„Leihbibliothek ſe uher engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, 7. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumn ne hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Gf.———— Auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4— 5. Auswürtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſend ing der liche auf ihre eigenen Koſten und Gef fahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Von den literariſchen Beſtrebungen der Familie Sprütter und dem richtigen Zeichen: wann der Rechte kommt... Sechszehntes Kapitel, in welchem wir einem Bankdiner in der goldenen Seejungfer beiwohnen und ein wenig hinter die Couliſſen ſehen,. Siebenzehntes Kapitel, mit Verhandlungen verſchiedener Art, Eintrag in's Soll und Haben und einer Schlußrechnung, die nicht ohne Fol⸗ gen iſt.... ****.**** 4 Seite 30 50 93 IN Achtzehntes Kapitel, vorigen von einer Begegnung oll den geneigten Leſer ſchonend ſer Geſchichte vorbereiten.. den a handelt als Fortſetzung des ghe ſehr trauriger Art und hinte auf den ernſten Schluß die 1 beträ für 1. Neunzehntes Kapitel, Wiederfinden nicht 146 wieſen werden muß, daß 198 Glücke führt. 7 worin leider be immer zum 249 4 4 Aus ſpäteren Tagen Manipulat überzieht, wickelt, f befruchten Hagel⸗ o „Wie Vierzehntes Kapitel. Manipulationen der großen deutſch⸗amerikaniſchen Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank, lehrreich für Jedermann. Die große deutſch⸗amerikaniſche Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank, mit einem Anlage⸗Kapital von zwanzig Millionen Dollars, fundirt auf die ungeheuren freiherrlich von Dallenbach'ſchen Güter, auf deren koloſſalen Eiſen⸗ bahn⸗ und Bergwerksbetrieb, war in's Leben getreten, zuerſt erſchienen am Horizont der Börſe, wie ein glänzen⸗ des Wetterleuchten, wonach man die Augen wendet und die Ohren ſpitzt, um baldmöglichſt zu erfahren, ob es wie manch' ähnliche Erſcheinung geräuſch⸗ und ſpurlos vor⸗ überzieht, oder ob es ſich zu einem ſoliden Gewitter ent⸗ wickelt, für den Einen ſegensvoll durch heiß erſehnten, befruchtenden Regen, für den Anderen verderblich durch Hagel⸗ oder Blitzſchlag. „Wie heißt deutſch⸗amerikaniſche Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank?“ fragten an der Börſe ſcharfgeſchnittene Geſichter,„wo ſind die freiherrlich von Dallenbach'ſchen Güter? wie heißt fundirtes Actien⸗Kapital von zwanzig Millionen Dollars? Es wird nichts ſein wie e neuer Hackländer, Kainszeichen. IV. 1 — 2— amerikaniſcher Humbug! Wer iſt der Freiherr von Dalle bach? Hat ihn Jemand ſchon geſehen und gewogen, d man wüßte, ob man ihm könnt' discontiren ein Wechſ chen von hundert Gulden?“ „Was den Freiherrn von Dallenbach anbelangt,“ meinte Jemand, dem man ſchon einige Erfahrung zutrauen konnte,„ſo gibt es allerdings einen ſolchen, der einen bedeutenden und ſehr anſtändigen Aufwand macht, der mit ſoliden Leuten verkehrt, wie ich neulich ſelbſt beim Gartenfeſt der Eintracht ſah, wo ich ihn nicht nur im vertraulichen Geſpräche mit bedeutenden Herren der haute finance geſehen, ſondern auch bemerkte, wie er von dieſen mit großer Conſideration behandelt wurde.“ „Wie heißt Conſideration von bedeutenden Herren der haute finance? Sie werden em artig geweſen ſein, weil es der Herr Baron von Dallenbach war,— wer kennt en perſönlich?“ „Ich,“ ſagte ein Dritter,„ein liebenswürdiger Herr und Cavalier, ich war zufällig bei meinem Bruder, als er von dieſem hat erhandelt ein Paar Wagenpferde, die dem Fürſt Pleſſen geweſen ſind zu theuer.“ „Gekauft— aber auch bezahlt?“ „Dreitauſend Gulden in einem Check auf die Gebrüder Schropps.“ „Die Gebrüder Schropps,“ meinte der Mißtrauiſche mit einem bedeutſamen Kopfnicken,„iſt eine gar ſolide Firma und ein ſehr reiches Haus! Wenn Gebrüder Schropps die Hand auch bei der neuen Bank im Spiele ko on Dalle ogen, d 1 Wechſ relangt,“ zutrauen der einen acht, der lbſt beim nur im er haute on dieſen erren der ein, weil er kennt er Herr der, als de, die ſebrüder rauiſche ſolide ebrüder Spiele — 3— haben, ſo iſt man's ſich ſelbſt ſchuldig, die Sache in Be⸗ tracht zu ziehen— und wenn ich mer lege, ſo könnte ich mer wohl denken, Schropps, ſeit ſein Bruder Nathan geſtor Bischen in's Zeug ginge, denn der alte Herr Nathan war gar zu ängſtlich, in geſchäftlicher Beziehung ein Hemm⸗ ſchuh.— Aber der Name der neuen Bank,“ fuhr der Sprecher fort, der mit geſpreizten Beinen da ſtand, beide Daumen in den Aermelausſchnitten ſeiner Weſte, jetzt mit geöffneten Händen, den Hut etwas auf dem Hinterkopfe, „wie heißt deutſch⸗amerikaniſche Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank— wer ſind die Herren Gründer?“ „Stecken vor der Hand noch hinter den Couliſſen, zeigen aber in der Art, wie ſie das Spiel beginnen, eine Umſicht und Geſchäftskenntniß, die vertrauenerregend iſt, haben, wie ich höre, den ſchlauen Regierungsrath Löſer zum Rechtsanwalt gewonnen, und wo der zugreift, da muß ſchon etwas Solides zu erfaſſen ſein.— Aber was mir noch wichtiger erſcheint, Kniegel war geſtern bei mir, dankte für das ihm bewieſene Vertrauen und bedauerte zu gleicher Zeit, keine Aufträge mehr annehmen zu können, da er ſeine ganze Zeit der neuen Bank widmen müſſe.“ „Auch mir hat er das Gleiche geſagt.“ „Und mir.“ „Nun,“ meinte der Mißtrauiſche,„dann werde ich ihn auch verlieren, thut mir leid, denn ſo etwas, wie Kniegel, kommt nicht ſo bald wieder, ein Geſchäftsmann comme il faut— ein Finanztalent, hat auch für mich die das genau über⸗ daß Herr Joſeph ben iſt, gern ein ½ e 5 — 4— ſchwierigſten Combinationen durchgeführt, und wie durch⸗ geführt, obgleich er nicht einmal leſen und ſchreiben kann, — bewies gerade dadurch, daß er ein Genie iſt! Im V Vertrauen geſagt, habe ich manchmal gewartet mit Ab⸗ V ſchließung eines bedeutenden Geſchäftes, bis ich geſprochen hatte den Kniegel, und wenn ich ihm dann ſagte:„Haben Sie Luſt mitzuthun für ein paar Tauſend? und er ſagte, b ich nehm's an, Herr von Roſenheim, da hab' ich jedes Mal riskirt ſo viel Hunderttauſend, und hab' mich be— funden ſehr wohl dabei.“ Dabei ließ er ſeine Hände lang⸗ ſam an der Weſte hinabgleiten in ſeine Hoſentaſchen und klimperte dort mit Geld und Schlüſſeln—„doch es ge— fällt mir nicht der Name dieſer neuen Bank.“ „Und ich glaube, daß der Name vortrefflich gewählt iſt, man ſpekulirt dabei auf die Phantaſie der ſoliden Bürgerklaſſen, man bietet in dem Namen ſchon ſo Ver⸗ ſchiedenes, daß Jeder ſich denkt, wenn eines der Unter⸗ nehmen nicht geht, ſo muß das andere aushelfen, man zielt ſchon mit dem Namen Deutſch⸗Amerikaniſch“ auf manch' empfindſames Vater⸗ oder Mutterherz, das da glaubt, die hier zur neuen Bank eingezahlten Kapitalien kämen auf irgend eine Weiſe den Kindern oder Verwand⸗ ten drüben zu gut, mit einer ſolchen Actie würde man gewiſſermaßen Theilhaber an all' den ausführlich beſchrie— benen großartigen Unternehmungen, und betrachtet das wie einen Empfehlungsbrief für irgend Jemanden zu irgend einer Anſtellung dort. Glaubt mir, die einfache Benennung Wechſelbanke, ‚Notenbank⸗,„Hypothekenbanke betrachtet — — 5— eine große Anzahl jener kleinen Leute mit einem gewiſſen Mißtrauen, da ihnen Noten, Wechſel und Hypotheken, wenn auch in anderem Sinne, immerhin unheimliche Dinger bleiben, während Coloniſation, Eiſenbahn, Berg⸗ werksbetrieb für ſie einen angenehm klingenden Namen haben und greifbare Gegenſtände ſind, bei denen die menſch⸗ liche Arbeit eintritt und wobei ein ſolider Rückhalt iſt.“ „Auch ich halte den Namen für klug gewählt,“ ſagte ein Anderer. „Und was kommt eigentlich auf den Namen an, wenn man die Sache den Leuten glaubwürdig zu machen weiß, ihnen den Brei gewandt um's Maul ſchmiert, und vor Allem, wenn ſich unter den Gründern ſolide Na⸗ men befinden, wie hier zum Beiſpiel die der Gebrüder Schuopps?“ Dem pflichtete auch der Mißtrauiſche bei und ſagte nach einer Pauſe, während welcher er mit geſenktem Kopfe nachdenklich ſeine herabhangende Unterlippe zu betrachten ſchien:„Allerdings, wie heißt Name— was bedeutet Name, wenn er unterſtützt iſt von gewichtigen Leuten— was iſt der Name einer neuen Bank? Gewöhnlich ein Scheermeſſer, um dümmere Leute zu raſiren,'ne ſpaniſche Wand, hinter der man die große Kaſſe verbirgt, damit man nicht ſehen kann, was darin iſt, ein Wirthshaus⸗ ſchildh, wo man oft den Durſtigen Wein mit ſehr viel Waſſer verkauft für echtes Getränk— und wenn ich das Alles bedenke, ſo klingt der Name in der That nicht ſo übel, beſonders wenn die Gebrüder Schropps betheiligt ſind. — 6— „Was thut aber ein Name, wenn ich einmal be⸗ b treiben will ein Glücksſpiel, heiße es nun Landsknecht, Pharao, Makkao oder Bankactie, es kommt Alles auf eins A. heraus und iſt wie das Spiel der Kinder, wo der bren⸗ nende Span im Kreiſe geht und die, welche ſich zuletzt die Finger daran verbrennen, den Schaden davon haben; es iſt nun einmal der Lauf der Welt, daß ſich ein Dutzend Gründer bereichern, indem Tauſende das Bischen, was ſie haben, verlieren, ſie wollen betrogen ſein, und da iſt jeder Name recht, wenn er nur klingt.“ „Ganz gewiß,“ lachte ein Anderer,„Pharao oder Landsknecht, und wenn der große Rothſchild eine Bank gründen wollte, um aus den Häuten der Fröſche Saffian zu machen, ſo würde auch auf dieſes Geſchäft eine koloſ⸗ ſale Ueberzeichnung Statt finden. Gott beſſer' die Menſchen und mach' ſie geſcheiter!“ „Das ſoll er bleiben laſſen,“ rief der Mißtrauiſche mit großer Energie,„denn wenn ſe geſcheit werden, wer würde an den Bankactien ſein Geld verlieren wollen, da⸗ mit wir Andern in der Equipage fahren, Soiréen geben und Thées dansants in glänzenden Appartements und bei uns ſehen vornehme Leute, Grafen und Fürſten!“ Damit trennte ſich dieſer Kreis gewichtiger Geſchäfts⸗ leute, und von der eben Statt gehabten Unterredung blieb Jedem ſo viel zu Gunſten der deutſch⸗amerikaniſchen Co⸗ loniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank, daß Einer hier Fragen danach mit Worten und Mienen beantwortete, die der Phantaſie freien Spielraum ließen, während dort 4 4 — 7— H* ein Anderer verſicherte, daß, wenn die neuen Actien unter annehmbaren Bedingungen aufgelegt würden, er eigentlich keinen Grund wiſſe, um nicht zu zeichnen. Merkwürdiger Weiſe machte ſich dieſe gute Stimmung für die neue Bank, ſobald ſie in's Leben getreten, ja, ſobald ſie nur einmal ſicher aviſirt war, in den verſchie⸗ denen Schichten der Bevölkerung, in faſt allen Geſellſchafts⸗ kreiſen bemerkbar, und es war leicht begreiflich, daß da⸗ durch auch die Stimmung der Herren Gründer weſentlich ſtieg und ſie nicht nur mit einem felſenfeſten Vertrauen von ihrem Unternehmen ſprachen, ſondern den Vertrauten mit Bedauern und Achſelzucken erklärten, die dringenden, vertraulichen Anfragen nach dem Zeitpunkte der Eröffnung der Zeichnungen ſeien ſo maſſenhaft, daß es reiner Dieb⸗ ſtahl an ſich ſelber wäre, wenn man die Actien nicht ſo⸗ gleich bedeutend über Pari auf den Markt bringen würde. Und daran war etwas Wahres, obgleich man im Pu⸗ blikum und in der Handelswelt nur einen ſehr nebelhaften Begriff hatte von der Sicherheit, welche die neue Bank zu bieten vermochte, und nur der Name der Gebrüder Schropps wie ein leuchtender Stern in dieſem Nebel ſtrahlte. Wußte man es doch genau, daß ſich die Gebrüder Schropps ſtets nur an ſehr guten und ſoliden Unternehmungen be⸗ theiligt und dabei ungeheures Vermögen erworben hatten. Allerdings war Herr Nathan geſtorben, doch dafür Herr Joſeph Schropps junior in das Geſchäft eingetreten, und wenn dieſer auch in früheren Tagen einen etwas lockeren Lebenswandel geführt hatte, ſo ließ ſich das mit ſeiner — 8— Jugend entſchuldigen, und war es um ſo ehrenhafter von ihm, daß er endlich und vollſtändig zur Erkenntniß ge⸗ kommen und aus einem leichtſinnigen Wildfang ein ſolider Geſchäftsmann geworden war. Und daß er das gewor⸗ den, lag klar auf der Hand, denn ſonſt würde ſich Herr Joſeph Schropps ſenior wohl gehütet haben, ihn als Theil⸗ haber in das Geſchäft und in die beſtens accreditirte Firma aufzunehmen; was, wenn auch noch kein Circular darüber ausgegeben war, doch thatſächlich geſchehen zu ſein ſchien, denn Herr Joſeph Schropps junior machte an der Börſe ziemlich bedeutende Geſchäfte im Ein⸗ und Verkauf von Effekten aller Art, wofür Zahlungen angenommen und geleiſtet wurden auf dem Comptoir der Gebrüder Schropps, wo man auch alle Wechſel, die von dem jungen Theilhaber auf die Firma gezogen oder auch nur von dieſem endoſſirt waren, ohne allen Anſtand zahlte oder discontirte. In manchen dieſer Endoſſements— es han⸗ delte ſich oft um ſehr bedeutende Summen— bemerkte man den Namen des Freiherrn von Dallenbach, der nach wie vor auf einem großen Fuße lebte, bedeutende Aus⸗ gaben machte und dadurch, ſo wie durch ein zuvorkom⸗ mendes, liebenswürdiges Benehmen in den beſten Häuſern Eingang gefunden hatte und auch durch ſein herablaſſen⸗ des, umgängliches Weſen in Geſellſchaften zweiten und dritten Ranges ein gern geſehener und gefeierter Gaſt war. Die beſtändige Unruhe und Beweglichkeit, die ihn umher⸗ trieb, nahm man als die Aeußerungen eines großen, leb⸗ haften und ſcharfen Verſtandes, bewunderte ſeine raſchen — 1* ——ʒ—ᷣᷣ——— — 9— und pikanten Antworten und hielt ihn, wenn er in ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſen nothgedrungen von dem neuen Bank⸗ unternehmen ſprechen mußte— von ſelbſt that er das nie oder höchſt ſelten—, für einen biederen und offenen Charakter, da er Fragen häufig achſelzuckend und mit der Bemerkung beantwortete, er ſelbſt ſei natürlich von dem großen Erfolge der deutſch⸗amerikaniſchen Bank überzeugt, möchte aber um Alles in der Welt Niemanden dazu über⸗ reden, ja, er müſſe Jeden, der auch den geringſten Zweifel hege, dringend erſuchen, lieber ſein Geld anderswo zu placiren. Das große und ſchöne Haus in der Sonnenſtraße, wo der Freiherr von Dallenbach im erſten Stock wohnte, war von der Geſellſchaft angekauft worden und durch die Gebrüder Schropps baar bezahlt. Herr Schropps junior hatte ſich im zweiten Stock mehrere Zimmer höchſt elegant einrichten laſſen, und war es von dieſem jungen und lebensfrohen Manne ſehr natürlich, daß er eine hei⸗ tere, hübſche Wohnung den düſteren Räumen des Recken⸗ bergiſchen Hauſes vorzog. Auch war er hier ganz in der Nähe der Bureaux der neuen Bank, die ſich im Parterre des beſagten Hauſes befanden, wo neben der Hausthüre auf einem kleinen, zierlichen Schilde der Name„Deutſch⸗ Amerikaniſche Bank“ zu leſen war. Hier hatte auch Herr Kniegel ein eigenes Zimmer und ſtellte in demſelben eine Art von Bureauchef vor, was ihm bei ſeinem Verſtande, ſeiner Klugheit und ſeiner ungemeinen Geſchäftskenntniß vollkommen gelungen ſein würde, wenn die beiden böſen — 8 o Klippen, das Leſen und Schreiben, nicht geweſen wären; wogegen anderentheils ſeine Unkenntniß in dieſen beiden nützlichen Dingen daran Schuld war, daß er ſein Ge⸗ dächtniß auf eine fabelhafte Art geſchärft hatte und da⸗ durch im mündlichen Vortrage eine Routine und Kenntniß V in Allem, was den Geldmarkt betraf, entwickelte, vor wel⸗ b chen ſelbſt die tüchtigſten Geſchäftsleute in Erſtaunen ge⸗ b riethen. Hier auf dem Bureau hatte nun der Herr Ver⸗ waltungsrath Kniegel einen vertrauten Sekretär an einem Nebentiſchchen ſitzen, dem er nothwendige Briefe und der⸗ gleichen dictirte. Er ſpielte dabei eine ſehr gewandte Ko⸗ mödie, indem er ſich den Anſchein gab, als verhindere ihn eine oft plötzlich eintretende Lähmung ſeiner rechten Hand ———— am geläufigen Schreiben. Den Namen und zwar recht ſauber hinzuzeichnen, 4 1 hatte der Herr Verwaltungsrath Kniegel indeſſen gelernt, und dieſer Name war es gerade, der die neue Bank in gewiſſen Kreiſen der Handelswelt vortrefflich accreditirte. War Kniegel doch lange Jahre der perſönliche und ge⸗ 4 heime Agent des höchſt ſoliden Herrn Nathan Schropps geweſen und als ſolcher ſo wie auch durch ſeine übrigen vortrefflichen Eigenſchaften gern geſehen und vertraulich begrüßt auf allen Comptoirs und Wechſelſtuben. Seine 6 Umſicht, ſeine Solidität und ſein emſiger Fleiß wurden von Jedem anerkannt, und da er ſich durch dieſelben auch 1 bei zahlreichen Privatperſonen beſtens empfohlen hatte und 4ℳ man auf den Rath Kniegel's bauen konnte, ſo war er ein unbezahlbares Werkzeug für die neue Bank. Niemand ——— — — — 11— wie Kniegel wußte, von welcher Seite dieſer oder jener Kapitaliſt oder Spekulant zu faſſen war, und wenn er bei dem Einen nichts weiter that, als eine Frage nach der neuen Bank pantomimiſch zu beantworten, indem er mit ſeinen Fingern ein Aufwärtsklettern bis in die Unendlich⸗ keit bezeichnete, und wenn er einem Anderen mit kurzen Worten ſagte:„Zeichnen Sie ſo viel Sie wollen, denn bei der großartigen Reduction, die Statt finden muß, wird doch ſehr wenig für Sie übrig bleiben,“ ſo gab er vielleicht einem Dritten kurzweg den Rath, auch nicht für einen Groſchen zu kaufen,„denn,“ ſetzte er hinzu,„wenn es geht, wie es gehen muß, ſo habe ich bei Ihnen doch Nichts wie Vorwürfe zu erwarten.“ „Wie ſo, Herr Kniegel, ſo halten Sie alſo das Un⸗ ternehmen nicht für ſolid?“ „Im Gegentheil, verehrter Herr, doch kenne ich Sie zu genau, und wenn Sie heute kaufen und die Actien morgen um zwei bis drei Procent geſtiegen ſind, ſo ver⸗ kaufen Sie übermorgen und machen mir am vierten Tage Vorwürfe, weil ſie nicht noch länger gewartet haben.“ Wie geſagt, Herr Kniegel kannte ſeine Leute und wußte, wo er achſelzuckend bedauern mußte, keine weiteren Aufträge annehmen zu können, oder wo es galt, bei einem Kunden, an dem ihm beſonders viel gelegen war, durch ein ganz anderes Manöver zum Ziele zu kommen, indem er ſich dort vielleicht eilig wie im Vorüberlaufen vorſtellte, um flüchtig die Frage zu thun, deren Beantwortung aber ſchon in dem verneinenden Tone lag, in dem er fragte: —— 5 8 1 1 — „Ci, Herr Mittelmaier, Sie haben wohl keine von den neuen Deutſch⸗Amerikanern zu vergeben? Könnte Ihnen unter Umſtänden ein halbes Procent mehr bieten, wie ſie heute Morgen an der Börſe notirt worden— nicht?— Thut mir leid, Herr Mittelmaier, guten Morgen—“ „Warten Sie nur einen Augenblick, Herr Kniegel, Sie wollen doch nicht von den neuen Deutſch⸗Amerikanern kaufen? Haben mir ja vorgeſtern ſelbſt zum Cours von zehn davon angeboten!“ „Ja, vorgeſtern und heute, mein lieber Herr Mittel⸗ maier— alſo Sie haben wirklich keine zu vergeben?— Vierzehn Procent,“ ſetzte Herr Kniegel hinzu, wobei er ſein ſpiralförmiges Toupé etwas auflockerte und pfiffig lächelnd ein Auge zukniff, während er mit vorgehaltener Hand ſagte:„Nehm' es Ihnen eigentlich nicht übel, daß Sie heute nicht verkaufen wollen, ſind raſend im Steigen— Morgen, Herr Mittelmaier!“ Damit iſt Herr Kniegel wieder flüchtig zur Thüre hin⸗ aus, wobei er thut, als höre er nicht, wie Herr Mittel⸗ maier ihn noch einen Augenblick zu warten bittet, ja, er iſt faſt ſchon um das nächſte Häuſerquadrat herum, ehe es dem Commis des Herrn Mittelmaier gelungen iſt, ihn einzuholen und mit Beihülfe des langbeinigen Lehrlings, der auch noch zu dieſem artigen Wettrennen um Bank⸗ actien nachgeſchickt wurde, im Triumphe zurückzubringen. „Haben Sie es denn gar ſo eilig, Herr Kniegel?“ „Ungeheuer,“ verſicherte der Vetreffende, ſich den S chweiß abwiſchend. — 13— „Alles in den neuen Bankaktien?“ „Alles in den Deutſch⸗Amerikanern, die Leute ſind ganz des Teufels und haben vollkommen Recht.“ „Glauben Sie, daß noch etwas zu bekommen iſt?“ „Zu 1142— Kaum, es müßte denn ſein, daß Sie einen bedeutenden Poſten machen könnten. Will deßhalb gerade bei Schwarz ſel. Wittwe und Sohn anfragen, die heute Morgen ſchon dreimal nach mir geſchickt.“ „Gut, ſo kaufen Sie auch für mich zu 114.“ „Will ſehen, wenn's möglich iſt,“ entgegnete Herr Kniegel achſelzuckend, indem er ſein Toupé wiederholt auf⸗ richtete,„habe aber den Kopf ſo voll, daß ich ausnahms⸗ weiſe um eine kleine ſchriftliche Notiz bitten muß, nur zur Erinnerung für mich ſelber— zwei Zeilen: Für Herrn Mittelmaier Deutſch⸗Amerikaner zu kaufen zu 114.— Dabei kennen Sie mich genugſam, Herr Mittelmaier, um zu wiſſen, daß, wenn ich ſie ein halbes Procent billiger bekomme, ich zuerſt an Sie denken werde.“ Nun rennt Herr Kniegel allerdings zu Schwarz ſel. Wittwe und Sohn, und da Herr Mittelmaier dort als ein ſehr vorſichtiger Geſchäftsmann bekannt iſt, ſo zögert der Sohn des ſeligen Herrn Schwarz nicht, gleichfalls Aufträge zu ertheilen, und Kniegel hat wieder zwei Seelen gewonnen, und nicht blos duldende Seelen, ſondern kräftig wirkende, denn Beide, einmal im Beſitz der beſtellten Aktien — Herr Kniegel hat ſie wie durch ein Wunder noch zu 113 ½ angeſchafft,— ſind nun im eigenen Intereſſe die größten Bewunderer der neuen Bank geworden, und wo Hackländer, Kainszeichen. IV. 2 44 ſie Jemandem zu ſicheren Anlagen zu rathen haben, ſo empfehlen ſie unbedingt die Aktien der großen deutſch⸗ amerikaniſchen Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank. Auch der ehemalige Reiſeprediger, Herr Schleimer, iſt in gewiſſen Kreiſen thätig und wirkt auf chriſtliche Seelen, welchen er neben dem unfehlbaren und bedeutenden Ge⸗ winne die ſegensreichen Wirkungen der neuen Bank zu Gemüthe führt: wie dieſe Beſtrebungen ein neues, feſtes Band bilden werden zwiſchen den Tauſenden und Millio⸗ nen diesſeit und jenſeit des Weltmeeres, wie unter dieſen Coloniſations⸗Erfolgen nicht nur die Urbarmachung irdi⸗ ſcher Güter zu verſtehen iſt, ſondern wie ſie auch dazu dienen werden, das Licht des wahren Glaubens jenen armen Heiden aufleuchten zu laſſen, weil die Verwaltung der großen Bank jenſeit des Oceans in ganz beſonderen, wichtigen Paragraphen ihre kräftigſte Sorge den theuren Miſſionaren verſprochen, um dieſe Pioniere und Träger der wahren und ächten Civiliſation ſowohl in chriſtlichem Intereſſe, als auch in dem der Geſellſchaft arbeiten zu laſſen. „Alles, was bis jetzt in dieſem Sinne geſchehen,“ rief Herr Schleimer, ſalbungsvoll mit zuſammengelegten Hän⸗ den aufwärts blickend,„war trotz des edlen Sinnes, in dem man handelte, doch nur eitel Zerſplitterung; jene an ſich ſo ſegensreichen Verbindungen zur Bekleidung armer Negerkinder, zur Geſchmacksänderung menſchenfreſſender Indianer, zur Beförderung des wahren Glaubens bei jenen klugen aber verſtockten Chineſen, zur Zertrümmerung heid⸗ — 15— niſcher Altäre bei jenen Thran ſaufenden nordiſchen Bar⸗ baren, Alles das waren nur ſchwache Bächlein, vielleicht im Stande, hier und da auf ſterilem Grunde wohlgefäl⸗ liges Grün erſprießen zu laſſen; aber noch nie bis jetzt unternahm es eine kräftige Hand, mit dem gewaltigen Strome der Civiliſation in ſo unwiderſtehlichen Maſſen zu wirken. Deßhalb, meine theuren Freundinnen, iſt es nicht nur der zeitliche und große Gewinn, der Ihnen entgegen⸗ lacht, indem Sie ſich an dieſem großartigen und ſegens⸗ reichen Unternehmen betheiligen, ſondern Sie ſpenden da⸗ durch in doppelter Richtung nutzenbringende Almoſen, in⸗ dem Sie hier auf Erden Gutes thun und damit auch Kapitalien für ein beſſeres Leben anlegen zu Ihrem eige⸗ nen Seelenheil.“ Wo nun obendrein dergleichen Beſtrebungen des wür⸗ digen Herrn Schleimer durch den Ausdruck zarter Nei⸗ gungen unterſtützt wurden, wie bei Fräulein Wilhelmine von Wanner oder bei deren Kammerjungfer, da fehlte es nicht an genügendem, oft glänzendem Reſultate; und wenn dann noch der redliche Kniegel zur Beſorgung des Welt⸗ lichen, Geſchäftlichen erſchien, zu welchem der reine, fromme, dem Irdiſchen abgewandte Sinn des ehemaligen Reiſe⸗ predigers weder Talent noch Neigung hatte, ſo war in Kurzem die neue Bank um ein Opfer reicher. In dieſen Kreiſen griff die Krankheit, nachdem ſie ſich ſporadiſch gezeigt, viel gewaltiger und verheerender um ſich, als in jenen Schichten, wo man mit größeren Mitteln in größeren Unternehmungen arbeitete und das neue Geſchäft — 16— nur gewiſſermaßen nebenher betrieb, gleichſam wie zur Completirung der großen Aktien⸗Speiſekarte. Hier wurde ein Gewinn von Hunderten und Tauſenden einfach gebucht und wenig Lärm davon gemacht, wogegen, wenn in jenen kleinen Verhältniſſen irgend Einer die kluge Idee hatte, die Aktien, welche er vor einigen Tagen gekauft, mit einem hübſchen Gewinne wieder zu verkaufen, ſich das wie die Nachricht von einem gewonnenen Lotterieloos wie ein Lauffeuer verbreitete, zur Nachahmung ermunterte und nebenbei zu häuslichen Scenen Veranlaſſung gab. So ſah man auch eines Tages Madame Schwebeling an ihrem Fenſter ſitzen und nachdem die Mittagsſtunde bereits geſchlagen, mit größerer Ungeduld als gewöhnlich auf den Herrn Karzleidirektor warten, der ſich natürlicher⸗ weiſe gerade am heutigen Tage durchaus nicht beeilte, nach Hauſe zu kommen, obgleich er doch hätte ahnen ſollen, daß er mit einiger, wenn auch nicht gerade liebender Un⸗ geduld erwartet werde. Und als er nun endlich drüben an der Ecke erſchien, blieb er dort wahrhaftig plaudernd ſtehen, ſtatt ſich zu beeilen. Und mit wem plauderte er? — Madame Schwebeling nahm ihr ſcharfes Glas zu Hülfe, um das zu unterſuchen— wahrhaftig mit Niemand An⸗ derem, als mit dem Schwager Regierungsrath, mit Löſer, einem der Verwaltungsräthe der neuen Bank! Wenn auch dieſe Entdeckung gerade kein freundliches Lächeln auf ihren Zügen hervorrief, ſo mußte doch in Madame Schwebeling etwas vorgehen, was ihr den An⸗ blick des Regierungsraths minder unangenehm machte wie —,— —,— — 17— gewöhnlich, denn ſie klopfte mit einem abgenutzten Ellen⸗ maß, welches gewöhnlich neben ihr lag, an die Wand der nebenanliegenden Küche und befahl der ſogleich erſcheinen⸗ den Ricke, auf die Straße hinabzuſpringen und den Herrn Regierungsrath Löſer zu erſuchen, für einen Augenblick zu der Frau Kanzleidirektorin heraufzukommen. Dann ſtürzte die Köchin fort, und Madame Schwe⸗ beling nahm ihr ſcharfes Glas, um mit einem leichten Lächeln die Wirkung wahrzunehmen, welche dieſe Botſchaft auf Herrn Schwebeling wohl hervorbringen würde. Sie konnte mit derſelben zufrieden ſein, denn er fuhr erſchrocken herum, und wenn ihn der lachende Regierungsrath nicht noch am Aermel erwiſcht hätte, ſo würde er wahrſcheinlich im Laufſchritt nach Hauſe geeilt ſein. So aber mußte er mit dem boshaften Schwager im langſamſten Schritt inne⸗ halten, und als der arme Kanzleidirektor, dicht vor dem Hauſe angekommen, mit einem verlegenen Lächeln hinauf⸗ grüßte, ſagte ihm Herr Löſer:„Du biſt ſelbſt Schuld an der Kette, die du trägſt und die dich zuſammendrückt. Wer wird ſeine eigene Frau am Fenſter grüßen! Mach' lieber dein Compliment dort drüben hinauf, wo ſich das allerliebſte Lockenköpfchen am Fenſter zeigt— wer iſt denn deine hübſche Nachbarin?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete der Kanzleidirektor, indem er ſich ängſtlich loszumachen ſuchte;„wahrhaftig, ich weiß es nicht.“ „Sie ſieht aber ſcharf zu dir herab, und ich meine auch, ſie hätte dich lächelnd gegrüßt.“ —. 18— „Du!“ rief der Andere in komiſcher Angſt, während er ſich dicht an die Hausmauer drückte,„dergleichen Be⸗ merkungen verbitt' ich mir, beſonders vor meiner Frau— das könnte mein Leben obendrein noch verſüßen.“ „Nun, mir kannſt du es doch ſchon ſagen, wer das hübſche Lockenköpfchen iſt, du wirſt doch deine Nachbar⸗ ſchaft kennen.“ „Kennen— nun ja, kennen von Anſehen, es iſt die Tochter des Schriftſtellers Sprütter.“ „Ein nettes Kind, und wie heißt ſie mit dem Vornamen?“ „Laura, glaube ich.“ „Siehſt du, alter Sünder, wie man hinter deine Schliche kommt!“ „Um des Himmels willen, Löſer, ſprich nicht ſolche furchtbare Dinge! Ich kann dir verſichern, meine Frau hat ein entſetzliches Ahnungsvermögen, ſie erräth oft, was ich denke.“ „Und eben haſt du an die kleine Laura gedacht, das könnte allerdings gefährlich werden.“ „Dummes Zeug, ich habe wahrhaftig nicht an ſie gedacht, aber komm hinauf, man könnte dorten bemerkt haben, daß die Kleine zum Fenſter hinaus geſchaut und daß wir ungewöhnlich lange vor dem Hauſe bleiben, deß⸗ halb komm!“ Damit huſchte er ſeufzend in das Haus, während ihm der Andere lachend folgte, oben aber von Herrn Schwe⸗ beling ſachte vorgeſchoben wurde, um den erſten Zuſam⸗ menſtoß mit dem Feinde auszuhalten. 4 Doch war die Kanzleidirektorin in keiner herben Laune, ja, ſie zwang ſich zu einem allerdings etwas hölzernen Lächeln, als ihr theurer Schwager unbefangen vor ſie hin trat und es für eine angenehme Ueberraſchung erklärte, zu einem Beſuche eingeladen worden zu ſein. „Wichtiges, Dringendes, Frau Schwägerin?“ fragte er alsdann. „Wichtig genug, Herr Schwager, daß ich mich veran⸗ laßt ſah, Ihre ſtets koſtbare Zeit in Anſpruch zu nehmen — Gott, ich hätte es auch ihm auftragen können,“— die nähere Bezeichnung des ‚ihm beſtand in einer Schwen⸗ kung des Daumens gegen den noch immer zaghaft da⸗ ſtehenden Kanzleidirektor,„aber es gibt Fälle, wo man ſelbſt für ſich handeln muß, wenn überhaupt gehandelt werden ſoll, und in ſolchen Fällen kann ich mich nur auf mich verlaſſen, da ich, was Ernſtes und Wichtiges anbelangt, mit Rath und Hülfe ſchlimmer daran bin, als eine Wittib.“ „Als eine Wittib,“ wiederholte Herr Schwebeling in einem ſchmerzlichen Tone. „Hören wir alſo,“ ſagte Herr Löſer,„und da es etwas Geſchäftliches zu ſein ſcheint, ſo ſoll es mit voller Auf⸗ merkſamkeit geſchehen.“ Er dankte für einen ihm ange⸗ wieſenen Stuhl und lehnte ſich mit dem Rücken gegen das Fenſter. „Sie ſind als Rechtsbeiſtand zu der neuen Bank über⸗ getreten, wie mir meine Schweſter Eliſe geſagt, und deß⸗ halb wohl ſo freundlich, mir in Betreff dieſer Bank einen guten Rath zu geben.“ —— 2 — 20— „Einen guten Rath zu geben,“ wiederholte der Kanzlei⸗ direktor mit einem ſchmerzlichen Seufzer, und trotzdem ſie dieſe Einmiſchung mit einem mißbilligenden Blicke beſtrafte, hatte er Muth genug, fortzufahren:„Ich habe dir ja in dieſer Angelegenheit auch ſchon einen ſehr guten Rath er⸗ theilt und habe dich in unſer Aller Intereſſe gebeten, dich mit den mäßigen Zinſen aus unſeren ſicher angelegten Papieren zu begnügen, Gott weiß es, ich habe nun ein⸗ mal kein Vertrauen in dergleichen Bankgeſchichten.“ „Weil du ein kleinlicher, engherziger Menſch biſt, keines Gedankens fähig, der nicht in deinen Akten ſteht! Ja, ich glaube faſt, es würde dir ſchmerzlich ſein, wenn ich zur Vermehrung unſerer Einkünfte beitrüge. Doch be⸗ kümmere dich nicht weiter darum und laß mich die An⸗ ſicht deines Schwagers Löſer hören, dem du ja ſonſt in allen Dingen vertrauſt— nun, wie iſt Ihre Anſicht dar⸗ über?“ wandte ſie ſich gegen den Regierungsrath. „Worüber, Frau Schwägerin? Ueber Ihre Abſicht, Gelder in unſerer Bank anzulegen, oder über die Aus⸗ ſichten und Solidität der deutſch⸗amerikaniſchen Coloni⸗ ſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank?“ „Nun, über Beides!“ „So entſchuldigen Sie mich,“ ſagte er achſelzuckend, „was die Beantwortung des Erſteren anbelangt. Darüber Jemandem Rath zu ertheilen halte ich für gefährlich und undankbar, denn ſehen Sie, ich könnte Ihnen mit gutem Gewiſſen rathen, heute von unſeren Aktien zu kaufen und würde dies thun, wenn ich dagegen Sicherheit hätte, daß — 21— Sie auch meiner Weiſung zum Wiederverkaufen folgen würden, ſobald ich für nöthig fände, Ihnen dazu zu rathen.“ „Das wäre dann meine Sache,“ entgegnete ſie in hartem Tone,„auch kennen Sie mich genügend, um zu wiſſen, daß ich ſtets nach eigenen Entſchließungen zu han⸗ deln pflege.“ Herr Schwebeling bewegte die Lippen mit einem Ge⸗ ſichtsausdrucke, als wiederhole er in ſchmerzlicher Bewegung die letzten Worte ſeiner Gattin, während dieſe fortfuhr: „Nun alſo, was halten Sie von den Ausſichten der neuen Bank?“ „Daß die Aktien langſam und ſtetig ſteigen werden, wenn nicht Unvorhergeſehenes, eigentlich Undenkbares ein⸗ tritt, ein Krieg, eine Geldkriſis, Anſtöße von Außen— doch, wie geſagt, ich glaube eben ſo wenig daran, als ich überzeugt bin, daß, wer heute kauft, jedenfalls im Stande iſt, große Geſchäfte zu machen; wir haben davon glän⸗ zende Beiſpiele, ich weiß Leute, die durch muthiges Ein⸗ kaufen in wenigen Tagen Tauſende gewonnen haben.“ „Aber Andere haben dieſe Tauſende verloren,“ ſagte der Kanzleidirektor kleinlaut,„oder werden ſie verlieren— und wenn wir ſo unglücklich wären—“ Doch machten dieſe Worte auf Madame Schwebeling denſelben Eindruck, als hätte Niemand geſprochen, denn ſie wandte nicht einmal ihren Kopf, ſondern fuhr ruhig fort:„Auch ich habe von ſolch ſchönen Reſultaten gehört und bin entſchloſſen, meine Einkünfte auf ähnliche Art zu — 22— vermehren, er iſt natürlich dagegen— er hat keinen Muth, irgend etwas zu unternehmen und zu wagen. Wie oft habe ich ihm ſchon geſagt, Dies und Das hätteſt du auch unternehmen oder kaufen können, um Tauſende daran zu verdienen,— glauben Sie, Herr Schwager, ich hätte den Mann je dazu vermocht, ſich nach dem Gelde zu bücken, das vor ihm auf der Straße liegt?“ „Er hat es eben nie bemerkt,“ entgegnete Herr Löſer lächelnd,„oder wenn er es bemerkte, ſo kam er eben noch zu rechter Zeit dazu, um zu ſehen, wie ein Anderer, Glück⸗ licherer, es ihm vor der Naſe aufhob.“ „Der Mann hat leider keinen Muth, zuzugreifen, über⸗ haupt—“ hier brach ſie ab, um ihren Satz mit einem Seufzer zu beendigen. Doch krümmt ſich auch der Wurm, wenn er allzuderb getreten wird, und Herr Schwebeling rief in dieſem Falle mit ziemlich lauter Stimme:„Sapperment— Sapper⸗ ment, das habe ich ſchon ſo oft hören müſſen und bin ſchon ſo oft gezankt worden, nachdem Jemand einen guten Kauf oder Verkauf gemacht, ja nachdem— nachdem— da hat ſie gut ſagen: ‚„Das hätteſt du auch thun ſollen,“ Sapperment— hätt' ich— und hatt' ich— wenn und aber— wenn ich als Millionär oder als Miniſtersſohn auf die Welt gekommen wäre, ſo hätte ich auch Manches anders gemacht.“ „Und was hätteſt du vielleicht anders gemacht, Bal⸗ thaſar?“ fragte ſie, ihn mit ſtrengen Blicken betrachtend; und da ſie hierzu ihre Augen von Schwager Löſer ab⸗ wandte, konnte ſie nicht bemerken, wie dieſer Herrn Schwe⸗ beling auf's Freundlichſte, auf's Wohlwollendſte, auf's Er⸗ munterndſte zunickte, ihn dadurch veranlaſſend, noch drei⸗ mal mit energiſcher Steigerung„Sapperment“ zu rufen und dann das Zimmer zu verlaſſen, wobei er die Thüre etwas unſanft hinter ſich zuſchlug. Doch ging Madame Schwebeling über dieſen Zornausbruch achſelzuckend hinweg und ſagte dem Regierungsrath:„Danke Ihnen, Herr Schwager, und bitte Sie, mir Herrn Kniegel zu ſchicken, auch meinen herzlichen Gruß meiner armen Schweſter Eliſe zu ſagen.“ Der Regierungsrath verließ lachend das Zimmer, nach⸗ dem er auch Letzteres verſprochen und hinzugeſetzt:„Die Looſe der Menſchen ſind verſchieden, Frau Schwägerin: In einer Familie iſt ſie zu bedauern, in der anderen er, — wünſche guten Appetit!“ Er aber ging draußen im Corridor, die Hände auf den Rücken gelegt, auf und ab wie ein erregter Löwe in ſeinem Käfig, nicht etwa, als ob er ſich hier geſammelt und vorbereitet hätte, um den Kampf mit dem Haus⸗ drachen unter vier Augen kühn wieder aufzunehmen, Gott bewahre— er wartete nur auf ſeine Kinder, um unter deren Schutze in das Zimmer zurückkehren zu können! Endlich kamen auch beide Fräuleins Schwebeling, freu⸗ ten ſich ſehr, den Papa zu ſehen und erzählten, während ſie ihn in's Zimmer zogen, wo der Tiſch bereits gedeckt war, daß ſie Beſuche gemacht hätten und recht lange bei der Couſine Gliſe geweſen. Dann kam auch der junge Herr Schwebeling, eine farbige Mütze auf dem Kopfe mühſam balancirend, ein dreifarbiges Band über der Bruſt, und als er gerochen, daß es Sauerkraut und Schweine⸗ fleiſch gäbe, verfinſterte ſich ſein ohnehin ſchon düſteres Antlitz und er verſicherte der Frau Mama, daß Sauer⸗ kraut mit Erbſen und Schweinefleiſch ein ſehr geringes und unverdauliches Eſſen ſei und forderte den Papa auf, das zu bezeugen. Doch hatte der Kanzleidirektor noch nicht den Mund aufgethan, um pro Sauerkraut, Erbſen und Schweine⸗ fleiſch einzutreten, als Madame Schwebeling mit hoch er⸗ hobener Naſe und einem eigenthümlichen Lächeln die Be⸗ merkung hinwarf, er, Herr Schwebeling nämlich, möge ſich keine Mühe geben, einen neuen Streit anzufangen, ſie wolle ihr Sauerkraut, ſo wie ihre Erbſen und ihr Schweinefleiſch im Frieden genießen, und daß er die Kin⸗ der draußen gegen ſie, die Mutter, aufgehetzt, daran ſei ſie ſchon gewöhnt und lege es zu ihrem übrigen Unglück. —„Reden wir von etwas Anderem!“ fuhr ſie fort— „Waret Ihr bei Tante Adeline?“ „Ja, Mama, ach, und es iſt doch recht ſchön dort, wir bekamen Erdbeeren mit Zucker und Wein in dem Gartenpavillon und gingen dann in das prachtvolle Haus, wo uns Eliſe ihre neuen Kleider zeigte.“ „Ich finde das gerade nicht zart von der Eliſe,“ ſagte Madame Schwebeling—„damit hat ſie ja doch nur ſagen wollen: ſeht, das habt ihr nicht und werdet es niemals haben können wie ich, die Tochter des Herrn Bendel, der *F für Frau und Kinder gearbeitet, geſpart und ein großes Vermögen erworben— j—j—j— ja!“ Dabei betrachtete ſie ſeufzend ihr Sauerkraut. „Dann kam Beſuch,“ erzählte das zweite Fräulein Schwebeling weiter,„ein liebenswürdiger junger Mann, mit dem wir uns recht angenehm unterhielten und der uns ſeine ſchönſten Grüße an Papa und Mama aufge⸗ tragen.“ „Doch nicht jener miſerable Muſikant,“ ſprach der junge Herr Schwebeling, indem er ſeine geballte Fauſt auf den Tiſch ſtützte und mit verächtlichem Blick die Ant⸗ wort erwartete,„jener lächerliche Kerl, mit dem ſich zum Stadtgeſpräche zu machen die Couſine auf dem beſten Wege iſt!“ „Nein, der ſpielte vierhändig mit ihr, als wir kamen, und ging dann fort.“ „Worüber lacht ihr denn eigentlich?“ fragte der Bruder mit einer zornigen Regung. „Nun, über nichts Beſonderes.“ „Das konnte ich mir denken,“ knurrte er,„aber wor⸗ über denn?“ „Nun, weil ſie ihren Lehrer mit ſo zarter Sorgfalt entließ, weil ſie ihn bis zur Treppe begleitete und dann mit gerötheten Wangen zurückkehrté.“ „Die Schlange,— aber warte nur, Muſikant!“ „Später erſt kam der andere Beſuch in einem wun⸗ dervollen Wagen an's Gartenthor gefahren, ganz ſo, wie man das in Romanen lieſt, plötzlich anhaltend, als er ooͤͤͤhͤöͤ 4———— uns vor dem Pavillon bemerkte, ſo daß ſich die Pferde hoch aufbäumten, und dann warf er die Zügel elegant ſeinem kleinen Reitknecht zu, wiſchte ſich leicht den zier⸗ lichen Schnurrbart und kam den Gartenweg herauf, ſo elegant, ſo beweglich, ſo lebendig.“ „Ja, wer denn?“ „Nun, der Herr Baron von Dallenbach, weißt du, Mama, der neulich bei dem Gartenfeſt der Eintracht an unſerem Tiſche ſaß, und ſo charmant und liebenswürdig war, daran wirſt du dich wohl auch noch erinnern,“ wandte ſie ſich an ihren Bruder. Er grunzte etwas vor ſich hin, was möglicherweiſe eine Erinnerung ausdrücken ſollte. „Dann ſetzte ſich der Herr Baron von Dallenbach zu uns in den Pavillon und erzählte wunderhübſch, ach, ſo reizend und amuſant, daß wir uns über ſeine Geſchichten halbtodt lachen wollten. Selbſt die Couſine Eliſe lachte ein paar Mal mit, obgleich es ihr nicht recht von Herzen zu kommen ſchien, da ſie, wie der Herr Baron kam, ſo⸗ gleich ein Bischen befangen wurde.“ „Glaub's wohl,“ ſagte die Kanzleidirektorin, würdevoll mit dem Haupte nickend,„da wird, fürcht' ich, von mei⸗ ner guten Schweſter Adeline etwas angeknüpft— nun, ſie muß ſelbſt wiſſen, wie weit ſie zu gehen hat und was ihr einziges Kind werth iſt.“ „Das wiſſen wir Alle zur Genüge,“ ſprach der junge Herr Schwebeling in einem ſo dumpfen Tone, daß es wie ein tiefes Knurren klang, und da er zu gleicher Zeit mit ——. — 27— aufgeſtemmten Armen, ſo daß die blonden Haare über ſeine Hände herabfielen, düſter auf ſeinen Teller hinab⸗ ſchaute, wo die abgenagten Schweinsknöchelchen aufgeſchich⸗ tet lagen, ſo hätte man an einen Löwen denken können, der, obgleich abgeſpeiſt habend, doch noch Gelüſte in ſich ſpürt nach etwas Lebendigem zum Deſſert.“ Doch warf ihm die Mutter einen verweiſenden Blick zu, indem ſie ſagte:„Was deine ewigen Nergeleien und Sticheleien auf die Couſine anbelangt, ſo ſind das Dumm⸗ heiten, die nicht hieher gehören.“ „Dummheiten, Mama?“ brauſte der angehende Stu⸗ dent auf, indem er drohend ſeine langen Haare ſchüttelte, „das Wort muß ich mir verbitten.“ Doch machte das keinen Eindruck auf die Kanzlei⸗ ſ direktorin, ſondern ſie wandte ſich mit großer Ruhe an ihren Gatten, und zwar zum erſten Male wieder ſeit jener Scene, indem ſie fragte:„Habe ich nicht vollkommen Recht, Balthaſar?“ „Vollkommen Recht,“ wiederholte er ſo ſchnell als möglich, überglücklich, die dargebotene Friedenspfeife weiter rauchen zu dürfen,„vollkommen Recht— Mama hat immer Recht, ſelbſt wenn es uns zuweilen ſcheint, als ob ſie Unrecht hätte. Was geht dich überhaupt die Couſine Eliſe an?“ „Ja, und was kümmert es dich,“ ſprach Madame 4½. Schwebeling,„wenn ſie ſich nach rechts und links die Cour machen läßt?“ „Und das thut ſie, Mama, ich ſage dir, mit dem ——— — 28— jungen Muſiklehrer da war es nicht ganz richtig, und wie hat ſie nicht bei dem Gartenfeſt coquettirt, ja, mit allen. jungen Leuten coquettirt, die wir ihr vorſtellten— nicht— wahr, Lina?“ wandte ſich das ältere Fräulein Schwebe⸗ ling an ihre jüngere Schweſter,„es war complet lächer⸗ lich.“ „Ja, es war ſehr lächerlich, ich habe mich ein paar Mal ordentlich geſchämt!“ „Es iſt das begreiflich, vielleicht gar verzeihlich von der Eliſe,“ meinte die Kanzleidirektorin,„das Mädchen hat bis jetzt zurückgezogen, wie in einem Kloſter, gelebt, unter drückenden Verhältniſſen, und nun auf einmal tritt ſie in die Welt, friſch und neu, angegafft von Jedermann, die hübſche Tochter einer ſehr reichen Mutter.“ „Hübſch?— meinetwegen ja,“ ſagte das ältere Fräu⸗ lein Schwebeling,„aber doch nicht ſo, um dadurch Auf⸗ ſehen zu erregen, wenn es ihre Toilette nicht thut; ſie iſt ja bleich zum Erſchrecken, und bei ihrer mageren Figur kann man mit Kleidern Alles machen.“ Der junge Herr Schwebeling blickte finſter auf und war im Begriff, etwas Hartes zu erwiedern, doch begnügte er ſich mit einem verächtlichen Achſelzucken und dem halb⸗ lauten Recitiren der Verſe eines berühmten Dichters: „Schön wie der Mond, der einſam wallt, So bleich biſt du, doch auch ſo kalt—“ — —— ——. ————— 7„— 3. 8 wobei er an die Zimmerdecke emporblickte. „Jedenfalls aber hat meine Schweſter Adeline voll⸗ kommen Recht, daß ſie das junge Mädchen ſo bald als — 29.— möglich unter die Haube bringt, und wenn der Herr Ba⸗ ron von Dallenbach ſolide Abſichten auf ſie hat, ſo kauft ſie ihn ſich für die Tochter, Geld hat ſie ja genug, um einen Freiherrn zum Schwiegerſohn zu haben.“ Ueber dieſe wohlwollende Aeußerung der Mama lach⸗ ten die beiden Fräuleins Schwebeling herzlich, und Lina meinte:„Mein Fall wäre das nun gerade nicht, und ich würde mich ſehr dafür bedanken, wenn ihr mir etwas Derartiges kaufen wolltet, einen Freiherrn oder einen Lieutenant; wenn ich einmal heirathe, ſo geſchieht es nur auf dem Fundamente einer gegenſeitigen herzlichen Liebe.“ „Für das Gleiche wird auch die Couſine Eliſe ſorgen, darauf könnt ihr euch verlaſſen,“ ſprach der junge Herr Schwebeling,„denn wenn man ihr in das heiße Auge blickt, ſo fühlt man augenblicklich, daß ſie ſich nicht wie eine Waare an den erſten Beſten verhandeln läßt.“ „Und du haſt ihr wohl ſchon in das heiße Auge ge⸗ blickt?“ entgegnete die Kanzleidirektorin mit einem mit⸗ leidigen Achſelzucken;„laß dergleichen bleiben, Franz, ſchau du lieber in deine Bücher und bekümmere dich ſo wenig als möglich um deine blaſſe Couſine, die wird ſchon für ſich ſelbſt ſorgen.“ „Für ſich ſelbſt ſorgen,“ bekräftigte Herr Schwebeling ſenior, und da er zu gleicher Zeit ſeine Uhr hervorzog und dann mit dem Stuhle rückte, ſo wurde die Familien⸗ tafel aufgehoben. Hackländer, Kainszeichen. IV. Tünfzehntes Kapitel. Von den literariſchen Beſtrebungen der Familie Sprütter und dem richtigen Zeichen: wann der Rechte kommt. Da wir nun einmal in der Nachbarſchaft ſind, ſo wollen wir im Intereſſe unſerer wahrhaftigen Geſchichte noch einen kleinen Beſuch in dem gegenüber liegenden Eck⸗ hauſe abſtatten, wo ſich die Familie des Schriftſtellers Sprütter ebenfalls von ihrem Mittagstiſche erhoben hatte, während das Haupt dieſer Familie auch jetzt noch trotz der vorgerückten Tageszeit im rothcarrirten Schlafrocke ſitzen geblieben war, um wohlgefällig ſchmunzelnd den Reſt einer Weinflaſche zu vertilgen. Wir ſagten nicht ohne Abſicht: wohlgefällig ſchmun⸗ zelnd, um dadurch den behaglichen Seelenzuſtand des Herrn Sprütter anzuzeigen im Widerſchein fröhlich lachen⸗ der Geſichter, welche dieſe glückliche Familie mit ſehr weni⸗ gen Ausnahmen zur Schau trug. Madame Aurelie Sprütter hatte ſich in die Ecke des Sopha's geſetzt, ihr Schnupftuch über das Geſicht ausgebreitet, um ſo ein paar Minuten zu ſchlummern, während die ältere Tochter Irma am Fenſter ſaß, einen Correcturbogen las und darin corri⸗ girte. Laura war auf ihr Zimmer gegangen, um ſich zu einem Ausgange anzuziehen, und Margaretha als Haushammel beſchäftigt, den Tiſch abzudecken. „Ja, mein Kind,“ ſagte Herr Sprütter mit ſeiner ſtets umflorten und belegten Stimme,„Linſen ſind ein ganz —— —— —— ——— 37— vortreffliches Gericht, wie uns ſchon die Bibel lehrt, nur müſſen ſie nicht zu einem Brei zuſammengekocht ſein, mit ein wenig Eſſig und Citronen verſehen, und zu etwas Pikantem genoſſen werden, meinetwegen zu Schweins⸗ cotelettes oder Leberwurſt.“ „Das habe ich ihr heute Morgen Alles ſchon geſagt,“ vernahm man die Stimme von Madame Sprütter hinter ihrem Taſchentuche hervor,„aber das Mädchen paßt nun einmal nicht auf, ſo viel ich auch in ſie hineinrede.“ „Schau, ſchau, Gretel, wo haſt du wieder einmal dein Köpfchen gehabt?“ ſagte Herr Sprütter, ſich dem Verweiſe anſchließend, aber trotzdem in wohlwollendem Tone.„Iſt es denn ein ſo ſchwieriges Geſchäft, Linſen weich zu kochen?“ „Nein, Papa, das gerade nicht,“ entgegnete Marga⸗ retha, deren Wangen im Gegenſatze zu denen der Schweſtern geſund und roſig blühten,„aber ich konnte heute unmög⸗ lich beſſer Achtung geben, wir haben eine Wäſche, wo ich auch mithalf, und obgleich ich wenigſtens ein Dutzend Mal die Treppen hinauf⸗ und herabgeſprungen bin, ſo ſind mir die Linſen doch unter der Hand verkocht, Ci⸗ tronen gab es nicht im Hauſe und Irma kann den Eſſig nicht leiden, auch war das Kalbfleiſch⸗Kagout von geſtern noch übrig—“ „Kalbfleiſch⸗Ragout und Linſenbrei— fürchterliche Idee, eben ſo unpoetiſch wie ungenießbar!— die Laura hätte dir wohl heute Morgen helfen können.“ „Was hätte die Laura thun ſollen?“ fragte dieſe, mit Hut und Sonnenſchirm eintretend. — 52— „Mir heute Morgen beim Kochen helfen, weil ich drunten Wäſche habe.“ „Kind,“ erwiederte die um mehrere Jahre jüngere Schweſter,„du biſt wirklich erſtaunlich naiv, ich meine, ich hätte genug zu thun gehabt, und ganz andere Dinge! Oder glaubſt du vielleicht, man könnte ein zartes Ge⸗ ſpräch zwiſchen zwei Liebenden ſchreiben, wenn man den Kochlöffel in der Hand hat, oder einen Linſenbrei um⸗ rühren, um gleich darauf poetiſch eine Fernſicht zu ſchil⸗ dern von Bergeshöhe herab, auf ein grün wogendes Thal, durchzogen von den Schlangenwindungen des ſilberſchim⸗ mernden Fluſſes, gerade in dem ſeligen Augenblicke, als ſie an ſeine Bruſt ſinkend liſpelt: ‚oh, ſchöne, große, herr⸗ liche Welt— Welt, die uns umgibt— ſchönere Welt in deinem Herzen, mein Eduard!’— Hätte ich dabei dir helfen können?“ „Nein, das hätte ſie nicht gekonnt, das mußt du zu⸗ geben, Gretel.“ „Und die Schilderung iſt mir gelungen, nicht wahr, Papa?“ Herr Sprütter hatte ſein großes Taſchentuch zwiſchen beide Hände genommen und erwiederte, nachdem er ſeiner Naſe einen ſcharfen Trompetenſtoß entlockt:„Die Schil⸗ derung an ſich iſt ganz hübſch, doch biſt du etwas zu raſch zu Werke gegangen, ich hätte es bei einem harmloſen Spaziergange bewenden laſſen.“ „Ich auch,“ ſchaltete Irma in trockenem Tone ein. „Wobei ſie ihm höchſtens einen Handkuß hätte erlauben 33— dürfen; wir haben noch vier Feuilletons zur Verfügung, und ich weiß wahrhaftig noch nicht, wie ich die anſtän⸗ diger Weiſe ausfüllen ſoll: eine neue Eiferſuchtsſcene ein⸗ zuſchalten, geht wahrhaftig nicht, die beiderſeitigen Eltern ſind mit der Heirath einverſtanden, genügende Mittel eben⸗ falls da, wie ſoll man ſich da noch durch vier Feuilletons durchſchleppen, bis ſie glücklich am Altar ſtehen?— ich weiß es wahrhaftig nicht!“ „Auch kommt eine ähnliche Scene vor in unſerer No⸗ velle ‚Unter den Buchen““ ſagte Irma, ohne ihre Augen von dem Correcturbogen zu erheben. „O, bitte recht ſehr, das iſt ganz anders, da befinden ſie ſich allerdings auch auf einer Bergeshöhe—“ „Und blicken gleichfalls auf ein grünendes Thal hinab mit den ſilbernen Schlangenwindungen eines Fluſſes, was ſchon zum Ueberdruß dageweſen iſt,“ ſagte Irma achſel⸗ zuckend. „Nur liegt dort der Schwerpunkt in dem alten Thurme, wo ſie ſich weinend in eine Niſche niederläßt und er ſie auf der Jagd zufällig findet, auch gehen ſie ſchmollend und gekränkt aus einander, und nur weil ich ſie die Roſe am Gürtel verlieren laſſe, nach der ſie ſich wendet und welche aufzuheben er herbeieilt, kommen ſie wieder zu⸗ ſammen und es gibt einen artigen Schluß der Novelle.“ Sie ſagte das mit einer coquetten Verbeugung gegen die Schweſter und wandte ſich dann mit der Frage an den Papa:„Nicht wahr, der Schluß von ‚Unter den Buchen' iſt recht gelungen, und mir recht gelungen?“ .— 3„* ————— * 5 1... 1— 3 3“ ———— — 34— Dieſes„mir“ betonte ſie ſehr ſtark und mit einem Knixe gegen Irma, welche mit großer Ruhe und einem ſtillen Lächeln entgegnete:„Glaube mir, mein liebes Kind, wenn auch die Norma ſingt: ‚glücklich ſein und glücklich machen iſt der edelſte Beruf“, ſo wird es doch nachgerade lang⸗ weilig, wenn wir ſtets wie im Luſtſpiele ſchließen: Vater, Mutter, mein Glück iſt gränzenlos! Ich möchte deßhalb den Papa wirklich dringend bitten, einmal anders zu con⸗ cipiren, man ſchreibt auch nicht nur für junge Dinger, die nun einmal alles Glück darin ſehen, einen Mann zu bekommen, ſondern auch für vernünftige, gereifte Leſer und Leſerinnen, denen es das ahnungsvolle Herz ſagt, daß die Ringe der ehelichen Roſenketten auch häufig aus kaltem Eiſen beſtehen.“ „Das glauben auch die nur ſo lange, bis der Rechte kommt.“ „Sprich nicht ſo närriſches Zeug,“ mahnte die Mutter aus ihrem Sophawinkel unter dem Taſchentuche hervor. „Hört mich,“ rief Herr Sprütter, nachdem er durch ein Trompetenſignal auf ſeinem ſerviettenähnlichen Schnupf⸗ tuche Aufmerkſamkeit gefordert,—„im Grunde hat Irma Recht und das ewige Heirathen in unſeren Novellen und Romanen wird auch mir nachgerade langweilig; auch iſt die Welt nicht mehr für die ewigen Liebeleien und Schäfer⸗ ſpiele, ſondern es rollt Alles einen raſcheren Gang auf den ernſten Stahlſchienen unſeres heutigen Lebens— ich glaube, was ich da eben geſagt, war kein ſchlechter Gedanke und du könnteſt ihn bei den Reflexionen notiren, Irma! — alſo, die Welt iſt materieller, ernſter geworden, ge⸗ waltige Vergangenheiten werfen ihre ſchweren Schatten in die Gegenwart hinein, und ſo muß man auch unſer heu⸗ tiges Romanleben wie durch ein dunkel gefärbtes Glas betrachten, mit der Zeit fortſchreiten, und habe ich deßhalb halb und halb eine Conception fertig unter dem pikanten Titel: ‚Ein Roman ohne Liebe'.“ „Worin aber ich wohl kein Kapitel zu bearbeiten be⸗ komme?“ fragte Laura etwas ſchnippiſch,—„gewiß, dafür danke ich, denn ich kann mir weder einen Roman, noch das wirkliche Leben ohne Liebe denken. Auch dir, liebe Schweſter, iſt es nicht ſo ernſt,“ ſagte ſie, zu Irma tän⸗ zelnd und ſie herzlich auf den Mund küſſend,„du wirſt doch noch meiner Theorie vom Rechten beipflichten.“ „Geh' nur, du Wildfang,“ erwiederte Irma lächelnd, „und nimm dich vor deinem Rechten in Acht!“ „O, das hilft Nichts, und wenn er einmal kommt, ſo muß man doch entgegenkommen, auch meldet er ſich ge⸗ wöhnlich durch untrügliche Zeichen an!“ „Und was ſind das für Zeichen, du närriſches Ding 2“ „Ach Gott, die alte Geſchichte, die wir ſchon ſo oft niedergeſchrieben haben,“ tönte es unter dem Schnupftuche hervor:„Herzklopfen, Erröthen, Bangigkeiten!“ „O nein, untrüglicher, ich habe es von der Marga⸗ retha, die von den Marktweibern oft ganz intereſſante Ge⸗ ſchichten mit nach Hauſe bringt.— Wenn wir ruhig ſitzend etwas leſen und es ſenkt ſich langſam eine Spinne auf unſer Buch herab, ſo erſcheint bald darauf der Rechte. — 36— Kriecht dann die Spinne abwärts, ſo iſt es nichts mit der Geſchichte, kriecht ſie aber aufwärts, ſo darf man ſingen: Die Flagge der Liebe ſoll weh'n!“ „Dummes Kind!“ ſagte die Mutter. „Auch eine Fliege thut's, wenn ſie ſich gerade vor uns auf die Zeile ſetzt und abwärts oder aufwärts kriecht, doch ich halte es mehr mit der Spinne und ſinge: ‚Die Flagge der Liebe ſoll weh'n!“ Damit ſtürmte ſie zum Zimmer hinaus. Herr Sprütter that einen langen Zug aus ſeinem Glaſe und ſagte dann mit einem wohlwollenden Lächeln: „Es iſt doch ein geſcheidtes Kind und poetiſches Gemüth, unſere Laura, auch wäre das vom Zeichen des Rechten ſpäter einmal anzuwenden, du kannſt es immerhin no⸗ tiren, Irma, unter Ahnungen oder Aberglauben.“ Damit ſtand er langſam auf, legte die Hände auf dem Rücken zuſammen und ging bedächtig im Zimmer auf und ab, wobei er ſein Schnupftuch, am äußerſten Zipfel gefaßt, hinter ſich ſchleppen ließ. „Man ſollte die Margaretha veranlaſſen,“ ſagte er nach einer Pauſe des Nachdenkens,„ſelbſt dergleichen Ge⸗ ſchichten, die ſie auf dem Markt oder bei ihren Waſch⸗ weibern erfährt, für uns zu notiren, man braucht der⸗ gleichen oft und der Henker mag all' das Zeug ſelbſt erfinden! Denke daran, Mama, auch du, Irma, für eine neue Arbeit, die ich wahrhaftig nennen möchte: ‚Ein Ro⸗ man ohne Liebe', in düſterer lugubrer Schattirung, Grau in Grau gemalt, mit Ahnungen und Geſpenſtergeſchichten! — 32— Darin würde ſich ein Kapitel im Dampfe des Waſchkeſſels unter dem zweifelhaften Scheine eines Pfenniglichtes nicht ſchlecht machen; auch habe ich mir dafür ſchon etwas no⸗ tirt, es ſteht unter: Geſpenſtige Erſcheinungen— laßt euch Aehnliches von der Margaretha erzählen, ſie weiß genug ſolches Zeug.— Doch es iſt ja ſchon drei Uhr,“ rief er, auf die Schwarzwälder Uhr blickend,„wie ſteht's mit dem Kaffee? Wird Margaretha nicht vergeſſen, ihn für unſeren Gaſt ſorgfältig und gut zu machen?“ „Unbeſorgt, Papa, ich höre ſie ſchon an der Kaffee⸗ mühle, doch habe ich geglaubt, du hätteſt einen Scherz gemacht mit deiner Einladung; man iſt es von dir ſo gar nicht gewöhnt, daß du einen Herrn zu uns ein⸗ ladeſt.“ „Mit dem Schlafen iſt es heute Nichts bei dem emigen Geplauder,“ klagte Madame Sprütter, worauf ſiel ihr Taſchentuch vom Geſichte herabzog und ſich aufrecht in die Sophaecke ſetzte,—„doch ſage mir, Alter, aber auf⸗ richtig und ehrlich: Haſt du mit Herrn Kniegel keine Nebenabſichten?“ „Du denkſt wohl an einen Schwiegerſohn?“ fragte er, mit Humor lächelnd. „Dummes Zeug, Alter!“ „Recht dummes Zeug, Papa!“ „Seht, ſo ſeid ihr Frauenzimmer,“ erwiederte Herr Sprütter, ſich mit fortgeſetztem Lächeln ſo ſtark in den Hüften wiegend, daß das weiße Schnupftuch wie ein Schweif hin und her ſchwankte.„Zuerſt beklagt ihr euch, — 38— daß man nie Herren in's Haus bringe, und wenn man alsdann dazu einen Anlauf nimmt, ſo ſchreit ihr ſogleich: Dummes Zeug! Und doch iſt Herr Kniegel eine gemachte Perſönlichkeit, mit dem Rechte, überall anzuklopfen, Ver⸗ waltungsrath der neuen Bank und hat ſich ſchon ein hübſches Vermögen erworben; ich halte ihn auch für einen höchſt achtbaren Charakter, und wenn ich, was zuweilen ge⸗ ſchieht, an Sommerabenden mit ihm bei der goldenen Seejungfer zuſammentreffe, ſo erſtaune ich über den Grad von Bildung, den er ſich angeeignet, und über ſeine Welt⸗ und Menſchenkenntniß.“ „Das iſt Alles recht gut und wohl, Alter, aber—“ „Und verdanke ihm manche treffliche Bemerkung, wenn ich mich bei der goldenen Seejungfer mit dem Studium der intereſſanten Charaktere befaſſe, die dort zuſammen⸗ kommen; ich ſage euch, Kinder, Romanfiguren, daß Einem das Herz im Leibe lacht! Weißt du, Irma, unſer pol⸗ niſcher Graf in Licht und Schatten, der nur bei Mond⸗ ſchein an den Straßenecken die Orgel ſpielt, iſt auch da⸗ her, und eben ſo der Mörder Beppo in unſerer Banditen⸗ braut, nicht zu vergeſſen die unglückliche Thereſe in Liebe und Pflicht, die, mit ihrem halbverhungerten Kinde bet⸗ telnd, zufällig vor ihn hintritt, der all' ihr Elend ver⸗ ſchuldet— ein ergreifend ſchauerlicher Moment, den du claſſiſch niedergeſchrieben, liebe Irma.“ „Alter, Alter,“ ſagte Madame Sprütter, mit dem Finger drohend,„du ſprichſt ſo viel von der goldenen Seejungfer, daß es mir faſt ſcheint, du willſt darüber — 39— meine Frage vergeſſen, meine ſehr beſtimmte Frage, ob du am Ende doch Nebenabſichten mit Herrn Kniegel haſt?“ „Pah, Nebenabſichten! Jeder Menſch hat bei Allem, was er thut, ſeine Abſichten, und wenn ich auch“— hier ſchneuzte er ſich mit einem wahren Geſchmetter—„wenn ich auch eigentlich keine Nebenabſichten habe, ſo könnteſt du am Ende doch eine Nebenabſicht finden in meinem Wunſche, euch Herrn Kniegel vorzuführen, damit ihr ſeht, was das für eine intereſſante und originelle Perſönlichkeit iſt, ein Mann, den ich in einem Roman gebrauchen würde, wenn ich in dieſem Punkte nicht lächerlich discret wäre.“ „Alter, du haſt wirkliche Nebenabſichten,“ rief Madame Sprütter mit großer Entſchiedenheit,—„du haſt— Irma, er hat!“ „Nun ja, ich habe, um bei eurer Declination zu blei⸗ ben, ich bin darin wie Molièere und nehme das Gute, wo ich es finde, habe auch ſchon längſt an meinen Ro⸗ man ohne Liebe gedacht, und da er ein Bild der heutigen Zeit werden ſoll, ſo brauche ich einen Lehrmeiſter, einen Rathgeber, um uns mit den Irrgängen des heutigen Bankweſens, Actien⸗ und Gründerſchwindels bekannt zu machen, und deßhalb habe ich Herrn Kniegel zum Kaffee eingeladen.“ „Und möchteſt dich am Ende ſelbſt an der neuen Bank betheiligen?“ Nun that Herr Sprütter achſelzuckend, die Backen auf⸗ blaſend, ſein Taſchentuch wie eine Fuhrmannspeitſche hin — 54— . 3 — †. 845. 1 1, 40— und her ſchwenkend, gerade ſo, als liege ihm nichts ferner, als dieſer Gedanke.„Ha, mich betheiligen an Bankge⸗ ſchäften!“ rief er aus,„ich, ein armer Schriftſteller, der ſo zu ſagen von der Hand in's Maul lebt und der bei allen Speculationen, wozu ich auch Lotterieen und andere Verlooſungen rechne, wie baares Geld iſt— ich nicht— habe auch nichts— ich— aber du vielleicht, Aurelie,“ ſagte er, nach einer ſcharfen Schwenkung dicht vor ſeiner Gattin parirend,„du haſt Erſparniſſe, du haſt Kapitalien, du haſt Papiere, die dir leider nur drei und ein halbes Procent tragen, und da wäre es doch vielleicht angezeigt, das zu thun, was die ganze Welt thut, und ſeine Inter⸗ eſſen auf ſieben bis acht Procent hinaufſchrauben.“ „Siehſt du dieſen ſchlechten Mann,“ lachte Madame Aurelie heiter zu ihrer Tochter hinüber,„das iſt der Schluß des großen Ringes, den er um uns im Intereſſe eines neuen Romans, zu welchem er Studien an Herrn Kniegel machen wollte, gezogen. Das könnteſt du gleichfalls no⸗ tiren, Irma, unter ‚Heuchelei“!“ „Und doch hat Papa nicht ſo Unrecht,“ ſagte Fräulein Sprütter,„jedenfalls könnte man, da Herr Kniegel wohl⸗ wollend für Papa geſinnt iſt, um deſſen ehrliche und aufrichtige Anſicht bitten.“ „Gewiß, das können wir,“ pflichtete Madame Sprütter bei,„aber du kannſt vorher etwas Anderes thun,“ wandte ſie ſich, aufſtehend, an den großen Schriftſteller:„dich deines Schlafrockes entledigen und in anſtändige Ver⸗ faſſung bringen, während ich nach dem Kaffee ſchaue— „ich glaube wahrhaftig,“ ſetzte ſie, Herrn Sprütter ſcharf betrachtend, hinzu:„du haſt noch nicht einmal—“ „Ich fühle mich darin wie ein alter Grieche oder Römer,“ entgegnete Herr Sprütter lachend,„werde mich aber ſogleich meiner Toga entledigen.“ Damit verſchwand er im Nebenzimmer, während ſich Madame Sprütter in die Küche begab. Irma blieb allein, am Fenſter ſitzend, und las in ihrem Correcturbogen weiter. Es war das Ende einer Novelle, welche, wie alle gefühlvollen Novellen, nicht nur mit verſchiedenen Heirathen ſchloß, ſondern mit allerdings anſtändig verſchleierter Ausſicht auf reichen Kinder⸗ und anderweitigen Segen— und was nun den gütigen Onkel anbelangte, der in ſo reichem Maße das Glück Ferdinands und Amaliens gegründet, ſo bot er nach Verlauf einiger Monate der unvergeſſenen Jugendfreundin ſeine Hand und genoß, von dieſer innigſt gepflegt, noch lange Jahre un⸗ getrübten Glückes!— Doch war in der Correctur„Glück“ mit einem einfachen k geſchrieben, weßhalb Irma das ver⸗ geſſene c noch hineincorrigirte und dann gedankenvoll die heendigte Arbeit in ihren Schooß niederſinken ließ. Da geſchah es, daß eine dicke Schmeißfliege, die ſchon ein paar Mal ihren Kopf an die Fenſterſcheiben geſtoßen, auf den Correcturbogen niederfiel, ſich dort eine halbe Sekunde zu beſinnen ſchien, um dann, die Druckſeite auf⸗ wärts laufend, weiter zu fliegen. Es wäre daran für Irma nichts Außerordentliches geweſen, doch erinnerte ſie ſich plötzlich der Worte Laura's von dem untrüglichen — 42— Zeichen, welches der Ankunft„des Rechten“ voranzugehen pflege, und erſchrak ein klein wenig, als Madame Sprütter in dieſem Augenblicke die Thüre öffnete, um Herrn Knie⸗ gel eintreten zu laſſen, ihn auch ſogleich ihrer Tochter Irma vorzuſtellen und dann zu bitten, ſich auf dem Sopha niederzulaſſen, wobei ſie verſicherte, es freue ſie ſehr, Herrn Kniegel bei ſich zu ſehen, und Herr Sprütter werde eben⸗ falls ſogleich erſcheinen. Der würdige Verwaltungsrath der deutſch⸗amerikani⸗ ſchen Bank ſah recht vortheilhaft aus und man merkte ſeinem Aeußern an, daß er durch den Umgang mit ſeinem vornehmen Chef, dem Baron von Dallenbach, manche Ecken aus ſeinem frühern Leben abgeſchliffen. Sein An⸗ zug war minder auffallend, und wenn auch die ſchwere goldene Kette geblieben war, ſo hatte doch die rothe Sammtweſte einer anderen von dunklem Tuche Platz ge⸗ macht, auch pflegte er ſein Toupé nicht mehr ſo häufig wie ſonſt in die Höhe zu dreſſiren, da es ihm von Seiten des Herrn Joſeph Schropps junior häufig die Bemerkung eintrug, Herr Kniegel ziehe einen Propfen aus ſeinem Kopfe, oder Herr Kniegel laſſe etwas überflüſſigen Spiri⸗ tus entweichen. Hier ſaß er nun auf dem Sopha neben Madame Aurelie, welche ihm den Hut wegcomplimentirt und auf den Nebentiſch gelegt, wobei ſie huldvoll ſeine Verſicherung hinnahm, daß man an der erfriſchenden Kühle des heuti⸗ gen Frühmorgens ſchon die Annäherung des Herbſtes merke, was ihm bei ſeinen vielen Geſchäften von Straße —, — — 43— zu Straße eine große Erleichterung ſei. Dabei ſtreiften ſeine Blicke häufig nach der jüngeren Dame hinüber, die in vortheilhafter Haltung am Fenſter ſaß, rückwärts ge⸗ lehnt in ihren Stuhl, während ſie den ſeitwärts geneigten Kopf auf den rechten Arm aufgeſtützt hatte, freundlich lächelnd in das Zimmer hineinſchauend. Ob ſie es, unter der Einwirkung des untrüglichen Zeichens, damit auf Herrn Kniegel abgeſehen, wiſſen wir nicht ganz genau anzu⸗ geben, müſſen übrigens verſichern, daß das höchſt eigen⸗ thümliche Zuſammentreffen der Schmeißfliege als Liebes⸗ ahnung mit dem Herrn Verwaltungsrath Kniegel nicht ohne einen tiefen Eindruck auf ihr Herz geblieben war, ja, daß ſie unter dieſem Eindrucke Herrn Kniegel mit recht wohlwollenden Blicken betrachtete. „Ach, Herr Kniegel,“ ſagte ſie jetzt in einem innigen Tone,„ich bewundere Ihre Thätigkeit und die unvergleich⸗ liche Ausdauer, mit der Sie ſich Ihrem ſchwierigen Ge⸗ ſchäfte hingeben— Papa erzählt uns häufig davon und ich denke immer daran, wenn ich Ihnen auf der Straße begegne oder Sie hier vom Fenſter aus vorübereilen ſehe.“ Der Verwaltungsrath verbeugte ſich geſchmeichelt.„Es iſt allerdings zuweilen ein mühſeliges Leben, trägt aber ſeine klingenden Früchte, und nicht nur dieſe, ſondern auch andere, meine verehrte Mamſell, zum Beiſpiel jetzt, da ich die glückliche Erfahrung mache, von Ihnen bemerkt worden zu ſein, leider bis jetzt ohne Gegenſeitigkeit, ſonſt würde ich mir ſchon erlaubt haben, Ihnen meinen reſpect⸗ vollen Gruß darzubringen.“ — 44— Er hatte ſich bei dieſen Worten halb erhoben und ſeine rechte Hand mit ausgeſpreizten Fingern auf die Bruſt gedrückt, während er ſich abermals verneigte. Dann trat Herr Sprütter aus dem Nebenzimmer, ſtattlich angezogen, ein reines Schnupftuch in der Hand, das er haſtig oben in ſeinen Rockausſchnitt ſteckte, um dem Gaſte beide Hände bieten und freundſchaftlichſt ſchütteln zu können.„Ah, mein lieber Herr Verwaltungsrath, wie freue ich mich, Sie endlich einmal bei mir zu begrüßen — auch meine Frau wird Ihnen ihre Freude bereits aus⸗ gedrückt haben, und von meiner Tochter Irma dürfen Sie verſichert ſein, daß ſie die geehrten Bekannten ihres Vaters auf's Herzlichſte willkommen heißen wird,— und nun, Mama, wo bleibt unſer Kaffee?“ ſetzte er hände⸗ reibend hinzu. Dieſer erſchien denn auch alsbald mit allem nöthigen Zugehör auf einem großen Präſentirbrett zwiſchen der halb⸗ geöffneten Thür, ganz wie von ſelbſt kommend und als könne er es nicht erwarten, von dem Verwaltungsrathe Herrn Kniegel genoſſen zu werden. Die helfende Hand Margarethens wurde dabei nicht ſichtbar, und als Ma⸗ dame Sprütter das Kaffeebrett in die Hand genommen, ſchloß ſie die Thüre geruäſchlos wieder und man ſetzte ſich um den runden Tiſch, der vor dem Sopha ſtand, Ma⸗ dame Sprütter und Herr Kniegel auf letzteres, Vater und Tochter gegenüber, wobei der erſtere ſo zartfühlend war, dem Herrn Verwaltungsrathe drei bis vier Taſſen auf⸗ zunöthigen, auch heftige, aber vergebliche Angriffe mit —— — 45— verſchiedenartigem Gebäck auf ihn zu machen, und ihm ſchließlich eine Cigarre mit Feuer darreichte, ehe er, und zwar auf einem großen Umwege, durch Betrachtungen über die koloſſale Entwicklung von Induſtrie und Handel im Großen und Ganzen, über Geldverkehr im Allgemei⸗ nen, auf das Geld⸗ und Actiengeſchäft im Speciellen kam, um nach dieſem Fluge, einem naſchhaften Vogel vergleich⸗ bar, Herrn Kniegel wie eine reife Kirſche anzupicken. Und Herr Kniegel ließ ſich gern anpicken, beſonders da Fräulein Irma ſich tief gegen ihn gebeugt hatte, ihre immerhin hübſchen Augen auf ihn richtete und ihm die Verſicherung gab, daß es für ſie vom höchſten Intereſſe ſei, gerade durch ihn in die verwickelten Gänge des Geld⸗ verkehrs eingeweiht zu werden— durch ihn, von dem Papa ſchon häufig geſagt, daß er zu den bedeutendſten Finanzmännern der Stadt zu rechnen ſei. „Gewiß,“ verſicherte Herr Sprütter, nachdem er ſeinem ſtark umſchleierten Organ vermittels des Schnupftuches unter einem hallenden Trompetenſtoße erfolgreich nachge⸗ holfen,„gewiß, ein Figaro der Börſenwelt!“ Der Betreffende fühlte ſich dadurch offenbar geſchmeichelt und war ſo aufrichtig, wie es ein Geſchäftsmann in Geldangelegenheiten nur zu ſein vermag. Er gab einen klaren Abriß des Börſenverkehrs im Allgemeinen, auch des Bank⸗ und Actienſpiels auf hieſigem Platze, und als er hierauf zu der deutſch⸗amerikaniſchen Bank überging, ſo war er aufrichtig und ehrlich genug, deren Aetiom nicht Hackländer, Kainszeichen. IV. “— 2—“— 2 4 2 5 8——— 1. 2 8 8 7 8 4„ 1 42 7 ““ V5 — 46— einmal zu den allerbeſten Papieren zu rechnen, verſicherte aber, daß heute noch durch geſchickte Manipulationen be⸗ deutende Summen zu gewinnen ſeien. „Glücklich, wer Sie auch in dieſer Richtung zum Freunde hätte, mein lieber Herr Kniegel,“ ſagte Herr Sprütter mit einem leichten Seufzer, und dieſer Seufzer fand einen Widerhall und eine faſt wehmüthig klingende Fortſetzung im Buſen Irma's, als ſie hinzuſetzte:„Ach ja, Herr Verwaltungsrath, wer Sie zum Freunde hätte!“ Dieſe Worte, verſtärkt durch einen langen, innigen Blick, brachten eine ganz eigenthümliche Wirkung auf den Betreffenden hervor, gerade ſo, als wenn ſein Herz ein dürres Ackerland geweſen wäre, das plötzlich wunderbar erquickt, belebt, keimfähig und empfänglich gemacht werde durch einen ſanft niederrauſchenden Frühlingsregen. Ja, er fühlte es plötzlich treiben und ſproſſen, es war ihm zu Muthe, er wußte ſelbſt nicht wie, und als er die Ver⸗ ſicherung gab, er würde ſich glücklich ſchätzen, dieſen und jeden anderen Freundſchaftsdienſt leiſten zu können, klang ſeine Stimme bewegt, wie ſie ſelbſt niemals geklungen, wenn er genöthigt geweſen, von einem bedeutenden, uner⸗ klärlichen Sinken der Courſe zu berichten, und er wagte es, ſeine Blicke etwas ſtarr gegen die Augen der jüngeren Dame zu richten und ſie dann ſchüchtern herabſinken zu laſſen bis zu einem ſüßen Ruhepunkte, wobei er ein Ge⸗ ſicht machte, als befinde er ſich plötzlich unter demſelben Banne, deſſen ſich Irma bei ſeinem Eintritt erinnert. Er gab die Verſicherung, Freund ſein zu wollen in der —— ——j———— 7 — 4— weiteſten und verwegenſten Bedeutung des Wortes und demgemäß für Herrn Sprütter in Betreff der Actien von der deutſch⸗amerikaniſchen Bank zu handeln. „Auch ich betheilige mich ganz ſpeciell dabei mit meinen geringen Erſparniſſen,“ ſagte Fräulein Irma be⸗ geiſtert,„wenn Sie meine kleinen Intereſſen mitverwalten wollen— wollen Sie, mein lieber Herr Kniegel?— gut, ſo nehme ich Sie zum Compagnon an,“ ſetzte ſie mit einem ſüßen Lächeln hinzu, indem ſie ihm ihre Hand über den Tiſch hinüberreichte, in welche er ſeine langen, knochigen Finger legte und dann einen leichten Druck zu verſpüren glaubte, was ihm faſt den Athem benahm. „Abgemacht,“ rief Herr Sprütter, ſein Schnupftuch wie eine Siegesfahne ſchwingend,„und da wir Alle, wie wir hier verſammelt ſind, ein felſenfeſtes Zutrauen in Sie haben, mein lieber Herr Verwaltungsrath, ſo dispo⸗ niren Sie über unſere kleinen Kapitalien, ſobald Sie dies für nothwendig halten.“ Herr Kniegel richtete durch eine leichte Bewegung und unter einem lächelnden Blick auf Irma ſein Toupé ein wenig in die Höhe und ſagte dann mit einer entſchiedenen Handbewegung:„Vorläufig nichts von Kapitalien, mein verehrter Herr Doktor, Sie ſchenken mir einiges Vertrauen, ich erwiedere es mit unbegränztem. Laſſen Sie mir das ſüße Bewußtſein, ganz allein, mit eigenen Kräften für Sie und die lieben Ihrigen zu arbeiten— keinen Dank — ich bitte Sie, keinen Dank,“ wiederholte er, mit beiden Händen abwehrend.„Sollte ich aber durch meine kleinen —ſ — —„ 2 5 43 4 8 7 .* 5 * ½ 1 ———— “ — 2.. —yyyy q-——— — 38— Bemühungen ſo glücklich ſein, je etwas dergleichen verdient zu haben, ſo wird ein freundliches Wort der Anerkennung von den holden Lippen jenes ſchönen Fräuleins mich zum glücklichſten aller Sterblichen machen.“ Dieſes hatte Herr Kniegel mit unverkennbarer Be⸗ wegung geſagt, und da er alsdann aufſtand, eine tiefe Verbeugung machte und nach ſeinem Hute ging, ſo trat eine feierliche Pauſe ein, welche Herr Sprütter ſich be⸗ mühte, durch ein Schnäuzen der Rührung zu unterbrechen, während Madame Aurelie lächelnd vor ſich niederblickte und ſich Irma raſch gegen das Fenſter wandte. „Alſo auf Wiederſehen und hoffentlich recht bald,“ ſagte Herr Kniegel, reichte Herrn und Madame Sprütter die Hand und näherte ſich dann etwas zaghaft der jünge⸗ ren Dame, welche, wie man das in guten Novellen oder Luſtſpielen zu machen pflegt, ihm halb abgekehrt ihre Fingerſpitzen reichte und ſich dann mit einer auffallend raſchen Bewegung wieder dem Fenſter zuwandte. Herr Sprütter begleitete den Gaſt bis an die Treppe, und als er wieder in das Zimmer zurückkam, ſtand Irma dicht am Fenſter, während Madame Sprütter die Taſſen zuſammenräumte. „Hm, hm,“ ſagte der große Schriftſteller, indem er, die Hände auf dem Rücken, mit langen Schritten durch's Zimmer ging,„das war ja eine erfreuliche Scene voll Edelmuth und Aufopferung, wie man ſie wohl in Ro⸗ manen lieſt, aber wie ſie im Leben ſelten vorkommen. — Haſt du wohl gehört, Irma, wie zart, ja, poetiſch ——— ſich der Herr Verwaltungsrath in Betreff des Dankes ausdrückte?“ „Gewiß habe ich es gehört, Papa.“ „Notire es dir unter ‚Redewendungen „Ich werde es gewiß nicht vergeſſen.“ „Sonderbar,“ fuhr Herr Sprütter fort, indem er ausgiebig in ſein Taſchentuch geſpuckt,„das Ganze geht mir durch den Kopf wie ein allerliebſter Schluß deiner Novelle: der Betreffende, hier Herr Kniegel, ſpeculirt auf's Glücklichſte und erſcheint eines Tages mit einer koloſſal günſtigen Abrechnung— Summen, große Summen, die er lächelnd übergibt und dafür als Dank weiter Nichts verlangt, als die Hand der Tochter, die er längſt im Stillen glühend liebt— notire dir auch das, Irma!“ „Ach, Papa,“ ſagte die junge Dame, näher zum Fenſter tretend,„du kannſt wirklich zuweilen recht lang⸗ weilig ſein!“ „Ja, und ſonderbares Zeug reden,“ pflichtete Ma⸗ dame Aurelie bei, indem ſie mit dem Kaffeegeſchirr das Zimmer verließ. .1 —————— Sechszehntes Kapitel, in welchem wir einem Bankdiner in der goldenen Seejungfer bei⸗ wohnen und ein wenig hinter die Couliſſen ſehen. Als Herr Kniegel das Sprütter'ſche Haus verließ, war es ungefähr um die Stunde, wo er ſich gewöhnlich zu ſeinem Mittageſſen nach der goldenen Seejungfer zu begeben pflegte; er ging alſo auch heute dorthin trotz des reichlich genoſſenen Kaffee's, wobei wir übrigens verſichern müſſen, daß er auch nicht eine einzige Bretzel eingetaucht oder eine der ſüßen Schneckennudeln verſucht, theils weil ihm beim Erblicken der holden Jungfrau aller Appetit zu Anderem, Materiellem vergangen war, theils aber auch, weil er heute noch ein ganz beſonders gutes Diner vor ſich hatte, und zwar bei beſagter goldener Seejungfer. Es war dies nämlich, wie wir bereits wiſſen, ein in vieler Hinſicht merkwürdiges Wirthſchaftslokal, und wer daſſelbe oberflächlich beſichtigte, ja, wer die unteren Räume, die niedrigen, ſchmierigen Reſtaurationszimmer, den Garten mit ſeinen theils ſehr lärmenden, theils ſehr ſtillen Gäſten, dem Gedudel und Genudel kreiſchender Orgeln, ſingender Harfenmädchen und fahrender Muſikanten, auch mit dem zähnefletſchenden Affen an ſeiner raſſelnden Kette, noch ſo genau kannte, hatte doch vielleicht keine Ahnung davon, daß ſich im erſten Stocke des Hauſes ein ſehr anſtändig ausſehendes Lokal befand, wo man nach Vorausbeſtellung ein erträgliches Diner bekam mit guten Weinen und einem — 54— Deſſert, was häufig die Hauptſache war, bei welchem ſpru⸗ delnder Champagner zwiſchen ſchönen Lippen verſchwand. Zu einem ſolchen Diner war Herr Kniegel auch heute eingeladen, und zwar von ſeinem Chef, dem Freiherrn von Dallenbach, der es zuweilen liebte, ſich ohne den Zwang läſtiger Etiquette und fern von den Augen beob⸗ achtender Dienerſchaft zu amuſiren. Denn hier in der gol⸗ denen Seejungfer wurde der Dienſt allein von dem Kell⸗ ner Joſeph beſorgt, der bei ſolchen Gelegenheiten wie umgewandelt war, die Artigkeit und Zuvorkommenheit in einer Perſon. Ja, wenn er ſich bei Ankunft der Gäſte im Eßzimmer befand, händereibend an der Thür ſtehend, ſo verſtand er es, eine ſo ſüße, wohlwollende Miene zu machen, daß man hätte glauben können, man erſcheine als Gaſt bei ihm ſelbſt, bei einem guten Freunde. Neben⸗ bei hatte er etwas von einem gut gezogenen, freundlichen Jagdhunde an ſich, und pflegte gegen ſolche am Zuvor⸗ kommendſten zu ſein, die ihn einmal moraliſch oder phy⸗ ſiſch derb geſchüttelt, ſo gegen den jungen Herrn Schropps, deſſen kräftige Hand er beſtens in Erinnerung hatte und der von da an nur zu winken brauchte, um Herrn Joſeph fliegen zu machen. Auch heute vernahm man kaum ſeine ſchweren Tritte auf der knarrenden Treppe, als der Kellner lauſchend die Klinke der Thüre faßte, um ſie im geeigneten Augenblicke aufzureißen. Herr Schropps trat ein, den Hut auf dem Kopfe, kurz nickend:„Was, ich bin der Erſte, wo ſtecken denn die Leute?“ —„————— —— , 48 1 5 „Es iſt noch ein Viertel vor Fünf,“ erwiederte Joſeph, ſeine ſcharfe Fiſtelſtimme zu einem leiſen Flüſtern mäßi⸗ gend. Doch da ihn dies einige Anſtrengung koſtete, ſo huſtete er gleich darauf leicht hinter der vorgehaltenen Hand, was den Anderen in etwas rohem Tone zu der Frage veranlaßte:„Nun, was macht der Kehlkopf, was macht die Tenorſtimme?“ „Beides den Umſtänden nach ſo ſchlecht als möglich — ich weiß nicht, die ſchlechte Luft da unten in dem Reſtaurationslokal thut meiner Bruſt nicht gut.“ „Alſo iſt es nichts mit dem Poſaunenblaſen, wenn Sie einmal ein friſcher Engel ſein werden— wo iſt das Menu?“ „Hier, Herr Schropps,“ ſagte der Kellner mit einem kaum bemerklichen Achſelzucken, indem er das betreffende Papier überreichte, mit dem der Andere an's Fenſter trat, immer noch den Hut auf dem Kopfe, und dort einen Fuß mit dem hohen, ſchweren Stiefel auf den Stuhl ſtellte, während er las. Wenn er auch jetzt in ſeinem Aeußern elegant, ja, beinahe vornehm ausſah, ſo hatte er dagegen im Schnitt ſeiner Kleidung wenig geändert, doch war ſein Jaquet von feinem Tuch und die hohen Stiefel von wei⸗ chem, biegſamem Leder, letztere ſtets eine Zielſcheibe für die kleinen Witze des Freiherrn von Dallenbach, indem dieſer behauptete, Herr Schropps behalte ſie bei, um ſo⸗ gleich zu Pferde ſteigen zu können, ſobald dies einmal nothwendig ſein würde. „Der Herr Baron!“ ſagte Joſeph,„ſein Wagen iſt 53— ſo eben angefahren.“ Gleich darauf erſchien derſelbe mit einem verdrießlichen Geſichte, lebhaft und unmuthig mit den Achſeln zuckend. „Nun, was gibt's?“ fragte Herr Schropps, nachdem der Kellner ganz geräuſchlos aus dem Zimmer verſchwun⸗ den war.„Iſt's was mit der Bank?— die Actien zeigen doch keine Neigung zum Fallen?“ „Gott ſei Dank, nein, nur meine Privat⸗Actien ſind unter dem Affen geſunken.“ Er trat bei dieſen Worten vor den Spiegel, richtete ſein Haar auf, ſtrich den Schnurr⸗ bart aus einander und zog mit einem Aufwerfen des Kopfes ſeinen feinen Tuchrock ſcharf an die Tallle. „Was für Privat⸗Actien?“ „Sehen Sie mir Nichts an?“ „Weiter nichts, als daß Ihre Toilette heute noch ge⸗ ſchniegelter und gebügelter als gewöhnlich, und Ihr Humor ſchlechter iſt.“ „Habe alle Urſache dazu, betrachten Sie mich!“ Da⸗ mit pflanzte er ſich vor den Anderen hin.—„Wer bin ich?— der Freiherr von Dallenbach, iſt das nicht ein ſchöner Name? Und was bin ich? Direktor einer Bank, deren Actien, zu 110 auf der Börſe eingeführt, heute 130 ſtehen, ein Gründer—“ „Gebrauchen Sie lieber ein anderes Wort,“ ſagte Herr Schropps in wegwerfendem Tone,„jene Benennung hat einen recht faulen Klang, man hält ſich dabei unwill⸗ kürlich die Taſchen zu.“ „Pah, unter uns! Doch wollte ich nur ſagen, daß man Fug und Recht hat, mich bei der koloſſalen Ueber⸗ zeichnung der Bank für einen reichen Mann zu halten, abgeſehen von meinen früheren—“ „Schulden,“ warf Herr Schropps lachend ein. I„Und eben ſo abgeſehen von den koloſſalen freiherrlich V von Dallenbach'ſchen Gütern.“ „Im Monde— allerdings— doch weiter, nein, b. nicht weiter, denn ich glaube jetzt ſchon zu wiſſen, was Ihnen paſſirt iſt.“ „Nun?“ 1 b„Sie haben ſich einen Korb geholt.“ b„Verdammt, daß Sie Recht haben,— iſt das nicht ein Scandal, und bei wem?“ „Nun, das iſt nicht ſchwer zu errathen.“ „Dieſe an ſich unbedeutende Mamſell Bendel, der ich V die Ehre erzeigen wollte, ſie zur Baronin von Dallenbach zu machen.“ „Und das große Vermögen ihrer Mama zu verwalten.“ „Auch das, und vortrefflich zu verwalten,“ entgegnete der Freiherr, indem er ſich auf den Hüften wiegte, dann ſeine Weſte herabzog und hierauf ſeine unruhig ſich be⸗ wegenden Finger in die Hoſentaſchen verſenkte. V„Und es war ein Korb in beſter Form 9⸗ V„Wenigſtens in der bündigſten und unzweifelhafteſten! Madame verſicherte, daß ſie ſich allerdings durch meinen Antrag geehrt fühle, auch meine Bewerbungen ſo wohl 4 bemerkt habe, daß ſie Veranlaſſung genommen, mit ihrer Tochter darüber zu reden. Bei dieſer aber habe ſie leider — —— — 55— eine vollkommene Abneigung überhaupt gegen irgend eine Verbindung ähnlicher Art wahrgenommen. Das war der Kern ihrer allerdings höflichen Worte, und ich zog ab wie ein begoſſener Pudel— Teufel auch, Sie haben gut darüber lachen!“ „Ich darf darüber lachen,“ erwiederte Herr Schropps, ohne ſeine allerdings etwas verletzende Heiterkeit zu mäßi⸗ gen,„ich könnte auch mit Ihnen weinen, doch macht ſich das nicht ſo gut, jedenfalls aber trage ich auch nicht die geringſte Schuld an dieſer Niederlage, denn ich habe Sie ſtets gewarnt, nicht zu raſch vorzugehen, jedenfalls des jungen Mädchens ſicher zu ſein, und auf die Mutter wirken zu laſſen, am beſten durch deren Schwager Löſer — habe ich Ihnen nicht dieſen Rath gegeben?“ „Ja,“ brummte der Andere, dann trat er an den gedeckten Tiſch, nahm ein Brod von einem der Couverts, und während er daſſelbe haſtig verzehrte, wobei er Brocken um Brocken gewandt in ſeinen Mund warf, fuhr er fort: „Habe den Rath auch befolgt— ſprach mit Löſer darüber — fürchte aber, er hat den Perfiden gemacht, ſagte mir, daß, wenn ich die Abſicht habe, Fräulein Bendel meine Hand anzubieten, dies nicht raſch genug geſchehen könne.“ „Und ſeine Gründe dafür?“ „Madame Bendel habe ſo eben angefangen, ſich nach langjähriger Zurückgezogenheit wieder in geſellſchaftlichen Kreiſen zu bewegen, taſte aber noch unſicher herum, fühle noch keinen feſten Grund unter ihren Füßen und möchte deßhalb wohl geneigt ſein, ihre Tochter eine Verbindung eingehen zu laſſen, die auch ihr durch einen glänzenden Namen neuen Halt gebe.“ „Und war dieſer Rath nicht gut?“ vernahm man jetzt plötzlich die Stimme des Regierungsraths Löſer, welcher lachend fortfuhr:„Sehen Sie nichts Beſonderes darin, daß ich mich ſo unerwartet in Ihr Geſpräch miſche, wollen auch nicht denken, daß ich gelauſcht hätte, denn das war bei dieſer offenherzigen Thür und dem lauten Sprechen des theuren Freiherrn unnöthig, aber ich wiederhole, mein Rath war vortrefflich, und wenn der Erfolg kein günſtiger war, ſo lag vielleicht die Schuld daran—° „Daß ich nicht länger gewartet!“ rief der Freiherr mit einem ironiſchen Lächeln, indem er ſeine Hände haſtig gegen und um einander rieb, wie man wohl bei fruſtigem Wetter thun pflegt. „Oder nicht raſch genug gehandelt,“ ſagte Herr Löſer achſelzuckend.„Mein Rath datirt von voriger Woche, wo ich meine Schwägerin ſah und ſie in etwas gedrückter Stimmung fand wegen allerlei mißliebiger Reden, die ihr zu Ohren gekommen— damals wäre Ihr Antrag gewiß höchſt willkommen geweſen, und iſt es meine Schuld doch wahrhaftig nicht, daß ſich der Wind wieder total gedreht.“ „Und woher bläſt er jetzt?“ fragte der Direktor der deutſch⸗amerikaniſchen Bank, ſeine Arme mit einem Auf⸗ wand von Bewegungen in einander verſchlingend. „Vom Hofe bläſt er herüber— vom allerhöchſten Hofe, und zwar durch Vermittlung des Obermodicinal⸗ raths Doktor Werner, der beauftragt wurde, freundliche, — 57— ja, herzliche und ermuthigende Worte zu ſpenden, und wo ein Hofwind dergleichen hinträgt, da ſchmelzen Eis und Schnee, da erheben Blumen und Blüthen ihre Köpfe und die trockenſte Mühle hat ſogleich wieder Ober⸗ waſſer.“. „Kann auch wieder verſiegen, das Oberwaſſer,“ meinte Herr Schropps höhniſch, worauf er ſeinen Mund zum Pfeifen ſpitzte und zum Fenſter hinausſchaute,„und wieder eine Baiſſe eintreten, daß man die Actien wohlfeil haben kann.“ „Möchte keine mehr— möchte keine mehr— möchte wahrhaftig keine mehr,“ rief der Baron mit großer Leb⸗ haftigkeit, ſo daß ſeine Schultern und Ellenbogen zuckten und er ſich unruhig bald auf dieſen, bald auf jenen Fuß ſtützte—„möchte ſogar eine ſolche Baiſſe herbeiführen helfen,“ ſetzte er mit einem böſen, falſchen Blicke hinzu, zwang ſich aber gleich darauf zu einem Lächeln, als er dem Regierungsrath ſagte:„Verzeihen Sie mir, wenn ich mit dieſen Worten Familiengefühle verletze, doch hat mich dieſe Abweiſung geärgert— wahrhaftig, das hat ſie, und ſo ſehr geärgert, daß ich bei Madame Bendel à la baisse ſpeculiren möchte, wenn das möglich wäre— nun, wer weiß!“ „Da kommt endlich dieſer langweilige Kniegel,“ ſagte Herr Schropps, auf die Straße ſchauend,„aber nicht allein, er hat einen jungen Menſchen bei ſich, den ich nicht kenne — haben Sie denn jemand Fremdes zu unſerem kleinen Diner eingeladen?“ — —— 7 8 — 3 8 —— ———— 8 . 3 5 3 — — “ 3 — ——ÿ ——— — 58— „Und wenn ich das für gut fand?“ erwiederte der Bankdirektor etwas von oben herab. „Nun, es iſt mir nur wegen des Deſſerts,“ erwiederte der Andere in gleichgültigem Tone,„doch mir kann's einerlei ſein!“ Der Freiherr ſtellte mit einem abſichtlichen Aplomb ſeinen linken Fuß vor, verſenkte die Rechte in den Aus⸗ ſchnitt ſeiner Weſte und ſagte in nachläſſigem Tone und mit halbgeſchloſſenen Augen:„Ich habe zu unſerem heu⸗ tigen kleinen und ſehr anſtändigen Diner einen jungen Mann eingeladen, der mir dringend empfohlen wurde, einen jungen Mann von großen Fähigkeiten, einen Schrift⸗ ſteller, Mitredacteur eines hieſigen vielgeleſenen Blattes und Berichterſtatter auswärtiger Zeitungen; man darf die Preſſe nicht vernachläſſigen, meine Herrren, und ich hoffe, in dieſem talentvollen jungen Manne eine wirkſame Kraft für uns heranzuziehen— habe ich Recht, Löſer?“ „Etwas chauffiren auch in dieſer Richtung kann nichts ſchaden.“ „Natürlicherweiſe bezahlt man ihn reichlich für ſeine Arbeiten, doch thut es ſolchen jungen Leuten wohl, wenn man ihnen eine gewiſſe Intimität bezeigt. Ihn zum Diner in meinem Hauſe einzuladen, kann ſpäter einmal geſchehen, um ihn für geleiſtete Dienſte zu belohnen; heute aber ſoll ein geſellſchaftliches Mahl hier in der goldenen Seejungfer ein Sporn für ihn ſein, um ſeine Kräfte für uns anzu⸗ ſtrengen— ah, da iſt Herr Kniegel,“ rief er mit einer raſchen Wendung gegen die Thüre, durch welche der Ge⸗ — 59— nannte mit einem jungen Manne eintrat, welchen der Freiherr den Anweſenden als den Schriftſteller Herrn Streber vorſtellte.—„Und nun zu Tiſche, meine Herren!“ Alle ſetzten ſich und im gleichen Augenblick ſtand auch der Kellner mit der Suppenſchüſſel da, unverſehens, wie geräuſchlos aus einer Verſenkung aufgeſtiegen. Die Speiſen waren für das geringe, ſo wenig ver⸗ ſprechende Lokal ausgezeichnet zu nennen, und als ſogar Herr Schropps, der ſelten etwas lobte, den Bordeaux ganz vortrefflich fand, lehnte ſich der Freiherr behaglich in ſeinen Seſſel zurück und ſagte mit einem wohlwollen⸗ den Lächeln:„Das glaube ich wohl, die Weine ſind aus meinem eigenen Keller, man muß doch ſeine Gäſte zu ehren wiſſen. Ich erlaube mir, ein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, mein lieber Streber,“ und dann, als jener vollgültigen Beſcheid gethan, ſetzte der Bankdirektor hinzu: „Wenn es Ihnen gefällig iſt, werden wir häufig ſo mit einander tafeln, es iſt das eine Gelegenheit harmoniſchen Zuſammenlebens, wo man frei und ungenirt die Tages⸗ intereſſen beſpricht, Geſchäftliches behandelt, und wo wir ſomit zur Zeit, in der Andere, Glücklichere nur an ſich ſelbſt denken, zum Vortheile unſerer Actionäre arbeiten.“ „Ja, wir ſind von einer Uneigennützigkeit, die wahr⸗ haft erſtaunlich iſt,“ lachte Herr Schropps,„und für alles das muß man ſich nachſagen laſſen, wir arbeiteten nur zu unſerem eigenen Vortheil, oh, es iſt eine ſchlechte Welt!“ „Leider, leider,“ ſeufzte der Freiherr, und da man die —,.——— — 60— verleumderiſche Bosheit ſo weit treibt, daß man unſer edles Streben, durch Gründung von Banken den allge⸗ meinen Intereſſen, dem großen Verkehr zu dienen, häufig mit dem Namen Schwindelei belegt und uns das ſchmutzige Motiv unterſchiebt, nur an unſere eigene Bereicherung zu denken, ſo müſſen wir auch durch die Preſſe gegen ſolche Gehäſſigkeiten zu wirken ſuchen. Man ſagt uns Gründern nach, wir nähmen den Rahm oben weg und ließen den Actionären nichts als die wäſſerige Milch.“ „Woran ſehr viel Wahres iſt,“ ſagte Herr Schropps in ruhigem Tone,„dann handeln wir mit dieſer wäſſerigen Milch, und das Publikum iſt häufig dumm genug, ſie als gute Waare von einer Hand in die andere gehen zu laſſen.“ „Als ein Handelsobject, als ein nutzbringendes, mag es nun heißen wie es will,“ entgegnete eifrig der Bank⸗ direktor,„als eine Waare, an der Jeder gewinnen kann.“ „Bis auf den, bei dem die Milch ſauer⸗wird,“ meinte Herr Schropps. „Pah,“ ſagte der Freiherr,„und wenn das endlich geſchieht, ſo vertheilt es ſich auf tauſend Einzelne, die es kaum merken—“ „Daß wir den Rahm abgeſchöpft haben.“ Der junge Schriftſteller hatte bis jetzt ſehr wenig ge⸗ ſprochen, nur aufmerkſam zugehört und ein paar Mal gelächelt, wenn er ſeine lebhaften, klugen Augen auf Herrn Schropps richtete, während dieſer redete. Jetzt von dem Freiherrn um ſeine Meinung befragt, ſagte er: — 61— „Wenn ich mich auch um Banken und deren Gründung bis jetzt nur ſo viel bekümmert, als ich eine Kenntniß dieſer Dinge zu meinen Arbeiten gebrauchte, ſo iſt die Geſchichte mit dem Rahm doch ein ſehr einfaches Rechenexempel: Sie haben die deutſch⸗amerikaniſche Bank gegründet, mit einem Kapital von ſechs Millionen Gulden, Einzahlung 80 Gulden auf 200 Gulden Nominalwerth. Sie haben die Actien an der Börſe eingeführt mit 130 Gulden, alſo mit einem Agio von 50 Gulden, das Kapital iſt, wie es heißt, doppelt überzeichnet, und die Herren Gründer, ich weiß natürlich nicht, wie viel ihrer ſind, gewannen dabei eine Million 500,000 Gulden.“ „Sie rechnen vortrefflich, mein junger Freund, aber Sie berechnen dabei nicht, daß eine doppelte, drei⸗ oder vierfache Ueberzeichnung nicht immer wörtlich zu verſtehen iſt, daß man an befreundete Banken namhafte Summen abgibt, um auch dieſe wieder zu dem gleichen Dienſt zu verpflichten.“ „Alſo eine Wechſelreiterei im größten Maßſtabe?“ „Man kann es doch wohl nicht ſo nennen, es iſt viel⸗ mehr eine gegenſeitige, unſchuldige Unterſtützung, eine Handreichung guter Freunde, wodurch man eine feſte Kette ſchließt—“ „Vermittelſt welcher das Publikum,“ fiel Herr Schropps lachend ein,„im großartigſten Maßſtabe ſtrangulirt wird. Es lebe die Kette!“ rief er aus, ſein Glas erhebend. „Es lebe die deutſch⸗amerikaniſche Bank!“ ſagte würde⸗ voll der Freiherr. Hackländer, Kainszeichen. IV. 5 4.— ͤ 8— * 3. 7— *. „Es lebe der ſüße Rahm, von dem auch ein Tröpf⸗ lein in Ihren Kaffee fallen wird!“ ſprach Herr Löſer, mit dem jungen Schriftſteller anſtoßend. „Es leben die edlen Herren Gründer!“ Darauf trank Herr Kniegel, indem er ſich ehrfurchts⸗ voll von ſeinem Stuhl erhob, aber Herr Schropps fiel lachend ein:„Es leben ſämmtliche Räuber, die ihr Handwerk großartig zu betreiben wiſſen, hoch, höher— am höchſten!“ Dabei machte er eine heitere Pantomime, als befeſtige er einen imaginären, von der Decke herab⸗ hängenden Strick an ſeinem Halſe. Der Kellner hatte ſich beim Anfang dieſer Toaſte einer Champagnerflaſche bemächtigt und leiſtete im Einſchenken ſo Unglaubliches, daß es ihm möglich wurde, zwiſchen jedem dieſer Trinkſprüche die raſch geleerten Gläſer wieder zu füllen. Mit vollen Kelchen in den Händen blickten jetzt Alle auf den jungen Herrn Streber, der ſich erhoben hatte und ungefähr folgende Worte ſprach:„Meine ge⸗ ehrten Anweſenden! Geſtatten Sie mir, ein ſchüchternes Wort einzuwerfen, das vielleicht etwas anmaßend erſchei⸗ nen mag für mich, der ich kaum erſt in dieſen bedeuten⸗ den Kreis eingetreten bin. Aber das Vertrauen, deſſen Sie mich würdigten, ermuthigt mich zu Gleichem und läßt mich Ihnen gegenüber die Verſicherung ausſprechen, daß ich die Verhältniſſe ziemlich klar überſchaue, die Höhe des Sprunges in die Tiefe hinab nicht zu gering achte, um fürchten zu müſſen, den feſten Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Im Gegentheil, ich hoffe, dieſen feſten Boden — 63— ſehr unter meinen Füßen zu behalten und ſomit im Stande zu ſein, mitbauen zu helfen an dem kühnen Gebäude, das ſich in ſchwindelhafter Höhe vor mir erhebt. Indem ich nun aufblicke, um dieſe Höhe zu ſehen, verweile ich mit inniger Freude auf dem Schlußſtein des erhabenen Bogens! Ich erhebe mein Glas und bitte Sie, ein Gleiches zu thun und mit mir zu trinken auf das Wohl unſeres hochgeehrten Chefs, des Herrn Barons von Dallenbach!“ Alle tranken darauf, Herr Schropps ein Bischen lang⸗ ſam und bedächtig, während ſeine Augen über das Glas hinweg mit einem eigenthümlichen Ausdrucke nach Herrn Streber ſchielten, um deſſen Mundwinkel ein ganz kurzes, faſt verdächtiges Lächeln ſpielte. Doch war dies vielleicht nur der Ausdruck der Ge⸗ nugthuung, weil ihm der edle Freiherr über den Tiſch hinüber ſeine Hand bot und ihm dazu ſagte:„Wackerer junger Mann, ich liebe ſolche ſprudelnde Herzen und bin überzeugt, daß wir uns auch im Geſchäftlichen verſtehen werden.“ „Das iſt ſo einfach,“ meinte Herr Löſer,„und hätte man niemand Beſſeren finden können, als Herrn Streber, der nicht nur über einen gewiſſen Theil ſeines hieſigen Blattes vollkommen verfügt, ſondern auch bedeutende aus⸗ wärtige Journale zu ſeiner Dispoſition hat.“ „Und das auswärtige Departement iſt gerade jetzt ſehr wichtig,“ ſagte der Freiherr in jovialem Tone.„Ueberall ſchießen die großartigſten Unternehmungen wie Pilze aus ——————— 8 —’’ꝛ ůůÿůʒeᷓÿ——— ——— 2— — 64— dem Boden, und wo es nur immerhin möglich iſt, muß man mit den ſolideſten die deutſch⸗amerikaniſche Bank in Verbindung zu bringen ſuchen, ſie zu gleicher Zeit nennen und dabei einen gewiſſen Zuſammenhang durchſchimmern laſſen. Man muß überhaupt möglichſt viel von uns reden, aber dabei auch den hieſigen Platz nicht vernachläſſigen, man muß kleine Notizen bringen, wie enorm die Nach⸗ frage nach den Actien der deutſch⸗amerikaniſchen Bank ſei, wie im Verhältniß damit nach amerikaniſchen Berichten die unerhörte Nachfrage nach Grundſtücken der Freiherrlich von Dallenbach'ſchen Güter und deren Preisſteigerung ſei, wie man mit dem Bau verſchiedener Eiſenbahnen dorthin bereits begonnen und wie man deßhalb keine beſſere Kapitalanlage zu empfehlen wüßte, als die Actien der deutſch⸗amerikani⸗ ſchen Bank, welche, und das iſt die Hauptſache, in wenigen Tagen unbedingt die Höhe von 136 erreichen müſſen!— Das ſind ſo meine Ideen,“ ſchloß der Redner mit einer gefälligen Handbewegung,„und werden Sie dieſelben ſchon zu verwerthen wiſſen.“ „Zum allgemeinen Beſten,“ ſagte Herr Schropps, in⸗ dem er lächelnd ſein gefülltes Glas gegen den jungen Schriftſteller erhob und es dann auf einen Zug leerte. „O, ſo ein Artikel wirkt ganz vortrefflich,“ meinte der Freiherr,„in eingehend populärer Weiſe abgefaßt, mit einem kräftigen Schlußwort, wie zum Beiſpiel: deß⸗ halb kauft, kauft Deutſch⸗Amerikaner, ſo lange es noch Zeit iſt!“ „Ja wohl,“ lachte Herr Schropps laut auf,„ſo wollen — 65— wir zuerſt den Actionären und dann uns ſelbſt zurufen: „Lauft, lauft, Deutſch⸗Amerikaner, ſo lange es noch Zeit iſt.“ An dem Tiſche war ein Couvert frei geblieben und der Bankdirektor, nachdem er einen mißbilligenden Blick auf Herrn Schropps geworfen und dieſen mit einem ſehr bezeichnenden Achſelzucken begleitet hatte, ſagte jetzt, auf den leeren Platz deutend:„Wo das Thier, der Schleimer, nur wieder ſteckt, dieſes Geſchöpf kann ſich doch nie an eine geſellſchaftliche Ordnung gewöhnen!“ „Und wird jedenfalls die Ausrede haben, er ſei in unſerem Intereſſe wieder auf's Emſigſte beſchäftigt geweſen.“ „Im Departement alter Unterröcke,“ lachte Herr Löſer. „Man muß ſchon geſtehen, daß er darin Bedeutendes leiſtet, und iſt es gerade kein beneidenswerther Wirkungskreis.“ „Ha,“ warf Herr Schropps ein,„jedes Weſen hat ſein Element, in dem es ſich wohl befindet, der Vogel in der Luft, der Fiſch im Waſſer, Schleimer im Kehrichthaufen, wo es ihm Vergnügen macht, die garſtigſten Lumpen um⸗ zukehren und aufzuheben— und er iſt darin unermüdlich, Mancher könnte in dieſer Ausdauer von Schleimer etwas lernen! Ich weiß, daß er bei alten verwetterten Weibern Tag um Tag Stunden lang zu ſitzen vermag, ihr Gefaſel anzuhören, und nicht eher nachläßt, bis die Betreffenden an irgend einem Köder angebiſſen— nicht wahr, Kniegel, Sie wiſſen das am beſten?“ „Allerdings,“ erwiederte der Gefragte, welcher bis jetzt ſehr ſchweigſam geſeſſen, ſich dagegen tüchtig mit Speiſen und Getränken beſchäftigt und nur zuweilen durch ein ———— ——— —— A— — 7* 5 1 2 51 22 5 2 ——— S — 66— hölzernes Lächeln, ſowie ein ſteifes Kopfnicken ſeine Theil⸗ nahme kundgegeben,„Herr Schleimer arbeitet tüchtig in ſeinem Wirkungskreiſe und ich kann die verehrten Herren verſichern, daß er für unſere Zwecke Gelder aufzutreiben weiß, wovon man gar keine Ahnung hat.“ „Herr Schleimer kommt ſoeben über den Hof gegen das Haus,“ meldete der Kellner mit flüſterndem Tone hinter der vorgehaltenen Hand, indem er ſich zu Herrn Schropps hinabbeugte. „Laß ihn nur kommen, wir werden deßhalb unſer Geſprächsthema nicht ändern; er ſchleicht leiſe wie ein Maulwurf und wird plötzlich unter uns aufſtoßen, deßhalb ſoll er auch hören, daß wir ihm die Ehre anthun, uns mit ihm zu beſchäftigen— ja, ich bin feſt überzeugt,“ rief er in abſichtlich lautem Tone,„daß dieſer Schleimer wieder irgendwo feſtſitzt, wo er nicht loskommen kann, ohne Prügel oder noch Schlimmeres zu riskiren.“ „Feſtſaß, Herr Schropps, doch kann ich den Nachſatz Ihrer Rede nicht unbedingt zugeben,“ hörte man jetzt die weiche, ſchleimige Stimme des Herrn Schleimer, und dann ſtand er dicht vor der Tafel im langen, ſchwarzen Rock mit niederer, weißer Halsbinde, über welcher ſich, während eer ſprach, ſein Adamsapfel beim Geruch der leckeren Spei⸗ ſen auffallender als gewöhnlich hob und ſenkte. Sein helles Haar war ſchlicht und redlich geſcheitelt, ein ſüßes Lächeln des Friedens ſtrahlte aus ſeinen Augen, als er heiter um ſich her blickend die ſchwarzen Handſchuhe an ſeinen Händen um einander rieb und ſie dann mit einem — 67— ſolchen Wohlwollen betrachtete, als gehörten ſie nicht ihm, ſondern ſeien ein theures, ihm anvertrautes Gut, welches er dann auch mit äußerſter Sorgfalt von ſeinen Fingern abzog und in die Taſche ſteckte. „Zum Tiſchgebet komme ich wohl zu ſpät,“ ſprach er dann, wobei es ſchalkhaft aus ſeinen Augen blitzte,„doch kann man das ja auch ſpäter nachholen.“ „Gewiß,“ lachte der Freiherr,„nur machen Sie jetzt endlich einmal, daß Sie zum Sitzen kommen— wollen Sie Suppe?“ „Darauf wird er verzichten,“ rief Herr Schropps, in⸗ dem er ihm das Menu hinüberreichte,„er kommt gewiß aus einer Kaffee⸗ oder Thee⸗Geſellſchaft und es verlangt ihn nach Subſtantiellem— da, ſuchen Sie ſich aus, wo Sie anfangen wollen, ich rathe Ihnen, mit dem Filet zu beginnen, es waren vortreffliche Trüffeln dabei.“ „Ach ja, mit viel Trüffeln, lieber Joſeph,“ wandte ſich Herr Schleimer ſüß lächelnd an den Kellner,„zuerſt aber möchte ich um ein Tröpfchen Wein bitten, denn ich könnte faſt mit jenem wüſten Roller ſagen: Gebt mir ein Glas Branntwein, denn meine Knochen fallen aus⸗ einander.“ „Das klingt ja, als wenn auch Sie recta vom Gal⸗ gen kämen!“ lachte Herr Löſer. „Nicht ſo ganz, Herr Regierungsrath, doch habe ich mich wie immer abgemüht im Dienſte des Herrn— un⸗ ſeres Herrn,“ ſetzte Herr Schleimer mit einer Verbeugung ſpeziell für den Bankdirektor hinzu, worauf er ein großes —————— ſſſſn 68— Waſſerglas voll Champagner leicht gegen ihn erhob und dann mit einem Zuge leerte. „Später wollen wir Ihre Abenteuer hören, aber nun eſſen Sie!“ Das that denn auch Herr Schleimer mit eben ſo großer Schnelligkeit als Ausdauer, und da er ein paar Schüſſeln, die ihm nicht beſonders bemerkenswerth ſchienen, überſchlug, ſo war er in nicht gar langer Zeit im Stande, den Uebrigen zu folgen in gleichem Schritt und Tritt. Dazu trank er genügend Champagner, und als er endlich ſo weit gekommen war, ſich eine kurze Ruhe zu gönnen, ſagte er, behaglich in den Seſſel zurückgelehnt:„Ich komme gerades Weges aus der Höhle des brüllenden Löwen.“ „Ah, wenn Sie damit das Haus meines verehrten Oheims meinen, ſo bewundere ich Ihren Muth— hat er Sie nicht die Treppe hinabgeworfen?“ „Der Herr beſchützt ſeine Diener, zeigt ihnen Pfade, wo ſie ungeſehen wandeln können, oder ſchlägt die Augen der Ungerechten mit Blindheit,“ entgegnete der ehemalige Reiſeprediger in ſalbungsvollem Tone. „Hm, ich wüßte mich aber doch keiner Hinterthüre zu erinnern!“ „Er ſchlägt die Augen der Feinde mit Blindheit, damit ſie nicht ſehen, wo der Gerechte aus⸗ und ein⸗ wandelt.“ „Wiſſen Sie was, lieber Schleimer,“ meinte der Frei⸗ herr von Dallenbach, während er ſich mit großer Umſtänd⸗ lichkeit zwiſchen den Zähnen ſtocherte,„wenn es Ihnen gleichgültig iſt, ſo betrachten Sie uns gefälligſt nicht als zu Ihrer gläubigen Gemeinde gehörig, und reden, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, mit uns nicht in der Amts⸗ kleidung, ſondern einfach in Civil.“ Herr Schleimer verbeugte ſich beiſtimmend und ſagte dann:„Ich war alſo im Hauſe des Herrn Joſeph Schropps ſenior, und verweilte dort länger, als in meiner Abſicht lag, weil der Ausgang für mich nicht ſo ohne Schwierig⸗ keit war, wie der Eingang.“ „Aha, mein verehrter Oheim ſpürte den Schwefel⸗ geruch und pflanzte ein Kreuz auf die Schwelle, um den Böſen gefangen zu halten.“ „Ungefähr ſo, er verſchloß die Hausthür und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche.“ „Und wo waren Sie unterdeſſen?“ „Bei einer Dame,“ entgegnete der ehemalige Reiſe⸗ prediger mit einem milden Lächeln, welches dadurch an Bedeutung gewann, daß er ſeine Augen niederſenkte und angelegentlich ſeine Fingerſpitzen betrachtete— bei einer Dame— ja— ich kann das nicht leugnen.“ „Sieh, ſieh,“ rief der Freiherr lachend, und der junge Schriftſteller erhob raſch ſeinen Kopf und blickte den Er⸗ zähler erwartungsvoll an, während Herr Schropps mit einer verächtlichen Miene einwarf:„Nur keine Uebertrei⸗ bungen, Schleimer, in Wort oder Pantomime! Sagen Sie meinetwegen, daß Sie bei dem Laufmädchen geweſen ſind oder bei der Küchenjungfer, und wir wollen das allen⸗ falls glauben.“ — 70— „Nein, Herr Schropps, der Wahrheit die Ehre, rathen Sie höher hinauf.“ „Ich will gar nicht rathen, es iſt mir vollkommen gleichgültig.“ „Kann's auch, Herr Schropps, kann's auf Ehre, denn ich werde mich ſchon hüten, in Ihr Gehege zu kommen. Ich beſuchte nämlich Madame Kegel, die würdige Haus⸗ hälterin, deren Rath und Beiſtand in geiſtlichen, auch wohl in anderen Angelegenheiten ich zu ſein die Ehre habe, und wirkte auch bei dieſer guten Seele ſpeziell für unſere Bankangelegenheit. Sie wollte meine Anſicht hören, da ſie Herrn Kniegel in Geldſachen nicht ihres vollkommenen Vertrauens würdigt und da Ihr verehrter Oheim der guten Seele entſchieden abgerathen hatte, von unſeren Bankactien zu kaufen.“ „Ich finde das eigenthümlich von Ihrem Oheim,“ ſagte der Freiherr, ſeine Augenbrauen hoch emporziehend, „habe auch ſchon hier und da gehört, daß er mit ſeinem Rath zu Gunſten unſeres Geſchäftes ſehr zurückhaltend iſt.“ „Worüber ich durchaus nicht erſtaunt bin. Haßt er doch alles Actien⸗ und Börſenſpiel und würde ſicher nicht geſtattet haben, daß ſich die anſehnliche Firma der Ge⸗ brüder Schropps mit an die Spitze unſeres Unternehmens geſtellt hätte, wenn ich nicht durch das Teſtament meines Oheims gleichberechtigter Theilhaber dieſer Firma geworden und mich ſogleich mit Vergnügen bereit erklärt hätte, die⸗ ſelbe allein und für alleinige Rechnung fortzuführen.“ Herr Kniegel hatte langſam mit dem Kopfe genick, —— dabei aber eigenthümlich mit den Augen geblinzelt, als Jener ſprach, und ſagte jetzt:„Ja, ja, Ihr verehrter Herr Oheim hat ſich lange dagegen gewehrt, und mich wundert's heute noch, daß er dann mit einem Male in ſeiner Mei⸗ nung umſchlug.“. „Pah,“ ſagte Herr Schropps, ſeinen Kopf trotzig auf⸗ werfend,„wir hatten darüber und über manches Andere ein paar heftige Scenen, doch ſah er endlich ein, daß ihm die Hände gewiſſermaßen gebunden waren und er ſich fügen müſſe nach dem Sprichwort: Schlägſt du meinen Juden, ſo ſchlag' ich deinen Juden. Es iſt etwas faul im Staate Dänemark, und da ich ein Auge zudrücke, ſo macht er es mit dem andern ebenſo.“ „Worüber ich mich eigentlich ſehr gewundert habe,“ meinte Herr Kniegel.„Ihr verehrter Herr Oheim hat nicht nur durch Bekannte enorme Summen zeichnen laſſen, ſondern läßt auch heute noch aufkaufen, was er bekom⸗ men kann.“ „Sehr anerkennenswerth,“ ſprach der Freiherr kopf⸗ nickend,„und dabei klug von ihm, denn was er dort für das Steigen unſerer Actien ausgibt, gewinnt er hier an denen, die er in der Kaſſe hat.“ „Was nun die junge Dame anbelangt, auf welche Sie angeſpielt,“ warf der ehemalige Reiſeprediger lächelnd hin,„ſo— „Ich habe auf gar nichts angeſpielt, was für Sie verſtändlich ſein ſoll,“ ſagte Herr Schropps in mürriſchem Tone. ——— “— „So wollte ich mir nur zu ſagen erlauben,“ fuhr Schleimer geſchmeidig fort,„daß ſie noch immer das Zim⸗ mer hütet, daß jedoch ihr Zuſtand durchaus zu keinen Befürchtungen Veranlaſſung gibt.“ „Mir ganz gleichgültig,“ brummte Herr Schropps. „War denn Fräulein Sophie bedeutend krank?“ fragte der Schriftſteller in erſtauntem Tone. „Ah, Sie kennen ſie auch?— nun ja, ſie war ziemlich bedeutend krank, wie mir Madame Kegel ver⸗ ſichert. Der Tod des Herrn Nathan hat ſie ſehr er⸗ ſchüttert, und es muß in jener Nacht ſonſt noch etwas geſchehen ſein, was ihre Nerven im höchſten Grade auf⸗ geregt.“ Schleimer ſagte das in ſehr langſamem Tone und ſchielte dabei nach Herrn Schropps hinüber, um deſſen Mundwinkel es behaglich zuckte, was beides dem ſpähen⸗ den Auge des jungen Herrn Streber nicht entging. „Am anderen Morgen,“ fuhr der ehemalige Reiſe⸗ prediger fort,„zeigten ſich bedenkliche Krankheitsſymptome und es bedurfte der guten Natur des jungen Mädchens, ſo wie der ganzen Sorgfalt ihres Arztes, des Herrn Ober⸗ medicinalraths Werner, um ein nervöſes Fieber oder Aehn⸗ liches zu coupiren.“ „Passons là dessus!“ rief der Freiherr in gelang⸗ weiltem Tone,„laßt uns lieber trinken, ſo lange wir durſtig ſind! Ich erlaube mir, das Wohl auszubringen ſämmt⸗ licher verehrter Anweſenden, und wenn ich in dankender Anerkennung auf Ihren Fleiß und Ihren Eifer trinke, ſo gilt das zugleich dem Gedeihen der deutſch⸗amerikani⸗ ſchen Bank!“ Die Kelche klangen zuſammen, und ſo flink der Kell⸗ ner Joſeph auch war, ſo hatte er doch Mühe genug, die Gläſer immer wieder zu füllen, denn Jeder ſtieß nicht nur mit dem geehrten Bankdirektor an, ſondern auch mit dem verehrten Nebenſitzenden, und hierauf wurde kreuz und quer dem Gegenüber in ausgiebiger Art zugetrunken. „Uff,“ ſagte Herr Schleimer mit ſanft geröthetem Antlitz, nachdem er ſein großes Waſſerglas, aus welchem er den Champagner trank, abermals geleert hatte,„es iſt doch eine wunderbare Erfindung, dieſer ſchäumende Wein, er prickelt ſo angenehm auf der Zunge, jagt das Blut ſchneller durch die Adern und erregt in uns den Wunſch nach köſtlichem Deſſert.“ „Leider gehen unſere Wünſche nicht immer in Erfül⸗ lung,“ entgegnete der Freiherr in ſehr beſtimmtem Tone, während er dem Kellner winkte,„dafür aber ſollen Sie eine gute Cigarre haben.“ „Auch gut, ich nehme Alles mit großem Danke an.“ „Das thut er,“ lachte Herr Schropps,„wogegen ich noch nie geſehen, daß er irgend Jemandem etwas ge⸗ ſchenkt.“ „Doch, doch,“ entgegnete der ehemalige Reiſeprediger mit großer Entſchiedenheit—„doch, doch, und ich will dabei nicht einmal reden von guten Lehren, welche ich maſſenhaft gratis vertheilt— auch Materielles— klingende Geſchenke— Almoſen, vorhin noch, ehe ich da herkam— —-— 2— es war das ganz eigenthümlich,“ ſetzte er lächelnd hinzu, indem er aufmerkſam die aufſteigenden Bläschen in ſeinem Glaſe betrachtete. „War vielleicht ein hübſches Mädchen dabei, Sie Heuchler?“ „Nein— auf Ehre— gewiß nicht!“ „Oder trieb Sie vielleicht ein noch ſchlechteres Motiv?“ „Auch das nicht, es war eine Erinnerung an ver⸗ gangene Zeiten, die mir einen blanken halben Gulden aus der Taſche lockte.“ „Das muß eine ſüße Erinnerung geweſen ſein!“ „Nicht einmal das, Herr Schropps, vielmehr eine traurige, die auch Sie vielleicht bewegt hätte, wenn Sie den armen Teufel geſehen, dem ich ein Almoſen ſpendete.“ „Doch keiner unſerer Bekannten von drüben?“ „Keiner dieſer Bekannten ſelbſt, aber eine Aehnlichkeit mit einem ſolchen war es, die mein tiefſtes Mitleid er⸗ regte.“ „Nun, wenn Ihr Mitleid erregt wurde, dann muß es allerdings etwas Abſonderliches geweſen ſein.“ „Was war es denn, Schleimer?“ fragte der Freiherr, „laßt doch das ewige Einreden ſein!“ „Es war ein Mann, jämmerlich gekleidet, in einem beſchmutzten Leinwandanzuge, ſo dünn, ſo fadenſcheinig, ſo wenig erwärmend bei der kühlen, herbſtlichen Witterung, dabei durchnäßt von dem tüchtigen Streifregen vorhin, daß man deutlich ſah, wie er vor Froſt zitterte, wie ſeine blauen Lippen in dem bleichen Geſichte bebten, und wie er mit den erſtarrten Fingern nur mühſam im Stande war, einer kleinen Orgel, die er an ſich hängen hatte, klägliche Töne zu entlocken.“ „Alſo ein ganz gewöhnlicher Bettler,“ ſagte Herr Schropps in gleichgültigem Tone. „Ein Bettler allerdings, aber kein gewöhnlicher, ſonſt wäre ich wahrſcheinlich ohne Weiteres vorübergegangen. Stellen Sie ſich einen Mann vor, an deſſen Körperformen, fein geformten Fingern, an deſſen intelligenten, anſtän⸗ digen, faſt noblen Geſichtszügen Sie Jemanden erkennen, der beſſere Tage geſehen und der auf eine ſo entſetzliche Art heruntergekommen. Doch iſt das noch nicht Alles: ich mußte ziemlich dicht an ihm vorüber, ſo dicht, daß ich erwartete, ihn bei meiner Annäherung zurücktreten zu ſehen, aber er trat nicht zurück, vielmehr ſchauten mich aus dem bleichen Geſichte ein Paar weit offene, dunkle, eigenthüm⸗ lich glänzende Augen an, das heißt, ſie ſtarrten ſo ſeltſam über mich hin, wie in unabſehbare Fernen, daß ich ſo⸗ gleich deutlich ſah, ich habe es mit einem Blinden zu thun.“ „Armer Teufel!“ ſagte Herr Schropps, worauf er langſam ſeinen kalten Champagner ſchlürfte. „Allerdings armer Teufel, aber ſein jammervoller Zuſtand allein war es nicht, was mich erſchütterte, ſondern ich fand eine Aehnlichkeit in dem Geſicht, eine Aehnlichkeit, die mich entſetzt hätte, wenn ich nicht überzeugt geweſen wäre, daß mir die Phantaſie einen Streich ſpiele.“ „Nun, mit wem denn, Sie mitleidige Seele?“ — — — 76— „Mit Watters, den wir ja alle in New⸗York gekannt.“ „Mit Watters!— Pah, Unſinn!“ „Mit Watters? dem luſtigen Jungen, dem Lebe⸗ mann—“ „Nein, Schleimer, Sie haben kein Talent für Phy⸗ ſiognomie.“ „So wie Schleimer gefühlvoll wird, blamirt er ſich noch gründlicher als ſonſt.“ „Habe ich denn behauptet, daß er es wirklich war? Ich habe nur von einer Aehnlichkeit geſprochen, und die würden Sie ſelbſt nicht geläugnet haben, ſie zeigte ſich ſogar in dem kaum merklich ſchielenden Blicke, den auch Watters hatte; auch thut es mir um meinen halben Gulden durchaus nicht leid, doch konnte ihn der arme Teufel ſelbſt nicht einmal nehmen, denn ſo wie ich ihm denſelben überreichte, trat ein wüſt und gemein ausſehen⸗ der Kerl hinzu und nahm das Geldſtück, indem er ſagte: „Danke Ihnen, Herr, geben Sie es mir, ich muß für den Blinden ſorgen. Dann packte er ihn am Arm und zerrte ihn auf eine rohe Art mit ſich fort.“ Sowohl Herr Kniegel als noch mehr der Regierungs⸗ rath Löſer hatten dieſer Erzählung mit ungetheilter Auf⸗ merkſamkeit gelauſcht, und letzterer fragte jetzt:„Wer war denn dieſer Watters— der in New⸗York, von dem Sie ſo eben ſprachen?“ „Ah, das war ein verfluchter Kerl, dabei ein Gentle⸗ man, das iſt nicht zu läugnen, der es aber in der Schlau⸗ heit mit einer Rothhaut aufnehmen konnte und die pfiffig⸗ 77—,, ſten Yankee's barbierte, daß es nur ſo eine Freude war. Er war Pferdehändler, ein vortrefflicher Reiter und feiner Kenner, und da er im Verkauf ſich nur mit anſtändigen Leuten abgab, ſo verdiente er ein enormes Geld, brachte es aber eben ſo leicht wieder durch.— Wiſſen Sie noch, Baron,“ ſetzte Herr Schropps fragend hinzu,„wo wir ihn zuletzt geſehen? Als Sie mich zum Baltimore⸗Dampfer begleiteten, ritt er gegen uns her und nahm Abſchied von mir. Oh, ich ſehe ihn heute noch vor mir auf ſeinem prachtvollen engliſchen Pferde, heiter, lebensfroh, im kräf⸗ tigſten Mannesalter— und wie lange iſt das her?— kaum drei Jahre!“ „Nun, in drei Jahren, ja, in drei Monaten kann Viel geſchehen,“ entgegnete der Baron, behaglich lächelnd, „das haben wir an uns ſelbſt geſehen!— Doch halte auch ich es für undenkbar, daß Watters in der Zeit ſo heruntergekommen, oder in ſolchem Zuſtande nach der Heimat zurückgekehrt. No, no, Schleimer hat ſich getäuſcht und in dieſer Täuſchung ein gutes Werk verrichtet; jeden⸗ falls glaube ich überzeugt zu ſein, und Sie, Schropps, wohl nicht minder, daß, wenn Watters je in mißlichen Umſtänden Europa und Deutſchland wieder beträte, er es mit ſeiner uns wohl erinnerlichen Dreiſtigkeit nicht ver⸗ ſäumen würde, an die Thüren guter Bekannter zu klopfen.“ „Das Schickſal kann Einen ſo herunterpeitſchen,“ ſagte Herr Schropps,„daß man lieber ein tiefes Waſſer auf⸗ ſuchen möchte, als an die Thüren ſogenannter guter Freunde klopfen. Wie denken Sie darüber, Herr Regie⸗ 6 Hackländer, Kainszeichen. IV. —— 2—— 1 6 . h * 3 2 — 78— rungsrath? Sie haben ja, ſo viel ich mich aus früheren Aeußerungen meines Oheims Nathan erinnere, Watters ebenfalls gekannt,— es iſt das freilich für Sie oder für Ihre Familie keine angenehme Erinnerung,“ ſetzte er mit einem etwas rohen Lächeln hinzu,„doch liegen ja lange Jahre dazwiſchen und ſind wir hier unter lauter guten Freunden.“ Der Freiherr, deſſen Aufmerkſamkeit durch die letzten Worte ſichtbar erregt wurde, ſtützte ſeine rechte Hand unter das Kinn und ſchaute geſpannt zu Herrn Löſer hinüber, der, auf ſeinen Teller niederblickend, dort mit der Meſſer⸗ ſpitze Figuren beſchrieben hatte, dann das Meſſer nieder⸗ legend mit einem leichten Achſelzucken den Kopf erhob und erwiederte:„Allerdings liegen lange Jahre dazwiſchen, ſeit ich jenen Watters, und nicht zu meiner Erheiterung, gekannt, aber, wie ich ihn kannte, und ich kannte ihn leider ziemlich genau, muß ich dem Herrn Baron bei⸗ pflichten, daß er, in mißlichen Umſtänden zurückgekehrt, gewiß nicht verſäumt haben würde, hier, und zum großen Schrecken der Betreffenden, an verſchiedene Thüren zu klopfen.“ „Ach ja, ach ja, ich erinnere mich jetzt ganz genau,“ bemerkte der Bankdirektor, indem er ſeine Augen mit der Hand bedeckte, zwiſchen den Fingern aber ſcharf nach Herrn Löſer hinüberſpähte,—„ich glaube, dieſer Watters, ein ſchöner, eleganter und galanter Mann, war, wenn ich nicht ganz irre, vormals liirt mit einer Ihrer Schwäge⸗ rinnen— war es nicht ſo?“ „Das Factum iſt nicht zu läugnen,“ entgegnete Herr Löſer mit großer Ruhe,„doch war Watters damals eben ſo wie die betreffende Dame unverheirathet und das Ver⸗ hältniß wurde wie hundert ähnliche zu gegenſeitiger Zu⸗ friedenheit gelöſt.“ „Fiel aber doch noch als Schatten in die Ehe der Madame Bendel,“ ſagte Herr Schropps, wobei er einen raſchen Blick mit dem Freiherrn wechſelte. „Das braucht uns indeſſen nicht weiter zu kümmern, meine Herren,“ ſprach dieſer, heiter um ſich blickend. „Jedenfalls ſehe ich nicht ein, warum der vergeſſene Wat⸗ ters, der hoffentlich glücklich in Amerika iſt, irgend einen Schatten auf unſer heiteres Gelage werfen ſoll, und ich bemerke etwas wie Schatten auf den Zügen unſeres guten Regierungsrathes.— Verjagen wir dieſelben, ſchwemmen wir ſie hinweg mit einem vollen Glaſe, das wir der Gegenwart weihen, wobei wir allem vergangenen Traurigen ein luſtiges Pereat zurufen— alſo— der glücklichen Gegenwart!“ Die Kelche klangen wiederholt zuſammen, doch wurde nicht mehr mit der früheren Lebhaftigkeit getrunken, ſelbſt Schleimer ſtarrte etwas ſchläfrig in ſein großes Waſſer⸗ glas, und Herr Kniegel hatte ſchon ein paar Mal ver⸗ ſtohlen auf ſeine Uhr geblickt. „Da wir heute kein Extra⸗Deſſert bekommen,“ ſagte Herr Schropps jetzt mit einem unterdrückten Gähnen,„ſo könnten wir vielleicht die Sitzung aufheben, ich habe noch ein paar Gänge zu machen und ſehne mich nach etwas ——— — d, 8 4— —— —— 7.— . ————·—·———.——— — 80 friſcher Luft. Wer noch bei der Flaſche bleiben will, braucht ſich indeſſen durchaus nicht ſtören zu laſſen— hören Sie, Schleimer!“ ſetzte er lachend hinzu. Doch ſchüttelte der ehemalige Reiſeprediger leicht den Kopf und erhob ſich dann ohne Weiteres ſchwerfällig von ſeinem Sitze, wobei ſein eben noch ſtark geröthetes Geſicht plötzlich bleich geworden war und er, gegen die Thüre ſtolpernd, etwas Unverſtändliches murmelte. „Bringen Sie ihn irgendwo in einem Winkel zur Ruhe,“ befahl der Freiherr dem Kellner,„und wenn es Ihnen recht iſt, meine Herren, ſo wollen wir uns dem geehrten Vorredner anſchließen.“ „ Allle waren damit einverſtanden, der Regierungsrath und Herr Streber verließen das Gemach nach einigen freundſchaftlichen Abſchiedsworten, und Herr Schropps folgte ihnen, da er aber ſeinen Hut zurückließ, augenſcheinlich in der Abſicht, wiederzukommen. „Kommen Sie noch einen Augenblick her,“ ſagte der Freiherr, am Fenſter ſtehend, zu Kniegel und fuhr dann mit leiſer Stimme fort, als Jener mit dem Hut in der Hand dicht vor ihm ſtand:„Haben Sie meine Einkäufe beſorgt?“ „Wenigſtens bis zum Abſchluß vorbereitet, Herr Baron.“ „Und warum nicht feſt gekauft?“ „Die betreffenden Amerikaner ſind heute wieder um ein halbes Procent höher notirt.“ „Vortrefflich, alſo haben wir Hoffnung auf weiteres Steigen.“ —.,.— —.— „Wenn ich mir einen Rath erlauben dürfte, ſo wäre es der, noch ein paar Wochen zu warten, ich glaube feſt an ein Heruntergehen der überſeeiſchen Courſe.“ „Ich nicht, ich nicht,“ erwiederte der Freiherr raſch, barſch, mit einer unmuthigen Schulterbewegung,„kaufen Sie deßhalb heute noch— ſogleich— und wie wir ver⸗ abredet, 50,000 Dollars— können auch etwas mehr ſein, ſchadet nichts, doch iſt das eine Privatangelegenheit, Herr Kniegel, und es braucht darüber nicht geſprochen zu wer⸗ den— verſtanden?“ „Gewiß, Herr Baron!“ „Auch mein Name nicht genannt.“ „Iſt auch nicht nöthig.“ „Gut, ich danke Ihnen!“ Der Freiherr machte dazu eine freundliche Handbe⸗ wegung und verließ das Gemach, wobei er unter der Thüre Herrn Schropps begegnete, der wieder eintrat und raſch einen forſchenden Blick auf den Bankdirektor hin⸗ übergleiten ließ, welcher indeſſen unbefangen zum Fenſter hinaus blickte, und laut lachend ausrief:„Was das für ein verteufeltes Amuſement da unten im Garten iſt! Schauen Sie her, Schropps, da iſt ſo ein Kerl, der ganz allein alle möglichen Inſtrumente ſpielt, große Trommel und Becken hat er vor ſich auf dem Bauch, an einem Arme den Triangel, auf dem Kopfe den Schellenbaum und die Papagenoflöte in der Cravatte ſtecken, und treibt ſeinen Höllenſpektakel gerade vor dem Affen, der wie raſend an ſeiner Stange auf⸗ und abfährt, worüber das blöde Volk noch toller lacht als über die Höllen⸗ muſik.“ „Wüſtes Volk!“ „Haben Sie die Addition bezahlt?— Gut, ſo wollen wir gehen— fahren Sie mit mir? Ich habe meinen Wagen drüben an die Ecke beſtellt!“ „Nein, ich danke,“ erwiederte Herr Schropps in trocke⸗ nem Tone,„ich werde mir etwas Bewegung in freier Luft machen.“ Sie gingen mit einander hinab, und um das lärmende Getreibe der Gäſte im Garten zu vermeiden, zogen ſie es vor, durch die dunſtigen Räume des Reſtaurationslokales die Straße zu gewinnen, obgleich ihnen dieſe nach ihrem guten Diner unappetitlich, ja, widerlich erſchienen. Da es ein paar Mal ſtark geregnet hatte, ſo waren hier Manche mit naſſen Kleidern und Regenſchirmen geweſen, was im Verein mit dem Geruch ſchlechter Speiſen und übelriechenden Tabaks einen widerlichen Dunſt erzeugte, ſo daß die Beiden tief aufathmeten, als ſie endlich vor dem Hauſe in die friſche, aber kühle Herbſtluft traten. Hier wollten ſie ſich trennen, doch zuckte der Freiherr plötzlich wie erſchreckt zuſammen und drückte krampfhaft den Arm ſeines Begleiters, ihn gegen eine Geſtalt wendend, die wenige Schritte von ihnen dicht vor einem offenen Fenſter des Reſtaurationslokales ſtand. Es war dies eine jammervolle Geſtalt in einem groben, zerfetzten und nothdürftig geflickten Leinwandanzug, der aber ſo durchnäßt war, daß er, hier und da am Körper —— — 83— klebend, nicht nur die Formen deſſelben, ſondern auch den Mangel jeder weiteren Bekleidung zeigte. Dazu ſchaute dieſe Geſtalt mit offenen, ſtarr blickenden Augen in das dunſtige Lokal, und man hätte glauben können, die Ge⸗ rüche, welche demſelben entſtrömten und den beiden Herren ſo widerlich erſchienen, machten einen faſt erfreulichen Ein⸗ druck auf jenen Unglücklichen, denn ſeine Augenbrauen waren hoch emporgezogen und um die bleichen Lippen ſpielte es beinahe wie ein trauriges Lächeln. Dazu drehte die Geſtalt mit den erſtarrten, zitternden Fingern haſtig an der verſtimmten, kleinen Orgel und öffnete jetzt den Mund, um zu den kreiſchenden Tönen ein luſtiges Lied zu ſingen. Ein Lied, ſo jammervoll luſtig klingend, daß den bei⸗ den einzigen Zuhörern deſſelben, die regungslos gefeſſelt da ſtanden, das Blut in den Adern erſtarrte und der Baron von Dallenbach ſeinem Begleiter kaum hörbar zu⸗ zuflüſtern vermochte:„Es iſt Watters!“ „Ja, es iſt Watters!“ wiederholte der Andere mit ton⸗ loſer Stimme. Dann biß er feſt die Lippen auf einander und ein Schauer überflog ſeinen Körper—„gehen wir, Baron, gehen wir!“ „Teufel auch,“ entgegnete dieſer eben ſo leiſe, indem er den Arm ſeines Begleiters losließ,„ſo weit haben wir es doch in der Hartherzigkeit noch nicht gebracht.— Denken Sie doch, dieſes jammervolle Geſchöpf war einmal ein Mann, mit dem wir gegeſſen und getrunken, geſungen und gelacht, — nein, beim Himmel, ich will mich ſeiner annehmen!“ —— ——— —— — 84— „Aus reiner Menſchenliebe, Baron?“ fragte der Andere mit einem ironiſchen Lächeln, da ihm plötzlich ein eigen⸗ thümlicher Gedanke durch den Kopf flog. „Aus reiner Menſchenliebe allerdings— pah, man kann doch ein ſolch' jammervolles Geſchöpf nicht zu Grunde gehen laſſen wie einen kranken, herrenloſen Hund!“ „Bedenken Sie es genau, Baron,“ mahnte Herr Schropps in langſam gedehntem Tone,„bedenken Sie es nach jeder Richtung, Ihr Mitleid reißt Sie fort, ſo will ich wenigſtens glauben. Es hat etwas Verführeriſches, einem ſolchen Blinden als rettender Engel zu erſcheinen, aber wieder los zu kommen, das iſt ein anderes Kapitel, eer wird ſich an uns anklammern wie der Ertrinkende es gewöhnlich an ſeinen Retter thut.“ „An mich vor der Hand,“ erwiederte der Freiherr in einem vornehmen Tone,„denn ich möchte nach Ihren Aeußerungen nicht, daß auch Sie ſich mit ihm comprom⸗ mitirten— pah, was kann ſo ein armer Blinder für Gefahr bringen? Man ſchüttelt ihn wieder ab.“ „Nachdem er uns gedient,“ murmelte Herr Schropps leiſe vor ſich hin und ſetzte alsdann verſtändlicher hinzu: „Sie werden meine gegründete Vorſicht hoffentlich keiner Knauſerei zuſchreiben, darin kennen Sie mich beſſer und wiſſen, daß da— er zeigte mit dem Daumen gegen den Unglücklichen— auch meine Börſe zur Verfügung ſteht.“ „Gut, ich hoffe, Ihnen heute Abend noch oder morgen Näheres zu erzählen, bitte, meinem Kutſcher dort zu ſagen, daß er warten ſoll. Adio!“ — 85— Herr Schropps entfernte ſich, indem er zum Gruße leicht mit der Hand winkte. Der Freiherr blieb unſchlüſſi ſtehen, überlegend, wie er ſich dem Betreffenden nähern könne, ohne unnöthiges Aufſehen zu erregen, da Gäſte kamen und gingen. Es war ihm alſo gerade recht, jetzt den Kellner am offenen Fenſter erſcheinen zu ſehen, welcher dem Orgelmanne ein barſches:„Fort, fort!“ zurief, wobei er mit ſeiner Ser⸗ viette wedelte, als ob er irgend ein häßliches Inſekt ver⸗ jagen wollte. Ein Wink des Barons rief ihn vor die Thüre, wo Joſeph, eingedenk des reichlichen Trinkgeldes, das er vorhin erhalten, ſein freundlichſtes Lächeln annahm, welches vollkommen grinſend wurde, als ihm Jener ein Goldſtück in die Hand gleiten ließ. „Sie müſſen mir einen Dienſt leiſten, Joſeph. Sehen Sie dort den armen Menſchen?“ „Ich werde ihn augenblicklich über die Straße hin⸗ über jagen.“ „Im Gegentheil, Sie ſollen ihn mit ſo wenig Auf⸗ ſehen als möglich in's Haus und in das Zimmer führen, das wir ſoeben verlaſſen. Der Mann iſt blind, wie Sie wohl bemerkt haben, weßhalb ich, ungeſehen von ihm, folgen und erſt droben mit ihm reden werde. Nehmen Sie ihn alſo mit und behandeln Sie ihn ordentlich, geben ihm auch zu eſſen und zu trinken.“ Damit wandte er ſich gegen die Straße, während Joſeph dem Orgelmanne ein paar Worte ſagte, ihn dann am Arme nahm, wobei er, um ſich nicht zu beſchmutzen, — 86— ſeine Serviette benutzte, und mit ihm im Hauſe ver⸗ ſchwand. Kurze Zeit darauf folgte ihm der Baron, und als er das Zimmer droben betrat, ſah er den Unglücklichen am Tiſche ſitzen und gierig aus einer Schüſſel eſſen, in der ſich warme Suppe und verſchiedene Fleiſchbrocken be⸗ fanden. Auch ſchob ihm Joſeph, der augenſcheinlich am Gutesthun Geſchmack gefunden hatte, das große, mit Champagner gefüllte Waſſerglas Schleimers in die Hand und fragte dann, als Jener einen tiefen Zug gethan: „Wißt Ihr auch, mein Alter, was Ihr getrunken?“ „O ja, ich weiß es,“ klang die Antwort in dumpfem, ſchmerzlichen Tone,„Gott vergelt' es Ihnen!“ Der Freiherr war geräuſchlos eingetreten und gab dem Kellner durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er in ſeiner Unterredung fortfahren möge. Der Klang jener Stimme hatte ihn tief erſchüttert, denn es blieb ihm auch nicht mehr der geringſte Zweifel, daß er Watters vor ſich habe. Er lehnte ſich mit übereinander geſchlagenen Ar⸗ men gegen das Fenſter und hörte mit düſterem Blicke zu, während der Kellner fortfuhr:„Ihr ſeid blind, mein Alter, das iſt ein großes Unglück.“ „Blind, arm, elend und krank.“ „Schrecklich, ſchrecklich, und dabei ganz verlaſſen, ohne einen Führer! Ich begreife nur nicht, wie Ihr euch in den Straßen zurechtfindet, oder kennt Ihr die Stadt ſo genau, ſeid Ihr von hier?“ Der Freiherr nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß — 87— er mit dem, was Joſeph fragte, zufrieden ſei. Doch gab der Andere keine direkte Antwort, murmelte vielmehr etwas vor ſich hin und ſagte erſt nach einer Pauſe:„Mein Führer hat mich verlaſſen, wohl für immer, er hat mir's ſchon längſt angedroht, da ich ihm begreiflicherweiſe läſtig bin— oh, ſo läſtig,“ ſetzte er in einem troſtloſen Tone hinzu,„als ich mir ſelber bin!“ „Das iſt ſchlimm für Euch, was wollt Ihr jetzt beginnen?“ „Ich weiß es nicht, vielleicht daß ich mich zum Fluß⸗ ufer hinabtaſten kann, um dort das Ende meines Elendes zu finden.“ „Dummes Zeug, ſo muß man nicht reden— alſo wißt Ihr, daß ein Fluß an unſerer Stadt vorbeifließt?“ Der Unglückliche gab hierauf nicht ſogleich eine Ant⸗ wort, endlich aber ſagte er:„Ich weiß es.“ „So war't Ihr früher ſchon hier?“ „Ja— und nun dank' ich Euch für Speiſe und Trank, und möge Euch dieſe Wohlthat dieſſeits und jen⸗ ſeits vergolten werden!“ Damit ſtützte er die Hände auf den Tiſch und ſagte, während er ſich langſam erhob: „Nun ſeid auch noch ſo gut und führt mich wieder die Treppe hinab.“ „Warum ſo eilig?— Es iſt ſpät am Nachmittag und wird bald Nacht werden.“ „Für mich iſt es immer Nacht, ich finde in der Fin⸗ ſterniß den Weg, den ich finden muß, nicht ſchlechter.“ Der Freiherr machte ein Zeichen des Dableibens, und —me;“ ꝛ— — 88— legte dann ſeine Hand an den ſeitwärts geſenkten Kopf, pantomimiſch das Schlafen andeutend, worauf Joſeph eifrig fortfuhr:„Ueber Euren Weg will ich mit Euch nicht ſtreiten, den wird der Himmel beſtimmen, wie er es für gut findet, gber wir ſind hier viel zu barm⸗ herzig, um Euch bei einbrechender Nacht fortzulaſſen. Ihr ſollt heute da bleiben, vielleicht auch morgen,“ ſetzte er mit einem fragenden Blick gegen den Freiherrn hinzu, den dieſer eifrig nickend beantwortete,„auch übermorgen, ja, ſo lange Ihr wollt, und ſollt eine Stube hauen und ein Bett.“ „Ein Bett,“ erwiederte der Unglückliche mit erhobenen Augen, wobei er ſeine Finger krampfhaft in einander flocht und zum erſtenmal etwas wie ein Lächeln über ſeine bleichen Züge flog,„— ein Bett— ein warmes Bett!“ „Deßhalb ſetzt Euch ruhig nieder, trinkt noch ein paar Gläſer Wein, hier iſt eine Flaſche, ich werde Euch ein Zimmer zurecht machen, wartet, bis ich zurückkomme.“ Letzteres hatte der Kellner auf einen Wink des Frei⸗ herrn, ihm vor die Thür zu folgen, hinzugeſetzt. Doch ſetzte ſich der Unglückliche nicht nieder, ſchien auch weit davon entfernt zu ſein, ruhig dableiben zu wollen, vielmehr drückten ſeine Züge eine auffallende Er⸗ regtheit aus, er zwinkerte lebhaft mit den Augen und ſeine auf den Tiſch geſtützten Hände bebten, als er ſprach: „Ich kann nicht bleiben, gewiß, ich kann nicht bleiben, wenn ich nicht weiß, wo ich bin und mit wem ich rede — ſagt es mir um Gottes willen, wo ich bin,“ fuhr er mit flehender Stimme fort,„ſagt mir um aller Barm⸗ herzigkeit willen, ob ich bei Leuten bin, die mich kennen — die mich einſtens gekannt haben!“ Auf ein Zeichen der Verneinung des Freiherrn er⸗ wiederte Joſeph:„Nein, Ihr ſeid rüͤcht bei Leuten, die Euch kennen, ich gebe mein Ehrenwort, daß ich Euch in meinem ganzen Leben nicht geſehen, aber Ihr wollt wiſſen, wo Ihr ſeid“— er befragte den Freiherrn durch einen Blick—,„das will ich Euch der vollen Wahrheit gemäß ſagen: Ihr ſeid hier in einem kleinen, beſcheidenen Wirths⸗ hauſe, zur goldenen Seejungfer.“ „Ja, ja, dorthin wollte er mich führen.“ „Das hat er auch gethan, und als Ihr unten naß und frierend vor dem Fenſter ſtandet, da ging ein Herr vorbei,“ ſetzte er mit einem Blick auf den Baron zögernd hinzu,„ein reicher, vornehmer und ſehr mildthätiger Herr.“ „Wie heißt er, wie heißt er?“ „Das kann ich Euch wahrhaftig nicht ſagen,“ fuhr Joſeph fort, nachdem der Freiherr heftig mit dem Kopfe geſchüttelt. „Ihr ſagtet ja aber, er ſei reich, vornehm und mild⸗ thätig?“ „Nun, es war, juſt pkeine Hexexei, das zu errathen, vornehm gnug ſah er aus und ſein Reichthum und ſeine Mildthätigkeit zeigten ſich deutlich, indem er mir befahl, Euch in dieſes Zimmer zu führen, zu eſſen und zu trin⸗ ken zu geben, auch eine Stube mit Bett anzuweiſen, wo Ihr bleiden könnt,„ ſoange Ihr wollt und für alles das 90 im voraus reichlich Zahlung leiſtete. Uebrigens bin ich Kellner hier im Hauſe, heiße Joſeph, und ſo könnt Ihr mich rufen, wenn Ihr mich braucht.“ Der Unglückliche hatte das ſchweigend und wie es ſchien mit getäuſchter Erwartung angehört. Er ließ den Kopf über die Bruſt hinabſinken, dann krümmte ſich leicht ſein Rücken und er glitt in ſeinen Stuhl zurück, wo er ſitzen blieb, das Geſicht hinter ſeine Hände verborgen. Draußen auf dem Gange ſagte der Freiherr:„Sie haben Ihre Sache ganz vortrefflich gemacht, lieber Joſeph, und bin ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet. Geben Sie ihm das anſtändigſte Zimmer, das Sie im Hauſe haben, ſorgen Sie für ihn in jeder Beziehung, kaufen etwas Wäſche und einen einfachen, anſtändigen Anzug! Hier haben Sie genügend Geld! Nur die einzige Be⸗ dingung mache ich, daß mein Name nicht genannt wird, ich werde morgen ſelbſt nachſehen, wie Sie ihn unter⸗ gebracht haben.“ Damit eilte er raſch die Treppe hinab und verließ das Haus, um ſich drüben an der Ecke in ſeinen Wagen zu ſetzen und nach Hauſe zu fahren. Dort angekommen, fragte er den Kammerdiener, ob vielleicht Herr Kniegel dageweſen ſei oder etwas für ihn überſandt habe, was der ſchweigſame Diener mit einem leichten Achſelzucken und einem einzigen Worte des Be⸗ dauerns verneinte. Dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreib⸗ tiſch, legte ein Briefpapier vor ſich hin, überlegte ein paar Minuten, wobei er den elfenbeinernen Halter ſeiner Stahl⸗ 91 feder zwiſchen die Lippen nahm, und ſchrieb dann folgen⸗ den Brief: „Verehrter Herr Obermedicinalrath! Die gewünſchten Actien habe ich für Sie bereit legen laſſen, wobei es mir gelang, dieſelben ſo zu erhalten, wie ſie von der Bank ausgegeben wurden, alſo zu 110, und wünſche ich nur, daß das Hinaufgehen dieſer Papiere ein ſtetiges und lang andauerndes ſein möge. „Was mich ſelbſt und meine Nerven anbelangt, ſo arbeiten wir, fürchte ich, à la baisse, und bin ich zu⸗ weilen in einer wahrhaft erſchreckenden Erregung und Leb⸗ haftigkeit, ſchlafe ſchlecht, träume ſchwer und wäre recht dankbar, wenn Sie gelegentlich wieder einmal ſehen woll⸗ ten nach Ihrem ganz ergebenſten Diener, der, wie Sie ſehen, im Begriffe ſtand, dieſe Zeilen zu ſchließen, aber noch eine Bitte anfügen muß. Es betrifft nämlich einen unglücklichen, heruntergekommenen, erblin⸗ deten Menſchen, den ich früher in Amerika in guten Ver⸗ hältniſſen gekannt und den ich hier zufällig auf der Straße in einem wahrhaft troſtloſen Zuſtande fand. Er heißt Watters, und obgleich ich von ſeiner Vergangenheit durch⸗ aus nichts Genaues weiß, auch nichts aus ihm heraus⸗ bringen konnte, ſo vermuthe ich doch, daß er vielleicht zu irgend einem Zwecke hierhergekommen iſt und daß ſeine Seele eben ſo leidet, wie ſein Körper. Nun iſt mir aber Ihre faſt wunderthätige Art bekannt, verehrteſter Herr und Freund, ebenſowohl auf die Seele wie auf den Kör⸗ per zu influiren, Jedermanns Vertrauen zu erringen und ſo doppelt ſegensreich zu wirken, und wage ich es deßhalb, faſt unverſchämt zu ſein, indem ich Sie bitte, dieſem Unglücklichen ein klein wenig Ihrer koſtbaren Zeit zu widmen. „Ich habe ihn in einem allerdings beſcheidenen Wirths⸗ hauſe, der goldenen Seejungfer, Wallſtraße Nr. 4, unter⸗ gebracht, den Kellner Joſeph dorten ſpeziell mit ſeiner Pflege beauftragt, und wenn dieſer auch weiß, an wen er ſich für alle Unkoſten zu halten hat, ſo widerſtrebt es doch meinem Zartgefühl, dem Betreffenden ſelbſt, welchen ich, wie geſagt, in guten Verhältniſſen gekannt, meinen Namen zu nennen, und wäre es mir ſehr lieb, wenn dieſes Incognito bewahrt werden könnte. „Indem ich noch hinzufüge, daß ich Ihre Güte für meinen armen Empfohlenen wie mir ſelbſt erwieſen anſehe, bin ich herzlich grüßend Ihr dankbar ergebenſter Freiherr von Dallenbach.“ Siebenzehntes Kapitel, mit Verhandlungen verſchiedener Art, Eintrag in's Soll und Haben und einer Schlußrechnung, die nicht ohne Folgen iſt. Es liegt etwas in der weichen Luft eines warmen, ſonnigen Herbſttages, was uns zu ſanftem, träumeriſchem Nachdenken einladet, was unſere Seele mit Ahnungen erfüllt und uns die Blicke erheben läßt an den glänzend blauen Himmel hinauf, um dort dem Zuge der Wander⸗ vögel nachzuſchauen, ihnen mit unſeren Phantaſieen zu folgen, weit hinaus nach fernen Ländern, wo wir ſicher zu ſein glauben, das zu finden, was wir hier vergeblich geſucht, wo es gewiß ein liebes, heimliches Plätzchen gibt, ſei es im Waldesdunkel, ſei es am Geſtade der murmeln⸗ den See, gerade wie geſchaffen, um dort mit einem an⸗ deren Herzen glücklich zu ſein. „Dahin, dahin möcht' ich dir, o mein Geliebter, zieh'n!“ Ja, es liegt etwas märchenhaft Träumeriſches in dem glänzenden Gefunkel der Sonne auf die herbſtlich gefärbten Bäume, auf den ruhig dahinfließenden Strom, wenn ihre Strahlen ſo zauberhaft das leiſe wogende Laub aufleuchten laſſen in Gold und Purpur, den Fluß ver⸗ ſilbern und die weißen, in der Luft ruhig ſchwimmenden Sommerfäden durchleuchten, daß ſie uns erſcheinen wie bedeutungsvolle Elfenſchleier. Wir brauchen ſie nur zu ergreifen, dabei das richtige Wort auszuſprechen, ſo iſt der Zauber vollbracht und dienſtbar für uns. 7 Hackländer, Kainszeichen. IV. — 94— Iſt doch der Herbſt überhaupt die Zeit der Wunder, der Erfüllungen! Liegen doch die heißen, ſtaubigen Som⸗ mertage hinter uns, aus den zerſtäubten Blüthen hatten ſich erſt grüne, unbedeutende Anſätze entwickelt, die nun, zu buntfarbigen, prachtvollen Früchten umgewandelt, faſt wie Wunderwerke in der ſo reichen Natur erſcheinen. Alles iſt gezeitigt und gereift, Alles ladet uns zum Genuſſe ein und wir ſind empfänglich für ein träume⸗ riſches Genießen der goldenen Frucht, die reif in unſeren Schooß fällt, ja, wir erwarten es nicht anders, als ſie fallen zu ſehen, wenn wir ſinnend aufwärts blicken in die leicht bewegten Baumwipfel, und es würde uns gar nicht erſtaunen, plötzlich eine weiche Hand zu fühlen, die ſich in die unſerige ſchmiegt, und wenn das geſchehen in der warmen, weichen Herbſtluft, ſo wäre die natürliche Folge davon, daß wir uns umwenden und ohne Weiteres unſere Lippen auf zwei andere, leicht geöffnete niederſinken ließen. Man hat ſtets dem Frühling in dieſer Richtung eine etwas compromittirende Nachrede gehalten, aber mit gro⸗ ßem Unrecht, denn wenn auch im wunderſchönen Monat Mai alle Knoſpen ſpringen, ſich Blüthen und Blumen entwickeln, ſo iſt es doch die warme, weiche, ſonnige Luft des Herbſtes, welche alle Früchte zur Reife bringt. Wir fühlen es wohl, daß uns die ſchöne Zeit nur noch karg zugemeſſen iſt, es regt ſich ein Gefühl des Ab⸗ ſchiednehmens in uns, und indem wir dieſem wehmüthi⸗ gen Gefühle nachhängen, öffnen wir auch unwillkürlich unſer Herz.— —--——;Z;O—O—Oꝭ:———Q——C—ę——ꝑC—— 95 „Ja, es iſt ſo, Fräulein Eliſe,“ ſagte Meiſter Georg, an dem Flügel lehnend, wobei er in einem Notenhefte blätterte,„ich kann Sie wahrhaftig Nichts mehr lehren, und wenn Sie in Ihrem bisherigen Fleiße fortfahren, ſo genügt es, wenn ich hier und da zu einer kleinen Kor⸗ rektur kommen darf— ſo lange ich nämlich noch hier bin.“ Das junge Mädchen ſaß vor dem Inſtrument, bleich wie immer, aber mit ungewöhnlich ſtark gerötheten Lippen, ſie athmete tief und ſchwer und ſchien unter den herab⸗ geſenkten Wimpern ihre feinen weißen Finger zu betrach⸗ ten, die in einander geſchlungen auf ihrem Schooße ruhten. Jetzt blickte ſie auf und lächelte ein wenig, als ſie erwiederte:„Warum ſagen Sie es denn ſo oft, daß Sie nicht hier in der Stadt bleiben wollen und können? Glauben Sie, ich hätte das vergeſſen, oder ſoll ich Ihnen, Gott weiß zum wie vielſten Male, wiederholen, daß ich gar keinen vernünftigen Grund einſehe, der Sie von dannen treibt?“ „Der Prophet gilt Nichts in ſeinem Vaterlande, und wenn ich auch noch lange kein Prophet bin, ſo hoffe ich endlich doch etwas Aehnliches zu werden, und dazu bin ich hier nicht im Stande, hier, wo man bei jedem neuen und gerade nicht ſchlechten Liede von mir achſelzuckend ſagt: Nun, ja, für den Quinſcheidt iſt das ſo übel nicht, auch ſoll der junge Menſch ein erträgliches Talent als Muſiklehrer haben.“ „Nun ja, aber Ihre Schüler und Schülerinnen ſpre⸗ chen mit Enthuſiasmus von Ihnen.“ — 96 Meiſter Georg biß ſich auf die Lippen und ſchaute düſter vor ſich hin, ehe er zur Antwort gab:„Und damit kann ich im Grunde wohl zufrieden ſein, mein Auskom⸗ men iſt mehr als genügend und könnte noch größer ſein, wenn ich nicht die Marotte hätte, ſo viele Zeit damit zu vertrödeln, daß ich allerlei konfuſes Zeug auf's Noten⸗ papier ſchreibe— das kann ich aber nun einmal nicht laſſen,“ fuhr er heftiger fort,„wenn auch dieſes konfuſe Zeug ſo ſchlecht iſt, daß es die verehrten Herren Eltern nicht einmal gern von meinen Schülern ſpielen laſſen, während man anderswo meine Arbeiten ſo gut findet, daß man mich ſchon dringend eingeladen hat, mich da oder dort niederzulaſſen.“ „Und ein ſolcher Wechſel wird Ihnen leicht werden!“ „Ich kann das nicht ſagen, da ich zu ſchmerzlich das Gegentheil fühle, ich wurzle zu feſt hier im Boden, um mich leicht losreißen zu können, aber es muß ſein, gewiß, Fräulein Eliſe, es muß ſein!“ „Mir würde das recht, recht leid thun,“ ſagte ſie, ihr Haupt ſinken laſſend,„denn ich verlöre damit eine herzlich liebe Erinnerung.“ „Eine Erinnerung, und woran, Fräulein Eliſe?“ „An jene Zeit meines Lebens, an jene noch nicht lange vergangenen Tage, wo ich, wie aus tiefem, ſchweren Traume erwachend, mein Herz auf einmal heiter und glücklich ſchlagen fühlte, wo es mir war, als ſei die ſchwüle Gewitternacht hinter mir zurückgewichen und als beginne auch für mich ein glückſeliges Morgenroth des — 92— Lebens!— O, Sie wiſſen es genau, wann dieſe Zeit für mich aus düſteren Schatten auftauchte, ſtrahlend, glückverheißend— erinnern Sie ſich, Herr Georg?“ Er ließ langſam ſeine Hand mit dem Notenhefte ſin⸗ ken und ſeine Blicke folgten dieſer Bewegung, indem er vermied, ihren erregten Augen zu begegnen, ihren Blicken, die ſich nun mit einem traurigen Ausdruck aufwärts ſchwangen, während ihre Finger, über die Taſten gleitend, ein Thema anklingen ließen, das ihm nur zu bekannt war, das ihn ſo eigenthümlich berührte, daß er raſch ihre Rechte ergriff, um ſie am Weiterſpielen zu verhindern, wobei er aber nicht verhindern konnte, daß das junge Mädchen haſtig ſeine Finger umklammerte und dieſelben raſch an ihr Herz drückte. „Laſſen Sie mir doch wenigſtens meine Erinnerungen,“ ſagte ſie alsdann, indem ſie ſeine Hand plötzlich losließ und ſich dabei zu einem heiteren Lachen zwang,„meine Erinnerung an jene Stunde, wo ich anfing, glücklich zu werden.“ „Sie ſind es noch und werden es hoffentlich bleiben, Ihnen lacht das Leben, warum ſollten Sie nicht glück⸗ lich ſein?“ „Ja, das Leben fing an, für mich ſchön zu werden, und es war endlich einmal Zeit, daß es ſo kam— Sie wiſſen ſelbſt wohl, daß es hohe Zeit war,“ ſetzte ſie mit einem düſteren Blick hinzu,„ich hätte es anders nicht mehr ertragen können.“ „Rufen Sie die Vergangenheit nicht wach,“ erwiederte — 98— er in weichem, freundlichem Tone,„Sie ſind viel zu jung, um das Alles nicht leicht zu vergeſſen.“ „O, ja, ich könnte es vergeſſen— wenn Sie mir helfen würden, daß ich es könnte— aber Sie wollen das nicht— Sie wollen das nicht— ich hatte geglaubt, Sie nähmen einen innigen Antheil an meinem jetzt ſo glücklich veränderten Leben— aber es war das ein Irr⸗ thum!— Es iſt Ihnen überhaupt ganz gleichgültig, mein Wohl und Wehe,“ fuhr ſie erregt fort—„da es Ihnen nicht mehr paßt, ſich weiter um mich zu bekümmern, ſo machen Sie mir eine höfliche Verbeugung und ſagen kalt und ruhig: Ich muß Sie jetzt verlaſſen, mein Fräulein!“ — Damit ſprang ſie in die Höhe, ihre bleich gewordenen Lippen zitterten, ihr ſchlanker Körper bebte, doch warf ſie trotzig den Kopf empor, indem ſie ausrief:„Gleiches kann ja auch ich ſagen, leben Sie wohl— leben Sie wohl!“ Sie eilte von ihm weg gegen das Fenſter. Statt aber dort, wie es wohl ihre Abſicht war, gleichgültig ſcheinend hinauszublicken, nachdem ſie ihm noch einmal leicht mit der Hand gewinkt, ſank ſie auf einen Fauteuil nieder, preßte ihr Geſicht in die weiche Lehne, und die Zuckungen ihres Körpers zeigten deutlich ihre heftige Erregung. Georg ſtand einen Augenblick peinlich bewegt, über⸗ raſcht von dem heftigen Gefühlsausbruch des jungen Mädchens. Doch konnte er nicht anders, als zu ihr hin⸗ gehen, ſanft ihre rechte Hand ergreifen, die ſchlaff herab⸗ hing und ſich heiß und feucht anfühlte, und ſie freundlich bitten, ſich aufzurichten, ſich zu faſſen, zu beruhigen. „Sie haben mir ſo oft geſagt, daß Sie meinen Rath gern hören und gern befolgen,“ ſagte er in leiſem, innigem Tone,„und Sie wiſſen es ja, wie gut, wie herzlich gut ich es mit Ihnen meine— nicht wahr?“ Sie nickte leicht. „Nun gut, ſo folgen Sie mir auch diesmal, wenn ich Sie bitte, Ihr Köpfchen aufzurichten und mit mir ruhig, ohne Erregung zu plaudern. Sie können das, wenn Sie wollen, und Sie müſſen es wollen. Denken Sie doch, wie eigenthümlich es ausſähe, wenn Ihre Mut⸗ ter jetzt zufällig einträte und mich, Ihren Lehrer, in ſo ganz eigenthümlichem Geſpräche mit Ihnen fände.“ „O, wenn Sie jetzt gerade einträte, wäre es vielleicht ein Glück für uns Beire,“ rief das junge Mädchen leiden⸗ ſchaftlich aus, wobei ſie mit der linken Hand ihr Haar aus der erhitzten Stirn ſtrich.„Ich wenigſtens würde mich gar nicht ſcheuen, jede Frage meiner Mutter offen und ehrlich zu beantworten— aber ſie wird nicht kom⸗ men— ſie wird noch lange nicht kommen, und damit Sie ſehen, wie gern ich Ihrem Rathe folge, ſo will ich mich bemühen, ruhig und verſtändig mit Ihnen zu plau⸗ dern, wenn Sie noch eine kleine, kleine Zeit für mich übrig haben.“ „Stunden, Fräulein Eliſe, Sie wiſſen, wie gern ich hier im Hauſe bin, Sie wiſſen, welch' treuen Freund Sie an mir haben, und ſollten deßhalb jedes meiner Worte auch nicht ſo genau abwägen!“ „Das will ich auch gewiß nicht mehr thun,“ ſagte — 100— ſie, durch ihre Thränen lächelnd,„gewiß, ich will es nicht mehr thun, Sie wiſſen ja, wie ich reizZbar bin— erregt— häufig leidend— hier, hier,“— damit drückte ſie die Hand auf ihr Herz—„verzeihen Sie mir, da Sie ja wiſſen, wie I meine traurige, gedrückte Jugend trotz Glanz und Reich⸗ thum, der mich umgibt, auf mein Gemüth gewirkt, meine Seele tief betrübt, meine Gefühle gewaltſam aufgeregt.“ „Ich weiß das, mein liebes Kind!“ V„O, ich habe furchtbar gelitten,“ fuhr ſie mit einem müden Lächeln fort.„Wenige werden das begreifen, Sie ſelbſt kaum, der mir ſo innige Theilnahme bezeigt. Gab es doch Leute, ſelbſt unter meinen nächſten Anverwandten, die es unbegreiflich, lächerlich fanden, daß ich es fühlte oder beachtete, wenn andere Kinder meines Alters mit einem ſcheuen Blick ferne ſtehen blieben, obgleich ich ihnen mit herzlicher Liebe meine Hände entgegenſtreckte! Ich ſollte es nicht empfinden, daß meine arme Mutter jede Geſellſchaft ängſtlich vermied, ja, ſcheu, unſicher auftrat, ſo wie ſie einmal mit anderen Menſchen in Berührung kommen mußte.“ Eliſe ſagte das in ſo ſchmerzlichem Tone, mit ſo düſteren Blicken, daß Georg nicht anders konnte, als ſanft ihre Hände ergreifen und zu ihr in ermunterndem, tröſten⸗ dem Tone zu ſprechen:„Das hat ſich aber Alles ſo glück⸗ lich geändert, daß aus der Vergangenheit kein Schatten mehr auf Ihr jetziges Leben fallen ſollte!“ „Ja, ja— aber hier ſind die Schatten geblieben,“ entgegnete Eliſe, ihre Bruſt berührend,„hier klingt und H — 101— klagt es immer noch traurig, wenn ich an jene Zeit zu⸗ rückdenke, und wenn ſolche Augenblicke kommen, dann liegt für mich unendlicher Troſt darin, mich der Klänge zu erinnern, die ich in jener furchtbaren Nacht gehört, und an Sie zu denken mit einer unbeſchreiblichen Innigkeit und Verehrung— Sie zu ſehen, der mir damals in meiner höchſten Noth nahe war— der mich rettete und deſſen Bild für mich unzertrennlich iſt von dem Gedanken eines künftigen, glücklichen Lebens!— Doch nein, doch nein, ſo wollte ich eigentlich nicht reden,“ fuhr ſie fort, ſich gewaltſam mäßigend, als ſie ſeine ernſten, faſt trau⸗ rigen Blicke auf ſie gerichtet ſch—„nein, nein, die Aufregung ſprach aus mir— vergeſſen Sie, was ich geſagt, und wenn Sie mich nur ein klein wenig lieb haben, ſo geben Sie mir mit keiner Silbe, mit keiner Miene eine Antwort— ſpäter einmal— vielleicht ſpäter!“ Sie hatte ſich langſam erhoben, war von ihm weg⸗ gegangen, gefolgt von ſeinen Blicken, und ſchritt nun ein paar Mal ſchweigend durch die Länge des ganzen Zim⸗ mers, wobei ſie ihr feuchtes Taſchentuch zwiſchen den Händen hin und her zerrte. Doch wurden dieſe anfangs heftigen Bewegungen langſamer, ruhiger, auch ihr haſtiger Schritt mäßigte ſich, und als ſie nun wieder zu Georg trat und ſich neben ihm mit den Armen auf die Rück⸗ lehne des Fauteuils ſtützte, waren die Thränen aus ihren Augen, die Aufregung ihrer Züge verſchwunden und ſie ſagte mit einem freundlichen Lächeln:„Man hat mir etwas von Ihnen erzählt, Herr Georg, worüber ich Sie 102— befragen will. Wollen Sie es mir offen und ehrlich beantworten?“? „Wenn ich kann, gewiß, Sie werden nicht daran zweifeln,“ entgegnete er, froh darüber, daß ſie die ihm ſo peinliche Unterhaltung plötzlich gewechſelt. „Man ſagte mir,“ fuhr ſie fort, ihr Kinn mit der Rechten unterſtützend und ihn lächelnd von unten herauf anblickend,„daß Sie mit einem kleinen Mädchen erzogen worden ſeien, welches Sie ſehr lieb gehabt und das Ihnen auch heute noch theurer ſei, als eine Freundin, eine An⸗ verwandte, oder ſogar eine Schweſter— das iſt doch wahr, und es iſt dieſelbe, welche damals als kleines Kind mit Ihnen bei uns im Garten war?“ „Es iſt dieſelbe, wir haben zuſammen geſpielt, wir ſind zuſammen aufgewachſen und haben Freud' und Leid miteinander getheilt.“ „O, das bindet feſt zuſammen— ich verſtehe das,“ erwiederte Eliſe vor ſich niederblickend,„jetzt iſt ſie er⸗ wachſen, und man ſagte mir, auch ſehr ſchön geworden!“ Sie blickte ihn bei den letzten Worten fragend an. „Man kann das wohl von ihr ſagen, ich fand es auch, als ich ſie, hieher zurückkehrend, wiederſah.“ „Ach ſo— und wie ſieht ſie aus? Beſchreiben Sie ſie mir ein wenig!“ „Sie hat dunkles Haar und dunkle Augen, keinen ſo hellen Teint wie Sie, und iſt ungefähr von Ihrer Größe.“ „Aber ſtärker, voller, nicht wahr?“ — 103— „Ein wenig, ja, aber ihr Ausſehen kann ich Ihnen eigentlich ſchwer beſchreiben.“ „O, ich möchte ſie ſehen, ſie kennen lernen— ich glaube, ich würde ſie lieb gewinnen— nicht wahr, auch Sie haben ſie ſehr lieb?“ Das war nun eine eigenthümliche Frage, die er aber leicht und unbefangen hätte beantworten können, wenn er ohne zu zögern geſagt hätte: Ja, ich liebe ſie, wie man eine Jugend⸗ geſpielin, eine Schweſter liebt. Da er indeſſen ein paar Augenblicke ſchwieg, ſo leuchtete es eigenthümlich aus den Augen des jungen Mädchens, das ihn unverwandt be⸗ trachtete, und ihre Stimme bebte leicht, als ſie ſagte: „Sie haben mir verſprochen, die volle Wahrheit zu ſagen.“ „Und werde dieſes Verſprechen halten— ja, ich liebte das kleine Mädchen, deren Führer und Beſchützer ich ſchon als Knabe war.“ „O, wie glücklich iſt ſie ſchon als Kind geweſen!— Ich hatte nie einen Führer und Beſchützer! Ich dagegen—“ „Sie hatten einen vortrefflichen Vater und eine liebende Mutter— jenes Kind ſtand ganz allein in der Welt, denn die, welche ſich ihre Verwandten nannten, hatten ſich von ihr losgeſagt, weßhalb ſie ſich auch an uns auf's Innigſte anſchloß, an meinen Vater und an mich.“ „Und Sie liebten ſie als Kind— und lieben ſie heute noch?“ „Ich betrachte ſie heute noch mit herzlichem Intereſſe, ja, ich würde vielleicht noch ein innigeres Gefühl für ſie bewahrt haben, wenn das bei ihren Anſichten, bei ihrem eigenthümlichen Charakter möglich geweſen wäre— doch nun,“ ſetzte er mit einem kurzen Lächeln hinzu,„ſind Ihre Fragen auch wohl zu Ende, Fräulein Eliſe?“ „O, ſeien Sie mir nicht böſe,“ bat ſie, indem ſie ſich aufrichtete und die zuſammengelegten Hände gegen ihre Bruſt drückte—„o, ſeien Sie mir nicht böſe, Sie wiſſen ja, daß ich ein armes, krankes und zuweilen auf⸗ geregtes Geſchöpf bin— zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie noch frage, worin die Eigenthümlichkeit ihres Charakters beſteht?“ „Das iſt mit Worten ſchwer, wohl unmöglich zu ſagen. Man muß das gefühlt haben wie ich, aus Wor⸗ ten, Blicken, kleinen Aeußerungen: ihr häufig ſchroffes, abſtoßendes Weſen, ihre eigenthümlichen Phantaſieen, die Gewißheit, einſtens ihre Eltern wieder zu finden und mit dieſen ein ungeheures Glück in Reichthum und Stand!— So war ſie ſchon als Kind,“ ſetzte er, gedankenvoll vor ſich niederblickend, hinzu,„und wir nannten ſie damals nur unſere kleine Prinzeſſin.“ „Und wenn ſich dieſe Hoffnungen erfüllten, glauben Sie nicht, daß ſie Ihnen alsdann Alles zu Füßen legen würde, Stand, Reichthümer, ihr Herz— ſich ſelbſt, daß ſie ſagen würde: ‚Ich ließ dich bisher im Zweifel, weil ich ſelbſt im Zweifel war,— nimm mich nun mit allem, was ich bin und habe?““.. Er ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, wobei er das er⸗ wartungsvoll zu ihm aufſchauende junge Mädchen mit — 105— einem Lächeln betrachtete, welches deutlich ſeine Verwunde⸗ rung, ſein Erſtaunen ausdrückte. Dann ſagte er, ihre ſteigende Erregung, ihre leuchtenden Augen, ihr bleiches Geſicht, ihre zuckenden Lippen bemerkend:„Ich glaube nicht, daß ſie das thun würde, und wenn ſie es doch noch thäte, fände das wohl keinen Anklang mehr in meinem Herzen.“ „A— a— a—ah!“ rief Eliſe in einem glücklichen Tone, „und wie ich das begreife— wie ich das begreife!“ Dann wandte ſie ſich raſch von ihm ab gegen das Fen⸗ ſter, drückte ihre Stirn an die kühlen Scheiben und ſagte in leiſem Tone, mehr zu ſich ſelbſt als zu Georg, der ihr lang herabwallendes blondes Haar, ihre ſchlanke, elegante Geſtalt mit einem ſich ſelbſt unerklärlichen Gefühl be⸗ trachtete:„Wie ich das begreife!— Ja, wenn ſie ihm ihre Liebe fort und fort gezeigt hätte, wenn ſie ihn fort und fort hätte fühlen laſſen, daß ihr Herz nur für ihn ſchlägt— dann wäre es etwas Anderes, dann müßte er ſie an ſein Herz drücken, wenn ſie zu ihm ſpräche: Nimm alles, was ich bin und habe— nimm mich ſelbſt hin, wie du willſt und magſt— nimm mich hin!““ Dann wandte ſie ſich wieder raſch gegen ihn, ſtrich ihr volles ſchweres Haar zu beiden Seiten der Schläfe zurück und reichte ihm ihre beiden Hände, indem ſie ſprach: „Nicht wahr, lieber Herr Georg, Sie verzeihen meine kindiſchen Fragen und denken deßhalb nicht ſchlimm von mir? Ach, ich kann gewiß nichts dafür, daß mein Herz oft ſo wild und leidenſchaftlich ſchlägt, ſo wie jetzt, daß e. *—— — 4 1 7 5 — 106— ich nur mühſam athmen kann!— Aber es geht leicht vorüber, wenn ich mich wieder beruhige, und das werde ich, das werde ich, wenn ich die Hoffnung habe, Sie morgen zur gewöhnlichen Stunde wieder zu ſehen— nicht wahr, Sie kommen?—“ Er vernahm ihre haſtig geſprochenen Worte mit einem ſchmerzlichen Gefühl, er ſah ihre ſchweren Athemzüge mit einem innigen Mitleiden, mit herzlichſter Theilnahme— er konnte nicht anders, als ihr ein paar freundliche, liebe Worte zu ſagen, während ſie langſam auf den Fauteuil niederglitt, ihn ſanft nachziehend, wobei ſie mit halb⸗ geſchloſſenen Augen ſo liebend, ſo bittend, ſo flehend zu ihm aufſchaute, dann mit ihren leicht geöffneten Lippen die ſeinigen ſuchte und fand und hierauf ſchauernd die Hände vor das Geſicht preßte. „Bis morgen— Georg— nicht wahr, bis morgen?“ ** * Georg war unzufrieden mit ſich, er war verſtimmt und erregt, nachdem er das Zimmer verlaſſen, aber ob⸗ wohl er ſich Vorwürfe über das Geſchehene machte, konnte er doch die Berührung ihrer heißen Lippen nicht vergeſſen, ja, wenn er ſekundenlang ſeine Augen ſchloß, ſo war es ihm, als fühle er die Annäherung wieder und als müſſe er die Arme öffnen, um das bebende Mädchen an ſeine Bruſt zu ziehen, und ſich gleich darauf glücklich zu preiſen, daß dies nicht geſchehen war. Er begab ſich nach Hauſe, und als er in ſein Zimmer — 107= trat, bemerkte er durch das offene Fenſter ſeinen Vater im Garten, vollſtändig angezogen, den Hut auf dem Kopfe, ohne die unentbehrliche lange Pfeife, lauter An⸗ zeichen, daß Herr Quinſcheidt ausgehen wollte oder von einem Beſuche heimkehrte. Diesmal war letzteres der Fall, denn der Major näherte ſich jetzt dem Fenſter und rief hinein:„So, du biſt nach Hauſe gekommen, mein Sohn? Ich gleichfalls ſo eben. Gewiß wirſt du nicht errathen, wo ich geweſen bin, werde es dir aber ſagen und zu dieſem Zweck in dein Zimmer kommen; es iſt etwas feucht im Garten.“ Gleich darauf trat er in das kleine Zimmer, ſetzte ſich bequem in den Lehnſtuhl und ſagte:„Was glaubſt du wohl, mein Sohn, wo ich geweſen bin?— Bei unſerer guten, armen Sophie war ich, und habe ſie geſehen und geſprochen.“ „Und wie geht es ihr?“ fragte Georg in theilnehmen⸗ dem Tone. „Wieder beſſer, leidlich gut, ihr Arzt befürchtet durch⸗ aus nichts mehr und hat ihr erlaubt, in den nächſten Tagen in die friſche Luft zu gehen, was jedenfalls das beſte Heilmittel iſt. Sie hat ſich über dich beklagt, mein Sohn, daß du ſie ſehr vernachläſſigſt, und hat darin nicht ganz Unrecht.“ „Aber du haſt ihr doch geſagt, welch' innigen Antheil ich an ihrer plötzlichen Krankheit genommen, und wie häufig ich mich im Hauſe dort nach ihrem Befinden er⸗ kundigt?“ — 108— „Das habe ich ihr Alles geſagt, und ſie wußte es auch,“ entgegnete der alte Mann kopfnickend, wobei er mit den Fingern ein Marſchtempo auf die Lehne des Seſſels trommelte,—„Alles geſagt— auch getröſtet, aber ſie klagte ſehr— ſie klagte recht ſehr, mein Sohn, daß es mich im Herzen erbarmte.“ Dabei ſchaute der Major mit ſo ernſtem Blick zu ſei⸗ nem Sohne empor, daß dieſer raſch näher trat und im Tone des Erſchreckens fragte:„Was iſt mit Sophie, wor⸗ über klagt ſie?“ „Nun, über mancherlei, was ich theils verſtanden, theils nicht ganz verſtanden habe, mit der allerdings jam⸗ mervollen Grundidee eines gänzlich verfehlten Lebens.“ „Pah— mädchenhafte Ideen— bei ihrer Jugend!“ „Sie iſt reifer, ernſter, bedächtiger, auch überlegter, als ſie für ihre Jugend ſein ſollte.“ „Wer weiß das beſſer, wie ich, und da ſie nie etwas thut, ehe ſie ihren Verſtand um Rath gefragt, ſo kennt ſie auch genau den Weg, den ſie zu machen hat, und wohin dieſer Weg ſie führt— bis jetzt kann ſie zufrie⸗ den ſein: allgewaltig im Hauſe eines der reichſten Männer der Stadt, der zu ihr aufſchaut wie zu einer Gottheit! Was will ſie mehr? Sie hat bereits ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, um ihren Wunſch einſt in Erfüllung gehen zu ſehen und Prinzeſſin oder wenigſtens eine reiche Dame zu werden.“ Der alte Mann ſchüttelte ſeinen Kopf, ehe er zur Antwort gab:„Du urtheilſt ungerecht über unſere arme — 1090— Sophie; gerade das, was ſie erreicht hat, ſcheint ihr Kummer zu machen.“ „Möglich, daß ſich bei ihr das Gewiſſen regt.“ „Das ſind Räthſel für mich, die ich nicht verſtehe, die ich nicht verſtehen will; das ſind Worte, mein Sohn, die ich nicht hören mag über mein liebes Kind, über die auch einſt von dir ſo ſehr geliebte Pflegeſchweſter.“ „Einſt— einſt— ja,“ murmelte er mit finſterem Blick zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hervor; „doch du haſt Recht, Vater, reden wir nicht darüber!— Was will ſie denn eigentlich? Was können wir ferner für ſie thun?“ „Nichts, mein Sohn— das ſieht ſie ein, verlangt auch Nichts von uns, wird ihren Weg fortgehen wie bis⸗ her, nur thut es mir leid um ſie, und ich möchte wohl wünſchen, daß du, zu dem ſie ſo inniges Vertrauen hat, ihr ein freundlich tröſtendes Wort ſagen wollteſt.“ „Hat ſie das ausdrücklich verlangt?“ „Nein, aber ich fühlte es aus den Worten heraus⸗ klingen, die ſie ſprach; ſie gedachte mit thränenden Augen eurer Jugendzeit, ſie ſehnte ſich zurück nach unſerem ar⸗ men, kleinen Hauſe auf der Zigeunerinſel.“ „Ja, wenn man Alles abſchütteln könnte, was man gefühlt und erlebt,“ ſagte er hinausblickend in den herbſt⸗ lich bunt gefärbten Garten,„wenn man noch einmal an⸗ fangen könnte mit der friſchen, fröhlichen Jugendzeit!— Für Sophie wäre es beſſer geweſen, ſie wäre nie in das Hackländer, Kainszeichen. IV. 8 — 1410 Haus der Schropps gekommen,“ ſetzte er nach einer klei⸗ nen Pauſe hinzu. „Das fühlt ſie ſelber und ſie ſcheint mir in dieſer Richtung Schritte thun zu wollen, ſobald ſie gänzlich wieder hergeſtellt iſt.“ „Doch nicht, um zu dir zurückzukehren?“ „Warum ſagſt du nicht: ‚zu uns', mein Sohn?“ „Weil— weil,“ erwiederte Georg, in dem kleinen Zimmer hin⸗ und hergehend,„weil ich nicht ſagen kann und will: ‚zu uns'. Du weißt, Vater, daß es für mich nothwendig werden wird, anderswohin zu gehen, um meine Studien zu vollenden, um das zu verwerthen, was ich gelernt habe. Und ich habe Etwas gelernt, kann ich wohl von mir ſelbſt ohne Ueberhebung ſagen, ich erſehe das auch aus glänzenden Anerbietungen, die mir von verſchiedenen Orten für meine Arbeiten gemacht werden. — Vielleicht entſchlößeſt auch du dich, Vater, mit mir zu: gehen und anderswo ein neues, und gewiß glücklicheres Leben zu beginnen.“ „Ich möchte das nicht gern,“ ſprach der alte Mann kopfſchüttelnd,„ich bin zu alt dazu, um mich in neue Verhältniſſe zu finden, aber mein Herz iſt noch jung ge⸗ nug und voll inniger Liebe zu dir, um glücklich zu ſein in deinem Glücke, was du,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort,„pvielleicht hier nicht findeſt! Ich begreife deßhalb dein Verlangen, in die Welt hinauszugehen.“ „Aber es ſchmerzt mich tief, lieber Vater, dich allein zu laſſen.“ — 111— „Das iſt das Loos faſt aller Väter, doch würdeſt du hier und da zu uns kommen, und allein wäre ich ja auch nicht, die Strebers ſind vortreffliche Leute, und ich habe mich an ſie recht feſt angeſchloſſen; dann habe ich ja hier meine behagliche Einrichtung und den kleinen Garten dort, was mich alles glücklich und zufrieden macht, beſonders wenn ich weiß, daß es dir gut geht, mein Sohn.“ „Dann könnte ſie ja auch wieder zu dir zurückkehren,“ ſagte Georg, vor ſeinem Vater ſtehen bleibend, und dieſe Worte ſchienen dem alten Manne recht aus der Seele geſprochen zu ſein, denn in ſeinen Blicken leuchtete es freundlich auf, doch nur einen kurzen Augenblick, wonach er, ſeinen Kopf langſam hin und her wiegend, in einem beinahe traurigen Tone ſagte:„Sie wird das nicht wollen, wie ich aus ihren Reden zu vernehmen glaubte.“ „Ja, und was will ſie denn?“ „Ihre Eltern aufſuchen will ſie, und das kann ich ihr gerade nicht verdenken.“ „Ihre Eltern aufſuchen!“ wiederholte Georg im Tone des Erſtaunens—„die ſind ja vor langen Jahren ge⸗ ſtorben, oder,“ ſetzte er mit einem kurzen Lächeln hinzu, „iſt's denn nicht ſo, und hat ſie vielleicht Hoffnung, ihren fürſtlichen Vater aufzufinden?“ „Du mußt nicht in ſolch' ſpottendem Tone reden, mein Sohn,“ ſagte der alte Mann betrübt,„es kommt das auch nicht aus deinem guten Herzen. Welche Schatten ſich zwiſchen euch Beide gelagert haben, weiß ich nicht, aber daß irgend Etwas euch entfremdet und auseinander 8— — eeeeee ———ᷓ—4— 412— geriſſen, klang auch aus Sophien's Worten, und es that mir in der Seele weh.“ Georg war an das Fenſter getreten, bedeckte ſeine Augen mit der Hand, und die Worte ſeines Vaters wie⸗ derholend, murmelte er:„Es thut mir in der Seele weh — es iſt aber einmal nicht anders und erleichtert mir das Scheiden!“ „Ja, ſie will ihre Eltern aufſuchen,“ ſagte der Major kopfnickend,„ſie will Spuren von ihnen entdeckt haben, obgleich ich ihr meine gewiß gerechten Zweifel nicht ver⸗ ſchwieg.— Wer kann es beſſer wiſſen wie ich, daß ihre beiden Eltern geſtorben ſind, nach den mir beſtimmt ge⸗ gebenen feierlichen Verſicherungen ihrer Tante, des Fräu⸗ leins Wilhelmine von Wanner?“ „Und war ſie wirklich Sophien's Tante?“ „Darüber ſind mir allerdings zuweilen Zweifel auf⸗ geſtoßen; es war auch ſo gar keine Spur irgend welcher verwandtſchaftlichen Liebe für das arme junge Mädchen bei jenem alten Frauenzimmer zu finden.“ „Du erhieltſt damals, als Sophie in unſer Haus kam, Papiere mit Nachweis über deren Geburt— ich er⸗ innere mich genau, daß du mit uns Kindern darüber ſprachſt.“ „Ja, ich erhielt allerdings ein Papier, doch war es weder ein Taufzeugniß, noch ſonſt amtlich beſtätigt, ſon⸗ dern dieſes Papier, beſchrieben mit den derben, unleſer⸗ lichen Zügen einer altmodiſchen, gemeinen Handſchrift, beſagte nur, daß Sophie geboren ſei als Kind ihrer * — 113— Eltern: Heinrich Wurzer und Katharina Wurzer, geborne Stetten.“ „Ah, deßhalb zeigteſt du uns auch nie dieſes ſoge⸗ nannte Taufzeugniß, obgleich dich Sophie häufig darum erſuchte!“ „Warum ſollte ich damals ihre Zweifel vermehren? Doch theilte ich ihr die Namen ihrer Eltern mit, auch meine feſte Ueberzeugung, daß beide geſtorben ſeien, und begriff wohl ihre Scheu, in eine trübe, räthſelhafte Ver⸗ gangenheit einzudringen. Das ſcheint nun anders gewor⸗ den zu ſein, und da ich keinen Grund haben konnte, ihr jenes Papier ferner zu verweigern, ſo verſprach ich, ihr daſſelbe heute noch zu bringen.“ Georg war am Fenſter geſtanden und hatte, während ſein Vater ſprach, auf ein Beet bunter Zwergaſtern ge⸗ blickt, welche indeſſen ſchon, von einem einzigen kalten Herbſtwinde angehaucht, Spuren jener Vergänglichkeit zeig⸗ ten, welcher Alles in dieſem Leben unterworfen iſt, auch unſere friſchen und jugendkräftigen Gefühle. Er ſeufzte leicht, als ihm durch das eben Beſprochene ſo manche Bilder aus der Jugend⸗ und Jünglingszeit wieder lebhaft in die Erinnerung traten und als er dabei fühlte, daß auch hier ein eiſiger Wind den Schmelz der Blumen theilweiſe zerſtört.„Ich würde ihr gern behülf⸗ lich ſein bei ihrem gewiß fruchtloſen Suchen,“ ſagte er jetzt, ſich umwendend,„doch glaube ich kaum, daß Sophie auf mein Anerbieten eingehen würde. Es iſt nicht zu leugnen, daß ſie ſich definitiv von uns losgeſagt, auch — —— — 3— . iſt Herr Schropps bei ſeiner umfaſſenden Bekanntſchaft und ſeinem großen Vermögen eher im Stande, Etwas zu erfahren, wenn überhaupt noch Etwas zu erfah⸗ ren iſt.“ „Aehnlich mußte ich auch denken,“ ſagte der Major. —„Einen Anhaltspunkt, von dem etwas zu erwarten wäre,“ fuhr der alte Mann aufblickend fort,„konnte ich ihr aber dennoch mit gutem Gewiſſen geben, eigentlich weniger einen Anhaltspunkt als einen Fingerzeig.“ „Ah, ich verſtehe— auf Kniegel— richtig, auf Kniegel— denn wenn irgend Jemand mehr als Ver⸗ muthungen über die Geheimniſſe des Hauſes der alten Staatsräthin haben kann, ſo iſt es unſer alter Bekannter, der ehemalige Seilermeiſter Kniegel, der damals ſchon und mit Recht als die lebendige Chronik der Zigeunerinſel galt, und wenn irgend Jemand es vermag, etwas aus ihm herauszubringen, ſo iſt dies wieder Herr Joſeph Schropps.“ „Legen wir alſo auch in dieſer Richtung Alles getroſt in ſeine Hände,“ ſetzte der Major hinzu, indem er lang⸗ ſam aufſtand,„und du wirſt nichts dagegen haben, mein lieber Sohn, wenn ich dem armen Mädchen gelegentlich ſage, daß ſie hier bei uns, oder vielmehr bei mir, ſpäter wieder eine Heimat finden kann.“ „Sage ihr das immerhin,“ erwiederte Georg mit einem ungläubigen Lächeln,„ſie wird nicht mehr im Stande ſein, ſich in unſere kleinen Verhältniſſe zu ſchicken, jetzt weniger, als je, wo ſie, wie du ſagſt, einen kleinen Hoff⸗ nungsſtrahl zu haben glaubt, um Spuren ihrer Eltern — 115— zu finden.— Wer weiß, ob ſich am Ende nicht ihre glänzenden Hoffnungen erfüllen.“ „Daran glaube ich nicht und auch ſie nicht, wie mir ſchien; im Gegentheil fand ich ſie ſo herabgeſtimmt, ein⸗ geſchüchtert, faſt zaghaft, daß es mir in innerſter Seele wehe that.— Hoffen wir, daß mit ihren Kräften auch ihre Feſtigkeit und Energie wiederkehrt!— So, nun will ich gehen und ihr das Papier bringen,“ ſetzte der alte Mann zögernd und mit einem Blicke auf Georg hinzu, der ſich abgewandt hatte und in ein Notenblatt hinein⸗ ſtarrte, das er von ſeinem Klaviere genommen—„wenn du es nicht vielleicht vorzögeſt, ihr das Papier zu bringen.“ „Nein, nein,“ antwortete Georg haſtig,—„ich kann jetzt beim beſten Willen nicht, ich plage mich ſchon ſeit Stunden mit einem Gedanken, den ich niederſchreiben möchte— grüße Sophie beſtens von mir, und wenn es ihr recht iſt, werde ich morgen oder in den nächſten Tagen nach ihr ſehen— vielleicht kommt ſie auch wieder einmal zu uns, ſie war ja lange nicht da.“ Der Major nickte ſchweigend mit dem Kopfe, ehe er entgegnete:„Gut, ich will ihr das ſagen und ſie bitten, bald wieder einmal zu kommen.“ Dann nahm er ſeinen Hut, verließ das Zimmer, den Garten, und hatte in Kurzem das Haus der Gebrüder Schropps erreicht, wo ihn Herr Joſeph Schropps mit einem kurzen Lächeln empfing, welches übrigens nicht im Stande war, einen Ausdruck von Sorge, ja, Kummer auf ſeinen Geſichts⸗ zügen zu verſcheuchen. — — 1416— „Ah, Sie bringen das bewußte Papier,“ ſagte er, „von dem mir Fräulein Sophie geſprochen, es kommt gerade zur rechten Zeit, und wenn Sie es mir an⸗ vertrauen wollen, werde ich Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ Nun hatte der alte Mann durchaus keine Urſache, das zu verweigern, da ihm ja auch Sophie bemerkt, daß ſie nur nach dem Rathe und im Einverſtändniß mit Herrn Joſeph Schropps handeln würde; auch wäre es ihm nicht angenehm geweſen, die an ſich traurige Unterhaltung mit dem leidenden jungen Mädchen auf's Neue zu beginnen, um ſo weniger, als er nicht im Stande war, ihr irgend einen weiteren Troſt oder guten Rath zu geben. Er übergab demnach das Papier dem Herrn Joſeph Schropps, ſchüttelte ihm die Hand und verließ das Haus, welches hinter ihm wieder feſt verſchloſſen und verriegelt wurde. Herr Schropps entfaltete das Papier noch im Haus⸗ gange, überflog es raſch und ſteckte es in ſeine Taſche, ehe er ſein Comptoir wieder betrat, deſſen Thür er hinter ſich in's Schloß drückte, und ſich dann gegen zwei Damen wandte, die dort ſaßen, indem er dieſelben der Unter⸗ brechung wegen um Entſchuldigung bat. Es waren aber dieſe Damen niemand Anderes, als Fräulein Wilhelmine von Wanner und deren getreue Kammerfrau, welche un⸗ verkennbar einige Worte ausgetauſcht, um plötzlich zu ſchweigen, als Herr Schropps eintrat und ſich wieder auf ſeinen Comptoirſtuhl vor den kleinen gläſernen Löwen — 1417— ſetzte. Nach einer Pauſe begann Herr Schropps im ruhi⸗ gen, geſchäftlichen Tone:„Es freut mich ſehr, daß Sie meinen Rath gewünſcht, und es wird recht nützlich ſein, wenn Sie denſelben genau befolgen.“ „So glauben Sie alſo nicht an ein fortwährendes Steigen der Actien, während doch die Tagesblätter drin⸗ gend zum Kaufe derſelben einladen und förmlich die Ver⸗ ſicherung geben, daß ſie in Kurzem über 120 ſtehen müſſen?“ Herr Schropps hatte ein Petſchaft zwiſchen die Finger genommen und ſpielte damit, während er zur Antwort gab:„Druckpapier iſt von einer bewundernswürdigen Ge⸗ duld und die feierliche Verſicherung jener Leute beruht auf Inſpirationen der Betheiligten und iſt häufig mit gutem Gelde erkauft.— Ich will deßhalb nicht behaupten, daß die Actien der deutſch⸗amerikaniſchen Bank in Kurzem ſtark heruntergehen werden, es ſind dazu keine Anzeichen da, wenigſtens nicht für Uneingeweihte, doch da Sie mich vertraulich um Rath befragten, ſo kann ich Ihnen nur wiederholen, daß ich an Ihrer Stelle heute mit einem hübſchen Nutzen verkaufen würde, um mein Geld zu guten Zinſen, aber vielleicht weniger gewagt anzulegen, und bin ich gern bereit, Ihre Papiere zum Tagescourſe zu übernehmen.“ „Und wagen denn doch auch ſelbſt dabei?“ „Das iſt bei mir etwas Anderes, ich bin Geſchäfts⸗ mann und finde mich vielleicht auch veranlaßt, von be⸗ ſagten Papieren in den nächſten Tagen zu verkaufen.“ — 1418— „Iſt das wirklich Ihre Abſicht?“ fragte Fräulein von Wanner. „Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, kann Ihnen aber nun weiter Nichts mehr ſagen, ohne mein eigenes Intereſſe und das Anderer zu verletzen.“ Die Kammerfrau hatte ſchon ein paar Mal Zeichen der Ungeduld gegeben, auch etwas ſagen wollen, war aber jedesmal wieder verſtummt vor einem ſcharfen, auf ſie gerichteten Blick des gnädigen Fräuleins. Jetzt aber ſagte ſie in entſchiedenem Tone:„Ich vertraue Ihnen vollkom⸗ men, Herr Schropps, und bin feſt entſchloſſen, Ihr An⸗ erbieten anzunehmen. Mache ich doch mit meinen paar Tauſend Gulden einen guten Gewinn und will mein Geld anlegen in ſolchen Papieren, wo ich mir viertel⸗ jährlich meine Zins⸗Coupons herunterſchneiden kann, was eine recht angenehme Beſchäftigung iſt. Auch ſind wir ja nicht mit einander verheirathet, das gnädige Fräulein und ich, ſie mag thun, was ſie will, ich will nun einmal total in's Reine kommen.“ Bei dieſen Worten, die von einem finſteren Blicke gegen ihre Herrin begleitet waren, fuhr ſie mit beiden Händen heftig auseinander, vielleicht um ſo figürlich anzu⸗ deuten, daß ſie entſchloſſen ſei, mancherlei Unannehmlich⸗ keiten rechts und links von ſich wegzuſchieben.—„Das will ich,“ rief ſie ſodann in energiſchem Tone,„und mich auch in manchen anderen Dingen verändern!“ Die etwas ſchlaff herabhängende Unterlippe des alten Fräuleins zuckte krampfhaft in die Höhe, als ihre Dienerin — 110— ſo ſprach, und während ihre gelbblaſſe Geſichtsfarbe etwas in's Grünliche ſpielte, ſchoß ſie einen giftigen Blick her⸗ über und ſtotterte dann mit zuckendem Munde:„Das Alles gehört nicht hieher, und ob du dich verändern willſt oder nicht, wird wohl den Herrn Schropps wenig kümmern.“ Dieſer hatte mit einem eigenthümlichen Lächeln zuge⸗ horcht, dabei aufmerkſam das G. S. auf ſeinem Petſchaft betrachtet und ſagte jetzt in mildem Tone:„Ah ja, ich habe davon gehört, daß ſich Fräulein Rieke zu verändern gedenkt, und kann man da wohl gratuliren— Herr Schleimer wird glücklich ſein— doch wird das,“ ſetzte er mit einem fragenden Blick hinzu,„wohl eine traurige Trennung zwiſchen einer geliebten Herrin und einer treuen Dienerin!“ Beide Damen warfen bei dieſen Worten haſtig jede eine Schulter vor, ſo daß ſie ſich durch dieſe gleichzeitige Wendung beinahe den Rücken zukehrten, doch dachte die Kammerfrau zuerſt wieder daran, was ſie dem Orte, wo ſie ſich befand, ſo wie der Gegenwart eines Dritten, ſchul⸗ dig ſei, und ſagte, ſich lächelnd gegen Herrn Schropps verneigend:„Danke herzlich für Ihre Wünſche, und was die Trennung anbelangt, ſo wird ſie uns Beiden ſchwer genug werden. Es iſt aber jedenfalls beſſer ſo und wäre auch ohne Dazwiſchenkunft meines Bräutigams ausgeführt worden.“ „Gewiß!“ ziſchte Fräulein Wilhelmine, wobei ſie mit einem unausſprechlichen Ausdruck der Verachtung ihren — —— ö— .— 7 5 — A 5 7 Kopf ſo weit von der treuen Dienerin abwandte, als dieſes die Conſtruction ihrer Halswirbel nur eben geſtattete. „Und wann wird das glückliche Ereigniß ſtattfinden?“ fragte Herr Schropps, indem er ſich tief auf das Pult herabbeugte, um ſein Petſchaft an den Rücken des gläſernen Löwen zu lehnen. „Recht bald— recht bald— mein guter Schleimer iſt zu ungeduldig, um lange zu warten, auch hat er ja bei der deutſch⸗amerikaniſchen Bank eine anſtändige und ſichere Stellung erhalten, wie Sie ſelbſt wohl am beſten wiſſen werden, Herr Schropps, und wofür ich Ihnen noch nachträglich meinen Dank ſagen möchte.“ „Thun Sie das nicht, Fräulein Rieke, ich könnte die⸗ ſen Dank nicht annehmen, da ich ihn nicht verdient habe. — Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich mit der Admini⸗ ſtration beſagter Bank durchaus Nichts zu thun, auch nicht die Ehre habe, zu den Gründern derſelben zu gehören.“ „Aber die ehrenwerthe Firma der Herren Gebrüder Schropps hat doch dem Gründungscomité einen guten Klang verliehen,“ ſagte Fräulein Wilhelmine plöͤtzlich, ihre volle Aufmerkſamkeit von der glücklichen Braut ab⸗ und ihrem Gegenüber zuwendend. „Die Firma allerdings, doch iſt dieſelbe gemäß dem letzten Willen meines ſeligen Bruders Nathan in die Hände eines Neffen übergegangen, war es eigentlich ſchon bei Gründung der Bank, weßhalb ich nicht mehr oder weniger bin als einfacher Actionär, wie Sie ſelber.“ „S— o— o— o—o,“ meinte Fräulein Wilhelmine in einem auffallend lang gezogenen Tone,„und als Actionär 4† rathen Sie uns zum Verkauf unſerer Papiere?“ „Das heißt,“ erwiederte Herr Schropps, indem er das Petſchaft wieder an ſich nahm,„Sie befragten mich um Rath behufs einer gründlichen Auseinanderſetzung mit Fräulein Rieke, und in Folge Ihrer gemeinſchaftlichen Kapitalanlage bei der deutſch⸗amerikaniſchen Bank rieth ich Ihnen zum Verkauf Ihrer gemeinſchaftlichen Actien, um die eben erwähnte Auseinanderſetzung beſſer bewerkſtelligen zu können.— Doch haben Sie ja auch Ihren Bräutigam,“ fuhr er aufblickend und zur Kammerfrau gewendet fort, „deſſen Anſicht vom größten Gewicht für Sie iſt und deſſen Rath Sie ja ebenfalls beim Verkauf Ihrer Papiere ein⸗ holen können.“ „Das iſt es aber gerade, was ich vermeiden möchte,“ entgegnete die Kammerfrau.„In meinen Geſchäftsange⸗ legenheiten möchte ich gern ſelbſtſtändig ſein und bleiben, auch hat der gute, uneigennützige Schleimer keine Idee davon, daß ich über ein allerdings geringfügiges Kapital zu verfügen habe, und ſoll das ſpäter für ihn eine Ueber⸗ raſchung ſein.“ Hier kicherte Fräulein Wilhelmine mit einem boshaften Seitenblick, ungefähr ſo, wie eine Hyäne in dem Vor⸗ gefühl eines leckeren Fraßes lachen würde, und ſagte dann mit entſchloſſenem Tone:„Ich habe, Gott ſei Dank, 4 Niemanden zu fragen, auch keine ſüßen Ueberraſchungen zu bereiten, und bitte Sie alſo, Herr Schropps, meine Papiere zu einem günſtigen Cours zu verwerthen.“ — 1322— „Das kann augenblicklich hier bei mir geſchehen,“ er⸗ wiederte der Betreffende, indem er das Petſchaft vor ſich niederlegte, den neueſten Courszettel unter dem gläſernen Löwen hervorzog und eines ſeiner Handlungsbücher auf⸗ ſchlug, worauf er die Kammerfrau fragte:„Und Sie, Fräulein Rieke?“ „Von mir ging die Idee aus, zu Ihnen zu gehen, Herr Schropps,“ ſagte dieſe in einem Tone, der biſſig und mürriſch klang, und gewiß nur deßhalb, weil ſie nicht anders konnte und wollte, als dem Beiſpiel Ihrer theuren Herrin folgen,—„bitte auch meine Papiere zu übernehmen.“ „Gut, rechnen wir, doch werde ich auch drinnen im Comptoir nachrechnen laſſen,“ fuhr er fort, während er ein paar Zeilen niederſchrieb,„damit keine Irrungen vor⸗ kommen; vielleicht aber haben Sie ſelbſt ſchon den Betrag Ihrer Actien ermittelt.“ „Nach heutigem Cours zu 116 ½, ja,“ erwiederte Fräulein Wilhelmine. „Gut, ſo wollen wir ſehen, ob wir conform gehen— ich habe hier die Anzahl Ihrer Actien notirt— Herr Weber!“ rief er mit lauter Stimme in's Nebenzimmer, worauf der Betreffende ſo raſch erſchien, als habe er ſich bereits wartend an der Thür befunden. Dies kam aber daher, daß Herr Weber im Begriff geweſen, ſeinem Chef ein eben angekommenes Telegramm zu überreichen, wo⸗ gegen er den Zettel, auf dem die zu berechnenden Actien verzeichnet waren, mit ſich fortnahm. Herr Schropps öffnete das Telegramm und nachdem er hineingeblickt, zogen ſich ſeine Augenbrauen bedenklich in die Höhe.„Ei, ei,“ ſagte er,„das kommt gerade ſo, wie ich gedacht, nur raſcher. Da leſen Sie, Fräulein von Wanner, es betrifft Sie gleichfalls: Beim Schluß der Frankfurter Börſe wurden die Deutſch⸗Amerikaner zu 14 notirt.“ Er reichte das Blatt über das Pult hinüber, und die Begierde der beiden Feindinnen, ſich raſch von der unangenehmen Nachricht zu überzeugen, war ſo groß, daß ſie ihren Haß zu vergeſſen ſchienen und raſch die Köpfe zuſammenſteckten. Ja, da ſtand es in der ſchrecklichen Kürze einer tele⸗ graphiſchen Depeſche, und mit dem furchtbaren Zuſatze: weiteres Fallen erwartet. „Daran iſt Niemand Schuld als dieſes elende Ge⸗ ſchöpf, die Rieke,“ dachte Fräulein Wanner mit zuckenden Lippen.„Warum mußte dieſe alte Gans die Zeit ver⸗ geuden mit unnützem, dummem Geſchwätz über ihre Braut⸗ ſchaft!“ Wogegen die Betreffende mit einem grimmigen Blick auf ihre Herrin vor ſich hinmurmelte:„Nur aus Bosheit hat ſie geträndelt und gezaudert— nur aus Bosheit, weil ich meine Papiere verkaufen wollte— aber warte, ich will dir's eintränken!“ Dann aber einigten ſich die beiden edlen Seelen in der gemeinſchaftlichen Frage, die ſie mit beſorgtem Blick ausſprachen:„So werden Sie unſere Papiere nicht mehr nehmen wollen, Herr Schropps?“ Dieſer hatte ſich bedächtig mit der Federfahne am Ohr “— . — 124— gekratzt und erwiederte:„Wenn ich nur als Geſchäfts⸗ mann handeln wollte, ſo müßte ich nach dieſem Tele⸗ gramm, welches weiteres Fallen der Actien in Ausſicht ſtellt, den Ankauf refüſiren, doch treibt mich ein Gefühl der Freundſchaft für langjährige Bekannte, dieſe letzten Courſe zu ignoriren und mit Ihnen auf 16 ½ abzu⸗ ſchließen.“ In dieſem Augenblicke erſchien auch Herr Weber, und da die drei Berechnungen übereinſtimmten, ſo blickten die beiden Frauenzimmer unter einigen Dankesbezeugungen erwartungsvoll zu Herrn Schropps auf, welcher das Tele⸗ gramm unter den kleinen Löwen geſchoben und dann ſagte:„Wenn Sie ihre Papiere bei ſich haben, ſo können wir unſer Geſchäft ſogleich beendigen. Sie wünſchen doch baares Geld?“ „Ich für meinen Theil, ja,“ ſagte die Rieke,„indem ſie ein Paket aus ihrer Taſche zog, das ſie zur Vorſorge in ihr Schnupftuch geknüpft und mit einer Stecknadel am Kleide befeſtigt hatte, wogegen ſich Fräulein von Wanner mit einer vornehmen Miene in ihren Seſſel zurücklehnte und den Wunſch ausſprach, die Summe auf ihrem Conto bis auf Weiteres gutgeſchrieben zu erhalten. Mit geſpreiz⸗ tem Tone ſetzte ſie hinzu:„Meine Actien ſind ja bei Ihnen deponirt.“ „Gewiß, Fräulein von Wanner, und möchte ich zu⸗ gleich mit Abſchluß dieſes kleinen Geſchäftes auch unſere frühere Angelegenheit, den Verkauf des Hauſes Ihrer ver⸗ ehrten Frau Mama betreffend, endgültig durch einen — 125— Rechnungsauszug regeln und dann Ihre Befehle erwarten in Betreff der Verwendung Ihrer disponiblen Gelder.— Das kann nachher ſogleich geſchehen und wird Herr Weber die Ehre haben, Ihnen in weniger als einer Viertelſtunde Ihren Contocorrent vorzulegen.“ „So würden Sie wohl Nichts dagegen haben,“ ſagte das alte Fräulein, ſteif wie ein Bleiſtift aufſtehend, und ihrer Kammerfrau dabei einen verächtlichen Blick gön⸗ nend, der ſich, ſo wie Fräulein Wilhelmine ſich erhob, gummielaſticumartig zu verlängern ſchien,„wenn ich, ſtatt hier zu warten,“— ſie legte einen ſcharfen Nachdruck auf das letztere Wort—„vielleicht den Verſuch machte, unſere liebe Sophie ein paar Augenblicke zu ſehen; ich hörte mit großer Freude, daß ſie wieder ſo weit hergeſtellt iſt, um Beſuche zu empfangen.“ „Ihre Beſuche jedenfalls,“ verſetzte Herr Schropps mit ſeinem wohlwollendſten Lächeln—„ein ſo lieber verwandt⸗ ſchaftlicher Beſuch—, erlauben Sie mir, Madame Kegel zu rufen, damit dieſelbe Sie hinaufgeleite.“ Damit ſprang er von ſeinem Comptoirſtuhl herunter, öffnete die Thür und rief nach der Haushälterin, die ſich auch zu erſchei⸗ nen beeilte, um das gnädige Fräulein in Empfang zu nehmen. Sobald Fräulein von Wanner bei ihrer treuen Diene⸗ rin vorübergegangen war, noch immer den Gummielaſti⸗ cumfaden ziehend, hatte dieſe ingrimmig auf die Seite geſpuckt, und wiſſen wir nicht genau, ob ein natürliches Bedürfniß ſie dazu antrieb, oder ob ſie hiedurch jenen Hackländer, Kainszeichen. IV. 9 ——õ—— — 126— Blick zu beantworten gedachte. Wir vermuthen aber das letztere, denn als die Thüre geſchloſſen und Herr Schropps ſich wieder auf ſeinen Comptoirſtuhl geſetzt hatte, wobei er in behaglicher Weiſe auf ſeine beiden Arme geſtützt den Oberkörper etwas vorbeugte, ſagte ſie mit zuckenden Lippen:„Die alte dürre Heuchlerin,— die Schlange mit ihrem verwandtſchaftlichen Gefühl! Könnte ſie das arme junge Mädchen droben mit einem ihrer Baſiliskenblicke vergiften, ſie würde es gewiß nicht unterlaſſen!“ „Blicke tödten nicht, Fräulein Rieke, wie ich geſehen,“ entgegnete Herr Schropps in gemüthlichem Tone,„es iſt allerdings ein etwas harter, unliebſamer Charakter, dieſes Fräulein von Wanner.“ „O, Herr Schropps,“ rief die Kammerfrau aufblickend, indem ſie ihre Arme gen Himmel ſtreckte,„was das für ein Weibsbild iſt, ſo boshaft, ſo verſtockt, davon hat unſer Herrgott ſelbſt, trotz ſeiner Allwiſſenheit, kaum eine blaſſe Idee!— Hätte ich nicht dieſe geſunde Conſtitution, ſie würde mich ſchon längſt in's Grab hinab geärgert haben!“ „Und hätte dazu Zeit genug gehabt, denn Sie haben es doch Jahre lang redlich mit einander ausgehalten.“ „Verhältniſſe, Herr Schropps— traurige Verhältniſſe, ich bin mir immer vorgekommen wie ein armer Skllave, der mit einem Verbrecher an Eine Kette geſchmiedet iſt— o, entſetzliche Verhältniſſe, Herr Schropps, die man mit keinem Worte berühren darf!“ „So wollen wir ſie bei Seite laſſen und uns freuen, daß ſich jetzt Ihre Zukunft ſo roſig geſtaltet, daß Sie an —r — 127— der Seite eines geliebten Mannes jetzt gewiſſermaßen ſor⸗ genlos in die Zukunft blicken können.“ „Ja, aber was mich das für entſetzliche Kämpfe ge⸗ koſtet hat, bis es mir gelang, ihr mein ſauer Verdientes, durch Jahre Erſpartes aus dem Rachen zu reißen! Und wenn nicht Herr Kniegel beim Ankauf jener Actien dabei mitgeholfen hätte, ſo würde ich wohl mein Leben lang ein erbärmliches Geſchöpf geblieben ſein— ſo aber zittere ich auf den Augenblick hinein, wo ich auf ihrer Schwelle den Staub von meinen Füßen ſchüttle und in die Welt hinausgehe.“. „So wollen Sie alſo die Stadt verlaſſen?— Nun, ich kann Ihnen das ſo übel nicht nehmen, es feſſeln Sie doch hier keine angenehmen Erinnerungen.“ „Wahrlich nicht, Herr Schropps, auch wünſcht Schlei⸗ mer, ſich fern von hier irgendwo behaglich niederzulaſſen.“ „Gehen wir alſo an unſer Geſchäft,“ ſagte Herr Schropps, ſich aufrichtend, mit einem freundlichen Lächeln. „Hier iſt Ihre Berechnung mit Quittung über das zu empfangende Geld, welches Sie wohl in guten, großen Kaſſenſcheinen wünſchen.“ Damit ging er an ſeinen eiſer⸗ nen Geldſchrank, öffnete ihn und kehrte mit dem betreffen⸗ den Papiergeld zurück. Während dem hatte die Kammerjungfer die Quittung überleſen, unterſchrieben, dann das Geld gezählt, wobei es ſich herausſtellte, daß Herr Schropps zwei Bankbillets von je fünfhundert Gulden zu viel hingezählt hatte, welche die Rieke mit gierigem Blicke betrachtete, nachdem —— ——— * — 128— Herr Schropps dieſelben, ſeinen Irrthum einſehend, bei Seite geſchoben. „Ja ſo,“ ſagte er alsdann, ſich wieder an ſein Pult ſetzend,„darüber könnten wir noch einen Augenblick reden.“ „Worüber, Herr Schropps?“ fragte ſie erſtaunt. „Nun, über dieſe tauſend Gulden, die ich mir viel⸗ leicht erlauben würde, Ihnen als Hochzeitsgeſchenk anzu⸗ bieten, wenn Sie mir dafür einen kleinen Dienſt leiſten wollten.“ „O, Sie ſcherzen, Herr Schropps!“ „Nein, ich rede ſehr im Ernſt,“ entgegnete er, ſein Petſchaft wieder in die Hand nehmend, worauf er den Metallſtempel deſſelben an ſeinem Rockärmel abrieb,— „ich rede ſehr im Ernſt, Sie haben mir nur ein paar Fragen zu beantworten, und dieſe tauſend Gulden gehören Ihnen, begreiflicherweiſe ohne Quittung.“ Die Kammerfrau war aufgeſtanden, ließ ſich aber jetzt zögernd und geſpannt wieder auf ihren Seſſel nieder, wo⸗ bei ſie ſagte:„Wenn ich dieſe Fragen zu beantworten im Stande bin, ſo wäre ich eine Thörin, es nicht zu thun.“ „Laſſen Sie mich noch vorausſchicken,“ ſprach Herr Schropps in wohlwollendem Tone,„daß Sie eine Summe in Ihrer Hand haben, um ſich mit Zurechnung der Fähig⸗ keiten des Herrn Schleimer und Ihrer eigenen überall eine behagliche Exiſtenz gründen zu können. Laſſen Sie mich Ihnen in's Gedächtniß zurückrufen, daß Sie, wie Sie vorhin ſelbſt ſagten, Willens ſind, ſich dieſe Exiſtenz fern von hier zu gründen, und laſſen Sie mich ſchließlich Ihnen — 129— ſagen, daß die ehrliche und offene Beantwortung meiner Fragen wohl Niemandem Schaden bringen könnte, als vielleicht nur einer Berſon, welche, wie ich vermuthe, Sie zu ſchonen nicht. die Abſicht haben.“ „Ihr— ihr,“ rief die Kammerfrau, ingrimmig ihre Fäuſte ballend,„ja, wenn ich ihr etwas anthun könnte, ohne daß es mir und Schleimer Schaden brächte, ſo würde ich eine Wonne darin finden! O, ich weiß viel Schlechtigkeiten, die ſie an mir ausgeübt hat und an dem armen Schleimer ausüben wollte, doch hat er Grundſüätze, Herr Schropps, feſte Grundſätze, und würde nicht um eine Million meine Liebe verrathen haben— ſagen Sie nur, womit ich Ihnen dienen kann.“ Er drückte ſein Petſchaft feſt auf die Hand, betrachtete die hiedurch entſtandenen Buchſtaben und legte es dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, mit einer raſchen Bewegung an den Rücken des gläſernen Löwen, worauf er, die Kammerfrau feſt anblickend, ſprach:„Ich wünſche von Ihnen zu wiſſen, wer eigentlich das junge Mädchen iſt— Fräulein Sophie— das ſich in unſerem Hauſe befindet.“ Die Kammerfrau blickte ihn etwas erſtaunt an, doch flog dabei ein Schatten des Mißtrauens über ihre Züge. Sie ſchien dieſe Frage nicht erwartet zu haben, antwortete aber trotzdem mit großer Schnelligkeit:„Das haben Sie doch lange gewußt, Herr Schropps, die alte Staatsräthin war ihre Großmutter, ſie iſt die Nichte Jener, die jetzt da droben bei ihr iſt.“ .*— — 130— „Ja, wenn Sie mir auf dieſe Art antworten, ſo bin ich mit meinen Fragen jetzt ſchon zu Ende und kann mir jede Mühe und alles Weitere erſparen.“ Damit nahm er die beiden Bankbillets, faltete ſie ſäuberlich zuſammen und ſchickte ſich an, von ſeinem Comptoirſtuhl herabzuſteigen. „Weiß ich es doch nicht anders,“ murmelte die Rieke vor ſich hin,—„weiß ich es doch wahrhaftig nicht an⸗ ders, die Sophie galt immer für die Enkelin der alten Staatsräthin!“ „Das heißt,“ ſprach Herr Schropps in ſehr langſamem und gedehntem Tone,„ſie galt für die Enkelin jener alten, halbblöden Perſon, die ich damals häufig im Gar⸗ ten ſitzen ſah, wenn ſie mit bunten Fähnchen ſpielte. War dieſe Perſon die Staatsräthin?“ „O, Herr Schropps,“ verſetzte Rieke, mit ſcheuem Blicke aufſchauend,„Sie werden doch nicht glauben, daß Etwas an dem Gerede der dummen Leute war?“ „Was daran war, können und wollen wir nicht unter⸗ ſuchen, es iſt mir auch ganz gleichgültig und lautet ja meine Frage nur: Wer Fräulein Sophie iſt? Nehmen wir an, die alte Staatsräthin, die Perſon mit den bun⸗ ten Fähnchen, ſei wirklich die alte Staatsräthin geweſen — mir kann ja das ganz gleichgültig ſein—, ſo bliebe es immerhin denkbar, ja, wahrſcheinlich, daß Sophie ein angenommenes Kind iſt, wahrſcheinlich deßhalb, weil trotz alles Bemühens nie etwas Sicheres zu erfahren war über eine Schweſter der Fräulein Wilhelmine von Wanner, die an einen Herrn Wurzer verheirathet geweſen.“ — 131— „O, dieſelbe war ſchon vor langen, langen Jahren fernhin nach Böhmen verheirathet geweſen, dort mit ihrem Manne verdorben und geſtorben, dann kam das kleine Kind zu ſeiner Großmutter.“ „Möglich,“ gab Herr Schropps zur Antwort, indem er ein Papier aus der Taſche zog und hineinblickend fort⸗ fuhr:„Hier ſind die Eltern des jungen Mädchens ange⸗ geben als Heinrich Wurzer und Katharina Wurzer, ge⸗ borene Stetten, und doch hätte dieſe Katharina als Tochter der alten Staatsräthin eben ſo gut von Wanner heißen müſſen, wie ihre Schweſter Wilhelmine— nicht wahr?“ ſchloß er aufblickend. „Ja, das hätte ſie allerdings,“ erwiederte Rieke, den rechten Zeigefinger nach ihrem Geſicht emporhebend,„doch war dieſe Katharina nur eine Stiefſchweſter aus einer erſten Ehe der Staatsräthin mit einem Herrn Stetten, Gutsbeſitzer in Böhmen.“. „Das klingt Alles recht glaublich,“ lächelte Herr Schropps,„und wenn es Ihnen Spaß macht, ſo glaube ich es Ihnen auch, und zwar um den hübſchen Preis von tauſend Gulden, die ich dabei profitire.“— Nach dieſen Worten hielt er die Bankbillets in die Höhe und fuhr dann nach einer Pauſe fort:„Oder fällt Ihnen vielleicht etwas Anderes ein, als dieſe böhmiſche Zigeuner⸗ geſchichte?— Seien Sie doch geſcheidt,“ ſetzte er, ihren gierigen Blick bemerkend, hinzu,„was kann es Ihnen ſchaden, ob ich Etwas erfahre von den Geheimniſſen jenes alten Hauſes, das mit Garten, Keller und Allem ſchon — längſt vom Erdboden verſchwunden iſt.— Sie verlaſſen die Stadt auf Nimmerwiederkommen und, ich verſtehe wahrhaftig nicht, warum Sie ſich ſo ſehr ſcheuen, Etwas zu ſagen, das im ſchlimmſten Falle eine Andere compro⸗ mittiren könnte.“ „Das würde mich wenig kümmern,“ rief ſie mit er⸗ regten Blicken,„das könnte mich eher veranlaſſen, Etwas zu ſagen, wenn ich Etwas wüßte aber— ich weiß — Nichts.“— Sie ſprach dieſe letzten Worte mit ſicht⸗ licher Anſtrengung feſt und beſtimmt, als wollte ſie ein⸗ für allemal einen Riegel vorſchieben. „Ja, wenn es ſo iſt,“ meinte Herr Schropps, die Bankbillets an ſich nehmend, in faſt gleichgültigem Tone, „dann muß ich mich an jemand Anderes wenden, der eher geneigt iſt, dieſe tauſend Gulden zu verdienen.“ „Wer könnte ſonſt etwas davon wiſſen?“ fragte ſie raſch, ſich ein wenig vergeſſend. „Nun, Jemand, dem ich einige ſchätzbare Notizen ver⸗ danke, dahin gehend, daß Fräulein Sophie ebenſo wenig die Enkelin der alten Staatsräthin iſt, als irgend eine Nichte des Fräuleins von Wanner.“— Als ſie vor ſich niederſchauend und, die Lippen zuſammenbeißend, ſchwieg, fuhr er fort:„Sie brauchen mir eigentlich durchaus Nichts zu ſagen, ſondern nur zu beſtätigen, was ich Ihnen ſage — aber immer noch um den Preis dieſer beiden ſchönen Bankbillets— das könnten wir einmal verſuchen.“ Sie ſchaute raſch zu ihm auf, um aber ſogleich wieder ihre Blicke ſinken zu laſſen, worauf er fortfuhr:„Nehmen — 133— wir an, es ſei da hinten in Böhmen eine Katharina Wurzer, geborene Stetten, geweſen, ſo iſt das jedenfalls ein ganz eigenthümliches Zuſammentreffen, denn auf der Zigeunerinſel lebte damals eine verwittwete Waſchfrau mit dem gleichen Mannes⸗ und Familiennamen. Dieſe Waſch⸗ frau hatte eine kleine Enkelin von ihrer verſtorbenen Toch⸗ ter, und neben dieſem eigenen Enkelkinde hatte ſie noch ein anderes kleines Mädchen für gutes Geld zur Pflege angenommen— geben Sie genau Achtung, was ich Ihnen da erzähle.“ Das that denn auch die Kammerfrau, und zwar mit unverkennbar großer Spannung in ihren Geſichtszügen und in der Haltung ihres langſam ſich aufrichtenden Körpers. „Nun aber ſtarb eines dieſer kleinen Mädchen, und vielleicht glücklicherweiſe für die alte Waſchfrau das eigene Kind ihrer armen Tochter, während das andere Kind, für welches ſie ein bedeutendes Pflegegeld bezog, am Leben blieb.“ Während Herr Schropps ſo in ganz harmloſem Tone erzählte, ſchob er die beiden Bankbillets bis an den Rand des Pultes und fragte dann:„Halten Sie dieſe Geſchichte für glaublich?“ „Ja,“ hauchte ſie kaum hörbar, indem ſie ſtarr in eine Ecke des Zimmers blickte. „Sehen Sie, wir fangen an, uns zu verſtehen, und das freut mich— laſſen Sie mich aber weiter er⸗ zählen.“ ——— —-— 8 —————— 4—* — ———— ————— — —— — — 134 „Doch nicht zu lange,“ erwiederte die Rieke mit einem unruhigen Blicke nach der Thüre. „O, ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagte er, dieſen Blick ver⸗ ſtehend,„wir ſind vor jeder Unterbrechung ſicher, die Thüre iſt verſchloſſen, und ſollte Fräulein von Wanner nach mir oder Ihnen fragen, ſo wird ſie von Madame Kegel die Antwort erhalten, Sie hätten das Haus längſt verlaſſen und auch ich ſei ausgegangen.“ „Aber ſie wird horchen— ich kenne ſie!“ „Da Madame Kegel dabei iſt, gewiß nicht— ſeien Sie ganz unbeſorgt!“ „Alſo, wir hätten eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen gefunden,“ fuhr Herr Schropps in ruhigem Tone fort,„eine arme Wittwe, durch hohes Alter arbeits⸗ unfähig, von Niemanden beachtet, von Wenigen gekannt, die aber ziemlich anſtändig leben konnte, ſo lange ihr das anvertraute Kind gelaſſen wurde, die aber von dem Au⸗ genblicke an Nichts mehr zu beißen hatte, ſo wie man ihr dieſes anvertraute Kind nahm— und nun ſagen Sie mir, ob es Sie wundert, daß dieſe alte Frau den Vor⸗ ſchlag annahm, zu irgend einer uns vor der Hand gleich⸗ gültigen Dame zu ziehen, wo ſie bis an ihr Lebensende wie eine theure Anverwandte gehegt und gepflegt werden ſollte mit der Sorgfalt einer liebenden Tochter— wun⸗ dert Sie das?“ „Es wundert mich durchaus nicht.“ „Schön!“— die Bankbillets rückten über den Rand des Pultes hinaus.—„ gun war aber gerade das Pflege⸗ :m ien nen gem its⸗ unt, das Au⸗ ihr Sie Vor⸗ eich⸗ ende rden vun⸗ RKand flege⸗ 135 kind ein Hinderniß, es hätte können reclamirt werden, was für die totale Abgeſchiedenheit, mit der die alte Frau bei der uns gleichgültigen Dame künftig leben ſollte, un⸗ angenehm geweſen wäre; doch wußte man auch dafür einen Rath. Den betreffenden Behörden war es ja voll⸗ kommen gleichgültig, welches der beiden kleinen Mädchen eigentlich geſtorben war, kleine Dinger, die kaum laufen konnten, die ſich wie ſo viele in gleichem Alter zum Ver⸗ wechſeln ähnlich ſahen, weßhalb es auch ein Leichtes war, den Todesſchein ausfertigen zu laſſen für das Pflegekind, eingeſchrieben auf den Namen eines Herrn Watters, wo⸗ durch die alte Frau nicht nur jeder künftigen Nachfrage entledigt war, ſondern auch noch ein anſehnliches Geſchenk erhielt, daß ſie das arme und immerhin ſehr läſtige Kind ſo treu bis zu deſſen Tode gepflegt hatte!— So iſt meine Geſchichte,“ ſchloß Herr Schropps, indem er ſeine Hand auf die beiden Bankbillets legte,„und nun erwarte ich von Ihnen nichts weiter, als eine einfache Beſtätigung derſelben.“ Sie hatte ſich raſch erhoben, ſtützte ihren rechten Arm auf das Pult und ſagte, während eine tiefe Röthe auf ihrem Geſichte erſchien und ſchnell wieder verſchwand:„Ich möchte beſchwören, daß die Geſchichte echt und wahr iſt.“ „Und damit haben Sie meine Bedingung erfüllt, und wenn ich mir erlaube, Ihnen dieſe Papiere einzuhändigen, ſo geſchieht es mit meinem nochmaligen Glückwunſch.“ Damit ſtützte er ſeine Ellenbogen auf das Pult, nahm den Kopf in die Hände und ſprach, aufwärts blickend, wie — 136— zu ſich ſelber:„Was gäbe ich aber darum, wenn ich darüber irgend ein Zeugniß— irgend etwas Schriftliches hätte!“ „Und was würden Sie geben, Herr Schropps?“ fragte die Kammerfrau mit leiſer Stimme, indem ſie dicht an ihn herantrat. „Wie wäre es mit weiteren Fünfhundert?“ „Sagen wir Tauſend, Herr Schropps, ich bin eine arme Perſon, die ſich kärglich durch's Leben ſchlagen muß, und iſt dieſe Summe für Sie gerade eben ſo viel, als wenn ich einem Bettler ſechs Kreuzer ſchenke.“ „Das nun gerade nicht,“ erwiederte er in ernſtem Tone—„aber für einen guten, ſchriftlichen Beweis—“ „Sie ſollen einen guten, ſchriftlichen Beweis haben, und können damit thun, was Sie wollen, nachdem ich mit Schleimer die Stadt verlaſſen.“ „Gut denn!“ „Für tauſend Gulden.“ „Aber wann?“ „In drei Tagen.“ „Es ſei, hier auf meinem Comptoir,“ ſagte Herr Schropps, von ſeinem Comptoirſtuhle herabrutſchend, wor⸗ auf er ſich nach einem beſorgten Blick der Kammerfrau an die Thüre begab, ſie langſam öffnete und in's Haus hinauf lauſchte, worin es indeſſen ſo ruhig wie in einer Kirche war. Dann öffnete er ſeinem Beſuche die Haus⸗ thüre, wiederholte noch einmal die Worte:„In drei Tagen hier,“ worauf er in ſein Comptoir zurückkehrte und ſich — 137— dort mit übereinandergeſchlagenen Armen an das Kamin⸗ geſims lehnte und düſter vorx ſich niederblickte. „So wickelt ſich Eins nach dem Andern ab,“ ſprach er dann zu ſich ſelber,„und mit dem Abwickeln rollen auch wir dem Ende zu!— Möglich, daß noch einmal ein Aufſchwung kommt, aber ich glaube nicht mehr daran! — Im Grunde hat ſie Recht— es war eine tolle Idee von mir, aber eine ſchöne Idee, und die Erfüllung der⸗ ſelben würde mich unausſprechlich glücklich gemacht haben, während ich jetzt bankerotten Herzens mein Soll und Haben mit einem übergroßen Saldo zu meinen Laſten abſchließen muß— wenn nicht die Klarheit, in welche ich ſie, was ihre Familienverhältniſſe anbelangt, zu führen vermag, vielleicht noch zu meinen Gunſten ſpricht, ſie wenigſtens veranlaſſen könnte, die Hülfe eines treuen, red⸗ lichen und uneigennützigen Freundes nicht zu verſchmähen.“ Nach dieſen leiſe vor ſich hingemurmelten Worten rief er mit lauter Stimme:„Kniegel!“ worauf ſich die Thür in das Nebenzimmer ſehr raſch öffnete und der Gerufene auf der Schwelle erſchien. „Haben Sie Alles gehört?“ „Alles, Herr Schropps, wie Sie es gewünſcht.“ „Gut, und es iſt mir lieb, daß ich Sie nicht herbei⸗ zurufen brauchte.“ „Sie hat ſich aber gewaltig gewehrt, und nur der Gedanke, ihrer guten Herrin Eins verſetzen zu können, gab den Ausſchlag.“ „Wir wollen uns mit dieſer Herrin ſpäter beſchäftigen — — ————.— — ———— — 138— und einen gelinden Druck auf ſie ausüben, ſo daß ſie für alle Zeit von hier verſchwindet.“ „Was unbedingt der Fall ſein wird,“ meinte lächelnd der Senſal,„ſobald ſie eine Ahnung davon erhält, daß ihre Mitſchuldige geplaudert.“ Herr Schropps nickte mit dem Kopfe und ſchwieg eine kurze Weile, ehe er ſagte:„Und nun etwas Geſchäftliches: Was machen die würdigen Gründer der deutſch⸗amerikaniſchen Bank?“ „Der Herr Baron erhielt zu gleicher Zeit mit Ihnen das Telegramm von dem bedenklichen Fallen der Actien und es hat ihn in einen höchſt unangenehmen Zuſtand der Aufregung verſetzt.“ „Und der Andere?“ „Er nimmt das leichter, ja, leichtſinnig wie Alles.“ „Leider!“ „Er wird ſich auch nicht ſo viel daraus machen,“ hier ſchnippte Herr Kniegel mit den Fingern—„ſeinen vornehmen Gefährten zu ruiniren, der ihm durch Uebermuth und zeitweiſe Unverſchämtheit recht läſtig geworden iſt.“ „Und werden ihn die eigenen Verluſte nicht ſchmerzen?“ „Wenn ſie ſo dick kämen, daß er ſich ſelbſt nicht mehr halten könnte.“ „Gut,“ ſagte Herr Schropps mit großer Ruhe,„ſie werden ſo dick kommen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „So ſind Sie alſo wirklich entſchloſſen?—“ „Die ehrenwerthen Gründer zu ruiniren?— Ja, dazu bin ich entſchloſſen.“ — 139— „Mit einem großen Theil Ihres eigenen Vermögens?“ „Was mir bleibt, genügt vollkommen für mich, und da ich keiner der Gründer bin, da meine Bücher meine eigenen großen Verluſte nachweiſen werden, ſo iſt wenig⸗ ſtens mein guter Name gerettet, allerdings nicht derjenige der ſonſt ſo achtbaren Firma Gebrüder Schropps, doch war er ſchon in demſelben Augenblicke ruinirt, wo der Andere als Theilhaber eintrat.“ Der Senſal ſchüttelte leicht mit dem Kopfe und blickte Herrn Schropps mit einer bekümmerten Miene an, worauf er, mit einem Seufzer um ſich ſchauend, ſagte:„Wer hätte hier vor Monaten Aehnliches denken können!“ „Ja, und ich ſchätze meinen armen Bruder Nathan glücklich, daß er Das nicht erlebt hat!— Sie werden mich nicht für unverſöhnlich oder grauſam halten, Sie wiſſen es ja am Beſten, wie oft ich hier in dieſem Zim— mer meine Ueberzeugung ausſprach, daß jenen Anderen zurückrufen gleichbedeutend ſei mit dem Herbeiziehen des Unfriedens, ja, des Unglücks in dieſe ſonſt ſo ſtillen und glücklichen Räume— und ſo war es auch!— Sie haben es erfahren, wie er ſeinen Eintritt in dieſes Haus hielt, wie er ſich mir gegenüber aufrichtete: hohnlachend, drohend, nachdem mein Bruder Nathan kaum die Augen geſchloſſen, Sie wiſſen, welche Gemeinheiten er mir in's Geſicht warf, als ich ihn zur Rede ſtellte über ſein ſchmachvolles Be⸗ tragen in der Unglücksnacht gegenüber jenem armen, wehr⸗ loſen Mädchen, Sie wiſſen, mit welcher Frechheit er Be⸗ ſchuldigungen auf mich wälzte, indem er teufliſch lachend — 140— ſagte, er habe ja nur Alles und Alles redlich mit mir theilen wollen und verſucht, die Schätze an's Licht zu ziehen, von denen die ganze Welt ſage, daß ich ſie für mich allein genöſſe.“ 1 Herr Schropps ſchauerte ſichtlich zuſammen, als er dieſe letzten Worte geſprochen, und erſt als er langſam mit ſeiner Rechten über das Geſicht herabgefahren war, 1 vermochte er es, mit bewegtem Tone fortzufahren:„Das hat einen unheilbaren Riß durch mein ganzes Leben ge⸗ macht, und von da an beſchloß ich, mich ſeiner zu ent⸗ ledigen, ihn, wenn es mir möglich ſei, wenigſtens mora⸗ liſch zu vernichten. Und dazu hat mir der ehrenwerthe Gründer die beſte Gelegenheit gegeben, deßhalb habe ich, ohne ſelbſt Mitſchuldiger zu ſein, den ganzen Credit meines b achtbaren Hauſes auf's Spiel geſetzt, um jenes ſchwindel⸗ hafte Unternehmen zu unterſtützen.“ Herr Kniegel hatte ſtillſchweigend zugehört, dann ſagte er:„Aber ſein Verluſt wird weit hinter dem Ihrigen bleiben.“ „An Geld, ganz richtig, aber bei dem Zuſammen⸗ brechen ſeines Unternehmens, fundirt auf die ungeheuren freiherrlichen Güter in Amerika, oder vielmehr im Monde, wird dieſer ganze frevelhafte Schwindel an's Tageslicht kommen, vielleicht zu Nutz und Frommen für Andere.“ „Und Mancher wird ſich die Finger verbrennen,“ meinte Herr Kniegel mit einem kaum merklichen Lächeln. „Mancher, Mancher, der den verglimmenden Spahn nicht raſch genug in andere Hände gegeben.“ — 141— „Leider, möchte ich faſt ſagen, und doch hat es etwas Gutes für ſich, wenn Leichtſinn, Gewinnſucht und Hab⸗ gier endlich einmal empfindlich geſtraft, dadurch vielleicht Tauſenden die Augen geöffnet werden und ſie einſehen, daß dieſes leichtſinnige Actienſpiel eben ſo ehrenhaft iſt, als das Treiben des Spielers am grünen Tiſche! Ja, dieſer hat vielleicht noch eine Berechtigung, die Goldſtücke wegzuwerfen, die er in ſeiner Hand hält: wenigſtens iſt dem gewiſſenloſen Spieler dort eine heilſame Gränze geſteckt, denn die Bank gewährt keinen Credit, während es für einen ſogenannten geordneten Mann ein Leichtes iſt, Papiere ſcheinbar zu kaufen, deren Coursdifferenz ihn am andern Tage zum Bettler machen kann.— Und wie demorali⸗ ſirend wirken Verluſt und Gewinn auf alle Lebensverhält⸗ niſſe! Der Verlierer iſt ruinirt, der Gewinner verjubelt und verſchleudert das ohne Mühe Gewonnene und ſieht ver⸗ ächtlich herab auf den armen, dummen Teufel, der mit ſaurer Mühe, im Schweiße ſeines Angeſichtes ſein Daſein friſtet, oder der ehrlich genug iſt, keine Summen zu ris⸗ kiren, die er nicht beſitzt! Mir hat es immer in der Seele wehe gethan, wenn ich, zur Börſe gehend, irgend einem armen, braven Beamten begegnete, der ſich das ganze Jahr hindurch plagen muß,— was ſage ich, ein Jahr!— der zehn Jahre angeſtrengt arbeitet, um viel⸗ leicht die Summe zu verdienen, die der Herr Goldſtein gewinnt, weil er Ihnen, Kniegel, in's Ohr flüſtert: Kau⸗ fen Sie mir tauſend Stück von dem oder dem Papier!“ Hackländer, Kainszeichen. IV. 10 — 142— Herr Schropps hatte ſich in eine ſichtbare Aufregung hineingeſprochen und ſchritt ein paar Mal im Comptoir haſtig hin und her. Dann ſagte er, vor dem Senſal ſtehen bleibend:„Sie kennen unſeren Geſchäftsbetrieb ſchon ſeit ſo vielen Jahren, und können mir das Zeugniß geben, daß ich das Recht habe, ſo zu reden. Denn wenn wir auch unſer Vermögen durch glückliche Spekulationen ge⸗ macht, ſo haben wir doch Andern nie Veranlaſſung ge⸗ geben, leichtſinnige Spieler zu werden, und haben dabei gearbeitet unter Sorgen und Mühen um unſere eigene Exiſtenz! Eben ſo gut aber wiſſen Sie auch, daß ich einmal gefaßte, reiflich erwogene Entſchlüſſe nie zu ändern pflege, weßhalb ich Sie beauftrage, morgen daſſelbe Ma⸗ növer an der Frankfurter Börſe zu wiederholen, um dann nach ein paar Tagen durch vertraute Perſonen hier 4000 Actien auf den Markt werfen zu laſſen und um jeden Preis zu verkaufen.— Sie ſehen, lieber Kniegel,“ fuhr er mit einem kurzen Lächeln fort,„welch unbedingtes Vertrauen ich in Sie ſetze.“ „Wiſſen aber auch durch jahrelangen Verkehr,“ ent⸗ gegnete der Senſal mit ernſtem Blick,„wie treu ergeben ich Ihnen bin, und werden verſichert ſein, daß mein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für Ihre mir noch jüngſt bewieſene Großmuth kein geheucheltes iſt.“ Herr Schropps machte eine abwehrende Handbewegung und fragte dann, plötzlich das Geſprächsthema ändernd: „Was wiſſen Sie von Watters? Sehen Sie ihn zu⸗ weilen?“ — 143 „Selten und nur weil mich ſein Pfleger, der Kellner Joſeph in der goldenen Seejungfer, protegirt und zuweilen zu ihm läßt. Doch kann das nur im Geheimen geſchehen, denn der würdige Bankdirektor, der ſich, wie er von ſich ſelber ſagt, auf die uneigennützigſte Art und aus reinem Mitleidsgefühl„zum den armen Teufel annimmt, hält ihn unter Verſchluß, mit dem ſtrengen Befehl, Niemanden zu ihm zu laſſen.“ Herr Schropps warf mit einer verächtlichen Miene den Kopf empor, ehe er zur Antwort gab:„Und glauben Sie, daß er durch dieſen Unglücklichen irgendwie auf Madame Bendel zu Gunſten einer Verbindung mit deren Tochter einwirken wird?“ „Es iſt das kaum glaublich, aber er wird ihn doch zu irgend einem Zwecke gegen die arme Frau als Daum⸗ ſchraube benutzen und hat das recht raffinirt eingefädelt, indem er den Obermedicinalrath Doktor Werner, den ein⸗ flußreichen Beſchützer der Madame Bendel, erſuchte, nach dem unglücklichen Blinden und Kranken zu ſehen, natür⸗ lich Alles wieder aus purer Nächſtenliebe! Da nun ein Arzt immer gewiſſermaßen eine Art von Beichtvater iſt und der Obermedicinalrath auch den Namen Watters genau kennt, ſo zweifle ich um ſo weniger daran, daß Madame Bendel ſchon den bedeutenden Schlag erhal⸗ ten hat, als mir der Kellner Joſeph im größten Ver⸗ trauen mittheilte, eine dicht verſchleierte Dame ſei mit Doktor Werner vor einigen Tagen bei dem Kranken ge⸗ weſen.“ —— —— — — —,;“ „Aber wohin ſoll das führen?“ fragte Herr Schropps achſelzuckend. „Den würdigen Bankdirektor doch am Ende noch zu ſeinem Ziele im Hauſe der Madame Bendel.“ „Ja, ja,“ ſprach Herr Schropps nachdenkend,„dieſe Frau iſt ſoeben wieder aufgelebt unter dem warmen Sonnenſtrahl allgemeinen Wohlwollens, ja, ſogar Aller⸗ höchſter Gnade, wie ich gehört, und wenn jetzt wieder ein ſo kalter Hagelſchauer niederfiele auf ihr eben auf⸗ keimendes Glück, ſo müßte ſie das unrettbar zerſchmettern, und der edle Freiherr iſt der Mann, ohne Schonung zu handeln, wenn ihm das von Nutzen iſt, und er hat gegen⸗ wärtig die Macht dazu.— Freiherr und Beſitzer un⸗ ermeßlicher Güter, ſoll er auch, wie ich vernommen, einen Orden erhalten haben, dazu iſt er Direktor einer Bank, deren Actien im luſtigen Aufſteigen begriffen waren und die auch nächſter Tage wieder in die Höhe gehen könnten, wenn wir nicht gleichfalls die Macht hätten, ein wenig mit Hagelſchauer, ja, ſogar mit Blitzſtrahl zu ſpielen— und das wollen wir thun, mein lieber Kniegel, es geſchieht alſo Alles ſo, wie wir es ſoeben abgeſprochen.— Dann noch Eins— haben Sie die Papiere für den edlen Frei⸗ herrn eingekauft?“ „Ich konnte nicht anders, ohne Verdacht bei ihm zu erregen, habe es aber bis jetzt ſo einzurichten gewußt, daß ich ihn nicht oben in ſeinen Zimmern traf, ſo oft ich auch ſchon hinaufging, um ſie ihm ſelbſt zu übergeben, denn das hat er ausdrücklich verlangt, da er ſeinem Kam⸗ — — — — 145— merdiener nicht zu trauen ſcheint; ich war auch häufig vom Bureau abweſend und meiſtens dann, wenn ich eine Ahnung hatte, daß er erſcheinen würde; er ſcheint es nicht zu lieben, ſeine kleinen Privatgeſchäfte drunten vor den Leuten abzumachen.“ „So treiben Sie das gleiche Spiel, ſo lange Sie können.“ „Aber wenn er mir doch einmal befiehlt, die Papiere in die Hand ſeines Kammerdieners zu geben— was ſoll ich in dieſem Falle thun?“ „Wenn das vor der großen Kataſtrophe der Fall wäre, ſo iſt weiter Nichts zu machen, als die Papiere ſeinem Kammerdiener zu übergeben.“ „Es iſt eine bedeutende Summe, Herr Schropps.“ „Obendrein erſchwindeltes Gut, aber er hat es von ſeinem Antheile gedeckt und wir haben kein Recht darauf.“ „Gut, ſo will ich alſo die Papiere, wenn er es befeh⸗ len ſollte, ſeinem Kammerdiener übergeben.“ „Ja, auf ſein eigenes Riſiko!“ — —õ— — Achtzehntes Kapitel, handelt als Fortſetzung des vorigen von einer Begegnung ſehr trauriger Art und ſoll den geneigten Leſer ſchonend auf den ernſten Schluß dieſer Geſchichte vorbereiten. Der ſchweigſame Kammerdiener des Herrn Barons von Dallenbach befand ſich im Vorzimmer ſeines Herrn, und da er zufälligerweiſe keine Beſchäftigung hatte, ſo machte er ſich ein harmloſes Vergnügen daraus, geräuſch⸗ los an den Fenſtern vorbeizuſchleichen, um Fliegen, die an den Scheiben ſummten, mit einer raſchen und ſehr geſchickten Handbewegung einzufangen und vermittelſt eines ſanften Druckes zwiſchen ſeinen Fingern zu tödten. Er haßte dieſes geräuſchvolle Schwirren und Summen, über⸗ haupt Alles, was Lärm verurſachte, weßhalb er es auch für ſeine Perſon vermied, unnöthiges Geräuſch zu machen, und jedes nothwendige abſchwächte, ſo viel das in ſeinen Kräften ſtand. Sein Schritt war unhörbar, er glitt auf dem Parquet und den Teppichen wie ein Schatten dahin, ſein leiſes Sprechen glich einem angenehm flüſternden Windhauche; wenn er huſtete, preßte er die Hand feſt auf den Mund, und das Bedürfniß des Schnäuzens ſeiner Naſe befriedigte er an einem ſtillen, abgelegenen Orte des Hauſes. Jetzt hielt er plötzlich mit der Beſchäftigung des Flie⸗ genfangens inne und ſtand lauſchend da, doch nur einen Augenblick, worauf er gegen die Thür hinglitt, dieſe ge⸗ — 147— räuſchlos öffnete und dann mit einer tiefen Verbeugung zur Seite trat, um den Herrn Obermedicinalrath Doktor Werner einzulaſſen. „Iſt Ihr Herr zu Hauſe?“. „Gewiß, Herr Obermedicinalrath, in ſeinem Schreib⸗ kabinet den Herrn Obermedicinalrath erwartend,“ worauf er wie ein Schatten voraus durch die Zimmer ſchwebte, während der feſte Tritt des Arztes deutlich durch die hohen Räume hallte, die, obgleich, wie wir wiſſen, reich möblirt, ſtets etwas Oedes, Unwohnliches an ſich hatten. Der Freiherr lag in einem tiefen Fauteuil, welcher ſo nahe bei dem Schreibtiſche ſtand, daß er leicht Papier und Zeitungen von dort erreichen konnte, ſowie ein großes Glas mit Limonade oder Zuckerwaſſer, das zwiſchen Brie⸗ fen auf einem ſilbernen Präſentirteller ſtand. Er wollte ſich mit einer matten Bewegung erheben, als der Arzt eintrat, doch winkte ihm dieſer abwehrend mit den Worten:„Bleiben Sie ruhig ſitzen, Baron, zwi⸗ ſchen mir und meinem Patienten braucht es keine Um⸗ ſtände und Complimente.“ „So bitte, nehmen Sie ſich einen Stuhl. 4 „Später vielleicht, ich bin nicht müde, habe den gan⸗ zen Morgen in meinem Wagen geſeſſen.“ Er lehnte ſich an den Schreibtiſch, den Anderen be⸗ trachtend, der jeden Augenblick unruhig ſeine Lage ver⸗ änderte, bald das rechte Bein über das linke ſchlug, um gleich darauf wieder die entgegengeſetzte Bewegung zu machen, bald die eine, bald die andere Hand unter ſeinen — 148— Kopf legte, jetzt mit zuckenden Fingern nach ſeinem Schnupf⸗ tuche griff, um ſich über die Stirn zu fahren und dann den Schnurrbart zu wiſchen. „Sie ſind wieder einmal recht aufgeregt, lieber Baron!“ „Das weiß der Himmel, und es nimmt mich kein Wunder bei dem Leben, das ich zu führen gezwungen bin! Dieſe Maſſe von Arbeiten, die tauſenderlei Fragen, die zu beantworten ſind, die oft ſo wichtigen Entſchlüſſe, die man ohne Ueberlegung faſſen muß, dieſes immerwährende Getreibe bei Tag und Nacht— ich verſichere Ihnen, Doktor, ich habe gar keine Nachtruhe mehr, da ich in Einem fort durch Telegramme gequält werde, die ich leſen und häufig ſogleich beantworten muß— o, es iſt das ein elendes Leben!“ „Aber man verdient viel Geld dabei.“ „Pah, was nützt mich das Geld! Kann ich mir einen guten Appetit damit kaufen, oder einen geſunden Schlaf?“ „Für den Augenblick nicht, Sie befinden ſich eben in der heißen, ermüdenden, abſpannenden Erntezeit, ſo wie aber einmal Ihre Scheunen gefüllt ſind, werden Sie ſchon wieder Luſt und Zeit zum Genuſſe finden und ſich dann recht erfreuen an Ihrem erworbenen Vermögen und— an Ihren wohlverdienten Auszeichnungen!“ Bei den letzten Worten ſchweifte der Blick des Arztes unter einem kurzen, etwas ironiſchen Lächeln über das Schreibpult hin, wo auf einem geöffneten Etui ein glänzen⸗ des Ordenskreuz an einem breiten rothen Bande zu ſehen war. 149— „Ach ja,“ entgegnete der Bankdirektor, indem er ſich 6 durch eine raſche Bewegung ſeines ganzen Körpers gegen den Schreibtiſch herumwarf,—„es hat mich doch ein wenig gefreut, das glänzende Spielzeug, das hübſche Toiletten⸗ ſtück!“ „Nun, ich ſollte meinen, es müßte Sie recht ſehr ge⸗ freut haben,“ verſetzte der Arzt mit einer ernſten Miene. „Es iſt das immerhin eine große Auszeichnung, und wenn ich auch überzeugt ſein muß, daß Sie dieſelbe gewiß ver⸗ dient haben, ſo haben Sie doch gerade durch dieſen Orden verſchiedene Stufen überſprungen, um welche, wie Mephiſto ſagt, ein Anderer viele Jahre ſtreicht.— Wiſſen Sie wohl, lieber Baron,“ fragte er hierauf mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln,„wie lange ich z. B. gebraucht habe, um dieſes ſelbe Kreuz mit dem gleichen breiten Bande zu erhalten?— Vierundzwanzig Jahre harter Arbeit und ſchwerer Sorgen habe ich dazu gebraucht!“ „Pah, verehrteſter Herr Obermedicinalrath,“ entgegnete der Freiherr in einem jovialen, leichtſinnigen Tone, indem er ſeine Beine auf den Sitz ſeines Fauteuils zog und ſich dadurch etwas in die Höhe hob,„es iſt eben jetzt die Zeit des ſchnellen Lebens, des Dampfes, der Elektricität, man kommt oft zu Orden und weiß nicht wie, man avan⸗ cirt und weiß nicht warum. Haben wir es ja auch erlebt, daß junge Offiziere in wenigen Jahren zu den höchſten militäriſchen Stellungen kamen, ohne je einen Schuß Pul⸗ ver vor dem Feinde gerochen zu haben; wir leben eben im Zeitalter der Protection.“ — 150— „Und in dem des allgemeinen Schwindels, das iſt nicht zu leugnen.“. „Zugeſtanden, doch thun dergleichen Auszeichnungen, wenn ſie hier und da überraſchend ſchnell auf uns herein⸗ fallen, Ihrem allerdings wohlverdienten Kreuze keinen Abbruch. Bei Ihnen bezeichnet es ein großes Verdienſt, V bei mir eine kluge Finanz⸗Spekulation und gilt auch da⸗ nach.— Sie ſehen, wie ich offenherzig bin— doch ſind wir da auf ein ganz anderes Geſprächsthema gekommen,“ ſetzte der Bankdirektor hinzu, indem er ſeine Beine raſch ausſtreckte und die Arme auf die Lehnen ſtützend ſich ganz aufrecht hinſetzte—„ich wollte eigentlich Wichtigeres mit Ihnen reden, lieber Obermedicinalrath.“ „Ueber Ihren Geſundheitszuſtand?“ V„Ja— auch, der freilich kläglich genug iſt, doch da⸗ von ſpäter— wie ſteht es mit Watters?“ „Erlauben Sie mir, vorher einen Stuhl zu nehmen,“ 3 1 V verſetzte der Arzt, indem er ſich raſch abwandte, vielleicht, um einen finſteren Schatten zu verbergen, der über ſeine Züge flog. Dann, nachdem er ſich geſetzt, fuhr er fort: „Dieſer Watters iſt ein recht unglückliches Geſchöpf.“ „Und ſeine Blindheit?“ „Total unheilbar, wie ich Ihnen neulich ſchon ſagte, doch iſt gerade die Urſache ſeiner Blindheit das Bejam⸗ mernswürdigſte für ihn. Ich habe ihn ein paar Mal genau unterſucht, und wenn er auch noch Monate leben kann, ſo iſt doch eine einzige große Aufregung im Stande, ihn zu tödten.“ — 4151— „Sie erſchrecken mich!“ „Es hat einige Zeit gebraucht,“ fuhr Doktor Werner in ruhigem Tone fort,„ehe er mir Mittheilungen über ſeine letzten Lebensjahre machte, ja, ehe er mir geſtattete, ihn gründlich zu unterſuchen.“ „Nun?“ „Watters war ſchon ſeit Jahren auf dem einen Auge erblindet, und dazu hatte ſich bei ſeiner aufregenden Le⸗ bensweiſe eine Herzkrankheit raſch entwickelt, bei welcher bekanntermaßen ein Minimum geronnenen Blutes irgend eine Ader verſtopfen und dadurch den ganzen Organismus zerſtören kann. Tritt dieſes Blutgerinnſel in eine Ader des Gehirns, ſo haben wir einen Hirnſchlag, tritt es aber in die einzige kleine Ader, welche der Sehnerv beſitzt, ſo iſt dieſer ſeiner nährenden Zufuhr beraubt und die Seh⸗ kraft unwiederbringlich verloren; dies war bei Watters der Fall.“ „Entſetzlich! Und Sie halten ſein Herzleiden für ſo gefährlich, daß irgend eine Aufregung ſchädlich für ihn ſein kann?“ „Unbedingt tödtlich— ſein kann,“ ſagte der Arzt, indem er den Zeigefinger ſeiner rechten Hand ein wenig erhob. „Armer Kerl!“ murmelte der Freiherr, eine Hand unter den Kopf ſchiebend und ſich in ſeinem Fauteuil lang ausſtreckend, worauf er nach einem längeren Nachdenken den Arzt verſtohlen aus den Augenwinkeln anblickte und die Frage that:„Hat er Ihnen Mittheilungen aus ſeinem — —,— 2 —— ——— — — —ᷣ::::-—⸗——C——— — früheren Leben gemacht, vielleicht ſolche, die ihn veranlaß⸗ ten, hieher zurückzukehren?“ „Das hatte er durchaus nicht nöthig,“ entgegnete der Arzt in einem ruhigen, aber ſehr beſtimmten Tone,„denn nachdem Sie mir den Namen Watters genannt und ich denſelben auf Ihren Wunſch geſehen, wußte ich alsbald, wen ich vor mir hatte und kannte einen Theil ſeiner Ver⸗ gangenheit in hieſiger Stadt auf's Genaueſte.“ „Ah, wie mich das intereſſirt!“ rief der Freiherr mit einem erkünſtelten Erſtaunen.—„Ja, ja, er war früher hier, wie ich mich dunkel erinnere von ihm ſelbſt gehört zu haben, und kehrte wahrſcheinlich zurück, um den Verſuch zu machen, einſtige Verbindungen hier wieder anzuknüpfen — dazu ſollte man ihm eigentlich behülflich ſein.“ Der Freiherr ſprach die letzten Worte, indem er vor ſich nieder und dem Spiel ſeiner Hände zuſchaute, welche die beiden ſeidenen Quaſten ſeines Schlafrocks in eine kreisförmige Bewegung ſetzten, weßhalb er nicht im Stande war, zu bemerken, daß ihn Doktor Werner mit einem finſtern, verächtlichen Blicke betrachtete, ehe er ſagte:„Da⸗ rin irren Sie ſich, Baron, Watters kam nicht hieher, um frühere Beziehungen wieder anzuknüpfen, er iſt überhaupt nur zufällig hieher gekommen, gute Freunde drüben in Amerika ſchoſſen Gelder für ihn zuſammen, um ihn nach Europa zurückzuſchaffen, und gaben ihm die Mittel, hier ein paar Jahre lang, allerdings kümmerlich, ſein Leben im Verborgenen friſten zu können. Und ſo wäre es auch geſchehen, wenn jene guten Freunde vorſichtiger in der — 153— Wahl ſeines Begleiters geweſen wären. Dieſer aber war ein Lump erſten Ranges, der in Bremen Watters ſeinem Schickſale überließ und den Unglücklichen zwang, ſich einem nicht minder ſchlimmen Vagabunden anzuvertrauen, der ein ergiebiges Geſchäft darin ſäah, mit dem armen, blin⸗ den, mitleiderregenden Menſchen bettelnd durch Deutſchland zu ziehen.“ „Entſetzliches Schickſal, wenn man denkt, wie Watters früher war und wie auch Sie ihn wohl gekannt haben, Herr Obermedicinalrath!“ ſagte der Bankdirektor mit einem lauernden Blick. Dieſer nickte ſchweigend mit dem Kopfe, und erſt als der Andere geſagt:„Aber jedenfalls muß man für ihn ſorgen, und dazu will ich das Meinige redlich beitragen,“ verſetzte Doktor Werner:„Das iſt bereits eingeleitet, und zwar in hochherziger Art von Leuten, die früher hier mit ihm in Beziehungen geſtanden.“ „Hm,“ machte der Freiherr, ausdrucksvoll mit ſeinem Kopfe ſchüttelnd,„und glauben Sie nicht, daß das für jene Leute compromittant ſein könnte?“ „Das verſtehe ich nicht recht, kann Ihnen aber nur ſo viel ſagen, Herr Baron, daß Watters ſich jetzt ſchon als todt für ſeine früheren Bekannten betrachtet, und daß, wie er mir ſelbſt ſagte, er ſich eher die Zunge abbeißen würde, als geſtatten, daß ſie Zeugniß ablege für ſeine traurige, etwas ſchmachvolle Vergangenheit.“ „Das iſt freilich etwas Anderes,“ erwiederte der Frei⸗ herr in einem unmuthigen Tone, indem er raſch auf⸗ — 14— ſprang und einen haſtigen Gang durch das Zimmer machte. Auch der Arzt hatte ſich erhoben, wobei er, auf eine ganz eigenthümliche Art lächelnd, den Dahinwandelnden, der heftig mit den Armen ſchlenkerte, betrachtete:„Ihre Nerven ſcheinen mir wahrhaftig außerordentlich gereizt, Herr Baron, und ich möchte mich wohl einmal bei Ihrem Pulſe erkundigen, wie es Ihnen eigentlich geht.“ „Das vermag ich Ihnen ſelbſt beſſer zu ſagen, als mein Puls,“ rief der Andere im Tone einer faſt unarti⸗ gen Gereiztheit,„mir geht es wie Jemand, der in Einem fort mit allen möglichen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hat, deſſen Gehirn bis zum Zerſpringen mit allen unan⸗ genehmen Gedanken angefüllt iſt, der häufig das Gefühl hat, als müßten jetzt plötzlich ſeine Nerven reißen und er wie eine ſchlotternde Gliederpuppe zuſammenſinken.“ „Und dabei verſpüren Sie nirgendwo einen örtlichen Schmerz?“ „Nur zuweilen einen dumpfen Druck am Hinterkopfe, dabei in der Nacht Schlafloſigkeit und böſe, böſe Gedanken — ja, ich habe in der vergangenen Nacht nicht einmal ſchlafen können, obgleich ich die beiden vorhergehenden Nächte mit Schropps im Eiſenbahnwagen zubrachte. Wir waren in Frankfurt, um einen gewichtigen Keil unter unſere Actien zu treiben, welche, der Teufel mag wiſſen, warum, eine kleine Neigung zum Sinken hatten— haben Sie etwas davon gehört?“ fragte der Bankdirektor, vor dem Arzte ſtehen bleibend. — 155 „Nicht das Geringſte, ich bekümmere mich wenig darum, doch finde ich es begreiflich, daß dabei Ihre Nerven auf⸗ geregt ſind.“ „O, fürchterlich, Doktor,“ erwiederte der Andere mit einem tiefen Seufzer, indem er ſeine Augen mit einer Hand bedeckte—„es iſt wahrhaftig mehr als Nerven⸗ aufregung, es iſt etwas wie ein beginnender Wahnſinn dabei, es iſt eine unerklärliche Angſt und Beklommenheit, die mich nicht ruhen läßt, die mich aus einem Zimmer in's andere treibt, aus dem Hauſe in's Freie und wieder zurück, Nachts aus dem Bette und lauſchend an's Fenſter, um den Schritt des Telegraphendieners zu hören, oder ein anderes unheimliches Getrampel auf dem Pflaſter, wie das Geräuſch einer zahlloſen Menſchenmenge, die ich un⸗ deutlich und ſchattenhaft ſogar zu ſehen glaube, aufwärts blickend und die Hände in die Höhe ſtreckend mit dumpfem Murmeln— da oben iſt er— da ſteht er am Fenſter — a— a— a—ah, das iſt ganz entſetzlich!“ Doktor Werner hatte mit einem unverkennbaren Aus⸗ drucke ernſten Mitleides auf den Bankdirektor geblickt, der, während er ſprach, ſich unruhig auf ſeinen Hüften wiegte und mit den zuckenden Fingern bald an ſeinem Barte herumfuhr, bald ſeine Augen, ſeine Stirne und ſeinen Scheitel betaſtete. „Jedenfalls will ich Ihnen etwas aufſchreiben,“ ſagte der Arzt alsdann,„obgleich ich mir kaum große Wirkung davon verſpreche, wenn Sie nicht ſo viel über ſich vermögen, um ſich ſelber Ruhe zu gönnen und Ihre Gedanken zu verjagen.“ — 156— „Können Sie das willkürlich thun, Doktor?“ fragte der Andere mit einem traurigen Lächeln. „Wenn ich ſage, ja, ſo will ich damit nicht behaupten, daß es ſehr leicht iſt, aber mit Willenskraft geht es.“ „Ah, die Gedanken, die Gedanken, die fürchterlichen Gedanken, die uns nächtlich wie grelle Blitze auf einer ſchwarzen Wetterwand umzucken!— Können Sie mir etwas nicht allzu ſehr Angreifendes zum Schlafen geben? Nur kein Morphium, das macht mir Hallucinationen und bringt mich ganz herunter!“. „Ich will Ihnen etwas Chloralhydrat verſchreiben,“ ſagte der Obermedicinalrath, indem er ſich an den Tiſch ſetzte und raſch und flüchtig ſchrieb.„Nehmen Sie aber nicht mehr, als ich Ihnen verordne!“ „Könnte es ſonſt gefährlich werden, tödtlich?“ „Das gerade nicht, aber es könnte die gegentheilige Wirkung haben.— Und nun behüte Sie der Himmel, gönnen Sie ſich Ruhe, denn ſonſt helfen Ihnen nicht die Medicamente der ganzen Welt.“ „Ich danke herzlich und will's verſuchen— wann ſehe ich Sie wieder?“ „Morgen oder übermorgen, ich will Sie, ſobald ich kann, wieder auf meine Liſte ſetzen, bleiben Sie aber ruhig da, ich finde meinen Weg ſchon allein.“ Dann verließ der Obermedicinalrath das Zimmer und fand im übernächſten den ſchweigſamen Kammerdiener, der an den Himmel hinaufblickte und in ſo bequemer Stellung am Fenſter lehnte, als habe er dort ſchon während der ——— ganzen Dauer des ärztlichen Beſuches geſtanden. Jetzt aber wandte er ſich um, machte eine tiefe Verbeugung und glitt dann voraus bis in's Vorzimmer, wo er an der Thüre, ſtatt dieſe zu öffnen, ſtehen blieb, leicht hinter ſei⸗ ner vorgehaltenen Hand huſtete und dann ſich demüthig verneigend flüſterte:„Würden mir der Herr Obermedi⸗ cinalrath wohl eine ganz unterthänige Frage erlauben?“ „Sind Sie unwohl, mein Lieber?“ „Das nicht, Herr Obermedicinalrath, Gott ſei Dank, durchaus nicht, aber ich fürchte, der Herr Baron befinden ſich in einem ſehr leidenden Zuſtande.“ „Etwas leidend allerdings, aber ohne Ernſtes fürchten zu laſſen.“ „Verzeihen mir der Herr Obermedicinalrath eine viel⸗ leicht ganz unbeſcheidene Bemerkung: ich glaube, der Herr Baron leiden mehr geiſtig als körperlich.“ Der Arzt ſchaute mit einem erſtaunten Blick auf den Sprecher, der, ſeine Hände ſanft um einander reibend, freundlich, milde, ohne eine Spur von Erregung fortfuhr: „Der Herr Baron treiben ſich nämlich oft Nächte lang ruhelos in ſeinem Zimmer umher, mit ſich ſelbſt allerlei ſeltſame Sachen beſprechend.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Die Sorge um den Herrn Baron treibt mich oft in's Vorzimmer, um nach ihm zu ſehen.“ „Und zu hören, was er mit ſich ſelber ſpricht?“ „Unwillkürlich, Herr Obermedicinalrath.“ Hackländer, Kainszeichen. IV. 11 — 158— „Nun, und was iſt denn merkwürdig an dem, was er ſagt?“ „Es ſind oft ſehr abſonderliche Reden, Herr Ober⸗ medicinalrath,“ hauchte der Kammerdiener kaum verſtänd⸗ lich,„häufig Ausrufungen wilder Art,— wenn das und das geſchähe, ſo müßte ich— oder wenn es ſo weit käme, ſo könnte ich nicht anders als— wobei es für mich keine tröſtliche Beruhigung war, daß ich ihn ſchon ein paar Mal ausrufen hörte: O, es wäre zum Todtſchießen!— Sehen Sie, Herr Obermedicinalrath,“ fuhr der Kammer⸗ diener mit einer demüthigen Senkung des Kopfes fort, „das gibt einem Diener zu denken, und deßhalb habe ich mir auch vorhin die ganz unterthänigſte Bemerkung er⸗ laubt, daß der Herr Baron mehr geiſtig als körperlich leiden, was aber der Herr Obermedicinalrath gewiß ſelbſt ſchon bemerkt haben, und da ich davon feſt überzeugt bin, ſo möchte ich hieran eine ganz ausſchweifende Frage knüpfen: Ob nämlich der Herr Obermedicinalrath der Anſicht ſind, daß ſich das geiſtige Leiden des Herrn Ba⸗ rons vielleicht zum Irrſinn entwickeln, oder gar mit einem Selbſtmord enden könnte?“ „Mann, Sie ſehen ja furchtbar ſchwarz,“ rief Doktor Werner mit großem Erſtaunen,„und ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß Sie zu irgend jemand Anderem in dieſer Art ſprächen.“ „Es iſt überhaupt nicht meine Art, viel zu reden,“ ſagte der Kammerdiener, indem er mit einem milden Lächeln den Kopf ſchüttelte. —⏑‧,—;’L—B˖H⏑O:n(⸗sê”F·— —⏑‧,—;’L—B˖H⏑O:n(⸗sê”F·— 159 „Da ich das weiß und mir deßhalb die bewieſene Sorge um Ihren Herrn ein erfreuliches Zeichen von Ihrem guten Herzen iſt, ſo will ich Ihnen auch ehrlich meine Meinung ſagen, daß mich allerdings der Zuſtand des Herrn Barons, ſo wie ich ihn heute gefunden, ein wenig beunruhigt, und wenn ich auch durchaus an keine geiſtige Störung glaube, ſo iſt doch eine ſo große Nervenauf⸗ regung vorhanden, daß man vielleicht Urſache haben könnte, ihn zu beobachten, wenn er unvorhergeſehen von irgend einer großen Widerwärtigkeit betroffen würde. Doch wird dieſes hoffentlich nicht der Fall ſein, und Ihr treues, an⸗ hängliches Gemüth, das ich zu ſchätzen weiß, mag ſich immerhin beruhigen.“ „Ich danke Ihnen für dieſe gute Meinung, Herr Obermedicinalrath,“ entgegnete der Kammerdiener, indem ein kurzes, etwas eigenthümliches Lächeln auf ſeinen Zügen erſchien.„Doch bin ich offen und ehrlich genug, um dem Herrn Obermedicinalrath zu ſagen, daß es nicht nur die Sorge um meinen Herrn iſt, die mich zu meinen un⸗ beſcheidenen Fragen veranlaßte, ſondern auch die Sorge um meine eigene Exiſtenz.“ „Wie ſo?“ fragte der Arzt verwundert.„Sie ſind hier in einem vornehmen und reichen Hauſe, mein Lieber, und ich kann mir nicht denken, daß der Baron nicht in jeder Richtung Sorge für ſeine treuen Diener trägt.“ „O ja,“ verſetzte der Kammerdiener mit niedergeſchla⸗ genen Augen,„unſer Haus iſt jetzt ſehr vornehm und ——— — 160— reich geworden, auch bin ich nicht um meine Exiſtenz be⸗ ſorgt in dem Sinne, wie der Herr Obermedicinalrath vielleicht andeuten wollten, doch hat man auch Rückſichten anderer Art auf ſich ſelbſt zu nehmen, und ich, der ich bisher ſtets nur in wirklich vornehmen und wirklich reichen Häuſern ſervirte, wäre es doch meinem Namen ſchuldig, bei irgend einer unangenehmen Kataſtrophe hier nicht gegenwärtig zu ſein.“ Der Arzt trat auf's Höchſte überraſcht einen Schritt zurück, und obgleich ſich dieſe Ueberraſchung ſichtbar in ſeiner finſter werdenden Miene ausdrückte, zögerte doch der Kammerdiener nicht, mit unverwüſtlicher Ruhe fortzufahren: „Der Herr Obermedicinalrath werden mir zugeben, daß ein Kammerdiener nicht nur der erſte Beamte in jedem wirklich geordneten Hauſe iſt, ſondern daß er auch, als den perſönlichen Dienſt leitend, danach trachten muß, un⸗ berührt zu bleiben von dergleichen unangenehmen Vor⸗ fällen, ſeiner Zukunft wegen! Denn es könnte meinem künftigen Herrn durchaus nicht angenehm ſein, daß die⸗ ſelben Hände— hier betrachtete er ſeine feinen, weißen Finger—, welche ihm den Ordensſtern auf der Bruſt befeſtigen, vielleicht vor Kurzem genöthigt waren, Jeman⸗ den zu berühren, der—.“ Er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern begnügte ſich, mit einem ausdrucksvollen Achſelzucken in ſeine geklümmte hohle Hand zu huſten, um gleich darauf, als Doktor Werner mit einem ſehr kurzen Kopfnicken gegen die Thüre ſchritt, dieſe zu öffnen und unter einer tiefen Verbeugung den Arzt auf das — 161— Veſtibule hinausgehen zu laſſen, wo ihn einer der Lakaien empfing, welcher ihn die Treppe hinab bis an ſeinen Wagen geleitete. Ein heftiger Riß an der Klingel aus dem Zimmer des Bankdirektors machte, daß der Kammerdiener, ſtatt aufzufahren und dort hinzueilen, ein klein wenig ſeinen Kopf erhob, auf eine unangenehme Art ſeitwärts blickte und dann, die Hände auf den Rücken gelegt, langſam durch die Zimmer dahinſchlenderte, um dem Rufe Folge zu leiſten. Er behielt dabei Zeit genug, ſich in Betrach⸗ tungen zu ergehen, von denen er zuweilen einzelne Worte halblaut vor ſich hinmurmelte:—„Mich betrogen hat er ſchon gleich zu Anfang— ſtatt das reiche Haus eines vornehmen Cavaliers eine verſchuldete Wirthſchaft— immer ungeſtüme Mahner— kann dabei mein eigenes Renommée auf's Spiel ſetzen— und jetzt droht etwas im Hinter⸗ grunde, das— dem zu entgehen Pflicht der Selbſterhal⸗ tung iſt— nach meinem Verſchwinden wird man mich der Undankbarkeit anklagen— der Herzloſigkeit meinet⸗ wegen— das Schlimmſte nicht— alſo—“ Ein zweiter Riß an der Glocke beſchleunigte ein klein wenig ſeine Schritte, doch nicht ſo, daß man dieſelben auf dem Parquetboden vernommen hätte, auch öffnete er geräuſchlos die Thüre des Schreibzimmers, und ſein mildes, freundliches Geſicht veränderte ſich nicht im Geringſten, als ihn der Freiherr, die Arme auf die Lehne des Seſſels geſtützt, mit zornig funkelnden Augen anſchnauzte:„Hat Q denn das ganze Haus keine Ohren mehr, oder finden Sie —— — 162— es nicht der Mühe werth, Ihren Schritt zu beſchleunigen, wenn ich die Klingel beinahe abreiße?“ „Der Herr Baron werden entſchuldigen,“ flüſterte der Kammerdiener,„doch hielt ich es für meine Schuldigkeit, den Herrn Obermedicinalrath an ſeinen Wagen zu be⸗ gleiten, da beide Lakaien—“ „Schon gut,“ murrte der Freiherr, indem er ſich heftig in ſeinen Fauteuil zurückwarf,„achten Sie auf Ihren Dienſt und ſorgen Sie dafür, daß nicht beide Lakaien zu gleicher Zeit verſchick werden— war Kniegel nicht da?“ „Heute noch nicht, Herr Baron, aber geſtern und vor⸗ geſtern mehrere Male, ich glaube, er wollte dem Herrn Baron etwas bringen, weigerte ſich aber, es mir zu geben.“ Der Bankdirektor biß die Zähne aufeinander, daß ſie leiſe knirſchten, dann murmelte er, für den Anderen ganz unverſtändlich:„Ich glaube, dieſes Thier kommt abſicht⸗ lich nur dann, wenn ich nicht zu Hauſe bin,“ worauf er laut hinzufügte:„Wenn einer der Lakaien kommt, ſo ſoll er Kniegel ſuchen, ich erwarte ihn ſogleich, weil ich um zwölf Uhr in eine Sitzung fahren muß— war er heute noch nicht auf dem Bureau drunten?“ „O ja, doch ſchliefen der Herr Baron noch.“ „Sie hätten mich wecken ſollen.“ Der Kammerdiener beugte ſeinen Kopf, als begreife er vollkommen den Fehler, den er gemacht, und verharrte mit zuſammengelegten Händen in dieſer Stellung, während der Freiherr fortfuhr:„Sollte er kommen, wenn ich aus⸗ n — 163— gefahren bin, ſo— ſo laſſen Sie ſich von ihm geben, was er mir zu bringen hat.“ „Er wird das aber nicht ohne einen ſchriftlichen Be⸗ fehl des Herrn Barons thun wollen.“ „Geben Sie mir ein Blatt Papier und eine Bleifeder — da, zeigen Sie ihm das— und beſtellen Sie meinen Wagen auf vier Uhr, ich werde mich allein ankleiden.“ Dann ſank er wieder tief in dem Fauteuil zuſammen, ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und ſchien es gar nicht zu beachten, daß der Kammerdiener das Gemach verließ, geräuſchlos wie er gekommen. Dieſer glitt langſam durch die Zimmer zurück und erſt in dem, das zunächſt am Veſtibule lag, trat er an's Fenſter, entfaltete das Papier, welches ihm der Freiherr gegeben, und nachdem er die Worte geleſen:„Geben Sie das Bewußte meinem Kammerdiener,“ lächelte er mit zu⸗ friedener Miene und ſprach halblaut für ſich:„Daraufhin könnte ich ja ſelbſt den Herrn Kniegel aufſuchen— wir wollen uns das überlegen.“— Der Obermedicinalrath war indeſſen auf ſeinem Be⸗ ſuchswege weiter gefahren, und da er auf demſelben in die untere Stadt dicht am Fluſſe gekommen war, ſo ließ er durch einen Zuruf an den Kutſcher die Richtung ſeines Wagens ändern und befahl, am Reckenberg'ſchen Hauſe vorzufahren. Dort öffnete ihm Herr Joſeph Schropps in gewohnter Weiſe ſelbſt die Thüre und geleitete ihn hinauf bis an das Zimmer Sophiens, wo er dann zu⸗ rückblieb und den Arzt allein eintreten ließ. — 164— Das junge Mädchen ſaß am offenen Fenſter, zu wel⸗ chem die heute ausnahmsweiſe milde und warme Herbſt⸗ luft einſtrömte. Sie war mit einer Handarbeit beſchäftigt, die ſie nun aber auf die Seite legte, während ſie ſich raſch erhob und dem Eintretenden ſo lebhaft und mit ſo freundlichem Lächeln entgegentrat, daß dieſer in jovialem Tone ein lautes Bravo ausrief und, ihre beiden Hände ergreifend, ſagte:„So gefällt mir meine liebe geweſene Kranke, und bin ich auch eigentlich nur zu einem freund⸗ ſchaftlichen Beſuche gekommen, um beim Anblick Ihrer guten Augen eine angenehme Abwechslung zu haben. Wie geht es Ihnen— vortrefflich, nicht wahr? Waren Sie heute bei dem ſchönen warmen Wetter aus?“ „Nur im geſchloſſenen Wagen, Herr Obermedicinal⸗ rath, während ich doch ſo gern ſpazieren gegangen wäre.“ „Herr Schropps iſt ein Tyrann,“ erwiederte er lächelnd, „und ich werde ihn gleich heraufkommen laſſen, um ihm anzubefehlen, daß er Ihnen freie Bewegung in der friſchen, ſtärkenden Luft gönnt— ja, ja, wir müſſen Ihre friſche Geſichtsfarbe wieder herzuſtellen ſuchen, obgleich ich, ein alter Mann, Ihnen verſichern darf, daß die zarte Bläſſe Ihrer Schönheit keinen Eintrag thut.“ „Sie wollen mir immer Freundliches ſagen, Herr Obermedicinalrath, und erhöhen dadurch das Gefühl meiner Dankbarkeit auf ſolche Art, daß ich nie mehr im Stande ſein werde, auch nur den kleinſten Theil meiner Schuld abzutragen.“ „Was habe ich denn ſo Großes für Sie gethan? — 165— Ein paar vielleicht ganz unnütze Recepte geſchrieben, wie ich deren täglich Dutzende im Tagelohn anfertige! Reden wir nicht darüber, und wenn Sie ſich trotzdem in meiner Schuld fühlen wollen, ſo thun Sie es immerhin, denn es macht mich glücklich— Sie haben Appetit und ſchlafen gut?— nun, das freut mich— ohne Träume?“ „Zuweilen träume ich doch, Herr Obermedicinalrath, und dann ſind es meiſtens Bilder aus der Kinderzeit, die an meiner Seele vorüberziehen.“ „Wahrhaftig,“ ſagte er, ſie lange betrachtend,„wenn ich Sie ſo anſehe, ſo überkommt auch mich eine Erinnerung an frühere Zeiten, etwas, das ich geträumt oder erlebt, aber ich vermag nicht, mich darauf zu beſinnen, obgleich es mir jetzt wieder gerade ſo iſt, als hätten mich Ihre klaren, lieben Augen ſchon aus einem anderen Geſichte angeſchaut!— Lüächerlich,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort, nachdem er langſam mit ſeiner Hand über die Stirn herabgefahren,—„ja— das war es, aber wie es nur möglich iſt, daß gänzlich ungleichartige Dinge in einander verfließen können oder ſich auch nur in der Phantaſie zuſammen vermengen! Dieſe herrlichen, ſchönen, ſeelenvollen Augen und der ſtarre, geblendete Blick des armen Watters — ſeltſam— ſeltſam!—“ Doch plötzlich unterbrach er ſein laut geführtes Selbſtgeſpräch— denn ſeine Worte waren eigentlich nichts Anderes geweſen, als ein lautes Denken — mit dem erſchreckten Ausruf:„Fehlt Ihnen etwas, mein liebes Kind, fühlen Sie einen Schmerz, weil Sie ſo plötzlich Ihre Hand auf das Herz drückten und die —y— — 166— Lippen krampfhaft zuſammenzogen? Kommen Sio, ſetzen Sie ſich auf Ihren Stuhl und laſſen Sie mich ein klein wenig Ihren Puls unterſuchen— oh, der geht ganz ruhig, wie ein wohlgeordnetes Uhrwerk— empfanden Sie vorhin irgend einen Schmerz?“ „Nein, Herr Obermedicinalrath,“ hauchte ſie nach einer kleinen Pauſe, und nachdem ſie ſich erſichtliche Mühe gegeben, lächelnd zu ihm aufzuſchauen, fuhr ſie ſehr lang⸗ ſam, wie um Zeit zu gewinnen, fort:„Es ſcheint, wir kommen aus den Erinnerungen gar nicht mehr heraus, eine ruft die andere hervor, und wenn ich ſo eben erſchreckt zuſammenfuhr, als Sie einen Namen nannten, ſo kam das daher, weil mich dieſer Name— Watters— an jene furchtbare Nacht erinnerte, wo Herr Nathan ſtarb, denn auch er,“ ſetzte ſie mit niedergeſchlagenen Augen hinzu, „nannte dieſen Namen verſchiedene Male in einer für mich gänzlich unverſtändlichen Weiſe.“ „Ach, das iſt leicht möglich,“ fuhr der Arzt in be⸗ ruhigtem Tone fort,„und ich begreife es auch wohl, daß Sie, mein liebes Kind, ſich durch Erinnerungen an jene furchtbare Nacht erſchüttert fühlen, aber wir müſſen ſtark ſein, mein liebes Kind, wir müſſen uns bemühen, Meiſter zu werden über dergleichen Erſchütterungen, wir müſſen unſer Köpfchen in die Höhe nehmen— ſo— wir müſſen alles Traurige zu vergeſſen ſuchen, und vor allen⸗Dingen werde ich nun mit unſerem verehrten Haustyrannen reden, daß er Sie in die friſche, ſtärkende Herbſtluft hinausläßt, ſo viel als Sie nur mögen, und dann wird ſich auch — 4166— recht bald Ihre friſche, roſige Geſichtsfarbe wieder ein⸗ ſtellen.“ Sie hatte ihm, langſam mit dem Kopfe nickend, zu⸗ gehört, und als er ihr jetzt nochmals die Hand herzlich gedrückt und dann nach ſeinem Hute ging, ſagte ſie nach einem ſichtbaren Kampfe mit ſich ſelber:„Wollen Sie mir eine allerdings etwas neugierig klingende Frage erlauben?“ „Fragen Sie, mein Kind, fragen Sie.“ „Wer war jener Herr Watters?“ „Jener Watters war nicht nur, ſondern iſt heute noch ein armer, unglücklicher Menſch, der durch ein trauriges Schickſal nach langjähriger Abweſenheit wieder hieher zurück⸗ geführt wurde.“ Der Arzt ſprach das in ganz unbefangenem Tone, da er begreiflicherweiſe dieſe Frage Sophiens als ganz un⸗ verfänglich betrachten mußte. „Wieder hieher zurückgeführt wurde,“ flüſterte ſie un⸗ hörbar für Doktor Werner. „Herr Nathan hat dieſen Watters wohl gekannt, wir Alle haben ihn gekannt, auch Herr Joſeph Schropps und Kniegel. Es war das ein junger, lebensfroher, eleganter und ſchöner Mann— damals, damals— doch würde man heute von allen dieſen beſtechenden Eigenſchaften ver⸗ geblich eine Spur ſuchen bei dem unglücklichen, total er⸗ blindeten Manne.“ „Total erblindeten Manne,“ wiederholte Sophie leiſe, während ſie ihre Lippen feſt aufeinander biß und ein leichter Schauer über ihren Körper flog. — 168— „Mir erregte er das tiefſte Mitleid, als ich ihn wieder ſah,“ fuhr Doktor Werner fort,„gewiß hat er durch ſeinen traurigen Zuſtand allen Leichtſinn, alle Thorheiten ſeiner Jugend abgebüßt; der Arme iſt nicht nur erblindet, ſondern leidet auch am Herzen, und zwar in einem Grade, der ihm nach menſchlichen Berechnungen nur noch eine kurze Lebensdauer gibt.— So, mein liebes Kind,“ fuhr er heiterer fort,„jetzt habe ich Ihre kleine Wißbegierde befriedigt, damit Sie ſich keinen weiteren Grübeleien in Betreff jenes für Sie gänzlich fremden Menſchen über⸗ laſſen. Denken Sie nicht mehr an jene furchtbare Nacht, ſchlagen Sie ſich überhaupt alles Unangenehme aus Ihrem Köpfchen, denn wir müſſen recht bald wieder vollkommen geſund werden. Adieu, mein Kind, auf Wiederſehen und — ruhig ſitzen bleiben, befehle ich Ihnen als Arzt.“ Das arme Mädchen hätte auch kaum die Kraft gehabt, ſich zu erheben, um ihm zur Treppe das Geleite zu geben, wie ſie wohl ſonſt zu thun pflegte, denn als ſich die Thüre hinter ihm ſchloß, ſank ſie in ihrem Stuhle zuſammen, flocht ihre zitternden Finger in einander und ließ den Kopf tief auf die Bruſt herabſinken, während wohlthätige Thränen aus ihren Augen tropften. Endlich hatte ſie die allerdings ſchreckliche Gewißheit, daß Watters keine Phantaſie war, daß ihr armer Vater lebe, blind und elend, doch gab gerade das ihrem Geiſte die Spannkraft wieder: ſie ſah Licht, Licht in einer bisher undurchdringlichen Finſterniß, und wenn ihr auch dieſes Licht erſchien wie die traurig flackernde Lampe an einem Grabe, ſo zeigte der matte — 169— Schein derſelben ihr doch wenigſtens den Pfad, dem ſie von jetzt ab zu folgen hatte. Und dieſer Gedanke ließ ſie freier aufathmen, ja, ver⸗ trauensvoll emporblicken an den hellen, ſonnbeſtrahlten, dunkelblauen Himmel, an welchem jetzt gerade ein Zug Wandervögel langſam ſeiner ſüdlichen Heimat zuflog. „Viele hatten ihn gekannt, wie Doktor Werner geſagt,“ flüſterte ſie leiſe vor ſich hin,„auch Herr Joſeph— an den ich mich wenden könnte— doch nein, nein, beſſer an Kniegel— er ſoll mir ſagen, wo ich ihn finde— er ſoll mich zu ihm führen!“ Es war eigenthümlich, aber nicht gerade unerklärlich, daß die furchtbare Gewißheit, welche Sophie erhalten, ſie, ſtatt niederzudrücken oder kränker zu machen, ſichtlich auf⸗ richtete und ihr jene Feſtigkeit des Körpers und des Geiſtes wiedergab, die ihr vielleicht bei dumpfem Hinbrüten und Nachgrübeln über die Räthſel ihres Lebens noch längere Zeit gefehlt haben würde. Sie hatte jetzt eine Zukunft vor ſich, wenngleich keine heitere oder glückliche, ſie ſah end⸗ lich ein Lebensziel, während ſie bis jetzt in einem uner⸗ quicklichen Hin- und Herſchwanken ihre Tage verbracht hatte. Und wenn ſie dabei an Georg dachte, was gerade jetzt ſehr häufig geſchah, ſo richtete ſie den Kopf ſtolz in die Höhe und ihre Lippen kräuſelten ſich leicht, ſo daß ihre ſchimmernden Zähne ſichtbar wurden, und leiſe ſprach ſie vor ſich hin:„Er ſoll nicht ſagen, daß ich mich un⸗ glücklich fühle durch den Einſturz meiner früheren glänzen⸗ den Luftſchlöſſer, er ſoll ſehen, daß es mich durchaus nicht ——— — —— ——— — — —— niederdrückt, keine Prinzeſſin geworden zu ſein, wie er mir ſo oft ſpottend verheißen, und wenn er meinen armen blinden Vater ſieht, ſo ſoll er es heiter aus meinen Augen ſtrahlen ſehen, daß ich endlich Jemanden gefunden habe, der mich gewiß lieben wird und den ich wieder lieben darf!“— Auch an ihre Mutter dachte ſie, aber mit kei⸗ nem angenehmen Gefühl, und wenn ſie ſich ſagte, daß ſie doch wohl einmal genöthigt ſein würde, den Pfad ihrer kalten, herzloſen Mutter zu durchkreuzen— anders ver⸗ mochte ſie ſich dieſelbe nicht vorzuſtellen—, ſo durch⸗ ſchauerte es ſie leicht und ſie ſchrak ſchon in Gedanken vor einer ſolchen Begegnung zurück.— Ja, kalt und herzlos mußte ihr die Mutter erſcheinen, hatte ſie doch ihr Kind von ſich gegeben, ohne ſich jemals weiter um daſ⸗ ſelbe zu bekümmern. Denn wenn das geſchehen wäre, ſo lange ſie ſich noch im Hauſe der Staatsräthin befand, oder ſpäter, als ſie bei dem Major Quinſcheidt war, ſo würde man ihr doch ſolche Anfragen nicht haben verheim⸗ lichen können! Herr Quinſcheidt hätte das jedenfalls nicht gethan, er hätte wahr zu ihr geſprochen und ſie nicht in dem Glauben gelaſſen, daß ſie die Tochter ſei jener Ka⸗ tharina Wurzer, welche, Gott mochte wiſſen, wie, ihren Lebenspfad berührt hatte. Daß es vielleicht ihre Pflege⸗ mutter geweſen ſei, ahnte ſie, und ſpäter, als Herr Joſeph Schropps zu ihr heraufkam, um ihr ſeine aufrichtige Freude auszudrücken, daß der Obermedicinalrath Bewegung in der friſchen, ſtärkenden Luft für ſie angeordnet, da war es wie eine höhere Eingebung, daß ſie mit Herrn — 171— Schropps von ihrer Vergangenheit ſprach. Sie erwähnte jener Notiz, von der ihr der Major Quinſcheidt geſagt, und ſprach ihren feſten Glauben, jene Katharina Wurzer ſei nur ihre Pflegemutter geweſen, in ſo beſtimmter Form aus, daß Herr Joſeph ſie zuerſt überraſcht an⸗ blickte und ihr alsdann das Beſtätigende aus den Ge⸗ ſtändniſſen der Kammerfrau des Fräuleins von Wanner mittheilte. Dabei war Herr Schropps in ſeinem Benehmen gegen ſie ganz anders, als er vor ihrer Krankheit geweſen, und vermied nicht nur auf's Sorgfältigſte alles das, was das junge Mädchen früher ſichtbar von ihm zurückgeſchreckt, ſondern er erſchien ihr auch in Allem wie ein Vertrauen einflößender väterlicher Freund. Auch Sophie kam ihm herzlicher entgegen, als ſie es bisher zu thun vermocht, ſo lange ihr das ernſte Haus der Reckenberg noch wie ein Gefängniß erſchien mit ver⸗ goldeten Gitterſtäben, zwiſchen welchen ſie in ihrer ver⸗ laſſenen Lage vergeblich einen Ausweg geſucht. Hatte ſich doch jetzt dieſer Ausweg ihrem Blicke eröffnet, ſie wußte, wohin ſie ihre Pflicht rief, ſie hatte einen Lebenszweck vor ſich, und wenn derſelbe auch mit tiefen Schatten bedeckt war, ſo ſah ſie doch muthig der Zukunft entgegen. 3 Sie faßte unter dieſen Gedanken vertrauensvoll die Hand des Herrn Joſeph Schropps, blickte ihm feſt in die Augen und ſagte:„Ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen und gewiß werden Sie mir auch eine wichtige Frage aufrichtig beantworten.“ ———— — 172— „Gewiß, mein liebes Kind, ich werde Alles für Ihr Beſtes thun— wie für meine eigene Tochter.“ „Gott lohne es Ihnen,“ erwiederte ſie, gen Himmel ſchauend.„Glauben Sie, daß ſchriftliche und gültige Be⸗ weiſe zu erhalten ſind, um Gewißheit über meine Eltern zu erlangen?“ Er blickte einen Augenblick ſchweigend vor ſich nieder und ſagte dann mit leiſer Stimme:„Ich glaube, daß ſchriftliche und gültige Beweiſe zu erhalten ſind— über Ihren Vater, und ſobald wir dieſe in Händen haben, wird ſich auch das Weitere finden.“ „Ich wünſche nichts Weiteres zu finden,“ gab ſie mit milder Stimme zur Antwort,—„halten Sie mich nicht für kalt und gefühllos, weil ich dabei meiner Mutter nicht gedenken kann und mag, glauben Sie nicht, daß ich herzlos bin, weil es mir unmöglich iſt, auch nur mit der geringſten Liebe an eine Frau zu denken, für die ich nie etwas Anderes war, als ein Schatten auf ihrem Lebens⸗ wege, als ein bitterer Vorwurf, als eine Laſt, deren ſich zu entledigen ſie als das größte Glück betrachtete.“ „Ich verſtehe, mein armes Kind, aber—“ „Hier kann es für mich kein ‚Aber geben,“ fuhr ſie raſch und entſchloſſen fort,„ich bin zu ſtolz, um für ſie aus dem Grabe zu erſtehen, und was meine Zukunft anbelangt, ſo vertraue ich ganz auf meine eigene Kraft.“ „Und ich hoffe, auf Ihre Freunde, Sophie,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„auf mich, der ich wohl ein kleines Anrecht habe auf Ihre Dankbarkeit, welche Sie mir da⸗ — 173— durch beweiſen können, daß Sie mir geſtatten, auch künftig Ihr ſorgender, väterlicher Freund zu bleiben.“ „Und er, der Niemand auf der weiten Welt hat, als mich?“ fragte ſie, entſchloſſen aufblickend. „Er— ja er,“ gab Herr Schropps achſelzuckend zur Antwort,„vertrauen Sie mir auch darin, mein liebes Kind, und überlaſſen das ganz meiner herzlichen Sorg⸗ falt, über welche ich Ihnen ſpäter Rechenſchaft ablegen werde.“ Sie war im Begriff, ihm etwas mit großer Beſtimmt⸗ heit zu erwiedern, wandte ſich aber, anſtatt das zu thun,⸗ raſch gegen das Fenſter, von wo ſie eine Weile auf den vorbeifließenden Strom hinabblickte, um ihn alsdann in verändertem, ruhigem Tone zu fragen, augenſcheinlich in der Abſicht, das für ſie peinliche Geſprächsthema zu än⸗ dern:„Was macht Herr Kniegel? Ich habe ihn lange nicht geſehen, es würde mich freuen, wenn er Zeit fände, mich zu beſuchen.“ Auch Herr Schropps ſchien zufrieden, die Unterredung von vorhin nicht wieder aufnehmen zu müſſen, und gab deßhalb raſch zur Antwort:„Herr Kniegel iſt, ſo viel ich glaube, unten, und wenn es Ihnen angenehm iſt, ſende ich ihn ſogleich herauf.“ „Ich bitte darum und danke herzlich.“ Sie reichte Herrn Schropps ihre beiden Hände, und als er dieſe nicht nur ergriff, ſondern das junge Mädchen mit bewegtem Ausdruck langſam gegen ſich zog, beugte ſie ihr Haupt vertrauensvoll gegen ihn und ſchien es gern Hackländer, Kainszeichen. IV. 12 —ö. 4. 1 K2 7— ——— —— zu leiden, daß er ſie achtungsvoll und mit einer herzlichen Innigkeit auf die Stirn küßte.— Dann kam Herr Kniegel, welcher offenbar hoch erfreut war, das liebe Fräulein wieder ſo wohl und munter zu ſehen. Schon an der Thüre bereitete er ſich in ſeiner Art darauf vor, ihr ehrfurchtsvoll eine Hand zu reichen, indem er ſeinen Hut dicht neben die Schwelle ſetzte und dann gegen ſie kam, etwas breitſpurig, die derben Finger raſtlos bewegend, wie er gern zu thun pflegte, wenn er ſich in aufgeregter Stimmung befand, beſonders aber, wenn er ſich vergangener Zeiten erinnerte. Dies war ſtets beim Anblick Sophiens der Fall, wo er dann ſchmunzelnd gedachte, wie ſie oder Georg ihm einſt Werg aus ſeiner Schürze gezupft, um damit ein improviſirtes Vogelneſt zu bauen, in welchem kleine runde Kieſelſteine die Stelle der Eier vertraten. „Ja, ja,“ ſagte er, nachdem er mit ſeinen knochigen Händen ihre feinen Finger gefaßt und derb geſchüttelt, dann, einen Schritt zurücktretend, die ſchöne Geſtalt des jungen Mädchens wohlgefällig betrachtete, wobei er vor⸗ ſichtig ſein Toupé kräuſelte—„ja, ja, damals und jetzt— wahrlich, das Herz im Leibe lacht Einem, wenn man ſieht, was aus kleinen unbedeutenden Kindern für hübſche, an⸗ ſehnliche Leute herangewachſen ſind. Ah, ich mache Ihnen mein Compliment, Fräulein Sophie, Sie haben ſich recht Mühe gegeben, eine ſchöne junge Dame zu werden.“ „Ich freue mich recht, Sie zu ſehen, Herr Kniegel, bat auch Herrn Schropps, Ihnen das zu ſagen.“ „Hat mir's auch zu meinem Vergnügen ausgerichtet, und ſchätze mir's zu großer Ehre, Sie beſuchen zu dürfen.“ Er ſchlenkerte den rechten Arm etwas zurück und machte es mit dem linken Fuße⸗grade ſo, wobei er ein paar Mal wiederholte:„Ja, ja, ſo geht's— aus Kin⸗ dern werden Leute— hm, hm— ja, ja—.“ Er war offenbar etwas in Verlegenheit über ein ausgiebiges Ge⸗ ſprächsthema, und lehnte deßhalb auch mit entſchiedener Handbewegung den Stuhl ab, welchen ihm Sophie an⸗ bot, wobei er ziemlich auffallend nach ſeinem Hute ſchielte und dann treuherzig die Verſicherung gab, er ſehe den Zweck ſeines Beſuches als vollkommen erfüllt an und hoffe nur, daß Fräulein Sophie ſich bald entſchließen möge, Zimmer und Haus zu verlaſſen, um angenehme Spazier⸗ gänge zu machen. „Denn das allein hält den Menſchen aufrecht,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„und ich glaube, wenn ich erſt einmal acht Tage lang zwiſchen vier Wänden eingeſperrt wäre, ſo könnte ich nichts Geſcheiteres thun, als ſogleich Anſtalten zu meinem Begräbniß machen— ja, ja.“ Sie blickte ihn freundlich lächelnd an, trat auf ihn zu, legte eine Hand auf ſeine Schulter und ſagte:„Darin haben Sie ganz Recht, Herr Kniegel, und werde ich ſo genau nach Ihrer Vorſchrift handeln, daß ich Sie bitte, mich ſogleich auf einem Spaziergange zu begleiten. Es iſt doch noch warm draußen, auch haben wir wenigſtens noch eine Stunde Sonnenſchein.“ „Allerdings haben wir das,“ gab ihr der würdige —— — 476— Senſal verblüfft zur Antwort, indem er ſie mit großem Erſtaunen angeblickt—„allerdings warm und auch noch Sonne, aber dann kommt der kühle Abend, und dann weiß ich auch nicht, ob Herr Joſeph—“ „Er hat mich vorhin noch dringend eingeladen, ſpa⸗ zieren zu gehen, und ich fühle mich ſo wohl, ſo aufgelegt dazu, auch will ich ihm unten im Vorbeigehen ſagen, daß wir zuſammen ausgehen.“ Herr Kniegel kratzte ſich mit einiger Befangenheit am Kopfe, während er erwiederte:„Ja, wenn Herr Schropps nicht ſo eben ausgegangen wäre.“ „Oder hätten Sie vielleicht etwas dagegen einzuwen⸗ den, mit mir durch die Straße zu ſpazieren?“ fragte ſie. „Ah, Fräulein Sophie,“ rief Herr Kniegel mit dem komiſchen Ausdruck eines gemachten Zornes,„wenn ſo Etwas jemand Anders geſagt hätte!— Ich folge Ihnen bis an's Ende der Welt, wenn Sie mich mitnehmen wollen!“ „So weit geht es nun gerade nicht,“ verſetzte Sophie, „doch habe auch ich ein Ziel und will es Ihnen entdecken, ſo wie wir auf der Straße ſind.“ Dann ging ſie in's Nebenzimmer, um einen einfachen warmen Shawl ſo wie einen Hut mit dichtem Schleier zu holen, während Herr Kniegel ſeine Kopfbedeckung vom Boden aufhob, mit dem Aermel abwiſchte und dicht an der Thüre ſtehen blieb, wobei er mit dem Kopfe ſchüttelte und ſtill vor ſich hin lächelte über den Einfall des jungen Mädchens, mit ihm ſpazieren zu gehen. Dann kam ſie wieder und ſie gingen — 417 mit einander fort, verließen das Haus, und als ſie vom Fluſſe langſam die Straße aufwärts geſtiegen waren, athmete Sophie in tiefen Zügen die milde und angenehme Herbſtluft. „Wohin wollen Sie iigentich ſpazieren gehen?“ fragte der Senſal, als ſie, einen Augenblick ſich umſchauend, ſtehen blieb. „Darüber werden Sie erſtaunt ſein; doch daß ich Sie bitte, mich dorthin zu begleiten, müſſen Sie als einen großen Beweis meines Vertrauens anſehen— Herr Jo⸗ ſeph Schropps ſagte mir, daß Sie einen gewiſſen Herrn Watters kennen.“ „Hat er das wirklich geſagt?“ fragte Kniegel mit einem Ausdruck des Erſtaunens, ja, beinahe des Schreckens, der nicht größer hätte ſein können, wenn man ihm geſagt hätte, ſämmtliche Actien und übrigen Papiere ſeien um zehn Prozent geſunken. „Woher wüßte ich ſonſt dieſen Namen und auch, daß Herr Watters hier iſt?“ „Hier iſt— ja, ja, hm, hm, allerdings hier iſt.“ „Und Sie wiſſen, wo er iſt?“ „Auch das, aber—“ „Nun wohl, ſo gehen wir, Herr Kniegel,“ ſprach Sophie mit großer Entſchiedenheit,„gehen wir zu Herrn Watters, auf meine Verantwortung, ich will es.“ „Das iſt aber abſolut unmöglich, Fräulein Sophie, Herr Watters wohnt in keinem Hotel oder ſonſtigen Gaſt⸗ hof, wo ſich eine junge Dame füglich kann ſehen laſſen.“ „Unter Ihrem Schutze? Gehen wir, ich bitte Sie.“ Es lag eine ſolche Entſchloſſenheit im Ton ihrer Stimme, im Leuchten ihrer Augen, ja, in der Bewegung, wie ſie vorwärts ſchritt, daß Herr Kniegel nicht anders konnte, als mit einem ſcheuen Blick an ihrer Seite zu bleiben, wobei er indeſſen auffallend mit den Fingern zuckte und unmuthig die Achſel bewegte, während er vor ſich hin murmelte:„In die goldene Seejungfer und am hellen Tage— wenn uns nur Herr Joſeph Schropps zufällig begegnen wollte, oder ſonſt irgend Jemand, der mir helfen könnte!“ Aber es begegnete ihnen niemand Bekanntes, was auch kein Wunder war, da ihr Weg durch enge, abgelegene Gäßchen führte, die der Senſal abſichtlich aufzuſuchen ſchien. Jetzt bei einer neuen Biegung der engen, ſchmutzigen Straße blieb er plötzlich ſtehen, rückte ſeinen Hut ein wenig aus der Stirn und fragte in einem kummervollen Tone:„Alſo Sie wollen wirklich in die goldene See⸗ jungfer, um Herrn Watters zu beſuchen?“ „Ja, ich will das entſchieden,“ erwiederte das junge Mädchen mit feſter Stimme,„und wenn Sie mir dazu Ihren Schutz nicht leihen wollen, ſo wäre ich gezwungen, allein die goldene Seejungfer aufzuſuchen.“ „Nun denn in Gottes Namen, wir ſind in nächſter Nähe, doch muß ich dringend bitten, Fräulein, hier einen Augenblick zu warten, damit ich nachſehe, ob wir in das Haus der goldenen Seejungfer eintreten können, ohne zu viel Aufſehen zu erregen.“ — 179— „Gehen Sie, ich werde warten.“ Der biedere Senſal rannte eilig fort um die nächſte Ecke, und das junge Mädchen betrachtete jetzt erſt die Umgebung, in der es ſich befand, mit Blicken, die ſich verdüſterten, als es die traurige Armſeligkeit der umſtehenden Häuſer gewahr wurde. Es waren das ſichtbar baufällige, mitunter ſchon ſchiefſtehende Gebäude, trotzdem aber bis unter das Dach bewohnt, was man bemerkte an neugierigen Geſichtern, die ſich hier und da an den engen Fenſtern zeigten, an flat⸗ ternder Wäſche, die an Schnüren aufgehängt war, an meiſtens zertrümmerten Blumenſcherben, in denen Goldlack wucherte, hier und da auch eine verkümmerte Roſe oder ein halb verdorrter Geranium, an einem Haufen kleiner, ſchmutziger Kinder, die auf dem feuchten Pflaſter ſpielten unter gellendem Geſchrei, welches aber doch nicht ſtark genug war, um keifende, ſchreiende Weiberſtimmen aus einem der nächſten Häuſer zu übertäuben, oder das Ge⸗ ſchnarr einer verſtimmten Straßenorgel, oder einen wüſten Chor von Männerſtimmen, der aus einer Seitengaſſe herüberdrang. Es ſchauerte ſie leicht bei dem Gedanken, hier in dieſer troſtloſen Umgebung ihren Vater zu finden— aber wenn ſie bedachte, daß er arm war und elend, krank und blind, ſo ſchlug ihr ganzes Herz ihm entgegen und beinahe freu⸗ dig überkam ſie das Gefühl, ihm Troſt und Linderung in ſeinem Unglück bringen zu können. Deßhalb folgte ſie auch gefaßt und muthig, als Herr Kniegel wieder erſchien und ihr die tröſtliche Verſicherung 180 gab, daß, wenn ſie nun einmal feſt dazu entſchloſſen ſei, Herrn Watters in der goldenen Seejungfer aufzuſuchen, der Moment ein überaus günſtiger wäre, weil ſich faſt alle Gäſte bei der warmen Witterung im Garten aufhielten. Da lag denn auch der Garten ſchon vor ihr, mit dem wüſten Lärm einer zechenden Menge, aus welchem das Klappern der Bierkrüge hervordrang, roher Geſang und dann und wann die gellende Stimme eines Harfenmäd⸗ chens, die zu ihrem verſtimmten Inſtrumente Freuden⸗ lieder ſang. Gegenüber dieſem häßlichen Treiben erſchienen ihr die leeren, dunſtigen Räume des Reſtaurationslokals faſt wie ein ſtilles Aſyl, nur ſchrak ſie zuſammen bei der robuſten Geſtalt einer gemein ausſehenden Frau, die in der Thür des Nebenzimmers lehnte, Herrn Kniegel unter einem grinſenden Lachen mit der Fauſt drohte und ihm ein Wort zurief, welches Sophie nicht verſtand, das er aber mit einem anſcheinend gleichgültigen Achſelzucken beantwortete. Nachdem ſie eine ſchmale Treppe hinaufgeſtiegen waren, ſagte Kniegel im Tone der Erleichterung:„So, da wären wir glücklich in Sicherheit, dort iſt die Thür zu dem Zim⸗ mer des Herrn Watters, und hier iſt der Kellner Joſeph, dem wir unbedingt vertrauen können.“ Der Genannte, welcher oben an der Treppe erſchien und die letzten Worte gehört hatte, verbeugte ſich, offenbar geſchmeichelt, und ſprach in einem ſehr hohen Fiſteltone, deſſen Rauhheit noch immer auf keine Abnahme des langjährigen Katarrhs ſchließen ließ:„A— a— a— ah Beſuch, Herr — 181— Verwaltungsrath, und für wen, wenn ich bitten darf?— für meinen Pflegebefohlenen, den Herrn Watters?— Iſt ſichtbar und wird ſich freuen, eine Unterhaltung zu haben.“ „Sagen Sie ihm,“ erwiederte Herr Kniegel,„eine Dame wünſche ihn zu ſprechen.“ „Eine Dame— oder die Dame?“ fragte der Kellner mit einem pfiffigen Lächeln. „Eine Dame, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Gut,— ich verſtehe!“ Damit verſchwand er im an⸗ ſtoßenden Zimmer. Einen fragenden Blick, den Sophie auf ihren Begleiter warf, war dieſer bei der Kürze der Zeit, in welcher der Kellner wieder erſchien, nicht zu beantworten im Stande, und ſichtlich zu ſeiner großen Befriedigung, denn er ſagte raſch:„Ich werde unten auf Sie warten, mein Fräulein, Joſeph wird mich rufen.“ „Gewiß, ſobald Sie die Güte haben werden, mir durch die Klingel im Zimmer ein Zeichen zu geben— darf ich bitten, einzutreten?“ Ehe ſie das aber vermochte, athmete ſie tief und ſchwer und drückte die Hand auf ihr heftig pochendes Herz!— Bis jetzt war es ihr ſo leicht erſchienen, ihren Entſchluß auszuführen, aber nun bebte ſie faſt vor der Schwelle des ärmlichen Zimmers zurück und mußte ſich Gewalt anthun, hinüberzuſchreiten, nachdem ſie einen Blick in das Innere deſſelben geworfen!— O Gott, das alſo war die Ver⸗ wirklichung ihrer Jugendträume, das war der Schlußſtein ihrer glänzenden Luftſchlöſſer! — 198 —— ——— —— — 182— Dicht am Fenſter des kleinen Stübchens ſaß ein Mann, der jedenfalls jünger war, als er zu ſein ſchien, und den Kummer und Elend, auch wohl ein wildes Leben vor der Zeit alt gemacht. Dafür ſprachen die vielen und tiefen Falten und Linien auf der Stirn, um Augen und Lippen, auch der etwas eingefallene Mund und dunkle Ränder unter den Augen, während die Glätte der Haut, ſein Haar, ſeine feinen Hände, ſo wie die nachläſſige aber immerhin noch elegante Haltung ſeines Körpers Spuren von dem zeigten, was er in der Jugend und noch im Mannesalter geweſen war. Seine Blicke waren ganz eigenthümlich, und wer nicht gewußt hätte, daß er blind war, würde ihn für Jemand mit vortrefflicher Sehkraft gehalten haben. Seine weit geöffneten Augen glänzten und ſtarrten durchaus nicht mit einem gedankenloſen Aus⸗ druck in die Ferne, wie man das ſonſt bei Blinden findet, was wohl daher kommen mochte, daß eine ganz kleine Idee von Schielen ſeinen Blicken etwas Scharfes, ja, Aus⸗ drucksvolles gab. Im Ganzen genommen aber gab er das Bild eines müden, kranken alten Mannes, Jemandes, der hoffnungs⸗ los in die Zukunft ſtarrt, dem es vollkommen gleichgültig iſt, was die nächſten Tage bringen, ja der vielleicht im Stande iſt, dem Ende ſeines Lebens mit Lächeln entgegen zu ſehen. Er ſaß etwas zuſammengebeugt neben dem Fenſter, nur wenn er tief aufathmete, was häufig vorkam, richtete er ſich wie zur Erleichterung auf, wobei man an ſeinen — 183 Naſenflügeln jene eigenthümliche Bewegung bemerkte, welche die Aerzte mit dem Namen„Lufthunger“ bezeichnen. Er mußte jetzt den Schritt des jungen Mädchens ſo wie das Rauſchen ihres Kleides vernommen haben, denn er ſtützte ſeine Hand auf die Fenſterbrüſtung und erhob ſich langſam, während ſich ſeine Augenſterne ziemlich genau nach der Gegend richteten, wo Sophie ſtand, unfähig, ein Wort hervorzubringen, kämpfend mit ihren Thränen, die hervorzuſtürzen drohten, mit krampfhaft verſchlungenen Fingern, die ſie feſt in einander flocht, um Kraft zu einem ruhigen Wort zu gewinnen. Erſt nach einer kleinen Weile gelang ihr dies ſo weit, daß ſie mit ziemlich ruhig klin⸗ gender Stimme ſagen konnte:„Sie entſchuldigen, daß ich gekommen bin, Sie zu beſuchen, Herr Watters.“ Es war eigenthümlich, wie dieſe Worte auf ihn wirkten, ſein Geſicht nahm plötzlich einen lebhaften Ausdruck an, doch war es kein Ausdruck der Freude, was auf ſeinen Zügen erſchien, als er mit einer tief und etwas rauh klin⸗ genden Stimme zur Antwort gab:„Der Kellner ſagte mir doch, eine fremde Dame wolle mir die Ehre ihres Beſuches gönnen, und nun bin ich erſtaunt, Ihre Stimme zu vernehmen! Wozu das eigentlich, da wir es doch beide für beſſer hielten, jede weitere Annäherung für immer zu meiden?— Nicht als ob ich undankbar wäre für dieſen gütigen Beſuch,“ ſetzte er lebhafter hinzu, nachdem er mit dem ſcharfen Gehör eines Blinden einen kaum hörbaren Laut vernommen, der wie ein leichter Weheruf klang oder wie ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer,„im Gegentheil, ich —— 184— bin dankbar, recht ſehr dankbar— wollen Sie ſich nicht einen Augenblick ſetzen?“ Sophie faßte raſch die Lehne eines Stuhles, um ſich daran zu halten, denn die an ſich einfachen Worte, die er geſprochen, waren bis in die Tiefen ihres Herzens ge⸗ drungen und hatten ſie gewaltſam erſchüttert, indem ſie ihr die Gewißheit gegeben, wer ihre Mutter ſei, deren Stimme der Blinde offenbar zu hören geglaubt. Dieſer ſchien anzunehmen, daß ſein Beſuch ſich geſetzt, weßhalb auch er ſich wieder auf ſeinen Sitz niederließ und erwartungsvoll vor ſich hinſtarrte. Als ſie ſchwieg, ſagte er mit ſanfter Stimme:„Meine Worte haben Sie durchaus nicht verletzen ſollen, gewiß nicht, und ich bin ſehr dank⸗ bar für Ihren wiederholten Beſuch, aber“— ſeine Worte verloren ſich hier in ein unverſtändliches Murmeln, wobei er ſeinen Kopf auf die Bruſt herabſinken ließ. Das junge Mädchen fand dadurch Zeit, ſich zu ſammeln, und mit feſter Stimme zu ſagen:„Sie irren ſich, Herr Watters, ich ſtehe zum erſten Male in meinem Leben vor Ihnen, doch habe ich vielleicht eben ſo gut ein Recht, da zu ſein, wie jene Andere, deren Sie ſo eben erwähnten.“ „Ein Recht auf mich?“ rief er, ſich raſch aufrichtend, mit voller Aufmerkſamkeit, welche ſich unverkennbar kund gab in ſeinen plötzlich feſter geformten und geſpannten Geſichtszügen, während ſeine Augen zwinkerten, als haſche er gewaltſam nach irgend einem unmöglichen Lichtfunken.— „Ein Recht auf mich?“ wiederholte er, traurig lächelnd— „wer würde überhaupt ein Recht nachſuchen auf ein armes, — 185— elendes, blindes Geſchöpf wie ich!— Auch habe ich Ihre Stimme erkannt,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort,„und weiß wahrhaftig nicht, was Sie mit Ihren Worten von ſo eben ſagen wollten.“ „Und doch bin ich bis jetzt für Sie eine gänzlich Fremde, deren Stimme Sie nie gehört.“ „Um Gottes Barmherzigkeit willen,“ fuhr er auf,„wer ſind Sie denn?“ „Ich bin ein junges Mädchen, Herr Watters.“ „Ein junges Mädchen!— ein junges Mädchen!—“ wiederholte er, ſtarr auf ſie blickend, und bedeckte dann ſeine Stirne mit der Hand. „Ich bin neunzehn Jahre alt, Herr Watters— genau neunzehn Jahre.“ „Neunzehn Jahre,“ ſagte er mit bebender Stimme und einem unbeſchreiblichen Ausdruck der Erregung—„neun⸗ zehn Jahre!“ Er hatte ſich vornüber gebeugt und die Hände gegen ſie ausgeſtreckt, wobei ſeine Finger zuckten, als ſuche er etwas Unſichtbares, etwas Geiſterhaftes, das im Begriff ſei, in ſeine Nähe zu kommen, zu erfaſſen.—„Und wie iſt Ihr Name?“ rang es ſich mühſam aus ſeiner Bruſt los. „Ich bin nur berechtigt, einen Vornamen zu führen, Herr Watters— und mit dieſem heiße ich Sophie.“ „Sophie!“ ſchrie er gellend, und ſeine zitternden Hände machten verzweifelte Anſtrengungen, das Unſicht⸗ bare zu erfaſſen. Keuchend erhob er ſich, ſeine Lippen — — 186— bebten, und ſeine Blicke, ſeine raſch hervorquellenden Thrä⸗ nen verkündeten einen furchtbaren Sturm in ſeinem In⸗ nern—„Sophie— Sophie— o, gib mir ein beglücken⸗ des Zeichen, woran ich glauben darf!“ Sie war ihm näher getreten, leiſe weinend, aber ruhiger und gefaßter als er, weßhalb ſie es vermochte, mit bebender Stimme zu ſagen:„Ich wurde vor neunzehn Jahren geboren, wo? das weiß ich eben ſo wenig, als wer meine Mutter war!“— Hier richtete ſie ihre ſchönen Augen mit einem flehenden Ausdrucke nach Oben, als wolle ſie Verzeihung erbitten für die Lüge, die ſie wiſſentlich geſagt! Und doch hatte ſie nicht anders gekonnt— ſie wollte es ihm überlaſſen, ihr den Namen jener Frau zu nennen. „Weiter, weiter!“ bat er mit gefalteten Händen. „Meine erſten Erinnerungen ſind von einem Orte, den man die Zigeunerinſel nannte.“ „Ja,— j— a— a— a— a!“ hauchte er kaum hörbar. „Ich befand mich dort bei einer alten Frau— Katharina—“ „Wurzer— Wurzer!“ ſchrie er auf.„Mein Kind! Du biſt mein Kind, du lebſt, du lebſt und biſt nicht ge⸗ ſtorben, wie man mich glauben machte!“— Obgleich er mit ſichtbarer Anſtrengung verſuchte, ſich ihr zu nähern, war er dazu nicht im Stande, ſondern ſank laut weinend in den Stuhl zurück, ſein Geſicht in beide Hände verbergend. Sie aber trat dicht vor ihn und zog ihm die Hände ſanft vom Geſicht, dann küßte ſie ihn auf die bleiche, — 187— gefurchte Stirn, glitt ſchluchzend vor ihm nieder, legte das Haupt auf ſein Knie, und ein Schauer durchflog ihren Körper, als er mit einem unbeſchreiblich innigen Tone ſagte, während er ſeine Hände auf ihren Kopf legte: „Gott ſegne dich, meine Tochter, daß du das Herz hatteſt, zu mir, einem armen, blinden, elenden Menſchen zu kommen!“ „Zu meinem Vater,“ flüſterte ſie leiſe. „Auch für dieſes Wort möge dich der Himmel beloh⸗ nen— der Himmel,“ fuhr er mit einem innigen, nach Oben gerichteten Blicke fort, wobei die erblindeten Augen freudig aufzuleuchten ſchienen,„der mich am Ende meiner Tage noch ſo unausſprechlich glücklich macht, meine Toch⸗ ter wiederzu— faſt hätte ich geſagt: wiederzuſehen!“ Er wandte ihr ſein Geſicht mit einem unendlich innigen, zärt⸗ lichen Ausdrucke zu.„Das wäre aber des unverdienten Glückes zu viel geweſen!— Ich habe eine Bitte an dich, liebes Kind, eine demüthige Bitte: laß mich leicht dein Geſicht betaſten und dein Haar— nur einmal, nur ein einziges Mal, daß ich mir ein Bild von dir entwerfen kann!“ Sie wandte ihr Geſicht aufwärts, und nachdem ſeine Finger ſanft ihr Haar und ihre Züge berührt hatten, um⸗ ſchloſſen dieſelben ihr Haupt, auf welches er alsdann für einen kurzen, glücklichen Augenblick feſt ſeine Lippen drückte. „Und nun ſetze dich zu mir, mein liebes Kind, und erzähle mir von deiner Kindheit, ſo ausführlich als du — 188— kannſt, denke, daß mich Alles, Alles auf's Höchſte intereſſirt, was du mir von deiner Vergangenheit ſagen wirſt.“ Das that ſie denn, ohne unnütze Weitläufigkeiten, klar und ruhig, mit ihrer weichen, melodiſchen Stimme, die ihn ſichtlich zu erfreuen ſchien. Sie begann ihre Erzäh⸗ lung mit dem Tode ihrer kleinen Pflegeſchweſter, der Toch⸗ ter jener Katharina Wurzer, welche aus einer ihr unbe⸗ greiflichen Urſache als am Leben geblieben betrachtet worden war, während auf ihren Namen der Todesſchein ausgeſtellt wurde. Was ſie ſpäter von Herrn Schropps andeutungs⸗ weiſe über den Grund dieſer Verwechslung erfahren, glaubte ſie als nicht bewieſene Beſchuldigungen übergehen zu ſollen, bereute es aber gleich darauf, da ihr Vater raſch ſeine Hand auf ihren Arm legte und lebhaft ſagte:„O, ich begreife dieſe grauſame Verwechslung nur zu ſehr! Du mußteſt verſchwinden, mein armes Kind, um damit jeden Schatten an eine traurige Vergangenheit zu vertilgen— nie hätte ich ihr dieſe Herzloſigkeit, dieſe kalte Grauſam⸗ keit zugetraut! Doch es iſt gut ſo,— es iſt gut ſo, wei⸗ ter, weiter!“ Während ſie nun von ihrer traurigen Kindheit im Hauſe der alten Staatsräthin ſprach, horchte er mit ſchmerz⸗ lich bewegter Miene, und erſt als ſie weiter berichtete, wie der gute Major Quinſcheidt ſie aufgenommen, ſie wie ſeine eigene Tochter geliebt und wie ſie an deſſen Sohne Georg einen treuen und anhänglichen Spielgefährten gehabt, heiterten ſich ſeine Züge auf, er nahm lebhafteren Antheil und folgte kopfnickend ihren Schilderungen, wie ſie gelebt, — 189— geſpielt und gelernt. Dann erzählte ſie weiter, wie Georg das väterliche Haus verlaſſen habe, um ſeine muſikaliſchen Studien auswärts zu vollenden, und wie alsdann nach deſſen Zurückkunft ihr Pflegevater, der Major Quinſcheidt, es für gut gefunden, das Anerbieten der Gebrüder Schropps, für ſie wie eine Tochter ſorgen zu wollen, anzunehmen. „Und warum,“ fragte alsdann der Blinde in nach⸗ denklichem Tone,„warum fand Herr Quinſcheidt deine Entfernung, nachdem ſein Sohn zurückgekommen war, für. zweckmäßig oder nothwendig?“ „Quinſcheidt's leben in kleinen, beſchränkten Verhält⸗ niſſen,“ gab Sophie in einem etwas befangenen Tone zur Antwort,„und wenn auch der Raum genügend war für uns Kinder, ſo ergaben ſich doch ſpäter Unbequemlichkeiten, ſobald Georg als ein junger Mann nach Hauſe zurück⸗ kehrte.“ „Da ſaht ihr euch nach einem Zwiſchenraum von Jahren wieder,“ fragte er mit ſichtbarem Intereſſe,„beide erwachſen, beide verändert?“ „Ja,“ gab ſie kurz zur Antwort. „Die Kinder, zwei glückliche, harmloſe Spielgefährten, fortlebend in den Erinnerungen ihrer Jugendzeit,“ fuhr er, wie mit ſich ſelbſt redend, fort,„ſtanden ſich mit Einem Male erblüht gegenüber, nicht wahr, mein geliebtes Kind?“ „Ja,“ ſagte ſie mit einem leichten Beben ihrer Stimme, und er würde dieſes Beben vielleicht berſtanden haben, Hackländer, Kainszeichen. IV. m———.—— .——-——*— ———— 8— — 1 — 190— wenn er hätte ſehen können, wie ein düſterer Schatten über ihre Züge flog. So aber fuhr er ſcheinbar gleichg ültig fort:„Doch weiter, du ſprachſt von den Gebrüdern Schropps, o, ich habe ſie wohl gekannt, es ſind brave Leute und du warſt dort in guten Händen!“ „Ich bin bis jetzt noch im Hauſe des Herrn Joſeph Schropps,“ entgegnete Sophie,„Herr Nathan iſt vor Kurzem geſtorben. Ich fühlte mich zufrieden, aber jetzt bin ich trotzdem glücklich, jenes Haus verlaſſen zu können.“ „Du willſt dieſes Haus verlaſſen?“ fragte er, noch auf⸗ merkſamer werdend.„Warum und zu welchem Zwecke, mein Kind? Hat ſich dir etwas Anderes dargeboten, was dir angenehmer erſcheint?“ Sie ſchaute ihn mit einem herzlichen Blicke an, da ſie ſich aber ſogleich beſann, daß er den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes nicht zu ſehen vermöge, ſo umfaßte ſie ſeine Hand mit ihren kleinen Fingern und drückte ſie innig, während ſie mit weicher Stimme ſagte:„Wie kannſt du ſo fragen, lieber Vater, nachdem ich dich gefunden?“ Beinahe heftig fuhr der Blinde auf und ſeine Stirn zeigte tiefe Furchen, als er in einem rauhen Tone zur Antwort gab:„Worauf deuten deine Worte? Doch nicht, daß du eine behagliche Exiſtenz, vielleicht das Glück dei⸗ nes Lebens auf's Spiel ſetzen willſt, um eines armen, elenden Menſchen willen, der das unverdiente Glück gehabt, am Ende ſeiner Tage ſo reich beſchenkt zu werden, daß die Wonne dieſes Geſchenkes im Stande iſt, ihm die ſchwer⸗ ſten, letzten Stunden zu verſüßen?— die ſchwerſten, letzten ——— — —— — 191— Stunden,“ ſetzte er tief und mühſam athmend hinzu— „und ich werde welche haben.“ „Der gütige Gott wird dir gnädig ſein, und wenn der letzte Augenblick für dich kommt, ſo will ich bei dir ſein, um dich liebend zu tröſten.“ „Kindiſche Phantaſieen,“ rief er aus,„die deinem guten Herzen Ehre machen, die ſich aber nicht verwirklichen können und ſollen!— Du trittſt heiter in den jungen Tag, hoffentlich deinem Glücke entgegen, während ich auf ſchmutzigem, ſchlüpfrigem Pfade raſch abwärts gleite dem Ende zu— irgend einem tiefen, ſtillen Waſſer,“ mur⸗ melte er kaum hörbar, wobei ſein Kopf auf die Bruſt herabſank. Aber gleich darauf fuhr er wieder lauter, in entſchloſſenem Tone fort:„Du haſt Forderungen an das Leben zu ſtellen, die dir erfüllt werden müſſen, mein armes Kind, vom Schickſal erfüllt und von Menſchen, die dir eine glückliche Exiſtenz ſchuldig ſind.— Du haſt eine Mutter— und ſie lebt.“ „Nicht für mich.“ „Doch, doch, ſie wird dich anerkennen, ſie wird dir ihre Arme öffnen, wenn ſie deine liebe, weiche Stimme hört, die ſo unverkennbar die ihrige iſt.“ „Nie, nie!“ „Sie lebt in glücklichen Verhältniſſen, frei und unab⸗ hängig, und ich hatte nicht geglaubt und gehofft,“ fuhr der Blinde in traurigem Tone fort,„ihr in dieſem Leben nochmals zu begegnen. Aber es muß ſein, und ich werde ihr mittheilen, was du mir geſagt, ich werde ſie fragen, — 192— ob ſie ihre Herzloſigkeit ſo weit treiben will, dich aber⸗ mals zu verleugnen, dich, die ihr wie ein Wunder auf's Neue geſchenkt wurde.“ „Und die dadurch einen neuen Schatten in ihr Leben wer⸗ fen würde, der auch meine künftigen Tage verdunkeln müßte,“ ſagte Sophie, und fuhr alsdann in bittendem Tone fort: „O nein, laß die Vergangenheit in dem Grabe ruhen, in das ſie mich verſenkt glaubt, laß mich bei dir bleiben, Vater, um Freude und Leid mit dir zu theilen— viel Leid, viel Schmerz, wenn es ſein muß, dann wird die Zukunft meinem vergangenen Leben gleichen.“ Lag bei dieſen Worten etwas beſonders Schmerzliches, etwas unverkennbar Kummervolles im Ton ihrer Stimme, was dem feinen Gehör des Blinden nicht entging und beredter zu ihm ſprach, als es ihre feuchten Augen ver⸗ mocht, wenn er ſie hätte ſehen können, klang etwas in dieſem Tone, was ihm, der das Leben genoſſen und ge⸗ kannt, wie die Klage eines jungen Mädchenherzens erſchei⸗ nen mußte— genug, er wandte ihr die todten Augen mit einem Ausdruck des Geſichtes zu, in welchem tiefer Schmerz zu leſen war, er umfaßte ihre kleine Rechte mit ſeinen Fingern, drückte ſie zärtlich und flüſterte leiſe:„Du liebſt, armes Kind, und liebſt unglücklich!“ „Ja, Vater, ich liebe— und liebe unglücklich— hoffnungslos!“ 3 „Armes Kind, du liebſt ihn, den du mir vorhin ge⸗ nannt.“ „Ja, ihn, obgleich er keine Ahnung davon hat, und — 193— daß er ſie nicht hat, beweiſt dir am beſten, wie unglücklich ich bin!— Deßhalb Vater,“ fuhr ſie dringender fort, indem ſie ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang und ſich an ihn ſchmiegte,„deßhalb ſiehſt du wohl ein, welch großes Glück es für mich iſt, dich gefunden zu haben und nun mit dir vereint leben zu dürfen!— Und wie ſchön das werden kann,“ fuhr ſie aufſchluchzend fort,„ich als deine Stütze, als dein Troſt, für dich arbeitend, für dich ſor⸗ gend— dich führend durch's Leben, frei und unabhängig — o, ich habe viel gelernt und es wird mir ein Leichtes ſein, uns eine glückliche Exiſtenz zu begründen!“ „Du liebes, ſchönes, großes Herz,“ entgegnete er mit bewegter Stimme,„welch ein koſtbares Gut habe ich in dir gefunden, und wie iſt es möglich, daß Andere dich nicht ſo erkannt?“ „O, es ſind mir auch Andere ſchon mit großer Herz⸗ lichkeit und Liebe entgegen gekommen— andere gute Menſchen.“ „Welches Glück, ein ſolches Herz ſein nennen zu dürfen! — Und er war nicht im Stande, ein ſolches Glück zu ahnen?“ „Weil er es für kein Glück anſah, nein, nein!“ „Und du ließeſt es ihn nie fühlen, daß er dir werth ſei?“ „Wie hätte ich das zu thun vermocht?“ fragte ſie in einem faſt verweiſenden Tone.—„Ja, vor Jahren, als Kinder, haben wir uns nicht verhehlt, daß wir einander gut ſeien, und haben in kindiſcher Phantaſie Luft⸗ — ———— — — 194— ſchlöſer für die Zukunft gebaut— aber laß das jetzt, Vater, es iſt Alles vorbei und muß Alles vorbei ſein, laß uns lieber Plane machen für unſer neues Leben.“ „Plane machen,“ rief er ſchmerzlich aus,„was kann ich für Plane machen? Wie könnte ich nur im Entfern⸗ teſten den Gedanken faſſen, mich an dich zu hängen, um dich mit mir in den Abgrund zu ziehen? Du weißt nicht, welch' ein elendes Geſchöpf du vor dir haſt, und wenn es mir auch das Herz bricht, ſo muß ich es dir doch ſagen.“ „Ich weiß, daß du arm, krank und elend biſt— aber ich bin deine Tochter.“ „Sieh dich um in dieſem Stübchen,“ fuhr er erregter fort,„ich weiß nicht, wie groß es iſt und wie es aus⸗ ſieht, aber daß es mich vor Regen ſchützt und vor Kälte, verdanke ich der Barmherzigkeit unbekannter Menſchen. Fühle dieſen Rock, der mich wärmt, das Mitleid hat ihn mir geliehen, und in einem Winkel unter der Treppe werden die feuchten, halbvermürbten Lumpen liegen, in welchen ich durch die Straßen zog, um dort vermittels jener kleinen Orgel mein Brod vor den Fenſtern zu er⸗ betteln.“ „Schrecklich, ſchrecklich!“ hauchte das junge Mädchen, den Kopf in ihre Hände verbergend. „Das war meine jüngſte Vergangenheit und würde meine nächſte Zukunft ſein, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ſich der Tod recht bald meiner erbarmen wird.“ „Entſetzlich, entſetzlich!“ — — 195— „Und dieſes zerſtörte, verglimmende Leben, dieſes kranke, elende, mit dem Schmutz und dem Fluche der Armuth und einer traurigen Vergangenheit beſudelte Daſein ſollte ich in verworfenem Egoismus knüpfen an deine reine, unbefleckte Exiſtenz— Fluch über mich, wenn ich es thäte — tauſendfältiger Fluch über mich!“ Ein Schauder, der ihren Körper überflog, preßte dem jungen Mädchen einen tiefen Seufzer aus, der wie ein Weheruf klang, während ſie erſchreckt den blinden Mann anblickte, wie er ſich raſch erhob, mit den Händen tappend die Wand erreichte, augenſcheinlich in der Abſicht, die Thür zu finden. „Wohin, Vater— wohin willſt du?“ „Den Mann herbeirufen, der mich bisher ſo freund⸗ lich und gütig gepflegt, meine Lumpen verlangen und in die Welt hinausziehen— fliehen vor Allem, was glück⸗ lich iſt— fliehen vor dir, meine geliebte Tochter, welche mir in ihrer unbegreiflichen Liebe ſo viel geſchenkt hat, um glücklich zu ſein bis an mein letztes Ziel.“ „Fliehen vor mir— fliehen vor mir?“ ſprach ſie, wie betäubt,„ſo haſt du kein Gefühl für mich, ſo haſt du keine Ahnung von dem Glück, das es mir gewähren würde, für dich zu ſorgen, für dich zu arbeiten?“ „O ja, ich habe dieſes Gefühl,“ rief er, mit den Hän⸗ den abwehrend,„habe es hier in meinem Herzen und da, da in meinem Kopfe, und dieſes Gefühl, noch einmal im Leben ſo glücklich geworden zu ſein, iſt der ſchönſte Traum, aus welchem gewaltſam mich zu erwecken eine — 4196— Grauſamkeit wäre— geh', mein Kind, verlange nicht, dein junges, blühendes Leben an mein ſchmachbedecktes, verlorenes zu ketten, du würdeſt mich dadurch unglücklicher machen als zuvor, geh', geh' mit meinem Segen und laß mich ſo glücklich fortträumen die kurze Zeit, welche ich noch vor mir habe, und mit dieſem Traum, der zu gleicher Zeit eine Vergebung zu enthalten ſcheint für viel ſchwere Schuld meines Lebens, laß mich hinübergehen!“ „Und wenn ich auch dieſen letzten dunklen Pfad mit dir gehen wollte?“ ſagte Sophie in kaum verſtändlichem Tone, mit niedergeſchlagenen Augen. Doch hatte er ihre Worte ſo wohl verſtanden und begriffen, als wenn ſie mit Poſaunenſchall in ſeine Ohren gedröhnt hätten, und die rechte Hand raſch und energiſch empor⸗ hebend, rief er in deutlichem und beſtimmtem Tone:„Kein zweites ähnliches Wort, Sophie, oder es müßte denn ſein, daß es dir gleichgültig wäre, ob du von den Lippen des armen Bettlers Segen oder Fluch vernähmeſt— kein Wort weiter— leb' wohl, nimm meinen Dank für deine uner⸗ meßliche Güte— leb' wohl!“ Mit hoch erhobener Hand blieb er vor ihr ſtehen, auf⸗ wärts gerichtet die erblindeten Augen, die aber in ſolchem Glanze ſtrahlten, als ſähe er durch die irdiſche Finſterniß, die ihn umgab, ein unvergängliches und auch für ihn wieder leuchtendes Licht.—„Leb' wohl, bis wir uns einſtens wiederfinden!“ Sie ſuchte ſeine Rechte zu erfaſſen, ſie ſuchte ſie herab⸗ zuziehen an ihre Lippen, doch wehrte er ſie ſanft von ſich — 190— ab, während er mit bebender Stimme ſprach:„Du wirſt noch glücklich werden, mein Kind— du mußt noch glück⸗ lich werden— leb' wohl!“ „Leb' wohl denn,“ hauchte das junge Mädchen, wäh⸗ rend ſie ſich mit zögernden Schritten gegen die Thür zurückzog. Mit tiefer Wehmuth ſah ſie noch, wie ein Strahl der Freude ſein bleiches Geſicht verklärte, während er die Hände gegen und über ſie ausbreitete. —— — — —— — — — —— —— 5—— — 198— Neunzehntes Kapitel, worin leider bewieſen werden muß, daß Wiederfinden nicht immer zum Glücke führt. Drunten an der Treppe fand Sophie Herrn Kniegel in der Geſellſchaft des Kellners, welcher der Dame eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte, während es auf dem ſonſt ſo gleichgültigen Geſicht des Senſals eigenthüm⸗ lich zuckte und er ſeinen Hut in der Hand hielt, als wolle er auf eine ſolche Art ſeine volle und tiefe Ergebenheit, vielleicht auch noch ein anderes Gefühl bezeigen. Doch war ſie nicht in der Verfaſſung, all' dies zu bemerken, und nachdem ſie den Kellner mit zu Herzen gehenden Worten gebeten, in ſeiner Sorgfalt für den Kranken droben nicht nachzulaſſen, und ihn dafür ihrer vollen Dankbarkeit verſichert, beeilte ſie ſich, das ärmliche Haus mit den lärmenden Gäſten in dem ſchmalen, düſteren Garten zu verlaſſen, und erſt als ſie ein paar Straßen haſtig durchſchritten hatte, blieb ſie tief aufathmend ſtehen, um Herrn Kniegel zu erwarten, der etwas hinter ihr zurück⸗ geblieben war. „Darf ich Sie bis nach Hauſe geleiten, liebes Fräu⸗ lein,“ fragte er mit milder Stimme,„oder hätten Sie ſonſt noch Befehle für mich?“ „Befehle habe ich nie für Sie, lieber Herr Kniegel, nur Bitten, und wenn Sie ſo freundlich ſein wollten, noch ein paar Straßen mit mir zu gehen, bis ich mich zurecht finde, ſo würde ich Ihnen ſehr dankbar dafür ſein.“ — 199— „Mit dem größten Vergnügen, doch müſſen wir die Straße rechts hier nehmen.“ „Wohin?“ „Nach Hauſe, liebes Fräulein.“ Darauf blieb ſie einen Augenblick zögernd ſtehen, um den Gedanken, welche ſie bis jetzt beſchäftigt, Worte gebend, zu ſagen:„Ich möchte aber nicht gerades Weges nach Hauſe gehen, Herr Kniegel, nach dem Hauſe des Herrn Schropps nämlich, ſondern möchte vorher den Herrn Major Quinſcheidt beſuchen— iſt das von hier ein großer Umweg?“ „Durchaus nicht, nur müſſen wir in dieſem Falle links gehen.“ „Weiter wie zu Herrn Quinſcheidt will ich Sie auch nicht bemühen, von dort kenne ich die Straßen nach Hauſe ganz genau und habe den Weg ſchon öfters allein gemacht.“ Dann gingen ſie mit einander fort, und da das junge Mädchen, die Lippen feſt aufeinander gepreßt, mit zu Boden gerichteten Blicken dahinging, offenbar in tiefe Gedanken verſunken, ſo blieb der Senſal discreter Weiſe einen halben Schritt hinter ihr. Sophie ſchien dies übrigens kaum zu bemerken, da ihr Geiſt raſch dem Körper vorausgeeilt war und ſich bereits in dem kleinen Stübchen ihres ehemaligen Pflegevaters befand, wo ſie ſich auf dem niederen Sche⸗ mel kauernd neben dem alten Lehnſtuhle ſah, wie ſie als Kind ſo oft gethan, wenn ſie ihm ihre kleinen Geheim⸗ niſſe anvertraute.— Heute hatte ſie ihm weit Wichtigeres zu ſagen, und nur ihm allein, ihm, dem alten Manne — 200— mit dem guten Herzen und dem geraden, offenen Ver⸗ ſtande— ihm, von dem ſie überzeugt war, daß er ſie nicht nur freundlich und liebreich anhören, ſondern auch den beſten Rath für ſie haben werde.— Welche Art von Rath dies ſein könne, darüber war ſie allerdings ſelbſt im Unklaren— ſie hätte für ſich ſelbſt keinen gewußt, ſo troſtlos finſter erſchien ihr Alles rings umher. Nun hatten ſie die ſchmale Straße erreicht, in welcher der Major bei Strebers wohnte; unten an dem Garten⸗ zaune blieb Herr Kniegel ſtehen, um mit vorgeſtrecktem Halſe hinüberzuſchauen. „Ich hatte ſchon geglaubt, der Herr Major wäre in der Laube, doch iſt es nur unſer alter Freund Streber mit ſeiner Frau, welche nach ihrer Gewohnheit über irgend etwas Unbedeutendes ſo herzlich lacht— die Frau hat einen glückſeligen Naturzuſtand.“ Auch Sophie vernahm das herzliche, ihr wohlbekannte Lachen, doch widerſtrebte es ihrem düſteren Gemüthszuſtande, ſich vor den Fröhlichen zu zeigen, beſonders da Herr Knie⸗ gel nach näherem Hinſchauen ſagte, daß der Major nicht in der Laube, alſo wahrſcheinlich auf ſeinem Zimmer ſei. „So danke ich Ihnen herzlich für Ihre Begleitung und will von der Straße in's Haus gehen,“ erwiederte das junge Mädchen, ihm die Hand reichend,—„Sie gehen doch wohl zu Strebers in den Garten?“ „Für einen Augenblick, ja, liebes Fräulein, doch nur für einen Augenblick— habe noch wichtige Geſchäfte an der Abendbörſe zu beſorgen.“ — 201— Damit trat er freundlich grüßend durch die Garten⸗ thüre, während Sophie den Zaun entlang weiter ging, wobei ſie einen Blick auf das Laub der herbſtlichen Sträu⸗ cher und Schlingpflanzen warf, welche trotz ihrer bunten Farben in roth und gelb und gerade durch dieſelben ſchon das nahe Ende ihres kurzen Pflanzenlebens anzeigten. Wie licht und durchſichtig war nicht die im Frühjahr ſo üppig umrankte Laube ſchon geworden, eines der tiefroth gefärbten Blätter um das andere flatterte herab, den Boden bedeckend und dort mit anderem gelben Laube einen natür⸗ lichen Teppich bildend! Man ſah deutlich den Tiſch, an welchem ſich Herr und Madame Streber befanden, und das Lachen der Letzteren klang ſo hell und nahe, als hätte ſie auf der Straße geſeſſen. Ein paar Roſen blühten noch kümmerlich am Boden, und dort an dem bunten Aſternbeet bemerkte man auch ſchon den rauhen Hauch eines froſtigen Herbſtmorgens. „Wie anders war es dort noch vor ein paar kurzen Monaten,“ klagte das junge Mädchen,„und wie anders hier,“ dachte ſie, die Hand gegen das Herz drückend— „wie anders— wie anders, als ich, dort am Fenſter ſtehend, ihn nach langen Jahren zum erſten Male wieder⸗ ſah— damals noch hoffend und glaubend!“ Dann ſchlüpfte ſie in den dunkeln Hausflur hinein und beeilte ſich, raſch an der Thür des Zimmers vorbei⸗ zukommen, in welchem Georg wohnte. Doch plötzlich blieb ſie willenlos wie angefeſſelt ſtehen— ſie konnte nicht weiter, ſie vermochte es nicht, an der Thüre vorüber zu — 202— gehen, ihr Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, ſo daß ſie kaum zu athmen vermochte, die Kniee wankten unter ihr, ſie mußte ſich einen Augenblick gegen die Mauer ſtützen, um nicht umzuſinken— ſie vernahm Stimmen in dem Zimmer, den leidenſchaftlich lauten Ton einer weiblichen Stimme, dann die Georgs, leiſer, bittend, beruhigend.— Sophie raffte alle ihre Kraft zuſammen, um gegen die Treppe hin zu entfliehen. Sie war in furchtbarſter Auf⸗ regung und entſetzt von dem Gedanken, hier überraſcht zu werden. Doch es war zu ſpät— die Thüre öffnete ſich raſch und gewaltſam, und ehe ſich Sophie noch abzuwenden ver⸗ mochte, ſtand ſie einem jungen Mädchen gegenüber, das, tief und ſchwer athmend, mit bleichen Lippen und weit aufgeriſſenen Augen ihr entgegen ſtarrte und dann, die Hände vor das Geſicht preſſend, in ein lautes, krampf⸗ haftes Weinen ausbrach. Es war das ein ſehr junges Mädchen von hoher, ſchlanker, aber feiner und ſchmächtiger Geſtalt, einfach und elegant gekleidet, mit reichem, hellblondem Haar, das ihr tief über den Nacken herabfiel, was Sophie ſah, da ſich jene im nächſten Augenblicke haſtig abwandte, um in das Zimmer zurückzufliehen; doch vermochte ſie es nicht, die Schwelle zu überſchreiten, ſie wankte, faßte nach der Thür⸗ einfaſſung und würde wahrſcheinlich in der nächſten Sekunde zuſammengeſunken ſein, wenn Georg nicht raſch herbei⸗ geeilt wäre, um ſie in ſeinen Armen aufzufangen. Dabei aber konnte er eine unwillkürliche Bewegung der Ueber⸗ — 203— raſchung, faſt des Schreckens, nicht unterdrücken, als er Jene draußen ſtehen ſah und trotz des im Hausflur herrſchenden Halbdunkels ſo raſch erkannte, daß wohl willen⸗ los der Ruf:„Sophie!“ laut von ſeinen Lippen tönte— ein Name, der eine faſt wunderbare Wirkung auf das junge Mädchen in ſeinen Armen ausübte. Sie richtete ſich haſtig in die Höhe, ſtrich mit beiden Händen ihr Haar von den Schläfen zurück, ohne aber die zuckenden Finger von dort gleich wieder zu entfernen, ſie preßte vielmehr ihren Kopf heftig zuſammen, indem ſie ausrief:„Das iſt Sophie? O, ſie kommt zur gelegenen Zeit, und ich danke dem Schickſal, daß Sie gerade jetzt gekommen!“ Damit trat ſie ihr haſtig einen Schritt näher, ja, ganz dicht vor ſie hin, und als ſie nun ihre Hände langſam herabgleiten ließ, ſanken dieſe auf Sophien's Schulter mit leichtem, ſanftem Druck, ja, mit einem unverkennbaren Gefühl herz⸗ licher Innigkeit, welches noch verſtärkt wurde durch den Ausdruck wehmüthiger Freude und rührender Hingebung, der ſich auf den bleichen Zügen des jungen Mädchens zeigte und aus ihren feucht ſchimmernden Augen leuchtete. —„Sophie, Sophie!“ hauchte ſie kaum hörbar, ließ dann ihr Haupt an deren Bruſt ſinken, und während ſie die Arme um ihren Hals ſchlang, flüſterte ſie leiſe:„Sei mir nicht böſe, daß auch ich ihn geliebt, o, hätte ich dich früher geſehen, ich würde es leichter begriffen haben, daß ich ihm, der dein Bild im Herzen trägt, nichts weiter ſein konnte, als eine treue Freundin, und kaum das— kaum das— kaum das,“ wiederholte ſie zum dritten Male mit ſo leiſer, ſchwacher Stimme, daß Sophie, da ſie zu gleicher Zeit fühlte, wie ihr das junge Mädchen plötzlich ſo ſchwer in den Armen ruhte, alle ihre Kraft aufbieten mußte, um ſie feſt an ſich gedrückt mit Georg's Hilfe in das Zimmer zurückzubringen, eigentlich zurückzutragen, und ſie dort ſanft auf den Lehnſeſſel niederzulaſſen. Sie war furchtbar bleich geworden, und als ihr Kopf gegen das Kiſſen zurückſank, athmete ſie kurz und ſchwer und mit ſolcher Anſtrengung, daß Sophie, vor ihr nie⸗ derknieend, ihr beſorgt die eine Hand auf das Herz legte, als ſei ſie im Stande, auf dieſe Art das erſchreckende Klopfen deſſelben zu beſchwichtigen, während ſie mit der anderen die kalten Finger Eliſens innig drückte. Auch mochte wohl dieſe freundliche Berührung die heftige Auf⸗ regung raſch etwas gelindert haben, denn in Kurzem wur⸗ den die Athemzüge des erſchöpften jungen Mädchens lang⸗ ſamer und ruhiger, ſie ſchlug die Augen auf und lächelte matt, aber herzlich, als ſie Sophie vor ſich knieend erblickte. Dann richtete ſie einen freundlichen Blick auf Georg, der in peinlichſter Stimmung an das Fenſter getreten war, und ſagte endlich, das Haupt leicht gegen ſie neigend: „Er wußte nichts davon, daß ich hieher kommen wollte, und auch mir erſcheint es jetzt wie ein Traum, daß ich da bin, wie ein trauriger und doch wieder glücklicher Traum, traurig, weil ich dir ſagen muß, daß er mich nicht liebt, und glücklich, weil ich aus ſeinem Munde gehört, daß du es biſt, die—“ Hier wandte ſich Georg mit einer raſchen, abwehrenden gZleicher ſchwer te, um immer t ſanft r Kopf ſchwer hr nie⸗ legte, eckende tit der Auch Auf⸗ nwur⸗ lang⸗ lächelte blickte. g, der war, igend: wollte, aß ich raum, liebt, aß du renden Handbewegung gegen ſie. Doch ſchüttelte Eliſe leicht ihr Haupt, und während ſie das Kinn der vor ihr Knieen⸗ den ſanft faßte und deren Geſicht gegen ſich aufrichtete, fuhr ſie fort:„O, ich finde das ja auch ſo begreiflich, und hätte ich dich früher geſehen und gekannt, ſo würde es wohl nie ſo weit gekommen ſein, ſo hätte mein armes Herz nicht ſo furchtbar gelitten! Ich wäre dir liebend ent⸗ gegengekommen und auch du hätteſt dich von mir nicht abgewandt— nicht wahr, Sophie?— ſage mir das, mein Herz!— ſage es mir wahr und aufrichtig und mache mich glücklich dadurch!“ Sie hatte bei dieſen Worten mit einer krankhaften Haſt die Hände Sophiens ergriffen und die Knieende zu ſich emporgezogen. Glückſelig lächelte ſie, als ſie bemerkte, wie in Sophiens Augen Thränen ſchimmerten und wie dieſe ohne Widerſtreben, ja, ſelbſt in liebender Hingebung an ihre Bruſt ſank, worauf ihre bleichen Lippen den friſcheren Mund der glücklichen Nebenbuhlerin ſuchten und zu einem langen, innigen Kuſſe fanden. „Und nun laß ich dich nicht mehr,“ ſagte jene endlich, den Kopf zurückbeugend, um Sophie aus einer kleinen Entfernung zu betrachten, wobei ſie ihr ſanft das dunkle Haar aus der Stirn ſtrich—„nun laß ich dich nicht mehr, und du ſollſt meine Freundin ſein, meine liebſte Freundin— nicht wahr, das iſt auch Ihnen recht, Georg?“ wandte ſie ſich an dieſen, der noch immer am Fenſter ſtand, indem ſie ihm mit einer faſt gebieteriſchen Hand⸗ bewegung ein Zeichen machte, näher zu kommen.— Hackländer, Kainszeichen. IV. 14 — 206— „Sehen Sie doch, was meine Freundin, meine liebe, liebe Sophie für wunderſchöne und dabei treue und ehrliche Augen hat— ſchlage ſie nicht nieder, Herz, ſondern richte ſie in die Höhe, auf ihn— auf ihn, er ſucht ja reu— müthig deine Blicke!“ Sie ſagte das raſch, haſtig, wobei ihr fliegender Athem zuweilen wie ein leichtes Aufſchluchzen klang, eine plötz⸗ liche Röthe auf ihrem Geſichte erſchien, um ſofort mit einer tieferen Bläſſe wieder zu wechſeln.—„Schaut euch doch an, Kinder,“ rief ſie jetzt laut und heftig,„ich bitte euch darum— nein, ich will es— richte deine ſchönen Augen — empor, Sophie, herzlich empor gegen ihn, er wartet ja ſchon lange mit Schmerzen darauf— ſ— o— o— o— o,“ ziſchte ihr Athem und dabei erſchienen ihre Augen ſo müde, ſo traurig müde! Doch ſah man gleich darauf, wie ſie ſich nach einem tiefen Athemzuge wieder gewaltſam auf⸗ raffte, ja, zu einem Lächeln zwang, als ſie fortfuhr:„Und nun reiche ihm deine Hand empor, Sophie, wende aber dabei deine Augen nicht ab, damit ich ſehen kann, wie euer Beider Blicke in ſtiller Glückſeligkeit aufleuchten— thut mir's zu Liebe— thut mir's zu Liebe— ſo, und nun danke ich euch,“ rief ſie mit ſchmerzlich erregter Freund⸗ lichkeit, worauf ſie leiſe flüſternd hinzuſetzte:„Und ich ſage ein inniges Amen dazu— Glück und Segen!“ Sollen wir hinzufügen, daß ſich die Blicke der beiden jungen Leute in dieſem ergreifenden Moment wirklich mit einer unausſprechlichen Innigkeit gefunden, daß Sophiens Hand gebebt, als ſie den zarten Druck der ſeinigen ge⸗ — — 207— fühlt? Sollen wir ſagen, daß vielleicht Beide gern ein herzliches Wort dazu geſprochen hätten, wenn ſie nicht eine begreifliche Scheu vor dem leidenden Zuſtande Eliſens abgehalten hätte, die jetzt mit geſchloſſenen Augen, kaum merklich athmend, in dem Lehnſtuhle ruhte und nur dadurch ein Zeichen des Lebens und Bewußtſeins gab, daß ein kurzes, aber freundliches Lächeln über ihre bleichen Züge flog, als ſich Sophie über ſie beugte und ihre weiße Stirn küßte? Doch flackerte das Leben ſo raſch wieder empor, wie es zu verglimmen ſchien, denn im nächſten Augenblicke ſchon richtete ſich Eliſe haſtig auf, ſchaute mit weit geöff⸗ neten Augen um ſich und ſagte:„Nun muß ich nach Hauſe— ſogleich nach Hauſe— o, wenn ich ſchon dort wäre, wenn ich nur einen Wagen hätte, denn es iſt mir unmöglich, zu Fuße zu gehen!“ Georg griff ſogleich nach ſeinem Hute und ſie nickte ihm mit ſtummem Danke zu, als er raſch das Zimmer verließ; dann ruhte ſie wieder eine kurze Zeit mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, während ſie mit einer ängſtlichen Be⸗ wegung die Hände Sophiens feſthielt und auf ihrer Bruſt vereinigte, als vermöge ſie dadurch das wilde Klopfen ihres Herzens zu beſchwichtigen.„Laß mich nicht allein nach Hauſe fahren, mein Herz,“ flüſterte ſie ſehr leiſe, „begleite mich, denn ich fürchte mich, wenn ich allein fahre— willſt du ſo lieb ſein, mich zu begleiten?“ Sophie vermochte nicht, Ja zu ſagen, ein furchtbarer Kampf drückte ihr Herz zuſammen, denn ſie war da auf eA — 208— einen Pfad gerathen, den ſie in jeder anderen Lage ſchau⸗ dernd vermieden haben würde. „Du weißt doch, wer ich bin?“ O, ſie wußte es nur zu genau, vermochte aber nur durch ein ſtummes Kopfnicken zu antworten. „Hat er dir je von mir geſprochen, mit einigem Intereſſe geſprochen?— Hat er dir geſagt, daß er mir einmal durch eine wundervolle Melodie das Leben gerettet— daß es ein glühendes Gefühl der Dankbarkeit geweſen, was mich anfänglich zu ihm hinzog,— und wirſt du mir wohl glauben, mein Herz, daß es auch heute vielleicht kein tieferes Gefühl iſt?“ ſetzte ſie ſtockend hinzu.—„Hat er dir überhaupt von mir geſprochen?“ „Ja, er ſprach mir von Ihnen.“ „O, nenne mich„du“, mein Herz, ich bitte dich inſtän⸗ dig und dringend, nenne mich„du“, oder willſt du mir nach alle dem fremd bleiben? Wir kennen uns ja ſchon ſo lange, als wenn wir mit einander aufgewachſen und Schweſtern wären. Erinnerſt du dich denn nicht mehr, wie wir uns vor Jahren als zwei kleine Mädchen im Garten meines Vaters geſehen?— Erinnerſt du dich nicht mehr daran?“ „O ja, ich erinnere mich, und habe dich nie vergeſſen.“ „Auch meiner Mutter wirſt du dich erinnern, und ſollſt ſie wiederſehen— heute noch. Ich will ihr ſagen, wie lieb wir uns haben, und daß ich dich nie mehr von mir laſſen will, und daß du bei uns bleiben ſollſt und mußt, als meine Schweſter.“ ——ÿy o——— —ᷣͦ—— — 209— „Als deine Schweſter!“ hauchte Sophie mit faſt ver⸗ ſagender Stimme, während ſie nicht mehr im Stande war, ihre raſch hervorſtürzenden Thränen zurückzuhalten; denn der Schmerz, ſo wie die Angſt über das, was folgen werde und mußte, wenn ſie das junge Mädchen nach Hauſe begleitete, ſchnitt zu tief und grauſam in ihre Seele; deßhalb vermochte ſie auch kein Wort zu ſprechen, ſondern nur leicht mit dem Kopfe eine verneinende Bewegung zu machen. Doch ſchien das die Andere nicht zu bemerken, denn ſie hatte ihre Augen gegen die Thür gerichtet und ſagte nach einem kurzen Aufhorchen:„Dort kommt auch ſchon der Wagen, den Georg geholt, ich höre das Rollen der Räder, ich freue mich darüber, es gibt mir meine Kraft wieder.“ Sie ſetzte ſich aufrecht in den Lehnſtuhl und fuhr dann mit einem trüben Lächeln fort:„Schau mich an, mein Herz, ob mein Haar nicht derangirt iſt, und hilf mir es ein Bischen ordnen, damit meine Mutter nicht erſchrickt, wenn ſie mich ſieht; auch müſſen wir ihr, ſo leid mir das thut, eine kleine Unwahrheit ſagen, ich werde mich unter⸗ wegs darauf beſinnen, und du haſt nichts zu thun, als mich nicht zu verrathen.— O, du biſt ſehr glücklich, nicht lügen zu müſſen, und noch dazu mit ſo tiefem Schmerz im Herzen!“ Dann trat Georg in das Zimmer, ſagte, daß der Wagen da ſei, und fragte Eliſe, ob er ſie nicht nach Hauſe begleiten ſolle, oder wenigſtens bis in die Nähe deſſelben. —— mmmu————, — 2410— Doch wehrte ſie haſtig mit der Hand ab und erwiederte, indem ſie den Hals Sophiens umſchlang:„Sie wird mich begleiten— du mußt mich begleiten!“ Die beiden Mädchen ſchienen vollkommen die Rollen vertauſcht zu haben, denn während die Eine jetzt kräftig, faſt energiſch ſprach und faſt ohne Anſtrengung durch das Zimmer dahin ſchritt, athmete die Andere tief und müh⸗ ſam und war faſt bleicher geworden, als Jene bis jetzt geweſen. Dabei hatte ihre Rechte die Lehne des Seſſels erfaßt und ihre Augen ſchloſſen ſich ein paar Mal, ihre Lippen zuckten, als kämpfe ſie einen gewaltigen Kampf. Und ſo war es auch; denn gar zu lebhaft trat das Bild kaum vergangener Stunden vor ihre Seele, und gar zu lebhaft und ſchmerzlich erſchien ihr das Bild einer Mut⸗ ter, der es ſo leicht geworden war, an den Tod ihres Kindes zu glauben. Da ſagte Georg, indem er zu ihr herantrat und ihre herabhängende linke Hand ergriff:„Begleite ſie, thu' es ihr und mir zu Liebe, und ich werde dir unendlich dank⸗ bar dafür ſein. Was ſollte dich abhalten? Jene dir fremde Frau wird dich freundlich empfangen und dir herz⸗ lich danken.“ Noch einen Augenblick kämpfte das junge Mädchen mit ſich ſelber, dann erwiederte ſie nach einem erleichtern⸗ den Athemzuge:„Du haſt Recht, Georg, ſie wird mir freundlich danken, jene fremde Frau,“— und ſetzte unhör⸗ bar hinzu:„das ſoll ſie für mich bleiben.“ Als Beide gleich darauf im Wagen ſaßen, flüſterte — — 2411— Eliſe in vertraulichem Tone:„Ich werde meiner Mutter ſagen, ich hätte dich irgendwo getroffen, in einem Laden oder ſonſtwo, und da ich mich plötzlich leidend gefühlt, wie das bei mir häufig vorkommt, ſo hätte ich dich gebeten, mich nach Hauſe zu begleiten.— Iſt's dir ſo recht?“ fragte ſie, Sophiens Hand ergreifend, und als Jene mit leiſer Stimme dieſe Frage bejaht, hielt ſie deren Hand feſt, und 1— ſo fuhren ſie, ohne weiter etwas zu ſprechen, durch die Straßen der Stadt, beide gleich erregt, gleich bewegt. Jetzt hielt der Wagen vorn an der Straße vor dem Hauſe der Madame Bendel, und das Stubenmädchen, welches ſich wohl nicht ganz zufällig an der Thür befand, öffnete raſch den Schlag und blickte mit einem unver⸗ kennbaren Erſchrecken in das Geſicht ihres Fräuleins; denn wenn dieſe ſich auch Mühe gab, unbefangen, ja, heiter zu erſcheinen, ſo war ſie doch nicht im Stande, ihre krankhafte Bläſſe ſo wie die Zeichen tiefer Abſpannung verſchwinden zu machen. „Iſt Mama zu Hauſe?“ „Ja, und recht beſorgt über Ihr Ausbleiben, ſie hat den Anton ausgeſchickt, nach Ihnen zu ſehen.“ „Ah, ich bin doch kein kleines Kind mehr und kann nichts dafür, daß ich in einem Laden, wo ich mich be⸗ V fand, etwas unwohl wurde und mich ausruhen mußte.“ „Ach, liebes Fräulein, man ſieht es Ihnen recht an!“ . ſprach das Stubenmädchen in mitleidigem Tone, während es den beiden jungen Damen aus dem Wagen half. Doch warf Eliſe mit einer unmuthigen Bewegung ihren Kopf empor, worauf ſie fragte:„Iſt meine Mutter allein?“ „Nein, der Herr Obermedicinalrath ſind zufällig droben und die Frau Kanzleidirektorin.“ „Unangenehm, was die Letztere anbelangt— doch komm, mein Herz, wir wollen hinaufgehen— daß auch die gerade da ſein muß!“ „Weßhalb es aber jedenfalls beſſer wäre, wenn ich Sie hier verließe,“ ſagte Sophie, an der Treppe ſtehen bleibend. Doch faßte ſie die Andere raſch bei der Hand und nöthigte ſie die Stufen hinauf, indem ſie ausrief: „Nein, nein, ſo entgehſt du mir nicht, du mußt meine Mutter ſehen und ſie dich, und du mußt heute noch lange bei uns bleiben!“ Daß Sophie widerſtrebend folgte, in ſchmerzlichſter Auf⸗ regung, aber folgen mußte, um kein Aufſehen zu erregen, brauchen wir wohl nicht zu ſagen. Die Tochter des Hauſes hatte vor dem Stubenmädchen einen ſo vertraulichen Ton gegen ſie angeſchlagen, hatte ihr jetzt ſo herzlich einen Arm um die Schultern geſchlungen, daß es befremdend geweſen wäre, wenn ſie nach allem dem das Haus verlaſſen hätte, und ſo ſchritt ſie denn an ihrer Seite dahin mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, klopfendem Herzen, immer tiefer und ſchwerer athmend, wie ſie jetzt Stufe um Stufe empor⸗ ſtiegen. Im langſamſten Schritte waren ſie oben angekommen, denn Eliſe ſchien ſehr erſchöpft zu ſein und drückte ein paar Mal die Hand gegen ihr Herz, ja, lehnte ſich ſchwer 213— auf ihre Begleiterin, obgleich ſie ſich zu einem müden Lächeln zwang.— Sophie mußte das Treppengeländer ergreifen, um ſich gegenüber ihrer inneren gewaltſamen Erregung aufrecht zu erhalten und gefaßt jener Dame gegenüber zu treten, die ihnen raſch entgegengeeilt war, die jetzt die Arme gegen ihre Tochter ausſtreckte, ſie auf⸗ fing und dann mit einem ſchmerzlichen, innigen Tone ſagte:„Mein liebes Kind, welche Sorge habe ich um dich gehabt, du mußt wieder einmal recht gelitten haben!“ Sie wollte ſie fortführen, doch faßte Eliſe die Hand ihrer Begleiterin, während ſie mit ſchwacher Stimme die Worte ausſtieß:„Ja, ich war recht leidend, und du mußt dem Fräulein hier ſehr dankbar ſein für ihre Sorge um mich, mußt ſie— erſuchen— mich nicht ſogleich wieder zu verlaſſen— denn ich habe ſie ſehr, ſehr lieb.“ Madame Bendel machte eine freundliche Verneigung gegen das ihr unbekannte junge Mädchen, und als dieſes hierauf, gegen Eliſe gewendet, ſagte:„Würden Sie mir vielleicht nicht lieber geſtatten, Sie morgen zu beſuchen?“ ſo erhielt ſie nur ein heftiges Kopfſchütteln zur Antwort, während ſie fühlte, wie krampfhaft feſt ſich die eiskalten Finger um ihr Handgelenk legten. Dann folgte ſie in's Zimmer und blieb an der Thür neben dem Sopha ſtehen, während Madame Bendel ihre Tochter ſorgſam in eine Ecke deſſelben niederließ und dann aufſchauend einen ſchmerzlichen Blick wechſelte mit einer ziemlich finſter blickenden Frau, die aufrecht auf einem Stuhl neben dem Tiſche ſaß und ihre Rechte dort ruhen ließ. Dieſelbe trommelte leicht mit den Fingern und ſagte jetzt in einem nicht allzu lauten, aber rauhen Tone:„Es iſt immerhin noch ein Glück zu nennen, daß dein Herr Doktor Werner drüben unter einigen Papieren ſucht, wie du es gewünſcht, alſo bei der Hand ſein wird, wenn es hier wieder etwas zu flicken gibt, wie mir ſcheint.— Iſt das eine ewige Wirthſchaft in dem Hauſe!“ fuhr ſie kopf⸗ ſchüttelnd fort, und ſetzte dann mit einer ſcharfen Wen⸗ dung gegen Sophie hinzu:„Aber wen haben wir denn eigentlich da— wen werden wir zu begrüßen die Ehre haben?“ Eliſe hatte dieſe Worte gehört und erwiederte, ihre müden Blicke ſo feſt als möglich auf Madame Schwebe⸗ ling richtend:„Das iſt eine junge Dame, die ſo freund⸗ lich war, mir auf die liebevollſte Art beizuſtehen. O, Mama, gib ihr einen Stuhl und bitte ſie, ſich zu ſetzen und noch etwas bei mir zu bleiben!“ Doch verſtärkte ſich hierauf das Kopfſchütteln der Kanz⸗ leidirektorin ſo bedeutſam, daß dieſes allein ſchon Sophie veranlaßt hätte, mit einer raſchen Handbewegung für einen Sitz zu danken. Allerdings war ihre Befangenheit, ihre Erregung, ja, ihre anfänglich ſo peinliche Verlegenheit ge⸗ wichen und hatte dafür bei den Worten der ſtreng aus⸗ ſehenden Frau einem bitteren Gefühle Platz gemacht, das mit Eiſeskälte ihr Herz umfing. Eliſe mochte dergleichen in ihren Augen leſen, denn ſie fuhr haſtig gegen ihre Mutter gewendet fort:„Sie iſt auch ſonſt keine Fremde für uns, liebe Mama, ſondern es iſt dieſelbe junge Dame, — 215— die damals vor langen Jahren als kleines Mädchen mit Herrn Quinſcheidt in unſeren Garten kam, du erinnerſt dich wohl, von der wir oft geſprochen, die mich ſo ſehr intereſſirt und die ich ſo gern wiedergeſehen hätte.“ Das Kopfſchütteln der Kanzleidirektorin, hatte plötzlich aufgehört, und zwar mit einem ſichtbaren Rucke, der ihre Naſe um ein paar Zoll erhob, während ſich die trommeln⸗ den Finger zu einer Fauſt zuſammenballten; dann ſagte ſie:„Ah, eine Bekanntſchaft von der ſo verrufenen Zi⸗ geunerinſel! Wenn dieſe Bekanntſchaft nur nicht wie an⸗ dere ähnliche auf gerade nicht behagliche Art den Frieden dieſes ſtillen Hauſes unterbrechen wird! Doch du biſt die Herrin dieſes Hauſes,“ ſprach ſie direkt zu ihrer Schweſter, ohne die Naſe im Mindeſten ſinken zu laſſen,„du biſt die Mutter deines Kindes und ſollteſt eigentlich am Beſten wiſſen, ob das Cultiviren von dergleichen Bekanntſchaften nützt oder ſchadet!“ „Tante Schwebeling, ich habe dir dieſe junge Dame nicht vorgeſtellt,“ rief Eliſe ſich haſtig aufrichtend,„auch iſt ſie nicht zu dir gekommen, ſondern hieher zu meiner Mutter, in unſer Haus.“ „Das iſt einmal ein vernünftiges Wort,“ erwiederte die Kanzleidirektorin in unverwüſtlicher Ruhe,„denn ich erſehe daraus, daß du mich und mein Haus auf eine andere Stufe ſtellſt, als das deiner oftmals recht ſchwachen Mutter.“ „Laßt doch dieſe ewigen Neckereien!“ bat Madame Bendel in bekümmertem Tone.„Als ob nicht des Un⸗ —— 216— angenehmen, ja, des Jammers hier ſchon genug wäre!“ Dann trat ſie gegen Sophie, welche ihre Stelle an der Thür nicht verlaſſen hatte und der man es in dieſem Augenblicke deutlich anſah, daß ihre mühſam errungene Faſſung ſie wieder zu verlaſſen drohte, und zwar um ſo mehr, je näher ſich ihr jene Dame in ihrem ſchweren rauſchenden Seidenkleide mit einem etwas erzwungenen Lächeln auf den Lippen näherte. Und doch lächelte Ma⸗ dame Bendel immerhin gütig und freundlich, ja, ſie machte ſogar eine Bewegung mit ihrer Hand, wie um dieſelbe dem jungen Mädchen zu reichen. Sophie ſchien dies nicht zu verſtehen, denn ſie verneigte ſich ſtumm und kalt gegen Madame Bendel, richtete an Eliſe die Worte:„Auf Wiederſehen!“ und war im Begriff, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, als zur entgegengeſetzten Thür Doktor Werner ein⸗ trat, um beim Erblicken der Anweſenden einen Augenblick überraſcht auf der Schwelle ſtehen zu bleiben. Dann näherte er ſich ſchnell ſeinem lieben Schützling, wie er Sophie in herzlichem Tone nannte, und blickte verwundert um ſich, als er die finſtere, drohende Miene der Kanzlei⸗ direktorin, die erzwungene Freundlichkeit in den Mienen der Madame Bendel und Eliſe ſah, die bleich und mit geſchloſſenen Augen in die Sophaecke zurückgeſunken war. „Ja, was iſt denn eigentlich hier vorgefallen?“ ſagte er mit dem Ausdruck großen Erſtaunens.„Und wie kom⸗ men Sie hieher, mein liebes Kind?“ Doch ließ Madame Schwebeling Sophie, an welche dieſe Frage gerichtet war, keine Zeit zur Beantwortung —.— 217— derſelben, ſondern ſchnarrte in rauhem Tone:„Da der Herr Obermedicinalrath dieſe Demoiſelle genau zu kennen ſcheint, ſo werden wir vielleicht durch ihn erfahren, wer uns die Ehre eines Beſuches eigentlich gegönnt.“ „Dieſe junge Dame habe ich allerdings die Ehre zu kennen,“ erwiederte der Obermedicinalrath in einem ſcharfen, aber dabei recht ruhigen Tone,„und ich kann Ihnen ver⸗ ſichern, Frau Kanzleidirektorin, Fräulein Sophie iſt mir in jeder Hinſicht lieb und werth und gehört einem ſehr achtbaren Hauſe an, dem der Herren Gebrüder Schropps, deren Pflegetochter ſie iſt.“ Nun aber ſchlug die Kanzleidirektorin ein ſo lautes, grelles und höhniſches Lachen auf, daß der Arzt zornig ſeine Lippen zuſammenbiß und wahrſcheinlich eine ſehr derbe Erwiederung gegeben hätte, wenn nicht Madame Bendel mit einem lauten Aufſchrei zu ihrer Tochter geeilt wäre, die allerdings in dieſem Augenblicke einen erſchreckenden, erſchütternden Anblick bot. Sie hatte ſich gewaltſam auf⸗ gerichtet, einen wilden, drohenden Blick gegen ihre Tante geſchleudert, dann die Hände gegen die Bruſt gedrückt, und als ſie hierauf wieder kraftlos in ſich zuſammenbrach, erſchienen zwiſchen ihren bleichen Lippen ein paar verein⸗ zelte helle Blutstropfen, denen bald andere raſcher folgten, wie man bemerkte, trotzdem ſich Eliſens Geſicht auf ihr Taſchentuch und die Lehne des Sopha's ſenkte. „Um Gottes willen, was iſt denn hier eigentlich vor⸗ gefallen?“ rief der Arzt, ſich haſtig dem Sopha nähernd, worauf er eilig begann, ſich mit bekümmerter Miene um —-—.— — 216— Eliſe zu beſchäftigen. Doch hätte er in dieſem Augenblicke Nichts zu thun vermocht, was man deutlich in ſeinen be⸗ ſtürzten Zügen las, wenn nicht die immerhin noch kräftige Natur des jungen Mädchens dem Blutſtrome von ſelbſt Einhalt gethan hätte.„Gott ſei dafür gedankt,“ flüſterte der Arzt mit leiſer Stimme,„doch nun wollen wir das arme Kind ſo raſch als möglich in ihrem Schlafzimmer zur Ruhe bringen— nicht wahr, das iſt auch Ihr Wunſch?“ fragte er die Kranke. „Ja,“ hauchte Eliſe nach einer ziemlich langen Pauſe und ſetzte dann mit großer Anſtrengung hinzu, wobei ſie matt ihren Kopf gegen Sophie wandte:„Aber— du— verſprichſt— mir, noch ein paar Augenblicke zu bleiben, bis es mir beſſer geht und ich dich vielleicht noch ſehen kann— verſprichſt— du— mir— das?“ „Sie verſpricht es Ihnen,“ warf Doktor Werner raſch ein, da er ſah, wie Sophie eine raſche, heftig abwehrende Bewegung machte.„Sie verſpricht es, weil auch ich ſie dringend darum bitte, aber dann müſſen Sie lieb und folgſam ſein und ſich ſogleich von Mama zu Bette bringen laſſen, worauf ich alsbald kommen werde, um nach Ihnen zu ſehen, um den kleinen Schaden wieder gut zu machen, den irgend eine Unvorſichtigkeit, Aufregung oder dergleichen veranlaßt— und das ſoll mir meine kleine Freundin hier ſagen.“ Dazu lächelte Eliſe und ließ ſich mit geſchloſſenen Augen von ihrer Mutter fortführen, welcher der Arzt noch nachrief:„Vollſtändig zu Bette bringen, wenn ich bitten darf, nicht nur ſo oben hinauf legen, und wollen Sie mich dann ſogleich benachrichtigen!“ Dann wandte er ſich raſch an Sophie, um ſie zum Sopha zu führen.„Eine halbe Stunde kann es immer noch dauern, bis ich Ihnen vielleicht geſtatten kann—“ er betonte dieſes„vielleicht“ ſehr ſtark—„Fräulein Eliſe heute nochmals zu ſehen. Es iſt da wieder etwas in große Unordnung gerathen, was mich nicht ohne Beſorg⸗ niß läßt— aber bitte, mein liebes Kind, ſetzen Sie ſich!“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Freundlichkeit, Herr Obermedicinalrath,“ entgegnete das junge Mädchen in einem kalten und ruhigen Tone, während ein tiefes Athemholen deutlich den Kampf ihres Innern anzeigte. „Es iſt mir leid genug, daß ich förmlich gezwungen wurde, hier einzudringen, und möchte ich jetzt wiederholt die dringende Bitte ausſprechen, mir zu geſtatten, daß ich mich zurückziehe.“ „Thun Sie der armen Leidenden und damit auch mir den Gefallen, noch eine kleine Weile zu bleiben,“ bat Doktor Werner,„ich bringe Sie dann in meinem Wagen nach Hauſe.“ Die Kanzleidirektorin war nach der höchſt eigenthüm⸗ lichen Freudenbezeugung von vorhin ſtumm, ſteif, aufrecht und regungslos da geſeſſen, anzuſehen wie ein altes, düſteres Götzenbild in moderner Kleidung, deſſen drohende Blicke indeß irgend eine neu bevorſtehende, vielleicht noch erſchrecklichere Kundgebung prophezeiten. Doch begnügte ſie ſich mit der Wiederholung der erſteren, und das gleiche —— ren eeeeen eaflad = 220— grelle und höhniſche Lachen ertönte abermals bei den letz⸗ ten Worten des Arztes, ſo daß dieſer, ſie zornig anblickend, heftig mit dem Fuße auftrat und dann beſorgt auf Sophie ſchaute, die eine raſche Bewegung in das Zimmer hinein machte, wobei ſie ihre Blicke aus den dunklen, leuchtenden Augen auf eine eigenthümliche Art zu kreuzen begann. „Ja, ich will bleiben, wenn Sie es wünſchen, Herr Obermedicinalrath, noch eine Weile hier in dieſem Zimmer bleiben, obgleich es mir das Herz zuſammenſchnürt. Da⸗ gegen geſtatten Sie mir die Frage an jene Dame, was ihr impertinentes Lachen zu bedeuten hat?“ „Mamſell,“ rief die Kanzleidirektorin, in die Höhe ſchnellend,„wenn Sie ſich das nicht ſelbſt zu deuten ver⸗ ſtehen, ſo kann es nur in dem abſoluten Mangel jeden Zartgefühls liegen— ja, Mamſell, jeden Zartgefühls, denn ich ſollte doch denken, Sie müßten wiſſen, daß Sie hier in ein anſtändiges und höchſt achtbares Haus einge⸗ drungen ſind.“ „Wenn ich mir aber die gleiche Frage erlaube,“ ſagte Doktor Werner, dicht vor die Kanzleidirektorin hintretend und in ſehr ernſtem Tone,„und Sie zugleich um Er⸗ klärung Ihrer noch viel impertinenteren Worte von ſo eben erſuche, ſo hoffe ich, Sie werden mir die Antwort darauf nicht ſchuldig bleiben.“ „Ich bin noch nie eine Antwort ſchuldig geblieben,“ erwiederte Madame Schwebeling, ihre Naſe ein paar Zoll erhebend und in einem zu dieſer Bewegung vollkommen paſſenden Tone—„ich werde eine Antwort auch jetzt 221 nicht ſchuldig bleiben, indem ich dieſer Mamſell einfach ſage, daß ich es für keine Ehre halte, im gleichen Zimmer ſein zu müſſen mit Perſonen von ſolch'— nicht mehr zweifelhaftem Rufe, wie ihn dieſe Mamſell genießt bei ihrer Stellung im Hauſe des luſtigen Junggeſellen, Herrn Joſeph Schropps.“ „Nun, was zu toll iſt, das iſt zu toll,“ rief Doktor Werner, die Hand drohend gegen Madame Schwebeling aufhebend.—„Nehmen Sie ſich in Acht mit ihrer bos⸗ haften Zunge— nehmen Sie ſich in Acht, dieſes junge, brave und liebenswürdige Mädchen ſteht unter meinem ganz beſonderen Schutze!“ „J, wer zweifelt an Ihrem ausgiebigſten Schutze?“ kreiſchte die Kanzleidirektorin, indem ſie einen tiefen Knicks machte,„der Herr Hausarzt und der Herr Hausfreund—“ hier knickſte ſie abermals,„o, wer wüßte es denn nicht, daß er ſich mit ſo großer Liebe dieſer namenloſen Mam⸗ ſell annimmt!— Und wenn ich, allerdings nur ein dummes und boshaftes Weib, mir etwas erlauben dürfte, ſo wäre es, um Verzeihung zu bitten, daß mir nicht ſo⸗ gleich der Zuſammenhang klar geworden, warum die Mamſell eingeſchwärzt werden ſoll in dieſes Haus, wo der Herr Obermedicinalrath—“ hier kam der dritte und tiefſte Knicks—„als Herr und Gebieter aus⸗ und eingehen.“ Wer weiß, was nach dieſen Worten geſchehen wäre, wenn nicht der Arzt ſeine Hand feſt ergriffen gefühlt und mit Staunen und Freude die Würde und Hoheit erblickt hätte in der Haltung und den Zügen Sophiens, die jetzt Hackländer, Kainszeichen. IV. 15 —— ——— 8—— 4 2— 3 an ſeine Seite dicht vor die Kanzleidirektorin hintrat und in einem ruhigen und beſtimmten Tone ſagte:„Sie haben den Verſuch gemacht, mich, wehrlos wie ich bin, hier im Hauſe Ihrer Schweſter zu beſchimpfen— den Verſuch, unterſcheiden Sie dieſen Begriff wohl, wenn ich bitten darf, denn mir wirklich ein Leides anzuthun, dazu iſt ſelbſt Ihre Zunge zu ſchwach, auch liegt es nicht in meiner Abſicht, Ihnen in dieſer Richtung nur eine Silbe zu ent⸗ gegnen. Doch“— fuhr Sophie nach einem tiefen Athem⸗ zuge fort,„Sie haben mich eine namenloſe Perſon ge⸗ nannt und dadurch eine Schmach auf mich zu laden ge⸗ glaubt, die im ſchlimmſten Falle doch nur Andere treffen könnte— vielleicht auch Andere trifft! Aber, Madame, ich bin nicht namenlos, ich bin berechtigt, einen Namen zu tragen, der Ihnen wahrſcheinlich wohl bekannt iſt! Daß ich ihn hier ausſprechen ſoll und muß, erfüllt mich mit einem wilden, unbeſchreiblichen Schmerze, auch ſpreche ich ihn nicht aus in der Hoffnung, Ihnen damit ein Ver⸗ gnügen zu machen, und wenn ich ihn ausgeſprochen, ſo gelobe ich vor Gott, dieſem Hauſe, ſo wie Allen, die es beherbergt, für ewig den Rücken zu kehren, drunten auf der Schwelle den Staub von meinen Füßen zu ſchütteln und dann nur noch hieher zurückzudenken mit Haß und Groll im Herzen— wenn mir das möglich iſt!“ Madame Schwebeling hatte dieſe Worte mit Verwun⸗ derung angehört, und wenn ſie auch mehrmals verſucht geweſen war, durch einige ihrer beliebten Geberden, durch Augenverdrehungen, Achſelzucken und höhniſches Lachen die +— Sprecherin zu unterbrechen, ſo hatte ihr doch die Würde und Haltung des jungen Mädchens imponirt, weßhalb ſie es vorzog, ſich den Anſchein völliger Gleichgültigkeit zu geben im Gegenſatz zu Doktor Werner, der Sophie mit allen Zeichen innigſter Theilnahme in die klaren, furcht⸗ los blickenden Augen ſchaute, ihre Rechte mit ſeinen beiden Händen ergriff und ſanft drückte, wie um ſie ſeines voll⸗ kommenen Intereſſes zu verſichern und ſo ihre Feſtigkeit zu unterſtützen. Dieſer Beweis von Theilnahme ſchien übrigens die gegentheilige Wirkung hervorgebracht zu haben, denn in einer kleinen Pauſe, welche das junge Mädchen jetzt machte, vernahm man ein kurzes, wehmüthiges Auf⸗ ſchluchzen. Dabei aber hatten alle Drei nicht bemerkt, daß Madame Bendel, wenngleich haſtig aus dem Nebenzimmer gekom⸗ men, jetzt mit bleichen, verſtörten Zügen und Thränen in den Augen an der Thür ſtehen blieb. Was ſie aber jetzt hörte aus dem Munde des unbe⸗ kannten jungen Mädchens, war auch wohl im Stande, ihren Schritt zu hemmen und ſie bebend auf der Stelle feſtzubannen. „Mein Name iſt Watters,“ ſprach Sophie in ruhigem, klarem und deutlichem Tone—„Watters nach meinem Vater, einem armen, blinden Manne, den ich vor Kurzem verlaſſen, nachdem er mich liebend anerkannt, glückſelig begrüßt und mit ſeinem Segen entlaſſen— meine Mutter aber—“ Hier vernahm man einen erſchütternden Aufſchrei, und — 221— als ſich Alle dem Orte zuwandten, woher er kam, be⸗ merkten ſie Madame Bendel, welche ſich an der Thürein⸗ faſſung nur mühſam aufrecht hielt und die Worte her⸗ vorſtieß:„Das iſt zu viel des Schrecklichen auf einmal — Eliſe ſtirbt— retten Sie mein Kind!“ Der Arzt war raſch zu ihr hingeeilt, um die Sinkende in ſeinen Armen aufzufangen, dann ließ er ſie auf ſeinen Seſſel niedergleiten und verließ haſtig das Zimmer mit ſolchen Zeichen des Schreckens und der Aufregung, wie man ſie an dem ſonſt ſo ruhigen und nicht leicht zu er⸗ ſchütternden Manne niemals geſehen hatte. Dabei war es eigenthümlich, daß die Verkündigung dieſes neuen Jammers, der das Haus zu bedrohen ſchien, auf die Kanzleidirektorin in entgegengeſetzter Art wirkte. Denn wenn ſie ſich vorhin ſichtbar geduckt hatte unter dem Inhalt der wuchtigen Worte des jungen Mädchens, ſo ſchien jetzt der Klageruf ihrer Schweſter das Maß ihrer Geduld in ſo fern gefüllt zu haben, als es überzulaufen begann, und nicht in Ausbrüchen des Grolles und des Zornes, ſondern in denen einer ausgelaſſenen Luſtigkeit, welche von dieſer merkwürdigen Frau auf die natürlichſte Weiſe von der Welt dargeſtellt wurde. Zuerſt lachte ſie mit einer krampfhaften Erſchütterung, dann wendete ſie ſich raſch gegen ihre Schweſter, während ſie mit der Hand des ausgeſtreckten rechten Armes auf Sophie zeigte, ſo daß die würdige Dame in ihrer haſtigen Bewegung ausſah wie ein toll gewordener Wegweiſer. Dann kreiſchte ſie: „Haſt du das gehört, Adeline?— Haſt du es verſtanden, — X&—— 4˙⁹ρη — 225— wie dieſe namenloſe Mamſell ſich zu nennen beliebt? Durch⸗ ſchauſt du nun die ganze verruchte Komödie, in welcher dein würdiger Arzt und Hausfreund mit die Hand im Spiele hat, eben ſo, wie der luſtige Junggeſelle Herr Joſeph Schropps?“— Hier machte ſie eine Art von tanzender Bewegung.—„Nicht minder unſer lieber Schwager Löſer, davon bin ich feſt überzeugt! Begreifſt du denn nicht dieſes ganze Höllengebräu von Lug und Betrug? Verſtehſt du es jetzt, warum jener elende miſerable Menſch herbeigelockt wurde, um den Vater dieſer Mamſell zu ſpielen, damit man ſie durch die Drohung, welche in alledem liegt, in ein anſtändiges Haus einſchmuggeln könnte?— Verſtehſt du das und lachſt nicht trotz allen Jammers?!— Und Sie,“ wandte ſie ſich gegen das arme junge Mädchen, welches auf's Tiefſte erſchüttert, ihr Geſicht in beide Hände verbergend, hülflos dieſem Strom giftiger Worte gegenüber ſtand—„und Sie, noch ſo jung und ſchon ſo verdor⸗ ben, Sie ſchämen ſich nicht, eine ſolche Rolle zu ſpielen und ſich herzugeben als Mitſchuldige bei einer ſo ſchmutzi⸗ gen Speculation?— Pfui Teufel, ſo ein Muſter!— Laß mich, Adeline,“ ſchrie ſie gegen ihre Schweſter,„die ſich bleich und verſtört erhoben hatte und ſchwankend näher kam,„laß mich dieſer da ſagen, daß ſie mit ihrer betrü⸗ geriſchen Lüge an die Unrechte gekommen iſt— dem Him⸗ mel ſei gedankt, daß ich gerade im Hauſe war!— Laß es mich ihr deutlich ſagen, damit ihr und ihresgleichen für immer die Luſt vergeht, dich zu beunruhigen und Er⸗ preſſungen zu verſuchen!“ — — — —— ———— „O mein Gott,“ hauchte Sophie,„o mein Gott!“ Dabei ließ ſie ihre Hände herabſinken und blickte bleich und ſchmerzerfüllt gen Himmel. Bleich und ſchmerzerfüllt, die dunklen Augen glänzend von Thränen, die feinen Lippen zuckend, dabei aber die offenen Blicke rein und ſtrahlend, die edlen Züge geiſtig durchleuchtet, ſtand ſie da, ein ſchönes Bild der Trauer! Welche Gefühle und Gedanken, Hoffnungen und Zweifel bei dieſem Anblicke Madame Bendel durchzuckten, wäre ſchwer zu beſchreiben, genug, ſie preßte in tiefem Schmerz ihre zuſammengefalteten Hände gegen den Mund und flüſterte leiſe:„Und doch mahnt ſie mich an ein Bild aus längſt vergangener Zeit, o mein Gott, o mein Gott!“ Dieſe letzten Worte hatten ſich verſtändlich aus ihrem gequälten Herzen losgerungen, wurden aber von Madame Schwebeling als ein Zeichen angeſehen, fortfahren zu dür⸗ fen, weßhalb ſie, den Kopf aufwerfend, in einem aller⸗ dings gemäßigteren, aber darum nicht liebenswürdigeren Tone ſagte:„Es iſt traurig und eine Schmach, daß man vor ſolchen Perſonen gezwungen iſt, Dinge zu berühren, die— wenn ſie auch ſcheinbar einen Schatten auf uns werfen könnten— doch der Vergangenheit angehören und durch manches Jahr der Sühne und des Kummers ver⸗ geſſen gemacht wurden, ja, als gar nicht geſchehen erſchei⸗ nen müſſen!— Wenn ich dieſe Sache gegen Sie, Mam⸗ ſell, berühre, ſo iſt es nur, weil ich in der großen Milde meines Herzens annehmen will, daß Sie vielleicht doch nur eine betrogene Betrügerin ſind.“ — 226— Hier nickte die Kanzleidirektorin mit ſelbſtzufriedener Miene gegen ihre Schweſter, als wollte ſie dieſelbe zu daſſelbe ausblieb, fort:„So hören Sie denn: Es gab allerdings einen Mann Namens Watters und exiſtirt dieſer Mann auch heute noch in einem Zuſtande, wie er es zehn⸗ tauſend Mal an uns verdient hat, arm, krank, miſerabel und blind!“ „O ja, o ja!“ „Dieſer Mann hatte allerdings eine Tochter, welche aber durch des Himmels Gnade ſchon in früheſter Jugend den Leiden dieſer ſchlimmen Welt entrückt wurde— ſie ſtarb und ich war Zeuge ihres Todes— ich war dabei und ich bin keine leichtſinnige Frau, die ſich hinter's Licht führen läßt— ich war dabei, als das Kind jenes Wat⸗ ters ſtarb, und bin bereit, vor Gott und aller Welt für die Wahrheit meiner Behauptung zehntauſend Eide zu ſchwören.“ Damit warf ſie ihre linke Hand mit zwei ausgeſtreck⸗ ten Fingern in die Höhe gen Himmel, mochte dieſes aber etwas haſtig gethan haben, denn ſie fühlte plötzlich einen ſo heftigen, ſtechenden Schmerz, daß ſie die Hand raſch wieder ſinken ließ, ja, ſie einen Augenblick gegen die linke Bruſt drückte, wobei ſie mit einer etwas unſicheren Stimme ſagte:„Und ſomit wären wir ein- für allemal mit einan⸗ der fertig, Mamſell, dort iſt die Thür!“ „Nicht ſo— nicht ſo hart, Friederike!“ rief Madame Bendel herbeieilend.„Weißt du denn, ob dieſes junge 4 4 7 4 1 1 5* 1 1 1 1 3 AIu 4 4 3 A A 1 6 — ₰ 1 3 1 1 ; I E ¹ 1 1 3 1 3 4 f F E 5 3 1 — 228— Mädchen nicht im beſten Glauben gehandelt hat? Jeden⸗ falls aber weiß ich, daß ſie ſich meines armen Kindes liebreich annahm, und dafür,“ ſchluchzte ſie unter ſtrömen⸗ den Thränen,„will ich gewiß nicht undankbar ſein.“ Thränen aus Mutteraugen ſind ja eigenthümliche Tropfen, und hier fielen ſie heiß und ſchmerzlich brennend auf das Herz Sophiens, das im Begriff geweſen war, ſich bei den Worten der Anderen wieder trotzig aufzubäu⸗ men. Jetzt ſenkte ſie ſtumm ihr Haupt auf die Hände hinab, beugte ſich tief vor der Frau, die vor ihr ſtand, und als ihr dieſe mit einem milden Worte die Rechte auf das dunkle Haar legte, zuckte ſie unter einem unbeſchreib⸗ lich wehmüthigen Gefühle zuſammen und vermochte nicht, ihre hervorſtürzenden Thränen zurückzuhalten. Dann fuhr Madame Bendel haſtig in die Höhe und wandte ſich gegen den eintretenden Arzt, deſſen Schritte ſie vernommen, und der mit einem weichen Ton der Stimme ſonſt noch, wofür ich Ihnen zum Dank die gute Nach⸗ richt bringe, daß wenigſtens für den Augenblick bei Eliſe die Gefahr vorüber zu ſein ſcheint.“ „Dem Himmel ſei dafür gedankt!“ rief ſie aufjubelnd —„darf ich zu ihr?“ „Sie iſt ſehr müde und ſollte ſchlafen— weßhalb ich auch Sie, mein liebes Kind, bitte,“ wandte ſich der Arzt an Sophie,„die Kranke erſt morgen oder in den nächſten Tagen zu beſuchen.“ Ueberraſcht erblickte der Arzt hierauf die heftig ab⸗ 229— wehrende Bewegung, welche Sophie mit ihrer rechten Hand machte, während ſie ſich raſch gegen die Thür wandte, um dort zu verſchwinden, ehe ſie Doktor Werner aufzu⸗ halten vermochte. Sein Blick brauchte aber nur auf das Geſicht der Kanzleidirektorin zu fallen, um aus dem triumphirenden Lächeln derſelben zu ſehen, daß ſie einen vollſtändigen Sieg errungen zu haben glaubte. Auch ließ 1 ſie ihn keine Minute darüber im Zweifel, denn ihn ſcharf anſtarrend, ſagte ſie:„Das war eine gute Komödie, Herr Ober⸗Medicinalrath, die man mit meiner Schweſter zu ſpielen beabſichtigte, und ich bedanke mich bei allen Herren Acteurs.“ Ein tiefer Knicks, den ſie hier machte, ließ den Be⸗ treffenden erkennen, daß ſie auch ihn für einen ausgezeich⸗ neten Mimen in der bewußten Angelegenheit hielt. Aehn⸗ liches verrieth auch das ſchmunzelnde Lächeln, mit dem ſie fortfuhr:„Eine Komödie im großen Stil, Herr Ober⸗ Medicinalrath, mit dem nicht ſchlecht projektirten Schluß⸗ tableau einer zärtlichen Mutter, die ſich ihrer wiedergefun⸗ denen Tochter freut. Ha, ha, ha, ha,“ lachte ſie laut und fröhlich,„es war das ſo gut eingefädelt und wäre ſo rührend geweſen, aber“— rief ſie mit großer Entſchie⸗ denheit vortretend,„wir waren da— wir“— hier klopfte ſie gegen ihre Bruſt—„wiſſen Sie, was das heißen will?“ „Der Himmel wird es mir bezeugen, daß ich das 4 ganz genau weiß,“ erwiederte der Arzt mit großer Mäßi⸗ gung,„bin aber auch eben ſo ſehr davon überzeugt, daß die klarſte und gerechteſte Sache nicht ſiegen wird, ſobald ——— ————— — ———— — 230— Sie, als gegen Ihr Intereſſe gerichtet, gegen dieſelbe kämpfen.“ „Ja, die klarſte und gerechteſte Sache,“ wiederholte Madame Schwebeling in ſpottendem Tone, wobei ſie den Zeigefinger der rechten Hand gewaltig hin und her ſchüt⸗ telte.„Daran ſcheiterte ja eben der ſaubere Plan, Herr Ober⸗Medicinalrath, denn, wie ich mir ſchon vorhin zu ſagen erlaubte, ich war da— ſehr da, körperlich und geiſtig vollkommen anweſend— und war auch damals anweſend, als das gewiſſe kleine Geſchöpf ſtarb, und daß es geſtorben iſt, beſitzen wir ſchwarz auf weiß, und damit haben auch Sie“— hier ſtrich ſie eine ihrer Handflächen in bezeichnender Art über die andere—„umſonſt intri⸗ guirt und gearbeitet.“ Doktor Werner, der etwas ſehr Heftiges zu erwiedern im Begriffe war, beſann ſich aber eines Beſſeren und Würdigeren, und nachdem er die rechte Hand an ſein Kinn gelegt und ſchweigend Madame Bendel betrachtet, die trüben Blickes, kopfnickend die Ausſage ihrer Schweſter beſtätigen zu wollen ſchien, ſagte er nach einer ziemlich langen Pauſe in ruhigem Tone zu Madame Schwebeling gewendet:„Es ſcheint mir in der That, daß Sie wieder einmal Recht behalten haben, hier wenigſtens, und auch die auffallend raſche Art, in der jenes arme Kind das Zimmer verließ, ſpricht dafür— was ich indeſſen, im Ganzen genommen, für kein großes Unglück halte, denn, wie ich ſchon vor Jahren die Ehre hatte, Ihnen zu be⸗ merken: in dem Hauſe, wo Sie ſich eingeniſtet haben, — 231— herrſchen finſtere Schatten, aus demſelben flieht der Segen und es kann dort nichts Gutes und Schönes gedeihen.“ Dann trat er zu Madame Bendel hin, nahm ſanft die Hand der ſtill weinenden Frau und ſagte:„Trotzdem bleibt es unter uns vorläufig beim Alten, und ich werde gewiſſenhaft thun, was für Ihre Tochter zu thun mög⸗ lich iſt.“ „Und habe ich Hoffnung?“ rief ſie, unter lautem Schluchzen die Hände ringend,„werden Sie mir mein Kind erhalten?“ „Darüber hat ein Höherer zu beſtimmen, als wir Alle ſind, warum nicht hoffen auf deſſen Güte und Barm⸗ herzigkeit?— In einer Stunde komme ich wieder; für den Fall aber, daß früher etwas Beunruhigendes oder Außergewöhnliches vorfallen ſollte, werde ich drunten genau angeben, wo ich in der Zwiſchenzeit zu finden bin.“ Er verbeugte ſich und verließ das Zimmer, hatte aber die Treppe noch nicht erreicht, als die Kanzleidirektorin zu ihrer Schweſter hintrat und, den Kopf auf⸗ und abwie⸗ gend, in triumphirendem Tone ſagte:„Biſt du nun endlich zur Erkenntniß gekommen, was dein Hausfreund und Haus⸗ arzt werth iſt, glaubſt du jetzt endlich an ein Jahre lang abgekartetes Spiel? O, einem ſolchen Menſchen, der es damals in einer ſchweren Stunde wagte, mir ſo grau⸗ ſame, verletzende Dinge zu ſagen, ſieht Alles ähnlich, ſelbſt daß er abſichtlich deine Tochter falſch behandelt, um einen verruchten Plan durchzuführen.“ „Sei barmherzig, Friederike, ſei barmherzig!“ „Ich muß dir dieſe harten Dinge ſagen, damit du endlich klar ſiehſt!“ „O, könnte ich klar ſehen, könnteſt du die furchtbaren Zweifel zerſtreuen, die mich noch wahnſinnig machen werden!“ „Das kann ich,“ erwiederte die Andere in barſchem Tone,„ich war dabei und weiß, daß Alles Lug und Trug iſt, darauf könnte ich nochmals einen feierlichen Eid ſchwören.“ Sie verſuchte bei dieſen Worten die gleiche Bewegung mit der Hand zu machen wie früher, doch ſtellte ſich auch, noch ehe ſie den Arm erhoben hatte, der gleiche ſtechende Schmerz in ihrer linken Seite, und zwar ſo heftig wieder ein, daß ſie beſorgt und verwundert dort hinblickte und dann nach einem tiefen Athemzuge kopfſchüttelnd verſicherte, daß die furchtbaren Auftritte und unangenehmen Scenen ſie ganz außerordentlich angegriffen hätten.—„Das ſind aber auch Geſchichten,“ rief ſie zornig aus,„um einen Felſen zu erſchüttern, und du mußt es mir nicht übel nehmen, Adeline, wenn ich dich für ein paar Stunden verlaſſe und nach Hauſe gehe. Das hat mich in der That ganz merkwürdig angegriffen, ich werde dir aber ſogleich meinen Sohn ſchicken, um Nachricht über das Befinden Eliſens zu erhalten.“ Madame Bendel reichte ihrer Schweſter ſchweigend die Hand, dann verließ dieſe das Zimmer, nachdem ſie ihren Hut aufgeſetzt und ihren Shawl umgenommen hatte. Sie kam aber leiſen Schrittes nicht weiter als bis zum erſten 233 Treppenabſatz, wo ſie mit ſehr ſtrenger Miene einen Augen⸗ blick lauſchend ſtehen blieb, um dann noch leiſer Stufe um Stufe vollends hinabzuſteigen. Von der Küche herauf klang luſtiges Plaudern und Lachen, und es war ihr gerade ſo, als hätte ſie das derbe Schmatzen eines Kuſſes vernom⸗ men. Auch hatte ſie, jetzt an die halboffene Küchenthür tretend, keine Urſache, eine Täuſchung ihrer Sinne zu ver⸗ muthen, denn da ſtand die Köchin, umſchlungen vom Arme des Kutſchers des Ober⸗Medicinalraths, und Madame Schwebeling mußte mit Entrüſtung ſehen, daß das freche, gemeine Ding den Kopf nicht abwandte, als jener Kerl ſie nochmals auf die Wangen küßte. Unerhört in einem anſtändigen Hauſe!— Auch geſchah das Unglaubliche, daß die Köchin nicht einmal erſchrocken auf die Seite prallte, vielmehr gemüthlich lachend zum Herde trat, während der Kutſcher, allerdings in Verlegenheit gerathend, ſtotterte: „Der Herr Ober⸗Medicinalrath ſind zu Fuß weiter ge⸗ gangen und haben mich aus Sorge da gelaſſen, um ihn, wenn es nöthig wäre, ſogleich zu finden.“ „Und dazu braucht Er ſich ſo unmanierlich aufzufüh⸗ ren?“ fragte Madame Schwebeling, ihn von oben bis unten meſſend, und ſich mit dem ordinären Dinge da herumzuzerren, iſt das auch eine Aufführung, wie es ſich für ein anſtändiges Haus ſchickt?— O, mit Ihr rede ich vor der Hand gar nicht,“ herrſchte ſie die Köchin an, die, ihren Kochlöffel heftig auf den Tiſch werfend, ſich raſch gegen ſie umgewandt und dabei ihre beiden Fäuſte unternehmend auf die Hüften geſtellt hatte—„Sie —— — 4———————————— ——————————— kommt ſpäter auch noch an die Reihe, ſobald dieſer Kerl das Haus geräumt hat!“ Da aber lachte das Mädchen ſo laut und herausfor⸗ dernd, daß Madame Schwebeling förmlich zurückfuhr, und nicht nur einen Schritt, ſondern ſo weit es der Raum der Küche erlaubte, da ihr die unverſchämte Perſon dicht unter die Naſe getreten war und höhniſch lachend ſagte: „So, an mich ſoll auch noch die Reihe kommen, und wohl von Ihnen aus, Madame— ſeh' mir Einer an— was hat denn die Madame hier im Hauſe eigentlich zu befehlen? Iſt das der Madame ihr Haus oder iſt es das Haus meiner Herrſchaft?— Ja, meiner Herrſchaft, das heißt, ſo lange es mir gefällt, daß ſie meine Herrſchaft iſt, und jetzt gefällt es mir ſchon gar nicht mehr, und ich würde mit dieſem Kerl da“— hier verſuchte ſie äußerſt glücklich Ton und Geberde der Kanzleidirektorin nach⸗ zuahmen, wobei noch das Verletzendſte war, daß ſie in der Art und Weiſe knickſte, wie Madame Schwebeling gern zu knickſen pflegte—„ja, ich würde mit dieſem„Kerl da“ ſogleich das Haus verlaſſen, denn dieſer„Kerl“ iſt mein Bräutigam, wenn es mir nicht leid wäre, die gute Madame Bendel, meine Herrſchaft, mitten im Qyartal im Stich zu laſſen. Dann aber gehe ich, weil ich hei⸗ rathe und weil es mir ſo gefällt— haben Sie das ver⸗ ſtanden, Madame?“— Hier ſchlug ſie mit der geballten Fauſt in die linke Handfläche.—„Nun dann freut mich's — ſetz' dich dorthin, Martin, hier in der Küche bin ich Herrin und laſſe mir von fremden böſen Weibern nichts dreinreden!“ 235— Nun gibt es Grenzen, bei welchen angekommen wir zweifelnd ſtehen bleiben und nicht genau wiſſen, ſollen wir das Aeußerſte riskiren oder ſollen wir uns ſachte auf ſicheres Terrain zurückziehen. Madame Schwebeling hätte in gewöhnlichen Zeiten, bei ähnlichen Veranlaſſungen, das Letztere kaum zu thun vermocht, heute aber nach allem dem, was ſie ſchon erlebt, war ſie weicher und ſchwächer und fühlte wohl, daß ſie nicht wie ſonſt über eine rück⸗ ſichtsloſe Energie zu gebieten hatte. Sie fühlte das mit einiger Befremdung, ja, mit Unruhe, aber dieſer Zuſtand ſelbſt war nicht zu leugnen, und beherrſchte ſie ſo, daß ſie nach einem wiederholten langſamen Kopfnicken Küche und Haus verließ und in langſamem Schritt ihre Straße ging, lange nicht ſo ſicher und aufrecht wie ſonſt, denn der ſo eben geſchilderte eigenthümliche Zuſtand— man hätte ihn eine Art von Betäubung nennen können— dauerte fort und hatte ſogar gewiſſermaßen ihren Geiſt ergriffen, indem es ihr gerade ſo war, als ſei nicht nur dieſer letzte, höchſt ärgerliche Auftritt in der Küche, ſon⸗ dern auch die furchtbare Scene droben bei ihrer Schweſter plötzlich in Schleier gehüllt, über welche hinweg ſie nichts ſo eigenthümlich klar ſah und dachte, als eine Geſchichte aus alten Zeiten, deren Erinnerung ſie in ein kleines, ſehr ärmliches Stübchen zurückführte, in die Wohnung einer braven Waſchfrau Namens Katharina Wurzer, die ſich als Nebengeſchäft mit der Pflege armer, verlaſſener oder verwaiſter Kinder abgab. Gerade jetzt war eines dieſer armen Dinger geſtorben, und die Kanzleidirektorin erinnerte ———— ſich deſſen ſo genau, als käme ſie ſo eben erſt aus dem ärmlichen Stübchen, wo die Waſchfrau ſo bitterlich über den Tod des kleinen Geſchöpfs geweint hatte, als ſei es ihr eigenes geweſen und nicht das gewiſſe fremde Kind, wie ſie angab. Damals hatte ihr das Verdacht erregt und ſie hatte ge⸗ glaubt, in dem lebenden das gewiſſe Kind wieder zu erkennen, doch konnte ſie ſich ja auch irren und nahm an, daß ſie ſich geirrt, glaubte der Betheuerung der alten Waſchfrau, und war dann ſehr zufrieden, als ſie den Todtenſchein erhielt, wodurch eine unangenehme ärgerliche Geſchichte gründlich beſeitigt war. Schließlich redete ſie ſich ein, ſie ſei von der Wahrheit ſo überzeugt, daß ſie darauf zehntauſend Eide hätte ſchwören mögen— und vielleicht hätte ſie das jetzt noch gethan, in Gedanken näm⸗ lich, wenn ſie nicht plötzlich wieder jenen eigenthümlich ſtechenden Schmerz gefühlt— mitten auf der Straße, und zwar ſo ſtark und anhaltend, ſeltſam hinauflaufend nach ihrem Hinterkopfe, ſo daß es ihr vorkam, als würde ſie im nächſten Augenblicke ſchwindlig und müßte ſich an die Mauer eines Hauſes anlehnen. „Dummes Zeug,“ dachte ſie,„aber es iſt wahrhaftig kein Wunder, wenn man erregte Nerven hat bei all' den Verdrießlichkeiten, bei all' dem Aerger! Wann werde ich denn endlich einmal mein lätherliches Mitgefühl beſeitigen und die Leute machen und treiben laſſen, was ſie wollen! — Man hat ja doch keinen Dank davon— gar keinen, und es iſt doch nirgends beſſer, als ſtill bei ſich zu Hauſe — am Fenſter— auf meinem behaglichen Stuhle.“ — 237— Dieſes Bild ihres traulichen Zimmers und auch eine eigenthümliche Ermüdung, die ſie fühlte, eine Schwere in den Gliedern, veranlaßte ſie, den kürzeſten Weg nach Hauſe zu nehmen. Das war wenigſtens ihre Abſicht. Doch wie es ſo kommt, wenn man in tiefen Gedanken dahin wan⸗ delt, daß man leicht die richtige Straße verfehlt, ſo erging es auch der Madame Schwebeling, denn mit Einem Male ſah ſie ſich zu ihrem eigenen Erſtaunen zwiſchen jenen ſchönen und eleganten Häuſern, welche ſo trotzig vornehm da ſtanden, auf dem ehemaligen Terrain der Zigeuner⸗ inſel. Eigentlich war es leicht zu erklären, daß ſie gerade dieſen Weg genommen, den ſie vor langen Jahren ſo oft gewandelt, um ſich zu ihrer Schweſter, der Frau des reich⸗ ſten Banquiers der Stadt, zu begeben, dort heimlich durch den Garten eintretend, wie ſie gern zu thun pflegte, wenn ein Rath zu geben oder kleiner und großer Stadtklatſch zu behandeln war. Dabei war es doch in der That ganz merkwürdig, daß ihr auch hier wieder die Gegenwart grau verſchleiert erſchien und es ihr gerade ſo vorkam, als wandle ſie traumhaft durch die ehemalige Zigeunerinſel. Hier war das Haus der Gebrüder Schropps geweſen, über das man ſo viel und mancherlei geſprochen und wohin ſie mit ihrer Schweſter auch eines frühen Morgens gegangen war dort vom Garten herüber, um das Zeichen der blutigen Hand zu ſehen, von welchem ihr Schwager, der Stadtdirektor, erzählt. Da drüben war die alte blödſinnige Staats⸗ Hackländer, Kainszeichen. IV. 16 ——— 238 räthin in ihrem Garten geſeſſen und hatte mit ihren bun⸗ ten Fähnchen geſpielt, dieſe ſeltſame Perſon, die ihr ein⸗ mal ſo vertraulich zugenickt, als ſeien ſie alte und ſehr genaue Bekannte— und dabei mußte ſich Madame Schwe⸗ beling geſtehen: geſehen hatte ſie dieſelbe früher, vielleicht auch geſprochen, aber ſie wußte nicht mehr recht, wo. Da, mehr zur Seite, ungefähr dort, wo man durch das breite, eiſerne Gitterthor in einen ſchönen Garten blickte, ſtanden damals die ärmlichſten Hütten, wo die alte Wurzer gewohnt.— Eigen, ganz eigen, ſie konnte das Bild der⸗ ſelben nicht los werden, und eben ſo wenig das des klei⸗ nen todten Kindes! Ihr war, als ſchwebe es zuweilen lautlos neben ihr, aber in der Geſtalt des jungen Mäd⸗ chens, das ſie in dem Hauſe ihrer Schweſter geſehen, bleich, mit einem ſchmerzlichen Lächeln auf den Lippen, dabei die Hand erhebend und leiſe flüſternd:„Du haſt mich durch einen falſchen Schwur aus den Reihen der Leben⸗ digen geſtrichen und mich zum zweiten Male meiner Mut⸗ ter beraubt— wehe über dich!“ Dann eilte ſie ſo haſtig weiter, als ſie vermochte, wobei es ihr aber vorkam, als trete ſie beſtändig auf der gleichen Stelle und die Straße flöge rückwärts hinter ihr dahin, ſo jetzt der Theil, wo der Park ihres Schwagers Bendel geweſen war. Ja, die Häuſer flogen ſo raſch an ihr vorüber, daß es kein Wunder war, wenn ſie ſich aber⸗ mals irrte und ſtatt nach Hauſe zu kommen in die Son⸗ nenſtraße gerieth. Vielleicht auch wurde ſie angezogen durch einen Haufen Menſchen, die dort vor einem ſehr — — 239— ſchönen Hauſe ſtanden, plaudernd, lachend und lärmend. Hier blieb auch ſie einen Augenblick ſtehen ſo dicht an der Mauer eines Hauſes, daß ſie es mit der Hand berühren konnte, was ſie auch ſeltſamer Weiſe that, um zu horchen, was die Leute im wirren Durcheinanderreden ſprachen: „Daß hier gewohnt habe, vielleicht auch noch wohne der Direktor der großen Deutſch⸗Amerikaniſchen Coloniſations⸗, Noten⸗ und Wechſelbank, daß die Bureaux dieſer Bank ſeit heute früh geſchloſſen ſeien, daß das Gericht eben dort beſchäftigt wäre, die Siegel anzulegen, und daß Alle, die ihr Geld dort gegen Actien gegeben, darum betrogen ſeien — ja, darum betrogen!“ rief Einer und hob die geballte Fauſt gegen das Fenſter empor, während ein Anderer ſchrie:„Was hält uns ab, in das Haus einzudringen, jenen Kerl aufzuſuchen und ein Bischen zuſammen zu ſchütteln?“—„Werdet ihn nicht finden,“ lachte ein Dritter, „die ſind mit ihrem Raub, mit dem ſauren Schweiß Tauſender armer Leute ſchon längſt über alle Berge.— Habe doch eben geglaubt, ich ſehe dort oben am Fenſter ſich etwas bewegen— ja, da hängt allerdings etwas — vielleicht der würdige Direktor ſelber— Unſinn, es iſt nur ein Vorhang! Wer weiß, wo der im Trockenen ſitzt und über all' die Eſel lacht, die ſo dumm waren, ſich fangen zu laſſen!“—„Ihr wäret wohl geſcheidter geweſen?“ fragte ein Anderer giftig den, der ſo eben ge⸗ ſprochen.—„Vielleicht ja,“ erwiederte dieſer, eine breite Geſtalt in einem braunen, abgeſchabten Rock; er trug ein Aktenbündel unter dem Arm und den Hut auf dem Hinterkopfe.„Wenigſtens hätte ich,“ fuhr er grinſend fort,„meine Actien, wenn ich welche gehabt hätte, wenn auch mit Schaden, weiter geſchafft, denn daß es mit der berühmten Bank um die Ecke gehen würde, das ſpürte man ſchon ſeit einigen Tagen in der Luft, die Sperlinge ſchrieen es von den Dächern und die Glocken läuteten es von den Thürmen.“ „Eigenthümlich,“ dachte die Kanzleidirektorin,„ich habe doch ebenfalls die Luft eingeathmet, auch die Sperlinge ſingen und die Glocken läuten gehört, aber nichts der⸗ gleichen verſtanden. Wache ich denn wirklich oder träume ich?“— Sie ſchaute in die Höhe. Es zieht allerdings ein ſeltſamer Lufthauch durch die Abenddämmerung und ſagt: Paß auf, paß auf, auch du biſt am Ende eine von denen, die Alles verloren haben! — Zwitſchern die Sperlinge dort vom Dache nicht das⸗ ſelbe und plaudern geſchäftig von armen Leuten, die ihr mühſam Geſpartes und ſauer Erworbenes ihoffend und gläubig dahingegeben und die nun in ſtummer Verzweif⸗ lung zu Hauſe ſitzen, bleich, mit verſtörten Blicken, haſtig an den Nägeln kauend und ihr Haar befühlend, als wollten ſie es glatt ſtreichen, um heimlich daran zu reißen? —„Fluch, Fluch über dieſe gewiſſenloſen Gründer!“ tönte es aus ihrer keuchenden Bruſt.—„Fluch über unſere eigene Dummheit!“— Dann läuten auch die Glocken den Abend ein und ſingen das gleiche Lied, die kleinen luſtig bimmelnd und klingend ſprechen von ggroßen Proficchen, die gemacht worden ſind, von dem ſchönen Agio, das man verdient hat bei den Actien der deutſch⸗amerikaniſchen Bank, und freuen ſich der Glücklichen, denen es gelungen iſt, den brennenden Span weiter zu geben, ehe ſie ſich die Finger verbrannt. Die großen Glocken aber nehmen die Sache ſchon ernſter und verſichern in tief hallendem Tone, daß an jedem dieſer unrechtmäßig erworbenen Pfennige ein glitzernder Angſt⸗ und Schweißtropfen hange, endlich werdend zu einem gewaltigen Strome des Fluches. Madame Schwebeling verſuchte es, die ſtützende Haus⸗ mauer ſzu verlaſſen, trotzdem ſie ſich niedergedrückt und gebeugt fühlte durch eine unerklärliche Schwere und Mat⸗ tigkeit in allen Gliedern. War es doch jetzt endlich Zeit für ſie, nach Hauſe zu gehen und ſich dort ruhig auf ihren Stuhl niederzulaſſen! Das verſuchte ſie auch, ſich langſam an der Mauer hintaſtend. Doch blieb ſie auf einmal wieder ſtehen, als ſie aus der Volksmenge einen ihr wohl bekannten Namen nennen hörte. „Das iſt der Herr Regierungsrath Löſer,“ ſagte Einer, „der könnte uns am Beſten Auskunft geben, denn er hat auch mit der Bank zu thun gehabt.“ „Zu thun gehabt eigentlich nicht,“ meinte ein Anderer, „wenigſtens nicht im ſchlimmen Sinne, er iſt es viel⸗ mehr, der für die armen Actionäre noch etwas zu retten verſucht hat, aber umſonſt— es iſt Alles dahin— Alles!“ „Alles iſt dahin, Alles,“ wiederholte Madame Schwe⸗ beling, ſich langſam forttaſtend,„wenn ich nur erſt wieder zu Hauſe ſäße am Fenſter, auf meinem guten Stuhl— — 242— Kartoffelgemüſe und Bratwurſt iſt ein ſehr gutes Eſſen — und ich glaube, wir haben es morgen.“ Dann fühlte ſie, wie Jemand ſeinen Arm unter den ihrigen ſchob und ſie ſo kräftig unterſtützte, daß ſie die Hausmauer loslaſſen konnte; und das war ihr Schwager Löſer, der jetzt an ihrer Seite ging und ſie in beſorgtem Tone fragte, ob ſie ſich vielleicht unwohl fühle und ob er ſie in dem Falle nach Hauſe begleiten dürfe. Das ſagte er in ſo theilnehmendem, freundlichem Tone, daß es ihr ordentlich wohlthat, ja, ſie weich und wehmüthig ſtimmte. „Haben Sie denn,“ fuhr Löſer fort,„viel Geld bei dieſer Bank gewagt, trotzdem ich Schwager Schwebeling ſo dringend abgerathen?“ „Nicht viel, nur Alles, was wir haben,“ gab ſie ſanft und ruhig zur Antwort.„Man verſprach ſich ſo großen Nutzen davon, ich dachte an meine Kinder, an meinen Sohn, daß er doch vollſtändig ſtudiren müſſe, und an meine armen Mädchen, die ein Heirathsgut brauchen— ſo iſt das Alles vorüber und Alles dahin?“ „Alles, daran iſt kein Zweifel!“ Darauf ballten ſich ihre Hände krampfhaft zuſammen, ſie biß die Lippen feſt auf einander und ihre frühere Energie kehrte plötzlich wieder und ſtählte ihre Gedanken, daß dieſe ſich für einige Augenblicke in Haß und Zorn erhoben, worauf ſie raſch ihren Arm an ſich zog und ſagte:„Ich kann allein gehen, ich danke Ihnen, Herr Schwager.“ Und wirklich ging ſie auch allein und raſchen Schrittes — — vorwärts, während der Regierungsrath Löſer ihr etwas ſeitwärts mit beſorgtem Blicke folgte.„Alles verloren,“ murmelte ſie, ſcheu um ſich her blickend, denn es war ihr gerade zu Muthe, als ſchauten Begegnende ſie mitleidig an, was ſie durchaus nicht leiden konnte.— Alles ver⸗ loren, das ganze, ſauer erſparte und nicht unbedeutende Kapital, das ihrem Stolze ſtets einen Rückhalt gegeben hatte, das immerhin genügend geweſen war, um von den Zinſen zugleich mit der Penſion ihres Mannes anſtändig leben zu können, ja, ihr erlaubte, dieſe Penſionirung trotzig zu verlangen, wenn vielleicht einmal eines dieſer jungen, hochmüthigen Miniſtersweiber Miene machen würde, ſie gelegentlich von oben herab zu behandeln, oder wenn vielleicht eine andere Kanzleidirektorin von ſogenannter guter Familie ihr den Ehrenplatz im Geſellſchaftsgarten ſtreitig machen wollte.— Alles verloren, das ganze Ka⸗ pital, das in jeder Beziehung ſtets ein ſo ſolider Rückhalt für ſie geweſen war!— Und wenn ſie an dieſen ver⸗ lorenen Rückhalt mit ſo tiefem Schmerz dachte, gerade als ſie mühſam die Treppen ihrer Wohnung hinaufſtieg, ſo war es ihr zu Muthe, als habe ſie auch körperlich allen Rückhalt verloren, denn die unerklärliche Schwäche von ſo eben überfiel ſie gewaltiger wieder, ſo daß ſie das Geländer faſſen mußte, um ſich daran emporzuhelfen. Doch kam ſie glücklich hinauf, ging oben ziemlich aufrecht durch die Glasthüre, dann in's Zimmer und wunderte ſich hier durchaus nicht, als ſie ihre beiden Töchter wei⸗ nend in zwei Ecken ſitzen ſah und ihren Mann, den — 244— Kanzleidirektor, erblickte, wie er, gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit, die Hände auf den Rücken gelegt, unter raſchen und heftigen Bewegungen das Zimmer mit großen Schrit⸗ ten durchmaß und ihr, ſeitwärts blickend, in ziemlich barſcher Weiſe einen guten Abend bot. Doch achtete ſie wenig darauf, es verlangte ſie nur, auf ihren Stuhl am Fenſter zu kommen, und als ſie ſich jetzt ſchwer und müh⸗ ſam dort niedergelaſſen hatte, nickte ſie mit dem Kopfe und flüſterte leiſe, nicht für die im Zimmer Anweſenden verſtändlich:„Jetzt kommt es ernſtlich!“ Dann faßte ſie krampfhaft die Lehne ihres Stuhles und ſtöhnte wie unter dem Gefühle eines tiefen Schmerzes. Doch waren alle dieſe ſeltſamen Anzeichen nicht im Stande, den energiſchen Spaziergang des Kanzleidirektors zu un⸗ terbrechen, welcher bei jeder Wendung neue Kräftigung zu finden ſchien in den zuſtimmenden Blicken aus den ver⸗ weinten Augen ſeiner beiden Töchter. Endlich, als er ge⸗ rade an einer fernen Ecke des Zimmers angekommen war, beim Ofen, wo ſich ein großer, eiſerner Schirm befand, auf den er ſeine linke Hand ſtützte wie der Krieger auf ſeinen Schild, brach er los und ſagte:„Da hätten wir nun die ganze ſaubere Beſcheerung, und das kommt einzig und allein davon, wenn der Mann im Hauſe keine Stimme hat und Alles nach dem Kopfe der Frau geht!“ Nach dieſen Worten, die ſo herausfordernd klangen, wie von ſeiner Seite noch nie etwas in dieſen Räumen, blickte er ſcheu nach dem Fenſter und verwunderte ſich ſehr, daß Madame Schwebeling kaum merklich die Lippen — bewegte und auch nicht eine Silbe antwortete, weßhalb er herzhafter fortfuhr:„Ich bin nicht der Mann, der da ſagt: Hätte ich anders gehandelt, oder wäre ich geſcheidter geweſen! Geſchehene Dinge ſind nun einmal nicht zu än⸗ dern, und das Unglück, welches über uns hereingebrochen iſt, kann Niemand, auch du nicht, ungeſchehen machen!“ Madame Schwebeling ſchüttelte ſchwerfällig mit dem Kopfe. „Auch nützen da keine Vorwürfe,“ ſprach er weiter, offenbar erweicht durch die überraſchende Schweigſamkeit ſeiner Gattin—„aber ſagen will ich nur,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, indem er ſeinen Schild feſter packte, „daß das künftig hier anders werden muß und daß ich befehlen will, was zu geſchehen hat.“ Auch darauf nickte ſie mit dem Kopfe und nickte ein paar Mal nach einander, als nun ihre Töchter ſchluchzend die Rede ihres Vaters fortſetzten und als die Aeltere ſagte: „Wir ſind Zeugen, daß Papa dringend davon abgerathen hat und daß er noch vor einigen Tagen ſeine Actien verkaufen wollte, nachdem Onkel Löſer hier geweſen war.“ „Ja, und die Sprütters drüben ſind ſo klug geweſen, das zu thun,“ meinte die Jüngere,„und das alte Fräu⸗ lein von Wanner.“ „Und weil die Sprütters ſo klug waren,“ nahm die Andere den Klagegeſang wieder auf,„haben ſie viel, viel gewonnen, und Irma Sprütter iſt nun die Braut des Herrn Senſal Kniegel geworden, während uns, als ganz arme Mädchen, künftig Niemand mehr anſieht.“ — ———— ö e dern „Künftig Niemand mehr anſieht,“ wiederholte Herr Schwebeling und ſetzte in lautem, muthigem Tone hinzu: „Und daran trägſt du allein die Schuld mit deiner ewigen Rechthaberei, mit deinem ſtarren, unbeugſamen Willen— der es durchgeſetzt— daß Alles— ſelbſt Sachen, von denen du gar nichts verſtandeſt— nach deinem Kopfe gehen mußten— aber auch das,“ ſetzte er den Kopf auf⸗ werfend hinzu,„ſoll und muß nun ſein Ende erreicht haben— und ich werde dir künftig zeigen, wer— wer — eigentlich der Herr im Hauſe iſt!“ Dieſe letzten Sätze hatte er ſchüchtern, faſt verzagt, ausgeſprochen, denn die unerklärliche Ruhe und Sanftmuth ſeiner Frau, ihr langſames Nicken mit dem Kopfe, der eigenthümlich ſtarre Blick ihrer Augen begannen ihm un⸗ heimlich zu werden, ja, er verließ den ſchützenden Ofen⸗ ſchirm und näherte ſich dem Fenſter, wobei er anfing, beſorgte Blicke mit ſeinen Töchtern zu wechſeln. Da wurde raſch und haſtig die Thüre aufgeriſſen und auf der Schwelle erſchien der junge Schwebeling mit blei⸗ chen, verſtörten Zügen. Er hatte ſeine kleine bunte Mütze ſo tief auf die Naſe herabgedrückt, daß ſeine Augen da⸗ durch beſchattet wurden, vermuthlich nur, um ein ſeltſames Zwinkern ſo wie den feuchten Glanz derſelben zu ver⸗ bergen. Seine Weſte hatte er weit geöffnet, wie um ſich Luft zu machen, und dabei ſein buntes Corpsband zerriſſen, ſo daß es auf beiden Seiten der Bruſt her⸗ abhing. „Du weißt es alſo ſchon?“ ſchluchzte ſeine ältere — 247— Schweſter, während ſie ihr Geſicht mit den beiden Händen verbarg. „Was ſoll ich wiſſen, das ihr ſchon wiſſen könnt?“ fragte er, ſo wild um ſich blickend und mit hervorſtürzen⸗ den Thränen, daß ſein Vater tiefbekümmert dicht an ihn herantrat, ihm eine Hand auf die Schulter legte und in ſanftem Tone ſagte:„Faſſe dich, mein Sohn, es iſt eben ein großes Unglück, doch mußt auch du es wie ein Mann tragen— die Bank hat allerdings fallirt, welcher deine Mutter unſer ganzes Vermögen anvertraute,— Alles iſt verloren, Alles!“ „Alſo deßhalb ſeid ihr beſtürzt, aus der Faſſung?“ rief er unter einem wilden Lachen,„und glaubt, auch mir ſei der ſchnöde Mammon ſo an's Herz gewachſen, daß er im Stande wäre, mir nur eine einzige Thräne auszupreſſen?— Was iſt Geld, was iſt Gut gegenüber einem Herzen, das man auf ewig verloren!“ Dann ging er langſam gegen ſeine Mutter, blieb dicht vor ihr ſtehen und ſagte, ſeine rechte Hand empor⸗ hebend: „Sie iſt todt, ich ſtand an ihrem Lager, als ſie ſtarb, ſie hat mir noch ihre feine weiße Hand gereicht und ihr letzter Blick hat mir geſagt, daß ſie meine Liebe verſtan⸗ den, vielleicht getheilt— ja, Eliſe iſt todt!“ Damit wandte er ſich um und verließ das Zimmer, nicht achtend die entſetzten Blicke ſeiner Schweſtern, den erſchrockenen Ruf ſeines Vaters, der übrigens eben ſo ſehr dem Anblicke der Gattin galt, denn dieſe hatte verſucht, 248— ſich von ihrem Stuhle zu erheben, während ſie mit weit aufgeriſſenen Augen vergeblich furchtbare Anſtrengungen machte, um ein deutliches Wort zwiſchen ihren zuckenden Lippen hervorzubringen.— Umſonſt— umſonſt, ihre Zunge war für immer gelähmt! Aus ſpäteren Tagen. Dichte Nebel verſchwinden, Wolken ziehen vorüber, getrieben von friſchem Lufthauch, und wenn nach trüben Regentagen hier und dort der blaue Himmel durchbricht, ſo ſieht es auf der weiten Ebene aus, als ſeien es die leuchtenden Sonnenſtrahlen, welche die eilfertig fliehenden Wolkenſchatten dahinjagen über Berg und Thal, um wieder allein zu herrſchen, Alles, was athmet, zu erfreuen, die Erde zu beglücken, ſo daß ſie dankbar aufſtrahlt unter Milliarden Brillanttropfen, unter rieſelndem Golde an Baumſtämmen auf dunklen Laubmaſſen ja, ſelbſt an ernſten Felſen. Auch wir, die wir durch dieſe ſchöne Erde wandern, vergeſſen dann gern, was Trauriges hinter uns liegt, beſonders wenn wir einem heiteren Ziele entgegen gehen, das uns zu lieben Freunden führt, mit denen wir in früheren Tagen gelebt und gelitten. Dort vor uns auf der Höhe, geneigter Leſer, theure Leſerin, liegt unſer heutiges Ziel, halb verſteckt zwiſchen grünen Bäumen, ein ſtilles, einfaches, beſcheidenes Haus, auf zwei Seiten von Reben umrankt, vorn aber frei und offen, mit einer kunſtloſen, breiten Terraſſe, weit hinaus in die Ebene ſchauend mit ſeinem ſpitzen Giebeldach, mit — —— ——— ——— — 252— ſeinen im Widerſchein der Abendſonne hell leuchtenden Fenſtern. Dort hinauf wollen wir und ſind eines freundlichen Empfanges gewiß, denn das da oben iſt ein Künſtlerhaus, alſo ein gaſtliches Haus. Wir hätten allerdings auf einem Umwege durch noch eine gute Anzahl größtentheils ernſter Kapitel hieher ge⸗ langen können, aber man muß ſo gerecht ſein und dem Erzähler zutrauen, daß auch er es zu beurtheilen vermag, in wie weit die Geduld ſeiner lieben Leſer noch für eine ſchon an ſich lange Geſchichte ausreicht, und ob es nicht beſſer iſt, durch einen Sprung über traurige Tage, Mo⸗ nate hinweg plötzlich wieder zu alten Bekannten zu kom⸗ men, die uns gerade dadurch, daß wir ſie längere Zeit nicht geſehen, friſcher und angenehmer erſcheinen. Und dann gibt es ja auch auf dieſer Welt wohl nichts Köſtlicheres, als ein heiteres Wiederſehen mit einem herz⸗ lichen Händedruck, mit dem gewiſſen Flimmern der Augen, auch wohl mit einem leichten Seufzer, wenn wir an früher denken, um uns dann auch ſogleich in Fragen und Er⸗ zählungen zu vertiefen, uns zu erkundigen, wie es Dieſem oder Jenem ergangen iſt, zu berichten und Berichte anzu⸗ hören, wobei eine ganze Reihe von Namen und Geſichtern an unſerer Phantaſie vorüberzieht und auf die mannig⸗ faltigſte Art begrüßt wird. So wollen wir alſo wohlgemuth die bisher ſo breite Straße des Erzählens verlaſſen, wie hier in Wirklichkeit die breite Chauſſee, die von der Reſidenz herüberführt und tenden dlichen rhaus, ) noch der ge⸗ d dem ermag, ir eine 3 nicht „Mo⸗ kom⸗ ee Zeit nichts rherz⸗ Augen, früher ad Er⸗ Dieſem anzu⸗ ſichtern annig⸗ breite klichkeit rt und 952 03— aus welcher am Fuße der Hügelkette ein gewundener Weg abzweigt, gerade da, wo ein von oben herabkommendes, murmelndes Bergwaſſer ein kleines, natürliches Steinbecken füllt, um, durch Riſſe und Sprünge wieder entweichend, ein Bächlein zu bilden, das ſich wie ein Silberfaden durch die ſaftig grünen Wieſen dahinſchlängelt. Doch nicht einmal mit den Blicken wollen wir ihm für heute folgen, nicht zurückſchauen nach der fern, fern abliegenden großen Stadt, mit ihren dunklen, feuchten Straßen, ihren hellen und trüben Häuſern, ihrem Dunſt und ihrem Lärm— jener Stadt, die wir genugſam ken⸗ nen, die für uns nicht viel angenehme Erinnerungen birgt und der wir es deßhalb gönnen, daß ſie trotz dem wun⸗ derbar klaren Frühlingsabend wie in Dunſt und Nebel gehüllt erſcheint. Aufwärts alſo, aufwärts durch ein friſch⸗grünes Buchengehege, vorüber an all' den Schönheiten, womit die freigebige Natur einen ſolchen Waldweg durch nickende Gräſer, rankende Pflanzen, ſchimmernde Blüthen und weiche Mooſe auszuſchmücken verſteht. Nun ſind wir oben, am Fuße der kunſtloſen Terraſſe, an dem einfachen Holzgitter, das ſie von dem Waldwege trennt. Hier bleiben wir einen Augenblick ſtehen, um den mächtigen, markigen Tönen eines Flügels zu lauſchen, der, mit Meiſterſchaft geſpielt, uns noch lange feſſeln würde, wenn die Muſik nicht plötzlich aufhörte. Hackländer, Kainszeichen. IV. 17 — 254— Deßhalb treten wir auf die Terraſſe und bemerken, daß wir hier gerade zur rechten Zeit kommen. Um einen kunſtloſen Holztiſch ſtehen Stühle gaſtlich gereiht und neben dem Tiſche ſehen wir eine junge, ſchöne Frau, im ein⸗ fachſten weißen Kleide, welches ihren Oberkörper und ihre ſchlanke Taille feſt umſchließt und die eben ſo elegante als feine und doch wieder volle Geſtalt zeigt. Die junge, ſchöne Frau hat reiches, ſchwarzes Haar, das in ein Paar dicken Flechten auf ihren Nacken herab⸗ fällt, und iſt gerade beſchäftigt, jene angenehm duftenden Kräuter, die wir Waldmeiſter nennen, auszuleſen und in eine große Porzellanſchale zu legen, als ſie in dieſem lobenswerthen Geſchäfte von einem rückſichtsloſen Barbaren unterbrochen wird, der, leiſe aus dem Hauſe heranſchlei⸗ chend, ihre wehrloſe Lage benützt— denn in beiden Händen hält ſie die feuchten Kräuter— der mit einer unbegreif⸗ lichen Grauſamkeit ihre dicken Haärflechten erfaßt, daran ihren lieblichen Kopf langſam rückwärts zieht und ſie auf die friſchen rothen Lippen küßt. Und nicht einmal unge⸗ halten darüber ſcheint ſie in ihrer großen Herzensgüte zu ſein, denn ein freundliches Lächeln umſpielt ihre Züge, und während ſie ſeinen innigen Kuß duldet, ſchließt ſie lächelnd ihre Augen. „Das war nur ein Lohn, den ich mir bei dir geholt, mein ſüßes Herz, für eine ſo eben vollendete Arbeit, die, wie ich hoffe, eine gelungene iſt.“ „Wie alle deine Arbeiten, Georg,“ gab ſie in holder Freundlichkeit zur Antwort. — 255— „Nun ja— ich will einmal ſtolz reden—, wie alle meine jetzigen Arbeiten, wie Alles, was ich ſchaffe, ſeit du mein liebes Weib biſt! Seitdem iſt eine wunderbare Klar⸗ heit über meinen Geiſt gekommen— und weßhalb wohl, mein Herz? Weil ich ſo unbeſchreiblich glücklich bin, ſo glücklich, daß ich es nur deinen ſüßen Lippen allein an⸗ vertrauen kann!“ „Aber jetzt ſei auch geſcheidt und hilf mir lieber bei meinem Geſchäft— doch nicht, indem du mir meine Hände küſſeſt, gehe lieber hinein und hole mir die Sachen, die auf dem Tiſche ſtehen— ſo geh' doch nur— hat man ſeine Noth mit dem Manne!“ Dann ging er endlich nach dem Hauſe zu. Daß er aber nicht ſogleich hineintrat, war ihre eigene Schuld— warum brauchte ſie auch lächelnd nach ihm umzuſchauen? Endlich aber war er denn doch verſchwunden, und als er wiederkam, trug er Teller, Gläſer, Meſſer, Gabeln und dergleichen nützliche Gegenſtände mehr, war aber ſo egoiſtiſch, dieſe Dinge nicht eher abliefern zu wollen, als nach vorher geleiſteter vollgültiger Bezahlung. Dann half er ihr nicht einmal beim Aufſtellen, ſondern ſetzte ſich ihr gegenüber auf einen Stuhl, kreuzte die Arme und be⸗ trachtete alle ihre Bewegungen, als hätte er die junge, ſchöne Frau heute zum erſten Male geſehen. Wer weiß, wie lange er noch ſo ſitzen geblieben wäre, wenn ſich nicht, um das Haus herumkommend, drei Herren gezeigt hätten! Doch ſprang er jetzt auf und eilte ihnen raſch entgegen. Da es für einen gewiſſenhaften Erzähler ſehr ange⸗ nehm iſt, nicht immer neue Perſonen einführen und be⸗ ſchreiben zu müſſen, ſo wollen wir dem geneigten Leſer in aller Kürze ſagen, wer dieſe drei Herren waren, näm⸗ lich: Georg's Vater, der alte Hauptmann von Quinſcheidt, der für die ſchöne Jahreszeit die Familie Streber, wo er ſich übrigens vortrefflich befand, verlaſſen hatte, um hier oben bei ſeinem Sohne die Frühlings⸗ und Sommer⸗ monate zuzubringen, ferner Herr Obermedicinalrath Doktor Werner und Herr Joſeph Schropps. Doktor Werner war heute aus der Stadt gekommen, wie er häufig zu thun pflegte, um ſeinen Liebling zu beſuchen, und Herr Joſeph kam aus nächſter Nachbarſchaft, denn er hatte ſich von allen Geſchäften zurückgezogen, das Reckenberg'ſche Haus verkauft und ſich dafür in der Nachbarſchaft angeſiedelt. Er bewohnte ein einfaches hübſches Landhaus, deſſen Haus⸗ weſen Madame Kegel vorſtand und wo er ein beneidens⸗ werthes Leben führte, beſonders dadurch, daß er in dem kleinen Hauſe ſeiner theuren Pflegetochter ein gern geſehener Gaſt war. Hier liebte er es, ſich nützlich zu machen in allerlei Haushaltungsgeſchäften, ſo jetzt wieder, als er an den Tiſch tretend und nachdem er Sophie herzlich begrüßt, Gläſer und Teller ordnete und dieſe Dinge alsdann mit einem fragenden Blick auf Meiſter Georg laut überzählte. „Ja, wir haben heute noch ein paar weitere Gäſte,“ ſagte dieſer,„kommen aber etwas ſpäter, weil ſie vorher noch ihren Dienſt zu verrichten haben, denn es ſind gute Leute und brave Muſikanten.“ — — 257— „So haben wir am Ende gar ein Concert?“ fragte Hauptmann Quinſcheidt, ſich die Hände reibend. „Vielleicht auch das, wenn es die gnädige Frau ge⸗ ſtattet,“ gab Meiſter Georg lachend zur Antwort,„denn die gnädige Frau haben heute ganz allein zu befehlen— wie eigentlich immer,“ ſetzte er mit einer tiefen Verbeu⸗ gung hinzu. „Und warum denn heute ganz beſonders?“ fragte Herr Schropps. „Heute iſt für ſie ein Erinnerungstag,“ entgegnete Meiſter Georg heiter,„denn am heutigen Tage hatte ſie das große Glück, mich nach einem Zeitraume von mehre⸗ ren Jahren wiederzuſehen.— O, meine gute Sophie,“ ſetzte er, ihre Hand ergreifend, hinzu,„wie glücklich fühlte ich mich damals, als ich dich im weißen Kleide wie heute in dem kleinen Garten vor meinem Fenſter ſtehen ſah!“ „Nach einer durchſchwärmten Nacht,“ ſagte ſie, ſcherz⸗ haft mit dem Finger drohend. „Ja, und auch jener Nacht wollen wir gedenken; es war ein dunkler Kreis, den ich berührt, doch mir zum Heil: die Strömung riß mich nach oben, an's Licht— zu dir!“ „Gut denn,“ rief Doktor Werner in fröhlicher Laune, indem er das Glas ergriff, welches die junge Frau ihm zuerſt bot;—„erinnern wir uns der vergangenen Zeiten, der Freunde in herzlicher Liebe, Anderer ohne Groll und Bitterkeit!“ Er trank den duftenden Maiwein und warf dabei 258— einen forſchenden Blick auf Sophie, die es aber nicht zu bemerken ſchien, da ſie gerade die übrigen Gläſer füllte. Dann ſtießen Alle heiter an, und durch die Bemerkung des Arztes angeregt, tauchten in dem lebhaften Geſpräche Namen, Geſtalten und Erinnerungen der vergangenen Zeit in bunter Reihe auf. Herr Joſeph Schropps erwähnte ſeines Neffen, von dem er Nachrichten hatte, daß er mit dem, was er noch von ſeinem großen Vermögen gerettet, nach Amerika zu⸗ rückgekehrt ſei und nicht mehr daran dächte, die Heimat wiederzuſehen. „Schlechter iſt es dem edlen Freiherrn ergangen,“ ſagte der Arzt;„ich weiß nicht, ob ſich Einer von euch ſeines ſchweigſamen Kammerdieners erinnert?“ „O ja, o ja!“ warf Herr Schropps ein. „Durch einen für den Freiherrn unangenehmen Zufall wurde dieſem Kammerdiener eine bedeutende Summe an⸗ vertraut, mit welcher er, ſtatt ſie ſeinem Herrn einzuhän⸗ digen, ſchweigend das Haus verließ, in gewöhnlichem An⸗ zuge, um kein Aufſehen zu erregen, äußerlich und innerlich ſo zugeknöpft, daß er am Schalter des Bahnhofes nur den Namen einer kleinen Station in nächſter Nachbarſchaft ausſprach und darauf nimmer geſehen wurde. Ich erfuhr das durch den Freiherrn ſelbſt, der in einer ganz ver⸗ zweifelten Lage zu mir kam und mich um Schutz und Hülfe bat. Doch konnte ich, was Erſteres anbelangte, begreiflicherweiſe nichts für ihn thun, half ihm aber, die Stadt zu verlaſſen, und weiß nicht, wohin er gegangen— wo er jetzt elend und ruhelos wandert mit dem Kains⸗ zeichen auf ſeiner Stirn, das ihm der Fluch von Tauſen⸗ den aufgedrückt!“ „Neulich ſprach ich Kniegel,“ ſagte Herr Schropps nach einer längeren Pauſe.„Er hat ſich nach ſeiner Ver⸗ heirathung als ein praktiſcher Mann von allen ſeinen bisherigen Geſchäften zurückgezogen, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er ſeinem Schwiegervater, Herrn Sprütter, Stoff lieferte zu irgend einer Geſchichte unter dem pikanten Titel: ‚Aufzeichnungen eines Börſenſenſals, der nicht leſen und ſchreiben konnte.: Auch zeigte er mir Briefe des Fräuleins von Wanner, die auf's Kümmer⸗ lichſte in einem kleinen Städtchen von ihrer Hände Arbeit lebt. Jener Schleimer, deſſen ihr euch wohl noch erinnert, ein Menſch, der das Kainszeichen in ſeiner glatten, heuch⸗ leriſch lächelnden Miene trug, hatte ſie überredet, auch ferner mit ihm und ſeiner Frau zuſammen zu leben, doch war die Ehe deſſelben mit der ehemaligen Kammerjungfer ſchon in Kurzem eine ſolche geweſen, daß es unmöglich war, zu ſagen, wer von Beiden der geſchlagenere Theil ſei. Dann verſchwand Herr Schleimer plötzlich und ließ Frau und Freundin arm und hülflos zurück.“ Sophie hatte ernſt und ſinnend vor ſich niedergeblickt und legte jetzt ihre Hand auf den Arm des Herrn Joſeph Schropps, indem ſie mit leiſer Stimme ſprach:„Sie werden wiſſen, wo ſich die Beiden aufhalten, und werden es mir ſagen.“ „Gewiß, doch glaube ich ſchon mit Kniegel's Hülfe in — 260— Ihrem Sinne gehandelt zu haben, meine liebe Pflegetoch⸗ ter, denn die Briefe, welche Fräulein von Wanner ſchrieb, hätten ſelbſt einen Stein zum Erbarmen gebracht. Sie leidet nicht nur an Armuth und Krankheit, ſondern jene Zeichen, von denen der Herr Obermedicinalrath ſo eben ſprach, erſcheinen um ſie, geheimnißvoll und geſpenſterhaft, klingen durch die Luft, Niemand weiß, woher, verwandeln ſich in bedeutungsvolles Geflüſter und erzählen Schauer⸗ geſchichten, wobei man ängſtlich mit den Fingern auf ſie zeigt.“ „Entſetzlich!“ ſagte Sophie tieferſchüttert. „Aber furchtbar wahr,“ bekräftigte Doktor Werner.— „Wie ſehen jene Zeichen aus? Niemand weiß es und doch fühlt man ihre Wirkung. Jedermann glaubt, die Zeichen zu erkennen, und daß man ſie erkennt, zeigt ſich in einem ſtummen Achſelzucken, in einem zweifelhaften Blick, in einem geflüſterten Worte!— Was aber das Schreeklichſte iſt: auch der Unſchuldige kann ihnen verfallen und von ihnen verfolgt oerden ſein ganzes Leben lang.“ Er hatte bei dieſen Worten einen bedeutſamen Blick gegen Sophie geſandt, die ſtumm und trübe in ſich ge⸗ kehrt da ſaß und jetzt zu ihm aufſchaute, als er fortfuhr: „Ich kenne auch ſolche unſchuldig Verfolgte, deren Lage um ſo troſtloſer iſt, als ſie allein in der Welt ſtehend ſich mit ganzer Seele nach einem milden, tröſtenden Worte ſehnen, die überzeugt ſind, daß ein Kuß der Liebe von ihrer Stirn das Kainszeichen nehmen müßte.“ Sophie hatte ſich raſch erhoben, ſie war bleich geworden 261— und ihre dunklen Augen ruhten mit einem düſteren Aus⸗ druck auf dem alten bewährten Freunde. Sie öffnete ihre leicht bebenden Lippen, als ob ſie ſprechen wollte, dann aber wandte ſie ſich haſtig um und eilte dem Hauſe zu. „Und wieder und immer wieder will und muß ich an⸗ klopfen an dieſes liebe, gute, nur zuweilen ſo ſtarre Herz,“ rief Doktor Werner, ihr nachblickend,„und da ich eurer Unterſtützung gewiß bin, meine Freunde, ſo werden wir ſiegen, vielleicht heute noch ſiegen.“ Die fröhliche Stimmung aber, welche bis jetzt an dem kleinen Tiſche geherrſcht, war mit Einem Male verſchwun⸗ den, und die Schatten, welche ſich herabgeſenkt hatten auf die eben noch ſo heiteren Züge der vier Männer, ſtachen ſeltſam ab gegen die gerade jetzt ſo glühende Pracht der im Glanze der tiefſtehenden Sonne ſo wunderbar auf⸗ leuchtenden Landſchaft, auf die Alle ernſt, faſt verſtimmt hinabblickten. „Endlich,“ rief Meiſter Georg, der des Arztes dar⸗ gebotene Rechte herzlich mit ſeinen beiden Händen zedrückt hatte,„wenn ich nicht irre, kommen dort meine muſikali⸗ ſchen Freunde und werden eine andere Stimmung mit⸗ bringen.— Ei,“ ſetzte er forſchend ausſchauend in ver⸗ wundertem Tone hinzu,„die kommen ja in einem recht eleganten Wagen oder gar in zweien, denn etwas weiter zurück folgt noch ein anderer— welche Verſchwendung, oder wären noch weitere Gäſte heute Abend zu erwarten?“ Er ſchaute bei dieſen Worten auf Doktor Werner, der einen bedeutſamen Blick mit Herrn Schropps gewechſelt — 262— hatte, und nun zur Antwort gab:„Wer weiß, was der„ Abend noch bringt! Hoffentlich nur Gutes und Schönes, und wollen wir als Einleitung zuerſt unſere eigene trübe Stimmung von uns werfen und die Gläſer anklingen laſſen auf das Wohl aller derer, die unſerer in Freund⸗ ſchaft und Liebe gedenken!“ Sophie war dem Hauſe zugeſchritten, indem ſie ernſt, faſt trübe vor ſich niederblickte, und jetzt verſchwand ſie in dem ſeitwärts gelegenen Eingange, um gleich darauf in ihr kleines, aber mit poetiſcher Anmuth ausgeſtattetes Zimmer zu treten, ihr Allerinnerſtes, wie ſie es nannte, ihren reizenden Schmollwinkel, obgleich ſie in dieſer Rich⸗ tung von dem lieblichen Raume noch keinen Gebrauch gemacht hatte. I Durch die mit Weinlaub dicht umſponnene Veranda, welche das kleine Haus auf der Langſeite umgab, herrſchte auf dieſer Seite des Gemachs ſelbſt bei hellem Sonnen⸗ lichte eine anmuthige Dämmerung, die noch farbenreich vermehrt wurde durch einige bunte, vortreffliche Glasge⸗ mälde, und es wäre im ganzen Raume wohl zu dunkel zum Leſen oder Schreiben geweſen, wenn nicht ein Fenſter mit einer einzigen großen Scheibe auf der Rückſeite Licht eingelaſſen und ſich zu gleicher Zeit wie ein ſcharf einge⸗ rahmtes, lebendiges Waldbild im friſcheſten Grün darge⸗ ſtellt hätte. Dafür aber bildeten die bunten Scheiben mit ¹ dem Weinlaub dahinter einen heimlichen, lauſchigen Winkel, wie gemacht zu leiſem Geflüſter oder auch um ſich den eigenſten Gedanken hinzugeben. ———y———— ————— — 263— Letzteres that Sophie, indem ſie ſich dort auf ein klei⸗ nes vergoldetes Stühlchen niederließ, welches Georg ſeiner lieben Fee eines Tages in heiterer Laune aus der Stadt mitgebracht. Sie legte den Kopf in die Hand des auf⸗ geſtützten Armes, und daß ihre Gedanken ſehr ernſter und ſehr trüber Art waren, bewieſen ihre langen und ſchweren Athemzüge. Dann erhob ſie ſich und trat in eine Ecke des Ge⸗ maches, wo ein einfaches Tiſchchen ſtand und auf dieſem eine kleine armſelige Drehorgel, auf welche das photo⸗ graphiſche Bildniß eines anſcheinend vor der Zeit gealter⸗ ten, müde und krank ausſehenden Mannes herabſchaute, deſſen weit offen ſtehende Augen einen eigenthümlich ſtarren Ausdruck hatten. Ein ſichtbar ſchon trocken gewordener Epheukranz umgab dieſes Bildniß, und nachdem Sophie es lange betrachtet, flüſterte ſie leiſe:„Wenn du noch leb⸗ teſt, armer, unglücklicher Vater, würde ich ſo gern deinem Rathe folgen und damit vielleicht auch dem Zuge meines 2 Herzens. W Dann zuckte ſie beinahe erſchreckt zuſammen, als eine Hand ſanft die ihrige ergriff, ohne daß ſie eine Annähe⸗ rung gehört oder gefühlt, und ihr Herz erbebte bei dem weichen Tone einer ihr wohlbekannten Stimme, die in bittendem Tone ſagte:„So folge denn dem Zuge deines guten Herzens und auch er wird dich dafür ſegnen! Mache mich glücklich durch deine Liebe, Sophie, mein Kind, und nimm durch deinen heiligenden Kuß das furchtbare Zeichen — 264— von meiner Stirn'. Laß dich endlich erbitten— laß dich durch mein Flehen erweichen!“ Es rauſchte neben ihr wie auf den Boden nieder, und als ſie ſich raſch und mit thränenden Augen umwandte, konnte ſie nicht haſtig genug ihre Arme öffnen, um die Mutter in denſelben aufzufangen und ſie alsdann innig und herzlich an ſich zu drücken.— Drüben dicht über den fernen Bergen nahe am Hori⸗ zont ſchwebte die ſinkende Sonne und ſandte noch einen letzten leuchtenden Gruß herüber, das kleine Gemach plötz⸗ lich mit Licht erfüllend— mit Licht und Glanz, wie um den langen, innigen Kuß zu weihen, den Sophie auf die Lippen ihrer Mutter drückte. Dann klang von der Terraſſe her im Quartett der Violinen und des Cello eine fröhliche, aufjubelnde Weiſe, in welche ſich das Klingen der Gläſer miſchte, als Sophie Arm in Arm mit ihrer Mutter zu den Fröhlichen trat. Ende. ——————— ——— — 7₰o . 1 3 5 —j———yy—— ͤͤͤͤͤͤnnͤnͤſnſſ-——— V V V 1 9 ——jÿ—