—————jj—— ———— ö ——— Leibbibliothet 3 dentſiger,⸗ ngliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und 1 Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Wa ens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rü⸗ dgabe eines geliehenen Buches r vird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 1 8t tun⸗ den angenomme en. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahr ne eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir z zurickerfneite wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mr. 50 Pf— auf 1 Monat: 1 Mf.—— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. 33 „— — — Pf. 1* Auswürtige Abonnenten habei für Hin⸗ und Zuri ückſendung ver Bücher suf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unn defhte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das, zerriſſene, beſchmutzte, Wer lorene oder defeecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt er Leſer zum Erſatz d Kanzin verpflichtet. Ausleinezeit. Dieſelbe ſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam be macht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 8——= ,= ee V V V —— — 8 —— ☛ ———————— Roman von J. W. Heckländer. Uritter Vand. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1874. Eyuan 04 8 Schlofigaſſe Leih- und 1 Offensein der Bibliet 1 Pfängnahme und Rü 7 Uhr bis Abends 2 2. Lesepreis. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Inhalt. Achtes Kapitel. Wir wohnen einer vertraulichen Unterhandlung an, in Folge welcher ſich zwei Heldinnen dieſer Geſchichte entzweien „ Neuntes Kapitel. Enthält Gemüthliches und Geſchäftliches, ſo wie etwas von der geheimnißvollen Gründung der großen deutſch⸗ameri⸗ kaniſchen Bank. *******.** Zehntes Kapitel, mit unangenehmen Erklärungen ſo wie Begegnungen freund⸗ licher Art, wird ſchließlich durch einen tiefen Schatten verdüſtert .**.*... Eilftes Kapitel. Fortſetzung ärztlicher Conſultationen der verſchiedenſten Art, mit einer Stufenleiter vom Glück bis zu tiefer Trauer. Seite IV ¹ Seite Zwölftes Kapitel. Sehr ernſten Inhalts, denn es handelt von allerlei Unglück und dem Gram verſchmähter Liebe.....170 Dreizehntes Kapitel. Auch nicht heiterer als das vorhergehende, da es fort und fort regnet und die Schatten immer tiefer werden. 224 b . W v e ₰ ½́— 2 Achtes Kapitel. Wir wohnen einer vertraulichen Unterhandlung an, in Folge wel⸗ cher ſich zwei Heldinnen dieſer Geſchichte entzweien. Wir hielten es im Intereſſe unſerer wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte für dringend nothwendig, im vorigen Kapitel ein paar kleine Rückblicke zu geben, und nehmen jetzt den Faden unſerer Erzählung wieder da auf, wo Herr Joſeph Schropps an der Thür des Eckhauſes erſchien, in welchem Fräulein Wilhelmine von Wanner wohnte. Verſchiedene Augenpaare hatten ſeine Annäherung natürlich ſchon lange vorher bemerkt, und Herr Sprütter dabei geſagt:„Da erſcheint auch wieder eine bekannte und etwas anrüchige Perſönlichkeit von der ehem aligen Zigeunerinſel zum Be⸗ ſuche bei einer dito mit dito— ſonderbar!“— Ma⸗ dame Schwebeling, ſich heftig in ihren Stuhl zurück⸗ werfend, war in die Worte ausgebrochen:„Wo Aas iſt, ſammeln ſich die Krähen!“ Sie haßte die Schropps faſt noch mehr als die Wanner und hatte größere Urſache dazu. Denn die Hunderttauſende, welche dieſe ſchändlichen Brüder in Wucher und Spekulation verdient, 1 Waten ja Hackländer, Kainszeichen. III. 3* ———— ͦ——— S —— 4 8 —— — — 2— 1 ihrer eigenen Familie thatſächlich geſtohlen worden. Hatte ja doch der Kanzleidirektor mit ſeinen Schwägern die glück⸗ 4 liche Idee gehabt, die Grundſtücke der Zigeunerinſel da⸗ mals zu erwerben, und nur wegen dieſer Schropps war — man zu ſpät gekommen! Auch die Doktorin ſah Herrn Joſeph Schropps in das 4 Haus eintreten, und da ihr dieſer Mann, ein Junggeſelle von koloſſalem Reichthum, nicht übel gefiel, ſo baute ſie in der Einſamkeit ihres Wittwenzimmers Luftſchlöſſer, 4 deren Fundamente die Bekanntſchaft mit Fräulein von Wanner waren. Doch ahnte der Betreffende nicht, welches Intereſſe — verſchiedener Art ſeine Erſcheinung hier hervorgerufen, war auch zu ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, um zu be⸗ 3 merken, daß ſich an den Spionirſpiegeln der gegenüber⸗ 8 liegenden Häuſer verſchiedene erſtaunte Phyſiognomien zeig⸗ „ ten. Er ſtieg die Treppe hinauf in den erſten Stock, wo er an einer Glasthüre läutete und das erſcheinende Dienſt⸗ mädchen fragte, ob Fräulein von Wanner vielleicht zu Hauſe und zu ſprechen ſei. Beides wurde bejaht und er alsbald in ein Zimmer geführt, wo ſich drei Perſonen befanden, zwei Damen und ein Herr, in welchen beiden erſteren er ſogleich Fräulein von Wanner und deren ehemalige Kammerjungfer erkannte. Auch war dieſes Erkennen angenehmer Weiſe gegen⸗ ſeitig und Fräulein Wilhelmine näherte ſich ſogleich ihrem ehemaligen Nachbar, reichte ihm die Hand und hieß ihn, wenngleich mit einiger Zurückhaltung, freundlich willkom⸗ men. Hierauf wurde ihm ein Stuhl angeboten und er mit dem Herrn im Zimmer bekannt gemacht. „Herr Joſeph Schropps, einer unſerer genauen Be⸗ kannten— Herr Reiſeprediger Schleimer—“ Herr Schropps grüßte achtungsvoll, welchen Gruß der Herr Reiſeprediger, der ſich von ſeinem Stuhle erhoben hatte und ſteif wie ein Bleiſtift neben demſelben ſtehen blieb, durch eine raſche zweimalige Neigung ſeines Kopfes erwiederte, wobei dieſer Kopf ſo tief auf die Bruſt herab⸗ ſank, als habe er im Nacken ein ganz beſonders beweg⸗ liches Gelenk. Dann ſetzten ſich alle Vier nieder und Herr Schropps eröffnete das Geſpräch mit der Verſicherung, daß er ſich glücklich ſchätze, Fräulein von Wanner ſo ganz unverän⸗ dert wieder zu finden, ja, vortrefflich ausſehend und eigent⸗ lich jünger geworden, viel, viel jünger. Es war dies mehr wie ein bloßes Compliment, denn man mußte in der That geſtehen, daß Fräulein von Wanner heute viel beſſer ausſah wie damals, als ſie noch in beſtändigen ſchmerzlichen Aufregungen lebte bei den langjährigen Leiden der theuren, unvergeßlichen Mutter. Sie ſchien ſogar etwas ſtärker geworden, doch konnte dies auch Täuſchung ſein, hervorgebracht durch ihr einfaches, aber ſehr anſtändiges, graues Kleid, welches hoch bis zu ihrem Halſe hinauf ging und dort mit einem nach Herrn⸗ huter⸗Art geſchnittenen Mantelkragen verſehen war. Was dagegen ihren Kopf anbelangte, ſo war das Haar noch eben ſo glanzlos und muffig wie früher. Auch hatte das — 4— Geſicht durchaus nicht an Friſche gewonnen, ſondern er⸗ ſchien etwas aufgedunſen, wie von gelblichem Flanell, mit dunklen Hautporen, beſonders um die Gegend der fleiſchi⸗ gen Naſe, und gab mit den ſchlechten Zähnen ein Bild, bei welchem wir uns unwillkürlich an den Geruch von Patchouli erinnern. 3 Die ehemalige Kammerjungfer Rieke, welche im Ge⸗ ſpräche einige Male als Geſellſchafterin bezeichnet wurde, war ziemlich dick geworden, beſonders in ihrem etwas ge⸗ meinen Geſicht, hatte ſich aber im Ganzen beſſer conſer⸗ virt wie ihre Herrin, was man hauptſächlich ihren lebhaften Augen, ihren immer noch friſchen Lippen, guten Zähnen ſo wie ihrem feſten und ſorgfältig geordneten Haar zu⸗ ſchreiben konnte; ſie trug faſt die gleiche Kleidung wie das gnädige Fräulein. „Sie ſehen,“ ſagte dieſe mit einer Handbewegung gegen die Geſellſchafterin,„daß ich mir auch im Hinblick auf dieſe treue Seele die freundlichen Erinnerungen aus einer glücklichen Jugendzeit erhalten habe.— Wir theilten ſo viel Freud' und Leid mit einander, daß es für uns beide gleich ſchmerzlich geweſen wäre, uns zu trennen, be⸗ ſonders fern von der Heimat, zu welcher uns ſchon längſt eine unüberwindliche Sehnſucht zurückgezogen.“ „Eine Sehnſucht,“ ſagte der Reiſeprediger,„welche in das menſchliche Herz wie ein göttliches Samenkorn gelegt iſt, wurzelnd in ſüßer Erinnerung, getrieben und gezeitigt durch einen allerdings unerklärlichen Drang des Herzens, begoſſen durch den Schmerz, den wir das Wehe der Heimat nennen und der ſchon hienieden ſo unwiderſtehlich eine Sehnſucht in uns erweckt auch nach der himmliſchen Heimat, daß wir bei einem empfänglichen Gemüthe nur jene Pfade zu wandeln vermögen, bei denen die Gnade zum Durchbruch kommt und wir ſtets jene erhabene Pforte vor uns ſehen, welche uns entgegen leuchtet mit dem Ur⸗ quelllichte alles Göttlichen und Schönen.“ Unter der Wucht dieſer erhabenen Worte hatten ſowohl Fräulein Wilhelmine als ihre Geſellſchafterin die Häupter geneigt, vergleichbar ein paar reifen Sonnenblumen, welche nach himmliſchem Thaue dürſten, während Herr Schropps mit erſtaunten Blicken den Sprecher etwas näher in's Auge faßte. Dieſer war ein langer, dünner und noch ziemlich junger Mann, ſchwarz gekleidet, ſchwarz behandſchuht— Alles ſchwarz. An ſeinem Anzuge war nichts Helles zu ſehen, als eine weiße Halsbinde, die um ſo mehr tugend⸗ haft und ohne Falſch erſchien, als man weder einen Knopf noch eine flatterhafte Schleife an ihr bemerkte, weil Herr Schleimer ſie hinten zuzuknüpfen pflegte. Sie war etwas niedrig, ſo daß man den Hals mit einem ſtarken Adams⸗ apfel ſah, der ſich beim Sprechen bedeutſam bewegte und ſo gewiß nicht abſichtslos an den Sündenfall als die Quelle alles Uebels erinnerte, wogegen ſein glatt raſirtes Kinn, ſeine bartloſen Wangen, ſo wie ſeine blauen, etwas müden und ſanft ausdrucksloſen Augen ein verſöhnendes Bild ſüßen Friedens gaben. Sein Geſicht hatte einen Ausdruck heiliger Ruhe, die auf Tugend und Rechtlichkeit gegründet iſt, und das über der Stirn geſcheitelte, glatt Hackländer, Kainszeichen. III. —— „— — —.———— —————————— W. 1 älͤͤöͤ ... ₰ — 6 herabhängende, ſemmelblonde Haar erſchien wie das ein⸗ fache, anſpruchsloſe Strohdach auf einer Hütte des Friedens. Und wenn man Herrn Schleimer ſah und hörte, ſeine ſanften, wohlwollenden Worte vernahm, ſo konnte man ihn auch eine Hütte des Friedens nennen mit der Aufſchrift: Kommt unter mein gaſtliches Dach, kommt in mein Kämmerlein alle, ſo ihr des Troſtes bedürftig ſeid, vor Allem ihr ſüßen, weiblichen Seelen! Auch in ſeinen Be⸗ wegungen lag für eine gewiſſe Art von Gläubigen etwas Vertrauenerweckendes, etwas Anziehendes, und ſein ölarti⸗ ges, geſchmeidiges Benehmen hätte nur rauhen, mißtraui⸗ ſchen Charakteren verdächtig erſcheinen können, harten Herzen, die Alles mit Mißtrauen betrachten und welche die von ſeinen Lippen fallenden Diamanten für nachgemachte, falſche Steine hielten, ihn aber für einen Wegweiſer, der ſelbſt den Pfad nicht wandelt, nach welchem er beſtändig hinzeigt. Ach, und es gibt ſolche rauhe Charaktere genug in dieſer böſen, verderbten Welt, denen Nichts heilig iſt, die hinter jedem innigen gottgefälligen Worte Heuchelei wittern und mit Mißtrauen einer biedern Seele nahen, weil ſich dieſe nicht in rauher, derber Schale zeigt, ſondern ehrlich, redlich, tugendhaft und moraliſch, geſchmeidig, ölig, ſchlei⸗ mig wie Herr Schleimer! Auch Herr Joſeph Schropps fühlte etwas von ſolchem Mißtrauen und dachte bei ſich ſelber, wenn der Mann mit ſeinem ſüßen Lächeln, mit ſeinen niedergeſchlagenen Augen zu mir auf's Comptoir käme, um einen Wechſel —— ee ————————————————— 7— discontiren zu laſſen, ſo würde ich die Unterſchrift dieſes Wechſels einer ſehr genauen Prüfung unterwerfen. Da dies aber wohl nicht der Fall ſein, er auch ſonſt wohl keine Veranlaſſung finden würde, mit Herrn Schleimer in Berührung zu kommen, ſo nahm er ihn als einen ſchnur⸗ rigen Kauz, der hier bei den beiden alten Frauenzimmern an richtiger Stelle war, und wartete mit Geduld, bis er ſich anderswohin verziehen würde, um dann mit Fräulein von Wanner etwas Geſchäftliches reden zu können. Dazu machte der Herr Reiſeprediger auch gelinde An⸗ ſtalten, indem er langſam die Rechte nach ſeinem Hute aus⸗ ſtreckte, doch wollte Fräulein Wilhelmine es unter keiner Be⸗ dingung zugeben, daß er ſich ſo raſch wieder entferne, jedenfalls nicht, bevor er ein Tröpfchen Morgenwein mit einem Bis⸗ cuit zu ſich genommen, welche beſagten ſchönen Dinge von der Geſellſchafterin auch ſogleich und ſehr eilig herbeige⸗ bracht wurden. „Sie werden es gewiß begreiflich finden,“ wandte ſich Fräulein von Wanner an Herrn Schropps, indem ſie ihm ebenfalls ein Glas Wein aufnöthigte,„daß ich einem ſo theuren Freund und Lehrer, wie Herrn Schleimer, nicht erlauben kann, uns ſogleich wieder zu verlaſſen, nachdem leider eine ſo geraume Zeit zwiſchen unſerer letzten Be⸗ gegnung vergangen. Ach, es iſt faſt ein halbes Jahr, ſeit ich dieſen theuren Mann nicht geſehen, dem ich zu großem Danke verpflichtet bin!— Ja, Herr Schleimer, zu außerordentlichem Danke,“ ſetzte ſie mit großer Ent⸗ ſchiedenheit hinzu, als der theure Mann eine abwehrende 8 8. — —— .* 8 4 5 88 — —— —— w————————%%——— 4 — — 8— Bewegung mit der Hand machte, in welcher er ein Bis⸗ cuit hielt, weil ihm das Sprechen unmöglich war, da er ein anderes gerade kaute.„Ach, Herr Schropps, Sie wiſſen nicht, wie viel wir ihm verdanken, da er durch ſanften Zuſpruch nicht nur die Schwermuth zu zerſtreuen wußte, die mich nach dem Tode meiner unvergeßlichen Mutter erfaßt hatte, ſondern da es auch ſeinen Bemühun⸗ gen gelang, chriſtliche Samenkörner in mein Herz und das der armen, getreuen Rieke zu pflanzen!“ „Wozu ich,“ ſagte Herr Schleimer mit bewegter Stimme, nachdem er heftig geſchluckt,„den Boden ſo wunderbar vorbereitet und empfänglich fand, ja, ſo frucht⸗ bar, daß das Pflänzlein der Erkenntniß und Gnade als⸗ bald luſtig gedieh und zu einem ſchönen, ſtarken, frucht⸗ ſpendenden, ſchattengebenden Baume emporwachſen wird.“ Er ſagte das in einem näſelnden Kanzeltone, während er den Kopf etwas auf die rechte Seite neigte und ſeine Hände mit Glas und Biscuit bewaffnet hoch empor hob, worauf ſich Herr Schropps durch eine begreifliche Ideen⸗ verbindung zu der Bemerkung hingeriſſen fühlte, daß ſolche Worte von dem Herrn Reiſeprediger in der Kirche ge⸗ ſprochen unzweifelhaft von großer Wirkung ſein müßten. Doch lächelte hier Herr Schleimer auf eine ſelbſtgefällige Art, ehe er erwiederte:„Was iſt Kirche?— Wo iſt die Kirche?— Warum gerade Kirche?— Denn ich ſetze voraus, wertheſter Herr Schripps—“ „Schropps, wenn es Ihnen gleichgültig iſt.“ „Alſo liebwertheſter Herr Schropps, wenn Sie unter — 9— dem Worte Kirche ein Gebäude zu verſtehen beliebten, das man gewöhnlich mit dieſem Namen benennt, das meiſtens aus Holz und Stein ausgeführt iſt, worin ſich häufig die Heuchelei breit macht unter der ſüßen Maske echt chriſt⸗ licher Frömmigkeit, ſo werden Sie wohl nie Gelegenheit haben, mich auf der Kanzel einer dieſer Kirchen zu ſehen, denn ich brauche keinen ſolch' beſchränkten Raum, um das wahre, lebendige Wort zu verkündigen, mir iſt jeder Ort eine Kirche— um dieſe Benennung nochmals zu brauchen — wo ich gleichgeſtimmte Seelen finde, die von der Gnade genugſam durchleuchtet ſind, um mich zu verſtehen, ſei es unter dem weiten Dom des Himmels, ſei es in armer Hütte, ſei es unter dem ſäuſelnden Schatten der Bäume, ſei es in einem verſchwiegenen Kämmerlein, bei empfäng⸗ lichen Frauen und Jungfrauen.“ Da er bei den letzten Worten den Kopf noch tiefer ſenkte und unter ſeinen Augenbrauen hinweg einen ſüßen Blick auf ſeine andächtigen Zuhörerinnen ſandte, ſo ſenk⸗ ten dieſe gleichfalls demuthsvoll ihre Häupter zum Zeichen, daß ſie reif ſeien zur Empfängniß und zur gläubigen Erkenntniß. Dies war bei Herrn Schropps weniger der Fall, und da er anfing, ſich bei den Reden des Herrn Schleimer gelangweilt und unbehaglich zu fühlen, ſo huſtete er leicht hinter der vorgehaltenen Hand und blickte im Zimmer um⸗ her, wie man zu thun pflegt, wenn man ein Geſprächs⸗ thema zu ändern wünſcht, was dann Fräulein Wilhel⸗ mine gewiſſermaßen für ihn that, indem ſie ſagte:„Leider ———— —4— 5 3 —— ——“ ——— werden Sie keine Gelegenheit haben, die herrlichen Vor⸗ träge unſeres verehrten Freundes zu hören, da er das mühſame und aufreibende Amt eines Reiſepredigers nur noch in Ausnahmefällen ausübt, nur bei gleichgeſtimmten Seelen, und dann ganz zu ſeiner chriſtlichen Freude und Erholung.“ Herr Schleimer nickte beifällig mit dem Kopfe. „Jedenfalls aber,“ fuhr Fräulein von Wanner fort, „halte ich es für eine glückliche Vorbedeutung, daß es mir vergönnt war, einem ſo langjährigen erprobten Bekannten meinen lieben Freund, Herrn Schleimer, vorſtellen zu dürfen. Herr Schropps nämlich, einer unſerer reichſten Banquiers und gediegenſten Geſchäftsleute, wird ſich gewiß ein Vergnügen daraus machen, meinem lieben Freunde mit Rath und That an die Hand zu gehen.“ Hier verbeugte ſich Herr Schropps allerdings etwas ſteif und förmlich, ehe er ſagte:„Gern bereit, Ihren Wünſchen entgegen zu kommen, allein, liebes Fräulein, ich glaube doch, daß die Geſchäfte des Herrn Schleimer zu verſchiedener Art von den meinigen ſind, um ihm mit meinem Rathe und meinen Erfahrungen nützen zu können.“ „Wie glücklich würde ich ſein,“ erwiederte Herr Schlei⸗ mer, mit einem Blick an die Zimmerdecke,„wenn ich zu den Worten dieſes verehrteſten Herrn Ja und Amen ſagen könnte, wenn ich in der Lage wäre, den Flug meiner reinen chriſtlichen Gedanken nur nach aufwärts richten zu können, wenn die materiellen Bedürfniſſe des traurigen Erdenlebens ſich nicht wie Blei an meine geiſtigen Flügel — 11— hängten und mich in den Staub des alltäglichen Lebens zurückzögen! Werther Herr, ich bitte mich nicht mißzuver⸗ ſtehen und mir es nicht als Hochmuth auszulegen, wenn ich Ihnen ſo gewiſſermaßen meinen Schmerz ausdrücke, daß ich gezwungen bin, meinen edlen Berufskreis zu be⸗ ſchränken und den alltäglichen Pfad zu wandeln, der zu dem nothwendigen Brode des irdiſchen Lebens führt.“ „Mit anderen Worten,“ ſagte Herr Schropps etwas ungeduldig,„Sie ſuchen wohl eine andere bürgerliche Be⸗ ſchäftigung, da das Amt eines Reiſepredigers auch wohl ſeine Schattenſeiten hat?“ „Das Amt an ſich nicht, werther Herr!— O nein, — o nein!“ verſetzte Herr Schleimer mit einem himmeln⸗ den Blicke. „Auch ſucht mein lieber Freund nicht mehr dergleichen, ſondern wünſcht nur Ihren freundlichen Rath bei ſeinem bereits gefundenen, allerdings eben erſt beginnenden, ſegens⸗ reichen Wirkungskreiſe.“ „Mit Vergnügen, wenn ich darin dienen kann.“ „Herr Schleimer hat nämlich, einem längſt gefühlten, dringenden Bedürfniſſe abzuhelfen, einen Verein gegründet, der ſich die Aufgabe ſtellt, Jungfrauen und Wittwen zu paſſenden Lebensgefährten zu verhelfen.“ „Alſo ein Heirathsbureau?“ fragte Herr Schropps. „Nennen wir es nicht ſo, werther Herr, ich möchte nicht, daß es ſo hieße, ich möchte nicht, daß mein gewiſſen⸗ haftes Beſtreben, gleichgeſinnte chriſtliche Seelen zuſammen zu führen, mit dieſem vulgären Namen belegt würde. Ich — 12— möchte um Alles in der Welt nicht, daß man bei mir vorausſetzen könnte, als arbeitete ich hin auf gemeine Sinnesluſt, oder als unterſtütze ich den Drang nach ge⸗ meinen Glücksgütern— wie eben ſchon geſagt—“ hier legte Herr Schleimer die Hand auf's Herz—„rein iſt mein Beſtreben und rein ſoll es bleiben.— Gewiſſen⸗ haften Eltern und Vormündern dringend zu empfehlen— mit Photographieen wird nie ein Mißbrauch getrieben, und ſtrengſte Verſchwiegenheit iſt zugeſichert.“ „Das kann ich mir denken,“ erwiederte Herr Schropps in einem trockenen Tone, und ſetzte fragend hinzu:„So iſt Ihr Inſtitut ſchon in's Leben getreten?“ „Es beginnt ſo eben, werther Herr, vielleicht darf ich Ihre Aufmerkſamkeit lenken auf Ankündigungen in den heutigen Tagesblättern, verziert mit zwei verſchlungenen Händen, Anmeldungen werden erbeten Kreuzſtraße Nro. 4. — Sollten Sie Gelegenheit haben, irgendwo ein freund⸗ ſchaftliches empfehlendes Wort zu ſagen über meine gewiß ſegensreiche und ſittlich reine Anſtalt, ſo würden Sie nicht nur mich, ſondern gewiß auch unſere theure Freundin hier zu herzlichem Danke verpflichten. Daß meine Be⸗ ſtrebungen frei von jedem Schwindel ſind, brauche ich kaum zu ſagen, und will nur noch beifügen, daß ſie nach⸗ gebildet ſind ähnlichen ſegensreichen Anſtalten in Amerika, dem Lande der Freiheit, wo ich ſelbſt in einem ſolchen Inſtitute thätig war.“ „Ah, Sie waren in Amerika?“ „Hätte ich vergeſſen, Ihnen das zu ſagen?“ fragte 13— Fräulein von Wanner;„allerdings war unſer lieber Freund, Herr Schleimer, auch drüben ſo glücklich, in chriſtlichem Sinne wirken zu dürfen, ja, eine Gemeinde zu gründen, die heute dort noch blüht in Eintracht, Liebe und Wohl⸗ ſtand.“ „Und warum ſetzten Sie drüben Ihre ſegensreichen Beſtrebungen nicht fort?“ „Die unbezwingliche Liebe zur Heimat trieb mich zu⸗ rück, wie ich Ihnen ſchon ein Mal glaube bemerkt zu haben, werther Herr Schripps.“ „Schropps, wie auch ich glaube, Herrn Schleimer be⸗ merkt zu haben.“ „Ach ja, verzeihen Sie,“ erwiederte Herr Schleimer, indem er mit der Hand ſanft über ſeine Stirne ſtrich, „Schropps, allerdings Herr Schropps, der Andere hieß Schripps; und doch, wenn ſich meine Gedanken auf Amerika richten, ſo kommt mir der treue, liebe, würdige junge Freund mit dem anderen Namen gleich und lebhaft in's Gedächtniß; mein guter, guter Schripps!“ „Wo war das, wenn ich fragen darf?“ „In Baltimore, lieber Herr Schropps. O, dieſer junge Mann war eine gediegene Perſönlichkeit, ein reiches Gemüth, wie es ſich wohl zu bilden pflegt, wenn der Kampf eines bewegten Lebens alle Schlacken beſeitigt hat, ſo daß nur noch echtes Gold zurückbleibt. Er war einer meiner beſten Freunde, er begleitete mich an Bord des Schiffes, und da ſah ich eine Thräne in ſeinem männlich ſchönen Auge, als er mich zum letzten Male umarmte und mit — ——„——— ————. B . 4—,——— 3* 4 0 3 . 1— 8———-— “ n 5 — n — — 2 — 14— bewegter Stimme ausrief: ‚Drei Mal Glücklicher, der du zur Heimat ziehſt!““ „So war auch Herr Schripps ein Deutſcher?“ fragte Fräulein von Wanner. „Ja, und wieder ein lebendiger Beweis von der Macht der Liebe zur Heimat. Es hätte nur einer kleinen Ueber⸗ redung meinerſeits gebraucht, und er würde mit mir ge⸗ zogen ſein nach dem geheiligten Boden des Vaterlandes, zurücklaſſend einen ſchönen Wirkungskreis, eine wohl⸗ geſicherte geſellſchaftliche Stellung.“ „Es wäre das ſehr unklug von dieſem Herrn Schripps geweſen,“ meinte Herr Schropps. „Unklug gewiß, werther Herr, ja, thöricht, das ſah er auch ein und ſagte, als er mich zum letzten Male herzlich umarmte: ‚Was ſollte ich drüben thun? Eltern habe ich keine mehr, nur noch ein paar ſehr reiche Verwandte, und wer weiß, ob dieſe meine Zurückkunft nicht wie eine Spe⸗ kulation anſehen würden, trotzdem ich ihr rechtmäßiger Erbe bin,— doch dem Himmel ſei Dank,“ ſetzte Herr Schripps hinzu, ‚ich kann im Nothfall dieſes Erbe entbehren, und iſt es auch das nicht, was meine Augen feucht werden läßt:— hier wiſchte Herr Schleimer im tiefen Mitgefühl die ſeinigen—, ‚wenn ich an jene geliebten Verwandten denke, von denen der eine ſchon ziemlich bejahrt iſt, ſon⸗ dern es ſchmerzt mich nur, daß man, wie ich genau weiß, nicht an meine Beſſerung glauben will, ſowie an meine uneigennützige Liebe.““ „Hm!“ ſagte Herr Schropps mit einem recht ver⸗ — ÿycjShh— ————V—VV—V————— drießlichen Geſichte und ſetzte hinzu,„das war alſo in Baltimore, und Sie wiſſen genau, daß dieſer junge, hoff⸗ nungsvolle Mann Schripps heißt, und nicht zufällig Schropps, wie ich?“ „Schripps nannte er ſich,— doch Ihre Frage, mein werther Herr, läßt mich vor Freude erbeben. Sollte ich vielleicht das außerordentliche Glück haben, in Ihnen einen Verwandten meines guten, lieben, treuen Freundes vor mir zu ſehen, einer edlen Seele, die, weil ſie ſich lange in dürftigen Umſtänden befand, aus Schonung den Namen Schripps angenommen, o, es ſähe dieſem jungen, braven Manne ſo ähnlich— ſo ähnlich!“ „Ja, es ſähe ihm recht ähnlich!“ meinte Herr Schropps in einem kalten Tone. „Ach, du mein Himmel, ach, ach!“ rief Fräulein von Wanner,„ſollte das am Ende gar Ihr Neffe ſein, Herr Schropps, der damals— hier war— auf der Zigeuner⸗ inſel— in Ihrem Hauſe, und der auf ſo räthſelhafte Art verſchwand, was böſen Menſchen Veranlaſſung gab zu ſo widerwärtigen Reden?“ „Das wäre allerdings möglich,“ erwiederte Herr Schropps mit einer unmuthigen Bewegung,„doch habe ich mich damals um die widerwärtigen Reden böſer Leute gerade ſo wenig bekümmert, als ich mich heute ergriffen fühle von dem Lobe jenes Herrn Schripps, ſelbſt wenn er in der That mein Neffe wäre. Daß ich ihm alles Glück wünſche, können Sie mir glauben, mir aber wünſche ich, daß unſere Pfade ſich in dieſem Leben nie mehr kreuzen möchten.“ —— eee „ „Ach, wie mich das ſchmerzt, wie mich das ſchmerzt!“ rief Herr Schleimer unter einem melancholiſchen Kopf⸗ ſchütteln,„wie meine Freude plötzlich erſtirbt unter Ihren harten Worten, edler Mann, ja, die Freude, die mich durchdrang, als ich in Ihnen einen Verwandten meines theuren Freundes zu entdecken ſo glücklich war! O, wär' er nur ſelber hier! Könnten Sie ihn ſehen, könnten Sie aus ſeinen Worten hören, in ſeinem treuherzigen Blicke leſen, daß ich Ihnen noch zu wenig geſagt über die ſegens⸗ reiche Verwandlung, die auch in ſeinem Inneren vor⸗ gegangen. Doch wer darf nicht hoffen, würdiger Mann, wer ſollte nicht hoffen, wer müßte nicht hoffen, daß es den Umſtänden, der Zeit, vor Allem aber der allmächtigen Güte Gottes gelingen ſollte, zerriſſene Familienbande wieder anzuknüpfen, zum Heile Aller?!“ „Dieſe Hoffnung iſt recht hübſch von Ihnen, Herr Schleimer,“ erwiederte Herr Schropps, indem er aufſtand und nach ſeinem Hute langte, den er neben ſich auf einen Stuhl gelegt hatte.„Was mich indeſſen betrifft und auch wohl meinen Bruder Nathan, ſo hoffen wir etwas Anderes: daß es nämlich dem Herrn Schripps⸗Schropps in Balti⸗ more ſo vortrefflich gehen möge, um ihm jede Luſt zur Rückkehr nach der Heimat zu benehmen.“ Dann machte er dem Herrn Reiſeprediger und Agenten eine etwas förm⸗ liche Verbeugung und wandte ſich mit den Worten an Fräulein von Wanner:„Ich bedauere recht ſehr, Ihre Zeit heute Morgen ohne Nutzen in Anſpruch genommen zu haben, und werde mir erlauben, einer geſchäftlichen — 17— Angelegenheit wegen in den nächſten Tagen nochmals vorzukommen.“ Dieſen Wink, der durch einen Blick auf Schleimer noch verſtärkt wurde, ſchien dieſer Herr denn doch zu ver⸗ ſtehen; er ergriff ſogleich ſeinen breiträndrigen Hut und erhob ſich ebenfalls ſehr gerade und ſehr ſteif, wobei er ſeinen langen ſchwarzen Rock hinten etwas herabzog und dann, dieſer Bewegung folgend, ſeinen Oberkörper ſtreckte, ſo daß ſich ſeine Augen wie von ſelbſt gegen die Zimmer⸗ decke erhoben. Wenn Fräulein von Wanner es ungern zu ſehen ſchien, daß ihr lieber Freund ſie ſchon ſo raſch verlaſſen wollte, ſo war ihr doch anderntheils jenes von Herrn Schropps erwähnte Geſchäft zu wichtig, um dieſen Herrn unverrichteter Sache wieder abziehen zu laſſen, weßhalb ſie unſchlüſſig hin⸗ und herblickte und vielleicht dadurch ihre Geſellſchafterin zu der Frage veranlaßte, ob Herr Schleimer nicht im Nebenzimmer die Namenliſte derer durchſehen wolle, die wohl von Wichtigkeit ſein könnten, um zur moraliſchen Unterſtützung der neuen Agentur mit dem Extracircular bedacht zu werden. Vielleicht exiſtirte dieſe Liſte gar nicht einmal, und war es nur ein klug aus⸗ geſonnener Vorwand, um noch länger die ſegensreiche Unterhaltung des Herrn Schleimer genießen zu können. Ja, wir ſind befugt, dies eben ſo ſehr anzunehmen, als daß Fräulein Wilhelmine das Reſultat zwar ebenfalls wünſchte, mit dem Mittel jedoch nicht ganz einverſtanden war. Denn ſie ſagte in einem ziemlich mürriſchen Tone: — 18 „Thut das meinetwegen, und Herr Schropps wird mir gewiß noch ein paar Minuten ſchenken.“ Da nun dieſer lieber hierzu erbötig war, als in den nächſten Tagen wiederzukommen— er hatte es hier durch⸗ aus nicht behaglich gefunden—, ſo verbeugte er ſich ſchweigend, während Herr Schleimer der dicken Geſell⸗ ſchafterin in das Nebenzimmer folgte, wobei er ſeine Augen langſam und demüthig herabſinken ließ, doch nicht ohne ein verſtohlenes Blinzeln auf die volle Geſtalt der⸗ ſelben. Der Form wegen bot Fräulein Wilhelmine Herrn Schropps abermals einen Stuhl an, doch ſchien es ihr angenehm, daß er vorzog, die wenigen Augenblicke ſtehen zu bleiben; denn ſie veranlaßte ihn ſogleich durch eine Bewegung, mit ihr im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei ſie ſich etwas auffallend in der Nähe der Thüre zum Nebenzimmer hielt, und zuweilen einen Geſichtsaus⸗ druck annahm, als ſpitze ſie ihre Ohren, was ſie auch vielleicht in Wirklichkeit gethan haben würde, wenn es ihr möglich geweſen wäre. Auch entging es Herrn Schropps nicht, daß ſie ihn nur mit Zerſtreuung anhörte, was ihm aber in ſo fern nicht unangenehm war, als es die leichtere Behandlung einer wichtigen Angelegenheit zuließ, zu welcher er nun auch ſogleich in der kurzen und beſtimmten Weiſe über⸗ ging, die ihm in Geſchäftsſachen eigen war. Er ſprach über die Verhältniſſe des jungen Mädchens zur Zeit, als ſie noch in dem Hauſe der Staatsräthin lebte, dann, als ſie bei dem Major Quinſcheidt war, bis jetzt, wo ſie ſich als Pflegetochter in ſeinem Hauſe befand. Dabei ver⸗ mied er es nicht, ſich in ſehr ernſtem Tone darüber aus⸗ zuſprechen, wie wenig die natürlichen Anverwandten des verlaſſenen jungen Mädchens ſich um daſſelbe bekümmert, und daß dieſe es ſich ſelbſt zuzuſchreiben hätten, wenn Sophie, beſonders bei ihrem eigenthümlichen, feſten und ernſten Charakter, jedes verwandtſchaftliche Band als voll⸗ kommen gelöſt betrachte, eine Anſicht, die er und ſein Bruder Nathan in ſo fern unterſtützen müßten, als ſie durch langjährige Sorgfalt und Pflege gewiſſermaßen ein Anrecht auf Sophie erworben, welches dieſe auch in vollem Umfange anerkenne und gern anerkenne. Vollkommen begreiflich finde er es dagegen, daß die Anverwandten des jungen Mädchens irgend ein Pfand, eine Bürgſchaft für deren Zukunft wünſchten, welche er und ſein Bruder Nathan auch zu leiſten entſchloſſen ſeien. Während dieſer Erklärung hatte ihn Fräulein Wil⸗ helmine häufig durch ſchöne, aber ſehr allgemeine Redens⸗ arten unterbrochen, durch Verſicherungen ihrer verwandt⸗ ſchaftlichen Zärtlichkeit für das junge Mädchen, die jetzt bei der Rückkehr zur Vaterſtadt wieder mit verdoppelter Kraft in ihrem Herzen erwacht ſei, doch hatte der ſchlaue Joſeph Schropps wohl bemerkt, daß dieſe Verſicherungen im Ver⸗ hältniß ſtets eiliger, unbeſtimmter vorgebracht wurden, als ſie ſich von der Thüre des Nebenzimmers entfernten, und daß Fräulein Wilhelmine nur dann von gewiß gerecht⸗ fertigten Forderungen ſprach, wenn ſie ſo nahe an jener ——ÿ —————— „ — — 20— Thür ſtanden, daß man den Klang einzelner von Herrn Schleimer geſprochener Worte vernahm, ohne indeß von dem Geſagten etwas verſtehen zu können. Dabei war ſie zuweilen ſo ſichtbar mit anderen Gedanken beſchäftigt, daß ſie es einmal ohne eigentliche Veranlaſſung für nöthig erklärte, ihre Geſellſchafterin herbeizurufen als Zeuge, wie ſchmerzlich ſie die Abweſenheit der geliebten Nichte empfinde; ja, ſie hatte zu dieſem Zwecke die Thüre mit einem raſchen Griff geöffnet, flüchtig in's Nebenzimmer geſchaut und dann erſt ſelbſt gefunden, daß dieſe Zeugenſchaft eigentlich ganz überflüſſig ſei. Dies Alles veranlaßte Herrn Joſeph, ſie im Geſpräche in die andere Ecke des Zimmers zu führen, wo er ſich gegen das Fenſter lehnte, und dort trotz aller Zeichen des Mißbehagens und der Ungeduld ſeiner liebenswürdigen Geſchäftsfreundin hartnäckig ſtehen blieb, während er ihr ſo langſam wie möglich auseinanderſetzte, daß es ſowohl in ſeiner als ſeines Bruders Nathan Abſicht liege, für die Zukunft des jungen Mädchens glänzend zu ſorgen, daß dies vielleicht durch eine Adoption von Seiten ſeines Bruders Nathan geſchehen könne, oder durch Beſtimmung eines beträchtlichen Legates. „Sollten Sie,“ fuhr er in ſeiner langſamen, bedäch⸗ tigen Rede fort,„ſchon jetzt etwas Genaues darüber be⸗ ſtimmt wünſchen, ſo bin ich bereit, Ihnen augenblicklich eine weitere Stunde zu opfern, und bitte ich in dieſem Falle um Papier, Dinte und Feder, damit wir im Stande ſind, ſogleich ein rechtskräftiges Inſtrument aufzuſetzen.“ — ———————— — — Dazu ſchien aber Fräulein Wilhelmine im gegenwär⸗ tigen Augenblicke nicht geneigt zu ſein, ſie erklärte vielmehr, das genau überlegen, auch mit ihrer Geſellſchafterin be⸗ ſprechen zu wollen, die bei ihrer ſo treu bewieſenen Liebe für Sophie wohl ein Recht darauf habe. Sie wolle die⸗ ſelbe übrigens ſogleich fragen und zu dieſem Zwecke augen⸗ blicklich herbeirufen. Ja, ſie machte ſchon eine ſo raſche und haſtige Be⸗ wegung gegen die Thüre des Nebenzimmers, daß Herr Joſeph ſanft ihren Arm ergreifen mußte, um ſie zurück⸗ zuhalten, indem er ihr die Verſicherung gab, daß er nicht geſonnen ſei, ſie ſo zu übereilen, daß er ihr vielmehr Zeit gönnen wolle, dieſe Angelegenheit ſpäter mit ihrer treuen Geſellſchafterin in aller Ruhe zu beſprechen. „Mir genügt es vor der Hand,“ ſagte er,„daß ich im Stande war, Ihnen meines Bruders Nathan und meinen uneigennützigen Entſchluß darzulegen, für Ihre liebe Anverwandte auch künftig, wie dies ja ſchon ſeit langer Zeit geſchehen, glänzend ſorgen zu wollen, wobei ich aber nochmals hervorheben muß, daß man Fräulein Sophie geſtatten möge, über die Art ihrer künftigen Stel⸗ lung in unſerem Hauſe gleichfalls mit zu entſcheiden.— Wenn Sie damit einverſtanden ſind, ſo wäre für heute unſer Geſchäft abgemacht.“ Fräulein von Wanner ſchien aber um ſo mehr mit der Beendigung dieſes im gegenwärtigen Augenblicke für ſie höchſt langweiligen und ſtörenden Geſchäftes einverſtanden 3 Hackländer, Kainszeichen. III. —— 4 * — ———— ———— — ——— 8 ——— Ir “ — — —— ——— — 22— s man im Nebenzimmer ein Geräuſch vernahm, in Stuhl etwas unſanft bei Seite gerückt mnach einem ſcharfen, ei mit zu ſein, al als wäre dort e worden, worauf das gnädige Fräuleit unruhigen Blicke haſtig die Verſicherung gab, ſie ſ Allem einverſtanden und erwarte recht gern— ſpäter— von den Beſtimmungen der Herren Gebrüder Schropps und dem Entſchluſſe ihrer Nichte zu hören. Das ſprach ſie aber ſehr leiſe, und da ſie ſich zu gleicher Zeit gegen die Ausgangsthüre des Zimmers be⸗ wegte, ſo folgte ihr Herr Joſeph Schropps, Abſchied neh⸗ mend, dorthin und verließ hierauf das Zimmer, wobei er ſich in ſeiner Schlauheit bemühte, durchaus kein Geräuſch zu machen, und alsdann auch die Thüre an der Treppe ſo ſanft als möglich ſchloß. Fräulein Wilhelmine blieb einen Augenblick auf der Thürſchwelle ſtehen, bis wohin ſie ihren Gaſt begleitet, dann verfügte ſie ſich mit vier langen, gänzlich unhör⸗ baren Schritten an das Nebenzimmer, blieb dort einen Augenblick lauſchend ſtehen, um dann plötzlich mit einer haſtigen Bewegung die Thüre weit zu öffnen. Hier ſah ſie nun allerdings gerade nicht das, was ſie fürchtet, aber immerhin genug, zu ſehen geglaubt und be ß ihre gelb⸗ um ihr neidiſches Gemüth ſo aufzuregen, daß i liche Geſichtsfarbe in's Graugrünliche zu ſpielen begann. Das Allerunſchuldigſte hätte vielleicht in dieſem Augen⸗ blicke den gleichen Erfolg gehabt; denn ſie hatte während ihres Geſpräches mit Herrn Schropps eine Wolluſt darin gefühlt, ſich wilden, finſteren Gedanken hinzugeben und — 23— in ihrer leider ſehr lebhaften Phantaſie üppige Bilder auszumalen. Schlimm konnte man es nun allerdings nicht nennen, daß Herr Schleimer ruhig auf einem Stuhle ſaß, viel⸗ leicht demſelben, welcher vorhin das Geräuſch verurſacht, und war auch durchaus nichts Verdächtiges dabei, daß er die Hand der guten treuen Rieke zwiſchen ſeinen Fingern hielt, während dieſe mit etwas geröthetem Antlitz zum Fenſter hinaus ſchaute. Auch waren ſeine Worte, die er beim plötzlichen Erſcheinen des Fräuleins Wilhelmine ſprach, ſo ſanft und ohne jede Erregung im Ausdrucke und dabei ſo paſſend zu der bezeichneten Stellung, als nur immer möglich. „Ja,“ rief er aufwärts gegen die Zimmerdecke ſchauend aus,„ich muß Ihnen nochmals meinen Dank wieder⸗ holen für die treue Liebe und herzliche Aufopferung, mit der Sie bemüht ſind, unſere gemeinſchaftliche theure Freun⸗ din“— als ſolche bezeichnete er Fräulein von Wanner durch einen innigen Seitenblick—„wie eine ältere An⸗ verwandte zu pflegen und ihr das Leben behaglich und angenehm zu machen. Ach, dieſe Pflege, wie freut und rührt ſie mich! Letzteres, indem ich darin Ihr gutes, treues Herz erkenne; erſteres, weil ich dieſe ſorgfältige Pflege zu entdecken berechtigt bin in den wieder erblühen⸗ den Roſen auf dem Geſichte unſerer geliebten Freundin.“ Damit hatte er ſich raſch erhoben und ſeine beiden Hände gegen die geliebte Freundin ausgeſtreckt, welche aber nur zögernd ihre mageren Finger hinein legte und nicht —— — ö“ 4 ö — — 4—— ————————— 8 C v“ 24— ohne einen ſehr energiſchen und ſehr bezeichnenden Blick auf die getreue Geſellſchafterin zu werfen; ja, ſie gab dieſem Blicke noch dadurch eine ſchärfere Deutung, daß ſie mit einem heftigen, ſchneidenden Tone der Stimme ſagte: „Es wäre jetzt wohl an der Zeit, daß du bald einmal Anſtalten machteſt, um die kleinen, dringenden Ausgänge zu beſorgen, die ich dir heute Morgen angegeben. Geh' alſo ſogleich— wenn es dir gefällig iſt.“ Allzu leidenſchaftlich ſchien ſich die Geſellſchafterin nun gerade nicht für dieſe Ausgänge zu intereſſiren, denn es flog ein verdrießlicher Schatten über ihre Züge, auch ſchien ſie eine trotzige Antwort geben zu wollen, beſann ſich aber eines Anderen, da ſie an ihrer liebenswürdigen Herrin bemerkte, wie deren Unterkiefer vor Zorn leicht erzitterte und wie ſie mit dem rechten Fuße unſanft auf den Boden trat. Sie ſagte deßhalb:„Ich werde die Aufträge be⸗ ſorgen,“ ſetzte aber dann in einem außerordentlich freund⸗ lichen, ja faſt zärtlichen Tone hinzu:„Auf baldiges Wie⸗ derſehen, Herr Schleimer.“ Dann fegte ſie, nicht ohne verſchiedene Anzeichen der Entrüſtung, zum Zimmer hinaus. Fräulein Wilhelmine ſah ihr mit einem boshaften Blicke nach, und kicherte dabei ſo laut, daß die treue Ge⸗ ſellſchafterin es auf der Schwelle noch hören konnte, was augenſcheinlich nicht dazu beitrug, deren gute Laune wie⸗ derkehren zu machen, vielmehr hörte man kurz darauf, wie ſie ſchmetternd die Glasthüre des Ganges hinter ſich zuſchlug, worauf ihre freundliche Herrin raſch an's Fenſter eilte, um ſich durch einen Blick in den Spionirſpiegel zu überzeugen, daß die Rieke das Haus wirklich verlaſſen habe und eilig die Straße hinabwandelte. Herrn Schleimer war dabei zu Muthe, wie jenem armen, ſchlanken Windſpiel, das man mit der knurrenden Hyäne zur Unterhaltung dieſes liebenswürdigen Thieres in einen gemeinſchaftlichen Käfig geſperrt. Er ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken, und als Fräulein Wilhelmine ihm mit einem widerwärtigen Lächeln geſagt:„Sie werden wohl noch eine kleine Weile für mich übrig haben,“ da dachte er kopfnickend, aber mit einem tiefen und hörbaren Seufzer:„Dieſes ſcheußliche Weib ſcheint Luſt zu haben, mich einer furchtbaren Prüfung zu unterwerfen.— Dar⸗ um Muth und Standhaftigkeit!“ —— ———n— ——ͤͤſ——=- — u Neuntes Kapitel. Enthält Gemüthliches und Geſchäftliches, ſo wie etwas von der ge⸗ heimnißvollen Gründung der großen deutſch⸗amerikaniſchen Bank. Nachdem Herr Kniegel wieder einmal ſeine täglichen Berufsgeſchäfte beendigt hatte, womit er gewöhnlich ein paar Stunden nach dem Schluſſe der Börſe zu Stande kam, ſuchte er ſein geringes, billiges Koſthaus auf, wo man allerdings für ein Weniges recht ſchlecht zu ſpeiſen pflegte, dagegen aber noch auf das Bischen, was man bekam, recht lange warten mußte, da der ſchmierige Kell⸗ ner— er hieß Joſeph, hörte aber nur auf den Ruf: Herr Joſeph,— welcher ſich hier zur Bedienung befand, dieſes Geſchäft wie eine Beleidigung ſeiner Menſchenwürde zu betrachten ſchien und ſich daher durch alle möglichen Bosheiten und Kniffe an den Gäſten zu rächen ſuchte, die ſo indiskret waren, ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen. So war ſeine Gewohnheit, ſich harthörig zu ſtellen, und Leute, die nicht zu den täglichen Beſuchern gehörten, lange Zeit gar nicht zu ſehen, ſelbſt wenn er über ſie geſtolpert wäre, um dann nach mehrmaligem barſchen Rufe vielleicht die Antwort zu geben: man würde wohl warten gelernt haben. Auch pflegte er nie Speiſen, die nicht mehr vor⸗ handen waren, von der Karte zu ſtreichen, um einem hungrigen Gaſte, nachdem dieſer überlange gewartet, mit einem zerſtreuten Umherblicken ſagen zu können:„Iſt nicht 27 mehr vorräthig!“ Hatte je einmal Jemand die Verwegen⸗ heit, ihn ſelbſt in den freundlichſten Worten darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß das Beefſteak große Aehnlichkeit habe mit einem Stücke verbrannten Sohlenleders, oder daß der Kalbsbraten wegen einer allzugroßen Zuthat von geſchmorten Fliegen gerade nicht ſehr appetitlich zu nennen ſei, ſo entgegnete er kurzweg:„Wie Sie wünſchen,“ nahm dem Gaſte Teller und Beſteck vor der Naſe weg und hätte um alle Schätze Indiens nicht dazu vermocht werden kön⸗ nen, demſelben etwas Anderes zu bringen. Allenfallſige und ſehr gerechtfertigte Grobheiten beantwortete er mit einem ſtummen Blicke der Verachtung, und wenn ihm ein heftiger Charakter einmal tüchtig zu Leibe ging, was auch zuweilen zu geſchehen pflegte, ſo überſchrie er ihn in einer hohen Fiſtelſtimme dergeſtalt, daß Jener lieber das Lokal verließ, um nur nicht einen unangenehmen Skandal her⸗ Eine Berufung an den Wirth des Hauſes er mit einem grellen Lachen, und wenn hier⸗ ſt in das Neben⸗ beizuführen. beantwortete auf ein entrüſteter und energiſcher Ga zimmer eilte oder in die Küche, ſo konnte er froh ſein, in letzterer, auf ſeine zornige Frage nach dem Wirthe, nicht mit ſchmutzigem Waſſer begoſſen oder mit einem rußigen Topfe angerannt zu werden. Gelang es ihm in⸗ deſſen, aus dieſem ſchmierigen Labyrinth an die Hinterſeite des Hauſes zu gelangen, wo ſich das Geſchäftszimmer des Eigenthümers befinden ſollte, ſo ſah er, daß dieſer Eigen⸗ ehr korpulente Dame war, mit einem auf⸗ thümer eine ſ ſicht, die an einem offenen gedunſenen, äußerſt gemeinen Ge * ———— Fenſter ſaß, von Gläſern und Flaſchen umgeben, eine Kaſſe mit Geld neben ſich, und die hier, am Ende des Hauſes ſo wie am Anfange eines trübſeligen Hofes recht im Mittelpunkte ſitzend, wie eine feiſte Spinne in ihrem Netz, das ganze Etabliſſement überwachte. Denn auch dieſer melancholiſche Hof gehörte unter dem Titel einer Garten⸗ wirthſchaft mit dazu und war als ein vielbeſuchtes Bier⸗ lokal wohl der einträglichſte Theil des Ganzen. Hier ſah man derbe Kellnerinnen häufig mit ſechs gefüllten Krügen in jeder Hand geſchäftig hin und her eilen, um die zahl⸗ reichen Gäſte zu bedienen, die auf kaum gehobelten Bänken an gleichen Tiſchen ſaßen und den verſchiedenſten Klaſſen der Geſellſchaft angehörten. Da ſah man anſtändig ge⸗ kleidete Herren neben Arbeitern in rußigem Schurzfell oder mit kalkbeſpritzter Schürze ſitzen, da erblickte man alte Wei⸗ ber von zweifelhaftem Aeußern und jüngere Frauenzimmer, die mit ihrem auffallenden Anzuge, mit ihren geſchminkten Backen und frechen Mienen über jeden Zweifel erhaben waren. Da wurde gelacht und geplaudert, geſungen und gejohlt, und wer auf den rauhen Bänken keinen Platz fand, der hatte ſich vielleicht auf ein leeres Faß geſetzt oder auf einen Haufen Holz, lehnte auch wohl an der Mauer, um raſch eine Stehhalbe zu trinken. Denn das Bier hier war ein vortrefflicher Stoff und das Lokal faſt im Mittelpunkt der Stadt gelegen. Man hätte eigentlich ſagen müſſen, es befand ſich eingezwängt zwiſchen zwei hohen Brandmauern benachbarter Häuſer, und wenn man bemerkte, was hier geſchehen war, um dieſen rieſigen 29— Mauern und dadurch auch dem Lokal einen freundlichen Anſtrich zu geben, ſo mußte man geſtehen, daß wohl einige Phantaſie, wenn auch gerade nicht viel Geſchmack vorge⸗ herrſcht hatte. Die Mauern waren theils mit einem aller⸗ dings kümmerlichen Epheu bedeckt, und wo dieſes gekränkelt hatte und endlich ganz verſchwunden war, hatte man mit grüner Farbe nachgeholfen und dunkle Tupfen darauf geklext, welche Blätter vorſtellen ſollten und die auch bei einem raſchen Ueberblick eine genügende Täuſchung unterhielten. In der Mitte an der Mauer war eine buntſchillernde See⸗ jungfer angebracht, die mit dem halben Leibe aus der Mauer herauswuchs, eine ehemals vergoldete Krone auf dem Kopfe trug und einen gänzlich erblindeten Spiegel in der Hand hielt, wogegen das friſchrothe Geſicht mit den großen, hellen Augen freundlich auf das zechende Publi⸗ kum herabſchaute. Nicht weit von dieſem Bildwerk befand ſich eine hohe Stange mit einem hundeſtallähnlichen Häus⸗ chen, vor welchem auf einem breiten Brette ein kleiner, lebendiger Affe kauerte, deſſen lange Kette, die er an einem Fuße trug, dergeſtalt um die Stange mit einem weiten Ringe befeſtigt war, daß das Thier den Boden erreichen konnte, um dort von den Gäſten kleine Brodbrocken, Aepfel und dergleichen in Empfang zu nehmen, ſich auch zähnefletſchend und mit gerunzelter Stirn zornig im Kreiſe umzuſchauen, wenn er durch wohlgezielte Würfe von Knochenüberreſten und Aehnlichem geneckt wurde, oder wenn kecke Buben ſeinen langen Schwanz zu faſſen verſuchten. Nicht ſelten gab es dabei einen hitzigen Kampf, der oft ——nyy ——ʒ— — 30— zum Schaden der Angreifer endigte, beſonders wenn der Affe anſcheinend müde und ſchläfrig auf dem Boden kauerte, um plötzlich aufſpringend die Mütze eines ſeiner kleinen Feinde zu ergreifen und dann mit dieſer unter lautem Geſchrei die Stange hinauf zu flüchten, worauf er, oben angekommen, dieſelbe durch Schütteln ſo in Be⸗ wegung ſetzte, daß ſie bedenklich ſchwankte; wenn er als⸗ dann durch Zurufe und Drohungen veranlaßt wurde, ſeine Beute fahren zu laſſen, ſo ſprang er nicht ſelten auf die Schultern der Seejungfer, um an dieſem unglücklichen Weſen durch Beißen und Kratzen ſeinen Unmuth auszulaſſen. Dieſes poſſirliche Spiel übte bedeutende Anziehungs⸗ kraft auf manche Klaſſe von Gäſten aus, und ohne den Affen würde der Wirthſchaft zur goldenen Seejungfer— unter dieſer ſtolzen Benennung war der melancholiſche Hofraum bekannt— ein ganz beſonderer Reiz gefehlt haben. Auch muſikaliſche Unterhaltung gab es faſt täglich hier, allerdings ſehr geringer Art. Da ſah man herab⸗ gekommene Harfeniſtinnen, mit jüngeren, ſehr ſtark aus⸗ ſehenden Schweſtern, welche die Violine ſpielten oder als ſehr jugendliche Anfängerinnen das Tambourin ſchlugen. Da klangen melancholiſche Orgeln, doch durften ſich dieſe nur am Eingange des Gartens hören laſſen. Hier konnte man die Produktion des Mannes ſehen, der ſechs Inſtru⸗ mente auf einmal ſpielte, und neben dieſen Künſtlern in ihrer Art bemerkte man auch häufig bettelhafte Jammer⸗ geſtalten, alte blinde Männer mit faſt tonloſen Clarinetten, oder jüngere, viel unglücklichere und elendere Geſellen, die zu einer verſtimmten Guitarre mit ſchwindſüchtiger Stiinme Liebeslieder ſangen oder ſolche, die zu Luſt und Heiterkeit aufforderten,— wahrhafte muſikaliſche Geſpenſter, die am grauenhafteſten anzuſehen waren, wenn ſich ihre tiefeinge⸗ fallenen Wangen vor Anſtrengung rötheten, wenn in den müden Augen ein unheimlicher Glanz erſchien, und denen man das tiefſte Mitleid nicht verſagen konnte, wenn ſie nach dem Einſammeln ärmlicher Gaben die hier ſitzenden Glücklichen mit einem kummervollen Blicke anſchauten, um dann mit hohlem, dumpfem Huſten weiter zu ziehen. Es war eigentlich zu verwundern, daß ſich hier ſo häufig dergleichen Geſtalten ſehen ließen, und müſſen wir zur Erklärung beifügen, daß in den oberen Räumen des Vorderhauſes, wo ſich unten die Speiſeanſtalt befand, ärmliche Schlafſtellen vermiethet wurden, und daß die herumziehenden Muſikanten hier gewiſſermaßen ihre Heimat aufgeſchlagen hatten. Kehren wir nun nach dieſer nothwendigen Abſchwei⸗ fung in das Geſchäftszimmer der Wirthin zurück, ſo ſehen wir dieſelbe, wie ſie, ihren mächtigen Arm in die Seite geſtemmt, mit einem böſen, herausfordernden Blick irgend einen Gaſt aus dem Speiſezimmer anſchaut, welcher über den regierenden Kellner bittere und gerechte Klagen geführt. Vielleicht, wenn die Wirthin gerade ſehr guter Laune iſt, zuckt ſie ſchwerfällig mit den Achſeln, hebt auch wohl das Kinn ein wenig in die Höhe, um dann gleichgültig wieder in den Garten hinaus zu blicken, wo das Geſchäft für ſie viel wichtiger und einträglicher iſt, als da drüben — — ———yü— ——„— ——— bei den Hungerleidern, die eine ganze geſchlagene Stunde bei ihrer Wurſt und ihrer einzigen Halben ſitzen. Iſt aber ihr Gemüth zufällig erregt oder verdüſtert, ſo dreht ſie ſich haſtig um, ſchaut den Gaſt von oben bis unten an und ſchleudert ihm die Worte entgegen:„Ja, mir wär's auch recht, wenn Sie ſchon gefreſſen hätten! Darum kümmere ich mich nicht, und wenn Ihnen das, was Sie drüben bekommen, nicht gefällt, ſo ſuchen Sie ſich anders⸗ wo was Beſſeres!“ Dann ergreift ſie mit der mächtigen Fauſt die Glocke, welche vor ihr ſteht, läutet und ruft auf dieſe Art eine der handfeſten Gartenkellnerinnen herbei, um ſich für den gehabten Aerger zu entſchädigen durch ein Zwiegeſpräch, deſſen erſte Sätze ſchon den erſchrockenen Gaſt veranlaſſen, ſchleunigſt das Weite zu ſuchen. Doch hatte der allein herrſchende Kellner auch ſeine Sympathieen für gewiſſe Stammgäſte, zu denen in erſter Linie Herr Kniegel gerechnet werden konnte. Wenn die Zeit herannahte, wo der würdige Senſal zu erſcheinen pflegte, ſo bewachte Herr Joſeph mit einer wahren Eifer⸗ ſucht den Tiſch, wo jener gern ſaß, und der Ruf:„Iſt belegt!“ den er zur Abſchreckung an freche Eindringlinge ergehen ließ, war eben ſo gebieteriſch als wirkſam. Gewöhnlich mit dem Schlage vier Uhr erſchien Herr Kniegel, und Joſeph, der einen anderen Gaſt ziemlich zer⸗ ſtreut angehört, ließ dieſen ohne Weiteres ſitzen und brachte dem neuen Ankömmlinge die Speiſekarte, worauf er durch eine gewandte Schwenkung der Serviette ein paar Brod⸗ krumen von dem Tiſchtuch entfernte, welches übrigens ſo — 33— fleckig und ſchmutzig war, daß Herr Kniegel mit den Fingern darauf tüpfelnd ſagte:„Es iſt gerade ſo, als wenn das vorigen Samſtag vergeſſen worden wäre.“ „Doch nicht, Herr Kniegel, wahrhaftig nicht, Herr Kniegel,“ erwiederte Joſeph mit freundlichem Tone,„aber Sie haben keine Idee davon, mit welchen Schweinen man es hier zu thun hat.— Ueberhaupt, Herr Kniegel, Sclaverei iſt ein hartes Brod— oh,“ hier fuhr er mit einem tiefen Seufzer unter ſein ſpärliches Haar—,„doch reden wir lieber nicht darüber; wenn die Hoffnung nicht wär', ſo lebt' ich nicht mehr!— Was darf ich Ihnen ſerviren? Ein ſaftiges Beefſteak?“ „Altes, dürres Rindfleiſch, wie geſtern. Nein, nein, mein lieber Joſeph! Meine Zähne laſſen nach.“ „So hätt' ich ein feines Kalbscotelette, friſch gemacht, mit jungen Bohnen.“ „Nicht aufgewärmt— von vorgeſtern?“ „Friſch— friſch— auf Ehrel! Alſo ein feines Cote⸗ lette mit friſchen Bohnen?“ „Gut!“ „Und mir bringen Sie daſſelbe!“ ſagte der andere Gaſt, der ſchon lange gewartet, indem er höchſt verdrieß⸗ lich mit dem Meſſerheft zu wiederholten Malen auf den Tiſch kopfte,„aber raſch!“ Dieſe letzten Worte waren es vielleicht allein, welche Herrn Joſeph veranlaßten, den Unverſchämten mit einem faſt mitleidigen Lächeln zu betrachten, als er im Vorbei⸗ fliegen ſagte:„Wird gerade von der Karte geſtrichen.“ ——.——— —õ—ÿ— — 34— „So bringen Sie mir etwas Anderes!— Sie Kalbskopf!“ Herr Joſeph, der nur das letzte Wort verſtanden hatte und ſich auch durch das Erſcheinen ſeines Freundes und Gönners in angenehmer Laune befand, brachte in einiger Zeit das Verlangte, nachdem er aber vorher dem bevor⸗ zugten Gaſte mit dem verſprochenen feinen Cotelette auf⸗ gewartet hatte. Ja, er zog einen Stuhl an den Tiſch deſſelben und ſetzte ſich ihm gegenüber, nachdem er ſeine ſchmierige Serviette über die rechte Schulter geworfen. „Gut?“ „Ordentlich!— und mein Bier?“ „Wird ſogleich aus dem Garten gebracht— friſch angeſtochen.“ „Danke, mein lieber Joſeph— danke!“ Dann tafelte Herr Kniegel heiter und gemüthlich, wie man es einem Manne wohl vergönnen konnte, der ſeine acht Stunden hin und her getrabt war und der ſeinen Kopf mit unglaublichen Zahlen angefüllt hatte. Während er aß, blickte er zuweilen an die Decke empor und ſchien irgend ein Geſchäft zu recapituliren, wobei er auch ein paar Mal ſeine Uhr hervorzog und flüchtig betrachtete. „Immer eilig, Herr Kniegel?— Immer beſchäftigt?“ „Leider, leider! denn ich kann es mir in meinen paar Freiſtunden nicht abgewöhnen, an Geſchäftliches zu denken. Darin haben Sie es beſſer, mein lieber Joſeph, bei Ihnen heißt es: ‚die Thür zugemacht, die Kaſſe gezählt, und dann vollſtändig Feierabend.“ „Ach du mein lieber Gott,“ ſeufzte Joſeph, wobei ſeine ohnehin ſchon hohe Stimme etwas vom Klang einer Kindertrompete an ſich hatte,„wenn ich hier unten ab⸗ kommen kann, ſo denke ich freilich nicht mehr an die ge⸗ meine Menge, die mich den ganzen Tag um ihr Eſſen und Trinken plagt, vergeſſe auch den grauenhaften Speiſe⸗ zettel, die dunſtige Küche, das Klappern der Geſchirre, ja, all' die Kettenglieder, die mich armen Sclaven gefeſſelt halten, ſchleich' in die friſche Luft, auch wohl auf den Berg hinauf, wenn ich Zeit dazu habe, aber dann geht es mir erſt recht wie dem Soldaten auf der Straßburger Schanze. Dann fängt auch mein Trauern an.— Ach, Herr Kniegel, Sie wiſſen nicht, was eine verfehlte Exiſtenz heißen will!“ „O ja, das weiß ich auch,“ erwiederte der Senſal, ſich behaglich in den Zähnen ſtochernd„das heißt, ich wußte es damals, als ich noch Seilermeiſter war, was ich gern mit einigem Hochmuth eingeſtehe.“ „Und haben ganz Recht, Herr Kniegel, denn Sie ſind ein gemachter Mann, ein angeſehener Mann, der mit den reichſten Leuten auf vertrautem Fuße ſteht, und werden ſelbſt noch einmal ein reicher Mann; aber ich, mit dem Drange in der Bruſt, etwas Künſtleriſches zu leiſten, und mit dem traurigen Riegel hier in meiner Kehle— ach, Herr Kniegel, gäbe es ſtumme Schauſpielerrollen, ſo würde ich Großes leiſten! Aber meine Stimme, meine Stimme! Ich thu' dafür, was ich kann, vergeude all' mein Geld an rohe Eier und weißen Bruſtſyrup— umſonſt! Und ——— — 36— was mich ſchon der Arzt gekoſtet hat! Dafür, daß er mir eine Medicin verſchreibt, die für mich unerreichbar iſt,— Aufenthalt in einem ſüdlichen Klima.“ „Es gibt aber auch brave Pantomimiſten, die viel Geld verdienen, ja, ſich einen Namen machen.“ „Hier nicht, Herr Kniegel, es iſt das ein elendes Handwerk, von der Kunſt ſo weit entfernt als der Affe vom Menſchen. Und doch iſt es eine Luſt für mich, wenigſtens als Statiſt auf jenen herrlich trügeriſchen Bret⸗ tern mitzuwirken, und dabei habe ich es ſchon gefühlt, welche Kraft, welches Talent in mir ſteckt— ja, neulich noch, in den Räubern, als einer der Banditen. Wie würde ich das Publikum hingeriſſen haben, wenn es mir vergönnt geweſen wäre, jene großen Worte zu ſprechen: „Ich fühle eine Armee in meiner Fauſt!’— Aber hier, hier—“ damit tupfte er auf ſeinen Kehlkopf—„hier heißt es: ‚bleibe im Staube und ſtirb' unter ihm!“— O, das iſt ſchrecklich!“ Bei dieſen etwas laut geſprochenen Worten hatte es Herr Joſeph begreiflicherweiſe überhört, daß der Gaſt, welcher den Kalbskopf erhalten, aber kaum berührt hatte, wahrſcheinlich, weil derſelbe ungenießbar war, herüberge⸗ rufen hatte:„Zahlen— Kellner!“ und als er dies jetzt noch einmal ſehr nachdrücklich wiederholte, ſo zuckte Herr Joſeph unter einem leichten Seitenblicke unmuthig mit den Achſeln, ohne ſich aber von der Stelle zu rühren. Da ſtand der fremde Gaſt ruhig von ſeinem Tiſche auf, ſchloß den obern Knopf ſeines Rockes, ſetzte den Hut auf, und als er hierauf ſeinen Stock in die Hand nahm, wiegte er denſelben verdächtig, als er gegen der Tiſch kam, wo der Kellner ſaß und ruhig ſitzen blieb. Dieſer Fremde war ein hoch und ſchlank gewachſener, ſchöner junger Mann mit leuchtenden Augen, blondem gelockten Haar und ſtarkem krauſen Barte, der, am Kinn raſirt und geſcheitelt, zwei tief herabgehende Favorite bil⸗ dete. Er hatte ein vornehmes Anſehen, welches einiger⸗ maßen im Widerſpruch ſtand mit ſeiner einfachen, faſt dürftigen Kleidung. Dieſe dürftige, abgetragene Kleidung nun, beſonders die defecten hohen Stiefel, betrachtete Herr Joſeph mit einem verächtlichen Lächeln, als der Andere, dicht vor dem Tiſche ſtehend, mit einer ernſten, etwas erregt klingenden Stimme ſagte:„Ich habe Sie drei Mal gerufen, um Ihren elenden, ungenießbaren Kalbskopf zu bezahlen.“ „Und ich bin nicht ſo taub,“ entgegnete frech der Kellner,„daß ich Sie nicht gehört hätte und daß man mich anzuſchreien braucht— Ihr Kalbskopf, Brod und Bier koſten vierundzwanzig Kreuzer.“ Der Fremde, ſcheinbar immer noch in großer Ruhe, legte ſeinen Stock auf den Tiſch quer vor den Kellner hin und nahm aus ſeiner Börſe vierundzwanzig Kreuzer, die er aber in die Höhe hielt, wie man es einem Hunde mit einem Stücke Brod zu machen pflegt, um ihn zum Auf⸗ ſpringen zu veranlaſſen. Vielleicht that er dies auch in der gleichen Abſicht, ohne eine andere Wirkung auf Herrn Joſeph hervorzubringen, als daß dieſer ſeine Hand öffnete. Hackländer, Kainszeichen. III. 4 — 38— Da blitzte es eigenthümlich aus den Augen des Frem⸗ den, er klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, drückte ſeine Brauen finſter zuſammen und rief dann mit einer gewaltigen Stimme:„Aufſtehen, wenn ich dich zahlen will, Halunke!“ 6 V„Haſt du mich verſtanden? Auf, wenn du nicht vor⸗ V ziehſt, daß ich dich ſammt dem Stuhle zum Fenſter hin⸗ auswerfe!“ Dann legte er die Hand an die Lehne des ſchweren Stuhles und ohne Anſtrengung hob er denſelben mitſammt dem Kellner ſo gewaltig in die Höhe, allerdings V in etwas ſchiefer Richtung, daß Herr Joſeph, nachdem er V ein paar Mal mit den Beinen gezappelt, herabglitt und auf den Boden niederſtürzte. Doch ſprang er augenblick⸗ lich, freilich etwas verdutzt in die Höhe, hatte auch alle V Urſache dazu. Denn der Fremde hielt den Stuhl ſo leicht in der Hand, daß man ſah, es ſei ihm eine Kleinigkeit, denſelben in einem großen Bogen auf das Haupt des V Kellners niederzuſchmettern. Und daß er das thun würde, dafür ſprachen ſeine energiſchen Blicke und der Ton, mit dem er die Worte ſprach:„Was koſtet Ihr ungenießbarer Kalbskopf?“ „Vierundzwanzig Kreuzer, wie ich mir ſchon erlaubte, Ihnen zu bemerken.“ „Da,“ rief der Fremde, indem er das Geld auf den Tiſch warf,„und nehmen Sie von mir als Trinkgeld die Lehre, gegen Leute höflich zu ſein, die gezwungen d ſind, ſich ihr Futter in einer ſo ſcheußlichen Kneipe zu ſuchen.“ 2 — 39 Hierauf nahm er ſehr langſam ſeinen Stock vom Tiſche, ſenkte ihn ſehr langſam zu Boden, gerade ſo, als wollte er dem Kellner genügende Zeit zu einer Entgegnung laſſen. Dazu fühlte ſich Herr Joſeph, ſo lange ſich der Fremde im Zimmer befand, ja, ſo lange er ihn nicht am Hauſe hatte vorbeigehen ſehen, durchaus nicht geneigt. Dann aber ſchwenkte er mit einer energiſchen Handbewegung ſeine Serviette, ſchlenkerte ſie unter den linken Arm und rief aus:„Ha, mir ſo etwas zu bieten!— Sehen Sie, Herr Kniegel, das iſt der Fluch der Knechtſchaft! Das iſt das Brandmal der Sclaverei! Wär' ich ein freier Mann, wär' ich ein Künſtler, wie ich ſein könnte und ſollte,— der da—“ hier ballte Herr Joſeph ſeine Fauſt nach der Richtung zu, in welcher der Fremde ſchon längſt verſchwunden war,„— der da— ſollte das nimmermehr gewagt haben! So ein hergelaufener Kerl mit zerriſſenen Stiefeln— Pah!“ „Aber von einer Kraft, lieber Joſeph,“ meinte Herr Kniegel, indem er bedenklich ſeinen Kopf ſchüttelte,„die ganz außerordentlich war. Es war mir durchaus nicht behaglich bei dieſer Scene— hier richtete der Senſal ſein ſpiralförmiges Toupé etwas in die Höhe— hob er Sie doch ſo leicht mit Ihrem Stuhl empor, als wenn Sie eine Feder geweſen wären, wobei es noch ſehr rück⸗ ſichtsvoll von dieſem Fremden war, daß er Sie nach der anderen Seite hinüber warf, ſtatt gegen den Tiſch und auf mich.“ „Nun, werfen kann man das eigentlich gerade noch ————————— — — — S ö“ 2 — — — 2——— — 40— nicht nennen, er rückte ein Bischen am Stuhl, worüber ich das Gleichgewicht verlor! Aber ich hoffe ihn wieder⸗ zuſehen, ja, wahrhaftig, das hoffe ich, und hoffe gleich⸗ falls dann nicht mehr in der knechtiſchen Stellung zu ſein, wo man ſich Alles gefallen laſſen muß. Was hätte mir ein Scandal genützt, ſelbſt wenn ich ihn ſchließlich doch noch zur Thüre hinausgeworfen hätte?“ Herr Kniegel lächelte ein wenig, während er ſein Mit⸗ tagsmahl bezahlte, dann zog er ſeine grauen Handſchuhe an— man ſah ihn nie ohne ſolche— und ſagte, nachdem er ſeinen Hut äußerſt langſam aufgeſetzt, damit ſein zierliches Toupé nicht Schaden leide:„Wenn Sie einen guten Rath von mir annehmen wollen, mein lieber Joſeph, ſo möchte ich Sie wirklich in Ihrem eigenen Intereſſe gebeten haben, das zu beherzigen, was der rückſichtsloſe Fremde Ihnen zuletzt ſagte.“ „Dieſer Grobian— Sie meinen von wegen der Höf⸗ lichkeit?“ Herr Kniegel nickte mit dem Kopfe, ehe er erwiederte: „Ich werde allerdings von Ihnen ſehr rückſichtsvoll be⸗ handelt, habe aber ſchon bemerkt, daß Sie andere Gäſte bedeutend vernachläſſigen.“ „Ich will das nicht läugnen,“ gab der Kellner mit einem tiefen Seufzer zur Antwort, während er ſeine Augen mit der Hand beſchattete,„aber daran iſt meine gedrückte Lage ſchuld, die Sclaverei, in der ich lebe, die Feſſeln, die mich umgeben und welche der ringende Geiſt zu durch⸗ brechen ſtrebt.— Darf ich Sie nächſtens wieder einmal beſuchen, Herr Kniegel, vielleicht haben Sie doch einen guten Rath für mich?“ „Kommen Sie einmal Abends! Sie wiſſen ja die Zeit, wann ich zu Hauſe bin.“ Damit ging der Senſal haſtigen Laufes weiter, in Gedanken mit den Fingern unſichtbares Werg zupfend, wie er gerne that, wenn er mit irgend etwas ganz beſon⸗ ders Wichtigem beſchäftigt war, wenn er, ſo zu ſagen, eine Idee ſpann und dazu die gleichen Bewegungen machte, wie früher auf ſeiner Seilerwerkſtätte. Es war gerade vier Uhr, wovon er ſich durch einen Blick auf ſeine Uhr überzeugte, als er in eine der beſſeren Straßen einbog und dort vor einem anſehnlichen Hauſe mit breiter Einfahrt, Hofraum und Stallung im Hinter⸗ gebäude ſtehen blieb. Es war ein ſtilles Haus in einer ſtillen und vornehmen Straße ohne Läden und Magazine, deßhalb auch mit wenig Verkehr, die meiſte Zeit auch ohne Wagengeraſſel, welches man nur zu gewiſſen Zeiten, allenfalls zur Beſuchſtunde oder vor und nach den Diners und Soireen der ſogenannten Geſellſchaft hörte. Man bemerkte hier kein haſtiges Laufen, auch kein Gedränge von Menſchen auf den Trottoirs, überhaupt wenig Leben, nur hier und da ſah man einen Bedienten in Livrée an einem der Hofthore lungern oder auf den breiten Steinplatten umherſpaziren, welcher ſich ſelbſt be⸗ trachtete, oder gelangweilt an den Himmel hinauf blickte. Solch eine Geſtalt, elegant in Blau und Gold ge⸗ kleidet, mit kurzen Plüſchhoſen und braunen Gamaſchen, 4 2 befand ſich auch an der Hausthüre, an welcher Herr Kniegel jetzt ſtehen blieb. Der Bediente lenkte langſam ſeine Blicke aus den höheren Regionen herab und betrachtete den An⸗ deren mit zweifelhafter Miene, wobei er ſich nicht einmal die Mühe gab, ſeine Hände aus den Hoſentaſchen zu entfernen. „Erlauben Sie,“ fragte der ſtets höfliche Geſchäftsmann, „hier wohnt doch der Herr Baron von Dallenbach?“ Der Bediente hatte den rechten Fuß vorgeſetzt und ſchlenkerte mit dem ganzen Körper, ehe er ſagte:„Wohnt allerdings hier, der Herr Baron, iſt aber nicht zu Hauſe.“ „Sind Sie in ſeinen Dienſten,“ fragte Herr Kniegel pfiffig lächelnd,„und wiſſen es ganz genau, daß der Herr Baron nicht zu Hauſe iſt?“ „Ich geb' Ihnen darauf mein Ehrenwort, der Herr Baron ritten vor einer Stunde fort und ſind noch nicht zurückgekehrt.“ „Und doch glaube ich, daß Sie ſich irren, denn wenn mich nicht Alles täuſchte, ſo ſah ich den Herrn Baron ſoeben am Fenſter ſtehen und mir heraufwinken.“ „Pah— das wäre!“ ſagte der Lakai mit einer etwas verblüfften Miene, während er raſch in die Höhe blickte, wobei die linke Hand aus ſeiner Hoſentaſche zum Vor⸗ ſchein kam, darnach die rechte, als ihm Herr Kniegel eine Karte darreichte, indem er mit großer Beſtimmtheit ſprach: „Verſuchen Sie es einmal, tragen Sie dieſe Karte hinauf und ſagen Sie dabei, ich wäre da, genau um vier Uhr, wie der Herr Baron befohlen.“ — 43 Das wirkte wie gewöhnlich in ähnlichen Fällen. Der Bediente machte eine Neigung mit dem Kopfe, ging in's Haus und erſuchte Herrn Kniegel, ihm zu folgen. Das Haus erſchien auch im Innern ſtill und vornehm, etwas gar zu ſtill, wie es dem Geſchäftsmanne vorkam, ſo ungefähr, als ſei es eigentlich gar nicht bewohnt. Denn wie Herr Kniegel leiſe huſtete, ſo antworteten ihm verſchiedene Echo's in dem Treppenhauſe. Auch als der Bediente gleich darauf wieder herab kam, hallten ſeine Schritte wie in einer Kirche. „Bitte, hinauf zu kommen,“ ſagte er mit einer ange⸗ nehmeren Miene.„Ich hatte mich geirrt, der Herr Baron ſind zum Gartenthor hereingeritten, ohne daß ich's bemerkte. Der Herr Baron lieben es, ſo unabhängig als möglich zu kommen und zu gehen.“ Oben im erſten Stock betraten ſie ein ſchönes Veſtibul und hier erſchien der Kammerdiener des Herrn Barons im ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde, der mit einer leichten Verbeugung die Thüre eines Vorzimmers öffnete, den Eingetretenen einen Augenblick zu warten bat und dann hinter einer anderen Thüre verſchwand. Doch kehrte er in kurzer Zeit zurück und erſuchte Herrn Kniegel, ihm zu folgen. Dieſes Erſuchen ſtellte übrigens der ſchwarz gekleidete Kammerdiener mehr in Pantomimen und Winken, als in deutlich ausgeſprochenen Worten, und wenn er je zur beſſeren Verſtändigung eines der letzteren gebrauchen mußte, ſo geſchah das in leiſe flüſterndem Tone und ſo, als würde es ihm ſchwer, ſich davon wie von etwas Koſt⸗ *—ͤͤſ 3 — 4 41 —-——ͤͤͤͤͤͤͤͤͤn1 8 “ barem zu trennen; auch ließ er alsdann die Augenlider ſanft herabſinken, vielleicht aus Scham, daß er genöthigt geweſen, irgend ein Gelübde des Schweigens zu brechen. Sie gingen durch ein paar große, hohe, gleichfalls hallende Räume, alle elegant und reich möblirt, ohne aber deßhalb einen behaglichen Eindruck zu machen. Es waren hier überall ſehr ſchöne Möbel, koſtbare Spiegel, ſchwere Vorhänge, aber Alles ſah aus, als wäre es eben erſt aus dem Möbelmagazin gekommen, als hätte noch nie Jemand auf dieſen Fauteuils und Sophas geſeſſen, ja als bildeten dieſelben eigentlich nur eine hübſche Aus⸗ ſtellung in dergleichen Artikeln. Die Uhren auf den Kami⸗ nen waren nicht einmal aufgezogen, zeigten wenigſtens nicht die richtige Zeit. Auch die Tapeten erſchienen kalt in ihrer glänzenden Friſche, ohne Bilder oder ſonſt etwas, das die Wandflächen lebendig gemacht hätte. Die Kron⸗ leuchter waren in weißen Flor eingebunden, die Blumen⸗ tiſche ohne Pflanzen und auf den Conſolen und Etageren fehlten alle die verſchiedenartigen Kleinigkeiten, welche ein Zimmer behaglich und wohnlich machen. Im fünften dieſer Gemächer hob der Kammerdiener die ſchwere Portière etwas in die Höhe, öffnete die Thür und ließ Herrn Kniegel eintreten, nachdem er mit leiſer Stimme deſſen Namen ausgeſprochen. Hier war das Schreibzimmer des Herrn Baron von Dallenbach, gleichfalls koſtbar möblirt, aber gleichfalls ohne Behaglichkeit. Denn auch hier fehlten alle die vorhin er⸗ wähnten Dinge, auch hier ſah man weder Bilder noch 4 5— Nippſachen, noch Waffen und Aehnliches, womit junge Leute ihr Zimmer auszuſchmücken pflegen. Ein großer Reiſekoffer ſtand in einer Ecke neben der Thüre, die in das Schlafzimmer des Herrn Barons führte. Er ſelbſt ſaß am Schreibtiſche und erſuchte Herrn Kniegel mit ein paar haſtig hingeworfenen Worten, Platz zu nehmen, in⸗ dem er mit der Hand, in der er die Feder hielt, nach einem Stuhle wies. Dann ſchrieb er noch ein paar Mi— nuten weiter, wobei er häufig in die Höhe blickte, ſich ein paarmal das Haar von der Stirne ſtrich, auch zuweilen einen Brief anſah, der auseinander gefaltet vor ihm lag. Endlich ſah und hörte man an der Bewegung ſeines Armes ſowie an dem lauteren Kritzeln auf dem Papiere, daß er ſeinen Namen unterſchrieb, worauf er die Feder wegwarf und aufſprang, alles eilig, alles haſtig, ſtets mit mehr Bewegung als nöthig war. So auch jetzt, wie er ſich Herrn Kniegel näherte und dies nicht auf dem geraden Wege that, ſondern indem er, die Hände auf dem Rücken zu⸗ ſammengelegt, an drei Wänden des Zimmers herum lief. „Endlich kommen Sie— endlich— endlich!“ rief er aus.„Ich hatte wahrhaftig ſchon geglaubt, Sie hätten unſere Verabredung total vergeſſen oder es ſei Ihnen un⸗ möglich, mir in der gewiſſen Angelegenheit zu helfen, mich aus einer momentanen Verlegenheit zu reißen.— Nur momentan, ganz vorübergehend, darauf kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben, kann es Ihnen auch beweiſen durch Vielerlei, gewiß durch Vielerlei, beſonders aber durch einen Brief von meinem Sachwalter aus Amerika, den ——————— ich heute Morgen erhielt und worin mir mein Geſchäfts⸗ mann ſchreibt, daß er im Begriffe iſt, den Verkauf meiner großen Güter in Miſſouri glänzend abzuſchließen. Sie ſollen den Brief leſen, da ich vor einem Manne, der ſo bereitwillig iſt, mir helfen zu wollen, keine Geheimniſſe habe und keine haben darf und will— keine— keine— nicht ein einziges Geheimniß.“ Herr Kniegel hatte ſchon ein paarmal beabſichtigt, etwas in dieſe haſtig geſprochenen Worte einfließen zu laſſen, und etwas wahrſcheinlich nicht die Hoffnungen des Andern Ermuthigendes, denn er machte ein ernſtes Geſicht, zuckte mit den Achſeln und verſuchte es mehrmals, ſich vom Stuhle zu erheben, kam aber nicht dazu, da ihn der Baron von Dallenbach jedesmal wieder auf ſeinen Sitz hinabdrückte, ſo daß es ihm erſt gelang, aufzuſtehen, als jener nach dem Schreibtiſche lief, um den bewußten Brief zu holen. Jetzt huſtete aber Herr Kniegel etwas verlegen hinter der vorgehaltenen Hand, und da es ihm unangenehm war, ſagen zu müſſen, daß er des Leſens und Schreibens ſo gut wie ganz unkundig ſei, half er ſich mit der glücklichen Ausrede, der Brief ſei wahrſcheinlich in engliſcher Sprache geſchrieben, die er leider nicht verſtände. „Thut auch nichts,“ rief der Baron, welcher ſich jetzt an ſeinen Schreibtiſch ſetzte, wobei er einen Augenblick mit ſeinem Fuße ſchlenkerte, während er die erwähnte Stelle in dem Schreiben ſuchte, um ſich hierauf dem Senſal zu nähern und ihm jene Stelle vorzuleſen, nicht ohne dies mit den Worten einzuleiten:„Sie werden an den Worten eines Cavaliers und Ehrenmannes wohl nicht im Minde⸗ ſten zweifeln, beſonders da ich Ihnen extra noch die Wahr⸗ heit dieſes Briefes feierlich beſchwöre.“ Er hob dabei ſeine Hand in die Höhe, und da er ſie gleich darauf wieder herabſinken ließ, benutzte er ſie zu gleicher Zeit, um ſich leicht in ſeinem ſpärlich blonden, aber ſehr ſorgfältig fri⸗ ſirten Haare zu kratzen. Wir müſſen hier einſchalten, daß das bleiche und etwas magere Geſicht des Freiherrn ganz im Einklange ſtand zu jenem ſpärlichen Haar, auch zu ſeiner dünnen Figur, und daß es ſchien, als ſei er erſt vor Kurzem ſo mager geworden, da ſeine elegant gemachten Kleider ihm offenbar etwas zu weit waren. „Jetzt werde ich Ihnen dieſe Stelle vorleſen,“ ſagte er,„zuerſt Engliſch und dann Deutſch.“ Das Erſtere hätte ihm Herr Kniegel jedenfalls gern erlaſſen, und was die deutſche Ueberſetzung anbelangte, ſo konnte er ſich nicht enthalten, bei Anhörung derſelben ſeine Augenbrauen bedenklich hinaufzuziehen, ja leicht mit den Achſeln zu zucken. Mr. Traddles, der Sachwalter des Freiherrn von Dallenbach, wohnhaft in Baltimore, ſchrieb allerdings, daß er Hoffnung habe, die ausgedehnten Güter des ehren⸗ werthen Clienten— zweifelsohne in Sumpf⸗Anlagen und Büffel⸗Plantagen beſtehend, dachte der proſaiſche, miß⸗ trauiſche Senſal— für guten Preis zu verkaufen, und zwar an eine ſich eben bildende Aktiengeſellſchaft, welche dann ſogleich anfangen wolle, dieſe etwas entfernt liegen⸗ — 48— den Güter zu coloniſiren, und darin Hand in Hand gehe mit einer zweiten, gerade ſich bildenden Aktiengeſellſchaft, um eine Eiſenbahn⸗Verbindung nach jenen Gütern anzu⸗ ſtreben. Es ſei dabei vorausſichtlich ein um ſo koloſſaleres Geſchäft zu machen, als ſich jede dieſer beiden Geſellſchaf⸗ ten bereit erklärt habe, einen Theil der Aktien der andern zu einem noch zu vereinbarenden Courſe zu übernehmen, um dadurch dieſe Aktien um ein Namhaftes hinaufzu⸗ ſchnellen. Könnte zu gleicher Zeit— ſchrieb der Senſal — auf dortigem Platze—„das iſt nämlich hier,“ erklärte Herr Baron von Dallenbach, und wiederholte darauf das ſoeben Geleſene mit erhöhter Stimme, wobei er Herrn Kniegel ſcharf anblickte,— könnte zu gleicher Zeit auf dortigem Platze eine dritte Bank gegründet werden, mit einem guten Namen an der Spitze, ſo würden dieſe drei Banken ganz enorme Geſchäfte machen. „Das iſt eine kühne und große Idee,“ fuhr Herr von Dallenbach in ſeinem gewöhnlichen Tone fort, wobei er einen nahe ſtehenden Stuhl an der Lehne ergriff und ihn ſo gegen ſich ſchwenkte, daß er ſich rittlings darauf nieder⸗ laſſen konnte,„das iſt eine ſublime Idee, durch deren Mittheilung ich Ihnen, einem gewichtigen Geſchäftsmanne, förmlich ein Geſchenk mache. Ob Herr Kniegel dieſes Geſchenk anzuerkennen ver⸗ mochte, können wir nicht ſagen, da er ſchweigend, etwas verblüfft an die Zimmerdecke emporblickte, auch keine Zeit zu irgend einer Entgegnung hatte, weil der Andere mit erhobener Rechten eifrig fortfuhr:„Denken Sie nur, drei ——,——— zu gründende Banken, jede mit einem vorausſichtlich un⸗ geheuren Gewinn für die ehrenwerthen Gründer: erſtens die Compagnie zur Coloniſation der ungeheuren Güter des Freiherrn von Dallenbach, Güter, auf denen nicht nur Steinkohlenlager ſind, ſondern auch muthmaßlich Gold⸗ felder, die alles derart bis jetzt Dageweſene weit über⸗ treffen ſollen. Dieſe Compagnie mit einem Grundkapital von zwanzig Millionen Dollars, garantirt durch die Güter ſelbſt und durch die ungeheure Ausbeutung derſelben unter dem Namen Freiherrlich von Dallenbach'ſche Anleihe, ſieben⸗ prozentig mit Gewinnantheil bei der Coloniſation und dem Bergwerks⸗Betrieb. Man könnte füglich ſchon in einem Jahre eine Dividende von fünfundzwanzig Prozent ver⸗ ſprechen. Zweitens haben wir da die Wisconſin⸗Texas⸗ bahn, doch hier wäre ſtatt des deutſchen Namens eine aus⸗ ländiſche Benennung ſehr am Platze und von großer Zug⸗ kraft: The Great Western Railroad, the only important and well paying line, connecting the State of Wis- consin with the Blue Mountains and the Far West.“ Dies ſprach der Freiherr mit erhobener Stimme, in deklamatoriſchem Tone, während er mit der rechten Hand eine entſprechende Bewegung dazu machte und dann ſein Kinn ſtreichelnd in gewöhnlicher Sprechweiſe fortfuhr: „Klappern gehört zum Handwerk und ich bin überzeugt, hier auf die richtige Art geklappert zu haben— Publikum, dieſes leichtſinnige Geſchöpf, hört klingende Worte und läßt ſeine Phantaſie walten, ohne ſich um den Zuſammenhang viel zu bekämmern— The Great Western Railroad, — — 50 von ungeheurer Bedeutung und einer koloſſalen Renta⸗ bilität, verbindet Wisconſin mit dem fernen Weſten und eröffnet die Geheimniſſe der Blue Mountains mit einem unglaublichen Reichthum der edelſten Metalle— es könn⸗ ten auch Diamanten dort gefunden werden, bei Gott iſt Alles möglich, und Terrain braucht man nicht viel zu kaufen, denn meine ungeheuren Güter liegen irgendwo da herum. „Dieſes großartige Eiſenbahnunternehmen nun könnte füglich mit dem gleichen Aktienkapital von zwanzig Mil⸗ lionen Dollars auf den Markt gebracht werden, verſpräche ebenfalls ſieben Prozent in Gold und müßte gleichfalls eine beträchtliche Dividende abwerfen. Und nun drittens endlich würde der Ring dieſer ſtaunenerregenden Finanz⸗ Spekulation durch die große deutſch⸗amerikaniſche Coloni⸗ ſations⸗Noten⸗ und Wechſelbank für den innigen Verkehr dieſer beiden mächtigen Länder glänzend geſchloſſen. „Wenn je etwas gehen müßte, wäre es dieſe Idee,“ fuhr Herr von Dallenbach eifrig fort,„wenn je etwas einen kühnen, unaufhaltſamen Flug nehmen müßte, ſo wäre es dieſe großartige Spekulation,“ rief der Freiherr begeiſtert aus, und dabei ſpornte er ſeinen Seſſel mit einem ſo animirten Zungenſchlage, daß man hätte erwar⸗ ten können, ihn in der nächſten Sekunde über den Senſal hinweg zum Fenſter hinausſetzen zu ſehen. Doch geſchah dies nicht, vielmehr ſtieg der Freiherr gleich darauf unter einem tiefen Seufzer von ſeinem Phan⸗ taſiepferde herab und ſagte mit einer gedrückten Stimme: Bd 80 51— „Dieſer Flug zu Anſehen und Reichthum wäre ſofort zu nehmen, wenn nicht dem Adler durch augenblickliche klein⸗ liche Verhältniſſe die mächtigen Schwingen gebunden wären, derart gebunden, daß er, anſtatt aufwärts zu ſtreben, kaum am Boden hinzukriechen vermag— und dieſe Kette muß erſt gelöſt werden,— muß, ſage ich— und zwar durch Ihre Beihülfe, mein lieber Herr Kniegel, und dann erſt wollen wir vereint durch unſeren kühnen Gang die Welt in Er⸗ ſtaunen ſetzen— ja vereint, Herr Kniegel, denn ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das Ehrenwort des Freiherrn von Dallenbach, daß ich Sie unbedingt zum Verwaltungsrath der deutſch⸗amerikaniſchen Bank vorſchlagen werde.— Verwaltungsrath iſt an ſich ſchon ein ſchöner Titel, der nicht ſchlechter wird durch ein jährliches Gehalt von zehn bis zwölf Tauſend Gulden.— Schlagen Sie ein, Herr Verwaltungsrath!“ Nun war aber Herr Kniegel mit ſeinem Handſchlage ſehr behutſam und vorſichtig, denn er wußte, was der⸗ gleichen z. B. auf der Börſe zu ſagen hatte, wenn ihm nach langem Feilſchen und Abhandeln um ein Achtel⸗ Procent endlich die fünf Finger mit den Worten entgegen⸗ geſtreckt wurden:„Nun denn, vierundachtzig und ein Achtel, Se haben ſe!“— weßhalb er hier mit ſeinen beiden Händen zögernd in ſeine hintere Rocktaſche fuhr, um ſein Schnupftuch herauszunehmen, ſich langſam die Naſe zu ſchneuzen, und ſodann ſagte:„Aller Anfang iſt ſchwer, Herr Baron! das wollten Sie vorhin vermuthlich ſagen, und bei Ihnen iſt dieſer Anfang beſonders ſchwierig, da —— 4 — k—— 8* man vorher noch gewaltige Hinderniſſe hinwegräumen muß, noch ehe man zum Anfange kommt. Sie verſtehen, was ich ſagen will, und verzeihen auch meine Freiheit, da Sie ja ſelbſt es waren, der mir das Vertrauen Ihrer Ange⸗ legenheiten geſchenkt.“ 4 „Ja, ja— allerdings,“ ſagte Herr von Dallenbach in dumpfem Tone, wobei er mit finſter zuſammengezogenen Augenbrauen zum Fenſter hinaus ſchaute—„die elenden Ketten und miſerablen Feſſeln, die den Adler bändigen, aber es iſt ja gar nicht der Rede werth gegenüber den glänzenden Ausſichten, welche ich Ihnen ſo eben eröffnet, ein paar Tauſend lumpige Gulden, bis die Sache en krain iſt— eine ſo lumpige Summe, auf das Wort und einen Wechſel des Freiherrn von Dallenbach— nur für kurze Zeit,“ ſagte er gedankenvoll, ſeine Rechte an die Stirn legend,„nur für zwei bis drei Monate, bis mein Sachwalter in Baltimore Gelder ſchickt, die ich ſchon längſt erwartet und die er leichtſinnigerweiſe noch nicht geſandt, weil er nicht erwarten konnte, daß ich mit dem jüngſt Geſandten ſo bald fertig wäre. Aber junge Leute,“ fuhr er in jovialem Tone fort,„wenn ſie auch mit ernſten und großartigen Planen beſchäftigt ſind, wollen doch ihrem Stande gemäß leben— hier blickte er um ſich—, wollen mindeſtens anſtändig eingerichtet ſein, können ſich nicht entſchließen, in gemeinen Fiakern zu fahren, oder an einer ordinären table d'hôte zu eſſen, und alles das koſtet Geld, mein lieber Herr Kniegel— ſehr viel Geld, wie ich Ihnen verſichern kann. Haben Sie zum Beiſpiel neulich 53— meine beiden neuen Pferde geſehen?— Koſten mich 2000 Florin, und doch war das noch ein Gelegenheits⸗ kauf. Aber gehen wir darüber hinweg und ſagen Sie mir, ob es Ihnen möglich war, die gewünſchte Summe für mich anzuſchaffen.“ Wenn der Freiherr von Dallenbach ein Menſchen⸗ kenner war, woran wir nicht zweifeln, ſo mußte er deut⸗ lich in den Mienen des Senſals leſen, daß ihm die An⸗ ſchaffung dieſer Summe bis jetzt nicht gelungen war, was dieſer auch gleich darauf durch die Worte beſtätigte:„Der Herr Baron haben keine Ahnung davon, wie ſchwierig es iſt, heutzutage Geld auf Wechſel anzuſchaffen, wo Jeder⸗ mann in Aktien und Papieren ſpekulirt.“ „Ich habe Ihnen ja erlaubt, an Zins und Proviſion zu bieten, was Sie für nöthig halten, beim Teufel, es iſt mir ja ganz gleichgültig, ob ich ein paar Hundert Florin mehr verliere! Iſt das doch gerade ſo, als ob ich Anſtand nähme, mir ein Lotterieloos zu zwanzig Thaler zu kaufen, nachdem ich überzeugt bin, das große Loos mit zwei⸗ hundert und fünfzigtauſend Thalern zu gewinnen! So ſteht genau das Verhältniß. Ich brauche dieſe elende Summe, um meinem Stande gemäß leben zu können, um auch momentan nicht in Verlegenheit zu gerathen, bis mir jener verfluchte Geſchäftsmann in Baltimore genügende Gelder einſendet. Ich kann mich auch bis dahin nicht einſchränken oder aus der Geſellſchaft zurückziehen. Ja, ich muß breit mit dem Strome ſchwimmen, um meinen immenſen Plan ſogleich pouſſiren zu können— dort liegt Hackländer, Kainszeichen. III. 5 — —— ſ —-— 54— er fertig“— damit eilte er an den Schreibtiſch und ſchlug mit der Hand auf einen großen Haufen Papiere. „Da liegt er,“ wiederholte er zurückkommend,„bis in's kleinſte Detail ausgearbeitet— ſechs Millionen Gulden, und Alles ſo klar und deutlich nachgewieſen, daß ich über⸗ zeugt bin, die erſten Häuſer der Stadt werden ſich bei der deutſch⸗amerikaniſchen Bank betheiligen. Doch kann der Freiherr von Dallenbach ein ſolches Unternehmen nicht präſentiren, wenn er ſich nicht ſeinem Stande gemäß ein⸗ zuführen vermag, und dazu gehört dieſes Bischen lumpige Geld— Geld— Geld, das ich leider ſtets gewohnt war, mit vollen Händen wegzuwerfen. Wenn Sie Zeit haben, meinen wundervollen Plan durchzuſehen, ſo ſetzen Sie ſich dort an den Schreibtiſch, ich wünſche es, ich möchte von Ihrer Freundſchaft berlangen, mir dazu eine Stunde zu opfern, und wenn Sie es gethan, wenn Sie mit Ihrem ſcharfen Verſtande Alles geprüft, ſo werden Sie erfüllt und überzeugt ſein von dem Gelingen meiner großartigen Spekulation und werden fühlen, daß es nicht leere Worte ſind, wenn ich Ihnen alsdann die Hand reiche und Sie einen der Unſrigen nenne, mein lieber Herr Verwaltungs⸗ rath Kniegel! „Auch iſt die Idee der deutſch⸗amerikaniſchen Bank,“ fuhr der Freiherr fort, indem er, im Gemache hin und her gehend, ſchwärmeriſch an die Decke blickte,„einer Bank, verbunden mit Coloniſation und Bergwerksbetrieb der Dallenbach'ſchen Güter, ſo großartig, ſo ſegensreich, ſo wichtig für das allgemeine Beſte, daß die Regierung darauf 55 aufmerkſam werden und die Gründer auszeichnen und be⸗ lohnen wird. Haben Sie Ehrgeiz, mein lieber Herr Ver⸗ waltungsrath,“ fragte er, plötzlich vor Herrn Kniegel ſtehen bleibend und demſelben ſpielend mit dem Finger durch das Knopfloch bohrend—„haben Sie Chrgeiz, mein lieber Herr Verwaltungsrath von Kniegel?— Gut, der ſoll befriedigt werden, darauf gebe ich Ihnen mein heiligſtes Ehrenwort, nichts leichter als das, und um Sie jetzt ſchon in Geſchäftsgeheimniſſe einzuweihen, will ich Ihnen ſagen, wie man das macht: Man ſteckt ein paar Aktien in ein leeres Couvert mit einer ganz kleinen, kleinen Notiz, un⸗ gefähr ſo:„Von der deutſch⸗amerikaniſchen Bank auf be⸗ ſondere Verwendung des Herrn Verwaltungsraths Kniegel,“ adreſſirt das und braucht nicht lange auf einen Erfolg zu warten.“ Nun gibt es in dieſer ſchlimmen Welt recht ver⸗ nünftige, ruhige und proſaiſche Leute, die über jede Phan⸗ taſie und Schwärmerei lächeln, die jeden Pfad, den ſie zu wandeln haben, vorher genau anſehen und ſorgfältig prüfen, ob er auch breit und eben genug iſt für ihr ſicheres und ſolides Fortkommen. Doch kann es auch ſolchen Leuten paſſiren, daß ſie zuerſt in Gedanken langſam vom Wege abkommen und ſich plötzlich am Rande eines Ab⸗ grundes ſehen, deſſen Tiefe ihnen allerdings etwas Schwindel verurſacht, aber keinen Schwindel unangenehmer Art; denn ſie ſehen da unten anmuthige, ſtille Thäler, herr⸗ liche Wieſen, behagliche, ſchattige Baumgruppen, mur⸗ melndes Waſſer, während der Weg, auf dem ſie bis jetzt 56— gewandelt, rauh, ſteinig und dem ſcharfen Winde aus⸗ geſetzt iſt. Auch erſcheint es ihnen nicht einmal nöthig, in jenen Abgrund hinabzuſtürzen, denn es zeigt ſich plötz⸗ lich ihren Blicken ein angenehm geſchwungener Pfad dort hinab, mit Ruhebänken verſehen und mit Wegweiſern be⸗ ſetzt, an denen obendrein noch Titel und Ordenszeichen hangen, die man nur abzupflücken braucht. Auch Herrn Kniegel erging es nicht anders, auch er fühlte einen gelinden Schwindel bei den Worten des Frei⸗ herrn von Dallenbach und bei den Ausſichten, welche ihm durch jene Worte eröffnet wurden, und Herr Kniegel war ein Streber, ein phantaſievoller Streber, und hatte wäh⸗ rend der letzten Jahre einen ſo hübſchen Schritt gemacht vom Seilermeiſter auf der Zigeunerinſel bis zum Senſal und Vertrauten großer Bankhäuſer, vom grauen Kittel bis zum Manne mit Sammtweſte und goldener Kette, daß ihm der weitere Sprung von hier zum Herrn Verwal⸗ tungsrath, ja, zum Herrn Verwaltungsrath von Kniegel durchaus nicht mehr ſo unmöglich vorkam— doch lächelte er gleich darauf, natürlich in beſcheidener Weiſe, und erwie⸗ derte:„Der Herr Baron werden überzeugt ſein, daß es mir ein Vergnügen macht, Ihnen zu dienen, und daß ich es gewiß an Anſtrengungen nicht fehlen ließ, aber—“ „Mit Ihren beſtändigen verdammten Abers,“ rief der Freiherr unmuthig,„ſagten Sie mir denn neulich nicht, Sie wüßten ein paar brave Männer, die geneigt wären, — ja, wollten Sie nicht dieſe braven Männer mitbringen?“ „Das hätte ich auch gethan, Herr Baron, wenn die⸗ 57 ſelben nicht gar zu übertriebene Forderungen gemacht hätten.“ „Was nennen Sie übertriebene Forderungen, wenn wir nur ein paar Tauſend lumpige Gulden gebrauchen, um Hunderttauſende zu gewinnen! Ich ſage abſichtlich wir, mein lieber Kniegel, denn Sie werden von meiner aus⸗ ſchweifenden Dankbarkeit überzeugt ſein!“ Der Senſal verbeugte ſich, ehe er erwiederte:„Neben dieſen unverſchämten Forderungen wollen die Leute auch noch irgend eine Sicherheit.“ „Nun, ein acceptirter Wechſel des Freiherrn von Dallen⸗ bach wäre doch, denke ich, Sicherheit genug.“ „Ja, mit einem oder zwei guten Endoſſements, und würden alsdann auch die Forderungen herabzudrücken ſein.“ „Mit Ihren Endoſſements!— Der Teufel hole Ihre Bedenklichkeiten! Wenn ich ein Endoſſement von Roth⸗ ſchild haben könnte, brauchte ich wahrhaftig Ihre braven Leute nicht!“ „Es iſt mehr der Form wegen, Herr Baron!“ „So endoſſiren Sie ſelber!“ „Ich kann das in meiner Stellung als Wechſelagent, der nie ähnliche Geſchäfte macht, unmöglich thun; denn da ich jenen braven Männern verſprach, wenigſtens den Verſuch zu machen, Ihren Wechſel discontiren zu laſſen, ſo müßte ich auch im Stande ſein, über den Bezogenen die genaueſte Auskunft zu geben.“ Der Baron von Dallenbach hatte ſich gegen den Schreibtiſch gelehnt und betrachtete die Nägel ſeiner zehn —— — * ——-— . 1 —yy —— — —* ——³——— — 8— ——ÿy y—— 1»v 1 8 —— 5 AA Finger ſo aufmerkſam, als gebe es in dieſem Augenblicke für ihn nichts von ähnlicher Wichtigkeit in der Welt. Nur bei dem Worte„Discontiren“ machte er eine unmuthige Bewegung, ſagte aber, nachdem der Andere geendigt, nicht ſogleich etwas, wandte ſich vielmehr ruhig gegen ſein Pult um und nahm dort ein langes Lineal, das er wie einen imaginären Peitſchenſtiel behandelte, worauf er den gleichfalls idealen Verſuch machte, mit einer eingebildeten Peitſchen⸗ ſchnur in der Luft hoch über ſeinem Kopfe einen zierlichen Achter zu hauen. Dann ſenkte er das Lineal und ſagte mit lächelnder Miene, indem er ſich kopfſchüttelnd Herrn Kniegel näherte:„Wir haben uns doch etwas mißver⸗ ſtanden und Sie zählen mich zu jener Art von Leuten, die ſich Gelder anſchaffen wollen— die ſich Gelder an— ſchaffen müſſen unter jeder Bedingung, denen es alſo gleichgültig iſt, ob ſie durch die Discontirung des Wechſels in aller Leute Mund kommen. Das iſt aber bei mir, der in ſechs Wochen, in fünf, vielleicht auch in vier, ja, noch kürzer, wenn ich mich des Telegraphen bedienen wollte, genügendes Kapital zur Verfügung hat, nicht der Fall. Ja, ich brauche das nicht einmal, wenn ich mich ent⸗ ſchließen könnte, meine Zuflucht zu Familienkoſtbarkeiten zu nehmen.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich dem Schreib⸗ tiſche wieder genähert und tupfte mit dem Ende des Lineals auf eine große, ſtark mit Meſſing beſchlagene Caſſette, die dort ſtand, worauf er fortfuhr:„Doch ſind wir, Gott ſei Dank! noch nicht ſo weit gekommen. Es heißt eben ab⸗ warten, mein lieber Herr Kniegel, bis ich Gelder bekomme. Freilich gilt bei unſerer großartigen Spekulation vielleicht mehr wie bei jeder anderen der Spruch: Time is money. Doch muß ich mich geduldig darein fügen, Zeit zu ver⸗ lieren, wenn ich nicht eine willigere und billigere Hand finde. „Setzen Sie ſich in meine Lage und denken Sie, ich fahre morgen oder übermorgen vor, bei verſchiedenen unſerer ehrenwerthen Banquiers, nehmen Sie z. B. Ihr vertrauteſtes Haus, die Herren Gebrüder Schropps. Ich präſentire meinen gediegenen Plan der deutſch⸗amerikaniſchen Bank, nachdem vielleicht kurz vorher mein Wechſel im Betrage einiger Tauſend lumpiger Gulden discontirt worden, und Sie werden mir zugeben, daß dies für meine Spe⸗ kulation ſo ungünſtig wie möglich wäre.— Nun, hab' ich Recht?“ „Ich kann das nicht leugnen, und wäre vielleicht ein Discontiren des Wechſels zu umgehen, wenn der Herr Baron unter Ihren vielen Freunden ein paar gediegene Endoſſements auftreiben würden.“ „Nein, nein, mein lieber Herr Kniegel,“ erwiederte der Freiherr von Dallenbach, ſeine rechte Hand ſchüttelnd, „geben Sie der Wahrheit die Ehre, und geſtehen Sie mir, daß es Ihnen nicht recht darum zu thun, dieſes kleine Geſchäft zu machen, da es ſelbſt Ihnen, der mich doch kennt, der mich doch häufig hier in meiner gewiß nicht armſeligen Häuslichkeit geſehen, an Vertrauen fehlt. — Bitte, keine Betheuerungen,“ fuhr er fort, als Herr Kniegel irgend etwas, vielleicht ganz das Entgegengeſetzte — e “——— — — 60— von Betheuerungen ſagen wollte.—„Geſtehen Sie mir lieber zu, daß ich Recht habe, denn im anderen Falle würde es für Sie bei Ihrer Geſchäftskenntniß, bei dem Credit, den Sie in den erſten Häuſern genießen, ein Kleines ſein, dieſe unbedeutende Summe aufzutreiben, noch dazu auf einen Wechſel oder auf jede andere bindende Schuldverſchreibung.— Und was wäre am Ende ſo Großes dabei, wenn Sie ſelbſt für ein paar Wochen Bürgſchaft übernehmen ſollten, Bürgſchaft, für die kein Riſiko beſteht, wie Sie ſich überzeugen werden, wenn Sie ſich die Mühe nehmen wollen, meine Papiere dort durch⸗ zuſehen. „Auch habe ich Ihnen ja ſchon geſagt,“ fuhr er ver⸗ traulich näher kommend fort,„daß meine Belohnung in jeder Hinſicht glänzend ſein wird, in jeder, jeder Hinſicht glänzend.“— Dabei berührte er ſanft wieder eines von des Senſals Knopflöchern.—„Sie haben das große Loos in Ihrer Hand, Sie ſtehen vor einem koloſſalen Gewinnſt, ohne jede Chance des Verluſtes, und werden überzeugt ſein, daß meine volle Dankbarkeit dem Manne zu Theil wird, der mir eine ſo große Gefölligkeit geleiſtet.“ Herr Kniegel ſtand wieder an dem vorhin erwähnten Bergabhange und es wehte ihn eigenthümlich an, wenn er an die ſanften und heimlichen Ruheplätze dachte, die ſich da unten ſeinem Geiſte zeigten. Er war nicht ohne Phantaſie, wie wir von früher her wiſſen, und hatte ſchon damals, wenn er langſam rückwärts ſchreitend ſeine Stricke ſpann, dabei manch kühnes Luftſchloß gebaut, ebenſo jetzt — 66 wieder, als er deutlich da unten den reizenden Raſenhügel vor ſich ſah, welcher ſo glücklich ſein ſollte, das kleine hübſche Schloß des Verwaltungsrathes Herrn von Kniegel auf ſeinem Rücken zu tragen. Da mit einem Male faatterten all' dieſe glänzenden Träume auseinander und davon, und zwar durch das langſame Oeffnen der Thür, auf deren Schwelle der Kammerdiener des Freiherrn in beſcheidener Haltung er⸗ ſchien, um mit leiſer Stimme, etwas zögernd, beſonders als er den unmuthigen Blick ſeines Herrn bemerkte, die Meldung zu machen, es ſei draußen ein Fremder, der dringend verlangt habe, augenblicklich vorgelaſſen zu werden. „Und doch habe ich den beſcheidenen Wunſch ausge⸗ drückt, nicht zu Hauſe zu ſein,“ antwortete Herr von Dal⸗ lenbach mit einem ſcharfen Tone und gehäſſigem Blick, welcher Blick übrigens etwas Spannendes, Lauerndes an⸗ nahm, als der Andere in großer Demuth entgegnete:„Ich habe nicht verfehlt, das dem Fremden auf das Beſtimmteſte zu verſichern. Aber er ſagte mir barſch und kurz, er wüßte das beſſer, und da der gnädige Herr zu Hauſe ſeien, ſo wäre er jedenfalls für ihn zu ſprechen.“ „Nun denn in's Teufels Namen, wie heißt er?“ „Es war keine Möglichkeit, das von ihm zu erfahren, gnädiger Herr, und jeder Frage wich er mit den Worten aus, daß es für Eure Gnaden eine höchſt angenehme Ueberraſchung ſei, die er ſich durch Nennung ſeines Namens nicht verderben wolle.“ „Hol' ihn der Henker! und wie ſieht er aus?“ ———õ— —— —— r —õ— “ ͤ — 62— Doch war der Kammerdiener nicht im Stande, dieſe Beſchreibung zu liefern, denn eine unſichtbare Hand drückte ihn bei Seite, worauf in der nächſten Sekunde nicht nur dieſe Hand erſchien, ſondern auch die dazu gehörige Geſtalt eines großen und hübſchen jungen Mannes mit blondem, krauſem Haar, großem Barte, etwas unſcheinbarem Rocke und hohen Reitſtiefeln, kurz derſelbe Fremde, den wir vor⸗ hin in einer Meinungsverſchiedenheit mit dem Kellner des Gartens zur goldenen Seejungfer geſehen. Jedenfalls hatte er durch ſein Erſcheinen hier den Zweck einer Ueberraſchung vollkommen erreicht, doch wollen wir nicht behaupten, daß dieſe Ueberraſchung auf Seiten des Freiherrn von Dallen⸗ bach als eine angenehme erſchienen wäre, denn er ſtarrte den Eingetretenen mit einem gerade nicht freundlichen Blicke an, wobei er die Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmte und dann in gedehntem Tone ſagte:„So— du biſt's— das iſt allerdings eine freudige Ueberraſchung!“ Dann murmelte er etwas vor ſich hin, was nach ſeinem finſteren Geſichtsausdrucke zu ſchließen füglich heißen konnte: „Geh' zum Teufel!“ Der Fremde ſchien aber keine Luſt zu haben, auf dieſe oder eine ähnliche Art wieder zu verſchwinden, denn er ging aufrechten Hauptes in das Zimmer hinein bis zum Schreibtiſch, auf deſſen Rand er ſich ſetzte, während er in ruhigem Tone ſprach:„Ich weiß wohl, daß es dir lieber geweſen wäre, wenn du mich etwas ſpäter, zu deiner Diner⸗ ſtunde geſehen hätteſt, doch iſt es nicht meine Art, ſelbſt vertraute Freunde auf ſolche Weiſe ohne Einladung zu — 63— überfallen. Deßhalb ſpeiſte ich vorher, wie mir dieſer Herr da bezeugen kann, in deſſen Gegenwart ich mein beſchei⸗— denes Mahl einnahm.“ „So kennſt du alſo dieſen Herrn?“ „Ich habe bis jetzt noch nicht die Ehre.“ „Herr Senſal Kniegel, ein tüchtiger Geſchäftsmann, hauptſächlich beſchäftigt durch das bekannte und reiche Haus der Herren Gebrüder Schropps.“ Es kam Herrn Kniegel vor, als betone der Freiherr von Dallenbach die letzteren Worte auf eine ganz beſon⸗ dere Art, wobei er den Fremden eigenthümlich lächeln ſah. „Und was deinen Namen anbelangt, ſchreibſt du dich hier mit einem i oder mit einem d?“ fuhr Herr von Dallen⸗ bach fort. „Unter guten Freunden und wo ich Vertrauen erwar⸗ ten kann,“ entgegnete der Fremde, indem er von dem Schreibtiſche weg ging und ſich Herrn Kniegel näherte, „ſehe ich gar nicht ein, warum ich nicht meinen ehrlichen Namen nennen ſoll. Ich heiße Schropps— Joſeph Schropps— nach meinem Pathen und Onkel, und wenn ich Ihnen das ſo unumwunden ſage, Herr Kniegel, ſo brauche ich wohl kaum hinzuzuſetzen, daß ich feſt überzeugt bin, es bleibt das ganz unter uns.— Haben Sie mich verſtanden, Herr Kniegel?“ Der würdige Senſal und Vertraute des Hauſes Schropps befand ſich in keiner geringen Aufregung und Verlegen⸗ heit, da ihm hier ſo plötzlich ein verkörpertes Bild jahre⸗ langer Träume, jahrelangen Ueberlegens, jahrelanger ge⸗ —— m—— 64— häſſiger Anklagen, wenigſtens von Seiten eines ſeiner Prinzipale, entgegentrat, und es war ihm gerade ſo zu Muthe, als wenn irgend ein Kobold, oder beſſer geſagt, ein böſer Geiſt, der unſichtbar ſchon vielen Schaden und Unheil angerichtet, nun mit einem Male leibhaftig vor uns ſteht, und wenn dieſe Geſtalt auch hier an und für ſich gerade nicht zum Erſchrecken war, ſo dachte Herr Kniegel doch mit großem Unbehagen an die Leichtigkeit, mit welcher der vor ihm Stehende kurz zuvor den Kellner mitſammt ſeinem Stuhle in der Luft geſchwenkt wie einen Küchenlappen. Von dieſer hohen, kräftigen Geſtalt, von —— — —yy— — dieſen blitzenden Augen, von dem energiſchen Zug um den Mund über dem leicht hervortretenden Kinn, kurz, von dieſem höchſt anſehnlichen Manne war Alles zu erwarten, wenn man das Unglück hatte, mit demſelben in Zwiſtig⸗ keiten zu gerathen. Herr Kniegel wußte deßhalb auch nichts Beſſeres zu thun, als eine ſtumme, etwas ängſtliche, aber tiefe Ver⸗ beugung zu machen, und erſt nach einer kleinen Pauſe, als der Andere gefragt:„Nun, wie denken Sie darüber?“ V zur Antwort zu geben:„Ich ſchätze mich glücklich, die Be⸗ kanntſchaft des Herrn Schropps junior zu machen.“ „Und ich ſchätze mich glücklich, bei meinem erſten Be⸗ ſuche hier in der Stadt ſo zufällig den vertrauten Geſchäfts⸗ mann meiner verehrten Oheime kennen zu lernen.“ Dann V wandte ſich Herr Schropps mit den Worten an den Frei⸗ herrn von Dallenbach:„Verzeihe dieſe kleine Unterbrechung I der Geſchäfte, fahre nach Belieben darin fort und erlaube mir diskreter Weiſe, in dein Schlafzimmer zu gehen, bis du mir vielleicht ſpäter geſtatteſt, Herrn Kniegel um ſeinen koſtbaren Rath in meiner Angelegenheit zu erſuchen.“ Der Freiherr, dem dieſe Unterbrechung anfänglich ſehr unangenehm geweſen war— man hatte dies an ſeinem finſteren Geſichtsausdrucke geſehen,— ſchien indeſſen nicht ohne Behagen den erſchreckenden Eindruck zu bemerken, welchen dieſe Begegnung auf Herrn Kniegel ausübte. Obgleich er dieſes Erſchrecken nicht vollkommen verſtand, ſo erkannte doch ſein ſpekulativer Geiſt, daß hier etwas ſei, was ſich auch zum Beſten ſeiner Angelegenheiten, zu einem Drucke auf den Senſal benutzen laſſe, weßhalb er in einem gleichgültigen Tone ſagte:„Du kannſt ruhig da⸗ bleiben, denn meine Geſchäfte mit Herrn Kniegel ſind ſo gut wie beendigt, das heißt, Herr Kniegel, der mir Hoff⸗ nung auf eine kleine Dienſtleiſtung machte, findet nun mit einem Male unüberſteigliche Hinderniſſe.“ „Laß ſehen, um was es ſich handelt,“ erwiederte Herr Schropps, indem er die Hände in die Taſchen ſeiner Bein⸗ kleider ſteckte,„das heißt, wenn ich mit dieſem Verlangen keine Indiskretion begehe. Vermuthlich betrifft es eine Geldangelegenheit.“ „Der leichteſten Art, allerdings,“ erwiederte der Frei⸗ herr,„und raſch abzumachen, wenn Herr Kniegel die Freundlichkeit für mich haben wollte.“ Er ſagte das, während er mit ſeiner gewöhnlichen Un⸗ ruhe im Zimmer hin und her ging und dazu mit dem Lineal in der Luft herumfuchtelte. — ——— — 66 „Du weißt,“ fuhr er gegen Herrn Schropps gewendet fort,„daß ich ſchon drüben nahe am Abſchluß meiner großartigen Finanzſpekulation war, und hieher ging, um dieſe Sache, die ja für Deutſchland von größtem Intereſſe iſt, zu pouſſiren. Dazu gehört vor allen Dingen Geld, viel Geld, und da ich das zur Erreichung meines Zweckes nicht geſpart habe, ſo befinde ich mich augenblicklich, jeden Tag bedeutende Zahlungen von Amerika erwartend, in einiger Verlegenheit. Es handelt ſich beiläufig um Zwei⸗ tauſend Gulden, welche ich durch Vermittlung des Herrn Kniegel auf einen von mir acceptirten Wechſel mit Leich⸗ tigkeit zu erhalten hoffe. Halb und halb hat es mir Herr Kniegel zugeſagt.“ „Und nun?“ fragte der Andere in einem etwas bar⸗ ſchen Tone. „Erhebt er einige, allerdings nicht ganz ungerechtfer⸗ tigte Einwendungen, iſt erbötig, mir das Geld auf einen Wechſel zu verſchaffen, wünſcht aber ein Endoſſement mit einem Namen von gutem Klange.“ „Und hat darin ganz Recht,“ ſagte Herr Schropps junior.„Ein ſolches Endoſſement iſt nothwendig, und da ich ſtets bereit bin, meinen Freunden zu dienen, ſo ſollſt du ſogleich meine Unterſchrift haben. Wo iſt der Wechſel?“ Herrn Kniegel war gerade ſo zu Muthe, als befände er ſich mit zweitauſend Florin in der Taſche in einem großen, finſteren Walde, fern von aller menſchlichen Hülfe, vor einem Manne ſtehend, der, einen dicken Knüttel in der Hand wiegend, ſich bei ihm auf freundliche Art er⸗ b⸗ 67 kundigte, wie viel Uhr es eigentlich ſei. Dieſes Gefühl äußerte ſich in ſeinem etwas ſtockenden Athem und im Einknicken der Kniee, und ſein Gemüthszuſtand wurde durchaus nicht ruhiger, als jener in einem ziemlich gleich⸗ gültigen Tone fortfuhr:„Oder wenn kein Wechſel da iſt, ſo machen wir die Geſchichte einfach ſo: Du ziehſt drei⸗ tauſend Florin— für das weitere Tauſend garantire ich — ſpeziell auf meine verehrten Oheime, die Herren Ge⸗ brüder Schropps, an die Ordre des Herrn Senſal Kniegel. Der Herr Senſal Kniegel endoſſirt an Herrn Joſeph Schropps junior, ich quittire und Herr Kniegel verſchafft uns das Geld. Es iſt das ſo einfach wie möglich, wobei ich nur bemerken möchte, daß der Wechſel von Baltimore datirt ſein könnte, was vielleicht eine noch beſſere Wirkung macht.— Jetzt ſagen Sie Ihre Anſicht!“ wandte er ſich ſchließlich mit einer leichten Handbewegung an den Senſal, um hierauf an's Fenſter zu treten und ruhig hinaus zu ſchauen. Doch hatte Herr Kniegel kaum den Mund geöffnet, — wir wiſſen nicht beſtimmt, um etwas zu ſprechen oder nur, um einen tiefen Athemzug zu thun— als Herr Joſeph Schropps mit einer langſamen Drehung des Kopfes fort⸗ fuhr:„Stellen wir die Sache feſt, wie ſie iſt! Ich habe mich Ihnen genannt und wenn Sie in Betreff meiner Perſon nicht ganz ſicher ſein ſollten, ſo wird der Baron von Dallenbach gültiges Zeugniß für mich ablegen, und werden Sie darauf hin nicht mehr zweifeln, daß ich in Perſon aus Amerika zurückgekehrt bin. Wollen Sie trif⸗ 1 1 8 4 4 A 8 *.. 4 3 5 4 5 8 3 6 3 1 8 3 1 Y 3 3 6 Y 8 1 ½ “ 68— tige Gründe dafür?— Nun denn! Um meinen alten Oheim zu ſehen und mich vielleicht in ſeinem Geſchäfte nützlich zu machen. Sie werden bemerkt haben, daß ich von meinem Oheim in der Einzahl ſprach, alſo nur von einem derſelben, und zwar von meinem guten Oheim Nathan, der mir ſtets etwas Wohlwollen bewies und den langweiligen, hartherzigen Epiſteln meines anderen Oheims häufig ein paar freundliche Worte anfügte, ja in der letzten Zeit mehr als je,— ſo daß für Jemand, der zwiſchen den Zeilen leſen kann, wie ich nämlich, ſein unverhohlenes Bedauern zu erkennen war, daß es ſo ſei und nicht anders, und daß es vielleicht anders beſſer wäre, was in geradem deutſchem Sinne heißen könnte:„Ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn du zurückkehrteſt und die Stütze eines alten Mannes werden wollteſte— wollen Sie dergleichen vielleicht ſelbſt leſen, Herr Kniegel?“ Das war allerdings ein Hoffnungsſtrahl für dieſen, und während er eifrig ſagte:„Ja, ja, wenn ich bitten darf,“ und dazu mit dem Kopfe nickte, machten ſeine Finger haſtige Bewegungen, als lange er in eine Schürze voll Werg, um einen hübſchen, ſoliden Strick zu beginnen. Dann, als er ſich raſch dem Herrn Joſeph Schropps näherte, benetzte er mit der Zunge ſeine trocken geworde⸗ nen Lippen und ſtreckte ſeine Hände weit vor, um ein paar Schreiben in Empfang zu nehmen, deren Adreſſen er in Bezug auf Handſchrift und Poſtſtempel genau unter⸗ ſuchte, ehe er ſie öffnete und mit gierigem Blicke anfing, darin zu leſen. ten fte ich von eim den ims zten chen enes ders, dem klich alten leicht eſen, ditten ſeine hürze inen. copps orde⸗ n ein reſſen inter⸗ nfing, — 69— „Sie werden mich für ein paar Augenblicke entſchul⸗ digen, Herr Baron.“ Dieſer, der mit der Unruhe eines friſch gefangenen Fuchſes im Zimmer hin und her lief, machte die betreffende Handbewegung gegen einen Stuhl, auf welchen ſich Herr Kniegel, ſchon in's Leſen vertieft, ſodann langſam niederließ. Der junge Herr Schropps ſtand aufrecht und unbe⸗ weglich an den Schreibtiſch gelehnt, nachdem er ſeinen hin und her rennenden Freund— man hätte ſagen können— mit den Blicken eingefangen hatte, indem ſie denſelben ſo lange verfolgten, bis er, einmal aufblickend, ihnen begeg⸗ nete, worauf Herr Schropps mit der rechten Hand an ſeinen vollen Bart langte und dann ganz leicht die Be⸗ wegungen des Einſeifens machte. Herr Kniegel hatte die Schreiben, welche beide von der Hand des Herrn Joſeph Schropps des Aelteren waren, ziemlich flüchtig durchgeleſen, dagegen mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit bei Nachſchriften von der Hand des Herrn Nathan verweilt, ſichtlich jedes Wort derſelben aufmerkſam erwä⸗ gend. Dann ließ er ſeine Hände auf die Kniee ſinken und ſagte:„Ja, ja, Herr Nathan iſt ein guter, milder, alter Herr,“ worauf ihm Herr Schropps entgegneke:„Wollen Sie vielleicht durch das Prädicat alt bezeichnen, daß mein würdiger Oheim Nathan nicht mehr die vollkommen friſchen Geiſteskräfte wie früher habe, und daß aus der Theilnahme, die er mir ausdrückt, ein kindiſch gewordenes Alter ſpricht?“ Hackländer, Kainszeichen. III. 6 — — — —————ℳ———— ——ſſſ— — 70— „Gott ſoll mich bewahren, ſo etwas auch nur zu denken!“ gab der Senſal raſch zur Antwort.„Im Gegen⸗ theil, ich freue mich darüber und bitte Sie dringend, mir zu glauben, daß auch ich ſchon häufig in ähnlichem Sinne geſprochen.“ „Es freut mich, das zu hören, und da ich von der Wahrheit des Geſagten vollkommen überzeugt bin, ſo kann ich auch erwarten, daß Sie ferner in dieſem Sinne han⸗ deln werden, daß Sie die Hand dazu bieten, um ein herzliches Einverſtändniß zwiſchen mir und meinem Onkel ſtathan wieder herzuſtellen, und können Sie das mit gutem Gewiſſen thun; denn ich bin nicht mehr derſelbe Menſch, welcher ich früher geweſen, ſondern habe mich bemüht, ſo zu werden, daß ich eine kräftige Stütze für meinen guten Oheim Nathan ſein kann.“ Bei dieſen Worten hatte er den Baron von Dallenbach abermals mit einem Blicke eingefangen, ja, ihn auf ſeinem eiligen Laufe feſtgebannt und ihm ein beiſtimmendes Kopf⸗ nicken abgenöthigt, worauf er fortfuhr:„Nach allem dem, mein lieber Herr Kniegel, werden Sie gewiß jeden Schritt für ſegensreich halten, der von uns gethan wird, damit dieſer leidige, unvernünftige Familienzwiſt aufhört— und das erwarte ich auf das Beſtimmteſte von Ihnen, Herr Kniegel,“ ſetzte er in einem ſo energiſchen Tone hinzu, daß dem Senſal ſogleich wieder das Bild des in der Luft ſchwebenden Kellners Joſeph vor die Seele trat—„auch wird der Herr Baron von Dallenbach, ein bekannter Name und mein würdiger, verehrter Freund, jede Bürg⸗ — — — —— 71 ſchaft für mich übernehmen, wie ich als Neffe des reichen Hauſes Schropps anderentheils wieder für ihn.“ Der Freiherr, der in einer Ecke ſtehend mit Beihülfe der Finger die Knöpfe ſeiner Weſte und ſeines Rockes zählte, nickte noch eifriger mit dem Kopfe, ungeſehen von dem Senſal, der die Briefe ſehr langſam zuſammenfaltete und dann mit einem Seufzer ſagte:„Sie werden mich bereit finden, Ihnen zu dienen, wie und wo es mir mög⸗ lich iſt.“ „Und das ſoll Ihr Schaden nicht ſein, Herr Kniegel — gewiß nicht,“ ſprach der Freiherr, raſch näher kom⸗ mend,„und wollen wir deßhalb unſer Geſchäft wieder da aufnehmen, wo wir es beim Eintritt unſeres würdigen Freundes fallen ließen. Du weißt am beſten,“ wandte er ſich an dieſen,„wie nahe ich am Abſchluß meiner groß⸗ artigen gediegenen Spekulationen ſtehe. Ich habe dem Herrn Kniegel davon Einſicht gegeben und habe ihm meine Dankbarkeit durch eine Betheiligung an dieſen großartigen Geſchäften beweiſen wollen, eine Betheiligung, die ihm nicht nur enorme Summen eintragen muß, ſondern auch eine große und ich will ſagen wohlverdiente Ehre.“ „Ich glaube, daß Herr Kniegel auch ohne das freund⸗ liche Dienſte leiſten wird dem einzigen Neffen jener Män⸗ ner, denen er ſo Vieles verdankt.“ „Gewiß, gewiß, wer möchte daran zweifeln?“ gab der Freiherr zur Antwort.„Doch kann Herr Kniegel, ein ſo bedeutender Geſchäftsmann wie er iſt, auch ſonſt un⸗ ſerem Geſchäfte großen Vorſchub leiſten, ja, er vermag es, —————— — — —— — — 72— thatkräftig einzugreifen, weßhalb ich mir erlaubte, ihm für den glücklichen Fall des Gelingens das ehrenvolle und einträgliche Amt eines Verwaltungsrathes in Ausſicht zu ſtellen.“ „Du gehſt etwas raſch zu Werke,“ entgegnete Herr Schropps achſelzuckend,„doch habe ich nichts dagegen ein⸗ zuwenden, wenn Herr Kniegel ſo für uns handelt und wirkt, wie wir es erwarten können.“ „Nun denn,“ meinte der Freiherr, indem er die Hände um einander rieb und noch näher kam,„ſo wollen wir jetzt als gute und in gleichem Intereſſe vereinigte Ge⸗ ſchäftsleute überlegen, wie jenes kleine Wechſelgeſchäft am beſten zu arrangiren wäre.“ „Nun, wie ich vorhin geſagt. Du ziehſt drei Tauſend Gulden auf die Gebrüder Schropps, meine verehrten Oheime, an die Ordre des Herrn Kniegel, Herr Kniegel endoſſirt an mich, ich quittire, und zwar auf der Stelle, wodurch ich Herrn Kniegel einen Beweis meines Vertrauens gebe, da ich feſt überzeugt bin, daß er das Geld in kürzeſter Zeit anſchaffen wird, und das auf einem ganz einfachen Wege, den ich ihm angeben und ſo noch weiteres und größeres Vertrauen beweiſen will.“ Herr Kniegel blickte erwartungsvoll in die Höhe, doch nicht ohne Beſorgniß und Unruhe in ſeinen Blicken zu verrathen. „Sie, Herr Kniegel, haben nämlich gehört, und aus guter Quelle gehört, daß Alles, was ich über meine gute, ſolide und ehrenvolle Stellung in Amerika geſchrieben, —— 73 vollkommen der Wahrheit gemäß iſt— vollkommen der Wahrheit gemäß iſt,“ wiederholte er in energiſchem Tone, der durch einen ſcharfen Blick unterſtützt war.„Herr Kniegel wird alſo verſichern, daß ich beſcheidener Weiſe noch hinter den Schilderungen meiner Verdienſte zurückge⸗ blieben bin— und wem wird er dies Alles verſichern? Meinem Oheim Nathan allein, im tiefſten Vertrauen, und zwar nicht eher, als bis Herr Nathan ſelbſt in einer mil⸗ den, bewegten Stimmung die Rede auf mich bringt, indem er ſein Bedauern ausſpricht, daß ihm die Hartherzigkeit ſeines Bruders Joſeph nicht geſtatte, mich zurück, in ſein Haus, an ſein Herz zu rufen.“ „Eher nicht?“ fragte der Senſal im Tone großer Erleichterung. „Cher nicht! Aber beruhigen Sie ſich, das ſoll in den nächſten Tagen geſchehen, und wenn Sie alſo geſprochen, wie ich ſo eben angedeutet, wenn das Herz des alten Mannes erweicht iſt und gerührt durch all' das Gute, was er von Ihnen vernommen— und ich hoffe, Herr Kniegel, Sie werden in unſerem gemeinſchaftlichen Inter⸗ eſſe mit Lob durchaus nicht ſparſam umgehen—, ſo ſtreuen Sie ſogleich als fruchtbringendes Samenkorn Ihren kleinen Wechſel aus, und Sie werden ſehen, ob die Pflanze nicht ſogleich emporſchießt und goldene Früchte trägt. Haben Sie mich verſtanden?“ „O ja, o ja!l“ „Auch ſollten Sie einfließen laſſen, ja, ich verlange es ausdrücklich, daß Sie von den großen und gediegenen Spekulationen des Freiherrn von Dallenbach gehört, daß ich dabei betheiligt ſei— ſiehe den Wechſel— und daß Sie überzeugt ſeien, ich ſei durch die Vereinigung mit meinem würdigen Freunde hier nicht nur auf dem Wege zu großem Reichthum, ſondern auch zu einem höchſt an⸗ geſehenen Namen.“ „Woran nicht im Mindeſten zu zweifeln iſt,“ bekräf⸗ tigte der Freiherr, indem er den früher erwähnten Stoß Papiere vom Schreibtiſche nahm und in der Hand wog. „Ich ſagte Ihnen vorhin,“ fuhr Herr Schropps mit großer Ruhe fort,„daß ich neben den zwei Tauſend Gulden für das allgemeine Geſchäft Tauſend Gulden für mich ſelber brauche, um bei meiner demnächſtigen Ankunft aus Amerika— denn ich bin noch nicht angekommen, Herr Kniegel—, ſo auftreten und erſcheinen zu können“ hier warf er einen Blick auf ſeine abgetragene, un⸗ ſcheinbare Kleidung—,„wie es mein Vermögen verlangt, ſo wie meine ausgezeichnete Stellung bei der neu begrün⸗ deten deutſch⸗amerikaniſchen Bank,— ſchreib' du unter⸗ deſſen den Wechſel,“ wandte er ſich in gleichgültigem Tone an den Freiherrn, der ſich raſch an den Schreibtiſch ſetzte, „und Sie,“ fuhr er gegen den Senſal fort,„haben die leichte Mühe, auf die guten Gedanken meines lieben Oheims einzugehen, dieſelben zu meinem Beſten zu lenken und ſo die Verſilberung dieſes Papieres an ihn ſelbſt und durch ihn ſelbſt zu bewerkſtelligen.“ „Alſo verlangen Sie nicht, Herr Schropps,“ fragte der Senſal, unverkennbar in einem Tone der Erleichterung, — — — 75 „daß ich gewiſſermaßen ſelbſthandelnd auftreten ſoll, ſondern Ihrem Herrn Oheim Nathan gegenüber nur eine zuwar⸗ tende Stellung einnehme?“ „So iſt es, doch hat auch das Zuwarten ſeine Gränzen, und ſollten Sie wenigſtens dem alten Herrn nachhelfen, wenn er in einer vertraulichen Stunde an mich denkt.“ „O, daran ſoll's von meiner Seite gewiß nicht fehlen,“ erwiederte der Senſal eifrig, wobei er raſch von ſeinem Stuhle aufſtand und ſich hinter denſelben ſtellte,„gewiß, Herr Schropps, verlaſſen Sie ſich ganz auf mich— es ſoll an mir nicht fehlen— ich werde mein Möglichſtes thun.“ Er wiederholte dieſe Betheuerung dreimal nacheinander, mit etwas erzwungen heiterem Blick, da er ſich ſeltſam gebannt fühlte von den durchdringenden Blicken des An⸗ dern, welche begleitet waren von einem ganz eigenthüm⸗ lichen und gar nicht angenehmen Lächeln. Auch verſchwand dieſes Lächeln nicht, als nun Herr Schropps den geſchrie⸗ benen Wechſel aus den Händen des Freiherrn nahm und hierauf mit drei weiten und dröhnenden Schritten bis dicht vor Herrn Kniegel trat und ihm in ſehr ruhigem und ſehr energiſchem Tone ſagte:„Vergeſſen Sie auch nicht, daß ich Mittel und Wege habe, mich auf's Genaueſte zu überzeugen, ob Sie Ihr freiwillig gegebenes Verſprechen erfüllen oder nicht, ob Sie überhaupt offen und ehrlich mit uns ſein werden, oder ob Sie etwa gegen uns agiren, und muß ich mir erlauben, hinzuzufügen, daß ich mich im letzteren Falle veranlaßt ſehen würde, mit Ihnen kurzen —— — * 4 +— . 4 — 76— Prozeß zu machen, auf die Art, wie man über dem Waſſer drüben zu thun pflegt!— So, nun bitte ich, den Wechſel an mich zu endoſſiren, damit ich Ihnen meinestheils das unbedingteſte Vertrauen erweiſe, indem ich ihn ſofort quit⸗ tirt in Ihre Hände lege.“ So geſchah es denn auch, wobei ſich nur noch die kleine Schwierigkeit zeigte, daß Herr Kniegel aus bekann⸗ ten Gründen die Endoſſementsformel nicht ſelbſt zu ſchreiben vermochte, und daß ſeine Unterſchrift ſo ausſah, als hätte er ſie vermittels einer Hühnerpfote gemacht. Dann wiſchte er ſich etwas auffallend den Schweiß von der Stirn, be⸗ wahrte den quittirten Wechſel ſorgfältig in ſeiner Brief⸗ taſche und wurde auf die freundlichſte Art entlaſſen, wo⸗ bei ihn der Freiherr noch in das nächſte Zimmer begleitete, ihm hier die Hand reichte und dabei die ſchmeichelhaften Worte ſagte:„Seien Sie eifrig für uns und auch im In⸗ tereſſe eines gewiſſen künftigen Verwaltungsrathes beſchäftigt.“ Hierauf folgte ein liebevolles Kopfnicken und Herr Kniegel durchſchritt die Zimmerreihe, mit weit ernſteren Ge⸗ danken beſchäftigt, als da er ſie vor einer Stunde betreten. Draußen im Veſtibul befand ſich der vornehm aus⸗ ſehende Kammerdiener des Freiherrn, aber nicht zu ſeinem Empfange, oder um ihn die Treppe hinab zu complimen⸗ tiren, ſondern im Geſpräch mit einem fremden Herrn, welcher den Wunſch ausdrückte, dem Herrn Baron von Dallenbach gemeldet zu werden, und in einem ſehr höf⸗ lichen Tone beifügte:„Mein Name iſt Schleimer.“ Zehntes Kapitel, mit unangenehmen Erklärungen ſo wie Begegnungen freundlicher Art, wird ſchließlich durch einen tiefen Schatten verdüſtert. Meiſter Georg hatte jene ſchwüle Gewitternacht, wo er mit ſeinen Freunden unter den Schwingen des vor⸗ trefflichen Goldfaſans den Sternen Einiges vormuſicirte, nicht vergeſſen können; doch reihte ſich damals ſo viel Phantaſtiſches, eigenthümlich Poetiſches aneinander, daß ihm das Ganze mehr und mehr als ein wirrer Traum erſchien. Ueberraſchung war auf Ueberraſchung gefolgt, dazu noch der etwas angeheiterte Zuſtand, der auch auf ihm einigermaßen gelaſtet, nicht zu vergeſſen das Toben des wilden Wetters, das Sauſen des Windes, der heftige, raſch ernüchternde Regen, und zuletzt jene ſonderbare Scene in dem Hauſe der verzweifelnden Mutter: lauter eigenthümliche Disharmonieen, die ſich endlich tröſtlich auf⸗ gelöſt hatten bei dem Erſcheinen jenes ſeltſamen jungen Mädchens, das anfänglich wie ein ſchauerliches Nachtge⸗ ſpenſt erſchienen war, wie um den eigenen Tod in den Wellen des Fluſſes zu verkünden. Er dachte häufig an dieſe Begebenheit, wenn er phan⸗ taſirend oder eine Melodie ſuchend vor ſeinem Inſtrumenter ſaß, und in ſolchen Augenblicken fand er zuweilen Klang⸗ figuren, welche jene Nacht auf's Deutlichſte und Lebhafteſte in ſeine Erinnerung zurückriefen. — — — 78— Schon öfter hatte er daran gedacht, von der gegebe⸗ nen Erlaubniß Gebrauch und bei Madame Bendel einen Beſuch zu machen, ſich aber dann ſtets gefragt: Wozu das? Um neugierig oder aufdringlich zu erſcheinen?— Wenn jene Dame den Wunſch hätte, mich wieder zu ſehen, ſo wüßte ſie das ganz gut einzurichten, wogegen ich be⸗ greife, daß es ihr nicht angenehm ſein kann, durch meinen .. —— c Anblick wieder an die Erlebniſſe jener Nacht erinnert zu werden. Vielleicht auch hielt ſie mich der Indiscretion fähig, die ganze Geſchichte an ungeeignetem Orte erzählt zu haben, da jener Artikel des jungen Streber wirklich erſchien, weil es nicht mehr möglich geweſen, ihn aus den Spalten des zum Druck fertigen Blattes hinauszuwerfen. Das Einzige, was damals geſchehen konnte und auch ge⸗ ſchah, war eine gänzlich veränderte Ortsbezeichnung, weß⸗ halb dieſe kleine pikante Begebenheit ſchon häufige Recla⸗ mationen hervorgerufen hatte, wie ihm der junge Bericht⸗ erſtatter und nicht ohne einigen Stolz mitgetheilt, ſo wie auch, daß dieſer Artikel in Dutzende von anderen Blät⸗ tern übergegangen ſei. Einige Mal ſchon war Meiſter Georg den beiden Da⸗ men begegnet, wenn er ſeinem Berufs⸗, eigentlich Er⸗ werbsgeſchäfte nachging, muſtkaliſche Unterrichtsſtunden gebend, und hatte er ſie in ihrem eleganten Wagen wohl erkannt, war aber eben nicht überzeugt, ob auch ſie ſich ſeiner wieder erinnerten. Ein Mal nur hatte das junge Mädchen ihr blaſſes Geſicht gegen ihn gewandt und ihn mit den eigenthümlich leuchtenden Augen fragend ange⸗ —————ͤſZöoſoaa 8 ————— ö “ ſchaut, ſo daß er ſchon im Begriff geweſen war, zum Gruße an ſeinen Hut zu langen, was er aber unterließ, da ſie zu raſch an ihm vorüberfuhr. Wenn er mehr Zeit zur Verfügung gehabt hätte, ſo wäre es ihm trotz alledem nicht darauf angekommen, ein⸗ mal eine Stunde daran zu wagen und ſich von dem alten Diener im Hauſe der Madame Bendel vielleicht die Ant⸗ wort zu holen, die Damen ſeien ausgefahren, oder ver⸗ hindert, Jemand zu ſehen. Aber er hatte in der That zu ſolchen Phantaſieen im gegenwärtigen Augenblicke keine Zeit, ſeine Uebungen, ſeine muſikaliſchen Studien füllten einen guten Theil der frühen Morgenſtunden aus, und dann ging er ſeinem„Raſirgeſchäfte“ nach, wie der junge Herr Streber zu ſagen pflegte, wenn er Meiſter Georg auf dem Gange zu einer Muſiklection durch ein paar Straßen begleitete, um ſich dann ſelbſt auf die„Schmetterlingsjagd“ zu begeben, das heißt Neuigkeiten für ſein Journal zu fangen, zu erfragen oder zu erfinden, wie es gerade kam. Meiſter Georg hatte das Glück gehabt, recht bald eine Reihe ſogenannter gediegener und anſtändiger Häuſer zu finden, wo er am Clavier oder mit Geſangsheften arbeitete, und fiel ihm dabei häufig die oben erwähnte Benennung des jungen Berichterſtatters ein, nicht ohne die bittere Idee, daß jene andere Beſchäftigung, wenn nicht lohnen⸗ der, doch häufig dankbarer ſei, wenigſtens ſichtbarere Früchte trage, als die ſeinige. Wenn ſchon das Leben an ſich ein beſtändiger Kampf genannt werden kann, ſo iſt ein Muſikſtundengebender — . —-— —————— ———= d v ſtets in einem doppelten und dreifachen begriffen und muß nach allen Richtungen hin Hiebe zu pariren ſuchen, ſich ſeines oft kümmerlichen Daſeins erwehren, nicht nur gegen das geringe Talent ſeines Schülers, gegen deſſen Faulheit und Unachtſamkeit, nicht nur gegen ein widerſpänſtiges Inſtrument, an deſſen miſerablen Klängen unter den unbe⸗ hülflichen Fingern des Schülers natürlich der Lehrer die Schuld trägt, nicht nur gegen Uhren, die bald zu früh, bald zu ſpät gehen, nicht nur gegen Regen, Schnee und Glatteis, die es ihm unmöglich machen, ſeine Zeit einzu⸗ halten, ſondern auch gegen ſämmtliche Familienmitglieder des jungen, angehenden Virtuoſen, die niemals an dem Talent deſſelben zweifeln, aber ſtets an der Fähigkeit des armen Lehrers. Doch hatte ſich Meiſter Georg vorgenommen, auch dieſe bittere Schale gründlich zu lehren, war auch gewiſſer⸗ maßen darauf angewieſen, da er ſich, wie wir bereits wiſſen, vorgenommen hatte, gänzlich auf eigenen Füßen zu ſtehen und ſich ſeine Exiſtenzmittel ſelbſt zu verdienen. Hatte er doch Elaſticität des Geiſtes genug, um den Ver⸗ gleich mit einer guten Uhrfeder auszuhalten, die, dem Drucke des Schlüſſels nachgebend, ſich zuſammenkrümmt, ſich in einander ſchmiegt und biegt, nicht um zu erlahmen, ſondern um alsdann erſt recht thatkräftig zu ſein. So erging es ihm, und wenn er Nachmittags von ſeinen Berufsgeſchäften nach Hauſe zurückkehrte, ſo warf er vergnügt ſeinen Hut in einen Winkel, nahm ſeine Rotenhefte oder öffnete ſein Inſtrument, um jetzt erſt ſein eigentliches, angenehmes und fruchtbringendes Tagewerk zu beginnen, womit er denn gewöhnlich beſchäftigt blieb, bis ſich die Abendſchatten in den kleinen Garten am Hauſe niederſenkten, bis vielleicht der Major Quinſcheidt mit dem langen Mundſtücke ſeiner Pfeife gegen die Fenſterſcheiben tippte, oder bis der junge Berichterſtatter die Thür des Zimmers weit öffnete, um den gefangenen Vogel in's Freie zu laſſen. Sein unermüdlicher Fleiß trug denn auch wohl die größte Schuld, daß er lange Zeit nicht dazu gekommen war, ſeine einſtige Pflegeſchweſter im Hauſe der Gebrüder Schropps aufzuſuchen. Doch hatten ihn auch noch andere Gründe beſtimmt, dieſen Beſuch immer und immer wieder aufzuſchieben, und als er eines Tages, wo ihm ein paar Stunden abgeſagt worden waren, langſam an dem Fluſſe hinunterging, hätte es nur irgend eines kleinen Umſtandes bedurft, zum Beiſpiel einer ihm ſonſt gleichgültigen Be⸗ gegnung, um ihn wieder umkehren zu machen. Doch kam nichts dergleichen vor, und ſo zögernd er auch ging, befand er ſich doch in kurzer Zeit an der Treppe mit den beiden ſchildhaltenden Wappenthieren. Aber auch hier verweilte er noch unnöthiger Weiſe, ja, er lehnte ſich auf das Geländer, blickte auf die zahl⸗ reichen Maſten mit den flatternden rothen Wimpeln, ſowie auf das ruhig vorbeifließende Waſſer, welches ſeine Ge⸗ danken unverſehens hinüber trug an's andere Ufer, wo er an einer hohen Mauer mit ein paar Terraſſen und darüber hängendem dichten Buſchwerk den Garten erkannte, 82 in welchem er an jenem Abend mit den Freunden muſi⸗ cirte und wo während des Spiels ſeine Begeiſterung ge⸗ ſtiegen war, als er einen Lichtſchimmer erblickte, den ſeine Phantaſie als aus ihrem Zimmer kommend annahm. Vielleicht war ſie auch bei der wunderſchönen Nacht an dem geöffneten Fenſter geweſen und hatte den Klängen gelauſcht, welche der Nachtwind über die glatte Waſſer⸗ fläche ſicher an ihr Ohr getragen. Warum hatte er Sophie nicht darum befragt, als ſie neulich Morgens in dem kleinen Garten an ſeinem Hauſe war? Es war dies nicht ohne Abſicht geſchehen, denn er hatte ſich vorgenommen gehabt, ſie zu fragen, und würde es auch gethan haben, wenn ihm ein herzliches, freund⸗ liches Wort Gelegenheit dazu geboten. Hatte er ſich doch vorgenommen, Manches aus früheren Zeiten zu berühren, um zu ſehen, ob ſich das innige Verhältniß aus der Kinderzeit wieder herſtellen laſſe! Doch wie wir wiſſen, war er über die erſten allerdings freundſchaftlichen Be⸗ grüßungen nicht hinweggekommen und hatte dabei den Eindruck gehabt, als vermeide ſie es, das einſtige Ver⸗ hältniß wieder anzuknüpfen. Vielleicht hatte er auch zu viel verlangt, hatte nicht an die Jahre ihrer und ſeiner Entwicklung gedacht, die zwiſchen jener Zeit und heute lagen, hatte ſich vielleicht mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß die lange Trennung im Herzen des jungen Mädchens ein Gefühl begünſtigt oder wachgerufen, das er ſelbſt im heftigeren Klopfen ſeines Herzens empfunden, als er ſie e an jenem Morgen wie eine Lichtgeſtalt ſo unverhofft 83 zwiſchen den Blumen vor ſich ſtehen ſah wie eine Prinzeſſin— er konnte ſich dieſes kindiſchen Gedankens nicht erwehren— wie eine Prinzeſſin, welche vornehm und ruhig mit einiger Theilnahme erſchienen war, um ſich das niedere Dach der Hütte zu betrachten, welches ihr in Zeiten der Bedrängniß Schutz verliehen und zum unfrei⸗ willigen Aufenthalte gedient. Ja, Meiſter Georg hatte ähnliche, wenn auch minder herbe Aeußerungen gegen ſeinen Vater gethan, worauf ihn der alte Major erſtaunt angeſehen und ihm die Ver⸗ ſicherung gegeben, er könne auch nicht die geringſte Ver⸗ änderung im Betragen Sophiens entdecken, ſeit ſie ſein Haus verlaſſen, es ſei denn, daß ſie ihm herzlicher und inniger erſchiene als früher. Denn wie er ſie zum erſten Male ſeit jener Trennung wieder geſehen, habe ſie ſich feſt in ſeine Arme gedrückt, habe ihm den Kopf auf die Schulter gelegt, nachdem ſie ihn lange und innig be⸗ trachtet, und er habe dabei wohl bemerkt, daß es in ihren Augen eigenthümlich funkele; auch an jenem Morgen habe ſie ihre Ungeduld kaum zu verbergen vermocht, als er, Georg, ſo lange nicht zum Vorſchein gekommen, und beim Eintritt in den Garten ſei ihre erſte Frage nach ihm geweſen. Daraufhin hatte Georg gedacht, er finde das be⸗ greiflich, denn vornehme Damen liebten überhaupt nicht zu warten; doch hatte er dieſen Gedanken für ſich be⸗ halten.. Jetzt aber, als er vor dem alten Hauſe der Reckenberg — 34— ſtand, beſchäftigte ihn alles das mehr als je und ließ ihn immer zögernder die Stufen hinanſteigen. Faſt wäre er vor der Hausthüre noch umgekehrt, doch war ihm dies unmöglich, da ſie ſich öffnete, ohne daß er geläutet hatte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Herr Nathan den jungen Mann von ſeinem Comptoir⸗ fenſter aus bemerkt hatte und gekommen war, ihm ſelbſt die Hausthüre zu öffnen. Auch ließ er ihn nicht alsbald die Treppen hinaufſteigen, obgleich Sophie, wie er ſagte, zu Hauſe war, ſondern nöthigte den lieben Bekannten, den er ſo lange nicht geſehen, in ſein Bureau. „Ja, ja!“ ſagte er hier, nachdem er Meiſter Georg einen Stuhl angeboten; doch zog dieſer es vor, neben dem Pulte ſtehen zu bleiben, an welchem ſich der alte Herr Nathan wieder niedergelaſſen,—„ja, ja, es iſt ſchon manches Jahr, ſeit ich Sie aus meinem Geſichts⸗ kreiſe verloren! Habe mich aber ſtets gefreut, Gutes von Ihnen zu hören, und habe mir ſchon längſt gedacht, Sie würden einmal kommen und nach Ihrer Pflegeſchweſter ſehen— ja, ja, wir haben ſchon oft davon geſprochen, mein Bruder Joſeph und ich, und auch das liebe, gute Mädchen— in geſchäftlicher Beziehung.“ „Ah ſo— in geſchäftlicher Beziehung, und wie wäre das zu verſtehen, Herr Schropps?“ „Nun von wegen Ihrer Kunſt. Mein Bruder Joſeph möchte nicht, daß das junge Fräulein ſein Talent im Clavierſpiel vernachläſſige— auch mich freut es ſo ſehr, wenn ich Abends nach Beſchluß der Geſchäfte das Ver⸗ ÖP 80 gnügen habe, ihr meiſterhaftes Spiel anhören zu dürfen⸗ Deßhalb hat Bruder Joſeph und auch ich an Sie ge⸗ dacht, da Sie Ihrem Pflegeſchweſterchen ja ſchon früher Unterricht ertheilt, und wünſchen wir, daß Sie das auch jetzt wieder thun möchten.— Bedingungen ganz nach Ihrem Belieben, und über das Inſtrument, welches Sie droben finden, ſollen Sie Ihre Freude haben. Mein Bruder Joſeph hat es angeſchafft, es iſt ein prachtvoller Flügel, wie Fräulein Sophie verſichert, klingt auch ſchön, ſehr ſchön— nicht wahr, Sie machen uns die Freude und kommen häufig, um unſer liebes Pflegekind unter Ihrer Leitung ſpielen zu laſſen?“ Meiſter Georg verbeugte ſich und erwiederte, es würde ihm zum Vergnügen gereichen. „Bruder Joſeph meint,“ fuhr der alte Herr fort, „Sie könnten vielleicht ohne zu große Beläſtigung für ſich es ſo einrichten, daß Sie zuweilen des Abends zu uns kämen, nach Schluß unſerer Comptoirſtunden, und wir zuweilen zuhören dürften. Es würde mir das ein großes Zergnügen verurſachen und wäre eine ſchöne Belohnung für meine angeſtrengte Thätigkeit während des ganzen Tages, während der ganzen Woche, während des ganzen Jahres, während meines ganzen langen Lebens.“ Herr Nathan hatte ſeine gefalteten Hände vor ſich auf das Pult gelegt und ſchaute Meiſter Georg mit einem wehmüthig freundlichen Blicke an.„Ja, für die raſtloſe Thätigkeit eines ganzen langen Lebens, von welchem viel⸗ leicht nur noch ein kleines Stückchen vor mir liegt und Hackländer, Kainszeichen. III. 1 86— das ich auf meine Art in Geſellſchaft dieſes liebenswür⸗ digen Kindes noch recht heiter verbringen will.— So ſitze ich oft Abends droben am Fenſter, müde und matt, ſchau' auf den Strom, auf ſeine Ufer, auf die fernen Berge, und wenn das Kind dann ſpielt, ſo kommt eine unbe⸗ ſchreibliche Glückſeligkeit über mich und es iſt mir oft, als hätte ich ein ganzes, langes Leben wohl arbeiten dürfen, um noch dieſes Glück zu genießen!“ Meiſter Georg hatte das unter einer Miſchung von Freude und leichtem Schmerz gehört. Er vermochte es, ſich ſehr lebhaft in der Lage desjenigen zu fühlen, der in einer Dämmerſtunde oben am offenen Fenſter ſaß, das Abendroth betrachtete, den goldig glänzenden Strom, während Sophie an ihrem Flügel ſaß und ſpielte. Dabei freute er ſich von Herzen, aus den Worten des Herrn Nathan zu vernehmen, wie glücklich ihn die Anweſenheit des jungen Mädchens mache, ſeiner Pflegeſchweſter— des Kindes, deſſen frühere Schritte er geleitet. Er ſagte deß⸗ halb in heiterem Tone:„Ah, Herr Schropps, ich bin überzeugt, daß Sie noch lange, lange Jahre eine ſolche Freude genießen werden; wie ich Sie da vor mir ſehe, haben Sie ſich ſeit den zwanzig Jahren, die ich das Ver⸗ gnügen habe, Sie zu kennen, nicht beſonders viel ver⸗ ändert, etwas älter geworden ſind wir allerdings, aber ich im Verhältniß weit mehr wie Sie.“ „Ganz richtig,“ gab Herr Schropps mit einem ſtillen Lächeln zur Antwort,„aber Sie treten in's Leben ein, während es mir manchmal vorkommt, als tappe meine —— zitternde Hand ſchon recht nahe am Drücker jener unver⸗ meidlichen Hinterthür— doch iſt das gleichgültig, höchſt gleichgültig— nein, ich kann Ihnen verſichern, mein lieber Herr Quinſcheidt, ich bin in den letzten Jahren recht alt geworden, und hätte ohne meinen Bruder Joſeph ſchon längſt Bücher und Comptoir geſchloſſen— aber in meinem Bruder Joſeph ſteckt, Gott ſei Dank, eine ganz andere Lebenskraft!“ „Herr Joſeph iſt auch um etwas jünger, und ſo ſind Sie in ſeinen Jahren auch geweſen.“ „Nicht ſo— nicht ſo, mein lieber Herr Georg, ſo heißen Sie doch— ja, ja, mein Gedächtniß iſt noch ordentlich,— aber was meinen Bruder Joſeph betrifft, ſo iſt er in Wirklichkeit nur ſechs Jahre jünger, und wenn Sie ihn heute ſehen, geben Sie mir zehn, fünfzehn Jahre mehr, er hat auch noch eine rechte Freude am Leben, und ich bin glücklich, daß er noch etwas von dem Reichthume zu genießen vermag, den wir uns in einem langen, müh⸗ ſeligen Leben erworben,— haben Sie Joſeph lange nicht geſehen?“ Meiſter Georg mußte das verneinen, worauf Herr Nathan, indem er leiſe vor ſich hin kicherte, fortfuhr: „Und was mich beſonders freut, iſt, daß mein Bruder Joſeph ſein Alter nicht im Geringſten fühlt, ja, beſonders in letzter Zeit mit jedem Tage jünger zu werden ſcheint — auch in ſeiner Kleidung—,“ fuhr der alte Herr herzlich lachend fort,„und ich habe ihm neulich noch ge⸗ ſagt, er ſei auf dem beſten Wege, ein Stutzer zu werden. —— — —— 88— Und wiſſen Sie, was daran ſchuld iſt? Nichts als die Anweſenheit unſerer lieben Pflegetochter. Sie ſehen mich erſtaunt an? Und doch iſt es ſo. Mein Bruder Joſeph hat ſich des liebenswürdigen jungen Mädchens ſpeciell angenommen, geht und fährt zuweilen mit ihr ſpazieren, begleitet ſie bei ihren kleinen Geſchäftsgängen und ich mußte ihm vollkommen Recht geben, als er neulich ſagte: Ich komme mir in meinem altmodiſchen Rocke wie eine Vogelſcheuche vor, lieber Bruder Nathan, wenn ich ſo neben unſerer Pflegetochter über die Straße gehe, die mit ihrer eleganten Figur die Blicke auf ſich zieht, ja, Manchen veranlaßt, ſtehen zu bleiben und verwunderungsvoll rück⸗ wärts zu ſchauen, da wir in unſerem Aeußeren ein ſo ungleiches Paar ſind.““ „In ihrem Aeußeren ein ſo ungleiches Paar!“ wieder⸗ holte Meiſter Georg mit leiſer Stimme. „Nicht wahr, Sie fanden das auch? und geben deß⸗ halb meinem Bruder Joſeph Recht, daß er ſich den Ver⸗ hältniſſen gemäß ein Bischen ummodelt.“ „Ja gewiß, den Verhältniſſen gemäß.“ „Es macht ihm Spaß, viel Spaß, und was die Koſten anbelangt, ſo brauchen wir in keiner Weiſe darauf zu ſehen, das meint auch mein Bruder Joſeph, wenn er ſagt: ‚Wir müſſen unſere Pflegetochter ſo halten, wie es ſich für unſeren Reichthum ſchickt. Und wozu ſollten wir auch ſparen? Vielleicht für lachende, undankbare Erben?“ — Ja, ſehen Sie, mein lieber Herr Georg,“ fuhr er kopfnickend nach einer Pauſe fort, während welcher er den ——õ— jungen Mann mit einem traurigen Blicke betrachtete; „wenn es anders gekommen wäre, dann ſtänden wir nicht ſo allein in der Welt, ſondern es wäre friſches, junges, verwandtſchaftliches Blut bei uns, als Stütze unſeres Alters und um ſpäter unſer Geſchäft fortzuführen. Es iſt das traurig, recht traurig!“ Meiſter Georg konnte ſich nicht enthalten, durch ſeine zuſtimmende Miene anzuzeigen, daß er das gleichfalls für recht traurig halte, obgleich er nur einen dunklen Begriff davon hatte, was Herr Nathan meine. Gewiß jenen jungen Mann, der damals auf der Zigeunerinſel ſo plötz⸗ lich erſchienen und ſo räthſelhaft verſchwunden war, und deſſen er ſich jetzt wieder ſo lebhaft erinnerte, daß er faſt unwillkürlich fragte:„Und haben Sie nichts mehr von ihm vernommen?“— worauf Herr Nathan mit Eifer zur Antwort gab:„O doch, o doch, und Gott ſei Dank, nicht immer Schlimmes,“ ſo daß Georg wohl fühlte, dieſe Frage ſei dem alten Herrn gerade nicht unangenehm ge⸗ weſen. Auch fuhr Jener lebhaft fort:„Es geht ihm ordent⸗ lich und er hat ſich eine anſtändige Poſition gemacht. Aber was hilft mir das Alles, da ihn das weite Meer von uns trennt und auch wohl für immer trennen wird? Glauben Sie nicht auch, mein lieber Herr Georg?“ „Ich denke, das käme doch wohl auf Sie an, und wenn Sie den regen Wunſch hätten, ihn wieder zu ſehen, ſo würde ſelbſt das weite Meer kein Hinderniß ſein.“ „Ja, ja, allerdings,“ erwiederte der alte Mann kopf⸗ nickend, und fuhr dann fort, indem er mit trüben Blicken — — — 90— vor ſich niederſchaute,„aber mein Bruder Joſeph hat gegen ihn eine Antipathie, und ich muß ihm wohl Recht geben, möchte wenigſtens nicht allein die Verantwortung auf mich nehmen, ihn dort ſeiner behaglichen Stellung zu entreißen, ohne ſicher zu ſein, daß er ſich hier mit meinem Bruder Joſeph vertrüge, daß er überhaupt ſo geworden wäre, wie ich es wohl wünſche, und wovon Bruder Joſeph durchaus nicht überzeugt zu ſein ſcheint.— Doch habe ich Sie ſchon genug mit unſeren Angelegenheiten gelangweilt, mein lieber Herr Georg, und wollen wir nun forſchen, wo Fräulein Sophie ſteckt, die ſich gewiß freuen wird, Sie zu ſehen.“ Damit ſtieg er von ſeinem Comptoirſtuhl herunter und verließ mit Georg das Zimmer, um draußen im Gange nach Mamſell Kegel zu rufen. Dieſe würdige Dame wurde denn auch ſogleich in einer Thüre hinter der Treppe ſichtbar und eilte mit flatternden Haubenbändern heran, auf die Frage nach der jungen Dame erwiedernd, daß dieſe ſich im Küchenzimmer befinde, gewiß aber ſogleich hinaufkommen würde, wenn der junge Herr ſie droben in ihrer Wohnung erwarten wolle, wohin ſie ihm ſogleich den Weg zeigen werde. Auch eilte ſie, ohne Weiteres abzuwarten, ihm voraus die Treppe hinan, ſo daß ihr Georg nach einer freundlichen Handbewegung des alten Herrn folgen mußte. Oben öffnete ihm die Haushälterin geſchäftig und in⸗ dem ſie ihn mit einigen Bemerkungen über das prachtvolle Wetter zu unterhalten verſuchte, die Thüre des Vorzimmers, dann die des Wohnzimmers des jungen Fräuleins, und —,— ließ ihn hier allein, gewiß nur für ein paar Augenblicke, wie ſie ſagte, da Fräulein Sophie, ohnedies in der Küche ſoeben fertig geworden, ſogleich erſcheinen werde. Dann ſchlüpfte ſie, gefolgt von den flatternden Haubenbändern, zur Thüre hinaus. Die hohen und weiten Fenſter nach dem Fluſſe zu waren geöffnet, ließen das hier auf der Schattenſeite etwas gedämpfte Licht herein, ſowie den friſchen Hauch und das ſanfte Rauſchen des Waſſers unten an den Steinmauern des Hauſes, leichten Ruderſchlag, Geſang und vorüberglei⸗ tendes Geplauder. Drüben auf dem andern Ufer leuchtete die heiße Nach⸗ mittagsſonne auf die ſtahlfarbig blinkenden Dächer der Häuſer, auf grüne Büſche, zierliche Gärten und hohe Mauerterraſſen. Dort war es, wo ſie neulich Nachts geſeſſen, dort zwiſchen dem dunklen Grün der Bäume mußte jetzt gerade auf einem der Tiſche eine Flaſche oder ein Glas ſtehen, und die Sonne blitzte darauf hin, daß es wie ein Stern aufleuchtete. Und hier in dem hohen, ſchattigen Gemach war es ſo behaglich kühl und angenehm, und Alles ſah ſo reich und vornehm aus, vollkommen zur Wohnung einer kleinen Prinzeſſin paſſend. Der prachtvolle Flügel war geöffnet, auf dem Pulte befanden ſich Noten, die Meiſter Georg wohl kannte und über die er ſich freute, weil er ſie hier ſah, doch wurden ſeine Blicke raſch davon abgezogen und auf prächtige Stoffe gelenkt, in Leinen und Seide, die, in Cartons oder aus Papierumhüllungen hervorquellend, über das Inſtrument herabhingen, während ſich prachtvolle Tücher und Shawls auf den Lehnen nebenan ſtehender Stühle befanden. Meiſter Georg wandte ſeine Blicke faſt mißmuthig von dieſer Ausſtellung ab und betrachtete die alten Bilder an den Wänden, wobei ihn beſonders jener Herr beſchäftigte, in der Kleidung des vorigen Jahrhunderts, mit dem Brief in der Hand, der ſtatt der Adreſſe nur ein rothes Siegel zeigte. Es mußte dies, dem reichgeſtickten Kleide nach, ein vornehmer Mann geweſen ſein, er hatte eigenthümliche dunkle Augen, die den Beſchauer überall hin verfolgten, — ob ſich Sophie nicht zuweilen vor dem Ausdruck der⸗ ſelben fürchtete? Oder war ſie vielleicht ſchon ſo ſehr große Dame geworden, daß ſie es begreiflich fand, wie der Herr in dem ſeidenen Rocke ihr unausgeſetzt ſeine Auf⸗ merkſamkeit zuwandte, vielleicht ehrfurchtsvoll den Augen⸗ blick erwartend, wo es ihm geſtattet ſei, den Brief zu wenden und gehorſamſt zu überreichen— der Prinzeſſin Sophie? Dann vernahm er leichte Tritte vor der Thür und ſie erſchien auf der Schwelle mit freudig leuchtenden Augen, die feinen Lippen leicht geöffnet, mit einer haſtigen Be⸗ wegung, als wolle ſie ihm ihre beiden Hände entgegen⸗ ſtrecken. Doch hatte er in förmlicher Weiſe ſeinen Hut in der Hand behalten und deßhalb nur ſeine Rechte frei, und auch dieſe hob er nur ein wenig, während er ſich tiefer verbeugte, als gerade nothwendig war, woher es denn kam, daß auch Sophie ihre beiden Hände wieder ſinken ließ. Doch war der Ton ihrer Stimme von der herzlichſten Art, als ſie ſagte:„Wie freut es mich, Georg, dich end⸗ lich einmal bei uns zu ſehen, du haſt dich lange erwarten laſſen, aber jetzt lege deinen Hut dort hin und ſetze dich zu mir,— hierher an's Fenſter, wenn es dir recht iſt; wir können dann mit unſeren Gedanken über den Strom hinüberfliegen und uns dort drüben in die grünen Gärten und damit in Jugenderinnerungen verlieren.“ „Aber nur in Gedanken.“ „Heute allerdings nur in Gedanken, aber die können ja auch wieder zur Wirklichkeit werden, und ich habe oft daran gedacht, wie hübſch es wäre, wenn wir wieder ein⸗ mal frei und ungebunden durch Flur und Wald dahin⸗ ziehen könnten.“ „Ja, wenn wir noch Kinder wären,“ gab er mit einem trüben Lächeln zur Antwort, nachdem ſie ſich an das offene Fenſter geſetzt,„aber es geht nicht mehr recht, Sophie, der Ernſt des Lebens hat uns der bunten Flügel beraubt, und wir müſſen jetzt langſam unſere mühevolle Bahn durchlaufen, ich wenigſtens, bei dir iſt das ſchon etwas Anderes!“ „Du biſt recht ernſt geworden, Georg, ſeit wir uns nicht mehr geſehen,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe, worauf er erwiederte:„Wir haben eben die Rollen ge⸗ tauſcht, ſonſt warſt du ernſter geſtimmt, ja, konnteſt dir recht kummervolle Gedanken machen, ſo daß ich oft Mühe . — 97— hatte, dich aufzuheitern, was jetzt allerdings anders gewor⸗ den iſt, ich begreife das vollkommen.“ Er ſchaute bei dieſen Worten rings um ſich her, und als ſeine Blicke auf den prachtvollen Stoffen haften blie⸗ ben, ſetzte er hinzu:„Das Alles hier— dein jetziges Leben macht dich recht glücklich.“ Es flog ein düſterer Schatten über ihre eben noch ſo heiteren Züge und ſie preßte ein paar Sekunden lang ihre Lippen feſter über einander, ehe ſie erwiederte:„Du ſollteſt mich beſſer kennen, Georg, und ſollteſt wiſſen, daß mich alles Das nicht glücklich macht, es iſt das eben ſo gekom⸗ men, ohne mein Zuthun, und ich nahm es an, weil ich nicht anders konnte, ja auch, weil dein guter Vater und du ſelbſt es gewünſcht.“ „Ich hätte das gewünſcht, Sophie?“ fuhr er faſt heftig auf,„ich habe mich nur deinem Verlangen gefügt, deinem allerdings ſehr gerechtfertigten Wunſche, die ärmliche Lage, die wir dir zu bieten vermochten, mit dieſer glänzenden und reichen zu vertauſchen.“ „Sage das nicht, Georg, du thuſt mir weh, und ich empfinde es doppelt ſchmerzlich, wie ohne wahre Freunde, ohne liebe Verwandte, ja wie heimatlos ich eigentlich bin.“ „Du hatteſt treue Freunde und hatteſt noch eine Hei⸗ mat, aber allerdings war dieſelbe ſo arm und gering, daß es dir leicht wurde, ſie gegen eine neue und glänzende zu vertauſchen— doch klingt das wie Vorwürfe,“ fuhr er erregter fort,„und es ſchmerzt mich, daß unſer Geſpräch dieſe Wendung genommen, denn du kannſt es mir glauben, 8 95— daß, als ich hieher kam, ich auch nicht im Entfernteſten daran dachte, dir etwas Aehnliches zu ſagen,— reden wir von was Anderem.“ „Ja, reden wir von was Anderem,“ wiederholte ſie mit leiſer Stimme, wobei ihre Züge, beſonders aber der Blick ihrer dunklen Augen jenen energiſchen, beinahe harten Ausdruck annahmen, den er vor Jahren ſchon zuweilen an dem kleinen Mädchen geſehen und gefürchtet hatte. „Ich ſehe an den Noten dort auf dem Pulte,“ fuhr Meiſter Georg nach einem für Beide etwas peinlichen Stillſchweigen fort,„daß du dein ſchönes Talent nicht vernachläſſigſt— willſt du vielleicht etwas ſpielen?“ „Jetzt nicht,“ gab ſie in faſt rauhem Tone zur Ant⸗ wort,„ich müßte dort auf dem Inſtrument zuerſt alle die Geſchichten zuſammenräumen und das langweilt mich, ein ander Mal werde ich dir recht dankbar dafür ſein, wenn du wieder mit mir vierhändig ſpielen willſt.“ Sie war aufgeſtanden und blickte, am Fenſter lehnend, auf den Strom hinab. „Dir das anzubieten bin ich eigentlich gekommen, ich verſprach es dem Herrn Schropps drunten, weil er mich darum erſuchte.“ „Wer erſuchte dich darum? Herr Joſeph?“ fragte ſie, ſich raſch umwendend. „Nein, der andere Herr Schropps, der alte Herr, der mich in's Comptoir rief, als ich in's Haus trat, und wenn es dir recht iſt, Sophie, ſo können wir in geſchäftlicher Weiſe darüber reden.“ — 96— „Gut, reden wir in geſchäftlicher Weiſe darüber,“ gab ſie in ruhigem, trockenem Tone zur Antwort. Er verbeugte ſich ſchweigend, ehe er fragte:„So biſt du einverſtanden mit den Wünſchen des alten Herrn drunten?“ „Warum betonſt du das Wort alt⸗ ſo ſcharf?“ „Ich weiß nicht, ob ich das that, und wenn, ſo ge⸗ ſchah es, um einen Unterſchied zu machen gegenüber dem anderen, weit jüngeren Herrn.“ „Und was wünſcht Herr Nathan, unſeren Unterricht betreffend?“ „Daß ich zuweilen Abends kommen möchte, um mit dir zu muſiciren in ſeiner und auch wohl Herrn Joſeph's Gegenwart, als angenehme Unterhaltung nach gethaner Arbeit.“ „Abends wirſt du müde ſein,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe mit milderer Stimme,„und wirſt auch vor⸗ ziehen, Abends deine eigenen Wege zu gehen, ſtatt dich hier in dieſem dunklen Hauſe mit mir abzuplagen.“ „Es iſt das eben mein Beruf,“ ſagte er achſel⸗ zuckend,„richte mich auch darin gern nach deinen Wünſchen.“ „Mir wäre eine ſonnige Vormittagsſtunde ſchon lieber,“ ſprach Sophie mit ganz leiſer Stimme, wobei ſie zum Fenſter hinaus blickte,„richte es ſo ein, wenn du kannſt.“ Sie hatte das mit einem ſehr kühlen Tone geſagt, ohne nach ihm umzublicken, doch konnte er dabei das Profil ihres Geſichtes ſehen und bemerkte, wie ſie ihre langen 97— Wimpern tief auf ihre düſter blickenden Augen ſenkte und wie ihre Lippen zuckten. Das ſchmerzte ihn, es that ihm weh, daß ihr Geſpräch wieder einmal eine ſolche Wendung genommen, und er war ſchon im Begriff, ihr ein herzliches, freundliches Wort zu ſagen, als ſie ſich gegen ihn wandte und mit jenem kalten, gleichgültigen Tone, der ihn ſchon ſo oft verletzt, ſagte:„Alſo denn auf Wiederſehen, Georg, ein ander Mal!“ „Auf Wiederſehen, Sophie!“ Darauf zögerte er nicht, das Zimmer raſch zu ver⸗ laſſen, und war ſo mit eigenthümlichen, widerſtreitenden Gedanken beſchäftigt, daß er ſich ſchon auf der Treppe vor dem Hauſe befand, ehe er ſich beſann, unten im Veſtibule Herrn Joſeph Schropps geſehen und kaum flüchtig gegrüßt zu haben, noch viel weniger aber hatte er bemerkt, daß ihm derſelbe mit einem erſtaunten Blicke nachgeſchaut. Jetzt eilte er auf der Straße dahin, und athmete tief auf, als ſei ſeine Bruſt von einer ſchweren Laſt befreit, als fühle er ſich glücklich, den dunkeln Räumen des alten Hauſes entflohen zu ſein. Und doch blieb er an der näch⸗ ſten Ecke zurückblickend ſtehen, ſchmerzlich von dem Ge⸗ danken bewegt, die Gefährtin ſeiner Jugend ſo verlaſſen zu haben, ja ſie überhaupt dort zu wiſſen, eingeſchloſſen wie in einem finſteren Gefängniſſe, denn ſo erſchien ihm ihre Lage und das düſtere Gebäude. Ragten doch ſeine Umriſſe auf dem glänzenden Abendhimmel und dem hell leuchtenden Strome wie eine tiefſchwarze Maſſe empor, und wenn er dabei das ruhig vorbeifließende Waſſer be⸗ ———.— 7—ͤ—— 7——.———— 2* A 2 6 8* 5. —— — 98— trachtete, ſich träumeriſch in den Anblick deſſelben verſenkte, ſo fing das alte Haus ſelbſt an, beweglich zu werden, und dann kam es ihm vor wie die mächtige Geſtalt eines geheimnißvollen Geſpenſterſchiffes, und er würde ſich gar nicht gewundert haben, wenn es ſich im nächſten Augen⸗ blicke von der Steintreppe gelöst hätte, um langſam den Strom hinabzuſchwimmen, immer weiter und weiter, dem Meere zu— verloren für ihn auf immer! Dann ging er raſch die Straße aufwärts, nahm den nächſten Weg zu der weiter oben befindlichen Brücke, und hier lehnte er ſich an das Geländer, um wieder nach dem alten Hauſe zu blicken. Aus den Fenſtern des erſten Stockes gegen den Strom zu glänzte ein Lichtſtrahl und es mochte wohl das Zimmer ſein, wo er ſoeben geweſen — das er vielleicht doch gar zu eilig und ungeſtüm ver⸗ laſſen. Dort hätte er ja noch ſein können, ſtatt hier einſam in den vorbeifließenden Strom zu ſchauen und ſeine Ge⸗ danken auf dem Waſſer hinabgleiten zu laſſen, die doch nicht weiter kamen als bis zu dem düſteren Hauſe, um ſich an den Mauern deſſelben hinaufzuſchwingen und das junge Mädchen zu erblicken, wie ſie an ihrem Flügel ſaß und ſich in Phantaſieen erging, aus denen doch wohl ein wehmüthiger Ton der Erinnerung an die Zeit ihrer Kind⸗ heit hervordrang. Ja, er glaubte derartige Klänge zu ver⸗ nehmen, doch tönten ſie nur in ſeiner Phantaſie oder kamen ſonſt woher, denn bei dem ſchönen warmen Sommer⸗ abend vernahm er hier und da Geſang auf dem Waſſer, und abgeriſſene Muſikſätze von dem anderen Ufer her, wo 99— aus den dunklen Gebüſchpartieen Lichter blitzten und wo man ſich nach dem heißen Tage an der friſchen Abend⸗ luft erfreute. Er hätte viel darum gegeben, ſich jetzt irgendwo einer fröhlichen Geſellſchaft anſchließen zu können, ſtatt einſam durch die dunkeln Straßen zu wandeln, dann ſein ſtilles Zimmer aufzuſuchen, um dort mit ſeinen Erinnerungen allein zu ſein. Wie erwünſcht wäre ihm heute ein zweiter Goldfaſan⸗ Abend geweſen, doch wußte er keinen der näheren Be⸗ kannten aufzufinden, und ſich allein in eine jener Lauben zu ſetzen und dort goldfarbigen Lethe zu trinken, wäre allenfalls ein Mittel geweſen, um noch tiefer in Trübſinn und Traurigkeit zu verſinken. Meiſter Georg nahm ſeinen Weg dorthin, wo er an jenem Abend mit den Freunden geweſen war, ja, er machte einen Gang durch den beleuchteten Garten bis zu jener Laube hin, um dabei flüchtig in lauter fröhlich lachende, aber für ihn höchſt gleichgültige Geſichter zu blicken. Dann trat er wieder auf die dunklere Straße hinaus und verfolgte genau denſelben Weg, wie in jener Kacht, ſich dabei lebhaft der Ereigniſſe derſelben erinnernd, beſonders jenes Gartens mit dem kleinen Luſthauſe, in den ſich die Gefährten vor dem Regen geflüchtet, während er ſelbſt in dem Hauſe die eigenthümliche Scene erlebt, welche ihm jetzt wieder mit den handelnden Perſonen ſo lebendig in die Erinnerung trat. Als er jetzt wieder in die Nähe deſſelben kam, ja, dicht an das Gitterthor, vor 100— dem zwei hellleuchtende Gaskandelaber ſtanden, blieb er nicht nur einen Augenblick ſtehen, ſondern ging über den brei⸗ ten Kiesweg einige Schritte hinein, bis zu jenem Pavillon, wo er bei der Stille des Abends das Rauſchen der Fon⸗ taine auf der Terraſſe des Hauſes hören konnte. Das Haus ſelbſt lag ohne Licht da, ruhig und friedlich unter den funkelnden Sternen und erſchien ihm wohl auch der eigenen Stimmung wegen ſo ganz anders als im Zwie⸗ licht jenes kühlen Morgens, wo der Regen herniederſtrömte und der Gewitterſturm ſauſend durch die mächtigen Bäume fuhr und ſie derb ſchüttelte. Damals hatte der Gemüths⸗ zuſtand der Bewohner des Hauſes ſehr zu dem Aufruhr der Elemente gepaßt, doch hatte ſich wohl der Sturm im Innern eben ſo raſch gelegt, wie der Sturm draußen, und war es bei den Bewohnern wieder ſo friedlich gewor⸗ den, daß jetzt die weiche, milde Nacht zu ihrer Stimmung paßte. Wenn er an das junge Mädchen dachte, ſo er⸗ ſchien ſie ihm, obgleich er ſie ſpäter in ihrem Wagen ruhig und heiter geſehen, doch ſtets bleich und mit ver⸗ zerrten Geſichtszügen, wie ſie in ihren dunklen Regen⸗ mantel gehüllt plötzlich unter der Thür des Zimmers ſtand. Dabei war er überzeugt, daß, wenn man ſeiner vielleicht hier und da einmal flüchtig gedachte, dieſes in keiner vortheilhaften Weiſe geſchehen konnte, und daß man wahr⸗ ſcheinlich ſehr zufrieden war, ſeither von keinem Beſuche jenes fremden jungen Menſchen beläſtigt worden zu ſein, der ohne Rock, durchnäßt, mit zerzauſtem Haar ſich in einem ſo ungelegenen Augenblicke gezeigt hatte. — 101— „Ich habe Unglück bei dieſer Familie,“ dachte er mit einem trüben Lächeln, während er ſich langſam umwandte, um den Garten wieder zu verlaſſen.„Bei meiner erſten Begegnung vor langen Jahren, wo ich es wagte, ihren ſonſt ſtets feſt verſchloſſenen Park zu betreten, konnte ich von Glück ſagen, nicht derb hinausgewieſen worden zu ſein, und als wir uns dann im Hauſe wiederſahen, mußte ich unwillkürlich Kenntniß nehmen von einem ſchauerlichen Vorfalle, wodurch die Erinnerung an mich keinenfalls in freundlicher Art aufgefriſcht wurde. Sehr begreiflich iſt es mir deßhalb auch, daß man kein Verlangen trug, mich wieder zu ſehen, obgleich es mir intereſſant geweſen wäre, eine kleine Fortſetzung zu erleben.“ Damit hatte er faſt den Ausgang des Gartens mit ſeinen weithin leuchtenden Gascandelabern erreicht, und wollte eben durch das Gitterthor auf die Straße treten, als hier ein Wagen ſo dicht anfuhr und ſo plötzlich hielt, als man es von einem guten Kutſcher mit guten Pferden nur erwarten kann. Auch ſäumte der Bediente nicht, wie im Fluge von ſeinem Sitz herabzukommen, den Schlag der Equipage zu öffnen und zwei Damen, welche darin ſaßen, beim Ausſteigen behülflich zu ſein, und geſchah das Alles ſo ungeſäumt und raſch, daß Meiſter Georg weder Zeit fand, die Straße zu gewinnen noch zurückzugehen, ſondern ſtehen bleiben mußte, um die Damen unter einem ehrfurchtsvollen Gruße an ſich vorbeigehen zu laſſen. Das that denn auch die Aeltere mit einer leichten Hackländer, Kainszeichen. III. 8 — . — — 102— Neigung des Kopfes, während die Andere, die Jüngere, plötzlich ſtehen blieb, ihn erſtaunt anblickte und ausrief: „Ach, Mama, das iſt ja Herr Quinſcheidt, deſſen Beſuch wir ſchon lange erwartet— Herr Quinſcheidt, ich freue mich ſehr, Sie wieder zu ſehen,“ ſetzte Sie haſtig hinzu, indem ſie ihm ihre kleine, ſchmale Hand reichte.—„Sieh' doch, Mama!“ Madame Bendel hatte ſich raſch umgewandt, und die Eile, mit der ſie zurückkam, ſowie ihre ebenfalls freund⸗ lichen Worte der Begrüßung, zeigten dem jungen Manne zu ſeinem Erſtaunen, daß ſein plötzliches Erſcheinen hier durchaus keinen unangenehmen Eindruck hervorgebracht. Dennoch hielt er es für ſeine Schuldigkeit, das Unpaſſende eines Beſuches in dieſer Abendſtunde von ſich abzulehnen, und verſicherte der Wahrheit gemäß, daß er, den ſchönen Abend zu einem Spaziergange benutzend, eigentlich nur wie ganz zufällig hiehergekommen ſei, durch das offen ſtehende Gitterthor in den Garten getreten und daß er deßhalb dringend um Verzeihung bitten müſſe. Daß ihm aber dieſe vollkommen gewährt wurde, ent⸗ nahm er nicht nur den freundlichen Worten der Herrin des Hauſes, ſondern auch einem herzlichen Lachen des jungen Mädchens, die es allerliebſt fand, daß man ihn hier förmlich eingefangen und ſo zu einem Beſuch ge⸗ nöthigt habe. „Den ich mir morgen erlauben werde,“ ſagte Meiſter Georg, worauf Madame Bendel raſch erwiederte:„Warum erſt morgen? Ich würde Sie dringend bitten, uns jetzt 7 — 103 in's Haus zu begleiten, wenn ich nicht fürchten müßte, Ihre Zeit unbeſcheiden in Anſpruch zu nehmen.“ „Was das anhbetrifft, gnädige Frau, ſo wüßte ich meine Zeit auf keine angenehmere Art zu verwenden, und wenn Sie nun alſo geſtatten wollen—“ „So gehen wir,“ drängte das junge Mädchen,„ich bin wahrhaftig müde geworden, liebe Mama, und freue mich, ausruhen zu können, nicht vom Fahren,“ wandte ſie ſich an ihren Begleiter,„wir waren drüben an den Bergen und haben dort in dem ſchönen, ſtillen Walde einen großen Spaziergang gemacht— gewiß, ich bin recht müde.“ Da man auch das an ihrer etwas gebeugten Haltung, an ihrem ſchwankenden Gange bemerkte, ſo erlaubte ſich Meiſter Georg, der an ihrer Seite ging, ihr ſeinen Arm anzubieten, den ſie bereitwillig annahm, um feſt darauf geſtützt nun raſcher und ſichtbar leichter zu gehen, während Madame Bendel voranſchritt. Die Hausthür an der Terraſſe war ſchon durch den alten Diener geöffnet worden, und in der tiefen Ver⸗ beugung, die er dem jungen Manne machte, ſo wie auch in dem freundlichen Lächeln lag ein angenehmes Zeichen des Wiedererkennens. Georg führte Fräulein Bendel die Treppe hinauf, welche recht langſam ging, ja, ein paar Mal ſtehen bleiben zu wollen ſchien, um tief aufzuathmen, wobei ſie kurz und leicht huſtete. Dann traten ſie in das Zimmer, deſſen er ſich noch recht wohl von jenem Morgen her erinnerte, — — 104 doch ſah es heute Abend hier ungleich freundlicher und behaglicher aus. Auf dem runden Tiſche vor dem Sopha 1 ſtrahlte hellleuchtend eine Lampe unter grünem Schirm und beſchien ein wohlgeordnetes und reiches Thee⸗Ser⸗ vice, Keſſel, Kannen und das dazu Gehörige in ge⸗ ſchmackvoller Form aus Silber gearbeitet, Butterbrode, kaltes Fleiſch, friſche Butter in feinem Porcellan⸗Geſchirr, Eier, ſchüchtern aus einer blendend weißen Serviette her⸗ vorlugend. Madame Bendel war in's Nebenzimmer gegangen, und Fräulein Eliſe hatte ſich auf einen Fauteuil nieder⸗ gelaſſen, beſchäftigt, ihren Hut und Shawl abzulegen, während ſie ſich freundlich mit ihrem Gaſte unterhielt, und ihm dabei ſagte, ſie hätte wirklich erwartet, er würde ſein Verſprechen, die Mutter und ſie zu beſuchen, früher erfüllen. Dabei zog ſie langſam ihre Handſchuhe aus, und als ſie fortfuhr:„Aber es iſt auch von dem Zufall recht lieb, Sie in unſeren Garten geführt zu haben, und es freut mich, daß Sie wenigſtens unſer Haus wieder gefunden,“ reichte ſie ihm ihre Rechte, die er, bewegt von ihrer Güte, wohl eine Minute in ſeiner Hand behielt, da ſie keine Bewegung machte, dieſelbe zurückzuziehen. Es waren das ſo feine, zierliche Fingerchen, wie Meiſter Georg nie geſehen, und ſie fühlten ſich unter ihrer feuchten Wärme an wie gänzlich ohne feſte Knochen. Als Madame Bendel wieder in's Zimmer trat, lachte Eliſe freudig und ſagte:„Siehſt du wohl, daß ich Recht gehabt, Mama, mit dem vierblättrigen Kleeblatt, das ich —————— ——— n 8 abſichtlich hier in meinen Gürtel geſteckt— o deutet immer eine Freude!“ „Die Sie uns in der That gemacht haben,“ fügte Madame Bendel heiter hinzu,„und nun ſetzen Sie ſich und nehmen Sie mit unſerem einfachen Nachteſſen fürlieb.“ Meiſter Georg fühlte ſich in der That gerührt von ſo viel Güte und Freundlichkeit, in dieſer eleganten und reichen Umgebung, die für ihn etwas Neues war. Doch hatte er ein ſo glückliches Geſchick, ſich in alle Verhältniſſe zu fügen, und einen ſo natürlichen Takt bei ſeinem leb⸗ haften Geiſte und ſeiner ungezwungenen Gabe, ſich in jede Unterhaltung zu finden, daß er ſich auch hier nach wenigen Minuten vollkommen behaglich und heimiſch fühlte, wobei ihm übrigens auch die liebenswürdige Natürlichkeit der beiden Damen behülflich war.„ ₰ Der alte Diener hatte ein paar Flaſchen Wein und Gläſer gebracht.—„Weil ich nicht weiß, ob Sie Thee trinken,“ ſagte Madame Bendel— und hatte dann für Fräulein Eliſe einen Stuhl mit hoher, weicher Lehne an den Tiſch gerückt, auf welchen ſie ſich niederließ gegenüber dem Gaſte, den ſie häufig ſtill lächelnd aus ihren großen, dunkelblauen Augen betrachtete. Auch hielt ſie ruhig ſeinen Blick aus, wenn er ſie, was ja ſo natürlich war, während dem Reden oder auch ſonſt wohl anſchaute. Dabei wunderte es ihn, daß er von dem jungen Mädchen, das er doch an jenem Morgen nur im trüben Zwielicht und bei mangelhafter Beleuchtung in der Um— hüllung des unſchönen Regenmantels geſehen, ein ſo voll⸗ , das be⸗ —————— —- 106 kommen richtiges Bild bewahrt, wie er es jetzt beſtätigt fand. Nur hatte er ihre Geſichtszüge düſterer, krankhafter in der Erinnerung, als ſie ihm jetzt erſchienen, obwohl der leichte Anhauch von Röthe, der zuweilen auf ihrem feinen, marmorglatten und auch meiſtens marmorblaſſen Geſichte erſchien, zu raſch kam und wieder verflog, um mehr als augenblickliche Aufregung zu bedeuten. Ihre Züge waren edel und ſchön geformt, länger und ſchärfer als die ihrer Mutter, welcher ſie übrigens unverkennbar ähnlich ſah. Auch hatten ihre dunkelblauen Augen einen weit lebhafteren, häufig wie leidenſchaftlich erregten Aus⸗ druck, beſonders wenn ſie haſtig ſprach, wie ſie oft zu thun pflegte, wobei alsdann um ihre etwas vollen, aber bleichen Lippen ein unbeſchreiblich anmuthiges Lächeln ſpielte. Ihr Haar war hellblond wie das ihrer Mutter, auf der Stirn und um die Schläfe leicht gekräuſelt, hing es kunſtlos aufgeheftet in ſo reicher Fülle auf ihren Nacken herab, daß es faſt nicht mehr im Einklang ſtand zu ihrer hohen, aber überaus feinen und ſchmächtigen Geſtalt. Sie hatte ſich ihren Thee von der Mutter einſchenken laſſen, während ſie alsdann darauf beſtand, ihren Gaſt ſelbſt zu bedienen und ihm von Allem und Jedem auf den verſchiedenen Tellern anzubieten, wobei ſie ihm zu ſeiner Aufmunterung in ſo fern mit einem guten Beiſpiel voranging, als ſie alles Mögliche auf ihren Teller häufte, aber nur ſehr wenig davon genoß, ſo daß der Diener ſpäter das Meiſte wieder wegnehmen mußte. Bei Meiſter Georg war dies übrigens ganz anders, — 107— und da er ſeit Mittag nichts mehr genoſſen, dagegen wäh⸗ rend mehrerer Stunden Unterricht gegeben, auch, wie wir wiſſen, einen langen Spaziergang gemacht, ſo nahm er all' die guten Sachen hier nicht von der Seite der Schau⸗ gerichte auf, ſondern ſprach ihnen während der Unter⸗ haltung wacker zu. Dabei war Madame Bendel ſo gütig, ihn während des Soupirens nicht die Koſten der Unterhaltung tragen zu laſſen, vielmehr ſagte ſie ihm in freundlichſter Weiſe, daß ſie allerdings ſchon früher auf ſeinen Beſuch gehofft, daß ſie ſchon ein paar Mal nahe daran geweſen, ihn zu ſich einzuladen, das aber ſtets unterlaſſen habe, weil ſie einen allenfallſigen Grund habe achten wollen, der ihn vielleicht veranlaßte, nicht zu kommen. Auch fügte ſie lächelnd bei, daß ſie ja ſchon wegen ihrer langjährigen Bekannt⸗ ſchaft keine beſondere Einladung für nöthig erachtet, und jetzt ganz beſtimmt darauf hoffe, daß, da ihn der Zufall hieher geführt, er nun auch ferner ihr Haus als ein be⸗ freundetes anſehen werde. Eliſe hatte dabei ihren Kopf gegen die hohe Lehne des Stuhles gelegt, ihn unter den halb herabgeſenkten Augenwimpern häufig lange und ſchweigend betrachtet, nur zuweilen beiſtimmend genickt und dann gefragt, ob er ſie wohl wieder erkannt haben würde, wenn ſie ihm anderswo begegnet wäre,—„das heißt nicht in der Zeit,“ ſetzte ſie hinzu,„nachdem Sie an jenem trüben Morgen hier bei uns waren, ſondern früher.“ Doch meinte ſie gleich darauf lächelnd,„das ſei eigentlich eine ganz thörichte Frage, denn er würde nicht nur die Züge — — 108— des kleinen Mädchens von damals, ſondern auch das kleine Mädchen ſelbſt und jenen ganzen Vorfall vergeſſen haben, wogegen ich mich,“ ſetzte ſie hinzu,„noch ganz genau zu erinnern glaube, daß ein fremder Knabe in unſerem Garten war mit einem kleinen Mädchen, das mich aus ihren großen dunklen Augen erſtaunt, beinahe wie erſchrocken anblickte— was iſt aus dem kleinen Mädchen von damals geworden?“ „O, das kleine Mädchen iſt groß geworden wie Sie, mein Fräulein,“ erwiederte Georg,„und wir haben nach Jahren noch häufig von jenem Beſuch in Ihrem ſchönen Garten geſprochen, der uns ſtets wie eine wunderbare Begebenheit erſchien.“ „Die Kleine war nicht Ihre Schweſter oder mit Ihnen verwandt?“ fragte Eliſe. „Beides nicht, ſie war die Enkelin einer Staatsräthin von Wanner, welche damals ſtarb, worauf ſie in unſerem Hauſe bei meinem Vater, der ſich mit ihrer Erziehung beſchäftigte, bis vor Kurzem blieb.“ „Und wo iſt die Kleine jetzt?“ fragte Eliſe, ſetzte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, mit ihrem leichten, anmuthigen Lächeln hinzu:„Es klingt Ihnen wohl eigen⸗ thümlich, daß ich ſie in Erinnerung an damals noch als ein kleines Mädchen erwähne und ſo vor mir ſehe, obgleich ſie ja begreiflicherweiſe auch, wie Sie eben ſagten, vollkommen erwachſen iſt, groß geworden wie ich und wahrſcheinlich viel, viel hübſcher— denn Mama hat mir neulich noch geſagt, als wir von Ihnen und jener erſten — 109— Begegnung in unſerem Garten ſprachen, ſie habe niemals ein ſchöneres Kind geſehen, als das kleine Kind damals geweſen ſei.“ „Ich kann mich daran nicht ſo erinnern,“ gab Meiſter Georg zur Antwort,—„ich— ich habe ſie immer wie eine Schutzbefohlene, wie eine Schweſter betrachtet, und Brüder haben, wie Sie wiſſen, eigentlich keinen richtigen Blick für die Schönheit ihrer Schweſtern.“ „Aber ſie iſt recht groß geworden— ſo ungefähr wie ich?“ „Ungefähr ſo, mein Fräulein!“ „Voll und ſtark dabei und ſieht blühend aus— hat, wenn ich mich recht erinnere, ſchönes, dunkles Haar und glänzende ſchwarze Augen— o, ſie muß ſehr ſchön ſein, ich möchte ſie wohl einmal wieder ſehen!“ t„So viel ich gehört habe, wohnt ſie nicht mehr bei Ihrem Vater,“ ſprach Madame Bendel;„ich weiß nicht, wer mir neulich ſagte, die reichen Gebrüder Schropps hätten ſie an Kindesſtatt angenommen. Das verwaiſte Kind hat dadurch eine glänzende Lebensſtellung erhalten— die Ge⸗ brüder Schropps ſind brave Leute, ich erinnere mich ihrer wohl noch— der ältere der Beiden, Nathan mit Vornamen, verkehrte häufig mit meinem Vater, und dein Vater ſprach oft über deſſen Fleiß und Redlichkeit. Sie haben ihr großes Vermögen dadurch erworben, daß ſie beinahe die ganze damals öde liegende Zigeunerinſel ankauften.“ „Es iſt alſo auch noch ein jüngerer Bruder da?“ fragte Eliſe, wobei ſie unter den herabgeſenkten Augenwimpern — 140— ihre weißen, ſchmalen Finger, welche verſchlungen auf ihrem Schooße ruhten, zu betrachten ſchien.—„Iſt dieſer andere Bruder viel jünger?“ „Ich glaube mindeſtens um zehn Jahre,“ ſagte Georg. „Oh, dann hat das Fräulein vielleicht doppelt gute Ausſichten— er kann ſie ja heirathen.“ Bei dieſen letzten Worten hob ſie raſch ihre Augen⸗ lider empor und blickte auf Georg, wobei es ihr nicht zu entgehen ſchien, daß ein leichter Schatten über deſſen Züge flog, denn ſie fragte raſch:„Hätten Sie etwas dagegen einzuwenden?“ „Ich?— Nicht das Geringſte, auch würden meine Einwendungen nicht viel Gehör finden, denn meine ehe⸗ malige Pflegeſchweſter iſt ſehr ſelbſtändig.“ „Aber ſie würde doch auf Ihre Anſicht hören und wird gewiß häufig Ihren Rath verlangen, denn Sie ſehen ſie gewiß ſehr oft— täglich?“ Eliſens Blicke hatten ſich wieder auf ihre Hände ge⸗ ſenkt und der Ton ihrer Stimme klang ſehr gleichgültig, faſt theilnahmlos, doch hätte ein aufmerkſamer Beobachter bemerken müſſen, daß ſich die feinen Spitzen, mit denen der Obertheil ihres hellſeidenen Kleides verziert war, ſtärker als gewöhnlich hoben. „Ich erlaubte mir ſchon ſoeben, Ihnen zu ſagen,“ erwiederte Georg,„daß Sophie ſehr ſelbſtändig iſt und ſelten Jemandens Rath verlangt, auch hätte ich keine Ge⸗ legenheit, ihr denſelben zu ertheilen, da ich ſie äußerſt wenig ſehe; ich bin zu beſchäftigt, um viele Beſuche zu 111— machen, und es können Wochen vergehen, ehe ſie nach meinem Vater ſieht.“ „Was Sie vorhin von der Selbſtändigkeit des jungen Mädchens ſagten,“ meinte Madame Bendel,„finde ich ſehr begreiflich; ſie hat bei ihren Verwandten eine harte Schule durchgemacht, dort wenig Freundlichkeit, noch weniger Liebe empfangen, da ſie von ihrer Tante, Fräulein Wilhelmine von Wanner, deren ich mich wohl noch erinnere, nur als eine Laſt betrachtet wurde. Es war überhaupt in jenem Hauſe ein eigenthümliches Verhältniß, von dem damals viel geſprochen wurde, und bei welchem das empfängliche Gemüth eines Kindes verdüſtert und ſpäter angewieſen werden mußte, ganz den eigenen Weg zu gehen. Ich er⸗ fuhr von unſeren Dienſtleuten Manches darüber, es herrſchte unter den Bewohnern der Zigeunerinſel eine abergläubiſche Scheu vor dem Hauſe der alten Staatsräthin, weßhalb das arme kleine Mädchen von anderen Kindern ängſtlich gemieden wurde.“ „Wie hart muß das für ſie geweſen ſein,“ ſprach Eliſe leiſe vor ſich hin,„oh, ich möchte ſie wohl einmal wieder ſehen, um ihr ein freundliches Wort zu ſagen, und um ſie zu fragen, ob ſie alle die Kränkungen aus ihrer Kin⸗ deszeit glücklich vergeſſen hat, oder ob es ihr heute noch wie im Traum vorkommt, daß ſie unter anderen glück⸗ licheren Kindern wie mit einem Zeichen auf der Stirne umherwandelte. 4 Meiſter Georg blickte erſtaunt auf die Sprecherin, die das langſam, eintönig, leidenſchaftslos ſprach, während 2— — 1412— doch aus dem eigenthümlichen Ton ihrer Stimme eine tiefe Empfindung klang. Dann ſagte er:„Ich glaube nicht, daß Sophie das damals ſo gar ſchwer empfunden, oder daß ſie ihre eigenthümliche Stellung zwiſchen den anderen Kindern nicht raſch vergaß, ja ich bin überzeugt, daß Letzteres vollſtändig geſchah, wenigſtens fand ſie ſich ſchon als Kind ſehr ſchnell und heiter in ihre veränderte Lage, und ſo auch jetzt wieder, wo ſie einer Phantaſie ihrer Kinderzeit, einſtens eine reiche Dame zu werden, oder gar eine Prinzeſſin, bedeutend näher gerückt iſt.“ Er ſagte das lächelnd und auch, wie er überzeugt war, ohne jede Spur von Bitterkeit, und doch mochte für Eliſe etwas Aehnliches durchklingen, denn ſie betrachtete ihn forſchend, ängſtlich, und athmete erſt leicht wieder auf, als er hinzufügte:„Doch wie ſchon eben bemerkt, ich ſah meine ehemalige Pflegeſchweſter ein paar Jahre lang, während ich auswärts meinen Muſikſtudien oblag, gar nicht, habe auch ſeit meiner Rückkehr wenig Verkehr mit ihr gehabt und weiß deßhalb nicht, ob ſie ſich noch der kleinen Demüthi⸗ gungen aus ihrer Kinderzeit erinnert, glaube das aber nicht, da ſie ihrem energiſchen Charakter gemäß ſchon da⸗ mals in ihren kleinen Kreiſen eine bevorzugte Stellung in Anſpruch zu nehmen ſich berechtigt glaubte und es heute ebenſo machen wird.“ „Und doch möchte ich ſie gern wiederſehen,“ wieder⸗ holte Eliſe. Madame Bendel hatte ihrem Gaſt von dem Weine eingeſchenkt und dieſer bat dagegen um die Erlaubniß, — 413 auch die Gläſer der Damen füllen zu dürfen, um mit ihnen anzuſtoßen und ſo ſeinen Dank für die gütige Auf⸗ nahme auszuſprechen, was ihm die Herrin des Hauſes lächelnd geſtattete, indem ſie hinzuſetzte:„Aber unter der Bedingung, daß Sie ſich dieſes freundlichen Gläſerklanges gern erinnern und Ihren Weg recht bald wieder zu uns nehmen werden.“ Darauf ſtieß er herzlich gern an, zuerſt mit Madame Bendel und dann mit Eliſe, wobei das feine Kryſtall ihrer Gläſer, augenſcheinlich zur großen Freude des jungen Mädchens, einen hell klingenden Silberton von ſich gab. „Wie mich das freut!“ ſagte ſie aufrichtig, ohne jede Coquetterie, worauf ihre Mutter, nachdem ſie ein paar Tropfen aus dem Glaſe getrunken, die Frage that, ob Herr Quinſcheidt nicht wiſſe, woher eigentlich die artige Sitte des Gläſeranſtoßens ſtamme oder welche Bedeutung ſie habe? „Zufällig erfuhr ich von einem Bekannten aus dem ſchönen rebenreichen Rheinlande eine Erklärung des Gläſer⸗ anſtoßens, die mir hübſch und paſſend erſcheint. Im Weine, der im Glaſe perlt, liegt nämlich für alle Sinne etwas, mit Ausnahme des Gehörs: das Auge erfreut ſich an dem flüſſigen Golde der Rebe, wir empfinden den herrlichen Duft des Weinbouquets, wir ſchmecken den mil⸗ den und doch ſo feurigen Trank, und damit auch das Ohr nicht leer ausgehe, ſo laſſen wir die Gläſer an ein⸗ ander erklingen.“ „Oh, das iſt hübſch,“ rief Eliſe mit leuchtenden 2*— 8———— — 114— Augen,„könnte ich dichten, ſo würde ich ein Lied daraus ändertem Tone und etwas zurückhaltend hinzu,„einen recht unbeſcheidenen Wunſch—“ „Den ich vielleicht errathe, deſſen Erfüllung ich Ihnen anbiete, noch ehe Sie ihn ausgeſprochen. Darf ich Ihnen etwas vorſpielen?“ „O, wie herzlich bitte ich darum!“ Bei dieſen Worten erhob ſich Eliſe raſch, um ihren ſchönen Flügel zu öffnen. Er ſetzte ſich an das Inſtru⸗ ment, worauf Eliſe einen kleinen Fauteuil herbeizog, um ſich dicht an ſeiner Seite niederzulaſſen. Madame Bendel lehnte ſich in die Sophaecke zurück und bedeckte ihre Augen mit der Hand. Während Meiſter Georg durch ein paar flüchtige Paſ⸗ ſagen und kräftige Anſchläge das prachtvolle Inſtrument prüfte, ſagte er lächelnd:„Wir Muſiker der Jetztzeit ſind ein recht eingebildetes Volk und lieben es, ſtatt an der Hand des Wortes, eines Bildes oder ausgeſprochenen Ge⸗ dankens zu gehen, der Muſik die Fähigkeit ſelbſtändigen fühle wach zu rufen, ja landſchaftliche Effekte zu malen, für die ſelbſt der ausgeſprochene Gedanke unzureichend iſt.“ „Lieder ohne Worte,“ ſagte das junge Mädchen leiſe. „Ja, wenn es noch dabei bliebe, oder wenn der große Mendelsſohn ſeine gewaltige Kraft hätte vererben können, aber Muſiker, die dieſen Namen nicht verdienen, unter⸗ nehmen es heutzutage, den Kampf der Elemente, oder das mild glänzende Mondlicht, das Flimmern der Sterne oder den Sturm einer Gewitternacht zu ſchildern,— und das iſt leider ſo anſteckend, daß Jemand, der wie ich, die eng geſteckten Gränzen nicht überſieht, gern in denſelben Fehler verfällt, wie Sie gleich hören werden, denn dieſe Klänge des ſchönſten Trinkliedes, das wir haben: Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben, Geſegnet ſei der Rhein— dienen mir gleichſam als Ouverture, um Sie aufmerkſam zu machen, daß ich verſuchen will, Ihren Wunſch von ſoeben auch ohne gegebene Worte zu erfüllen.“ „Ah, ich verſtehe,“ erwiederte Eliſe, mit halb geſchloſ⸗ ſenen Augen lauſchend,„jetzt ſind wir am Rheine, auf deſſen grün⸗goldener Flut wir in leichten Nachen dahin⸗ ſchwimmen, abwärts, dem aufſtrebenden Felſen zu, der, von der Sage umwebt und umklungen, zu uns herüber⸗ blickt, wie ‚ein Bild aus alten Zeiten“, während der Kiel unſeres Fahrzeuges leicht auf dem Sande knirſcht, worauf wir jene ſchattige Laube betreten, dort auf der alten ver⸗ witterten Terraſſe, von wo unſere Blicke über den ruhig Ausdruckes zuzuerkennen, Empfindungen zu erregen, Ge⸗ — 5 Fr 8 — 146— fließenden Strom hinweg emporgleiten zu jener maleriſchen Burgruine, die dort oben funkelt ‚im Abendſonnenſchein.““ „Wenn man ſo verſtanden wird,“ ſagte Meiſter Georg, „ſo iſt es leicht, ein Tongemälde zu entwerfen.“ Dabei wandte er ſein Geſicht gegen das junge Mädchen, die ſeinen Blick fühlen mochte, obgleich ſie vor ſich nieder ſchaute, denn ſie erhob jetzt ihre Augenlider und blickte ihn feſt an, mit dem träumeriſchen Blick aus den tief dunkelblauen, ſo ſeltſam glänzenden Augen, und ihre Lippen öffneten ſich, wie zu einem tiefen Athemzuge. „Nun leuchtet der Wein in den Gläſern,“ rief Meiſter Georg heiter, während die Töne unter ſeinen Fingern ſprudelnd dem Inſtrument entquollen. „Wie leuchtet das flüſſige Gold der Reben!“ jubelte Eliſe,—„es duftet das Bouquet des Weins, und—“ Kling, kling, klangen die Gläſer zuſammen, in einer ſo heiteren, luſtigen, berauſchenden Weiſe, daß es der ſtill lauſchenden Zuhörerin gerade ſo war, als ſpüre ſie ſelbſt die lieblichen Weingeiſter und als müſſe ſie ihrem Weben und Schweben nachgeben und ſelbſt mit einſtimmen in die fröhliche Melodie, die an ihr Ohr tönte und in ihrem Herzen wiederklang! Leiſe bewegte ſie ihre Lippen, ihre Augen ſtrahlten und ſie beugte ſich weiter vor, wenn das Zuſammenklingen der Gläſer ſich wiederholte, bis ſie zu⸗ letzt in herzlichem Tone ausrief:„Ach, wie das hübſch iſt, wie fröhlich mich das geſtimmt hat!“ Doch hatte ſich jetzt Meiſter Georg ſo in ſeine eigenen Phantaſieen verſenkt, daß ihn die Klangfiguren weiter und — 411 weiter führten, nicht in die Zukunft, ſondern zurück in die Vergangenheit, wobei ſich die heitere Melodie plötzlich ver⸗ düſterte, wobei die Gläſer in Molltönen zuſammenklangen, weil er ſich jener Nacht erinnerte, als ſie der Goldfaſan mit ſeinem ſtrahlenden Gefieder betäubt und darauf ihr luſtiges Gelage ſo ſeltſam ernſt geendet hatte,— hier geendet hatte, geendet wie jetzt, mit einer ſchrillen Diſſonanz! „Was war das?“ fragte Eliſe, ſich haſtig vorbeugend. „Vielleicht zerſprang ein Glas,“ gab er trübe lächelnd zur Antwort,„und müſſen Sie ſo freundlich ſein, dieſen Mißton der Laune des Künſtlers zu verzeihen; wer ver⸗ mag beſtändig heiter zu ſein? und da ſich in mir das Gefühl regte, als müßte auch das luſtige Gelage meines Tongemäldes endlich, wie Alles, ein ernſtes Ende nehmen, ſo überſchlichen mich unwillkürlich Melodieen wie nach Sonnenuntergang, wenn finſtere Nebel aufſteigen— doch glaube ich, es iſt beſſer, wenn ich jetzt aufhöre.“ „Bitte, nein,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme,„ich fürchte mich vor dem Ernſte nicht, ja es gibt Trübes und Düſte⸗ res, das doch für mich eine lichtvolle Erinnerung hat— ich bitte Sie herzlich, ſpielen Sie weiter, ich möchte in den Tönen noch fortträumen, ſelbſt nach Sonnenuntergang, ſelbſt bei düſteren Nebeln, am Ufer des Stromes, der nicht mehr grün⸗golden vorbeifließt, ſondern grau, unheimlich, und doch lockend— obgleich es gefährlich iſt, dort hinab⸗ zuſchauen mit Schmerz und Trauer im Herzen— o, bitte, — v.:( Hack länder, Kainszeichen. I1I. 9 hören Sie noch nicht auf, ich weiß, Sie geben mir noch etwas recht Tröſtliches, wonach ich mich ſchon längſt geſehnt!“ Meiſter Georg wußte wohl, was ſie damit meinte, doch ſcheute er ſich faſt, jene Töne wieder erklingen zu laſſen, welche das junge Mädchen damals in dem furcht⸗ baren Augenblicke am Ufer des nächtlichen Stromes gehört und, wie ſie ſelbſt geſagt, zu ihrem Heile ver⸗ nommen. Und doch vermochte er nicht, ihrem flehentlichen Blicke zu widerſtehen, bemühte ſich aber, jenes Thema auf der grollenden Unterlage des Baſſes wie Worte des Troſtes, der Hoffnung, ja zuletzt wie den Jubelruf des Glückes erklingen zu laſſen. Er fühlte, wie tief Eliſe davon er⸗ griffen wurde, denn ſie war, haſtig athmend, dicht an ſeine Seite gerückt, dann hatte ſie ihre weichen Finger leicht auf ſeinen linken Arm gelegt, und ließ ſie während des Spieles langſam herabgleiten, bis ihre feuchte, heiße Hand die ſeinige berührte, bis ihre Finger die ſeinigen umſchlangen und ſie in innigem Tone flüſterte:„Ich danke Ihnen heute, wie ich Ihnen damals gedankt.“ Dann erhob ſie ſich raſch, wandte ſich gegen das Sopha, wo ihre Mutter, in Erinnerung verſunken, noch immer lauſchend ſaß, lehnte den Kopf an deren Schulter, indem ſie mit ſanfter Stimme ſagte:„Wenn ich auch weine, liebe Mama, ſo bin ich doch nicht traurig, im Gegentheil, ich fühle mich heiter und glücklich, nur hat mich die Muſik etwas angegriffen, woran aber Herr Quinſcheidt durchaus 119— keine Schuld trägt,“ ſetzte ſie, ſich aufrichtend, mit lauter Stimme hinzu,„denn ich habe ihn wie ein unartiges Kind geplagt, immer weiter zu ſpielen.“ Meiſter Georg war einigermaßen betroffen geweſen von der eigenthümlichen Wirkung ſeiner muſikaliſchen Produk⸗ tion, aber es war gerade keine unangenehme Betroffenheit, und als er jetzt das Inſtrument ſchloß, ſo benutzte er dazu nur ſeine rechte Hand, als fürchte er, durch irgend eine Berührung mit der Linken jenes eigenthümliche, wohlige Gefühl zu verwiſchen, welches ihm der Druck ihrer feinen, warmen Finger verurſacht. Es war wohl die erſte der⸗ artige Beriuma, die er unter gleichen Verhältniſſen in ſeinem Leben erfahren, und ſie machte einen ſo eigen⸗ thümlichen, faſt beklemmenden Eindruck auf ihn, daß er ſich zögernd den beiden Damen näherte, welche ihm mit herzlichen Worten des Dankes entgegentraten; auch blieb er trotzdem einſylbig, faſt verlegen, und empfand es als eine Beruhigung, daß ihm die ſpäte Abendſtunde einen raſcheren Abſchied erleichterte. Recht bald wiederzukommen, hatte er indeſſen feſt ver⸗ ſprechen müſſen, und als er nun gleich darauf unter den leiſe flüſternden Bäumen auf der Gartenterraſſe ſtand, konnte er ſich nicht enthalten, zu den erleuchteten Fenſtern hinaufzublicken und ſein Verſprechen in Gedanken feierlich zu wiederholen— auch ein Lied ohne Worte und ein Lied von einer beglückenden Melodie, welche ihn ſo feſſelte, ja berauſchte, daß er ſeine linke Hand, wo die ihrige ge⸗ ruht, an ſeine eigenen Lippen erhob. Nach Hauſe zurückgelehrt, öffnete er leiſe die Hausthüre und die Thüre ſeines Zimmers, nicht als ob es ſchon ſo ſpät geweſen wäre, um in den Verdacht der Nachtſchwärmerei zu kommen, ſondern er fühlte das Bedürfniß, allein zu ſein, um die Vorfälle des heutigen Abends noch einmal in angenehmen Bildern an ſich vorüberziehen zu laſſen. Es wäre ihm unangenehm geweſen, hierin geſtört zu werden, etwa durch einen Beſuch des jungen Herrn Streber, welcher gern zur eigenen Unterhaltung noch herunter zu kommen pflegte, wenn er Georg zu Hauſe wußte. Doch hatte letzterer dießmal umſonſt ſolche Vorſicht angewandt, denn kaum trat er an ſein offen ſtehendes Fenſter, das, wie wir wiſſen, in den Garten hinausging, ſo bemerkte er dicht vor ſich das Glimmen einer Cigarre, und als ſich daſſelbe durch einen kräftigen Zug vergrößerte, beleuchtete es die Züge des jugendlichen Berichterſtatters, der auch ihn ſogleich entdeckt hatte und ihm heiter einen guten Abend bot.„Schon hatte ich gefürchtet, zu Bette gehen zu müſſen, ohne durch eine geiſtreiche Unterhaltung mit dir angenehme und lebhafte Träume vorbereiten zu können. Kommſt du noch ein wenig heraus in den Garten, wo es in der milden Abendluft deliciös iſt, oder ſoll ich zu dir hineinkommen? Du ſiehſt, ich laſſe dir, wie immer, freundſchaftlichſt die Wahl zwiſchen zwei Uebeln.“ „Eigentlich bin ich recht müde,“ antwortete Meiſter Georg aus dem Dunkel ſeines Zimmers hervor,„und wollte gleich zu Bette gehen; da ich aber deinen beharr⸗ lichen Charakter in gewiſſen Dingen kenne, ſo will ich 121 unter den beiden Uebeln das ſcheinbar größte wählen und dich zu mir einladen.“ „Vortrefflich,“ lachte der junge Herr Streber,„und dieſes ſcheinbar größte Uebel wird dadurch zum kleinſten, daß du jeden Augenblick das Recht haſt, mir die Thür zu weiſen, während draußen unter dem ſterngeſtickten Schleier der ſtillverſchwiegenen Nacht Jeder das Recht hat, ſo lange zu athmen, als es ihm gefällt; doch du weißt, daß ich der beſte Menſch von der Welt bin, deßhalb komme ich in deine Klauſe.“ Gleich darauf trat er in das dunkle Zimmer, und auf ſeine Frage, ob Meiſter Georg kein Licht anzünden wolle, meinte dieſer:„es ſcheine ihm behaglicher, noch eine kurze Weile in dieſem dämmerigen Zwielichte zu plaudern.“ „Aha,“ lachte der Andere,„dieſer Ausdruck kurze Weile“ iſt eine kurze Prolongation des Wechſels, ein zweiter Hinweis auf die Thür und ſomit eine weitere Ausſicht auf ein ſummariſch exekutoriſches Verfahren, doch füge ich mich in Alles,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich auf das Bett Georgs niederließ, während dieſer in ſeinem alten Lehnſtuhl Platz genommen,„und mußt du darin erkennen ſowohl meine Begierde, mit dir zu plaudern, als auch die merkwürdige Elaſticität meines Geiſtes, welche ſich auf's Bereitwilligſte in jede ihm dargebotene Form gießt br— br— br—br— das war ſehr ſchön geſagt.“ „Vielleicht eine Reminiscenz aus einem heutigen Artikel für dein Tageblatt,“ gab Georg zur Antwort „nachdem er ſich während des Geplauders e ine Cigarre angezündet. 122 Doch erwiederte der junge Herr Streber ſeufzend:„Leider iſt es mir heute nicht ſo gut geworden, in derartigen Phraſen die glänzenden Schwingen meines Geiſtes entfalten zu dürfen. Es war wieder einmal ein Tag der Holzhauer⸗ arbeit, wo man gemäß Weiſungen von oben herab die glücklichen Gefühle des ergebenen und treu gehorſamen Volkes zu ſchildern hatte beim Erblicken Allerhöchſter Herr⸗ ſchaften, Allerhöchſtwelche beim Beſuch der Gemälde⸗Aus⸗ ſtellung nicht nur geruht hatten, ſehr herablaſſend zu ſein, ſondern auch die wunderbarſten Beweiſe ihres erhabenen Kunſtſinnes zu Tage gefördert, oder die es nicht ver⸗ ſchmäht, eine Armenhausſuppe Allerhöchſtſelbſt zu verſuchen, welche Armenhausſuppe denn auch gemäß gegebener Wei⸗ ſungen heute ſo ſchmackhaft ausgefallen war, daß ſie ſelbſt fürſtlichem Munde keinen allzu großen Widerwillen ein⸗ flößte. Dazu kam noch eine ſolche Maſſe nothwendiger Berichtigungen, daß es noch jetzt bunt in meinem Kopfe durch einander läuft von ſcheu gewordenen Pferden, die nach der geſtrigen Nummer unſeres Blattes großes Unglück angerichtet, wo uns der biedere Einſender ſchnöde ange⸗ logen, gerade wie ein anderer, der von einem Kaminbrande berichtet in einem Hauſe, wo gar kein Feuer gebrannt, und eben ſo ein dritter, der ein Gerüſt brechen und ein halb Dutzend Maurergeſellen verunglücken ließ, und das an einem Gebäude, wo ſchon längſt nicht mehr gearbeitet wurde, und eine Menge dergleichen Dinge: ſchnellfahrende Kutſcher, verlorengegangene Kinder, entlaufene Hunde, grobe Polizeidiener ꝛc. Man kann ſich auf Niemand mehr 123 verlaſſen und es iſt doch nicht möglich, all' das Zeug ſelbſt zu erfinden— aber weißt du wohl,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher Meiſter Georg in tiefem Schweigen verharrte und ſeine Gegenwart nur durch das zeitweiſe Aufglühen ſeiner Cigarre kund gab,„daß deine Theilnahmloſigkeit ſowie dein Wunſch nach Finſterniß bei mir einigermaßen Verdacht erregt, und daß ich, wenn du zufälligerweiſe meine Tochter wäreſt oder meine Schweſter, was aber Beides nicht der Fall iſt, ungefähr ſo ſprechen würde: ‚Mein liebes Kind, es gefällt mir durchaus nicht, daß du die Schamröthe deiner Wangen über das, was du begangen— dies reimt ſich obendrein noch— vor den Augen eines beſorgten Vaters, beziehungsweiſe Bru⸗ ders, zu verbergen trachteſtt— oder hätte ich kein Recht, ſo zu ſprechen?“ „Nicht das geringſte,“ antwortete der Andere,„auch gibt es durchaus keine Veranlaſſung dazu; ich habe meinen Nachmittag und Abend ſo ruhig und ſolid als möglich zugebracht und in der beſten Geſellſchaft, war ſogar einen Augenblick bei Sophie, das erſte Mal ſeit ich zu⸗ rück bin.“ „Und der Beſuch hat dir vielleicht Stoff zum Nach⸗ denken gegeben?“ „Ich wüßte nicht, obgleich ich mich, ehrlich geſagt, dort nicht behaglich fühlte.“ „Das glaube ich wohl, ein düſteres Geſpenſterhaus mit zwei, auch bei Tage umgehenden alten Geiſtern.“ „Harmloſe, brave Leute.“ —— ſſſſ ——— —j— 124 „Von denen aber einer noch ſo jugendlich thut, daß es auffallend iſt, doch haſt du wohl ſchon davon ge⸗ hört?“ „Nein!“ „Und es intereſſirt dich auch nicht?“ „Kaum, da ſein Jugendlichthun, wenn es wirklich ſo iſt, uns gar nichts angeht.“ „Uns wohl nicht, aber Jemand, der uns näher an⸗ geht, es iſt das ein Kettenſatz, wenn du willſt, der mit Herrn Joſeph Schropps beginnt und mit Sophie endigt.“ „A— a— a— ah,“ rief Meiſter Georg, ſetzte aber gleich darauf in gleichgültigerem Tone hinzu:„ah, ich vergeſſe, daß ich mit dem Berichterſtatter eines vielgeleſenen Blattes rede, du cultivirſt gern die Unwahrſcheinlichkeiten!“ „Als Berichterſtatter, und wenn ſie pikant ſind, ja: diesmal aber bleibt mein Blatt ganz aus dem Spiel und ich rede nur als Freund zum Freunde der Freundin das war wieder ſehr ſchön geſagt.“ „Gut, wenn du wirklich Poſitives weißt oder aus glaubwürdigem Munde gehört haſt,“ ſprach Meiſter Georg, indem er ſich Mühe gab, die heftige Aufregung zu ver⸗ bergen, die ihn plötzlich ergriffen und aus ſeiner Ruhe aufgeſchreckt,„ſo rede, aber klar und ruhig.“ „Poſitives! Was iſt in dieſem Falle Poſitives?— Was iſt auch ein glaubwürdiger Mund? Teufel auch, du nimmſt das ſehr ruhig, ich glaube, wenn man dir nach⸗ ſagte, du hätteſt ein Dutzend ſilberne Löffel geſtohlen, ſo würde es dir weniger um die Quelle dieſer Nachricht zu 125 thun ſein, als darum, daß überhaupt ſo ſchmutziges Waſſer über deinen guten Namen fließt.“ „Welch' ein Vergleich, Emil! Was kann man über Sophie ſagen?“ „Nun, daß ſie jung und ſchön iſt und daß Herr Joſeph Schropps ſich, ſeit ſie im Hauſe iſt, ebenfalls, und zwar recht auffallend bemüht, jung und hübſch zu ſein.“ „Pfui!“ rief Georg aufſpringend,„Geſchwätz müßiger Weiber,— und doch wäre es ſchrecklich für das arme Mädchen, wenn irgend eines dieſe verruchte Melodie an⸗ geſtimmt hätte.“ „Hältſt du das für unmöglich?“ „Nein, gewiß nicht, aber es wäre furchthar und,“ ſetzte er nachſinnend hinzu,„möglich, möglich!“ „Es iſt ſo, wie ich dir ſage.“ „Wer aber ſprach dir davon?“ „Nun, eine jener guten, biedern Seelen, unter augen⸗ verdrehendem chriſtlichen Bedauern über die Schlechtigkeit anderer Menſchen, ſo etwas nur denken zu können! Mich wundert das übrigens gar nicht, du biſt ein unſchuldiges Kind in dergleichen Dingen.“ „So mit einem einzigen Hauch aus giftigem Munde einen guten Namen zu beflecken!“ rief Georg, hin und her gehend,„und wie ſo etwas verbreitet wird, weil man es gern glaubt, weil man es für möglich hält, weil man s im gleichen Falle ſelbſt thun würde, ich muß mit mei⸗ nem Vater darüber reden, es muß da etwas geſchehen!“ Der junge Berichterſtatter zuckte leicht mit den Achſeln, — 126 ehe er ſagte:„Ueberlege dir das genau, ehe du es thuſt, jedes plötzliche Eingreifen würde, meiner Anſicht nach, die Sache verſchlimmern, vielleicht verſchwindet dieſes müßige Gerede wieder gerade ſo, wie es entſtanden.“ „Aber nicht ohne unverwiſchbare Spuren zurückzulaſſen, nicht, ohne bei jeder Veranlaſſung wiederzukehren wie jene geſpenſtigen Flecken durch die dickſte Mauertünche, wie das Zeichen der blutigen Hand, deſſen wir uns aus der Jugend her erinnern.“ „Wobei mir plötzlich etwas Anderes einfällt,“ ſagte raſch der junge Streber,„was ich beinahe vergeſſen hätte, dir zu erzählen. Heute gegen Abend trieb ich mich dort unten am Fluſſe umher, wo die Schlächtereien ſind— es iſt das für einen ſtrebſamen Berichterſtatter eine ſehr dank⸗ bare Gegend, wo häufig etwas vorfällt, was zu gebrauchen iſt, ſei es auch nur als Anmerkung der Redaktion zu irgend einem Thierſchutzverein⸗Artikel, ſo z. B., daß wir uns ſelbſt mit eigenen Augen überzeugt, wie wenig nach den humanen Vorſchriften in Betreff jugendlicher Kälber und lebensmüder Schweine gehandelt wird,— was uns ein gewiſſes Relief der Allwiſſenheit gibt. Auch gibt's da unten recht intereſſante Raufhändel, die in der blutge⸗ tränkten Umgebung am Rande des melancholiſch fließen⸗ den Stromes in Lokalfarbe, ſowie in Solidität der Hiebe nichts zu wünſchen übrig laſſen.— Da flanirte ich, blieb auch wohl ſtehen, um der Abſchlachtung eines der un⸗ glücklichen Weſen zuzuſchauen und zugleich ein gewiſſes Publilum zu betrachten, das ſich des rauchenden Blutes 127 und der warmen Eingeweide als Heilmittel bedient,— wohl ein Schwindel, wie viele ähnliche andere! Dabei fiel mir ein junger Mann auf, der friſch und kräftig ausſah, wie die Geſundheit ſelbſt, und der das Ding auch mehr ſpielend betrieb, ſeine linke Hand nur ein paar Sekunden lang in das Blut tauchte, dann daſſelbe einen Augenblick trockknen ließ, ein Tuch darum wand und davon ging. Es war ein Fremder, den ich nie geſehen, von hoher, kräftiger Geſtalt, blondem Haar und einem Vollbart, an⸗ ſtändig gekleidet, wie Jemand, der eben von einer großen Reiſe ankommt oder nach langem Ritte vom Pferde ge⸗ ſtiegen iſt; es gibt Figuren, für die man ſich unwillkür⸗ lich intereſſirt, die man nicht vergißt und ſich ſo genau einprägt, daß man ſie bei einer zweiten Begegnung ſogleich wieder erkennt.“ „Und du ſahſt den Mann mit der blutigen Hand wieder?“ fragte Meiſter Georg, plötzlich ſtehen bleibend. „Ja, ich ſah ihn wieder, was an ſich nichts Beſon⸗ deres wäre, doch erſchien mir das Wo und Wie einiger⸗ maßen auffallend. Ich war den Fluß hinab gewandert, und als ich, wo die letzten Häuſer ſtehen, wieder umkehrte, dämmerte es bereits, ſo daß ich mit der ſchon eingebrochenen Dunkelheit wieder bei den Schlächtereien vorüberkam und beim Weiterſchlendern kurze Zeit darauf das alte Recken⸗ berg'ſche Haus nur in unbeſtimmten Umriſſen wie eine dunkle Maſſe vor dem immerhin noch etwas leuchtenden Waſſer ſah. Oberhalb des Hauſes trieb auf dieſem Waſſer ¶ ein leichter Nachen mir entgegen, von einer einzigen Per⸗ —* — 1 128— ſon gelenkt, und zwar nicht gegen die Breite des Stromes, ſondern gegen die ſchmale Durchfahrt unter der Brücke, welche das Reckenberg'ſche Haus mit dem Lande verbindet, und wo ſich der Fährmann tief bücken mußte, um durch⸗ zukommen. Ich glaubte ſchon, er hätte dort zu irgend einem Zwecke angelegt, doch erſchien er gleich darauf jen⸗ ſeits der Brücke, nun hoch aufgerichtet in dem Nachen ſtehend, wobei er ſich mit der Hand von der Grundmauer des Gebäudes abzuhalten ſchien, und als er vielleicht eine halbe Minute ſpäter wie eine dunkle Silhouette vor die hellere Fläche des Stromes trat, erkannte ihn mein ſcharfes Auge augenblicklich wieder: es war der Mann mit der blutigen Hand.“ „Der Mann mit der blutigen Hand!“ wiederholte Meiſter Georg mit leiſer Stimme— und ſetzte dann fragend hinzu:„Findeſt du etwas beſonders Auffallendes darin?“ „Es hat allerdings meine ohnehin etwas lebhafte Phan⸗ taſie beſchäftigt, und wenn der betreffende junge Mann mit den hohen Waſſerſtiefeln darnach für einen armen Berichterſtatter die Freundlichkeit gehabt hätte, behufs Selbſt⸗ mords in's Waſſer zu ſpringen, ſo hätte das Alles zuſam⸗ men einen prächtigen Artikel für mein nächſtes Tageblatt gegeben. So aber verſchwand er ohne weitere Aufregung für mich, und zwar jenſeit des Hauſes, mit einem Male beinahe ſpurlos, denn er duckte ſich ſo tief auf ſeinem Sitze zuſammen, daß es ausſah, als treibe ein leerer Nachen weiter— Schade drum!“ — 129— „Ja, Schade drum,“ erwiederte der Andere, worauf er an's Fenſter trat, um ſeine Cigarre hinauszuwerfen, vort auch eine gute Weile ſtehen blieb, um ſtillſchweigend in den dunklen Garten zu ſchauen. Dies ſchien Herrn Stre⸗ ber zu veranlaſſen, ſich gähnend von dem Bette zu erheben und ſeinen Entſchluß auszuſprechen, ſich zurückzuziehen, da er Georg nichts weniger als dankbar empfänglich finde für die ihm geſpendete geiſtreiche Unterhaltung. Er verabſchie⸗ dete ſich endlich mit den Worten:„Wenigſtens hoſſe ich zur Belebung deiner Träume beigetragen zu haben, und wenn dich der Mann mit der blutigen Hand morgen früh zu einer ergreifend ſchaurigen Nocturne begeiſtert, ſo darſſt du's mir vorſpielen— ruhe wohl und ſchlummere ſanft!“ Dann verließ er das Zimmer und man hörte ihn noch auf der Treppe ſingen:„Selbſt im Traum umſchwebt mich dein Bild.“ lſ— Eilftes Kapilel. Fortſetzung ärztlicher Conſultationen der verſchiedenſten Art, mit einer Stufenleiter vom Glück bis zu tiefer Trauer. Es pflegte häufig vorzukommen, daß der Kutſcher des Obermedicinalraths Doktor Werner, ſo wie er in die Nähe des Hauſes der Madame Bendel kam, den ſchon an ſich wenig lebhaften Trab ſeiner dicken Pferde mäßigte, und ſich fragend umſchaute, um, wenn der Arzt in ſeinem Wagen ein verneinendes Zeichen gab, mit dem Ausdruck der Unzufriedenheit oder eines gut geſpielten Aergers über die faulen Thiere ſeine Peitſche zu gebrauchen. Er unter⸗ ließ es aber nie, beim Vorbeifahren an gedachtem Hauſe wenigſtens einen Blick in die Küchenräume zu verſuchen und war auch häufig ſo glücklich, die hübſche Köchin in ihrer weißen Schürze am Herdfeuer wirthſchaften zu ſehen. Eigentlich machte ſich der Kutſcher nicht beſonders viel daraus, wenn ihm befohlen wurde, an der Straßenſeite der Wohnung zu halten, denn das war alsdann für einen ſo kurzen Augenblick, daß er ſeinen Bock nicht ver⸗ laſſen durfte, wogegen, wenn er den Wink erhielt, von der Gartenſeite einzufahren, meiſt ein ſo langer Aufent⸗ halt in Ausſicht ſtand, daß es zu einem kleinen Beſuch im Parterrezimmer reichte, zu einem freundlichen Geplau⸗ der, auch wohl zu einem einfachen aber guten Frühſtück. ——— gerc daß begr Auf Tag bere anm kalte ſund ja, wen Katl viel das hafte ja, ich l wen! antn tin,“ daß muß zu l Bei dieſer angenehmen Beſchäftigung befand er ſich gerade jetzt wieder, und es hatte ſich glücklich getroffen, daß der alte Anton, der gegen den Kutſcher eine wohl begründete Eiferſucht nicht zu unterdrücken vermochte, in Aufträgen abweſend war, und daß man ſich in jener mit Tageszeit befand, wo die hübſche Köchin, mit den Vor⸗ bereitungen zum Mittageſſen beſchäftigt, im Parterrezimmer anweſend ſein durfte. die„Da oben bei Euch,“ ſagte der Kutſcher, an einem hon kalten Hammelscotelette nagend,„iſt man wieder ſo ge⸗ gte, ſund, daß Euer Haus kaum auf der Wochenliſte ſteht, gem ja, ich muß manchmal ſo thun, als hätte ich mich geirrt, * wenn ich einmal partout nach Ihnen ſehen will, Jungfer ber Katharina.“ er⸗„Oh, ich möchte wohl wiſſen, Herr Martin, in wie uſe viel Häuſern Sie das Gleiche ſagen!“ hen„Na, darüber wollen wir nicht reden, denn Sie wiſſen in das beſſer, auch bin ich kein junger Menſch von flatter⸗ en. haften Verſicherungen, ſondern meine Rede iſt nur: ‚Ja, viel ja, nein, nein,“ wie es ehrlich und anſtändig iſt,— und eite ich hoffe,“ ſetzte er mit einem feinen Lächeln hinzu,„daß, für wenn ich einmal Ja ſagen kann, Sie mir nicht mit Nein antworten werden.“ ur„Nur keine ſo verfänglichen Redensarten, Herr Mar⸗ nt. tin,“ ſagte die hübſche Köchin, augenſcheinlich ſo verwirrt, uch daß ſie ſich abwenden und an den Wandſchrank treten du⸗ mußte, um dort einen weiteren Reſt ſehr guten Weines zu holen, bei deſſen Eingießen ſie ſagte:„Was ſprachen ———————— ‿‿ — * ———— ——— — 132— Sie doch vorhin— ja ſo, von unſerer Geſundheit, o, es geht jetzt wieder recht gut, und das Fräulein iſt ſeit Kurzem wie umgewandelt!“ „Glaub's wohl, wir haben ihr auch ſehr ſchöne Tropfen aufgeſchrieben, vortreffliche Tropfen!“ „Vielleicht auch etwas von denen,“ fragte ſie, ihn verſchämt von der Seite anblickend,„von denen gegen den Liebeskummer?“ „Ich glaube, es war etwas von der Miſchung dabei, wir müſſen darin ſehr vorſichtig ſein.“ „Ja, aber auch das Wenige hat gewirkt,“ lachte Ka— tharina,„wenn es nicht ſonſt etwas geweſen iſt, was den Kummer des armen Fräuleins zerſtreute.“ „Nun, wenn er ſich überhaupt nur zerſtreut, ſo wollen wir mit jeder Urſache zufrieden ſein, die unſern Medica⸗ menten nachhilft— und wie ſah denn dieſe ſonſtige Ur⸗ ſache vielleicht aus? 4 „O nein, Herr Martin, über Beſuche, die in's Haus lommen, darf ich nicht reden,“ betheuerte Katharina,„nicht einmal gegen Sie.“ „Weil Sie noch nicht das richtige Vertrauen zu mir haben,“ gab er mit einem ernſthaften Kopfſchütteln zur Antwort,„das Vertrauen, in welchem man zu einander ſtehen muß, wenn man im Begriffe iſt, auf gewiſſe Fra⸗ gen mit ‚Ja' zu antworten.“ Dabei hatte er ihre rund⸗ liche, etwas harte Hand gefangen, und da ſie ihm die⸗ ſelbe nicht nur ließ, ſondern auch dem Zuge der ſeinigen 8 und zugleich ihres Herzens folgte, ſo war es ihm im 1 n — 133— nächſten Augenblicke möglich, ſi den Wangen zu pätſcheln und zu ſagen:„Ich fühle wohl, kommen wird, Jungfer Kath Vertrauen iſt vor allen D damit es ferner gut gehe denn da müſſen alle Urſt verlange ja auch kein e freundlich auf die blühen⸗ mit einem leichten Seufzer daß es bald zu der Frage arina, aber Vertrauen— ingen nöthig,— auch ſchon, bei Ihrem Fräulein droben, achen in einander greifen. Ich Geheimniß von Ihnen herauszu⸗ locken, da ich ja doch ſchon weiß, daß die Urſache da—⸗ er deutete mit dem Daumen nach oben—„ein junger Herr iſt— nicht wahr?— nun ja, das ſind in ſolchen Fällen immer die beſten Urſachen— natürlich iſt er jung und hübſch, ein wohlhabender Kaufmann oder ſo etwas — nicht? — oder ein gut angeſtellter Beamter— auch nicht?— was denn?“ „Ein Künſtler, glaube ich, aber was Rechtes.“ „Ein Künſtler?— oh— doch kein M meiſtens ſehr leichtſinniges Volk.“ „Nein, er iſt ein Muſiker und dem Klavier droben.“ aler? das iſt ſpielt wunderſchön auf „Muſiker,“ wiederholte der Kutſcher in ernſtem Tone, llzu vortheilhaften Weiſe be⸗ ätte ich mir ſchon eine ch aber nichts geſagt, Herr chin, indem ſie ihre Hand langſam Hackländer, Kainszeichen. III. 10 — —“ — ——— —-— 45 3— Serle ——— ————— ———— — A — —= 134— zurückzog,„auch nicht einmal daran gedacht,— nein, gewiß nicht,— ſondern ich wollte nur ſagen, daß jener junge Herr, der mit dem Fräulein ſo hübſche Muſik macht, ſie dadurch ſo heiter und fröhlich geſtimmt hat.“ „Nun, das kommt im Grunde auf Eins heraus, meine liebe Katharina, es unterſtützt wenigſtens die Wirkung der Tropfen, die wir ihr gegeben— und iſt auch ferner die Urſache geweſen,“ ſetzte er mit einem breiten Lächeln hinzu, während er das wenig widerſtrebende Mädchen näher an ſich zog,„daß ich einmal die Courage gefaßt habe, von ja, ja, nein, nein mit Ihnen zu reden.“ Doch machte er gleich darauf ein recht erſtauntes Ge⸗ ſicht, als ſie ſich haſtig, etwas derb von ihm losmachte, wie im Fluge die leere Weinflaſche ergriff und damit zum Wandſchrank eilte, wo ſie, jetzt rückwärts gewendet, in einem lauten, etwas ſchnippiſchen Tone ſagte:„Der Herr Obermedicinalrath bleiben aber heute ſehr lange droben.“ In dieſem Augenblicke trat der alte Diener An⸗ ton, von ſeinen Ausgängen nach Hauſe zurückgekehrt, in das Parterre⸗Hinterſtübchen,— die hübſche Katharina hatte ihn wahrſcheinlich kommen gehört— womit ſich auch der Kutſcher ihr plötzlich verändertes Betragen erklärte. Er konnte übrigens nicht umhin, ſich über dieſe höchſt geſchickte Verſtellung ſeine ganz beſonderen Gedanken zu machen. „Guten Morgen, Herr Kutſcher!“ ſagte Anton, ein paar Pakete vor die wieder zum Tiſch getretene Köchin legend.„Sehen Sie, ſo muß ſich Unſereiner immer pla⸗ gen wie ein Laſtthier, während Ihr von hoch oben her⸗ — 135 unterſchauen könnt und überall bequem hinkommt, ja, ja, — nun, Jeder wie er kann und mag, nicht wahr, Jungfer Katharina— hier iſt Alles, was nach dem Specereibuch befohlen war, und von mündlichen Aufträgen will ich Ihnen nur berichten, daß der junge Herr Muſiker heute Abend wieder zum Thee kommt.“ „Was geht mich der junge Herr Muſiker an?“ fragte ſie ſchnippiſcher als gerade nöthig war, und leicht er⸗ röthend. „Nun, es intereſſirt Sie doch,“ lachte Anton,„du lie⸗ ber Himmel, ich bin ein guter Kerl, und höre und ſehe durchaus nichts, wenn das anderen Leuten ſo gefällig iſt — aber—“ „Nun aber?“ wiederholte die Köchin fragend, indem ſie ihr Geſicht etwas herausfordernd erhob und die linke Hand auf die Hüfte ſtemmte. Doch gab der alte Bediente nicht ſogleich eine Ant⸗ wort, ſondern erſt nachdem er gegen den Kutſcher ſein linkes Auge zugekniffen hatte, ſagte er:„Nur nicht ver⸗ drießlich, Jungfer Katharina, der Herr Kutſcher und ich ſind erfahrene Männer, wir laſſen gern der Jugend ihr Spiel und begreifen es ganz gut, daß ſich der junge Herr, wenn er Abends nach Hauſe geht, gern durch die Jungfer Katharina ſeine Cigarre anzünden, auch über die Terraſſe hinableuchten läßt, wobei die Jungfer Katharina nicht ſchuld iſt, wenn der Wind das Licht auslöſcht— das haben wir Alles in der Jugend auch ſo gemacht, nicht wahr, Herr Kutſcher?“ .. ——ö———— —— — —— 2 — 8* —j—— — ——————— —— 8 136 er Doch da dieſer nicht ſogleich eine paſſende Antwort zu finden vermochte, vielleicht weil ſich die Köchin mit etwas geröthetem Geſichte, verächtlicher Miene und einem auffallenden Achſelzucken abwandte, vielleicht auch weil man droben Schritte vernahm, oder weil er, durch das Fenſter blickend, zu ſehen glaubte, daß ſeine übrigens lammfrom⸗ men Pferde einige Aufſicht verlangten, ſo nahm er ſeinen lackirten Hut vom Tiſche, ſetzte ihn mit einem kurzen Nicken auf den Kopf und verließ das Parterre⸗Hinterſtüb⸗ chen, indem er draußen auf dem Gange vor ſich hin⸗ brummte:„Wenn das auch Alles von dem alten Anton nur Flunkerei iſt, ſo muß man ſich doch in keiner Weiſe Nichts gefallen laſſen und die Zügel ſogleich ſtramm an⸗ ziehen, weßhalb ich auch das nächſte Mal wie angenagelt auf meinem Bocke ſitzen bleiben werde thun.“ Droben bei den Herrſchaften hatte der Obermedicinal⸗ rath mit Madame Bendel faſt eine gleiche Unterredung geführt, wie drunten ſein Kutſcher mit der Köchin, das heißt, es war das Geſprächsthema faſt das gleiche geweſen, und der Arzt hatte mit großem Vergnügen erfahren, daß es dem jungen Fräulein fortwährend vortrefflich gehe, ja, daß ſie nicht nur geiſtig, ſondern auch körperlich wie um⸗ gewandelt ſei, daß ſie wieder beginne, das Leben froh und heiter aufzufaſſen, und ſchon lebhaft den Wunſch geäußert habe, häufiger unter Menſchen zu erſcheinen, ja, in Geſell⸗ ſchaften zu gehen. Dann war Eliſe aus ihrem Zimmer herübergekommen und hatte die Worte der Mutter mit ſo heiteren Augen —.— —.— beſtätigt, daß der kluge Arzt und Hausfreund mit ziem⸗ licher Sicherheit die Urſache errieth, welche das Weſen, vielleicht auch das Herz des jungen Mädchens ſo plötzlich verwandelte. Sich näher nach dieſer Urſache zu erkundigen, wie es gerade im gleichen Augenblicke drunten in dem Parterre⸗ Hinterſtübchen geſchah, hielt er für ganz unnöthig, das mußte ſich ja doch ſpäter von ſelbſt offenbaren, und ihm erſchien dieſe Arznei, welche er allerdings nicht zu ver⸗ ſchreiben vermocht, die einzig wünſchenswerthe und richtige. Trotz alledem aber, wenn auch ſein Mund lächelte, betrachtete er doch nicht ohne Beſorgniß die leuchtenden Augen Eliſens, die leichte Röthe auf ihren Wangen und das zuweilen mühſame und ſchwere Athemholen, beſonders nachdem ſie raſch und lebhaft geſprochen. Auch ſah er wohl, wie zuweilen ein ernſter Blick der Mutter ſein Ge⸗ ſicht ſtreiffte. Doch in der Ueberzeugung, daß Hoffnung, Muth und Freudigkeit die wirkſamſten Mittel ſeien für den Zuſtand des jungen Mädchens, lachte er heiter und rieth Zerſtreuungen in weitem Umfange an, indem er hinzuſetzte, daß, wenn es in dem Maße zum Beſſeren fortſchreite, er für nächſten Winter ſogar die Erlaubniß geben dürfe, hier und da einen Ball zu beſuchen.„Blei⸗ ben Sie aber ja nicht bei dem guten Vorſatze ſtehen, jetzt wieder Geſellſchaften zu beſuchen und ſich unter den Men⸗ ſchen ſehen zu laſſen! Sie ſind das Ihrem Namen und ſomit ſich und Ihrer Tochter ſchuldig und dürfen ſich nebenbei die ſchöne Gelegenheit nicht entgehen laſſen, ſo⸗ ——— —— 1* ——O — 8 2«««—“ 4 3 — ÿÿ— 2 — 88 4—— — ö 5. — 138— genannten lieben Bekannten und guten Freunden, die es unter mitleidsvollem Bedauern ſo natürlich finden, daß man Sie in der Welt nicht mehr ſieht und nicht mehr ſehen kann, durch Ihr plötzliches Wiedererſcheinen eine höchſt angenehme Ueberraſchung zu bereiten. Aber dieſes Wiedererſcheinen darf nicht zaghaft oder ſchüchtern geſchehen, Sie dürfen nicht damit anfangen, gleichſam um Gegenbeſuche betteln zu gehen— verzeihen Sie mir den harten Ausdruck, aber es iſt der richtige— Sie ſollen nicht Ihre ehemaligen Bekannten aufſuchen, um edlen Seelen Veranlaſſung zu geben, bei Anderen bedauernd oder achſelzuckend von Ihnen zu reden, dabei vielleicht den gnädigen Entſchluß ausſprechend, Sie, ſo weit als es eben geht, wieder in ihre Kreiſe aufzunehmen. Vielmehr müſſen Sie ſich vor der Welt plötzlich wieder mit einem gewiſſen Eclat ſehen laſſen, glücklich, heiter, brillant, wie ich in früheren Jahren das Vergnügen hatte, Sie häufig ver⸗ ehrungsvoll bewundern zu dürfen. Und wenn Jemand über dieſe plötzliche Aenderung erſtaunt, ſo müſſen wirk⸗ liche gute Freunde dafür ſorgen, die einfache und ſo na⸗ türliche Urſache für Ihr Wiedererſcheinen in der Welt zu verbreiten— und dort ſteht dieſe Urſache,“ fügte er mit einer freundlichen Handbewegung gegen Eliſe bei,„unſere liebe Tochter, deren wieder beginnender vortrefflicher Ge⸗ ſundheitszuſtand es endlich dringend nothwendig macht, ſie an geſellſchaftlichen Vergnügungen Theil nehmen zu laſſen.“ „Gute Freunde,“ ſprach Madame Bendel leiſe, wobei ——— ———— — 139— ſie mit einem trüben Lächeln vor ſich hinblickte,„haben wir gute Freunde?“ „Ah, ich ſollte es denken,“ rief der Arzt in heraus⸗ forderndem Tone,„und hier vor Ihnen ſteht ſchon einer, der in gewiſſen Fällen wie ein Dutzend zu wirken vermag, und daß ihm das Vergnügen macht, bedarf wohl keiner Verſicherung.“ „Herzlich danke ich Ihnen, lieber Doktor,“ erwiederte Madame Bendel, dem Arzt ihre Hand reichend,„und unter ſolcher Hülfe will ich gern verſprechen, Alles zu thun, was Sie wünſchen und für gut und nützlich halten.“ „Gut, ſo wollen wir unſern Feldzugsplan machen und mit der Ausführung übermorgen beginnen.“ „Was iſt übermorgen?“ „Uebermorgen iſt im Geſellſchaftsgarten der Eintracht eines jener großen Concerte, wo ſich alle Welt verſammelt, um zu ſehen und geſehen zu werden— zur zweiten Partie werden wir gehören.“ „Aber— gerade doört zum erſten Mal zu erſcheinen, erregt mir doch einiges Bedenken,“ ſagte Madame Bendel, vor ſich niederblickend,„es ſind Jahre verfloſſen, ſeit ich jene Kreiſe nicht mehr betrat, ich werde der Mittelpunkt aller überraſchten und vieler gehäſſigen Blicke ſein.“ „Das iſt es ja gerade, was ich will, man ſoll am Abend dieſes Tages in hundert Kreiſen davon ſprechen und liebevoll ſeine Meinung austauſchen, was das wohl zu bedeuten habe, daß Sie es auf einmal wieder gewagt, ohne gnädige Erlaubniß Ihren Bann zu brechen, und — 140 ich freue mich ſchon jetzt darauf, am anderen Morgen auf erſtaunte Fragen und Bemerkungen Rede ſtehen zu dürfen, alſo— einen Entſchluß gefaßt!“ Eliſe war an das Fenſter getreten und hatte dort ge⸗ dankenvoll in den Garten hinabgeblickt, jetzt trat ſie wieder zur Mutter, legte ſanft ihren Arm auf deren Schulter und ſagte:„Ich glaube, daß es gut iſt, Mama, wenn du das thuſt, mich ſoll es durchaus nicht ängſtigen, ja, es wird mich freuen, auch bin ich überzeugt, daß wir dort Leuten genug begegnen, die ſich bei deinem Anblicke gern und freundlich meines armen Vaters erinnern.“ Madame Bendel zuckte bei den letzten Worten leicht zuſammen und warf einen furchtſamen Blick auf den Arzt, ehe ſie erwiederte:„Das Alles hat ſich ſeit Jahren gänz⸗ lich verändert und wir werden Wenige dort finden, die ſich deines Vaters anders als vom Hörenſagen erinnern.“ „Und doch wieder genug,“ ſagte Doktor Werner in ſehr entſchiedenem Tone,„um der Wittwe meines alten Freundes herzlich entgegen zu kommen, die ich unter mei⸗ nen ganz ſpeciellen Schutz genommen habe.“ „Auch dort?“ fragte ſie zweifelnd—„An einem Orte, den Sie, ſo viel ich weiß, niemals beſuchen?“ „Auch dort,“ gab Doktor Werner zur Antwort,„und wenn Sie mir einen Platz in Ihrem Wagen geben, ſo begleite ich Sie und will mich nach Jahren wieder ein⸗ mal bei Muſik und Kaffee erluſtigen.“ „Das lohne Ihnen der Himmel,“ rief Madame Ben⸗ del, freudig erregt,„dann iſt freilich Alles ganz anders, 441— dann freue ich mich faſt darauf, jene Kreiſe wieder zu betreten.“ „Alſo abgemacht, übermorgen um drei Uhr komme ich, um Sie abzuholen.“ Dann ſtieg der Arzt bedächtig die Treppe hinab, und da er ſchon einige Mal genöthigt geweſen war, ſeinen Kutſcher aus dem Parterre⸗Hinterſtübchen abzurufen, ſo ſchaute er auch jetzt dort hinein, ohne übrigens den Ge⸗ ſuchten zu finden, denn hier war Niemand als die hübſche Köchin des Hauſes, die in der Mitte der Stube ſtand und mit dem Zipfel der weißen Schürze an ihren Augen beſchäftigt war. Als ſie aber Schritte hörte und, ſich raſch umwendend, den Obermedicinalrath erblickte, ſprang ſie haſtig mit dem Ausrufe davon:„Ich möchte um alle Welt nicht wiſſen laſſen, daß ich um einen ſo groben Menſchen geweint habe!“ Der alte Herr mußte darüber herzlich lachen und lächelte noch ſtill in ſich hinein, als er an ſeinen Wagen trat und in den verdrießlichen Mienen ſeines Kutſchers deutlich einen Widerſchein jener Thränen ſah. Ja, es gibt doch überall Scenen und Geſchichten, dachte er, und ſetzte laut hinzu:„Die da drinnen möchte um Alles in der Welt nicht wiſſen laſſen, daß ſie um einen ſo groben Liebhaber geweint hat— ſo, nun kann es in unſerer ge⸗ wöhnlichen Tour weiter gehen, doch wenn du in die Gegend der Sonnenſtraße kommſt, ſo halte dort an Num⸗ mer vier.“ Nach ein paar kurzen Beſuchen hielt denn auch der 1 6 * 4 3 F . 8* 4 * 4 4. 6 8 — — Wagen vor dem bezeichneten Hauſe und ein Livreediener in Blau und Gold gekleidet ſprang eilig herbei, den Schlag aufzureißen, worauf er unter tiefen Verbeugungen vorauseilte, um die Hausthür zu öffnen, ſo wie die Glas⸗ thüre an der Treppe, auf welch' letzterer ſchon der ſchwarz gekleidete Kammerdiener wartete, um dem Herrn Ober⸗ medicinalrath voranſchreitend den Weg zu zeigen. Sie ſchritten durch die reich möblirten, hohen und ſtillen Zim⸗ mer bis in das Schreibkabinet, wo der Kammerdiener, mit ein paar zierlichen, gewandten Schritten voraus in's Schlafzimmer eilte, um dort den Herrn Doktor anzu⸗ melden. Baron von Dallenbach befand ſich in einem rothſeide⸗ nen Schlafrocke auf einem niederen Divan ruhend, von dem er ſich aber trotz der Gegenrede des Obermedicinal⸗ rathes mit einer unruhigen Haſt erhob und ſich erſt wieder aufrecht in die Ecke desſelben ſetzte, nachdem ſich der Arzt auf einem Fauteuil niedergelaſſen, welchen ihm der Kammerdiener geſchäftig hinſchob. „Ich habe Ihre koſtbare Zeit in Anſpruch genommen, Herr Obermedicinalrath, weil ich, ohne eigentlich krank zu ſein, doch jene unangenehmen Dispoſitionen in mir ſpüre, die häufig einer Krankheit voranzugehen pflegen.“ Dies ſagte der Baron, welcher allerdings etwas leidend ausſah, mit ſeiner bekannten Lebhaftigkeit, indem er un⸗ ruhig hin und her rückte, ſeine Finger krampfhaft um einander wand, während ſeine aufgeregten Blicke bald den Boden ſuchten, bald an den Wänden umherſpazierten, auch — 143— an der Zimmerdecke hinglitten, und nur wie im Fluge den ruhigen Augen des Arztes begegneten, der ihn auf⸗ merkſam betrachtete und dann nach ſeinem Pulsſchlag fühlte. „Etwas bewegt allerdings, aber ohne Fieber,“ ſagte er hierauf,„und wenn Ihr Kopf frei iſt, wenn Sie weder Druck noch Schmerz dort fühlen, ſo werden wir es mit weiter nichts als mit aufgeregten Nerven zu thun haben.“ „Ja, allerdings— ſehr aufgeregte Nerven, die mir allen Appetit nehmen und mich nicht ſchlafen laſſen, die mich ruhelos umhertreiben und in einen ſo unerträglichen Zuſtand verſetzen, daß ich Ihnen unendlich dankbar wäre, wenn Sie mir irgend etwas Linderndes, Beruhigendes geben würden.“ „Das iſt nicht leicht,“ entgegnete Doktor Werner kopf⸗ ſchüttelnd,„man kann auf erregte Nerven nur ſehr indirekt einwirken, und ehe ich überhaupt eine Einwirkung ver⸗ ſuchen könnte, müßte ich die Art Ihrer Beſchäftigung wiſſen, um auf die Urſache Ihres Leidens doch mit ein klein wenig Sicherheit ſchließen zu können.— Sie wiſſen,“ fuhr er lächelnd fort,„daß wir Aerzte in vielen Fällen das Blindekuhſpiel treiben, mit mehr oder weniger Glück, und daß wir es häufig dem Zufall verdanken, wenn es uns gelingt, die Krankheit zu faſſen.“ „Vortrefflich, vortrefflich, ſehr gut!“ ſagte der Baron lächelnd, wobei er ſein rechtes Bein auf den Divan hin⸗ aufzog, aber dieſe Stellung ſogleich wieder änderte, um ————— 1— ——— 144 mit mehr Bequemlichkeit die dicke, ſeidene Schnur ſeines Schlafrocks um die Taille feſter anziehen zu können,* worauf er fortfuhr:„Wenn ich auch weit entfernt bin, mir zu erlauben, in Ihren freundlichen Scherz einzuſtim⸗ men, ſo finde ich es doch begreiflich, daß Sie wünſchen müſſen, meine Lebensweiſe annähernd kennen zu lernen, um mir darauf Ihren freundlichen Rath zu geben,— b nun, ich lebe eben auch ſo, wie junge Leute meines Stan⸗ b des und meines Vermögens zu leben pflegen, gehe ſpät zu V Bett, ſtehe in Folge davon ſehr ſpät auf, reite, fahre, 4 1 I dinire meiſtens einfach zu Hauſe, will aber auch nicht leugnen, daß ich ein Freund langer und guter Sou⸗ 4 pers bin.“ „Mit allen Nebenumſtänden?“ „Pah, man iſt eben jung und genießt ſein Leben, doch hält mich dergleichen auch nicht von ernſteren Beſchäf⸗ tigungen ab, ich verwalte mein großes Vermögen ganz V allein— ſelbſtändig— ganz allein, und verwalte es nicht nur, ſondern ſuche es auch zu vermehren, und zwar auf eine Art, die nahe verwandt iſt mit der noblen Paſſion des Spielers, ja die ſelbſt eine Art Hazardſpiel iſt; es macht mir Freude, auf die Börſe zu fahren, um mich dort und meiſtens mit Glück zu betheiligen.“ „Da hätten wir ſchon einen kleinen Grund Ihrer Nervenaufregung.“ „Wahr, wahr, und wenn man ſich auch Nichts daraus macht, das heißt, wenn es im Grunde gleichgültig iſt, ob man einige Tauſend Gulden gewinnt oder verliert, ſo 445— g bleibt doch die Aufregung bei uns Anderen ebenſo nerven⸗ angreifend, wie bei armen Teufeln, die mit dem Herab⸗ gehen der Papiere gleichfalls zu Grunde gehen, oder die an der Spielbank ihr letztes Goldſtück weghüpfen ſehen. Dabei iſt die Aufregung des Börſenſpiels noch ungleich größer, als dort an der grünen Tafel, wo ich ſchon in der nächſten Sekunde nach meinem Einſatz mein Schickſal weiß, während hier Tage, Wochen vergehen können, die ich in fieberhafter Aufregung verbringe, ſtets fürchtend oder hoffend auf irgend ein Ereigniß, das mich aufwärts ſchnellt oder abwärts wirft.“ „Das iſt allerdings kein Leben, um die Nerven zu ſtärken,“ erwiederte Doktor Werner, indem er ſein Gegen⸗ über aufmerkſam betrachtete.„Aber wie ſchon geſagt, mein lieber Herr Baron, ein eigentliches wirkſames Mittel weiß ich Ihnen wahrhaftig nicht anzurathen, kann Ihnen nur viel Bewegung in freier Luft empfehlen, friſches Waſſer zum Trinken, gute, ſaftige Aepfel zum Deſſert, und die Verwendung der Zeit vor Mitternacht zum Schlafen oder wenigſtens zum Ausruhen, und vor Allem die Enthaltung von all' den aufregenden Börſengeſchäften.“ Der Andere zuckte ein paarmal heftig mit den Achſeln, während Doktor Werner fortfuhr:„Sie ſind ein junger Mann in den beſten Jahren, unabhängig, reich, von guter Familie, können alſo Ihre Geſellſchaft wählen, wie Sie wollen, und ſollten Sie ſich deßhalb von den Kreiſen, die gerne mit Nebenumſtänden ſoupiren, wenigſtens für eine Zeit lang zurückziehen, um ein gewiß nicht minder behaͤg⸗ —— — A ————õ— —ÿÿÿÿÿ—— — 146— liches und jedenfalls weit geſunderes Leben zu führen. Frequentiren Sie gute Häuſer, Sie haben gewiß eine Menge ſolcher, die Ihnen geöffnet ſind, bewegen Sie ſich in Ge⸗ ſellſchaft anſtändiger und liebenswürdiger Damen, und Sie werden ſehen, daß ſich die Verſtimmung Ihrer Nerven legen wird.“ Der Freiherr von Dallenbach hatte ſich zugleich mit dem Arzte raſch erhoben, und während er die langen Quaſten ſeines Schlafrocks durch haſtige Bewegung mit der Hand einen großen Kreis beſchreiben ließ, ſagte er, den Oberkörper auf den Hüften hin und her wiegend: „Ihr Rath, mein lieber Herr Doktor, iſt ganz vortrefflich, nur habe ich darin gefehlt, daß ich bei meiner Ankunft hier wichtige Empfehlungsbriefe leichtſinniger Weiſe liegen ließ, und nun nicht gern mit ſolchen Schreiben alten Datums debutiren möchte; auch haſſe ich dieſe Empfeh⸗ lungsſchreiben, man macht einen Beſuch, man wird dem Empfehlenden zu lieb eingeladen,— man kommt nicht weiter. Glücklich wäre ich, ein paar gute Häuſer zu wiſſen, wo ich mich ſelbſt vorſtellen könnte, nachdem ich zufällig die Bekanntſchaft der Betreffenden gemacht, ohne den oft ſo zweifelhaften Schild der Rekommandation zu gebrauchen, — ganz auf eigenen Füßen ſtehend— ganz auf eigenen Füßen.— Verſchreiben Sie mir dazu ein Recept, beſter Herr Obermedicinalrath.“ Einen Augenblick ſchaute der Arzt ſinnend zum Fenſter hinaus, dann ſagte er:„Sie müſſen Orte beſuchen, wo Sie von unſeren anſtändigen Familien finden, Sie müſſen 147— nehmen laſſen,— Sie haben ja bei Ihrem Namen auch gewiß in der ſogenannten Geſellſchaft Zutritt.“ „Um Gotteswillen,“ entgegnete der Freiherr, indem er ¹ haſtig mit den Händen abwehrte:„Reden Sie mir nicht von der ſogenannten Geſellſchaft, ich mag mit den Hof⸗ kreiſen nichts mehr zu thun haben, es iſt das ein Börſen⸗ ſpiel anderer und ſchlimmerer Art. Es iſt noch viel auf⸗ regender, mit krankhafter Aengſtlichkeit eine allerhöchſte Miene betrachten zu müſſen, um an einem mehr oder minder gnädigen Lächeln zu erkennen, ob unſere Papiere 4 ſich in irgend einen unſerer großen geſelligen Vereine auf⸗ ſteigen oder fallen,— wer das einmal hinter ſich hat, wünſcht gewiß nicht mehr, dort in der großen Komödie mitzuſpielen,— nein, nein, aber recht gern würde ich Ihrem Rathe folgen, und mich in einen Ihrer geſelligen Vereine einführen laſſen, aber meine näheren Bekannten ſind dort eben ſo unbekannt wie ich.“ „Wenn ich Ihnen damit dienen kann, ſo ſoll es mir ein Vergnügen machen, und haben Sie übermorgen eine ganz gute Gelegenheit dazu; es iſt nämlich ein großes Concert in einem unſerer ſchönſten Geſellſchaftsgärten, dem der Eintracht, wo ich ausnahmsweiſe ſein werde und wo ich Sie bei ein paar Familien vorſtellen will, wenn Ihnen das nicht unlieb iſt.“ „Was ich mit großem Dank annehmen und mich pünktlich einfinden werde.— Sehen Sie, lieber Herr Doktor, wir bleiben doch immer wie die Kinder und fühlen uns bei oft eingebildeten Krankheiten ſchon durch das ———— — 148— freundliche Wort eines verehrten Arztes erleichtert,— wie ich jetzt— ja wahrhaftig wie ich jetzt!“ „In der That ſcheint es,“ ſagte lächelnd der Ober⸗ Medicinalrath,„daß Ihr jetziges Unwohlſein gleichfalls nur auf Einbildung beruht.“ Er hatte ſich dabei der Thüre des Schreibzimmers genähert, ohne indeſſen zu ſehen, daß dieſe durch den Kammerdiener geöffnet wurde, der mit einem Briefe in der Hand auf der Schwelle erſchien, was auch der Freiherr nicht ſogleich bemerkte, da er, zu dem Arzte gewendet, in ſeiner lebhaften, beweglichen Art ſagte: „Nein, nein, es iſt nicht ganz Einbildung, mein lieber Herr Obermedicinalrath, ich fühle mich häufig auf's Tiefſte erregt, umhergetrieben von einer unerklärlichen Unruhe, von dem Gedanken, als ob ein großes Unglück plötzlich über mich hereinbrechen werde, ja von einer Unruhe, die ſich bei mir auch körperlich bis zu Herzbeklemmungen ſtei⸗ gert, bis zu ſchmerzhaftem Druck auf das Gehirn, bis zu leichten Anfällen von Schwindel— wie eben jetzt,“ fuhr er in einem eigenthümlich bangen Tone fort, wobei er die linke Hand auf ſeine Bruſt drückte,—„ja, eben jetzt,“ wiederholte er mit einem ſeltſamen Lächeln,„wo es mir förmlich in die Beine gefahren iſt und ich mich einen Augenblick ſetzen muß.“ Er hatte den Kammerdiener auf der Schwelle bemerkt und ein bejahendes Zeichen deſſelben, als ſei der Brief in ſeiner Hand ein ſehnlich erwarteter. Des Freiherrn Unter⸗ lippe bebte ſichtbar, und er war ſo plötzlich und auffallend bleich geworden, daß Doktor Werner ſeinen Hut auf einen — —— —— — — — 1419— Stuhl legte und ſich ihm raſch und beſorgt näherte. Doch fühlte er ſich von dem Kranken faſt unſanft bei Seite ge⸗ drückt und ſah hierauf, mit Erſtaunen deſſen ſtarren Blicken folgend, jetzt erſt den Kammerdiener, der ſich auf ein hef⸗ tiges Winken ſeines Herrn raſch näherte, um das Schreiben zu übergeben. Da ſich Doktor Werner discreter Weiſe nicht nur ſogleich gegen das Fenſter zurückzog, ſondern auch ange⸗ legentlich auf die Straße hinausblickte, ſo ſah er nicht, daß der Freiherr von Dallenbach mit zitternden Fingern das Couvert abriß, daß ſich beim Leſen des Billets ſeine Geſichtszüge verzerrten und daß er zuſammengeſunken wohl eine Minute lang mit erloſchenen Augen vor ſich hinſtarrte, ehe er krampfhaft auflachend das Schreiben in ſeinen Händen zerknitterte und dann mit der geballten Fauſt, die er nicht wieder zurückzog, in die weiten Taſchen ſeiner Beinkleider ſteckte. Dann erhob er ſich mühſam und machte eine ver⸗ zweifelte Anſtrengung zum Lächeln, als er ſich gegen den Arzt wandte und ihm ſagte:„Es iſt mir wirklich ſehr wichtig und höchſt intereſſant, Herr Obermedicinalrath, daß Sie zufällig Zeuge waren eines jener Anfälle, von denen ich zuweilen ohne alle Urſache betroffen werde, und können Sie jetzt nicht mehr ſagen, daß mein Leiden ganz auf Einbildung beruht.“ „Das iſt allerdings ſeltſam,“ entgegnete der Arzt, welchem indeſſen die Beziehung zwiſchen Urſache und Wirkung doch nicht ſo ganz entgangen war, wie der Hackländer, Kainszeichen. III. 11 —õ—— — 150— Andere glauben mochte, oder wollte glauben machen,— „ſeltſam und intereſſant für mich,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, während welcher er die Hand des Kranken ergriff, um die Schläge des Pulſes prüfend zu zählen, „doch vermag ich auch trotzdem Ihnen für heute nichts Genaueres zu ſagen, es ſei denn, daß Sie Zeit und Luſt hätten, mir eine ſorgfältige Unterſuchung zu er⸗ lauben.“ „Stets, verehrter Herr Obermedicinalrath, nur gerade in dieſem Augenblicke nicht, aber ein ander Mal— wenn Sie wollen, Herr Obermedicinalrath— ein ander Mal zu jeder beliebigen Stunde.“ „Gut, ich erwarte darüber Ihre Wünſche, möchte Sie aber jetzt erſuchen, ſich ganz ruhig zu verhalten, ſehr mäßig zu eſſen, nichts zu trinken, als wenige Tropfen Champagner mit viel Selterswaſſer, und vielleicht würde Ihnen eine Spazierfahrt ſehr zuträglich ſein, beſonders wenn es Ihnen möglich wäre, Ihre Gedanken zu Hauſe zu laſſen, eine Spazierfahrt vor die Stadt, in's Freie, in den Wald hinaus. Auch ſollten Sie,“ ſetzte Doktor Werner ernſt hinzu,„bei wiederholten Anfällen dieſer Art nicht leichtſinnig ſein, ſondern ſich zu Bette legen, ſogleich nach mir ſenden und ſich, bis ich komme, kalte Umſchläge um den Kopf machen laſſen.“ „Danke auf's Herzlichſte für Ihren Beſuch und Rath, berehrter Herr Doktor,“ antwortete der Freiherr von Dallenbach, wobei er ſich gewaltig Mühe gab, ſein un⸗ ruhiges Weſen zu mäßigen, was ihm aber ſo wenig ge⸗ — ,—— 451— lang, daß er den alten ruhigen Arzt förmlich wie ein Kreiſel umtanzte, während er ihn bis an die Thür des Schreibzimmers begleitete. Dort ſtand ſchon der Kammer⸗ diener zu ſeinem Empfange bereit und ſchritt ihm nach einer tiefen Verbeugung voran durch die hallenden Zimmer mit der prachtvollen Möbelausſtellung bis zur Treppe, wo der Obermedicinalrath dem blauen und goldenen Livree⸗ bedienten überliefert wurde, der voraushüpfte, den Wagen⸗ ſchlag öffnete und beim Einſteigen behülflich war. Ehe es aber ſo weit kam, reichte der Kutſcher ſeinem Herrn einen Zettel, der ſo eben in aller Eile abgegeben worden ſei, und fügte hinzu, er habe ſich ſchon erlaubt, auf eigene Fauſt zuzuſagen, daß der Herr Obermedicinalrath wahr⸗ ſcheinlich die Güte haben würden, vorbeizukommen, wenn der Herr Obermedicinalrath die Zeit dazu finden würden. „Gut, ſo fahre ſogleich hin.“ Droben war unterdeſſen der Freiherr von Dallen⸗ bach nicht weit von der Schreibzimmerthür ſtehen geblieben, in einer ſchlotterigen Haltung und mit einem ſehr zweifel⸗ haften Lächeln auf den Lippen, das ſich alsbald zu einer finſteren Verzerrung geſtaltete, ſobald die Schritte des Davongehenden allmählich verhallten. Dann nahmen die Züge des Zurückgebliebenen einen ſchlaffen Ausdruck der Zerknirſchung an, während er, ſich mit der Hand von einer Stuhllehne zur anderen forthelfend, wieder nach dem Divan zurückbegab, dort zerknickt in die Kiſſen fiel und es weder verhindern konnte noch wollte, daß ihm ſein Kopf tief auf die Bruſt herabſank. — 152— So verbleibend, zerrte er das Billet aus der Taſche wieder hervor, hielt es mit beiden Händen auf ſeinen Knieen, las es abermals, und zwar mit halblauter Stimme, wie um das Ohr zur Beurtheilung einzuladen, daß ſich ſeine Blicke nicht täuſchten, und daß die Zunge nichts Anderes ſpreche, als was auf dem Papier verzeichnet ſtand. Dies war an ſich ſehr wenig, aber bedeutungsvoll für ihn, und lautete:„Hochwohlgeborener Freiherr! Für alle Fälle und weil ich Sie nicht zu Hauſe traf oder weil Sie ſo beſchäftigt waren, daß ich Sie unmöglich ſprechen konnte, habe ich dieſe Zeilen einem vertrauten Freunde dictirt, damit Sie unverzüglich benachrichtigt werden, daß Ihre Sache, die einen guten Anlauf zu nehmen ſchien, vorläufig als unausführbar zu betrachten iſt, denn der Betreffende, auf den wir unſere Hoffnung gebaut, und der nicht abgeneigt ſchien, hat einen böſen Anfall erlitten, ſo daß man an ſeinem Aufkommen zweifelt und er jeden⸗ falls für längere Zeit zu Geſchäften unfähig ſein wird. Hochachtungsvoll—“ Darunter ſtanden drei Kreuze, welche durch die Worte beglaubigt waren:„Für Joſeph Kniegel, Senſal.“ Ein jäher Zug an der Klingel rief den Kammerdiener herbei, der indeſſen nicht ſo bald erſchien, als dies die Ungeduld ſeines Herrn erwartet, und dafür mit einem lauten Fluche und der Ermahnung, künftig flinker zu ſein, empfangen wurde. „Wer überbrachte den Brief?“ „Der Mann, der ſchon einige Mal bei dem Herrn — 153— Baron war, mit der rothen Sammtweſte und der goldenen Uhrkette.“ „Warum haben Sie ihn abgewieſen und nicht ſogleich zu mir geführt?“ „Ich lud ihn dringend dazu ein, doch ſchien er ſchon durch den Kutſcher des Wagens, der vor dem Hauſe hielt, erfahren zu haben, daß und welcher Beſuch droben ſei, weßhalb er ſich trotz meiner Bemühungen eilig entfernte.“ „So ſchicken Sie ſogleich nach ihm! Heinrich weiß, wo er wohnt, und wenn er nicht in ſeiner Wohnung iſt, ſo ſoll er bei ſeinen Hausleuten auf einem Zettel zurück⸗ laſſen, daß ich ihn ſo bald als möglich zu ſprechen wünſche — was haben Sie da für Papiere?“ „Es ſind meine Rechnungen, die ich zuſammengeſtellt habe, Herr Baron.“ „Wozu das jetzt in der Mitte des Monats? „Der größte Theil iſt vom verfloſſenen Vierteljahr und von Leuten, die ſchon einige Mal, allerdings in geziemender Weiſe, um Zahlung gebeten,— auch befinden ſich meine eigenen Auslagen darunter.“ „Das Alles hätte wohl Zeit gehabt bis zu Ende des Monats und wird auch bis dahin beruhen, legen Sie es einſtweilen auf meinen Schreibtiſch— und nun ſchicken Sie ſogleich zu Kniegel, bringen mir alsdann eine Flaſche Sodawaſſer mit Cognac und laſſen Niemanden zu mir — verſtehen Sie wohl— Niemanden ſonſt, als Kniegel — ich brauche Ruhe!“ Der Kammerdiener entfernte ſich mit einer leichten 4 — 154— Verbeugung, doch ehe er im Nebenzimmer das Paket mit den Rechnungen in ziemlich bedeutendem Umfange auf den Schreibtiſch legte, öffnete er es, um ein Schreiben zu durchleſen, das von ſeiner eigenen Hand war, das er nun ausgebreitet obenauf legte und dann das Ganze belaſtete mit einem ſchön gearbeiteten Briefbeſchwerer, der aber ebenfalls ſo neu, friſch und ungebraucht ausſah, wie Alles, was ſich an todtem Inventar in dem Zimmer befand, ſehr im Gegenſatz zu dem Herrn all' dieſer ſchönen Gegen⸗ ſtände, der mit geſchloſſenen Augen, den Kopf in die Hände gedrückt, auf ſeinem Divan lag. Wir ſind es jetzt der richtigen Folge unſerer wahr⸗ haftigen Geſchichte ſchuldig, dem Wagen des Obermedi⸗ cinalrathes zu folgen, und zwar eine ziemlich weite Strecke von dieſem hoch gelegenen, ganz neuen Stadttheile mit ſeinen ſonnigen, breiten Straßen, bis hinab zu den feuchten düſteren Gaſſen am Ufer des Fluſſes, wd man ſich ſelbſt heute bei dem blendenden Sonnenſchein eines heißen Tages nicht des Gefühls erwehren konnte, welches die Atmo⸗ ſphäre eines moderigen Kellers in uns hervorruft. Dort hielt der Wagen des Arztes, und zwar vor dem uns wohl bekannten Hauſe, in welchem die Gebrüder Schropps wohnten. Die Hausthür wurde von Herrn Joſeph geöffnet, ſobald der Arzt ausgeſtiegen war. „Sie verzeihen, Herr Obermedicinalrath, daß wir Ihre koſtbare Zeit in Anſpruch nehmen, aber mein Bruder Nathan, um den es ſich handelt, erinnert ſich mit großer Liebe eines freundlichen und ſehr vortrefflichen Rathes, den — 155— Sie ihm einmal vor Jahren gegeben, und hat nun das größte Vertrauen zu Ihnen, eben ſo wie ich, Herr Ober⸗ medicinalrath, was ich Ihnen am beſten dadurch beweiſe, daß ich mir erlaube, Ihnen der Wahrheit gemäß das mitzutheilen, was dem plötzlichen Unwohlſein meines theuren Bruders vorausgegangen und was wohl mit als Urſache deſſelben angeſehen werden kann. Vielleicht ſind Sie ſo gütig, einen Augenblick zu mir hereinzutreten.“ Damit führte er ihn in das kleine, düſtere Comptoir und erſuchte ihn, Platz zu nehmen auf dem Stuhle des Herrn Nathan vor dem alten Pulte, welches heute ſehr leer erſchien und wo ſich nichts befand, als auf einem Pakete von Briefen und Courszetteln der kriſtallene Brief⸗ beſchwerer in Geſtalt des kleinen Löwen, der wie immer luſtig funkelte und ſtrahlte und den es durchaus nicht zu berühren ſchien, daß ihn jetzt andere Augen anblickten, als die des guten, alten Herrn Nathan. Herr Joſeph hatte ſich auf einen niederen Stuhl vor den Arzt geſetzt und ſagte nun:„Mein Bruder iſt, wie ſich der Herr Obermedicinalrath vielleicht erinnern wird, um mehrere Jahre älter als ich, auch von einer feineren, empfänglicheren, ja, tiefer fühlenden Conſtitution. Daher kommt es denn auch, daß ihn unangenehme Dinge, be⸗ ſonders in Familien⸗Angelegenheiten, tiefer und nachhal⸗ tiger beſchäftigen, als mich; ja, ſeine Reizbarkeit in der⸗ gleichen Dingen iſt ſo groß, daß er mit ſeinem ſonſt ſo klaren Verſtande ein Hereinragen unnatürlicher oder über⸗ natürlicher Dinge in unſer Leben für möglich hält.“ — 156— Der alte Arzt hatte ſeinen Kopf mit dem Arm unter⸗ ſtützt, der auf dem Pulte ruhte, und lauſchte mit Intereſſe, da ſich hier einmal eine Abwechslung zu bieten ſchien in den gewöhnlichen Klagen über Leiden, die, mit Erkältung oder verdorbenem Magen beginnend, ſich immer in dem gleichen Einerlei bewegten. Mit reger Theilnahme fragte er deshalb auch:„So handelt es ſich am Ende um etwas wie Geiſtererſcheinungen, wozu das alte Reckenberg'ſche Haus bei einer erregten Phantaſie allerdings einen paſſenden Hintergrund abgäbe?“ „Allerdings, indeſſen handelt es ſich nicht um Viſionen oder Erſcheinungen, die man nur einer reizbaren Phan⸗ taſie oder unruhigen Träumen zuſchreiben könnte, vielmehr um Zeichen, die klar vor unſer Aller Augen erſcheinen, von deren ſehr natürlichen, wenngleich vielleicht verbre⸗ cheriſchem Urſprunge Jedermann überzeugt ſein muß.“ „Und was ſind das für Zeichen?“ „Es ſind die Zeichen einer blutigen Hand, die nach jahrelangem Verſchwinden jetzt wieder an der Mauer unſeres Hauſes erſchienen ſind und immer wieder erſcheinen, ſo ſorgfältig man ſich auch bemüht, dieſe häßlichen Zeichen zu verwiſchen.“ „Laſſen Sie mich nachdenken,“ ſagte Doktor Werner, die Augen mit der Hand bedeckend,—„ah, ja, es war vor langer Zeit, als ich von Aehnlichem, Ihr Haus, da⸗ mals noch auf der Zigeunerinſel, betreffend, hörte; ver⸗ nünftige Leute lachten darüber oder ärgerten ſich auch wohl über die bubenhafte Bosheit, doch haben wohl nur —,/ — 157— Kinder oder alberne Weiber in dieſen Zeichen etwas Ver⸗ dächtiges oder gar Unnatürliches geſehen, und in gleicher Richtung ſprach mir auch Ihr Herr Bruder Nathan darüber.“ „Das that er allerdings und doch bewegten dieſe häß⸗ lichen Zeichen ihn damals auf's Tiefſte, da ſie mit einer Begebenheit zuſammenfielen, bei der wir eben ſo richtig als großmüthig handelten, ohne daß es mir je gelang, die ganz ungerechtfertigten Gewiſſensbiſſe meines Bruders Nathan zu zerſtreuen.— Es handelte ſich um den ein⸗ zigen Sohn unſerer einzigen, damals ſchon verſtorbenen Schweſter, einen leichtſinnigen, bösartigen und verdorbenen jungen Menſchen, der alle Mühe, die wir uns mit ſeiner Erziehung gaben, durch Undank und durch ſchlechte Streiche belohnte, von denen ihn verſchiedene in ein Correktions⸗ oder Zuchthaus gebracht haben würden, wenn wir, be⸗ ſonders mein Bruder Nathan, hätten mit der richtigen Strenge vorgehen mögen gegen das Kind einer geliebten Schweſter. Das geſchah aber nicht, obgleich ich mir eigentlich keiner Schwäche gegen ihn bewußt bin,— ich darf aber nicht verſchweigen, daß mein energiſches Handeln häufig gelähmt wurde durch das weiche, ſtets nachgiebige Gemüth des Bruders— ſo iſt es auch bis in die letzte Zeit geblieben und hat ſeine bitteren Früchte getragen,“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer,„denn ſtatt den Baum zu treffen, iſt das Eiſen auf den zurückgeflogen, der die Art in der Hand hielt.“ Ein bezeichnendes leichtes Räuſpern des Arztes mochte —— —— ——— — 4 —— — ——— ,“ ——— — ————— — 158— Herrn Joſeph Schropps daran erinnern, daß hier eine trockene Erzählung wohl das Geeignetſte ſei, denn dieſer fuhr fort:„Wir ſandten ihn damals mit den nöthigen Mitteln und mit guten Empfehlungen nach Amerika, hoffend, eine Zeit lang vor ihm Ruhe zu haben, ſeiner vielleicht für immer entledigt zu ſein, wozu auch gegründete Ausſicht vorhanden war, da wir bald darauf die Nach⸗ richt erhielten, er ſei in New⸗York ſpurlos verſchwunden, wahrſcheinlich beraubt und getödtet worden. Nun iſt, wie geſagt, mein Bruder Nathan von jeher geneigt geweſen, ſich ernſten Gedanken und düſteren Träumen hinzugeben, ja, ſelbſt an übernatürliche Erſcheinungen, unheimliche Zeichen, Ahnungen und dergleichen zu glauben, weßhalb es ihn damals auf's Tiefſte erſchütterte, als unſer ſtilles Haus auf der Zigeunerinſel zu jener Zeit in allerdings auffallenden Zeichen das Ende jenes jungen Menſchen mitzuempfinden ſchien. Was ich ſelbſt von dieſen Zeichen ſah, beſtand in häufig ſich erneuernden Blutſpuren an der Außenſeite des Hauſes ſowie in der ſonderbaren Inſchrift an der Mauer des Zimmers, wo jener geſchlafen, von der ich aber heute noch annehmen muß, daß ſie von ihm ſelbſt herrührte und von uns, da wir jenes Zimmer nicht mehr betraten, unbemerkt geblieben war. Dort fanden wir nämlich ſpäter kaum leſerlich an der Wand mit rother Schrift die Worte geſchrieben: ‚Das Zeichen der blutigen Hand', und bin ich feſt überzeugt, daß das alles zuſammen auf das empfängliche Gemüth meines Bruders Nathan ſo einwirkte, daß er ſich den ſonderbarſten Phantaſieen hingab ———- — 159— und Dinge zu ſehen und zu hören glaubte, die einem klaren Verſtande unbegreiflich, ja, lächerlich erſcheinen.“ „Und doch kommt dergleichen nur zu häufig vor,“ ſagte Doktor Werner,„ich ſelbſt habe Aehnliches erlebt bei Leuten mit ſehr aufgeregten Nerven, die zum Beiſpiel einen unbeſtimmten Lichtſchein oder irgend einen Schatten für geſpenſtige Weſen hielten, die jedes unerklärte Geräuſch im Hauſe in unheimlicher Weiſe auslegten und die, um nur ein Beiſpiel zu erwähnen, glaubten, eine verſchloſſene Thür, die ſie in ſtiller Nacht ſtarr betrachteten, ſich lang⸗ ſam öffnen zu ſehen.“ „So war es auch mit meinem Bruder Nathan und ich verlebte damals eine recht traurige Zeit, bis wir glück⸗ licherweiſe— für ſeinen Zuſtand nämlich,“ ſagte Herr Joſeph Schropps achſelzuckend—„die Nachricht erhielten, daß der Verlorene und Todtgeglaubte allerdings einer großen Gefahr entronnen, am Leben ſei, daß er ſeine Jugendverirrungen ſchmerzlich bereue und daß er ſich ſein Brod, obgleich in kümmerlicher Art, ſelbſt verdiene. So erfreulich mir das nun war, weil es meinen Bruder Na⸗ than beruhigte, ſo hatte es anderntheils zur Folge, daß er von da an einen brieflichen Verkehr mit Jenem unter⸗ hielt, daß er ihm fortwährend bedeutende Summen zu⸗ kommen ließ, was ich gewiß nicht bedaure wegen der Größe dieſer Zahlungen, ſondern weil ich mir genaue Nachrichten verſchafft hatte, daß Jener drüben ſein früheres ſorgenloſes und leichtſinniges Leben fortſetze und weit davon entfernt ſei, ſich durch eigene Thätigkeit eine Exiſtenz zu gründen. —— 8 —— 2———. 5 A. 8 —————————— e — 160— „Wenn ich das meinem Bruder Nathan mittheilte, ſo glaubte er mir weniger als den ſchönen und recht fromm klingenden Worten unſeres Neffen, in denen er eine ge⸗ waltige Liebe zu uns und ſeiner Heimat zur Schau trug und es in Anſpielungen als das höchſte Glück ſeines Lebens bezeichnete, wieder zurückkommen zu dürfen, um die Stütze unſeres Alters zu werden— eine ſaubere Stütze, vor der meinen Bruder Nathan zu warnen mir allerdings, aber nicht ohne heftige Kämpfe gelang,— bis vor wenigen Tagen, wo ich meinen Bruder Nathan in großer Auf⸗ regung traf nach dem Beſuche eines Fremden, den ich ſchon eine Zeit lang im Auge hatte, und deſſen Beſuch ich erwartete, weil ich überzeugt war, er würde verſuchen, bei meinem armen Bruder anzukommen, da ihm das bei mir durchaus nicht gelungen war. Ich war leider damals nicht zu Hauſe und fand zurückkommend meinen Bruder Nathan auf's Aeußerſte erregt, weil ihm Jener nicht nur direkte Nachrichten von unſerem Neffen gebracht, dabei deſſen vortrefflichen und frommen Lebenswandel ſchildernd, ſondern weil der Fremde mit tiefem, chriſtlichen Bedauern hinzugefügt habe, daß er überzeugt ſei, wie unſere Härte gegen unſeren braven Verwandten denſelben bei ſeiner un⸗ bezwinglichen Liebe zu uns und der Heimat zu einem furchtbaren, verzweifelten Schritte treiben würde.— Da⸗ mit fing nun mit meinem armen, von Sorgen und Arbeit müde gewordenen Bruder daſſelbe Spiel wie ſchon früher geſchildert wieder an, und es koſtete mich die größte Mühe, ganz unbedeutende Wirkungen, einen eigenthümlichen Klang — 161— oder Ton in unſerem weiten, hallenden Hauſe, das ihm unbegreifliche Bewegen eines Vorhanges, das Flüſtern des Waſſers draußen an den Mauern auf ſeine natürlichen Urſachen zurückzuführen, bis ein Ereigniß eintrat, das alle meine Mühen über den Haufen warf und ihn auf's Krankenlager ſtreckte. Es zeigten ſich nämlich an der Grund⸗ mauer unſeres Hauſes dieſelben unheimlichen Blutſpuren wieder, wie ſie mich in jenen Tagen auf der Zigeunerinſel beunruhigt, ihn aber entſetzt, und die ihn auch jetzt wieder ſo furchtbar erregten, daß er wie unter einem gewaltigen Schlage zuſammenbrach und nun droben liegt in der feſten Ueberzeugung, daß ihm die nächſten Tage die Nachricht bringen werden, er ſei durch die unverantwortliche Härte ſeines Betragens, wie er es nennt, der Mörder ſeines ein⸗ zigen Neffen geworden.“ „A— a— a—ah,“ ſagte Doktor Werner,„das iſt ſchon die Gränze des Wahnſinns, wenigſtens eine Nervenüber⸗ ſpannung, die das Aergſte fürchten läßt— und die blu⸗ tigen Zeichen ſelbſt— ſind oder waren dieſelben vorhan⸗ den? Haben Sie ſie ſelbſt geſehen?“ „Sehr deutlich,“ entgegnete Herr Joſeph Schropps, „ohne aber nur im mindeſten darüber im Zweifel zu ſein, daß hier eine verruchte Bosheit zu Grunde liegt und daß ſie wahrſcheinlich im Zuſammenhange ſtehen mit dem Be⸗ ſuche jenes Fremden, nach welchem ich mich begreiflicher⸗ weiſe auf's ſorgfältigſte erkundigt, wobei ich in Erfahrung gebracht, daß er in Folge ſeines Charakters, ſeines Berufes oder vielmehr ſeiner Beſchäftigung wohl fähig iſt, ſeine — ——y——— —— bi 8 ———.—. — — 162— Hand oder ſeine Mitwirkung zu irgend einem Bubenſtück zu leihen. Es iſt das einer jener heuchleriſchen, augen⸗ verdrehenden und vor der Welt in Demuth zerfließenden, ſcheinbar durch die Laſt ihrer Sünden niedergedrückten Schufte, ſüß lächelnd, mit niedergeſchlagenen Augen, die er aber wohl nach einem pikanten Ziel zu erheben weiß, ſowie er ſich unbemerkt glaubt. Er nennt ſich Reiſeprediger, hat ſich unter dieſer Benennung eine Zeit lang von gleich geſtimmten Seelen, beſonders weiblichen Geſchlechts, unter⸗ halten laſſen und iſt zum Ihnte dafür gerade jetzt damit beſchäftigt, einen Verein zu gründen, der ſich die Aufgabe ſtellt, Jungfrauen und Wittwen zu paſſenden Lebensge⸗ fährten zu verhelfen, und das Alles, um einem längſt ge⸗ fühlten dringenden Bedürfniß abzuhelfen, wobei er in ganz beſonderen Fällen zuweilen als Nothhelfer auftritt.— Und was für mich das Unangenehmſte iſt: dieſer infame Schlingel hat es verſtanden, den Weg zum Herzen meines armen Bruders zu finden, darf ihn beſuchen, wo er alle andere Welt ausſchließt, und wird es, unterſtützt von jenen ſchrecklichen, mahnenden Zeichen, wie Nathan ſie nennt, dahin bringen, daß er dem würdigen Neffen Haus und Arme öffnet,— ja es ſollte mich gar nicht wundern,“ ſetzte Herr Joſeph aufſtehend hinzu,„wenn wir dieſen Kerl, er heißt Schleimer, nicht auch jetzt wieder bei meinem Bruder droben anträfen, weßhalb Sie mir erlauben werden, mich darnach zu erkundigen und die Luft zu reinigen. Ich bin ſo erzürnt gegen dieſes ſchleichende Gewürm, daß ich nicht dafür ſtehe, ihn einmal ſehr ſchnell — 163— aus dem Hauſe zu befördern, wenn ich ihm zufällig auf der Treppe begegnete, doch iſt dieſer Schuft wie ein Aal, und ſchlüpft mir ſtets unter den Fingern davon— ich bin im Augenblicke wieder da, Herr Obermedicinalrath.“ Er wollte davon eilen, doch hielt ihn der Arzt mit den Worten zurück:„Da Sie mir jenen Herrn Schleimer gewiſſermaßen als die erſte Urſache der Krankheit Ihres Herrn Bruders ſchilderten, ſo wäre es für mich nicht un⸗ intereſſant, ja ſogar nützlich, dieſe Urſache kennen zu lernen, um ſie vielleicht wie ein giftiges Arzneimittel benutzen zu können; gehen wir deßhalb immerhin zu Ihrem Herrn Bruder hinauf, wobei ich nur noch fragen möchte, ob Sie ihn auf meinen Beſuch vorbereitet.“ „Gewiß, und er freut ſich darauf, Sie zu ſehen.“ Nach dieſen Worten gingen ſie die Treppe hinauf in den zweiten Stock, wo ſich in der Ecke des großen Hauſes das Schlafzimmer des Herrn Nathan befand, und als ſie dort eintraten, hätte Herr Joſeph nicht nothwendig gehabt, mit einem bezeichnenden Blick leicht den Arm des Ober⸗ medicinalraths zu berühren, um dieſem ſogleich die Gewiß⸗ heit zu geben, daß es Herr Schleimer ſei, der vor dem Bette auf einem Stuhle ſaß, ſich aber ſogleich erhob und demüthig rückwärts ſchreitend durch eine tiefe Verbeugung um Verzeihung zu bitten ſchien, daß er überhaupt in der Welt ſei, worauf er an das Fenſter trat und mit gefal⸗ teten Händen hinausſchaute. Der Kranke lag ſtill und ruhig in ſeinem Bette, bleich, mit eingefallenen Wangen, glanzloſen Augen und ſchlaff herabhängender Unterlippe— in wenig Tagen ſehr traurig verändert, der arme Herr Nathan, doch wandte er mit einem allerdings matten Lächeln ſeine Blicke gegen den Arzt, den er ſogleich erkannte, ja er bemühte ſich, ihm die rechte Hand entgegenzuſtrecken. „Nun, nun, mein lieber Herr Schropps,“ ſagte Doktor Werner, nachdem er ſich am Bette niedergelaſſen,„wir haben uns da von einer kleinen Krankheit überfallen laſſen, der wir, und wie ich hoffe, mit gutem Erfolg und recht kräftig zu Leibe gehen wollen, wozu Sie nichts als den guten Willen beizutragen haben, recht bald und vollſtändig wieder geſund zu werden— und den guten Willen haben Sie, nicht wahr, mein lieber Herr Schropps?“ Damit hatte er nach dem Puls des Kranken gefühlt und dann deſſen Hand in der ſeinigen behalten, während er ihn freundlich und liebreich betrachtete, auch durch ein wieder⸗ holtes Kopfnicken zu einer Antwort veranlaſſen wollte. Doch dauerte es ziemlich lange, ehe Herr Nathan ſeine Lippen öffnete, und als er hierauf ſagte:„Ich fürchte, der Feind iſt für mich diesmal zu ſtark, ſelbſt unter Ihrem vortrefflichen Beiſtande, Herr Obermedicinalrath,“ ſo ſah dieſer, daß ſich beim Sprechen nur die eine Seite des Mundes bewegte, während die andere mit der ganzen Hälfte des Geſichtes ſtarr und unempfindlich blieb. Auch klang die Stimme ſchwach und zitternd und es ſchien ſich das Leben beider Augen in dem Blicke des einen auf der beweglichen Seite concentrirt zu haben. „So viel ich von Ihrem Herrn Bruder gehört,“ fuhr 165— der Arzt nach einer kleinen Pauſe fort, während welcher er langſam mit der Hand über ſeine Stirne und ſein Geſicht herabgefahren war,„haben Sie geringfügiger Ur⸗ ſachen wegen einen großen Schrecken gehabt, und muß uns vor allen Dingen daran gelegen ſein, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß dieſe Urſachen nicht der Mühe werth waren, um ſich darüber auch nur im Mindeſten zu beunruhigen, und das werden wir Ihnen beweiſen.“— Er wechſelte hier einen raſchen Blick mit Herrn Joſeph, ehe er fort⸗ fuhr:„Wir müſſen unſeren Verſtand zuſammennehmen, mein lieber Herr Schropps, das ſind wir uns ſelbſt ſchul⸗ dig, und müſſen ſo klug ſein, uns nicht darüber zu ent⸗ ſetzen, wenn böſe Buben die Wände unſerer Häuſer mit ſchwarzer oder rother Farbe beſchmutzen.— Sie werden doch hoffentlich überzeugt ſein, daß das mit ganz natür⸗ lichen Urſachen zugegangen iſt und daß irgend ein bös⸗ artiges Geſchöpf damit einen ſchlechten Spaß gemacht hat.“ Herr Schleimer ſchien am Fenſter in ſtillem, inbrün⸗ ſtigem Gebet zu verharren, er hatte die gefalteten Hände gegen ſeine Bruſt erhoben und den Kopf tief herabgeſenkt, ſo tief, daß es ihm möglich wurde, aus dem einen ſeiner Augen einen lauernden Blick rückwärts gegen die Gruppe am Bett zu ſenden. Dann ſchien er ſichtlich erleichtert in ſeinen frommen Betrachtungen wieder fortzufahren, als er nun den Kranken mit matter Stimme, kaum verſtänd⸗ lich, ſagen hörte:„Ich will Ihnen darin nicht wider⸗ ſprechen und will ſelbſt glauben, daß jene Zeichen, die mich begreiflicherweiſe tief erſchreckt, das Werk Finer Men⸗ Hackländer, Kainszeichen. III. “ — 166 ſchenhand geweſen ſind,— ich will das zugeben,— um Ihnen gefällig zu ſein— da es ja für mich auch gleich— gültig iſt,— woher dieſe blutigen Zeichen entſtanden denn mögen ſie kommen, woher ſie wollen, ſie ſind und bleiben für mich ein Mahnruf, meine Geſchäfte zu erledi⸗ gen, ehe ich dieſe Welt verlaſſe, und erledigen kann ich ſie nur,“— dies ſagte er mit lauter Stimme, während er mit den Blicken ſeinen Bruder Joſeph ſuchte,—„wenn Joſeph mir, wie bisher, ſeine Hülfe leiht— ehrlich— treu— uneigennützig.“ „Woran du gewiß nie gezweifelt haſt,“ entgegnete der Erwähnte näher tretend, indem er die Hand des Kranken nahm, der ihn freundlich lächelnd anblickte und dann mit leiſer Stimme fortfuhr:„Uneigennützig iſt wohl. nicht das rechte Wort, denn es wäre dir ja nicht möglich, anders zu ſein, und habe ich auch eigentlich ſagen wollen: hin⸗ 1 gebend oder nachgebend, oder verzeihend, oder noch beſſer: vergebend, was wir ja Alle, Alle brauchen können.“— Er ſenkte ſeine Augenlider tief herab und lag ruhig ath⸗ D mend da, ſo daß man hätte glauben ſollen, er ſchlummere, doch war dies nicht der Fall, denn er ſagte gleich darauf: 3* 71„**„* „Zu anderen Zeiten würde ich mit meinem lieben Bruder h Joſeph wohl längere Zeit und gründlich darüber verhan⸗ 3 delt haben, jetzt aber drängt die Zeit ein Bischen ſehr und verlangt einen ſchnellen Entſchluß.“ Die Beiden, welche ſich am Bette befanden, Doktor Werner und Herr Joſeph Schropps, waren in dieſem Augenblicke zu ſehr mit dem Kranken beſchäftigt— beſonders — 1674— da der Arzt dem Anderen unverkennbare Zeichen machte, ſo nachgiebig als nur immer möglich zu ſein und dadurch ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte— daß ſie Herrn Schleimer gänzlich aus den Augen ließen, und es alſo auch nicht bemerken konnten, mit welch' rührender Theilnahme der würdige Reiſeprediger auf jedes der Worte lauſchte, die Herr Nathan ſprach, und wie er dabei mit ſtierem Auge und weit vorgeſtrecktem Halſe das ernſt blickende Geſicht des jüngeren Herrn Schropps ſtudirte. Dieſer hatte unter einem leichten Achſelzucken dem Arzte eine zuſtimmende Geberde gemacht und beugte ſich dann auf ſeinen Bruder herab, wobei er ſagte:„Damit du ſiehſt, lieber Nathan, wie ich, um deine eigenen Worte zu gebrauchen, nicht nur uneigen⸗ nützig ſein will, ſondern auch nachgebend und vergebend ſ S im vollen Umfange des Wortes, ſo will ich mich nicht länger widerſetzen, und zu dem, was dein Herz bedrückt, Ja und Amen ſagen, und gebe der Himmel, daß wir es nie bereuen, nachgebend und vergebend geweſen zu ſein.“ „Amen,“ hauchte der Kranke mit leiſer Stimme, und dann hob er ſeine Rechte empor, um durch einen innigen Händedruck ſeinem Bruder zu danken, der dann fortfuhr: „Willſt du es mir überlaſſen, die Sache in beſter Form zu regeln, ihm Nachricht von deinem Wunſche zu geben und dir die Stellung vorzuſchlagen, welche er in unſerem Hauſe einnehmen könnte?“ Nathan nickte mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab:„Die Stelle eines lieben Verwandten, der er ja iſt und ſein wird, ſowie die meines Erben, damit du, mein — —“ ————— — — n— — 168— lieber Bruder, nicht nothwendig haſt, vielleicht auch ſpäter widerſtrebend für ihn zu ſorgen. Wenn dir das recht iſt, ſo bekräftige es mit einem lauten Ja, hier vor unſerem verehrten Arzte, ſowie vor dem lieben Freunde unſeres Neffen, der dir gewiß behülflich ſein wird, ihn ſo bald als möglich von unſerer Verzeihung zu benachrichtigen.“ Als ſich der würdige Freund am Fenſter auf dieſe Art bezeichnen hörte, zog er ſeinen Kopf mit der Gewandt⸗ heit und Schnelligkeit zurück, wie eine Schnecke ihre Fühl⸗ hörner bei unſanfter Berührung, und tauchte auch wie eine ſolche ſo plötzlich in ſein Inneres zurück, daß man hätte glauben können, er habe ſich bei Betrachtung des Himmels, den er jetzt unverwandt anblickte, auch nicht im Entfernteſten mit Irdiſchem beſchäftigt. „Willſt du das, lieber Bruder Joſeph?“ fragte der Kranke. „Ja, ich will es, weil es dir ſo gefällt,“ entgegnete der Befragte, und ſetzte dann mit lauter Stimme hinzu: „Weßhalb ich auch den würdigen Freund unſeres Anver⸗ wandten erſuche, gefälligſt näher zu treten und mich zu hören, wie das dein Wunſch zu ſein ſcheint.“ „So iſt es, lieber Bruder Joſeph.“ „Und indem ich alſo deinen Wunſch erfülle— nur deinen Wunſch,— lehne ich jede weitere Verantwortung von mir ab.“ Herr Schleimer hatte ſich dem Bette in demüthiger Haltung genähert, ſchleichend, mit geſenkten Augen und in kleinen Pauſen, die er jedes Mal zu einem Blicke nach oben, ſowie zu einem leichten Seufzer benutzte. Er vermied — 169— es aber ſorgfältig, dabei den Arzt anzuſehen, der ihn forſchend, ernſt und ziemlich unfreundlich betrachtete, wo⸗ gegen ihm Joſeph entſchieden den Rücken zuwandte, wäh⸗ rend er, ſeinem Bruder die Hand reichend, ſagte:„Gut denn, ich will unſeren Neffen ſo ſchnell als möglich zurück⸗ rufen, ich will ihm den Platz eines Verwandten in un⸗ ſerem Hauſe anweiſen und er ſoll nach deinem Wunſche dein Erbe ſein.— Wünſcheſt du etwas Schriftliches darüber?“ „Vielleicht ſpäter— ja— was den letzteren Punkt anbetrifft.“ Als Herr Nathan dies mit ſchwacher Stimme geſagt, ſchien den würdigen Reiſeprediger eine tiefe Rührung ſo zu übermannen, daß er beide Hände vor das Geſicht drückte und eine kurze Weile ſo verharrte, ſei es in ſtillem Gebete, ſei es um ſeine Thränen zu verheimlichen, kurz mit allen Zeichen der tiefſten Erregung, worauf er, um dieſe Ko⸗ mödie im gleichen Sinne zu beendigen, rückwärts ſchwan⸗ kend ſeinen Hut ergriff, um dann unter einem halblauten, ſchmerzlichen Geheul raſch das Zimmer zu verlaſſen, gleich darauf auch das Haus. Dann aber hätte man ſehen können, wie der glänzende Sonnenſchein plötzlich beruhi⸗ gend auf ihn einwirkte, denn ſeine Mienen ſtrahlten in einem zufriedenen Lächeln, und die raſchen, faſt luſtigen Schritte, mit denen er die Straße aufwärts eilte, waren die eines Mannes, der irgendwo hin eine ſehr erfreuliche Botſchaft zu bringen hat. Zwölftes Kapitel. Sehr ernſten Inhaltes, denn es handelt von allerlei Unglück und dem Gram verſchmähter Liebe. Die erſte und vornehmſte geſchloſſene Geſellſchaft der Stadt mit dem Zwecke angenehmer Unterhaltung und fröhlicher Vereinigung zu Allem, was einen gewiſſen Reiz verleiht dem Leben ſowohl des gereiften Mannes, der äl⸗ teren Frau, als auch der Jugend vom zarten Jünglings⸗ und Jungfrauenalter an bis zur Gränze jenes Lebens⸗ alters, wo man an gewiſſen Luſtbarkeiten mehr nur be⸗ ſchauenden Antheil nimmt, war die„Eintracht“, und bei ihr an⸗ und aufgenommen zu werden, galt in geſellſchaft⸗ licher Beziehung als eine ſo vollgültige Legitimation, daß in zweifelhaften Fällen ſchon die Verſicherung genügte, dieſe oder jene Familie gehöre zur Eintracht, um ihre Achtbarkeit außer aller und jeder Frage zu ſtellen. Es war dies eine Vereinigung höherer, mittlerer und in Ausnahmefällen auch niederer Beamten, ferner Künſtler von Namen und Talent, und Kaufleuten bis zu dem kleinen Specereikrämer exeluſive; Handwerker, ſelbſt wenn ſie ſich Kleider⸗, Möbel⸗ oder Schuhfabrikanten nannten, Inhaber von mechaniſchen oder anderen Ateliers, oder von Werkſtätten zur Bereitung gröberen oder feineren Back⸗ werks, oder ſelbſt im Auslande berühmter Würſte, waren ausgeſchloſſen und hatten dieſe höchſt achtbaren Bürger ihre eigene geſchloſſene Geſellſchaft. 171— An der Spitze der Eintracht ſtanden ältere, gediegene Herren, meiſtens Beamte von ſtreng conſervativen Grund⸗ ſätzen— conſervativ beſonders in der Handhabung ſtrenger Geſetze, deren Hauptaufgabe es war, der Geſetze ſowohl wie der Vorſtände, das gute Alte nicht durch zerſtörende Neuerungen überwuchern zu laſſen, denn ſolches Unkraut machte ſich im Laufe der Jahre immer mehr bemerkbar, und die Vorſitzenden hatten alle Mühe, mit ihren breiten Rücken die Thür zuzuhalten, um das verderbliche, Alles verflachende, nichts Hochgeſtelltes mehr achtende Princip der Gleichheit auszuſchließen. Dabei gab es leider unter dieſen Vorſtänden ſonſt ganz würdige Männer, die geneigt waren, mit jener Gleichberechtigung ein Bischen zu coquet⸗ tiren, beſonders wenn ſie in Geſtalt hübſcher junger Frauen⸗ oder blühender Mädchengeſtalten erſchien.— Ja, die oben erwähnte ſcharf gezogene Linie hatte ſchon einige Male bedeutend geſchwankt und war nur wiederholt gerettet und erhalten worden durch ſtrammes Anziehen der kühnen, entſchloſſenen Gattinnen jener mit dem Neuen coquettiren⸗ den Vorſtände. Allerdings war dieſes Anziehen nur ſo zu ſagen hinter den Couliſſen, oder vielmehr zu Hauſe hinter der Gardine geſchehen, indem dieſe Frauen würdiger Beamten auf's Entſchiedenſte erklärt, niemals eine ſolche Verletzung der von Gott eingeſetzten und von dem Staats⸗ handbuch ſanctionirten Standesunterſchiede dulden zu wollen, welch' kräftige, aber heimliche Unterſtützung wenigſtens die Mannesehre in öffentlicher Sitzung gerettet hatte, da man gezwungen war, nach reiklicher Ueberlegung freiwillig zu — 172— erklären, man wolle es auch hierin beim Alten laſſen, indem eine ſolche Verſchmelzung ganz verſchiedener Inter⸗ eſſen in der That unthunlich ſei. Welche Kraft aber war im Stande, jenes gewaltſame Aufwärtsſtreben, das auch in dieſer Richtung die Welt ergriffen, zurückzuhalten, den gewiß gerechtfertigten Drang, kühn und auf eigene Energie geſtützt, die Standesſtufen⸗ leitern zu erklettern, ſtatt wie bisher zufrieden zu ſein, das vom Großvater auf den Enkel übergegangene Geſchäft fortzuführen! Es ſchob und ſchiebt ſich eine Geſellſchafts⸗ klaſſe um die andere auf und vorwärts: der Sohn des Tagelöhners begnügt ſich kaum mehr damit, ein ſolider und achtbarer Handwerksmann zu werden, der Nachkomme des kleinen Krämers wendet ſich dem großen Handelsſtande zu, oder wird vielleicht ein unbedeutender Beamter, aber mit dem Recht, auf irgend einer Rangſtufe des Staatshand⸗ buchs zu ſtehen, einen Titel zu führen, eine Uniform zu tragen, mit Anwartſchaft auf einen Orden nach langjäh— riger Dienſtzeit und jährlich mit dem Rechte, Seiner Ex⸗ cellenz dem Herrn Miniſter per Viſitenkarte zum Neujahr gratuliren zu dürfen. Die Söhne von Handwerkern wer⸗ den natürlicher Weiſe, ſobald ſie auf den Bänken der Elementarſchule ihre erſten Höschen zerriſſen, Gymnaſiaſten, Realſchüler, angehende Polytechniker mit bunter Mütze und farbigem Bande, was häufig die Hauptſache iſt, und denken ſelten mehr daran, den ſoliden Boden ihrer Vorfahren zu cultiviren, ſondern finden ſich, allerdings oft mit ſehr wenig Grund, fähig, Häuſer oder Brücken zu bauen, Leiter — 173— chemiſcher Fabriken oder anderer gemeinnütziger Anſtalten zu werden. Sprößlinge großer Handlungshäuſer bleiben des Kapitals und der Firma wegen häufig ihrem Stande am treueſten, natürlich in der angenehmen Wahl ſchwan⸗ kend, ob ſie an einem großen Handelsplatze Schiffsrheder werden wollen oder durch großartige Fabrikanlagen Millio⸗ nen verdienen oder eine neue Bank gründen— und nun erſt die Söhne der vielſproſſigen Beamtenleiter!— Wie das aufwärts blickt und aufwärts ſtrebt, wie es der Sohn des Tagſchreibers wenigſtens bis zum Geheimen Secretair bringen muß, der des Expeditors oder Karzleiaſſiſtenten zu irgend einer Rathsſtelle, wie der Nachkomme des Poſtil⸗ lons bemüht iſt, ſich durch den Titel eines Poſtmeiſters auf die achte Rangſtufe zu ſchwingen, wo er, der vielleicht in einem Kutſcherzimmer zur Welt gekommen, das Prädi⸗ kat Wohlgeboren genießt!— So jagt Alles aufwärts und aufwärts, ſucht Vordermänner zu überholen, Andere auf die Seite zu drücken, purzelt zuweilen von der Leiter herab, iſt aber mit Tauſenden und Tauſenden emſig be⸗ müht, die große Maſſe vorwärts zu treiben, alle Standes⸗ unterſchiede zu verrücken oder zu beſeitigen und im raſen⸗ den Sturme die Höhen des Lebens zu erklimmen, wobei Jeder unter die Füße tritt, was ihm hinderlich iſt, wobei alle Mittel gelten, wo man endlich unter dem Schatten des Errungenen, ſei es eine hohe Stellung, ſei es Macht und Reichthum, ſicher zu ſein glaubt, bis nachſtrebende Wellen die droben Stehenden über Bord werfen, um für Andere wieder Platz zu machen. 174— Dieſes allgemeine rückſichtsloſe Streben iſt dem wuchern⸗ den Judenſtrick im Walde zu vergleichen, der, vom ſumpfi⸗ gen Boden als unbedeutende Ranke aufwärts kletternd, bald die gewaltigſten Bäume überragt, umſchlingt, tödtet und niederſtürzt, oder den zähen Wurzeln, die ſich anfäng⸗ lich in der Feinheit eines Haares zwiſchen feſtgefügtes Ge⸗ mäuer zwängen, um durch Jahre, langſam wachſend, daſ⸗ ſelbe aus einander zu ſprengen und uralte, ehrwürdige Bauwerke zu zertrümmern. So waren auch nach und nach neue Elemente in die früher ſo ſtark gefügte und feſt am ſogenannten guten Alten hängende Geſellſchaft„die Eintracht“ gedrungen. Schon machte ſich wie im Walde der üppige Judenſtrick mit ſeinen weißen leuchtenden Blüthen bemerklich, kleine, ſchwache Würzelchen hatten ſich Anfangs demüthig und beſcheiden durch Mauerritzen, durch Steinſpalten, gar vor⸗ ſichtig die Schwelle überſpinnend, in's Haus geſchlichen, um im Innern ſogleich gewaltig zu wachſen, einen aller⸗ dings kräftigen und lebensfriſchen Baum zu treiben, der aber die alten, bemooſten Stämme zu beſeitigen drohte, und deſſen friſches, ſaftiges Grün recht wohlthuend abſtach gegen die alten grauen Perrücken mit ihren langen Zöpfen. Doch war noch keine Rede davon, daß dieſe, welche die vergangene Zeit repräſentirten und in vieler Hinſicht über⸗ wundene Standpunkte waren, vor dem neu eindringenden, friſchen Leben weichen würden; im Gegentheil, ſie ſchloſſen ſich feſter zuſammen, ſie hielten die Macht ſtramm in den Händen, und wenn je einer unter ihnen anfing, ſchwach — 1705 und nachgiebig zu werden, ſo wurde er durch einen wür⸗ digeren Mann erſetzt, deſſen Zopf noch etwas länger war und ihm hübſch gerade auf den Rücken herabhing. Aber die früher ſo ſchöne Eintracht war doch durch alles Das aus der„Eintracht“ verſchwunden, es bildeten ſich geſchloſſene Kreiſe inmitten der geſchloſſenen Geſellſchaft, von vielen der ſonſt allgemeinen Vergnügungen, Tanz⸗ unterhaltungen und Bälle ſonderten ſich nach und nach reichere und vornehmere Elemente ab, um Privatzirkel zu bilden, aus denen dann ſpäter wieder andere und engere Kreiſe wurden, von denen jeder ſtreng geſondert, für ſich tanzte, lebte und liebte und ſich um ſo mehr ſeines Lebens freute, als man auf dieſe Art wenigſtens ſicher war, kei⸗ nen ſtörenden Elementen zu begegnen. Ein allgemeiner Vereinigungspunkt war allerdings noch geblieben, und zwar in dem großen und ſchönen Garten der Geſellſchaft„Eintracht“, der mit der einen Seite dicht am Fluſſe gelegen war, während ſich die an⸗ dere eine ſanfte Anhöhe hinaufzog, wo man einen pracht⸗ vollen Blick auf die große Stadt genoß, ſo wie auf die rings umher liegende reizende Umgebung. Dieſer Garten war auf's Schönſte und Geſchmackvollſte in einen ſchatti⸗ gen Park verwandelt und bot eine liebliche Abwechslung durch die gut unterhaltenen, breiten Sandwege, durch ſorg⸗ fältig gepflegte Gebüſchgruppen, durch leuchtende Beete voll prachtvoller und duftender Blumen. Es war ein herr⸗ liches Eldorado, dieſer Garten, und faſt für alle Bedürf⸗ niſſe geſorgt. Auf weiten Terraſſen unter ſchattengebenden 8 .r “ — 176— Bäumen ſah man zahlreiche Tiſche und Stühle, dicht da⸗ neben war eine Reſtauration, die allerdings Manches zu wünſchen übrig ließ, weßhalb ſich auch die Hausfrauen, wie wir ſpäter ſehen werden, mit gutem Grunde mehr auf das Mitgebrachte verließen, als auf das, was ihnen hier oben geſpendet oder vielmehr nicht geſpendet wurde. Natürlicher Weiſe fehlte auch eine Muſiktribüne nicht und befand ſich dieſe an einem erhabenen Platze, ſo daß die. rauſchenden Klänge überall hin vernehmbar waren zum Jubel der tanzenden Kinderſchaar, zum ſtillen Vergnügen des bedächtig ſchmauſenden Alters, zur Erweckung oder Unterhaltung jugendlicher Paare, gleichgeſtimmter Mädchen⸗ ſeelen oder brauſender Jünglingsnaturen, welche die ſchat— tigen, verſchlungenen Wege, die dunklen Gebüſchpartieen, die verſteckten Lauben und Bosquets, hier zu Zweien oder Mehreren, dort paarweiſe, oft auch in ſüßem Wehe allein irrend, lieber betraten und hier verweilten, als auf den großen Terraſſen, wo Väter oder Oheime, Mütter, Tanten, ältere, ſchon ausgelitten habende Schweſtern gleich eben ſo vielen Tyrannen jedes Wort, ja, jede Miene für unpaſſend fanden, die vielleicht doch ſo paſſend waren, wenn z. B. die Muſik das reizende Lied intonirte: Ach wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollſt du mir ſein! Das hörte ſich freilich ganz anders an dort unter den dichten Bäumen der Parkanlagen, wenn die Töne ſo angenehm gedämpft an das glückliche oder verzagende Herz klangen, ſo ahnungs⸗ und beziehungsvoll— ach, — 177— und wenn man ſich dabei zufällig begegnete, er herſchauend, ſie hinblickend— wie ſchön war es dann, Strahl in Strahl geſenkt zu hören: Ach wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollſt du mir ſein! oder noch deutlicher und ausdrucksvoller das Volkslied: Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn i wiederum komm, Dann ſoll die Hochzeit ſein. Glückliche Zeit der Jugend, des ſchüchternen Begegnens, des ſüßen Erſchreckens! Selige Stunden, wenn der zarte Sinn der Freundin die Freundin, auf gegenſeitige Dienſtleiſtung bauend, faſt mit Gewalt zu jener einſamen Bank führt, wo man aus dem verſteckenden Laubwerk die wundervollſte Aus⸗ ſicht hat, wo jetzt gewiß Niemand zu finden iſt und wo die Böſe alsdann, wenn man doch„Jemand“ dort findet, plötzlich vorgibt, ihr Taſchentuch oder ſonſt etwas verloren zu haben, wonach ſie zurücklaufen muß! Ach wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollſt du mir ſein! Herrliche Zeiten, wenn dann ſpäter zum allgemeinen Vergnügen der große Luftballon ſteigt und man an freie Plätze eilt, um ihm nachzuſchauen, ſich unwillkürlich zu⸗ ſammendrängt oder zuſammengedrängt wird gegen ſeine Nachbarin hin, wobei man oft ganz abſichtslos deren kleine Hand berührt oder genöthigt iſt, gegen alles Her⸗ kommen ihre ſchlanke Taille zu umſchlingen, um ſie ſo zu bewahren vor dem unfehlbaren Hinabrutſchen an einen ſteilen Ravain, an deſſen Fuß ſich obendrein noch ein 1 1 paar gierige Lieutenants befinden, denen es gar nicht darauf ankäme, eine herabflatternde ſo ſüße Frucht in ihren kriegeriſchen Armen aufzufangen. Und erſt Abends, wenn vielleicht zur Feier irgend eines feſtlichen Tages ein Feuerwerk abgebrännt wird ein Feuerwerk in dunkler Nacht— die Zwiſchenräume werden durch paſſende Muſik ausgefüllt, das junge Volk drängt ſich ſo dicht als möglich heran, während die oben erwähnten Tyrannen fern vom Schuſſe ruhig ſitzen blei⸗ ben, vielleicht mit Ausnahme älterer Schweſtern, welche bei dieſer Gelegenheit eine Aufſicht der unvorſichtigen Emilie, Roſalie oder Emma für dringend nothwendig erachten, da ſie ſich wohl erinnern, wie gefährlich es leider einſtens für ſie ſelbſt geweſen, in der Angſt vor einer ſchief gehen⸗ den Rakete nicht nur die ſchützenden Arme eines jungen Mannes geſucht, ſondern auch das Geſicht an deſſen Bruſt verborgen zu haben, oder wie ſie an einer ſehr dunklen Stelle des Gartens auf einer Bank ſtehend, um das Feuer⸗ werk beſſer beſchauen zu können, plötzlich, während in der Zwiſchenpauſe die verrätheriſche Muſik ſpielte, einen heißen Kuß auf ihre herabhängende Hand gefühlt. Nein, nein, denkt die edle Seele, ich will die argloſe Emilie ſchützen, und wenn ein Opfer fallen ſoll, lieber ſelbſt noch einmal dieſes Opfer ſein! Wenn wir ſo von allen Schönheiten des Gartens der Eintracht erzählt, ſo wird es uns auch erlaubt ſein, einer Schattenſeite deſſelben zu erwähnen, das heißt Schatten⸗ ſeite im figürlichen Sinne, oder, um uns noch deutlicher 179— auszudrücken, dem wunden Fleck der Eintracht oder der Stelle, wo auch dieſer Philipp ſterblich war. Und das war nänlich die Reſtauration und das Gar⸗ tenhaus dieſer großartigen, prachtvollen Anlage, in der man nicht anders hätte erwarten dürfen, als auch ein ſtattliches Gebäude zu finden mit weithin blinkendem gaſt⸗ lichen Dach, mit eleganten, oder wenigſtens bequemen Räumen, um im Fall der Noth, bei Regen und Wind, bei Frühjahr und Herbſtkühle den größten Theil dieſer vornehmen Bürgerſchaft angenehm beherbergen zu können. Ein ſolches Gebäude fehlte gänzlich— unglaublich aber wahr!— obgleich der Garten ſo entfernt von der Stadt lag, daß ein mäßiger Regen vollkommen genügte, ſchon ſolidere Toiletten als jenes leichte modiſche Schundelwerk aus ſpinnwebartigen Stoffen, flatternden Bändern, falſchen Haaren und dergleichen in ein troſtloſes, feſt anklebendes Nichts umzuwandeln. Daher kam es denn auch, daß beſorgte Mütter er⸗ ſchreckt auf die kleinſte Wolke blickten, die am Horizont auftauchte, und dem ſäuſelnden Winde ein ahnungsvolles aufmerkſames Ohr liehen, während Regenſchirme, Plaids und Ueberſchuhe hier im Garten der Eintracht eben ſo nothwendig erſchienen, als Tiſche und Stühle, ja, als Zucker und Backwerk zu dem an hohen feſtlichen Tagen ſelbſt mitgebrachten Kaffee. Dieſe beſtändige Furcht vor plötzlichen Ueberfällen eines tückiſchen Wetters machte es zur Bedingung, hier im Gar⸗ ten der Eintracht ſtets auf dem Kriegspfade zu wandeln ————— — 180— und in Gefechtsvorbereitung zu ſein, zu welchem Zweck ſich unter den Tiſchen ſtets große Körbe befanden, um bei einer Waſſerflut nicht nur Zucker, Brod und Backwerk raſch bergen und verpacken zu können, ſondern auch die neue, ſeidene, lillafarbene Mantille der Frau Kanzleirath, ja, im Falle der Noth ſämmtliche Hüte und die pfirſich⸗ blüthenen Tuniken der beiden Fräuleins, die alsdann, in graue Plaids gewickelt, einem Sturme mit dem Rücken gegen den Wind eine Zeit lang zu widerſtehen vermochten. Es befand ſich allerdings neben der Reſtauration ein unſcheinbares Haus, wo im Erdgeſchoß vielleicht dreißig bis vierzig Perſonen mit einiger Bequemlichkeit unter⸗ gebracht werden konnten und von wo eine hühnerſteigartige Leiter in den obern Stock führte, deſſen Raum mit dem ſtolzen Namen„Tanzſaal“ bezeichnet wurde, groß genug für vielleicht zehn Paare, die in dem jugendlichen Alter zwiſchen acht und vierzehn Jahren weder etwas von der erſtickenden Hitze hier oben bemerkten, noch von dem Schwanken des Bodens unter ihren kleinen, behenden Füßchen, und welche dieſes Lokal in dem glücklichen Ge⸗ fühl, einmal mit wirklichen, lebendigen jungen Herren, hoffnungsvollen Gymnaſiaſten, ſtrebſamen Polytechnikern, ja, ſogar mit jungen, herablaſſenden Lieutenants tanzen zu dürfen, für einen echten und wirklichen Tanzſaal anſahen. Bei ſolchen Gelegenheiten gab es auch Zuſchauer, zärtliche Mütter und ſorgſame Väter, eiferſüchtige Brüder und Vettern, die im Gänſemarſch die Treppen erklettert hatten, denn anders war dies nicht möglich, und auch ſo 481 im Einzelnen vordringend konnte eine corpulente Perſön⸗ lichkeit Gefahr laufen, ſtecken zu bleiben, die ganze Paſſage hemmen und einen Auflauf verurſachen, unter dem Rufe nach Hülfe und nach Rettungsleitern!— Oben aber in dem Gedränge und der Hitze an der einzigen Eingangs⸗ thür zum Saale war es in ſolchen Augenblicken fürchter⸗ lich und die aufopferungsfähigſten Mütter, wahre Pelikane, vermochten es nicht, länger dort auszuhalten, und tau⸗ melten zurück und hinab in die friſche Luft, nachdem ſie das Glück genoſſen hatten, ihre ſchwitzenden Kinder in Staub und Dunſt gehüllt vorüberflattern zu ſehen. Und doch fehlte es der reichen Geſellſchaft nicht an Geld, um in ihrem ſchönen, herrlichen Garten ein würdiges, anſtändiges Lokal zu erbauen, und Anträge in dieſer Richtung hätten auf große Unterſtützung hoffen dürfen und würden auch wahrſcheinlich zur Ausführung gekommen ſein, wenn nicht eine ſtärkere Gegenpartei die Wagſchale herabgedrückt hätte zu Gunſten eines Neubaues der Ge⸗ ſellſchaftslokale in der Stadt, theils um auch hier enge Gränzen zu erweitern, neue Ball⸗, Spiel⸗ und Leſelokale zu erbauen, theils um einer allgemeinen Bauwuth, welche die Stadt ergriffen hatte, Genüge zu thun, dann aber auch, um einem ſtrebſamen Baumeiſter aufzuhelfen, den es ſo gewaltig in die Höhe zog, daß er den Tanzſaal in den zweiten Stock projektirt hatte. Ein kleiner Preis⸗ richter von großem Geiſte, der ſelbſt gern oben hinaus wollte, war darüber ſo entzückt, daß er— man hatte des An⸗ Hackländer, Kainszeichen. III. 13 —— 1— mer ————— 2 — 182— ſtandes wegen eine Concurrenz ausgeſchrieben— eben ſo gute, vielleicht beſſere Pläne unberückſichtigt ließ und daß er das Comité für einen Tanzſaal im zweiten Stock als für etwas Neues, Geniales, noch nicht Dageweſenes zu beſtimmen wußte, vielleicht deßhalb, weil zu dieſem Tanz⸗ ſaal hinauf eine Treppe führen ſollte, die in achtmaliger Wendung wohl den Glanz einer auf⸗ und abwandelnden geputzten Menge entfalten zu laſſen fähig war. Für dieſe freundliche Protection hatte der dankbare Preisgekrönte einen Platz ausfindig gemacht zur einſtigen Aufſtellung des Bildniſſes des Preisrichters, vielleicht in ganzer Figur, gut ausgehauen, auf Schlittſchuhen ſtehend, um ſo auf geiſtreiche Art ſeine ſchlüpferige, aalglatte Laufbahn, die ihm Orden und Ehrenbürgerrechte eingebracht, darzuſtellen. Begreiflicher Weiſe waren es vorzugsweiſe die älteren, reicheren und vornehmeren Mitglieder, die als Conſervative, echt im Feuer vergoldet, mit Zähigkeit feſthielten an dem Gedanken, das Stammhaus der Eintracht durch Umbau zu vergrößern, und die ſich wenig intereſſirten für den ſchönen Garten am Ufer des Fluſſes, weil ihnen dort die Ver⸗ gnügungen zu jugendlich lebhaft waren und weil es in der ſchönen freien Natur keine Leſeſäle gab und keine dunſtigen Spielzimmer.— Und wie ſchon früher geſagt, ihre Wagſchale hatte bei einer Generalverſammlung die der anderen Partei hoch in die Höhe geſchnellt, nicht nur alle vorräthigen Gelder waren zum Neubau in der Stadt beſtimmt worden, ſondern man hatte auch eine große An⸗ leihe decretirt, ſo daß die Gartenfreunde mit Trauer ein⸗ — 183— ſahen, noch für lange, lange Jahre auf ein anſtändiges, würdiges Gartenlokal verzichten zu müſſen. An dem Tage übrigens, von dem wir im Intereſſe unſerer wahrhaftigen Geſchichte erzählen müſſen, war der Himmel ſo freundlich, ſich unbewölkt und tief blau über den ſchönen Garten auszuſpannen, und wenn man den glänzenden Sonnenſchein ſah, wie er die Kronen der mächtigen Kaſtanien küßte, wie er als flüſſiges Gold an den Stämmen herabrieſelte, mit den bunten Blumen buhlte, wenn man die Fluten des breiten Stromes vor Freude aufleuchten ſah und dabei die großartigen Vorkehrungen bemerkte, die Flaggen und Fähnchen an den Eingangs⸗ thüren und der Muſiktribüne, das Gerüſt zum Auflaſſen des großen Luftballons, die zahlreichen Tiſche und Stühle, die üppigen Vorbereitungen in der Reſtauration, ſo konnte man ſich wohl ein genußreiches Feſt verſprechen. Obgleich es noch ſehr früh am Tage war, kaum neun Uhr Vormittags, ſo ſah man doch ſchon faſt ſämmtliche Tiſche mit Gäſten beſetzt, aber es war eine eigenthümliche Geſellſchaft, die da und ſehr vereinzelt Platz genommen, alte Männer und Frauen in ihren Werktagskleidern, Leute, die ſich etwas zu langweilen ſchienen, unter denen nicht die geringſte Gemeinſchaft erſichtlich war, Perſonen, die ſtrickend, leſend, auch wohl rauchend, jede an einem be⸗ ſonderen Tiſche ſaßen, obgleich ein einziger für ſie alle mit einander genügt hätte, die aber ihren Platz nicht einen Augenblick verließen, ſich gegenſeitig argwöhniſch, aber alle zuſammen noch argwöhniſcher jeden friſchen Ankömmling 484 betrachteten, der vielleicht Miene machte, ſich einem dieſer ſchon für den Nachmittag mit Beſchlag belegten Tiſche zu nähern, ja, die dabei eine trotzige Miene annahmen, bereit, den ihnen anvertrauten Wachpoſten nöthigenfalls mit Gewalt zu vertheidigen. Ja, es waren lauter Wachpoſten, dieſe alten Männer und Frauen, Pioniere der Geſelligkeit, Entdecker ſchöner einſamer Inſeln in Geſtalt gut ſituirter Tiſche, wo Jeder, indem er ſich daran niederließ, die Flagge ſeines Hauſes aufzog und ſo den Platz ſicherte für die ſpäter nachrückende Herrſchaft oder Familie. Da ſaßen ſie und ließen die Stunden an ſich vorüber⸗ gehen, ſtrickten und rauchten, gähnten auch wohl zuweilen, nahmen einen mitgebrachten Imbiß zu ſich und waren unſcheinbaren Raupen vergleichbar, die mit dem Heran⸗ flattern der bunten, glänzenden Schmetterlingsſchaar ſtill und geräuſchlos verſchwanden— der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Dieſe Verwandlung fing gewöhnlich um zwei Uhr Nachmittags an und wurde eingeleitet durch das Erſcheinen der Muſikanten, durch das plötzlich ſich zeigende Leben in der Reſtauration, das Leuchten der Gläſer, die in Be⸗ reitſchaft geſtellt wurden, das Klappern der Kaffeelöffel in den Taſſen, das Erſcheinen des Eintrachtwirthes vor der Thür, der noch einmal prüfend umherſchaute auf die Tiſche im Garten, auf die Schaar der Kellner, auf den wolkenloſen Himmel droben, und ſchließlich durch das Erſcheinen eines der Gärtner, der in ſilberbordirtem Rock, den großen Hut auf dem Kopfe, den Stab mit dickem Knopf in der Hand, gravitätiſch gegen den Eingang zuſchritt. Dann kamen ſie heran zu Wagen, zu Fuß, auch wohl zu Nachen auf dem Fluſſe, zierlich geputzte Damen jeglichen Alters mit ſehr vielen lachenden und jubelnden Kindern, ganze Ströme in hellen und leuchtenden Kleidern, ſtrah⸗ lende Lichtmaſſen der glänzenden vielfarbigen Toiletten, nur ſehr ſpärlich ſchattirt durch die dunklen Anzüge der Männer. Denn das ſchöne Geſchlecht war in dieſen frühen Nachmittagsſtunden auf's Zahlreichſte vertreten, während Bureau und Comptoir den größten Theil der Herren noch in den dunklen Räumen feſthielten oder auch als Vorwand gebraucht wurden, um ſich nicht den ganzen Nachmittag langweilen zu müſſen auf dem Gänſemarkt, wie ſchroffe, mürriſche Charaktere dieſe geſelligen Vergnü⸗ gungen in ihrer finſteren Laune zu nennen beliebten. Dieſe Ankömmlinge waren wie eine Völkerwanderung anzuſehen, wie der Zug der weiblichen Kinder Iſraels in's gelobte Land, die mit ſich führten ein Erkleckliches von den Fleiſchtöpfen Aegyptens, denn zahllos war die Schaar der hoch aufgeſchürzten, den Familien folgenden Dienerinnen mit großen Körben am Arm und auf den Köpfen, in denen ſich Kaffee⸗ und Eßgeſchirre befanden, Tiſchtücher und Servietten, Weinflaſchen, Butterbrod und kaltes Fleiſch, ſowie jene herzgewinnenden Backwerke in Geſtalt von Milchbroden, Gugelhöpfen und Hefenkränzen. Dann nahm man an den Tiſchen Platz, nachdem der — 186— arme Wachpoſten entlaſſen war, ſelten ohne ſcharfe Rüge über den ſo unvorſichtig gewählten Platz mit zu viel Sonne oder zu viel Schatten, oder im Winde gelegen, oder mit gar keiner friſchen Luft, oder zu entfernt von der vornehmeren Geſellſchaft, bei der man ſonſt ſtets zu ſitzen pflegte, oder zu nahe bei den Regierungsraths, mit denen man ſchon Jahre lang in Feindſchaft lebte, was die alte Ricke doch hätte wiſſen müſſen!„Aber die alte Ricke wird eben ſtumpf und nachläſſig,“ ſagte die Hof⸗ räthin würdevoll,„und ich werde das nächſte Mal meinen Mann ſchicken müſſen, wenn ich einen beſſeren Platz haben will. Käme aber dann vielleicht vom Regen in die Traufe,“ ſetzte ſie achſelzuckend gegen ihre ältere Schweſter, eine verwittwete Hauptmännin, hinzu,„denn wo uns der Hof⸗ rath placiren würde— na, na, ich danke— da kämen wir in eine ſchöne Geſellſchaft!“ Dann ermahnte ſie ihre ſechs Kinder, mit dem Rücken eine feſte Phalanx zu ſchließen, um die unverſchämten neugierigen Blicke eines Nachbartiſches abzuhalten,„denn ich bin überzeugt,“ ſagte ſie mit Entrüſtung,„daß ſie jeden Biſſen controliren, den wir in den Mund ſtecken.“ Aehnlich ging's auch an anderen Tiſchen zu und war man hier und dort mehr oder minder mit dem Platze zu⸗ frieden oder unzufrieden. Letztere Regung war übrigens entſchieden vorherrſchend, und die Klage: Alles, was man nicht ſelbſt beſorgen könne, geſchehe ſo unvollkommen als möglich, erklang faſt einſtimmig. Empörend war es aller⸗ dings, wenn die Staatsräthin ſehen mußte, daß die Kanz⸗ —— — — 187— leiräthin einen weit beſſeren Platz erhalten, und wenn ſich auch der Oberſteuerrath, ein alter, gutmüthiger Mann, Nichts daraus machte, hinter einem dicken Baume ein⸗ gezwängt zu ſitzen, während ſein Untergebener mit den vier naſeweiſen Mädchen wie auf einem Präſentirteller da ſaß, ſo vermochte es doch die Oberſteuerräthin nicht über ſich, den ehrfurchtsvollen Gruß ihrer Nachbarin anders als ſehr von oben herab mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes zu erwiedern. Die beſten Plätze, namentlich für Familien, die mit erwachſenen Töchtern geſegnet waren, befanden ſich auf der großen Terraſſe an ſolchen Tiſchen, die wie kleine Inſeln von unternehmungsluſtigen Spaziergängern umflutet wurden, wo man ſchon von fern die befreundete Flagge zeigen konnte durch ſchwungvolles Aufſetzen des Naſen⸗ kneifers, durch Drehen des Schnurrbartes, durch einen be⸗ zeichnenden Blick, welcher durch kaum merkliches Bewegen eines Taſchentuches erwiedert wurde, durch lautes Geſpräch und Lachen mit den Freunden, während man tänzelnd herankam, was Alles die Wirkung von Salutirſchüſſen hatte, um dem heranſegelnden Fahrzeug einen freundlichen Empfang zu bereiten durch ein Lächeln der Tochter oder durch die Bitte der Mutter, eine Taſſe Kaffee freundlichſt annehmen zu wollen. Aber auch Schiffbrüche gab es hier, Anrennen an Klippen, Aufſitzen auf einer Sandbank, be⸗ ſonders für junge, ſchüchterne Seefahrer, welche ohne die Flagge einer befreundeten Nation etwas unvorſichtig auf Entdeckungsreiſen ausgiengen und verſuchten, den Anker —.—— 8 — 188 auszuwerfen, ehe ſie die Tiefe des Fahrwaſſers gehörig ſondirt hatten. Auch junge Damen, bald zu Zweien und Dreien, bald in Gruppen von Mehreren umkreiſten hier die Tiſche, wenn bei den rauſchenden Klängen der Muſik Alles in gehörigem Schwunge war, und auch ſie ſuchten ſtille Häfen an befreundeten Inſeln, tauſchten Signale nach allen Richtungen, thaten ſehr erſchrocken, wenn ſie im Gedränge an eine fremde, bunte Schaluppe anprallten, welches Er⸗ ſchrecken ſich von der Erſten bis zur Letzten kundgab durch ein etwas verlegenes Lächeln, durch ein plötzliches tänzelndes Aufhüpfen, ſowie durch ein feſtes Aneinanderſchließen mit hochaufgereckten Hälſen. War die bunte Schaluppe kühn und glücklich genug, eines der leichten Fahrzeuge zu entern, ſo folgte wohl ein anderes als ſchützendes Geleit hinaus in die verſchlungenen Wege des Parks, während ſich die übrigen discret verzogen, bis auch ſie vielleicht von ähn⸗ lichem Schickſal betroffen wurden. Trotzdem, daß faſt alle Tiſche übermäßig beſetzt waren, gab es doch hier und da noch Lücken, wo bei einem Kranz leerer Stühle noch einer oder zwei der oben erwähnten V Wachpoſten übrig geblieben zu ſein ſchienen. Doch waren b dies nur Ablöſungen, welche das Terrain für eine ſpäter kommende Familie, zuweilen nicht ohne heftigen Kampf, 1 behaupteten, oder bejahrte Damen und alte Jungfrauen von nicht gerade wohlwollendem Charakter, welche in der oft ſchroffen Abweiſung ihrer Nebenmenſchen, die keinen Platz mehr finden konnten, ein unbegreifliches Vergnügen — 189— fanden, oder die es nun der ganzen ſchlimmen Männer⸗ welt mit Zinſen heimgaben, daß einſtens Verräther unter ihnen die ſchönſten Plätze an ihrer Seite verſchmähten. Es gewährte ſolchen gekränkten Weſen eine wahre Linde⸗ rung, die höflichſte Frage um ein beſcheidenes Plätzchen mit einem ruhigen Lächeln und mit der beſtimmten Ver⸗ ſicherung abweiſen zu können, daß weder eine Stelle an ihrem Tiſche noch ein einziger Stuhl disponibel wäre. Doch waren das nur unbedeutende Schatten in dem allgemeinen Sonnenglanz unter dem tiefblauen Himmel, in dem luſtigen Leben und Treiben unter den mächtigen. Bäumen, umrauſcht von den Klängen der Muſik, im Anblick all' der ſchönen Frauen⸗ und Mädchengeſtalten in reichen, leuchtenden Toiletten. Beſonders war die große Terraſſe vor der Muſiktribüne der Sammelplatz alles Schönen und Eleganten, und wer auf dieſer ſtattlichen Bühne kein feſtes Engagement hatte, der kam wenigſtens von Zeit zu Zeit hieher, um eine mehr oder minder ge⸗ lungene Gaſtrolle zu geben, die vielleicht ſpäter zu einer feſteren Verbindung führen konnte. Hier gab es auch Tiſche, um welche ſich ſeit langen Jahren die gleichen Familien verſammelten, in ihrer Lage bevorzugte Tiſche, die ſelbſt bei einem nächtlichen Ueberfall vor dem Feſte von einem kühnen Eroberer nicht hätten behauptet werden können, denn es würde der Reſtaurateur der Eintracht in's Mittel getreten ſein, oder der dienſt⸗ thuende Portier, um anfänglich auf eine zarte Weiſe darauf aufmerkſam zu machen, daß hier ein gewiſſermaßen durch — 190— Tradition geheiligter Grund ſei, und daß man ſich beim Beharren auf dieſem Platz genöthigt ſehen müſſe, die Tiſche zu entfernen. Es waren aber nur wenige und ſehr bedeutende Perſönlichkeiten, die ein ſolches Vorrecht in Anſpruch nahmen und von denen Derartiges geduldet wurde: der gegenwärtige Ausſchuß der Geſellſchaft und der ehemalige langjährige Vorſtand derſelben in der Perſon unſeres Bekannten, des Herrn Kanzleidirektors Schwebe⸗ ling, der heute noch wie eine alte zerſchoſſene Standarte bei beſonders feſtlichen Gelegenheiten aufgeſtellt oder mit vorgeführt wurde, wobei alsdann ein feuriger Redner der aufhorchenden Gegenwart die Verdienſte eines Mannes pries, der in vergangenen Zeiten das Staatsſchiff der Ein⸗ tracht nicht nur ſelbſt mit erbauen geholfen, ſondern auch durch gefährliche Klippen muthvoll in den ſicheren Hafen geſteuert, und von dem man in alle Zukunft noch reden werde, als dem Vater dieſer ſchönen Geſellſchaft, als dem Beförderer einer heiteren Geſelligkeit, dadurch als einem Wohlthäter der Stadt—„eben deßwegen, meine verehrten Herren und Damen,“ ſo ſchloß gewöhnlich der betreffende Redner,„beantrage ich ein weithinſchallendes Hoch für den ehemaligen Vorſtand und heutigen Ehrendirektor der Geſellſchaft!“ Dieſe Hochs waren allerdings nur ſaftige Brocken, welche der beſſeren Hälfte des Kanzleidirektors galten, die auch den größten Theil der Ovationen würdevoll für ſich ſelbſt in Anſpruch nahm. Wußte ſie es doch ſelbſt am Beſten, wer das Steuer des Geſelſſchaftsſchiffes eigentlich — 191— geführt, und mit kräftiger Hand geführt, ſo lange der Kanzleidirektor verantwortlicher Kapitän des Fahrzeuges war. Deßhalb neigte auch ſie ihr Haupt dankend nach einem ſolchen Toaſt und kaſſirte den beſſeren Theil für ſich ſelbſt ein, wobei ein eigenthümliches Lächeln um ihre harten Züge ſpielte. Nicht als ob ſie gerührt geweſen wäre von der Dankbarkeit dieſer hochanſehnlichen Verſamm⸗ lung— was Dankbarkeit!— oder durchdrungen von dem ſanften Gefühl, nicht vergeſſen worden zu ſein— was ſanftes Gefühl!— Sie lächelte, wie das ſtrenge Geſicht der Löwin vielleicht lächeln würde, wenn die zuſchauende Menge ſich furchtſam vor ihrem dräuenden Auge zurück⸗ zieht, ſich ſcheuend vor dem ſcharfen Gebiß, ſelbſt hinter ſchweren Eiſenſtangen— ſie lächelte, die Kanzleidirektorin nämlich, in dem Bewußtſein, gefürchtet zu werden, und das um ſo mehr, als zwiſchen ihrer ſcharfen Zunge und der ehrfurchtsvoll auf ſie blickenden Geſellſchaft keine ſchwe⸗ ren, ſchützenden Eiſenſtangen lagen. So thronte ſie auch heute wieder auf dem beſten Platz der großen Terraſſe an ihrem Tiſche, der faſt unter der Laſt der Geſchirre und Kuchen brach, ertheilte gnädigſt Audienzen, wobei ſie ſelbſt natürlicherweiſe nicht nur ſitzen blieb, ſondern nur in ganz beſonderen Fällen irgend Je⸗ manden einlud, ſich eines Plätzchens, vielleicht auch einer Taſſe Kaffee zu bedienen. Dabei ſandte ſie ihre Grüße, ihr mehr oder minder huldvolles Kopfnicken bis an die fernſten Tiſche hin, und man war ſo begierig darauf, durch eine cordiale Begrüßung zu zeigen, wie wohlgelitten — man bei Schwebelings ſei, daß ſtarre, ehrfurchtsvolle Blicke halbe Stunden lang hinüber ſchauten, bis der zündende Funke herüber kam, um das todte Grinſen in lebhaftes Kopfnicken zu verwandeln. Daß der Kanzleidirektor gleich zu Anfang nicht fehlte, war eben ſo ſelbſtredend, als daß er an der Seite der Gattin mit hin zum Garten der Eintracht zog, gefolgt von zwei erwachſenen Töchtern und einem etwas ſchlankel⸗ haften Sohne, der im Begriff war, die Univerſität zu be⸗ ſuchen, dort auch ſchon zu Ende des letzten Semeſters auf der Kneipe der glanzvollſten Verbindung als Gaſt debutirt und davon einen koloſſalen Rauſch mit nach Hauſe ge⸗ bracht hatte, ſowie als Ehrengeſchenk ein verſchwommenes buntes Band, das er nun ſtolz unter ſeiner Weſte trug, natürlich mit Bewilligung der ſonſt ſo geſtrengen Mama, die eine ſanfte Vorſtellung ihres Mannes dagegen mit den Worten abgefertigt hatte, es ſei viel beſſer, wenn die jungen Leute ſchon früh anfingen zu tollen, als wenn dies noch — im— ſpäteren— miferen— Alter— geſchehe! Sie hatte das mit einem Blick auf ihren zufällig anweſenden Schwager, den jetzigen Oberregierungsrath Löſer, geſagt, und war dieſer Blick ſo wuchtig geweſen, daß ſich ſelbſt der tugendhafte Kanzleidirektor ein klein wenig geduckt hatte. Ueber die beiden Fräuleins Schwebeling iſt nicht viel Bemerkenswerthes zu ſagen, und wenn wir ſie nicht dem geneigten Leſer ſchon zu Anfang dieſer äußerſt wahrhafti⸗ gen Geſchichte vorſtellten, ſo geſchah dieſes, weil noch keine Veranlaſſung dazu war, weil ſie in den früheren Tagen, —— ——— 193 von denen wir erzählt, noch kleine Kinder waren und ſich erſt ſeit zwei oder drei Ballſaiſons durch fahlblondes Haar, harten, röthlichen Teint und lange, knochige Arme bemerk⸗ bar machten, wodurch ſie ſich zugleich mit ihren kleinen, ſcharfen Augen und einer ſehr beweglichen Zunge als ziemlich gelungene Copieen ihrer Mutter darſtellten. Doch ſtrahlte von dem Glanze der letzteren immerhin ſo viel auf dieſe beiden jungen Damen, daß ſie ſowohl im Ballſaal als auch bei ſonſtigen Veranlaſſungen geſuchte Artikel waren und man ſie überall zuzog wie ſcharfes Gewürz zu irgend einer Speiſe, ſelbſt auf die Gefahr hin, damit nicht Jedermanns Geſchmack getroffen zu haben. Am Tiſche der Karnzleidirektorin befand ſich deren Schweſter, die jetzige Oberregierungsräthin Löſer, begreif⸗ licherweiſe ohne Gemahl, dem es ſeine Geſchäfte nicht er⸗ laubten, früher als in der ſpäteſten Nachmittagsſtunde zu kommen, um ſich hier oben, ehe er in eine andere Geſell⸗ ſchaft ging, unter den Töchtern des Landes ein Bischen umzuſchauen. Ja bei ähnlichen Veranlaſſungen war er ſchon ſo rückſichtslos geweſen, ſich zuerſt in den entlegenen Thei⸗ len des Gartens umherzutreiben, dort mit jungen Damen zu plaudern und erſt am Tiſche der Familie zu erſcheinen, nachdem ſeine Anweſenheit von den beiden Fräuleins Schwebeling entdeckt und triumphirend der achſelzuckenden Mama und der ſtill ſeufzenden Tante Löſer verkündigt worden war. An dem heutigen feſtlichen Tage, wo der ganze Gar⸗ ten beſonders ſtark beſetzt war, ſo daß junge Leute bei⸗ —— „ —— * — 194 derlei Geſchlechts ſchon genöthigt waren, ſich auf ſanft an⸗ ſteigenden Raſenplätzen maleriſch zu gruppiren, wo erfin⸗ dungsreiche Köpfe ſchon aus kleinen Fäßchen und Brettern Bänke improviſirt hatten, vor welchen eine Tonne den Tiſch vorſtellte, mußte es begreiflicherweiſe auffallen, daß der ſchöne Platz des Vorſtandes nicht nur unbeſetzt blieb, ſondern daß man auch Mitglieder deſſelben mit ihren Fa⸗ milien an Tiſchen von Bekannten bemerkte, was Madame Schwebeling ſchon ein paar Mal mit Kopfſchütteln gerügt hatte, dabei ſehr richtig bemerkend, daß ſie es ſehr unpaſſend finde, wenn man den Platz im Leben, der Einem durch höhere Anordnung angewieſen, unbenutzt laſſe! Ja, als der Kanzleidirektor, der auf Erkundigungen ausgeſchickt worden war, zurückkehrend meldete, der Vorſtand habe ſeinen Tiſch angeſehenen Fremden abgetreten, ſagte Ma⸗ dame Schwebeling:„Und wenn dieſe angeſehenen Frem⸗ den die Königliche Familie ſelbſt wären, ſo würde ich ſie gebeten haben, ſich mit meiner Geſellſchaft zu begnügen.“ „Zu begnügen,“ wiederholte der Kanzleidirektor, wobei er den leeren Tiſch mit einem unheimlichen Blick ſcheu von der Seite betrachtete; denn wer konnte wiſſen, welche Ge⸗ ſellſchaft da erſcheinen werde, und ob ſeine ſtrenge Gattin nicht, je nachdem dieſe Geſellſchaft war, auf die Vermu⸗ thung käme, als habe er als Ehrenvorſtand dabei irgend welchen Einfluß ausgeübt! Er ſchrak auch förmlich zu⸗ ſammen, als Madame Schwebeling fortfuhr:„Wenn dieſe angeſehenen Fremden nur nicht ſolche ſind, vor deren Nachbarſchaft ſich eine anſtändige Frau mit erwachſenen — 4190— gegeben, da wie auf einem Präſentirteller zu ſitzen, ſtatt mit einem beſcheidenen Winkel des Gartens anzufangen und ſich erſt nach und nach zu zeigen!— Wenn ich nur wüßte, wer die beiden Herren ſind, die ihr folgen— oh, gewiß hat ihre Tochter, der übertriebene Affe, das durch⸗ geſetzt— ach, mein Gott, wie viel Kummer wird uns dieſe Familie noch machen!— Aber es mag nun ſein, wie es will, wir müſſen der ganzen Geſellſchaft in's Geſicht ſchlagen und ſie freundlich, ja herzlich empfangen.“ „Freundlich, ja herzlich empfangen,“ ſagte Herr Schwe⸗ beling mit einem trüben Blicke, indem er ſeine Hände faltete. „Sie werden ſogleich kommen!“ flüſterte die ältere Tochter. Und daß etwas ganz Abſonderliches kam, bemerkte man jetzt an einer auffallenden Bewegung, welche die Geſellſchaft an den dort drüben ſtehenden Tiſchen mit einem Male ergriff. Man reckte die Hälſe empor und ſtreckte die Köpfe zuſammen, man ſchien geneigt zu ſein, vor lauter Erſtaunen mit den Flügeln zu ſchlagen und mit dem Schweife zu wedeln, man ſchien ſich etwas ſchnat⸗ ternd mittheilen zu wollen und es dann doch wieder klüger zu finden, abzuwarten, was die Frau Nachbarin ſagen würde, oder ſcheu und ſchweigend ſeitwärts zu blicken, bis das erſcheinende ganz Außerordentliche vorübergezogen ſei und bis man aus Aeußerungen erfahren, wie ſich die Nebenſitzenden darüber auslaſſen würden. Hackländer, Kainszeichen. III. 14 ——— ——————— 4 ——.. . ⸗ —————“ 2 ₰ 198— Nicht gar zu glimpflich, das war vorauszuſehen an manch entrüſtetem Blick tugendhafter Mütter und ſitten⸗ reiner, alter Jungfrauen, die in den ſchwierigſten Lagen ihres Lebens den Schein und den guten Namen zu retten gewußt hatten, und die es unbegreiflich fanden, als der Name der Ankommenden flüſternd von Mund zu Mund ging, daß eine Frau, die es niemals vermocht, ſehr ge⸗ gründete Verleumdungen niederzuſchlagen, ja die ſo wenig Achtung vor ihren liebenden Mitſchweſtern gehabt, um Solches nur zu verſuchen, eine Frau, die es nicht einmal der Mühe werth. gefunden hatte, in Sack und Aſche Buße zu thun für Verbrechen, die ſie nicht begangen— eine Frau, deren größter Fehler es war, heute noch ſchön und blühend auszuſehen wie vor langen Jahren— eine Frau, die— dem Himmel ſei es geklagt!— reich, frei und unabhängig geblieben war, ſo daß der Neid eine wohlbe⸗ gründete, kannibaliſche Freude haben mußte, ſich mit ihr zu beſchäftigen, eine Frau, die wenigſtens bis jetzt noch ſo viel Schamgefühl gehabt, um es ſelbſt unmöglich zu finden, ſich wieder öffentlich ſehen zu laſſen,— daß dieſe Frau die Frechheit hatte, gerade am feſtlichſten Tage der ſo ehrenwerthen Geſellſchaft Eintracht im hellen Sonnenlichte zu erſcheinen, und zwar mit ihrer Tochter, beide in helle, prachtvolle Seide gekleidet, eben ſo einfach als fein und elegant— in unſcheinbarer Toilette, wenn die Stoffe nicht gar ſo wundervoll geweſen wären! Und darin lag aber⸗ mals eine ſo empörende Heuchelei, daß anſtändige Frauen das Klügſte thaten, was ſie thun konnten, nämlich an den — — 199 tiefblauen Himmel hinaufſchauten oder hinab zum Butter⸗ brod und dem Kuchen auf ihrem Teller, wenigſtens ſo lange, bis ſie näher gekommen und vorübergeſchritten waren. Ehe dies aber geſchah, klang ein anderer Name flüſternd durch die Reihen, der Name des Herrn, welcher der Ma⸗ dame Bendel am Eingange des Gartens ſeinen Arm bot, um ſie durch die erſtaunten Reihen zu führen, ein Name von ſo gutem Klange, ſo überwältigend, ſo überraſchend in Verbindung mit dem Namen jener Frau, daß manches Gretchen einer Freundin hätte zuflüſtern mögen:„Nach⸗ barin, euer Fläſchchen!“ Ja, es war kein Zweifel mehr, es konnte keine Täu⸗ ſchung ſein, die Sonne ſchien zu hell, um nicht Alles im ſchärfſten Lichte zu ſehen: Es war der wohlbekannte, hoch⸗ achtbare, würdige Obermedicinalrath Doktor Werner, an deſſen Arm Madame Bendel, freundlich lächelnd, daher kam,— bei deſſen Anblick jedes Geflüſter plötzlich ver⸗ ſtummte, eine tiefe Stille erzeugend, wie ſie einem Um⸗ ſchlage des Wetters voranzugehen pflegt!— Es war jener Mann, deſſen hartnäckiges Schweigen bei dem plötzlichen und ſeltſamen Tode des alten Herrn Bendel, ſeines lang⸗ jährigen Freundes, ſo vernichtend für den Ruf der Wittwe gewirkt hatte; es war der beliebteſte und geprieſenſte Arzt der Stadt, der Troſt ſo vieler Familien, der Freund in ſchweren Zeiten, der, in allgemeiner Achtung ſtehend, durch ſein plötzliches Wegbleiben vom Bendel'ſchen Hauſe, wo⸗ von faſt Jedermann Kenntniß nahm, deutlich bewieſen hatte, er wolle mit jener Frau ferner Nichts mehr zu thun — 200— haben, und der nun dieſe Frau begleitend, ja auf's Freund⸗ ſchaftlichſte führend, mit einem Male hier vor aller Augen erſchien. Und daß er ſich ein Vergnügen daraus mache, ſah man an ſeiner heiteren Miene, an dem freundlichen Lä⸗ cheln, wenn er zu ſeiner Begleiterin ſprach, ja an der Art und Weiſe, wie er näheren Bekannten zunickte, auch wohl hier und da einen Augenblick plaudernd ſtehen blieb, wenn ein guter Freund heran eilte, um ihm die Hand zu drücken. Es gab wirklich ſolche muthvolle, gute Freunde, kluge Charaktere, die in den gränzenlos erſtaunten Blicken ihrer beſſeren Hälfte einen plötzlichen Umſchwung leuchten ſahen, und die ſich nicht geirrt hatten, denn ſchon beim dritten und vierten Tiſche, den der Obermedicinalrath paſſirte, erhoben ſich ſelbſt achtbare Damen, welche der Madame Bendel früher näher geſtanden, und drückten ihre Freude aus, ſie ſo wohl und heiter wiederzuſehen. Man kann ſich denken, mit welch' unbeſchreiblicher Spannung die Kanzleidirektorin dem Allem zuſchaute. Schon ehe ſie den Obermedicinalrath erkannt, hatte ſie ſich, über ihren gefaßten Entſchluß erfreut, gewaltſam gezwungen und ſich mit einem freudeſtrahlenden Geſichte erhoben, um der Schweſter entgegenzugehen, hatte aber vorher den jungen Herrn Schwebeling zur Muſiktribüne dirigirt— der junge, hoffnungsvolle Student kannte den Kapellmeiſter— und ihm den Auftrag gegeben, einen rauſchenden Marſch er⸗ ſchallen zu laſſen, der die erwartungsvolle Stille unter⸗ brach, ſo die Gedanken ein wenig ablenkend. Und als ſich nun die beiden Paare dem leeren Tiſche näherten, brauſte die Muſik mit den Klängen des Hochzeitmarſches aus dem Sommernachtstraum daher, herrliche Töne, die nie verfehlen, in jugendlichen Herzen angenehme, ahnungs⸗ volle Gefühle hervorzurufen. Wie ein friſcher Morgen⸗ hauch halfen ſie auch hier dazu, die aufſteigenden, trüben Nebel zu verſcheuchen. Alles nahm in kurzer Zeit wieder ſeinen gewöhnlichen Verlauf, die Kaffeetaſſen klirrten, Teller klapperten, Gläſer klangen, das junge Volk trieb ſich zwi⸗ ſchen den Tiſchen und unter den grünen Bäumen umher, ſuchend und findend, anziehend und abſtoßend, flatternd von Blume zu Blume, ſcheu bald hier⸗ bald dorthin eilend oder geduldig ſtillhaltend mit geſenktem Köpfchen, um dann lachend und plaudernd wieder umherzuwirbeln gleich zahl⸗ loſen bunten Schmetterlingspaaren. Aeltere Damen und Herren begannen das Ereigniß und häufig ſehr ruhig und vernünftig zu beſprechen; es war in der That ein großer Umſchlag eingetreten, denn es lag auf der Hand, daß all' das Gerede über Madame Bendel jedenfalls ſehr übertrieben geweſen war. Wer hatte nicht ſchon Aehnliches erduldet und geleiſtet und wer mochte, ſelbſt wenn jene Frau ſich in ihrer Jugend etwas hatte zu Schulden kommen laſſen, den erſten Stein auf ſie werfen? Jedenfalls mußten Unbefangene und ver⸗ nünftig Denkende den ſchützenden Schild anerkennen, den der Obermedicinalrath über ſie deckte und an dem die Verleumdung machtlos abprallte. Zuletzt beſchäftigee man ſich noch am Eifrigſten mit dem Begleiter des Fräulein Bendel, welchen Niemand kannte, der aber ein junger, hübſcher und eleganter Mann war. Vielleicht eine Brautſchaft, meinten ältere junge Damen, die gemeiniglich für ſo etwas ein außerordent⸗ liches Ahnungsvermögen haben und ſolches oft bis zur Hellſeherei ſteigern. Auch Madame Schwebeling hatte den jungen Herrn, der Eliſe begleitete, nachdem ſie ihre liebe Nichte mit einer rührenden Herzlichkeit auf die Stirn geküßt, fragend an⸗ geſehen. Sie machte eine äußerſt freundliche Verbeugung, als Madame Bendel in dem Fremden den Herrn Baron von Dallenbach vorſtellte, ſah alsdann ihre Schweſter Adeline mit einem nicht zu mißkennenden ſchlauen Blicke an, worauf dieſe aber leicht den Kopf ſchüttelte und hin⸗ zuſetzte:„Ein Bekannter des Herrn Obermedicinalraths, deſſen Bekanntſchaft wir vor einer Stunde gemacht.“ Die beiden jungen Fräuleins Schwebeling, von der Mama zu einem ausſchweifenden Entgegenkommen gegen ihre Couſine veranlaßt, hatten Selbſtverleugnung genug, dies in aufopferndſter Weiſe zu thun. Wir ſagen in auf⸗ opferndſter Weiſe, denn wenn man ſie neben Eliſe gehen ſah, ſo erſchienen ſie wie ein paar Gänſeblümchen neben einer ſchlanken weißen Roſenknoſpe, was indeſſen, wie ſie ſich tröſtend zuflüſterten, wohl an dem übertriebenen An⸗ zuge der reichen Couſine lag.— Ihre Mutter würde es nie geduldet haben, daß ſie ſich mit ſo lang herabhängen⸗ dem, allerdings natürlich ſchön gelocktem, prachtvollem, — 203— blondem Haare ſehen ließen, und dann wäre ein Kleid von dieſer zarten Lilafarbe jedenfalls weit paſſender für einen Ballſaal geweſen, als hier im Garten! Doch ließen ſie ſich von dieſen Gedanken durchaus nichts merken, ſon⸗ dern nahmen Eliſe in die Mitte, zeigten ihr den Garten, führten ſie bei Bekannten ein und waren uneigennützig genug, junge Herren, die ſich ihres näheren Umgangs erfreuten, zu veranlaſſen, ſich der ſchönen, blaſſen Couſine zu nähern. Auch der junge Herr Schwebeling begleitete die Damen mit der liebenswürdigſten Bereitwilligkeit und ohne dadurch irgend ein Opfer zu bringen. Er fand Eliſe, die er früher nur wenig und flüchtig geſehen, heute ganz charmant und wunderſchön, was er ihr auch auf Cerevis mit edler Offen⸗ herzigkeit erklärte, ja, er nahm ſich vor, von nun an der Couſine ernſtlich den Hof zu machen, vielleicht ein kleines Verhältniß anzuſpinnen, und da er ein junger Mann von vieler Phantaſie war, ſo ſah er ſich ſchon auf ſeiner klei⸗ nen Kneipe in der Univerſitätsſtadt ſitzend und einen Brief vielleicht mit den Worten beginnend:„Nach einer durch⸗ ſchwärmten Nacht, geliebte Eliſe, tritt dein heiß erſehntes Bild glühend vor meine dürſtende Seele“— er wußte es aus Erfahrung, wie wirkſam dergleichen auf ſchwache Mädchenherzen war. Auch der Freiherr von Dallenbach hätte ſich gern in der Geſellſchaft der jungen Leute den Garten angeſehen, nicht als ob ihm an dieſem Garten oder an den Schwebe⸗ ling'ſchen Sprößlingen etwas gelegen geweſen wäre, im —— rn— — 7. 4. — 3 — 204— Gegentheil, er hätte ſie lieber gar nicht geſehen, um mit dem intereſſanten, bleichen Mädchen, deren ſchöne träume⸗ riſche Augen einen großen Eindruck auf ihn gemacht hatten, allein unter den dunklen Bäumen zu wandeln! Doch war an ſo etwas vor der Hand nicht zu denken, auch hatte ihn der Obermedicinalrath erſucht, in der Nähe zu blei⸗ ben, da er ihm gelegentlich einige Bekannte vorſtellen wolle, und endlich mußte er ſich geſtehen, daß er lange keine ſo ſchöne, liebenswürdige Frau geſehen, als Madame Bendel, an deren Seite er ſaß und von welcher er nur nicht begreifen konnte, daß ſie die echte Schweſter jener alten knochigen Dame war, mit der ſpitzigen Naſe und den grauen, ſcharfen Augen, welche die Befähigung zu haben ſchienen, Einem bis in's innerſte Herz ſehen zu können, was ihm gerade nicht ſehr angenehm geweſen wäre, da ihm Alles daran gelegen war, hier in einem glänzenden Lichte zu erſcheinen. Da er ſich nun zu dieſem Zwecke alle Mühe gab, geiſtreich und liebenswürdig zu erſcheinen, ſo war er bei ſeiner gewöhnlichen nervöſen Unruhe von einer Beweglich⸗ keit, einer Zungenfertigkeit, ja, einer ehrfurchtsvollen Er⸗ gebenheit auch gegen die Kanzleidirektorin, daß Herr Schwebeling, dem der Herr Baron nicht übel gefiel, mit Vergnügen ſah, wie ſeine geſtrenge Frau gar nicht darauf zu achten ſchien, daß er zuweilen kleine Excurſionen in die Umgegend machte, um in einem heimlichen Winkel am Buffet einen Stehſchoppen zu nehmen und hier, das An⸗ genehme mit dem Nützlichen verbindend, die runde Kellnerin, -— 205— welche dem Herrn Vorſtand noch von früher her recht ge⸗ neigt war, verſtohlen in die rothen Backen zu kneifen. Jedes Thierchen hat ſein Plaiſirchen, und es war dem armen Kanzleidirektor wohl zu verzeihen, wenn es ihn einmal auf ſo viele Knochen nach etwas Fleiſch gelüſtete, ging doch hier Jeder, ſo gut wie möglich, ſeinem Ver⸗ gnügen nach, und es iſt ein ſchätzenswerthes Sprüchwort, daß auch ein alter Schlachtgaul mindeſtens ſeine Ohren ſpitzt beim Schmettern der Trompeten. Der gute Obermedicinalrath, um deſſen Geſellſchaft man ſich ſchon zu gewöhnlichen Zeiten und ohne jede ſonſtige Veranlaſſung ſehr bemühte, war heute ein ſo außerordentlich geſuchter Artikel, daß man in der Nähe des Tiſches, wo er ſich zufällig für ein paar Augenblicke niederließ, förmlich Queue machte, um einen flüchtigen Händedruck anzubringen und wenigſtens den Verſuch zu machen, ihn in den Kreis der Seinigen zu ziehen,— um — um— nun um— ihn für eine kleine Minute bei ſich zu ſehen, mit ihm zu plaudern— vielleicht auch zu erfahren— wie und warum? „Ach,“ ſagte eine dicke verwittwete Staatsräthin bei einer ſolchen Veranlaſſung, mit einem gerührten Blick gegen den Himmel,„wenn das mein lieber Seliger erlebt hätte, auch ein genauer Freund von dem lieben Bendel, wie Sie, Herr Obermedicinalrath— ja, wenn er das mit angeſehen hätte— nun, er thut's vielleicht von droben,“ unterbrach ſie ſich ſelber, indem ſie nach ihrem Schnupf⸗ tuche langte—„ja, glauben Sie mir, Herr Obermedicinal⸗ — — 206— rath, es ſtieß mir ordentlich ein Schluchzer auf, als ich Sie vorhin kommen ſah mit der armen Frau Bendel!— Und wie ſie noch hübſch ausſieht, wirklich gut conſervirt, und das macht nicht blos die Toilette, obgleich ſie ſich auf's Anziehen verſteht! Und wie ſich ihre liebe Tochter gemacht hat, das ſchwächliche Kind iſt ja zu einem hüb⸗ ſchen jungen Mädchen herangewachſen! Ja, wenn man ſolche Freunde hat, wie der Herr Obermedicinalrath, da läßt ſich ſchon was Rechtes machen und durchſetzen!“ „Gewiß, Frau Staatsräthin, aber um mich zum guten Freunde zu haben, muß man eben auch was Rechtes und Gediegenes ſein, wie es hier der Fall iſt.“ Damit empfahl er ſich und ging an den Tiſch zurück, wo er den Freiherrn von Dallenbach gelaſſen hatte, den er nun mit ſich nahm, um ihn einigen Bekannten vor⸗ zuſtellen, wobei es dem Freiherrn nicht darum zu thun war, Standesgenoſſen kennen zu lernen, deren es auch hier genügend gab unter den Beamten und unter den Offizieren. Er äußerte vielmehr den Wunſch, Geſchäftsleuten präſentirt zu werden, beſonders einigen bedeutenden Ban⸗ quiers, da er es nun einmal nicht laſſen könne, wie er lächelnd verſicherte, ſeine Zeit mit nützlicheren Dingen zu verbringen, als mit Reiten, Fahren und Jagen, und da er die Leidenſchaft habe, ſich beſonders für die Lage des großen Geldmarktes zu intereſſiren. Auch entwickelte er darin eine ungemeine Geſchäftskenntniß, wie Doktor Werner Gelegenheit hatte, ſpäter in Geſprächen, welche der Freiherr von Dallenbach mit den Betreffenden führte, zu bemerken. — 207— Unterdeſſen nahm der feſtliche Tag ſeinen Verlauf, wie er im Programm vorgezeichnet war, die Muſik ſpielte ihre Nummern unter großem Beifall und Volkslieder wurden hier und da mit friſchen Stimmen begleitet, während ſich bei luſtigen Tanzweiſen zuweilen auf dem Raſen kleine Quadrillen bildeten. Auch that der große Luftballon, der ſpäter unter den Klängen der Volkshymne aufſtieg, in ſo fern mehr als ſeine Schuldigkeit, als er ſich nicht nur pfeilgeſchwind und ſehr gerade in die ſtille, etwas ſchwüle, ja, drückende Luft erhob, ſondern in ſchwindelnder Höhe zum großen Vergnügen der Kinderſchaar plötzlich einen Purzelbaum machte und in lodernden Flammen auf— ging. Dabei hatten ſich begreiflicherweiſe alle Blicke aufwärts erhoben, und wenn auch der Himmel im Zenith noch in wunderbarer Bläue ſtrahlte, für die leichtſinnigere Jugend einen klaren Abend verſprechend, ſo ſahen doch bedächtige Mütter und ernſte Väter— letztere vielleicht, weil ſie ſich nach einem guten Glaſe Wein in irgend einem ſtillen Wirthshauſe ſehnten—, daß die Bläue des Himmels in ſo fern etwas Trügeriſches hatte, als ſie jetzt erſchien wie durch einen leichten, feinen Schleier, der ſich am Hori⸗ zonte, beſonders gegen Oſten, unverkennbar zu einer grauen Wolkenſchicht verdichtete, wo ängſtliche Gemüther von Zeit zu Zeit ſogar ſchon etwas zu bemerken glaubten wie zuckendes Wetterleuchten. Doch verſicherten Kundige, es ſei das nichts weiter als durch die Hitze des Tages zu⸗ ſammengezogene Elektrizität, wie auch ſchon geſtern und vorgeſtern da geweſen, und ſei für die heutige Nacht durch⸗ aus nichts zu beſorgen.. Es wäre aber auch unverzeihlich von dem Wetter ge⸗ weſen, den Schluß des ſchönen Tages, den ein Feuerwerk krönen ſollte, zu verderben. „Davor braucht man keine Befürchtung zu haben,“ ſagten junge Leute, die ſich ſchon den ganzen Nachmittag auf die kurze, dunkle Stunde während des Feuerwerks ge⸗ freut hatten, ja, die ſchon eifrig bemüht waren, ſich den Beſitz von Tiſchen und Stühlen auf der Terraſſe am Fluſſe, wo das Feuerwerk abgebrannt werden ſollte, zu ſichern, zum Schutze für zaghafte junge Damen, oder um ſehnlich gewünſchte erhöhte Standpunkte für dieſelben zu V gewinnen. 4 Kleine Mädchen und Knaben umſtanden mit aufmerk⸗ ſamen Mienen den Feuerwerksplatz, um das Befeſtigen der koſtbaren Feuerräder und Sonnen anzuſehen, ſo wie das Aufhängen der Raketen; auch Feuertöpfe waren da — und Schwärmerkäſten in fabelhafter Größe, und ſchließlich ſollte ein koloſſales lateiniſches E den Namen der Eintracht in Brillantfeuer über die Stadt hinleuchten laſſen. Wenn nur nicht von Zeit zu Zeit ein leichter, leiſe ſeufzender Windhauch die höchſten Wipfel der Bäume ſanft V bewegt und dadurch wiederum Veranlaſſung gegeben hätte, daß ängſtliche Blicke die graue Wolkenſchicht am Horizont auf's Sorgfältigſte unterſuchten, daß man ſich hier und da 4 Befürchtungen zuflüſterte und es vielleicht doch für rathſam hielt, allmählich zuſammenzupacken, um zuerſt Porzellan 209— und Glaswerk und dann ſich ſelbſt in Sicherheit zu bringen! Doch gingen dergleichen unnöthige Beunruhi⸗ gungen meiſtens, ja faſt immer von ſolchen aus, die in Oppoſition lebten mit dem Project des Neubaues in der Stadt, und die es gar zu gern geſehen hätten, wenn das Feſt wieder einmal durch einen ſoliden Gewitterregen ver⸗ dorben worden wäre, während die andere Partei, die ein ſchützendes Obdach im Garten der Eintracht für unnöthig erklärte, ihre feſte Ueberzeugung ausſprach, daß man wie⸗ der in bekannter Abſicht einen falſchen Lärm ſchlüge und daß das Wetter nie ſicherer und zuverläſſiger geweſen ſei, als am heutigen Abend. Dieſe Letzteren hatten allerdings bei ähnlichen Veranlaſſungen ſchon ein ganz unverdientes Glück gehabt und es waren plötzliche Regengüſſe meiſtens erſt dann gekommen, wenn man nach Gartenfeſten ſchon zu Hauſe war, zum Schaden nur für langweilige Nach⸗ zügler, denen es ja auch in dieſem Falle Nichts genutzt haben würde, wenn im Garten das prachtvollſte Lokal geweſen wäre. Doch bekümmerten ſich überhaupt nur die älteren Ge⸗ ſetzten und Sitzenden um die gute oder trübe Laune des Himmels, während das jüngere, leichtſinnige Volk durch⸗ aus keinen Begriff davon zu haben ſchien, wie ſchwer eine gute Toilette wieder zu erſetzen ſei, ja es unter gewiſſen Bedingungen ſogar als einen letzten und ebenfalls amu⸗ ſanten Akt des Feſtes betrachtete, ein klein wenig naß zu werden, ſich vielleicht ſorgfältig in einen Plaid wickeln zu laſſen oder zu Zweien und Dreien einen Sonnenſchirm —— 4 — 210— als Regendach zu benützen. Alle die funkelnden Augen der jungen ſchönen Mädchen blickten deßhalb auch luſtig und heiter in das lebhafte, glänzende Gewühl, und wo von den jungen Herren hier und da einer war, der ſin⸗ nend und mit düſterem Blicke, vielleicht die Hand in den Buſen verſteckt, auf die Wolkenſchicht ſchaute, die nun auch im Weſten den Horizont in einem ſchmalen Streifen um⸗ ſäumte, während die goldglänzende Sonne langſam ver⸗ ſchwand— ihre letzten Strahlen herüberſendend—, da war es mehr das Bild dieſer ſinkenden Sonne, was ihn traurig bewegte, und er klagte vielleicht in ſchmerzlich richtiger Gedankenverbindung: Zwei Angel im Teich, Zwei Fiſche im See, Mei Liebſchaft geht unter, Kommt nimmer in d' Höh'. Hatte ſie doch den ganzen Nachmittag keine Augen für ihn gehabt, ja, ihn vollkommen als Luft behandelt, hatte ſie doch mit jenem faden Lieutenant ſchön gethan und dann ſein Herz ſo eben gänzlich zerriſſen, denn, als er mit einem beziehungsweiſen Seufzer gegen die ſinkende Sonne und mit einem düſteren Blick auf ſie geſagt:„Ich möchte hingehen wie das Abendroth,“ hatte ſie ihm lachend erwiedert:„Thun Sie das und grüßen einen meiner lieben Sterne.“ Ha, die Treuloſe! Dabei hatte ſie den Sternen auf den Epauletten des faden Lieutenants einen zärtlichen Blick ————— ———— 211— gegönnt und war davon gehüpft, ihn zurücklaſſend— ſo mutterſeelenallein! Auch der junge Herr Schwebeling hatte ähnliche An⸗ wandlungen und guten Grund dafür, denn da er ſich ein⸗ mal feſt vorgenommen hatte, die ſchöne, blaſſe Couſine mit ſeiner Liebe zu beglücken, dies auch ſo deutlich an den Tag legte, als es ſein junges Gymnaſiaſtenherz vermochte, ſo hätte er füglich erwarten können, daß ſie ſich mit ſeinen zarten Anſpielungen, Reden, ſowie mit den ſinnigen Citaten aus den Werken deutſcher Dichter und mit ſeinen ſüßen Blicken begnügt hätte, was ſie aber nicht that, wie ſie überhaupt keine Ahnung davon zu haben ſchien, welche Gefühle ſein Herz bewegten, und ihn jetzt beinahe veran⸗ laßt hätten, in Heine's Manier laut weinend zu ihren ſüßen Füßen niederzuſtürzen, um gleich darauf, frei nach Schiller, der Brüder wilde Reih'n zu fliehn, um fern ab⸗ ſtehend mit düſterem Blick an den Nägeln kauend, unter gränzenloſem Schmerze die Wahrnehmung zu machen, daß ſie ihn durchaus nicht vermiſſe und auch nicht ein einziges Mal nach ihm umſchaue. „Fluch den Weibern!“ knirſchte der junge Herr Schwe⸗ beling und beſchloß, noch weiter rückwärts zu fliehen, dort⸗ hin, wo an der Gartenmauer die letzten Bäume ſtanden und wo er ſeinen Schmerz ungeſehen konnte austoben laſſen, was ihm aber gleich darauf wieder ſo unmännlich und feige vorkam, daß er ſich auf dem Abſatz umwandte, ihr nacheilte und ſie drunten auf dem Feuerwerksplatze gerade noch zur rechten Zeit erreichte, als jener unanſtän⸗ 2 dige Kerl, der Baron von Dallenberg oder Dallenbach, wie er hieß, auf ſeine unausſtehlich fade, tänzelnde Art mit den widerwärtig hüpfenden Bewegungen und dem Herumſchlenkern der Hände an ihre— des heiß geliebten Mädchens Seite trat und mit ihr dahinwandelte, entgegen dem goldbeſtrahlten, weſtlichen Abendhimmel, deſſen Reflex eine ſo unausſprechlich zarte Roſenglut auf ihre ſüßen, edlen Züge hauchte. So ungefähr hätte er zu ihr geſprochen, wenn er jetzt gerade an ihrer Seite geweſen wäre, und nun mußte er dieſen tief poetiſchen Gedanken hinunter würgen, da ein Anderer— ein Anderer ihre volle Aufmerkſamkeit zu feſ⸗ ſeln wußte!—„Und wer iſt denn dieſer Andere?“ ſagte er unter Zähneknirſchen, ſeine Sehkraft ſo anſtrengend, daß die Augen faſt aus ihren Höhlen hervortraten, als er mit vorgeſtrecktem Halſe zu ihr hinüberſtierte,—„wer iſt der andere Unbekannte?“ Der verhaßte, geckenhafte Frei⸗ herr ſtand eben ſo verblüfft da, wie der junge Herr Schwebe⸗ ling, als Fräulein Eliſe ihn plötzlich ſtehen ließ und auf einen Mann zueilte, der, an der Terraſſenbrüſtung über dem Fluſſe lehnend, die rechte Hand dort aufgeſtützt hatte und hinüber ſchaute gen Weſten, wo die Sonne hinter dunſtigen Schleiern wie eine tiefroth glühende Kugel eben verſank, die aufflatternden Nebelgewänder entzündend, daß ſie in rieſiger Lohe hoch an dem Himmel hinaufſchlugen. — Ja, zu dieſem Herrn war Fräulein Eliſe nicht nur hingeeilt, ſondern hatte auch, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm gelegt, worauf 213— er ſich raſch wendend unter dem Ausdruck der Ueber⸗ raſchung eine haſtige Verbeugung machte und dann ehr⸗ furchtsvoll ihre Rechte ergriff, die ſie ihm entgegenſtreckte. Ja, er führte dieſe kleine Hand an ſeine Lippen, und als er das that, griff der junge Herr Schwebeling in raſender Eiferſucht an die ſämmtlichen Taſchen ſeines Rockes, auch die der Weſte nicht vergeſſend, um ſich zu vergewiſſern, daß er nicht zufällig einen Dolch oder einen Revolver bei ſich habe, um ſogleich blutige Rache zu nehmen— blu—ti—ge— Ra-—che! Doch fand er glücklicherweiſe nichts Spitziges oder Schneidendes, als einen gebrauchten Zahnſtocher, den er, um nicht doch noch in Verſuchung zu kommen, verächtlich bei Seite warf. Der Herr Baron von Dallenbach, als ruhiger bedäch⸗ tiger Mann, nahm dieſe ſonderbare Erkennungsſcene ſchon anders auf und wandte ſich mit der Frage, ob dies viel⸗ leicht ein Verwandter ſei, an die Schweſtern jenes unglück⸗ lichen Jünglings. Doch mußten ſie das achſelzuckend und ſelbſt einiger⸗ maßen überraſcht verneinen und waren erſt im Stande, ihre Neugier zu befriedigen, als Eliſe, nach einigen Mi⸗ nuten zurückkehrend, ſagte, es ſei ihr Klavierlehrer geweſen. Dann ſetzten ſie ihren Spaziergang fort, mit Aus⸗ nahme des Klavierlehrers und des jungen Herrn Schwe⸗ beling, welch' letzterer, hinter dem Stamme einer dicken Kaſtanie verborgen, deutlich ſah, wie der beglückte Neben⸗ buhler mit den Blicken der eniſchwebenden herrlichen Hackländer, Kainszeichen. III. — 214— Mädchengeſtalt folgte. Herr Schwebeling junior war von finſteren, blutdürſtigen Gedanken bewegt und faßte den feſten Vorſatz, dieſen Herrn heute Abend nicht mehr aus den Augen zu laſſen. Dies war indeſſen nicht ganz leicht auszuführen, da ſich bei dem nun ganz bedeckten Himmel die Dämmerung ſehr raſch einſtellte und bald in den dunklen Abend überging. Hier auf der Terraſſe am Fluſſe, wo das Feuerwerk abgebrannt werden ſollte, war es indeſſen ſchon leerer ge⸗ worden und die noch immer ſehr zaͤhlreiche Geſellſchaft hatte ſich mehr in den obern Theil des Gartens in die Nähe der Reſtauration zuſammengezogen, theils um von hier aus das zu erwartende Schauſpiel beſſer überſehen zu können, theils aber auch, um für den Fall des herein⸗ brechenden Wetters wenigſtens den Verſuch zu machen, ein ſchützendes Obdach zu erreichen. Es war inzwiſchen ſchon ſo finſter geworden, daß man nicht mehr im Stande war, deutlich zu ſehen, wie ſchwere Wetterwolken den Himmel mit ſeinen Sternen bedeckten, und ob dieſe Wetterwolken, wie es kurz vor einem Gewitter wohl der Fall, in ſtürmiſcher Eile daherzogen. Daß aber Letzteres wohl der Fall ſein mochte, bemerkte man an einigen ſcharfen Windſtößen, welche die Wipfel der Bäume ſchüttelten und ſelbſt die Gasflammen in ihren gläſernen Häuſern zuweilen leicht erzittern machten. Doch waren dergleichen Anzeichen raſch vorübergehend und dann herrſchte wieder eine ſolche Ruhe, eine ſolche Stille in der Natur, daß man verwundert war, nicht den klaren Nachthimmel — 2415— über ſich zu erblicken mit ſeinen freundlichen, funkelnden Sternen. Alte Praktiker kannten und verſtanden wohl dieſe Ruhe vor dem Sturm, und wenn ſie doch ruhig bei ihrer Wein⸗ flaſche ſitzen blieben, ſo geſchah das im Vertrauen auf das Glück der Geſellſchaft Eintracht, welches Glück ſich ſchon ſo oft bei Gartenfeſten erwieſen und deßhalb auch das Verlangen lächerlich und unnöthig erſcheinen ließ, hier einen großen Saal erbauen zu wollen, ſtatt alle Mittel zu einem ſoliden und pompöſen Steinbau in der Stadt zu verwenden— Unſinn— den die Generalverſammlung glücklich beſeitigt! Aber auch von der anderen Partei blieb eine große Menge trotzig bei dem Schoppen ſitzen, faſt herausfordernd den Himmel betrachtend oder dem Winde lauſchend, wenn er ſauſend und ſtöhnend durch die dichten Laubmaſſen fuhr.— Abwarten wollen wir es dieſesmal, um gründ⸗ lich zu beweiſen, wie nothwendig, ja wie ſogar vom An⸗ ſtande bedingt die Forderung eines großen Lokals für den Garten iſt! Und ſo wurde auch hier oben die Frage über den ſtolzen, theuren Steinbau in der Stadt gegenüber einem beſcheidenen, aber genügenden Lokal aus Fachwerk hinüber und herüber erörtert, wobei es unverkennbar war, daß ſich die, welche für das Fachwerk ſchwärmten, immer näher und näher gegen die kleine Reſtauration hinzogen, um bei einem allenfallſigen Regen die hartherzigen Steinmenſchen auszuſchließen. — 216— Ein Tiſchrecht wurde überhaupt nicht mehr geachtet, und alte mürriſche Damen, die vielleicht zu Zweien den ganzen Nachmittag über Plätze für zwölf niemals erſchei⸗ nende Freunde oder Verwandte hartnäckig und biſſig ver⸗ theidigt hatten, dabei ein mitgebrachtes Butterbrod zu fri⸗ ſchem Quellwaſſer genießend, mußten ihre Feſtung von jungem, naſeweiſem, unbedeutendem Volke mit Sturm einnehmen ſehen und an einer der Ecken der Bank dicht zuſammenrücken, kläglich anzuſchauen, wie ein Paar krank gewordene Inſeparables. Da krachten einige Kanonenſchläge raſch nach einander und es war gerade, als hätte das argliſtige Gewitter nur auf dieſen Augenblick gewartet, um einen erſten rollenden Donner mit dem Echo in den Bergen zu vermiſchen und ſo ziemlich unvermerkt heranzuſchleichen. Ja, als dann ziſchende Raketen aufſtiegen, ſich oben zierlich neigten, far⸗ bige Sterne ausſpieen und zuckende Schwärmer, gab es der Feuerlinien ſo viele an dem dunklen Nachthimmel, daß die leuchtenden Blitze gar nicht mehr geſehen wurden. Auch war faſt Jeder mit dem Feuerwerk zu ſehr beſchäf⸗ tigt oder auf ſonſtige Art in Folge davon erregt und be⸗ geiſtert, daß er auf Nichts mehr achtete, als auf die ſprü⸗ henden Feuerkörper und deren Widerſchein in glänzenden Mädchenaugen. Glückſelige Stunden, wenn bei einem ſolchen Feuer⸗ werk in finſterer Nacht die Muſik beziehungsreiche Weiſen ſpielt, wenn ſie die erſte ſchüchterne Annäherung unſe⸗ rer Hand an ihre kleinen Finger nicht verſtehen will, 217 uns aber ſpäter vor Glück aufjauchzen macht bei dem ſüßen: Mädle ruck, ruck, ruck An meine rechte Seite— oder Ach wie wär's möglich dann, Daß ich dich laſſen kann!— Solch' angenehme Gefühle waren es übrigens keines⸗ wegs, die das ſchmerzerfüllte Herz des jungen Herrn Schwebeling bewegten, wenn er, ſtatt auf das Feuerwerk zu ſchauen, auf jene dunkle Baumgruppe blickte, allerdings dicht neben dem Tiſche ſeiner Frau Mama, wo Eliſe ſich unter dem Schutze der beiden Schweſtern befand, aber offenbar ſuchend ihre Blicke umherſandte und jetzt, als ein praſſelnd explodirender Schwärmerkaſten Alles auf Sekun⸗ den taghell erleuchtete, durch ein glückſeliges Lächeln, ja durch eine leichte Neigung mit dem Kopfe anzeigte, daß ſie gefunden, was ſie geſucht— ha, er wieder!— der vor der Terraſſe!— ganz nahe ſtehend und Miene machend, noch näher vorzugehen! Und dazu ſpielte die miſerable, verrätheriſche Muſik: Warum biſt du ſo ferne, o mein Lieb, o mein Lieb— während er wie Othello hätte hinausbrüllen mögen: Ha, die Falſche ſoll erbleichen, dann fließe ſelbſt mein Blut! wobei er ſich bereit machte, mit Energie herbei zu ſtürzen, ſowie Jener noch näher kommen würde. Zum Beobachten hatte ſich der junge Herr Schwebe⸗ — 218 ling übrigens einen vortrefflichen Standpunkt gewählt auf einer Bank in der Nähe eines ſchützenden Baumes, was nothwendig war, um ſich Nichts von den Bewegungen der Falſchen entgehen zu laſſen, denn ſie hatte verrätheriſcher Weiſe ihr helles Seidenkleid unter einem dunklen Burnus mit Kapuze verborgen oder war vielmehr von der ſorg⸗ ſamen Mutter darein gehüllt worden. Doch galt ihm das gleich: Tante Bendel war ſchon die Frau, bei dergleichen Schlichen behülflich zu ſein, und als ihr Eliſe etwas zu⸗ geflüſtert, hatte ſie raſch nach der Richtung geblickt, wo ſich jener Fremde befand,— ihr Klavierlehrer, wie ihm die Schweſtern vertraut— deſto ſchlimmer! Er wußte wohl, was es mit ſolchen klavierlehreriſchen Verhältniſſen auf ſich habe, und wenn ihn auch die Liebe zu der ſchönen, blaſſen Couſine nicht zur Achtſamkeit angeſpornt hätte, ſo doch das Bewußtſein, die Ehre der Familie zu retten. Wie ſauſte jetzt die prächtige Raketengarbe in die Höhe, hundert Feuerlinien auf einmal, großartig, majeſtätiſch, droben ein rieſenhaftes Beet bunter, glitzernder Blumen⸗ ſterne entzündend!— Unwillkürlich ſchaute er ebenfalls hinauf, dabei feine aber ſcharf daherfliegende Regentropfen empfindend— ihm gleichgültig! Wenn der ganze Himmel herabgekommen wäre, er hätte ſich um Anderes zu küm⸗ mern gehabt, denn hinüberblickend ſah er die Couſine um die Ecke des Hauſes verſchwinden, wo ſich allerdings ein ſchützendes Vordach befand, aber auch er— er— lenkte ſeine Schritte dorthin! ————yy Da war es aber, als hätte der himmliſche Waſſer⸗ mann, der ſpeziell zum Begießen des Gartens der Ein⸗ tracht angeſtellt war, den größten Hahn plötzlich aufge⸗ dreht und laſſe nun ohne angenehm rieſelndes Vorſpiel, wie man es bei einem anſtändigen Gewitter zu erwarten berechtigt iſt, eine gewaltige Waſſerflut auf einmal nie⸗ derſtrömen— niederrauſchen— niederfluten— nieder⸗ fallen! Ein Angſt⸗ und Aufſchrei— zwei, drei, ein Dutzend ähnlicher von allen Seiten— ein ganzer Chor von Angſt⸗ ſchreien, untermiſcht mit halb unterdrücktem Lachen, luſti⸗ gem oder ärgerlichem Geplauder, während Alles in dichtem Gedränge von den Terraſſen hinweg gegen das Reſtau⸗ rations⸗Lokal eilte! Und dieſes Gedränge war ſo plötzlich V 1 ———— entſtanden, war ſo ſtark, daß es ſelbſt von einem erhabe⸗ nen Standpunkte aus, wie der, auf welchem der junge Herr Schwebeling inmitten dieſes furchtbaren Gewühls ſich befand, gewagt, ja faſt gefährlich war, ſich in daſſelbe hineinzuſtürzen.— Und doch mußte es ſein, denn dort bemerkte er auch ihn, genau demſelben Verſteck zuſchlüpfend, wo ſich die verrätheriſche Schlange bereits befand. Deßhalb beſann er ſich auch nicht lange, ſondern ſprang von der Bank in das dichte Gedränge hinab, allerdings etwas unglücklich auf den Fuß eines ziemlich robuſten Mannes, der, vor Schmerz laut aufſchreiend, den hoff⸗ nungsvollen Gymnaſiaſten wie einen leichten Ball rückwärts ſchlenkerte in die Arme ſeines Hintermannes, der ihn eben⸗ falls ſogleich weiterſpedirte, und wer weiß, wohin der junge ——————— ͤͤſͤſͤſͤſſͤſͤſſſ“ 220— Herr Schwebeling noch gekommen wäre, wenn er nicht krampfhaft einen Baum umſchlungen und ſo ſeinen Rück⸗ lauf gehemmt hätte. I„Mein beſtes Hühnerauge!“ jammerte der robuſte Herr vor ihm, und wandte ſich mit einem zornigen Geſichts⸗ ausdrucke um, als er die kecke Gegenantwort hörte:„Stecken Sie Ihre Hühneraugen in die Taſche!“ Doch waren bei dem immer heftiger niederſtürzenden Regen ſo angenehme Reden und Gegenreden nicht wohl fortzuſetzen, auch war es ſchwer, ſich verſtändlich zu machen bei dem Rauſchen des Windes, dem Rufen und Schreien, dem Lachen und Plaudern der vorbeiſtürzenden Menge. Denn es wurde trotz alledem geplaudert und ſogar gelacht von leichtſinnigen Mädchen und noch leichtſinnigeren jungen Herren, die ein ſeltſames Vergnügen darin fanden, ganz durchnäßt an einander gepreßt, auch von ſchützendem Arm umſchlungen fortgezogen zu werden, nicht achtend der ver⸗ zweiflungsvollen Warnungsrufe ihrer Mütter oder älteren Verwandten. „So nimm wenigſtens deinen Hut ab, Louiſe!— Drehe deine Mantille um, Katharina!— Heb' wenigſtens deine Röcke auf, Mienele!—“ Umſonſt, umſonſt, alle Bande des Gehorſams waren zerriſſen, hier galt nicht einmal mehr Stand und Name, und wo draußen an der Mauer unter dem etwas vorſpringenden Dach, im Haus⸗ flur hinter der dunklen Treppe, unten in der Reſtauration, oben in der ärmlichen Tanzſpelunke irgend ein Winkelchen zu finden war, da drückte man ſich hinein, wobei einzelne Ausrufe, kleine Schreie, gelindes Aufkreiſchen, auch wohl ein ärgerliches Wort oder eine unmuthige Geberde ſprechen⸗ des Zeugniß gaben von den vielerlei Gefühlen dieſer armen durchnäßten Flüchtlinge. Fluch den Steinmenſchen, die von ihrem Reichthum trotz jahrelangen Rennens ihrem Marmorherzen nicht ein⸗ mal ſo viel abzuringen vermochten, als nöthig war, um für die große Geſellſchaft ein paſſendes Gartenlokal zu er⸗ bauen!— Fluch ihnen, und mögen ſie für ewige Zeiten die Verantwortung tragen für all' die Seufzer und Kla⸗ gen verſchiedener Art, für ſanft berührte oder ſtark ange⸗ griffene Buſen und Herzen— für ſo viel ſchmählich ruinirte Toiletten! „Ja, das iſt der Fluch der böſen That, das iſt der Fluch der Unterlaſſungsſünde,“ ſagte ingrimmig ein dicker Regierungsrath, der ebenfalls zu den Fachgenoſſen gehörte, und von deſſen breiter Hutkrempe der Regen ein Bäch⸗ lein nach allen Seiten hinabſprühte.„Wie behaglich ſäße es ſich jetzt hier in einem anſtändigen Lokal, wenn draußen das Unwetter wüthet, aber ich allein werde eine neue Generalverſammlung einberufen!“ Kehren wir noch einen Augenblick zu dem jungen Herrn Schwebeling zurück, der ſich übrigens durch die ſchmähliche Behandlung, die ihm von dem robuſten Manne zu Theil geworden, nicht hatte einſchüchtern laſſen, ſon⸗ dern, durch Liebe und Eiferſucht getrieben, wieder ſo mäch⸗ tig und rückſichtslos vorwärts drängte, daß er im nächſten Augenblick eine Nebenthür erreicht hatte, hinter welcher — 222 Eliſe und wahrſcheinlich auch er—r—r verſchwunden war! Schon glaubte er einen dunklen Burnus zu entdecken, als er hier abermals und ziemlich ſtark mit dem robuſten Herrn carambulirte, der in ſeiner Aufregung darin eine neue, abſichtliche Beleidigung ſehend, ſich umwandte und dem frechen, naſeweiſen jungen Menſchen eine derartige klatſchende Ohrfeige applicirte, daß ihm für einen Augen⸗ blick Hören und Sehen verging und er neben der Thür ausgleitend ſich erſt wiederfand, ſitzend in einem nützlichen Haushaltungsgeräthe, welches man mit einem unäſthetiſchen Namen zu benennen pflegt.— Damit war denn auch ſeine Jagd nach dem Glücke abgeſchnitten, und zähne⸗ knirſchend, blutige Rachegedanken hegend, raffte er ſich auf und ſtürzte in's Freie, unbekümmert um den niederfluten⸗ den Regen, ja, ihm dankend, daß er ſein Inneres ein wenig abkühlte und vielleicht auch hinten von ihm weg⸗ wuſch einen Theil der unſauberen Anhängſel. So ſtolperte er durch den dunklen Garten dahin, vorüber an fliehenden, durchnäßten Familien— Fluch den Steinmenſchen!— vorüber an jungen, leichtſinnigen, lachenden Paaren, an aufgeſchürzten, raſch laufenden Dienſt⸗ mädchen, in deren ſchweren Körben Porzellan und Glas⸗ werk zuſammenklirrten— Fluch den Steinmenſchen!— und erreichte den Ausgang des Gartens, wo man an zahlreichen Wagenlaternen ſah, daß ſich eigene Equipagen und Droſchken zahlreich eingefunden hatten, um zu retten, was noch zu retten war. Da ſah er plötzlich dicht neben ſich und vor einem eleganten Landau ſtehend den dunklen — 223— Burnus, daneben eine andere Dame in verhüllendem Shawl und ihn— ihn— ihn— der den beiden Da⸗ men nicht nur in den Wagen half, ſondern ſelbſt nach⸗ ſtieg und mit ihnen nach Hauſe fuhr. Doch blieb er gefaßt und ruhig unter dieſen wuchtigen Schlägen des Schickſals und blickte nur grimmig lächelnd empor zu dem dunkeln Nachthimmel, von dem das Waſſer jetzt bei ruhiger Luft wie lauter Bindfaden herabfloß— es regnete fort und fort! —;xxryÿyyÿůÿV—VyöV—-——ÿ Breizehntes Kapitel. Auch nicht heiterer als das vorhergehende, da es fort und fort regnet und die Schatten immer tiefer werden. Ja, es regnete fort und fort— ohne Unterbrechung, ſo daß es von den Dächern niederſtrömte in die über⸗ vollen Rinnen, wo die Abzugsröhren vor Ueberfluß gur⸗ gelten und ſchluchzten und unten Waſſerſtröme ausſpieen, welche in kurzer Zeit die Straßenrinnen füllten und ganze Bäche zum Fluſſe niederſandten. Doch blieb der Fluß gleichgültig bei dieſer Beſcheerung, und wenn er auch ohne Lichter, ohne ſein gewöhnliches, freundliches Leuchten etwas verdrießlich erſchien, ſo war dies mehr dem leichten Dunſt und Nebel zuzuſchreiben, der ſich auf ſeiner Oberfläche ge⸗ lagert hatte, als irgend einer Gemüthsbewegung. Er floß gleichmüthig dahin und es kümmerte ihn wenig, daß durchnäßte Menſchen, deren Heiterkeit vollſtändig gewichen und deren Putz nicht mehr zu erkennen war, mit ihm nach der Stadt zogen. Sah er hier doch auch freund⸗ lichere Bilder: Lichterglanz aus geöffneten Fenſtern, durch welche man jetzt nach manchem heißen Tage die kühle, erquickende Nachtluft in die dunſtigen Zimmer einſtrömen ließ, in welchen ſich fröhlich lachende, wohl auch ernſt blickende Geſichter zeigten, dieſe erfriſchende Luft begierig einathmend. So in einem Zimmer des zweiten Stockwerks in dem alten, düſteren Hauſe Reckenberg. Hier lehnte eine weiß gekleidete Mädchengeſtalt an dem Fenſter und ſchaute auf den Fluß hinab, in die dunkle Nacht hinaus, auf den niederſtrömenden Regen, und athmete zuweilen ſo tief und ſchwer, daß es wie Seufzer klang. Mochte wohl auch etwas dergleichen ſein, denn das Auge des jungen Mädchens blickte finſter, ſie hatte ihre Arme über die Bruſt gekreuzt, und zuweilen hob ſich ihre Oberlippe, die weißen Zähne durchleuchten laſſend, was dem ganzen Geſichte einen düſteren, trotzigen Ausdruck gab. Das große Gemach, in dem ſie ſich befand, war durch ein ſchwachbrennendes Nachtlicht matt erhellt, und wenn man ſich an dieſe zweifelhafte Helle etwas gewöhnt hatte, ſo bemerkte man in einer Ecke des Zimmers ein mit Vorhängen verſehenes Bett, in welchem ein alter Mann mit geſchloſſenen Augen lag, deſſen eingefallenes, bleiches Geſicht nur dadurch einiges Leben zeigte, daß ſich zuweilen ſeine Lippen bewegten, daß er hier und da ſeine Augen öffnete und dann und wann leicht hüſtelte. Sobald aber dieſes Letztere geſchah, kam das junge Mädchen augenblick⸗ lich vom Fenſter her, beugte ſich über das Lager und erkundigte ſich mit leiſer Stimme nach dem Befinden des Kranken. Dieſer gab dann gewöhnlich zur Antwort, daß es ihm ganz gut gehe, daß er eine kurze Weile gut geſchlafen habe, auch angenehm geträumt, und ſetzte vielleicht hinzu, daß er zu trinken wünſche. — hͤhhhnnͤnͤnnͤͤn — Dann hob ſie ſanft ſeinen Kopf in die Höhe, ſetzte ihm ein Glas mit kühlendem Trank an die Lippen, V worauf er ſie dankbar lächelnd anſah und mit dem Kopfe eine Bewegung machte, als nicke er ihr freundlich zu. „Das Fenſter iſt noch geöffnet, wie es der Herr Dok⸗ . tor befohlen,“ hatte ſie ſchon ein paar Mal geſagt,„und wenn es Ihnen nicht kühl wird, ſo will ich noch nicht ſchließen, denn es ſtrömt eine erquickende Luft herein,“ worauf er eine Bewegung mit der Hand gegen ſein Ge⸗ ſicht machte, als wolle er andeuten, daß es ihm genügend warm ſei. Und wenn er alsdann ſeine Augen wieder zufallen ließ, ſo ging ſie mit leiſen Schritten an das Fenſter zurück. Sophie hatte ſich angeboten, bei Herrn Nathan zu wachen, und allen Einreden des Herrn Joſeph ein ſehr beſtimmtes:„Ich wünſche es!“ entgegengeſetzt. Sie war ſchon Nachmittags in dem Krankenzimmer geweſen, hatte ſich dann von der Haushälterin, Madame Kegel, für kurze Zeit ablöſen laſſen, um ein bequemes Hauskleid anzu⸗ ziehen, und ſaß darauf ſtundenlang am Fenſter, leſend b oder auch in die Landſchaft hinausſchauend, häufig auch vor ſich niederſtarrend, mit ihren eigenen und mitunter recht ſchweren Gedanken beſchäftigt. Was war ſie denn eigentlich?— Welches war ihre Stellung hier im Hauſe, was konnte aus ihr werden?— Wenn ſie ihre Jugendzeit überdachte, wie ſie ſchon als Kind von einer mildthätigen Hand in die andere gegangen war, betrachtet wie ein armes, verlaſſenes Weſen, an dem — — —— — — 227— man ein Werk der Barmherzigkeit übt— denn auch zu ihrer Tante und Großmutter hatte ſie in einem ähnlichen Ver⸗ hältniß geſtanden— ſo mußte ſie ſich ſagen, daß ſelbſt, wenn ſie eine Verwandte jener beiden Damen war, irgend ein Schatten auf ihrer Geburt ruhen müſſe, der ſie zu einem allerdings unſchuldigen Gegenſtande des Haſſes, ja, des Abſcheues gemacht. Dagegen war in ihrer lebhaften Phantaſie, in ihrem energiſchen, heftigen Charakter wohl häufig Etwas aufgetaucht, was ſie ſchon als kleines Kind gegen die ihr zu Theil gewordene ſchroffe Behandlung, gegen gewiſſe Andeutungen der Kammerjungfer empört hatte, und dann hatte ſie fabelhafte Luftſchlöſſer gebaut, ſtolze Paläſte, in denen ſie zu wohnen berechtigt ſei, da es nicht anders ſein konnte, als daß ſie eine kleine Prin⸗ zeſſin war, die man vielleicht ſchändlicher Weiſe bei der Geburt geraubt, die man unter Druck und Mißhandlungen erzogen, um ſie, Gott weiß zu welchem Zwecke, in Elend und Dürftigkeit zu erhalten— wie ſie ja Aehnliches ſchon in vielen ſchönen und lehrreichen Büchern geleſen. So wollte auch ſie einmal Prinzeſſin werden, das hatte ſie ſich feſt vorgenommen, und wer mochte daran zweifeln, daß über ihrer Geburt ein dunkles Geheimniß lag, unter deſſen Schleier ja eine Fürſtenkrone verborgen ſein konnte! In der That, wenn man die Herkunft eines Kindes mit ſolchen Räthſeln umgibt, wie das bei ihr ge⸗ ſchehen, ſo lag darin eine gewiſſe Berechtigung für ſie, einer glänzenden Auflöſung entgegenzuſehen— und ſie ſah einer ſolchen entgegen, ſie war ſicher, ihre Eltern oder —— 228— wenigſtens deren vermoderte Gebeine einſt unter einem Fürſtenhut oder einer Grafenkrone wiederzufinden. So waren häufig ihre Gedanken, und wenn ſie die⸗ ſelben auch meiſt ſcherzhaft begann, ſo miſchte ſich doch bald tiefer Ernſt darein und ſie fing an, mit ihrer lebhaften Phantaſie das gerade in der Arbeit habende Luftſchloß reich zu verzieren und herrlich zu möbliren. Damals, als die alte Staatsräthin ſtarb, hätte man ſie ja bei ſich behalten oder ihr ſagen können:„Sieh, du biſt die oder die, deine Eltern waren arme Leute, und da ſie geſtorben ſind und du Niemanden mehr auf der wei⸗ ten Welt haſt, der ſich um dich bekümmert, ſo ſchickt man dich in's Waiſenhaus—.“ Aber man that das nicht, man vertraute ſie einem alten Militär an, den man immerhin als etwas Vornehmeres betrachten konnte und deſſen Offi⸗ ciers⸗Portépée ihm und dadurch auch ihr ſtets einen Zu⸗ ſammenhang mit den höheren Klaſſen der menſchlichen Geſellſchaft ſicherte!— Auch hatte er ihre Erziehung durchaus nichtevernachläſſigt, im Gegentheil, ſie Alles ler⸗ nen laſſen, was für eine kleine Prinzeſſin, wie er ſie oft ſcherzhaft nannte, nützlich und nothwendig war. So wuchs ſie allgemach heran und dann kam jene Zeit, wo ihr Freund und Geſpiele Georg in das Alter trat, in welchem man anfängt, die bisher unbeachtete, ja, oft rückſichtslos behandelte Geſpielin mit ſeltſam düſterem Blick und dabei ſeufzend zu betrachten, wo man die erſten Frühlingsblumen mit Beziehung auf zarte Gefühle vor ſie hinlegt, wo man ſich heilig gelobt, zu ſeinem eigenen, noch mehr aber zu ihrem Wohle etwas Tüchtiges zu wer⸗ den, oder wo man auch, wenn man mit einer gar zu lebhaften Phantaſie behaftet iſt, von einem Räuberleben an ihrer Seite ſchwärmt in irgend einem Theile der böh⸗ miſchen Wälder. Und dergleichen Gefühle hatte ſie nicht ungern aufge⸗ nommen, ja, auch einſtens ſeinem kindiſchen Drängen nach⸗ gebend ihm verſprochen, die Seinige zu werden, dabei aber ſchwärmeriſch hinzugeſetzt, wenn das unerbittlich über ihr waltende Schickſal ihr nicht einen anderen Lebensweg vorzeichne. Und dabei hatte ſie an ihre fürſtlichen Eltern gedacht, war jedoch feſt entſchloſſen, auch in dieſem Falle das Glück des lieben Spielgefährten zu begründen. Dann kam jener plötzliche Umſchwung ihrer Lage, als die reichen Gebrüder Schropps ſie zu ſich nahmen, ſchein⸗ bar, um mitleidig für die arme Verlaſſene zu ſorgen; doch war es weit denkbarer, daß hier eine wohlberechnete Vermittlung Statt fand, daß dieſe Herren nur als Werk⸗ zeug dienten, um ſie allmählich in jene Lebensſphäre zu erheben, wo ſie eigentlich hin gehörte. Ließ ihr doch Herr Joſeph Schropps freie Hand in all' ihren Wünſchen und ſchien es gern zu ſehen, wenn ſie von ſeiner Freigebigkeit den ausſchweifendſten Gebrauch machte. Hatte er doch die ſchönſten Zimmer des Hauſes zu ihrer Verfügung geſtellt, hatte ihr eine Anzahl Magazine aufgeſchrieben, wo ſie nach Belieben ihre Einkäufe machen könne, und hatte ihr auch zu dieſem Zwecke ein kleines, zierliches Buch eingehändigt, worin ſich gedruckte Anweiſungen befanden, di ſie mit Hackländer, Kainszeichen. III. jeder ihr gutdünkenden Summe und mit ihrem Namen nur auszufüllen brauchte, um, wo ſie wollte, Zahlung damit zu leiſten, was ihr faſt märchenhaft erſchien, bei⸗ nahe wie eine Wünſchelruthe, die Gold zu Tage fördert und die ſich hier ſo erfolgreich bewieſen, daß ſie faſt er⸗ ſchrak, als ſie es zum erſten Male aus Neugierde verſuchte. So träumte das junge Mädchen, während ſie am heu⸗ tigen Nachmittage an dem offenen Fenſter ſaß und in die ſonnbeglänzte Landſchaft hinausſchaute, hinüber zu den fernen bläulichen Bergen, die, in heißem, flimmerndem Dufte liegend, leicht verſchleiert in undeutlichen Umriſſen erſchienen und gerade dadurch ſo geeignet waren, glänzende, ſehnſuchtsvolle Phantaſieen über unermeßliches Glück, das ſie allerdings noch in weiter Ferne erwartete, zu begün⸗ ſtigen. Lächelnd baute ſie ſo an ihrem Luftſchloſſe fort, indem ſie es oben mit bunten Flaggen und Fahnen ver⸗ zierte, unten breite Marmortreppen anfügte, wo ſie in glänzenden Gewändern ſtand, ſich dem erſtaunten Volke⸗ zeigend. Mitunter aber, durch einen leiſen Zweifel angehaucht, ſtürzten die prachtvollen Bauten ihrer Phantaſie lautlos zuſammen, und dann hätte ſie weinen mögen über die qualvolle Ungewißheit ihres Lebens. Dann erſchien es ihr als das größte Glück, dieſes Haus, ihr ganzes behagliches Leben eilig zu verlaſſen, um hinaus zu flüchten in jenen kleinen Garten, wo aus dem mit Wein umrankten Fenſter herrliche Melodieen erklangen und wo ſie nur ſchüchtern anzuklopfen brauchte, um mit offenen Armen empfangen — 231— zu werden und an ein liebendes Herz zu ſinken, das es treu und ehrlich mit ihr meinte,— um ihre Blicke in leuchtende Augen verſenkend aus tiefer, innerer Seele zu rufen: Ja, Georg, ich liebe dich, wie du mich liebſt!— Und jetzt vernahm ſie aufhorchend wirklich Töne, lieb⸗ liche Melodieen, aber ſie klangen wohl nicht aus dem weinumrankten Fenſter, ſondern ſchwammen gedämpft, fern⸗ her aus der Luft zu ihr herüber. Im Fenſter lehnend, hörte ſie dieſelben deutlicher, und als ſie ſich nun erinnerte, ſchon am frühen Nachmittage drüben am Ufer des Fluſſes zahlreiche Wagen geſehen zu haben und Schaaren geputzter Fußgänger, fiel ihr ein, daß in einem der ſchönen Gärten dort am Fluſſe ein Feſt gefeiert werde, wo Damen in reichen Toiletten, umſchwärmt von jungen Herren, einen heiteren Nachmittag verbrächten bei Muſik, wahrſcheinlich auch bei Spiel und Tanz, und wo ſie Alle ſich ihres Lebens freuten in freier Luft und glänzendem Sonnenſchein. Vielleicht war auch Georg dort. Das zu erfahren wäre intereſſant geweſen, und wenn ſie lebhaft daran dachte, ſo verdüſterte ſich ihr Auge und ſie ſchaute verlangend, faſt ſchmerzlich bewegt nach den grünen Laubmaſſen jenes Gartens und nach den bunten Fähnchen, die dort hoch in der Luft flatterten. Dann huſtete Herr Nathan in ſeinem Bette, was ſie ſogleich in die ernſte Wirklichkeit zurückführte und veran⸗ laßte, mit leiſem Schritt an das Lager zu treten. Ein⸗ mal erſchrak ſie dabei, als ſie dort ſtehend auf den Lei⸗ denden herabſchaute und plötzlich fühlte, wie eine Hand. — 232— 2 leicht ihren Arm berührte,— doch war es nur die des Herrn Joſeph, der unhörbar in's Zimmer getreten, nun an ihrer Seite ſtand und auf den kranken Bruder deutend ſie fragend anſchaute. Sie nickte leicht mit dem Kopfe und ſagte dann flü⸗ ſternd, daß er ruhig ſei und es wohl nicht ſchlimmer mit ihm ſtehe.“ Dann nahm Herr Joſeph ſie bei der Hand und führte ſie zurück an das Fenſter, wo ſie vorhin geſeſſen und wo er ſich ihr gegenüber auf einem Stuhle niederließ. Herr Joſeph war ſehr gut, beinahe modiſch gekleidet, und wenn man ſich ſeine Erſcheinung vergegenwärtigte, wie dieſelbe vor noch nicht langer Zeit geweſen war, im grauen Rocke, mit groben Handſchuhen, dem niedrigen, breitkrämpigen Hute auf dem wenig gepflegten Haare, ſo konnte man kaum glauben, daß es dieſelbe Perſon ſei, welche mit anderer Kleidung auch andere Manieren ange⸗ nommen hatte und als ein faſt eleganter, gut konſervirter Mann in mittleren Jahren erſchien. „Mit meinem armen Bruder ſteht es nicht gut,“ ſagte er nach einer Pauſe mit leiſer Stimme,„und wir müſſen das Schlimmſte befürchten, was mir auch Ihretwillen recht leid thut, mein liebes Kind, denn es wird dann für eine Zeit lang noch ſtiller, ja recht traurig in unſerem Hauſe werden. Oh,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„was nützen uns alle ſchönen Plane, wenn das Schickſal einen Strich da⸗ durch macht!— Ich hatte gehofft, daß Sie heiter und fröhlich bei uns leben, in die Welt treten und an den —— 233— Vergnügungen Theil nehmen ſollten, die für Ihre Jugend und Schönheit paſſend ſind. Sie ſollten glänzen, mein liebes Kind, Aufſehen erregen, Licht verbreiten in dieſen finſteren Räumen, und nun!—— Ich ſprach Ihnen geſtern ſchon davon, daß mein armer Bruder Nathan dort und ich durch ihn, im Begriff ſeien, die Opfer argliſtiger und boshafter Menſchen zu werden, welche nur szu gut auf ſein ſchwaches, liebevolles Herz ſpekuliren. Die ganze Ge⸗ ſchichte iſt eine niederträchtige, wohlüberlegte Komödie, was ſchon daraus hervorgeht, daß unſer ſauberer Neffe, den der arme Nathan noch vor wenig Tagen in Amerika glaubte, ſchon länger hier war, um die Karten zu miſchen — ah, und ſie haben ſie trefflich gemiſcht, Trumpf auf Trumpf ausgeſpielt und die Partie, wie es ſcheint, ge⸗ wonnen!“ Er hatte in der Erregung, mit der er ſprach, etwas lauter geendigt, als er begonnen und als er beabſichtigt, und dämpfte nun, plötzlich ſeine Stimme wieder, als er ſah, wie das junge Mädchen raſch ihre Rechte aufhob und beſorgt nach dem Vette ſchaute, ja er bemächtigte ſich dieſer kleinen Hand, indem er ſie haſtig an ſeine Lippen drückte. „Herzlichen Dank, meine theure Sophie— herzlichen Dank, daß Sie meinen Eifer mäßigten, und auch dafür, daß Sie mich freundlich und liebevoll anhörten.— Ach,“ ſetzte er hinzu, nachdem ſie ihre kleinen Finger an ſich gezogen,„ich hatte ſchon gefürchtet, daß Sie Partei gegen mich nehmen und mich für hartherzig halten würden, was ich doch durchaus nicht bin. Wie ſollte mir nicht ſelbſt 234— daran gelegen ſein, einen Verwandten mit offenen Armen zu empfangen, wenn nur einigermaßen die Hoffnung da wäre, daß er uns eine Freude, eine Hülfe, eine Stütze ſein könne! Aber Nichts von alledem,“ ſagte er mit ent⸗ ſchiedenem Kopfſchütteln,„und ich halte es deßhalb für eine traurige Pflicht, auch Sie, mein liebes Kind, dringend zu warnen und Sie zu bitten, Alles behutſam aufzunehmen und nicht unbedingt zu glauben, was mein armer Bruder Nathan Ihnen in dieſer Richtung anvertraut.“ „Er hat mir bis jetzt gar Nichts anvertraut,“ erwie⸗ derte Sophie mit einem freien und offenen Blick,„er hat mir nur von der Zurückkunft ſeines Neffen erzählt, und fand deſſen Wunſch natürlich, die Heimat wieder zu ſehen und perſönlich die Schritte zu thun, um ſeine Verzeihung und ſpäter auch die Ihrige zu erlangen.“ „Die meinige?— Niemals!“ ſagte Herr Joſeph mit großer Entſchiedenheit und ſetzte dann mit einem finſteren Blicke hinzu:„Ich gehe dabei trüben Tagen entgegen, wie ich wohl weiß, es wird ein trauriger Kampf werden in dieſem ſonſt ſo friedlichen Hauſe,— ein Kampf, in dem ich wahrſcheinlich allein ſtehe, ohne eine befreundete Seele,— ohne Bundesgenoſſen,“ ſchloß er mit einem Seufzer. Da ihn aber das junge Mädchen in dieſem Augen⸗ blicke mit einem herzlichen Ausdrucke in ihren ſchönen, leuchtenden Augen anſchaute, ſo neigte er ſich gegen ſie, ergriff abermals ihre Hand und führte dieſe raſch an ſeine -— 235— Lippen, ehe ſie es zu hindern vermochte. Er ließ aber ſogleich ihre Finger unter einer ehrerbietigen Verbeugung aus den ſeinigen gleiten, als er einen Schatten auf ihren Zügen erſcheinen ſah und ſagte dann mit trauriger Stimme: „Ja, ich werde wohl ganz allein auf der einen Seite ſtehen, und das ſchmerzt mich tief, mein liebes Kind!— Sie werden unſeren Neffen ſehen, er wird ſich hier bei uns einniſten, es wird ihm mit ſeinen gewandten Manie⸗ ren, ſeiner glatten Zunge ein Leichtes ſein, auch Sie für ſich einzunehmen, und es kann dann wohl geſchehen, daß der arme Joſeph ſtatt ſeiner in die weite Welt hinauszieht. Aber um Eines bitte ich Sie, Fräulein Sophie: nehmen Sie nicht zu raſch ſeine Partei, nicht eher, als bis Sie geprüft, was Ihnen mit Ihrem offenen Verſtand und Ihrem reinen Herzen ein Leichtes ſein wird. Gedenken Sie dabei eines treuen Freundes— der— der Sie— der Ihnen auf's Innigſte und Herzlichſte zugethan iſt, für den es eine Seligkeit wäre, das Glück Ihres Lebens begründen zu dürfen,— das Glück Ihres Lebens, wie das durch eine herzliche Zuneigung nur immer möglich ſein kann. Und wenn es auch ein älterer Mann iſt, der Ihnen das ſagt, der ſich ganz zu Ihrer Verfügung ſtellt, ſo will dieſer ältere Mann heute Nichts weiter dadurch bezwecken, als daß Sie an ſeine aufopfernde Freundſchaft glauben und keine Partei gegen ihn ergreifen, vielleicht zu Gunſten eines gänzlich Unwürdigen— nur das verſprechen Sie mir!“ „Gewiß und gern,“ entgegnete ſie nach einer kleinen — 236— Pauſe,„ſchon das Gefühl der Dankbarkeit müßte mich dazu beſtimmen, wenn nicht—“ „Wenn nicht?“ fragte er dringend, da ſie ſchwieg. „Wenn nicht die Ueberzeugung, in Ihnen einen wah⸗ ren und treuen Freund zu haben.“ „O gewiß, meine liebe Sophie— und mehr noch, mehr— ein Freund, der Ihre Tage glücklich machen möchte und der über Sie wachen wird mit der Liebe eines — eines— zärtlichen Verwandten.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich tief athmend erhoben, das junge Mädchen ein paar Sekunden feſt betrachtet und ſich dann, als ſie dieſen Blick ruhig und unbewegt aus⸗ hielt, unter einem leichten Seufzer gegen das Fenſter ge⸗ wandt und nach dem anderen Ufer des Fluſſes geſchaut, worauf er, ſich mit freundlichem Blicke wieder gegen ſie kehrend, in einem unbefangeneren Tone ſagte:„Ich war dort drüben in dem Garten, von wo die Muſik herüber⸗ ſchallt, nicht als ob ich dort Luſt und Heiterkeit aufgeſucht, während mein armer Bruder hier ſchwer erkrankt liegt, und während Sie bei ihm ausharren als treue Pflegerin! Es war das für mich nur ein Geſchäftsgang, ich mußte Nachforſchungen anſtellen, um vielleicht Etwas von dem Lauf der Fäden zu entdecken, die von verſchiedenen Seiten angeſponnen, für uns hier zu einem feſten Netz zu werden drohen.— Sie ſehen mich fragend an, aber es iſt ſo, und was ich davon weiß, will ich Ihnen auch zu Ihrem eigenen Beſten nicht vorenthalten: Unſer Neffe handelte gre nicht ohne Hülfe und Bundesgenoſſen und es liegt Allem, was er thut, ein, wie ich fürchte, ſehr geſchickter Plan zu Grunde. Seine Genoſſen, von denen ich zwei kenne, haben in den verſchiedenſten Kreiſen ihre Anhaltspunkte. Einen derſelben haben Sie in unſerem Hauſe geſehen, es iſt jener widerliche, ſchleichende Menſch mit der frommen, heuchleriſchen Miene, dem mein armer Bruder Nathan in geſunden Tagen auch nicht für einen Heller Glauben und Credit geſchenkt hätte und der es jetzt verſtanden, als Ab⸗ geſandter unſeres heilloſen Neffen ſein Vertrauen zu ge⸗ winnen. Ihn ſah ich neulich bei gleichgeſtimmten niedri⸗ gen Seelen an einem Orte, der auch für Sie, mein liebes Kind, nicht ohne Bedeutung iſt und worüber ich Ihnen in einer ruhigeren Stunde berichten werde. Und daß ich jenen Menſchen gerade dort traf, läßt mich befürchten, daß man die Abſicht hat, auch auf Sie einzuwirken.— Ver⸗ langen Sie aber für heute nicht, Näheres zu erfahren, und ſeien Sie verſichert, daß ich auch in dieſer Richtung auf's Treueſte für Sie wache. „Was nun den anderen Genoſſen unſeres Neffen be⸗ trifft, ſo bewegt er ſich in vornehmer Geſellſchaft und ſcheint mir noch gefährlicher, als Jener. Er nennt ſich Baron von Dallenbach und iſt, wie ich erfuhr, mit dem Ober⸗ medicinalrath Doktor Werner ſo genau bekannt, daß ihn dieſer höchſt achtbare und würdige Mann zu einem Be⸗ ſuche des Geſellſchaftsgartens der Eintracht eingeladen habe, wovon ich mich ſelbſt überzeugen wollte. Ich fand auch zu meinem großen Erſtaunen, daß es ſich ſo verhielt, was mich um ſo mehr Wunder nahm, als mir die ganze Per⸗ — 8. 2 22 ——— — 238— ſönlichkeit des Herrn Barons einen nichts weniger als Vertrauen erweckenden Eindruck machte.— Vielleicht bin ich auch befangen, gerade durch die Gemeinſchaft jenes Mannes mit unſerem Neffen und weil mir ſein Name in geſchäftlicher Beziehung und nicht gerade in günſtiger Weiſe ſchon vorgekommen iſt— genug, ich ſah ihn dort drüben im Garten, nicht nur in Geſellſchaft des Obermedicinal⸗ rathes, ſondern auch in der einer Dame, welche nach Vor⸗ gängen ihres früheren Lebens auch keine beſondere Bürg⸗ ſchaft bietet für die Solidität des Herrn Barons von Dallenbach. „Es ſind das verblichene Bilder aus alten Zeiten,“ fuhr Herr Joſeph fort, indem er eigenthümlich lächelnd ſeine Augen für eine kurze Weile mit der Hand bedeckte, „Bilder, die auch in Ihre Jugend hineinreichen, mein liebes Kind, und welche klar vor Ihrem Gedächtniß er⸗ ſcheinen werden, wenn Sie ſich des Ortes erinnern wollen, an dem wir damals gemeinſchaftlich wohnten— der Zigeunerinſel.“ „Ob ich mich daran erinnere!“— erwiederte Sophie mit einem eigenthümlichen trüben Lächeln.„Wie oft und gern denke ich zurück an dieſe Zeit ſchöner Träume, wo man noch kein ernſtes, trauriges Erwachen zu fürchten hat— wie jetzt!— O, ich erinnere mich ſehr genau aller der Orte, wo wir uns damals umhertrieben und ſpielten!“ „Auch eines prachtvollen Gartens an dem einen Ende der Zigeunerinſel?“ 239— „Gewiß, in welchen ich eines Abends mit Georg ohne Erlaubniß eintrat und in dem wir von einer ſchönen, blonden Frau nicht unfreundlich empfangen wurden.“ „Das war Madame Bendel, eben die Dame, von der ich vorhin ſprach.“ „Auch einen gütigen alten Herrn ſahen wir damals.“ „Den Herrn Bendel, er iſt ſchon lange todt.“ „Und das kleine kränkliche Mädchen, welches damals ſo traurig lächelte, als es uns ſah?“ „Iſt herangewachſen wie Sie ſelbſt, Fräulein Sophie, und wenn auch gerade keine Schönheit, doch eine elegante und intereſſante blaſſe, junge Dame geworden, von Ver⸗ ehrern umgeben, zu denen auch einer Ihrer näheren Be⸗ kannten gehört.“ „Wer iſt denn das?“ „Herr Georg Quinſcheidt, Ihr Jugendgeſpiele; wie ich gehört, gibt er der jungen Dame muſikaliſchen Unter⸗ richt und macht ſich beliebt in dem Hauſe.“ „Er hat ſehr Recht—“ „Doch wollte ich davon eigentlich nicht reden,“ fuhr Herr Joſeph fort, nachdem er ſich leiſe dem Lager ſeines Bruders bis auf wenige Schritte genähert hatte und zu⸗ rückgekehrt war, als er ſich überzeugt, daß dieſer anſchei⸗ nend ruhig fortſchlummere,—„ich wünſche dem Herrn Georg Quinſcheidt, einem braven jungen Manne, alles Gute, ſchon aus dem Grunde, weil er der Jugendgeſpiele unſerer theuren Pflegetochter iſt, doch was den Freiherrn von Dallenbach anbelangt, ſo weiß ich genau, daß er mit 99 ————— —-— 240— unſerem Neffen und jenem ſchleichenden Schleimer, von dem ich Ihnen vorhin ſprach und den Sie hier ſahen, in Verbindung ſteht, in einer ſehr feſten Verbindung, die jedenfalls für uns nichts Gutes bedeuten kann und die es mir zur dringenden Pflicht macht, meine Augen offen zu halten und Dämme aufzuführen gegen das Hereinfluten jener amerikaniſchen Geſellen, denn auch der edle Freiherr war jenſeits des Oceans und wird dort Verſchiedenes ge⸗ lernt haben.“ „Sie wiſſen, mein liebes Kind, daß mein Bruder Nathan, körperlich krank und ich möchte faſt ſagen ſchwach in ſeinem ſonſt ſo klaren Verſtande, unſeren Neffen zu ſeinem Erben eingeſetzt hat. Ich mußte natürlich ſeinen Willen nicht nur reſpektiren, ſondern förmlich legaliſiren laſſen, was geſtern geſchah, und wenn mich ſchon die innige Liebe zu meinem Bruder deſſen Geneſung heiß er⸗ flehen läßt, ſo nebenbei noch die allerdings ſchwache Hoff⸗ nung, ihn bei gänzlicher Herſtellung zu Modifikationen jenes Teſtamentes zu vermögen.— Ich rede gewiß nicht in meinem Intereſſe, denn mein Theil des Vermögens, welches wir durch jahrelange Arbeit und Mühe verdient, bleibt trotz alledem groß— ſo groß, daß ich als ein un⸗ abhängiger Mann den ausſchweifendſten Phantaſieen, wenn ich oder Andere, für welche ich mich intereſſire, ſolche hätten, vollkommen Genüge leiſten kann.— Leider habe ich keine dergleichen Phantaſieen, und was Sie anbelangt, theure Pflegetochter,“ ſetzte er mit einem aufleuchtenden Blick auf Sophie hinzu,„ſo hindert Sie Ihre allzugroße 241 Beſcheidenheit, von dem, was ich zu Ihren Füßen nieder⸗ legen möchte, einen ſo ausgiebigen Gebrauch zu machen, als ich dringend wünſche.— Ach, Fräulein Sophie,“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort, während welcher er, an ſeiner Unterlippe kauend, die ſchöne, üppige Geſtalt des jungen Mädchens, das abgewendet von ihm ſtand und zum Fenſter hinausſchaute, mit leuchtenden Augen betrach⸗ tete,„wie glücklich wäre ich, dürfte ich Alles, was ich be⸗ ſitze, ja mich ſelbſt zu Ihren Füßen niederlegen, unter dem beglückenden Gefühl, für ein ſo ſchönes, herrliches Ziel ge⸗ arbeitet zu haben!“ An ihren ſchweren Athemzügen, an ihrem plötzlichen Erbleichen ſah man den tiefen, ja erſchreckenden Eindruck, den dieſe Worte und beſonders der Ton, in dem ſie ge⸗ ſprochen worden, auf das junge Mädchen machten. Ihre Hand zuckte empor, als empfände ſie das Bedürfniß, ſich durch Erfaſſen des Fenſtergeſimſes aufrecht zu erhalten, doch bezwang ſie ſich, und als ſie ſich nun gegen Herrn Joſeph wandte, hatte ſie ſich bereits wieder ſo gefaßt, daß ſie ziemlich ruhig ſagen konnte:„Ich dächte, Herr Joſeph, Sie hätten des Guten und Schönen genug um mich aus⸗ gebreitet, und wenn ich von Ihrer Güte keinen größeren Gebrauch mache, ſo vermag ich eben nicht anders zu handeln— nein, ich vermag es nicht,— nie— nie!—“ Damit wandte ſie ſich raſch ab und ging mit leiſen Schritten an das Lager des Kranken, wo ſie ſich hinter den Vorhang, der das Bett umgab, auf einen niederen 242— Schemel ſetzte und ein Buch von dem Nachttiſche nahm, es aufſchlug und that, als leſe ſie darin. Doch irrten ihre Blicke zwiſchen den Zeilen umher, ohne auch nur einen Buchſtaben zu erkennen in der furcht⸗ baren Aufregung, in dem Schrecken, welche ihr Herz er⸗ füllten!— Er hatte zu deutlich geſprochen und ſeine Blicke, der Ton ſeiner Stimme hatten noch mehr hinzu⸗ gefügt.— War denn das möglich? Konnte er auch nur die kleinſte Hoffnung haben, als würde ſie Gefühle theilen, bei deren leiſeſter Ahnung ſie ein Schauer durchfröſtelte! — Hatte ſie ihm je durch ihr Betragen, durch einen Blick, durch ein Wort Urſache gegeben zu ſo wahnſinnigen Hoff⸗ nungen?— Sollte dies das Ende ihrer glänzenden Luft⸗ ſchlöſſer ſein?— Wäre alles Das mit ruhiger Ueberlegung ge⸗ ſchehen und ſie das Ziel einer liſtig geplanten Spekulation!— Da blitzte es aber in ihren dunklen Augen auf, ſie biß die Zähne feſt in die Lippen und ihre leuchtenden Blicke begannen, ſich faſt bis zur Kreuzung zu nähern und jenen unheimlichen Ausdruck anzunehmen, den man gewiſſermaßen hätte vergleichen können mit dem Glänzen einer Dolchklinge in der Hand eines entſchloſſenen Man⸗ nes. Dann fuhr ein ſpöttiſches Lächeln über ihre Züge, als ſie aufblickend Herrn Joſeph Schropps neben ſich ſtehen ſah und die leichte Berührung ſeiner Hand auf ihrer Schulter fühlte. „Bitte, Fräulein Sophie,“ flüſterte er leiſe,„thun Sie mir den Gefallen, noch für eine kleine Weile an's Fenſter zu kommen.“ ——,—,,— Das that ſie auch, ſtolz aufrecht gehend, mit ruhigen, elaſtiſchen Schritten, und als ſie nun fern von dem Lager des Kranken wieder dicht vor Herrn Joſeph ſtand, ſchlang ſie ihre Finger in einander und blickte ihn ruhig, ganz unbewegt ſcheinend an. „Sind Sie mir böſe, mein liebes Kind?— Ich wäre nicht im Stande, das zu ertragen.“ „Warum ſollte ich Ihnen böſe ſein? Weil Sie mir etwas geſagt, was ich vielleicht falſch verſtanden? Weil ich vielleicht lächerlich genug war, Ihren Worten Deu⸗ tungen beizulegen, die Sie durchaus nicht beabſichtigten—“ „Allerdings—“ „Weil ich kindiſch genug war, zu denken, daß auch Sie ſo kindiſch ſeien, anders zu mir zu reden, als ich es von einem väterlichen Wohlthäter erwarte und erwarten muß?“ „Allerdings— ganz richtig— und nicht wahr, wir ſchließen dauernden Frieden?— Reichen Sie mir Ihre Hand darauf— beide Hände, aber mit keinem ſo ernſten Ausdruck in Ihren ſonſt ſo lieben Augen!— Ach, Fräu⸗ lein Sophie, hoffentlich ſind Sie überzeugt, in mir den wahrſten, aufrichtigſten und treueſten Freund zu haben— für jede Lage des Lebens— vergeſſen Sie das nicht— vergeſſen Sie das nie— um Alles in der Welt nicht!“ Er winkte ihr noch mit der Hand und verließ raſch das Zimmer, nachdem er ſich durch einen Blick auf ſeinen kranken Bruder überzeugt, daß dieſer mit geſchloſſenen Augen dalag und ruhig ſchlummerte. +— Doch war dieſer Schlaf nicht ſo feſt, als Herr Joſeph wohl gedacht. Er dauerte wenigſtens nicht lange mehr, denn Herr Nathan huſtete gleich darauf ziemlich laut und vernehmlich, und als Sophie an ſein Bett eilte, wandte er den Kopf gegen ſie, zeigte die matten Spuren eines freundlichen Lächelns und ſagte nach einer Pauſe:„Mein Bruder Joſeph war da, wie ich geſehen und gehört, er ſprach lange und lebhaft mit Ihnen— mein Zuſtand geht ihm zu Herzen— wie ich wohl weiß— und wenn das eintritt,— was wir Menſchen oft das Schlimmſte nennen,— ſo thut mir das mehr für ihn leid— als für mich,— denn er hat mich ſehr lieb gehabt!“ Mit voller Ueberzeugung erwiederte Sophie:„Darf ich Ihnen verſichern, Herr Nathan, daß die Ruhe heute Nachmittag Sie auffallend gekräftigt hat, daß Sie anders und viel beſſer ausſehen, ja, daß der Ton Ihrer Stimme faſt ganz wieder den früheren Klang hat, und daß ich glaube, Sie werden morgen Ihr Bett wieder verlaſſen können?“ Doch ſchüttelte er leiſe mit dem Kopfe, als er zur Antwort gab, er glaube das nicht und wenn ſie behaupte, daß er freier und deutlicher rede, auch vielleicht etwas beſſer ausſehe, ſo ſei das wohl nichts Anderes, als ein noch⸗ maliges letztes Aufflackern ſeines Lebenslämpchens.— „Thut auch nichts,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„bin darauf vorbereitet und glaube, das Conto meines Lebens ſo gut abgeſchloſſen zu haben, als das unſeres Hauptbuches vor wenigen Tagen— wird auch wohl vor der Hand zuge⸗ klappt bleiben!— Er kann dann vielleicht ein neues an⸗ —,———,.,——,/—— — 245— fangen,— ich meine nicht meinen lieben Bruder Joſeph, denn ſo viel ich aus ſeinen Reden gemerkt, hat er keine Luſt mehr, ſich ferner mit Zahlen und Zählen herumzu⸗ ſchlagen, ſondern will ſein Leben ruhig genießen,— hat Recht— hat Recht— aber der Andere, mein Neffe—“ Hier wandte der Kranke ſeinen Kopf gegen Sophie, und über ſeine Züge flog raſch ein faſt ſchelmiſches Lächeln, ehe er fortfuhr:„Wenn ich ſage: mein Neffe, ſo habe ich dazu guten Grund, da mein lieber Bruder Joſeph ihn nicht anerkennen will und nie anerkennen wird.— Er hat Unrecht darin,— gewiß Unrecht, denn er iſt nun doch einmal das einzige Kind unſerer leiblichen Schweſter, hat auch ſeine Jugendthorheiten abgebüßt, wie mir jener freundliche Herr Schleimer, der ihn ganz genau kennt, mit einem feierlichen Schwur verſicherte.— Haben Sie ihn geſehen?“ fragte er plötzlich, ſie mit weit geöffneten Augen betrachtend. „Wen? Jenen Herrn Schleimer?“ „O nein, ihn meine ich nicht, ſondern meinen Neffen — haben Sie ihn nicht geſehen?“ „Nein, Herr Nathan, ich war drunten auf meinem Zimmer, als er heute Morgen mit dem anderen Herrn bei Ihnen war.“ „Mit dem Notar— ja, mit dem Notar— auch ein braver Mann, der Herr Notar.— Alſo meinen Neffen ſahen Sie noch nicht, nun, Sie werden ihn noch ſehen, öfter ſehen, denn ich denke, er wird hier im Hauſe woh⸗ nen, wo ja Platz genug für uns Alle iſt— für euch Hackländer, Kainszeichen. III. 17 — 5— — 246— Alle, wollte ich ſagen, denn was mich betrifft, ſo werde ich mich ſehr bald mit einem anderen, recht kleinen Platz begnügen müſſen.— Nicht wahr, Sie werden ihn öfters ſehen, mein liebes Kind, und dann erzeigen Sie mir die Liebe, ihn ohne Vorurtheil zu betrachten, und nicht mit den Augen meines ſonſt ſo guten Bruders Joſeph, der Urſache zu haben glaubt, immer noch mißtrauiſch zu ſein gegen die Beſſerung meines Neffen— woran ich glaube — woran ich unerſchütterlich glaube— denn ſonſt würde ich— denn ſonſt würde ich nicht— denn ſonſt würde ich nicht ruhig ſein können—“ Nach dieſen Worten ließ er ſeinen Kopf langſam auf die rechte Seite ſinken und ſchloß die Augen, wobei ein ſo eigenthümlich klingender Seufzer zwiſchen ſeinen Lippen hervordrang, daß ſich das junge Mädchen erſchreckt über ihn beugte, jedoch zu ihrer Beruhigung ſeine regelmäßigen und langen Athemzüge hörte und ihre Hand auf die ſeinige legend fühlte, daß dieſe warm, ja etwäs heiß war. Sie blieb wohl noch eine Viertelſtunde an dem Lager ſitzen, und als der Kranke durchaus keine beunruhigenden Symptome zeigte, ging ſie wieder an's Fenſter und ſank dort auf einen Stuhl, mit gefalteten Händen vor ſich niederblickend. Sie fühlte ſich unbeſchreiblich traurig be⸗ wegt, in unerklärlicher Weiſe niedergedrückt, und waren es neben ihren düſteren Gedanken auch die Schatten in den Ecken des weiten und ſtillen Krankenzimmers, die den her⸗ einbrechenden Abend verkündigend, jetzt auf ihrem Ge⸗ müthe laſteten. Der Abend ſelbſt war nicht ſo freundlich — 247— mehr wie es der Tag geweſen, der Himmel hatte ſich mit grauen, trüben Wolken bedeckt, und es war gerade, als drückte die ſtille, ſchwere Luft beängſtigend auf ihr Herz. Sonnenlicht und Sonnenglanz auf dem Fluſſe, auf den Ufern deſſelben, auf den fernen Bergen war erloſchen und verſchwunden, Alles erſchien farblos, trübe, traurig— ſelbſt die Muſik, die von drüben her erſchallte, klang nicht mehr heiter und luſtig, ſondern müde, gedämpft, als werde ſie nächſtens in einem langen, klagenden Akkorde 3 endigen. Doch war das junge Mädchen überzeugt, daß nur ihr f Alles ſo trübe und farblos erſcheine, daß nur für ſie nach 1 kurzem Glanze die Sonne und wohl für immer ver⸗ 1 ſchwunden ſei, daß ſich da drüben Alles freue, juble und r luſtig ſei trotz des düſteren Himmels, welcher ſich ja für n jene Glücklichen morgen wieder in glänzender Klarheit e zeigen werde. V Auch Georg war dort drüben, wie ſie vorhin gehört, er— und warum ſollte er nicht dort ſein?— Warum ſollte V n er ſich nicht freuen mit den Fröhlichen, glücklich ſein mit it den Glücklichen, warum ſollte er nicht bei einem heißen ch Blicke aus ſchönen Augen die ganze übrige Welt vergeſſen, e⸗ ſeine Jugenderinnerungen und— auch ſie, deren dunkle, 8 weit geöffnete Augen ſich jetzt langſam mit Thränen füll⸗ en ten!— Hatte er ſich doch überzeugt, daß ſie zufrieden r⸗ und glücklich ſei, und hatte ſich gern davon überzeugt, e⸗ weil ihm das Gegentheil vielleicht eine ſchmerzliche oder ch unbehagliche Stimmung verurſacht hätte. So aber wußte —— er ſie vortrefflich aufgehoben— brauchte ſich weiter nicht um ſie zu bekümmern, war fertig mit ihr für alle Zeiten — gönnte ihr von Herzen ihren Ueberfluß, alles Gold dieſer Erde, Diamanten und Perlen,— mein Liebchen, was willſt du noch mehr! Wenn ſie ſich gleichzeitig erinnerte, was hier an dieſer Stelle vor kurzer Zeit zu ihr geſprochen worden war, ſo empfand ſie in ihrem Herzen einen ſtechenden Schmerz, und der grell leuchtende Blitz, der jetzt plötzlich die düſte⸗ ren Wolken zerriß, der lang dahinrollende Donner waren ihr faſt eine Erquickung. Sie war aufgeſprungen und hatte ihren Kopf gegen die Einfaſſung des offen ſtehenden Fenſters gedrückt— ſie ſah mit wilder Freude den plötzlichen Ausbruch des ſchwe⸗ ren Wetters, welches ihr in noch größerer Pracht dadurch erſchien, daß die dort drüben aufſprühenden Raketen, das Glänzen der farbigen Lichter, das Leuchten der bengaliſchen Flammen in faſt frecher Weiſe mit dem himmliſchen Feuer, mit den langen, weißbläulichen Linien der majeſtätiſch hernieder fahrenden zackigen Blitze wetteifern zu wollen ſchienen. Ein kurzer Wetteifer mit traurig raſchem Ende, denn nun zog klagend der Wind über den Fluß herüber, ſauſte durch die Bäume, flüſterte ängſtlich mahnend an den ſcharfen Ecken des Hauſes und flog dann hinaus in die weite, weite Ferne, verkündigend und nach ſich ziehend die ſchweren Regenſchauer, die nun rauſchend nieder ſtürzten, worauf die finſtere Nacht mit ihren ſchwarzen, naſſen, — 249— dunſtigen Schleiern das gleißende Feuerwerk der Menſchen raſch und gründlich auslöſchte. Doch wie erquickend empfand das junge Mädchen, tief athmend an dem offenen Fenſter ſtehend, die durch den Regen erfriſchte Luft, wie begierig athmete ſie dieſelbe ein in langen, durſtigen Zügen, und wie erleichterte dieſe Er⸗ quickung auch ihre Seele! Ihr wilder, ſtechender Schmerz wich einer ſanften Wehmuth, und mit den rieſelnden Regentropfen draußen floßen ihre Thränen. Dabei war es ihr ein ſüßes Bedürfniß, ſich hinweg zu träumen aus dieſem alten, düſteren Hauſe und ſich zurückzuverſetzen in ihre ſchwere, aber immerhin angenehmere und hoffnungs⸗ vollere Jugendzeit, wieder in Gedanken ein kleines Kind zu ſein, ſich zu freuen an den hübſchen Spielen, welche Georg ſie gelehrt, den Erzählungen des alten Majors zu lauſchen oder, wie ſie ſo oft gethan, ſtill in einem Winkel zu ſitzen und ihre glänzenden Luftſchlöſſer zu bauen, nach⸗ dem ſie Stunden lang in ihrem einzigen Erbtheil, der Bibel der alten Staatsräthin geblättert, ſuchend, ſuchend, ſuchend und nie etwas findend, was ſich in Zuſammen⸗ hang bringen ließ mit den letzten Worten der Sterbenden, welche ſich doch nicht anders deuten ließen, als daß dort Notizen zu finden ſeien über ihre Vergangenheit, die ihr vielleicht abſichtlich von ihrer Tante Wilhelmine verheim⸗ licht wurden. Dringende Fragen, welche ſie in dieſer Richtung häufig an ihren Pflegevater, den Major Quinſcheidt gethan, hatte dieſer ausweichend beantwortet. Er behauptete, nichts weiter —— — ——— — 250— ſagen zu können, als daß er erfahren, ihre Mutter ſei allerdings eine Stiefſchweſter des Fräuleins Wilhelmine von Wanner geweſen, welche mit ihrem Manne in trau⸗ rigen Verhältniſſen gelebt. Weiteres wiſſe er nicht und ſei auch nicht zu erſehen aus dem Taufſcheine, den er in Verwahrung habe und der einfach beſage, daß ſie als Kind ihres Vaters, Heinrich Wurzer, und ihrer Mutter, Katha⸗ rina Wurzer, geborene Stetten, getauft worden ſei. Dieſe Mittheilung hatte der Major gegenüber ſeiner ſonſtigen offenen, rückhaltloſen, ja zuweilen barſchen Redeweiſe mit einiger Befangenheit von ſich gegeben, hatte auch das Taufzeugniß nie bei der Hand, wenn es das junge Mäd⸗ chen einmal zu ſehen verlangte. Er verſprach ihr alsdann daſſelbe zu gelegenerer Zeit, und als ſie ſpäter ſein Haus verließ, war es, wie er ſagte, nothwendig geweſen, den Taufſchein bei der betreffenden Behörde zu deponiren, wo er aber jederzeit zu ihrer Verfügung ſtände. Schon häufig hatte ſie den Entſchluß gefaßt, ſich in den Beſitz dieſes wichtigen Papieres zu ſetzen, hatte es aber aus einer ihr ſelbſt unerklärlichen Scheu unterlaſſen, auch weil ſie bei dem offenen, ehrlichen und treuen Charakter des Mannes, der ihr Pflegevater geweſen und ſie heute noch wie eine Tochter liebte, verſichert war, daß, wenn jenes Dokument etwas beſonders Wichtiges für ſie enthielte, er nicht unterlaſſen hätte, ihr das mitzutheilen. Aehnliches hatte er ihr auch geſagt und hinzugeſetzt, wie er allerdings ſelbſt nicht daran zweifle, daß irgend etwas Geheimniß⸗ volles mit ihrer Geburt im Zuſammenhange ſtehe, worüber — 251— auch ſpäter Mittheilungen ihrer Tante, des Fräulein Wil⸗ helmine von Wanner, vielleicht durch Zwang abgenöthigt werden müßten. Nun hatte aber dieſe würdige Dame mit ihrer Kammerjungfer ſchon ſeit Jahren die Stadt verlaſſen und war, wie wir bereits wiſſen, erſt vor Kurzem zurück⸗ gekehrt. Und angeregt dadurch, hatte ſich Sophie immer wieder dem alten Buche zugewandt und bei dem frucht⸗ loſen Suchen, beim Durchleſen ganzer Kapitel, ganzer Bücher der heiligen Schrift war ihr wiederholt der Ge⸗ danke gekommen, als habe die alte Frau mit ihren Wor⸗ ten das Gleiche bezweckt, wie jener Winzer, der ſeinen Söhnen einen dürren, unfruchtbaren Weinberg hinterließ, mit der Verſicherung, es ſei dort ein reicher Schatz ver⸗ graben, den ſie durch fleißiges Nachſuchen finden würden. — Nun fanden ſie zwar keine Schätze in Gold und Edel⸗ ſtein, aber ſie hatten den durchwühlten Boden des früher ſo unfruchtbaren Grundſtückes veredelt und erzielten da⸗ durch doppelte und dreifache Ernten, ſo den Schatz findend, der ihnen verſprochen war. Daß aber die alte Staatsräthin ihren letzten Worten an Sophie eine ähnliche Auslegung habe geben wollen, war doch kaum anzunehmen, und ſo hoffte denn das junge Mädchen immer noch darauf, etwas in dem alten Buche zu finden, das für ſie von Intereſſe ſei. Und was konnte dies anders ſein, als Nachricht über ihre Eltern, von denen ſie ja nie etwas Genaueres, und aus dem Wenigen, was man ihr geſagt, nie etwas Angenehmes oder Freundliches erfahren! ——————— —j— — 252— Bei ähnlichen Fragen ihrerſeits, die ſie als Kind zu⸗ weilen gethan, hatte ſie ihre ſogenannte Tante Wilhelmine meiſtens achſelzuckend und kurz abgefertigt, ſie auf ſpätere Zeiten verwieſen, und höchſtens hinzugeſetzt:„Frage nicht darnach, du erfährſt es immer noch früh genug!“ Da⸗ gegen hatte die Kammerjungfer, die ſich häufig in einer weit milderen Stimmung gegen das kleine Mädchen be⸗ fand, ihr vielleicht einen Troſt und eine Beruhigung zu geben geglaubt, indem ſie ihr ſagte:„Du wirſt ſchon ein⸗ mal erfahren, wer deine Eltern ſind, und wirſt dich dar⸗ über freuen, beſonders wenn du recht brav und fleißig biſt und dir Mühe gibſt, eine kleine Prinzeſſin zu werden, was du ja gern ſein möchteſt.“ Dergleichen Aeußerungen, welche ihr in ſpäteren Jahren viel wichtiger und bedeutungsvoller erſchienen, veranlaßten ſie immer wieder, Nachforſchungen in der Bibel der alten Frau zu halten, und gerade in den letzten Tagen hatte ſie dazu beſondere Veranlaſſung gehabt, indem der alte Herr Nathan ſie während ſeiner Krankheit ſchon ein paar Mal gebeten, ihr aus den Pſalmen der heiligen Schrift vorzuleſen, zu welchem Zwecke ſie das Buch mit in das obere Zimmer genommen hatte. Da lag es auf einem Seitentiſche am Bette, und wenn ſie jetzt erregt, wie ſie war, wieder dahin ging, um es zu holen und darin zu blättern, ſo wollte ſie es zunächſt nur in der Abſicht thun, um ihre ſo vielfach bewegten, tief ſchmerzlichen Gedanken zu zerſtreuen, vielleicht auch, um doch noch einmal durch Zufall zu finden, was ſie ſo häufig vergeblich geſucht. 253— Als ſie an das Bett trat, wandte Herr Nathan das Geſicht gegen ſie und blickte mit geöffneten Augen, in denen ein freundlicher, faſt heiterer Ausdruck lag, nach ihr hin, worauf er mit einer feſteren Stimme als früher ſagte: „Es geht mir ganz gut, das drückende Gefühl auf meiner Bruſt iſt nicht nur vollſtändig gewichen, ſondern ich ſpüre eine freiere Bewegung in meinem rechten Arm. Auch hat mich ein erquickender Schlummer recht geſtärkt, und ich würde wohl noch weiter geſchlafen haben, wenn mich nicht ein eigenthümliches Rollen und Poltern erweckt hätte— was war das, mein liebes Kind?“ „Es zog ein ſchweres Wetter über die Stadt und hat nach der Hitze des Tages die Luft wunderbar erfriſcht.“ „Ah, ich fühle das,“ erwiederte Herr Nathan tief aufathmend,„und das iſt es, was mir ſo wohl thut! — Reichen Sie mir etwas zu trinken und wenn es Ihnen dann keine zu große Mühe machen würde, ſo wäre ich Ihnen ſehr dankbar für Ihre Unterſtützung zu einem Verſuche, mich etwas aufrechter zu legen; Sie ſehen, was man gleich für kühne Forderungen macht, ſo wie man ſich nur wieder ein klein Bischen mehr rühren kann— aber ich fühle mich in der That freier und beſſer— ah, wie dieſe würzige Regenluft erquickt!“ „Wenn es Ihnen aber im Geringſten zu kühl erſcheint,“ ſagte Sophie, indem ſie ſorgfältig bemüht war, ſeinen Kopf und ſeine Schultern durch ein paar eingeſchobene Kiſſen zu unterſtützen,„ſo will ich das Fenſter ſchließen.“ „Nein, nein— ich athme mit einer wahren Luſt —y————õõõ— dieſe angenehme Kühle und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie mich das Geräuſch der fallenden Regentropfen erfriſcht. Es klingt das wie fernes Summen einer bewegten Men⸗ ſchenmenge in der Kirche vor dem erſten Orgelton, und ich fühle mich ſo feierlich geſtimmt, ſo zurück verſetzt in frühere Zeiten, als ich noch in Ihrem Alter war, mein liebes Kind, daß, wenn ich jetzt die Augen ſchließe, ich ſogleich die klare, klingende Stimme des jungen Geiſtlichen zu hören glaube, der in der Kirche unſeres Dorfes predigte, wenn zuweilen draußen unter einem Frühlingshauche die Blätter der dichtbelaubten Bäume rauſchten.— Es gibt gewiſſe Augenblicke im Leben, die man nie vergißt,—“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, während er den Kopf mit geſchloſſenen Augen in die Kiſſen zurückgelehnt hatte. „Möchten Sie wohl die Freundlichkeit haben, mir wieder etwas aus der Bibel vorzuleſen?“ „Mit großem Vergnügen,“ ſagte Sophie, und holte gern die alte Bibel von dem Nebentiſche. Sie öffnete die Bibel auch jetzt wieder wie jedesmal mit der Hoffnung, endlich einmal den Zauberſpruch zu finden, der vielleicht den Schleier ihrer Vergangenheit zu lüften im Stande wäre— und kein Augenblick hätte auch zu einer Offen⸗ barung geeigneter ſein können, als der gegenwärtige: das düſtere Krankenzimmer mit ſeinen lauernden Schatten in den Ecken, die ſich bei dem ſchwachen auf⸗ und nieder⸗ zuckenden Lichtſchimmer der Nachtlampe bald geſpenſterhaft drohend vordrängten, bald ſich wieder ſcheu in ihre Winkel zurückzogen; vor ihren Augen das bleiche Antlitz des alten Mannes, der milde lächelnd mit geſchloſſenen Augen da⸗ lag und deſſen im gewöhnlichen Leben etwas harte und grobe Züge jetzt veredelt, faſt verklärt erſchienen. Dazu die tiefe Stille in dem weiten und hohen Gemach, ja im ganzen Hauſe, ſanft unterbrochen durch das weiche, me⸗ lodiſche Niederfallen des feinen Regens vor dem offenen Fenſter. Sophie hatte ein Tiſchchen vor das Bett gerückt und die Nachtlampe darauf geſtellt, doch ſagte Herr Nathan, als ſie anfangen wollte zu leſen:„Das Licht iſt zu ſchwach für Ihre Augen, mein liebes Kind, zünden Sie eines weiter an, oder ſo viel Sie wollen, es iſt mir nicht un⸗ angenehm, wenn es recht hell um mich iſt,— ja ich habe ein Bedürfniß nach Licht— nach viel Licht— es zeigt mir Ihre guten, lieben Züge und darüber freue ich mich.“ Sie that wie er gewünſcht und zündete ein paar wei⸗ tere Kerzen an, ſo daß jetzt ein heller Lichtglanz auf die gelben Blätter der alten Bibel fiel,— dann las ſie mit ihrer weichen, klingenden Stimme, mit tiefem Gefühl und Verſtändniß und wie aufmerkſam der Kranke ihr zulauſchte, bemerkte man deutlich daran, daß er den Kopf gegen ſie gewandt hatte und ſie mit offenen Augen betrachtete. Sie las Seite um Seite, Blatt um Blatt, und zu⸗ weilen, wenn ſie eines der letzteren umſchlug, ſo daß das nächſtfolgende mit tiefen Schatten bedeckt war, ſo war es ihr ſchon vorgekommen, als ſähe ſie in dieſem Schatten feine, kaum bemerkbare helle Pünktchen, bald größer, bald kleiner werdend, über die Zeilen huſchen, als dränge das Licht der Kerzen durch irgend eine winzige Oeffnung des vorhergehenden Blattes. Obgleich dieſes eine ganz eigenthümliche Erſcheinung war, hatte ſie anfänglich nicht darauf geachtet, auch er⸗ ſchienen dieſe Lichtpunkte zuerſt nur auf ſehr vereinzelten Blättern, wie durch Zufall entſtanden, oder wie feine Riſſe in dem vermürbten Papier, dann aber wieder fünf, ſechs neben oder unter einander, und in dieſem Falle wie ab⸗ ſichtlich und zu irgend einem Zwecke zuſammengeſtellt. Nachdem Sophie dieſen letzteren Gedanken erfaßt, war ſie begreiflicherweiſe augenblicklich geneigt, dabei an irgend welche geheime, ſchon ſo lange und mit Sehnſucht erhoffte Zeichen zu glauben. Das Buch bebte in ihrer Hand vor inniger, heftiger Aufregung und ſie mußte alle ihre Kraft zuſammennehmen, um äußerlich ruhig erſcheinen zu kön⸗ nen, um mit ihren Augen den Zeichen und Buchſtaben zu folgen und die Worte und die Sätze verſtändlich aus⸗ zuſprechen. Daß dieſes aber nicht mehr in der Art und Weiſe wie früher geſchah, daß es ihr unmöglich ſei, mit Samm⸗ lung zu leſen bei dem wilden Klopfen ihres Herzens, fühlte ſie nur zu wohl und ſie warf zuweilen einen ſcheuen Blick auf den alten Mann, um vielleicht an ſeinen Mienen zu ſehen, ob er ihre Zerſtreuung und furchtbare Aufregung bemerke. Doch war dies eine überflüſſige Sorge, wie ſie jetzt an ſeinen tiefen Athemzügen ſah. Herr Nathan hatte ſeine Augen geſchloſſen, ſeine Hände auf der Bruſt über — 257— einander gelegt und ſchlummerte ohne allen Zweifel ſanft und ruhig. Sie ließ das Buch für ein paar Sekunden in ihren Schooß ſinken und als ſie es dabei krampfhaft mit ihren Händen hielt, blickte ſie aufwärts und ihrem Herzen ent⸗ rang ſich eine lautloſe Bitte. Dann erhob ſie die Bibel genau ſo hoch, wie ſie ſie vorhin gehalten, ſchlug die Blätter mit einer ängſtlichen Haſt zurück bis dorthin, wo ſie eben den erſten Lichtpunkt geſehen und auch jetzt wieder fand,— ja viel deutlicher, da ſie ja nur nach etwas Vorhandenem zu ſuchen hatte. Sie entdeckte aber nur kleine, feine Nadelſtiche in dem Papier, ſo unbedeutend, ja ſo nichtsſagend, wie es ihr Anfangs erſchien und erſcheinen mußte, daß ſich im Schmerz über die abermalige Täuſchung ihre Augen unwillkürlich mit Thränen füllten. Wie aufmerkſam hatte ſie den Vers geleſen, wo der erſte Nadelſtich erſchienen war, wie hatte ſie ſich abgemüht, irgend einen Sinn in den Worten zu finden, der ſich auf ſie oder ihre Vergangenheit deuten ließs! Umſonſt! Auch der ſcharfſinnigſte Ausleger würde dazu nicht im Stande geweſen ſein, und wenn ſie auch glaubte, aus zweien oder dreien dieſer Worte irgend eine Botſchaft für ſie, irgend eine Andeutung entziffern zu können, ſo folgten hierauf wieder andere, welche mit jenen durchaus in keinen Zu⸗ ſammenhang zu bringen waren, ſo daß ſie ſchon entmu⸗ thigt das Buch in ihren Schooß ſinken ließ und müde dieſer fruchtloſen Verſuche an's Fenſter eilen wollte, um ——y——————— — — 258— ihrem gepreßten Herzen durch einen tiefen Athemzug in der kühlen Nachtluft Erleichterung zu verſchaffen. Da kam ihr plötzlich ein Gedanke, der ſie haſtig, gierig zu neuen Nachforſchungen antrieb, und ſcheinbar mit ſo glücklichem Erfolge, daß ſie ſich gewaltſam bezwingen mußte, um das heftige Klopfen ihres Herzens zu beſchwichtigen und das unwillkürliche Beben ihrer Hände zu beruhigen! — Der erſte Buchſtabe, unter dem ſich ein Nadelſtich be⸗ fand, war ein kleines a, und wenn dieſes ein großes geweſen wäre, ſo würde ſie vielleicht ſchon früher auf den Gedanken gekommen ſein, es mit dem Aneinanderreihen der Buchſtaben zu verſuchen— und, o Glück, o Selig⸗ keit!— wie raſch ihr das jetzt von Statten ging und in welch entzückender Weiſe ſich verſtändliche Worte zuſam⸗ menſchloſſen: a—d— e—l—i—n—e b— e—n—d— e—l i— ſt d———. Damit aber hörten die Lichtpunkte auf und wenn ſie auch in fieberhafter Haſt Seite um Seite umſchlug und mit ſtarrem Blick, mit heißen Augen nach Weiterem ſuchte, ſo fand ſie doch nichts mehr— nichts mehr— nicht das Geringſte mehr, und mit dem gänz⸗ lichen Aufhören dieſer Lichtpunkte fühlte ſie ſich auf's Neue entmuthigt und ihr Herz von einem tiefen, drückenden Dunkel erfüllt. Adeline Bendel— o, ſie hatte dieſen Namen ſchon früher gehört,— erſt ganz vor Kurzem gehört— aus dem Munde Georg's, und ſie erinnerte ſich deutlich, daß ſo der Name jener Dame war, in deren ſchönem Garten ſie beide, Georg und ſie, als kleine Kinder gewagt einzu⸗ — 259— treten, wo ſie die ſchöne Dame geſehen, welche ihr in dem weißen Kleide und dem ſchönen, blonden Haare wie eine Fee erſchienen war!— Ach, wie ſie ſich deſſen jetzt auf einmal wieder ſo lebhaft erinnerte! Wie ſie jene Garten⸗ mauer ſah mit den großen Bäumen davor, wo jener fremde Mann, der aus dem Garten trat, einen Moment ſtehen geblieben war, um dann in einer ganz veränder⸗ ten Richtung fortzugehen! Der prachtvollſte Abendſonnen⸗ ſchein hatte Alles um ſie her wie mit Gold übergoſſen und in dem glühenden Lichte war ihr der dichte, röth⸗ liche Bart jenes Mannes erſchienen, als lodere er im Feuer auf. Adeline Bendel!— was hatte der Name in dieſem Buche zu thun, wenn er nicht mit ihr in irgend einem Zuſammenhange ſtand, wie ſie nach den dringenden Worten der alten Staatsräthin glauben mußte!— Oder hatte ſie Etwas gefunden, was durch ein müßiges Spiel des Zufalls entſtanden war, und verbarg vielleicht in dieſem Falle die alte Bibel ihre Geheimniſſe hartnäckiger als je? „Adeline Bendel,“ ſprach ſie leiſe vor ſich hin, aber immerhin laut genug, um vor dem Ton ihrer eigenen Stimme zu erſchrecken, noch mehr aber vor einem flüſtern⸗ den Echo, welches dieſen Namen leiſe, kaum verſtändlich aus irgend einer fernen Ecke her wiederholte. Sie lauſchte entſetzt dorthin, vernahm aber jetzt einen langen Seufzer dicht neben ſich, und fühlte ſich plötzlich beruhigt, als ſie ſah, daß Herr Nathan erwacht war, ſie 1 ———————— — 260— anblickte und dann denſelben Namen mit dem gleichen Tone, wie ſie ihn eben gehört, ausſprach. „Adeline Bendel,“ ſagte er und fuhr nach einer kleinen Pauſe fort:„War es mir doch gerade, als hätte ich dieſen Namen in meinem Schlummer gehört, ohne daß ich von unſerer ſchönen Nachbarin von damals geträumt— aber, mein armes, liebes Kind,“ ſetzte er in herzlichem Tone hinzu,„Sie ſitzen da immer noch an meinem Bette, ſo liebevoll, ſo geduldig wartend, während ich unartig genug war, bei Ihrer Vorleſung einzuſchlafen.“ „Das brauchten Sie eigentlich gar nicht zu erwähnen,“ entgegnete das junge Mädchen, ſich zu einer heiteren Miene zwingend,„mir iſt es lieb, daß mein Leſen die gleiche Wirkung hatte, wie Ihre Morphiumpulver, vor denen ich mich immer ein Bischen fürchte.“ „Habe ich lange geſchlafen?“ „Vielleicht eine kleine halbe Stunde.“ „Es hat mir ſehr gut gethan und ich glaube, daß ich ſpäter wieder einſchlafen kann, möchte aber jetzt ein wenig wach bleiben, und da Sie mich mit aller Ruhe allein laſſen können, ſo wäre es mir lieb, wenn Sie Madame Kegel riefen, damit Sie, mein liebes Kind, nach ſo anſtrengen⸗ dem Tagewerke endlich auch zur Ruhe gelangten— ich bitte darum!“ „Ich bin aber durchaus nicht müde, Herr Nathan, auch iſt es noch nicht ſpät, und Madame Kegel wird von ſelbſt kommen, ſowie ſie drunten ihre Geſchäfte beendigt hat. Laſſen Sie mir wenigſtens ſo lange die Freude, Ihnen kleine, unbedeutende Dienſte zu leiſten als geringen Zoll der Dankbarkeit für all' die Güte und Liebe, welche man mir hier im Hauſe erzeigt.“ „Nicht der Rede werth— nicht der Rede werth! Aber mir hat die liebevolle Art, mit der Sie ſich meiner an⸗ nehmen, ſo wohl gethan, daß ich Ihnen kaum genug danken kann.— Es iſt eigen,“ ſetzte er nach einer Pauſe lächelnd hinzu,„wie man ſich im Leben trifft und wieder⸗ findet. Als Sie noch ein kleines Kind waren, da hatten mein Bruder Joſeph und ich an Ihrem Bette geſtanden, als Sie ruhig und ſorglos in unſerem Hauſe ſchliefen, und jetzt haben wir Beide, nur in ganz anderer Art, die Rollen getauſcht.— Erinnern Sie ſich wohl noch jener Nacht, wo wir Sie mit nach Hauſe nahmen?“ „O gewiß— o gewiß, ich erinnere mich aus jener Zeit an Alles noch ſo lebendig, daß— als Sie— vor⸗ hin— den Namen einer Dame ausſprachen, auf's deut⸗ lichſte der ſchöne Garten vor mir erſchien, wo auch ich jene Dame geſehen.“ „Ah, Madame Bendel— Madame Adeline Bendel, eine ſchöne und elegante Frau!“ „Wer war ſie eigentlich?“ fragte Sophie, wobei ſie in den Klang ihrer Worte die möglichſte Unbefangenheit legte. „Sie war ein junges, auffallend ſchönes Mädchen, aus kleinen, bürgerlichen Verhältniſſen, und die Heirath mit ihrem weit älteren Manne wurde auf künſtliche, ja Hackländer, Kainszeichen. III. 18 — was Fräulein Adeline anbelangte, auf etwas gewaltſame Art durch eine ältere Schweſter gemacht.— Herr Bendel war ein reicher und ſehr achtbarer Mann, auch ging dieſe Ehe im Allgemeinen recht gut; ſie war, wie ſchon eben bemerkt, jung, ſchön, liebenswürdig und klug und er dabei ſo vernünftig, frühere Vorfälle nicht zu glauben oder ge⸗ ſcheidter Weiſe zu ignoriren.“ „Sie werden es von mir recht neugierig finden, Herr Nathan,“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe, „wenn ich mir erlaube, Sie zu fragen, was das für Vor⸗ fälle geweſen ſind— ich nahm ſtets ein großes Intereſſe V an jener Dame, weil— weil ſie damals gegen uns ſo gar lieb und freundlich war, und weil mir, ſo oft ich an ſie denke, etwas erinnerlich wird, was mir erſt ſpäter auf⸗ fallend genug erſchien, um es nie mehr zu vergeſſen.“ V „Und was war das?“ I „Ehe wir beiden Kinder jenen Garten betraten, ſahen V V wir einen Mann denſelben verlaſſen, der unter dem Gitter⸗ V thor in der Mauer mit jener Dame ſprach, ſie dann, wie V es ſchien, in keiner freundlichen Weiſe verließ, um, bei einer dichten Gruppe von Bäumen angekommen, in ganz veränderter Richtung fortzugehen.“ Herr Nathan nickte ſchweigend mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab:„Das war der Schatten, der von eben jenen Vorfällen noch lange, lange auf ihren Lebensweg fiel, ihn verdüſterte und endlich ohne ihre Schuld zerſtörte.“ „Eine frühere Neigung?“ fragte das junge Mädchen tief aufathmend, mit klangloſer Stimme. ——— ——— — —,— — 263— „Ja, eine traurige Neigung zu einem Gegenſtande, der ihrer gänzlich unwürdig war.“ „Arme Frau— und—“ „Es iſt damals viel darüber geſprochen und wohl noch mehr gelogen worden, jedenfalls, was das ſpätere Leben der Frau anbelangt— ich kannte jenen Watters, und hätte mir Madame Bendel mehr wie ein halbes Vertrauen geſchenkt, ſo würde ich die Sache früher und beſſer ver⸗ glichen haben.“ „Wer war Watters?“ kaum hörbar. „Das war jedenfalls derſelbe Mann, den Sie an jenem Abend geſehen. Ich weiß wohl am beſten, daß er ſich zu jener Zeit in der Stadt umhertrieb, um dann nach jener traurigen und immer noch nicht aufgeklärten Geſchichte im Bendel'ſchen Hauſe ſpurlos und für immer zu verſchwinden.“ „So kannten Sie ihn näher?“ „Nur als Geſchäftsmann, der durch dritte Hand be⸗ auftragt wurde, ihm eine ziemlich bedeutende auszubezahlen.“ fragte das junge Mädchen Summe „Ich ermüde Sie wohl mit meinen Reden und Fra⸗ gen?“ ſagte das junge Mädchen, offenbar unter dem Druck eines ängſtlichen Gefühles, daß der Kranke ihre Frage zuſtimmend beantworten würde. Doch that er das nicht, erwiederte vielmehr in freundlichem Tone:„Nein, mein liebes Kind, das Hervorrufen dieſ er Erinnerung an längſt vergangene Tage iſt mir vielmeh r recht intereſſant, — es war das immerhin eine ſchöne Zeit, als ich noch ein junger, rüſtiger Mann war und mir durch Umſicht und Klugheit ein großes Vermögen erwarb.— Jetzt möchte ich allerdings lächeln über meine raſtloſen Bemühungen, jetzt, wo ich trotz meiner Reichthümer hülflos hier auf ſo engem Raume liege— und wahrſcheinlich bald—“ Er fuhr mit ſeiner linken, ganz beweglichen Hand ein paar Mal haſtig über ſein ſehr ernſt gewordenes Geſicht, ehe er ſagte:„Fragen Sie mich lieber noch etwas— fragen Sie, gutes Kind, es iſt mir lieber und entreißt mich ern⸗ ſten Gedanken.“ „Als wir damals in dem ſchönen Garten jener Dame waren, ſahen wir auch deren Tochter, ein etwas ſchwäch⸗ liches Kind.“ „Ja, ja, die kleine Eliſe— ſie iſt aber, wie ich von meinem Bruder Joſeph hörte, herangewachſen und recht groß geworden, auch hübſch, obgleich nicht erſtarkt,— es war das eben ein gar zu zartes Geſchöpfchen.“ „Und ſonſt hatte Madame Bendel keine Kinder?“— Dieſe Frage rang ſich mühſam und erſt nach einer ziem⸗ lichen Pauſe von Sophien's Lippen, und es war gerade ſo, als verſtände der Kranke die Schüchternheit derſelben, obgleich gewiß nicht den Grund, welcher in der Anſtren⸗ gung hörbar wurde, mit der das junge Mädchen dieſe Frage an ihn that.— Doch blickte er ſie einen Augen⸗ blick forſchend an, ehe er, ſeine Blicke gegen die Bettdecke ſenkend und dem Spiel ſeiner Finger zuſchauend, die an dem weißen Leintuche zupften, zur Antwort gab:„Ich — 265— könnte und ſollte vielleicht dieſe Frage mit einem einfachen harmloſen Nein beantworten— aber es hält mich etwas davon ab— ich weiß nicht, was mich davon abhält und mich zwingt, die Wahrheit zu ſagen— nämlich die Wahr⸗ heit, ſo weit ſie ſich beweiſen läßt. Und da Sie, mein liebes Kind, nun einmal die Frage an mich gethan, ob Madame Bendel ſonſt keine Kinder gehabt, als die kleine, ſchwächliche Eliſe, ſo muß ich der Wahrheit gemäß ant⸗ worten: In Ihrer Ehe mit Herrn Bendel hatte ſie nur dieſe einzige Tochter.“ „A— a— a— ah—— ſo—“ „Ja, und was früher vorgefallen, dafür hat die un⸗ glückliche Frau ſchwer genug gelitten und war eigentlich Niemanden als ſich ſelbſt eine Rechenſchaft darüber ſchul⸗ dig, um ſo mehr, als ich überzeugt bin, daß ſie Muth genug hatte und Abneigung gegen ihren viel älteren Bräutigam, um ihm aus ihrem früheren Verhältniß kein Geheimniß zu machen— ja, ja, kein Geheimniß zu machen — was immerhin das Beſte war— das Beſte war.“ Dies ſagte Herr Nathan langſam und in einem etwas ſchläfrigen Tone, während ſeine bis jetzt mit dem weißen Leintuch beſchäftigten Hände zu beiden Seiten ſeines Kör⸗ pers herabglitten, dort auf der Decke ruhen blieben und ſich die Finger leicht zuſammenkrümmten— eine Bewe⸗ gung, die das junge Mädchen erſchreckt haben würde, wenn ſeine Geſichtszüge nicht heiter wie bisher geblieben wären. Es war nichts weiter als ein Bedürfniß, auf's Neue “ —— ———— 3 5 .——— 7 ————— 3——,— 5 3———— — 266— einzuſchlafen, bei dem aber der alte Mann noch immer mit den Bildern vergangener Tage beſchäftigt ſchien, denn obgleich ſeine Augen ſchon geſchloſſen waren, ſagte er leiſe, aber deutlich:—„es war ein Mädchen— ein armes, kleines Mädchen, man— hatte— ihr— den Namen—“ Haſtig hatte ſich Sophie erhoben, ſich dicht über den Kranken gebeugt, und da er jetzt ſchwieg, hauchte ſie in unbeſchreiblicher Spannung die Frage an ſein Ohr:„Wel⸗ chen Namen hatte man ihr gegeben?“ „Sophie— ja, Sophie!“ Da richtete ſich das junge Mädchen hoch auf und blieb einen Augenblick wie erſtarrt ſtehen, die Augen weit ge⸗ öffnet, die bleichen Lippen zuſammengepreßt, während ſie mit beiden Händen ihr herabgefallenes Haar langſam aus der Stirne ſtrich, und dann mit zuckenden Fingern ihren Kopf zuſammenpreßte, wobei ſie krampfhaft aufſchluchzte: „— Sophie, ja, Sophie— Adeline Bendel iſt deine Mutter!“ War ihr Schmerz deßhalb tiefer und gewaltiger, weil die glänzenden Luftſchlöſſer, an denen ſie Jahre lang ge⸗ baut, ſo mit einem Male in Nichts zuſammenſtürzten, oder weil ſie das Kind einer Mutter war, die ihr nie eine Mutter ſein würde, nie ſein konnte, da dieſe Mutter ſie nicht nur verleugnet, ſondern auch vergeſſen hatte? Ja vergeſſen, denn ſonſt würde es deren Nachforſchungen doch wohl gelungen ſein, eine Spur ihres Kindes wiederzufin⸗ den, wenn ſie nicht, und das wäre das Schrekllichſte, ſelbſt dieſe Spuren ſorgfältig verwiſcht, ja vernichtet hatte! Leiſe Schritte, die ſich jetzt von der Thür des Zimmers her näherten, weckten Sophie aus ihrer Betäubung, und ſie nahm ihre ganze Kraft zuſammen, um der eingetrete⸗ nen Haushälterin, Madame Kegel, entgegen zu gehen und deren Frage nach dem Befinden des Kranken dahin zu beantworten, daß er ſich weit beſſer befände und ſanft und ruhig eingeſchlafen ſei. „So gönnen auch Sie ſich jetzt Ruhe, mein liebes Fräulein, ich bin gekommen, Sie für die Nacht abzu⸗ löſen; auch hat das Herr Joſeph ſo beſtimmt, ehe er auf den Bahnhof gefahren iſt.“ „Iſt Herr Joſeph verreiſt?“ „Ja, in einer dringenden, unaufſchiebbaren Geſchäfts⸗ angelegenheit, wie er ſagte, doch wird er morgen Vormit⸗ tag zurückkehren und hat Herrn Kniegel beauftragt, ihm während der Nacht jede Veränderung im Befinden des Herrn Nathan zu telegraphiren. Herr Kniegel bleibt deß⸗ halb unten auf dem Comptoir, wird von Zeit zu Zeit hier oben nachſehen und auch im Nothfalle von mir be⸗ nachrichtigt werden; doch glaube und hoffe ich nicht, daß etwas vorfällt,“ ſetzte ſie mit einem Blick auf den Kranken hinzu,—„er ſchläft ja ſanft und ruhig wie ein Geſunder, weßhalb auch Sie, mein liebes Fräulein, ſich ohne jede Sorge dem für Ihre Jugend nothwendigen Schlafe über⸗ laſſen können. Recht dankbar wäre ich, wenn Sie viel⸗ leicht etwas Intereſſantes zu leſen haben und es mir da laſſen wollten.“ Dieſe letztere Bemerkung galt dem alten Buche, das r — — — — 268 Sophie vom Nachttiſchchen nahm, ehe ſie ſich zum Weg⸗ gehen wandte, und nun erwiederte:„Es iſt meine Bibel, Madame Kege,, eine ſehr alte und ſchlecht zu leſende Aus⸗ gabe, während dort drüben auf dem Tiſche ein neueres und beſſeres Exemplar liegt.“ „Ah ſo— danke ſchön— ſo kann ich ja die dort nehmen,“ gab die Haushälterin in einem ziemlich gleich⸗ gültigen Tone zur Antwort. Sophie hätte ihr Buch gerade jetzt um keinen Preis da gelaſſen, es war für ſie zu wichtig, nochmals die ver⸗ gilbten Blätter zu unterſuchen, ob ſich nichts Weiteres finden laſſe, und als ſie in ihrem Zimmer angekommen war, zündete ſie ein paar Lichter an, ſetzte ſich genau ſo neben dieſelben, wie ſie droben geſeſſen, und begann ihre Forſchung auf's Neue; doch wenn ſie auch Blatt um Blatt umſchlug, bis ihre Augen trübe wurden und ſie vor Müdigkeit kaum noch zu ſehen vermochte, ſo fand ſie doch nichts weiter, als die Worte: Adeline Bendel iſt— mit dem verhängnißvollen Buchſtaben d, den aber das junge Mädchen, ſchmerzlich bewegt und tief ergriffen durch das, was ſie erfahren, nicht anders konnte, als bald leiſe, bald laut zu ergänzen— Adeline Bendel iſt deine Mutter—. Dann ſank ſie wohl träumend in ſich zuſammen, und zuletzt im Kampfe zwiſchen Schlafen und Wachen, oder vielmehr in einem Zuſtande ſchlummerartiger, geiſtiger Betäubung glaubte ſie die zitternde Stimme der alten Staatsräthin zu vernehmen, die, den Mund an ihr Ohr haltend, leiſe flüſterte:„Adeline Bendel iſt deine Mutter — 269— — ich weiß es, ich nur allein, nicht einmal die Wilhel⸗ mine oder die boshafte Kammerjungfer— ich allein, und ich ſage es dir.“ Sophie hatte die Lichter bis auf eines gelöſcht, aber ſie konnte ſich nicht entſchließen, ſich auszuziehen und ſich niederzulegen, ſie nahm ſich vielmehr vor, ſpäter in der Nacht oder beim Grauen des Morgens ihre Stelle als Krankenwärterin bei dem alten Herrn Nathan wieder zu übernehmen. Vielleicht wußte er mehr von der Vergangen⸗ heit— jenes Kindes— von ihrer Vergangenheit, viel⸗ leicht, wenn ſie ihm ihre Befürchtungen anvertraute— Hoffnungen hatte ſie keine mehr— ſo war er am Ende im Stande, irgend eine richtige Combination aufzuſtellen und jenen Zeitraum in ihrem Leben auszufüllen, der ihre erſten Lebensjahre umfaßte, bis zu jenen Tagen, deren ſie ſich im Hauſe der alten Staatsräthin erinnerte, wo ſie von Fräulein Wilhelmine von Wanner mit Wider⸗ willen, ja, mit Haß betrachtet wurde, wo ihr die Kammer⸗ jungfer ein oft tröſtliches, oft verletzendes Mitleiden bezeigte, wie man einen kleinen armen Hund in Schutz nimmt, der von Anderen ohne Urſache geſchlagen wird— und wo nur die alte Staatsräthin zuweilen ein warmes, herz⸗ liches Gefühl für ſie zur Schau trug, ihr etwas Gutes zuſteckte, ihren Kopf mit den dürren Händen pätſchelte, doch nur in ſolchen Augenblicken, wo ſie beide allein und keine Lauſcher zu fürchten waren. Und Sophie erinnerte ſich jetzt— o, ſo klar und deutlich!— wie die alte Frau ein paar Mal das runzlige Geſicht gegen ihre Wange —y—— 5 gedrückt und geſagt hatte:„Es wäre beſſer, wenn wir beide geblieben wären, was wir früher waren.“ Aus allem dem trat ihr jetzt klar vor die Seele, daß die alte Staatsräthin zu ihr in einem herzlicheren, intime⸗ ren Verhältniſſe geſtanden, als die beiden Anderen, und daß jene wohl allein im Stande geweſen wäre, ihr irgend welche vertrauliche Mittheilungen zu machen; und daß ſie das vielleicht auch gethan hätte, wenn der Geiſt der alten Frau noch klar genug geweſen wäre, um einen ernſten Gedanken feſtzuhalten, und wenn ihr Leben nicht ſchon in jenen Tagen einem erlöſchenden Flämmchen geglichen, welches nur zuweilen auf Sekunden mit trügeriſchem Schein auf⸗ flackert, um dann wieder deſto tiefer in ſich zuſammenzu⸗ ſinken.— Bald darauf war es ja auch ganz erloſchen, und die ewige Nacht, welche für die Staatsräthin darauf gefolgt war, deckte mit ihrem düſteren Schleier ihre eigene Vergangenheit für immer. Furchtbare Ungewißheit!— Selbſt in dem Falle, daß Fräulein von Wanner oder die Kammerjungfer Näheres wußten von Sophiens Eltern, ſo war es gewiß bei dieſen eine abgemachte und feſt be⸗ ſchloſſene Sache, nie darüber zu reden, und war ihr eige⸗ nes Intereſſe wohl zu feſt und innig mit dieſem Schwei⸗ gen verknüpft. Während alle dieſe Bilder und Gedanken Sophie be⸗ ſtürmten und ängſtigten, war ſie unaufhörlich in dem großen Gemache hin und her geſchritten, mit kurzen Un⸗ terbrechungen, wo ſie an das Fenſter trat, ſich an die — 241— Einfaſſung lehnte und in die immer noch warme, dunſtige Regennacht hinausſchaute. Langſam und gerade fielen die dünnen Tropfen herab, rauſchten ſo eigenthümlich auf dem Waſſer des Fluſſes, der träge am Hauſe vorüberfloß, und bildeten graue Schleier, hinter denen der Strom mit ſei⸗ nen unbeweglich liegenden Schiffen, ſeinen Brücken beinahe gänzlich verſchwand und durch welche man nur einzelne Gaslaternen in matt⸗röthlichem Lichte durchſcheinen ſah. Und doch fühlte ſich das junge Mädchen erfriſcht und be⸗ ruhigt durch dieſe Regennacht mit ihrem ſanften, einförmi⸗ gen Rauſchen, mit ihrer traurigen Finſterniß, die mit ihrem Gemüthszuſtande ſo wohl harmonirte. War es doch, als ob der Himmel und ſelbſt das alte düſtere Haus der Reckenberg mit ihr weine, denn die ſchweren Tropfen, die von dem Geſimſe und den Fenſtervorſprüngen niederfielen, erſchienen ihr wie eben ſo viele Thränen. Die Stille der Nacht, die Ruhe rings umher hatten ſie endlich wunderbar beſänftigt, und als ſie das Fenſter ſchloß und dadurch der Regen noch gedämpfter, ſanfter, melodiſcher in ihr Ohr klang, übte das auf ſie die Wir⸗ kung eines einförmigen Wiegenliedes; ſie trat an ihr Bett, öffnete ihr Oberkleid, ſetzte ſich auf einen Stuhl vor ihrem Lager und lehnte den Kopf rückwärts in die Kiſſen; ſie wollte nicht feſt einſchlafen, nur ein paar Stunden ruhen, etwas ſchlummern, um dann wieder nach dem Kranken zu ſehen. Deßhalb ließ ſie auch das Licht brennen und erhob von Zeit zu Zeit ihre ſchweren Augenlider, wobei ſie — 1 ——— 272— alsdann im Zimmer umherſchaute, um den ſchweren Schlaf zu verſcheuchen, der bleiern auf ſie niederzuſinken drohte. Auch hier, in dem weiten, jetzt halbdunklen Gemache trieben die Schatten in den Ecken ihr unheimliches Spiel, je nachdem das trübe Nachtlicht höher und niederer brannte, und ſah man ſie dann langſam ſich erheben, an den Wänden dahinſchleichen, ſich aufbäumen und die ſonſt ſo geſetzten, ruhigen Gegenſtände im Zimmer, Tiſche und Stühle, Fenſtervorhänge, beſonders die lebensgroßen Bil⸗ der an den Wänden zu allerlei auffallenden Bewegungen verführen. Erſchien es doch in ſolchen Augenblicken dem halb⸗ ſchlummernden Mädchen, als verneige ſich die Dame im Reifrocke dort vor ihr, und jener freundlich lächelnde Herr mit dem Brief in der Hand machte offenbar ſo unruhige Bewegungen, daß ſie ſich ſchon ein paar Mal die größte Mühe gab, die Augen feſter hinzurichten, ihn auch dadurch wieder zur Ruhe nöthigend, wogegen ſie gleich darauf wieder unter ihren langſam herabſinkenden Augenlidern zu bemerken glaubte, daß er noch freundlicher lächelte als gewöhnlich und nur ihr Einſchlafen abwarten werde, um ſich dann wieder mit dem tollen Volke der Schatten ein⸗ zulaſſen. Aber ſie wollte genau Achtung darauf geben— genau Achtung geben wollte ſie— ganz genau— ganz genau—. Das that ſie denn auch und fühlte gleich darauf, wie ihr das Blut ſo heftig zum Herzen ſtrömte, daß ſie nur mühſam zu athmen vermochte, während ein jäher Schrecken 27ʃ3 durch ihren Körper bebte; denn das Bild des freundlichen Herrn dort vor ihr nickte ein paar Mal mit dem Kopfe gegen ſie, bedeutungsvoll, mit faſt lächerlich hoch emporge⸗ zogenen Augenbrauen, als wolle er ihre Aufmerkſamkeit erregen. Vor Entſetzen zuckte keine Wimper ihres Auges — ſie ſah, wie er jetzt mit der linken Hand auf den Brief in ſeiner rechten wies, dann dieſen Brief langſam umwandte, ſo daß das Siegel nach unten kam und ſie die Adreſſe zu leſen vermochte. Sie wollte aufſpringen, konnte es aber nicht, da ſie vor Schrecken wie an allen Gliedern gefeſſelt war, doch war ſie trotz des ungewiſſen Lichtes im Stande, die Auf⸗ ſchrift ſo klar und deutlich zu leſen, als hätte man ſie ihr im hellſten Sonnenlichte dicht vor Augen gehalten, die Aufſchrift:„An Fräulein Sophie Watters.“ Doch nur einen Augenblick, kaum wie ein Blitz, war die Adreſſe ſichtbar, dann ſah ſie wieder das rothe Siegel und bemerkte, daß die Figur des freundlichen Herrn, wie von einem plötzlichen Lachkrampf erſchüttert, grinſend das Geſicht verzog, um gleich darauf wieder regungslos aus ſeinem Rahmen herabzublicken. Ueberwältigt von dem Ungeheuerlichen, was ſie ge⸗ ſehen, ließ Sophie ihr erhobenes Haupt mit einem Ausruf des Schreckens wieder auf das Kiſſen zurückſinken und lag leiſe ſtöhnend da, im Gefühl ihrer Hülfloſigkeit und gänz⸗ lichen Unvermögens, aufzuſpringen und gegen das ge⸗ ſpenſtiſche Bild hinzuſtürzen. Vermochte ſie es doch kaum, ihre Augen weit genug — — — 274— zu öffnen, um Alles rings umher mit einem furchtſamen Blick zu umfaſſen. Sophiens einziger Troſt war, daß der Spuk mit dem Bilde vorüber zu ſein ſchien, denn unter ihren ſchweren Augenlidern hatte ſie jetzt wieder das unveränderlich ruhige und freundliche Geſicht des Herrn auf dem Bilde geſehen, mit dem Brief in der Hand, auf dem man jetzt wieder unverkennbar das rothe Siegel leuchten ſah. Dann ſchlief ſie feſt ein, aber trotz ihrer Ermüdung war es ein unruhiger Schlaf, von wilden, düſteren Träu⸗ men unterbrochen, welche ſich häufig auf die Erlebniſſe des vergangenen Tages bezogen. Sie ſah Herrn Joſeph vor ſich ſtehen, feſtlich angezogen und bereit, ſie zur Trau⸗ ung abzuholen, und als ſie erſchreckt dahin blickte, wo dieſe Trauung Statt finden ſollte— Herr Joſeph wies nämlich mit der Hand dahin—, da erkannte ſie den Garten und das Haus der Staatsräthin, und an einer der Kellerluken erſchien die alte Dame ſelber, wie ſie unter greulichen Verzerrungen des Geſichtes ſchreckliche An⸗ ſtrengungen machte, um ſich aus der engen Oeffnung herauszuwinden— das Faß— das entſetzliche Faß— während jetzt die Kammerjungfer aus dem oberen Stocke herausſchaute, mit einem langen, langen Beſen in der Hand, und alle Anſtrengungen der unglücklichen Frau drunten dadurch vereitelte, daß ſie ihr bei jedem neuen Verſuche mit dem langen Beſen auf den Kopf ſchlug!— Dann plöͤtzlich ziſchte, knallte, rauſchte und ſprühte es, wie von einem ſich mit Einem Male entzündenden, groß⸗ — 275— artigen Feuerwerk„ Raketen erhoben ſich in die Luft, Schwärmer tanzten umher, Zündfäden erglühten nach allen Richtungen in bläulichem Feuer, und aus allem dem ent⸗ wickelte ſich ein lichter Altar mit brennenden Kerzen, mit einem jungen Paare davor, der Trauung gewärtig,— Georg und ein ſchönes, blaſſes Mädchen, während tiefe, mächtige Orgeltöne ſie ſo unausſprechlich traurig machten, daß ihre Thränen unter einem krampfhaften Schluchzen floſſen— Georg— Georg, den ſie ſelbſt ſo innig ge⸗ liebt, und ihre eigene glücklichere Schweſter— o, entſetz⸗ lich!— Ein heftiger, klagender Wind fegt über den öden Haidegrund, daß ſich Sträucher und Bäume biegen und die kleinen Gräſer nicht wiſſen, wohin ſie ſich verſtecken ſollen— der Regen ſtrömt herab und es iſt ihm gleich⸗ gültig, es iſt der ganzen Welt gleichgültig, daß ſie, ein armes, durchnäßtes Kind, in dunkler Nacht allein ihres Weges ziehen muß— weiter— weiter, doch glücklicher Weiſe nur im Traum, wie ſie ſich jetzt erinnert, denn der Regen ſchlägt nur gegen das Fenſter, an welchem ſie ſteht und angſtvoll hinüberlauſcht nach dem Lager des alten, kranken Mannes, der ihr leiſe ächzend klagt, daß er jetzt ſterben müſſe, wenn ſie nicht zu ſeiner Hülfe herbeieile! — Und ſie kann nicht— ſie kann nicht, ihre Füße ſind an den Boden gefeſſelt, ihr Körper vermag ſich nicht zu regen, nicht die leiſeſte Bewegung zu vollbringen, trotz der furchtbarſten Anſtrengungen. Und als ſie ſich endlich mit aller Kraft aus den unſichtbaren Banden zu löſen verſucht und es ihr gelingt, ſo ſtürzt ſie tief, tief hinab, unermeß⸗ — 276— lich tief, wo ſie ſtöhnend liegen bleibt, um zu hören, wie der Kranke über ihr in Einem fort kläglich bittend ihre Hülfe verlangt.— Ja, ſie glaubt zu hören, daß er ſich von ſeinem Lager erhoben hat, daß er ein paar Schritte ſchwer und ſchleichend geht, um dann mit einem deutlichen Gepolter zu Boden zu fallen. Da erwachte ſie aus ihrem tiefen, unruhigen Schlafe, ſtrich haſtig ihr aufgelöst herabhängendes Haar aus der Stirn und blickte eine Sekunde lang entſetzt vor ſich hin, ehe ſie die Kraft fand, ſich aufzurichten.— Da— da— vor ihr— war es möglich, oder war es eine Fortſetzung ihres ſchweren Traumes?— Wenige Schritte vor ihrem Bette ſtand— das Bild aus dem Rahmen herabgeſtiegen? — ſo dachte ſie im erſten Augenblick des gränzenloſen Erſchreckens, und es wäre trotz dieſem unheimlichen Ge⸗ ſpenſterſpuk für ſie tröſtlicher, ja nicht ſo entſetzlich geweſen, als die Geſtalt eines fremden, ihr gänzlich unbekannten Mannes zu ſehen, der dort regungslos ſtand und ſie mit übereinandergeſchlagenen Armen betrachtete. Worte fand ſie nicht in ihrer plötzlichen, ſchrecklichen Aufregung, oder wurden dieſelben erſtickt, ebenſo wie ein Schrei, der ſich ihrer Bruſt entringen wollte. Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, hoffend, daß es eine Fort⸗ ſetzung ihrer wilden Träume ſei, die bei vollem Bewußt⸗ ſein ſpurlos verſchwinden müßten. Aber die Geſtalt verſchwand nicht, da ſie weder etwas Geſpenſtiſches, noch etwas Traumhaftes an ſich hatte, im Gegentheil war ſie ſehr körperhaft und ſehr lebendig. Es war die Geſtalt eines ziemlich großen, jungen Mannes in unſcheinbarem, ja, man hätte ſagen können, etwas vernachläſſigtem Anzug, denn dieſer beſtand aus einer abgebleichten, kurzen Joppe, einem locker umgebun⸗ denen rothen Halstuche, unten aus hohen Reitſtiefeln, die bis an die Kniee reichten und einem grauen, weichen Hut, den er in der rechten Hand herabhängen ließ. Zu jeder anderen Zeit würde er trotzdem weder für Sophie, noch für ſonſt Jemand etwas Erſchreckendes oder Abſtoßendes gehabt haben, denn ſein Geſicht zeigte weder außergewöhnliche noch unangenehme Züge, war im Gegen⸗ theil regelmäßig und hübſch, und wenn die Augen einen etwas lauernden Ausdruck hatten, ſo kam das wohl von den ſcharf herabgezogenen, buſchigen Augenbrauen, die, wie auch der ſtarke, zu beiden Seiten des Geſichts aus⸗ einandergekämmte Bart, ebenſo wie ſein Haar, von hell⸗ blonder Farbe waren. Sophie hatte alle ihre Kraft aufgeboten, um Samm⸗ lung, Ruhe und Faſſung zu gewinnen, und es war ihr dies durch die furchtbarſte Anſtrengung gelungen, indem ſie ſich mit Vorbedacht langſam aufrichtete, den Fremden mit ihrem ſtarren Blicke gleichſam zu bannen verſuchte, von ihrem Lager herabglitt und dann hoch aufgerichtet neben dem Stuhle am Bette ſtehen blieb, die linke Hand auf die Lehne deſſelben geſtützt, während ſie mit der Rech⸗ ten ihr Oberkleid zuſammenhielt. Dabei erſchien der bekannte, energiſche Blick ihrer dun⸗ keln Augen, jetzt noch verſtärkt durch ein trotzig verächt⸗ Hackländer, Kainszeichen. III. 19 71 ö““ 2 .———— 1 8— — 27 8— liches Aufwerfen ihrer Oberlippe, ſowie durch den tiefen, klingenden Ton ihrer Stimme, als ſie fragte:„Wer ſind Sie und was wollen Sie?“ „Hm,“ gab der Fremde nach einer kleinen Pauſe zur Antwort, während welcher er das in ſeiner Aufregung ſo ſchöne Mädchen mit einem kecken Lächeln betrachtete,„es iſt allerdings nicht die paſſendſte Zeit, ſich einer ſo allerliebſten künftigen Hausgenoſſin vorzuſtellen, auch kann ich darauf ſchwören, daß das eigentlich nicht meine Abſicht war; ich habe einfach das Zimmer verfehlt und bin ſtatt in den zweiten Stock in den erſten gerathen, oder hat mir viel⸗ leicht Kniegel, jener argliſtige Maulwurf, abſichtlich das falſche Zimmer bezeichnet— es ſähe ihm ähnlich, jeden⸗ falls bin ich dem Zufall oder ihm dankbar.“ Als er die letzten Worte ſprach, drang ein unange⸗ nehmer Blick aus ſeinen Augen, und da er hierbei leicht ſeine Fingerſpitzen küßte und gegen Sophie bewegte, ſo bebte das junge Mädchen vor Zorn und fühlte ſich kaum im Stande, zu wiederholen:„Wer ſind Sie und was wollen Sie hier?“ „Was ich hier will,“ entgegnete er in einem frechen Tone,„kann ich doch wohl nicht ſo gerade heraus ſagen, dazu bin ich viel zu galant und zu ſehr voll Reſpekt für das Haus und die ſchöne Domaine meines theuren Oheims Joſeph!— So, jetzt wiſſen Sie, wer ich bin, mein ſchönes Kind, und über das Andere können wir gemüthlicher ver⸗ handeln.“ „Daß Sie ein Unverſchämter ſind, habe ich an Ihrem frechen Auftreten zur Genüge geſehen,“ rief ſie mit einem zornigen Aufleuchten ihrer Augen, indem ſie energiſch einen Schritt gegen ihn vortrat,„an Ihrem Auftreten, das mich berechtigt, Sie aus meinem Zimmer zu weiſen.“ „Dazu ſind Sie allerdings berechtigt,“ erwiederte er ruhig lächelnd,„und wer würde einem ſo reizenden Weſen dieſe Berechtigung nicht zuerkennen, vielleicht auch dem ſtrengen Befehl Folge leiſten, wenn ſo etwas bei meiner Lage und meinen Ausſichten nicht komplet lächerlich wäre — ich bitte Sie indeſſen, ſich vorläufig gänzlich zu be⸗ ruhigen, und damit Sie ſehen, wie ſehr ich Ihre nichts weniger als freundſchaftlichen Blicke zu würdigen verſtehe, ſo werde ich mich hier auf dieſem Stuhle in anſtändiger Entfernung von Ihnen niederlaſſen, vorläufig zu einer kleinen Plauderei. Die Zeit ſcheint allerdings nicht ganz geeignet dazu, iſt für mich aber vollkommen paſſend, da ich hieher kam, um bei meinem theuren Oheim da oben etwas Chriſtenpflicht in Form einer Nachtwache zu üben, beſonders aber deßhalb paſſend, weil mir der vortreffliche Herr Kniegel ſagte, mein verehrungswerther Onkel Joſeph, dem ich gerade nicht begegnen möchte, denn wir haſſen uns etwas Weniges, ſei verreiſt.“ Er hatte bei dieſen Worten einen Stuhl herangezogen, ihn ſo umgedreht, daß er ſich rittlings auf den Sitz nieder⸗ laſſen konnte, wobei ihm die Lehne zum Aufſtützen der Arme diente, dann fuhr er, das bleich gewordene, erbebende Mädchen eine Zeit lang frech anſtarrend, fort:„Und nun, mein ſchönes Kind, darf ich Ihnen wohl wiederholen, wie — 280— ſehr ich mich freue, Ihre Bekanntſchaft gerade in einer Situation gemacht zu haben, die über die erſten förmlichen und kalten Begrüßungen raſch und leicht hinweghilft,— darf mich auch wohl erkundigen, wie Sie ſich hier in unſerem Hauſe befinden?— Schätze recht behaglich,“ ſetzte er hinzu, indem er rings um ſich her ſchaute.—„Haben Sie ſich doch die ſchönſten Zimmer im Hauſe ausgeſucht, und mein theurer Onkel Joſeph hat nicht verſäumt, dieſe Zimmer ſo comfortable als nur immer möglich zu machen! Denn wenn man mit Zugrundelegung des Sprüchwortes: Alter ſchützt vor Thorheit nicht, einmal A ſagt, ſo muß man auch B ſagen, und ſo fort, wie weit es eben reicht; — mir kann das ja auch gleichgültig ſein, ja, es freut mich, denn ich möchte auf Ihre ſchönen glänzenden Augen die Wette eingehen, daß wir ſpäter ganz gute und ver⸗ trauliche Nachbarſchaft halten werden— die Hand darauf, ſchöne Hausgenoſſin!“ Er ſtreckte ihr ſeine knochige, unſchöne Rechte entgegen, wobei unter dem abgenutzten Aermel ein zerknittertes, ſchmutzig gelbes Hemd zum Vorſchein kam; und als bei dieſer Bewegung Sophie mit allen Zeichen des Abſcheues zurückwich, ſagte er lachend:„Allerdings fehlen noch die zierlichen Handſchuhe und was dran und drum hängt, doch war ich bis jetzt kein Schooßkind des Glückes, wie Sie, ſchönes Kind, hatte auch zu viel Wichtigeres im Kopfe, als daß ich mich ſogleich um's Aeußere bekümmert hätte, doch iſt der Kern friſch und geſund und das Andere kommt nach.“ Hätte er auch nicht ſo in Einem fortgeſprochen, hätte er ihr auch durch Pauſen Gelegenheit zum Antworten ge⸗ geben, ſie würde es doch nicht vermocht haben, auch nur eine Silbe über die Lippen zu bringen. Sie fühlte ihr Herz erbeben, ſie fühlte ihre Bruſt wie zuſammengeſchnürt, ſie fühlte ſich unendlich verlaſſen und elend, nicht allein durch das rohe Eindringen in ihr Zimmer, ſondern viel mehr durch etwas furchtbar Verletzendes, das aus ſeinen Worten hervorklang und dem ſie ſich vergebens bemühte, eine andere, minder ſchimpfliche, minder verworfene Deu⸗ tung zu geben. Und wenn es auch gleich darauf wieder in ihrem Herzen klang: Nein, nein, das iſt ja unmöglich, dazu kann man mich doch nicht fähig halten! ſo war doch der Sinn ſeiner Reden nicht mehr zu mißdeuten, als er gleich darauf lachend fortfuhr:„Ja, warten Sie nur noch ein paar Tage, mein reizendes Mädchen, und ich werde auch im Aeußern ſo ſchön und elegant vor Ihnen ſtehen, wie Ihr alter Liebhaber!“ Da preßte ſie in wildem Schmerze ihre Hände vor das Geſicht, biß ihre Lippen blutig und rang nach einem Entſchluſſe.— Noch irgend eine Antwort dieſem wüſten Geſellen zu geben, hätte ſie nicht vermocht, und durch ihre ſtarke Seele bebte der Gedanke, gegen ihn zu ſtürzen, ihn womöglich umzuwerfen und dann um Hülfe zu rufen— oder wenn ſie eine Waffe gehabt hätte, nur ein einfaches Meſſer, ſie wäre in ihrer Verzweiflung entſchloſſen geweſen, blutigen Gebrauch davon zu machen— nur eine Waffe, eine Waffe! —— 5+ 8 — 282— Sie ließ ihre Hände niederſinken und ihre Finger zuck⸗ ten krampfhaft, während ſie, die Lippen weit geöffnet, mit blitzenden Augen ſuchend um ſich her ſchaute. Doch ſchien er ihre Mienen und ihre Blicke zu verſtehen, und indem er ſeinen Stuhl einen Schritt näher gegen ſie rückte, ſagte er, den Kopf aufwerfend:„Pah, keine Kindereien, ſchätze wohl, es kommt im Roman oder in der Komödie vor, daß man einen Mann mit einem Dolche oder einer Piſtole ſchrec, wenn man nämlich dergleichen hat, im gewöhn⸗ lichen Leben iſt das lächerlich!— Und was bedeutet dieſe tugendhaft ſein wollende Entrüſtung, was habe ich Ihnen denn Schreckliches zugefügt? Schätze doch, es iſt kein Un⸗ glück, mit einem hübſchen Mädchen Eins zu plaudern, und ſollte dieſes junge Mädchen in ihrer zweifelloſen Stellung dergleichen Zierereien bei Seite laſſen;— die Sache fängt an, mich zu langweilen,“ fuhr er mit einem finſteren, tückiſchen Blicke fort, wobei er das Kinn vorſtreckte und ſeine Augen widrig funkelten;—„ſchätze, es wäre ge⸗ ſcheidter, freundlicher zu ſein, wenn ſich ein junger Menſch von meinen Eigenſchaften nach Mitternacht herbeiläßt, artige Dinge zu ſagen und zu thun.“ Sie hatte bei dem Umherſchauen vorhin geſehen, daß er bei ſeinem Eintritte die Thüre des Gemaches nicht wie⸗ der verſchloſſen, auch mit raſchem Blicke berechnet, daß dieſe Thüre nahe genug ſei, um dieſelbe, ehe er ſich von ſeinem Stuhle erheben konnte, mit einem raſchen, verzweiflungsvollen Anlaufe zu erreichen,— und nur ſo war ſie im Stande, ſich zu retten— ſich zu retten vor 283— etwas Entſetzlichem, vor einer Berührung ſeiner Hand; denn ſie ſah wohl, wie er ſeinen Stuhl langſam gegen ſie bewegte, wobei der Ausdruck ſeines Geſichtes, ſein wi⸗ derliches Lächeln immer frecher, immer furchtbarer wurde. Raſch entſchloſſen ſtützte ſie ihre Hand feſt gegen die Lehne des Stuhles, neben welchem ſie ſtand, und im gleichen Augenblicke, als ſie den Stuhl mit kräftigem Stoße gegen ihn ſchleuderte, floh ſie gegen die Thüre. Doch in der gleichen Sekunde vernahm ſie ein kurzes, heiſeres Lachen, und als ſie ſchon glaubte, an der Thüre und in Freiheit zu ſein, fühlte ſie ihren Leib von einem ſtarken Arm umſchlungen und ſich gegen das Bett zurück⸗ gezogen, eine Bewegung, gegen welche ſich ihr ſonſt ſo kräftiger, ſchlanker, weicher und biegſamer Körper mit aller Kraft der Verzweiflung wehrte, wobei ſie einen laut gel⸗ lenden Ruf nach Hülfe ausſtieß. Mit einem Fluche preßte er ihr trotz ihres Abwehrens eine Hand auf den Mund, zog dieſe aber ſogleich zähne⸗ knirſchend wieder zurück, da ſie ihn in der Verzweiflung ſo hineingebiſſen, daß das Blut augenblicklich herabſtrömte. —„Beſtie,“ ſagte er halblaut,—„wilde Katze, es ſoll mir doppelte Luſt ſein, dich zu zähmen!“— Und als er dabei, ſie gewaltſam in die Höhe reißend, ſein Geſicht dem ihrigen näherte, fühlte ſich das unglückliche Mädchen einer Ohnmacht nahe, angehaucht von einem widerlichen Wein⸗ dunſt, der ſeinem Munde entſtrömte. Daß ſoeben oben im Zimmer des alten Herrn Nathan etwas auf den Boden niedergepoltert war, hatte er un⸗ —ũ——— — — 284— möglich hören können in der Aufregung des Ringens mit dem kräftigen Mädchen; jetzt aber, wo ſie nur noch einen Schritt von ihrem Lager entfernt, die Augen ſchloß und ſchmerzlich aufſtöhnend zuſammenzubrechen ſchien, horchte er plötzlich gegen die weit geöffnete Thür— Sophie war ihr ſchon ſo nahe geweſen, daß ſie ſie mit der Hand auf⸗ werfen konnte— und ließ ſie hierauf langſam auf den Boden niedergleiten, im nächſten Augenblick einen Schritt zurücktretend. Denn draußen hörte man etwas die Treppe herab⸗ kommen, langſam, bedächtig, aber mit ſchwerem Tritt, wobei zuweilen das alte Geländer krachte, wie wenn ſich Jemand daran hielte oder ſich wankend darauf ſtützte— auch huſtete es dumpf, und jetzt vernahm man ein Ge⸗ räuſch, als taſte etwas draußen an der Wand des Ge⸗ maches immer näher und näher der Thüre zu und dann erſchien in der dunklen Einfaſſung eine Geſtalt, die ſo ſelt⸗ ſam, ſo erſchreckend, faſt geſpenſtiſch ausſah, daß der Neffe des Hauſes unwillkürlich noch um einen weiteren Schritt zurücktrat und daß ſelbſt Sophie, die mit ſtarrem, entſetz⸗ tem Blicke dorthin ſchaute, ſich erſchrocken vom Boden auf⸗ richtend, trotz dem eben erlebten Schrecklichen Miene machte, zurückzuweichen. Es war unverkennbar Herr Nathan Schropps, was jetzt da ſteif und unbeweglich auf der Schwelle ſtand, eine weiße Nachtmütze auf dem Kopfe, deren Spitze drohend nach vorn gekehrt war, eingehüllt in ein weißes Leintuch, welches die Geſtalt wie einen Mantel um ſich geſchlungen 285 hatte— ja, es war Herr Nathan Schropps, aber außer⸗ ordentlich verändert, wenn man ſich erinnerte, wie er vor wenig Stunden noch freundlich lächelnd in ſeinem Bette gelegen. Er war ſchrecklich verändert! Zu den Seiten des eigenthümlich geöffneten Mundes erſchienen die Backen tief eingefallen, das Geſicht war bleich und die weit auf⸗ geriſſenen Augen ſtarrten wie aus dunklen Höhlen hervor, wobei es einen unheimlichen Eindruck machte, daß er mit den glanzloſen Blicken eine ſo gewaltige Wirkung auf ſeinen Neffen ausübte. Denn dieſer wich mit Zeichen des Unbehagens Schritt um Schritt vor dieſem Blick zurück, wogegen Sophie, nachdem ſie ein eigenthümlich fröſtelndes Gefühl überwunden, gegen Herrn Nathan ſtürzte und mit der flehend ausgeſprochenen Bitte:„Retten Sie mich vor dem Menſchen!“ zu ſeinen Füßen niederſank. „Vor dem da— vor meinem Neffen,— den ich aus dem Elend an mein Herz gezogen und zu einem reichen Manne gemacht,“ ſagte langſam die Geſtalt des Herrn Nathan Schropps, doch klang auch ſeine Stimme nicht mehr wie gewöhnlich, ſondern hohl und zitternd,—„vor ihm ſoll ich dich ſchützen, armes Kind— ja, darum habe ich mich noch einmal aufgerafft, weil ich deinen Schrei und ſeine Worte gehört,— man hört genau in ſtiller Nacht und in meinem Zuſtande,— was wollte er hier, Sophie?“ „O, ich vermag das nicht zu ſagen, ich kann es mit Worten nicht ausdrücken, doch wäre ich dem Fenſter nahe geweſen, ich hätte mich lieber in den Fluß drunten geſtürzt, als noch länger ſeine furchtbaren Worte ertragen.“ — 286— Da wandte die Geſtalt des Herrn Nathan Schropps ihre Augen in die Höhe und ſagte:„O, mein Bruder Joſeph, hätteſt du vielleicht doch Recht gehabt?— Doch rede du,“ fuhr er nach einem kurzen Stillſchweigen fort, „was haſt du hier in der Nacht in meinem Hauſe zu thun, was führt dich in dieſes Zimmer?“ Nun hatte ſich aber der, an welchen dieſe Worte in einem feſteren und beſtimmteren Tone gerichtet waren, augenſcheinlich von ſeiner Beſtürzung erholt, ſobald Herr Nathan Schropps anfing zu ſprechen, und beſonders als er ſeine ſtarren Blicke von ihm weg gegen das junge Mädchen wandte, ſie mit einem weichen, herzlichen Aus⸗ drucke betrachtend.— Ja, der würdige Neffe des Hauſes hatte ſeine frühere Sicherheit wieder erlangt und erwie⸗ derte, indem er einen Schritt näher trat:„Was ich heute Nacht hier im Hauſe mache, iſt doch wohl erklärlich durch meine zärtliche Sorge um Sie, eine Sorge, die Gott ſei Dank nicht gerechtfertigt erſcheint, und dabei iſt es wohl zu entſchuldigen, daß ich das richtige Zimmer verfehlte.“ „Verfehlte— verfehlte,“ gab Herr Nathan mit einem langſamen Kopfnicken zur Antwort,„du haſt in deinem Leben viel verfehlt und gefehlt— wie wir Alle, ja, wie ich wohl am meiſten, wie ich jetzt deutlich einſehe— o, mein Bruder Joſeph, vielleicht haſt du doch vollkommen Recht gehabt— aber noch iſt es Zeit, darüber zu denken, zu reden— und zu handeln.“ Da flog es wie ein ſpöttiſches Lächeln über die Züge des Neffen der Herren Gebrüder Schropps, und nachdem 287 er ſeinen Hut vom Boden emporgehoben, ſagte er, den Kopf aufwerfend:„Wozu Sie noch Luſt und Zeit haben, mein theurer Oheim, das vermag ich allerdings nicht zu hindern, und wenn ich auch bitter bereuend fühle, daß ich in meinem Leben häufig gefehlt, ſo iſt doch das hier— er machte bei den letzten Worten eine verächtliche Hand⸗ bewegung gegen Sophie— wohl nicht der Mühe werth, um ſich in Ihrem Zuſtande einer ſolchen Aufregung hin⸗ zugeben und ſich eine gefährliche Erkältung zuzuziehen. Verzeihen Sie den Aerger, den ich Ihnen verurſacht, und wenn Sie befehlen, ſo mache ich auch dieſem ſchönen Fräulein meine Entſchuldigungen,— kommen Sie aber jetzt, mein verehrter Herr Oheim und geſtatten Sie mir, Sie in Ihr Zimmer zu begleiten, und Ihnen dort Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten, bis Sie wieder einſchlafen, was hof⸗ fentlich baldigſt geſchieht.“ Es zuckte häßlich aus ſeinen Augen und ein unangenehmes Lächeln umſpielte ſeinen Mund, als er ſo ſprach, dabei näher tretend, um dem alten Manne ſeinen Arm zur Unterſtützung anzubieten. Da war es aber wieder jener ſeltſame, kalte, ſtarre, faſt todte Blick aus den Augen der Geſtalt des Herrn Nathan Schropps, was ihn nicht nur zurückſcheuchte, ſondern ihm eine unbehagliche Empfindung verurſachte, als wehe ihn ein kalter Wind an und fahre ihm fröſtelnd über den Rücken hinab.— Auch erhob die Geſtalt des Herrn Nathan Schropps mit einer ſteifen Langſamkeit die Rechte und ſagte:„Rühre mich nicht an— verlaß mich ſogleich und dieſes Haus— ſogleich— ſogleich, ohne —— — 1 —y — 288— 2 rückwärts zu ſchauen— denn du würdeſt mich ſtehen ſehen mit einem Zeichen, das dir verſtändlich wäre, ohne ein geſprochenes Wort— gehe— gehe— verlaß dieſes Haus, ohne dich umzuſchauen!“ Und er gehorchte, indem er augenblicklich, ſcheu, ver⸗ wirrt, ſich furchtſam duckend und ängſtlich ſeitwärts blickend, an der jetzt regungslos ſtehenden Geſtalt des Herrn Na⸗ than Schropps vorüberſchlich, über den Gang hinweg, die Treppe hinab— ohne ſich umzuſchauen, zum Hauſe hinaus, deſſen Thür hinter ihm in's Schloß fiel, dumpf dröhnend, ſo daß es durch das ganze Haus hallte. „Auch du ſollſt mich nicht geleiten, ich muß meinen Weg allein gehen,“ ſagte er nun zu dem ängſtlich beben⸗ den Mädchen, die einen Schauer fühlte, wie ſie niemals empfunden, als er nun ſeine kalte Hand auf ihr Haupt legte und dazu ſprach:„Nimm meinen Segen, der mit dir durch's Leben gehen und dich hoffentlich glücklich machen wird— lebe wohl, mein Kind!“ Er wandte ſich langſam ab, und obgleich das Veſti⸗ bule vor ihrem Zimmer in tiefem Dunkel lag, ſo ſah Sophie doch deutlich die weiße Geſtalt gegen die Treppe wanken, ſich dann bewegungslos die Stufen hinanheben, und bemerkte jetzt mit ſteigendem Entſetzen, daß die Ge⸗ ſtalt, je höher ſie ſich erhob, um ſo deutlicher und heller wurde, ja, endlich ſo klar, faſt durchſichtig, als wäre ſie von einem leuchtenden Mondſtrahl berührt. War es ein Spiel ihrer aufgeregten Phantaſie, waren es Lichtfunken, wie ſie in tiefer Finſterniß bei wild em⸗ — 289 pörten Nerven zuweilen vor unſeren Augen erſcheinen, ſie wußte es nicht, ſie vermochte nicht, darüber nachzudenken, fühlte aber um ſo mehr, wie ihre Kräfte ſchwanden, wie ihr Athem ſchwerer und immer ſchwerer ging, weil eine Centnerlaſt auf ihrer keuchenden Bruſt ruhte. Und dabei war ſie allein in tiefer Nacht, allein ohne Hülfe in dem unheimlichen Hauſe, und fühlte wohl, daß es ihr nicht mehr möglich ſei, die Treppe hinabzukommen und das Zimmer der Haushälterin zu erreichen, die doch unten ſein mußte, da ſie ja, allerdings unerklärlicher Weiſe, den Kranken allein gelaſſen. Da blitzte ein Lichtſchein unten im Treppenhauſe auf, und die wachſende Helle gab ihr ſo viel Kraft, daß ſie, ſich mit der Hand an die Thüreinfaſſung klammernd, aufrecht bleiben konnte. Sie athmete erleichtert auf, als ſie nun die Haushälterin erkannte, die mit einem Licht in der Hand die Stufen heraufkam, leiſe ſchluchzend und er⸗ regt wie nach heftigem Weinen. Und daß ſie geweint, ſah man an ihrem gerötheten Geſichte, den verſchwollenen Augen, die ſie im Aufſteigen mit der Schürze wiſchte. „So wiſſen Sie es denn auch ſchon, mein liebes Fräulein?“ ſagte Madame Kegel, das ſchreckenbleiche, ver⸗ ſtörte Geſicht des jungen Mädchens betrachtend.„Aber kommen Sie hinein, kommen Sie in Ihr Zimmer und wir wollen die Thür hinter uns zumachen, denn ich bleibe nicht gern bei offenen Thüren,“ ſetzte ſie, einen ſcheuen Blick gegen die Treppe werfend, hinzu,„kommen Sie— Gott, wie angegriffen Sie ausſehen und wie Sie zittern ————— “ * ——— ——-—————— — 290— — Sie müſſen ſich ſogleich zu Bette legen, und dann bleibe ich bei Ihnen.“ Willenlos folgte Sophie und ſank mit einem tiefen Seufzer auf ihr Lager, ſie fühlte ihre Schwäche wieder⸗ kehren und war glücklich, nicht mehr allein zu ſein. „Wie haben Sie es nur ſchon erfahren?“ fragte die Haushälterin, am Bette ſitzend, nachdem ſie das junge Mädchen ſorgfältig zugedeckt und ihr die Kiſſen zurecht gerichtet.„Wie haben Sie es nur erfahren?— Waren Sie noch einmal droben und bei ihm? Doch das iſt ja unmöglich, da ich das Zimmer abſchloß und die Schlüſſel hier in meiner Taſche habe,— wie haben Sie es denn erfahren?“ „Was denn, liebe Madame Kegel?“ hauchte Sophie mit halbgeſchloſſenen Augen. „Nun, daß der arme Herr Nathan geſtorben iſt, Gott habe ihn ſelig, und ſehr ſanft geſtorben, denn es war aus mit ihm, als wenn ein Licht von ſelber erlöſcht.“ „Wann iſt er geſtorben?“ fragte das junge Mädchen, haſtig in die Höhe fahrend, mit weit aufgeriſſenen Augen und dem Ausdruck eines unbeſchreiblichen Entſetzens. „Nun, vor ungefähr zwei Stunden,“ gab Madame Kegel zur Antwort, und ſetzte in einem Tone der Ver⸗ wunderung hinzu:„Sie wußten es alſo nicht?“ Sophie faltete krampfhaft ihre Hände.—„Vor zwei Stunden? Oh, mein Gott, das iſt ja unmöglich!“ „Und doch wahr, mein liebes Fräulein, Sie ſehen, wie es auch mich erſchüttert hat,“— dabei floſſen ihre clll⸗ 25 ℳ Thränen reichlich—„„und ich war allein bei ihm, ſo 4 ganz allein, und wenn ich nicht ſchon öfter dabei geweſen wäre, hätte ich es vielleicht nicht einmal gewußt, daß er geſtorben ſei, ſo ruhig und unverändert lag er da!— Ach ja, das iſt unſer Aller Loos, und damit muß man ſich zu tröſten ſuchen— der gute, alte Herr,— und wie gern er auch Sie hatte— ich würde gleich gekommen 2 ſein und es Ihnen geſagt haben, ja, ich war ſchon in Ihrer Thür, merkte aber wohl, wie ruhig Sie ſchliefen, und da dachte ich mir, Sie hörten es morgen früh zeitig genug.— Nun, beruhigen Sie ſich nur, mein liebes 4 Fräulein, es bleibt ja hier unter Herrn Joſeph Alles beim Alten, das gibt mir auch einigen Troſt— deßhalb be⸗ ruhigen Sie ſich nur!“ Sie hatte das mit einem beſorgten Blick auf Sophie wiederholt, weil dieſe lautlos auf ihr Kiſſen zurückgeſunken war— dann aber beugte ſich Madame Kegel erſchreckt über das junge Mädchen, welches wachsbleich da lag, mit geſchloſſenen Augen, ohne zu athmen, während ihre feinen Finger leiſe zuckten. ———— D 8 . . * 1 . 1 7 mch 6 — —— . 1 8 . 4.*„ 9 4 8 . — — —— —