—— 6 4 —— —— * ———— (eploidiolhet⸗ urdtintle 8 2M und Papien Randlung, Suae See, S2, uie empfiehlt sich zur Anſprtigung aller fei- neren Buchbinder-, Galanterie- und Lederwaauren, sowie zum Aufziehen von Landkarten, Bildern&c. Die Leihbibliothek wird stets durch die neuesten Werke den Ansprüchen heutiger Zeit Genüge leisten und beträgt das Abonnement für ein Vierteljahr: Bei wöchenfiich sechs Büchern. 1 fl. 30 kr. vier zwei Roman von J. W. Hackländer. Zweiter Vand. Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1874. ————————8—öſhöööſͤſͤſͤſſͤſſſſſnn 8 —,— V ——— 4— —— 1& Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Erſtes Kapitel dieſer äußerſt wahren Geſchichte, mit Concert⸗ und anderen ähnlichen Anklängen einer luſtigen Sommernacht, welcher eine trübe Morgendämmerung folgt..... Zweites Kapitel, worin von derſelben Nacht, aber unter ganz anderen Ver⸗ hältniſſen berichtet wird, mit Anklängen aus früheren Tagen und geſpenſtigen Zeichen der Vergangenheit.. Drittes Kapitel, welches ſich dem vorigen zeitgemäß anſchließt, indem es vom Erwachen nach einer durchſchwärmten Nacht berichtet, ſo wie Umſtände erwähnt, die ſehr nothwendig ſind zum Ver⸗ ſtändniß dieſer Geſchichte.......... Viertes Kapitel. Von einem Frühſtück im Freien und vom alten Hauſe der Freiherren von Reckenberg.......... Seite 20 32 —— 2——— ʃ⸗⸗————y—— IV Seite Fünftes Kapitel. Enthält eine ärztliche Conſultation von Wichtigkeit für die Betreffenden ſo wie auch für den geneigten Leſer... 117 Sechstes Kapitel. Luftſchlöſſer und Träume verſchiedener Art...... 162 Siebentes Kapitel, worin bewieſen werden ſoll, daß ein tüchtiger Fettflecken immer wieder durchſchlägt...... 211 .. ₰ 1* “ 9 Erſtes Kapitel dieſer äußerſt wahren Geſchichte, mit Concert⸗ und anderen ähn⸗ lichen Anklängen einer luſtigen Sommernacht, welcher eine trübe Morgendämmerung folgt. Das Concert war zu Ende und es war ein ſehr ſchönes Concert geweſen, obgleich es nach dem Programm noch viel bedeutender hätte ſein können, denn in den An⸗ kündigungen hatte man die Namen der erſten Sänger und Sängerinnen des Hoftheaters geleſen, die aus Gefällig⸗ keit für einen durchreiſenden berühmten Klavierſpieler be⸗ reitwilligſt ihre Mitwirkung zugeſagt hatten, dann aber größtentheils aus ſehr triftigen und nicht mißzuverſtehen⸗ den Gründen verhindert worden waren, ihr Wort zu halten. Die Rieſenarbeit, dieſen muſikaliſchen Atlas in Geſtalt eines ſchmächtigen jungen Mannes mit bleichen, eingefallenen Wangen und langen, hellblonden Haaren, die in einzelnen Strängen um ſein geiſtreiches Geſicht fielen, zu tragen, war ſonach den Sängern und Muſikern zwei⸗ ten und dritten Ranges zugefallen, welche ſich aber dieſer Aufgabe mit Muth, Ausdauer und Geſchick entledigten, ſo daß das Concert, klaſſiſch durch alle Rubriken, wie wir oben ſchon bemerkt, wirklich gelungen zu nennen war. Hackländer, Kainszeichen. II. 1 ——————y————————— 4 8*— * Auch de Männergeſangverein hatte mitgewirkt und war, da man den allerhöchſten Hof allerunterthänigſt, aber auch vergeblich erwartet, in ſchwarzen Fräcken und weißen Halsbinden erſchienen, ſowie mit friſch gewaſchenen Glacé⸗ handſchuhen, weßhalb ſich auch beim Auftreten dieſer Genoſſenſchaft ein ſtarker Terpentingeruch im Saale ver⸗ breitete. Es war ein gewitterſchwüler, dunſtiger Sommerabend und daher heißer in dem Concertſaale, als man es wohl zu wünſchen pflegte. Das Thermometer zeigte ſchon beim Beginne dieſes Vergnügens vierundzwanzig Grad und kletterte bei jeder Nummer mit einer erſchreckenden Hart⸗ näckigkeit höher und immer höher, ſo daß man häufig ſtark ſchwitzende Zuhörer ſah, die konvulſiviſch lächelten bei all' den Schönheiten dieſer klaſſiſchen Muſiknahrung, von welcher man nicht mehr ſagen kann:„Laßt es genug ſein, denn wir haben genug,“ ſondern wo man, um nicht für einen Barbaren zu gelten, auszuhalten verpflichtet iſt bis zur letzten Note, bis zum krampfhaften Aufſchnappen nach Athem, ja bis zu einer Ohnmacht; und ſogar im letzteren Falle gibt es noch Kannibalen, die ohne Mitgefühl unwillig über ſolche Störung von der gedruckten Partitur aufſchauen, die ſie, häufig ohne alles Verſtändniß, geleſen, um für einen Muſikverſtändigen zu gelten, oder auch um jede Note, jeden Halt, jede Pauſe gewiſſenhaft zu kontroliren. Endlich hat der geniale Elfenbeinzermalmer die letzten Töne angeſchlagen, erhebt ſich nun in ſchlottriger Haltung und macht eine tiefe Verbeugung, begreiflicherweiſe umtoſt —,—— ————————yÿÿÿÿÿÿö“ . 4 8 BE — 3— von dem allgemeinen Beifallsſturm; denn wie glücklich fühlt ſich nicht ein Jeder, all' das Schöne nun endlich hinter ſich zu haben und wieder aufathmen zu dürfen in der kühlen Nachtluft! Doch wird der Künſtler noch einmal tüchtig herausgeklopft, erſcheint auch, ſchüttelt ſeine blonden Haarſtränge von der Stirn, macht ein paar weitere linkiſche Verbeugungen und iſt darauf, Gott ſei es gedankt, für immer verſchwunden— ja, Gott ſei es gedankt, denn das Queckſilber des Thermometers, ſowie das Geſicht mancher ſtarken Dame zeigen Badhitze an, oder wenigſtens Spuren davon, die Gasflammen brennen lang und trübe, und der Mann, der die Pauken bearbeitet, verſichert, ſeine Trommel⸗ felle ſeien ſo ſchlaff geworden, daß es kaum noch zu einem Trauermarſch langen würde. Und nun hinaus in die friſche, kühle Nachtluft! Ah, wie das wohl thut, wie auch dies klaſſiſch iſt, herrlich und dabei nervenberuhigend,— wie ſüß die Hoffnung auf einen kühlen Trunk unter einem vom Nachtwinde leicht bewegten Laubdach! Die Equipagen mit den glänzenden Laternenlichtern, welche den Boden ſo geheimnißvoll beleuchten, als ſei dort etwas Verlorengegangenes zu ſuchen, rollen eilfertig davon, die zu Fuß gehenden Concertgäſte folgen in langen, ſich weit ausdehnenden Reihen, dort in Gruppen, hier einzeln, häufig aber paarweiſe, Mann und Frau, wie es ſich ge⸗ hört, da ſie ein gütiges Schickſal zuſammengeführt und für dieſes Leben vereint hat. Doch vernimmt man hier häufig von ſeiner Seite kleine Anſpielungen auf den ſchrecklich —— ———————““— —— 7 e heißen Concertſaal, auf die kühle Nachtluft im Freien und auf den hohen Genuß für den, dem es vielleicht vergönnt ſein könnte, in dieſem kühlen Freien noch einen kühlen, angenehmen Nachtſchoppen zu trinken. Zuweilen, aber ſelten, erfolgt hierauf die Antwort: „Ja, wenn es dir Vergnügen macht, ſo gehe noch ein Stündchen in deinen Wirthſchaftsgarten, du wirſt ja hof⸗ fentlich keinen Hausſchlüſſel gebrauchen;“ meiſtens aber erfolgt auf ein ſo leiſes Probiren des Anklopfens die laute und ſtrenge Antwort:„Warum nicht gar, du, ein älterer, verheiratheter Mann, nach dem Concert noch in Wirth⸗ ſchaftsgärten laufen, überlaſſe das jüngeren Leuten, auch ſteht dein Bier gewiß bereits ſeit zwei Stunden zu Hauſe!“ „Seit zwei Stunden zu Hauſe,“ wiederholt der Kreuz⸗ träger; doch krazt er ſich verdrießlich am Kopfe und würde gern krampfhaft hinauslachen, wenn er ſich nicht fürchtete. — Als ob das ein Troſt wäre, zu Hauſe in der dunſti⸗ gen Stube auf Bier eingeladen zu werden, das bereits ſchon ſeit zwei Stunden auf ihn wartet! Eine verfluchte Geſchichte, wagt er ſchüchtern zu denken, hält aber an ſich geduldig, wie ein Lamm, denn die liebende Gattin hat ſich der größeren Sicherheit wegen feſt an ſeinen Arm gehängt. O Tantalus, was ſind deine Qualen gegen ſolche! Da ziehen ſie vorüber, die heiteren, freien, luſtigen Men⸗ ſchen, jüngere allerdings, aber auch ältere, wie er ſelbſt iſt, und ſie plaudern von all' den reizenden Orten, wo ſie ſich in Kurzem bei Bier, bei Wein oder bei einer duftigen ——————Z——“ 5 Bowle zuſammenfinden wollen!— Laß ſie vorüberziehen und gewähre dir ſelbſt den kleinen Troſt, eine Fauſt im Sack zu machen, denn du biſt nicht ſtark genug, das Schickſal und deine theure Gattin zu ändern! Merkwürdigerweiſe gab es unter denen, die den Con⸗ certſaal verließen, auch ſolche, die es nicht vermochten, nach erduldeter Laſt und Qual in einen gemüthlichen Wirth⸗ ſchaftsgarten zu gehen, obgleich ſie auf die oben beſchriebene Art nicht daran verhindert wurden, ja, ſolche, die ſo frei und ledig und unabhängig als möglich waren,— wie eben jetzt vier jüngere der ausübenden Künſtler, die es doch wahrlich verdient hätten, in eine kühle Bowle zu blicken, oder auch nur nach Belieben kaltes Bier zu trinken; doch ſogar über den letzten gewiß ſehr beſcheidenen Wunſch ſchienen ſie nach reiflicher Berathſchlagung nicht zu einem befriedigenden Reſultat gelangt zu ſein. Der Eine ſagte nämlich:„Ich weiß leider, warum ich nach Hauſe gehe,“ der Andere meinte:„Ich lege mich zu Bette, weil“— der Dritte ſetzte hinzu:„Ich thue das Gleiche, warum, brauche ich euch wohl nicht zu ſagen,“ und der Vierte, der ſprach— nichts. Es waren das, wie geſagt, vier jüngere Muſiker, aber dabei tüchtige Künſtler, zwei Violiniſten, ein Bratſchiſt und ein Celliſt, von denen die drei erſten ihre Violinkaſten ſelbſt unter den Arm genommen hatten, um ſie nach Hauſe zu tragen, denn ſie mochten die geliebten Inſtrumente da draußen in dem Concertſaale nicht gern fremden, häufig leichtſinnigen Leuten überlaſſen, Leuten, die oft 85 keinen Hackländer, Kainszeichen. II. —— ——— ——— 5 “ ₰— — Begriff haben von dem Werthe, der in ſolch einfachem Kaſten ſteckt. Was den Vierten, den Celliſten anbelangte, ſo hatte dieſer glücklich einen kleinen, barfüßigen Jungen aufgefunden, der ihm das Violoncell für ein ſehr Geringes nach Hauſe zu tragen verſprach, natürlich in höchſteigener Begleitung, und ſo wollten ſie gerade den Heimweg an⸗ treten und kamen dabei in die Nähe einer ſeitwärts im Gebüſch ſtehenden Gaslaterne, wo man einen Mann be⸗ merkte, der den Hut neben ſich auf den Boden geworfen hatte und beim hellen Schein des Gaslichtes eifrig etwas in ſeine Brieftaſche ſchrieb. Die Vier kamen ziemlich dicht an dieſem Manne vor— über, und da rief ihm der Eine zu:„Ich glaube, du machſt noch einen weiteren Satz zu dem famoſen Klavier⸗ Concert von heute Abend!“ „Oder irgend eine Verbeſſerung zu der Beethoven'ſchen Sonate,“ meinte der Zweite, worauf der Dritte ſagte: „Laßt ihn nur machen; wenn er es ſo eilig hat, irgend etwas aufzuſchreiben, ſo wird er ſchon wiſſen, warum.“ „Gute Nacht, Meiſter Georg!“ rief der Vierte. Mochte es nun ſein, daß der, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, mit ſeiner Schreiberei zu Ende war, oder daß ihn der Klang des zugerufenen Namens aus ſeinen Träumereien riß, genug, er blickte raſch um ſich her und als er die vier Muſikanten dahin gehen ſah, rief er ihnen zu:„Halt, da vorn, ich begleite euch!“ Dann ſchob er ſeine Schreibtaſche ein, raffte den Hut raſch vom Boden auf, um ihn flüchtig auf den Kopf zu ſtülpen, und ————— —.—— „—— 3* 6 —— —— — 2, hatte dann mit eiligen Schritten die Andern in Kurzem erreicht. „Wohin geht ihr denn?“ fragte er, ſetzte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, gleich darauf hinzu:„Nun, ich kann mir denken, wohin es euch zieht, wenn man ſo drei Stunden lang in der übermäßigen Hitze gefidelt und ge⸗ kratzt hat, daß einem die Augen entzündet ſind und die Kehle trocken geworden wie ein Bimsſtein, da ſucht man mit vollem Rechte nach einer kühlen Labung, und wenn das, wie ich ſicher vermuthe, eure Abſicht iſt, ſo weiß ich einen wunderbar heimlichen Ort, nicht tief unten im Keller, ſondern in Gottes freier Nachtluft, wo ein herrlicher Tropfen zu haben iſt.“ „Das wäre allerdings unſere Abſicht,“ erwiederte einer der Violiniſten,„— aber— die Kraft iſt ſchwach, allein die Luſt iſt groß. Waſſer iſt ein kühles Getränke, wenn—“ „Nun, wenn?“ fragte der, den die Anderen Meiſter Georg genannt. „Nun, wenn— die Taſchen leer ſind.“ „Ein leidig Lied, ein traurig Lied,“ lachte der Andere, „ich kenne auch wohl dieſe Melodie, dieſes wehmüthige Adagio, kann aber heute darauf mit einem luſtigen Scherzo dienen, und wenn ihr mir einen Gefallen thun wollt, ſo geht mit mir; ich habe heute eine unverhoffte und gute Einnahme gehabt,— Geld— Geld, was mir gerade ſo in der Taſche brennt, als hätte es den gleichen Durſt wie ich.“ „Dem und dir kann geholfen werden,“ lachte der —————,— —y—— 7 4 2 4 “—— 8 Celliſt,—„ſeht doch wieder einmal die Wahrheit des Sprüchworts: Gott verläßt keinen durſtigen Muſikanten. Wohin aber willſt du uns führen, Meiſter der Tonkunſt!“ „Wo es gut iſt und doch nicht allzu theuer; ich denke, wir gehen in den Sterngarten, dort weiß ich eine kleine Laube, dicht am Ufer des Fluſſes, wo man über ſich durch die Zweige das Leuchten der Sterne ſieht und auf dem Waſſer den ſilbernen Glanz des Mondes. Ich wäre allein hingegangen, es iſt das aber in der Einſamkeit ein ge⸗ fährliches Plätzchen, und wenn ſpäter nach einem hitzigen Kampfe mit den Geiſtern des Weines ſo allerlei ſeltſame Gedanken in einem aufſteigen und man an den nüchter⸗ nen, trübſeligen Morgen des andern Tages denkt, ſowie an manch Anderes, ſo beugt man ſich gar zu gern über die Brüſtung der Terraſſe und ſchaut ſehnſuchtsvoll in den ruhig dahinfließenden tiefen Strom.“ „Wenn du es ſo anſiehſt, ſo iſt es Chriſtenpflicht und ein Werk der Barmherzigkeit, dich zu begleiten.“ „Ja, und dich nicht zu verlaſſen, bis der letzte Groſchen vertrunken iſt.“ Der Celliſt aber deklamirte: „Auf, Page, folge meinen Pfaden Hinaus mit Tambouringeklirr, Heut' Abend will ich ſerenaden, Daß fluchen ſollen die Alcaden Bis an den Guadalquivir.“ Unter dem Pagen aber verſtand er den kleinen, bar⸗ füßigen Jungen, der das Inſtrument auf dem Rücken — 9— trug und ſtehen geblieben war an einer Wendung des Weges, wo dieſer in die innere Stadt führte, während Meiſter Georg halblinks abgebogen war, nach dem Fluſſe zu, wo zwiſchen einzelnen ſchönen Landhäuſern öffentliche Gärten der verſchiedenſten Rangklaſſen lagen. Von Wei⸗ tem her ſah man durch das Gebüſch Lichterglanz flimmern, hörte auch wohl die gedämpften Klänge eines Muſikſtückes. „Ich habe den Sterngarten gewählt,“ ſagte er nach einer Pauſe,„weil man dort von jeder Dudelei ziemlich verſchont bleibt und weil man da ſogenannte anſtändige Geſellſchaft findet, mit der ich auf dieſe Art wenigſtens per Diſtance gern verkehre,— da ſind wir ſchon, und nun hoffe ich, daß mein Lieblingsplätzchen unbeſetzt iſt, es iſt abſeits gelegen, ſtill und beziehungsweiſe dunkel, ganz geeignet für uns Nachtvögel, während ſich die Schaar der bunten Schmetterlinge in allen erdenklichen ſchillernden Farben dort um die blendenden Gaslichter drängt.“ Um aber an das bezeichnete ſtille Plätzchen zu gelangen, mußten ſie durch einen Theil jenes Lichterglanzes, wo das Erſcheinen der Muſiker, gefolgt von dem kleinen, zerlumpten Jungen, der den Cellokaſten trug, einiges Aufſehen erregte. Eine friſche Kinderſtimme rief:„Ach, wie ſchön, da kom⸗ men Muſikanten!“ und ein würdevoll ausſehender Kellner ſah ſich hierauf veranlaßt, mit leicht geſchwungener Ser⸗ viette unſerer Geſellſchaft zu folgen, wobei er einem Col⸗ legen im Vorbeigehen zurief:„Die ſcheinen nicht zu wiſſen, daß hier bei uns ohne vorherige Anfrage und Anzeige nicht aufgeſpielt werden darf.“ ——— ͤͤſͤſͤſͤſͤſſͤſͤſſſſſſſ—— 3 —— — — — 10— Das hatte Meiſter Georg gehört und meinte lachend: „Jetzt käme es auf den Verſuch an, das Herz dieſes Bie⸗ dermannes zu erweichen und für vielleicht zwölf Kreuzer aà Perſon ein nächtliches Gartenconcert zu arrangiren.“ „Es wäre das ein guter Spaß,“ ſagte lachend der Celliſt,„und mein Page hier hat ein ſo miſerables Aus⸗ ſehen, daß wir vortreffliche Geſchäfte machen müßten, wenn er ſpäter mit dem Teller herumginge und ſich für den hungrigen Sohn eines armen Muſikanten ausgäbe.“ Das Plätzchen, von dem Georg geſprochen, war un⸗ beſetzt und kaum hatten ſich die Fünf niedergelaſſen, als auch ſchon Servietten ſchwingende Kellner erſchienen, um ihnen zu bedeuten, daß hier nicht der Ort ſei, um auf⸗ zuſpielen, und es auch zu ſpät am Abend wäre, um noch die Erlaubniß dazu von dem Herrn des Etabliſſements zu verlangen. „Aber doch wohl nicht zu ſpät,“ erwiederte Meiſter Georg,„um ein gutes Glas Wein zu trinken?“ Der Kellner ließ einigermaßen erſtaunt ſeine weiße Serviette herabhängen, konnte ſich aber nicht der Worte enthalten:„Für Geld wäre das allerdings zu haben, würde Ihnen aber,“ ſetzte er hinzu, indem er den Kopf vornehm erhob und das rechte Bein um einen kleinen Schritt vor⸗ wärts bewegte,„den benachbarten Paradiesgarten vor⸗ ſchlagen, wo es viel luſtiger zuzugehen pflegt als hier bei uns, die wir nur vornehme und ſtille Geſellſchaften zu haben pflegen.“ „Still ſind wir auch,“ entgegnete lächelnd Meiſter ————————õÿõÿõÿõÿõü——— — r — 11— Georg,„vornehm ebenfalls, denn wir ſind Künſtler, und was das Geld anbelangt, ſo ſehen Sie einmal zu, Ser⸗ vietten ſchwingender junger Menſch, ob Sie das da für echt halten?“ Er hatte bei den letzten Worten in ſeine Weſtentaſche gelangt und ein Goldſtück über den Tiſch hinüber zu den Füßen des Kellners geſchleudert, wo es im Mondſtrahl funkelte,—„heben Sie es auf, betrachten Sie es, und nachdem Sie es wieder auf den Tiſch gelegt haben, bringen Sie die Weinkarte.“ Der Kellner, etwas verblüfft, hatte gethan wie ihm befohlen, und als er hierauf, ſeine Serviette ruhig auf dem Arm hängend, davon gegangen war, um die Wein⸗ karte zu holen, ſagte Meiſter Georg:„Ich liebe ſonſt der⸗ gleichen Renommiren nicht, aber einem ſolchen Tölpel darf man nicht anders kommen, und nun wollen wir luſtig ſein,— was dich anbetrifft,“ wandte er ſich an den kleinen Jungen,„ſo können wir dich füglich entlaſſen, denn das Inſtrument ſchleppe ich ſelbſt nach Hauſe; wenn du aber bleiben willſt oder wegen deiner Eltern bleiben darfſt, ſo ſollſt du was zu eſſen haben und auch einen guten Trunk.“ „Meine Eltern,“ ſagte der Kleine,„kümmern ſich nicht darum, wann ich nach Hauſe komme; das Haus, wo wir wohnen, iſt die ganze Nacht offen, und ich finde auch im Dunkeln meinen Strohſack unter der Treppe,— wenn ich bleiben darf, ſo bleibe ich.“ „Bleiben darfſt du, ſetze dich nur dort in den Winkel.“ „——— ö“ — — 12 Dann kam der Kellner zurück und brachte äußerſt höflich die Weinkarte, forſchte auch, ob die Herren noch etwas zu ſpeiſen wünſchten, und nahm mit geſchmeidiger Verbeugung Aufträge entgegen für etwas Brod, Butter und kalte Küche. Was den Wein anbelangte, ſo erklärte Meiſter Georg, etwas Starkes, Aufregendes haben zu wollen, als Däm⸗ pfungsmittel für ſeine gleichfalls aufgeregten Nerven— „eine eigentliche Bowle mit Waldmeiſter zu brauen iſt zu ſpät, auch wollen wir dieſen Herren keine allzu große Mühe machen.“ „Bitte recht ſehr,“ ſagte freundlich der Kellner. „Componiren wir alſo einen ſchönen ‚Goldfaſant, ſechs Flaſchen rothen Wein, zwei Flaſchen Burgunder, zwei Flaſchen Champagner.“ „Keinen Zucker?“ „Pfui, wer wird guten Wein mit Zucker verderben! Bringen Sie aber ein anſtändiges Kryſtallgefäß, damit der Goldfaſan beim Mond⸗ und Sternenſchein ſein glän⸗ zendes Gefieder leuchten laſſen kann.“ Raſch wurde das Befohlene herbeigebracht, bezahlt, der Kellner reichlich belohnt, und dann ſaßen die fünf glück⸗ lichen Durſtigen um das vortreffliche Getränk, bei dem ſie ſich ſchon nach den erſten Gläſern wie entrückt fühlten den kleinen Leiden des menſchlichen Lebens, beſonders ihres oft ſo kümmerlichen Künſtlerdaſeins, um, fünf ſelige Menſchen, ſtill und bewegt empor zu ſchauen zu den fun⸗ kelnden Sternen. — a. — —* — 13— Ja, ſo ſaßen ſie glückſelig und ſtill vergnügt, nach der Reihe zuweilen das in einer eigenthümlichen Goldfarbe ſchillernde Glas empor hebend, um es vom Mondſcheine durchleuchten zu laſſen, dann an die Lippen zu ſetzen und langſam hinab zu gießen das köſtliche Naß. Keiner ſprach dabei, nur zuweilen lächelten ſie einander zu, ohne auch nur durch einen Ausruf die genußreiche Stille zu unterbrechen. Wer findet das nicht begreiflich, nachdem man faſt vier Stunden in einem dunſtig heißen Saale zugebracht, wenn man dabei mit Leib und Seele gearbeitet; wenn man jung iſt, durſtig geworden und das Glück hat, ein Muſikant zu ſein, wenn man in ſtiller Nacht auf einer halbdunklen Terraſſe ſitzt, vor einem köſtlichen Getränke, das da heißt Goldfaſan, in herrlich kühler Nachtluft, an⸗ geweht von dem Waſſerhauch des ruhig vorbeifließenden Stromes, jener eigenthümlichen Weiſe lauſchend, welche die Fluth hervorbringt, wenn ſie langſam an Steinmauern vorüberſtreift und ſchleicht? Auch der kleine barfüßige Knabe hatte ſein gutes Theil bekommen, Brod und etwas dazu, auch ein großes Glas des köſtlichen Getränkes, und war alsdann auf ſeine Art noch glücklicher als die Andern geworden. In einer Ecke der Laube, bei ſeinem reichen Nachtmahl, zuerſt ſitzend, hatte er ſeine Füße leiſe auf die Bank hinaufgezogen, den Kopf rückwärts in das Gebüſch ſinken laſſen und war friedlich entſchlummert. „So könnte ich die ganze Nacht ſitzen, langſam trinken und nichts reden,“ ſagte die erſte Violine. .—————,—— —————*——— 5 ———= 4— „Ja, wenn nur nicht die Gedanken über einen kämen,“ meinte Meiſter Georg,„es iſt am Ende doch nützlich, eine Schleuſe aufzuziehen zu einem ableitenden Geplauder.“ „So plaudern wir Eins und trinken dazwiſchen,“ entſchied der Celliſt. *„Meinetwegen vom heutigen Concert,“ ſprach der Bratſchiſt,„jetzt, nachdem ich ſo geſtärkt bin, kann ich ſchon etwas über mich ergehen laſſen. Sage du, Georg, wie hat dir der Clavierſpieler gefallen?“ „Ich kann es dir wahrhaftig nicht ſagen; ich trat V ſchon ſehr beſchäftigt in den Saal, es ging mir eine Idee im Kopfe herum und dann wurde es mir gerade ſo, wie es mir oft zu geſchehen pflegt, wenn ich im Sauſen des Windes ſpazieren gehe, nicht mehr auf das Seufzen und Aechzen der gewaltig bewegten Bäume achtend, da ich nie beſſer als bei ſolchen Gelegenheiten im Stande bin, einen Faden auszuſpinnen.“ „Und was du geſponnen, haſt du nachher zu Papier gebracht?“ „Glücklicher Weiſe, ja, denn jetzt habe ich Alles wieder vollſtändig vergeſſen.“ „Was war es denn?“ „Ein einfaches Lied nach einem Sprüchlein, das ich . in meiner Jugend oft gehört und das ich lange verſucht, b würdig in Muſik zu ſetzen.“ „Sing' es uns vor.“ „Das kann ich jetzt nicht, denn es iſt meinem Gedächt⸗ ₰ ———ͤͤͤͤͤͤͤͤſſͤſ —— 4 —— . ———— “ * 15— niß entſchwunden und hier ohne Licht zu dunkel, um es aus der Schreibtafel abzuleſen.“ „Schade drum! Wir hätten es vierſtimmig behandelt und es müßte ſich in der ſtillen Nacht nicht ſchlecht ge⸗ macht haben.“ Still war die Nacht allerdings, beſonders hier, wo ſie ſaßen, fern ab von den übrigen Gäſten, deren ſich noch immer viele in dem Garten befanden, dort, bei den hellen Gaslichtern, elegante Herren und Damen, ſchöne Frauen und Mädchen; zuweilen ſah man auch ein paar helle Ge— wänder ſich durch die dunkeln Büſche nähern, dann aber in einem Bogen zu dem Lichterglanz und den fröhlichen Menſchen zurückkehren. „Schade drum,“ ſagte der Celliſt,„daß wir das nicht ſingen können, ich wäre mehr aufgelegt zum Singen als zum Plaudern.“ „Und wäre hier ein wahrer Genuß, ſo ganz unter uns, für uns ganz allein,“ meinte die erſte Violine,„ein Concert für die funkelnden Sterne droben.“ Wie er das ſagte, zog er langſam ſeinen Violinkaſten näher, der neben ihm auf der Bank ſtand, öffnete ihn, nahm das Inſtrument heraus, probirte piccicato die Saiten und ſagte:„Wie das verſtimmt iſt!“ „Kein Wunder bei der kühlen, erfriſchenden Nachtluft nach der Hitze im Saale!“ „Hat Jemand eine Stimmgabel?“ „Ich führe dieſes Handwerkszeug ſtets bei mir,“ er⸗ —————— — ——— ͤſͤſͤͤͤſͤſſſſ ſſſſſ —— — 16— wiederte Meiſter Georg, nahm das kleine Ding aus der Taſche und ließ deutlich das A erklingen. „So,— noch einmal,“ bat der mit der Violine, worauf er kaum hörbar die Saiten ſtimmte. Dergleichen iſt anſteckend und auch die Andern nahmen ihre Inſtrumente heraus, ſtimmten ſie gleichfalls, und als Einer hierauf lachend meinte,„nun wären wir zum An- fang bereit,“ nahm auch der Celliſt ſein Inſtrument aus dem Kaſten, rückte ſeinen Stuhl ein wenig vom Tiſche zurück, probirte leiſe und ſagte alsdann:„Hier hat ſich die Stimmung merkwürdigerweiſe erhalten.“ „Gut denn,“ entſchied Meiſter Georg,„ſo ſpielen wir den Sternen etwas vor.“ „Sie werden aber glauben, wir wollten nachher mit dem Teller herumgehen,“ bemerkte lachend der von der zweiten Violine. „Mögen ſie glauben, was ſie wollen, ſie werden uns in Frieden laſſen; wir haben hier ſtill und behaglich für uns getrunken und wollen dem Wein und den Sternen ein Dankopfer bringen. Meine Seele lechzt nach himm⸗ liſchen Tönen, wie ſo eben nach dem kühlen Goldfaſan, und ihr ſollt ſehen, wie der ſeine glänzenden Flügel aus⸗ breitet und uns alle hinauf tragen wird zu den ewigen Sternen.“ „Gut, ſpielen wir auch einmal zu unſerem eigenen Vergnügen.“ „Vortrefflich!“ „Ich bin ohne Noten doch nicht ganz ſicher,“ ſagte 1„— die erſte Violine; er war der Jüngſte von Allen, aber ein bedeutendes Talent. „So gib mir dein Inſtrument,“ ſprach Meiſter Georg, „ich bitte dich darum,— es würde mich glücklich machen, denn ich wäre doch kaum im Stande, hier müßig zu ſitzen und ruhig zuzuhören.“ Mit Vergnügen trat der Andere ſeine Geige ab, und nachdem Meiſter Georg einen kaum hörbaren Strich über die Saiten gethan, ſagte er:„Nehmen wir etwas aus Vater Haydn's herrlichem Kaiſerquartett, die prachtvollen Variationen aus G-dur.“ Dann erklangen mit Einem Male in der lautloſen Stille der Nacht die Inſtrumente, geſpielt von Meiſter⸗ händen, wie ein einziger, auf zauberhafte Weiſe hervor⸗ gebrachter vielſtimmiger Ton, wie ein glänzender Strom unter Sonnenblitzen, auf dem bunte Blumen tanzen, wie eine von fern erklingende mächtige Aeolsharfe, und wie dieſe in dem ſtillen Garten ſo plötzlich hervorbrauſenden Töne das Ohr der drüben ſitzenden, luſtig plaudernden Gäſte trafen, da verſtummte mit Einem Male Lachen und Sprechen, Einer blickte erſtaunt den Andern an und jedes fühlende Herz empfand unausſprechliches Behagen. Ob ſich Einzelne oder auch Gruppen der dunklen Terraſſe näherten, kümmerte die vier glücklichen Muſikanten auch nicht im geringſten; ſie waren alle in der ſeligen Stimmung, nur den funkelnden Sternen vorzuſpielen, dorthin erhoben ſie ihre leuchtenden Blicke, ihnen waren alle dieſe aufjubelnden Töne geweiht. Vielleicht, daß auch 8 4 C.—————ę“——. . 4 ———— ————————— — .— ————— 18— dabei Jeder der vier jungen Männer an einen ganz be⸗ ſonderen Stern dachte, der wohl einmal in ſeinem Leben geglänzt, Freude oder Leid bringend, vielleicht, daß Jeder in der allgemeinen Huldigung, dem Sternenhimmel ge⸗ bracht, auch noch an einen anderen Himmel dachte, wo er glücklich war oder einſtens geweſen. Einen Anklang wie den letzteren las man zuweilen aus den Zügen Meiſter Georg's, den jetzt ein Strahl des vorgerückten Mondes traf, ein Lichtſtrahl, ſein Geſicht hell beleuchtend. Es war das ein eigenthümliches Geſicht, deſſen unregelmäßige Züge nichts Angenehmes hatten, eher etwas Abſtoßendes, beſonders jetzt, wo die Lippen des unſchönen Mundes feſt auf einander gepreßt, zugleich mit den tief herabgezogenen buſchigen Augenbrauen, dieſen harten Zügen einen finſteren, düſteren Ausdruck verliehen. Mil⸗ dernd dagegen erſchien die prächtige, breitgewölbte Stirn, und wenn ſeine dunkeln, geiſtig durchglühten Augen, wie jetzt wieder, von dem hellen Mondſtrahl getroffen wurden, ſchien der ganze Kopf mit dem dichten, langen, tiefbraunen Haar, beſonders wenn er es mit einer haſtigen Bewegung hinter die Schläfe zurückwarf, einem jener ritterlichen Sänger der Vorzeit zu gehören, welche, die Laute bei Seite legend, fröhlich nach dem Schwerte griffen. So energiſch und markig war auch ſein Spiel, und es war, als ob alle die herrlichen Töne, die unter ſeinen Fingern hervorquollen, direkt ſeinem Herzen entſtrömten. Da ihn hierbei die Anderen würdig und als echte Künſtler unterſtützten, ſo kam etwas ſo Außerordentliches ——õ—— — — 19— zu Stande, daß, als ſie zu Ende waren, aus der Nähe und aus der Ferne enthuſiaſtiſches Bravorufen und Hände⸗ klatſchen ertönte. Die Glücklichen ſchienen dies aber durch⸗ aus zu überhören, woran hauptſächlich ein herzliches Lachen ſchuld war, in das die Fünf unwillkürlich aus⸗ brachen, als ſie nun für einen Augenblick ihre Inſtru⸗ mente bei Seite legten, um luſtig die Gläſer wieder erklingen zu laſſen. „Daß alles Schöne ſo raſch vergeht!“ meinte der Celliſt, indem er einen Blick in die leer gewordene Bowle that;„das Gefieder des Goldfaſans lichtet ſich auf ver⸗ dächtige Art; er iſt ſchon zum Silberfaſan geworden und wird nächſtens in den Strahlen des Mondes verſchwun⸗ den ſein.“ „Darum noch raſch die reizende Serenade in G-dur des göttlichen Beethoven— habt ſie oft genug geſpielt, um ſie ohne Noten leiſten zu können!“ rief Meiſter Georg, „die wundervolle Serenade, und damit hinüber in einen geſunden Schlaf oder wenigſtens in eine luſtige Traumwelt.“ Wie Goldfäden an einem prachtvoll gefärbten Abend⸗ himmel, nach welchem ſich die Blicke in unbeſtimmter Sehnſucht richten, wie der flimmernde Schein in einem Kelchglaſe voll edlen Weines, ſo erſchien es vor den Augen der begeiſterten Spieler, ſo goldig klangen auch ihre lang gezogenen Töne, und dabei war es gerade, als ſetzten ſie abwechſelnd ein ſolches Kelchglas an die durſtigen Lippen, ſo ſtets wieder neue Kraft in dem edlen Getränke findend. Sie hatten geendigt, doch ertönte von den Zuhörern kein ———————— ͤͤͤͤͤn— lärmendes Bravo wie vorhin, nur enthuſiaſtiſche Zurufe: „Herrlich, prächtig,— in der That wundervoll!“ „Und nun kein Tropfen mehr in der Bowle,— als beſſere Belohnung,“ klagte der Celliſt, worauf er weh⸗ müthig ſein Inſtrument in dem Kaſten verwahrte. Doch geſchah jetzt ein Wunder, was übrigens den fünf Begeiſterten bei der erhobenen Stimmung, in der ſie ſich befanden, ſo natürlich erſchien, daß ſie es über ſich ergehen ließen, ohne viel Grübeleien warum und woher. Aus dem Gebüſche nämlich trat der Kellner, und ſtatt der weißen Serviette trug er ein nicht weniger mächtiges Gefäß als das erſte geweſen, ſtellte es auf den Tiſch zwiſchen die Fünf und ſprach mit einer Würde, welche angenehmerweiſe durch eine ſanfte Freundlichkeit gemildert wurde:„Für die Herren Künſtler“— das Wort Künſtler betonte er auffallend ſtark—,„zum Dank von der Ge⸗ ſellſchaft und dem Herrn des Etabliſſements,“ dann war er verſchwunden, und da ſich auch discreter Weiſe von den Gäſten Niemand mehr hören und ſehen ließ, ſo war man geneigt, den Kellner für einen Diener aus dem Feenreiche in ſchwarzem Frack zu halten, und das erſte Glas, das Jeder von dieſem nicht minder gelungenen Goldfaſan trank, galt irgend einer unſichtbaren Göttin und Beſchützerin. Warm, ja ſchwül war die Nachtluft noch immer, und Meiſter Georg hatte ſeinen langen, ſchwarzen Rock aus⸗ gezogen und ihn über die Füße des Knaben geworfen, der in der Ecke der Bank, ruhig ſchlafend, lag; dann „——— ö“————— 3 3 4 2 . —ͤ 21— tranken die Fünf wieder langſam und genußreich fort, wobei ſie mit einem behaglichen Gefühle ſahen, wie drüben über dem Fluſſe Licht um Licht in den Häuſern erloſch, dann auch ein großer Theil der Gaslaternen auf den Straßen. Im Garten war es ſchon längſt ruhig und ſtill ge⸗ worden, da alle übrigen Gäſte denſelben verlaſſen hatten und ihnen die müden, ſchlaftrunkenen Kellner gefolgt waren. Auch hier erloſch Licht um Licht, bis auf das in einer kleinen Laterne, welche der Eigenthümer des Etabliſ⸗ ſements freundlicher Weiſe am offen gebliebenen Ausgange hatte hinſtellen laſſen. „So ein Durſt, der ſtatt abzunehmen ſich behaglich ſteigert und jedes neue Glas nur als eine ganz gelinde und vorübergehende Abkühlung zu betrachten pflegt, ge⸗ währt uns doch den höchſten aller Genüſſe,“ meinte der Celliſt, der überhaupt der Materiellſte von allen Fünfen, und dabei ſo hartnäckig im Aufgießen war, daß man trotzdem alle Achtung haben mußte vor ſeinen allerdings ſtets vergeblichen Bemühungen. Meiſter Georg aber erwiederte:„Es wäre beſſer ge⸗ weſen ohne dieſe neue Auflage; wir hatten uns redlich durchgerungen bis zum Stadium der Begeiſterung, bis wir anfingen, das freundliche Blinzeln der Sterne zu verſtehen, jener erhabene Augenblick war da, wo ſie und der gute Mond auch uns verſtanden, wenn wir die ge⸗ füllten Gläſer erhoben, um dem himmliſchen Gelichter zuzutrinken,— nun aber beginnen nächtliche Nebel auf⸗ Hackländer, Kainszeichen. II. 3 —— 8—— ———— 3—ͤͤͤͤͤſͤſͤſͤſſͤſ S —— hoh“ — 22— zuſteigen und es iſt mir gerade zu Muthe, als würden die Sterne langſam verdunkelt, einer nach dem andern, durch einen rieſenhaften Lichtlöſcher, der nun auch Miene macht, ſich über meinen Kopf zu ſtülpen, da er mich gleich⸗ falls für einen Stern zu halten ſcheint.“ „Stern der dämmernden Nacht! ſchön funkelſt du im Weſten,“ ſeufzte die erſte Violine, dabei aber die röthlich⸗ goldene Flüſſigkeit im eigenen Glaſe betrachtend, ſo daß der Celliſt lachend ſagte:„Seid ihr mir Kerle, ſeht nicht einmal, daß kein Stern mehr über uns leuchtet, ja, daß der Mond dort am Horizont eine Nachtjacke von gelbem Flanell angezogen hat und im Begriff iſt, ſich die Nebel⸗ kappe über die Ohren zu ziehen,— wenn ihr auch nichts ſpürt von dem feuchten Wind, der über den Fluß herüber kommt, unſer Haar lüpft und die Baumgipfel langſam bewegt, ſo werdet ihr doch wenigſtens das Leuchten der Blitze ſehen und den ſchon in der Ferne rollenden Donner hören.“ „So iſt es,“ entſchied der erſte Violiniſt, wobei er vor ſich hin in das Glas ſtarrte und dann mit etwas ſchwerer Zunge dazu ſprach:„Dumpfe Frühlingsdonner rollen durch die Luft, ſchwarz von Gewittern.“ „Ja, mit Regen im Gefolge,“ ſagte der Celliſt, eine Hand in die Höhe haltend,„ich meine, es wäre Zeit, unſeren Pagen zu wecken und die Sitzung aufzuheben, damit wir trocken nach Hauſe kommen. Für meine Perſon iſt mir dies allerdings gleichgültig, ich gehe nicht aus dem Leim, wie es meinem Inſtrumente paſſiren könnte.“ „Wie der Bub' da ſo ruhig ſchläft,“ ſprach Meiſter Georg,„nicht einmal unſer Quartett hat ihn aufgeweckt, — der Glückliche! Vielleicht hat er im Traume geglaubt, himmliſche Töne zu vernehmen, oder gar bei muſicirenden Engeln zu ſein, und es iſt eigentlich grauſam, ihn zu einem Daſein zurückzurufen, wo er unter der Treppe auf einem Strohſack kauernd die Nächte verbringen muß.“ „Doch geht ja auch der Goldfaſan zu Ende,“ ermahnte der Celliſt—„und mit ihm die Nacht, denn ich glaube nicht, daß da drüben unter dem gelben Schein ein zweiter Mond ſo freundlich iſt, für uns aufzuſteigen.“ „Ja, ja, die Lerche iſt's und nicht die Nachtigall.“ „Die hell dein banges Ohr durchſchmettert,“ ſeufzte Meiſter Georg, aufwärts blickend,„ja, ja, es iſt nah am erſten Hahnenſchrei, wo die Geiſter und Geſpenſter zu ver⸗ ſchwinden pflegen, und wenn es euch recht iſt, ſo erwarten wir hier nicht den erſten Strahl der Morgenſonne; es iſt im Grunde doch ein unheimliches Gefühl, von geſtern übrig geblieben zu ſein.“ „Die Sonne wird dich morgen früh oder vielmehr heute nicht ſehr geniren,“ brummte der Celliſt,„ich ſpüre ſchon die erſten Tropfen, und es wäre ein Wunder, wenn das Wetter raſch vorüberzöge,— gehen wir nach Hauſe, wir ſind alle nicht reich genug, um unſere Inſtrumente verderben zu laſſen.“ „Ja, gehen wir nach Hauſe,“ meinte auch der Brat⸗ ſchiſt,„wahrhaftig, es fängt ſchon leicht an zu regnen.“ ge „Oder wäre es nicht beſſer, die Inſtrumente da drüben ————“—— “ ———.— 24 in's Haus zu ſtellen und morgen früh abzuholen?“ fragte ein Anderer, doch entſchied ſich der Celliſt für das Heim⸗ tragen der Inſtrumente, womit auch die Uebrigen einver⸗ ſtanden waren. „Eigentlich habe ich darin nicht mitzuſprechen,“ ſagte Meiſter Georg,„obgleich ich gern bereit bin, deine Violine, die du mir vorhin freundlich geliehen, nach Hauſe zu tragen, ſchlage aber wenigſtens vor, daß wir in würdigem Aufzuge davon ziehen— im großen Styl— und nicht, wie liederliche Muſikanten, welche nach einer durchgeigten Nacht, die Inſtrumente unter dem Arm, naß und müde nach Hauſe ſchleichen; dazu habe ich eine große Idee, bei der auch eure Muſikkaſten vor jeder Feuchtigkeit bewahrt bleiben, wenn ich mich auch ſelbſt opfere. Stellt eure Violinen hier auf das Cello, befeſtigt ſie mit ein paar Taſchentüchern— ſo— nun decke ich meinen ſchwarzen Rock darüber und die Bahre iſt fertig.“ „Es ſieht allerdings ſchauerlich aus,“ ſagte der erſte Violiniſt in einem etwas verzagten Tone,—„und wir ſollten das nicht thun.“ „Du brauchſt auch gar nicht mit tragen zu helfen,“ rief luſtig Meiſter Georg,„ſiehſt du doch ſo bleich und kummervoll aus, daß du einen ganz prächtigen Leidtragenden abgibſt, und als ſolcher wirſt du uns folgen.“ „Während der Page voraus ſchreitet!“ lachte der Celliſt, dem es hauptſächlich darum zu thun war, ſein Inſtrument auf dieſe Art vollſtändig geſchützt zu ſehen, der aber auch ſtets bereit war, einen guten oder ſchlechten Witz ausführen zu helfen. Auch die Uebrigen fanden die Idee ſehr amuſant, und nachdem die Vier den mit dem ſchwarzen Rock bedeckten Cellokaſten auf ihre Schultern genommen, ſchritten ſie ſo langſam und feierlich dahin, als es ihre etwas ſchwanken⸗ den Schritte erlaubten, der kleine Bube voraus, die erſte Violine hinten drein. Dann intonirte Meiſter Georg:„Integer vitae“. Die Anderen fielen correct und ſicher, obgleich mit etwas ſchwerer Zunge, ein, und gerade als ſie am Aus⸗ gange des Gartens bei dem trübe flackernden Lichte vor⸗ übergingen, öffnete droben im Hauſe eine Magd, die den Geſang gehört, ihr Fenſter, um es gleich darauf wieder mit einem Ausruf des Schreckens zu ſchließen. Eigenthümlich, ja unheimlich erſchienen aber auch dieſe eben noch ſo luſtigen Muſikanten, jetzt ſcheinbar ſo ernſt geworden, unter ſchweren Bewegungen langſam und gleich⸗ förmig im Schritte gehend, auf ihren Schultern den ſchwarz behangenen Gegenſtand, der ſich in der beginnen⸗ den Morgendämmerung groß genug ausnahm, um etwas Anderes darunter zu vermuthen, als ein harmloſes Violon⸗ cell. Dabei war die Idee in ſo fern eine glückliche zu nennen, als ſich der Regen bedeutend verſtärkt hatte, ſo daß in kurzer Zeit ſchwere Tropfen rechts und links von dem ſchwarzen Tuche herabliefen, was die jungen Leute veranlaßte, ihre Schritte ein wenig zu beſchleunigen. „Ich bin nur froh,“ ſagte die erſte Violine mürriſch, —ZZöZ—ͤſͤſſſſ1 2 ———õj—— — ———— — 26— —„daß um dieſe Zeit und bei ſolchem Wetter kein ver⸗ nünftiger Menſch auf der Straße zu ſehen iſt, am aller⸗ wenigſten Jemand von der hohen Polizei, denn ſonſt würde es an freundſchaftlichen Erkundigungen nicht fehlen. Wollt ihr aber nicht ein Bischen raſcher gehen? Das V Wetter kommt immer ſchwerer daher.“ „Es iſt unanſtändig, bei ſolchen Veranlaſſungen zu V laufen,“ entſchied Meiſter Georg,„man muß in jeder Lage des Lebens ſeine Würde zu behaupten wiſſen und ſich ſelbſt nicht in Mißcredit bringen, denn wenn uns Jemand in eiligem Laufe ſähe, ſo würde man uns für Spitz⸗ buben mit geraubtem Gute halten, während wir bei lang⸗ ſamem und anſtändigem Wandel gewiß eine impoſante Erſcheinung bieten.“ „Ja, wenn uns Jemand ſähe,“ erwiederte der Andere achſelzuckend,„bei dem Hundewetter!“ „Ruhig, ruhig, mein Sohn, das Auge der Gerechtig⸗ keit ſieht auch im Dunkeln, ſo wie bei Regen, und es wäre nicht behaglich, jetzt mit einem ‚Halt! Wer da?“ angerufen zu werden.“ Hätte übrigens Meiſter Georg gewußt, daß ſie gerade in dieſem Augenblicke nahe daran waren, in der That auf ſolche Art angehalten zu werden, ſo würde er dieſe Worte wenigſtens minder laut geſprochen haben, ſo aber bemerkte Keiner eine dunkle Geſtalt an einem der Häuſer, die zunächſt am Thore der Stadt lagen. Dieſe dunkle Geſtalt aber hatte ſie bemerkt, und wenn ſie auch regungslos ſtehen blieb, bis der ſeltſame Trauerzug v——“—— 3 . 4 5 2 4 4 1— — “ vorüber war, ſo löſte ſie ſich doch gleich darauf langſam ab von der Hausthür, wo ſie geſtanden, und folgte in einiger Entfernung. „Wir haben einen näheren Weg zu mir,“ meinte der Celliſt, als ſie die Stadt faſt erreicht hatten,„wenn wir nicht durch dieſes Thor hinein gehen, ſondern uns links wenden und die nördliche Promenade nehmen; da iſt es auch ſtiller und einſamer, doch wäre auch ich jetzt für ein beſchleunigteres Tempo.“ Er hatte einen guten Grund, daran zu mahnen, denn nicht nur die Blitze folgten ſich raſcher und leuchtender auf einander mit heftigen Donnerſchlägen, ſondern auch der Regen begann, auf eine heftigere Art vom Winde ſeitwärts getrieben, ſo auf ſie einzudringen, daß der ſchon durchnäßte Rock auf dem Violoncellkaſten dieſem durchaus keinen Schutz mehr bot. „Jetzt gäbe ich doch eine Million für ein ſchützendes Obdach,“ ſagte der Celliſt, ſich ſchüttelnd,„oder vielleicht wäre es das geſcheidteſte, Jeder verſorgte ſeinen Kaſten ſo gut als möglich und wir ſtöben im Galopp nach allen Richtungen aus einander.“ „Würde nicht viel nützen, das Letztere,“ klagte die erſte Violine,„denn nach hundert Schritten in einem ſolchen Guſſe würde ich in meinem Kaſten nichts mehr als kleine Holzſtückchen klappern hören.— O, Goldfaſan, warum haſt du mir das gethan?“ „Dieſe Klage könnte allenfalls nur der zweiten Auf⸗ lage gelten,“ antwortete Meiſter Georg,„und das war * ——— ‿ℳ ——-————————— —— 8—— — eine Fügung des Schickſals,— aber ein Obdach wäre mir ſelbſt erwünſcht.— Seht,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„dort auf dem breiten Kieswege hinter dem nächſten Gitterthor naht ſich Jemand mit einer Laterne, es wird dies kein Barbar ſein und uns für einen Augenblick in einem Schuppen oder Gartenhäuschen Unterſtand ge⸗ währen. Lenken wir ſcharf auf ihn ein, damit er unſere Abſicht merkt, hoffentlich aber dadurch nicht verſtimmt wird, bei Gott, nein, er iſt eine fühlende Seele, er ſcheint unſeren Wunſch zu errathen, denn ſeht, er öffnet das ſchwere Gitterthor!“ Das wäre an ſich recht auffallend, ja, unerklärlich geweſen, wenn nicht die vier Träger des unter dem ſchwarzen Ueberwurf unheimlich erſcheinenden Gegenſtandes der Aufforderung Georg's gemäß in einem ſcharfen rechten Winkel von der Straße aus gegen den Mann mit der Laterne abgebogen wären,— doch blieb es auch ſo noch immer räthſelhaft, daß dieſer Mann nicht nur ohne weitere Aufforderung das Thor bereitwillig öffnete, auch nicht nach dem Begehr der Eindringenden forſchte, ſondern erſt, als dieſe ſich ſchon auf dem Kieswege des Gartens be⸗ fanden, in einem leiſen, dumpfen, kummervollen Tone ſagte:„So, habt ihr ſie gefunden und bringt ſie her, — todt— oh, über den Jammer! Geht nur langſam voraus, dort, dem Gartenhauſe zu,“ fuhr er mit einer abwehrenden Handbewegung gegen Meiſter Georg fort, welcher erſtaunt über die eben gehörten Worte ſeinerſeits eine Frage an den alten Mann richten wollte; doch hatte ſich dieſer ſchon abgewandt, um das Thor wieder zuzu⸗ drücken und feſt zu verſchließen. „Mir ſcheint's,“ meinte der Celliſt,„wir ſind da aus dem Regen in eine ſonderbare Traufe gekommen. Was hat der Alte geſagt? Ob wir ſie brächten? Todt brächten? Na, da hört Alles auf, jedenfalls können wir hier be⸗ haglich unterſtehen und das Uebrige abwarten,— ſo,— die Thüren ſtehen offen, es iſt gerade, als ob man uns erwartet hätte, nur würde ich für dieſen Fall ein Bischen Licht paſſend gefunden haben. Jetzt nur raſch, aber vor⸗ ſichtig hinein, ich bin wahrhaftig begierig, ob nicht Alles durchweicht iſt;— he, alter Herr mit der Laterne,“ rief er dem langſam herbeikommenden Manne zu,„wollen Sie nicht ein Bischen leuchten, damit wir ſehen können, ob wir noch Alles hübſch bei einander haben?“ „Hübſch bei einander! Gott verzeih' Euch den Ausdruck! Ihr habt keine Ahnung davon, welch' gränzenloſer Jammer der hübſche Anblick, wie Ihr ihn nennt, da drüben in dem Hauſe hervorbringen wird.“ „Mann, ich verſtehe Euch wahrhaftig nicht!“ „Glaub's wohl, Ihr ſeid dergleichen gewöhnt,“ meinte der alte Diener, wobei er mit ſeiner Laterne mehrere Schritte vor'm Eingang des Gartenhäuschens ſtehen blieb, „Euch iſt das wohl was Alltägliches und Ihr habt nichts von dem, was man Mitgefühl nennt, bleibt aber nur noch einen Augenblick da, ich werde Euer Geld holen und ſehen, wie ich das gräßliche Unglück meiner armen Dame beibringen kann.“— —,— * ————————„———— ——— 3„————.———. —— .——— 4— 6. — 30— Da Meiſter Georg im Gartenhäuschen geblieben war, um ſeinen Rock zu nehmen, auszuſchütteln und um die Schultern zu hängen, denn es fing an, ihn zu frieren, ſo hatte er die letzten Worte des alten Mannes nicht gehört, und ſagte jetzt, an die Thür tretend:„Nun, mir ſcheint, daß wir hier nicht ſchlecht aufgenommen worden ſind.“ „So, das findeſt du?“ brummte der Celliſt,—„nun, mir ſcheint das eine Aufnahme, bei der es mich un⸗ heimlich überläuft. Weiß der Himmel, was der Alte er⸗ wartet hat und was er glaubt, daß wir ihm gebracht hätten!“ „Wie ſo?“ fragte Meiſter Georg. „Nun, nun, er faſelt was von einem gräßlichen Un⸗ glück und daß er ſehen wolle, wie es ſeiner armen Dame beizubringen ſei; deßhalb iſt er auch fortgegangen.“ „Alſo ein Mißverſtändniß!— Hat mir doch ſchon ſo eben etwas dergleichen geahnt.— Oh, das muß man aufklären; bleibt ruhig da, ich komme ſogleich wieder!“ Meiſter Georg eilte nach dieſen Worten raſch dem alten Manne nach, deſſen Laternenlicht er vor ſich zu⸗ weilen durch die Büſche blitzen und jetzt etwas wie eine Treppe emporſteigen ſah,— dann war der Schein ver⸗⸗ ſchwunden. Mit lauter Stimme zu rufen, ſcheute er ſich, doch beſchleunigte er ſeine Schritte, hatte in Kurzem eine Terraſſe erreicht, zu der einige Stufen hinaufführten, und befand ſich jetzt auf dem zierlichen Blumenparterre vor einem ſchönen, herrſchaftlichen Hauſe, hinter deſſen be⸗ reits wieder verſchloſſener Thür der alte Mann wahr⸗ ſcheinlich verſchwunden war. Dicht belaubte Kaſtanien ſtanden zu beiden Seiten der Terraſſe und ſtäubten ſchwere Waſſertropfen herab, denn, obgleich der Regen aufgehört hatte, erhob ſich jetzt ein kühler Morgenwind, welcher leiſe rauſchend durch Zweig und Blätter fuhr, die Tropfen fallen und mit ſo eigen⸗ thümlichem Tone aufſchlagen machte, daß es ihm war, als klagten und weinten die Bäume.— Doch nein, das Klagen und Weinen drang aus einem geöffneten Fenſter neben der Hausthür, wo er auch jetzt den Laternenſchein wieder ſah, und dorthin wandte er ſich nun, die noth— wendigen Aufklärungen zu geben. Doch merkte Meiſter Georg jetzt erſt, wie ſehr ſchon die Morgendämmerung ihr Recht geltend machte, und obgleich ſich ein trüber Nebelflor um die Zweige der Bäume und der Gebüſche ſpann, war doch Alles rings umher zu erkennen, er ſelbſt alſo auch in ſeinem aller⸗ dings ſehr verwahrloſt erſcheinenden Aeußern; ſeinen Hut hatte er drinnen im Gartenhauſe gelaſſen, ſeine Haare tropften vor Näſſe und ebenſo ſein ſchwarzer, dünner Rock, der los um ſeine Schultern hing. Daß ſeine Geſichts⸗ farbe bleich ſein müſſe, fühlte er an dem Fröſteln ſeines Körpers und er konnte ſich nicht verhehlen, daß er jetzt, dort am Fenſter erſcheinend, einen recht unheimlichen An⸗ blick bieten werde. Darin aber war nichts zu ändern, weßhalb er raſch auf das Haus zutrat und nach dem Griff der Klingel langte. Zweites Kapitel, worin von derſelben Nacht, aber unter ganz anderen Verhältniſſen berichtet wird, mit Anklängen aus früheren Tagen und geſpenſtigen Zeichen der Vergangenheit. Die ſchwüle Sommernacht, welche wir im vorigen Kapitel bei Muſik und kühlem Wein verbracht, war auch in den eleganten, villaartigen Gebäuden, welche zwiſchen der Stadt und dem Fluſſe lagen, ſo drückend fühlbar ge⸗ weſen, daß man trotz hoher Zimmer und leiſe rauſchender Bäume vor den Fenſtern dieſe letzteren offen ſtehen ließ, und obwohl eine Menge Licht ſuchender Käfer und Schmet⸗ terlinge hereinflogen, bei der leuchtenden Lampe um den Tiſch ſaß, um ſich der immerhin etwas kühleren Luft zu erfreuen. Dies waren meiſtens heitere Familienzirkel, wo man lachte, plauderte, wo auch wohl Muſik gemacht wurde und wo es mitunter nervöſe Perſonen gab, die müde und aufgeregt das Gewitter der kommenden Nacht prophezeiten und ihr Lager früher als die Anderen ſuchten. Doch er⸗ loſchen nach und nach in den Häuſern alle Lichter, und als nach Mitternacht in weiter Ferne die erſten hellen Blitze aufzuckten, gab es wenig menſchliche Augen mehr, die darauf achteten, und ſelbſt wo noch zuweilen ein Fenſter beleuchtet war, ſchimmerte das Licht hinter grünen Vor⸗ hängen, vielleicht einem Schlafloſen, einem Kranken oder ſonſt einem unglücklichen Weſen. Denn man kann auch unglücklich ſein in großen, ſchönen Häuſern, in hohen Zimmern, die mit allem Com⸗ fort ausgeſtattet ſind; man kann unglücklich ſein auf einem Lehnſtuhl von Paliſanderholz, in der Ecke eines Sopha's, auf ſchwellenden Kiſſen von Seide und Damaſt; man kann unglücklich ſein, wenn man reich, jung und ſchön iſt, wie jene Dame, welche das ſchönſte der oben er⸗ wähnten Landhäuſer bewohnte,— jene Dame, die ſich nicht wie andere frohe Menſchen zur Ruhe begeben hatte, die vielmehr ruhelos in ihrem Salon auf und ab ſchritt, dabei ihr feuchtes Taſchentuch bald krampfhaft um die rechte, bald um die linke Hand wickelte, zuweilen plötzlich mit einem leiſen, ſchmerzlichen Aufſchrei ſtehen blieb, dann gegen die Thüre ſtürzte, um dort erregt zu lauſchen, und gleich darauf wieder an's Fenſter eilte, um, ſich weit hin⸗ ausbeugend, vielleicht das Rollen eines Wagens zu hören, dann in die Mitte des Zimmers zurückkehrend, heftig mit dem Kopfe ſchüttelte, und ihr Taſchentuch an die naſſen Augen drückte. Häufig trat ſie an das weit geöffnete Fenſter, wenn auch nicht immer um dort zu lauſchen, ſondern um ihre Blicke weit hinaus zu ſenden, dorthin, wo man in der ſtillen Nachtluft den Fluß rauſchen hörte, und dabei ge⸗ ſchah es denn wohl, daß ſie neben der Fenſterbrüſtung auf ihre Kniee niederſank und heftig ſchluchzend den Kopf in beide Hände verbarg. „Eine Nacht wie damals— wie damals!“ rief ſie in erſchütterndem Tone,„nur noch ſchrecklicher,— eine Nacht —— 34— wie damals, nur entſetzlicher— oder beſſer, denn ich werde nicht mehr die Kraft haben, die furchtbare Ungewißheit zu überleben.“ Dann raffte ſie ſich horchend auf, eilte gegen die Thüre, öffnete dieſe haſtig und blieb bebend auf der Schwelle ſtehen, als ſie Schritte vernahm, deren Ton ihr bekannt war. Der Klang der Tritte näherte ſich, eine große und ältere Frau trat in's Zimmer, warf eine Mantille, die ſie auf dem Arme trug, in die Sophaecke und ſagte dann in einem ſcharfen Tone:„Da bin ich wieder.“ „Nun?“ tönte es zurück, in einem Tone, dem man die Angſt anhörte, eine weitere Frage zu ſtellen. Das war auch nicht nöthig, denn die Andere, nach⸗ dem ſie ſich geſetzt und mit dem Taſchentuch Kühlung zu⸗ gefächelt, fuhr in demſelben theilnahmsloſen Tone fort: „Es iſt ſo, wie das Kind geſagt, verdammt ſeien dieſe elenden Plauderzungen!“ „Es iſt ſo, ei ſie geſagt?“ „Nicht anders, obgleich ſie mir allerlei Männchen machen, die Worte verdrehen und ſich ſo gut als möglich herauslügen wollten,— mir gegenüber— mir, als ob ich die Frau wäre, die ſich etwas weis machen ließe!— Zuerſt hat es mich Mühe gekoſtet, bei der alten Schwätze⸗ rin vorzukommen, und dann, als ich ihre Gänſe von Töchtern dringend zu ſprechen verlangte, hieß es, die Kin⸗ der ſeien bereits zu Bett und ſchliefen wahrſcheinlich ſchon · ſanft und ruhig,— da ging mir denn begreiflicherweiſe —— 8 7 — — —ͤ——— — 8———.———— — 35— die Galle über; ich trumpfte etwas ſtark auf und ſagte: Daher müſſen ſie mir kommen, Beide, und ſogleich, und eher ging ich nicht von der Stelle, ehe ich erfahren, was ſie dem armen Ding für Sachen in den Kopf geſetzt.“ „Und dann erfuhrſt du— 2“ „Aber es dauerte noch eine gute Weile; die Alte wollte nach rechts in Ohnmacht fallen und heulte dabei wie ein Schloßhund, worauf dann die beiden Dinger in's Zimmer geſtürzt kamen, um mich mit verächtlichen Blicken zu meſſen und nach ihrer theuren Mama zu ſehen,— das aber war eine Handhabe für mich.— Was? Theure Mama? ſagte ich ihnen, ich weiß noch andere Mama's, die theurer ſind und liebe Kinder haben, und komme jetzt gerade von einer, welche verzweifelnd in ihrem Zimmer auf und ab rennt, und das ſeiſt du, und du habeſt mich ſo ſpät am Abend allarmirt und hergeſchickt, um zu erfahren, welche Teufelei denn eigentlich gebraut worden ſei.“ „Und dann erfuhrſt du?“ „Ja, aber nicht ſogleich, erſt wolltenguch die beiden Dinger in Ohnmacht fallen, und das n Vem Aufzuge, in dem einem Chriſtenmenſchen dergleichen niemals ein⸗ fallen ſollte, aber ich hielt ſie mit einem Blick aufrecht und ließ ſie beichten.“ „Und was, und was?“ „Natürlicherweiſe mit Verdrehungen und Lügen, und es ſei das ganz zufällig gekommen; man habe von ver⸗ gangenen Zeiten geplaudert, dabei vom Tode deines Man⸗ nes, und da ſei der Alten ein Wort entſchlüpft, was ihr f —*—ö— — 5 ö 7/ — ——— —————— 4— 7—. —;———— 4 1 ———xqxxx —————————— ——— 8———y—— 4—— — — — 36— allerdings um ſo mehr leid thäte, da dein armes Kind dieſes Wort aufgegriffen und mit Fragen nicht mehr nach⸗ gelaſſen hätte.“ „O mein Gott, o mein Gott!“ „Beinahe wäre es geſchehen, daß ich nach rechts und nach links zugegriffen hätte, ſo juckte es mich in den Fin— gern, die Alte mit ihren beiden miſerablen Pflanzen etwas zuſammenzuſchütteln; dann kam auch er noch zu allem Ueberfluß und ich war allein gegen Vier.“ „Da erfuhrſt du denn endlich, liebe Schweſter, was auch ich dringend zu erfahren wünſche?“ „Was du eigentlich ſchon weißt, daſſelbe, was dir die arme Eliſe geſagt,— ich will es dir gern noch einmal wiederholen, doch laß mich vorher einen Tropfen Wein trinken, denn die Kehle iſt mir von dem Laufen und Sprechen ganz ausgedörrt.“ Sie goß ſich bei dieſen Worten ein Glas Wein ein, aus einer Flaſche, welche auf dem Tiſch vor dem Sopha ſtand und deren halb geleerter Inhalt ihr vielleicht ſchon früher zur Stärkung gedient haben mochte. Die andere Dame war wieder an das Fenſter getreten, preßte ihre Stirn gegen die Scheiben und ſtarrte in die Nacht hinaus, wo fern am Horizont helle Blitze aufleuchteten; dann, nach einer längeren Pauſe, wandte ſie ſich raſch um, eilte mit krampfhaft geſchloſſenen Händen gegen das Sopha und rief:„O, ich kann es mir denken, wie ſie das Herz meines armen Kindes zerſtört haben!“ „Gründlich zerſtört,“ klang die Antwort zurück. 36— „Das geſtanden ſie alſo?“ „Ja! Natürlich wollten ſie es ohne Abſicht gethan haben, weinten auch Krokodilsthränen, daß es ſo gekom⸗ men ſei, und dabei verſicherte die Alte, ſie habe nur be⸗ ſtätigt, was das arme Kind ſchon vorher gewußt.“ „Woher denn und was denn?“ rief die Andere in leidenſchaftlichem Tone, während ſie ſo gewaltſam den Tiſch erfaßte, daß er leicht erbebte. „Das Erſtere kann ich dir nicht genau ſagen, doch zweifle ich nicht daran, daß Eliſe, dieſes kluge Kind, Reden und Andeutungen, die ſie hie und da gehört haben mag, wohl verſtand, und verſchloſſen, wie ſie iſt, alles das bis zur gelegenen Zeit in ihrem Herzen zu bewahren dachte; und dieſe gelegene Zeit kam für ſie heute Abend, bei dieſer alten, lächerlichen Plaudertaſche und ihren häßlichen Töch⸗ tern, denen der Neid aus den Augen ſieht.“ Die Andere machte eine unmuthig heftige Bewegung und brachte nur mühſam zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen die Worte hervor:„Weiter— weiter— ich will es noch einmal hören.“ „Daß dein Mann, Herr Bendel,— der nie im Stande ſein wird, auch nur den hundertſten Theil von dem ab⸗ zubüßen, was er an dir und unſerer Familie verbrochen, — keines natürlichen Todes geſtorben, ſondern vergiftet worden ſei.“ „Ah, vergiftet worden!“ ſchrie das unglückliche Weib ein entſetztem Tone,„von mir vergiftet worden?“ Hackländer, Kainszeichen. II. 4 —,—— ————— d— 8* 4 2————— — — 38.— „Das gerade nicht,“ entgegnete Madame Schwebeling, welche gegen ihre ſonſtige Gewohnheit um ſo ruhiger wurde, je mehr die Leidenſchaft ihrer Schweſter ſtieg—„das ge⸗ rade nicht,— vergiftet worden— durch einen Unglücks⸗ fall— vielleicht durch ſich ſelbſt.“ „O nein, o nein, ſo hat ſie es nicht aufgefaßt, ſo klang es nicht aus ihren Worten, als Eliſe heute Abend, hier auf dieſer Stelle, noch bleicher als gewöhnlich, aber ruhig und kalt vor mich hin trat und mir die ganze ent⸗ ſetzliche Geſchichte wiederholte,— was in jener Nacht in unſerem Hauſe geſchehen ſei, wie das Teſtament ihres Vaters gelautet, wie man wohl daraus erſehe, daß etwas Furchtbares zwiſchen uns vorgefallen ſein müſſe.“ Madame Schwebeling nickte ſcheinbar ſehr ruhig mit dem Kopfe. „Wie ſie ſchon häufig bemerkt habe, daß man ſie be⸗ V dauernd, mit einem ſtillen Mitleid betrachtet,— wie ſie ſich jetzt erklären könne, warum es ihr nie gelingen konnte, recht intim mit jungen Mädchen ihres Alters zu werden, wie ſie es wohl gefühlt, daß ſie ein blutiges Zeichen trage, vor dem Jedermann zurückſchrecke.“ „Ueberſpannte Redensarten, die ihr ſehr ähnlich ſehen.“ „Daß ſie nach allem dem nicht mehr leben wolle und eine Welt verlaſſen,— wo ſie nur Feindſchaft, höchſtens Mitleid, nie Liebe gefunden.“ „Man findet leicht, was man ſucht, und deiner Toch⸗ ter, ſo ſehr ich ihr exaltirtes Weſen bedauere, iſt es nie darum zu thun geweſen, Liebe und Anhänglichkeit bei an⸗ ———— ———— 3 5 F——““——————— —— — 39— deren Menſchen zu ſuchen, weßhalb ſie auch von dieſen ſchönen Dingen wenig gefunden hat.“ „O ſprich nicht ſo,— ſprich nicht ſo!“ „Es wäre das allerdings geſcheidter, doch wirſt du mir zugeben, daß ſie von jeher wenig Erkenntlichkeit gezeigt für all' die Sorgfalt und Pflege, die wir und beſonders ich ihr angedeihen ließen; hat ſie doch die wenig paſſende Benennung— deine Familie erfunden, wenn ſie von uns ſprach.“ Madame Bendel drückte heftig ihre beiden Hände vor die Stirn, that einen tiefen, ſchmerzlichen Athemzug und ſagte dann, die Arme wieder ſinken laſſend, mit tonloſer Stimme:„Dann iſt ſie fort, zuerſt auf ihr Zimmer, was mich anfänglich beruhigte, beſonders weil ich angſtvoll an der Thüre lauſchend keinen Schritt im Hauſe vernommen — bis ihr Mädchen kam und mir die entſetzliche Botſchaft brachte, Eliſe habe mit einem dunklen Regenmantel be⸗ kleidet das Haus auf der hinteren Treppe verlaſſen— das ſind jetzt drei Stunden— fürchterliche qualvolle Stun⸗ den!—— Gib mir Troſt, Schweſter!“ ſchrie ſie auf, indem ſie die Hände rang—„gib mir Troſt, ſag' mir, daß du glaubſt, ſie werde wiederkehren, nachdem ſie ſich durch einen Gang in's Freie beruhigt, nachdem ſie einge⸗ ſehen, welch thöricht ſchreckliche Worte ſie zu mir, ihrer Mutter, geſprochen!“ „Sie hat ſehr viel von deinem Manne,“ ſagte Madame Schwebeling, worauf die Andere mit gepreßter Stimme antwortete:„Ja, ihr Herz iſt gut, und ſie liebt mich.“ ————ee——— “—. 3————— 5 S———ÿõÿ— ——— ——-———— 40 „Sie hat von deinem Manne,“ fuhr die Kanzleidirek⸗ torin mit unerſchütterlicher Ruhe fort,„den ſtarren, un⸗ beugſamen Sinn, welchen er häufig auch gegen uns in Anwendung brachte, wenn er einmal ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt hatte.“ „Du meinſt alſo!“ rief Madame Bendel entſetzt. „Ich meine gar nichts, habe es mir aber zur Lebens⸗ regel gemacht, ſtets auf das Schlimmſte gefaßt zu ſein.“ „Friederike!“ Dieſer Ausruf klang ſo ſchneidend, ſo tief, aus einem ſo ſchmerzerfüllten Herzen kommend, daß die Andere etwas weicher fortfuhr:„Kommt es dann beſſer, ſo fühlen wir uns doppelt glücklich.“ „Und du glaubſt alſo, daß es beſſer kommen kann?“ „Ich hoffe es wenigſtens, obgleich ich dir nicht ver⸗ hehlen will, daß es mich ſehr beunruhigt; ich finde keinen Sinn darin, nur in der Nacht herumzulaufen, nachdem man eine ſolche Scene mit der Mutter gehabt, und in einer ſolchen Nacht!“ „Ja, in einer ſolchen Nacht!“ wiederholte Madame Bendel, wobei ſie von dem Platze, wo ſie ſtand, hinaus in's Dunkel der Nacht ſtarrte. Die Bäume auf der Terraſſe vor dem Fenſter fingen unter dem Drucke des Windes an, ſich langſam hin und her zu bewegen, man vernahm das leiſe Sauſen der Zweige, und den greller leuchtenden Blitzen folgte, wenn gleich noch aus weiter Ferne, das Rollen des Donners. „Das Wetter könnte ſie auch nach Hauſe führen,“ 41— flüſterte die geängſtigte Mutter, indem ſie mit einer krampf⸗ haften Innigkeit die Hände faltete. „Es kann aber auch ihre Nerven noch mehr aufregen,“ meinte Madame Schwebeling mit einer entſetzlichen Ruhe; doch ſprang ſie gleich darauf aus ihrer Sophaecke in die Höhe und eilte zu ihrer Schweſter, welche mit einem plötz⸗ lichen, gellenden Schrei eine Hand vor die Augen drückte. „Was haſt du denn?— Warum erſchreckſt du mich ſo?“ „Es iſt nichts,— verzeih mir, Friederike, ich ſah nur beim Schein der Blitze dort drüben das Waſſer des tiefen Stromes leuchten—“ „Du glaubſt doch nicht, daß ſie—“ „O, hätteſt du das arme Kind geſehen, wie ſie bebend vor mir ſtand, hätteſt du ihre Blicke verſtanden, wie ich ſie leider zu ſpät verſtand, du würdeſt Alles für möglich halten!— Weißt du,“ fuhr ſie, den Arm ihrer Schweſter faſſend, flüſternd, aber in höchſter Aufregung fort,„daß ich unaufhörlich an den Strom da unten gedacht, daß ich ſelbſt ſchon vor zwei Stunden am Ufer umher geirrt bin, daß ich faſt verzweifelte, als ich dort auf allen Seiten das Lachen und Plaudern glücklicher Menſchen hörte und Muſik — Muſtk, die mir tief in die Seele ſchnitt— ich wäre noch da unten, doch ſah ich neugierige Blicke mich ver⸗ folgen, dann eilte ich zurück und habe Anton beauftragt, vertraute Leute nach allen Richtungen auszuſchicken,— doch iſt bis jetzt Keiner zurückgekommen!“ „Quäle dich doch nicht unnöthig; was kommen ſoll, kommt doch.— Laß mich das Fenſter ſchließen, was nützt ₰ℳ — 42— dein Hinausſtarren, auch fängt der Regen an, herein zu ſchlagen.“ Damit that ſie, wie ſie geſagt, und zog auch noch die ſchweren Vorhänge zuſammen; doch eilte ihr Madame Bendel nach, indem ſie ausrief:„Laß es offen, laß es offen, ich bitte dich, ich muß Luft haben, ich muß hinausſchauen können!“ Aber ſie blieb plötzlich wie feſtgebannt ſtehen, denn auf der Treppe vernahm man eilige Schritte, dann wurde die Thüre raſch geöffnet und ein Dienſtmädchen des Hauſes trat ſchluchzend und händeringend herein. Madame Bendel wandte ſich langſam um, ſchloß unter einem tiefen, tiefen Athemzuge ein paar Sekunden lang die Augen und dann, ſtatt dem Mädchen entgegen zu ſtürzen, wie man wohl hätte erwarten können, trat ſie mit ruhig gefaßten Schritten auf ſie zu, und nur das Beben ihrer Stimme zeugte von ihrer tiefen Bewegung, als ſie mühſam die Worte hervorſtieß:„Sag'— es— nur,— ſag'— was— geſchehen iſt.“ „Anton iſt aus dem Garten gekommen,“ ſchluchzte das Mädchen,—„ſie brachten ſie ſoeben.“ In dieſem Augenblicke war es die Kanzleidirektorin, die ſich mit außerordentlicher Lebhaftigkeit und Energie vor die Schweſter hindrängte, dem Mädchen mit beiden Hän⸗ den abwehrend winkte und dann Madame Bendel feſt in ihre Arme ſchloß; doch machte ſich dieſe ſanft von ihr los und ſagte mit einem trüben Lächeln:„Laß es gut ſein, Friederike, du wirſt ſchon ſehen, daß ich jetzt Alles mit Faſſung anhören kann.— Man hat ſie alſo ge⸗ 43 bracht— gebracht iſt ein ſchreckliches Wort,— wohl vom Fluſſe her?“ „Ja, Anton ſagt, die Männer wären vom Fluſſe her⸗ aufgekommen.“ „Oh, vom Fluſſe und bei dem wilden Wetter!— Mein armes Kind!— Wob iſt ſie, wo iſt ſie?“ „Arme gnädige Frau, im Gartenhäuschen, hat Anton geſagt.“ Nach dieſen Worten das Mädchen zur Seite ſchleudern und an die Thüre eilen war das Werk einer Sekunde; doch prallte hier Madame Bendel beim Anblick ihres alten Dieners zurück, der ihr mit allen Zeichen der Aufregung, ja einer freudigen Aufregung entgegen ſprang, mit den Armen ſchlenkerte und dazu rief:„Ich habe mich ja nur geirrt, gnädige Frau— geirrt— nur geirrt, ich alter Eſel,— doch iſt der Mann da ſchuld daran und ſoll es nur ſelbſt ſagen, damit mich nicht alle Schuld trifft.“ Der„Mann da“ aber war Niemand anders, als Meiſter Georg, welcher nun hinter dem alten Diener, aber in einer keineswegs vortheilhaften Geſtalt zum Vor⸗ ſchein kam. Allerdings hatte er ſeinen dünnen Rock angezogen, doch ſah man deutlich, wie das durchnäßte Kleidungsſtück an ſeinen Armen klebte und in ſehr unvortheilhaften Fal⸗ ten von ſeinen Schultern herabhing. Seine zuſammen⸗ geklebten Haare hingen in Strängen um das bleiche Ge⸗ ſicht, in welchem die etwas fieberhaft erregten Augen glänz⸗ ten; Alles zuſammen genommen, erſchien die ganz ver⸗ ———= — —————— 2 ———— 1— 2— 8 „o — ——— 41— Er wahrloſte Geſtalt in der That wie eine Beſtätigung deſſen, was das Stubenmädchen geſagt, wie Jemand, der vor Kurzem noch beſchäftigt geweſen, irgend einen Unglücklichen aus dem Waſſer zu ziehen. Dieſen Eindruck ſchien er auch auf die erſchreckte Frau zu machen, denn ſie trat einen Schritt zurück und fragte, rathlos um ſich ſchauend:„Wie hängt denn dieſes alles zuſammen? Um des Himmels Barmherzigkeit willen ſagt es mir, und wo iſt Eliſe, wenn dieſer hier mit den An⸗ deren ſie nicht gebracht hat?“ Der alte Diener duckte ſich tief unter einem Achſel⸗ zucken, das ihm augenſcheinlich ſchwer von der Seele ging, während er murmelte:„Iſt doch das Schlimmſte bis jetzt nicht eingetroffen und wird auch wohl nicht eintreffen, wenn es Gottes Wille iſt!“ Dann fuhr er mit lauterem, erregterem, ſchluchzendem Tone fort:„Der Himmel ſei geprieſen, daß ich mich geirrt! Aber ſehen Sie, gnädige Frau, als ich mit der Laterne gegen das Gitterthor ging, da kam der mit den anderen Männern vom Fluſſe her gerade ſo auf mich zu, als ginge das, was ſie auf den Schultern, mit einem ſchwarzen Tuche zugedeckt, trugen, uns allerdings an.“ Madame Bendel ſchloß einen Augenblick ihre Augen mit einem leichten Schaudern, dann ſagte ſie:„Aber wie das alles zuſammenhängt, weiß ich noch immer nicht!“ „Madame,“ ſagte jetzt Meiſter Georg vortretend, wo⸗ bei er den Verſuch machte, ſeine feuchten Haare hinter die Schläfe zurückzuſtreifen,„wir, oder vielmehr das, was wir — 45— trugen, hängt in keiner Weiſe mit Ihrem Hauſe zuſammen und iſt in wenig Worten erklärt. Wir, unſerer Fünf, etwas luſtige Muſikanten, waren in einem Garten dort unten am Fluſſe— zufällig mit unſeren Inſtrumenten, und als das Gewitter und der Regen kam, ſo ſchützten wir dieſe Inſtrumente, indem wir ſie auf unſere Schultern nahmen und mit meinem Rocke hier zudeckten— er trägt die Spuren davon. Der Schein der Laterne in Ihrem Garten veranlaßte uns, vor dem ſtrömenden Regen Ob⸗ dach zu ſuchen, und wenn ich dieſem braven Manne irgend eine Schuld an dem Mißverſtändniß beimeſſen kann, ſo iſt es die, daß er uns das Gitterthor bereitwillig öffnete, als habe er uns erwartet.“ „Ja, erwartet— erwartet,— und wir erwarten ja immer noch etwas Furchtbares,“ ſprach Madame Bendel mit leiſer Stimme mehr zu ſich ſelber, als zu den Anderen. Jetzt hielt es aber auch Madame Schwebeling für voll⸗ kommen paſſend, ſich, raſch näher tretend und in etwas rauhem Tone, in das Geſpräch zu miſchen, und— viel⸗ leicht in der guten Abſicht, die troſtloſe Stimmung ihrer Schweſter, welche wieder gewaltig hervorzubrechen drohte, zu verſcheuchen, ſagte ſie:„Jedenfalls iſt es ſehr rückſichts⸗ los, mein Herr, in Ihrem Aufzuge in die Gärten und Häuſer anſtändiger Leute zu dringen, und das beſonders zu einer Zeit, wo man nicht gern Beſuche empfängt, nicht einmal gute Freunde, unter welche Sie zu rechnen wir obendrein keine Veranlaſſung haben.“ „Gewiß, Madame,“ gab Meiſter Georg ruhig zur —————„ ————————— 2 —. — 8nſſͤſ — 46— Antwort, dazu haben Sie ebenſowenig eine Veranlaſſung, als ich mich gedrängt fühle, Ihr guter Freund zu heißen; übrigens ſprach ich ſoeben mit Ihrer Frau Tochter, was Sie freundlicherweiſe nicht vergeſſen ſollten.“ Es riß die Kanzleidirektorin bei dieſen Worten ordent⸗ b lich in die Höhe und eine äußerſt ſcharfe Antwort, die ſie V V V auf der Zunge hatte, würde wahrſcheinlich noch zu weite⸗ ren erbitterten Redensarten geführt haben, wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke die ganze Scene mit einem Male wunderbar verändert hätte— durch einen lauten, gellen⸗ den Aufſchrei der Madame Bendel nämlich, unter welchem V ſie gegen die Thüre ſtürzte, wo unbemerkt von den Ueb⸗ rigen eine dunkle Geſtalt eingetreten war, welche die Ka⸗ puze ihres Regenmantels vom Haupte gleiten ließ und dadurch das ſchmale, bleiche Geſicht eines jungen Mädchens zeigte, deren Augen mit einem theilnahmsloſen, kalten Blicke die Anweſenden betrachteten. Dieſer Ausdruck änderte ſich auch nicht, als die arme, b freudig aufſchreiende Mutter das Mädchen mit den Armen umſchlang, ihren heißen Mund gegen deren durchnäßtes Geſicht drückte, dann ihr unter krampfhaftem Schluchzen das feuchte Haar befühlte. Erſt, als ſie hierauf die froſtigen Hände des Mädchens ergriff, um ſie mit ihrem Athem zu erwärmen, zuckte es in deſſen bleichen Zügen, die Blicke nahmen einen wärmeren Ausdruck an und dann, ihre Arme um den Hals der Mutter ſchlingend, verbarg ſie ihren Kopf an deren Bruſt. Doch dauerte auch dieſe Erregung nur wenige Sekun⸗ ———— —— ͤſſſſſſſſ ——— ““ — 47— den, dann richtete ſie ſich wieder auf und ſagte, während ſie fragend um ſich blickte:„Was ſoll denn das alles, Mama? Was haben wir hier um dieſe Zeit mit fremden Leuten zu thun? Ich ſah deren auch im Garten,— iſt denn irgend etwas im Hauſe vorgefallen?“ „O nein, mein Kind, es iſt durchaus nichts vor⸗ gefallen, es iſt das nur ein Zufall, ein Mißverſtänd⸗ niß!“ „Es iſt nur irgend Jemand,“ ſprach jetzt die Kanzlei⸗ direktorin, indem ſie näher trat und den Fremden mit einem ſtechenden Blicke von oben bis unten maß,„der ſich nach einer verſchwärmten Nacht kein Gewiſſen daraus macht, in anſtändigen Häuſern durch ſeine Erſcheinung Angſt und Schrecken zu verbreiten— durch ſeine Erſchei⸗ nung,— die man nur anzuſehen braucht, um zu wiſſen, mit wem man es zu thun hat.“ „Doch kann der Schein auch trügen, Madame,“ gab Meiſter Georg mit einem gemüthlichen Lächeln zur Ant⸗ wort,„nicht immer iſt mit Sicherheit von der Schale auf den Kern zu ſchließen, ſonſt hätte man von Ihnen zum Beiſpiel, die äußerlich ziemlich anſtändig ausſieht, ganz andere Worte hören müſſen.“ Die Kanzleidirektorin wollte etwas Heftiges erwiedern, doch legte ſich Madame Bendel begütigend in's Mittel, indem ſie mit einem Anflug von Herzlichkeit ſagte:„Ver⸗ zeihen Sie ein vielleicht verletzendes Wort der Aufregung, in der wir uns Alle befanden, und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihr Eindringen in meinen Garten und in mein 7/ ————————————— ö—— 3„— 3 5* 4—. 48 Haus unter den angegebenen Umſtänden vollkommen ent⸗ ſchuldigt finde.“ Meiſter Georg machte eine dankende Verbeugung gegen die Herrin des Hauſes, ohne die Andere ferner eines Blickes zu würdigen, und wandte ſich nach der Thüre, wo er bei dem jetzt ſchon ganz hellen Tageslichte an der Wand etwas zu bemerken ſchien, was nicht nur ſeine größte Auf⸗ merkſamkeit erregte, ſondern ihn auch veranlaßte, ſich nochmals umzuwenden, um der Dame, die ſein Aufblicken geſehen, eine zweite und noch ausdrucksvollere Verbeugung zu machen. Was er aber an der Wand bemerkte, war das Por⸗ trait eines Mannes, deſſen Züge er augenblicklich wieder⸗ erkannte, wodurch er denn auch erfuhr, in welchem Hauſe er ſich befand. Es war das Bild des Herrn Bendel in Lebensgröße und halber Figur, in ſchwarzem Frack und leuchtend weißer Halsbinde, wohlwollend herabblickend auf alle, die ſich im Zimmer befanden.„ Ja, Meiſter Georg hatte ihn augenblicklich wieder er⸗ kannt, und dabei erinnerte er ſich mit außerordentlicher Schärfe des Tages, wo er ihn zum erſten Male geſehen. Dazwiſchen lagen allerdings ſchon verſchiedene Jahre, doch mußte er lächeln, wenn er an damals dachte, wo, trotz⸗ dem daß alles ſo ganz anders geweſen war, eine ähnliche Begegnung ſtattgefunden hatte zwiſchen ihm, dieſem Herrn und dieſer Frau. Mochte nun Madame Bendel etwas Beſonderes darin 49— finden, daß der Fremde ſo auffallend das Bildniß ihres ſeligen Gatten betrachtete, oder noch mehr darin, daß er ihr alsdann eine zweite und tiefere Verbeugung machte, oder fand ſich in den Zügen deſſelben jetzt mit Einem Male etwas, das ihr bekannt vorkam, genug, ehe er ſich noch umwenden konnte, um die Thüre zu erreichen, that ſie einen Schritt gegen ihn und fragte, auch wohl um einem verächtlichen Ausrufe ihrer Schweſter, unter welchem ſich dieſe mit einem ſehr auffallenden Achſelzucken abwandte, das Verletzende zu benehmen:„Nicht wahr, Sie ſind Künſtler, mein Herr,— Muſiker? Habe ich Sie nicht ſchon früher hier einmal bei mir geſehen?“ „Hier nicht, Madame, doch hatte ich ſchon in früheren Zeiten einmal das Unglück, eben ſo rückſichtslos in Ihr Eigenthum zu dringen; damals war ich aber noch ein Knabe, den Ihr prächtiger Garten reizte, und doch viel⸗ leicht weniger zu entſchuldigen als heute, wo es nicht Muthwille oder Neugierde war, daß wir Ihren Garten betraten.“ „Damals aber war es ein anderer Garten als dieſer,“ gab ſie ſehr leiſe zur Antwort. „Es war ein anderer Garten, gewiß, Madame, Sie traten unter die Thüre dieſes Gartens, und als Sie zu⸗ rückgingen, vergaßen Sie, die Thüre zu ſchließen.“ „Ja, ich erinnere mich, ich vergaß jene Thüre zu ſchließen,“ flüſterte Madame Bendel kaum hörbar, dann that ſie einen tiefen Athemzug und fuhr mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln fort:„Sie kamen, glaube ich, mit — — ———— ..* —— —— — —— — 50— Ihrer Schweſter in unſeren Garten, dann erſchien mein Mann und daher erinnern Sie ſich wohl ſeiner Züge.“ Meiſter Georg machte eine zuſtimmende Verbeugung, während er ſagte:„Es war das nicht meine Schweſter, ſondern ein kleines Mädchen, das mein Vater in ſeinem Hauſe aufgenommen hat; übrigens haben Sie Recht, Herr Bendel war ſo freundlich gegen mich, daß ich ſeine Züge nicht wieder vergaß.“ „Und wo iſt die Kleine geblieben?“ fragte Madame Bendel mit einer Lebhaftigkeit, wie wir ſie gern anzu⸗ nehmen pflegen, wenn wir ein nicht ganz behagliches Ge⸗ ſprächsthema ändern wollen. „O, was die Kleine anbelangt,“ erwiederte der Mu⸗ ſiker mit einem Anflug von Humor,„ſo iſt ſie unterdeſſen recht groß geworden und erfreut ſich eines ſehr angenehmen Wohlſeins; ja, es iſt ihr in manchen Dingen beſſer ge⸗ gangen, als ihrem damaligen Begleiter, welcher ſich heute erlaubt hat, zum zweiten Male in Ihren Garten einzu⸗ dringen, und der dieſes Vergehen nun durch ſchleunige Entfernung wieder gut machen will.“ Madame Bendel that in der Freude ihres Herzens über die zurückgekehrte Tochter einen Schritt gegen ihren Schreibtiſch und ſtreckte ſchon ihre Hand aus nach einer Brieftaſche, die ſich dort befand, blieb aber ſtehen, als Meiſter Georg, die Thüre erfaſſend, launig hinzuſetzte: „Und wenn es mir vergönnt ſein ſollte, Sie vielleicht ein drittes Mal wieder zu ſehen, ſo hoffe ich, daß es unter Umſtänden und in einem Aufzuge geſchieht, der Ihnen 51— vielleicht eine günſtigere Meinung von meiner geſellſchaft⸗ lichen Stellung beibringt,— ich bin nicht nur Muſiker, ſondern auch Künſtler,“ ſetzte er mit einer Regung von Stolz hinzu,„und wenn ich heute Morgen etwas außer⸗ gewöhnlich ausſchaue, ſo bitte ich, das auf Rechnung einer in allem Anſtand und aller Ehre durchſchwärmten Nacht zu ſetzen, einer milden, wonnigen Nacht, das heißt in ihrer erſten Hälfte, während welcher wir uns ein Vergnü⸗ gen daraus machten, den Sternen etwas vorzumuſiciren.“ Das junge Mädchen hatte bis jetzt aufrecht und un⸗ beweglich neben dem Sopha geſtanden, mit einem theil⸗ nahmsloſen, kalten Blick in's Leere hinausſchauend, wie man zu ſagen pflegt, doch wandte ſie jetzt mit einer kaum merklichen Wendung des Kopfes ihre Blicke gegen den Sprechenden an der Thüre und fragte dann:„Was ver⸗ ſtehen Sie unter dem Ausdruck: den Sternen etwas vor⸗ muſiciren?“ „Nun, mein Fräulein, eine Muſik, die man macht, ohne irgend welchen anderen Zweck, als zum eigenen Ver⸗ gnügen, wobei man ſich doch wohl kein ſchöneres und vornehmeres Publikum denken kann, als die funkelnden Sterne da oben.“ „Und in ähnlicher Weiſe muſicirten Sie heute Nacht?“ „In ähnlicher Weiſe, ohne irgend eine Nebenabſicht; ich und drei Freunde mit Cello und Geige.“ „Da unten am Fluſſe,“ ſagte das junge Mädchen mit leiſer Stimme,„kurz vor Anfang des wilden Wetters,“ und dann ſich raſch gegen ihn wendend, fuhr ſie lebhaft —— 4. ———— —————————— 5 488 * ———— — 52 fort:„O, dann bin ich, dann ſind wir Alle hier Ihnen zu großem Danke verpflichtet!“ Begreiflicherweiſe verſtand er dieſe Aeußerung nicht und verbeugte ſich deßhalb ſchweigend, doch ſchien Madame Bendel den Sinn der Worte ihrer Tochter zu ahnen, weitere Erörterungen aber für unnöthig zu halten und dieſelben verhindern zu wollen, denn ſie näherte ſich raſch dem Muſiker und ſagte in freundlichem Tone mit einer „leichten Neigung des Kopfes, die er nicht mißverſtehen konnte:„Da wir Ihnen alſo wie meine Tochter zum Danke verpflichtet ſind, ſo hoffe ich auf eine baldige aber⸗ malige Begegnung unter freundlicheren Umſtänden.“ Hiiurch erhielt Meiſter Georg Gelegenheit, das Zimmer und das Haus ſchleunigſt zu verlaſſen, was ihm einestheils wegen der wartenden Freunde nicht unlieb war, dann auch, weil es anfing, ihn in ſeinem durchnäßten Anzuge zu frieren. Unten ſtand der alte Diener, der das Zimmer unbemerkt ſchon früher verlaſſen hatte, reichte ihm ſeinen Hut und ſagte, als er ihm die Terraſſenthüre öffnete:„Sie werden Ihre Freunde nicht mehr finden, denn ſobald es aufhörte, zu regnen, haben ſie den Garten mit ihren Inſtrumenten verlaſſen, und ſeien nach Hauſe gegangen, ſoll ich Ihnen ſagen.“ „Daran haben ſie recht gethan, und ich werde es auch ſo machen, doch würde ich es von Ihnen ſehr freund⸗ lich halten, alter Herr, wenn Sie mir eine kleine Auf⸗ klärung gäben darüber, was Sie eigentlich erwartet haben, als Sie uns im feierlichen Aufzuge durch das Gitterthor ———õ——— ———— — 53— einließen,— etwas Angenehmes ſchien es nicht zu ſein, denn einen Mann mit erſchreckterer Miene ſah ich nie. Sie ſchütteln den Kopf— Sie zucken mit den Achſeln — nun, ich will nicht indiscret ſein, im Grunde iſt mir das ja auch höchſt gleichgültig; wenn ich aber ein Poet wäre, ſo gäbe mir das Stoff zu einer pikanten Novellen⸗ Epiſode, ungefähr ſo: Drunten am Fluſſe iſt auf Ihre Veranlaſſung ein ſchauerlicher Mord begangen worden, wir waren die Miſſethäter und Sie erwarteten hier das unglückliche Opfer.“ „Wenn uns nur beim Eintritt in den Garten,“ ſetzte Meiſter Georg lachend hinzu,„Niemand von der hohen Polizei bemerkt hat, denn in dieſem Falle, alter Herr, können Sie Zehn gegen Eins wetten, daß die Sache gründlich unterſucht, auch aufgeklärt wird, und daß wir uns dann irgendwo wiederſehen, wo da iſt Heulen und Zähnklappern— Guten Morgen!“ Damit waren ſie an dem Gitterthor angekommen; der Muſiker ging jenſeit deſſelben ſeines Weges und der alte Diener, nachdem er ihm einige Augenblicke kopf⸗ ſchüttelnd nachgeblickt, ſchloß eilig das ſchwere eiſerne Thor mit allen vorhandenen Schlöſſern und Riegeln. Das Gewitter der vergangenen Nacht war eines von denen, die ſegenbringend und ohne unangenehme Spuren zu hinterlaſſen, nach heißen Tagen über die dürſtende Erde dahin ziehen, dabei aus Scholle und Gras, aus Moos und Blatt köſtliche Gerüche hervorlocken. Nur im Oſten noch, wohin das Wetter gezogen, ſah man lang 5 Hackländer, Kainszeichen. II.. ————— ———— ä 3 4— — 54 geſtreckte Wolkenmaſſen, aber ſo dünn, ſo zerriſſen, daß der warme Strahl der aufgehenden Sonne zwiſchen ihnen hervor wie ein Feuerwerk aus gebrechlichen Hülſen fun⸗ kelte und ſtrahlte, jeden übrig gebliebenen Regentropfen an den Blättern mit flüſſigem Golde überrieſelnd. Ein prachtvoller Morgen, wonnevoll für den, der ihn mit friſchen Sinnen zu genießen vermochte, was aber bei Meiſter Georg durchaus nicht der Fall war. Er fühlte ſich unbehaglich, erſchöpft, ermattet und verdrießlich, wohl mit die Schuld des ſtarken Goldfaſans, der nicht nur jetzt erſt begann, die Flügel betäubend um das Haupt des Dahinwandelnden zu ſchwingen, ſondern deſſen Name ihn auch an das letzte Goldſtück erinnerte, welches Meiſter Georg beſeſſen. Dieſer trübe Gedanke rührte indeſſen hauptſächlich wohl daher, daß es ihn trotz der heißen Sonne fröſtelte und daß ſein verwahrloſtes Aeußere ihm ſo ganz anders er⸗ ſchien, als alle Gegenſtände rings umher, Bäume, Häuſer, das Waſſer des ſeitwärts fließenden Stromes, ja, ſelbſt als die dummen Kieſel und Steine zu ſeinen Füßen, die ebenfalls in kein Bett gekommen waren, die noch ärger den ſtrömenden Regen ausgehalten, und die doch jetzt im Strahl der Morgenſonne in blendender Friſche glänzten. Er kam ſich vor wie ein mißfarbiger Flecken in der Natur, wie ein durchnäßter Nachtſchmetterling, der ſeinem Verſteck zukriecht, wie ein zerſprungenes Weinglas, das man auf den Kerichthaufen wirft; ja, er hatte Augen⸗ ◻☛ — 55— blicke, wo er ſich ſelbſt an der Bruſt packte, um ſich ein Bischen zu ſchütteln, und dann durch die zuſammen⸗ gebiſſenen Zähne murmelte: Wie oft mußt du noch ähn⸗ lichen Anwandlungen unterliegen, wie lange wird es noch dauern, bis du klug und vernünftig wirſt?— Aber es war doch herrlich und ſchön, tröſtete er ſich, und genuß⸗ reicher, die Nacht ſo verbracht zu haben, als in dem dumpfen Bett des dumpfen Zimmers ſich unter ſchweren Träumen von einer Seite auf die andere wälzend. Wie eigenthümlich war es dabei, daß ich ſo ganz zufällig in jenes Haus drang, um Geſichter zu ſehen, die ich faſt ver⸗ geſſen, jenen alten Herrn allerdings nur noch gemalt, jene Frau aber, als wäre ſeit jener Zeit nichts Schweres über ihr Haupt hingegangen! Und doch erinnere ich mich, allerlei darüber gehört zu haben, unter Achſelzucken und hämiſchen Bemerkungen!— Das alſo war ihre Tochter, die ich damals als kleines, kränkliches Mädchen geſehen; nun, verkümmert ſieht ſie immer noch aus, kühl und leblos bis auf die Augen, in denen es ſeltſam funkelte und glühte, als ſie mir für unſere Muſik dankte,— ſehr un⸗ verſtändlich, wie Manches da drüben in dem Hauſe.— Auch ich erſchien ihnen räthſelhaft in meinem Aufzuge und kann ihnen das wahrhaftig nicht übel nehmen,— der Teufel ſoll doch bei alledem dieſen Goldfaſan holen, und das Gewitter hätte auch glimpflicher mit uns umgehen können! Hat es mich doch ordentlich zu einer Vogelſcheuche gemacht, denn ich ſehe gewiß nicht viel beſſer aus, als dort mein College im Erbſenfelde. Glücklicherweiſe iſt es —— noch ſo früh am Tage, daß ich ziemlich ungeſehen nach Hauſe komme. Unter dieſen Gedanken und halblaut geſprochenen Be⸗ merkungen hatte er ein Stück der Stadt umkreiſt und wandte ſich jetzt gegen eine mit dicht belaubten Bäumen beſetzte Promenade, die in's Innere und in die Nähe ſeiner Wohnung führte. Gern hätte er auch dieſe Weg⸗ ſtrecke vermieden, denn hier zeigte ſich bei einigen Gaſt⸗ höfen ſchon reges Leben: Wagen, Omnibuſſe wurden mit Gepäck beladen, um Reiſende zu den Frühzügen auf den Bahnhof zu bringen, wobei er an einem offenen Landauer vorüber mußte, in welchem ſich eben eine Familie behag⸗ lich auf den breiten Sitzen einrichtete. Alle erſchienen friſch und munter nach einer gut durchſchlafenen Nacht, und während die Mutter freudig an den glänzend blauen Himmel emporblickte, ließ ſich der alte Herr, neben dem Wagen ſtehend, von dem überaus höflichen Kellner Feuer für ſeine Cigarre geben. Zwei hübſche junge Mädchen ſaßen auf dem Rückſitz, von denen die Eine, noch ein Kind, mit lebhaften Augen und einem naſeweiſen Geſicht⸗ chen, jetzt, gerade als Meiſter Georg vorüberging, ihre Schweſter anſtieß und in verächtlichem Tone ſagte:„Sieh' doch den häßlichen betrunkenen Menſchen!“ Dieſe Aeußerung überfiel ihn mit der ganzen Wucht eines ſchweren moraliſchen Katzenjammers; er biß ſich unwillkürlich auf die Lippen, er fühlte Zorn, Reue und Scham, drückte den Hut feſter in die Stirn und ver⸗ ſchwand in einer Seitengaſſe, wo er ziemlich unbemerkt an das Haus gelangte, welches das Glück hatte, ihm zur Wohnung zu dienen. Hier in der ziemlich engen Straße herrſchte faſt noch die Morgendämmerung, wenigſtens war es dem jungen Tage noch nicht gelungen, ſich anders bemerkbar zu machen als durch eine kleine Liebſchaft mit dem außergewöhnlich hohen Schornſtein eines altmodiſchen Hauſes, den er ſo warm und goldig küßte, daß die Schatten drunten auf dem feuchten Straßenpflaſter vor Neid hätten vergehen können. Ihm aber, der raſch an den Häuſern hinſchlich, war es wohl in dieſem Schatten, und wohler, nachdem er jetzt eine der Hausthüren geöffnet hatte und ſie ſachte, um kein Geräuſch zu machen, wieder hinter ſich zudrückte. Zu ebener Erde war die kleine Stube, in welcher er wohnte, und als er ſie aufſchloß und hineintrat, war es ihm gerade, als habe er eine weite Reiſe gemacht und könne im erſten Augenblick nicht ſo recht heimiſch werden; als er an dem Spiegel vorüber ſeinem Bette zuſchritt, wagte er es nicht, hinein zu ſchauen, machte vielmehr eine heftig abwehrende Bewegung, ließ dann die Vorhänge an dem einzigen, aber breiten Fenſter herab, verſcheuchte das Licht obendrein noch durch einen großen Pappendeckel, den er gegen die Scheiben ſtellte, und warf ſich angekleidet auf ſein Lager, wo er bald in tiefen Schlummer ſank. Brittes Kapitel, welches ſich dem vorigen zeitgemäß anſchließt, indem es vom Er⸗ o wie Umſtände wachen nach einer durchſchwärmten Nacht berichtet, ſ erwähnt, die ſehr nothwendig ſind zum Verſtändniß dieſer Geſchichte. Erlebniſſen des vergangenen Tages beſchäftigt, im Gegen⸗ theil gehen gewöhnlich ganz andere Bilder durch unſere Seele, und kann es vorkommen, daß, wenn wir nach heiter verlebten Abenden ſtill und gemüthlich zu Bette gingen, wir in der Nacht durch ein Traumgeſicht erſchreckt werden, das von wilden Abgründen handelt, von reißen⸗ V den Thieren, denen wir kaum zu entgehen vermögen, da unſere Füße wie am Boden feſtgewachſen ſind, oder daß wir Henkersfäuſte nicht nur ſehen, ſondern auch fühlen, wie ſie entſetzlich vorſichtig, langſam an unſerem Halſe herum krabbeln. Nach dieſer Theorie erging es auch dem jungen Mu⸗ ſiker, denn trotzdem er in der zweiten Hälfte der Nacht mit vielen unangenehmen Gedanken beſchäftigt geweſen, auch unter dem Drucke, ein häßlicher, betrunkener Menſch zu ſein, eingeſchlafen war, hatten ihn während des Schlafes doch nur freundliche Bilder umgaukelt. Ja, eben jetzt träumte er von einer Schaar weißer Tauben, die um ſein Fenſter flögen, unter denen ſich eine graue und eine. ſchwarze befand, die an ſein Fenſter pickten, um ihn freund⸗ lich zu wecken. I Es iſt ſehr ſelten, daß man ſich im Schlafe mit den ——— — 59— Ja, er träumte das ſo deutlich, daß er die Augen öffnete, ſeine Lider aber gleich darauf, geblendet von einem glänzenden Glorienſchein, wieder zufallen ließ, auf's Neue wieder leicht entſchlummernd; doch pickten die Tauben wiederholt an das Fenſter, und als er jetzt wieder erwachte, hörte er das Picken deutlich an den Scheiben fort, be⸗ merkte aber, daß der Glorienſchein, den er geſehen, nichts Anderes war als ein glänzender Sonnenſtrahl, der, die dünnen Fenſtervorhänge durchdringend, mit aller Macht in's Zimmer drang. Sehr lange hatte er allerdings nicht geſchlafen, doch tief und feſt genug, um ein paar Minuten zu gebrauchen, ehe er ſich der etwas trüben Abenteuer der vergangenen Nacht zu erinnern vermochte. Doch waren das, Dank ſeiner Jugend und ſeiner vortrefflichen Geſundheit, auch die einzigen Schatten, welche in ihm von dem Goldfaſan übrig geblieben waren. Aber das Picken an den Fenſterſcheiben dauerte mit kleinen Unterbrechungen fort, weßhalb er ſich raſch erhob, dann vorſichtig den Vorhang ein ganz klein wenig auf die Seite ſchob, um hinaus zu ſchauen. Es mußte ihn eigenthümlich bewegen, was hier vor ſeine Augen trat, denn ſeine Blicke, die anfänglich freudig aufleuchteten, zogen ſich gleich darauf düſter zuſammen; er blieb eine Zeit lang im Anſchauen verſunken ſtehen, und erſt als eine angenehm klingende Mädchenſtimme ge⸗ rufen hatte:„Du biſt ein rechter Langſchläfer, Georg, und wenn man einmal Zeit hat, dich zu beſuchen, ſo —————ͤͤͤͤͤͤſͤſͤſͤſſͤſſ —uͤͤͤſ — 606— muß man lange vergeblich warten, bis es dem gnä⸗ digen Herrn gefällig iſt!“ nahm er raſch den Pappendeckel vom Fenſter weg, öffnete auch, ſeitwärts tretend, die Vor⸗ hänge, ſo daß das volle Licht des Tages in's Zimmer drang und ſich zu gleicher Zeit vor dem Fenſter ein ſo liebliches Bild zeigte, als man nur ſehen konnte. Dieſes Fenſter ging auf einen kleinen, aber dicht be⸗ laubten Garten, wo ſich wenige Schritte von der Mauer des Hauſes eine Gruppe prächtig blühender Roſen befand, und vor dieſer Gruppe ſtand ein junges Mädchen in einem einfachen, weißen Kleide; ſie hatte eine dünne Gerte in der Hand, mit deren Spitze ſie jetzt wieder die Scheiben berührte und dabei lächelnd rief:„Wart, ich ſchicke deinen Vater, daß er dich endlich herausholt!“ Dabei glänzte ihr ſchönes, friſches Geſichtchen ſo heiter wie der junge Tag ſelbſt, welcher ihr weißes Gewand mit leuchtenden Lichtern betupfte und ihre Züge ſo roſig beſtrahlte, daß ſie, wie von Licht umfloſſen, da ſtand. Lieblich war ſie allerdings nur durch ihre Jugend⸗ friſche, durch ihre zierliche und doch wieder volle Geſtalt, denn ihre Züge zeigten eine mehr ausdrucksvolle als regel⸗ mäßige Schönheit, beſonders da ihre dunklen, ſammtartigen Augen mit jenen eigenthümlichen Blicken glänzten, die etwas von einem leichten Schielen an ſich haben, ohne wie dieſes unangenehm zu ſein, ein Ausdruck, für den wir uns intereſſiren, der ruhig und unbewegt etwas pikant Gemüthliches hat, der aber beim Aufflammen der Leiden⸗ ſchaft wie das Leuchten der Blitze aus dunkeln Wetter⸗ — 61— wolken erſcheint. Und daß dieſe Augen hier in ähnlicher Weiſe aufzuleuchten vermochten, daran war nicht zu zweifeln, ſo freundlich ſie auch jetzt erſchienen; denn trotzdem ihr Mund heiter lächelte und dann unter der etwas zu kurzen Oberlippe regelmäßige, ſchneeweiſe Zähne zeigte, ſenkte das junge Mädchen doch jetzt ihre fein gezogenen Augenbrauen etwas tiefer herab, und wandte ſich raſch um, als der da drinnen immer noch keine Antwort gab. Doch hatte Meiſter Georg ſeine guten Gründe hiefür, denn um zu antworten, hätte er an's Fenſter treten müſſen, und dazu fand er ſich doch noch nicht in der gehörigen Verfaſſung. Er beeilte ſich aber ſo viel als möglich, tauchte den Kopf ein paar Mal in das Waſſerbecken, kämmte und bürſtete ſein Haar, wechſelte eilig die Kleider, und erſt als ein Blick in den Spiegel ihn verſicherte, daß er es wagen könne, den allenfallſigen Vorwurf einer durchſchwärmten Nacht abzuleugnen, nahm er ſeinen Strohhut und verließ das Zimmer, um durch eine Hinterthür in den Garten zu treten. Hier brütete jetzt ſchon früh am Morgen und trotz des geſtrigen Gewitterregens die Sonne auf Buſch und Gras, ſo daß Alles den Schatten ſuchte. Dies war in dem kleinen Raume durchaus nicht ſchwer, denn es wuchſen da mehr Bäume und Sträuche, als dem Platze ange⸗ meſſen war, und obendrein noch wurde ein gutes Achtel des ganzen Gartens von einer großen Laube ausgefüllt, die aus Gaisblatt und rankendem wilden Wein ſelbſt heute Morgen einen recht angenehmen, kühlen Aufent⸗ —— ———ö— y— —— — 862— halt bot. Von dort her klang ihm das behagliche Klap⸗ pern der Kaffeetaſſen entgegen, Plaudern und Lachen, und er trat etwas zögernd näher, nicht als ob er ge⸗ fürchtet hätte, von ſeinem Vater Ermahnungen hören zu müſſen über zu ſpätes Nachhauſekommen oder zu ſpätes Aufſtehen; denn der alte Herr war klug genug, ſich um gerecht, um nicht an ſeine eigene Jugend zu denken und ſich dabei zu ſagen, daß ein zu ſtraff geſpannter Zügel bei einem erwachſenen jungen Menſchen, dem man gerade keinen leichtſinnigen Lebenswandel zum Vorwurf machen konnte, eher das Gegentheil als die beabſichtigte Wirkung hervorbringen müſſe. Georg näherte ſich der Laube mit langſamen Schritten, ein paar Mal ſtehen bleibend, weil er nicht mit ſich im Reinen war, welcher Ton Sophien gegenüber, die er nach Jahren heute zum erſten Male wieder ſah, anzuſchlagen ſei und entſchied ſich ſchließlich für denſelben heiteren, ver⸗ traulichen, welchen das junge Mädchen vorhin am Fenſter, ihn weckend, ja ſchon ſelbſt angeſchlagen hatte. Sobald Georg ſichtbar wurde, empfing man ihn mit einer Flut von gerade nicht bös gemeinten Vorwürfen, in welche auch Sophie heiteren Tones einſtimmte; doch war ſie haſtig von ihrem Platze aufgeſprungen, hatte dem Jugendgeſpielen beide Hände gereicht, und als dieſer ſie ergriffen und in die Augen des jungen Mädchens ſchaute, änderte ſich der heitere Ausdruck ihres Blickes ein klein wenig, ſie ließ ihre langen Augenwimper etwas herab⸗ — 63— ſinken und nur um den Mund blieb ein leichtes Lächeln, während ſie ſagte:„Die Freude, dich wieder zu ſehen, Georg, trieb mich ſchon ſo früh hieher,“ worauf er mit einem etwas ernſten Tone zur Antwort gab:„Hätte ich denken können, daß du überhaupt ſo bald nach uns ſehen würdeſt, ſo wäre ich, einen ſo lieben Beſuch erwartend, von dir nicht überraſcht worden.“ „Wie ſie beide groß und hübſch geworden ſind!“ rief der alte Major Quinſcheidt, deſſen jetzt in der That würde⸗ volles und höchſt anſtändiges Aeußeres vollkommen zu dem ihm von der Welt beigelegten Stabsoffiziers⸗Charakter paßte; an den letzteren glaubte er nachgerade ſelbſt ſo feſt, daß er ſich durch einen noch ſo ehrerbietig ausgeſprochenen Hauptmannstitel verletzt gefühlt hätte. Er trug einen bis unter das Kinn zugeknöpften blauen Morgenrock, und war dies nicht etwa ein zu dieſem Zwecke abgeändertes älteres Gewand, ſondern eigens zur Frühtoilette verfertigt, wobei wir indeſſen bemerken müſſen, daß der Morgen des Herrn Majors, was dieſen Anzug anbelangte, häufig bis zu ſeinem Schlafengehen dauerte und er ſelten Haus und Garten verließ; denn wenn ſich auch Kopf und Herz dieſes würdigen Herrn ziemlich friſch erhalten hatten, ſo konnte man dies von den unteren Partieen ſeines Körpers nicht ſagen, da ſeine Beine in Folge von Genüſſen, beſonders flüſſiger Art, welchen er ſich nach jahrelanger Entbehrung wieder hingeben durfte, etwas wackelig geworden waren. Trotzdem aber führte er ein recht vergnügtes Leben, denn es hatte ſich eigenthümlich gefügt, daß, nachdem das * 1— —. * 2——————————— — ö —— 64 bedungene Jahrgeld zur Unterhaltung der kleinen Sophie plötzlich ohne Weiteres einmal ausblieb, eines Tages Herr Joſeph Schropps, der davon gehört, bei ihm erſchienen war und ſich mit freundlichen Worten ausgebeten hatte, für das junge Mädchen ſorgen zu dürfen, und die bis⸗ herige Summe ſogar verdoppelte. „Natürlich bleibt die Kleine nach wie vor bei Ihnen,“ hatte er geſagt,„und Sie werden auch weiter in dieſer für mich unbedeutenden Ausgabe nichts Beſonderes finden, wenn ich Ihnen ſage, daß durch den damaligen für mich ſehr vortheilhaften Ankauf des Hauſes der Staatsräthin gewiſſe Verpflichtungen für dieſe arme kleine Waiſe er⸗ wachſen ſind,— alſo abgemacht! Nur möchte ich Sie gebeten haben, mir zu geſtatten, mich hie und da von den Fortſchritten im Lernen unſerer kleinen Pflegebefohlenen überzeugen zu dürfen und dazu die beſten Lehrer zu nehmen, wobei es mir auf Extra⸗Ausgaben dafür nicht ankommt.“ Der Herr Major hatte ſich dies nach einigem gelinden Sträuben auch gern gefallen laſſen und fand ſich dabei, wie oben ſchon bemerkt, ſo behaglich als möglich. Kamen doch auch die Lehrer der kleinen Sophie ſeinem Sohne zugute, wenn derſelbe auch leider für nichts als für Muſik ein reges Intereſſe zeigte. So waren die beiden Kinder neben einander in einem geſchwiſterlichen Verhältniß aufgewachſen, bis das ausge⸗ ſprochene große Talent Georgs es dringend erforderte, ihn in eine höhere Muſikſchule zu thun, zu welchem Zwecke Herr Joſeph Schropps unaufgefordert abermals in's Mittel trat, und es nicht mehr als billig fand, daß man ihn für den größten Theil der hieraus erwachſenden Koſten ſorgen ließ;„denn,“ ſagte er zu dem Herrn Major,„wir ſind nun einmal Schuld daran, daß Sie Ihre koſtbare Zeit der Aufſicht bei der Erziehung Sophiens gewidmet und auch ferner noch widmen wollen, und müſſen uns da⸗ gegen ein klein wenig für Ihren talentvollen Sohn intereſſiren.“ Auch gegen dieſe vernünftigen Vorſtellungen fand Herr Quinſcheidt ſchließlich nichts Ueberzeugendes einzuwenden, und wenn ihm auch zuweilen der leiſe Gedanke kam, daß die Herren Gebrüder Schropps vielleicht nicht ohne Neben⸗ abſichten ſo große Verpflichtungen auf ihn häuften, ſo war doch der Major eine von den glücklichen Naturen, die ſich um das Morgen nicht zu bekümmern pflegen, dabei aber anſtändig genug, um Alles für die kleine Sophie zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand, ja, ihr in jeder Beziehung alle Sorgfalt angedeihen zu laſſen, als wenn ſie ſeine eigene Tochter geweſen wäre. Dieſe hatte von jeher einen ganz eigenthümlichen Charakter gezeigt: fähig zum Lernen und fleißig, war ſie bald in allen Fächern den Mädchen gleichen Alters überlegen, hatte dabei ein ganz beſonderes Talent für fremde Sprachen, und was ihren natürlichen Verſtand anbelangte, ſo zeigte ſich dieſer ſtets ihrem Alter weit voraus. Daraus entſtand die Eigenthümlichkeit, daß ſie ſchon als Kind öfters Anſichten und Begriffe wie ein Erwachſenes entwickelte und dadurch eine Selbſtändigkeit — 4— ₰ — 4. ——— — ———ͤͤͤͤͤͤſͤſſſ 5. ——————höhöhöhöhhon—— —————— —’’uss 66— zeigte, die man hätte Eigenſinn nennen können, ja, die oft von einer erſchreckenden Energie war. Dabei hatte ſie ſowohl in ihrem Aeußeren als auch in ihrer Art zu ſein etwas Ausgezeichnetes, Vornehmes an ſich, wie man es nur bei Kindern von guter Familie findet, was aber wieder nicht verhinderte, daß ſie zu anderer Zeit bei ihrem leicht erregten Naturell ſich wie ein Weſen von heftigem, wildem, ja auch häßlichem Charakter zeigen konnte, das nur durch ſtrenge Zucht zu bändigen war. Und doch war bei dem guten Major von einer ſtrengen Zucht nie die Rede geweſen, und eben ſo wenig war es ſeine Schuld, daß Sophie zu anderen Zeiten als das Muſter eines guten, liebenswürdigen Kindes gelten konnte. Wenn zwiſchen den Beiden überhaupt von einer Erziehung geſprochen werden konnte, ſo hätte man eher ſagen können, das Kind habe den alten Mann erzogen. Denn wie ſi „ ſich ſchon in früheſter Jugend mit aller ihr eigenthümlichen? Energie ſeines kleinen Hausweſens annahm, ſo hatte ſie die Sorgfalt dafür nach und nach auf ihren Pflegevater ausgedehnt, ſeine oft etwas derben Soldatenmanieren ge⸗ mildert und ihn zu einem ganz reſpektablen Manne gemacht. Dafür liebte er ſie aber auch mit einer unbeſchreib⸗ lichen Herzlichkeit, und wenn er, im Lehnſtuhl ſitzend und aus ſeiner langen Pfeife rauchend, Luftſchlöſſer baute, wie er gern zu thun pflegte, ſo war er überzeugt, daß er ſpäter, wenn ſein Georg einmal etwas Rechtes geworden ſei, nur das Intereſſe der Gebrüder Schropps für ein ſo hübſches Paar, wie die beiden jungen Leute zu werden — 8 η verſprachen, aufmerkſam zu machen brauche, um in dieſer Richtung für deren Zukunft unbeſorgt zu ſein. „Denn,“ dachte er,„was liegt dieſen Schropps, zwei alten Junggeſellen, mit gar keiner Familie behaftet, daran, ihr gutes Werk in Betreff Sophiens durch ein kleines Ver⸗ mögen von ein paar Mal hunderttauſend Gulden zu krö⸗ nen,— Kleinigkeit für die Schropps!“ Und an dieſem letzteren Gedanken, daß nämlich ein paar lumpige hundert⸗ tauſend Gulden für die alten Herren eine Kleinigkeit ſeien, war allerdings viel Wahres; ſo glänzend wie ihre Häuſer⸗ ſpekulation hatte wohl ſelten Jemand ein Geſchäft gemacht, und ſchon nach ein paar Jahren rechnete man den Schropps mit Sicherheit nach, daß ſie bereits eine Million an dem parzellenweiſen Verkauf der Zigeunerinſel verdient, wobei Niemand daran zweifelte, daß die Betreffenden auch früher ſchon reiche Leute geweſen. Davon hatten ſie allerdings früher eben ſo wenig als jetzt etwas ſehen laſſen, denn wenn man den Gebrüdern Schropps heute in ihrer mehr als einfachen Kleidung be⸗ gegnete, wenn man bemerkte, wie ſie auf der Börſe mit einer wahrhaft aufregenden Aengſtlichkeit dem Auf⸗ und Abtanzen des Geldeimers folgten, wenn man einmal er⸗ fahren hatte, mit welch ſcrupulöſer Genauigkeit und Wich⸗ tigkeit ſie bei Rechnungen den Bruchtheil eines Kreuzers behandelten, wenn man das beſcheiden düſtere Haus ſah, in welchem ſie ohne allen geſellſchaftlichen Verkehr lebten, ſo hätte man ſie für Leute halten müſſen, die recht küm⸗ merlich nur von dem zehrten, was ſie ſauer verdient. ——————— ————— F eeee——“ “— 68— Um noch einmal von den Luftſchlöſſern zu reden, welche der Herr Major in Betreff der beiden jungen Leute gern zu errichten pflegte, ſo hatte er dabei vollſtändig über⸗ ſehen, daß Sophie ihrem Pflegebruder nie eine Zuneigung anderer Art bewies, als ſie zwiſchen wirklichen Geſchwiſtern ſtattfindet, ja, bei kleinen Streitigkeiten war das junge Mädchen meiſtens der heftigſte und auch unverſöhnlichſte Theil geweſen, ſo daß ſich ein ſolcher Zwiſt, da auch er einen harten Kopf hatte, Tage, ja Wochen lang hinzog, wobei dann endlich Georg, ſei es, weil er ſich für den Klügſten hielt, oder weil er, was eher anzunehmen war, eine mehr als brüderliche Zuneigung zu dem jungen Mädchen hatte, zuerſt die Hand zur Verſöhnung bot und dann nicht ſelten lachend hinzuſetzte:„Warum ſollen wir uns ferner ſtreiten, du mußt ja ſpäter doch einmal meine Frau werden!“ Das aber brachte jedesmal eine eigenthümliche Wir⸗ kung auf ſie hervor; zuerſt ſchaute ſie ihn ſo lange mit ihren tiefſchwarzen Augen an, bis ihre Blicke aufloderten und beinahe anfingen ſich zu kreuzen, dann erhob ſie leicht ihre Oberlippe, ließ die weißen Zähne durchſchimmern und endlich ſagte ſie mit einem geringſchätzenden Achſelzucken: „Wenn ich mich je verheirathe, ſo würde ich das nur thun, um eine Prinzeſſin zu werden.“ Darüber hatte der Herr Major zuerſt herzlich gelacht, zuletzt aber verdroß es ihn, und als er hierauf einmal zu dem jungen Mädchen geſagt:„Das iſt wieder einer von den böſen, wilden Tropfen, die in deinem Blute ſtecken,“ — 69— hörte er dieſe Aeußerung bei ähnlicher Veranlaſſung aller⸗ dings nie mehr von ihr, wogegen ſie von da an mit einer tiefen Verbeugung zu Georg ſagte:„Ich werde es mir zur größten Ehre rechnen.“ Dann kamen die beiden Kinder auseinander, als Georg die Muſikſchule in einer benachbarten Stadt beſuchte. Nicht zu läugnen war, daß ſie Antheil an ſeinen Studien und kleinen Erfolgen nahm, ja ſich freute, als er durch einen Preis für eine ſehr gelungene Arbeit ausgezeichnet wurde; doch war auch dieſer Antheil nicht der Art, um die Krö⸗ nung jener Luftſchlöſſer gerechtfertigt zu finden, denn ſie ſagte in ihrer fertigen, raſch entſchloſſenen Art:„Es freut mich für Georg, er wird ein tüchtiger Muſiker werden und ſeinen Weg machen.“ Hierauf kam die Zeit, wo er nach mehrjähriger Ab⸗ weſenheit zurückkehren ſollte, und da erſchien auch eines Tages Herr Joſeph Schropps wieder, nicht zur gewöhn⸗ lichen Zeit, wenn er die Quartalgelder brachte, was er übrigens ſtets auf eine feine Art abzumachen pflegte, in⸗ dem er die gewiſſe Summe, während er im Zimmer hin und her ging, faſt unbemerkt auf den Schreibtiſch des Herrn Majors legte. Auch kam dieſes Mal Herr Joſeph nicht allein, wie er ſonſt immer zu thun pflegte, ſondern in Geſellſchaft ſeines Bruders Nathan, obendrein ausnahmsweiſe zur Abendſtunde, wo Herr Quinſcheidt, ehe er in ſeine Ge⸗ ſellſchaft ging, von Sophie angehalten wurde, wine Taſſe Hackländer, Kainszeichen. II. 70 warmen Thee's zu trinken. Natürlicherweiſe wurden die beiden Herren dazu eingeladen und ſie nahmen auch dieſe Einladung nach einem erſichtlich nicht ernſt gemeinten Sträuben an, wobei Herr Joſeph das junge Mädchen er⸗ ſuchte, durchaus keine Umſtände zu machen, nur ein paar Tröpfchen heißen Waſſers mehr in den Theekeſſel zu V gießen und ihnen eigenhändig ein kleines Butterbrödchen V zu machen. V Ja, eigenhändig, hatte Herr Nathan, der keine langen V Reden zu führen pflegte, händereibend hinzugeſetzt, und dabei das junge Mädchen auffallend und mit ganz beſon⸗ derem Intereſſe betrachtet, ein Benehmen, welches ſo ſehr gegen ſeine ſonſtigen Gewohnheiten verſtieß, daß der Herr Major mit einiger Sicherheit auf die nochmalige Erhöhung des Jahresgehaltes für Sophie rechnete. Auch Herr Joſeph war heute von einer ganz beſon⸗ ——=—— . 4—— — 2 4 ——ſſſſ-- ₰‿ deren Aufmerkſamkeit für das junge Mädchen, und wenn ſie aus dem Zimmer ging, um etwas zu holen, oder zu⸗ rück kam, ſo folgten ihr nicht nur ſeine Blicke, ſondern er betrachtete ſie mit einer behaglichen, taktmäßigen Neigung des Kopfes, als wollte er ſagen: ganz ſo, wie ich es mir gedacht, iſt ſie bei ihren häuslichen Beſchäftigungen, hübſch ——— 4— — und behende— und da auch Herr Nathan ähnliche Gedanken zu haben ſchien, ſo bewegte auch er ſein Haupt langſam und feierlich, was alsdann den alten Militär mit Stolz V auf ſeine ſo wohl gelungene Erziehung erfüllte und ver⸗ anlaßte, ein Gleiches zu thun, ſo daß man um ſo mehr hätte glauben können, in einer Geſellſchaft chineſiſcher Pa⸗ —Q——— —— 71 goden zu ſein, als von einer Unterhaltung eigentlich keine Rede war. Endlich ſagte Herr Nathan ein paarmal ausdrucksvoll: „Ja, ja,“ worauf ſein Bruder unter bedeutungsvollem hm, hm ſtärker mit dem Kopfe nickte, dann ſeine Hand in vertraulicher Weiſe auf den Arm des Hausherrn legte und ihm ſagte:„Sie erwarten in nächſter Zeit Ihren Herrn Sohn zurück und das wird eine große Freude in Ihrem Hauſe ſein.“ „Eine ſehr große Freude,“ bekräftigte Herr Nathan, worauf der Andere fortfuhr:„Eine Freude, die wir in unſerem einſamen Hauſe mit einer gewiſſen Regung von Neid, das heißt, Neid in gutem Sinne, mitfühlen; denn es iſt doch etwas Anderes, ſo friſche jugendliche Geſichter um ſich zu ſehen und zuweilen Unterhaltungen führen zu kön⸗ nen, die ſich nicht immer wie bei uns mit Soll und Haben beſchäftigen.“ „O gewiß, gewiß,“ gab Herr Quinſcheidt zur Ant⸗ wort,„und ich kann Ihnen verſichern, daß wir Beide, beſonders Sophie, welche ein kleiner Schalk iſt, uns ſehr auf die Ankunft meines Sohnes freuen.“ Dieſe Freude aber gab das junge Mädchen in keiner Weiſe zu erkennen, weder durch beiſtimmende Worte noch auch nur durch freundliches Lächeln; im Gegentheil, ſie ſchaute Herrn Joſeph ziemlich ernſt und theilnahmlos an, 1 da dieſer mit einem fragenden Blicke aufſchaute und dann hiedurch ermuntert ſagte:„Wahrhaftig, Herr⸗Major, Sie können uns ein ſolches Gefühl des Neides um ſo weniger ————— ————. ——— — 22— übel nehmen, als daſſelbe nur dem Wohlwollen für die beiden jungen Leute entſpricht, und auch mein Bruder Nathan iſt der gleichen Anſicht.“ „Allerwege,“ ſprach dieſer kopfnickend. „Auch ſcheint es mir faſt,“ fuhr Herr Joſeph fort, „als ob Ihnen durch die baldige Anweſenheit Ihres Soh⸗ nes eine weitere Laſt erwüchſe, die wir auf irgend eine Art mit Ihnen zu tragen gern bereit und eigentlich nur gekommen ſind, um darüber mit Ihnen zu reden.“ Da ſich Herr Quinſcheidt durch dieſe Worte nicht un⸗ angenehm berührt fühlte, denn er war ſicher, daß er ſich eine nochmalige Erhöhung des Jahrgeldes gefallen laſſen ſollte, ſo verbeugte er ſich mit freundlichem Lächeln und erwiederte:„Sie haben ſchon ſo viel für meine Pflege⸗ tochter gethan, ſich auch in jeder Hinſicht ſo freundlich für mich benommen, daß ich auf's dankbarſte anerkennen muß, wenn Sie auch ein gütiges Intereſſe für meinen Sohn an den Tag legen.“ „Reden wir alſo klar und korrekt,“ meinte Herr Nathan. „Ja, reden wir offen und ehrlich, wie es ſich unter guten Freunden geziemt;— wenn ich Ihnen wiederhole, Herr Major, daß wir uns in unſerem Hauſe zuweilen recht einſam fühlen, ſo darf ich wohl hinzuſetzen, daß wir ſchon lange Plane gemacht, dieſe Einſamkeit zu mildern oder ganz zu verſcheuchen.“ „Durch Zuziehung eines freundlichen Elementes,“ warf Herr Nathan ein. „Und daß wir deßhalb gekommen ſind,“ ſprach Herr Joſeph mit einiger Haſt,„Ihnen einen freundlichen Vor⸗ ſchlag zu machen.“ Der Major ſetzte auf eines ſeiner Luftſchlöſſer, durch dieſe Worte angeregt, ein neues und ſchönes Stockwerk, denn es konnte ja nicht fehlen, daß ihm die Gebrüder Schropps den Vorſchlag machen würden, ſeinen Sohn zu ſich zu nehmen und für deſſen Zukunft glänzend zu ſorgen, wogegen Sophie andere Gedanken zu haben ſchien, denn ſie erröthete leicht und bückte ſich, um die Spiritusflamme unter dem Theekeſſel auszublaſen, der heute, um die ſel⸗ tenen Gäſte zu ehren, aufgeſetzt worden war, worauf ſie ſich erhob, um ihn hinaus in die Küche zu tragen. „Einen Vorſchlag,“ fuhr Herr Joſeph fort, dem jungen Mädchen mit Intereſſe nachſchauend,„den wir reiflich überlegt und über den wir auch nicht unterließen, uns mit den Verwandten Ihrer Pflegetochter in brieflichen Ver⸗ kehr zu ſetzen, um deren Zuſtimmung zu erhalten.“ „Meiner Pflegetochter,— a— a—ah, meiner Pflege⸗ tochter!“ „Fräulein Sophie, ganz richtig, und haben wir auch, wie Sie hier aus dieſem Schreiben erſehen können, die Einwilligung der Verwandten mit großer Bereitwilligkeit erhalten.“ „Ja, wozu denn?“ fragte Herr Quinſcheidt im Tone eines ſo großen Erſtaunens, daß ſich Herr Nathan zu der Bemerkung veranlaßt ſah:„Ja,— wozu, das haſt du dem Herrn Major noch nicht geſagt.“ ——— ———— 3———— —. 2 8—— 8 —ÿÿ——— —-———— „Aber ſo klar angedeutet, daß ein ſo geſcheidter Mann, wie unſer verehrter Freund hier, darüber durchaus in keinem Zweifel ſein kann.“ „Allerdings— ich könnte vielleicht denken, daß— meine Pflegetochter—“ „So iſt es, Herr Major!“ „Ganz ſo wie Sie gedacht, wobei Sie einſehen wer⸗ den, daß es auch ſeine Inconvenienzen hätte, die beiden jungen Leute hier in Ihrer kleinen Wohnung zuſammen zu laſſen, abgeſehen von den bedeutend vermehrten Un⸗ koſten, welche die Anweſenheit Ihres Herrn Sohnes doch vielleicht für Sie haben könnte.“ Der arme Major hatte jetzt alles ſo wohl verſtanden, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er ſaß wie betäubt mit offenem Munde da, was auch kein Wunder war, denn die Worte der Gebrüder Schropps hatten nicht nur eines, ſondern ſeine ſämmtlichen Luftſchlöſſer zuſammen⸗ geſtürzt; alles Lächeln von ſeinen Zügen war verſchwun⸗ den, er ſummte vor ſich hin, ein Bild peinlichſter Unge⸗ wißheit. Doch bemühte ſich Herr Joſeph ſogleich und eilig, dieſer Ungewißheit dadurch ein angenehmes Ende zu machen, daß er ſagte:„Im Uebrigen, Herr Major, bleibt Alles wie bisher beim Alten, und Sie werden uns geſtatten, auch ferner gerade ſo zu thun, als wenn Fräulein Sophie noch in Ihrem Hauſe wäre.“ Der Major verbeugte ſich hierauf etwas unbeholfen, räuſperte ſich ein paarmal und gewann durch ein paar nichtsſagende Bemerkungen, als:„Ja, ja freilich,— gewiß, allerdings,“ Zeit und Muth, um die Frage zu thun:„Aber in welcher Eigenſchaft beabſichtigen Sie meine Pflegetochter in Ihr Haus aufzunehmen?“ Herr Joſeph lächelte darauf ganz eigenthümlich und gab dann, ſeine Hände aneinander reibend, zur Antwort: „Vorläufig als liebes und gern geſehenes Mitglied unſeres Hauſes, mit den Rechten einer nahen Anverwandten.“ „Als meine Tochter,“ ſagte Herr Nathan, welcher um mehrere Jahre älter als ſein Bruder war. Dann trat Sophie wieder in's Zimmer und Herr Quinſcheidt hatte gehofft, daß der Vorſchlag der Gebrüder Schropps bei ihr auf energiſchen Widerſtand ſtoßen würde, welcher alsdann ihrem Charakter geinäß nicht ſo leicht zu überwinden ſei. Doch hatte er ſich darin bitter getäuſcht, und wenn ihm auch das junge Mädchen mit Wärme ver⸗ ſicherte, ſie würde nicht nur ſtets ſeiner Liebe und Sorg⸗ falt dankbar eingedenk bleiben, auch gewiß nicht verhindert werden, einen innigen, freundſchaftlichen Verkehr mit ihm zu unterhalten, ſo erklärte ſie doch anderentheils mit einer größeren Ruhe und Beſtimmtheit, als man von ihrem Alter hätte erwarten können, daß ſie ſelbſt ſchon Grund zu der Befürchtung gehabt, ein Zuſammenleben wie bisher würde durch die Rückkunft Georgs geradezu unmöglich gemacht. Ach, die ſchönſten Träume des Majors verſchwanden durch dieſe Aeußerung, und da ſie das beſtimmt ohne irgend welche Zögerung erklärte, ſo ſah er ſeufzend ein, — 5 83„˙n ₰ℳ ——————————— 8— — 8— 7— 5—— 3 y—y————. —— 7 — 476— daß ſie doch am Ende Recht haben möge und daß dieſe Aenderung für ſeine Behaglichkeit und ſeinen häuslichen Frieden leider nothwendig ſei. Georg war alsdann zurückgekommen und Sophie hatte das Haus des Majors ein paar Tage früher verlaſſen, nicht ohne in tiefer Bewegung ſowohl von ihrem Pflege⸗ vater als ſelbſt von den kleinen beſcheidenen Räumen der Wohnung Abſchied zu nehmen. Sie hatte vergeblich ihre Lippen feſt auf einander gebiſſen, um die hervorſtürzenden Thränen zurückzudrängen; ſie hatte ſich leidenſchaftlich an die Bruſt des alten Mannes geworfen, ſeinen Hals mit ihren Armen umſchlungen und ihm dabei geſagt:„Schon lange wußte ich, daß es ſo kommen würde, und wenn ich es mit Faſſung ertrage, von Ihnen zu ſcheiden, ſo kann ich das nur, weil ich trotz all' Ihrer Liebe und Güte nie in meinem Leben ſo recht das ſüße Gefühl des Daheim⸗ ſeins gehabt, nicht bei Ihnen, noch weniger, wo ich früher war,— ich komme mir vor, wie ein armer Vogel, der heimathlos von Zweig zu Zweig flattert, und der, wenn ſpäter einmal die Stürme kommen, die ja niemals aus⸗ bleiben, kein ſchützendes Obdach haben wird.“ „Dann findeſt du es wieder bei mir,“ hatte der alte Mann in tiefer Bewegung geſagt, ſie darauf ohne weiteren Abſchied ziehen laſſen und war an das Fenſter getreten, wo er auf den Scheiben mit zitternden Fingern einen Trauermarſch trommelte, deſſen er ſich noch aus ſeiner Militärzeit erinnerte und bei deſſen Klängen er ſo manchen braven Kameraden zur Ruhe begleitet. 77— Es war ihm anfangs ſchrecklich einſam in ſeiner Woh⸗ nung vorgekommen, und ſelbſt Georg hatte ihn nicht auf⸗ zuheitern vermocht; doch müſſen wir hinzufügen, daß dieſer, nicht weniger ſchmerzlich berührt von der Abweſenheit der Pflegeſchweſter, ſich durchaus keine Mühe gab, dieſes Gefühl zu verbergen und ſeinem Vater einigen Troſt zu ſpenden. Im Gegentheil, er machte ihm heftige Vorwürfe, daß er Sophie habe ſo leicht ziehen laſſen, und ſie Leuten über⸗ liefert, deren eigenthümlicher Ruf durchaus keine ſichere Bürgſchaft ſei für die Zukunft des armen Mädchens. Da aus dieſen Aeußerungen unverkennbar eine eifer⸗ ſüchtige Regung durchblickte, ſo hatte Herr Quinſcheidt dar⸗ über die Achſel gezuckt und ſtill vor ſich hin gelächelt, obgleich ihm einige Bemerkungen des Herrn Joſeph noch nachträglich zu denken gaben, und er ſich ſchon ſelbſt ein paarmal auf dem Gedanken ertappt hatte, als ſei der jüngere Bruder, der aber immerhin ſchon für einen älteren Mann gelten konnte, nicht weit von der furchtbaren Idee entfernt, Sophie zur Madame Schropps machen zu wollen. Hatte er das ſeinem Sohne gegenüber laut gedacht, oder hatte Georg den gleichen Gedanken ausgeſprochen, genug, beide blickten ſich erſtaunt an und das Lachen, welches ſie hierauf hören ließen, klang durchaus nicht na⸗ türlich genug, um nachhaltig ſein zu können, und ſchon in der nächſten Sekunde ſagte Georg, indem er die Augen⸗ brauen finſter herabgedrückt:„Ja, es ſind einmal Leute von zweifelhaftem Ruf, Spekulanten, Wucherer, was weiß — 4— ——— ——ͤ —— — 78 ich, und mich dauert das arme Geſchöpf in tiefſter Seele. — Du hiütteſt ſie nicht ſollen gehen laſſen.“ „Konnte ich ihren Willen hindern, konnte ich mich den Anordnungen ihrer Angehörigen widerſetzen?“ „Gerade dieſen Angehörigen hätte ich keine Rechte über ſie eingeräumt; was haben ſie für das Kind gethan? Wie hätte man für ſie ſorgen können, ohne die Hülfe dieſer Schropps?— muß ich leider hinzufügen.“ „Und du geſtehſt mir alſo,“ ſagte der Major, zum Fenſter hinausſchauend,„daß dieſe Schropps ſich dadurch immerhin das Recht erworben haben, über die Zukunft Sophiens zu beſtimmen.“ „Oder wir hätten das Recht gehabt,“ erwiederte Georg in etwas heftigem Tone,„alle Verbindung mit ihnen abzubrechen.“ „Du biſt recht komiſch,“ gab der Major nach einer Pauſe zur Antwort, indem er ſich langſam umwandte und ſeinen Sohn anſchaute, wobei ein Lächeln auf ſeinen Zügen nicht ganz ohne eine Miſchung von Befangenheit war. „Ja, gerade jetzt, wo ich nach Hauſe komme, nachdem ich, wie ich glaube, etwas Tüchtiges gelernt habe und wohl im Stande bin, für dich zu verdienen und auch wohl für ſie!“ Der alte Herr machte einen Gang durch das Zimmer, wobei er verſchiedene Male achſelzuckend ſeine Hände zu⸗ ſammenſchlug, dann gegen ein Seitentiſchchen ging, um ſich eine Pfeife zu ſtopfen, was indeſſen im gegenwärtigen Augenblicke eine etwas erkünſtelte Beſchäftigung war, die 2 ihm dazu dienen ſollte, anderswohin zu ſchauen, als in die aufleuchtenden Augen ſeines Sohnes. Nach einer Pauſe ſagte er in verdrießlichem Tone:„Du thuſt gerade, als ob das junge Mädchen aus der Welt gegangen wäre, oder in eine Stadt, die hundert Meilen von uns entfernt liegt,— ſie iſt aber ganz in der Nähe geblieben und wird, wie ſie feſt verſprochen hat, einen innigen, freund⸗ ſchaftlichen Verkehr mit uns unterhalten.“ „So weit das die Herren Gebrüder Schropps zu er⸗ lauben für gut finden; ſie werden ihr vielleicht erlauben, alle Vierteljahr oder ſo etwas nach uns zu ſehen, ſie wer⸗ den uns gerade nicht die Thüre weiſen, wenn wir Luſt hätten, ſie in ihrem düſteren Hauſe zu beſuchen, ſie werden uns aber ſchon merken laſſen, daß Sophie für uns eine Fremde geworden iſt oder werden muß, wie ich das auch dann ſehr begreiflich finde in unſeren ſo ganz verſchie⸗ denen Lebensſtellungen; ob ſich das arme Mädchen aber bei dieſen Leuten heimiſch und glücklich fühlen wird, iſt eine andere Frage, die ich tauſendmal verneinen möchte.“ „Und ich möchte dir dagegen bemerken,“ fuhr Herr Quinſcheidt etwas lauter fort,„daß ich deine Vorurtheile gegen die Herren Gebrüder Schropps, die ſich jetzt allge⸗ meiner Hochachtung erfreuen, nicht begreifen kann.“ „Hochachtung, die man ihrem großen Vermögen zollt! — Haſt du denn vergeſſen, mit welchem Mißtrauen ſie früher auf der Zigeunerinſel betrachtet wurden?“ „Auf der Zigeunerinſel!“ rief Herr Quinſcheidt mit einem Ausdrucke in Miene und Stimme, als gedächte er — 8—*— 9— ——— .— 3 5*— — 80— dabei an eine weit, weit zurückliegende, fabelhafte Vorzeit; „o mein Sohn, wie ſich. dieſe zu einem reichen Stadt⸗ viertel verändert und dadurch ihr Einſames, Oedes abge⸗ ſtreift hat, von dem man jetzt gar nicht mehr ſpricht, ſo iſt es auch vielen Leuten gegangen, die dort wohnten und ich könnte dir Namen nennen, die damals mit vollem Rechte etwas Anrüchiges hatten, und welche jetzt in guten Kreiſen gern geſehen ſind.“ „Allerdings, wo man ihre Vergangenheit nicht kennt, aber wir kennen dieſe Gebrüder Schropps.“ „Und urtheilen darüber, wie junge Leute zu thun pflegen; was weißt du überhaupt noch von den Zeiten der Zigeunerinſel?“ „O, ich war damals kein kleines Kind mehr, und du ſelbſt haſt mir von jenem geheimnißvollen Vorfall erzählt, wo ein junger Mann ſpät in der Nacht mit den Gebrü⸗ dern Schropps nach Hauſe gegangen und nie mehr zum Vorſchein gekommen iſt.“ „Ich will das nicht leugnen, weiß aber jetzt eine ge⸗ nügende Aufklärung über dieſe geheimnißvolle Geſchichte, wie du ſie nennſt.“ Herr Quinſcheidt ſetzte langſam ſeine Pfeife in Brand und in kleinen Pauſen, zwiſchen dem Ausblaſen des Dam⸗ pfes, fuhr er fort:„Das war— ein ſehr mißrathener Anverwandter der Gebrüder Schropps,— für den ſie alles Mögliche gethan,— um ihn auf anſtändigen Weg zu bringen,— vergeblich,— er erſchien immer wieder, wie falſches Geld, um gut klingendes mit ſich fort zu — 81— nehmen,— ſo auch in jener Nacht, wo er ſo total ab⸗ geriſſen erſchien,— daß ſich ſeiner zu ſchämen die Ge⸗ brüder Schropps alle Urſache hatten,— ihn deßhalb nur in ſpäter Nacht in ihr Haus führten,— um ihn ein paar Tage darauf nach Amerika zu ſpediren.“ Er hatte das übrigens in einem Tone geſagt, als hätte er begonnen mit dem bekannten Anfang: Es war einmal ein König und eine Königin, und gerade ſo mär⸗ chenhaft erſchien deßhalb dem Sohne dieſe Erzählung, ſo daß er achſelzuckend ſagte:„Dann finde ich es ſchon unbe⸗ greiflich, daß ſie dieſe einfache Geſchichte nicht Jedermann erzählen und dadurch die düſteren, unheimlichen Gerüchte widerlegen, die darüber in Umlauf ſind.“ „Sie thaten vielleicht klug daran, das Gerede der Welt zu verachten.“ „Daran thut man nie klug, denn leider iſt das Gerede der Welt eine Macht, vor der wir uns beugen, gegen die wir mit allen Mitteln ankämpfen müſſen, um nicht von ihr zu Boden getrampelt zu werden,— ſie haucht uns an mit ihrem giftigen Athem, auch auf der Stirn des Unſchuldigen ein Brandmal zurücklaſſend,— das Zeichen der blutigen Hand!“ Herr Quinſcheidt, der nicht ſogleich verſtand, daß ſein Sohn, was das Letztere anbelangte, nur bildlich geſpro⸗ chen, rief jetzt mit einer etwas künſtlichen Entrüſtung: „Bah, das Zeichen der blutigen Hand! Steckſt du noch ſo ſehr in deinen Knabenſchuhen, daß du dich dieſer Dumm⸗ heiten erinnerſt? Was jene häßlichen Spuren anbelangt, ——— 4 8 3 5 —— —ͤͤͤͤͤſſſſſ — — 82 die zuweilen am Hauſe der Gebrüder Schropps erſchienen, — hier hob er ſeinen Zeigefinger in die Höhe,— ſo ſei ehrlich, Georg, und geſtehe mir, daß du mit Anderen deines Alters dabei die Hand im Spiele gehabt, daß ihr jene rothen Striche gemalt, um die beiden Leute, welche doch nie Jemandem etwas Leides gethan, zu beun⸗ ruhigen.“. „Ich that das nie,— darauf gebe ich dir mein Wort, obgleich ich weit entfernt bin, an einen unnatür⸗ lichen Urſprung dieſer Blutſpuren zu denken, will ſogar zugeben, daß ſie boshaften Menſchen ihre Entſtehung ver⸗ danken, wogegen du mir den Gefallen thun und dich an das erinnern mußt, was uns die kleine Sophie in der erſten Zeit häufig erzählte von der Nacht, die ſie im Hauſe der Gebrüder Schropps zubrachte.“ „Und was war es denn?“ „Jene Schrift neben dem Bette, in welchem ſie ſchlief, die ſie mit ihren ſcharfen Kinderaugen unter der Kalktünche las, als ein blendender Sonnenſtrahl darauf fiel.“ „Dummes Zeug, die aufgeregte Phantaſie des Kindes, deſſen Geiſt von allen möglichen Schreckniſſen im Hauſe der alten Staatsräthin erfüllt war!“ „Das Zeichen der blutigen Hand,“ ſprach Georg, düſter ſinnend vor ſich niederblickend,—„wie oft hat ſie uns das, noch erſchreckt in der Erinnerung daran, erzählt?— Wie oft wird ſie noch daran denken in dem alten düſtern Hauſe, das die Gebrüder Schropps jetzt bewohnen!“ 20 — 00 „Du thuſt gerade, als ſei dieſes Haus eine Mörder⸗ grube,“ polterte Herr Quinſcheidt mit einer künſtlichen Heftigkeit,„du biſt ſo ungerecht in deinem gänzlich un⸗ motivirten Aerger, und möchteſt mir noch obendrein die Schuld geben, daß uns Sophie verlaſſen, obgleich du fühlen ſollteſt, wie ſchwer dadurch auch mein Herz getroffen iſt. Du hätteſt wohl verlangt, daß ich mich widerſetzt hätte, daß ich in heftigem Streit mit den Gebrüdern Schropps auseinander gekommen, und daß ich, nun ein armer, alter, kränklicher Mann, froh geweſen wäre, von deinem ſauren Verdienſt leben zu müſſen!“ Georg that einen tiefen, ſchmerzlichen Athemzug, ehe er zur Antwort gab:„Allerdings habe ich unſere Stellung gegenüber den Herren Gebrüdern Schropps von dieſer Seite noch nicht recht in's Auge gefaßt und muß mich beugen vor der Gewalt der Umſtände. Aber da ſie nun einmal ſolcher Geſtalt ſind, kann ich auch nicht mehr ganz in der früheren Art mit dir zuſammenleben, Vater.“ „So willſt auch du mich verlaſſen, Georg?“ rief der alte Mann nun im Tone wirklichen Erſchreckens, „mich, der ich mich ſo auf deine Zurückkunft gefreut, mich, der ich ſtolz meinen Sohn an meiner Seite zu ſehen hoffte!“ „Verlaſſen iſt nicht das richtige Wort, der Himmel möge mich vor dem Gedanken bewahren, aber ich kann nur in der Art mit dir fortleben, Vater, wie ich es mir, allerdings aus ganz anderem Grunde, vorgenommen zu thun, wenn Sophie bei uns geblieben wäre, wo ich ein — ——— Zuſammenleben hier in der kleinen Wohnung ebenfalls nicht für ganz paſſend gehalten hätte.— Ich hatte mir das recht hübſch ausgedacht,“ fuhr er fort, indem er finſter ſeine Blicke zu Boden ſenkte,„ich hatte mir hier im Hauſe ein kleines Zimmer zu ebener Erde gemiethet, wo ich euch nahe geweſen wäre, wo ich euch mit meinen muſikaliſchen Studien nicht beläſtigt, und wo wir doch eine einzige, vielleicht ſehr glückliche Familie gebildet hätten!“ „Und nun, mein lieber Sohn?“ fragte der alte Mann in ängſtlicher Spannung. „Nun werde ich trotz alledem dieſes Zimmer beziehen,“ ſagte Georg,„dir auch ein anhänglicher, treuer Sohn ſein, dich ſo häufig als möglich ſehen, Vater—“ „Aber ferner keinen Biſſen Brod mehr mit dir theilen,“ rief Herr Quinſcheidt ſchmerzlich bewegt,„o, wenn das deine gute Mutter wüßte!“ „So würde ſie mir Recht geben, was ja auch du thun wirſt, wenn du billig und gerecht ſein willſt gegen die Verhältniſſe, wie ſie nun einmal ſind, und gegen mich.“ Nun war allerdings der Herr Major ein billiger und gerechter Mann, der ſich glücklich ſchätzte, nicht ſo wie ſein Sohn einem lächerlichen Vorurtheil wegen ſeine behagliche Lebensſtellung aufzugeben, auch liebte er dieſen Sohn zu ſehr, um, wie er ſagte, ſich ſelbſt als ſchweres Gewicht an deſſen kaum beginnende Exiſtenz zu hängen. Dazu kam, daß er deſſen Stolz in Betreff des Verhältniſſes zu den Gebrüdern Schropps wohl verſtand, und ſchließlich blieb 85 ihm doch das angenehme Gefühl, vielleicht trotz alle⸗ dem den unſichtbaren Beſchützer ſeines Kindes machen zu können. Vor der Welt lebten ſie nun auch vollſtändig zuſammen, Herr Quinſcheidt in ſeiner bisherigen Wohnung im zweiten Stock und Georg zu ebener Erde deſſelben Hauſes, wo wir heute Morgen ſeinem Erwachen beiwohnten, und wo wir geſehen, welchen Eindruck das plötzliche Erſcheinen ſeiner bisherigen Pflegeſchweſter, die er ſeit ſeiner Zurück⸗ kunft noch nicht geſehen, auf ihn gemacht. Hackländer, Kainszeichen. II. — —— ͤͤͤſͤſͤſͤſſͤſſſſſſ —— ———— Viertes Kapitel. Von einem Frühſtück im Freien und vom alten Hauſe der Frei⸗ herren von Reckenberg. Es iſt etwas Angenehmes um ein Frühſtück im Freien unter einer dichten, grünen Laube, wenn man ſo behag⸗ lich im kühlen Schatten ſitzt, während draußen die heißen Sonnenſtrahlen auf den Kieswegen, den Raſen und den Blumen laſten, doppelt angenehm nach nächtlichem Ge⸗ witterregen, wenn Laub, Gras und Blüthe, ja das warme Erdreich friſche, entzückende Düfte ausſtrahlen. „In ſolchen Stunden und in ſolcher Umgebung,“ ſagte der alte Major,„würde ich nicht mit dem Kaiſer von Perſien tauſchen, und ich muß dir ſchon ſagen, meine liebe Sophie, daß du es einmal wieder vortrefflich arran⸗ girt haſt, gerade heute eigentlich zum erſten Male zu er⸗ ſcheinen wie— wie—“ „Wie eine liebliche Fee,“ bemerkte ein anderer alter Herr, welcher in einer Ecke der Laube ſaß, ſeine beiden Hände zwiſchen die Kniee geſteckt hatte und den Ober⸗ körper gemüthlich auf und ab wiegte. Es war dies ein Mann in den Sechszig mit wenigem weißen Haar, glatt raſirt, von einem etwas kümmerlichen Ausſehen, beſonders was ſeine abgetragenen ſchwarzen Beinkleider anbelangte und eine ſeidene Weſte von gleicher Farbe, die aber aus Altersſchwäche ergraut oder vielmehr leicht geröthet war. 87— Er trug eine weiße Halsbinde, recht friſch und ſauber, und wenn dies auch ein Luxus zu nennen war, ſo ſparte er dafür den Hemdkragen. Statt des Rockes trug er einen ſehr alten, rothkarrirten Schlafrock, an dem nichts Bemerkenswerthes war, als eine Menge ſchwarzer Dinten⸗ ſtriche auf beiden Seiten unterhalb der Tallle. Dies war der Herr Profeſſor Streber, nicht Profeſſor an einem Gymnaſium oder gar an einer Univerſität, ſon⸗ dern Profeſſor der Schönſchreibekunſt und der edlen Wiſſen⸗ ſchaft des Hühneraugenſchneidens, worin er ſich, beſonders in der letzteren, einen großen und wohlverdienten Ruf er⸗ worben hatte. „Wenn ich ein reicher Mann wäre,“ ſagte er auf die Aeußerung des Majors,„ſo würde ich jeden Tag im Freien frühſtücken, auch diniren und ſoupiren, das heißt im Sommer.“ „Oder wenn es nicht regnet,“ erwiederte Herr Quin⸗ ſcheidt. „Oh, auch dann; dazu hätte ich einen Glaspavillon, wie ich bei vornehmen Leuten meiner Kundſchaft ſchon häufig geſehen, wenn ich das Glück hatte, einem Dejeuner beizuwohnen, das heißt, wenn ich in einem Winkel des Nebenzimmers wartete, bis ich zur allerhöchſten Vertraulich⸗ keit zugelaſſen wurde.“ „Es iſt eigentlich Schade, Papa, daß du deine Me⸗ moiren nicht ſchreibſt oder mir Notizen darüber gibſt, das gäbe ein intereſſantes Buch, und welch' famoſer Titel: Das Geheimniß des alten Hühneraugenſchneiders!“ — 88— Der das ſagte, war ein junger Mann, vielleicht von dem Alter Georgs, mit einem langen, blaſſen Geſicht, klugen, lebhaften Augen und etwas ſtruppigem, blondem, ziemlich ungekämmtem Haare, wozu übrigens ſeine mangel⸗ hafte Morgentoilette paßte, denn dieſe beſtand oberhalb aus einer alten Joppe, die trotz ihres ganz verſchiedenen Ausſehens inſofern eine Familien⸗Aehnlichkeit mit dem Schlafrock des alten Profeſſors hatte, als auch ſie zu beiden Seiten der ausgeriſſenen Taſchen zahlreiche Dinten⸗ ſtriche zeigte. Dieſer junge Herr, von ſeinem Vater in der Kunſt des Schreibens gewiſſenhaft ausgebildet, hatte die Steno⸗ graphie erlernt, war bei Kammerverhandlungen und ähn⸗ lichen Gelegenheiten Berichterſtatter verſchiedener auswär⸗ tiger Zeitungen, ſowie Neuigkeitstreiber für ein Journal der Stadt. Auf ſeine Aeußerung von ſoeben entgegnete der alte Profeſſor, indem er ſeine Augen ſanft ſchloß und bedeu⸗ tungsvoll lächelte:„Das wäre allerdings ein Kapitel für hungrige Zeitungsleſer, doch habe ich ſtets gewußt, das mir geſchenkte intime Vertrauen glänzend zu rechtfertigen, war darin ſtumm wie das Grab, was mir meine gute Alte dort bezeugen muß, die mir allerdings in verzeihlicher Wißbegierde das Geheimniß kleiner duftender Billette zu entlocken verſuchte, die ich in früheren Tagen erhielt und auch heute noch erhalte.“ Die Alte, an welche der Profeſſor lächelnd dieſe Worte richtete, war Madame Streber, eine wohlbeleibte, freund⸗ ———— 4 — ———— . ———— lich ausſehende, betagte Frau, die, hinter der Kaffeekanne ſitzend, an einem wollenen Strumpf ſtrickte und welche unter anderen guten Eigenſchaften die ganz vortreffliche beſaß, ſtets heiter und guter Dinge zu ſein, weßhalb ſie auch bei den geringfügigſten Veranlaſſungen mit einer be⸗ wunderungswürdigen Ausdauer bis zur Erſchütterung ihres Körpers zu lachen verſtand, ſo auch jetzt wieder. „Ah, und deine Mutter,“ fuhr der alte Herr fort, „liebte es, ihre Forſchungen in das ſtrengſte Gewand ſo⸗ genannter Gardinenpredigten zu kleiden,— doch blieb ich trotz alledem feſt wie ein Fels im Meer,“ fuhr er launig fort, als er ſah, wie ſeine Gattin bei der Erwähnung von Gardinenpredigten freudeſtrahlend um ſich blickte,— „ſelbſt dann noch, wenn ſie mir mit der Grauſamkeit eines durch und durch böſen Weibes moraliſche Daumen⸗ ſchrauben anlegte,— aber, laß dich das nicht weiter kümmern, Alte, dafür iſt dein Kaffee heute Morgen ganz vortrefflich.“ Meiſter Georg und Sophie hatten bisher an dieſen harmloſen Plaudereien wenig oder gar keinen Antheil ge⸗ nommen; ſie ſaßen neben einander und das junge Mäd⸗ chen hatte in freundlichſter Art für ſein Frühſtück geſorgt, wie ſie es früher zu thun gewohnt geweſen war.— Sie hatte nicht vergeſſen, daß er ſeinen Kaffee ohne Zucker trank und geröſtetes Brod dazu liebte, was Madame Streber auf ihre Anordnung hatte beſorgen müſſen. Dann forſchte ſie theilnehmend, obgleich mit leiſer Stimme nach ſeinen Erlebniſſen auf der Muſikſchule und verſicherte, 90 ſehr begierig zu ſein auf ſeine Kompoſitionen, von denen ſie einige ſchon mit ſeinem Namen verſehen in Muſikalien⸗ handlungen bemerkt und gekauft hatte. Auch er ſprach nicht unfreundlich mit ihr, doch war er gedankenvoll und dadurch etwas einſylbig, denn es hatte ihn eigenthümlich ergriffen, ſie nach Jahren zum erſtenmale wieder zu ſehen, gerade am heutigen Morgen, wo in der vergangenen Nacht der Zufall ihn in die Ver⸗ gangenheit und in einen Kreis geführt, der durch den Gedanken an ſie gerade zu ſeinen liebſten Jugenderinne⸗ rungen gehörte. Wie glücklich und vertrauensvoll hatte ſie ſich damals bei dem erſten gemeinſchaftlichen Spazier⸗ gange an ihren neuen und einzigen Freund geſchmiegt; wie lieb hatte ſie ihre kleine Hand in die ſeinige geſchoben und war ſo dankbar geweſen, daß er ſie in jenen präch⸗ tigen Garten des Herrn Banquiers Bendel gebracht! Ach, jene Aeußerungen herzlicher Liebe, wie ſehr hatte er ſie ſpäter und auch jetzt wieder zurückgewünſcht! Wie ſchmerzlich hatte er es ſchon damals empfunden, daß ihm Sophie nur eine freundliche, kluge und ſehr verſtändige Schweſter geworden! Und wie hatte ſich obendrein das junge Mädchen in den vergangenen Jahren vortheilhaft verändert und ent⸗ wickelt; wie war ſie ſo ganz anders geworden, als ſich Georg gedacht: befangen, verlegen,— ihm gegenüber, der ſich mit ſeinen glücklichen geiſtigen und körperlichen An⸗ lagen draußen in der Welt zu etwas Tüchtigem, Selbſt⸗ ſtändigem herausgebildet hatte und der nun, auf eigenen 91 Füßen ſtehend, mit Luſt und Liebe in allem Schönen und Guten ihr Lehrer geworden wäre! So aber erſchien ſie ihm als vollkommen auf der gleichen Stufe ſtehend und war es auch in der That, ja bei kleinen Feinheiten in ihrem Geſpräche war es ihm zu⸗ weilen, als müſſe er zu dem jungen Mädchen aufſchauen und habe nicht das arme verwaiſte Kind, die Pflegetochter ſeines Vaters vor ſich, ſondern eine junge Dame aus vor⸗ nehmer Familie. Dazu trug allerdings ihr einfacher, aber gewählter Anzug das Seinige bei; gewählt inſofern, als ſie ein bis oben hinauf ſchließendes weißes Kleid trug, deſſen einziger Ausputz in einem ſchmalen rothen Bande beſtand, welches ihren Hals umſchlang und über die ſchön gewölbte Bruſt herabfiel; eine friſch abgepflückte, feuerfarbene Nelke hatte ſie in das ſchwarze Haar geſteckt. Der alte Major betrachtete ſie mit ſichtlicher Freude und großem Intereſſe, ja er hatte ſchon ein paarmal den Profeſſor der Schreibekunſt leicht angeſtoßen, um ihn auf das elegante, hübſche Mädchen aufmerkſam zu machen und ſagte jetzt, als Sophie immer noch leiſe mit Georg plau⸗ derte, der mit aufgeſtütztem Ellbogen zuhörend, den Kopf in die Hand gelegt hatte, ſo eine Scheidewand bildend zwiſchen ſich und der anderen Geſellſchaft:„Wenn ich auch begreiflich finde, Kinder, daß ihr euch mancherlei zu erzählen habt, ſo iſt darunter gewiß Vieles, was auch uns angenehm zu hören wäre, beſonders wenn Sophie dir von ihrem neuen Leben und Wirkungskreiſe erzählt.“ —————————— * 99 „Davon haben wir noch gar nicht geſprochen,“ erwie⸗ derte der junge Muſiker in einem faſt mürriſchen Tone. „O Egoiſt!“ lachte Herr Streber junior,—„du ſprichſt wohl nur von dir ſelber und geſtatteſt höchſtens ein kleines Recht der Vergangenheit und obendrein nur ſolchen Tagen derſelben, an welchen du eine beneidens⸗ werthe Rolle geſpielt. Sei doch zufrieden mit dieſer Ver⸗ gangenheit, Glücklicher, und laß uns ein Bischen von der ſchönen Gegenwart,— Mama, gieß dem Georg noch eine Taſſe Kaffee ein und während er trinkt, wendet ſich Fräu⸗ lein Sophie vielleicht zu uns.“ Madame Streber legte umſtändlich und ſo geräuſchvoll als möglich ihren Strickſtrumpf mit den ſchweren klap⸗ pernden Nadeln vor ſich nieder, bemächtigte ſich trotz Georgs Sträuben ſeiner Taſſe und lachte ſo herzlich und anhal⸗ tend, daß es ihr ſchwer wurde, den Kaffee nicht in einem weiten Bogen rings um die Taſſe herum auf den Tiſch zu gießen.„Der böſe Bub'— der böſe Bub'!“ rief ſie hinausſprudelnd aus, womit ſie aber ihren eige⸗ nen Sprößling meinte, der ſoeben eine auf Georg und Sophie gemünzte Grimaſſe gemacht hatte, indeſſen jetzt ſehr angelegentlich eine Ranke wilden Weines betrachtete, die über ſeinem Haupte herabfiel. „Nun erzähle einmal dem Georg, liebes Kind,“ wandte ſich Herr Quinſcheidt würdevoll in Miene und Stimme an Sophie,„wie es dir zu Muthe war, nachdem ich dich im Hauſe der Herren Gebrüder Schropps verlaſſen und du ſo ganz allein in fremder Umgebung warſt?“ 93 „Recht eigenthümlich, lieber Papa“— das junge Mädchen hatte Herrn Quinſcheidt ſtets ſo genannt und er freute ſich herzlich, daß ſie auch heute noch dieſe vertrau⸗ liche Anrede gebrauchte—„ja, recht eigenthümlich; es kam mir alles in dem Hauſe nicht ſo recht fremd vor und auch nicht ſo recht bekannt; es war mir, als hätte ich dergleichen geträumt, oder als hätte man mir davon erzählt,— wie mich die beiden alten Herren in mein Zimmer führten. Es war ſpät Abends, als ich zum erſtenmal wieder ihr Haus betrat, ſie fragten mich, ob ich die alte Haushälterin zu irgend einer Dienſtleiſtung wünſche, und als ich ver⸗ neinte und ſie mich darauf allein ließen, überkam es mich, daß ich wirklich vor Jahren einmal das Gleiche erlebt, als mich, ein kleines Mädchen, die Gebrüder Schropps auf der Straße fanden und mit ſich nach Hauſe nahmen.“ „Ja, damals,“ ſagte Georg halblaut vor ſich hin. „War es mir doch,“ fuhr Sophie fort,„als brauche ich nur an das Fenſter zu treten und ſähe in die Zigeuner⸗ inſel hinaus und dort, nicht weit vor mir, das Haus meiner Großmutter; ich eilte auch wirklich an's Fenſter, zog die alten, ſchweren Vorhänge zurück, erblickte aber nichts mehr, was mich an meine Kindheit erinnerte, ſon⸗ dern ſah nur den ruhig vorbeifließenden Strom. Damit waren denn alle jene Bilder verſchwunden, und jetzt erſt fühlte ich mich ein Bischen unheimlich, ich will das nicht läugnen, woran wohl die hohen Zimmer mit ihren düſteren Decken und dunkeln Tapeten ſchuld waren, rechts und links von dem gewaltigen Himmelbette ein paar Bilder mit lkͤ—— 5— 94 lebensgroßen Portraits, ein alter Herr und eine alte Dame, deren Blicke mich überall hin verfolgten, die ſchweren, ſeltſam geformten Stühle, ſowie die dicken Fenſtervorhänge mit eingewirkten, verblaßten Figuren.“ „O, ich kenne das Haus wohl,“ ſagte der ältere Herr Streber kopfnickend,„es gehörte ehedem der alten frei⸗ herrlichen Familie von Reckenberg, und gerade das Zimmer, welches Fräulein Sophie ſo eben beſchrieb, habe ich häufig in vertraulich geheimer Miſſion betreten; lange Jahre wurde es bewohnt von dem letzten Mitglied jenes alten Hauſes, von einem ſehr bejahrten Fräulein von Recken⸗ berg, nach deren Tode die Gebrüder Schropps das Haus durch Kauf an ſich brachten.“ „Das war eben jenes Fräulein von Reckenberg,— weißt du wohl, Mama,“ ſagte der junge Herr Streber mit einem pfiffigen Lächeln, worauf die alte Dame in⸗ deſſen ihren Sprößling einen ſehr bösartigen Menſchen nannte, aber den Verſuch, ernſt zu bleiben, plötzlich unter einem ſchallenden Gelächter aufgab, als dieſer bösartige Sprößling ohne eine Miene zu verziehen in trockenem Tone ſagte:„Sie hieß Kunigunde und mein Vater, dein Mann, heißt Eduard— ja, Eduard und Kuni⸗ gunde.“ Der Herr Major, welcher ſein buntes Taſchentuch hervorgezogen hatte, ſchwang es etwas unmuthig gegen den vorlauten jungen Menſchen, indem er mit den Augen auf Sophie deutete.„Auch in jener Nacht,“ fuhr dieſe fort,„habe ich wie ja immer, vortrefflich geſchlafen, da⸗ — 95— gegen beim Erwachen mich allerdings wieder an jene Zeit auf der Zigeunerinſel erinnert, weil, wie damals, ein feiner, blendender Sonnenſtrahl die dunkle Tapete neben meinem Lager erhellte und ich dann im erſten Augen⸗ blicke zwiſchen Schlafen und Wachen jene unheimlichen Zeichen wieder zu ſehen glaubte, die mich als Kind ſo ſehr erſchreckt. „Doch war in Wirklichkeit nichts dergleichen zu ſehen, ſondern die dunkle lederfarbene Tapete zeigte zwiſchen ver⸗ blichenen Goldſtreifen nur phantaſtiſche Blüthen in dunkel⸗ rother Farbe. Dann kam die alte Haushälterin, öffnete die Vorhänge und als hierauf das volle Tageslicht mit Macht eindrang, ſah ich zu meinem Vergnügen, daß das alter⸗ thümliche Zimmer bei alledem ein ſehr gemüthliches Aus⸗ ſehen hatte.“ „Recht gemüthlich, ſogar an Wintertagen, wenn im Kamin ein hohes Feuer loderte,“ ſagte der Profeſſor vor ſich niederblickend, worauf ſein böſer Sohn leicht vor ſich hinſummte:„Eduard und Kunigunde.“ „Doch dachte ich gerade in dieſem Augenblicke recht lebhaft, ja, ſchmerzlich an mein kleines Stübchen bei dir, lieber Papa Quinſcheidt; ſo traulich hell und freundlich war und iſt es doch nicht da drüben in dem alten Hauſe, obgleich Alles für mich geſchieht, um mir den Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen,— was ich oft nicht verſtehe und was mich ſchon in Verlegenheit gebracht, denn was ſoll ich dort, wenn ich nicht mitſchaffen und arbeiten darf?“ — —————— e. . 2 — Georg warf verſtohlen einen ernſten und düſtern Blick auf das junge Mädchen. „Aber man will bis jetzt nicht,“ fuhr dieſes fort,„daß ich mich um irgend etwas in der Haushaltung kümmere. Der alte Herr Nathan, wenn ich ihm davon ſpreche, reibt ſich lächelnd die Hände und ſagt: ‚„Laſſen Sie das nur gut ſein, mein liebes Kind, Sie haben ja noch das Gaſt⸗ hütlein auf und ſollten es, hoffe ich, recht lange nicht herabthun.: Herr Joſeph meint, erſt lernen und dann wirken, und gar die alte Haushälterin antwortete mir neulich: ‚Wo denken Sie hin, Fräulein Sophie, iſt ja in dem Hauſe für mich nichts zu thun! Seien Sie nur recht lieb, artig und freundlich mit den beiden Herrn, be⸗ ſonders mit Herrn Joſeph, und Sie werden es wie eine kleine Prinzeſſin bei uns haben.““ „Es iſt aber gegen alle meine Neigungen, nicht zu. arbeiten,“ gab ich ihr zur Antwort, und als ſie mich kopf⸗ ſchüttelnd von oben bis unten betrachtete, ſetzte ich hinzu: „nun ja, fragen Sie nur meinen Papa Quinſcheidt, ob ich nicht ſein Hausweſen ſchön in Ordnung gehalten.“ „Glaub's, glaub's,“ gab die alte Haushälterin zur Antwort,„aber wenn Sie das hier auch thäten, was ſollte man dann mit mir anfangen?“ „Sie iſt wahrſcheinlich eiferſüchtig und argwöhniſch,“ warf der junge Herr Streber ein. „O nein,“ ſagte Sophie,„denn ſie regiert eigentlich das ganze Haus und es geſchieht nichts, ohne daß die Anſicht der Madame Kegel gehört worden wäre.“ 97 „Vor der Hand aber,“ fuhr das junge Mädchen in einem ernſten Tone fort,„kann ich nichts thun, als den Beſtimmungen über mich zu gehorchen, ſind doch dieſe Beſtimmungen ſo, daß das einzige Kind reichſter Eltern es nicht beſſer wünſchen könnte; ich werde auch vollkommen als Kind des Hauſes betrachtet, und zwar als ein recht kleines Kind, denn Herr Joſeph erſuchte mich geſtern, ihm die Namen von Lehrern aufzuſchreiben, die ich vielleicht noch für verſchiedene Fächer wünſche, als Zeichnen, Sprachen, Muſik.“ „Das wäre dein Fall, Georg,“ ſagte der junge Streber, und der Profeſſor meinte lächelnd:„Wenn Sie auch noch an die edle Schreibkunſt denken wollen, ſo ver⸗ geſſen Sie mich nicht.“ „Im Zimmer der Kunigunde,“ murmelte der unver⸗ beſſerliche Sohn. „Und wie iſt eure Lebensweiſe?“ fragte Herr Quin⸗ ſcheidt. „Einfach und gut, dabei ſtreng nach der Uhr geregelt; wir frühſtücken zuſammen und dabei läßt man mich den einzigen kleinen Dienſt leiſten, daß ich den Thee zubereiten und die beiden alten Herren damit bedienen darf,— ich treibe recht viel Muſik, Georg,“ wandte ſie ſich an dieſen, und habe einen neuen prachtvollen Flügel im Hauſe gefunden; es wäre doch recht hübſch, wenn wir wieder vierhändig ſpielten.“ „Auf alle Fälle,“ ſagte der Major mit großer Ent⸗ ſchiedenheit—„und werde ich den Herren Schropps meinen 98 Beſuch machen und ihnen dabei ſagen, meine liebe Sophie, daß dein hübſches Talent ſich am beſten weiter ausbilden kann unter der Leitung deines bisherigen Lehrers.“ „Was ich zu unterlaſſen bitte,“ ſprach Georg in ſehr ernſtem Tone,„denn wenn es nöthig iſt, das zu ſagen, ſo kann ich es ohne Ueberhebung ſelbſt thun, muß ja ohnehin den Herren Gebrüdern Schropps ſchon als Aus⸗ druck tief gefühlter Dankbarkeit für ſo viele genoſſene Wohlthaten meinen ergebenſten Beſuch machen und kann dabei, wenn es ſich macht, das Angenehme mit dem Nütz⸗ lichen verbinden.“ Er hatte das in ſo ſcharfem, mißmuthigem Tone ge⸗ ſprochen, daß ihn das junge Mädchen erſtaunt anblickte, wobei ſich die allerdings kaum merkbare Spur eines ver⸗ kannten Zuges um ihre Lippen zeigte; doch ſenkte ſie leicht ihre langen Augenlider herab, als ſie erwiederte:„Dank verdienen ſie jedenfalls, aufrichtigen Dank aus vollem Herzen,— wenigſtens fühle ich ſo, denn ich kann es nicht ausdrücken, mit welch' herzlicher Liebe, mit welch' zarter Aufmerkſamkeit ich von den beiden Herren behandelt werde. Glaube übrigens nicht, Georg,“ fuhr ſie auf— blickend mit Lebhaftigkeit fort,„daß ich deßhalb nicht an frühere eben ſo glückliche Tage denke, und ſei verſichert, daß mir heute meine Kindheit wie ein entſchwundener ſüßer Traum erſcheint!“ „Das muß in dem alten Reckenberg'ſchen Hauſe ein recht ſtilles, etwas unheimliches Leben ſein,“ meinte nach einer kurzen Pauſe der junge Herr Streber,„und ich bin 99— überzeugt, wenn einer der Herren Schropps auf der Treppe nießt, hallt aus hundert Winkeln das Echo nach und ruft im Geſpenſtertone: ‚Zur Geneſung!“ Dießmal lachte Madame Streber nicht, trotzdem ſie ihr luſtiger Sohn herausfordernd anſchaute, ſie erhob vielmehr ihre Augenbrauen recht ernſthaft und ſagte, die dicken, fleiſchigen Hände mit den Stricknadeln ruhen laſſend:„Du weißt, daß ich darin keinen Spaß verſtehe, Emil.“ Und dieß war in der That ſo, denn wenn irgend etwas die ſonſt immer roſige Laune der guten Madame Streber zu trüben vermochte, ſo war es ſelbſt die geringſte An⸗ ſpielung auf irgend eine Geſpenſtergeſchichte oder Aehn⸗ liches, wozu man füglich das Antwort gebende Echo in einem ſtillen, öden Hauſe rechnen konnte. Doch ſagte trotz alledem der ruchloſe Sohn:„Was kann ich dafür, Mama, wenn es in alten Häuſern ſpukt! Hat dir der Papa nie erzählt von der ſpukenden Flanell⸗ hand im Hauſe der Reckenberg, die noch häufig an ſeiner Wange vorbei geſtrichen iſt, nachdem er die Kunigunde verlaſſen?“ „Pfui, Herr Streber,“ ſagte das junge Mädchen,„wie kann man nur ſo tolles Zeug reden, eine ſpukende Flanell⸗ hand, das iſt ein recht dummer Gedanke!“ „Dergleichen Erfindungen gehören zu ſeinem Hand⸗ werk,“ meinte Georg,„muß er doch täglich ſo und ſo viel gruſelige Geſchichten für ſein Journal liefern, und da die Selbſtmorde rar ſind, die Raubmörder ebenfalls ſelten, auch ein neues oder altes Haus nicht immer ſo ——öö ÿö— ———— . 5 —— — 100 freundlich iſt, einzuſtürzen, ſelbſt die Seeſchlange, die Dame mit dem Todtenkopf oder ähnliche Enten nicht mehr vor⸗ halten, ſo muß er ſich mit anderen Dingen helfen, als einem wüthend gewordenen Kanarienvogel, einem Kalb mit ſechs Füßen, einem entſprungenen Löwen, oder auch mit der Geſchichte einer ſpukenden Flanellhand.“ Der junge Streber lachte herzlich über dieſe Ausfälle, ſagte aber gleich darauf, ziemlich ernſt werdend:„Apropos, Georg, da wurde mir heute Morgen von befreundeter Hand eine wundervolle Geſchichte zugeſteckt, die zu ver⸗ werthen ſein wird; du weißt, ich habe meine geheime Polizei, die mich trefflich bedient, und wenn es mich auch manche Stunde ſüßen Morgenſchlummers koſtet, während du noch von wunderbaren Compoſitionen träumſt, ſo habe ich doch nächtliche Vorfälle aus erſter Hand und kann häufig noch in die Morgenausgabe unſeres Journals bringen, was paſſirt oder nicht paſſirt iſt.“- „Und Letzteres widerrufſt du gemüthlich am andern Tage und füllſt damit zweimal deine Spalten.“ „Gewiß, und habe dabei für das Gruſeln meiner Leſer geſorgt.“ „Nur nichts Gruſeliges, Emil,“ bat Madame Streber, „du weißt, daß ich ſo etwas nicht ausſtehen kann.“ „Sei ruhig, Mama, es kommen keine ſpukenden Flanellhände oder ſonſtige Geſpenſter darin vor; es handelt ſich nur um einen hübſchen kleinen Mord.“ „Gerechter Gott, wie biſt du bei deinem Geſchäft ver⸗ wildert, Emil!— So etwas nennt er klein und hübſch.“ — ———“ — 101 „Beruhigen Sie ſich, verehrte Frau,“ beſchwichtigte der Major,„es wird wieder eine kleine, harmloſe Er⸗ findung ſein.“ „Diesmal nicht,— ich habe es aus beſter Quelle. In vergangener Nacht alſo— es war ziemlich lange nach Mitternacht,“ erzählte der Berichterſtatter in hohlem Tone,„am Himmel flammten Blitze, die dicke nächtliche Finſterniß durchſchneidend, der Donner krachte und murrte, Regen und Wind peitſchten die Bäume, alſo ein Wetter wie gemacht zu jeder Unthat; da bewegte ſich vom Fluſſe herauf drüben beim Promenadenthor ein Zug von vier Männern, die unter ſchwarzer Verhüllung mit wanken⸗ den Schritten eine ſchwere Laſt auf ihren Schultern trugen.“ „Dummes Zeug,“ ſagte Georg aufwärts blickend, als halte er es nicht der Mühe werth, dem Sprecher zuzu⸗ hören oder ihn gar anzuſehen;„du wirſt doch deine Leſer nicht mit ſolchem Zeug incommodiren, harmloſe Nacht⸗ ſchwärmer, die ſich vielleicht einen Spaß gemacht,— oder thuſt du es, wie ich ſoeben ſchon geſagt, um den anderen Tag widerrufen zu können?“ „Da hat ſich nichts zu widerrufen, es iſt das ein ſchönes, klares Faktum. Nein, ich thue es, weil es inter⸗ eſſant iſt, wie Ihr ſogleich hören werdet, auch weil es Pflicht einer guten Preſſe iſt, zur Aufklärung verdächtiger Geſchichten beizutragen; man ſpricht darüber, man com⸗ binirt, man erinnert ſich dies oder das, was dazu paßt, Einer ergänzt den Andern, und ſo—“ Hackländer, Kainszeichen. II. 8 ——— 4. ———— ——— — 102 „Entſtehen die Lügengewebe.“ „Zuweilen,— aber häufig wirkt dergleichen auch wie jene immer wiederkehrenden Blutflecken, worauf man end⸗ lich aufmerkſam wird und ſie der Nachſpürung werth hält. So iſt ſchon manches an den Tag gekommen, was ohne die allgemeine Beſprechung verſchwiegen geblieben wäre.“ „Oder man hat irgend einen Verdacht auf ganz harm⸗ loſe Perſonen geworfen.“ „Laß ihn doch erzählen, Georg,“ ſagte der Major, „ich muß ſchon geſtehen, daß vier Perſonen, die nächtlich bei ſolchem Gewitter, wankend eine ſchwere Laſt auf ihren Schultern tragen, wohl im Stande ſind, unſere Neugierde zu erregen.“ „Das meine ich auch,“ fuhr der Erzähler fort, und er nahm ſeinen ernſten, hohlen Ton wieder an, vielleicht um Georg ein Bischen zu ärgern, der ſich mißmuthig zu ſeiner Nachbarin gewandt und eine leiſe Frage an ſie ge⸗ richtet hatte, ohne dabei jedoch ein Wort von dem Fol⸗ genden zu verlieren. „Vom Fluſſe herauf ſchritten ſie alſo wankend unter ihrer Laſt, wandten ſich von der Stadt links bis an das Gitterthor eines der dort befindlichen Gärten, wo ſie von einem Manne mit einer Laterne erwartet wurden. ‚Bringt Ihr ſie endlich?“ fragte der alte Mann, worauf einer der Träger, wahrſcheinlich die Hauptperſon bei dieſem ſchauer⸗ lichen Drama, kopfnickend antwortete: ‚Ja, wir bringen ſie und Alles iſt vorüber.““ — 103— Hier wandte Georg raſch ſeinen Kopf gegen den Sprecher, welcher ſich aber durch eine haſtige Abwehrung mit der Hand jede Einrede verbitten zu wollen ſchien und dann fortfuhr:„Dieſe Hauptperſon, ein äußerſt verdächtig ausſehender Kerl, hatte den Rock ausgezogen und befand ſich in Hemdärmeln, wahrſcheinlich, weil er es war, der das Schlimmſte gethan, denn darnach habe ihm der Kerl auch ausgeſehen, verſicherte meine Quelle, und es ſei ihr nie ein häßlicheres, confiscirteres Geſicht vorgekommen. Dann ſchloß ſich die Gartenthüre hinter Allen und ſie ſchritten einem einſam ſtehenden Gartenhauſe zu, wohinein ſie ihre unheimliche Laſt brachten, was am ſicherſten da⸗ durch zu beweiſen iſt, daß drei der Träger in einer guten Viertelſtunde den Garten wieder verließen, um ſcheu und eilig bei der beginnenden Morgendämmerung zu verſchwin⸗ den; die Hauptperſon aber, jener Kerl in Hemdärmeln, ſei nicht mehr zurückgekommen, vielmehr in das Wohnhaus gegangen, zu welchem der Garten gehört, wahrſcheinlich, um dort ſeinen blutigen Lohn zu erhalten,— und nun will ich von Euch entſcheiden laſſen,“ ſchloß der Erzähler, um ſich blickend,„ob das nicht eine unheimliche, höchſt verdächtige Geſchichte iſt?“ Alle, mit Ausnahme Georgs waren vollkommen dieſer Anſicht, doch ſchien auch dieſer auf jede Einrede verzichtet, ja dem Schluß der Geſchichte keine weitere Aufmerkſamkeit geſchenkt zu haben; als aber der Profeſſor, gegen ſeinen Sohn gewandt, die Frage that:„Hat dir denn deine zuverläſſige Quelle nicht ſagen können, wem der Garten —— ———— —— — ——— 4 — 104— gehört, wo ſich dieſe myſtiſche Geſchichte begeben?“ erhob ſich Georg ſo raſch, ſo energiſch und mit ſolcher Entſchie⸗ denheit gegen den jungen Berichterſtatter, daß dieſer ver⸗ blüfft aufſchaute, beſonders als jener in ſcharfem und be⸗ ſtimmtem Tone ſagte:„Alles hat ſeine Grenzen, Emil, und wenn es dir ein unbegreifliches Vergnügen macht, durch deine phantaſiereiche Erzählung einiges Gruſeln er⸗ regt zu haben, ſo begnüge dich mit dieſem Effekte und bedenke, daß jedes Wort weiter eine Taktloſigkeit iſt, ja ein großes, vielleicht nie wieder gut zu machendes Un⸗ recht.“ „Danke für die Lektion, mein Lieber,“ entgegnete der Andere, nachdem er ein paar Sekunden hatte vorbeigehen laſſen, um ſich von ſeinem wohl gerechtfertigten Staunen zu erholen,„geſtatte mir aber, dir zu ſagen, daß ich das durchaus nicht verſtehe. Wenn in der Nennung des Na⸗ mens der Gartenbeſitzerin, den ich trotz deiner Einrede ſagen werde,— er betonte das Werde ſo ſtark als mög⸗ lich,— eine Anklage liegt, ſo bin ich ebenſowenig ver⸗ pflichtet, das zu unterlaſſen, als ich die Urſache jener Anklage bin.“ „Nun, nun,“ ſprach begütigend der Profeſſor,„dar⸗ über braucht Ihr eigentlich keinen Streit anzufangen, und wenn Georg den Namen nicht genannt haben will, ſo kannſt du ihn ja verſchweigen, ich bin nicht beſonders neugierig darauf.“ „Das verſtehe ich nicht recht,“ meinte der Major, „was kann ihm an jenem Namen liegen?“ 1 4 — 105— „Liegt dir etwas daran?“ fragte Sophie. „Nur inſofern,“ gab Georg nach einer kleinen Pauſe mit finſterem Blicke zur Antwort,„als man dadurch eine Verdächtigung ausſpricht, die durch nichts bewieſen iſt und auch gewiß nicht bewieſen werden kann, da wahrſcheinlich auch nicht die Spur irgend einer Schuld vorliegt.“ „Nun alſo,“ ſagte der junge Herr Streber,„iſt es ja Chriſtenpflicht, der Geſchichte die größtmögliche Verbrei⸗ tung zu geben, um eine Aufklärung im Intereſſe der Be⸗ treffenden zu veranlaſſen,— der Garten, von dem die Rede iſt, gehört der Madame Bendel, der Wittwe des vor Jahren verſtorbenen Banquiers.“ „Ah— der!“ ſprach der Profeſſor mit einem leichten Kopfſchütteln, und der Major fügte in einem bedeutſamen Tone bei:„So, ſo— ei, ei!“ „Da ſiehſt du's nun,“ rief Georg heftig,„wie deine giftige Saat ſchon hier auf fruchtbaren Boden gefallen iſt, und ſollte es mich gar nicht wundern, wenn einer von Euch hinzuſetzte, daß man von dieſer Frau ſchon etwas Schlimmes erwarten könne!“ Madame Streber hatte ſchon längſt ihre Stricknadeln ruhen laſſen und blickte die Anweſenden der Reihe nach fragend an, wobei ſie übrigens ausnahmsweiſe keine Spur von Lächeln auf ihrem breiten Geſichte zeigte,—„das iſt ja wohl dieſelbe Bendel, von der man behauptet, ſie habe ihren Mann vergiftet?“ „Wovon jedoch auch nicht das Geringſte erwieſen iſt,“ erwiederte der Major,„Niemand kann das beſſer wiſſen, als ich, der dieſe allerdings geheimnißvolle Geſchichte in — 106— nächſter Nähe erlebt hat und wohl im Stande war, das Für und Wider abzuwägen.“ „Doch iſt dieſer Frau ein recht übler Ruf geblieben,“ meinte der Profeſſor,„was habe ich damals in meinen vertraulichen Sitzungen nicht alles darüber gehört! Und wenn man auch, wie Quinſcheidt ſagt, durch Nichts be⸗ rechtigt iſt, dieſe ſchwerſte Anklage auf dieſe Frau zu wäl⸗ zen, ſo hat ſie doch durch zweideutige Verbindungen Ur⸗ ſache genug zu üblen Nachreden gegeben; hieß es doch, ſie habe ein Verhältniß unterhalten und dieſes Verhältniß hätte bei jener Kataſtrophe eine Rolle geſpielt.“ „Das iſt nicht zu läugnen,“ entſchied der Major,„und du ſelbſt, Georg, wirſt dich erinnern, was du mir da⸗ mals, ein junger, unbefangener, vorurtheilsfreier Burſche, erzählt.“ „Nun, was ich geſehen, läßt allerdings eben ſo gut ſchlimme als auch harmloſe Auslegungen zu, jedenfalls liegt an und für ſich nichts Verbrecheriſches darin, von einem guten Freunde, einem Bekannten, wohl gar einem Verwandten am hellen Tage an der Gartenthüre Abſchied zu nehmen.“ Sophie blickte fragend auf und ſagte dann, gedanken⸗ voll in die Ferne ſchauend:„Ach, das war damals, als wir beide in jenen ſchönen Garten gingen? Auch ich er⸗ innere mich gut daran: die Dame ſtand in ihrem weißen Kleide unter der Thüre und nahm von einem Manne Abſchied, der dann hinter dem großen Baum verſchwand, wo wir eben her kamen.“ 8 — 106— „So erzählte mir auch Georg damals; ich muß ge⸗ ſtehen, daß es mich intereſſirte, und ließ mir jenen Mann beſchreiben. Danach war er ziemlich groß und ſtark, hatte ein feines Geſicht, hellblondes Haar und einen röthlichen Bart,— nicht wahr, Georg?“ „Oh, Letzteres weiß ich ganz genau,“ rief das junge Mädchen,„denn ehe er unter den Schatten des Baumes trat, wurde ſein Geſicht von einem Sonnenſtrahl getroffen, und da leuchtete ſein Bart wie Feuer,— darauf gingen wir in den Garten und fanden dort die Dame mit dem weißen Kleide wieder, dann kam ein kleines, kränklich ausſehendes Mädchen und ein alter Herr, der ſehr freund⸗ lich war.“. Georg nickte beiſtimmend, als ihn Sophie fragend an⸗ ſchaute, ſchien aber nicht weiter an das Vorgefallene zu denken, denn ſeine Mienen hatten ſich erheitert und er nahm ſich eine Cigarre aus dem Etui des Berichterſtatters, welches ihm dieſer bereitwillig hinſchob, zündete ſie an und lud dann Sophie zu einem kleinen Spazirgange durch den Garten ein. Doch hatten Beide die Laube noch nicht verlaſſen, als ſich an der Gartenthüre, welche auf die Straße führte, die Geſtalt eines Herrn zeigte, welcher offen⸗ bar zu den genauen Bekannten des Hauſes gehörte, denn ſchon von Weitem winkte er mit ſeinem Hute, den er der Hitze wegen abgenommen hatte, und rief näher kommend: „Ah, da finde ich ja die ganze Freundſchaft und Ver⸗ wandtſchaft hübſch bei einander! Guten Morgen, Alle zuſammen!“ ——— 4 3 ———— — 198— Dieſer Herr bot eine etwas eigenthümliche Erſcheinung; ſeine breite Geſtalt, die durch ein auffallendes Schlenkern mit den Armen und einem breitſpurigen Gange, wobei die Kniee eine leichte Neigung zum Einknicken zeigten, nicht an Zierlichkeit gewann, ſchien dieſen Mangel auf andere Art durch eine ziemlich auffallende Kleidung aus⸗ gleichen zu wollen, ohne zu einem befriedigenden Reſultate zu gelangen, da die plumpen, gemeinen Züge des Geſichtes jedem Verſchönerungsverſuche Hohn ſprachen und ſelbſt die hohen, ſteifen Vatermörder, welche obendrein die freie Be⸗ wegung des Kopfes hinderten, als einen gänzlich miß⸗ lungenen Verſuch dazu erſcheinen ließen. Der Herr trug dunkle Beinkleider, einen braunen Rock, welcher entweder ſchlecht gemacht war oder ſich vergeblich bemühte, eine be⸗ deutende Erhöhung der rechten Schulter zu verbergen, und trotz der Sommerhitze eine blau ſchillernde Sammtweſte, auf welcher ſich eine ſchwere goldene Kette breit machte. Der ziemlich kahle Schädel wurde auf künſtliche Art von dem langen, ſcharf herüber gekämmten Haare ſeines Hinterkopfes bedeckt und ſtrebte dieſes Haar vorn über der Stirn in Geſtalt eines breiten Pfropfenziehers aufwärts, deſſen zierlichen Wendungen er häufig mit der Hand nach⸗ zuhelfen ſich bemühte. Georg ſchaute dieſer Figur, welche ſich mit allen Zeichen der Vertraulichkeit näherte, etwas befremdet in's Geſicht, und blickte ſie dann mit jenem Mißbehagen an, das uns leicht befällt, wenn ſich eine uns gänzlich unbekannte Per⸗ ſönlichkeit mit dem gewiſſen cordialen Lächeln vor uns hinpflanzt, welches ſagen will: betrachte mich nur genau, du wirſt die alten, bekannten Züge ſogleich wieder finden, und dann nicht ſäumen, in meine Arme zu fliegen. Der Angekommene machte der jungen Dame neben Georg eine tiefe Verbeugung und ſtreckte dann ſeine beiden Hände unter dem Ausrufe von ſich:„Ich will doch ein⸗ mal ſehen, ob du dich meiner nicht ſogleich erinnerſt!“ Dabei machten ſeine Finger eine eigenthümlich zuckende Bewegung. Er neigte den Kopf etwas auf die linke Seite und ließ dieſe gleiche Bewegung eine tiefrothe Nelke machen, die er bis jetzt im Mundwinkel behalten. Sophie hatte mit hoch erhobenem Kopfe in raſchem Schritt die Laube verlaſſen und Georg würde gefolgt ſein, wenn der Angekommene ſich nicht ſo breit als möglich vor ihn hingepflanzt hätte. Doch zuckte der junge Muſiker auffallend hoch die Achſeln, und da er zu gleicher Zeit eine gerade nicht theil⸗ nahmsloſe, ſondern finſtere Stirne machte, ſo beeilte ſich der Major, das Wiedererkennen dadurch zu beſchleunigen, daß er ausrief:„Den da kannſt du freilich in ſo gänzlich veränderter Geſtalt nicht wieder erkennen, obgleich du ihn in deiner Jugend täglich geſehen!“ „Ja, und manchen Apfel und manche Birne von ihm erhalten, mitunter auch wohl eine Kopfnuß,“ lachte der Herr in der blauen Sammtweſte,„kennſt du denn wahr⸗ haftig den guten Kniegel nicht mehr?“ „Kniegel?“ „Ja, Kniegel, der dir manchen Strick geſchenkt, um —— ———* . 5 n ———;; ——ö——— — 4710— einen Drachen ſteigen zu laſſen. Kniegel, der Seilermeiſter, der durch Verſtand und Ausdauer ſein Glück ſelbſt ge⸗ ſponnen, wie du wohl an mir ſehen wirſt.“ Bei dieſen Worten ließ er ſeine goldene Kette leicht durch die Finger gleiten und ſetzte dann gegen den Major gewandt hinzu: „Wie die heutige Jugend ſo gar vergeßlich iſt!“ „Das iſt verzeihlich bei ſolch' glänzender Umwandlung,“ ſagte nun Georg, lachend das wohlhabende Aeußere des ehemaligen Seilermeiſters betrachtend. „Jetzt wohlgeſtellter Wechſelagent und ein gemachter Mann,“ ſtellte der Herr Major ihn ſeinem Sohne mit einer würdevollen Handbewegung vor. „Ja, wir haben unſeren Weg gemacht und machen ihn noch,“ lachte Herr Kniegel, ſeine Hände zuſammen⸗ ſchlagend,„und auch du biſt, wie ich höre, ein bedeutender junger Herr geworden, machſt wirkliche und geſchriebene Muſik. Schade, daß meine Beine zu ſteif ſind, ſonſt würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, nach einem von deinen Hopſern oder Galopaden zu tanzen.— Nun, mich freut's, und wenn ich dir irgendwo dienen kann, ſo werde ich mich finden laſſen.“ Er ſchlug bei den letzten Worten an ſeine klingende Hoſentaſche und reichte der Madame Streber die Hand, ſo wie auch dem Herrn Profeſſor, der ihn hierauf freund⸗ lich einlud, Platz zu nehmen, und eine Taſſe allerdings kalt gewordenen Kaffee's zu genießen. Doch ſagte Herr Kniegel:„Danke für Alles,— ſogar für kalt gewordenen Kaffee, oder ſoll ich abſolut noch ſchöner und gefährlicher — 141 werden?“ Er richtete dieſe Worte mit einer zierlichen Ver⸗ beugung direkt an Madame Streber, was bei der guten Frau einen ſo ſtarken Lachanfall hervorrief, daß ſie ihr Schnupftuch hervorholte und ſich damit die thränenden Augen wiſchte.„Nein, nein, ich kam nur in aller Ge⸗ ſchwindigkeit vorbei und wollte nicht verſäumen, allerſeits einen Guten Morgen zu ſagen, ſo wie meinen kleinen Georg von damals zu ſehen;— weißt du auch noch,“ wandte er ſich lachend an dieſen,„daß du verſucht, mir die Anfangsgründe des Schreibens beizubringen vermittels der alten Schiefertafel, auf welcher ich indeſſen ganz ſträf⸗ lich ſchlechte Hahnenfüße machte?“ „O ja, ich erinnere mich und muß Ihnen mein Compliment machen, daß Sie ſich trotzdem in eine Stel⸗ lung emporgearbeitet, wo doch wohl gutes Schreiben und Rechnen zu den Haupterforderniſſen gehören.“ Herr Kniegel drehte ſanft an ſeiner ſpiralförmigen Haarlocke, ehe er mit einem breiten Lächeln, das aber wie ein Grinſen ausſah, zur Antwort gab:„Die Hauptſache, mein lieber Georg, iſt der Kopf, und darin hat es mir nie gefehlt, wenn auch die Finger ſo widerſpenſtig wie möglich blieben; vom Kopfrechnen wirſt du gewiß gehört haben, vom Kopfſchreiben aber wahrſcheinlich nie.“ „In der That, das iſt für mich eine ganz unbekannte Wiſſenſchaft.“ „Ja, ſiehſt du, ich rechne nicht nur mit dem Kopfe, ſondern ich ſchreibe auch damit; es iſt das gerade, wie die Leute,— wie heißen ſie doch!— Minustechniker glaube ————ͤͤͤIͤͤIͤIſö——— ———— r.. ich, die nicht nur ganze Bücher in ihr Gehirn ſchreiben und ſo auswendig behalten, ſondern die auch die längſten Zahlenreihen in ihrem Kopfe addiren und nach Belieben vor⸗ und rückwärts herſagen; gerade ſo mache ich es auch, und wenn es dich intereſſirt, die Courszettel von vorgeſtern, geſtern und heute früh anzuhören, ſo kann ich dir damit aufwarten!“ „Das iſt allerdings ein erſtaunliches Talent,“ er⸗ wiederte Georg, den der komiſche Kauz zu intereſſiren begann. „Er iſt einzig in ſeiner Art,“ bemerkte der Profeſſor, „und ich glaube, wenn ihm jetzt Jemand die ſchönſte Handſchrift eintrichtern könnte, er würde ſich dafür be⸗ danken, denn wie er ſein Geſchäft betreibt, iſt er ein Uni⸗ cum unter allen Wechſelagenten.“ „Ein Geſchäftsmann, der ſich nie verſchreibt und nie falſch rechnet,“ beſtätigte Herr Kniegel, ſich in die Bruſt werfend,„und dabei eine Vertrauensperſon wie keine; ich kann mein Notizbuch mit erhaltenen Aufträgen nie ver⸗ lieren, weßhalb man bei mir auch nie in Gefahr iſt, daß ich unabſichtlich ein Geſchäft verrathe; auch brauche ich keine Zeit, meine Commiſſionen abzuleſen oder zu notiren, und geht das bei mir immer Schlag auf Schlag, ein Wort, ein Mann,— ‚Herr Kniegel,“ ſagt einer meiner Kunden, ‚was können Sie gebrauchen?—„Das, das, das und das:— oder, ‚Herr Kniegel, wie können Sie uns dieſes oder jenes Papierchen erlaſſen??— ‚So und ſo,— und dabei machen ſich die Herren oft das Ver⸗ 412 —-— 113— gnügen, mich am anderen Tage zum Scherz um ein Achtelchen irre führen zu wollen, gelingt aber nie und müſſen ſie ſtets mit ihren geſchriebenen Notizen heraus⸗ rücken, um alsdann mit Bewunderung zu ſagen: ‚Herr Kniegel, Ihr Gedächtniß iſt erſtaunlich, Herr Kniegel, Sie ſind ein Genie,— und als ein ſolches bin ich überall gern geſehen, und wo der Kniegel keine Geſchäfte macht, da macht kein Menſch welche.— Doch jetzt behüte Euch der Himmel mit einander, ich habe heute Morgen viel zu laufen, denn die Papierchen zeigen eine Neigung zum Aufwärtsklettern, wie der Laubfroſch im Glaſe, und man muß vom guten Wetter profitiren, werthe Madame Streber; wenn Sie ja wieder einmal etwas kaufen wollen, nur keine Ansbach⸗Gunzenhauſer, wie damals, ohne meinen Rath, denn ſie tragen keine Zinſen, und ich habe noch niemals den Namen irgend Jemandes erfahren können, der dort gewonnen.“ Damit eilte Herr Kniegel, ſo raſch wie er gekommen, zum Garten wieder hinaus, wobei er mit den einknicken⸗ den Beinen ausſah, als wanke er unter der Laſt eines ſchwer beladenen Schiebkarrens. Sophie kam aus dem Garten zurück; ſie hatte einen leichten Shawl um die Schultern und ihren Strohhut aufgeſetzt. „Du gehſt ſchon fort?“ fragte Georg. „Ja, mein Urlaub iſt zu Ende, und ſie haben es nicht gern, wenn ich lange ausbleibe.“ „Das begreife ich wohl,“ antwortete er, die Augen⸗ —— ———jy— 8 4 2 4 114— brauen leicht ſenkend,„ſoll oder darf ich dich bis an das Haus begleiten?“ „Lieber nicht, Georg, doch hoffe ich, daß du uns bald beſuchen wirſt.“ Er verbeugte ſich und blieb unter dem Eingange der Laube ſtehen, nachdem er etwas förmlich Abſchied genom⸗ men von dem jungen Mädchen, das alsdann von Madame Streber, dem Herrn Major, dem ſich ſelbſt der Profeſſor anſchloß, bis auf die Straße geleitet wurde. Der junge Herr Streber ſagte, ihr nachblickend:„Das iſt jetzt ſchon ganz Prinzeſſin, wie ſie es als Kind ge⸗ wünſcht, und wird es immer mehr werden; vor der Hand noch Prinzeſſin im Märchen, bei zwei alten Drachen, die auf unermeßlichen Schätzen ruhen, und welche, die Schätze nämlich, das Feenkind eines Tages mit vollen Händen ausſtreuen wird— denk' an mich— hoffentlich fällt dann auch für uns etwas ab,— denn gutmüthig ſind ſie alle, ſagt, glaube ich, ein gewiſſer Schiller.“ „Pfui über dein loſes Maul!— Sprich nicht ſo, du denkſt ja doch anders, nimm überhaupt einmal Vernunft an und trenne den Berichterſtatter vom Menſchen, oder noch beſſer, laß deinen guten Menſchen zuweilen auf den ſchlimmen Berichterſtatter einwirken.“ „Was iſt mit dieſem Räthſelwort gemeint?“ „Setze nicht anderer Leute guten Namen leichtſinnig auf's Spiel, um einen ſchlechten Witz oder einen noch ſchlechteren Bericht zu machen.“ „A— a— a-—ah, du kommſt auf die alte Fährte zurück!“ — 115— „Ja, und ich bitte dich, mir in dieſer Richtung einen Gefallen zu thun.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe; umſonſt ſchwoll dir vorhin nicht die Ader auf der Stirn und bitter blitzten deine Blicke,— eine ſchöne Alteration,— umſonſt lancirteſt du mir nicht ein paar ſcharfe Bemerkungen! Wie hätte ich ahnen können, daß du dich für meine ſchöne Ver⸗ brecherin intereſſirſt!“ „Nun ja, ich intereſſire mich für ſie.“ „Für die immerhin noch hübſche Wittwe,— Freund, ſie iſt zu alt für dich, oder vielleicht für ihre Tochter, die⸗ ſen zarten, ſchwermüthigen Mondſchein?“ „Vielleicht für letztere,— doch kann dir das ja gleich⸗ gültig ſein, und mein Intereſſe iſt ſo groß, daß ich dich bei unſerer Freundſchaft— dringend bitten muß, jenen Garten nicht näher zu bezeichnen, noch viel weniger aber den Namen jener Dame zu ſagen oder auch nur errathen zu laſſen— wenn du überhaupt nicht geſonnen biſt, dei⸗ nen ganzen Bericht, der auf falſchen Thatſachen beruht, bei dir zu behalten.“ „Damit du ſiehſt, wie bereit ich bin, dir zu dienen, will ich ſogleich die nöthigen Schritte thun,“ entgegnete Herr Streber, indem er raſch aufſprang und ſeinen Stroh⸗ hut vom Boden aufnahm. „Wohin denn?“ „Nun, in die Druckerei, wo mein Artikel, der am früheſten Morgen geſchrieben wurde, gerade geſetzt wird.“ — 116 „Wenn es zu ſpät wäre?“ fragte Georg in beſorg⸗ tem Tone. „Ich glaube kaum, dir zu Liebe werde ich ein paar Zeilen heraus werfen und andere einfügen laſſen, in denen ſtatt vom Promenadenthor vielleicht vom alten Wallthor die Rede iſt; das kommt bei einem Neuigkeitsartikel ſo genau nicht darauf an.“ „Nimm meinen beſten Dank dafür!“ 4160— Tünftes Kapitel. Enthält eine ärztliche Conſultation von Wichtigkeit für die Be⸗ treffenden ſo wie auch für den geneigten Leſer. Im Hauſe der Madame Bendel war der Uebergang von der Morgendämmerung in den ſonnenhellen Tag trotz des in jeder Hinſicht verzogenen Gewitters recht unbehag⸗ lich geweſen. Die geängſtigte Mutter weilte am Halſe der Tochter, aus deren weit offenſtehenden, ſtarr blickenden Augen ſich auch hier und da ein paar Thränentropfen ſtahlen. Auf der Treppe ſaß das Stubenmädchen und weinte, der alte Diener in der Küche blickte ſo lange in das lodernde Herdfeuer, bis ihn die Augen ſchmerzten, während die Beherrſcherin dieſes Departements ihre Kaffee⸗ mühle mit einer Beharrlichkeit und Energie bearbeitete, woraus man deutlich erſah, daß auch ihre Seele von etwas Anderem bewegt war, als die unſchuldigen Bohnen zu zermalmen. „Und ich behaupte es und bleibe dabei,“ ſagte ſie, während einer kleinen Pauſe die Augen mit dem Aermel wiſchend,„es iſt alles Unſinn, was die da oben geſchwatzt, und ich weiß es beſſer und das Fräulein hat Liebeskum⸗ mer,— oh, mir macht Niemand nichts weis, wenn man Liebeskummer hat, läuft man des Nachts gern im wilden Wetter her und vertraut es den Bäumen an und ſpricht es hinauf in die Wolken: Freudvoll und leidvoll, Gedanken ſind frei. Hackländer, Kainszeichen. II. 9 —-— ——— ————y—— . 1——- “ 14418— „Ja wohl, Jungfer Chriſtine,“ antwortete der alte Diener in trockenem Tone,„Gedanken ſind frei, und deß⸗ halb kann Sie auch reden, was Sie mag;“ damit ging er zur Küche hinaus. „Ja, Liebeskummer— Liebeskummer,“ fuhr die Köchin kopfnickend fort, während ſie eifriger die Kaffeemühle raſ⸗ ſeln ließ,„Liebeskummer, und was für einer! Ein recht verzweifelter, denn entweder liebt das Fräulein einen ganz gewöhnlichen Kerl oder einen Prinzen, alſo in jedem Falle hoffnungslos, und hoffnungslos lieben iſt erſchrecklich.“ Damit ſtellte ſie ihre Kaffeemühle auf den Tiſch und brachte ihren Schmerz durch hervorquellende Thränen zur richtigen Geltung. Selbſt die breitäſtigen Bäume vor dem Hauſe, lebloſe Gegenſtände, ſchienen mit ihr den eigenen Schmerz oder den des Hauſes zu empfinden. Denn die erſteren ließen unter einem leichten Morgenwinde von den naſſen Blät⸗ tern ebenfalls ſchwere Tropfen fallen und eine marmorne Flora ſchien kummervoll ihr Blumenkörbchen zu betrachten, denn an ihrer Naſe ſchlich ſich eine Thräne um die an⸗ dere herab; ja, wenn es in der Mitternachtsſtunde geweſen wäre, ſo hätte man ſie wahrſcheinlich ſchluchzen gehört. Das einzige Weſen, welches vor und in dem Hauſe, unten und oben, anſcheinend theilnahmlos blieb oder dieſe Theilnahme wenigſtens auf eine eigenthümliche Art kund gab, war die Kanzleidirektorin, die ſich droben im Zimmer auf einen Stuhl niedergelaſſen hatte und nun da ſaß, aufrecht, ſtarr und ſtumm, im Zwielichte einem ſteinernen — 119— Götzenbilde vergleichbar, das ruhig und gefühllos dem Treiben der thörichten Menſchenkinder zuſchaut und das alsdann, vom erſten Sonnenſtrahl getroffen, zur Marmor⸗ ſäule wurde, um nicht einen, ſondern mehrere Töne von ſich zu geben, welche an einander gereiht ungefähr laute⸗ ten, daß es jetzt wohl genug ſei an dieſer lächerlichen Ko⸗ mödie und daß ſie nach einer geopferten Nacht nicht gehofft habe, es noch mit anſehen und anhören zu müſſen, wie eine ſchwache Mutter eine eigenſinnige Tochter noch oben⸗ drein förmlich um Verzeihung bäte. „Ja, Mamſell— um Verzeihung bäte— das kam zu meiner Zeit in anſtändigen Familien nicht vor, und wenn wir uns, unterſtanden hätten, in Folge ſolcher lächer⸗ licher, überſpannter Ideen nächtlicher Weiſe Promenade zu machen, ſo würde wohl der Empfang unſerer Mutter ein ganz anderer geweſen ſein.“ Eliſe gab hierauf keine Antwort, ſie ſandte nur einen düſteren Blick nach der Sprecherin und zog ihre Hände aus denen der Mutter. „Das ſind alles Dinge,“ fuhr Madame Schwebeling in ihrer rückſichtsloſen Art fort,„die eine achtbare Familie nur noch mehr auf gehäſſige Art in der Leute Mäuler bringen, was uns überhaupt noch fehlt,“ ſetzte ſie in ironiſch ſein ſollendem Tone hinzu;„denn wir, eine höchſt achtbare Familie, haben wohl noch nicht genug gelitten durch gewiſſe Verbindungen und die daraus entſprungenen höchſt unangenehmen Begebenheiten.“ „Aber Friederike, das gehört doch wohl jetzt nicht ———— —— ͤ —— 120— hieher,“ erwiederte Madame Bendel in einem bittenden, beſchwichtigenden Tone. „Jetzt und immer,“ fuhr die Kanzleidirektorin ſtrenger fort,„es muß da einmal mit deiner Fräulein Tochter reine Bahn gemacht werden! Ich habe es ſatt, jenes düſtere Weſen, jenes Abwenden und Achſelzucken, das ich ſchon oft an ihr bemerkt, wenn frühere Geſchichten zur Sprache kamen, und es iſt mir ganz recht, daß Mamſell Eliſe es gründlich erfahren, auf welch' rückſichtsloſe Art ihr verſtorbener Herr Vater an unſerer achtbaren Familie gehandelt.“ „Ja, ich habe Manches darüber erfahren, Tante Schwebeling,“ ſagte das junge Mädchen mit einer eiſig kalten Stimme. „Treibe nur keine Heuchelei mit deiner Tante Schwe⸗ beling, die iſt zu geſcheidt und zu gut dazu,“ entgegnete die Betreffende,„ja, es iſt mir lieb, daß du Manches erfahren, Manches, was wohl im Stande iſt, deinen prin⸗ zeßlichen Hochmuth zu dämpfen.“ „Ich war nie hochmüthig.“ „O doch, gegen unſere ganze Familie, ſogar gegen deine arme Mutter, die wohl verdient hätte, ein liebevolles Kind zu beſitzen.“ „Ich habe meine Mutter ſtets geliebt,— ich liebe ſie heute noch mehr, und wenn ich Manches erduldet, Manches gelitten, ſo habe ich es aus Liebe zu meiner Mutter gern gethan und werde es ſtets aus dem gleichen Grunde thun.“ „Für eine ſolche Liebe würde ich mich bedanken, wir 121— Alle ſind in deinen Augen Bettelleute, denen du die Al⸗ moſen deiner Liebe ſpendeſt, und das iſt unerträglich.“ „Darin mögen Sie Recht haben, Tante,“ erwiederte das junge Mädchen, vor ſich auf den Boden blickend, wobei ſie durch nichts eine Erregtheit kund gab, als viel⸗ leicht nur durch ein haſtiges Athemholen—„das heißt,“ fuhr ſie in einer kleinen Pauſe fort,„es iſt Ihnen das viel⸗ leicht nur ſo erſchienen, obgleich ich es anders gemeint,— woher ſollte ich auch das Kapital nehmen, um Almoſen der Ljebe zu ſpenden? Ich habe nichts dergleichen. Liebe und Vertrauen ſind unzertrennlich! Und wo das letztere fehlt, hört auch die erſtere auf. Hat man mir je Ver⸗ trauen geſchenkt?“ ſetzte ſie nach einem augenblicklichen Stillſchweigen hinzu, währenddem ihre haſtigen Athemzüge wie ein leiſes Aufſchluchzen klangen,—„hat man es je der Mühe werth gehalten, mir zu ſagen, warum in früheren Zeiten Kinder meines Alters ſcheu auf die Seite blickten oder verlegen wurden, wo ich mich zu ihnen geſellte? Hat man mich je darüber aufgeklärt, weßhalb junge, erwachſene Mädchen meines Alters nur widerſtrebend meine Geſell⸗ ſchaft duldeten, kalt und lieblos gegen mich waren, ob⸗ gleich ich ihnen ſo herzlich als möglich entgegentrat? Hat man mir die finſteren Schatten erklärt, die ich im Auge meiner Mutter erblickt, die ſich hier und da aus unbe⸗ dachten Aeußerungen über mich ergoſſen? Hat man mir je geſagt, daß ein finſterer Geiſt durch dieſes Haus gehe und daß die Leute nicht Unrecht haben, wenn ſie uns vermeiden?“ Die Kanzleidirektorin ließ hier ein grelles Lachen hören, —— „ 8 17 —yy——y ͤͤ— 4 — 122— und während ſie, wie von einer Feder geſchnellt, empor fuhr, ſagte ſie, den Kopf aufwerfend und mit heraus⸗ fordernder Miene:„So, es geht ein finſterer Geiſt durch dieſes Haus, der ſchuld daran iſt, daß anſtändige Leute Euch meiden?— Ei, ſieh' doch Einer an; mit dieſem finſtern Geiſt bin ich wohl gemeint, die allerdings als die Vernünftigſte der ganzen Familie kein freundliches Ge⸗ ſicht zu machen im Stande iſt, bei all' den Lächerlichkeiten und Thorheiten.“ „Ich habe nicht an Sie gedacht, Tante, ſprach über⸗ haupt nur zu meiner Mutter.“ „Und wer ſind die Leute,— wo ſind die Leute, die mich und mein achtbares Haus, oder eines meiner Familie vermeiden?“ fuhr Madame Schwebeling entrüſtet fort, „wer hätte es überhaupt je gewagt, mir meine Stellung ſtreitig zu machen? Ich wollte ihm zeigen, wo er hin⸗ gehört, und auch der Kanzleidirektor hat ſich noch nie auf die Füße treten laſſen, ſo ein ſchwacher Mann er auch im Uebrigen iſt. Uns zu vermeiden! Hat man je Derar⸗ tiges gehört! Gibt es wohl eine Kaffeegeſellſchaft, zu wel⸗ cher ich nicht von Rechtswegen hin gehöre, wo man mich nicht einladet? Hat man je verſäumt, mir die gebührenden Beſuche zu machen? Hat man mir je den Platz ſtreitig gemacht, zunächſt der Muſiktribüne im Muſeumsgarten, wo ich ſeit langen Jahren geſeſſen? Gibt es ein Comité zu wohlthätigen oder anderen Zwecken, wo mein Name fehlt? Aber man muß ſeine Stellung zu behaupten wiſſen; man muß es verſtehen, übermüthige Leute in Reſpekt zu halten, ec und ſie fühlen laſſen, wie weit ſie noch haben zu der ge⸗ ſellſchaftlichen Stellung, die ich mir mit Mühe errungen und ſo Gott will behaupten werde,— hätte das unſer Schwager, der Stadtdirektor, eben ſo gut verſtanden, und hätte er ſich nicht ſogleich unterkriegen laſſen, ſo würden ſie ihn nicht zum Vorſtand des Zellengefängniſſes da draußen im Lande befördert haben,— befördert haben,— Gott ſteh' mir bei!— mich dauert nur das arme Weib, meine Schweſter, die hinter den hohen Mauern ihr Leben eben ſo verkümmert, als wenn auch ſie Jemand umgebracht hätte! Da war die Löſer ſchon klüger und hat ſich an einem ſchönen Morgen aus dem Leben gemacht, wobei ich überzeugt bin, daß die Frau ſogleich ein ſeliger Engel geworden iſt, denn das Fegefeuer hat ſie hier auf Erden ſchon durchgemacht— mit ihm— ich allerdings hätte ihm nicht das Vergnügen gemacht, zu ſterben, darauf kann man ſich verlaſſen, und was dich anbelangt, Adeline,“ wandte ſie ſich gegen Madame Bendel—,„ſo biſt auch du mit deiner Scheu und deiner ängſtlichen Zurückgezogen⸗ heit ſchuld daran, wenn es Leute gibt, wie ſolche, von denen deine Fräulein Tochter ſo eben ſprach, die Euch meiden und nicht den gehörigen Reſpekt erweiſen; warum haſt du dich ſeit jener Zeit von all' deinen früheren Ver⸗ bindungen ängſtlich zurückgezogen?“ „Das habe auch ich mich oft gefragt,“ flüſterte das junge Mädchen ganz leiſe,„und konnte keinen Grund dafür finden; gefragt habe ich die Mama auch, ohne eine befriedigende Antwort zu erhalten.“ S——I—— 8. 2 ——————ͤſ . 1 A Das alles hauchte ſie kaum hörbar hervor, wobei ſie, in das Sopha gelehnt, häufig wie aus Ermüdung ihre Augen ſchloß, während ſie von der Mutter mit ängſtlichen Blicken betrachtet wurde. Jetzt ſagte dieſe mit einer Handbewegung gegen ihre Schweſter:„Laß es nur für heute genug ſein.“ „Für heute und für immer,— ich kenne das!“ klang die Antwort zurück,„wer nicht hören will, muß fühlen, und was mich anbelangt, ſo waſche ich meine Hände in Unſchuld, denn ich habe dir oft genug Vernunft gepredigt. Das Mädchen da iſt kein Kind mehr, und wenn du ihr manches Nöthige geſagt hätteſt, ſo würde ſie nicht nöthig gehabt haben, ſich bei anderen Leuten nach der Vergangen⸗ heit des Hauſes zu erkundigen.“ „Ich habe mich nicht erkundigt, Tante; man war ſo freundlich, mir von ſelbſt Alles zu ſagen.“ „So freundlich— ei, ſieh' doch— du möchteſt dich V wohl noch bedanken bei dieſen artigen und freundlichen Leuten, welche dir aus Neid und Bosheit die unglaub⸗ lichſten Dinge in den Kopf geſetzt,— nein, nicht unglaub⸗ liche Dinge, denn du haſt ja daran geglaubt.“ „An Vieles,— o mein Gott, ja, aber nicht an Alles, ſonſt ſtände ich nicht mehr hier vor Euch!“ Sie hatte ſich aufgerichtet, während ſie das lebhafter zwiſchen den bleichen Lippen hervorſtieß; ſie hatte ihre ge⸗ rötheten Augen weit geöffnet, und erwehrte ſich heftig der Umarmung ihrer Mutter, obgleich ſie es nicht verhindern konnte, daß die arme Frau weinend den Kopf gegen die — 4125— Schulter ihres Kindes drückte, dabei aber nicht aufzuſchauen wagte, da ſie ſich fürchtete vor der plötzlichen Erregung des jungen Mädchens, die ſich an deren zuſammenzucken⸗ dem Körper kundgab, ſo wie an dem leuchtenden und zugleich furchtbar ſtarren Blicke, vor welchem ſelbſt die Andere, die ſich im Zimmer befand, zurücktrat. „Ja, es iſt ſo,“ ſprach Eliſe langſam und dabei jedes Wort ſo ſcharf und mühſam betonend, als folge ſie ungern einer inneren Gewalt, die ſie zum Reden zwinge,„es iſt ſo und ich will es nicht läugnen; hätte ich Alles geglaubt, ſo wäreſt du doch nicht mehr im Stande, mich eines Anderen oder Beſſeren zu belehren, und ich bereue es faſt,“ fuhr ſie in einem dumpfen, klagenden Tone fort,„daß ich vor der unergründlichen Tiefe des finſteren Waſſers— oder vor dem— was dahinter liegen könnte, zurück⸗ gewichen bin— eigentlich bin ich nicht zurückgewichen, ſondern es zog mich gewaltſam zurück— keine rettende Menſchenhand, ſondern Engelsſtimmen von oben— eine wunderbar himmliſche Muſik, die mein Haupt umzog, die mein Herz umſtrickte und die meinen furchtbaren Schmerz in lauter glückſeliges Weinen auflöſte.— Da dachte ich an dich, Mama, allein nur an dich und— und— und — ſehnte mich unbeſchreiblich nach dir!“ Die letzten Worte hatte ſie weich und milde geſprochen, unterbrochen durch krampfhaftes Schluchzen; dann um⸗ klammerte ſie haſtig mit den Fingern das Haupt der Mutter, und glitt darauf bewußtlos in deren ſie feſt umſchlingen⸗ den Arme. ————— 8 2 —. 5 1 „ 1 — 1 8 ¹ 3 6 2 ——ͤͤ—— 2 1 1 — — 126— Dies war der Augenblick, wo ſich unter ähnlichen Verhältniſſen ſelbſt in wohlgeordneten Häuſern und bei durchaus nicht neugieriger Dienerſchaft in den meiſten Fällen die Thüren wie von ſelbſt öffnen und eine nicht unangenehme Hülfe erſcheint; hier in Geſtalt des weinen⸗ den Stubenmädchens, welches, ihre erſchreckte Herrſchaft unterſtützend, das ohnmächtige Fräulein ſanft in die Arme nahm und behutſam auf das Sopha legte. „Einen Arzt,— einen Arzt!“ brachte Madame Bendel mühſam hervor, indem ſie ſich entſetzt auf das bleiche Ge⸗ ſicht ihrer Tochter herabbeugte und gleich darauf, mit erregtem Blick im Zimmer umherſchauend, ihre Schweſter aufforderte, nach ſchleuniger Hülfe zu eilen. Doch war hierin ſchon von der Dienerſchaft das Nöthige geleiſtet worden, und während der alte Anton aus dem Hauſe auf die Straße lief, um dort nach einem zufällig vorüberfahrenden Arzte zu ſchauen, war die Köchin zu dem gleichen Zwecke durch den Garten in's Freie ge⸗ rannt und auch ſo glücklich geweſen, alsbald einen Wagen zu erblicken, deſſen Aeußeres und ganzes Zugehör, von dem alten, bedächtig fahrenden Kutſcher mit ſeinem ſilber⸗ bordürten Hut und dunklen Regenmantel bis zu den langen Lederdecken auf den breiten Rücken der wohl⸗ genährten Pferde, ſo ſehr in Einklang ſtand mit ihren Phantaſien über ein heilbringendes Fahrzeug dieſer Art, daß ſie, ohne ſich weiter zu beſinnen, mit der Hand einen Laternenträger packte und ein paar Schritte nebenher laufend den Kutſcher fragte, ob ſein Herr nicht ein Doktor ſei. 4264— Alsbald ſtanden die Pferde mauerfeſt und ein alter Herr, der ſeinen Kopf zum Wagen herausſtreckte, fragte nicht gerade allzu freundlich, was man von ihm wolle. „O, Herr Doktor, meine Herrſchaft hat mich geſchickt, oder ich bin eigentlich von ſelbſt gelaufen, um nach einem Herrn Doktor zu ſehen, denn es iſt unſerem Fräulein etwas paſſirt.“ „Was iſt denn Ihrem Fräulein paſſirt?“ „O, Herr Doktor, ſie iſt umgefallen und liegt nun auf dem Sopha, als wenn ſie todt wäre!“ Wie gern hätte die gefühlvolle Seele noch hinzugefügt, daß hier ein Liebeskummer im Spiel wäre, doch ſchaute ſie der alte Herr ſo ernſt an, als er nun fragte:„Wer iſt denn das Fräulein, wie heißen ihre Eltern?“ „Eltern hat ſie eigentlich keine mehr, Herr Doktor, nur noch eine Mutter, welche hier ganz nah', hinter dem großen Garten wohnt, und die Mutter iſt die Madame Bendel,— ja, die Madame Bendel kennen Sie wohl?“ „So iſt der kleinen Eliſe ein Unfall paſſirt?“ fragte der alte Herr raſch und mit einem größeren Intereſſe, als ſeine ernſte Miene noch ſo eben vermuthen ließ,— „nun, ich komme ſogleich, gehen Sie nur voran und ſagen Ihrer Herrſchaft, Sie hätten den Doktor Werner gefunden, der ſogleich kommen würde.— Kann man durch den Garten in das Haus fahren?“ „O ja, Herr Doktor!“ „Nun, ſo laufen Sie voran, ich folge ſogleich.“ Das that denn auch die Köchin ſo raſch als ſie 8 8——— ͦ—— ——————— 4 7 8 — 4 4. ——————— aemn 2 — 1 — 128 vermochte. Langſam wandten ſich die dicken Pferde, um ihr zu folgen, während ſie bei ſich überlegte, ob es nicht doch ihre Pflicht ſei, den Herrn Doktor durch eine Anſpielung zu veranlaſſen, Fräulein Eliſe auf Liebes⸗ kummer zu curiren, um ſo mehr, als derſelbe das Fräulein zu kennen ſchien, was ſie mit großer Verwunderung erfüllt hatte; doch fand ſie keine Gelegenheit, dieſen löb⸗ lichen Vorſatz auszuführen, denn Madame Bendel ſtand ſchon ängſtlich harrend oben an dem Treppengeländer und eilte ſogleich hinab, als ſie das Knirſchen der Räder auf dem Sandwege vor dem Hauſe hörte. Begreiflicher Weiſe hatte die Köchin den Namen des Arztes vergeſſen und ſagte nur:„der Herr Doktor kommt,“ weßhalb das plötzliche Erblicken des früheren Hausarztes, den ſie auf Veranlaſſung der Kanzleidirektorin ſeit jenem furchtbaren Morgen nicht mehr geſehen, einen ſtarken und eigenthümlichen Eindruck auf Madame Bendel machte; ja, ſie hätte gerade den Doktor Werner nicht rufen laſſen, wenn das in ihrem freien Willen gelegen hätte, und Aehnliches mochte dieſer in der Ueberraſchung geleſen haben, welche ſich auf ihren Zügen zeigte, denn er ſagte, ſie nicht gerade unfreundlich begrüßend:„Es gibt Veranlaſſungen, Madame, wo uns die Perſönlichkeit gleichgültig ſein muß, wenn ſie uns dienen kann, und dazu bin ich herzlich gern bereit. — Was iſt es für ein Unfall, der Ihre Fräulein Tochter betroffen?— Doch nichts von großer Bedeutung 2“ „Das hoffe ich zu Gott, Herr Obermedicinalrath,“ erwiederte Madame Bendel und ſetzte, während beide die 129— Treppe hinauf ſtiegen, nach einer kleinen Pauſe und nicht ohne einige Verlegenheit hinzu:„Doch bin ich ſehr dank⸗ bar, daß der Himmel es gefügt, Sie bei mir zu ſehen, Herr Doktor, Sie, welcher meine Tochter ja in früheſter Jugend gekannt, welcher die ſchwächliche Conſtitution des Kindes, ſeine Reizbarkeit ſo gut zu beurtheilen und zu behandeln verſtanden und mich nun heute über die Folgen derſelben zu tröſten wiſſen werden.“ „So iſt es alſo kein Unfall, was Fräulein Eliſe betroffen?“ „Eigentlich nicht, Herr Obermedicinalrath, ſondern, wie ich glaube, nur eine Ueberreiztheit der Nerven, die ſchließlich mit einer tiefen Ohnmacht endigte, doch iſt ſie wieder zu ſich gekommen und wird ſich gewiß freuen, Sie zu ſehen. Jedenfalls bin ich dankbar, wenn Sie ſich meines Kindes— wie ja ſchon in früheren Zeiten,“ ſetzte ſie leiſer hinzu—„freundlich annehmen wollen.“ „Gewiß, es iſt das meine Pflicht, doch liegen Jahre dazwiſchen und ich muß erſt ſehen, wie und auf welche Art ſich die kleine Eliſe von damals entwickelt hat.“ Es lag etwas Eigenthümliches, ja, etwas Herzliches und Wohlwollendes im Tone der Stimme, als der Arzt dies ſagte, und ſie verſtand das ſo wohl, daß ſie ſtehen bleibend mit beiden Händen haſtig ſeine Rechte erfaßte und ſie innig drückte, während ſich tiefer Schmerz auf ihren heute wieder ſo bleichen Zügen zeigte. „Muth, Muth, meine liebe Frau! Etwas Vertrauen und keine unnöthige Aufregung, wir können das jetzt nicht ————————— — 130— gebrauchen, auch wird es ſo ſchlimm nicht ſein,— bitte aber, führen Sie mich ohne Weiteres zu dem Fräulein.“ „Es iſt das ein Arzt, mein liebes Kind,“ ſagte die Mutter, als beide in's Zimmer traten mit leiſer Stimme, „Herr Doktor Werner, ein Freund deines verſtorbenen Vaters, der zufällig vorüberkam und den ich bat, nach dir zu ſehen,— das wirſt du ſchon erlauben,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe zögernd hinzu,„es wird dir ſogar lieb und angenehm ſein und du wirſt dem Herrn Obermedi⸗ cinalrath gewiß dein Vertrauen ſchenken.“ Aus der Bewegung von Eliſen's Lippen las man ein beiſtimmendes o ja, auch machte ſie mit dem Kopfe eine leichte, gleich zu deutende Bewegung, weßhalb der Arzt nun langſam mit der Hand ſanft ſtreichelnd über ihren linken Arm fuhr und dann ſeine Finger in der Gegend ihres Pulſes eine kurze Weile ruhen ließ, ehe er ſagte: „Der Herzſchlag iſt ſehr unbedeutend erregt und bin ich überzeugt, daß der ganze kleine Unfall raſch vorübergehend und ohne Folgen iſt; die Urſachen mögen wohl eine hef⸗ tige Nervenaufregung nach großer Müdigkeit und Abſpan⸗ nung geweſen ſein. Es kommt das bei jungen Damen häufig vor, doch können wir, meine liebe Fräulein Eliſe, trotz alledem oder gerade deßwegen das ſchöne Wetter zu einem Spaziergange benutzen oder auch fahren, wenn Ihnen das lieber iſt,— ja, ich möchte Ihnen das nach ein paar Stunden Ruhe heute Morgen als einzige Medi⸗ ein verſchreiben,— Sie verſtehen doch alle Worte, mein liebes Kind?“ — 131— Dieſe Frage galt den immer noch geſchloſſenen Augen des jungen Mädchens; doch zuckten jetzt ihre Wimpern und ſie blickte gleich darauf in das wohlwollend freund⸗ liche Geſicht des alten Herrn, nickte wiederholt leicht mit dem Kopfe, und als er daſſelbe ausnehmend heiter gegen ſie that, zuckte es ein ganz klein wenig in einem Winkel ihres noch immer feſt verſchloſſenen Mundes. „Freut mich, daß Sie mich verſtehen,“ fuhr der alte Obermedicinalrath fort,„denn wenn ſich Patientin und ihr wohlwollender Freund, der Arzt, verſtehen, ſo iſt da⸗ durch ſchon Bedeutendes gewonnen; hier aber war eigent⸗ lich noch gar nichts verloren, und nachdem Sie, wie ich vorhin bemerkte, ein paar Stunden geruht haben, ſo thun Sie nur gerade ſo, als ſei gar nichts vorgefallen,— wird auch wohl nichts vorgefallen ſein, was der Rede werth iſt,“ fuhr Doktor Werner fort, die Hände an ein⸗ ander reibend,„wäre es Winter und Tanzſaiſon, ſo würde ich glauben, daß bei der Rückkehr von einem ſehr ermü⸗ denden Balle zu Hauſe ein kleines Unglück entdeckt worden ſei, ein krank gewordener Kanarienvogel, eine herabge⸗ tretene Schleppe, ein gänzlich fehlender Name auf der Tanzkarte, doch mag die Urſache ſein, welche ſie will, die Wirkung dieſer Urſache wird bald wieder verwiſcht ſein.“ Madame Bendel, welche am Fußende des Sopha's ſtand, that einen tiefen, ſchmerzlichen Athemzug, wobei ſie ihre Hand gegen die Augen drückte, was dem alten Herrn ebenſowenig entging, als ein leichtes Zucken in den Fin⸗ gern des jungen Mädchens; doch ſchien er nur auf ihre ————————— — 3 4 „ 8 2 6 5 9 3 5 ———y=ÿy——y———,— 8 — —— 432— Geſichtszüge zu achten, und als dieſe ſich jetzt mit einem Male belebten und ſie Miene machte, ſich aufzurichten, ſo unterſtützte er ſie dabei und war behülflich, ſie in eine halb ſitzende Lage zu bringen; dann fragte ſie plötzlich und durchaus nicht mit einer unſicheren oder bebenden Stimme, wohl aber mit einem düſteren Blicke:„Wie kommt es denn, Herr Doktor, daß Sie, der ein Freund meines Vaters waren, ſich nie mehr um uns bekümmerten, ſich nie mehr in unſerem Hauſe ſehen ließen? Scheuten Sie ſich auch, uns zu beſuchen oder mit uns zu verkehren, wie es ſo viele Andere machen, mit denen Mama früher in ſo guter Freundſchaft lebte?“ „Welche Idee, mein liebes Kind!“ rief der Arzt heiter aus, nachdem er raſch in den niedergeſchlagenen Blicken und den ſchmerzlich zuckenden Mundwinkeln der Mutter Eliſens geleſen und das Geleſene um ſo leichter verſtan⸗ den, als ihm ja die eigenthümlichen Verhältniſſe dieſes Hauſes nicht unbekannt waren,—„welch komiſche Idee!“ wiederholte er trotzdem herzlich lachend,„nein, nein,— daß ich ſeit Jahren nicht mehr in Ihr Haus kam, hat einen ganz anderen Grund und Ihre verehrte Mutter bat mich ſelbſt darum, obgleich ihr das, ohne mir ein Com⸗ pliment machen zu wollen, recht ſchwer wurde.“ Madame Bendel nickte zuſtimmend, ohne eigentlich zu wiſſen, um was es ſich handelte. „Als Ihr Vater ſtarb, mein liebes Kind,“ fuhr der teren Tone fort,„verlor ich alte Herr in einem etwas brei beſten, ehrlichſten und auf⸗ dadurch einen meiner liebſten, 133— richtigſten Freunde, ein Verluſt, der mir ſo ſchmerzlich war, daß ich nur allein deßhalb in meiner Eigenſchaft als Arzt Ihr Haus vermied, worüber ich mir auch bei der vor⸗ trefflichen Geſundheit Ihrer Frau Mutter keine Vorwürfé zu machen brauche, und als ich ſie ſpäter zufällig einmal wiederſah, da arrangirten wir uns darüber, wie eben er⸗ wähnt, auf's freundſchaftlichſte.“ „So waren Sie alſo bei dem Tode meines Vaters zugegen?“ fragte das junge Möädchen, ihn feſt anblickend, —„erzählen Sie mir das, wahr und rückſichtslos.“ „Das wird Ihre Frau Mutter gewiß ſchon ſo aus⸗ führlich gethan haben, daß mir nichts hinzuzufügen bleibt,“ erwiederte der Arzt, indem er eine kleine Verlegenheit ge⸗ ſchickt unter einem freundlichen Lächeln verbarg. „Woran ſtarb mein Vater?“ „An einem Herzſchlage, wie wir das zu nennen pflegen.“ „O ja, wie Sie das zu nennen pflegen, um nicht die Wahrheit ſagen zu müſſen— vor der Welt— be⸗ greiflich; aber hier, wo wir unter uns ſind, wo ich Sie flehend bitte, mein Vertrauen nicht zu täuſchen, werden Sie mir wohl mit klaren Worten eingeſtehen, was mir ſelbſt meine arme Mutter ſchon durch einzelne Worte und Thränen verrieth, daß mein Vater keines natürlichen Todes ſtarb!“ „Sie ſehen, Herr Doktor, ich rede darüber ſo ruhig, als ich kann,“ fuhr ſie mit einem matten Lächeln fort, „ja ſehr ruhig, und beſchwöre Sie, mir darüber die bittere Hackländer, Kainszeichen. II. 10 ————————— —— ͤͤ— 8„ ————— ö——— — ſſſſſ— 2———.. — 134 Wahrheit zu ſagen, um einer Schreckgeſtalt, die finſter durch mein Leben wandelt, den unheimlichen Schleier zu entreißen, damit ich ihr muthig in's Geſicht ſehen kann und dadurch ruhiger werde, geduldiger, verſöhnlicher gegen⸗ über der böſen Welt, die mich durch Mienen, durch Worte und Andeutungen noch Schlimmeres ahnen ließ.“ Jetzt befand ſich der Arzt allerdings in keiner geringen Verlegenheit, denn Madame Bendel, auf deren Hülfe er in dieſem Augenblicke gehofft, hielt das Geſicht hinter ihren Händen verborgen und hatte ſich tief auf die Lehne des Sophas herabgebeugt. „Wahrheit will ich— Wahrheit— die volle Wahr⸗ heit, und wenn mein Herz darüber brechen ſollte.“ „Wer vermag etwas zu ergründen, was ſich durch einen Zuſammenfluß verhängnißvoller Umſtände wie ab⸗ ſichtlich in dunkle Schleier hüllt, welche zu durchdringen auch die Wiſſenſchaft nicht vermag!“ ſagte Doktor Werner, nachdem er aufwärts blickend eine kurze Weile nachgedacht, „und wenn ich auch Vermuthungen ausſprechen wollte, die vielleicht der Wahrheit ziemlich nahe kommen, ſo ſind doch dieſe Vermuthungen wahrlich nicht der Art, um Ihnen, mein liebes Kind— ich will nur Ihren eigenen Ausdruck gebrauchen— das Herz brechen zu machen, — eine Bezeichnung, welche überhaupt vom vernünfti⸗ gen und mediciniſchen Standpunkte jeder Berechtigung ent⸗ behrt.“ Er ſagte das in einem freundlichen Tone und lächelte ſelbſt dann noch faſt heiter, als ihn Eliſe mit düſterem ——————— ——————— Blicke fragte:„Und was ſind das für Vermuthungen, die der Wahrheit nahe kommen?“ „Daß Ihr Herr Vater,“ fuhr der Arzt fort, nun ganz ruhig und gefaßt, da er die Nothwendigkeit einſah, dieſem armen, leidenden Kinde die volle Wahrheit zu ſagen, ſo weit ihm das ſelbſt möglich war,„daß Ihr Herr Vater, mein lieber, treuer Freund, vielleicht eine Unvorſichtigkeit begangen, die ſein Leben auf ſo bedauernswerthe Weiſe verkürzt; Herr Bendel litt häufig an Schlafloſigkeit, mei⸗ ſtens durch Kopfſchmerzen verurſacht, und hatte ich ihm zur Linderung Tropfen gegeben, welche er auch jahrelang mit gehöriger Vorſicht und ohne alle ſchlimmen Folgen anwandte. Nun iſt es möglich, ja wahrſcheinlich, daß er in jener Nacht, vielleicht vom Wachen aufgeregt, vielleicht ſogar im Halbſchlummer, eine zu ſtarke Doſis nahm, ge⸗ nug, wir fanden am andern Morgen das betreffende Fläſchchen leer auf ſeinem Nachttiſche ſtehen,— wir, Ihre arme Frau Mutter und ich, die wir faſt zu gleicher Zeit das Schlafzimmer betraten,— Sie werden ſich deſſen eben ſo genau erinnern, wie ich?“ wandte ſich Doktor Werner gegen Madame Bendel. „O ja, o ja!“ „Es war noch ein eigenthümlicher Umſtand dabei,“ fuhr der alte Herr im erzählenden Tone fort,„durch ein Ungeſchick der Kammerfrau hatte dieſe wahrſcheinlich ſchon am Abende vorher, ehe ſie zu Bette ging, das Zimmer Ihrer Frau Mutter von außen verſchloſſen, ich erinnere mich deſſen ganz genau, denn es gab darüber ſorgfältige Nachforſchungen, weßhalb Ihre Frau Mutter, eingeſchloſſen im Schlafzimmer, ohne daß ſie es ſelbſt wußte, das ganze furchtbare Unglück erſt erfuhr, als ihr von außen die Thüre geöffnet wurde.“ Die Augen des jungen Mädchens hatten plötzlich ihren düſteren Ausdruck verloren, ja, ſie leuchteten freudig auf, während ſie nach ihrer Mutter blickte, die aber den Kopf auf den gefalteten Händen gegen die Lehne des Sopha's ſtützte, und erſt als Eliſe in weichem, herzlichen Tone ſagte:„O, meine arme Mutter, wie haſt du ſo un⸗ ſchuldig leiden müſſen, wie ſchrecklich muß das für dich geweſen ſein!“— da erſt richtete ſie ſich raſch auf, eilte zu ihrem Kinde und ſchloß es bewegt, weinend in ihre Arme. Aber in froh erregtem Tone rief das Mädchen aus:„Jetzt nicht mehr weinen, liebe, liebe Mama, jetzt wollen wir heiter und glücklich ſein und ich will auch nicht mehr an's Sterben denken!“ „Hollah, mein Fräulein, wer wird überhaupt in Ihrem Alter an's Sterben denken!“ rief Doktor Werner in einem etwas affektirt polternden Tone, wobei er mit den Augen zwinkerte,„das überläßt man kranken und alten Leuten!“ „Und doch hab' auch ich ſchon daran gedacht,“ ſagte Eliſe, während ſie mit einem ſeltſamen Lächeln weit, weit hinaus ſchaute,„das war aber in finſterer Nacht, in einem böſen Traum, wo ich wirklich glaubte, daß es beſſer ſei, nicht mehr zu leben.“ „Ah, im Traum,— das laß ich mir gefallen.“ „Nicht wahr, Herr Doktor?“ bekräftigte auch Madame Bendel unter Thränen lächelnd. „Und doch war es ſchön, ſo eigenthümlich ſchön,“ fuhr das junge Mädchen ihre Hände faltend fort,„ein Traum, wo ich eine himmliſche Muſik hörte, die mich wie durch Zauberkraft vom Boden erhob und aufwärts ſchweben ließ. Ach, wenn ich dieſe Klänge nur noch einmal hören könnte!“ „Das wird wohl ſchwer halten,“ meinte der Ober⸗ Medicinalrath in launigem Tone,—„die Traummuſik und die der Engel ſind nicht in Noten zu haben und müſſen Sie ſchon warten, bis Ihnen vielleicht wieder ein⸗ mal eine ähnliche Phantaſie beſchert wird.“ „Nein, nein, das hoffe ich nicht!“ entgegnete ſie haſtig. „Nun, ich hoffe und wünſche es auch nicht; es ſind das nur Aufregungen überſpannter Nerven, wie wir ſagen, wenn wir nichts Beſſeres wiſſen, doch kann man immer⸗ hin etwas thun, um das zu calmiren, und darüber wollen wir mit unſerer mediciniſchen Weisheit zu Rathe gehen.“ Er hatte ſich bei den letzten Worten erhoben, und als ihm Madame Bendel raſch und freudig ihre beiden Hände mit der Frage entgegenſtreckte:„So können wir hoffen, Sie baldigſt wieder bei uns zu ſehen?“ gab er mit einem leichten Aufwerfen des Kopfes zur Antwort:„Ei, das will ich meinen, es ſind Jahre genug vergangen, in denen ich mich nicht um das einzige Kind meines guten Freun⸗ des bekümmert, und denke ich mit Ihrer Erlaubniß das — — ——————ͤͤͤͤͤͤͤſſſͤſͤſͤſſſͤſͤſͤſ——— 4 ſſſſſ 1. 3 — 138— Verſäumte nachzuholen, komme jedenfalls heute noch ein⸗ mal und bin überzeugt, daß mir Fräulein Eliſe munter entgegeneilt.“ Unter einem ſtummen aber herzlichen Dank in Blick und Miene begleitete Madame Bendel den wackeren Arzt bis an die Thüre, wo er ſie ſanft erſuchte, bei ihrer Toch⸗ ter zu bleiben, dann ſtieg er die Treppe hinab, um nach Kutſcher und Equipage zu ſehen. Was die Letztere mit den dicken Pferden anbelangte, ſo ſtand ſie ruhig vor der Gartenterraſſe, und was den ebenfalls wohlgenährten Kutſcher betraf, ſo hatte ſich die Köchin ſeiner angenommen; während der Herr Doktor droben beſchäftigt war, hatte ihn dieſe in die Küche ge⸗ nöthigt und ihm dort mit einem heißen, ſehr ſüßen Kaffee und einer friſch gebackenen Semmel aufgewartet, Alles im Intereſſe der Herrſchaft und mit dem beglückenden Gefühl, daß ſie es ja geweſen, die eine ſo raſche Hülfe für ihr armes Fräulein gefunden. Auch hatte ſie nicht verſäumt, ſich bei dem alten Kutſcher zu erkundigen, ob es wohl häufig vorkomme, daß ſein Herr in Folge von Liebeskummer zu jungen Damen gerufen werde. Nun war aber der Kutſcher des Herrn Obermedicinal⸗ raths Werner ein Schäcker, wie das die Roſſelenker der Herren Aerzte häufig zu ſein pflegen, und antwortete in ſehr ernſthaftem Tone:„Darüber werden wir allerdings von jungen wie von alten Damen häufig zu Rathe ge⸗ zogen, und iſt in Folge des großen Verbrauches die Medicin gegen Liebeskummer nächſtens kaum mehr zu erſchwingen.“ 139— „Das hat bei uns nichts zu bedeuten,“ erwiederte die Köchin mit großer Entſchiedenheit,—„wenn die Medicin nur hilft.“ „So glaubt die Jungfer, daß auch da droben?“— hier vervollſtändigte der Kutſcher ſeine Frage durch eine leicht verſtändliche Pantomime, indem er unter einer Gri⸗ maſſe in die Höhe ſchielend mit der rechten Hand auf ſein Herz patſchte. „Leider Gottes, es ſind alle Anzeichen da, und wenn Ihr Herr in Liebeskummer etwas zu leiſten vermag, ſo danke ich unſerem Herrgott, daß es mir gelungen iſt, ge⸗ rade ihn aufzufinden.“ „Ja ihn und mich, Jungfer Köchin,“ ſchmunzelte der Kutſcher mit einer ſehr freundlichen Miene,„ohne mich geht es nun einmal, beſonders was die Branche des Liebes⸗ kummers anbelangt, doch nicht recht.“ Bei dieſen Worten pätſchelte er recht väterlich die run⸗ den Wangen des geſunden, blühenden Mädchens, fuhr aber auf einen trockenen Huſten, den er vor der Thüre vernahm, mit der Hand zurück, als habe er ſich die Finger verbrannt, und ſchlich dann, ſeine Peitſche nehmend, mit gebücktem Rücken und etwas wackelndem Gange zu dem draußen harrenden Wagen, deſſen Schlag der Obermedi⸗ cinalrath ſchon geöffnet hatte. „Du haſt wohl da unten auch eine Kur gemacht?“ „Das gerade nicht, Herr Obermedicinalrath, habe nur in gehöriger Weiſe eine Bemerkung der Köchin über ihre junge Herrſchaft entgegengenommen.“ —, ———————— —„„—— ———— —.—— „Und was war das für eine Bemerkung?“ „Die Jungfer Köchin behauptet, das Fräulein da oben leide an Liebeskummer, und dann erkundigte ſie ſich geſprächsweiſe nach einer guten Arznei gegen Liebes⸗ kummer.“ „So, ſo,— na— fahre nur ruhig unſere Tour weiter, mein Alter,“ meinte Doktor Werner, ſich in die Wagenecke drückend, wo er halbleiſe vor ſich hinſagte:„Ja, ja, Univerſalmittel gegen Liebeskummer, ſchwer und leicht zu haben, wenn es einem gleichgültig iſt, welche Etiquette die Flaſche trägt;—„he, Martin, wenn du in ein paar Stunden eine nochmalige Viſite in dieſem Hauſe gut ein⸗ ſchieben kannſt, ſo denke daran.“ „Gewiß, Herr Obermedicinalrath.“ Damit hieb er ſeinen dicken Pferden Eins über, und der Doktorswagen rollte gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſo raſch über das Pflaſter, daß ängſtliche Leute, welche den darin Sitzenden erkannten, an den unverhofften Ausbruch irgend einer Epidemie dachten. In dieſem Tempo fuhr Martin weiter. So kam es denn, daß er ſchon nach drei kleinen Stunden ſein Pen⸗ ſum abgefahren hatte, wozu er ſonſt vier bis fünf ge⸗ brauchte, und daß er ſchon bei wenig vorgerücktem Nach⸗ mittag wieder vor dem gleichen Hauſe halten konnte, wo er heute Morgen mit Kaffee und Semmeln bewirthet worden war, wo jetzt wieder die Thür von der hübſchen Köchin geöffnet wurde, die dem eintretenden Arzte mit freudeſtrahlenden Augen verſicherte, daß es mit ihrer jungen. — 141— Herrſchaft ganz vortrefflich gehe. Darauf knixte ſie dank⸗ barſt und knixte wiederholt, als ſie der alte Herr freund⸗ lich lächelnd in die roſigen Backen kniff; dabei unterließ ſie aber nicht, zur Thüre hinaus auf die Gartenterraſſe zu ſchielen, wo Martin am Pumpbrunnen ſtehend ſich wahrſcheinlich nach einem Eimer umſah, weil ſeine Pferde gewaltig Durſt haben mochten. Als der Arzt die Treppe hinaufſtieg, hörte er die vollen, tiefen Töne eines herrlichen Flügels, und als er, dem Klange nachgehend, leiſe eine der großen Thüren öff⸗ nete— er hatte die Köchin angewieſen, ruhig drunten zu bleiben—, ſah er Eliſe vor dem Inſtrument ſitzen und hörte, wie ſie eine Melodie zu ſpielen verſuchte, die ihr aber nicht mehr recht erinnerlich zu ſein ſchien. Dann trat Madame Bendel, welche das Rollen des Wagens gehört hatte, aus einer anderen Thüre in das Zimmer, und da ſie den alten Herrn ſogleich auf die herz⸗ lichſte Art bewillkommte, ſo erhob ſich Eliſe raſch und trat ihm mit freundlicher Miene ein paar Schritte entgegen. „Bravo, mein liebes Kind,“ rief er ihr zu,„ſolche Patienten habe ich gern, welche eine Krankheit leicht von ſich abſchütteln und ſich wieder heiter mit dem Leben be⸗ ſchäftigen,— alſo geht es vortrefflich?“ „Sehr gut, Herr Obermedicinalrath, ich habe ein paar Stunden feſt geſchlafen, und wenn ich mich auch noch ein klein wenig müde fühle, ſo iſt doch ſonſt jede Spur von Unwohlſein verſchwunden.“ „So iſt's recht; und nun kommen Sie ein wenig v. ——“—— —— — — — 1— —— ——— —— —————nW———ÿy——ͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤ o—— 2 3 ——— 4 3 142— näher zum Fenſter, damit ich ſehe, ob ich die Züge der kleinen Eliſe von damals wohl wieder erkenne; heute Morgen bei dem Halbdunkel war mir das nicht möglich.“ Er hatte mit den Fingern leicht ihr Handgelenk um⸗ faßt und fühlte ſo nach den Schlägen ihres Pulſes, wäh⸗ rend er ſie langſam vorwärts führte. Er ſchien zufrieden, denn er nickte mit dem Kopfe und ſagte, nachdem er ſie eine Zeit lang aufmerkſam betrachtet:„Ja, mein Kind, Sie haben ſich ſehr und zu Ihrem Vortheil verändert, Dank der vortrefflichen Pflege Ihrer Mutter und einer Conſtitution, an deren gutem Fundamente ich nie ge⸗ zweifelt.“ Doch war das junge Mädchen trotz dieſer freundlichen Aeußerung immerhin noch kein Bild der Geſundheit zu nennen, erſchien vielmehr etwas leidend und für ihr Alter wenig entwickelt. Ihre Geſichtsfarbe war bleich, die Züge zart und fein, aber regelmäßig und angenehm, beſonders der wohlgeformte Mund mit den weißen, geſunden Zäh⸗ nen, und wenn ſie die etwas ſtarken Lippen lächelnd öff⸗ nete, ſo verloren auch ihre großen, dunkelblauen Augen den etwas düſteren Ausdruck, und es war alsdann er⸗ freulich zu ſehen, wie die ſüße Hoffnung auf Glück und Freude, die ja in jedem Menſchenherzen, wenn auch häufig tief verſteckt, wohnt, ihre ernſten Züge durchleuchtete. Das ſchöne, volle blonde Haar hatte ſie von der Mutter, nur erſchienen die dicken, heute einfach um den Kopf gewundenen Flechten etwas unförmig über dem ein⸗ gefallenen langen Geſichte mit dem ſpitzen Kinn ihres 143— Vaters, von dem ſie auch das ernſte Weſen hatte, und eine oft unbeholfene Schüchternheit fremden Menſchen gegenüber. Doktor Werner hatte ſich beim Anſchauen des jungen Mädchens ſo lebhaft jener Zeit erinnert, wo er ſie, ein kleines Kind, faſt täglich geſehen und ihr als Arzt eine unermüdliche Sorgfalt gewidmet, ſchon ihrem Vater, ſei⸗ nem würdigen Freunde zu Liebe, der das Wohl des ein⸗ zigen Kindes mit einer rührenden Aengſtlichkeit überwachte, — und dieſe Erinnerungen ſtimmten den alten Herrn ernſt, faſt traurig, beſonders wenn er ſeinen Blick über die kummervollen Züge der Madame Bendel gleiten ließ, die mit gefalteten Händen hinter ihrer Tochter ſtand und in geſpannteſter Erwartung auf das Reſultat einer genauen Unterſuchung lauſchte, welche der Arzt nun vornahm. Doch ſagte dieſer in zuverläſſigem, beruhigendem Tone: „Ich kann Ihnen auf's Gewiſſenhafteſte die Verſicherung geben, daß ich nicht das Geringſte gefunden habe, was zu irgend einer Befürchtung Veranlaſſung gäbe oder was mich beſtimmen müßte, als Arzt einzugreifen; wollen Sie aber dem Rathe des alten Mannes folgen, der es gut mit Ihnen meint und der Sie auch genugſam kennt, um Ihnen vortheilhaft rathen zu können, ſo bemühen Sie ſich, das Leben von der leichten und heiteren Seite zu nehmen, allen Trübſinn zu verbannen, zu welchem Sie ja ohnehin keine Urſache haben, und was Begegnungen in geſell⸗ ſchaftlicher Hinſicht anbelangt, ſo geben Sie ſich Mühe, heiter und ſicher aufzutreten, ohne Schüchternheit, ja, 144 ———— —— — Aengſtlichkeit, und Sie werden ſehen, daß Ihnen alsdann V die Leute eben ſo entgegenkommen. Beim Himmel, wenn man das Glück hat, die Tochter eines ſo allgemein geach⸗ teten Mannes zu ſein, wie Ihr Herr Vater war, und einer ſo vortrefflichen Mutter, ſo zeigt man offen ſeine großen, ſchönen Augen, hebt ſein Näschen in die Höhe 8 und denkt, wo man auch erſcheinen mag, daß man dort das Anrecht auf einen der erſten Plätze hat,— ich ſehe ſchon ein,“ ſetzte er treuherzig hinzu,„daß ich mich wieder wie früher um Sie kümmern und nicht nur als Arzt, ſondern auch in anderer Hinſicht eine Art von Vormund⸗ ſchaft übernehmen muß.“ „Das wird Ihnen der Himmel lohnen, Herr Ober⸗ medicinalrath,“ ſagte Madame Bendel mit tiefbewegter Stimme, während ihre Augen voll Thränen ſtanden,„ich ſage Ihnen meinen innigſten Dank für Ihre mir un⸗ ſchätzbare Güte.“ „Das iſt ganz unnöthig, weil in meinem Anerbieten eine ziemliche Doſis Egoismus liegt; denn ich, ein alter Junggeſelle, habe häufig einige Stunden frei, die ich an⸗ genehm verplaudern möchte oder in denen ich eine große Sehnſucht nach Muſik verſpüre, und da Fräulein Eliſe, 1 wie ich vorhin gehört, vortrefflich zu ſpielen ſcheint, ſo würde ich Sie bitten, einem alten, oft grämlichen Saul zuweilen die trüben Launen zu verſcheuchen.“ „Mit tauſend Freuden, wenn ich dazu im Stande bin „Was war das doch für eine Melodie, die Sie vor⸗ hin ſpielten, als ich eintrat?“ 17 * 145— „Ich weiß es nicht, Herr Obermedicinalrath, es war die Melodie, die mir in meinem— Traum von heute Nacht anklang und die ich mich vergeblich bemühte, wie⸗ derzufinden!“ „Werden ſie ſchon finden,“ erwiederte Doktor Werner lächelnd,„und das Suchen darnach iſt ein guter und zer⸗ ſtreuender Zeitvertreib, beſonders wenn Sie dabei an Ihren Traum als einen Schatten denken, der raſch ver⸗ ſchwunden iſt, und jetzt den hellen Sonnenglanz auf ſich einwirken laſſen— nun auf Wiederſehen, mein liebes Kind, ich werde bald nach Ihnen ſehen.“ Madame Bendel begleitete den Arzt hinaus und an der Treppe ſagte ſie zögernd:„Wäre es unbeſcheiden von mir, Herr Obermedicinalrath, Sie, wenn es Ihre Zeit erlaubt, noch um eine kleine Unterredung zu bitten? Ihre Güte und Freundlichkeit ermuthigt mich, Ihnen Manches zu ſagen, was mir ſchon lange auf dem Herzen liegt.“ „Auf dieſe Frage will ich Ihnen ganz ehrlich und unumwunden antworten: Mit meinen Kranken bin ich bis zur Abendfahrt, die nach meinem kleinen Diner beginnt, fertig, habe nur noch eine Viſite zu machen im großen Krankenhauſe, das unter meiner Leitung ſteht, nachdem ich— jetzt kommt meine Aufrichtigkeit— vorher etwas Unbedeutendes gefrühſtückt, und wenn Sie mich dazu ein⸗ laden wollen, ſo habe ich nichts dagegen, wenn unſere Unterredung auch eine Stunde dauert.“ „Sie machen mich glücklich dadurch,“ entgegnete Ma⸗ dame Bendel, öffnete raſch die Thür zu ihrem kleinen 1446— Salon und eilte alsdann zurück gegen die Treppe, wo ihr Doktor Werner nachrief:„Mein Frühſtück darf aber aus nichts beſtehen als aus einem Glaſe Wein und einem Biſſen Weißbrod!“ Das brachte denn auch gleich darauf die Köchin in höchſt eigener Perſon und bezeigte ſich dabei ſo außeror⸗ dentlich geſchäftig und freundlich, daß Doktor Werner feſt überzeugt war, ſeinem Kutſcher drunten werde zur ſelben Zeit ein reichlicheres Frühſtück zu Theil. Er nahm ein Glas Wein, tauchte einen Zwieback ein und damit an's Fenſter tretend, mußte er lächeln, als er ſeine Pferde bemerkte, die an der allgemeinen Fütterung ebenfalls Theil nahmen, denn er ſah ſie in vorgeſetzten gelben Haferkernen behaglich wühlen. Madame Bendel hatte ihm hierauf einen bequemen, niedrigen Lehnſtuhl angeboten und ſich dann ihm gegen⸗ über in eine Ecke des Sopha's ſo niedergelaſſen, daß das volle Tageslicht ihr Geſicht beſchien. Es war dies nicht abſichtslos, denn nachdem ſie eine Zeit lang ſchweigend an den Himmel hinaufgeſchaut, ſagte ſie plötzlich:„Jahre liegen dazwiſchen, ſeit wir uns nicht mehr oder nur recht flüchtig geſehen, und nun ſagen Sie mir ehrlich und auf⸗ richtig: Habe ich mich während dieſer Zeit nicht ſehr ver⸗ ändert?— Glauben Sie aber ja nicht,“ fügte ſie raſch hinzu,„daß ich dieſe Frage aus Eitelkeit an Sie richte — ich habe wahrlich keine Urſache dazu!“ „Wenn ich Ihnen als galanter Mann antworten wollte,“ erwiederte Doktor Werner mit einem verbindlichen 147— Lächeln,„oder wenn ich nicht den Grund Ihrer Frage verſtände, ſo würde ich ohne Weiteres ſagen: Sie ſind heute noch eine ſehr ſchöne Frau; ſo aber muß ich hinzu⸗ fügen, daß dieſe vergangenen Jahre allerdings nicht an Ihnen vorübergegangen ſind, ohne große Spuren zu hinterlaſſen.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Offenheit, und ſie freut mich, da ſie Zeugniß ablegt, wie tief die ſchweren Zeiten, die ich verlebt, in meinem Innern gewühlt und heute noch wühlen; wäre ich jenes leichtſinnige Weib geweſen, als welches man mich häufig angeſehen und verleumdet, ſo würde ich das Leben leichter genommen haben und jene furchtbaren Schatten, die mein Daſein umnachtet, wären für mich nach und nach lichter geworden; ich wäre heiter und froh und würde mich glücklich fühlen, noch jung genug zu ſein, um die Freuden des Lebens zu ge⸗ nießen,— ja, ich hätte daſſelbe leichter genommen, ſelbſt unter dem entſetzlichen Drucke eines Vorwurfs, den ich mir allerdings zu machen habe.“ Sie ſagte das mit ruhiger, faſt tonloſer Stimme, und als der Arzt ſie hierauf erſtaunt, befremdet anblickte, fuhr ſie unter einem leichten Zucken der Lippen fort:„Ja, um Ihnen das zu ſagen, um noch einmal mit Ihnen jene ſchreckliche Zeit zu durchleben, um Ihnen vielleicht zu be⸗ weiſen, daß ich nicht ſo ſchuldig bin, als man geglaubt, habe ich Sie um dieſe Unterredung gebeten.— Ich war nicht leichtſinnig, nicht herzlos genug, um mir ſelbſt zu ſagen, daß, da vielleicht ein trauriger Zufall, ein Miß⸗ verſtändniß, ein nicht gerechtfertigter Argwohn Schuld waren an dem Tode meines Gatten, ich ſelbſt deßhalb frei von aller Schuld ſei.— Mit wem hätte ich aber von dieſen Dingen ſprechen können, ohne vielleicht einem ungläubigen Lächeln, einem mitleidigen Achſelzucken, einer verlegenen Redensart zu begegnen! Und weil ich deßhalb genöthigt war, das Alles tief in mein Herz zu verſchließen, bin ich ſo namenlos elend geworden und bebe heute noch bei einem forſchenden Blick, bei einem vielleicht unabſichtlichen Worte, fürchte mich vor der Welt, bin gänzlich menſchen⸗ ſcheu geworden.“ „Wozu man Ihnen, wie ich zu erfahren Gelegenheit hatte, genügenden Anlaß gegeben.“ „O, für meine Perſon war mir das vollkommen gleichgültig! Was bietet uns dieſe gewöhnliche Geſellſchaft, wenn wir mit und in ihr leben? Was gelten Bekannte, oder ſogenannte gute Freunde, die nicht im Stande ſind, die kleinſte Probe der Freundſchaft ſiegreich zu beſtehen? Menſchen, die uns liebreich entgegen kommen, die uns herz⸗ lich die Hand drücken, die ſich aber ſcheu abwenden, ſo⸗ bald der geringſte Schatten über unſere Wege läuft, weil ſie fürchten, daß da irgend eine Gnadenſonne auch für ſie verdunkelt würde?“ „Miſerables Volk!— Wer kennt das nicht? Welcher geſcheidte Menſch hat dergleichen nicht bis zum Ekel er⸗ fahren?“ „Mich hat es weniger gekümmert, wenn ich im Auge jener Phariſäer las, wie ſie ſich glücklich fühlten, nicht zu — 149— ſein, wie dieſe,— ja, ich konnte lächeln, wenn ſie mit verächtlicher Miene an mir vorübergingen, oder jene dum⸗ men, heuchleriſchen Menſchen, die vielleicht nie geſtrauchelt und gefallen, weil ſie nie einen Stein in ihrem Wege gefunden, oder die umſichtig und klug ihren wankenden guten Ruf ſtets wieder mit einem glänzenden An⸗ ſtrich herzuſtellen wußten,— und wenn mich je einmal ähnliche Bewegungen geſchmerzt, ja, tief verwundet, ſo nahm ich das an als Buße und Strafe für Vergangenes. Ja, mein Verbleiben in der Stadt trotz alle dem und alle dem geſchah theils aus dem gleichen Grunde, theils auch, weil ich durch mein Verſchwinden nicht den Schein einer größeren Schuld auf mich laden wollte,— und doch bereue ich es jetzt, nicht muthig genug geweſen zu ſein, um auch das noch über mich ergehen zu laſſen, und unabhängig, wie ich bin, anderswo ſtill und zufrieden zu leben, vielleicht glücklich zu ſein.— Dabei hatte ich aber nur an Eines nicht gedacht, an die Stellung meines armen Kindes,— meiner heranwachſenden Tochter.“ Doktor Werner hatte theilnehmend zugehört, und jetzt nickte er bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als er ſagte:„Wie bedaure ich es, daß Sie mich nicht früher Ihres Ver⸗ trauens gewürdigt haben! Ich kenne aber den Einfluß, der Sie davon abhielt, und wenn Madame Schwebeling von ſo intimer Unterredung Kenntniß hätte, ſie würde augen⸗ blicklich als Dritte im Bunde erſcheinen.“ „Eliſe iſt, wie Sie ſelbſt geſehen, kein Kind mehr,“ fuhr Madame Bendel fort, ohne etwas auf die Aleußerung Hackländer, Kainszeichen. II. —————, „ 2 7 ——— 4 — 150 des Arztes zu erwähnen,„ihr Verſtand war überhaupt ihrem Alter ſtets weit voraus, und wenn ich auch Fragen des Kindes, deren Sinn und Bedeutung mich furchtbar verletzten, immerhin noch leidlich zu beantworten wußte, ja ſie ſelbſt zu beſchwichtigen verſtand, wenn ſie mich mit thränenden Augen häufig fragte, warum ſich denn Kinder gleichen Alters ſcheu von ihr zurückziehen, ſo bin ich doch jetzt nicht mehr im Stande, Erklärungen gegen meine Tochter auszuweichen. Schon lange fühlte ich, daß ich ihr dieſe Erklärungen ſchuldig ſei, hatte aber nicht den Muth, ſie ihr zu machen, ehe ſie und ich nicht Jemand gefunden, einen dritten Unparteiiſchen, dem ſie unbedingten Glauben zu ſchenken vermag und der auch in jener furcht⸗ baren Zeit unſerem Hauſe ſo nahe geſtanden, der ſeiner Stellung gemäß in die Geheimniſſe deſſelben eingeweiht ſein konnte, und der ſchon aus Freundſchaft für das Haupt dieſes Hauſes einer armen Frau und ihrem Kinde ſeinen Schutz nicht verweigern wird.“ M Madame Bendel hätte nicht nöthig gehabt, dieſe letzten Worte mit ſo rührend eindringender Stimme und flehend erhobenen Händen zu ſprechen, um den Arzt zu bewegen, daß er durch eine Verbeugung und eine bezeichnende Be⸗ wegung ſeiner Rechten ſich bereit erklärte, zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände. „Schon längſt hatte ich die Abſicht, mich an Sie zu wenden,“ fuhr Madame Bendel fort,„doch fehlte es mir dazu an Muth, vielmehr an Entſchloſſenheit, und ich will jetzt dem Himmel dankbar ſein, daß er es ſo gefügt, Sie 151— zu mir zu führen, und daß Sie ſo freundlich ſein wollen, meine Rechtfertigung anzuhören.“ „Deren es eigentlich mir gegenüber nicht mehr bedarf,“ entgegnete Doktor Werner in bewegtem Tone,„ja, wenn auch damals— ich will offen und rückhaltslos, ja rück⸗ ſichtslos mit Ihnen reden,— wenn mich auch damals finſtere Zweifel bewegten, ſo hatte ich doch keinen triftigen Grund, dieſe in meinem Herzen feſtzuhalten, und ſo ver⸗ ſchwanden ſie auch gänzlich bei dem guten Glauben an Sie, den ich trotz alledem nie ganz verlor und welcher, nach dem, was ich heute gehört, felſenfeſt bei mir zurück⸗ gekehrt iſt.“ „Das lohne Ihnen der Himmel, aber um mich vor der Welt zu rechtfertigen, genügt Ihr Glaube nicht, ſon⸗ dern Sie müſſen die Ueberzeugung haben, daß, wenn auch der leichte Sinn des kaum erwachſenen Mädchens von da⸗ mals ſchwer gefehlt hat, ſich das junge, unerfahrene Weib doch nie ſo weit vergaß, um vor dem ſtrengſten Richter eine Schuld auf ſich zu laden, wogegen der Schein einer Schuld allerdings nicht fehlte.— Haben Sie noch etwas Zeit, mich ruhig anzuhören?“ fragte ſie bittend. „Stunden, und mit großem Intereſſe.“ Madame Bendel verneigte ſich dankend, dann fuhr ſie nach einem tiefen Athemzuge fort:„Wie ſich damals meine Heirath gemacht hat, weiß wohl von Unbetheiligten Niemand beſſer als Sie. Sie ſprachen ſich dagegen aus und mit gediegenen, vernünftigen Gründen; o, wäre ich damals nicht ſo ganz unter dem Einfluß meiner Familie — —————— 8 ¹ 4 8 5 —ͤ 4,8 — 152— geweſen, hätte ich es wagen können, Ihnen unbedingtes Vertrauen zu ſchenken, ſo würde ich Sie flehentlich gebeten haben, Alles anzuwenden, damit dieſe Heirath nicht zu Stande käme. Ich erſchrak bei dem getroffenen Arrange⸗ ment, denn ich liebte Herrn Bendel nicht, ich fühlte, ihm nicht einmal die ſeinem Charakter und ſeinem ganzen Weſen ſchuldige Verehrung zollen zu können, denn das Herz des jungen Mädchens war von einer Leidenſchaft er⸗ füllt, die ihm Alles, was dieſer entgegenſtrebte, kalt, grau⸗ ſam, verabſcheuungswürdig erſcheinen ließ.“ „Ich wußte das und habe es meinem Freunde nicht verhehlt, mußte mich aber achſelzuckend zurückziehen, als er, der Ihrer älteren Schweſter, meiner Freundin Madame Schwebeling, unbedingt vertraute, mir die feſte Verſiche⸗ rung gab, dieſe Leidenſchaft ſei vorübergehend und gänz⸗ lich ungefährlich, da der Gegenſtand derſelben Ihrer un⸗ würdig ſei.“ Madame Bendel zeigte ein trauriges Lächeln, ehe ſie zur Antwort gab:„Sagen Sie das einem jungen Mäd⸗ chen, die zum erſtenmale liebt, die geblendet von äußeren glänzenden Eigenſchaften nur ihrem Gefühle folgt, deren Leidenſchaft noch dadurch erhöht wird, daß man ſie uner⸗ bittlich zum Entſagen zwingen will, während ſie, den heißen Worten aus geliebtem Munde mehr glaubend, feſt überzeugt war, daß ſie glücklich geworden wäre, ja, die anfänglich, nachdem ſie ſich ſchon überzeugt, wie gehaltlos und wie unwürdig der Gegenſtand ihrer Liebe war, alles das mit dem Schmerze eines verrathenen Herzens, einer —yõA — 153— betrogenen Liebe entſchuldigte und die in dieſem Glauben weiter ging, als ſie hätte gehen ſollen.“ Sie hatte das mit ihrer leiſen, unſicheren Stimme geſagt, dann beide Hände vor das Geſicht gedrückt, und als ſie dieſe langſam wieder herabgleiten ließ, fuhr ſie aufwärts blickend fort:„Sie werden nach dieſem Geſtänd⸗ niſſe überzeugt ſein, daß ich Ihnen auch in allem Anderen die volle, unumwundene Wahrheit ſage.“ „Ich bin davon überzeugt,“ antwortete Doktor Werner ſein Haupt neigend und ernſt vor ſich niederblickend. „Dann wurde ich verheirathet und ließ alles das willenlos geſchehen, ſchmerzerfüllt, wenn ich in meine Zu⸗ kunft blickte, ohne große Reue, wenn ich an die Ver⸗ gangenheit dachte,— doch änderte ſich das Letztere raſch und ſchrecklich. Ich ſah nur zu bald, wie unwürdig, wie ſchlecht, wie erbärmlich Jener war, der immer noch ein Recht an mich zu haben glaubte, weil er früher Rechte an mich gehabt,— doch iſt der Himmel mein Zeuge, daß ich ihm ſchaudernd auswich, und wenn ich mich in jener 5 furchtbaren Zeit in meinem gränzenloſen Schmerze über etwas anzuklagen habe, ſo iſt es mein Mangel an Muth, der mich abhielt, meinem Gatten Alles zu geſtehen. O, es war das für mich eine Quelle unbeſchreiblichen Leidens, entſetzlichen Jammers,— vergebens rang ich nach Frei⸗ 2 4 7 ————y— 1 „ — heit und wenn ich durch die größten Opfer, die ich brachte, 1 endlich hoffte, meine Feſſel zerriſſen zu haben, ſo erſchien der Elende wieder, indem er weitere Summen, meiſt unter 1 Drohungen von mir verlangte, und dann jedesmal mit —————— — ͤ ————— 4— ——y———jj y—— 3— 3 7 —. 1 —————— — dem feſten Verſprechen, daß er nie mehr erſcheinen, ſon⸗ dern für immer verſchwinden werde. Ja, er verſchwand, es gab Monate, halbe Jahre, in denen ich an eine end⸗ liche Erlöſung glaubte, freier aufzuathmen begann, bis— der Entſetzliche wieder erſchien, bald in übermüthiger Laune ſich mir zu nähern drohte, dann auch wieder in herunter⸗ gekommener Geſtalt mein Mitleid in Anſpruch nehmend— und ich gab ihm— gab ihm mit vollen Händen, gab ihm, was ich zuſammenraffen konnte und was er von mir forderte, indem er auf ſein zerrüttetes Lebensglück hinwies. „So geſchah es auch an jenem furchtbaren Tage, wo ich alles zuſammengerafft hatte, was mir möglich war, da er mich Briefe ſehen ließ, die ihm eine geſicherte Exiſtenz in Amerika verſprachen— o, ich werde es nie vergeſſen, als er an dem kleinen Gitterthor unſeres Gartens von mir ſchied; es war ein ruhiger, ſtiller, herrlicher Sommer⸗ abend, die Sonne ſandte durch eine Häuſerlücke die letzten goldenen Strahlen auf den Weg, den er gehen mußte, und als ich ihm, erſchöpft von einer kurzen aber heftigen Unterredung, ſchaudernd nachblickte, wie er dahin ſchritt, luſtig und wohlgemuth, während ich, ein Bild des Jam⸗ mers, ihm nachſtarrte, hätte ich faſt aufgeſchrieen vor Ver⸗ zweiflung über die unwürdige entſetzliche Lage, in die er mich gebracht! „Doch ſollte es anders kommen, furchtbarer, entſetzlicher — ich ſollte ihn noch einmal wiederſehen— ſpät Abends, als ich, erſchüttert von dem, was ich erlebt,— ermattet ——yIE8mQOEſ— 155— am Fenſter meines Schlafzimmers lehnte— mein Gatte war ſchon zur Ruhe gegangen— ich blickte in die Nacht hinaus, hoffend auf eine endliche Erlöſung,— da hörte ich etwas im Garten heranſchleichen, da kletterte es an dem Spalier der Mauer empor— da erſchien er,— alle meine Hoffnungen zerſtörend— alle, alle, und mein ganzes Lebensglück vernichtend,— denn ich war es nicht allein, die ihn ſah, wie er ſich zum Fenſter hinaufſchwang, meine entſetzten Blicke waren nicht die einzigen, die in ſein frech lachendes Antlitz ſchauten,— denn während ich mich unter Zorn und Abſcheu von ihm wandte, bemerkte ich unter der Thüre meines Schlafzimmers eine Geſtalt— geiſterhaft anzuſehen, mit erloſchenem Blick und fahlen Lippen— ‚ah— ah— ah— ah,“ ſtöhnte ſie, das Geſicht ſchaudernd in beide Hände verbergend, es kam mir oft der entſetzliche Gedanke und kommt mir heute noch in ſtillen, ſchlafloſen Nächten, er ſei es nicht ſelbſt geweſen, der mir nur eine Sekunde lang unter der Thüre erſchie⸗ nen— nicht er ſelbſt— lebend und körperlich, ſondern ein Phantom, ein Geſpenſt, und doch— als ich gegen die Thüre ſtürzte mit dem feſten Vorſatz, ihm Alles zu geſtehen, ihn um Hülfe anzuflehen, da fand ich die Thüre von außen verſchloſſen, und das konnte doch nur die Hand eines Lebendigen gethan haben! „Welche Nacht ich verlebte,“ fuhr die arme Frau mit müder Stimme fort,„ich vermag es nicht, Ihnen das zu ſchildern; ich hielt eine Steigerung meines Unglückes, meines Leides, meines gränzenloſen Jammers für unmöglich, und ————————— —————— 1A— —-—ᷣᷣ-— —— ———y— 4 Eͤͤͤͤͤͤͤͤͤuͤuͤͤſſ —— — 156— doch kam noch eine furchtbare Steigerung, als am ande⸗ ren Morgen der Schreckensruf an mein Ohr ſchlug, mein Mann ſei todt im Bette gefunden worden.“ „Und die Thüre Ihres Zimmers war immer noch verſchloſſen?“ fragte der Arzt in begreiflicher Span⸗ nung. „Ja, meine Kammerfrau öffnete und wußte ſich bei dem Schrecken und der Verwirrung nicht mehr zu erin⸗ nern, ob ſie ſelbſt nicht vorher in der Uebereilung den Schlüſſel umgedreht— ich aber wußte es ganz genau,“ fuhr ſie tief erſchüttert in lautem Tone fort,„o, ganz genau wußte ich es; denn ich hatte während der Nacht lange dort auf den Knieen gelegen, während ich vergebens zu öffnen verſucht, wieder und immer wieder, als ich meinen verzweifelten Entſchluß, durch das Fenſter in's Freie zu gelangen, unausführbar fand.“ „Arme Frau!“ „Ja, arm, elend,— entſetzlich elend, und ſo ſteigerte ſich mein Jammer, bis zu jenem Augenblicke, wo ich an ſeinem Lager ſtand und wo ich mit Schaudern hörte, was Sie von der Urſache ſeines Todes ſagten— o, wäre ich ſchon damals wahr und aufrichtig gegen Sie geweſen!“ „Der Himmel weiß es, wie ſehr auch ich das ge⸗ wünſcht,“ ſagte Doktor Werner,„denn es ahnte mir, daß etwas vorgefallen ſei, was man mir verſchwieg;— ich will Ihnen darüber keine Vorwürfe machen,“ fuhr er in herzlichem Tone fort,„denn ich begreife es wohl, daß Sie —õ——Bmſ — 157— lieber Jahre lang unſchuldig litten, als ſo rückhaltlos die Geheimniſſe Ihrer Vergangenheit mittheilten, aber ich achte Sie deßhalb und Sie dürfen überzeugt ſein, daß ich Ihr Vertrauen zu bewahren und doch wieder zu benutzen wiſſen werde.“ „Darauf rechne ich— nicht für mich, nur für mein armes, ganz unſchuldiges Kind,“ rief ſie in leidenſchaft⸗ licher Erregung,„nur die Angſt um ihre Zukunft iſt es, die mich heute zum Reden zwang und die mich veranlaßt, noch mehr zu ſagen, um Ihnen hoffentlich den Beweis für meine gänzliche Schuldloſigkeit in die Hand zu geben — hoffentlich— wenn mir Gott ſo gnädig iſt,“ ſagte ſie in einem feierlichen, ernſten Tone, während ſie ſich erhob und zu einem kleinen Tiſche hinging, wo eine Kaſſette ſtand, die ſie öffnete, worauf ſie mit einem Couvert in der Hand zurückkehrte. „Es iſt etwas Furchtbares, das ich hier in Ihre Hand lege, es ſind wahrſcheinlich die letzten Worte, die er vor ſeinem Tode ſchrieb— vielleicht eine Anklage gegen mich, ich weiß es nicht, denn mir iſt der Inhalt dieſes Couverts bis heute gänzlich unbekannt— enthält er die Wahrheit, ſo ſtehe ich nach den Erklärungen, die ich Ihnen gegeben, wenn auch nicht gänzlich ſchuldlos da, doch frei von der Schuld an einem furchtbaren Verbrechen;— wäre aber in dieſen Zeilen eine Anklage gegen mich enthalten, ſo fände ich es begreiflich, daß Sie ihm, der das am Rande des Grabes ſchrieb, mehr Glauben ſchenken, als mir — und dann—,“ ſie hatte dieſe letzten Sätze mit einer ——— v — — ———,—=— ————y—————ſſ— 4 7 4 8. — 8 — —— — 158— unbegreiflichen Ruhe geſprochen, während ein trauriges Lächeln um ihre Lippen ſpielte und ſie die auf's Höchſte verwunderten Blicke des Arztes mit feſtem, klarem, unge⸗ trübtem Blicke aushielt. Ehe ſie aber das kleine Briefcouvert in ſeine Hand legte, ſagte ſie:„Ich fand das auf dem Nachttiſchchen vor ſeinem Bette, ich war feige genug, mein Schnupftuch darüber zu werfen, als Sie eintraten— Ihnen— dieſes Schreiben zu unterſchlagen, denn die Adreſſe iſt an Sie gerichtet.“ „O, warum thaten Sie das, wenn Alles ſo iſt, wie Sie mir mit ſo unverkennbarer Wahrheit erzählten, wie wäre es ſo leicht geweſen, mir ſchon damals durch dieſes Schreiben Ihr Vertrauen zu beweiſen und mich zu Ihrem natür⸗ lichen Beſchützer aufzurufen.“ „Ja— wenn—“ erwiederte ſie mit klangloſer Stimme. „Ja— wenn— allerdings— doch das wird ja die nächſte Sekunde aufklären,“ ſprach Doktor Werner in ſichtlicher Bewegung; damit wollte er das Couvert auf⸗ reißen, doch verhinderte ſie das, indem ſie raſch ihre Finger auf ſeine Hand legte und bat:„Noch einen Augenblick, Sie werden verſtehen, um was es ſich für mich und auch für mein armes Kind handelt, betrachten Sie deßhalb mit aller Aufmerkſamkeit Couvert und Siegel, um über⸗ zeugt zu ſein, daß beides ſo unverletzt iſt, wie er es aus der Hand gelegt.“ „Mein armer, alter Freund,“ ſagte der Arzt traurig lächelnd, nachdem er ihren Willen erfüllt und dann die Aufſchrift betrachtet hatte;„ja, das ſind deine feſten, ſchweren Schriftzüge— iſt mir doch gerade zu Muthe, als ſpräche er von jenſeit des Grabes zu mir!“ „Das thut er ja auch,“ flüſterte ſie, die feuchten Blicke erhebend. „Nach ſo langer Zeit!“ „Und welcher Zeit für mich!“— Ein kurzer Auf⸗ ſchrei entrang ſich ihrem tief bewegten Herzen, als das Papier knitterte— ſie ſtützte die Hand auf den Tiſch und beugte ſich haſtig gegen den Leſer, ihn unter ſchweren Athemzügen mit weit aufgeriſſenen Augen anſtarrend. Jetzt füllten ſich ihre Augen mit Thränen, aber nicht des Schmerzes, denn ſie hatte ſein wohlwollendes Kopfnicken wohl verſtanden, ſowie einen freudig gerührten Blick, den er über das Papier hinweg auf ſie gerichtet—, dann aber wankte ſie gegen ihren Stuhl und ſank hinein, die gefalteten Hände hoch emporhebend. „Es iſt Alles in Ordnung,“ ſagte Doktor Werner leiſe und tief bewegt,„nach dem, was Sie mir anver⸗ trauten, fühle ich wieder einmal recht, welch' biederes Gemüth, welch' treues Herz wir in dem Manne verloren, der dieſe Zeilen ſchrieb; ſie ſind ſo einfach wie möglich, ſie ſagen ſo gar nichts, und doch wieder ſo unendlich viel zu Ihrem Beſten.— O, warum kam dieſes Blatt nicht ſchon vor Jahren in meine Hände, hören Sie, was er ſchreibt: „Mein lieber Freund,“ las der alte Herr mit einem 8 2 4 e.— ——— 1 ͤ 1 —— —————y,—* 5* ————— 8. g„ ——¾⅓ — 160— unverkennbaren Beben in ſeiner Stimme,„ehe ich, etwas abgeſpannt von manchen anſtrengenden Arbeiten des heu⸗ tigen Tages, zu Bette gehe, will ich Sie noch bitten, mich morgen früh zu beſuchen, denn nach der geſtrigen ziemlich ſchlafloſen Nacht haben ſich heute meine Kopf⸗ ſchmerzen wieder ſo ſtark eingeſtellt, daß ich mich veranlaßt ſehe, reichlichen Gebrauch von Ihren vortrefflichen Tropfen zu machen. Doch iſt das nur, wie Sie mir ſelbſt oft geſagt, ein Palliativ, und ich möchte Ihren Rath hören, um endlich etwas Gründliches dagegen zu thun, meinet⸗ halben eine Luftveränderung zu gebrauchen; was denken Sie von Baden⸗Baden? Wenn wir dort gemeinſchaftlich ein paar Wochen den Verſuch machten, uns ſo gut als es gehen mag, in die heitere, luſtige Jugendzeit zurück zu verſetzen,„le vin, le jeu, le vin, le jeu, les belles“— puh, da ſtößt's wieder, und ich muß nochmals ein Dutzend Ihrer Tropfen aufgießen, alſo bis morgen! Beunruhigen Sie aber meine liebe Frau nicht, es ſchmerzt ſie ohne⸗ hin genug, wenn ſie mich leiden ſieht— in alter Freundſchaft Th. Bendel.“ Dann ließ er die Hand mit dem Briefe ſinken und blickte eine gute Weile kopfnickend vor ſich nieder, ehe er, nach einem tiefen Athemzuge emporſpringend, ausrief: „Und nun keine Thränen des Schmerzes mehr— trauern Sie immerhin um ihn, denn er hat das wohl um uns verdient, und auch ich werde ihm meinen Zoll wehmüthiger Erinnerungen darbringen—, aber Sie müſſen wieder ————%———— — 161— heraus in die Welt, mit klaren, offenen Augen und freier Stirn, lieber etwas zu hochmüthig als ſchüchtern,— hier, auf meinem Herzen ſoll es ruhen, das glänzende Zeugniß, von dem ich ausgiebigen Gebrauch für Sie machen werde. Der alte Gott lebt noch, und der alte Werner iſt auch nicht gering zu ſchätzen!“ Sechstes Kapitel. Luftſchlöſſer und Träume verſchiedener Art. Nachdem Fräulein Sophie den Garten ihres ehemaligen Pflegevaters, des Herrn Majors von Quinſcheidt, verlaſſen, hatte ſie ſich beeilt, möglichſt raſch durch die kleinen, ärm⸗ lichen Gaſſen und Sträßchen in ein reicheres und ele⸗ ganteres Stadtviertel zu gelangen, wo große und glänzende Läden und Magazine die ſchauluſtige Menge ſchon am frühen Tage lockten und feſſelten, und wo ein Strom von Spaziergängern die breiten Trottoirs erfüllte. Es war heute Morgen aber auch ein Wetter, wie eigens zum Flaniren gemacht der Regen in der vergangenen Nacht hatte nicht nur den Staub gelöſcht, ſondern auch eine angenehme Kühle verbreitet, die aber jetzt ſchon— früh am Vormittage— in bedenklicher Weiſe mit der Tageshitze zu kämpfen hatte, wodurch ein angenehmer Luftzug ent⸗ ſtand, der kein Wind zu nennen war, höchſtens eine wonne⸗ volle Luftſchwankung, welche ſich die hübſche Aufgabe ge⸗ ſetzt hatte, mit den Schleiern der Damen zu koſen, ſowie mit deren modiſch lang herabwallendem Haar, und welche zu gleicher Zeit von dem benachbarten Blumenmarkte ſüße Düfte eben ſo geſchäftig als liebenswürdig herüber trug. Das junge Mädchen, welches hier allein und unbe⸗ kümmert durch die gaffende, plaudernde und lärmende — ¾— — Menge ging, hatte dieſen Weg nach Hauſe nicht ohne Abſicht einem anderen vorgezogen, der ohne beſonderen Verkehr über eine ſtädtiſche Gartenanlage nach dem Ufer des Fluſſes führte, wo ſich an der Grenze eines der älteſten Stadttheile die Wohnung der Gebrüder Schropps und ſomit auch ihre eigene befand. Es war dieſer letztere Weg ſehr angenehm für geſell⸗ ſchaftliche Spaziergänge, doch gerade Vormittags weniger für eine allein gehende junge Dame, auch gab es in den beliebten Straßen der Reſidenz ſo vielerlei zu ſehen, die herrlichen Auslagen brillanter Stoffe aus allen Welt⸗ gegenden, die Mode⸗ und Schmuckwaarenläden, die Ma⸗ gazine mit fertigen Toiletten über den ſchön gewölbten und wieder unmöglich ſchlanken Drahtgeſtalten, meiſtens in einer Farbenzuſammenſtellung, welche ein junges Herz ſchon anzuregen im Stande iſt. Und Sophie beſaß für ſo etwas einen regen Sinn und viel Verſtändniß, erkannte auf den erſten Blick, was überladen, geſchmacklos oder vornehm und elegant war, und liebte es, in Gedanken irgend eine Tollette durch eine andere Farbenzuſammenſtellung zu verbeſſern, auch wohl vor dem Juwelierladen nebenan einen ſolchen Phan⸗ taſieanzug durch den betreffenden Schmuck zu vervoll⸗ ſtändigen und ſich dazu eine der vorüberrollenden eleganten Equipagen auszuſuchen. Dieſe Träume nach Art der Königin von Golkonda machten ihr ſehr viel Vergnügen, und wenn ſie hierauf lächelnd weiter ſchritt, ſo konnte ſie ordentlich das ange⸗ — ————— ——— 4* 8 .-.“— — 164— nehme Schaukeln auf den weichen Kiſſen empfinden, und dachte es ſich ſehr behaglich, zu Hauſe angekommen ihr kleines, zierliches Coupé verlaſſen zu können. Das waren allerdings nur hübſche Phantaſien, wenn ſie aber zufällig an einem jener großen Spiegel vorbei⸗ kam und ſich dort mit einem raſchen Seitenblick ſelbſt beſchaute, ſo kräuſelten ſich leicht ihre Lippen und ſie dachte heiter lächelnd: warum denn nicht? Begegnende junge Herren, die der hohen, ſchönen Geſtalt des jungen Mädchens nachblickten und vielleicht überraſcht waren von dem gleichgültigen, ſtolzen Ausdruck ihres ſchönen Geſichtes, ſowie von der eigenthümlichen Gluth ihrer dunklen Augen, mochten Aehnliches denken und ſie für eine jener vornehmen Damen anſehen, die, ihrer Equipage langſam vorausſchreitend, mit ziemlich gleichgültigen Blicken die Schätze der Magazine muſtern; — denn einen ſolchen gleichgültigen Blick, oder ein ge⸗ wiſſes intereſſeloſes Schauen in's Leere wußte Sophie vor⸗ trefflich anzunehmen, beſonders wenn ſie bemerkte, daß ſie beobachtet wurde. So gerade jetzt, als ihr Blick ganz zufällig dem Auge eines jungen Herrn begegnete, der, ſeine raſchen, außer⸗ ordentlich ſchönen und etwas unruhigen Pferde von einem hohen, höchſt eleganten Kutſchirwagen ſelbſt lenkend, einen Augenblick hielt, um mit einem Manne zu reden, welcher der jungen Dame ſoeben eine tiefe, ehrfurchtsvolle Ver⸗ beugung machte. Dieſer Mann war aber Niemand anders als Herr Kniegel, den der elegante junge Herr durch eine — 165— leichte Berührung mit der Peitſche aus haſtigem Gange zum Stehen gebracht. „Alle Wetter,“ ſagte der auf dem Wagen, indem er Zügel und Peitſche raſch in eine Hand nahm, um mit eingeklemmtem Augenglaſe dem jungen Mädchen ein paar Sekunden nachzublicken,„was haben Sie da wieder für eine hübſche Bekanntſchaft? Wer iſt das?“ Er blickte dabei ein paar Mal haſtig nach Sophie um, indem er ſich mit einer unruhigen Bewegung auf ſeinem Sitze drehte, doch ſchienen dieſe haſtigen Bewegungen nicht gerade Bezug auf das Intereſſe zu haben, welches er an dem jungen Mädchen zu nehmen ſchien, ſondern mehr eine nervöſe Angewohnheit zu ſein, denn wenn er ſprach, zuckte er auffallend mit den Achſeln, griff zuweilen mit der Hand, in welcher er die Peitſche hielt, nach ſeinem Hutrande oder an ſein eingeklemmtes Augenglas und hielt dabei nicht eine Sekunde lang die Zügel ſtet und ruhig. Auch ſeine Augen zeigten etwas von der beſtändigen Un⸗ ruhe, denn ſie wandten ſich mit einem lauernden Aus⸗ druck bald nach rechts, bald nach links, um ſich auch wenn er ſprach, nichts von dem entgehen zu laſſen, was zufällig auf der andern Seite geſchah.—„Nun, Kniegel, wer iſt das hübſche Mädchen?“ „O, Herr Baron,“ erwiederte der Geſchäftsmann in einem unterwürfigen Tone und mit einem freundlichen Lächeln,„das iſt in dem Sinne gar nichts,— auf mein Wort, Herr Baron!“ „Teufel auch, was gehen Sie meine Gedanken an! Hackländer, Kainszeichen. II. ————— 2 1„ 5 „ 2 2 8—8ö—ö—ö—öoſͤſſhöhhö— — 166— Ich möchte nur wiſſen, wer die junge Dame iſt, und wenn Sie ſie kennen, werden Sie wohl keinen Grund haben, es mir zu verſchweigen.“ „Ich kenne ſie wohl, Herr Baron, es iſt die Pflege⸗ tochter der Herren Gebrüder Schropps.“ „Ah ſo,“ klang die Antwort, und da in dieſem Augenblicke die kurz gehaltenen Pferde eine unmuthige Bewegung machten, ſo ſah ſich der elegante junge Herr veranlaßt, ſein Augenglas fallen zu laſſen und für einen Augenblick die Zügel in beide Hände zu nehmen, wobei er mit ſeinen Schultern, ja, mit ſeinem ganzen Ober⸗ körper jeder Wendung in auffallender Art folgte.— „So, von den Schropps,“ ſagte er alsdann,„die da unten am Fluſſe, die wohl Urſache hätten, gegen mich gefällig zu ſein, ſchon meines Namens wegen.“ „Allerdings— aber—“ hier zuckte Herr Kniegel mit den Achſeln, wobei er eine ſehr ernſthafte Miene annahm. „Was ſoll Ihr Aber?— Wenn das Ihrer Auskunft über jenes hübſche Mädchen nachgehinkt kommt, ſo hätten Sie es erſparen können, denn ich habe nichts weiter von Ihnen wiſſen wollen, als den Namen,— oder iſt es vielleicht ein wenig verſprechende Einleitung zu unſerer Geſchäftsangelegenheit?“ „Leider das letztere, Herr Baron, ich habe bei den Herren Gebrüdern Schropps angeklopft, habe auch Ihren Wunſch auf die möglichſt angenehme Art dargeſtellt— aber—“ „Hol' Sie der Teufel mit Ihrem Aber, alſo iſt es —,.— —— 167— nichts mit dem für mich im Augenblicke etwas preſſanten Geſchäfte? Kann es nicht glauben! Denn die da unten hätten, wie ich ſchon eben bemerkte, wohl Urſache, gegen mich gefällig zu ſein.— Sollten ſich eine Ehre daraus machen.— Alſo iſt es nichts mit ihnen? Sprechen Sie gerade heraus.“ „Dort iſt es ſchwerlich etwas,— aber— „Nun, dieſes Aber gefällt mir beſſer, alſo haben Sie eine andere Hoffnung?“ „Hoffnung allerdings, wenn der Herr Baron mir eine Zeit beſtimmen wollten, wo ich Sie mit ein paar braven Männern ſicher zu Hauſe treffe.“ „Gleich mit ein paar Ihrer höchſt angenehmen Freunde? Doch ich muß auch in dieſen ſauren Apfel beißen.“ Hier zog er die Zügel, indem er ſich weit nach hinten lehnte, ſo ſcharf an, daß die Pferde den leichten Wagen ein paar Schritte rückwärts drückten, worauf er ſeine Peitſche nähm und ſie durch eine haſtige, aber leichte Berührung wieder vorwärts trieb. Dann ſagte er mit einem unmuthigen Zucken ſeiner Schultern:„Kommen Sie, ſobald es Ihnen möglich iſt, Nachmittags um vier Uhr, und geben meinem Bedienten eine Ihrer Karten oder ſonſt ein Stück Papier mit Ihrem Namen und dem Zuſatz: ‚Von dem Herrn Baron befohlen,— verſtanden?“ „Ja wohl, Herr Baron, und es ſoll nicht fehlen. Ich werde mich noch ein Bischen umhören und komme in den nächſten Tagen.“ „Adieu, Kniegel!“ 44 —— ———.———„ ————* 4 *—— ——— 3 — 168— „Adieu, Herr Baron!“ Die Pferde ſchoſſen raſch in eine Lücke hinein, die ſich in dem Wagengetümmel vor ihnen zufällig aufgethan, dann war der Eine verſchwunden, während der Andere jenem noch einen Augenblick kopfſchüttelnd nachſchaute, um gleich darauf ſeinen Lauf wieder aufzunehmen,— einen Lauf in der richtigen Bedeutung des Wortes, denn der unermüdliche Geſchäftsmann pflegte ſich ſtets in einem kurzen Hundetrabe fortzubewegen, wobei er mit den Armen ſchlenkerte und den Oberkörper weit vorgeſtreckt hielt. Dabei wußte er mit einer außerordentlichen Gewandtheit durch die dichteſte Menge zu ſchlüpfen, den Begegnenden auszuweichen, häufig, indem er vom Trottoir auf's Pflaſter hüpfte, um hier eine Zeit lang zwiſchen den Wagen ſein Fortkommen zu ſuchen. Heute ſchien er es ganz beſonders eilig zu haben, er ſchaute ſpähend vor ſich hin, was er bei ſeinem ſonſtigen Geſchäftsrennen von Haus zu Haus ſelten zu thun pflegte, mußte ſich alſo ein außergewöhnliches Ziel vorgeſteckt haben; ſo war es auch, und dieſes Ziel war anders Niemand als Fräulein Sophie, deren weißes Gewand er in Kurzem wieder vor ſich ſah, um ihr gleich darauf durch ein ge⸗ ſchicktes Manöver von der Seite kommend zu begegnen und ſie, ohne daß es auffallend geweſen wäre, zu begrüßen. Ja, er hatte ſo glücklich und gerade bei einem ziemlichen Gedränge ihren Weg gekreuzt, daß ſeine ſchlenkernden Be⸗ wegungen ſogleich einen Raum auch für ſie hervorbrachten und er Gelegenheit fand, ihr in ehrfurchtsvollem Tone zu — 169— ſagen:„Sie, gnädiges Fräulein, an einem Morgen drei⸗ mal begrüßen zu dürfen, das iſt eine gute Vorbedeutung für den ganzen Tag. Wenn ich Ihnen doch meinen Dienſt zu irgend etwas anbieten dürfte?“ „Ich wüßte nicht wozu, Herr Kniegel!“ „O, jetzt zum Beiſpiel, um einen Wagen zu holen; ich ginge bei dem Gedränge nie zu Fuß, wenn ich das gnädige Fräulein wäre. Ueberhaupt würde ich es lieben, auch einmal vornehm auf andere Leute herabzuſehen, ich nämlich— Kniegel,— es iſt doch ein arges Gedränge hier und man wird recht herum und hinum geſtoßen.“ „Das iſt mir noch nicht widerfahren,“ ſagte das junge Mädchen in ruhigem, kalten Tone,„ich weiche aus oder man weicht mir aus, wie es ſich gerade ſchickt.“ „Verſteh' das letztere wohl,“ ſchmunzelte Herr Kniegel, der mitunter recht aufdringlich ſein konnte und es nicht einmal bemerkte oder bemerken zu wollen ſchien, wenn man ihn kurz und abſtoßend behandelte— ſo auch jetzt, denn obwohl Sophie mit einem kaum bemerkbaren Kopf⸗ nicken an ihm vorübergehen wollte, blieb er doch noch einen Augenblick in ihrer Nähe und ſagte:„Ja, Jedermann geht Einem höflich aus dem Wege, wenn man nämlich wie das gnädige Fräulein ausſieht— wie eine ächte Prinzeſſin!“ Dann aber grüßte er ehrfurchtsvoll und war im näch⸗ ſten Augenblicke unter der Menge verſchwunden. Sophie hatte unmuthig die Lippen zuſammengezogen und ihre finſteren Blicke nahmen jenen eigenthümlichen, .————— —“ 1 5 3——— 1 1— ————————— t 3 2 4 8 5* 8— 2— 1 ſſ 2———.—— — 170— faſt einem Kreuzfeuer vergleichbaren Ausdruck an, doch nur für wenige Sekunden, denn als ſie gleich darauf von einer ſtämmigen Magd, die einen ſchweren Armkorb trug, etwas derb angeſtoßen wurde, hoben ſich ihre Lippen zu einem leichten Lächeln und ſie dachte: warum ſoll ich mich ärgern über das, was jener Schwätzer ſagt, hat er doch Narren⸗ freiheit ſelbſt bei den ſonſt ſo ernſten Herren Schropps— und im Grunde hat er Recht, wenn ich auch keine Prin⸗ zeſſin bin, ſo ließe ich mir doch zuweilen einen Wagen ge⸗ fallen und werde mir das überlegen. Sie ging alsdann raſcher dahin, nahm ein paar den Weg abkürzende, menſchenleerere Seitenſtraßen und erreichte in Kurzem eines der älteren und ſtilleren Stadtviertel der Reſidenz, wo ſich das Haus der Herren Gebrüder Schropps, dicht am Ufer des Fluſſes gelegen, befand. In früheren Zeiten hatten hier inmitten des lebhaften Stromverkehrs, der damals das leichteſte und faſt einzige Verbindungsmittel bot, der größte Theil der reicheren Kauf⸗ leute gewohnt, von denen viele zu den vornehmſten, oft altadeligen Geſchlechtern gehörten, weßhalb man hier an den grauen, maſſiven Steingebäuden über den breiten Hausthüren oder hoch unter den Krahnbalken, dem Wahr⸗ zeichen des Kaufmannes, zierlich ausgehauene Wappen ſah. Jetzt waren übrigens wenige der Nachkommen hier unten mehr zu finden, denn der Handel und kaufmänniſche Ver⸗ kehr, welcher früher hier geblüht, hatte ſich im Laufe der Zeit größtentheils vom Ufer des Fluſſes weggezogen, hin zu den Alles beherrſchenden, alle Verhältniſſe ändernden 171 Bahnhöfen, und mit ihm die Träger alter, berühmter Fäirmen und adeliger Namen; und wenn von letzteren auch noch manche dem Handelsſtande treu geblieben waren, ſo doch nicht mehr, indem ſie die feinen Finger an Oel⸗ und Roſinenfäſſern oder Tabaks⸗ und anderen Ballen be⸗ ſchmutzten, ſondern indem ſie ſich der vornehmſten Branche, dem Geld⸗ und Wechſelgeſchäft, zugewandt und nur noch mit werthvollen Papierchen und vornehmen Goldbarren verkehrten. Zu dieſem Zwecke befanden ſie ſich auch beſſer in der Nähe des Telegraphenamtes und der Bahnhöfe, bauten ſich dort glänzende, luftige Häuſer oder vor der Stadt herrliche Villen und hatten das gewaltige Bügeleiſen der Zeit auch inſofern geduldig über ſich ergehen laſſen, als ſie ein nicht minder gewinnendes Lächeln und einen eben ſo warmen Händedruck zur Verfügung hatten für den Grafen Fugger wie für den Baron von Roſenblüth. Drunten am Fluſſe waren die meiſten der großen Gewölbe und Magazine, ja ſelbſt die alten, geräumigen Wohnhäuſer von den hier noch immer lebhaften Speditions⸗ geſchäften zu Aufbewahrungsräumen in Anſpruch genom⸗ men worden und nur wenige, bevorzugt gelegene oder von dem Hafenleben etwas entfernt befindliche Häuſer hatten ihrer Bequemlichkeit und Solidität wegen Käufer gefunden in den Perſonen älterer ſtiller Handelsherren, die ſich zur Ruhe geſetzt hatten oder die ihre Geſchäfte nur nebenher als Liebhaberei trieben oder die den weiten Weg zur Eiſen⸗ bahn und Börſe nicht ſcheuten. nRQRn——-ę— Darunter befanden ſich auch die Herren Gebrüder Schropps, welche, als ſie noch auf der Zigeunerinſel wohn⸗ ten, eines der ſchönſten aber älteſten Häuſer am Flußufer gekauft hatten, das der alten und bekannten Familie der Freiherren von Reckenberg, wobei ſie die Bedingung ein⸗ gingen, das Haus nicht eher wieder zu verkaufen oder zu vermiethen oder ſelbſt zu beziehen, bis ein ſehr alter Baron Reckenberg, der mit ſeiner gleichfalls alten Schweſter im Hauſe wohnte, geſtorben ſei. Dieſer Herr war nun ſchon vor einigen Jahren und für die Schropps zu ſehr gelegener Zeit, als auch deren Haus der neuen Straße weichen mußte, zu ſeinen Vätern verſammelt worden, und was das alte Fräulein von Reckenberg anbetraf, ſo hatte ſich dieſes mißlicher Ver⸗ mögensverhältniſſe wegen gern zu einem Vergleich herbei⸗ gelaſſen, wonach die Gebrüder Schropps gegen eine Leib⸗ rente ihr Haus alsbald beziehen konnten. Jedenfalls war dies ein ſehr vernünftiges Arrangement, denn es konnte die neuen Beſitzer des großen Hauſes auch nicht im Min⸗ deſten beläſtigen, daß das alte Fräulein im zweiten Stock⸗ werk einige der vielen Zimmer bewohnte, wie es andern⸗ falls dieſer um ſo mehr gleichgültig war, ob das weit⸗ läufige Gebäude bewohnt ſei oder leer ſtehe, da das alte Fräulein von Reckenberg nie ihre Gemächer verließ, alſo auch in keine Berührung mit den übrigen Hausbewohnern kam. Ja, ſelbſt Herr Joſeph Schropps, als er das Haus in allen ſeinen Theilen übernahm und auch die Zimmer der alten Dame betrat— ſie hatte ihn durch ihre Die⸗ ——— ö — 3 4643— nerin ſpeziell dazu ermächtigt,— bekam ſie nicht zu Ge⸗ ſichte und glaubte nur einmal durch eine Thürſpalte ein ſtarres Auge auf ſich gerichtet zu ſehen, das aber augen⸗ blicklich verſchwand, als er ſich anſcheinend in gleicher Weiſe dorthin wandte. Dieſes Haus Reckenberg war in allen ſeinen Theilen, beſonders durch ſeine Lage ein ganz eigenthümliches Ge⸗ bäude; ſein Erbauer, der lange in Venedig gelebt und ſich dort im Handel ſein Vermögen gemacht, hatte es auf einer felſigen Untiefe in den Fluß hineingebaut und zwar ſo, daß es wie auf einer kleinen Inſel lag, die nicht viel größer als das Haus ſelbſt war, denn auf allen vier Seiten gingen die Mauern ſenkrecht in's Waſſet und wenn auch dieſes Waſſer auf der Landſeite kaum zehn Fuß breit und mit einer breiten ſteinernen Brücke über⸗ wölbt war, ſo hätte man doch nur eine Zugbrücke anzu⸗ bringen gebraucht, um gänzlich iſolirt zu ſein. Der Sage nach war es auch früher ſo geweſen, doch bemerkte man keine Spur mehr von einer ähnlichen Einrichtung. Die breite Steinbrücke vom Ufer in's Haus war ein altes Mauerwerk mit Eckſteinen, auf denen ſich zwei alte, etwas unförmliche traditionelle Löwen aufrecht ſtehend befanden, mit einem Wappenſchilde zwiſchen den Vorderpranken, auf dem man einen Rieſen abgebildet ſah, der einen Berg auf der Schulter trug— als eine leicht erkenntliche Umſchrei⸗ bung des Namens Reckenberg. Heute Morgen bei hellem Sonnenſchein ſah das Haus nicht ſo unbehaglich aus, trotz ſeiner dichten bräunlichen ————ð 174 Mauern, ſowie der zahlreichen und dabei kunſtvoll gear⸗ beiteten ſchweren Eiſengitter am unteren Stockwerk auf oben erwähnter Brücke, wo dieſe Gitter ſtrahlenförmige Abwehren mit ſo ſcharfen Spitzen bildeten, daß ſelbſt das kühnſte Gemüth des verwegenſten Straßenjungen davor zurückgeſchaudert wäre. Doch ſchienen ſelbſt dieſe mittelalterlichen Schutz⸗ und Trutzwehren unter dem freundlichen Kuſſe der Sonne ſchmunzelnd zu verſichern, es ſei mit den Gittern und ſcharfen Spitzen lange nicht ſo ſchlimm gemeint, und wer freundlich anklopfe, dem werde auch freundlich aufgethan, wobei aber das Haus verſchwieg, daß ſich hinter dem feſten Eichenholzthor mit den trotzigen Eiſennägeln nicht nur ein ſolider Querbalken zum Vorſchieben befinde, ſon⸗ dern auch eine ſchwere Kette, die anſcheinend harmlos vor⸗ gelegt, nur von einem Eingeweihten wieder gelöſt werden konnte, wodurch das Haus der Reckenberg etwas von einer Mauſefalle an ſich hatte und bei trübem Himmel oder gar bei Regenwetter recht trübſelig, ja unheimlich erſchien. Heute aber leuchtete die Sonne vom wolkenloſen Him⸗ mel herab, das glatte Waſſer des Fluſſes ſchlich ſo behag⸗ lich und ſilberglänzend vorbei, von den zahlreichen Maſten wehten die rothen Wimpel und ein paar Dampfer, die gerade angelegt hatten, ziſchten gemüthlich dazwiſchen und ſchienen die Waarenboote dadurch einzuladen, raſcher näher zu kommen, um recht bald ihres Inhalts entledigt zu werden, was denn auch zu Waſſer und zu Lande durch Boote und Laſtwagen geſchah. Letztere brachten die ſchwe⸗ —————— pa—· —.—, — 475— ren Fäſſer und Kiſten auf jene unförmlichen Schleifen, welche von mächtigen Karrengäulen gezogen die Waaren in die Magazine führten. Was nun dieſe Magazine anbetraf, ſo waren viele derſelben ehedem bewohnte Herrenhäuſer geweſen, und wenn man ihre mit reichem Schnitzwerk bedekten alten Eichen⸗ holzportale mit einiger Phantaſie betrachtete, ſo konnte man ſich heute noch recht gut jene andere Zeit vergegen⸗ wärtigen, wo der Chef irgend einer berühmten Firma im ſchwarzen Sammtkleid, mit weißer Halskrauſe und langem ſpaniſchen Rohr gravitätiſch erſchien, um im Geleite unter⸗ thäniger Handlungsdiener nach ſeinem eben eingelaufenen Schiffe zu ſehen; oder man mochte gern an die feſtlichen Gelage denken, wo das alte Haus vom Lichterglanze er⸗ hellt war, wo im Innern Geigen und Flöten ertönten und Diener mit Fackeln in den Händen ihrer Herren harrten, um ſie nach Hauſe zu begleiten.— Jetzt aber waren dieſe alten Häuſer ſtill und ſchweigſam geworden und ließen kein fröhliches Leben mehr aufkommen, da ſie von unten bis oben mit Woll⸗ und Baumwollballen und Kiſten vollgepfropft waren. Wie ein Hohn auf jene alte, herrliche Zeit des gedie⸗ genen Kaufmannsſtandes erſchien es dabei, wenn die klei⸗ nen, ſchmächtigen Handlungslehrlinge heutiger Tage mit Schreibärmeln oder blauen Magazinſchürzen, die Feder als Zeichen ihrer Würde hinter dem Ohr, an heißen Sommer⸗ morgen das Pflaſter mit zierlichen Deſſins begoſſen, um den Staub zu löſchen, während ein geſchniegelter Vorge⸗ 176— ſetzter, der als Commis oder Buchhalter dieſe unwürdige Zeit längſt hinter ſich hatte, behaglich auf ſeine glänzenden Stiefel ſchaute und dazu die Arie aus irgend einer Oper ſummte, die er vielleicht im geſtrigen Gartenconcert drüben auf der andern Seite des Fluſſes gehört. Sophie war jetzt in der Nähe des Hauſes der Gebrü⸗ der Schropps angekommen, nicht ohne daß ſie kurz vorher noch einmal dem unermüdlichen Herrn Kniegel begegnet wäre, der von dort, wahrſcheinlich mit einem Auftrage kommend, nun wieder zur Stadt hinauftrabte und nicht unterließ, ihr im Vorbeirennen das ſchmale Trottoir auf der anderen Seite der Straße zu empfehlen, da das dies⸗ ſeitige weiter unten wegen einer Oelüberſchwemmung nicht zu paſſiren ſei, eine jener kleinen Zufälligkeiten, die in ähnlicher Weiſe häufig vorkamen und die mit ſchuld daran waren, daß die Atmoſphäre hier unten am Fluſſe häufig mit einem ſauerſüßen oder ſonſtigen durchdringenden Ge⸗ ruche geſchwängert war. Das junge Mädchen hatte viel⸗ leicht deßhalb im Vorbeigehen auf dem Blumenmarkt einen Strauß herrlich duftender Roſen gekauft, den ſie Veran⸗ laſſung fand, vor ihr eigenes blühendes Geſicht zu drücken, als ſie nun über die Brücke nach dem alten Hauſe ging. Anzuläuten brauchte ſie nicht, denn die Thüre öffnete ſich von ſelbſt, weniger durch Zauberei oder durch einen an⸗ gebrachten künſtlichen Mechanismus, als durch die Hand des Herrn Joſeph Schropps, der die ſchöne Pflegetochter vom Comptoirfenſter aus hatte kommen ſehen und ſich beeilt hatte, ihr das Haus zu öffnen. — 1— Für dieſe Freundlichkeit wurde er nicht nur durch ein herzlich dankendes Wort Sophien's belohnt, ſondern als er auf das Bouquet ſchielend die herrlichen Roſen pries, durch dieſe ſelbſt, welche er dankend mit ſich auf's Com⸗ ptoir nahm, während das junge Mädchen die Treppe hin⸗ auf nach ihren Zimmern ging. Im Comptoir, einem großen, gewölbten, aber etwas düſteren Gemach, befand ſich auch Herr Nathan Schropps an der einen Seite des doppelten Schreibpultes, das des Lichtes wegen dicht am Fenſter ſtand, und war in die Berechnung einer Partie Wechſel vertieft, welche Herr Kniegel vermuthlich ſo eben gebracht. Obgleich dieſe beiden Brüder im Alter vielleicht kaum ein halbes Dutzend Jahre aus einander waren, ſo erſchien doch der ſtets ernſte, ſtets bedächtige, daher unbeholfene und ſchüchterne Herr Nathan um viel mehr älter als ſein Bruder, der von lebhafterem, ja, heiterem Charakter, ſtets mit der Welt in Berührung blieb, während jener ſelten die Mauern des Hauſes verließ, und trotzdem ſich Beide ſchon ſeit langen Jahren gleichförmig und gerade nicht elegant gekleidet hatten— ſie trugen ſtets lange, hecht⸗ graue Röcke und Hüte mit breiten Krämpen—, ſo wußte doch Herr Joſeph ſelbſt in dieſem einfachen Anzuge kleine Nuancen anzubringen, die, wenn auch nicht darauf be⸗ rechnet, doch den Erfolg hatten, jenen Altersunterſchied zu vergrößern. So hatte er ſich in jüngſter Zeit eine ſehr helle Halsbinde zugelegt, ſilbergrau mit blauen Tupfen, und eine weiße Weſte, auf welcher ſich ſogar eine ſchwere oöoöoöoöoooooöoöo ————— — 4 goldene Kette bemerklich machte. Ja, bei den letzten heißen Tagen ließ er ein paar Mal Anſpielungen auf eine leichtere Kopfbedeckung, einen Hut von grauer Farbe oder gar einen Strohhut vernehmen; doch hatte Herr Nathan mißbilligend ſeinen Kopf geſchüttelt und die Bemerkung gemacht, daß dergleichen bei ſeinem Alter doch wohl nicht recht paſſend wäre. Jetzt ſtand er an dem feuerloſen, etwas ſtaubigen Kamin mit geſpreizten Beinen, betrachtete das Roſen⸗ bouquet, ſteckte auch zuweilen die Naſe in die duftigen Blumen und ſagte dann mit gleichgültigem Tone:„Durch das junge Mädchen kommt doch etwas friſches Leben in's Haus, was man nothwendig braucht, um nicht ganz ein⸗ zuroſten.“ „Sie hat Beſuche gemacht?“ fragte Herr Nathan, der ſeine Wechſel bei Seite gelegt hatte und die Blechkapſel auf⸗ ſchloß, in welcher ſich die eingeworfenen Briefe befanden. „Sie war bei ihrem Pflegevater und kehrte von da durch die lange Straße und über die Märkte zurück.“ „Woher weißt du das ſo genau?“ „Kniegel hat es mir geſagt, er begegnete ihr ein paar Mal, und daß ſie auf dem Blumenmarkte war, kannſt du an dieſem herrlichen Strauß Roſen ſehen— ah, ſo friſch und duftend! Willſt du riechen?“ Herr Joſeph trat bei dieſen Worten an das Pult und ſtreckte dee Hand mit dem Strauße gegen ſeinen Bruder aus; doch hatte ſich dieſer in dem Leſen eines ihm wohl ſehr wichtig ſcheinenden Briefes vertieft, denn ohne die —————— Augen von den Zeilen abzuwenden, winkte er abwehrend mit der Hand, ja er beugte das Geſicht tief herab auf das Papier, wobei ſich ſeine buſchigen Augenbrauen finſter zuſammenzogen. „Kniegel hat mir auch geſagt,“ meinte Herr Joſeph, welcher ſich durch die ernſte Geſchäftsmiene des Bruders nicht abhalten ließ, ſein ganz beſonderes Wohlgefallen an dem Roſenbouquet kund zu thun,„daß ſie ein paar Mal auf der langen Straße arg in's Gedränge gekommen wäre, und zuweilen hätten ihr auch müßige Leute ſo auffallend nachgeblickt, daß er zum Schutz in ihrer Nähe geblieben ſei— man ſollte ſie eigentlich nie allein ausgehen laſſen — oder ſie veranlaſſen, bei größeren Strecken einen Wagen zu nehmen— du lieber Gott, wir haben's ja! Und es wird ſich ganz gut machen, wenn hier am Hauſe wieder einmal eine Equipage vorfährt, und dann ein niedlicher Fuß etcetera zum Vorſchein kommt.“ Dieſe letzten Worte murmelte er beinahe unverſtänd⸗ lich, wie nur an ſich ſelbſt gerichtet, und ſchien den Ge⸗ danken noch weiter auszumalen, denn er lächelte behaglich, als er ſich nun gegen den Kamin wandte, um die Roſen in einer alten Porzellanvaſe unterzubringen. Dann ſetzte er ſich ſeinem Bruder gegenüber auf den hohen Schreibe⸗ bock vor ſeinem Pultantheile und ſchien jetzt erſt zu be⸗ merken, daß die Leſung des Briefes, welchen Nathan vor 2* ſich liegen hatte, einen größeren ſichtbaren Eindruck auf 3 ihn machte, als das ſonſt bei den wichtigſten Geſchäfts⸗ briefen der Fall war. . 1. —— — ———. ——y————— ͤͤͤͤͤ—ͤſſſ— — 180 „Etwas Beſonderes,“ fragte Joſeph,„irgend eine Sen⸗ ſationsnachricht oder ein Falliment?“ Herr Nathan ſchüttelte ſehr ernſt mit dem Kopfe, als er, den Brief hinüberreichend, zur Antwort gab:„Nichts, was die Firma betrifft, und doch von einer nicht ange⸗ nehmen Wichtigkeit.“ „A— a— a— ah— von Baltimore,“ ſagte Herr Joſeph, nachdem er einen Blick auf den Brief geworfen,„ah, von ihm, und außergewöhnlich lang, vier ausnahms⸗ weiſe ſehr ſauber geſchriebene Seiten— nun, was will er? Das Gewöhnliche, oder hat er ſonſt noch ein An⸗ liegen?“ „Er hat ſonſt noch ein Anliegen,“ erwiederte Herr Nathan kopfnickend,„doch mußt du das ſelbſt leſen. Ent⸗ weder iſt der ganze Brief eine große Heuchelei, oder es iſt mit ihm in der That etwas vorgefallen, das ihn gänzlich umgewandelt hat.“ ge „Zum Beſſeren?“ meinte Joſeph, indem er mit ſehr geringſchätzender Miene die Achſeln zuckte,„ich glaube nicht daran und du wohl auch nicht, lieber Bruder Nathan, obgleich ich dich ſchon oft über einer unverzeihlichen Schwäche ertappt bei den Schwindeleien des Sohnes unſerer guten, unglücklichen Schweſter.“ „Jeder Menſch kann ſich beſſern, ſo lange er noch Leben in ſich hat, und wenn ihm nur ein Korn von dem Leben oder vielmehr dem Weſen unſerer guten Schweſter geblieben iſt, ſo hat ihn das doch am Ende zur Erkennt⸗ .——— —————, ⁴4 — 4 — 7 ——— — 181— niß ſeines verzweifelten Zuſtandes und ſeines elenden Lebens bringen und zur Umkehr bewegen können.“ „Iſt das ‚zur Umkehr' bildlich oder wörtlich zu ver⸗ ſtehen?“ fragte der Andere mit ziemlicher Spannung. „Lies ſelbſt und du wirſt finden, daß es nach beiden Seiten hin zu deuten iſt.“ „Wie Alles, was jener Kerl bis jetzt gethan hat,“ ſagte Herr Joſeph in rauhem Tone.„Gott bewahre uns davor, wenn dieſer Heuchler mit ſeiner Sammtpfote kommt. Er ſoll uns viel lieber ſeine Krallen zeigen und meinet⸗ wegen ſeine Wechſel erhöhen.“ „Du mußt das ſelbſt leſen, lieber Joſeph,“ ſagte Herr Nathan mit ſanfter Stimme,„aber mit freundlichem Herzen leſen, ſonſt wirſt du natürlicher Weiſe Alles für Lüge und Heuchelei halten. Er ſchreibt, daß er ſich in ganz behaglichen Verhältniſſen befinde, daß er eine ehren⸗ volle geſellſchaftliche Stellung habe und daß er vollkommen glücklich ſein würde, wenn es ihm noch einmal vergönnt wäre, die Heimat zu ſehen, um für ſo viel Unrecht, das er uns zugefügt, Verzeihung zu erhalten, und ſo weiter — und ſo weiter.“ „Ja, und ſo weiter,“ wiederholte Herr Joſeph in rauhem Tone, worauf er ſich an die Lecture machte, deren unbehagliche Wirkung auf ihn man ſchon bei den erſten Sätzen an einem unmuthigen Zucken der Schultern be⸗ merkte, auch an dem heftigen Anfaſſen des feinen, ſeiden⸗ artigen Papieres, ſowie an häufigem Aufwerfen der Lippen und des Kopfes. Hackländer, Kainszeichen. II. 13 —————— 182 „O, Nathan,“ rief er alsdann, nachdem er ſorgfältig bis an's Ende geleſen,„das ſind lauter Giftkörner, die er da mit ſo ſchönen Redensarten ausſtreut, beinahe immer an dich gerichtet, da er dein weiches Gemüth kennt und überzeugt iſt, daß du ihm noch ſo viel Liebe zu ſeiner Mutter, unſerer lieben Schweſter, zutrauſt, um eine Um⸗ kehr in dieſem Sinne für möglich zu halten. Ich nicht — ich wahrlich nicht— ich würde auf den ganzen Wiſch nichts weiter thun, als ihm vielleicht hundert Dollars mehr anweiſen und dabei kategoriſch bemerken, daß dieſe Unterſtützungen ſo lange nicht aufhören würden, als das weite Meer zwiſchen ihm und uns bleibt,— das iſt ein unverbeſſerlicher Taugenichts, der es jetzt einmal mit der Heuchelei probirt.“ „Du biſt recht hart, lieber Bruder Joſeph, und wirſt mir doch zugeſtehen müſſen, daß Heuchelei nie in ſeinem Charakter gelegen, daß er leider ſtets allzu rauh und geradeaus mit uns war.“ „In ſeinen Forderungen allerdings, und ich denke noch mit Schrecken an jene Nacht, wo er damals als ein gänzlich heruntergekommener Landſtreicher bei uns erſchien, wo du meinem guten Rathe gleichfalls nicht folgteſt, wo du ihn wie einen reuig heimkehrenden verlorenen Sohn aufnahmſt, um nach der erſten Unterredung einzuſehen, daß er nicht als ein Bittender kam, ſondern als Jemand, dem es zukommt, in brutaler Weiſe Forderungen zu ſtellen, — Forderungen auf unſer damals ſo ſauer Erworbenes! Das haſt du Alles vergeſſen!“ —————— —y——— 183— „Nein, nein, ich denke noch mit Schrecken daran,“ erwiederte der Andere haſtiger, als ſonſt ſeine Art zu ſprechen war. „Gut, dann behalte es auch im Gedächtniß, wenn du dieſen Brief nochmals überlieſt. Vergiß nicht, welche Kette von garſtigen Dingen daraus entſtand, daß du ihn damals gläubig in's Haus führteſt, wie er dir die reiche Gabe vergolten, die du ihm für alle ſeine Unverſchämt⸗ heiten zu Theil werden ließeſt, wie er damals abſichtlich ſpurlos verſchwand, ja, es einzurichten wußte, daß ein furchtbarer Verdacht wie ein blutiger Flecken und mit blutigen Flecken auf unſerem Hauſe haften blieb. Haſt du das Alles vergeſſen?“ „Nein— nein— nein— gewiß nicht!“ ſagte Herr Nathan mit leiſer Stimme,„vermeide ich es doch heute noch ſo viel als möglich, jene Gegend der Stadt zu be⸗ treten, und wenn ich es thun muß, danke ich dem Himmel, daß dort von unſerem ehemaligen Hauſe kein Stein mehr übrig geblieben iſt.— Ja, lieber Bruder Joſeph,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„heute noch zuweilen in meinen Träu⸗ men erſcheinen mir jene garſtigen blutigen Zeichen und dann freue ich mich, daß hier an unſerem ſtillen Aſyl die Mauern von dem Waſſer des Fluſſes beſpült werden.“ „Nun alſo, warum denn etwas thun, um nicht nur dieſe trüben Erinnerungen wach zu rufen, ſondern Ge⸗ legenheit zu Neuem und Unangenehmerem herbeizuführen? Laß' ihn ruhig drüben, wo er iſt, wogegen ich gewiß nichts einzuwenden habe, daß man für ſeinen nothdürf⸗ ſſſſſſſſ— 7 3— —-—— 184 tigen Unterhalt ſorgt, und dann vergiß nicht, daß, wenn er Luſt zum Arbeiten hätte, es ihm ſchon längſt nicht ſchwer geworden wäre, ſich eine unabhängige Exiſtenz zu verſchaffen.“ „Aus ſeinem Briefe geht aber doch hervor, daß das geſchehen iſt,“ bemerkte Herr Nathan ſchüchtern,„daß er ſein gutes Auskommen hat, daß ihn nur die leicht begreif⸗ liche Liebe zur Heimat zurück treibt und daß er, wie ich dir ſchon vorhin bemerkte, den ſehr verzeihlichen Wunſch hat, uns, ſeine Verwandten, nochmals zu ſehen und unſere Verzeihung zu erlangen für all' das Unrecht, das er uns zugefügt.“ „Worte— Worte— Worte!“ „Vergiß auch nicht, daß er damals noch ein gar junger Menſch war und daß ihm mit den Jahren auch die beſſere Ueberlegung gekommen ſein wird. Dabei kann ich dir nicht verhehlen, lieber Bruder Joſeph, daß, wenn dies wirklich der Fall iſt, wenn er in der That ganz anders geworden wäre, ich ſage nur, wenn es ſich wirklich ſo verhielte— und es iſt ja kein Ding unmöglich— am allerwenigſten bei Gottes Barmherzigkeit die Beſſerung des Menſchen—, ſo wäre es ja doch zu überlegen, ob wir uns nicht in unſerem leiblichen Neffen eine junge, friſche Kraft heranziehen könnten, die in vielerlei Be⸗ ziehungen die Stütze unſeres Alters würde.“ „Nathan, Nathan!“ rief der Andere unverkennbar im Tone der Beſtürzung,„du ſprichſt ja gerade ſo, als hätteſt du bereits irgend einen Entſchluß gefaßt, und als wollteſt ——ę—ę—ę—ę——Oꝭ—ꝭQC—CQ—„» —èſä 185 du mich beſtimmen, demſelben beizupflichten! Du ſprichſt von einer Stütze unſeres Alters, und was mich anbelangt, ſo kann ich dir verſichern, daß ich mich noch jung genug fühle, um eine ähnliche Stütze, ſelbſt wenn es wirklich eine ſolche wäre, noch lange entbehren zu können. Was wir arbeiten, geſchieht ja rein zu unſerer Unterhaltung, ja, ich möchte ſagen, zu unſerem Vergnügen, und der Himmel hat uns ſo begünſtigt, daß, wenn wir wollen, von keiner Arbeit mehr die Rede zu ſein braucht, weßhalb alſo in dieſer Hinſicht eine immerhin zweifelhafte Stütze? Was den anderen Punkt anbelangt, ein junges, friſches Element in unſerem Hauſe zu haben, das verbunden mit jugend⸗ licher Lebhaftigkeit und mit dankbarem Gemüthe den Becher unſeres Lebens mit Roſen bekränzt und entzückenden Sonnenſchein in dieſe alten Mauern hineinzaubert, ſo denke an die liebliche Spenderin dieſer herrlichen Blumen. Das iſt eine Stütze, wie wir ſie wohl verdient haben und wie ſie unſerem Glücke bis jetzt gefehlt.“ Herr Nathan betrachtete bei dieſen Worten ſeinen Bruder mit einem ſehr ernſten Blicke, den er unter den buſchigen Augenbrauen hervor und über ſeine Brillengläſer hinweg gegen ihn ſandte, was jener aber nicht bemerkte, da er von ſeinem Schreibbock herabgeſtiegen war, um das kleine Stückchen dunkelblauen Himmels zu betrachten, welches nur in einem ſchmalen Streifen über den düſteren Häuſer⸗ reihen jenſeit der Straße ſichtbar war.— Nur ein ganz unbedeutender, ſchmaler Streifen, aber wohl gerade da⸗ durch und zwiſchen der dunklen Einrahmung ſo wunderbar tiefblau, was einen angenehmen Eindruck auf Herrn Joſeph zu machen ſchien, denn er betrachtete ihn mit hei⸗ teren, glücklichen Mienen, ehe er, die Hände auf den Rücken gelegt, an den Kamin trat und dort ſeine Naſe tief in V das Roſenbouquet ſteckte. „Meiner Treu,“ rief er darauf, indem er ſich um⸗ wandte und ſeine weiße Weſte tief herabzog,„ich meine, wir könnten zufrieden ſein über die Ergänzung und Ver⸗ ſchönerung unſeres Hausweſens!— Nein, nein, mein 3 lieber Nathan, laß uns keine Gefühlspolitik treiben, und unſere Schwelle rein erhalten!— Ich hoffe, duͤ betrachteſt 1 das eben ſo gut als ich für einen überwundenen Stand⸗ punkt, für eine gänzlich abgemachte Sache. Thue dagegen in Geldangelegenheiten, was und wie du immer willſt, V und da wir nun einmal,“ ſetzte er in freundlichem Tone, V an das Pult tretend, hinzu,„durch dieſen Brief auf die andere Angelegenheit, unſere liebe Hausgenoſſin betreffend, gekommen ſind, ſo laß uns ein anderes Schreiben vor⸗ V nehmen und endgültig darüber beſtimmen.“ V Er hatte bei dieſen Worten ein paar Briefe unter V I einem gläſernen Briefbeſchwerer, der in Form eines ruhen⸗ den Löwen mit kleinen, funkelnden Augen, trotzig ſeine Schätze zu bewachen ſchien, hervorgenommen und entfaltete einen derſelben. „So meinſt du in der That, das Andere ganz ab⸗ ſchläglich zu beantworten?“ fragte Herr Nathan, ihn ernſt,— faſt kummervoll anblickend.„Bedenke, es iſt der allein übrig gebliebene Sohn unſerer Schweſter!“ ————ͤͤͤͤͤſͤſͤſͤſſͤſſſſſ — 187— „ Ganz abſchläglich, aber mit einem guten Wechſel,“ ſagte der Andere mit großer Entſchiedenheit,„gib Acht, Nathan, du wirſt es mir ſpäter Dank wiſſen.“ „Das hoffe ich.“ „Und nun zu der Cpiſtel des Fräuleins von Wanner, die unter einem ganzen Schwall ihrer gewöhnlichen from⸗ men Bemerkungen und ſüßer, chriſtlicher Anſchauungen ein artiges Katzenpfötlein herausſtreckt. Ich glaube, dieſes Frauenzimmer hat ſtets Gebetbuch und Pſalter neben ſich liegen, um ihre eigene Lebensweisheit in Sentenzen ein⸗ zuhüllen, die ihr häufig ſelbſt unverſtändlich bleiben.— Laſſen wir aber alles das fort und nehmen nur die ge⸗ nießbaren Körnlein.“ Herr Nathan hatte ſeine gefalteten Hände vor ſich auf das Pult gelegt und nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Sie ſchreibt alſo, ſie habe mit chriſtlicher Freude von dem Glücke ihrer jungen Anverwandten gehört, wünſche ihr Glück und des Himmels Segen dazu, glaube aber in keinem falſchen Lichte zu erſcheinen, wenn ſie in Anbe⸗ tracht der liebevollen, mütterlichen Pflege, die ſie in frühe⸗ ren Jahren dem Kinde angedeihen ließ, etwas wie eine Gewißheit verlange über die künftige Stellung ihrer Nichte in unſerem Hauſe und deren ſpätere Ausſichten.“ „Das wäre ihr an ſich nicht übel zu nehmen.“ „Allerdings, wenn ſie ſich ſeit Jahren auch nur im Mindeſten um das Wohl und Wehe des jungen, ver⸗ waiſten und verlaſſenen Mädchens bekümmert hätte; daß dies aber nicht geſchehen iſt, dafür haben wir das Zeugniß ————— — 188 ihres ehemaligen Pflegebaters, des Herrn Majors Quin⸗ ſcheidt, und du wirſt dich auch erinnern, wie wir ſeit Jahren beiſpringen mußten, um den alten Herrn über Waſſer zu erhalten.“ „Und gern beiſprangen, lieber Bruder Joſeph, weil wir das für unſere Schuldigkeit hielten.“ „Du meinſt wegen des allerdings ſehr wohlfeilen An⸗ kaufs des Hauſes der alten Staatsräthin? Das hat ſich durch Nachzahlungen an Fräulein von Wanner und ſogar an ihr Factotum, jene unerſättliche Kammerjungfer, ſo ziemlich ausgeglichen.“ „Ausgeglichen nun wohl gerade nicht, lieber Bruder Joſeph, denn da wir Haus und Garten nach völligem Kaufabſchluß noch Jahre lang in unſerer Hand behalten konnten, ſo haben wir doch ein bedeutendes Kapital damit gemacht.“ „Gewiß, und ſind um ſo mehr dafür zu Dank ver⸗ pflichtet, den wir vor Allen dem Fräulein Sophie bethäti⸗ gen können, indem wir ſie vollkommen als Tochter des Hauſes betrachten und demgemäß ihre Stellung bei uns regeln.“ Joſeph ſagte das mit großer Lebhaftigkeit und ſetzte ehen ſo hinzu:„Darüber wollte ich ſchon mit dir reden, und trifft dies auch mit den Wünſchen des alten Fräuleins überein.“ „Ja, aber ſie will das ſicher ausgeſprochen haben. Durch eine Adoption oder eine rechtskräftige Verſchreibung auch für die Zukunft— ſonſt meint ſie—“ „Ihre Rechte an das junge Mädchen wieder bean⸗ 189— ſpruchen und aufnehmen zu müſſen, und darin ſteckt ein artiger Knoten, den das fromme Fräulein gern zu einer kleinen Schlinge für uns machen möchte.— Sophie hat. übrigens gleichfalls ihren freien Willen, und ich bin über⸗ zeugt, daß ſie Bande der Dankbarkeit an unſer Haus knüpfen werden und daß ſie nicht Luſt hat, ihre behag⸗ liche Stellung bei uns aufzugeben und zu Jener zurückzu⸗ kehren. Doch muß dazu ihre Stellung hier bei uns auch wirklich zu einer definitiven gemacht werden.“ „Als Tochter des Hauſes, lieber Bruder Joſeph, wie ſie auch von uns beiden angeſehen wird.“ „Ja— ſo ungefähr, und wirſt du mit mir einver⸗ ſtanden ſein, daß man deßhalb auch ihren allzu beſcheide⸗ nen Wünſchen nicht nur entgegenkommen, ſondern ſie auch zu Wünſchen veranlaſſen ſollte.— Mir würde es das größte Vergnügen machen, wenn ſie ein Bischen Aufwand triebe— wenn ſie die ernſten Räume unſeres Hauſes mit Fröhlichkeit, Luſt und Glanz erfüllte, mit einem neuen, heiteren Leben, wobei auch wir uns unſeres Daſeins freuen könnten, indem wir unſere hübſche Pflegetochter wie ein artiges Spielzeug betrachteten.“ „Ein artiges, aber gefährliches Spielzeug, lieber Bruder Joſeph,“ entgegnete Nathan, indem er abermals mit einem etwas trüben Blicke über ſeine Brille hinweg den Bruder betrachtete.„Gefährlich in ſo fern, als die Stellung eines jungen Mädchens in unſerem Hauſe ſogleich eine andere, und für uns vielleicht gerade doch nicht behagliche ſein würde, im Falle man ſie veranlaßte, aus den beſcheidenen 2 5 ——— 4. ——— 190 Gränzen unſeres bisherigen Lebens herauszugehen. Da würde Eins das Andere nach ſich ziehen, und wenn ihr ſchöne Toiletten, Geſchmeide und dergleichen nichts Neues mehr wären, ſo würde man genöthigt ſein, für andere Zerſtreuungen innerhalb und außerhalb unſeres bis jetzt ſo ſtillen Hauſes zu ſorgen.“ „Du meinſt für Luſtbarkeiten und Gäſte,— nun, aufrichtig geſagt, hätte ich für meine Perſon auch dagegen nichts einzuwenden, natürlich in beſcheidenen Gränzen, und warum ſollten wir nach jahrelanger, mühſamer Arbeit nicht einen geringen Theil unſeres erworbenen großen Vermögens darauf verwenden, ein Bischen mit und in der Welt zu leben?“ Jetzt drückten die Blicke des Herrn Nathan ein ziem⸗ liches Erſtaunen aus und er ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, ſeinem Bruder nachſehend, da dieſer wieder an den Kamin getreten war, nicht um an den Roſen zu riechen, ſondern um einen Blick in den Spiegel zu werfen, was aber in ſo fern ohne erfreuliches Reſultat blieb, als das Glas dieſes Spiegels ſo trübe und angelaufen war, daß es dem Beſchauer nur eine undeutliche Schattengeſtalt entgegenwarf. „Du weißt, lieber Bruder Joſeph,“ fuhr Herr Nathan in etwas bekümmertem Tone fort,„daß ich, obgleich der Aeltere, und ziemlich viel Aeltere, doch deinem Rathe ſtets gefolgt bin und das auch nie bereut habe. Denn du haſt eine Lebhaftigkeit des Geiſtes und eine Geſchmeidigkeit, die mir völlig abgeht. Ich bin eben ein abgearbeiteter, alter Mann, der überhaupt an der Außenwelt nie ein beſonderes ——4 r——— ——— 191 Behagen fand, auch von derſelben nichts verſteht, weßhalb es wohl möglich iſt, daß du Recht haben kannſt in Be— treff unſeres Pfleglings, und daß es ſchon nothwendig ſein wird, ihr die ſtille Einförmigkeit unſeres Hauſes durch Dinge zu verſchönern, wie ſie ein junges Gemüth liebt. Handle alſo darin ganz wie du willſt, übernimm aber auch dafür alle Verantwortung.“ „Das verſtehe ich nicht recht,“ ſagte Herr Joſeph, ſich raſch umwendend,„das mußt du mir ſchon deutlicher er⸗ klären.“ „Gern, wenn ich es könnte, lieber Bruder Joſeph, es ging mir nur ſo durch den Kopf und ich wollte vielleicht damit nur ſagen, daß man auch darin feſte Gränzen inne halten muß.“ „Wie in allen Dingen,“ murmelte der Andere in etwas verdrießlichem Tone,„und biſt du ja eben ſo gut im Hauſe, wie ich, und wirſt ja ſehen, daß es mir nicht in den Sinn kommt, die Gränzen zu überſchreiten.“ „Dann müßten wir jedenfalls aber auch noch das Geſchäft mit dem alten Fräulein ordnen.“ „Aber ohne ſie durch Verſprechungen und dergleichen zu künftigen Einmiſchungen zu veranlaſſen. Ich verſtehe ganz genau, woher ihre plötzliche Zuneigung wieder er⸗ wacht iſt. So lange Sophie als Kind und auch ſpäter noch bei dem armen Major von Quinſcheidt lebte, hat man ſich ſehr wenig um ſie gekümmert und fühlt nun jetzt wieder auf einmal eine verwandtſchaftliche Zuneigung zu I der Pflegetochter der reichen Gebrüder Schropps. Wie ge⸗ — ö“— — — — 192 ſagt, laß mich das ordnen, und ich will es perſönlich thun, da das alte Fräulein, wie aus ihrem Briefe erſicht⸗ lich, wieder hieher gezogen iſt.“ „Und die andere Angelegenheit, mit ihm?“ fragte Herr Nathan, den erſten der geleſenen Briefe auf dem Pulte glatt ſtreichend. „Handle ganz, wie wir es verabredet, ziehe deiner Großmuth darin keine engen Gränzen, nur laß uns be⸗ ſorgt ſein, daß das weite Meer zwiſchen uns und ihm bleibt.“ Damit hatte dieſe Unterredung ihr Ende erreicht, und während ſich Herr Nathan wieder über ſeine Wechſel und Briefe beugte, nahm Herr Joſeph ſeinen Hut, um nach der Börſe zu gehen. Wie das Haus der ehemaligen Freiherren von Recken⸗ berg, von außen angeſehen, recht feſt, ja, trotzig auf ſeinen Fundamenten ſtand und mit einer wahren Verſchwendung von Material und Raum erbaut war, ſo zeigten ſich auch ſeine Räume im Innern, von der ſchweren Steintreppe angefangen, die in unverminderter Breite durch alle Stock⸗ werke lief und deren Ruheplätze und Veſtibule wie Hallen und Säle erſchienen. Das war noch in jener Zeit er⸗ baut worden, welche man füglich in dieſer Richtung die alte, gute Zeit nennen konnte, wo man Platz hatte, um ſich nach allen Seiten hin auszudehnen, wo Treppen und dergleichen hoch, breit und luftig angelegt waren, ſo daß man bequem darin hätte unterbringen können manches Haus der neueren Zeit mit ſeinen ſpärlichen, ſteilen und 193 gewundenen Treppen, die, in einen Winkel des Gebäudes eingepreßt, uns der Gefahr ausſetzen, bei einem etwas raſchen Hinabſteigen in einen heimtückiſchen Keller zu ſtürzen, der gerade da mündet, wo von Rechts wegen die Hausthür ſein ſollte. Die alten Mauern des Hauſes waren ſo dick, daß das Gebäude im Winter wie geheizt erſchien und ſich jetzt bei den heißen Sommertagen eine wohlthuende, erfriſchende Kühle durch alle Räume verbreitete. Ja, dieſe Kühle war ſo fühlbar, daß es Sophie, die raſch gegangen war, or⸗ dentlich ſchauderte, weßhalb ſie ſich beeilte, zu ihren Zim— mern zu gelangen, die, nach dem Fluſſe gelegen, von den Strahlen der Sonne beſchienen wurden. Hier war es auch in anderer Hinſicht behaglicher und freundlicher, als auf der anderen Seite, wo die größtentheils vergitterten Fenſter auf die enge, dunkle Straße gingen. Dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln hatte man an der Flußſeite nicht für nöthig befunden und deßhalb hier den Blick aus den weiten Bogenfenſtern in keiner Weiſe erſchwert. Als das junge Mädchen ſich ihres dünnen Shawls und Halstuchs ent⸗ ledigt hatte, lehnte ſie ſich auf die Fenſterbank, um dem Getreibe auf dem Waſſer zuzuſehen und dazu die friſchere Luft über dem Strome zu athmen. Sie konnte ſo die ganze lange Reihe der hübſchen Villen, Landhäuſer und Gärten auf der anderen Seite des Fluſſes betrachten und ſich dabei in Phantaſieen ergehen, welches dieſer Gebäude ſie wohl bewohnen möchte, wenn es in ihrem freien Willen läge, das zu thun, und wenn ihr einmal das alte und — —ͤͤͤͤͤſͤſ 1 .*. — 194 immerhin ſchöne Haus hier nicht mehr genüge. Das dachte ſie allerdings nur im Scherz, denn vorläufig war ſie mit dem Tauſche zwiſchen den beſcheidenen Zimmern ihres ehemaligen Pflegevaters und den ſtattlichen Räumen hier nicht nur ſehr zufrieden, ſondern hatte ſich auch mit einer erſtaunenswerthen Leichtigkeit in dieſe Veränderung gefunden. Ja, wenn ſie jetzt von dem Fenſter zurücktrat und mit verſchränkten Armen in dem weiten Gemach um⸗ herging, die alte, reiche Holzvertäfelung betrachtend, die Ledertapeten mit den Spuren ehemaliger Vergoldung, die ſchweren Decken mit ihren herabhängenden Knäufen und Zapfen, ſo wie die lebensgroßen Bildniſſe aus der Recken⸗ berg'ſchen Familie, ſo fand ſie, daß dieſe Veränderung ihrer Lage durchaus nicht zu früh gekommen ſei und daß ſie wohl ein Recht gehabt habe, dieſelbe zu erwarten. Woher und weßhalb ſie aber dieſes Recht zu beanſpruchen habe, darüber machte ſie ſich weiter keine Gedanken, da ſie ja von Kindheit auf ſo viel Seltſames, ja, für ein empfäng⸗ liches Gemüth Wunderbares erlebt hatte. Wenn ſie an die ſchauerlichen Tage im Hauſe ihrer Großmutter dachte, an die beiden ſchwarzen Geſtalten— denn ſowohl ihre Tante Wilhelmine als auch die Kammerjungfer erſchienen ihr ſtets in Trauerkleidern—, wenn ſie es ſich vergegen⸗ wärtigte, mit wie wenig Liebe, ja, mit wie viel Härte man ſie behandelt, wenn ſie ſich dabei der Aeußerungen der alten Staatsräthin erinnerte, ſo überſchlich ſie ein bei⸗ nahe glückliches Gefühl in dem Gedanken, daß ſie wie das Kind im Märchen eine kleine Prinzeſſin ſei, die man auf —————— 3. 8——— 195 der Straße oder im Walde geraubt, um ſie zu irgend einem ihr allerdings unerklärlichen Zwecke in dem Hauſe auf der Zigeunerinſel feſtzuhalten bis zum Tode der alten Dame, die vielleicht allein um das Geheimniß ihrer Geburt gewußt. Wenn Sophie an dieſe Dinge, wie jetzt wieder, recht lebhaft dachte, ſo nahm ſie ihr einziges Vermächtniß aus jener Zeit, die Bibel der alten Staatsräthin, um darin zu leſen. Und wenn ſie alsdann durch die erhebenden Worte, die ſie las und in welche ſich ihr empfängliches Gemüth gern vertiefte, endlich jene leiſe geflüſterten Worte der Sterbenden gänzlich vergeſſen hatte, in dem Sinne nämlich, mit welchem ſie ihr damals und auch ſpäter noch angeklungen waren, ſo konnte ſie lächelnd das Buch ſchließen und ſich dabei jener hübſchen Geſchichte erinnern, wo der ſterbende Vater ſeinem Sohne einen Weinberg mit der Verſicherung hinterläßt, daß in demſelben ein Schatz be⸗ graben ſei, den er aber nur durch fleißiges und allſeitiges Umwühlen finden könne. Die unſcheinbare Bibel hatte auch ſonſt durchaus nichts Ungewöhnliches an ſich, der Einband beſtand aus einem gebräunten, alten, ſtarr gewordenen Leder, und da, wo einſtens vielleicht ſilberne Schließen geweſen waren, bemerkte man jetzt Spuren gewaltſamer Entfernung derſelben. Auf der erſten Seite ſtand mit ſteifer unbeholfener Schrift der V Name Chriſtine, und das allein gab dem jungen Mädchen zu denken; denn ſo war nicht der Vorname der alten Staatsräthin geweſen. Auch ſah man, daß ein anderer — 8— — 196 Name hinter dem erſten ſo ſorgfältig ausrädirt worden war, daß ſelbſt, wenn man das Blatt gegen das Licht hielt, keine Spur irgend eines Schriftzuges mehr zu er⸗ kennen war. Sophie hatte ſich in einen der alten, hochlehnigen Stühle geſetzt, während das Buch auf ihren Knieen lag, und als dabei ihre Finger zufällig über die Lederdecke glitten, fühlte ſie wieder die leichte Vertiefung in dieſer Der⸗ welche ſie ſchon häufig genau unterſucht und die vielleicht durch Einpreſſung irgend welcher Buchſtaben oder eines Bildwerkes entſtanden war. Weiteres war in der Vertiefung nicht zu entdecken, ſelbſt wenn man dieſelbe, wie es jetzt das junge Mädchen abermals that, am Fenſter im hellen Tageslichte genau unterſuchte. Sie legte die Bibel wieder an den Platz, wo ſie ſie genommen, und bereitete ſich zu einer Morgenarbeit vor, wobei ſie noch unſchlüſſig war, ob ſie ſich mit einer Näherei beſchäftigen ſollte oder eine Stickerei vornehmen, oder ihren Flügel öffnen, um Muſik zu machen, oder eine kleine Schürze vorbinden, um der Haushälterin zu helfen. Sie ſchien ſich zu Letzterem entſchloſſen zu haben, doch dauerte es eine Zeit lang, ehe das zierliche weiße Schürz⸗ chen mit dem koquetten Bruſtlatz daran gehörig befeſtigt war, ſowie allerliebſt verziert und zwar durch eine Roſen⸗ knoſpe, die ſie oben auf der linken Seite zwiſchen Haften und Haken einſchob. Doch kam ſie vorläufig nicht weiter in der Ausführung ihres löblichen Vorſatzes, ſich um die Küchengeſchäfte zu ſſ 8 197— bekümmern, denn ſie blieb plötzlich in der Nähe ihres Flügels ſtehen, warf mit einer halb unmuthigen Ge⸗ berde ihren Kopf in die Höhe und ſagte:„Wenn ich jetzt I ungerufen oder vielmehr uneingeladen mich in die Ange⸗ legenheiten der Madame Kegel miſche, ſo könnte es wieder geſchehen, daß ſie mich mit freundlichen Knixen und den Betheuerungen, wie ſchade es um meine feinen weißen Hände ſei, zur Küche hinaus komplimentirte! Nein, nein, ich muß zuerſt mit Herrn Joſeph darüber reden und ein . ausgeſprochenes Recht haben, mich der Haushaltung anzu⸗ nehmen.“ Da ſie ſich nun gerade in der Nähe ihres Inſtrumentes befand, ſo öffnete ſie daſſelbe, um unter einem flüchtigen Lauf die Saiten anklingen zu laſſen und alsdann mit ein paar dröhnenden Akkorden zu ſchließen. Dann wandte ſie ſich wieder ab, da ſie wohl fühlte, daß ſie heute Mor⸗ gen keine Luſt und keine Ruhe zu einer verſtändigen Uebung habe. Sie ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl und begann wieder ihr Selbſtgeſpräch:„Wie hab' ich mich bei alledem gefreut, ihn wiederzuſehen und wie war er ſo ganz eigen, ich weiß nicht recht, wie? Entweder als wenn er erwartet hätte, ich ſoll mich von ihm an ſein Herz drücken laſſen, oder als wenn ich, mich demüthig verneigend, in ihm den großen Komponiſten hätte begrüßen ſollen— ach, und doch hätte ich ſo gern zutraulich und herzlich wie früher ſeine Hände ergriffen, ihn ein paar Mal heftig herum⸗ gedreht, was er ſtets gut gebrauchen konnte, und mich Hackländer, Kainszeichen. II. 14 ͤͤͤſͤͤſͤſͤſͤſſſſ——— ————— —— ——— — —— — 198 dann mit ihm in einen Winkel des Gartens geſetzt, um über damals, über die Zigeunerinſel zu plaudern! „Aber er war ſo förmlich, ſo ganz anders als ſonſt und hatte darin im Grunde wohl Recht, denn unſere Wege ſind auseinander gegangen, und wenn wir uns viel⸗ leicht auch häufig ſehen werden— ſprach er doch, glaube ich, davon, daß es ihm Freude machen würde, hier und da mein Klavierſpiel zu beaufſichtigen, oder ſagte das der alte Major?— gleichviel— bei ſeiner Art, mich immer noch wie ein kleines Kind zu behandeln, für deſſen Er⸗ ziehung er verantwortlich iſt, könnte doch keine rechte Ver⸗ traulichkeit mehr zwiſchen uns aufkommen.“ Warum ſie ſich bei dieſem letzten Gedanken mit einem finſteren Blicke und einem Zuſammenpreſſen ihrer Lippen raſch erhob und wieder in dem weiten, hohen Gemache hin und her ging, erklärt ſich vielleicht aus den nachfolgen⸗ den leiſe gemurmelten Worten:„Und doch hat es mich im kleinen Garten vorhin recht angeheimelt, das Grün der Büſche, der duftende Flieder, die kleinen heimlichen Stuben, die Lauben mit der heiteren Geſellſchaft, und vor Allem das herzliche Lachen der guten Madame Streber— während man hier im Hauſe nie ein Lachen hört, und ſelbſt mein eigenes ſo klingt, als würde es von den wie⸗ derhallenden Wänden verſpottet oder als nähmen es die ernſten Geſichter der alten Herren und Damen gewaltig übel.“ Sie war bei den letzten Worten vor einem der lebens⸗ großem Bildniſſe aus der Familie der Reckenberg ſtehen 199 geblieben und betrachtete den alten Herrn, der in ſeinem geſtickten Rocke vom Ende des vorigen Jahrhunderts mit weiß gepuderter Perücke als Knieſtück behandelt war, ſo daß man noch einen Theil der hohen, glänzenden Stiefel ſah, welche über die dunkeln Mancheſterhoſen hinauf⸗ reichten. Dieſer alte Herr, deſſen Geſichtsfarbe unter dem weißen Puder faſt jugendlich friſch war, der auch im Gegenſatz zu den übrigen ernſten Herrſchaften freundliche, wohlwol⸗ lende Augen hatte, hielt einen Brief in der Hand, und zwar mit dem großen, rothen Siegel nach oben, wogegen es doch viel paſſender geweſen wäre, wenn man die Auf⸗ ſchrift dieſes Briefes hätte leſen können. Mit dieſem alten Herrn und ſeinem räthſelhaften Briefe hatte ſich die lebhafte Phantaſie des jungen Mädchens ſchon häufig beſchäftigt. War er ihr doch in den erſten Nächten einmal im Traume er⸗ ſchienen, wie er bedächtig aus ſeinem Rahmen heraustrat, ſtets den umgekehrten Brief in der Hand, wie er ſich zier⸗ lich vor ihr verneigte und die Worte hören ließ:„Ja, mein hochverehrtes Fräulein, wenn Sie wüßten, an wen dieſer Brief gerichtet iſt!“ Auch jetzt wieder, als ſie ihn lange und aufmerkſam betrachtete, ſchienen ſeine Augen freundlicher zu lächeln, ſeine Mundwinkel ſchelmiſch zu zucken, ſo daß man hätte glauben können, er wolle ſeinen Mund öffnen und ihr zurufen:„Ja, wenn Sie wüßten!“ Als Sophie gleich darauf wieder an's Fenſter trat und an der hohen Mauer des Hauſes hinabblickte auf den 4 v ——ͤͤͤ ———— ——— ruhig vorbeifließenden breiten Strom, deſſen Waſſer unten an den ſchweren Steinquadern unaufhörlich vorbeizog und dazu ein leiſes, faſt melancholiſches Flüſtern und Gurgeln hören ließ, als dann ihre Blicke, dem Laufe des Stromes folgend, hinüber ſchwammen an's andere Ufer und dort haſtig die ſanfte Böſchung erkletterten, athmete ſie mit einem Gefühle der Erleichterung tiefer auf, da ſie nun zwiſchen grünen Gebüſchpartieen an zierlichen Landhäuſern vorbei raſch über alles das in Gedanken hinwegzufliegen vermochte, weit hinaus in die ſonnbeglänzte Landſchaft,— den fern liegenden blauen Bergen zu, wo ſie ſich nieder⸗ ließ und zurückdachte an ein altes, düſteres, ſtilles, faſt unheimliches Haus, wo ſie ſoeben noch wie eine Gefangene verweilt hatte. Dann lachte ſie wohl über ihre Träumereien und be⸗ mühte ſich, die hohen dunkeln Räume ſchön und wohnlich zu finden. Wenn nur nicht Alles rings um ſie her ſo furchtbar ſtill geweſen wäre! Nichts regte ſich im Hauſe, ſelten nur hörte man eine Thüre knarren, ſelbſt das Leben auf dem Fluſſe klang unbeſtimmt wie in einem Traume, und ſchon einige Mal war das junge Mädchen in den unteren Stock hinabgeſtiegen, nur um die Herren Gebrüder Schropps in ihrem Comptoir ſprechen zu hören oder etwas von den Beſchäftigungen des Dienſtmädchens in der Küche zu vernehmen. Von Oben her vernahm ſie in ihrem Schlafzimmer aller⸗ dings zuweilen ein Geräuſch, das ihr aber, ſo lange ſie die Urſache nicht gekannt, auch gerade keinen behaglichen Eindruck ————— gemacht: es war dies der Klang gleichförmiger, langſamer Schritte über ihrem Kopfe, die ſich oft ſtundenlang mit einer ſolchen Regelmäßigkeit vernehmen ließen, als ſei es ein pochendes Uhrwerk oder ſonſt etwas Mechaniſches. Sie hatte Herrn Joſeph darum gefragt und auf dieſe Art die Anweſenheit ihrer Hausgenoſſin, des alten Fräu⸗ leins von Reckenberg erfahren, die eine gar eigenthümliche Dame ſei, ſeltſame Gewohnheiten habe, ſo das Stunden andauernde Spazierengehen in ihren Zimmern, die ſich aber ſonſt friedlich und ſtreng abgeſchloſſen halte und nur 4 durch Vermittlung einer bejahrten Kammerjungfer zuweilen I mit der übrigen Welt in Verbindung trete. Das war nun allerdings eine genügende Erklärung, und wenn ſich danach Sophie auch nicht weiter beunruhigt fühlte, ſo machte ſie ſich dennoch zuweilen eigene Gedanken über das für ſie weſenloſe alte Fräulein. Dieſes alte Fräulein war eine Baronin, wie Sophie gehört, und da ſie in ihrem Leben noch nie mit vorneh⸗ men Damen dieſer Art in Berührung gekommen war, ja ſich nicht einmal erinnerte, ſchon eine lebendige Baronin von ſo altmodiſchem, ritterhaftem Namen geſehen zu haben, ſo machte es ihr Vergnügen, ſich dieſe Dame in einer Geſtalt zu vergegenwärtigen, wie ſie in ihrer Kindheit in einem Bilderbuche eine Freifrau von Schreckenſtein nicht ohne Furcht und Grauen betrachtet, da dieſe Dame zu Pferde geſtiegen war, um an der Spitze ihrer reiſigen Knechte einen benachbarten Ritter zu überfallen, gefangen zu nehmen und ein Bischen köpfen zu laſſen. ——————— — —————— 8 —— So energiſch, zum Charakter jener Dame paſſend, klangen nun freilich die Fußtritte, welche Sophie über ihrem Kopfe hörte, nicht, dieſelben hatten vielmehr etwas Leichtes, Schleifendes, Tänzelndes, doch hatte ja auch ge⸗ wiß die Freifrau von Schreckenſtein ihre harmloſen Stun⸗ den gehabt, in welchen ſie ſich ohne Bruſtharniſch und Reiterſtiefeln in ihren Gemächern erging, vielleicht in einem langen Schleppkleide von buntem Seidendamaſt, wohl friſirt, mit ſteifer Halskrauſe, den Wetſcher an der Seite, mit einem Fächer aus Pfauenfedern in der Hand, und ſo ſtellte ſich auch Sophie das Freifräulein von Recken⸗ berg vor, beſonders wenn ſie Nachts zwiſchen Schlafen und Wachen den Ton des langſam ſchleppenden Gehens droben hörte. Ein paar Mal hatte ſie auch ſchon die Geſtalt des Herrn, der den umgekehrten Brief in der Hand hielt, mit dem alten Fräulein droben in Ver⸗ bindung gebracht und würde ſich gar nicht gewundert haben, ihn auch zu dieſer ſprechen zu hören: Ja, wenn Sie wüßten! Ja ja, der Kopf des Bildniſſes zeigte ein freundliches Lächeln, als ſie ihn unter ſolchen Gedanken betrachtete, doch mochte wohl ein feiner Reflex der Sonne daran ſchuld ſein, der im Widerſchein des Waſſers die Geſichts⸗ züge des geputzten Herrn wie bewegt erſcheinen ließ, aller⸗ dings nur für einen Augenblick, denn im nächſten ſpielte der Sonnenſchein auf der goldbordirten Weſte, und da erſchien der Kopf wieder ruhig und ernſt, vielleicht auch in Folge eines leichten Klopfens an der Stubenthüre, was über⸗ 203— haupt auf derartige Erſcheinungen und Viſionen ſtets einen eigenthümlichen Eindruck üben ſoll. Sophie rief:„Herein!“ und die Haushälterin, Madame Kegel, erſchien auf der Schwelle, einen ſehr tiefen und förmlichen Knix machend, wobei ſie ſich nicht einmal Mühe gab, den ſtrengen, kalten, ja faſt gehäſſigen Ausdruck ihres Geſichtes durch ein freundliches Lächeln oder einen ange⸗ nehmen Ton der Stimme zu mildern. Das junge Mäd⸗ chen hatte überhaupt ſchon bemerkt, daß dieſe Dame alle freundſchaftlichen Annäherungen ihrerſeits mit einer ge⸗ wiſſen grimmigen Unbeugſamkeit von ſich abwies, als be⸗ trachtete ſie die neue Hausgenoſſin wie eine feindliche Macht, die es ſich in kurzer Zeit würde angelegen ſein laſſen, nicht nur die Herrſchaft über das Haus, ſondern auch über die Herren Gebrüder Schropps an ſich zu reißen, eine Herrſchaft, welche Madame Kegel in vielen Beziehungen bis jetzt unumſchränkt behauptet. Sie befand ſich ſchon in einem vorgerückten Alter, mochte die Vierzig überſchrit⸗ ten haben, war wohlbeleibt und hatte eine friſche, nur etwas zu röthliche Geſichtsfarbe, liebte es, in hellen Kattun⸗ kleidern zu gehen und trug ſelbſt bei häuslichen Verrich⸗ tungen eine aufgebauſte Tüllhaube mit rothen, flatternden Bändern. „Herr Joſeph, der ſoeben in der Küche war, fragte nach dem Fräulein,“ ſagte Madame Kegel in kaltem Tone, „und ſandte mich dann herauf, um nach Ihnen zu ſehen.“ „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin, Madame Kegel, ——————————— ———— — 8 8—— 4 beſonders da ich das als eine Aufforderung betrachte, Ihnen bei Ihren Haushaltungsgeſchäften zuſehen, vielleicht auch etwas helfen zu dürfen, und werden Sie bemerken,“ ſetzte das junge Mädchen mit einem Blick auf ihre Schürze hinzu,„daß ich mich ſchon dazu eingerichtet habe.“ Nun betrachtete aber Madame Kegel von dieſer Ein⸗ richtung mit ſcharfem Auge nur die etwas koquett einge⸗ ſteckte Roſenknoſpe, wobei ein hartes Lächeln über ihre Züge flog, während ſie den Kopf etwas auf die Seite neigte und trocken hüſtelte. Dann machte ſie einen zwei⸗ ten Knix und wollte mit den Worten:„So werde ich alſo die Ehre haben, Sie zu erwarten,“ wieder verſchwin⸗ den, als ſie raſch zur Seite trat, um Herrn Joſeph Schropps Platz zu machen, der ihr auf dem Fuße gefolgt war und jetzt auf dem Gange draußen erſchien. „Ich komme ſchon, Herr Joſeph!“ rief Sophie in freundlichem Tone,„es freut mich ſehr, daß Sie mir Ge⸗ legenheit geben wollen, mich nützlich zu machen.“ „Damit hat es indeſſen durchaus keine Eile und war auch ſo nicht gemeint,“ entgegnete der jüngere Herr Schropps, in das Zimmer tretend.„Ich fragte drunten nur nach unſerer lieben Pflegetochter, um zu erfahren, ob Sie viel⸗ leicht auf Ihrem Zimmer ſeien, und mich in gehöriger Form bei Ihnen melden zu laſſen.“ „So brauchen Sie mich alſo nicht weiter?“ fragte Madame Kegel kurz und etwas rauh, worauf ſie, ohne eine Antwort abzuwarten, die Treppen ſo raſch hinabeilte, daß ihre rothen Haubenbänder hoch emporwallten. 205 Herr Joſeph war mit freundlichem Kopfnicken, ſich rings umſchauend, in der Mitte des Gemaches ſtehen ge⸗ blieben und meinte nun:„Es fehlt doch hier noch ſo allerlei, um die ernſten Räume behaglich für Sie zu machen, mein liebes Kind, und werde ich nach einem ge⸗ ſchickten Tapezierer ſenden, um das Nöthige beſorgen zu laſſen. Sie müſſen einen hübſchen Schreibtiſch, ein be— quemeres Sopha und ein paar jener kleinen, zierlichen Fauteuils haben, worin es ſich ſo behaglich ausruht— überhaupt ſoll und darf es unſerer lieben Hausgenoſſin an Nichts fehlen—.“ Bei dieſen Worten näherte er ſich dem jungen Mädchen, und als er hinzuſetzte:„An gar Nichts, was das Leben angenehm machen und es verſchönern kann,“ nahm er in väterlich wohlwollender Art ihre kleine Rechte und pätſchelte leicht mit der Hand darauf, was ſie unter einem freundlichen Lächeln geſchehen ließ, indem ſie ihn zu einem der hochlehnigen Seſſel führte, mit der I Bitte, ſich niederzulaſſen, wenn er überhaupt gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit etwas Zeit übrig habe, um zu plaudern. b Sie könne ihn übrigens verſichern, daß das Ameublement * ihres Zimmers, welches ſie ſeiner Güte verdanke, eben ſo angenehm als vollſtändig genügend ſei.„Und wie paſſend zu allem Uebrigen!“ ſagte ſie,„ſollte man nicht glauben, jener alte Herr dort auf dem Bilde warte nur den Moment b ab, um aus ſeinem Rahmen herabzuſteigen und es ſich auf dieſem Lehnſtuhle bequem zu machen?“ „Ah, Herr Konrad von Reckenberg!“ „Sie wiſſen ſeinen Namen und— ach, faſt hätte ich — 2* 4 4„ — —ͤͤͤͤͤſͤſͤſſͤſſſſͤſſſſſſſſ——— 8 —— — 206— gefragt,“ ſagte Sophie lachend,„ob er Ihnen bekannt geweſen ſei; doch iſt das ja unmöglich.“ „Allerdings nur dem Namen nach bekannt, den ich hin⸗ ten auf dem Bilde angeſchrieben ſah, ſowie auch in einigen Notizen drunten in den Büchern wiederfand. Herr Konrad von Reckenberg führte längere Jahre das große Handels⸗ geſchäft und ſtarb unverheirathet. Angenehm für uns, die wir in gewiſſer Beziehung, und vielleicht gerade weil er unverheirathet blieb, ſeine Nachfolger wurden. Denn das große Geſchäft, das ganze Vermögen und auch dieſes Haus ging auf eine Seitenlinie über, deren Mitglieder es vorzogen, zu jagen, zu reiten, ſich bei Hofe nützlich und angenehm zu machen, ſtatt den für ſie gemeinen kauf⸗ männiſchen Geſchäften nachzugehen. Und damals lag doch im Betriebe des großen Handels etwas Anregendes, ja Poetiſches. Man erhielt und verſandte ſelbſtbefrachtete Schiffe. Man häufte die Schätze aller Welttheile in ſeinen Magazinen auf, man hatte gediegenes Gut, wahre Schätze in ſeinen Kiſten und Käſten, während man heutzutage mit geringem, ſchlechtem Papier handelt, das keinen inneren Werth hat, nur trügeriſch eine Summe Geldes verſpricht, die irgendwo zu finden ſein ſoll, die aber Niemand in ſeinem Leben zu ſehen bekommt und die ſich je nach dem glücklichen oder unglücklichen Schwindel, der mit dieſen Papieren getrieben wird, vermehrt oder verringert.— Doch ſind das Dinge, die Sie nicht im Geringſten in⸗ tereſſiren, Fräulein Sophie, welche die allerdings ſchöne Seite haben, daß man dabei Geld gewinnen kann, indem ——— man es einem anderen Minderglücklichen abnimmt, ohne ihm etwas dafür zu geben, und ſo ein erlaubtes Räuber⸗ leben führt, deſſen Schauplatz nicht die einſame Land⸗ ſtraße iſt oder der dichte Wald, ſondern ein ſchöner, an⸗ ſehnlicher, luftiger, ja, prachtvoller Bau, den man die Börſe nennt.“ Er hatte ſich bei dieſen letzten Worten erhoben und blickte lauſchend an die Decke des Gemaches empor, wo man jetzt wieder den Klang der einförmigen Schritte ver⸗ nahm.—„Ich habe ſchon gedacht,“ ſagte er,„dieſe be⸗ ſtändigen Spaziergänge des alten Fräuleins könnten Ihnen unangenehm ſein, und wenn dies der Fall iſt, ſo ſteht es nur bei Ihnen, ſich in dem großen Hauſe eine andere Wohnung auszuſuchen. Sie haben überhaupt, glaube ich, die Räume deſſelben noch nicht durchwandert, und wenn das Ihnen einmal Vergnügen machen ſollte, ſo werde ich Sie begleiten.“ „Was das Geräuſch der Tritte da oben anbelangt,“ entgegnete Sophie,„ſo weiß ich die Urſache derſelben, und ſtatt daß es mir unangenehm wäre, fühle ich vielmehr ein Bedauern mit der alten Dame, daß ſie ſo ſtundenlang ihr Zimmer von einer Richtung zur anderen durchmißt, ſtatt ſich in freier Luft und Sonnenſchein zu ergehen. Sie lebt ſo gar einſam da oben, und ich habe ſchon gedacht, ob es mir nicht möglich ſei, etwas zu ihrer Unterhaltung beizutragen.“ „Dieſer Gedanke iſt ſehr freundlich,“ meinte Herr Joſeph,„doch hat das alte Fräulein eine ſo feſte Scheide⸗ 2 „ 1 5 — ——— — 2⁰8— wand zwiſchen ſich und der übrigen Welt gezogen, daß jede Annäherung unmöglich iſt. Ich habe gleich als wir hie⸗ V her kamen, den Verſuch gemacht, ſie zu ſehen, um ihr meine Dienſte anzubieten, wurde aber vor der Thüre von der Kammerfrau mit höflichem Dank empfangen und ab⸗ gefertigt. Denken Sie alſo nicht weiter daran und ſagen mir dagegen aufrichtig, ob die eigenthümliche Art, wie die alte Dame ſich Ihnen und gewiß ſehr häufig bemerkbar macht, irgend etwas Störendes für Sie hat, und dann ſoll es auf die eine oder andere Art geändert werden. Theilen Sie uns überhaupt Ihre Wünſche in jeder Rich⸗ tung mit, mein liebes Kind, mir und meinem Bruder Nathan, oder mir allein, denn mein alter Bruder, der V beſtändig über ſeinen Büchern und Papieren ſitzt, weiß ſo 8—— —————— gut wie gar nichts von den Bedürfniſſen ſeiner ſo lieben und ſchönen Hausgenoſſin, während ich ſchon eine ganz kleine Ahnung davon habe,— allerdings nur eine ganz kleine,“ ſetzte er die Hände über einander reibend hinzu, und ſagte dann mit einem ſchalkhaft ſein ſollenden Lächeln: „auch hoffe ich ein gelehriger Schüler in ſolchen Dingen zu ſein, und bitte nur, ſich als die Herrin dieſes Hauſes, ja, auch als die Herrin Ihres ergebenen Dieners Joſeph zu betrachten.“ Lag bei dieſen Worten etwas in ſeinem Blick, was das junge Mädchen befremdete, oder waren es die faſt komiſchen, zu ſeinem ſonſt ſo ernſten Weſen nicht paſſenden Bewegungen, mit denen er den Kopf hin und her wandte und ſich auf den Hüften wiegte, oder mochte ſie es nicht —-——— — 209 recht verſtehen, warum er abermals ihre Rechte in ſeine beiden Hände nahm, genug, ſie hatte das Gefühl, ihm dieſe nach ein paar Sekunden ſanft entziehen zu müſſen, was ſie auch that. Dann, zum Fenſter gehend, ſagte ſie: „Ich kann Sie verſichern, Herr Schropps, daß hier im Hauſe für alle meine kleinen Bedürfniſſe auf ſo freund⸗ liche und umfaſſende Weiſe Sorge getragen wird, daß mir durchaus kein Wunſch mehr bleibt, und was meine Woh⸗ nung betrifft, ſo finde ich deren Ausſicht auf den Fluß und auf die liebliche Gegend des anderen Ufers ſo an⸗ genehm, ja, ſo unterhaltend, daß ich ſie mit keiner anderen vertauſchen möchte.— Sehen Sie ſelbſt!“ Hätte in dieſen letzten Worten nicht eine Aufforderung gelegen, näher zu treten und die ſonnenbeglänzte Gegend zu ſchauen, ſo würde Herr Joſeph wahrſcheinlich in der Mitte des Zimmers ſtehen geblieben ſein, denn es hatte. ihn vorhin eigenthümlich berührt, daß ſie ihm ihre Hand ſo raſch entzogen, doch empfand er jetzt ein aufregendes Gefühl, als ſie ihn gewiß abſichtslos an ihre Seite rief. Er folgte mit ganz leiſen Schritten, mit leuchtenden Blicken ihre ſchlanke und doch wieder volle Geſtalt be⸗ trachtend, wie ſie an's Fenſter lehnend auf den Fluß hinabſchaute, und als er nun neben dem jungen Mädchen ſtand, ſchaute er nicht auf den Strom hinab, auch nicht auf die bunt bewimpelten Schiffe, die ſie ihm zeigte, noch weniger auf die ſchönen Landhäuſer des anderen Ufers, ſondern er ſah nur ihre runde weiße Schulter, die unter dem feinen Flortuch ſo verlockend ſichtbar war. 2 5„ —y— V Davon hatte ſie allerdings keine Ahnung, doch ver⸗ V— urſachte es ihr gleich darauf eine unbehagliche Empfindung, als ſie, ſich raſch aufrichtend, das Gefühl hatte, als wenn V ihre Schulter wohl zufällig und gerade durch ihre raſche V V Bewegung die Bruſt des Herrn Joſeph Schropps be⸗ rührt hätte. 4 —— ℳ———— Siebentes Kapitel, worin bewieſen werden ſoll, daß ein tüchtiger Fettflecken immer wieder durchſchlägt. Es wird dem geneigten Leſer vielleicht auffallend ge⸗ weſen ſein, daß die Unterredung zwiſchen Herrn Joſeph Schropps und ſeiner Pflegetochter im vorigen Kapitel eigentlich gar keinen Abſchluß hatte; da aber in Wahrheit derſelbe fehlte, ſo ſind wir auch nicht befugt, einen erdich⸗ teten dafür herzuſetzen. Er hätte allerdings noch vielerlei zu ſagen gehabt, war auch zu dem Zwecke hergekommen, ſchien nun aber, beim Anſchauen des jungen Mädchens und bei der leichten I Berührung mit ihr ſo total alle ſeine Vorſätze vergeſſen zu haben, daß er ſeine Hände leicht aneinander reibend V rückwärts vom Fenſter und ſomit auch von Sophie weg⸗ trat, wahrſcheinlich zufrieden mit einer kleinen, eingebil⸗ deten Vertraulichkeit und im Gefühle des Maulwurfs, der gefunden, daß ein Gartenbett, wo er den Verſuch gemacht, nach Schnecken und Käfern zu graben, einen leidlich lockeren— Grund zum Durchkommen habe. 1 Sophie hatte vorhin unter einem unbehaglichen Gefühl ihre Lippen gekräuſelt, ſie vielleicht etwas trotzig in die Höhe gezogen, was ſie nach Umſtänden zu thun vermochte, hatte aber gleich darauf unter einem gerade nicht unfreundlichen Blicke geſagt:„Jetzt muß ich in der That nach Madame „ —y—— 4 ————— 212 Kegel ſehen, ſonſt wird ſie mir mit Recht vorwerfen, ich hätte gar keine Luſt, mich um die Küche oder die Haus⸗ haltung zu bekümmern.“ Dann war ſie nach einer leichten Verbeugung im Nebenzimmer verſchwunden. Und Herr Joſeph hätte, wie vorhin bemerkt, ihr noch ſo vielerlei zu ſagen gehabt, was ſeinen Geiſt ſelbſt auf der Börſe ſo beſchäftigt, daß er ein Papier um ein Achtel⸗ Prozent zu wohlfeil verkauft hatte. Doch war das eine Kleinigkeit, denn er hatte bei einem anderen Geſchäftchen einige Tauſend ſo zufällig gewonnen, als wenn ſie gerade vom Himmel herab in ſeine Hand gefallen wären, und dieſe paar Tauſend lumpige Thaler hatte er dazu beſtimmt gehabt, um ſeiner ſchönen Haus⸗ genoſſin eine kleine Freude zu machen. Nicht als ob er ihr dieſelben hätte anbieten wollen, was ihm als unzart erſchienen wäre— nein, gewiß nicht—, doch war er auf dem Heimwege gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit bei Möbel⸗ magazinen ſtehen geblieben, auch vor Läden, wo ſich koſt⸗ bare Stoffe oder funkelnde Geſchmeide befanden, und hatte dabei gedacht, daß die Pflegetochter des reichen Herrn Nathan Schropps— es war ihm dabei ein angenehmes Gefühl, Sophie als die Pflegetochter ſeines älteren Bruders zu betrachten— an ſolchen hübſchen Dingen, von denen ſie eigentlich gar nichts beſaß, wohl ihre Freude haben könne. Ja, er hatte ſogar einem kleinen, hübſchen, zwei⸗ ſitzigen Coupé mit Kutſcher und einem Livreebedienten auf dem Bock ſinnend nachgeſchaut. Jetzt verließ er langſam das Wohnzimmer des jungen ——— 213— Mädchens, in den eben erwähnten hübſchen Entwürfen mehr als je beſtärkt, und da es ihm nach der genoſſenen ſchönen Ausſicht am Fenſter durchaus keine angenehme Abwechslung bot, auf das Comptoir zurückzukehren, wo er durch eine Glasſcheibe in der Thür ſeinen guten, alten Bruder Nathan emſig mit Schreiben beſchäftigt ſah, ſo beſchloß er, im Intereſſe Sophiens jene Dame aufzuſuchen, deren Brief er heute Morgen geleſen. Dieſe wohnte nun nicht weit von der ehemaligen Zigeunerinſel, nicht gerade in der vornehm gewordenen Bendelſtraße, aber in einem Eckhauſe, welches ſich ſchräg gegenüber befand und den großen Vortheil hatte, zwei ſich kreuzende Straßen durch ſeine Ausſicht⸗ zu beherrſchen. V Hier hatte ſich Fräulein Wilhelmine von Wanner ein⸗ gemiethet, als ſie nach ziemlich langer Abweſenheit wieder in die Heimat zurückgekehrt war. Es waren ein paar V Jahre darüber vergangen und war während dieſer Zeit V nicht nur jede Spur des damals ſo öden Platzes ver⸗ ſchwunden, ſondern es ſchienen auch alle jene eigenthüm⸗ lichen Gerüchte und Erzählungen über geheimnißvolle Vor⸗ fälle gänzlich in's Fabelreich verwieſen worden zu ſein. I Was kann ſich überhaupt in unſerer raſch lebenden Zeit rühmen, dem ſchnellſten Vergeſſenwerden zu entgehen? V Sind doch in dieſem Jahrhundert des Dampfes und der Telegraphenblitze wir und unſere Thaten wie das Daſein V der Eintagsfliegen, die ſich ſoeben noch im hellen Lichte tummelten, um gleich darauf ſpurlos und für immer ver⸗ ſchwunden und vergeſſen zu ſein! Hackländer, Kainszeichen. II. 15 3 * 5* — 5. 8 8. 6 —8—s—ö———ſſſſſſͤͤ 214 Fräulein von Wanner war ſo klug und vorſichtig geweſen, ohne irgend welches Aufſehen wieder zu erſcheinen. Sie hatte eine ſtille Wohnung geſucht für zwei ältere, ſehr anſtändige Damen ohne Kinder und hatte dieſelbe in dem eben erwähnten Eckhauſe vollkommen ihren Wünſchen entſprechend gefunden. Der Eingang war in einer ſchmalen Seitenſtraße und die Ausſicht, wenn man über eine dunkle Treppe in ihr Eck⸗ und Wohnzimmer gelangt war, ſo angenehm und ſo ergiebig wie nur möglich. Hier waren Fenſter, die auf drei Straßen gingen, und die letzteren der Länge nach ſo ſcharf und genau beſtrichen, daß von aufmerkſamen Auslugern ſowohl die Morgenpromenaden irgend eines ſchleichenden Kätzleins, als auch die unaus⸗ geſetzten und ſtets ſo wichtigen Beſchäftigungen ſämmtlicher Straßenhunde controlirt werden konnten, vom menſchlichen Getreibe nicht einmal zu reden; auch waren an den Fenſtern noch obendrein jene verrätheriſchen Spiegel an⸗ gebracht, die einen Beſuch nicht nur anzeigen, ehe er noch um die Ecke kommt, ſondern die auch unſeren ernſten, gleichgültigen oder ſorgenvollen Blick verrathen, während wir noch vor der Hausthüre ſtehen, nach den Knöpfen unſerer Handſchuhe ſchauen, oder während wir uns durch ein Betaſten der Bruſttaſche vergewiſſern, ob wir für einen glücklichen Fall auch mit Viſitenkarten verſehen ſind. Eine Schattenſeite dieſes ſonſt ſo günſtig gelegenen Hauſes war vielleicht die, daß ſich gegenüber noch drei andere gleichbegünſtigte Eckhäuſer befanden, ebenfalls von ſtillen Familien bewohnt, von denen ſich immer ein Mit⸗ —-——,———— 8 2 71 215 glied vor den eben erwähnten Spiegeln auf Lauerpoſten 4 befand, ſtets ſpionirend, combinirend, voll phantaſiereicher Bosheit, dabei zu Mittheilungen im verwegenſten Sinne des Wortes geneigt, der Schrecken der Nachbarſchaft. An dieſen Straßenecken war ſchon mancher gute Ruf zer⸗ ſchellt, weßhalb man ſie auch im Volksmunde nur die ſſcharfen Ecken“ nannte. Während Fräulein von Wanner einzog, waren die betreffenden Straßen eine Zeit lang von jener Beobach⸗ tung verſchont geblieben, denn alles Intereſſe vereinigte ſich auf die neuen Nachbarn, wer ſie wohl ſein möchten, und ob würdig, hier zugelaſſen zu werden.„Ich bin doch neugierig,“ ſagte die Kanzleidirektorin Schwebeling, . an ihrem Fenſter ſitzend, nachdem ſie dem guten Kanzlei⸗ direktor, ehe er auf ſein Bureau ging, gütigſt erlaubt, ihr die gelbe Wange zu küſſen, was immer ein Beweis war, daß er ſich in den letzten Tagen tadellos aufgeführt hatte, nicht in's Wirthshaus gegangen war, oder mit ſeinem Schwager, dem Regierungsrath Löſer, geſehen worden,—„ich bin doch neugierig, wer dieſe alten ſtillen Damen ohne Kinder aus ſehr anſtändiger Familie ſind, die da zu Zweien eine ſo theure Wohnung miethen, viel⸗ leicht Fremde, und dann laß ich es mir allenfalls gefallen. — Du könnteſt dich wohl einmal bei einem deiner Polizei⸗ freunde erkundigen. Man weiß doch gern, wer einem in die Fenſter ſchaut.“ Gegenüber wohnte Madame Schneller, die Wittwe eines Arztes, eine lange, dürre, grobknochige Perſon, an — — 216 deren galligem Geſichte nichts Bemerkenswerthes war, als ein klaffender Mund mit dünnen Lippen ſo wie lebhafte, unheimlich leuchtende Augen. Dieſe Dame hatte zum großen Verdruß der Madame Schwebeling noch mehr Zeit als ſie ſelbſt, beſtändig und ſtets bolzengerade am Fenſter zu ſitzen, dagegen aber mit den unruhigen Augen nichts ſich entgehen zu laſſen, ſchon wenn es ſich auf Straßen⸗ länge zeigte. Sie genirte ſich auch nicht einmal, einen Beſuch, der zu Kanzleidirektors ging, mit ihren ſcharfen Blicken ſchon an der Hausthür aufzuſpießen und ihm dann langſam an den Hausmauern hinauf bis in's Beſuch⸗ zimmer zu folgen, was Madame Schwebeling ſchon häufig veranlaßt hatte, bei ſolchen Gelegenheiten heftig ihre Vor⸗ hänge zuzuziehen, um die Augen des Geſpenſtes auszu⸗ ſchließen und dieſen Pfahl im Fleiſche, wie eine andere zarte Benennung für die verwittwete Doktorin lautete, nicht mehr zu ſehen. Dieſe ſchreckliche Eigenſchaft eines Pfahles im Fleiſche hatte die Kanzleidirektorin der Wittwe des Doktors in⸗ deſſen nicht nur als ihrer Nachbarin beigelegt und in Beziehung auf ſich ſelber, ſondern mehr noch, wenn ſie von der Vergangenheit dieſer Dame ſprach und dabei des ſeligen Arztes gedachte, der, Gott ſei Dank!— hier konnte Madame Schwebeling ihre Hände in die Höhe heben— endlich da droben doch einmal die Ruhe und den Frieden genieße, die ihm hienieden nicht vergönnt geweſen, die ihm ſein Pfahl im Fleiſche mit einer grauenhaften Hartnäckig⸗ keit ſtreitig gemacht. —————— ————4——y—y—— nN—nn — 21 Dieſer bejammernswerthe Kreuzträger war, wie es hieß, endlich einem langjährigen Lungenleiden erlegen.— „Ja wohl,— da, ein ſchönes Lungenleiden— da ſitzt es leibhaftig am Fenſter und ſtrickt, während ihre Ge⸗ ſpenſteraugen herumrollen, als gehörten ſie ihr gar nicht eigen und würden nächſtens ganz um die Ecke ſpazieren! Sollte man da wohl an eine Gerechtigkeit glauben?“ konnte die Kanzleidirektorin vor ſich hinſprechen oder zu ihrem Manne, was häufig gleichbedeutend war,—„wenn man die da ſitzen ſieht, ordentlich triumphirend, daß es ihr gelungen iſt, ihren armen Mann unter die Erde zu bringen— an einem Lungenleiden! Wir wiſſen das beſſer! Der arme Mann iſt aus Eiferſucht durch lauter moraliſche Nadelſtiche zu Tode gekitzelt worden, und Gott verzeih' mir die Sünde, daß ich ſagen muß, leider ohne einen Grund. Denn für ihn, einen Arzt, der ſo viele Gelegenheit hat, wäre es wahrhaftig begreiflich geweſen— wenn er bei einer jener verdächtigen nächtlichen Viſiten den Unterſchied bemerkt hätte zwiſchen ſeinem mageren Geſpenſte und irgend einer aufgeregten hübſchen Kranken, die ſich über ein wenig Herzklopfen beklagt!“ Uebrigens war die Abneigung der Kanzleidirektorin, welche aus dieſem Gedanken herausklang, vollkommen auf Gegenſeitigkeit begründet, denn wenn Herr Schwebeling oft in ſehr gebückter und gedrückter Haltung ſein Haus verließ, um auf ſein Bureau zu ſchleichen, ſo konnte ſich die Doktorin häufig des Gedankens nicht erwehren, wie aufrechten Hauptes, ja, wie heiter der Mann wohl dahin⸗ 2— 1 — vnv „ ———õ—j 8— A — 218 ſchreiten würde, wenn er an ſeinem Fuße nicht mehr die Kette fühlte, die ihn zu ſeiner böſen Sieben, zu dieſem unausſtehlichen Kratzeiſen zurückzöge— und wie er noch obendrein mit ihr ſchön thun mußte, wie er ſie zuweilen auf das alte Geſicht pätſchelte und ſtrahlend an ihrer Seite durch die Straße ging, als wolle er den Begegnen⸗ den ſagen:„Seht mein Glück!— Daß Gott erbarm!“ An der dritten Ecke wohnte eine weit harmloſere Familie, doch war hier die Klippe für die Vorüberwan⸗ delnden vielleicht noch gefährlicher, weil dort zwei Fenſter ſtets und in ſchöner Abwechslung mit friſchen Kräften be⸗ ſetzt waren. Denn die Familie des Herrn Doktor Sprütter beſtand aus ihm ſelbſt, ſeiner Gattin und drei bereits ſeit längerer Zeit ausgewachſenen und deßhalb völlig reif ge⸗ wordenen Töchtern. Herr Doktor Sprütter war nicht nur ſelbſt Schriftſteller, ſondern ſeine Frau trieb daſſelbe Ge⸗ werbe, und von den Töchtern trat die älteſte und jüngſte in die Fußſtapfen der Eltern, während die mittlere als poeſielos und deßhalb in höheren Beziehungen unbrauchbar zum Haushammel und Aſchenbrödel benutzt wurde. Herr Sprütter war ein großer, breiter Mann, mit einem kurzen Halſe und einem ewigen Stockſchnupfen behaftet, in Folge deſſen er immer hüſtelnd ſprach und dadurch ſowie durch eine ſtets verſtopfte Naſe von Fremden ſchwer verſtanden wurde. Er trug beinahe den ganzen Tag einen langen Schlafrock von rothem Kattun, und da er dieſes Gewand aus dem Bette ſteigend ſogleich vor allem Anderen anzog, auch im Sturm und Drange ſeiner ſchriftſtelleriſchen 219 Thätigkeit häufig die Unausſprechlichen vergaß, ſo hatte dies ſchon verſchiedene Male Anlaß zu verletzenden Scenen gegeben, wenn ihn fremde, zarte Colleginnen unver⸗ hofft mit Beſuchen erfreuten. Glücklicher Weiſe war Ma⸗ dame Sprütter, eine kleine, bewegliche, energiſche Frau, alsdann in's Mittel getreten, indem ſie ihn entweder unter irgend einem Vorwande abrief, ſich auch wohl gerade vor ihn hinſetzte oder ſeine durchſchimmernde Blöße dadurch ver⸗ deckte, daß ſie ihm wie zufällig eine Schürze oder etwas derartiges über die Kniee warf. Wenn auch eine ſolche ſchriftſtelleriſche Familie, wo jedes Mitglied das Handwerk ſelbſtthätig ausübt, gewiß häufig dadurch in unangenehme Conflikte kommen kann, ſo war dies doch bei den Sprütters durchaus nicht der Fall, da ſie in ſchönſter Eintracht ſtets an den gleichen unſterb⸗ lichen Werken arbeiteten. Er entwarf gewöhnlich die Com⸗ poſition, behielt ſich die Ausführung der ſanften, gemüth⸗ lichen Charaktere ſowie der philoſophiſchen Reflexionen vor, ſchilderte die Natur durch alle Rubriken, wobei ihm be⸗ ſonders die Schilderung langweiliger Regentage mit den tropfenden Dächern und ſprudelnden Regenwaſſerröhren gelang, behandelte auch jene oft ſo nothwendigen, wirk⸗ ſamen Scenen, wo ſelbſt in einer moraliſchen Geſchichte der gute Engel weinend entflieht, worauf er die noch naſſe Feder ſeiner älteren Tochter ſeufzend und mit den Worten überreichte:„Es iſt geſchehen, ſuche du nun die Noth⸗ wendigkeit und den langen Schmerz nach kurzer Freude oder auch das Umgekehrte zu beweiſen.“ —— —— — Die energiſchen Charaktere, die Intriganten ſowie die erſten Liebhaber, wenn ſolche nicht verkommene Schmacht⸗ lappen waren, wurden von Madame Sprütter mit Kunſt und Geſchick verarbeitet und wo kleine weibliche Bosnickel, junge ſchnippiſche Mädchen vorkamen oder jene unſchulds⸗ vollen Weſen, die ſelbſt in den ſchwierigſten und verfäng⸗ lichſten Lagen des Lebens den Gleichmuth der Tugend behaupten und Alles lächelnd über ſich ergehen laſſen, ſo beſorgte das die jüngere Tochter mit einer wahrhaft rührenden Unbefangenheit. Bei dieſen gemeinſchaftlichen Arbeiten fühlte ſich die: Familie Sprütter glücklich und zufrieden; ſie arbeiteten ſtets auf Beſtellung, beſonders für illuſtrirte Zeitſchriften, wurden ſo gut bezahlt, als deutſche Buchhändler überhaupt zu bezahlen pflegen, und behielten durch die ſtete Abwechs⸗ lung gewiſſermaßen das Gefühl der Friſche, behandelten den Gummielaſticum ihres Romans heiter und wohlgemuth, und wenn auch ihre Geſchichten vielleicht dem Leſer zuweilen tödtlich langweilig erſchienen, ſo hatten ſie doch ſelbſt nie das Gefühl der Langeweile und Abſpannung, was einen anderen ehrlichen Mann doch hier und da beſchleicht, weßhalb wir die Art des Schaffens, wie in der Familie Sprütter gebräuchlich, allen verehrten Collegen und Col⸗ leginnen hiermit beſtens empfehlen wollen. Und wie viele Zeit hatten ſie nicht, um Geiſt und Auge zu erfriſchen und durch die Leichtigkeit der Fenſter⸗ beobachtungen im beſagten Eckhauſe ihre Romane mit pikanten Straßenſcenen ausſchmücken zu können! Deßhalb befanden ſich auch gewöhnlich zwei der Sprütters am Fenſter, und wenn es gerade unten auf dem Pflaſter nichts zu ſehen gab, ſo beſchäftigte man ſich auch wohl mit der nächſten Nachbarſchaft und deren Beſuchen; aber Alles in Güte und Liebe, freundlich und harmlos, und wo eine pikante Bemerkung fiel, da war ſie einzig und allein durch die Umſtände motivirt. So ſagte eines Morgens Herr Sprütter, als er mit einem Schnupftuch von der Größe einer Serviette am Fenſter ſtand— er trug dieſen für ihn wichtigen Gegen⸗ ſtand ſtets in der Hand, meiſtens ſtark gebraucht und feucht— drüben war ein Tapezierer mit den Vorhängen der leer ſtehenden Wohnung beſchäftigt:„Ich verſpüre in meiner Seele einen Durſt, es recht bald in Erfahrung zu bringen, wer da drüben die leeren Räume beziehen wird, in welchen wahrſcheinlich die Spinne ſchon anfängt, ihr phantaſtiſches Netz aufzuhängen.“ Herr Sprütter liebte es ſehr, in gewählten Ausdrücken nicht nur zu denken und zu ſchreiben, ſondern auch zu ſprechen.—„Heute Nacht, als mich mein Huſten nicht ſchlafen ließ und ich mich ruhelos auf dem Lager wälzte, iſt mir in dieſer Richtung eine gute Idee gekommen, die man vielleicht ausbeuten könnte in Art einer phan⸗ taſtiſchen, geſpenſtigen Novelle. Wenn nämlich da ge⸗ rade gegenüber die gute Doktorin, die in Kummer über den Verluſt ihres guten Mannes täglich magerer wird, eines Morgens hinüberſchaute, wie ſie ja häufig zu thun pflegt, und ſähe dort den theuren Todtgeglaubten am ——y—=ͤͤͤ — v.“—— — 222 Fenſter ſtehen, vielleicht grinſend, kopfnickend und hände⸗ reibend.“ „Aber, Papa,“ ſagte Irma Sprütter, die älteſte Tochter, „was ſind das für ſchauerliche Phantaſien? Ich ließe es mir noch gefallen, wenn es geheißen hätte, Doktor Schneller ſei auf einer weiten Reiſe verunglückt, wäre aber gerettet worden, käme Nachts zurück, hätte das Eckhaus verwechſelt und blickte nun am anderen Morgen freudeſtrahlend zum Fenſter hinaus, da drüben ſeine theure Gattin in voller Jugendfriſche am Fenſter ſtehend— ſo würde ich das behandeln.“ Darauf ſprach die Mutter:„Das würde doch in An⸗ betracht der Doktorin allzu roſig gefärbt ſein, und ich dagegen habe ſchon den Gedanken gehabt, daß die Fenſter⸗ läden der Wohnung drüben, nachdem ſie vollſtändig ein⸗ gerichtet iſt, feſt verſchloſſen würden, feſt verſchloſſen blieben und daß man nur in der Mitternachtsſtunde zuweilen einen ſchwachen Lichtſchein durch die Ritzen bemerkte. Wie würde ſich die Frau Kanzleidirektorin Schwebeling Mühe geben, den räthſelhaften Bewohner zu ergründen!“ „Würde vielleicht durch ihren Mann auf der Polizei die Anzeige machen laſſen, daß drüben eine Spielhölle ſei oder eine Falſchmünzerbande,“ meinte die jüngere Tochter Laura, die doch nicht Taube genug war, um nicht hinzu⸗ zuſetzen:„Jedenfalls hätte Madame Schwebeling keine ruhige Stunde mehr, bis ſie erfahren hätte, wer dort drüben eingezogen ſei.“ „Und ich weiß das— ich weiß das— ich habe es 223 ſoeben auf dem Markte erfahren,“ rief Margarethe, die mittlere der drei Sprütterstöchter, indem ſie mit einem anſehnlichen Korbe am Arm in's Zimmer trat. „Was weißt du? Was haſt du erfahren?“ ſagte ge— meſſen und würdevoll der Vater mit einer leicht abwehren⸗ den Handbewegung, da er es liebte, ſeine zweite, gänzlich poeſieloſe und hausbackene Tochter nicht allzu vertraulich werden zu laſſen, was das arme Ding durchaus nicht übel nahm; denn es hatte ſchon oft geäußert, daß es ſich viel wohler in der Küche bei der Magd befinde, als bei ihren übermüthigen Schweſtern. Jetzt ſetzte ſie ihren Armkorb in der Nähe der Thür nieder und ſagte, nachdem ſie einen tiefen Athemzug ge⸗ than:„Auf dem Markte haben ſie es ſchon gewußt, wer drüben einzieht. Es ſei ein altes Fräulein von Wanner, die vor Jahren fürchterliche Sachen gemacht habe, die ihren Vater, glaube ich, umgebracht und ihre alte Mutter in einem Faß im Keller gefangen gehalten, oder umgekehrt, das weiß ich nicht genau, aber das Faß ſei inwendig mit ſchuhlangen Nägeln austapeziert geweſen — ja, ſo haben ſie geſagt.“ Herr Sprütter nahm mit einer unverkennbaren Ent⸗ rüſtung, die ſich deutlich auf ſeinen Geſichtszügen zeigte, ſein Schnupftuch in beide Hände, quetſchte die Naſe da⸗ zwiſchen und ſchneuzte ſich mit ſolcher Kraft, daß es klang wie ein ſchallender Trompetenſtoß, dann fragte er:„So, das haben ſie dir auf dem Markt geſagt? So will ich dir denn ſagen, daß du eine Gans biſt, hienieden ein „ 8— ——————2ᷓ˖—— A —ͤſſſſſſſſſſſſſ—* ſolch' Geflügel bleiben und dich auch in einem ſchöneren Jenſeits zu nichts Beſſerem erheben wirſt.— Siehſt du, Aurelie,“ wandte er ſich an ſeine Gattin,„das iſt wieder einmal dieſelbe wahre und ſchlimme Geſchichte, die wir in unſerer kleinen, hübſchen Novelle vom unvertilgbaren Fettflecken zu ſchildern verſucht, jenem moraliſchen Fett⸗ flecken, den du zudecken magſt, wie du willſt, den aber die Verleumdungsſucht ſtets wieder aufzufinden bereit iſt.“ „Das iſt allerdings wahr, mein Lieber,“ erwiederte Madame Sprütter,„ſo erinnere ich mich genau, daß der⸗ gleichen eigenthümliche Dinge, die man über Fräulein von Wanner ausgeſagt, nur durch ihr plötzliches Verſchwinden zum Schweigen gebracht wurden.“ „Und auch vergeſſen bleiben ſollten,“ entſchied Herr Sprütter nach einem abermaligen Trompetenſtoße.„Glaubt ihr denn nicht, daß jene Behörden, in deren Hand die unerbittliche Gerechtigkeit ruht, ſtreng gehalten haben die Wage über dem Haupte jener Verdächtigen, und daß man nach reiflicher Ueberlegung wahrlich keinen Fehler an ihr gefunden?— Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet, und vergeßt nie das köſtliche Gleichniß vom Splitter und Balken.— Was dich aber ganz beſonders anbelangt,“ ſprach er ſtreng zu ſeiner Tochter Margaretha,„ſo miſche dich nicht in höhere Dinge, die du nicht verſtehſt, und verfüge dich in die Küchenräume, wo du gemäß deiner natürlichen Anlagen hin gehörſt.“ Er bekräftigte dieſe Weiſung durch ein energiſches Schwenken ſeines großen Schnupftuches, nahm dieſes in ————— ſeine beiden Hände, die er auf dem Rücken vereinigte und 4 ſagte dann auf und ab ſchreitend:„Schau, ſchau, wie bei Nennung dieſes Namens ein längſt vergangenes und nicht unintereſſantes Bild aus früheren Tagen wieder in meinem Geiſte mächtig wird und lebhaft zu Tage tritt! Jene Zeit, wo hier, um mit dem großen Dichter zu reden, gewiſſermaßen die letzten Häuſer ſtanden, wo drüben jener öde, unheimliche, aber doch poeſievolle Platz begann, den man die Zigeunerinſel nannte,— du weißt, liebe Aurelie,“ ſagte er, einen Augenblick ſeinen Spaziergang unterbrechend und vor der Gattin ſtehen bleibend,„worüber wir die kleine, vortreffliche Skizze ſchrieben ‚ein Tag unter Zigeu⸗ nern', in welche Skizze wir hineinragen ließen etwas von dem ſchauerlichen Gerede jener Tage. Wenn ich nicht irre, ließen wir die ſchöne Zigeunerin Wanda aus Liebes⸗ kummer ſterben und begruben ſie nächtlicher Weile bei Mandolinenklang und rothglühender Fackelbeleuchtung in einem großen Faſſe, das die troſtloſe Bande zur Betäu⸗ bung ihres Schmerzes leer getrunken, unter dem Eiben⸗ baume, wo ſich dann allnächtlich in der Mitternachtsſtunde bei Vollmond ein bleicher Schatten ſehen ließ.“ Herr Sprütter hatte ſein weißes Schnupftuch an einem Zipfel erfaßt und ließ es hin und her ſchweben, wie wohl der bleiche Schatten der unglücklichen Wanda in Vollmond⸗ nächten unter dem Eibenbaume geſchwebt haben mochte. Er hatte ſich dadurch in eine ſo feierliche, faſt elegiſche Stimmung verſetzt, daß er unmuthig zuſammenfuhr, als ſeine jüngere Tochter Laura etwas haſtig aus dem Neben⸗ —,——— —— —yy—ͤͤͤͤͤ1— — —,³— —— zimmer hereintrat, die Feder in der Hand, und freundlich lächelnd ſagte:„So, Papa, ich bin jetzt ſo weit. Adelma hat es nach langem, ſchmerzlichen Kampfe gewagt, in den Garten des Penſionats hinabzuſteigen, nachdem ſie die alte Thürhüterin in's Vertrauen gezogen und ihr händeringend geſagt: Entweder ſterben oder ihn ſehen!— Ich glaube, die Scene iſt mir recht gut gelungen, beſonders Adelma's Glück, ihre Seligkeit, als ſie nun, in den mondbeſchim⸗ merten Garten tretend, ihn von der Mauer herabgleiten ſieht. Alle meine Pulſe ſchlagen, Und das Herz wallt ungeſtüm. „Sie fliegt in ſeine Arme,— glückſelige Vereinigung! Nun kommt ein neues Kapitel, welches du wohl über⸗ nehmen wirſt, Papa.“ Herr Sprütter nickte ſchweigend mit dem Kopfe, ſagte aber erſt nach einer längeren Pauſe:„Ich weiß nicht, es will mir nicht recht gefallen, daß Adelma die alte Thür⸗ ſchließerin in's Vertrauen gezogen; es erregt das Hoffnung auf ein glückliches Ende jener Unterredung, die ich leider nicht erfüllen kann.“ „So ſollen dein Ferdinand und deine Adelma nicht glücklich werden?“ „Vor der Hand wenigſtens noch nicht, es wäre zu früh. Wir brauchen noch zehn Kapitel bis zum Schluſſe der Geſchichte.“ „Auch muß ich dir ſchon geſtehen,“ warf das älteſte, etwas grämliche Fräulein Sprütter ein,„daß das ewige —,.——,—— Glücklichmachen etwas Langweiliges hat, und man hat es Papa ſchon häufig zum Vorwurf gemacht, daß ſeine Ge⸗ ſchichten ſtets mit Heirathen ſchloſſen.— Warum muß denn beſtändig geheirathet werden?“ „Darin hat Irma nicht Unrecht,“ erwiederte Herr Sprütter,„ich habe allerdings ein etwas zu weiches Ge⸗ müth und kann den Jammer und die Thränen nicht leiden, aber dieſes Mal ſollten wir wirklich ein Exempel ſtatuiren.“ „Ach nein, Papa,“ bat Fräulein Laura,„ſo ein her⸗ ziges Paar, die ſich ſo innig lieben!“ „Alles hat ſeine Grenzen, meine Tochter. Dieſer Fer⸗ dinand mit ſeinen dreißig Jahren und einer erklärten Brautſchaft treibt es doch gar zu unverantwortlich, indem er mit einem jungen Mädchen von ſechszehn Jahren eine, man könnte ſagen, verbrecheriſche Liebſchaft beginnt.“ „Aber, Papa, wir hatten ihm ja nicht ohne Abſicht eine ſo alte Schachtel zur Braut gegeben, die ihn noch obendrein durch alle Ränke und Schwänke eingenom⸗ men hat.“ „Ich mag dieſen Ausdruck ‚alte Schachtele nicht,“ ſprach Fräulein Irma ihren Kopf aufwerfend,„namentlich nicht im Zuſammenhange mit dieſer armen Emilie, deren Charakter ich ſo liebreich und gemüthvoll angelegt, und Papa hat ganz Recht, wenn er die thörichte Leidenſchaft Ferdinand's nicht zu unterſtützen gedenkt.“ „Ja, ja, das werde ich gewiß nicht thun,“ erwiederte Herr Sprütter, und ſetzte mit einem Geſichtsausdrucke, 2.. 4 8 1 —— e —ſſ——— als kaue er an einem Stücke Rhabarber, hinzu:„Ich mag überhaupt dieſe Liebſchaften junger Penſionärinnen nicht; es liegt ſo etwas Unreifes, ja Unmoraliſches darin, und ich werde mir dieſes Rendezvous unbedingt nicht ge⸗ fallen laſſen.“ „Aber keine Grauſamkeiten, beſter Papa!“ flehte Laura. „Wir haben da ein paar Wege,— einen haſt du mir allerdings verrammelt, da deine ſaubere Adelma die Thürhüterin in's Vertrauen zog, ſonſt wäre nichts natür⸗ licher geweſen, als daß dieſe, durch ein unerklärliches Ge⸗ räuſch im Garten aus einem ſanften Halbſchlummer er⸗ weckt, die ſaubere Beſcheerung gefunden hätte, und muß ich jetzt,“ ſagte der große Schriftſteller, wobei er ſorgenvoll ſein Kinn mit der rechten Hand unterſtützte,„und muß ich jetzt ſchon die erſte Lehrerin, Fräulein von Quadde, hinabbemühen, damit ſie dem Skandal ein Ende macht, wenn wir es vielleicht nicht vorziehen ſollten,“ wandte er ſich an ſeine Gattin,„daß Ferdinand beim Herabſteigen von der Mauer an einem Haken hängen bleibt; auch könnte er ſich an einer Glasſcheibe ſo bedeutend verletzen, daß ihm für den heutigen verhängnißvollen Abend die verbrecheriſchen Liebesgedanken vergehen und er auf dieſe Art ſanft zur Pflicht und ſeiner Familie zurückgeführt würde. Auch käme dadurch etwas Humor in die Ge⸗ ſchichte.“ „Nein, das geht nicht,“ ſagte Madame Sprütter mit großer Entſchiedenheit,„ein gewiſſes Kleidungsſtück an einer gewiſſen Stelle durch Glasſcherben verletzt, hat einen 229 etwas unäſthetiſchen Beigeſchmack, und ſtatt geſunden Hu⸗ mors hätten wir eine gefährliche Lächerlichkeit.“ „Ganz meine Meinung,“ pflichtete Irma bei,„und lieber noch will ich eine Ueberraſchung zugeben durch Emilie ſelbſt, die ihrem Ungetreuen ahnungsvoll gefolgt iſt.“ „Auch nicht übel,“ meinte Herr Sprütter, dann rieb er ein paar Minuten lang ſeine breite Stirn, kratzte ſich an der Naſe und rief dann, nachdem er durch einen aber⸗ maligen ſchmetternden Trompetenſtoß ſeinem Gehirn Luft verſchafft,„ich fühle, wie ſich mein Geiſt erleuchtet, und hoffe euch alle, wie auch die Leſer zufrieden zu ſtellen. Laß mich nur machen, ich werde unter ſie treten und fürch⸗ terliche Muſterung halten.“ Damit verließ er das Zimmer mit weiten, energiſchen Schritten, ſo daß der rothe Schlaf⸗ rock maleriſch wallte, wobei er ſein Schnupftuch wie eine Siegesfahne ſchwang. Inzwiſchen war die Kunde vom Einzug des Fräuleins von Wanner in das leerſtehende Quartier des Eckhauſes auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Marktgeſchwätzes auch in das Haus des Kanzleidirektors gedrungen, ſowie in die Wohnung der Doktors⸗Wittwe, und hatte die erſtere Dame bei dieſer Nachricht die Hände mit dem Strick⸗ ſtrumpf tiefbewegt in ihren Schoß ſinken laſſen.„Was!“ rief ſie aus,„die verſchollene Wanner? Nun, die fehlt uns noch in der Nachbarſchaft!— Gibt es keine Gerech⸗ tigkeit mehr auf Erden? Oder ſollen wir den Skandal erleben, daß in der Straße, wo ich wohne, die Polizei erſcheint, in ein Haus mir gegenüber eindringi⸗ Verhaf⸗ Hackländer, Kainszeichen. II. ———ÿ — ——sͤͤͤͤͤͤͤͤͤ — — —— = tungen vornimmt, welche von der gedankenloſen Menge nacherzählt werden mit dem Zuſatze, daß das in einem der Eckhäuſer da und da vorgefallen ſei, auch könnte ſich ja die Polizei in dem Hauſe irren und bei mir erſcheinen — bei mir,— und was noch ſchrecklicher wäre, es könnte am Ende dieſer frechen Perſon einfallen, mir einen nach⸗ barlichen Beſuch machen zu wollen!“— Sie lief haſtig mit hoch erhobenem Kopfe im Zimmer hin und her, und da ſie alles Unangenehme, was ihr in Wirklichkeit oder in der Einbildung widerfuhr, ſogleich mit ihrem lieben Manne in Verbindung brachte, ſo fuhr ſie in ihrem Selbſt⸗ geſpräche fort:„Das hat man davon, wenn man ver⸗ laſſen und ohne Schutz in der Welt daſteht! Wenn er, der ſich bemühen ſollte, auch in dieſer Richtung Sorge zu tragen für ſein Haus und ſein armes Weib, weniger als eine Null zu achten iſt, wenn er, ſtatt mit mir zu fühlen, wahrſcheinlich noch in Geſellſchaft ſeiner Freunde oder ſeines ſauberen Schwagers darüber lacht, daß mir ein ſolcher Affront geſchieht! Ah, ich ſehe ihn ſchon lächeln, wenn ihm Löſer ſagt: ‚Nun, deine Alte wird ein ſchönes Geſicht machen, wenn ſie erfährt, daß die Wanner euch gegenüber zieht!;— Es ſollte mich wirklich gar nicht wundern, wenn ſie jetzt in irgend einem Weinhauſe ſäßen und ſich darüber freuten, denn es iſt gleich halb Eins und auf der ganzen langen Straße noch nichts von ihm zu ſehen!“ Dann— endlich— kam der gute Kanzleidirektor nach Haus, müde gearbeitet, ermattet von allerlei Verdrießlich⸗ ———————————.,—— — 231— keiten, etwas gebeugt, etwas mißgeſtimmt, wobei er aber Seelenſtärke genug beſaß, ſowie er ſich in Sicht ſeiner Wohnung fühlte, alles das gewaltſam abzuſchütteln, um mit heiterem, freundlichem Geſichte in's Zimmer treten zu können.—„Guten Morgen, mein liebes Kind, wie freue ich mich, wieder zu Hauſe zu ſein!“ Aber das liebe Kind ſaß ohne Bewegung bolzengerade am Fenſter, neigte kaum ſein Haupt nach Art des ſteiner⸗ nen Gaſtes und ließ nur das verhängnißvolle Wort hören: „Endlich!“ „Wie, endlich?— mein Schatz, ich habe ſehr pünktlich mein Bureau geſchloſſen und komme geraden Weges hieher.“ „Schon gut!“ ſagte ſie mit einer ſo eiſigen Kälte, daß es ihn ordentlich den Rücken hinauf fröſtelte. O, er kannte dieſe affektirte Kälte, und ſie war ihm weit unbe⸗ haglicher, als wenn er ſogleich mit Regen, Hagel und Donnerwettern empfangen worden wäre. Es war die Stille vor einem Sturme, von welchem man niemals wußte, wann und wie er endigen würde. Es war wie das Gefühl, wenn man in ein unheimliches Haus tritt, wo der Sage nach Geſpenſter gehen, wo man jeden Augenblick das Schrecklichſte erwartet und deßhalb unent⸗ ſchloſſen, befangen, ängſtlich handelt. So auch der arme Kanzleidirektor in der ſchrecklichen Ungewißheit, welche Scene heute wieder aufgeſpielt werden ſollte, und dieſe Ungewißheit wurde dadurch nicht vermin⸗ dert, daß Madame Schwebeling langſam ihr Geſicht gegen ihn wandte und ihn ſchweigend mit ihren ſcharfen Augen l“ ——— ———— betrachtete, als vermöge ſie auf den Grund ſeiner Seele zu ſehen. Auch er tauchte dort hinab und bemühte ſich vergebens, irgend eine Sünde aufzufinden, die er vielleicht begangen haben könnte, fand aber nichts,— abſolut gar nichts. Er hatte weder beim Weggehen verſäumt, ſeiner Frau einen Kuß zu geben, noch hatte er das Stubenmädchen freundlich angeſehen, er war ſich bewußt, an keinem der Häuſer auf der langen Straße hinauf geſchaut zu haben, er hatte ſein Bureau nicht verlaſſen, noch war er mit Löſer zuſammengetroffen.— Woher denn nun aber dieſes un⸗ heimliche„Schon gut!“ Woher ihre ſtarren Augen, die ihn überall hin im Zimmer verfolgten, die mit Intereſſe ſeinen Hut betrachteten, als er ihn an den Nagel hing, ſeinen Stock, als er ihn in eine Ecke ſtellte, die ſich mit ſeinen Blicken ſenkten, als er zufällig einmal an ſich her⸗ unterſah, um ein Stückchen Faden ſeiner Akten⸗Fascikel von ſeiner Weſte zu entfernen? Ah, dieſe Blicke, er kannte ſie wohl, und wenn ſie ihn auch ſchaudern machten und abſtießen, ſo übten ſie doch wieder dieſelbe Anziehungskraft auf ihn, wie das Auge der Schlange auf ein armes Vögelein, und ſo wurde er auch jetzt zu ihr hingezogen, langſam, aber ſicher, wo⸗ bei er ſich bemühte, ein unbefangenes Geſicht zu machen, ja heiter zu lächeln, während er ſich die Hände rieb, bis er endlich dicht neben ihr ſtand, ſanft ihren Arm berührte, glücklich, daß endlich die ſtarren Augen aufgehört, ihn zu betrachten und ſich dagegen nach dem gegenüberliegenden ———————————,— 233 Eckhauſe gewandt hatten, wo ein Tapeziergehülfe beſchäftigt war, Vorhänge aufzumachen. „Ei, der Tauſend,“ ſagte der Kanzleidirektor, glücklich, daß er etwas gefunden hatte, worüber ſich reden ließ,„da zieht ja endlich Jemand ein!“ „Ja, da zieht Jemand ein!“ antwortete Madame Schwebeling mit einem Tone, der ihm ſogleich klar machte, daß von dorther das Gewitter heranziehe. „Vielleicht eine angenehme Nachbarſchaft?“ fragte er harmlos. „Eine angenehme Nachbarſchaft!“ „Weißt du, wer es iſt, mein Kind?“ Da wandten ſich die ſchrecklichen Augen wieder gegen ihn:„Und das ſollteſt du nicht wiſſen, Balthaſar? Das ſollteſt du nicht bereits in einem Weinhauſe bei deinem Löſer erfahren haben?“ „Ich, mein Schatz?— Ich habe Löſer lange nicht geſehen.“ „Schon gut! Ich weiß, was ich weiß!“ „So ſag' es mir, wenn ich bitten darf!“ entgegnete er, ſich zu einem heiteren Tone zwingend, obgleich es ihm durchaus nicht heiter zu Muthe war, denn er kannte ſeinen Schwager, den Regierungsrath Löſer, der allerdings etwas rückſichtslos, ja unüberlegt war, doch nie im ſchlimmen Sinne, der vielleicht bei einer Vermiethung drüben die Hand im Spiele gehabt und dort eine Familie hingepflanzt mit einer hübſchen Frau oder gar mit ſchönen Töchtern. —„Ich bin wirklich begierig, wer dort einzieht!“ — 234— 74 „Ich weiß es, Balthaſar— „Und— und— und— es— es ſcheint dir nicht ganz angenehm zu ſein.“ „Und das wäre dir natürlich ſehr gleichgültig, und es iſt dir ſehr gleichgültig, wie ich an deiner heiteren Miene ſehe. Es wird dir auch gleichgültig bleiben, ja dir viel⸗ leicht angenehm ſein, wenn ich dir ſage, daß drüben jenes verrufene Fräulein von Wanner einzieht.“ „Ah, die Tochter der alten Staatsräthin „Ja— das Scheuſal— nicht wahr, es iſt dir ganz 14 gleichgültig?“ „Warum ſollte mir dies nicht gleichgültig ſein?“ „O, ſchon gut, ſchon gut!“ „Oder wünſcheſt du, daß es mir nicht gleichgültig ſein ſoll?“ fragte er mit beſorgtem Blicke, da er das dumpfe Rollen des Unwetters ſchon näher zu hören glaubte. „Wie ſollte ich darin einen Wunſch haben, oder wenn ich ihn hätte, wie ſollte ich ihn ausſprechen einem Manne gegenüber, dem es ſo total gleichgültig iſt, daß ſeine häus⸗ liche Gattin, deren harmloſe Freude darin beſteht, ſtill an ihrem Fenſter zu ſitzen, ihrer Pflichten eingedenk zu ſein, während es ihr zuweilen unſchuldiges Vergnügen macht, auf die Straße hinabzublicken, an die gegenüberliegenden Häuſer, häufiger noch aufwärts gen Himmel— jetzt ge⸗ nöthigt ſein wird, einen ſchwarzen Vorhang vor ihr Fenſter zu ziehen, um es nicht mit anſehen zu müſſen, daß ſolch gottloſes Geſchmeiß wie jene Wanner hohnlachend in die Wohnung ehrbarer Frauen hereinſchaut.“ 2⁸ 2⁸ „*₰ ſchaft gehabt mit jener. —³—yy-——-y—- 235 „Ja— aber— mein Kind—“ „Schweige ſtill, Balthaſar,“ fuhr ſie heftig erregt fort, mit einer Stimme, welche klang wie das Pfeifen des Sturmwindes auf öder Haide;„ich weiß ſchon, daß du mich mit der Bemerkung ärgern willſt: ‚Man hätte ihr nicht verbieten können, dort drüben einzuziehen!'— Auch das weiß ich— und recht gut weiß ich es, hätte aber von dir Mitgefühl erwarten können— ein tröſtliches Wort bei ſo unerhörten Ereigniſſen, ſtatt daß du nach Hauſe zurückkehrſt, luſtig, triumphirend, gefühllos gegen die Leiden deiner Gattin, ja vielleicht noch glücklicher, weil ihr die letzte harmloſe Lebensfreude, beſchaulich am Fenſter zu eſitzen, nun auch vergällt iſt. Aber ſchon gut— ſchon gut— ſchon gut!“ Damit rauſchte ſie zum Zimmer hinaus, die Stuben⸗ thür plötzlich und haſtig aufreißend, vielleicht in der Hoff⸗ nung, das lauſchende Dienſtmädchen auf friſcher That zu ertappen und ſomit eine neue Ableitung ihres gerechten Unmuthes zu haben. Stiller allerdings ging es in der Wohnung der ver⸗ wittweten Doktorin zu, nachdem dieſe aus gleicher Quelle die gleiche Nachricht von der neuen Mietherin des gegen⸗ überliegenden Hauſes geſchöpft und nachdem ihr dieſe Machricht zugefloſſen war mit dem Beiſatze, es ſei doch merkwürdig, daß dieſes Fräulein von Wanner gerade hie⸗ her zöge gegenüber der Kanzleidirektorin Schwebeling, von der man doch wüßte, daß ſie ſchon in früherer Zeit Feind⸗ ———ℳ 3 45 ——— 2 ä 236— Ah, das war ſchön und vielverſprechend, und während Madame Schneller ſcharf in die Fenſter der Kanzleidirek⸗ torin ſpähte, um doch vielleicht eine Miene derſelben ent⸗ decken zu können, beſchloß ſie, ſich gelegentlich und bald⸗ möglichſt um die Freundſchaft dieſes ausgezeichneten Fräu⸗ leins von Wanner zu bewerben. ükͤdhſhhhſſſͤſ“ 8 ———y 8—— 3—— eeeͤͤͤͤ“ 8 7