V — — — — — 5* Leihbibliothek 1 denticer engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard ottmann in Gießen, Schloßg aſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliorhek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgahe eines geliehenen Buches wird von jedann Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenna eines Buches, eine dem W erthe deſſelben ent ſprchende Sun hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſta wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: Bücher: 6 Bücher: 1 Mk 1 Mt. 50 Br—— auf 1 Monat: 1 Mf.— Ff. 1 Nt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 3 4— 5. Auswärt tige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be ſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erfetzt werden.— Iſt d das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Kusjohczeii. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtel hen haben. — — —“.— —., 2——— — r „ᷣ 8 * HF 83 8— 7 ——— Roman von J. W. Hackländer. Erſter Vand. A Stuttgart. Verlag von A. Kröner. 1874. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Aus jrüheren Tagen. Hackländer, Kainszeichen. I. — — — Man hat mir ſchon einige Male den Vorwurf gemacht, als nehme ich zuweilen am Schluſſe einer Geſchichte einen etwas zu flüchtigen Abſchied von Perſonen, Geſtaltungen und dergleichen, welche dem freundlichen Leſer vielleicht werth geworden ſind. Weit entfernt aber davon, daß ein ſolcher Vorwurf mich gekränkt hätte, ſah ich darin eine gewiſſe Theilnahme für das, was ich erzählt, was ich ſelbſt im Herzen getragen und wovon ich mich zuweilen ſchmerzlich mühſam losgerungen; denn auch wir Schrift⸗ ſteller ſind nicht ganz ohne Gefühl und hegen ein oft wehmüthiges Intereſſe für die Figuren, mit denen wir eine hübſche Zeit durch den dornenvollen Gang eines mehrbändigen Romans gewandert. Ja, und dieſe gewiſſe Theilnahme, die mir aus dergleichen Vorwürfen heraus⸗ klang, hat mich ernſtlich auf eine Beſſerung denken laſſen, und möchte ich wirklich den Verſuch in ungebundener Art machen, ob es mir nicht gelänge, im Anfange raſcher dahin zu marſchiren, um dadurch Zeit und Muße zu finden, am Ende der Geſchichte mit größerer Behaglichkeit in dem mir immer mehr liebgewordenen Kreiſe meiner getreuen Leſer zu verweilen. 6 4 2 5 4 4.— Daß es mir aber damit gelingt, allen Anforderungen gerecht zu werden, muß ich dennoch bezweifeln; denn es gibt curioſe Leute, die am Schluſſe eines Romans gleich einen weiteren Band Erläuterungen und Familiennotizen wünſchen, die nicht zufrieden geſtellt ſind mit der glück⸗ lichen Vereinigung liebender Paare, woran es meine Gut⸗ müthigkeit und Wahrheitsliebe ſelten fehlen läßt, ſondern die ſich auch beunruhigt fühlen, wenn die Schickſale an ſich unwichtiger Nebenperſonen nicht vollkommen klar ge⸗ ſtellt worden ſind, und die es zuweilen machen, wie freund⸗ liche Kinder, die ſich erkundigen, ob der getödtete Drache auch wirklich todt ſei, ob die böſe Fee für alle zukünftigen Zeiten unſchädlich gemacht worden, ob der ſchwarze Prinz ſeinen verdienten Lohn gefunden, ob Helenens weißes Rößlein noch lebe und ob von den Nachkommen der glück⸗ lich gewordenen Königstochter nicht noch irgend wer da und vielleicht aufzufinden ſei. Was die Ueberſchrift des erſten Kapitels„aus frühe⸗ ren Tagen“ anbelangt, ſo bitte ich den geneigten Leſer herzlichſt und dringendſt, nicht zu glauben, daß ich mich jetzt doch endlich der immer noch poeſievollen Gegenwart— für den nämlich, welcher dieſe Poeſie aufzufinden weiß— abgewandt hätte, um der armen alten Mutter„Hiſtorie“ einen Fetzen ihres ſchon ſo vielfach geplünderten Mantels zu rauben, ein paar moderne Figuren hinein zu wickeln, etwas Memoirenbrühe darüber zu gießen und dem geneig⸗ ten Leſer auf dieſe Art ein geſchichtliches Ragout vorzu⸗ ſetzen, ſomit beitragend zu weiterer Geſchichtsverfälſchung, 5 um mit breiten Variationen zu erzählen, wie der große Friedrich geſchnupft, mit einer Handbewegung von links nach rechts bei üblem Humor, und umgekehrt, wenn er wohlgelaunt war, oder wie die Czaarin Katharina gelebt, geliebt und gelitten, oder welche Miene der menſchenfreund⸗ liche Kaiſer Joſeph annahm, wenn er zur Tafel ging, oder in den Reichsrath, oder wer weiß wohin. Wir wollen es anderen bedeutenderen Geiſtern überlaſſen, auf ſolche Art gewaltige Ereigniſſe, gewaltige Menſchen im Bänkelſängerton zu ſchildern und nach Art der Mord⸗ geſchichten auf dem Jahrmarkt für die hungrige Maſſe genießbar zu machen. „Aus früheren Tagen“ ſoll nur heißen, daß ich ver⸗ ſuchen will, den Schauplatz unſerer Spaziergänge zu ſchil⸗ dern, wie er war, ehe unſere diesmal ganz wahrhaftige Geſchichte beginnt. Dies ſoll aber nur raſch und flüchtig geſchehen, und hoffe ich, damit mein Verſprechen zu halten und mich der zuweilen gerügten Detailmalerei und Weit⸗ ſchweifigkeiten in den erſten Kapiteln zu enthalten, um ſo viel⸗ leicht ſchließlich Zeit und Muße übrig zu behalten, daß ich Aus⸗ kunft geben kann, ob die Nachkommen glücklich vereinigter Liebespaare, deren wahrſcheinlich auch wieder einige vorkommen werden, ebenfalls glücklich und zufrieden geworden ſind!— Hoffen wir alſo, lieber und geneigter Leſer, von unſe⸗ rer gegenſeitigen Geduld das Beſte und beginnen alſo: Es war einmal eine ziemlich bedeutende Reſidenz ir⸗ gendwo, welche ſchon längſt das Bedürfniß fühlte, ſich nach allen Seiten hin zu vergrößern und aus einander zu 6— gehen; neue Häuſerreihen hatten ſchon in verſchiedenen Richtungen die alten ehrwürdigen Thurmthore überflügelt und es war für dieſe verletzend, mit anſehen zu müſſen, wie die großen hellen Spiegelſcheiben neuer ſtattlicher Ge⸗ bäude im Sonnenſchein hoffärtig und hämiſch hinüber blinzelten auf die ſtaubigen, in Blei gefaßten Scheiben der ſchmalen Fenſteröffnungen, die ſich hinter feſten Eiſen⸗ gittern in den alten Thorthürmen befanden. „Wir wollen nur ſehen, wie das ein Ende nimmt,“ brummten dieſe grauen Zeichen längſt vergangener Zeiten, —„ und ſind neugierig, wann man uns auch— endlich einmal ein neues Kleid anziehen wird.“ Aber daran dachte Niemand; Undank iſt eben der Welt Lohn, und die Väter der Stadt, die ſich wohl noch erin⸗ nerten, welch' behagliches Gefühl es ihnen verurſacht hatte, wenn ſie früher mit Frau und Kindern von Spaziergängen an heißen Sommertagen heimkehrend, ihre hallenden Schritte wieder vernahmen unter dem dunklen, kühlen Thorbogen, fanden leider, daß dieſes alte Mauerwerk nicht mehr zeitgemäß ſei und entfernt werden müſſe. Ja, ent⸗ fernt, zerſtört, auf den Abbruch verkauft! So geſchah es denn auch, die Stadtkaſſe hatte einen kleinen Nutzen davon, der weiſe Magiſtrat hatte ſich ein, neues Verdienſt erworben. Die eingeborenen Ratten der alten Thürme ſiedelten vertraulich in die Nachbarſchaft über, und als die Schwalben im Frühjahre wiederkehrten, awaren ſie ſehr verwundert, keinen Stein mehr von ihrer ehemaligen Heimath zu finden. Trotzdem aber ſo die ehr⸗ — 7— würdigen Zeichen alter Zeiten dem neuen regen Leben weichen mußten, trotzdem weit ab vom Mittelpunkte neue Straßen angelegt wurden, oft ohne weitere Berechtigung, als daß der betreffende Platz Begünſtigten des Magiſtrats gehörte, oder gar Eigenthum war irgend eines uneigennützi⸗ gen Vaters der Stadt, welcher durch den Verkauf von Bauplätzen in kurzer Zeit ein reicher Mann wurde, gab es doch im Centrum der Reſidenz einen Ort, wo kleine, oft ſehr verwahrloſte Gärten, baufällige Häuſer, Scheunen, kümmerliche Anweſen jeder Art, neben anderen, beſſer ge⸗ bauten Wohnungen ſich breit machten, einen koſtbaren Platz einnahmen und rings vor belebten Straßen in völ⸗ lige Vergeſſenheit gerathen waren. Dieſer Ort hieß im Munde des Volkes die Zigeuner⸗ inſel, für welchen Namen wir übrigens nicht im Stande ſind, eine vollkommene Berechtigung aufzufinden, da wirk⸗ liche Zigeuner nie, auch nur vorübergehend und ſelbſt in alten Zeiten nicht, hier gehauſt hatten. Doch wenn es auch kein wirkliches Zigeunerneſt war, ſo wohnten hier neben anſtändigen und höchſt achtbaren Leuten doch auch eine Menge zweifelhafter Perſönlichkeiten von mitunter ſo ärmlichen, abenteuerlichen Verhältniſſen, daß man wohl im Stande war, ihr Leben und Treiben ein zigeunerhaftes zu nennen. Was nun die endliche Verwerthung dieſes Platzes an⸗ belangt, ſo hatte ſchon vor längerer Zeit ein ſpeculativer Schreiner, als Bewohner und Grundbeſitzer der Zigeuner⸗ inſel, auf den großen Nutzen aufmerkſam gemacht, den es — 8— für den Verkehr der Stadt haben müſſe, wenn vermittels einer breiten Straße quer durch den oben erwähnten Platz die Verbindung hergeſtellt würde zwiſchen zwei Stadtvier⸗ teln, die bis jetzt nur durch ziemliche Umwege miteinander in Berührung zu kommen vermochten. Wer hat aber vor der Hand ein Intereſſe an der Er⸗ öffnung dieſer Straße, als gerade dieſer vorlaute Schrei⸗ ner und ein paar unruhige Köpfe gleicher Gattung, die es ſogar gewagt hatten, um Gasbeleuchtung zu petitioni⸗ ren,—— um Licht in ihrem verrufenen Winkel, ſo wie um Abänderung des Uebelſtandes, daß bei anhaltendem Regenwetter, wegen Mangels an Kanälen, ein großer Theil der Grundſtücke zuweilen Tage lang unter Waſſer ſtand! Allerdings hatte der ſpeculative Schreiner, Herr Wim⸗ mer, dem hochgebietenden Herrn Stadtdirector durch ein paar Bleiſtiftſtriche auf dem Stadtplane bewieſen, daß durch einen geraden Durchbruch zwei Straßen auf die natürlichſte Weiſe in Verbindung gebracht würden; ja, Herr Wimmer hatte zu ſeiner Unterſtützung einen braven Nachbar mitgebracht, Herrn Joſeph Schropps— einen Mann, der Geld aufzuwenden vermochte—, und beide erklärten für ſich und den größten Theil der übrigen Grundbeſitzer, den Raum für die Straße, da die Stadt der vielen Bauten wegen über keine großen Geldmittel verfügen konnte, auch kein Expropriationsrecht beſaß, unent⸗ geltlich hergeben zu wollen. Bei dieſem Vorſchlage grinſte Herr Joſeph Schropps ein klein wenig, und der Stadt⸗ director lächelte majeſtätiſch von oben herab. 9 „Und die Bauplätze, die dadurch gewonnen werden, ſo eine Kleinigkeit von Tauſenden, ſind Ihnen doch wohl die Hauptſache— nicht ſo übel, Herr Joſeph Schropps, nicht ſchlecht ſpeculirt, Herr Wimmer!“ Dies ſagte der Stadtdirector, mit der linken Hand auf der Hüfte und die rechte erhoben, welche Stellung er gern annahm, wenn er ſich in großer Action befand. Er ſchloß hierauf leicht ſeine Augenlider und fuhr mit faſt milder Stimme fort: „Glauben Sie mir, meine Herren, wenn durch die Eröffnung der projectirten Straße auch nur irgend etwas für das Gemeinwohl der Stadt zu erreichen wäre, ſo würde der Magiſtrat ſchon aus eigenem Antriebe die Sache in die Hand genommen haben, da dieſes aber in keiner Weiſe der Fall iſt“— hier kam er wieder in die oben erwähnte Action—,„ſo ſind wir nicht gewillt, zu canali⸗ ſiren und koſtſpielige Gaseinrichtungen zu machen, um die Speculationen einzelner Bürger zu unterſtützen; das Wohl der Stadt braucht dort keine Straße, ſonſt würde dieſelbe ſchon längſt in Angriff genommen ſein.“ „Auch außer dem Straßenplatz,“ ſagte Herr Joſeph Schropps,„würden wir unſere in dieſelbe fallenden Ge⸗ bäulichkeiten um den niedrigſten Schätzungswerth abgeben.“ „Erlauben Sie mir, Herr Joſeph Schropps,“ entgeg⸗ nete hierauf der Stadtdirector,„und auch Sie, Herr Wim⸗ mer, können meine Worte Ihren Nachbarn wiederholen: wenn es ſich um irgend etwas für das Wohl der Stadt handelte, ſo wären wir bereit, Opfer zu bringen, ohne deß⸗ 2—2— — 10— halb unſere Mitbürger in ihren Eigenthumsrechten zu krän⸗ ken, aber das Wohl der Stadt verlangt dort durchaus keine Straße.“ „Wir liegen aber im Mittelpunkte der Reſidenz, Herr Stadtdirector,“ bemerkte der ſpeculative Schreiner,„und ich bin überzeugt, daß ſich dort ſogleich ſchöne Häuſer erheben würden, mit frequenten Läden, während ſich in anderen Straßen, die ſchon längſt canaliſirt ſind und wo ſich auch ſchon Gasbeleuchtung befindet, die wir längſt ſchmerzlich entbehren, noch immer Niemand zeigt, der Luſt hätte, ſich fern vom Verkehr dort anzubauen.“ „Allerdings, doch ſind das Wege, die für das Wohl der Stadt dringend nothwendig waren— und dann das Wichtigſte, was Sie natürlicher Weiſe ganz überſehen haben—“ dies ſagte der Stadtdirector, nachdem er die rechte Hand erhoben, ſtark an die Zimmerdecke empor ge⸗ ſchaut, als ſuche und fände er eine glückliche Erleuchtung von oben—,„etwas, das ganz gewiß in Betracht kom⸗ men muß, wobei es ſich darum handelt, eine alte, wür⸗ dige Dame nicht in deren letzten Lebensjahren noch durch Eingriffe in ihr Beſitzthum zu kränken; oder glauben Sie vielleicht, Herr Joſeph Schropps, und Sie, Herr Wimmer, daß die Staatsräthin Wanner je geſtatten würde, eine Straße durch ihr Beſitzthum zu führen, durch ihr ſtilles, friedliches Aſyl, fern vom Geräuſche der Stadt, wo ſie in ruhiger Behaglichkeit ihr Lebensende herannahen ſieht,— oder haben Sie ſich vielleicht auch ſchon mit dieſer Nach⸗ barin in's Einvernehmen geſetzt?“ — 11— Dieſe Frage klang aus begreiflichen Gründen etwas ironiſch und konnte von Herrn Joſeph Schropps auch nur mit einem leichten Achſelzucken beantwortet werden, das er allerdings durch die Bemerkung abzuſchwächen verſuchte, „daß ſelbſt die Staatsräthin Wanner, oder vielmehr deren Tochter, ſich trotz alledem doch wohl beſinnen würde, ein Project ganz von der Hand zu weiſen, bei dem gerade ſie Tauſende gewinnen könnte,— dann hat ja auch die Frau Staatsräthin,“ ſagte er,„ihr neunzigſtes Jahr ſchon längſt überſchritten, uR dem Lauf der Welt nach—“ „Laſſen wir das, Derr Schropps,“ erwiederte der Stadt⸗ director in ſtrengem Tone,„ich möchte um Alles nicht auf den Tod meines Nebenmenſchen ſpeculiren, und ſelbſt wenn, was hier übrigens durchaus nicht der Fall iſt, das Wohl der Stadt in Betracht käme,— Adieu, meine Herren!“ Auf der Treppe des Rathhauſes ſagte Herr Joſeph Schropps:„Was heißt Wohl der Stadt? Wäre mein Grundſtück oder das Eurige, Nachbar, in den Händen eines Stadtraths, ſo wäre auch bei uns das Wohl der Stadt zu finden, ſo aber ſind wir geringe, unbedeutende Leute und werden es kaum mehr erleben, daß wir durch unſere Grundſtücke zu wohlhabenden Männern werden, Gott ſei's geklagt,— gehen wir nach Hauſe.“ „Ich noch nicht,“ ſagte der Schreiner,„ich bin jetzt einmal auf die Idee verſeſſen und werde ſehen, ob ich nicht von einer anderen Seite her einen Riß in's Zeug machen kann; ich gehe auf die Redaction des Bürger⸗ — 2—— —₰ 8———— — 12— freundes, laſſe mir dort im Geſchäftslokal einen Schoppen Wein geben, dazu eine Portion Häringsſalat, den der Eigenthümer des Blattes vortrefflich macht, erzähle eine unglaubliche Geſchichte, zum Beiſpiel, daß die Ratten bei uns ein kleines Schwein aufgefreſſen hätten, und wenn das morgen gedruckt iſt, ſo ſchicke ich anderen Tages einen Widerruf mit dem Zuſatz, daß es allerdings kein Wunder wäre, wenn ſich bei uns, die wir ſo hartnäckig vom Verkehr ausgeſchloſſen blieben, ähnliche und noch ſchlimmere Gräuelthaten ereigneten.“ Damit trennten ſich die Beiden, und da ſich Herr Joſeph Schropps, wie er geſagt, gerades Weges nach der Zigeunerinſel begab, ſo wollen wir daſſelbe in ſeiner Be⸗ gleitung thun, allerdings ungeſehen von dieſem würdigen Herrn, der in etwas gebückter Haltung, die Hände in den Taſchen ſeines weißen, groben Wollrockes verſteckt, finſter blickend ſeines Weges ging. In kurzer Zeit verließ er die breitere Straße und bog in eine Seitengaſſe ein, gebildet durch die Hintergebäude von ein paar zu der breiten Straße gehörigen Häuſern; an dieſe Hintergebäude ſchloßen ſich ein paar Gärtchen mit alten, auffallend ſchönen Bäumen, deren kräftiger Wuchs und dichte Laubmaſſen von ihrem hohen Alter ſprachen und daß ſie ſchon zu einer Zeit hier am Eingang der heuti⸗ gen Zigeunerinſel geſtanden, wo von den neueren Straßen rings umher noch nichts zu ſehen war und wo vielleicht die jetzt ſo beſcheidenen Anweſen gerechte Anſprüche auf wohl⸗ habendes, ja, vielleicht elegantes Aeußeres machen durften. 13— Ueberreſte von dergleichen Beſtrebungen bemerkte man heute noch, wenn man die ſehr urſprüngliche Straße ging, welche zu dem Innern der Zigeunerinſel führte. Da waren noch die letzten Trümmer eines ehemals ſoliden und ge⸗ ſchmackvoll gemachten Zauns, da waren noch kleine alte Häuſer mit zerfallenen Erkern, halb zertrümmerten Fenſter⸗ läden und ausgetretenen Steinſtufen, an denen ſich noch hier und da Stücke eines vormals zierlichen, jetzt verroſteten Eiſengitters krampfhaft feſthielten, während luſtig aufſproſ⸗ ſende Gräſer und allerlei Unkraut in ihrer friſchen Jugend über die Gebrechlichkeit des Alters zu ſpotten ſchienen. Weiter ſchreitend, ſah man auch Häuſer neueren Da⸗ tums, mitunter gut erhalten, wo der Hammer auf dem Amboß klang und wo die trüb angelaufenen Scheiben im Erdgeſchoß wie tactmäßig von der rothen Gluth des Herdfeuers beleuchtet wurden. Auch eine Seilerwerkſtätte befand ſich längs der Straße, wo der Meiſter ſelbſt, die Schürze voll Hanf, wie ein Krebs rückwärts ſchreitend, ſein Geſchäft betrieb und dabei Zeit fand, zwiſchen dem Annetzen des Fadens allerlei pikante und mitunter auch boshafte Bemerkungen den Vorüberwandelnden Preis zu geben. Der Seilermeiſter, Herr Kniegel, etwas verwachſen, mit einer ſtark erhöhten rechten Schulter, ließ alle ſchlechten Späße über ſeine Perſönlichkeit ſo wie über ſein rückſchrei⸗ tendes Handwerk geduldig über ſich ergehen, das heißt, er gab dergleichen zu anderen Zeiten mit vollgültigen Zinſen wieder heim, beſonders wenn er als Erhalter der ———— — nnn ——— 1 5 5 — 14— Ordnung gegenüber der zahlreichen Bubenſchaar, die ſich aus ſämmtlichen benachbarten Straßen hier zu verſammeln pflegte und die Zigeunerinſel als ihre Domaine anſah, wo alle übermüthigen Streiche und die lärmendſten Spiele getrieben werden konnten, mit einem gutgedrehten Tauende eine Art von Polizeimann abgab. Welch' prächtige Plätze gab aber auch hier zu kindlichen Beluſtigungen aller Art die kleine Wieſe, wo die alte Waſchfrau ihre Wäſche zu trocknen pflegte und deren morſche Stangen zu gefährlichen Turnübungen benutzt wurden! Gleich nebenan war eine bedeutende Vertiefung im Bo⸗ den, um das Regenwaſſer abzuleiten und zu ſammeln, wie eigens gemacht zu nautiſchen Vergnügungen; dann, nicht weit davon entfernt, große Haufen Steine und Bal⸗ ken, ſo wie eine ehemalige Kegelbahn, die aber kaum noch zu dienen im Stande war für die urſprünglichſten An⸗ fänge dieſer ſo geſunden Leibesbewegung. Mitten quer über dem Wege ſtand ein längeres Ge⸗ bäude mit einem Thorbogen in der Mitte, welcher wahr⸗ ſcheinlich Veranlaſſung geweſen war, den Weg durch die Zigeunerinſel ſo zu führen, wie er in damaliger Zeit war; denn dieſer Weg lief gerade durch den Thorbogen und war zu gleicher Zeit die Mittellinie der projectirten Straße. Anfänglich hatte Herr Wimmer die Befürchtung ge⸗ hegt, gerade bei den Beſitzern dieſes Hauſes, den Gebrü⸗ dern Schropps, auf Widerſtand bei ſeiner Straßenſpecula⸗ tion zu ſtoßen, denn die Gebrüder Schropps waren ält⸗ liche, ſtille, ſcheue, etwas menſchenfeindliche Leute, die kaum b nennenswerthe Anforderungen an die Bequemlichkeit oder gar an den Comfort des Lebens machten, ja, deren Be⸗ dürfniſſe ſo unbedeutend ſchienen, daß der Seilermeiſter ſchon häufig die Verſicherung abgegeben hatte, die Schropps äßen alle Wochen höchſtens ein einziges Mal und oben— drein ſei das, was ſie alsdann verzehrten, nicht genügend, um anderen Leuten zu einem einzigen Frühſtück zu dienen. Dem Ausſehen der Gebrüder nach konnte dieſe Be⸗ hauptung als richtig erſcheinen, denn es gab nicht leicht dünnere, hohläugigere und auch im Aeußern kümmerlicher ausſehende Geſtalten auf der ganzen Zigeunerinſel, und das wollte ſchon etwas heißen. Dabei muß man nicht glauben, daß es den Schropps an Vermögen zu einem behaglichen Leben gefehlt hätte; man wußte, daß ſie Ka⸗ pitalien beſaßen und daß ſie dieſe Kapitalien an der Börſe ſo wie auch bei kleinen Wuchergeſchäften äußerſt ergiebig zu verwerthen pflegten. Der Seilermeiſter war überzeugt, daß ſie einen ſoliden Keller unter ihrem Hauſe hätten, wo die Goldſtücke nur ſo in Säcken aufbewahrt wären; ja, er behauptete, häufig des Nachts, wenn er dicht vor⸗ übergegangen ſei, ein deutliches Klingen und Klimpern von Metallſtücken gehört zu haben. In ihr Haus ließen die Schropps Niemanden eintreten und allenfallſiger noth⸗ wendiger Verkehr wurde unter dem Thorbogen an ihrer Wohnung abgemacht. Hinter demſelben ſtanden zwei andere Häuſer mit ſo kleinem Zwiſchenraum, durch welchen der Weg lief, daß bei der projectirten neuen Straße dieſe beiden Häuſer mitten durch⸗ 16 geſchnitten worden wären. In dem einen wohnte der Schreiner Wimmer, und daß gerade ſein Haus es ſei, deſſen vordere Hälfte glatt abgeſchnitten werden müßte, war keiner der geringſten Beweisgründe, welche er den Nachbarn für die Uneigennützigkeit ſeiner Beſtrebungen anführte. Bei ihm im zweiten Stock wohnte ein mit dem Hauptmanns⸗Charakter in Ruhe geſetzter Lieutenant, der, als die vornehmſte Perſönlichkeit der Zigeunerinſel, in ſtrei⸗ tigen Fällen eine Art von Friedensrichter war, eine letzte Inſtanz, von der ſelten an die ordentlichen Gerichte apel⸗ lirt wurde. Dieſer, der Hauptmann von Quinſcheidt, der es in⸗ deſſen nicht übel nahm, wenn man ihn Herr Major nannte, war von großer, breiter Figur, hatte ein etwas aufge⸗ dunſenes Geſicht, deſſen röthliche Farbe noch mehr hervor⸗ gehoben wurde durch einen kohlſchwarzen Backenbart, wel⸗ cher in ſcharfer Linie vom oberen Theile des Ohres bis in die Mundwinkel lief und ſeinem Geſichte zugleich mit den blitzenden Augen einen recht martialiſchen Ausdruck verlieh, wozu noch eine Stimme kam, die wie das ferne Brüllen des Löwen klang, beſonders wenn der Major Veranlaſſung fand, die allzu lärmende Jugend in die Schranken der Anſtändigkeit zurückzuweiſen. Er trug be⸗ ſtändig einen etwas hellen, ziemlich abgeſchabten, blauen, einſtens verſchnürt geweſenen Rock mit ſtehendem Kragen, weite Pumphoſen mit fahl gewordenen rothen Streifen, und Sporen an den Stiefeln. Seit langen Jahren Witt⸗ wer, hatte er keine Angehörigen als einen Sohn von — 17— zwölf Jahren, auf den etwas von der Autorität des Va⸗ ters übergegangen war, bei den Spielen der hier ver⸗ ſammelten Jugend nämlich, wo er den Tonangeber und Befehlshaber machte und ſeine wilde Bande meiſtens ſo zu führen wußte, daß ſie ſelten mit dem ſtrengen Vater in Colliſion kam.. Hinter dieſen eben erwähnten Wohnungen kam nun aber ein Grundſtück, welches dem ſpeculativen Schreiner bei ſeinem Project, und nicht ohne Grund, einige Beſorg⸗ niſſe erregte, daſſelbe, worauf auch der Stadtſchultheiß in ſeiner Abweiſung hingedeutet hatte. Es gehörte nämlich der alten Staatsräthin Wanner, einer Frau von neunzig Jahren, die hier mit ihrer un⸗ verheiratheten Tochter und einer alten Kammerjungfer lebte, welch' beide letztere Damen den wunderſchönen Mo⸗ nat Mai ſchon weit über ein halbes Hundert Jahre hatten erblühen und vergehen ſehen, ohne daß der Jugend zarte Blüthe an ihnen irgend welche officielle Frucht ge⸗ bracht hatte. Böſe Zungen hatten allerdings ſchon häufig gemunkelt von intimen Verhältniſſen der Tochter der Staatsräthin, die nicht ohne Folgen geblieben ſeien, na⸗ türlicher Weiſe nur in Betreff ihres Herzens, welches von Natur ſchon wenig heiter, mittheilſam und wohlwollend geweſen, ſich nun aber dieſer Folgen wegen in ihrer Bruſt zuſammengezogen hatte wie eine ſchlecht eingemachte Eſſig⸗ gurke. Mit einer ſolchen hatte auch ihr Herz und ihre Seele in ſo fern Aehnlichkeit, als Wilhelminens ganzes Weſen durch und durch verſauert war, ſo daß jedes ihrer Hackländer, Kainszeichen. I —— —— A 1 18— Worte dem, an welchen es gerichtet war, wie ein ſcharfes Aetzmittel erſchien, und daß das ganze Weſen etwas Zuſammengeſchrumpftes und Eingemachtes an ſich hatte, und zwar von einer Sorte, wie man ſie am liebſten hinter Glas behält, feſt mit einer Schweinsblaſe zugebunden.. Dabei war ſie von großer, dünner Geſtalt, trug ge⸗ wöhnlich einen nicht mehr ganz reinen Schlafrock von geblichenem Kattun und hatte ſich angewöhnt, die Zimmer ihrer Wohnung, auch wenn ſie gerade nicht aufgeregt war, mit ſo großen Schritten zu durchmeſſen, daß ſich alsdann der gelbliche Schlafrock bei jedem Schritte ſtraff anſpannte, was ihrer ganzen Erſcheinung etwas Altägyp⸗ tiſches verlieh. Die Kammerjungfer war ein ähnliches Weſen und doch wieder ganz anders: ſie hatte etwas Weniges bewahrt von den runden Formen ihrer Jugend und liebte es ge⸗ rade deßhalb vielleicht, mit dem längſt vergangenen Früh⸗ ling ihres Lebens noch dadurch zu coquettiren, daß ſie gern freundlich helle Gewänder trug, auch flatterte zu⸗ weilen ein farbiges Band an ihrer Haube, ja, ſie hatte einmal, und zwar ſchüchtern, ganz gegen ihre Gewohnheit, von einem Chignon geſchwärmt, bald darauf aber einge⸗ ſehen, daß Fräulein Wilhelmine vollkommen Recht habe, als dieſe zu ihr geſagt:„Ich glaube, Rieke, daß Sie nachgerade reif für das Tollhaus iſt.“ Die Rieke that wenigſtens ſo, als ſähe ſie das ein, machte aber ungeſehen eine Fauſt im Sack und brummte e——4,.— — 19— im Bauchrednertone, ſo daß es klang, als knurre irgend⸗ wo ein böſer Hund:„warte nur, alte Hexe, warte nur, geiziges Scheuſal, die Zeit wird kommen, wo ich mir auf deine Koſten einen Chignon bauen laſſe, ſo hoch wie ein Thurm, und wo ich ein Kleid tragen werde mit einer ellenlangen Schleppe, die du mir tragen ſollſt, und ſauber und geſchickt tragen, ſonſt kriegſt du Fußtritte— warte nur!“ Dabei aber lächelte Rieke, bei ihrer Arbeit freundlich von unten nach oben hinaufſchauend, ſo gemüthlich und ſo behaglich, kicherte dazu und meinte:„es ſie überhaupt eine Dummheit, ſich zu putzen, wenn man ſchon alt ge⸗ worden ſei, und darin ſolle man eigentlich ein gutes Bei⸗ ſpiel am gnädigen Fräulein nehmen— beſonders, wenn man ſo viel Geld habe, wie das gnädige Fräulein, wäh⸗ rend man es ihr, einer armen Dienerin, ſchon geſtatten könne, durch ein paar bunte Bänder und dergleichen an ihrem Bischen Jugend feſtzuhalten!“ Seufzend ſetzte ſie wohl nach einiger Zeit hinzu:„ja, man wird eben alt— recht alt—“ und bei jeder die⸗ ſer Bemerkungen blickte ſie boshaft und frech nach Fräu⸗ lein Wilhelmine von Wanner hinüber und ſteigerte den Ausdruck ihres Blickes, wenn ſie vielleicht hinzufügte: „und man wird nicht nur älter, ſondern man wird auch giftiger und neidiſcher— man gönnt Einem kaum das Bischen Luft, was man athmet, man gönnt Einem kaum das Bischen gutes Ausſehen, was man noch hat, man gönnt Einem nicht mehr das armſelige Eſſen und Trinken, von dem man doch bei mir wenigſtens ſieht, wo es hin⸗ kommt.“ Dann ſpielte wohl die Geſichtsfarbe Fräulein Wilhel⸗ minens vom Gelblichen in's Graugrünliche, und ſie been⸗ digte häufig eine ſolche Scene damit, daß ſie raſch ihren Fußſchemel ergriff und hoch empor hob mit dem Ausruf: „Rieke, wenn du nicht augenblicklich das Maul hältſt, ſo fliegt dir das an deinen unverſchämten Kopf!“ Man muß aber nicht glauben, daß dergleichen freund⸗ ſchaftliche Erörterungen nur unter vier Augen vorfielen, vielmehr wurden ſie häufig als Terzett behandelt, indem eine alte zitternde Stimme einfiel:„Was— hat— denn— die— Rieke— wieder— und— warum — biſt— du— ſo— mürriſch,— Tochter— Wil— helmine?“ Dieſe Stimme gehörte der alten, neunzigjährigen Staats⸗ räthin, welche zuſammengehutzelt in einem weiten, hohen Lehnſtuhle lag— eine ſchattenhafte, unter ihren grauen Kleidern kaum mehr ſichtbare Geſtalt, deren fahles, einge⸗ fallenes Geſicht nur eine lange, ſpitze Naſe zeigte, ſo wie matte, dummſtierende Augen, während die Lippen mit den zuſammengeſchrumpften Wangen und einem Theil des Kinns einen dunklen, unheimlichen Krater bildeten, aus dem die Sylben langſam wie pfeifende Windſtöße hervor⸗ drangen. Vor ſich hatte ſie ein Tiſchchen ſtehen, auf dem kleine, bunte Fähnchen lagen, welche ſie mit ihren zittern⸗ den Händen bald hier⸗, bald dorthin legte. „Gib— der— Rieke— ein— gutes— Glas Q9 21 — Wein— dann— wird— ſie— ſchon— wieder — freundlich werden.“ „Mit deinem Wein, alte Vogelſcheuche! Sei du ſelber froh, wenn du etwas zu trinken bekommſt,“ brummte die rebelliſche Kammerjungfer, wohl leiſe, aber doch laut ge⸗ nug, daß Fräulein Wilhelmine jedes ihrer Worte ver⸗ ſtand, während die alte Frau ihre rechte Hand an das Ohr hielt und fragte:„Was— hat— ſie— geſagt, — Tochter— Wilhelmine?“ „Sie hat dich eine alte Voögelſcheuche genannt und meint, du ſollſt dich um dich bekümmern— und hat darin nicht ganz Unrecht!“ rief Wilhelmine, wobei ihre eben noch vom Haſſe erfüllten Geſichtszüge eine grinſende Freundlichkeit zeigten. „So— werde— ich— ſie— enterben.“ Eine Drohung indeſſen, welche eine ganz andere Wir⸗ kung als die beabſichtigte hervorbrachte; denn ſowohl die würdige Tochter als auch die Kammerjungfer brachen in ein kreiſchendes Lachen aus, welches nur dadurch ein Ende nahm, daß die alte Staatsräthin gänzlich in ihren Lehn— ſtuhl zuſammenſank und auf's beſtimmteſte die Verſicherung abgab, ſie fühle, daß ſie im nächſten Augenblick ſterben werde, wenn man ihr nicht augenblicklich krampfſtillende Tropfen einflöße. Das that hernach die Kammerjungfer lachend, wobei wir indeß der Wahrheit gemäß nicht ver⸗ ſchweigen dürfen, daß dieſe krampfſtillenden Tropfen ſtark nach gutem, kräftigem Liqueur dufteten und gewiß eine Medicin für alle Schäden und Leiden waren, denn nach⸗ — Seeen b d ——— — 22— dem die Alte mit Begierde ihr Gläschen ausgetrunken, füllte die Kammerjungfer ein größeres für ſich und für Fräulein Wilhelmine, und ſie ſchlürften den Inhalt eben⸗ falls, nicht ohne vorher durch ein leichtes Anſtoßen wieder Frieden geſchloſſen zu haben. Welcher Art dieſer Friede aber war, konnte ein feines Ohr erkennen aus den leiſe geflüſterten Worten der Kam⸗ merjungfer, als ſie den Wandſchrank, in dem ſich die krampfſtillenden Tropfen befanden, wieder verſchloß und den Schlüſſel ſorgfältig in ihre Taſche ſteckte:„Es war mir doch gerade ſo,“ hauchte ſie vor ſich hin,„als hätte der Liqueur nach bittern Mandeln geſchmeckt, und wenn die Alte nicht vorher davon getrunken hätte und ſie ſelber auch, ſo könnte mir angſt werden.“ Das Haus, in welchem dieſe drei anmuthigen Weſen wohnten, war in ſeinen zwei Stockwerken anſtändig, ja, behaglich eingerichtet; oben wohnte die gnädige Frau mit ihrer Tochter, unten hatte die Kammerjungfer ihr Schlaf⸗ zimmer und daneben befand ſich ein anderes Gemach, in welchem man das mittelgroße Bett eines Kindes erblickte, augenſcheinlich eines Mädchens, was man hier und da an Kleidungsſtücken und anderen Dingen ſah. Am Fenſter, welches nach dem Garten ging, ſtand ein Käfig mit einem Kanarienvogel, welcher ſehnſüchtig in die grünen Büſche blickte und der milden Frühlingsluft ſein ſchmetterndes Lied ſang. Der Garten umgab das Haus auf allen vier Seiten, war mit Blumen und blühenden Sträuchern verſehen, — 23— hübſch angelegt und gut unterhalten; rings umher an den Gränzen befanden ſich höhere Sträucher, welche nur in einzelnen Zwiſchenräumen einen Blick in die Zigeunerinſel erlaubten, beſonders an einer Ecke, wo ſich eine kleine Erhöhung befand, und dort, unter einem ziemlich ſtarken Nußbaum, ſtanden ein Tiſch, eine Bank und ein paar Stühle. Hier ſah man zuweilen Abends ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren ſitzen, ſtrickend unter der Auf⸗ ſicht von Fräulein Wilhelmine oder der Kammerjungfer, auch wohl allein, in einem Bilderbuche leſend, wobei aber die Kleine häufig über die Blätter des Buches hinweg⸗ blickte und ſich emporſtreckte, um mit ſehnſüchtigen Blicken den luſtigen Spielen der Kinder zuzuſchauen, die ſich drü⸗ ben auf dem Raſen oder auf den Stein- und Balken⸗ haufen herumtummelten. Das Kind hatte ein liebes, angenehmes Geſicht und ſchöne dunkle Augen, in welchen aber, ſo wie auch zu⸗ weilen um den feinen Mund, etwas Ernſtes, Kummer⸗ volles zu erblicken war, wohl nur die Folge ihrer Abge⸗ ſchloſſenheit, denn es wurde dem kleinen Mädchen durch⸗ aus nicht geſtattet, den Garten zu verlaſſen, um an den Spielen der anderen Kinder Theil zu nehmen, ſo ſehr ſie ſich auch begreiflicher Weiſe danach ſehnte; ja, ſie that alles Mögliche, um denen draußen dieſe Sehnſucht zu er⸗ kennen zu geben, nahm häufig ihren Kanarienvogel mit unter den Nußbaum, daß er dort ſingen ſolle, ſtellte ſich auch wohl auf die Bank, um dem Ballſchlagen drüben zuzuſchauen, und wenn die Kinderſchaar zuweilen lärmend 8 — — um den Garten herum zog, folgte ſie derſelben innerhalb ihrer Gränzen, häufig ihren kleinen Kopf durch die Büſche und über den Zaun ſtreckend. Aber alles das half nichts, um die draußen zu einer Annäherung zu bewegen, vielmehr verließen ſie meiſtens, plötzlich ſtill werdend, die Stelle, wo ſich das kleine Mäd⸗ chen zeigte. Ja, als einmal beim Ballſchlagen einer der bunten Bälle über den Zaun flog, hatte eine Zeit lang keiner der Knaben den Muth, ſich dem Zaun oder der Eingangsthür zu nähern, und als die Kleine den Ball aufhob und über die Hecke reichte, trat erſt nach langem Zögern der junge Quinſcheidt näher, um das Spielzeug in Empfang zu nehmen. „Wenn ich nur auch mitſpielen dürfte!“ ſagte das Kind, ein Wunſch, den der Knabe mit einem verlegenen Lächeln beantwortete und dann raſch zu den Anderen hinüberſprang, worauf Alle die Köpfe zuſammenſteckten. „Was hat ſie dir geſagt?— hat ſie dir den Ball nicht wiedergeben wollen?“ „O doch— ſie möchte nur gern mit uns ſpielen.“ „Nein, nein, das thun wir nicht,“ riefen ein paar ängſtliche Mädchen, die auch mit dabei waren—„wenn wir das zu Hauſe erzählten, ſo dürften wir ja nicht mehr auf die ſchöne Zigeunerinſel.“ „Ja, ja, das iſt wahr,“ pflichteten ſelbſt muthige Buben bei und ſetzten leiſe und zaghaft hinzu:„kommt weiter, hier fort, und ſetzen wir uns dorthin auf den Steinhaufen, ſonſt kommt ſie am Ende noch heraus und will mit uns ſpielen!“ 25 — Dann gruppirten ſie ſich auf die Balken und Steine, ſteckten die Köpfe zuſammen und fingen an, ſich Geiſter⸗ geſchichten zu erzählen, ſo wie allerhand ſonſtige unheim⸗ liche Dinge, und bereiteten ſich ſo vor, auf ihr Lieb⸗ lingsthema überzugehen: den ſtillen, einſamen Garten da drüben und das ſtets verſchloſſene Haus der alten Staats⸗ räthin. „Du könnteſt wohl am beſten wiſſen, ob es wahr iſt, ſagte einer der Buben zu dem jungen Quinſcheidt,— „dein Vater geht zuweilen in das Haus, ich habe ihn noch vorgeſtern herauskommen ſehen.“ „Mein Vater geht nur hin, wenn ihn das alte Fräu⸗ lein rufen läßt, und ihr ſeid ſchuld daran, daß er vor⸗ geſtern da war; ich hab's immer geſagt, ihr ſollt nicht am Garten ſo ſchreien und lärmen; darüber haben ſie fich beklagt und mein Vater hat geſagt, ſie wollten rings umher Fußangeln legen laſſen und Selbſtſchießer.“ „Ach, dein Vater hat einen Spaß gemacht!“ „Gingeſt du Abends allein in das Haus?“ fragte einer der Buben. „Ich ſchon,“ meinte der junge Quinſcheidt. „Ich nicht um Alles in der Welt.“ „Und warum nicht?“ „Weil die alte Staatsräthin eigentlich gar nicht mehr lebt, ſondern ſchon längſt geſtorben iſt, und doch noch im Hauſe in ihrem alten Lehnſtuhle ſitzt.“ „Da hör' Einer an,“ ſagte der junge Quinſcheidt— „das iſt alles dummes Geſchwätz, ich ſelbſt habe es noch — 26— vor ein paar Tagen geſehen, wie die alte Frau von der Kammerjungfer auf ihrem Rollſtuhl in den Garten ge⸗. bracht wurde; ſie hatte ein paar kleine bunte Fähnchen in der Hand, mit denen ſie immer hin und her machte.“ „Das iſt nur eine Wachspuppe,“ flüſterte ein Ande⸗ rer eifrig—„meine Mutter hat es von meiner Tante gehört, und die weiß es von der Wäſcherin, welche oft dort in's Haus kommt.“ „A— a— a— ah!“ riefen die meiſten der Kinder mit aufgeſperrten Mäulern. „Ja, eine Wachsfigur, gewiß und wahrhaftig! Sie hat ganz das Geſicht der alten Staatsräthin, kann auch ihre Augen im Kopf bewegen und die Hände mit den bunten Fähnchen.“ „Aber warum denn das? Wenn ſie geſtorben wäre, ſo hätte man ſie ja begraben und ſie brauchten keine Wachsfigur im Garten herumzuſchleppen— hab' ich nicht Recht, Quinſcheidt?“ Dieſer Knabe machte aber bei der Frage ein gar pfiffi⸗ ges Geſicht und that ſo, als ob er wohl etwas ſagen könnte, wenn er wolle, ließ ſich endlich nach vielem Drängen dazu nöthigen und flüſterte:„daß es nicht ſo iſt, wie der da eben geſagt,— das kann ich euch verſichern, denn mein Vater hat allerdings vorgeſtern die alte Frau noch geſehen und geſprochen, aber—“— „Nun denn, aber?“ „Wenn ſie wirklich geſtorben wäre, würde es für das alte Fräulein nicht einerlei ſein; denn dann verlöre ſie ● ——— 3— — 27— die große Penſion von vier Tauſend Thalern,— und das iſt doch wohl Etwas.“ „Siehſt du, Quunſcheidt!“ rief der Knabe, deſſen Mutter von der braven Waſchfrau unterrichtet war,„es iſt doch ſo, wie ich vorhin ſagte, die alte Frau iſt längſt geſtorben, und jetzt haben ſie für dieſelbe eine Wachsfigur, welche die vier Tauſend Thaler Penſion bekommt.“ „Pah— dummes Zeug! Es bekommt überhaupt Nie⸗ mand vier Tauſend Thaler Penſion.“ „Die doch; der alte Staatsrath war einmal Miniſter beim vorigen König und ſeine Frau lange Jahre erſte Hofdame bei der Königin, und daher bekommt ſie ja jetzt noch das viele Geld.“ „Wenn man aber ſtirbt,“ ſagte ein vierzehnjähriges Mädchen ängſtlich ſtotternd, mit verhaltenem Athem,„ſo wird man begraben, und die Staatsräthin iſt bis heute noch nicht begraben worden.“ „Da hat die Clara ganz Recht,“ meinte der junge Quinſcheidt,„alſo ſiehſt du wohl, daß alles das, was eure Waſchfrau erzählt hat, dummes Zeug iſt.“ Auf das hin rückte der Betreffende den anderen Kin⸗ dern um ein paar Fuß näher und machte ihnen Zeichen, die Köpfe noch näher zuſammenzuſtecken, worauf ſie ſich zuſammendrückten wie ein Rudel Schafe bei einem Gewitter. „Und doch iſt ſie geſtorben,“ flüſterte der Knabe,„und das alte Fräulein und die Kammerjungfer haben ſie fü ſich allein begraben, und zwar in einem großen Fo welches heute noch im Keller des Hauſes drüben ſteht.“ 28— „A— a— a—ah!“ 25 „Ja, und deßhalb würde ich um keine Million über die Thürſchwelle gehen.“ Es war das gegen Abend, als die Kinder auf dem Steinhaufen ſo zuſammenflüſterten und der kühle Abend⸗ wind, der durch die Zigeunerinſel ſtrich, war wohl neben dem Erzähler ſchuld daran, daß ſie fröſtelnd zuſammen⸗ ſchauerten, ja, ſich erſchreckt niederduckten, als ein goldener ihre Gedanken dahin richtete. „Dort möchte ich noch weniger wohnen,“ ſagte der räthin glaube ich nicht, aber von dem Hauſe da hat mein Vater einmal einem Freunde erzählt, daß er es ſelbſt noch geſehen.“ „Was denn?— Was denn?“ „Nein, nein, erzählt nicht mehr ſo was,“ baten ein paar Mädchen, aber in einem Tone, der deutlich ihre Begierde verrieth, noch viel ſchrecklichere und unheimlichere Geſchichten zu hören, worauf ein paar muthvolle Buben riefen:„wer keine Courage hat, der ſoll nach Hauſe gehen und ſich von der Magd geſund in's Bett legen laſſen; wir wollen hören, was dein Vater geſehen hat, Quinſcheidt.“ „Ihr dürft aber nicht ſagen, was ich euch erzählt,“ gat der jugendliche Berichterſtatter, und war dies gewiß das hherſte Mittel, um dem Geſagten unter Nennung ſeines mens die größtmögliche Verbreitung zu geben. Strahl der Abendſonne, gerade durch den Thorbogen der Gebrüder Schropps fallend, ihre Augen blendete und dann junge Quinſcheidt,„an all' die Geſchichten bei der Staats⸗ ———— — 29— „Miin, gewiß nicht, Keiner darf darüber reden!“ „Es war— aber ſchon vor Jahren, im Herbſt, ſagte mein Vater zu ſeinem Freunde— und darüber kam ich gerade in's Zimmer und ſetzte mich mäuschenſtill in eine Ecke— da ſei er, mein Vater nämlich, Abends nach Hauſe gekommen und hinter den Gebrüdern Schropps dreinge⸗ gangen; ſie ſeien aber nicht allein gegangen, ſondern hätten einen, ganz jungen Menſchen zwiſchen ſich gehen gehabt, der mürriſch, ja, finſter vor ſich niederblickte, wäh⸗ rend die beiden Schropps, beſönders Herr Joſeph, eifrig in ühn hineingeredet hätten. Zuweilen wären alle Drei ſtehen⸗ gebliebei und es hätte meinem Vater alsdann ge⸗ ſchienen, als wollte der junge Menſch, der ſehr fein und ſauber gekleidet geweſen ſei, umkehren und nicht weiter mit den beiden Schropps gehen; dann hätten ſie aber wieder ſo lebhaft in ihn hineingemauſchelt, daß er dennoch, aber zögernd, fortgeſchritten ſei, und endlich, als ſie dort unter dem Thorbogen angekommen waren, habe es mei⸗ nem Vater geſchienen, daß ſie den jungen Menſchen am Arm genommen und ihn mit Gewalt zur Hausthür hin⸗ eingezogen hätten. Mein Vater wollte gerade nacheilen, doch als er hinkam, war die Thür ſchon wieder ver⸗ ſchloſſen. und wurde gerade von innen zweifach verriegelt, wie das ſtets geſchieht. 2 „Er ſetaber dort eine Zeit lang ſtehen geblieben, um an einem der Fenſter zu horchen, ⸗hätte auch heftiges Reden, ja, ein paarmal lautes Aufſchreien gehört, und dann habe es ihn geſchaudert, weil gerade der Wind ſo heftig 4* .—————— — — .———„ 0 — — —— 6 . 2 — durch den Thorbogen geweht hätte, daß er raſch nach Hauſe gegangen ſei.“ „A— a— a—ah OQuinſcheidt, dann hätte dein Vater auf die Polizei gehen ſollen!“ „Du haſt gut reden; man ladet ſich ſo nur die Po⸗ lizei auf den Hals. „Am anderen Morgen aber iſt mein Vater früh aus⸗ gegangen und dem Herrn Joſeph Schropps begegnet, der nach der Stadt wollte; da hat er ihn gefragt: ‚Guten Morgen, Herr Schropps, wie geht es Ihnen?“ und da hat der geantwortet: ‚Danke, gut, Herr Major, und Ihnen?⸗ worauf mein Vater ſo leicht hingeworfen: ‚Geſtern Abend Beſuch gehabt, Herr Schropps?“ worauf Jener das Ge⸗ ſicht verzogen und zuerſt nichts geſagt, als beſinne er ſich, dann aber geantwortet:„— Beſuch? Daß ich nicht wüßte, Herr Major, wir haben nie Beſuche über Nacht, vielleicht ein Geſchäftsfreund, mit dem wir was zu verhandeln ge⸗ habt,—' dann ſei er davon gelaufen und mein Vater iſt langſam— durch den Thorbogen— weiter gegangen — aufmerkſam die Hausthür anſehend—“ „Warum erzählſt du das ſo langſam, Quinſcheidt?“ fragte eines der Mädchen ängſtlich. „Weil nun gewiß etwas Schreckliches kommt.“ „Ja, und was recht Schreckliches,“ fuhr der Erzähler nach einer kurzen Pauſe fort,„— denn neben der Thür habe mein Vater etwas geſehen, wie wenn Jemand mit einem blutigen Finger an dem weißen Kalk der Mauer geſtreift habe—“ — 31— „Hör' auf, hör' auf, Quinſcheidt!“ „Natürlich hör' ich auf,“ erwiederte dieſer im Tone der Befriedigung, den wir gern annehmen, wenn es uns ge⸗ lungen iſt, einer ganzen Geſellſchaft Gruſeln gemacht zu haben. Und das war hier im höchſten Grade der Fall; die Mädchen drückten ſich ſchaudernd zuſammen, eine verſicherte, faſt weinend, ſie ſei jetzt nicht mehr im Stande, allein durch den Thorbogen zu gehen, und ein muthvoller Knabe ſagte, wenn noch ein paar Andere mitgingen, wolle er ſie begleiten— aber jetzt gleich, ehe es ganz dunkel wird, — was vorausſichtlich in kurzer Zeit geſchah, da die Sonne ſchon längſt verſchwunden war, weßhalb auch der vorhin noch ſo hell erleuchtete Thorbogen jetzt wie ein ſchwarzer, unheimlicher Schlund ausſah. Wie aufgeſchreckte Vögel ſchwirrten die Kinder aus⸗ einander, und als die muthvollen Buben das kleine Mäd⸗ chen nach Hauſe begleitet hatten, machten ſie ſelbſt einen großen Umweg, um das Haus der Gebrüder Schropps nicht noch einmal berühren zu müſſen. An einem anderen Nachmittage,— die Sonne ſchien gerade wieder recht hell und freundlich auf die Zigeuner⸗ inſel und machte die alten Gebäude, ſelbſt die Steine und Balkentrümmer faſt behaglich aufleuchten, da ſaß das kleine Mädchen im Hauſe der Staatsräthin Wanner mit gefalteten Händen auf ihrem Bette und weinte bitterlich, wobei ſie zuweilen, tief aufſchluchzend, zu der Kammer⸗ jungfer ſprach und ſie kopfſchüttelnd betrachtete. —— ——õÿ— — 32— „Und ich will nicht immer ſo allein hier im Hauſe ſein,“ ſagte das Mädchen,—„oder allein in dem Gar⸗ ten; ich will andere Kinder bei mir ſehen und mit ihnen ſpielen.“ „Man kann aber andere Kinder nicht bei den Haaren herbeiziehen, wenn ſie nicht von ſelbſt kommen wollen.“ „Aber warum wollen ſie nicht kommen?“ „Weil ſie wiſſen, daß deine Großmutter den Lärm in der Nähe nicht ertragen kann.“ „O, die Großmutter erträgt alles, was Ihr beide wollt, du und Tante Wilhelmine; aber das iſt es nicht, die Kinder fürchten ſich vor der Großmutter.“ „Wer hat denn das geſagt?“ „Ich habe es neulich gehört, als ein paar kleine Mäd⸗ chen, die mich nicht ſahen, durch den Zaun ſchauten, als die Großmutter mit ihrem Wagen in der Sonne ſaß, da ſagten ſie: ‚ſchau ſie dir recht an, die iſt ſchon lange ge⸗ ſtorben und ſie haben ſie ausgeſtopft, damit man glauben ſolle, ſie lebe noch.“ Die Kammerjungfer biß ſich auf die Unterlippe, als das Kind ſo ſprach, zog das Geſicht finſter zuſammen, und als ſie ſich hierauf zu einem lauten Lachen zwang, klang das Lachen ſo grell, daß das kleine Mädchen er⸗ ſchreckt zuſammenfuhr. „Das ſind dumme Kinder, die ſo reden,“ ſprach hier⸗ auf die Kammerjungfer— nicht wahr, Sophie?“— ſo hieß die Kleine—„denn du weißt ja ganz wohl, daß die Großmutter noch lebt,— doch ſei ruhig und weine — 33 nicht mehr; wir wollen dir einmal Kinder einladen, da⸗ mit ſie mit dir ſpielen und damit ſie auch ſehen, daß deine Großmutter Gott ſei Dank noch nicht geſtorben iſt.“ Eine ſolche Einladung blieb diesmal nicht, wie ſchon öfter geſchehen, nur eine bloße Redensart, ſondern wurde auch nach wenigen Tagen unter Beihülfe des Herrn Majors V von Quinſcheidt vermittelt und in's Werk geſetzt, zu wel⸗ chem Zwecke der Betreffende zu einer Unterredung mit Fräulein Wilhelmine im Beiſein der Staatsräthin einge⸗ laden worden war. Bei dieſer Unterredung war das alte Fräulein von einer außerordentlichen Freundlichkeit und die Staatsräthin ſo herablaſſend und liebenswürdig, daß ſie dem Herrn Major nicht nur zum Empfang ihre dünnen Finger reichte, ſondern ihn auch aus einer kleinen goldenen Doſe ſchnupfen ließ. So vorurtheilsfrei der alte Major auch war, konnte er ſich doch nicht enthalten, die knöcherne Hand leicht zu betaſten, ſowie forſchend die erloſchenen Augen der alten 1b Frau anzuſchauen, und als ſie ſprach, aufmerkſam zu horchen, ob ihre Stimme nicht durch irgend einen künſt⸗ lichen Mechanismus hervorgebracht würde. Allerdings hatte er ſie früher ſchon ein paar Mal geſehen, doch dann ruhte ſie ſo theilnahmslos und gänzlich zuſammengeſunken in ihrem Lehnſtuhl, daß ſie eben ſo gut eine zuſammenge⸗ ſchrumpfte Wachsfigur wie ein menſchliches Weſen hätte ſein können. Heute aber zweifelte er durchaus nicht mehr weder an dem Leben der alten Dame, noch an ihrer ungetrübten Geiſtesthätigkeit, und auch nicht an ihrem harzlihen Wohl⸗ Hackländer, Kainszeichen. I. — 5 — 34— wollen für die kleine Enkelin; denn ſie bat den Herrn Major im Intereſſe der letzteren, doch gütigſt vermitteln zu wollen, daß einige der Kinder, die ſo oft um den Garten herum ſpielten, auch einmal herein kämen, um bei einer Taſſe Kaffee und Backwerk mit dem kleinen Mäd⸗ chen luſtig zu ſein. Dieſe Geſellſchaft zu arrangiren war indeſſen keine Kleinigkeit für den guten Major, denn die Schwierigkeiten hierzu fingen ſchon bei ſeinem eigenen Sohne an, den erſt der gemeſſene Befehl des Vaters nachgiebig machte, und der auch wohl der einzige Gaſt geblieben ſein würde, wenn nicht das Anſehen, in welchem Herr von Quinſcheidt bei den Bewohnern der Zigeunerinſel ſtand, ſo wie deren Erkenntlichkeit für häufig geleiſtete Dienſte und Vermitt⸗ lungen tüchtig geholfen hätten. So beſchloß denn zuerſt der ziemlich vorurtheilsfreie Schreiner Wimmer, ſeine beiden Söhne und ſeine kleine Tochter zu opfern. Letztere hatte an ihrer Freundin Anna eine ſo getreue Geſpielin, daß deren Liebe die Angſt vor dem unheimlichen Hauſe überwand, und der junge Quin⸗ ſcheidt preßte noch ein paar muthvolle Kameraden, von denen einer eine Schweſter hatte, welche dem Sohne des Majors, der ihr häufig Aufmerkſamkeiten, beſtehend in Veilchen- und Maiblumenbouquets, erwies, gerne etwas zu Gefallen that. Das war ſchon ein recht ſolider Kern, dem ſich noch ein paar Andere, aus Neugierde oder von den Eltern aus⸗ drücklich hierzu befohlen, anſchloſſen, und ſo rückte denn — 35— die Geſellſchaft, dicht zuſammengeſchloſſen wie eine Heerde Schafe, an einem ſchönen, warmen Mittwoch⸗Nachmittage, weil da keine Schule war, vor den Garten der alten Staatsräthin. Die kleine Sophie hatte ein ſchönes, weißes Kleidchen angezogen und war in großer Freude behülflich geweſen, den Kaffeetiſch auf einem Platze des Gartens herrichten zu helfen, ja, ſie hatte als ſchönſte Zierde deſſelben verlangt, daß der Käfig mit ihrem Kanarienvogel über dem Tiſche an einem Baumaſte aufgehängt würde, und hatte ihm grüne Kräuter ſo wie ein Stückchen Zucker zwiſchen die Gitterſtäbe geſteckt, um ihn zum Singen aufzumuntern. Dann war ſie ſchon eine gute Stunde vorher erwartungs⸗ voll unter den Nußbaum gegangen, hatte ſich dort auf die Bank geſtellt, um, als ſie nun endlich nach langem, vergeblichen Harren die Gäſte kommen ſah, jubelnd hinab⸗ zuſpringen und der Kammerjungfer zuzurufen:„Sie kom⸗ men, ſie kommen!“ Die alte Staatsräthin ſaß in ihrem Rollſtuhle neben dem Kaffeetiſche; man hatte ihr eine Haube mit bunten Bändern aufgeſetzt und ſo häufig krampfſtillende Tropfen gegeben, daß ſie mit einer eigenthümlichen Erregtheit um ſich her ſchaute, ja, zuweilen etwas ſtill vor ſich hin ſummte. Fräulein Wilhelmine war hell gekleidet und zwang ihre finſteren Züge zu einem freundlichen Lächeln, welches ſich aber ausnahm wie das hämiſche Grinſen eines Affen, dem Schläge drohen, wenn er den geringſten Verſuch zum Beißen macht. ———y3—— ——————— 4 — 2 8 5 1 5 * 0 1 8 — Was die Kammerjungfer anbelangt, ſo trug ſie das Backwerk und den Kaffee auf und that das mit einer zu⸗ friedenen, faſt heiteren Miene, die ſich zuweilen in ein ſtilles Lächeln verwandelte, wenn ſie ſah, wie die alte Staatsräthin mit dem Kopfe wackelte und eifrig mit ihren bunten Fähnchen ſpielte, deren ſie heute eine größere Menge als ſonſt vor ſich auf dem Tiſche liegen hatte. Glückſelig über alle Maßen war das Kind, da nun die Gäſte in Sicht waren und ſich in einer feſt geſchloſ⸗ ſenen Phalanx mit immer kleineren Schritten dem Garten näherten, ja, ſich endlich dicht vor der Thür in eine Schlangenlinie auflöſten, an deren Spitze ſich der junge Quinſcheidt befand und welche geſchloſſen wurde von den Abkömmlingen des ſelbſt ſo tapferen Schreinermeiſters Wimmer. Die kleine Sophie machte einen Knix, wie man es ſie gelehrt, ſtreckte dann ihre beiden Hände zur Be— grüßung aus, um ſie gleich darauf, als dieſe Begrüßung nicht ſo erwiedert wurde, wieder ſinken zu laſſen und da⸗ für mit herzlicher Stimme zu ſagen:„Ach, wie es mich freut, daß alle die Kinder zu mir kommen, um bei mir Kaffee zu trinken und mit mir zu ſpielen!“ Dieſe Freude ſtrahlte aber auch lebhaft aus ihren Augen und glänzte auf ihrem ganzen Geſichtchen und machte ſie zappelig in all ihren Bewegungen, in ihrem ganzen Thun und Treiben, ſo daß ſie, als nun Alle im Garten waren, das Häuflein jubelnd umkreiſte, hier und da eines der Mädchen bei der Hand ergriff oder ihr Kleidchen ſtreichelte, was aber keinen weiteren Eindruck machte, als daß die — 37— Betreffenden ſich um ſo dichter und ängſtlicher zuſammen⸗ ſchaarten, einer Heerde der oben erwähnten Schlachtopfer vergleichbar, die dem Meſſer des unbarmherzigen Schläch⸗ ters entgegengetrieben wurden. Und doch that man alles Mögliche, um die Gäſte herzlich und freundlich zu empfangen; die alte Staats— räthin nickte ein halbes Dutzend Mal mit dem Kopfe gegen ſie und ſagte:„Ach— herrje— ach herrje— Kinder— Kinder— Kinder— wie— ich— lange— keine— mehr— geſehen!“— Fräulein Wilhelmine wies ihnen eigenhändig die Plätze an und die Kammerjungfer half freundlich nach, wo Eines oder das Andere vor Scheu und Staunen wie angenagelt neben ſeinem Stuhle ſtehen blieb und es nicht wagte, ſich auf den Sitz niederzulaſſen. Alles kam den Kindern hier ſo ungeheuerlich vor, obgleich durchaus nichts Ungeheuerliches oder Abſonderliches da war, denn die Bäume ſahen aus, wie alle anderen, der Himmel ſchien blau, wie ſonſtwo, der Kaffee ſchmeckte angenehm füß, die Bretzeln krachten zwiſchen ihren Zähnen, ganz wie zu Hauſe, wenn ſie welche bekamen, über ihnen am Baume ſchmetterte der Kanarienvogel. Wenn aber auch dieſe Thatſachen durchaus nicht geleugnet werden konnten, ſo war ihre kindliche Phantaſie doch durch alles, was ſie über dieſes Haus gehört, ſo eingenommen, daß es ſie gar nicht gewundert haben würde, wenn ſich der Kaffee plötz⸗ lich in Waſſer verwandelt hätte, die Bretzeln in Holz und wenn ſtatt des Kanarienvogels mit Einem Male die alte Staatsräthin ein luſtiges Lied geſchmettert hätte. Sah ———— — “ 8 — 38— doch ihre Naſe gerade ſo aus wie der Schnabel eines Vogels, und wohin ſie dieſen Schnabel wandte, um eines der Kinder mit ihren grauen, matten Augen ſtarr anzu⸗ ſehen, da heftete dieſes ſo wie die Nachbarn ihre Blicke ſcharf auf den Teller und wagten es kaum, zu athmen; ja, als die Dame dem ihr zunächſt ſitzenden Knaben— es war das der älteſte Sohn des Schreiners Wimmer— ſachte mit einem ihrer Fähnchen auf die Schulter tippte, duckte ſich dieſer erſchrocken zuſammen und mußte ſich erſt eine Minute lang ſammeln, ehe er im Stande war, die Frage der Staatsräthin, wer ſeine Eltern ſeien, zu beantworten. „Das iſt der Schreinermeiſter Wimmer, Euer Gna⸗ den zu dienen,“ ſagte er endlich nach einem tiefen Athemzuge. „Ah— der Wimmer— ah— der Wimmer— der— Wimmer!“ gab die höchſt alte gnädige Dame zur Antwort,„ja freilich, den— kenn' ich wohl— und— habe ihn— früher— noch beſſer gekannt; ja, ja— Hubertus— Hubertus— Wimmer!“ Ueber dieſe vermeintliche Allwiſſenheit ſträubten ſich unwillkürlich die Haare des Knaben; er blickte ſcheu um ſich, in das Hohlgeſicht der alten Dame, und als er be⸗ merkte, daß dieſe mit der Spitze ihrer kleinen Fahne wie neckiſch nach ihm ſtieß, prallte er erſchrocken ſo heftig gegen den Stuhl ſeiner kleinen Schweſter, daß er dieſe ſammt Kaffeetaſſe und Bretzel, die ſie in den Händen hielt, um⸗ warf und das Kind mit der ganzen Beſcheerung in den Sand flog. — 39— Dieſes hatte eine faſt gränzenloſe Verwirrung zur Folge: die furchtſamſten der Kinder ſprangen von ihren Sitzen in die Höhe, andere überpurzelten ſich dabei, denn jedes glaubte, es ſei da drüben etwas Furchtbares geſchehen, es habe ſich vielleicht unter dem Tiſche ein Drache gezeigt, eine dicke, lange Schlange, oder ein anderes gemüthliches Hausthier der gefürchteten, geſpenſterhaften alten Dame, und es brauchte die ganze Entſchloſſenheit des jungen Quinſcheidt, ſo wie ſeiner vollkommenen Geiſtesgegenwart, um den kleinen Wimmer einen dummen Eſel zu nennen und ſo die Ruhe wieder herzuſtellen. Fräulein Wilhelmine ſchien es ihrer Mama auf's liebe⸗ vollſte verweiſen zu wollen, daß ſie die Kinder ſo erſchreckt, doch als ſie hierzu den Mund an das Ohr der alten Dame gebracht, nahmen ihre Züge plötzlich einen finſtern, gehäſſigen Ausdruck an, und ſie flüſterte ihr in drohender Weiſe zu:„Das Maul halten und kein dummes Zeug reden,— oder—“ Indeſſen ſchien jene unter dem Einfluſſe der allzu häufig genoſſenen krampfſtillenden Tropfen, oder auch ermuntert durch die Kindergeſellſchaft zu erregt, um dieſe liebevolle Ermahnung zu beachten, denn ſie lachte eigenthümlich krähend und mit dem Kopfe wackelnd, und rief dann noch lauter:„Ja,— ja,— Hubertus— heißt er,— der — gute brave Schreinermeiſter Wimmer,— und— ich habe ihn— wohl gekannt,— auch— ſeine— Frau,— die— Babette hab' ich recht gut gekannt— und— wenn er— mich beſuchen käme,— würde er gewiß auch 9. ————— 1 2 8 40— mich— wieder erkennen;— ja,— damals,— damals — war es doch viel— ſchöner als jetzt!“ Dies klang ſo gemüthlich und ſo herablaſſend, daß die muthvollſten Knaben darüber lachten, was die alte Dame noch mehr zu ermuntern ſchien, ſo daß ſie krähend fortfuhr: „Ja,— damals,— damals— war— es viel ſchöner,— — als— ich— noch nicht— die Frau Staatsräthin— war,— ſondern— die— Chriſtine,— die— Chriſtine.“ „Aber, Mama, was ſind das für Reden?— die Kinder verſtehen doch ſolche Scherze nicht!“ Fräulein Wilhelmine ſprach das mit bebenden Lippen, und da ſie zu gleicher Zeit der Kammerjungfer einen be⸗ zeichnenden Wink mit den Augen gab, ſo trat dieſe hinter den Rollſtuhl, wand ihn mit einer raſchen Bewegung ab und ſchob ihn nach dem Hauſe zurück, trotz des Wider⸗ ſtrebens der alten Frau, die nun ihre Fähnchen nach bei⸗ den Seiten in den Garten hinaus warf und dazu kreiſchte: „Für— die— Kinder,— für— die lieben Kinder, — von der— alten Chriſtine,— die— keine— Luſt mehr hat,— länger— die— Staatsräthin— zu — ſpielen,— ſondern— die endlich— wieder— frei — ſein will wie früher— und— andere— Geſichter ſehen— will,— heitere,— luſtige Geſichter!“ Dieſe Worte wurden indeſſen von den eingeladenen Gäſten nicht verſtanden, und da zu gleicher Zeit Fräulein Wilhelmine mit einer grinſenden Freundlichkeit lächelte, auch die Gegenwart der Staatsräthin bisher wie eine Qual auf den Seelen der Kinder gelaſtet hatte, ſo fühlten ſich dieſe jetzt wunderbar erleichtert und nahmen mit großem Vergnügen den Vorſchlag des kleinen Mädchens an, jetzt im Garten herum zu ſpielen. Dieſer war auch vortrefflich eingerichtet zu derlei Ver⸗ gnügungen; man konnte einander in den breiten Wegen nachlaufen und fangen, man konnte auf dem Platze, wo der Kaffeetiſch ſtand, Ball ſchlagen, und die zahlreichen und dichten Gebüſche waren wie dazu gemacht, um ſich hinter und in ihnen zu verſtecken und das ſchöne Spiel zu treiben, welches wir in der Jugend unter dem Namen „Räuber und Gendarmen“ ſo ſehr liebten. Daß der junge Quinſcheidt hierbei den gefürchteten Rinaldini machte, ver⸗ ſteht ſich eben ſo ſehr von ſelbſt, als daß er aus Artig⸗ keit gegen die Wirthin dieſe zu ſeiner erſten Gemahlin nahm, dadurch allerdings die Eiferſucht ſeiner früheren Neigung erregend, die ſich deßhalb heldenmäßig den Gen⸗ darmen anſchloß, ſelbſt einige kühne Räuber einfing und den tapfern Hauptmann ſo in die Enge trieb, daß er mit ſeiner Gemahlin fliehen mußte, um einen ſicheren Schlupf⸗ winkel aufzuſuchen. Die kleine Sophie wußte einen treff⸗ lichen Platz hierzu, und zwar einen Vorplatz des Hauſes ſelbſt, unter der Treppe, wo ſich die beiden Kinder nieder⸗ kauerten, das Mädchen mit gerötheten Wangen, glänzen⸗ den Augen, klopfendem Herzen, denn ſie hatte noch nie ſo köſtlich geſpielt und ihre lebhafte Phantaſie ließ ſie Alles“ wie Wirklichkeit empfinden. „Was thun wir nun?“ fragte ſie in angſtvoller Er⸗ wartung. — —“———- 3—— — 42— „Wenn einer der Gendarmen kommt, ſo packen wir ihn, und ſperren ihn hier ein, ſo fangen wir vielleicht mehrere und können mit den anderen ſchon fertig werden, — aber was iſt denn das?“ „Was denn?“ fragte das kleine Mädchen. „Hörſt du nichts, da oben im Hauſe?“ Beide lauſchten, und dann vernahm man deutlich ein ſchwaches, aber klägliches Schreien, ſo wie kreiſchende Wei⸗ berſtimmen zornig durcheinander rufen. „Was iſt denn das?“ wiederholte der Knabe, dem es unheimlich wurde, ſeine Frage. „Ach, ſie werden einmal wieder die Großmutter pla⸗ gen. Komm, laß uns lieber hinaus in den Garten gehen, ich höre das nicht gern.“ „Ja komm, aber warum plagen ſie ſie denn?“ „Ich weiß es nicht, aber es kommt oft vor, wenn die Großmutter etwas ſagt, was ihnen nicht gefällt.“ „Was kann die alte Frau denn ſagen?“ „Ich verſtehe es nicht, auch wenn ich die Worte höre; die Großmutter ſagt zuweilen, ſie wolle nicht mehr länger hier gefangen gehalten ſein, wenn ſie ihr auch noch ſo gut zu eſſen und zu trinken geben, draußen bei anderen Menſchen ſei es ſchöner,— ach, und das glaube ich auch!“ ſagte das kleine Mädchen, mit einem kummervollen Blick, worauf ſie nach einer Pauſe fortfuhr, als ſie wieder in dem ſonnenbeglänzten Garten ſtanden, in der milden Frühlings⸗ luft, und nachdem der Knabe, ſie erſchrocken anblickend, gefragt:„Aber ſie iſt doch deine Großmutter?“ ——— — 43— „Die Anderen ſagen ſo und die alte Frau auch, be⸗ ſonders wenn ich bei ihr allein bin und ſie mich küßt, wobei ſie jedesmal weint,— wenn ſie aber Streit haben, ſo ſchreit ſie heftig, ſie wolle nicht mehr Staatsräthin ſein und hier bleiben, ſie wolle hinaus und lieber wieder in ihren alten Tagen für andere Leute waſchen.“ Der tapfere Räuberhauptmann hatte indeſſen bei dieſem Zwiegeſpräch alle Vorſicht vergeſſen; die Gendarmen, von der treuloſen Geſpielin angeführt, fielen über ihn her und nahmen ihn ſammt ſeiner Gemahlin gefangen. Damit endete das Spiel und zugleich die ganze geſellſchaftliche Unterhaltung, denn die Kammerjungfer erſchien jetzt an einem Fenſter und rief in ziemlich rauhem und unfreund⸗ lichem Tone herunter, daß es jetzt Zeit ſei, nach Hauſe zu gehen, denn man habe den Spektakel lange genug gehabt. * So luſtig die Kinder auch zuletzt geweſen waren, ſo empfanden ſie doch dieſe raſche Abfertigung, und ſchlichen faſt eben ſo ſcheu aus dem Garten, wie ſie hereingekom⸗ men waren, verfügten ſich hierauf nach ihrem Spielplatz, dem Steinhaufen, und ſprachen noch lange über die Er⸗ lebniſſe des heutigen Nachmittags, wobei der junge Quin⸗ ſcheidt gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſtill und ſchweig⸗ ſam war. Die kleine Sophie hatte jedem der Kinder noch einzeln die Hand gedrückt und ſie gebeten, doch recht bald zu ſo ſchönen Spielen wieder zu kommen; dann war ſie unter den Nußbaum gegangen und dort, in recht glückliche Ge⸗ — 44— danken verſunken, ſitzen geblieben, bis ſie der Ruf der Kammerjungfer aus ihren glückſeligen Träumereien auf⸗ weckte. Sie mußte früher als gewöhnlich zu Bette gehen, konnte aber nicht einſchlafen, da das, was ſie heute erlebt, in ſchönen Bildern um ſie her gaukelte und dieſe zum erſten Male in ihrem Leben genoſſene Freude ihre Phan⸗ taſie in Aufregung erhielt. Auch war heute Nacht eine ſeltſame Unruhe in dem ſonſt ſo ſtillen Hauſe; häufig rannte die Kammerjungfer Trepp' auf und ab, kam auch zuweilen mit Licht in das Nebenzimmer, und hier hörte Sophie, wie ſie Kiſten und Kaſten aufſchloß, ſchwere Gegenſtände auf dem Boden herumzog, zuweilen etwas fallen ließ, daß es polterte, und dann die Treppe wieder hinauflief. Dann hörte ſie wieder über ihrem Haupte hin und her gehen, zuweilen Jemand mit dem Fuße ſtampfen, auch die Stimmen der Tante und der Kammerjungfer laut aufkreiſchen, und das alles regte ſie ſo heftig auf, daß ſie ſich in ihrem Bettchen emporrichtete, um lange Zeit lauſchend ſitzen zu bleiben, endlich mit klopfendem Herzen durch das Vorzimmer an die Treppe zu gehen und hier faſt willenlos langſam Stufe um Stufe empor zu ſteigen. Da vernahm ſie immer deutlicher, wie ihre Tante und die Kammerjungfer gegen einander ſchrieen und ſich hef⸗ tige Vorwürfe zu machen ſchienen. Auch glaubte ſie zu⸗ weilen in einem leiſen Aufſchrei die Stimme ihrer Groß⸗ — 45— mutter zu hören, und alles das kam ihr ſo ſchrecklich vor, daß es ſie gewaltſam immer weiter zog und ſie endlich droben vor der nur angelehnten Zimmerthür ſtand, und jetzt deutlich die Worte hörte, die man drinnen ſprach. „Ja, ſie ſtirbt,“ rief die Kammerjungfer in heiterem Tone,„und es iſt mir ganz recht, daß die gottloſe Ko⸗ mödie einmal aufhört; aber getheilt wird, das ſage ich Ihnen, getheilt bis auf den letzten Pfennig, oder ich reiße das Fenſter auf und ſchreie nach Hülfe,— ja, greifen Sie nur nach dem Meſſer,“ lachte ſie gellend auf,— „greifen Sie danach, um es, wenn ich Ihnen gut rathen ſoll, gleich wieder fallen zu laſſen, denn ich brauche kein Meſſer oder ſonſt etwas; ich zerbreche Sie wie ein Schwe⸗ felholz zwiſchen meinen Fingern.“ Dann hörte das Kind, wie ſeine Tante Wilhelmine ſchmerzlich aufſtöhnte und auf einen Stuhl niederſank, daß er krachte, um gleich darauf mit matter Stimme zu ſagen:„Iſt denn all der Lärm nöthig, du weißt ja wohl, daß ich dich in Nichts übervortheilen will; aber laß uns wenigſtens den Verſuch machen, die Alte nochmal in's Leben zurückzurufen, vielleicht hält es doch noch ein halbes Jahr oder ſo etwas.“ „Nein, nein, ich mag nicht,“ ſchrie die Andere wild, „und wenn ſie noch nicht Luſt hat, zu ſterben, ſo helfe ich ihr dazu,— hinaus will ich aus dieſem verfluchten Hauſe und will noch mein Leben genießen, ſo gut es gehen mag.“ „Mich wirſt du aber nicht hindern, ihr noch ein paar ———————— — 2 1 8 2. 3 — — 46— von den Tropfen einzuflößen,— ſei doch geſcheidt! Ein halbes Jahr weiter macht uns immer ein paar Tauſend Thaler.“ „Nein, ich will nicht— und ich will nicht!“ rief die Kammerjungfer mit dem Fuße ſtampfend,—„und wenn Sie ſich der Alten nähern, ſo drücke ich ihr den Hals zu.“ Da ſtieß das Kind mit lautem Schrei die Thür auf und ſtand todtenbleich auf der Schwelle, ſo eigenthümlich anzuſchauen in ſeinem weißen Nachtkleid, über welches ſeine aufgelöſten, ſchwarzen Haare herabfielen, und dadurch vielleicht ſo unheimlich und ſchrecklich für die beiden ſtrei⸗ tenden Weiber, daß dieſelben plötzlich verſtummten und mit fahlen, angſterfüllten Geſichtern nach der Erſcheinung hinſtarrten. Doch dauerte die Beſtürzung nur ein paar Augen⸗ blicke, dann warf ſich die Kammerjungfer gegen Sophie und würde ſie mit ihren zarten Fingern gefaßt haben, wenn ſie nicht mit einer gewandten Bewegung unter ihren Händen hinweggeſchlüpft wäre, worauf ſie gegen den Lehnſtuhl der alten Frau lief und ſich dort laut ſchreiend anklammerte. Vielleicht war die durchdringende Kinderſtimme Ur⸗ ſache, daß ſich die allerdings nur noch matt und kümmer⸗ lich flackernden Lebensgeiſter der Staatsräthin noch einmal zu hellerem Lichte zuſammenrafften. Sie öffnete ihre Au⸗ gen zu einer erſchreckenden Größe, und als ſie das Geſicht des Kindes dicht vor dem ihrigen erblickte, erhob ſie ihre zitternden Hände, umfaßte damit das Haupt Sophiens, drückte ihren Mund auf deren Stirn und ſuchte dann mit den welken Lippen haſtig das Ohr des kleinen Mädchens, indem ſie leiſe aber deutlich flüſterte:„Ich— bin— deine— Großmutter— geweſen,— Gott— verzeihe — mir,— daß— ich— je— was— Anderes— geworden,— aber— ich— bin— nicht— die— Staatsräthin,— die— Staatsräthin— iſt— lange — todt,— iſt— drunten— begraben,— in— dem — großen— Faß— im— Keller,— nimm— meine— Bibel,— gib— die— Bibel— nie— von — dir—r— r— rrrr.—“ Dann ſanken ihre ſchlaffen Hände von dem Haupte des Kindes herunter, ihr Kopf fiel hinten über die Lehne des Stuhles und nahm im gleichen Augenblicke, als unter einem leichten Röcheln ihr Leben entſchwunden war, plötzlich einen ſo entſetzlich verzerrten Ausdruck an, daß die Kammerfrau, welche jetzt herbeige⸗ eilt war, um das Kind von der flüſternden Alten zu trennen, erſchreckt zurückprallte, dann ihren Arm lang aus⸗ ſtreckte, Sophie ergriff und zu ſich heranzog, worauf ſie ihr mit bebenden Lippen zurief:„Was hat ſie dir geſagt?“ „Nichts hat ſie mir geſagt,“ erwiederte das kleine Mädchen mit Feſtigkeit, trotzdem aus ihren großen Augen langſam die Thränen wie glänzende Perlen tropften. „So!— nichts hat ſie dir geſagt?“ wiederholte mit gellender Stimme nun auch Fräulein Wilhelmine, indem ſie herbeiſtürzend, ihre magere Hand erhob, um das Kind zu ſchlagen,„willſt du gleich geſtehen, was ſie dir zugeflüſtert!“ — 48— „Ja, willſt du wohl?“ krächzte auch die Kammerjungfer, während ſie das Kind beim Halſe packte und ſchüttelte; „— die Alte hat dir etwas geſagt, ſie hat dir etwas vorgelogen, und du wirſt kein ſo ſchlechtes Kind ſein, um uns das zu verſchweigen.“ Gleichzeitig parirte ſie mit ihrem Arme nicht nur den Schlag, den die zärtliche Tante gegen ihre Nichte führen wollte, ſondern warf ſie auch durch eine kräftige Bewegung ein paar Schritte in's Zimmer zurück, wobei ſie murrte:„Das iſt immer noch Zeit, wenn der kleine Balg uns anlügen will.“ „Ich lüge nicht; doch ich werde gar nichts ſagen.“ „So, du wirſt nichts ſagen,“ ſtieß die Tochter der Verſtorbenen mühſam hervor, wobei ihre böſen Augen funkelten:„Gut, ſo werden wir dich in den Keller ſper⸗ ren, bis du mürber geworden biſt und uns ſagſt, was ſie dir zugeflüſtert hat.“ „O nein— o nein— nicht in den Keller!“ jam⸗ merte das Kind, die Hände flehend erhoben,„nicht in den Keller!“ „Siehſt du wohl, wie wir dich zwingen werden, wenn du nicht gutwillig ſprechen willſt!“ „Ich weiß nichts— ich weiß nichts!“ „Sie muß in den Keller!“ rief hierauf mit großer Entſchiedenheit die Kammerjungfer und faßte zugleich mit ihren derben Fäuſten das kleine ſchwache Geſchöpf, hob es empor und trug es trotz ſeines verzweiflungsvollen Sträu⸗ bens und Jammerns zum Zimmer hinaus, gegen die Treppe hin, wobei ihr die Andere mit zuckenden Fingern folgte, in Einem fort ſagend: du ſprechen willſt!“ Da polterte es mit Einem Male dumpf, aber ver⸗ nehmlich unten in dem Keller des Hauſes, und das konnte keine Täuſchung ſein, wie man auch ſah an den plötzlich angſtverzerrten Geſichtern der beiden zornigen Weiber. Es polterte dumpf aber vernehmlich und klang gerade ſo, als brächen morſche Bretter zuſammen;— nur wenige Sekunden dauerte allerdings dieſes im gegenwärtigen Au⸗ genblicke für Alle ſo grauenhafte Lärmen, aber lange genug, deutlich genug und verſtändlich genug, um Fräulein Wilhel⸗ inie zu veranlaſſen, mit einem gellenden Schrei in das Zimmer zurückzuſtürzen und die Kammerjungfer zu ver⸗ mögen, das Kind, mit einem Ausdruck höchſten Entſetzens in ihren Geſichtszügen, auf den Boden niedergleiten zu laſſen, worauf ſie ihrer Herrin folgte und hinter ſich beide Riegel vorſchob. Sophie ſtand bebend und zitternd an dem Treppen⸗ geländer und drückte ihre kleinen Hände ſchaudernd vor das Geſicht, dabei angſtvoll in das Haus hinablauſchend, ob ſich dort nichts Neues und Schreckliches hören laſſe. Aber es blieb ſtill da unten, eine Minute— zwei Mi— nuten— zehn Minuten, und jetzt endlich wagte es das arme Mädchen, langſam ihre Hände vom Geſicht herab⸗ gleiten zu laſſen, um ſcheu über das Treppengeländer zu blicken; doch war hier nichts Außergewöhnliches zu ſehen, Alles ſtill in dem halbdunkeln Hanzflus, der Hackländer, Kainszeichen. I. „Ob du ſprechen willſt, ob —— — 50— matt erhellt war von dem ſchwachen Lichtſchein, welcher unten aus dem geöffneten Zimmer der Kammerjungfer herausdrang. Und dieſer Lichtſchein hatte etwas ſo Ermuthigendes, Beruhigendes,— Anziehendes für das Kind, gegenüber dem, was ſich hinter der verriegelten Thür befand, daß es nach kurzem Zögern die Treppe hinabeilte, dann ſcheu und haſtig bei der Kellerthür vorüber in das Zimmer ſchlich und die Thür deſſelben hinter ſich verſchloß. Dann zog Sophie ihr Kleidchen wieder an, wie ſie es Morgens zu machen pflegte, wenn ſie in die Schule ging, ſetzte ihren Hut auf, nahm eine kleine Taſche, in der ſich ihre Bücher befanden, und kletterte zum Fenſter hinaus. Durch den Hausflur zu gehen, bei der ſchrecklichen Kellerthür vorüber, um ſo das Freie zu gewinnen, dazu hatte ſie nicht den Muth, und als ſie jetzt draußen in dem dunkeln Garten war, lief ſie eilig an das Gitterthor, öffnete daſſelbe und fühlte ſich glücklich, das ſchreckliche Haus mit der Tante Wilhelmine, mit der böſen Kammerjungfer, mit der todten Großmutter und dem Faß im Keller, in dem die alte Staatsräthin ſteckte, verlaſſen zu haben. Wohin ſie gehen ſollte, wußte ſie begreiflicher Weiſe nicht. Hatte ſie doch keine bekannten Leute unter den Be⸗ wohnern der Zigeunerinſel, an deren Haus ſie hätte an⸗ klopfen und um Einlaß bitten können; kannte ſie doch hier überhaupt nur zwei Dinge: das war der Weg in die Schule, unter dem Thorbogen der Gebrüder Schropps hindurch, und den Steinhaufen, auf dem die Nachbar⸗ kinder zu ſpielen pflegten. Zu letzterem ging ſie und ſetzte ſich dort auf einen alten Balken. Beinahe wäre ſie in der milden Nachtluft zuſammen⸗ gekauert dort eingeſchlafen, wenn ſie nicht plötzlich wieder vollkommen munter geworden wäre durch Geräuſch von Schritten, welche ſich langſam näherten und von zwei Männern herrührten, die leiſe ſprechend herankamen. „Sieh doch,“ ſagte der Eine, als ſie dicht bei dem Steinhaufen waren,„was iſt denn das für eine Unruhe in dem ſonſt ſo ſtillen Hauſe unſerer Nachbarin? Sie laufen mit Lichtern bei allen Fenſtern vorbei, jetzt wird auch die Hausthür geöffnet und es tritt Jemand mit einer Laterne in den Garten— herumleuchtend, als ſuche man dort etwas.“ „Allerdings ſonderbar,“ hörte man eine andere Stimme ſagen,„— ſtill,— ſtill— ruft man nicht etwas?— Ei, ei, das iſt ſeltſam, ſie rufen nach dem kleinen Mäd⸗ chen, welches doch ſonſt nicht einmal während des Tages zu einem anderen Zwecke den Garten verläßt, als um in die Schule zu gehen.“ „Sophie!— Sophie!“ hörte man jetzt deutlich den Ruf der Kammerjungfer, wobei es begreiflich war, daß das ängſtlich zuſammenfahrende Kind eine leichte Be— wegung machte, und dabei wieder ſo natürlich, daß dieſe Bewegung geſehen wurde von den ſtehengebliebenen und lauſchend umherblickenden Männern. „Ei, ei, was haben wir hier?“ ſagte der Eine mit leiſer Stimme, indem er ein paar Schritte näher kam und 9 57 —— 5 — — 7 3 4 4 8 2 — 52 ſich auf den Steinhaufen hinabbeugte,—„das iſt ja die Kleine, deren Namen man vorhin gerufen. Kind, was machſt du denn hier?“ „Haſt du nicht gehört, daß man dich ruft?“ ſagte der Andere, indem er gleichfalls dicht herantrat. „O ja, o ja, ich hab' es gehört, aber ich will nicht hineingehen,— ich will nicht!“ „Sonderbar— du biſt alſo vom Hauſe fortgelaufen, und weßhalb?“ „Ach, die Großmutter iſt ſo eben geſtorben und da habe ich eine ſo ſchreckliche Angſt!“ „Das fände ich am Ende begreiflich,— was meinſt du, Bruder Joſeph? Es muß das eben kein lieblicher Anblick ſein.“ „Gewiß nicht, Bruder Nathan,“ pflichtete der Andere bei und ſetzte hinzu:„Hier kannſt du aber doch nicht bleiben?“ „O ja, viel lieber hier, als drinnen in dem Hauſe; wenn ich zurückkomme, werden ſie mich doch nur ſchlagen oder gar in den Keller ſperren, und dann müßte ich ſterben.“ „Hm,“— ſagte Herr Joſeph—,„in dem Keller des Hauſes dort ſähe ich ſie auch nicht gern, aber was iſt da zu machen? Hier auf dem Steinhaufen kannſt du bei der Nacht nicht bleiben,— kennſt du uns?“ Der, welcher geſprochen hatte, trat bei dieſen Worten ſo nahe an das Kind heran, daß es ſeine Geſichtszüge unterſcheiden konnte, und dann ſagte es:„O ja, ich kenne — „ — 53— Sie jetzt, Sie ſind der Herr, der drüben in dem Hauſe mit dem Thorbogen wohnt!“ „Richtig, mein Kind, wir ſind die beiden Herren, die dort wohnen, die Herren Gebrüder Schropps, und wenn du dich allzu ſehr vor deinem Hauſe fürchteſt, ſo kannſt du mit uns gehen und bis morgen früh bei uns bleiben, dann bring' ich dich hinüber und leg' ein gutes Wort für dich ein, daß ſie dich nicht ſchlagen, ſelbſt wenn du ſehr unartig geweſen wäreſt.“ „O, ich bin aber gewiß nicht unartig geweſen!“ „Und doch fortgelaufen?“ „Ja, weil ſie mich in den Keller ſperren wollten, weil die Großmutter, ehe ſie ſtarb, mir etwas geſagt, das die Anderen nicht hören ſollten.“ „Ei, ei— was meinſt du, Bruder Joſeph? Auch wir brauchen nicht zu wiſſen, was die alte Staatsräthin geſagt, und verlangen es auch gar nicht zu hören.“ „O, ich würde es Euch ſagen, viel lieber als den Anderen!“ 8 „Darüber ließe ſich morgen früh reden, wenn du dich nämlich nicht fürchteſt, mit uns zu gehen.“ „O nein, ich fürchte mich nicht, mit euch zu gehen, aber ich fürchte mich morgen früh, wenn ich wieder nach Hauſe ſoll.“ „So komm' denn, wir wollen überlegen, was ſich machen läßt.“ Damit hatte der eine der Gebrüder Schropps die Hand des kleinen Mädchens ergriffen und ſie fürchtete ſich ———— rure— —— 2— — —õ—— —— 2— 0 oEooöooE — 5 8 — 54 gar nicht vor ihm, denn ſeine Stimme klang angenehm und freundlich und er drückte ſanft ihre kleinen Finger. Bald hatten ſie den Thorbogen erreicht und hier blieb einer der Gebrüder Schropps ſtehen, zündete eine Blend⸗ laterne an, um das Schlüſſelloch in der ſtärken ſchmalen Thüre zu finden; ehe er aber aufſchloß, leuchtete er unten an der Schwelle und der Mauer umher, worauf dann alle Drei eintraten und alsdann die Thür feſt verſchloſſen und verriegelt wurde. Es war ein recht kahler, grauer Vorplatz, auf dem ſie nun ſtanden und eine alte, dunkle Treppe, auf deren Stufen ihre Fußtritte knarrten, als ſie hinaufſtiegen. Droben blickte Sophie faſt erſtaunt um ſich, denn Alles hier ſah ſo verkommen und ärmlich aus, auch in dem Zimmer, das ſie nun betraten, wo kein Stuhl zu dem andern paßte, wo die Fenſter ohne Vorhänge waren und wo die Tapetger an den Wänden Fetzen, Flecken und Riſſe zeigten. Das war im Hauſe der Großmutter ſchon anders und das Mädchen fürchtete faſt, ſich die Gebrüder Schropps genau anzuſehen, da ſie nicht anders glaubte, als dieſe müßten eben ſo unfreundlich und verkommen ausſehen, wie das Haus und die Zimmer, worin ſie ſich aber getäuſcht hatte. Die Gebrüder Schropps waren ſehr einfach, doch an⸗ ſtändig gekleidet; ihre langen grauen Röcke hatten keine Riſſe und Flecken wie die Tapeten, und wenn beide auch ſchon ältere Herren waren, zeigten ſie ſich doch nicht wackelig und wurmſtichig wie ihre Möbel, beſonders nicht 55 ihre Geſichter, die, obgleich ſie ohne blühende Fülle und durchaus nicht ſchön zu nennen waren, doch ſo etwas außerordentlich Gutmüthiges hatten, beſonders in den hell⸗ blickenden, freundlichen Augen, daß das kleine Mädchen ihr ernſtes, kummervolles Geſicht zu einem leichten Lächeln verzog und mit dem Kopfe nickte, als ihr Herr Joſeph Schropps ſagte, daß es doch wohl hier beſſer ſei, als draußen auf dem Steinhaufen. „Und zumal als drüben im Hauſe, wenn vom Keller⸗ einſperren die Rede iſt,“ ſetzte Herr Nathan hinzu, indem er den Kopf ein klein wenig auf die Seite neigte, ſeine Augenbrauen außerordentlich hoch emporzog und dazu ſeine Hände auf dem Rücken vereinigte. „Gewiß, gewiß,“ gab das kleine Mädchen zur Ant⸗ wort;—„und dann,“ meinte Herr Nathan lächelnd,„ſo hätten wir jetzt auch eine Tochter, Bruder Joſeph, und wir müſſen ſorgen, daß wir dieſe Tochter anſtändig unter⸗ bringen.“ „Ah, wir haben ja ein Fremdenzimmer!“ „Ganz gewiß, wo ſchon häufig Gäſte wohnten.“ Dabei nickten die beiden alten Männer einander zu und lachten gar eigenthümlich. „Komm, meine Kleine, wir wollen dich in das Gaſt⸗ zimmer bringen, da biſt du ungeſtört und kannſt auch ſchlafen wie eine Prinzeſſin.“ Das Gaſtzimmer war nun nicht gerade mit viel mehr Comfort ausgeſtattet, als das Wohngemach, doch hatte es ein gutes und reinlich ausſehendes Bett, und ſobald ſich “ —— —— Sophie allein ſah, löſchte ſie das Licht aus, huſchte mit den Kleidern unter die Decke und ſchlief in kurzer Zeit feſt und ruhig, ohne ſelbſt von böſen Träumen beängſtigt zu werden. Ja, als ſie nun aufwachte, hatte ſie die Er⸗ lebniſſe der geſtrigen Nacht ſo vollkommen vergeſſen, daß ſie erſchreckt in die Höhe fuhr, als ſie ſich bei hellem Tageslicht in ſo ganz fremder Umgebung erblickte,— wie bin ich hierher gekommen? dachte ſie, haſtig im Bette aufſitzend, und es brauchte eine gute Weile, ehe ihr Alles wieder vollkommen klar wurde. Wie ſollte es ihr aber nun ergehen, wenn ſie nach Hauſe zurückkehren mußte, und wie würde ſie von der böſen Tante und der Kammerjungfer empfangen werden! Gern wäre ſie jetzt ſchon aufgeſprungen, um ſich ſo ſchnell als möglich ihrer ſtrengen Richterin zu ſtellen, auch um die Schule nicht zu verſäumen. Doch war es noch zu früh am Tage, das bemerkte ſie an dem klaren Him⸗ mel, an dem ein heller, gelber Schein als Vorbote der noch nicht erſchienenen Sonne zu ſehen war. Sie blieb deßhalb ruhig liegen und ſchaute zum Fenſter hinaus, das ſich nicht weit von ihrem Bette befand, und ſah mit Intereſſe, wie der helle, gelbe Schein immer leuch⸗ tender wurde, dann goldig glänzend, und wie endlich durch eine Häuſerlücke jenſeit der Zigeunerinſel der erſte zitternde Strahl der Sonne herüberdrang, einen blenden⸗ den Streifen auf der weißen Kalkwand bildend, unter deſſen intenſivem Lichte man jedes Sandkörnchen, jeden noch ſo feinen Riß deutlich bemerkte. Auch Anderes entdeckte das Kind jetzt, als es, mit dem Geſichte gegen die Mauer gekehrt, auf den glänzenden Streifen blickte und die ſeltſamen Riſſe und Sprünge, röthlich unter dem Weiß durchſcheinend, noch näher be⸗ trachtete; das waren Buchſtaben, allerdings ſehr undeutlich unter neu aufgeſtrichener Tünche und ſelbſt jetzt, bei dem leuchtenden Sonnenlichte, kaum noch zu ſehen; aber es unterhielt ſie, die Zeichen mit ihren ſcharfen Kinderaugen zu verfolgen, an einander zu reihen und zu leſen—— d— a—s— das— Z— e—i— ch— e—n— Zeichen— d—e— r— der— b—l— u— t— i— g— e—n— blu⸗ tigen— H—a—n—d— Hand—— das Zeichen der blutigen Hand! Kaum hatte ſie das mühſam herausbuchſtabirt und darüber nachgedacht, ohne begreiflicher Weiſe auch nur im entfernteſten einen Sinn in dieſen Worten zu finden, ſo war der Sonnenſtreifen wieder verſchwunden; er hatte ſich tiefer auf die Bettdecke herabgeſenkt, das Geſicht des Kindes kurze Zeit mit einem goldigen Lichte übergießend, und war bald darauf wieder ganz verſchwunden, die weiße Wand jetzt im Schatten laſſend, ſo daß man bei dem ſchärfſten Hinblicken auch nicht mehr die geringſte Spur von den Schriftzügen zu entdecken im Stande war. Gleich darauf klopfte es leiſe an die Thür und Sophie ſprang mit gleichen Füßen aus dem Bette, um dem Herrn Joſeph Schropps zu öffnen, der ihr lächelnd einen guten Morgen wünſchte und die Frage hinzufügte:„Wie hat unſer Kind denn eigentlich geſchlafen?— So, alſo ſehr — 58— gut,— nun das freut mich— und doch wohl nichts Schlimmes geträumt?“ „Ich habe gar nichts geträumt und ſo feſt geſchlafen, daß ich nicht einmal wußte, wo ich war.“ „Nun— du warſt und biſt bei guten Leuten, mein liebes Kind, und nun wollen wir in das Wohnzimmer gehen, dir ein Frühſtück geben und dann ſehen, was weiter zu machen iſt.“ Darüber hatten die beiden Männer aber ſchon vorher nachgedacht und meinten jetzt, es ſei wohl nichts Anderes zu machen, als nach Hauſe zurückzukehren, wohin ſich Herr Joſeph anbot, die Kleine zu begleiten. Allerdings wurde dieſer kurze Weg von Sophie mit Zagen angetreten, und als ſie die Gartenthür hinter ſich hatten und gegen das Haus ſchritten, klopfte ihr Herz ſo ſtark, daß ſie mehrmals tief Athem ſchöpfen mußte, wobei es ihr nicht unangenehm war, daß ſie nicht die Glocke zu ziehen brauchte, denn die Hausthür öffnete ſich von ſelbſt und auf der Schwelle erſchien die Kammerjungfer, ganz ſchwarz gekleidet, und ſagte wohl mit einem betrübten Geſicht, aber durchaus nicht unfreundlich:„Das liebe, böſe Kind, welchen Kummer haſt du uns gemacht, Sophie!— Ach, Herr Nachbar,“ fuhr ſie gegen ihren Begleiter ge⸗ wendet fort,„Sie können Sich nicht denken, welch' ſchreck⸗ liche Nacht wir erlebt haben!“ „Will's wohl glauben, kann es mir ſchon denken; ich fühle mit Ihnen und bezeige Ihnen mein Beileid. Die alte gnädige Frau iſt alſo heute Nacht geſtorben?“ 59— „Leider, leider, Sie können unſeren Schmerz ermeſſen; zwei Frauenzimmer allein bei ſolch' einem Vorfall!— Die Verwirrung— und dazu noch die Sorgen um das arme Kind, welches vor Angſt davon gelaufen iſt.“ „Aber ſo natürlich,“ ſagte Herr Joſeph Schropps, „mein Bruder Nathan und ich, wir fanden ſie auf dem Steinhaufen drüben ſitzen und nahmen ſie mit uns, und haben ſie gut verpflegt, nicht wahr, Kleine?“ Sophie blickte mit einem dankbaren Lächeln zu ihrem Begleiter auf, deſſen Hand ſie immer noch feſthielt und ihn ſo nöthigen zu wollen ſchien, mit in's Haus zu treten bis vor die ſtrengſte ihrer beiden Richterinnen. Doch machte ſich Herr Schropps ſachte von ihr los und ging nach einem freundlichen Gruße gegen das Kind davon, nachdem er noch der Kammerjungfer geſagt:„Das gnädige Fräulein wird mir wohl erlauben, in den näch⸗ ſten Tagen einen Condolenzbeſuch zu machen, und dann ſehe ich auch meine kleine Freundin wieder.“ Bebend folgte Sophie in's Haus, denn hinter der ge⸗ ſchloſſenen Thür fürchtete ſie neue Mißhandlungen, hatte ſich aber geirrt und war ſehr erſtaunt, als die Kammer⸗ jungfer ſanft ihr Haar glättete, während ſie die Treppe hinauf gingen, und dann, in das Zimmer des Fräu⸗ leins Wilhelmine tretend, mit ruhiger, faſt weicher Stimme ſagte:„Da haben wir unſeren kleinen Flüchtling wieder; ſie hat ſich heute Nacht ſo gefürchtet und wurde von den Herren Schropps mit nach Hauſe genommen.“ Auch die Tante war nicht böſe und heftig, wie ſie —— 60— ſonſt wohl bei anderen Veranlaſſungen zu ſein pflegte, zog vielmehr das ängſtlich daſtehende Kind zu ſich heran und ſagte in einem faſt liebevollen Tone:„Du hätteſt dich nicht zu fürchten gebraucht, Sophie,— verſtehe es wohl, wenn Einem die Mutter ſtirbt, wie mir, oder eine liebe Freundin, wie deine Großmutter der Rieke ſtets ge⸗ weſen iſt, ſo iſt man immer ein wenig aufgeregt.“ „Ja, und wie lieb ſie dich gehabt hat,“ ſagte die Kammerjungfer mit einem ſehr unwahr klingenden Schluch⸗ zen,—„lieber faſt, wie uns; denn ſie hat noch zuletzt an dich gedacht und dir etwas verſprochen, was ich dir ja auch ſelbſt ſchon geſagt hätte.“. „Nicht wahr, ſie hat es dir doch geſagt, was du haben ſollſt?“ fragte die gnädige, ſanfte Tante mit einem eigen⸗ thümlichen Blinzeln ihrer Augen,—„du ſollſt es auch haben,— wo iſt es nur gleich?“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort, anſcheinend aufmerkſam um ſich ſchauend, wobei ſie aber aus ihren Augenwinkeln das Geſicht des Kindes forſchend betrachtete,„wo kann es nur ſein, Sophie?“ „Dort liegt es auf dem Tiſche,“ ſagte das unſchuldige Kind, ganz glücklich, ſo freundlich empfangen worden zu ſein. „Ach ja, dort auf dem Tiſche die Bibel!“ „Ja, die Bibel.“ „Du ſollſt ſie haben, Sophie,— ſpäter, gewiß, aber jetzt mußt du ſie mir noch ein Bischen laſſen. Weißt du, mein Kind, ich bin ſo traurig und niedergedrückt, daß ich ſelbſt in der Bibel leſen muß, um Troſt für meinen 61— Schmerz zu ſuchen, und den findet man nur in der Bibel, und du mußt dir das für die Zukunft merken, wenn du ſelbſt einmal traurig und tief betrübt biſt.— Jetzt geh' auf dein Zimmer und kämme dir dein Haar ordentlich, in die Schule brauchſt du heute nicht zu gehen.“ Wie glücklich fühlte ſich das kleine Mädchen, daß Alles ſo gut vorübergegangen ſei, und drunten, in ihrem Zim⸗ mer angekommen, ſetzte ſie ſich auf ihr Bett und konnte jetzt erſt mit Ruhe nachdenken über alles, was ſie geſtern erlebt. Die Erinnerungen an die köſtlichen Spiele mit den Nachbarskindern warfen ſo viel Glück und Licht in ihr kleines Herz, daß ſie der Bilder dieſer ſchauerlichen Nacht zum noch gedachte und dieſe faſt ganz erblaßten bei dem (.. Sedanken an die freundlichen Herren Schropps, bei denen ſie Gaſt geweſen war; ach, ſie war früher noch nie 37 andem zu Gaſt geweſen! bei Jen 1. DrobN aber ſuchte Fräulein Wilhelmine auf eine ganz nthüml Art Troſt und Erbauung in der heiligen 9( 2 i9„ Mte das Buch an den beiden Deckeln er⸗ Schrift; ſie hän Lod 3 zuerſt hin und her, als ob ſie es aus griffen, ſchüttelte es. 45 — ſah auf's ſorgfältigſte, ob ſich nir⸗ einander reißen wollte, 8 di den weißen Blättern zeigte, gends etwas Geſchriebenes waren, oder auf den die vorn und hinten eingebunds und als ſie nirgends , enirgen Druckſeiten, wo ſich Zeichen befanden 8 6 5 rg 2 .— X nicht, die das etwas gefunden, auch die Kammerjung 1 .— 2..— e, warf letz⸗ gleiche Manöver noch umſtändlicher wiederhoN Ecke des tere die Bibel wie ein unnützes Geräthe in die Sopha's. Dann wurde die Stille des Hauſes unterbrochen durch allerlei Beſuche, die ſich aber ſo bald wieder entfernten, daß man daraus entnehmen konnte, dieſe Beſuche ſeien meiſtens geſchäftlicher Art geweſen. Da war zuerſt eine Frau erſchienen, die den Kopf etwas auf die Seite geneigt hielt, die eine ſchwarze Schürze und ein ſchwarzes Halstuch trug und deren Geſicht einen Ausdruck hatte, wie wenn man ſich Mühe gibt, unter Thränen zu lächeln, um da⸗ durch einen Nebenmenſchen in ſeinem Schmerze aufzuheitern. Sie wurde bis in das Zimmer geführt, in welchem die blieb um dann, als ſie wieder herauskam, beim Anblick der Kammerjungfer, welche ſie bis an die Treppe geleitete ein paar wirkliche Thränen zu weinen und dabei ſchluchz zu ſagen:„Die liebe, gute Selige! Sie war doch die Herz⸗ lichkeit ſelbſt, und den Ausdruck konnte nicht einmal der Tod von ihrem Geſichte verwiſchen; ich werde Allys beſtens und feinſtens beſorgen und komme Nachmittgggs um drei Uhr wieder.“ Früher ſchon, ehe noch die kleine/Sophie von dem Herrn Schropps herbeigeleitet wordeſt, war der Hausarzt da geweſen, ein alter, etwas„Fektiſch grämlicher Mann, der ſich mit der Verſtorbepeen weiter keine Mühe gab, als daß er mit dem elfenpeeinernen Haken ſeines Stockes das weiße Tuch von jbſtem Geſichte entfernte und dann nach einem leichtenHüſteln ſagte:„Ja, daran iſt nun nicht mehr zu eifeln, ich werde Ihnen den Schein ausfertigen und ſchicken.“ verſtorbene Staatsräthin lag, wo ſie vielleicht eine Stunde ¹ b 4 ————— ——— Auch waren einige wohlwollende Nachbarn erſchienen; ſo der Seilermeiſter Kniegel, der ſehnlichſt gewünſcht hatte, noch einmal die alte Staatsräthin zu ſehen, doch⸗ſchien Fräulein Wilhelmine in ihrem tiefen Schmerze dieſen Wunſch nicht zu achten, ſprach von ganz anderen Dingen, begreif⸗ licher Weiſe ſtets im Zuſammenhange mit der lieben Seli⸗ gen, und verſicherte ſchließlich, den guten Nachbar an die Thür begleitend, daß ſie ſeine Theilnahme dankbar em⸗ pfinde und daß er gewiß mit ihr einverſtanden ſei, wenn man der guten Mutter in jeder Beziehung die wohlver⸗ diente Ruhe gönne. Freundlicher, ja, faſt herzlicher wurde der Herr Major von Quinſcheidt empfangen, der ſich zur paſſenden Beſuchs⸗ zeit, eilf Uhr, einſtellte, und der ſein Aeußeres durch einen dunkeln Rock, eine ſehr hohe und ſehr ſteife Halsbinde ohne Kragen, ſo wie durch ein Paar ſchwarze Handſchuhe mit der ernſten Gelegenheit in würdigen Einklang gebracht hatte. Er ſprach in einem tiefen, ſummenden Tone, Troſt in das Herz der armen Tochter gießend, nachdem er vorher ihre Rechte mit ſeinen beiden Händen ergriffen, auch in der Art eines Biedermannes gedrückt und herzlich geſchüttelt, wobei er mit ernſten Blicken einige Sekunden lang an die Zimmerdecke emporſchaute. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, wird aber Ihrem armen Herzen auch Stärke verleihen, um dieſen furchtbaren Schmerz zu überwinden. Weinen Sie immerhin, verehrtes Fräulein, Thränen mildern unſer Leid.“ ——— Thränen floßen nun gerade nicht aus den Augen der Betreffenden, doch drückte ſie ihr Taſchentuch vor das Ge⸗ ſicht, während ſie den Herrn Major durch eine Handbe⸗ wegung erſuchte, auf dem Sopha Platz zu nehmen; dann ſchaute ſie mit ſchmerzlichem Ausdruck nach der Kammer⸗ jungfer, und als dieſe ihr, von dem Gaſte ungeſehen, ein haſtiges Zeichen machte, nickte ſie kaum merklich mit dem Kopfe, worauf ſich jene entfernte. „Ich fürchte nur,“ ſagte der Major,„daß dieſer trau⸗ rige Fall Sie veranlaſſen wird, unſer ſtilles und friedliches Eiland hier zu verlaſſen, denn ich kann mir denken, daß die Erinnerung an glücklich verlebte Tage gerade in dieſem Hauſe zu ſchmerzlich auf Ihrer Seele laſten wird.“ „Gewiß, Herr Major, ſind die Räume dieſes Hauſes für ein nothwendig gewordenes, zurückgezogenes Leben zu groß und umfangreich, und ſehne ich mich in der That, für eine Zeit lang die Stadt zu verlaſſen, bis ich mein ſo traurig geſtörtes Gleichgewicht wieder gefunden habe.“ „Begreiflich, begreiflich.“ „Ich beabſichtige deßhalb, für einige Zeit eine Ver⸗ wandte zu beſuchen, und will ſehen, ob ich mich ſpäter entſchließen kann, wieder hieher zurück zu kehren. Dabei macht mir nur meine kleine Anverwandte einige Sorge, da ich ſie durch Entfernung von hier ihrem ſo nothwen⸗ digen Schulunterrichte entziehen müßte, und deßhalb ſuchen will, ſie in einer braven Familie unterzubringen, wo eine feſte Hand im Stande wäre, ihren etwas leichten Sinn zur Ordnung und zum Fleiße anzuhalten.“ — 65— Der Major horchte auf und blickte dann auf ſeine Hände, die in gewiſſer Beziehung zu den derben und feſten gehörten. Dann ſagte er:„Das wird wohl nicht ſchwer zu finden ſein,— wer ſollte ſich nicht gern mit Liebe und Ausdauer eines Kindes von ſo guter und trefflicher Familie annehmen? Allerdings wäre dazu eine Perſön⸗ lichkeit erforderlich, die auch Zeit hätte, ſich der Erziehung eines derartigen Weſens zu widmen, eine Perſönlichkeit von gewiſſer Lebensſtellung, die an dem eigenen Kinde ſchon glückliche Erziehungsreſultate geleiſtet. Kann ich Ihnen hierin irgendwie dienſtlich ſein, Fräulein von Wanner,“ ſetzte er nach einer Pauſe der Rührung hinzu,—„wollen Sie über mich befehlen.“ „An Ihren mir werthen Rath, ja, an Ihre Hülfe dachte ich bereits, Herr Major, und ich betrachte Ihren Beſuch als eine Schickung des Himmels und würde um denſelben gebeten haben, wenn Sie mir nicht auf ſo liebenswürdige Art zuvorgekommen wären,— reden wir offenherzig.“ „Ich bin ein alter Militär, mein Fräulein,— gerade darauf zu, und wo möglich durch— war von jeher mein Grundſatz.“ „Man hält mich für wohlhabend,“ ſagte die Tochter der Staatsräthin nach einem leichten Seufzer,—„ja, es gibt Menſchen, die von Reichthümern faſeln, welche meine ſelige Mutter hinterlaſſen— wohlhabend— reich ach, Herr Major, Sie wiſſen nicht, welche. Anſprüche Hackländer, Kainszeichen. I. 5 8 8 9 8 — S ——= — 66— die gute Selige an uns machte und allerdings zu machen berechtigt war, welche Summen es verſchlang, dieſes zarte Leben zu erhalten durch die ſorgfältigſte Pflege, durch die feinſten Speiſen und Getränke,— ſchon der Aufwand dieſes Hauſes, auf dem ſie mit dem Eigenſinn des Alters beſtand, während ein paar Stuben für uns genügt hätten, — doch reden wir nicht weiter darüber— ich hätte ja mein Herzblut für die Verlängerung dieſes theuren Lebens gegeben.“ Wilhelmine preßte ihr Schnupftuch vor die Augen, und als ſie die Hand mit demſelben wieder ſinken ließ, entrang ſich ein ſchmerzlicher Seufzer ihrer Bruſt, doch fuhr ſie gleich darauf gefaßt und ruhig fort:„Daß ich jedes Opfer für die Kleine bringen will und muß, verſteht ſich von ſelbſt, doch ſollten dieſe Opfer im Einklang mit meinen allerdings beſchränkten Mitteln ſtehen.“ „Was Sie an dem Kinde thun,“ entgegnete der Major, wobei er einen Anflug von Rührung durch ein faſt er⸗ ſchreckendes Sinkenlaſſen ſeiner Stimme kund zu thun ſich bemühte,„iſt ein Werk der Liebe, Fräulein von Wanner, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie gewiß eine edle Seele finden, bereit, Sie in dieſem Werke der Liebe zu unter⸗ ſtützen.“ „Wüßten Sie mir eine ſo edle Seele, Herr Major?“ „Wenn ich Ihnen Jemanden nenne,“ ſagte er in dumpfem Tone,—„von dem ich überzeugt bin, daß er, allerdings gegen eine mäßige Entſchädigung, Vaterſtelle an dem Kinde vertreten würde, ſo könnte das nach der „ — 67— freundlichen Aeußerung, die Sie eben gethan, wie Eigen⸗ lob klingen.“ „O, ich verſtehe Sie, edler Mann, und was die Ent⸗ ſchädigung anbelangt, ſo werde ich trotz alledem Opfer zu bringen wiſſen.“ Der Major verneigte ſich mit dem Zeichen völliger Zuſtimmung und dann wurde in Kurzem das Nöthige geregelt.— Die beiden edlen Seelen verſtanden ſich voll⸗ kommen, ſo daß der Contract, das kleine Mädchen betref⸗ fend, zu beiderſeitiger Zufriedenheit gelang. So gering auch die Summe erſchien, welche Fräulein von Wanner zu zahlen vermochte, ſo war ſie doch für einen armen pen⸗ ſionirten Militär von einer faſt ſchwindelhaften Größe; hatte er doch nicht vermocht, durch den angeſtrengteſten Fleiß in ſauren Schreiberarbeiten auch nur den vierten Theil dieſer Summe zuſammenzubringen. Faſt bereute Fräulein von Wanner, als ſie die zu⸗ friedenen Blicke des Majors bemerkte, nicht weniger g boten zu haben, und fand es für g athen nat kleine Verſchärfungen der Uebereinkun daß ſie beſſere und ſorgfältigere Pflege für die d gefordert hätte, das war ihr gleichgültig; doch ved ſie, das Kind müßte ſo wenig als möglich mit fremn naſeweiſen Menſchen in Berührung kommen, mit Leu die gewiſſenlos genug ſeien, um durch vorwitzige Frag Antworten zu erlangen, wie ſie gerade in ihren Krau paßten. „Das Kind hat eine lebhafte Phantaſie und faßte — 68— Manches von den Reden meiner armen, durch ihr hohes Alter kindiſch gewordenen Mutter auf eigenthümliche Art auf. Böſe Menſchen gibt es genug, die ſich ein Ver⸗ gnügen daraus machen, auch das ſchönſte und harmloſeſte Familienleben zu verleumden, und wie wenig gehört dazu, ſelbſt den fleckenloſeſten Spiegel durch giftigen Hauch er⸗ blinden zu laſſen!— Ich weiß nicht, Herr Major, ob auch Sie ſchon unter dem Zahn der Verleumdung ge⸗ litten haben, in dieſem Falle werden Sie auch wiſſen, daß es kaum einen Schutz dagegen gibt.“ „Ach, ich kenne die Verleumdung und haſſe ſie— man iſt wehrlos dagegen, ſchwach— ohnmächtig; ſtellen Sie mir einen greifbaren Rieſen gegenüber, legen Sie in meine Hand eine gute Waffe, und ich werde verſuchen, den Kerl zu Boden zu ſchlagen, während ich ohnmächtig bin gegen das verdächtige Blinzeln eines Auges hinter meinem Rücken, gegen ein hämiſches Achſelzucken, wenn dh vorübergehe.“ Hau Major, und deßhalb bitte ich Sie, als möglich fern zu halten von der it fremden Leuten, bis ſich in ihrem jungen he die Erinnerungen dieſer Zeit einigermaßen ab⸗ hwächt haben, bis ſie verſtändig genug iſt, um einzu⸗ n, mit welch' aufopfernder Liebe wir für ſie beſorgt weſen, und dabei möchte ich faſt die Bedingung machen, aß Sie, Herr Major, nicht ohne die dringendſten Gründe und nicht ohne mich vorher zu benachrichtigen, Ihre bis⸗ herige Wohnung hier in der Nähe verließen.“ —— ——— — — 69— „Wozu ſollte ich auch?“ ſagte der alte Militär in biederem Tone.„Man könnte mir in der Hauptſtraße eine Bel⸗Etage anbieten, ich würde mich da nicht ſo be⸗ haglich fühlen wie hier bei der Ruhe und Stille, fern vom Wagengeraſſel und anderen Geräuſchen, mit freund⸗ licher Nachbarſchaft und guter Luft— nicht zu vergeſſen, Fräulein von Wanner,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich in die Bruſt warf,—„daß ich hier, wie Sie ſelbſt wiſſen werden, eine beliebte und reſpektirte Perſönlichkeit bin.“ „Und mit vollem Rechte, Herr Major.“ „Bitte recht ſehr, mein gnädiges Fräulein,— daß ich gewiſſermaßen hier eine obrigkeitliche Autorität ausübe, anerkannt ſelbſt von der hohen Staatsbehörde, denn es iſt noch nicht lange her, daß mich der Herr Stadtdirektor ſelbſt auf der Straße anredete, allerdings mit ernſthaft erhobenem Finger, und zu mir ſprach: ‚Herr Major— mein Herr Hauptmann,“Ä verbeſſerte er ſich, ‚ich habe da neulich wieder von allerlei wüſtem Lärmen.auf Ihrer Zi⸗ geunerinſel gehört, und da ich weiß, daß Sie ein Mann ſind, den man dort, und mit Recht, fürchtet, ſo treten Sie hier und da für meine Polizei ein— für dieſe Schlingel, welche leider niemals bei einer Prügelei geſehen werden.“ Ich fühlte mich geſchmeichelt durch dieſes Ver⸗ trauen des Stadt⸗Oberhauptes, legte meine Hand auf die Bruſt und verſprach, mein Möglichſtes zu thun.“ Fräulein von Wanner war aufgeſtanden und hatte dieſe letzten Worte, im Zimmer auf⸗ und abgehend, kaum gehört, dann blieb ſie plötzlich ſtehen und ſagte:„Da wir — —*—— ———— 4 ää — 20— nun einmal Geſchäftsfreunde geworden ſind, Herr Major, ſo dürfte ich Sie wohl auch um eine weitere Gefälligkeit bitten?“ „Befehlen Sie ganz über mich.“ „Ich gedenke mit meiner Dienerin dieſes Haus zu ver⸗ laſſen, ſobald unſerer theuren Mutter die letzten Ehren erwieſen ſind, zu welchem Zwecke ich mir auch erlauben werde, Ihnen morgen einen Wagen zu ſenden; verſtehen werden Sie, daß es in mir zu ſchmerzliche Erinnerungen wach riefe, den Auszug von hier, wo ich trotz alledem glückliche Stunden erlebt, ſelbſt zu leiten, weßhalb ich das einem Commiſſionär übertrage und Sie nur bitten möchte, mit Ihrer Autorität dafür beſorgt zu ſein, daß unartige Kinder, deren es in der Nachbarſchaft gibt, nicht durch Lärmen und Schreien bei dem Auszug meinen Schmerz vermehren.“ „Rechnen Sie auf mich, ich werde mir nöthigenfalls einen Polizeidiener zulegen,— o, ich kenne dieſes über⸗ müthige Volk!“ „Bösartig, Herr Major,— bösartig, oh, ich habe ſchon furchtbar darunter gelitten! Sollten Sie es für möglich halten, daß ſchlechte Menſchen es verſuchten, mich in meinen heiligſten Gefühlen zu kränken, in der Liebe zu meiner Mutter?“ „O— o— o—oh— ich halte das für ſehr möglich!“ „Daß böswillige Verleumdung ſo weit gehen kann, um der lieben Seligen das Laſter des Trunkes aufzu⸗ bürden; denn ſonſt könnte ich es nicht verſtehen, weßhalb — à— ruchloſe Hände ſchon einige Mal an die Wand dieſes Hauſes ein Ding hingemalt, das wie ein Faß ausſah.“ „Unverſchämt!“ „Ja, neulich ſogar mit dem kindiſch ſchwachen Ver⸗ ſuche, aus dieſem Faſſe einen Todtenkopf herausſchauen zu laſſen.“. „Entſetzliche Bande!— Oh, ich bin Ihnen ſchon hinter ähnliche ſchlimme Streiche gekommen und werde nächſtens unter ſie treten, um fürchterliche Muſterung zu halten.“ „Mich hat das in tiefſter Seele erſchüttert,“ fuhr die nun gänzlich verwaiſte Honoratiorentochter fort, indem ſie die Hände zuſammenlegte und kopfſchüttelnd nach oben blickte. „Tröſten Sie ſich mit Anderen, mein liebes Fräu⸗ lein,“ ſagte der Major von Quinſcheidt,„wenn unter ähnlichen Verhältniſſen Mitleidende überhaupt ein Troſt für uns ſein können.— Sehen Sie mir in's Geſicht! Kann Jemand von mir ſagen, ich ſei dem Genuſſe geiſtiger Getränke ergeben? Und doch fand ich vor eini⸗ ger Zeit auf meiner Hausthür eine gewiſſe Sorte von Flaſchen abgebildet und zur beſſeren Verdeutlichung noch mit der ſchülerhaft falſchen Inſchrift verſehen„Schnabs“ — mit einem weichen b—, nehmen Sie Ihre nächſten Nachbarn, die Herren Gebrüder Schropps, Ehrenmänner durch und durch, ich muß das wiſſen, denn mir entgeht nichts von dem Gethue und Getreibe hier,— die Herren Gebrüder Schropps haben ſich ſchon ein paar Mal bei A mir bitterlich darüber beklagt, daß ruchloſe Hände häufig die Wand ihres Hauſes mit Blut beſchmieren, ja, es ſei ſchon der Fall vorgekommen, daß ſie ſehr deutlich den Abdruck einer blutigen Hand geſehen.“ „Furchtbar!— Ich hörte auch ſchon davon, und alles das zugleich mit den ſchmerzlichen Erinnerungen an hier erlebte glückliche Tage veranlaßt mich, dieſe Gegend ſo bald als möglich zu verlaſſen, und können Sie ſich gar nicht denken, Herr Major, wie dankbar ich Ihre Hülfe dazu anerkenne.“ „Rechnen Sie ganz auf mich und befehlen Sie, wann ich die Kleine in mein einfaches Hausweſen überführen ſoll.“ „Ich denke morgen, Herr Major, ſogleich nach der Beerdigung meiner lieben Mutter.“ „Was mein Hausweſen anbelangt,“ fuhr der alte Militär fort, wobei er die abgebleichten Fingerſpitzen ſeiner ſchwarzen Handſchuhe betrachtete,„ſo iſt das, aufrichtig geſagt, ſehr einfach, ja, höchſt einfach und ich fürchte faſt, daß die Kleine das Wohlleben des Hauſes hier ſchmerzlich vermiſſen wird.“ „Glauben Sie das nicht, Sophie iſt beſcheiden erzogen und nicht ungenügſam; ſie wird zufrieden ſein, wenn ſie nur bei Ihnen ein liebevolles Entgegenkommen findet, in welchem Punkte ſie allerdings ein Bischen verwöhnt ſein könnte.“ „Wer zweifelt daran, bei Ihrem vortrefflichen Herzen und bei dem Rufe, den auch die theure Selige in dieſem Punkte genoß!— Seien Sie aber überzeugt, mein ver⸗ ehrtes Fräulein, daß hier—“ dabei legte er die Hand auf die Bruſt—„unter der rauhen Schale des biedern Soldaten ein tiefes, liebevolles Gemüth zu finden iſt.— Alſo morgen ſoll mein geringes Dach zur Aufnahme der Kleinen bereit ſtehen,— dann noch eine Kleinigkeit,“ fuhr er plötzlich fort, dabei ein tiefes Compliment unter⸗ brechend. „Was die Zahlung für Sophie anbelangt, ſo werde ich mir erlauben, Ihnen morgen für ein halbes Jahr zum voraus einzuhändigen.“ „Das war es nicht,“ erwiederte der Major mit einer faſt gekränkten Miene,„ſondern ich möchte Sie um irgend etwas genaues Mündliches— beſſer noch Schriftliches—, den Namen der Kleinen betreffend, bitten.“ „Ah ſo— ich verſtehe,“ entgegnete Fräulein Wilhel⸗ mine, nicht ohne einen kleinen Anflug von Verlegenheit, — ich werde Ihnen das Taufzeugniß der Kleinen über⸗ 2 . geben.“ „Genügt vollkommen,— und ſo wäre unſer Geſchäft abgemacht. Empfangen Sie den Handſchlag eines Bieder⸗ mannes, der Ihnen feierlich gelobt, an dem verlaſſenen Kinde Vaterſtelle zu vertreten.“ „Wenigſtens die Stelle eines ſorgſamen Verwandten, Herr Major, und würde ich Ihnen beſonders dankbar ſein, wenn Sie vielleicht ſpäter neugierigen Fragern gegen⸗ über das Kind als eine entfernte Anverwandte bezeichnen wollten.“ A — “ —ÿÿññ————— — 74 „Nichts leichter als das; mir lebt eine Schweſter in Amerika in nicht gerade glänzenden Verhältniſſen, die ſchon häufig den Wunſch geäußert, eines ihrer Kinder— es könnte das ja auch ein Mädchen ſein— meiner Ob⸗ hut anzuvertrauen. Verlaſſen Sie ſich auch darin auf mich, ich werde das ſchon zu arrangiren wiſſen.“ „Herzlichen Dank, Herr Major! Sie nehmen mir eine Centnerlaſt von der Bruſt und meine Dankharkeit iſt unbegränzt.“ Sie wollte ihm bei dieſen Worten ihre beiden Hände reichen, da ſie aber in dieſem Augenblicke von gewaltiger Rührung übermannt wurde, ſo brauchte ſie ihre Rechte, um die Thränen zurück zu drücken, welche ja möglicher Weiſe verſucht haben könnten, aus ihren Augen zu dringen. Dann winkte ſie, tief erſchüttert, mit der Hand, worauf der alte Militär, ſcheinbar ebenfalls tief bewegt, das Zim⸗ mer verließ. Er ging nach ſeiner Wohnung zurück, die allerdings ſehr beſcheiden zu nennen war, denn ſie beſtand aus dem Dachzimmer eines kleinen, ziemlich baufälligen Hauſes und hatte außer dieſem immerhin geräumigen Gemach noch zwei Nebengelaſſe, in deren einem der junge Quinſcheidt ſchlief, während das andere zu einer Rumpelkammer be⸗ nutzt wurde. Dieſe Rumpelkammer betrat nun der Major mit prü⸗ fendem Blick, und als er hier im Geiſte ſeine Dispoſitio⸗ nen getroffen, ging er in die Werkſtätte ſeines Hausherrn, des Schreinermeiſters Wimmer, deſſen Geſellen eben damit — 75— beſchäftigt waren, die letzte Behauſung der verſtorbenen Staatsräthin anzufertigen, während der Meiſter ſelbſt auf der Hobelbank ſaß und nach dem Hauſe derſelben hinüber blickte. Als der Major eintrat, hüpfte er leichtfüßig von ſei⸗ nem Sitze herab, indem er ſagte:„Ah, Sie waren auch drüben, haben Sie die Alte geſehen?— Nicht?— Schade darum; ich freilich auch nur einen Augenblick, da ſie ihr das Geſicht ſorgfältig verhüllt hielten, aber doch lange genug— genug— genug— uich!“ Dieſes letzte Wort kam mit einem ziſchenden Laut aus dem Munde des Schreinermeiſters, während er mit beiden Händen die Bewegung eines Hobelſtoßes machte. Es war das eine Angewohnheit von ihm, die Bekräftigung über irgend etwas, das er geſagt,—„ja wohl— uich, es iſt das ein großer Jammer da drüben; nun, jetzt hört die ganze Komödie auf und das gnädige Fräulein mitſammt ihrer Kammerjungfer werden jetzt verſchwinden wie Nebel vor dem Winde,— Uich, was wollten ſie eigentlich von Ihnen?“ „Ich werde mit Ihnen nachher darüber reden,“ ent⸗ gegnete der alte Militär mit einem verſtändlichen Blicke auf die beiden Geſellen,—„bitte Sie aber jetzt, einen Augenblick zu mir heraufzukommen, ich habe da droben ein kleines Anliegen.“ „Nur keine Reparaturen oder ſo etwas!“ ſagte Meiſter Wimmer, indem er ſeine rechte Hand in die Höhe hob und ſchüttelte; dann, als ſie zuſammen die Treppe hinauf⸗ — .— —— —————„ 4— —— 4 9 ——;—;—;ℳ—-—-:::B— — 76— ſtiegen, fuhr er fort:„Wer jetzt Kapitalien hätte, um das Haus der Mamſell Wanner da drüben zu kaufen! Es geht mir das ſeit geſtern im Kopfe herum und ich muß mit den Schropps darüber reden.“ „Wäre allerdings behaglicher zu bewohnen, als hier das Ihrige, Meiſter Wimmer, das Sie doch auf unverant⸗ wortliche Weiſe verfallen laſſen.“ „Hat ſich was Unverantwortliches, iſt doch jeder Na⸗ gel, den man hier einſchlägt, weggeworfen; muß doch über kurz oder lang Straßen⸗ und Bauplatz werden,— und erſt das Haus da drüben mit ſeinem großen Garten! Man könnte blutige Thränen weinen, daß man nicht im Stande iſt, es der alten Jungfer abzukaufen; kann ſie es doch nicht erwarten, bis ſie die Zigeunerinſel hinter ſich hat, und paßt doch ſo vortrefflich hieher— uich!“ Damit waren ſie oben angekommen, wo der Schreiner⸗ meiſter ohne Weiteres in die Rumpelkammer trat, nicht um ſich dort etwas zu betrachten, ſondern um zum Dach⸗ laden hinaus auf das benachbarte Haus zu ſchauen. „Dem bloßen Augenſchein nach,“ rief er aus,„ſind es vier koloſſale Bauplätze, und bleibt faſt gar kein Straßen⸗ platz übrig. Das wäre mit ſechzig Tauſend Gulden per Morgen nicht zu theuer bezahlt.— Sehen Sie, da liegt das Geld auf der Straße,— nich, wer nur die Mittel hätte, es aufzuheben, oder wer nur nicht eher fort muß, bis er's erlebt! Wenn ich mir denke, daß ich ſterben ſollte, ohne aus meinem Eigenthum hier ein gutes Stück Geld zu löſen, ich riſſe mir heute meine paar Haare aus,— unich. —-— „Deßhalb aber ſtecke ich hier wenigſtens keinen Kreuzer mehr hinein, laſſe auf meine Koſten keinen Nagel ein⸗ ſchlagen— ich nicht— uich!“ „Aber auf ander Mann's Koſten, Meiſter Wimmer, würde es Ihnen doch nicht auf ein paar Nägel ankommen, ſo wie auf einige Dutzend Bretter, um dieſe Kammer hier wohnlich für einen Gaſt einzurichten, den ich erwarte!“ „Sie erwarten einen Gaſt?“ „O ja, und will deßhalb unter dem Dache hier Bretter nageln laſſen, um ein kleines Kind anſtändig hier unter⸗ zubringen.“ „Ein kleines Kind?— O— o— o— oh, gehen Sie mir doch, Herr Hauptmann, wie kämen Sie zu einem kleinen Kinde?“ „Auf die einfachſte Art von der Welt und ich will das Ihnen, meinem Hausherrn, nicht vorenthalten.“ „Laſſen Sie hören, laſſen Sie hören!“ „Was Sie vorhin ſagten, daß Fräulein Wilhelmine von Wanner drüben in dem Hauſe nicht bleiben will, hat ſeine Richtigkeit.“ „Uich,“ machte der Schreiner, zugleich mit der Be⸗ wegung eines ausnahmsweiſe ſehr ſtarken Hobelſtoßes, „das hat ſeine Richtigkeit?“ „Sie will ſogar die Stadt verlaſſen, um Verwandte zu beſuchen.“ „Uich— Uich, wenn das Schiff ſinkt, laufen die Ratten davon, und dann will ſie auch wohl Haus und Garten verkaufen?“ fragte Meiſter Wimmer mit begehr⸗ lichen Blicken,„vielleicht billig verkaufen? Ich muß gleich zu den Schropps hinüber.“ „Ich weiß nicht, ob ſie ihr Haus verkaufen will, aber mich hat Fräulein von Wanner erſucht, das kleine Mädchen, die Sophie, eine Zeit lang und bis auf Wei⸗ teres zu mir zu nehmen.“ „Bravo, das iſt gut,— bravo, doch etwas in der Hand— geſcheidt— geſcheidt— uich „Und dazu möchte ich nun dieſe Rumpelkammer zu einem wohnlichen Aufenthalt eingerichtet haben.“ „Iſt nicht zu machen, Herr Hauptmann, mit dem beſten Willen nicht, es wären auch ganz unnöthige und unnütze Koſten— ſo, ſo— die Kleine bleibt da— hab' mir's doch gedacht. Nun, ich will Ihnen etwas Anderes vorſchlagen: ich habe da unten noch ein Zimmerchen leer ſtehen, das könnten Sie für ein Billiges haben; mir nützt es nichts, ſeit meine Frau todt iſt. Wollen Sie, ſo machen Sie raſch, ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muß die Schropps ſogleich zu ſprechen ſuchen.“ „Dankbar nehme ich Ihr Anerbieten an, nur ſollten wir etwas über die Miethe ausmachen, Meiſter Wimmer.“ „Iſt nicht nöthig,“ erwiederte dieſer, der die Thür ſchon in der Hand hatte,„vorderhand gebe ich Ihnen das Zimmer ohne irgend eine Entſchädigung und können wir ſpäter darüber reden,— laſſen Sie ſich von der Magd den Schlüſſel geben.“ Damit ſprang er die Treppe hinunter, die blaue Schürze ab, erhaſchte im Fluge ſeine Mütze dabei behält man 1u band unterwegs 79— von der Hobelbank und eilte zu den Gebrüdern Schropps hinüber. Dort aber ſtand unter dem Thorbogen, dicht vor der Hausthür, ein geſchloſſener Wagen, was ſchon an ſich ganz außerordentlich war; noch mehr aber erſtaunte Meiſter Wimmer, ja, er erſchrak faſt, als ſich jetzt die Thüre lang⸗ ſam öffnete und Fräulein Wilhelmine im Traueranzug mit ihrer ebenfalls ſchwarz gekleideten Kammerjungfer er⸗ ſchien, gefolgt von den Gebrüdern Schropps, welche die beiden Frauenzimmer unter verſchiedenen Bücklingen bis an den Wagen begleiteten, ja, Joſeph machte den Schlag eigenhändig zu und winkte dem Kutſcher, der hierauf raſch davon fuhr. „Sieh da, Meiſter Wimmer,“ ſagte Nathan mit ſanf⸗ ter Stimme,„was verſchafft uns das Vergnügen?“ „Treten Sie herein, lieber Meiſter,“ bat Herr Joſeph freundlich,„wir haben Ihnen eine kleine Mittheilung zu machen.“ Dann gingen alle Drei in das Haus und ſtiegen die ſchmale Treppe hinauf, nachdem Joſeph die ſchweren Riegel vor die Thür geſchoben, auf welche Art das Haus hier ſtets verſchloſſen wurde. Droben im Zimmer angekommen, bemerkte der Schreiner einen Bogen Papier auf dem Tiſch liegen, der verſchiedene Unterſchriften trug und welchen Herr Nathan nahm, um ihn in einer eiſernen Kiſte zu verſchließen, wobei er wiederholte:„Ja, lieber Meiſter Wimmer, wir haben Ihm eine kleine Mittheilung zu machen.“ —— — 80— „Die ich mir faſt denken kann,“ entgegnete dieſer mit ſaurer Miene,„und betrifft das wohl einen Gegenſtand, wegen deſſen ich ſoeben zu Ihnen komme.“ „Das wäre erſtaunlich,“ meinte Herr Joſeph, indem er einen raſchen Blick mit ſeinem Bruder wechſelte,„aber immerhin möglich, da der Menſchen Gedanken ſich ſehr häufig begegnen.“ „O ja— uich,“ machte der Meiſter Wimmer, wobei er einen ſo feinen Ton von ſich gab, als hoble er an einem zierlichen Mahagonimöbel.„Ich bin eigentlich nur gekommen, um Sie als vorſichtiger Geſchäftsfreund auf das Haus der alten Staatsräthin aufmerkſam zu machen.“ „Ja, ja, das iſt es ja eben, lieber Nachbar!“ b„Wie ſo? Was iſt denn damit ſoeben?“ „Der Punkt, in welchem ſich unſere Gedanken wohl trafen, und nicht nur unſere Gedanken allein, ſondern auch die des Fräuleins von Wanner, welche ſoeben bei uns war, nachdem ſie uns ihr kleines Anweſen zum Kaufe offerirte.“ „A— a— a—ah— offerirte— uich!“ „Gerade nicht billig, lieber Meiſter Wimmer,“ ſagte Herr Nathan, indem er, in gebückter Haltung hin und hergehend, mit ſeinen beiden Händen an den Seiten ſeines Körpers langſam hinabfuhr, wie er gern zu thun pflegte, um dann ſpäter dieſe Hände auf dem Rücken zu vereinigen, V„nicht billig, das alte Fräulein iſt zäh— zäh.“ „Ja, zäh wie Galgenholz— uich— unich— uich!“ Hier ziſchte Meiſter Wimmer, als hoble er einen feſten — 81— Aſtknollen weg,„und doch ſcheint ſie mir diesmal nicht allzu zäh geweſen zu ſein, denn“— bei dem letzten Worte zeigte der Schreinermeiſter mehrmals nach einander auf die eiſerne Geldkiſte. „Allerdings ſind wir nach langem Handeln überein⸗ gekommen,“ ſagte Herr Joſeph, worauf er ſich mit der Frage an Nathan wandte:„Denkſt du, daß es ein guter Handel geweſen iſt? Ich nicht— achtunddreißig Tauſend Gulden baar, Meiſter Wimmer; hätten Sie Luſt gehabt, damit einzuſtehen, oder haben Sie vielleicht jetzt noch Luſt? Thäte auf ein Drittel zwölf Tauſend ſechs Hundert ſechs⸗ undſechszig Gulden und vierzig Kreuzer.“ „Dieſe Offerte wollten wir Ihnen gerade machen,“ verſicherte Herr Nathan,„wollten aber dabei hinzufügen, daß es für uns kein Spekulationskauf iſt, ſondern daß wir beſchloſſen, unſer altes Haus hier zu verlaſſen, um in das neue hinüber zu ziehen.“ „Uich— uich— uich—“ machte der Schreiner mit ſehr energiſchen Handbewegungen, und fragte dann mit einem pfiffig ſein ſollenden, aber in Wahrheit etwas bos⸗ haftem Lächeln:„So haben Sie Alles drüben gekauft, wie es geht und ſteht,— mit Katzen, Ratten und Mäuſen?“ „Das heißt, lieber Meiſter Wimmer,“ ſagte Herr Kathan freundlich und ſanft,„mit all den Mobilien, welche Fräulein von Wanner nicht mitzunehmen gedenkt.“ „Auch mit dem bewußten Faß im Keller?“ „Was iſt das für ein Faß?“ fragte Herr Joſeph. Hackländer, Kainszeichen. I. — 82— „Nun, nun, das, in dem die eigentliche Staatsräthin begraben liegt.“ Nathan blickte ſeinen Bruder bedenklich an, wobei ſeine Unterlippe etwas ſchlaff herabhing; doch ſagte der andere der beiden Brüder, der ſich überhaupt durch mehr Energie auszeichnete:„Ihr glaubt doch ſelbſt im Ernſte nicht an dieſe Märchen und Fabeln, und daß wir nicht daran glauben, wollen wir Euch beweiſen, indem wir ſo bald als möglich in das Haus hinüber ziehen.“ Der Schreiner kratzte ſich am Kopfe und erwiederte etwas kleinlaut:„Ja, mir kann und muß das im Grunde ſchon recht ſein, auch wäre ich allerdings nicht im Stande geweſen, zwölf Tauſend und ſo viel Gulden baares Geld aufzubringen, gönne Ihnen auch allen möglichen Nutzen; aber Eines könnten Sie mir doch offen und ehrlich ſagen: Glauben Sie wirklich nicht, daß man es endlich einmal einſieht, wie eine Straße durch die Zigeunerinſel die ſchönſte der Stadt werden müßte und einem dringenden Bedürfniß abhelfen, da doch Jeder, der drüben von der breiten Straße nach der Marktſtraße will und ebenſo von der Wallgaſſe nach dem Poſtplatz, einen großen Bogen be⸗ ſchreiben muß, ſtatt gerade durch zu gehen.“ „Es iſt allerdings räthſelhaft, daß ſich die Bauſpeku⸗ lation noch nicht eines ſolchen Terrains bemächtigt hat, und daß die doch ſonſt ſo weiſen Väter der Stadt jedes Geſuch um Eröffnung dieſer Straße unter mitleidigem Achſelzucken ablehnen. Haben wir doch neulich nochmals einen ſchüchternen Verſuch gemacht bei dem Herrn Stadt⸗ direktor ſelbſt, um wieder eben ſo ſchroff abgewieſen zu werden, wie damals, wo wir zuſammen in dieſer Ange⸗ legenheit auf dem Rathhauſe waren. ‚Die Stadt iſt arm, hieß es, ‚und vermag kaum die jetzt ſchon beſtehenden Straßen incluſive Gasbeleuchtung und Canaliſirung zu unterhalten,“ und ferner wurde uns wieder einmal nach⸗ drücklich zu Gemüthe geführt, daß der Magiſtrat doch wohl am beſten die Bedürfniſſe für eine Stadterweiterung zu beurtheilen verſtände. Eine Anzahl Häuſer ſind bald ge⸗ baut, meinte der Herr Stadtdirektor, doch wenn ſich, wie vorausſichtlich, keine Miether fänden, ſo wäre damit nichts gewonnen, als höchſtens eine Vermehrung der Gant⸗ liſte.“ „Wenn ſie es doch nur verſuchen wollten,“ erwiederte Meiſter Wimmer in kläglichem Tone,—„wenn ſie nur eine Straße durchbrechen wollten, man würde ſchon ſehen, welcher Verkehr ſich hier durchbewegte. Ach, es iſt traurig, daß die da eben ſo ſchwer zu einer Einſicht kommen, was für uns nöthig oder nützlich iſt!“ Hier lächelte Herr Joſeph bedeutſam, indem er ſeine Hände an einander rieb, und ſagte dann:„Nun, was dieſe Einſicht anbelangt, ſo fehlt ſie nicht immer geradezu, wohl aber etwas Anderes, was man guten Willen zu nennen pflegt; von dem iſt hier in dieſem Falle das Gegentheil vorhanden. Ja, wenn es nur eine Gleichgül⸗ tigkeit oder Trägheit wäre, welche ſie abhielte, unſere ſo nothwendige Straße zu eröffnen, ſo ließe ſich dagegen durch allerlei wirken. Aber die Sache liegt ganz anders, was — 84— ich Euch, einem verſtändigen Manne, eigentlich gar nicht zu erklären brauchte.“ Der Schreinermeiſter legte ſein Kinn in die Hand⸗ fläche und ſchaute auf die Anderen von unten herauf mit einem immerhin noch zweifelhaften Blicke, in dem indeſſen ſchon etwas wie eine leichte Dämmerung lag, ſo daß er nun langſam mit dem Kopfe nickte, nachdem Herr Joſeph Schropps die Frage geſtellt:„Wohin kommt Ihr, wenn Ihr die Straßenlinie verfolgt?— Nun, Ihr rennt mit dem Kopfe gegen eine Mauer, nicht wahr?— Was liegt hinter dieſer Mauer?— Ein ſchöner Park.— Wem ge⸗ hört dieſer ſchöne Park?— Nun, Meiſter Wimmer, wem gehört er?“ „Allerdings,“ gab der Schreinermeiſter zur Antwort, indem er mit betrübter Miene den Kopf ruckweiſe auf die Bruſt hinabſinken ließ,—„allerdings, da ſteckt der Haken, beim Garten des Herrn Banquiers Bendel.“ „Ah, und ein ſehr ſchöner Garten, den er mit großen Koſten angelegt, mit einer ſtattlichen Mauer umgeben, den er beſtändig verſchönert und den er nicht freiwillig hergeben wird, damit wir eine Straße hindurchführen, und den man ſchwerlich wird zwingen können, weil— nun weil, Meiſter Wimmer,“ ſagte Herr Joſeph mit einem ſarkaſti⸗ ſchen Lächeln—„weil er der Schwager des Herrn Stadt⸗ direktors iſt.“ „Ja, ja, ja, das iſt traurig, aber wahr.“ „Deßhalb iſt hier gar kein Bedürfniß zu einer Straße vorhanden, wie der hochweiſe Magiſtrat zu ſagen pflegt, 85— und deßhalb erkennen auch nur die Schulbuben und Sperlinge hier den mathematiſchen Satz an, daß eine gerade Linie die kürzeſte Verbindung zwiſchen zwei Punkten iſt, und klettern und fliegen von der Marktſtraße nach dem Poſtplatze gerade aus, während geſcheidte Menſchen es ver⸗ nünftig finden, Umwege durch halbe Stadtviertel zu machen. Und daß das anders wird, mein lieber Meiſter Wimmer, werden wir ſchwerlich erleben.“ „Ja, wenn da abſolut nichts zu machen iſt, ſo wäre es mir auch am Ende lieber, meine alte Baracke zu ver⸗ kaufen.“ Herr Joſeph wechſelte einen raſchen Blick mit ſeinem Bruder, ehe er ſagte:„Dazu könnte am Ende Rath werden, Meiſter Wimmer. So viel ich weiß, ſtößt Ihr Grundſtück an das der Frau Staatsräthin, und da wir wohl geſonnen ſind, ſpäter den Garten noch zu vergrößern, ſo ließe ſich ja darüber einmal reden.“ „Und doch will ich es nicht hergeben,“ entgegnete der Andere in trotzigem Tone,—„lieber noch ſollte mir das Haus über dem Kopfe zuſammenfallen.“ „Jedenfalls glaube ich auch, daß es beſſer iſt, wenn man noch zuwarten kann; wer weiß, was die Zeit bringt!“ Es war dies allerdings nur ein ganz ſchlimmer Troſt und fühlte ſich auch der Schreiner ſo wenig erbaut davon, daß er bald darauf kurzen Abſchied nahm und das Haus der Gebrüder Schropps verließ. Als an dieſem ſelbigen Tage der junge Quinſcheidt aus der Schule heimgekehrt war und ſeinen Bücherranzen von der Schulter herabgleiten ließ, um ihn vorläufig in irgend einen Winkel zu ſchleudern, hielt er plötzlich damit ein und blickte erſtaunt auf ſeinen Vater, der unverkennbar Anſtrengungen machte, um dem ärmlichen Zimmer einen wohnlichen Anſtrich zu geben. Er hatte nicht nur ſein einfaches Bett in das Gelaß hinüber geſchafft, wo ſich das Lager ſeines Sohnes befand; er hatte nicht nur den alten wackeligen Tiſch in die Mitte des Gemaches gerückt und ſeine drei Stühle darum geſtellt, ſon ern auch dieſen Tiſch mit einem Stück Zeug bedeckt, das große Aehnlichkeit hatte mit einem alten verblichenen Plaid. Er hatte eine zerſprungene Fenſterſcheibe ſinnreich unter einem Fetzen weißer Leinwand verborgen und auf dieſe Art noch einen Vorhang hergeſtellt, der ſich recht freundlich machte; er hatte ſein Portrait, als jugendlicher Lieutenant, mit einer Waffentrophäe umgeben, beſtehend aus einem roſtigen Säbel, ein Paar defekten Piſtolen und einem alten Bajo⸗ nette. Ja, er hatte es nicht verſchmäht, das Zimmer ſelbſt ſauber auszukehren, auch die verblichenen Kiſſen ſeines Lehnſtuhls tüchtig zu klopfen und dieſen dann an das Fenſter zu ſtellen, was alles zuſammen, beſonders aber das Letztere, einen ſo behaglichen Eindruck machte, daß dem jungen Quinſcheidt die erſtaunte Frage nach dem Grunde dieſer großartigen Veränderung wohl zu ver⸗ zeihen war. „Pah,“ erwiederte der Major,„es hätte mir auch ohne irgend welche Urſache Vergnügen machen können, hier ein Bischen militäriſche Ordnung zu ſtiften, was dringend — 8,— nothwendig war, auch um dir, mein Sohn, ein gutes Beiſpiel zu geben; doch will ich nicht verſchweigen, daß wir Beſuch erwarten, und zwar einen Beſuch, der länger bei uns bleiben wird, ſo zu ſagen als Hausgenoſſe oder vielmehr als Hausgenoſſin,— ich finde dein Erſtaunen begreiflich und werde es noch vermehren, wenn ich dir ſage, daß ich mich nach reiflicher Ueberlegung entſchloſſen habe, die Enkelin der verſtorbenen Staatsräthin zu mir zu nehmen, um fün ihre künftige Erziehung Sorge zu tragen.“ Das alles klang ſo außerordentlich, ſo märchenhaft, daß der junge Quinſcheidt ſeinen Vater mit offenem Munde anſtarrte, den Bücherranzen neben ſich auf den Boden niedergleiten ließ, um erſt nach einer guten Weile die Worte hervorzubringen:„Was, die Kleine von drüben kommt zu uns, um künftig bei uns zu wohnen?“ „Nach reiflicher Ueberlegung und Abſprache mit ihrer Tante, dem Fräulein von Wanner. Du erſiehſt daraus, in welchem Anſehen dein Vater trotz unverdienter, be⸗ ſchränkter Vermögensverhältniſſe auch bei anderen achtbaren Leuten ſteht, da man ſich entſchließt, ſeinen Händen liebe Familienangehörige anzuvertrauen.“ „Die Sache hat auch für uns ihre angenehmen Seiten, mein lieber Georg,“ fuhr er in vertraulichem Tone fort, „denn man zahlt mir eine weitaus genügende Entſchädi⸗ gung für die nicht bedeutenden Unterhaltungskoſten des kleinen Mädchens, und mein Feldzugsplan iſt folgender⸗ maßen feſtgeſtellt: dies hier iſt unſer Wohnzimmer, nebenan — 88— ſchlafen wir gemeinſchaftlich, und für die Kleine habe ich ein Stübchen von Meiſter Wimmer unter ſehr vortheil⸗ haften Bedingungen erhalten. Nun, was ſagſt du dazu, mein Sohn?“ „Mir iſt das arme kleine Ding ſchon recht, und wenn ſie es hier bei uns in manchen Dingen nicht ſo gut hat, als bisher, ſo wird es ihr doch nicht unangenehm ſein, aus dem Hauſe drüben fortzukommen.“ „Verſtehe mich recht, mein lieber Georg,“ ſagte der alte Offizier, indem er ſeinen Arm vertraulich um die Schulter des Sohnes legte,—„wenn uns auch die Kleine hier und da einige Mühe und Laſt verurſacht, ſo halten wir es doch für ein Glück, daß ſie zu uns kommt. Du weißt, wie kümmerlich ich mich durchſchlagen mußte, um mit meiner mageren Penſion gemäß der Stellung leben zu können, die man doch nun einmal einnimmt. Mir einen neuen anſtändigen Rock zuzulegen, dazu war ich ſchon ſeit Jahren nicht mehr im Stande, und über un⸗ ſeren Mittagstiſch wollen wir lieber gar nicht reden. Doch bin ich von nun an in den Stand geſetzt, aus dem be⸗ nachbarten Speiſehauſe mindeſtens anderthalb Portionen holen zu laſſen, und können wir jetzt gemeinſchaftlich wie⸗ der einmal erfahren, wie des Morgens ein warmer Kaffee ſchmeckt. Was den innern Dienſt des Hausweſens anbe⸗ langt, ſo werde ich das nach wie vor ſelbſt beſorgen, wozu mir die Zeit nicht mangelt, bis vielleicht ſpäter durch weiſe Erſparniſſe hier und da die Möglichkeit wäre, irgend einen dienſtbaren Geiſt bezahlen zu können,— dann auch,“ fuhr 89— er die Hände reibend fort, wobei er zum Fenſter hinaus in weite, weite Ferne blickte,—„wäre ja die Möglichkeit, nach und nach irgend ein Stück Möbel anzuſchaffen, ein paar gute Betten,— auch ſo was von Comfort,— Bücher für dich, mein lieber Georg, auch Schlittſchuhe für den Winter— hier und da eine, ordentliche Cigarre— du könnteſt ſpäter mit dem kleinen Mädchen Privatſtunden nehmen— ich hin und wieder einmal das Kaffeehaus beſuchen— und wir Alle mit einander annähernd wieder ſo glücklich werden, als dazumal, wo deine arme Mutter noch lebte und es Leute gab, die ſich um uns bekümmerten.“ Der alte Militär hatte bei dieſen letzten Worten ſein Geſicht langſam hinabſinken laſſen auf das lockige Haupt ſeines Sohnes, und es durchzuckte dieſen ſchmerzlich, als er empfand, wie ihn der Vater darauf feſt in ſeine Arme drückte. „Ja, wir wollen recht glücklich ſein, Papa, und ich will das kleine Mädchen wie meine Schweſter lieben.— Wo iſt ſie— wann wird ſie zu uns kommen?“ „Morgen, mein lieber Sohn.“ „Weiß ſie es ſchon?“ „Ich denke, man hat ihr davon geſprochen.“ „So will ich nach ihr ſehen, um ihr zu ſagen, wie ſehr es mich freut, daß ſie bei uns wohnen wird.“ Er eilte fort, die Treppe hinab, prallte aber unten an der Thür der Werkſtätte ein wenig auf die Seite, um die beiden Schreinergeſellen vorbei zu laſſen, die unter dem Vorantritt des Meiſters ihre eben erſt fertig gewordene — 90— Arbeit nach dem Hauſe der verſtorbenen Staatsräthin zu tragen im Begriffe waren; dieſem Zuge ſchloß er ſich an und kam ſich dabei wie ein echter Leidtragender vor, um was? wußte er eigentlich ſelbſt nicht, am wenigſten um die alte Dame, von welcher er, ſowie auch die meiſten anderen Kinder auf der Zigeunerinſel, nicht glauben konnte und wollte, daß dieſelbe nun wirklich todt ſei, ſondern alle waren der feſten Meinung, dieſelbe habe ſich mit dem Sterben einen kleinen Scherz erlaubt und werde morgen oder wann es ihr beliebe wieder in ihrem Garten ſitzen, mit den bunten Fähnchen ſpielend. Unter dieſen Gedanken erreichte er, hinter den Geſellen gehend, das unverſchloſſene Gartenthor und dann die Hausthür, die aber erſt nach wiederholtem Anläuten von der kleinen Sophie geöffnet wurde. Als das Kind ſah, was zu ihr hereingebracht werden ſollte, da machte es unter einem leiſen Schrei den Verſuch, die Thür wieder zuzudrücken. Sie hatte ihren Spielgefährten von neulich, den jungen Quinſcheidt, noch nicht bemerkt, und als ſie ihn jetzt ſah, ſchlüpfte ſie raſch zur Thür hinaus und ſchmiegte ſich wie Schutz ſuchend an ihn. „Ach, das iſt lieb, das iſt ſchön,“ ſagte ſie in einem ſchluchzenden Tone,„daß du gerade jetzt gekommen biſt! ich habe mich ſo entſetzlich gefürchtet, da ich allein im Hauſe bin.“ „Ganz allein?“ „Ganz allein; ſchon mehr als zwei Stunden. Die Tante und die Rieke ſind in die Stadt gefahren— und — 91— jetzt kommt auch das noch,“ ſetzte das Kind mit ſcheuem Blick auf die Männer hinzu, die ſoeben ſchwerfällig die Treppe hinaufſtiegen—„wie ich mich davor fürchte, wie ich mich davor fürchte!“ „Das habe ich mir gedacht,“ erwiederte Georg,„und deßhalb bin ich gekommen, um ein Bischen bei dir zu bleiben, wenn dir's recht iſt.“ „Ob mir's recht iſt!“ rief das Kind mit leuchtenden Augen,„es iſt mir immer recht, wenn du zu uns kommſt, und jetzt bin ich ſo froh, daß ich dir Alles geben will, was du magſt, meinen Canarienvogel oder mein Bilder⸗ buch, ja, auch meine große Puppe, von der du aber nichts wiſſen willſt.“ „Das iſt allerdings kein Spielzeug für mich, liebe Sophie,“ entgegnete er mit verlegenem Lächeln,„auch brauchſt du mir nicht gleich etwas zu ſchenken, ich bin recht gern ſo gekommen.“ „Wie mich das freut!“ „Ja, und auch weil mein Vater es gewünſcht hat, du weißt, mein Vater da drüben, der heute Morgen bei deiner Tante war.“ „Ja, ich weiß, ich weiß,“ erwiederte das Kind eifrig, „als er fort war, kam die Rieke zu mir herunter, brachte mir das Geſangbuch der Großmutter und ſagte: ‚Da war eben der Herr Major Quinſcheidt da, ein ſehr braver Mann, der dich gut leiden kann.“ „Das iſt auch wahr.“ „Und der dich vielleicht in ſein Haus nehmen wird, — wenn die Tante und ich,“ ſagte die Rieke,„eine Reiſe 5 61 machen müſſen. „Wäre es dir recht, in unſer Haus zu kommen?“ „O gewiß, o gewiß, nur fort von hier und am lieb⸗ ſten bei euch,— horch! horch! ſeit die Großmutter todt iſt, kracht und klingt es immer im Hauſe— wie eben jetzt— ich ſterbe noch vor Furcht.“ Die beiden Kinder hatten ſich auf ein Bänkchen vor dem Hauſe geſetzt und auch der tapfere Georg lauſchte jetzt mit einiger Beklemmung auf die dumpf dröhnenden Ham⸗ merſchläge, die von oben herab erklangen, obgleich er wohl wußte, daß das durchaus nichts Unnatürliches war. Dann aber verlängerte ſich ſein Geſicht plötzlich, als nun mit Einem Male aus dem Keller herauf ein Gepolter erklang, als ſtürze dort etwas um, oder als bräche irgend ein morſches Holzwerk zuſammen, wobei ſich das kleine bleiche Mädchen ängſtlich an ihn ſchmiegte. Beide Kinder fuhren ſchreckhaft zuſammen, als gleich darauf eine Stimme hinter ihnen ſprach:„Was macht ihr denn für einen Lärmen da unten?“ Nun war aber der Fragende niemand anders, als Meiſter Wimmer, welcher die Treppe herabgeſtiegen war, und ſich mit erſtaunten Blicken über das Geländer hinab⸗ beugte, um hinunter in den dunklen Raum zu ſchauen. „Wir haben keinen Lärm gemacht,“ verſicherte Georg, „wir ſitzen ja hier ganz ruhig vor dem Hauſe. Sehen Sie doch einmal nach, Herr Wimmer, was das eigentlich geweſen iſt, wir haben es auch gehört.“ — 93— „Uich!“ machte der Schreiner und ſagte dann:„Ich gehe nicht gern in anderer Leute Häuſer unberufen ſpa⸗ ziren, beſonders hier nicht;— was wird es auch geweſen ſein? Vielleicht iſt eine alte Weinſtellage zuſammengefallen.“ Er ſagte das in einem gleichgültigen, ruhigen Tone, blickte aber doch dabei ſcheu zu dem Keller hinab, als er mit ein paar großen Schritten vor die Hausthüre trat, ſchaute auch mit einem ſehr ernſten Geſicht auf das kleine Mädchen, als dieſes ſagte:„Geſtern Nacht, als die Großmutter geſtorben, hat es drunten auch ſo gepoltert.“ „Ja, eine alte Stellage— eine alte Stellage.— uich — das wird es geweſen ſein,— nun behüt' euch Gott mit einander, Kinder, ich habe jetzt nichts mehr hier zu thun.“ Er eilte davon und gleich darauf folgten ihm ſeine beiden Geſellen, worauf die Kinder allein vor dem Hauſe ſitzen blieben, Hand in Hand, an einer Seite des Bänk⸗ chens, ſo weit als möglich vom Hauſe entfernt. „Du wirſt es aber bei uns nicht ſo ſchön haben, wie hier bei euch,“ ſagte Georg nach einer Pauſe,„wir ſind arme Leute und unſere Wohnung iſt ſehr klein.“ „O, es iſt doch gewiß viel ſchöner, viel ſchöner; es wohnen bei euch auch viele Leute im Hauſe und zu dir kommen Kinder, mit denen ich auch ſpielen kann.“ „Das iſt wohl wahr, und ein kleines Stübchen be⸗ kommſt du auch; wir hängen den Canarienvogel an's Fenſter.“ „Ich bin nicht mehr ſo allein wie hier.“ „Wir gehen zuſammen auf den Spielplatz da drüben.“ „O, das wird ſchön, ſehr ſchön!“ ſagte das kleine Mädchen, wobei ihre Augen heiter und glücklich ſtrahlten, „weißt du was? Wir könnten jetzt gleich zu dir hinüber gehen, denn wenn ich jetzt allein hier bleiben muß, ſo habe ich ſchrecklich Angſt.“ So weit gingen allerdings die Inſtructionen nicht, welche Georg in Betreff der neuen Hausgenoſſin von ſeinem Vater erhalten, doch glaubte er es auf ſich nehmen zu können, das Kind wenigſtens zu einem vorläufigen Beſuche mitzunehmen. Auch fühlte er ſich ſelbſt nicht heimiſch hier an der offenen Hausthür, weßhalb er ohne weiteres Be⸗ ſinnen dieſe zuzog und dann mit Sophie nach Hauſe ging. Konnte man doch von dem Fenſter ſeiner Woh⸗ nung auf das einſame Haus ſehen, und ſobald die Tochter der Staatsräthin zurückkäme, würde ſein Vater das kleine Mädchen gewiß recht gern zurückbringen. Was nun Fräulein von Wanner anbelangte, ſo war ſie von den Gebrüdern Schropps in die Stadt gefahren, um dort einige nothwendige Beſuche zu machen; ſie hatte zu dieſem Zwecke einen ganz hübſchen Wagen kommen laſſen, deſſen Kutſcher ſich in einer Art Trauerlivrée be⸗ fand, und ebenſo der Lohnbediente, der neben dem Roſſe⸗ lenker auf dem Bocke ſaß. Fräulein Wilhelmine ſelbſt, ſowie auch ihre Kammerjungfer, waren ſchwarz gekleidet, und da hiedurch der an ſich ſchon blaßgelbe Teint der Erſteren noch ſchärfer hervortrat, auch ihre Augen durch häufiges Reiben etwas geröthet erſchienen, ſo hatte ſie ganz das Anſehen einer ſich bekümmernden Leidtragenden, einer unglücklichen Tochter, was ſich beſonders gut machte bei ihrem Pfarrer und Seelſorger, der denn auch mit Salbung und Würde Angeſichts der bleichen Trauernden ſogleich einen paſſenden Uebergang fand, auf den Tod im Allgemeinen kam und tröſtlich ſprach von dem noth⸗ wendigen Vergehen alles Irdiſchen, ſowie von dem unſäg⸗ lichen Glück des Wiederſehens da oben. Dann verſicherte er, pünktlich zur Beerdigung erſcheinen zu wollen, ſich auch, wie die ſchmerzlich Bewegte es gewünſcht, jeder längeren Trauerrede zu enthalten, und als Fräulein von Wanner ihren Entſchluß ausſprach, gleich nachher zur Linderung ihres Schmerzes eine Reiſe antreten zu wollen, weßhalb ſie jetzt ſchon ihre Verbindlichkeiten erfüllen wolle, und ſodann ſchüchtern das Honorar für ſeine Bemühungen in einem Briefcouvert überreichte, wies er dies ſcheinbar zurück, aber mit einer ſo entſchiedenen Bewegung gegen ſeinen Schreib⸗ tiſch, daß ſie das Opfer mit einer tiefen Verbeugung dort hin legte. Dann fuhr ſie zum Stadtdirektor, Herrn Dalberg, deſſen Vater ein ziemlich genauer Bekannter der verſtor⸗ benen Staatsräthin, beſonders aber des Mannes derſelben geweſen war, und der ſich, der Stadtdirektor nämlich, bei verſchiedenen und mitunter verdrießlichen Angelegenheiten recht freundlich und wohlwollend erwieſen. Fräulein Wil⸗ helmine wollte ſich auch hier vor ihrer Reiſe verabſchieden und hielt es dabei für gerathen, ſich bei dem geſtrengen Stadtoberhaupte nochmals in gute Erinnerung zu bringen. — 986— Konnte doch nach ihrer Entfernung ſo Manches vorfallen, beſonders in Betreff ihres an die Gebrüder Schropps ver⸗ kauften Anweſens, daß es für ſie wichtig war, auf die Hülfe des erſten und mächtigſten Beamten der Stadt rechnen zu dürfen; ja, ſelbſt was die vorlauten und wahr⸗ ſcheinlich ungünſtigen Reden ihrer Nachbarn anbelangte, ſo war es ihr nicht gleichgültig, ob dieſe Reden in höhe⸗ ren Kreiſen der Bürgerſchaft ein geneigtes oder ungläubiges Ohr fänden. War doch der Stadtdirektor der Mann, der alles dergleichen mit einem einzigen Worte und einer ihm eigenthümlichen, majeſtätiſchen Handbewegung nieder⸗ zuwerfen vermochte, beſonders wenn Wort und Handbe⸗ wegung von einigen weiblichen, ſehr wichtigen Mitgliedern der Familie deſſelben wirkſam unterſtützt wurden. Deßhalb ließ ſich auch die Tochter der Staatsräthin bei der Frau Stadtdirektor anmelden, wobei ſie voraus⸗ ſetzte, daß, da es um die Mittagsſtunde war, auch der Herr Stadtdirektor zu Hauſe ſein und ihren Worten ein gütiges Ohr leihen würde, beſonders wenn er ſie in freund⸗ licher Unterredung mit ſeiner Gemahlin anträfe. Doch ſchien ihr in ſo fern nicht Alles nach Wunſch gehen zu wollen, als das Dienſtmädchen beim Oeffnen der Thür in einem offenbar verlegenen Tone ſagte,„ſie wiſſe wirklich nicht, ob die Frau Stadtdirektor zu Hauſe ſei,“ und erſt als der Beſuch ſeinen Namen ſehr laut und deutlich ausſprach und eine Stimme aus der Küche rief: „Ich komme ſogleich!“ ließ die Dienerin ſie in das Zim⸗ mer treten und bot ihr einen Stuhl an. 97— Lange brauchte ſie nicht zu warten, denn die Haus⸗ frau kam gleich aus der Küche hinter ihr drein, wobei ſie ſich mit der einen Hand eine weiße Schürze etwas un⸗ ſanft vom Leibe riß, während ſie mit der anderen ihre bänderreiche Haube raſch zurecht rückte. Ihr geröthetes Geſicht zeigte, daß ſie ſich in unmittelbarer Nachbarſchaft des Küchenfeuers befunden, und gab ſie ſich auch durchaus keine Mühe, dies zu verheimlichen, denn ſie ſagte ſchon im Hereintreten:„Sie müſſen ſchon entſchuldigen, Fräulein von Wanner, daß ich eine Standesperſon, wie Sie, ein paar Minuten warten ließ, oder daß ich nicht gleich ſelbſt hervorſtürzte, um Sie in meinen Salon zu führen, du lieber Gott, man iſt eben auch ein Bischen Hausfrau, bald mehr, bald weniger, und wenn ich auch im Gewöhn⸗ lichen meine Köchin allein machen laſſe, ſo gibt es doch auch Tage, wo ich ſelbſt nachſehen muß, damit Alles ordentlich vor ſich geht!“ „Es wäre mir recht ſchmerzlich, Frau Stadtdirektor,“ erwiederte die alſo und in ſprudelnder Weiſe Angeredete, „wenn ich denken müßte, Ihre koſtbare Zeit ganz ohne Noth und ungebührlich lange in Anſpruch zu nehmen. Doch hielt ich es für meine Pflicht, mich Ihnen und Ihrem verehrten Herrn Gemahl vor meiner Abreiſe in freundliche Erinnerung zu bringen.“ „Ah, Sie wollen verreiſen,— doch nicht mit der Mama? denn in dem Alter—“ Fräulein Wilhelmine ſchlug ſchmerzerfüllt die Augen nieder, und jetzt erſt bemerkte die Frau Stadtdireliod, daß Hackländer, Kainszeichen. I. — 98— der Beſuch ſchwarz gekleidet war, und erinnerte ſich auch, etwas vom Tode der Frau Staatsräthin geleſen zu haben, weßhalb ſie ſich raſch verbeſſernd ſagte:„Ach, wie ich doch vergeßlich bin! Die Frau von Wanner iſt ja endlich ge⸗ ſtorben. Wie alt iſt ſie doch geworden? Ich glaube, hoch in die Neunzig. Ja, ſo ein Glück,— nämlich ſo alt zu werden, Fräulein von Wanner, ſonſt halte ich es ſelbſt⸗ verſtändlich für ein Unglück, wenn einem die Mutter ſtirbt, für ein rechtes Unglück, und hat die liebe Selige noch ſehr leiden müſſen?“ „O nein, Frau Stadtdirektor, danke für die gütige Nachfrage, ſanft und friedlich, wie ſie gelebt, war auch ihr Ende. Gott ſchenke jedem Chriſtenmenſchen ein ſol⸗ ches—“ „Und nun wollen Sie verreiſen? Aber Sie haben ganz Recht darin; ich muß Ihnen ſchon ſagen, ich habe lange nicht begreifen können, wie Sie es da drüben auf der Zigeunerinſel aushalten konnten.“ „O, es war da recht ſtill und friedlich!“ „Ja, am Tage, aber des Nachts ging es dort um ſo geräuſchvoller zu, wie mein Mann, der Stadtdirektor, ſagt, welcher meint, es wäre am beſten, wenn man die ganze Zigeunerinſel mit einer hohen Mauer umſchlöße, für welche Maßregel ich auch jetzt ſtimmen möchte, weil Sie im Begriffe ſind, dieſes etwas verrufene Stadtviertel zu verlaſſen.“ Es flog ein eigenthümliches Lächeln über die Züge der Trauernden, als ſie zur Antwort gab:„Die Zigeuner⸗ — 99— inſel mit einer Mauer zu umgeben, wäre doch wohl ein zu koſtſpieliges Mittel, und ich wüßte wohl ein beſſeres.“ „Das ſollten Sie meinem Manne ſagen,“ entgegnete raſch die Frau Stadtdirektor, doch horchte ſie, während ſie das ſagte, aufmerkſam gegen die Küche hin, von wo man ein verdächtiges Ziſcheln vernahm. „Ich will mich glücklich ſchätzen, Ihrem Herrn Ge⸗ mahl ein ſo einfaches Mittel angeben zu können.“ „Ein einfaches Mittel?“ fragte Frau Dalberg mit Erſtaunen,—„das wäre auch mir intereſſant zu hören. Haben doch ſchon mein Mann, der Stadtdirektor, der Herr Stadtſchultheiß und der Gemeinderath nicht wenig Zeit verloren, ein Mittel zu erſinnen, um die Zigeuner⸗ inſel unſchädlich und anſtändig zu machen. Sie müſſen mich recht verſtehen, Fräulein von Wanner, in einigen Beziehungen anſtändiger zu machen, denn es wohnen da ja auch ſehr honnette Leute, die aber ebenfalls von ihren unruhigen Nachbarn zu leiden haben,— doch da kommt mein Mann ſelber und Sie können ihm ſogleich Ihr Mittel angeben.“ Der Stadtdirektor, eben von ſeinem Bureau auf dem Rathhauſe zurückgekehrt, trat, Hut und Stock in der Hand, in das Zimmer, ging ſogleich in gemeſſenen Schritten und in feierlicher Haltung auf Fräulein von Wanner zu, reichte ſeine Rechte und ſagte mit dem tiefernſten Tone der Stimme, den wir gern anzunehmen pflegen, um unſer ſchmerzliches Beileid zu bezeigen:„Es hat dem Himmel gefallen, end⸗ lich das innige Band zu löſen, das Sie ſchon lange Jahre ——j ——————— —⸗⸗-— — 100— auf ſo erfreuliche Art vereinigte mit Ihrer geſchätzten Frau Mutter, der Frau Staatsräthin, jener vortrefflichen Freun⸗ din meines verſtorbenen Vaters. Erlauben Sie mir, Ihnen meine tiefe Wehmuth auszudrücken und Sie zu bitten, über mich zu verfügen, wo und wie ich im Stande ſein könnte, Ihnen irgend einen kleinen oder großen Dienſt zu leiſten.“ Fräulein Wilhelmine preßte das Schnupftuch an die Augen, und da hiedurch eine kleine Pauſe entſtand, ſo benutzte dieſe Madame Dalberg, um zu ſagen:„Fräulein von Wanner iſt im Begriffe, ihr Haus auf der Zigeuner⸗ inſel zu verlaſſen, um ſich durch eine Reiſe zu zerſtreuen. Gerade als du in's Zimmer kamſt, ſprachen wir darüber und ich konnte nicht umhin, dem Fräulein zu ſagen, daß es mich auch für ſie freue, die unruhige Nachbarſchaft zu verlaſſen, und da gab ein Wort das andere.“ „Wie gewöhnlich,“ ſchaltete der Stadtdirektor mit mil⸗ dem Lächeln ein. „Und da ſagte mir Fräulein von Wanner, ſie wüßte ein vortreffliches Mittel und ſogar ein ſehr einfaches Mittel gegen die Sorge, welche dir und dem geſammten Stadtrath ſchon die Bewohner der Zigeunerinſel verur⸗ ſachten.“ „Das wäre allerdings der Rede werth, denn ich muß Ihnen ſchon geſtehen, mein Fräulein, daß mich zum Oef⸗ tern nur die Rückſicht auf die Ruhe auch Ihrer trefflichen Mutter von energiſchen Maßregeln abhielt wegen häufig dort vorkommender Unziemlichkeiten,— bitte, ſagen Sie ———.—— mir Ihr Mittel,“ ſetzte er unter einem allerdings freund⸗ lichen, aber ungläubigen Lächeln hinzu. „Es iſt vielleicht anmaßend,“ erwiederte Fräulein von Wanner,„mir ſolch' gereiftem Urtheile gegenüber einen Rath zu erlauben oder ſchüchtern eine Idee auszuſprechen, aber ich glaube, man könnte das ganze Treiben auf der Zigeunerinſel dadurch unſchädlich machen, daß man dieſes große Terrain durch ein paar neu anzulegende Straßen mit der übrigen Stadt in eine innigere Verbindung brächte.“ „Um Gotteswillen!“ rief Madame Dalberg mit allen Zeichen des Schreckens,„das wäre ein fürchterliches Mittel; denken Sie doch nur, wenn man da hinein eine Oeffnung machte und die ganze Blaſe unruhigen Geſindels über die ſonſt ſo ruhige Stadt auslaufen ließe! Ein ſchreckbarer 1 1 Gedanke! Nein, dann lieber Mauern und Thore und Alles . recht feſt abgeſchloſſen,— das möchte ich jetzt um ſo mehr empfehlen, als Sie ja ſchon nicht mehr zu jenen Bewoh⸗ e nern gehören.— Aber was iſt das?“ fuhr ſie in ganz 3 anderem Tone fort, während ſie gegen die Stubenthür 1 ſchnüffelte, von woher ſich allerdings ein brenzlicher Geruch . bemerkbar machte,—„ich glaube, mein Braten iſt an⸗ gebrannt; Sie müſſen mich ſchon entſchuldigen, Fräulein 1 ; von Wanner.“ ⸗ Der Stadtdirektor hatte ſeine linke Hand auf die Hüfte 1 n gelegt und die rechte ein wenig erhoben, als er in einem b gütigen, wohlwollenden Tone ſagte:„Sie werden über⸗. zeugt ſein, mein Fräulein, daß es unſere beſtändige und 402— dringende Sorge iſt, über das Wohl der Stadt zu wachen, und daß wir es uns beſonders angelegen ſein ließen, die Zigeunerinſel, dieſen einigermaßen wunden Fleck unſeres Gemeindelebens, unverzagt in's Auge zu faſſen; daß wir auf alle mögliche Abhülfe bedacht waren, ja, daß wir auch ſchon einige Male die von Ihnen ſo eben vorgeſchlagene eifrigſt beriethen. Dort zeigten ſich uns ſogleich unüber⸗ ſteigliche Hinderniſſe; es gäbe da allerdings vier neue Straßen, auch iſt die Stadt der Entwickelung fähig, ſind doch in dieſem Jahre ſechs ganze Neubauten angemeldet, ein erfreuliches Reſultat— nicht einmal zu rechnen aus⸗ giebige Reparaturen und verſchiedene faſt ganz neu herzu⸗ ſtellende Häuſerfronten; aber was iſt alles das gegen die Erbauung von vier neuen Straßen, ein Unternehmen, vor dem uns ſchwindelt und das wir im günſtigen Falle un⸗ ſeren Urenkeln vorbehalten müſſen,— denn Straßen her⸗ zuſtellen mit Kanälen und Gasbeleuchtung, die vielleicht von einer viel ſpäteren Generation benutzt werden: dazu, mein verehrtes Fräulein, reichen die ſtädtiſchen Mittel bei Weitem nicht hin.“ Er hatte dieſe Sätze mit erhobener Stimme, etwas deklamatoriſch geſprochen, da er unbewußt in eine Rede hineingerathen war, welche er vor einigen Tagen einem Conſortium von Bürgern gehalten, die zum gleichen Zwecke bei ihm petitionirten,— unruhige Köpfe, die im entfern⸗ teſten nicht daran dachten, ſelbſt dort zu bauen, ſondern die unter Führung eines gewiſſenloſen Banquiers eine Actiengeſellſchaft gründen wollten zum Ausbauen dieſer — 103 vier Straßen,— ja, wenn man mit Papier Häuſer bauen könnte, aber ſo würde es die alte Geſchichte ſein, wie bei all dieſem Actienſchwindel, der dem gewiſſen Kinderſpiel gleicht, wo Einer dem Andern den brennenden Span in die Hand gibt, bis endlich der Letzte, der ſich die Finger verbrennt, zu Schaden kommt. Fräulein von Wanner hatte ſich begreiflicher Weiſe den triftigen Gründen des Stadtoberhauptes auch äußer⸗ lich durch eine zuſtimmende Verbeugung unterworfen, und da ſie ſich gleich darauf erhob, ſo reichte ihr der Stadt⸗ direktor ſeine beiden Hände zum Abſchiede, ſchüttelte kräf⸗ tig die ihrigen und verſicherte ſie ſeiner fortdauernden Freundſchaft und ſeines allerdings nun werthloſen Wohl⸗ wollens. Die Hausfrau kam nicht mehr zum Vorſchein, doch vernahm man ihre Stimme aus der Küche, wo ſie mit zornigem Ausdrucke die an ſich ſehr richtige Behauptung aufſtellte, daß es leichter ſei, einen Braten verbrennen zu laſſen, als ihn herzuſtellen wie er ſein ſolle, und daß Be⸗ ſuche zur Mittagszeit jede anſtändige Hausfrau zur Ver⸗ zweiflung brächten. Laſſen wir übrigens Fräulein von Wanner nach der Zigeunerinſel zurückkehren, während wir hier im Haus des Stadtdirektors einem kleinen Familiendiner anwohnen, das dem Geburtstage des Hausherrn galt, aber nur ganz en petit comité gefeiert wurde, nur von den nächſten Familienangehörigen, mit Ausſchluß aller Fremden, wobei es eigenthümlich war, daß die Familie des Hausherrn ————— 404— nur durch dieſen und allenfalls noch durch ſeine beiden Kinder, einen Knaben und ein Mädchen von acht bis zehn Jahren, vertreten war, während auf der anderen Seite drei Schweſtern der Hausfrau mit ihren Männern beim Eſſen erſchienen. Es waren dies der Banquier Bendel mit ſeiner Gattin, der Kanzleidirektor Schwebeling mit ditto und der Regierungsrath Löſer mit ſeiner beſſern Hälfte, welch' letztere Benennung von zweien der anderen Schweſtern häufig und nicht ohne Beziehung gebraucht wurde, woraus ſich aber der wackere Regierungsrath durch⸗ aus nichts machte, denn er galt für einen Lebemann, ob⸗ gleich er mehr ſo that, als huldige er den Freuden dieſer Welt, ohne ſich um die Nachreden der Welt, ja, ſelbſt die ſeiner eigenen Frau viel zu kümmern. Doch war letztere ein geduldiges, ſchweigſames Weib, die gern zu ſeufzen pflegte und in deren Naturell es lag, die ganze Welt ſtets mit einem Trauerflor bedeckt zu ſehen, weßhalb ſie auch von ihrer Schweſter, der Kanzleidirektorin Schwebeling, die in jeder Hinſicht das vollkommene Gegentheil war, den Namen einer ſtillen Dulderin erhalten hatte. Was den Banquier Bendel anbetraf, ſo war dies ein alter Herr mit einer wohlfriſirten Perrücke, ſehr hohen und ſehr ſteifen Vatermördern, und hätte man ſeine Ver⸗ bindung mit der jüngſten Schweſter der Hausfrau in ſo fern eine Mißheirath nennen können, als Madame Bendel gute zwanzig Jahre jünger als ihr Mann war, dabei eine auffallend ſchöne und blühende Frau, einer prächtigen Roſe vergleichbar, während Herr Bendel ſchon mehr etwas —ꝛ— — 105— von einem ausgetrockneten Dornbuſch an ſich hatte. Doch war er ein guter, etwas wortkarger Mann, der ſich nur auf ſeinem Comptoir glücklich fühlte, oder Abends in der Erholung, wo er täglich ein paar Rubber Whiſt zu machen pflegte. Als man nach den gewöhnlichen freundſchaftlichen Be⸗ grüßungen und den außergewöhnlichen Gratulationen für den Hausherrn die Suppe verzehrt hatte, auch Madame Schwebeling ihrer Schweſter einen leichten Verweis ertheilt, daß ſie ſtets unruhig auf ihrem Stuhle ſäße, wie beſtän⸗ dig zum Auffliegen nach der Küche bereit, fuhr die Kanz⸗ leidirektor fort:„Du haſt ja ſo eben einen Beſuch gehabt; ich ſah Fräulein von Wanner ſchwarz gekleidet dein Haus verlaſſen.“ „Ja, und ſie kam, um Abſchied zu nehmen, da ſie eine Reiſe zu machen gedenkt.“ „Woran ſie ſehr wohl thut,“ entgegnete die Andere, „um gewiſſe Nachreden verſauſen zu laſſen; wenn man auch nicht alles glauben ſoll, was man über ſeinen Näch⸗ ſten hört“— hier ſtreifte ein Blick ihrer ſcharfen grauen Augen den Schwager Regierungsrath—,„ſo hat doch Alles ſeine Gränzen, und wo man ſtarken Rauch ſieht, iſt doch gewöhnlich ein Bischen Feuer, und im Hauſe der Staats⸗ räthin hat es ſehr ſtark geraucht, daran iſt kein Zweifel.“ „Du wirſt doch damit nicht ſagen wollen,“ ſprach der Stadtdirektor lächelnd,„daß dort Sachen vorgekommen ſeien, um die wir uns von Rechts wegen hätten beküm⸗ mern ſollen?“ — 4106— „Es geſchieht viel, was ſogar eure Stadtweisheit nicht ſieht,“ entgegnete Madame Schwebeling,„und man hat genug vernommen von allerlei ſeltſamem Treiben auf der Zigeunerinſel, um, ohne gerade bösartig zu ſein, Manches begreiflich zu finden, nur nicht, wie die Wanners, eine von Seiten des Mannes her reputirliche Familie, dort ſo lange wohnen mochten, wenn's nicht geſchah, um hübſch fern zu bleiben von wißbegierigen Nachbarn.— Darüber kann die Bendel am beſten reden, deren äußerer Garten an die Zigeunerinſel ſtößt.“ „Es wohnen dort viele arme Leute mit zahlreichen Kindern,“ entgegnete die ſchöne Frau mit einem leichten Achſelzucken,„— auch iſt der öde Grund dort der Spiel⸗ platz aller unartigen Buben und Mädchen aus der ganzen Nachbarſchaft.“ „Weßhalb ich mein Eigenthum durch eine hohe Mauer ſchützen ließ,“ warf der Banquier Bendel ein. „Ja, aber mit einem kleinen Gitterthor, ein famoſes Schlupfloch, alter Freund,“ lachte der Regierungsrath, „wenn es dich einmal gelüſtet, ungeſehen aus dem Hauſe zu kommen.“ Madame Löſer ſeufzte bei dieſen Worten, was der Frau Kanzleidirektor Veranlaſſung gab, in ſtrengem Tone zu ſagen:„Bendel iſt ein ruhiger, achtbarer Mann, der keine Schlupflöcher gebraucht.“ „Nun,“ antwortete der Regierungsrath,„man braucht das nicht immer im ſchlimmen Sinne zu nehmen, und auch ſonſt hat ſolch' eine verborgene Hinterthür etwas An⸗ — 107/— genehmes; man will einmal in kleiner Toilette friſche Luft ſchöpfen, und nicht gerade von den Nachbarn geſehen werden.“ „Man geſtattet auch wohl genaueren Freunden dort den Eintritt, um ihnen einen Umweg zu erſparen,— nicht wahr, Frau Schwägerin? War's mir doch ſelbſt ſchon angenehm, das Geheimniß des Schloſſes zu kennen!“ „Das iſt doch kein Geheimniß,“ ſagte Herr Bendel unbefangen,„nur ein Schlüſſel, wie jeder andere.“ „Gewiß,“ meinte die ſchöne Frau lächelnd, wobei in⸗ deß ein ganz leichter Schatten über ihre Züge flog,„ich wüßte auch nichts von einem Geheimniß am Schloſſe.“ „Nun, ihr kennt ihn ja,“ rief Madame Schwebeling in entſchiedenem Tone,„ſeine Phantaſie beſchäftigt ſich immer mit dergleichen geheimnißvollen Dingen, mit Hin⸗ terthüren, Vexirſchlöſſern und ſo was,— verlier' auch du kein Wort darüber, Adeline,“ wandte ſie ſich an Madame Bendel,„nimm dir ein Beiſpiel an unſerer Schweſter Eliſe, man hört das und duldet ſchweigend.“ Diesmal hatte der Regierungsrath doch eine etwas pikante Gegenrede auf der Zunge, die er auch ſicher nicht verſchluckt hätte, wenn jetzt nicht ein Gericht erſchienen wäre, wohl würdig, ſeine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch zu nehmen; grüne Bohnen mit neuen Kartoffeln und einem weſtfäliſchen Schinken, der vor Wonne ſchwitzte in dem Gefühle, von ſo achtbarer Geſellſchaft gegeſſen zu werden. „Deliciös!“ verſicherte die Kanzleidirektor und erfreute ——-—————— ihre Schweſter durch dieſe Anerkennung, ja, richtete ſicht⸗ bar ihr Gemüth auf, denn für die gute Dalberg war ein ſolches Diner, wie für manche brave Hausfrau, eine fort⸗ geſetzte Folterqual, da ſie jeder neuen Schüſſel angſtvoll entgegenblickte. 5 Der Banquier Bendel hatte dem vortrefflichen Schinken gleichfalls tüchtig zugeſetzt und war nach einem aufge⸗ goſſenen Glaſe guten Burgunders offenbar erheitert, als er nun ſagte, nachſinnend aufwärts gegen die Zimmerdecke blickend:„Es iſt da drüben auf der Zigeunerinſel ſchon eine tüchtige Anzahl böſer Buben bei einander. Ich kenne einen braven Mann, mit dem ich zuweilen Geſchäfte mache, Herr Nathan Schropps, der auch ſchon von ihren Bos⸗ heiten genug zu leiden hatte; Herr Schropps lebt da mit ſeinem Bruder ſo ſtill und harmlos wie möglich, es ſind dies überhaupt ein paar Geſchäftsleute von anerkannter Solidität, ruhige Bürger, die kein Wäſſerchen trüben, und doch erzählt mir Herr Nathan, es komme häufig vor, daß ihnen von ruchloſer Hand blutige Zeichen an die Mauern gemalt würden.“ „Ja, ja, das kam auch ſchon vor die Behörde,“ warf der Stadtdirektor ein,„ich habe es ſtrengſtens unterſuchen laſſen, habe ſchon zuverläſſige Leute dort auf Wache ge⸗ ſtellt, und doch kam es vor, daß man am anderen Tage auf einer friſch überſtrichenen Wand deutlich den Abdruck einer blutigen Hand ſah.“ „Das iſt ja entſetzlich,“ ſagte die Kanzleidirektor,„und ſelbſt die hohe, allwiſſende Polizei,“ ſetzte ſie fragend 109— hinzu,„war nicht im Stande, ſolche Miſſethäter zu er⸗ wiſchen?“. „Leider nein, Frau Schwägerin, die hohe und allwiſſende Polizei, um Ihre eigenen Worte zu gebrauchen, legte zwar die Hände nicht müßig in den Schooß, gerieth aber end⸗ lich in ein ſolches Labyrinth, daß es dem ſchärfſten Ver⸗ ſtande unmöglich wurde, die Gränzlinie zwiſchen Wahrheit und Fabel zu unterſcheiden. Auch ich kenne die Gebrüder Schropps nur als ruhige, achtbare Leute, und war deß⸗ halb ſehr erſtaunt, eine ganz eigenthümliche Geſchichte zu erfahren, die ich indeſſen nur hier, in ganz vertrautem Familienkreiſe wiederhole, da ſie durch nichts begründet oder bewieſen werden konnte.“ „Iſt das arg ſchauerlich?“ fragte die bis jetzt ganz ſchweigſame Regierungsräthin. „Es wäre ſchauerlich, wenn es wahr wäre, ſo aber iſt es nichts weiter, als müßiges Geklatſch alter Weiber. Es wurde nämlich vor einigen Jahren ein junger Mann mit den Gebrüdern Schropps geſehen, der ſie nach ihrem Hauſe begleitet und darauf nicht mehr zum Vorſchein ge⸗ kommen ſein ſoll.“ „Gerechter Gott!“ „Ja, dieſes Gerücht trat ſo ſicher auf, daß ſich die hohe, allwiſſende Polizei zu einer Beſprechung mit den Gebrüdern Schropps veranlaßt ſah und ſich überzeugte, daß die ganze Geſchichte auf einer böswilligen Erfindung beruhe.“ „Ja, ja, dieſe Klatſchereien haben ſchon manchem Bie⸗ — 110— dermanne ſchwere Stunden verurſacht,“ ſagte der Regie⸗ rungsrath,„und manches trübe Familienleben entſpringt aus dergleichen vertraulichen Mittheilungen guter Freunde und Freundinnen, beſonders wenn der böſe Samen gün⸗ ſtigen Boden findet.“ „Gib ihm darauf keine Antwort, Eliſe,“ ſagte Ma⸗ dame Schwebeling zu ihrer Schweſter, welche den Regie⸗ rungsrath, der ihr mit dem Glaſe zugewinkt, groß an⸗ ſchaute und allerdings den Mund zum Sprechen oder zum Seufzen öffnete.—„Gott ſei es gedankt,“ fuhr ſie in beſtimmtem Tone fort, während ſie ſich rund umſchaute, „daß es treue Seelen gibt, die uns durch freundliche Mit⸗ theilungen klar ſehen laſſen! Ich glaube alles dergleichen, was man mir erzählt, ſo lange ich nicht vom Gegentheil mich überzeugt habe, und mein Grundſatz iſt: Lieber neun Unſchuldige verurtheilen, als einen einzigen Schuldigen durchſchlüpfen laſſen, was um ſo leichter iſt, da es im Grunde unter Euch keinen einzigen Unſchuldigen gibt, und wo Einer einmal auch ſo thut, da fehlt nur die Ge⸗ legenheit.“ „Aber, mein Schatz,“ ſagte der Kanzleidirektor, eine weiche und milde Natur,„es gibt trotz alledem Aus⸗ nahmen.“ „Ruhig, ruhig im Glied!“ rief lachend der Regierungs⸗ rath,„füllt lieber Eure Gläſer und laſſet uns anſtoßen auf die Tugend aller Frauen, auf das Licht der Ehe, zu dem wir ſchwachen Geſchöpfe die nothwendigen Schatten bilden,— dann ſpeciell noch einmal auf dein Wohl, ——9A:An:———— — 141— Schwager Dalberg, und möge dein künftiges Leben ſüß und ſchäumend bleiben, wie dieſer vortreffliche Champagner — proſt, Bendel, aber trink' auch einmal aus!“ Das that auch der Banquier; doch da es ihm gleich ſchwer wurde, eine noch nicht vollſtändig abgeſchloſſene Rechnung zu verlaſſen, oder ein unbeendigtes Geſpräch, ſo ſagte er:„Haben wir doch ſelbſt ſchon zu leiden ge⸗ habt von unſerer böſen Nachbarſchaft da drüben— Nach⸗ barſchaft in ſo fern, als die Mauer unſeres äußeren Gartens an die Zigeunerinſel ſtößt, nicht wahr, Adeline?“ „Kindereien,“ entgegnete die ſchöne Frau mit einem unmuthigen Zucken ihrer Lippen,„am beſten iſt es, man ſpricht gar nicht darüber.“ „Da hätte die hohe Polizei ſchon aus Familienrück⸗ ſichten ſchärfer auftreten ſollen,“ ſagte Madame Schwebe⸗ ling,„meiner Schweſter einen Strohkranz an die Thür zu hängen!“ „Nun, was den Strohkranz anbelangt,“ ſagte der gutmüthige Banquier,„ſo war dies allerdings eine kin⸗ diſche, nichtsſagende Spielerei, was will ſo ein Strohkranz ſagen?“ Hier lächelte der Regierungsrath ganz eigenthümlich, doch da er von der Kanzleidirektorin dabei ertappt wurde, ſo lenkte er raſch ein, indem er ausrief:„Allerdings, ſo ein Strohkranz iſt eine unverſtändliche dumme Büberei!“ „Gewiß,“ ſagte Herr Bendel kopfnickend,„und wenn es dabei geblieben wäre, würde ich dieſe Sache nie einer Erwähnung für würdig gehalten haben; aber du wirſt — 112— dich erinnern, Adeline, daß die Hände frecher Buben mehrmals nach einander unſere Gartenmauer beſudelten, indem ſie zwei brennende Herzen dorthin malten, die auf ſpindeldürren Beinen einander entgegen liefen, um ſich mit fadenartigen Armen zu umſchlingen. Ja, ein anderes Mal fand ſich eines dieſer Herzen allein ſtehend mit der Ueber⸗ ſchrift: Adeline, ich liebe dich!“ „Empörend!“ rief die Kanzleidirektorin entrüſtet— „ſehen Sie, Herr Schwager, das wäre etwas für Ihre hohe Polizei geweſen,— meinen Sie nicht auch? Oder geſchah irgend etwas, um unſere auf ſolche Art gröblich beleidigte Familie zu ſchützen?“ Statt hierauf ſogleich zu antworten, zuckte der Stadt⸗ direktor mit den Achſeln und ſagte nach einer Pauſe: „Schwager Bendel hat Recht, wenn er von den Händen böſer Buben ſprach. Wer anders könnte ſich auch ſolch' nichtsſagende Schlingeleien erlauben?— ja,“ ſetzte er mit erhobenem Kopfe hinzu,—„die Polizei, welche doch nicht ſo müßig war, wie die verehrte Frau Schwägerin glauben, weiß ganz genau, daß es unreife Buben waren, die ſich dergleichen allerdings ſehr unſtatthafte Malereien erlaubten.“ „Doch lag ſchon ein ſo tiefer Sinn in dieſem kind⸗ lichen Spiel,“ lachte der Regierungsrath,„daß auch wohl Erwachſene mit im Spiele ſein konnten.“ „Welch' tiefer Sinn denn?“ fragte die Hausfrau, während ſich Madame Bendel bückte, um die herabgefallene Serviette aufzuheben. „Nun, daß ſich zwei brennende Herzen, hier natürlich die dieſes glücklichen Ehepaares, entgegen fliegen, geht doch ſchon über den Horizont dergleichen unreifer Buben, eben ſo die Inſchrift: Adeline, ich liebe dich!“ „Ich bitt' Euch, Kinder,“ ſprach begütigend der Stadt⸗ direktor, indem er ſich direkt gegen Madame Schwebeling wandte, da ſich dieſe ordentlich geſpreizt ein paar Zoll hoch erhob, einer erzürnten Truthenne vergleichbar, die im Begriffe ſteht, auf ein anderes naſeweiſes Geflügel nieder zu kollern—„Frieden gebiete ich, wie ſchon die unver⸗ gleichliche Norma ſingt. Wollt Ihr meinen feſtlichen Tag dadurch ſtören, daß wir genau abwägen, ob ein böſer Bube zehn Jahre älter oder jünger iſt?— Das ſind allerdings gehäſſige Angriffe, denen Jeder in einer höheren Lebensſtellung ausgeſetzt iſt. Was könnte ich darüber für Geſchichten erzählen, von anonymen Briefen des gröblich⸗ ſten Inhaltes, eben ſo von Inſchriften, die man ſich nicht entblödet, an die gewiſſer Maßen geheiligten Mauern eines Amtslokales zu ſchreiben! Ich will nur an jene Zeit er⸗ innern, wo die große Schlachthausfrage die Gemüther der Einwohner erhitzte, wo ſich Parteien pour und contre für die Verlegung außerhalb der Stadt bildeten, wo ich, wohlweislich überlegend, längere Zeit mit einer Entſchei⸗ dung zurückhielt und wo ich mit den eben erwähnten In⸗ ſchriften inſultirt wurde. Hieß es doch das eine Mal nicht nur: ‚Brutus ſchläfte— ſondern ein anderes Mal ſogar: ſſchläfſt du immer noch, Brutum?““* Der Regierungsrath trank lächelnd einen Kelch Cham⸗ pagner aus, ehe er ſagte:„Das ſind allerdings gehäſſige, Hackländer, Kainszeichen. I. 8 —-— 114— 885 ₰ unſichtbar geführte Streiche, dis in gewiſſen Fällen auch ihr Gutes haben mögen, oft Ermahnungen für den Betreffenden, wie das berühmte Mene⸗Mene für den hoch⸗ ſeligen König Balthaſar; häufig auch die ſehr nothwen⸗ dige Aufmerkſamkeit Anderer erregend, wie ich mich eines Falles erinnere vor einigen Jahren, als einmal bei der Staatskaſſe etwas nicht ganz in Ordnung ſein ſollte, du erinnerſt dich doch wohl noch, Dalberg?“ Der Stadtdirektor nickte ſchweigend mit dem Kopfe, worauf der andere fortfuhr:„Wer es damals anfänglich gewagt hätte, uns den Schatten eines ſolchen Gedankens ſehen zu laſſen, den würde man als den bösartigſten Verleumder gebrandmarkt haben; ja, ich erinnere mich genau, daß mich, als die erſte Anſpielung ebenfalls in einer Mauerzeichnung am Kaſſengebäude erſchien,— es war das Gemälde einer Kaſſe, unten durchlöchert, ſo daß das Geld herausfiel,— der Regierungspräſident uns rufen ließ, Zimmer und Vorzimmer hinter uns doppelt verſchloß und dann mit zuſammengeſchlagenen Händen in ſeinen Lehnſtuhl fiel, wobei er ausrief: ‚Was ſagen Sie zu dieſen Schändlichkeiten, Löſer? Iſt, nachdem Solches geſchehen, wohl noch der gute Ruf irgend eines Biedermannes ſicher??— Nun, der Biedermann entpuppte ſich bald da⸗ rauf und es fand ſich, daß die Staatskaſſe wirklich ein Loch hatte.“ „Ihr ſeid doch wie die Kinder,“ rief die Hausfrau ſcheinbar verdrießlich, was ſie aber zum Vorwande nahm, um aufzuſtehen und raſch nach der Zubereitung des Kaffees in die Küche zu ſchauen, nachdem ſie hinzugeſetzt:„Wenn ihr einmal auf eure Geſpenſtergeſchichten gerathet, ſo kann kein Menſch mehr ein vernünftiges Wort mit euch reden.“ „Ja, dergleichen ſoll euer ſpecielles Departement blei⸗. ben,“ lachte der Regierungsrath,„man weiß das wohl, und wo ſich einmal Jemand unterſteht, euch ein Bischen durch Inſchriften oder dergleichen eine üble Nachrede zu machen, ſo nennt ihr das einen Eingriff in eure Gerecht⸗ ſame. Iſt doch jede Kaffeegeſellſchaft eine Art von vene⸗ tianiſchem Löwenmaul, worin alle Anklagen über uns arme Ehemänner niedergelegt werden.“ „Das iſt nicht ganz ohne,“ meinte der Stadtdirektor, und ſelbſt der ſchüchterne Herr Schwebeling nickte leicht mit dem Kopfe. „Und wie man das ſogleich merkt,“ fuhr der Regie⸗ rungsrath luſtig fort,„wenn man gewogen worden und zu leicht befunden! Bei jenen langt es alsdann zu einer Gardinenpredigt, bei dieſen, und dazu gehöre auch ich, kommt das bekannte Frage⸗ und Antwortſpiel, wo man denn geſtern eigentlich geweſen, mit wem man ſo intim auf der Straße geſprochen, warum man denn beſtändig erſt nach ein Uhr Mittags zu Hauſe komme, und der⸗ gleichen freundſchaftliche Erkundigungen noch.“ „Gib dir keine Mühe, ihm darauf zu antworten, liebe Eliſe,“ erwiederte Madame Schwebeling für ihre Schweſter, die wirklich im Begriffe war, eine ſchüchterne Gegenrede zu verſuchen; auch hätte ſie wohl noch viel Anderes hin⸗ zugefügt, wenn nicht der Stadtdirektor ſein Glas erhoben — 116— und das Wohl der Damen ausgebracht hätte:„Allen guten Frauen!“ „Die das Leben heiter und fröhlich nehmen,“ ſtimmte der Regierungsrath bei. „Die unſer Daſein durch milde Freundlichkeit ver⸗ ſchönern,“ ſagte Herr Schwebeling, indem er ſchüchtern zu ſeiner Gattin hinüber lächelte. „Die uns die Sorgen von der Stirn lächeln,“ ſprach der Banquier. „Und die es vermögen,“ ſchloß der Stadtdirektor,„ihre lieben Gäſte zufrieden zu ſtellen.“ „Bravo, bravo!“ rief Herr Löſer, worauf er haſtig den Champagnerkelch wieder voll goß, dann mit dem ſei⸗ nigen der wieder eingetretenen Hausfrau zuwinkte, und auf das Wohl der liebenswürdigen Wirthin trank. „Und nun zum Kaffee, wenn es gefällig iſt,“ ſagte dieſe.— Auf der Zigeunerinſel war unterdeſſen auch in ver⸗ ſchiedener Art dinirt worden, wenn auch nirgends mit dem Ueberfluſſe, wie in dem hochbürgerlichen Hauſe, das wir ſoeben verlaſſen; doch wollen wir nicht verſchweigen, daß in manch' ärmlicher Wohnung, in mancher Hütte des ſonſt ſo verſchrieenen Stadttheils mehr herzliche und harmloſe Fröhlichkeit herrſchte, als an der reich beſetzten Tafel des Stadtdirektors. Doch gab es auch trübe Geſichter hier, ſowie verletzende Worte zwiſchen den Tiſchgenoſſen, und nicht einmal da, wo eine Schüſſel Kartoffeln den Hauptbeſtandtheil des Mahles bildete, ſondern unter Anderem in elnem uns wohlbekannten Hauſe, zwiſchen zwei ſchwarz gekleideten Damen, deren Mittageſſen, obgleich nur aus kalter Küche beſtehend, nichts zu wünſchen übrig ließ und wo auch die Flaſchen mit feinen Paßkarten verſehen waren. „Mir iſt es vollkommen gleichgültig,“ ſagte Fräulein von Wanner,„ob der Balg“— damit meinte ſie die kleine Sophie—„jetzt ſchon drüben bei dem alten Lum⸗ pen bleibt— ja, es iſt mir lieber ſo— ſo bleibt uns eine widerliche Abſchiedskomödie erſpart.“ Die andere hatte mit verächtlich aufgeworfenen Lippen zugehört, dann ihr Glas ausgetrunken und daſſelbe etwas unſanft vor ſich hingeſetzt, ehe ſie entgegnete:„Es kann Einem allerdings ſo um's Herz ſein, aber man braucht es doch nicht vor den Leuten zu zeigen; es iſt wahrhaftig ſchon genug über dieſes Haus geſprochen worden, wird auch noch mehr Unnöthiges geplaudert werden, und ich bin überzeugt, daß die ganze Nachbarſchaft begierig auf den Moment wartet, wo bei uns ausgezogen wird.“ „Und ſie ſollen vergebens warten, dieſes niederträchtige Volk! Deßhalb habe ich Alles, wie es geht und ſteht, den Gebrüdern Schropps übergeben.“ „Wie kam es nur,“ fragte die Kammerjungfer nach einer kleinen Pauſe,„daß die Schropps, welche doch, und mit gutem Grunde, als geizig verſchrieen ſind, die Sophie gern mit in den Kauf genommen hätten?“ „Wer kann das wiſſen? Vielleicht hat das heuchleriſche Ding ihnen gefallen, als ſie es neulich Nachts mit nach ——— rr— — 118— Hauſe nahmen, vielleicht hätten ſie mir auch gern ein ſchweres Koſtgeld für ſie angerechnet.“ „Hm,“ machte die Andere,„vielleicht hat auch die Kleine allerlei geplaudert, was den beiden Alten drüben intereſſant genug erſchien, um noch mehr darüber zu hören.“ „O, wenn ich ſo etwas wüßte!“ rief Fräulein Wil⸗ helmine, indem ſie ihre Hand, die auf dem Tiſche lag, zu einer Fauſt zuſammenballte,„doch ſo viel weiß ich,“ fuhr ſie mit einem erbosten Blick auf ihre Tiſchgenoſſin fort,„daß es dir ſtets ein Vergnügen gemacht hat, mich in Allarm zu erhalten, und daß es dir ſtets die größte Luſt war, den Teufel an die Wand zu malen.“ „Das hat man hier in dem Hauſe nicht nöthig,“ er⸗ wiederte die Kammerjungfer in gleichgültigem Tone,„er kommt ungerufen und zeigt ſich bald hier, bald dort.“ Da ſie bei dieſen Worten boshafter Weiſe mit dem Zeigefinger nach verſchiedenen Ecken des halbdunkeln Zim⸗ mers wies, doch nur nach ſolchen, die ſich im Rücken ihrer Herrin befanden, ſo zuckte dieſe unruhig zuſammen, machte aber einen möglichſt ſteifen Kopf auf vorgeſtrecktem Halſe, um auch nicht einmal ſo zu thun, als ſähe ſie ſich zum Umſchauen veranlaßt, und ſagte in gereiztem Tone:„Nun, dieſe Schatten werden dich hoffentlich bald nicht mehr geniren.“ 1 „Dafür ſei dem Himmel gedankt, und wenn ich heute noch dieſes Haus verlaſſen dürfte, würde ich mich ſehr erleichtert fühlen.“ — 119 „Mir wäre das auch recht,“ ſagte Fräulein Wilhel⸗ mine, indem ſie verächtlich die Naſe rümpfte,„doch gäbe das ein neues, unnöthiges Aufſehen, und deßhalb,“ ſetzte ſie in einem hochmüthig kalten Tone hinzu,„bleibſt du, bis morgen Alles vorüber iſt; dafür biſt du, und ich denke theuer genug, bezahlt.“ „Nein, dafür bin ich nicht ſo gut bezahlt worden, ſondern für's Schweigen, Mamſell— und daß ich nicht reden ſoll und darf, das drückt mir noch das Herz ab.“ „Wenn das nur recht bald geſchähe,“ ſagte die liebens⸗ würdige Herrin, wobei ſie unter einem kalten Lächeln mit ihren dünnen Fingern auf dem Tiſch trommelte und die Andere frech herausfordernd anſchaute,„mögeſt du zu Grunde gehen, ſo bald als möglich!“ „Ein Wunſch, der ganz aus Ihrem Herzen kommt,“ ſagte die Andere, und ſetzte lachend hinzu:„doch fühle ich mich ſtark und kräftig genug, um Ihnen ſpäter einmal den gleichen Liebesdienſt erweiſen zu können, wie der Alten da drinnen, die ſo wenig Ihre Mutter iſt, als ich.“ Fräulein Wilhelmine blickte ſcheu um ſich und ſchnappte ein paar Mal mühſam nach Athem, während ihre Finger nach der Flaſche zuckten, welche vor ihr auf dem Tiſche ſtand; doch zwang ſie ſich gleich darauf zu einem ruhigen Lächeln, während ſie erwiederte:„Du kannſt hier zwiſchen dieſen Mauern reden, was du willſt, weißt aber ganz genau, was dich erwartet, wenn du ſpäter dein verlogenes Maul nicht halten würdeſt. Ich habe dich feſt in meiner 120— Hand, und es würde mir ſogar ein Vergnügen machen, mit dir vor Gericht zu erſcheinen.“ Das ſagte Fräulein Wilhelmine anſcheinend ziemlich unbewegt, doch hatte ihr gelber Teint dabei eine faſt graue Farbe angenommen, ihre Unterlippe hing ſchlaff herab und ihre Finger zitterten ſichtlich, als ſie wieder den Ver⸗ ſuch machte, auf dem Tiſche zu trommeln, worauf die Andere ein lautes Gelächter aufſchlug und ſich dann ein Glas Wein eingoß, das ſie ruhig austrank, ehe ſie heiter erwiederte:„Wenn wir Beide, ſo wie wir ausſchauen, vor Gericht erſchienen, da wäre wohl nicht der geringſte Zweifel, wen man von uns zum Galgen führte.“ Dann erhob ſie ſich langſam und behaglich, ſtützte ſich ein paar Augenblicke mit beiden Fäuſten auf den Tiſch, dabei ihr Gegenüber frech anſtierend, und wandte ſich hierauf langſam nach der Thür, wobei ſie, den Kopf über die Achſel gewendet, ſprach:„Wünſche geſegnete Mahlzeit, gnädiges Fräulein; ich werde jetzt die Sachen der Kleinen zuſammenpacken und hinüber ſchicken, auch ſie nochmals herzlich grüßen laſſen von ihrer lieben Tante.“ Wir wollen jetzt, dem Lauf unſerer wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte gemäß, zu einem andern, behaglicheren Bilde über⸗ gehen, wo noch eine kleine, aber heitere Geſellſchaft nach eingenommenem, ſpärlichen Mittageſſen plaudernd um den Tiſch herum ſitzt,— ein älterer Herr, der ſchon lange nicht mehr ſo fröhliche Mienen gezeigt, wie heute, ſowie zwei uns wohlbekannte Kinder, von denen ein kleines Mädchen mit leuchtenden Blicken auf Alles horchte, was der alte 121— Herr, ſowie der Knabe, neben welchem er ſaß, erzählten. Waren doch auch die einfachſten und bekannteſten Dinge für Sophie neu und intereſſant, und wenn Major Quin⸗ ſcheidt von einem naſeweiſen Sperlinge erzählte, der ſich in der Dachkammer eingeniſtet, ſo erregte das eben ſo ſehr ihr Intereſſe, als wenn Georg von luſtigen Streichen aus ſeiner Schule berichtete; dabei fühlte das Kind, daß man ſich auch in dieſen kleinen Plaudereien liebevoll mit ihm beſchäftigte, daß es hier einen Theil der Familiengemein⸗ ſchaft bildete und nicht, wie bisher, als etwas Ueberflüſ⸗ ſiges und Läſtiges betrachtet wurde. Zudem konnte der Herr Major ſo allerliebſte Späſſe machen, und er war heute recht zum Scherzen aufgelegt. Hatte er ſich doch ſeit langer Zeit wieder einmal eine ordentliche Cigarre angeſchafft und verſtand es, den Rauch in kleine, blaue Ringe geformt vor ſich hinzublaſen, wäh⸗ rend er bequem in ſeinem alten Seſſel lehnte, wußte auch das Gebell eines zornigen Hündchens ſo natürlich nachzu⸗ machen, daß Sophie dabei jedes Mal unter den Tiſch blickte, um alsdann herzlich zu lachen. Ach, man hatte auch nicht ſchlecht gegeſſen, und die Portion, die man aus dem Speiſehauſe geholt, reichte mit einer gehörigen Menge Brod für alle Drei vollkommen aus. An irgend ein anderes Getränk als Waſſer war allerdings noch nicht gedacht worden, auch nicht an eine Taſſe Kaffee; doch als der alte Militär, nachdem die beiden Kinder in die Rumpelkammer nebenan gegangen waren, um dort einige höchſt intereſſante Gegenſtände zu betrach⸗ — 122— ten, in behaglicher Beſchaulichkeit ſeine Daumen um ein⸗ ander herumſpaziren ließ und den enormen Zuwachs ſeines Einkommens berechnete, war er ſicher, ſpäter bei weiſer Sparſamkeit auch an die eben erwähnten Lebensgenüſſe wieder einmal denken zu können. Dann kam die Kammerjungfer vom Hauſe herüber, um die Sachen des kleinen Mädchens zu bringen, auch deren einfaches Bettchen, Commode und ein paar Stühle, und als Sophie die wohlbekannte Stimme hörte, ſchrak ſie ſo heftig zuſammen, daß der Knabe ſie bedenklich an⸗ ſchaute und fragte:„Glaubſt du, daß man dich wieder holen will?“ Daß davon keine Rede war, zeigte ſich zur großen Freude der beiden Kinder, denn die Geſellen des Meiſters Wimmer polterten ſchon auf der Treppe, um die Möbel zu bringen, und ſogar der Herr Major legte mit Hand an, um das Zimmer für ſeine Pflegebefohlene recht hübſch einzurichten. Es ſah aber auch freundlich und wohnlich aus, als nun Alles hineingeſtellt war und der Canarienvogel, den man nicht vergeſſen hatte, ſogleich luſtig anfing zu ſchlagen, als das Kind ihren lieben Hanſel mit Schmeichelworten anredete. Dann ſetzte ſich die Kammerjungfer auf das Bett, als wolle ſie noch mit Sophie reden, und als ſich hierauf der Major mit ſeinem Sohne diskreter Weiſe, zurückzog, winkte ſie dem Kinde nicht unfreundlich zu ſich her, ſtrei⸗ chelte ihm das ſchwarz glänzende Haar und ſagte:„Du — 123— bleibſt nun bei dieſen guten Leuten, liebe Sophie, bis vielleicht ſpäter deine Tante anders über dich beſtimmen wird.“ „O, das wird ſie doch nicht thun?“ antwortete das kleine Mädchen in erſchrecktem Tone,„ich möchte gern ein⸗ mal hier bleiben!“ „Vielleicht geſchieht das auch, wenn du recht brav und folgſam biſt, wenn du in der Schule gut lernſt und der Herr Major ſich nicht über dich beklagt.“ „Das ſoll er gewiß nicht,— und dann darf ich hier bleiben, und dann brauche ich nicht mehr hinüber zur Tante Wilhelmine.“ „Alſo es gefällt dir beſſer hier „Ja, ſie haben mich lieb und ſprechen freundlich mit mir, auch darf ich mit Georg ſpielen und er will mich zu anderen kleinen Mädchen bringen, die auch mit mir ſpielen und mich auch lieb haben werden.“ „Vergiß uns aber nicht ganz,“ ſagte die Kammerjungfer in einem eigenthümlich weichen Tone. „Nein, ich werde dich gewiß nicht vergeſſen, ich ver⸗ ſpreche es dir. Aber dann darf ich auch ſo bald nicht wieder zur Tante hinübergehen?“ „Die Tante wird nicht mehr in dem Hauſe bleiben, ſie will auf Reiſen gehen und lange nicht mehr zurück⸗ 2 kommen.“ „Und du?“ fragte das Kind mit einem Aufleuchten der Augen. „Ich gehe auch fort, komme aber wieder einmal, um ——„—— — 124— nach dir zu ſehen. Wird es dich freuen, wenn ich wieder komme?“ „O ja, und du ſollſt dann hören, daß ich ſo gut und folgſam war, daß mich der Herr Major nicht wieder fort⸗ ſchicken wird.“ Die Kammerjungfer ſeufzte, als ſie jetzt aufſtand, hob dann mit ihren beiden Händen das Geſicht des kleinen Mädchens empor, küßte es ein paar Mal auf den Mund und ſagte:„Ich war auch einmal in meiner Jugend ſo ein armer, kleiner Tropf wie du, und mußte zu fremden Leuten, während ich lieber zu Hauſe geblieben wäre; möge es dir beſſer ergehen, als es mir ergangen, und mögeſt du nicht zu Leuten kommen, denen es gleichgültig iſt, ob du vor Kummer Abends nicht einſchlafen kannſt, 3 weil es dir nicht mehr möglich iſt, dein Nachtgebet zu ſprechen.“ „O, ich werde das Abends nicht vergeſſen: Weil ich Jeſu Schäflein bin, Freu' ich mich wohl immerhin!“ ſprach das Kind, wobei es ſeine Hände faltete. „Und ſo lange du das ſprichſt und ſo lieb biſt, wird es dir auch gut gehen,— Adieu, Sophie, möge dich der Himmel behüten und beſchützen!“ Das ſprach die Kammerjungfer mit bewegter Stimme und ging dann raſch zu dem Herrn Major, mit dem ſie noch einige geſchäftliche Angelegenheiten zu bereinigen hatte. Sophie lief wieder in die Rumpelkammer zu Georg, der dort aus dem Winkel eine kleine Zimmerſchaukel hervor⸗ — — ————— — 125— geſucht hatte, um ſie ſpäter an der Thüre zu befeſtigen; auch gab es hier ſonſt noch allerlei ſchöne Raritäten: Stelzen, Reifen, einen Eisſchlitten und die Ueberbleibſel großer, fliegender Drachen, die aber Papa, ſo meinte der Knabe, ſehr hübſch wieder herrichten werde. Dann ſchauten ſie beide zum Dachfenſter hinaus, und als ſie die ſchwarze Geſtalt der Kammerjungfer drüben in dem ſtillen Hauſe mit den zugemachten Fenſterläden verſchwinden ſahen, ſagte Georg:„Gelt, du biſt froh, nicht mehr dort hinüber zu müſſen?“— worauf das Kind den Arm um ſeinen Hals ſchlang und laut ausrief:„So froh! ſo froh!— oh ſo froh!“ „Und wir wollen auch recht vergnügt ſein,“ erwiederte der Knabe,„und wenn es Papa erlaubt, ſo gehen wir jetzt ein Bischen in der Zigeunerinſel ſpaziren, denn es iſt Mittwoch Nachmittag und keine Schule.“ Der Major hatte gegen dieſen Spaziergang nichts ein⸗ zuwenden, ermahnte nur ſeinen Sohn, ſorgfältig auf das kleine Mädchen Acht zu geben, worauf er es an der Hand die Treppe hinabführte und ihm drunten zuerſt die Werk⸗ ſtätte des Meiſters Wimmer zeigte, welche, beſonders bei Regentagen, mit ihren Hobelbänken, ihren Haufen Spä⸗ nen, ihren Leimtöpfen, Sägen und Hämmern ein köſtlicher Spielplatz ſei. Sophie war noch nie wie die übrigen Kinder nach Belieben auf der Zigeunerinſel umhergelaufen, weßhalb ſich heute an der Hand des kundigen Führers eine ganz neue und intereſſante Welt vor ihren erſtaunten Augen aufthat. Kannte ſie doch nichts von dieſem anſehnlichen 126— Terrain, als den Weg an dem Hauſe der Gebrüder Schropps vorüber zur Schule und auf der anderen Seite 8⁸ einen Pfad durch Gärten, den ſie hie und da mit der Kammerjungfer gemacht hatte, wenn dieſe, was aber äußerſt ſelten geſchehen, das Kind bei ihren Ausgängen mitgenommen. Was rechts und links von dieſen Wegen lag, darnach hatte ſie zuweilen von dem erhöhten Punkt des Gartens mit jener Sehnſucht geblickt, wie der Schiffbrüchige auf einſamer Inſel nach einem rettenden Segel, wie der Ver⸗ durſtende in der Wüſte nach der Fata Morgana; und I alle dieſe intereſſanten Gegenſtände, all dieſe ſchönen Spiel⸗ plätze, von denen herüber ſie mit einem ſchmerzlichen Ge⸗ fühl ſo oft die jubelnden Kinderſtimmen hatte erſchallen V hören, durfte ſie nun in der Nähe beſehen, durfte ſie be⸗ “— 8 — treten und dort verweilen. Ach, hier waren die Steine, wo ſie vorgeſtern Nacht “ b geſeſſen, als die Gebrüder Schropps ſie mit ſich nach Hauſe genommen, und es war ihr, als ſei dies ſchon vor langer Zeit geſchehen; denn was hatte ſie ſeitdem nicht alles erlebt! V Dann kamen ſie an die Werkſtätte des Seilers, Herrn Kniegel, der, ſeine Schürze voll groben Wergs, rückwärts wie ein Krebs ging und der, trotzdem er beſtändig auf ſeine ſpinnenden Finger ſah ſowie auf den Strick, welchen er ſich ſcheinbar aus dem Leibe herauszog, doch alles be—* merkte, was neben, ja hinter ihm vorging; ſo jetzt die beiden Kinder, obgleich ſie von hinten gegen ihn kamen, —— 5 8 —— —— A— 127 denn er wandte den Kopf zurück, kniff das rechte Auge mit einer freundlich ſein ſollenden Grimaſſe zu und nickte mehrmals mit dem Kopfe, ehe er ſagte:„Ja, ja, endlich mußte es einmal zu Ende gehen,— der Krug geht auch nur ſo lange zum Waſſer, bis er bricht, und ein morſcher Strick muß reißen,— morſch war auch die alte Chriſtine, daran iſt kein Zweifel, und wenn ich nicht noch gern auf dieſer ſchlimmen Erde wandelte, ſo möchte ich da droben zuſehen, oder vielmehr zuhören, wie ſich die beiden Staats⸗ räthinnen Grobheiten an die alten Köpfe werfen,— hi— hi— hi— ſoll es ja ſchon geſtern Nacht Tumult und Spektakel im Keller drüben gegeben haben, was ich auch recht begreiflich finde, denn es iſt hart und traurig für die echte, in einem alten Faß begraben zu werden, wäh⸗ rend die alte Chriſtine beſtattet wird wie eine Prinzeſſin, — hi— hi!“ Dabei war er, rückwärts ſchreitend, an den Kindern vorübergekommen und grinſte ihnen freundlich zu, indem er ſeine Füße ſo komiſch bewegte, daß es ausſah, wie wenn er auf heißem Blei tanzen müßte. Aber das kleine Mädchen lachte nicht darüber, wie er wohl erwartet, ſondern blickte ihn faſt erſchrocken unter ihren zuſammengezogenen ſchwarzen Augenbrauen an. Sie hatte noch nie einen älteren Mann geſehen, der die Beine ſo ſeltſam herumwarf und der ſo eigenthümliche Geſichter ſchnitt, daß es ſie ordentlich ängſtlich machte, weßhalb ſie an der Hand ihres Begleiters zog, um dieſen zum Fort⸗ gehen zu bewegen. —— — ———y— ——— — ä 5 4 —-————————— 4. — 5 — 128— Doch blieb jetzt der Seilermeiſter ſtehen, ſchnäuzte ſich in der Luft und fuhr lächelnd fort, indem er das kleine Mädchen ſcharf betrachtete:„Das iſt alſo das Kind, von dem man nicht weiß, ob es Fiſch oder Vogel iſt,— und dein Vater hat es zu ſich genommen?— Recht brav von ihm, hoffe aber, daß er die alte Jungfer dafür recht tüchtig blechen läßt und ſich ſicher ſtellt, wenn man ein⸗ mal eines ſchönen Tages nichts weiter von ihr hört.“ Er hing den bis dahin fertig gewordenen Strick an ein Geſtell mit eiſernen Haken und nahm ſeine Arbeit, rückwärts gehend, wieder auf, wobei er dem kleinen Mäd⸗ chen, das ſich noch einige Mal ſcheu umblickte, mit allerlei Grimaſſen zuwinkte. Eine freundliche Abwechslung nach der Begegnung mit dem Seilermeiſter bot Sophie der Hauptſpielplatz der Jugend der Zigeunerinſel, ein weiter, eigentlich wüſter Raum mit Steinhaufen, Balken und Brettern, ſowie einem kleinen Waſſertümpel, der als Binnenſee zu allerlei nau⸗ tiſchen Vergnügungen benutzt wurde. Hier waren auch mehrere Kinder aus der Nachbarſchaft, die aber jetzt ihre verſchiedenen Spiele liegen ließen und die Köpfe zuſammen⸗ ſteckten, als ſich die Beiden näherten; manche waren da⸗ runter, die damals bei der denkwürdigen Kaffeegeſellſchaft zugegen geweſen, die aber jetzt ſo fremd thaten, als hätten ſie das kleine Mädchen zum erſten Male geſehen. Es ge⸗ hörte das ganze große Anſehen dazu, welches der junge Quinſcheidt in dieſem Kreiſe genoß, um die kleine Bande zuſammenzuhalten, da einige Miene machten, ſich ſcheu 129 und furchtſam nach verſchiedenen Richtungen hin aus dem Staube zu machen. Doch wollte trotz alledem kein rechtes Spielen mehr zuſammenkommen und gerade die Herzlich⸗ keit und Liebe, mit der ſich Sophie den andern Mädchen näherte, ihre Hand ergriff, freundlich mit ihnen ſprach, ließ jene verſchüchtert zurücktreten und einzelne kleine Gruppen bilden, von welchen aus das fremde Kind wie ein ſeltſames Geſchöpf betrachtet wurde. Endlich ſagte der junge Quinſcheidt:„Ihr ſeid alle mit einander recht dumme Kerls und es ſoll mir nur wieder Einer kommen, um Räuber und Gendarmen zu ſpielen, oder ein Schiff zu bauen, oder einen Drachen zu machen! Und das ſage ich euch, wer nicht morgen Abend nach der Schule zu mir in's Haus kommt, um mich zum Spielen abzuholen, den ſehe ich gar nicht mehr an.“ Weiter würdigte er ſie keines Wortes, keines Blickes mehr, ſondern nahm die Hand des kleinen Mädchens und ging mit ihm weiter. Nach langem Umherwandern nüäherten ſie ſich einer dichten Gruppe von Bäumen, unter welchen ſie ſich auf einen ungeheuren Stein ſetzten. Hier war es gerade, als ſeien ſie mitten in einem Walde, wo man nur dumpf aus der Ferne das Geräuſch einer großen Stadt hört, das Brauſen und Summen der Menſchen auf den Straßen, das Rollen von Rädern, auch fernes Glocken⸗ geläute. „Das kommt daher,“ erklärte Georg,„daß, obgleich wir hier beinahe am Ende der Zigeunerinſel ſind, doch Hackländer, Kainszeichen. I. gleich da hinter uns große, große Gärten anfangen, die reichen Leuten gehören, und dann kommen erſt ihre präch⸗ tigen Häuſer, wie ich dir ſpäter einmal zeigen will,— haſt du ſchon einmal einen ſo großen und ſchönen Garten geſehen, mit prächtigen Wegen, mit Teichen, worin Gold⸗ fiſche ſind und worauf Kähne fahren, auch mit Spring⸗ brunnen und Brücken?“ „Nein,— niemals, aber ich habe davon in meinem Bilderbuche geleſen, da ſind verzauberte Gärten mit böſen Zwergen, gewaltigen Rieſen und einer ſchönen Fee, die uns hübſche Sachen gibt.“ „Ja, ſo ſteht's in den Büchern, aber hier iſt es doch anders, da hat's weder Rieſen noch Zwerge.“ „Auch keine Fee?“ „So was Aehnliches ſieht man wohl, aber es ſind doch keine Feen, denn ſie können nicht zauberg und geben uns auch keine hübſchen Sachen.“ „Aber ſehen möcht' ich das doch einmal.“ „So komm,“ ſagte der Knabe aufſtehend,„in einen ſolchen Park hinein will ich dich ſchon ſehen laſſen.“ „Das iſt mir recht.“ Sie gingen mit einander fort unter den hohen Bäu⸗ men hinweg, bis ſie an eine Mauer kamen, über welche allerlei Geſträuch, hell⸗ und dunkelgrün gefärbt, hoch em⸗ porragte, dazwiſchen ſchlanke, ſpitze Bäume, andere, die breit und buſchig waren, und auch welche mit ſchwärzlich grünen Nadeln oder ſilberglänzenden Blättern. Auf der Mauer war ein ſtacheliger Kranz von kleinen — — 134 Glasſcherben, welche in den ſchon ſchräg herüberfallenden Strahlen der Abendſonne glänzten und glitzerten, und darüber leuchteten die Bäume ſo eigenthümlich und ſahen aus, als ſeien ſie mit Goldſtaub beſtreut. „Das iſt doch gewiß ein Zaubergarten,“ ſagte Sophie. „Schön iſt er allerdings; komm nur näher, dort iſt ein kleines Gitterthor, da können wir hineinſchauen.“ Jetzt ſtanden ſie dicht davor und das Mädchen be⸗ trachtete mit ihren großen, glänzenden Augen all' dieſe Herrlichkeit, die ſchönen, breiten Kieswege, die ſich ſo ge⸗ heimnißvoll zwiſchen den Büſchen verloren, das Leuchten eines Waſſerbaſſins, aus dem ſich ein mächtiger Strahl erhob, dort auf dem Hügel ein kleiner Säulentempel mit einer Marmorſtatue und gleich daneben eine hohe Schaukel, welche obendrein in dieſem Augenblicke benutzt wurde, denn man ſah dort eine ältere Frau, die ein kleines Kind mit ihren Armen auf dem Sitze der Schaukel hielt, während ſie dieſelbe recht langſam in Bewegung ſetzte; doch ſchien das Kind keine rechte Freude daran zu haben, denn es lehnte das Köpfchen rückwärts an die Schulter der alten Frau und hatte die Augen geſchloſſen. „Das wär' was für uns Beide,“ ſagte Georg,„wir wollten das Ding anders fliegen machen! Schaukelſt du gern?“ „Ich weiß nicht, aber es muß ſchön ſein.“ „Zu Hauſe habe ich dir eine kleine Schaukel gemacht, da wollen wir es verſuchen,— aber es iſt doch nichts gegen die da— Herrgott, ſchau' dir einmal die langen — 132— Stricke an, damit müßte man bis hoch in die Bäume hinauf gehen!“ „Warſt du nie hier in dem Garten?“ „Die würden mich ſchön empfangen! Das ſind reiche, vornehme Leute, die mit Unſereinem nichts zu thun haben wollen.“ Plötzlich faßte der Knabe die Hand des kleinen Mäd⸗ chens und zog es faſt unſanft von der Thüre weg zur Seite hin, wo diesſeit der Mauer ein ziemlich ſtarker Baum ſtand, ſo dick, daß ſich beide hinter ihm verbergen konnten. 1 „Was iſt's denn, Georg?“ „Hörteſt du nicht ſprechen, dicht an der Mauer?“ er⸗ wiederte er flüſternd,—„ich mag nicht gern da geſehen werden, die Leute ſind grob und haben mir früher ſchon einmal mit ihrem böſen Gärtner gedroht,— ſei ruhig, es kommt Jemand gegen das Gitterthor.“ Jetzt vernahm man in der That Schritte auf dem Sandboden knirſchen und hörte zu gleicher Zeit ſprechen, ohne daß man ein Wort verſtehen konnte; es waren die Stimmen einer Frau und eines Mannes, und jetzt trat der letztere aus der Gitterthür heraus und blieb dort einen Augenblick ſtehen, während er mit der rechten Hand eine haſtige Bewegung machte, als hätte er vielleicht in dieſem Augenblicke geſagt!„Ich bekümmere mich um die ganze Welt nichts, komme meinetwegen was mag!“ Ganz anders war das Benehmen der Frau, die nun zwiſchen der Maueröffnung ſichtbar wurde. Sie war jung — — 133— und ſchön, ſah aber ſehr blaß aus, und während ſie heftig und mühſam athmete, preßte ſie die feinen Lippen feſt auf einander, hatte die Augenlider herabgeſenkt, und wenn ſie dieſe, wie eben jetzt, bei einem Worte, das er ſprach und während er auf ſie zutrat, raſch öffnete, ſo erſchienen ihre Blicke von Haß und Zorn erfüllt, ja, man hätte glauben können, ſie mit den Zähnen knirſchen zu hören. Da wandte ſie ſich raſch ab, und nachdem der Mann noch ein paar Sekunden ſtehen geblieben war, die Achſeln zuckend, ihr nachſchauend, drehte er ſich auf dem Abſatze um und eilte gleich darauf in ſchnellem Schritte der dich⸗ ten Baumgruppe zu, wo die Kinder vorhin geſeſſen; dort aber wandte er ſich ſcharf links, wodurch es gerade aus⸗ ſah, als komme er vom anderen Ende der Zigeunerinſel und begäbe ſich nach dem Stadttheile, wo das Haus lag, zu dem der prächtige Garten gehörte. Es war dies ein nicht großer, ziemlich ſtarker junger Mann, mit einer etwas ſchäbigen Eleganz gekleidet, blond mit ſtark röthlichem Bart, und als er jetzt aus dem Schatten der Baumgruppe in das glühende Licht der Abendſonne trat, leuchtete dieſer rothe Bart auf und Georg meinte, es ſehe gerade ſo aus, als ſtünde ſein Geſicht in Flammen. Noch eine gute Weile blieben die Kinder hinter dem Baume ſtehen, und als ſie hierauf an dem Gitterthore vorüber kamen, um nach Hauſe zu gehen, ſahen ſie, daß dieſes offen geblieben war. Von der Dame war weit und breit nichts zu ſehen, weßhalb ihre Neugierde ſiegte 3 6 -— 1— — 134— und ſie, allerdings nach längerem Ueberlegen und ſchüchtern, in den Eingang traten, um einen Blick nach beiden Seiten zu werfen. Sie ſahen in dichtbelaubte Gänge, die ſchnur⸗ gerade weit hinausgingen, mit Ruhebänken verſehen, auch hier und da mit kleinen, weißen Figuren und ſchimmern⸗ den Vaſen. Welcher Tummelplatz, wenn es draußen in der Sonne zu heiß war, um Verſteckens zu ſpielen, oder Räuber und Gendarm! Wenn aber in dieſem Augenblicke den beiden Kindern der fürchterlichſte Räuber erſchienen wäre, würden ſie nicht mehr erſchrocken ſein, als beim Klange einer durchaus nicht unangenehmen Stimme, welche in einem Tone der Ueberraſchung fragte:„Was macht ihr denn eigentlich hier, Kinder?“ Georg wandte ſich raſch um, zog das ängſtliche Mäd⸗ chen dicht an ſich heran, und ſagte dann zu einer auf⸗ fallend ſchönen Dame, derſelben, die er noch vorher an der Gitterthür geſehen, und die jetzt wie aus dem Boden emporgeſtiegen vor ihm ſtand— eigentlich war ſie nur um eine dicht verwachſene Thujawand herumgetreten—: „Das Gartenthor ſtand offen und da haben wir es ge⸗ wagt, einzutreten, weil weit und breit Niemand zu ſehen war. Nehmen Sie es nur nicht übel, wir gehen gleich wieder fort und würden, auch wenn Sie nicht gekommen wären, gewiß nichts angerührt haben.“ „Gewiß nichts,“ bekräftigte das kleine Mädchen kopf⸗ ſchüttelnd, während ſie mit ihren weit aufgeriſſenen, großen, dunkel glänzenden Augen die wunderbare Fee anſtaunte; — 135— denn ſo erſchien ſie ihr in dem ſchönen, weißen Gewand, den milden, nicht unfreundlichen Augen, beſonders aber durch den feinen, mit Gold beſetzten Stock in ihrer Hand, der jedenfalls ein Zauberſtab war. „So, es war weit und breit Niemand zu ſehen, als ihr herkamt?“ fragte die Dame. „Niemand,“ erwiederte der Knabe, denn er dachte nur an das Innere des Gartens, wo er jetzt auch die alte Frau mit dem Kinde nicht mehr erblickt hatte, und was den Herrn anbetraf, der vorhin fortgegangen war, ſo lag es nicht in ſeiner Abſicht, zu lügen, ſondern er hatte ihn in der Ueberraſchung ganz vergeſſen. „Wer ſeid ihr denn eigentlich?“ „Ich bin der Sohn des Herrn Hauptmanns Quin⸗ ſcheidt und das da iſt ein kleines Mädchen, das ſeit heute bei uns wohnt. Früher war ſie bei ihrer Großmutter, der verſtorbenen Staatsräthin.“ „Ach ſo, der Frau Staatsräthin von Wanner, die dort drüben in dem kleinen Hauſe wohnte,“ erwiederte die ſchöne Dame, wobei ſie das Kind ſo ſichtbar mit Intereſſe betrachtete, daß Georg zu demſelben ſagte:„Geh', gib ſchön ein Händchen, und bitt' die gnädige Frau, ſie ſolle nicht böſe ſein.“ Sophie gehorchte ſogleich, erhob ihre Hand, und als die Dame dieſe ergriff— ſie hatte ja Handſchuhe an und brauchte ſich deßhalb nicht vor einer Berührung zu fürchten — beugte ſie ſich ſogar etwas herab, um das Kind ge⸗ nauer zu betrachten, und ſagte:„Sieh' mich an,“ und — 136 als Sophie ihren Kopf erhob, ſchaute ſie lange und auf⸗ merkſam in die klaren Augen des hübſchen Mädchens und fragte alsdann:„Wie alt biſt du?“ „Ich glaube ſechs Jahre,“ antwortete Georg, da ihn das Kind zweifelnd anſah. „So, ſechs Jahre? Dafür biſt du aber recht groß und ſtark.“ „Oh, ſie wird bald noch größer werden, wenn ſie einmal länger bei uns war,“ ſagte Georg, welcher bei der Freundlichkeit der ſchönen Frau ſeine Unbefangenheit raſch wiedergefunden hatte,„und wenn ſie mit mir ſpielen und herumlaufen darf; früher kam ſie nur aus ihrem kleinen Garten heraus, um in die Schule zu gehen.“ „War euer Garten auch ſo hübſch wie der da?“ fragte die Dame. „O nein, hier iſt es ſo ſchön wie in meinen Bilder⸗ büchern.“ „Aber du haſt ja noch nichts von meinem Garten geſehen.“ „Doch, ſchon viel.“ „Sie meint, was wir von hier aus ſahen,“ erklärte Georg,„beſonders die ſchöne Schaukel da drüben, mit der alten Frau und dem kleinen Kinde, die aber jetzt nicht mehr da ſind.“ „O ja, ich ſehe ſie wieder!“ rief Sophie,„dort kommen ſie und es iſt auch noch Jemand anders bei ihnen.“ In der That ſah man jetzt die alte Frau mit dem Kinde auf dem Arm in dem Laubgang daher kommen, — 137— und neben ihnen ging ein Herr, der den Zeigefinger der rechten Hand erhoben hatte und wie ſpielend vor dem Geſichte des Kindes hin und her bewegte. „Sollen wir jetzt fortgehen?“ fragte Sophie ängſtlich. „Das iſt gerade nicht nöthig, denn die dort kommen, werden nichts dagegen haben, wenn ihr bleibt. Erzählt nur ohne Furcht, was ihr im Garten geſehen— kommt nur mit mir!“ Die ſchöne Dame ſagte das, indem ſie den Näherkommenden raſch entgegenging; doch folgten ihr die beiden Kinder nur mit ſehr kleinen Schritten und waren kaum unter den Laubgang getreten, als die Andern ſchon wieder bei ihnen waren, wobei man den Herrn ſagen hörte:„Was haſt du denn da für eine kleine Ge⸗ ſellſchaft, liebe Adeline?“ „Es ſind Kinder aus der Nachbarſchaft,“ entgegnete heiter lachend die ſchöne Frau,„mit denen ich mich ſchon eine gute halbe Stunde unterhalte; der Knabe iſt ein Sohn des Hauptmanns Quinſcheidt und das kleine Mäd⸗ chen eine Enkelin der verſtorbenen Staatsräthin von Wanner.“ „Ei, ei,— ſieh da,“ ſagte der alte Herr kopfnickend, „und die Gitterthür war offen, ſo daß ſie herein kommen konnten?“ „O nein, ich habe ſie ihnen geöffnet, da ich ſah, wie ſie draußen ſtanden und ſehnſüchtig unſere Herrlichkeiten betrachteten; ſie haben auch ſchon die Schaukel geſehen, nicht wahr, Knabe?“ „O ja, wir haben die Schaukel geſehen, mit dem — 138— kleinen Kinde da, und den Springbrunnen, auch den ſchönen Tempel, der da drüben ſteht!“ Als Georg das ſagte, warf die ſchöne Dame einen flüchtigen Blick auf den alten Herrn, der freundlich mit dem Kopf nickte und dann in heiterem Tone ſprach: „Deßhalb habe ich dich ſchon überall vergebens geſucht, liebe Adeline, als ich früher wie ſonſt nach Hauſe kam; ich hatte keine Luſt mehr, auf den Club zu fahren, denn ich fühlte mich von dem heutigen, langen Diner etwas ermüdet,— ſetzen wir uns, wenn dir's recht iſt, und was die Kinder anbelangt, ſo können ſie, wenn ſie wollen, mit der Theres noch ein wenig im Garten umher gehen.“ Der alte Herr ſah allerdings etwas ermüdet aus und ließ ſich ſogleich auf eine Bank nieder, während die ſchöne Frau heiter und glücklich lächelnd vor ihm ſtehen blieb, als ſie erwiederte:„Sieh nur, wie unſere Eliſe aufmerk⸗ ſam die fremden Kinder betrachtet; ja, ſie will zu ihnen herunter! Laſſen Sie ſie auf den Boden, Thereſe.“ Die alte Frau ſtellte das zarte und wie es ſchien ſchwächliche Weſen, das ſie auf dem Arme trug, behutſam auf den Boden, wo es ſchwankend ſtehen blieb und ſo⸗ gleich nach der Hand ſeiner Wärterin griff; es hatte ein bleiches, müdes Geſichtchen, und obgleich es ziemlich groß war, ſo ſchien es ſich doch davor zu fürchten, die ſichere Hand zu verlaſſen, um zu dem fremden Mädchen zu gehen, das ihm freundlich entgegen kam. „Das Kind da,“ ſagte die Dame,„ſoll auch erſt ſechs — 439— Jahre alt ſein, doch glaube ich es nicht recht; es ſcheint mir älter.“ Immerhin war zwiſchen dieſen beiden kleinen Weſen, ſelbſt wenn Sophie zwei Jahre älter geweſen wäre, ein faſt erſchreckender Unterſchied, denn während das Kind dieſer reichen Eltern, dem gewiß vom Tage der Geburt an jede nur mögliche Sorgfalt gewidmet worden war, wie ein verkümmertes, ſaft- und kraftloſes Pflänzchen aus⸗ ſah, das Mühe zu haben ſchien, ſein welkes Köpfchen auf⸗ recht zu erhalten, war das andere einer feſten, ſchlanken, biegſamen Staude zu vergleichen, deren zarte Knoſpen friſche Blätter und ſchöne Blüthen verſprachen. „Die Naturen ſind verſchieden,“ meinte der alte Herr, die Hände zuſammenſchlagend, nachdem er die Beiden einige Augenblicke betrachtet,„auch war Eliſe Jahre lang kränklich und fängt jetzt erſt ſichtbar an, ſich zu erholen; nicht wahr, Theres?“ „Gewiß, Herr Bendel; iſt ſie doch heute von ſelbſt aus dem Hauſe bis zur Schaukel gelaufen, ohne müde zu werden, nicht wahr, mein Schatz?“ „Jawohl, Papa,“ ſagte das ſo ſehr müde ausſehende Kind mit ſchwacher Stimme,„kann auch jetzt noch nach Hauſe gehen,— darf das kleine Mädchen mit?“ „Es hat nicht bei ſeinen Leuten um Erlaubniß ge⸗ fragt,“ ſagte die ſchöne Frau,„und es iſt auch jetzt zu ſpät, doch darf es ein ander Mal kommen;— willſt du?“ Sophie ſchaute bei dieſer Frage auf ihren Begleiter, welcher zur Antwort gab:„Wenn die gnädige Frau nichts — 140— dagegen haben, ſo würde ich die Kleine ſchon wieder ein⸗ mal herbringen.“ „Thu das, und geht jetzt nach Hauſe, es fängt ſchon an kühler zu werden,— Adieu, Kinder!“. Als die ſchöne Frau das geſagt, wandte ſie ſich zu ihrer Kindsfrau und ließ ſie mit Eliſe vorausgehen, nach⸗ dem dieſe vorher ſorgfältig in einen dicken, wollenen Shawl gewickelt worden war. Dann erhob ſich auch der alte Herr, legte ſeinen Arm in den der weiß gekleideten Dame und beide ſchritten unter dem Laubgange dahin, während die Wärterin mit dem kleinen Mädchen den kürzeren Weg nach dem Hauſe einſchlug; doch ſagte das kranke Kind nach einigen Schrit⸗ ten:„Ich bin doch müde, liebe Theres, du kannſt mich tragen.“ Georg und Sophie waren ſogleich nach der Gitterthür gegangen, doch blieb der Knabe, noch einen Augenblick rückwärts ſchauend, ſtehen und ſagte:„Möchteſt du auch ſo ein Kind ſein, wie das da, wenn man dir den ſchönen Garten gäbe?— Ich nicht um Alles in der Welt!“ Dann gingen ſie raſch nach Hauſe, vergnügt über die wundervollen Entdeckungen, die ſie heute gemacht, und als ſie an dem Spielplatze vorüber kamen, wo jetzt keines der Kinder mehr zu ſehen war, ſagte der junge Quinſcheidt: „Wenn die wüßten, daß wir heute in dem ſchönen Garten des Herrn Banquier Bendel geweſen ſind, und wieder hingehen dürfen, wann wir wollen, ſo würden ſie ſich recht ärgern, weil ſie ſchuld daran waren, daß wir nicht 141— bei ihnen geblieben ſind,— ſiehſt du wohl, Kleine, wir brauchen die gar nicht, und ſie ſollen mir nur wieder kommen!“ Herr und Madame Bendel waren durch den pracht⸗ vollen Laubgang ſpaziert, dann bei dem ſchönen Tempel vorbei, auch an der herrlichen Schaukel vorüber, ohne all' dieſen ſchönen Gegenſtänden nur einen Blick zu ſchenken; ſelbſt das weite Waſſerbaſſin mit dem ſprühenden Strahl vermochte nur deßhalb die Aufmerkſamkeit der ſchönen Frau ein klein wenig zu erregen, weil das Licht des vollen Mondes auf der leicht bewegten, glänzenden Fläche ſpielte, und ſie ſagte:„Wie das ſchön iſt, Adolf!“ „Aber kühl,“ erwiederte der alte Herr, indem er fröſtelnd ſeinen weiten Rock zuſammenzog. „Ja, kühl,“ wiederholte ſie leiſe, und als Beide jetzt ihrem Weg folgend um das Baſſin herumſchritten, warf ſie einen raſchen Blick nach der kleinen Gitterthür, die man von hier aus ſah, und preßte ihre Lippen feſt auf ein⸗ ander, unter einer Bewegung, als ſpüre ſie auch die friſche Nachtluft. An der Treppe des ſchönen Hauſes, das ſie in Kurzem erreichten, ſtand ein ſchweigſamer Bedienter, der eine Ver⸗ beugung machte und dann folgte, um drinnen im Veſti⸗ bul dem Herrn Hut und Stock abzunehmen. Dann ſtieg dieſer langſam die breiten, mit Teppichen belegten Trep⸗ penſtufen hinan, wobei er ſeine Hand auf das Gelän⸗ der ſtützte, während der Diener raſch voraus eilte, oben die Thüren mehrerer Zimmer öffnete, durch welche Herr — 142— Bendel ſchritt, um ſich in einem behaglichen, weichen Lehn⸗ ſtuhl niederzulaſſen vor einem runden Tiſche, auf dem eine grün beſchattete Lampe leuchtete, und der mit Bro⸗ ſchüren, Zeitungen und Briefen bedeckt war. Madame Bendel war unten im Hauſe zurückgeblieben, um, wie ſie ſagte, das Nachteſſen ihres Kindes zu über⸗ wachen; doch hatte ſie dieſes Geſchäft ſehr raſch beſorgt, denn ſchon nach wenigen Minuten ſtieg ſie gleichfalls die Treppe hinauf, um ſich in ihr Schlafzimmer zu begeben, deſſen einziges großes Fenſter, gegen den Garten gelegen, einen Blick erlaubte auf die dunklen Gebüſchpartieen und hohen Bäume, die vom Mondlicht ſanft beleuchtet waren, — aus der Ferne hörte man das Plätſchern des Spring⸗ brunnens. War der geheimnißvolle Zauber der Nacht, der aller⸗ dings ſchon im Stande iſt, uns ernſt, gedankenvoll, ja, unter Umſtänden trübe zu ſtimmen, allein ſchuld daran, daß die ſchöne Frau, nachdem ſie eine kurze Weile an dem geöffneten Fenſter geſtanden, den Kopf auf ihre Hände herabſinken ließ, wobei leiſe Töne ihrer Bruſt entſtiegen, die man für ein qualvolles Schluchzen hätte halten können? Als ſie ſich nach einiger Zeit wieder aufrichtete— ihr Kammermädchen hatte nach einem leiſen Anklopfen Licht gebracht,— und als ſie hierauf nach einem raſchen Gange durch das Zimmer vor ihrem Stehſpiegel ſtehen blieb und ſich ihr Haar von der Stirn ſtrich, auch das angehauchte Taſchentuch ein paar Mal gegen die leicht gerötheten Augen drückte, glätteten ſich langſam wieder ihre ſchmerz⸗ 143— lich verzogenen Züge und erſchienen gleich darauf wie der glatte, freundliche Spiegel eines See's, dem man nicht mehr anſieht, daß ihn ſoeben heftige Stürme bewegt. Madame Bendel ſummte eine leiſe Melodie vor ſich hin, als ſie das Zimmer verließ und ſich über den Gang nach dem Schlafgemach ihrer kleinen Tochter begab, wo dieſe ſich nach beendigtem Nachteſſen ſchon ſo ſehr nach ihrem Bettchen ſehnte, daß ſie beinahe auf den Armen der Wärterin einſchlief. „Gute Nacht, meine liebe Mama,— bin ſo ſehr müde.“ Eigenthümlicherweiſe wiederholte die ſchöne Frau dieſe Worte des Kindes, nachdem ſie daſſelbe auf die Stirn geküßt und das Zimmer wieder verlaſſen hatte, während ſie durch den Gang nach dem Kabinet ſchritt, wo ſich Herr Bendel befand.—„Bin ſo müde,“ und das ſagte ſie ein paar Mal nach einander in einem immer gereiz⸗ teren, heftigeren Tone, den ſie noch dicht vor der Thüre dadurch ſteigerte, daß ſie mit beiden Händen gewaltſam an ihrem Taſchentuch zerrte:„bin ſo müde,— bin ſo müde!“ Das Gemach, in dem ſich Herr Bendel an ſeinem Tiſche leſend befand, erſchien ziemlich dunkel, weil der grüne Schirm der Lampe nur einen hellen Lichtkreis auf die Zeitungen und Briefe warf. Beim Eintritt ſeiner Frau fragte er ohne aufzublicken:„Schläft die Kleine?“ „Ja, ſie war ſo müde.“ „Aber ſie ſcheint ſich doch in letzter Zeit zu erholen, — 144— auch iſt der Doktor, den ich unterwegs ſprach, mit ihrem Befinden nicht unzufrieden.“ „Es iſt eben ſeit der Geburt ein armes, ſchwaches Kind, und man muß ſich glücklich ſchätzen, wenn man es durch die größte Mühe und Sorgfalt nach und nach zu Kräften bringt, was ich auch zu Gott hoffe.“ „Ja— ja,“ entgegnete der alte Herr, doch klang das wie ein leiſer Seufzer. Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Ich leſe da in den verſchiedenſten Zeitungen von der delikaten Heilſpeiſe„Revalescière du Barry“ und ſind eine Unmaſſe von Certifikaten beigefügt, nach denen dieſelbe ordentlich Wunder gethan hat; man ſollte das auch einmal verſuchen, liebe Adeline.“ „Ich habe ſchon mit dem Arzte darüber geſprochen und er hat mir dringend dazu gerathen, ich wollte nur erſt deiner Einwilligung gewiß ſein.“ „Die haſt du ja in Allem, was du für gut findeſt, und ganz beſonders, wo es das Wohl unſeres lieben Kin⸗ des anbelangt, das dir ja ſo ſehr am Herzen liegt.“ „Gewiß, gewiß,“ antwortete die ſchöne Frau langſam in einem ſanften Tone, wobei aber merkwürdiger Weiſe ihre Augen ſichtbar unter einem regen Intereſſe aufleuch⸗ teten, während ihre Blicke die auf dem Tiſche noch uner⸗ öffneten Briefe überflogen; dann ſtreckte ſie, wie ſpielend, ihre Hand darnach aus, ſammelte die Briefe, als wolle ſie ſie ordnen, und las halblaut die Adreſſen, die an Herrn Bendel theils in ſeiner Eigenſchaft als Chef eines großen Bankhauſes, theils als Vorſtand oder Mitglied —— ———— bei ſie an ein Schreiben kam, deſſen Couvert ſie mit ſo abſichtlichem Geräuſch zuſammenriß, daß Herr Bendel auf⸗ ſchaute und fragte:„So— war etwas für dich darunter? Ich muß das überſehen haben, ſonſt hätte ich es dir ſo⸗ gleich gegeben; was war es?“ „Nur eine Rechnung, lieber Freund,— Toiletten⸗ geheimniſſe.“ Entweder war nun dieſe Rechnung von einem ſolchen Umfange, daß die ſchöne Frau, trotzdem ſie wohl an der⸗ gleichen gewöhnt war, über die Größe der Summe erſchrak, oder befand ſich ſonſt etwas in dem ſo harmlos ausſehen⸗ den, mit ſchlechter Handſchrift„an Herrn Pankir Pentel“ überſchriebenen Couvert, was ſie veranlaßte, die Lippen auf einander zu beißen und ihre Bruſt von einem tiefen Athemzuge ſchwellen ließ. „Lieſt du auch zuweilen, was dumme, müßige Menſchen V ſo häufig unter der Rubrik Briefkaſten einrücken laſſen?“ „Selten oder nie,“ war die leiſe Antwort. „Man ſollte dergleichen nicht aufnehmen— oder nicht leſen; doch muß ich hier bei einer dieſer Bosheiten herzlich lachen, nicht aus Schadenfreude, weil auch anderen Leuten unangenehme Dinge geſagt werden, ſondern weil ich faſt mit Beruhigung ſehe, daß wohl Jeder unter der Mißgunſt ſeines lieben Nächſten zu leiden hat.“ „Was betrifft es denn?“ ;„Hier ſteht eine große Auktion auf der Zigeunerinſel angezeigt, und unter anderen harmloſen Dindenr welche Hackländer, Kainszeichen. I. verſchiedener Wohlthätigkeits⸗Anſtalten gerichtet waren, wo⸗ 4 ——— A 3 8* 9 “ 8 4* — 146— dem Ganzen einen Anſtrich von Wahrſcheinlichkeit geben ſollen, befindet ſich auch ein großes Faß, um penſionirte Knochen aufzuheben, ferner weiße, dauerhafte Farbe, um Blutflecken unſichtbar zu machen, Nachſchlüſſel zu Gitter⸗ thüren, ſcharfe Brillen für alte Narren und Strohkränze für ſchöne Jungfrauen, oder für ſolche, die es nicht mehr ſein wollen,— haſt du je ſolchen Unſinn gehört?“ „Es iſt das ſehr lächerlich,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Ja, lächerlich für uns, die wir mit gutem Glauben darüber lachen können, aber es gibt Leſer genug, die an ſolche Tollheiten weitere Combinationen knüpfen, die ſo lange grübeln und forſchen, ob irgend etwas auf Dieſen oder Jenen paßt, und die dann gleich bei der Hand ſind, den Ruf irgend eines unſchuldigen Weſens zu beflecken,— haſt du auch die Gitterthür des Gartens wieder ſchließen laſſen?“ fragte er, ſo plötzlich auf ein anderes Geſprächs⸗ thema übergehend, daß ihn Madame Bendel erſtaunt, bei⸗ nahe erſchreckt anblickte, ehe ſie zur Antwort gab:„Gewiß, wie immer; doch wie kommſt du ſo plötzlich darauf?“ „Nur wegen unſerer Nachbarſchaft, liebes Kind, unter der es Leute gibt, die zu Vielem fähig ſind.“ Herr Bendel ſpitzte hierauf ſeinen Mund und ſchien ein leiſes Pfeifen verſuchen zu wollen, was ſich aber un⸗ willkürlich in ein lautes Gähnen verwandelte,—„es geht mir wie dem Kinde,“ ſagte er mit einem traurigen Lächeln, „auch ich bin müde, recht müde, und wenn es mir ſpäter einmal ſo zu Muthe iſt, ſo will ich wahrhaftig glücklich ſein, nicht mehr aufwachen zu müſſen.“ „O, wer wird ſolche Gedanken haben bei deinem glück⸗ lichen Alter!“ „Alt werden iſt allerdings ſchön, aber alt ſein,“— hier ſchüttelte Herr Bendel mit dem Kopfe und es dauerte eine Weile, ehe er mit leiſer Stimme fortfuhr:„Je älter man wird, je mehr ſchwinden die Illuſionen, je mehr ſieht man ein, daß ſelbſt für uns, die wir zu den Bevorzugten gehören, das Leben nichts iſt, als ein brillantes Feuer⸗ werk, raſch verpufft, und dann kommen wir in das Sta⸗ dium der ausgebrannten Hülſen und verkohlten Stangen — werden wir Thee trinken?“ „Er wird ſchon im Eßzimmer parat ſein,“ ſagte Ma⸗ dame Bendel, indem ſie ſich ſchnell erhob, um nebenan nachzuſehen. Doch würdigte ſie dort den reichbeſetzten und hellbeſtrahlten Theetiſch keines Blickes, ſondern trat raſch vor einen der hohen Spiegel, in welchen ſie ein paar Sekunden lang mit einem ſchreckhaft verzerrten Geſichte hineinſchaute, dann mit beiden Händen die Haare von der Stirn ſtrich, hierauf langſam mit den Fingern an beiden Schläfen herabfuhr und dies ein paar Mal wiederholte, bis ihr ſchönes Geſicht den gewöhnlichen ruhigen, ja hei⸗ teren Ausdruck wieder annahm,— nur die Gluth, welche auf ihren Wangen brannte, war ſie nicht im Stande, verſchwinden zu machen. „Es iſt Alles bereit,“ rief ſie in's Nebenzimmer, dann beſchäftigte ſie ſich mit der Bereitung des Thee's und als Herr Bendel eintrat, mit dem Ausblaſen der Spiritus⸗ flamme unter dem ſchweren ſilbernen Keſſel, was ihr aber — 148— erſt nach verſchiedenen vergeblichen Anſtrengungen gelang, ſo daß ihr Geſicht begreiflicher Weiſe ſehr geröthet er⸗ ſcheinen mußte. Der Banquier hatte ſeine Briefe mitgebracht und wäh⸗ rend er ſeinen Thee trank, las er dieſelben, machte auch hier und da mit Bleiſtift einige Notizen, die er alsdann in ſeiner Brieftaſche wiederholte, was eine ziemlich geraume Zeit in Anſpruch nahm, während ſeine Frau ein Mode⸗ Journal durchblätterte, es aber haſtig auf die Seite warf, als eine Abbildung kam, wo eine junge, elegante Dame an der Gitterthür eines Gartens mit einem jungen Herrn plauderte, welcher, wie alle jene abgeſchmackten Figuren, einen dicken, blaſſen Puppenkopf hatte mit kirſchrothen Lippen und blondem, faſt röthlichem Haar und Bart. „Da wir Alle müde ſind,“ ſagte Herr Bendel endlich, „ſo wollen wir zu Bette gehen; gute Nacht, mein Kind, — ſoll ich die Rechnung für dich zahlen laſſen, welche du vorhin erhalten?“ „Nein, ich danke dir, ich muß ſie zuerſt genau durch⸗ ſehen.“ Der Banquier küßte ſeine junge, ſchöne Gattin auf die Stirn und ging mit den Briefen in der Hand nach ſeinem Schlafzimmer, welches vorn nach der Straße hin⸗ aus lag und Morgenſonne hatte, was für einen älteren Herrn ſehr angenehm iſt. Hier angekommen ging er aber nicht ſogleich zu Bette, ſondern blieb an dem Tiſche ſtehen, auf welchem eine Lampe brannte, und betrachtete die Briefe in ſeiner Hand. Herzen verſtandeſt, der Du nur an der kleinen Gitterthür — 149— „Eigenthümlich,“ murmelte er,„ich hatte doch alle dieſe Adreſſen genau durchgeleſen und möchte darauf ſchwören, daß nichts für meine Frau darunter war; dagegen fehlt mir ein Brief mit einer recht ſchlechten Handſchrift, den ich zuerſt öffnen wollte, aber wieder vergaß, weil ich begierig auf die Zeitung war,— eigen⸗ thümlich!“ Auch Madame Bendel ſchien, nachdem ſie ihr Schlaf⸗ zimmer betreten, alle Müdigkeit vergeſſen zu haben. Sie ging ein paar Mal mit haſtigen Schritten hin und her, wobei ſie auf ihre Fingernägel biß; dann trat ſie raſch an den Kamin, auf deſſen Geſimſe ein paar Wachskerzen leuchteten, zog einen.Brief aus der Taſche des Kleides, deſſen Couvert ſie haſtig an die Flamme des Lichtes hielt, in Brand ſteckte und nicht eher losließ, bis das Papier beinahe vollſtändig verkohlt war. Dann preßte ſie die Unterlippe zwiſchen die Zähne, that einen tiefen Athem⸗ zug, während ſie mit einem ſcheuen Blick an die Zimmer⸗ decke emporſchaute, worauf ſie das Briefpapier entfaltete. Es ſtanden auf demſelben nur wenige Zeilen, ſchlecht, un⸗ orthographiſch und ſo geſchrieben, als hätte ſich der Be⸗ treffende dabei eines Schwefelholzes bedient; der Inhalt aber lautete: „Unglücklicher alter Mann! der Du in vollem Ver⸗ trauen ein junges Weib nahmſt, um von ihr täglich, ja ſtündlich betrogen zu werden, der Du blind biſt bei ſehen⸗ den Augen, der Du weder Strohkränze noch brennende — — 150— Deines Gartens aufzupaſſen brauchteſt, um zu ſehen, was die Nachbarſchaft ſah und— Jemand, der es treu und ehrlich mit Dir meint.“ Die ſchöne Frau knirſchte mit den Zähnen und ballte die linke Hand, während ihre Rechte, mit der ſie den Brief hielt, ſichtbar bebte. „Nein, nein,“ brachte ſie mühſam hervor,„das iſt nicht länger zu ertragen! Lieber mit Einem Schlage ver⸗ loren zu ſein, als durch dieſe beſtändigen Nadelſtiche zu Tode gepeinigt zu werden,— und es wird und muß ſo kommen!“ rief ſie aus, indem ſie ihr los gewordenes Haar durch ein wildes Schütteln mit dem Kopfe über den Nacken hinabwarf,„finde ich doch ſeit einiger Zeit in den Blicken, ja in den Worten meines Mannes Spuren ver⸗ deckter Anſpielungen, etwas wie aufkeimenden Argwohn, und von da iſt es nicht weit bis zum vollſtändigen Er⸗ blühen dieſer üppigen Giftpflanze— und mit Recht, mit Recht.“ Sie ſagte dies haſtig, im Zimmer auf und ab gehend, wobei ſie ihr Schnupftuch hervorzog, es einen Moment gegen die Augen drückte und dann in ihren Händen hin und her zerrte, als wolle ſie es gewaltſam zerreißen; dann blieb ſie plötzlich ſtehen, trat heftig mit dem Fuße auf den Boden und murmelte zwiſchen den zu⸗ ſammengepreßten Zähnen:„Wohl mit Recht, aber nur, weil ich im Anfange zu feig war, von einer Liebe zu reden,— offen und ohne Furcht zu reden, die ja ſo lange kein Verbrechen war, bis ich mich durch Ueberredung in dieſe goldenen Feſſeln hineinſchmieden ließ,— glaubte ich — 151— doch Alles hinter mir abgebrochen zu haben, Alles vergeſſen zu können,— wie er mich vergeſſen würde,— aber es kam anders— es kam anders— es kam anders!— Ich war nicht ſtark genug, um auch gegen ihn ſtark und feſt zu ſein. Ja, ich war ſchwach, verächtlich ſchwach, und ſo oft ich auch ihm das Verſprechen abnöthigte, nie mehr den Verſuch zu machen, mich zu ſehen, ſo ſah ich wohl an ſeinem eigenthümlichen Lächeln, daß er es wußte, wie feſt er mich in ſeiner Hand hatte,— ſo noch heute Abend. Ach, mein Kopf iſt wüſt und leer,“ ſeufzte ſie, vorn⸗ über gebeugt und das Geſicht in beide Hände verbergend, „weiß ich doch nicht einmal mehr, ob ich vorhin Befehl gab, die Gitterthür feſt zu verſchließen und zu verriegeln.“ Plötzlich richtete ſie ſich haſtig auf, zuckte zuſammen, und die mit Einemmale ſchreckhaft verzerrten Züge lau⸗ ſchend gegen das Fenſter wendend, ſtürzte ſie dann gegen daſſelbe, öffnete es geräuſchlos und horchte in den Garten hinaus. Die Nacht war ſtill, der Mond ſandte nur noch ein paar ſchwach leuchtende Streiflichter über die hohen Bäume, — Gott ſei Dank, nirgend war ein Geräuſch zu ver⸗ nehmen, als das murmelnde Plätſchern der Fontainen, — und doch— und doch— es knirſchte leiſe auf dem Sandwege, allerdings kaum vernehmbar, aber für ſie wie dröhnende Fußtritte. Sie hätte ein Blatt fallen hören, ſo angſtvoll lauſchte ſie. Es kam näher, es kam näher; jetzt raſſelte es unten an dem Weinſpalier, welches die Wand bedeckte. Sie ſah — 152— ein dreimaliges Zittern der dünnen Ranken, die um das Fenſter ſpielten,— er war da ¹ Unſeliges Zeichen, das heute ihr Herz mit namenloſer Angſt erfüllte, das ſie nicht einmal daran denken ließ, raſch das Fenſter zu ſchließen und den Vorhang nieder zu laſſen, was ihn zum Rückzug bewogen hätte! Und als ſie daran dachte, war es ſchon zu ſpät. Das ſchwanke Gitterwerk bewegte ſich unhörbar, aber ſie ſah es an dem ſtärkeren Zittern der Ranken. Ein Kopf erſchien an der Fenſterbrüſtung, eine Hand legte ſich feſt auf die⸗ ſelbe, und dann ſchwang er ſelbſt ſich nach, nicht in das Zimmer hinein, denn ſie war ihm entgegengeſtürzt, ſie ſtreckte ihm die gerungenen Hände entgegen,— ſie wußte ſelbſt nicht, weßhalb ſie gerade jetzt eine ſo entſetzliche Angſt erfaßte.— Hatte ſie leiſe Schritte auf dem Gange draußen vernommen? Sie wußte es ſelbſt nicht. Ihr Blut tobte und raſte, ſo daß es ihr vorkam, als ſei das ganze Haus lebendig geworden, als öffne ſich die Zim⸗ merthür, als ſehe ſie dort eine weiße Geſtalt ſtehen, mit einer weißen, ſpitzigen Mütze auf dem Kopfe,— darunter ein weißes Geſicht.— Dann ließen ihre Hände willenlos die Fenſterbrüſtung fahren, die ſie krampfhaft umfaßt hatte,— ohnmächtig glitt ſie auf den Boden nieder. Wie lange ſie bewußtlos da gelegen, ſie wußte es nicht mehr, als ihr die Beſinnung wiederkehrte, wohl unter dem Einfluß der kühlen Nachtluft, welche zu dem offenen Fen⸗ ſter hereinſtrich; ja, ſie konnte ſich im erſten Augenblicke nicht erinnern, was mit ihr vorgegangen ſei, dann aber, — ——— — I als ihr Alles klar wurde, richtete ſie ſich mit einem ſchmerz⸗ lichen Stöhnen vom Boden auf. Und war nicht am Ende doch Alles nur ein ſchwerer Traum geweſen, eine Phantaſie ihres heftig zum Herzen ſtrömenden Blutes, nachdem ſie jenen ſchrecklichen Brief geleſen? Ja, jener Brief,— wo war er? Sie blickte wild um ſich auf dem Fußboden, ſie ſuchte auf dem Kamin⸗ geſimſe, auf der Fenſterbrüſtung,— auf dem Tiſche, auf allen Stühlen, auf ihrem unberührten Bette, überall— überall,— ſie fand ihn nicht! Entſetzlich, wenn er zum Fenſter hinausgefallen wäre, wenn er morgen früh gefunden würde! Ja, er mußte unten im Garten liegen und ſie mußte hinab, ihn ſuchen, wenn auch der Gedanke ſie ſchaudernd durchdrang, daß vielleicht das Aufſchließen der Thüren in dem nächtlich ſtillen Hauſe gehört würde. Sie nahm eines der Lichter, warf einen dunklen Man⸗ tel über ihr weißes Kleid und eilte an ihre Zimmerthüre, um dieſe zu öffnen; unmöglich, ſie war verſchloſſen. Ein Strahl der Hoffnung blitzte durch ihr angſtverdüſtertes Gemüth. Wenn ſie ſelbſt den Riegel vorgeſchoben hatte, ſo war ja Alles nur ein Spiegelbild ihrer wild erregten Phantaſie geweſen? Aber ſie hatte den Riegel nicht vorgeſchoben, die Thüre war von außen verſchloſſen! Gewißheit— Gewißheit, fürchterliche Gewißheit! Da⸗ mit hatte aber auch ihre entſetzliche Aufregung den Höhe⸗ punkt erreicht, und eine für ſie wohlthätige Reaction trat ein. Thränen quollen aus ihren weit geöffneten Augen, ſie ſchritt langſam im Zimmer hin und her, anfangs nach irgend einem tröſtlichen Gedanken ſuchend, und als ſie einen ſolchen nicht zu finden im Stande war, müde, gebrochen, zuweilen bei ihrem Rundgang die rechte Hand auf den Tiſch ſtützend, auf den Kamin,— auf die Fenſterbrüſtung; doch war es wohl die kühle Nachtluft, welche ſie hier jedesmal heftig ſchaudern machte,— endlich ſchlich ſie zu ihrem Bette und warf ſich unausgekleidet auf daſſelbe. Sie ſchlief nicht; ſie ſank endlich nur in einen dumpfen, unruhigen Schlummer, aus dem ſie jedesmal aufſchreckte, ſobald ſie irgend ein Geräuſch, irgend einen Ton ver⸗ nahm, das Anſchlagen der Thurmuhren, das Krähen der Hähne in der Nachbarſchaft von ferne hörte, das Poltern eines Karrens auf dem Pflaſter. Endlich mußte ſich die Natur doch ihr Recht genom⸗ men haben und ſie eingeſchlafen ſein, denn ſie ſchrak empor, aber erſt nach einem mehrmaligen heftigen An⸗ klopfen an die Thür. „Wer iſt's? Herein!“ Es knirſchte im Thürſchloſſe und erſt nach ein paar Sekunden wurde dieſe geöffnet von der Kammerfrau, welche ſchreckensbleich und mit entſtellten Zügen in das Zimmer ſtürzte.—„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ ſagte ſie zu⸗ erſt, wie ſich entſchuldigend,—„ich hatte in der Auf⸗ regung den Schlüſſel umgedreht, ſtatt zu öffnen,— ach, — 155— liebe, gnädige Frau,— nun, Sie wiſſen es ja ſchon, ich ſehe es Ihnen an,— iſt das nicht ſchrecklich?“ Wer aber auch Madame Bendel in dieſem Augenblicke ſah, wie ſie ſich angekleidet von ihrem Bette erhob, das lange Haar verwirrt herabhängend, mit gerötheten, einge⸗ ſunkenen Augen, bläulich weißen Lippen, verſtört umher⸗ ſchauend und mechaniſch mit dem Kopfe nickend— wer, ſagen wir, die ſonſt Morgens ſo friſche, fröhliche, ſchöne, junge Frau geſehen, konnte nicht anders glauben, als daß dieſe ſchon von dem Unglück unterrichtet ſei, welches ihr Haus betroffen, weßhalb ſich die Dienerin begnügte, die beiden Hände ihrer lieben, gnädigen Frau zu faſſen, zu küſſen und mit Thränen auszurufen:„Ach, Sie wiſſen es ja ſchon!“ Und doch wußte die arme Frau nichts— nichts— nichts. Draußen erſchien der alte Diener, ſeine Rechte vor die weinenden Augen haltend, mit ihm die jammernde Wärterin der kleinen Eliſe, und Beide nickten mit ſtum⸗ mem Schmerze in's Zimmer hinein; ſie traten ehrerbietig zurück, als ihre Herrin ſchwankend heraus kam, kurz und ſchwer athmend, dann ſchritt ihr der Diener voraus, wie er es gewöhnlich zu thun pflegte, um die Thüre zum Kabinet des Herrn zu öffnen, welches an deſſen Schlaf⸗ zimmer ſtieß. Auf dem Tiſche in dieſem Kabinet ſtand die ausge⸗ löſchte Lampe und um ſie herum lagen wie geſtern Abend die Zeitungen und Broſchüren, nichts war hier anders, ſogar der Lehnſtuhl halb vom Tiſche abgeſchoben, wie ihn — 156— Herr Bendel verlaſſen, nachdem er auf den Ruf ſeiner Frau zum Thee gegangen war. Nur der Schreibtiſch war nicht wie gewöhnlich. Hier ge ſah man Schubladen, welche ſonſt ſtets feſt verſchloſſen waren, halb geöffnet, ja, an einer ſteckte der Schlüſſelbund des Banquiers, den er jedes Mal unter ſein Kopfkiſſen zu legen pflegte. Ein ſilberner Leuchter auf dieſem Schreib⸗ tiſch zeigte vier tief herabgebrannte Wachskerzen. Alles dieſes ſah man indeſſen nur undeutlich, denn die Fenſterläden waren zugezogen, wie es bei ſolchen Ver⸗ anlaſſungen zu geſchehen pflegt, und aus dieſem Grunde herrſchte auch im Schlafzimmer bei den obendrein herab⸗ gelaſſenen dichten Vorhängen eine ſolche Dämmerung, daß man recht nahe an das Bett herantreten mußte, um zu ſehen, daß Herr Bendel nicht ruhig und ſanft ſchlief, ſon⸗ dern etwas Ernſtes und viel Traurigeres gethan hatte, daß er nämlich in der Nacht und wahrſcheinlich ſehr plötz⸗ lich geſtorben war.— Herr Bendel lag lang ausgeſtreckt auf dem Rücken, er hielt ſeine Hände auf der Bruſt zuſammen gefaltet, und ſein Geſicht unter der weißen Nachtmütze ſah gerade ſo aus, als ſei er eben entſchlummert und als würde er beim nächſten tiefen Athemzuge ſeine Augen wieder auf⸗ ſchlagen; dagegen aber ſprach ein eigenthümlicher Zug um Naſe und Mund, ſo wie die Eiſeskälte der Finger, welche Madame Bendel jetzt, nachdem ſie vor dem Bette nieder⸗ geſunken, ſchaudernd unter ihren lebenswarmen Händen fühlte. — 157— Die Dienerſchaft, welche Madame Bendel her begleitet, . war discreter Weiſe im Vorzimmer geblieben und hatte ſich nach und nach noch durch den Kutſcher vermehrt, b durch die Köchin und das jüngere Stubenmädchen, wobei man jedes Mal neue Klagen, neues Schluchzen und Weinen hörte. Dann ſchien auch Jemand anders gekom⸗ men zu ſein, denn Sämmtliche draußen lamentirten durch⸗ einander und es ſchien Jeder den traurigen Fall auf ſeine Art zu erzählen, und zwar ſo laut, daß es Madame Bendel nothwendig hören mußte. Wer konnte gekommen ſein? Irgend Jemand von ihrer Familie, ein Freund ihres Mannes? Sie erhob ſich raſch, ſtrich die Haare aus der Stirn und blickte ſcheu um ſich. Während ſie ſo eben neben dem Todten knieete, waren ihr allerlei ſeltſame Gedanken ge⸗ kommen, und als ſie jetzt nach einem entſetzlichen Kampfe mit ſich ſelbſt raſch die Bettdecke etwas lüftete, glaubte ſie darunter Furchtbares ſehen zu müſſen, Schreckliches, wie man es wohl bei ähnlichen Fällen in Büchern liest,— eine Blutlache, ein Meſſer bis an den Griff in's Herz geſtoßen. Doch war hier von alle dem nichts, keine Spur irgend welcher grauſiger Poeſie; Herr Bendel lag in ſeinem weißen Nachtkamiſol ſo einfach und harmlos da, wie er im Leben geweſen. Auf ſeinem Nachttiſchchen, dicht am Bett, ſtand auf einem ſilbernen Leuchter die herabgebrannte Kerze, ein leeres Glas mit einem Löfſſelchen, ein kleines 1 Fläſchchen und noch etwas, auf das Madame Bendel ſo⸗ gleich ihr Taſchentuch warf, da ſie im Nebenzimmer — 158— Schritte hörte, die ſich raſch näherten,— dann blieb ſie ſtehen, die Hand auf die Bettdecke geſtützt und den Ver⸗ ſtorbenen mit Thränen in den Augen betrachtend. Eine Hand berührte ſie ſanft und leiſe, die des alten Hausarztes und langjährigen Hausfreundes, des Ober⸗ medicinalraths Werner. „Mein armer, lieber Bendel,“ ſagte er, indem er mit ſeinen beiden Händen die Rechte der Trauernden empfing und in tiefer Rührung herzlich drückte,—„mein guter, lieber Freund,— ich, der ihn ſo lange, lange Jahre ge⸗ kannt und ſtets bieder und treu befunden, weiß, was wir Beide an ihm verlieren. Troſt kann ich Ihnen nicht ſpen⸗ den, meine liebe Frau, und kann Sie nur an die Alles lindernde Zeit verweiſen; es gehört ja auch nicht zu un⸗ ſerem Handwerk, zu tröſten, wir haben Anderes zu thun,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort, während er, mit zuſam⸗ mengelegten Händen ſeinen alten, nun ſo ſtillen Freund betrachtend, laut hinzuſetzte:„Es wird ein Schlag geweſen ſein, wie wir es zu nennen pflegen, häufig um unſere eigene Unwiſſenheit zu verdecken, ein plötzliches Stillſtehen der Maſchine, weil die Zeit ihres Wirkens abgelaufen war, — Gott hab' ihn ſelig!“ Dann that er einen tiefen Athemzug, wobei er ſich, leicht die Augen wiſchend, raſch gegen das Fenſter wandte, um den Vorhang aufzuziehen, alsdann aber plötzlich in die Höhe ſchaute und auffallend in die Luft ſchnüffelte. Madame Bendel hatte ſein Weggehen benutzt, um ihr Taſchentuch wieder an ſich zu nehmen, und als ſie daſ⸗ — 159— ſelbe leicht zwiſchen ihren Fingern drückte, fühlte ſie das Knittern eines Papiers, das ſie langſam in ihre Taſche hinabgleiten ließ,— es war ein Brief,— es war ein Brief,— es waren ſeine letzten Worte an ſie,— ſie hatte ein Gefühl, als ſei das kleine Couvert eine ſchwere Bleimaſſe und zöge ſie tief hinab. „Eigenthümlich,“ meinte der Hausarzt, indem er, ſtets um ſich herum riechend, wieder langſam gegen das Bett ging,—„ſeltſam, hat denn mein armer Bendel geſtern Abend über ſeine gewöhnlichen Kopfſchmerzen geklagt?“ fragte er alsdann. „Geklagt hat er nicht,“ gab ſie nach einer kleinen Pauſe zur Antwort,„aber ich fand ihn ernſter, gedanken⸗ voller als ſonſt, auch legte er zuweilen die Stirn in die Hand und fuhr mit den Fingern über den Kopf.“ „So— ſo.“ Der Hausarzt hatte nach dieſen Worten das kleine Fläſchchen vom Nachttiſch genommen, daran gerochen und fragte dann haſtig:„Sie wiſſen nicht, wie viel geſtern Abend noch darin geweſen iſt?“ „O mein Gott, nein, ich weiß es nicht; hatte ich doch überhaupt keine Kenntniß von dem Inhalt dieſes Fläſchchens!“ „Auch nicht, daß Bendel, ehe er ſich zum Schlafen anſchickte, häufig ein Glas Zuckerwaſſer trank?“ „O ja, ich habe es ihm häufig zubereitet und an's Bett geſtellt!“ Der Hausarzt hatte auch in das Waſſerglas gerochen — 460— und fuhr dann in einem tiefen, ernſten Tone fort:„Ich hatte ihm erlaubt, bei heftigen Kopfſchmerzen oder wenn er, wie häufig, an Schlafloſigkeit litt, zwei Tropfen, höch⸗ ſtens drei, mit ſeinem Zuckerwaſſer zu nehmen,— in dem Fläſchchen aber, das ich noch vor wenigen Tagen ſah, waren vielleicht noch über hundert Tropfen, doppelt genug, um einen Menſchen zu tödten, wenn er es auf einmal in ſein Glas goß, oder“—— was er jetzt hinzu ſetzte, dachte er allerdings nur, erſchrak aber vor ſeinem eigenen Gedanken ſo ſehr, daß er dabei Madame Bendel nur ſcheu und flüchtig von der Seite anzuſchauen vermochte. Oder, wenn es ihm ein Anderer in's Glas gegoſſen, hatte der Hausarzt gedacht, und es war, als wenn die Frau dies verſtanden, denn ſie hob die krampfhaft zu⸗ ſammengefalteten Hände hoch empor und rief in einem ſchrillen Tone des Schreckens:„Das wäre ja entſetzlich — entſetzlich— entſetzlich!“ „Ja, entſetzlich! So ein thatenreiches, geſegnetes Leben zu beſchließen durch— eigene Unvorſichtigkeit— nur Unvorſichtigkeit, vielleicht auch in einem Anfall heftiger Kopfſchmerzen, denn etwas Anderes von meinem guten Bendel zu glauben, wäre frevelnd.“ „Wäre frevelnd,“ wiederholte ſie mit tonloſer Stimme. „Er, der ſich ſonſt einer ſo guten Geſundheit erfreute, der die Beſchwerden des Alters nicht kannte, der ſich glücklich fühlte in ſeinen ehrenvollen Beſchäftigungen, in ſeiner Häuslichkeit!“ „In ſeiner Häuslichkeit,“ ſagte ſie auf die gleiche Art. —,. 3— — wie vorhin, hatte aber dabei ein Gefühl, als verdopple ſich das Gewicht der ſchweren Bleimaſſe in der Taſche ihres Kleides, als müſſe ſie da hingreifen und ſich deſ⸗ ſelben entledigen, als müſſe ſie den kleinen Brief wieder dort hinwerfen, wo ſie ihn genommen, oder als müſſe ſie ihn dem alten, bewährten Hausarzt übergeben; doch ver⸗ mochte ſie es nicht, ſie hatte nicht den Muth, es zu thun. O hätte ſie es gethan— o hätte ſie es gethan! Gleich darauf aber hatte ſie keine Zeit mehr dazu, denn es näherten ſich raſche Schritte und es kamen ihre Schweſtern, die Frau Regierungsrath Löſer und die Frau Kanzleidirektor Schwebeling, und während erſtere die wan⸗ kende junge Wittwe in ihren Armen auffing, ſie ſanft in's Nebenzimmer führte, um dort mit ihr zu weinen, trat die andere dicht an das Bett und ſagte achſelzuckend: „Es iſt das eben ein großes Unglück für unſere Familie und um ſo unangenehmer, als es dem Himmel gefallen hat, Herrn Bendel ſo raſch und rückſichtslos von dieſer Welt abzurufen.“ „Ja, es iſt rückſichtslos— von dem armen Bendel,“ entgegnete der Arzt in einem trockenen Tone,„er hätte Ihre werthe Familie zuerſt um Erlaubniß fragen ſollen.“ „Er?“ fragte Madame Schwebeling, wobei ihre ernſten, harten Züge ein leicht begreifliches Erſtaunen ausdrückten, — ver, unſer Schwager Bendel? Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, Herr Obermedicinalrath, wenn auch der Selige gegen uns nicht gerade das war, was man rückſichtsvoll nennen konnte, ſo würde er doch in dieſem Hackländer, Kainszeichen. I. 11 * . OöSOOſſſſſſ„ . 5 5———— — 1 1= i—— ———õ ——— 3—— ———— — 162— Falle nicht ſo gehandelt haben, wenn es in ſeinem eigenen Willen gelegen hätte.“ „Es lag aber für dieſes Mal in ſeinem eigenen Willen,“ verſetzte ruhig der Hausarzt,„denn ſehen Sie, Frau Kanzleidirektor, Sie ſind eine energiſche, verſtändige Frau, mit der man keine umſchweifenden Komplimente zu machen braucht, und will ich Ihnen deßhalb auch, was dieſen traurigen Fall anbelangt, meine offene Meinung nicht vorenthalten. Dieſer arme Mann, mein lieber, guter, alter Freund, iſt nämlich keines natürlichen Todes ge⸗ ſtorben.“ „Herr Obermedicinalrath!— wiſſen Sie auch, was Sie reden? Bedenken Sie auch, was Sie durch dieſe unüberlegten Worte auf eine ganze, ehrenwerthe Familie laden?“ „Worte, die ich leider nur hier zu Ihnen ſpreche, nicht aus Rückſicht für Ihre ehrenwerthe Familie, ſondern aus Rückſicht für dieſen todten Mann da, der ein Ehren⸗ mann war durch und durch, und der vielleicht ſeine guten Gründe hatte, ſo ſtill aus der Welt zu ſchleichen; viel⸗ leicht fühlte er ſich doch nicht würdig genug, um Mitglied Ihrer ehrenwerthen Familie zu ſein.“ Hier lachte die Kanzleidirektorin krampfhaft auf, da ſie ſich aber zu gleicher Zeit erinnern mochte, wie un⸗ ſchicklich das im gegenwärtigen Augenblicke war, ſo erſtickte ſie dieſe Töne durch ihr Taſchentuch, das ſie feſt an den Mund preßte, wodurch ein Ziſchen und Gluckſen entſtand, das man anfänglich für ſchmerzliches Schluchzen hätte —₰,— —— ² — Blicke. halten können, und ſetzte dann hinzu:„Ah, ich verſtehe Sie und erinnere mich genau, daß Sie es waren, welcher unſeren ſeligen Schwager vor einer Verbindung mit unſerer Schweſter warnte!“ „Ja wohl, Madame, weil ich das in ſeinem Alter für ungeſund hielt.“ „Und weil Sie eine Partie für ihn wußten, die ihm beſſer behagt hätte. Doch hat der Himmel anders ent⸗ ſchieden; meine Schweſter iſt allerdings eine betrübte Wittwe, doch wollen wir von der Zeit Linderung hoffen und uns bemühen, das kleine, ſchwächliche Kind in ſorg⸗ fältige Pflege zu nehmen, daß es bald erſtarke und lange lebe zum Glück ſeiner Mutter— hier machte ſie einen Knicks—, zum Heil unſerer ehrenwerthen Familie— hier machte ſie einen zweiten— und zum Aerger für manchen Anderen,“— hier machte ſie einen dritten und tiefſten. Der Hausarzt hatte ſich an den Tiſch geſetzt, zog ſeine Brieftaſche heraus und ſagte, ehe er zu ſchreiben an⸗ fing:„Ich verletze allerdings meine Pflicht, indem ich hier bezeuge, wie ich thue,— aber irren iſt menſchlich— man ſoll allerdings nur die Wahrheit reden, aber braucht nicht alles zu ſagen, was wahr iſt. Deßhalb verſchweige ich auch aus Rückſicht für meinen lieben, guten Freund, daß er aus der Welt gegangen iſt— als ein Selbſtmörder.“ Hier trat Madame Schwebeling raſch näher und maß ihn von oben bis unten mit einem wilden, feindſeligen 5— — 164— Doch lächelte er ſie ruhig an, wobei er ſagte:„Wenn nicht noch Schlimmeres hier vorliegt,“— dann erſt ſchrieb er weiter. Das war denn doch zu ſtark, ſelbſt für die anerkannt vortrefflichen Nerven der Kanzleidirektorin. Sie knickte ordentlich zuſammen, ſo daß ſie ſich an dem Bettpfoſten halten mußte; ja, es wurde ihr einen Moment dunkel vor den Augen, und als ſie ſich darauf wieder gefaßt hatte, als ihr Kopf energiſch in die Höhe flog, als ihre Finger wieder anfingen zu zucken, war der Hausarzt aus dem Zimmer verſchwunden. Nicht aber aus dem Hauſe, denn er war in das Zimmer und an das Bettchen des kranken Kindes ge⸗ gangen, nachdem er vorher draußen im Gange die alte Wärterin tüchtig geſcholten, daß ſie die kleine Eliſe von dem Tode ihres Vaters in Kenntniß geſetzt, bemerkte aber jetzt zu ſeiner Beruhigung, daß ſich das Kind in keiner großen Aufregung befand, vielmehr matt lächelte und dann mit betrübter Stimme ſagte:„Papa hätte mich nur gleich mitnehmen können.“ Die Regierungsräthin Löſer hatte ihre Schweſter nach deren Schlafzimmer geführt und ſie genöthigt, ſich dort auf ein Ruhebett zu legen; dann waren auch die Schwäger zu ihr gekommen, der Stadtdirektor, der Kanzleidirektor, zuletzt der Regierungsrath; nicht als ob dieſer langſamer nach dem Trauerhauſe geeilt wäre, ſondern er hatte ſich länger als die Uebrigen an dem Bette des Verſtorbenen aufgehalten und die Erzählungen des alten Dieners angehört. äͤͤ — — 165— Viel Neues wußte dieſer zwar auch nicht zu berichten: Geſtern Abend ſei Alles wie gewöhnlich geweſen, der Herr und die gnädige Frau hätten zuſammen Thee getrunken, dann ſei der Herr in ſein Kabinet gegangen, wo er in⸗ deſſen noch ſehr lange geſchrieben haben müſſe, denn heute Morgen wären die ſtarken Wachskerzen, die er, der Be⸗ diente, erſt geſtern friſch aufgeſteckt, ganz herabgebrannt geweſen. Heute Morgen nun ſei er wie gewöhnlich in's Schlafzimmer gegangen, wo es ſtark nach bitteren Mandeln gerochen hätte, was ihm aber gar nicht aufgefallen ſei, da es häufig vorgekommen, nur nicht ſo arg. Dann ſei er an's Bett getreten und habe das große Unglück ge⸗ ſehen. Hier weinte der alte Diener bitterlich, und auch dem Regierungsrath wurden die Augen naß; hatte er doch ſtets in beſter Harmonie mit ſeinem Schwager gelebt und war dieſer es ſtets geweſen, der ſeine Partie genommen, wenn ihn die böſe Zunge der Madame Schwebeling ein⸗ mal gar zu ſehr verarbeitete. Endlich ging auch Herr Löſer zu ſeiner Schwägerin und war einigermaßen erſtaunt, dieſe in ſo heftigem, gänzlich rathloſem Schmerze zu finden; es nahm ihn Wunder, die ſchöne Frau ſo entſtellt zu ſehen, bleich, mit eingefallenen Augen, weißen Lippen,— dann zuweilen krampfhaft zuckend, mit den Fingern in ihr lang herab⸗ fallendes Haar greifend. Wenn auch der Verluſt eines Gatten immerhin eine Bewegung zu verurſachen im Stande iſt, ſo hatte der Regierungsrath doch geglaubt, dieſelbe würde den Um⸗ — 2 4 8 —yönn — 166— ſtänden gemäß bei ſeiner Schwägerin milder und gelinder auftreten. War doch hier von einer Verbindung aus Liebe, oder auch nur aus Neigung keine Rede, war es doch eine Heirath, in den Grundzügen entworfen von der Kanzleidirektor Schwebeling und auch von dieſer würdigen Dame mit der ihr eigenen Energie durchgeführt, trotz mancherlei Hinderniſſen, die unüberſteiglich erſchienen, und von denen nicht das geringſte eine totale Abneigung des damals noch ſehr jungen Mädchens gegen ihren alten Bräutigam war. Doch leiſtete Madame Schwebeling bei ſolchen Gelegenheiten, wenn ſie einmal ihren Kopf darauf geſetzt hatte, in Ueberſteigung von Hinderniſſen mit ihrer Perſon allein mehr, als auf anderem Terrain ein ganzer Alpenclub mit Fußeiſen und Bergſtöcken, und wie ſtolz war ſie damals darauf geweſen, dieſe Verbindung zu Stande gebracht zu haben! Von den Eltern mit äußerſt geringem Vermögen ausgeſtattet, war den vier Schweſtern nicht einmal der Glanz eines gediegenen Familiennamens zur Seite geſtanden. Doch hatte es das Schickſal gefügt, daß Herr Schwebeling von der älteren Schweſter durch ein kleines Verſehen eingefangen und durch Anwendung von moraliſcher Gewalt feſtgehalten worden war, wodurch es ſchon leichter wurde, die zwei anderen Schweſtern gleich⸗ falls unter die Haube zu bringen. Es waren hübſche, wohlgewachſene Mädchen von hoher Geſtalt geweſen, von denen ſich indeß keine mit der auffallenden Schönheit der jüngeren Schweſter meſſen konnte, und hier hatte es Madame Schwebeling, als die Aelteſte und als das Fami⸗ — 162— lienoberhaupt nach dem Tode der Eltern, nicht anders gethan, als ihr einen Gatten zu verſchaffen, der neben einem höchſt achtbaren Namen auch ein ſehr großes Ver⸗ mögen beſaß, welches eine glänzende Repräſentation nach außen möglich machte. Wenn auch damals die junge Frau, als ſie nach der Trauung in ihr Zimmer zurückkam, um des Opferſchmuckes entledigt zu werden, bitterlich weinend in einen Stuhl ſank, ſo hatte Madame Schwebeling über dieſe Bewegung mitleidig gelächelt und das Gleichniß von unverſtändigen Kindern gebraucht, die nicht wiſſen, wie heilſam und wohlthuend eine bittere Medicin iſt, hatte auch ausdrücklich einen Dank verlangt für die ehrenvolle Lebensſtellung, die ſie der jüngſten Schweſter verſchafft. Heute nun, als der plötzliche Tod des Herrn Bendel dieſes Band gelöſt, konnte und wollte auch ſie durchaus nicht begreifen, daß ihre ſonſt ſo ruhige Schweſter ſich in jenem Stadium des Schmerzes befand, wo man die Lippen blutig beißt und das Haar rauft. Wenn ihr auch zuweilen die boshaften Worte des Hausarztes einfielen, und ſie alsdann geneigt war, den auffallenden Schmerz der jungen Wittwe damit in Verbindung zu bringen, ſo warf ſie doch gleich darauf dieſen thörichten Gedanken weit von ſich und ſagte ſich ſchließlich, daß dieſer plötzliche Fall die Nerven allerdings in Aufregung zu bringen ver⸗ mochte; doch brauchte dies ja gerade nicht ſo ſtark und anhaltend hier ihren Verwandten gegenüber zu geſchehen. Sie gab dieſem Gedanken auch Worte, indem ſie, im 1 4 68 1 — — 5 -“ — 168— Zimmer mit weiten, rauſchenden Schritten hin⸗ und her⸗ gehend, ſagte:„Hier unter uns, meine liebe Adeline, brauchſt du eigentlich deinen Schmerz nicht ſo auffallend zur Schau tragen, man iſt ja nicht im Stande, ein ver⸗ nünftiges Wort mit dir zu reden. Daß du es der Diener⸗ ſchaft und auch dem ſaubern Herrn Obermedicinalrath gezeigt, wie tief dich der Verluſt deines Mannes ergriffen, war klug gehandelt, jetzt aber ſollteſt du ruhigen Vor⸗ ſtellungen Gehör leihen.“ „Jawohl, Gehör leihen,“ meinte auch Herr Schwe⸗ beling, der es überhaupt liebte, die letzten Worte ſeiner Gattin beiſtimmend zu wiederholen. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt!“ „Sei gelobt!“ „Auch in dieſem ſpeciellen Falle,“ fuhr die Kanzlei⸗ direktorin fort.„Es wird allerdings einiges Aufſehen geben, aber ein Aufſehen, wie ich es gern habe. Sie werden dich äußerlich bedauern, all' die lieben, guten Freunde und Freundinnen, und doch innerlich vor Neid vergehen.— Ja, Herr Schwager,“ fuhr ſie gegen den Regierungsrath gewendet fort, als dieſer unter einem be⸗ zeichnenden Achſelzucken ein lautes: hm— hm! vernehmen ließ,„ja, Herr Schwager, ich bin nun einmal gerade und offen und haſſe alle Verſtellung, man wird die Adeline beneiden, und das thut mir wohl,— du biſt von nun an eine gänzlich unabhängige Frau.“ „Gänzlich unabhängige Frau.“ — 469— „Haſt über ein ſehr großes Vermögen zu verfügen, gehörſt wieder mehr deiner Familie an, deinen dich ſo innig liebenden Schweſtern.“ „So innig liebenden Schweſtern,“ wiederholte Herr Schwebeling, wobei er indeſſen ſcheu nach ſeinem Schwager Regierungsrath hinüberſchaute und dabei in ſeinem Aeußeren etwas von einem Hunde hatte, welcher gerade einen tüch⸗ tigen Fußtritt erhalten. „Dein ſchönes Haus hier, das man dir niemals ge⸗ gönnt, ſoll fortan der Mittelpunkt unſeres geſelligen Lebens ſein, und ich muß dir ſchon geſtehen, daß ich mit Wonne an den Augenblick denke, wo ich mich behaglich auf deinem Balkon niederlaſſen kann, was dein ſeliger Mann nie be⸗ ſonders gern ſah, um hinüber zu ſchauen zu deiner naſe⸗ weiſen Nachbarin, der dicken Baronin, dieſer Gans, welche im Theater ihre Inſolvenz ſo weit trieb, um mir in deiner Loge auf dem erſten Range den Rücken zuzukehren.“ „Ja, den Rücken zuzukehren!“ „Nicht wahr, Schwebeling, man hat das im Publikum bemerkt, wie du mir Abends geſagt?“ „Ja, wie ich Abends geſagt!“ Dergleichen eigenthümliche Troſtesworte ſchienen indeſſen nicht im Stande zu ſein, die junge Wittwe aus ihrem tiefen Trübſinn zu reißen. Sie lag auf ihrem Bett, zu⸗ weilen ganz regungslos, mit verſchloſſenen Augen, um in einem anderen Augenblicke ihr Geſicht in das Kiſſen zu drücken, wobei ein heftiges Zucken ihres Körpers zeigte, daß ſie bitterlich weine. 8 “ — .A 8 8 — — 170— Der Stadtdirektor in ſeiner Eigenſchaft als Beamter und als ein praktiſcher Mann hatte unterdeſſen den Notar des Hauſes kommen laſſen, um die Papiere des Ver⸗ ſtorbenen vorläufig zu durchſuchen und unter Siegel zu legen. Jetzt trat auch er in das Schlafzimmer ſeiner Schwä⸗ gerin, begreiflich mit einer ernſten Miene, ſchien auch etwas mittheilen zu wollen, doch trat er, ehe er dies that, einen Augenblick an das Fenſter und ſagte dann, als ihn die Anderen erwartungsvoll anſchauten und nachdem ihn Ma⸗ dame Schwebeling durch ein lautes:„Nun, Herr Schwager?“ noch ganz beſonders aufgefordert:„Ich habe ſoeben mit dem Notar den Schreibtiſch des guten Bendel geordnet und den Inhalt deſſelben aufgenommen. Wir fanden auch ſogleich das Teſtament, welches der liebe Selige ſchon vor einiger Zeit gemacht, zugleich aber auch auf dem verſie⸗ gelten Umſchlag die Bemerkung, daß er noch in der heu⸗ tigen Nacht ein Codicill hinzugefügt.“ „Noch in der heutigen Nacht?“ fragte die Kanzlei⸗ direktor in einem etwas erſtaunten Tone,„was hat er damit ſagen wollen?“ Die Anweſenden waren in dieſem Augenblicke zu ſehr mit dem Sprechenden beſchäftigt, um darauf zu achten, daß ſich Madame Bendel langſam erhoben hatte, ihr Haar aus dem Geſichte geſtrichen und mit einem unverkennbaren Ausdrucke des Schreckens zu ihnen hinüberſtarrte; auch ſank ſie im nächſten Augenblick wieder auf ihr Lager zurück, aber mit einem ſo tiefen und ſchmerzlichen Weheruf, daß — 1714— die gute Löſer ſich ſogleich veranlaßt ſah, zu ihr zu eilen, um mit ihr zu weinen. Der Stadtdirektor zuckte ſehr auffallend mit den Achſeln, während er ſagte:„Das Alles wird ſich in den nächſten Tagen aufklären,“ und ſetzte hierauf mit gedämpfter Stimme hinzu:„Laſſen wir jetzt der armen Adeline die ihr ſo nothwendige Ruhe!“ Dann ging er leiſe zu dem Bette, faßte die heiße Hand ſeiner Schwägerin und ſagte ihr:„Bekümmere dich um nichts, mein armes Kind, ich und der Regierungsrath werden alles Nöthige beſorgen.“ „Dank— Dank!“ hauchte ſie in die Kiſſen. „Warum ihr Beide allein?“ fragte Madame Schwe⸗ beling mit erhobenem Kopfe,„warum ſoll euch der Kanzlei⸗ direktor dabei nicht unterſtützen?“ „Ja, dabei nicht unterſtützen?“ „Jeder wird ſeine Schuldigkeit thun, Frau Schwägerin, und vor allen Dingen wird uns die arme Adeline dank⸗ bar ſein, wenn wir ſie jetzt allein laſſen.“ „Ja, ja!“ klang es leiſe vom Bette herüber. „Der Anſicht bin ich auch, Herr Schwager,“ pflichtete Madame Schwebeling bei,„und könnt ihr Drei unbe⸗ ſorgt euren Geſchäften nachgehen,— ſind doch wir Schweſtern da.“ „Oder willſt du jetzt ganz allein ſein?“ flüſterte die gute Löſer, worauf ſchon lauter die Antwort kam:„Ja, liebe Eliſe, ich möchte ganz allein ſein, du gehſt vielleicht einen Augenblick zu deiner kleinen Pathe.“ —— „Ja, wenn die Adeline ganz allein ſein will,“ ſprach die Kanzleidirektor mit einem leiſen Anflug von Ent⸗ rüſtung,„ſo wollen wir ſie weiter nicht geniren. Komm, Regierungsräthin, auch wir wollen nach dem Kinde ſehen und dann zu Hauſe fahren,— du haſt doch nichts da⸗ gegen,“ wandte ſie ſich an die Trauernde,„daß wir ein⸗ ſpannen laſſen?“ „O nein, gewiß nicht!“ „Man kann doch in einem ſolchen Schmerze nicht zu Fuß gehen, als wolle man den Leuten mit ſeinen Thrä⸗ nen imponiren,“ fuhr Madame Schwebeling in ſtrengem Tone fort, wobei ſie den Regierungsrath feſt anſchaute, als erwarte ſie dort eine Gegenrede, welche aber für dies⸗ mal ausblieb, da jener gerade nach ſeinem Hute langte und darauf mit den beiden anderen Schwägern das Zim⸗ mer verließ. Ihnen folgten die drei Schweſtern nach gehörigem Abſchiede von Madame Bendel, und dann hörte man draußen die Kanzleidirektor mit ſehr lauter Stimme das Anſpannen eines geſchloſſenen Wagens, ſowie auch den Bedienten zur Begleitung befehlen. Als die junge Wittwe allein war und weder Worte noch Schritte mehr draußen hörte, erhob ſie ſich langſam und ſchlich müde und gebrochen zur Zimmerthür, um dieſe zu verſchließen. Dann blickte ſie ſtarr nach dem immer noch offen ſtehenden Fenſter und ſchauderte leicht zuſam⸗ men, ehe ſie auch dieſes verſchloß, blieb aber dicht da⸗ neben ſtehen, um in den Garten hinauszuſchauen, wobei aus ihren weit offenen Augen die ſchweren Thränen lang⸗ ſam tropften. Wo nur jenes unglückſelige Blatt von geſtern Abend geblieben ſein mag? flüſterte ſie leiſe, und das andere— das andere, das mir wie eine Centnerlaſt auf der Seele liegt, das anzuſchauen ich nicht den Muth habe, während mein Herz vor Begierde brennt, ſeine gewiß ſchrecklichen Worte zu leſen,— es muß ſein,— es muß ſein! Sie langte zögernd in die Taſche ihres Kleides und es dauerte lange, ehe ſie das kleine Couvert hervorzog, welches ſie vorhin drüben vom Nachttiſchchen genommen, dabei ſchwammen ihre Augen ſo in Thränen, daß es ein paar Sekunden dauerte, ehe ſie die Aufſchrift leſen konnte, und als ſie dieſelbe geleſen, ließ ſie den kleinen Brief mit einem Ausbruch des Schreckens auf den Boden fallen, um ihn aber gleich darauf wieder haſtig aufzuheben und dann mit bebender Stimme die Aufſchrift vor ſich hinzuſprechen: An meinen lieben Freund, den Doktor Werner. „An ihn— an ihn, und nicht einmal an mich!“ rief ſie ſchmerzlich bewegt,—„an ihn, an ſeinen treuen Freund, von dem ich wohl weiß, daß wir uns ſeines Wohlwollens nicht erfreuten, ſind dieſe Zeilen gerichtet, gegen ihn klagt er über die Untreue ſeines Weibes,— und mit Recht— mit Recht!“ Es flog ein fröſtelndes Schaudern über ihren Körper, während ſie fortfuhr:„Und mit dieſer Anklage gegen mich iſt er aus der Welt ge⸗ gangen, ohne mir Zeit zu laſſen— nicht mich zu recht⸗ fertigen— aber vielleicht etwas zu meiner Entſchuldigung — N* —— 1 —— . 8 —— — 171— vorzubringen,— iſt er davon gegangen,“ ſetzte ſie mit erhobenem Blick und bebenden Lippen hinzu,„anklagend — anklagend— anklagend— hier und dort!“ „O welches Glück bei allem Unglück, daß dieſer Brief von dem Medicinalrath nicht gefunden wurde, daß ich ihn hier in meiner Hand halte, um ihn zu leſen,— nein, um ihn ungeleſen zu zerreißen.— Und doch vermag ich es nicht,“ ſagte ſie, das feſtgeſpannte Couvert zwiſchen den Fingern haltend, wobei ſie ſcheu um ſich blickte,—„iſt es mir doch gerade, als hörte ich eine Stimme, die mir Halt zuruft— halt, thu' das nicht!“— Und ſie zerriß den kleinen Brief nicht, ſondern ließ ihn zurückgleiten in die Taſche ihres Kleides, worauf ſie erſchreckt an ſich hin⸗ unter ſchaute und dann, als ſie jetzt erſt zu bemerken ſchien, daß ſie noch daſſelbe weiße Gewand trug, in wel⸗ chem ſie geſtern im Garten geweſen, dort an der Gitter⸗ thür von Jemanden Abſchied genommen, dann die beiden fremden Kinder geſehen, auch ihr eigenes, die kleine Eliſe, als ſie dann dachte, wie er ſeinen Arm in den ihrigen gelegt und mit ihr munter und wohl nach dem Hauſe gegangen war, da begann ſie ſich haſtig zu entkleiden, ließ das weiße Gewand niedergleiten, nahm einen dunklen Morgenrock, in den ſie ſich hüllte, und raffte hierauf das Kleid vom Boden, faltete es eng zuſammen und zwängte es in einen kleinen Handkoffer, den ſie ſorgfältig verſchloß. Jetzt erſt klingelte ſie ihrer Kammerfrau und ließ ſich ſchwarz anziehen vom Kopf bis zu den Füßen.— Der plötzliche Tod des reichen Banquiers hatte be⸗ — 175— greiflicher Weiſe in der ganzen Stadt und ganz beſonders in der nächſten Nachbarſchaft ein großes Aufſehen erregt und war beſonders heute faſt überall das Tagesgeſpräch. Herr Kniegel, der Seilermeiſter von der Zigeunerinſel, ging in Folge dieſes Vorfalles in der Frühe gar nicht⸗ an ſeine Arbeit, ſondern hielt es für angemeſſen, mit guten Freunden und Freundinnen darüber Vermuthungen und Meinungen auszutauſchen; ja, es gelang ihm, durch eine Waſchfrau ſeiner Bekanntſchaft ſelbſt in das Trauerhaus hinein zu lauſchen, und er erfuhr dadurch Mancherlei, was ihm zu denken gab; auch hatte er den jungen Quinſcheidt, der ihm beim Nachhauſegehen harmlos erzählte, daß er in dem ſchönen Garten des Banquiers geweſen, auf dem Wege zur Schule abgefaßt, ihn ein paar Schritte begleitet und da durch allerlei Fragen herausgebracht, daß ein junger, fremder Herr jenen Garten verlaſſen hatte, ehe er denſelben mit der kleinen Sophie betreten. Das alles war für ihn wie ein großer Haufen des ſchönſten, lockerſten Wergs, aus dem ſich ein herrlicher Faden ſpinnen ließ, allerdings nicht auf ſeiner leerſtehenden Seilerſtätte, ſon⸗ dern im Hauſe und in der Werkſtätte des Schreinermeiſters Wimmer, der es ſehr bedauerte, daß das Haus Bendel nicht zu ſeiner Kundſchaft gehöre. „So ein fetter Biſſen kommt überhaupt nicht an Unſer⸗ einen,“ bemerkte er grämlich,„wer will auch von vor⸗ nehmen Leuten einem Meiſter auf der Zigeunerinſel Ver⸗ trauen ſchenken!— Wahrhaftig, wenn mir die Schropps wieder einmal einen anſtändigen Preis für mein Grund⸗ 1 * “““ — 166— ſtück bieten, ſo denke ich an keine Spekulation mehr, geh' davon und laſſe mich in einem lebhaften Stadttheib nieder.“ „Geſcheidt, geſcheidt,“ erwiederte der Seilermeiſter, wo⸗ bei er ſein rechtes Auge zukniff und ſich dann lange hinter den Ohren kratzte,—„denn was eine Spekulation auf die Eröffnung dieſer Straße anbelangt, ſo würde uns armen Leuten lange der Dampf ausgehen, ehe wir etwas dabei verdienten, auch die Schropps werden ſchon ihr Haar darin finden,— ſagte das vor einem Jahre der Frau Quaddlich, von der ich ja meine Seilerſtätte bis dahin gepachtet. Nun, ſie war dankbar für den guten Rath, hat ihr Grundſtück mit gutem Nutzen an die Schropps verkauft und wohnt nun jenſeit der Stadt in einem hüb⸗ ſchen Häuschen.“ „Immer die Schropps,“ ſprach nachdenklich der Schreiner. „Haben das Geld dazu, lieber Freund, können's ab⸗ warten, wenn ihnen noch Jahre lang Zinſen verloren gehen.“ „Sie ſind eben ſchlau und wiſſen, was ſie thun,— ich riſſe mir alle Haare aus dem Kopfe, wenn ich mein Grundſtück verkauft hätte und erführe vielleicht nach einem Jahre oder ſo etwas, daß doch eine Straße hier durch⸗ geführt würde.“ „Iſt aber nicht daran zu denken, beſonders ſeit der alte Herr drüben geſtorben iſt. Ihr wißt ſo gut wie ich, daß ſein prachtvolles Haus und ſchöner Garten wie ein Riegel den Eingang zur Zigeunerinſel verrammelt, gerade mitten in der Straße gelegen.“ — “ — 177— „Nun, was ſoll's weiter?— jetzt iſt er todt.“ „Allerdings iſt er todt und kann alſo nicht mehr an einem ſchönen Morgen den Wohlthäter der Stadt ſpielen und vielleicht ſprechen: Hier, mein lieber Schwager Stadt⸗ direktor, und meine guten Väter der Stadt, iſt mein Haus und Garten, ich opfere Alles zu dieſem großen, gemein⸗ nützigen Zwecke.“ „So etwas würde er nie gethan haben.“ „Weil ihn der Stadtdirektor daran gehindert, und glaubt Ihr denn, daß jetzt, wo die Frau im Beſitze des Anweſens iſt, die Sippſchaft derſelben nicht Alles daran ſetzen wird, um eine Eröffnung durch jene Straße zu verhindern?“ „Das glaube ich allerdings.“ „Die Schweſtern der Madame Bendel werden ſich in Haus und Garten ſchon feſtſetzen, vor Allem die Schwe⸗ beling, die es herzlich ſatt hat über drei Treppen in der engen Silbergaſſe. Hat ſie ſich doch heute Morgen ſchon in der Kutſche des ſeligen Herrn nach Hauſe fahren laſſen und zum Fenſter hinaus gegrüßt, als ſei ſie in dem ſchönen Wagen zur Welt gekommen.— Nein, nein, Nachbar, ſeid geſcheidt, und wenn einer der Schropps noch⸗ mals kommt, ſo ſchraubt ihn gehörig, aber laßt Euch willig finden.“ Der Seilermeiſter ſah ganz harmlos aus, als er das ſagte, lachte aber innerlich, wie er die nachdenkliche Miene des guten Wimmer betrachtete, und hörte es mit großer Freude, daß jener kopfnickend erwiederte:„Ja, ja, ich Hackländer, Kainszeichen. I. 12 — 18— werde mir's überlegen, der Teufel bezahlt Einen für's Warten, und ich bin noch gerade jung genug, um mit dem Erlös für mein Grundſtück etwas Tüchtiges anzu⸗ fangen.“ „Da drüben die Tochter der Staatsräthin,“ ſprach der Seilermeiſter in einem gleichgültigen Tone, während er zum Fenſter hinaus ſchaute,„hat gewiß gewußt, was ſie that, als ſie mit den Schropps handelseinig wurde.“ „Immer die Schropps, immer die Schropps!“ An dieſer Bemerkung, die faſt wie eine Klage klang, war ſchon etwas Wahres, denn ſo oft man von einem Verkauf der kleinen Beſitzer auf der Zigeunerinſel hörte, wurden ſtets als Käufer die Gebrüder Schropps genannt; ja, und was der Schreinermeiſter und die Andern nicht wußten, war, daß die eben Genannten ſehr häufig geheime Käufe abſchloſſen, die vorläufig auf dem Rathhauſe gar nicht eingetragen wurden. Wie geſagt, das wußte außer den Betreffenden Niemand, als— der gute Seilermeiſter, der auf ſehr ſchlaue Art hierbei den Unterhändler machte, indem er, wie auch eben jetzt, aus purer Freundſchaft, das heißt gegen gute Proviſion für irgend einen Verkauf ſtimmte und mit allen Mitteln wirkte. „Wenn man den Wolf nennt, ſo kommt er gerennt,“ warf er leicht hin, indem er zur offenen Thüre der Werk⸗ ſtätte hinausblickte, wo man jetzt Herrn Nathan Schropps von dem Herrn Major begleitet, die Treppe herabkommen ſah; auch blieben die Beiden jetzt nicht nur einen Augen⸗ blick ſtehen, ſondern als ihnen der Schreinermeiſter, ſie — 179— freundlich begrüßend, entgegen ging, traten ſie in das niedere Gemach, wobei Herr Nathan mit ſanfter Stimme ſagte:„Ach, lieber Meiſter Wimmer, ich hoffte Sie hier an einer ſchönen Arbeit zu finden,— gehört Herr Bendel nicht zu Ihrer Kundſchaft?“ „Ja, wenn es vielleicht einmal eine Kellerthür zuſam⸗ men zu nageln oder die Hundshütte zu flicken gab, da war ich hier und da gut genug. Darf ich Ihnen einen Schemel anbieten, Herr Schropps?“ „Wenn Sie erlauben, ſetze ich mich einen Augenblick; ich bin ein klein wenig müde geworden, war auf dem Stadtbaumeiſteramt, bei der Oberſpitalverwaltung und auf dem Kriegsminiſterium.“ „O,“ ſagte der Major Quinſcheidt, der ſich offenbar in ſehr heiterer Laune befand,„unſer Herr Nachbar hat vielleicht die große und wohlthätige Idee, ein Hoſpital zu bauen?“ „Das iſt vor der Hand weniger mein Fall, doch han⸗ delt es ſich allerdings um einen Hoſpitalbau, wie ich ge⸗ hört, der für uns Alle recht angenehm wäre.“ „Wie ſo?“ fragte Meiſter Wimmer, indem er auf der Hobelbank ſo nahe als möglich zu Herrn Schropps hinrutſchte. „Die Militärverwaltung,“ fuhr dieſer in ruhigem Tone fort,„braucht nämlich ein neues Spital, und der Staat ſoll die Abſicht haben, zu dieſem Zwecke hier auf der Zi⸗ geunerinſel von ſeinem Expropriationsrechte den umfaſſend⸗ ſten Gebrauch zu machen.“ . 8 * 1RRBg— — — 180— „Schau, ſchau!“ rief der Seilermeiſter,„deßhalb hab' ich ſie neulich hier herum meſſen und ſpioniren geſehen.“ „Nu, das fehlt uns noch, ein Militärſpital!“ „Iſt im Grunde auch eine recht nützliche und ſchöne Anſtalt, nicht wahr, Herr Major?“ meinte Herr Nathan Schropps. „Gewiß, und gibt bei gehöriger Protektion behagliche Poſten für alte gediente Militärs. Ich frühſtückte früher hie und da bei einem Bekannten, der dem großen Kranken⸗ hauſe vorſtand, und da war Alles exquiſit funſtlih. das Feinſte an Geflügel und Gemüſe!“ „Wann habt Ihr ſie meſſen geſehen?“ fragte der Schreinermeiſter, welcher nachdenklich vor ſich niedergeſchaut. „Ich glaube, es war vorgeſtern in der Frühe zwiſchen fünf und ſechs Uhr, auch ſchienen ſie mit ihren Meſſungen ſehr zufrieden zu ſein, denn der erſte Gehülfe des Stadt⸗ geometers— o, ich kenne ihn ſehr genau,— ſagte, als er bei mir vorüberkam: ‚Der Platz reicht vollkommen hin.““ „Hätte er am Ende doch an eine neue Straßenlinie gedacht?“ meinte Herr Wimmer mit aufgehobenem Zeige⸗ finger; doch lächelte Herr Schropps etwas mitleidig über dieſe Frage und ſprach achſelzuckend:„Das ſind ſchöne Träume, mein lieber Nachbar, denen ich auch zuweilen nachgehangen, bin aber ſehr enttäuſcht erwacht, und wenn ich ſchon früher ſo gründlich vom Gegentheil überzeugt geweſen wäre, wie jetzt, würde ich Manches unterlaſſen haben,— jawohl!“ „Das ſagte ich vorhin auch,“ ſtimmte der Seiler⸗ — 181— meiſter bei,„und ich ſagte, weil der alte Herr drüben geſtorben iſt, wäre es rein unmöglich geworden, die Straße da hinaus zu eröffnen.“ „Nein unmöglich,“ bekräftigte auch Herr Nathan und ſetzte, wie um das Geſprächsthema zu ändern, hinzu: „Der plötzliche Fall da drüben hat ja großes Aufſehen erregt.“ „Eine luſtige Wittib und ihre lachenden Verwandten,“ kicherte der Seilermeiſter,„ja, ja, die werden es ſich jetzt bequem machen in dem ſchönen Hauſe, und ich möchte heut' einmal das Geſicht des Stadtdirektors ſehen, wenn ihm Jemand käme mit Eröffnung der Straße, gerade durch den prachtvollen Garten hindurch,— uff! Der würde Einem eine Rede zu hören geben!“ „Und gewiß eine ſchöne Rede,“ meinte Herr Nathan Schropps milde lächelnd,„vom Wohle der Stadt, von dem dringenden Bedürfniß, der beſſeren Luft halber dieſe große Inſel, als Mittelpunkt des Häuſermeeres, unbebaut zu laſſen, gegenüber dem ſehr kleinen Bedürfniß einer kaum nennenswerthen Stadtvergrößerung.“ „Hm,“ ſprach der Major,„das iſt gerade wie beim Eſſen und wie der Franzoſe ſagt: Pappetit vient en mangeant.“ „Die Stadt wird ſich allerdings vergrößern,“ pflichtete Herr Schropps bei,„aber nicht hier in der Art, wie wir es gehofft, meine guten Nachbarn. So ein Militärſpital in irgend eine Gegend hineingeworfen, iſt ein guter Riegel für die Bauluſt.“ — 182— „Aber das Haus des verſtorbenen Banquiers hat auch die Unluſt davon,“ warf Meiſter Wimmer hin, der mit vorgeſtrecktem Halſe alle, welche ſprachen, mit großer Auf⸗ merkſamkeit angehört hatte. „Wenig, mein lieber Nachbar; man wird uns hier wegexpropriiren, drüben einen hübſchen Spitalgarten anlegen und dann bleibt dort immer noch ein Zwiſchenraum von einigen Hundert Fuß,— ich verliere eben hier Kapital und Zinſen.“ Der Schreinermeiſter kratzte ſich bedenklich am Kopfe und ſchien gerade eine Frage thun zu wollen, welcher der Seilermeiſter entgegenſah, allerdings nur mit einem Auge, da er das andere zugekniffen hatte, doch parirte Herr Na⸗ than dieſe Frage, indem er ſagte:„Wer weiß denn etwas Genaues über den Tod des braven Herrn Bendel?— ein Ehrenmann das; ich hatte zuweilen mit ihm zu thun, ganz kleine Geſchäftchen, muß aber geſtehen, daß er mich höflich, ja, liebenswürdig behandelte, als machte ich einen Umſatz mit ihm von Hunderttauſenden.“ „Er war allerdings ein braver Herr,“ meinte der Herr Major. „Herablaſſend gegen Jedermann.“ „Half auch gern mit Klingendem.“ „Und hatte nichts von Stolz und. Hochmuth an ſich.“ „Das beſorgten die Anderen für ihn!“ lachte höhniſch der Seilermeiſter und fuhr fort, während er mit den Fingern die Bewegungen ſeines Handwerks machte:„ſpan⸗ — — N nen auch fleißig vom Werg des ſeligen Herrn, die ganze hungrige Beamtenfamilie.“ „Pfui, Nachbar, ſo muß man nicht über ſeine Neben⸗ menſchen reden,“ ermahnte Herr Nathan,„Madame Bendel iſt eine ſchöne Dame und eine liebenswürdige Frau.“ „Ja wohl, liebenswürdig für Jemand, den ſie liebens⸗ würdig findet!“ „Nun, in dem Falle war's gewiß Herr Bendel, der ihr eine Stellung gemacht, welche eine geborene Gräfin hätte acceptiren können.“ „Spiele nicht mit Schießgewehr, denn es fühlt wie du den Schmerz,“ ſagte der Seilermeiſter, anſcheinend theilnahmlos zum Fenſter hinaus blickend, worauf er nach einer kleinen Pauſe fortfuhr:„Was übrigens den Tod des Herrn Bendel anbelangt, ſo habe ich darüber allerlei gehört, was mir zu denken gibt. Geſtern war er friſch und geſund, heute Morgen iſt er todt; das kann aller⸗ dings jedem Chriſtenmenſchen paſſiren, doch habe ich unter der Hand erfahren, daß Herr Bendel die ganze Nacht ge⸗ ſchrieben und ſich dann hingelegt habe, um zu ſterben.“ „Ei, Nachbar,“ fuhr der Major erſchreckt auf,„das klingt ja gerade ſo, als ſei Herr Bendel ein— oder um mich gelinder auszudrücken, als ſei er abſichtlich ge⸗ ſtorben!“ „Hat vielleicht ſeine Urſachen dazu gehabt, hat viel⸗ leicht bei ſich zu Hauſe allerlei entdeckt, was ihm das Leben verleidet, das ſoll bei reichen Leuten auch vorkommen.“ Herr Nathan neigte den Kopf hin und her, indem er — 184— mit aufgehobenem Zeigefinger ſprach:„So was ſoll man nicht einmal denken, geſchweige denn ſagen.“ „Es ſagt ſich von ſelbſt,“ fuhr der unverbeſſerliche Seiler fort,„wenn man ſich ſo wenig in Acht nimmt und junge Herren hinten zum Garten hinaus läßt, wenn der Mann vorn herein kommt,— da hört ſchon Alles auf.“ „So was hat mir auch mein Sohn erzählt,“ ſagte der Major Quinſcheidt. „Ei, ei, das ſind ja ſonderbare Erlebniſſe,“ meinte Herr Nathan,„was will denn Ihr Knabe geſehen haben?“ „Einen jungen Herrn, der den Garten durch die Hin⸗ terthür verließ, und bald darauf ſei Herr Bendel gekom⸗ men und habe ſehr freundlich mit ihm und der kleinen Sophie gethan.“ „Vielleicht ein Verwandter oder ſo etwas, man muß ſich mit ſolchen Dingen ſehr in Acht nehmen, eine an ſich unbedeutende Geſchichte wächſt im Handumdrehen zu einer Lawine; richtet nicht, ſo werdet ihr ſelbſt nicht gerichtet. Wer hat nicht ſchon unter den Nachreden müßiger Leute leiden müſſen?“ Damit erhob ſich Herr Nathan Schropps, welcher ſo eben geſprochen, um nach Hauſe zu gehen, worauf ſich auch die Anderen zerſtreuten, mit Ausnahme des Schrei⸗ nermeiſters Wimmer, der ſeinen Nachbar nicht blos bis vor die Thüre begleitete, ſondern auch in angelegentlichem Geſpräch an deſſen Seite blieb und dann mit ihm in ſei⸗ ner Wohnung verſchwand. — 185— Wir haben ſchon früher bemerkt, daß der Herr Major Quinſcheidt ausnehmend gut gelaunt erſchienen ſei, wozu er auch einige Urſache hatte, denn er war von Herrn Nathan Schropps nicht nur darüber belobt worden, daß er ſich des kleinen Mädchens ſo freundlich angenommen, ſondern jener hatte auch geſprächsweiſe und ganz unbe⸗ fangen um die Erlaubniß gebeten, zum Unterhalt und zur Erziehung Sophiens ein kleines Schärflein beiſteuern zu dürfen, auch zu dieſem Zwecke zugleich eine mäßige Summe zurückgelaſſen. Was das Begräbniß der Staatsräthin anbelangte, ſo war daſſelbe ohne irgend welche Störung vorübergegangen, hatte während der Schulzeit ſtattgefunden, auch hatten ihm einige ſehr ernſt drein ſchauende Polizeibeamte beige⸗ wohnt, die das neugierige Mitgefühl verſchiedener alter Weiber von der Zigeunerinſel ſo wenig nach ihrem Ge⸗ ſchmack fanden, daß ſie dieſen Damen bedeuteten, hübſch in beſcheidener Entfernung zu bleiben und ſich aller über⸗ lauten Reden und Bemerkungen zu enthalten. Dann war der einfache Trauerwagen davon gefahren, gefolgt von einer Kutſche, in welcher der Geiſtliche ſaß, ſo wie einer anderen mit den gebetenen Leidtragenden, den Gebrüdern Schropps und dem Herrn Major Quin⸗ ſcheidt, worauf das kleine Haus im Garten mit den feſt verſchloſſenen Fenſterläden einen ſtillen, ja melancholiſchen Anblick bot, ſo daß man es wohl begreiflich finden konnte, als eines der nach Hauſe zurückkehrenden Weiber ſagte: „Ich bin eine arme Frau, aber wenn man mir hundert — 186— Thaler böte, ich ſollte jetzt in dem Hauſe da allein ſchla⸗ fen,— ich thät' es nicht.“ Was auch die Neugierde für dieſes an ſich ſo einfache Begräbniß bei den Einwohnern der Zigeunerinſel nicht ſo recht hatte aufkommen laſſen, war die Ausſicht auf eine Feierlichkeit ähnlicher Art für morgen, die ſich drüben in düſterer Pracht vorbereitete, nämlich im Hauſe des ver⸗ ſtorbenen Banquiers Bendel, wo das große Veſtibul vorn an der Straße mit ſchwarzem Tuch und ſilbernen Sternen ordentlich zu einer Trauerkapelle umgewandelt worden war, in deren Mitte ſich ein Unterſatz wie für einen Sar⸗ kophag befand, den rieſige ſilberne Leuchter mit dicken Wachskerzen umſtanden. Alle Blumengärten der Stadt ſchienen geplündert worden zu ſein, ſo groß war die Maſſe der Bouquets und Kränze, welche durch ſchwarz gekleidete Dienſtboten hereingebracht und von dem alten Diener des Hauſes ſtets mit einem guten Trinkgelde honorirt wurden. Madame Bendel hatte vernünftiger Weiſe für dieſe Blumenſpenden danken wollen, doch ließ das die Kanzlei⸗ direktorin, welche überhaupt das Ganze dirigirte, unter keiner Bedingung zu und meinte, man ſolle auch daraus entnehmen, wie allgemein die Achtung ſei, in welcher der Verſtorbene geſtanden. Zum Anſagen hatte ſie wenigſtens ſechs Leute herumgejagt und wurde auch für dieſe An⸗ ſtrengungen belohnt, denn ſchon eine Stunde vor der feſt⸗ geſetzten Zeit drängten ſich die Zuſchauer in der breiten Straße und erſchienen auch ſchon von den Eingeladenen, einzeln, zu Zweien oder Dreien, ſchwarz gekleidet, vom — —— — ————— 197— hohen Cylinder an bis zu den Handſchuhen und weiter hinab bis zu den blank gewichſten Stiefeln. Dabei be⸗ fleißigten ſich Alle jenes feierlichen, langſamen Ganges, den man bei ſolchen Veranlaſſungen anzunehmen pflegt, ſo wie der ernſten Miene mit einem gelinden Anflug von Trauer, welcher am beſten durch einen niedergeſchlagenen Blick erreicht wird, unterſtützt durch eine würdevolle Be⸗ wegung der rechten Hand bei leiſem Geſpräch, ſo wie hier und da durch ein Achſelzucken. Welches das Thema aller dieſer Geſpräche war, brau⸗ chen wir gewiß nicht zu ſagen, können aber verſichern, daß faſt Alle einig waren im Lobe des Verſtorbenen, und ſeinen Tod als einen großen Verluſt bezeichneten für ſeine Bekannten, ſeine Freunde, ja, für die ganze Stadt. Da⸗ bei kam es dann aber häufig vor, daß ſich die Gruppen der Sprechenden nach ähnlichem, warmem Gefühlsaustauſche auflöſten, worauf dann vielleicht der Kaufmann Silberfeld den Kaufmann Sonnenſtein unter den Arm nahm, oder der Hofrath Maier den Regierungsſekretär Müller, und verſchiedene dieſer Paare den ſo eben ausgeſprochenen Lob⸗ reden ein Aber oder Wenn anfügten, Zuſätze, welche immer darauf hinausliefen, daß Herr Bendel als Mitbürger be⸗ wunderungswürdig, als Freund ganz ausgezeichnet, als Menſch tadellos geweſen wäre, wenn er nicht unter dem Einfluß einer etwas leichtfertigen, vergnügungsſüchtigen, ja, man könnte, wenn man nicht zart und ſchonend ſein wollte, hinzuſetzen, einer gewiſſenloſen Frau geſtanden hätte, deren ſchlimme Eigenſchaften noch verſtärkt worden — 8 8 8 4 4 —+‿——— Ne 4 3 5 3 5 8 5 44 — 188— ſeien durch den Einfluß einer älteren Schweſter, welche der Superlativ ſei eines böſen Weibes, ein wahrer Hausteufel, ein neidiſches geiziges Reibeiſen. Hätte, während ſich unter dieſen Geſprächen die Leid⸗ tragenden ſtill und bewegt vor dem Hauſe ſammelten, die Kanzleidirektor Schwebeling von ihren Ohren eben ſo aus⸗ giebigen Gebrauch machen können, wie von ihren Augen, welche durch eine Fenſterſpalte raſtlos die anwachſende Menge muſterten, um zu ſehen, wer von den Bekannten und ſogenannten Freunden durch ſeine Abweſenheit glänzte oder ſich durch nicht ganz korrekten Anzug auszeichnete, — um ihm ſolches Vergehen ſpäter tüchtig in's Wachs zu drücken; ja, hätte Madame Schwebeling nur einen kleinen Theil von dem hören können, was man allerdings mit niedergeſchlagenen Augen und ſanfter, milder Stimme von ihren liebenswürdigen Eigenſchaften ſprach, ſie würde vielleicht— entſetzlich gelächelt oder ſich heiß geſehnt haben nach dem Namen des Verleumders ihres ſanfteſten, ruhig⸗ ſten, wohlwollendſten Charakters. Sie würde ſich in Er⸗ mangelung dieſes Namens an ihre natürliche Stütze, den armen Kanzleidirektor, gehalten haben, und würde, wäh⸗ rend die fünf zuckenden Finger ihrer rechten Hand eine Curve beſchrieben hätten, vor deſſen erſchrocken zurück⸗ fahrendem Geſichte die fürchterliche Vermuthung ausge⸗ ſprochen haben, daß er es ſei, der durch Schweigen zur unrechten Zeit oder durch Anhören boshafter Bemerkungen ſeine gute, liebe, getreue Gattin den Zungen boshafter Menſchen preis gegeben. — 189— „Preis gegeben,“ würde der ſtille Dulder ſicher wiederholt und durch ſolch' unvorſichtige Aeußerung den gerechten Zorn noch fühlbarer auf ſein Haupt herabbe⸗ ſchworen haben. Doch fort mit dieſen finſteren Träumen, welche in uns aufgeſtiegen beim Erblicken der düſteren Trauer⸗ pracht des ſchwarz ausgeſchlagenen Veſtibuls, der brennen⸗ den Wachskerzen, der zahlloſen ſchwarzen Fräcke und Röcke, der unzähligen Cylinderhüte, die ſich jetzt, eine finſtere, hundertbeinige Schlange bildend, unter dem Läuten der Glocken langſam und feierlich in Bewegung ſetzten. In der That hatte Madame Schwebeling alle Urſache, mit dem Trauerzug ihres lieben, ſeligen Schwagers zufrieden zu ſein, und ſie zählte jetzt, vergnügt lächelnd, all' die vielen glänzenden Equipagen, die von ihren Beſitzern hergeſandt worden waren, um dergeſtalt auch durch Kutſcher, Be⸗ diente und Pferde ihr eigenes, ſo wohlthuendes Mitgefühl an den Tag zu legen. Sah man doch Wagen mit der neunzackigen Grafenkrone, ja, mit der Chiffre des Finanz⸗ miniſters, und ſogar einen mit den königlichen Emblemen, der einem mit dem regierenden Hauſe verwandten Prinzen angehörte, welcher häufig die Realiſirung kleinerer Geld⸗ geſchäfte der Güte des Herrn Bendel zu verdanken hatte, — kurz, das Ganze war„eine ſchöne Leiche“, wie Madame Schwebeling mit Genugthuung ihren Schwägern und Schweſtern ſagte, als ſie nun vom Fenſter zurücktrat, um an einem kleinen Familien⸗Frühſtück Theil zu nehmen, in deſſen vertrauten Kreis niemand Fremdes zugelaſſen worden . — ☛‿—— ———— — 190— war, als Herr Brand, der Notar des Hauſes, denn es ſollte auf Veranlaſſung der Kanzleidirektorin gleich nach⸗ her zur Eröffnung des Teſtamentes geſchritten werden. Das war begreiflicherweiſe nichts mehr als eine leere Förmlichkeit, denn man wußte ſchon im voraus, daß Madame Bendel und ihre Tochter die einzigen Erben ſeien. Was das Codicill anbelangte, deſſen Erwähnung die junge Wittwe vorgeſtern ſo ſehr erſchreckte, ſo hatte Herr Bendel vielleicht ein paar mildthätige Stiftungen, deren Vorſtand er war oder wo er im Verwaltungsrath geſeſſen, mit Legaten bedacht, was ja in Anbetracht ſeines großen Vermögens nicht der Rede werth war, ja, es war dies ein Akt der Wohlthätigkeit, der ſich ſogar recht gut machte, und hatte ſich Madame Schwebeling in dieſer Richtung ſchon vorgenommen, hier und da Andeutungen zu geben, als ſei ſie es geweſen, die ihren lieben Schwager darauf aufmerkſam gemacht. So und ähnlich dachte die Kanzleidirektorin, während ſie behaglich frühſtückte und dabei auch den guten Notar auf die liebenswürdigſte Art ſelbſt bediente; häufig blickte ſie ſich um in dem reichen, eleganten Speiſezimmmer, und dann ſpazirten ihre Gedanken durch die übrigen ſtattlichen Räume des Hauſes, wobei ſie ſchon jetzt ihre eigene Woh⸗ nung in denſelben beſtimmte; denn es war ja ſelbſtredend, daß ſie zu ihrer Schweſter zöge, um durch das Anſehen ihrer eigenen reſpektabeln Perſönlichkeit die nun allein⸗ ſtehende junge Frau vor jedem mißliebigen Scheine zu be⸗ wahren. ————— — 19. Dann wiſchte ſich der Notar, nachdem er ſtark und gut gefrühſtückt, ſeine Lippen fein ſäuberlich mit der Ser⸗ viette, erhob feierlich ſein Glas mit dem eiskalten Cham⸗ pagner und ſprach mit wehmüthiger Stimme ein paar Worte zur Erinnerung an den edlen Verſtorbenen, der gewiß bemüht geweſen ſei, auch nach ſeinem Tode noch zu danken für die innige Pflege einer treuen Gattin und ſo lieber Familienangehörigen. Begreiflich war es dabei, daß Madame Bendel, die überhaupt an dem Frühſtück nicht Theil genommen, ſondern wie geiſtes⸗ abweſend daſaß, jetzt ihr Geſicht in beiden Händen verbarg und ſchmerzlich zuſammenzuckte, ja, tief in ſich zuſammenſank, als man das Knirſchen der Siegel und das Eröffnen des Papiers vernahm. Lautloſe, feierliche Stille, während der Notar die Ein⸗ gangsförmlichkeiten las, dann vernahm man einen tiefen Athemzug der Befriedigung, beſonders von Seiten der Kanzleidirektorin bei Erwähnung, daß ihre Schweſter ſo⸗ wie deren Tochter, abgeſehen von einigen unbedeutenden Legaten, die einzigen Erbinnen ſeien. Von dem Regierungsrathe, welcher in dieſem Augen⸗ blicke den Stadtdirektor mit einem fragenden Blicke anſah, war es nichts Anderes als ſein gewöhnlicher Wider⸗ ſpruchsgeiſt, daß er in beſorgtem Tone hinzuſetzte:„Das iſt des Schwagers früheres Teſtament, hören wir nun auch, was das Codicill beſagt.“ Madame Bendel machte Miene, ſich zu erheben, viel⸗ leicht um das Zimmer zu verlaſſen, als ſich nun der ————— — 192— Notar, der raſch die nachfolgenden Zeilen überflogen, etwas verlegen räuſperte; doch drückte ein majeſtätiſcher Blick der Kanzleidirektorin, zugleich mit einer entſprechenden Hand⸗ bewegung, die junge Wittwe wieder in ihren Stuhl zurück, worauf der Mann des Rechtes alſo fortfuhr: „Kraft freiwilliger und geſetzlich erlaubter Selbſtbeſtim⸗ mung verfüge ich unterm heutigen Datum— das iſt von vorgeſtern,“ erläuterte der Notar—,„verfüge ich letztwillig, daß, im Falle es dem Himmel gefallen ſolle, meine Tochter vor meiner Frau aus dieſem Leben abzurufen, die letztere aus meinem Nachlaß für ihre Lebenszeit eine jährliche Rente von viertauſend Thalern beziehe, mein ganzes Ver⸗ mögen aber nach der Liquidation meines Bankgeſchäftes, die augenblicklich erfolgen ſoll, und zwar unter Leitung des königlichen Notars Herrn Brand, des Obermedicinal⸗ rathes Doktor Werner, des Commerzienrathes Ditter und der Kaufleute Herren Fedor Frey und Jakob Stöcker“— — Schon jetzt, beim Eingang dieſes Codicills, hatte ſich die Kanzleidirektorin mit einem Ruck aus ihrer behag⸗ lichen Lage in dem gut gepolſterten Lederſtuhl erhoben, ſaß ſtarr da wie eine Bildſäule und ihre Finger zupften krampfhaft Flocken aus dem Tiſchtuch, wie es Sterbende auf dem Bett zu machen pflegen, dann kam der lange Paſſus von der Liquidation, und war dieſes nichts als eine neue Bosheit des alten Bendel, um ſie faſt bis zur gänzlichen Athemloſigkeit in Spannung zu erhalten, bis jetzt wie ein krachender Donnerſchlag der Schluß dieſes Satzes auf ihr Haupt fiel:——„ſoll der Stadt zu wohlthätigen Zwecken gehören, ebenfalls unter Verwaltung obiger Herren unter Zuziehung meines Schwagers, des Herrn Regierungsraths Löſer.“ „A— a— a— ah,— das Ungeheuer!“ hauchte Ma⸗ dame Schwebeling, wobei man ungewiß war, welchen ihrer beiden Schwäger ſie unter dieſer Benennung verſtand: doch ſchien jetzt ein vernichtender Blick, welchen ſie dem Regierungsrath zuſchleuderte, für die Annahme zu ſprechen, als halte ſie ihn wenigſtens für fähig, dem Verſtorbenen zu dieſer Unthat gerathen zu haben. Dann rief ſie, wie in einem kreiſchenden Tone, ihrer Schweſter zu:„So biſt du alſo gegenüber deinen bisherigen Verhältniſſen eine Bettlerin, und die Welt wird ſagen: wie hätte ſich ohne Urſache ein vernünftiger Menſch ſo etwas gegen eine Frau wie du, gegen eine Familie wie die unſrige herausnehmen können?— Ja, Herr Schwager,“ wandte ſie ſich an den Regierungsrath, der es gewagt hatte, leicht mit den Achſeln zu zucken,„gegen eine Familie wie die unſerige, welcher anzugehören dieſer Herr Bendel offenbar unwürdig ge⸗ weſen!“ „Darf ich vielleicht weiter leſen?“ fragte ſchüchtern der Notar. „Leſen Sie jetzt meinetwegen, was Sie wollen,“ ant⸗ wortete Madame Schwebeling, zitternd vor Wuth, wobei ſie ſich indeſſen Gewalt anthat, ihre Aufregung zu unter⸗ drücken, indem ſie die Arme feſt über einander ſchlug und nur noch unwillkürlich mit dem Kopfe wackelte.—„Was kann noch kommen?“ ziſchte ſie, tief Athem holend,„es Hackländer, Kainszeichen. I. 13 *. 8 d . 1 ——-————— —————— —“—— — 494— müßte denn vielleicht ſein, daß dieſer Herr Bendel uns verbieten wollte, die arme, unglückliche Schweſter hier in deren Hauſe zu beſuchen, ſie zu tröſten und das kleine Kind zu pflegen, das ein ſolcher Rabenvater auf unver⸗ antwortliche Weiſe in die Welt geſetzt.— Aber uns hier wegzuweiſen, uns, die Familie ſeiner Frau, dazu hat er kein Recht,— kein Recht, nicht das mindeſte Recht!“ Der Notar wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und es wurde ihm augenſcheinlich etwas ſchwül bei den heftigen Auslaſſungen der erzürnten Dame. „Leſen Sie,“ ſagte ruhig der Regierungsrath. „Ja, leſen Sie,“ rief auch Madame Schwebeling, wobei ſie ihre geballte rechte Fauſt auf den Tiſch drückte, „was kann Schlimmeres kommen!“ „Schlimmeres kommen,“ flüſterte leidirektor. Und doch kam noch Schlimmeres— viel Schlimmeres, was der Notar nach einem verlegenen Schlucken las und was ſämmtliche Anweſende, beſonders die junge Wittwe, welche bleich, mit weit aufgeriſſenen Augen daſaß, mit furchtbarer Spannung anhörten. „Was nun dieſes mein Haus anbelangt,“ fuhr der Notar zu leſen fort,„ſo ſchenke ich es mitſammt ſeinen Gärten, welche bis an die ſogenannte Zigeunerinſel reichen, der Stadt, und zwar mit der ausdrücklichen Beſtimmung, daß es niedergeriſſen wird, um ſo Platz zu gewinnen für eine nothwendige Straßenverbindung, und will ich, daß der Erlös aus den hierdurch gewonnenen Bauplätzen zu An⸗ ſchüchtern der Kanz⸗ — 195 lagen von Kanälen, Gas⸗ und Waſſerleitungen verwandt wird, beauftrage auch die eben genannten Herren mit der Ausführung dieſes meines letzten Willens. Unterſchrieben: Johann Chriſtoph Bendel.“ Jetzt duckte ſich ſogar der ſtarre und unbeugſame Geiſt der Madame Schwebeling für ein paar Sekunden, und indem ſie ihre dünnen Lippen feſt zuſammenpreßte, ſchlichen ſich ein paar Thränen über ihr bleich gewordenes Geſicht, trotzdem konnte ſie es aber nicht unterlaſſen, gleich darauf mit aufgeworfenem Kopfe zu fragen:„Und weiter läßt unſer theurer Herr Schwager nichts mehr vermelden?“ „Weiter nichts,“ erwiederte der Notar mit einem Achſelzucken, welches beinahe wie eine Entſchuldigung aus⸗ ſah,„hier iſt die Unterſchrift des Herrn Bendel und ſein V Siegel— weiter nichts.“ „Weiter nichts,“ hauchte die junge Wittwe unhörbar für die Uebrigen, während ſie ihre Hände faltete und mit einem Blick voll Dankbarkeit in die Höhe ſchaute. Der Stadtdirektor hatte ſich ſchon während des Leſens— langſam erhoben und ſtand nun da, ſeine Linke auf die Hüfte geſtützt, während er, die Rechte erhebend, ſagte: „Bei allem dem iſt es ſehr ſtark, daß es der Herr Schwager für gut befunden, ſo weit von der Regel abzuweichen, ja, 6 3 ich möchte ſagen, von der Schicklichkeit, daß er mich, einen Gl 5 der erſten ſtädtiſchen Beamten, nicht für gut genug be⸗ 1 funden, um ſeinen letzten Willen ausführen zu helfen, der 1 doch faſt ganz allein dem Wohl der Stadt gewidmet iſt. 1⸗= Allerdings iſt die Familie vertreten durch ein höchſt reſpek⸗ —— ———— — 196— tables Mitglied derſelben, unſeren Schwager Regierungs⸗ rath, aber“— hier ſchnitt ihm ein gellendes, konvul⸗ ſiviſches Lachen der Madame Schwebeling die ferneren Worte haarſcharf vom Munde weg, wobei ſie ſich haſtig erhob, zuerſt tief vor dem Notar knixte, hierauf etwas weniger vor dem verblüfften Schwager Regierungsrath, und dann, bolzſteif ſtehen bleibend, zu ihrer Schweſter Löſer ſagte, die noch ſchweigſamer wie gewöhnlich, ja, wie erſtarrt daſaß:„Liebe Eliſe, gib dir durchaus keine Mühe, deinen Herrn Gemahl zu entſchuldigen; o, wir ſind der⸗ gleichen heimtückiſche Geſchichten ſchon von ihm gewöhnt, das hat von jeher zuſammen gemutſchelt und gematſchelt er wird wohl wiſſen, wofür, und das hat ſich nicht ſo viel daraus gemacht,“ hier ſchnalzte ſie mit dem Finger, „um auf unſere reſpektable Familie eine ſolche Blamage zu laden, ja, Blamage,— ja, Blamage,— pfui Teufel!“ Hierauf ſauſte ſie mit fliegenden Haubenbändern durch das Zimmer wie eine fehlgegangene Rakete, nach rechts und links vernichtende Blicke werfend, und ſchien ſchließ⸗ lich gute Luſt zu haben, den ſeine Papiere zuſammen⸗ raffenden Notar an⸗ und umzurennen; doch parirte ſie dicht vor ihm und fragte nach einem Knixe, der alle früheren an Tiefe der Empfindung übertraf, ob es ihrer unglücklichen Schweſter vielleicht nicht mehr geſtattet ſei, bis zum nächſten Quartal in dieſem Hauſe wohnen zu bleiben, aus dem ſie durch ſchändliche Machinationen ver⸗ bannt werden ſolle? Doch entgegnete ihr der Beamte in ————,-⸗ᷣℳ⸗⸗— einem für die Umſtände immerhin ſehr ruhigen Tone, es würden dergleichen Fragen wohl am beſten durch den hier mitbetheiligten Herrn Regierungsrath Löſer zu ent⸗ ſcheiden ſein, was aber ſeine eigene, allerdings nicht maß⸗ gebende Meinung beträfe, ſo ſei er überzeugt, daß die Stadt dieſes ihr ſo großmüthig gegebene Geſchenk wohl nicht eher in Anſpruch nehmen würde, als nach einem in dieſer Richtung ausgeſprochenen Wunſche der Madame Bendel,— etwas ſchüchtern ſetzte er hinzu, während er ſich damit beſchäftigte, einen Bindfaden um die betreffenden Akten zu wickeln, daß in allen dieſen Dingen Madame Bendel wohl am beſten ſelbſt ihre Meinung auszu⸗ ſprechen habe. „Jawohl— am beſten ſelbſt,“ ſprach Madame Schwe⸗ beling mit einer gemeſſenen Kopfbewegung von oben nach unten,—„ſehen Sie denn nicht, daß dieſes arme Weib ganz zuſammengedonnert da ſitzt und nicht im Stande iſt, ein vernünftiges Wort zu reden, und nimmt Sie das Wunder, Herr No—tar, wenn man Einem zum Geſpötte der ganzen Stadt ſo zu ſagen das Bett unter dem Leibe wegzieht, wenn das Haus, in dem man gewohnt hat, niedergeriſſen werden ſoll und Salz und Aſche darauf ge⸗ ſtreut, wie auf eine Stätte der Unthat?— Aber, Herr Notar, es gibt noch Gerechtigkeit in der Welt, und wir wollen einen Prozeß führen, daß Ihnen und dem ganzen Magiſtrate die Haare zu Berge ſtehen,— ja, das wollen wir!“ 3 Sie ſank erſchöpft in einen Stuhl und würgte müh⸗ —— 198— ſam einen Anfall von Weinen hinunter, während ſich der Notar nach einem Rundkomplimente der Thüre näherte; doch hatte ſich Madame Bendel raſch erhoben, trat auf ihn zu und ſagte, indem ſie ihm beide Hände reichte: „Ich danke Ihnen herzlich für Ihre mühevolle Amtsver⸗ waltung, und wollen Sie überzeugt ſein, daß ich Ihre mir ſtets freundlich geſinnte Perſon nie verwechſeln werde mit den allerdings nicht angenehmen Dingen, die Sie genöthigt waren, uns mitzutheilen, und geſtatten Sie mir noch beizufügen, daß ich mich ohne Murren und Klagen den letzten Verfügungen meines ſeligen Mannes unter⸗ werfe.“ Als hierauf der Notar verſchwunden war, fuhr ſie gegen die übrigen Anweſenden gewendet fort:„Nehmt es mir nicht übel, daß ich mich nach alledem auf mein Zimmer zurückziehe,“ dann ging ſie ſchwankend zur Thüre hinaus. „Auch wir gehen, Schwebeling,“ herrſchte die Kanzlei⸗ direktor ihren Mann an,„das heißt, wir fahren nach Hauſe; ich mag nicht eine Sekunde länger bleiben in dieſem verfluchten Hauſe.“ „Ja, in dieſem verfluchten Hauſe,“ wiederholte der Betreffende mit einem ſcheuen Seitenblick auf den Regie⸗ rungsrath, der mit dem Stadtdirektor eifrig ſprechend am Fenſter ſtand, und im nächſten Augenblicke waren dieſe Beiden allein, denn auch die zwei anderen Schweſtern waren auf einen gebieteriſchen Wink der Madame Schwe⸗ beling dieſer gefolgt. ———— — 1990— Nach einer kleinen Pauſe ſagte der Regierungsrath: „Was da vorgefallen ſein mag, weiß Gott und vielleicht unſere Schwägerin allein, ich brauche dir aber kaum mein heiliges Ehrenwort zu geben, daß ich von allem dem nicht minder überraſcht bin, als ihr, und hebe die Hand zum Schwur, daß mich der ſelige Schwager darin in keiner Weiſe zum Vertrauten gemacht.“ „Eine unnöthige Betheuerung, Löſer,“ entgegnete der Stadtdirektor auf und ab gehend—„laß dieſe heftige Frau ſchwatzen, was ſie will, aber zugeben wirſt du mir, daß mich die Ausſchließung in meiner Stellung kränken mußte.“ „Ja und nein, lieber Freund,— doch mußt du mich nicht falſch verſtehen, wenn ich dagegen wieder in allem dem eine vernünftige Maßregel Bendel's anerkennen muß. Man kann nie bei zwei Parteien intereſſirt ſein, und das wärſt du, als der erſte ſtädtiſche Beamte, wenn du zu gleicher Zeit Vollſtrecker eines Teſtamentes wäreſt, das in V der Perſon der Schwägerin unſere Familie ſo tief berührt, während eben dieſes Teſtament faſt ausſchließlich zu Gunſten der Stadt gemacht iſt.“ Der Stadtdirektor hatte bei dieſen Worten ſeine Schritte etwas gemäßigt und erwiederte nun, ſtehen bleibend:„So betrachtet, vermindert ſich allerdings das Gehäſſige, das für mich in dieſer Ausſchließung liegt.“ „Nein, es verſchwindet ganz, lieber Freund, und du wäreſt im anderen Falle in eine ſehr unangenehme Lage gekommen.“ ————— ͦ— —— ——— 200 „Arme Adeline!“ ſeufzte der Stadtdirektor nach einer Pauſe, während ſich ſeine Geſichtszüge bedeutend geglättet hatten,„und wie die unglückliche Frau alles das ſo ruhig hinnahm!“.. „Hm— hm,“ meinte der Regierungsrath,„das gibt mir zu denken; doch haben wir wahrlich keine Zeit zetzt unſeren Vermuthungen nachzuhängen laß uns lieber alles das praktiſch anſchauen und anfſn 8 „„Was Adeline anbelangt, ſo iſt ihre Zukunft immer⸗ hin nicht ſo düſter, das kleine Kind wird ſich Eolen und eine der reichſten Exbinnen des Landes werden.“ „Aber das Haus, das Haus! Denke dir, welche Rede⸗ reien das geben wird!“ „Aber unangenehm gewiß nur bei Leuten, die an Allem nur die gehäſſigen Seiten aufzufinden wiſſen. Der Schwager war bekannt als wohlthätig im höchſten Grade, ja, als aufopfernd für Alles, was das Wohl der Stadt anbetraf,— nun mußt du mir aber unter uns zugeben, lieber Freund, daß die Eröffnung einer neuen Straße hier im Mittelpunkte der Stadt zu einem dringenden Be⸗ dürfniß geworden iſt.“ „Ich glaube nicht daran.“ „Du willſt nicht daran glauben, aber ich bin feſt überzeugt, daß ſich mit dem Verſchwinden dieſes Hauſes, welches bis jetzt allerdings für einen unverſchiebbaren Rie⸗ gel betrachtet wurde, die Bauluſt ſogleich hieher werfen wird und unter deiner Regie hier Straßen entſtehen, ja, eines der ſchönſten Stadtviertel, das auch deinen Namen A — 201 in die ſpäteſten Zeiten hinübertragen wird.— Sieh' dort hinaus,“ fuhr er fort,„dieſer große Garten, die lange Zigeunerinſel, das langt für mindeſtens vierhundert Häuſer; nehme den Bauplatz zu nar zehntauſend Gulden, ſo haſt Jein Kapital von vier Millionen,— welche Spekulation!“ „ Er betrachtete bei dieſen Worten kopfnickend den Stadt⸗ direktot von der Seite und wiederholte dann, als dieſer, mit Intereſſe lauſchend, ſeine Augenbrauen hoch empor⸗ zog:„Welche Spekulation! Dort wohnen lauter unver⸗ mögende, Kringe Leute, wie du am beſten weißt, und es wäre jetzt,“ ſetzte er langſamer hinzu enauch um dieſes für die Stadt ſo ſegensreiche Werk zu fördern, nichts Eiligeres zu thun, als die Namen und Verhältniſſe der Betreffenden dort genau kennen zu lernen, die Größe ihrer Grundſtücke, was ja du ohne alles Aufſehen am beſten zu thun vermagſt.“ „Nur im Intereſſe der Stadt?“ „Jedenfalls ſofern in ihrem Intereſſe, als es zur bal⸗ digen Eröffnung dieſer Straßen wichtig iſt, daß jene Gründe ohne Verzug in Hände kommen, die mit Geld und Ge⸗ ſchmack hier zu wirken vermögen.— Laß mir ſo bald als möglich darüber eine Liſte anfertigen; vor der Hand kennen wir allein den Inhalt jenes Teſtamentes, und ich werde ſogleich den Notar aufſuchen, um ihn zu bitten, das Codicill im Intereſſe unſerer Schwäger noch für eine Zeit lang geheim zu halten.“ „Dir eine ſolche Liſte anzufertigen, iſt durchaus kein Mißbrauch der Amtsgewalt.“ — 202— „Gewiß nicht, und für das Uebrige laß mich ſorgen. — Wie wahr iſt doch das Wort, daß das Geld immer noch auf der Straße zu finden iſt! Dort liegt wenigſtens eine Million, und wenn Alles gut geht, ſo gratulire ich dir zur Hälfte.“ „Dann gute Nacht, Herrendienſt!“ rief der Stadt⸗ direktor,„denn ich kann dir verſichern, Löſer, es iſt kein Amuſement, in meiner Stellung zwiſchen Staat und Stadt herum zu kugeln.“ Vor dem Hauſe trennten ſich die beiden Schwäger und Jeder ging ſeiner Kanzlei zu, worauf der Stadtdirek⸗ tor, nachdem er verſchiedenen ihn erwartenden Parteien heute, wo er bei guter Laune war, ziemlich gnädige Au⸗ dienzen ertheilt, auch gelinde Verweiſe, die er zu geben hatte, in wohlwollende Worte gekleidet, ſeinen Sekretär kommen ließ und ihm in einem gleichgültigen Tone ſagte, wobei die Hände auf dem Rücken hin und her ſpazierten: „Nehmen Sie einmal aus der Polizei⸗Regiſtratur das Fascikel Zigeunerinſel und entwerfen mir eine kleine Liſte der dortigen Bewohner— man muß da wieder einmal die Zügel anziehen, man muß das feſt unter die Augen nehmen.“ „Sie befehlen, Herr Stadtdirektor, nur eine Liſte der Verdächtigen oder polizeilich Compromittirten?“ „Das würde allerdings genügen,“ lautete die Antwort, wobei der Betreffende ſtehen blieb und ſein Kinn auf die rechte Hand ſtützte, um gleich darauf hinzuzufügen:„Doch nein, es iſt mir von Wichtigkeit, zu erfahren, wie ſich dort das Verhältniß zwiſchen ordentlichen Leuten und arbeits⸗ ſcheuem Volke ſtellt.— Unter uns,“ fuhr er flüſternd fort,„man wünſcht von oben herab, daß dieſe Zigeuner⸗ inſel ſchärfer unter Aufſicht genommen wird, deßhalb—“ er legte den Finger auf den Mund, um gleich darauf in ſeinem gewöhnlichen Tone beizuſetzen:„Entwerfen Sie mir alſo eine genaue Liſte, aber eine ſolche, woraus ich auch den Vermögensſtand jener Leute kennen lernen und er⸗ ſehen kann, wie viel Grundeigenthum dort Jeder beſitzt. — Brauchen Sie lange zu der Liſte?“ „Ich hoffe, ſie Ihnen heute Mittag noch vor dem Schluſſe des Bureau's vorzulegen.“ „Bravo— ich werde Ihnen dafür dankbar ſein.“ „Würde es noch ſchneller liefern können, wenn ich nicht Einiges bei der Unterpfandsbehörde nachſehen müßte,“ entgegnete der Sekretär, der, von dem Bravo ſeines Vor⸗ geſetzten geſchmeichelt, in's Zeug ging wie ein alter Gaul, der die Sporen fühlt. „Bon, bon,“ ſagte der Stadtdirektor, den Untergebe⸗ nen gnädigſt entlaſſend, und dann wiederholte er, am Fenſter ſtehend, dieſes bon, bon noch ein paar Mal im Rhythmus der großen Trommel bei Regimentsmuſiken, pfiff auch Einiges dazu und zeigte auf dieſe Art, daß er ſehr luſtig und guter Dinge war.— Hatte auch Urſache dazu, bei der verlockenden Ausſicht, die ihm der Schwager Re⸗ gierungsrath eröffnet,— ein halber Millionär— alſo zwanzig bis dreißig Tauſend Gulden Renten!— Dann in der That gute Nacht, Herrendienſt! Für dieſen Fall — 204— hat er ſich feſt vorgenommen, ſeine Entlaſſung mit Eclat zu verlangen bei der nächſten ungnädigen Bemerkung des Herrn Miniſters des Innern, der bei der hieſigen ganz gemeinen Protektionswirthſchaft ſchon längſt für einen Neffen auf die Stelle des Stadtdirektors ſpekulirte. All' dieſe Träume und Gedanken hatten ihm ſo ſehr für heute Morgen alle Arbeit verleidet, daß er ſeinen Schreib⸗ tiſch voll von Papieren, die der Erledigung harrten, ver⸗ ächtlich über die Achſel anſchaute und einen Gang auf die ſtädtiſche Promenade machte, von dem er kurz vor Ende der vormittägigen Bureauzeit zurückkehrte. Im Vorzimmer fand er auch ſchon ſeinen Sekretär, der ihm mit ſelbſt⸗ zufriedenem Lächeln die fertige Liſte präſentirte. „Ich dank' Ihnen, mein Lieber, gehen Sie ruhig nach Hauſe, und wenn Sie nach Tiſche ſtatt ſogleich auf's Bureau zu kommen die Brunnenarbeiten auf der ſtädti⸗ ſchen Promenade ein Bischen anſchauen wollten und mir ſpäter darüber referiren, wäre ich Ihnen ſehr dankbar dafür,— aber ſpäter— viel ſpäter.“ Jetzt war er allein und ſetzte ſich mit dem Vorgefühl eines intereſſanten, köſtlichen Genuſſes vor die Liſte hin und begann dieſelbe durchzuſehen. Doch ſchien nicht Alles hier einen angenehmen Ein⸗ druck zu machen, denn ſeine Züge wurden ernſt, ſein Ge⸗ ſicht verlängerte ſich zuſehends und ſchon ein paar Mal hatte er einige bedenkliche ah— ahl und verſchiedene miß⸗ muthige hm— hm!l hören laſſen. „Das iſt ja ganz ſchauderhaft,“ rief er endlich ent⸗ — — 205— rüſtet aus, indem er nach einem Bleiſtift langte, um ein paar Notizen zu machen,„unerhört— fürchterlich— und ein Irrthum iſt nicht möglich. Der Name ſo deut⸗ lich geſchrieben, daß mich die Augen beißen, und auf's ſchönſte mit Tag und Datum verſehen,— Schropps, Schropps und immer wieder Schropps. Ja, noch heute Morgen iſt ein Verkauf an ſie angemeldet, Schreinermeiſter Wimmer's Haus und ſo weiter und ſo weiter, nebſt Grundſtück von anderthalb Morgen an die Gebrüder Schropps um die Summe von zwölftauſend Gulden, ein Platz, der nach heutiger Combination unter Brüdern ſeine hundert⸗ tauſend Gulden werth iſt.— Da kommt auch das An⸗ weſen der Staatsräthin, ebenfalls verkauft an die Schropps. — Haarſträubend! Das ganze ſchöne Anweſen mit min⸗ deſtens zwanzig Bauplätzen um die Bagatelle von vierzig⸗ tauſend Gulden.— Oh— ohl entweder ſind dieſe Schropps mit dem Teufel im Bunde oder ſie haben ein Glück, daß Einem die Haut ſchaudert. Da gehört ja ſchon die ganze Hälfte der Zigeunerinſel dieſen verfluchten Knau⸗ ſern. Deßhalb haben ſie mich mit bettelhafter Unver⸗ ſchämtheit zuweilen förmlich auf meinem Bureau belagert! Deßhalb war es ihnen um Eröffnung der Straße zu thun, und gut haben ſie ſpekulirt, was ſie allerdings nicht ihrer Vorausſicht verdanken, ſondern dem alleinigen Zufalle, daß mein Schwager die an ſich tolle Idee gefaßt, ein ſo ſchönes Beſitzthum der Stadt zu hinterlaſſen.“ „Aber fort mit allen Grübeleien, die nichts nützen— ſo— nachdem ich mit Roth bezeichnet, was die Schropps . ——— — 1 8 — — 206— ſchon an ſich geriſſen, bleibt immer noch eine hübſche Partie Bauplätze übrig, und glücklicher Weiſe meiſtens in den Händen ganz unbemittelter Leute.— Nun ſoll Löſer weiter arbeiten und vor allen Dingen müſſen wir überlegen, wen wir als Unterhändler in dieſer delikaten Angelegenheit gebrauchen wollen. Jetzt aber will ich den Regierungsrath aufſuchen.“ Dieſer fand ſich auch in ſeiner Wohnung vor, den Schwager ſehnſüchtig erwartend, und hatte ſchon in ſo fern an dem Unternehmen gearbeitet, als er ſich durch eine vertraute Perſon, die mit den Verhältniſſen der Zigeuner⸗ inſel genau bekannt war, einen Mann hatte nennen laſſen, der wie Keiner fähig und geſchickt ſei, mit den Leuten dort in Unterhandlungen zu treten, ohne irgend welchen Ver⸗ dacht zu erregen. Dieſer Mann war ein armer, aber biederer Seiler⸗ meiſter, der ſeit langen Jahren auf der Zigeunerinſel wohnte und dort ſein Handwerk im Freien trieb, welches ihm genügend Zeit und Gelegenheit bot, alle Vorüber⸗ gehenden zu begrüßen, mit ihnen zu plaudern und welcher ſo eine Art Factotum geworden war, bei dem man ſich gern in ſchwierigen Lagen Rath erholte und der dadurch alle Verhältniſſe wie ſeine Taſche hatte kennen lernen. „Den Mann, Kniegel heißt er, habe ich mir beſtellt,“ ſagte der Regierungsrath,„und erwarte ihn jeden Augen⸗ blick, beſſer aber iſt es, wenn du in's Nebenzimmer gehſt, damit er an der Gegenwart des erſten Beamten der Stadt nicht ſtutzig wird. Solche Leute haben zuweilen einen — —— —— feinen Merk's, und gerade jetzt bei dem Todesfall in un⸗ ſerer Familie möchte er vielleicht allerlei combiniren, wäh⸗ rend ich, ein Verwalter bedeutender Pflegſchaften, die Sache ſo vorzuſtellen vermag, als handle es ſich vielleicht um kleine Anlehen auf Güter dort, um die man mich in meiner obigen Eigenſchaft gebeten.“ Damit war der Stadtdirektor vollkommen einverſtan⸗ den, und nachdem er kaum in das Nebenzimmer gegangen, trat Herr Kniegel nach vorheriger Anmeldung des Stuben⸗ mädchens ein. Er trug einen ganz guten Rock mit einem ſchwarzen, allerdings etwas ſchäbigen Cylinderhut, dazu einen weißen Hemdkragen mit dunkler Cravatte, und alles dies, zugleich mit einem Paket Papiere, die aus ſeiner Bruſttaſche hervorlugten, gab ihm ein ſo eigenthümliches, geſchäftsmäßiges Anſehen, daß der etwas verwunderungs⸗ volle Ton in der Frage des Regierungsrathes:„Ich habe doch das Vergnügen, den Herrn Seilermeiſter Kniegel bei mir zu ſehen?“ ſehr gerechtfertigt erſchien. „Mein Name iſt Kniegel, zu dienen, und mein Ge⸗ werbe iſt das eines Seilermeiſters.“ „Und wohnen auf der Zigeunerinſel?“ „Auf der Zigeunerinſel, zu dienen, Herr Regierungs⸗ rath.“ „Sie ſind mir alſo ganz recht und freut es mich, Herr Kniegel, Ihre Bekanntſchaft zu machen; bitte, ſetzen Sie ſich.“ Das that denn auch der Seilermeiſter, ohne ſich weiter nöthigen zu laſſen, doch nach Art dieſer Leute, mit einigen ———- 208 Förmlichkeiten; dann legte er ſeinen Cylinderhut auf den Tiſch, und ehe er ſich niederließ, hob er mit den Händen ſeine Beinkleider auf beiden Seiten etwas in die Höhe, ſo daß unten ſeine blauen Strümpfe in den groben Schuhen ſichtbar wurden. „Sie wohnen, wie ich gehört habe, ſchon längere Zeit auf der Zigeunerinſel,“ ſagte der Regierungsrath, indem er mit einem freundlichen Lächeln ſeine Hände umeinander rieb,„kennen alſo die dortigen Verhältniſſe und den Ver⸗ mögensſtand der Bewohner ziemlich genau.“ Herr Kniegel kniff leicht ſein linkes Auge zu, indem er zur Antwort gab:„Wenn da überhaupt von einem Vermögensſtande die Rede ſein kann, Herr Regierungs⸗ rath, es ſind das meiſt arme Leute, die von der Hand in den Mund leben.“ „Allerdings, und deren Beſitzthum keinen großen Werth hat,“ warf der Regierungsrath leicht hin,„ich ſagte das auch ſchon Einigen, und daß es ſchwer ſein wird, ihnen ſelbſt kleine Summen auf ihre geringen, dort faſt ganz werthloſen Güter zu leihen.“ „Und doch wäre es ein Chriſtenwerk, manchem der Betreffenden zu helfen, natürlich gegen mäßige Zinſen,“ erwiederte Herr Kniegel, wobei ein eigenthümliches Lächeln um ſeine Mundwinkel zuckte und er mit den Fingern eine Bewegung machte, als ſei er bei ſeinem Handwerke be⸗ ſchäftigt oder als zähle er in Gedanken Geldd. „Man muß aber mit ſolchen Anleihen ſehr vorſichtig ſein, mein lieber Herr Kniegel, beſonders ich in meiner — 209— Eigenſchaft als Pfleger, und würde ich mich viel eher dazu verſtehen, manches dieſer kleinen Grundſtücke zu kau⸗ fen, als auf's Ungewiſſe hin Gelder auf Zinſen dort an⸗ zulegen.— Man muß das ſehr wohlfeil kaufen können,“ fuhr er in einem vertraulichen Tone fort,„und ich möchte darüber einige Auskunft und nicht zu Ihrem Schaden er⸗ halten; gerade deßhalb habe ich Sie zu einer Unterredung gebeten.“ V Der Seilermeiſter ſpitzte ſeine Lippen und blickte an⸗ gelegentlich vor ſich hin auf den Fußboden, als intereſſire er ſich ganz beſonders für eine dicke Fliege, die dort im Strahl der Sonne ſpazieren ging, wodurch eine kleine Pauſe entſtand, ehe er zur Antwort gab:„Das Alles da wäre allerdings vor Kurzem viel wohlfeiler zu haben geweſen, aber ſeit ſich ein gewiſſes Gerücht verbreitet—“ „Gerücht?“ fragte der Regierungsrath in einem faſt erſchrockenen Tone,„was denn für ein Gerücht?“ „Unter uns geſagt, Herr Regierungsrath, ich glaube nicht daran, aber Sie wiſſen ſelbſt, daß es Leute gibt, die aus jedem Gerede einen Vortheil ziehen wollen.“ „Und was iſt denn das für ein Gerede?— Mag ich mich doch hin und her beſinnen, ich verſichere Ihnen, nichts gehört zu haben, was ich auch im entfernteſten mit der Zigeunerinſel in Zuſammenhang bringen könnte.“ „Doch, Herr Regierungsrath,— ich habe durchaus kein Intereſſe, darüber zu ſchweigen. Es geht nämlich das Gerücht, der Staat und die Stadt beabſichtigten auf der Zigeunerinſel ein großes Militärſpital zu erbauen.“ Hackländer, Kainszeichen. I. 14 ———— — 24140— „A— a—a— ah!“ ſo ließ ſich der Andere im Tone großer Erleichterung vernehmen, dann aber ſchoß ihm plötz⸗ lich eine Idee durch den Kopf, die ihm wichtig genug er⸗ ſchien, um ſeine Gedanken ſcharf in die Zügel zu nehmen und plötzlich eine große Volte machen zu laſſen, nach deren Beendigung er mit einem gewinnenden Lächeln ſagte:„Ich will ehrlich und aufrichtig gegen Sie ſein, Herr Kniegel, wie ich daſſelbe auch von Ihnen wünſche, und ſage Ihnen deßhalb ganz im Vertrauen, daß allerdings etwas an dieſem Gerüchte iſt und daß ich damit im Zuſammenhange Sie als Jemand, der mit den dortigen Verhältniſſen auf's genaueſte bekannt iſt, zu mir bitten ließ, ſowohl um Ihren Rath zu hören, als auch um Ihre Hülfe zu erlangen, die auf's anſtändigſte honorirt werden ſoll.“ Der Seilermeiſter tippte leicht mit der Hand auf ſeine Bruſt, wo er die Papiere ſtecken hatte, und da der Re⸗ gierungsrath dieſe Bewegung als einen Ausdruck der Be⸗ reitwilligkeit nahm, ſo fuhr er fort, indem er ein Papier ergriff, das neben ihm auf dem Tiſche lag:„Ich habe hier die Namen einiger Grundbeſitzer aufgeſchrieben und möchte nun Ihre Anſicht hören, wie denſelben im Intereſſe des Staates und der Stadt am beſten beizukommen wäre, natürlich ohne von der bedrängten Lage mancher derſelben ungebührlichen Vortheil ziehen zu wollen,“ ſetzte er in wohlwollendem Tone hinzu. Herr Kniegel hatte die Liſte in die Hand genommen und ſagte, während er ſie aufmerkſam betrachtete und ſtark mit dem linken Auge blinzelte:„Das Gerücht, welches ich 211— vorhin erwähnt, hat auf die Leute in verſchiedener Art gewirkt; einige möchten gern verkaufen, da ſie das Unan⸗ genehme in der Nähe eines großen Militärſpitals fürchten; andere aber hoffen dadurch auf einen größeren Verkehr und ſind mit ihren Forderungen bedeutend geſtiegen.“ „Ich bemerke mit Vergnügen, daß Sie die Verhält⸗ niſſe genau kennen, und kann Ihnen wohl im Vertrauen ſagen, daß ich Ihnen jetzt ſchon einen großen Proviſions⸗ ſatz verſprechen darf, wenn Sie uns im Intereſſe des Staates und der Stadt beim Ankaufe dieſer Grundſtücke behülflich ſein wollen.“ „Hätte ich das nur ein paar Tage früher gewußt,“ erwiederte der Seilermeiſter mit einer betrübten Miene; doch zuckten ſeine Mundwinkel ſo eigenthümlich, daß es den Anſchein hatte, als ſei ſeine Betrübniß keine ſo gar bedeutende, was aber der Regierungsrath nicht zu bemer⸗ ken ſchien, da er, ſich raſch aufrichtend, die haſtige Frage that:„Wie ſoll ich das verſtehen? Es haben doch auf der Zigeunerinſel in der letzten Zeit keine großen Verkäufe ſtattgefunden.“ „Doch, Herr Regierungsrath, und zwar ziemlich be⸗ deutende.“ „Die aber noch nicht in den ſtädtiſchen Büchern ein⸗ getragen ſind?“ „Nein, die aber ſo ſtet und feſt gemacht ſind, daß einer der Betreffenden zurücktreten kann.“ Bei dieſen Worten tippte er abermals auf ſeine Bruſttaſche. „O— oh,— Herr Kniegel!“ rief der Regierungsrath, ——— — 212— und ſetzte dann aufſtehend mit einem Blick auf das Neben⸗ zimmer hinzu:„Würden Sie mir auf meiner Liſte be⸗ merken können, welche dort bezeichneten Güter auf die eben erwähnte Art in jüngſter Zeit in andere Hände überge⸗ gangen ſind?“ „Warum nicht,— aber leichter wäre es mir, Ihnen die zwei bis drei Namen hier zu bemerken, die nicht ver⸗ kauft hätten.“ „Gerechter Himmel! Nur zwei bis drei Namen? So iſt ja die ganze Zigeunerinſel verkauft worden!“ „Man könnte wenigſtens ſagen, alles das von der Zigeunerinſel, was einigen Werth hat, denn die zwei oder drei, von denen ich vorhin ſprach, liegen ſo abſeits oder eingeklemmt zwiſchen den anderen, daß man ſie ſpäter um eine Bagatelle kaufen wird.“ Der Regierungsrath konnte ſich nicht enthalten, ver⸗ ſchiedene Male ſeine Hände zuſammen zu ſchlagen, daß es ſchallte, während er haſtig im Zimmer hin und her ſchritt, ja, er vergaß ſo ſehr des vorhin ſeinem Schwager ſelbſt gegebenen Rathes, oder ſchien ihm dieſer jetzt unnütz ge⸗ worden zu ſein, daß er an die Thüre des Nebenzimmers lief, dieſe raſch öffnete und dabei an der Bewegung des Stadtoberhauptes ſah, daß dieſes am Schlüſſelloche gehorcht hatte; auch nahm er ſich durchaus nicht die Mühe, dieſes verheimlichen zu wollen, denn er rief ihm mit lauter Stimme zu:„Du haſt es gehört, faſt ſämmtliche Grund⸗ ſtücke der Zigeunerinſel ſind in letzter Zeit in andere Hände übergegangen!“ — 213— I Doch wußte Herr Dalberg ſeine Faſſung weit beſſer zu behaupten, und nachdem er ſeinem Schwager einen mißbilligenden Blick zugeworfen, bewegte er ſich würdevoll gegen Herrn Kniegel, der ſich unter einer tiefen Verbeu⸗ gung raſch erhoben hatte, und ſagte:„Im Intereſſe des Staates und der Stadt kann ich das nur bedauern, hoffe aber immer noch auf ein gedeihliches Zuſtandekommen des ſegensreichen Projekts, beſonders wenn uns dieſer brave Mann ſeine Hülfe inſofern angedeihen läßt, daß er uns ganz im Vertrauen mit den Namen der neuen Käufer bekannt macht, und es ſoll das Ihr Schade nicht ſein, lieber Freund.“ V„Können und wollen Sie das thun?“ fragte der Re⸗ gierungsrath in großer Spannung. Der Seilermeiſter, welcher breitſpurig vor den beiden Herren ſtand, ſich dabei in den Hüften wiegte und mit den Fingern die Bewegung des Spinnens machte, lächelte eigenthümlich, ehe er ſagte:„Das iſt ſchon morgen kein Geheimniß mehr, weßhalb ich es heute wohl ſagen kann, auch macht es mir durchaus keine große Mühe, weil ich als Käufer nur einen einzigen Namen auszuſprechen brauche.“ „Nur einen einzigen Namen,— gerechter Himmel!“ rief der Regierungsrath,„nennen Sie ihn, Mann,— nennen Sie ihn!“ „Es ſind die Gebrüder Schropps, die dem Herrn Stadtdirektor wohl bekannt ſind.“ „Die Schropps!“ rief Herr Löſer, wollte auch noch etwas hinzuſetzen, verſtand aber zur rechten Zeit einen Wink ſeines Schwagers, der wohlwollend lächelnd nun ſagte:„Die Herren Gebrüder Schropps ſind Ehrenmänner in der ſchönſten Bedeutung des Wortes, auch gewiſſermaßen zu Opfern fähig, wenn es ſich um das Wohl der Stadt oder des Staates handelt. Sie werden mit ſich reden laſſen und ihre Hülfe einem ſo ſegensreichen Unternehmen, wie das eines großen Militärhoſpitals, gern leihen.“ „O gewiß— o gewiß,“ meinte Herr Kniegel,„es käme nur darauf an, ihnen das von der richtigen Seite beizubringen; es ſind brave Leute, die Schropps!“ „Was wir aber ſelbſt in die Hand nehmen wollen,“ ſagte der Stadtdirektor,„und ich bitte Sie nur, mein lieber Freund, vorläufig die eben ſtattgefundene Unterredung gegen Niemanden zu erwähnen,— gewiß, es ſoll Ihr Schade nicht ſein.“ Dann ging Herr Kniegel, nach ein paar Verbeugungen rückwärts ſchreitend, gegen die Thüre, was ihm als einem Seilermeiſter durchaus keine Mühe machte, und als er verſchwunden war, fiel der Regierungsrath in einen Stuhl, ſchlang krampfhaft die Finger in einander und rief aus: „Die Schropps— die Schropps!“ „Ja, die Schropps,“ wiederholte der Stadtdirektor, wobei er, die Hände auf den Rücken gelegt, kopfſchüttelnd hin und her ging,„ja, die Schropps, und wenn dieſe Leute nicht mit ſich reden laſſen, woran ich ſehr zweifle, ſo ſind ſie durch die Eſelei unſeres lieben, ſeligen Schwa⸗ gers in wenigen Jahren mehrfache Millionärs!“ Da öffnete ſich die Thüre und auf der Schwelle er⸗ — 215— ſchien die Frau Kanzleidirektorin Schwebeling, ſchreckhaft f 1 anzuſehen, nicht nur wegen ihres langen, ſchwarzen Ge⸗ wandes, nicht nur wegen ihrer über alle Maßen erhobenen Naſe, ſondern auch wegen des Leuchtens ihrer ſcharfen Augen und des verdächtigen Zuckens ihrer Finger. „Habt ihr's denn ſchon gehört?“ rief ſie. Die beiden Schwäger ſahen ſich mit zweifelhafter Miene an. „Wißt ihr's denn ſchon,— daß man in der Stadt bereits Kunde hat von dem Teſtamente unſeres ſauberen Herrn Schwagers?“ Der Regierungsrath wandte ſich achſelzuckend ab, denn ſo ſehr ihn auch dieſe Nachricht gerade im gegenwärtigen Augenblicke erſchütterte, ſo mochte er doch dieſe Bewegung ſeine theure Anverwandte nicht merken laſſen, wogegen der Stadtdirektor im Tone des Schreckens rief:„Was, ſchon bekannt? Wie iſt das möglich?“ „Wie das möglich iſt?“ ſagte Madame Schwebeling mit einem furchtbaren Lächeln,„weil wir Weiber von euch Männern doppelt und dreifach in der Schwatzhaftigkeit übertroffen werden; weil es Leute gibt, die ihr eigenes Leid nicht zu verſchweigen vermögen,“— hierbei ſtreiften ihre Blicke von oben herab den Regierungsrath;„weil es Beamte gibt,“ fuhr die Kanzleidirektorin erbost fort,„denen man das Maul zunähen ſollte, um ſie unſchädlich zu machen.“ „Wir bitten um Thatſächliches,“ ſprach der Regierungs⸗ rath ſo ruhig als möglich. — ͤͤͤſ— — 216— „Thatſächliches— ſollt ihr haben, daß euch die Ohren weh thun.— Sitz' ich da zu Hauſe, in Wuth und Schmerz verſunken,— kommt die alte Breitlig zu mir.“ „Die Stadtklatſche?“ „Ja, Herr Schwager, leider Gottes, die Stadtklatſche, und wer weiß, wo ſie vorher ſchon geweſen war, denn was ſie mir erzählte, ging wie am Schnürchen, ſie hatte es förmlich auswendig gelernt. In der Stadt— ſei man entſetzt, ſagte ſie, über das Teſtament dieſes— Bendels, eine brave Frau— eine reſpektable Familie ſo zu miß⸗ handeln, ſo in's Geſicht zu ſchlagen!— Aber,“ fuhr die Kanzleidirektorin kreiſchend fort,„es gäbe ſogar ſchlechte Menſchen, ſagte die Breitlig, dieſe alte Gans, welche ſich unterſtänden, die Meinung zu äußern, als müßte etwas ſehr Ernſthaftes vorgefallen ſein zwiſchen unſerer armen Schweſter und jenem alten Eſel— und das mußte ich anhören und noch eine freundliche Grimaſſe dazu machen, obgleich ich ihr lieber die Thüre gewieſen hätte, als das alte Schnattermaul mir den wohlmeinenden Rath gab, doch dafür beſorgt zu ſein, daß alles das unterdrückt würde, was man in der Stadt ſage und was dem guten Rufe meiner Schweſter ſchädlich ſein müſſe,— oh— oh, dem guten Rufe meiner Schweſter!— Ja, Herr Schwager,“ fuhr ſie gegen den Regierungsrath gewendet fort,„ich habe wohl Recht, es zu betonen, meiner Schweſter, denn ſonſt nimmt ſich ja doch Niemand derſelben an, bekümmert ſich Niemand um uns, ſondern begnügt man ſich leichthin — — 2417— damit, unter dem Schutz einer angeſehenen Familie das geworden zu ſein, was man geworden iſt.“ Nach dieſem letzten Hiebe, welcher ſpeziell dem Regie⸗ rungsrath galt, ſank ſie mit erhitzten aber trockenen Augen in die Sophaecke. Thränen waren überhaupt ihre Sache nicht, wogegen ſie um ſo eifriger an ihrer dünnen Unter⸗ lippe nagte; doch ſchien Herr Löſer auch für dieſes Zeichen ihres tiefen Schmerzes kein großes Mitgefühl zu haben; denn im Zimmer auf und ab gehend, ſagte er, ſcheinbar ſehr ruhig, zum Stadtdirektor:„Da iſt nun nichts mehr zu machen, die Schropps haben unter der Hand die ganze Zigeunerinſel zuſammengekauft und werden nun, da das Teſtament bekannt geworden iſt, keine Luſt haben, mit ſich handeln zu laſſen,— thäte es auch nicht, wenn ich an ihrer Stelle wäre!“ Madame Schwebeling hatte ſich in ihrer Sophaecke aufgerichtet und wiederholte mit ſtarren Augen, wie me⸗ chaniſch, die Worte, welche ihr Schwager ſoeben geſprochen, ſowie auch die folgenden, die er in einem leichten, faſt freundlichen Tone ſagte: „Das iſt nun einmal der Lauf der Welt, wenn eine Wagſchale ſinkt, ſteigt die andere; das Haus, in welchem Bendel wohnte, verſchwindet nach der Teſtamentsklauſel, um einer ſehr ſchönen Straße Platz zu machen. Die Bauplätze zu dieſer Straße ſind wohlfeilen Kaufs in einer Hand vereinigt, und die glücklichen Beſitzer derſelben wer⸗ den, wie du vorhin ganz richtig ſagteſt, in wenigen Jahren Millionäre ſein.“ — 248— „Millionäre ſein,“ hauchte Madame Schwebeling, und darauf knickte ſie in der Sophaecke zuſammen wie ein Taſchenmeſſer. Woher es kam, daß die teſtamentariſchen Beſtimmungen des Herrn Bendel ſo raſch bekannt wurden, wer konnte es wiſſen? Hatte vielleicht der Notar, Herr Brand, zu Hauſe etwas davon gegen das Gelöbniß unverbrüchlichen Schweigens mitgetheilt, was dann unter gleicher Etiquette allerdings nur einer einzigen guten Freundin anvertraut wurde und ſich ſo mit Telegraphenſchnelligkeit verbreitete; hatte eine der betreffenden Schweſtern ſelbſt geplaudert, weniger wohl einer der betreffenden Herren in dieſem ganz eigenthümlichen Falle? Hatte Jemand aus der Diener⸗ ſchaft gelauſcht?— auch möglich, doch ſind wir nicht im Stande, irgend einen ſichern Faden anzugeben. Iſt es auch doch ſo häufig unmöglich, hinzuweiſen auf die Ent⸗ ſtehung eines Gerüchtes, das uns ſchon leiſe andeutend von Thatſachen erzählt, die wir, was den Zeitraum an⸗ belangt, unmöglich ſchon hätten erfahren können, ja, von Thatſachen, die ſich erſt zur Handlung vorbereiten, die ſich uns prophetiſch nahen und die wir auf dieſe Art in einem unbegreiflichen, unheimlichen Wiederhall, gewiſſermaßen durch ein geiſtiges Wetterleuchten irgend woher aus der Luft erfahren. Hier bei dem ganz unerhörten Teſtament des Herrn Bendel ging es faſt in der eben angedeuteten Art, denn man wußte plötzlich in allen Theilen der Stadt, in allen Schichten der Geſellſchaft davon; man erzählte es ſich kopf⸗ — 219— ſchüttelnd, mißbilligend, auch achſelzuckend und ſchadenfroh. Man bedauerte hier herzlich und tief, man fand dort Manches nicht unerklärlich,— ja, ja, die Frau hatte doch etwas Mißbrauch getrieben mit der Güte und Nachſicht eines Gatten, der dem Alter nach ihr Vater hätte ſein können. Man hatte doch ſo Manches vernommen, was dann aus Achtung vor dem Namen Bendel wieder todt⸗ geſchwiegen worden; man erinnerte ſich kleiner Vorfälle, Gerüchte, Gerede, die, wenn auch nur der zehnte Theil von ihnen begründet war, wohl zu ſchweren Differenzen in dieſer an ſich ſchon ſo eigenthümlichen Ehe führen mußten. Und daß Differenzen beſtanden hatten, das ließen ſich wenige von all den guten Seelen, die in dem Hauſe verkehrt und dort viel Liebes und Gutes genoſſen hatten, trotz ihrer chriſtlichen Liebe und Freundſchaft ausreden. Wie häufig hatte man Herrn Bendel ernſthaft geſehen, nach⸗ denklich, auch finſter, wie oft die junge Frau zerſtreut, mit ſchweren Gedanken beſchäftigt, ja mit verweinten Augen, und nun das Kind erſt— ja, das Kind— ein wahres Wunderkind! Wie pünktlich war es erſchienen und wie wenig glich es ſeinem Vater! Erinnerten ſich doch dabei dieſe guten Seelen ſtatt der vielen Freundſchaft, die ſie in dem gaſtfreien Hauſe genoſſen, bereitwilliger der gehäſſigen Inſchriften, gemalter Herzen und Strohkränze, die man an der Gartenmauer gefunden, und was Strohkränze hier zu bedeuten hatten, darüber war ebenſowenig zu ſtreiten, als daß man es begreiflich finden mußte, warum der arme, alte Banquier, Herr Bendel, in letzter Zeit ſo oft in —————— 5 5 8 ——— 5 7 gedrückter Stimmung auf ſeinem Bureau erſchienen war. Hatte er doch ſchon lange nicht mehr an ſeinem häuslichen Unglück gezweifelt, und nun kam der ſchreckliche Schluß des ganzen Trauerſpiels,—— denn daß Herr Bendel keines natürlichen Todes geſtorben ſei, erzählte man ſich flüſternd, wohl bemitleidend, aber mit kannibaliſcher Freude, und ſetzte unter vier Augen hinzu: auch ſchwebe über die Art dieſes natürlichen Todes noch ein furchtbares, geheim⸗ nißvolles Dunkel,— dieſer gute, alte, mildthätige und gottesfürchtige Herr habe gewiß nicht daran gedacht, ſein Leben ſelbſt abzukürzen; er ſei eben nicht wieder erwacht nach einem Schlaftrunke, den ihm ſeine Gattin häufig, diesmal nur ein Bischen ſtärker, zubereitet habe. Dann kam die gewiſſenhafte Ausführung des Teſta⸗ ments— raſch und pünktlich,— ſo hatte es die junge Wittwe ſelbſt verlangt. Das ſchöne Haus wurde nieder⸗ geriſſen, und als hierauf durch die Gebüſchpartieen des prachtvollen Gartens die neue Straßenlinie gehauen wor⸗ den war, und man ſchon im Geiſte die Fortſetzung der⸗ ſelben in die Zigeunerinſel ſah, ſegnete Jeder der Tauſende von Neugierigen das Andenken des Herrn Bendel, und fand es unbegreiflich, daß der hochweiſe Magiſtrat nicht ſchon früher auf die doch ſo natürliche Idee einer Verbin⸗ dung zwiſchen zweien der volkreichſten Stadtviertel gekom⸗ men war. Was für herrliche Bauplätze boten ſich hier den erſtaunten Blicken, und mit welcher Gier fiel die Spe⸗ kulation darüber her! Dieſelbe fand ſich aber inſofern ge⸗ täuſcht, als man mit einem faſt bewundernden Erſchrecken — 221— die Entdeckung machen mußte, daß ſich hier faſt alle Grund⸗ ſtücke, bildlich geſprochen, in einer und derſelben Hand be⸗ fanden, nämlich im Beſitze zweier bisher ganz unbekannter Leute, der Gebrüder Schropps, die dadurch in kurzer Zeit zu einem ganz unerhörten Vermögen gelangen mußten und auch gelangten. Doch fehlte es ihnen dabei nicht an Widerwärtigkeiten mancherlei Art, beſonders mit den Ver⸗ käufern, von denen es die meiſten ſich und auch dem Käufer nicht verzeihen konnten, auf ſo gränzenloſe Art übervortheilt worden zu ſein. Wenig half es, daß ſie ſelbſt zugeſtehen mußten, die Gebrüder Schropps ſeien nur glücklich geweſen in einer immerhin gewagten Spekulation; denn wenn Herr Bendel nicht geſtorben wäre, oder wenn er jene Teſtamentsklauſel nicht angefügt, ſo würde die Zigeunerinſel wohl noch lange, lange Jahre dem allge⸗ meinen Verkehr verſchloſſen geblieben ſein. Etwas mehr trug es bei zu allmählichem Ausgleichen dieſes Mißvergnügens, daß die Gebrüder Schropps unter der Hand bemüht waren, mit freiwilligen Nachzahlungen, mit Anleihen unter den günſtigſten Bedingungen zur Er⸗ bauung neuer Häuſer, durch Erleichterungen in der Er⸗ werbung von Bauplätzen bereitwillig zu helfen. So wurden nach und nach die Meiſten zufrieden geſtellt, und manche Genügſame unter ihnen betrachteten es ſpäter ſo⸗ gar als ein Glück, an die Gebrüder Schropps verkauft zu haben, da ſie wohl bedachten, daß immerhin noch Jahre vergingen, bis der größte Theil der Bauplätze, dann allerdings mit großem Nutzen, in andere Hände kam. N. K * “ —— 48 Als durch Wegreißung des Bendel'ſchen Hauſes, ſo⸗ wie durch Anlegung der Straße durch den Park die erſte große Breſche in die Zigeunerinſel gemacht worden war und man die alten Häuſer dort, die mächtigen Bäume, die einſamen Raſenflecken und Spielplätze der Kinder ſo plötzlich von einer Seite ganz offen gelegt ſah, glaubte mancher der Vorübergehenden in eine neue Welt zu ſchauen, und auch die Bewohner dieſer einſamen Gegend fühlten und empfanden es eigenthümlich, daß ihr bisher ſo abgeſchloſſenes und heimliches Leben und Treiben ſo mit Einem Male durch einen gewaltigen Schnitt bloß⸗ gelegt war; es hatte dies für Manchen etwas Beäng⸗ ſtigendes, und Leute, die hier alt geworden waren, meinten kopfſchüttelnd, es ſei nicht mehr ſchön auf der Zigeuner⸗ inſel, und ſehnten ſich ſo bald als möglich hinweg. Das wirkte aber noch ſtärker und auffallender, als ſich nach und nach von dem ehemaligen Parke des Ban⸗ quiers Bendel die Straßenlinie vorerſt noch ohne Neu⸗ bauten nach der Mitte der Zigeunerinſel und dann nach der anderen Seite derſelben vorſchob, hier einen Haufen kleiner Häuſer mitten durchbrechend, was dann allerdings einen eigenthümlichen, maleriſchen Anblick bot. Mitten durchgeriſſen war der grüne Raſen, auf dem die Kinder geſpielt, gefällt die hohen Bäume, unter deren Schatten und zwiſchen deren Stämmen ſie Verſtecken und Räuber und Gendarm geſpielt, geebnet war die Niederung mit dem trüben Waſſer, auf dem kleine Schiffe und magere Enten geſchwommen,— verſchwunden ein Drittel des 223— Hauſes, in welchem der Schreinermeiſter Wimmer gewohnt und der Herr Major Quinſcheidt, verſchwunden der vordere Theil des Gartens der verſtorbenen Staatsräthin, und von der ehemaligen Wohnung der Gebrüder Schropps ſtanden ruinenhaft nur noch ein paar hintere Zimmer, denn auch der Thorbogen und die vorderen Räumlich⸗ keiten hatten fallen müſſen. Was die Seilerſtätte des Herrn Kniegel anbelangte, ſo war ſie gänzlich vom Erd⸗ boden vertilgt, und mit ihr ſo manche andere Erinnerung an das ehemalige Leben auf der Zigeunerinſel. Von Neugierigen wurde dieſelbe beſucht, wie nie früher; ja, man ſah dort Zeichner ſitzen und Photographen, be⸗ ſchäftigt, allerlei Seltſames aufzunehmen. Es gibt aber auch wohl nicht leicht etwas Originelleres und Maleriſcheres, als wenn in einer Stadt zwiſchen Gärten und alten Häuſern eine Straße durchgebrochen wird und ſo plötzlich Dinge erſcheinen, welche man am allerwenigſten vermuthet: merk⸗ würdige Häuschen aus längſt vergangenen Zeiten, die ſich ordentlich zu freuen ſcheinen, daß man ſie endlich einmal eines Blickes würdigt, alte Baracken, denen man die Scham über ihre Hinfälligkeit anzuſehen vermeint, hübſche Hinterhäuſer, die ſich mit Stolz präſentiren, weil endlich das alte Gerümpel vor ihnen beſeitigt worden iſt, mitten durchgeſchnittene Gärten, deren Bäume, nachdem ſie ſo lange gemeinſamen Schatten ſpendend in traulichem Verein gelebt, jetzt durch die ſtaubige Straße auf ewig getrennt, verzweiflungsvoll die Arme gegen einander zu ſtrecken ſcheinen. C —— ——— ““ 8 0 —— 5 85 25 ——— öoͤſͤͤͤſͤſͤſͤſͤöͤöͤn— 95 4— 224— Sollte man nicht glauben, hier, wo an zwei gegen⸗ über liegenden Häuſern die vorderen Seiten weggeſchnitten worden ſind, würden von den noch zurückgebliebenen Einwohnern ordentliche Jahrmarktsvorſtellungen gegeben? Und das geſchieht auch wohl, wenn die ernſt beſchäftigten Eigenthümer ſelbſt den Rücken gewandt haben und das junge, muthwillige Volk der Geſellen und Lehrlinge ſich ohne Aufſicht weiß. Sieht doch drüben die Werktäätte des Schneiders, welche im hinteren Theile des Hauſes übrig geblieben iſt, mit ihrem großen ſchützenden Vorhang wie eine Schaubühne aus, was ſie auch wird, ſowie der ver⸗ drießliche Meiſter ſich entfernt hat, und von ſeinen Lehr⸗ lingen nun der Vorhang weggezogen wird, um gegen die Vorübergehenden auf der Straße oder an das gegenüber liegende Haus zu agiren. Denn dort blickte man ebenfalls hinein in der Wohnung Tiefinnerſtes, und wenn ſich auch der Photograph, der dort ſein Retouchir⸗Atelier hat, durch ſpaniſche Wände zu ſchützen verſucht, bis das Haus eine neue Vorwand erhält, ſo müſſen es die jungen Künſtler hier doch mit anſehen, wenn die Geſellen und Lehrlinge drüben vermittels eines Tiſches, eines alten Kaſtens und eines grünen Teppichs Photographiren ſpielen und den jüngſten Zögling des edlen Schneiderhandwerks in den auffallendſten, nicht immer äſthetiſchen Stellungen, wenigſtens im harmloſen Spiel, der Nachwelt zu überliefern trachten; dafür aber rächen ſich jene, indem an einer der ſpaniſchen Wände ein flott gezeichneter Ziegenbock erſcheint, auf dem eine Scheere —— — 225— reitet, welcher man ein ſehr verzerrtes menſchliches Antlitz gegeben, was allerdings ſehr herausfordernd iſt und auch zu weiteren Neckereien führt, ja, bis zu Drohungen mit Bügeleiſen und Elle, ſo wie drüben bis zum Richten einer großen Waſſerſpritze, die mit der Aufſchrift„Cyankali“ und„Blauſäure“ geſchmückt iſt. Auch trotzige Naturen bemerkte man hier, die es, ob⸗ gleich ihr Haus mitten durchgeſchnitten war, auf einen Prozeß wegen Verlaſſens deſſelben ankommen laſſen wollten und die ſich zwiſchen ihren drei Wänden mit einer Un⸗ genirtheit bewegten, als ſei die vierte ebenfalls noch vor⸗ handen. Dabei iſt es an ſich ſchon intereſſant genug, ſo plötzlich ein wirkliches Haus im Querſchnitt zu ſehen, oder daſſelbe ordentlich anatomiſch präparirt, mit zu Tage liegenden inneren Treppen, mit durchgeſchnittenen Balken, mit all' den nun erſichtlichen geheimen und heimlichen Winkeln, mit den ihres Schmuckes beraubten Wänden, wo man noch an dunklen Tapeten Stellen bemerkt, wo Kupferſtiche oder Spiegel gehangen, wo man einen Ein⸗ blick hat wie in eine Kinderpuppenſtube, und wo viklleicht nichts Lebendiges mehr zu ſehen iſt, als die treue Haus⸗ katze, welche ſorgenvoll durch die halb zerſtörten Räume irrt. In den auseinander geriſſenen Gärten erſcheinen kleine, traurige Idyllen, halbzerſtörte Lauben, gewaltſam geöffnete Bosquets, Ueberreſte eines Rebenganges, deſſen Enden nun ohne weiteren Halt im Winde flattern, ärmliche Gartenhäuſer, die ohne alle Berechtigung an der breiten ſonnigen Straße ſtehen, mitunter auch andere Dinge, die Hackländer, Kainszeichen. I. 15 — 226— uns ein Lächeln abnöthigen, ſo hier der Reſt einer Schaukel, dort ein vollſtändig erhaltenes und noch mit den Landes⸗ farben geſchmücktes Militär⸗Schilderhaus, einſtens irgendwo gekauft und zu einem Zwecke benutzt, den uns die Schick⸗ lichkeit näher zu bezeichnen verbietet. Dieſer ruinenhafte Charakter verlor ſich allerdings nur allmählich, aber doch verhältnißmäßig raſch, und nachdem einmal die erſten ſtattlichen Häuſer in der neuen Straße gebaut worden waren, ſchwanden die Spuren der ehe⸗ maligen Zigeunerinſel wie ein unbeſtimmter, verworrener Traum bei den erſten Strahlen der aufſteigenden Morgen⸗ ſonne. Doch boten gerade dieſe Bauten wieder pracht⸗ volle Spielplätze, und die allmählich verſchwindenden alten Häuſer herrliche Entdeckungsobjekte für die Jugend der ehemaligen Zigeunerinſel, ſo wie für ihre Kameraden in den benachbarten und ſelbſt den entfernteren Stadtvierteln. Waren doch allerlei ſeltſame Gerüchte über dieſe ehemals ſehr verrufene Gegend im Umlauf und hofften die, welche darum wußten, endlich einmal Aufklärung zu erhalten über das geheimnißvolle Faß im Hauſe der alten Staats⸗ b räthin, ſo wie über Blutſpuren, die in der ehemaligen Wohnung der Gebrüder Schropps immer noch zu finden ſeien. Was dieſe letztere, die Wohnung nämlich, anbe⸗ b langte, ſo hatte ſie der neuen Straßenlinie zu einem guten Drittel weichen müſſen, und die übrigen zwei 1 Drittel erwieſen ſich auch nicht mehr als ſolid genug, um bei dem Neubau Rückſicht auf die alten Mauern zu nehmen, weßhalb es dann eines ſchönen Tages an den — — — 224— Abbruch auch dieſes Hauſes ging und die Zimmer den Blicken der Neugierigen bloßgelegt wurden. Man hatte allerdings durch einen Bretterzaun rings umher den Strom derſelben abhalten wollen, was auch einigermaßen ge⸗ lungen war, doch gab es junge und auch ältere Wage⸗ hälſe genug, die hinüber kletterten, um ſich in der früheren Behauſung der Herren Gebrüder Schropps umzuſchauen, wobei man vor Allem über die Einfachheit, ja, Aerm⸗ lichkeit derſelben erſtaunte. Allerdings hatten die Schropps damals noch nicht für reich gelten können, mußten aber immerhin wohlhabend geweſen ſein, und dafür hatten ſie dürftig genug gewohnt. Hier in ihrem Hauſe ſah man alle Wände nur einfach mit Kalkfarbe angeſtrichen, und die dunklen, ja ſchmutzigen Thüren ſo wie das übrige Holzwerk zeigten, daß man nie an deren Auffriſchung gedacht. „Ich weiß wohl,“ ſagte einer von den ehemaligen Nach⸗ barn der Schropps, der ebenfalls ſein Grundſtück an ſie verkauft hatte,„warum ſich dieſe Geizhälſe ohne Tapeten geholfen; dem Papiere bleiben ſeine Schmutz⸗ und andere Flecken, während auf der bloßen Mauer ſo eine tüchtige Kalkfarbe Alles wieder zudeckt.“ „Und doch nicht Alles,“ meinte ein Anderer, der in einem düſteren Parterrezimmer an den Wänden umher⸗ blickte und auf ein paar Stellen zeigte, wo bei genauerem Betrachten eigenthümliche dunkle Streifen ſichtbar wurden; „ſeht doch hierher,“ fuhr er fort,„iſt es nicht, als ſei da Jemand mit blutigen Fingern herum gefahren?“ — ſͦ q-——— 228— „Ohne Zweifel, und was hier die ſtarke Thür mit dem ſchweren Riegel, ſo wie die dicken Eiſenſtangen ge⸗ nützt haben, ſeid Ihr wohl auch nicht im Stande, mir zu erklären; denn was das Geld der Beiden anbelangte, ſo hatten ſie es droben in einer eiſernen Kaſſe, wie ich ſah, als ſie mir den geringen Kaufpreis für mein Grund⸗ ſtück bezahlten,— mögen ſie verdammt ſein dafür!“ „Ich bin überhaupt froh,“ verſicherte der Andere,„daß dieſes unheimliche Haus dem Boden gleich gemacht wird; es wäre mir jetzt nicht mehr geheuer, in der Nachbaſchaft deſſelben zu wohnen.“ „Wovor wir auch bewahrt werden,“ ſpottete der Erſtere, „das gibt hier lauter Prachthäuſer und Paläſte.— Traurig, — traurig, auf dem Grund und Boden, der einſtens uns gehört, als es noch die verachtete Zigeunerinſel war; denn jetzt, wo es ein nobles Quartier wird, können wir uns nicht weit genug davon niederlaſſen,— ſchau, hier an der Hausthür ſind wieder ſo verdächtige Flecken, gerade als ob ſich Jemand hätte krampfhaft an der Mauer halten wollen.“ „Habe ich euch ſchon von der Kette erzählt, die mein Joſeph geſtern hier im Keller geſehen, gerade als ſie die Maurer aus den Steinen losbrachen?— Und nun bitte ich euch, was thun in einem ſolchen Privathauſe Ketten, die an der Mauer befeſtigt ſind?“ „Die werden ihren Lohn ſchon kriegen,“ entgegnete der Andere,„und wenn ſie auch meinen, ungeſtört mit dem leben zu können, was ſie zuſammengeſchwindelt und — 229— gelogen und armen Leuten ausgepreßt, ſo bin ich doch überzeugt, es werden bei ihnen noch Zeichen geſchehen und ſich Dinge ereignen, daß ihnen die Haare zu Berge ſtehen. Hat man doch früher ſchon erzählt, daß ſich von Zeit zu Zeit hier an den Mauern ihres Hauſes plötzlich Blutſpuren gezeigt hätten, die ſie auf's ängſtlichſte ſelbſt wieder weggewiſcht und vertilgt,— das kann auch jetzt wieder vorkommen, bis ſie mürbe werden und ihnen das eigene Gewiſſen keine Ruhe mehr läßt,— unrecht Gut gedeihet nicht.“ „Nichts Gewiſſes weiß man doch nicht.“ „So,— und der junge Menſch, den ſie einmal ſpät Abends mit nach Hauſe genommen und der ſpurlos ver⸗ ſchwunden iſt? Haben ſie nicht auch einmal Nachts die kleine Sophie von der alten Staatsräthin zu ſich in's Haus gelockt, und glaubt Ihr denn, daß die Geſchichte mit dem Banquier Bendel und deſſen Frau ſauber iſt? Daß er ſo mir nichts dir nichts den anderen Tag ſtirbt, nachdem er ſein ſchönes Haus zu einer neuen Straße für die Stadt vermacht hat, zu einer Straße, deren theure Bauplätze rechts und links den Schropps gehören?— Unter uns geſagt,“ flüſterte er mit vorgehaltener Hand, „ſie haben dem alten Manne hinüber geholfen, die Schropps im Verein mit der Frau, und dieſe hat dafür zweimalhunderttauſend Gulden gekriegt.“ „O— o—o—oh!“ „Beweiſe ſind allerdings keine da, und wenn welche da waren, ſo hat man ſie vertuſcht; eine Krähe hackt der — 4 1———— *————= 4 —. ———— — ——— — 230— anderen kein Auge aus, und wenn man Schwäger in Amt und Würden hat, da läßt ſich Alles machen, wäh⸗ rend Unſereins im gleichen Falle ſchon längſt in eine geſchloſſene Geſellſchaft aufgenoemmen worden wäre,— doch wird ſich auch das rächen und es hat ſich ſchon ge⸗ rächt, denn meine Frau hat es von einer Nachbarin erfahren, deren Tochter als Näherin in das Haus der Frau Bendel kommt, wie zuſammengeknickt und zerſtört die Frau umherläuft,— ja, bleiben wir arm, aber behalten wir ein gutes Gewiſſen!“ Das Haus der alten Staatsräthin anbelangend, ſo waren hier die Erwartungen der neugierigen liebreichen Nachbarn und ſonſtiger wohlwollender Freunde gründlich getäuſcht worden; dieſes Gebäude wurde nicht abgebrochen, denn es lag ſo abſeits von der neuen Straßenlinie, daß es als ein gutes und ſolides Hinterhaus ſtehen bleiben konnte, alſo auch ſein Innerſtes uneröffnet blieb vor profanen Blicken. Welche Enttäuſchung! Wie hatte man ſich darauf ge⸗ freut, hier endlich einmal hinter die ſchrecklichen Geheimniſſe zu kommen, welche der Keller unfehlbar bergen mußte: das furchtbare Faß mit ſeinem entſetzlichen Inhalt, den Ueberreſten der wirklichen Staatsräthin, während das ehren⸗ volle Begräbniß einer ganz gewöhnlichen Wäſcherin zu Theil geworden war!— Von dieſem Glauben ließ ſich der größte Theil der jungen und alten Weiber, welche die Zigeunerinſel bewohnt hatten, nicht abbringen und man war erpicht darauf, endlich einmal die Wahrheit dieſes Gerüchtes durch das Faß im Keller bezeugt zu ſehen. ————— ————— ᷣ— S—— — 231— Doch kam es anders, wie wir oben ſchon geſagt. Das Haus der Staatsräthin wurde von einer großen Baugeſellſchaft zu Bureaux für ihre Architekten benutzt, die ſich hier behaglich einrichteten und welche zur großen Enttäuſchung auf neugierige Fragen die Antwort gaben, daß ſie nirgendwo, auch nicht in den Kellern, irgend etwas Verdächtiges entdeckt hätten. Somit wäre denn hier alle Poeſie in's Waſſer ge⸗ fallen und jedes abenteuerliche Gerücht ausgelöſcht worden, wenn nicht eine brave und zuverläſſige Waſchfrau, die vor der Morgendämmerung mit ihrem Laternchen auf die Kundſchaft zu gehen pflegte, erzählt hätte, daß ſie es deut⸗ lich geſehen, wie vor dem Hauſe der Staatsräthin ein Karren mit einem großen Faß beladen worden ſei, wie es in dem Faß geſchüttelt und gepoltert hätte, als man es ſpäter bei ihr vorüber gefahren; denn ſie hätte ihr Laternchen ausgelöſcht und ſich beim Neubau am ehe⸗ maligen Hauſe der Gebrüder Schropps verſteckt, auch ver⸗ möge ſie es feierlich zu betheuern, daß das Faß erdig und unheimlich gerochen habe. Damit war die Sache doch ſo klar als möglich be⸗ wieſen: man hatte es für gut befunden, das Faß, dieſen grauenhaften Zeugen, nächtlicher Weiſe bei Seite zu ſchaffen, und es hatten darauf hin dieſe dummen Architekten gut lachen über bezügliche Fragen und konnten bereitwillig die Keller öffnen, damit man ſich darin umſehe— es war der helle Schwindel, wie ſo Manches in dieſer ver⸗ dorbenen Welt. 8 1. — 232 Bald wuchſen die Häuſer wie Pilze aus K denn man ſah es nur zu gut, wie prächtig die lkaßen gelegen waren, die hier nun wie durch Zauber entſtahden. Viel Verkehr war allerdings hier nicht zu ſchauen, denn es hatten ſich meiſtens reiche Leute angeſiedelt, die entweder ihre Fabriken oder ihre Bureaux in lebhafteren Stadttheilen hatten, oder die ruhige Geſchäfte im eigenen Hauſe trieben, oder von ihren Renten lebten. Man las an den kleinen Meſ⸗ ſingtafeln der Hausthüren faſt nur ſchöne und bekannte Namen, und wenn auch manche Gold⸗ und Silberberge, Saphire, Rubin⸗ und Sonnenſteine darunter waren, und zwar faſt immer an den ſchönſten Häuſern, wo ſich auf den Balkons ſtarke Damen in auffallend hellen und ſchil⸗ lernden Kleidern ſehen ließen, ſo war das eben ein Zeichen der Zeit wie ſo manches Andere und that der gemüth⸗ lichen und ſtillen Langeweile hier keinen Abbruch. Die Hausthüren waren ſtets feſt verſchloſſen, hinter den großen Fenſterſcheiben ſah man unbewegliche Vorhänge, ſelten ein neugieriges Menſchengeſicht oder eine friſche Mädchengeſtalt die ſich auf den ſchwellenden Kiſſen der Fenſterbrüſtung ge⸗ ſtützt hätte, um die Vorübergehenden zu betrachten. Kein Lärm luſtiger Kinderſpiele wurde mehr gehört, nur das— Rollen der Equipagen; überhaupt beſtand nichts mehr, gar nichts mehr, was an die ehemalige Zigeunerinſel erinnert hätte oder was übrig geblieben wäre„aus früheren* Tagen“. — . r.———— / 5 ———— 8 e — 8ſſͤſſſſſ— * 1— “ 8 3 3 4 A 1 “— 1 — Kre ie der ce gheaeSe