals in ihrem Fauteuil am Fenſter verſunken war. Der Juſtizrath, denn er war es, der nun in das Zimmer 72 Fünftes Kapitel. trat, legte ſeinen Hut auf ein Seitentiſchchen und gieng an die Fenſtervertiefung, wo er der alten Dame die Hand reichte und ſich dann auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ. Er mochte ungefähr ein Mann an die Fünfzig ſein, hatte wie ſchon geſagt eine lange etwas magere Geſtalt und ein durch⸗ aus nicht unangenehmes Geſicht; ja, es lag darin etwas Gut⸗ müthiges und zugleich Geiſtvolles. Wenigſtens ſprach hiefür die hohe, breite Stirn. Er hatte dunkle, etwas kleine Augen, die man übrigens ſelten zu ſehen bekam, denn ſeine Augenlider hiengen ſchwer darüber hin, und dies allein gab ſeinem Geſichte in Augen⸗ blicken, wo er ruhig ſaß und nachzudenken ſchien, was häufig vorkam, etwas Finſteres, Abſtoßendes. Dann hatte er auch die Gewohnheit, ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne zu klemmen und den Mund zuſammen zu ziehen. Wenn er aber ſeine Augen auf⸗ ſchlug und Jemanden anſchaute, und namentlich, wenn er ſprach, ſo glätteten ſich dieſe Züge ſeines Geſichtes vollkommen, um ſeine Mundwinkel ſpielte ein freundliches Lächeln; er hatte alsdann etwas Zuverſichtliches, Imponirendes, und es war nicht leicht, ihm zu widerſprechen. So war auch ſeine ganze Haltung: er trat feſt und ſicher auf, wie jemand, der vollkommen mit ſich darüber im Reinen iſt, was er will, und der ſich durch keine Einreden leicht wird beirren laſſen. Dieſes Gefühl von Sicherheit theilte ſich auch ſeiner Umgebung mit und war ein gewaltiger Schutz für ſeine Partei, entmuthigte dagegen ſeine Feinde und Widerſacher. Der Juſtizrath war ſorgfältig, faſt elegant gekleidet. Er trug einen braunen Morgenfrack, an den Händen Glacéhand⸗ ſchuhe und um den Hals eine weiße Cravatte, welche bei allen Toiletten, die er machte, die gleiche war. Die beiden kleinen Wachtelhunde hatten ſich wieder an die Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher erwähnt wird. 73 Erdbeeren begeben, und mit den Fruchten, welche ſte nicht ver⸗ zehrten, ſpielten ſte im Zimmer umher. Der Juſtizrath erkundigte ſich nach dem Befinden ſeiner Freundin, und dann ſagte er lächelnd, indem er auf die hin und her jagenden Thiere wies:„Mir ſcheint, es iſt heute der Geburtstag von Molly; denn Sie haben ihm da ein vortreffliches Frühſtück vorſetzen laſſen, Erdbeeren von dieſer Größe und Schönheit— ich habe noch nie ſolche auf Ihrer Tafel geſehen. Ei, ei, theure Sophie, Sie verwöhnen Ihre Lieblinge auf eine wirklich unverantwortliche Art!“ „Da haben Sie wahrhaftig Recht,“ ſagte lächelnd die alte Dame; vaber ſie verdanken dieſes köſtliche Mahl nur dem Zufall. Ich verdiene Ihre Vorwürfe nicht, mein lieber Freund; ich hatte das Körbchen neben mir ſtehen, durch ein Ungefähr fſiel es her⸗ unter, und nur dieſem verdanken die kleinen Schmarotzer die ſüßen Früchte.“ Der Juſtizrath nahm einen Sonnenſchirm, der in der Ecke der Fenſtervertiefung lehnte, und verjagte die kleinen Hunde neckend von dem Körbchen, welches ſie mit ihren Pfoten bald hierhin, bald dorthin rollten. Dabei entfiel ihm der Schlüſſel, den er im unteren Stock abgezogen. Doch hob er ihn ſchnell wieder in die Höhe, ſtand auf und legte ihn auf ein entferntes Tiſchchen. Die Staatsräthin ſah ihn fragend an. „Ich fand ihn unten an der Treppe,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe mit großer Unbefangenheit;„wahrſcheinlich hat ihn Jakob dort liegen laſſen. Mir ſcheint, der alte Mann wird mit jedem Tage unzuverläſſiger; ich glaube, man wird bald ernſtlich daran denken müſſen, ihn mit einer anſtändigen Penſton zu ent⸗ fernen und in Ruheſtand zu verſetzen.“ „Sie haben Recht, lieber Freund,“ antwortete die alte 74 K Fünftes Kapitel. Dame;„aber ſind wir nicht die Diener unſerer Diener, wenigſtens eben ſo abhängig von ihnen, wie ſie von uns?— Sie wiſſen ganz genau, wie ſehr ich dieſes verſchloſſene Weſen des alten Jakob haſſe, wie feſt ich davon überzeugt bin, daß hier in dieſem Haufe von uns nichts gethan, ja, faſt nichts geſprochen wird, wovon er ſich nicht wenigſtens bemüht, Kenntniß zu erhalten. Aber was will ich machen? Die da drunten halten auf eine merk⸗ würdige Art zuſammen, und wenn ich Eines von ihnen aus dem Hauſe entlaſſe, ſo kündigen mir Alle zuſammen ihre Dienſte auf und gehen davon.“ „Einmal muß es am Ende doch geſchehen,“ ſagte beſtimmt der Juſtizrath.„O Sophie, wir haben doch lange genug dieſe Geſchichten um uns geduldet, die Ihnen ſowie mir faſt uner⸗ träglich waren.“ „Das weiß Gott!“ ſagte die Staatsräthin ſeufzend.„Aber Sie wiſſen ſo gut, wie ich, lieber Freund, daß...“ „Sich Manches nicht ändern läßt,“ ergänzte der Juſtizrath achſelzuckend.„Leider!— Von etwas Anderem denn!“ „Ich bin in der That ſehr erfreut,“ ſagte nach einer längeren Pauſe die alte Dame,„daß Sie gekommen ſind. Ich habe ſo eben eine ſehr, ſehr unangenehme Unterredung gehabt.“ „Auch wieder mit Jemand aus Ihrer Dienerſchaft?“ fragte lächelnd der Juſtizrath. „O nein!“ antwortete die alte Dame;„Sie ſehen dieſe Erdbeeren, die dort am Boden liegen. Sie wurden mir vor einer halben Stunde gebracht von jener Gemüſehändlerin, der Frau Schoppelmann, die Sie ja auch kennen.“ „Natürlich,“ entgegnete der Juſtizrath.„Wer kennt ſie nicht?— Und dieſe Frau hat Ihnen eine Scene gemacht?⸗ Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher ermähnt wird. 75 Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe und fuhr nach einer Pauſe fort:„Sie ſoll eine Tochter haben...“ „Eine ſchöne Tochter!“ entgegnete der Juſtizrath und blickte ſein Gegenüber erwartungsvoll an. Dabei hatte er das Son⸗ nenſchirmchen in beide Hände genommen und ſteckte den Kopf deſſelben zwiſchen ſeine Zähne.„Eine ſchöne Tochter!“ wieder⸗ holte er,„das weiß die ganze Stadt.“ „Und ich,“ ſagte die Staatsräthin mit einem heftigen Tone, „habe einen Sohn, und das weiß ebenfalls die ganze Stadt.“ „Ah ſo!“ meinte der Juſtizrath. „Dieſes Weib nun,“ fuhr die alte Dame fort,„dringt unter dem Vorwande, mir jene Erdbeeren zu überreichen, bei mir ein und erzählt mir eine Geſchichte des Herrn Eugen, wie ich ſie leider Gottes ſchon zu Hunderten vernommen.“ „Er macht der ſchönen Katharine auffallend die Cour; ja, ja, ich habe das auch ſchon gehört.“ „Und davon ſagten Sie mir nie ein Wort! „Weil ich es erſtens für zu unbedeutend hielt, und weil es mich zweitens ſchmerzt, wenn ich einmal genöthigt bin, Ihnen dergleichen mitzutheilen.“ „Und was iſt denn eigentlich an dieſer Geſchichte?“ fragte die Staatsräthin und ſah ihren Freund aufmerkfam an. Dieſer zog die Schultern in die Höhe, drehte das Sonnen⸗ ſchirmchen zwiſchen ſeinen Händen und ſagte:„So und ſo! Ich weiß ſelbſt nicht recht, was ich davon halten ſoll. Es iſt keine Frage, daß das Mädchen ſehr ſchön iſt und daß ſte bis jetzt den vielen Anträgen, die man ihr gemacht, ſiegreich und tugendhaft widerſtanden; ebenſo wahr iſt aber auch, daß ſie ſich ſeit einiger Zeit in ein Verhältniß mit Monſieur Eugen eingelaſſen. Ich 76 Fünftes Kapitel. glaube, in ein inniges Verhältniß!“— Dabei lächelte er vor ſich hin, wie jemand, der einer nicht unangenehmen Sache gewiß iſt. Die alte Dame wiſchte ſich mit ihrem Taſchentuche die Stirn ab und entgegnete nach einer Pauſe, während welcher ſie über etwas nachgedacht:„Und dieſes innige Verhältniß, das wird wohl enden, wie manche frühere derartige?“ „Ich glaube nicht ſo,“ antwortete ruhig der Juſtizrath, „dieſe Schoppelmann's ſind eine entſchloſſene Familie; namentlich hat das Mädchen zwei Brüder, die zu den verwegenſten Geſellen der Stadt gehören. Beide ſind ſchon ein paar Mal hart an meinem Stuhle vorbeigeſtreift, und wenn ich ſte einmal in meine Hände bekomme, ſo werde ich mich veranlaßt ſehen, ſie lange feſtzu⸗ halten. Dieſe Beiden nun möchten geſonnen ſein, dem Monſteur Eugen übel mitzuſpielen, wenn er die Idee haben ſollte, mit dem Mädchen eine ganz gewöhnliche Liebesgeſchichte aufzuführen; und das wäre auch am Ende ſo übel nicht, wenn er einmal eine ganz tüchtige Lektion erhielte.“ Die alte Dame ſah ängſtlich und fragend in das Geſicht ihres Freundes. „Natürlich,“ fuhr dieſer fort,„dürfte ihm kein Leides ge⸗ ſchehen; nur iſt es meine Anſicht, es könnte von guten Folgen ſein, wenn ſich der junge Herr bei einer ſolchen Veranlaſſung ebenfalls zu unüberlegten Handlungen gegen jene beiden Kerle hinreißen ließe. So was läßt ſich leicht arrangiren; er fällt dann ebenfalls in meine Hände, man nimmt ihn für eine kurze Zeit bei Seite, wir ſind bei der Vorunterſuchung berechtigt, unter Umſtänden ſeine Zimmer, ſeine Papiere zu durchſuchen, und bei dieſer Gelegenheit, theuerſte Sophie“— der Juſtizrath war hier ſehr ernſt geworden—„wäre es uns vielleicht möglich, etwas zu finden, was in unſere Hände zu bekommen mein ſehnlichſter — * ath, tlich ellen nem inde tzu⸗ ſieur mit ren; eine ſicht ge⸗ lgen ſung Kerle dann Zeit unter d bei hier twas hſter Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher erwähnt wird. 77 Wunſch iſt— etwas, das uns koſtbarer iſt, als Hunderttauſende, etwas, das ich oft vor mir ſehe; wachend und träumend, das mir den Schlaf raubt, indem es vor mir hingaukelt, und das mir jedes Mal verſchwindet, ſo oft ich die zitternde Hand darnach ausſtrecke!“ Der Juſtizrath hatte dieſe Worte mit ſichtbarer Aufregung geſprochen; ſeine Hand, die er beſchwörend von ſich abſtreckte, zitterte wirklich, ſeine Augen ſchoſſen Blitze unter den herab⸗ hangenden Wimpern, und ſein Geſicht war von einer flammen⸗ den Röthe übergoſſen. Doch das dauerte nur einen Augenblick; nur eine Sekunde war dieſer harte, ſcheinbax ſo ruhige Charakter aus dem Gleichgewicht gekommen. Er fuhr mit der Hand über ſein Geſtcht und ebnete hiedurch ſeine Züge wieder vollkommen; ja er lächelte wieder anmuthig und liebenswürdig, als er darauf ſagte:„Wenn aber auch dies wieder fehl ſchlägt, ſo haben wir zweierlei verloren: neben jenem Etwas den guten Klang des Namens Stillfried für ewige Zeiten.“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz,“ ſagte die alte Dame mit dumpfer Stimme und fuhr aus einem tiefen Hinbrüten auf. „Nichts klarer als das,“ entgegnete der Juſtizrath;„wenn er das Maͤdchen nun wirklich auf ehrliche Weiſe liebt und ſie zu ſeiner Frau machen will, wer kann ihn daran hindern? Dann adieu Hausdurchſuchung, dann gratulire ich zur Schwieger⸗ tochter!“. „Aber das wäre empörend!“ fuhr die alte Dame auf, „Eines ſo ſchlimm wie das Andere, und Beides zuſammen... o mein Gott!“ „Ich glaube nicht, daß Eines ſo ſchlimm iſt wie das An⸗ dere, theure Sophie,“ entgegnete der Juſtizrath.„Wenn wir 78 Fünftes Kapitel. jenes Etwas bekommen könnten, ſo, glaube ich, wäre es ſehr gleichgültig, wen, verzeihen Sie mir, jener junge Taugenichts eigentlich heirathet.— Aber dieſer langerſehnte Schatz rückt im⸗ mer weiter hinaus. Noch weiß ich freilich, wo er ſich befindet, aber wie lange werde ich hievon Kenntniß haben? Und dann, wenn Eugen ſpäter heirathen will, wird er Sie unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen je um Ihre Einwilligung fragen? Ge⸗ wiß nicht!“ „Aber eine ſolche Schwiegertochter!“ ſagte die Dame mit ſchmerzlicher Stimme und ſchüttelte den Kopf.„Eine ſolche Frau meinem einzigen Sohne? Das wäre entſetzlich!“ „Beruhigen Die ſich, Sophie, ſo weit wirds vielleicht gar nicht kommen. Vor der Hand weiß ich noch nicht einmal, welche Abſichten er mit dem Mädchen hat. Will er heirathen, ſo muß man ihn daran hindern, man muß die Sache ſo zu drehen und zu wenden wiſſen, daß ihm jenes Mädchen zu einem kurzen Zeit⸗ vertreib dient. Dann muß man hievon die Mutter oder die Brüder in Kenntniß ſetzen, und dann geht die Geſchichte ihren Lauf. Dies zu arrangiren, ſei alles meine Sorge. Es müßte doch ſonderbar zugehen, wenn wir nicht einmal im Stande wären, das durchzuführen.— Es iſt ſchon ſehr wichtig, daß ich von allen ſeinen Schritten und Tritten die genaueſte Kenntniß habe.“ „Durch Joſeph ſeinen Bedienten?“ fragte die Staatsräthin. „Allerdings!“ entgegnete der Juſtizrath;„ich hätte keinen paſſenderen Menſchen hierzu finden können, als ihn. Den habe ich in meiner Hand; was hätte mir jeder andere Burſche, der mir auch noch ſo ergeben geweſen, genützt?— Monſieur Eugen mit ſeiner leichtſinnigen Wirthſchaft, mit ſeinem Geldhinaus⸗ werfen an Freunde und Bediente hätte mir ihn doch bald ver⸗ dorben. Aber dieſer Joſeph muß mir treu bleiben, denn, das Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher erwähnt wird. 79 ſehr habe ich ihm auch angekündigt, bei dem geringſten Seitenſprung, ichts den er macht— fort mit ihm ins Zuchthaus!“ im⸗„Und bringt er öfters Rapporte?“ fragte die Dame mit det, anſcheinender Gleichgültigkeit. ann,„O ja,“ entgegnete der Juſtizrath,„alle Wochen ein ob⸗ paar Mal.“ Ge⸗„Und das Leben, das ſte führen, iſt immer das gleiche?“ „Es ändert ſich nur in ſo fern, als wöchentlich eine neue mit Thorheit projektirt und ausgeführt wird.“ Frau„Und die Geſundheit meines... des... Eugen Still⸗ 4 fried? Wie hält er dieſes wilde Leben aus?“ gar„Ganz vortrefflich!“ entgegnete achſelzuckend der Juſtiz⸗ elche rath;„ich begreife das nicht. Er hat eine merkwürdige Con⸗ muß ſtitution.“ und„Und iſt jener Andere, ſein Freund, immer noch bei ihm?“ zeit⸗ forſchte die alte Dame weiter, vſein luſtiger Rath, wie er ihn die nennt, jener mißvergnügte, kopfhängeriſche Schulmeiſter.“ hren„Leider, leider!“ ſeufzte der Juſtizrath,„das Bündniß üßte hat der Teufel geſchloſſen, und ſo viele Mühe ich mir auch ſchon ren, und namentlich durch Joſeph gegeben habe, die Beiden aus ein⸗ von ander zu bringen, es iſt rein unmöglich.“ 2 be.“ Die Staatsräthin ſah ihren Freund fragend und aufmerk⸗ hin. ſam an. inen„Die herrlichſten Thorheiten des Monſteur Eugen,“ fuhr habe der Juſtizrath fort,„die ſchönſten dummen Streiche, die zu den der ſchlimmſten ausfallen könnten, weiß der Andere in ihrem vollen igen Laufe aufzuhalten und ihnen durch irgend ein Manöver die Spitze uus⸗ abzubrechen. Man ſieht nie Einen ohne den Anderen, und wenn Lor⸗ es auch Monſteur Eugen, wie geſagt, abſichtlich darauf anzu⸗ legen ſcheint, ſeinen Namen und ſeine Geſundheit auf ewige 8* 3 80 Fünftes Kapitel. Zeiten zu ruiniren, ſo ſpringt der Andere dazwiſchen und bringt Alles, ſo viel es thunlich iſt, wieder ins Geleiſe. O, es iſt das eine heilloſe Wirthſchaft!“ Das Auge der alten Dame glänzte ſonderbar, doch wandte ſte ihren Kopf dem Fenſter zu. Dann ſagte ſie, ohne den Juſtiz⸗ rath anzuſehen: verlorenen jungen Menſchen nennen?“ „Allerdings!“ entgegnete ärgerlich der Juſtizrath und blickte forſchend auf ſeine Freundin,„wenn bei einer ſolchen Wirth⸗ ſchaft ein Schutzgeiſt überhaupt denkbar wäre.“ „Gott ſei Dank!“ lispelte die alte Dame, aber ſo leiſe in ſich hinein, daß der Andere nichts als einen ſchwachen Seufzer vernahm. Er ſetzte das Sonnenſchirmchen, mit dem er bis jetzt geſpielt, in die Ecke der Fenſtervertiefung, gieng ein paar Mal in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, dann trat er wieder an den Fauteuil der Staat 2. u Sr „Alſo könnte man ihn den Schutzgeiſt jenes thin und ſtreckte die Hand aus nach einem kleinen Käſtchen von Ebenholz, das vor ihr auf dem Tiſche ſtand. Bei dieſer Bewegung aber legte die Dame mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln die Hand auf jenes Käſtchen und ſah ihn dabei ſo ſonderbar an, als wolle ſie ihn bitten, daſſelbe jetzt nicht zu be⸗ rühren. Der Juſtizrath blickte ſie jedoch ſo befremdet ja vor⸗ wurfsvoll an, daß ſie ihre Hand mit einem Seufzer zurückzog und ihn das Käſtchen ergreifen ließ, das er vom Tiſche nahm Er drückte an einer Feder, der Deckel ſprang auf und zeigte das Bild eines jungen Mädchens von viel⸗ und in die Höhe hob. leicht fünfzehn Jahren, das ihn jetzt ſo zufrieden, heiter und glücklich aus den klaren Augen anblickte, als ſei es froh, daß man endlich einmal wieder ſein ſchwarzes Gefängniß geöffnet. Der Mann mit dem ſtrengen Geſicht blickte lange und ſchwei⸗ A η‿ Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher erwähnt wird. 81 gend dieſes Bild an, und über die harten Linien ſeiner Züge floß eine unendliche Weichheit. Nach einigen Augenblicken ſetzte er das geöffnete Käſtchen vor die Staatsräthin nieder, dieſe aber drückte mit abgewandtem Geſicht den Deckel wieder darauf. Der Juſtizrath ſchritt abermals, in tiefe Gedanken verſun⸗ ken, in dem Zimmer auf und ab.„Und dieſes arme unglückliche Kind,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe,„ſo gut, ſo un⸗ ſchuldig, leidet wohl unter dieſen entſetzlichen Verhältniſſen am meiſten.“ „Und wir nicht, Ferdinand?“ ſagte die Dame mit weicher Stimme. „Unſere Herzen ſchlagen ruhiger, Sophie. Wir haben ein langes Leben durch gekämpft in bitterer Qual, ja in tiefer Ver⸗ zweiflung, und das liegt jetzt hinter uns. Wir haben nicht er⸗ rungen, was wir gehofft, was wir gewünſcht, wir ſind nie zu einem glückſeligen Ziele gelangt... Iſt es aber nicht erſch recklich, daß uns aus all' dem, was wir in finſterer Nacht geſäet und worauf wir Tauſende blutiger Thränen geweint, nicht die ge⸗ ringſte Frucht erblüht? o ja, was noch ſchlimmer iſt, daß dieſe Frucht, jene liebe Blume“— dabei deutete er auf das Käſtchen —„nur uns, von allen Menſchen nur uns, nicht mit ihrem ſüßen Lächeln erfreuen darf. O, es iſt eine fürchterliche Strafe!“ „Aber keine ungerechte!“ antwortete die alte Dame mit leiſer, doch feſter Stimme. „Und ich leide doppelt, dreifach, zehnfach, tauſendfach!“ fuhr der Juſtizrath heftiger fort;„dein Herz, Sop öhie, iſt ge⸗ theilt, du magſt ſagen was du willſt, zwiſchen dieſer armen Un⸗ glücklichen und jenem ungerathenen Buben; und wenn er auch an dem Unglück dieſer ſchuld iſt, ſo iſt und bleibt er doch dein Sohn, dein grnihtge Sohn, der aller Vorrechte, alles Glückes Hackländer, Eugen Stilffried. I 6 Fünftes Kapitel. ſeiner Geburt genießt, der rechtmäßige Sohn ſeines Vaters, an dem dein Herz immer noch mit mütterlicher Liebe hängt.“ Der Juſtizrath machte bei den letzten Worten eine haſtige abwehrende Bewegung mit der Hand, als wollte er alle Ein⸗ wendungen von Seiten der Staatsräthin abſchneiden, was ihm auch gelang. Die alte Dame war in ihren Fauteuil zurückgeſunken, preßte ihr Schnupftuch vor die Augen und machte nicht den geringſten Verſuch, eine Sylbe der Entgegnung hören zu laſſen. So vergiengen wohl volle zehn Minuten, und im Verlauf derſelben wurde der Schritt des Juſtizrathes ruhiger; ſeine Züge, die ſich ſonderbar verzerrt hatten, glätteten ſich wieder. Auch die Staatsräthin fuhr mit dem Taſchentuche mehrere Mal über die Augen, dann reichte ſte ihrem Freunde, der wieder in die Nähe der Fenſtervertiefung gekommen war, die Hand und ſagte mit leiſer Stimme:„Wozu dieſe ſelbe Scene bei jeder Veranlaſſung immer und ewig wiederholen? Meinſt du denn, Ferdinand, ich hätte dieſes Käſtchen mit dem Bilde des unglücklichen Mädchens zur Luſt, zum Vergnügen vor mir ſtehen? meinſt du, es ſei mir ein Troſt, in dieſe reinen, unſchuldigen Züge zu blicken?— Gewiß nicht, Ferdinand! O, wie ich mich damit quäle! Du kannſt es mir glauben, mein Freund! Nur in ſolchen Stunden, wo mein Herz den ſchwachen Verſuch macht, freudiger zu ſchla⸗ gen, in Augenblicken, wo ich denke, das Glück werde doch noch⸗ mals einkehren in dieſes Haus, nur dann betrachte ich dieſes kleine Geſicht und ſtürze mich dadurch abſichtlich und ſchonungs⸗ los von den geträumten Höhen mit ſeliger, ſüßer Ausſicht wieder hinab in meine finſtere Alltäglichkeit... Ah!“ „Laß es gut ſein, Sophie,“ ſagte der Juſtizrath. Er ſchien tief ergriffen von dem Schmerze ſeiner Freundin und drückte ihr Worin des Helden der Geſchichte ausführlicher erwähnt wird. 83 warm die Hand.„Laß es gut ſein! Wer weiß, ob nicht noch einmal auch für unſer Leben klar und angenehm die Sonne her⸗ vorbricht, die ſich ſo lange hinter finſteren Wolken verborgen!“ „Nie, Ferdinand, nie!“ ſagte die alte Dame mit feſter Stimme;„wenn ſtich einſtens jenes Gewölke zertheilt— um mich deiner Worte zu bedienen— und die Sonne wieder her⸗ vorbricht, ſo wird ſte, ich weiß es und hoffe es— unſere Gräber beſcheinen.“ Der Juſtizrath blickte nach dieſen Worten lange zum Fen⸗ ſter hinaus; er ſchien gewaltſam jedes fernere Geſpräch unter⸗ drücken zu wollen. Seine Bruſt hob ſich heftig; er nahm ſanft und leiſe die Hand der Staatsräthin, drückte ſie an ſeine Lippen und verließ ſchweigend das Gemach. Seine Schritte hallten auf den einſamen Treppen wieder, dann hörte man, wie unten die Thüre wieder geſchloſſen wurde, und darauf war es ruhig, wie vorher, in dem weiten öden Hauſe. Draußen aber blitzte die Sonne mit aller Pracht auf Berg und Thal und berührte Straßen und Häuſer mit ihrem warmen Hauche. Auch das Stillfried'ſche Haus umſchlang ſte mit heißen Armen; doch war es ihr nicht möglich, dort hinein zu dringen; Fenſter und Thüren blieben nach wie vor feſt verſchloſſen, und jetzt hatte auch die Staatsräthin oben im zweiten Stock einen grünſeidenen Vorhang vor das Fenſter herabgelaſſen, hinter wel⸗ g hang g chem ſie ſaß, einſam und allein, über ihr vergangenes Leben nachbrütend, tiefes, gewaltiges Weh im Herzen. In einem kleinen Hauſe gegenüber wohnte ein armer Schuh⸗ macher mit ſeinem Weibe und vier Kindern in zwei kleinen heißen Stuben. Er beſorgte Schuhe und Stiefel für die Dienerſchaft drüben und kannte das große leere Haus ganz genau. Wenn er 6* Fünftes Kapitel. nun ſo von ſeiner Arbeit aufblickte und ſich den Schweiß von der Stirne trocknete, und wie er jetzt den Juſtizrath, den ſtattlichen, wohlhabenden Herrn, herausgehen ſah, ſo mochte er wohl über ſein Schickſal und über die ungleiche Vertheilung der Güter im menſchlichen Leben nachdenken. Doch war er glück⸗ licher, als Jene drüben, mit ſeinem ruhigen, zufriedenen Ge⸗ müthe; und hätte man ihn einen Tag dort hinein geſetzt, und auf ihn gehäuft nur den zehnten Theil des Kummers und des Schmerzes, welcher auf dem Gemüthe jener reichen, vornehmen Leute lagerte, ſo wäre er mit tauſend Freuden wieder nach Hauſe gelaufen, in ſeine kleinen Zimmer, zu ſeinem Arbeitsſtuhle, zu ſeinem Weibe und zu ſeinen vier geſunden Kindern. Sechstes Kapitel. Katharine Schoppelmann und Clementine Strebeling theilen ſich ihre kleinen Abenteuer mit.— Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. Unterdeſſen war Frau Schoppelmann mit keinem geringen Zorn in die unteren Theile der Stadt, auf den Markt zurück⸗ gekehrt. Das ſonſt ſo ruhige, gleichmüthige Geſicht der dicken Frau glühte vor Hitze und Aufregung; ſie ſchnaubte wie ein überhitztes Dampfboot, die dunklen Bänder ihrer Haube flatter⸗ ten hinter ihr drein wie Trauerwimpel, und dazu wallte ihr Umſchlagtuch wie ein ſchwarzes Segel. Die Frau grüßte ihre beſten Bekannten nicht, und mehrere Köchinnen, die ſich unter Weges an ſie wandten, waren nicht im Stande, ein Wort anzubringen, und verſicherten hoch und theuer, der Frau Schoppelmann müſſe unfehlbar ein ganzes Ndüſnad i zu Grunde gegangen ſein, oder ſie komme von iner Herrſchaft, wo man ſie beſchuldigt, ſie habe faule Fiſche agegefert 86 Sechstes Kapitel. So lenkte ſie auf die Straßen ein, die auf den Marktplatz führten, hoffend, auf letzterem etwas zu finden, an welchem ſie ihren gerechten Zorn auslaſſen könne. Doch die Frau hatte ein zu gutes Gemüth, um ihren Zorn lange feſtzuhalten. Die vielen Leute, die ſich hier ab und zu drängten, die eilig nach dem Ge⸗ biete giengen, auf welchem ſie faſt Alleinherrſcherin war, oder die von dort her zurück kamen mit vollen Körben, in welchen ſie ihre Waare erkannte, alles das beſänftigte nach und nach ihr Herz. Ihr Schritt wurde ruhiger, je mehr ſie ſich dem Gewühl des Marktplatzes näherte; und als ſie nun von fern bemerkte, wie angenehm ihr großes Gemüſe⸗ und Obſtlager zuſammen⸗ geſchmolzen war, da ſchmolz auch ihre Aufregung vollſtändig, und ſie war im Stande, mit dem gewohnten ruhigen und ſicheren Ausdruck ihres Geſichtes an ihren Stand zu treten. Glücklicher Weiſe war auch hier an dem Blumenkorbe ihrer Tochter keine männliche Seele zu ſehen; vor Allem aber fehlte er, dem ſicher heute Morgen ein unfreundliches Wort zu Theil geworden wäre. Der Blumenhandel ſchien, trotz dem, recht gut gegangen zu ſein, denn der Korb der ſchönen Katharine war bis auf einige unbedeutende Ueberreſte leer, ſie ſelbſt aber ſchon, da das Geſchäft für heute faſt beendigt war, nach Hauſe ge⸗ gangen. Dorthin verfügte ſich jetzt auch Madame Schoppelmann, und als ſie in den dunkeln, feuchten Hof trat, waren hier und in dem Gewölbe ſo viele ihrer beſten Kunden verſammelt, denen ſte Audienz zu ertheilen hatte, daß auch bald die geringſte Spur des Unmuthes aus ihrem Gemüthe und von ihrer Stirne ver⸗ ſchwunden war und ſtie ſich mit ruhigem Herzen ihrem ſo ver⸗ wickelten und ſchwierigen Geſchäfte hingeben konnte. Oberhalb des Gewölbes, in welchem wir heute Morgen Ein Kapitel voller Kiebesgeſchichten. 87 dem Kaffeefrühſtück der Familie Schoppelmann beiwohnten, be⸗ fand ſich ein kleines Gemach mit ſehr niedriger Decke und einem einzigen großen Fenſter. Dieſes Fenſter führte auf eine Seiten⸗ gaſſe und war eines der wenigen des ganzen weitläufigen Hinter⸗ gebäudes, an welches die Sonne mit einem Streiflichte dringen konnte. So maleriſch unordentlich, ja, ſchmutzig es drunten in dem Hofe wie in dem Gewölbe ausſah, ſo nett, reinlich und friedlich war es hier oben. Die Wände hatten einen hellen, freundlichen Anſtrich, das Fenſter war mit weißen Vorhängen verſehen, die jetzt, da die Glasfenſter, und zwar nach außen, geöffnet waren, hell in dem Sonnenlichte flatterten und zuweilen mit einigen Reſeden und Geranien kosten, die in kleinen Blumenſcherben auf der Fenſterbrüſtung ſtanden. An der hinteren Wand dieſes kleinen Zimmers ſtand ein breites, altmodiſches Bett, aber das Weiß⸗ zeug auf demſelben war blendend weiß und friſch; in einer Ecke befand ſich ein einfacher Kleiderkaſten, und dies, ſowie ein paar alte hölzerne Stühle machten das ganze Ameublement des Zimmers aus. Der geneigte Leſer wird errathen, daß wir es hiemit ge⸗ wagt, einen ſchüchternen Blick in das Zimmer der ſchönen Katha⸗ rina zu werfen. Ja, dies war ihre Wohnung, ihr Heiligthum! Hieher ſetzte ſelten die Mutter, nie aber einer der wilden Brüder einen Fuß; hier behauptete das Mädchen ihr Recht, hier war ſie allein, und hier baute ſie oftmals aus den ſüßen Träumen, die ihrem warmen Herzen entſtiegen, die glänzendſten Luftſchlöſſer. Katharina hatte mehrere Stunden in der glühend heißen Luft des Marktes zugebracht, hatte ihre Geſchäfte beſtens beſorgt, ihre Rechnung ſchriftlich in den Tiſch der Mutter verſchloſſen, die anſehnliche Kaſſe dazu, und ſaß jetzt droben in ihrem kleinen Zimmer an dem geöffneten Fenſter in der erfriſchenden Kühle, Sechstes Kapitel. welche beſtändig zwiſchen dieſen dicken Steinmauern herrſchte. Sie hatte das rothe Tuch von dem Kopfe herunter genommen, ihr enges Mieder geöffnet, und die langen, kühlen Flechten fielen auf ihre entblößten Schultern, auf ihre volle Bruſt herab. Katharina war nicht allein: ihr gegenüber auf einem an⸗ deren Stuhle ſaß die Jungfer Strebeling, und die zarte Clemen⸗ tine hatte nun, wie vorhin der Mutter, jetzt auch der Tochter ihr Herz ausgeſchüttet in Betreff der ſündhaften Choriſtin. Daß Madame Schoppelmann ſich nicht ſehr hierüber alterirt hatte, darüber wunderte ſich die alte Jungfer gerade nicht; aber daß Katharina ſogar keine Miene machte, welche Schxecken und Ab⸗ ſcheu ausdrückten, das war ihr völlig unerklärlich. Sie ſchauerte ſich zuſammen, wie eine dreiviertels verblühte Herbſtroſe, welche von einem eiſigen Schneewinde ge lißt t wird. „Aber das war am hellen Tage,“ ſagte ſte,„und an der öffentlichen Treppe, und er hat ſie geküßt!— Iſt denn das nicht ganz entſetzlich, J Jungfer Katharine?“ Dieſe ließ nachſtnnend und lächelnd ihr Haupt ſinken, ſo daß die ſchwarzen Flechten über ihr glühendes Geſicht herab fielen. Wir wiſſen nun nicht ganz genau, wem dieſes Lächeln galt, hoffen aber nicht, daß die Erzählung Clementinens es hervorgelockt, da wir ohne weitere Beweiſe unmöglich annehmen wollen, als ob Katharina nur über ſo etwas lachen könnte. Aber die Welt iſt ſehr verderbt! Das mochte auch Clementine denken, denn ſie ſah erſtaunt ihr lächelndes Gegenüber an, und es ſchmetterte ihr hartes Ge⸗ fühl ordentlich darnieder, ja, ſie verlor allen Glauben an ihre Mitſchweſter, als dieſe nicht nur zu lächeln fortfuhr, ſondern ſogar nach einer kleinen Pauſe die ſchrecklichen Worte ſprach: Vllnd Sie haben noch nie einen Mann geküßt, Clementine? Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. Die alte Jungfer ſaß auf dieſe Frage ſtarr wie eine Bild⸗ ſäule. Sie hätte fliehen mögen, aber ſte konnte nicht zum Auf⸗ ſtehen kommen. So etwas Entſetzliches hatte noch Niemand mit ihr geſprochen. Sie ſah Katharinen mit einem wahren Entſetzen an, ſie fürchtete ſich vor ihr, es ſchauerte ſie in ihrer Nähe, ſie hatte ein Gefühl, wie wir vielleicht vor jemanden, der zu uns ſagt, er ſei mit einem ſchrecklichen Uebel behaftet, er habe Mo⸗ mente, wo es ihm das gröͤßte Vergnügen mache, ſeinem Gegen⸗ über an den Hals zu ſpringen, um ihn gelinde zu erdroſſeln. Und die ſchöne Katharina hatte ſo gar keine Ahnung von den Gefühlen, die ihre unbedachte Frage in der Bruſt der alten Jungfer hervorgerufen; ja ſie wiederholte dieſelbe ſogar und im Tone des Zweifels und ſetzte hinzu:„Wirklich, Clementige, es hat Sie noch nie ein Mann geküßt?“ „Nein!“u antwortete dieſe nach einer längeren Pauſe mit tonloſer Stimme, und es lag in dieſem Nein ein unendlicher Schauer, und zugleich ein Schrei des Entzückens über die unend⸗ liche Reinheit ihrer eigenen Seele.—„Nein, gewiß nicht, Ka⸗ tharine!“ fuhr ſte nach einer abermaligen Pauſe haſtig fort; „Gott ſoll mich bewahren, ſo etwas Schreckliches iſt mir, dem 4 Himmel ſei es gedankt! bis jetzt nicht widerfahren.“ Katharina blickte lächelnd auf und ließ ihre leuchtenden Augen eine kleine Weile auf dem zarten Geſicht der alten Jungfer ruhen. „Das iſt eigentlich ſonderbar,“ ſagte ſie leiſe, mehr zu ſich ſelber als zu der Anderen,„in Ihrem langen Leben nicht ein einziges Mal geküßt?“ „Nein, in meinem langen Leben nicht ein einziges Mal,“ wiederholte Clementine, und ſte hätte ſich über dieſes„lange“ Leben vielleicht beleidigt gefühlt; doch welcher Triumph für ſtet ihr Herz war in dieſem langen Leben rein geblieben, und das ☛ ☛8— 90 Sechstes Kapitel. Kind ihr gegenüber, ein unreifes Ding von zwanzig Jahren, hatte vielleicht ſchon Erfahrungen gemacht, hatte vielleicht ſchon— o ſchrecklich!— einen Mann geküßt! Anfänglich dachte Clementine, es ſei für ihre eigene Ge⸗ müthsruhe wahrſcheinlich beſſer, wenn ſie hierüber in Ungewiß⸗ heit bliebe. Dann aber brach die weibliche Neugierde mächtig und ſtegreich hervor, und die Folge hievon war, daß ſie ſchüchtern fragte:„Und Sie... 24 „Was?" entgegnete Katharina, aus einem tiefen Nachden⸗ ken auffahrend. „Ich meine: und Sie?“ ſagte die alte Jungfer;„ob Sie vielleicht ſchon... 2“ „Nun, was denn?“ „Nun, was Sie mich vorhin fragten, ob“.. „Mich ſchon vielleicht ein Mann geküßt?“ entgegnete Ka⸗ tharina lachend. Clementine nickte erröthend mit dem Kopfe. „Ja, ja,“ gab Katharine zur Antwort,„er hat mich ſchon geküßt, nicht oft, aber innig geküßt. O Gott, das war eine Seligkeit!“— Sie ſagte das mit ſehr leiſer Stimme, als fürchte ſte, von jemand Anderem gehört zu werden, und dabei athmete ihre Bruſt ſchwer auf, als ſei ſie froh, daß ſte einem anderen weiblichen Weſen dieſes ſelige Geheimniß habe anvertrauen können.. Clementine ſchauderte mehr und mehr; und doch konnte ſie ſich nach einigen Augenblicken nicht enthalten, zu fragen:„Er — wer iſt das?“ Die gute Seele hoffte und glaubte, es könne mit dieſem Er vielleicht einer der Brüder Katharinens gemeint ſein; doch fand ſie ſich durch die nächſten Worte des jungen Mäd⸗ chens grauſam enttäuſcht. Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 91 „Ach, er war es,“ ſagte dieſe und ſchlug die Augen zu Boden;„er, den ich liebe, o nein, nicht blos liebe, er, der mein Alles ausmacht, von deſſen Bild ich mich durchdrungen fühle, ohne den ich nichts denken kann und mag Jer, ja er, mein Leben, meine Seele!“ „Ein Mann?“ fragte entſetzt Clementine. „Der mich liebt, wie ich ihn liebe, ſo glaube ich wenigſtens, ſo hoffe ich. Ach, Clementine, könnte ich Ihnen einen Begriff geben von dem Gefühl, das mich durchſtrömt, wenn er zu mir tritt, wenn ich ſeine Nähe fühle oder gar wenn mich ſeine Hand berührt! O, wie es mich da durchſchauert, wie es zuerſt eiskalt durch mein Blut läuft und mein Herz faſt ſtill ſteht, und wie es mich dann glühend heiß durchtobt und ich kaum zu athmen vermag!“ „Das iſt ja entſetzlich,“ ſagte die alte Jungfer.„Das muß ja fürchterlich, wie eine Krankheit ſein!“ Katharina legte ihre warme Hand auf den dünnen Arm ihrer entſetzten Zuhörerin und fuhr fort:„Clementine, Sie wiſſen nicht, wie glücklich ich mich fühle, daß ich mit Ihnen darüber ſprechen kann. Habe ich doch Niemanden, dem ich mich anver⸗ trauen könnte, und hier in meiner Bruſt war es ſo voll, ach, ſo voll Glück und Vergnügen; gewiß, ich wäre noch daran erſtickt. Ja, wenn ich an alles das dachte, wie und wo ich ihn zum erſten Mal geſehen, dann ſchwoll es mir bis an den Hals hinauf, ich verſuchte vergeblich zu athmen; aber jetzt iſt mir leichter, und ich will Ihnen Alles, Alles erzählen.“ „Um Gottes willen, Katharine!“ ſagte die Andere und rückte ihren Stuhl etwas zurück;„was wollen Sie mir erzählen? — O liebe Seele, verzeihen Sie mir, aber ich habe dergleichen noch nie gehört, und wenn es zufällig etwas Schreckliches wäre⸗ — — 92 Sechstes Kapitel. ſo könnte ich es nicht ertragen; ich glaube, ich würde ohnmächtig werden.“ „Es iſt aber gar nichts Schreckliches entgegnete erſtaunt Katharina.„Gewiß nicht! Es iſt etwas ſo Schönes und Liebes! Sie wiſſen, Clementine, wie viele junge Herren aus der Stadt täglich von meinen Blumen kaufen; aber es war mir wahrhaftig ganz gleichgültig, wer an meinen Korb kam: ich gab Jedem be⸗ reitwillig, was er verlangte, dem Einen wie dem Anderen, und wenn mir vielleicht ein Kunde weniger lieb war, ſo kam das daher, weil dieſer vielleicht mehr dumme Worte an mich hinſprach, als ein anderer. Da kam er zum erſten Male auf den Markt und ſagte, er habe mich ſchon lange um einen Strauß bitten wollen, aber ich möchte ihm einige Blumen ſchenken, er könne und wolle mir nichts abkaufen. Natürlich ſah ich ihn erſtaunt an und wollte ihn anfänglich auslachen; doch wie ich in ſein Ge⸗ ſicht blicke, das mich ſo offen und ehrlich anſieht, in ſeine klaren Augen, die ſo gar nicht ausſahen, als wollten ſie einen Scherz mit mir treiben, da konnte ich nicht mehr lachen. Ich weiß nicht, es war mir ſo verwirrt zu Muth, ich mußte mich plötzlich auf meine Körbe niederbeugen, und da ſuchte ich lange unter den Blumen herum, und ich konnte nicht anders, ich mußte ihm den ſchönſten Strauß geben, den ich hatte. Es waren Vergißmein⸗ nicht, Veilchen und eine Roſe. Er nahm ſie aus meiner Hand und ſah mich lange feſt an, dann ſagte er: Gott, wie froh bin ich, daß Sie mir dieſes Geſchenk geben, Katharine! Ach, das Kaufen und Bezahlen iſt entſetzlich langweilig!— und er ſah gewiß nicht aus, als wenn ihm das Kaufen und Bezahlen Mühe gemacht hätte. Dann fragte er mich noch: Und Sie geben mir die Blumen gern?— worauf ich antwortete: Warum nicht?— Und dann gieng er fort und ſchenkte einem Bettelweib, das ihm —.— Ein Kapitel voller Kiebesgeſchichten. 93 in den Weg lief, einen Gulden.— Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte ihm den Strauß gern gegeben. Es hatte mich noch keiner von dieſen Herren gebeten, ihm eine Blume zu ſchenken, und das kam mir ſo außerordentlich nobel und anſtändig vor. Andere von den jungen Leuten hatten mir oft das Doppelte, das Zehnfache meines Preiſes bezahlen wollen, und das fand ich ſo gemein, ja unartig.“ „Von da an hatte ich jeden Tag etwas Beſonderes in meinen Körben verſteckt. Aber er kam erſt nach einiger Zeit wieder und ſagte, er habe meine Güte nicht mißbrauchen wollen. Doch mußte er bei dem zweiten Male wohl gemerkt haben, wie gern ich ihm einige Blumen gebe— ich war wahrhaftig nicht im Stande, dies zu verbergen— und von da an kam er jeden Markttag, und als ich einmal nicht hingehen konnte, da ſteckte ich eine kleine Roſe neben den Henkel meines Korbes und ſagte leiſe zu mir, als ihn die Magd fort trug: Die iſt für dich! Und es war, als habe ihm die Roſe das wieder geſagt, denn er kam zur Mutter und verlangte gerade nur dieſe Roſe.“ „Das iſt aber alles recht nett und ſchön,“ ſagte die alte Jungfer, die augenſcheinlich erfreut war, daß ihre zarten Ohren nichts Schrecklicheres hören mußten. Aber Katharina war mit ihrer Geſchichte noch nicht zu Ende. „Eines Abends,“ fuhr ſie fort—„es war in dieſem Früh⸗ jahr— gieng ich, als es ſchon dunkel wurde, von meiner Tante, die draußen vor der Stadt wohnte, allein nach Hauſe. In der Alleeſtraße, wo die großen neuen Häuſer ſtehen, kam ich bei einem Parterre vorbei, das erleuchtet war und wo die Fenſter offen ſtanden. Zwiſchen ihnen aber ſah ich hölzerne Käſtchen aufrecht ſtehen, und zwiſchen dieſen Käſtchen waren Saiten geſpannt.“ Sechstes Kapitel. „Aeolsharfen,“ ſagte Clementine. „Ja, ich glaube ſo heißt es,“ fuhr das junge Mädchen fort. „Und aus dieſen Dingern klang es ſo merkwürdig und ſchön, es flüſterte und ſang und klagte und erzählte allerlei, daß ich unwill⸗ kürlich ſtehen blieb und zuhorchte. Ich hatte eine ſolche Muſik in meinem Leben nicht gehört; es war aber auch keine bekannte Me⸗ lodie darin, ſondern es war, als wenn viele Stimmen durch einander ſängen und ſelbſt nicht wüßten was, und doch gieng es ganz nett zuſammen. Zufällig blickte ich in die Fenſter hinein, und da ſah ich, daß um eines dieſer Käſtchen ein Kranz von ver⸗ welkten Blumen hieng, und wie ich ſo genauer hinſchaute, be⸗ merkte ich zu meinem Schrecken, daß es meine Blumenſträuße waren, die man zuſammengebunden und dorthin gehängt hatte. Als ich das aber geſehen, blieb ich keine Sekunde länger vor dem Fenſter, ſondern lief raſch die Straße hinab. Aber ich lief nicht allein: ich fühlte wohl, daß Jemand ſchnell hinter mir drein gieng.“ „Ah!“ rief erſtaunt Clementine. „Er war es,“ fuhr das junge Mädchen mit ganz leiſer Stimme fort,„und ich mochte ſo ſchnell gehen, wie ich wollte, er blieb dicht hinter mir.——— CEndlich ſprach er mich an.“ „Auf der Straße?“ fragte entſetzt Clementine. „Natürlich auf der Straße!“ entgegnete die Andere.„Ich weiß eigenlich nicht genau, was er anfänglich ſagte; aber ſo viel verſtand ich, er habe mich am Fenſter geſehen und ſei mir nach⸗ geeilt. Ich war natürlich ſehr verwirrt und in Verlegenheit und mußte ihm wohl entgegnet haben, ich habe meine Blumen be⸗ merkt, denn er ſagte mir ganz vergnügt: Ach ja, Katharine, das ſind freilich Ihre Blumen, ich habe ſie über meine Aeolsharfe gehängt, und wenn es Abends aus den Saiten hervor und in —— Ein Kapitel voller Kiebesgeſchichten. 95 mein Zimmer hinein flüſtert, ſo meine ich immer, Sie ſprächen mit mir.— Das kam mir ſo rührend und ſchön vor, wie er das zu mir ſagte, daß ich ordentlich zitterte und mir die Thränen herab liefen. Dann begleitete er mich in die untere Stadt, und als er hier vor dem Hauſe— es war ſchon ganz dunkel— Abſchied von mir nahm, da geſchah das, was ich vorhin ſagte.“ „Er hat Sie geküßt!——— „Ja, er hat mich geküßt; ach, Clementine, und das war eine Seligkeit! ich hätte das vordem in meinem ganzen Leben nicht geglaubt. Er ſchlang ſeinen Arm um mich herum— kom⸗ men Sie, ich will Ihnen das einmal zeigen...“ „Ach nein, um Gotteswillen nicht!“ bat Clementine,„ich könnte den Gedanken in meinem ganzen Leben nicht mehr los werden!“ „Alſo er ſchlang ſeinen Arm um mich, und dann fühlte ich auf einmal ſeine Lippen auf meinem Munde. Es war, als ſei ein Blitz über mich gefahren. Ich war ſo erſchrocken, daß ich mich nicht einmal mehr losmachen konnte, und er küßte mich einmal und ſogar zweimal.“ „Sogar zweimal!“ ſagte Clementine;„das iſt ja entſetzlich!“ „Ja, es wurde mir auch ſo ſonderbar und ängſtlich zu Muth, und darauf machte ich mich los, lief nach Hauſe und gieng zitternd zu Bett. Ach, ich konnte die ganze Nacht faſt kein Auge ſchließen, was mir ſonſt nie geſchehen war, und wenn ich einmal einſchlief und träumte, dann träumte ich von ihm, dann küßte er mich im 6 Traume immer fort.“ „Sehen Sie,“ ſagte die alte Jungfer feierlich,„das iſt Sündenſchuld!“ „Aber es war mir gar nicht zu Muth, als wenn ich eine Sünde begangen hätte,“ ſagte Katharina ganz aufrichtig und 96 Sechstes Kapitel. ſchaute ihre Zuhörerin unbefangen an.„Aber nicht wahr, Cle⸗ mentine, was ich Ihnen hier erzählte, das bleibt ganz unter uns, Sie ſprechen gegen Niemand davon!“ „Gott ſoll mich bewahren! Ich werde es nicht über meine Lippen bringen.“ Hier trat in dem Geſpräche der Beiden eine kleine Pauſe ein; Katharina ſtützte ihren Arm auf das Fenſtergeſims, legte ihr glühendes Geſicht auf die Hand und ſchien über etwas An⸗ genehmes nachzudenken. Clementine hatte unterdeſſen die Hände gefaltet und ſah das junge Mädchen vor ſich mit traurigem Blicke an, mit einem Blicke, der zu ſagen ſchien:„Arme Unglückliche, du biſt gerade ſo eine Verlorene, wie die Choriſtin des könig⸗ lichen Hoftheaters!“ „Jetzt habe ich Ihnen Alles, Alles erzählt,“ ſagte Katha⸗ rina nach einer kleinen Weile;„aber jetzt, liebe Clementine,“ fuhr ſte lächelnd fort,—„Sie waren vorhin ſo erſtaunt, als ich Ihnen ſagte, ich liebe ihn ſo innig, ſo aufrichtig,— hat Sie denn das wirklich ſo ſehr überraſcht? haben Sie denn in Ihrem Leben nie Jemanden geliebt? „Ich?“ fragte erſtaunt die alte Jungfer.„Heiliger Gott! das iſt mir nie eingefallen, gewiß und wahrhaftig nicht! Ich hätte keine ruhige Stunde mehr!“ „Das iſt ſchon wahr,“ ſagte träumeriſch lächelnd Katha⸗ rina,„die Ruhe, die man früher hatte, geht dabei verloren; aber die Unruhe, die man dagegen bekommt, iſt viel ſchöner, o viel, viel ſchöner. Früher iſt man freilich ruhiger, aber man hat ſo 6 für gar nichts ein wirkliches Intereſſe, man freut ſich über Alles und doch ſo recht über gar nichts. Aber wenn man liebt, da ändert ſich das, man ſieht jedes, was man ſonſt nicht be⸗ achtet, mit ganz anderen Augen an. Meine Blumen ſprechen zu Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 97 mir, der blaue Himmel eines ſchönen Tages, ein Sonnenſtrahl, und dann erſt ein Blick von ihm, ein Gruß— o, das müſſen Sie noch erfahren, Clementine!“ „Nein, nein, gewiß nicht!“ entgegnete erſchrocken die alte Jungfer;„ich bin nicht dazu gemacht. Wie das einem Menſchen nützlich und angenehm ſein könnte, davon habe ich keine rechte Vorſtellung.“ „Aber Sie müſſen doch ſchon zuweilen gedacht haben, daß es auch Ihnen ganz anders ſein würde, wenn Sie jemanden hätten, der ſich um Sie bekümmerte, und dem auch Sie Auf⸗ merkſamkeiten erzeigen könnten, dem Sie helfen, für den Sie leben könnten.“ „Ja, das habe ich wohl ſchon einmal gedacht,“ ſagte ſchüchtern Clementine und blickte nun ihrerſeits zu Boden;„aber die Männer alle ſind ſo roh, ſo ohne Rückſicht— ſie ſollen, wie man mir ſchon oft geſagt, ſo ſchreckliche Abſichten haben.“ „O, das iſt gar nicht waß angegnete Katharina. „Ich ſcheue mich vor dem ganzen männlichen Geſchlecht,“ fuhr die zarte Jungfrau fort,„und meine Mutter, die Gott ſelig haben möge, hat mir immer daſſelbe geſagt.— Ja,“ fuhr ſtie nach einer Pauſe ſtockend fort,„wenn es eine——— eine ——— Liebe gäbe, wie ich ſie mir vorgeſtellt, das könnte mir vielleicht doch gefallen.“ „Alſo Sie haben ſich doch ſchon einmal eine Liebe vorge⸗ ſtellt?“ lachte Katharina. „Schreien Sie doch nicht ſo!“ bat die Andere und ſah ſich ſchen um.„Aber Sie verſtehen mich doch nicht.“ „Das wollen wir einmal ſehen,“ entgegnete das junge Mädchen.„Laſſen Sie hören!“ Hackländer, Eugen Stillfried. I. Sechstes Kapitel. A* 4 „Ach,“ ſagte leiſe Clementine, wich wollte mich wohl gern für Jemand intereſſiren, möchtedihn auch lieben, aber ich dürfte euthn nicht ſeheu noch viel weniger ſprechen.“ 15„Ihn nicht ſehen und nicht ſprechen?“ „Sehen vielleicht, ja, doch nur ein einziges Mal, damit ich mir ein Bild von ihm machen könnte. Aber ſprechen dürfte er nicht mit mir— ach, die Männer ſind ſo entſetzlich roh, und wenn ſie einmal anfangen zu ſprechen, ſo würde er mich auch... was Sie vorhin ſagten...“ „Küſſen wollen!“ ſagte das Mädchen, und aus ihren Augen blitzte es, und ihr Mund zuckte, als unterdrücke ſie ein heftiges Lachen. „Ja———— das,“ entgegnete ſchüchtern Clementine, „und das wäre mein Tod, mein gewiſſer Tod. Aber er dürfte mir ſchreiben, und ich würde ihm auf ſeine Briefe antworten, und wenn er traurig wäre, würde ich ihn tröſten, und wenn er unglück⸗ lich waͤre, würde ich ihm helfen.“ „Das wäre aber eine eigenthümliche Liebſchaft,“ ſagte Katharina, jetzt laut lachend. „Nun ſehen Sie, wie Sie über mich ſpotten!« ſagte die alte Jungfer einiger Maßen empfindlich.„Sie haben es aus mir herausgedrückt und jetzt machen Sie ſich über mich luſtig.“ „Nein, gewiß nicht, meine liebe Clementine!“ ſagte gut⸗ müthig das junge Mädchen und faßte ihre beiden Hände;„ich fühle und denke nur ganz anders, als Sie. Ein geſprochenes Wort iſt doch etwas ganz anderes, als ein geſchriebener Brief. Freilich, ſo ein kleines, liebes Blättchen Papier, das hie und da dazwiſchen kommt, das hat man auch gern und kann es ſich wohl gefallen laſſen.“— Damit ließ ſie die Hände der alten Jungfer los und „ Ein Kapitel voller Liebesgeſchichten. 99 ◻ drückte ihre Rechte feſt auf die Bruſt, als habe ſte dort einen ſolchen Schatz verſteckt. 1 Drunten aber vernahm man in dieſem Augenblicke ſehr laut und deutlich die Stimme der Madame Schoppelmann, welche nach ihrer Tochter rief. Dieſe Unterredung der beiden Mädchen, welche vielleicht dem geneigten Leſer unbedeutend vorkommen mag, die aber für unſere wahrhaftige Geſchichte einigermaßen wichtig iſt, wurde durch dieſen Ruf beendigt und ſomit auch das vorliegende Kapitel. Siebentes Kapitel. In welchem der Held der Geſchichte endlich auftritt und woraus wir erſehen, welch' ſorgloſes Leben derſelbe zu führen pflegt. Die hellen, klaren, ſo angenehm warmen Abende, welche auf die heißen, dunſtigen Tage dieſes Sommers folgten, lockten die Bewohner der Stadt, ſobald die Dämmerung eingetreten war, in großer Anzahl auf die Promenaden, auf die Plätze und Straßen; und dieſe Orte, welche den Tag über in der glühenden Sonnen⸗ hitze öde und leer dalagen, füllten ſich jetzt mit lachenden, plau⸗ dernden, luſtigen Spaziergängern, und ein lebhaftes Gemurme! ſtieg aus den dichten Schaaren an den blauen Nachthimmel em⸗ por. Es war gerade, als ſei die ganze Stadt von Nachtſchmetter⸗ lingen bewohnt, die jetzt erſt, bei einbrechender Dämmerung, ſich 4. ihres Lebens zu freuen anfiengen. So zog es aus allen Gäßchen und Gaſſen heraus auf die breiteren Straßen, um ſich noch ein paar Stunden der kühleren Abendluft zu erfreuen. Ganze Familien ſchritten dort leiſe plau⸗ 3 dernd auf und ab, der Vater, die Mutter und vielleicht auch die Großmutter, eine ganze Schaar von Kindern, einige alte Onkels und Tanten und ſprachen von den Geſchäften des Tages oder von erſchrecklichen Ereigniſſen in der Politik. Mitten in dem Schwarm der Begegnenden und Mitziehenden blieb ſo eine Familie doch immer ein Ganzes für ſich, von der übrigen Maſſe getrennt, und ebenſo gieng es mit allen Anderen. Dazwiſchen giengen junge Bürgerstöchter zu fünf und ſechs Arm in Arm, und dieſe große Zahl war es, welche ſie ſo keck machte, ohne Begleitung ihrer Brüder und Väter, die im Wirthshauſe ſaßen, an dieſem Abende zu luſtwandeln, und welche ſie vor allerlei Unannehmlichkeiten bewahrte und ſogar vor üblen Nachreden. Andere junge Damen lzoherrxen oft in Hut und Schleier, bald einzeln, bald zu zwei, ſtrichen 8 ebenfalls durch die Menge, aber ängſtlich, ſchüchtern; jetzt wichen ſie den Begegnenden rechts, jetzt links aus blickten bald hierhin bald dorthin, jetzt rückwärts oder vorwärts, jetzt mit eiligem Schritte, jetzt faſt ganz ſtehen bleibend, ein fortwährend ſcheues Dahinflattern. „ Den Bürgermädchen und jenen—i olgten unterneh⸗ wen den verſchiedenſten Abſichten au mende ang 2 „ Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 101 —— Ue alte Bekannte, und es wurde gekichert und laut gelacht, und man fand es außerordentlich charmant, ſich auch hier zu treffen, und man hätte es gewiß nicht gedacht, obgleich die Jette und die Nane, und die Mine und die Ricke ſchon lange geglaubt haben, ſie be⸗ merkten in dieſer Straße einen guten Bekannten; und wie es ſo gar angenehm wäre, ſich hier zu treffen, und wie man morgen gewiß wieder herkommen wolle. Und in dieſem Augenblick ſtockt auf einmal das Geſpräch plötzlich und allgemein und verliert ſich in ein unbeſtimmtes Huſten und Räuſpern Jede der anſtändigett Hier fanden ſich unter dem jungen Volk Siebentes Kapitel. Bürgerstöchter ſtößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an und ſie blicken ſich einander fragend in die Geſichter, als wollten ſie ſagen: Haſt du es denn auch geſehen? war es in der That Stadtraths Karoline, die dort eben bei uns vorbeigieng am Arm eines jungen fremden Menſchen, die es wagte, ſich jetzt ſchon öffentlich mit ihm auf der Straße zu zeigen, bevor vierhundert alte vertrocknete Jungfern und dreißig Dutzend Kaffeeklatſchgeſell⸗ ſchaften die eben erſt begonnene Brautſchaft zwiſchen ihren alten wackeligen Zähnen zermalmt und feierlich angenommen und ver⸗ kündigt hatten? Sie war von jeher etwas gemein, Stadtraths Karoline, etwas frei in ihren Aeußerungen, und wenn man mit der chriſtlichſten Milde und Liebe, wie es hier in der Stadt ſo recht Mode war, das Boshafteſte über ſeinen Nebenmenſchen verbreitete, dem man einen Augenblick vorher warm die Hand gedrückt, ſo wagte ſie es zuweilen, nicht nur nicht mit einzuſtim⸗ men, ſondern ſie hatte ſich ſchon unterſtanden, die Tugend einer Sängerin oder Tänzerin zu vertheidigen oder das Betragen einer Nähterin und Putzmacherin in Schutz zu nehmen. Solche lockere Grundſätze müſſen beſtraft werden und die echt untadelhaften Jungfrauen aus dem Bürgerſtande, die mit eben ſo echt untadel⸗ haften Ladengehülfen dort im Geſpräch begriffen ſind, im Ge⸗ ſpräch, vermiſcht mit unterſchiedlichen Händedrücken r und ſchmach⸗ tenden, begehrlichen Augen, klopfen ſich ſelbſt an ihre verſchie⸗ denen Buſen und ſagen, wenn auch mit anderen Worten:„Wir danken Dir, Herr, daß wir nicht ſind wie Jene...“ Auch Muſik ſchallt in die Nacht hinaus; in weiter Ferne vernimmt man das Kreiſchen einer Violine, die es jammernd beklagt, daß Robert, Robert der Geliebte durchaus keine Gnade äben will. In einer Nebengaſſe aus einem Spezereiladen tönen andere, aber eben ſo wehmüthige Klänge hervor; dort flötet eine Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 103 andere Nachtigall. Der eingeſperrte Lehrling einer Spezereihand⸗ lung bläst die Flöte, er ſpielt mit rührender Beziehung:„Ach wär' ich zu Hauſe geblieben!“ und zerreißt jeden Tact, ſowohl aus innerer Rührung, als auch um mit der Zunge die Flöte anzufeuchten.. Aber dazwiſchen erfreuen auch beſſere Klänge unſer Ohr; wir vernehmen entfernte Regimentsmuſik, die vielleicht in ihrem Kaſernenhofe ſpielt, oder vor dem Quartier des betreffenden Ge⸗ nerals ein Ständchen bringt. Jetzt iſt die Regimentsmuſtk ver⸗ ſtummt und neben uns in einer dunklen Seitenſtraße tönen auf einmal die mächtigen Accorde einer guten Straßenorgel; ſie ſpielt aus dem Nabucco: 4 „Und tief in dem Herzen, Die bitterſten Schmerzen.“ Und ſehr viele unſerer Spaziergängerinnen bleiben ebenſo plötzlich ſtehen und lauſchen dieſer Muſik. „Das iſt er wieder!“ flüſtern Einige, und Andere antwor⸗ ten:„Ja, er hat etwas echt Ungariſches: einen langen Schnurr⸗ bart, melancholiſche Augen und einen blauen berſchnürten Rock.“ „Ach, wenn ich ihn nur auch einmal ſehen könnte!“ meint eine Dritte, und Alle halten ſich ſo lange in der Nähe der Neben⸗ ſtraße auf, bis die Muſik verſtummt und ein kleiner Bube mit einem Tellerchen erſcheint, der um eine kleine Gabe für ſeinen armen Herrn, den unglücklichen Orgelſpieler, bittet. „Siehſt du, wie zart!“ flüſtert eines der Mädchen ihrer Nachbarin zu: ner läßt ſich nicht ſelbſt ſehen, der ungariſche Graf.— Ach, wenn ich nur Geld bei mir hätte!“ Zu all dieſem unſäglichen Vergnügen auf der Straße unſerer Reſidenz hatten die Sterne gefunkelt und der Mond geſchienen, letzterer aber nur ſehr unbedeutend; denn er hatte ſich wahrſchein⸗ — — 104 Siebentes Kapitel. lich anderswo verſpätet, und ſtieg nun erſt langſam über die Berge empor, nachdem ſchon alle Glocken der Stadt zehn Uhr geſchlagen hatten. Es war dies einigermaßen unhöflich von dem Monde— denn er mußte es als langjähriger Bekannter der Stadt ſchon wiſſen, daß es wenig Leuten derſelben noch nützen kann, ob er nach dieſer Stunde ſein weißes Licht vom Himmel herabgießt. Um dieſe Zeit ſchließen ſich Fenſter, Thüren und Augen, die Lichter löſchen aus, die Vorhänge an den Fenſtern werden zugezogen, Alles iſt ruhig und ſtill, und für wen kann der Mond alsdann noch das Vergnügen haben, zu ſcheinen? Für ſich ſelbſt oder für ein paar ſpäte Nachtvögel, die um die Polizei⸗ ſtunde nach Hauſe eilen. Der Mond ſoll aber, ſo ſagt man, an dieſer Stille und Ruhe großes Gefallen finden. Er geht dann bei ſpäter Nacht ſo ungenirt ſeine leichtſinnigen Wege, ſchleicht ſich in das Kellerloch, wo ſchlechte Geſellen bei einer ſchmorigen Oellampe allerlei Unheil brüten, hört dort in jenem Hauſe lächelnd eine gewaltige Gardinenpredigt mit an und küßt hier einem einſamen jungen Mädchen in dem Schlafzimmer die Wangen, und das thut er ſo ganz ungenirt, der leichtſinnige alte Herr. Am Anfang oder Ende der ſchon in einem der vorigen Ka⸗ pitel erwähnten Alleeſtraße der Stadt, von der wir zu ſprechen die Ehre haben, befand ſich ein großer freier Platz, auf welchem am heutigen Abend der verſpätete Mondſchein im hellſten Licht in voller Ueppigkeit wucherte. Ringsum herrſchte eine unendliche Stille; man hörte den ſüßen Ton einer Nachtigall vom anderen Ende der Straße her, und ſo oft die Thurmuhren an den benach⸗ barten Kirchen ſchlugen, vernahm man das Raſſeln der Räder und das Ausheben des Werkes einige Sekunden vorher, ehe die Glocke anſchlug. Auf dem Platz und in der angränzenden Straße ſchien für Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 105 den oberftächlichen Beſchauer keine menſchliche Seele zu ſein. Wer aber, wie es unſere Pflicht iſt, genauer hinſah, bemerkte bei näherem Betrachten zwei menſchliche Weſen, die auf zwei Eck⸗ 8 ſteinen ſaßen, da wo die Alleeſtraße auf den freien Platz mündete. Bei noch näherem Erforſchen fand ſich, daß dieſe menſchlichen Weſen zwei junge, elegant gekleidete Männer waren, und daß ſich da noch ein drittes lebendes Geſchöpf befand, ein großer Hund nämlich, der auf den Ruf„Sultan,“ welcher bald von dieſem, bald von jenem Eckſteine her erſchallte, gehorſam hin und her ſprang. Der Hund war dunkelbraun und weiß gefleckt, von einer außerordentlichen Größe, und wenn man ihn ſo dahin⸗ ſpringen ſah auf dem hellen, faſt weiß beſchienenen Straßen⸗ pflaſter, ſo machte dies eine eigenthümliche Wirkung und man war einige Augenblicke verſucht, zu glauben, es ſprängen wenig⸗ ſtens drei Hunde hin und her: ein rieſenhafter, ſchwarzer(der langgeſtreckte Schatten des Neufundländers nämlich) und ein Paar kleine(die dunklen Flecken auf ſeinem weißen Fell). „Sultan!“ hieß es jetzt auf einem Eckſteine,„da, bring dem Herrn Rath meine Cigarrendoſe; ich bemerke ſo eben, daß derſelbe nicht mit Rauchmaterial verſehen zu ſein ſcheint.“ „Schon lange nicht mehr,“ ertönte es von drüben her. Der Hund nahm gehorſam die große Cigarrendoſe ins Maul und ſprang in großen haſtigen Sätzen auf die andere Seite der Straße. „Würde Sultan wohl,“ erſchallte es vom dieſſeitigen Steine, nein brennendes Stück Schwamm apportiren?— Was meinſt du über dieſen Gegenſtand, Herr Rath?⸗ „Wenn das Stück Schwamm ſo groß iſt, daß er ſich ſeine Naſe nicht verbrennt, ſo könnte der Verſuch vielleicht gelingen.“ „Machen wir einmal dieſen Verſuch!“ N d 4 Aerrebe———— 106 Siebentes Kapitel. „Aber wozu das?u war die Antwort.„Iſt Sultan ein pflichtgetreuer Hund, ſo wird er den Schwamm feſthalten, auch wenn er ſich die Schnauze verbrennt; iſt aber ſeine Erziehung nicht gelungen, ſo läßt er den Schwamm fallen, und wir ärgern uns darüber. Ueber dergleichen Dinge iſt eine Ungewißheit, mit Hoffnung verziert, jedenfalls angenehmer, als eine hoffnungs⸗ loſe Gewißheit.“ „Sehr richtig bemerkt, Herr Rath!“ gab der Erſte, der geſprochen, zur Antwort;„ich halte es überhaupt in vielen Dingen ſehr mit dem alten guten Sprüchwort, welches uns lehrt, daß zu vieles Wiſſen Kopfſchmerzen verurſacht.“ „Nun, da muß dir dein Kopf nie außerordentlich weh thun,“ erſchallte es von drüben her. „Dieſe Schande, Herr Rath,“ gab der Andere zur Ant⸗ wort—„wenn es überhaupt eine Schande iſt— fällt meinen Erziehern zur Laſt. Es iſt wahr, ich bin gräulich vernachläſſigt.“ „Da ich das Glück hatte, einer jener Erzieher zu ſein,“ entgegnete der Herr Rath, ſo kann ich dieſe Bemerkung, welche meine Ehre verletzt, nicht auf mir ſitzen laſſen, d. h. in ſofern Sie dieſes„gräulich vernachläſſigt“ wiſſenſchaftlich zu verſtehen belieben.“ „Nein, im Gegentheil!“ ſagte lachend der Erſtere;„was das anbelangt, da haben Euer Geſtrengen ſo viel in meinen Kopf hineingepumpt, daß es mich heute noch wundert, daß derſelbe in Folge davon nicht zerſprungen. Aber gräulich vernachläſſigt bin ich doch, und der Herr Rath ebenfalls, ſonſt würde es uns beiden kein Vergnügen verurſachen, hier lieber im Mondſchein zu ſitzen auf einem kalten Steine, als zu Haus im weichen Fauteuil beim ſtrahlenden Licht der Lampe.— Aendern wir dieſen Zuſtand, Herr Rath!“ e 8 107 Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. „Warum nicht?“ entgegnete dieſer.„Es war mir überhaupt nicht ſehr angenehm; aber da mußte erſt Hundedreſſur probirt werden. Doch ich verſichere dich alles Ernſtes, Eugen, es gibt für mich nichts Langweiligeres, als ſo eine dreſſirte Beſtie.“ „Undankbarer!“ ſagte der Andere,„und doch hat ihm dieſe dreſſirte Beſtie zu einer vortrefflichen Cigarre verholfen. Komm, Sultan! laß ihn gehen, er erkennt deine Verdienſte doch nicht an.“ „Mir ſind dieſe Dienſte nur zu gegenwärtig!“ lachte der Rath,„und ich erinnere mich ganz genau, wie Sultan mich ein⸗ mal einen ganzen Vormittag nicht aus dem Zimmer ließ, bis du, ſein Herr, nach Hauſe kamſt und mich erlösteſt.“ „Ah!“ ſagte dieſer, indem er von dem Steine aufſtand,„es iſt immer noch warm.— Gehen wir nach Hauſe; ich habe es ſatt hier draußen in dem langweiligen Mondſchein.“ „Und doch wollteſt du nicht mitgehen, als ich daſſelbe ſchon vor zwei Stunden vorſchlug.“ „Ja, vor zwei Stunden,“ ſagte Eugen,„das war etwas ganz Anderes! Jetzt habe ich doch wieder vergeblich gewartet. 1 „Es kommen die Waſſer all'’,“ deklamirte der Rath, indem er ebenfalls von ſeinem Sitze aufſtand, „Sie rauſchen herauf, ſie rauſchen hernieder, Sie bringt keines wieder!“ „Das iſt für einen Schulmeiſter, der ſelbſt Verſe macht, eine meiſterhafte Parodie!“ ſagte Eugen. Mir thun die Ohren davon weh.“— Damit faßte er ſeinen Hund am Halsbande und das Thier war ſo groß, daß er ſich bequem darauf ſtützen konnte. Er ſchlenderte mit ihm mitten in die Straße, wohin ſich der Andere ſchon begeben hatte. Dann promenirten ſte mit einander ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung zu. Siebentes Kapitel. „Riegel auf in ſtiller Nacht, Riegel auf, der Liebſte wacht. Riegel zu des Morgens früh.“ recitirte der Herr Rath, während ſte dahin giengen. „Ja, ja,“ ſagte der Andere lachend,„du haſt Anlage zu einem Mephiſtopheles, das muß wahr ſein.“ „Aber du,“ entgegnete der geheime Rath,„ſehr wenige zu einem Fauſt.“ „Dies meine ich nicht,“ ſagte Eugen: n„ich fühle einige Aehnlichkeit zwiſchen Fauſt und mir.“ „Aber Fauſt folgte ſeinem Freunde in allen Dingen, obgleich er ihm zum Schlechten rieth, und du folgſt mir nicht einmal, ob⸗ gleich ich dir zum Guten rathe.“ „Pah, Unſinn!“ entgegnete Eugen;„wie nur ein geſcheid⸗ ter Menſch ſo etwas ſprechen kann! Folge ich dir nicht in ſo vielen Dingen?“ „In manchen wohl, aber nicht in allen.“ „Das wäre auch höchſt langweilig, wenn ich dir gar keine Oppoſition machte.“ „Eine vernünftige Oppoſition iſt ſehr erſprießlich, aber du opponirſt mir nur in ſo fern, als du zum Schluſſe meiner langen Reden gewöhnlich ſagſt: Ich habe Recht, ich thue doch, was ich will!“ „Du kannſt das Schulmeiſtern nicht laſſen,“ ſagte Eugen. „Da, Sultan, nimm meinen Hut und meinen Stock!— Und was iß denn in letzter Zeit wieder geſchehen?“ fuhr er zu ſeinem Gefährten fort,„als die einzige, an ſich unbedeutende Geſchichte... mit ihr?“ E Der Held der Geſchichte tritt endlich auf. 109 „Ja, freilich mit ihr,“ entgegnete der Andere.„Wozu ſoll das führen? Ich verſichere dich, Eugen, darin mußt du noch Vernunft annehmen, das führt zu keinen guten Häuſern. Du machſt das Mädchen unglücklich und dich ebenfalls mit. Sie ſcheint mir zu gut, zu lieb und ſchön, um blos ein Spiel mit ihr zu treiben.“ „Ei, ei!“ ſagte Eugen lachend,„du biſt ja ein gewaltiger Lobredner geworden! Bricht endlich die Kruſte um dein Schul⸗ meiſterherz, fängſt du endlich einmal an, ein Weib ſchön zu finden, mein luſtiger Rath?“ „In deinem Sinne wahrhaftig nicht!“ entgegnete der An⸗ dere;„ich habe, Gott ſei Dank! nicht die geringſte Neigung zu dem weiblichen Geſchlecht. Das läßt mich alles kalt, und ich betrachte es nur wie einen glänzenden Stein, wie eine ſchöne Blume.“ „Aber es iſt immer noch unerträglich warm!“ ſagte Eugen, um dieſes Geſpräch abzubrechen.„Ich muß meinen Rock aus⸗ ziehen, Sultan kann ihn tragen, er wird es außerordentlich ge⸗ ſchickt machen.“— Er that ſo wie er geſagt, zog ſeinen Rock aus und hängte ihn dem, Hunde, wie eine große Schabracke, über den Rücken. Bald darauf hatten ſie ihre Wohnung erreicht, die Parterre⸗ zimmer mit den Aeolsharfen zwiſchen den Fenſtern, wie wir ſie im vorigen Kapitel bereits kennen gelernt. Der Herr Rath zog die Glocke an der Thüre, ein Bedienter in einer eleganten Livree öffnete und leuchtete den beiden Herren in ein goßes Zimmer, rechts von der Hausflur, in das ihnen auch der Hund nachfolgte.— Siebentes Kapitel. In dem Zimmer angekommen, warf ſich Eugen in einen Fauteuil, legte die Hände unter ſeinen Kopf und ſtreckte die Beine weit von ſich. Der Hund ließ Hut und Stock zu den Füßen ſeines Herrn niederfallen, ſchüttelte den Rock von ſeinem Rücken auf den Boden und legte ſich in eine Ecke auf ein dickes Stück Tep⸗ pich, ſeine gewöhnliche Lagerſtatt. Achtes Kapitel. Handelt von einem guten Freund und einem getreuen Diener. Das Zimmer, in welches wir die beiden jungen Leute eintreten ſahen, war elegant, ja reich meublirt. Zwiſchen den Fenſtern ſtanden die bekannten Aeolsharfen, mit ihrem melan⸗ choliſchen Geflüſter; über einer derſelben hieng der erwähnte Blumenkranz. Lange und breite ſeidene Vorhänge ließen faſt nicht mehr Platz, als die Kaſten jener Inſtrumente brauchten. Das Ameublement in dem Zimmer war, wie geſagt, reich, dazu ſehr manigfaltig. Da ſtanden Fauteuils und Seſſel von allen Formen, Farben und Größen, Tiſche und Stühle, den verſchie⸗ denſten Zeiten angehörend, in der Ecke auf einem alten holzge⸗ ſchnitzten Buffet Porcellanvaſen neuerer Zeit mit Blumen, oder pompejaniſche Krüge und Bronzen. Von letzteren war überhaupt in dem Zimmer eine große Menge zu finden, und neben pracht⸗ vollen alten und ſeltenen Sachen, neben den intereſſanteſten Thierfiguren ſah man nackte Mädchengeſtalten in allen erdenk⸗ Achtes Kapitel. lichen Stellungen und Lagen, theils ſchön, theils unbedeutend ausgeführt. An den Wänden hiengen werthvolle Aquarelle neuerer Meiſter in ſchwarzen Ebenholzrahmen, das kleinſte Blättchen derſelben aufs breiteſte eingefaßt, mit einer wahren Verſchwen⸗ dung von Papier, Glas und Holz. In dem Zimmer, in welchem wir uns eben befinden, ſind zwei Thüren: die eine führt in ein kleines Vorzimmer, welches an den Hausflur ſtößt, die andere in ein Seitenkabinet mit Schreibtiſch, einigen kleinen Fauteuils und einer Art türkiſchen Divans in einer alkovenartigen Niſche. Auch hier Bilder an den Wänden, Vaſen, Bronzen, ſeltene Taſſen und Porcellanfiguren, Hauf allen Etageren, Tiſchen, Kommoden, und wo ſonſt noch Platz war. Ueber dem türkiſchen Divan war eine Sammlung prächtiger alter Waffen aufgehängt, eine kleine Trophäe, aus nicht zu vielen Stücken beſtehend, aber in ausgeſuchten Exem⸗ plaren. Was von dieſen Dolchen, Piſtolen, Schwertern, Arm⸗ brüſten, Pulverhörnern, Streitkolben nicht durch beſondere Ein⸗ richtung oder hohes Alter ſelten war, erſchien nun koſtbar und reich mit Gold, Silber und Elfenbein ausgelegt oder mit Edel⸗ ſteinen verziert. An dieſes kleine Schreibkabinet ſtieß ein Schlafzimmer, nicht minder reich und elegant eingerichtet. Hier waren einige ſeltene alte Oelbilder, welche auf den Bewohner dieſer Gemächer von dem Vater her vererbt worden waren. In dem Vorzimmer, deſſen wir Anfangs erwähnten, ſtand ein Bett für den Bedienten, was deßhalb ſo eingerichtet worden war, daß er unten an der Hausthüre und gleich bei der Hand war, wenn ſein Herr, was häufig vorkam, ſehr ſpät in der Nacht heimkehrte. Der Herr dieſes Bedienten und dieſer Zimmer war nun, Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. 113 aber, wie der Leſer bereits wiſſen wird, jener junge Mann, der ſich in den Fauteuil geworfen, Eugen Stillfried, der Sohn der verwittweten Staatsräthin. Da es an ſich ſehr ſchwierig und undankbar iſt, Jemanden mit der Feder und in Schriftzügen zu portraitiren, ſich auch der geneigte Leſer, wenn er anders unſerer Geſchichte einige Aufmerkſamkeit widmet, aus dem vorigen Ka⸗ pitel gewiß ſchon ein Bild von dem jungen Manne, der vor uns ſitzt, entworfen hat, ſo fügen wir nur noch hinzu, daß ſeine Geſtalt, obgleich ziemlich groß, etwas fein und ſchlank war, und ſein Geſicht, mit ſehr gewinnendem, angenehmem Ausdruck, zu⸗ weilen abgeſpannt, ja leidend ausſah, namentlich wenn er, wie es in dieſem Augenblicke der Fall war, ruhig dalag und nach⸗ zudenken ſchien, die Augen auf den Boden geheftet, wodurch ſte faſt geſchloſſen erſchienen.. Daß der andere junge Mann derſelbe war, deſſen der Juſtiz⸗ rath vor der Staatsräthin in ſeinem Sinne nicht eben ſchmeichel⸗ haft erwähnte, brauchen wir ebenfalls wohl nicht erſt zu bemerken. Dieſer war vielleicht einen Kopf kleiner als Eugen, und was ihm an Körperlänge fehlte, hatte er in der Breite zugeſetzt. Sein Kopf ſtak dabei ſo tief in den Schultern, daß es eine fade Schmeichelei geweſen wäre, wenn man von ſeinem Halſe ge⸗ ſprochen hätte. Dieſer Kopf, rund, ſehr wohl ausſehend, mit friſcher Geſtchtsfarbe und dicken Backen, zeigte ein ſtarkes ſchwar⸗ zes Haar, das, da es obendrein ſehr kurz geſchnitten war, bor⸗ ſtenartig in die Höhe ſtand. Seine Augen, klein, von dunkler Farbe, waren außerordentlich lebhaft, ja durchdringend und von einer merkwürdigen Beweglichkeit. Eugen behauptete, ihm, ſeinem Freunde nämlich, ſei, wie keinem anderen Sterblichen, die Möglichkeit verliehen, um eine Ecke zu ſehen oder zu be⸗ merken, was hinter ihm vorgehe. Hacklander, Eugen Stillfried. I. 114 Achtes Kapitel. Dabei war dieſer Freund der Geſchäftsführer, der Wirth⸗ ſchaftsbeſorger, der Rathgeber in allen Dingen des anderen jungen Herrn. Man hätte ihn auch ſeinen Schutzgeiſt nennen können— dooch hat ein Schutzgeiſt gewöhnlich die Macht, ſeinen Schützling don tollen Streichen abzuhalten, was Jenem bei den eifrigſten Bemühungen nicht immer gelungen war. So viel es dagegen in ſeinen Kräften ſtand, bemühte er ſich, jenen jungen Menſchen, den ihm damals die Mutter, als er noch ein Knabe war, an⸗ vertraut, auch jetzt noch aufs genaueſte zu beaufſichtigen, und ſuchte ihn ſo viel als möglich von einem Wege abzubringen, auf welchem er im Begriffe war, ſich in jeder Hinſicht zu ruiniren. CEugen hatte zu ſeinem Mentor ein unbegränztes Vertrauen, und das mit vollem Recht. Er nannte ihn ſeinen luſtigen Rath und folgte bei ruhiger Ueberlegung auch faſt beſtändig deſſen gutgemeinten Rathſchlägen. Der eigentliche Name des Herrn Raths war aber Herr Sidel, und er ſeines Zeichens Pädagog und Knabenerzieher. Kein Menſch konnte es eigentlich begreifen, wie die Beiden zuſammen ſo lange aushielten, vielmehr, weßhalb der Schul⸗ meiſter ſeinem Zöglinge nicht ſchon längſt davon gelaufen war. Sein Charakter ſchien ſo gar keinen Geſchmack an dieſem oftmals ſo wilden Leben zu finden, und das drückte ſich auch in ſeinen Worten und Mienen unverholen aus, war aber dagegen eine OQuelle unendlicher Lachluſt für Eugen, dem es kein größeres Vergnügen machte, als wenn ſein luſtiger Rath mit dem ver⸗ drießlichſten Geſichte, mit der mürriſchſten Miene von der Welt zu einem tollen Streiche mithalf. Der Dritte in dieſer Junggeſellenwirthſchaft nun, der Be⸗ diente nämlich, war, wie jeder Bediente eines ledigen Herrn, ein ſehr wichtiges Mitglied dieſes Haushaltes. Er hieß Joſeph, Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. 115 und wenn man ihn ſah, die ganze ſchlottrige Figur, auf der die ſauber gemachte Livree wie an einem Kleiderſtänder hieng, mit einem Geſichte voll unergründlicher Dummheit, ſo glaubte mamg. den harmloſeſten und unſchuldigſten Menſchen vor ſich zu haben. Er ſchien kaum ſo viel moraliſche Kraft zu beſitzen, um ſeine Augen ſo weit zu öffnen, daß er die Stiefel desjenigen betrachten konnte, mit dem er gerade ſprach. Höher hinauf als bis zum unterſten Weſtenknopf kam er bei dieſen Betrachtungen niemals, und man hätte darauf ſchwören können, er habe noch nie Je⸗ mand in das Geſicht geblickt. Dazu waren ſeine Augenbrauen auf eine lächerliche Art hoch emporgezogen, die Mundwinkel da⸗ gegen ſanken tief herab, und wenn man dieſes Geſicht weiß ge⸗ ſchminkt hätte, und das an ſich ſchon ſehr große Maul noch durch einige rothe Farbe etwas vergrößert, ſo hätte man die wirkſamſte und komiſchſte Pierrotmaske gehabt, die je auf dem Theater erſchien. Zuweilen führten dieſe Drei in ihrem Hausweſen auch un⸗ bewußt ſolche lächerliche und merkwürdige Scenen auf, die un⸗ willkürlich an eine vollkommen einſtudirte Harlekinade erinnerten. Da war denn Joſeph der trefflichſte Pierrot und half ſeinem jungen Herrn mit der größten Luſt, den luſtigen Rath Pantalon zu überliſten, benahm ſich aber dabei ſo tölpelhaft und ungeſchickt, daß er Alles wieder verdarb und zuletzt, wie in der Komödie, immer derjenige war, der den Schaden davon hatte oder die Prügel bekam. Monſieur Joſeph⸗Pierrot hatte alſo den beiden Herren die Thüre geöffnet und zeigte dabei ein entſetzlich verſchlafenes Geſtcht. Er taumelte ordentlich mit dem Lichte hin und her, und als ſich nun ſein Herr in den Fauteuil geworfen, der Hund dagegen auf dem Boden die Garderobe verſorgt wie gewöhnlich, und ſich der 8*. 116 Achtes Kapitel. luſtige Rath an den Tiſch geſetzt, um die Zeitung zu leſen, begab ſich Joſeph wieder in ſein Vorzimmer, ſetzte ſich dort in einen alten, mit Leder überzogenen Lehnſeſſel und begann nach wenigen Augenblicken gelinde zu ſchnarchen. Einige Minuten hörte man ſo in den Zimmern nichts, als das melancholiſche Geflüſter der Aeolsharfen, das Picken der verſchiedenen Uhren, das Rauſchen des Papiers, wenn der Rath ſeine Zeitung umwandte, und das tiefe Athemholen des großen Hundes. „Haben wir denn gar nichts zu trinken im Hauſe?“ fragte endlich Eugen, vich habe einen unendlichen Durſt.— Geht dirs nicht auch ſo, Herr Rath? Die Hitze von heute hat mich ganz ausgetrocknet.“ „Ich habe dem Joſeph anbefohlen, er ſolle etwas Gefrore⸗ nes parat halten; der Schlingel hats wahrſcheinlich wieder ver⸗ geſſen.“ „Das wollen wir gleich einmal unterſuchen. Er ſchläft ſchon wieder und ſchnarcht, daß man es zwei Häuſer weit hören kann.— He, Joſeph!“ „Vielleicht thut er auch nur ſo,“ ſagte ruhig der Rath, ohne von ſeiner Zeitung aufzublicken;„es wäre, glaube ich, nicht das erſte Mal.“ „Ach, was du immer für Gedanken haſt! Dieſer dumme, faule Kerl— zwei Eigenſchaften, die mir ihn unendlich werth machen,“ entgegnete Eugen lachend. Dann ſetzte er leiſe hinzu: „Aber wart' nur einen Augenblick, Sultan ſoll ihn aufwecken und herbringen.“ Der große Neufundländer, der ſeinen Namen gehört, wedelte mit dem Schweife, und ſeine Augen blitzten unter den dichten Haaren ſeines Kopfes hervor. 1 Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. 117 Das Geſchnarche im Nebenzimmer hatte ſich indeſſen auf⸗ fallend vermindert. „Huſſah, Sultan,“ rief jetzt Eugen mit lauter Stimme, „Huſſah, hol' den Joſeph!“. Monſieur Pierrot ſchien vorher erwacht zu ſein und keine große Luſt zu haben, auf den Hund zu warten, der jetzt mit einem ungeheuren Satz ins Nebenzimmer ſprang. Er beendigte ſeinen Schnarcher mit einer kunſtgerechten Fermate und ſtolperte in das Wohnzimmer. Der Herr Rath blickte lächelnd in die Höhe und fragte: „Nicht wahr, mein lieber Joſeph, ich habe dir befohlen, du ſollteſt ein paar Portionen Gefrorenes aus dem Kaffeehauſe holen und parat halten? Gib es her, mein Freund; dein Herr iſt durſtig, wir brauchen etwas Kühlendes.“ Joſeph beantwortete dieſe Anrede mit einem wo möglich noch dümmeren Geſicht, als er gewöhnlich machte. Dazu kratzte er ſich hinter dem Ohre und ſagte nach einer kleinen Pauſe mit einem blödſinnigen Lächeln:„Ah ja, das Gefrorene!“ „Nun, ſo bring es her, Schnecke!“ ſagte Eugen. „Ja, das Gefrorene,“ wiederholte der Diener und ſuchte verlegen auszuſehen,„das Gefrorene habe ich allerdings geholt aus dem Kaffeehauſe, aber es iſt...“ „Wahrſcheinlich ausgelaufen wie geſtern die verſiegelte Rheinweinflaſche, nicht wahr, Joſeph?“ ſagte der luſtige Rath. „Ausgelaufen nicht,“ entgegnete der Bediente,„aber es iſt von der großen Hitze geſchmolzen.“ „Rein aufgeſchmolzen?“ ſagte lachend der Rath. „Ja wohl, Herr Sidel,“ antwortete Joſeph,„rein aufge⸗ ſchmolzen.“ 118 Achtes Kapitel. „Und dann,“ erxaminirte der Andere weiter,„haſt du es ausgeſoffen, nicht wahr, mein Freund?“ „Es kann ſo ſein!“ antwortete Monſieur Pierrot und ſah ſeinen Herrn an, ob er wohl lachen würde. Dieſer aber entgegnete ärgerlich:„Du biſt ein rechtes Kameel, Joſeph! Du hätteſt das Eis wohl in den Keller ſtellen können, da wäre es gewiß nicht zerfloſſen.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Joſeph mit einer Miene der Ueberraſchung, als gehe ihm jetzt erſt über dieſen Gegenſtand das klarſte Licht auf. „So hole mir eine Flaſche Champagner aus dem Keller!“ befahl Eugen, und der luſtige Rath ſetzte hinzu:„Eine halbe, beſter Joſeph, der Herr trinkt doch nur ein Glas.“ Eugen nickte mit dem Kopfe, und der Bediente gieng hinaus. „Meinſt du nicht,“ ſagte nach einer Pauſe Eugen zu ſeinem Freunde,„daß das Eis wirklich geſchmolzen iſt? Du lachſt wieder ſo ſpöttiſch und machſt mir ein ſo zweifelhaftes Geſicht. Bei der Hitze iſt das leicht möglich.“ „Ja, das iſt alles möglich,“ entgegnete der Rath;„aber eben ſo möglich iſt es auch, daß Monſteur Pierrot meinen Auf⸗ trag vergeſſen und gar kein Gefrorenes geholt hat.“ „O, dann hätte er ſeine Tölpelei gewiß eingeſtanden.“ „Aber kein Geld aufſchreiben können für das Eis, das er gewiß und wahrhaftig nicht geholt hat,“ ſagte der Rath mit ernſter Stimme. „O, du denkſt von dieſem Eſel viel zu ſchlecht,“ antwor⸗ tete Eugen. „Und du viel zu gut,“ ſagte der Andere;„wir wollen ſchon ſehen, wer Recht behält.“ Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. 119 In dieſem Augenblicke erſchien Joſeph mit einer kleinen Flaſche Champagner und zwei Gläſern. Er nahm den Kork herunter, ſchenkte ein und präſentirte ein Glas ſeinem Herrn, das andere dem luſtigen Rath; dann zog er ſich wieder in ſein Vor⸗ zimmer zurück. Eugen trank ſeinen Kelch aus und ſetzte ihn neben ſich auf den Boden. Nach einer längeren Pauſe ſagte er:„Das muß ich dir ſchon geſtehen, ich fange wieder an, mich hier unbeſchreib⸗ lich zu langweilen, und wenn die Geſchichte nicht wäre mit ihr, ich hätte die Stadt ſchon lange wieder einmal verlaſſen.“ Joſeph im Nebenzimmer begann wieder ganz leiſe zu ſchnargen. „Kommt es dir nicht auch entſetzlich langweilig vor,“ fuhr Eugen fort,„dieſes Leben, das wir hier führen? Jeden Tag das Gleiche, keine rechte Unterhaltung, kein Amuſement; ja, wenn das Mädchen nicht wäre, ich hätte ſchon lange wieder einmal eine Fußreiſe unternommen.“ „Das könnte uns allerdings zerſtreuen,“ entgegnete der Rath. „Man ſollte ſich eigentlich an gar nichts binden,“ ſagte Eugen;„Feſſeln und Bande, auch wenn ſie noch ſo angenehm ſind, bleiben immer drückend.“ „So ändere dieſe Geſchichte,“ antwortete der Andere,„es wäre auf jeden Fall viel vernünftiger. Wie ich dir ſchon oft ge⸗ ſagt: was kann überhaupt dabei heraus kommen? Du bildeſt dir nun ein, du liebeſt dieſes Mädchen, du denkſt an ſte den ganzen Tag über, du biſt zu nichts Anderem aufgelegt, treibſt dich ſtun⸗ denlang in den ſchmutzigen Straßen der Stadt umher um dafür alle zwei bis drei Tage, freilich unentgeltlich, einen Blumenſtrauß zu erhalten.“ 120 Achtes Kapitel. „Ich bilde mir nicht blos ein, ſie zu lieben,“ entgegnete Eugen,„ich liebe ſie auch wirklich, ich könnte ihr jedes Opfer bringen, um— ſie glücklich zu machen.“ „Weißt du aber auch,“ ſagte der Rath,„ob du die rich⸗ tigen Begriffe über dieſes Glücklichmachen haſt?— Ich glaube es nicht. Du fängſt da mit dieſem Maͤdchen eine Liebesgeſchichte an, du ſagſt ihr, wo und wie du immer kannſt, ſchöne Worte, du haſt ſie auch einmal nach Hauſe begleitet und geküßt; aber wenn du meinſt, daß du dadurch das Mädchen glücklich machſt, ſo kann ich dich verſichern, daß du ſehr verkehrte Anſichten haſt.“ „Du gibſt allerdings Einzelheiten,“ ſagte Eugen,„die an ſich unbedeutend ſind; aber die Hauptſache verſchweigſt du, daß ich ſte nämlich liebe, daß ich ſie außerordentlich und innig liebe.“ „Außerordentlich?— Ja, das glaube ich!“ lachte der Rath;„ihr wirds aber wahrhaftig angenehmer ſein, wenn du ſte ordentlich lieben wollteſt, d. h. mit ordentlicher und ſolider Abſicht.“ „Und dieſe wäre?“ fragte Eugen. „Die Abſicht, ſie zu heirathen!“ ſagte ruhig der Rath. „Wenn du das allerdings im Sinne führſt, ah! dann iſt gegen eine ſolche rechtſchaffene Abſicht gar nichts zu ſagen.“ „Daran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht,“ entgegnete Eugen mit leiſerer Stimme,„das iſt mir noch nie eingefallen. Das iſt ja auch ganz unmöglich.“ „Sol das ſiehſt du alſo ein und treibſt doch dieſe Geſchichte fort? Nun, ich wünſche dir viel Glück zu einer ſolchen Unter⸗ haltung. Das wird aber ſicher noch einmal auf eine unangenehme Art enden.“ Joſeph im Nebenzimmer ſchnarchte bald ſehr leiſe, bald einige Takte mit äußerſter Heftigkeit. Letzteres aber geſchah merk⸗ 121 Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. würdiger Weiſe nur dann, wenn im Geſpräch, das wir eben mitgetheilt, eine kleine Pauſe entſtand. „Und ſchon lange habe ich mir vorgenommen, einmal mit Katharine ernſter zu ſprechen, aber ich komme nie dazu. Du ſelbſt haſt mich ja immer gewarnt, jenes Haus da unten am Markt⸗ platze zu betreten. Nun ja, ich will ja gewiß gern ehrlich gegen das Mädchen ſein, ihr ſagen, was ich im Stande bin, ihr zu bieten. Aber dazu muß ich doch eine Unterredung mit ihr haben, und du haſt dich ja beſtändig geweigert, in dieſer Richtung irgend einen Schritt mit mir zu thun.“ „Das habe ich auch,“ ſagte der Andere,„und werde auch niemals die Hand zu etwas bieten, was unter allen Umſtänden ein Unglück wäre.“ „Aber bei einer Unterredung könnteſt du doch gegenwärtig ſein, nur bei einer einzigen; du könnteſt da deinen Senf auch dazu geben,“ meinte Eugen. „Ich werde mich hüten!“ ſagte der Andere.„Ich ſoll dir, wie ſo oft, den Elephantenführer machen und nachher kann ich meiner Wege gehen. Nein, nein, ich kenne das; ich habe mir wohl zuweilen nichts daraus gemacht, aber in dem Falle danke ich. Ich muß geſtehen, wenn du dieſer Liebesgeſchichte wirklich ernſtlich nachgehen willſt, ſo heißt das all deinen früheren Strei⸗ chen die Krone aufſetzen. Ich kenne mein Terrain: du wirſt dich in die unangenehmſten Dinge verwickeln und dann werde ich das Vergnügen haben, dich herauszuziehen. Erlaube mir nur eine einzige Frage; willſt du ſie mir wahr und aufrichtig beantworten?“ „Und warum nicht?“ entgegnete Eugen. „So ſage mir: liebſt du das Mädchen wirklich, oder iſt es wieder ſo eine Spielerei, deren ich ſo manche erlebt?“ 122 Achtes Kapitel. „Ich glaube, daß ich ſte wahr und aufrichtig liebe,“ ſagte der junge Mann;„ach, es iſt ſo ein herrliches, gutes, blühen⸗ des Geſchöpf!“ „Ein blühendes Geſchöpf!“ ſagte der Rath, ironiſch lächelnd. „So iſts, Mephiſto!“ lachte Eugen, worauf der Andere erwiederte: „O nein, ich bin kein Mephiſto, ich habe gewiß nicht meine Freude daran.— Aber jetzt zu Bette! Dein guter Joſeph da drinnen im Nebenzimmer ſcheint zu erwachen, natürlich weil unſer Geſpräch zu Ende iſt. Es iſt jetzt ſpät genug; möge uns der morgende Tag andere Gedanken, beſſere Plane und Kraft zu deren Ausführung geben.“ „Amen!“ ſagte Eugen;„ſchlaf wohl, mein Prediger in der Wüſte.“ Der luſtige Rath zog ſich in ſeine Zimmer zurück, die ſich auf der anderen Seite des Hausganges befanden. Joſeph ſchloß die Läden und Fenſter in der ganzen Wohnung, Eugen gieng ebenfalls in ſein Schlafzimmer: er hatte die Gewohnheit, ſich ſelbſt zu entkleiden, und entließ deßhalb den getreuen Pierrot, ſobald ihm dieſer die Lichter auf ſeinem Nachttiſche angezündet. Bevor aber Eugen dieſe auslöſchte und ſich zur Ruhe be⸗ gab, ſchloß er ein geheimes Fach ſeines Pultes auf und nahm daraus ein kleines Käſtchen mit einem außerordentlich ſoliden und feſtgearbeiteten Schloſſe. Dieſes öffnete er ebenfalls, aber nur um einen Blick hineinzuwerfen, und als er geſehen hatte, daß ſich in dieſem kleinen Käſtchen ein Paket Papiere befand, mit rothen Bändern zuſammen geknüpft und ſchwarz geſtegelt, ver⸗ ſchloß er Käſtchen und Schreibtiſch wieder und gieng zu Bette. Der Herr Rath drüben in ſeinen Zimmern hatte es bereits eben ſo gemacht, und das einzige Licht, welches noch in der Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. 123 Parterrewohnung brannte, leuchtete dem getreuen Pierrot, der an ſeinem Tiſche im Vorzimmer ſaß, ein Schreibbuch vor ſich, in das er emſig allerlei Zeichen und Bemerkungen machte. Eugen hatte in dieſer Nacht einen unruhigen Schlaf: er. träumte von Blumen, die in duftigen Gärten in unendlicher Schönheit plötzlich vor ihm aufſchoſſen, und wenn er ſich alsdann niederbückte, um eine derſelben abzupflücken, ſo ſanken dieſe Blumen tief vor ihm in den Boden hinab, und ſein Fuß hielt ſich mit Muͤhe am Rande eines giftigen Sumpfes feſt, der ihn gewaltſam an ſich zu ziehen ſchien. Nach ſolchem Traume er⸗ wachte er mit einem tiefen Athemzuge, und erſt gegen Morgen ſchlief er feſt und ruhig.—— Zum großen und beſtändigen Aerger des treuen Pierrot war der Herr Rath, er mochte ſo ſpät, als er nur immer wollte, zu Bette gegangen ſein, mit Tagesanbruch munter, und dann war auch Joſeph gezwungen, die koſtbare Nachtruhe abzubrechen. Eugen erhob ſich einige Stunden ſpäter, und die beiden Freunde ſahen ſich Morgens ſelten bis zur Mittagsſtunde, wo ſte gemein⸗ ſchaftlich zu ihrem Diner giengen. Der Herr Rath beſorgte die ſämmtliche Verrechnung des Junggeſellen⸗Haushaltes und hierbei natürlicher Weiſe auch die Ausgaben des Bedienten, was dem treuen Pierrot manche un⸗ angenehme Morgenſtunde verurſachte. Gewöhnlich machte er auch hierauf den Verſuch, Jenen bei ſeinem Herrn zu verklagen und obgleich dies nie die geringſte Wirkung that, ſo unterließ er es doch nicht, wenn er ſeinem Herrn den Kaffee ſervirte, einige Seufzer über ſchlechte Behandlung, die ihm durch den Herrn Rath zu Theil geworden, auszuſtoßen. Auch heute Morgen erſchien er mit einer wahren Jammer⸗ miene und brachte den Frühſtücktiſch ſeines Herrn in Ordnung. 124— Achtes Kapitel. Er zündete ſeufzend die Spirituslampe unter der Kaffeemaſchine an, ſtellte ein Wachslicht daneben, ſowie eine geöffnete Cigarren⸗ doſe, dann gieng er ins Schlafzimmer und meldete, daß der Kaffee bereit ſeiz dies ſagte er aber mit ſo kläglichem Tone der Stimme, als verkündige er das größte Unglück, machte indeß hiedurch im gegenwärtigen Augenblicke gar nicht den gewünſchten Eindruck. Eugen war mit anderen Dingen beſchäftigt und ſchien, während er in ſeinen Schlafrock ſchlüpfte, über etwas tief nachzudenken. Draußen im Salon warf er ſich in einen Fauteuil. Joſeph drehte einen Hahn an der Maſchine auf, und Eugen trank ſeinen Kaffee, ohne überhaupt bemerken zu wollen, daß noch Jemand anders außer ihm im Zimmer ſei. Erſt als er nach der Cigarre griff und der treue Pierrot ihm den brennenden Fidibus in die Hand gab, blickte er in die Höhe und konnte ſich nicht enthalten, laut aufzulachen über das merkwürdig klägliche Geſicht, das ihm Jo⸗ ſeph zeigte. „Es iſt ſchon gut,“ ſagte er, als Joſeph ſich anſchickte, dieſen Blick mit einem tiefen Seufzer zu beantworten.„Laß nur dein Seufzen unterbleiben, ich bin das des Morgens von dir ſchon gewohnt! Hat man dir einmal wieder den Leviten geleſen? Freut mich recht ſehr— danke du deinem Schöpfer, daß ich wenig und des Morgens gar nicht dazu aufgelegt bin, mich überhaupt um dich zu bekümmern. Das kann ich dich verſichern, theurer Joſeph, wenn ich der Herr Rath wäre, ich hätte dich vielleicht ſchon lange zum Teufel gejagt.“ „Oh, oh!« lachte jetzt Pierrot mit erſtaunlich freundlichem Geſicht; denn er hatte jetzt erreicht, was er wollte: ſeinen jun⸗ gen Herrn nämlich vermocht, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. „Oh!“ lachte er abermals;„der Herr Sidel hat ja eigentlich doch nicht zu befehlen, ſondern der Herr Eugen ſelbſt. 125 Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. „Alles hat er zu befehlen,“ antwortete dieſer,„das ganze Hausweſen, und er kann mit euch machen, was er will, mit ſämmtlichem Möbelwerk und der ganzen Einrichtung, mit Sultan und mit dir.“— Damit nahm er einen Schluck Kaffee und that einige Züge aus ſeiner Cigarre. Joſeph zog ſeine Achſeln hoch empor, drückte dabei den Kopf tief nieder und ſchien auf ſolche Art pantomimiſch aus⸗ drücken zu wollen:„Ich laſſe ja Alles geduldig über mich er⸗ gehen!“ Nach einer längeren Pauſe, während welcher Eugen mit ſeinem großen Hunde geſpielt und ihm ein Milchbrod gereicht, blickte er wieder in die Höhe und ſah ſeinen Diener abermals lachend an.„Du haſt gewiß,“ ſagte er hierauf,„heute einen Ex⸗ trawiſcher bekommen. Nun, was hats denn eigentlich gegeben? — So ſage es friſch heraus, denn, wenn du es noch lange bei dir behalten mußt, ſo wirſt du unfehlbar daran erſticken, was an ſich eben kein großer Verluſt wäre.— Nun, was ſoll's eigentlich?“ „O, es betrifft gar nicht mich; der Herr Rath hat mich nur über Schritte und Gänge examinirt, die ich auf ihren beſon⸗ deren Befehl mache.“ „Daran hat er recht gethan, und er hat dich blos beauf⸗ ſichtigen wollen; denn er weiß ohnehin alles, was du für mich zu beſorgen haſt.“ Pierrot ſchüttelte mit einem Lächeln, das pfiffig ſein ſollte, ſeinen dicken Kopf. „Nicht?“ ſagte Eugen aufmerkſam;„was willſt du mit deinem dummen Kopfſchütteln ſagen?“ „Er hat mich darüber ausgefragt, ob ich einen beſonderen Befehl von Ihnen dazu hätte, an den Markttagen auf den Markt zu gehen, um..“ 126 Achtes Kapitel. „Ja ſo, das hat er dich gefragt? Das hätte ich beinahe vergeſſen.— Und was haſt du ihm geantwortet? „O, ich habe ihm geantwortet,“ entgegnete Joſeph,„daß ich nur deßwegen auf den Markt gehe, um mich nach den Preiſen von Butter und Eiern wegen der Haushaltung zu erkundigen.“ „Und das hat er dir natürlicher Weiſe nicht geglaubt!“ ſagte Eugen laut lachend, worauf der Diener mit einem ungemein pfiffigen Blinzeln ſeines rechten Auges entgegnete:„O ja, er hats doch geglaubt.“ Eugen legte ſich in ſeinen Fauteuil zurück, drückte ſeine beiden Füße in das zottige Fell des Neufundländers und blickte eine Weile nachdenkend vor ſich hin. Joſeph ließ aus der Ma⸗ ſchine eine zweite Taſſe Kaffee laufen; jede Spur des Mißmuthes ſchien aus ſeinem Geſichte verſchwunden, und dafür hatte ſich eine gewiſſe Traurigkeit auf ſeine Züge gelagert, welche dieſelben außerordentlich komiſch machte. Er wollte augenſcheinlich die treue, gekränkte Seele ſpielen, die tiefbetrübte, der es nicht ge⸗ lingen kann, das volle Vertrauen des Herrn zu gewinnen. Dieſer achtete aber nicht darauf, ſchien auch das Geſpräch von vorhin nicht wieder anknüpfen zu wollen, und ſo ſah ſich denn Joſeph genöthigt, nach einer Paufe ſelbſt fortzufahren, was er mit ſehr ſchüchterner und leiſer Stimme that.„Ich habe,“ ſagte er,„da unten genaue Verbindungen angeknüpft, die es mir möglich machen, alle Befehle Eurer Gnaden, wenn Sie welche für mich haben ſollten, aufs beſte zu vollführen. In der Nähe des Marktes, in einer engen Gaſſe hinter dem Hauſe der Frau Schoppelmann, wohnt eine Bekannte von mir, eine alte, brave Wittwe, deren Mann geſtorben iſt und die dort in der engen Gaſſe eine kleine Weinwirthſchaft eröffnet hat.“ „So, ſo!“ ſagte Eugen ohne aufzublicken, und Joſeph, 127 Von einem guten Freund und einem getreuen Diener. ſehr ermuthigt, daß ihm nicht befohlen worden, ſein Maul zu halten, fuhr mit etwas ſicherer Stimme fort:„Ich komme nicht nur in die Wirthsſtube dieſer braven Wittwe, ſondern ich bin einer von ihren genauen Bekannten und beſuche ſie deßhalb auch zuweilen in ihrer Wohnung im erſten Stock. Dieſer gerade gegenüber ſind die Zimmer der Frau Schoppelmann oder viel⸗ mehr nur ein Zimmer ihrer Wohnung, das der ſchönen Katha⸗ rine.——— Katharine kennt ebenfalls dieſe Wittwe, und wenn Beide gerade wollen, ſo können ſie aus ihren Fenſtern zuſammen ſprechen; ja, eines iſt ſo nahe bei dem andern, daß man ſich die Hand reichen könnte.“ „Und du haſt Alles drüben dem Herrn Rath auch erzählt?“ fragte Eugen nach einer Pauſe. „Nicht eine Sylbe!“ ſagte der getreue Pierrot mit einem außerordentlich ernſten Geſichtsausdruck.—„Aber neulich, wie ich zufällig aus der Wirthsſtube jener Wittwe auf die Straße komme und ohne Abſicht in die Höhe blicke, bemerke ich Jungfer Katharine, welche aus ihrem Fenſter auf mich herab ſieht.“ „Und ſie bemerkte dich?“ fragte Eugen. „Allerdings,“ fuhr Joſeph fort;„ſie ſchien mich ſogar wieder zu erkennen und blickte mich einen Augenblick wie fragend an. Natürlich gieng ich ruhig meines Weges, denn ich hatte ja keine Aufträge.“ Hier ſeufzte der getreue Pierrot abermals. „Und wenn du Aufträge gehabt hätteſt,“ ſagte Eugen, mehr und mehr aufmerkſam geworden durch den Bericht ſeines Dieners,„ſo hätteſt du ihr unbemerkt etwas ſagen können?“ „Ganz unbemerkt!“ antwortete Joſeph ſehr erfreut,„ſo unbemerkt, daß es keine Menſchenſeele geahnet hätte. Das Fen⸗ ſter iſt von der Gaſſe aus, die viel höher liegt als der Hof des 128 Achtes Kapitel. Hauſes, wo Frau Schoppelmann wohnt, faſt mit der Hand zu erreichen. Man könnte ganz bequem da hinab ſpringen, und durch dieſe Gaſſe geht faſt nie Jemand, nicht einmal am hellen Mittage. Des Nachts iſt ſte ganz ſtill und leer.“ „So, des Nachts iſt ſte ganz ſtill und leer?“ wiederholte Eugen nachdenkend, und ſagte alsdann nach einer längeren Pauſe, während welcher er den Kopf in die Hand ſtützte und ſeinen Diener feſt anſah:„Es iſt gut, das bleibt unter uns.“ „Gewiß, gewiß!“ entgegnete Joſeph, und auf ſeinem Ge⸗ ſichte zuckte es freudig auf, ſo freudig, daß die harten, dummen Züge ſogar angenehm erſchienen. Eugen winkte ihm mit der Hand hinweg und ſagte als⸗ dann zu ſich ſelber:„Ich bin überzeugt, Joſeph iſt ein dummer, aber ſehr guter und ehrlicher Kerl. Er ſoll mir bei dieſer Ge⸗ ſchichte helfen.“ Neuntes Kapitel. Enthält ein düſteres Stück Familienleben, ſowie ein heiteres Bwie- geſprüch der Diener verſchiedener Häuſer. Die jetzt verwittwete Staatsräthin Stillfried war in früherer Zeit eine der ſchönſten und ſtattlichſten Frauen geweſen. In den höheren Kreiſen der Beamtenwelt und des Bürgerſtandes hatte ſte von jeher den Ton angegeben— nach ihr richtete ſich Alles, ſte arrangirte Feſtlichkeiten und Bälle ſowohl in den Ge⸗ ſellſchaftslokalen als auch in ihrem eigenen Hauſe. Und hierzu war ſie vollkommen berechtigt, ſowohl durch ihre Schönheit, ihren Geiſt, als durch ihr großes Vermögen, mit deſſen Ein⸗ künften der alte Staatsrath ſte ſchalten und walten ließ, wie es ihr beliebte. Wir ſagen: der alte Staatsrath; denn der Herr von Still⸗ fried war ſchon damals, als ſeine Frau noch in der Welt glänzte, ein ältlicher, zurückgezogener Mann, der es vorzog, ſich zu Hauſe mit ſeinen Akten und Büchern zu beſchäftigen, ſtatt mit ſeiner Frau auf der Promenade oder in Geſellſchaften zu erſchei⸗ 4 3 Hackländer, Eugen Stillfried. I. 9 3 * 130 Neuntes Kapitel. nen, und dem die einſame Lampe in ſeinem Studierzimmer lieber war als das Flimmern von Tauſenden von Kerzen im Ballſaale. Er hatte von ſeiner Frau einen einzigen Sohn, deſſen Erziehung und Bildung er ſich auf's Emſigſte widmete. Dem jungen Eugen wurden die trefflichſten Lehrer gehalten, die dafür zu ſorgen hat⸗ ten, daß er das, was ihm die Profeſſoren in den verſchiedenen Klaſſen des Gymnaſtums, welches er beſuchte, beigebracht, nicht vergeſſe, vielmehr daß daſſelbe, geiſtig auf's Beſte verdaut, ſich bei ihm zur Blüthe und Frucht anſetze. Die Staatsraäͤthin dagegen bekümmerte ſich nur in ſo fern um dieſen Sohn, als ſie mit ihm, einem ſchönen Kinde, bei allen paſſenden und unpaſſenden Gele⸗ genheiten den Staat einer Mutter zu machen pflegte. Im Uebri⸗ gen überließ ſte ſeine Erziehung, wie das auch recht und billig war, den Händen des Gemahls, der ihr dagegen die Freuden der Welt überließ und ſich um ihr Thun und Treiben wenig be⸗ kümmerte. Doch hatte dieſes an ſich traurige Verhältniß im Stillfried⸗ ſchen Hauſe nicht gerade von jeher ſo beſtanden; vielmehr hatte der Staatsrath die erſten Jahre mit ſeiner jungen Frau äußerſt glücklich verlebt. Er ſchien ſte auf's Zärtlichſte zu lieben, und da er nebenbei in jener Zeit die geſellſchaftlichen Vergnügungen eben ſo ſehr aufſuchte, wie ſeine junge ſchöne Frau, ſo paßten ſte herrlich zu einander. Sie war ſehr ſchön, hatte auch viel Verſtand, ja war geiſtvoll; doch beſaß ſte neben dieſen Vor⸗ zügen ein kaltes, ruhiges Herz, das ſchon nach den erſten Jahren ihren Mann, der für alles Schöne und Gute ſich wahrhaft inte⸗ reſſtrte, mehr und mehr abſtieß. Wie hatte er gehofft, mit ſei⸗ ner jungen und ſchönen Frau ein angenehmes Leben zu führen, in den ſtillen Freuden des Hauſes ſich gegenſeitig liebend und ver⸗ ehrend, ſich beide der Aufſicht und Erziehung ihrer zu hoffenden Ein düſteres Stück Familienleben. 131 Kinder widmend! Darin hatte er ſich aber ſehr getäuſcht. Sie wollte ihr Leben genießen in allen rauſchenden Vergnügungen— ſte war das als einziges Kind reicher Eltern ſo von Kind⸗ heit an gewohnt— und langweilte ſich zu Hauſe und in der Unterhaltung ihres Gemahls, deſſen Ideen ſte nicht zu folgen die Luſt hatte, deſſen Neigungen und Wünſche ſie weder erreichen noch begreifen, dieſelben aber noch viel weniger theilen wollte und— konnte. Herr von Stillfried ſah mit tiefem Schmerze, wie ſich dieſes traurige Verhältniß ſo allmählig geſtaltete; doch liebte er ſeine Frau immer noch um ihrer Perſon willen, mehr aber wohl als die Mutter ſeines eben erſt geborenen Sohnes. Er verſuchte es um⸗ ſonſt, ſte auf einen anderen Weg zu führen— ſie konnte ihr inneres Weſen nicht ändern. Waͤre es ein einfacher Fehler, eine Gewohnheit geweſen, ſie hätte dieſelbe ihrem Manne und dem Kinde zu Lieb gewiß abgelegt. Doch die Leere ihres Herzens, welche dieſe Beiden nicht auszufüllen vermochten, konnte nur Be⸗ friedigung finden im wilden Treiben der Welt, in rauſchenden, immerwährenden Vergnügungen. Sie war nicht im Stande, ſich zu ändern, obgleich ſie wohl fühlte, daß die häuslichen Freu⸗ den, deren Genuß ſie ſich in früherer Zeit ſo ſchön ausgemalt, nicht mit ihrem jetzigen Leben vereinbarlich ſeien. Daß dieſe Freuden dabei nicht aufblühen konnten, und wenn ſich je eine zarte Knospe angeſetzt, dieſe verwelken und erſterben mußte im Staube des Ballſaales bei dem leeren, hohlen und nichtsſagen⸗ den Geſchwätz ihrer Welt, war ſo natürlich. Oft, wenn ſtie ſpät in der Nacht nach Hauſe kam und ſte die Uhr in dem Schlafgemache ihres Gatten die ſpäte Nachtſtunde anſagen hörte, dann durchſchauerte es ſie unheimlich, und ſte kam ſich vor wie eine Fremde, wie eine Weihe⸗ und Ruheloſe, 9* wohl auch unter der Laſt ſeines Kummers, ſehr gealtert hatte, 132 Neuntes Kapitel. die ſich eingeſchlichen in einen ihr gänzlich fremden Familienkreis. Selbſt ihr Kind, ihr ſchönes, blühendes Kind mit jenem geſun⸗ den Schlafe der Kindheit, mit Roſen auf den Wangen und Lip⸗ pen, während ein tiefer, ſüßer, unnennbarer Friede um die ge⸗ ſchloſſenen Augenlider ſpielte, ſelbſt dieſes Bild der Unſchuld war nicht im Stande, in ihr Herz die ſüße Ruhe zu gießen, die wir ſo gern fühlen beim Anblick jener ſchlafenden Engelsgeſtalten. Wohl faßte ſte hie und da in ſolchen Augenblicken den feſten Vor⸗ ſatz, künftig ihr Leben zu ändern, daſſelbe von jetzt an ihrem Gatten, ihrem Kinde zu weihen— aber es war zu ſpät! Der Staatsrath, der bei ſeiner Verheirathung den ſüßen Glauben gehabt, es werde ſich erfüllen, was er ſo angenehm ge⸗ träumt: ſie, die junge, reizende Frau, ſtolz auf ihn als Men⸗ ſchen und Geſchäftsmann, ſtolz auf ſeinen Namen, der einen guten Klang hatte, werde ihn, den älteren Mann, mit inniger Liebe umſchlingen, ihre friſche Jugend werde auch die ſeinige wiederkehren heißen, oder, wenn dies unmöglich, doch mit ihm einen Herbſt bilden voll der beſten und ſüßeſten Früchte,— er ſah ſich bald getäuſcht, und nachdem er es ein paar Jahre lang verſucht, im Guten und Böſen der Vergnügungsluſt ſeiner Frau Einhalt zu thun, erkaltete ſeine Liebe zu ihr plötzlich, er wandte ſich mehr und mehr ſeinen Studien und Büchern zu, und das Plätzchen in ſeinem Herzen, welches der Aktenſtaub noch nicht eingenommen— es wurde freilich immer kleiner und kleiner— blieb ſeinem einzigen Sohne Eugen geöffnet. Das häusliche Leben der Familie Stillfried geſtaltete ſich hiedurch im Aeußeren ruhiger, ſelbſt zufriedener. Heftige Sce⸗ nen, wie früher ſo oft, kamen nicht mehr vor; ja der Staats⸗ rath, der in den nächſten Jahren unter ſeinen Büchern und Akten, Ein düſteres Stück Familienleben. 133 konnte ſich hie und da beim Frühſtück von ſeiner Frau die Scenen des vergangenen Abends, den ſie auswärts zugebracht, und die komiſchen Figuren ihrer Geſellſchaft darſtellen und ſelbſtredend einführen laſſen, zu welchem Spiele ſie ein großes Talent hatte und worüber er zuweilen, namentlich wenn es ſeine Collegen waren, die er ſo in getreuen Copien vor ſich hörte, herzlich lachen konnte. Da kam der Doktor Werner ins Haus. Er hatte den Ruf eines ausgezeichneten Advokaten und ſich in kurzer Zeit hie⸗ durch in der Reſidenz eine große Praxis erworben. Der Staats⸗ rath brauchte ſeine Geſetzeskenntniß, ſeinen gediegenen Rath bei vielen verwickelten Geſchäften; er gewann ihn lieb und zog ihn nach und nach feſt an ſich und ſein Haus; doch ſah er nur den Geſchäftsmann in ihm. Doktor Werner war, wie die Damen faſt einſtimmig ſagten, kein Mann, der im Stande ſei, ihnen zu gefgallen. Dieſer kalte, ätzende Verſtand, das ironiſche Lächeln, welches beſtändig auf ſeinen Lippen ſchwebte, hatte etwas ſo Abſtoßendes, und ſein Mangel an Liebenswürdigkeit— er gab ſich nämlich nie dazu her, ein Geſpräch zu führen, blos um die Zeit zu tödten, oder Anſich⸗ ten zu billigen, die den ſeinigen entgegen ſtanden, auch wenn der ſchönſte Mund dieſelben ausſprach— war den Damen ſo ver⸗ haßt, daß ſie den Doktor Werner für den unausſtehlichſten, un⸗ angenehmſten aller Männer erklärten und ſeine Unterhaltung und Geſellſchaft zu fliehen ſchienen. Eine Ausnahme hiervon hatte die Staatsräthin von jeher gemacht: ſie fühlte geiſtige Kraft genug in ſich, um die Anreden des Doktors, die faſt immer zugleich Angriffe auf dieſe oder jene geſellſchaftliche Einrichtung waren, feſten Fußes zu erwarten und oftmals ſiegreich abzuſchlagen. Wenigſtens behauptete ſie mit— — 7 4 u— 6„..„— 134 Neuntes Kapitel. ihm zugleich beſtändig das Schlachtfeld und wich vor ſeinen Mei⸗ nungen und Anſichten nicht einen Zoll breit. Dieſe Frau in ihrer friſchen Jugendkraft, geiſtig und körper⸗ lich von der Natur mit ſo großen Vorzügen ausgeſtattet, impo⸗ nirte dem harten und ſtrengen Advokaten. Ja, als ſte eines Tages zufällig zu einer Berathung kam, die der Doktor mit dem Staatsrath hatte, und ſte nach längerem Zuhorchen endlich auch ihre Anſicht in dieſer Sache mit wenigen, aber kräftigen Worten ausſprach, da fühlte ſich der Doktor Werner von einer wahren Bewunderung für dieſe Frau hingeriſſen und küßte ihr das erſte Mal, ſich für überwunden erklärend, die Hand. Von da an lag er zu ihren Füßen, und das merkte bald die Welt und am Ende auch der Staatsrath, dem, als er dieſe Ent⸗ deckung machte und als er zu der Gewißheit kam, daß auch ſte den Doktor Werner nicht ungern ſehe, alle Wunden ſeines Her⸗ zens, die längſt vernarbt ſchienen, noch einmal aufbrachen und ihm entſetzliche Qualen verurſachten. Doch nur für ganz kurze Zeit. Der Staatsrath war unendlich ruhig und ernſt geworden, ſein Haar hatte ſich weiß gefärbt, er zuckte nach längerem Nach⸗ grübeln traurig die Achſeln, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, als er innig ſeinen Sohn Eugen auf die Stirn küßte, der zwiſchen ſeinen Knieen ſtand, und als er leiſe vor ſich hinflüſterte: „Ein verlorenes Leben— möge es dir beſſer ergehen, mein Kind!“ Die Staatsräthin dagegen ſah ſtolz und triumphirend um ſich, als ſie nun endlich zu der Ueberzeugung gekommen war, daß ſie jenen Mann, den Schrecken aller Schwätzerinnen der Geſell⸗ ſchaft, ihn, den alle ihre Mitſchweſtern fürchteten und doch be⸗ wunderten, an ihren Wagen geſchmiedet ſah, als er endlich wil⸗ lenlos zu ihren Füßen lag, ein überwundener Feind, jetzt ein 2 Ein düſteres Stück Familienleben. 135 Seclave, der ſich glücklich fühlte, wenn ſte den ſchönen Fuß auf ſeinen Nacken ſetzte. Ob ſte ihn wirklich geliebt, ſind wir nicht im Stande, ge⸗ nau anzugeben. Aber die Welt glaubte es, die Welt war davon überzeugt, und wir wollen uns dem Urtheile der Welt anſchlie⸗ ßen; denn hört ſte nicht genau mit ihren unzähligen Ohren, ſieht ſte nicht faſt in die Herzen der Menſchen mit ihren zahlloſen Augen, ruhelos und ſpähend bei Tag und Nacht? Es kamen damals wieder verſchiedene heftige Scenen in dem Stillfried'ſchen Hauſe vor, deren Urſache und Ergebniß aber nicht in die Oeffentlichkeit drang; denn die Dienerſchaft des alten Staatsrathes, die wir theilweiſe bereits kennen gelernt, hielt es bei ihrer Treue und Anhänglichkeit an ihren Herrn für ihre Schul⸗ digkeit, alles geheim zu halten, was die Ehre deſſelben compro⸗ mittiren konnte. Es war aber nicht zu verſchweigen, daß, wahr⸗ ſcheinlich in Folge jener Scenen, die Staatsräthin eine größere und längere Reiſe unternahm und faſt ein Jahr von ihrem Hauſe abweſend blieb. Als ſte endlich zurückkam, befiel den Staatsrath eine ſchwere Krankheit, während welcher ſich manch Schauerliches und Un⸗ heimliches ergab, namentlich in einer gewiſſen Nacht, wo der Doktor Werner, ohne daß es der Kranke wußte, im Vorzimmer gewacht haben ſollte. Es war dies eine kalte, windige Novem⸗ bernacht; der Kranke befand ſich auf dem Wege der Beſſerung, aber in jenem Stadium, wo ein Rückfall unfehlbar den Tod nach ſich ziehen mußte. Dieſer Rückfall trat nun auch wirklich in der bezeichneten Nacht gegen Morgen ein, und als der Arzt in der Frühe in das Haus kam, fand er, daß die Krankheit wieder mit unbezwingbarer Kraft über den alten Mann hergefallen war, daß er rettungslos verloren ſei. Ein Däätfehler konnte nicht vorgefgl⸗ 136 Neuntes Kapitel. len ſein, und der alte treue Kammerdiener Jakob ſchwor dem Arzte mit Thränen in den Augen hoch und theuer, der Kranke habe nichts zu ſich nehmen können, als was ihm ſeine Hand gereicht. In dieſem Augenblicke aber zog ein ſcharfer, ſchneidender Luftzug durch das verdunkelte Krankenzimmer, und an einem Fenſter, zunächſt dem Bette, flogen die dunklen Vorhänge wie ſchwarze Trauerſchleier hoch empor. Entſetzt warf ſich der Arzt an das offene Fenſter, um es zu ſchließen, und Jakob, der erſchüt⸗ tert und todtenbleich daſtand, faßte behend die Hand des Arztes, drückte ſie krampfhaft und ſagte:„Bei Gott im Himmel, Herr Doktor, ſo wahr ich hoffe, ſelig zu werden, die Fenſter und Läden dieſes Zimmers habe ich geſtern Abend auf das Genaueſte unter⸗ ſucht. Sehen Sie, wie ſorgfältig die anderen noch befeſtigt ſind. Bei allen Heiligen, auch an dieſem war geſtern Abend kein Rie⸗ gel, keine Schraube los.“ Tief erſchüttert wandte ſich der Arzt ab, und als er durch das Vorzimmer hinaus gieng und dort den Doktor Werner be⸗ merkte, der mit Durchſuchen von Papieren beſchäftigt war, konnte er ſich nicht enthalten, zu dem alten Diener in leiſem, aber aus⸗ drucksvollem Tone zu ſagen:„Das Unglück iſt geſchehen. Ich werde gegen Mittag wieder kommen; bis dahin kann der Staats⸗ rath noch leben, aber ſein Tod iſt gewiß. Jenes offene Fenſter hat ihn herbeigeführt, der—— kalte Nachtwind hat ihn ge⸗ mordet.“ Bei dieſen Worten war der Doktor mit ſeinem Kopf auf die Papiere niedergeſunken, in Schmerz und Trauer. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er ſich auf, nahm ſeinen Hut und eilte mit bleichen, verſtörten Blicken zum Hauſe hinaus. Der Arzt hatte indeſſen nicht ſo ganz richtig prophezeiht: der ——— Ein düſteres Stück Familienleben. 137 Staatsrath lebte noch bis zum Abend dieſes Tages. Ja, nach der Mittagsſtunde kehrte ſeine Beſinnung wieder, und er ſagte zu ſeiner Frau, die weinend vor ſeinem Bette auf den Knieen lag: „Gewiß, Sophie, ich bin überzeugt, dein Herz war nur leicht⸗ ſinnig, aber nicht ſchlecht; nicht wahr, du haſt mir mit Ueber⸗ legung nichts Böſes zugefügt?— Ich will es ja gern glauben und verzeihe dir all die trüben Stunden, die du mir gemacht... Aber nimm dich vor jenem Manne in Acht, hüte dich vor ihm, hüte mein armes Kind, laßt ihn keine Macht über euch bekommen. Das verlange ich, es iſt mein letzter, aber feſter Wille!“— Dann hatte er gebeten, ſie ſolle ſich entfernen, und Jakob mußte zu ihm kommen. Ihm gab er mit zitternden Händen den Schlüſſel zu einer kleinen Caſſette, und der alte Diener mußte daraus meh⸗ rere Briefe hervorſuchen, die ſämmtlich numerirt waren und welche ihm der Staatsrath bezeichnete. Einige waren von der Hand der Staatsräthin, auch ein paar mit den Schriftzügen des Doktors Werner, andere von einer fremden, dem alten Die⸗ ner völlig unbekannten Handſchrift. Dann mußte dieſer ein klei⸗ nes Schreibpult herbeiholen, daſſelbe mit Papier, Feder und Dinte auf das Bett niederſetzen und ſeinen Herrn unterſtützen, der ſich nun mühſam aus den Kiſſen empor hob und mit zitternder Hand zu ſchreiben begann. Es war, als halte der Wunſch, wichtige Ge⸗ danken, die den Sterbenden quälten, auf das Papier zu bringen, ſeine Lebensgeiſter aufrecht, ja entflammten ſie zu neuer Kraft; denn er ſchrieb faſt volle zehn Minuten, ſetzte Datum und Stunde hinzu und fügte ſeine Unterſchrift deutlich und leſerlich bei. Als dies geſchehen war und der Arzt, der im Vorzimmer auf die Be⸗ endigung dieſes Geſchäftes gewartet, nun hereintrat, zeigte er ihm das beſchriebene Blatt, doch ſo fern, daß Jener nichts davon leſen konnte, und ſagte darauf mit matter Stimme:„Sie ſehen, 138 Neuntes Kapitel. Doktor, und auch du, Jakob, haſt es geſehen, daß ich dieſes Blatt mit eigener Hand geſchrieben und unterzeichnet, und Sie werden bemerken, daß ich bei dieſem wichtigen Geſchäft im vollen Beſitz meiner geiſtigen Kräfte war. Dies bitte ich mir durch Ihre Unterſchrift und durch die deinige ebenfalls, Jakob, auf der ande⸗ ren Seite dieſes Blattes bezeugen zu wollen.— Nachdem dies ge⸗ ſchehen, faltete der Kranke das Blatt ſorgfältig zuſammen, legte es zu den vorher erwähnten Briefen, Jakob mußte ein weißes Pa⸗ pier darum ſchlagen, um das weiße Paketchen, das auf dieſe Art entſtand, ein rothes Band ziehen und es mit ſchwarzem Siegel⸗ lack und dem darauf gedrückten Wappen des Staatsrathes ver⸗ ſchließen. Dieſes Paketchen ſchob der Kranke, ſo lange der Arzt anweſend war, unter das Kopfkiſſen, und als dieſer fort gieng, befahl er Jakob, es unter ſeinem Haupte liegen zu laſſen, ſo lange, bis ein gewiſſer Fall eingetreten ſei. Dann ſollte er es aufs Sorgfältigſte zu ſich nehmen und damit verfahren, wie er ihm früher ſchon geſagt.. Gegen Abend dieſes Tages trat nun der Fall ein, den der Kranke ſo eben bezeichnet. Er ließ im Laufe des Nachmittags ſeinen Sohn Eugen nochmals zu ſich rufen, betrachtete ihn lange mit einem Ausdrucke der innigſten Zärtlichkeit und legte ſeine Rechte auf die blonden Locken des Kindes. Dann wandte er ſei⸗ nen naſſen Blick langſam in die Höhe, ſeine Augenlider deckten ſich ſanft darüber hin, ſeine Rechte ſank von dem Kopfe des Kindes herab, ſte wurde alsdann von deſſen kleinen Händchen er⸗ faßt und mit Küſſen und Thränen bedeckt. Doch erwiederte kein Druck dieſe Zärtlichkeit des nun Verlaſſenen.— Der Staatsrath ſchien noch einige Stunden ſanft und ruhig zu ſchlummern, dann aber hörte man ſeine Athemzüge immer langſamer, zuletzt gar nicht mehr— er war geſtorben. Ein düſteres Stück Familienleben. 139 In dem Stillfried'ſchen Hauſe fand nach dieſem Trauerfalle nur in ſo fern eine Veränderung ſtatt, als das Haus ſelbſt eine Zeit lang feſt verſchloſſen blieb, keiner der Bewohner außerhalb deſſelben ſichtbar wurde, als nur die ſchwarzgekleidete Dienerſchaft bei ihren nothwendigen Ausgängen. Es vergieng auch ein ganzes Jahr, ehe dieſe äußeren Zeichen der Trauer abgelegt wurden, und während all dieſer Zeit ließ ſich der Doktor Werner nur höchſt ſelten im Stillfried'ſchen Hauſe ſehen. In die Welt war von jenen geheimnißvollen Vorfällen wäh⸗ rend der Krankheit des Staatsrathes nichts gedrungen, und die Welt wunderte ſich deßhalb auch nicht beſonders, als nach Ver⸗ lauf dieſes Jahres das alte Haus wieder geöffnet wurde, als Tapezierer, Schreiner, und alle möglichen Handwerker began⸗ nen, dort aus und einzugehen, um den zweiten Stock, welchen die Staatsräthin von nun an bewohnen wollte, aufs Reichſte und Eleganteſte einzurichten. Ja die Welt erwartete Tag um Tag, von einer Verlobung im Stillfried'ſchen Hauſe zu hören, von einer neuen Verbindung, die ja ſchon früher voraus zu ſehen war und die nur auf Beendigung des Trauerjahres gewartet zu haben ſchien, um öffentlich proklamirt zu werden. Auch dieſes Mal hatte die Welt, wie ſo oft, nicht Unrecht. Eine Verlobung im Stillen war ſchon gefeiert worden, und das neue Paar ſaß eben bei einander, um über neue Einrichtungen und ihr ferneres Leben zu ſprechen.— Es war wieder Herbſt ge⸗ worden und der November gekommen mit ſeinen trüben Tagen, mit ſeinem Regen und Wind— da trat Jakob, der alte Diener, in das Zimmer der Staatsräthin und bat den Doktor Werner, einen Augenblick heraus zu kommen, es wolle ihn Jemand ſpre⸗ chen. Jakob trug einen Armleuchter, und der zitterte vor Auf⸗ regung in ſeiner Hand. Sein Geſicht war bleich, und als der 8 140 Neuntes Kapitel. Doktor aus dem Zimmer heraustrat, bat er, ihm zu folgen, und ſtieg langſam die Treppen hinab in den erſten Stock. Der Doktor hatte dieſen ſeit jenem Tage nicht mehr betreten, auch folgte er dieſen Abend ſeinem Führer mit großem Widerwillen, mit einer unerklärlichen Beklemmung. Alle Röthe war von ſei⸗ nen Wangen gewichen, ſeine Augen ſtarrten ängſtlich umher, und doch mußte er dem voranſchreitenden Diener folgen. Ja, er mußte ihm auch folgen durch den langen Corridor hinab in das Schlafzimmer des verſtorbenen Herrn. Es war ein Abend, wie an deſſen Todestage, und ob Zu⸗ fall oder Abſicht, wiſſen wir nicht, der Wind wehte auch wie damals die dunklen Fenſtervorhänge empor und ſauste ſchneidend und kalt durch das Vorzimmer. Dieſer Luftzug ſchien dem Doktor Werner durch Mark und Bein zu dringen; er faßte krampfhaft die Thüre des Schlafzimmers, ſein Haar ſträubte ſich empor. Aber trotzdem war er gezwungen, dem Wink ſeines Führers zu folgen— er wußte ſelbſt nicht, welche Macht ihn hierzu zwang. Ja, er mußte vollends in das Zimmer hinein treten, und die Thüre ſchloß ſich hinter ihm zu. Was die Beiden, der alte Die⸗ ner und der Doktor, dort verhandelt, ſind wir nicht im Stande, anzugeben; nur ſo viel können wir ſagen, daß Letzterer nach einer kurzen Unterredung die Thüre aufriß, aus dem Zimmer ſtürzte, über den Corridor und die Treppen hinabflog und das Haus verließ ohne Hut und Mantel, in angſtlicher Haſt, wie von den Furien gejagt. Die Folgen dieſer Unterredung waren, daß der Doktor auf lange, lange Zeit nicht mehr das Haus betrat, und daß von einer Verbindung zwiſchen ihm und der Staatsraͤthin ferner keine Rede mehr war. Aber die Zeit, die Alles lindernde, führte auch den Doktor ——— 141 Ein düſteres Stück Familienleben. Werner, der nun Juſtizrath geworden war, wieder in das Haus der Staatsräthin. Zuerſt kam er ſelten, dann häufiger, bald täglich mehrere Male. Er leitete die Geſchäfte des Hauſes, er gab ſeinen Rath zu der Erziehung des jungen Eugen. Und dieſe Rathſchläge waren der Art, daß ſie wohl im Stande waren, ihm die Zuneigung des wilden jungen Menſchen zu erwerben. Eugen fand in ihm einen Vertheidiger aller ſeiner tollen Streiche, und wenn die großen Summen, welche ihm die Mutter, als er nun herangewachſen war, zu ſeinem Aufwande auf der Univerſttät und zu ſeinen Reiſen gab, doch nicht ausreichten, ſo half ihm der Doktor Werner auf das Bereitwilligſte mit den gediegenſten Creditbriefen. So wurde Eugen endlich majorenn, und man mußte ihm die Verwaltung des väterlichen Vermögens überlaſſen. An dem Tage, wo ihm die Papiere und Abrechnungen übergeben wur⸗ den, hatte der alte Jakob eine längere Unterredung mit ihm, nach welcher er auf das Tiefſte erſchüttert ſchien, und an deren Schluſſe ihm der Kammerdiener ſeines verſtorbenen Vaters ein kleines Paket übergab, mit rothem Bande zugebunden und ſchwarz verſiegelt. Der Inhalt jener Unterredung mußte den Juſtizrath, aber auf ſehr unangenehme Weiſe, betreffen; denn Eugen faßte in Folge derſelben und von dieſem Augenblicke an eine ſolche Ab⸗ neigung, ja, einen ſolchen Haß gegen ihn, daß er ſich nicht ein⸗ mal die Mühe gab, denſelben vor dem Betreffenden oder der Mutter zu verbergen. Man kann ſich leicht denken, daß hiedurch zwiſchen Mutter und Sohn die unangenehmſten Scenen vor⸗ ſielen. Ja dieſe Scenen ſteigerten ſich eines Tages, durch den Juſtizrath hervorgerufen, zu einer ſolchen Heftigkeit, daß Eugen erklärte, er könne und wolle ferner nicht mehr in dem elterlichen 142 Neuntes Kapitel. Hauſe wohnen. Der Juſtizrath, der ebenfalls auf dieſen Zeit⸗ raum, wo Eugen ſelbſtſtändig ins Leben trat, gewartet zu haben ſchien, hatte nämlich in einem längeren Geſpräch mit ſeinem frü⸗ heren Schützlinge ſeinen Wunſch, ſich jetzt mit der Mutter deſſel⸗ ben ehelich zu verbinden, aus einander geſetzt und aufs Beſte moti⸗ virt. Eugen hatte ihm aber hierauf trocken erklärt, er als Sohn könne und wolle dieſe Heirath nie zugeben; da er jedoch wohl wiſſe, daß er geſetzlich keine Einſprache dagegen zu erheben im Stande ſei, ſo wolle er dies hiemit privatim thun und, wie er hoffe und glaube, aufs Allerkräftigſte. Und dazu hatte er dem Juſtizrath einige geheimnißvolle Worte geſagt und ihm etwas ge⸗ zeigt, worüber dieſer ſich entfärbt und worauf er die Unterredung kurz und ſchnell abgebrochen. Eugen verließ darauf wirklich das elterliche Haus, und die Staatsräthin, ſeine Mutter, die ihn für einen ungerathenen, ver⸗ lorenen Sohn hielt— er wurde ihr beſtändig ſo geſchildert— ließ ihn achſelzuckend ziehen. Seit jener Zeit war es das einzige Dichten und Trachten des Juſtizrathes geweſen, jenes Etwas in ſeine Hände zu bekom⸗ men, aber bisher immer vergeblich. Aufmerkſam folgte er dem ganzen Leben des jungen Stillfried, und ſah und hörte mit Ver⸗ gnügen, wie dieſer ſich zu Hauſe und auf Reiſen in den wildeſten Strudel der Vergnügungen ſtürzte, wie er große Summen weg⸗ warf, wie er ſeine Revenuen erſchöpfte und anfieng, das väter⸗ liche Kapital⸗Vermögen anzugreifen. Wo es ihm möglich war, that er dem Leichtſtnne dieſes jungen Menſchen allen erdenklichen Vorſchub und führte ihm unſichtbar Freunde und Freundinnen zu, die ihm helfen ſollten, ſeine Geſundheit und ſein Vermögen zu ruiniren, oder, was letzteres anbetraf, ihn wenigſtens in ſolche Verlegenheiten zu ſtürzen, daß er ſich endlich genöthigt Ein düſteres Stück Familienleben. 143 t⸗ ſähe, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, nach einer ret⸗ n tenden Hand zu greifen, die ihn aus ſeinen Verlegenheiten, ſei's ⸗ auch um jeden Preis, herausriſſe. ⸗ Der Juſtizrath hätte um jenes Paketchen mit Freuden ſein J ganzes Vermögen gegeben und hätte Jeden als ſeinen Freund und n Retter umarmt, der ihm geſagt:„Gib mir deine ererbten, deine 1 mühſam erworbenen und erſparten hunderttauſend Gulden, ſei n ein Bettler, aber dafür liefere ich in deine Hand jenes Etwas, r nach dem deine Seele lechzt!— Dergleichen Wünſche waren aber 1 bisher immer vergeblich geweſen. Eugen Stillfried war we⸗ 3 der ein Verſchwender noch hatte er Hang zu einem liederlichen — Leben: er trank nur, wenn ſeine Kameraden mit ihm tranken, er ſpielte nur, wenn ſie ihn dazu nöthigten, und machte große Einkäufe unnützer Dinge, wenn Jemand auf irgend eine Art ihm eine Veranlaſſung hiezu gab. Er hatte für eben genannte Ver⸗ gnügungen durchaus keine Leidenſchaft, und wenn er ſich ihnen hingab, ſo geſchah es, wenn er gerade nichts Beſſeres zu thun wußte. Mit ſeinen Neigungen zum anderen Geſchlechte verhielt es ſich gerade ſo; auch hier war er ruhig und ließ ſich vom Strome ſeines Lebens, vom jedesmaligen Augenblicke treiben. Führte ihn dieſer hie und da an reizende Ufergeſtade und warf ihn unter Blüthenduft zu den Füßen eines ſchönen Weibes nie⸗ ſo blieb er dort, genoß, was zu gevießen war, bis eine neue Welle von dieſem Ufer ihn wieder in den Strom riß, und dann ließ er ſich ebenfalls ohne vieles Widerſtreben davon tragen. Er wandte kaum den Blick ſehnſüchtig zurück; er kämpfte nicht mit der Fluth, um dorthin zurück zu kehren, wo ihm gerungene Hände nachwinkten und thränende Augen wie geöffnete Arme ſchmerzlich auf ſeine Wiederkehr harrten. Ein ſolcher Charakter war nun ſchwer zu faſſen. Das ſah ‿₰ Neuntes Kapitel. der Juſtizrath mit tiefſtem Grimme ein. Und hiezu kam noch, daß Eugen auf einer Reiſe ſeinen früheren Lehrer wieder fand, als dieſer eben im Begriffe war, ſich in einem Dorfe vor dem Hungertode zu ſchützen, indem er etlichen ſechszig Kindern mit verſchiedenen Prügeln und guten Worten das A B C und ein ſolides Stück Chriſtenthum einbläute. Mit Freuden ergriff der Schulmeiſter die Hand ſeines ehemaligen Zöglings und zog mit ihm in die Reſidenz zurück als ſein Freund, ſein Geſellſchafter, ſein Sekretär, Verwalter und luſtiger Rath. Konnte er ein glücklicheres Loos finden?! Eugen's Bibliothek— die Bücher derſelben erwieſen ſich als ſehr beſtaubt— ſtand ihm in der frrundlichen Parterre⸗Wohnung zu Dienſten; er hatte keine Sor⸗ gen, er lebte ſeinen Studien in all den Stunden, wo er nicht genöthigt war, mit Eugen in den Straßen der Stadt auf Ent⸗ deckungen auszugehen, wie dieſer es nannte. Dieſe Entdeckungs⸗ reiſen waren an ſich ziemlich harmloſer Natur und beſchränkten ſich auf ein großartiges Flaniren; nur zur Meßzeitund bei großen Märk⸗ ten dehnten ſte ſich zu einer Arbeit aus; denn alsdann konnte es Eugen nicht unterlaſſen, ſämmtliche Buden, die dort aufgebaut waren, mochten ſte nun Menagerieen enthalten oder eine Affen⸗ Komödie, oder ein Panorama, oder Wachsfiguren, im ausge⸗ dehnteſten Maßſtabe mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Vom Morgen an, wo der Kerl im ſchmierigen Tricot zum erſten Male draußen in die Trompete ſtieß, bis zum Abend, wo die trübe brennenden Oellampen endlich erloſchen, durchſtreifte Eugen die Sehenswürdigkeiten, weniger dieſen ſelbſt zu Liebe, als dem gro⸗ ßen Intereſſe, das er an dem zigeunerartigen Leben der Buden⸗ Eigenthümer ſelbſt nahm. Das war eine harte Zeit für den luſtigen Rath; denn er mochte ſich bei derartigen Veranlaſſungen auch nicht eine Stunde Ein düſteres Stück Familienleben. 145 lang von ſeinem Freunde trennen, indem er beſtändig fürchtete, ihn wieder einmal einen ſehr extravaganten Streich ausführen zu ſehen, wie Eugen früher ſchon einmal gethan. Da hatte er ſich nämlich, mit ſchlechten Kleidern angethan, zu dem Eigenthümer einer Affen⸗Komödie begeben und demſelben ſeine Dienſte als Se⸗ eretär und Billet⸗Abnehmer angeboten. Da er hier ſeine Bedin⸗ gungen außerordentlich billig geſtellt, ſo war er mit dem Prin⸗ cipal handelseinig geworden, hatte ſeinen Bedienten entlaſſen, ſeine Wohnung zugeſchloſſen und war mit der Affen⸗Komödie auf und davon gezogen. Doch hatte er ſchon kurze Zeit darauf eine für ihn ſehr unangenehme Scene mit der Principalin zu beſtehen, und er verließ daher ihre Geſellſchaft bald wieder, und wir glau⸗ ben ſogar, wie ſein Vorgänger aus der heiligen Schrift, eben⸗ falls mit Zurücklaſſung ſeines Mantels. Doch ſprach er noch lange Zeit nachher mit großem Vergnügen von dieſer Kunſtreiſe und erzählte dem verdrießlich zuhorchenden luſtigen Rath viel merkwürdige Scenen davon, und wie dieſes freie ungebundene Leben ſo etwas überaus Köſtliches, etwas Ur⸗ ſprüngliches darbiete, und wie dieſes Dahinziehen durch Feld und Wald, heute mit Mangel kämpfend und morgen im Ueberfluſſe lebend, die Nerven ſtärke und das Herz erfriſche. Für den Juſtizrath aber war die Anſtellung des luſtigen Rathes bei Eugen ein wahrer Dolchſtoß geweſen. Er ſah den⸗ ſelben überwacht und geleitet, er ſah ſeine beſten Plane durch⸗ kreuzt und vernichtet, ſeine ſchoͤnſten Minen für den Ruin des jungen Menſchen durch kräftige Gegenarbeiten zerſtͤrt. Er hatte alles Mögliche gethan, um jenes Bündniß zu löſen und dieſe Beiden aus einander zu bringen— Alles war vergebens! Und der luſtige Rath hielt ſich ſeinem Herrn gegenüber in den gehöri⸗ gen Schranken. Er war offen und ehrlich, treu, ergeben, ſprach Hacklander, Eugen Stillfried. 1. 10 146 Neuntes Aapitel. ſeine Meinung unverhohlen aus und flößte hiedurch ſeinem jungen Freunde ein unbegränztes Zutrauen ein. Eugen fühlte wohl, wie nothwendig er ein ſolches Gegengewicht brauche, das ihn jetzt empor hielt, wenn er im Begriffe war, ſich zu tief in den Schmutz des alltäglichen Lebens zu tauchen, und das ihn jetzt nieder hielt, wenn er in hochfliegenden, excentriſchen Planen Zeit und Geld wegzuwerfen im Begriffe war. Nachdem der Juſtizrath geſehen, daß er nicht im Stande war, dieſen guten Geiſt von der Seite Eugen's zu nehmen, be⸗ beſchloß er ſeinerſeits, nun noch eine böſe Gewalt hinzuzufügen, die jenem entgegen für ſeine Plane wirke und ſchaffe. Er hatte hierzu den Bedienten Joſeph auserſehen, den getreuen Pierrot, und es war ihm nach unſäͤglicher Mühe gelungen, dieſen, wie wir bereits wiſſen, in die Dienſte Eugen Stillfried's zu bringen. Zehntes Kapitel. In welchem der geneigte Leſer einem Rapporte beiwohnt, aus dem er den Charakter des früher erwähnten getreuen Dieners noch genauer kennen lernt. ——— Der getreue Pierrot hatte an jenem Morgen nach dem Kaffee⸗Frühſtück einige Ausgänge zu beſorgen und verließ die Wohnung ſeines Herrn und die Alleeſtraße mit einem behaglichen Gefühl. Zum erſten Male ſchien es ihm gelungen, in einer deli⸗ katen Angelegenheit zwiſchen den luſtigen Rath und ſeinen Herrn getreten zu ſein, und ſich das Vertrauen des Letzteren in einem höheren Grade als ſonſt erworben zu haben. Die ſchöne Katha⸗ rina ſaß alſo doch in dem Herzen Eugen's feſt, das glaubte der getreue Diener mit vollem Recht annehmen zu können. Von die⸗ ſer Angelegenheit wollte der luſtige Rath nichts wiſſen, das hatte Pierrot geſtern Abend trotz ſeines tiefen Schlafes und heftigen Schnarchens ſehr wohl vernommen. Ja— in dem Spiel wollte er keine Karte anrühren.—„Außerordentlich ſchön!“ ſagte Joſeph zu ſich ſelber;„allein kann mein Herr darin nichts thun, 10* 148 Behntes Kapitel. ich habe mich ihm als ſehr kundig in dieſen Wegen gezeigt— er hat mich angehört, er hat mir ſogar, und mit eigenen Worten, geſagt: laß den Schulmeiſter nichts davon wiſſen.— Schön! wir wollen unſer Möglichſtes thun!“ Während dieſes heiteren Selbſtgeſpräches ſchritt der treue Diener mit luſtiger Miene dahin, den Hut keck aufs rechte Ohr geſetzt, beide Hände in den Hoſentaſchen, und im Maule eine von ſeines Herrn beſten Cigarren. Er hielt bei ſeinen Ausgängen ſtets die Mitte der Straße und ſchlenderte mit ausgeſuchter Faulheit dahin. Die gute Seele that dies, um ihre Kollegen zu ärgern, die im Eifer des Geſchäfts durch die Straßen hin und her rann⸗ ten, im Schweiße ihres Angeſichts ihr Brod verdienen mußten und ſich nicht wenig über den dummen und faulen Kollegen er⸗ eiferten. Vor allen Läden blieb dieſer ſtehen, ſchaute nach den ausgeſtellten Waaren und nach den Dienſtmädchen in der ganzen „Stadt, und obgleich Pierrot, wie ſchon bekannt, außerordent⸗ lich häßlich war, ſo ſprachen doch die hübſcheſten Mädchen mit ihm: erſtens weil er immer die Taſchen voll Geld und geſtohle⸗ nem Zuckerwerk hatte, zweitens und hauptſächlich aber darum, weil er die häßlichen Kolleginnen nie auch nur eines Blickes wür⸗ digte. Er führte dieſe Taktik ſo pünktlich und meiſterhaft durch auf der Straße, auf Promenaden, auf Bällen, indem er nur mit den Schönſten des ſchönen Geſchlechts ſprach und tanzte, daß er immer geſucht war und ſich jede, die mit ihm geſehen wurde, ein⸗ bildete, nicht zu den Häßlichen zu gehören.— Die Züge ſeines Geſichts, die zu Hauſe in der Wohnung ſeines Herrn eine unend⸗ liche Schlaffheit und Dummheit ausſprachen, veränderten ſich auf eine merkwürdige Art, wenn er ſo allein auf der Straße dahin ſchritt. Da zog er ſein breites Maul ſpitzig, wie das eines Karpfen, zuſammen, ſeine Augenbrauen ſenkten ſich herab aus 1 drängten ſich ſelnem Geiſte beſtändig auf, ſowie er ſich dem alten Ein Napport. 149 ihrer lächerlichen Höhe und beſchatteten, wie bei anderen Men⸗ ſchen auch, ſeine nun freundlichen, ja ſchelmiſchen Blicke. Der treue Joſeph pflegte auf ſeinen langen und haͤufigen Spaziergängen ſtets das Angenehme mit dem Nützlichen zu ver⸗ einigen. Das Angenehme beſtand in dieſem Herumlungern an ſich, das Nützliche dagegen zog er aus allen möglichen Spionagen, aus kleinen Einkäufen, die er auf Rechnung ſeines Herrn, aber für ſich ſelbſt beſorgte, namentlich aus Abzügen an Rechnungen, die er bei den Kaufleuten aus reiner Vergeßlichkeit machte. Heute Morgen aber hatte er ſeinen Rapport beim Juſtiz⸗ rath. Da die beſtimmte Stunde hiezu noch nicht gekommen war, ſo ſchlenderte er zu ſeinem eigenen Nutzen und Frommen in den Straßen umher. Bei dem alten Stillfried'ſchen Hauſe pflegte er häufig vorüber zu gehen. Er betrachtete dieſes große, ſtattliche Gebäude gern und lange, er kam ſich ſelbſt wie der Erbe deſſelben vor, war aber noch nicht mit ſich ins Reine darüber gekommen, ob es nützlicher ſei, das Haus dereinſt zu verkaufen oder ſelbſt zu beziehen. Er neigte ſich aber ſehr zur letzteren Anſicht hin. Er, im jetzigen Augenblicke der einzige Bediente ſeines Herrn, mußte nothwendiger Weiſe zum erſten Kammerdiener vorrücken. Zu dieſem Geſchäfte gehörte eine anſtändige Wohnung, und einige Zimmer droben im zweiten Stock waren gar nicht zu verachten; das Haus hatte überdies ſo kühle, angenehme Räume und einen außerordentlich großen und wohlangefüllten Weinkeller. Bis da⸗ hin wäre der luſtige Rath ebenfalls beſeitigt, und Joſeph, der treue Joſeph, hatte alsdann alle Macht in der ganzen Wirth⸗ ſchaft. Das waren ſeine angenehmſten und liebſten Träume und ſie 150 Zehntes Kapitel. Stillfried'ſchen Hauſe näherte. Die bejahrten, gebrechlichen Leute, die man jetzt dort noch duldete, würden ſpäter ſchleunigſt entfernt. Pierrot aber hatte ſich feſt entſchloſſen, ihnen keine Penſton aus⸗ zahlen zu laſſen. Er haßte ſte gründlich, wie er überhaupt alle ehrlichen Leute haßte.„Du lieber Gott“— konnte er zu ſich ſelbſt ſagen—„wie lange Jahre haben die Leute dort in ihrem Fett geſeſſen! Was für Kapitalien müſſen ſie zuſammen gehäuft und auf die Seite gebracht haben! Es iſt in der That unverant⸗ wortlich; denn, wenn ich das Ding im rechten Lichte anſehe, ſo beſtehlen ſte eigentlich nicht meinen Herrn, ſondern mich, dieſe Gauner! mich um mein Bischen ſauer erworbenes Brod— pfui Teufel!“ Damit ſpuckte Joſeph heftig auf die Seite und nahm ſich vor, dieſes Mal bei dem alten Stillfried'ſchen Hauſe vorüber zu gehen, ohne dem alten Jakob und Martin, dem Kutſcher, die am Thore ſtanden, einen Blick, geſchweige denn ein Wort zu gönnen. Doch ſein gutes Herz ſtegte, wie ſo oft in dieſem Leben, und er konnte ſich nicht enthalten, ſeine Schritte, die einen großen Bogen um das Haus herum beſchreiben wollten, gerade auf das⸗ ſelbe und die beiden alten Diener hinzulenken. Er nahm dabei eine ſo feierliche Miene, wie nur immer möglich, an und hielt den Kopf ſehr ſteif und ſtark nach der rechten Seite hin, wodurch ihm beinahe der Hut heruntergefallen wäre. Hiedurch aber erhob ſich ‚ſeine Naſe außerordentlich hoch, das Maul mit der Cigarre eben⸗ falls, und er war auf dieſe Art im Stande, majeſtätiſch auf ſeine beiden Kollegen herab zu blicken. Die beiden alten Leute, die ihn ſo mit ſteifen Knieen und weiten Schritten plötzlich auf das Haus losſteuern ſahen, konnten ſich eines Lächelns nicht erwehren, als Joſeph nun zu ihnen trat und ſich in ſehr herablaſſendem Tone nach ihrem Befinden erkun⸗ Ein Rapport. 151 digte. Hiebei ſtellte er ſein rechtes Bein auf die oberſte Stufe der Steintreppe vor dem Hauſe, zog ein gelbſeidenes Sacktuch(ſeines Herrn) aus der Taſche und fächelte den Staub von ſeinen Schuhen und Gamaſchen. „Ich hatte mir nicht eingebildet,“ ſagte der alte Kammer⸗ diener Jakob mit einem ruhigen Lächeln,„daß der Herr Joſeph es noch der Mühe werth gefunden hätte, uns einen guten Morgen zu wünſchen.“ „O, ſagte Martin, nes iſt ſehr ſchön, wenn man nicht ſtolz iſt.“ Pierrot that ein paar große Züge aus ſeiner Cigarre und ſagte, an ihm habe es nie gelegen, daß die Dienerſchaft beider Häuſer, die doch eigentlich zuſammen gehörten, oftmals in Un⸗ frieden gelebt. „Die Dienerſchaft beider Häuſer?“ ſagte der Kammerdie⸗ ner;„und wer iſt denn eigentlich die Dienerſchaft des eurigen? Habt Ihr euch vermehrt, oder behilft ſich der Herr Eugen immer noch ſo mit euch, Monſteur Joſeph?“ „Von„Behelfen“ kann gar keine Rede ſein,“ ſagte ſtolz der Diener des jüngeren Hauſes;„glauben Sie mir, Herr Kam⸗ merdiener, wir thun unſere Pflicht aufs Genaueſte, und dieſer Kopf und dieſe beiden Hände thun gerade ſo viel allein, als in gewiſſen anderen Häͤuſern geſchieht, wo es Kammerdiener, Kut⸗ ſcher, Haushälterinnen, Köchinnen für eine einzige alte Dame gibt.“ „Das muß ſchon wahr ſein,“ ſagte Martin, der Kutſcher, lachend; ves nimmt mich eigentlich auch Wunder, wie er mit den. beiden Händen und einem ſolchen Kopfe das ganze Geſchäft allein betreibt, wenn man obendrein bedenkt, daß es keine Stunde des 152 Zehntes Kapitel. Tages gibt, wo man nicht eure ganze Dienerſchaft im Bierhauſe oder auf der Straße findet.“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Monſteur Joſeph,“ meinte der Kammerdiener;„unſer Haus hier iſt ein Haus, ein reſpektab⸗ les Haus, wie ſichs gehört, reſpektabel von oben bis unten, bis zu der Dienerſchaft und das eurige...“ „Nun, was iſt das unſrige?“ fragte der getreue Pierrot. „Nun, das eurige— Gott ſei es geklagt!— iſt ebenfalls ein Haus und ebenfalls...“ „Was ebenfalls?“ „Reſpektabel, gerade ſo, wie ſeine Dienerſchaft.“ „Ich glaube,“ ſagte Joſeph einiger Maßen gereizt,„das ſoll eine verdeckte Grobheit ſein!“ „Sehr verdeckt iſt ſte gerade nicht!“ lachte Martin, der Kutſcher,„aber man kann Ihnen nicht anders begegnen; ich weiß wahrhaftig nicht, lieber Freund Joſeph, Euer Geſicht hat etwas ſo außerordentlich Herausforderndes, es iſt, was man ſo auf Deutſch ein Ohrfeigengeſicht nennt. Nichts für ungut, lieber Joſeph, Ihr wißt, Ihr habt oft ſelbſt geſagt, ich ſei ein barſcher, grober Kerl, und das iſt bei Gott wahr; ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen.“ Die Dienerſchaft des jüngeren Hauſes ſah nach dieſer aller⸗ dings keineswegs ſehr ſchmeichelhaften Aeußerung bald den Einen, bald den Anderen fragend an. Eine Grobheit wollte er gerade nicht erwiedern— er hielt es unter ſeiner Würde— und etwas Beißendes, Pikantes, Niederſchmetterndes, das er ihnen geſagt hätte, fiel ihm unglücklicher Weiſe nicht ein. Er dachte aber da⸗ für: lacht nur, ihr alten Gauner, es wird doch einſtens die Zeit kommen, wo ich in dieſes Haus und zwiſchen euch hineinfahren . Ein Uapport. 153 werde wie ein böſes Wetter, und da ſoll alsdann keine Schonung gelten. Sichtlich beruhigt und innerlich erfreut durch dieſe kollegia⸗ liſchen Gedanken, ſetzte Joſeph, gleichmüthig ſcheinend, den linken Fuß auf die Treppe und ſtäubte auch deſſen Schuh und Gamaſche mit dem gelbſeidenen Sacktuche ab. „Er ſchüttelt an unſerer Pforte den Staub von ſeinen Füßen,“ ſagte der alte Kammerdiener,„und man kann es ihm eigentlich nicht uͤbel nehmen, daß er uns verwünſcht und verflucht. Wir führen ein ſo ruhiges, behagliches Leben; unſer Dienſt iſt unter uns viele vertheilt, und dann tragen wir nur Waſſer auf einer Schulter; wir brauchen— Gott ſei Dank!— nicht zweien Herren zu dienen.“. Pierrot zuckte mit den Augen, ſein Herz wurde zornig und beſtürzt und in Folge deſſen ſein Maul ſo breit, daß die Cigarre faſt herausgefallen waͤre. Doch bezwang er ſich in ſo weit, daß er dem Kammerdiener nur einen Blick der tiefſten Verachtung zu⸗ ſchleuderte und ſich dann achſelzuckend zu Martin wandte, als wollte er ſagen:„der alte Mann wird kindiſch und boshaft, laſſen wir ihm dieſe Grille!“ Martin aber lachte dem Pierrot ob dieſer Pantomime laut ins Geſicht und ſagte dann zu Jakob, dem Kammerdiener:„Es mag nun ſein, wie es will, und man ſoll unſerem Freunde Joſeph alles Schlechte nachſagen: Eins aber iſt und bleibt wahr, er hat ein gutes und vortreffliches Gemüth.“ „Ja wohl,“ antwortete der Kammerdiener, indem er ruhig und bedächtig eine Priſe nahm,„er kann nicht haſſen.“ „Wie jene Frau!“ fuhr der Kutſcher ungemein luſtig fort; „Jakob, ihr ſolltet unſerem Freunde dieſe Geſchichte erzählen.“ N 154 Zehntes Kapitel. „Warum nicht?“ entgegnete dieſer und ſchob ſeine Doſe in die Taſche,„wenn er es wünſcht.“ Pierrot hatte zu allen möglichen guten Eigenſchaften auch die minder vorzügliche, daß er ſehr mißtrauiſch und neugierig war. Dieſe beiden Fehler ergänzten ſich und giengen Hand in Hand. Aus dem Mißtrauen entſprang die Neugierde und oft aus der be⸗ friedigten Neugierde das größte Mißtrauen. Da er aber im gegenwärtigen Augenblicke nicht thun wollte, als ſei ihm an jener Geſchichte beſonders gelegen, ſo wandte er den Kopf ab und ſchaute angelegentlich die Straße hinunter. Dabei ſtrengte er aber ſeine Ohren aufs äußerſte an. „Die Geſchichte war ſo,“ ſagte der Kammerdiener:„Eine Frau, welche man wegen Diebſtahls und Spionage— auch wegen Spionage— kurz, wegen fortgeſetzten ſchlechten Lebens⸗ wandels aufgegriffen, wurde durch die Straßen der Stadt und zum Thore hinaus gepeitſcht.— Was that dieſe Frau nun, nach⸗ dem ſie draußen auf dem freien Felde gewartet, bis es wieder dunkel geworden? Sie kam zu einem anderen Thore wieder her⸗ ein, indem ſtie bei ſich ſelbſt ſagte: Ich kann nun einmal nicht haſſen!“ „So ergehts auch unſerem Freunde Joſeph,“ ſagte unbän⸗ dig lachend der Kutſcher:„wenn wir ihn auch mit unſeren Wor⸗ ten rechts die Straße hinabpeitſchen und denken, er ſieht unſer Haus nicht mehr an, ſo kommt er nach ein paar Tagen links wieder herauf— er kann ebenfalls nicht haſſen!“ Pierrot war auf dieſe Erzählung und dieſe Worte hin einen Augenblick unſchlüſſig, wie er ſich zu benehmen habe. Er ballte ſchon ſeine Fäuſte zuſammen, um dem Kutſcher durch einen kräf⸗ tigen Stoß auf den Magen zu antworten. Doch beſann er ſich eines Beſſeren. Er dachte an das große, einſame Haus, vor wel⸗ Ein Vapport. 155 chem er ſtand, und meinte, es wäre möglich, daß jenſeit des harm⸗ loſen Thores deſſelben ein Hinterhalt laure, der ihn dort hinein⸗ ziehe und grauſam behandle und vielleicht— dieſen Kerlen war Alles zuzutrauen— ſeinem koſtbaren Leben ein ſchleuniges Ende zu bereiten gedachte. Deßhalb begnügte er ſich damit, ſeinen Hut ſo ſchief auf den Kopf zu drücken, daß er faſt ſein ganzes rechtes Ohr bedeckte. Dann ſpie er vor den Beiden verächtlich auf den Boden, ſteckte ſeine Hände ſtolz in die Hoſentaſchen und gieng mit dem Aus⸗ drucke der ſouverainſten Verachtung von dannen. Doch wollen wir ſein zartes Gefühl nicht ſo weit verdächtigen, indem wir ſa⸗ gen, dieſe auffallende Scene habe den getreuen Joſeph nicht bis ins Innerſte ſeiner Seele verletzt. Er ballte ſeine Hände krampf⸗ haft in den Taſchen und that einen feierlichen Schwur, er wolle ſich für die Behandlung, welche ihm die beiden alten Eſel ange⸗ than, aufs Entſetzlichſte rächen. Im Grunde aber hatten die Beiden nicht ſo Unrecht gehabt, wenn ſie ſeinen Charakter mit dem jener hinausgepeitſchten Frau verglichen. Es war in der That der Wahrheit gemäß: Joſeph konnte nicht haſſen, und wie er ſo die Straße hinabſtieg, Son⸗ nenſchein rings umher, wie ihm ſo viele fröhliche Gfſichter begeg⸗ neten, ſo mancher Kamerad, der ihn mit pfiffig zugekniffenem Auge grüßte, ſo viele hübſche Dienſtmädchen, die ihm aufs freulit⸗ lichſte guten Tag ſagten, da öffnete er langſam ſein finſter ver⸗ ſchloſſenes Herz wieder und ließ durch ſeine Bruſt beſſere und ſanftere Gefühle ziehen. Sein Geſicht glättete ſich ebenfalls und nahm einen gleichmüthigen, heiteren Charakter an, ſo ungefähr wie Pierrot auf dem Theater, wenn er jetzt endlich erfahren hat, wo ſich die Schüſſel mit geſchmelzten Maccaroni befindet. So gelangte er vor das Haus des Juſtizrathes Doktor 156 Zehntes Kapitel. Werner. Ehe er in die Hausthüre trat, warf er einen Blick auf die benachbarte Kirchthurmuhr. Richtig! es war genau um die eilfte Stunde, die Zeit ſeiner gewöhnlichen Audienz. Joſeph nahm ſchon unten im Hausgange ſeinen Hut herunter— wir hätten beinahe zu ſagen vergeſſen, daß er ſchon hundert Schritte vor dem Hauſe ſelbſt ſeine Cigarre weggeworfen und ſich den Mund mit dem gelbſeidenen Sacktuche aufs ſauberſte abgewiſcht — der getreue Pierrot alſo nahm ſeinen Hut in die rechte Hand und ſtieg die Treppen hinauf in den erſten Stock, öffnete geräuſch⸗ los eine Glasthür, die nur angelehnt ſchien, ſchaute ringsum, als in dieſem Augenblicke aus einer Thüre neben der Treppe ein alter Bedienter heraustrat mit dem mürriſchſten Geſichte von der Welt. Dieſer Bediente hatte ganz das Ausſehen eines bösartigen Hundes, dem es das größte Vergnügen macht, einem fremden Ankömmlinge in die Waden zu beißen, und der ſelbſt den Wohl⸗ bekannten knurrend und zähnefletſchend umſchleicht, als ſei er eben im Begriff, alle beſſeren Gefühle zu verläugnen und ſelbſt über die eigene Freundſchaft herzufallen. Die Frage, die der Bediente jetzt that:„So, ſeid Ihr's, Joſeph?“ erklang wie die Stimme des Oger, der zuerſt die armen unſchuldigen Kinder zu ſich herein lockt, um ſie alsdann aufzufreſſen. Darauf wiſchte er ſich mit ſei⸗ nex großen Hand das Maul und ſagte:„Spaziert nur herein, Ihr müßt einen Augenblick warten, der Herr Juſtizrath ſind ſo⸗ eben beſchaͤftigt.“ Joſeph that, wie ihm geheißen, und trat in das Stübchen neben der Thüre. Er ſtellte ſich beſcheiden neben den Ofen, hielt ſeinen Hut in beiden Händen und ſchaute den anderen Bedienten mit dem dümmſten Geſichtsausdruck an, deſſen er fähig war. Jener ſchlich brummend im Zimmer auf und ab; bald warf er hier einen Pack Akten vom Tiſch herunter, bald hob er ort e ein 4 Ein Vapport. 157 anderes Bündel auf und legte es auf den Stuhl. Joſeph ſchaute ſeinen Bewegungen aufmerkſam zu, und als der mürriſche Be⸗ diente ihn einen Augenblick anſah, erlaubte er ſich die Frage, wie ſich der Herr Kollege wohl eigentlich beſinde. Der alſo Angeredete blieb mit Einem Male plötzlich ſtill ſtehen, hielt wie erſtaunt ein ſchweres Aktenbündel, das er eben auf den Boden werfen wollte, in der Hand und antwortete:„Es wird wohl Niemanden in der Welt viel kümmern, wie ich mich befinde!“ Joſeph zuckte mit den Achſeln und ſchaute anſcheinend ganz gleichgültig zum Fenſter hinaus, doch behielt er dabei immer den herumſchleichenden Alten im Auge; denn er hatte die ſchreckliche Idee, daß das beſtändige mürriſche, bösartige Weſen deſſelben von einem tiefgewurzelten Gemüthsübel herrühren müſſe, von einem verſteckten und auf einmal wiederkehrenden Wahnſinn zum Beiſpiel. Auch erſchien es ihm gar nicht unmöglich, daß der Alte früher einmal von einem tollen Hunde gebiſſen worden ſei, welch' ſchreckliche Krankheit nun in jedem Augenblicke ausbrechen könne. So viel war richtig: der alte Mann hatte eine merkwürdige An⸗ gewohnheit, welche darin beſtand, jeden Augenblick den Mund ohne alle weitere Urſache zu öffnen und dann wieder zuzuklappen, ſo daß die Zähne mit Geräuſch auf einander fielen; er ſchien mit Einem Wort nach etwas Unſichtbarem zu ſchnappen. Und dies beſonders erregte dem getreuen Pierrot einen wahren Abſcheu und, wenn er längere Zeit, namentlich des Abends, auf den Juſtizrath warten mußte, oftmals eine unausſprechliche Angſt. Heute wurde er indeſſen bald erlöst. Im Nebenzimmer wurde die Klingel gezogen, der alte mürriſche Bediente gieng hinaus, nicht ohne vorher wenige Zoll vor der Naſe Joſeph's ſeine Zähne heftig zuſammen zu klappen. Und als er wieder 158 Fünftes Kapitel. zurückkam, öffnete er blos die Thüre und ſagte:„Er ſoll hinein kommen!“ Joſeph ſchlüpfte behende über den Corridor und hielt dabei ſeinen Hut auf den Rücken, um ſich auf ſolche Art vor einem hin⸗ terliſtigen Angriff oder Biß zu ſchützen. Er hörte deutlich, wie der Alte drüben, ehe er ſeine Thüre zuſchloß, noch ein paar Mal heftig die Zähne zuſammen ſchlug, als lechze er nach ſeinem ent⸗ ſchwundenen Biſſen. Der Juſtizrath ſaß in ſeinem Zimmer an einem Schreib⸗ tiſche, der mit Akten und Büchern bedeckt war. Auf dem Boden lagen Zeitungen, beſchriebene Papiere und Fascikel aller Art. Der Juſtizrath hatte die Gewohnheit, ein geleſenes Blatt, eine fertige Arbeit auf den Boden zu werfen, wo es die Schreiber nachher zuſammen ſuchten und zur Ausarbeitung mit in ihre Zim⸗ mer nahmen. Joſeph blieb an der Thüre ſtehen— ſein Geſicht hatte den gewöhnlichen dummen Ausdruck angenommen, doch beſchattete eine gewiſſe Schwermuth ſeine breiten Züge. Der Juſtizrath blickte einen Augenblick in die Höhe, dann ſchrieb er wieder eifrig fort, warf hier ein Blatt Papier auf den Boden und legte die Blätter neben ſich. Mit einer Handbewe⸗ gung befahl er dem Bedienten, näher zu treten, ſchloß hierauf eine kleine Schublade ſeines Schreibpultes auf und nahm ein Buch heraus, das er vor ſich hin legte. Da es uns, die wir unſichtbar zugegen ſind, erlaubt iſt, einen kleinen Blick über die Schultern des Juſtizrathes in jenes Buch zu thun, ſo wollen wir dem ge⸗ neigten Leſer anvertrauen, daß in demſelben alle Rapporte des getreuen Pierrot aufs Genaueſte von der Hand des Juſtizrathes anfgezeichnet und von jenem eigenhändig unterſchrieben waren. Es war dies ein förmliches Protokoll, das über jeden Rapport — 1 4 Ein Rapport. 159 in aufgenommen wurde, und der Juſtizrath bezweckte damit eines⸗ theils, ſeinem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen, um nach Wo⸗ 2t chen, Monaten, erſehen zu können, was an dieſem oder jenem 4 Tage im Hauſe des jungen Eugen vorgefallen, anderntheils aber e auch, den treuen Joſeph zu zwingen, ſich der vollkommenſten 1 Wahrheit und Gründlichkeit zu befleißigen; denn ein geſchriebenes Wort war nicht wegzuläugnen, und wenn etwas Widerſprechen⸗ des vorkam, ſo brauchte der Juſtizrath nur ein Blatt aufzuſchla⸗ gen, auf dem die gleiche Sache verzeichnet ſtand, um den Bericht⸗ erſtatter davon zu überzeugen. „Nun, was gibt's Neues?“ ſagte der Juſtizrath, nachdem er jenes Buch aufgeſchlagen,„was hat ſich in den letzten drei Tagen bei euch ereignet?“ „Es iſt faſt Alles beim Alten,“ ſagte Joſeph, und der weh⸗ müthige Ausdruck ſeines Geſichtes gewann für einen Augenblick die Oberhand.„Die Beiden haben die gewöhnlichen Dinge ge⸗ macht; viel Geld iſt nicht ausgegeben worden; ſpät nach Hauſe kommen ſtie auch nicht; auffallende Beſuche ſind auch keine da geweſen. Der Schulmeiſter paßt ärger auf als je; er hat jetzt, wie ich genau weiß, nicht blos das ganze Hausweſen, ſondern auch die Verrechnung ſämmtlicher Kapitalien und Gelder an ſich gezogen. Seine Unterſchrift gilt bei dem Banquier ſo gut wie die meines Herrn, und dabei läßt er ihn keinen Augenblick aus dem Geſicht. Es gelingt mir höchſt ſelten, ein Wort unter vier Augen anbringen zu können.“ „Ruhig, ruhig,“ ſagte lächelnd der Juſtizrath.„Gemach — gemach— Alles in der Ordnung! denn in einem ſolchen Durcheinander, wie du mir eben vorgetragen, kann ich nicht klar ſehen. Eines nach dem Anderen!“— Er nahm damit eine Feder zur Hand und legte das Buch offen vor ſich hin. 160 Zehntes Kapitel. „Alſo keine Beſuche von Bedeutung da geweſen?— Nie⸗ mand Fremdes, den wir noch nicht notirt?“ „Niemand!“ ſagte Joſeph nachdrücklich. „Und von älteren Bekannten,“ fuhr der Juſtizrath fort, „keiner ſehr häufig dageweſen oder auffallend lange geblieben? u „Niemand, daß ich wüßte,“ ſagte der Bediente nach aber⸗ maligem Beſinnen. „Und die bewußte kleine Perſon, die wir unter der Hand ſo außerordentlich empfohlen— wie hieß ſte doch?⸗ „Mamſell Pauline,“ antwortete Joſeph. „Richtig, dieſelbe!“ ſagte der Juſtizrath,„ſte hat ſich nicht mehr ſehen laſſen?⸗ „O ja,“ antwortete ſeufzend der treue Diener,„ſte ließ ſich wohl noch einige Mal ſehen, wurde aber nicht angenommen.“ „Und wer wies ſte ab?“ fragte der Andere weiter. „Mehrere Mal der Schulmeiſter,“ antwortete Joſeph,„ein⸗ V mal der Herr ſelber.“ „So, Eugen ſelber wies ſte einmal ab?“ ſagte der Juſtiz⸗ rath nach einem kurzen Beſinnen.—„Mit der iſt alſo nichts mehr zu machen? Das iſt unangenehm!“— Er machte nach dieſen Worten eine kleine Bemerkung in ſeinem Buche. „Und der Zeitpunkt, an welchem ſie abgewieſen wurde,“ forſchte er alsdann weiter,„fällt, wie du ſchon einige Mal ſag⸗ teſt, genau in jene Zeit, wo er das erſte Bouquet vom Markte mit nach Hauſe brachte? Ja wohl, Herr Juſtizrath,“ antwortete Joſeph. „So erzähle mir nun,A ſagte Jeng und lehnte ſich in ſeinen Schreibſtuhl zurück,„was iſt in dieſer Angelegenheit in den letz⸗ ten Tagen geſchehen?⸗ „Ach, Herr Juſtizrath,“ erzählte Joſeph und die Melan⸗ Ein Rapport. 161 cholie trat abermals auf ſeinem Geſichte auffallend zu Tage, „wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, jenen verdammten Schul⸗ meiſter aus dem Hauſe zu bringen! Die beſten Vorſätze, die mein Herr faßt, werden von dem Andern zu Schanden gemacht. In all' den drei Tagen ſind ſie nicht ein einziges Mal nach zwölf Uhr nach Hauſe gekommen. Eingeladen wird auch Niemand mehr, Champagner wird faſt gar keiner getrunken. Glauben Sie mir, Herr Juſtizrath, der Herr ließe ſich mit dem Maͤdchen in alle mög⸗ lichen Geſchichten ein— aber wenn er einmal einen guten Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſo theilt er ihn gewöhnlich dem Schulmeiſter mit, und der bringt ihn allzeit wieder herum.“ „Mir ſcheint,“ antwortete der Juſtizrath ſehr ernſt,„du fängſt an, die Geſchichte einiger Maßen lahm zu betreiben, Mon⸗ ſieur Joſeph. Du gibſt dir keine rechte Mühe mehr! Ich glaube faſt, du dienſt mir nicht, wie du ſollteſt! Denk an unſeren Ver⸗ trag und vergiß nicht, was dort oben in jener Ecke der Akten⸗ fascikel mit weißer Schnur umbunden für eine Bedeutung hat. Wenn ich mich genöthigt ſehe, ihn zufälliger Weiſe einmal wieder zu öffnen und eine Partie daraus hervorzuſuchen— du kennſt dieſe Partie, ſie iſt ungefähr folgender Maßen unterſchrieben: Wichtige Indicien gegen Joſeph Schlimmbach, in Betreff der Falſchmünzer⸗Geſchichte von Aund B— ſo— nun du verſtehſt mich?“ Der Juſtizrath hatte dieſe Worte mit außerordentlicher Langſamkeit geſprochen und blätterte nachher in ſeinem Buche, wodurch er dem getreuen Joſed Zeit ließ, einen ſchüchternen Blick nach der betreffenden Ee zu ſenden. Dort lag der beſchriebene Fascikel ſehr bemerkbar, breit und ſchwer, ja ordentlich heraus⸗ fordernd, zund die weiße Schnur, die darumgebunden, war Hackländer, Eugen Stillfried. I. 11 Zehntes Kapitel. eigentlich mehr Strick als Schnur und machte auf die geängſtigte Seele des treuen Pierrot einen ſehr unangenehmen Eindruck. Doch kehrten nach einigem Beſinnen ſeine Blicke zuverſicht⸗ licher zum Juſtizrathe zurück, er räuſperte ſich gelinde und ſagte alsdann:„Der Herr Juſtizrath thun mir wahrhaftig Unrecht, ich thue gewiß, was in meinen Kräften ſteht. Heute Morgen ge⸗ lang es mir denn auch, einige nicht unwichtige Worte anzubrin⸗ gen— verſteht ſich, bei dem Herrn allein— die nicht ohne gute Folgen bleiben können.“ „Alſo doch!“ ſagte der Juſtizrath lächelnd. „Geſtern Abend hörte ich in meinem Nebenzimmer,“ fuhr Joſeph fort,„wie der Schulmeiſter ſich wie gewöhnlich bemühte, dem Herrn dieſe Angelegenheit aus dem Kopfe zu reden, und wie er ſich hoch und theuer verſchwor, zu etwas dergleichen nie ſeine Hand reichen zu wollen, zu einer Sache, die doch nur zum Un⸗ glück des Herrn ausſchlagen könne.“ „Zu ſeinem Unglück!“ wiederholte der Juſtizrath nachden⸗ kend, und fuhr forſchend fort:„Und auf welche Art zu ſeinem Unglück, meinte er wohl? Sprach er ſich nicht darüber aus?“ „Nicht ganz genau,“ entgegnete Joſeph.„Ich glaube aber, er meinte wohl, daß eine Heirath mit der Tochter der Gemüſe⸗ händlerin...⸗ „Ah ſo!“ lächelte der Juſtizrath, ihn unterbrechend,„da ſcheint mir der ſchlaue Schulmeiſter doch auf einer falſchen Fährte zu ſein.— Aber weiter in deinem Bericht!“ „Ich ſprach ihm alſo davon,“ fuhr Joſeph fort,„daß ich eine Bekannte habe, die einen Weinſchank hält in der Nähe des Hauſes der Frau Schoppelmann, und daß man von einem Fen⸗ ſter dieſer Schenke in das Zimmer der ſchönen Katharina ſehen könne.⸗ te Ein Vapport. 163 „Und dem iſt ſo?“ fragte der Juſtizrath aufmerkſam. „Gewiß!“ antwortete Joſeph,„und ich ſchlug ihm vor, ich wolle ihn an einem der nächſten Abende in jenes Haus fuühren; man könne, ſagte ich ihm, ganz genau hinüberſehen, man könne zuſammen ſprechen, ja das Fenſter der ſchönen Katharina ſei vom Boden beinahe mit der Hand zu erreichen.“ „Gut, gut,“ ſagte der Juſtizrath.„Und wie nahm er dieſe Nachricht auf? Mit großer Freude?“ „Ja, es ſchien ihn ziemlich zu intereſſiren, auch befahl er mir, ich ſolle ja dem Schulmeiſter hievon nichts mittheilen.“ „Das iſt das Beſte,“ ſagte der Juſtizrath.„Aber,“ ſetzte er nach einem längeren Nachſinnen hinzu,„wie lange wird es dauern, daß er ſich für jenes Mädchen intereſſirt? und wird ſein ſo groß ſein, daß er etwas dafür wagt? Und wagen muß er, ſonſt hilft uns auch dieſer Plan wieder nichts.— Er muß zur Nachtzeit in das Zimmer des Mädchens dringen,“ ſagte er zu ſich ſelber ſo leiſe, daß Joſeph nichts davon verſtand, ver muß dort überraſcht werden, durch mich feſtgehalten, es muß etwas mehr dahinter ſtecken, als eine gewöhnliche Liebesgeſchichte, ich muß mich veranlaßt ſehen können, ſeine Wohnung unterſuchen zu laſſen und ſeine Papiere mit Beſchlag zu belegen.“ „Und was das Andere betrifft,“ fragte Joſeph ſchüchtern nach einen Pauſe,„das, worüber ich ſchon einige Male berichtete, was den Herrn Juſtizrath ſehr zu intereſſiren ſchien, darin läßt ſich alſo nichts thun?“ Der Juſtizrath gab auf dieſe Frage nicht ſogleich Antwort, doch ſtand er von ſeinem Schreibſtuhle auf, legte die Hände auf den Rücken und gieng einige Minuten nachdenkend auf und nie⸗ der. Er wußte ganz genau, was ſein getreuer Helfer ſagen wollte, und es war ihm von der größten Wichtigkeit, denn es handelte 11* Intereſſe ſcheinenden Gauner nicht, der vor ihm ſtand 164 Zehntes Kapitel. ſich um jenes Etwas, das er mit Einem Gri nen, und das auf Umwegen zu erlan geſponnenen Netze legte: jenes Päckchen nämlich mit rothen Bän⸗ deln, ſchwarz verſtegelt. Joſeph hatte ihm ſchon einige Mal ge⸗ ſagt, daß des Nachts, wenn Eugen Stillfried allein in ſeinem Schlafzimmer war oder ſich wenigſtens allein glaubte, er alsdann zuweilen ſein Schreibpult öffne, eine kleine Kaſſette herausnehme, dieſe aufſchließe und ein kleines Päckchen betr Bändeln, ſchwarz geſtegelt. Wie hatte der Juſtizrath gezittert hievon erhielt! Einen Auftrag an Joſeph, ſel, die leicht anzufertigen waren— und er hatte erreicht, mit Einem Male erreicht, wonach er mit ganzer Seele, wonach er ſo ſehnſüchtig verlangte. Aber er hatte nicht den Muth, ſeinen Helfer wiſſen zu laſſen, um was es ſich eigentlich bei Eugen Still⸗ fried handle, was er zu erreichen gedachte, was er bezweckte, indem er ihn, Joſeph Schlimmbach, den Falſchmünzer, zum Aufpaſſer ſeines Herrn geſetzt. Er zitterte ſchon bei dem Gedanken, daß Jener die geringſte Ahnung davon haben könne, welchen unſchätz⸗ baren Werth jenes Päckchen für ihn habe. Er tr ff hätte erreichen kön⸗ gen er die weiteſten und feinſt achte mit rothen als er die erſte Kunde ein paar falſche Schlüſ⸗ aute dem ehrlich „ und wenn er ihm heute den Auftrag gegeben hätte: ſtiehl mir jenes Packet aus dem Schreibpulte deines Herrn! ſo hätte er ſich einen Augenblick ver⸗ zweiflungsvoll an die Stirn geſchlagen, daß er einen Theil ſeines Geheimniſſes Jenem verrathen. Nein! nein! ihm war es genug, zu wiſſen, wo ſich jenes Päckchen wohlverwahrt befinde. Er hatte nicht Luſt, es in die Hände des getreuen Pierrot fallen zu laſſen, denn er wußte wohl, welche Schlauheit ſich bei dieſem unter der Maske der Dummheit verbarg. Konnte er nicht neugierig ſein und den Inhalt jener Papiere erfahren, und konnte darauf der Falſch⸗ Ein Rapport. 165 münzer, deſſen Freiheit, ja, deſſen Leben in ſeiner Hand lag, nicht mit jenen entſetzlichen Zeugniſſen bewaffnet vor ihn hintreten und ihn, den Mann ohne Tadel, den gefürchteten Richter, zum elen⸗ den, erbärmlichen Selaven machen? Er ſchauderte jedes Mal bei dieſem Gedanken, und ſo oft ihm Joſeph von der geheimnißvollen Schublade ſprach, ſchüttelte er, freilich gezwungen lächelnd, den Kopf und ſagte:„Gott ſoll mich bewahren, daß ich dich einen Diebſtahl begehen heiße, davor nimm dich ja in Acht! Ein ſolches Wegnehmen gewiß an ſich un⸗ bedeutender Papiere müßte für dich zu böſen Häuſern führen. Ich ſelbſt könnte dich dann nicht mehr retten. Diebſtahl an ſeinem Herrn!— Laß mich ja nicht weiter von dir darüber hören!“ Damit war der Rapport für heute geſchloſſen. Der Juſtiz⸗ rath legte ſein Buch weg und ſagte alsdann:„Du haſt nun vor der Hand nichts Dringenderes zu thun, als deinen Herrn, ſo bald wie möglich, in jenes Haus zu führen. Geſchieht dies des Abends, und kann er ſie bei der Gelegenheit ſprechen— du wirſt mich be⸗ greifen— ſo iſt das deſto beſſer.“ Hierauf winkte ihm der Juſtizrath mit der Hand, und Joſeph verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer. Er eilte ſo ſchnell er konnte über den Korridor nach der Treppe; denn er fürchtete immer, der alte Bediente komme wieder zum Vorſchein und ſchnappe auf ſeine gräßliche Art nach ihm. Eilftes Kapitel. Die Gebrüder Schoppelmann erfreuen ſich einer eigenthümlichen Jagd, und während wir dabei von anmuthigen Liedern hören, machen wir die traurige Erfahrung, wie viel Verdorbenheit im Allgemeinen unter den Menſchen zu finden iſt. Wenn man durch den Hof des Schoppelmann'ſchen Hauſes in jenes Gewölbe oder jene Vorhalle trat, welche dem geneigten Leſer aus dem erſten Kapitel unſerer, der Wahrheit getreuen Ge⸗ ſchichte bereits bekannt iſt, ſo hatte man über ſich das Zimmer der ſchönen Katharina. Das Haus hatte auch neben dieſem weiter keine Gemächer, welche von der Schoppelmann'ſchen Familie be⸗ nutzt worden wären; doch befand ſich neben dem Zimmer Katha⸗ rinens eine kleine ſteinerne Wendeltreppe, welche in einen oberen Stock führte, deſſen Apartements von der Madame Schoppel⸗ mann, wie wir ebenfalls bereits wiſſen, vermiethet waren. Hier wohnten unter Anderen Jungfer Clementine Strebeling und die ſündhafte Choriſtin des königlichen Hofthegters. Das Gewölbe unten, das Komptoir der Madame Schoppelmann, hatte Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 167 außer dem Thore, das in den Hof führte, rechts und links Seiten⸗ thüren. Dieſe führten links in das Schlafgemach der Wittwe ſel⸗ ber, und die Fenſter dieſes Schlafgemaches giengen auf den Hof, auf welche Art denn die Beſitzerin faſt ihr ganzes Waarenlager, Todtes und Lebendiges, das heißt Gemüſe⸗ und Kartoffelhaufen, Obſt, Getreide, Geflügel, Ferkel und dergleichen, im Auge hatte. Die Thüre rechts gieng aus dem Gewölbe in ein anderes Zimmer, eine Art Vorrathskammer. Hier befanden ſich Fiſche, Wildpret, feinere Obstſorten und dergleichen Dinge an den Wänden auf⸗ gehängt oder in Kiſten und Kaſten aller Art und die Fiſche in Zubern mit friſchem Waſſer. Dieſe Vorrathskammer bildete gränzte rechts ein Pferdeſtall, links en wollen, da wir genöthigt ſind, demſelben, ſowie deſſen Bewohnern, einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es iſt nämlich das Wohn⸗, Schlaf⸗ und Arbeitszimmer der beiden Her⸗ ren Schoppelmann. Die Fenſter dieſes Zimmers giengen auf die benachbarte Straße, und das Gemach ſelbſt bildete mit der Mauer, in welcher im Entreſol das Schlafzimmer der ſchönen Katharina war, einen rechten Winkel. Die Gaſſe, die hinten vorbei gieng, war kaum als ſolche zu nenſlen und ſo unbedeutend, daß man es ihr einen Namen nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, ar an den meiſten Stellen nicht fünf Fuß breit inter dem Schoppelmann ſchen eine Ecke des Hauſes; an ſie ein Zimmer, in welches wir uns nun begeb zu geben. Sie w und erweiterte ſich nur gerade h Hauſe durch die Ecke, welche dieſes in ſich bildete, einigermaßen. Nur durch dieſe ſchmale Gaſſe getrennt, befand ſich neben der Wohnung der beiden Schoppelmann das Nachbarhaus, ein altes, melancholiſches Gebäude mit ſchiefem Dach und engen Fenſtern, die durch die vielen Flüſſigkeiten aller Art, welche man dort be⸗ fugter oder unbefugter Weiſe herausgoß, und deren Spuren an 168 Eilftes Kapitel. der Mauer deutlich ſichtbar waren, wie eben ſo viele triefende Augen ausſahen. Dieſes alte Haus war eine Art Penſionat mit kleinen, elen⸗ den Zimmern, einer noch erbärmlicheren Küche— ſowohl das Gemach ſelbſt, als die Produkte, welche aus derſelben hervor⸗ giengen. In dieſem Hauſe wohnten junge Leute, die auf eine An⸗ ſtellung warteten, oder die ſich auf ein Eramen vorbereiteten, arme, unbekannte Künſtler, die ein Portrait für fünf Gulden malten, junge Schullehrergehülfen, die es vorzogen, ſtatt unter den Augen des Schulmonarchen und Gattin, hier ihr dürftiges Brod in Ruhe und Frieden zu genießen. Letztere waren wohl die vornehmeren Bewohner dieſes Hau⸗ ſes: ihrer vier hatten zwei der beſten Zimmer, und die Fenſter derſelben giengen nach jenem kleinen Winkel des Schoppelmann'⸗ ſchen Hauſes. In dieſen zwei Zimmern befand ſich ein einziges Klavier, das aber abwechſelnd von einem der vier Schulgehülfen maltraitirt wurde und auf dieſe Art den ganzen Tag in den ver⸗ ſchiedenſten Mol-, Dur- und Mißtonarten der geſammten Nachbar⸗ ſchaft ſein jammervolles Daſein kund gab. Glücklicherweiſe war aber die Nachbarſchaft, welche gezwungen war, dieſen Concerten zuzuhören, weder zahlreich noch unduldſam. Die ſchöne Katha⸗ rina, welche dieſe Muſtk aus erſter Hand hatte, ſog, wie auch ein Schmetterling in den giftigſten Blumen Honig findet, aus dieſem Klaviergeſeufze angenehme Erinnerungen beſſerer Klänge, die ſte ſchon gehört. Das Ohr der Frau Schoppelmann Mutter war durch das Gackern ihrer Hühner, das Grunzen ihrer Ferkel, ſowie durch die harten Stimmen ihrer Kolleginnen nicht verwöhnt, weß⸗ halb ihrem Ohre die Klagetöne von dort drüben durchaus nicht wehe thaten. Was die jungen Schoppelmänner Söhne anbe⸗ langte, ſo waren dieſe wohl die Einzigen, die an den Finger⸗ — — — Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 169 übungen der Schulgehülfen einiges Wohlgefallen hatten. Es war doch wenigſtens Muſik; und wenn Die drüben mit Accom⸗ pagnement einer Flöte und Violine arbeiteten, ſo übertönten dieſe Inſtrumente die Stimmen der jungen Schoppelmänner vollkom⸗ men, und ſie konnten über ihre Plane und Entwürfe alsdann ziemlich laut ſprechen, ohne daß ſte hätten fürchten müſſen, von der Mutter gehört und verſtanden zu werden. Bewegte ſich aber die Muſtk drüben in leiſen, klagenden Melodieen, ſo ließ ſich vor⸗ trefflich dabei einſchlafen,— ein Geſchäft, dem die beiden jungen Leute, wenn ſte zu Hauſe waren, auf's Eifrigſte obzuliegen pflegten. Neben dem muſikaliſchen Hauſe war ein anderes angebaut, welches mit dieſem einen ſtumpfen Winkel bildete, wodurch die eine Seite deſſelben ſich der Ecke des Schoppelmann'’ſchen Hauſes wieder näherte und die Gaſſe dadurch bedeutend verengte. Das Ganze bildete nun auf dieſe Art einen harmloſen, aber ziemlich ſchmutzigen Winkel. Dieſes letzte Haus war eine Weinſchenke, und zwar die, welche der getreue Pierrot im vorigen Kapitel erwähnt. Die Wände derſelben waren auf's Mannigfaltigſte und ſehr trübe ge⸗ färbt, die Fenſter in ihnen erblindet und auf mehreren Stellen, wo Scheiben fehlten, mit Papier verklebt. Durch zahlreiche Dach⸗ rinnen von Blech und Holz ſchien man das ganze Regenwaſſer von ſämmtlichen Häuſern, die hier mit ihren Hintertheilen zuſam⸗ men ſtießen, in dieſen Winkel geleitet zu haben, wodurch derſelbe bei naſſem Wetter unſauber und ſchmutzig, ja für reinliche Leute faſt ganz unzugänglich war. An den Fenſtern des muſtkaliſchen Hauſes befanden ſich morſche Blumenbeete, auf welche man neben einigen verdorrten und verwelkten Geranien und Reſeden hie und da einen üppig 170 Eilftes Kapitel. wuchernden Kapuziner ſah, der mit ſeinen breiten, ſaftig grünen Blättern und goldgelben Blumen eine angenehme Abwechslung des verſchoſſenen Braun und trüben Grau war, welches man hier allenthalben entdeckte. Zwiſchen dieſen Blumenreſten lag verſchie⸗ denartiges Geſchirr, Milchtöpfe, alte Kaffeetaſſen und dergleichen, welche die ohnehin kleinen Tiſche des Zimmers verengten und nun hier zugleich mit halb geleerten Weinflaſchen und alten Tabaks⸗ pfeifen, wie auf einer allgemeinen Etagere, ausgeſtellt waren. Gemäß einer Uebereinkunft zwiſchen dieſen Häuſern, welche den Winkel bildeten, hatte man nach allen Richtungen Waſchſeile angebracht, und zu Zeiten, wo dieſe vollſtändig beſetzt waren, ſah dieſer Winkel aus wie ein kleines Zeltdach von allen möglichen Farben. Das herabſtrömende Regenwaſſer floß auf dem Boden in ein paar offene Kanäle, die nach der Nebenſtraße zuliefen, um ſich dort mit ihrem unſauberen Inhalte ſogleich ſchamvoll unter dem Straßenpflaſter zu verlieren. Dieſe Kanäle, eine nicht ſehr ange⸗ nehme Zugabe des Winkels, waren trotz ihrer Unſauberkeit und ihres Geruches eine Quelle großen Vergnügens für die beiden Herren Schoppelmann. Hier hielt ſtch nämlich zu allen Zeiten des Tages eine Unzahl Ratten auf, die ſo frech und zudringlich waren, daß ſie ſich kaum von vorübergehenden Leuten verſcheu⸗ chen ließen; und dieſe Thiere waren von jenen beiden jungen Her⸗ ren für jagdbar erklärt worden; ſte wurden von ihnen in Schlin⸗ gen gefangen und geſchoſſen, und dieſe Beſchäftigung war ihnen ein ausgezeichneter Zeitvertreib. Um in das Zimmer dieſer Beiden zu gelangen, brauchen wir nicht den großen Umweg durch das Thor über den Hof und durch eine Vorhalle zu machen. Die Fenſter dieſes Gemaches, von alten Zeiten her mit kunſtreichen, ſtarken Gittern verſehen, hatten Der Gebrüder Schoppelmang eigenthümliche Jagd. 171 jene Herren behufs des ungeaerten Beſuches der nachbarlichen Weinſchenke auf eine ſehr ſt nreiche Art praktikabel gemacht. Sie hatten eines der Gitter aus den Kloben gebrochen, die es in der Mauer feſt hielten, und die dahin abgeändert, daß eine kundige Hand das ſchwere Gitter 10 weit vom Fenſter entfernen konnte, daß eine Perſon bequem hindurch zu ſchlüpfen vermochte. Wenn wir hierauf das Gemach betreten, ſo merken wir vor allen Dingen, daß es mit der freundlichen, ſauberen Einrichtung jenes der Schweſter auf's Auffallendſte contraſtirte. Hier ſah man nichts von reinlichen Wänden, hellen Vorhängen, friſch ge⸗ waſchenem Fußboden; Alles hatte hier einen urſprünglichen Schmutzüberzug, und es wäre unmöglich geweſen, mit einiger Genauigkeit anzugeben, in welcher Farbe Decke, Wände und Fuß⸗ boden einſt dem Auge gelächelt. Alles hier ſah aus wie eine Fort⸗ ſetzung des Winkels draußen. Das Meublement dieſes Gemaches beſtand aus zwei Betten mit Strohſäcken und Matratzen, die gewiß vor nicht laßger Zeit ſauber und ordentlich geweſen waren, doch ſah jetzt Alles ver⸗ wühlt und nachläſſig aus. Die Decken zu dieſen Betten hiengen auf den Boden hinab, die Kopfkiſſen befanden ſtch auf der Fenſter⸗ bank als ſanfte Unterlage für die aufgeſtemmten Arme desjenigen, der gerade hinaus ſah. In der Mitte befand ſich ein Tiſch, darauf ein Paar ſchwere Ledergamaſchen, ein runder Jägerhut, eine Fuhr⸗ mannspeitſche, ein Krug Bier mit zwei Gläſern. Das einzige Saubere, was man im ganzen Gemache wahr⸗ nahm, waren zwei doppelte Jagdgewehre, die an der Wand hien⸗ gen, nebſt Hirſchfänger, Kugel⸗ und Jagdtaſche, ſowie ein Paar große Reiterpiſtolen. Dieſe Gegenſtände erblickte man, wie ge⸗ ſagt, auf's Beſte geputzt, ja glänzend heraus ſtrahlend aus dem allgemeinen Schmutzchaos. gen Vorausſetzung offenbares Unrecht; denn im nächſten Augen⸗ Eilftes Kapitel. Der älteſte Sohn der Gemüſehändlerin, Fritz, der Fuhr⸗ mann, lag auf dem einen Bette ausgeſtreckt, beide Hände unter dem Kopfe, und ſchien auszuruhen von gehabten Anſtrengungen. Doch ſchlief er nicht; vielmehr gab er auf's Genaueſte Achtung auf die Bewegungen ſeines Bruders, der vor einem der Fenſter kauerte und hinter den Kopfkiſſen, von denen wir vorhin ſprachen, die er in Art einer Schutzwehr um ſich aufgethürmt hatte. In der Hand hielt er ein kleines Gewehr von jener Konſtruktion, aus dem man ohne Pulver, nur durch die Kraft der meſſtngenen Zündkapſel eine kleine Kugel mit ziemlicher Gewalt forttreibt. Er ſpähte ſorgſam auf den Winkel hinaus und ſagte nach einer klei⸗ nen Pauſe: „Weiß der Teufel, was die Bälge heute treiben! Jetzt warte ich ſchon eine halbe Stunde, und es kommt mir keine zum Schuß. Sonſt iſt das Zeug frech wie Galgenholz und tritt einem faſt auf den Füßen herum, heute aber wollen ſte aus ihrer verfluchten Röhre gaur nicht heraus.'s iſt gerade, als wüßten ſte, daß man hier auf ſte lauert.“ „Meinſt du nicht,“ ſagte Fritz, der Fuhrmann,„daß es ihnen heute zu ſtill im Winkel iſt? Ich glaube faſt; du wirſt ſehen, ſowie die Schulmeiſter drüben anfangen zu ſpielen, da ſpringen die Ratten wie wahnſtnnig heraus.“ „Das kann ſchon ſein,“ murrte der Jäger am Fenſter.„Ich glaube, du haſt Recht. Nur begreife ich nicht, warum die Kerle drüben nicht wieder anfangen, ihr Klavier zu prügeln. Jetzt iſt es ſchon eine Viertelſtunde, daß man keinen Ton hört.“ „Sie thun es vielleicht abſichtlich,“ meinte der Fuhrmann, „das ſteht ihnen ſchon ähnlich, um uns die Jagd zu verderben.“ Den armen Schullehrergehülfen geſchah mit dieſer böswilli⸗ Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 173 blicke begann das Concert drüben brillanter als je. Nicht nur jammerte das Klavier, ſondern auch eine Violine klagte die Grau⸗ ſamkeit desjenigen Menſchen an, der mit dem Fiedelbogen über ſeine Saiten ſtrich, ohne auch nur die allergeringſte Befugniß hiezu zu haben. „Du haſt die ſchönſten Augen— Mein Liebchen, was willſt du noch mehr?“ wehklagte es von drüben herüber. Und der Jäger am Fenſter hatte vollkommen Recht. Es war in der That, als verſtänden auch die Ratten dieſe Töne der Liebe und Sehnſucht. „Bſt! bſt!“ ſagte er hinter dem Kopfkiſſen, und winkte ſei⸗ nem Bruder, der eben ſprechen wollte, mit der Hand, er möge ſtill ſein. Dann ballte er die Fauſt, als wollte er ſagen: nes kommt mir ein dickes, rundes Wildpret zu Schuß;“ und dann zählte er mit den Fingern Eins, Zwei, Drei— es ſeien ebenſo viele Stücke. Der Fuhrmann erhob ſich leiſe aus ſeiner liegenden Stel⸗ lung, und da er ſo im Stande war, über den Kopf des Jägers hinweg zu blicken, bemerkte er zu ſeiner großen Freude eine dicke Ratte, von zwei kleineren gefolgt, die aus einer der Waſſerröhren herabſchoſſen, indem ſie anftengen, im Kanal zu wühlen. Jetzt hob der Jäger langſam das Gewehr in die Höhe, legte es an die rechte Backe, zielte einen Augenblick und drückte dann los. Die kleine Flinte machte nicht viel Geräuſch, es gab einen unbedeutenden Schlag; aber das Ziel war getroffen, die Wirkung der Kugel erwies ſich drüben im Kanal als außerordentlich mör⸗ deriſch. Die dicke Ratte ſtürzte mit dem Kopfe vorwärts in den grünen Schlamm, in dem ſie gewühlt, und blieb da regungslos * Eilftes Kapitel. liegen. Die beiden kleinen Ratten ſprangen entſetzt in die Waſſer⸗ röhre zurück, und droben jubilirten Klavier und Violine. Sie fluchten dem Mörder da unten und beklagten das unglückliche Schlachtopfer.— „Du haſt mich zu Grunde gerichtet— Mein Liebchen, was willſt du noch mehr?“ Vor der Hand aber ſchien der Jäger an dieſem einen Opfer genug zu haben; denn er erhob ſich aus ſeiner knieenden Stel⸗ lung, putzte das Schloß des Gewehres mit einem wollenen Lap⸗ pen rein ab und trug es dann langſam dem Tiſche zu. „Es iſt heute kein Vergnügen,“ ſagte er alsdann;„bei dem warmen Wetter iſt gar kein Leben in den Beſtien. Da ſtellen ſte ſich faul vor den Schuß, man könnte ſte mit der Schlafmütze todt werfen. Da iſt mir's in der Dämmerung viel lieber, wenn ſte ſo durch einander wuſeln und luſtig hin und her rennen.— Willſt du einen Schuß thun?“ „Ich danke dir,“ fagte der Fuhrmann,„ich habe nicht die geringſte Luſt dazu. Weißt du was— ſetz das Gewehr in die Ecke und komm einen Augenblick hieher. Ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen.“ Der Jäger that, wie ihm der Andere geheißen. Er legte das Gewehr an die Fenſterbrüſtung und warf ſich neben ſeinen Bru⸗ der auf das Bett, welches unter dieſer Doppellaſt in allen Fugen krachte. „Du weißt ſo gut wie ich,“ ſagte der Fuhrmann,„daß die Alte immer verdrießlicher, immer knauſeriger wird. Es iſt wahr⸗ haftig kein Sinn und Verſtand darin, daß wir mik den paar Kreu⸗ zern auskommen ſollen, die ſte uns in die Taſche fallen läßt. Der Nebenverdienſt iſt ganz ſchlecht geworden; ein wohlfeiler Einkauf, Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 175 wofür uns etwas abfiele, iſt faſt gar nie mehr zu machen, und wenn was abfällt, iſt es verflucht wenig.“ „Das iſt ſchon wahr,“ ſagte der Jäger nachdenkend,„auch meine Taſchen ſind ganz leer; wenn unz drüben die Frau Schil⸗ der in ihrem Weinſchank nicht einen unbegränzten Kredit gäbe, ſo wäre ich oftmals in Verlegenheit, wo ich einen Schoppen guten Weins her bekäme; denn das muß ich dir ſagen, Fritz, den ſauren Krätzer von der Alten, den kann man unmöglich ſaufen.“ „Unmöglich,“ ſagte feſt und beſtimmt der Andere, und fuhr nach einer Pauſe fort:„Ja, und das iſt wahr, die Frau Schilder iſt ein braves Weib.“ „Sehr anſtändig!“ pflichtete der Jäger bei. „Aber gerade weil ſie ſo anſtändig iſt,“ ſagte der Fuhr⸗ mann,„möchte ich auf jede Art Geld zuſammen bringen.“ „Für die Schilder?“ „Ja wohl, fuͤr ſie,“ ſagte der Fuhrmann.„Daß uns die Frau den Wein borgt, das können wir ganz gut annehmen. Der Teufel! wir ſind ja ſicher genug! Aber ſie hat mir auf einige Zeit Baarſchaften vorgeſtreckt und die möchte ich ihr gern heim⸗ zahlen.“ „So, dir hat ſie auch Geld geliehen?“ lachte der Jäger. „Dir wohl auch?“ fragte raſch dagegen der Fuhrmann, und darauf nickten Beide außerordentlich heiter und vergnügt einander zu. „Was meinſt du,“ fuhr der Jäger nach einer Paufe fort, „wenn wir die Katharine wieder einmal ampumpten?“ „Oh, die hat nichts Kleines, und ihr großes Geld gibt ſte der Alten zum Aufheben.“ „Ja, da weiß ich wahrhaftig keinen Rath; mit der Ratten⸗ jagd kann ich keinen Kreuzer verdienen.“ Eilftes Kapitel. „Und die andere iſt vor der Hand verſchloſſen!“ entgegnete lachend der Fuhrmann. „Das weiß der Teufel!“ ſagte ſeufzend der Bruder,„wenn ſte mich in herrſchaftlichen Revieren erwiſchen, und wenn ich nur ein Stück Holz bei mir hätte, das wie eine Flinte ausſähe— ich bin feſt überzeugt, ſie jagten mir eine Kugel durch den Leib. Das iſt ſehr traurig! Ich weiß einen kapitalen Wechſelhirſch, keine Stunde von hier.“— Dabei blickte er ſehnſüchtig und mit einem tiefen Seufzer zu ſeinen blank geputzten Gewehren empor, die ſo einſam und trauernd neben dem Bette hiengen. „Die Frau Schilder,“ begann der Fuhrmann nach einer langen Pauſe,„iſt eine ſehr kluge und umſichtige Frau, ſie hat mir neulich etwas mitgetheilt, wie man auf eine gefahrloſe Art zu einem guten Stück Geld kommen könne.“ „Sollſt du ihr vielleicht wieder ein paar Ferkel von der Alten verkaufen oder einige Säcke neue, Kartoffeln und dann ſagen, ſte ſeien geſtohlen worden?“ „Ah, das ſind Kleinigkeiten!“ ſagte ernſt der Fuhrmann, „das kann gelegentlich auch wieder vorkommen; aber nein, wir würden was Größeres unternehmen. Es iſt eigentlich nur Scherz, aber es kann Geld einbringen, ziemliches Geld, und's iſt ganz gefahrlos.“ „Du, du, nimm dich in Acht!“ antwortete der Jäger und ſtützte den Kopf auf die Hand, um ſeinem Bruder in's Geſicht ſehen zu können.„Ich kenne dieſe Späßchen der Frau Schilder; dabei kann unter Umſtänden noch Schlimmeres herauskommen, als wenn ich ein Bischen in den friſchen grünen Wald ſpazieren gehe. Nimm dich in Acht!“ „Ja, wenn man nichts wagt, kann man nichts gewinnen,“ — X——— Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 177 brummte der Andere, nund ich verſtchere dich, hiebei iſt ſo gut wie gar nichts zu riskiren.“ „Nun, ſo laß hören! Wenn deine Spekulation wirklich ein⸗ träglich iſt und keine große Gefahr dabei, Mitglied einer geſchloſ⸗ ſenen Geſellſchaft zu werden, ſo könnte ich mich wohl entſchließen, ebenfalls dabei zu ſein.“ „Du kennſt doch da oben die alte Schachtel, die Strebe⸗ ling?“ „Verſteht ſich, kenne ich ſie; hab' es ja einmal verſucht, etwas mit ihr anzufangen, war aber rein unmöglich— konnte mich nicht zwingen, zärtlich gegen ſte zu ſein, ſonſt wär's ge⸗ gangen.“ „Da biſt du auf dem Holzweg,“ ſagte der Fuhrmann. „Mit der iſt unſer eins nicht im Stande, etwas anzufangen, der ſind wir viel zu leichtſinnige, liederliche Geſellen.“ „Na, laß gut ſein!— Alſo was iſt's mit der Strebe⸗ ling 2 1 „Die Strebeling,“ entgegnete der Fuhrmann,„iſt, obgleich ſie ſich nur ſo ſtellt, als könne ſie die Männer nicht leiden, doch im Grunde eine alte verliebte Gans; darum bin ich feſt überzeugt, wenn nur Jemand hinter ſie kommt, der ſich recht ſchüchtern an⸗ ſtellt und zahm thut und ſchöne Worte an ſte hinfaſelt— und ſo Jemanden zu finden, das iſt der Anfang von unſerem Plan.“ „Es wird aber ſehr ſchwer ſein,“ meinte der Jäger,„Jeman⸗ den zu finden, der ſich dazu hergibt, der dürren Klappermaſchine da oben ſchön zu thun. Mir graust, wenn ich daran denke.“ „Es findet ſich ſchon Jemand,“ ſagte beſtimmt der Fuhr⸗ mann. „Am Ende gar du ſelbſt?² „Wo denkſt Whin? ch ſtehe in gleich gutem Andenken, Hackländer, Eugen Stiulfrſen 1. 42 1 178 Eilftes Kapitel. wie du.— Aber höre weiter.— Wenn alſo Jemand gefunden iſt, der mit ihr in ein Verhältniß tritt— es muß natürlich Jemand ſein, auf den wir uns ganz verlaſſen können, einer der Unſrigen— wenn der alſo gefunden iſt, ſo muß er der alten Schachtel droben in den Weg laufen, er muß thun, als ſei er ver⸗ liebt, aber ſte darf ihn höchſtens ein bis zwei Mal ſprechen, dann macht er plötzlich eine große Reiſe, er verläßt die Stadt, und— ſeine Rolle iſt ausgeſpielt.“. „Davon ſehe ich noch keinen Vortheil,“ ſagte der Jäger. „Das kommt erſt,“ antwortete der Fuhrmann.„Sobald Jener abgereist iſt— ſchon nach ein paar Tagen— ſchreibt er ihr einen lamentablen Brief, ſchwört ihr ewige Liebe und Treue und ſagt ihr dann, er habe ein Unglück gehabt; er habe ſeine Brieftaſche verloren, oder er ſei beſtohlen worden und müſſe ſich jetzt durchbetteln, wenn ihn nicht eine freundliche Hand— jetzt paß auf!— wenn ihn nicht eine freundliche Hand aus der Ver⸗ legenheit herausreiße.“ Nach dieſen Worten ſtieß der Fuhrmann ſeinen Bruder be⸗ deutungsvoll in die Rippen und lächelte ihn fragend an. Der Jäger hob ſeine Augen gegen die Decke, ſchien eine Weile ernſtlich nachzudenken, dann machte er ein ſpitzes, vergnüg⸗ liches Maul, ſah ſeinen Bruder gleichfalls lächelnd an und ſagte: „Das iſt nicht ſo übel, dabei könnte was Ordentliches heraus⸗ ſpringen.“ „Nicht wahr?“ „Verflucht geſcheidte Idee!“ fuhr freundlich der Jäger fort. „Ich habe es immer geſagt, die Schilder iſt eine kluge Frau, und ſei nur überzeugt, ſie wird die Briefe ſchreiben, daß es nur ſo krachen muß.— Und wann ſoll die Geſchichte vor ſich gehen?“ „So bald als möglich. Die Schilder will ſogar dafür 8 A Der Gebrüder Schoppelmann eigenthümliche Jagd. 179 beſorgt ſein,“ ſagte der Fuhrmann,„jene Perſon aufzufinden, die mit der Strebeling anbandelt.“ „Richtig— richtig, und das halte ich gerade für nicht ſo ſchwer,“ ſagte der Jäger,„und ich glaube nicht einmal, daß es nöthig iſt, dieſe Perſon in unſer Geheimniß einzuweihen. Man macht einen Spaß daraus, man ſagt zu jener Perſon, man wolle ſich nur das Vergnügen machen, die Jungfer Strebeling einmal verliebt zu ſehen, und iſt dann Jener einmal abgereist, das heißt, ſobald er der zarten Clementine weiß gemacht, daß er abgereist ſei, ſo iſt er für uns todt und nicht mehr vorhanden; unſere ganze Geſchichte geht ihn ferner nichts mehr an.“ „Du haſt Recht,“ entgegnete der Fuhrmann,„ſo iſt's noch beſſer, und wenn du alſo Mitarbeiter ſein willſt, ſo ſage deine Meinung.“ „Ja, was ſollen denn wir eigentlich dabei thun?“ fragte der Jäger. „Narr! die Briefe ſchreiben, das heißt nur abſchreiben; denn wir bekommen ſie von der Schilder vorgeſchrieben— die Schilder verſteht das, ſie iſt eine verflucht geſcheidte Perſon!“ „Briefe ſchreiben?“ ſagte kopfſchüttelnd der Jäger,„ſeine Schrift aus der Hand geben, und in einer ſolchen Sache? Höre, Fritz, das will überdacht ſein!“ „Bah, bah!“ ſagte der Fuhrmann,„was biſt du auf ein⸗ mal ſo ängſtlich? Was geht's mich an, was ich ſchreibe, wenn ich es für Jemand anders thue. Die Schilder kommt zum Beiſpiel zu mir und ſagt:„Lieber Herr Schoppelmann, da habe ich einen Brief aufgeſetzt, ich fühte eine ſehr ſchlechte Handſchrift, thun Sie mir den Gefallen und ſchreiben Sie mir den Wiſch ab. Was werde ich thun? Ich werde Ja ſagen und mich den Teufel darum bekümmern, was in dem Briefe ſteht. Mag ſie damit anfangen, vr 12 2 Eilftes Kapitel. was ſte will, es iſt mir einerlei. Ich behalte nur ihre Vorſchrift, um dieſelbe ſpäter zeigen zu können, wenn man mir je etwas an⸗ haben wollte.“ „Ja, ja, da haſt du nicht ganz Unrecht,“ ſagte der Jäger, „ſo läßt ſich's machen.“ „Wir brauchen mehrere Handſchriften,“ ſagte der Fuhr⸗ mann;„bald muß der Liebhaber ſelbſt ſchreiben, bald ſein Bru⸗ der, vielleicht auch ſein Vater; es gibt nebenbei einen Hauptſpaß, und dann meint die Schilder, es könnte dabei ein außerordentli⸗ ches Geld herausſpringen. Die Strebeling hat Batzen genug, und wenn ſo eine alte Scheune einmal anfängt zu brennen, da iſt nicht ſo bald wieder gelöſcht.— Jetzt laß uns aufſtehen, wir wollen die Schilder einen Augenblick beſuchen, um die Sache noch genauer abzuſprechen.“ Zwölftes Kapitel. Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb, erlebt eine traurige Nieder- lage und entdeckt mit Schrecken, daß es noch klügere Keute auf der Welt gibt. Während ſich hierauf das würdige Brüderpaar erhob, um ſich nach dem Schauplatze einer neuen Thätigkeit, der Weinkneipe der Frau Schilder, zu begeben, gieng im gleichen Augenblick auf dem Markt ein anderer unſerer Bekannten ebenfalls dieſem Lo⸗ kale zu. Dieſes war Monſteur Joſeph Pierrot, der in ſeiner Lieb⸗ lingshaltung, den Hut auf dem rechten Ohr, die Hände in den Hoſentaſchen, mit einer friſchen Cigarre im Munde, daher zog. So oft es ſich thun ließ, gieng dieſer getreue Diener quer über den Marktplatz, ſo nahe wie möglich an dem Obſt⸗ und Gemuͤſeſtande der Madame Schoppelmann vorüber. Er ſpähte in ſolchen Fällen nach der ſchönen Katharina und pflegte, wenn ſte alsdann aufblickte, mit möglichſt weit abgewandtem Geſicht vorbei zu ſchreiten. Er wollte damit als feiner Mann ausdrücken: * Zwölftes Kapitel. „Ou ſiehſt, hier bin ich, aber wenn ich mein Geſicht abwende, thue ich vor aller Welt, als fiele es mir gar nicht ein, nach dir hinüber zu ſchauen.“ Dabei verdrehte er aber ſein rechtes Auge auf eine entſetzliche Art, um trotzdem bemerken zu können, im Falle ihm die ſchöne Katharina einmal winkte, um einen Auftrag oder ſo etwas zu erfüllen. Das war ihm aber bis jetzt noch nie⸗ mals vorgekommen; denn das Mädchen, ſo ſehr es ſeinen Herrn liebte, und ſo innig, ja ſo ergeben ſte zu ihm hinaufblickte, war doch viel zu ſtolz, um dem Bedienten nur den vierten Theil eines freundlichen Wortes zu gönnen. Heute war übrigens die ſchöne Katharina nicht mehr bei ihren Körben, und in einem ſolchen Falle, der häufig vorkam, pflegte der treue Pierrot ſich dem Stande der Madame Schoppel⸗ mann zu nähern, um mit der Frau ſelbſt oder den Mägden wäh⸗ rend des Ankaufs einigen Obſtes eine kleine Unterredung anzu⸗ knüpfen. Heute Morgen war Madame Schoppelmann in höchſt eigener Perſon auf dem Markte, und ein feinerer Menſchenkenner, als Joſeph, häͤtte unfehlbar bemerken müſſen, daß die Dame ſich nicht gerade in der roſenfarbenſten Laune befand. Joſeph indeſſen ſchritt mit ſeinem dummen Geſichte, das er mit einem blödſinnigen Lächeln verziert hatte, gerade auf die Ma⸗ dame Schoppelmann zu und pflanzte ſich in ſeiner ganzen Schön⸗ heit vor den Körben auf. Beide ſtanden ſich faſt in der gleichen Haltung gegenüber, nur daß die Frau ihre beiden Arme, ſtatt in ihren Taſchen, auf die breiten Hüften aufgeſtemmt hatte. Wir glauben annehmen zu können, daß die Gemüſehändle⸗ rin den Mann, der ſo vor ſie hintrat, genau zu kennen die Ehre hatte, daß ſte wußte, er ſei der Bediente ſeines Herrn. Keine Frage, ob ihm etwas gefällig ſei, begrüßte ihn. Die Frau ſtand Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 183 unbeweglich, wie ein Koloß, und ſchaute mit einem finſteren Blick in ſein lächelndes Angeſicht. 3 Der gute Pierrot, der gar nicht die Abſicht hatte, beſondere Einkäufe zu machen, kam etwas Weniges aus der Faſſung, als ihn die Frau ſo, man könnte ſagen, herausfordernd, anſchaute, und ſuchte im erſten Augenblicke vergebens nach dem paſſenden Anfang zu einer Rede, und als er endlich ſein großes Maul öffnete und einige Worte ſprach, waren eben dieſe Worte nicht geeignet, Madame Schoppelmann freundlicher für ihn zu ſtimmen. „Ich habe,“ ſagte er ſtotternd,„einen Blumenſtrauß kaufen ſollen, aber...“ „Was aber?“ fragte die Gemüſehändlerin laut. „Aber...“ fuhr Joſeph verlegener fort,„von der ſchönen Katharine ſelbſt.“— Er hoffte jetzt, wenn er die Tochter ſchön nenne, müſſe ſich die Mutter außerordentlich geſchmeichelt fühlen? Dem war aber durchaus nicht ſo. „Wer iſt die ſchöne Katharine?“ rief entrüſtet die Gemüſe⸗ händlerin, und hob einen Augenblick ihre ſchweren Fäuſte aus den Seiten, ſtemmte ſie aber gleich darauf wieder ſo heftig ein, daß ihr ganzes Gebäude leicht erzitterte.—„Wer fragt nach der ſchönen Katharine?“ Pierrot nahm ſeine Cigarre aus dem Munde und lächelte noch dümmer und verlegener als früher. „Gottes Wunder!“ fuhr die Frau fort,„kommt ein ſolcher Hecht, ein ſolcher Livreeſtänder auf offenem Markte zu mir, zu mir, der Frau Schoppelmann,“ ſagte ſte mit vielem Stolze—„und er⸗ laubt ſich, nach der ſchönen Katharine zu fragen. Nehme Er Sich in Acht!— Er r. Hanswurſt! und ſuch Er ſeinen Weg auf der anderen Seite„hier iſt kein Grund für Ihn— hier kann Zwölftes Kapitel. * Er keinen Stab einſchlagen, hier bricht Seine Angelſchnur ent⸗ zwei.— Soll mich Gott bewahren, was es auf der Welt für fre⸗ ches Volk gibt! Ich will Ihm etwas ſagen, Spinnengeweb: nehm' Er ſich vor der Frau Schoppelmann in Acht! Geh' Er zum Thore hinaus nach dem Kirchhof, oder meinetwegen auch zum Schinder, da liegen mehr ſo Dinger, wie Er iſt.“— Die Frau ſprach ſich offenbar in den Eifer hinein, und holte jetzt tief Athem, da ſie in Folge ihrer heftigen Worte etwas zu verſchwen⸗ deriſch mit demſelben umgegangen war. Pierrot, dem bei dieſer Strafpredigt nicht wohl zu Muthe war, und der ſchon bemerkt, wie die nebenan ſitzenden Weiber ſich umwandten und mit Fingern auf ihn wieſen, wollte den Augen⸗ blick des Stillſchweigens der Frau benutzen, um ſich ſachte von dieſem Schlachtfeld zurück zu ziehen; denn ihm ahnete eine noch vollkommenere Niederlage. Er hatte ſich auch hierin nicht getäuſcht; denn kaum verſuchte er den beabſichtigten Rückſchritt, ſo fuhr die rechte Fauſt der Ma⸗ dame Schoppelmann aus ihrer ruhenden Stellung auf, faßte ihn plötzlich in der Gegend des Halſes, wo aus dem ſchwarzen Tuche ein paar violet geſtreifte Vatermörder emporwucherten, und ver⸗ pflanzte ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pflaſter des Marktes unglücklicher Weiſe mitten in einen Korb hinein, wo er ſich plötz⸗ lich in Blumen befand— eine Trauerweide zwiſchen zertretenen Blüthen.. Es war ein außerordentlich komiſcher Anblick, und Joſeph hatte ſeine Faſſung vollſtändig verloren und zitterte an Leib und Seele. „Da ſteht Er nun!“ ſagte triumphirend die Frau,„und ehe Er’, miſerabler Storch, aus dem Salate da wieder heraus ſpaziert, will ich Ihm noch zwei Worte ſagen; Er iſt mir gerade 185 Joſeph Pierrot füllt in einen Blumenkorb. recht in den Wurf gekommen, und ich habe mir ſchon lange den Augenblick herbei gewünſcht, Seine nähere Bekanntſchaft zu ma⸗ chen. Da meint ſo ein Tagedieb, ſo ein Tellerlecker und Stiefel⸗ wichſer, weil er da ein paar bunte Fetzen auf dem Leibe hat, ſei er was Rechts geworden und könne ſich unterſtehen, zu glauben, ich ſei gerade hier auf dem Markte anweſend, damit man ſo nichtsnutzige Fragen an mich thue, und ich, die Frau Schoppel⸗ mann, müßte einen Knixr machen— ſo— und wieder ſo— und noch einmal ſo, und freundlich fragen, was dem gnädigen Herrn zu Befehl ſtände.“ Die Knixe, welche Frau Schoppelmann hiezu wirklich machte, waren gewißermaßen fürchterlich anzuſehen; und wenn ſte ſo tief hinab ſank und ihre Röcke ſich dabei zu einer unendlichen Weite ausdehnten, und ſich darauf wieder erhob, ſo duckte ſich in dieſem Augenblick Pierrot etwas auf die Erde; denn er befürchtete, jetzt ſei der Moment gekommen, wo ſich die Strafpredigt in ein Aten⸗ tat auf ſeine dicken Backen verwandle. Hiedurch kam es, daß er ebenfalls drei Mal knixte, gerade wie die Frau Schoppelmann. „Aber ich will dem gnädigen Herrn nur ſagen,“ fuhr die Frau ironiſch fort,„daß er künftig in eigenen Angelegenheiten, ſowie in denen ſeines ſauberen Herrn weit klüger thut, wenn er in einem großen Umweg um meine Körbe herum ſpaziert. Nehm' „Er ſich meine Worte zur Lehre, und laſſ Er ſich nie mehr in den Sinn kommen, Blumenſträuße kaufen zu wollen!——— von der ſchönen Katharine——— Er Rettig, Er miſerabler! Er Pflaſterſteinwetzer!— Jetzt geh Er nach Hauſe oder wohin Er ſonſt Seine nichtsnutzigen Wege zu machen hat! Merk Er ſich, wo ich meine Blumen verkaufe, und merk Er ſich, daß ich Frau Schoppelmann heißen auch wohne ich dahinten, rechts herum, bei dem großen Thor mit dem adeligen Wappen über der Thüre; Zwölſtes Kapitel. ja, ich bin auch eine vornehme Familie, ſchau' Er ſich das Wappen recht genau an, ich kann ihm noch mehrere dazu zeigen, und jetzt zieh' Er dahin, Er trauriger Luftzug!— Spazier Er weiter, Er zerſchnittener Melonenkopf, Er Zierrath vom Elend!“ Nach dem letzten Erguſſe ſetzte ſich die Frau auf einen um⸗ gekehrten Korb nieder, trotzdem, daß dieſer Korb bedeutend krachte und ſeufzte. Dann holte ſie abermals tief Athem und würdigte den alſo Ermahnten keines Blickes mehr. Pierrot hatte ſich in dieſem Augenblick aufs Schleunigſte gewendet und lief mehr, als er gieng. Seine eifrige Sorge war, den Marktplatz bald hinter ſich zu wiſſen; denn einige Straßen⸗ jungen, denen die verſchiedenen Benennungen, womit Frau Schoppelmann ihn beehrt, äußerſt paſſend erſchienen, verfolgten ihn lachend und ſchreiend, bis er in eine enge Seitengaſſe einbog und dann wieder in eine andere, und ſo ſeinen Verfolgern entgieng. Der arme Joſeph hatte heute einen unglücklichen Tag, und wenn ihn auch nicht ſeine Geſchäfte zum Weinſchanke der Frau Schilder getrieben hätten, ſo würde er dahin gegangen ſein, um ſich von der erlittenen Niederlage einiger Maßen aufzurichten. Bald hatte er dieſes traulich ſtille Aſyl erreicht und trat in das Gaſtzimmer. Es war dieſes ein Ort, um eine gebeugte Seele, die ſich nach Ruhe und Einſamkeit ſehnte, zu befriedigen, ein Plätzchen, wie gemacht, um in Annehmlichkeit und Gemüthsruhe einige gute Schoppen zu leeren. Hier herein drang nie das Geräuſch der Straßen, kaum die Klavierkoncerte der Schullehrer, und wenn man ſich, wie Joſeph that, in das Hinterzimmer zurück zog, konnte man glauben, man befinde ſich, von der ganzen übrigen Welt getrennt, allein auf einer wüſten Inſel. Mit einer wüſten Inſel hatte dieſes Haus überhaupt viel 187 Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. Aehnlichkeit, in ſo fern man nämlich unter einer wüſten Inſel auch eine verwüſtete verſtehen kann. Hier war kein Stuhl, kein Tiſch geſund und fehlerfrei, Alles alte, ſchwache, krüppelhafte Weſen. Die Tapeten waren grünlich grau angelaufen, die Fen⸗ ſter erblindet; und dieſes Letztere konnte man als zarte Aufmerk⸗ ſamkeit der Frau Schilder betrachten, denn hinter dieſen Fenſtern befanden ſich Miſt⸗ und Kehrichthaufen, alte Brandmauern und was dergleichen Dinge mehr ſind, die unangenehm in die Augen fallen.— Eines aber war in dieſem Hauſe rein und gut— der Wein nämlich. Die Frau führte nur eine einzige Sorte, einen vortrefflichen Zehner.—— Pierrot ließ ſich einen Schoppen davon geben, ſetzte ſich an den Tiſch, und Frau Schilder leiſtete ihm Geſſellſchaft. Es iſt wohl der Mühe werth, dieſe Dame näher zu beſchreiben. Sie war ein mageres, ſchlampiges Weibsbild, von einer anſehn⸗ lichen Leibeslänge; ihr Geſicht war hager, doch befanden ſich in demſelben ſchlaue, unternehmende Augen, und um den Mund hatte ſie einen ſehr verſchmitzten Zug. Obgleich der Frau Schil⸗ der in den letzten zehn Jahren keine Katze geſtorben war, um die ſte hätte trauern können, ſo trug ſie doch beſtändig die Livree des Todes— ein ſchwarz gefärbtes Merinokleid, deſſen Nähte, Aermel, Rücken und Hintertheil ſehr ins Fuchſige ſpielten. Wir können hier nicht umhin, zu bemerken, daß dieſe Frau, ſobald ſte auf an ſich gerichtete Fragen keine Antwort zu geben wünſchte, ſich taub zu ſtellen pflegte. Joſeph konnte nicht unterlaſſen, in einigen Worten ſeiner genaueren Bekannten, der Frau Schilder, die unangenehme Ge⸗ ſchichte zu erzählen, die ihm ſo eben draußen auf dem Markte begegnet. „Das iſt eine meiſterloſe Frau,“ ſagte die Wirthin mit Zwölftes Kapitel. ihrer trockenen heiſeren Stimme;„weil ſte ein Bißchen Geld er⸗ worben hat, glaubt ſie, ſie könne Alles thun und treiben. Und ihre Tochter, der hochmüthige Rotzaff, iſt eigentlich noch viel ſchlimmer. Mit der Alten iſt doch noch zu leben, und wenn man nichts von ihr will, oder ſie gerade keinen Zorn hat, ſo gönnt ſte einem doch wenigſtens die Tageszeit. Aber die Katharina, die hochmüthige Blumenprinzeß— meint Ihr wohl, Joſeph, wenn ich in der Früh' mein Fenſter da oben aufmache und einen guten Morgen wünſche, daß ſte nur ſagte: ich danke? Gott be⸗ wahre!— da nickt ſie höchſtens mit ihrem Kopf, wie eine —Königin aus ihrem Schloß. Aber die wird noch einmal gede⸗ müthigt werden, daran zweifle ich nicht.——— Aber ſteh doch, ſte doch,“ fuhr Frau Schilder fort und verzog ihr düſteres Geſicht zu einem freundlichen Grinſen,„was ſchwatz' ich da für dummes Zeug! Ja, ja, ſo geht mirs, immer unbedachtſam! Der gnädige Herr unſeres Freundes Joſeph da iſt der heimliche Geliebte der ſchönen Katharine; wann wird denn eigentlich ge⸗ heirathet?“ „Sprech' Sie kein ſo dummes Zeug!“ ſagte Joſeph ſehr würdevoll und ſtreckte ſeinen Hals hoch empor.„Heirathen? heirathen?— Es heirathet ſich nur ſo gleich!“ „Gleich! rief die Wirthin und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr, als wollte ſte deutlicher hören.„Ei der Tauſend, es wird alſo gleich geheirathet?“ „Ihr ſeid ja wieder einmal ungeheuer taub!“ rief Joſeph ſehr laut;„ich fage: es denkt Niemand ans Heirathen. Das wär' mir eine ſchöne Partie! „Ja, ja, es wär' freilich eine ſchöne Partie,“ ſagte Frau Schilder ernſt,„und dann zieht Er da drüben in das Haus, und die Frau Schoppelmann, die Euch ohnehin ſo lieb hat, wird Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 189 Euch ſchon eine friſche Herberge anweiſen. Mir kann es ſchon recht ſein; Madame Stillfried geborene Schoppelmann.“ „Wollt Ihr mich denn nicht verſtehen, oder ſeid ihr wirklich ganz harthörig geworden?“ rief Joſeph ärgerlich;„macht doch keine ſchlechten Witze!— Was heirathen! was heirathen! Das iſt ja nur ſo eine Liebesgeſchichte, das dauert vier Wochen, und damit hollah!“ „So iſts recht!“ ſagte giftig die Frau:„vier Wochen und dann noch einige Monate—'s wäre außerordentlich luſtig.“ Joſeph nickte ebenfalls vergnügt mit dem Kopfe, dann rückte er der Frau ſo nahe, daß er mit ſeinem Munde faſt ihr Ohr berührte und ſagte nach einer Pauſe:„Ihr ſollt uns einen Gefallen thun.“ „So?u fragte die Frau und ſah ihn an;„Euch oder Eurem Herrn!“ „Meinem Herrn!“ Die Frau nickte abermals mit dem Kopfe und machte mit den Händen eine Bewegung, als zähle ſte Geld, wobei ſie fragte: „Wirds gut bezahlt?“ „Verſteht ſich!“ ziſchelte Joſeph;„gut bezahlt, und Ihr braucht nichts dafür zu thun.“— „Das iſt mir lieb,“ entgegnete die Frauß„was ſoll s denn?“ „Wir brauchen das Zimmer da vorn heraus, das gegen⸗ über dem Schlafzimmer der Ratharina, hie und da, nur für einige Stunden des Abends.“ „So, das Zimmer braucht ihr?“ fragte die Wirthin nach⸗ denkend;„nun, mir kanns ſchon recht ſein; doch“— ſetzte ſie achſelzuckend hinzu—„wirds euch nichts nützen, das Mädchen bringen zehntauſend Pferde nicht in mein Haus herüber.“ Zwölftes Kapitel. „Davon iſt vor der Hand keine Rede,“ entgegnete Joſeph ärgerlich;„er will nur zuweilen kommen und ſich hier im Hauſe verbergen, bis es vielleicht einmal möglich iſt, daß er ſte von der Straße aus einen Augenblick ſprechen kann. Auch ſoll er von Eurem Zimmer aus Abends ein paar Mal in das Schlafzimmer der ſchönen Katharina ſehen können. „Er ſoll?“ ſagte die Frau aufmerkſam; und ihre Taubheit ſchien ſich ſehr vermindert zu haben. „Was— er ſoll— er ſoll nicht, er will!“ „So, er will?“ lachte ſpöttiſch die Frau; no lieber Joſeph, jetzt wollt Ihr wieder einmal pfiffiger ſein, wie die arme Frau Schilder; aber dazu habt ihr kein Talent. Nehmt mir nicht übel, Ihr ſeid ein guter Menſch, aber etwas dumm.— Alſo ihr braucht ein Zimmer?“ „Ja,“ ſagte Joſeph. „Und Ihr wollt es mir gut bezahlen?“ „Verſteht ſich!“ „Nun, ſo will ich Euch etwas ſagen. In meinem Hauſe muß Alles ſauber und ordentlich hergehen, das heißt, ich muß wiſſen, was darin vorgeht,“ entgegnete die Frau mit einem ſon⸗ derbaren Lächeln.„Glaubt mir, lieber Joſeph, eine andere Frau wie ich hätte hinter Euren Worten nichts geſucht und das Zim⸗ mer gern gegeben, und wär' mit ein paar lumpigen Gulden zu⸗ frieden geweſen. Aber Ihr müßt eine arme Wittwe nicht betrügen wollen. Sagt mir, weßhalb Ihr das Zimmer eigentlich wollt; es kann mir nicht einerlei ſein, was da geſchieht, man könnte ja da oben falſche Sechſer machen wollen.“ „Frau Schilder!“ rief Joſeph mit zorniger, aber gedämpfter Stimme und ſchlug dazu mit der Fauſt auf den Tiſch. 191 Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. „Ich will Euch ſagen,„wie die Sachen ſtehen,“ fuhr die Frau anſcheinend unbefangen fort, ohne ſich um die wüthende Geberde des Bedienten zu bekümmern.“ Ihr handelt nicht im Auftrage Eures Herrn, das heißt, Eures Herrn Stillfried; Ihr habt andere Weiſungen, Befehle, die ein ſchönes, ſchweres Geld eintragen, die Ihr aber ohne meine Hülfe nicht ausführen könnt. Was wollt Ihr mich nun betrügen, indem Ihr mir ein paar lumpige Gulden hinwerft und alsdann den Gewinnſt allein ein⸗ ſteckt? Nein, lieber Joſeph, ſeid offen und ehrlich mit mir; heraus mit der Sprache, ſagt mir, um was es ſich handelt; glaubt mir, die Frau Schilder kann Euch auch hierin gute Dienſte leiſten. Sagt dem Herrn Juſtizrath, es wäre mir ſehr unangenehm, wenn ich ſeine Kundſchaft verlieren müßte.“ „Schilderin, Schilderin, Ihr ſeid ein Satan!“ rief entſetzt der Bediente und ſchob ſeinen Stuhl mit einem ſcheuen Blick auf die Wirthin einen Fuß breit zurück. „Laſſen wir dergleichen Complimente bei Seite!“ antwortete dieſe,„ſchenkt mir reinen Wein ein; wir haben ſchon ſo manch⸗ mal ehrlich zuſammen gehandelt, warum ſollten wir es nicht auch dieſes Mal thun? Und glaubt nicht,“ fügte ſie ſpöttiſch lächelnd hinzu,„daß Ihr mir da ſo ungeheuer viel Neues ſagt; was gilts, ich will Euch den ganzen Handel erzählen, und wenn ein unwahres Wort daran iſt, ſo will ich weder für mein Zimmer, noch für meine Hülfe einen Kreuzer haben.“ Von Joſeph's Geſicht war alle Pfiffigkeit verſchwunden, und es war nichts übrig geblieben, als Pierrot's dumme, glotzende Züge. „Da wär ich wirklich begierig,“ ſagte er nach einer Pauſe, „was Ihr da über meinen Herrn ausgeheckt habt. Ich geſt he ich wäre neugierig, das zu hören.“ Zwölftes Kapitel. „Hören?“ ſagte die Frau plötzlich mit einem blöden Ge⸗ ſichtsausdruck, und ſchien im Begriffe zu ſein, abermals ihre frühere Taubheit zu affektiren.„Hören?“ wiederholte ſte und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr.„Nein, hier kann uns Niemand hören!“ Das Geſicht aber, mit dem ſie in dieſem Augenblicke nach der Thüre blickte, ſchien dieſe Worte Lügen ſtrafen zu wollen; denn ſte horchte offenbar auf ſchwere Fuß⸗ tritte, die ſich auf der Straße dem Hauſe zu nähern ſchienen. Doch verhallten ſte wieder, und es kam Niemand. „Laßt die Narrenpoſſen!“ ſagte Joſeph ärgerlich;„und wenn Ihr was wißt, ſo geht mit der Sprache heraus, Ihr braucht, Euch gar nicht zu geniren; was Ihr mir ſagen könnt, wenn wirklich etwas iſt, habe ich doch ſchon lange gewußt.“ Die Frau drehte von übrig gebliebenem Brod kleine Kügel⸗ chen und ſchaute eine Zeit lang liſtig lächelnd vor ſich hin, ehe ſte dem Andringen des Bedienten nachgab. Dann ſagte ſie: „Nun wohl, Joſeph, damit Ihr alſo ſeht, daß ich Euch hierüber durchaus nichts hinterhalte, ſo hört mich an. Euer Herr— der Stillfried nämlich— iſt eine gute, leichtſinnige, aber in ge⸗ wiſſer Beziehung etwas phlegmatiſche Haut; er hat der ſchönen Katharine hie und da ein paar Artigkeiten geſagt, die beiden jungen Leute haben ſich etliche Mal geſprochen, und das alles könnte ein nettes kleines Verhältniß werden, wenn es nicht ſo außerordentlich ſchwer hielte, den jungen Herrn Stillfried für die Länge der Zeit zu beſchäftigen, und wenn es möglich wäre, ihn aus ſeiner Gleichgültigkeit ein Bißchen aufzuſpornen. Mit ſo einer kleinen Anſpornung iſt er Feuer und Flamme, ich kenn“ das; aber ihr alle mit einander ſeid zu dumm, um ihm den ge⸗ hörigen Sporn einzuſetzen.“ Joſeph zog bei dieſen letzten Worten ſeinen Mundwinken Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 193 verächtlich in die Höhe, fuhr durch ſein borſtiges Haar und ſchien eine ungeheure Gleichgültigkeit zur Schau tragen zu wollen; er nahm eine Miene an, als horche er kaum auf die Worte der Wirthin. Und doch ſtrengte er ſein Ohr auf eine übermenſchliche Art an, damit er ja keines derſelben verliere. Letzteres wußte Frau Schilder zu genau, und es kümmerte ſte durchaus nicht, mit welchen Mienen ihr Gegenüber ſie an⸗ ſchaute. Sie fuhr fort:„Dagegen iſt es anderen Leuten, die ich Euch, meinem Freunde Joſeph, wohl nicht zu nennen brauche, erſtaunlich wichtig, daß ſich dieſes Verhältniß nicht wieder auf⸗ löſe, wie einige frühere, ſondern es ſoll recht innig werden; man will den jungen Menſchen veranlaſſen, ſich mit der ſchönen Ka⸗ tharine ſo eng wie möglich zu verbinden, und einmal da ange⸗ kommen, gibt es zwei Wege, die von dieſem Punkte aus weiter verfolgt werden könnten.“ Was die Frau Schilder eben geſagt, war, wie wir bereits wiſſen, der Auftrag, den der Juſtizrath dem getreuen Pierrot gegeben. Das hatte die Frau richtig errathen: aber was dann weiter geſchehen könne, wenn das Verhältniß der ſchönen Kä⸗ tharina zu Eugen ein inniges geworden ſei, davon hatte er bis jetzt noch ganz unbeſtimmte Vorſtellungen. Und die Frau wußte ſogar zweierlei, was da geſchehen könnte; er war außerordent⸗ lich begierig, darüber etwas Näheres zu vernehmen, und nahm ſich daher vor, mit der Frau eine Komödie des Allwiſſenden zu ſpielen. „Nun ja,“ ſagte er deßhalb nach einer längeren Pauſe, ich will in der That geſtehen, Ihr habt bis dahin Recht; es intereſſirt ſich Jemand dafür, daß mein Herr mit der ſchönen Tochter der Gemüſehändlerin eine förmliche Liebſchaft anfängt; ich will das zugeben. Daran iſt im Grunde nicht viel gelegen; Hackländer, Eugen Stillfrieb. I. 13 194 Bwölftes Kapitel. aber jetzt darf ich kein Wort mehr zugeben, auch nichts mehr eingeſtehen, und wenn Ihr mir bietet, was Ihr wollt, und wenn Ihr auch Euer Zimmer abſchlagt, da kann ich nichts machen, da müſſen wir eben eine andere Gelegenheit ſuchen, die uns zum Ziele führt.“ „Jetzt ſprecht Ihr halb und halb die Wahrheit,“ entgeg⸗ nete ruhig die Frau;„Ihr werdet mir nichts mehr eingeſtehen, ganz richtig! und aus dem einfachen Grunde, weil Ihr nichts mehr wißt.“ „Das wäre der Teufel!“ ſagte lachend der Bediente;„ich wäre wirklich neugierig, was Ihr in der Sache für weitere Ideen habt.“ „Da wäret Ihr neugierig, mein Junge?“ ſagte höhniſch die Frau;„das glaube ich wohl, ich will Euch auch meine An⸗ ſtcht ſagen; aber Ihr müßt nicht glauben, mit Euten dummen Redensarten die Frau Schilder überliſten zu können.— Ich will's Euch ſagen, weil es mir gerade ſo paſſend erſcheint.— Man kann alſo dadurch zweierlei bezwecken: erſtens vielleicht eine Heirath mit dem Mädchen, um ihn ſo aus der reichen und mäch⸗ tigen Familie unter uns ordinäres Volk zu ſtoßen, ihn auf dieſe Art unſchädlich zu machen, und dann läßt man ihn die Ein⸗ willigung dieſer Heirath durch irgend etwas, was ich nicht weiß, theuer genug bezahlen.“ „Ah!“ ſagte Joſeph verblüfft,„glaubt Ihr wirklich, Frau Schilder?“ „Das wär' Eins,“ fuhr die Frau fort, ohne die Frage weiter einer Antwort zu würdigen;„das Andere aber iſt wahr⸗ ſcheinlicher. Man will vielleicht, er ſoll ſich Nachts in dieſes Stadtviertel verlieren, er ſoll ſogar wohl den Verſuch machen, Joſeph Pierrot fällt in einen Blumenkorb. 195 ſich drüben in jenes Haus einzuſchleichen, und dort im Neſte der Alten Zuſammenkünfte mit der Jungen haben.“ „Das wäre noch weit anſtändiger,“ entgegnete Joſeph, „und mir viel lieber, wie ſo eine Heirath. Pfui Teufel! „Tropf!“ entgegnete die Frau verächtlich,„Ihr ſeid ein ſchöner Diener Eures Herrn; da iſt Eins ſo ſchlimm wie das Andere. Glaubt mir, man ſteigt in dieſem Stadtviertel nicht ohne Gefahr in das Fenſter eines Bürgermädels, und da drüben in dem Hauſe hat's zwei paar Fäuſte, denen es bei dieſer Ge⸗ legenheit ganz einerlei iſt, ob ſie ſich blutig färben oder nicht.— Doch ſtill, ich höre Jemanden kommen; es könnten die Beiden ſein, und in dem Fall dürfen die uns nicht bei einander ſehen.— Ja, ja, es kommen zwei Männer durch den Hausgang, trinkt Euren Schoppen aus und geht.“ Mit dieſen Worten ſtand die Wirthin hurtig von der Seite Joſeph's auf, nahm ihren Stuhl mit ſich und ſetzte ſich an eines der erblindeten Fenſter, wo ſie emſig in einem ſchmierigen Zei⸗ tungsblatt ſtudirte. Dreizehntes Kapitel. Ein kleines Kapitel, aber ſehr bedeutſam. Jungfer Clementine hat ihre ſchöne Stunde, und drei ihrer Freunde beſchäftigen ſich mit ihrem zukünftigen Wohlergehen. Die Thüre öffnete ſich, und die Gebrüder Schoppelmann traten herein. Sie ließen ſich nieder, und der Fuhrmann bet⸗ trachtete ziemlich unfreundlichen Blickes den Bedienten, der ſein Geld auf den Tiſch legte. „Bis ein anderes Mal!“ rief ihm die Wirthin zu. Joſeph ſetzte ſeinen lackirten Hut unternehmend auf das Ohr und ſchritt hochmüthig neben den Brüdern vorbei zur Thür hin⸗ aus. Er ſchlenderte durch den langen Gang und wollte eben zum Hauſe hinaus treten, als er einen Mann um die Ecke der Neben⸗ ſtraße kommen ſah, bei deſſen Anblick er ſich ſehr behende wieder in den Hausgang zurückzog. Dieſer Mann war aber Niemand ganders, als der Schul⸗ meiſter und luſtige Rath, und da der getreue Diener um Alles in der Welt hier nicht gern von ihm geſehen wäeen wäre, ſo näherte er ſeinen Kopf ſo viel als möglich der ürſpalte, um bemerken zu können, was Jener in dieſem ab genen Stadt⸗ viertel beabſichtigte. Der luſtige Rath ſchien aber durchaus kein Uhnung davon zu haben, daß er ſich hier einem für unſere Geſchichte und wohl auch für ihn ſelber ſo ſehr intereſſanten Terrain nähere, daß ihn links aus dem Hausgang der Weinkneipe der getreue Pierrot be⸗ obachte, und daß ſich rechts das Zimmerchen der Jungfer Schop⸗ pelmann befinde. war ſehr harmloſer Natur und galt dem muſtkaliſchen Reben⸗ hauſe oder vielmehr einem der Bewohner deſſelben, einem ehema⸗ ligen Kollegen, deſſen Aufenthalt in hieſiger Stadt der Schul⸗ meiſter jetzt erſt erfahren. Die beiden Brüder im Gaſtzimmer, als ſte vernahmen, daß Joſeph wieder in den Hausflur zurücktrat, mochten wohl glau⸗ ben, er halte ſich da auf, um zu horchen, und ſchickten die Wir⸗ thin hinaus, nach ihm zu ſehen. Mit zwei Worten aber ver⸗ ſtändigte der Bediente dieſe würdige Frau, warum er hier ge⸗ zwungen ſei, auf der Lauer zu ſtehen, und zeigte ihr den Schul⸗ meiſter, der ſo eben hinter der Thüre des muſtkaliſchen Hauſes verſchwand. Sobald er auf dieſe Art ſeinem Geſichtskreis ent⸗ ſchwunden, ſchlüpfte Joſeph aus der Schenke und ſchlich an den Häuſern hin, um nicht zufällig von dem Anderen geſehen zu werden. Frau Schilden rief in die Gaſtſtube hinein, daß die Luft vollkommen rein ſei, daß ſie gleich kommen werde, und darauf blieb ſte noch einen Augenblick unter ihrer Hausthüre ſtehen. Wir glauben geſagt zu haben, daß dieſe Schenke mit dem muſikaliſchen Hauſe einen ſtumpfen Winkel bildete, wodurch es alſo möglich 7 die Fenſter des letzteren von der Hausthüre der Jungfer Clementine. 197 Sein Beſuch, den er dieſer Gaſſe abſtattete, Dreizehntes Kapitel. erſteren genau zu überſehen. Gegenüber hatte die Frau Schilder das Haus der Frau Schoppelmann, mit dem uns wohlbekannten Fenſter des Zimmers der ſchönen Katharina, und über demſelben die Wohnung der Jungfer Clementine Strebeling. Letztere war zu Hauſe; ſie hatte ihre beiden Fenſterſtügel geöffnet, wahrſcheinlich um den Duft einiger Reſedenſtöcke ein⸗ zuathmen, die auf der Brüſtung ſtanden, ſo wie die Klänge der ſchönen Lieder zu vernehmen, die von dem muſtkaliſchen Hauſe herüberſchallten. „Die Lotosblume ängſtiget Sich vor der Sonne Pracht— klang es von dort herüber, und Jungfer Strebeling blickte auf⸗ wärts zum Himmel; denn mit dem Namen Lotosblume verband ſte allerlei hochpoetiſche Ideen, und dieſer Name zauberte phan⸗ taſtiſche goldene Bilder vor ihr zartes Gemüth. Lotosblume!— Dabei dachte ſte an Indien, das fabelhafte Land der Bajaderen und Elephanten, den Schauplatz all der ſchönen Mährchen, die ſie in ihrer Jugend gehört; an Palmen⸗ wälder, an rieſelnde Blumen, an Blumenduft und zauberiſche Klänge. Lotosblume!— Die ſtand an einem kleinen ſtillen See, und das Geſicht dieſer Blume neigte ſich über den Waſſerſpiegel, ſchwankte vor und zurück, ſehnſüchtig, einmal ein anderes Bild zu ſchauen, als das ihrige, und zurück ſchreckend, wenn das Waſſer leiſe anſchwoll und rauſchte, als fürchte ſie etwas Ent⸗ ſetzliches, das dort erſcheinen könne, ihre zarte Jungfräulichkeit rauh zu begrüßen.— Und doch ſehnte ſte ſich unbewußt nach die⸗ ſem Entſetzlichen. Gerade ſo gieng es der armen Clemenzine: „Die Lotosblume ängſtiget Sich vot der Sonne Pracht. Jungfer Clementine. Und die unſchuldige alte Jungfer änſtigte ſich ebenfalls vor ihrer Pracht— und dieſe Sonnenpracht war ihr die Liebe— und da⸗ vor fürchtete ſte ſich ganz gewaltig. Ach, ſie fühlte ſich ſo be⸗ haglich im Schatten kühler Denkungsarten, und doch hätte ſte aus dieſem Schatten einmal ſo gern hinausgeſchaut in das von heißer Gluth und fröhlichen Sonnenſtrahlen beglänzte Leben! „Sie duftet und weinet, ſie weinet und zittert, Vor Liebe und Liebesweh.“ Aber es muß eigentlich etwas Süßes ſein, vor Liebesweh zu vüften, zu weinen und zu zittern, meinte Clementine. „Sie blüht und glüht und leuchtet Und ſtarret ſtumm in die Höh’'—“ ſcholl es ſehnſuchtsvoller von drüben herüber, und Clementine, die bis jetzt ängſtlich die Blicke auf ihr Buſentuch geheftet, ſtarrte nun plötzlich in die Höhe, ganz wie die Lotosblume, und wäre gern von dem Fenſter zurückgefahren, wenn dieſes im ſelbigen Augenblicke nicht höchſt unſchicklich geweſen wäre. Denn als ſie ſo in die Höhe ſtarrte, ſtand drüben ein junger Mann an dem Fenſter, der ſich ſittſam herüber verneigte, als er ſo wenige Fuß von ſeiner Naſe plötzlich die himmelblauen Augen der Jungfer Clementine Strebeling erglänzen ſah, oder ſchimmern ſah, oder überhaupt nur ſah. In dieſem Augenblicke klangen die Worte des Geſanges: „Der Mond, der iſt ihr Bühle; Er weckt ſie mit ſeinem Licht, Und ihm entſchleiert ſie freundlich Ihr frommes Blumengeſicht.“ Dieſer Vers war außerordentlich paſſend; denn wir wiſſen bereits, daß das Antlitz des Herrn Siedel in ſeiner glänzenden Fülle etwas vom Wollmond an ſich hatte. Auch konnte man, ohne gerade ausſchweifend zu ſein, das Geſicht der alten Jungfer Dreizehntes Kapitel. für ein frommes Blumengeſicht anſehen; denn es gibt allerlei Blumen, und Clementinens Antlitz hatte in der That etwas von einer gelben Malve, welche Regen und Sturm getrotzt hat, und übet deren Faxte Blätter ein eiſiger November⸗Wind unbarmher⸗ ig ges jarr. 2, Aber dem ſei wie ihm wolle; Herr Siedel grüßte herüber, Clementinerhinüber— und zwar: 6„Vor Lie— ie— ie— ie—besweh—* So ſang der unſichtbare Sänger des eben genannten Liedes mit höchſtem Kraftaufwand ſeiner Lungen und offenbarem Stimmt⸗ mangel. Alles das ſah Frau Schilder unter ihrer Hausthüre, nur mit ganz anderen Augen und nicht mit ſolch hoher Poeſte. Sie be⸗ merkte recht gut, welchen tiefen Knir die alte Jungfer machte, als jener fremde Herr hinüber grüßte, und wie ihr gelbes, dürres Geſtcht von einer ſanften Röthe überſtrahlt wurde. „Ei, ei, das freut mich,“ ſprach ſte zu ſich ſelber,„das wäre vortrefflich zu benutzen! Nur muß ich mich vor den beiden Büffeln da drinnen in Acht nehmen. Das ſind ein paar tappige, liederliche Tagediebe, denen man nicht zu viel trauen darf.— —— Aha, jetzt knixrt die alte Jungfer abermals, und da ich den Herrn nicht mehr am Fenſter ſehe, ſo wird er ſich zum Weg⸗ gehen rüſten. Warten wir noch einen Augenblick!“ Die würdige Frau hatte richtig vorausgeſehen. Die Thüre des muſtkaliſchen Hauſes öffnete ſich wieder, und heraus trat der Schulmeiſter und luſtige Rath, deſſen Beſuch nun zu Ende war und der durch dieſen unglückſeligen Beſuch das Herz der armen Clementine in einigen Aufruhr verſetzt zu haben ſchien.— Rich⸗ tig, jetzt geht er die Gaſſe hinab, und ſie beugt ſich zum Fenſter heraus, um ihm nachzuſehen. Ob er an der Ecke der Straße noch Jungfer Clementine. 201 einmal umgeſchaut, können wir nicht mit Beſtimmtheit angeben; wenn es aber geſchah, ſo war es reiner Zufall— denn wir müſſen die bündigſte Erklärung abgeben, daß der gute Schul⸗ meiſter an jenes zarte, blaſſe Weſen, das er nur aus Artigkeit gegrüßt, auch nicht im Geringſten weiter dachte. Die Gebrüder Schoppelmann waren unterdeſſen durch das Ausbleiben der Wirthin einiger Maßen ungeduldig geworden und machten ziemlich unfreundliche Geſichter, als ſie wieder her⸗ eintrat. Die Frau bemerkte das aber durchaus nicht, oder ſchien es nicht bemerken zu wollen; denn ſtie ſetzte ſich an ihr Fenſter und nahm das ſchmierige Zeitungspapier wieder in die Hand. Die Brüder tranken in ihrem Unmuthe die Schoppen leer und verlangten neue. Nachdem dieſe gebracht waren, entſtand abermals eine Pauſe, welche die Wirthin durchaus nicht Willens ſchien, durch irgend ein intereſſantes und lehrreiches Geſpräch zu unterbrechen. „Das muß ſchon wahr ſein,“ ſagte endlich der Fuhrmann nach einer Pauſe,„bei Euch findet man zuweilen ganz curioſe Geſellſchaft. War das nicht der Strolch, der bei dem Stillfried Bedienter iſt?—'s war gut, daß er davon gieng; denn wenn ich mit ihm bekannt geworden wäre, ſo hätte ich ihm gleich ſeinen Wein ſauer gemacht.“ „Was?“¹ ſagte die Frau und ſchien entrüſtet;„mein Wein ſei ſauer? Wer kann das ſagen?— Und wenn er wirklich ſauer wäre, wer zwingt Euch denn, ihn zu trinken? Laßt ihn nur in Gottes Namen ſtehen!“ „Die will heute einmal wieder taub ſein!“ ſagte der Jäger zu ſeinem Bruder;„ſie hat wieder ihren ſchlechten Tag.— He, Frau Schilder, hört ihr wieder einmal nicht gut?“ 202 Dreizehntes Kapitel. „Leider, leider!“ entgegnete die Frau;„die Hitze regt mir das Blut auf und ſchlägt mir aufs Gehör.“ „ So kann man heute kein Geſchäft mit Euch beſprechen?“ ſagts der Fuhrmann. 3„Geſchäft? entgegnete die Wirthin;„ich weiß von keinem Geſchäft, das wir zuſammen hätten.“ *„Nichten lachte Jener.„Sie iſt heute ungeheuer ver⸗ geßlich lu „Mein Kopf iſt zuweilen ſchwach,“ meinte die Frau ſeuf⸗ zend,„was wollt Ihr eigentlich?“ „Nun ins Teufels Namen!“ rief der Fuhrmann ärgerlich und ſehr laut;„von wegen der Briefe, die wir ſchreiben ſollen; ich will Geld verdienen.“ „Ah das? antwortete gleichgültig Frau Schilder, nachdem ſte einen Blick in den Hausflur geworfen, um ſich zu überzeugen, daß Niemand da ſei, der unbefugter Weiſe die lauten Worte des Fuhrmanns vernehme. „Natürlich das!“ entgegnete dieſer;„habt Ihr denn nicht von ſelbſt von der Geſchichte angefangen?— Warum ſtellt Ihr Euch denn jetzt ſo donnermäßig dumm an? He!* „Ja, das war damals,“ entgegnete die Wirthin,„aber es iſt nichts mit der Angelegenheit.“ „Warum nicht?“ fragten die Brüder. „Es geht nun einmal nicht,“ ſagte achſelzuckend Frau Schilder. „Und warum geht es nicht?“ „Nun, ich will es Euch offenherzig ſagen, aber— ich trau' Euch auch nicht recht.“ „Uns?“ riefen die beiden Brüder zornig aus. „Verſteht mich recht,“ fuhr die Frau fort,„nur in ſo weit Jungfer Clementine. 203 trau' ich Euch nicht, als ich fürchte, Ihr könnt das Schwätzen nicht laſſen, da Ihr genau wißt, daß ich allein den Kopf in der Schlinge habe.“ „Dummes Zeugl! wer wird ſo was glauben?“ ſagte der Fuhrmann. 8 „So was glaube ich,“ meinte lächelnd die Frau; n's iſt ſchade um das ſchöne Geſchäft; es war Alles ſo gut wie eingelei⸗ tet. Schon heute hätten wir den erſten Brief ſchreiben können; und ich bin überzeugt, ſte wär' ſogleich Feuer und Flamme ge⸗ weſen, und es wäre was Tüchtiges abgefallen.“ „Nun, ſo thun wirs's doch!“ rief hitzig der Fuhrmann; „gebt mir Feder und Papier, das iſt gleich abgemacht!“ „Nein, nein, ich mag nicht!“ ſagte die Frau. „Noch einen Schoppen!“ rief der Fuhrmann; und als die Frau aufſtand, um ihn zu holen, ſagte er leiſe zu ſeinem Bruder: „Gib nur Acht, die ganze Komödie, welche die Alte ſpielt, dreht ſich einzig darum, daß ſie etwas mehr herausſchlagen will— von dem Gewinnſt nämlich; wir hatten abgeſprochen, Jeder von uns Dreien bekomme ein Drittel, was nicht mehr als billig iſt— paſſ' auf, ſo wie wir ihr den Willen thun und ihr vom Ganzen die Häͤlfte laſſen— ſie meint, ſie könne das anſprechen, weil alle Gefahr auf ihrer Seite wäre— ſo wird ſie gleich nachgeben; im Grunde iſt's ja einerlei; denn was ſie mehr bekommt, das pum⸗ pen wir ihr hintendrein doch wieder ab.“ Die Frau kam mit dem Wein zurück und ſetzte ihn auf den Tiſch. „Wie hatten wir es doch damals verabredet?“ ſagte der Fuhrmann.„Wenn ich mich recht erinnere, ſo ſolltet Ihr vom Gewinn die Hälfte haben, und wir zuſammen die andere Hälfte. — War es nicht ſo, Frau?“ Dreizehntes Kapitel. Ein kaum ſichtbares Lächeln flog über das Geſicht der Wir⸗ thin, doch waren gleich darauf ihre Züge wieder hart und mür⸗ riſch wie zuvor. 8„Seid doch nicht eigenſinnig!“ fuhr der andere fort;„ſo was kommt nicht ſobald wieder; da mein Bruder Konrad hilft auch mit. Laßt uns an die Arbeit gehen und weiter keine Worte verlieren. Na, ſagt Eure Meinung: was ſchreiben wir zuerſt?“ Jetzt hatte die Frau den Fuhrmann ſo weit, wie ſie ihn haben wollte; er hatte ihr die Hälfte des Gewinnſtes verſprochen, und obendrein war jetzt der andere der überredende Theil. Gieng die ganze Angelegenheit einmal ſchief, ſo konnte ſie immer ſagen: „Warum habt Ihr mich dazu genöthigt? Ihr wißt ganz wohl, daß ich nicht gewollt habe!“ Und darauf konnte ſie weiter ſagen: „Ihr habt mich ins Unglück gebracht— in einem ſolchen Falle nämlich— jetzt bringt mich wieder heraus!“— Die alte Frau Schoppelmann war eine wohlhabende Frau und die beiden Söhne hatten einmal ein tüchtiges Erbe zu erwarten. Faſt eine Viertelſtunde lang überlegte die Frau hin und her; bald ſchüttelte ſte den Kopf, bald blickte ſie an die Decke, bald dem Fuhrmann ernſt ins Geſicht, und dann ſchien ihre feſte Tugend ein wenig weich zu werden, und endlich ſagte ſte:„Nun denn, ich will Euch den Gefallen thun, es bleibt alſo bei den be⸗ ſprochenen Bedingungen?“ „Ihr bekommt die eine Hälfte vom ganzen Gewinnſt, und wir Beide zuſammen die andere; billiger kann man nicht ſein!“ „Und der iſt ein ſchlechter Hund,“ ſagte der Jäger,„der den Anderen verräth; in einem ſolchen Falle ſollen die beiden An⸗ deren das Recht haben, ihn todt zu ſchlagen.“ „Das läßt ſich hören!“ ſagte der Fuhrmann,„ich bin dabei.⸗ F ——— Jungfer Clementine. 205 „Ich auch!“ ſagte die Wirthin; denn ſie dachte bei ſich: „Mit dem Todtſchlagen hat's gute Weile Darauf reichten ſich die drei Verbündeten über dem Tiſche die Hand; die Wirthin holte Papier, Dinte und Feder, rückte ihren Stuhl neben den des Fuhrmanns und dirtrte einen à Buüff den Jener niederſchrieb. 8 Was in dieſem Briefe ſtand, werden wir uns Alauben, bem geneigten Leſer ſo bald als möglich mitzutheilen. Vierzehntes Kapitel. Von der Entweihung einer Kgl. Infanterie-Kaſerne und dem Straf- gerichte des Majors, Freiherrn von Arander. Der Major der Infanterie, Freiherr von Brander, war ein angenehmer Mann und wohlgelitten in allen Kreiſen der Geſell⸗ ſchaft. Wir ſagen: in allen Kreiſen, und glauben nicht zu viel damit geſagt zu haben. Um von unten anzufangen, hieng das Volk der kleinen Gewerbe und größeren Handwerke, Schuſter, Schneider ſeinerſeits, Putz⸗ macherinnen und Nähterinnen von Seiten der Freifrau von Bran⸗ der, an ihm mit feſtem Glauben, da ſte ſeine Gläubiger waren. Die Soldaten liebten ihn wie ihren Vater, und die Furcht, ihm vielleicht durch eine Kleinigkeit zu mißfallen, war ſo groß, daß bei ſeinem Anblick das ganze Bataillon, incluſtve der Unteroffi⸗ ziere und Feldwebel, der Lieutenants und Hauptleute, ordentlich erzitterte, und ihm jedes einzelne Glied dieſer großen militäriſchen 8. Familie, wenn es nur irgend möglich war, aus dem Wege gieng. — Entweihung einer K. Infanterie-Kaſerne. 207 Bei den Bürgersfrauen ſtand der Major wegen außer⸗ ordentlicher Moralität in hoher Achtung. Er hegte durchaus nicht den Grundſatz manches Kollegen, daß es den Soldaten er⸗ laubt ſein müſſe, den Bürger zu chicaniren, indem es den Vater⸗ landsvertheidigern geſtattet ſei, das dienenden Wwribliche Pexſonal ſeinen Pflichten abwendig zu machen; noch diel wepiger aber konnte er die Anſticht theilen, es ſeien Dienſtmädchen und Köchin⸗ nen der ganzen Stadt nur zum Vergnügen und zur Unterhaltung einer rohen Soldateska angeſchafft. Er war in dieſem Punkt außerordentlich ſtreng; er hatte unter Anderem den Unteroffizieren und Feldwebeln ſeines Bataillons eingeſchärft, genau darüber zu wachen, daß das Fraterniſtren des Militärs in dieſer Richtung mit Individuen der bürgerlichen Klaſſe ſo viel als möglich unterdrückt würde. Soldaten dagegen, die ſeine Befehle nicht achtelen, und die ſich durch ein ſolches Verlieren in andere Ständelin allerlei unangenehme Konflikte brachten, wußte er exemplariſch zu be⸗ ſtrafen. Er gab ihnen bei Waſſer und Brod Gelegenheit, über ihre Fehler nachzudenken, und wenn ſte anders mit der deutſchen Literatur bekannt waren, hatten ſte Zeit genug, in Numero„Si⸗ cher“— ſo nennen gefühlvolle Seelen das Arreſtlokal— zu jammern: „Schönheit war die Falle meiner Tugend, Auf dem Richtplatz hier verfluch' ich ſte!“ Höher hinauf in den Kreiſen der Geſellſchaft, bei ſeinen Stabs⸗Kollegen, bei dem kleinen Adel, war dieſer Mann wegen ſeiner feſten Grundſätze anderer Art ſehr wohl gelitten. Der Major war nämlich überzeugt, daß der liebe Gott die höheren Klaſſen in einem Auflug von guter Laune zu ſechem Privat⸗ Vergnügen erſchaffen und zu deren Anfertigung„ en een 208 Vierzehntes Kapitel. Urſtoff genommen, als dies bei den Creaturen weiter unten geſchehen. Auch in noch höheren Schichten, ja, dort hinauf, wo kein irdiſches Auge klar und deutlich mehr ſieht und, vom Schimmer geblendet, zurückbabt, an den Stufen des Thrones wußte man, daß der Freiherr von Brander in der Welt ſei; und ehe er den Beſitz ſeiner Gemahlin errang, hatte er das Glück gehabt, bei großen Feſtlichkeiten, ja ſogar bei kleinen Kammerbällen häufig als„Tanzender“ eingeladen zu werden, und einmal ſogar hatte ihn der Kriegsminiſter ſo hoch gewürdigt, daß er ihn ſpeziell um ſeinen Rath in einer militäriſchen Angelegenheit befragte. Es handelte ſich damals um eine Aenderung in der Bewaffnung des Heeres, und wir können mit Stolz ſagen, daß in dieſer wichtigen Angelegenheit der Rath des Majors, Freiherrn von Brander, das weiße Leherzeug nämlich, ſtatt mit Kreide, mit geriebenem Thon anzuſtreichen, ſowie ferner dem Soldaten zu erlauben, den ober⸗ ſten Haken ſeines Uniformkragens in den Freiſtunden zu öffnen, ſtegreich durchdrang. Der Major von Brander war ein kleiner, unterſetzter Herr, mit außerordentlich dicken Epauletten und einem faſt zu kurzen Waffenrocke. Er hoffte durch das Letztere ſeine Geſtalt einiger⸗ maßen größer erſcheinen zu laſſen, was ihm aber hiedurch nur unvollkommen gelang. Sein Geſicht war dick und rund; ein ge⸗ waltiger Schnurrbart theilte es in zwei faſt gleiche Hälften, deren untere ſich in einer ſchwarzen, ordonnanzmäßigen Halsbinde ver⸗ lor, die obere dagegen, mit zwei kleinen, grauen Augen verziert, ſich in ein Gebüſch kurz geſchorener, etwas ſtruppiger Haare endigte. Die Geſichtsfarbe des Majors war geſund zu nennen; ſie hatt. aom Camaͤleon an ſich; denn wenn ſeine Züge bel ge„Wetter ſanft geröthet erſchienen, ſo ſchillerten — 5 5 1 — —