ſ Leihbiblivthek ———.—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Ihr offen. 3 5 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Ff. „ 3— 4 7—. 5 2— t/ 5.—— 17 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ——— Der Neue Don Qunixote. Fünfter Band. Don Quirote von F. W. Hackländer. ./ 22 Ce 7 8 4—— 2 8— ——-ꝛ— — Fünfter Band —Oon— Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1858. — — ₰ S —₰ G 5 — — — — 5 —₰ — — S —₰ — S — — — — — S — ₰ 25 8 — — — — — — —2 ‿ 9 Inhalt des fünften Bandes. Einundfünfzigſtes Kapitel. Ein Miethwagen. Zweiundfünßigſtes Kahiiet Vor dem Spielwaarenladen Dreiundfünßigſtes Kapitel. Die letzte Roſe Vierundfünßzigſtes Kapitel. Durch Piſtole und Degen. Fünfundfünßigſtes Kapitel. Sechsundfünßzigſtes Kapitel Der Bund zum Dolche Rubens. Siebenundfünßigſtes Kapitel. Seite 23 2 ₰ 100 13⁰ Inhalt des fün Achtundfünfigſtes Kapitel. Ein unterbrochenes Opferfeſt Ein Spazierritt Erklärungen Der Neffe des Jägers Das Ende Zwei Jahre ſpäter Neunundfünßigſtes Kapitel. Der Anfang des Endes **. ften Bandes. .* *... Sechzigſtes Kapitel. *..* *... Zweiundſechzigſt Dreiundſech .. Vierundſechzigſtes Kapitel. Einundſechzigſte Zigſte .* *..*.* es Kapitel. s Kapitel. . . . s Kapitel. * * Seite 191 260 . Einundfünfzigſtes Kapitel. Ein Miethwagen. George von Breda hatte ſein Haus in der Abſicht ver⸗ laſſen, ſich in der friſchen, angenehmen Luft ein wenig zu zerſtreien, und wenn er vor dem Thore ſeines Gartens der Richtung folgte, nach der auch Eugenie verſchwunden war, ſo können wir verſichern, daß dies anfänglich völlig abſichtslos geſchah. Gute, vertrauensvolle Gedanken hatten ſich ſeines Herzens wieder bemächtigt; er verlachte ſeine Träumereien, er begriff nicht, wie man ſich ſelbſt ſo quälen könne, das ganze Weſen Eugeniens— an ſie dachte er leider ausſchließlich— lag ja offen vor ihm; man brauchte nur in ihr glänzendes Auge zu ſehen, um ſich zu überzeugen, daß in dem Herzen, welchem jenes zum Spiegel diente, etwas Falſches oder Un⸗ erlaubtes unmöglich Platz ergreifen könne. Doch während er ſo grübelnd durch die Straßen der Stadt ſchritt und ſich immer mehr in ſeine Träumereien ver⸗ Hackländer, Don Quixote. V. 1 2 Einundfünfzigſtes Kapitel. tiefte, war öfters ſeine heitere Laune in Gefahr, wieder zu verſchwinden, und düſtere Wolken des Mißtrauens drohten aufzuſteigen. Er kämpfte jedoch gewaltſam mit ſich und war endlich ſo weit gekommen, ſein ganzes Treiben der letzten Zeit, gelinde geſagt, für lächerlich zu halten, wobei er ſich all' die kleinen Zeichen und Worte ins Gedächtniß zurückrief, die ihm doch genugſam Zeugniß geben konnten von der völligen Unbefangenheit des jungen Mädchens, von der Unſchuld ihres Herzens. Aber—— und doch!—— —— Er hatte eine Straße erreicht, die bei den inneren, wenig eleganten Ouartieren der Stadt, welche an ſeiner linken Seite lagen, vorbeiführte, und wollte gerade eine Quergaſſe, die dort hineinlief, paſſiren, als ein raſch vorüberrollender Miethwagen ihn zum Halten zwang. Dieſer war bedeckt und völlig geſchloſſen; der Baron blickte unwillkürlich hinein und — nein, das war unmöglich— und doch, der Anblick hatte ihn ſo heftig gepackt, daß er hätte laut aufſchreien mögen. Aber nein! nein! es war nicht Eugenie, wie er zuerſt ſicher geglaubt, die, in die Ecke des Wagens gedrückt, dort hinfuhr. Einen Augenblick lächelte er über ſeine komiſche Phantaſie und fand es unbegreiflich, daß er das junge Mädchen, deren Bild beſtändig vor ihm gaukelte, überall ſah. In welcher Abſicht ſollte ſie bei dieſem herrlichen Wetter in einem ver⸗ ſchloſſenen Fiaker fahren? Sie hatte ja den kleinen Phae⸗ ton ganz zu ihrer Verfügung.— Bei dem Gedanken an den kleinen Phaeton ſchien ſich ſein Herz ſchmerzhaft zuſammen zu ziehen; in dem Wagen hatte er ſo oft neben ihr geſeſſen, ſie unzählige Male von der Seite betrachtet, und— er mochte noch ſo ſehr darüber lächeln— gerade ſo wie Eugenie ruhte ——— Ein Miethwagen. 3 auch dort die Dame in die Ecke des Fiakers geſchmiegt. Und wenn ihn ſein gutes Auge nicht täuſchte, ſo trug dieſe Dame einen grauen Mantel mit weißen Quaſten und ein dunkelblaues ſeidenes Kleid.— Warum ſollte es unmöglich ſein? dachte er, und damit knirſchten ſeine Zähne zuſammen. Gewiß, es iſt möglich, fuhr er gemäßigter fort; vielleicht drängt es ſie, baldigſt wieder nach Hauſe zu kommen, und um den Weg abzukürzen, nahm ſie einen Miethwagen. Aber was hätte ſie in jenem Viertel zu ſchaffen? Dort ſind keine Gewölbe, wo ſie ihre Einkäufe macht, dort wohnen keine ihrer Bekannten. Oh! oh! Er drückte die Hand an die Stirn und befand ſich nun am Ende der Straße, wo der Fiaker rechts um die Ecke verſchwunden war. Dort mündeten aber drei Gaſſen nach verſchiedenen Richtungen, und jede lief in ſolchen Schlangen⸗ linien, daß man keine mehr als auf wenige Schritte überſehen konnte. Der Baron blieb ſtehen, und zwar, um kein Aufſehen zu erregen, vor einem kleinen Laden, wo er gemalte Pfeifenköpfe zu betrachten ſchien, in Wahrheit aber nicht das Geringſte davon ſah, ſondern nur mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit lauſchte, ob er nicht das Rollen des Wagens vernähme, das ihm vielleicht den Weg verriethe, welchen derſelbe genommen. — Aber er hörte nichts; ringsum war Alles ſtill und faſt menſchenleer; nur ſelten tauchte in einem der Gäßchen eine Frau oder ein Kind auf, welche ſich in einen Laden begaben, um dort Einkäufe zu machen. Schon wollte der Baron aufs Gerathewohl eine der Straßen einſchlagen, als er deutlich das Rollen eines Wagens vernahm, der ſich zu nähern ſchien. Sollte das vielleicht der⸗ 4 Einundfünfzigſtes Kapitel. ſelbe Fiaker ſein? dachte er und ging ein paar Schritte in die mittlere Gaſſe hinein, in welcher das Raſſeln und der Huſſchlag der Pferde deutlicher und immer deutlicher ertönte. Der Wagen, der vorhin bei ihm vorbei gefahren, war eine blaue Caleſche, mit Schimmeln beſpannt. Er fühlte ſein Herz gewaltſam ſchlagen, als ſich jetzt in der Biegung der Straße vor ihm zwei helle Pferde zeigten, ein blauer Fiaker— ja, er täuſchte ſich nicht, derſelbe Wagen, den er vorhin geſehen. Der Baron ſtellte ſich ſo dicht an der Stelle der ſchmalen Gaſſe auf, wo der Wagen vorüber mußte, daß er im Stande war, das Innere ⸗deſſelben zu überſehen und daß er zu gleicher Zeit dem Kutſcher winken konnte, anzuhalten. Dieſer kam näher, fuhr aber langſamer als vorhin; jetzt hatten die Köpfe der Pferde den Wartenden erreicht. Er blickte in den Wagen — derſelbe war leer. Der Kutſcher, der in der Meinung war, der Herr am Wege wolle mit ihm fahren, hielt an und wandte ſich deßhalb mit einer höflichen Frage an den Baron. George von Breda trat dicht an den Fiaker hin, nahm haſtig einen Thaler aus der Taſche und fragte:„Willſt du das mit leichter Mühe verdienen?“ Der Kutſcher ſchmunzelte. „Nicht wahr, du biſt vor wenigen Augenblicken denſelben Weg gefahren?“ „Das bin ich wohl,“ antwortete zögernd der Kutſcher, welcher erſtaunt in das Geſicht des fremden Herrn blickte, der ein paar ganz curioſe Augen machte. „Du hatteſt eine einzelne Dame im Wagen?“ „Ja, das hatte ich,“ lautete die Antwort, die aber erſt nach einigen Sekunden Ueberlegung kam. Ein Miethwagen. 5 „Nun, ut, du wirſt deinen Thaler erhalten, doch ſage mir, an wllches Haus führteſt du dieſe Dame?“ „Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen,“ meinte der Kutſcher. „Dort unten am Blumenmarkte ließ ſie mich halten; wo ſie von da hin ging, weiß ich nicht.“ „Die Dame war groß und ſchlank?“ forſchte der Baron weiter. „Ja, ſo ziemlich.“ „Sie hatte ein blaues Kleid und einen grauen Mantel?“ Der Kutſcher nickte mit dem Kopfe. „Ihr Geſicht?“ „Ja, von dem kann ich nichts ſagen,“ unterbrach haſtig der Andere den Frager;„ſie trug einen dichten dunkelgrünen Schleier.“ Einen dunkelgrünen Schleier! dachte der Baron. Einen ſolchen habe ich bei Eugenie nie geſehen. Auch bin ich ſicher, daß ſie gar keinen Schleier trug, als ſie heute das Haus ver⸗ ließ.— Ihm kam ein anderer Gedanke.„Was bezahlte ſie dir für deine Fahrt?“ fragte er. „O, etwas über die Taxe,“ meinte der Kutſcher, indem er ſich wie über die vielen Fragen verdrießlich auf ſeinem Sitze hin und her wiegte. „Du haſt deinen Thaler verdient; hier iſt er. Wenn du aber noch einen dazu haben willſt, ſo haſt du mir nicht nur zu ſagen, was die Dame dir gegeben, ſondern auch das Geld⸗ ſtück zu zeigen, womit ſie dich bezahlt.“ Der Kutſcher ließ das Erhaltene in ſeine Taſche gleiten und dachte: Zwei Thaler verdiene ich für meinen Herrn in einem halben Tage, wenn ich viel Glück habe; von denen aber, die ich hier erhalten kann, weiß er nichts; die ſind für mich. 4 6 Einundfünfzigſtes Kapitel. Was geht mich die fremde Mamſell an!— Er ſteckte die Peitſche in das Lederfutteral neben dem Bock, nahm die Zügel zwiſchen die Kniee und holte dann aus ſeiner unend⸗ lich tiefen Hoſentaſche eine Hand voll Münze heraus, ſehr viel Kupfer und Scheidemünze, unter denen ſich ein funkelnder neuer Thaler ſogleich bemerkbar machte. „Das Stück hat dir die Dame gegeben!“ rief haſtig der Baron.„Nicht wahr, es iſt ſo?⸗ „Ja, ich glaube, daß Sie Recht haben; aber ich habe natürlicher Weiſe viel darauf herausgeben müſſen.“ „Gleichviel, hier iſt ein zweiter Thaler und dann noch ein dritter, für den ich das andere Stück einwechsle.“ „Ich wäre ſchon zufrieden,“ ſagte der Kutſcher lächelnd, indem er ſich am Kopfe kratzte,„aber was bekomme ich für das Wechſeln?“ Da er aber auf dieſe Frage ſelbſt keine Ant⸗ wort zu erwarten ſchien, ſo nahm er Zügel und Peitſche wie⸗ der an ſich, fuhr mit letzterer grüßend an ſeinen Hut und ſagte, indem er davon fuhr:„Droſchke Numero acht, halte mich beſtens empfohlen.“ George von Breda achtete nicht weiter auf ihn; er hatte ſein Taſchenbuch hervorgezogen, um den neuen Thaler, den er vom Kutſcher ausgewechſelt, dort hinein zu legen; ſeine Lippen umſpielte ein trauriges Lächeln, als das blanke Geld⸗ ſtück mit der kleinen Roſenknospe zuſammen kam. Darauf ſchritt er langſam durch die mittlere Gaſſe nach dem Blumen⸗ markte hin. Den neuen Thaler, den er ſo eben bekommen, kannte er, daran war nicht zu zweifeln, wenn er ſich auch mit Gewalt überreden wollte, als irre er ſich in der ganzen Sache; er hatte ihn ſelbſt als ein noch ſeltenes Stück neuen Gepräges vor einigen Tagen gegen andere Münze Eugenien Ein Miethwagen. 7 ausgewechſelt. Es müßte ein ſeltener, unerhörter Zufall ſein, wenn eine ähnliche Dame, die ziemlich groß und ſchlank, mit grauem Mantel und blauem Seidenkleide das gleiche Geldſtück einem Kutſcher als Fahrpreis gegeben hätte. So ſehr er ſich jetzt bemühte, die Handlungsweiſe der jungen Dame ſich ſelbſt als nicht beachtenswerth, als gänzlich verdachtlos darzuſtellen, ſo fielen doch die Zweifel wie mit Keulenſchlägen über ihn her, und hohnlachende Teufel ziſchten ihm ins Ohr:„Das iſt das gute, unſchuldige Mädchen, haha! Was hat ſie in dieſem Stadtviertel zu machen, haha! in einem geſchloſſenen Miethwagen, hahaha! Ein Rendezvous! juchhe, ein Rendezvous!“ Und darauf lachte er ſelbſt grimmig mit und ſprach zähneknirſchend zu ſich ſelber:„Auch Eugenie, haha, auch Eugenie!“ Während der Baron ſo dachte, hob ſich ſeine Bruſt heftig, ſeine Finger öffneten und ſchloſſen ſich krampfhaft, und er ſchritt dahin mit tief geſenktem Kopfe. Es war gut, daß ſich hier vor den Häuſern keine Leute zeigten, und da, wo ſich viel⸗ leicht Jemand auf der Straße ſehen ließ, dieſer eilig den eigenen Geſchäften nachging, ohne ſich viel um die zu bekümmern, die neben ihm wandelten. George von Breda hatte ſo den Blumenmarkt erreicht, einen kleinen Platz, von alterthümlichen Häuſern umgeben, in deſſen Mitte ſich ein Springbrunnen befand, der das beſte Waſſer der Stadt hatte, und um welchen herum Obſt⸗ und Ge⸗ müſeverkäufer zur Sommerzeit ihre farbigen, duftigen Waaren ausgeſtellt hatten. Jetzt lag derſelbe öde und verlaſſen, nur belebt von ſpielenden Sonnenſtrahlen, die mit dem Waſſer kosten und ſich vielleicht von zukünftigen glücklichen Tagen unterhielten. Einundfüufzigſtes Kapitel. Der finſtere, ſchweigſame und nachdenkende Mann ſchritt aufs Gerathewohl in eine der Gaſſen hinein, welche auf den Blumenmarkt mündeten, und erhob dann den Blick, um die Häuſer rechts und links zu muſtern, welches von ihnen für ſeine Phantaſieen am paſſendſten erſcheine. Die aber waren faſt alle gleich alt, gleich trübe, man hätte ſagen können: gleich hinfällig; denn oben neigten ſich die ſchwarzen Giebel mit den vielen Fenſtern ſo gegen einander, daß man nur ein ſchmales Stück des tiefblauen Himmels bemerken konnte, einen kleinen unbedeutenden Streifen, zu wenig für Jemand, deſſen Herz betrübt iſt, um ihn heiterer zu ſtimmen, gerade genug, um ihm zu ſagen, daß es über und neben ihm klare Luft und Sonnenſchein genug gebe, daß ihn aber ein trübes Ge⸗ ſchick davon abſperre. Der Baron, im höchſten Stadium der Selbſtquälerei, gefiel ſich darin, ein Haus ſich auszuſuchen, in dieſem ein paar geheimnißvoll verhängte Fenſter, und ließ nun die trübſten und wildeſten Phantaſieen mit einer wahren Luſt über ſich hereinbrechen. Als wahrheitsliebender Erzähler können wir dem geneig⸗ ten Leſer nicht verſchweigen, daß Eugenie wirklich in dem verſchloſſenen Wagen geweſen war; glücklicher Weiſe aber für ihre Ruhe hatte ſie den Onkel George nicht bemerkt, ſo nahe er auch neben der Caleſche geſtanden; hatte ſie doch erſt nach langer Ueberlegung darein gewilligt, die alte Kammer⸗. frau ihrer Großmutter zu beſuchen, die ſich ſo ſehr nach ihr geſehnt und die ihr das durch den Jäger Klaus ſo oft hatte ſagen laſſen. Sie hatte lange geſchwankt, ob ſie Onkel George oder die Tante davon in Kenntniß ſetzen ſolle; doch hatte ſie Eines davon abgehalten, und dieſes Eine war es auch, was, wenn ſie daran dachte, wie ein leiſer Vorwurf in ihr Ein Miethwagen. 9 Herz klang. Klaus hatte geſagt: ſein Neffe, jener arme Jäger, dem ſie ja mehrere Mal draußen in der Waldhütte begegnet, freue ſich ſo ſehr, ſie wiederzuſehen. Oft war das junge Mädchen im Begriff geweſen, ſelbſt das dem Onkel George zu erzählen und ihn um ſeine Be⸗ gleitung zu bitten; aber er war in letzter Zeit ſo ſeltſam gegen ſie geweſen, oft ſo unerklärlich hart, daß, wenn ſie daran dachte, ſie einen Schmerz in ihrem Herzen fühlte und oftmals kaum ihre Thränen zurückhalten konnte. Was hatte Onkel George eigentlich gegen ſie? Sie konnte es ſich nicht erklären; war ſie ſich doch vollkommen gleich gegen ihn ge⸗ blieben; wußte ſie doch Niemand auf der Welt, in deſſen Geſellſchaft ſie ſich lieber befand, mit dem ſie angenehmer und herzlicher ſprechen konnte, als mit Onkel George. Wie lauſchte ſie, wenn er aus war, auf das Knirſchen der Räder ſeines Wagens im Sande, oder auf den Galopp ſeines Pferdes, wenn er in den Hof ſprengte! Wie wäre ſie ihm in ſolchen Augenblicken gern über Treppen und Gänge ent⸗ gegen geflogen, fühlte aber dagegen auch wieder, daß ſie ruhig warten mußte, bis er hinauf kam und ſie ihm dann nur eine Hand reichen durfte, während ſie ihm doch gern beide gegeben hätte. Vergeblich hatte Eugenie ſich lange bemüht, zu finden, was für eine Urſache es ſein könne, daß der Onkel ſein Be⸗ tragen gegen ſie geändert. Sie wußte genau den Tag, wo dies geſchehen war, und nachdem ſie alle Ereigniſſe dieſes Tages genau durchdacht, ſo blieb ſie bei Einem ſtehen, das aber am Ende auch nicht ſo eingewirkt haben konnte. Es war, als ſie die Orangenblüthen der Tante hatte bringen wollen, als er ihre beiden Hände gefaßt und ſie ſo nahe, ſo * 7 — —= — —— ͦ— * A 10 Einundfünfzigſtes Kapitel. 4 ſehr nahe an ſeine Lippen geführt. Daß es ſie damals ſelt⸗ ſam durchzuckt habe, erinnerte ſie ſich wohl; jener Augenblick ſtand vor ihr, als wenn das eben erſt geſchehen wäre; ihr Herz war wie zuſammengepreßt, ja, es war ihr geweſen, als ſolle ſie weinen, und doch hatte ſie wieder lächeln müſſen, während ſie tief und mühſam athmete; ſie glaubte es noch zu fühlen, wie damals der Boden unter ihren Füßen ge⸗ wankt, und wie es ſie geſchauert, als habe ſie ein kalter Wind berührt. Sollte es das geweſen ſein?— Wenn ſie ſich auch ſagen mußte, daß Onkel George ſeit jenem Tage anders gegen ſie geworden, ſo konnte ſie doch darin und in dem Anderen keinen Zuſammenhang finden. Hatte er ihr vielleicht gezürnt, daß ſie ihm ihre Hände nicht raſch entzogen? Sie hätte es damals gern gethan, aber ſie fühlte heute noch, wie ſeine flammenden Blicke ſie gebannt. In dieſen Träumereien war das junge Mädchen durch das Anhalten des Wagens geſtört worden; man hatte den Schlag raſch geöffnet, und Klaus, den ſie neben ſich ſtehen ſah, bot ihr mit freundlichem Blick die Hand zum Ausſteigen; dann ſchritt er ihr voraus in eine enge Gaſſe hinein und darauf durch einen hohen Thorbogen in ein altes finſteres Haus. Sie ſtiegen eine Treppe hinauf, die unter jedem Schritte ächzte, bei Fenſtern vorbei, die trotz des klaren Wetters draußen gar trübſelig ausſchauten; ſie ließen den erſten Stock hinter ſich und den zweiten, und je höher ſie ſtiegen, deſto mehr ſchlug dem jungen Mädchen das Herz und deſto mühſamer holte ſie Athem, ſie, die ſonſt die ſteilſten Berge mit der Flüchtigkeit und Ausdauer einer Gemſe hinauf ſprang. Ein Miethwagen. 11 Im dritten Stocke angekommen, öffnete Klaus eine Thür und ließ Eugenie in ein helles, reinliches Zimmer eintreten, wo am Fenſter ein Kanarienvogel in ſeinem Bauer luſtig ſchmetterte, vor welchem auf einem Stuhle eine Frau ſaß, die alſobald aufſtand und der ſchönen Dame mit einem freundlichen Gruße entgegen trat. Ein kleiner Bube, der an einem Faden ein hölzernes Pferd ohne Beine nach ſich zog, ſchlich ſich in einem weiten Bogen hinter den fremden Beſuch und befühlte leicht mit ſeiner Hand die weißſeidenen Quaſten an dem grauen Mantel. „Das iſt das gnädige Fräulein,“ ſagte der Jäger Klaus, deſſen Augen vor Stolz und Vergnügen ſtrahlten.„Wir können wohl zur Großmutter hinein, Frau Brenner, nicht wahr?“ „O mein Gott, ja,“ antwortete die Frau mit ihrer ſanften Stimme;„ſie freut ſich wie ein Kind darauf; und auch wir, gnädiges Fräulein, ſind ſo froh, Sie einmal zu ſehen. Wenn man ſo viel Gutes und Liebes von Jemand hört, ſo möchte man auch gern das Geſicht dazu kennen. Und Ihres, gnädiges Fräulein, paßt ſo vollkommen zu all dem Herzlichen und Freundlichen, was mir mein Mann beſtändig von Ihnen erzählt, daß ich es gar nicht ſagen kann.“ Klaus, der dem fragenden Blicke des jungen Mädchens begegnete, ſprach ſogleich:„Es iſt die Frau des Jägers Bren⸗ ner; wir ſind ja in ſeiner Wohnung.“ Eugenie ſchien das vergeſſen zu haben, und jetzt, wo ſie ſich daran erinnerte, kam es ihr völlig wie ein Troſt vor, in dem Hauſe des Mannes zu ſein, den ſie gern hatte und der auch ihr ſeit früheſter Kindheit ſtets eine große Ergeben⸗ heit und Anhänglichkeit bezeigt. Sie reichte der Frau ihre —————— ———-——— 12 Einundfünfzigſtes Kapitel. kleine Hand, welche dieſe mit einer tiefen Verbeugung be⸗ rührte; dann wandte ſie ſich gegen das Bübchen, das ſie bewunderungsvoll betrachtend daſtand, und ſagte, daſſelbe freundlich anſehend:„Das iſt wohl Ihr Sohn— wie heißt er?“ „Der Vater nennt mich Palmarum,“ entgegnete der Kleine luſtig,„ſonſt heiße ich aber auch Franz.“ „Ja, er heißt Franz,“ verſetzte die Mutter;„Brenner macht zuweilen ſeine Späße mit den Kindern und gibt ihnen ſo komiſche Namen.“ „Namen aus der Jägerei,“ bemerkte Klaus lächelnd, „Palmarum— Tralarum;“ worauf er gegen die Thür des Nebenzimmers ſchritt, dieſe öffnete und durch ſeine laute Mel⸗ dung, das gnädige Fräulein ſei da, Engenie veranlaßte, ihm zu folgen. Die Großmutter ſaß, wie immer, in ihrem Stuhle, und obgleich ſie anſtandshalber den Verſuch machte, ſich zu er⸗ heben, ſo gelang ihr das doch begreiflicher Weiſe nicht, weß⸗ halb ſie mit einer tiefen Neigung des Kopfes ſagte:„Das gnädige Fräulein müſſen ſchon mit einem guten Willen fürlieb nehmen. Wenn die Freude, Sie zu ſehen, mir neue Kräfte verleihen könnte, ſo würde ich Ihnen an der Thür entgegen eilen; aber ſo—“ Sie ſchloß mit einem leichten Seufzer und einem wehmüthigen Lächeln. Die junge Dame, welche von der Lähmung der Kammer⸗ frau ihrer Großmutter und Mutter durch Klaus unterrichtet war, eilte raſch auf ſie zu und bot ihr freundlich die Hand, indem ſie ihr ſagte:„Sie haben ſich ſo oft für meine Groß⸗ mutter und Mutter bemüht, daß es nicht mehr als billig wäre, wenn Sie auch freiwillig auf Ihrem Stuhle blieben. Ein Miethwagen. 13 So aber kann ich Ihnen nur mein herzliches Bedauern aus⸗ ſprechen, daß es nicht anders iſt; und um Ihnen ſo wenig wie möglich Mühe zu machen, will ich mich recht dicht zu Ihnen hinſetzen.“ Klaus hatte eilig einen Stuhl herbeigerückt, auf den ſich Eugenie niederließ und dann eine der Hände der alten Frau ergriff und dieſelbe zwiſchen ihre beiden nahm. Das glän⸗ zende Auge der Großmutter ruhte nun eine Zeit lang feſt auf den lieblichen Zügen der jungen Dame, und dann ſagte ſie:„Sie müſſen mir ſchon verzeihen, daß ich Sie auf⸗ merkſam betrachte; es iſt das gerade ſo, als leſe ich in einem Gedenkbuche und finde da zwiſchen allerlei Blättern das Bild einer Roſenknoſpe, die mir eine glückliche, ach! ſo ſehr glück⸗ liche Zeit ins Gedächtniß zurückruft.— Wenn ich Sie aber länger anſehe, ſo verſchwindet für mich die Aehnlichkeit, welche Sie, gnädiges Fräulein, wie man im erſten Momente meint, mit Ihrer Frau Mutter haben, und aus Ihrem Auge, namentlich aus dem Blick, aus Ihrem Munde, ja, aus dem ganzen Schnitte ihres Geſichtes tritt mir ſo lebhaft das Bild dern Frau Großmutter entgegen, daß ich es Ihnen gar nicht ſagen kann.“ „Das meint mein Vater auch; er ſagt, ich gleiche ſehr meiner Großmutter.“ „Der gute Herr Baron!“ ſprach die Kammerfrau.„Es geht ihm wohl, wie ich höre?— Und auch der gnädigen Frau Baronin?“ ſetzte ſie nachdenkend hinzu,„wonach ich mich eigentlich zuerſt hätte erkundigen ſollen.“ „Vater und Mutter geht es wohl,“ antwortete Eugenie. „Sie werden wahrſcheinlich wiſſen, daß ſie draußen wohnen. Mein Vater kommt eigentlich nie in die Stadt, meine Mutter 14 Einundfünfzigſtes Kapitel. höchſt ſelten, ſonſt würde ſie auch gewiß häufiger nach Ihnen ſehen.“ Die Großmutter lächelte, ob ſchmerzlich oder freundlich, war nicht recht zu unterſcheiden; vielleicht flog etwas von Beidem über ihre Züge, doch behielt der freundliche Ausdruck die Oberhand, als ſie erwiderte:„Es würde mich in der That recht gefreut haben, zuweilen die gnädige Frau Baronin zu ſehen; aber welch großes Vergnügen mir Ihr Beſuch macht, Fräulein Eugenie— Sie verzeihen, daß ich Ihren Vor⸗ namen gebrauche— kann ich Ihnen unmöglich ausdrücken; ich habe Sie ein einziges Mal geſehen, das ſind aber ſchon manche Jahre her; die Kammerfrau der gnädigen Baronin begleitete Sie zu mir; man trug Sie auf einem weißen Kiſſen, das mit Roſaſchleifen beſetzt war. O, ich werde das nie vergeſſen! Es war, als wenn ein kleiner Engel in meine Wohnung käme.— Und darin haben Sie ſich gewiß nicht verändert,“ ſetzte die Frau leiſer hinzu, nachdem ſie Eugenie wieder einmal lange betrachtet.„Sie haben in der That ein gutes, liebes, ein glückliches Geſicht.“ „Sie haben meine Großmutter genau gekannt?“ verſetzte die junge Dame und ſchlug erröthend und lächelnd ihre Augen nieder. Die Worte der alten Frau hatten ſie gefreutz wenn ſie ſich das auch nicht eingeſtehen mochte.„Bitte, er⸗ zählen Sie mir was von ihr! Sieht meine Mutter ihr nicht ähnlich?“ „Damals wenig; ich weiß nicht, ob ſie ſich mit den Jahren verändert hat. Die Gräfin Eller war bis in ihr Alter eine ſchöne, ſtattliche Frau mit lebhaften Augen, ent⸗ ſchloſſen in ihren Worten und Handlungen, energiſch in ihrem ganzen Weſen.“ Ein Miethwagen. 15 „Dann gleicht meine Mutter ihr nicht ſehr,“ erwiderte Eugenie.„Sie iſt nicht lebhaft; ſie iſt kränklich und klagt häufig, und wenn man ſie betrachtet, ſo muß Jeder ſehen, daß ſie mit ihren Klagen nicht Unrecht hat. Meine arme Mutter leidet zuweilen und ſieht meiſt recht bleich und fati⸗ guirt aus.“ „Ihr Charakter war auch eigentlich nie wie der der hochſeligen Gräfin; wohl war die Gräfin Henriette lebhaft, konnte auch mit Energie einen Entſchluß faſſen, aber ſie war ſo— gut und weich, daß ſie ſich zuweilen überreden ließ, Anderen gefällig zu ſein. Es lag das ſchon in ihrem Blicke, ſie hat, wie ich ſchon vorhin bemerkte, nicht die Augen der Gräfin Eller; das waren leuchtende, eigenthüm⸗ liche Augen, und man ſah aus ihnen, daß die Dame, der ſie angehörten, ſich nie dazu bewegen laſſen würde, einen einmal gefaßten Entſchluß zu ändern. Gewiß, gnädiges Fräulein, Sie haben denſelben Blick, Sie haben ſehr viel auch in Ihrem übrigen Weſen von Ihrer hochſeligen Frau Großmutter.“ Indem die alte Frau ſo ſprach, wurde leiſe angeklopft, worauf ſich ihr Auge etwas verfinſterte und ſie forſchend nach der Thür ſchaute. Eugenie ſah fragend empor. „Das iſt Niemand von den Meinigen,“ ſagte die Groß⸗ mutter;„ſie würden es nicht wagen, mich in dieſem Augenblicke zu ſtören. Das kann nur ein thörichter junger Menſch ſein, den wir aber abweiſen wollen.— Wahrſcheinlich der Neffe des Jägers Klaus,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, als ſie bemerkte, wie die glänzenden Augen der jungen Dame forſchend auf ihr ruhten.„Er kommt zuweilen hieher,“ meinte ſie achſel⸗ zuckend;„ein armer Kranker, mit dem wir alle ſehr ſchonend 16 Einundfünfzigſtes Kapitel. umgehen, der das Glück gehabt hat, Sie, gnädiges Fräulein, ein paar Mal draußen zu ſehen, und der behauptet, das allein ſei ſchuld daran geweſen, daß er einen leidlichen Winter verlebt.“ Während ſie das ſagte, hatte die Großmutter ihre ſcharfen Blicke etwas gedämpft, indem ſie ihre Augenlider ein wenig herabſinken ließ, dabei aber das junge Mädchen forſchend be⸗ trachtete, auf deren Zügen ſich bei der Erwähnung des Neffen des Jägers eine ganz leichte Röthe zeigte, während ſie aber dabei gänzlich unbefangen den Blick der alten Frau erwiderte. Der Gedanke, daß ſie bereits um den Beſuch wiſſe, welcher der Großmutter ſo ganz unerwartet zu kommen ſchien, war es, was das Blut in ihre Wangen trieb. „Ach ja, ich erinnere mich des Mannes,“ ſagte Eu⸗ genie nach einem augenblicklichen Stillſchweigen.„Als ich ihn ſah, war er recht krank, und ich glaubte faſt ſeinen traurigen Worten, als er von einem baldigen Tode ſprach. Er that mir recht ſehr leid; ich hatte herzliches Mitleiden mit ihm.— Alſo es iſt ihm im vergangenen Winter beſſer er⸗ gangen?“ „Er hat ſich faſt wunderbar verändert,“ antwortete die alte Frau, nicht ohne Beziehung.„Aber nicht wahr, ich will ihn abweiſen?“ „Die Großmutter verſchließt mir ihre Thür?“ hörte man jetzt draußen eine Stimme halb ernſthaft, halb launig ſagen. „Das iſt recht hart, und ich werde jetzt gar nicht wieder kom⸗ men dürfen.“ Eugenie ſchrak faſt beim Tone dieſer Stimme zuſammen; es war allerdings die des Neffen des Jägers, aber der Klang war doch wieder ganz anders. Sie richtete ihren Blick auf Ein Miethwagen. 17 die alte Frau, und da dieſe zu glauben ſchien, derſelbe gebe ihr die Erlaubniß, den draußen nicht abzuweiſen, ſo rief ſie: „Herein denn!“ Darauf wurde haſtig die Thür geöffnet, und der Neffe des Jägers trat ein. Ja, es war derſelbe junge Mann, den Eugenie vergangenen Sommer im Walde geſehen; es war derſelbe, bis auf ſeine Kleidung, und doch wieder ein ganz Anderer. Die alte Frau hatte vollkommen Recht; er hatte ſich wunderbar verändert; er, der ſich damals mühſam an ſeinem Stocke fortbewegte, der ermattet auf die Bank niederſank, der vor ihrer Erinnerung ſtand mit den fieberhaft brennenden Augen und den zuckenden Lippen, den leidenden Zügen, der ganzen zuſammengebrochenen Geſtalt, er trat jetzt vor ſie hin mit leichtem, faſt elaſtiſchem Schritt, mit einem glücklichen Lächeln auf dem heiteren, wohl noch bleichen, aber nicht mehr krankhaft entſtellten Geſichte, mit einem leuchtenden Blicke, mit der ganzen Hal⸗ tung eines Menſchen, der ſehr krank geweſen, jetzt aber im Bewußtſein der Geneſung fröhlich, ja glücklich wieder in die Welt eintritt. Dem jungen Mädchen war faſt ängſtlich zu Muth, als ſie den Neffen des Jägers ſo wieder ſah; ſie ſchaute beinahe verlegen auf die alte Frau an ihrer Seite, die mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke in ihren Zügen dabei lächelnd bald den jungen Jäger anſchaute, bald das liebliche Mädchen. Die Freude, welche ſich im Auge des Erſteren, ſowie in ſeinem Auftreten zeigte, machte tiefer Ehrfurcht Platz, als er die junge Dame vor ſich ſah, und er ſchien einen Augenblick Hackländer, Don Quixote. V. 2 — Einundfünfzigſtes Kapitel. 18 wie unſchlüſſig, ob er die Thür hinter ſich zumachen oder durch dieſelbe wieder zurück in das Wohnzimmer treten ſolle. Doch half ihm die Großmutter über dieſe Ungewißheit hinweg, indem ſie ſagte:„Kommen Sie jetzt nur herein; vielleicht ver⸗ zeiht Ihnen das gnädige Fräulein, daß Sie unſere Unter⸗ haltung geſtört.“ Eugenie nickte mit dem Kopfe, und der junge Mann an der Thür that einen tiefen Athemzug, worauf er langſam näher kam und ſprach:„Ich habe leider kein Recht, mein gnädiges Fräulein, mich gegen Sie zu entſchuldigen und Ihre Verzeihung zu erlangen; denn wenn ich aufrichtig und wahr ſein will, ſo muß ich bekennen, daß ich mit Abſicht Ihre Unterhaltung geſtört, da ich draußen erfahren, daß Sie hier im Zimmer ſeien.— Wenn Sie mir aber noch ſo ſehr zür⸗ nen ſollten, ſo müßte ich Ihnen doch geſtehen, daß ich nicht anders gekonnt, als hier herein zu treten, um Sie nach langer, langer Zeit wieder zu ſehen.“ Das Mädchen ſenkte den Kopf, und da ſie nicht antwor⸗ tete, fuhr der Neffe des Jägers fort:„Um Ihnen zu danken, mein gnädiges Fräulein, für das Mitleiden, das Sie dem faſt Sterbenden bezeigt, eine Theilnahme, deren ich mich wohl nicht rühmen dürfte, wenn ich nicht gar ſo leidend vor Ihnen erſchienen wäre.“— Da er fühlte, daß er faſt zu viel geſagt, ſo ſetzte er raſch hinzu:„Sie werden die Worte eines Menſchen nicht übel deuten, der vom Rande des Grabes zurückkehrt, der ſich dabei aber gern der vergangenen bitteren Stunden erinnert, noch lieber jedoch einzelner lichter, herrlicher Augen⸗ blicke gedenkt.“ Der gute Neffe des Jägers hätte aus übervollem Herzen vielleicht noch eine Stunde ſo fortgefahren, ohne zu Ende Ein Miethwagen. 19 gekommen zu ſein, und hätte dabei wahrſcheinlich ſehr, ſehr viel mehr geſagt, als es ſeiner Stellung nach paſſend ge⸗ weſen wäre, und wenn er das auch ſelbſt fühlte, ſo ver⸗ wirrte ihn dagegen wieder die liebliche Geſtalt des jungen Mädchens ſo vollkommen, ließ ſein Herz ſo heftig ſchlagen, brachte ſein Blut in ſolche Aufregung, daß er am liebſten gar nichts mehr geſagt, ſondern ſtumm und ſelig zu Eu⸗ geniens Füßen niedergeſtürzt wäre, ihr ſeine glühende Liebe geſtehend. Die kluge alte Frau, welche beſorgt in ſein leuchtendes Auge blickte, mochte wohl etwas Aehnliches befürchten, und um dem zuvorzukommen, ſagte Sie:„Laſſen Sie das nur gut ſein; das gnädige Fräulein iſt ſo lieb und freundlich, daß ſie es wohl begreift, in welche Freude es Sie verſetzen muß, daß Sie ſich um ſo Vieles beſſer befinden, und ich muß geſtehen, Sie haben ſich in der letzten Zeit wieder auffallend verändert.“ Dieſe Worte, deren Nebenbedeutung der Neffe des Jägers wohl verſtand, verfehlten auch auf ihn ihre Wirkung nicht, und er gab ſich alle Mühe, das wirklich zu ſcheinen, was er vorſtellte: ein armer, eben geneſener Kranker, der es in tiefſter Unterwürfigkeit dankbarſt anerkennt, daß eine ſo vornehme Dame, wie Fräulein Eugenie, ihn ihres Mitleids, ja, man könnte beinahe ſagen, ihrer Aufmerkſamkeit, gewürdigt. So ſehr er ſich aber auch bemühte, in ſeiner Rolle zu bleiben, wozu auch gehörte, daß er es ſtandhaft ablehnte, ſich in Gegenwart des gnädigen Fräuleins zu ſetzen, wozu ihn die Großmutter einlud, ſo hatte doch ſein freilich etwas eigen⸗ thümliches Weſen beim Eintritt ins Zimmer einen, wenn auch noch unbeſtimmten, Argwohn in die Seele des jungen 20 Einundfünfzigſtes Kapitel. 1 Mädchens geworfen, welcher ſie anders ſein ließ, als ſie viel⸗ 8 leicht ſonſt draußen im Walde, in der Hütte des Jägers Klaus, V geweſen wäre. Auch betrachtete ſie den Neffen, ſobald ſie ſich fragend an die Großmutter wandte, wenn auch flüchtig, doch ſehr genau, und glaubte ſogar, in ſeiner Art zu ſprechen, in ſeinen Bewegungen, ja, in der einfachen und doch wieder ge⸗ wählten Kleidung manches zu entdecken, was nicht zu ſeinem Stande zu paſſen ſchien; beſonders fielen ihr ſeine Hände auf; da er als einfacher Jägerburſche keine Handſchuhe trug, ſo konnte Eugenie ſeine Rechte, in der er den überaus feinen Caſtorhut hielt, gar deutlich ſehen. Es waren zierliche weiße Finger, und wenn man den Umſtand, daß deren Farbe nicht ſo war, wie die der gewöhnlichen Jäger und Waldſchützen, vielleicht auch auf ſein langes Krankſein, ſowie die hiedurch bedingte Unthätigkeit ſchreiben konnte, ſo war doch die Form 8 derſelben ſo fein, wie man ſie bei Leuten, die an harte Arbeit gewohnt ſind, nicht leicht ſieht. Auch einen ſchmalen goldenen Reif bemerkte man am kleinen Finger der rechten Hand, was an ſich vielleicht nicht verdächtig war; doch als er ſich während des Sprechens umwandte und ſich zufällig ſo drehte, daß ein Sonnenblick, der ins Zimmer ſpielte, das Innere ſeiner Hand berührte, blitzte es dort plötzlich auf, nur eine Sekunde lang, in buntfarbigen, ziemlich verdächtigen Strahlen. b Der Neffe des Jägers wagte nach ſeiner erſten, viel zu langen Rede nur einige Worte an die junge Dame zu rich⸗ ten; dagegen munterte ſein Blick die alte Frau auf, Eugenie mehr ins Geſpräch zu ziehen, und als dies geſchah, zog er ſich ehrerbietig ans Fenſter zurück, um beſcheiden zuzuhorchen, in Wahrheit aber, um ſie ungeſtört betrachten zu können; er Ein Miethwagen. 21 fühlte ſich zufrieden, faſt glücklich in dieſem Augenblicke. Er dachte an den vergangenen Herbſt, wo er ſo tief und innig in dieſes wunderbar liebliche und gute Geſicht geſehen, wo er mit namenloſem Schmerze gefühlt, wie allein dieſes Mädchen im Stande ſei, ihn glücklich zu machen, wenn es überhaupt für ihn noch ein Glück auf der Welt gab. Ach! er dachte ſchaudernd an jene Zeit, wo er, ein armer Schiffbrüchiger, in Sturm und Nacht gehüllt, auf den ſchäumenden Wogen des Meeres allein ſchwamm, angeklammert an ein zerbröckelndes Wrack, unter ſich den gewiſſen Tod, über ſich den mit ſchwar⸗ zen Wolken bedeckten Himmel. Und dabei dachte er auch, wie er ſchon im Begriffe war, ermattet die Hände ſinken zu laſſen, um hinabzuſtürzen in einen entſetzlichen Abgrund, als mit einem Male am umnachteten Horizont jener klare, mildglän⸗ zende Stern emporſtieg, jener Stern, der, nachdem er ihn eine Zeit lang traurig betrachtet, ihm endlich Muth und Hoffnung einflößte, deſſen Strahlen ihm die Augen zu öffnen ſchienen und ihn endlich das längſt verloren geglaubte Land wieder erblicken ließen. Dann nach manchem Ringen und Kämpfen hatte er den feſten Boden aufs Neue betreten, das Leben lächelte ihn wieder an; die finſtere Nacht war gewichen, die Wolken hatten ſich zertheilt, ein junger freundlicher Tag ſtieg rings um ihn em⸗ por, aber mit ſeinem Lichte war auch der milde, traulich blinkende Stern verſchwunden; er hatte ſich in die Sonne verwandelt, in die ſtrahlende, vornehme Sonne, die jetzt vor ihm aufgegangen war und deren Feuer ſein Herz verzehrte, wenn er es jetzt wagte, ſie in ihrem Glanze anzublicken. O dieſe Sonne, wie ſie ſo ſchön war! zu ſchön, zu reich für ihn! Seine Sonne— Eugenie! Wie konnte dieſes ſo herrliche 22 Einundfünfzigſtes Kapitel.— Ein Miethwagen. Weſen unter Tauſenden, die gewiß anbetend zu ihr empor⸗ blickten, ihn vorzüglich bemerken, ihm zulächeln?— Gewiß nicht!— Es gab Augenblicke, wo er den Wunſch hegte, wieder allein auf dem wild empörten Meere zu treiben, dem Tode nahe, aber vor ſich jenen wunderbaren Stern, ſeinen Stern, der ihn ſo mild, ſo traurig, ſo theilnehmend anblickte. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Vor dem Spielwaarenladen. — Während ſich Eugenie und der Neffe des Jägers im Zimmer der Großmutter befanden, Beide mit eigenthümlichen Gedanken beſchäftigt, und Beide ſo ſchweigſam, daß die alte Frau die Koſten der Unterhaltung faſt allein zu tragen hatte, ging der Armenarzt, Doktor Flecker, neben der langen Ge⸗ ſtalt des tapferen Don Larioz über den Blumenmarkt nach derſelben Gaſſe, in der ſich das Haus befand, wo wir den geneigten Leſer eben verlaſſen. Der Doktor, lebhaft und beweglich wie immer, focht mit ſeinem Stocke in der Luft herum und ſagte:„Sie werden mir zugeben, mein lieber Freund, daß dieſes der Weg iſt, auf dem Sie ſich edelmüthig und glänzend an Ihrem ehe⸗ maligen Prinzipal rächen können und nebenbei feurige Kohlen auf die Häupter ſämmtlicher Angehöriger der Familie Weibel zu häufen im Stande ſind, indem Sie dieſen Czrabowski ent⸗ larven und ihn zur Anerkennung zwingen, daß er es geweſen ——ö—— — Zweiundfünfzigſtes Kapitel. iſt, der das Concept des Teſtamentes entwendet und damit ſeine Allotria getrieben.“ Don Larioz ſchritt würdevoll wie immer einher, und auf ſeinem ruhigen Geſichte ſah man während der Rede des Anderen keinen Muskel zucken; er blickte tief nachdenkend gerade vor ſich hin, und ſprach, als der Armenarzt ſchwieg: „Das alles iſt nur durch einen ehrlichen Zweikampf zu er⸗ reichen.“ „Auch das, wenn Seine Erlaucht damit einverſtanden ſind,“ erwiderte haſtig Doktor Flecker.„Im Falle des Ge⸗ lingens aber werden Sie mir zugeben, daß man ſich in dieſer Sache genau nach den Wünſchen des Herrn Grafen richten muß. Das iſt ein mächtiger Herr mit einer langen Hand, der allein im Stande iſt, den Weg zu ebnen, auf dem Sie zu jenem theuren Czrabowski gelangen können, um ihn— ſo — nun Sie verſtehen mich ſchon.“ Der kleine Mann machte bei dieſen Worten auf höchſt komiſche Art einen ſo kräftigen Ausfall mit ſeinem Stocke auf einen unſichtbaren Gegner, daß er einen ſolchen, wenn er wirklich da geweſen wäre, nothwendiger Weiſe durch und durch gebohrt haben würde. „In früheren glorreichen Zeiten,“ ſagte der edle Spanier, nachdem ſie ein paar Schritte weiter gegangen waren, mit wahrhaft heldenmäßiger Ruhe,„hätte ein einfacher Gottes⸗ kampf die Sache ſo ſchön arrangirt, als man es nur wün⸗ ſchen könnte.“ „Ja, in früheren glorreichen Zeiten!“ warf der Armen⸗ arzt ungeduldig dazwiſchen.„Aber jetzt iſt das was An⸗ deres!“ „Damals,“ fuhr Don Larioz fort, ohne ſich im Ge⸗ Vor dem Spielwaarenladen. 25 ringſten beirren zu laſſen,„hätte man die Schranken aufge⸗ richtet, und wir wären eingeritten, der Graf Czrabowski und ich, Beide unter Vortragung unſerer reſpectiven Wappen⸗ ſchilder.“ „Ja, damals, beſter Larioz!“ ſprach dringender der Doktor und ſchaute faſt ängſtlich in das unbewegliche Geſicht ſeines langen Freundes. „Allerdings damals,“ fuhr dieſer fort.„Wir hätten mit einander gekämpft, wahrſcheinlich höchſt glorreich gekämpft, und wenn ich dieſen Czrabowski niedergeworfen hätte, ſo würde ich ihm die Spitze meines langen Schwertes auf die Gurgel geſetzt und zu ihm geſprochen haben: Unglücklicher, gib der Wahrheit die Ehre!“ „Sie werden mir zugeben, wenn ich Ihnen ſage,“ ver⸗ ſetzte der Andere ungeduldig,„daß das damals alles ſehr ſchön, ſehr nobel und ſehr rittermäßig war, aber—“ „Andere Zeiten, andere Sitten, wollen Sie ſagen,“ fiel ihm Don Larioz kopfnickend in die Rede.„Bleiben wir alſo bei dem gewöhnlichen Zweikampf.“ „Nach Umſtänden, ſehr nach Umſtänden, lieber Freund; vor allen Dingen dagegen, wenn Sie uns und ſich nützlich ſein wollen, müſſen Sie ſich ſtreng den Anordnungen Seiner Erlaucht fügen. Sie werden einſehen, daß das nothwendig iſt. Item nur ſo kommen wir zum Ziele.“ Bei dieſer Unterredung waren die Beiden dem Hauſe nahe gekommen, und während der lange Schreiber gleich darauf mit einem großen Schritte unter den weiten Thorbogen trat, blickte der bewegliche Armenarzt nach allen Seiten um ſich, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, ehe er in ein Haus ging. Da ſah er denn, nicht viele Schritte entfernt, vor einem klei⸗ 26 G Zweiundfünfzigſtes Kapitel. nen Laden einen Herrn ſtehen, welcher die dort aufgeſtellten Waaren zu betrachten ſchien, in Wahrheit aber bald die Gaſſe hinauf, bald hinunter blickte. Dabei wäre nun an ſich für den Doktor nichts Auffallendes geweſen; doch als er die⸗ ſen Mann genauer betrachtete, erkannte er in ihm den Herrn Baron George von Breda, und wunderte ſich nicht wenig, denſelben in dieſer abgelegenen Gaſſe zu ſehen. Ohne aber weiter darüber nachzudenken, ſtieg er in Geſellſchaft des Spa⸗ niers die krachenden Treppen hinauf, und Beide erreichten in kurzer Zeit ohne irgend ein Abenteuer die Wohnung des Jägers Brenner, klopften dort an die Thür der großen Stube und betraten dieſelbe, nachdem von innen„Herein!“ gerufen worden. In dem Zimmer war die Frau des Jägers, der kleine Palmarum mit ſeinem hölzernen Pferde, und gegenüber von Madame Brenner ſaß der Jäger Klaus, dem der Doktor auch ſchon Hülfe geſpendet und der ſich nun ehrerbietig erhob, um dem freundlichen Arzte eine Verbeugung zu machen. „Ich dachte, wir würden Vater Brenner hier treffen,“ ſagte der Doktor, nachdem er die Frau und den Jäger mit der Hand gegrüßt, Palmarum auf den Kopf gepätſchelt, und um Keines zu vergeſſen, auch an die Stäbe des Käſichs ge⸗ klopft hatte, worin ſich der Kanarienvogel befand.„Wir kamen in der Abſicht her,“ fuhr er fort,„den würdigen Jägersmann nicht nur zu begrüßen, ſondern auch Einiges mit ihm zu beſprechen über die Zukunft des kleinen Gottſchalk, den wir wohl nicht beim Herrn Plager wiſſen wollen, nachdem unſer Freund Larioz das Bureau verlaſſen.“ „Das Kind hat doch rechtes Unglück,“ ſprach Frau Bren⸗ Vor dem Spielwaarenladen. 27 ner betrübt, wobei ſie kopfſchüttelnd von ihrer Näherei in die Höhe ſah. „So großes Unglück— das wüßte ich gerade nicht,“ entgegnete der Armenarzt.„Der Bube hat ſich im Schreiben recht vervollkommnet, rechnet unter Anleitung unſeres edlen Freundes wie ein alter Mathematicus, und muß nothwendig was Rechtes werden, wenn er zwei ſolche Helfer an ſeiner Seite hat, wie Don Larioz und meine Wenigkeit. Sie wer⸗ den mir zugeben, Frau Brenner, daß das warhaftig keine Kleinigkeit iſt.“ „Gott ſoll mich bewahren, das nicht anzuerkennen,“ er⸗ widerte die Frau mit ihrer ſanften Stimme;„das iſt auch ein rechtes Glück für den Gottſchalk, wogegen es aber gewiß nicht gut iſt, daß er wieder ſein Geſchäft wechſeln ſoll, und das wird er doch wohl thun müſſen, wenn er die Schreib⸗ ſtube des Herrn Doktor Plager verläßt.— Ich hatte mir das ſchon ſo ſchön vorgeſtellt,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„da wäre er ein Schreiber geworden, hätte was gelernt, viel Geld verdient und könnte alsdann den Kindern etwas von ſeinem Wiſſen abgeben.“ „O, lieber Gott, Frau Brenner,“ antwortete der Armen⸗ arzt,„nur keine Luftſchlöſſer! Vorderhand muß der Gott⸗ ſchalk lernen, und daß er etwas Tüchtiges lernen ſoll, dafür will ich ſchon ſorgen. Und über den Punkt hätte ich gern mit dem Vater Brenner geſprochen.“ Die Frau ſchüttelte mit dem Kopfe und ſprach mehr vor ſich hin als zu den Anderen:„Ihnen wird er alles thun, was Sie wünſchen, und es iſt mir auch ſchon recht, wenn Sie nur nicht die Abſicht haben, einen Jäger oder ſo etwas ————— — ÿ—— *—— m⅓⅛⅓, — 4 — —— 2 1* — 28 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. aus dem Gottſchalk zu machen. Das ertrüge ich nicht; der Knabe ſoll was Rechtes werden.“ „Wenn das Vater Brenner hörte!“ meinte lächelnd der Doktor.„Doch Scherz bei Seite! Sie werden mir zugeben, daß ich, der Doktor Flecker, freilich nur Armenarzt, dafür bekannt bin, daß, wenn ich einmal A geſagt, ich fortbuchſta⸗ bire bis zum Z; und das wollen wir auch redlich mit Gott⸗ ſchalk thun. Verlaſſen Sie ſich darauf, Frau Brenner, wenn der Junge ſelbſt will, ſo ſoll er, wie Sie ſagen, was Rechtes werden. Da nun aber Vater Brenner nicht zu Hauſe iſt, worüber ich in dieſem Falle auch nicht beſonders traurig bin, ſo will ich hinein zur Großmutter und mit ihr ein paar Worte über den Jungen ſprechen; Großmutter verſteht mich und iſt eine reſolute Frau, die ihre Anſichten ſchon geltend zu machen weiß.— Don Larioz, thut mir den Gefallen und unterhaltet Euch ein bischen mit unſerer guten Frau Brenner; ich werde gleich wiederkommen.“ Damit wollte der Arzt ins Nebenzimmer hinein, doch trat der Jäger Klaus an ſeine Seite, indem er ſagte:„Verzeihen Sie, Herr Doktor, würden Sie nicht die Güte haben, noch ein paar Augenblicke zu warten, es iſt Jemand da drinnen, der—“ „So, ſo,“ machte Doktor Flecker mit einem pfiffig lächelnden Geſichte,„es iſt Jemand da drinnen, der— am Ende der— der— den— den— nun Sie werden mich ſchon verſtehen, theurer Freund Klaus.“ „Ich verſtehe Sie in der That nicht,“ gab dieſer ſehr ernſt zur Antwort.„Gewiß, Herr Doktor, ich verſtehe Sie nicht.“ „Es iſt am Ende gar Ihr Neffe drin, he!“ lachte der Vor dem Spielwaarenladen. 29 Armenarzt, indem er ſein linkes Auge gegen den Jäger zu⸗ kniff,„der ſchmucke Neffe im grauen Rocke und im Jägerhute. Habe ihn ſchon einmal hier geſehen, den Neffen, und wenn dem ſo iſt, ſo muß ich ſchon einen Augenblick warten. Aber lange nicht, dazu habe ich keine Zeit. Oder ich kann ja auch wieder kommen; das iſt am Ende beſſer, denn Sie werden mir zugeben, daß es mir nicht einfallen kann, Seine Er— den Neffen, wollte ich ſagen, zu ſtören.“ „Woher vermuthen aber der Herr Doktor, daß mein— Neffe da iſt?“ fragte ſchüchtern der Jäger. „Woher ich das vermuthe? Sie werden mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß das ungeheuer einfach iſt. Erſtens ſah ich Ihren Neffen ſchon einmal hier, und es hat mich recht ſehr gefreut, daß ich ihn hier geſehen, denn er kann von der Frau Großmutter nur Vortreffliches lernen; und da nun Sie, mein theurer Klaus, mir ſo eifrig ſagen, es ſei Jemand da drinnen, ſo braucht's keine große Combinations⸗ gabe, um ſich zu denken, was das iſt; dann aber auch wartet ja da unten wenige Schritte von hier ein Freund Ihres— Neffen auf Hochdieſelben.“ „Ein Freund meines Neffen wartet da unten auf ihn?“ fragte beſtürzt der Jäger.„O, Sie machen einen Spaß, Herr Doktor; es iſt gewiß kein Freund von ihm da unten, der auf ihn wartet.“ „Doch, doch!“ ſagte laut und beſtimmt der kleine Armen⸗ arzt. Dann faßte er den Jäger vertraulich am Ohrläppchen, zog ihn näher zu ſich und ſprach ſehr leiſe:„Es iſt der Herr Baron George von Breda, der da unten rechts an dem klei⸗ nen Spielwaarenladen auf Seine Erlaucht wartet. He, mein Freund?“ ſetzte er fragend hinzu. 30 Zweinndfünfzigſtes Kapitel. Kaum hatte der Doktor den Namen des Barons von Breda ausgeſprochen, ſo fuhr Klaus im höchſten Erſchrecken zurück.„Um Gottes willen, Herr Doktor!“ ſagte er,„iſt das wahr? ſcheint der Herr Baron wirklich da unten auf etwas zu warten?— Das wäre mir entſetzlich! Oder ſpaziert er nur ſo zufällig am Hauſe vorbei?“ „Vom zufälligen Vorbeiſpazieren habe ich gar nichts be⸗ merkt, lieber Klaus,“ verſetzte Doktor Flecker, indem er mit Verwunderung die erſchreckten Züge des Jägers betrachtete; „er hat vielmehr in der Nachbarſchaft dieſes Hauſes, wie man zu ſagen pflegt, Poſto gefaßt und ſcheint ſehr auf etwas zu warten.“ „Dann müſſen Sie uns helfen, Herr Doktor, augen⸗ blicklich helfen!“ rief der treue Diener in höchſter Angſt. „Teufel auch! wer iſt denn krank?“ „Niemand, Niemand!“ gab der Jäger haſtig zur Ant⸗ wort.„O, hören Sie mich einen Augenblick ruhig an.“— Damit zog er den kleinen Mann ohne Umſtände in eine Ecke des Zimmers und fing nun an, gegen ſeine ſonſtige ſtille Art recht lebhaft in denſelben hinein zu ſprechen. Der Doktor zog, nachdem er die erſten Sätze vernom⸗ men, ſeine Augenbrauen hoch empor, legte die Hände auf den Rücken und drehte ſeinen Stock wie die Flügel einer Wind⸗ mühle zwiſchen ſeinen Fingern; er ließ verſchiedene Oh und Ahl hören, auch:„der Tauſend!— nicht ſo übel!— das gefällt mir!“— worauf er, nachdem er viele Donnerwetter paſſirt hatte, ſeine Anſicht dahin ausſprach,„das ſei eine ver⸗ fluchte Poſition und ſchwer, einen Ausweg zu finden.“ „Man muß den Herrn von Breda von der Straße zu entfernen ſuchen,“ ſagte Klaus. Vor dem Spielwaarenladen. 31 „Kennen Sie den Herrn von Breda?“ fragte der kleine Mann mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken;„das iſt keiner, der ſich von einem Platz entfernen läßt, wo er ſich einmal vorgenommen hat, ſtehen zu bleiben.“ „Ich weiß, ich weiß; aber, Herr Doktor, Ihnen iſt viel möglich.“ „Ja, wenn ich mein College Figaro wäre,“ lachte der Doktor,„und er ein Baſilio, da könnte ich ihm allenfalls weis machen, er habe das gelbe Fieber, und ihn ſo nach Haus ſchicken. Aber dem da— da weiß ich kein Mittel.“ „Es muß aber eins geben,“ ſprach der Andere dringen⸗ der.„Gewiß, Herr Doktor, Sie müſſen eins auffinden, es gibt ſonſt das größte Unglück.— Das arme, arme Fräulein! — Und ich, der ſie überredet! Und die beiden Herren, ſonſt ſo gute Freunde, die, wie die Sachen ſtehen, Todfeinde wer⸗ den müßten! O Herr Doktor!“ „Ja, da hat ſich was, o Herr Doktor! Nehmen Sie ſich eine Lehre daraus, Freund Klaus, ſchießen Sie ihre Rehe und Füchſe und laſſen Ihre Neffen thun, was ſie wollen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Neffen ſchon manchem Onkel graues Haar gemacht haben.“ „Aber——“ Der Armenarzt war in tiefes Nachdenken verſunken und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, worauf der Jäger plötzlich verſtummte. Darauf hatte Erſterer ſeinen Stockknopf zwiſchen die Lippen genommen, und wenn er auch, ſich über etwas beſinnend, ſeine Blicke auf den Boden heftete, ſo erhob er ſie doch zuweilen, um einen Moment den edlen Spanier zu betrachten, der in harmloſem Geſpräche mit der 32 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Frau Brenner begriffen, für nichts Anderes Augen und Ohren hatte. Der Jäger blickte in größter Spannung auf den kleinen Arzt, der nach einem, ihm unendlich lange ſcheinenden Still⸗ ſchweigen endlich mit den Achſeln zuckte und dann mehr zu ſich ſelber als zu dem Anderen ſagte:„So könnte es viel⸗ leicht gehen; es iſt aber ein verzweifeltes Mittel, muß da⸗ gegen, wenn es gelingt, den Grafen zur größten Dankbar⸗ keit gegen Larioz verpflichten. Verſuchen wir es in Gottes Namen.“ Damit ließ er den Jäger ſtehen, trat mit raſchen Schritten an die Seite ſeines langen Freundes und bat denſelben, einen Augenblick mit ihm das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Vor der Thür angekommen, ſprach der Doktor zu Larioz:„Sie müſſen mir einen Gefallen erzeigen, bei dem es Muth und Entſchloſſenheit gilt; es iſt alſo vollkommen Ihre Sache.“ Der Spanier machte eine leichte Neigung mit dem Kopfe. „Sie ſetzen Ihren Hut recht verwegen auf, drapiren ſich wie gewöhnlich maleriſch in Ihren Mantel und nehmen Ihren Stock ſo in die Hand, daß man deutlich ſehen kann, es ſei Ihnen etwas Gewohntes, mit einem Stoßdegen umzugehen. — Verſtehen Sie mich?“ „Bis jetzt— ja,“ antwortete der lange Mann nach einigem Beſinnen. „Gut. Sie gehen die Treppen hinunter, wenden ſich vor dem Hauſe rechts und ſehen da an einem Spielwaaren⸗ laden einen großen und ſchönen Herrn ſtehen, den Baron von Breda. Kennen Sie ihn zufällig?“ Vor dem Spielwaarenladen. 33 „Nein, ich kenne ihn nicht.“ „Auch gut. Mit dem Herrn ſuchen Sie ein Geſpräch anzuknüpfen und ihn auf irgend welche Weiſe zu vermögen, die Straße zu verlaſſen.“ „Wenn er aber hierzu keine Luſt bezeigen ſollte?“ „So müſſen Sie— ſo müſſen Sie— ja, was denken Sie ſelbſt, was Sie thun müſſen?“ „Hat der Mann kein Recht, da unten in der Straße zu ſtehen?“ fragte ernſt der Spanier.„Oder iſt es Jemand, deſſen Anweſenheit Ihnen Schaden bringen kann?“ „Allerdings iſt es ſo. Ich ſehe, Sie verſtehen mich. Mir kann es Schaden bringen, wenn er da bleibt, namentlich aber jenem liebenswürdigen Grafen Helfenberg, der Sie ſo freund⸗ lich aufnahm.— Lieber Larioz, zu einem geſcheidten Manne wie Ihnen, der in ritterlichen Händeln wohl bewandert iſt, braucht man nur mit halben Worten zu ſprechen. Graf Helfenberg, der eine junge Dame liebt, befindet ſich hier im Hauſe; der da unten will ihn erwarten, um ihn und die junge Dame zu compromittiren.“ „Alſo ein Eiferſüchtiger?“ „Wohl möglich; Graf Helfenberg iſt unſer Freund; was man in Spanien in ähnlichen Fällen thun würde, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte Don Larioz mit beſtimmtem Tone.„Sie ſollen ſehen, wie ich für die geliebte Dame eines Freundes handle; Sie werden mit mir zufrieden ſein.“ Damit hob er den Stock gegen ſein Geſicht, als grüße er mit dem Stoßdegen den Feind auf der Menſur, und ſchritt der Treppe zu. Auf der erſten Stufe aber blieb er ſtehen, Hackländer, Don Quixote. V. 3 — ——— —— 8 —— 4 8 1 34 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. wandte ſich rückwärts und ſagte mit feierlicher Stimme:„Es könnte vielleicht ſein, werther Freund, daß wir hart an einan⸗ der kämen, wer weiß, ob der fremde Cavalier nicht unter dem Mantel ein paar Degen führt, von denen er mir galanter Weiſe einen anbietet. Es iſt das bei ähnlichen Veranlaſſungen ſchon häufig vorgekommen. In dem Falle nun wäre es mög⸗ lich, daß mir etwas Menſchliches begegnete, und habe ich als⸗ dann nur eine Bitte auf dem Herzen. Sie werden in einem braunen Käſtchen auf meinem Tiſche ein weibliches Portrait finden mit der Adreſſe einer Dame; ſtellen Sie derſelben in einem gewiſſen Falle dieſes Bildniß zu und ſagen ihr, Don Larioz ſei aus der Welt gegangen mit dem Gedanken im Herzen und dem Worte auf den Lippen, daß Dolores das ſchönſte Weib auf dieſer Erde ſei.“ Mit dieſen Worten ſchritt der lange Mann die Treppen hinab, und der Doktor, der ſich über das Geländer gebeugt hatte, blickte ihm lange nach, wobei ſein Geſicht einen ſehr ernſten Ausdruck annahm.„Es iſt eigentlich Unrecht von mir,“ murmelte er,„aber es gab kein anderes Mittel, und ich will ſchon auf der Lauer liegen, um im allerſchlimmſten Falle mit einem ärztlichen Atteſte, das in gewiſſer Beziehung leider nur zu viel Wahres hat, dazwiſchen zu treten.“ George von Breda war unterdeſſen in der engen Gaſſe mehrmals hin und her geſchritten; wenn er ſich auch in Ungewißheit befand, ob Eugenie dieſelbe betreten, ſo war es ihm doch nicht möglich, den Ort zu verlaſſen, es hielt ihn mit einer unerklärlichen Gewalt hier zurück. Schon oft hatte er ſich Mühe gegeben, ſich das Ganze wie einen Traum vor⸗ zuſtellen; wenn er ſich aber mit allen Künſten der Ueberredung ſo weit gebracht hatte, ſo brauchte er nur die Hand auf ſein Vor dem Spielwaarenladen. 35 Taſchenbuch zu drücken, wo er jenes Geldſtück verwahrt hielt, um beinahe laut hinaus zu rufen:„Nein! nein! es iſt ſo, ſie hat mich verrathen, ſie iſt hier, vielleicht dicht in meiner Nähe!“ Darauf wallte alsdann ſein Blut ſo heftig empor, daß ihn die Augen ſchmerzten; er vertiefte ſich in die wahn⸗ ſinnigſten Grübeleien, Gegenwart und Vergangenheit betref⸗ fend, und endete gewöhnlich damit, daß er mit den Zähnen knirſchte und hohnlachend ausrief:„Auch Eugenie! ja, auch Eugenie!“ Glücklicher Weiſe war die Straße gänzlich menſchenleer und die Leute in ihren Häuſern ſo beſchäftigt, daß ſie dem unruhig hin und her Gehenden wenig oder gar keine Auf⸗ merkſamkeit widmeten. Jetzt war er wieder einmal bis auf den Blumenmarkt gegangen, und kehrte nun zurück, um ſeine Stelle bei dem kleinen Spielwaaren⸗Magazin wieder einzu⸗ nehmen. Wenn ſich aber die Bewohner der Straße um das ſon⸗ derbare Benehmen des fremden Herrn nicht kümmerten, ſo war doch ein anderer Fremder in einem der Häuſer hinter einem Fenſter verſteckt und ſchaute nicht nur neugierig, ſondern auch ſorgfältig beobachtend auf die Straße. Dieſer Fremde aber war Niemand anders als der Kammerdiener Francois, von dem wir nicht genau wiſſen, ob er ſich zufällig oder ab⸗ ſichtlich hier befand. Doch glauben wir das Letztere annehmen zu können. In dem Hauſe, wo er ſich aufhielt, war eine kleine Reſtau⸗ ration, in der er ein beſcheidenes Frühſtück eingenommen hatte und darauf, die Zähne ſtochernd, verdaulich und beſchaulich am Fenſter ſtand. Leider hatte er von hier aus alle bemerkt, welche ſich in die Wohnung des Herrn Brenner begaben: 36 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. den Jäger Klaus mit Fräulein Eugenie, kurze Zeit darauf V den Grafen Helfenberg, und nun ſah er den Baron von Breda, ihn, den er nach der jungen Dame am bitterſten auf dieſer Welt haßtes in gewaltiger Aufregung da unten auf und ab gehen. Francois, der genau wußte, um was es ſich handelte, verſtand alle Bewegungen, alle Mienen und Geberden des Herrn von Breda, und freute ſich über alle Maßen, als er aus der entſetzlichen Unruhe deſſelben abnehmen konnte, wie ſehr dieſer ſonſt ſo ruhige, kalt ſcheinende Mann leiden müſſe. Nachdem der Kammerdiener außergewöhnlich lange in ſeinen Zähnen geſtochert, ließ er ſich hinter den Fenſtervor⸗ hängen nieder, doch ſo, daß ihm nichts auf der Straße ent⸗ ging, wobei es ihm gerade vorkam, als befände er ſich in einem Schauſpiel, deſſen Ausgang er gewiſſermaßen in Hän⸗ den hatte; konnte er doch ein Luſtſpiel oder ein Trauerſpiel daraus machen. Wenn er das Letztere wollte, ſo brauchte er nur auf die Straße zu gehen und dem Herrn Baron von Breda zuzuflüſtern, wer ſich alles da oben in dem Hauſe be⸗ finde. Aber er verwarf dieſen Gedanken als unüberlegt und voreilig und dachte bei ſich: Je mehr das Giſt im Herzen des ſtarken Mannes da unten um ſich frißt, um ſo verderb⸗ licher wirkt es und verurſacht zuletzt eine unheilbare Wunde, in welcher dann mit ruhigen, kalten Worten herumzuwühlen für mich ein außerordentliches Vergnügen ſein wird.— War⸗ ten wir alſo ab. Und er wartete geduldig. Auch Herr von Breda wartete, aber mit wenig Ruhe und Geduld; er preßte vielmehr die Lippen heftig auf einan⸗ der; er ballte ſeine Hände; er trat hart auf den Boden vor Vor dem Spielwaarenladen. 37 dem Spielwaarenmagazin, wo er, ohne Aufſehen zu erregen, am längſten bleiben konnte, deſſen Gegenſtände er aber ſchon alle der Reihe nach angeſtarrt nnd dies, ſich unbemerkt glau⸗ bend, immer wieder von Neuem thun zu können dachte. Um ſo unangenehmer war es ihm daher, als er mit einem Male einen Mann bemerkte, der aus einem der Häuſer der Straße kam, ſich neben ihn ſtellte und die Spielſachen ebenfalls zu bewundern ſchien. Herr von Breda wandte dem Unbekannten den Rücken zu und war im Begriff, abermals die Straße hinab zu gehen, als ihn der Andere mit den Worten anredete: „Es iſt in der That erſtaunlich, was alles zur Unter⸗ haltung dieſer kleinen Kinder geſchaffen wird.— Finden Sie das nicht auch, mein Herr?“ Der Baron blickte den Frager an und hätte zu jeder an⸗ deren Zeit über das ſeltſame Ausſehen deſſelben unfehlbar gelächelt. Die Verwundungen und Quetſchungen im Geſichte des guten Don Larioz waren nämlich in jenes Stadium ge⸗ treten, wo ſich die trübe, dunkelblaue Farbe derſelben in ein mattes Grün verwandelt mit graugelben Rändern, die ſich weit über ſeine eingefallenen Wangen verbreiteten. Aus die⸗ ſen Schattirungen, die etwas an einen Regenbogen erinner⸗ ten, drohte ſeine Naſe, zur doppelten Dicke angeſchwollen, faſt unheimlich hervor; die Verzerrung des ganzen Geſichtes wurde nicht gemildert durch den Glanz der ſonſt guten, ehrlichen Augen, da eines derſelben roth unterlaufen war und auf dieſe Art einen tückiſchen Ausdruck angenommen hatte. Hier⸗ bei können wir nicht verſchweigen, daß der edle Spanier ſeinen zugeſpitzten Hut ziemlich ſtark auf das rechte Ohr geſetzt und ſeinem Mantel eine Drapirung gegeben hatte, 38 Zweinndfünfzigſtes Kapitel. welche etwas verwegen, ja, man könnte ſagen, faſt händelſüchtig erſchien. Herr von Breda ſchaute den Unbekannten von oben bis unten an und gab ihm alsdann ruhig zur Antwort:„Es gibt allerdings ſeltſame Dinge in dieſer Welt, ſowohl in einem Spielwaaren⸗Magazin, als im wirklichen Leben. Ich habe die Ehre.“— Damit faßte er an ſeinen Hut und wollte ſich entfernen. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſprach die ſeltſame Ge⸗ ſtalt, indem fie dem Baron feſt in den Weg trat,„Sie haben, wie mich dünkt, dieſe Sachen ſo aufmerkſam betrachtet, daß ich von Ihnen ein gediegenes Urtheil über dieſelben er⸗ warten kann, und da ich einige Einkäufe zu machen beab⸗ ſichtige, ſo—“ „Thun Sie am beſten,“ verſetzte der Andere barſch,„wenn Sie in den Laden treten und ſich auswählen, was Ihrer Phantaſie zuſagt.“ „Das wird mir allerdings Niemand verwehren können,“ erwiderte der Spanier mit großem Ernſte;„ich habe mir aber ſagen laſſen, daß eine höfliche Frage auch eine höfliche Antwort bedingt und daß es Schuldigkeit zwiſchen ange⸗ nehmen Leuten iſt, ſich mit einem guten Rath an die Hand zu gehen.“ „So gehen Sie denn zu angenehmen Leuten und laſſen ſich von dieſen rathen, ob Sie einen Bären oder einen Affen kaufen ſollen; ich für meine Perſon würde Ihnen unbedingt zu dem Letzteren rathen.“— Damit machte der Baron eine Wendung in die Straße hinein, um dem zudringlichen langen Manne zu entgehen. Dieſer aber ließ ſich nicht ſo leicht abweiſen, trat viel⸗ Vor dem Spielwaarenladen. 39 mehr an die Seite des Davoneilenden und bemerkte, immer noch mit der größten Artigkeit in Haltung und Ton der Stimme:„Für den freundlichen Rath in Betreff des Affen bin ich ſehr dankbar und werde mir ihn gewiß zu Nutze machen.“ George von Breda blieb einen Augenblick ſtehen, warf dem Manne einen blitzenden Blick zu und ſagte, indem er ſich mühſam zur Ruhe zwang:„So gehen Sie denn ins Teufels Namen hin und kaufen Sie Ihren Affen! Mir aber erlauben Sie, mich zu entfernen, denn ich habe nicht länger Luſt, die Ehre Ihrer Geſellſchaft zu genießen.“ Er machte abermals einige raſche Schritte vorwärts, ohne aber Don Larioz entgehen zu können, der mit ſeinen langen Beinen gleichen Schritt mit ihm hielt und dabei freundlich ſprach:„Es iſt traurig, daß unſere Wünſche und Neigungen öfters mit denen unſerer Nebenmenſchen ſo wenig harmoniren. Sie eilen mit nicht ſehr liebenswürdigen Worten von mir weg; ich dagegen werde mir das größte Vergnügen machen, Sie zu begleiten.“ Bis jetzt hatte der Baron von Breda den Unbekannten für einen zudringlichen Menſchen gehalten; nun aber kam es ihm auf einmal vor, als habe er einen Narrn an ſeiner Seite oder Jemand, der darauf ausgehe, Händel zu ſuchen. Beides erſchien ihm im gegenwärtigen Augenblicke begreiflicher Weiſe ſehr unerwünſcht, und wenn es ihm auch ein Leichtes geweſen wäre, einen Unberufenen von ſich abzuweiſen, ſo war der Ort, an welchem er ſich befand, durchaus nicht dazu geeignet, durch ein auffallendes Verfahren die Bewohner der umliegenden Häuſer aufmerkſam zu machen. Deßhalb ging er mit raſchen Schritten die Gaſſe hinab bis auf den Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Blumenmarkt, trat dort an die einſam liegende Fontaine und drehte ſich hier plötzlich gegen ſeinen Begleiter um, indem er mit barſchen Worten ſagte: „Ihr Zweck, Herr, warum Sie mich bis hieher verfolgen, iſt mir unbekannt; daß aber Ihr aufdringliches Betragen nicht ohne Abſicht war, glaube ich zu erkennen. Was Sie ſind, weiß ich nicht; ich aber bin der Baron George von Breda und genugſam dafür bekannt, daß es nicht zu meinen Unter⸗ haltungen gehört, mit fremden Leuten, die mit braun und blau angelaufenen Geſichtern aus Gott weiß welchem Wirths⸗ hauſe kommen, auf öffentlicher Straße zu ſprechen. Hier von dieſem Platze führen vier Wege in die Stadt, gehen Sie, welchen Sie wollen, und ich werde ſo vernünftig ſein, mir einen anderen zu wählen. Sie müſſen doch ſelbſt einſehen, daß es für mich keine Ehre iſt, in Ihrer Geſellſchaft zu wandeln. Sollten Sie es aber vorziehen, mich noch weiter zu beläſtigen, ſo werde ich den erſten, beſten Polizeiſoldaten anrufen und Sie irgend wohin bringen laſſen, wo man un⸗ terſuchen wird, ob Sie ein zudringlicher Menſch oder ein Narr ſind.“ Während Beide mit einander die enge Gaſſe hinabge⸗ gangen waren, hatte Don Larioz rückwärts geſchaut und den kleinen Doktor wohl bemerkt, der oben zum Fenſter hinaus ſah, um Achtung zu geben, ob ſich der eiferſüchtige Aufpaſſer entferne. Dies war nun allerdings geſchehen, und derſelbe be⸗ fand ſich hier an dem Brunnen auf dem Blumenmarkte ſo weit von jenem Hauſe entfernt, wobei obendrein die Gaſſe, die dorthin führte, noch eine ſolche Biegung machte, daß es unmöglich war, die Hausthür von hier zu überwachen. Die Aufgabe des edlen Spaniers war demnach erfüllt, und dieſer Vor dem Spielwaarenladen. 41 überlegte eben, ob es nicht räthlicher ſei, über den zudring⸗ lichen Menſchen oder Narrn hinweg zu gehen, um weiter kein Aufſehen zu erregen, oder ob es nothwendig oder ehren⸗ voller wäre, über die beiden Ausdrücke eine Erklärung zu verlangen. Nach einem augenblicklichen Ueberlegen entſchloß er ſich zu dem Letzteren und that dies, indem er ſprach:„Da Sie, mein Herr Baron, mir die Wahl gelaſſen haben zwiſchen einem Narrn und einem zudringlichen Menſchen, ſo will ich den letzteren für mich in Anſpruch nehmen und Ihnen ſo lange zudringlich erſcheinen, bis Sie mir über dieſe verletzen⸗ den Worte eine Erklärung gegeben. Sie ſind der Herr Baron George von Breda; ich nenne mich Larioz, Don Larioz, ein Spanier von altadeliger Familie.“ Bei dieſen letzten Worten ſtreckte ſich der Sprecher um ein paar Zoll länger und machte ein ſo würdevolles Geſicht, daß es bei den ſonderbaren Farben auf demſelben unwider⸗ ſtehlich komiſch ausſah. Der Baron zuckte einfach mit den Achſeln und zog, ohne ein Wort zu erwidern, ſein Taſchenbuch hervor, woraus er eine Karte nahm und ſie dem Anderen einhändigte.„Laſſen Sie ſich,“ ſagte er alsdann,„durch einen mir bekannten unbeſcholtenen Menſchen bei mir einführen, und ich werde Ihnen alle Erklärungen geben, die ich für nothwendig und paſſend halte.“ Damit wollte er ſich entfernen, doch rollte in dieſem Augenblicke ein leichtes Coupé aus einer der Straßen, aber nicht aus der, in welcher der Baron ſo lange auf und ab gewandelt, auf den Blumenmarkt und hielt nicht drei Schritte von ihm in der Nähe des Brunnens. George von Breda Zweiundfünfzigſtes Kapitel. blickee nach dem Wagen hin und erkannte den Grafen Helfen⸗ berg, der ihm freundlich zurief, näher zu treten, und ihm ſagte:„In welcher Geſellſchaft biſt du denn da? Wie kommſt du mit dem edlen Don zuſammen?“ „Weiß der Henker, was dieſer Narr von mir will!“ verſetzte der Baron verdrießlich.„Ich ging zufällig durch jene Gaſſe dort, und da hängte dieſer Menſch ſich an mich. Kennſt du ihn?“ „O ja,“ erwiderte lachend der Graf; p„er iſt oder war der Schreiber eines hieſigen bekannten Advokaten, deſſelben Doktor Plager, den du dich erinnern wirſt, bei mir an einem gewiſſen Abend geſehen zu haben.“ „Und dieſer Schreiber,“ ſprach der Baron finſter,„iſt hier nicht ganz richtig?“ Damit zeigte er auf ſeine Stirn. „Er hat allerdings ſeine eigenthümlichen Seiten, ohne darum ein Narr zu ſein,“ gab Helfenberg zur Antwort,„iſt aber dabei ein ſehr nobler und anſtändiger Charakter. Ich protegire ihn.“ „Nun, wenn du ihn protegirſt, ſo kannſt du ihn bei mir einführen. Er benahm ſich gegen mich zudringlich, ich ſagte ihm einige paſſende Worte, worüber er eine Erklärung verlangte.“ „Das iſt echt ſpaniſch und ſieht ihm ganz gleich. Sieh, wie er dort hin wandelt, das lange ſpaniſche Rohr haltend wie einen Stoßdegen, den Mantel umgeworfen wie ein Hidalgo.“ „Ich habe mit ſolchen Leuten nicht gern zu thun,“ ver⸗ ſetzte George von Breda. „Und doch verſichere ich dich, es iſt ſchade um dieſen Menſchen; er iſt, wie ich dir ſchon vorhin ſagte, ein zuver⸗ Vor dem Spielwaarenladen. 43 läſſiger und ſehr anſtändiger Charakter. Ich fürchte nur, er wird an ſeinen Grillen zu Grunde gehen.“ „Meinetwegen.— Wohin fährſt du?“ „Nach meinem Hauſe, und das iſt auch ein Grund, warum ich halten ließ, als ich dich vorhin bemerkte. Du mußt mir den Gefallen thun, mich zu begleiten.“ George von Breda hatte die Hand auf den Schlag des Wagens gelegt und dachte einen Augenblick nach. Sollte er noch länger hier bleiben? Es hatte ihn nach der Begegnung mit dem langen Manne das richtige Gefühl überſchlichen, als ſei es unwürdig für ihn, hier einen Aufpaſſer zu machen, Was konnte es ihm am Ende auch nützen, wenn er länger da blieb? War Eugenie wirklich fähig, Wege zu gehen, welche für ſie ſo wenig paſſend waren, ſo hatte ſie auch ihre Maß⸗ regeln getroffen, um unerkannt zu bleiben. Dieſer Gedanke peinigte ihn ſo entſetzlich, daß er ſeine Finger krampfhaft in die weiche Polſterung des Wagens vergrub, wobei er aber nicht den faſt erſchreckten Blick bemerkte, welchen Graf Hel⸗ fenberg auf ihn warf. Ja, der Ort war ihm verhaßt, wo er ſich befand, die Gaſſe, durch welche er gekommen, gähnte ihn ſo dunkel, ſo trübſelig, ſo unheimlich an, das Geplätſcher des Waſſers aus dem Brunnen, neben dem er ſtand, ſchien ſcha⸗ denfroh über ihn zu lachen, und dazwiſchen tönte es in ſei⸗ nem Herzen immer und immer fort: Auch Eugenie, auch Eugenie! Haſtig riß der Baron den Wagenſchlag auf und warf ſich neben ſeinem Freunde in die Kiſſen, wobei er zu dieſem ſagte:„Führe mich, wohin du willſt.“ „Nach Hauſe!“ rief Graf Helfenberg dem Kutſcher zu, und der Wagen rollte dahin. 44 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. „Es thut mir leid,“ ſagte der Graf nach einer Pauſe zu ſeinem Nachbar,„daß du, wie ich ſehe, verdrießlich biſt; ich hatte vor, dich um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.“ „Um was du willſt,“ verſetzte Herr von Breda.„Da ich aber allerdings einigermaßen verdrießlich bin, ſo wirſt du nicht von mir verlangen, daß ich mit dir lachen oder tanzen ſoll.“ „Im Gegentheil, es handelt ſich um ein ernſtes Ge⸗ ſchäft.“ „Dazu bin ich der Mann.“ „Und du haſt eine Stunde für mich übrig?“ „Mehrere Stunden,“ erwiderte der Baron, und als er hinzu ſetzte:„ich wüßte nichts, was mich in dieſem Augen⸗ blicke nach Hauſe zöge,“ fühlte er ein tiefes, ſchneidendes Weh in ſeinem Herzen. Sie hatten das Palais des Grafen Helfenberg erreicht; ein Lakai öffnete den Schlag, während der dicke Portier in beſter Haltung unter der Glasthür ſtand. Dieſe Glasthür wurde übrigens in letzter Zeit nicht mehr ſo ängſtlich ver⸗ ſchloſſen gehalten, wie das früher der Fall geweſen war; ſie ließ ungehindert die Bekannten des Grafen aus und ein gehen, ebenſo die warme Luft des anbrechenden Frühlings, welche das weite, kalte Treppenhaus erobert hatte; ein paar Streifen hellen Sonnenlichts beglänzten die alten Ritter deſſelben. Oben an der Treppe empfing der Kammerdiener die bei⸗ den Herren und öffnete voranſchreitend die Thüren, nachdem er dem Grafen zugeflüſtert, daß Baron Fremont und Herr von Tondern im Schreibzimmer warteten. So war es auch. Dieſe beiden würdigen Herren hatten Vor dem Spielwaarenladen. 45 es ſich bequem gemacht; Tondern ruhte auf einem Fauteuil, in welchem er lang ausgeſtreckt war, hatte den Kopf hinten⸗ über gelegt und blickte ſinnend den blauen Rauchwolken nach, die er der vortrefflichen Cigarre des Hausherrn ent⸗ lockte. Fremont ſaß in einem Lehnſtuhl und blätterte in einem Journale, das er vom Tiſche genommen; doch ſchien er nicht darin zu leſen, wenigſtens nicht im gegenwärtigen Augenblicke, ſondern er rollte das Heft, zuſammen, hielt es unter ſein Kinn und ſprach:„Du magſt mich ſo viel be⸗ ruhigen, wie du willſt, ſo habe ich doch eine Ahnung, daß wir mit dieſem Czrabowski ein ſchlechtes Geſchäft gemacht haben.“ „Bah! du ſiehſt immer Geſpenſter,“ verſetzte der Andere; ich bin das an dir gewohnt. Auch ich ſchenke dem Polen wahrhaftig kein übermäßiges Zutrauen; aber was hätte er davon, uns einen Streich zu ſpielen? Der Art Menſchen ſehen nur auf den Gewinnſt, der für ſie bei irgend einem Geſchäfte heraus ſpringt.“ Fremont ſchüttelte ärgerlich mit dem Kopfe und wollte etwas erwidern, doch ließ ihn ſein Freund nicht zum Worte kommen, ſondern fuhr fort, mit großer Ueberzeugung zu ſpre⸗ chen, wobei er gemeſſene Bewegungen mit der Hand machte, in welcher er die Cigarre hielt. „Ueberdies,“ ſagte er,„iſt das Geſchäft, welches der Pole mit uns abgeſchloſſen, im Augenblicke Nebenſache für ihn; er will ein junges Mädchen heirathen von ganz anſtändiger Familie und ſich auf dieſe Art eine ſorgenfreie Zukunft ſichern. — Obendrein iſt es ein hübſches Mädchen— o, er iſt nicht ſo ganz dumm, dieſer edle Polake.— Wenn du alſo—“ „Du hörſt dich wieder einmal gern ſprechen,“ unterbrach 46 Zweiunndfünfzigſtes Kapitel. ihn Fremont ärgerlich,„und wenn du ſo mit der allergrößten Sicherheit und Gewißheit perorirſt, ſo ſollte man glauben, du habeſt dich in deinem ganzen Leben noch nicht geirrt. Und doch—“ ſetzte er hinzu, endete aber dieſen Satz mit einem großen Seufzer. „Was willſt du denn eigentlich?“ fragte Tondern, wobei er den Kopf ſo weit herum bog, daß er zu ſeinem Freunde hinüber blinzeln konnte.„Wenn ich dir ſage: wir ſind des Polen ſicher, ſo kannſt du es mir glauben; ich habe Lebens⸗ erfahrung genug, um ſo einen Kerl zu beurtheilen.“ „Dein Pole genirt mich weniger!“ rief ungeduldig der Baron.„Mir liegt etwas Anderes auf der Seele; aber du läſſeſt Einen ja nie zu Worte kommen. Ich ſagte vorhin, mich quäle eine Ahnung, als hätten wir mit Czrabowski ein ſchlech⸗ tes Geſchäft gemacht.“ „Nun?“ „Dabei will ich dieſen Menſchen nicht verdächtigen; er kann vielleicht gegen uns redlicher handeln, als es ſonſt ſeine Gewohnheit iſt, aber— mir gefällt Helfenberg nicht, oder eigentlich er gefällt mir zu gut.“ „Wie?“ „Spare dein Nun und Wie; was ich denke und fühle, darüber haſt du auch ſchon nachgedacht. Du mußt mir nicht weis machen wollen, daß dem nicht ſo iſt; ich fürchte, ich habe mich da in etwas eingelaſſen, das mir mein ſchönes Geld koſtet und mich am Ende noch gar ridicul macht. Dann aber verſtehe ich keinen Spaß, Tondern, darauf kannſt du dich verlaſſen.“ Ein verächtliches Lächeln zeigte ſich auf den Zügen des Angeredeten, machte aber gleich darauf einem finſteren Aus⸗ Vor dem Spielwaarenladen. 47 drucke Platz, der ſich jedoch bald wieder in das gewöhnliche gleichgültige Geſicht des Herrn von Tondern verwandelte, als er ſich gegen ſeinen Freund wandte und dieſem zur Antwort gab:„So ruhig und beſonnen du zu ſein ſcheinſt, ſo gehen deine Gedanken in Wahrheit doch immer mit dir oben hin⸗ aus. Du brauchſt dich nicht deutlicher zu erklären; ich weiß ganz genau, worauf du losſteuerſt, finde es aber von dir unverantwortlich, dem armen Grafen das letzte Aufflackern ſeiner Lebenskraft zu mißgönnen. Es iſt das auf Ehre, im höchſten Grade undankbar von dir. Helfenberg iſt im Begriff, dir zu einer ſchönen und liebenswürdigen Frau zu verhelfen, wobei du als Ausſteuer eine der prachtvollſten Beſitzungen des Landes erhältſt, und du mißgönnſt es ihm, daß er ſich in den letzten Tagen ſeines Lebens etwas beſſer befindet. Pfui Teufel, Fremont, das hätte ich nicht von dir erwartet! — Spar' deine Gegenreden, glaube mir, du irrſt dich, der arme Graf iſt übler daran als je. Sage mir lieber, was du in den letzten Tagen in unſerer großen Angelegenheit gethan, ob du Fortſchritte in der Gunſt Eugeniens gemacht und wie dich Frau von Braachen aufgenommen.“ Der Baron murmelte unwillig etwas in ſich hinein und ſchien Luſt zu haben, das Geſpräch von ſo eben fortzuſetzen; da er aber die erhobene Hand ſeines Freundes ſah, bereit, in dieſem Falle abwehrende Bewegungen zu machen, ſo fügte er ſich, wenngleich empört, in das Joch, das er ſich ſelbſt aufer⸗ legt, und ſagte, indem er die Worte heftig herausſtieß:„Was Frau von Braachen anbelangt, ſo bin ich ihr höchſt willkom⸗ men, das kann ich dich verſichern; aber das Mädchen iſt ein lächerlicher Fratz, bei dem es ſich wahrhaftig der Mühe nicht verlohnt, die man ſich um ſie gibt.“ Zweiundfünfzigſtes Kapitel.— Vor dem Spielwaarenladen. 48 „Ja, ſie iſt kalt,“ ſprach Tondern,„hochfahrend, eigenſin⸗ nig, übermüthig,— aber ſchön,“ ſetzte er boshaft lächelnd hinzu, „ſehr ſchön, ein ſeltener Geiſt und kann über alle Begriffe liebenswürdig ſein. Eine ſolche Eroberung wiegt hundert an⸗ dere auf, nicht zu gedenken, daß in ihrer kleinen Hand das wunderbare Stromberg ruht.“ „Wenn du mir glauben wollteſt,—“ entgegnete Fremont kleinlaut mit einem tiefen Seufzer. „Was ſoll ich dir glauben? Graf Helfenberg iſt ein kranker, verlorener Menſch; das glaube mir.“ „Stille, Tondern! dort kommt dein kranker, verlorener Menſch.“ Und wirklich hörte man in dieſem Augenblicke ſich von draußen Schritte nähern, und eine klangvolle Stimme, welche den Refrain eines luſtigen Liedes ſang. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Die letzte Roſe. Die Thür öffnete ſich, und George von Breda trat mit dem Hausherrn ein. Fremont erhob ſich von ſeinem Stuhle, nicht ſo Tondern, der ſich noch länger ausſtreckte, als bisher, und laut gähnte. „Verzeiht mir, daß ich habe warten laſſen,“ ſagte Graf Helfenberg;„ich wäre aber zur Zeit da geweſen, wenn ich mich nicht hätte unterwegs aufhalten müſſen, um dieſen theuren George aufzuleſen, den mich ein glückliches Ungefähr finden ließ.“ „Doktor Flecker!“ meldete der eintretende Kammerdiener. „Iſt mir ſehr willkommen,“ ſprach der Hausherr, und als hierauf der kleine Armenarzt eintrat, ging er demſelben entgegen und reichte ihm mit einem vielſagenden Blicke die Hand. Hinter dem Doktor war indeſſen noch eine andere Figur Hackländer, Don Quixote. V 4 —— 8 4 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. ins Zimmer geeilt, der bewegliche Legationsrath von S., welcher, dem Hausherrn ſeine Rechte reichend, eilig wie im⸗ mer ſagte:„Ich habe Ihren Brief erhalten, lieber Graf, und eine wichtige Sitzung geſchwänzt, um hieher zu kommen. Möge es Seine Excellenz, unſer Gewaltiger, mir nicht ge⸗ legentlich ins Wachs drücken! Ah, bon jour, Breda! wie geht dir's?— Sieh da, Fremont und Tondern, die Unzer⸗ trennlichen. Ich verſichere euch, Oreſtes und Pylades waren gegen euch ein paar unverträgliche, zänkiſche Kerle.— Das nenne ich Freundſchaft!“ Er war bei dieſen Worten ſchon wieder in die Mitte des Zimmers zurück geeilt, wandte aber plötzlich wieder um und tänzelte an den Stuhl zurück, auf dem Fremont ſaß, wobei er die Hände unter ſeine Rock⸗ ſchöße ſteckte und freundlich ſprach:„Apropos, Fremont, man kann dir ja—*— Weiter aber brachte er ſeinen Satz nicht, denn Tondern warf ſeinen Fauteuil ſo heftig herum, daß er mit den Fuß⸗ ſpitzen die Schienbeine des Sprechers berührte und dieſem dabei mit einem höchſt unwilligen Geſichtsausdrucke einen verſtändlichen Wink gab. Der Legationsrath wandte plötzlich wieder um und ſchoß in die Mitte des Zimmers zurück, wo er dem Dolktor Flecker ſein Compliment machte, der einige gleichgültige Worte mit George von Breda ſprach. Fremont huſtete leiſe, aber ſo auffallend, daß Herr von Tondern ihm den Kopf zuwandte, worauf Jener ein Zeichen mit den Augen machte, welches Dieſer mit einem Achſelzucken und einem gleichgültig ſein ſollenden Geſichte beantwortete. In Wahrheit aber blitzten ſeine Augen lebhaft, und er blickte aufmerkſam auf den Hausherrn, der dem Kammerdiener ein Die letzte Roſe. 51 paar Worte ſagte, und darauf zu der Gruppe in der Mitte des Zimmers trat. „Du!“ ſagte Fremont flüſternd. „Was ſolls?“ „Das gefällt mir ganz und gar nicht.“ „Was denn?“ „Die Einladung des Grafen an uns, um dieſe Stunde hier zu erſcheinen.“ „Aus welchem Grunde mißfällt dir das?“ fragte Ton⸗ dern, wobei ſeine Blicke aber unruhig nach der Mitte des Zimmers ſchweiften. „Wir Beide ſind da,“ fuhr der Baron mit leiſer Stimme fort,„George von Breda, der Legationsrath, der kleine Doktor, gerade wie an jenem Abend; es fehlt nur noch—“ „Der Herr Rechtsconſulent Doktor Plager!“ ſagte der Kammerdiener, indem er die Thür weit öffnete, und der An⸗ gemeldete mit der unvermeidlichen weißen Halsbinde, die er bei feierlichen Gelegenheiten trug, trat mit einer tiefen Ver⸗ beugung ins Zimmer. „Tondern—“ „Laß mich jetzt ins Teufels Namen!“ gab dieſer flüſternd, aber ſehr verſtändlich zur Antwort. Dann ſprang er von ſeinem Fauteuil in die Höhe und begab ſich ebenfalls in die Mitte des Zimmers. Baron Fremont folgte mit einem etwas bleichen Geſichte. Graf Helfenberg hatte den Rechtsconſulenten freundlich bewillkommt und ſchaute nun heiter die guten Freunde an, welche ihn umgaben.„Es iſt zum zweiten Male,“ ſagte er, „daß ich von euch einen Dienſt in der gleichen Angelegenheit verlange, der aber noch müheloſer iſt, da es ſich nicht einmal 52 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. wie damals um eure Namensunterſchrift handelt, ſondern nur um eine kleine Viertelſtunde Gehör für Herrn Doktor Plager, meinen Geſchäftsmann.“ Er machte bei dieſen Worten eine Handbewegung gegen den Rechtsconſulenten, welche dieſer mit einem ehrfurchtsvollen Compliment rings umher beantwortete, worauf der Graf hinzuſetzte:„Bitte, einen Augenblick Platz zu nehmen.“ Der Kammerdiener hatte mit einem Lakaien einige Stühle und Fauteuils im Kreiſe geſtellt, welche aber von keinem der Anweſenden benutzt wurden. Der Hausherr trat etwas zurück und lehnte ſich mit der Hand an eine Seite des Kamines; das Gleiche that George von Breda auf der anderen Seite. Der Legationsrath um⸗ ſchlich den Kreis der Stühle, auf den Zehen ſchreitend, auf⸗ merkſam lauſchend, wie der Schäferhund ſeine Heerde, und ebenfalls wie dieſer, wenn das möglich geweſen wäre, mit ge⸗ ſpitzten Ohren. Tondern, dem es mit einem Male klar wurde, worauf dieſe Verhandlung ziele, hatte einen Augenblick gute Luſt, in auffallender Weiſe das Zimmer zu verlaſſen; doch bedachte er ſich eines Beſſeren, trat an den Schreibtiſch und flüſterte mit etwas verſtörten Geſichtszügen dem erſchrockenen Fremont zu: „Du haſt Recht— das iſt eine Teufelei! Laß dir aber um Gottes willen nichts merken!“ „Darin gehſt du mir mit ſchlechtem Beiſpiel voran,“ ant⸗ wortete der Baron in kläglichem Tone.„Du ziehſt ſelbſt eine Grimaſſe, wie ein armer Sünder; wirf nur einmal einen Blick in den Spiegel, und dann faſſe dich. Ich müßte mich ſehr irren, wenn Helfenberg und nicht minder dieſer verfluchte kleine Doktor zuweilen lauernde Blicke auf uns werfen.“ Die letzte Roſe. 53 Der Rechtsconſulent hatte unterdeſſen ein bekanntes Cou⸗ vert aus der Taſche gezogen, mit ſieben Siegeln verſehen, welches er emporhielt, um die Anweſenden ſich überzeugen zu laſſen, daß ſämmtliche ſieben Siegel unverletzt ſeien. Dann legte er das Couvert auf einen kleinen Tiſch, den der Kam⸗ merdiener vor ihn hingeſchoben, und zog ein anderes zuſam⸗ mengefaltetes Papier aus der Taſche. „Sollte es ſich vielleicht um ein Codicill handeln?“ fragte Fremont ſeinen Nachbar mit tonloſer Stimme. „Um den Teufel wird es ſich handeln!“ entgegnete dieſer. „Gib nur Achtung.“ Dann trat er ein paar Schritte vor, legte die Hände auf dem Rücken zuſammen und ſtellte ſich mit geſpreizten Beinen dem Hausherrn gerade gegenüber. Doktor Plager war mit einem ernſten und feierlichen Ge⸗ ſichtsausdruck in die Tiefe ſeiner Halsbinde hinabgetaucht, während er langſam das Papier, welches er in den Händen hielt, entfaltete. Jetzt erhob ſich ſein Geſicht wieder und nahm, wie es über den Rand der Cravatte emporſtieg, einen freund⸗ lichen und lächelnden Ausdruck an. Man ſah deutlich: er hatte etwas Angenehmes zu verkünden. Darauf las er:„Nach⸗ dem Seine Erlaucht, der hier gegenwärtige Graf Hugo Helfen⸗ berg, vor einiger Zeit den Unterzeichneten erſucht, ſeinen letz⸗ ten Willen in Geſtalt eines Teſtamentes in myſtiſcher Form aufzunehmen und vor den hier anweſenden Herren, welche bei dieſem Akt als Zeugen dienten, zu beglaubigen und zu verſie⸗ geln, wurde beſagtes Teſtament bei dem betreffenden Gerichte bis heute deponirt, wo mich, den Unterzeichneten, ein Befehl Seiner Erlaucht beauftragte, das Teſtament zurückzuziehen, um es dem Willen des Herrn Grafen gemäß vor den Augen der anweſenden Herren zu vernichten.“ 54 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Buaron Fremont zuckte etwas zuſammen, wogegen Tondern jetzt feſt da ſtand in unerſchütterlicher Ruhe, mit einem freund⸗ lichen Lächeln auf ſeinen Zügen, welches eine Erklärung er⸗ hielt durch eine Handbewegung, mit der er dem Grafen wie gratulirend zuwinkte. „Ja, vollſtändig zu vernichten,“ wiederholte der Rechts⸗ conſulent, nachdem er ſich mit unverkennbarer Rührung rings im Kreiſe umgeſchaut,„was demnach hiermit vor Aller Augen geſchehen ſoll.“ Er nahm eine große Scheere zur Hand, die der Kammer⸗ diener zugleich mit einem brennenden Wachslichte auf einer ſilbernen Schale vor ihn hingeſtellt, ſchnitt das verſiegelte Teſtament in mehrere Stücke, von denen er jedes einzeln an dem Lichte anzündete, ehe er es in die Schale warf. Darauf faltete er ſeine Hände und blickte mit hoch emporgehobenen Augenbrauen nachſinnend in die aufzüngelnden Flammen. Auch Graf Helfenberg ſchaute wie träumend in die Gluth, die hoch emporflackerte, dann aber ſchnell in ſich zuſammen⸗ ſank. Ein tiefer Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt, worauf er ſich raſch gegen George von Breda wandte, ihm beide Hände auf die Schultern legte und den ernſt, faſt finſter blickenden Mann mit einem unausſprechlich innigen Ausdrucke eine kleine Weile betrachtete. „Da brennen Stromberg und unſere Legate,“ flüſterte Herr von Tondern dem faſt zuſammen knickenden Fremont zu; naber aus den Flammen, die dort eben gelodert und mir allerlei beleuchtet, ging mir ein abſonderlich klares Licht auf; nur wer ſelbſt ſeine Partie aufgibt, hat ſie verloren.“ Nach dieſen Worten drängte er ſich raſch vor, reichte dem Grafen ſeine Hand und ſagte ihm ſo herzliche Worte über die Die letzte Roſe. 55 angenehme Fortſetzung des traurigen Teſtaments⸗Aktes, daß jeder, der ſie hörte, hätte glauben ſollen, es freue ſich Niemand ſo darüber, wie gerade Herr von Tondern. Auch der Legationsrath hüpfte gratulirend auf den Haus⸗ herrn zu, und endlich auch Fremont mit einem erträglich freundlichen Geſichte. Der dicke Baron konnte ſich nicht ſo verſtellen, wie ſein guter Freund, und er wandte ſich deßhalb auch ſo bald wie möglich von dem Kamine nach dem Schreib⸗ tiſche zurück, wo er gedankenvoll in die ſonnbeglänzte lachende Ferne hinausblickte. „Vielleicht habe ich voreilig gehandelt,“ ſprach Graf Helfen⸗ berg, nachdem er die herzlichen Glückwünſche ſeiner Freunde herzlich erwidert.„Aber in dieſem Falle ſchiebe ich alle Schuld auf unſeren guten Doktor, wie ihm nach dem barm⸗ herzigen Gott im anderen Falle auch alles Verdienſt an dieſer Aenderung meiner gewiß troſtloſen Lage zukommt. Auf ſeine Verantwortung habe ich beſchloſſen, jenes Teſtament zu ver⸗ nichten, da er mir in einer glückſeligen Stunde die Hoffnung auf ein längeres Leben wiedergegeben.“ Hier hielt es der Rechtsconſulent für paſſend, das Wort zu Beſchließung dieſes Aktes abermals zu ergreifen, weßhalb er von ſeinem Papier herunter las:„Daß die Vernichtung des fraglichen Teſtamentes auf Befehl Seiner Erlaucht ge⸗ ſchehen, beurkundet Herr Graf Hugo Helfenberg durch ſeine eigenhändige Unterſchrift, und iſt darüber gegenwärtige Ur⸗ kunde entworfen und auch von mir unterzeichnet worden.“ Nachdem dies alſo geſchehen, blieben die Freunde des Hausherrn nur noch ſehr kurze Zeit bei einander. George von Breda, der ziemlich theilnahmlos und offenbar mit anderen Gedanken beſchäftigt an dem Kamin gelehnt, nahm ſeinen Hut 8 3 3 3 3 56 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. und empfahl ſich zuerſt. Ihm folgte der kleine Armenarzt und der eilige Legationsrath von S., der die Hoffnung aus⸗ ſprach, noch den Schluß ſeiner wichtigen Sitzung genießen zu können. Baron Fremont und Herr von Tondern verabſchiedeten ſich mit dem Rechtsconſulenten zuletzt und ſtiegen, von dieſem gefolgt, ſchweigend die breiten Marmortreppen hinab. Unter dem Thorbogen angekommen, faltete Baron Fremont die Hände und blickte ſeinen Freund mit einem ſeltſamen Geſichtsausdruck an. Es war eine Miſchung von Zorn und Ueberraſchung, welche ſich auf ſeinen Zügen gelagert hatte; dabei zwinkerte er mit den Augen, wie er nur in ſehr ſeltenen Fällen zu thun pflegte, wenn ſein Phlegma ſich zu einem Zornausbruche bewegen ließ; er biß die Lippen auf einander und wollte ge⸗ rade ſeinem Unmuthe in heftigen und lauten Worten Luft machen, als ihm der immer beſonnene Tondern ruhig die Hand auf den Arm legte und dabei ſagte:„Gib dem da hinter uns kein Schauſpiel; du wirſt nachher Zeit genug finden, dich aus⸗ zulaſſen.“ Bei dieſen Worten trat Baron Fremont ſelbſt etwas auf die Seite, damit der Rechtsconſulent bei ihm vorbeigehen könnte, und faßte auf die ſehr verbindliche Verbeugung deſſelben mit zwei Fingern leicht an den Nand ſeines Hutes. Herr Doktor Plager aber, anſtatt vorüber zu ſchreiten, machte eine Vier⸗ telswendung gegen Herrn von Tondern und erſuchte ihn um die Vergünſtigung, gefälligſt zwei Worte von ihm anhören zu wollen. Fremont trat augenblicklich einen Schritt von ſeinem Freunde weg, worauf dieſer mit ſehr hoch erhobener Naſe und herabgeſenkten Augenlidern vor dem Advokaten mit einem nachläſſigen„Was beliebt?“ ſtehen blieb. Die letzte Roſe. 57 „Ich wollte mir nur erlauben, den Herrn von Tondern zu fragen,“ ſprach der Rechtsconſulent demüthig,„zu welcher Stunde in den nächſten Tagen ich dem gnädigen Herrn zu einer kleinen Unterredung nicht unpaſſend käme. Es handelt ſich um ein paar kleine Papiere, die ich in Händen habe und zu deren Berichtigung oder einem anderweitigen Arrangement wohl die höchſte Zeit wäre.“ „Das erſcheint Ihnen heute mit einem Mal ſo dringend?“ erwiderte Herr von Tondern mit finſterem Blick;„heute, jetzt, nachdem Sie droben den fatalen Akt vollzogen? Ah, ich ver⸗ ſtehe Sie ſchon; Sie haben ſich ſeit vorgeſtern ſtark ge⸗ ändert.“ „Es iſt mir ſehr lieb, wenn mich Euer Gnaden voll⸗ kommen verſtehen; es iſt leider wahr, wir und die Zeiten ändern uns.— Wann darf ich Euer Gnaden beläſtigen?“ „Wann Sie wollen,“ entgegnete der Andere in ſehr hoch⸗ müthigem Tone;„nur nicht zu früh und nicht zu ſpät.“— Er wandte dem Rechtsconſulenten den Rücken und trat zu Fremont, um mit dieſem nach Hauſe zu gehen. Herr Doktor Plager ſchritt ebenfalls von dannen, aber wie in tiefe Gedanken verſunken, ſo außerordentlich langſam, daß er eine Aeußerung Baron Fremont's hören mußte, eine Aeußerung, die den Rechtsconſulenten ſehr unangenehm be⸗ rührte. Der Baron ſagte nämlich:„Nun gut, ich will mich mäßigen; ich will über dieſe verfluchte Geſchichte hier auf der Straße kein Wort verlieren. Aber Eins laß mich ſagen; ich könnte daran erſticken, wenn ich es bei mir behielte: Dieſer elende Pole, dieſer Czrabowski hat uns verrathen. O, wenn ich dieſen Kerl vergiften könnte! Gib mir wenigſtens zu, ———. 1 —— 58 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Tondern, daß dies einer der niederträchtigſten Schufte iſt, die ungehenkt umherlaufen.“ „Zugeſtanden,“ verſetzte Tondern,„aber ſei ruhig, dieſer Kerl entgeht mir nicht.“ So ſprachen die Beiden von dem Herrn Grafen Czra⸗ bowski, künftigem Schwager des Rechtsconſulenten Doktor Plager, was dieſem Letzteren Einiges zu denken gab.—— George von Breda hatte langſam das Palais des Grafen Helfenberg verlaſſen und war ſo mit ſeinen Gedanken be⸗ ſchäftigt, daß er den überaus freundlichen Gruß des dicken, Portiers nicht einmal wahrnahm, ja, daß er vor dem Hauſe einen falſchen Weg einſchlug, einen Weg, der ihn von ſeiner Wohnung noch weiter abgeführt hätte, und doch wollte er dorthin zurück, da es an der Zeit war, wo man ihn zum Diner erwartete. Als er ſeinen Irrthum gewahr wurde, lä⸗ chelte er ſtill in ſich hinein und dachte: Es wäre am Ende beſſer, wenn ich jetzt nicht nach Hauſe zurückkehrte; ich fürchte, nicht ruhig genug zu ſein, um ihren Anblick ertragen zu kön⸗ nen, ohne in Vorwürfe, ja, in Klagen auszubrechen, was beides ebenſo nutzlos als lächerlich wäre. Und doch, fuhr er ſtrenger fort, was ich ernſtlich gewollt, habe ich immer noch durchgeſetzt, und es ſoll und muß mir auch dieſes Mal gelingen, nichts von dem Sturme zu verrathen, der mein Herz bewegt und martert. Obgleich er nicht ſehr raſch ging, erreichte er doch ſein Haus in unglaublich kurzer Zeit. So kam es ihm wenig⸗ ſtens vor; ja, wenn er noch ſo langſam dahinſchritt, ſo ſchien es ihm, als verkürze ſich der Weg von ſelber, Und er ging ſehr langſam, als er die Bäume ſah, die ſein Haus um⸗ gaben, als er jetzt das Dach deſſelben erblickte und die Die letzte Roſe. 59 glänzende Glasdecke des Wintergartens, von welcher die Strahlen der ſinkenden Sonne wie in lodernden Flammen abprallten.— Jetzt hatte er den kleinen Garten erreicht, jetzt betrat er das Glashaus, und als er die Thür öffnete, lauſchte er an⸗ geſtrengt, ob er nicht ihre helle Stimme vernehme, die ſo oft, ſo ſehr oft durch dieſe Räume geklungen war, wenn Eugenie ihn erwartend auf der kleinen Bank ſaß, die ſich in der Laube hinter dem Springbrunnen befand.— Alles war ruhig und ſtill, nur das Waſſer plätſcherte einförmig, melancholiſch; ſein Fuß betrat den kniſternden Sand der verſchlungenen Wege, und nachdem er ein paar Schritte gemacht, blieb er horchend ſtehen. Wenn es ihm auch noch vor kurzer Zeit peinlich erſchienen war, das junge Mädchen wieder zu ſehen, ſo ſehnte er ſich doch jetzt nach ihrem An⸗ blicke. Er hätte viel, ſehr viel darum gegeben, wenn ſie ihm jetzt— wie ſonſt ſo oft— entgegen geeilt wäre, heiter, un⸗ befangen, lachend, wenn er ihren luſtigen Ruf vernommen hätte:„Onkel George, biſt du da?— Onkel George, du kommſt ſehr ſpät!“ Aber er vernahm nichts dergleichen; ringsum war Alles ruhig und ſtill, nur das niederſtürzende Waſſer machte einen faſt unausſtehlichen Lärmen— ja, unausſtehlich; denn er bildete ſich ein, es ſei ihm wohl wegen dieſes Geräuſches nicht mög⸗ lich, den leichten Tritt ihres Fußes zu vernehmen, wenn ſie ihm vielleicht ſchweigend entgegen eile. Vor dem Roſenbäumchen, deſſen Knospe er vorhin ge⸗ nommen, nachdem ſie mit ihren Fingern leicht darüber ge⸗ ſtreift, blieb er einen Augenblick ſtehen, und wieder kam ihm der Gedanke von vorhin, als ſei ſie zum letzten Male hier — —q· 60 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. gewandelt, als ſei es, ihr wohl ſelbſt unbewußt, der Abſchieds⸗ gruß geweſen für alle die lieben Blüthen und Blumen, da ſie mit der Hand dieſe Roſe berührte. Dann aber ärgerte er ſich über ſeine weiche Stimmung, und Schmerz und Groll erfüllten ſeine Bruſt. Sie wird mir heute nicht entgegenkommen, ſprach er zu ſich ſelber mit einem traurigen Lächeln. Ahl ſie weiß, warum, und wenn ich es genau überlege, ſo muß ich ſie noch darum achten, daß ſie nicht kommt. Heuchelei iſt alsdann doch dieſem ſtarren Charakter fremd.— Aber daß ſie nicht kommt, iſt mir ein Zeichen ihrer Schuld; ſie ſcheut meinen Anblick. Nun gut, wir werden uns drinnen wieder ſehen, und an dem Blick deiner Augen will ich erkennen, ob ich Recht oder Unrecht hatte. Der Baron machte wieder ein paar Schritte, dann blieb er abermals ſtehen und zog ſeine Uhr hervor. Es iſt wohl noch früh, dachte er; man erwartet dich noch nicht. Ja, ja, ſo wird es ſein.— Aber es war nicht ſo, die unerbittliche Uhr zeigte ſchon eine Viertelſtunde nach Fünf.— Vielleicht bin ich auch, fuhr er nach einer Pauſe fort, gegen meine Gewohnheit ſehr leiſe und unhörbar in das Gewächshaus eingetreten. Ja, ſo muß es ſein.— Und als er das gedacht, kehrte er wieder um, öffnete noch einmal die Glasthür und warf ſie hinter ſich laut ſchallend ins Schloß. Das hohe Ge⸗ wölbe des Wintergartens gab den Ton der zufallenden Thür laut hallend wieder, worauf George von Breda athemlos lauſchend ſtehen blieb. Aber Alles blieb ſtill wie vorher; nichts regte ſich, nichts war hörbar, als der geſchwätzige Strahl des Springbrunnens; er vernahm keinen Geſang, keinen heiteren Ruf:„Onkel George! Onkel George!“ keinen Schall ihrer Fußtritte.—— Die letzte Roſe. 61 ——„Ich Thor!“ rief er jetzt überwältigt aus;„wie kann ich ſo verblendet ſein und an das Wahre der Geſchichte zuletzt denken! Sie wird noch nicht zu Hauſe ſein. O,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu,„es muß ſie Intereſſantes feſſeln, wo ſie ſich eben befindet; ja, ja, das iſt es. Was kümmert ſie die Ordnung des Hauſes, die Stunde, wo ich zurückkehre?— Die Zeiten ſind vorbei! Gut, es ſei darum!“ Er that noch einen tiefen Athemzug und ſchritt dann raſch dem Eßzimmer zu. Wie ſchmerzlich berührte es ihn aber, als er jetzt vor ſich die kleine Terraſſe ſah, wo Eugenie ſo oft ſtand und auf ihn wartete, von wo ſie ihm neckiſch zurief und ihn ausſchalt, daß er ſo ſpät komme! Was hätte er jetzt um ihre Vorwürfe gegeben!— Aber ſie war auch dort nicht, auch von dort her vernahm er nicht ihre liebe, helle Stimme; er ſah auch nicht ihre ſchöne Geſtalt, ihr glän⸗ zendes Auge. So gut es ihm möglich war, ſuchte er ſeine Faſſung zu gewinnen, und betrat äußerlich ruhig den Eßſalon. Der Tiſch war gedeckt; es ſtanden da drei Couverts wie gewöhnlich; aber Eugenie fehlte; die Baronin war da, aber gegen ihre Ge⸗ wohnheit ſaß ſie nicht mit ihrem Buche beſchäftigt in dem kleinen Fauteuil, ſondern ging mit ungewöhnlich haſtigen Schritten in dem Zimmer auf und ab; auch ſah ſie etwas bleich aus, und als Herr von Breda eintrat, ſagte ſie zu dem Jäger Brenner, der an der Thür ſtand, welche in das Wohn⸗ haus führte:„Es iſt gut, bringen Sie die Suppe.“ Der Baron legte ſeinen Hut auf den Nebentiſch, und ſprach, indem er einen Blick auf die Uhr warf:„Ich bitte um Enſchuldigung, daß ich eine Viertelſtunde zu ſpät komme; Graf Helfenberg traf mich auf der Straße, als ich hieher wollte, 62 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. und bat mich, ihm eine Gefälligkeit zu erzeigen. Ich halte es für meine Pflicht, dir dieſen Grund meines ſpäten Kommens zu ſagen; denn ich weiß ſelbſt, wie unangenehm es iſt, auf ſich warten zu laſſen.“ „Es iſt wahr, fünf Uhr iſt vorüber,“ antwortete die Baronin, nachdem ſie ebenfalls die Uhr angeſchaut.„Ich hätte es in der That nicht einmal bemerkt, denn du biſt gewöhnlich von einer Pünktlichkeit, die uns äde an dem Schlage der Uhr irre werden läßt.“ Sie ſprach das zu dem Baron mit einer freundlichen Miene, doch bemerkte ſein ſcharfes Auge, daß ſie ſich zwang, heiter zu ſcheinen. Früher wäre ſeine erſte Frage nach Eu⸗ genien geweſen; jetzt fürchtete er ſich, ſie zu thun; er ſchob ſeiner Frau den Stuhl etwas vom Tiſche zurück, und als dieſe ſich niedergelaſſen, ſetzte er ſich auch. Der Jäger brachte die Suppe, die Baronin legte für zwei Couverts vor, und ſelbſt beim Anblick des leeren dritten Tellers wagte es Herr von Breda nicht, nach Eugenien zu fragen, ſondern ſagte:„Es iſt wirklich wunderbar, wie ſich Helfenberg beſſer befindet; der kleine Doktor, den er ſo zufällig genommen, hat ein Meiſterſtück an ihm gemacht.“ „So, ſo?“ verſetzte die Baronin, nachdem ſie mit der Hand leicht ihre Stirn berührt, in einem Tone und mit einem Ausdrucke ihres Geſichtes, welcher offenbar anzeigte, daß ihre Gevanken mit etwas Anderem beſchäftigt waren. George von Breda that einen tiefen Athemzug; er huſtete leicht vor ſich hin, und wollte gerade einen Löffel Suppe nehmen, als er, wie ſich jetzt erſt an die Fehlende erinnernd, lebhaft fragte:„Wo iſt denn Eugenie? Warum fehlt ſie bei Tiſche, ſie, die ſonſt doch ſo pünktlich iſt?“ Die letzte Roſe. 63 Da war ſeine Frage heraus, und er beugte ſich tief auf den Teller hinab, um bei der Antwort, die er erwartete, ſein Geſicht nicht ſehen zu laſſen. Und doch hatte er ſich geirrt. Die Baronin führte ihr Taſchentuch leicht an den Mund, dann verſetzte ſie:„Eugenie iſt unwohl, ſie läßt ſich entſchuldigen; ſie hat ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen.“ Dieſe Worte drangen wie ein Dolchſtoß tief verletzend in ſein Herz, ſeine Faſſung war dahin; er richtete ſich haſtig auf und ſchaute ſeine Frau mit einem flammenden Blicke an. Schon wollten wilde, unerhörte Worte ſeinen Lippen entſtrömen, doch beſann er ſich glücklicher Weiſe eines Beſ⸗ ſeren, preßte heftig die Zähne auf einander und fragte nach einer Pauſe, als er die beſtürzten Züge der Baronin be⸗ „merkte:„Es iſt etwas vorgefallen, Julie; ich ſehe es an deinen Mienen. Ums Himmels willen, ſprich, was iſt's mit Eugenien?“ Frau von Breda zuckte mit den Achſeln, dann entgegnete ſie:„Beruhige dich, George: allerdings iſt etwas vorgefallen, und doch im Grunde wieder nichts. Es hat mich heute auch ein wenig alterirt; morgen werden wir vielleicht darüber lachen.“ „Und wo iſt Eugenie?“ „Wie ich dir ſagte, auf ihrem Zimmer; ſie iſt in der That unwohl.“ „Aber heute Morgen war ſie heiter und geſund!“ „Das war ſie.“ „Sie verließ das Haus vor Mittag.“ „Und kehrte vor einer ſtarken Stunde hieher zurück.“ 64 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. „Alterirt? unwohl?“ fragte der Baron mit einem leichten Beben der Stimme. „O nein, ſie kehrte heiter und ruhig zurück, wie ſie ge⸗ gangen war; etwas bleicher fand ich ſie allerdings.“ „Ah!“ „Sie ſagte mir, ſie ſei etwas ſchnell gegangen, da ſie ge⸗ fürchtet, zu lange von Hauſe wegzubleiben und mich dadurch in Unruhe zu verſetzen. Es iſt ein ſo gutes, liebes Geſchöpf, dieſes Mädchen.“ „Ja, das war ſie,“ ſprach Herr von Breda wie zu ſich ſelber.„Und wo war ſie?“ fragte er alsdann haſtig. Die Baronin antwortete lächelnd:„Sie hat einen Beſuch eigener Art gemacht; ſie hat es mir gleich geſagt, als ſie zu⸗ rück kam, und mich gebeten, es auch dir mitzutheilen.“ „Einen Beſuch eigener Art?“ wiederholte George in namenloſer Spannung.„Wen hat ſie beſucht? Bitte, Julie, es iſt mir intereſſant, das zu erfahren.“ „Sie hätte es vorher ſagen ſollen, aber ſie hat geglaubt, du würdeſt nicht gut dazu ſehen.“ „Vielleicht hätte ich Recht gehabt.— Wen hat ſie beſucht?“. „Es war eine Grille von dem Mädchen. Vitelleicht wirſt du dich einer Kammerfrau meiner Mutter erinnern, einer guten, treuen und ſehr braven Perſon. Sie war ſo unglücklich, durch einen Sturz aus dem Wagen gelähmt zu werden, weßhalb ſie den Dienſt verlaſſen mußte. Henriette und ich haben ſie früher einige Mal beſucht, und als Eu⸗ genie ein halbes Jahr alt war, ließ meine Schweſter das kleine Mädchen einmal zu der alten Kammerfrau bringen, um Die letzte Roſe. 65 was dieſe bat und worüber ſie eine außerordentliche Freude hatte.“ „Ah ſo!“ machte der Baron, und in ſein Herz zog ein Gefühl wie von innigem Danke für das Wiederfinden eines ſcheinbar Verlorenen. „Die alte Frau,“ fuhr die Baronin fort,„hatte ſich immer darnach geſehnt, Eugenie, von der ſie viel Gutes und Liebes gehört, wieder zu ſehen; anſtatt aber geradezu ihren Wunſch gegen uns oder gegen meine Schweſter auszuſprechen, wandte ſie ſich durch den alten Jäger Klaus direkt an Eugenie, und das gute Mädchen that jenen vielleicht unüberlegten Schritt, ohne dich oder mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Es hat ihr aber recht leid gethan, und ſie wird dir ihre Entſchuldigung machen.“ Der Jäger Brenner war eingetreten, um die Teller zu wechſeln, und blieb wartend hinter dem Stuhle des Barons ſtehen, welcher nun mit ſichtlichem Behagen einen Theil ſeiner kalt gewordenen Suppe aß. Allerdings, dachte er, hätte Eugenie ſagen können, daß ſie jenen Beſuch vor⸗ habe; hätte ich mir doch ſelbſt ein Vergnügen daraus ge⸗ macht, ſie dorthin zu begleiten. Aber ich weiß wohl, ſie hat ihren eigenen Sinn. Jetzt iſt mir Alles erklärlich; und daß ſie einen Wagen nahm, was mir ein Beweis ihrer Schuld ſchien, finde ich jetzt ſo begreiflich und danke ihr dafür. Sie konnte ja doch in jenem unbekannten Stadt⸗ viertel nicht zu Fuß gehen. O, ich fange an, mich wieder glücklich und zufrieden zu fühlen.—„Und dieſe Kammer⸗ frau,“ ſagte er zu ſeiner Frau,„wohnt ſie nicht in der Nähe des Blumenmarktes?“ Hackländer, Don Quixote. V. 5 Dreinndfünfzigſtes Kapitel. 66 &. Die Baronin blickte auf den Jäger Brenner, welcher mit dem Kopfe nickte. „Ja, ja, in der Nähe des Blumenmarktes,“ fuhr Herr von Breda fort,„dort in einer kleinen, unſcheinbaren Gaſſe.“ „So iſt es,“ ſagte die Baronin, nachdem ſie abermals den Jäger angeſchaut. „Ich möchte das Haus wiſſen,“ fuhr der Baron faſt heiter fort,„iſt nicht in ſeiner Nähe ein kleiner Spielwaaren⸗ Laden? Ja, ein Spielwaaren⸗Laden mit vielen Bären und Affen. Weißt du nicht, Julie, was es für ein Haus iſt?“ „Es iſt das Haus, wo meine Familie wohnt, gnädiger Herr,“ gab der Jäger Brenner mit ruhiger Stimme zur Antwort.„Die alte Kammerfrau, welche ſo glücklich war, Fräulein Eugenie ſehen zu dürfen, iſt die Mutter meiner Frau.“ „Ei, ei, Herr Brenner, was vermitteln wir in unſerem Hauſe für Sachen!“ ſprach der Baron lachend.„Wahrhaftig, jetzt erinnere ich mich, ſchon früher von der Kammerfrau unſerer hochverehrten Gräfin Eller, deiner Mutter,“ wandte er ſich wieder an ſeine Frau,„gehört zu haben. Sie wird meiner wohl noch gedenken.“ „O, ſehr oft, gnädiger Herr,“ erwiderte der Jäger,„und meine Schwiegermutter ſpricht gern von ihrer glücklichen Zeit auf Stromberg, wo ſie häufig Gelegenheit hatte, den Herrn Baron zu ſehen.“ „Jetzt erinnere ich mich deutlich; es war eine große Frau mit ernſten, ſchönen Augen; ſie hat uns oft gewehrt, wenn wir in unſeren Spielen gar zu unartig waren.— Ich muß ſie wieder ſehen, ich will mit ihr über die vergangenen glück⸗ lichen Zeiten auf Stromberg ſprechen.“ Die letzte Roſe. 67 „Ja, das waren glückliche Zeiten,“ ſagte Frau von Breda mit einem leichten Seufzer, worauf ſie dem Jäger einen Wink gab, der mit dem Service das Zimmer verließ. „Aber ſchelten muß man Eugenie doch ein wenig,“ meinte der Baron nach einem längeren Nachdenken.„Ein junges Mädchen muß vorſichtig ſein. Wenn nun Jemand ſie geſehen hätte! Wer kann es wiſſen, daß in dem finſteren Hauſe jener entlegenen Gaſſe eine Kammerfrau ihrer Groß⸗ mutter wohnt, die ſie beſucht!— Aber bei alle dem vergaß ich faſt,“ ſprach er, mit einem Male den Strom ſeiner Ge⸗ danken unterbrechend,„daß du mir geſagt, Eugenie ſei unwohl, ſie leide. Es iſt ihr doch nichts paſſirt, Julie? Du ſagteſt, ſie ſei heiter nach Hauſe zurückgekehrt und habe ſich alterirt. Doch hoffentlich nicht in meinem Hauſe?“ „Wie ich dir vorhin ſchon ſagte,“ verſetzte Frau von Breda,„werden wir vielleicht morgen über dieſe Geſchichte lachen. Beruhige dich, ich werde es dir nach Tiſch er⸗ zählen.“ „Aber ſie iſt nicht bedeutend krank?“ „Krank wohl nicht, aber ſie will Niemand ſehen.“ „Niemand ſehen? So kann ich mich ſpäter nicht nach ihrem Befinden erkundigen?“ „Es iſt viel beſſer, man läßt ſie allein. Du weißt wohl, George, das Mädchen hat einen eigenen Sinn, und ſo heiter und entſchloſſen ſie auch iſt, ſo iſt doch das Geringſte im Stande, ihr feines Gefühl ſchmerzlich zu berühren, ſie tief zu verletzen.“ „Du ſpannſt mich auf die Folter! Bitte, ſprich, was iſt geſchehen?“ 7 „Nach dem Eſſen, George.“ ————— Dreiundfünfzigſtes Kapitel. 68 „Gut denn, wenn du darauf beharrſt; aber ich kann dir verſichern, mir wird kein Biſſen ſchmecken. Und ſiehſt du,“ rief er laut, indem er auf den Teller ſeiner Frau zeigte,„dir geht es gerade ſo. Du läſſeſt alle Speiſen unberührt und die vollen Teller hinaustragen.“ Und ſo war es in der That; die Baronin ſchien ſelbſt zu ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt, um dem Diner zu⸗ ſprechen zu können. Da es nun Herr von Breda faſt ebenſo machte, und der Jäger ſo ſchnell wie möglich ſervirte, ſo war in Kurzem das ganze Mahl beendigt; der Baron legte ſeine Serviette auf den Tiſch und erhob ſich alsdann mit den Worten:„Nun denn, Julie, ſo laß mich jetzt endlich deine Geſchichte hören.“ Der Jäger verließ das Zimmer und zog die Flügelthüren leiſe hinter ſich zu. Die Baronin hatte ſich in ihren Fauteuil am Kamine niedergelaſſen; ſie huſtete leicht in ihr Sacktuch und ſprach alsdann:„Wie ich dir vorhin ſagte, kam Eugenie von ihrem Beſuche heiter zurück; wenigſtens erſchien ſie mir ſo, als ſie in mein Zimmer trat. Auch erzählte ſie mir aufs genaueſte die Ergebniſſe des heutigen Tages, that dabei ziemlich be⸗ kümmert, ob du es ihr auch wohl ſehr verübeln würdeſt, daß ſie dieſen Beſuch gewagt, lachte darauf herzlich über ihre Angſt, als ſie in den Miethwagen geſeſſen und in ein fremdes Haus gegangen ſei; kurz, ſie war offen, munter, allerliebſt, wie immer.“ „Ja,“ ſagte Herr von Breda kopfnickend. „Darauf nahm ſie ein Buch und ging in den Winter⸗ garten. Sie wollte dich erwarten, ſagte ſie. Das mochte nach vier Uhr geweſen ſein.— Nun ja,“ fuhr die Baronin Die letzte Roſe. 69 ſtockend fort,„es iſt eigentlich ſchwer, dir zu erzählen, was ſich dort unten im Wintergarten begeben, recht ſchwer, und doch wieder ſo leicht, es iſt höchſt ernſt und wieder ſehr komiſch.“ „Alſo im Wintergarten begab ſich etwas?“ fragte der Baron geſpannt.„Etwas, das Eugenie alterirte? das ſie krank machte? Teufel auch!“ „Nun, ich will es dir erzählen, George,“ nahm Frau von Breda nach einer kleinen Pauſe das Wort,„genau ſo, wie ich es von Eugenien nach und nach erfuhr. Aber du mußt nicht jetzt ſchon ſo unruhig und zornig blicken. Verſprich mir, ruhig zu ſein.“ 3 „Nun ja, ich verſpreche es dir.“ „Eugenie ſaß alſo auf der kleinen Bank hinter dem Springbrunnen und las in einem Buche, blickte auch, vielleicht träumend über die Blätter hinweg, denn ſie ſagte mir ſelbſt, ſie habe nicht gehört, daß ſich Schritte näherten. Auf einmal fiel etwas auf die Blätter ihres Buches,— eine Orangen⸗ blüthe, die aber nicht zufällig herabgefallen ſein konnte, denn über ihr befand ſich nur Lorber; es mußte Jemand mit der Orangenblüthe nach ihr geworfen haben. Eugenie ſagte mir, ſie habe gedacht, du ſeieſt es geweſen; ſie blickte empor und wollte gerade fragen, wer da ſei, als Jemand neben der Bank hervorſtürzte, auf die Kniee fiel und dem armen Mädchen eine der unſinnigſten Liebeserklärungen machte, die je vor⸗ gekommen.“ „Ah!“ rief George von Breda, indem er mit der linken Hand emporzuckte.„Wer war es, der ſich auf ſolche Art in meinem Hauſe aufführte?“ „Du haſt mir verſprochen, ruhig zu bleiben,“ bat die —y 70 Dreiundfunfzigſtes Kapitel. Baronin.„Denke dir das Entſetzen des armen Mädchens. Sie wollte emporſpringen, davon eilen, der Raſende hielt ſie feſt, bemächtigte ſich ihrer Hand und wagte es, dieſelbe zu küſſen.“ „Und Eugenie rief nicht um Hülfe?“ fragte der Baron mit einem ſeltſamen Ausdrucke in den Augen.„Es mußten doch Leute in der Nähe ſein, Brenner oder der Gärtner!— Warum rief ſie nicht um Hülfe?—— Wollte ſie vielleicht keine Hülfe gegen dieſen Jemand? Ich möchte in der That wiſſen, Julie, wer es geweſen iſt, der ſolches gewagt. Ah! was zu toll iſt, iſt zu toll.“— Er preßte heftig die Lippen auf einander und wiederholte alsdann ſeine Frage.„Ich bitte dich, Julie, wer hat ſich unterſtanden? Nenne mir ihn ohne Scheu.“ „Später, George. Eugenie war ſo furchtbar erſchrocken und überraſcht, daß ſie ein paar Sekunden wie gelähmt vor dem Verwegenen ſtehen blieb. Endlich aber warf ſie ihn kräftig von ſich, ſtieß einen lauten Schrei aus und konnte als⸗ dann davoneilen, da der Jäger in dieſem Augenblicke herbei⸗ kam und den Unverſchämten packte.“ „Er packte ihn?“ fragte Herr von Breda, und dann fuhr er mit der Hand über Stirn und Augen, als wolle er ſich auf etwas beſinnen, das ihm nicht gleich klar wurde.„Er packte ihn?— Nun, Brenner hat ganz gut daran gethan; wer ſich einen ſolchen ſchmählichen Ueberfall zu Schulden kommen läßt, vergibt jedes Recht, das ihm Rang und Stand verleiht.— Aber wer war es? ich will es wiſſen, Julie.“ „Von Rang und Stand war bei ihm nicht ſonderlich die Rede,“ gab die Baronin ſehr langſam zur Antwort und legte, um nicht aufblicken zu müſſen, das Taſchentuch auf ihrem Die letzte Roſe. Schooße in kleine Falten zuſammen. „Du marterſt mich; es war keiner unſerer Bekannten?“ Frau von Breda ſchüttelte mit dem Kopfe, worauf ſie in die Höhe ſchaute und ruhig ſagte:„Ich habe nicht ohne Grund 71 gefürchtet, mit dir darüber zu ſprechen, George; ich wußte, es würde dich ſehr aufregen. iſt ſchlimm, und doch nicht ſo ſchlimm. Aber ſei verſtändig, die Sache Wir thun am klüg⸗ ſten, ſie von der komiſchen Seite zu nehmen.— Die Perſon, welche ſich ſolches unterſtand, iſt an ſich höchſt ridicul, und wenn ich mir dieſe Perſon denke,“ fuhr ſie mit einem wohl erzwungenen Anfluge von heiterer Laune fort,„vor das arme Mädchen hintretend, auf die Kniee niederfallend und dann gräßlichen Unſinn redend,— ich verſichere dich, George, ich könnte darüber lachen. Und du auch, wenn du dir mit etwas ruhigem Blute die ganze komiſche Situation vergegenwärtigſt. Denn dieſer Jemand war— dein kleiner Reitknecht— Friedrich.“ Der Baron hatte mit ungeheurer Spannung ſeiner Frau zugehört, er beugte ſich auf ihren Stuhl herab und ſuchte ihren Augen zu begegnen, die ſie aber niedergeſchlagen hielt. Als er aber jenen Namen hörte, da flog ein Ausdruck von Bitter⸗ keit, von Verachtung über ſeine Züge; er zuckte, obgleich faſt unmerklich, zuſammen; er ſtarrte einen Augenblick vor ſich nieder, dann ſtieß er die Worte hervor:„Das iſt ſchlimmer, als ich gedacht, das iſt entſetzlich!“ Jetzt ſchaute Frau von Breda fragend zu ihm empor und blickte ihm beſorgt nach, als ſie ſah, daß er ſtumm mit über einander geſchlagenen Armen im Zimmer auf und ab ſchritt, längere Zeit, die Augen auf den Boden geheftet, keine Be⸗ 72 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. wegung im Geſichte, als ein Zucken der Unterlippe, welche er zuweilen zwiſchen ſeine Zähne nahm. „Obgleich die Sache für uns wohl ihre komiſchen Seiten hat,“ fuhr Frau von Breda nach einem längeren Stillſchwei⸗ gen fort,„ſo kannſt du dir doch denken, wie ſehr ſie das arme Mädchen erſchüttert. Ich verſichere dich, ſie ſtürzte lei⸗ chenblaß in mein Zimmer, ſie erſchreckte mich aufs höchſte; denn ſie ſtammelte anfänglich nur Worte, deren Sinn ich nicht verſtand. Erſt, als ſich ihr Schmerz in lautes Weinen aufge⸗ löst hatte, erfuhr ich den Hergang der ganzen Geſchichte.“ „Und das konnte in meinem Hauſe geſchehen?“ ſprach der Baron mit dumpfer Stimme, und darauf klopfte er ſich mit der geballten Rechten auf die Bruſt.„In meinem Hauſe? Ahl das iſt ſchrecklich! Julie, du begreifſt vielleicht nicht, wie ſo ſehr fürchterlich das iſt.“ Frau von Breda lächelte trüb in ſich hinein, ehe ſie ſagte: „O, ich begreife das ſehr wohl; ich fühle es genau, bemühe mich aber, etwas Linderndes in der ungeheuren Lächerlichkeit dieſer Geſchichte zu finden.“ „Aber hat er es nicht gewagt, ihre Hand zu berühren?“ rief der Baron mit wild ausbrechendem Zorne.„Hat ſich dieſes Thier nicht unterſtanden, ihre Hand zu küſſen?— O, ſchlimmer als ein Thier; denn ein ſolches legt ſich auch zu unſeren Füßen, aber um ſeine Treue und Anhänglichkeit zu bezeugen, während er es that, um mit ſeinem ſchmutzigen Gei⸗ fer zu beſudeln.— Schade,“ ſetzte er zähneknirſchend hinzu, „daß ich nicht zufällig auf dem Jagdſchloſſe mitten im Walde bin. Es ſollte mir nicht darauf ankommen, ein Stück Mittel⸗ alter aufzuführen.— Dieſes elende Geſchöpf, dem man nur Gutes erwieſen, das ich trotz ſeiner vielen Fehler und Un⸗ Die letzte Roſe. 73 tugenden um mich geduldet, wie einen drolligen Affen, der zu⸗ weilen durch ſeine komiſchen Sprünge ergötzt!“ „Sieh es von der Seite an, und du wirſt ruhiger wer⸗ den,“ ſagte Frau von Breda. Der Baron machte eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe, als er zur Antwort gab:„Alles hat ſeine Grenzen.— Aber wo iſt er?“ „Er iſt fort; Brenner hat ihn vorgenommen und ihn auf meinen Befehl vom Hauſe weggſſchickt.“ „ Du hätteſt ihn da behalten ſollen, bis ich ihn verhört,“ entgegnete Herr von Breda nach kurzem Beſinnen.„Ich hätte wiſſen mögen, was dieſen frechen Burſchen zu ſolch unver⸗ antwortlicher That getrieben.— Und glaubſt du,“ fragte er nach einer abermaligen Pauſe,„daß Eugenie von dieſem Vor⸗ fall ernſtlich erkranken könne? Sollte man nicht nach einem Arzte ſchicken?“ „Ich glaube, das iſt unnöthig; ein paar Tage Ruhe wird Alles ſein, was ſie braucht. Du kannſt dir wohl denken, George, daß es ihr nach dem, was geſchehen, am ſchmerzlich⸗ ſten ſein muß, dir vor die Augen zu treten. Es iſt das viel⸗ leicht eine falſche Scham, aber du wirſt ſie achten. Eugenie ſprach ſogar davon, zu ihrer Mutter zurück zu kehren; das hätte ich doch ungern zugegeben, George.“ Er nickte mit dem Kopfe und trat alsdann ſchweigend an die Thür des Eß⸗Salons, von wo er in den Wintergarten hinabblickte.— Sie hat zu ihrer Mutter zurückkehren wollen, dachte er, und ein Sturm von Gefühlen durchdrang ſeine Bruſt.— Vielleicht wäre das für uns beide beſſer.— Ich werde ſie alſo ein paar Tage nicht ſehen und will erwarten, wie mir dabei zu Muthe ſein wird.—— O ſchreckliche, ver⸗ — — ————— — 74 Dreiundfünfzigſtes Kapitel.— Die letzte Roſe. zehrende Gedanken! Könnte ich mit zehn Jahren meines Lebens all die Erinnerungen auslöſchen, die meine Seele er⸗ füllen, die mich jetzt glücklich machen und gleich darauf wieder ſo namenlos elend! Könnte ich nur zwei Worte vergeſſen, zwei Worte mit ihrem wilden, hohnlachenden Gefolge von Luſt und Qual, zwei wunderbar ſüße und doch wieder ſo ſchreckliche Worte—— Auch Eugenie! Vierundfünfzigſtes Kapitel. Durch Piſtole und Degen. Die Wohnung des Herrn Grafen von Czrabowski war für den muthmaßlichen Erben des Stammſchloſſes Rachow mit großen Gütern in der Weichſelgegend, reichen Waldungen mit Bärenjagden ſehr einfach, faſt allzu beſcheiden; ſie beſtand aus einem einzigen Zimmer, welches durch einen finſteren Al⸗ koven, in dem das Bett ſtand, zum Salon erhoben wurde. Die Wände dieſes Zimmers waren mittels Anſtrichs von Kalkfarbe in einem mattröthlichen Tone gehalten und ſchienen ſich vollkommen ſelbſt genug zu ſein, denn nirgendwo ſah man die Prätenſion, ſich durch Bilder, Kupferſtiche oder dergleichen ſchöner machen zu wollen. Da der edle Pole einen harmoni⸗ ſchen Zuſammenklang liebte, ſo beſtanden die Möbel ſeines Appartements aus dem Allernothwendigſten, und dieſes Aller⸗ nothwendigſte war aus gewöhnlichem Tannenholz gearbeitet. Das einzige Geräthe, welches die Aufmerkſamkeit des Be⸗ ſchauers auf ſich zog, und welches allein in gediegener Solidität — 76 Vierundfünfzigſtes Kapitel. glänzte, war ein neuer Reiſekoffer, der auf zwei Stühlen in einer Ecke ſtand, deſſen Decke geöffnet war und der einen ganz hübſchen Inhalt von Kleidung und Wäſche zeigte. Neben ihm auf dem Boden befand ſich eine Hutſchachtel; an dem Bettpfoſten am Alkoven bemerkte man eine ziemlich ange⸗ ſchwollene Reiſetaſche, und auf dem Tiſche lag ein ſechsläufiger Revolver. Um auf die für einen reichen polniſchen Großen faſt ärmliche Wohnung zurückzukommen, ſo hatten die zukünftigen Schwäger des Herrn Grafen, ſowohl der Banquier als auch der Rechtsconſulent, zu verſchiedenen Malen ihr Erſtaunen darüber nicht verbergen können, daß Czrabowski ſich kein beſſeres Appartement ſuche. Doch hatte dieſer geantwortet: „Es macht mir nun einmal Vergnügen, ſo mit einem Male aus dieſem in der That ärmlichen Zimmer bei meiner Ver⸗ heirathung in eine glanzvolle Wohnung überzugehen. Es klebt mir immer noch etwas von dem Kriegerſtande an, in dem die Czrabowski's ſeit undenklichen Zeiten excellirten; heute den freien Himmel über ſich oder unter der durchnäßten Zeltdecke, morgen im prachtvollen Palaſte; dieſe Abwechslungen ſind es, welche dem Leben einen ſo eigenthümlichen Reiz verleihen.“ Zu Emilie Weibel hatte er geſagt, als ſie ihn einſt mit ihrer Mutter beſuchte und dieſelbe Frage an ihn ſtellte:„Glaubſt du nicht, theures Mädchen, daß mir dieſe einfache Wohnung unendlich lieber iſt als die reichſten Gemächer? Hier ſpricht mir jeder Winkel, jedes Möbel von den glücklichen Stunden, die ich hier zugebracht in liebender Erinnerung an dich, mein ſüßes Herz.“ Darauf hatte ſie ihren Kopf an ſeiner Bruſt verborgen, zitternd im Vorgefühl ihres künftigen Glücks, und Madame Weibel ſtand triumphirend dabei, neben ihrem zu⸗ Durch Piſtole und Degen. 77 künftigen gräflichen Schwiegerſohn, und ihr fettes Geſicht glänzte wie ein gelber Kürbiß durch ein Gewinde rankender Roſen oder anderer zierlicher Schlingpflanzen. Jetzt aber befand ſich der Graf Czrabowski allein in ſeinem Zimmer; er ſtand an einem Fenſter, hatte einen Brief in der Hand, und da wir im Intereſſe unſerer Geſchichte be⸗ fugt ſind, ihm über die Schultern zu ſchauen, auch obendrein bemerken, daß der Zettel gedruckt iſt, ſo hindert uns nichts, denſelben zu leſen. Auf ihm ſtand:„Madame Weibel gibt ſich die Ehre, Herrn...(der Name war ausgelaſſen) zu einem Frühſtück auf Montag den 16. dieſes einzuladen. U. A. w. g.“ Das las auch der polniſche Graf, ihm war von der Fa⸗ milie dieſes Blatt zur Begutachtung zugeſchickt worden; worauf er die Hand mit demſelben ſinken ließ, den rechten Arm gegen das Fenſterkreuz ſtützte und den Kopf darauf legte. Ich kann's nicht ändern, ſprach er zu ſich ſelber. Den Teufel auch! warum iſt dieſe Familie ſo erpicht darauf ge⸗ weſen, mich abſolut zu heirathen? habe ich doch von Anfang an nie daran gedacht. Hätte ſich das Mädchen nicht mit einer freundlichen Liebſchaft begnügen können? Die Sache wäre viel länger gegangen und hätte ohne Eclat abgebrochen werden können. Hol' der Kukuk dieſe Sucht, einen Mann zu bekommen! Es iſt das wahrhaftig wie eine anſteckende Krankheit, wie ein Delirium, in welchem ſie nicht mehr hören noch ſehen. Habe ich mir doch noch kürzlich alle Mühe ge⸗ geben, ſo unliebenswürdig wie möglich zu ſein; habe ich doch und mit voller Wahrheit von meinem eigenen Ich aufs un⸗ ſchmeichelhafteſte geſprochen.— Du wirſt bei mir anders werden, hieß es, oder ich liebe dich auch mit allen deinen „ ——— — — — — 78— Vierundfünfzigſtes Kapitel. Fehlern.— Ja, meinen armen Grafen liebt man, ſetzte er: höhniſch lachend hinzu. Das iſt auch eine Art Betrug, den man an mir verübt, ſprach er nach einer Pauſe, indem er in die Höhe fuhr. Warum ſollte ich mich geniren, es ihnen ebenſo zu machen? Ich wollte, daß die Stunde dieſes Frühſtücks vorbei wäre; ich werde mich in weiter Entfernung alsdann eines gewiſſen unheimlichen Gefühles nicht erwehren können, wenn es mir auch anderntheils Vergnügen machte, das Geſicht der alten Weibel zu ſehen; ich bin überzeugt, dieſe Perſon würde ſich nicht das Geringſte daraus machen, mich zu vergiften oder ſonſt auf eine Art umzubringen.— U. A. w. g. Um Ant⸗ wort wird gebeten. Ja, ſie werden alle antworten und werden kommen mit Neid im Herzen, daß es nicht noch ein paar Dutzend Grafen Czrabowski's für ſich oder für die lieben Ihrigen gibt.— U. A. w. g. Und aus wär's geweſen. Ich kann mir nicht anders helfen; wär' ich wirklich ſchlecht genug, noch ſchlechter zu ſein und dazubleiben, ſo müßte die Herrlich⸗ keit doch in Kurzem über mir zuſammenbrechen und mich und ſie unter den Trümmern begraben. Aber, Teufel! wo bleibt dieſe alte Perſon? Ich Narr, daß ich mich genirte, gleich ſchon für die letzten zwei Tage, wo ſo viel zu beſorgen war, den Bedienten mit ſeinen zwei flinken Füßen hier einziehen zu laſſen! Man ſollte ſich nie um das Gerede der Welt kümmern. Schon zwei Uhr. Auf Vier habe ich einen Wagen beſtellt, und jetzt fehlt mir noch dieſes einzige verfluchte Paßviſa.— Ah, endlich! Dort ſchleicht ſie die Treppen herauf. Alte Schnecke! Wie gern möchte ich ihr entgegen eilen und ihr das koſtbare Papier auf der Treppe entreißen! aber ich darf meine Thür nicht eher öffnen, als bis Durch Piſtole und Degen. 79 ich durch das verabredete Zeichen überzeugt bin, daß Niemand anders davor ſteht.— Wie ſatt habe ich dieſe Irrgänge und Unheimlichkeiten! Einmal, zweimal, drei⸗, viermal, zählte er das leiſe Klopfen, welches man jetzt an der Zimmerthür vernahm.— So, das wäre in Ordnung. Jetzt noch einen Stoß mit dem Fuße unten hin— es iſt richtig, ſie iſt's. Er ließ das Papier aus ſeiner Hand auf den Boden fallen und eilte raſch nach der Thür, um die Riegel zurückzuſchieben; auch drehte er den Schlüſſel um und öffnete ſelbſt. — Wie war ihm aber zu Muthe, als er ſtatt der er⸗ warteten alten Frau nun auf einmal dicht vor ſich das kalte, entſchloſſene Geſicht des Herrn von Tondern erblickte, über welches bei der augenſcheinlichen Beſtürzung des edlen Grafen ein leichtes Lächeln wie ein flüchtiger Sonnenſtrahl hinzog. „Sie hatten ſich ſo feſt bei ſich verſchloſſen, verehrter Herr von Czrabowski,“ ſagte der Eintretende, dem Baron Fremont auf dem Fuße folgte,„daß ich alle Liſt anwenden mußte, um zu Ihnen zu gelangen. Laſſen Sie es die arme Perſon übri⸗ gens nicht entgelten, daß ſie uns die verabredeten Zeichen verrieth. Ich zwang ſie dazu,“ fuhr er mit einem ſehr lang⸗ ſamen und malitiöſen Lächeln fort,„indem ich ihr Fagie ſeien ein ungeheurer Spitzbube, und wenn ſie uns nicht Zutritt zu Ihnen verſchaffte, ſo würde das in ſehr kurzer Zeit eine hochlöbliche Polizei mit viel weniger ſanften Mitteln thun.“ Während Herr von Tondern alſo ſprach, waren er und der Baron vollſtändig eingetreten, worauf der Erſtere als ein ſehr vorſichtiger Mann die Thür verſchloß und den Schlüſſel im Schloſſe umdrehte.— Bei allen ſchlechten Eigenſchaften, welche der Pole beſaß, —— — I 80 Vierundfünfzigſtes Kapitel. konnte man ihm übrigens Geiſtesgegenwart nicht abſprechen. Wenn er auch nach dem Oeffnen der Thür erſchrocken zurück gefahren war, ſo überſchaute er doch, nachdem Herr von Ton⸗ dern geſprochen, das Gefährliche ſeiner Lage, wenn er auch nicht wußte, worauf dieſe Reden eigentlich abzielten. Er trat deshalb rückwärts an ſeinen Tiſch und wußte den Revolver, der dort lag, unvermerkt unter den Rock und in eine ſeiner Taſchen zu bringen. Er that das, um für alle Fälle gerüſtet zu ſein. „Sie werden ſich wundern,“ ſprach Herr von Tondern, „uns bei ſich zu ſehen. Ich wundere mich ſelbſt darüber, und ich hätte nicht geglaubt, daß es uns ſo bald gelingen würde, eine Audienz bei Ihnen zu erlangen. Da wir nun aber einmal ſo freundſchaftlich bei einander ſind, ſo wollen wir auch nicht länger zögern, eine angenehme und lehrreiche Unterhaltung zu beginnen. Sie werden erlauben, daß wir Platz nehmen.“ „Ich bitte darum,“ ſagte der edle Graf verbindlich und beeilte ſich, zwei Stühle an den Tiſch zu rücken, auf die ſich die Beiden niederließen, während der Graf ſich ihnen gegenüber an der untern Seite des Tiſches ſetzte. Herr von Tondern blickte in dem Zimmer umher, wobei ſeine Augen mit dem Ausdrucke der Befriedigung an dem wohlgefüllten, unverſchloſſenen Koffer und an der rundlichen Geldtaſche hängen blieben. Dann begann er:„Wie ich aus den verſchiedenen Anſtalten hier ſehe, ſo ſcheinen Sie mir gerade im Begriff zu ſein, von uns ſcheiden zu wollen. Ich finde das Ihrerſeits außerordentlich praktiſch, bedaure aber nur, daß ich Ihrem gerechten Wunſche, dieſe Stadt ſo bald wie möglich zu verlaſſen, etwas hinderlich in den Weg treten dürfte.—— O, ich kenne Sie,“ fuhr er fort, als er bemerkte, Durch Piſtole und Degen. 81 wie der Pole mit einer nicht zu mißdeutenden Geberde empor⸗ fuhr,„weiß auch ganz genau, daß Sie mir zu Liebe nicht bleiben werden. Wir müſſen Sie alſo zwingen, und zu dieſem Ende erlaubte ich mir, der alten Dame, die ſich durch Droh⸗ ungen veranlaßt ſah, uns den Weg zu Ihnen zu erläutern, ein gewiſſes Papier abzunehmen, welches Sie, wie ich mir denken kann, ſehnlich erwarteten.“— Dabei tippte er leicht mit zwei Fingern auf die Bruſttaſche ſeines Rockes. Graf Czrabowski zuckte verächtlich mit den Achſeln, wo⸗ rauf er zur Antwort gab:„Mit welchem Rechte Sie alſo gehandelt, will mir nicht ganz klar werden, wie ich überhaupt nicht begreife, aus welchem Grunde Sie belieben, ſich in mein Thun und Laſſen einzumiſchen. Es iſt wahr, wir haben ein Geſchäft zuſammen abgeſchloſſen, ich erfüllte bei demſelben ge⸗ wiſſenhaft meine Bedingungen, Sie die Ihrigen; was wollen Sie alſo noch weiter von mir? Nehmen Sie mir nicht übel, Herr von Tondern, daß ich, was dieſen Ueberfall in meiner Wohnung anbelangt, meine abſonderlichen Gedanken habe.“ „Und wenn wir wünſchen, dieſelben kennen zu lernen?“ fragte der Andere ſpöttiſch. „Sie ſollen Ihnen nicht vorenthalten ſein.“ Als er das ſagte, ſteckte er die rechte Hand unbemerkt in die hintere Taſche „ſeines Rockes.„Vielleicht,“ fuhr er alsdann fort,„gereut es Sie, einen gewiſſen Vertrag mit mir abgeſchloſſen, das heißt, mir den Preis dafür bezahlt zu haben, und⸗ jetzt, wo Sie das Geheimniß, welches ich Ihnen verkauft, wohl gehörig ausge⸗ nutzt, wollen Sie den Verſuch machen, mit Güte oder Gewalt die mir bewilligte Summe zurück zu erhalten.— Ich glaube, wir kennen uns.“ Hackländer, Don Quixote. v. 4 82 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Für einen Augenblick entſchwand die Ruhe zugleich mit dem malitiöſen Lächeln vom Geſichte des Herrn von Tondern; er beugte ſich über den Tiſch gegen den Polen hin, um ihm ſcharf in die Augen zu ſchauen, dann aber lehnte er ſich wieder in den Stuhl zurück, warf einen Blick auf Baron Fre⸗ mont, der während des ganzen Geſpräches mit affektirter Gleich⸗ gültigkeit an die Decke emporgeſchaut hatte, und ſagte hierauf, wobei er die rechte Fauſt vor ſich hinſtemmte:„Wir kennen Sie freilich und kannten Sie bereits, ehe wir jenes Geſchäft, wie Sie es nennen, mit Ihnen abſchloſſen. Doch war ich unbefangen genug, einen Menſchen wie Sie für fähig zu halten, wenigſtens eine ſchlechte That conſequent durchzuführen, das heißt, ich hielt Sie nicht für ſo gering, ſich von uns einen Preis für irgend eine Sache bezahlen zu laſſen, und dieſe uns alsdann durch eine unerhörte Verrätherei wieder aus den Händen zu reißen.“ „Herr von Tondern!“ rief der Pole überraſcht. „Nennen Sie nicht meinen Namen,“ ſprach der Ange⸗ redete;„es kann mich vollſtändig wild machen, ihn in Ihrem Munde zu hören. Pfui der Erbärmlichkeit! Sie verkauften uns den Teſtamentsentwurf des Grafen Helfenberg, um gleich darauf den Grafen von dieſem Handel in Kenntniß ſetzen zu laſſen.— Er hat ſein Teſtament annullirt, wir ſind betrogen — durch Sie betrogen.“ „Betrogen,“ wiederholte Baron Fremont, ohne den Blick von der Decke des Zimmers abzuwenden. Czrabowski fuhr bei dieſen Worten von ſeinem Stuhl in die Höhe; ſein Auge flammte, ſein Mund öffnete und ſchloß ſich krampfhaft; doch fuhr es gleich darauf wie ein düſterer, trauriger Schatten über ſeine Züge, man hörte ihn mühſam Durch Piſtole und Degen. 83 Athem holen, dann ſtützte er beide Hände vor ſich auf den Tiſch und ſtieß mit leiſer, aber vor Wuth zitternder Stimme die Worte hervor:„Was Sie da ſagen, iſt erlogen, ja, er⸗ logen— erlogen! Ich habe meine Verbindlichkeit gegen Sie vollkommen erfüllt, ich handelte gegen Sie ehrlich, was aber Ihre Abſicht iſt, verdient vielleicht einen anderen Namen. Glauben Sie nicht, daß ich ein Kind bin oder wehrlos; nein, Herr von Tondern, machen Sie immerhin den Verſuch, mit Ihrer bekannten Frechheit gegen mich aufzutreten, Sie werden mich gerüſtet finden.“ Man hätte glauben ſollen, Czrabowski's Worte würden eine ſehr unangenehme Scene herbeiführen; doch blieb Herr von Tondern ruhig auf ſeinem Platze ſitzen; ja, er wandte ſich mit einem kalten Lächeln an Baron Fremont und ſagte alsdann:„Es iſt im Grunde lehrreich, ſolche Menſchen kennen zu lernen.— Glauben Sie aber nicht,“ wandte er ſich darauf mit einem finſtern Blick an den Polen,„daß wir hieher gekom⸗ men ſind, um uns durch Rodomontaden einſchüchtern oder uns gar aufbringen zu laſſen. Die Waffe, die man führt, richtet ſich immer nach dem Feinde; es war uns darum zu thun, uns mit Ihnen möglicher Weiſe zu vergleichen. Gut, Sie wollen das nicht, halten wir alſo die Sache vorderhand für abgemacht. Ihr Paß wird bei der Polizei deponirt, und wir Beide, Baron Fremont und ich, haben dann nichts Ein⸗ facheres zu thun, als gerichtlich Ihren Verkauf des Teſtaments⸗ Concepts zu erzählen— o, ich weiß, was Ihr Lächeln be⸗ deutet— den Ankauf unſererſeits, zu dem wir durch den Grafen Helfenberg ſelbſt ermächtigt waren.“ Der Pole hatte ſich bei der Rede des Herrn von Tondern außerordentliche Mühe gegeben, ſeine Ruhe wieder vollkommen 84 Vierundfünfzigſtes Kapitel. zu erlangen, und es ſchien ihm das gelungen zu ſein. Er ließ ſich auf ſeinen Stuhl nieder, er ſtrich mit der linken Hand durch ſein dünnes Haar, während er ſeine rechte unter dem Tiſche verborgen hielt. „Ich fange an, Sie vollkommen zu verſtehen,“ ſagte er nach einer Pauſe;„Sie ſind der Anſicht, ich hätte den Grafen Helfenberg von dem bewußten Handel in Kenntniß geſetzt und ſo den Nutzen, den Sie daraus zu ziehen gedacht, vereitelt. Welcher Grund aber hätte mich zu dieſer Handlung bewegen können?“ „Ein ſehr nahe liegender,“ lachte Herr von Tondern; „Sie verkauften dem Grafen Helfenberg damit ein Geheim⸗ niß, welches für ihn ſchon von Wichtigkeit war und das er Ihnen theuer bezahlt haben wird.“ „Man könnte bei Ihnen in die Lehre gehen,“ erwiderte der Pole nach einem augenblicklichen Nachdenken.„Es iſt wahrhaftig ſchade, daß ich zu ehrlich war, es ſo zu machen. Aber wozu dieſe Reden?“ fuhr er mit Erbitterung fort. „Kommen wir zu Ende. Meine Zeit drängt; ſagen Sie mit kurzen Worten, was wollen Sie von mir? und ich will alles Mögliche thun, um— Sie los zu werden.“ „Sie fangen an, vernünftig zu ſprechen,“ verſetzte Herr von Tondern mit eiſiger Kälte.„Da es uns im Grunde kein Vergnügen macht, Sie in hieſiger Stadt zu halten, ſo geben Sie einfach die Verkaufsſumme für das Teſtamentsconcept wieder heraus, wogegen Sie Ihren Paß erhalten, und dann mögen Sie abreiſen und ſich hängen laſſen, wo es Ihnen beliebt.“ Baron Fremont nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Wenn ich Ihnen aber die feierliche Verſicherung gebe, Durch Piſtole und Degen. 85⁵ daß ich unſern Vertrag in keiner Weiſe gebrochen, daß ich weder den Grafen Helfenberg, noch ſonſt irgend Jemand von demſelben in Kenntniß geſetzt; wenn ich bereit bin, Ihnen darüber einen körperlichen Eid abzulegen, ſo ſollten Sie doch faſt meinen Worten Glauben ſchenken, und dann wäre es ein förmlicher Raub, mir meinen wohl verdienten Preis wieder abzunehmen— mit Gewalt abzunehmen. Zwei gegen Einen,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu. „Sie haben unſer letztes Wort gehört,“ gab Tondern zur Antwort, indem er ſeine Hände gemüthlich vor ſich auf dem Tiſche faltete. „So hören Sie denn nun auch mein letztes Wort,“ ſprach jetzt der Andere mit vollkommen verändertem Geſichts⸗ ausdruck und hierzu paſſendem, ſehr entſchloſſenem Tone der Stimme.„Ob unſere beiderſeitige Handlungsweiſe ehrlich oder nicht ehrlich war, das gehört nicht hieher; die Sache iſt abgemacht; Sie erhielten die Waare, ich das Geld, und ich habe gute Luſt, mit dieſem wohl erworbenen Gelde der Stadt den Rücken zu kehren. Sie wollen mich daran hindern, indem Sie ſich mit Gewalt in Beſitz meines Paſſes ſetzen.— Gut denn. Wie Sie vorhin ſelbſt ſagten, danach der Feind iſt, danach wählt man die Waffen. Ueberredung durch Worte hilft bei Ihnen nichts; ich muß mich alſo einer andern Ueber⸗ redung bedienen.“ Er hatte, während er ſo ſprach, ſeine rechte Hand lang⸗ ſam erhoben und zeigte nun mit einem Male den erſtaunten, faſt erſchrockenen Blicken der beiden Herren ihm gegenüber die ſechs drohenden Mündungen ſeines Revolvers von ſehr ſtarkem Caliber.—„Sie ſehen in mir einen Menſchen,“ fuhr er darauf mit tiefer Stimme fort,„der aufs Aeußerſte gebracht — — 86 Vierundfünfzigſtes Kapitel. und darum entſchloſſen iſt, ſich ſeine Freiheit, die Sie ihm nehmen wollen, wenigſtens theuer bezahlen zu laſſen. Es iſt wahr, Sie haben meinen Paß in Händen. Dieſer Paß iſt der Schlüſſel, der mir die Thore dieſer Stadt, der mir ein angenehmes, freies Leben öffnen ſoll. Hören Sie mich alſo und halten Sie das, was ich ſage, zu Ihrem eigenen Beſten nicht für Scherz oder, nach Ihrem Ausdrucke von ſo eben, für Rodomontaden; entweder Sie legen meinen Paß hier auf dieſen Tiſch nieder, oder Sie verlaſſen dieſes Zimmer nicht lebend; Sie beide nicht, ich alsdann vielleicht auch nicht; doch was thut's! ich mache dann eine Reiſe in ſehr guter Geſell⸗ ſchaft.— Keine Bewegung, Herr von Tondern!“ ſchrie er mit ſchrecklicher Stimme, als er ſah, daß dieſer ſich raſch er⸗ heben wollte;„keine Bewegung, oder, beim Teufel, es iſt Ihre letzte!“- Vielleicht ſah Baron Fremont, der erſchrocken auf die Seite gefahren war, daß ſich die Finger des Polen, mit denen er den Revolver umſpannt hielt, zuſammenzogen,— genug, er faßte ſeinen Freund an den Schultern und zog ihn heftig auf den Stuhl zurück. Dieſe Bewegung entſchied zu Gunſten des Herrn Grafen von Czrabowski. Tondern's Geſichtsfarbe hatte ſich eine Sekunde lang ver⸗ ändert; doch biß er entſchloſſen die Lippen auf einander, und unerſchrocken, wie er war, wäre er ohne die Gegenwart ſeines neben ihm ſitzenden weichmüthigeren Freundes ſeinem erſten Gedanken gefolgt, hätte er, ſich plötzlich niederbückend, den Tiſch auf den Polen geworfen und dann mit ihm auf alle Gefahr hin gerungen. Das wäre aber nur im erſten Momente möglich geweſen; jetzt war es zu ſpät. Es ſind deine tauſend Thaler,“ ſagte er mit einem Tone Durch Piſtole und Degen. 87 des bitterſten Vorwurfes zu Fremont,“ die uns dieſer Schuft abermals ſtiehlt. Warum haſt du mich gehalten? ich wäre mit ihm fertig geworden,“ ſetzte er voll Unwillen hinzu.„Sei denn das Spiel verloren, hier iſt das Papier.“ Mit großer Ruhe knöpfte Herr von Tondern ſeinen Rock auf, zog ein zuſammengefaltetes Blatt hervor und wollte daſ⸗ ſelbe gerade auf den Tiſch werfen, als draußen vernehmlich an die Thür geklopft wurde. Jetzt wechſelte Czrabowski die Farbe, als er ſah, wie Herr von Tondern das Papier wieder an ſich zog, ſich nach der Thür umwandte und Miene machte, aufzuſtehen. „Sie bleiben ſitzen!“ rief ihm der Graf mit heiſerer Stimme zu.„Mag kommen, wer wil, mag mein Verderben entſchieden ſein, ich reiße Sie mit hinein, das ſchwöre ich Ihnen zu.“ Es klopfte ſtärker. „Herr Baron von Fremont wird mir den kleinen Dienſt erzeigen, meine Thür zu öffnen, wird aber dabei die Gewogen⸗ heit haben, das Zimmer nicht zu verlaſſen.“ Tondern hatte ſich mit affektirt gleichgültiger Miene in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, und ſeine Finger ſpielten mit dem Papier, welches vor ihm auf dem Tiſche lag. Baron Fremont erhob ſich langſam, öffnete die Thür und ſah einen ihm gänzlich unbekannten, ſehr langen Mann eintreten. Beſſer als die Anderen ſchien aber Graf Czrabowski dieſen Mann zu kennen; denn er zwinkerte mit den Augen, und ein halb unterdrückter Fluch entfuhr ſeinem Munde. Don Larioz trat mit gemeſſenen Schritten ins Zimmer; den uns wohlbekannten Mantel hatte er ſo um ſich geſchlungen, ——;½ — 88 Vierundfünfzigſtes Kapitel. daß man von ſeinem linken Arme durchaus nichts ſah, den der tapfere Spanier ſteif und ohne alle Bewegung hielt. Er machte den beiden ihm fremden Herren eine förmliche Verbeu⸗ gung und zog alsdann ein Schreiben aus der Taſche, mit welchem er Miene machte, ſich dem Grafen Czrabowski zu nähern. Dieſer aber rief ihm ein gebieteriſches Halt! entgegen und ſagte mit einem Anflug von Ironie:„Sie bemerken vielleicht, mein Herr, daß wir hier in einem etwas ſeltſamen Spiele begriffen ſind. Laſſen Sie uns dieſe Partie beendigen, und ich ſtehe alsdann ganz zu Ihren Dienſten.— Herr von Ton⸗ dern,“ wandte er ſich darauf mit ſcharfer Betonung an dieſen, „Sie hätten vielleicht endlich die Güte, auszuſpielen.“ „Gib ihm ins Henkers Namen ſein Papier!“ flüſterte Fremont ſeinem Freunde ins Ohr.„Ich ſage dir, dieſer Kerl hat ganz die Augen einer eingeſperrten Katze. Lieber will ich mein Geld gutwillig verlieren, als die Zinſen einer blauen Bohne mit erhalten.“ 4 Tondern ſchnellte das Blatt über den Tiſch hin, wo es der Pole mit der linken Hand begierig aufgriff, es raſch ent⸗ ¹ 6 faltete und alsdann, ſobald er ſeinen Paß erkannt, ruhig den Revolver in die Taſche ſteckte. „Nun zu Ihnen,“ ſagte er hierauf, indem er aufſtand, ſich dem langen Spanier näherte und das Schreiben in Em⸗ pfang nahm, welches ihm Don Larioz mit den Worten über⸗ ließ:„Von Seiner Erlaucht dem Herrn Grafen Helfenberg. Ich werde eine Antwort erhalten.“ Tondern warf einen wilden Blick auf Fremont, der ſich achſelzuckend auf ſeinen Stuhl niederließ. 6 Der Pole hielt den Brief leicht zwiſchen den Fingern, Durch Piſtole und Degen. 89 betrachtete Aufſchrift und Siegel, und ſagte alsdann, indem er ein paar Schritte gegen Herrn von Tondern machte:„Im gegenwärtigen Augenblicke, nach dem, was ſo eben zwiſchen uns vorgefallen iſt, könnte mich die Leſung dieſes Schreibens vor Ihnen compromittiren, und ich wünſche in der That, daß Sie mit einer guten Meinung von mir ſcheiden. Ich erſuche Sie deßhalb ergebenſt, das Couvert zu öffnen und uns den Inhalt vorzuleſen.“ Da Tondern durch vollſtändige Unbeweglichkeit anzeigte, er habe keine Luſt, den Willen des Polen zu erfüllen, ſo wandte ſich dieſer an Baron Fremont, der nach einigem Zögern das Schreiben annahm, öffnete und las. Graf Helfenberg ſchrieb: „ An den Herrn von Czrabowskil „Durch meinen Geſchäftsmann, den Herrn Rechtsconſu⸗ lenten Doktor Plager, wurde ich in Kenntniß geſetzt von dem räthſelhaften Verſchwinden emes Entwurfes zu meinem Teſta⸗ mente. Der Verdacht, dieſen Entwurf entwendet zu haben, fiel auf einen Mann, von dem ich eben ſo ſehr überzeugt bin, daß er unſchuldig iſt, wie ich durch Umſtände, die mir be⸗ kannt geworden, annehmen zu können glaube, daß Sie dabei die Hand im Spiele gehabt. Ich bedarf darüber einer Ge⸗ wißheit und erſuche Sie, mir die Wahrheit zu ſagen. Daß ich dafür nicht undankbar ſein werde, hoffe ich Ihnen zu be⸗ weiſen. Bitte aber, mir zu glauben, daß andernfalls nach Verlauf einer Stunde die nöthigen Schritte geſchehen werden, um ein Geſtändniß von Ihnen zu erlangen. Wählen Sie klug, da ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß die Worte, welche Sie mir ſchreiben, nicht zu Ihrem Schaden benutzt werden ſollen.“ Nachdem Baron Fremont dies zu Ende geleſen, ließ er * 8 —— — — — ——,uöſͤͤ 90 Vierundfünfzigſtes Kapitel. das Schreiben auf den Tiſch fallen und warf einen forſchen⸗ den Blick auf Herrn von Tondern, der aber einen Augenblick unbeweglich da ſaß und dann mit geringſchätzendem Achſel⸗ zucken ſagte:„Eine abgeredete Sache! Wir ſind nun einmal überliſtet!“ Man ſah wohl, daß nach dieſen Worten die Röthe des Zornes in das bis jetzt bleiche Geſicht des polniſchen Grafen aufſtieg. Ein unheimliches Zucken flog um ſeinen Mund, als er ſagte:„Gut denn, denken Sie, was Sie wollen, und mag auch für mich und Andere daraus folgen, was will, ich werde Seiner Erlaucht die gewünſchte Erklärung geben. Der Herr Graf Helfenberg,“ ſetzte er nach einer Pauſe mit ſcharfer Be⸗ tonung hinzu,“ hat ſtets gegen mich gehandelt als ein vollkom⸗ mener Cavalier, als ein Edelmann im wahren Sinne des Wortes. Ich gebe mich in ſeine Hand, mag er mit meiner Erklärung thun, was er will.“ „Ich glaube, wir ſind ferner hier überflüſſig,“ meinte Baron Fremont halblaut, indem er ſich an ſeinen Nachbar wandte.„Gehen wir, Tondern.“ „Ich ſchlage vor, noch einen Augenblick zu warten,“ ſagte Herr von Tondern mit derſelben Ruhe wie vorhin.„Der Herr Graf Czrabowski wird wohl nichts dagegen haben, uns einen Blick in das fragliche Papier zu erlauben, nachdem er es geſchrieben hat.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte der Pole, der aus ſeiner Reiſe⸗ mappe Papier und Feder nahm und ſich an den Tiſch ſetzte. „Vielleicht finden ſich die beiden Herren ſogar bewogen, meine Erklärung als unparteiiſche Zeugen zu unterſchreiben.“— Darauf beugte er ſich auf den Tiſch nieder und fing an, emſig zu ſchreiben. Durch Piſtole und Degen. 91 Während dieſer ganzen Zeit ſtand Don Larioz unbeweg⸗ lich in der Mitte des Zimmers. Wenn er auch die beiden Herren früher nie geſehen hatte, ſo war er doch nicht lange unſchlüſſig, in ihnen den Baron Fremont und den Herrn von Tondern zu erkennen. Und dabei erinnerte er ſich der Worte des Doktors, daß ſie es ſeien, die mit Legaten im Teſtament bedacht worden und für die es deßhalb von großer Wichtigkeit geweſen, das Concept zu erhalten. Der Dickere, gutmüthiger Ausſehende von den Beiden war ohne allen Zweifel Baron Fremont, der Andere mit dem finſteren Blick, der ſo unbeweglich ſaß und der nur von Zeit zu Zeit an ſeiner Unterlippe nagte, war gewiß jener Herr von Tondern, bei dem, nach dem Ausdrucke des Rechtsconſulenten, das aus⸗ geſetzte Legat wie ein Tropfen Waſſer auf den heißen Stein ſeiner Schulden falle.— Gut, dachte der Spanier bei ſich, es iſt ein Verdienſt, das ich mir um die ganze Menſchheit erwerbe, wenn ich dieſen Beiden zeige, daß ich ſie kenne und mich nicht vor ihrem Anblick ſcheue. Er faßte darauf mit der rechten Hand bedeutſam an ſeinen linken Arm, wandte alsdann den Kopf nach dem oberen Ende des Tiſches, wo die Beiden ſaßen, und fixirte ſie anhaltend mit ſeinen ſcharfen grauen Augen.* Unterdeſſen hatte der Pole geſchrieben, überlas das Blatt, noch einmal und reichte es dann mit einem eigenthäünlichen Lächeln dem langen Manne. Dies war der Augenblick, wo den Herrn von Tondern ſeine Unbeweglichkeit verließ. „Erlauben Sie,“ ſagte er aufſpringend,„daß ich mir das Recht nehme, einen Blick in die Schrift jenes Menſchen zu werfen.“ 92 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Don Larioz, der gemeſſen einen Schritt zurücktrat, ſchaute auf den Polen, welcher ihm ſagte:„Leſen Sie es gefälligſt dem Herrn vor.“ Und der Spanier las: „Der Unterzeichnete erklärt Seiner Erlaucht dem Herrn Grafen Helfenberg auf ſein Verlangen, daß er ein Concept zu deſſen Teſtamente heimlicher Weiſe aus der Mappe des Rechtsconſulenten Doktor Plager genommen, und daß er dieſes Concept dem Herrn Baron von Fremont ſowie dem Herrn von Tondern um die Summe von tauſend Thalern verkauft, daß er aber nicht weiß, was aus dem Papiere geworden. Czrabowski.“ „Dieſes Blatt werden Sie eben ſo wenig mit hinweg nehmen, als es dem Grafen Helfenberg übergeben!“ rief Tondern, indem er den Verſuch machte, dicht an den langen Mann heran zu treten, welcher aber einen Schritt rückwärts gegen das Fenſter that und lächelnd fragte:„Wer will mich daran hindern?“ Zu gleicher Zeit ſchob er das Papier raſch unter ſeinen Mantel, warf dieſen alsdann von der linken Schulter zurück und ließ zwei überaus lange Stoßdegen ſehen, die er bis jetzt unter demſelben verborgen gehalten.—„Was man mir übergeben,“ fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, nwerde ich treu bewahren und es mir nur dann nehmen laſſen, wenn das Glück der Waffen gegen mich entſchieden. Wählen Sie einen von dieſen Degen, wenn es Ihnen gefällig iſt, ſie ſind beide gleich lang und ausgezeichnet zugeſpitzt.“ „Ich glaube, wir ſind in eine Mörderhöhle gerathen,“ ſprach Herr von Tondern, indem er ſich an Fremont wandte und zu lächeln verſuchte.„Haſt du je etwas Närriſcheres ge⸗ ſehen, als dieſes lange Geſpenſt mit ſeinen beiden Degen?“ Durch Piſtole und Degen. „Hier iſt weder von einer Mörderhöhle die Rede, noch von langen Geſpenſtern,“ gab Don Larioz zur Antwort, indem er den Kopf erhob und ſeine Waffen vorſtreckte.„Ich will ſo freundlich ſein, Sie für einen Cavalier zu halten,“ fuhr er fort,„mögen Sie auch, was dieſes Papier anbelangt, nicht gerade wie ein Edelmann gehandelt haben. Da Sie nun wahrſcheinlicher Weiſe den Brauch zwiſchen Cavalieren kennen, ſo biete ich Ihnen einen ehrlichen Zweikampf an, bei welchem, wie es von jeher Sitte und Brauch war, der Sieger Recht behalten ſoll. Falle ich, ſo haben Sie ſich an Herrn von Czrabowski zu halten, ob er ſeine Erklärung Ihren Händen anvertrauen will; ſtoße ich Sie aber nieder, wie ich zuverſicht⸗ lich von der Gerechtigkeit Gottes erwarte, ſo iſt die Sache ohnehin zu Ende, und ich gehe ruhig meiner Wege.“ Herr von Tondern hatte bei dieſer Anrede einen Augen⸗ blick unſchlüſſig geſtanden, dann aber ſagte er, nicht ohne einen ſichtbaren Kampf mit ſich ſelber:„Ein geſcheidter Mann kann nichts Beſſeres thun, als ſolcher Narrheit das Feld zu räumen. Laß uns gehen, Fremont; mag dieſer Czrabowski geſchrieben haben, was er will, Helfenberg kennt uns und ſoll den wahren Sachverhalt durchaus erfahren.“ „So närriſch iſt das Anerbieten dieſes Herrn nicht,“ meinte der Pole, der mit über einander geſchlagenen Armen lächelnd am Tiſche ſtand.„Wir ſind zufälliger Weiſe zu Vier: Zwei ſchlagen ſich, Zwei dienen als Sekundanten, und wenn der erſte Gang gemacht iſt, ſtehe ich dem Herrn Baron Fre⸗ mont ebenfalls mit Vergnügen zu Dienſten.“ Der gute Baron war aber nicht der Mann, der eine auf ſich gerichtete ſpitzige Klinge leidenſchaftlich geliebt hätte. Um dies jedoch nicht kund zu geben, nahm er die Miene tiefer 94 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Verachtung an und ſagte, wobei er auf den langen Mann zeigte:„Weder Tondern noch ich haben das Vergnügen, jenen Herrn zu kennen. Sollte uns dieſes Glück ſpäter durch eine gehörige Vorſtellung zu Theil werden, ſo werde ich nach Be⸗ fund der Umſtände auf jede gebräuchliche Art und Weiſe recht gern Rede ſtehen.“— Bei dieſen Worten hatte er ſeinen Hut genommen, öffnete die Thür und verſchwand ziemlich eilig in dem dunkeln Gange draußen. Tondern blieb noch einen Augenblick unſchlüſſig in der Mitte des Zimmers ſtehen, dann ſprach er mit einer heiſeren, ſeltſam klingenden Stimme:„Wir werden uns wiederſehen,“ und folgte ſeinem Freunde. Der Pole beeilte ſich, die Thür zu ſchließen, dann zog er ſeine Uhr hervor und wandte ſich, nachdem er einen Blick darauf geworfen, mit den Worten an Larioz:„Uebergeben Sie meine Erklärung dem Grafen Helfenberg, und wenn ich Sie bitten darf, ſagen Sie ihm dazu: ich bedauere recht ſehr, in dieſer Angelegenheit gewirkt zu haben. Was Sie betrifft, mein Herr, ſo danke ich Ihnen für Ihre freundliche Unter⸗ ſtützung gegen jene beiden Herren.— Leben Sie wohl!“ Don Larioz war ruhig an ſeiner Stelle ſtehen geblieben; nachdem der Andere alſo geſprochen, drehte er leicht ſeinen aufwärts ſtehenden Schnurrbart und ſagte:„Ihr Lebewohl kann ich noch nicht ſogleich annehmen; meine Geſchäfte im Auftrage des Herrn Grafen Helfenberg ſind abgemacht; jetzt kommen meine eigenen.“ „Der Teufel auch! was wollen Sie von mir?“ „Ich bin der Mann, der Sie, wie Sie nicht vergeſſen haben werden, an jenem Abend in der Schreibſtube ſprach und den Sie ſich unterſtanden, ziemlich unwürdig zu behandeln. Durch Piſtole und Degen. 95 Ferner bin ich jener Mann, der durch Sie in den Verdacht kam, das bewußte Concept entwendet zu haben, und der nun gekommen iſt, dafür eine vollſtändige Genugthuung zu ver⸗ langen, eine Genugthuung, die—“ „Ich Ihnen ja im vollſten Umfange durch meine Er⸗ klärung gegeben habe. Kann man ehrlicher verfahren, als ich es gethan?“ „Allerdings haben Sie dieſe Erklärung gegeben,“ verſetzte Don Larioz mit feierlicher Stimme;„aber wie Sie ſelbſt wiſſen werden, war es von jeher der Brauch, daß der Sie⸗ ger eine ſolche Erklärung nur alsdann entgegen nahm, wenn der Beſiegte blutend am Boden lag und die Spitze des Schwertes an ſeiner Kehle fühlte. Ich für meine Perſon möchte nicht gern von dieſen altehrwürdigen Gebräuchen abgehen.“ „Sind Sie des Teufels?“ rief Czrabowski im höchſten Grade erſtaunt.„Ich gab Ihnen freiwillig, was Sie ver⸗ langt; was kann es Ihnen nützen, ob Sie vorher mit Ihrer Degenſpitze an meinem Halſe herum kitzeln?“ „Obgleich das vielleicht im Ganzen keinen Unterſchied macht, ſo kann mir ſolch ein regelrechtes Verfahren allerdings nützen. Sie haben, indem Sie mich eines Diebſtahls be⸗ ſchuldigten, nicht nur mich allein beleidigt, ſondern auch be⸗ greiflicher Weiſe eine Perſon gekränkt, der ich mit glühender Liebe anhänge und für welche ich ebenfalls eine Genugthuung fordern möchte.“ G Der Graf Czrabowski blickte den langen Mann, der ſo eigenthümliche Sachen mit erſchreckender Feierlichkeit und Ruhe ſprach, mit höchſter Verwunderung an; doch war dabei auf ————— 4 96 Vierundfünfzigſtes Kapitel. ſeinen Zügen eine gewiſſe Aengſtlichkeit zu leſen, auch ſenkte er ſeine Hand langſam in die Rocktaſche. „Was wollen Sie alſo noch?“ fragte er darauf. „Ich bäte, einen Zweikampf mir freundlich zu genehmigen. Iſt Ihnen das Glück günſtig, ſo werde ich mit der Reſigna⸗ tion eines Chriſten und Edelmannes ſterben; bleibe ich aber Sieger, ſo werde ich Ihnen mit großem Vergnügen das Leben ſchenken, wenn Sie mir die Verſicherung geben, daß Sie ge⸗ neigt ſind, Dolores für das ſchönſte Weib der Erde zu er⸗ klären, und wenn Sie mir feierlich ſchwören wollen, dieſer Dame vorkommenden Falles zu geſtehen, daß ich Sie im ehr⸗ lichen Kampfe überwunden und daß Sie ſich, wie es Brauch iſt, als ihrem Dienſt geweiht betrachten.“ Einen Moment ſchaute Czrabowski den Sprecher zweifel⸗ haft an, ob er in Ernſt oder Scherz rede. Als er aber die ruhigen, unbeweglichen Züge deſſelben ſah und den ſtarren Blick der Augen bemerkte, ſagte er mit entſchiedenen Zeichen der Ungeduld:„Zu alle dem, meine ich, bedarf es keines Zweikampfes; ſo gut wie ich Ihnen die Erklärung für den Grafen Helfenberg freiwillig gab, ebenſo gern erkläre ich Ihnen auch alles, was Sie ſonſt noch wollen.“ Nach einigem Nachdenken gab Don Larioz hierauf zur Antwort:„Mag es denn nach Ihrem Wunſche geſchehen; doch werden Sie mir erlauben, daß ich Ihnen die Spitze meines Degens auf die Gurgel ſetze, während Sie dieſe Er⸗ klärung von ſich geben.“— Kaltblütig präſentirte er hierauf die eine Waffe ſeinem Gegner, während er die ſeinige zog und die Spitze des langen Rappiers gegen den Hals des Grafen richtete. —:—zõn Durch Piſtole und Degen. 97 Dieſer ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, ob er ſeine Klinge ebenfalls entblößen ſolle oder den bewußten Revolver hervorziehen; doch begnügte er ſich damit, ſeine rechte Hand in Bereitſchaft zu halten, um den langen Stoßdegen bei der erſten verdächtigen Bewegung auf die Seite ſchlagen zu können. „Sie erklären alſo,“ ſagte hierauf Don Larioz mit etwas bewegter Stimme,„daß Sie Dolores für das ſchönſte und vortrefflichſte Weib auf Erden halten?“ „Gewiß, und für das Vollkommenſte, was es unter den Sternen gibt.“ „Sie erklären ſich ferner für überwunden und geloben, dies der Dame Dolores zu beſtätigen und derſelben Ihre Dienſte anzubieten?“ „Auch das gelobe ich. Und die Dame Dolores ſoll mit mir zufrieden ſein. Sind wir jetzt fertig?“ „Wir ſind fertig,“ verſetzte der lange Spanier mit ge⸗ rührter Stimme,„und ich danke Ihnen.“ „So nehmen Sie mein Lebewohl an?“ fragte der Andere haſtig dagegen. „Ich nehme es an und werde mich entfernen, nachdem ich mir vorher werde erlaubt haben, Ihnen ferner einen guten Rath zu geben.“ „So ſprechen Sie denn ins—“ Man hörte drunten einen Wagen vor das Haus rollen, was den Grafen Czrabowski veranlaßte, einen Blick zum Fenſter hinaus zu werfen.— „Sie ſind ein Pole,“ ſagte Don Larioz mit unerſchütter⸗ licher Ruhe,„und deßhalb halte ich Sie für katholiſch.“ Hackländer, Don Quixote. V. 7 — ————,— — —— Vierundfünfzigſtes Kapitel. „Wenn ich aber ein Jude wäre?“ „Treiben Sie keinen Scherz,“ fuhr der Spanier ſehr ernſt fort.„In dieſem Falle würde ich, wie es früher bei ähnlichen Veranlaſſungen der Brauch war, verlangen müſſen, daß Sie ſich, als von mir, einem chriſtlichen Edelmann, überwunden, vor meinen Augen taufen ließen.“ „Hol' Sie der Teufel, ich bin katholiſch.“ „Ich habe es mir gedacht. So hören Sie alſo ſchließlich meinen Rath. So jung Sie zu ſein ſcheinen, ſo haben Sie doch ſchon Thaten begangen, die ſchwer auf Ihrem Gewiſſen laſten müſſen. Um dieſem Erleichterung zu verſchaffen, müſſen Sie Ihrem rechtloſen und ſündhaften Lebenswandel entſagen und Buße thun.“ „Ja, ich thue Buße!“ rief der Andere mit den Zeichen der größten Ungeduld.„Ich ſei verdammt, wenn ich nicht Buße thue!“ „Allerdings würden Sie in dieſem Falle verdammt ſein; da es aber etwas Schönes iſt, eine Seele zu retten, ſo be⸗ ſchwöre ich Sie, büßen Sie gewiſſenhaft, und zwar in Sack und Aſche— gehen Sie in ein Kloſter.“ Der Pole that einen tiefen Athemzug und biß ſich heftig auf die Lippen. „Wollen Sie mir die Freundſchaft erzeigen und in ein Kloſter gehen?“ fragte Don Larioz mit warmem Tone, wobei er ſeine Rechte dem Anderen darreichte.. „Wenn Sie es wollen, mit dem größten Vergnügen.“ „Sie geloben es?“ „So feierlich als alles Andere.“ „Nun denn, ich danke Ihnen,“ gab der lange Mann zur V Antwort und richtete ſeine Augen mit einem frohen Blick in Durch Piſtole und Degen. 99 die Höhe.„Ich fühle es, Ihre guten Eigenſchaften ſind noch wieder zu erwecken; Buße und Kaſteiungen werden Wunder bei Ihnen verrichten. Und da nun Ihr Entſchluß, in ein Kloſter zu gehen, feſt zu ſtehen ſcheint, ſo wählen Sie eines fern von den Menſchen, in einem wilden, romantiſchen Thale gelegen. Vielleicht daß Sie eines Tages, am Fenſter Ihrer Zelle lehnend, einen Reiter aus dem Grün der Bäume her⸗ vorkommen ſehen, einen Reiter mit tiefgeſenkter Lanze, den Kopf herabgebeugt. Eilen Sißi ann entasaent und wenn er zu Ihnen ſpricht: Das Leben hat meine Erwartungen be⸗ trogen, Dolores war das ſcnft Wezb der Erde, ſo reichen 1 Sie dieſem Reiter, wie ich jetzt Ihnen, die Bruderhand.— Leben Sie wohl!“— 1„Leben Sie wohl!“ wiederholte der Pole indem er die dargebotene Hand ſchüttlltb?l ulig deuitg milt Seigeithitlgichen Gefühlen dem langen Hragit lſchaonn Hie Acierisngi⸗ ſeines Degens auf dent ermbl labtziſcht Oats felaſte tkultg geweſen, dann dieſelbe in di Scheſde filtild uiomil Aol- . ſteifen Kopfnicken das' Zimitil Hellilß. urd nn Lrunda 21139 Der Zurückbleiseiide fürhr ilt er⸗„enb'tübet ie hgene that einen tiefen Aitheiltzuig, nälhi ſelnan cga dlls dA Kiſche, und murmelte, nachdetn er einen Blich lin venfetbait geworfenele „Es iſt Alles richtigh e Pis Polbſila ue oifum natsnerde u54 ad. s tNaat thule Ziunal usdszsd 8913dnt iatsäd mu u2da adnd eh dn enn of ſchin 1ichſdo*„enis echofrll did 12dü hit id ust dTuchrac da han thin nstto 12te 7dis naſbf 3 isf 8s„dunlpsg itod 1sinne ale 0 15da diald ²2 da„pitlügchiolg aunchrud ijoſhſund Autntitod uusnd nsssdniill mi iſcbin(biſ Zartat 3faid Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Im Reibſtein. Obgleich Don Larioz ſeit jenem denkwürdigen Morgen die Schreibſtube ſeines ehemaligen Prinzipals nicht wieder betreten hatte, obgleich er ſeine Geſchäfts⸗Verbindungen mit demſelben als gänzlich gelöst betrachtete, ſo hatte er doch ſeine Wohnung in dem alten Hauſe, wo ſich unten das Bu⸗ reau des Advokaten befand, nicht verlaſſen. Es war dieſes aber weniger aus Anhänglichkeit an eben dieſes Bureau geſchehen, als weil er einen gewiſſen Termin abwarten mußte, ehe er ſein Quartier wechſeln, das heißt ein anderes beziehen konnte. Auch wollte er vor den Augen der Welt nicht ſo Knall und Fall davon gehen, um böswilligen Gerüch⸗ ten, die ſich über die Urſachen ſeiner Verabſchiedung ohnedies ſchon verbreitet hatten, nicht noch mehr Vorſchub zu leiſten. Der edle Spanier hatte geglaubt, es ſei ſeiner Nach⸗ barſchaft durchaus gleichgültig, ob er bleibe oder gehe, und dieſe würde ſich nicht im Mindeſten darum bekümmern. In Im Reibſtein. 101 dieſer Anſicht aber hatte er weit gefehlt, und Leute, mit denen er durchaus keinen Verkehr hatte, die er nie geſprochen, welche ihm früher nicht den geringſten Antheil gewidmet, beſchäftig⸗ ten ſich jetzt aufs eifrigſte mit der Urſache, mit der Art und Weiſe des Zerwürfniſſes zwiſchen ihm und ſeinem ehemaligen Prinzipal. Es war der Tiger, welcher dergleichen Mittheilungen an Gottſchalk machte, der aber verſtändig genug war, das Meiſte für ſich zu behalten, und ſich nur hie und da veranlaßt ſah, eine oder die andere Aeußerung ſeinem väterlichen Freunde mitzutheilen. Don Larioz zuckte gleichgültig mit den Achſeln, wenn er erfuhr, wie freundlich man ſich in Kreiſen, die er durchaus nicht kannte, mit ſeinem Wohl und Wehe beſchäftigte. Nicht ſo der Tiger, der zuweilen in eine gelinde Wuth ausbrach, was bei der alten Frau immer etwas Komiſches hatte. Denn ſie pflegte alsdann zu weinen, mit der Rechten auf die linke Handfläche zu klopfen und auszurufen:„Daß dich— daß dich— daß dich!“ Und das that ſie in den verſchiedenſten Tönen, ſo lange, als Jemand den Verſuch machte, ſie zu beruhigen. „Da habe ich geſtern in einem Hauſe gewaſchen,“ ſagte ſie,„wo mir die Magd erzählte, jetzt wiſſe ſie ganz genau, warum Herr Don Larioz nicht mehr bei dem Herrn Doktor Plager bleibe; er habe eine Liebſchaft angefangen mit Mam⸗ ſell Emilie, und da ſei man dahinter gekommen, man habe ſie ertappt. O, daß dich, daß dich!— Und doch hätte ich nichts dagegen geſagt, aber die alte Frau Stiefel, die auch da gewaſchen hat, erzählte, ſie ſei geſtern bei Kanzleirath Denker geweſen, da war vorgeſtern eine Kaffeeviſite, wo die e— 8 4 A. 8 —-—⅛ — —mmõõöõöõöõöõöäõõäſaa , ——— — — 1 02 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. „Irau Hofrath Reibeiſen und die Regierungsräthin Pfeffer mit „Aaxen Worten geſagt hätten, man wiſſe ganz genau, weßhalb Depä Sſchreiber des Herrn Doktor Plager weggeſchickt worden aleij,nr habe wichtige Schreibſachen— wiſſen Sie, Herr „Gottſchalk, Sie verſtehen mich ſchon— ſo— auf die Seite gebracht. O, daß dich, daß dich!“ na n. In ſolchen Fällen tröſtete der kleine Schreiber die alte „Frau, indem er ihr verſicherte, es gehe einmal in dieſer Welt Fuicht anders, als daß man von ſeinen Nebenmenſchen Böſes „a—ede. Auch ſie müſſe ſich nicht einbilden, daß es ihr anders ergehe, er habe ſchon die ſchrecklichſten Dinge gehört. „„leber mich? du lieber Gott!“ rief alsdann die alte Frau.„Was kann man über ſo ein miſerables Weſen, wie ich bin, ſagen? Das möchte ich wahrhaftig wiſſen.“ Der kleine Schalk zog ſeine Augenbrauen in die Höhe⸗ nickte auffallend mit dem Kopfe und antwortete:„Glaubt Sie wohl, Frau, daß es den Leuten nichts zu denken gebe, wenn ſie hören, daß man Sie nur ſchlechtweg den Tiger nennt? O, darüber habe ich ſchon Entſetzliches vernommen.“ „Herr Gottſchalk, machen Sie keine Geſchichten! Was kann man mir nachſagen?“ „Nichts als Verleumdungen, Frau, das weiß ich wohl, aber man kan Niemand das Maul ſtopfen. Sie ſagen zum Beiſpiel, Sie ſei früher eine wilde, blutdürſtige Perſon ge⸗ weſen; Sie habe einen Mann gehabt und ſechs Kinder, die Sie alle Sieben ums Leben gebracht. Und davon habe man Ihr den Namen„der Tiger“ gegeben.“ „Daß dich, daß dich! Herr Gottſchalk!“ gab die alte Frau betrübt zur Antwort.„Sehe ich wie eine hlutdürſtige Perſon aus, wie Jemand, der ſieben Menſchen ums Leben Im Reibſtein. 103 bringen könnte, ich, die ich ſelbſt froh bin, wenn man mir mein bischen Leben läßt?“ Und das Aeußere des Tigers hatte allerdings nichts an ſich, was dieſen Namen rechtfertigen konnte; namentlich jetzt nicht, wie ſie daſtand, den Kopf auf die Seite geſenkt, die Unterlippe herabhängend, die eine Hand unter der Schürze in ihrer Taſche verborgen haltend. „Im Allgemeinen kann man nicht behaupten,“ ſagte der kleine Schreiber, nachdem er die Frau ein paar Sekunden aufmerkſam betrachtet,„daß Sie etwas auffallend Wildes an ſich hat; aber zuweilen iſt es mir doch ſchon ſo vorgekom⸗ men, als würde ich mich fürchten, Sie böſe zu machen. Ich glaube, alsdann könnte Sie erſchrecklich ſein.“ In dieſem Augenblicke wurde die Unterhaltung plötzlich unterbrochen, da ſich vor der Thür die Tritte des Spaniers hören ließen, worauf der Tiger ſich wieder daran begab, die Stühle im Zimmer abzuwiſchen und an ihren Platz zu ſetzen. Gottſchalk aber nahm einen Brief vom Tiſche, als ſei er ſo eben erſt herauf gekommen, um dieſen zu übergeben. Don Larioz trat in das Zimmer, er hatte den Hut auf dem Kopfe, den Mantel umgehängt, weßhalb die alte Frau dienſteifrig herbei eilte, um ihm letzteren abzunehmen, wobei ſie nicht wenig erſchrak, als ſie ſah, daß ihr Herr zwei lange Degen unter dem Arme trug, von denen er dem Tiger ebenfalls einen in die Hand gab, den anderen aber ſorgfältig neben dem alten Kamin in die Ecke ſtellte. Der Tiger brachte das Zimmer ſo ſchnell wie möglich in Ordnung und verließ es alsdann, nicht ohne Gottſchalk zuzuflüſtern, daß der Herr Don Larioz wahrſcheinlich ein .——— —————. ——— ——C—CQCQ—ę—;;jeöMůÿ———— —õÿõÿõÿõä Fünfundfünfzigſtes Kapitel. 104 Unglück angerichtet habe, denn er ſehe gar erſchrecklich und wild aus. Dies war aber nicht der Fall, vielmehr hatte der edle Spanier ganz das Ausſehen eines Mannes, der vollkommen ruhigen Gemüthes iſt, mit ſich ſelbſt zufrieden, im Bewußt⸗ ſein, eine gute und gerechte That verübt zu haben. Er nahm den Brief aus den Händen Gottſchall's und bedeutete dieſen, indem er ſich auf einen Lehnſtuhl niederließ, ihm gegenüber Platz zu nehmen; dann betrachtete er das Siegel des ziemlich großen Schreibens, deſſen Ausprägung übrigens undeutlich war; man bemerkte, freilich nur mit Mühe, einen etwas ver⸗ ſchobenen Kopf mit unleſerlicher Umſchrift; es konnte ein altes Sigill ſein. Dafür hielt es auch der Spanier, wogegen ein Unbefangener, vielleicht nicht ohne Grund, auf die Ver⸗ muthung gekommen wäre, als habe man ein älteres Thaler⸗ ſtück abſichtlich etwas undeutlich auf das Siegellack gedrückt. Die Aufſchrift lautete:„An den ſehr ehrenwerthen Edelmann und Ritter Don Larioz von la Mancha; dahinter: M. d. B. z. D. R. Und darunter: Derzeit hier.“ Was die Buchſtaben zu bedeuten hatten, wollte dem Leſer im erſten Augenblicke nicht recht klar werden; er er⸗ innerte ſich, daß er eigentlich ganz ohne Titel ſei, und wenn er auch etwas der Art beſäße, er doch keinen wüßte, der mit den angeführten Buchſtaben in Verbindung zu brin⸗ gen wäre. Wie es aber oft zu geſchehen pflegt, daß wir, uns im Dunkeln befindend, plötzlich durch eine ſcheinbar fern liegende Urſache erleuchtet werden, ſo auch Don Larioz, als er zu⸗ fälliger Weiſe auf dem Kamingeſimſe ein Brodmeſſer bemerkte, das ſich mit ſeinem dicken Griff und langer ſpitzer Klinge in Im Reibſtein. 105 ſeiner Einbildung augenblicklich zu einem Dolche umformte und ihn an jene Verbrüderung erinnerte, der er das Glück hatte anzugehören und deren Botſchaft er ſtündlich mit großer Sehnſucht entgegenſah. Jetzt wurde ihm mit einem Male die Bedeutung jener Buchſtaben klar, und er las mit einiger Genugthuung nochmals die Aufſchrift: Dem ꝛc. Don Larioz von la Mancha, Mitglied des Bundes zum Dolche Rubens. Ja, er hielt es in ſeiner Hand, worauf er lange gewartet, die Botſchaft, welche ihm unfehlbar die verſprochene Hülfe zuſagte zur Befreiung ſeiner geliebten Dolores, der unglück⸗ lichen und ſchönen Spanierin. Vor den Augen des ihm gegenüberſitzenden jungen Men⸗ ſchen war es ihm indeſſen unmöglich, das Couvert zu er⸗ brechen, und wenn es ihm auch Ueberwindung koſtete, ſo legte er das Schreiben doch bei Seite, bis dieſer das Zimmer verlaſſen haben würde. Gottſchalk machte jedoch keine Miene hierzu; er ſchien etwas auf dem Herzen zu haben; er ſprach Dies und Das über gleichgültige Dinge, wahrſcheinlich in der Hoffnung, ſein Freund und Gönner würde ein Geſprächsthema berühren, das ihm Veranlaſſung gäbe, mit ſeinen Wünſchen oder Fragen herauszurücken. Da aber Don Larioz einſylbig blieb, auch zuweilen auf die Uhr ſchaute und zuletzt die Frage that, ob der Prinzipal dem kleinen Schreiber einen längeren Urlaub bewilligt, ſo ſah dieſer ſich zu einem tiefen Seufzer veranlaßt und knüpfte an letzteren die Bemerkung, der Herr Doktor Plager würde es gewiß nicht einmal ſehen, wenn er auch noch ſo lange ausbliebe, denn einestheils ſei er im Bureau faſt gax nicht mehr anweſend, anderentheils bekümmere er ſich in der letzten —— 4 8 äͤ Fünfundfünfzigſtes Kapitel. 106 Zeit durchaus nicht mehr um ſein, des Lehrlings, Thun und Laſſen. „In den nächſten Tagen,“ ſagte Gottſchalk,„kommt ohnedies ein neuer Schreiber, und dann wird es dem Herrn Doktor wahrſcheinlich am liebſten ſein, wenn ich ganz aus dem Bureau wegbleibe.“ „Und woher vermutheſt du das?“ fragte Larioz einiger⸗ maßen beſorgt.„Ich hoffe nicht, daß du Streiche gemacht haſt, welche deinen Prinzipal veranlaſſen, dich zu entfernen?“ „Streiche habe ich gar keine gemacht,“ verſetzte Gottſchalk, und fleißig bin ich geweſen wie immer.“ „Du könnteſt eben ſo gut ſagen: faul wie immer, denn du wirſt dich erinnern, wie oft ich mein großes Lineal in Bewegung ſetzen mußte, um dich zur nothwendigſten Thätigkeit anzuhalten.“ Der Knabe ſtieß einen kläglichen Seufzer aus, dann ſagte er:„Das iſt wohl wahr, aber da, ſeit Sie fort ſind, das große Lineal nicht mehr gedroht hat und ich einſah, daß ich von ſelbſt fleißig ſein müßte, ſo habe ich mich in dieſem Punkte auffallend gebeſſert, obgleich mir das keine kleine Mühe gekoſtet hat.“ „Und warum war dir das ſo mühſam?“ „Weil ich von Tag zu Tag mehr fühlte,“ antwortete der Knabe kleinlaut,„wie wenig Luſt und Talent ich eigentlich zu der ganzen Schreiberei habe.— So lange Sie noch da waren,“ ſetzte er haſtig hinzu, als er den ſehr ernſten Blick des Spaniers bemerkte,„da war es was ganz Anderes, da nahm ich Sie zum Vorbilde und dachte auch einſt ſo zu werden, wie Sie. Seit ich aber geſehen, daß Sie ebenfalls die Schreiberei verlaſſen—“ Im Reibſtein. 107 „Wer ſagt dir, daß ich die Schreiberei verlaſſen?“ „Mein Vater hat es mir geſagt,“ verſetzte Gottſchalk ſtockend. „So, dein Vater?“ „Ja, er hat geſagt, Sie hätten endlich auch eingeſehen, daß nicht viel dabei herauskomme, und er hat mir ferner geſagt, ich ſolle Sie bitten, freundlichſt für mich überlegen zu wollen, ob Sie wirklich glauben, daß ich Talent zur Schreiberei habe.“ „An Talent dazu wird es dir nicht fehlen,“ entgegnete Don Larioz, nachdem er ein paar Augenblicke nachgedacht; „mir ſcheint aber, dir iſt die Luſt vergangen, ſo Tag ein, Tag aus an dem Schreibtiſche zu ſitzen, und wenn das iſt, ſo erſuche ich dich, mir das geradezu zu ſagen.“ „Die Luſt iſt mir eigentlich nicht vergangen,“ erwiderte ſchalkhaft lächelnd der Knabe,„denn ich habe wohl nie viel Luſt dazu gehabt. Wie ich Ihnen ſchon vorhin ſagte, ſo lange auch Sie da waren, hatte ich nichts gegen die Schreiberei einzuwenden; aber jetzt, wo ich ſo allein da unten ſitze, möchte ich oft in das Dintenfaß weinen, wenn ich nicht fürchten müßte, es laufe über.“ „Es iſt mit der Schreiberei allerdings ſo eine Sache,“ ſprach gedankenvoll der Spanier;„ich konnte mich freilich auch ſchwer daran gewöhnen, was aber wohl daher kommen mochte, daß ich meine erſte Jugend in ungebundener Freiheit, im Umherſtreichen durch Gebirg und Thal zubrachte; wenn ich, wie du, in einer Schneider⸗Werkſtätte geweſen wäre, ſo glaube ich faſt, daß mir die edle Schreiberei ſchon Anfangs beſſer behagt hätte.“ „Ach ja wohl, Herr Larioz, das iſt freilich wahr, aber —————— —— 108 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. mein Vater meint, in der Schreiberei hätte ich ſo gar keine Zukunft, und ſtellte Sie ſelbſt mir zum Beiſpiel auf. Er ſagte: Siehſt du, der Herr Don Larioz, der hat doch wahrhaftig was gelernt und iſt lange genug dabei geweſen, und der wird auch noch umſatteln, darauf kannſt du dich verlaſſen.“ „Umſatteln ſchwerlich,“ verſetzte träumeriſch der edle Spanier.„Aufſatteln möchte ich wohl, wenn das möglich wäre. Aber die Zeiten ſind vorüber, wo ein gutes Pferd, ein ſcharfes Schwert, ein feſter Arm und ein geſunder Muth alles war, was man bedurfte, um eine glänzende Carriere zu machen.— Was dich anbelangt, mein Sohn Gotſſchalk,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo biſt du jung und kannſt es deßhalb in der Schreiberei noch zu etwas Tüchtigem brin⸗ gen, wenn du fleißig biſt und den guten Muth und die Hoffnung nicht verlierſt.“ „Ja, Muth und Hoffnung ſind gut, um ſich ſelbſt etwas weis zu machen, wie es auch dem Maurer ergangen iſt, als er vom Thurme fiel.“ „Und wie iſt es dem Maurer ergangen, wenn ich fragen darf?“ „Als der Maurer im Fallen war, dachte er: Das iſt noch lange ſo ſchlimm nicht; vielleicht bleibe ich unterwegs irgendwo hängen oder unten fährt gerade ein Wagen mit Heu vorüber, auf den ich zu fallen komme.“— „Dieſer Maurer hatte einen guten Glauben, von dem man ſich ſchon etwas wünſchen könnte; und wenn du jetzt in deine Schreibſtube hinunterfieleſt und im Fallen dächteſt: vielleicht hält mich unterwegs Jemand auf und ſchlägt mir eine andere Laufbahn vor, oder du fällſt unten in einen Im Reibſtein. 109 Sack von zwanzigtauſend Thalern hinein, die dir Jemand zum Geſchenk macht, ſo biſt du beſſer daran als jener Mau⸗ rer, denn der ſtarb wahrſcheinlich eines kläglichen Todes, während du vor dir haſt, das vergnügliche Daſein eines Schreibers zu führen.“ Gottſchalk erhob ſich langſam von ſeinem Stuhle und ſagte kleinlaut, während er ſich am Kopfe kratzte:„Ich denke wie mein Vater; der hat einen Abſcheu vor aller Schreiberei.“ „Das Denken wird dir Niemand verwehren, und wenn du ein folgſamer Knabe biſt und keine dummen Streiche machſt, ſo will ich auch für dich denken. Was ſoll man aber mit dir anfangen? Zum Schneider haſt du keine Luſt, zur Schreiberei auch nicht, wenigſtens jetzt nicht mehr; denn du wirſt dich erinnern, daß du damals recht froh warſt, die Nadel mit der Feder vertauſchen zu dürfen.— Was iſt es denn eigentlich, womit du vollkommen einverſtanden wäreſt?“ „Ich möchte Jäger werden,“ ſagte Gottſchalk, ohne ſich zu beſinnen. „Wie dein Vater?“ „Das gerade nicht; dagegen hat meine Mutter einen Widerwillen, und was die Mutter will, das will ich auch. Ich möchte nicht Jäger werden wie der Vater, um dabei in einem herrſchaftlichen Hauſe zu dienen, ſondern ich möchte was Rechtes lernen in der Jägerei, von dem Wild und den Bäumen im Walde, um das recht zu verſtehen und immer im Freien ſein zu dürfen.“ „Ah! ich begreife, du möchteſt Förſter werden oder der⸗ gleichen. Kein übles Geſchäft, iſt noch ziemlich friſch geblieben aus jener alten ritterlichen Zeit. Es ſind das die einzigen — 110 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Leute, die ſeit damals ihre Beſchäftigung nicht geändert haben. Der Rittersmann auf gepanzertem Roſſe mit Schild und Lanze iſt verſchwunden, den frommen Pilgrim ſieht man nicht mehr mit ſeinem Muſchelgewand durch die Länder ziehen; alle die abenteuerlichen und ſo edlen Geſtalten, welche damals die Welt bevölkerten, ſind im Strudel der Alltäglichkeit zu Grunde gegangen; nur allein der Jägersmann ſtreift heute noch wie damals durch die Wälder, tödtet den Eber und beſchleicht den Hirſch.— Ich muß ſagen,“ fuhr er nach einem tiefen Nachſinnen fort,„wenn ich nicht zu alt dazu wäre, ſo könnte es mich noch dazu verlocken, ein Jägerburſch zu werden; ich wüßte mir nichts ſchöneres, als unter den grünen Bäumen zu leben, von alter Zeit zu träumen und dabei den entfernten Schlag der Axt zu vernehmen oder das Halloh der fröhlichen Jagd, wie es damals geweſen iſt. Bei Gott, das müßte ein luſtiges Leben ſein.“ Die Augen des Spaniers flammten auf, doch ſenkte er gleich darauf den Kopf in die Handfläche und ſprach in trau⸗ rigem Tone: „Was mich anbelangt, ſo bin ich, wie geſagt, wohl zu alt zu einem Jägerburſchen. Wenn das nicht wäre, ſo ſollte mich nichts vom grünen Walde abhalten.— Und doch wäre es am Ende möglich, mir dort eine beſchauliche Exiſtenz zu gründen, wie büßende Ritter vor mir gethan, nicht als ehr⸗ würdiger Einſiedler— leider iſt deren Zeit ebenfalls vorüber — aber ich ſtelle es mir als ebenſo würdig, als ebenſo romantiſch vor, fernab im wilden Walde zu hauſen, als frommer Köhler in beſcheidener Hütte zu leben, ein Hort der Verirrten und der müden Reiſenden, ein gewiſſenhafter Auf⸗ bewahrer alter geheimnißvoller Sagen, ein Erzähler jener Im Reibſtein. 111 lieblichen Märchen, die von edlen Köhlern am rauchenden Meiler erdacht ſind, die mit goldenen Sprüchen untermiſcht von ihrem Munde kommen und die darauf fortleben im Munde des Volkes von Jahrhundert zu Jahrhundert.“ „O, das wäre herrlich, Herr Larioz!“ rief fröhlich der Knabe aus.„Wenn ich dann ein Jägersmann wäre und mit Büchſe und Hirſchfänger zu Ihnen träte—“⸗ „Während ich gedankenvoll am rauchenden Meiler ſitze.“ „Ich erzählte Ihnen, was es Neues in der Welt gäbe.“ „Und ich würde dir dafür ein Märchen mittheilen.“ „Ja, und vielleicht ſagte ich auch eines Tages, daß draußen Krieg entſtanden ſei, zu dem auch wir Jäger mit hinausziehen müßten, um das Land zu retten.“ „Und alsdann,“ rief Don Larioz begeiſtert,„ſammelte ich die Köhler und Köhlerburſchen der Umgegend, bewaffnete ſie mit Schwertern und Armbrüſten, und zöge mit ihnen hinaus in das Gefecht, und käme zur rechten Zeit, um es glorreich zu beendigen.“ „O, Herr Larioz, das wäre ſo ſehr ſchön! Der Vater ſagte, Sie hätten ſo vornehme und reiche Freunde und könnten ſchon was für mich thun. O, denken Sie daran! Es wäre ſo ſchön, wenn ich ſpäter einmal auf einem Jagdſchloſſe mitten im Walde wohnte.“ „Ja, das wäre allerdings höchſt angenehm; und ich käme eines Abends auf müdem Roß und klopfte an die Pforte und ſpräche alsdann:„Sagt mir, Pförtner, wie weit iſt es zum nächſten Kloſter?“ „O, dann dürften Sie in kein Kloſter gehen,“ ſprach Gottſchalk luſtig.„Dann würden wir beiſammen bleiben und 112 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Rehe und Hirſche ſchießen. Hurrah, das wäre ein Leben Nicht wahr, Herr Larioz, Sie denken an mich?“ „Ich werde dich nicht vergeſſen,“ erwiderte der Spanier, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht.„Aber nur dann, wenn du deine Geſchäfte drunten ſo pünktlich beſorgſt, als hätteſt du vor, dein ganzes Leben beim Herrn Doktor Plager zu bleiben. Die geringſte Klage, die ich über dich höre, wird mich veranlaſſen, mit keinem jener mächtigen Gönner zu reden, die ſich mir zu Liebe vielleicht entſchließen könnten, etwas für deine Zukunft zu thun.— Jetzt laß mich allein.“ „Tauſend herzlichen Dank, Hern Larioz, dafür, daß Sie ſich meiner annehmen wollen!“ rief der Knabe.„Gewiß, Sie ſollen keine Klage über mich hören; im Gegentheil, der Herr Doktor Plager ſoll ſehr betrübt darüber ſein, wenn er erfährt, daß ich ihn verlaſſe.“ „Gut, gut!“ ſagte der lange Mann gelaſſen;„ſei du nur aufmerkſam und fleißig; was die Betrübniß des Herrn Rechs⸗ conſulenten anbelangt, ſo wird dieſelbe auf alle Fälle mäßig bleiben.“ Gottſchalk verließ das Zimmer, und kaum ſchloß ſich die Thür hinter ihm, ſo nahm Don Larioz den bewußten Brief zur Hand, öffnete das Couvert und vertiefte ſich in den In⸗ halt des Schreibens. Er hatte richtig geahnt; es war vom Vorſitzenden des Bundes zum Dolche Rubens und enthielt die Worte: „Die Zeit iſt da, wo wir handeln werden. Der Bund hat über Euch gewacht und iſt bereit, Euch, edler Ritter, in Eurem Unternehmen zu helfen. Muth und Verſchwiegenheit! Wenn die achte Stunde anſchlägt auf dem Thurme jener alten Kirche, die nicht entfernt liegt vom Hauſe, das zum Schild Im Reibſtein. 113 einen Reibſtein führt, werden ſich dort die Brüder verſam⸗ meln zur helfenden That. Waffen ſind vorräthig. Den Zehr⸗ pfennig für fremde arme Pilgrime erſucht man den edlen Ritter nicht zu vergeſſen. „Der Vorſitzende des Bundes zum Dolche Rubens.“ Don Larioz ließ die Hand mit dem Blatt Papier auf ſeine Kniee niederſinken und blickte träumeriſch an die Decke empor. Der Inhalt des Briefes war ihm nicht vollkommen klar. Wohl erinnerte er ſich jenes Abends, wo der Bund in geheimer Abſtimmung beſchloſſen, die Angelegenheit gegen das verruchte Treiben der Gebrüder Breiberg als ſeine eigene zu betrachten und dem neuen Mitgliede helfend die Bruderhand zu reichen. In wie fern dies aber geſchehen könne, wollte ihm nicht recht klar werden. Hatte Herr Wur⸗ zel, der edle Vorſitzende, vielleicht nähere Nachricht über das Schickſal, der unglücklichen Spanierin? war es ihm gelungen, Verbindungen mit ihr anzuknüpfen? Die treuen Freunde hatten wohl ſo weit vorgearbeitet, um ihre Entführung er⸗ leichtern zu können? Larioz zitterte bei dieſem Gedanken. Nicht aus Furcht, wer könnte ſo etwas glauben!— gewiß nicht, ſondern er zitterte vor Freude und gewaltiger Aufregung, daß jetzt endlich viel⸗ leicht der Außenblick gekommen ſei, wo er zu ihrer Befreiung ſein Leben einſetzen dürfe; wo ihm möglicher Weiſe dieſe Be⸗ freiung gelingen könne, wo es ihm, und zwar in nächſter Zeit, vergönnt ſei, die unglückliche und ſo ſehr geliebte Do⸗ lores an ſein treues, ritterliches Herz zu drücken. Es duldete ihn nicht mehr auf ſeinem Stuhle; er erhob ſich, trat zu dem kleinen Tiſche, wo das Käſtchen ſtand mit Hackländer, Don Quixote. V. 8 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. ihrem Portrait, öffnete daſſelbe und blickte in ihre geliebten Züge. Dann ging er mit langſamen Schritten vor den Ka⸗ min, über welchem jenes Bild hing, das dem edlen Spanier ſo ähnlich ſah, ſtellte das Portrait der unglücklichen Dolores unterhalb deſſelben auf, nahm den langen Stoßdegen aus der Ecke, entblößte die Klinge und hielt ſie hoch gegen das Bild empor, indem er den Griff mit beiden Händen faßte. „Edler Don Manuel,“ ſprach er mit bewegter Stimme, „tapferer Ahnherr des Geſchlechts der Larioz! endlich darf ich es wagen, vor deinem ſtrengen Angeſicht dieſe noch nie mit Schmach bedeckte Toledaner Klinge zu erheben, nachdem ſie heute durch mich aufs Neue geweiht worden. Ja, ſie zwang einem kühnen Verräther das Bekenntniß ſeiner Schuld ab, der ſich unterſtanden, Einen deines erhabenen Namens mit dem Schimpf einer gemeinen Anklage zu beſudeln; ſie zwang ihn zum Widerruf; ſie nöthigte ihn, feierlich zu erklären, daß jenes holde, aber unglückliche Mädchen, deren Schönheit und Tugend das Herz deines Urenkels gerührt hat, zu den Vor⸗ züglichſten ihres Geſchlechts gehöre, daß Dolores das ſchönſte Weib auf Erden ſei. Ehe mir dieſes durch die Kraft meines Armes gelang, durfte ich es nicht wagen, das Bild ihrer Schönheit vor dein ſtrenges Antlitz zu bringen. Jetzt aber thue ich es mit Stolz, indem ich zu gleicher Zeit um deinen Schutz für ſie bitte, edler Ahnherr, und indem ich dein un⸗ beflecktes Schwert erhebe und feierlich gelobe, in dem Verſuche, das theure Mädchen aus unwürdigen Banden zu befreien, zu ſiegen oder unterzugehen.“ Darauf hob er den Degen hoch empor zu dem ernſten Kopfe, mit dem ſpitzen, aufwärts gedrehten Barte, ſteckte die Kingel langſam in die Scheide, lehnte ſie darauf in die Ecke Im Reibſtein. 115 des Kamins, verſchloß das Portrait der ſchönen Dolores wieder in das kleine Käſtchen und ging alsdann nachdenkend, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer auf und ab. Doch war er augenſcheinlich zu bewegt, um es in den engen Mauern des Zimmers aushalten zu können; er nahm deß⸗ halb ſeinen Mantel um, ſetzte den Hut auf und verließ ſeine Wohnung, nachdem er einiges Geld zu ſich geſteckt für fremde arme Pilgrime; dieſe Stelle des Schreibens hatte er wohl verſtanden. Es war übrigens noch ſo früh am Tage, daß vor Ver⸗ lauf einiger Stunden nicht daran zu denken war, die Glocke jenes bezeichneten Thurmes die achte Stunde ſchlagen zu hören. Don Larioz wandelte deßhalb, mit ſeinen Gedanken beſchäf⸗ tigt, durch die Straßen der Stadt, und da er den Weg, der nach dem Hauſe des Jägers Brenner führte, häufig zu machen pflegte, ſo kam er dieſes Mal faſt willenlos auf den Blumen⸗ markt und befand ſich kurze Zeit darauf in der engen und finſteren Gaſſe, wo er an einem kleinen Spielwaaren⸗Magazin vor einigen Tagen mit jenem fremden Herrn zuſammen ge⸗ troffen war. Er blieb an dem Fenſter ſtehen, um ſich die Bären und Affen zu betrachten, die ihm zum Vorwande hatten dienen müſſen, und wollte gerade wieder kopfſchüttelnd weiterſchreiten, als er neben ſich leiſe ſeinen Namen nennen hörte. Raſch wandte er ſich um und ſah zu ſeinem Erſtaunen ein junges Mädchen, in welchem er augenblicklich Kathinka Schneller von der Entenpforte erkannte. Leider war es ihm unmöglich, ſie trotz ſeines Wohlwollens für alle Menſchen mit einem freundlichen Blicke anzuſchauen; ſie vergegenwärtigte ihm zu ſehr jenen ganzen unglücklichen Abend mit ſeiner tiefen Er⸗ ——ÿ— 116 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. niedrigung. Ja, durch die Aeußerungen, welche er auf der Polizei gehört, hatte er doch ein gewiſſes Mißtrauen nicht nur gegen das Treiben in jenem Hauſe gefaßt, ſondern auch gegen die, welche ihm Dolores als ihre Freundin empfohlen. Natürlich war er weit davon entfernt, zu glauben, daß hiedurch der mindeſte Schatten auf die unglückliche Gefangene fallen könne; denn er konnte ſich zu lebhaft vorſtellen, daß ebenſo, wie der Ertrinkende nach jedem Strohhalme greife, auch Jemand in der Nacht des Kerkers nicht lange wählen dürfe in dem Gegenſtande, der ihm Hülfe bringen konnte. Der edle Spanier wollte ſich mit einer einfachen Neigung des Kopfes von den Bären, den Affen und von Kathinka Schneller entfernen, als Letztere mit einem tiefen Seufzer ſagte:„Ja, jetzt gehen Sie ſtolz an mir vorüber, jetzt, da ich eigentlich durch Sie ins Unglück gekommen bin.“ Dieſe Worte änderten augenblicklich den Ideengang des langen Mannes; Kathinka befand ſich im Unglücke, alſo war es Pflicht von ihm, anzuhören, was ſie zu ſagen habe. Obgleich dieſer Vorſatz gewiß ein edler war, ſo blickte Larioz doch einige Mal verlegen die Gaſſe auf und ab; er dachte an ſeinen Freund, den Armenarzt, in deſſen Revier er ſich befand, und es wäre ihm gerade nicht angenehm ge⸗ weſen, von demſelben im gegenwärtigen Augenblicke geſehen zu werden. Kathinka mochte ſeine Gedanken errathen; ſie zeigte auf ein kleines Haus, dem Spielwaarenladen gegenüber, indem ſie ſprach:„Dort wohne ich jetzt; es iſt eine anſtändige Re⸗ ſtauration, Sie können, ohne Aufſehen zu erregen, eintreten und ungeſtört mit mir reden, da niemand Fremdes im Gaſt⸗ zimmer iſt.“ Im Reibſtein. 117 Don Larioz nickte mit dem Kopfe, worauf das junge Mädchen in den kleinen finſteren Hausgang ſchlüpfte, dort an einer ſehr engen Treppe ſtehen blieb und dem Spanier die Hand reichte, um ihm in dem gänzlich dunklen Raume beim Emporſteigen behülflich zu ſein. Oben angekommen, öffnete ſie die Thür zu einem nied⸗ rigen und ziemlich unreinlichen Zimmer, wo man ein paar hölzerne Tiſche ſah, einige wackelige Stühle und außer einer alten Frau, die aus einem Nebengemache erſchien, um den verlangten Wein zu bringen, niemand Fremdes. Der Spanier ließ ſich an einem der Tiſche nieder, Ka⸗ thinka ſetzte ſich ihm gegenüber, ſenkte den Kopf in die Hand und ſagte tief aufſeufzend:„Ja, ich bin recht unglücklich!“ „Wenn ich Ihnen in etwas helfen kann,“ ſprach der Spanier mit nicht unfreundlichem Ernſte,„ſo will ich das recht gern thun, obgleich—“ „O, ich weiß, was Sie ſagen wollen,“ klagte das Mäd⸗ chen,„und Sie können mir glauben, jener Abend liegt mir heute noch ſchwer auf der Seele. Ach! ich war ebenſo un⸗ wiſſend und unſchuldig wie Sie ſelber. Clemens Breiberg hatte das Alles angeſtiftet, und der Stöpſel, die ſchlechte Per⸗ ſon, ihm geholfen, mich zu überreden. O, ich bitte Sie herz⸗ lich, mir zu verzeihen, denn wenn Sie das nicht thun, ſo habe ich keine ruhige Stunde mehr.“ „Wenn Ihnen an meiner Verzeihung wirklich etwas ge⸗ legen iſt, ſo werde ich Ihnen dieſelbe nicht vorenthalten. Ich ſehe, daß Sie einiges Unrecht, welches Sie mir gethan, bereuen, und damit iſt die Sache nicht nur abgemacht, ſondern ich biete Ihnen wiederholt meine Dienſte an.“ „Vorderhand können Sie mir in nichts helfen,“ gab Ka⸗ 118 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. thinka zur Antwort,„und ich würde mich auch ſchämen, von Ihnen, gegen den ich unrecht gehandelt, irgend eine Hülfe zu verlangen oder anzunehmen. Sie ſind ſehr gut, Herr Don Larioz, recht ſehr gut, und deßhalb thut mir nicht nur das leid, was ich gegen Sie gethan, ſondern ich möchte Sie auch warnen, damit Andere Ihnen nicht noch Schlimmeres zu⸗ fügen.“ „Sprechen wir nicht von mir,“ ſagte der Spanier mit einer abwehrenden Handbewegung;„ich habe ein feſtes Ziel vor Augen, von dem ich gewiß bin, daß es ein edles Ziel iſt, dem ich nachſtrebe aus allen Kräften, und von dem mich nichts zurückſchrecken kann, keine Drohungen, keine Warnungen. Sagen Sie mir lieber, wie kommen Sie hieher, warum haben Sie die Entenpforte verlaſſen?“ „Das geſchah in Folge jenes Abends,“ verſetzte Kathinka Schneller, indem ſie die Augen niederſchlug.„Ich weiß, daß Sie auf die Polizei gebracht wurden; ah, ich verlebte in Trübſal und Weinen eine ſchreckliche Nacht. Den andern Tag mußten auch wir dort erſcheinen.“ „Auf der Polizei? Sie und Ihre Frau Mutter?“ „Ja, ich und— die Anderen. Man ſagte uns dort allerlei ſehr unangenehme Dinge, man drohte mir insbeſondere und nöthigte mich, die Entenpforte zu verlaſſen.“ „Ihre Mutter zu verlaſſen? Das kann man allerdings ein Unglück nennen.“ „O, gewiß ein Unglück!“ klagte Kathinka mit leiſer Stimme;„denn da führte ich ein recht angenehmes und zu⸗ friedenes Leben, während ich hier ein ganz unglückliches Ge⸗ ſchöpf bin.“ Im Reibſtein. 119 „Es iſt das freilich hier kein ſehr wohnlicher Aufenthalt,“ ſprach Larioz, nachdem er aufmerkſam um ſich her geblickt. „Ach, das wäre noch das Wenigſte!“ fuhr das junge Mädchen fort, indem ſie ihre Hand auf den Arm des langen Mannes legte und denſelben leicht drückte;„aber es kommen ſo arge Menſchen hieher, die ein armes, unerfahrenes Mäd⸗ chen, welches ohne Beſchützer daſteht— ach, ich brauche Ihnen nicht mehr zu ſagen, Sie kennen die ſchlechte Welt genug, um mich zu verſtehen.“ Don Larioz verſtand ſie allerdings, und es ſchauderte ihn einigermaßen, wenn er an die Lage von Kathinka Schneller dachte und dieſe ſich vorſtellte, tugendhaft wie ſie war, allen Verführungen ausgeſetzt. Wenn es auch vielleicht möglich war, daß ſie hier und da einen Beſchützer fand, ſo kannte er doch die Welt im Allgemeinen als ſo ſchlecht, daß das Mäd⸗ chen wohl Urſache hatte, über ihre Lage zu ſeufzen. Deßhalb gab er ihr den wohlgemeinten Rath, wieder zu ihrer Mutter zurückzukehren, ſich dort vor den böſen Einflüſterungen des Herrn Clemens Breiberg ſowie der Fräulein Stöpſel in Acht zu nehmen, ein ſtilles und ruhiges Leben zu führen; dann könne ſie wohl überzeugt ſein, daß die Polizei trotz ihrer vä⸗ terlichen Fürſorge ſich in Kurzem nicht mehr um ſie beküm⸗ mern werde. Kathinka dankte für dieſen Rath und verſicherte, ihn aus⸗ führen zu wollen, ſobald es ihr möglich ſei. „Sie haben ſich vertrauensvoll an mich gewandt,“ fuhr der Spanier fort,„und Sie können überzeugt ſein, daß ich Ihnen meinen Schutz, wo immer möglich, nicht vorenthalten werde. Wenden Sie ſich an mich, ſo oft ich Ihnen dienen kann; und was die frechen Angriffe junger, leichtſinniger Men⸗ 8 ———— 8— — 120 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. ſchen anbelangt, denen Sie, wie Sie ſagen, hier zuweilen aus⸗ geſetzt ſind, ſo geben Sie denſelben zu verſtehen, daß Sie einen Beſchützer beſitzen, dem es auf ein paar Degenſtöße mehr oder weniger nicht ankommt.“ „Wie ſoll ich Ihnen für dieſe Großmuth danken!“ ſprach das Mädchen wirklich ergriffen; man ſah das an dem ernſten, faſt traurigen Blicke, mit welchem ſie den langen Mann be⸗ trachtete. Sie dachte auch: Wie jammerſchade iſt es, daß ein ſonſt ſo verſtändiger und angenehmer Mann ſo confuſe Ideen haben kann und daß er ſich mit Leuten wie Wurzel und den Anderen einläßt! Sie konnte nicht umhin, dieſen ihren Ge⸗ danken Worte zu leihen, und ſagte deßhalb: „Ach, Herr Don Larioz, Sie benehmen ſich gegen mich armes Geſchöpf ſo außerordentlich anſtändig und nobel, daß ich Sie nochmals bitten muß, ſich mit dieſen Gebrüdern Brei⸗ berg und den Anderen nicht einzulaſſen. Die meinen es doch nicht ehrlich mit Ihnen.“ Der tapfere Spanier drehte ſeinen Schnurrbart in die Höhe, ehe er mit dem ihm eigenen Lächeln zur Antwort gab: „Daß die es nicht gut mit mir meinen, davon bin ich voll⸗ kommen überzeugt, mein Fräulein; aber glauben Sie mir, ich vergelte ihnen Gleiches mit Gleichem.“ „Das können Sie nicht, Herr Don Larioz,“ antwortete das Mädchen,„denn Sie ſind geradeaus und ehrlich, während die Anderen nur mit Ränken und Schwänken umgehen. Ach, wenn Sie wüßten, wie ſie Sie mit der Geſchichte zum Beſten haben!“ „Mit welcher Geſchichte, mein Kind?“ „Nun, mit der ſogenannten Spanierin bei den Gebrüdern Breiberg.“ Im Reibſtein. 121 Don Larioz ſchaute Kathinka mit einem mitleidigen Lä⸗ cheln an, dann ſagte er:„Daß die bewußte Unglückliche eine Spanierin iſt, das weiß ich genau.“ „Ach, wenn Sie es nur genau wüßten,“ fuhr das Mäd⸗ chen fort,„oder wenn ſie mich nur nicht in der Hand hätten, daß ich nichts ſagen darf! Da ſollten Sie erfahren, wie es mit Ihrer Spanierin ausſieht.“ „Daß man die edle Dolores zu verleumden trachtet, daran zweifle ich nicht im Geringſten, und daß auch Sie das heute gerade abſichtlich thun, finde ich begreiflich. Es iſt das in früheren Zeiten ebenfalls häufig vorgekommen, daß man tapferen Rittern, ehe ſie das Schlachtroß beſtiegen, um für ihre Dame zu kämpfen, alles erdenkliche Schlimme von ihren Gebieterinnen zuflüſterte. Ich könnte mehrere Beiſpiele davon anführen, begnüge mich aber, Ihnen den Wahlſpruch zu wie⸗ derholen, für den ich ſiegen oder ſterben werde: daß Dolores nicht nur das ſchönſte, ſondern auch das vortrefflichſte Weib auf Erden iſt.“ „Aber wenn Sie nun dieſe Dolores,“ ſprach dringend das junge Mädchen,„ganz anders fänden, als Sie ſich die⸗ ſelbe vorſtellen?— ganz, ganz anders?“ „Wie wäre das möglich? Ich habe ſie geſehen, und ſo, wie ich ſie ſah, ſteht ſie feſt in meinem Herzen eingegraben. Worin könnte ſie ſich geändert haben? In ihrem Aeußeren etwa? Werde ich ſie vielleicht abgehärmt finden aus Kummer, Noth und vielleicht auch ein wenig Sehnſucht? O, wenn das wäre, ſo würde ich glücklich ſein über ihre bleichen Wangen und würde das Möglichſte thun, den Schimmer der Zufrieden⸗ heit und Geſundheit wieder über ihre Züge hinzuzaubern.“ Kathinka Schneller ließ darauf mit einem tiefen Seufzer I 4 14 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. 122 ihre Hände in den Schooß fallen, als wolle ſie dadurch aus⸗ drücken: Da iſt nicht zu rathen und nicht zu helfen.—„Denken Sie aber an mich,“ ſagte ſie mit wehmüthigem Tone,„daß ich es geweſen bin, die Sie gewarnt.“ „Ich werde an Sie denken,“ erwiderte beſtimmt der edle Spanier,„und hoffe Ihnen in den nächſten Tagen viel Neues und Großes mittheilen zu können.“ „Das gebe Gott!“ „Amen!“ ſagte Don Larioz.„Für Ihr Mitgefühl bin ich Ihnen dankbar und werde wohl noch Gelegenheit finden, Ihnen dieſe meine Dankbarkeit zu beweiſen.— Leben Sie wohl!“ Er erhob ſich bei dieſen Worten, bezahlte den Wein, den er übrigens nicht angerührt, und reichte dem Mädchen ſeine Hand, worauf er Zimmer und Haus verließ. Obgleich es bereits ſtark dunkelte, ſo hatte doch der edle Spanier Zeit genug, um aufs langſamſte nach dem Burgplatze hinzuſchlendern, wo er trotzdem immer noch zu früh an die Thür des Reibſteins gelangte. Das Zimmer, wo ſich der Bund zum Dolche Rubens zu verſammeln pflegte, war noch unbeleuchtet, weßhalb Don Larioz durch den matt erhellten Hausgang nach dem hinteren kleinen Stübchen ſchritt, wo er ſich ſchon zuweilen aufgehalten und wo um dieſe Zeit ſelten Gäſte anzutreffen waren. Auch dieſes Mal befanden ſich nur zwei Perſonen dort, von denen die eine, das getreue Windſpiel, freudig empor ſprang und dem Ankommenden entgegen lief, um ihn herzlich zu begrüßen. Die andere Perſon blieb am Tiſche ſitzen, den Kopf auf beide Ellbogen geſtützt, ein unberührtes Glas Wein vor ſich. Näher tretend, erkannte Larioz den kleinen Reitknecht, Im Reibſtein. deſſen Aeußeres ſich aber bedeutend und nicht vortheilhaft ver⸗ ändert hatte. Verſchwunden war der Stolz des Grooms, die glänzenden Stiefel, die anliegende Reithoſe und die blanke Livree mit den coquetten Achſelſchnüren. Der bunte flatternde Schmetterling war nicht mehr; er hatte ſich eingeſponnen in ein graues unſcheinbares Gehäuſe, das, von groben Stoffen und überall zu weit, wenig mehr ahnen ließ von der eleganten Figur des unwiderſtehlichen Friedrich. So ſehr Don Larioz auch ſeine Gedanken auf die ihm bevorſtehenden wichtigen Ereigniſſe gerichtet hatte, ſo entging ihm doch dieſe Verwandlung nicht, und er blickte fragend auf den ehemaligen Reitknecht, der einen Augenblick trübſelig em⸗ porſchaute, dann aber wie verdrießlich über die Ankunft des eben Eingetretenen ſeinen Kopf mit einer heftigen Bewegung noch tiefer hinab ſenkte. „Du brauchſt dich vor dem Herrn nicht zu geniren,“ ſagte Windſpiel begütigend.„Herr Don Larioz wird deine Trauer zu würdigen verſtehen und iſt Keiner von denen, die kalt bei dem Unglücke ihrer Nebenmenſchen vorüberziehen.— Bitte, nehmen Sie Platz,“ wandte er ſich an den langen Mann;„es iſt noch Niemand im Lokale,“ ſetzte er flüſternd hinzu. Der Spanier ſetzte ſich und blickte mitleidig auf Wind⸗ ſpiels Bruder. „Ja, es iſt ihm ſchlecht ergangen,“ ſagte der kleine Kellner achſelzuckend.„Schau mich nur nicht ſo grimmig an,“ ſprach er zu ſeinem Bruder,„du biſt hier unter guten Freunden, und wir ſind gewiß bereit, dir mit Rath und That an die Hand zu gehen.— Nicht wahr?“ „Allerdings.“ 123 *—— — ——— ¾——— —— 2 — 7 4 8. f„ e— — ———-3-34 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. 124 „Ich brauche weder Rath noch That,“ murmelte tückiſch der Groom. „Er hat,“ fuhr Windſpiel gegen Don Larioz fort,„Dif⸗ ferenzen mit ſeiner Herrſchaft gehabt. Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu, Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei.“ „Ich wollte, daß du deine Verſe und deine Reden für dich behielteſt,“ ſprach Friedrich, indem er, wie um ſeinen Aerger niederzuſchlucken, das vor ihm ſtehende Glas Wein auf Einen Zug austrank. „Es ſcheint mir alſo etwas von Liebe dabei zu ſein,“ meinte Larioz mit einem mitleidigen Blick auf den kleinen Mann. Windſpiel zwinkerte mit den Augen, worauf der edle Spanier ſeine Hand auf den Arm des geweſenen Reitknechts legte und zu ihm mit herzlichem Tone ſagte: „Wenn dem ſo iſt, wie ich vermuthe, wenn eine unglück⸗ liche Liebe Ihr Herz bewegte, wenn Sie ihretwegen Ihre Stellung im geſellſchaftlichen Leben aufgegeben, ſo iſt es im höchſten Grade lobenswerth, und ich kann nicht unterlaſſen, Ihnen meine Achtung zu bezeigen.“ Friedrich ſchielte mißtrauiſch auf die Seite nach dem langen Manne hin, um zu ſehen, ob dieſer nicht ſeinen Spaß mit ihm habe; als er aber in deſſen ruhiges, ernſtes, ja, wir müſſen mit Recht ſagen: würdevolles Geſicht ſah, als er ſeinen Bruder erblickte, der mit gefalteten Händen, das magere Köpf⸗ chen geneigt, mit wehmüthigem Blicke vor ihm ſtand, da brach Im Reibſtein. 125 der Groll und die Wuth, welche ſein ſtörriſches Herz mit einer Eiskruſte umgeben hatte; er ließ den Kopf auf den Tiſch niederfallen und weinte mit der gleichen Anſtrengung, wie man es wohl bei ungezogenen Kindern ſieht, wenn man von ihnen ſagt, der Bock ſtoße ſie. Auch in Windſpiels ſanftem Auge glänzte eine Thräne, und Don Larioz, der tapfere Ritter mit dem weichen Herzen, griff mit zwei Fingern an ſeine lange Naſe, wie um auf dieſe Art die überſtrömende Quelle der Rührung zuzuhalten. „Ja es iſt wohl recht ſehr traurig,“ ſprach der kleine Kellner nach einer Pauſe, und darauf ſchluchzte der Groom: „Du— kannſt— Alles ſagen— o, es iſt— mir zu ſchlecht gegangen.“ Darauf fing der Bock bei ihm wieder ſo heftig an zu arbeiten, daß er ordentlich in die Höhe ſchnellte und alsdann den Kopf wieder ſinken ließ. Don Larioz faltete die Hände auf dem Bauche und blickte bewegt zu Windſpiel hin, welcher fortfuhr:„Es war ein Complot, ein verabſcheuenswürdiges, ſchändliches Complot. Natürlicher Weiſe war die junge Dame ſchön wie der Tag, hold wie ein Engel, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß ſie meinen Bruder Friedrich liebte. Nicht wahr, unglücklicher Bruder, das haſt du auch vermuthet?“ „Ja, ich habe es vermuthet,“ heulte Friedrich.„Und der Gärtner und der Frangois haben es immer geſagt. O— o—h!“ „Das Letztere kann ich bezeugen,“ ſprach Windſpiel;„ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört. Wie oft haben ſie ihm geſagt, das gnädige Fräulein liebe ihn und—“ „Es war alſo ein gnädiges Fräulein?“ fragte Larioz mit Intereſſe. 126 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. „Allerdings, o ja! Das verſteht ſich,“ erwiderte ſtolz der kleine Kellner, wobei er die Hand in ſeinen Rock ſteckte und die Naſe etwas Weniges erhob.„Es war ein gnädiges Fräulein, und ſie gab meinem Bruder Friederich häufig Be⸗ weiſe ihrer Zuneigung. Iſt es nicht ſo?“ „Ja, es iſt ſo. Sie ſah mich immer an; ſie lachte ſo gern über mich; ſie ſagte, ſo komiſch wie ich ſei Niemand auf der Welt. Ich mußte ihr Alles beſorgen, Alles, Alles, und wenn ich gerade nicht da war, dann wartete ſie bis ich kam. O, wenn ich nur an die Orangenblüthen denke, dann könnte ich ein völliger Narr werden.“ „So, es war auch etwas von Orangenblüthe dabei?“ fragte der Spanier. „Ja wohl, auch ſo eine Tändelei. Genug, endlich kam es zu einer Erklärung, und ſie war hart und grauſam genug, den armen Friedrich ſchmählich zu behandeln.“ „Das kann man gerade nicht ſagen,“ ſprach der kleine Groom mit einem ſanften Schluchzen;„ſie hat mich eigentlich gar nicht behandelt, ſie ſprang nur in die Höhe und ſtürzte davon, indem ſie ausrief: Unerhört!— Aber der Jäger—“ „Ja, der Jäger,“ ſagte Windſpiel— Darob entbrennt in Robert's Bruſt, Des Jägers, gift'ger Groll, Dem längſt von böſer Schadenluſt Die ſchwarze Seele ſchwoll,“ declamirte er träumeriſch vor ſich hin. „Und ein eiferſüchtiger Jäger überraſchte Sie?“ fragte Don Larioz.„Er klopfte Ihnen wahrſcheinlich leicht auf die Im Reibſtein. 127 Schulter, winkte Ihnen nach einem ſtillen Gebüſche und ſprach: Die Gewalt der Wafefen ſoll entſcheiden.“ Windſpiel ſchüttelte traurig mit dem Kopfe, als er ſagte: „O nein, ſo ſprach dieſer Jaͤger nicht, ſo nobel benahm er ſich nicht; er, der Stärkere, fiel über meinen armen Bruder Friedrich her, wammste ihn tüchtig durch und warf ihn zum Hauſe hinaus. Nicht wahr, lieber Friedrich?“ „Ja,“ heulte dieſer,„er wammste mich; ich mußte meine ganze Livree ausziehen.“ „Geſchah Letzteres vor oder nach dem ſogenannten Wammſen?“ fragte der edle Spanier mit mißbilligendem Blicke. „Allerdings nachher, aber kurze Zeit vorher, ehe er mich aus dem Hauſe warf.“ „Und wer gab dem Jäger ein Recht zu ſolch ſchändlichem Thun?“ „Wer?“ entgegnete Windſpiel achſelzuckend,„die Macht des Stärkeren.“ „Und das in unſerem Jahrhundert!“ rief Don Larioz entrüſtet, indem er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug;„in einer Zeit, wo man von Aufklärung ſpricht, von Gerechtigkeit! Beruhigen Sie ſich, junger Mann, Sie haben mir nicht um⸗ ſonſt Ihr lehrreiches und trauriges Schickſal erzählt, Ihr Zu⸗ ſammentreffen mit jener ſchönen Dame und dem grauſamen Jäger. Ihre Sache werde ich zu der meinigen machen. Es iſt meine Beſtimmung, die Unſchuldigen zu beſchützen, keine Gewaltthat zu dulden. Ich werde meinen Stand für kurze Zeit vergeſſen, um dieſem rohen Jäger zu beweiſen, daß es ihm nicht ungeſtraft hingehen ſoll, zwei liebende Herzen mit empörender Gewalt aus einander zu reißen. Nehmen Sie 128 Fünfundfünfzigſtes Kapitel. meine Verſicherung und verzweifeln Sie nicht daran, noch glücklich zu werden.“ Er ſtreckte einen ſeiner langen Arme über den Tiſch hin⸗ über und ſchüttelte die Rechte des ehemaligen Reikknechts, wobei er in dieſen Händedruck ſo viel Gefühl wie möglich zu legen ſuchte. „Was die Liebe anbelangt,“ meinte Windſpiel kopfnickend, „ſo hat die wohl ihr Ende erreicht. Friedrich verläßt das Haus auf immer und wird die Undankbare vergeſſen.“ „Ja, ich habe das Haus verlaſſen, nachdem mich der Jäger hinausgeworfen,“ ſprach der geweſene Groom mit ent⸗ ſchloſſenem Tone, wobei er nur zuweilen krampfhaft auf⸗ ſchluchzte.„Ich habe bereits eine andere Stelle angenommen und werde mit meinem neuen Herrn die Welt durchziehen.“ „Eigentlich hat ſich mein Bruder verbeſſert,“ ſagte Wind⸗ ſpiel mit großer Wichtigkeit.„Sein neuer Herr iſt ein edler und ſehr reicher polniſcher Graf, und Friedrich wird heute noch abreiſen, um in E., wohin ſich der Herr Graf begeben, ſeinen Dienſt anzutreten.“ „Dazu wünſche ich Ihnen von Herzen Glück,“ meinte der Spanier, indem er dem Groom abermals die Hand reichte. „Was die Geſchichte mit dem Jäger anbelangt, ſo iſt ſie in den beſten Händen. Ich habe,“ ſetzte er mit einem kiefen Seufzer hinzu,„noch eine eigene wichtige Angelegenheit zu be⸗ reinigen; ſowie das vorüber iſt, werde ich mich an Ihren Bruder wenden, um mit deſſen Hülfe jenen Mann aufzuſuchen, der Sie ſo unwürdig behandelte.“ Nach dieſen Worten blickte er auf die Uhr, und als er geſehen, daß es ſtark auf Acht ging, erhob er ſich und verließ das Zimmer mit einem herzlichen Lebewohl. Im Reibſtein. 129 Auch Friedrich ſtand gleich nachher von ſeinem Stuhle auf und reichte ſeinem Bruder die Hand, indem er ſagte:„Es iſt Zeit, ich muß gehen. Was ich dir von meinen Sachen gebracht, hebe gut auf— auch das kleine Papier mit den Orangenblüthen,“ ſetzte er mit einem melancholiſchen Zucken der Mundwinkel hinzu,„und wenn du,“ fuhr er hierauf mit dro⸗ hendem Tone fort,„in den nächſten Tagen den verfluchten Andreas ſiehſt oder jenen Kerl, den Frangois, ſo ſage ihnen nichts weiter, als ich hätte geſagt: Berg und Thal begegneten ſich nicht, wohl aber die Menſchen.“ „Das werde ich thun, lieber Bruder Friedrich,“ ſagte Windſpiel mit bekümmerter Miene. „Meine Adreſſe weißt du?“ „Gewiß, und ich werde ſie nicht vergeſſen— Adreſſe: Herr Graf von Czrabowski in E. poste restante.“ Hackländer, Don Quixote. V. * 5 6 — 5 ——— 2 8 6 8 8 8 ————— —-Gnynuu—u—w—— Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Der Bund zum Dolche Rubens. Die Uhr hatte Acht geſchlagen auf dem Thurm jener alten Kirche, die nicht entfernt liegt vom Hauſe, das zum Schild einen Reibſtein führt, als Don Larioz das Lokal be⸗ trat, wo der Bund zum Dolche Rubens zu tagen, eigentlich zu nachten pflegte und wo die Mitglieder dieſer ſehr anony⸗ men Geſellſchaft ſchon in feierlichem Schweigen beiſammen ſaßen. Draußen hatte ſich ein ſchwacher Abendwind aufge⸗ macht, einzelne leichte Wolken verſchleierten hier und da den Mond, der erwartungsvoll emporſtieg, ſein mildes Licht über Berg und Thal ausgießend, über weite Haiden, wo das Rietgras ſich flüſternd bewegt und wo der furchtſame nächtlich Wandelnde auf der weiß beſchienenen Fläche mit Entſetzen einen einzigen ſchwarzen Punkt bemerkt, der, von einem verdächtigen Hügel herabkommend, direkt auf ihn zuzu⸗ ſchreiten oder ihn zu verfolgen ſcheint, er mag ſich wenden, wohin er will. ,— ,— Der Bund zum Dolche Rubens. 131 Der Wind, der ſich aufgemacht hatte, war ein dün⸗ ſtender, Regen verkündender frühlingsartiger Hauch, einer von den willkommenen Geſellen, welche die Erde ſehnſuchtsvoll er⸗ wartet, damit er ihr helfe, die Feſſeln des fliehenden Winters zu brechen. Abends aber, wenn wir im verſchloſſenen Zim⸗ mer ſitzen, verfehlt ſo ein Wind ſeine unbehagliche Einwir⸗ kung auf uns nicht; wir fühlen den Grimm, mit dem er um das Haus ſaust und, mit Fenſterſcheiben klappernd, vergeblich Einlaß begehrt. So wehte es denn auch um das Haus, wo ſich die Kneipe zum Reibſtein befindet, an jenem denkwürdigen Abend, nachdem es voll und deutlich acht Uhr geſchlagen. Don Larioz wurde von dem Vorſitzenden des Bundes, dem Kupferſtecher Wurzel, freundlich und feierlich empfangen und zu dem für ihn beſtimmten Stuhle geleitet. Es waren außer dieſen Beiden noch neun andere Mitglieder anweſend, ſo daß die Zahl Sämmtlicher, mit Einſchluß Windſpiels, der ebenfalls erſchienen war, ein gutes Dutzend ausmachte. Auf dem Eichenholztiſche ſtand eine große Bowle, aus welcher die Gläſer zu füllen, der Kellner eifrig beſchäftigt war. Der Dolch des großen Meiſters Rubens lag, mit einem rothen Tuche verdeckt, vor dem Platze des Präſidenten. Auf einen Wink des letzteren nahmen ſämmtliche Mit⸗ glieder, von denen die meiſten bisher plaudernd auf und ab⸗ gegangen waren, ihre Plätze ein, nachdem ſie vorher mit dem edlen Spanier einen feſten Handſchlag ausgetauſcht. Darauf erhob der Präſident ſein Glas. und leerte es, nachdem er vorher bedächtig:„Eins!— Zwei!— Drei!“ geſagt, auf Einen Zug, und ſämmtliche Mitglieder des Bundes zum ——õ——jm— ——— — —.— öſ .— 132 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Dolche Rubens, Don Larioz nicht ausgenommen, ſprachen ebenfalls:„Eins! Zwei! Drei!“ und tranken ihren Punſch aus. Der Vorſitzende nahm nun das rothe Tuch weg, zeigte den Verſammelten den alten roſtigen Dolch und ließ ihn darauf die Runde machen, damit Jeder nach üblicher Weiſe die Klinge mit ſeinen Lippen berühre. Windſpiel mußte ſich, wie auch früher, mit dem Heft begnügen, welcher Unterſchied ſeiner ſichtbaren Rührung übrigens keinen Eintrag that. Nachdem der kleine Kellner hierauf die Gläſer wieder gefüllt, ſtand der Kupferſtecher Wurzel von ſeinem Stuhle auf, ſtützte die rechte Hand auf den Tiſch, räusperte ſich ein paar Mal und ſprach: „Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens! werthe Freunde! Es iſt die Zeit gekommen, wo wir unſerem ſehr ehrenwerthen Verbündeten, dem tapferen Don Larioz von la Mancha, beweiſen wollen, wie ſegensreich eine Verbindung wie die unſrige iſt. Ihr alle, die Ihr hier mit ahnungsvollem Herzen um mich geſchart ſeid, werdet mir beiſtimmen, wenn ich euch ins Gedächtniß zurückrufe, wie ſchwer es iſt, Mit⸗ glied dieſes höchſt anonymen Bundes zu werden.— Aber, werthe Freunde und Mitglieder, welche immenſe Vortheile bringt er auch jedem Einzelnen! Wie ſchützend ſchlingt er ſeine Bande um Alle! wie iſt er auch der Inbegriff von jedem Erhabenen, Schönen und der höchſten Tapferkeit, gleich den edlen Ritterorden des Mittelalters!— Wer nicht voll⸗ kommen meiner Anſicht ſein ſollte,“ fügte er mit finſterem Stirnrunzeln hinzu,„den erſuche ich, dies bemerkbar zu machen und dem Ritual des Bundes gemäß unter den Tiſch zu am. 735 S he Der Bund zum Dolche Rubens. 135 „Weiter, weiter!“ murmelten die Mitglieder. „Was ſoll ich weiter ſagen!“ fuhr Bruder Chriſtian nach einem kleinen Stillſchweigen mit einem traurigen Lächeln fort. „Ohne euch Complimente machen zu wollen, wißt ihr alle ſelbſt, was ein armes Mädchen zu erdulden im Stande iſt, wenn ſie ſchutz⸗ und wehrlos in die Hände blutdürſtiger Mörder fällt.“ „Schutz⸗ und wehrlos?“ rief Don Larioz mit funkelnden Augen, indem er ſich von ſeinem Stuhle erheben wollte. Doch drückte ihn der Kupferſtecher Wurzel ſanft auf ſeinen Stuhl zurück, indem er ſagte: „Ruhig, mein Freund! der Bund hat über dieſes theure Mädchen gewacht.— Bruder Chriſtian, wir danken dir für deinen Bericht; du haſt dich, wie wir daraus erſehen, über alle Verhältniſſe aufs Genaueſte unterrichtet. Küſſe den Dolch des großen Meiſters Rubens und beantworte mir eine Frage frei und ohne Rückhalt.“ Alle blickten geſpannt in die Höhe. „Glaubſt du,“ fuhr der Präſident in feierlichem Tone fort,„daß die Seele dieſes jungen Mädchens noch wohl er⸗ halten und rein iſt?“ Bruder Chriſtian führte die roſtige Dolchklinge, welche ihm der Meiſter darreichte, an ſeine Lippen und ſagte mit einem Tone der Ueberzeugung, der in allen Herzen wieder⸗ klang:„Ja, ich bin deſſen gewiß.“ „Für dieſes Wort ein volles Glas!“ rief der Kupfer⸗ ſtecher freudig erregt. Und Alle leerten ihre Gläſer, wobei ſie mit unverkenn⸗ barer Freude ſich gegen den Spanier wandten. Dieſer erhob ſich hierauf, und nachdem er den Präſiden⸗ 7 2 8— 8 — ˖———— Sechsundfünfzigſtes Kapitel. ten um die Erlaubniß gebeten, einige Worte zu ſagen, ſprach er gerührt:„Wie ich Ihnen danken ſoll für den Antheil, den Sie dieſer traurigen Angelegenheit und mir widmen, weiß ich bis jetzt ſelbſt noch nicht. Glauben Sie mir aber, daß des Spaniers Herz tief empfänglich iſt für alles Freund⸗ liche, was man ihm erzeigt, und daß ich nie vergeſſen werde den Edelmuth und die Ritterlichkeit, mit dem Sie ſich jenes gefangenen Mädchens, das, ich will es nicht läugnen, mein Herz gerührt, ſo heldenmüthig annahmen. Was dieſer Arm vermag, hoffe ich Ihnen bei der Befreiung der theuren Do⸗ lores zu beweiſen; wie aber dieſes Herz für Sie fühlt, das wird ſich erſt im Laufe der Zeiten zeigen, wo es bis zum letzten Schlage dem Dienſte treuer Freunde gewidmet ſein ſoll.“ Er erhob ſein Glas, welches ihm Windſpiel wieder ge⸗ füllt hatte, gegen die Verſammlung, worauf Alle tranken, nachdem man von ihren Lippen ein Murmeln der Zufrieden⸗ heit vernommen. „So wären wir denn ſo weit gekommen,“ ſprach der Kupferſtecher Wurzel, als ſich die Verſammlung wieder be⸗ ruhigt,„daß wir in Kürze die Maßregeln feſtſtellen können, welche noch am heutigen Abend zu ergreifen ſind, um die arme Gefangene zu befreien. Und zu dieſem Zwecke wollen wir den Bericht Bruder Jakob's hören.“ Mit großem Geräuſche ſprang hierauf der dicke Maler mit dem wenigen Haar in die Höhe, that einen tüchtigen Zug aus ſeinem Glaſe und ſagte, nachdem er die Verſammlung lächelnd überſchaut: „Was ein guter Kerl für ſeine Freunde zu leiſten ver⸗ mag, das kann ich auch, und ſei es das Schwerſte. Nach ——— —õyy—y—.— —õyy—y—.— Der Bund zum Dolche Rubens. 137 der Weiſung unſeres ehrenwerthen Präſidenten knüpfte ich im Hauſe der Gebrüder Breiberg eine Bekanntſchaft an, die es mir und meinen Freunden möglich macht, zu jeder Zeit un⸗ vermerkt in das Haus zu dringen. Es koſtete mir einige Ueber⸗ windung, aber ich kam zum Ziele. Verlangt keinen Namen zu wiſſen; ſeid jedoch überzeugt, auf ein gegebenes Zeichen wird ſich drüben die Hausthür öffnen.“ „Du haſt Großes für unſeren Freund geleiſtet,“ nahm der Kupferſtecher mit einem leichten Zwinkern der Augen wieder das Wort.„Und da der Zweck die Mittel adelt, wir auch überzeugt ſind von deinen raſtloſen Bemühungen zum Beſten des Bundes, ſo beantrage ich den Dank deſſelben für Bruder Jakob.“ Hierauf blickte er, Aufmerkſamkeit fordernd, rings umher im Kreiſe, und auf ein Zeichen mit der Hand ertönte es aus allen Kehlen in tiefem Baſſe: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, Schläfſt du noch— ſchläfſt du noch? Hörſt du nicht die Glocke? Hörſt du nicht die Glocke? Bumm, Bumm, Bumm!“ Don Larioz fühlte ſich durch dieſen kräftigen Männer⸗ geſang aufs tiefſte bewegt, und es hätte wenig daran gefehlt, daß Thränen der Rührung ſeine Augen befeuchtet hätten. Doch drängte er dieſelben männlich zurück, als er bedachte⸗ daß in nächſter Stunde die Zeit des kräftigen Handels kom⸗ men würde. Er blickte deßhalb auch mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit auf den Präſidenten, der dieſes Mal, ohne ſich zu erheben, der Verſammlung ſagte:„Alle Maßregeln ſind dem⸗ nach aufs beſte getroffen, und ich werde euch den Plan zur Befreiung jenes unglücklichen Mädchens in wenig Worten mit⸗ — ——-- 138 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. theilen. Vor allen Dingen dürft ihr nicht vergeſſen, daß es unſerem edlen Freunde Don Larioz von la Mancha allein zukommt, ſeine Auserwählte aus ihrem Kerker zu befreien. Unſer edler Freund wird euch ſelbſt ſagen, daß dies zu allen Zeiten ritterlicher Brauch war.“ „So war es und ſo iſt es!“ rief der tapfere Spanier begeiſtert.„Gebt mir Waffen, zeigt mir den Weg zur Höhle jener Ungeheuer, und Ihr werdet ſehen, was ein furchtloſes Herz und ein ſtarker Arm auszurichten vermag.“ „So würde es allerdings geſchehen können,“ gab der Kupferſtecher freundlich zur Antwort,„wenn wir noch in jenen glorreichen Zeiten lebten, wo ein gutes Schwert und ein tapferer Arm eine ganze Welt aufwog. Don Larioz von la Mancha würde allein in die Wohnung der tückiſchen Brei⸗ bergs dringen, nicht ſcheuend die Ueberzahl ſichtbarer Feinde, ſich nicht fürchtend vor jenen geheimnißvollen Dingen, welche man ſieht auf den Treppen des finſteren Hauſes,— alte phan⸗ taſtiſche Ritterhelme, geſpenſtige rothe Tricots,— er würde ſie niederwerfen, die Peiniger der unglücklichen Dolores; ihre letzte, ihre blutige Stunde wäre gekommen.“ Larioz nickte ſchweigend mit dem Kopfe, wobei er die Lippen auf einander biß und ein Lächeln im Vorgefühl der ſüßen Rache über ſeine ſanft gerötheten Wangen flog. „Wenn wir aber,“ fuhr der Präſident nach einer Pauſe fort,„bei der Befreiung jener Unglücklichen ſicher zu Werke gehen wollen— und dazu ſind wir ja feſt entſchloſſen— ſo gilt es Liſt mit Gewalt, um ſie mit Tapferkeit zu paaren. Meine Idee wäre alſo: Von Bruder Jakob geführt, ſchleichen wir Anderen uns in das Haus, überfallen die Breibergs und knebeln ſie, während unſer Freund Don Larioz von la Mancha —————y——— —QZñCO—X—Ků— Der Bund zum Dolche Rubens. 139 mit San— mit Windſpiel wollt' ich ſagen— auf einer Leiter zum Fenſter emporſteigt, um auf dieſer nach alter Ritterſitte die Schöne zu befreien. Daß heute Abends ihre glückliche Stunde ſchlägt, davon iſt Dolores benachrichtigt worden, und ein Guitarrenklang unter ihren Fenſtern, welchen das des Spielens kundige Windſpiel effektvoll anſtimmen wird, ſoll ſie benachrichtigen, daß ihre Erretter, ihre Rächer da ſind. Ich bitte um ein Gemurmel des Beifalls oder der Mißbilligung.“ Darauf wurde mit den Füßen geſcharrt, mit den Glä⸗ ſern auf den Tiſch getrommelt, und man vernahm unarticulirte Töne; auch wollte hier und da der erſte Takt eines Liedes losbrechen, welche beginnenden Allotria der Meiſter übrigens mit einem ſtrengen Blick zur Ruhe verwies. „Genug!“ rief er,„ich habe eure Zuſtimmung erfahren; Ruhe jetzt, das Uebrige wird ſich finden.“ Der edle Spanier hatte mit ſeinen mageren Fingern auf den Tiſch getrommelt, während er die Augenbrauen finſter zuſammenzog und ſich dazu die Bemerkung erlaubte:„Der vom Vorſitzenden dieſer achtbaren Verſammlung uns ſo eben dargelegte vortreffliche Plan hat etwas, das mir, frei und offen geſprochen, nicht ſo ganz gefallen will. Daß ich nach alter Ritterſitte die unglückliche Dolores durch Erſteigung des Fenſters befreien ſoll, hat etwas Romantiſches und Hochpoe⸗ tiſches; ich fühle mich glücklich bei dieſem Gedanken, ebenſo, daß das treue Windſpiel mich unterſtützen ſoll.— Und es wird mich nicht verlaſſen,“ ſetzte er hinzu, indem er rückwärts den Kopf dem kleinen Kellner zuwandte, der tiefgerührt zur Betheurung mit ſeiner rechten Hand ſich auf die linke Bruſtſeite patſchte.—„Nur finde ich es nicht ganz würdig, daß die Gebrüder Breiberg vorher der Knebelung unterworfen werden —yõ——y—— — —— 140 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. ſollen. Wenn es auch niederträchtige Feinde ſind, ſo bleiben ſie doch einmal Feinde, die ich niederwerfen will; aber gegen einen geknebelten Feind wäre ich nun einmal nicht im Stande, das Schwert zu ziehen.“ „Das iſt auch gerade der Punkt, der vermieden werden ſollte,“ verſetzte der Präſident, nachdem er einen Blick auf die Verſammlung geworfen.„Und Ihnen, tapferer Don, dürfte es nur geſtattet ſein, in einem ganz verzweifelten Falle von Ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Und eben dieſe Waffe hat der Bund zum Dolche Rubens wohlweislich erwählt, es iſt nämlich die Wehr des großen Meiſters ſelbſt, welche wir Ihnen hiermit zu Ihrer ausgezeichneten That allerfeierlichſt übergeben.“ Bei dieſen Worten nahm er den Dolch, der vor ihm lag, in die Höhe, küßte die Klinge und gab ſie ſeinem Nachbar zur Linken, wobei er die Worte murmelte:„Möge nie ungerecht vergoſſenes Blut an dir kleben!“ Und die gleichen Worte murmelten alle Geſellen, bei denen die roſtige Waffe die Runde machte, und als ſie zuletzt in die Hände des Spaniers kam, ſetzte dieſer hinzu:„Sieg oder Untergang!“ „Ja, Untergang der Lügenbrut!“ rief enthuſiaſtiſch der Kupferſtecher Wurzel,„der Wahlſpruch unſeres tugendhaften Bundes.— Nun, füllt eure Gläſer friſch bis zum Rande, trinkt aus und ſtimmt an das erhabene Lied, einfach in Me⸗ lodie und Worten für den Uneingeweihten, aber unerſchöpflich tief für den, der mit den Augen der Sonne ſieht, mit den Ohren des Windes hört: „Zieh, Schimmel, zieh Im Dreck bis an die Knie'!“ Und: Der Bund zum Dolche Rubens. „Zieh, Schimmel, zieh Im Dreck bis an die Knie'!“ jauchzten ſämmtliche Mitglieder des edlen Bundes in uner⸗ hörtem Jubel nach. „Morgen wollen wir Hafer dreſchen, Soll der Schimmel Spreuer freſſen. Zieh, Schimmel, zieh Im Dreck bis an die Knie'!“ Nach Abſingung dieſes tief gedachten Liedes ſchien für eine Zeit lang die feierliche Haltung, deren ſich alle Mitglieder bis jetzt befleißigt, etwas aus einander zu fließen. Auge und Ohr war nicht mehr wie bisher auf den Präſidenten gerichtet, jeder Einzelne beſchäftigte ſich mit ſeinem Nachbar oder mit der Punſchbowle, aus der Windſpiel nicht fleißig genug ein⸗ ſchenken konnte. Hier vernahm man ſchallendes Gelächter, dort das Zuſammenklingen der Gläſer, dazwiſchen zuweilen die Worte:„Tod den Breibergs!“ oder:„Untergang der Lü⸗ genbrut!“ Ein paar, die ſich am ingrimmigſten zeigten, machten gegenſeitig den Verſuch, ſich, wie ſpäter jene Ver⸗ räther, zu knebeln, was aber nicht recht gelingen wollte und damit endete, daß Beide unter den Tiſch fielen, wie es ſchien, freiwillig, denn ſie machten keine ſonderlichen Verſuche, von ſelbſt aufzuſtehen, ſondern mußten mit vieler Mühe von den Nebenſitzenden wieder hervorgeholt werden. Don Larioz brütete ſtumm über ſeinem Glaſe und ver⸗ band ſeine Gedanken mit dem wilden Lärmen rings umher. Das Gläſerklingen, das wilde Toben heimelte ihn ordentlich an; ihm war es wie vor einer Schlacht, wo er fernab vor einem Zelte ſaß, wo die Lichter des Lagers wie in trübem Nebel zu ihm herüber ſchimmerten, wo der Geſang der kraft⸗ —j—————— 1 4. —— 142 Sechsundfünfzigſtes Kapitel. vollen Krieger nur gedämpft an ſein Ohr ſchlug. Er lebte in ſeinen Träumen raſch die Nacht hindurch; es tagte, die Knappen kamen, ihn zu rüſten; er ſetzte den Helm auf, nahm Schild und Lanze und gedachte beim aufſteigenden Licht der Sonne an die Dame, die er liebte. Horch, ein Trompetenſtoß! Nein, es war kein Trompetenſtoß; es war die Stimme des ehrbedürftigen Meiſters, der laut und kraſtvoll Silentium! in das wilde Getreibe rief. Und darauf legte ſich daſſelbe, alle die erwartungsvollen Geſichter, die glänzenden Augen, die lachenden Lippen wandten ſich dem Vorſitzenden zu, der mit gewaltiger Fauſt auf den Tiſch ſchlug und ſprach:„Laßt genug ſein des grauſamen Spieles. Endet dieſes lyriſche In⸗ termezzo; die Stunde der Rache naht.“ Und als das die Geſellen hörten, verſtummten ſie plötz⸗ lich, und man ſah es ihnen an, wie ſehr ſie ſich auf den bevorſtehenden Augenblick freuten. Einer klopfte dem Anderen lächelnd auf die Schultern; noch einmal mußte Windſpiel die Gläſer füllen, noch einmal zählte der Vorſitzende„Eins, Zwei, Drei!“ und darauf goſſen Alle den Reſt des Punſches in ihre Kehlen hinab. „So hört mich denn noch einmal,“ ſprach der Meiſter, der ſeinen Sitz verlaſſen hatte und in den Kreis der Mit⸗ glieder trat, die ſich erwartungsvoll um ihn ſcharten.„Jeder von euch kennt ſeine Stellung, kennt ſeine Pflicht. Bruder Jakob, du ziehſt voran, um uns die Thür jener Mörderhöhle zu öffnen. Und der tapfere Freund Don Larioz von la Mancha und das getreue Windſpiel begeben ſich in den ihnen wohlbekannten Raum zwiſchen beiden Häuſern, dieſes Mal mit Genehmigung unſeres Kneipenwirthes, der ebenfalls ent⸗ Der Bund zum Dolche Rubens. 143 zückt iſt, ſeine ſchändlichen Nachbarn in ihrem unheilvollen Treiben geſtört zu ſehen. Sie werden dort eine Leiter finden, welche ſie an das Fenſter des Ateliers lehnen, und dort den Augenblick erwarten, wo wir durch ein Zeichen die Nachricht geben, daß wir die Gebrüder Breiberg unſchädlich gemacht. — Es wäre Sünde, unſeren edeln ſpaniſchen Freund zu fra⸗ gen, ob er auf ſeinem Vorhaben beſteht. Ich will nur hin⸗ zufügen, er möge in jeder Hinſicht vertrauen der theuren Waffe, die wir ihm übergeben; ſie wird ihn führen und leiten und ihm ſogar beiſtehen bei Anfechtungen hölliſcher geheimniß⸗ voller Scharen, denen er bei ſeinem Unternehmen ausgeſetzt ſein könnte.— Auf denn, meine Freunde— ans Werkl“ „Auf denn, ans Werkl!“ ſprach jeder Einzelne, und Alle verließen in feierlichem Schritte das Gemach, nachdem Jeder vorher noch einen Handſchlag mit Don Larioz gewechſelt. Dieſer blieb mit dem Kellner allein zurück und ſteckte den Dolch des großen Meiſters Rubens mit unbeſchreiblichen Ge⸗ fühlen in ſeinen Buſen. Windſpiel ſtand wenige Schritte von ihm und hatte die Hände gefaltet, und der Blick, mit welchem er den Abziehenden nachſchaute und dann an ſeinem Freunde emporſah, war nicht ganz ſo zuverſichtlich, als er der Lage der Dinge nach eigentlich hätte ſein ſollen. Auch erlaubte er ſich einen gelinden Seufzer; ja, er kratzte ſich etwas Weniges am Kopfe, als er die erhabene Haltung des Spaniers bemerkte und den entſchloſſenen Schritt, mit dem derſelbe das Gemach nach allen Seiten durchmaß. Jetzt blieb Larioz neben dem kleinen Kellner ſtehen, legte ſeine Hand auf deſſen Schulter und ſagte: „So iſt denn der Augenblick gekommen, nach dem ich mich lange und innig geſehnt. Dem Gelingen wird für mich K ————— — o 144 Sechsundfünfzigſtes Kapitel.— Der Bund zum Dolche Rubens. V ein ſüßer Lohn folgen, für Sie aber, treuer Gefährte, das Bewußtſein, ſich einen Freund ewig verpflichtet zu haben. Ehe Sie ſich aber zum Kampf und wahrſcheinlichen Sieg b V rüſten, befragen Sie nochmals Ihr Herz, ob es nicht zurück⸗ ſchrickt vor den Gefahren, denen wir allenfalls entgegen gehen V können.“ Windſpiel ſammelte ſich einen Augenblick, ehe er zur Antwort gab:„Nein, mein Herz ſchrickt nicht zurück; wir werden glücklicher ſein als die vorhergehenden Male.“ „Das hoffe ich zuverſichtlich. Und nun ans Werk!“ Der tapfere Spanier nahm ſeinen Mantel um, holte aus demſelben noch eine kleine Blendlaterne, die er anzündete und in die Taſche ſteckte; dann ſetzte er ſeinen Hut auf. Ebenſo rüſtete ſich Windſpiel und ergriff, als er fertig war, dem Anderen zu folgen, nicht eine Waffe, ſondern ſeine Guitarre mit dem blauen Bande, die er ſich um die Schul⸗ tern hängte. So zogen Beide dahin, durch die Hausthür hinaus in den kleinen Raum neben an, den ſie geöffnet fanden. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Dolores! Es war eine kühle Nacht, denn der Wind hatte ſich ge⸗ legt, und es, war hell und klar geworden; der Mond ſtand ſo hoch am Himmel, daß er die eine Seite der Häuſerwand be⸗ ſchien und die Schatten der gegenüber liegenden mit ihren un⸗ regelmäßigen Linien, Einſchnitten und Schornſteinen deutlich darauf abſpiegelte. Don Larioz und ſein Begleiter hielten ſich dicht an der Mauer des Breiberg'ſchen Hauſes, um von oben nicht geſehen zu werden. Bald ſtießen ſie an die Leiter, von welcher ihnen der Kupferſtecher geſagt, die ſie nun behutſam aufrichteten und von der ſie mit Vergnügen ſahen, daß ſie bis zu den Fenſtern des Ateliers reiche. Unten am Fuße dieſer Leiter ſtellten ſich die Beiden auf und verſanken in tiefe Betrachtungen. Es iſt eigenthümlich, daß man es liebt, in ſehr ſpannen⸗ den Augenblicken mit einem Anderen ſich zu unterhalten, es iſt das eine Ableitung des allzu vollen Herzens; deßhalb brach Hackländer, Don Quixote. V. 10 — Siebenundfünfzigſtes Kapitel. 146 denn auch der edle Spanier nach kurzer Pauſe ſein Still⸗ ſchweigen und ſagte: „Wenn ich den jetzigen Augenblick mit jenem vor einiger Zeit vergleiche, wo ich ebenfalls nächtlicher Weile hier ſtand, ſo muß ich geſtehen, daß mich heute ganz andere Gefühle be⸗ herrſchen als damals. Das Ungewiſſe, Bedrückende iſt aus meiner Seele gewichen; die Stunde des Kampfes, der Ge⸗ fahr, die nächſtens ſchlagen wird und deren Vorgefühl mein Blut beſtändig durch die Adern treibt, hat etwas Erhebendes, wenn ich jenes troſtloſen Abends gedenke. Glauben Sie mir, junger Freund, ich fühle es, wie innig ich dieſes unvergleich⸗ liche Mädchen liebe, ſie, die ich nur einmal ſah, von der mich Hinderniſſe und Gefahren aller Art trennten, und die nun vielleicht im nächſten Momente liebeglühend an meiner Bruſt ruhen wird. O, es iſt das ein Gefühl, deſſen Süßigkeiten Sie noch nicht zu würdigen im Stande ſind. Doch hoffent⸗ lich kommt die Reihe hierzu auch einſtens an Sie, und dann wünſche ich Ihnen vor einem ſchönen Gelingen die größtmög⸗ lichen Schwierigkeiten, denn je gewaltiger das Mühen, deſto ſüßer der Lohn.— Haben Sie etwas gehört?“ „Es iſt mir gerade, als hätte man droben ein Fenſter geöffnet.“ Nach dieſen Worten traten Beide einen Schritt von der Mauer hinweg und blickten in die Höhe. Aber alle Fenſter waren und blieben verſchloſſen, an keinem regte ſich etwas; auf den oberen glänzte das Mondlicht, die unteren lagen in tiefem Schatten, an deſſen gezackter Form man jetzt einen kleinen dunkeln Körper vorübergleiten ſah. „Ein Kater,“ ſagte Windſpiel ſeufzend. „Das Treiben dieſes Thieres,“ gab Don Larioz froh⸗ — Dolores! 147 ſinnig zur Antwort,„hat einige Aehnlichkeit mit dem unſrigen; auch er ſchleicht mit Gefahr zum Liebchen.“ „Hat aber eigentlich nichts zu befürchten,“ ſprach nach⸗ denklich der kleine Kellner.„Er wandelt ſicherer auf der ſcharfen Kante des Daches, als wir auf den Sproſſen einer Leiter. Auch weiß er, daß er willkommen iſt, er braucht keine Ge⸗ brüder Breiberg zu ſcheuen.“ „Vergeſſen Sie nicht, daß auch die Kater Nebenbuhler beſitzen,“ verſetzte der Spanier.„So ein Thier auf ſeinen nächtlichen Wegen iſt auch nicht immer des Gelingens ſicher. Oft auch erſcheint ihm das rohe Schickſal in Geſtalt eines Beſenſtiels, der von kräftiger Hand gegen ihn geführt wird. — Warum ſchaudern Sie zuſammen?“ „Es iſt froſtig hier unten; auch dachte ich, es müßte ein höchſt unangenehmes Gefühl ſein, ſo auf der Dachrinne ſpa⸗ zieren gehend, unvermuthet mit einem Beſenſtiel zuſammen zu gerathen.“ „Das kann Einem auf den Sproſſen einer Leiter auch paſſiren.“ „Auch daran dachte ich. Sie, Herr Don Larioz, bereiten ſich zu einem Geſchäfte vor, das viel Aehnlichkeit mit der Erſteigung einer feindlichen Wallmauer hat.“ „Gewiß, wo uns der Sieg winken kann, aber auch der kalte, blutige Tod. Glauben Sie, mein Freund, auch das habe ich überlegt, und um Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht leichtſinnig in den Kampf gehe, will ich Ihnen anvertrauen, daß ich meinen letzten Willen ſelbſt aufgeſchrieben habe und hier in meiner Bruſttaſche verwahre.“ „O du mein Gott!“ ſeufzte Windſpiel leiſe vor ſich hin. „Sollte ich im glorreichen Kampfe fallen,“ fuhr der edle 8- 8 5 — 8 ,, — 148 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Spanier träumeriſch fort,„ſo bemächtigen Sie ſich dieſes Papieres, und Sie werden mich kennen lernen. Alles für Gott, für meine Dame und für meinen Freund!“ Der kleine Kellner faßte in tiefſter Rührung mit ſeinen beiden Händen die Rechte des Anderen und drückte ſie innig. Aber jetzt täuſchten ſich Beide nicht wieder: ſie hörten droben ein Fenſter öffnen, und als Don Larioz haſtig empor⸗ ſchaute, bemerkte er, daß es daſſelbe Fenſter war, an welchem damals die kleine weiße Hand des geliebten Mädchens er⸗ ſchienen und wo ſich auch jetzt etwas Weißes hin und her bewegte.—„Das iſt das Zeichen! Nehmen Sie Ihr Saiten⸗ ſpiel und laſſen Sie, um unſer Daſein anzuzeigen, ein paar leiſe Accorde ertönen.“ Und Windſpiel hob ſeine Guitarre vor die Bruſt, beſann ſich eine Sekunde und gab dann zart und ſinnig die Accorde zum Beſten, mit welchen er das wunderbare Lied zu begleiten pflegte: Dein gedenk' ich, röthet ſich der Morgen, Dein gedenk' ich, ſinkt die ſchwarze Nacht. „Bſt! bſt!“ hörte man von oben, worauf ſich der Spa⸗ nier ſo gefühlvoll wie möglich räuſperte. „Biſt du es wirklich, Licht meiner Augen, Stern meiner Gedanken?“ klang eine zarte Stimme aus dem Fenſter;„biſt du es wirklich, der da unten wandelnd ſteht im Schatten und Mondlicht, umfangen von tiefer Stille der Nacht bei tönen⸗ dem Saitenſpiel?“ „Ja ich bin es, Geliebte meines Herzens,“ gab Don Larioz entzückt zur Antwort;„ich bin es, der gekommen iſt in Wehr Dolores! 149 und Waffen, um dich zu befreien, dich zu retten. Wirſt du mir folgen?“ „O, ſprich leiſe!“ klang die Antwort;„meine Peiniger, obgleich ſie von deinen tapferen Freunden überwältigt ſind, könnten doch vielleicht ihre Bande brechen, und dann wehe mir und dir! Wehe! wehe!“ „Habe Dank, edle Dolores, für deine Warnungen; ſtumm werde ich das mir vorgeſteckte Ziel erreichen. Noch zwei Augenblicke, und— ich liege zu deinen Füßen.“ „A— a—h!“ vernahm man die Schöne am Fenſter auf⸗ ſeufzen, gewiß vor Entzücken über ihre baldige Rettung, doch war es gerade, als klinge ein Ton des Schmerzes durch dieſes lang gezogene„Ah!“ Windſpiel wenigſtens erfüllte dieſer Ton mit einigem Grauſen. Doch es war keine Zeit mehr, um über den Klang irgend eines Tones nachzugrübeln; der Spanier hatte bereits die Leiter beſtiegen und eilte, ſo raſch er konnte, aufwärts, weß⸗ halb ihm Windſpiel, der ſeine Guitarre auf den Rücken ge⸗ ſchoben hatte, ſo ſchnell wie möglich folgte. Noch immer fürchtete der edle Spanier allerlei Tücken des Schickſals, wie ihm ja in der letzten Zeit ſo viele widerfahren waren; vor ſeinem Gedächtniſſe zog jener Abend vorüber, wo er hier auf derſelben Stelle wegen Mordbrennerei gefangen genommen und beinahe dem Gerichte überliefert worden wäre; dann trat ihm jener ſchmutzige Stall vor die Seele, den er ſich bemühte, mit aller Kraft ſeines Geiſtes trotz alledem für einen geheimen Kerker in dem Hauſe Numero vier der Entenpforte zu halten. Sollte ihm auch dieſes Mal etwas Aehnliches widerfahren?— O, es wäre ſchrecklich!— 150 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Doch nein, waren ihm nicht treue Freunde behülflich? hatte nicht Dolores troſtreiche Worte zu ihm geſprochen? lächelte nicht der Mond, der Beſchützer der Liebenden, ſo ſanft ſelig auf ihn herab?— Nein, dieſes Mal mußte es gelingen, das große Werk; die unglückliche Jungfrau mußte befreit werden — o, er fühlte die Gewißheit, daß ſie ſchon im nächſten Augenblicke an ſeinem liebeklopfenden Buſen ruhen werde. Er hatte das Fenſter erreicht; es gab dem Drucke ſeiner Hand nach, und bei den langen Beinen, womit ihn die Natur beſchenkt, war es ihm ein Leichtes, den Boden des Zimmers zu erreichen. Doch hielt er hier einen Moment, an das kleine Windſpiel denkend, das hinter ihm drein geklettert kam, und reichte dieſem die Hand, um ihm ebenfalls herein zu helfen. Der Kellner plumpste etwas ſchwer von der Fenſterbank herab, wobei ſeine Guitarre einen unheimlich kreiſchenden Ton von ſich gab. Allen Vorgängen nach, von denen Don Larioz geleſen oder gehört, wie im gleichen Falle edle Jungfrauen gethan, wenn der geliebte Erretter endlich am Fenſter oder gar im Zimmer erſchienen war,— allen Vorgängen nach mußte Dolores jetzt im Uebermaße des Glückes und der Sehnſucht in Thränen ausbrechen, dann an ſeine Bruſt ſinken, um gleich darauf wieder im plötzlich erwachten Gefühle mädchen⸗ hafter Schüchternheit von ihm hinweg zu ſchnellen und viel⸗ leicht auszurufen:„Nein, nein! ich kann dir nicht folgen, ewig Geliebter, die Sitte, der Anſtand— o Gott! was ſoll ich thun?“ Aber der tapfere Spanier wartete auf alles das ein paar Sekunden lang vergebens; ſie ſchnellte weder an ihn hin, noch von ihm zurück; ſie weinte nicht, ſie ſprach nicht; rings Dolores! 151 umher herrſchte eine furchtbare Todtenſtille. Ob man nur, wie bei ähnlichen Gelegenheiten, das Picken des Holzwurmes, auch Todtenuhr genannt, vernahm, ſind wir nicht im Stande, genau anzugeben; genug, es herrſchte eine tiefe Stille, welche beängſtigend auf Don Larioz, ſehr beängſtigend auf Windſpiel wirkte. „Dolores,“ ſprach der Erſtere mit ſanfter Stimme,„ich vin da, dein Retter, Alles iſt zur Flucht bereit; laß uns nicht lange zögern.“ Statt aller Antwort vernahm man einen tiefen Seufzer, der aber— von Windſpiel ausging, dem es ſehr unheimlich zu werden anfing. „Dolores, ſprich!“ Keine Antwort. „Hier iſt nicht Alles, wie es ſein ſollte,“ flüſterte der edle Spanier ſeinem Begleiter zu.„Wenn mich eine finſtere Ahnung nicht betrügt, ſo—. Doch auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, muß Licht in dieſem finſteren Zimmer und in dieſer furchtbaren Angelegenheit werden.“ Er zog bei dieſen Worten die kleine Blendlaterne hervor, doch war das Licht derſelben begreiflicher Weiſe längſt er⸗ loſchen. O, nur ein Streichhölzchen, nur ein einziges! Beide hätten ſehr viel für ein einziges dieſer ſonſt ſo werthloſen Dinger gegeben; aber ſie hatten keines, und es mußte deßhalb ein anderer Entſchluß gefaßt werden. Zum Glück verließ die Kaltblütigkeit, welche Larioz be⸗ ſtändig bewahrte, ihn auch in dieſem wichtigen Augenblicke nicht. Er reichte dem kleinen Kellner die Blendlaterne und ſagte ihm:„Eilen Sie den Weg zurück, den wir gekommen ——— Siebenundfünfzigſtes Kapitel. ſind, zünden Sie das Licht an, und bringen zum Ueberfluß noch Streichzündhölzchen mit.“ „Aber dann ſind Sie allein,“ erlaubte ſich Windſpiel kleinlaut zu ſagen. „Allein— mit Gott, meinem Recht und dem Dolche Rubens, was kann mir geſchehen?“ war die große Antwort, welche der Andere gab. Windſpiel verſchwand auf der Leiter, eilte hinab, und da er, unten angekommen, ſehr ſchnell lief, ſo hörte man die Guitarre auf ſeinem Rücken ſeltſam klingen. Dann war wieder Alles ſtill. Wer vermag die beängſtigenden Gefühle zu beſchreiben, welche das tapfere Herz des edlen Don Larioz durchſtrömten! Er lauſchte aufmerkſam, ob er nicht einen Seufzer, einen Athemzug vernehme, und während er ſo lauſchte, ſchritt er, mit den Händen um ſich tappend, vorwärts.— Nichts regte ſich, er vernahm nur den Ton der eigenen Tritte. Wohin war das unglückliche Mädchen entſchwunden? Daß ſie vor⸗ hin mit ihm am Fenſter geſprochen, darüber konnte kein Zweifel walten.— Larioz ſtieß an einen Stuhl und fuhr zurück bei dem Geräuſch, welches er dadurch verurſachte. In der nächſten Sekunde aber ſchritt er wieder vorwärts, und jetzt griffen ſeine Hände an die Tapetenwand, welche, wie er ſich genau erinnerte, das Atelier der Gebrüder Breiberg in zwei Hälften ſchied, wo ſich in der kleineren das Ruhebett befand, auf dem er die wunderbare Dolores an jenem unvergeßlichen Tage ge⸗ ſehen. Mit unwiderſtehlicher Gewalt zog es ihn zu jenem Ruhebette hin; er fühlte ſein Herz heftig klopfen und ſein Blut wallen vor Kampfluſt und Aufregung. Behutſam fort⸗ Dolores! 153 tappend hatte er jetzt die Oeffnung erreicht, die in die andere Abtheilung des Zimmers führte. Er that einen halben Schritt hinein; flüſterte noch einmal mit inniger Stimme den ge⸗ liebten Namen und— blieb dann plötzlich ſtehen, angefeſſelt vor Entſetzen. „Halt, Barbar!“ vernahm er eine Stimme,— o Gott! nicht in den ſüßen Tönen des geliebten Mädchens— eine wilde, unheimlich gellende Stimme. Und dann flammte mit Einem Male in der Ecke des Gemaches ein ſcharfes, intenſives Licht auf, eine grauenhafte Gruppe hell beleuchtend, bei deren Anblick dem tapferen Manne das Haar ſchaudernd empor ſtieg und er ſich ſchwach wie ein Kind an der Scheidewand halten mußte.—— Vor ihm ſtand der verruchte Breiberg, der heuchleriſche Clemens, mit wild verzerrtem Geſichte; ſeine boshaften Augen leuchteten wie die einer erzürnten Katze; ſein zuckender Mund ließ hier und da die Zähne ſehen, welche er ein paar Mal ſchallend zuſammen klappte, wie man das wohl bei grauſen⸗ haften Automaten erblickt.— In ſeinem Arm aber hielt er die unglückliche Dolores, deren Haupt hintenüber fiel, deren ſonſt ſo ſchöne, glänzende Augen jetzt furchtbar in die Höhe ſtarrten, deren langes Haar aufgelöst über die weißen Schul⸗ tern flatterte, deren rechter Arm ſchlaff herab hing, während ſie die linke Hand krampfhaft auf die ſchöne entblößte Bruſt gedrückt hatte, aus welcher hervor das— Heft eines Dol⸗ ches ragte. Don Larioz fühlte, wie ſeine Kniee unter ihm zuſammen brechen wollten; er hielt ſich mühſam an der Tapetenwand, die unter dem Griff ſeiner mächtigen Fauſt ſchwankte, er wollte auf das grinſende Ungeheuer losſtürzen— er vermochte 154 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. es nicht; er fühlte ſeinen ganzen Körper ſtarr und gelähmt bis zu ſeinen Augen, die er nicht einmal im Stande war, von dem Gräßlichen, das er ſah, auch nur eine Sekunde ab⸗ zuwenden. Nur ſeine Bruſt vermochte ſich in tiefen Athem⸗ zügen zu bewegen und aus ſeinem halb geöffneten Munde mit heiſerem, pfeifendem Tone die Worte hervorzuſtoßen:„Ah, Mörder! Mörder! feiger Mörder!“ „Ja, Mörder!“ rief ihm der Andere entgegen,„Mörder um deinetwillen!— Glaubſt du, Verräther, uns wären deine Schritte unbekannt geblieben? Glaubſt du, wir hätten nicht ſchon lange deine Abſichten auf dieſes von mir ſo heiß ge⸗ liebte Mädchen entdeckt? Ach!“— dieſes Ach! ſtieß er mit einem wilden Schrei heraus—„ich kümmerte mich wenig um das, was du gegen uns beginnen würdeſt, bis— Hölle und Teufel!— wir aus dem Munde dieſes verrätheriſchen Ge⸗ ſchöpfes erfuhren, daß ſie dich liebe, ja, liebe wie man nichts ſonſt auf dieſer Welt liebt.— Ja, blick hieher auf dieſe ſtarren und doch ſo ſchönen Züge, auf dieſen wunderbaren Körper, auf dieſes ganze herrliche Mädchen. Ja, ſie liebte dich mit Raſerei, ſie wollte dein ſein, ſie wäre es in der nächſten Stunde geworden, wenn nicht mein ſcharfes Eiſen die Bänder der Brücke gelöst hätte, die euch zu einander führen ſollte. Jetzt ſteht ihr verzweifelnd am Abgrunde; ſie iſt hinein ge⸗ ſtürzt, du wirſt ihr folgen.“ Erſt bei den letzten Worten, die der Verruchte ſprach, löste ſich das krampfhafte Erſtarren, welches den unglücklichen Spg⸗ nier befallen. Er riß den Dolch des großen Meiſters Rubens aus ſeinem Buſen und wollte, wie der Jäger auf ſeine Beute, auf den feigen Mörder losſtürzen, als das helle Licht ebenſo plötzlich, wie es erſchienen war, jetzt wieder erloſch und Don Dolores! 155 Larioz darauf durch die dichte Finſterniß, die ihn abermals umgab, die hohnlachenden Worte vernahm: „Blöder Thor, du wirſt mich nicht erreichen! Da nimm ſie hin, die herrliche Dolores, nimm es hin, dein kaltes, ſtar⸗ res Liebchen! Hahaha!“ Und hahaha! klang ein hölliſches Gelächter rings umher vor den Ohren des unglücklichen Mannes. Aber er hatte keine Zeit, darauf zu horchen; es war ihm, als vernehme er zwi⸗ ſchen dem gräßlichen Lachen hindurch einen tiefen erſterbenden Seufzer. Dann fühlte er etwas gegen ſich fallen, und als er die Arme danach ausſtreckte, erfaßte er mit Schaudern den Körper des armen Mädchens. Willenlos ſank er auf das Ruhebett nieder, an dem er gerade ſtand, und zog mit haſtigem Griff das Schlachtopfer, welches auf den Boden niedergeſtürzt war, näher an ſich. Sie lag mit dem Kopfe auf dem Ruhebett, er faßte nach ihrer Hand, um ſie empor zu ziehen. Dieſe kleine Hand war kalt und ſteif. Schaudernd ließ er ſie los, und ſie rutſchte in ihre frühere Lage zurück; er legte ſeine Hand auf ihre Stirn, dieſe fühlte ſich eiſig an und war dabei von entſetzlicher Glätte; er betaſtete ihr langes, dickes Haar, das allein war weich und beweglich; er wagte es ſchaudernd, ihre Schulter zu berühren und dann mit ängſtlicher Haſt nach dem Griffe des Dolches zu ſuchen, den er mit einem Gefühl des Schmerzes aus der Wunde zog; er legte ſeine Finger auf dieſelbe, er fühlte nach quellendem Blut— aber vergebens. Der feige Mörder hatte Dolores in ihr warmes, liebendes Herz getroffen und hatte ſie augenblicklich getödtet, es floß kein Blut mehr. Mit einer erſchreckenden Geſchwindigkeit war ihr vor Kurzem noch ſo lebensfriſcher Körper jetzt kalt und ſtarr ge⸗ 156 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. worden; ſogar von den Lippen war alle Wärme verſchwun⸗ den, ſie waren unheimlich kalt anzufühlen. Ja, faſt ſeltſam kalt, und ebenſo der ganze Körper ſo höchſt eigenthümlich ſtarr und doch dabei wieder ſo beweglich, daß den unglücklichen Don Larioz faſt ein Entſetzen anwandelte, nicht ein Entſetzen, wie es wohl begreiflicherweiſe durch die Nähe eines Todten her⸗ vorgerufen werden kann, nein, ein Entſetzen, ein Zurückſchau⸗ dern wie vor einem Geſpenſte, einem Phantom, das uns plötz⸗ lich überfällt, vor einer gänzlich unerklärlichen, unheimlichen Entdeckung. Haſtig fühlte der Spanier auf dem Geſichte des Mäd⸗ chens umher, deſſen Kopf er in ſeinen Schooß genommen. Die Augen ſtanden weit offen, aber er war nicht mehr im Stande, ſie zu ſchließen; er drückte an ihre feinen Lippen— ſie waren ohne alle Bewegung; er verſuchte ihren Mund zu öffnen— vergebens. O nur ein einziger Lichtſtrahl! dachte er in höchſter Be⸗ ſtürzung mit einem bisher nicht gekannten Weh im Herzen. Abermals hob er ihren Arm und ihre Hand empor; er ver⸗ ſuchte es, den erſten zu biegen, es gelang ihm das nicht nur mit leichter Mühe, ſondern der Arm blieb auch in der Bie⸗ gung ſtehen. Jetzt fuhr er erſchreckt zur Seite; er wollte auf⸗ ſpringen, als im Nebengemache eine tiefe Stimme laut wurde, welche zu ihm ſprach: „Unglücklicher Sterblicher! Vergeblich iſt dein Bemühen, das Leben dieſes armen Mädchens zurück zu rufen. Du konn⸗ teſt ſie nicht erretten trotz der geweihten Waffe des edlen Mei⸗ ſters Rubens, welche du bei dir trägſt und die ſonſt ein Ta⸗ lisman iſt für jegliche Gefahr. Ja, Unglücklicher! du konnteſt Dolores! 157 ſie nicht erretten, weil du meine Lehren, meine Vorſchriften vergeſſen.“ Larioz war bei dem Klange dieſer Stimme zuſammenge⸗ fahren, er biß ſeine Zähne über einander, er hielt krampfhaft den Dolch des großen Meiſters Rubens in der Rechten. „Und wer biſt du?“ fragte er hierauf nach einem tiefen Athemzuge mit ſanftem Tone,„der du zu mir, dem unglücklich⸗ ſten der Sterblichen, alſo ſprichſt?“ „Ich bin der Geiſt des großen Zauberers Carabanzeros,“ war die Antwort;„ich muß dir unſichtbar bleiben, aber du ſollſt mich hören.“ „Ich höre dich,“ verſetzte der Spanier, wobei er die rechte Hand mit dem Dolche langſam erhob und aufmerkſam hor⸗ chend jene Stellung annahm, die man an dem Andaluſier ſieht, wenn er in Wuth geſetzt, die Navaja zum tödtlichen Wurf bereit hält. „Erinnere dich,“ fuhr die Stimme fort,„daß ſchon in den älteſten Zeiten die Werke der tapfern Ritter häufig durch Künſte böſer Geiſter vereitelt wurden, weßhalb ſie auch einen Gegenzauber ſtets bereit hatten, den ſie nicht, wie du, vernach⸗ läßigten, wenn ſie zur Rettung ihrer Damen auszogen. Du aber haſt den Zauberſpruch vergeſſen, der dich allein befähigen konnte, die unglückliche Dolores zu erretten, und den dir, da es zu ſpät iſt, nun die böſen Geiſter hohnlachend wiederholen werden.“ „Trau, treue Trine, trügriſch trüben Träumen nicht—“ tönte das Gemurmel vieler Stimmen aus der Dunkelheit hervor.— „Treib trotzig triumphirend fort das tolle Traumgeſicht, Trockne die Thräne tragiſchen Trübſals tröpfelnd auf, Trink trauten Traubentrankes Troſtes⸗Tropfen drauf.“ 158 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Doch war es dieſer feierlichen Situation nicht angemeſſen, und durchaus nicht im Charakter eines hölliſchen Rachechors, daß einer der Geiſter plötzlich ausrief:„Herrgott! ich bin ge⸗ troffen! Platz! das iſt ernſtlich.“ Und es war in der That ziemlich ernſtlich, denn der Spanier hatte beim letzten Worte des Zauberſpruches ſeinen Dolch mit ſolcher Gewalt in das Nebenzimmer geſchleudert, daß derſelbe einem der Geſellen draußen eine tüchtige Fleiſch⸗ wunde am Arme beibrachte und dann noch mit der Spitze in die Thür hinein fuhr, wo er zitternd ſtecken blieb. Larioz hatte aber nicht ſobald jenen Ausruf des Schreckens gehört, als er nun ſeiner Sache vollſtändig gewiß, um ſich her tappte, um irgend eine Waffe zu finden, die ihm dazu dienen könnte, einem zweiten Saul gleich über die Philiſter herzufallen. Er ergriff auch einen langen Malerſtock und war eben im Begriff, in das Nebengemach zu ſtürzen, als er vor dem Fenſter Licht aufdämmern ſah und Windſpiel bemerkte, der mit der brennenden Blendlaterne die Leiter emporſtieg. Beim Scheine dieſes Lichtes, der ſich im ganzen Gemache aus⸗ breitete, ſah er dort weder den weiſen Magier Carabanzeros, noch Einen von der hölliſchen Schaar— das Zimmer war leer, die Thür verſchloſſen und verſchwunden der Dolch Ru⸗ bens, welcher in derſelben geſteckt. Die Gefühle des Spaniers nach allem, was vorgefallen, ſind ſchwer zu beſchreiben. Wenn er ſich auch in den Tiefen ſeines Herzens empört fühlte von dem trügeriſchen Spiel, welches Freunde mit ihm getrieben, ſo war es ihm doch an⸗ derntheils zu Muth, als ſei ein finſterer Bann von ihm ge⸗ wichen,— ihre, des unbekannten Mädchens, Gewalt über ihn; ja, er fühlte, daß alle die ſüßen Regungen, welche ihn bei Dolores! 159 dem Gedanken an ſie begeiſtert, nun von ihrer Perſon gelöst erſchienen und ſeinem Herzen zurückgegeben ſeien, um vielleicht ein anderes, minder zweifelhaftes Weſen zu beglücken. Und doch blickte er faſt ſchaudernd bei dem Schein des Lichtes, mit dem nun der kleine Kellner erſchien, rückwärts, wo es aber auch in der That grauſenhaft genug ausſah, wie ſie mit dem aufwärts gekehrten Geſichte auf dem Ruhebette lag, wie die langen, ſchwarzen Haare ihr über Schulter und Bruſt fielen, und wie ſie dabei mit ſtarren, glänzenden Augen ſo unverwandt in die Höhe ſchaute und mit den kalten und doch ſo rothen Lippen unaufhörlich lächelte. Beim Anblick Windſpiels zog Don Larioz die Augen⸗ brauen finſter zuſammen; tiefer Groll, Haß, Zorn regten ſich in ihm, wenn er bedachte, daß auch der Kellner, dem er ſo freundlich ſein Inneres erſchloſſen, fähig geweſen ſei, ihn zu verrathen. Doch war die Beſtürzung deſſelben beim Anblick ſeines Herrn und Meiſters ſo ungekünſtelt und der Schrei des Entſetzens, den er ausſtieß, als er im Nebenzimmer die vermeintliche Leiche ſah, zu wahr, als daß der Spanier hätte länger im Zweifel bleiben können, auch Windſpiel habe gehol⸗ fen, ihn zu myſtificiren. Larioz nahm die Blendlaterne in ſeine Hand, hob ſie über ſeinem Haupte empor und erſuchte den Anderen, näher an das Ruhebett zu treten. Windſpiel gehorchte zitternd, und der Spanier, der ihm zur Seite ſchritt, betrachtete ſorgfältig den Ausdruck ſeines Geſichtes. Dieſer ſteigerte ſich bis zum Entſetzen, als nun der kleine Kellner den lebloſen Körper der unglücklichen Do⸗ lores vor ſich ſah, und es dauerte ein paar Sekunden, ehe ſein Auge einiges Mißtrauen zeigte beim Anblick des friſchen Geſichtes der eben erſt Verſtorbenen. Dann aber lösten ſich 160 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. ſeine ſtraff angezogenen Geſichtsmuskeln mit wunderbarer Schnelligkeit, er beugte ſich raſch nieder, faßte eine von Do⸗ lores kleinen weißen Händen, ſtrich ihr über die Stirn und rief dann laut aus: 1 „Alle Wetter, das iſt ja eine Gliederpuppe!“ Don Larioz ſchaute bitter lächelnd nieder, als er kopf⸗ nickend wiederholte:„Ja, das iſt freilich eine!“ Dann ſetzte er finſter und fragend hinzu:„Und Sie wußten nichts davon, junger Menſch?“ „Ich?— Gott ſoll mich bewahren!“ rief erſchrocken der Andere.„Herr Don Larioz, Sie werden mir ſo etwas nicht zutrauen! Aber,“ fuhr er nach einer Pauſe mit leiſer Stimme fort,„ich bin doch froh, daß es eine Gliederpuppe iſt.“ „Ja,“ gab der lange Mann zur Antwort,„wenn ich be⸗ denke, daß der Dolch jenes doppelt heuchleriſchen Böſewichts, jenes Breiberg, auch die weiße Bruſt eines lebenden Weſens nicht verſchont haben würde, ſo will ſich mir auch der Ge⸗ danke aufdrängen, als erſcheine es mir angenehmer, mit dieſem Weſen hier zu thun zu haben.— Armes Ebenbild eines ſchö⸗ nen Mädchens,“ ſagte er darauf mit betrübter Stimme,„das du hätteſt lebend ſein können, das du, wenn deine körperliche Hülle nicht falſch wäre, gewiß ein edles Herz, eine fühlende Seele in deinem weißen Buſen trügeſt, ich will deiner nicht vergeſſen. Wenn es auch größtentheils ſchmerzliche Stunden waren, die ich im Andenken an dich verlebte, ſo gab es doch auch Augenblicke, wo in der Erinnerung an dich eine nie ge⸗ kannte Seligkeit mein Herz durchſtrömte.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich mit einem Knie auf das Ruhebett niedergelaſſen, und eine ihrer feinen Hände ergriffen. „Lebe wohl, Dolores! ich will an dich denken wie an eine Dolores! 161 theure Verſtorbene, und will jene feige Rotte, die es gewagt, mir, einem ſpaniſchen Edelmann, dieſe Schmach anzuthun, wie deine Mörder halten und verfolgen. Bei San Jago! das will ich. Und wenn ich Einen derſelben niederwerfe, ſo ſoll er mir, ehe ſeine ſchwarze Seele zur Hölle fährt, feierlich ein⸗ geſtehen, daß er dich, Dolores, dennoch für das ſchönſte Weib dieſer Erde halte. Du ohne Herz biſt immer noch ein gefühl⸗ volles Weſen gegen jene herzloſen Burſchen— Friede ſei mit dir!“ „Amen!“ ſprach Windſpiel mit wehmüthigem Tone, und da er ſah, wie der tapfere Spanier die ſchöne Puppe ſanft an den Schultern faßte, um ſie auf das Ruhebett zu legen, ſo hob er die Füße derſelben nach und kreuzte ihr die Arme auf der Bruſt. Don Larioz nahm darauf ein großes Stück rothen Da⸗ maſt's, welches auf einem Stuhle hing, deckte es über den Kör⸗ per, der nun, alſo verhüllt mit der kennbaren menſchlichen Form, ungleich ſchauerlicher ausſah. Hierauf zog er ſein Ta⸗ ſchenmeſſer hervor, ging in das Nebengemach und ſchnitt dort aus der Zimmerthür drei Späne, welche er ſorgfältig auf den Damaſt legte, womit der Körper verhüllt war. Dann verließ er mit dem kleinen Kellner das Zimmer, warf aber an der Thür noch einen Blick rückwärts und ſprach: „Jetzt wüßte ich mir nichts Grauenhafteres zu denken, als wenn die lebloſe Puppe unter ihrer Hülle auf einmal zu zucken anfinge und ſich langſam aufrichtete.“ Bei dieſer Bemerkung ſchauderte Windſpiel ſichtbar zuſam⸗ men, und ohne daran zu denken, dem Anderen den Vortritt zu laſſen, kletterte er mit komiſcher Behendigkeit über die Fen⸗ ſterbrüſtung auf die erſte Sproſſe der Leiter, während er ſagte: Hackländer, Don Quixote. V. 11 ÿĩÿjy— 5 — 162 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. „Ach, Herr Don Larioz, laſſen Sie um des Himmels willen Ihre grauſamen Reden! So etwas bewegt und plagt mich entſetzlich! Obgleich ich weiß, daß es nur eine Puppe iſt, ſo bliebe ich doch um nichts in der Welt in dieſer Stube allein; ja, ich werde in meiner Kammer kein Auge zuthun können, ſondern immer hinabblicken nach dem Fenſter in der grauſeligen Erwartung, die da laſſe ſich mit ihrem rothen Tuche ſehen und winke mir drohend hinauf. O, mein Gott! ich will nie mehr auf Abenteuer ausgehen.“ Er rutſchte förmlich die Leiter hinab und war ſchon lange unten, ehe ihm Don Larioz folgte. Es war ſpät geworden und rings umher Alles ſtill. Die Beiden verließen den jetzt ganz dunklen Raum zwiſchen den Häuſern, und als Windſpiel an der Thür des Reibſteins ſei⸗ nen Hut abzog, um ehrerbietig eine gute Nacht zu wünſchen, blieb der Spanier noch einen Augenblick vor ihm ſtehen, ſchlug die Arme über einander und ſagte: „Wiſſen Sie auch wohl, lieber Freund, daß an dem heu⸗ tigen Abend doch irgend etwas faſt auf den Tod verwundet worden iſt?“ „Nein, das weiß ich nicht!“ rief erſchrocken der kleine Kellner.„Um Gottes willen! wer war es, der einen Todes⸗ ſtoß erhalten?“¹ „Mein Glaube an die Menſchheit,“ entgegnete ernſt Don Larioz.„Sie iſt es im Allgemeinen nicht werth, daß man für ſie kämpft und duldet. Ich fange an zu glauben, daß die Drachen der Heuchelei, der Lüge, des Haſſes, der Verleum⸗ dung in unſerem Zeitalter ein nothwendiges Uebel ſind, um die Schlechtgeſinnten mit eben den Waffen zu peinigen, mit denen ſie ihre Nebenmenſchen verwunden; es will mich faſt Dolores! 163 bedünken, es ſei ein undankbares Werk, gegen dieſe Drachen zu ſtreiten und ſie nicht ruhig ihre Opfer wählen zu laſſen. Aber was ich nie gedacht, fühle ich jetzt— es muß ein ſüßes Gefühl ſein um befriedigte Rache.“ Damit ging er die dunkle Straße hinab, nicht ſo auf⸗ rechten Hauptes wie gewöhnlich, vielmehr trug er den Körper etwas gebeugt, wie zuſammengedrückt von der Laſt ſchwerer Gedanken. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Ein unterbrochenes Opferfeſt. An jenem Tage, an welchem zugleich mit Baron Fre⸗ mont und Herrn von Tondern der Rechtsconſulent Doktor Plager das Palais des Grafen Helfenberg verließ, hatte der Advokat mit Hülfe ſeiner ſcharfen Ohren wohl die Aeußerung Fremonts vernommen, daß der polniſche Graf Czrabowski einer der niederträchtigſten Schufte ſei, die un⸗ gehenkt umherlaufen. Daß es ihm höchſt unangenehm war, ſolches über einen Mann zu hören, der nächſtens mit ſeiner Familie in enge Verbindung treten ſollte, iſt leicht begreiflich. Wenn er auch bei ſich überlegte, daß der Baron in einem ge⸗ reizten Zuſtande war und man daher deſſen Worte nicht ſo genau nehmen dürfe, ſo wurde doch ein ſchlummernder Arg⸗ wohn gegen den Grafen unwillkürlich in ſeiner Bruſt geweckt. Und als ein Mann, deſſen Geſchäft es war, Thatſachen mit Hülfe von Worten, Blicken, ja, ſelbſt von Winken zu einem erfreulichen oder unerfreulichen Ganzen zuſammen zu ſtellen, — Ein unterbrochenes Opferfeſt. 165 konnte er auch in dieſem Falle von der eben genannten Ge⸗ wohnheit nicht laſſen und flickte ſich aus manchem, was ihm an ſeinem künftigen Schwager im Laufe der Zeit mißfallen, ein Gewand zuſammen, mit dem man wohl Jemand bekleiden konnte, deſſen Thun und Treiben zu Aeußerungen, wie die des Herrn Baron von Fremont, berechtigten. Sein alter Arg⸗ wohn, der ſiegreich niedergekämpft worden war durch die Re⸗ den ſeiner Frau, der Madame Weibel, nicht zu vergeſſen des Vertrauens, welches der ſonſt ſo vorſichtige Schwager Banquier dem Polen bewies, vor Allem aber durch die Zuverſichtlichkeit Clementinens, mit der ſie überzeugt war, durch Vereinigung mit dieſem edlen Charakter glücklich zu werden, fing jetzt wie⸗ der an, hohnlachend ſein verzerrtes Haupt zu erheben und ihm zuzuflüſtern: Die Sache iſt faul, faul, ſehr faul! Auf dem ganzen Wege nach Hauſe beſchäftigten ihn dieſe Gedanken, und als er die Treppen ſeiner Wohnung langſam hinaufſtieg und, droben angekommen, aus dem Zimmer ſeiner Frau den Geſang Clementinens vernahm, welcher der Welt verkündigte, daß glücklich allein ſei die Seele, die liebt, hätte ein wehmüthiges Gefühl ſein Herz beſchleichen können, wenn er nicht gleich darauf die harte Stimme der Schwiegermutter vernommen hätte, welche zur fröhlich Singenden ſagte: „Höre auf, Clementine, er kommt; wenn er dich ſo guter Laune hört, ſo wird er nothwendig etwas Unangenehmes für dich haben müſſen, um den Uebermuth, wie er es nennt, zu dämpfen. Mag der Himmel wiſſen, warum es dieſem Mann unmöglich iſt, unſerer Familie etwas Gutes zu wünſchen.“ Wir ſetzen den Fall, der Rechtsconſulent hätte wirklich unter dem Einfluſſe ſeiner eben erwähnten Gedanken einige Worte über den Grafen Czrabowski fallen laſſen, ſo würde —.-— 166 Achtundfünfzigſtes Kapitel. er dieſes ſicher in angenehmer, weicher, mitfühlender Art ge⸗ than haben, kaum als eine leichte Warnung, eher noch als eine ſorgliche Frage,— ob denn Clementine auch in der That hoffe, mit ihrem Erwählten glücklich zu werden? Ja, er war unerklärlicherweiſe zur Wehmuth geneigt, die Kammern ſeines Herzens ſtanden weit offen, harrend eines freundlichen Wortes, das von ihm mit Rath und That vergolten worden wäre. Aber nun bei der ſcharfen Aeußerung der geliebten Schwieger⸗ mutter, einer Aeußerung, die für ihn berechnet war und wo⸗ von er keine Sylbe verlor, klappten dieſe geöffneten Kammern ſeines Herzens heftig zu, ſeine Gefühle verwandelten ſich in Haß und Groll, er tauchte mit dem Kopfe in die ſchützende Halsbinde hinab und erſchien vor der Familie mit einem maje⸗ ſtätiſchen Stirnrunzeln. Zu gleicher Zeit trat auch Babette mit einem Briefchen an Fräulein Clementine Weibel, das ſo eben außen abgegeben worden war, in das Zimmer. Von wem dieſer Brief kam, ſah man deutlich an dem Farbenwechſel auf dem Geſichte der jungen Verlobten. Was in demſelben ſtand, würde unfehlbar für den Herrn des Hauſes Geheimniß geblieben ſein, wenn er nicht, dies voraus wiſſend, auf ſeine Art manövrirt hätte, da es ihm begreiflich nicht unintereſſant war, zu wiſſen, was der edle Graf ſchrieb. Nachdem er alſo gefragt, ob vielleicht Jemand da geweſen ſei, der ihn zu ſprechen verlangt, ſagte er zu Clementinen: „Ich komme eigentlich, dir zu ſagen, daß ich einen Gang zu Czrabowski thun muß, und wollte mich nur bei dir erkundi⸗ gen, ob du nicht irgend einen Auftrag an ihn habeſt.“ Clementine hatte den Brief geleſen, ließ ihn darauf mit der Hand, die ihn hielt, in den Schooß ſinken und blickte Ein unterbrochenes Opferfeſt. 167 nachſinnend zum Fenſter hinaus. Sie hatte wohl die Frage ihres Schwagers verſtanden, aber es dauerte eine kleine Weile, che ſie eine Antwort gab, und auch dann nur indirekt, denn ſr wandte ſich an ihre Mutter und ſagte ihr:„Stanislaus ſchreibt mir ſo eben, daß er auf zwei Tage verreist.“ Madame Weibel blickte erſtaunt in die Höhe; da ſie aber bemerkte, daß ihr Schwiegerſohn ebenfalls ein verändertes Ge⸗ ſicht zeigte, ſo änderte ſie augenblicklich den Ausdruck des ihri⸗ gen und ſprach lächelnd:„Er wird ſeine Gründe haben; laß mich doch ſehen, was er ſchreibt.“ „Da, meine Mama,“ verſetzte das junge Mädchen und reichte den Brief hinüber. Madame Weibel durchlas denſelben, auf ihrem Geſichte zeigte ſich ein freundliches Schmunzeln, und ſie ſagte mit Salbung, nicht ohne einen Seitenblick auf den Rechtsconſu⸗ lenten zu werfen:„Ein nobler Mann, ein gefühlvoller Mann; es muß ihm gut gehen auf Erden, denn er achtet und verehrt die Mitglieder ſeiner Familie.“ „Herr Graf Czrabowski iſt alſo verreist?“ erlaubte ſich der Hausherr zu fragen.„So nützt es demnach nichts, wenn ich gehe, ihn aufzuſuchen.“ „Es wäre in der That überflüſſig,“ erwiderte Madame Weibel mit erhobener Naſe.„Du lieber Gott, mein Herr Schwiegerſohn, Sie hätten früher ſo häufig Gelegenheit ge⸗ habt, Ihre Beſuche zu machen, und dachten nicht daran. Der gute Graf wird ſich ſchon daran gewöhnt haben, von Ihnen als Bagatelle behandelt zu werden, oder wird das, was noch wahrſcheinlicher iſt, nicht einmal bemerken.“ „Auf Ihre freundliche Rede,“ ſprach lächelnd der Rechts⸗ conſulent,„werden Sie mir die Bemerkung erlauben, daß ich — “ — ———— —— Achtundfünfzigſtes Kapitel. 168 den ſehr edlen Grafen von Czrabowski nie en bagatelle be⸗ handelt; ich habe nicht mein Mißtrauen verhehlt, ſo lange ich ſolches für gerechtfertigt hielt, und bin ihm freundlich entgegen gekommen, ſobald ſich— die Familie für ihn entſchieden.“ „Die Familie,“ wiederholte achſelzuckend Clementine. „Ich habe nicht geſagt, die Familie,“ gab der Hausherr zur Antwort,„ſondern ich ſagte die Familie. Aber laßt uns nicht über Worte ſtreiten. Alſo ich kann meinen Beſuch beim künftigen Herrn Schwager ſparen?“ „Vollkommen,“ meinte würdevoll die Schwiegermutter. „Die Familie erläßt Ihnen das; und Graf Stanislaus wird auch nicht untröſtlich darüber ſein, daß wir Sie zurückgehalten.— Er iſt doch ein feiner, gebildeter Mann, Czrabowski, voll Auf⸗ merkſamkeiten gegen uns alle; wenn du auch nicht Frau Gräfin würdeſt, Clementine, ſo müßteſt doch du und wir alle durch dieſe Verbindung glücklich werden und den Glanz empfangen, welcher der Familie Weibel eigentlich zukommt.“ Jetzt hielt es der Rechtsconſulent für angemeſſen, an ſei⸗ nen Rückzug zu denken, weßhalb er ſich in ſein Zimmer be⸗ gab, worauf alsbald die Damen den Brief des edlen Grafen einer ziemlich genauen Beſprechung unterwarfen. Stanislaus ſchrieb an Clementine: „Geliebtes Mädchen! Mein Onkel, Graf Wladimir Czra⸗ bowski, will uns bei unſerer Vermählung durch ſeine Gegen⸗ wart erfreuen. Er reist zu dieſem Zwecke den weiten Weg von Warſchau hieher, weßhalb ich nicht weniger thun kann, als ihm eine Tagereiſe entgegen zu fahren. „Es iſt eine Pflicht der Dankbarkeit, von der ich dich hätte mündlich in Kenntniß ſetzen ſollen; aber ich fürchtete deine ſüßen Augen, deine verlockenden Worte. Ein unterbrochenes Opferfeſt. 169 „Verzeihe mir, Geliebte; nebenbei habe ich noch immer etwas überflüſſige Romantik an mir, und habe es mir ſo reizend ausgemalt, dich ein paar Tage nicht zu ſehen, um dann mit einem Male zu jener ſeligſten Stunde meines Le⸗ bens vor dir zu erſcheinen und mein Glück in Empfang zu nehmen. „Fünf Schläge der Uhr darfſt du an jenem Morgen zäh⸗ len, beim ſechsten wird an deine Bruſt ſinken Dein Stanislaus.“ Madame Weibel fand dieſe kleine Trennung von ein paar Tagen reizend, Clementine verſicherte, ſie wiſſe nichts Poetiſcheres, als daß er mit dem ſechsten Schlage der Uhr an ihr Herz ſinken werde. Die Rechtsconſulentin allein ſchien mit ihrer hausbackenen Natur nicht vollkommen befähigt zu ſein, die ganze ungeheure Romantik in dem Schreiben des ſehr edlen Grafen von Czrabowski zu erfaſſen; ja, ſie erhob ſich gedankenvoll von ihrem Stuhle, ging in das Zimmer ihres Mannes, that, als wenn ſie dort etwas zu ſuchen hätte, und fragte nur ſo nebenbei und in gleichgültigem Tone:„Wenn er verreist iſt, gehſt du wohl nicht in ſeine Wohnung?“ Doktor Plager rieb ſich ein paar Sekunden lang die Stirn mit der Hand und verſetzte alsdann:„Ich werde doch vielleicht nach ſeiner Wohnung gehen, um zu erfahren, wann⸗ er abgereist iſt. Es könnte ja ſein,“ ſetzte er mit Betonung hinzu,„daß er irgend einen Auftrag an uns zurückgelaſſen hätte.“ Die Rechtsconſulentin blickte ihren Mann an, doch war auf deſſen Geſichte nicht ſonderlich viel zu leſen, er hatte den Mund geſpitzt, als pfeife er irgend eine Melodie, und ließ 170 Achtundfünfzigſtes Kapitel. dabei die Augenlider niederfallen, wie wenn er ſeine Gedanken von den Eindrücken der Umgebung frei erhalten wollte. „Dieſer Graf von Czrabowski,“ ſagte er, als er ſeinen Hut nahm, um wegzugehen,„iſt, wie mich deine Mutter un⸗ zählige Male verſichert hat, einer der ehrenhafteſten Charaktere, die in der Welt zu finden ſind, und wenn er etwas thut, was wir anderen, minder hoch begabten Menſchen augenblicklich nicht zu deuten verſtehen, ſo hat er gewiß ſeine guten Gründe dafür, die wir auf alle Fälle achten müſſen.“ „Das iſt recht gut geſagt,“ meinte etwas pikirt Madame Plager;„aber du denkſt anders, das ſehe ich dir an.“ „Und wenn dem ſo wäre?“ verſetzte der Rechtsconſulent. „Bin ich nicht leider ſeit langer Zeit in dieſem Hauſe gezwun⸗ gen, meine Gedanken zu verheimlichen, als ob jeder derſelben ein Verbrechen wäre? Dieſen Kriegszuſtand verdanke ich deiner Mutter.“— Madame Plager ſeußzte gelinde auf, und ob es nun nur die Neugierde war, die Gedanken ihres Mannes in Bezug auf ihren künftigen Schwager zu erfahren, oder ob wirklich die vernünftige Idee bei ihr zum Durchbruch kam, ihre Mutter do⸗ minire etwas zu viel und miſche ſich in Angelegenheiten, die ſie eigentlich nichts angehen— genug, die Rechtsconſulentin fuhr mit ſanfter Stimme fort:„Du haſt darin nicht unrecht, aber ich, als deine Frau, könnte doch eigentlich verlangen, deine wahren Gedanken in wichtigen Dingen zu erfahren.“ „Du, als meine Frau?“ rief faſt erſtaunt der Hausherr. „Allerdings, wenn du das ſein wollteſt, hätteſt du nicht nur das Recht, ſondern ſogar die Pflicht, nach meinen innerſten Gedanken und geheimſten Wünſchen zu forſchen. Aber, liebe Emilie, bis jetzt haſt du noch keine Neigung gezeigt, dich auf Ein unterbrochenes Opferfeſt. jene Stufe zu erheben, die du eigentlich im Hauſe einnehmen ſollteſt; du warſt bisher nicht die Gebieterin deſſelben, du ſtellteſt weniger die Frau deines Mannes vor, als die Tochter deiner Mutter; du gabſt die Herrſchaft aus deinen Händen, du ließeſt dieſelbe liſtiger Weiſe mir entwinden, um deiner geliebten Mutter ein ſchweres Scepter in die harte Fauſt zu drücken, mit welchem ſie ſich das kindliche Vergnügen macht, Jedem von uns auf den Kopf zu ſchlagen, der ſich erlaubt, die Naſe etwas ſelbſtſtändig zu erheben. O, das iſt uner⸗ träglich, Emilie, und führt zu böſen Händeln.“ Obgleich Madame Plager eifrig an ihrer Schublade zu kramen ſchien, hatte ſie doch aufmerkſam den Reden ihres Mannes gelauſcht; man bemerkte das an ihrem freilich kaum ſichtbaren Kopfnicken, ſowie an einem beiſtimmenden Blicke, den ſie zuweilen ſeitwärts empor ſandte; ja, ſie entfernte ſich jetzt von ihrer Commode, nicht um das Zimmer zu verlaſſen, vielmehr um die Thür deſſelben in Betracht der Nachbarſchaft zu ſchließen. „Es iſt wahr, viel könnte anders ſein,“ ſagte ſie als⸗ dann. „O, viel, ſehr viel, außerordentlich viel!“ gab der Haus⸗ herr in ſtiller Freude zur Antwort.„Bei uns allen könnte Manches anders ſein; nicht nur bei dir, ſondern auch bei mir,— gewiß, bei mir nicht minder. Die Aufgeregtheit, mitt welcher ich manche Sachen zu beurtheilen pflege, würde weniger hervortreten und ſich nicht ſo ſcharf äußern, wenn ich nicht zum Voraus wüßte, daß in euren Augen das Unrecht ſtets auf meiner Seite iſt und daß alles, was ich rechtmäßiger Weiſe auszuſetzen habe, von euch aus Grundſatz nicht aner⸗ kannt wird.— Du haſt gute Eigenſchaften, liebe Emilie,“ * Achtundfünfzigſtes Kapitel. 172 ſetzte er mit weicher Stimme hinzu,„vortreffliche Eigenſchaften; aber ſtatt auf meine wohlgemeinten Rathſchläge und Ermah⸗ nungen zu hören, läſſeſt du dir von deiner Mutter in den Kopf ſetzen, du ſeieſt, wie alle Mitglieder deiner Familie, von einer rührenden Vollkommenheit, und alles, was ich mir er⸗ laube dir zu ſagen, geſchehe nicht in der Abſicht, Dies oder Das in unſerm Haushalte zu beſſern, ſondern nur, um dir das Leben durch Vorwürfe und Plackereien unerträglich zu machen. Wir haben alle unſere Schwächen, meine liebe Emilie, aber ich kann dich verſichern, daß ich es in jeder Beziehung mit dir und den Kindern redlich und gut meine.“ „Ach, wenn ich das gewiß wüßte! wenn ich daran glauben könnte!“ ſprach Madame Plager mit leiſer Stimme, wobei ſie ihrem Manne die rechte Hand ließ, die dieſer ergriffen hatte und freundlich zwiſchen ſeinen Fingern drückte. „Den Glauben hatteſt du, aber du haſt ihn gewaltſam unterdrückt,“ erwiderte der Rechtsconſulent.„Warum ſollteſt du auch den Glauben nicht haben, da du aus meinen Hand⸗ lungen ſehen mußt, wie gut ich es mit dir und den Kindern meine? Aber dein Vertrauen zu mir ſtand auf ſchwachen Füßen, es war untergraben worden durch die freundſchaft⸗ lichen Worte deiner lieben Mutter, welche dir einredete, du habeſt in allen Dingen Recht, und daher kamſt du auch nicht u einer Erkenntniß deiner Fehler. Es ſind überhaupt zu wenige Menſchen dazu geneigt, ihre Mängel einzuſehen, und wenn man ſie noch darin beſtärkt, ſie hätten wirklich keine, ſo nehmen ſie das aufs bereitwilligſte auf, und wo die Selbſterkenntniß fehlt, da iſt auch eine Aenderung ganz un⸗ möglich.“— „Emilie!“ hörte man aus dem Nebenzimmer die laute Ein unterbrochenes Opferfeſt. 173 Stimme der Madame Weibel, und die gehorſame Tochter wollte augenblicklich von ihrem Manne fortſpringen, zu welchem Ende ſie die hervorgeſuchten Chemiſetten, Aermel und derglei⸗ chen ſo ſchnell und unordentlich wie möglich in die Schublade hineinſtopfte. Der Rechtsconſulent aber hielt ſie ſanft zurück, indem er ſagte: „Beginne jetzt, das deinem Manne zu ſein, was du ihm ſein ſollſt; räume deine Sachen gehörig auf; ich will deiner Mutter ſagen, wo du biſt.“ Damit öffnete er die Thür, und da der Ruf der Madame Weibel zum zweiten und dritten Male immer ſchriller erſcholl, rief er durch den Salon hinüber:„Emilie iſt bei mir, ihrem Manne, ſie hat etwas hier zu thun und wird zu Ihnen kommen, ſobald ſie fer⸗ tig iſt.“ „Sie iſt bei ihm!“ vernahm man die Stimme der Schwie⸗ germutter mit einem eigenthümlichen Lachen.„O Gott! Cle⸗ mentine, hörſt du es? ſie iſt bei ihm— das glückliche Weib! Hahaha! das iſt wirklich ungeheuer komiſch.“ „Ja, bei mir,“ antwortete der Hausherr mit lauter Stimme. Und es wäre wahrſcheinlich wieder eines der ge⸗ wöhnlichen Wortgeplänkel entſtanden, wenn Madame Plager ihren Mann nicht ſanft zurückgezogen, alsdann die Thür ge⸗ ſchloſſen und mit weicher Stimme geſagt hätte: „Ja, ich bin bei dir, und bleibe auch da, ſo lange du es wünſcheſt. Deßhalb laß das Andere gut ſein, ich verſichere dich, daß ich unendlich froh wäre, wenn die Streitigkeiten ein⸗ mal aufhören wollten.“ „Für dieſes Wort danke ich dir!“ verſetzte der Rechts⸗ conſulent mit wirklicher Rührung.— Es war das ſeit Jahren nicht mehr vorgekommen, daß ſeine Frau der Mutter gegen⸗ 174 Achtundfünfzigſtes Kapitel. über auf ſeine Seite trat; er fühlte wie die Erbitterung, die ſein Herz umlagerte, ſo oft er ſich dem Hauſe näherte, plötz⸗ lich aufthaute, und wenn er den in der That jetzt guten Blick ſeiner Frau betrachtete, ſo war es ihm, als verheiße derſelbe noch eine Reihe von ſchönen und glücklichen Tagen. „O, wenn es möglich wäre,“ ſagte er,„daß dieſe Streitig⸗ keiten in unſerem Hauſe wirklich ihr Ende erreichten! Und warum ſoll ich nicht darauf hoffen, da du ſo freundliche Ge⸗ ſinnungen zeigſt, und da ja vielleicht deine Mutter, der ich übrigens alles Gute wünſche, geneigt iſt, unſer Haus mit dem der künftigen Gräfin Czrabowski zu vertauſchen?“ „Dazu gebe der Himmel ſeinen Segen!“ erwiderte die Frau mit einem leichten Seufzer.„Verlaß dich darauf, ich will das Meinige thun, damit ich wieder Ruhe und Frieden bekomme. Was das Andere anbelangt, ſo thu mir den Ge⸗ fallen und geh in ſeine Wohnung; ich weiß nicht, ich habe ſo meine eigenen Ahnungen, und es iſt mir immer, als ſollte aus der Heirath doch nichts werden.“ „Das wäre entſetzlich!“ meinte der Rechtsconſulent, dem bei dieſer Vermuthung ſeiner Frau das glänzende Luftſchloß zuſammenſank, das er ſich bei dem Gedanken an die Entfer⸗ nung ſeiner Schwiegermutter aufgebaut. „Das wäre entſetzlich!“ wiederholte er mit um ſo ſchmerz⸗ licheren Empfindungen, da er, den künftigen Schwager betref⸗ fend, Aehnliches ſchon gedacht hatte und da ihm jetzt wieder die Aeußerung Baron Fremonts einfiel.„Aber ſage mir um Gottes willen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wenn dir der Charakter des Herrn Grafen nicht ganz richtig vorkam, warum haſt du denn früher deiner Mutter oder Clementinen gegenüber nie etwas darüber fallen laſſen? Da wäre vor einiger Zeit Ein unterbrochenes Opferfeſt. 175 noch Manches gut zu machen geweſen, während man jetzt der Sache ihren Lauf laſſen muß.“ „Das iſt ein Punkt,“ entgegnete Madame Plager,„über welchen es unmöglich iſt, mit einer der Beiden unumwunden zu ſprechen. Clementine verlangt zu ſehr darnach, ſelbſtſtändig zu werden, wie ſie es nennt, als daß es möglich wäre, Ver⸗ nunftgründe bei ihr geltend zu machen, und was die Mutter anbelangt, ſo weißt du, wie ſüß ihr der Gedanke iſt, durch die Verbindung mit einem vornehmen Herrn den Glanz des Familiennamens zu erhöhen.“ „Wäre denn Clementine nicht auch durch den guten Schil⸗ der ſelbſtſtändig geworden, ja, ſelbſtſtändiger, als ſie es dort vielleicht wird? Schilder hätte ſich ein Vergnügen, eine Ehre daraus gemacht, in unſere Familie aufgenommen zu werden, während der Herr Graf der Anſicht ſein wird, und in ge⸗ wiſſer Beziehung vielleicht nicht mit Unrecht, er hebe Clemen⸗ tinen zu ſich empor.— Ich fürchte, ich fürchte, Emilie, da ſind noch andere Gründe, welche Clementine neben ihrer un⸗ geheuren Liebe Alles daran ſetzen laſſen, daß jene Heirath zu Stande kommt.“ Madame Plager ſchlug eine Sekunde die Augen nieder, ſie zuckte leicht mit den Achſeln, ehe ſie erwiderten Geh in ſeine Wohnung, thu mir die Liebe und erkundige dich ſo genau wie möglich nach ihm.“ „Dir zu Liebe auf alle Fälle, meine gute Emilie,“ ver⸗ ſetzte der Hausherr freudig bewegt, indem er einen Arm um ſeine Frau legte und ſie freundlich an ſich zog.—„O du mein Gott!“ fuhr er herzlich fort,„auf ein angenehmes Wort von dir, welches ich ſo lange entbehrt, würde ich ja Alles thun. —,—j—— ————— ²*²“ — 2 — 176 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Ach, das wäre erſchrecklich, wenn dieſe Heirath nicht zu Stande käme!“ Nach dieſen Worten nahm er ſeinen Hut, um ſich nach der Wohnung des Herrn Grafen Czrabowski zu begeben. Als er durch den Salon ſchritt, hörte er die Schwiegermutter im Nebenzimmer ſagen:„Herzlos wie immer und fortwährend gegen unſere Familie intriguirend.“ Worauf Clementine verſetzte:„Ja, Mama, herzlos und voller Intriguen.“ Der Rechtsconſulent ging in der That zur Wohnung ſeines zukünftigen Schwagers; er fand die Thür derſelben offen ſtehen und eine alte Frau im Begriff, das beſcheidene Zimmer mit dem Beſen zu reinigen. Auf ſeine Frage nach dem Bewohner gab ſie zur Antwort, ſie wiſſe es nicht anders, als daß der Herr Graf auf ein paar Tage verreist ſei. Der Doktor begab ſich hierauf zu ſeinem Schwager, dem Banquier Springer, der nicht viel wußte, aber, als vorſichtiger Geſchäfts⸗ mann ſchon eher zum Argwohn geneigt, ein verlängertes Geſicht zeigte, als ihm der Advokat von der plötzlichen Ab⸗ reiſe ſprach und dabei einige düſtere Vermuthungen nicht unter⸗ drücken konnte. „Das wäre der Teufel!“ ſagte der Mann des Geldes, indem er in ſeinem geheimen Buche das Conto Czrabowski's aufſchlug, deſſen Soll ein ſehr ſtarkes Uebergewicht zeigte. „Was iſt da zu machen?“ „Vorderhand ruhig abwarten,“ erwiderte der Advokat, „was uns der übernächſte Tag bringen wird. Jetzt ſchon Schritte zu thun, die Aufſehen erregen könnten, das würde die Sache noch ſchlimmer machen.“ Ein unterbrochenes Opferfeſt. 177 „Aber Alles iſt zur Hochzeit vorbereitet; deine Einladung zum Dejeuner nach der Trauung ſchon gemacht.“ „Auf Verlangen der Schwiegermutter; ich habe daran nichts ändern können.“ „Der Teufel, das gäbe einen unangenehmen Scandal!“ bemerkte der Banquier auf und ab gehend.„Man ſollte wahr⸗ haftig gegen Clementine ein Wort fallen laſſen.“— „Wenn du das wagen willſt, thu es, ich habe zu neuen Scenen keine Luſt.“ „Ich will mit meiner Frau darüber ſprechen.“ „Und ich mit der meinigen.— Auf Wiederſehen!“ Weide thaten alſo, und ſowohl die Frau Doktor Plager als auch Madame Springer hielten es für das Beſte, gegen ihre Mutter und Clementine ſo zart wie möglich dieſer deli⸗ katen Angelegenheit zu erwähnen. Madame Weibel aber erhob ihre Naſe darauf äußerſt drohend und ſah in den Worten ihrer beiden Töchter nichts als das ruchloſe, intrigante Treiben ihres Schwiegerſohnes, des Rechtsconſulenten Doktor Plager, wogegen Clementine einige Krämpfe affektirte und die Erklärung abgab, ihr etwas Derartiges zu wiederholen, ſei gerade ſo gut, als ihr ein Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen. Dabei blieb es denn auch; doch lagerte über den Häuſern Springer und Plager etwas wie eine ſchwere Gewitterwolke; der Rechtsconſulent glaubte ferne Blitze zu ſehen, und daß ein dumpfer Donner nicht mangelte, dafür ſorgte die Schwie⸗ germutter. So kam denn der Morgen heran, an dem der edle Graf von Czrabowski beim ſechsten Schlage an das Herz ſeiner Hackländer, Don Quixote. V. 12 ——ꝛ—— — — 4 aA. 4 ——— — — — 178 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Auserwählten ſinken wollte, um ſie darauf zur Trauung zu führen. Vergeblich hatte ſich ſelbſt Madame Plager bemüht, die Einladungen zum Kirchgange und zum darauf folgenden Dejeuner auf die vertrauteſten Freunde des Hauſes zu be⸗ ſchränken.— Madame Weibel hatte dagegen proteſtirt.„Wir brauchen uns nicht zu ſchämen,“ hatte ſie geſagt, nnicht dieſe glänzende Verbindung meiner Tochter zu verbergen und unſer Licht unter den Scheffel zu ſtellen; die Familie Weibel hat ein Recht, ſich ſehen zu laſſen, und wird dieſes Recht und den Glanz ihres Namens zu wahren wiſſen, wenn auch intrigante Perſönlichkeiten ſich bemühen, dieſen wohlverdienten Glanz zu verdunkeln.“ Und ſo erſchien denn Madame Weibel geſchmückt, wie man ſie ſeit Jahren nicht mehr geſehen. Ein Kleid von ſchwerer brauner Seide umfloß ihre majeſtätiſche Geſtalt, ſie hatte eine Uhr mit Kette angelegt, verſchiedene Armſpangen aus den dunkeln Gefängniſſen ihrer Etuis befreit, worin die⸗ ſelben lange geſchmachtet, und das Bild des ſeligen Weibel trug ſie in ziemlicher Größe als Broche gefaßt vor dem Buſen. Eine etwas kleine Haube, aber mit koloſſalen farbigen Bän⸗ dern ſaß wie hingeweht auf ihrem Hinterkopfe. Daß ſich Clementine in weißem, fleckenloſem Atlaß befand, verſtand ſich von ſelbſt; auf dem Kopfe trug ſie einen reichen Spitzenſchleier, der durch den jungfräulichen Myrtenkranz zu⸗ ſammengehalten war. Aber ſie ſah ſehr bleich aus, die arme Clementine, äußerſt bleich; ihre Lippen zuckten zuweilen ſo ängſtlich und auffallend, und wenn an dieſem Morgen die Uhr ſchlug, ſo fuhr ſie erſchreckt zuſammen. Die Eingeladenen kamen pünktlich gegen neun Uhr, Ver⸗ wandte, gute Bekannte und Freunde des Hauſes. Da war Ein unterbrochenes Opferfeſt. 179 ſchon früher erſchienen die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe von gegenüber; ſie hatte als Frau, welche den ſchönſten Theil dieſes armen Erdenlebens ſchon praktiſch durchgemacht, in das Ankleidezimmer kommen dürfen und dort der Braut flüſternd einige vortreffliche Rathſchläge ertheilt. Da betrat die dürre Juſtizräthin mit feierlichem Geſichte und einem ſteifen Knix den Salon; ſie war heute nicht ſo ganz anzuſehen wie das Sinnbild der Gerechtigkeit; um ihren Mund erblickte man einige freundliche Falten, und nur zuweilen ſchoß ein ſcharfer Blitz aus ihren Augen; ſie ſah etwas leidend aus, denn ſie hatte zu Hauſe eine kleine Scene gehabt mit ihren drei ſehr heirathsfähigen Töchtern, welche ſie mit einigen ſchrecklichen Warums gequält hatten. Warum bekommt die Clementine Weibel ſo bald einen Mann? Warum ſogar einen Grafen? Warum iſt noch Keine von uns verheirathet? Warum haben wir noch nicht einmal hoffnungsvolle Verhältniſſe? Der Sprößling des Juſtizrathes, ein zarter Gymnaſiaſt, hatte die Schweſtern zu tröſten geſucht, indem er ſehr unpaſſend re⸗ citirte: „Fragt die Luft, warum ſie ſäuſelt.“ Ferner erſchien auch die Regierungsräthin mit dem lauten Organ, welche ſchon draußen beim Ablegen ihres Shawls ihre ungeheure Freude über das glückliche Ereigniß gegen Babette laut werden ließ, die ihrem neuen Kleide und den vielen in Ausſicht ſtehenden Trinkgeldern zu Liebe jetzt ſchon Thränen der Rührung weinte. Auch Wagen rollten vor das Haus, der Arzt der Familie mit ſeiner beſſeren Hälfte, Banquier Springer mit Frau, nicht zu vergeſſen den guten Schilder. Ja, auch Schilder kam, um 180 Achtundfünfzigſtes Kapitel. der Braut mit zierlichen Worten zu ſagen, wie es ihn in ge⸗ wiſſer Beziehung freue, daß ein beſſerer Mann das erreicht, wonach er ſelbſt einſtens getrachtet. Madame Weibel, deren Rührigkeit wir bereits aus den früheren Kapiteln zur Genüge kennen gelernt haben, hatte es heute bei der Verheirathung ihrer jüngſten Tochter für paſſend erachtet, die alte Frau darzuſtellen, das Familien⸗Oberhaupt, welches fühlt, daß nun ſeine Zeit gekommen iſt, um endlich von den langjährigen Sorgen und Arbeiten auszuruhen. Sie ſaß in ihrem Lehnſeſſel, aus dem ſie ſich nur etwas erhob bei der Gratulation der älteren Damen, in welchem ſie aber ihr Aufſtehen nur eben andeutete, wenn ihr Einer aus der jüngeren Generation ſein Compliment machte. Clementine hielt ſich neben ihrer Mutter; ſie hatte die Hand auf die Rücklehne des Stuhles gelegt, und nahm die Glückwünſche freundlich entgegen; ſie lächelte, aber ihr Lächeln hatte etwas Eigenthümliches, etwas Erſchreckendes. Dabei athmete ſie tief und ſchwer, und wenn draußen ein Wagen rollte, ſo zuckte ſie mit dem Kopfe, ohne umzublicken. Nahe bei ihr in einer Vertiefung des Fenſters befand ſich Madaine Plager und ſchien in großer Aufregung zu ſein. Ein paar Mal ſchon hatte ſie ſich an ihre Schweſter gewandt und ihr geſagt:„Ermüde dich nicht ſo ſehr, Clementine, du ſiehſt erwas blaß und angegriffen aus. Es wird dir Niemand übel nehmen, wenn du dich jetzt, nachdem du Alle begrüßt, bis zur Kirchfahrt auf dein Zimmer zurückziehſt. Was meinſt du, Mutter?“ „An einem ſolchen Tage muß man ſich ſchon etwas ge⸗ fallen laſſen,“ hatte Madame Weibel mit ſtrenger Miene ent⸗ ſchieden. Ein unterbrochenes Opferfeſt. Es war ein Viertel vor zehn Uhr. Und Clementine blieb alſo neben dem Seſſel ihrer Mutter ſtehen; ſie hielt mit der Hand krampfhaft die Lehne deſſelben, ſie fuhr fort, eigenthümlich zu lächeln und ſchwer und tief zu athmen. Begreiflicher Weiſe war bis jetzt noch keine Frage nach dem Bräutigam laut geworden; man kann ſich denken, daß ſo ein Mann in einer Stunde, wie die gegenwärtige, viel zu thun und zu beſorgen hat. Er wird gleich nach neun Uhr kommen, dachten die jüngeren Damen. Wenn er nur vor zehn Uhr kommt! meinten die älteren. Aber der Zeiger der Uhr ging unaufhaltſam vorwärts und warf eine Minute nach der anderen hinter ſich in die Vergangenheit. Wer am meiſten dieſes Zifferblatt zu Rathe zog, war unſtreitig der Hausherr Doktor Plager. Wenn es ihn auch nicht eine Sekunde lang ruhig auf einer Stelle ließ, ſo wandte er doch beſtändig den Kopf nach der Uhr, ſelbſt wenn er eine Frage beantwortete, ſelbſt wenn er Jemand händereibend verſicherte, er als älterer Herr freue ſich unge⸗ heuer auf ein gutes Frühſtück nach vollbrachter Trauung. Doch bemerkte man von dieſer Freude durchaus nichts in ſeinen Geſichtszügen, vielmehr hatten ſeine Augen etwas unheimlich Stieres, ſeine Naſe ſchien ſpitzer als gewöhnlich, und daß ſeine Unterlippe ſchlaff herabhing, daran war kein Zweifel. „Gleich iſt es zehn Uhr,“ ſagte die blaſſe Kaufmanns⸗ wittwe mit einem ſüßen Geſichte zur Regierungsräthin;„ich bin begierig, ob der Graf Czrabowski mit allen ſeinen Orden kommt— er ſoll ſehr viele haben.“ So war der Name genannt, den Niemand bis jetzt aus⸗ zuſprechen gewagt, und die Regierungsräthin warf einen ſon⸗ Achtundfünfzigſtes Kapitel. derbaren Blick auf die Juſtizräthin, welche ihre dürren Achſeln emporzog und flüſternd ſprach:„Es wäre Zeit, daß er über⸗ haupt jetzt käme.“ „Ja, es wäre Zeit,“ meinte auch eine ältliche Honoratioren⸗ Tochter, die bis jetzt in ſchmerzlich ſüßen Träumereien ver⸗ ſunken da geſtanden, und ſie war es zuerſt, die in herzlichem Mitgefühl den furchtbaren Gedanken:„Wenn er gar nicht käme!“ nicht nur faßte, ſondern auch gegen ihre Nachbarin leiſe ausſprach. „Wenn er nicht käme!“ das flog, in Worten ausgedrückt oder durch Mienen bezeichnet, wie ein Lauffeuer durch den Salon, drehte ein paar Dutzend Augen gegen das Zifferblatt und ließ einige Herren unvermerkt ihre Taſchenuhr hervor⸗ ziehen. „Wenn er nicht käme— entſetzlich— ſchauderhaft!“ Alle Converſation ſchwieg mit einem Male vor dieſem furcht⸗ baren Gedanken; man hörte nur leiſes Huſten und Räuſpern der Damen, einige Oh's und Hm's der Herren, dann legte ſich auch dieſes Geräuſch, und es flog ein ſtiller Engel durchs Zimmer. Draußen ſchlug die Thurmuhr mit dumpfem Tone die zehnte Stunde, und die kleine Uhr im Salon that gellend die gleichen Schläge. Ob Clementine Weibel die feſte Ueberzeugung hatte, mit dem ſechsten Schlage werde ihr Geliebter wirklich an ihr Herz ſinken, oder ob eine Ahnung furchtbaren Unglücks in ihrer Seele aufſtieg, wer kann das mit Beſtimmtheit ſagen? Ihr ſtarres, faſt lebloſes Auge ließ das Letztere vermuthen; man ſah an ihren bebenden Lippen, daß ſie die Schläge der Uhr nachzählte: Eins— zwei— drei— vier— fünf, und Ein unterbrochenes Opferfeſt. 183 daß ſie dabei ihre Finger immer krampfhafter in die Lehne des Seſſels vergrub. Da rollte ein Wagen durch die Straße herauf und hielt vor dem Hauſe. Wie ein Zauberſchlag verwandelte dieſes Geräuſch den Ausdruck aller Geſichter. Manche wandten ſich nach den Fen⸗ ſtern, um hinaus zu ſehen, Andere erklärten ihren Nachbarn oder Nachbarinnen, man könne das ungeheuer pünktlich nennen, Clementine that einen Athemzug, als wolle ſie ihre Bruſt zerſprengen, und der Rechtsconſulent warf einen fragenden Blick auf ſeine Frau. Was hatte aber Madame Weibel während all der Zeit gethan?— Sie war ruhig und unbeweglich auf ihrem Seſſel ſitzen geblieben, die Naſe hoch erhoben, den Mund ein wenig eingeklemmt, auf ihren Zügen nicht zeigend, ob auch ihr fel⸗ ſenfeſter Glaube wankend geworden ſei. Da öffnete ſich die Thür, und den erſtaunten Augen ſämmtlicher Anweſendender zeigte ſich die lange Geſtalt des ehemaligen Schreibers des Advokaten. Don Larioz hatte draußen den Mantel abgelegt, und als er ſo die Blicke Aller fragend und erſchreckt auf ſich gerichtet ſah, blieb er einen Moment unſchlüſſig an der Thür ſtehen. Das iſt eine härtere Aufgabe, dachte er bei ſich, als mit blinkender Waffe blutdürſtigen Löwen entgegen zu treten, die von grimmigen Feinden auf mich los gelaſſen werden. Aber ich habe mir gelobt, mein Geſchäft zu Ende zu bringen, und ich werde es thun. Clementine war emporgefahren, als ſich die Thür geöffnet, hatte eine Sekunde den Eintretenden angeſtarrt und ſtürzte, 4 A 4 2* 4 1— 1 ö Achtundfünfzigſtes Kapitel. 184 als dieſer im Begriffe war, vorzutreten, mit lautem Aufſchrei ihrer Mutter an die Bruſt. Alles drängte ſich mit Blicken des Erſtaunens und der Frage nach der Thür, den Anderen voraus aber der Rechts⸗ conſulent, der dicht auf ſeinen ehemaligen Schreiber zutrat und kaum die Worte hervorzubringen vermochte:„Was treibt Sie in mein Haus? Wen ſuchen Sie hier?“ „Ich ſuche Niemand,“ entgegnete der Spanier, der ſeine ganze Ruhe wieder gefunden hatte, indem er ein Papier aus der Taſche zog.„Nach langem Zaudern kam ich hieher, dieſes zu übergeben, und da ich mir feierlich gelobt, dies zu thun, ſo war ich nicht im Stande, es zu unterlaſſen.“ „Von wem iſt das Papier?“ „Es betrifft den Herrn Grafen Czrabowski.“ Mit ängſtlicher Haſt bemächtigte ſich der Hausherr des verhängnißvollen Schreibens, während alle Umſtehenden im Gefühle der Scheu und der Erwartung zurücktraten. Clemen⸗ tine hatte ſich erhoben, unterſtützt von ihrer Mutter, die eben⸗ falls aufgeſtanden war und mit einem wahrhaft erſchrecklichen Blick die Gruppe an der Thür anſtarrte. Herr Doktor Plager hatte geleſen, ließ die Rechte mit dem Briefe ſinken und fuhr ſich mit der Linken unter einem tiefen Seufzer über das Geſicht. Wenn auch die ſtärker bebenden Lippen der unglücklichen Braut keine Worte ausſprachen, ſo entnahm man doch aus ihrem ſtieren Auge die Frage nach dem, was vorgefallen. Auch die nächſten Bekannten des Hauſes, vor allen Dingen der Schwager Banquier, drängten ſich an den Rechtsconſulen⸗ ten, und man hörte ſchon hier und da eine ſchüchterne Frage laut werden, während es rings umher verſtohlen flüſterte: Ein unterbrochenes Opferfeſt. 185 „Eine ſchreckliche Geſchichte!— Was wird's mit Czrabowski ſein?“ Unterdeſſen hatte ſich der Hausherr ſo gut wie möglich gefaßt; er ſchluckte einige Male heftig, tauchte auch ein paar Mal in ſeine weiße Halsbinde unter und ſagte, nachdem er einen feſten Blick auf ſeinen ehemaligen Schreiber geworfen: „Es iſt allerdings richtig, dieſer Brief iſt von dem Herrn Grafen Czrabowski; er iſt leider verhindert, im Augenblicke I hier zu erſcheinen.“ „Und wo iſt er?“ ſchrie Clementine, alle Rückſicht bei Seite ſetzend.„Warum kommt er nicht, wie er verſprochen? Ich will Alles wiſſen, ſtoßt mir den Dolch vollends ins Herz!“— Sie ſtürzte vor, griff mit der Hand nach dem Schreiben, das ihr aber Doktor Plager nicht gab, vielmehr ſanft ihren Arm zurückhielt. „Gebt mir den Brief!“ ſchrie ſie mit gellender Stimme; „es muß Entſetzliches darin ſtehen, da ihn dieſes Ungeheuer — von einem Menſchen gebracht hat.“— Sie machte mit ihrer rechten Hand eine heftige Bewegung gegen den Spanier, der feſt und ruhig da ſtand wie ein Fels in der ſchäumeigen Brandung. Und es brandete bedenklich um ihn her, denn auch die Schwiegermutter hatte ſich ihm genähert, blickte ihm aus ſehr kurzer Entfernung in die Augen und ſprach vor Wuth zitternd: „Er Abſchaum der Menſchheit! das iſt Sein Werk!“ „Das Schreiben habe ich allerdings veranlaßt,“ gab der Spanier zur Antwort, dem bei den grauen umherrollenden Augen der Madame Weibel die Erinnerung an jenen Abend im Bureau wieder ſo lebhaft auftauchte, daß es ihm unmög⸗ lich war, vollkommen ruhig und gelaſſen zu bleiben,—„ver⸗ Achtundfünfzigſtes Kapitel. 186 anlaßt, um meine Unſchuld zu beweiſen in Dingen, die man mir ungerechter Weiſe aufgebürdet. Ich bin kein Dieb, Ma⸗ dame, ich habe das bewußte Concept nicht entwendet.“ „Und wo iſt er?— wo iſt er?“— kreiſchte Clementine. —„O Emilie!— o Mutter!— o Schwager Springer, wo iſt er? Sagt mir Alles, nur Gewißheit, ſelbſt die entſetzlichſte Gewißheit!“ „Die wird dir am beſten dein theurer Schwager Plager geben können!“ rief Madame Weibel ſich vergeſſend.„O, das iſt eine ſchlecht abgekartete Intrigue gegen unſere Familie!“ Der Hausherr wollte heftig etwas zur Antwort geben, doch warf ſich die Doktorin zwiſchen ihren Mann und die Mutter, Beide mit leiſen Worten und Mienen beſchwörend, den Scandal nicht zu vergrößern. „Wenn in dem Briefe nicht ſteht, wo ſich der Graf von Czrabowski augenblicklich befindet,“ ſprach der Banquier Springer mit beſorgter Miene,„ſo iſt vielleicht jener Herr“ — er zeigte auf Larioz—„im Stande, uns einige Auskunft zu geben.“ „Ja, er ſoll Auskunft geben!“ ſchluchzte Clementine am Buſen ihrer Mutter,„er ſoll Alles ſagen, Alles!— Wo iſt der Verräther?“ „Er iſt abgereist, ſo viel ich weiß,“ gab der lange Mann zur Antwort. „Das wiſſen wir alle; aber iſt er nicht zurückgekommen?“ „Er wird nie mehr zurückkommen,“ verſetzte Don Larioz. „Er wird nie mehr zurückkommen! Hörſt du es, Mutter?“ „Der Teufel ſoll ihn holen!“ rief der Banquier Springer. „Aber wohin hat er ſich gewandt? Man muß ihm nach⸗ ſetzen!“ — — Ein unterbrochenes Opferfeſt. „Ja, wohin hat er ſich gewandt?“ fragte Madame Weibel mit dumpfer Stimme.„Beruhige dich, Clementine,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„man muß ihm nachſetzen; man wird ihn finden.“ „So ſprechen Sie doch, wenn Sie es wiſſen; wohin iſt er?“ ſagte dringend der Hausherr. Don Larioz fühlte in dieſem Augenblicke trotz allem Un⸗ angenehmen, das ſich vor ſeinen Augen begeben, eine gewiſſe Beruhigung, indem er die Antwort bedachte, die er auf dieſe verſchiedenen Fragen zu geben hatte. Sein gutes Herz war glücklich, in den Jammer, der ihn in der That betrübte, etwas lindernden Balſam gießen zu können. Wie tief hätten ſeine Worte jenes unglückliche Mädchen verwunden müſſen, wenn er auf ihre Frage zur Antwort gegeben:„Czrabowski iſt in die Welt gegangen, und ungerührt von den Thaten, die er verübt, wird er ſein wildes Leben wahrſcheinlicher Weiſe da oder dort fortſetzen.“ Wenn dem wirklich ſo geweſen wäre, ſo hätte er es wohl nicht über ſich vermocht, das auszuſprechen; ſo aber fühlte er ſich beruhigt, ein Wort des Troſtes ſagen zu können. Er wandte ſich deßhalb mit einem Achſelzucken an die Fragenden, und ſprach mit einer Stimme, der man eine ge⸗ wiſſe Rührung wohl anhören konnte:„Ja, jener Mann, der ſich Graf Czrabowski nennt, iſt abgereist, um nimmer wieder zu kehren; er iſt abgereist, wie es mir ſchien, in tiefer Reue über die Thaten, ſo er begangen. Auch bin ich überzeugt, daß dieſe Reue andauernd ſein wird, denn er ſprach gegen mich ſeinen feſten Entſchluß aus, der Welt zu entſagen und in ein Kloſter zu gehen. Ich ſelbſt,“ fügte Larioz ſtolz hinzu, „habe ihn zu dieſem heilſamen Entſchluſſe beſtimmt.“ 8 8 1 l 8 — 188 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Geliebter Leſer, raube mehreren Löwinnen ihre Jungen und ſinge ihnen alsdann unter Guitarre⸗Begleitung: An eurem Schmerz will ich mich weiden, Lachen eurer Todesqual! und du wirſt keinen ſchrecklicheren Anblick haben, als den, der ſich unſeren Augen darbietet, nachdem der tapfere Spanier alſo geſprochen. Sprühend vor Wuth erhob ſich die Schwiegermutter gegen ihn; Clementine zuckte mit ihren Fingern, ſprang ge⸗ waltſam in die Höhe und konnte nur durch die vereinte Kraft ihrer beiden Schweſtern gehalten werden, um nicht an dem, der ihrem Bräutigam das Kloſter empfohlen, die thätlichſte und ſchrecklichſte Rache zu nehmen. Zum Glück befand ſich der beſonnene Herr Schilder an ſeiner Seite und deckte ihn mit ſeinem eigenen Körper gegen den Angriff der Madame Weibel, während der Banquier raſch die Thür öffnete, den langen Mann bei den Rockſchößen ergriff und ihn gewaltſam auf den Gang hinaus zog. Der Spanier befand ſich wie im Traume, that einen tiefen Athemzug und blickte ſeinen Retter alsdann fragend an. „Iſt es denn wahr, was Sie eben ſagten?“ ſprach dieſer, indem er die Hände zuſammen ſchlug.„Das Scheuſal iſt in ein Kloſter gegangen?“ „Er hat es mir verſprochen.“ „O meine Gelder!“ ſeufzte der Banquier.„So iſt denn Alles, Alles verloren.“ „Wahrſcheinlich Alles,“ erwiderte Don Larioz,„bis auf ſeine Seele, die vielleicht durch eifrige Bußübungen noch ge⸗ rettet werden könnte.“ Ein unterbrochenes Opferfeſt. 189 „Hol' der Henker ſeine Seele und Sie meinetwegen dazu, der ihm dieſen Rath gegeben!— O meine ſchönen Gelder!“ Der Geſchäftsmann vergrub bei dieſen Worten die Finger in ſeine Haare und zauste ſich ein wenig, als wolle er ſich ſelbſt beſtrafen für den Leichtſinn, mit dem er gehandelt. Don Larioz nahm ſeinen Mantel, ſtieg die Treppen hinab und ſchüttelte unten an der Hausthür den Staub von ſeinen Füßen. Kehren wir noch auf einen Augenblick in den Salon zu⸗ rück, wo ſich ſo Entſetzliches begeben. Clementine war von ihrer Mutter bei Seite geſchafft worden, und ſämmtliche Ein⸗ geladene mit Ausnahme der Familien⸗Mitglieder, verließen ſo ſchnell, wie es ihre delikate Lage geſtattete, dieſes unterbrochene Opferfeſt. Die Thüren ſchloſſen ſich hinter ihnen, die Wagen rollten davon, und das Zimmer, das wenige Minuten vorher noch ſo viele Leidenſchaften umfaßt, zeigte jetzt Ruhe und Stille— die Stille des Grabes. Nur die Standuhr unter dem Spiegel pickte gleichförmig und gefühllos fort, und meldete klingend die Stunden, ohne ſich im Geringſten um den fünften und ſechsten Schlag zu bekümmern.— Ehe wir aber dieſes Haus für immer verlaſſen, müſſen wir unſerer Geſchichte ein paar Tage voraus eilen und den geneigten Leſer nochmals in das Schlafzimmer des Rechtscon⸗ ſulenten führen, wie an jenem Morgen, als wir dieſe Räume zum erſtenmal betraten. Doktor Plager ſteht abermals vor dem kleinen Handſpiegel, der am Fenſter aufgehängt war, und iſt wieder im Begriff, ſeine ſchwarze Halsbinde umzulegen. Er hat die beiden Enden derſelben erfaßt, zieht ſie rechts und links von ſich ab und iſt im Augenblicke mit dem künſtlichen Knoten fertig; ſeine Mienen zeigen ein wenig Wehmuth, ſind 8— 1— — — 8 190 Achtundfünfzigſtes Kapitel.— Ein unterbrochenes Opferfeſt. aber ſonſt nicht unfreundlich; er hat den Schlafrock abgeworfen und iſt in ſeinen Rock geſchlüpft. So tritt er in den Salon, als Madame Plager gerade zur anderen Thür deſſelben hereinkommt. Dieſe drückt ihr Sacktuch an die Augen, eilt alsdann nach einem Fenſter, das ſie öffnet und hinaus blickt. Der Rechtsconſulent ſchaut über ihre Schulter, und wir bemerken unten vor dem Hauſe einen Reiſewagen, mit Koffern und Hutſchachteln beladen, der ſich eben in Bewegung ſetzt. In demſelben befindet ſich Madame Weibel, welche das Haus ihres Schwiegerſohns verlaſſen, um mit ihrer Tochter Clementine, welcher Aerzte und andere verſtändige Perſonen — Luftveränderung angerathen, eine längere Reiſe anzutreten. Als der Wagen um die nächſte Ecke verſchwunden iſt, zieht Madame Plager ſeufzend ihren Kopf in das Zimmer zu⸗ rück und ſagt:„Das wäre überſtanden!— Draußen iſt auch das andere Dienſtmädchen, welches für Babette eintritt. Wenn du ſie ſehen willſt, ſo kann ſie herein kommen.“ Worauf der Rechtsconſulent die Hände ſeiner Gattin er⸗ greift und mit weicher Stimme zur Antwort gibt:„Wenn ſie dir gefällt, mein Kind, ſo bin ich auch damit zufrieden.“ Neunundfünfzigſtes Kapitel. Der Aufang des Endes. Don Larioz hatte, wie wir im letzten Kapitel bemerkten, auf der Schwelle des ungaſtlichen Hauſes den Staub von ſeinen Füßen abgeſchüttelt, und ſein Herz war tief bewegt, gekränkt, man hätte ſagen können: zerriſſen. Welche Täu⸗ ſchungen hatte er nicht in der letzten Zeit erfahren! Wie ſchmählich war ſein guter Glaube nicht belohnt worden! Wie undankbar hatten ſich nicht faſt Alle, mit denen er in Be⸗ rührung gekommen, dafür gegen ihn benommen, daß er, in redlichſter Abſicht, ſeiner Meinung nach nur das Gute ge⸗ wollt, daß er ſchützend aufgetreten war, wo rohe Gewalt die Unſchuld zu verderben gedachte! Jener furchtbare Abend im Breiberg'ſchen Hauſe hatte in ſeiner Bruſt eine gewaltige Oede zurückgelaſſen; wenn er auch überzeugt war, welch ſchändliches Spiel man mit ihm getrieben, ſo, blieb doch die ſchöne Dolores wie das Bild einer geliebten Verſtorbenen, einer ruchlos Ermordeten vor ————„ 4 4. 3 3 6 6 8 ͤͤ—y— — ͦ———— * — 192 Neunundfünfzigſtes Kapitel. ſeinem inneren Blicke ſtehen, und wenn er an jenen Abend dachte, ſo überkam ihn ein glühender Rachedurſt, ein Haß, nicht nur gegen die Gebrüder Breiberg, ſondern auch gegen die Geſellen des Bundes zum Dolche Rubens, die ihm Ver⸗ trauen geheuchelt und ihn dann ſo entſetzlich betrogen. Er hatte ſchon geſtern den Verſuch gemacht, die Verbün⸗ deten in dem bewußten Lokale zu treffen, aber die Thür deſ⸗ ſelben war verſchloſſen, und das getreue Windſpiel, das vor dem ernſten Blicke des Spaniers zagend erſchienen war, hatte ihm kleinlaut die Verſicherung gegeben, der Bund habe ſich auf unbeſtimmte Zeit vertagt, und die Mitglieder deſſelben ſeien für länger verreist. Als der Spanier das vernommen, drang er auch nicht weiter in den kleinen Kellner, da er ver⸗ nünftig genug war, einzuſehen, dieſer habe ſeine Weiſungen erhalten und könne gegenüber ſeinem Brodherrn nicht anders handeln. Don Larioz hatte ihm freundſchaftlich die Hand gereicht und ihm die Verſicherung gegeben, er hoffe ihm zu beweiſen, daß er beſtändig dankbar bleiben werde für die Anhänglich⸗ keit, welche Windſpiel ihm bewieſen, und daß er ſogar ver⸗ zeihen würde, wenn Umſtände denſelben bewegen ſollten, auf die Seite ſeiner Feinde zu treten. Dagegen hatte nun freilich der kleine Kellner feierlich proteſtirt, doch entging dem edlen Spanier nicht, daß er dies mit einem ſcheuen Blicke auf die Thür des Gaſtzimmers gethan, hinter welcher man die grobe Stimme des Wirthes vernahm, der darüber ſprach, daß mit dem beſtändigen Schwatzen über unnöthige Sachen ſo viel Zeit verloren gehe. Larioz hatte darauf, nicht ohne einen ſchmerzlichen Büick auf die Fenſter des Breiberg'ſchen Hauſes zu werfen, den Der Anfang des Endes. 193 Reibſtein verlaſſen und legte ſich noch am ſelben Tage auf Erkundigungen nach dem Vorſitzenden des Bundes, dem dicken Kupferſtecher Wurzel, deſſen Aufenthaltsort er denn auch ohne große Schwierigkeiten erfuhr. Denſelben zu Hauſe zu treffen, war aber ſchon ſchwieriger, und hatte er dies im Laufe des Tages mehrmals vergeblich verſucht. Die einzige Zeit, wo der Künſtler in ſeiner Stube ſei, wäre von Nachts zwölf oder ein Uhr bis den andern Morgen gegen Neun, hatte ihm die Hauswirthin geſagt. Doch nehme er in dieſen Stunden keine Beſuche an; worauf Don Larioz einen Zettel mit den Worten hinterließ, er wünſche ihn morgen zur Zeit der Dämmerung zu ſprechen und hoffe von ihm als einem Ehrenmanne, er werde ihn keinen vergeblichen Gang machen laſſen. Nach dieſen geſtern gethanen Schritten war der Spanier feſt überzeugt, er werde heute den Vorſitzenden des Bundes zu Hauſe treffen und denſelben gebührend zur Rechenſchaft ziehen können. Er ſchritt in tiefes Nachdenken verſunken durch die Straßen, und wer ſich ſeiner erinnerte, wie er noch vor Kurzem ſo aufrechten Hauptes gewandelt war, der mußte ſich eingeſtehen, daß mit ihm eine große Veränderung vor⸗ gegangen; er blickte nicht mehr wie ſonſt mit ſeinen klaren Augen forſchend umher; er ſchien im gegenwärtigen Augenblicke durchaus nicht geneigt zu ſein, ſich um die An⸗ gelegenheiten anderer Leute zu bekümmern, indem er den Schwächern gegen den Stärkeren in Schutz nahm oder indem er ſich bei einem Auflauf auf die Seite der mißhandelten Perſon ſchlug, wenn er zwei Buben trennte, die im Begriff waren, ſich die Naſen blutig zu ſchlagen; er ſetzte ſogar ſeinen Stock nicht mehr ſo ſcharf und beſtimmt auf das Hackländer, Don Quixote. V. 13 —— ———————— 5—— — 5 5 ——— ————— — 1 —“ 5 194 Nennundfünfzigſtes Kapitel. Straßenpflaſter, und ſein umgehängter Mantel zeigte ein paar melancholiſche Falten, die man früher nicht an demſel⸗ ben geſehen. Dieſe Bemerkung hatte der Schneidermeiſter Schwörer ſpäter gemacht, der am heutigen Tage dem ehemaligen Schrei⸗ ber an einer Straßenecke begegnete. Beide erkannten ſich augenblicklich, und auf dem Geſichte des Spaniers zeigte ſich ein trübes Lächeln, während Meiſter Schwörer ehrerbietig den Hut zog. Und er hatte dazu alle Urſache, denn Don Larioz hatte den Anſtoß gegeben, ihn aus dem faulen Pfuhl, in dem er verſunken war, herauszujagen, und war der Haupt⸗ grund davon, daß er ſein Beten und Singen in Beten und Arbeiten verwandelte, mit anderen Worten, daß er der Theorie des Herrn Brenner gemäß Sonntagmorgens in die Kirche ging und alsdann nicht verſchmähte, am Abend nach gethaner Arbeit ein oder auch mehrere Gläſer Wein im Kreiſe luſtiger Freunde zu leeren. Und man ſah es dem Aeußeren des Schneidermeiſters an, daß er ſich außerordentlich wohl dabei befand, ſeit er die Heuchelei an den Nagel gehängt und nun wieder Fräcke und Hoſen zuſchnitt, ſtatt Betſtunden zu beſuchen. Waren doch wieder eine Menge ſeiner ehemaligen Kunden zu ihm zurück⸗ gekehrt, und gab es doch vornehme Häuſer genug, wo er nicht bloß im Bedientenzimmer, ſondern auch in der Garde⸗ robe des Herrn zu ſchaffen hatte. Danach wurde auch ſein äußerer Menſch geändert, und es dauerte nicht lange, ſo ſtellte Meiſter Schwörer, der bis jetzt nur im grauen Rocke herumgeſchlampt war, und den ſeine Geſellen nie anders als mit niedergetretenen Pantoffeln geſehen, nach dem jeweiligen Modejournal eine elegante Erſcheinung dar. Der lange Hals Der Anfang des Endes. 195 ſtak in einer Cravatte nach neueſtem Schnitt, ſein ſtruppiges Haar bedeckte ein untadelhafter glänzender Hut; und um ſeine eingefallenen Wangen, denen er keine Umhüllung geben konnte, einigermaßen in Einklang mit dem Ganzen zu brin⸗ gen, ließ er dort einen Backenbart wuchern, der wie Ge⸗ ſträuche über einem Abgrunde die tiefen Stellen mitleidig verdeckte. Ja, die Beiden, denen wir im Anfang unſerer wahr⸗ haftigen Geſchichte begegnet, hatten ſich freundlich begrüßt und gingen darauf wieder von einander, der Eine hierhin, der Andere dorthin. Der Schneider blieb alsdann übrigens einen Augenblick ſtehen, ſchaute ſich mit prüfendem Blicke um, und hier war es, wo er die Bemerkung machte, daß ihm das Aeußere des langen Mannes durchaus nicht mehr gefalle. Verſchwunden ſei die ſtramme aufrechte Haltung, und am Mantel zeigen ſich ein paar melancholiſche Falten, die von ge⸗ beugtem Rücken und von gebeugtem Gemüthe ſprächen. Don Larioz, der natürlicher Weiſe nichts ahnte von den Beobachtungen des Schneidermeiſters und ſich auch wahr⸗ ſcheinlich wenig darum bekümmert hätte, ging ſeiner Woh⸗ nung zu, ſtieg aber, dort angekommen, ſtatt nach ſeinem Zimmer zu gehen, zu dem des Doktors empor. Doch war die Thür deſſelben verſchloſſen. Er klopfte an, erhielt aber nichts zur Antwort, als das Gekläff der kleinen eingeſperrten Hunde. Darauf ſchritt er die Treppe wieder hinab, um bei ſich einzutreten; er warf Hut und Mantel von ſich, legte die Hände auf dem Rücken zuſammen und ging mit großen Schritten auf und ab. Es war ihm ſo ſeltſam zu Muthe, er vermochte nur mit Mühe einen vollkommen klaren Ge⸗ 196 Neunundfünfzigſtes Kapitel. danken zu faſſen. Was ihm in letzter Zeit begegnet, drängte ſich in mehr oder minder verzerrten Bildern vor ſeinen Geiſt, und wenn er laut mit ſich ſelber ſprach oder auch in großem Ernſte die Geſtalten anredete, welche bei ihm vorüber gau⸗ kelten, ſo war er doch nicht im Stande, ſie in beſtimmten Umriſſen vor ſich erſcheinen zu laſſen. Wenigſtens ſprachen ſie zu ihm ganz anders, als er es wohl erwartet hatte. So er⸗ innerte er ſich des Auftrittes im Hauſe des Rechtsconſulenten und war vollkommen überzeugt, daß er Clementine Weibel ohnmächtig neben ſich geſehen, aber ebenſo klar tönten die Worte ſeines ehemaligen Prinzipals wiederholt in ſeinen Ohren: Bemühen Sie ſich nicht, meine Herren und Damen, das iſt gar kein lebendes Weſen, das da vor Ihnen liegt, das iſt nichts mehr und nichts weniger als eine künſtlich ge⸗ arbeitete Puppe. Sehen Sie nur die ſtarren gläſernen Augen, die harten glänzenden Wangen, die trotz der Ohnmacht ſo friſchen Lippen mit dem immerwährenden unangenehmen Lächeln. „Ja, dieſes Lächeln,“ ſprach Don Larioz mit dumpfer Stimme und drückte beide Hände vor die Stirn,„dieſes Lächeln kann ich ihr nicht verzeihen; es war das ſehr, ſehr überflüſſig. Wenn ſie auch eine Puppe war, ſo hätte ſie doch nicht lä⸗ cheln ſollen, als ſie mich ſo in Schmerz aufgelöst an ihrer Seite ſah.— Darin mußt du mir Recht geben, ehrwürdiger Ahnherr,“ wandte er ſich gegen das Bild;„dieſes Lachen war in der That ſehr verletzend, und es hat mir am meiſten weh gethan.— Woher erſchallte es doch, dieſes Lachen?“ fuhr er nach einer längeren Pauſe fort.„Richtig! aus dem Neben⸗ zimmer; da war jener mauriſche Weiſe— wie hieß der Kerl auch?— Caraba⸗Carababinbabunceros glaube ich; er iſt an Der Aufang des Endes. 197 Allem ſchuld, und wie ich erfahren habe, wohnt er auf dem Burgplatze und heißt im gewöhnlichen Leben Kupferſtecher Wurzel.— Ihn unſchädlich zu machen, iſt die ſchönſte Auf⸗ gabe, die ſich ein tapferer Ritter ſtellen kann. Es iſt das Geſchäft dieſes Weiſen, arme Jungfrauen zu bethören und ſie unglücklich zu machen; auch bin ich überzeugt, daß ich keinen kleinen Kampf mit ihm werde zu beſtehen haben.— Doch gleichviel; er komme als gewaltiger Rieſe oder als ſchuppiger Drache; er trete mir entgegen mit Eiſen oder Feuer, unſchädlich werde ich ihn machen, zur Ruhe werde ich ihn bringen mit der Hülfe Gottes, meines ſtarken Armes und dieſer vortrefflichen Toledaner Klinge.“ Sein Geſicht hatte einen finſteren, unheimlichen Ausdruck angenommen, als er ſo und ziemlich laut zu ſich ſelber ſprach. Zuweilen blieb er mitten im Zimmer ſtehen und ſchaute ſich wie verwundert rings um; dann aber ſpielte plötzlich ein Lächeln um ſeine Züge, und er ſagte:„Ah, richtig! jene Tage ſind vorüber, wo mich hohe Bogenfenſter umgaben, wo mit dem entzückenden Duft der Orangen das Geräuſch des plät⸗ ſchernden Springbrunnens zu mir herein drang in mein mauriſches Gemach.— Pfui über dieſe Mauren! Es war eine große und edle Nation, ehe Amora jene Fledermaus zur Welt brachte, aus welcher ſich ſpäter der garſtige Zau⸗ berer entwickelte.— Und doch waren ſie ſchön, jene Zeiten, o, ſo ſchön! Bewahre ich doch aus ihnen noch ein herrliches Andenken, das Bild der göttlichen Semire, das ſie mir in jener Nacht gab, am Fuß der uralten Cypreſſe, im Lorbeer⸗ garten der Xeneralife. Sie ſagten zwar, es ſei ein Abence⸗ rage geweſen, und brachten ſie auf Anſtiften des Zauberers 198 Neunundfünfzigſtes Kapitel. vor dieſe verfluchten Zegri's, aber ich allein bin entronnen, um ſie Alle zu rächen. Fluch dir und wehe, Carabunzeleros!“ Larioz war an den Tiſch getreten, hatte das Käſtchen geöffnet und jenes Portrait heraus genommen, welches er aufmerkſam und mit innigem Blicke betrachtete.—„Ja, ſie iſt es,“ ſprach er kopfnickend,„ja, ja, ſie iſt es, und mich woll⸗ ten ſie überreden, dieſes göttliche Gebilde habe nicht Fleiſch und Blut, es ſei eine kalte, lebloſe Puppe!— Doch ich weiß ihre Abſicht, es geſchah nur, um mich von der richtigen Spur abzulenken, um die ſüße Prinzeſſin jenem ſchändlichen Weiſen zu überlaſſen. Aber, wehe dir, Burſche, wehe dir! Wo ich dich treffe, in welcher Geſtalt ich dich finde, du ſollſt verdammt ſein, du ſollſt die Kraft meines Armes fühlen. Große Fürſtin Mirza, verzeihe mir; wie es Brauch war in alten Zeiten, muß ich abermals den ſchwarzen Schleier über dein Haupt werfen und es in Dunkel und Trübſal hüllen, bis dein ſchändlicher Verfolger gefallen iſt, bis der Klang meines Hüfthorns dich aus dumpfem Hinbrüten erweckt.“ „Wer iſt da?“ unterbrach er haſtig den Strom ſeiner pathetiſchen Rede.„Wer wagt es, mich zu ſtören, mich, den König von ganz Spanien? Carracho, Senor! Euer Kopf ſcheint mir Luſt zu haben, von den Schultern herab zu fliegen. Bei San Jago!— Ah!“ ſetzte er freundlich hinzu,„Ihr ſeid es, edle Dame!“ Es war der Tiger, welcher ſchüchtern in das Zimmer trat, ſchüchtern, weil die alte Frau geglaubt hatte, es ſei außer ihrem Herrn noch ſonſt Jemand da, mit dem dieſer ſich ſo laut unterhalte. Verwundert blickte ſie um ſich her, und als ſie Niemand ſah, ſchlug ſie in ihre Hände und rief aus: Der Anfang des Endes. 199 „Ach Herr je! der Herr Don Larioz haben mit ſich ſelber geſprochen!“ „Mit mir ſelber geſprochen?“ erwiderte der Spanier im Tone tiefer Verachtung;„alte Vettel! man nennt das einen Monolog, und wenn Könige und große Herren ſonſt nichts zu thun wiſſen, ſo pflegen ſie aus Langweile dergleichen zu halten. Du kannſt das in der Komödie häufig genug ſehen. — Wiehert mein Schlachtroß drunten am Thore?“ Der Tiger machte ein ſehr dummes Geſicht, da er aber glaubte, es ſei ſchicklich, eine freundliche Antwort zu geben, ſo kicherte er und ſagte:„Ich habe in der That nichts wie⸗ hern gehört.“ „Auch wohl möglich,“ verſetzte Larioz, indem er die Hand auf der Bruſt verbarg und mit langſamen Schritten nach dem Kamin zuging, wo ſein langer Stoßdegen lehnte. „Ich habe es hier mit Zauberern und Weiſen zu thun, lauter niederträchtigen Kerls, die ſich kein Gewiſſen daraus machen, meinen edlen Andaluſier in einen alten Beſenſtiel zu ver⸗ wandeln.— Sei es darum, ich werde zu Fuß in der Halle erſcheinen, majeſtätiſch groß, ein Held vom Wirbel bis zur Sohle. Und beim Blinken meines Schwertes werden ſie ſich bis zur Erde niederbeugen, die Wachen, und werden Löwen und Drachen in ihre Schweineſtälle kriechen wie— wie— Oh, oh!“ fuhr er tief aufſeufzend fort,„das iſt ein jammer⸗ volles Bild, und Ihr mögt ſagen, Prinzeſſin, was Ihr wollt, es war nicht das Gemach, welches man boshafter Weiſe Schweineſtall benennt, es war ein ritterlich Gefängniß in dem alten Thurm gegen Weſten, wo ich allabendlich die Sonne erlöſchen ſah, wenn ich in der engen Spalte träumend lag. Dabei aber ſah ich auf der Wieſe gegenüber Schweine 1 . k——..— 3 2 — ꝗH u-⸗?⅛†/—— — 200 Neunundfünfzigſtes Kapitel. graſen; viele Schweine, entſetzlich viele. Und das iſt für einen edlen Mann immer ein jammervoller Anblick.— Oh, daher kam die ganze üble Nachrede.“ Er preßte die rechte Hand einen Augenblick an die Stirn, dann machte er eine heftige Bewegung mit derſelben und ſprach:„Wohlan, die Zeit drängt; ich habe einen weiten Weg zu thun und muß in der Dämmerung vor des Ver⸗ ruchten Antlitz erſcheinen.“— Er warf den Mantel um die Schultern, nahm den langen Stoßdegen unter den Arm, und machte gegen den Tiger, der mit gefalteten Händen und offe⸗ nem Munde daſtand, eine achtungsvolle Verbeugung. „So lebt denn wohl, Dame!“ ſagte er,„der Himmel ſei meinen Waffen günſtig, und wenn dem ſo iſt, werde ich Euch als Turnierpreis allerlei Schnupftabaksdoſen mitbringen, denn ich weiß, Ihr liebt das Schnupfen ſehr, und—“ ſetzte er geheimnißvoll flüſternd hinzu, indem er dicht an die Frau trat und ihr in das Ohr ſprach—„das Schnupfen iſt eine heilſame Erfindung zur Betäubung der Naſe; denn es gibt Gerüche, die man nie mehr vergeſſen kann.— Lebt wohl, Donna Brampvilla, einſtens ſehen wir uns wieder.“ Darauf ging der Spanier mit hoch erhobenem Haupte zur Thür hinaus, wobei er nach rechts und links freundlich mit dem Kopfe nickte, als befänden ſich noch mehr Leute im Zimmer, von denen er Abſchied zu nehmen habe. Die alte Frau ſchlug höchſt erſtaunt die Hände zuſam⸗ men, blickte ihrem Herrn mit aufgeriſſenen Augen nach und rief ein Mal über das andere:„O, daß dich— daß dich— o, daß dich!“— Damit eilte ſie, ſo ſchnell ſie konnte, ebenfalls zur Thür hinaus und die Treppen hinab, ohne eigentlich recht zu wiſſen, was ſie wollte. Der Anfang des Endes. 201 4 Don Larioz befand ſich noch im Hauſe, und jetzt ver⸗ nahm die Frau droben ſeine Stimme, als er ſprach: „So, endlich kommſt du, kleiner Page, nachdem du dich, Gott weiß wo, mit deiner Mandoline herum getrieben und vergeſſen, deinen Herrn und Meiſter zu wappnen?“ „Er ſpricht mit Gottſchalk,“ ſagte der Tiger zu ſich ſelber, während er eilfertig die Treppen hinabſtolperte. „Es iſt aber eigentlich beſſer ſo,“ fuhr der Spanier fort, „dein Arm dürfte noch zu ſchwach ſein zu dieſem ernſthaften Kampfe. Warte deßhalb auf mich am Thore der feindlichen Burg, und wenn du drinnen die Siegesfanfare hörſt, ſo hebe mein Banner und laſſe alle Welt wiſſen, daß ich die Feinde geſchlagen.— Sehr viele Feinde. Laß einmal ſehen, ſechs Rieſen, die boshaften Zwerge gar nicht mitgerechnet, acht Drachen, ein Dutzend Ritter, vielleicht auch ein paar darüber, zwei Stück heuchleriſche Buben und ähnliches Zeug. Viel, ſehr viel Arbeit! Doch, bei San Jago! ſie wird ge⸗ lingen.— Lebt wohl, ihr Großen meines Reichs, noch eine kurze Weile, und ihr ſollt eure ſchöne erhabene Gebieterin begrüßen.“— Er neigte ein wenig ſein Haupt und ging auf die Straße. „Jetzt will ich Euch was ſagen,“ ſprach eilig der be⸗ ſtürzte junge Menſch;„ſeht Ihr, ob der Doktor zu Hauſe iſt, ſagt ihm, Herr Larioz ſei recht krank geworden, und wenn Ihr ihn nicht droben finden ſolltet, ſo ſucht ihn in der ganzen Stadt. Ich will ſchauen, wo Herr Larioz bleibt, und es dann dem Doktor hier ſagen, oder noch beſſer, er ſoll in die Woh⸗ nung meiner Eltern kommen, vielleicht, daß er dorthin geht. Lauft, lauft, was Eure Beine vermögen!“ Die alte Perſon ſtieg eilig die Treppen hinauf, während 4 3: 4* 8 “——j————— — Neunundfünfzigſtes Kapitel. 202 Gottſchalk ſeine Mütze aus dem Bureau holte und dann dem Spanier auf die Straße nachſprang. Dieſer war ruhig dahin gegangen, den Kopf tief geſenkt und anſcheinend gleichgültig, wohin ihn ſein Weg führe. Doch ſchien er genau zu wiſſen, wo er ſich befand, denn als er an die Straße kam, in welcher ſein ehemaliger Prinzipal wohnte, wandte er ſich mit einer Geberde des Abſcheues nach einer entgegengeſetzten Richtung. In Kurzem hatte er alsdann den Blumenmarkt erreicht, und ſah nun vor ſich die Gaſſe, in welcher das ihm wohl bekannte Haus der ihm befreundeten Familie Brenner lag. Dorthin wollte eb, ſtand aber mit einem Male ſtill und wandte ſich nach dem Brunnen in der Mitte des Platzes, auf deſſen Brüſtung er einen Arm ſtützte und ſo wartend ſtehen blieb. „Hier war es,“ murmelte er nach einer kleinen Weile,„wo ich jenen ſtolzen und verrätheriſchen Baron traf, dem ich meinen Handſchuh hinwarf und ihn hieher zum Zweikampf lud. Aber die Zeit iſt vorüber,“ ſetzte er hinzu und ſchaute gedankenlos auf das Zifferblatt der benachbarten Thurmuhr; „er kommt nicht mehr. Vielleicht hat ihn auch das Schickſal ereilt, und er iſt anderswo gefallen im gerechten Kampfe.— Weiter, weiter alſo! ich will mich bei jenem glorreichen Got⸗ tesgericht, zu dem mich die Stunde ruft, nicht vergebens er⸗ warten laſſen.“ Er raffte ſich auf und ſchritt in die Gaſſe hinein, welche gerade vor ihm lag. Bald hatte er das alte Haus erreicht, in welchem die Familie Brenner wohnte, und wollte gerade eintreten, als er ſich mit einem Male an etwas zu erinnern ſchien, ſich umwandte und in das gegenüber liegende Haus Der Anfang des Endes. 203 ging, wo ſich die ärmliche Reſtauration befand, in welcher Kathinka Schneller diente. Bedächtig ſtieg er die Treppen hinauf, beſchleunigte aber plötzlich ſeinen Schritt, als er von droben die Stimme des jungen Mädchens hörte, welche ausrief: „Ich will mich aber von Euch nicht herum zerren laſſen, ich habe keine Luſt dazu, trinkt Euren Wein in Frieden und laßt mich in Ruhe!“ Dieſe Worte fielen wie glühende Funken in das aufge⸗ regte Gehirn des tapferen Spaniers; er faßte ſeinen Degen feſt unter den Arm, und wie ein Blitz durch die dunkle Nacht leuchtete mit einem Male der Gedanke in ihm auf, daß er jenem verfolgten Mädchen verſprochen, ihr Schutz und Hülfe zu ſein. Haſtig eilte Don Larioz die Treppen vollends hinauf, und da die Stubenthür halb offen ſtand, ſo konnte er mit einem Blicke das Gemach überſchauen. An einem der Tiſche ſaßen zwei Männer, von denen der eine beide Ellbogen auf⸗ geſtützt hatte und den Kopf auf den Händen ruhen ließ; er zeigte etwas ſtiere Augen und lachte über die Bemühungen des Anderen, der ihm gegenüber ſaß und im Begriff war, das widerſtrebende Mädchen an ſich zu ziehen. Der, welcher ſich mit Kathinka Schneller beſchäftigte, hatte ein glattes, feines Geſicht mit ſchwarzen Haaren und wohldreſſirtem, ebenfalls ſchwarzem Backenbarte; ſeine blaſſen Wangen waren momentan etwas geröthet, und er lachte gleichfalls über die Worte, welche Kathinka ſo eben ausgeſtoßen. „Warum ſo ſpröde, mein Schatz?“ ſagte er.„Das war doch ſonſt nicht deine Art, wie eine Menge deiner Bekannten wiſſen.“ —..*. 8 3 —õ—————— r— 2 204 Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Ihr doch wohl nicht!“ antwortete das Mädchen mit einer auffallenden Geberde der Verachtung.„Oder doch?“ fragte ſie.„Könnet Ihr vielleicht mit Recht verlangen, ich ſollte fortfahren, wie ich angefangen? Oder habe ich nicht erſt in den letzten Tagen das Unglück gehabt, Euch zum erſten Mal zu ſehen?“ „Das iſt allerdings richtig, aber da wir uns hier zum erſten Male geſehen, ſo wirſt du dir ſchon von mir etwas ge⸗ fallen laſſen.“ „Nicht das Geringſte!“ rief zornig das Mädchen,„und wenn Ihr mich nicht gleich in Frieden laßt, ſo ſoll das Eurem glatten Geſichte übel bekommen.“ „Das wollen wir einmal ſehen,“ gab der Italiener Francois zur Antwort, indem ein unheimlicher Blick aus ſeinen Augen zuckte.„Helfen Sie mir doch einmal, Andreas, das wider⸗ ſpenſtige Geſchöpf halten.“ „Das verſteht ſich,“ entgegnete dieſer und ergriff mit der Fauſt das Handgelenk des Mädchens. Da aber Kathinka Schneller die eine Hand frei behielt und aufs höchſte gereizt war, ſo ſtieß ſie den Kammerdiener mit ihrer Fauſt ſo derb ins Geſicht, daß er mit einem lauten Fluch zurück taumelte. „Ah, Canaille!“ ſagte er,„ſo behandelſt du die Gäſte des Hauſes? Schließen Sie die Thür, Andreas, und ſagen Sie der Frau Schwarz, ſie ſolle ſich nicht unterſtehen, uns zu ſtören. Jetzt wollen wir dich einmal züchtigen, wie du es verdienſt.“ Er haſchte nach der frei gebliebenen Hand des jungen Mädchens und hielt ſie feſt, während Andreas ſich ſchwerfällig erhob, um der Weiſung gemäß die Thür zu ſchließen. Der Anfang des Endes. Doch prallte er dort befremdet zurück, als auf einmal eine lange Geſtalt ſchweigend eintrat und ſich mit untergeſchla⸗ genen Armen in der Mitte des Zimmers aufpflanzte. „So, ſo?“ ſprach dieſe,„ihr zwei Buſchklepper wollt eine arme, ſchutzloſe Jungfrau züchtigen? Ah, ihr habt nicht be⸗ dacht, wie plötzlich ein Rächer erſcheinen kann. Zieht eure Schwerter, ihr Schurken! An euch iſt die Reihe, eine Züch⸗ tigung zu empfangen.“ „Was iſt denn das?“ fragte Francois erſtaunt, indem er ſcharf nach dem Eingetretenen blickte.„Hol' mich der Teufel!“ rief er nach einer Pauſe,„das iſt derſelbe Menſch, Andreas, der neulich Ihren Herrn hier auf der Gaſſe ent⸗ führte, wo dieſer ſo ſchöne Sachen hätte ſehen können.“ „Der da?“ ſprach der Gärtner mit einem unbändigen Gelächter;„das iſt ja der verrückte Schreiber, mit dem ſie neulich im Reibſtein ihre Poſſen hatten. Mir hat es der Wirth erzählt.“ „Oh, oh, er iſt's, der ſich in die Gliederpuppe verliebt hat und ſie entführen wollte! Was hat der Kerl hier zu ſchaffen?“ Bei dieſen Worten hatte Francois das junge Mädchen losgelaſſen, welches alsbald auf Larioz zutrat, ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihm ängſtlich in das Geſicht ſchaute. Wie dieſes Geſicht aber auch im gegenwärtigen Augen⸗ blicke ausſah, konnte es Angſt und Schrecken einflößen. Die bleichen Wangen waren eingefallen, die Lippen zuckten ſeltſam, und aus den tief liegenden Augen ſtrahlte ein unheimliches Feuer. Der Spanier ſchob das Mädchen ſanft auf die Seite und trat einen kleinen Schritt näher zum Tiſche. „Ja, ich bin der, von welchem ihr geſprochen,“ ſagte er 205 ———— “ 206 Neunundfünfzigſtes Kapitel. mit hohler Stimme;„man nahm mich freundlich auf im Bunde zum Dolche Rubens, man verſprach mir, zu helfen, um ein unglückliches Mädchen zu retten, das dann durch die Macht eines böſen Zauberers in eine Gliederpuppe verwandelt wurde. O, ich weiß das alles ebenſo genau, wie ich dich unter deiner jetzigen glatten und heuchleriſchen Larve erkenne.“ Damit ſtreckte er den rechten Arm mit einem gewaltigen Ruck gegen den Kammerdiener aus. „Neulich hatteſt du einen großen wilden Bart, aber beſſere Augen. Ja, glotze mich nur ſo an, die Zeit der Rache iſt gekommen, verfluchter Zauberer! Aber deine Künſte ſollen dir nichts mehr nützen, mein Degen iſt geweiht in der heili⸗ gen Kathedrale von Toledo.“ Mit dieſen Worten warf der Spanier langſam ſeinen Mantel von der rechten Schulter zurück und zog bedächtig den langen Stoßdegen. „Frau Schwarz!“ ſchrie entſetzt das junge Mädchen, „Frau Schwarz, kommen Sie geſchwind, um Gottes willen!“ Don Larioz ſchüttelte ſein Haupt und ſprach mit ruhiger Stimme:„Es ſoll dir nichts nützen, wenn ſelbſt die Unſchuld für dich bittet; du haſt zehnfach den Tod verdient durch deine Zaubereien gegen mich und dadurch, daß du unter deiner jetzigen Geſtalt arme verlaſſene Jungfrauen zu mißhandeln gedenkſt.“ „Das iſt ein verrückter Menſch!“ rief Frangois auf's höchſte erſchrocken, indem er aufſtand und einen Stuhl zur Abwehr erhob.„Schlagt ihn nieder, Andreas, wie einen tollen Hund!“ Der Gärtner, der etwas unſicher auf ſeinen Beinen zu ſtehen ſchien, faßte einen der ſchweren zinnernen Leuchter, die Der Anfang des Endes. 207 — auf dem Tiſche ſtanden, und ſchwang ihn gegen den Spanier, der, dieſe drohende Bewegung wohl ſehend, rückwärts ſtoßend, den Gärtner mit dem Knopfe ſeines Degengefäßes ſo heftig auf die Fauſt traf, daß derſelbe aufſchrie und dann ſeine Waffe zähneknirſchend in die andere Hand nahm. Kathinka Schneller wollte ſich zwiſchen die Beiden werfen, ſchrak aber zurück vor der blinkenden Degenklinge, welche in der Hand des Spaniers einen Bogen beſchrieb, gerade in dem Augenblicke, als ihm der Italiener den gewichtigen Stuhl auf den Leib warf und dann vorwärts ſtürzte, um die Thür zu erreichen. Doch hatte Frangois nicht die Bewegung der Klinge be⸗ rechnet, oder war er in dem Glauben, der Andere werde von dem Anprallen des Stuhles zurückgeworfen werden? Don Larioz aber blieb trotz des gewaltigen Schmerzes feſt auf ſeinen Füßen ſtehen, und da er im gleichen Moment ſeinen Arm mit der langen Klinge ausſtreckte, ſo rannte der Kam⸗ merdiener ſo furchtbar in dieſelbe hinein, daß die Spitze auf ſeinem Rücken wieder herausdrang. Er ſtürzte mit einem gellenden Schrei zu Boden. Auch der Spanier wankte in dieſem Augenblicke; er öffnete krampfhaft ſeine rechte Hand, den Griff des Degens fahren laſſend, während er mit der linken unter einem matten Auf⸗ ſchrei an ſein Haupt griff. Seinen Körper durchflog ein con⸗ vulſiviſches Zittern, dann ſank er in die Kniee, und gleich darauf ſchlug ſein Kopf auf die Dielen des Fußbodens. Andreas ſchleuderte einen ſchweren Leuchter, mit dem er einen entſetzlichen Schlag auf den Unglücklichen geführt, jetzt ſchau⸗ dernd von ſich und verſchwand in größter Schnelligkeit auf der dunklen Treppe. 208 Neunundfunfzigſtes Kapitel. Das junge Mädchen rang weinend die Hände, und die Wirthin des Hauſes, welche durch den Lärm herbeigerufen worden war, erhob ein furchtbares Jammergeſchrei. „O Unglück! Unglück!“ kreiſchte ſie;„das bringt mich ins Verderben. Lauf' auf die Straße, auf die Polizei, rufe die Nachbarn herbei und erzähle ihnen, wie Alles gegangen iſt; du haſt es ja geſehen. Oder nein, ich will auch mit, ich will nicht hier allein bleiben!“ Nach dieſen Worten liefen Beide zur Stubenthür hinaus, waren aber noch nicht die Hälfte der Treppe hinab geeilt, als ihnen ein Mann, von einem Knaben gefolgt, athemlos ent⸗ gegen ſprang. „Wo? wo?“ ſchrie derſelbe,„wo iſt das geſchehen? wo iſt er? Bleibt bei der Hand, ihr verfluchten Weibsbilder!— So rennt man nicht davon! Hier ſchafft man Hülfe, und dann erſt könnt ihr meinetwegen fort ſpringen, um die Nach⸗ barſchaft mit eurem Geſchrei zuſammen zu rufen.“ So ſprach der Armenarzt Doktor Flecker, trieb die er⸗ ſchrockenen Weiber in die Stube zurück und eilte ihnen nach. „Ah!“ ſagte er, nachdem er ſchnell einen Blick auf die beiden am Boden Liegenden geworfen.„Gottſchalk, ſpring hin⸗ über und ſieh, ob dein Vater da iſt. Gott gebe, daß du ihn findeſt; er ſoll augenblicklich hieher kommen und noch einen Mann mitbringen.“ Jetzt keuchte auch der Tiger die Treppe herauf und blieb laut weinend unter der Zimmerthür ſtehen. Der Doktor war raſch zwiſchen die Beiden hingekniet, warf einen prüfenden Blick nach rechts und links, und als er gehört, wie Larioz mühſam und tief athmete, rief er den Weibern zu, demſelben ein Kiſſen unter den Kopf zu ſchieben. Der Anfang des Endes. 209 — Dann wandte er ſich an den Italiener, riß ihm die Weſte auf und zog ihm mit feſter, ſicherer Hand den Degen, ſeiner Lage wegen nicht ohne Mühe, aus der Bruſt,— ein paar Tropfen ſtockenden Blutes quollen hervor. Hierauf betrachtete er ihn eine Sekunde, hob eines ſeiner Augenlider auf, und während er mit der einen Hand nach dem Pulſe griff, legte er das Ohr auf die Stelle des Herzens, worauf man ihn murmeln hörte:„Da iſt jede Hülfe vergeblich— todt!— Ein furcht⸗ barer Stoß, wahrſcheinlich mitten durchs Herz.“ Jetzt fing die Wirthin des Hauſes, die dem Doktor mit gefalteten Händen angſtvoll zugeſchaut hatte, laut an zu jam⸗ mern.—„Daß ſich Gott erbarm'!“ ſchrie ſie,„meinen beſten Kunden, einen ſolch' nobeln Herrn hier in meinem Gaſtzimmer zu erſtechen! Und das von einem Schnapphahn, der nur hereinſtürzt, vom Leder zieht und fertig macht! Wenn da keine Gerechtigkeit mehr geübt werden ſoll, da weiß ich nicht, wofür es überhaupt noch Galgen in der Welt gibt.“ „Ja, ja, Gerechtigkeit vor Allem, Frau Schwarz,“ ſagte der Doktor, indem er zornig in die Höhe blickte;„aber Ihr werdet mir zugeben, daß ich als Arzt vorderhand hier zu be⸗ fehlen habe, und wenn ich Euch alſo ſage, Ihr ſollt Euer Maul halten, ſo hoffe ich, von Euren ungewaſchenen Reden keine mehr zu vernehmen.— Verſtanden?“ „Verſtanden habe ich wohl,“ gab das Weib giftig zur Antwort,„aber der da—“ ſie zeigte mit einer verächtlichen Geberde auf Don Larioz,„ſoll mir vor das Criminalgericht, und ich will ſelbſt einen Advokaten bezahlen, damit er ſicher gehenkt wird.— O der arme Herr Francois!“ rief ſie ſchluch⸗ zend;„wer ihm das vor einer Stunde vorausgeſagt hätte!“ Hackländer, Don Quixote. V. 14 —õʒᷓõ 3— — ÿ— 210 Neunundfünfzigſtes Kapitel. „Ja, wenn es möglich wäre, vorauszuſagen,“ entgegnete der Armenarzt,„ſo würdet Ihr jetzt etwas Unangenehmes wiſſen, was Euch widerfahren kann, wenn Ihr nicht augen⸗ blicklich ſtille ſeid.“ Man hörte Tritte auf der Treppe und ſah gleich darauf den Jäger Brenner mit ein paar anderen Männern eintreten, die eine Tragbahre hatten. Nach der Anweiſung des Doktors wurde eine Matraze darauf gelegt und der Spanier behutſam hinaufgehoben. Der Jäger wiſchte ſich die Augen, als er den treuen Freund ſeines Knaben ſo regungslos, leiſe athmend, mit blutendem Haupte da liegen ſah. Gottſchalk ſelbſt, der gefolgt war, kniete neben die Tragbahre hin und hatte die herabhängende Rechte ergriffen. „Wohin bringen wir ihn?“ ſprach einer der Männer. „In das Spital?“ Der Arzt blickte fragend auf den Jäger Brenner und gab zur Antwort:„Wenn wir ihn in das Spital ſchaffen, ſo kann ich mich nicht weiter um ihn bekümmern; ich habe da nichts zu ſagen. Und doch wäre es mir lieb, ihn unter der Hand zu haben; ſeine Verwundung iſt ſehr gefährlich, es wird Mühe haben, ihn durchzubringen, und wenn wir ihn anderswo pfle⸗ gen könnten, wäre es für ſein Gemüth zuträglicher.“ „Wo könnten wir ihn beſſer hinbringen, als zu mir?“ ſprach raſch der Jäger.„Ich habe es meiner Frau auch ſchon geſagt, und ſie wird die kleine Hinterſtube bereis zugerichtet haben.— Alſo angefaßt!“ wandte er ſich an die Männer, „ihr Beiden nehmt die Tragbahre, und ich will ihn auf der ſteilen Treppe ſchon halten, daß nichts geſchieht.“ „Aber die Polizei!“ rief eifrig die Wirthin.„Wenn die Polizei kommt und ihn nicht findet?“ Der Anfang des Endes. 211 „So ſagt der Polizei, ich, Doktor Flecker, habe für gut befunden, ihn fortzuſchaffen; er ſei da drüben in der Wohnung des Jägers Brenner,— wo er nicht entwiſchen wird,“ ſetzte er traurig hinzu.„Angefaßt, Leute!“ Kathinka Schneller hatte während des ganzen Auftrittes in einer Ecke ueben dem Ofen geſeſſen, die Hände vor das Geſicht gedrückt, und erhob ſich jetzt erſt, als die Männer die Trag⸗ bahre aufhoben. Sie trat dicht an Larioz heran, beugte ſich über ihn, legte ihre Hand auf ſeine Bruſt, und ein paar Thränen fielen aus ihren Augen auf ſein bleiches Geſicht. Darauf trat ſie ans Fenſter, und wartete, bis die Träger mit . g dem ſchwer Verwundeten auf der Straße erſchienen und dann im gegenüberliegenden Hauſe verſchwanden. Sie ſeufzte tief auf und ſetzte ſich wieder auf ihren Stuhl neben dem Ofen. „So,“ ſagte ſie alsdann,„hier will ich warten, bis die Polizei kommt, und ihr Alles genau ſagen; der da am Boden liegt, hat angefangen, es war das überhaupt ein bösartiger Menſch, was Ihr auch ſagen mögt, Frau Schwarz; und den Namen des Gärtners, welcher mit ſeinem Leuchter ſo furchtbar zugeſchlagen, will ich bei Gott im Himmel nicht vergeſſen.“ „Unterſtehe dich, den über deine verfluchten Lippen zu bringen!“ ſchrie die Wirthin und trat mit geballten Fäuſten vor das Mädchen hin. „Ich werde mich unterſtehen,“ erwiderte kalt Kathinka.— „Den ſie da eben fortgetragen haben, das war ein braver Herr, ein armer, braver Herr; er hat mich vertheidigen wollen und iſt dabei ins Unglück gekommen.“ Sie preßte ihre Hände laut ſchluchzend vor das Geſicht. —— In dem Hauſe des Jägers hatte man den Ver⸗ wundeten in einer leer ſtehenden Hinterſtube auf ein gutes 212 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Bett gelegt, und während der Armenarzt beſchäftigt war, ſeine tiefe Wunde zu unterſuchen, ſtand, mit Ausnahme der Groß⸗ mutter, die ganze Familie in tiefer Rührung mit gefalteten Händen um den beſinnungslos Daliegenden. Das Stübchen war klein, aber freundlich; es wurde von der Sonne geliebt, welche es Vormittags begrüßte und dann ſpät am Nachmittage, ehe ſie verſchwand, nochmals durch eine Häuſerlücke einen letzten leuchtenden Blick darauf warf. Das that ſie auch gerade in dieſem Augenblicke, und ob⸗ gleich man das Fenſter mit einem Stücke Zeug verhängt hatte, ſo ſtahl ſich doch ein kleiner glühender Strahl herein und zuckte über das bleiche Geſicht des Kranken. Es war gerade, als ſpüre er dieſen letzten Gruß und rufe derſelbe ſeine Beſin⸗ nung zurück; er that einen tiefen Athemzug, ſeufzte ein paar Mal, bewegte die Lippen und öffnete dann weit ſeine Augen. Sein erſter Blick fiel auf den Armenarzt, der an ſeinem Kopfe beſchäftigt war und ſich nun über ihn beugte mit der Frage, wie es ihm gehe. Neben dem Doktor ſtand Margarethe Brenner, ſie hielt Stücke weiße Leinwand in der Hand, und in ihren dunkeln Augen, 9 ſie auf den Kranken gerichtet hatte, funtelten Thrünen. 4 Mädchen, und ein freundliches Lächeln rurte i auf ſeinen Lippen. „Fühlen Sie Schmerzen?“ fragte wiederholt der Doktor, worauf der Verwundete nach einer längeren Pauſe zur Ant⸗ wort gab: „Es kann wohl nicht anders ſein, als daß ich einige Schmerzen ſpüre; er hat mich mit ſeiner Streitaxt hart ge⸗ troffen, gegen alle Kampfregeln. Von rückwärts fiel er über Der Anfang des Endes. 213 mich her, während ich mit dem anderen Ritter beſchäftigt war. —— Aber es war ein glorreicher Kampf, ſo viel ich mich erinnern kann; ich habe den Zauberer beſiegt und bitte nur den edlen Herrn dieſes Schloſſes um Verzeihung, daß ich ihm Ungelegenheit mache, indem man mich hieher gebracht, um meine Wunde zu pflegen.— Welche Burg,“ fragte er nach einem kleinen Sillſchweigen,„hat mir nach altem Brauch ihre gaſtlichen Thore geöffnet?“ Er athmete tief auf und ſchloß alsdann die Augen wieder. Der Armenarzt ſchüttelte betrübt mit dem Kopfe und ſagte leiſe zu dem Jäger:„Er iſt ſchwer verletzt.“ Nach einer Weile öffnete der Kranke haſtig die Augen wieder, blickte das junge Mädchen lange und ſchweigend an und ſprach:„Verzeiht, hohe Dame, daß ich nicht im Stande bin, mich zu erheben, um Euch meinen Dank zu ſagen für dieſe freundliche Aufnahme. Erlaubt mir auch, edle Herrin dieſes Schloſſes, daß ich länger in Euer wohlwollendes Antlitz blicke, als es ſich vielleicht mit der Schicklichkeit verträgt.— Eure Augen haben etwas unendlich Wohlthuendes, etwas Beruhi⸗ gendes, und ich kann es nur als ein hohes Glück annehmen, vor den Mauern Eurer Bura ſchwer getroffen worden zu ſein. Es iſt das aber ſchon ufig vorgekommen, und Gott fügt es oft ſo, daß, wo tapſere Ritter verwundet werden, edle Damen in der Nähe ſind, um ſie zu pflegen.— Der Himmel lohne es Euch!—— Aber nicht alle edlen Damen ſind im Beſitze ſo guter Augen, vor denen kein böſer Zauber beſtehen kann.— Ah!“ machte er, und ſchaute mit einem Blick der Befriedigung rings umher, ehe er wieder das Auge nach Mar⸗ garethen wandte.„Hier herein kann keines der Phantome, die mich in letzter Zeit ſo unſäglich geplagt.“ 214 Nennundfünfzigſtes Kapitel. „Wenn Ihr zur Thür hinausſchauen wollt,“ fuhr er mit einem ſtarren Blicke dorthin fort,„ſo werdet ihr Alle, Alle unten an der Treppe ſehen, wie ſie ſich vergeblich bemühen, herauf zu klettern.— Aber die Stufen derſelben ſind glatt wie der Rücken einer Schlange, und neben meinem Lager ſteht eine der himmliſchen Heerſchaaren, deren Anblick ſie erzittern macht.— Ja, Alle, Alle zittern vor ihnen, denn es ſind Ge⸗ bilde böſer Geiſter— alle Geſellen des Bundes, der Zauberer mit ſeinem langen wirren Barte— und auch ſie— ſie— die ſchlottrige Gliederpuppe, die für einen Augenblick Leben erhielt, um ſich an mich anzuklammern und mein Herzblut zu trinken, damit ich ihr gleich werde.— War ſie doch nahe daran, ihren Zweck zu erreichen, denn ich fühle wohl, wie ſchwer und un⸗ beholfen meine Glieder herabhängen; ich glaube, bis nahe zum Herzen bin ich ihr ſchon gleich geworden.— Aber du wirſt mich retten, edle Herrin dieſes Schloſſes.“ Während er ſo ſprach, ließ er zuweilen ſeine Augenlider zufallen, ohne aber ſeine Rede zu unterbrechen. Der Doktor hatte dem Kranken einen leichten Verband angelegt, faßte nun ſeinen Puls, und während er die Schläge zählte, ſah man ihn mit geſpannter Erwartung auf Larioz blicken. Dieſer zuckte mit einem Male heftig zuſammen, richtete ſich gewaltſam in die Höhe und ſtarrte mit unheimlich leuch⸗ tenden Augen um ſich her. „Oh!“ rief er alsdann mit lauter Stimme,„von Neuem entbrennt der Kampf, gebt mir den Schild und mein gutes Schwert! Haltet mich nicht; da hilft keine Schonung, ſie oder ich! Dort kommen ſie heran.— Gott und San Jago!— Das iſt ein ſchreckliches Gemetzel!“ ſagte er ſtöhnend und —e— —.— Der Anfang des Endes. machte mehrmals den Verſuch, von ſeinem Lager aufzuſprin⸗ gen, wobei er kräftig mit den Männern rang, die ihn hielten. „Die Uebermacht iſt groß,“ ſeufzte er alsdann,„doch Muth, Muth! die Kraft meines Armes wird uns den Sieg ver⸗ ſchaffen!— Ah!l er hat mich ſchwer getroffen,“ ſprach er nach einer Weile, indem er tief aufathmete und dann matt zurück⸗ ſank;„aber das Andenken an ſie, die ſchützend neben mir ſteht, wird mich wieder aufrichten.“ Ein paar Mal bewegte er hierauf ſeine Lippen, ohne daß man ein Wort vernahm. Der Jäger richtete tief betrübt einen ſo fragenden Blick auf den Doktor, wobei er leicht deſſen Arm berührte, daß dieſer ihn anſchaute, dann mit dem Kopfe ſchüttelte und leiſe zur Antwort gab: „Er ſtirbt noch nicht. Wir werden dergleichen Anfälle noch mehrere haben— das iſt ein kräftiger, geſunder Körper, bei dem noch nicht alle Hoffnung verloren iſt. Ich werde jetzt ſelbſt in die Apotheke gehen und Einiges für ihn beſorgen; laßt Margarethen bei ihm, wenn Ihr ſie entbehren könnt, Frau Brenner, und einen der Männer. Fahrt mit Umſchlägen fort, wie ich gethan; ich komme bald wieder.“ „Aber Herr Larioz wird nicht ſterben?“ ſagte Gottſchalk, der dicht neben ſeinem Freunde ſtand und aus deſſen Augen eine Thräne um die andere tropfte. „Haben Sie wirklich Hoffnung, Herr Doktor?“ fragte auch der Jäger. Und der Armenarzt erwiderte:„Die Hoffnung iſt etwas ſo Wohlthuendes für uns, daß wir ſie gewaltſam in unſerem Herzen behalten müſſen, wenn auch unſer Verſtand ſie verja⸗ gen möchte. Wer will hier ſagen, was die nächſten Tage 216 Neunundfünfzigſtes Kapitel.— Der Anfang des Endes. 0 bringen werden? Der Zuſtand unſeres armen Freundes iſt ſehr ſchlimm, und wenn wir mit Gottes Hülfe wirklich im Stande ſind, ſeine Wunde zu heilen, wer bürgt uns dafür, daß alsdann nicht noch etwas Schrecklicheres eintritt als der Tod?“ „— Schön war der vergangene Tag,“ murmelte der Kranke;„ich habe ſie gefunden, die ich lange geſucht.— Hilf mir, du mit den guten, frommen Augen, wehre das ſchlottrige, wankende Geſpenſt von mir ab.— So— ſo iſt es gut, habe Dank— Dank— Dank.“ — Sechzigſtes Kapitel. Ein Spazierritt. Baron von Breda ritt langſam die Anhöhe hinauf, einen Weg, den wir bereits kennen und den wir ſchon ein paar Mal mit ihm gemacht. Er hielt die Zügel ſeines Pferdes nachläſſig in beiden Händen, die er vor ſich auf den Sattel⸗ knopf ſtützte, ſein Kopf war tief hinabgebeugt und er ſo in Gedanken verſunken, daß Lord es allein übernehmen mußte, allen Begegnenden auszuweichen, was denn auch das kluge Thier gerade ſo gut that, als würde es von einem aufmerk⸗ ſamen Reiter gelenkt.. Seit längerer Zeit vermochte der Baron nur einem ein⸗ zigen Gedanken nachzuhängen, einem ſüßen und doch wieder ſo ſchmerzlichen Gedanken, der nach und nach ſein ganzes Weſen erfüllte, den er wohl auf Augenblicke verjagen konnte, der aber dann wieder mit der Gewalt einer wilden Waſſer⸗ fluth alle die Schutzdämme zerriß, welche ſeine Vernunft mühſam aufgebaut, alle die guten Pläne zerſtörte, die er 218 Sechzigſtes Kapitel. zum eignen Heil und zu dem eines anderen geliebten Weſens gefaßt,— glühende, wilde Gedanken, von denen er wohl fühlte, ſie müßten ſein Herz zerſtören, ſeine Sinne abſtum⸗ pfen, ihn ſelbſt zum bedauernswertheſten der Menſchen ma⸗ chen.— Vergebens; er, ſonſt ſo ſtarren und unbeugſamen Sinnes, vermochte dem Eindringen dieſer Gedanken nicht zu widerſtehen, und es ſchien ihm eine Luſt zu ſein, ihren wilden Fluthen zuzuſchauen, die Zerſtörungen zu betrachten, die ſie in ſeinem Inneren anrichteten. Eugenie hatte ſich ſeit zwei langen Tagen nicht vor ihm ſehen laſſen; er hatte es über ſich vermocht, ſie, wie er wohl gekonnt hätte, nicht aufzuſuchen.— Vielleicht beruhigt es mich, ſie ein paar Tage nicht zu ſehen, hatte er gedacht; aber er hatte das achſelzuckend gedacht, denn er fühlte im ſelben Augenblicke, daß jetzt um ſo mehr all ſein Denken, all ſein Fühlen ſich mit ihr, der Abweſenden, beſchäftigen werde. Und ſo war es auch. Früher, nachdem ſie mit ihm ge⸗ ſprochen, nachdem ſie ihm zugelächelt, nachdem ſie ihm ihre liebe Hand gereicht, hatte er gern ſein Haus verlaſſen, ſich ſchon beim Fortgehen auf das Wiederkommen freuend, auf ihren luſtigen Ruf: Ah, Onkel George! mit dem ſie ihm ent⸗ gegen flog. Jetzt, wo er ſie nicht mehr ſah, hielt es ihn ge⸗ waltſam feſt in der Nähe ſeines Hauſes, ja, ſo viel es ihm möglich war, in der Umgebung ihrer Zimmer. Freilich hatte er ſich vorgenommen, dieſe nicht zu betreten, aber es konnte ja möglich ſein, daß ſie dieſelben verlaſſen würde, daß ſie ihm plötzlich entgegen träte oder daß er vielleicht ihre Aeu⸗ ßerung vernähme: Onkel George könnte mich wohl beſuchen. Aber ſie that das nicht, ſie blieb ſtill auf ihrem Zimmer, — — Ein Spazierritt. 219 ſte ſaß viel an ihrem Fenſter, von wo man nach den Ber⸗ gen blicken konnte, hinter denen das alte Landhaus ihres Vaters lag. So ſagte Frau von Breda und ſetzte hinzu: „Die arme Eungenie leidet; ſie ſieht bleich aus, und leicht treten ihr die Thränen in die Augen, was man ſonſt nicht an ihr gewohnt iſt.“ Wir müſſen geſtehen, daß den Baron dieſe Nachricht nicht ſchmerzlich berührte; er athmete tief auf und fand eine Be⸗ ruhigung darin, daß Eugenie nicht heiter ſei; es beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatze, noch eine Weile zu warten, ehe er ſie aufſuchte; ja, er vermochte es über ſich, das Haus zu ver⸗ laſſen. Und ſo ſehen wir ihn denn langſam und in tiefe Ge⸗ danken verſunken nach der bewußten Anhöhe reiten. Oben angekommen, ſtand Lord einen Augenblick ſtill und wandte, wie er hier gewöhnlich that, ſeinen Kopf nach der Stadt zurück. Es war ein wundervoller klarer Nachmittag, die erſte Frühlingszeit, welche ſich rings umher in Jubel und Luſt ankündigte. Die feinen Zweige und Aeſte der niederen Bäume und Geſträuche zeigten nicht mehr ihre kahlen, eckigen Formen; ſie waren mit jenem uns ſo wohl bekannten duf⸗ tigen Flor umſponnen, der jetzt ſchon anfing, aus dem Vio⸗ letten ins Grüne überzugehen. Ein freudiges Aufathmen, ein inniges Sehnen nach der nächſten herrlichen Zeit ſchien die ganze Natur zu beleben, und was lange geſchlummert unter Schnee und Eis im ſtarren Schooß der Erde, ſchickte ſich jetzt an, überall an das Tageslicht hervorzubrechen. Wo⸗ hin das Auge blickte, drangen die feinen grünen Blätter aus dem Boden hervor, zeigten ſich die erſten Frühlingsblumen. Und nicht bloß das Auge allein bemerkte die herannahende entzückende Zeit, ſah dieſes neue, ſchöne, regſame Leben, auch *₰ Sechzigſtes Kapitel. 220 jedes Herz fühlte in dieſem Augenblicke den Drang, wenn es in ſtarrem Schlafe befangen war, ſeine Feſſeln zu brechen und ſehnſuchtsvoll aufzublühen, ſei es in glücklicher Liebe, in herrlicher Blumenpracht, ſei es im hoffnungsreichem Grün, ſei es im Glanze fließender Thränen.. Da lag die Stadt vor dem einſamen Reiter, glänzend im Strahl der Sonne, umwallt von flimmernden Nebeln und vergoldeten Rauche. Deutlich ſah er ſein Haus vor ſich liegen, das Dach mit der rothen Fahne, über welcher die ver⸗ goldete Spitze wie ein funkelnder Stern ſtand. Unter dieſem Sterne war das Fenſter, an welchem ſie jetzt wohl ſaß und vielleicht nach dem Berge blickte, wo er ſo eben hielt. Ja, es war ihm, als wiſſe er beſtimmt, daß ſie ſich jetzt dort befinde, daß ſie ihre ſüßen Augen hieher richte, daß ſie an ihn denke, herzlich und lieb. Es konnte nicht anders ſein; ſo kann ein Gefühl nicht lügen, ein Gefühl, das ihm zauberhaft mit einem Male nicht nur ihr Bild, ſondern ihr inneres Weſen, ſelbſt wenn er die Augen ſchloß, ſo unerklärlich nahe brachte, daß es ihm war, als ſpüre er den Hauch ihres Mundes, als höre er ihre Worte: O Onkel George! Doch auch dieſe liebliche Phantaſie flatterte vorüber, und als ſie dahin gezogen war und er ſein Herz wieder ruhiger ſchlagen fühlte, da erkannte er deutlich, daß es mehr als ein Traum geweſen, was ihn eben umgaukelt; da wußte er genau, daß ihre Gedanken den ſeinigen in dieſem Momente wirklich begegnet waren. Er wollte eben ſein Pferd umwenden, um nach der Stadt zurückzukehren, als er den Berg herauf einen anderen Reiter in ſtarkem Trabe ſich nähern ſah. Sein ſcharfes Auge er⸗ kannte Fremont, der ihm ſchon von Weitem mit der Hand Ein Spazierritt. 221 zuwinkte. George von Breda hielt ſein Pferd zurück, und der Andere war in einigen Minuten bei ihm. „Ich dachte es mir doch,“ rief ihm Fremont zu,„dich hier auf deinem gewöhnlichen Wege zu treffen.— Wenn es dir nicht unlieb iſt, ſo reiten wir eine Strecke zuſammen.“ „Wie ſoll mir das unlieb ſein?“ fragte Herr von Breda. „Reiten wir. Welcher Zufall führt dich hieher?“ „Eigentlich kein Zufall; ich ſuchte dich in deinem Hauſe, und als mir deine Frau ſagte, du ſeieſt ausgeritten, dachte ich mir gleich, dich hier zu finden.“ „Du ſahſt meine Frau?“ „Ja, ſie war im Wintergarten mit Fräulein von Braa⸗ chen. Letztere aber,“ ſetzte Fremont mit etwas ſpöttiſchem Tone hinzu,„hatte ich nicht das Glück zu ſprechen; deine Frau ſagte, die junge Dame wäre leidend, und dieſe zog ſich, als ich das Glashaus betrat, auf ihr Zimmer zurück.“ So war ſie doch an ihrem Fenſter! dachte aufathmend der Baron, den die Nachricht, Eugenie ſei im Wintergarten geweſen, ſchmerzlich berührt hatte. Die Beiden ritten im Schritt den Abhang hinunter. „Ein herrlicher Tag!“ fprach Fremont,„ein entzückender Tag! Man fühlt ordentlich mit den Pflanzen und Gräſern; man möchte auch ausſchlagen, wenn man nicht ſchon zu alt dazu wäre. Was meinſt du, guter George?“ Er ſagte das mit einer Munterkeit, die aber etwas For⸗ cirtes an ſich hatte, wobei er ſeinen ernſthaft ausſehenden Freund mit einem ſcharfen Blicke von der Seite betrachtete. George von Breda nickte mit dem Kopfe und erwiderte: „Es iſt wirklich ſehr ſchön, und man iſt erfreut, den langen Winter hinter ſich zu haben.“ ——— —“ * “ — 222 Sechzigſtes Kapitel. „Wo ſteckſt du denn eigentlich?“ fuhr der Andere nach einer kleinen Pauſe in demſelben munteren Tone wie früher fort.„Was treibſt du? Man ſah dich ja in den letzten Tagen nirgendwo. Ich wette, daß ich eine ganze Menge Neuigkeiten für dich habe.— Apropos! weißt du auch, daß dieſer famoſe Czrabowski abgereist iſt?— weißt du, verſchwunden, ohne daß er ſeine Abſchiedsbeſuche gemacht hat.— Ein pfiffiger Schuft! Er hat manches ehrlichen Mannes Beutel leichter gemacht.“ „Und auch wohl den deinigen,“ gab Herr von Breda zur Antwort;„ich habe dir das voraus geſagt.— Aber du warſt in meinem Hauſe, wie du ſagteſt?“ ſetzte er mit einem faſt ängſtlich forſchenden Blicke hinzu.„Hätteſt du mit mir etwas Beſonderes zu ſprechen?“ „O— ja, ich hätte ſchon Einiges auf dem Herzen,“ ver⸗ ſetzte Fremont zögernd,„doch hat das noch Zeit.“ „Wie du willſt,“ ſprach der Baron mit einem ſcheinbar gleichgültigen Tone. „Ich wollte,“ fuhr der Baron fort,„dir nur von dieſem Czrabowski ſagen, daß er mich auch einiger Maßen daran gekriegt hat. Aber daran iſt Niemand ſchuld, als der ver⸗ dammte Tondern.“ „Dein intimſter Freund.“ „Hol' ihn der Teufel! ich hielt ihn für einen noblen Kerl, und ich geſtehe es, er war mir zuweilen angenehm.“ „Er gab dir gute Rathſchläge.“ „Die ich beſſer nicht befolgt hätte. Aber über geſchehene Dinge ſoll man nicht klagen.“ „Namentlich nicht,“ erwiderte George von Breda mit Ein Spazierritt. 223 einem trüben Lächeln,„wenn man eine gute Lehre für die Zukunft empfangen hat.“ „Die habe ich empfangen; ſie war etwas theuer, hat mich jedoch curirt.“ „Und iſt Tondern mit deiner Heilung zufrieden?“ „Ich werde das nicht genau ſagen können,“ meinte Fre⸗ mont nach einer Pauſe;„auch er iſt abgereist.“ Dabei beugte er ſich nieder und ſchien die Zügel ſeines Pferdes ordnen zu wollen. „Ah, er iſt abgereist?“ fragte verwundert Herr von Breda.„In der Art wie Czrabowski?“ „Faſt ebenſo, nur mit mehr Glanz und mehr Uebermuh Du kennſt ihn ja. Die vielen Opfer, die ich ihm gebracht, bezahlte er nir auf ſeine Weiſe mit Grobheiten—“ „Und negociirte dabei eine neue Anleihe?“ „Den Teufel auch! er wäre ſchön bei mir angekommen! Meine Kaſſe iſt nicht unerſchöpflich wie die Seiner Erlaucht des Herrn Grafen Helfenberg, dem es auf Zehntauſend mehr oder weniger nicht ankommt, um ſeine Plane durchzuſetzen.“ Das ſagte er mit einem ſehr ſarkaſtiſchen Tone, wobei er abermals einen ſcharfen beobachtenden Blick auf ſeinen Nachbar warf. „So? Helfenberg hat ihm geholfen, ſich mit ſeinen Gläu⸗ bigern zu arrangiren?“ „Was willſt du? Manus manum lavat, ſagt der Lateiner; du ſiehſt, ich bin nicht umſonſt in die Schule gegangen.— Reiten wir den Waldweg zu Braachens?“ fragte Fremont, indem er ſein Pferd anhielt. „Wenn es dir egal iſt, ſo reiten wir auf der Chauſſee 224 Sechzigſtes Kapitel. weiter,“ gab George von Breda zur Antwort, ohne den Blick nach links zu wenden. „Wie du willſt.— Ja, dieſer Helfenberg iſt ein glück⸗ licher Kerl.“ „Ich gönne ihm ſein Glück, vor Allem aber ſeine wieder hergeſtellte Geſundheit. Es war doch ein gar zu entſetzliches b Loos, das ihn betroffen. Mit welch freudigem Blicke der das Frühjahr betrachten muß!“ „Man ſagt, er wolle eine größere Reiſe antreten.“ „Ich hörte nichts davon.“ „Und ſich vorher verheirathen!“ lachte Fremont mit einem boshaften Blicke. b „Bah! Stadtgeſchwätz!— So viel ich weiß, hat Hel⸗ fenberg durchaus keine Liaiſon.“ „Das weißt du ſo genau?“ fragte der Andere lauernd V in langſamem Tone. „Mir iſt wenigſtens nichts bekannt.“ Fremont fuhr ſpöttiſch lächelnd mit den Fingern durch die Mähne ſeines Pferdes, worauf er daſſelbe einen Sprung vorwärts thun ließ. Dann ſagte er:„Wird dir noch bekannt werden, guter Breda, ſehr bekannt werden; darauf kannſt du Gift nehmen.“ „Und wenn auch— du thuſt ja gerade, als müſſe mich das außerordentlich intereſſiren. Mir kann es wahrhaftig gleichgültig ſein, wer Gräſin Helfenberg wird; ich habe weder eine Schweſter, noch eine Tochter, die danach trachtet.“ „Nein— aber eine Couſine, der das vielleicht gefallen könnte, aber—“ „Ah, Fremont!“ rief der Andere, indem er ſein Pferd S —— —————y—ÿ— Ein Spazierritt. 225 anzog;„das iſt ein Scherz, den ich von dir am allerwenigſten erwartet hätte.“ „Und warum gerade von mir nicht?“ rief Fremont in ſehr übermüthigem Tone.„Wohl gar, weil die Leute ſagten, auch ich trachte nach der Hand des Fräulein von Braachen?“ „Du warſt ſo eben in meinem Hauſe?“ fragte Herr von Breda in ſehr ernſtem Tone. „Zum Teufel! ja, das war ich.“ „Und wollteſt mich ſprechen?“ „Allerdings.“ „So ſprich denn! Ich will dir aufmerkſam zuhören.“ „Ich war eben dabei, als du mich unterbrachſt,“ ſagte Baron Fremont mit einiger Heftigkeit.„Es ſcheint, du willſt mich nicht zu Worte kommen laſſen. Und doch habe ich Sachen zu berichten, die dich ebenſowohl intereſſiren werden wie mich, die vielleicht dein ruhiges Blut in einige Wallung bringen könnten.“ George von Breda biß ſich auf die Lippen, als der An⸗ dere ſo ſprach; er fühlte den heftigen Schlag ſeines Herzens und gab ſich gewaltige Mühe, ruhig zu ſcheinen, was ihm auch gelang. Dann erwiderte er:„So rede denn, Fremont! Aber erlaube mir, dir zu bemerken, daß ich gerade nicht in der Laune bin, um mich von Stadtgerede unterhalten zu laſſen.“ „Was will ich von Stadtgerede!“ verſetzte Fremont, der mit einem Male ſehr aufgeregt erſchien.„Wer bekümmert ſich darum? Ich ſage nur, was ich und gute Freunde ge⸗ ſehen.“ „So, du haſt etwas geſehen?“ fragte der Baron in ziem⸗ licher Spannung. Hackländer, Don Quixote. V. 15 Sechzigſtes Kapitel. 226 „Geſehen und gehört. Wo ſoll ich mit meinen Berichten anfangen?“ „Wo du willſt,“ ſprach Herr von Breda anſcheinend mit großer Ruhe. Darauf faßte er die Zügel von Lord feſt mit der linken Hand, ſtemmte die rechte in die Seite und ließ den Kopf niederſinken, als betrachte er aufmerkſam die friſch⸗ grünen Ränder des Chauſſeegrabens und die aufbrechenden Knospen der Geſträuche. „So will ich denn bei dem anfangen, was ich gehört. Es iſt auch älter als meine eigenen Wahrnehmungen und bildet eigentlich das Fundament dieſer höchſt merkwürdigen Geſchichte. — Du wußteſt wohl nicht einmal,“ unterbrach ſich Fremont, ſeinen Freund befragend,„daß Fräulein Eugenie von Braachen den Herrn Grafen von Helfenberg ſchon ſeit längerer Zeit kennt?“ „Sie kennt ihn nicht,“ gab Baron von Breda leiſe zur Antwort. „Ob ſie ihn kennt!— Schon ehe ſie in dein Haus kam, hatte ſie Zuſammenkünfte mit ihm.“ „Das iſt nicht wahr!“ „Wenn du mich auf dieſe Art unterbrichſt, lieber George, ſo iſt es am Ende beſſer, ich behalte das für mich, was ich dir mittheilen wollte.“ „Du haſt Recht; ich will dir ganz ruhig zuhören.“ „Die Zuſammenkünfte zwiſchen Beiden fand en in dem kleinen Förſterhauſe Statt, welches der Jäger Klaus in der Nähe des Gutes des Herrn von Braachen bewohnt. Dort ſah Eugenie den Grafen.“ „Sie ging oft dorthin,“ murmelte Breda.„Bielleicht traf ſie ihn zufällig,“ ſetzte er lauter hinzu. Ein Spazierritt. 227 „Nehmen wir an, ſie habe ihn zufällig getroffen, wenn es dir Vergnügen macht, ſo zu glauben. Mir verſchlägt es wenig, da ich meiner Sache gewiß bin und dir den Beweis geben kann, mit welch überraſchendem Intereſſe Graf Helfen⸗ berg für die junge Dame nicht nur dachte, ſondern han⸗ delte. Du wirſt dich erinnern, daß er vor einiger Zeit ein Teſtament machte. Wir hatten die Ehre, als Zeugen dabei zu ſein. Es war, wie die Rechtsgelehrten ſagen, ein myſti⸗ ſches Teſtament; doch erhielt ich zufällig Kenntniß von einigen Legaten.“ „Nun—— Fremont?“ „Eines derſelben beſtimmte Fräulein Eugenie von Braachen nach dem Ableben des Grafen das große Schloß Stromberg mit allen Ländereien und Einkünften.— Konnte er einen größeren Beweis von Intereſſe, ja, ich wage zu behaupten, von glühender Liebe für Eugenie geben?“ „Wenn das wahr wäre,“ ſagte Baron von Breda mit dumpfer, klangloſer Stimme. „Wovon du dich gleich überzeugen ſollſt,“ fuhr Fremont eifrig fort und zog ein Papier aus ſeiner Rocktaſche.„Sieh das gefälligſt durch.“ 1 George von Breda ließ die Zügel ſeines Pferdes fallen, griff haſtig nach dem, was ihm ſein Freund darreichte, und entfaltete das uns wohlbekannte Concept. Während er las, biß er die Lippen auf einander, ſeine Wangen entfärbten ſich mehr und mehr, und das Papier zitterte auffallend in ſeinen Händen.—„Wie kamſt du dazu?“ fragte er alsdann, indem er es, ohne aufzublicken, zurückgab. „Ich erhielt es durch einen Zufall.“ „Ah!“ machte Breda, indem er ſeine Hand an die Stirn 228 Sechzigſtes Kapitel. drückte und einige Augenblicke über etwas nachdachte. Dann zuckte es verächtlich um ſeinen Mund, und er ſagte:„Dir war alſo bekannt, daß Eugenie eine reiche Erbin werden würde — und darauf fandeſt du es für gut, dich um ihre Hand zu bewerben?— Pfui, Fremont!“ „George!“ „Das Pfui mußt du nicht auf dich beziehen, mein lieber Fremont,“ fuhr Herr von Breda nach einer Pauſe mit ſon⸗ derbarem Lächeln fort;„es war ein Ausruf des Bedauerns, welches der Blindheit galt, mit der deine Augen geſchlagen waren. Alſo“— er betonte jedes Wort aufs ſchärfſte—„du mußteſt dieſes Mädchen erſt mit Geld umgeben ſehen, ehe du ihren Beſitz für wünſchenswerth hielteſt? Ich bedaure dich aufrichtig.— Und wie Recht hatte ich!“— Dieſes Letztere murmelte er vor ſich hin. „Du biſt ſehr aufgeregt,“ verſetzte der Andere achſelzuckend, „deßhalb will ich deine Worte nicht genau nehmen. Auch möchte ich gern mit deiner Erlaubniß in meinem Berichte fortfahren.“ „Thu das.“ „An dem Intereſſe, welches der Graf an Eugenien nimmt, iſt alſo nicht mehr zu zweifeln, ja, ich möchte behaupten, auch daran nicht, daß er ſie leidenſchaftlich liebt. Wie ſehr dieſe Liebe von der jungen Dame erwiedert wird, kann ich begreif⸗ licher Weiſe mit Beſtimmtheit nicht ſagen, doch ſpricht dafür eine Zuſammenkunft, welche Beide vor wenigen Tagen in der Stadt hatten.“ 1 „Eine Zuſammenkunft— in der Stadt?“ „In der Stadt, und zwar in einem alten, unſcheinbaren Hauſe in einer engen Gaſſe.“ Ein Spazierritt. 229 „In der Nähe des Blumenmarktes?“ fragte George von Breda faſt unhörbar, und es ſchien, als müſſe er die Worte faſt gewaltſam hervorpreſſen. „Du weißt darum?“ „Vielleicht. Doch fahre fort.“ „In jenem alten Hauſe alſo,“ ſprach Fremont, nachdem er einen Blick des Erſtaunens auf ſeinen Nachbar geworfen, „traf der Graf Helfenberg mit Fräulein von Braachen zu⸗ ſammen. Was ſie da—“ „Halt, Fremont!“ rief Baron von Breda in dieſem Augenblicke mit lauter Stimme, indem er den Arm des An⸗ deren faßte und ſtark drückte;„habe die Freundſchaft für mich und ſprich keine Dinge, die du nicht beweiſen kannſt— denn ich will das bewieſen haben,“ ſetzte er zitternd vor Aufregung hinzu.„Wer ſich unterſteht, ſo etwas zu ſagen, ſoll den Beweis gegen mich zu führen im Stande ſein, oder er oder ich hätte das letzte Wort auf Erden geſprochen.“ „Was ich ſagte, kann ich beweiſen,“ gab Fremont kalt zur Antwort,„du wirſt aber am beſten einen Beweis erhalten, wenn du dir die Mühe nimmſt, Fräulein von Braachen in dieſer Angelegenheit zu befragen.“ „Wenn ſie es mir eingeſtände!“ rief George von Breda in ſchmerzlicher Bewegung. „Will ſie dieſe Geſchichte verheimlichen, ſo werde ich mich bemühen, dir die beſten Beweiſe beizubringen. Sollte mir das indeſſen nicht gelingen können, ſo wirſt du mich zu allen deinen Wünſchen bereit finden.“— Aber dieſes hochmüthige Mädchen wird nicht läugnen, deſſen bin ich ſicher, dachte er, indem er anhielt und ſich mit einer entſchloſſenen Miene gegen ſeinen Nachbar wandte. 3 Sechzigſtes Kapitel. 230 Dieſer aber ſchien nichts davon zu bemerken; er ließ ſein Pferd noch einige Schritte ausgehen, dann wandte er es und ritt ein paar Minuten im langſamſten Schritte gegen die 5 Stadt zurück, indem er beide Hände wie früther feſt auf den Sattelknopf drückte und den Kopf tief herabſinken ließ. Fremont blickte ihm erſtaunt nach. Auf einmal zeigte ſich eine andere Bewegung in dem da⸗ voneilenden Roſſe und ſeinem Reiter. George von Breda. hatte ſich hoch aufgerichtet, und einen Moment darauf flog Lord in einem raſenden Galopp dahin. Die Strecke zurück zu meſſen, zu welcher er vorhin eine ziemliche Zeit gebraucht, dauerte nur wenige Minuten, und erſt auf der Anhöhe, von wo man auf die Stadt hinabſah, mäßigte er einen Augenblick den Lauf des Thieres. Er ſchaute 3 ein paar Sekunden wie gedankenlos auf die Häuſermaſſen unter ſich. Die Phyſiognomie derſelben hatte ſich in der kurzen Zeit geändert; die Sonne war hinter einem leichten Gewölk verſchwunden, welches den Horizont umſäumte; Dunſt und Nebel, der auf der Stadt lag, war kalt und farblos geworden; die Fernen, die vorhin ſo kräftig und violet leuch⸗ teten, ſahen froſtig aus, wie zum Einſchlafen bereit. Der Reiter warf einen Blick auf ſein Haus— der Stern, der vorhin ſo ſchön über demſelben gefunkelt, war ausgelöſcht, verſchwunden. Es dauerte noch eine kleine Viertelſtunde, da lenkte George von Breda ſein Pferd in den Hofraum bis zur Haupttreppe des Hauſes, wo er anhielt und abſtieg. Er war ſo in Ge⸗ danken vertieft, daß er nicht einmal bemerkte, wie eine Menge neugieriger Leute ſich an die Einfahrt drängte und das Ge⸗ bäude betrachtete: er ſah nicht einmal die beiden Polizeiſol⸗ Ein Spazierritt. 231 daten, welche am Eingange des Wintergartens ſtanden und ihn ehrerbietig begrüßten. Bei dem Huſſchlage ſeines Pferdes lief einer der Stalljungen eiligſt herbei und machte ein gar beſtürztes und ſonderbares Geſicht. Aber der Herr des Hauſes achtete nicht darauf. Der Jäger Brenner öffnete die Thür, und erſt als der⸗ ſelbe ſagte:„Es paſſirt eben hier eine ſehr unangenehme Ge⸗ ſchichte“— denn er glaubte nicht anders, als der Baron habe die Leute am Thor und die Polizei am Glashauſe bemerkt — fuhr dieſer aus ſeinen Träumereien empor und fragte: „So, was gibt's denn? Es iſt doch— nichts paſſirt?“ Er ſprach glücklicher Weiſe den Namen nicht aus, der ſich ihm gewaltſam aufdrängte. „Die Polizei iſt im Hauſe,“ verſetzte der Jäger,„um den Gärtner Andreas in Verhaft zu nehmen.“ „Ah ſo!— weiter nichts?“ gab der Baron mit einer Gleichgültigkeit zur Antwort, die den treuen Diener ins höchſte Erſtaunen ſetzte. „Andreas,“ fuhr derſelbe nach einer kleinen Pauſe fort, nhat heute, glaube ich, Streit in einem kleinen Wirthshauſe gehabt und dort mit einem Leuchter Jemand auf den Kopf geſchlagen, der nun gefährlich verwundet, man könnte ſagen, ſterbend, darniederliegt.“ „Gut, gut!“ verſetzte eilig der Baron,„ſage das meiner Frau.“ „Die Frau Baronin ſind ausgegangen.“ „Nun, ſo melde es ihr, wenn ſie zurückkommt.“ Damit ließ er den Jäger ſtehen, und eilte in flüchtigen Sätzen die Treppe des Hauſes hinan. Doch nur die erſte Hälfte erſtieg er ſo raſch, dann faßte er das Geländer mit 232 Sechzigſtes Kapitel.— Ein Spazierritt. der Hand, blieb ſtehen und ſprach zu ſich ſelber: Ruhig, ruhig! was könnte es wohl nützen, wenn ich wie ein Raſender, der ich freilich bin, in ihr Zimmer ſtürzte! Gelaſſen— ruhig! Es wird mir viel koſten, es nur zu ſcheinen, aber ich will.— Ja, ich will, ſetzte er hinzu und lächelte trübe vor ſich hin. Wo iſt der ſtarke Wille geblieben, den ich früher zu haben wähnte?— Ja, früher, früher, das war eine glückſelige Zeit, und wenn ich mir vornahm, an etwas nicht zu denken, nicht unter quälenden Gedanken zu leiden, ſo ſagte ich einfach: ich will! und dann geſchah es.— Und auch jetzt möchte mein guter Wille ſein altes Recht behaupten, aber er kann nicht, er kann gewiß nicht. Wenn mir auch das Herz zerſpringen möchte— ich kann nicht eine Sekunde leben, ohne an ſie zu denken, und wenn ich mich zwingen will, ſo zuckt es mir in meinen Augen.— O des Unglücks! Der Baron knirſchte mit den Zähnen und ſtieg alsdann nach einiger Zeit die Treppe vollends hinauf, langſam, oft ſtehen bleibend, Stufe um Stufe. Aber ſo zögernd ſein Schritt auch war, er hatte jetzt den erſten Stock erreicht, er wandte ſich links— er ſtand vor ihrem Zimmer noch ein paar Sekunden mit ebenſo tiefen Athemzügen, und er klopfte leiſe an. „Herein!“ 3 Einundſechzigſtes Kapitel. Erklärungen. Seit zwei unendlich langen Tagen hatte Baron von Breda den Ton dieſer Stimme nicht mehr gehört. Bei dem lieben Klange derſelben ſchrak er ordentlich zuſammen, und es dauerte ein paar Augenblicke, ehe er öffnete. Er trat in das kleine Vorgemach, welches ſich zwiſchen Eugeniens Schlaf⸗ und Wohnzimmer befand. Sie ſtand an der Thür des letzteren, ſie ſtreckte ihm beide Hände entgegen und rief fröhlich aus: „Ah! Onkel George! Du kommſt mich zu beſuchen.“ Doch plötzlich wiederholte ſie das Onkel George mit ganz anderer, trüber, leiſer Stimme und ſetzte ebenſo hinzu:„Du willſt nach mir ſehen.“ Dabei ließ ſie ihre Hände nieder⸗ ſinken, ehe die ſeinigen dieſelben erfaßt hatten, wandte ſich um und trat an ihren Schreibtiſch zurück, der an dem Fen⸗ ſter ſtand, welches George von Breda droben von der An⸗ 234 Einundſechzigſtes Kapitel. höhe geſehen, an demſelben Fenſter, welches Graf Helfenberg in den Plänen des Hauſes ſo eifrig betrachtete, und von welchem dieſer ſo ſüß und doch wieder ſo ſchmerzlich geträumt. Eugenie ſaß viel an dieſem Fenſter, und ſie ließ ſich auch jetzt wieder neben demſelben auf ihren kleinen Fauteuil nieder. Dann ſprach ſie:„Es iſt ſchön von dir, Onkel George, daß du nach mir ſiehſt.“ Der Baron hatte vorhin mit einem unnennbaren Schmerze bemerkt, daß ſie ihre Hände ſinken ließ, ſtatt ſie ihm, wie ſonſt, darzureichen. O, er hatte ſich darauf gefreut, dieſe lieben Hände wieder berühren zu können, er hatte auf dem Wege hieher viel darüber nachgedacht. Er wollte ſie freund⸗ lich an ſich ziehen, er wollte in das klare, glänzende Auge blicken und ſie dann haſtig ohne Vorbereitung fragen:„Nicht wahr, Eugenie, das haſt du nicht gethan, was mir Fremont erzählte? Du hatteſt mit dem Grafen Helfenberg keine Zu⸗ ſammenkünfte, du ſahſt ihn nicht dort in dem kleinen Hauſe in der Gaſſe am Blumenmarkte?— Nein, nein, gewiß nicht, ich glaube es nicht!“ So hatte er zu ihr ſprechen wollen, ſanft, innig, herzlich, und er war überzeugt, ſie würde alsdann lächelnd mit dem Kopfe ſchütteln, ihn mit ihren wunderbaren Augen anſchauen und dann ſagen:„Nein, Onkel George, gewiß nicht. Wie kannſt du ſo etwas glauben?“ O, es waren wilde, glühende Träume, die durch ſein Gehirn zuckten, die aber nun mit einem Male hohnlachend davon flatter⸗ ten, als ſie ſich von ihm abwandte, und eine tödtliche kalte Leere in ſeinem Herzen zurückließen,— eine Leere, die ſich gleich darauf mit grauſamen Geſpenſtern bevölkerte, welche ihm triumphirend zuriefen:„Vorüber iſt die Zeit, wo ſie ſich dir Erklärungen. 235 vertrauensvoll, wo ſie ſich dir liebend genähert; jetzt weicht ſie von dir zurück, ſie ſcheut deinen Blick,— das iſt die Schuld— die Schuld.“ „Willſt du dich nicht ſetzen, Onkel George?“ ſagte das junge Mädchen nach einer Pauſe, worauf der Baron ſtill⸗ ſchweigend einen anderen Fauteuil herbeirollte und ſich ihr gegenüber niederließ. Beide ſchauten ſich eine Sekunde lang an, und Eines fand, daß das Andere blaß und angegriffen ausſehe. „Es iſt doch ſchrecklich,“ unterbrach Eugenie das Still⸗ ſchweigen wieder,„was mit Andreas vorgeht, Nanette hat es mir ſo eben erzählt. Es hat dich gewiß alterirt, Onkel George.“ „Was denn?— Ah ſo! der Gärtner.— Ja, es paſ⸗ ſiren ſeltſame Sachen hier im Hauſe.“ Das junge Mädchen wandte ihren Blick dem Fenſter zu, worauf der Baron fortfuhr:„Du warſt leidend, Eugenie? Deine Tante hat es mir geſagt. Man ſieht es dir auch an. Doch ich hoffe, das iſt ſehr vorübergehend.“ „Ja, es wird vorübergehen,“ antwortete ſie mit einem leichten Seufzer.„Ich danke dir, Onkel George, daß du endlich einmal nach mir ſiehſt.“ „Daß du endlich einmal nach mir ſiehſt,“ hatte ſie geſagt, und dieſe Worte ließen das Herz des Mannes ihr gegenüber ſchneller ſchlagen. Hatte es ſie vielleicht geſchmerzt, daß er ſie zwei lange Tage vergeſſen? Hatte ſie ſich vielleicht deß⸗ halb von ihm gewandt und ihm nicht ihre Hände gereicht, wie ſie ſonſt immer zu thun pflegte? „Wenn ich auch nicht nach dir geſehen, meine gute Eu⸗ — 4 ——— ͤ 236 Einundſechzigſtes Kapitel. genie,“ ſagte er warm,„ſo war ich doch in Gedanken oft bei dir.“ „O, in Gedanken,“ entgegnete ſie träumeriſch, wie mit ſich ſelber ſprechend.„Du hatteſt doch freundliche Gehanken über mich, Onkel George?“ Sie hatte ihren leichten Seſſel ſo nahe an das große Fenſter gerückt, daß ſie den Arm auf die Brüſtung deſſelben legen konnte, was ſie auch that, worauf ſie den Kopf in die Hand legte und nun ihr Geſicht vom Wiederſcheine des Abend⸗ himmels leuchtend angeſtrahlt wurde. „Gewiß in freundlichen Gedanken,“ gab der Baron zur Antwort,„wie immer, wenn ich mich mit dir beſchäftige. Mögen auch dieſe Gedanken anfänglich oft ernſt, faſt trübe ſein, ſo ändern ſie ſich doch faſt jedes Mal, wenn ſie dich zum Gegenſtande haben; denn ich kenne dich, mein gutes Mädchen. Nicht wahr, Eugenie, ich habe dich immer ge⸗ kannt, wie du biſt?“ Er hätte in dieſem Augenblicke viel darum gegeben, wenn ſie ihm ihr Geſicht zugewandt und ihn vertrauensvoll ange⸗ ſchaut hätte. Aber ſie that das nicht, ſie blickte in die Land⸗ ſchaft hinaus, vielleicht in den dämmernden Himmel, der immer mehr erblaßte und ſeine trüberen Töne ebenſo auf ihren Zügen wiederſpiegelte. Es wollte Abend werden.— George von Breda bewegte ſich unruhig auf ſeinem Fau⸗ teuil; er fühlte, vorüber flog, und vielleicht unbenutzt, einer der günſtigſten Momente, um mit Eugenien zu ſprechen. „Ich war ausgeritten,“ ſagte er,„meinen alten, ge⸗ wöhnlichen Weg. Dort hinaus, wo es zum Gute deiner Eltern geht. Von der Höhe ſieht man mein Haus und, Erklärungen. 237 wenn ich nicht irre, auch das Fenſter, an dem du gerade ſitzeſt.“ „Ja, man wird es ſehen, Onkel George,“ erwiderte das Mädchen mit leiſer Stimme,„denn durch die faſt noch kahlen Zweige der Bäume erblicke ich von hier aus jene Anhöhe.“ Der Baron nickte mit dem Kopfe und fuhr fort:„Dort oben traf ich mich Fremont zuſammen, oder vielmehr er kam mir nach. Dann ritten wir eine Strecke mit einander.“ „Das war wohl angenehm für dich, Onkel George, denn der Herr Baron von Fremont kann recht unterhaltend ſein.“ „O ja, recht unterhaltend!“ verſetzte George mit einem ſo auffallenden Lachen, daß das junge Mädchen den Kopf herumwandte und ihn erſtaunt anblickte.„Sehr unterhaltend! Denke dir nur, Eugenie, in dieſer unſerer Unterhaltung war auch von dir die Rede. Wie kann das für mich anders als ſehr amuſant geweſen ſein?“ „Du biſt in einer eigenthümlichen Laune, Onkel George,“ ſprach ängſtlich das Mädchen.„Solche Worte habe ich noch nie von dir vernommen, und es macht mich faſt erſchrocken, wie du ſie ausſprichſt.“ „Du haſt Recht, ich bin ein wenig aufgeregt,“ gab er zur Antwort, indem er ſich mühſam bezwang, ruhig zu ſchei⸗ nen.„Das kommt aber daher, Eugenie, weil ich mich fürchte, mit dir über etwas zu reden, was mir ſchwer auf der Seele liegt.“ „O, ſprich darüber, Onkel George! Auch mir iſt es gerade zu Muthe, als ſollte ich von dir etwas erfahren, was mich tief bekümmerte.“ „Du haſt ganz richtige Ahnungen.“ 238 Einundſechzigſtes Kapitel. „Sehr richtige Ahnungen,“ wiederholte Eugenie mit faſt tonloſer Stimme. „Nun gut denn!— Ehe ich dir aber ſage, Eugenie, was mich betrübt— o, betrübt iſt nicht das rechte Wort,“ ſetzte er leidenſchaftlich hinzu—„was mich niederdrückt, was mir das Herz zerreißt, ſpreche ich meine Hoffnung aus, daß du mir ein paar Fragen mit, deiner gewöhnlichen Offenheit und Wahrheitsliebe beantworten werdeſt. Ich weiß, daß du nicht fähig biſt, eine Unwahrheit zu ſagen, daß dein Ja ein wirkliches Ja, dein Nein ein wirkliches Nein iſt. Und deßhalb zittere ich in Erwartung deiner Antwort.“ „Ich werde dir in Allem die Wahrheit ſagen, Onkel George,“ entgegnete Eugenie mit feſter Stimme. Es war unterdeſſen in dem Zimmer ſo dämmerig gewor⸗ den, daß Keiner der Beiden die Geſichtszüge des Anderen mehr recht unterſcheiden konnte. Der Baron ſah gegen das hellere Fenſter abgezeichnet die Geſtalt des jungen Mädchens in dunkeln Umriſſen, während er ſelbſt im tiefen Schatten ſaß. „Kennſt du den Grafen Helfenberg?“ fragte er mit leiſer Stimme. „Nein, Onkel George, ich kenne ihn nicht.“ Er athmete tief auf und ſagte dann:„So lange du draußen auf dem Gute wohnteſt, warſt du zuweilen in dem Hauſe des Jägers Klaus. Sahſt du dort nie Jemand, der dir unbekannt war, der dort nicht hinzugehören ſchien, der ſich mit dir unterhielt?“ „Niemand, als einen Neffen des Jägers Klaus.“ „Ein Neffe des Jägers?“ fragte der Baron in großer Spannung.—„Wer war das?“ Seine Worte mochten etwas heftig ſein, denn das junge Erklärungen. 239 Mädchen wandte abermals den Kopf in das Zimmer hinein und ſchwieg eine Weile, ehe ſie zur Antwort gab:„Der Neffe des Jägers war ein armer kranker Menſch; er erregte mir das tiefſte Mitleiden, und ich hielt es für ein Werk der Barmherzigkeit, freundlich mit ihm zu ſprechen, wenn ich ihn ſah.“ George von Breda war haſtig von ſeinem Stuhle empor⸗ geſprungen und ſchien mit Heftigkeit entgegnen zu wollen; doch beſann er ſich eines Anderen und preßte die Lippen auf einander; dann ſprach er, aber erſt nach einer Pauſe:„Und du ſollteſt nicht gewußt haben, daß jener arme kranke Menſch, der in ſo hohem Grade dein Mitleid erregte, an dem du durch freundliche Reden Werke der Barmherzigkeit übteſt, der Graf Helfenberg geweſen iſt?“ „Was ſagſt du, Onkel George?“ rief das Mädchen er⸗ ſchrocken.—„O, meine Ahnung!“, „Ah, du hatteſt alſo Ahnungen?“ fuhr der Baron bitter fort.„Aber deine Ahnungen waren nicht klar genug, um dir, wenn wir von dem kranken Grafen ſprachen, die hübſchen Scenen im Jägerhauſe ins Gedächtniß zurück zu rufen und dich auf die Idee kommen zu laſſen, als ſei der Neffe des Jägers und Graf Helfenberg eine und dieſelbe Perſon. Es fehlt dir doch ſonſt nicht an Phantaſie.“ „Ich verſtehe deine Vorwürfe, Onkel George,“ erwiderte Eugenie, ſchmerzlich bewegt,„o, ich verſtehe ſie ſehr, ſehr! Aber ich kann dir ſagen, daß ſie ungerecht ſind.“ Der Baron lachte laut auf und machte, um ſich zu ſam⸗ meln, einen Gang durch das Zimmer. Wie angenehm war es ihm in dieſem Augenblicke, daß er die Geſichtszüge Enge⸗ niens nicht erkennen konnte, daß er nicht ihr glänzendes Augs ———— — 240 Einundſechzigſtes Kapitel. ſah mit dem ſo lieben und offenen Blicke! Für das, was er zu ſagen hatte, war ihm die Dunkelheit gerade recht, und deßhalb erregte es in ihm ſogar ein unbehagliches Gefühl, als er einen Blick durch das Fenſter auf die Landſchaft warf und bemerkte, wie drüben der Mond aufgegangen ſein mußte und mit ſeinem bleichen Scheine die Bäume vor dem Fenſter, ja, dieſes ſelbſt ſtreifte. Nur Eugenie ſaß noch in tiefem Schatten und regte ſich nicht. „Gut,“ nahm er nach einer Pauſe wieder das Wort, „du kannteſt ihn alſo nicht, als du damals mit ihm an dem erwähnten Orte zuſammen kamſt?— Nehmen wir an, es ſei ſo. Doch muß das Mitleiden, welches du dem Grafen Helfenberg bewieſen, und die Freundlichkeit, mit der du ihn behandelt— auffallender Art geweſen ſein.— Ja, auf⸗ fallender Art,“ wiederholte er, als er ſah, daß das junge Mädchen am Fenſter zuſammen zuckte oder ein wenig ihre Haltung veränderte;„denn den Grafen brachten dein Mit⸗ leiden und deine Freundlichkeit dazu, dich leidenſchaftlich zu lieben.“ „O, Onkel George!“ „Dich ſo zu lieben,“ fuhr dieſer mit erhöhter Stimme fort,„daß er dich in einem rechtskräftigen Teſtamente zur Erbin eines großen Theiles ſeines Vermögens eingeſetzt.— Dazu gratulire ich dir. Uns aber, Eugenie, die wir dir mit ſo viel Offenheit und Liebe entgegen kamen, kann ich zu dei⸗ nem heimlichen Weſen nicht gratuliren.“ „Gott iſt mein Zeuge,“ ſprach das Mädchen mit zittern⸗ der Stimme,„daß ich nicht daran gedacht, Heimlichkeiten gegen dich zu haben. Du ſagteſt vorhin, mein Ja ſei Ja, mein Nein Nein. So glaube denn auch meiner Verſicherung, Erklärungen. 241 Onkel George, ich habe nichts davon gewußt, daß ich mit dem Grafen Helfenberg ſprach.“ „So galten alſo deine Freundlichkeiten dem Neffen des Jägers?— O laß mich das nicht glauben, Eugenie!“ „Ich will den Sinn deiner Worte nicht verſtehen,“ gab Eugenie mit erkünſtelter Ruhe zur Antwort.„Aber wenn ich dir etwas werth bin, Onkel George, ſo fahre nicht fort, mir ſo wehe zu thun.“ „Wenn du es wünſcheſt, werde ich ſchweigen,“ ſprach der Baron in kaltem Tone. „O nein, ſo ſollſt du nicht ſchweigen!“ rief ſie leiden⸗ ſchaftlich aus.„Dann ſprich lieber; ich will Alles geduldig anhören, und wenn es die härteſten Worte ſind.— Rede, Onkel George, ich bitte dich darum!“ Der Baron ging mit großen Schritten auf und ab; er kämpfte mit ſich ſelber, er ſchien unentſchloſſen; er war ſchon im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als ihn das Andenken an die vielen ſchmerzlichen Stunden, die er in der letzten Zeit verlebt, an die höhniſchen Reden Fremont's zurückhielt und ihm die Worte auspreßte: „Gut denn, bei deinen Zuſammenkünften im Hauſe des Jägers kannteſt du alſo den Grafen nicht?— Wer war es denn, Eugenie, dem du vor zwei Tagen, nachdem ich dich unten im Wintergarten zuletzt geſehen, in einer unſcheinbaren Gaſſe der Stadt, nahe bei dem Blumenmarkte ein Rendez⸗ vous gabſt?— Galt dieſes Rendezvous nicht dem Grafen Helfenberg?— Oder fand ſich Fräulein von Braachen dort mit dem Neffen des Jägers Klaus zuſammen?“ „Onkel George!“ rief das junge Mädchen heftig erregt Hackländer, Don Quixote. V. 16 ——— 8 ————— — . 7 1 2 ———— 242 Einundſechzigſtes Kapitel. aus! du ſagſt mir da entſetzliche Dinge, Dinge, an die du ſelbſt nicht glaubſt!“ „Ich werde nicht daran glauben, wenn du mir die Ver⸗ ſicherung gibſt, es ſei nicht ſo geweſen. Kannſt du das, Eugenie?“ Sie antwortete nicht, und der Baron wiederholte heftig ſeine Frage, indem er näher trat und mit ſeiner Hand die Lehne des kleinen Fauteuils, auf welchem er geſeſſen, faßte. „Kannſt du das, Eugenie? kannſt und willſt du?“ Das Mädchen blickte ſchweigend in den Abend hinaus, in das Mondlicht, welches jetzt nicht nur auf das Fenſter ſchien, ſondern auch ihr Geſicht mit ſeinem hellen Schimmer übergoß. Sie ſah entſetzlich bleich aus und ihre Augen ſtan⸗ den voll Thränen. „Sage mir ein einziges Wort, Eugenie!“ bat der Baron dringend und mit bebenden Lippen;„ein einziges Wort, es ſei nicht ſo, und ich will glücklich ſein.“ Eugenie bewegte die Lippen und er horchte athemlos auf ihre Worte. „Was wahr iſt, werde ich nie läugnen,“ ſprach ſie leiſe, aber beſtimmt.„Ich war dort in einem Hauſe jener unſchein⸗ baren Gaſſe, aber ich ging zu keiner Zuſammenkunft, Onkel George.“ „Und du trafſt dort nicht den Grafen?“ „Ich traf dort den Neffen des Jägers, den ich nur als ſolchen kannte.“ „Alſo dem Neffen des Jägers Klaus,“ rief der Baron in leidenſchaftlicher Heftigkeit ausbrechend,„gab Fräulein Eugenie von Braachen ein Rendezvous! Einem Menſchen zu Lieb, den du nicht kannteſt, ſetzteſt du deinen Namen, deinen Ruf aufs Erklärungen. 243 Spiel! Einem Unbekannten opferteſt du dies alles! Und du dachteſt nicht an den entſetzlichen Schmerz, den du uns— mir damit bereiten würdeſt?— einen Schmerz, der nur darin eine Linderung findet, indem ich mir ſage, daß ich mich in dir geirrt, daß du— daß du...“ „Onkel George!“ bat Eungenie flehend, denn ſie ahnte, daß ſie etwas Furchtbares hören würde. „Daß du—“ ſtieß er mühſam hervor, denn die Schläge ſeines Herzens drohten ihn zu erſticen——„daß du,“ rief er mit bebenden Lippen,„eine würdige Tochter deiner Mut⸗ ter biſt!“ Das unglückliche Mädchen preßte die Hände vor das Geſicht, ſie wollte aufſchreien— ſie brachte keinen Ton her⸗ aus; ſie verſuchte es, ſich von ihrem Stuhle zu erheben— ſie vermochte es nicht. Es vergingen ein paar qualvolle Sekunden, ehe ſie die Worte hervorbrachte:„Onkel George, das hätteſt du nicht ſagen müſſen, das iſt ein Unglück!“ O, wenn er in dieſem Moment ihr offenes, ehrliches Auge hätte erblicken können, die guten, lieben Züge ihres Ge⸗ ſichtes, deren Anblick ihn ſo oft beruhigt, beglückt!— Aber er ſah nichts vor ſich, als ihre zuſammengebrochene Ge⸗ ſtalt, einen ſchwarzen Schatten, deſſen Spiegelbild in ſeinem zerriſſenen Herzen ſtand, bereit, ſein ganzes künftiges Leben kalt und nächtig zu umziehen. „Ich habe es geſagt,“ ſprach er mit kaltem Tone;„ich habe geſagt, was mich mit Qualen der Hölle erfüllt, und werde fortan ſchweigen. Aber du haſt die Worte hervorgeru⸗ fen, die du vorhin gehört, du haſt dir ſelbſt zuzuſchreiben, was du in den letzten Tagen Furchtbares in meinem Hauſe erlebt. 24 8— —————— 3 4. ——=—— —— 2 —— — 244 Einundſechzigſtes Kapitel. Rechne du mit der Welt ab; ſie iſt einmal nicht anders. Und wenn der geringſte meiner Diener es gewagt, dich zu beleidi⸗ gen, ſo hat er vielleicht gedacht, er ſei nicht ſchlechter als der angebliche Neffe des Jägers.— O des Unglücks!“ fuhr er mit gebrochener Stimme fort,„o des Unglücks! ich kann den Gedanken nicht ertragen, er könnte mich wahnſinnig machen!“ Eugenie hatte ſich von ihrem Stuhle erhoben, langſam und anſcheinend ruhig; daß ſie das aber nicht war, ſah man an der leidenſchaftlichen Haſt, mit der ſie jetzt wieder ihre beiden Hände vor das Geſicht preßte, nachdem ſie den, welcher ſo zu ihr geſprochen, während ſeiner letzten Worte mit einem angſtvollen Blicke betrachtet. Der Schluß deſſen, was er ſagte, fiel mit einem ſchmerzlichen gellenden Aufſchrei zu⸗ ſammen, den das gequälte Mädchen ausſtieß, während ſie vor⸗ wärts ſtürzte bei dem Baron vorüber, und dann, als werde ſie von jähem Schrecken gejagt, in dem dunkeln Vorzimmer verſchwand. George von Breda ſtarrte ihr nach, er drückte ſeine Rechte vor die Augen, er athmete tief und ſchwer; er erwachte wie aus beängſtigendem Traume. Ja, ſie war fort, ſie ſaß nicht mehr vor ihm am Fenſter; der helle Schein des Mondes drang jetzt in das Gemach und zeigte den nun leeren Fauteuil, auf welchem ſie noch ſo eben geſeſſen, glänzte auf dem Papier ihres Schreibtiſches, den gerade noch ihre Hand berührt, zeigte das weiße Taſchentuch, das ihr entfallen war und auf dem Boden lag. Ihm war eeinen Augenblick zu Muth, als habe er all das Furchtbare, was ſich hier begeben, wirklich nur geträumt.— Und doch— nein, nein, es war nicht ſo! Dort war ſie hinaus geſtürzt aus dem Zimmer; ihr Gewand hatte ihn Erklärungen. 245 geſtreift; es war ihm, als habe er den kleinen Theil einer Sekunde lang den ſüßen Hauch ihres Mundes geſpürt, als ſie jenen ſchmerzlichen Schrei ausgeſtoßen.— Dann war ſie ver⸗ ſchwunden.— Ja, verſchwunden war ſie; er befand ſich allein in ihrem Zimmer, allein mit dem Mondlichte, das, gefühllos und kalt, doch mitleidiger als er geweſen war, denn es hatte ſanft ihre Wangen berührt, hatte die Thränen ihres Auges geküßt, während er unbarmherzig, ohne Mitleid ihr Herz zer⸗ riſſen.— Ah, Fluch dieſer entſetzlichen Stunde! Raſch eilte er an die Thür des Zimmers, dann auf den Gang, an die Treppe; er horchte in das Haus hinab— tiefe Stille herrſchte überall; doch nur einen Augenblick. Im näch⸗ ſten vernahm er den Geſang einer weiblichen Stimme, der gedämpft an ſein Ohr ſchlug. Es war das Kammermädchen Eugeniens, die zu ihrer Arbeit ſang. Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein! Der Baron eilte nach dem Corridor, nach dem Zimmer ſeiner Frau— Wie wollt' ich tief im Herzen Nur tragen dich allein! Er öffnete den Salon der Baronin; dort brannte ein Licht, mit dem er durch das ganze Appartement ſchritt. Es war Nie⸗ mand da. Dann eilte er die Treppen hinab, um ſich in den Wintergarten zu begeben; unten ſtand der Jäger Brenner an der geöffneten Hausthür. „Iſt meine Frau nicht zu Hauſe?“ „Die Frau Baronin iſt noch nicht zurückgekehrt,“ ant⸗ 246 Einundſechzigſtes Kapitel. wortete der treue Diener und betrachtete mit einem eigenthüm⸗ lichen Blicke die verſtörten Züge ſeines Herrn. „ aſt du,“ fragte dieſer zögernd,„Fräulein Eugenie ge⸗ ſehen?“ „Vor wenigen Minuten; das gnädige Fräulein gingen hier zum Hauſe hinaus.“ „Vielleicht nach dem Wintergarten?“ „Ich glaube nicht, denn ich ſelbſt habe die Thüren, die ins Freie führen, verſchloſſen.“ „Und wohin ging ſie?“ fragte der Baron, und ein furcht⸗ barer Gedanke überfiel ihn mit ſo niederſchmetternder Gewalt, daß er unwillkürlich ſeine Hand auf das Schloß der Thür legte. „Ich kann mich irren,“ entgegnete der Diener,„aber es war, als eilten das gnädige Fräulein zum Hofthor hinaus.“ „Bei dunkler Nacht?— Biſt du wahnſinnig?“ Herr von Breda biß ſich die Lippen blutig und ſetzte nach einer Pauſe, ſich bezwingend, hinzu:„Ah! es iſt möglich. Vielleicht hat ſie der ſchöne Abend ins Freie gelockt; ſie wird meiner Frau ein paar Schritte entgegen gegangen ſein.— Laß mir ein Pferd ſatteln!“ rief er nach einigem Nachdenken plötzlich mit großer Heftigkeit.„Aber ſchnell, ſchnell!“ „Soll ich Lord vorführen laſſen?“ „Welches du willſt, nur ſo raſch wie möglich.“ Während der Jäger nach dem Stall eilte, den erhaltenen Befehl auszurichten, und dann als ein umſichtiger Diener den Hut ſeines Herrn aus dem Eßzimmer holte, lehnte George von Breda an der Thür ſeines Hauſes mit Gefühlen und Gedanken, die in ihrem furchtbaren blitzähnlichen Erſcheinen und Verſchwin⸗ den ſchwer zu beſchreiben ſind. Zuweilen raffte er ſich auf und Erklärungen. 247 machte ein paar Schritte gegen die Treppe, wo er aber auf der oberſten Stufe ſtehen blieb und ſcharf in die Nacht hinaus ſchaute, als ſei es ihm möglich, durch Häuſer und Mauern hindurch etwas von ihr zu erblicken. Aber ſo emſig er auch ſpähte, es blieb Alles rings umher ſtill und ohne Bewegung. Auf das Glasdach des Wintergartens warf das Mondlicht helle Strahlen und carikirte die Formen deſſelben auf den Kies des Hofes in langgeſtreckten Schattenbildern. Jetzt kam einer der Reitknechte um das Glashaus herum, ein Pferd im Trabe herumführend. Lord war es nicht; Lord hatte einen ſeiner Hufe geſchont, als man ihn vor einer Stunde in den Stall zog. Es war ein kleineres braunes Pferd, welches Eugenie zu reiten pflegte. George von Breda ſchwang ſich in den Sattel, nachdem er aus den Händen des Jägers ſeinen Hut genommen, den dieſer darreichte, und ritt hierauf abſichtlich im Schritt zum Hofe hinaus. Vor demſelben wandte er ſich rechts und trabte dann die uns bekannte Anhöhe ſcharf hinauf, wobei er aufmerkſam vor ſich hinſpähte; er konnte die breite Straße, die in dem weißen Mondlichte ſo hell vor ihm lag, bis oben überſehen— er bemerkte jedoch nicht das Geringſte. Zuweilen hielt er ſein Pferd an und zwang es, Momente lang ruhig zu ſtehen, wobei er angeſtrengt in die Nacht hinaus horchte, um irgend etwas zu vernehmen, was er doch wohl nicht hätte vernehmen können— umſonſt; es herrſchte tiefe. Stille, es rauſchten nicht einmal die Zweige, es flüſterte nicht das alte erſtorbene Gras, denn es ſpielte nicht das leiſeſte Lüftchen über Berg und Thal. Dem Reiter kam es in ſeinen wilden Träumereien vor, als halte die Natur erwartungsvoll ihren Athem an ſich. 248 Einundſechzigſtes Kapitel. Der Baron hatte die Anhöhe erreicht, und als er ab⸗ wärts blickte, wo ſich links der Waldweg abzweigte, da war es ihm, als ſehe eer dort in die Schatten hinein eine helle Geſtalt verſchwinden. So raſch ſein ſchwaches Pferd den Ab⸗ hang hinab zu laufen vermochte, ging es dahin, und es dauerte nicht lange, ſo bog er von der breiten Straße ab in den be⸗ kannten verwahrlosten Pfad ein. Hier betraten die Hufe ſeines Roſſes weiches Moos und hervorſprießendes Gras, wodurch der Schall derſelben ſo gedämpft wurde, daß er ſelbſt kaum etwas davon vernahm und es ihm faſt unheimlich er⸗ ſchien, ſo wie ein Schatten dahin zu gleiten. Das Mondlicht drang hier und da durch die noch wenig belaubten Zweige, warf auf die Straße ſelbſt und an die an⸗ grenzenden Gebüſche ſeltſame Schatten und Lichter, und zu⸗ weilen ſtreifte der kalte glänzende Schein das Geſicht des Reiters. Aber er merkte nicht darauf, er ritt vorwärts, ſo raſch es nur immer gehen wollte, und ihm voraus drangen ſeine unruhig ſpähenden Blicke, Schatten und Buſchwerk durch⸗ dringend. Jetzt— ja, er täuſchte ſich nicht— dort vor ihm auf der linken Seite des Weges ſchwebte eine helle Geſtalt; bei der nächſten Biegung des Pfades verſchwand ſie, um gleich darauf wieder zum Vorſchein zu kommen. Doch befand ſie ſich nicht auf dem Waldwege; er ſah ſie jenſeits des ziemlich breiten und tiefen Grabens, welcher denſelben begrenzte; ſie ſchien nicht zu fliehen, ſie wandelte oder ſchwebte vielmehr ruhig dahin. Er wußte ſelbſt nicht, warum ihn ein eigen⸗ thümliches Grauſen erfaßte, als er die weiße Geſtalt vor ſich erblickte; es war ihm zu Muthe, als ſei er ſelbſt mit dem ſchnellſten Pferde nicht im Stande, ſie zu erreichen, obgleich 8 — 8 Erklärungen. 249 ſie anſcheinend ohne große Geſchwindigkeit dahin glitt; er fühlte, wie ein Schauder ſeinen Körper durchflog; er verſpürte ein ſeltſames Fröſteln; er ſah ſich unwillkürlich genöthigt, eine Anſtrengung zu machen, um feſt im Sattel zu bleiben. Es flatterte wie ein Nebel vor ſeinem Geſicht, und wenn er auch verſuchte, über ſich ſelbſt zu lächeln, ſo bedeckte er doch für ein paar Sekunden lang die Augen mit der rechten Hand.— Dort war die weiße Geſtalt, wie er ſie vorhin geſehen, und er bemerkte, daß er ſich ihr jetzt raſch nähere. Bald war er im Stande, die Umriſſe ihrer Figur zu erkennen— ja, es war Eugenie, die lautlos und ohne aufzublicken, auf wenige Schritte Entfernung neben ihm wandelte. Er verſuchte es, ihren Namen auszuſprechen, und wenn auch derſelbe laut und deutlich in ſeinem Herzen wiederklang, ſo ſchien ſie ihn doch nicht gehört zu haben; wenigſtens bemerkte man an ihr keine Bewegung, ſie ſetzte auch ruhig ihren Weg fort, den Kopf auf den Boden geſenkt, die Hände herabhängend. Wieder erfaßte ihn der ſeltſame Schauder wie vorhin, doch verſuchte er es, zu lächeln und näherte ſich dem Graben ſo viel wie möglich. Wohl kannte er denſelben von ſeinen häufigen Ritten; er wußte, wie tief und breit er war, und jetzt maß er ihn noch einmal beim zweifelhaften Lichte des Mondes mit langſam prüfendem Blicke. Lord hätte ihn hin⸗ übergetragen; ob auch das ſchwächere Pferd? Nochmals rief er ihren Namen, und damit das geringe Geräuſch, welches die Hufe ſeines Pferdes machten, ſeine Worte nicht übertönen ſollte, zog er die Zügel an und bog ſich, ſo weit es ihm möglich war, zu ihr hinüber. „Eugenie,“ ſagte er,„ich beſchwöre dich, ſetze deinen Weg nicht ſo kalt und theilnahmlos fort; laß mich einen Augenblick 250 Einundſechzigſtes Kapitel. zu dir ſprechen, laß mich dir ſagen, wie mein Herz gelitten, wie mich Andere gequält haben und ich mich ſelbſt, ehe ich jene unglückſeligen Worte ſprach, die dich begreiflicherweiſe ſo ſchwer verletzen mußten.“ Die weiße Geſtalt glitt neben ihm dahin, ohne aufzu— blicken, ohne das geringſte Zeichen einer Bewegung. „O Engenie!“ rief der Baron leidenſchaftlich.„Und weiß ich doch nicht einmal, ob du es wirklich biſt, du läſſeſt mich dein Geſicht nicht ſehen, du ſchwebſt dahin wie ein Phantom. O, bei allem, was dir heilig und theuer iſt, wende deinen Blick gegen mich, ſage mir nur ein einziges Wort, ſei es das härteſte; nur ein Wort, nur eine Silbe! laß mich den Klang deiner Stimme hören!“ Und fort glitt die weiße Geſtalt, ohne aufzuſchauen, ohne Zeichen des Lebens. „Biſt du es nicht, Eugenie, die ich da vor mir ſehe?— Ah, thörichte Gedanken!— ja, du biſt es!— Ich erkenne deine Geſtalt, ich erkenne deinen Gang, wie könnte ich mich täuſchen!— Aber ich flehe dich an, Eugenie, ſage mir ein einziges Wort. Wie kann ſich dein Herz ſo plötzlich verhärtet haben! Be⸗ denkſt du nicht, wo du wandelſt, mein armes, liebes Mädchen? kennſt du dieſen Weg nicht mehr?— O, ſprich mit mir bei den freundlichen Erinnerungen, die er auch in dir hervorrufen muß!— Ich geſtehe es dir ein, ich habe entſetzliche Reden gegen dich ausgeſtoßen— ich war im Wahnſinn. Aber laß mich dir ſagen, was ich gelitten, wie namenlos elend ich war, und du wirſt, du mußt mir verzeihen.— Ah,“ fuhr Herr von Breda erſchrocken fort, als er ſah, wie unbeirrt durch ſeine Reden die weiße Geſtalt vor ihm dahin ſchwebte,„es iſt nicht gut von dir, Eugenie, ſo zu handeln; du fühlſt nicht, wie wild —— Erklärungen. 251 mein Herz ſchlägt, wie mein Blut tobt. Gib mir ein Zeichen, daß du mich hörſt, ſei es ſelbſt ein Zeichen, das mich noch unglücklicher macht, als ich es ſchon bin, eine abwehrende Be⸗ wegung mit der Hand. Ich will derſelben folgen, ich will umkehren und es deiner Güte, deiner Barmherzigkeit überlaſſen, was du thun willſt. O, nur ein Zeichen— ein Zeichen!— du kannſt es mir geben, du ſollſt es mir geben, du mußt es mir geben!“ Und als die weiße Geſtalt hierauf ihren Gang nicht hemmte, ſondern ruhig wie bisher dahin glitt, faßte er in furchtbarer Aufregung die Zügel ſeines Pferdes feſter, nahm das ſchwache Thier zuſammen, und nachdem er es ein paar Schritte von dem Graben zurückgezogen, zwang er es zu einem Sprung über denſelben.—— —— Da war es, als ſtürze der Himmel auf ihn herab und habe ihn unter ſeinen Trümmern begraben, oder als ſinke er in einen tiefen Abgrund, der ſich langſam über ihm ſchlöße. Es umgab ihn finſtere Nacht, in welcher mit einem Male un⸗ zählige Sterne raſtlos umherzuckten; lange, lange rollten die glänzenden Körper wie leuchtende Blitze über ihn dahin, ſie ſtrebten ſichtbar nach Vereinigung, doch wenn ſie ſich näherten, um in einander zu fließen, ſo ſtießen ſie ſich wieder ab und begannen aufs Neue ihren wahnſinnigen Kreislauf. Dann, nachdem er in tiefer Betäubung lange darauf gewartet, floſſen zwei in einander, dann drei und vier und bildeten eine däm⸗ merige Helle in der tiefen Finſterniß, die ihn umgab. Er athmete wieder ſehnſüchtig aufblickend nach dem Schimmer, der ſich über ſeinem Haupte mehr und mehr vergrößerte. Endlich zuckten matte Strahlen von ihm aus; dieſe Strahlen riſſen in zackige Gebilde aus einander; die Finſterniß um ihn her verſchwand mehr und mehr, und es war ihm, als ſchwebe —⸗——————;;ZBC——mn—— 252 Einundſechzigſtes Kapitel. er aus einer tiefen Kluft empor an die Oberfläche der Erde, und er bemerkte, wie die kühle Nacht ſeine Stirn fächelte, wie das bleiche Mondlicht in ſeine halb geöffneten Augen drang. In dieſem Momente fühlte der Baron deutlich, daß er nicht mehr, wie er bisher zu thun geglaubt, ſanft aufwärts ſchwebe, ſondern daß ihn eine rauhe Wirklichkeit erfaßt und ihn unſanft empor reiße. Doch führte dieſe Erſchütterung ſeine Beſinnung raſch zurück; er hielt etwas krampfhaft zwi⸗ ſchen ſeinen Händen, was ihn gewaltſam empor zog; er öffnete die Augen, er konnte ſich erinnern, wo er war, was ihn hie⸗ her geführt; er hatte mit ſeinem Pferde über den Graben ſetzen wollen, das ſchwache Thier war geſtürzt und hatte ihn heftig zu Boden geworfen. Wie lange er ſo gelegen, wußte er nicht, jetzt aber bemerkte er, daß es ſein Pferd war, welches ihn empor geriſſen, und deſſen Sattel er niederſtürzend mit den Fingern erhaſcht und krampfhaft feſtgehalten. Ah, der heutige Abend!— Dieſer trat nun wieder mit all dem Entſetzlichen, was er an demſelben erlebt, vor ſeine Seele; er fühlte wieder, was er vorhin empfunden, aber nicht mehr ſo wild und ſchmerzlich wie bisher; es lag wie ein Schleier über ſeinem Gedächtniß, und wenn er an Eugenie dachte, an die furchtbaren Worte, die er ihr vor Kurzem ge⸗ ſagt, an ihr Verſchwinden, an ſeinen nächtlichen Ritt, an den Waldweg und die weiße Geſtalt, ſo kam ihm das alles vor, als habe er es vor Jahren erlebt, ſo wollte es ihm nicht das Herz zerbrechen, wie eben noch, ſo berührte es ihn wie ein ſanf⸗ tes Weh. Es war ihm, als ſinge ihm Jemand ein trauriges Lied von dem, was er gelitten, und was ihn dabei am heftig⸗ ſten erſchütterte, war der Klang der Stimme, welche das melan⸗ Erklärungen. 253 choliſche Lied ſang— o, eine Stimme, deren Ton ihn ſchmerzte und ihm doch wieder ſo wohl that,— ihre Stimme. „Onkel George!“ tönte es neben ihm;„ich mußte dich verlaſſen; bei Gott! ich konnte nicht anders; ich mußte den Ort fliehen, wo ich ſo glücklich, o ſehr glücklich geweſen bin, und dann wieder ſo namenlos elend. Ich durfte dir auch vorhin nicht antworten, als ich dich an meiner Seite ſah,— V während deſſen habe ich innig gebetet, um deine Worte nicht zu hören, um ſie von meinem Herzen abzuwehren. O, ſie wollten immer eindringen, und wenn ſie das gethan, ſo hätte ich umkehren müſſen und dir entgegen fliegen, wie in ſchönen, glücklichen Tagen, was ja doch nicht ſein kann nach dem, was du mir geſagt. Deine Worte haben den Schleier zerriſſen, der meine Sinne befangen hielt; ich ſehe klar und deutlich in dein Herz, in das meinige.— O Onkel George, ſtarre nicht ſo entſetzlich vor dich hin; jetzt flehe ich dich an, wende dein Auge zu mir, ich bin es ja, die zu dir ſpricht, ich, 1 b Eugenie——— deine Eugenie.“ „So, du biſt es wirklich?“ ſagte er leiſe, wie aus einem tiefen Traum erwachend,„es iſt kein Geſpenſt, keine weiße Ge⸗ ſtalt, die vor mir dahin ſchwebte und mich verlockend nach ſich zog?—— Ja, ich erkenne deine Stimme, deine ſüße Stimme.— Und—— da biſt du wirklich.“ Er ſchaute empor und ſah das geliebte Mädchen vom Mondlicht umfloſſen vor ſich ſtehen; er ſah ihr bleiches, ſo liebes Geſicht, er ſah ihre wunderbaren Augen.„Ja, ja, du biſt es, Eugenie,“ fuhr er. fort, nachdem er das Geſicht einen Moment mit der Hand I beſchattet.„Du biſt zurückgekommen, um—— Abſchied von mir zu nehmen.“ „Ja, Onkel George,“ rief das Mädchen haſtig und 254 Einundſechzigſtes Kapitel. leidenſchaftlich,„um Abſchied von dir zu nehmen! Das fühlſt du wohl.“. Bei dieſen Worten reichte ſie ihm beide Hände, die er zögernd ergriff, dann aber, als er deren warmen Druck fühlte, krampfhaft feſthielt. „Ich fühle es,“ gab er leiſe zur Antwort,„daß du mich fliehen mußt; aber der Grund, warum du mich fliehſt, iſt ſo ſchrecklich für mich, und doch wieder ſo ſüß—— du fliehſt mich, weil du mich liebſt, Eugenie.—— O, beſtätige meine Worte nicht!“ ſetzte er haſtig hinzu,„um alles nicht, was dir heilig iſt! Denn wenn du es thuſt, wirſt du mir im nächſten Augenblick entſchwinden wie eine herrliche Phantaſie, wie ein ſüßer Traum, wie ein Engel, der in ſeinen Himmel zurück⸗ kehrt.“ „So wird es ſein— es muß ſich ſo erfüllen, und ich danke Gott für dieſen Augenblick. Ja, ja,“ rief Eugenie mit einer furchtbaren Leidenſchaftlichkeit,„ja, ja, George, ich liebe dich, wie man auf dieſer Welt etwas lieben kann! ich habe dich lange geliebt und nur in dir gelebt, unbewußt geliebt und ſo gelebt. Und als es mir endlich klar geworden, hat mich ein Schauer überflogen, ein Schauer des tiefſten Schmerzes und doch wieder der höchſten Luſt und Seligkeit!— O mein George, und wie gut iſt es, daß Alles ſo gekommen! Es konnte nicht anders kommen; wir hätten uns beide noch un⸗ glücklicher, noch elender gemacht, als wir es ſo ſchon geworden ſind.— Laß mich nicht dieſen tiefen Schmerz auf deinem Geſichte leſen! O, glaube mir, auch ich fühle dein und mein Unglück, aber ich fühle auch wieder, daß wir jetzt einen Augen⸗ blick durchleben, einen ſüßen, ſeligen Augenblick, der eine Reihe von traurigen Jahren werth iſt; das iſt mein Gedanke, und Erklärungen. 255 in ihm will ich leben und wohl lange Jahre mich damit be⸗ gnügen.“ Sie hatte ſich ihm genähert, ſo mit ihrer weichen, ange⸗ nehmen Stimme ſprechend, er zog ſie ſanft an ſich, und als das junge Mädchen an ſeine Bruſt ſank, fühlte auch er, daß er einen ſüßen, ſeligen Augenblick verlebte, der im Stande ſei, ſein Leben eine lange, lange Zeit hindurch freundlich aus⸗ zuſchmücken. Er beugte ſein Haupt auf ihr Geſicht nieder, da berührte er mit dem Munde ihr duftendes Haar, ſie zuckte leicht zuſammen, aber ſie ſchmiegte ſich feſter an ihn. Er küßte ihre Stirn und Augen und preßte ſeine Lippen auf die ihri⸗ gen, lange, lange,— eine Ewigkeit des Glücks und doch wieder ein ſo kurzer Moment. Darauf richtete ſich Eugenie in ſeinem Arme empor, nicht zurückfahrend, nicht erſchreckt, nein, ruhig und mild, und als er vor innerer Aufregung und gewaltigem Schmerze faſt wei⸗ nend ausrief:„O meine Eugenie, ſo gefunden und verloren!“ und als er ſie aufs Neue an ſein klopfendes Herz zog, ent⸗ wand ſie ſich ihm nicht; ihre Lippen fanden ſich wieder und ruhten abermals auf einander im herrlichen Rauſche einer kurzen Seligkeit. Dann ließ ſie ſanft ihren Arm herabſinken, welchen ſie vertrauensvoll auf ſeine Schulter gelegt, und ihre Hand in die ſeinige gleiten, worauf er ſprach:„So müſſen wir uns alſo trennen, Eugenie; aber noch nicht ſo bald, aber noch nicht in nächſter Sekunde. Du mußt mir ſchon geſtatten, daß ich dich geleite bis ans Haus deiner Eltern. Dort will ich von dir Abſchied nehmen.“ „Das habe ich erwartet, George,“ erwiderte das junge 256 Einundſechzigſtes Kapitel. Mädchen,„und ich freue mich, dieſen Weg nochmals mit dir zu machen.“ Und ſo gingen ſie dahin, Hand in Hand; das Pferd des Barons, deſſen Zügel er um den Arm geſchlungen, folgte. „Es iſt nicht das erſte Mal, daß wir im Mondſchein dieſen Weg machen,“ ſagte Eugenie, nachdem ſie ein paar Schritte gegangen.„Weißt du, George, ich habe dich früher oft bis zur kleinen Brücke begleitet, als ich noch ein kleines Mädchen war und dich mit meinen ſeltſamen Fragen quälte. — Siehſt du dort jenen Baum, deſſen Zweige von allen Sei⸗ ten wie Schleier herabhängen und den Stamm faſt verdecken, ſo daß ihn nur hier und da ein feiner Strahl des Mond⸗ lichtes treffen kann?— Der Baum ſtand damals gerade ſo wie heute, und ich fragte dich: Warum hängen die Zweige ſo herab?— Erinnerſt du dich?“ „Ob ich mich erinnere!“ verſetzte George traurig. „Auf meine Frage gabſt du mir zur Antwort: Die Zweige drängen ſich ſo dicht um den Stamm, damit ihnen nichts von den Erzählungen deſſelben verloren gehe, die er ihnen im Mondſchein hält; ſie lauſchen aufmerkſam ſeinen Worten, wie Kinder und Enkel auf die Worte der Großmut⸗ ter, die ſich auch ſo um ſie her ſchaaren.“ So gingen ſie dahin, Hand in Hand, und das Pferd folgte. „Später bin ich einmal allein zu dem Baume gegangen,“ fuhr Eugenie fort,„und ſchlich mich hinter die Zweige, um von ſeinen Erzählungen zu vernehmen; aber er war ſtumm für mich, ich verſtand nichts von dem Geflüſter ſeiner Blätter und Aeſte.“ „Das kommt daher,“ verſetzte gedankenvoll der Baron, n Erklärungen. 257 daß dein Herz damals noch nicht im Stande war, die Sprache all der ſcheinbar lebloſen Gegenſtände zu verſtehen. Du hatteſt noch nicht gelitten, du hatteſt noch nicht die Sprache des Lei⸗ des, die Sprache getäuſchter Hoffnungen gelernt. Betrachte dir jetzt den Baum, mein gutes Mädchen; ſpricht er nicht zu dir?“ „O, ich verſtehe dich, George,“ erwiderte Eugenie mit bebender Stimme.„Ja, jetzt erzählt er mir von jenen vergangenen glücklichen Stunden, wo ich ihn zuerſt geſehen.“ „Und nun, nachdem du ſeine Sprache gelernt, wird er dir immerfort erzählen, ſo oft du ihn ſiehſt, Angenehmes und Trauriges, vielleicht mehr des Letzteren. Mir hat er ſchon oft mit dem Geflüſter ſeiner Zweige das Herz zerriſſen, und wenn ich ihn noch häufig ſehen müßte, ich glaube, es wäre mein Tod— und mein Glück,“ ſetzte er mit dumpfem Tone hinzu.„Aber nicht er allein erzählt mir ſo Furchtbares, auch dort die beiden halb zertrümmerten Thorpfeiler, die Bank, wo du ſo oft geſeſſen, Eugenie, der Weg, den wir häufig ge⸗ gangen, alles das erfüllt mich mit wildem Schmerz, denn es ruft mir dein Bild zurück.“ „So denke an mich, George, wie ich an dich denken werde, gern, herzlich und ruhig.“ „O, ich habe nicht dein Gemüth!“ rief er ſchmerzlich. „Dein Herz iſt groß, gut und rein; ich werde deiner gedenken nicht ſanft und ruhig, ſondern mit wilder Leidenſchaft; ich werde dein Bild ſehen bei Tag und Nacht, im Strahl der Sonne und des Mondlichtes, am blauen Himmel, unter dem Grün der Bäume, im glänzenden Thautropfen, in jeder auf⸗ Hackländer, Don Quixote. V. 17 258 Einundſechzigſtes Kapitel. blühenden Roſe. Und alles, alles das wird mir ſagen, daß ich dich verloren.“ „So komme dem zuvor,“ gab das Mädchen mit weicher Stimme zur Antwort;„ſage es dir ſelber, George, feſt und beſtimmt, daß es ja doch nicht anders ſein kann. Und nun — lebe wohl! Dort ſehe ich Licht zwiſchen den Bäumen her⸗ vorſchimmern, es iſt im Salon meiner Mutter.“ „Aber deine Ankunft wird ſie erſchrecken.“ „Gewiß nicht, George,“ erwiderte Eugenie kopfſchüttelnd; „ſie iſt darauf vorbereitet; ſie ſagte mir vor Wochen etwas Aehnliches, was mich damals mit Schrecken erfüllte, da ich ſie nicht vollkommen verſtand. Jetzt verſtehe ich ſie; meine Mutter wird glücklich ſein, mich wiederzuſehen.“ „Und ich ſoll dich nicht wiederſehen, Eugenie?“ rief der Baron in wildem Schmerze, indem er das Mädchen feſt an ſich drückte. „Wer ſagt das, George?— Das zu denken, wäre mir fürchterlich. Wir werden uns noch oft wiederſehen, ruhiger, heiterer.“ „Vielleicht auch glücklicher, Eugenie!“ ſprach George von Breda leidenſchaftlich. Sie hob das Geſicht empor und blickte nach den Ster⸗ nen, die in ihrer milden, beruhigenden Pracht am Himmel funkelten. „Laß mir meine Faſſung,“ bat ſie alsdann,„die ich mir ſo mühſam errungen.— Gute Nacht, George!“ „Gute Nacht, meine Eugenie!— Gott ſei mir gnädig! Gute Nacht!“ 4 Damit ſchieden ſie, und als Beide den Platz verlaſſen, Erklärungen. 259 wo ſie zu einander geſprochen, flüſterte das Gras geheimniß⸗ voll, vom Nachtwinde bewegt, das Mondlicht zitterte darüber hin, die Sterne blickten traulich und gleichmüthig herab, als ſei dieſer Platz, wo zwei Herzen ſo unſäglich gelitten, gerade wie jeder andere auf der weiten, weiten Welt. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Der Neffe des Jägers. Q˖-— V Wie Eugenie die Nacht verbracht, das wußte ſie eigent⸗ lich ſelbſt nicht, obgleich ſie wenig geſchlafen. Sie hatte ein Traumleben geführt, ihr Inneres hatte ſich mit Träumen beſchäftigt, die, wie ſie entſtehen, wieder verſchwinden und jetzt tiefen Schmerz, dann unendliches Wohlbehagen in uns zurücklaſſen. Wie das junge Mädchen ſo plötzlich ins Haus gekommen, war Alles höchſt überraſcht, aber der alte Baron vergaß dieſe Ueberraſchung recht bald wieder in der Freude ſeines Herzens, ſeine Tochter um ſich zu haben, und lachte ſo heiter und vergnügt, als ihm ſeine Frau ſagte, es ſei doch eine eigene Grille von Eugenie, ſo beim Einbruch der Nacht an⸗ zukommen und das väterliche Haus für ein paar Tage mit ihrer Gegenwart zu beglücken. Dieſer Ausdruck kam ihm außerordentlich ſpaßhaft vor, und als er vom Lachen darüber kaum wieder zu ſich ſelbſt gekommen, fing er aufs Neue — 8. — ——— —-rꝛ— Der Neffe des Jägers. 261 an, über das Geſicht, welches Onkel George morgen früh machen würde, wenn Eugenie nicht zum Frühſtück käme, ſich zu beluſtigen. Das arme Mädchen litt nicht wenig unter den Aus⸗ brüchen dieſer Heiterkeit, und um ihr zu entgehen, hätte ſie ſich, ſo ſpät es auch bereits war, doch noch in das bewußte Zimmer ihres Vaters führen laſſen, um die alten Scherben zu bewundern, mit welcher die Sammlung während ihrer Abweſenheit vermehrt worden war. Doch that Frau von Braachen hiergegen Einſpruch; ſie hatte ihre Tochter, erſchreckt von deren plötzlichem Erſcheinen zu ſo ſpäter ungewohnter Stunde, forſchend angeblickt, und ihrem geübten Auge war es nicht entgangen, daß das Lächeln auf deren Lippen ein ſchwacher Verſuch war, ein tiefes Weh nicht ſehen zu laſſen, welches ihr Herz erfüllte. Die Zeit, bis ſich der Baron zur Ruhe begab, däuchte ihr eine Ewigkeit, und als dies endlich geſchehen und ſie mit ihrer Tochter allein war, faßte ſie deren beide Hände, zog ſie ſanft an ſich, und um Eugenien das Reden zu erleichtern, ſagte ſie ihr, ohne daß ſie von dem Vorgefallenen etwas ge⸗ wußt hätte, doch alles das, was ſich begeben haben mußte und was ſie ahnungsvoll lange vorher gefühlt, daß es ſich ſo begeben würde. Unter wohlthätigen Thränen fügte Eugenie Einzelheiten bei, und bald hatte Frau von Braachen das vollſtändige troſtloſe Bild deſſen, was wir uns bemüht, dem geneigten Leſer im vorſtehenden Kapitel anſchaulich zu machen. Lange ſprachen Mutter und Tochter mit einander, lange und ernſt, wobei zuweilen Eugenie, in Thränen ausbrechend, flehentlich bat, von ihr nicht zu verlangen, was ſein und ihr 262 Zweinndſechzigſtes Kapitel. Herz brechen müſſe, und wo auch wiederum Frau von Braa⸗ chen das junge Mädchen weinend an ſich drückte und ſie be⸗ ſchwor, einen Schritt zu thun, der vielleicht im Stande ſei, in das zerrüttete traurige Haus Ruhe und Frieden zu bringen. „Und wenn ich dir jedes Opfer brächte, Mutter,“ ſagte Eugenie,—„und ich weiß wohl, es iſt meine Pflicht, mich für dich und den Vater zu opfern,— würde es unſerem Fa⸗ milienleben, das du mir eben in ſo ſchöner Geſtalt vor Augen gezaubert, etwas nützen können? Wird nicht,“ ſetzte ſie mit ganz leiſer Stimme hinzu und erhob die gefalteten Hände an ihre Stirn,„ein Schatten bleiben, traurig genug für dich, grauſenhaft für uns Andere?“ Frau von Braachen machte bei dieſer Aeußerung ihrer Tochter einen Gang an den Schreibtiſch, nahm aus einem Fache einen Brief und ſagte, indem ſie denſelben Eugenien darreichte:„Ein Schatten wird es allerdings bleiben, aber nur für mich.“ Und dann ſetzte ſie hinzu, nachdem Eugenie einen Blick in das Papier geworfen und es ihrer Mutter ſchaudernd zurückgegeben:„Laß die Todten ruhen.“ „Amen!“ ſprach das unglückliche Mädchen, und„Amen!“ wiederholte ſie innig, während ſie ihre Hände in wildem Schmerze vors Geſicht preßte;„Amen! laßt die Todten ruhen.“ Sie ſchluchzte laut und gewaltſam, wobei ihre Thränen zwi⸗ ſchen den Fingern hervorquollen. Sie hatte doch lindernde Thränen, die einem Anderen verſagt waren, einem Anderen, der auf müdem, ſtolperndem Pferde einſam in der Nacht durch Feld und Wald ritt, in einem weiten Bogen um die Stelle auf dieſer Erde, die ſein einziges Glück barg. Als Mutter und Tochter von einander gingen, hatte die Der Neffe des Jägers. 263 Baronin wie ſegnend die Hände auf das Haupt ihres Kindes gelegt und dann, als Eugenie ſprach:„Ich will ſo thun, wie du es wünſcheſt,“ dankend empor geblickt. Dann war das junge Mädchen ſchwankend auf ihr Zim⸗ mer gegangen, und als ſie dort die alten bekannten Gegen⸗ ſtände ſo unverändert wieder ſah, nach jenem kurzen Zeit⸗ raume, der ſo viel Glück und Elend über ſie gebracht, ſank ſie am Fenſter auf die Kniee nieder, verbarg das Geſicht in ihre Hände und betete lange und inbrünſtig. Sie war ge⸗ faßter, als ſie ſich wieder erhob und an dem Fenſter lehnend in die Nacht hinaus blickte. Es ſchwebte eine feierliche Ruhe über dem Spiegel des See's, über dem Raſen des Bodens, über dem Gipfel der Bäume. Sie ſtand da lange, lange; ſie ſah die Scheibe des Mondes auf dem glatten Waſſer glänzen, und alsdann dieſes nur geheimnißvoll leuchten, da das Geſtirn der Nacht hinter den Bäumen verſchwand.— Einmal fuhr ſie erſchreckt zurück, denn als ſie in die Dunkelheit hinausſtarrte, war es ihr, als ſehe ſie am Ende einer Waldlichtung einen einſamen Reiter langſam geſpenſterhaft vorüber ziehen. Sie ſchauderte bei dieſer Phantaſie, ſie ſchloß die Vorhänge und ſuchte ihr Lager. Als ſie nach tiefem, wenngleich unruhigem Schlummer erwachte, ſtrahlte das helle Licht eines klaren Frühlingsmor⸗ gens in ihre Augen; ſie erhob ſich, kleidete ſich in ein ein⸗ faches Gewand von dunklem Zeug, das ſie früher getragen, und begab ſich nach dem Zimmer ihrer Mutter, wo ſie die Eltern beim Frühſtück antraf. Darauf mußte ſie des Vaters Seltenheiten bewundern, unter denen der verhängnißvolle Krug des Herrn von Tondern noch immer die erſte Stelle 264 Zweiundſechzigſtes Kapitel. hatte; dann nahm ſie bebend und in tiefem Leide Abſchied von der Mutter, die zu ihrer Schweſter nach der Stadt fuhr, und dann war ſie für einige Zeit frei und eilte in den Wald hinaus. Wie athmete ſie tief auf, als ſie wieder unter die alten ernſten Bäume trat! wie ſchien jeder der Stämme ſie gleich einem alten Bekannten zu empfangen! wie glänzte ihr der See zum Willkommen ſo freudig entgegen! wie murmelte grü⸗ ßend das Schilf an ſeinen Ufern!— Ach, ſie fühlte ſich ſo verlaſſen und traurig: ſie war um ſo ſchmerzlicher bewegt, als ſie ſich des letzten Males erinnerte, wo ſie ebenfalls ihren Weg hieher genommen, an jenem Tage, wo ſie ſich von dem alten Klaus verabſchiedet, einem Morgen, der mit all ſeinen Einzelheiten ſo erſchreckend lebendig vor ihre Seele trat. Sie erinnerte ſich, wie ſie die Hände rechts und links aus⸗ geſtreckt, um auf Augenblicke zu erfaſſen, was zu erfaſſen war zum herzlichen Abſchied: die Rinde alter Bäume, dürre Blätter und nackte Zweige, die ſie grüßend durch ihre Finger gleiten ließ. Heute war ſie wiedergekommen, aber das Waſſer des See's ſchien ſie befremdet anzuſchauen, die alten Bäume, die kleinen Sträucher ihr kein freundliches Willkommen entgegen zu rufen. Alles, Alles— die hervorſproſſenden Gräſer, die ſchwellenden Knospen, einzelne Frühlingsblumen, die zu ihren Füßen neugierig die bunten Köpfchen emporhoben, blickten ſie erſtaunt und fragend an und ſchienen ihr zu ſagen: Warum biſt du ſo wieder gekommen mit einem traurigen Herzen, du, die doch ſonſt ſo fröhlich und heiter an uns vorbei eilte, jubelnd, glücklich? Warum biſt du geflohen aus einem Hauſe, wo man dich ſo ſehr geliebt? Warum haſt du ein Der Neffe des Jägers. 265 Herz gebrochen, das dir ganz angehört?— Warum?— Warum? So ſchienen der See, die Bäume, die Sträucher und die kleinen Blumen zu fragen. Und da ſie alle ihre alten Spielkameraden waren, ihre Vertrauten, die ein Recht hatten, dieſe Fragen an ſie zu ſtellen, ſo bemühte ſich auch das junge Mädchen, während ſie ſo dahin ſchritt, ihnen aufs umſtändlichſte Antwort zu geben; ſie erzählte ihnen Alles, ſie verhehlte ihnen nicht das Geringſte; ſie ſagte, wie ſie draußen ſo ſehr glücklich geweſen, wie dieſes Glück mit jedem Tage größer und ſchöner geworden ſei, wie ſie geliebt habe, herzlich, innig, unbewußt, und wie ſie ebenſo wieder geliebt worden ſei; wie ſie dadurch einen ſüßen, unvergeßlichen Traum ge⸗ träumt und dann ſo furchtbar unglücklich geworden, als ſie nun endlich erwacht. Ja, ſo ſprach ſie zu ihren alten treuen Bekannten, dahin ſchreitend über friſch ſproſſende Gräſer, unter ſchwellenden Knospen, umweht von Frühlingsluft, beglänzt von Sonnen⸗ licht, umduftet von dem wunderbaren Hauche, den die nun wieder jungfräuliche Erde in den erſten Tagen ihres Früh⸗ lings ausſtrömte. Dabei hatte Eugenie die Hände gefaltet, und aus den offenen klaren Augen perlte eine Thräne um die andere. Sie ließ die bekannten Wege, die kleinen Hügel, wo ſie ſo gern verweilt, hinter ſich, immer erzählend, immer gewiſſenhaft darlegend, was ſie im Innerſten ihres Herzens barg. Und ſo erreichte ſie die Waldvertiefung, in der die kleine Jägerhütte lag, vor welcher der alte Klaus auf einer Bank ſaß. Und als ſie dort hinab eilte, waren ihre Worte: Das habe ich alles gefühlt und gelitten; ich habe mich losgeriſſen * —— ä 266 Zweiundſechzigſtes Kapitel. von ihm, den ich über Alles— o, ſo unendlich geliebt— und nun bin ich wieder bei euch und weiß nicht, wie das alles ſo ſchnell gekommen.— Hierauf war ſie auf die Bank neben dem Jäger niedergeſunken, lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und weinte laut und bitterlich. Eine lange, lange Weile gab dieſer nichts zur Antwort, und zwar aus dem Grunde, weil ſein Herz zu voll war, nicht weil er nicht mit ihr fühlte; denn daß er das doch that, merkte ſie an dem leichten Drucke ſeiner rauhen Hand, die er ſanft auf ihre weichen Finger gelegt hatte; und end⸗ lich ſagte er mit leiſer Stimme:„O, es iſt gut, gnädiges Fräulein, daß Sie wieder da ſind; Alles freut ſich darüber, Alles.“ „Nicht Alles, Klaus,“ verſetzte das Mädchen, indem ſie traurig mit ihrem Kopfe ſchüttelte.„O, ich weiß Jemand, den es tief ſchmerzt, daß ich jetzt hier bin.“ „Ja, das iſt wohl möglich,“ ſagte der Jäger;„die Sie nicht mehr täglich ſehen, denen wird das recht traurig ſein. Aber Sie haben das Glück, gnädiges Fräulein, daß, wo Sie hinkommen, Aller Augen vor Freuden leuchten. Sie haben die Gabe des guten Geſichtes, und Alles fühlt ſich wohl und glücklich in Ihrer Nähe. Sehen Sie, ſogar die unvernünf⸗ tigen Geſchöpfe, der alte Hund, wie er vor Freude wedelnd vor Ihnen ſteht, und ſelbſt die Katze erkennt Sie wieder, denn da mag ſonſt kommen, wer will, ſie begrüßt Niemand als mich und Sie.— Sie haben Verſtand, dieſe Geſchöpfe,“ meinte er nachdenklich. Eugenie hatte ſich von der Bank wieder erhoben, drückte die Hand auf ihr Herz und blickte tief aufathmend rings umher. Da lag das ſtille Häuschen ſo friedlich zwiſchen ſei⸗ Der Neffe des Jägers. 267 nen Bäumen, und keiner fehlte, ebenſowenig wie eine von den Planken an dem Gehege. Auf den kleinen Fenſtern glänzte der Sonnenſchein breit und behaglich, denn das Reb⸗ gewinde, welches ſie umgab, war noch vollkommen kahl, und die neidiſchen Blätter konnten die Strahlen noch nicht ab⸗ halten. Sie ſchritt um die Hütte herum, wobei ihr der alte Jäger und der Hofhund folgten.— Alles war an ſeinem Platze wie damals, wo ſie es verlaſſen. Darauf ging Eugenie in das Haus hinein, und als ſie die Stube wiederſah, preßte es ihr wohl das Herz ſchmerz⸗ lich zuſammen, denn ſie hatte gedacht, wenn ſie einmal wieder hieher käme, ſo würde es ſie recht innig und herzlich freuen, daß ſie wieder da ſei. Und doch war es anders gekommen, ach! ſo ganz an⸗ ders. Sie ſuchte mit Gewalt ihre finſteren Gedanken zu verjagen und redete ſich ein, ſie habe nichts Schmerzliches erfahren, ſeit ſie zum letzten Male hier geweſen. Und dabei war ihr der kleine Ort, ſo traulich und voll Ruhe, gern behülflich. Hier in dem Stübchen war Alles ſo feierlich ſtill; die Schwarzwälderuhr pickte, die Sonnenſtrahlen legten einen goldenen Streifen auf den Fußboden hin oder ſpielten im Reflex von dem Bache draußen wie lauter leuchtende Punkte an der Decke. Dazu murmelte das Waſſer ſo geheimnißvoll, und zuweilen, wenn ſich ein leichter Wind erhob, rauſchten die Zweige der mächtigen Bäume, welche das Häuschen um⸗ ſtanden, und erzählten wie von wunderthätigen Waldblumen und Märchengold. Ja, es war hier in der alten einſamen Jägerhütte wieder ſo märchenhaft wie ſonſt, und wenn Eugenie, wie ſie jetzt 268 Zweiundſechzigſtes Kapitel. wieder that, das Spinnrad der alten Frau Klaus vor ſich hinſtellte, die Bilderbibel vom Geſimſe nahm und aufgeſchla⸗ gen über ihre Kniee legte, wenn Hund und Katze wedelnd und ſchnurrend zur Thür hereinkamen und ſich am Boden zu den Füßen des jungen Mädchens hinſchmiegten, und wenn man ſie dann ſo traurig lächelnd da ſitzen ſah mit dem klaren, leuchtenden Auge vor ſich hinblickend, den Mund leicht ge— öffnet, um die tiefen Athemzüge durchzulaſſen, die von ge⸗ waltigem Weh und Herzeleid erzählten,— ſo war das alles wie die wunderbare Illuſtration zu dem Ende eines trüben Märchens: Es war einmal ein alter Jäger, der hatte eine wunderliebliche Tochter. Sie hatte viel Kummer und Schmerz erfahren, da ge⸗ ſchah es, daß ſie, als ſie lange an ihre traurige Vergangen⸗ heit gedacht, ſich ermattet niederließ und vom Geſang der Vögel und vom Rauſchen des Windes ſanft in den Schlaf gewiegt wurde. Die Katze ſchlief mit ihr, nicht ſo aber der große ſtarke Hofhund. Wie das Mädchen die Augen ſchloß, öffnete er die ſeinigen, hob den Kopf, ſchaute, ſo weit er konnte, um ſich und horchte fern, fern in den Wald hinaus, ob ſich dort nichts Ungewöhnliches rege. Eugenie träumte von Sternen und Waldblumen, die mit einander in Streit gerathen waren, wer von ihnen das Schönſte und Glücklichſte ſei. Ja, ſie wandten ſich an das junge Mädchen, und dieſes wollte ſchon zur Antwort geben: daß im Walde die Blumen, am Himmel die Sterne Jedes an ſeinem Platze das Schönſte und Glücklichſte ſei, weil Keines von ihnen leiden müſſe unter einer traurigen und unglücklichen Liebe,— da war es ihr, als höre ſie Knurren und Murren vor ſich, und wie ſie ſchlaf⸗ trunken die Augen öffnete, ſah ſie den großen Hofhund auf⸗ Der Neffe des Jägers. 269 recht an der Wand ſtehen, die beiden Tatzen an die Fen⸗ ſterbrüſtung gelegt, und, wie ſie im Traume gehört, knurrend und murrend. Wahrhaftig, ſie meinte ſie träume noch fort, denn vor dem Fenſter ſah ſie den Kopf eines Pferdes, das in die Stube blickte, und dann anfänglich die Hand des Reiters, der das Rebengewinde aufhob und nun, hell von der Sonne beſtrahlt, erſtaunt und lächelnd das traurige Kind hier in der einſamen Jägerhütte fand. Ein Ausruf der Verwunderung entfuhr dem Reiter, und dieſer Ausruf ließ Eugenie plötzlich aufſpringen und ſtaunen und horchen. Sie ſtrich über ihre Stirn, als wolle ſie ſich vergewiſſern, daß ſie nicht mehr ſchlafe, und fühlte ſich erſt beruhigt, als ſie die Stimme des alten Klaus vernahm, der draußen mit dem Reiter ſprach. Dieſer hatte ſein Pferd von dem Fenſter zurückgezogen und daſ⸗ ſelbe gegen den alten Jäger gewandt; aber wenn er auch auf deſſen Reden hörte, ſo drehte er doch den Kopf von ihm ab, ſenkte ihn tief herab und ſchaute forſchend in das Zimmer. Das alles ſah Eugenie mit einem raſchen Blick, und daß der Reiter ſo hereinſah, ſcheuchte ſie in den fernſten Winkel des Zimmers zurück. Der Reiter konnte ſie nicht mehr ſehen, ſie ihn aber wohl, denn der Strahl der Sonne lag leuchtend auf ihm; ſie er⸗ kannte ihn und zitterte; ſie vernahm ſeine Stimme und preßte ihre beiden Hände vor das Geſicht. Entfliehen konnte ſie nicht; denn das Häuschen hatte nur einen Ausgang, und zu dieſem trat nun ein junger Mann herein, der an der Thür ſtehen blieb, ehrerbietig ſeinen Jägerhut vom Kopfe nahm, ſich vor dem Mädchen verneigte und alsdann ſagte:„Es iſt nicht ganz der Zufall, der mich hieher führt, mein 3 1 4 —. 8 —— * 270 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Fräulein. Sind Sie vielleicht geneigt, mich freundlich an⸗ zuhören?“ „Hier nicht! o mein Gott, hier nicht!“ rief ängſtlich das Mädchen, wobei ſie mit verſtörten Zügen um ſich ſchaute. „Gewiß hier nicht, Herr Graf.“ Sie eilte ihm haſtig entgegen, und da er ſah, wie ſie die Thür gewinnen wollte, trat er auf die Seite, um ſie vorbei zu laſſen. Mit raſchen Schritten erreichte ſie das Freie; vor der Hütte aber ſchien ſie ſich einen Augenblick zu beſinnen, ob ſie die Anhöhe hinan nach Hauſe eilen ſolle oder anhören, was ihr Jener zu ſagen habe. Graf Helfenberg war ihr raſch gefolgt, und da er die Unſchlüſſigkeit auf ihrem Geſichte las, ſagte er bittend:„O Fräulein Eugenie, erlauben Sie mir nur wenige Worte. Womit habe ich es verdient, daß Sie dieſen Ort verlaſſen wollen, ehe Sie mich gehört?“ „Ich darf Sie nicht hören,“ gab ſie im Tone einer rührenden Bitte zur Antwort,„jetzt nicht hören! Weiß ich doch, wer Sie ſind. Ja, wenn es noch der Neffe des Jägers wäre, der zu mir ſpräche— aber Sie, Graf Helfenberg—“ „Und hat ſich Graf Helfenberg gegen Sie verfehlt?— Verdient er es nicht, daß man ihm einen Augenblick Gehör ſchenkt?“ „O, wenn Graf Helfenberg,“ erwiderte Eugenie mit be⸗ bender Stimme,„als ſolcher vor mich hingetreten wäre, Alles wäre ganz anders gekommen, einfacher— beſſer.— Der Neffe des Jägers hat viel Unglück über mich, über uns ge⸗ bracht.“ Sie ließ ſich, wie von ihren Gedanken überwältigt, auf die Bank vor der Hütte nieder. Der große Hund kam we⸗ Der Neffe des Jägers. 271 delnd herbei, legte ſeinen Kopf auf ihren Schooß und ſah ſie mit den großen Augen zutraulich an. „Ich erlaubte mir, Ihnen vorhin zu ſagen,“ ſprach der junge Mann, der an Eungeniens Seite getreten war,„daß es nicht der Zufall iſt, der mich heute Morgen hieher geführt. Was mich übrigens zu jeder Stunde antreiben würde, Ihre Nähe zu ſuchen, Fräulein Eugenie, wird Ihnen nach dem, was vorgefallen, nach dem, was Sie erfahren, wohl nicht unbewußt ſein. Sie ſehen, ich ſpreche ohne Rückhalt; ich ſpreche wie Jemand, der im Begriffe iſt, Alles zu gewinnen oder Alles zu verlieren.— O, laſſen Sie mich ausreden,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, wie ſie haſtig die Hand erhob; „es iſt mit guten Reden wie mit Thränen: ſie beruhigen das Herz, ſie führen oft zum Heile.— Sie ſagten vorhin, es wäre Ihnen lieber, wenn der Neffe des Jägers noch zu Ihnen ſpräche, und ich verſichere Sie, Fräulein Eugenie, auch mir wäre das nicht unerwünſcht, denn der kranke Neffe des Jägers von damals war nicht ſo unglücklich als ich, wie ich jetzt vor Ihnen ſtehe. Nicht leben zu können, wenn man auch durch Jugend ein Anrecht darauf hat, iſt allerdings hart, aber unglücklich leben zu müſſen, wenn uns das Glück nahe, erreichbar, das iſt wohl mehr, als ein Menſchenherz zu ertragen im Stande iſt. In dieſem Falle bin ich; deßhalb aus Mitleid hören Sie mich an.“ Das Mädchen neigte ihren Kopf und ſagte mit kaum vernehmlicher Stimme:„Ich werde Sie hören; reden Sie.“ „So muß ich denn Ihr Gedächtniß um einige Jahre zu⸗ rückführen,“ ſprach Graf Helfenberg.„Es war ein heißer Sommertag, als ich Sie zum erſten Male ſah, Fräulein Eugenie, hier auf dieſer Stelle ſah; ich kam auf flüchtigem ——— 272 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Pferde mit leichtem, heiterem Sinn, ich eilte im frohen Muth der Jugend, geſund, vergnügt, eine angenehme Zukunft vor Augen, durch das Waldrevier, wo ich ſo oft fröhlich gejagt. „Bei jenem Ritte war es mir ſeltſam zu Muth; ich hatte weite Reiſen vor mir, ich dachte mir: Wirſt du auch hieher zurückkehren, froh und glücklich? Ich wollte die erſte Begegnung an dem Morgen, ſei ſie freundlich, ſei ſie traurig, für eine gute Vorbedeutung nehmen. Aber der Wald war ſtille wie ein Kirchhof; es huſchte kein Reh an mir vorüber, es begegnete mir nichts, was den Jäger hätte unangenehm berühren können; heiß drückte die Sonne auf Berg und Thal, alle lebenden Weſen hatten den wohlthuenden Schatten ge⸗ ſucht. Da kam ich dort jenen Hügel herunter, und da ich Niemand bei der Hütte ſah— auch hier war Alles ſo feierlich, ſo märchenhaft ſtill— ſo ritt ich dort ans Fenſter, bog die Ranken des Rebgewindes aus einander und ſah— Sie, Eugenie, ein verkörpertes Märchen. „O, verzeihen Sie mir, daß ich nicht anders kann, als Ihnen meine Gedanken ſo lebhaft darzulegen; jener Augen⸗ blick iſt mir unvergeßlich. Ihr Anblick traf mich tief; ich ſchaute dem lieblichen Bilde, das ſich mir darbot, mit Ent⸗ zücken zu, bis der Hund anſchlug, bis Sie ſich erſchreckt emporrichteten, dann verſchwanden, bis Alles in einander verſchwamm und verging, wie es vorkommt in jenem Märchen, dem die richtige Löſung fehlt. „Ich wandte mich an Klaus mit der Frage, wen ich ge⸗ ſehen; der alte Jäger, der mich, einen wilden jungen Men⸗ ſchen, kannte, hielt es für paſſend, mir zu ſagen, die kleine Fee, welche ich in ſeinem Zimmer geſehen, ſei die Tochter einer armen Anverwandten.“ Der Neffe des Jägers. 273 „So ritt ich meines Weges, die liebe und freundliche Erſcheinung für nichts weiter nehmend als eine gute Vorbe⸗ deutung, die ich geſucht. Aber ſie ſelbſt,“ ſetzte er leiſer hinzu, „vergaß ich deßhalb nicht, die kleine liebe Fee— Dornröslein; und wenn mir ihr Bild vor die Seele trat,— und das ge⸗ ſchah ſo oft, ach, ſo ſehr oft, Eugenie!— ſo ließ ich in mei⸗ nen Träumereien dichtes Rankengewinde, blühende Schling⸗ roſen rings um Sie her zuſammen wachſen, eine undurch⸗ dringliche Wand bilden, die Sie vor den Augen der Welt verbarg, an einer Stelle, welche nur dem Glücklichen bekannt war, der Sie einſtens aus tiefem Zauberſchlafe erwecken ſolle.—— „—— Ich war nicht jener Glückliche, denn als ich zu⸗ rückkehrte, waren alle Poeſie, alle Blüthen von meinem Leben abgeſtreift. Im Frühlinge deſſelben war ich erſtorben und verdorrt, und ſo trat ich plötzlich wieder vor Sie hin, ich dem Grabe nahe, Sie eine friſche und aufblühende Knoſpe. Da erfuhr ich auch, wer Sie ſeien, und was ich damals ge⸗ litten, Eugenie, als ich ſo einen ganzen ſchönen Lebenskranz, deſſen Zierde Sie vielleicht geworden wären— o, laſſen Sie mich zu Ihnen reden, wie es mir mein Herz eingibt— zer⸗ pflückt und zerriſſen vor mir liegen ſah, iſt mir unmöglich Ihnen zu ſagen. Sie würden es nicht begreifen.“ „O doch, o doch!“ ſeufzte ſie leiſe in ſich hinein. „Da durchlebte ich Stunden, gegen welche die Qualen der Verdammten Seligkeit ſein müſſen. Ich war nur glücklich in dem Gedanken, daß Sie in mir nur den kranken Neffen des Jägers ſahen, daß das Mitleid, welches Sie mir ſchenk⸗ ten, meiner traurigen Perſon galt.“ Hackländer, Don Quixote. V. 18 —3ͤͤ - —x—xxx:: ——— ———— 274 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Eugenie legte ihre Hände zuſammen,— ſie nickte leicht mit dem Kopfe. „Wenn es gekommen wäre, wie es den Anſchein hatte, daß es kommen ſollte, ſo wäre ich jetzt ruhig, wohl glücklich. Sie hätten vielleicht auf dieſer Stelle einen Kranz gewunden und ihn auf mein Grab gelegt, Sie hätten vielleicht meinem Andenken hier und da eine freundliche Erinnerung geſchenkt.“ „Ich hätte Ihr Andenken geſegnet,“ gab das junge Mäd⸗ chen, ohne aufzublicken, zur Antwort;„auch wenn es nicht ſo gekommen wäre, wie Sie edelmüthig genug waren, meiner zu gedenken.— Ich weiß das alles.“ Der Graf machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und fuhr alsdann fort:„Da ſchien ſich mein Schickſal ändern zu wollen, freundlich, ſelig ſich zu geſtalten; vom tiefſten Leid wagte ich es, aufzublicken zum höchſten Glücke, und dieſes höchſte Glück, Eugenie, lag für mich in Ihrem Herzen, in der Hoffnung Ihrer Liebe, wenigſtens Ihrer Zu⸗ neigung zu mir.“ Gewaltſam zwang er ſich, ruhig zu bleiben, er drückte ſeine Rechte vor die Augen, er blickte an den blauen Himmel empor; er biß die Lippen auf einander, als er den glänzenden Sonnenſchein ſah, der heute wie damals um das Häuschen ſpielte. „Ich glaubte meinem Ziele, meinem Glücke, dem ſtrah⸗ lendſten Lichte nahe zu ſein, da warf mich das Schickſal zurück in wilde finſtere Nacht.“ Eugenie zitterte, ſie verſtand ſeine Worte nicht ganz, aber ſie ahnte, was er ſagen wollte. Und dieſe Ahnung wurde ihr zur furchtbaren Gewißheit, als der junge Mann nun mit faſt tonloſer Stimme und einer erſchreckenden Ruhe fortfuhr: Der Neffe des Jägers. 275 „Heute Nacht erſchien George von Breda unerwartet bei mir, ich erſchrak, als ich in ſein verſtörtes Geſicht blickte, aber ich fand ſein Ausſehen gerechtfertigt, als er mir mit furchterre⸗ gender Ruhe ſeinen Zuſtand geſchildert, die Geſchichte der letzten Tage berichtet.“ Das Mädchen machte eine gewaltſame Bewegung, als wolle ſie empor ſpringen; doch legte der Graf die Hand ſanft auf ihren Arm, indem er ſagte:„Bleiben Sie, Eugenie, ſeien Sie ſtark und muthig, hören Sie mich bis zum Ende.— George von Breda hatte ja erfahren, wie unendlich ich Sie geliebt; er mußte daraus abnehmen, welchen entzückenden Hoffnungen ich mich hingäbe, und er war mir die ganze Wahrheit ſchuldig.——— Laſſen Sie mich einer Sache erwähnen, Eugenie, wovon ich gern nicht geſprochen hätte, welche Sie aber vorhin berührt. George von Breda wußte es, wie uneigennützig meine Liebe zu Ihnen war, wie ich Sie, auch ohne alle Hoffnung für mich, glücklich zu ſehen wünſchte. Deßhalb war er mir einen klaren Blick in die Verhältniſſe ſchuldig; er wußte, daß er ſich in mir nicht irren würde.— Schon früher ſagte ich Ihnen, es ſei nicht der Zufall, der mich hieher geführt— George war es ſelbſt, der mich ver⸗ anlaßt, Sie aufzuſuchen.“ „O George!“ rief Eugenie auf's tiefſte erſchüttert.„Spre⸗ chen Sie nicht weiter,“ wandte ſie ſich weinend an den Grafen; nich bin jetzt nicht ſtark genug, Sie zu hören.“ „Und doch muß ich gerade in dieſem Augenblicke zu Ihnen reden, kalt und vernünftig zu Ihnen reden, und Sie müſſen mich gerade ſo anhören.— O Eugenie,“ fuhr er mit einer Leidenſchaft, die ſeine Worte Lügen ſtrafte, fort,„wüßten Sie, wie ich Sie liebe, wüßten Sie, wie das ſchon allein 276 Zweiundſechzigſtes Kapitel. meine größte Seligkeit iſt, Sie ſehen, den Blick in Ihr gutes Auge ſenken zu dürfen, den Ton Ihrer Stimme zu hören, Sie würden mir behülflich ſein, ruhig und vernünftig zu Ihnen zu ſprechen, wie es der Ernſt des Augenblickes verlangt. „Wenn auch Alles gekommen wäre, wie es vor einem halben Jahre den Anſchein hatte, daß es kommen müſſe, mein Tod hätte Sie nicht glücklich machen können. Aber mein Le⸗ ben kann es vielleicht, wenn ich es Ihnen nach alle dem, was vorgefallen, weihen dürfte, wenn Sie mir geſtatten, als treuer Freund an Ihrer Seite zu gehen, wenn Sie ſich auf dieſen Arm ſtützen wollen, Ihre Hand in die meinige legen, damit ich Sie ſanft durch das Leben führen kann, von der Vergangenheit mit Ihnen ſprechend bis zu dem für mich ſo ſeligen Momente, der gewiß einſtens kommen wird, wo Sie mir vielleicht Dank ſagen für die heutige Stunde und hin⸗ zuſetzen: ſie war hart und ſchmerzlich, aber ſie hat, wenn auch nicht unſer Aller Glück, doch unſer Aller Frieden ge⸗ gründet.— George hat mich beauftragt, ſo mit Ihnen zu ſprechen.“ Sie ſaß unbeweglich da, den Kopf in ihre Hände geſenkt. „Und nun bin ich zu Ende,“ ſprach Graf Helfenberg nach einer Pauſe mit weicher Stimme.„Nun liegt unſer aller Schickſal in Ihren Händen;— darf ich noch hinzuſetzen,“ fuhr er mit bebenden Lippen fort,„daß für mich Glück und Elend an ahrdmn Ausſpruche hängt? Darf ich es noch einmal wagen, Ihnen, Eugenie, ins Gedächtniß zurückzurufen, daß ich auch ohne Ihren Beſitz in Frieden geſtorben wäre bei dem Gedanken, Ihr Glück begründet zu haben, daß Sie mir ſchon darum vertrauen dürfen, daß ich, ohne Sie der unglück⸗ Der Neffe des Jägers. 277 lichſte Menſch auf Erden bin, daß ich Sie nicht verlaſſen kann und traurig und elend immer wieder Ihre Nähe ſuchen werde, wenn Sie mich auch hundert Mal zurückſtoßen? Ja, Eugenie, ich liebe Sie, ich kann nicht von Ihnen laſſen.“ Er ſchwieg, in gewaltiger Aufregung ängſtlich eine Ant⸗ wort erwartend. Doch da ſie unbeweglich ſaß wie vorhin, ohne aufzublicken, ohne einen Ton ihrer Stimme hören zu laſſen, ſo ward es rings um die Hütte des Jägers ſo ſtill, ſo entſetzlich ſtill, daß der junge Mann das Klopfen ſeines Herzens deutlich vernahm und daß ihm der leiſeſte Lufthauch, der über die Gräſer ſtrich, wie ein mächtiges Sauſen er⸗ tönte.—— —— Da mit einem Male hörte man ein lauteres Ge⸗ räuſch, den Schall herannahender Fußtritte auf dem dürren Laub, das vom vergangenen Winter übrig geblieben war. Graf Helfenberg blickte tief aufſeufzend in die Höhe und ſah Jemand den kleinen Abhang herabkommen, der den Stock, welchen er in der Hand trug, nicht zum Aufſtützen gebrauchte, ſondern um damit allerlei Figuren in der Luft zu beſchrei⸗ ben. Es war ein älterer Mann in einem ziemlich abgeſchoſ⸗ ſenen braunen Rock, der jetzt ſeine Stimme erhob und laut und heiter ausrief: „Da finde ich dich endlich, nachdem ich den halben Wald nach dir durchforſcht.“ Kaum erkannte Eugenie den Ton dieſer Stimme, ſo ſprang ſie empor, flog dem Ankommenden entgegen und warf ſich in ſeine Arme. „Ei, mein Kind,“ ſagte Herr von Braachen, nachdem er mit väterlicher Zärtlichkeit ihren Kopf an ſeine Bruſt gedrückt, wobei er leicht mit der Hand über ihr volles Haar ſtrich, ——————— 278 Zweinndſechzigſtes Kapitel. „thuſt du doch gerade, als flieheſt du vor etwas Entſetzlichem. Und doch ſehe ich ſo gar nichts Erſchreckliches hier,“ ſetzte er mit einem launigen Blicke auf den Grafen hinzu, der ſich mühſam gefaßt hatte und grüßend näher trat.„Sollten Sie wohl glauben,“ wandte ſich der alte Mann an ihn,„daß dieſes Mädchen, meine liebe Eugenie, ein kleiner toller Flücht⸗ ling iſt?— Aber wie ich mit Vergnügen ſehe, hat ihr die Flucht nichts genützt.— Nun, mir iſt es nicht nur recht, Herr Graf, ſondern ich will ehrlich ſein und Ihnen nur geſtehen, daß Sie in mir einen der glücklichſten Väter der ganzen Welt ſehen. Wir wollen uns da kein Air geben. Was wahr iſt, iſt einmal wahr, und auch Eugenie— nicht wahr, mein Kind?“ Aengſtlicher als vorher drückte dieſe ihren Kopf an die Bruſt des Vaters, und ein convulſiviſches Zittern flog durch ihren Körper. „Sie hat nicht ein Wort davon geſprochen,“ fuhr Herr von Braachen mit einem glückſeligen Lächeln fort,„nicht einmal zu ihrer Mutter, die nach der Stadt fuhr und gleich darauf heim kehrte mit der großen Neuigkeit, die ihr Onkel George mitgetheilt.“ Bei Nennung dieſes Namens zuckte Eugenie zuſammen; doch litt ſie es geduldig, als Graf Helfenberg dicht an Vater und Tochter hintrat und ſanft die Hand der letzteren von der Schulter des alten Mannes nahm. „Onkel George,“ fuhr dieſer fort,„hat mir auch in Ihrem Auftrage geſchrieben, Herr Graf. Ich hatte freilich keine Ahnung,“ ſetzte er lachend hinzu,„daß Sie ſelbſt ſo ſchnell da ſein würden. Doch wo iſt der Brief?— Ja, Kind, wenn du mich ſo umklammert hältſt, ſo kann ich unmöglich dieſen wichtigen Brief hervorholen.“ Der Neffe des Jägers. 279 Eugenie richtete ſich auf mit halb geſchloſſenen Augen; ſie ſah entſetzlich bleich aus; doch duldete ſie es, daß Graf Helfenberg ſie ſanft von ihrem Vater entfernte und liebreich unterſtützte. „Ja, hier iſt er,“ ſprach der alte Herr, indem er ein Papier entfaltete und daraus las:„Mein beſter Freund, Graf Helfenberg— und ſo weiter,“ murmelte er,„und ſo weiter, Eugenie, was dir der Herr Graf ſelbſt wohl geſagt haben wird. Schließlich ſchreibt Onkel George noch, er freue ſich außerordentlich über dieſe Verbindung, ſie erfülle alle Wünſche, die er haben könne und dürfe.— Und das ſage ich auch von ganzem Herzen.— Und du, Eugenie— unartiges Kind, das alſo ſchon wieder Luſt hat, mich zu verlaſſen,— willſt du Gräfin Helfenberg werden?“ Sie preßte heftig die Lippen auf einander, ſie athmete tief und erhob ihren Blick von der Erde zu der Bank, wo ſien⸗ eben geſeſſen, dann zu dem Fenſter des kleinen Häuschens, wo ſie ihre ſchönen Märchen geträumt, endlich empor an den Himmel, deſſen dunkle Bläue ſich in zwei Thränen wieder⸗ ſpiegelte, die ihre Augen füllten. „Eugenie!“ ſprach Jemand neben ihr in bittendem Tone; und ſie erwiderte leiſe: „Du haſt es geſagt, Vater.“ 3— 1 —— 1„ öͤ.* Dreiundſechzigſtes Kapitel. Das Ende. Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher Doktor Flecker einen ſchwer verwundeten Freund behandelt, hatte wohl ver⸗ mocht, deſſen Schmerzen zu lindern und ihm erträgliche Stun⸗ den zu machen; doch war die Kunſt des Arztes nicht im Stande, das Leben des edlen Spaniers zu erhalten, und er mußte den Bekannten deſſelben eingeſtehen, daß ſeine Tage nicht nur gezählt, ſondern daß ihrer auch nicht mehr viele ſein würden. Der Kranke hatte übrigens zuerſt dieſe Vermuthung aus⸗ geſprochen, und die Ausſicht, eine Welt voll Trug und Heu⸗ chelei verlaſſen zu müſſen, ſchien ihm nicht im Geringſten ſchmerzlich zu ſein, beſonders wenn er ſich in der Verfaſſung befand, ruhig überlegen zu können. Zwiſchen dieſen leichteren und für ihn und ſeine Umgebung angenehmeren Stunden kamen aber auch jene traurigen Epiſoden, wo er nach Schwert und Schild rief und wo man ihn kaum mit Gewalt abhalten — — Das Ende. 281 konnte, ſein Lager zu verlaſſen, um das Schlachtroß zu be⸗ ſteigen und die Dame ſeines Herzens aus den Klauen blut⸗ dürſtiger Wüthriche und entſetzlicher Phantome zu befreien. Eigenthümlich war es dabei, daß er ſich in den anderen ruhi⸗ gen Stunden jener Raſerei ziemlich bewußt war, nicht nur darüber ſprach, ſondern auch in der Erinnerung an ſeine ver⸗ geblichen Mühen und Kämpfe lächeln konnte. Aber nicht bloß ſeine eingebildeten Thaten beſchäftigten ihn in ſolchen Augen⸗ blicken, auch ſeine Abenteuer, die er in gutem Glauben beſtan⸗ den, gingen alsdann an ſeinem Geiſte vorüber, und er ſprach häufig mit dem Armenarzt über dieſen Gegenſtand. „Glauben Sie nicht, lieber Doktor,“ pflegte er zu ſagen, indem er dieſem die Hand drückte,„daß es mir den geringſten Kummer macht, was ich in den traurigen Mienen, mit denen Sie mich oft betrachten, über meinen Zuſtand leſe. Meine Zeit, die ſchon lange vorbei war, iſt nun wirklich dahin ge⸗ ſchwunden, und ich bin vergnügt darüber, denn ich ſehe es wohl ein, daß ich auf eine Art zu wirken verſuchte, die nicht mehr für unſer Jahrhundert paßt, und die, ſtatt Nutzen zu bringen, nur Verwirrung für meine Freunde und mich erzeugte. Es iſt ſchlimmer mit uns geworden,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„denn unſere Verhältniſſe ſind ſo geſtaltet, daß es nicht mehr möglich iſt, dem Unrecht, das um uns her ge⸗ ſchieht, mit offenem Viſir entgegen zu treten. Kampf und Waf⸗ fen haben ſich geändert, und wo wir ſonſt dem wuthſchnau⸗ benden Drachen gerade auf den Leib gingen und ihm im glücklichen Falle das Schwert ins Herz ſtießen, müſſen wir uns jetzt, um ihn zu bekämpfen, einen anderen Drachen abrichten, äußerlich jenem vollkommen ähnlich, oder uns ſelbſt in einen ſolchen verwandeln, der ihn in ſeinem Schlupfwinkel —— —,———— — 282 Dreinndſechzigſtes Kapitel. aufſucht, da er ſich nicht mehr ans Tageslicht wagt, und ihn dort, wo er im Finſtern ſchleicht, bekämpfen. Dazu bin ich aber nicht der Mann und mußte deßhalb unter allen Umſtän⸗ den zu Grunde gehen. Wer wagt heut zu Tage noch einen Angriff Mann gegen Mann, Fauſt gegen Fauſt?— Wenige mehr. Man greift uns an mit den vergifteten tödtlichen Waffen der Heuchelei, der Lüge, der Verleumdung, und wer ſich auf dieſem Terrain nicht zu wehren verſteht, iſt bei aller Ehrlichkeit ein verlorener Mann. Schwert und Lanze waren zu gebrauchen gegen Schild und Rüſtung; gegen die Waffen der Schlechtdenkenden aber, die heute mit uns kämpfen, müſſen wir uns in den Schafpelz der Scheinheiligkeit, der Heuchelei hüllen und ſtatt der ehrlichen Lanze zur Ab⸗ und Gegenwehr unſerem Gegner ein glattes, falſches Wort entgegen ſchleudern. Es iſt das traurig, aber wahr.“ Was den Unfall anbelangt, der den tapferen Spanier betroffen, ſo ſchien es ihm unmöglich, ſich deſſelben genau zu erinnern, und dieſes war der Moment, wo ſich, wenn er dar⸗ über ſprechen wollte, ſeine Gedanken zu verwirren anfingen. Daß er einen Feind niedergeworfen, wußte er alsdann ganz genau, wer aber dieſer Feind geweſen, das wollte ihm nicht mehr klar werden. Für ihn war dies alsdann in ſeinen Phantaſieen keine beſtimmte Geſtalt mehr, ſondern es war das verkörperte Unrecht, der Inbegriff alles Böſen, dem er eine tödtliche Wunde beigebracht, und wenn er mit halb geſchloſſe⸗ nen Augen davon ſprach, ſo konnte er lächelnd ſagen:„Das war keine ſchlechte That, die ich begangen.“ Die ſtill lauernde Gerechtigkeit ſah dies aber anders an, und wenn Don Larioz nicht ſo hoffnunglos darnieder ge⸗ legen, ſo würde man ſich um ihn ebenſo angelegentlich be⸗ Das Ende. 283 kümmert haben, wie um den Gärtner Andreas, der hinter Schloß und Riegel im Vorgeſchmack einer ſehr ernſtlichen Un⸗ terſuchung ſich oftmals ſeufzend darüber befragte, warum er nicht bei ſeinen Blumen geblieben. Das Zimmer, in welchem Don Larioz lag, war ein freundliches und ſonniges Gemach, und er liebte es außeror⸗ dentlich, ſich in ruhigen Stunden in ſeinem Bette aufrichten zu laſſen, um über die Dächer der Nachbarhäuſer hinweg nach den fernen Bergen zu ſchauen, die anfingen, ſich mit dem friſchen Grün des jungen Frühlings zu bekleiden. Dem Kran⸗ ken that Geſellſchaft außerordentlich wohl, und es war ihm lieb, wenn es an ſeinem Lager nie leer wurde. Die Bren⸗ ner'ſche Familie mußte ſich förmlich bei ihm inſtalliren, und wenn die Mutter und Margarethe ſich ausſchließlich ſeiner Pflege widmeten und dieſe mit der liebevollſten Sorgfalt ver⸗ ſahen, ſo verbrachte auch der jüngſte Sprößling des Jägers alle ſeine Zeit, die nicht gerade für das Eſſen und Schlafen beſtimmt war, in dem Zimmer des Sypaniers. Dabei war es bemerkenswerth, wie namentlich zu gewiſſen Stunden die Phantaſie des Mannes und des Kindes zuſammentraf und wie es den Erſteren beruhigte, wenn der Kleine in ſeine Erzäh⸗ lungen von Rieſen und Drachen ſo bereitwillig einging und dieſelben noch furchtbarer darſtellte, als ſie Larioz ſich aus⸗ malte. Aber nicht nur ſeine näheren Bekannten und Freunde kamen häufig, um nach ihm zu ſehen, ſondern auch Andere, die ihm in den letzten Tagen ferner geſtanden oder die viel⸗ leicht Urſache hatten, ſich ihm zögernd zu nahen. So ſein ehe⸗ maliger Chef, der Rechtsconſulent, der mit den ſichtbarſten Zeichen von Rührung an ſein Lager trat, einen freundlichen ——— —————= „ 284 Dreiundſechzigſtes Kapitel. Händedruck mit ihm wechſelte, und, indem er erſchrecklich tief in ſeine Halsbinde niedertauchte, mit einer verzweifelten Anſtrengung, freundlich auszuſchauen, die Hoffnung ausſprach, den Kranken bald hergeſtellt und dann wieder auf ſeinem Bureau zu ſehen. Don Larioz antwortete darauf durch ein mattes Lächeln und ein leichtes Schütteln mit dem Kopfe.„Wenn ich Ihnen auch für dieſen Beweis des Wohlwollens erkenntlich bin,“ ſagte er, „ſo werde ich doch dafür danken müſſen.— Ich habe mein letztes Wort geſchrieben, möchte aber Ihre Freundlichkeit für jene arme alte Perſon in Anſpruch nehmen.“ Bei dieſen Wor⸗ ten wandte er ſeine Augen gegen den Tiger, der hinter der Thür ſtand und mit ſeiner Schürze das Geſicht bedeckt hielt. Doktor Plager ſchluckte heftig, nickte ein ſtummes Ja und verließ das Zimmer. Auch Graf Helfenberg kam ein paar Mal bald mit dem Arzte, bald allein, und ſein Beſuch gewährte dem immer ſtiller werdenden Kranken eine der glücklichſten Stunden. Der Graf ſprach die Hoffnung aus, Larioz bald wieder hergeſtellt zu ſehen, ſtellte ihm aber alsdann nicht wie Doktor Plager die traurigen Mauern einer Schreibſtube als angenehme Zukunft in Ausſicht, ſondern bot ihm aufs freundlichſte einen Aufent⸗ halt auf einem ſeiner Schlöſſer an, wo er in der Eigenſchaft eines Rechtskundigen ſeinen Neigungen und Wünſchen leben könne, nämlich die Guten beſchützen und die Schlechten mit der Schärfe des Geſetzes verfolgen. In dem Blicke des Spaniers leuchtete auf Momente jenes Feuer wieder, das man in anderen, beſſeren Tagen an ihm bemerkt hatte, wenn er ſich lebhaft für etwas intereſſirte; er Das Ende. 285⁵5 ergriff die Hand des Grafen und drückte ſie in ſtummer Rührung. „Ich habe mir das genau überlegt,“ ſagte Helfenberg, der alle Kraft aufwenden mußte, um heiter zu ſcheinen, beſon⸗ ders da er die ſonderbar glänzenden Augen des Armenarztes ſah;„und damit Sie im Kreiſe Ihrer Freun de bleiben, die ich ſo liebreich um Sie beſchäftigt ſehe, ſo habe ich mit dem Baron von Breda die Uebereinkunft getroffen, daß der Jäger Brenner, in deſſen Hauſe Sie ſich befinden und der Ihnen mit ſeiner Familie lieb und werth iſt, die Förſterſtelle auf meinem Gute Stromberg übernimmt. Sie werden ſehen, wie angenehm ſich Ihre Zukunft geſtalten wird im Kreiſe von Leuten, die Sie achten und lieben.“ „Ja, ja,“ gab der Spanier nach einer Pauſe mit ſeltſa⸗ mem Lächeln zur Antwort,„ich werde in ihrem Kreiſe leben, das heißt im Kreiſe ihrer guten und lieben Erinnerungen. Deſſen bin ich gewiß.“ Er ſchloß eine Sekunde lang ſeine Augen, dann öffnete er ſie plötzlich wieder und fragte mit lau⸗ terer Stimme:„Und Gottſchalk, was wird mit ihm?“ „Doktor Flecker hat mich von ſeinem Wunſche in Kenntniß geſetzt,“ erwiderte Graf Helfenberg,„und ich verſpreche Ihnen, daß ich mich ſeiner aufs treulichſte annehmen werde.“ „Ihn zu einem ordentlichen und braven Menſchen zu er⸗ ziehen,“ ſagte der Spanier, wobei er die Hand auf den Kopf des Knaben legte, der ſtill weinend ſein Geſicht in die Kiſſen des Bettes vergrub.„Ich wollte das auch thun,“ fuhr er fort,„fing es aber verkehrt an, indem ich ihn in die Mauern der Schreibſtube einſchloß, die ſeine ohnehin lebhafte Phantaſie durch den äußern Druck, den ſie auf dieſelbe ausübte, noch mehr entflammte und ihm dadurch ſchädlich geworden wäre.— „ —— 286 Dreiundſechzigſtes Kapitel. Ich habe ihn ſehr, ſehr geliebt, meinen kleinen Freund, und ich bin glücklich über das Verſprechen Eurer Erlaucht. Laſſen Sie ihn hinaus aus der dumpfigen Stube, aus der engen Stadt in die weite, herrliche Natur, dort ſeinen Sinn und ſein Herz erſtarken, damit er kräftig allen Stürmen des Le⸗ bens, die auch ihm nicht fehlen werden, widerſtreben kann.“—— Schon oft hatte ſich eine unbekannte Perſönlichkeit draußen in der Küche aufs angelegentlichſte nach dem Befinden des Herrn Larioz erkundigt. Es war das ein unterſetzter Mann mit ſtarkem Haar, krauſem, wirrem Barte, lebhaftem Blicke und einer tiefen Baßſtimme. Bei den Nachrichten, die täglich ſchlechter lauteten, war er häufig mit ſeinen Fingern an die Augen gefahren, hatte ſich auch heftig in ſeinem Barte gekratzt und ſeltſame Ausrufe gethan, als:„Oh!— den Teufel auch! — kann's nicht begreifen! wehe! wehe!“ Gewöhnlich wurde dieſer Mann von einem anderen, klei⸗ neren und ſchmächtigeren begleitet, der ein kurzes Radmäntel⸗ chen trug, einen grauen Hut zwiſchen ſeinen Fingern zerknit⸗ terte und unter blonden ſtruppigen Haaren ein blaſſes und eingefallenes Geſicht zeigte. Dieſer kleine Mann war immer mit den Zeichen bedeutender Angſt und Aufregung an der Treppe ſtehen geblieben, hatte auf die Thür hingeſtarrt, hinter welcher Larioz lag, und wenn der mit dem krauſen Barte in der Küche ſein Oh! und Weh! ertönen ließ, ſo floſſen dieſem die hellen Thränen über das blaſſe Geſicht, was dann, wenn der Andere wieder heraus trat, dieſen gewöhnlich zu der Be⸗ merkung veranlaßte: „Ich ſage dir, Windſpiel, es iſt, hol' mich der Teufel, das letzte Mal, daß ich dich mitnehme. Wenn du, der ſein Freund war, wie ein Schooßhund flennt, was ſoll dann ich Das Ende. 287 machen, der mit an dem ganzen abſcheulichen Handel die Schuld trägt? Ich ſage dir, ich bin in der letzten Zeit wie gerädert, und wenn ich meinen Grabſtichel in die Hand nehme, ſo habe ich, ſtatt auf dem Kupfer herum zu kratzen, die enſetzlichſten Selbſtmordgedanken.“ Dieſen Beiden begegnete Doktor Flecker eines Tages auf der Treppe, und ihr Benehmen erſchien ihm ſo auffallend, daß er mit ihnen ſprach und ſie, als er erfahren, was ſie hieher treibe, mit ſich hinauf nahm. Dem Kupferſtecher Wurzel ſchlug das Herz bedeutend, als der Arzt in das Zimmer ging und ihm zu folgen winkte. Er trat mit zögernden Schritten ein, und ſein ſicheres Auf⸗ treten, wodurch er als Vorſitzender des berühmten Bundes ſo außerordentlich geglänzt, ließ ihn hier gänzlich im Stiche. Mit niedergeſchlagenen Augen näherte er ſich dem Bette, in welchem der Kranke lag, und als ihm dieſer ſeine Rechte ent⸗ gegen ſtreckte, ergriff er ſie mit beiden Händen, beugte ſein Haupt nieder und brach in ein lauteres Weinen aus, als das war, welches er dem armen kleinen Kellner ſchon ſo häufig vorgeworfen. „Grüßen Sie mir die Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens,“ ſagte der Spaniex mit einem matten Lächeln,„und wenn Sie nächſtens eine Verſammlung halten, ſo gedenken Sie meiner dabei in herzlicher Zuneigung und verfügen irgend etwas zum Beſten eines Armen oder Bedrückten; dann will ich hier oder dort mit Freuden der Stunden gedenken, die ich in Ihrem Kreiſe verbrachte.“ „O traurige Stunden!“ ſprach der Kupferſtecher mit einer Stimme, die ihm häufig vor Rührung überſchlug;„ſehr traurige Stunden! Aber ſeien Sie verſichert, Don Larioz, 288 Dreiundſechzigſtes Kapitel. die edelmüthige Andeutung, welche Sie mir ſo eben gegeben, iſt auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Wir wollen den Bund zum Dolche Rubens, der bis jetzt nur in der Einbil⸗ dung beſtand, in eine feſte Verbrüderung umwandeln zum Nutzen und Frommen und zu einem Aſyl junger und alter Künſtler durch heiteres, nutzbringendes Zuſammenleben im Austauſche guter Ideen.“ Der kleine Kellner hatte ſich bis jetzt hinter der Thür gehalten und den Rand ſeines Hutes in den Mund geſtopft, um das ihn krampfhaft überfallende Schluchzen zu unter⸗ drücken. Bei einem neuen gewaltigen Ausbruche aber wandte Don Larioz ſein Geſicht nach ihm hin, erkannte ihn augen⸗ blicklich, und ein ſeltſames Lächeln flog über ſeine Züge. Er richtete ſich, von dem Armenarzte unterſtützt, mühſam in dem Bette auf, und in ſeinen Augen zeigten ſich auch jetzt wieder Spuren des früheren Feuers. „Ah!“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Zucken der Finger auf der Bettdecke hin und her,„mein Knappe und Schild⸗ träger! Willkommen am Lager des ſterbenden Ritters!“ Doktor Flecker beugte ſich hinab und blickte beſorgt in die Augen des Kranken, doch war der Glanz in denſelben ſchon wieder verſchwunden und hatte einem Ausdruck der Hei⸗ terkeit und des herzlichſten Wohlwollens Platz gemacht. Der Spanier fuhr mit ſeinen zitternden Händen über den Arm des jungen Menſchen herab, faßte ſeine Hand und ſagte nach einem längeren Stillſchweigen:„Ich wußte wohl, daß ich meinen treuen Gefährten wiederſehen würde, ehe Alles vorbei iſt. Es war das von jeher der Brauch, daß der Knappe mit Wehr und Waffen zum Bette ſeines Ritters trat, ehe dieſer die Augen für immer ſchloß.— So auch— jetzt.— Das Ende. 289 Ohne zu wanken, haſt du— an mir gehangen— und haſt mir beigeſtanden— in den gefährlichen— Lagen meines vergangenen Lebens.— Auf dich— vererbe ich meinen De⸗ gen, nicht zum Gebrauch— denn die Zeit— iſt vorüber— ſondern um ihn aufzubewahren— als Erinnerung an— einen treuen Freund.— Als Symbol der Kraft— im Dul⸗ den, denn das— iſt die beſte Waffe in unſerer— armen 44 Zeit.— Wenige Auserwählte———— —— Sein Haupt ſanl zurück, und Doktor Flecker machte, nach einem neuen prüfenden Blick in das Geſicht des edlen Spaniers, mit thränenden Augen den Freunden ein Zeichen, ſich zu entfernen. Er ſelbſt blieb mit Gottſchalk und der übrigen Familie des Jägers bei dem Sterbenden. Einige Stunden darauf, als Larioz ruhig und ſanft ent⸗ ſchlafen war, verließ der Armenarzt das Gemach, und er war in ſo tiefen und traurigen Gedanken, daß er nicht einmal daran dachte, ſeinem kleinen Hunde, der ſeine Freude über das endliche Erſcheinen des Gebieters in höchſt unmanierlicher Lebhaftigkeit kund gab, die durchaus nothwendige Zurechtwei⸗ ſung angedeihen zu laſſen. Er ſtieg vielmehr, ohne um ſich zu ſchauen, die knarrenden Treppen hinab und ſah erſt empor, da drunten an der Hausthür plötzlich die Stimme des Grafen Helfenberg fragte:„Wie ſteht es dort oben, Doktor?“ Der Armenarzt ſchüttelte leiſe den Kopf.„Euer Erlaucht werden mir zugeben,“ verſetzte er,„daß ich in dieſem Fall ein Recht habe, zu ſagen: aufs beſte! wenn ich mich als Arzt und Menſch auch anders ausdrücken und ſprechen muß: es iſt vorbei— item er iſt todt.“ „Sie haben recht, lieber Freund,“ bemerkte der Graf und drückte die Hand des Andern, die er ergriffen, herzlich in der Hackländer, Don Quixote. V. 19 . 5 5„ 3 —————== 2* Dreiundſechzigſtes Kapitel. ſeinen;„wie der Spanier einmal war,— ſo allein, wie er b ſeinen wunderlichen Weg ging, mußte der Tod für ihn das beſte V ſein, ſo ſchmerzlich wir den Mann auch vermiſſen werden.“ Das Auge des Doktors war inzwiſchen auf ſeinen vier⸗ beinigen Begleiter gefallen, der eben nicht abgeneigt ſchien, mit einem vorübertrabenden Pudel eine flüchtige Bekanntſchaft anzuknüpfen, nun aber, da er bei einem Seitenblick die Stirn des Gebieters gerunzelt und den Arm mit dem Stock drohend erhoben ſah, klüglich zurückeilte.„Das wollte ich dir auch gerathen haben, du Kreatur!“ murmelte der kleine Mann, und indem er jetzt erſt das Geſicht wieder zum Grafen Helfen⸗ berg erhob und deſſen Worte aufnahm, ſagte er:„Euer Er⸗ laucht wollen mir verzeihen, daß ich ausſpreche, was ich im Sinn habe,— es klingt nicht fein,— aber Sie werden mir zugeben, daß es richtig iſt. Ich dreſſire nun an der Kreatur da ſeit einigen Jahren ſchon herum und kann ihr noch immer nicht die alte Natur, den Eigenſinn und Eigenwillen abgewöh⸗ nen— item, die Kreatur bleibt eine Beſtie. Unſer todter Freund dort oben,“ fuhr er, die Achſeln zuckend, fort,„war frei⸗ lich ein Menſch, aber die alte Natur, die verwünſchten Ge⸗ wohnheiten, die abenteuerlichen Einfälle ſteckten ſo tief in ihm, wie in der kleinen Beſtie hier die ihren, und ſpotteten ſeiner eigenen beſſern Einſicht und des Raths und der Ermahnungen ſeiner Freunde. Ich habe ihn lange gekannt, Euer Erlaucht, ich verkehrte viel mit ihm, denn er intereſſirte mich, ich nahm Theil an ihm, item, ich hatte ihn lieb, den thörichten Geſellen. Sie glauben nicht, welche Mühe ich mir mit ihm gegeben, wie ich auf ihn eingeredet, wie ich verſuchte, ihn Vernunft und Mores zu lehren, ihm all den vertrakten Unſinn aus dem Kopf zu ſchaffen, den er ſich hineingeſetzt. Wie oft hab' ich ihm geſagt:„Verehrter Don, Ihr ſeid, salva venia, obſtinat, item, Das Ende. 291 7 wie eins von Euren andaluſiſchen Maulthieren! Item, Ihr wer⸗ det nichts als Unannehmlichkeiten und Noth von all dieſen Dingen haben!“— und Euer Erlaucht werden mir zugeben, daß ein Menſch mit Fug und Recht aus der Haut fahren könnte, wenn nach all ſeinen vernünftigen Reden und Vorſtellungen der Andere dann ſeine große Naſe ſtolz erhebt, die ächte Don⸗ Miene aufſetzt und ernſt zur Antwort gibt:„Die alten Ritter haben auch nicht an ihr Glück und ihre Ruhe gedacht, Dok⸗ tor, ſondern nur an Ehre, Ruhm und Recht. Das hat man vielfältig erlebt.“ Sie waren von der Thür fort getreten und gingen lang⸗ ſam die ſchmale Straße entlang, wo ſich in der jetzigen Stunde kein anderer Menſch ſehen ließ; der Graf mochte noch nicht den ihm ſo lieb gewordenen Arzt verlaſſen, hinter deſſen auf⸗ geregten und barſchen Worten er ohne Mühe die tiefe Er⸗ ſchütterung erkannte, welche derſelbe vom Sterbelager ſeines langen Freundes mit ſich davon trug. „Und das Verwünſchteſte iſt,“ ſprach jetzt plötzlich Doktor Flecker heftig, und blieb ſtehen und ſtieß hart mit ſeinem Stock aufs Pflaſter, ſo daß der Hund erſchreckt von einem Kehrichthaufen hinter ſeinen Herrn zurückflog,„das Verwünſch⸗ teſte iſt, daß in all dem Unſinn dennoch eine Art von Sinn ſteckt, daß der obſtinate, todte Geſell dort oben für all ſeine Hartnäckigkeit doch einen Grund hatte, bei all ſeinen vertrak⸗ ten Anſichten und Extravaganzen in einem gewiſſen Recht war. Man möchte des Teufels werden!“ ſetzte der choleriſche Mann mit einem neuen Aufſtoßen des Stocks hinzu, und fuhr dann ebenſo lebhaft fort:„Euer Erlaucht müſſen mir ſchon zugeben, daß ich in meiner Stellung allerlei zu ſehen kriege, wovon ihr andern Menſchenkinder euch nichts träumen laßt, gräßliche Noth, gräßliches Elen d, Laſter und Schlechtig⸗ ——ᷣ—ͦ—’x:————õꝛꝛr——5göõ—— 292 Dreinndſechzigſtes Kapitel. keit, ſo daß man die Menſchen verachten und haſſen möchte. Denn ſie toben gegen ſich ſelbſt und gegen einander wie die Thiere und ärger als dieſelben. Man möchte krank werden vor Ekel— ſelbſt unſer Einer— und vor Verdruß und Verzweiflung aus der Haut fahren, wenn man ſieht, wie ſie leben, wie ſie ringen, wie ſie zu Grunde gehen oder zu Grunde gehetzt werden. Aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich es treiben möchte wie Don Larioz, unſer edler Ritter— und anſtatt gegen die leibliche Noth, gegen die geiſtigen Schäden, gegen das innere Elend der Menſchen ankämpfen müßte. Das iſt der Krebsſchaden, Euer Erlaucht, der reine Krebsſchaden, item unheilbar!— Und wenn ich an all die Formen denke, unter denen er auftritt, von denen die eine immer gräßlicher als die andere! Die Unredlichkeit und Falſchheit, die Treulo⸗ ſigkeit und Unbarmherzigkeit, die Frechheit und Selbſtüberhebung, Mißgunſt, Verleumdung, Heuchelei, Neid, Eigennutz— Schmutz, nichts als Schmutz, was ich nenne, wohin ich ſehe, greife! Es kann Einem die Haut ſchauern! Da thäte uns freilich ein Ritter noth, der mit Schwert und Lanze unerbittlich dar⸗ auf einſtürmte, oder ein Arzt, deſſen Meſſer ſchonungslos hin⸗ einſchnitte in das wilde Fleiſch. Das wär' ein ander Amt, da wär' ein anderer Lohn zu verdienen, als für unſer Einen! — Aber der Arzt ſchreibt nicht auf einem Burean, der ſitzt nicht im Grafenſchloß, noch auf dem Königsthron, noch in der Welt. Item, der haust dort oben im Himmelreich und heißt unſer Herrgott und ſteuert den Erdenbäumen, daß ſie nicht zu ihm emporwachſen. Und nun wirſt du das auch ſchon wiſſen, tapferer Don!“ ſetzte er abbrechend mit einem ſeltſamen Lächeln hinzu. Sie waren jetzt auf dem Blumenmarkt angelangt und der Arzt blieb ſtehen, fuhr ſich, nachdem er den Hut abgenom⸗ 2 Das Ende. men, über die Stirn und ſagte:„Euer Erlaucht wollen mir all das Geſchwätz verzeihen. Aber dieſe Narrheiten haben das Ueble, daß in ihnen ſtets etwas Anſteckendes iſt. Wie käme ich ſonſt dazu, mir wie Don Larioz Gedanken über das zu machen, was mich Gott ſei Dank nichts angeht?“ Der Graf drückte ihm die Hand.„Sehe ich Sie heute noch, Doktor?u fragte er herzlich. „Ja— ich werde wie immer kommen,“ erwiderte der Armenarzt, und nach einem freundlichen Gruß gingen ſie auseinander. ————————— Wenige Tage ſpäter ſchritt Jemand langſam, ſtumm und in ſich gekehrt durch die enge Gaſſe, in welcher das Haus lag, das wir verlaſſen. Dieſer blieb vor dem kleinen Laden ſtehen, an deſſen Fenſter die gleichen Spielwaaren aufgeſtellt waren, deren wir ſchon vor einiger Zeit gedacht, und betrach⸗ tete einen Moment die bunten hölzernen Figuren, die Bären und die Affen, die mit ihren ſtieren Augen in ewiger Ver⸗ wunderung auf die Straße blickten, die geſtern und heute ſo hinaus ſchauten, wie ſie es nach Jahren noch eben ſo machen werden, wenn ſie unterdeſſen nicht verkauft und zerbrochen worden ſind.„Das bleibt ſich alles gleich!“ ſeufzte der Mann vor dem Laden;„nur in unſerem Leben der ewige, traurige Wechſel! Es wäre wahrhaftig ein Glück, wenn man auch ſo einige Jahre, alles vergeſſend, in die Welt hinaus ſtarren könnte und dann wieder erwachen ohne alle Erinnerung.“ Er wandte ſich um, warf einen Blick an die Häuſer hin⸗ auf und trat in einen weiten Thorbogen, der unſeren Leſern bekannt iſt; er ging die alte knarrende Stiege hinauf, bei den ſtaubigen, halb erblindeten Fenſtern vorüber in den zweiten und dritten Stock; dort blieb er ſtehen, blickte fragend umher —— S—* 294 Dreiundſechzigſtes Kapitel. und trat endlich in ein kleines Zimmer, deſſen Thür halb geöffnet war. Hier, in dem ärmlichen Gemache, fand er eine alte Frau; ſie hatte ein paar hölzerne Stühle und einen alten Tiſch an die Wand gerückt; auf letzterem lagen Kleidungs⸗ ſtücke: ein großer Mantel, ein Hut, neben dieſem ein langes ſpaniſches Rohr. Obgleich das Zimmer, wie ſchon geſagt, klein und ärmlich war, ſo machte es doch keinen unfreundlichen Eindruck, denn das einzige große Fenſter war weit geöffnet und ließ einen ganzen Strom von Sonne und Licht herein⸗ ſtrahlen. Der Fremde trat ein, als ſich die alte Frau gerade da⸗ mit beſchäftigte, ein Portrait, welches umgekehrt an der Wand geſtanden, abzuwiſchen und alsdann zu betrachten. Um ihre Aufmerkſamkeit zu erregen, huſtete er leicht, worauf ſie ſich raſch umwandte und dann ausrief:„Das hat mich erſchreckt! ich hätte beinahe das Portrait fallen laſſen.“ „Hier wohnt die Familie Brenner?“ fragte der Fremde; worauf die alte Frau erwiderte:„Ja wohl, aber eigentlich da drüben, hier wohnt Niemand mehr. Daß dich!— du lieber Gott!— der, welcher vor ein paar Tagen hier war, iſt dahin gegangen, von wo man nicht wieder kehrt.“ „So bin ich im Zimmer eines kürzlich Verſtorbenen?“ fragte düſter der Fremde.„Wohnte hier vielleicht jener Mann, deſſen Portrait Sie in der Hand halten?“ „Ob es ſein Portrait iſt, weiß ich nicht, aber geglichen hat es ihm ſehr.“ Der Mann, der eben eingetreten, näherte ſich dem Tiſche und betrachtete das Bild. „O ja,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich habe ihn geſe⸗ hen, vor kurzer Zeit noch.— Er iſt todt?— Ihm iſt wohl!“ „O ja, es wird ihm wohl ſein, denn er war ein braver Das Ende. Mann,“ entgegnete die Frau, wobei ſie ſich keine Mühe gab, ihre Thränen zurück zu halten, die ihr über die eingefallenen Wangen floſſen.„Eigentlich iſt er umgebracht worden,“ fuhr ſie nach einem kurzen Stillſchweigen fort,„von dem Gärtner eines vornehmen Herrn. Der wird aber auch ſeinen Lohn noch bekommen.“ „Wer? der Gärtner oder der Herr?“ „Meinetwegen Beide; doch wäre es mir lieber, ſie hätten ihren Lohn früher erhalten, dann lebte vielleicht der arme Mann noch.“ „Der Anſicht bin ich auch,“ ſprach der Fremde, worauf er mit dem Kopfe nickte und hinzufügte:„Alſo da drüben wohnt die Familie Brenner?“ Er ging auf die bezeichnete Thür zu, klopfte an, und als man Herein! rief, trat er in das Zimmer. Frau Brenner ſaß in der Fenſterniſche unter dem Kana⸗ rienvogel, der luſtig ſchlug. Sie hatte ein ſchwarzes Kleid an, und vor ihr ſtand das kleine Bübchen, welches ſich vergeblich bemühte, das uns wohlbekannte alte hölzerne Pferd, dem nun aber alle vier Füße fehlten, zum Stehen zu bringen. Die blaſſe Frau fuhr faſt erſchrocken von ihrem Sitze empor, als ſie den Eintretenden erblickte, der ſich ihr aber freundlich näherte und die Hand reichte, indem er ſprach:„Ich muß Sie doch zum Abſchied begrüßen, um Ihnen zu ſagen, daß ich mich recht ſehr über die Veränderung freue, das heißt: freue für Sie, denn mir thut es aufrichtig leid, einen treuen Diener, wie mir Brenner ſeit langen Jahren war, zu verlieren.“ „Ach, auch ihn hat es recht geſchmerzt, gnädiger Herr,“ ſagte die Frau,„und uns alle. Wir konnten uns nur darein finden, als mein Mann ſagte, Sie wollten vielleicht ein paar ——— — — ——————— 296 Dreinndſechzigſtes Kapitel. Jahre abweſend ſein und deßhalb Ihre Dienerſchaft ander⸗ weitig verſorgen.“ „So iſt es,“ gab George von Breda zur Antwort.„Wie ich ſchon vorhin bemerkte, ſo iſt dieſer Wechſel für Brenner ein angenehmer. Sollte es ihm je einmal nicht gefallen, was ich aber nicht glaube, oder ſollten Sie ſich nach der Stadt zu⸗ rückſehnen, ſo ſteht ihm mein Haus ſpäter immer wieder offen. Das verſpreche ich Ihnen.“ „O, wie gut Sie ſind, gnädiger Herr!“ rief die Frau aus, und darauf wandte ſie ſich raſch nach dem Fenſter, wo⸗ bei ſie mit der Hand ihre Augen verdeckte,— ihre Augen, mit denen ſie in das ſo ſehr ernſt gewordene bleiche Geſicht des Barons forſchend geblickt. „Ich möchte auch gern Ihrer Mutter einen guten Tag ſagen,“ ſprach dieſer.„Kann ich zu ihr eintreten?“ Frau Brenner nickte ſtumm mit dem Kopfe und ging alsdann voran nach der Thür des Nebenzimmers, die ſie öffnete, und dabei ſagte:„Der Herr Baron von Breda kommt, nach dir zu ſehen, Mutter.“ Die ehemalige Kammerfrau der Gräfin Eller ſaß wie immer in ihrem Stuhle, machte aber beim Eintreten des Ba⸗ rons eine Bewegung, als ob ſie es verſuchen wollte, ſich zu erheben; doch legte ihr Herr von Breda ſanft ſeine Hand auf die Schulter, indem er ſie bat, mit ihm, dem langjähri⸗ gen Bekannten, keine Umſtände zu machen.— Eigentlich ſollte ich ſagen,“ fuhr er fort, während er einen Stuhl nahm und ſich der Frau gegenüber niederließ,„Ihren Bekannten vor langen Jahren, denn es iſt eine tüchtige Zeit her, daß wir uns nicht mehr geſprochen.“ Wenn auch der Baron bei dieſen Worten lächelte, ſo war dieſes Lächeln doch ein ſehr erzwungenes. Er blickte in Das Ende. 297 der kleinen Stube umher und dachte dabei an ſie, die vor Kurzem erſt hier geweſen, und dann erinnerte er ſich aufs lebhafteſte jenes Tages, wo er drunten auf⸗ und abgegangen, während es ſich hier oben begeben, ſo ganz anders, als er gefürchtet, und doch in ſeinem Reſultate wieder trauriger für ihn, als es ſich die regſte Phantaſie nur hätte ausmalen kön⸗ nen.— Da hatte ſie geſeſſen, vielleicht auf derſelben Stelle, wo er ſich befand; hier hatte ſie in die ſchönen klaren Augen der alten Frau geblickt und des Grafen Worten gelauſcht.— Aber nicht mit der Liebe, ſprach er zu ſich ſelber, wobei ſich ſeine Bruſt unter tiefen Athemzügen hob, mit welcher ſie an mich gedacht. Ich hätte nicht geglaubt, daß mir das einen ſolchen Troſt gewähren würde. Die Fenſter ſtanden der angenehmen Witterung wegen offen, und als George von Breda nach einer langen Pauſe aus ſeinem tiefen Nachdenken erwachte, zeigte er auf einen Kaſtanienbaum vor dem Fenſter, der in geſchützter Lage ſchon anſing, ſeine friſchen grünen Blätter zu entrollen, und ſagte: „Ihnen wird die Veränderung angenehm ſein, die der Fa⸗ milie bevorſteht; Sie werden auf dem ſchönen Stromberg wohnen zwiſchen freundlichem Grün, umgeben von Blumen, in angenehmer Erinnerung der glücklichen Tage einer früheren Zeit.— Denken Sie auch zuweilen daran?“ „Ob ich daran denke!“ entgegnete die alte Frau.„Was bliebe mir in der Einſamkeit ſo vieler Stunden, wenn ich ſie nicht mit freundlichen Geſtalten bevölkerte!— Neulich war ich glücklich,“ ſetzte ſie lebhaft hinzu.„Da trat die Vergan⸗ genheit aufs lieblichſte verkörpert hier in mein kleines Stübchen.“ „Ja, ja, Eugenie war hier,“ ſprach der Baron, wobei er vor ſich niederblickte. . ———ſͤͤoöööͤoͤöoͤöoͤͤoͤöͤöͤdͤſͤſͤͤſͤſͤſͤſſ 298 Dreiundſechzigſtes Kapitel. „Und ſie iſt ſo glücklich geworden, wie ich mit großer Freude gehört.“ George von Breda biß die Lippen zuſammen, dann ſagte er mit einer Stimme, die ſehr ruhig klang:„Ich glaube und hoffe ſo. Sie hat erreicht, was für ein junges Mädchen das Wünſchenswertheſte ſcheint; ſie hat, wie man ſo ſagt, eine vor⸗ treffliche Partie gemacht; ſie iſt ſeit geſtern Gräfin Helfenberg.“ Der Baron ſprach das anſcheinend ſehr gleichgültig, ja, vergnügt, doch ſchien er den Blick der alten Frau nicht ertra⸗ gen zu können, denn er hob die Augen zum blauen Himmel empor und ſeine Stimme zitterte ein wenig, als er den Na⸗ men ſeines Freundes ausſprach.— Ein furchtbares Geſchick! klang es in ſeinem tiefſten Innern; aber da ich es über mich vermocht, das ruhig zu ſagen, was ich eben geſagt, ſo wird es mir auch wohl gelingen, nach und nach das Gleichgewicht wieder zu finden. „Sie werden den Grafen und die— Gräfin auf Strom⸗ berg ſehen,“ ſagte er nach einer Pauſe;„ſie wollen nach einer längeren Reiſe dort leben.“ „Und Sie, gnädiger Herr, Sie werden auch häufig hin⸗ aus kommen?“ fragte die alte Frau.„O, wenn es mir er⸗ laubt wäre, zu ſagen, daß es mich glücklich machen würde, dort alle wieder vereinigt zu ſehen, deren ich mich aus den Zeiten der hochverehrten Gräfin Eller mit ſo vieler Liebe er⸗ innere!“ „Vorderhand muß ich darauf verzichten,“ gab der Baron zur Antwort.„Ich bin im Begriff, eine größere Reiſe zu machen, die mich vielleicht ein volles Jahr von hier entfernt halten wird. Schon lange trug ſich meine Frau mit dem Wunſche, fremde Länder zu ſehen, weßhalb wir heute auf länger die Stadt verlaſſen.“ Das Ende. Bei dieſen Worten erhob ſich der Baron raſch und reichte der alten Frau die Hand. „Auf Wiederſehen alſo nach einiger Zeit!“ ſagte er, „Gedenken Sie meiner freundlich, wenn Sie auf Strom⸗ berg die Orte ſehen, wo ich als Kind geſpielt. Wenn ich zu⸗ rückkomme, werden Sie mir hoffentlich viel Schönes und Ange⸗ nehmes zu erzählen wiſſen.“ Er drückte haſtig ihre Hand und verließ das Zimmer, worauf er nach einem freundlichen Gruße gegen Frau Bren⸗ ner die Treppe gewann und das Haus verließ. Es war einer jener duftreichen Frühlingsvormittage, wo man die Spitzen der hohen Häuſer und die Kirchthürme Mor⸗ gens leicht verſchleiert geſehen, bis der ſchon kräftige Strahl der Sonne alle Nebel hinabdrückte und dieſe als Thau das Straßenpflaſter benetzten. Die Luft war ſo würzig und wohl⸗ thuend, daß man ſie gern in vollen Zügen einathmete; der Himmel glänzte ſo klar, wie man ihn ſelten ſah: Schatten und Licht waren aufs ſchärfſte abgegrenzt. George von Breda ging die enge Gaſſe hinab und trat auf den Blumenmarkt, der heute, namentlich rings um den alten Springbrunnen, ſeinen Namen rechtfertigte. Da ſah man die erſten Kinder des Frühlings: Veilchen, Maiblumen, ja, ſelbſt ſchon Roſen, glänzend im Morgenthau, ſüße Wohl⸗ gerüche ausſtrömend. Da herrſchte auf dem Platze, den der Baron noch vor kurzer Zeit ſo öde und leer geſehen, ein reges Leben. Er blieb einen Augenblick bei der Fontaine ſtehen, und als er an das dachte, was er vor Kurzem hier erlebt, ſo freute er ſich der heutigen Veränderung; es war ihm, als habe er ſeine Liebe begraben und ſehe nun ihren Grabhügel mit lieblichen Blumen bedeckt; er freute ſich innig, den Platz, wo ſich ſein Leben gewendet, ſo wieder geſehen zu haben; in —————— 300 Dreiundſechzigſtes Kapitel. dieſem milden Gewande ſollte ihm derſelbe in Erinnerung bleiben—— Der Baron wollte gerade den Blumenmarkt verlaſſen, als er eines Bekannten anſichtig wurde, der ihm entgegen kam und ſchon auf einige Schritte Entfernung an den Hut langte, um ihn zu begrüßen. Es war der Armenarzt Doktor Flecker, der ganz in ſeiner alten Weiſe daher kam. „Verehrter Herr Baron, ich wünſche Ihnen einen guten Morgen!“ rief ihm dieſer entgegen.„Wie ich vernommen, ſind Sie im Begriffe, abzureiſen, und Sie werden mir erlau⸗ ben, Ihnen zu bemerken, daß ich es für ein glückliches Unge⸗ fähr halte, Sie hier zu finden, um Ihnen meine beſten Wünſche zu ſagen.“ Beide reichten ſich die Hände, worauf Herr von Breda ſprach:„Sie ſind ein Wundermann, Herr Doktor, und Ih⸗ nen in dem Augenblicke zu begegnen, wo man im Begriffe iſt, eine längere Tour anzutreten, muß als gute Vorbedeutung betrachtet werden. Wenn es Sie nicht zu ſehr aus Ihrem Wege entfernt, ſo würde ich Sie bitten, mich ein paar Schritte zu begleiten. Ich muß nach Hauſe, denn ich habe ſchon mit allerlei Gängen meine Zeit verſäumt.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der Doktor;„meine Wege führen mich überall hin, denn in allen Theilen der Stadt warten meine armen Freunde auf mich.— Item, gehen wir.“ Sie verließen den Blumenmarkt, und im Weiterſchreiten ſagte Baron von Breda:„Ich war eben in einem Hauſe, wo ich zufällig vom Tode eines Mannes hörte, der Ihnen näher befreundet war, und mit dem ich neulich auf eigenthüm⸗ liche Art zuſammentraf.“ „Ah ja! ich erinnere mich,“ verſetzte lächelnd der Armen⸗ arzt. Doch verſchwand dieſes Lächeln wieder, als er hinzu⸗ Das Ende. 301 ſetzte:„Da iſt uns ein edler Freund geſtorben, ſonſt eine ronderbare Perſönlichkeit, die viel Gutes hätte wirken können, wenn ſie nicht in dem Wahne befangen geweſen wäre, es ſei ihre Schuldigkeit, allen Menſchen zu helfen.“ „Und das können wir doch nicht, beſter Herr Doktor,“ ſagte George von Breda mit Betonung.„Was dem Einen zum Glücke ausſchlägt, führt oft das Unglück eines Anderen herbei.“ „So iſt es, Herr Baron. Hängen wir doch mit unſe⸗ ren Nebenmenſchen in Art einer Wage zuſammen: was Die⸗ ſen erhebt, drückt Jenen hinab.“ „Ja, das iſt richtig,“ meinte Herr von Breda mit leiſer Stimme. 1 „Bah!“ rief der Armenarzt achſelzuckend,„man muß darüber nicht nachgrübeln. Das hab' ich neulich an mir ſelbſt geſpürt— item, es iſt Unſinn! Heute ſinkt die Wagſchale unſeres Lebens, morgen ſteigt ſie wieder.“ „Und zu dem Steigen kann man das Seinige beitragen.“ Der Doktor blickte den Baron fragend an. „Man entledige ſich ſo viel thunlich des Ballaſtes, der unſere Seele niederdrückt; man werfe alle thörichten Hoffnun⸗ gen und Wünſche über Bord.“ „Wer das kann.“ „Ja, wer das kann!“ ſprach ſeufzend George von Breda. „Apropos,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher Beide ſtillſchweigend fortgeſchritten waren,„man ſagte mir, auch Sie würden die Stadt verlaſſen, um ganz bei Helfenberg zu bleiben. Iſt dem ſo?“ Der Doktor ſchüttelte mit dem Kopfe.„Ich kann meine „Armen nicht verlaſſen,“ ſagte er.„Den Teufel auch! Sie werden mir zugeben, daß das nicht ſo leicht geht. Wenn meine Kranken reiche Leute wären, ſo würde ich mir nichts —— * ö — 302 Dreiundſechzigſtes Kapitel.— Das Ende. daraus machen, ihnen ein zierliches Circular zuzufertigen: Ihr bisheriger Hausarzt, Doktor Flecker, ſieht ſich veranlaßt u. ſ. w. u. ſ. w. Aber meinen Patienten darf ich nicht ſo kommen; item, wir ſind lauter gute Freunde mit einander, wir bilden, ſo zu ſagen, eine einzige, wenn auch mitunter etwas traurige, Familie, deren Oberhaupt ich zu ſein die Ehre habe; und dieſe Ehre iſt mir viel zu groß, als daß ich ſie ſo leichtſinnig wegwerfen ſollte. Ich verſichere Sie, Baron Breda, meine armen Kranken, namentlich die Kinder, ſind meiſtens ein dank⸗ bares Volk; ſie ſchauen zu mir wie zu etwas recht Hohem empor, und das ſchmeichelt.“ „Ich beneide Sie um Ihre Beſchäftigung und um Ihren Humor, Doktor,“ verſetzte Herr von Breda.„Und Sie haben vollkommen Recht; Helfenberg bedarf ja, Gott ſei Dank, Ihrer Hülfe jetzt nicht mehr.“ „Nein, er bedarf ihrer jetzt nicht mehr,“ antwortete der Armenarzt in eigenthümlichem Tone.„Gott hat mir gnädigſt geſtattet, ihn herzuſtellen; aber—“ „Leben Sie wohl, Doktor!“ rief haſtig der Baron; „meine Zeit drängt.— Auf fröhliches Wiederſehen!“ Damit verließ er den einigermaßen erſtaunten Arzt und hatte in Kurzem ſeine Wohnung erreicht, wo ein bepackter Reiſewagen ſtand, an den ſo eben die Pferde geſpannt wurden. George von Breda hatte nur noch wenig in ſeinen Zim⸗ mern zu thun. Mit einem unausſprechlich traurigen Gefühle nahm er ſeine Brieftaſche hervor, in der ſich jene Roſe und das Geldſtück befanden, legte das alles in ein Käſtchen, und als er dieſes zuſchloß, ſprach er leiſe zu ſich ſelbſt: Welche Ge⸗ danken werden mich bewegen, wenn ich es wieder öffne? Vierundſechzigſtes Kapitel. Zwei Jahre ſpäter. Zwei volle Jahre ſpäter als jene Zeit, in der unſer letztes Kapitel ſchließt, ſah man des Morgens gegen 10 Uhr auf der Landſtraße, die nach der Stadt zuführte, eine fremd gewordene und dadurch faſt ſeltſame Erſcheinung; es war ein ſchwerer, aber eleganter Reiſewagen, und er nahm ſich um ſo eigenthümlicher aus, als neben der Straße, auf der er fuhr, freilich mehr in der Tiefe, gerade ein Eiſenbahnzug deſſelben Weges brauste. Der Poſtillon, der auf dem Sattelpferde des Geſpanns ſaß, welches dieſen Reiſewagen zog,— er war feſtlich gekleidet, trug eine ſaubere Uniform, auf dem Hute einen Federbuſch und an der Bruſt einen mächtigen Blumen⸗ ſtrauß— hatte ſeine Peitſche auf den linken Arm herüber⸗ gelegt und blickte ſinnend auf die ſchnelle, rieſenhafte, gelen⸗ kige, feuerſpeiende Schlange, welche da unten durch das Thal hinſchoß, fort und fort auf der langen Eiſenſpur, eingehüllt in Rauch und Qualm.—„Das ſchneidet allerdings unſer 304 Vierundſechzigſtes Kapitel. Grundwaſſer ab,“ ſprach er kopfnickend,„aber man mag ſagen was man will, mir ſoll kein Menſch weis machen, daß nicht nach langen, langen Jahren alte Leute von heute ſprechen werden und es bedauern, daß die luſtigen Extrapoſten nimmer zu ſehen ſind.— Ja, pfeif nur!— Für einen vornehmen Herrn muß es doch ein jämmerliches Vergnügen ſein, ſo eingepfercht zu ſitzen. Und dann, wenn ſie ankommen, das Gewühl, der Lärm— pfui Teufel!“ Und als wollte er ſich beruhigen, ſteckte er die Peitſche in ſeinen Stiefel, machte das Horn aus der Schnur auf dem Rücken los, brachte es an ſeine Lippen und blies, vielleicht angeregt durch den grünen dichten Wald, der nun die Chauſſee auf beiden Seiten einrahmte, die Melodie des bekannten Liedes: Der Jäger von Churpfalz Der ſtolpert über'n Haſelſtrauch Und bricht beinah' den Hals. Angenehm für den Virtuoſen war es, daß es gerade bergauf ging, was auch die vier Pferde benutzten, um ſchweif⸗ wedelnd im langſamſten Schritt zu gehen. Wie aber Alles auf dieſer Welt ein Ende nimmt, ſo auch das Blaſen des Poſtillons und der ziemlich lange Berg. Auf der Höhe deſ⸗ ſelben ſah man die Stadt vor ſich liegen, weiterhin die Häuſer⸗ maſſen, näher einzelne Gebäude, unter dieſen hervor erblickte man ein ziemlich hohes Dach mit einer rothen Fahne. In dieſem Momente legte ſich eine junge Dame ein klein wenig aus dem Wagenſchlag, ſchaute dort hinab und ſagte dann zu Jemand, der neben ihr ſaß: „Ich habe das Haus geſehen mit ſeiner rothen Fahne.“ Der Poſtillon that jetzt einen lauten Zungenſchlag, ſeine Zwei Jahre ſpäter. 305 lange Peitſche berührte mit einem Zickzackhieb faſt zu gleicher Zeit alle vier Gäule, und da nun der Wagen raſch abwärts flog, ſo verſchwand auch die Stadt wieder und ebenſo das Haus mit der rothen Fahne. Unten angekommen, wo die Landſtraße wieder aufſtieg, erhob ſich einer der Bedienten, die hinten auf ſaßen und rief dem Poſtillon zu:„Jetzt mußt du rethts fahren, aber thu's langſam, der Weg iſt dort nicht ganz ſauber.“ „Er iſt ja gemacht worden,“ ſagte der andere Bediente mit einem bedeutſamen Kopfnicken,„und wie gemacht worden! Ihre Erlaucht wird ſich wundern.“ Und Ihre Erlaucht, die junge und ſchöne Gräfin Helfen⸗ berg, die neben dem Grafen im Wagen ſaß, wunderte ſich in der That, als nun der Reiſewagen von der Chauſſee weg in den ihr wohlbekannten, früher ſo verwilderten Weg ein⸗ lenkte und da ſanft fortrollte. Wie war das hier anders geworden! eine breite, mit weichem Sand bedeckte Straße zog ſich wie unter einer Laube dahin, denn wenn auch Gräben und Einfaſſungen rechts und links wieder hergeſtellt waren, ſo hatte man doch Bäume und Sträucher geſchont, und dieſe berührten ſich von beiden Seiten und bildeten ein breites Schattendach. Eugenie ſah den Grafen an, der mit dem Ausdrucke innigſter Liebe ihren Blicken begegnete, dann legte ſie ihre Hand in die ſeinige und verbarg einen Augenblick das Geſicht an ſeiner Bruſt. Als ſie wieder aufſchaute, lächelte ſie durch Thränen und ſagte: „Wie dankbar bin ich dir, lieber Hugo, daß du Alles das hier ſo werden ließeſt! Weißt du wohl, daß ich mich vor dem öden Wege, den umgeſtürzten Bänken, der halb Hackländer, Don Quixote. V. 20 —— 306 Vierundſechzigſtes Kapitel. verfallenen Brücke und namentlich vor den Steinfiguren im Graſe gefürchtet habe? Erſchien mir doch alles das in der Erinnerung wie ein geſpenſterhafter Traum, und ich zitterte faſt, wenn ich daran dachte, nun ſeine Wirklichkeit durchleben zu müſſen.“ „Das fühlte ich für dich, mein Kind,“ erwiederte der Graf, indem er mit der Hand leicht über ihr glänzendes Haar ſtrich und, da er einmal ſo beſchäftigt war, ihren Kopf ſanft umwandte und ſie auf die Lippen küßte.„Sage mir ehrlich,“ fuhr er alsdann fort,„erſcheint dir wirklich Manches von der Vergangenheit wie ein geſpenſterhafter Traum, den du weit hinter dir wünſcheſt?— Wenn dem ſo iſt, du liebe Träumerin, ſo ſage mir, wann biſt du eigentlich erwacht, und verkünde mir ohne Rückhalt, ob dein Erwachen wirklich ein fröhliches war.“ Der Blick, mit dem ſich die junge Frau nach dieſen Worten an ihn ſchmiegte, hatte etwas Verſchämtes; auch dauerte es eine kleine Weile, ehe ſie zur Antwort gab: „Um ganz ehrlich zu ſein, will ich dir nicht verſchweigen, daß, als wir zum letzten Mal dieſen Weg fuhren— wir hatten uns von Mutter und Vater verabſchiedet— ich in dem böſen Traum noch ziemlich befangen war. Dabei will ich noch hinzufügen, daß das Erwachen ſogar ſehr langſam von Statten ging.—— Nie, mein guter Hugo,“ ſetzte ſie alsdann mit vor Rührung zitternder Stimme hinzu,„werde ich aber dabei vergeſſen, wie liebevoll, wie zart du die Schläferin, die Träumerin, die Nachtwandlerin behandelteſt, wie du ſie nie durch ein lautes Wort erſchreckt, wie du ruhig zuſahſt, als ſich ſo nach und nach ein Band um das andere löste, die ihr 7 Gemüth, ja, warum ſoll ich's läugnen, auch ihr Herz gefan⸗ gen hielten.“ „Das war ja meine Schuldigkeit, liebes Kind; ich war Egoiſt, weiter nichts.“ „Verkleinere nicht das, was du gethan, Hugo!“ bat ſie mit dem herzlichſten Tone ihrer Stimme.„Wußte ich doch damals, wie innig du mich liebteſt, und wie es dir durch die Seele ſchnitt, daß ich noch eine Zeit lang ſo düſter fortträumte.“ „Und als du erwachteſt?“ fragte Hugo mit einem treu⸗ herzigen Lächeln. „O da fühlte ich mich glücklich, ſelig wie eine Gefan⸗ gene es nur ſein kann, deren Feſſeln ſich löſen, die aus dumpfigem Kerker nun mit einem Male an die friſche, freie Himmelsluft, an den hellen, glänzenden Tag tritt.“ „Und dieſer Tag, Eugenie?“ ſagte der Graf nach einer kleinen Pauſe, während welcher er ihre Hand an ſeine Lippen gedrückt hatte,„erſchien er dir glücklich? Dachteſt du wirklich nicht mit einer kleinen Sehnſucht an die Vergangenheit?“ Statt aller Antwort ſchlang ſie haſtig ihre beiden Hände um ſeinen Hals, drückte ſich feſt an ihn und verſetzte erſt nach einer längeren, ſüßen Pauſe: „Du böſer, böſer Menſch! Wenn du noch einmal ſolche Fragen ſtellſt, ſo ſchließe ich die Augen und ſchlafe ein, um nichts von alle dem zu ſehen, was du hier gemacht.——— 4 Aber nein, nein,“ fuhr ſie darauf luſtig fort, indem ſie wie ein tolles Kind von ihrem Sitze emporſprang, und ſich dann wieder tief in die Kiſſen des Wagens fallen ließ,„damit wäre ja nur ich geſtraft, und zur Strafe für dich will ich recht luſtig ſein.— Nicht wahr,“ ſprach ſie ſchelmiſch lächelnd, „ich ſollte wohl hier ganz ſtill und nachdenklich ſein?— Zwei Jahre ſpäter. 307 — o-—— ,— 308 Vierundſechzigſtes Kapitel. O Gott! das kann ich ja nicht,“ rief ſie aus, indem Thrä⸗ nen ihre Augen füllten,„komme ich ja hier in meine Heimat zurück, in meine gute, liebe Heimat, in meine ſüße Heimat — da den Baum kenne ich wieder— und den auch!— Was, ſogar Blumen hinter den alten Steinbänken?— Dort iſt auch die früher ſo verfallene Brücke!—— Ahl das iſt lieb, Hugo, daß das graue Gemäuer mit Schlingpflanzen verziert wird. O wenn du nur fühlen könnteſt, wie in dieſem Augenblicke mein Herz ſchlägt!“ „Ich fühle es, meine Eugenie.“ Nun ſprach ſie nichts mehr; ſie beugte ſich vornüber, ſie ſchaute mit ſtarrem, eigenthümlich funkelndem Auge hinaus und man ſah, daß ihre Gedanken den Blicken weit voran⸗ flogen. Jetzt rollte der Wagen über die Brücke, kurze Zeit darauf bog er links und nun hatten ſie die Avenue erreicht, wo vor⸗ dem die herabgeſtürzten Steinfiguren gelegen. Dieſe waren verſchwunden, und das Ganze hatte ſich ein wenig verändert; rechts und links ſah man Gebüſche und einzelne Bäume wegge⸗ nommen und ſo, was ſtehen geblieben, von dem anderen iſolirt, daß nun das Buſchwerk in zierlichen Gruppen auf der Ebene vertheilt war. Der Boden war mit einem ſaftig grünen Ra⸗ ſen bedeckt, und der ehemalige Fußpfad hatte ſich in einen breiten, ſanft geſchlungenen Fahrweg, mit weichem Sande be⸗ ſchüttet, verwandelt. Das alles bemerkte Eugenie wohl, aber ſie gab durch kein Zeichen zu erkennen, daß ſie es ſah; ihre Blicke bohrten ſich zwiſchen die Bäume hinein, und jetzt zuckte es in weh⸗ müthiger Freude auf ihrem Geſichte auf.— Da in einiger Entfernung wurde ja das kleine Schloß ſichtbar, in dem ſie 309 Zwei Jahre ſpäter. ihre Jugend verlebt; da ſah man ſeine rothen Mauern durch das Grün der Gebüſche hervorglänzen; da erblickte man die ſpitzen Dächer der Erker auf den Seiten ſtolz über dieſelben emporragen. Und die Dächer hatten recht, ſtolz zu ſein, denn nachdem ſie Jahre lang ſehr vernachläſſigt worden, hatte man ihnen jetzt ein neues Kleid von glänzenden grünen und blauen Ziegeln angezogen.— Und was für ſtattliche Wetter⸗ fahnen ſie trugen!——— Auf dem weichen Weg und unter dem angenehmen Schat⸗ ten der Bäume trabten die vier Pferde munter dahin, und der Poſtillon wickelte abermals ſein Horn los und blies, diesmal aber nicht den Jäger aus Churpfalz, ſondern: Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn i wiederum kounn, Kehr' i ein, mein Schatz, bei dir. Dann warf er eilig ſein Horn auf den Rücken, nahm die Zügel kürzer, die Peitſche ſauste über das ganze Geſpann, und er that ſein Mögliches, um mit einem recht flotten Zuge vor die beiden Obelisken hin zu gelangen, die heute noch wie damals den Eingang zum Hof bildeten. Aber auch die Obelisken ſahen freundlicher aus; aus ihren nachgemachten Hieroglyphen hatte man Staub und Moos entfernt, und ſie ſtanden ſtattlich da und würdig des nicht nur reinlich hergeſtellten, ſondern auch zierlichen Hofes. Hier bildete ein neues Pflaſter eine glatte Fläche, und in der Mitte be⸗ merkte man ein großes Rondel, freundlich eingehegt und mit einer Gruppe prachtvoll blühender Blumen verſehen. Zwiſchen den Obelisken ſtand ein kleiner, alter, gebückter Mann, der beim Herannahen des Wagens ſeine beiden Hände erhob und eifrig mit dem Kopfe nicſte So ſchnell ſich auch 4 1 —————. — ſſſ— — 310 Vierundſechzigſtes Kapitel. in dieſem Augenblicke die Bedienten vom Bock herabgeſtürzt hatten, um den Schlag zu öffnen, ſo war ihnen doch Graf Helfenberg zuvor gekommen. So leicht und gewandt wie nur in früheren Zeiten ſprang er auf den Boden, nahm als⸗ dann Eugenie in ſeine Arme und ließ ſie erſt wieder dicht vor dem alten Vater auf den Boden. Es war dies eine rührende Scene des Wiederſehens, und der alté Herr be⸗ trachtete ſein Kind, nachdem er es innig abgeküßt, von allen Seiten, worauf er mit einigem Stolze meinte, Eugenie ſei viel ſchöner geworden. „Ein Compliment,“ ſagte lachend Graf Helfenberg,„für das auch vielleicht ich ein klein wenig Urſache habe, mich zu bedanken, aber—“ „Wo iſt denn Mama?“ fragte die junge Gräfin mit einer etwas beſorgten Miene. „Vollkommen wohl,“ erwiderte der alte Herr;„aber ihr wißt wohl, Kinder, wie ſie ſich bei allen Dingen aufregt; heute Morgen— nun ihr könnt euch denken, daß wir ſeit vierzehn Tagen von eurer Ankunft ſprechen— da hatte ſie mit der größten Entſchloſſenheit alle möglichen guten Vorſätze; zuerſt wollte ſie auf die Eiſenbahnſtation fahren, um euch dort in Empfang zu nehmen; dann meinte ſie, es ſei beſſer, wenn ſie ſich erſt am Ende unſeres Waldweges zeige, aber“ — unterbrach ſich der Baron eifrig,„was ſtehen wir hier auf dem Hofe? Kommt geſchwind herein! Mama wird es mit Recht für unverzeihlich halten, daß wir nicht zu ihr eilen.“— Damit faßte er den Grafen mit ſeinem rechten und die Tochter mit dem linken Arm und ſchritt mit ihnen, ſo ſchnell es ihm möglich war, dem Hauſe zu.—„Ja, was habe ich vordem ſagen wollen?“ ſprach er währenddem.— Zwei Jahre ſpäter. 311 „Richtig! Je näher es gegen Mittag kam, um ſo kürzer be⸗ ſtimmte ſie den Weg, den ſie euch entgegen gehen wolle, nicht aus Mangel an Freude— nun, das denkſt du auch nicht, Eugenie, aber weil ſie ſich vor einer heftigen Aufregung fürchtete. Nun alſo, vor einer Stunde noch, da wollten wir euch bei der Brücke empfangen, dann unten am Hofe— aber wie ich vor kurzem oben am Fenſter ſtehend das Rollen des Wagens und das Klatſchen der Peitſche vernahm, da trieb ſie mich allein hinunter. Ich wette, ſie ſitzt droben in ihrem Stuhle und weint, aber aus purer Freude,“ ſetzte er mit glückſeligem Blick hinzu;„wie könnte das auch anders ſein!“ Eugenie flog die wohlbekannte Treppe hinan; oben aber mäßigte ſie tief athemholend ihren Schritt und trat leiſe in die Thüre des Boudoirs ihrer Mutter, wo ſie dieſelbe wirk⸗ lich auf ihrem Fauteuil ſitzen ſah. „Mama, ich bin wieder hier.“ Nach dieſen Worten ſank ſie vor der Mutter auf den Boden nieder und drückte einen Augenblick ihr Geſicht in deren beide Hände, aber nur einen Augenblick, dann hob ſie ihr Haupt empor, blickte ihre Mutter durch die herabſtürzen⸗ den Thränen lächelnd an und ſagte:—— „—— Mama, ich bin ſehr—— ſehr glücklich.“ Dieſe paar Worte ſchienen mit belebender Kraft auf die Baronin zu wirken, denn ſie erhob ſich plötzlich, umſchlang heftig ihr Kind mit beiden Armen, küßte ſie auf die Stirn, auf die Augen, auf das Haar und rief zu wiederholten Malen aus: „Gott ſei gelobt! ſo viel Segen habe ich nicht erwartet.“ Graf Helfenberg, der dieſe Scene nicht ſtören wollte, that dem alten Herrn den Willen, ſich in ein Zimmer zu ebe⸗ ner Erde nöthigen zu laſſen, wo dieſer mit leuchtenden . 2— 4 3—=“ 8 8 4 K 5 2 2 2. “ ————— 312 Viernndſechzigſtes Kapitel. Blicken am Eingange ſtehen blieb und mit einer Handbewe⸗ gung ſagte: „Sind Sie mit der Aufſtellung zufrieden?“ Was hier aufgeſtellt war, kann ſich der geneigte Leſer, der unſerer wahrhaftigen Geſchichte mit einiger Aufmerkſamkeit gefolgt iſt, wohl denken. So ſehr ſich auch der Graf freund⸗ licher Weiſe das Anſehen gab, Alles dies ſcheinbar aufs höchſte überraſcht zu bewundern, ſo kannte er doch einen großen Theil dieſer Vaſen, Krüge, Lampen aufs allergenaueſte, denn er hatte ſie dem eifrigen Sammler durch allerlei Zwi⸗ ſchenträger zukommen laſſen, offizieller Sendungen nicht zu ge⸗ denken, die er ihm hatte aus Italien ſchicken laſſen. Nachdem die Sammlung gehörig bewundert war, ſtiegen auch ſie die Treppen hinauf, wo ſie oben auf dem Gange die Baronin fanden, die ſich jetzt wieder ſo weit gefaßt hatte, um ihren Schwiegerſohn zu bewillkommnen. Sie that das mit wenig Worten, aber als ſie mit vor Rührung zitternder Stimme hinzuſetzte:„Wie iſt Eugenie ſo froh, ſo glücklich zurückgekehrt!“ Da wallte ihm das Herz auf, er preßte ſeine Lippen heftig auf einander, und aufgeregt, wie auch er war, mußte er unwillkürlich mit den Augen zwinkern. Drunten hatte unterdeſſen der Poſtillon ausgeſpannt, ſein reichliches Trinkgeld empfangen, auch noch einen kühlen Labe⸗ trunk aus einem dickbäuchigen irdenen Kruge, den er wieder⸗ holt an die Lippen ſetzte, um ihn gänzlich zu leeren, was ihm als am heutigen feſtlichen Tage unumgänglich nothwendig vor⸗ geſtellt wurde und wozu es auch nicht vieler Ueberredungs⸗ kunſt bedurfte. Zum Danke dafür half er dem Kutſcher des Grafen den prächtigen Viererzug Brauner einſpannen, welcher Zwei Jahre ſpäter. 313 die Herrſchaft von hier nach Stromberg führen ſollte. Daß er von den edlen glatten Thieren hinweg, die mit den Hufen ungeduldig im Sande ſcharrten und mit den Köpfen ſchüttel⸗ ten, faſt mitleidig zu ſeinen müden Gäulen hinüberſchaute, welche ihre Häupter hängen ließen, iſt wohl begreiflich; doch miſchte ſich nicht die Spur von Neid in dieſe Betrachtungen. Als er ſich von den Stallleuten verabſchiedet hatte und in den Sattel ſprang, ritt er zufrieden durch den duftigen Wald der Landſtraße zu und dachte an ſein kleines Haus mit der Bank davor, wo er heute Abend ſitzen werde, die Beine weit aus⸗ geſtreckt, ſeine Pfeife rauchend und dabei den Kindern erzäh⸗ lend von dem nobeln Herrn und der wunderſchönen Dame, die er heute Nachmittag geführt. Als der Reiſewagen des Grafen eingeſpannt war, erſchien einer der Bedienten mit der Meldung: Seine Erlaucht wollten mit der Gräfin nach Stromberg fahren in dem kleinen Phae⸗ ton, der für den Baron und die Baronin beſtimmt ſei, dieſe aber würden ſich in den Reiſewagen ſetzen. Ob der feine Hieb, den der Kutſcher nach Anhörung dieſer Botſchaft dem Vorläufer⸗Handpferd, das allerdings ein wenig ungeduldig hin und her trat, mit der äußerſten Spitze der langen Peitſche verſetzte, wirklich dieſer Unart galt oder ob der Unmuth, die Herrſchaft an dieſem wichtigen Tage nicht führen zu dürfen, ſeinen Arm gelenkt hatte, laſſen wir dahin geſtellt ſein,— genug, die Sache wurde ausgeführt wie vor⸗ hin befohlen. Wenige Augenblicke nachher erſchien Graf Helfenberg, die Baronin führend, und trat an ſeine Pferde, nachdem er den Kutſcher freundlich gegrüßt, und klopfte jedem der Thiere wohlgefällig auf den ſchlanken Hals. —“ — ———— — — — 314 Vierundſechzigſtes Kapitel. „Wie geht's, Joſeph?— immer wohl geweſen?“ „Danke, Erlaucht, ja, ja, freuen uns Alle auf den heu⸗ tigen Tag; hatte ſehr gehofft—“ „Hm! hm!“ machte einer der Bedienten, der hinter dem Kutſcher ſtand, wobei er ihn freundſchaftlich in die Rippen ſtieß. Der alte Herr folgte nun mit Eugenien, und wir müſſen ſchon geſtehen, daß die ſämmtliche, hier verſammelte Diener⸗ ſchaft mit noch größerem Intereſſe auf ihre neue Herrin blickte, als ſie vorhin den Grafen betrachtete. Der Baron und die Baronin beſtiegen den Reiſewagen; ehe der Kutſcher aber davon fuhr, wandte er ſich um und ſagte mißmuthig zu den Bedienten:„Wir haben da droben verabredet, daß, wenn die Herrſchaft im Wagen iſt, einer von euch ſchon von weitem mit einem weißen Tuch winken ſoll. Das unterbleibt nun natürlicher Weiſe— verſtanden?“ Da keine Widerrede erfolgte, nahm der Kutſcher ſeine Zügel kunſtgerecht zuſammen, ließ einen leichten Zungenſchlag hören und dahin rollte der Wagen auf dem weichen Wald⸗ wege mit dumpfem Geräuſch; ein paar Sekunden lang galop⸗ pirte jedes der vier ungeduldigen Thiere, bis ihnen der ver⸗ drießliche Kutſcher auf ſeine Weiſe zu verſtehen gab, was ſich für ein wohlgeſittetes herrſchaftliches Pferd gezieme. Einige Minuten nachher folgte der leichte Phaeton mit zwei ſehr raſchen, aber vertrauten Pferden aus dem Stalle des Grafen beſpannt, weßhalb dieſer nach dem Einſteigen lächelnd die Zügel der Gräfin reichte und ihr ſagte: „Liebe Eugenie, du mußt mir ſchon den Gefallen thun, wenigſtens eine Zeit lang den Wagen zu führen, erſtens kenne ich deine Liebhaberei, und dann will ich dir auch geſtehen, Zwei Jahre ſpäter. 315 was ich damals, als ich noch ſehr, ſehr unglücklich war, ſchon für eigenthümliche Phantaſieen erfand, um mich zu quälen. Dazu aber mußt du den Weg rechts nehmen.“ Eugenie ergriff Zügel und Peitſche und lenkte mit einer außerordentlichen Sicherheit in den ſchmalen Weg ein, der an dem ſtillen See vorbeiführte, welcher hinter dem Hauſe lag. „Siehſt du dort, Eugenie, dicht am Waſſer jenen um⸗ geſtürzten Stein? Dort ſaß einſt— der Neffe des Jägers und dachte natürlicher Weiſe an dich; du warſt damals in der Stadt, und quälte ſich und träumte und phantaſirte, bis er zuletzt weinend vor tiefem Schmerz ſeinen Kopf in die Hände verbarg und dann———— ſehnſüchtig nach dem ſtillen, verlockenden Waſſer blickte. Da war es dem Neffen des Jägers, als ſteige ein leichter Dunſt über dem Waſſer auf und trennte den glänzenden Spiegel deſſelben. Und als er den Kopf erhob und darauf hinblickte, meinte er, ſich ein Bild im Waſſer wiederſpiegeln zu ſehen— das Bild eines leichten Wagens wie dieſer, die Geſtalt zweier Pferde wie jene, und in dem Wagen die eine, die er überall ſah, ſelbſt die Zügel lenkend, da neben ihr, wie jetzt hier, ein Müſſig⸗ gänger ſaß, deſſen ganzes, ſeliges Geſchäft darin beſtand und beſteht, ihr in die lieben, guten, ſüßen Augen zu blicken.— O Engenie, mein Weib, hätte ich denken können, daß jener Traum in Erfüllung gehen werde!“ „Ich danke dir für die allerliebſte Geſchichte,“ verſetzte die junge Gräfin nach einer Pauſe.„Aber ich bitte Seine Erlaucht jetzt dringend, ſich ruhig zu verhalten, denn der Weg iſt hier ſehr ſchmal, und bei der geringſten Unvorſichtig⸗ keit liegen wir beide in dem vielfach geprieſenen See.— Alſo Ruhe, Herr Graf.“ — äͤ——6 — — 316 Vierundſechzigſtes Kapitel. „Gewiß, Frau Gräfin, Ruhe, und wenn Sie erlauben, mit Hintanſetzung aller Poeſie—— eine Cigarre.“ „Zugeſtanden.— Dorthin,“ ſagte die Gräfin nach einer Pauſe,—„weißt du auch, was dort hinaus liegt?“ „Ob ich es weiß, Eugenie! Gerne hätte ich dich vorüber geführt, aber ich habe mir gedacht, wir fahren in den näch⸗ ſten Tagen dahin und bleiben einen Tag da— der Neffe des Jägers und ſein Weib.“ „Das iſt prächtig, Hugo; ich beſorge die Küche, nach dem Eſſen ſchlafe ich in dem alten Stuhle ein und du er⸗ ſcheinſt wie damals am Fenſter.“ „— Der Neffe des Jägers.“ So fuhren die Beiden dahin, glücklich, ſelig. Es war ordentlich, als wenn der Wald lauſchte bei ihrem fröhlichen Lachen und als ob das Echo ſich ein wahres Vergnügen daraus mache, dieſes Lachen immer weiter und weiter unter die alten Stämme zu bringen. ——— Das Schloß Stromberg lag an einem Abhange, deſſen Plateau ein prächtiger Wald bedeckte mit uralten Bäu⸗ men, der mit dem feinſten Geſchmack und der größten Sach⸗ kenntniß zu einem der herrlichſten Parke umgeſchaffen war, den man nur ſehen kann. Klares, kühles, reichliches Waſſer ſtrömte von einer anſtoßenden, höher liegenden Bergkette herab, bildete hier einen Waſſerfall, der ſchäumend über die Felſen in einer wilden Waldpartie herab toste, um ſich dann langſam durch eine Wieſe zu ſchlängeln, die mit dichtem Ge⸗ büſch umgeben war, an deren Saume zuweilen ein mächtiger Edelhirſch erſchien, um, wenn rings Alles ruhig und ſtill war, ſeine Kühe auf die ſaftige Weide zu führen. Das Schloß war ein mächtiges Gebäude, aber im hei⸗ Zwei Jahre ſpäter. 317 teren Styl erbaut; auch wurde das Strenge ſeiner Maſſen gemildert durch Säulengänge unten, Balkons und Terraſſen oben. Vor dem Hauptthor befand ſich eine ſo koloſſale Ve⸗ randa, daß ſie weit über die Rampe, wo die Wagen auff fuhren, hinüber auf eine weite Terraſſe reichte, die mit Steingeländer eingefaßt war und von der aus man eine wunderbare Ausſicht auf den in der Tiefe vorbeifließenden breiten Strom, ſowie auf und abwärts auf das Donauthal ſelbſt hatte, welches hier mit maleriſch geformten, wenn auch ziemlich flach anſteigenden Bergen begrenzt war, die an ver⸗ ſchiedenen Stellen Kapellen, kleine Dörfer, Schlöſſer oder auch alte Burgruinen zeigten. Auf der Terraſſe, von der wir eben ſprechen, ſtand ein großer, etwas ſtarker, aber dabei wohl gewachſener Mann neben einem Lehnſtuhle, in welchem eine Dame ſaß, die ein aufgeſchlagenes Buch auf den Knieen liegen hatte. Sie las aber nicht in demſelben, ſondern blickte zu dem Herrn auf, der den Hut abgenommen hatte, ſich mit der Hand durch das blonde Haar fuhr, dann an ſeinem horizontal abſtehenden Schnurr⸗ barte drehte und hierauf langſam ſeine Uhr hervorzog. „Sie werden,“ ſagte er darauf mit einer tiefen, wohl⸗ klingenden Stimme,„die Eiſenbahn bis zur Station D. be⸗ nutzen und kommen dort um zehn Uhr an; dorthin hat Hugo ſeinen Reiſewagen beſtellt, fährt alsdann zu deiner Schweſter, was mit dem Aufenthalt dort mindeſtens zwei Stunden wegnimmt; von da hieher brauchen ſie wieder zwei Stunden, können alſo um zwei Uhr anlangen. Jetzt iſt es ein Uhr.“ „Du wollteſt ihnen ja entgegen reiten, George.“ „Ja, ich wollte wohl, doch weiß ich nicht recht; aber du weißt, Julie, daß ich dergleichen Ueberraſchungen nicht liebe.“ 318 Vierundſechzigſtes Kapitel. „Das iſt aber keine Ueberraſchung,“ entgegnete die Dame. „Du kannſt dir denken, daß meine Schweſter Alles aufs umſtändlichſte berichtet, von unſerem Hierſein, von der Art, wie du alle Verbeſſerungen, die Helfenberg gewünſcht, unter deinen Augen machen ließeſt, wie ſehr du dich freueſt, Beide wiederzuſehen, und nach alle dem würden ſie es ſeltſam von dir finden, wenn du ihnen nicht entgegen kämſt.“ „Ich denke faſt, du haſt Recht,“ ſagte George von Breda, während er langſam ſeinen Hut aufſetzte. Der Baron hatte in den vergangenen Jahren ein klein wenig gealtert; man hätte ſagen können, er halte ſich nicht mehr ſo außerordent⸗ lich aufrecht wie früher. Doch zeigte ſein Geſicht einen an⸗ genehmen Zug von Zufriedenheit und ſeine Augen blickten ruhig und heiter.—„So will ich denn reiten,“ ſagte er; „wenn ich nur genau wüßte, welchen Weg ich nehmen ſoll; ich kann mir nicht recht denken, daß Hugo vom Gute deiner Schweſter nach der Chauſſee einbiegen läßt; ich glaube immer, er fährt den Waldweg.“ „Mit dem ſchweren Reiſewagen?— wo denkſt du hin!“ „Ich habe für Henriette einen Phaeton hinausgeſchickt; du wirſt ſehen, den benutzt er ſelber mit Eugenien.“ Er ſprach dieſen Namen freundlich, ruhig und wohlwol⸗ lend aus, ohne daß ſich ein Zug in ſeinem Geſichte geändert hätte. Dann beugte er ſich über das Geländer hinab und rief:„Laſſen Sie Lord vorführen!“ Er reichte ſeiner Frau die Hand, ſtieg die Treppen der Terraſſe hinab, ſchwang ſich unten auf ſein Pferd und ritt langſam auf der breiten Straße dem Thale zu. Wie wir vorhin das Schloß Stromberg flüchtig be⸗ ſchrieben, ſo ſah es zu gewöhnlichen Zeiten aus, heute aber —— —— Zwei Jahre ſpäter. 319 bemerkte man an ſeinem Aeußeren, daß ſich hier etwas ganz Abſonderliches begab. Da war am Fuße des Berges, wo der Weg ſich bog, aus grünem Laub eine Triumphpforte gebaut; da ſah man die Straße entlang bis zum Schloſſe zu beiden Seiten hohe Stangen, an denen luſtige Flaggen in Weiß und Blau, den Farben des Helfenberg'ſchen Hauſes, prangten; da waren die Fenſter oben mit Blumenguirlanden geſchmückt, über die Balluſtrade des breiten Balkons herab hingen buntfarbige Teppiche, und hoch oben auf dem Dache war die große Fahne mit dem Wappen aufgezogen. Vor der Terraſſe dehnte ſich eine Strecke weit den Berg hinab eine weite Raſenfläche mit den verſchiedenſten Blumenpartieen, in deren Mitte ſich ein großes Baſſin befand, aus dem ein dicker Waſſerſtrahl hoch empor ſprühte. An dem Waſſerbaſſin ſah man neugierige kleine Mädchen ſtehen in weißem Anzuge und Knaben im Sonntagsſtaate— die Schuljugend des zur Herrſchaft gehörigen Dorfes, welche, den Lehrer an der Spitze, gekommen war, den Grafen und die Gräfin gehörig zu begrüßen. Unterhalb dieſes Raſenplatzes ſah man Zurüſtungen zu allerlei Feuerwerk gemacht, auch führte von dort ein kleiner geſchlängelter Pfad nach einer Art Baſtei, die ſich zur Seite befand, wo der Berg ziemlich ſteil in das Donauthal abfiel. Dieſe Baſtei war mit kleinen Kanonen und Böllern beſetzt; in der Mitte erhob ſich eine Stange, ebenfalls mit weiß und blauer Fahne, und an der kleinen Mauer, welche das Ganze hier umgab, lehnte ein Mann mit dichtem Barte und brummte in tiefem Baß vor ſich hin: „Ihr Conſtabler auf der Schanze, Spieltet auf zu dieſem Tanze Mit Karthaunen groß und klein. — .— 1. 3 —— 320 Vierundſechzigſtes Kapitel. „Ja, ja,“ unterbrach er darauf ſein Lied,„wenn es nur bald einmal losginge! Es iſt nichts langweiligeres, als hinter einem ſo geladenen Ding zu ſtehen, und eine Ewigkeit warten zu müſſen. Wie iſt's denn eigentlich mit Ihm?“ wandte er ſich an eine kleine dünne Perſon, die neben ihm ſtand, und mit zuſammengelegten Händen auf den ſtillen Fluß hinab⸗ ſchaute und dabei ein Mal um das andere Mal ausrief: „Ach wie ſchön, wie außerordentlich ſchön und poetiſch; faſt unerträglich ſchön!“ „Wie ſteht's denn eigentlich mit der Schießcourage, Wind⸗ ſpiel? Können wir darin etwas leiſten, oder fallen wir beim erſten Schuß um, wie eine ohnmächtig gewordene Fliege?“¹ „Wir ſollten uns doch lange genug kennen, Herr Wurzel als daß Sie nöthig hätten, an meinem Muthe zu zweifeln. Ich denke, ich habe Ihnen bewieſen— damals— es war eine harte, eine poetiſche Zeit, es war eine traurige Zeit.“ „Allerdings,“ gab der Kupferſtecher zur Antwort, indem er mit der Hand über das Geſicht fuhr und ſich dann in dem dichten Barte zauste,„reden wir nicht davon, ich muß ſo oft genug daran denken.“ „Ja, ja,“ ſeufzte der kleine Kellner,„das hätte er noch mit erleben ſollen, hier der ſchöne Tag auf der Schanze, das Schießen mit den Kanonen, es hätte ihn unſäglich gefreut— Gott hab' ihn ſelig.“ „Das wird er, ohne alle Frage,“ meinte der Andere, „es wäre ſonſt keine Gerechtigkeit da oben; er war eine gute, treue und ehrliche Seele; ſo vom Schlage der alten, biedern Nitter.. Während unſere beiden Freunde dieſes kleine Zwiegeſpräch hielten und dabei fleißig nachſpähten, ob ſich auf dem Wege Zwei Jahre ſpäter. 321 nichts ſehen ließe, ſtand am Fuße der Terraſſe, von der wir oben geſprochen, ein großer Mann, im Anzug eines herrſchaft⸗ lichen Förſters. Er war ſtattlich anzuſehen in ſeinem grünen Rocke, der mit ſilbernen Knöpfen und eben ſolchen Litzen ver⸗ ſehen war. Er hatte einen Hirſchfänger umgeſchnallt und hielt ſeinen Hut in der Hand. Es macht uns einige Mühe, den Herrn Brenner wieder zu erkennen, denn er hatte ſeinen vollen Kinnbart abgeſchnitten und, wie ſich für einen herr⸗ ſchaftlichen Förſter geziemte, nur den Schnurrbart ſtehen laſſen. Die kleinere Perſönlichkeit neben ihm erkennen wir augenblick⸗ lich, denn in deſſen Geſichte hatte ſich außerordentlich wenig verändert; Gottſchalk war indeſſen ziemlich gewachſen und ſah außerordentlich gut aus in der Kleidung, wie ſie die Zöglinge der königlichen Forſtakademie trugen. Die beiden eben Erwähnten ſtanden vor einem Dritten, der auf einem Steine am Fuße des Berges ſaß und jetzt ſeine Brille feſter an die Augen ſchob und dabei nach der kleinen Schanze hinabblickte. „Sie werden mir zugeben, lieber Brenner,“ ſagte der Mann mit der Brille,„daß es durchaus nichts ſchaden kann, wenn wir den beiden ſonderbaren Artilleriſten da unten noch Jemand vom Fache zugeben— der Kußferſtecher, ſonſt ein braver Mann, er hat bei der Decoration im Schloſſe auf's Allerbeſte geholfen, und der kleine Kellner ſind mir nicht ge⸗ nügend, um ihnen da unten die Kanonen allein anzuver⸗ trauen.— Sie werden mir erlauben, daß ich dieſe Bemer⸗ kung gegen Sie ausſpreche, item Sie bitte, noch Jemand dahin abſchicke.“ „Gewiß, Herr Doktor, es ſoll geſchehen, wie Sie ſagen, Klaus kann hinab und Gottſchalk auch.“ Hackländer, Don Quixote. V. 21 322 Vierundſechzigſtes Kapitel. „So iſt's recht,“ erwiderte der Armenarzt,„Sie werden mir die Bemerkung nicht verübeln, daß ich gar keine Luſt habe, heute mein Verbandzeug auszupacken. Ich bin zu etwas ganz Anderem daher gekommen, das werden Sie mir zugeben.“ „Der Kupferſtecher iſt ſonſt ein ganz gewandter Mann und außerordentlich gefällig und bereitwillig. Iſt er doch mit ſeinem Hauswirthe, dem Zimmermaler Klein, ohne alle Auf⸗ forderung hergegangen, um mitzuhelfen. Hat er doch den kleinen Kellner mitgebracht, der ebenfalls Alles gethan, um ſich nütz⸗ lich zu machen.— Heute früh,“ fuhr Herr Brenner mit leiſer Stimme fort, wobei er ſich gegen den Doktor niederbeugte, „haben ſie drunten in dem Saale, wo die Dienerſchaft ſpei⸗ ſen ſoll, das alte Bild des Herrn Larioz aufgehängt und außerordentlich ſchön mit Grün decorirt.“ „Ah, das alte Bild aus ſeinem Nachlaſſe?“ „Daſſelbe, es iſt aber doch wohl ſein Portrait; die Ge⸗ ſellſchaft im Reibſtein hat es angekauft, und mir erklärte der Kupferſtecher, mit Bewilligung ſeiner Erlaucht wolle er es hieher auf's Schloß ſtiften, und am heutigen Tage dürfe es nun einmal keinenfalls fehlen.“ „Ja, ja, er hat ſchon Recht!“ meinte der Doktor kopf⸗ nickend,„und da es ſich nun doch einmal nicht anders wird thun laſſen, als daß ich häufig hier oben bin, ſo werde ich es mir auf mein Zimmer hängen laſſen, und wenn mich dann der Gottſchalk da beſucht, um mir,“ ſetzte er mit einem ge⸗ wiſſen Blinzeln der Augen hinzu,„von ſeinen Fortſchritten zu erzählen, item, ſeine guten Zeugniſſe vorzulegen, ſo kann ich mich dann dabei einer Zeit erinnern, die ich mit zu der beſten meines Lebens rechnen darf— ja, mit zu der glück⸗ Zwei Jahre ſpäter. 323 lichſten, wenn der Schluß deſſelben einestheils nicht ſo traurig geweſen wäre.“ P—r—r— r— dauz!— knallte es jetzt unten auf der Schanze, und man ſah den Kupferſtecher, ſowie das Windſpiel umherſpringen, als wenn beide närriſch geworden wären. Prrrdauz, bum, bum, krachte es wieder und Alles gerieth in Bewegung. Gottſchalk eilte mit dem alten Jäger Klaus, der aus dem Nebengebäude herankam, nach der Schanze hinab, um dort die beiden Künſtler zu unterſtützen, welche darauf losknallten, als müßten ſie einen toll heranſtürmenden Feind abwehren. Die Kinder, die um das Baſſin ſtanden, kamen in Bewegung, ſtellten ſich in Reih' und Glied und ordneten ihre Blumen⸗ guirlanden, während ihnen der Lehrer in aller Eile noch einige Inſtruktionen gab. Aus den Nebengebäuden kam die Dienerſchaft zahlreich herbei in der großen Galalivree und ſtellte ſich am Eingange der Terraſſe auf. Der Haushofmeiſter, die Kammerdiener, der wohlgenährte Portier, Leibjäger und Lakaien; Herr Bren⸗ ner ſtand mit den übrigen Beamten auf der Terraſſe ſelbſt.— Zwiſchen den glänzenden Livreen bemerkte man ein mageres Männchen mit unverkennbaren Zeichen großer Unruhe im Geſichte, eilig hin⸗ und her rennend, um dort einen Rock ſchärfer in die Taille hinabzuziehen, hier einer Troddel oder Quaſte ihren richtigen Platz anzuweiſen, dort die Maſchen einer weißen Halsbinde auszubreiten, um dadurch dem ganzen Anzug des Betreffenden mehr Glanz zu verleihen— es war Herr Schwö⸗ rer, der ſich alſo bemühte, und der nun zurücktretend und das Ganze mit Kennerblicken überſchauend, ſich ſelbſt eingeſtehen mußte, daß er mit Kunſt, Geſchmack und Eleganz gearbeitet! 324 Vierundſechzigſtes Kapitel. Prr—r— dauz— bum— bum. „Die haben doch unter der Schanze nicht recht aufgepaßt,“ ſagte Herr Brenner mit beſorgtem Blick;„der Reiſewagen ſeiner Erlaucht fährt dort freilich herauf, aber keiner von den Bedienten gibt ein Zeichen. Die Kerle ſitzen ſo ſtockſteif da, als wenn ſie angefroren wären; was iſt nun das ſchon wie⸗ der?“ Drunten ſah man indeſſen Gottſchalk auf der Mauer der Baſtei ſtehen und nun ein Zeichen geben, eifrig mit Schießen fortzufahren. P—r— r— r— dauz, bum, bum, P—r— r— r dauz— bum. Jetzt war der Wagen unten an die Terraſſe gefahren und der alte Herr von Braachen mit ſeiner Gemahlin ausge⸗ ſtiegen, beide freundlich grüßend, worauf der erſtere eifrig hinter ſich wies. Da wurde denn auch, jetzt ſchon über dem Triumphbo⸗ gen der leichte Phaeton ſichtbar, der ſich in raſchem Lauf der Pforte näherte; neben der linken Seite deſſelben, wo jetzt die junge Gräfin ſaß, ritt der Baron von Breda. Die Begrüßung der neuen Gutsherrſchaft ging nun vor ſich, wie das bei ähnlichen Veranlaſſungen zu geſchehen pflegt. Die Schuljugend ſang ſo richtig, als es nur möglich war, irgend einen beliebigen Choral. Dann überreichte eines der Mädchen den gewiſſen Blumenſtrauß, der Lehrer ſelbſt das unvermeidliche Gedicht, die Beamten machten ihre Verbeugun⸗ gen, wurden einzeln der jungen Gräfin vorgeſtellt und von ſeiner Erlaucht mit freundlichem Handſchlag begrüßt. Herr Brenner, als er das junge glücklichausſehende Paar vor ſich ſah, konnte ſich nicht enthalten, in dieſem feierlichen Momente zu ſich ſelbſt zu ſagen: Schäme dich, alter Narr! Dabei Zwei Jahre ſpäter. 325 mußte er unwillkürlich die Lippen zuſammenbeißen und es war ihm gerade, als ſei ihm etwas in's Auge geflogen, das ihn ſehr inkommodirte. Der Baron George von Breda hatte ſich während des Empfangs in den anſtoßenden Park verloren, und kam erſt einige Zeit ſpäter wieder zu der Geſellſchaft, als dieſe ſchon zu dem kleinen Familiendiner im Saale des erſten Stockes, wo man vom Balkon die wunderbare Ausſicht hatte, verſam⸗ melt war. Dort draußen an der Baluſtrade lehnte Eugenie und ſah mit feuchtem Blick und einem milden Lächeln auf den Zügen in die herrliche Fernſicht, die ſich von hier oben weit weit ihrem Blicke eröffnete. Als der Baron neben ſie trat, legte ſie zutraulich ihre Hand auf ſeine Schulter und ſagte ganz im herzlichen Tone früherer Zeiten:„Onkel George, wie es hier ſo ſchön iſt!————“ Der Kupferſtecher und Windſpiel hatten ſich in eine wahre Wuth hineingeſchoſſen, und man mußte ſie, als es nun auch für alle die Eingeladenen Zeit zum Eſſen war, faſt gewaltſam von ihren Kanonen und Böllern wegziehen. Der kleine Kellner hatte das Krachen der Geſchütze und das Hinziehen des kräu⸗ ſelnden Rauches über alle Beſchreibung poetiſch gefunden, und als er in dieſer weichen, gerührten Stimmung in das Gemach trat, wo er das Portrait ſeines Freundes und Gönners nun mit friſchem Grün bekränzt, wieder erblickte, da fing er an zu ſchluchzen, und Herr Wurzel mußte ihn derb ſchütteln, um ihn wieder zur Beſinnung zu bringen und in eine gehörige Verfaſſung zu ſetzen. Bei dem Mahle, das hier unten ſtattfand und wozu ſich die Köche keine ſchlechte Mühe gegeben hatten, da es galt, ihre Collegen zu bewirthen, führte der Haushofmeiſter,— eine 326 Vierundſechzigſtes Kapitel. würdige und ernſte Perſönlichkeit in untadelhafter weißer Hals⸗ binde,— er ſchlug häufig die Augen nieder und ſtieß leicht mit der Zunge an,— den Vorſitz. Es war ein großes allge⸗ meines Diner, zu welchem ſich Herr Wurzel und Herr Bren⸗ ner, ſowie noch ein paar andere Kunſtgenoſſen, die hier oben beſchäftigt waren, freiwillig und mit großer Luſt geſellt, ob⸗ gleich für ſie ein Extradiner befohlen war. Gegen das Ende der Mahlzeit erſchienen der Graf und die Gräfin und gingen rings um den Tiſch, um jedem der Anweſenden ein paar freundliche Worte zu ſagen. Ihnen war der kleine Armenarzt gefolgt, der aber zurückblieb, nachdem der Herr des Schloſſes mit ſeiner Gemahlin das Gemach ver⸗ laſſen, gefolgt von jubelndem Lebehochruf und Klirren der Gläſer. Als es wieder ſtille geworden war und die eifrig beſchäf⸗ tigten Küchenjungen und Stallbuben die Gläſer wieder gefüllt hatten— wir können hierbei nicht umhin, zu bemerken, daß in Windſpiels Gliedern häufig die heftigſte Begierde zuckte, ihnen zu helfen— erhob ſich Meiſter Jonathan, der dicke Portier, nachdem er vorher pflichtſchuldigſt den Vorſitzenden um Erlaubniß gefragt, hielt ſein Glas vor das rechte Auge und ſagte alsdann:„So viel ich mich erinnere, meine Herren und Collegen, iſt es noch nie vorgekommen, daß man auf den lieben Herrgott einen Toaſt ausgebracht; wenn er aber Dinge thut, die an's Wunderbare grenzen, und wir dürfen ihn denn doch ſelbſt nicht leben laſſen, ſo müſſen wir uns dafür an die halten, die er auserwählt, ſeinen göttlichen Willen zu erfüllen. Da iſt nun in erſter Reihe zu nennen“— hier verdrehte der Portier beinahe ſeinen dicken Hals, um den Armenarzt anzu⸗ ſchauen, der ſich bei beginnendem Trinkſpruch ſcheu zurückge⸗ zogen hatte—„der würdige Herr Doktor Flecker, den ich zu meinem Leibmedicus machen würde, wenn ich König wäre— ein braver Mann, ein weiſer Mann, denn er beſorgt ſeine Wunderkuren nicht mit den ſcheußlichen Tropfen aus der Apo⸗ theke, ſondern mit Hausmitteln; ja, verehrteſte Herren, Freunde und Collegen—“ hier zitterte ſeine Stimme vor Rührung— nmit den einfachſten Hausmitteln— und deßhalb ſoll er leben“ —— brüllte er nun mit aller Kraft ſeiner immenſen Lun⸗ gen—„leben— der Herr Doktor Flecker und alle Hausmittel — hoch— hoch— und abermals hoch!“ Der Doktor konnte mit der Ovation, die ihm dargebracht wurde, zufrieden ſein, denn ihm gellten die Ohren davon und die Fenſter klirrten ordentlich darnach. Um ſeinen Dank auszuſprechen, trat er nah zum Tiſche, ließ ſich ein volles Glas reichen und ſagte, nachdem er einen Augenblick die Brillenſtange mit dem Daumen⸗ und Zeige⸗ finger gefaßt: „Meine verehrten, lieben Herren und Freunde, da wir einmal bei dem Kapitel ſind, um den Urſachen nachzuſpüren, die mit⸗ helfen, um, wie ſich mein verehrter Vorredner ſchmeichelhaft für mich ausdrückte, ein Wunder zu bewirken, ſo werden Sie mir erlauben, daß ich allerdings die Hausmittel gelten laſſe. Ich muß aber in vorliegendem Falle, werden Sie mir zugeben, noch weiter zurückgreifen, um eines Mannes zu gedenken, der es mir möglich machte, der, wollte ich ſagen, mich in den Fall ſetzte, Hausmittel anwenden zu können; mit einem Worte eines Mannes, der mir, wenn auch als willenloſes Werkzeug diente, die Bekanntſchaft mit dem Herrn Grafen von Helfenberg zu machen, item eines braven Mannes, den manche unter euch gekannt, geſchätzt, geliebt.“— Zwei Jahre ſpäter. 327 — 1* 8 8 8 5 4 1„ ——— — . 4 1 — 328 Vierundſechzigſtes Kapitel.— Zwei Jahre ſpäter. Heerr Wurzel blickte mit einer finſteren Schwermuth vor ſich nieder; Windſpiel wurde, wie man im gewöhnlichen Leben ſagt, vom Bocke geſtoßen, und Herr Brenner, der Portier und manche Andere nickten zuſtimmend mit dem Kopfe. „Dieſer Mann,“ fuhr der Doktor fort,„unſer geliebter Freund iſt todt, und da Sie mir zugeſtehen müſſen, daß es ſich nicht ziemt, ein Lebehoch auf einen Todten auszubringen, ſo will ich mir nur erlauben, ſeiner hier, vor dem Bild dorten, das Freundeshand mit Grün geſchmückt, beſtens zu gedenken, und bitte Sie, darauf Ihre Gläſer zu leeren.— Es war ein Mann, der gekämpft und gelitten, der das Gute gewollt mit redlichem Herzen, aber zu Vollbringung deſſelben nicht immer die richtigen Mittel anwandte, er focht mit begeiſtertem Worte, mit kräftigem Arme gegen Phantome und Geſpenſter, gegen Sünden und Lächerlichkeiten, die ihm im Leben entgegentraten und die er, anſtatt ſie mit gleichen Waffen bekämpfen zu wollen, mit Schwert und Lanze zu vertilgen hoffte—— ein anderer Don Quixote—— ein ungleicher Kampf!—— gegen eingebildete Rieſen. Sie werden mir zugeben, daß er gegen den Schatten ſauſender Windmühlen, item gegen un⸗ greifbare Dinge unterliegen mußte— der neue Don Quixote; aber in dem Herzen ſeiner Freunde, die ihn gekannt, geliebt und verehrt, möge er fortleben, möge ihm bewahrt bleiben eine gute, eine freundliche, eine herzliche Erinnerung.“—— Denkt vielleicht der geneigte Leſer ebenſo?— -— 4 5 — —— ſſ“ —=“ ℳ d 2 5 „ .